eSůneen B. Sau S enen e 2e — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 2. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Vinterlegen, welihe bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 — 11 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für iachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 M.= Wf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M. Pf. u e„ m— 1 7— 1 u—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte, Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ¹ 4 1 4 — * X „Güt,“ entgegnete ich;„Ihr ſollt, was Ihr ver⸗ loren, wieder haben. Es iſt mir nicht wohl bei die⸗ ſem Gelde.“ Der Schiffer ſprang erſtaunt auf. „Ich thue es ebenſogut um meiner ſelbſt, als um Eurer willen,“ fuhr ich fort, ohne ihn zur Rede kom— men zu laſſen, und wenn ich überzeugt ſein dirfte, daß dieſe Angſt uns Beide kurirt hat, ſo würde ich ſie als ein glückliches Ereigniß in meinem Leben betrachten.“ Der gute Burſche reichte mir die Hand. Er nahm mein Erbieten an, und ich glaube, daß er Wort hielt, als er mir die Verſicherung gab, daß er nie wieder Seit die Länder von Eiſenbahnen durchſchnitten ſind, wird die Welt immer proſaiſcher, und die Poeſie ſieht ſich am Ende genöthigt, ihren Rückzug in unzu- gängliche Schluchten und Gebirgsthäler zu nehmen. Sonſt in vergangenen Tagen hatte jeder einzelne Volks⸗ weiligen als erkältenden Gleichmachung. Die Wahr⸗ Heimath erproben, und es iſt daher als ein wirklich glücklicher Fund zu bezeichnen, wenn man hie und da noch ein Völklein trifft, welches etwas auf ſeine alten Gewohnheiten hält und trotz allem Spott der neumo⸗ diſchen Gleichmacher nicht davon abgeht. 5—— „Auf den Cent hinaus richtig,“ verſetzte der Mann. ſpielen werde. Nachdem er das Geld zu ſich geſteckt hatte, bat er mich, das Bowienmeſſer als Andenken zu behalten, und verſprach mir, meiner ſtets mit war⸗ mem Dank eingedenk zu bleiben. Dies iſt ſchon vor Jahren geſchehen, und ich habe ſeitdem nie wieder auch nur einen Dollar bei einem Hazardſpiel gewagt. Von meinem Freunde, dem In⸗ dianaſchiffer, glaube ich daſſelbe. Das lange, ſchwere Bowiemeſſer iſt noch in meinem Beſitz, und ich kann es nie anſehen, ohne mir zu vergegenwärtigen, wie mir die Kniee knackten, als zum erſtenmal ſeine blanke Klinge vor meinen Augen blitzte. Ein Maiſeſt in den Vogeſen. Eigenthümlichkeiten verſchwinden in einer ebenſo lang⸗ heit dieſes Satzes kann jeder Leſer in ſeiner eigenen C. Kolb. ſtamm ſeine eigenen Trachten, ſeine eigenen Sitten, ſeine eigenen Feſte; ietzt aber, ſeit das eiſerne Dampf⸗ roß über die Berge wie über die Ebenen hinwegfliegt, amalgamirt ſich die Menſchheit immer mehr und alle Ein ſolches Völklein nun ſind die Bewohner der Vogeſen, denn ſie haben noch ihre alte Kleidung und ihre alte Weiſe zu leben beibehalten. Beſonders hart⸗ näckig hängen ſie an den von uralter Zeit hergebrach⸗ ten Feſtlichkeiten, und wer ihnen zum Beiſpiel ihren „erſten Mai“ nehmen wollte, den würden ſie als einen Störenfried ihres Glückes auf Tod und Leben be⸗ ganz die äußere Geſtalt Schuhen, und ſelbſt die Weibchen, kämpfen. Am erſten Mai erhebt ſich nämlich die weib⸗ liche Jugend eines vogeſiſchen Ortes ſchon lange vor Tagesanbruch und eilt feſtlich gekleidet hinaus auf Wald und Feld, um die friſch erwachten Blumen zu ſammeln und in mächtige Sträuße zu binden. Viele nehmen auch noch Töpfe mit blühenden Pflanzen in die Hand und ſo ziehen ſie, nachdem ſie in's Dorf zurückgekehrt, von Haus zu Haus, mit luſtiger Stimme den Maigeſang ertönen laſſend. Dieſer Geſang iſt ein altes Volkslied, deſſen Refrain immer derſelbe bleibt; der Text ſelbſt aber erleidet alle Jahre vielfache Ver⸗ änderungen, und es wird nach Belieben entweder hin⸗ zugethan oder hinweggenommen. Sein Inhalt iſt übri⸗ gens rein lokaler Natur und bezieht ſich durchaus nur auf die Einwohner ſelbſt, ſo wie auf die Ereigniſſe, welche das Jahr hindurch im Dorfe vorgefallen ſind. Allein eben deßwegen muß der Schullehrer oder ſein Gehülfe, welche man faſt regelmäßig mit der Abfaſ⸗ ſung der neuen Strophen des Mailieds beauftragt, immer um ſo mehr Correcturen mit dem früheren Texte vornehmen, je mehr Taufen, Hochzeiten, Todes⸗ fälle und dergleichen mehr vorgekommen ſind. Von Haus zu Haus alſo ziehen die Mädchen und faſt in jedem Hauſe wird ihnen eine kleine Gabe ge⸗ reicht. Dieſe ſammeln ſie in ihren Körben, und wenn dann Mittags die ledigen Burſchen auf der nahen Wieſe vor dem Dorfe zuſammenkommen, um ihre Wettläufe — 6— zu machen oder ſonſtige Spiele zu treiben, ſo eilen die Mädchen herbei und ſetzen die erhaltenen Geſchenke als Preiſe aus. Als der höchſte Preis aber wird immer der Strauß erachtet, welchen die Maikönigin, das iſt das Mädchen, welches ihre Geſpielinnen zu ihrer An⸗ führerin gewählt haben, dem Sieger im Wettlaufe über⸗ reicht. So geht der ganze erſte Mai in Luſt und Freude vorüber, und ſogar die Alten nehmen an dem Feſte Theil; denn wenn ſich Abends die Jugend auf dem freien Platze vor dem Rathhauſe ſammelt, um allda nach dem Takte einer Klarinette oder Schallmei zu tanzen, ſo ſetzen ſich Vater und Mutter an die von den nächſten Häuſern herbeigetragenen Tiſche und ſpre⸗ chen ihren einfachen Getränken und Speiſen mit einer ebenſo großen Luſt zu, als ſäßen ſie an der Tafel eines Königs. Um zwölf Uhr Nachts hat das Feſt ein Ende und Alles legt ſich zu Bette, um den andern Morgen wie⸗ der zur Arbeit friſch zu ſein. Nur allein der Burſche, welchen die Maikönigin mit ihrem Strauße auszeich⸗ nete, eilt mit einigen ſeiner Kameraden in den nahen Wald, haut dort eine ſchlanke Birke um und ſchleppt dieſelbe in das Dorf, um ſie an der Thüre des Hau⸗ ſes, in welchem die Maikönigin ſchläft, als Trophäe aufzupflanzen. Das iſt ſein Dank für den Strauß! Th. Gr. Der oriſla-Aſſe. Vor wenigen Jahren noch glaubte man, daß der Armen, als bei irgend einem anderen Thiere der Welt. „Orang⸗Utang“, welcher bekanntlich nur allein auf den großen Inſeln Borneo und Sumatra gefunden wird, unter der ganzen Affengattung derjenige ſei, welcher V am meiſten Aehnlichkeit mit dem Menſchen habe; allein als man ſich in der neueſten Zeit auf die Durchfor⸗ V ſchung Afrika's warf, zeigte es ſich, daß man ſich voll⸗ ſtändig geirrt habe. Da fand man nämlich zuerſt den „Gibbon“ und dann den„Tſchimpanſe“, welche beide in Körperform wie in der Geſichtsbildung die Men— ſchenähnlichkeit des Orang⸗Utang bei Weitem übertra⸗ fen. Die allerneueſte Entdeckung aber machte erſt der berühmte Reiſende Du⸗-⸗Chaillu, welcher im vergan⸗- genen Jahre die dichteſten Wälder des weſtlichen Afrika durchdrungen hat, denn er fand den„Gorilla⸗ Affen“ oder den„wilden Thiermenſchen“, wie man ihn auch nennen könnte. Dieſer Affe hat nämlich faſt eines Menſchen, und Du— Chaillu ſelbſt war, als er das erſte Exemplar dieſer Gattung erblickte, im Zweifel darüber, ob er ein Thier oder nicht vielmehr einen verwilderten und deßhalb mit Haaren bedeckten Waldmenſchen vor ſich habe. Schon die Größe des Gorilla fällt auf, denn die männlichen erwachſenen Exemplare haben meiſt eine Länge von fünf welche doch ſtets um ein Ziemliches kleiner ſind, werden meiſt vier und einen halben Fuß hoch. Noch auffallender iſt die Geſichts— bildung, indem mancher Neger kaum ſchönere Züge aufweiſen kann, und überdieß ſtehen beim Gorilla die Füße in einem viel regelmäßigeren Verhältniſſe zu den Am allerauffallendſten jedoch ſind die„kurzen Finger mit dem wohl ausgebildeten Daumen“, ſo wie die „Ferſen“, welche eine ſolch' menſchenähnliche Geſtaltung haben, daß der Gorilla mit Leichtigkeit aufrecht ſtehen und gehen kann. Ja nicht genug hieran, ſondern es wird der beſagte Affe auch von keinem Schwanze ver⸗ unſtaltet und hat zugleich unter allen Affen⸗Arten das größte Gehirn. Sollte man alſo nicht glauben, daß derſelbe eine Art von Uebergang zu dem Menſchen⸗ geſchlechte bilde und wenigſtens von der mindeſten Stufe deſſelben, d. i. vom Niggerthum nicht gar zu weit ent⸗ fernt ſtehe? Doch einer ſolchen Annahme widerſpricht die nähere Betrachtung des Thieres durchaus, denn daſſelbe über⸗ trifft an Wildheit, Körperſtärke und Unbezähmbarkeit ſelbſt einen Tiger, ſo daß die Jagd auf einen Gorilla ſtets mit den größten Gefahren verbunden iſt. Gewöhn⸗ lich hat nämlich derſelbe ſeinen Aufenthalt in dem aller⸗ dunkelſten und undurchdringlichſten Walddickicht, wo man ihn nie eher zu Geſicht bekommt, als bis man ihm auf ein paar Dutzend Schritte nahe ſteht. Dieſes wird dem Leſer leicht begreiflich ſein, wenn wir ihn daran erinnern, daß wir nicht von einem Walddickicht „unſerer Gegend“ ſprechen, ſondern vielmehr von dem Urwalde des innern Afrika, in welchem wilde Wein⸗ reben, Lianen und ähnliche Pflanzen ſo unendlich ver⸗ ſchlungen, verſtrickt und verwirrt in einander hinein⸗ wachſen, daß man nur zu oft, ohne ſich mit der Axt Bahn zu brechen, lediglich nicht mehr weiter kommen elt. ger die ung ehen es ver⸗ das daß hen⸗ tufe ent⸗ here ber⸗ rkeit rilla hn⸗ ller⸗ wo kann, und darum auch nicht ſelten weder vom Him— mel noch von der Erde mehr etwas ſieht. Zum Glück jedoch ſtößt der Gorilla, der, weil ſein Auge, ſo wie ſein Gehör weit ſchärfer iſt, als das des Menſchen, den Letzteren immer zuerſt wittert, alsbald ein dum— pfes Gebrüll aus, ſobald er ſeinen Feind vor ſich ſieht, und nun kann der Jäger nichts Klügeres thun, als unverrückt ſtille zu ſtehen, bis das wüthende Thier auf wenige Schritte herangekommen iſt. Es gehört übrigens ein muthiges Herz, ein vortreffliches Auge und eine nie verſagende Büchſe dazu, um ſich einem Gorilla gegenüber zu ſtellen, denn derſelbe blitzt Einem mit einem wahrhaft diaboliſchen Blicke in's Auge und ſeine krampfhaft zuſammengezogenen Geſichtszüge ath⸗ men einen ſo furchtbar grimmigen Haß, daß man un⸗ willkürlich vor ihm zurückſchaudert. Hört man dann vollends, wie er ſich mit den Armen auf die breite Bruſt ſchlägt, ſo daß es faſt erklingt, wie wenn Einer auf eine ungeheure Trommel hineinpaukt, und betrach⸗ tet man zugleich die furchtbaren Klauen an ſeinen Hän⸗ den und Füßen, ſowie ſeinen grauſenhaften Fangzähne⸗ rachen, mit welchem er ein menſchliches Glied ſo leicht zu zermalmen un Stande iſt, als wir mit unſern Zäh⸗ nen eine Nuß aufknacken können; hört und ſieht man dies, ſo wird ſelbſt dem Muthigſten das Herz ſchneller ſchlagen. Aber— fort mit der Angſt! Hier gibt es nur ein einziges Mittel zur Rettung, nämlich das: „mit dem Finger am Drücker der Büchſe unverrückt ſtehen zu bleiben, bis das Thier auf acht oder zehn Schritte ſich genähert hat. Dann feſt auf die breite Bruſt gezielt und losgedrückt,— entweder muß der Gorilla fallen oder iſt der Jäger verloren!“ Freilich thut's oft ein einziger Schuß nicht, da das Thier ein gar zähes Leben hat, und deßwegen kann man es auch nie anders als mit einem Doppelgewehr jagen; das unumgänglich Nothwendigſte iſt aber immer:„den Kopf nicht zu verlieren und ſich um keinen Preis hinreißen zu laſſen; nicht früher loszudrücken, als bis man ſein Ziel genau genommen hat. 4 Du⸗Chaillu brachte etliche und zwanzig Häute und Gerippe d grimmigen Gorilla⸗Affen, welche nun alle im brittiſchem Muſeum zu London zu ſehen ſind, nach Europa mit, und erzählt uns zugleich in ſeinem„G. rillabuche“, welches er herausgab, eine Menge von halsbrecheriſchen Abenteuern, die er auf der Jagd des Thieres erlebte; der allermerkwürdigſte Fall jedoch war der, als es ihm einmal gelang, einen jungen Affen jener Gattung„lebendig“ in ſeine Gewalt zu bekom⸗ men, und da der Leſer aus der Schilderung dieſes jungen Thieres die Stärke und Wildheit des erwachſe⸗ nen Gorilla am beſten zu erkennen vermag, ſo wollen wir ihm die näheren Details, wie es bei jenem Fang zuging, nicht vorenthalten. Es geſchah nämlich am 4. Mai des vorigen Jah⸗ res, daß in der Gegend zwiſchen Rembo und dem c St. Catharina einige der von Du⸗ Chaillu gemietheten ſchwarzen Eingeborenen ein kleines Dörflein an der Seeküſte beſuchen wollten. Sie waren zu fünfen, lau— ter gute Jäger, ſo wie auch ſämmtlich wohl bewaff⸗ net, und als ſie nun ſtill und geräuſchlos, h Art der Afrikaner, durch den dichten Wald hinſchritten, hörten ſie plötzlich ganz in der Nähe den Schrei eines jungen Gorilla, welcher nach ſeiner Mutter rief. Eine Täuſchung war nicht möglich, da man rings umher ſonſt keinen Laut hörte, und überdies kannten ſie den Ruf der Gorilla⸗Jungen zu genau, als daß ſie ihn nicht von dem Geſchrei eines ondern wilden Thieres hätten leicht unterſcheiden können. Sie beſchloſſen alſo, dem Rufe nachzugehen, natürlich in größter Stille, und richtig, kaum hatten ſie hundert Schritte gemacht, ſo wiederholte ſich der Ruf. Offenbar mußte das Junge in einem nahen Dickicht verborgen ſein, allein es war die größte Vorſicht nöthig, denn ſicherlich konnte die Mutter deſſelben auch nicht weit entfernt ſein. Wenn aber gar vollends der Vater, deſſen außerordentliche Stärke von allen Negern mit Angſt und Schrecken be— trachtet wird, in der Nähe war, ſo konnte das Aben— teuer möglicher Weiſe ſehr tragiſch enden. Allein wie geſagt, die fünf Schwarzen waren tapfere Jäger und ſomit brachten ſie ihre Gewehre in Bereitſchaft, und gingen kühn auf das Buſchwerk zu. Nach wenigen Schritten bemerkten ſie, wie ſich einige Zweige im Dickicht bewegten, und wie ſie nun ſo leiſe wie die Katzen und vor Aufregung kaum Athem holend noch ein bischen weiter vorwärts ſchlichen, ſahen ſie einen jungen Gorilla, der auf dem Boden ſitzend Waldbeeren, eine Lieblingsſpeiſe dieſer Affen, ſuchte. Aufmerkſam ſpähten ſie nun umher, und richtig einige Schritte davon ſaß auch die Mutter, ebenfalls mit dem Pfllicken und Verſpeiſen von Waldbeeren beſchäftigt. Augenblicklich machten ſie ſich nun zum Feuern fertig und drückten auch in demſelben Momente ab. Natür⸗ lich nicht auf das Junge, ſondern auf deſſen Mutter;“ allein— es war kein Augenblick zu früh, denn der ältere Affe hatte ſie, wie ſie die Flinten an die Backen legten, bereits bemerkt, und wollte eben mit mächtigem Sprunge auf ſie losſtürzen. Zum Glück trafen ihre ſämmtlichen Schüſſe und die Mutter ſtürzte ſofort auf den Tod verwundet zuſammen. Sudl eich rannte nun das Junge, durch den Knall der Büchſen erſchreckt, auf die Mutter zu und hing ſich zärtlich an ſie, ihren Leib mit ſeinen Vorderpfoten umſchlingend und ſein Geſicht an ihrer Bruſt verbergend. Nun ſprangen auch die Jäger vorwärts, indem ſie zugleich ein wildes Freuden⸗ geſchrei ausſtießen; allein hiedurch wurde das Junge allarmirt, ſprang auf und kletterte mit einem Satz auf einen in der nächſten Nähe befindlichen niederen Baum, von welchem herab es die Neger wild anbrüllte. Was war nun zu thun? Erlegen wollten ſie daſſelbe nicht, ſondern ihr Sinn ſtand vielmehr dahin, es lebendig zu fangen, weil ſie wohl wußten, welch' große Freude ſie hiedurch Du Chaillu bereiten würden. Schnell ent⸗ ſchloſſen hieben ſie alſo mit den kurzen Aexten, die ſie bei ſich trugen, den zum Glück noch dünnen Stamm des kleinen Baumes durch und wie nun der Letztere die Sekunde darauf umfiel, begrub er den jungen Affen unter ſeinen Zweigen und Blättern, ſo daß derſelbe wie in einem Netze gefangen lag. Natürlich aber würde er ſich ſchon den Augenblick darauf wieder herausge⸗ wunden haben, wenn ſich die Jäger jetzt nicht ſämmt⸗ lich mit aller Macht auf das Laubwerk geworfen hät— ten, um ſo jede Bewegung des Thieres zu erdrücken. Es gelang glücklich, obwohl nicht, ohne daß der Eine von ihnen einen tiefen Biß in die Hand bekommen hätte, während einem Zweiten ein ziemliches Stück Fleiſch aus dem Schenkel ausgeriſſen wurde. Aber nun fragte es ſich, wie ſie den Affen transportiren wollten. So jung und klein nämlich derſelbe auch noch ⸗ war— er hatte, da er, wie ſich nachher herausſtellte, kaum etwas über zwei Jahre Fühlte, nur ei —,— von zwei Fuß und ſechs Zoll—, ſo erwies er ſich doch als ein äußerſt grimmiges und wildes Thier, das ſich durchaus nicht bezähmen laſſen wollte, ſondern viel⸗ mehr nach allen Seiten hin biß und kratzte. Demnach ſchnitt Einer von ihnen, während die vier Andern die junge Beſtie feſthielten, einen gabelförmigen Stecken 8 zurecht, in welchen ſofort der Nacken des Thieres ein⸗ gepreßt wurde, und nun hatten ſie daſſelbe, nachdem ſie ihm auch noch Hände und Füße mit Weiden zu⸗ ſammen geflochten hatten, vollſtändig in ihrer Gewalt, d. h. ſie konnten es an einem langen Stabe, den ſier durch die zuſammengebundenen Füße und Arme ſteckten, forttragen. Du⸗Chaillu freute ſich ungemein, als ſeine Neger mit der gefangenen Beſtie ankamen, denn er hoffte, es werde ihm möglich ſein, dieſelbe groß zu ziehen und zu zähmen. Er ließ deßhalb ſogleich einen großen Käfig aus ſtarken Bambusſtäben verfertigen, welche man ſo eng an einander reihte, daß nur ein ganz kleiner Raum zum Durchſehen zwiſchen ihnen blieb, und nun brachte man den jungen Gorilla in ſeine neue Behauſung. Allein es war demſelben darin offenbar nicht wohl, denn er warf gar wilde Blicke um ſich und brüllte dazu ſo heftig, daß die Neger ganz erſchreckt zurück⸗ fuhren. Ueberdem ſchlug er ſeine Klauen mit aller Macht in die Zwiſchenräume der Bambusſtäbe, indem er ſie zugleich mit ſeinen Zähnen packte, um ſie aus⸗ zureißen oder zu zertrümmern, und benahm ſich über⸗ haupt ſo toll und wild, als ob er nicht erſt ſo zu ſagen ein Mutterkind, ſondern vielmehr ein ausgewach⸗ ſener Gorilla wäre. Und doch bewies ſein ganzes Ausſehen, daß er, wie ſchon oben geſagt, unmöglich viel über zwei Jahre zählen konnte! Geſicht und Hände waren nämlich ganz ſchwarz, während ſie bei den Erwachſenen eine bräun⸗ lichte Farbe annehmen, und ebenſo deutlich zeigte ſich ſeine Jugend in den Augen, denn dieſe lagen noch nicht ſo tief in den Höhlen, wie bei denen, welche vier und mehr Jahre zählen. reits auf eine merkwürdige Weiſe, und zwar begann dieſe Behaarung gleich über den Augenbraunen, von wo ſie über die Stirne zu dem Unterkiefer herablief, indem ſie das Geſicht gleichſam wie mit einem ſtarken Barte einrahmte. Auch die obere Lippe war mit Haar bedeckt, die Augenlider dagegen erſchienen ganz dünn und durchſichtig, während hinwiederum die Augenbrau⸗ — Klauen des Thieres erfaſſen zu laſſen. Waren doch dieſe ſo ſcharf, daß ſie Alles vernichteten, was ſie nur irgend durch die Zwiſchenräume der Bambusſtäbe er⸗ reichen konnten! Weil nun aber der Gorilla ſo zu ſagen mit jedem Tage wilder wurde, und ſich in ſeinem Käfig geberdete, als wollte er die ganze Welt in Stücke zer⸗ reißen, ſo verſuchte es Du⸗Chaillu, ob er ſich nicht vielleicht mit dem wilden Thiere dadurch näher bekannt und befreundet machen könnte, wenn er ihm immer'nur ſeine Lieblingsſpeiſen, wie z. B. Ananas⸗Blätter ꝛc., und zwar ſtets in eigener Perſon, reichte; allein der Gefangene nahm lediglich keine Notiz davon, und war den einen Tag ſo wild als den andern. Behaart war er jedoch be⸗ nen ganz borſtig ausſahen und überdem die Länge von etwa Dreiviertels⸗Zoll hatten. Der ganze übrige Kör⸗ per erſchien wie in einen Pelz gehüllt; nur war der Unterſchied, daß das Haar des Pelzes auf dem Rücken eine eiſengraue Farbe hatte, während es in der untern Bauchgegend weißlicht wurde und dagegen an den Füßen und Händen in's Dunkelſchwarze ſpielte. So lang haarig aber und ſo dicht bewachſen wie bei den Erwach ſenen zeigte ſich der Pelz nirgends. —D wie ſich von ſelbſt verſteht, eine naturgemäße, d. h. man ſuchte für ihn Waldbeeren und dergleichen Dinge und reichte ſie ihm in den Käfig hinein. Allein er er Die Nahrung, welche man dem Thiere reichte, war, wies ſich außerordentlich ſcheu und rührte nichts an, als bis ſich der Futterreicher auf eine gewiſſe Entfer⸗ nung zurückgezogen hatte. Ueberdies ſchoß er auf Je⸗ dermann los, der ſich dem Käfige allzu ſehr näherte, und wehe dem, der ſo unvorſichtig war, irgend ein Kleidungsſtück oder gar ein Glied ſeines Leibes von den So trieb man es beinahe eine ganze Woche lang mit ihm; da zeigte es ſich am Morgen des ſechsten Tages, daß er aus ſeinem Käfig verſchwunden ſei. So jung er nämlich noch war, ſo reichte doch ſeine Kraft hin, um zwei von den dicken Bambusſtäben zu zertrümmern, und natürlich dachte man nun, er werde durch das hiedurch entſtandene Loch das Weite geſucht haben. Deßwegen ordnete Du⸗Chaillu augenblicklich eine allgemeine Streife an, und er ſelbſt rannte in ſeine Wohnung, um ſich zu bewaffnen, weil er ebenfalls an der Parthie Theil nehmen wollte. Aber ſiehe da, wie er in ſein Zimmer trat, bemerkte er den jungen Gorilla unter ſeinem Bette verſteckt! Er rief ſofort Hülfe her⸗ bei, während er zugleich die Fenſterläden feſt ſchloß, allein kaum waren einige ſeiner ſchwarzen Diener in's Zimmer getreten, ſo fuhr der Gorilla wie wüthend un⸗ ter dem Bette hervor, und es blieb, wenn man nicht mit ſeinem furchtbaren Gebiſſe näher Bekanntſchaft machen wollte, nichts übrig, als das Lokal ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen und die Thür hinter ſich zu verſchließen. Nun erſt wurde der Affe wieder ruhig und betrachtete ſich mit neugierigem Blicke alle die Ge⸗ genſtände, welche Du⸗Chaillu daſelbſt aufgeſtellt hatte. Beſonders ſchien eine europäiſche Standuhr ſeine Auf merkſamkeit auf ſich zu ziehen, und er ging langſam auf ſie zu, wie wenn er ſie für ein lebendiges Weſen, dem nicht ganz zu trauen ſei, hielt. Es war alſo große Gefahr vorhanden, das Thier möchte eine ziemliche Ver⸗ wüſtung im Zimmer anrichten, daher beorderte Du⸗ Chaillu ſeine Leute, ein ſtarkes Netz herbeizubringen, welches er ſonſt zur Einfangung wilder Büffel ver wandte. Vorſichtig öffnete man nun die Thüre, und in der That gelang es ſchon beim erſten Wurfe, dem Gorilla das Netz über den Kopf zu werfen; allein der⸗ ſelbe, obwohl nun an ſeinen Bewegungen gehindert, ſchlug und ſtieß doch ſo wüthend um ſich, daß vier ſtarke Männer nöthig waren, um ſeine Arme und Beine feſt zu halten. Hieraus kann man den Schluß ziehen, welch' ungeheure Kraft einem erwachſenen Gorilla inne wohnen muß, denn die vier Männer wären nicht im Stande geweſen, dieſen milchbärtigen Jungen zu überwältigen, wenn das ſtarke Netz ihn nicht feſtgehal⸗ ten hätte. So aber gelang es, denſelben in den in⸗ zwiſchen geflickten Käfig zurückzuſchieben, und ihn dort ſeiner unmächtigen Wuth zu überlaſſen. Nunmehr verſuchte es Du⸗Chaillu mit„civiliſirten“ Speiſen, und ließ der kleinen Beſtie nichts anders mehr zukommen, als Brod, Gemüſe und gekochtes Fleiſch. Aber die Speiſen blieben ſämmtlich unberührt ſtehen, und der Gorilla ließ ſich unter keinen Umſtänden dazu bewegen, etwas von ihnen zu genießen. Er hungerte alſo volle zwei Tage lang, und ſeine Kraft ſchien in 1 doch ſie nur be er ſagen Käfig ke zer ˖nicht ekannt er nur dc., n der dwar e lang echsten n ſei. jſeine gen zu werde eſucht heine ſeine Us an „wie orilla e her ſchloß, r in's nd un⸗ nicht ſchaft chnell ich zu ruhig e Ge⸗ hatte. Auf⸗ agſam Veſen, große — Ver⸗ Du ingen, ver⸗ 3 und dem in der⸗ indert, ß vier e und 2chluß Horilla 4 — 9— Folge deſſen vollſtändig gebrochen. Allein hierin täuſchte man ſich vollkommen, denn es zeigte ſich am neunten Tage, daß derſelbe noch Stärke genug gehabt habe, X richtig erblickte man ihn gleich nachher, wie er eben auf allen Vieren über die offene Prairie dem Walde zurannte. Einige Schwäche mußte er aber doch fühlen, denn er bewegte ſich verhältnißmäßig nur langſam vor⸗ Feierſtunden. 1863.. 82 8 XN Der gorilla⸗Affe. 2 um abermals einige der Bambusſtäbe zu zertrümmern, und einen neuen Fluchtverſuch zu machen. Ohne eine Minute Zeit zu verlieren, ſetzte man ihm nach und M wärts, und ſo gelang es, ihn förmlich zu umringen, ehe er das Dickicht erreichte. Man warf ihm nun eine Schlinge über den Kopf, riß ihn nieder, band ihn an Händen und Füßen und brachte ihn in ſeine früeir 2 Behauſung zurück. Von jetzt an aber traute man der Feſtigkeit des Käfigs nicht mehr, ſondern feſſelte den jungen Gorilla noch extra mit einer eiſernen Kette, welche man ihm an den Nacken befeſtigte. Dieſes Mit⸗ tel half denn auch, und zwar, wie es ſchien, gründ⸗ lich; denn obwohl das Thier den Eiſenring im Anfang in voller Raſerei zu zerſprengen ſuchte, ſo bequemte er ſich doch bald zur Nachgiebigkeit, und verfiel ſogar von nun an, ſtatt in dem Käfig herumzurennen und die Stäbe deſſelben zu zerbeißen, in eine Art von ruhigem Hinbrüten, aus dem es ſich nur dann aufrütteln ließ, wenn ſich Einer der Schwarzen dem Käfige näherte. Eigenthümlicher Weiſe nämlich zeigte es einen weit tie⸗ feren Ingrimm gegen die Eingeborenen Afrika's, als gegen den„Mann der weißen Farbe“, und Herr Du⸗ Chaillu durfte ſich von nun an, ohne einen Angriff zu befürchten zu haben, ganz in die Nähe heranwagen. Er gab alſo die Hoffnung, den Affen nach und nach zu zähmen, immer noch nicht auf, und reichte demſel⸗ ben von nun an abermals mit eigener Hand die Nah⸗ rung, natürlich übrigens nur eine ſolche Nahrung, welche der Gorilla beſonders liebte, alſo Waldbeeren, Ananas⸗Blätter und was dergleichen mehr iſt. Zu gleicher Zeit füllte er einen Korb halb mit Heu und ſtellte dieſen in eine Ecke des Käfigs, um zu ſehen, ob der Affe den Zweck dieſes Korbes begreife. diger Weiſe war dies auch der Fall, denn nachdem der Gorilla einen Augenblick lang um den Korb herumge⸗ Merkwür⸗ - 10— ſchnüffelt hatte, ſprang er mit einem Satz hinein und machte es ſich ſo bequem als möglich. Ja von nun an benützte er den Korb nicht nur regelmäßig als Schlafſtätte, ſondern er ſchüttelte auch jedesmal das Heu vorher auf, ehe er ſich zur Ruhe legte, und nahm ſogar eine Portion davon in die Hand, um ſich, wenn er lag, damit zu bedecken. Dies war aber auch das einzige Zeichen von Civiliſirung, das er gab, und in allem Uebrigen blieb er gleichmäßig wild und trotzig, wenn man ihn aus ſeinem Hinbrüten aufſtörte. Auf dieſe Art trieb es Du-⸗Chaillu etwa drei Wochen lang mit dem jungen Gorilla, da fand man ihn am zwanzigſten Tage Morgens todt in ſeinem Käfige, ohne daß er übrigens vorher irgend eine Spur von Krank⸗ heit gezeigt hätte. Im Gegentheil hatte er den Tag vorher noch mit gutem Appetit gegeſſen, und nur die biſſige Moroſität, mit welcher er um ſich blickte, ſchienen darauf hinzudeuten, daß er ein gewiſſes Unwohlſein fühle. Worin beſtand aber dieſes? Offenbar nicht in einer„körperlichen“ Krankheit, denn bei der Sektion, welche Du⸗Chaillu vornahm, konnte nichts der Art ent⸗ deckt werden, ſondern vielmehr in einer Krankheit„des Gemüthes“, das heißt in der Verzweiflung über ſeine Gefangenſchaft! Dies war der einzige Gorilla⸗Affe, der bis jetzt lebendig gefangen wurde. Dr. Freund. Die Roſe im Tiſch. Novelle von F. Brunold. Frau Sabine ſetzte das Abendbrod auf den Tiſch, indeß die Geſellen mit den Burſchen aus der Werk⸗ ſtatt in die Stube traten. Meiſter Erasmus hatte ſchon ſein Sammetkäppel abgenommen, um das Gebet zu ſprechen, als die Thür ſich noch einmal leiſe öffnete und ein Reiſender, ſchüchtern hineinſchauend, ſprach: „Wollt' um eine kleine Gabe gebeten haben!“ Frau Sabine, noch roth im Geſicht vom Herdfeuer, ſchob mit raſcher Hand ſich die Mütze ein wenig aus der Stirn, und ſagte, ohne einen Blück zur Thür zu werfen:„Man wird zuletzt nicht mehr ruhig eſſen kön— nen vor—. Sie beendete ihre Rede nicht, denn der Bittende hatte ſchon die Thüre wieder zugemacht, indem er ſprach:„Nichts für ungut!— Gott zum Gruß!“ Meiſter Erasmus, dem überhaupt die Worte der Frau nicht zugeſagt, hatte kaum den Gruß des Frem⸗ den vernommen, als er auch ſchon mit raſchem Schritt bei der Thür war und, dieſelbe öffnend, dem Fort⸗ gehenden zurief:„He! Freund! Hier bleiben! Habt die Meiſterin nicht verſtanden!“ Und als er ſahe, daß der junge Menſch wie er⸗ ſtaunt verlegen ſtehen blieb, lachte er gutmüthig und ſprach, zugleich das bleiche Geſicht des Fremden bemer⸗ kend:„Wohl heut' noch nichts Warmes gehabt?“ „Seit funf Tagen nicht, Meiſter;“ entgegnete der fremde Geſell, der noch immer nicht abgeneigt ſchien, ſeinen Schritt weiter ſetzen zu wollen. Doch der Mei⸗ ſter nahm ihn bei der Hand, und ihn mit ſich in die Stube nehmend, ſagte er:„Dacht' mir's. Aber kommt nur herein; es wird auch für Euch noch ein Teller Suppe übrig ſein.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich zugleich zur Frau und rief:„Nicht, Mutter?“ Und die, ihre vorige Härte, die ihr ſonſt nicht eigen war, ſchon bereuend, gab der Tochter, die ihr zur Seite ſtand, einen Wink, und ſprach:„Mach’ 1 Platz, Elſe. Und das Uebrige weißt du!“ Das Mädchen, eine blauäugige, hübſche Dirne von achtzehn Jahren, warf einen Blick nach dem Fremden, und ſetzte dann ihren eigenen Teller für den Gaſt hin, während ſie hinaus ging, um für ſich ſelbſt ein neues Gedeck zu holen. Bald darauf ſaßen Alle bei Tiſch. Der Meiſter hatte ſein Gebet geſprochen, ſein Käp⸗ pel wieder aufgeſetzt und ſchaute, ſelber eſſend, freund⸗ lich umher, um zu ſehen, wie es Gaſt und Hausge⸗ noſſen mundete. Plötzlich ſich jedoch zu dem Fremden wendend und bemerkend, daß der, trotz des ſichtbaren Hungers, nur beſcheiden, langſam aß, ſagte er:„Nur zugegriffen,'s iſt Euch gern gegeben!“ Und wie, als wolle er dem Eſſenden Muth machen, fragtg er weiter:„Was fur ein Landsmann? Und was für ein Handwerk?“ Der Angeredete ließ den Löffel ruhen und entgeg⸗ nete, ſein Auge zum Meiſter aufhebend:„Bin droben aus Preußen her, aus Labiau; nicht fern der ruſſiſchen Grenze. Dacht' hier zu Lande Arbeit zu finden— hab' .. 6 n und t nun J als l das nahm wenn ) das nd in rotzig, vochen n am „ohne Krank⸗ n Tag biſſige chienen ohlſein icht in ektion, t ent⸗ „des ſeine s jetzt und. 2 ſein.“ 11 mich aber bitter getäuſcht. Geh' dieſelbe bereits ſeit acht Wochen ſuchen.— Bin ein Tiſchler!“ „Was?“ ſchrie Meiſter Erasmus faſt unwillig und beleidigt:„ſeid Tiſchler und fragt bei mir, dem Alt⸗ meiſter, nicht einmal an nach Arbeit? He! wohl nicht viel Luſt zum Geſchäft? Dann freilich wundert's mich nicht, ſo Ihr acht Wochen lauft.“ Der fremde Geſell glühte auf; doch ſofort den auf⸗ ſteigenden Unmuth niederkämpfend, hob er das Auge, ließ es einen Augenblick über Geſellen und Burſchen ſchweifen, und ſagte dann, ſich voll Ruhe zu dem Meiſter wendend:„Wollt mich nicht verkennen, Herr! Wer ſo oft, wie ich, vergebens angefragt, verliert zu⸗ letzt den Muth, es noch ferner zu thun— und wäre es nur, um ſich nicht auf's Neue einer Täuſchung aus⸗ zuſetzen. Als ich die Thür hier öffnete und ſo viel arbeitende Hände für Euch vorfand, dacht, ich mir: hier iſt kin Raum für dich——“ „Und ſchwiegt!“ fiel der alte Erasmus ein.„Tha⸗ tet aber Unrecht daran; denn mit ſolchem Gebahren kommt man zuletzt immer tiefer herab, bis man zuletzt nur noch zu fechten verſteht— und ſeine Werkſtatt auf der Landſtraße hat.— Laßt doch einmal Euer Wan⸗ derbuch ſehen!— So Alles in Ordnung, möcht, ich’s beinahe mit Euch verſuchen.“ „Was meinſt du Mutter?“ Mit dieſen letzteren Worten wendete er ſich gutmüthig lächelnd zur Frau; gleichſam als wolle er erſt deren Meinung vernehmen. Die aber rückte ſich die Mütze aus der Stirn, drohete dem Fragenden mit dem großen Vorlegelöffel, den ſie gerade in der Hand hatte, und ſagte liſtig lachend: „Haſt mich etwa als Oberreviſor für deine Werkſtatt angeſtellt? Wirſt wohl allein wiſſen, wie viel der Hände du bedarfſt. „Haſt Recht!“ entgegnete der Meiſter. Und das empfangene Wanderbuch dem Geſellen zurückgebend, ſagte er zu ihm, kurz ab:„Könnt eintreten!“ Der junge Menſch, der in banger Erwartung bis jetzt auf den Meiſter geſchaut, ſprang bei dieſen Wor⸗ ten ſichtbar erfreut auf und rief:„Das lohn' Euch der Himmel, Meiſter!— Gottes Segen für die Suppe, hen 5 1 den ſ„ Wanderſchaft, ohne Raſt und Ruh, ohne Geld im Beu⸗ Meiſterin!— Darf ich noch heut mein Ränzel hier einlegen, ſo erlaubt, daß ich zur Herberge gehe und es hole. Es drängt mich einmal wieder wie daheim zu Dem jungen Manne leuchtete bei dieſen Wor⸗ ten die Freude aus den Augen, ſo daß die Elſe ver⸗ wundert auf ihn blicken mußte. Als er jedoch nach leichtem, gewährendem Wink des Meiſters ſeinen Stuhl abſeits geſtellt hatte und zur Stube hinaus geeilt war, ſagte Erasmus, einen ern⸗ ſten, verweiſenden Blick auf den jüngſten Burſchen werfend, der bei der Haſt des Fremden zu kichern an⸗ gefangen:„Lachſt wieder einmal, Eduard? Denkſt, biſt reicher Eltern Kind und meinſt, es werde dir nie⸗ mals ſo ergehen, daß eine ſchlichte warme Suppe dir ein Labſal werden könne? Ho! ſo! arbeitsloſe Zeit gibt's in jedem Menſchenleben; und dein Geldſack wird auch nicht dem Mehlfaß der Wittwe zu Zarpath gleichen; beſonders wenn du Hobel und Winkelmaß nicht beſſer handhaben lernſt, als bisher. Will dir im Vertrauen und zur Warnung ſagen:'s iſt Alles Narretei mit dem Zunftzwang und von der Herrſchaft des Kapitals. Geld allein thut's nicht; man muß auch Luſt und Ver⸗ ſtand zum Geſchäft haben! Der ⸗Meiſter wird immer meiſte Arbeit haben, der reell iſt und die beſte 4½„ . noch einen Denkzettel bekommen. igte ärgerlicher ſtellend, als er wohl im Herzen war, denn * 4 e 8 Arbeit macht. Gleichviel ob er zur Zunft gehört oder nicht. So, wie ich den Geſellen am längſten und liebſten in der Werkſtatt habe, der ſeine Sache verſteht und kein Spieler oder Trunkenbold iſt.— Säß' auch hier vielleicht nicht als wohl vereideter Altmeiſter des geruhſamen Tiſchlergewerbs, wenn ich den Hobel allein nur zu führen verſtanden hätte. Ja, ja! ſchaut nicht auf alleſammt! Mich hat Hammer und Feile eines Schmiedes in's Neſt geführt. Iſt's nicht alſo, Mutter?“ Mit dieſen Worten reichte er der Genannten die Hand hinüber, indeß er lächelnd ſagte:„Wer hat den Brautwerber gemacht?“ „Na, ſchieß nur los, Alter!“ lachte die Meiſterin. „Seh' ſchon, es iſt heut dein Redetag, wo du gern den Paſtor ſpielſt und ein Geſpinnſt, wie die Seeleute ſagen, abwickelſt. Erzähl' nur immer deine Geſchichte! Dem Eduard wird's nicht ſchaden, wenn er ſie hört, und den Uebrigen auch nicht. Sprich' du nur; ich geh' zur Küche. Die Elſe kann hier bleiben.“ Der Eduard lachte ſchelmiſch, ſchlich aber doch näher zu dem Meiſter hinan; während der älteſte der Geſel— len im Namen der übrigen ſprach:„Wir hören den Meiſter immer gern von ſeiner Wanderſchaft ſprechen. So es erlaubt, bleiben wir alleſammt.“ „Nun meinethalb,“ ſchmunzelte der alte Erasmus. Er hörte ſich ſelber gern ſprechen, und erzählte zu gern, beſonders wenn er glaubte, dadurch Geſellen oder Bur— ſchen eine Lehre geben zu können. Zur Tochter ſprach er:„Geh', Elſe, füll' uns das Deckelglas. Bei mei⸗ ner Geſchichte darf der Trunk nicht fehlen.“ Die Genannte holte flink das Verlangte herbei. Während ſie jedoch zugleich dem Vater die Pfeife reichte, gab ſie im Vorbeigehen dem Eduard einen leichten Klapps mit der Hand, indem ſie ſagte:„Hätteſt auch den Fidibus holen können.“ Nun that ſie es ſelbſt, indeß der Meiſter ſich im Lehnſtuhl zurecht ſetzte, einen Zug aus dem Deckelglaſe that und dann ein paarmal den Dampf in dicken Wolken vor ſich hin puſtete.— Jetzt hub er an:„War auch ſeit Wochen auf der tel, ohne Ausſicht auf Verdienſt. Aber wie es zu gehen pflegt: je trockener die Kehle, je leerer der Magen, deſto lauter ſangen wir, nämlich ich und mein Kamerad, der mit mir wanderte und ein Sattler war— das Dorf entlang. Hab' ihn ſpäter aus dem Geſicht ver⸗ loren, und weiß nicht ob und wo er geſtorben. Sind nun wohl keine geiſtlichen Lieder geweſen, die wir ge⸗ ſungen! Der Pfarrer, der ſie gehört, nahm mich eben nicht gnädig auf, als ich kam, um mir von ihm ein klein Geſchenk, einen Zehrpfennig, zur Reiſe zu erbit— ten. Sagte kurz: ‚Noch ein Geſchenk für Eure Schel⸗ menlieder, die Ihr mir vorhin geſungen? Hat man kein geiſtlich Lied in ſeiner Jugend gelernt?:— Gewiß Herr! ſagte ich freundlich; zaber ich denke. mir, das Geſangbuch iſt für die Kirche und das Haus; der Gaſſenhauer für die Straße.— Jed's Ding hat ſeine Zeit!“ „Das wohl! brummte der geiſtliche Herr, ſichtlich ſich getroffen fühlend durch meine Bemerkung. Doch ganz zufrieden konnte er ſich noch nicht geben; ich mußte Und ſo ſagte er, ſich es war ein guter, alter, leutſeliger Mann: ‚Aber 1 . 2—— warum denn immer ſolch' unſchöne Lieder. Es gibt der beſſeren doch ſo viel!“ „Das wohl!' fiel ich ernſt ein, ‚denn es kam mir von Herzen, was ich ſagte;„ aber unſer Einer lernt nur die beſſeren nicht. In meiner Jugend wurde derglei⸗ chen nicht in Schulen gelehrt; und was man darüber hinaus noch lernt, iſt nicht eben das Beſte.: Der alte Herr ſchwieg und ich ſagte weiter:„Man tadelt uns Haudwerksleute immer, daß wir des Sonn⸗ tags zum Wirthshaus gehen. Glauben's mir, beſter V Herr, es ginge Mancher von uns gern in die ſchönen prächtigen Muſeen, oder Ausſtellungen, wenn dieſelben nur Sonntags geöffnet wären, oder nur nicht Geld und ſtets einen guten Anzug koſteten. Letzterer iſt oft fadenſcheinig.— Glauben's mir, wir Arbeiter lernten (Siehe S. je toller, deſto hartherziger die Menſchen waren, die uns von ihren Thüren wieſen! Man thut's, wäre es auch nur, um das laute Mahnen des Magens zu über⸗ täuben.— Nichts für ungut, Herr Pfarrer! Wir Handwerksleut ſind nicht ſo bös, als wir ſcheinen. „Nun, nun!’ ſchmunzelte der alte Herr; zich ſehe, man hat den Mund auf dem richtigen Fleck, und wenn's mit dem Arbeiten eben ſo beſtellt iſt, ſo kann's nicht fehlen!“ Könnt' ſein,“ lachte ich, ‚wenn's nur nicht eben ſeit Wochen an Arbeit fehlte.“ „Glaub's, glaub's,“ entgegnete der alte Herr. Es ſind ſchlechte Zeiten.: Freundlich ſetzte er hinzu: ‚Bei mir freilich wird man nicht nach Arbeit gekommen ſein! Was iſt man denn?: Bin ein Tiſchler!’ ſprach ich natürlich; und der Pfarrer ſetzte hinzu:„So, ſo! ſchade, daß man nicht Uhrmacher, hätt' ſonſt eine Kleinigkeit zu thun gehabt. 12— gern, wenn man uns nur Gelegenheit dazu geben wollte, viel zu ſehen und viel zu lernen. Säßen oft auch gerne warm, oder am wohl beſetzten Tiſch, müſſen aber hinaus in Wind und Wetter, Schnee und Sturm, ohne zu wiſſen, wo und wann für uns jemals wieder ein Topf an das Feuer geſtellt wird. Der Meiſter hat keine Arbeit, und ſo heißt es: Geſell mußt wandern! Die erſten paar Tage macht ſich's ſchon, beſonders, wenn die Sonne noch warm vom Himmel ſcheint. Aber wenn man ſo Woche um Woche, Tag für Tag vorgebens nach Arbeit fragt, die Stiefel nicht mehr vorhalten wollen, und das Hemd ſich am Ellenbogen des letzten Rockes verſtohlen an das Tageslicht wagt, o Herr! dann iſt's, als ob Blei an den Füßen läge, und man ſingt zuletzt aus Verzweiflung Schelmenlieder, Aber unbeſchenkt ſoll man nun doch nicht von meiner Thüre gehen. Mit dieſen Worten wollte er ſich umdrehen, wohl um mir eine kleine Gabe zu holen. Ich aber hielt ihn zurück, indem ich ſagte: ‚Wollen's gütigſt mir nicht Ihre Uhr zeigen?— Bin als Knab' oft bei unſerem Wirth, einem Uhrmacher geweſen, und hab’ Manches dort geſehen und gelernt, was ich auch ſpäter noch geübt und nicht vergeſſen habe. Darum, wollen's mich nicht Ihren Patienten einmal ſehen laſſen?: Der Pfarrer ſchaute mir mit ſeinen kleinen grauen Augen eine Zeit lang prüfend in das Geſicht, und ſagte endlich:—Es iſt ein altes, koſtbares Werk, meine Wanduhr, mir beſonders lieb, zumal es ein Erbſtück iſt. Darum ſchon möcht' ich es nicht gern aus dem Hauſe geben. Aber es fehlt mir viel, wenn ich die Uhr nicht gehen höre. Möcht's faſt verſuchen. Man ſcheint mir doch ein verſtändiger, junger Menſch, der — einem alten Manne ſeinen lieben, treuen Stundenwecker nicht verderben wird. Man komme; man möge ein⸗ treten, das Werk beſehen, und dann ſeine Meinung äußern.“ 1 Mit dieſen Worten trat er in das Haus zurück. Ich folgte, offen geſagt, mit einiger Beklommenheit, denn meine Uhrmacherlunſt war nicht bedeutend, und überdies flößte der alte Pfarrer mir bereits Hochach⸗ tung ein, ſo daß ich vor ihm nicht gern mit Schanden beſtehen mochte. Es war eine koſtbare, ſchöne Uhr, die in einem alten rüſternen Gehäuſe hing. Letzteres war für mich von ganz beſonderem Intereſſe, da es überaus künſt⸗ lich und reich geſchnitzt und verziert war. Er ſagte mir, daß das Gehäuſe das Meiſterſtück eines Tiſchlers - 13— ſei, der zugleich ein gut Stück von Bildhauer geweſen wäre. Und in der That, ſo mußte es geweſen ſein, denn ich wurde nicht müde, die Arbeit zu bewundern. Endlich jedoch mußte ich auch einen Blick auf die Uhr ſelber werfen, und hier fand ich, daß zum Glück der Schaden nicht bedeutend war, und ich wohl im Stande ſei, ihn zu repariren, ſo ich anders eine paſſende Feile nur irgendwo vorfände. Der Pfarrer hatte meinen Bericht mit ſichtbarer Freude vernommen. Jetzt meinte er, daß ich beim Schmiede das Gewünſchte wohl finden würde. Und ſo war es auch. Ich fand dort im Kaſten zwiſchen dem alten Eiſen eine Feile, die brauchbar war. Einen kleinen zierlichen Patenthammer beſaß der Pfar⸗ rer, den größeren lieh der Schmied— und ſo ſaß ich denn, hämmerte und feilte, bis es mir nach einigen Die Ohrfeige(ſiehe S. 17). Ich ſehe noch des alten Mannes Augen leuchten, als er ſeinen Liebling wieder gehen und ſchlagen hörte: es war, als ob ihm ein Freund zurückgegeben ſei. Und als ich nun noch ſogar eine kleine ſchadhafte Stelle am Gehäuſe leimte und wieder an Ort und Stelle einfügte, hatte ich mir die ganze Gunſt des geiſtlichen Herrn er⸗ worben. Er hatte mein Schelmenliedchen von vorhin rundweg vergeſſen, und dachte nur noch daran, ſich mir gefällig, ich möchte faſt ſagen dankbar zu bezeigen. — Alles dies hat er redlich gethan. Nicht allein, daß mir der alte Herr ein gutes Eſſen hatte verabreichen laſſen, wie durch einen anſtändigen Zehrpfennig, er war auch noch⸗ auf mein ferneres Fortkommen bedacht. Er hatte während des Arbeitens ſich viel mit mir in Geſpräche eingelaſſen; hatte mich nach Heimath, Jugend, eben und Wanderſchaft gefragt, bis er zuletzt Alles pußte, was ihm nöthig ſchien, um mich kennen zu nen. Daß ich es kurz mache— mußt' ihm gefallen Stunden gelungen war, das Werk in Gang zu bringen. haben, denn er ſagte beim Abſchiede, während er zu⸗ gleich einen eben vollendeten Brief mir überreichte: „Man will zur Stadt. Hab' dort lange als Candi⸗ datus im Hauſe eines ehrſamen, frommen, guten Tiſch⸗ lers gewohnt. Bin bis heute mit dem Meiſter in Connex geblieben— und ich denke, mein Wort gilt etwas bei dem Manne. Hab' Euch ihm empfohlen. Man gebe ihm dieſe Epiſtel. Und ſo anders mein Schreiben von Erfolg, ſo man Arbeit bekommt, wünſche ich, daß man meiner Empfehlung ſich würdig zeige— und mir Ehre mache. Man gehe mit Gott!' Ich war ſo erſtaunt ob der Güte, daß ich nicht Worte zum Danke fand; hab' nur dem alten Herrn die Hand ge⸗ drückt— und kein Schelmenliedchen vor ſeiner Thür wieder geſungen.* Andern Tages war ich hier.“ In dieſem Augenblick trat die Meiſterin wieder zur Thüre herein, und der Meiſter, ſie erblickend, ſagte freundlich, ſchelmiſch:„Kommſt gerade recht, Frau. 8 Bin eben da in meiner Geſchichte, wo ich hier ein⸗ wandere, und des Pfarrers Brief deinem Vater über⸗ gebe. Denke mir, könnteſt mein Geſpinnſt nun wei⸗ ter entwickeln.“ Frau Sabine jedoch rief:„Haſt deine Streiche noch immer im Kopfe, Alter? Meineſt, ich ſolle dem jun⸗ gen Volke hier erzählen, wie wir ein Paar wurden, und du Meiſter dazu, in des Vaters Werkſtatt? Wol⸗ len's laſſen, Alter! Denk, deine Geſchichte hat auch ſo einen Schluß. Sind ja Beide der lebendige Punkt dazu.“ Der Altgeſell ſagte voll Salbung und Schmeichelei: „Frau Meiſterin findet immer das Richtige.— Un⸗ ſern Dank dem Herrn!“ Eduard lachte. Wie aber, als fürchte er für ſeine unzeitige Freude beſtraft zu werden, ſprang er auf und rief durch das Fenſter ſchauend:„Der Labiauer kommt, mit dem Ränzel ſo fein, das wird gewiß voll Duka⸗ ten ſein!“ Mit dieſen Worten war er zur Thür hinaus, dem Genannten entgegen, dem er geſchäftig das winzige Ränzel abnahm und luſtig ſingend zur Kammer hin⸗ auf trug. Andern Tages ſtand der fremde Geſell rüſtig ar— beitend in der Werkſtatt. Man ſahe es, es ging ihm Alles leicht und geſcheidt von der Hand. Er arbeitete raſch und ſicher; doch in ſeinen Augen lag ein trüber Ernſt, den ſelbſt ein heiteres Lied der Genoſſen nicht zu verſcheuchen vermochte. Man ſahe es, nur mit Widerſtreben ſtimmte er ein in den frohen, fröhlichen Geſang. Der Meiſter ſchien ihn ob dieſes Ernſtes beſonders gern zu haben, wogegen die Kameraden in der Werk⸗ ſtatt ihm von vorn herein den Spitznamen„der Stille“ gaben. Beſonders der Altgeſell, der Hanauer, einen abſonderlichen Groll ſofort auf den Labiauer ge⸗ worfen zu haben. Bei jeder Gelegenheit ſuchte er ihn zu hänſeln und dem Spott der Mitarbeitenden Preis zu geben. Es iſt ein friſches, luſtiges Treiben in der Werk— ſtatt. Der handhabt die Säge, der den Hobel, jener den Meißel, und dieſer Zollſtock und Winkelmaß; in⸗ deß der Eduard am Herde ſteht und den Leimtigel wärmt.— Jetzt geht die Elſe am Fenſter vorüber dem Garten zu. Sie hat einen Blick nach der Werkſtatt geworfen, und dieſer Blick hat nicht den Hanauer, wie erwartet wurde, getroffen, ſondern den Stillen. Darob iſt in der Bruſt des Erſteren ein Feuer erglüht, daß er die Säge kreiſchen und in das Holz ſchneiden läßt, als ſolle, weiß Gott, was zerſchnitten werden. Der Eduard ſchaut auf und ruft, er war ja nun einmal der neckende Kobold der Werkſtatt:„Hanauer, ſoll ich Waſſer holen? Brennt's Brett?“ Die Mitgenoſſen blickten auf und lachten. Der Geneckte aber ergriff den Zollſtock, und ihn nach dem Burſchen ſchleudernd, ruft er:„Verdammter Schlingel! Denkſt biſt vornehmer Leute Kind. Aber wart', ich bläue dir den Rücken.“ Plötzlich jedoch hielt er inne, und einen ſcheuen Blick zur Seite, auf das vorhin durchſchnittene Brett werfend, murmelt er dumpfe, unverſtändliche Worte vor ſich hin, und blickt auf's Neue ſcheu, erbleichend nach dem Brett. Die Kameraden, die bei den Worten des Eduard uhr alle auf ihn geſchaut, ſehen ſeine Blicke, und der ihm ſchien — 14— Zzunächſt ſtehende ruft: Aber der als drücke es ihn, „Nun was gibt's? Iſt's wieder nicht richtig?“ Der Hanauer hat die Frage vernommen und, wie das Geheimniß länger bei ſich zu behalten, ruft er in Haſt, ſcheue Blicke zur Seite wer⸗ fend:„Nicht unrichtig, ſondern richtig iſt's! Das Brett ſollte zur Wiege werden; aber es wird ein Sarg daraus. Verlaßt Euch darauf! Ich hört' es deutlich im Holze klaſen Das war der Ruf der Todten!“ Und wie, als ſolle ſeinen Worten die Beſtätigung auf dem Fuße wigen, trat jetzt der Meiſter zur Werk⸗ ſtatt, der ſich ſofort zu dem Hanauer wendend ſagte: „Laſſen's die Wiege nur— die hat Zeit. Ein Sarg iſt beſtellt.— Die Anweſenden erſchraken unwillkürlich. Alle waren ſtill geworden. Jeder von ihnen kannte die Sage, die ja faſt keinem Tiſchler unbekannt iſt; aber dennoch wurden ſie diesmal ganz beſonders von dem Klopfen des Todten erſchreckt; wohl, weil das Ganze ſo unmittelbar auf einander gefolgt war. Der Eduard freilich, der konnt's nicht laſſen, der mußte dem Gefühl, der Stimmung den richtigen Aus⸗ druck geben— und hub, als der Meiſter die Werk⸗ ſtatt kaum verlaſſen hatte, zu deklamiren an: „Ein Tiſchler in der Werkſtatt ſtand, Bei Hobel und Säge unverwandt. Bis Abend ſpät, vom Morgen früh, Stand er in der Werkſtatt und feierte nie— Bis zu dem Ruf der Todten. Es klopfet vernehmlich und leiſe an, Es raſtet und horcht der alte Mann; In einem der Bretter, zur Seite dicht, Da klopft es gemeſſen, es täuſcht ihn nicht. Das iſt der Ruf der Todten. Wohl wußte der Meiſter zu deuten den Klang, Der aus dem Brette vernehmlich drang: Wo eben erſchallt das Klopfen dort, Das wird zum Sarg geſchnitten ſofort. Das ſagt der Ruf der Todten.“ ſchwieg er, er mochte nitht weiter ſprechen. Hanauer, der durch ſein Wiſſen und durch ſein Prophezeihen im Anſehen bei ſeinen Mitgenoſſen beſonders geſtiegen zu ſein glaubte, rief:„Nun, ſag dein Lied nur weiter. Biſt ja ein Geſtudirter, und ſo ſchlägt das in dein Fach. Oder graut dir vor deiner eigenen Kunſt?“ „Nein!“ ſagte der Junge ernſt, wie ſonſt nie. Mir graut nicht. Aber ich zögerte mit dem Schluß, weil ich nicht wollte, daß Eure Gedanken ſo an das Tageslicht kämen. Nun Ihr es wollt, will ich das Ende des Liedes ſagen; doch möcht' Ihr in Eurem Herzen keine Folgerung darauf bauen: die Elſe bekommt Ihr nicht, ſelbſt wenn der Meiſter ſtürbe, was hoffent⸗ lich nicht geſchehen wird. Ihr ſeht, ich bin auch ſo ein Stück von einer prophetiſchen Hausmucke. Und, als bemerke er das Bleichwerden des Geſchmähten nicht, noch ſehe er die verlegenen, erſtaunten Blicke der an⸗ dern Geſellen, die alle wie fragend auf den Hanauer blickten, der vor innerer Erregung nicht zu ſprechen vermochte, da er ſein Geheimniß, was er ſo tief ver⸗ borgen glaubte, ſo plötzlich an das Licht gezogen ſah — ſprach der Junge mit düſteren Blicken, den Wor⸗ ten angemeſſenem Tone weiter: Jetzt „Schon iſt der Tiſchler ein müder Greis, 3 Die Hände ſind dürr, das Haar iſt weiß; 1 wieder ind, wie ſich zu eite wer⸗ Das in Sarg deutlich odten!“ ätigung Werk⸗ ſagte: n Sarg h. Alle nnte die ſt; aber von dem 3 Ganze ſen, der en Aus⸗ Werk⸗ ng, ſprechen. d durch genoſſen n, ſag und ſo t deinet nſt nit Schluß A an das ich das Eurem hekommt hoffent⸗ auch ſo Und, en nicht, der an⸗ antuer ſprechen tief uf gen ſah n Wol⸗ ——-——— 1 Er nimmt den Hobel mit zitternder Hand Und ſtellt ſechs Bretter ſich an die Wand Da ſchallt der Ruf der Todten. Wohl ſchaut ſich der Alte erſchrocken um, Doch Alles iſt öde und ſtill und ſtumm; Bis daß er wieder zur Arbeit geht, Da klinget ſo nahe, dort wo er ſteht, Der alte Ruf der Todten. Es faſſet ein Grauſen den müden Greis, Er arbeitet weiter mit doppeltem Fleiß. Schon oft vernahm er den düſtern Klang Nie aber ward das Herz ihm ſo bang Beim leiſen Ruf der Todten. Schon ſind die Bretter zuſammengefügt, Da klopft es drinnen, die Angſt nicht trügt; Im neuen Sarge klopft es ſchon, Der alte Klang, der alte Ton, Der grauſe Ruf der Todten. Der Sarg iſt fertig. Den Meiſter ſtört Kein Fremder, der den Sarg begehrt; Für ihn allein war der Sarg ja nur, Ihm galt der ini der Todtennhr: Der ſtille Ruf der Todten.“ Das Gedicht war beendet. Alle ſchwiegen. Nie⸗ mand mochte Etwas darauf erwiedern oder dazu ſagen. 15 ̈ der alte Meiſter ein. „Nun Jeder nach ſeiner Weiſe. Habt wohl ſo eben ein Kunſtwerk entworfen?“ ſetzte er ſchmunzelnd nach einiger Zeit hinzu.„Darf ich's ſehen?“ Mit dieſen Worten griff er nach dem Papier, das der Geſell ihm freilich nur mit einigem Wider⸗ ſtreben zu laſſen ſchien. nung geworfen hatte, bare, freudigen Erſtaunen Platz, nen! Der Meiſter aber, der einen Blick auf die Zeich⸗ wurde ernſter, ſtiller. Der ſicht⸗ gutmüthige Hohn und Spott, der bisher auf ſei⸗ nem Geſicht gelegen, machte mehr und mehr einem bis er endlich nicht ohne „Bin nun zu alt, das noch zu ler⸗ Das ſeh' ich ſchon,“ ſcherzte er,„ein Schemel Wehmuth ſagte: für eine Bauernſtube iſt es nicht;“ nun gleich darauf ſprechend, Jeder athmete freudiger auf, als jetzt die Elſe aus dem Garten zurückkehrte und mit ihrer glockenhellen, fröh⸗ lichen Stimme den Eduard rief, daß er käme und den gefüllten Gartenkorb ihr in's Haus tragen helfe. Es war, als ob ein heller Sonnenſchein durch ein trübes, düſteres Gewölk hindurch geblickt hätte. Nur der Hanauer arbeitete dumpf brütend vor ſich hin, von Zeit zu Zeit giftige, verſtohlene Blicke auf ſeine Ge⸗ noſſen werfend. Der Stille aber hatte bei des Mädchens Ruf die Augen aufgeſchlagen, hatte hinaus geſehen, und über ſein Geſicht war es wie des Frühroths Morgenhauch gekommen; ſo feierlich, ſtill verklärt hatte er aufge⸗ blickt, um gleich darauf deſto trüber und ernſter weiter zu arbeiten. jedoch wieder ernſt werdend, und wie mit ſich ſelber hinzuzuſetzen:„Es muß doch hübſch ſein, ſo zeichnen zu können, ſo zu arbeiten. Ja, ja! Das wäre ein Werk wie der alte ſchön geſchnitzte Uhrſchrank des ſeligen Paſtors. Jedes in ſeiner Art!“ Sinnend betrachtete er wieder die Zeichnung. Plötz⸗ lich jedoch fuhr er ſich mit der Hand über die Stirn, und wie aus ſchönem Traum erwachend, ſagte er, dem Geſellen auf die Schulter klopfend:„Wenn ich wüßt', ob's ſo gelänge, wie es hier auf dem Papier ſteht, möcht' ich's ſchon wagen.“ Und gleichſam, als wolle er in raſchem Entſchluſſe alle Zweifel beſeitigen, rief er:„Hab' immer zur näch⸗ ſten Gewerbeausſtellung Etwas liefern wollen. Nun mag's geſchehen— und Euer Tiſch, der ſoll es ſein!“ „Meiſter!“ ſprach der Geſell freudig,„Ihr wolltet?“ Mehr vermochte er nicht zu ſagen; ſeine Augen leuch⸗ teten; die Hand, ſie zitterte vor innerer Erregung. Der Meiſter ſah es und lächelte zufrieden. Endlich ſagte er:„Seh' euch die Freude an! Glaub's ſchon; denn die größte Freude hat man ja, wenn man ſeine Gedanken durch die Arbeit verwirklichen kann. Macht Euch das Ganze nur klar; zeichnet und berechnet fein Am Sonntag aber, als der Nachmittagsgottesdienſt vorüber war, ſaß er drunten im Garten auf der Bank, wo die Elſe zu ſitzen pflegte, und zeichnete. Er hatte von Eduard ſich Papier und Stift beſorgen laſſen. Und während ſeine Kameraden in das Freie hinaus⸗ zogen, ſaß er und zeichnete, emſig bemüht, bis das Wort des Meiſters, der leiſe und unbemerkt heran ge⸗ treten war, ihn aufſchreckte und ſtörte. „Nun, nicht zur Herberge?“ ſagte der alte Mann, und warf einen Blick auf das Papier. Eurer Arbeit?“ „Das nicht, Meiſter,“ entgegnete der Geſell und ſtand auf.„Hab' ſo lang und ſo oft in dieſer Zeit das Herbergsleben genoſſen, daß ich es für einen Sonn⸗ tag ſchon entbehren kann. Und überdies find' ich, offen geſagt, keinen Gefallen an dem Treiben dort. Mein Vater, der ein Beamter war, ſagte zu mir, als ich mich aus Luſt und Liebe zum Handwerk entſchloß: „Mir Recht! Der ſtudirten Leute haben wir genug; aber merke dir: Handwerk hat in jetziger Zeit nur einen goldenen Boden, wenn du es gründlich erlernt haſt und es verſtehſt, es zur Kunſt auszubilden. Werde ein Tiſchler— aber ſuche deinen Arbeiten eine gefäl⸗ lige, künſtleriſche Form zu geben, und es wird dir an Anerkennung nicht fehlen.“ „Aber oft an Verdienſt und Brod,“ fiel lächelnd ließ den Geſellen in „Preſſirt's mit damit Baſta! und dann friſch an's Werk! Aber reinen Mund. Behaltet die Sache für Euch; man muß ſo Etwas nicht an die große Glocke ſchlagen, um in dem Neid⸗ kaſten der Herzen jede Klappe aufgehen zu machen.— Ihr macht vorläufig den Tiſch auf Beſtellung— und Iſt er gelungen, können wir thun, was wir wollen, und was Rechtens iſt.— Somit Gott befohlen, Labiauer. Wir ſprechen noch weiter von der Sache.“ Mit dieſen widoten ging der alte Mann davon und heftiger Aufregung zurück. An ein Weiterzeichnen war für jetzt nicht mehr zu denken. Sein Herz wogte in freudiger Erregung und ſeine Hand zitterte in banger Erwartung und Hoffnung. In dieſem Augenblick huſchte Eduard in den Gar⸗ ten hinein. Er ſah ſich ſcheu flüchtig um, und da er Niemand bemerkte— denn nach der Laube, in der der Labiauer ſtand, warf er keinen Blick— brach er von dem zunächſt ſtehenden Roſenſtrauch eine halb erblühte Knoſpe ab, und rannte mit derſelben wieder zum Gar⸗ ten hinaus. Der Geſell, der das Thun und Treiben des Bur⸗ ſchen bereits genugſam kannte, lachte vor ſich hin. „Was er wohl wieder für eine Teufelei im Sinne hat?“ ſagte er zu ſich ſelbſt und ſchritt zum Garten hinaus. Als er aus der Hausthür trat und einen Blick auf die Straße warf, ſo eben nach dem Markte zu ging. Wajnd. ie ſi ſah er, wie die Elſe mit einer Freundin —— 1— ———— 8 ———. garten gefolgt war. noch einmal umſah, bemerkte er, daß ſie ein kleines Bouquet Roſen an der Bruſt trug. Jetzt vernahm er von der Werkſtatt her einen raſchen, freudigen Tritt. Der Hanauer war's. Er hörte noch, wie er zu Jemand ſprach: Augarten! Nun, ſo es der Frau Meiſterin genehm, machen wir denſelben Gang. Das Wetter iſt ſchön!“ Der Hörende vernahm nicht, was die Meiſterin darauf entgegnete. Er ſah nur den Hanauer daher kommen, ſtolz, aufgeblaſen, ihn kaum beachtend, im Knopfloch an der Bruſt eine Roſenknoſpe tragend. Warum ergriff den jungen Geſellen der Anblick der Roſe ſo mächtig? Warum mußte er zugleich jenes Straußes gedenken, den die Elſe an ihrem Buſen trug? Hatte er doch bislang des Mädchens kaum Acht gehabt; war er doch mit ſeinen Gedanken immer bei ſeiner Arbeit geweſen, mehr der Zukunft als der Gegenwart lebend.— Und nun ſtand das junge Mädchen mit einem Mal im Geiſte vor ihm, in ihrer jugendlichen Friſche, ihrer Natürlichkeit und Anmuth; eine Maien⸗ roſe, im Aufblühen begriffen, ſo daß es ihm gar eigen um's Herz wurde, und er nicht wußte, ob er ſich freuen oder traurig ſein ſollte. Des Letzteren aber war des Grundes wohl mehr vorhanden. Was war er denn? Ein armer Geſell, der nicht Vater, nicht Mut⸗ „Alſo zum —— 16— rakters kehrten ſich heraus. Er hatte es ja nicht ge⸗ ſehen, nicht ſehen wollen, daß die Elſe ihre Roſen mit Abſicht von ſich geworfen; er fühlte es nicht, daß das Mädchen ihm ſichtbar aus dem Wege ing. Er hatte die kluge, berechnende Mutter für ſich— und ſo ließ er ſeine Pläne, ſeine Gedanken zur That werden, und hielt bei dem Meiſter, bei der Meiſterin um die Hand der Tochter an. Er wollte, wie er ſagte, die Werkſtatt des Vaters übernehmen und ein eigenes Haus⸗ weſen gründen. Der Frau war der Antrag nicht unlieb, und ſie war nicht abgeneigt, ihr Jawort ſofort zu geben. Doch der Meiſter konnte in ſeiner Bedächtigkeit die Frage nicht unterdrücken,„ob denn die Elſe von ſeinem Var⸗ haben wiſſe?“ Die Frau ſchaute bei dieſen Worten unwillig auf; nicht ohne Erregtheit ſagte ſie:„Ich dächte, die Elſe iſt meine Tochter, und alt genug, um zu wiſſen und einzuſehen, was zu ihrem Beſten iſt. Kinder müſſen nicht gar zu viel gefragt werden!“ Doch der Meiſter ließ ſich durch die Heftigkeit der Frau nicht von ſeiner Anſicht abbringen. Gutmüthig ſchmunzelnd ſagte er:„Schon gut, Mutter! Aber der Hanauer will kein Kind, ſondern eine Frau, was eben ter mehr hatte; dem die Eltern Nichts hinterlaſſen, der allein darauf angewieſen war, ſich ſein Brod durch ſ ſeiner Hände Arbeit zu verdienen; ja der keine Ausſicht hatte, jemals Meiſter werden zu können. Wie ſollte er bei ſeinem kärglichen Lohn daran denken können, ſich ſo viel zu erſparen, um etwas Eigenes beginnen zu können! Wie ſo anders ſtand es mit dem Hanauer. Er war eines Handwerkers Sohn; ſein Vater war alt und ging, wie es hieß, bereits damit um, dem Sohne die Werkſtatt zu übergeben. Mußte er alſo nicht ſchon deßhalb der Meiſterin als Sohn willkommen ſein? Und die Elſe? Was wußte er von ihr? Sie trug duf⸗ tende Roſen an der Bruſt, wie deren der Hanauer eine gleiche trug. War es zu verwundern, daß ihm die Roſen nicht dufteten, ſondern er nur den Stich der Dornen zu empfinden meinte! Er ſah es ja nicht, wie die Elſe ſo unmuthig den Kopf zur Seite warf, als ſie des Hanauers anſichtig wurde, der ihr zum Au— Er ſah es nicht, wie ſie die Ro— ſen von der eigenen Bruſt nahm und raſch zur Erde fallen ließ, um ſie mit dem Fuße, wie abſichtslos, zu zertreten, als ſie die Roſe in ſeinem Knopfloch bemerkte. Er ſah dies Alles nicht, und ſo ſtand er traurig in der Thür, um gleich darauf nur noch trauriger zur Werkſtatt zu gehen. Dort aber, dort ermannte er ſich raſch; er gedachte ſeiner Zeichnung, ſeiner vorhabenden kunſtreichen Arbeit, und ſo griff er in Haſt nach dem Stift und begann auf's Neue zu zeichnen. Der Gedanke an die Elſe ſchien ihm neue Kraft, neue Geiſtesſchwingen verliehen zu haben, ſo raſch flog nun der Stift über das Papier. Und als er die Zeich⸗ nung beſah, war es, als ob der ganze Tiſch, den er zu fertigen gedachte, nur eine zierlich in Holz geſchnitzte Blume ſein ſollte, ſo leicht, ſo lieblich geſtaltete ſich das Ganze. Im Arbeiten hatte er Ruhe gefunden; und der hobelt und geſchnitzt. V die Elſe werden ſoll. Und bei der Sache pflegen die Mädels doch auch gern ein Wort mitreden zu wollen, wie du dies auch zur Zeit gethan. Bei der Gelegen⸗ heit ziehen ſie oft die Kinderſchuhe aus. Drum,“ und hiemit wendete er ſich zu dem Geſellen,„ein Mann, ein Wort, Hanauer! Die Elſe iſt mein einziges Kind. Ich mag ſie nicht drängen und zwingen— ſo ſie Euch will— ſollt auch Ihr mir als Sohn willkommen ſein! Verſucht bei dem Mädel Euer Glück! Adieu für jetzt! Wir ſind und bleiben die alten Freunde.“ Mit dieſem Beſcheide mußte der Geſell ſich begnügen. Die Elſe aber ungeſtört ſprechen zu können, wollte ihm nicht gelingen; ſie wich ihm ſichtbar aus. Das ganze Leben im Hauſe war überhaupt ein mehr gedrücktes geworden. Die Mutter hatte es nicht unterlaſſen kön⸗ nen, der Tochter von dem Antrag zu ſagen— und die, die hatte entſchieden ihre Abneigung gegen den Hanauer erklärt, was eben auch nicht zum Frieden des Hauſes beigetragen hatte. Nur der Meiſter ſchien von dieſem Allem nichts ſehen und merken zu wollen. gewohnten Gang. Nur bei dem Labiauer ſtand er jetzt öfter als ſonſt in der Werkſtatt. Derſelbe hatte ſein koſtbares Tiſchchen bereits in Arbeit genommen, zum Aerger der übrigen Geſellen, beſonders des Hanauers, und da hatte der Meiſter natürlich öfter nachzuſehen und zu fragen oder anzuordnen. Und gewiß, es war ein koſtbares, reizendes Stück Arbeit, das dort auf der Hobelbank lag. Wie leicht, wie zierlich rundete ſich Brett auf Brett; wie künſtlich waren die Bogen ge⸗ Freilich, der Geſell verwendete auch ſeine ganze Kunſt, all' ſeine Liebe und Ausdauer darauf. Es war, als ob er in das kalte, unſchein⸗ bare Holz alle ſeine Gedanken und Gefühle hineinlegen wollte. Er hatte von dem Antrage gehört, den der Hanauer gemacht, und er zweifelte nicht, daß es dem⸗ ſelben doch endlich, mit Hülfe der Meiſterin, gelingen trübe Ernſt der Seele hatte einer milden Hoffnung b werde, ſeinen Zweck zu erreichen. Eine tiefe Wehmuth, ein tiefer Schmerz hatte ſich ſeiner bemächtigt. Er Raum gemacht. Der Hanauer aber war von der Stunde ab ein Anderer geworden. Alle häßlichen Seiten ſeines Cha⸗ glaubte die Elſe für ſich verloren und fühlte nun erſt in dieſem Gefühl des Verlorenen, daß er das Mädchen Er ging ſeinen ruhigen, * b — ht ge⸗ Roſen , daß Er nd ſo erden, n die „ die Haus⸗ d ſie Doch Frage Vo⸗ auf; Elſe n und rüſſen t der ithig der eben die ollen, legen⸗ und Nann, Kind. Euch umen m für Mit Die ihm ganze ücktes rkön⸗ und den n des ichts igen, jetzt ſein zum uers, iſehen war uf der rig n ge⸗ endete dauer hein⸗ 1 der dem⸗ ingen nuth, Er erſt dchel —— — 17 vom erſten Tage ſeines Hierſeins an unbewußt geliebt — und noch ſo herzinnig lieb habe. Und all' dieſe Liebe, dieſen Schmerz ſuchte er in ſeine Arbeit hinein⸗- zulegen. Es war ihm oft, als habe er nur noch ſein Werk zu vollenden, und dann ſei es Zeit zu ſterben, oder wenigſtens weiter, weiter zu ziehen, wo ihn Nie⸗ mand kenne, ihn und ſein Leid. Wenn die Kameraden ſingend den Hobel dahin glei⸗ ten ließen; wenn ſie nach Feierabend fröhlich hinaus fer, inniger Erregung:„Elſe! Es muß geſprochen ſein! Sie wiſſen, was ich wünſche, was ich der Mut⸗ ter, dem Vater bereits geſagt.— Darf ich hoffen?“ Das junge Mädchen drehete ſich, wie unwillig, zur Seite und fragte:„Hab' ich Ihnen jemals Hoffnung gegeben?“ Der Hanauer ſtutzte; ſichtbar betroffen entgegnete er:„Junge Mädchen pflegen ihre Neigung niemals in's Freie zogen, ſaß er daheim, ſchnitt und hobelte, und ſchien keinen Sang zu hören, kein Abendroth zu ſehen. war in ihre Bruſt gezogen! Nur der Eduard war dem emſig Arbeitenden gegen⸗ über ein Anderer geworden; er ſchien bei ihm alle ſeine Streiche und Schelmenſtücke verlernt zu haben. ſichtbarem Eifer ſtand er dem Labiauer zur Seite und half, wo er zu helfen vermochte. Hier zeichnete er mit Erleichterung fand er bei ihnen nicht; der Neid Mit großer Genauigkeit und Geſchicklichkeit ein Blatt in natürlicher Größe, wie es gearbeitet werden ſollte, auf das Holz; dort war er unermüdlich, den Leim zu wär⸗ men und das geſchnitzte Blatt zu halten, bis es durch die Schraube befeſtigt war. Genug, der Junge ſchien durch und durch ein Anderer geworden, ſo daß der Labiauer nicht umhin konnte zu ſagen:„Guck! glaubt', hätt'ſt keine Luſt zum Geſchäft, und nun biſt der Eif⸗ rigſte und Thätigſte von Allen!“ „Das macht,“ lachte der Burſch,„weil hier kein Sarg gezimmert wird, wie ſie der Hanauer ſo gerne. macht. Wärt' Ihr nicht gekommen und hättet mir gezeigt, daß auch noch andere Blumen als Schemel und Küchenſpinde in unſerer Werkſtatt wachſen, ich wär' davon gelaufen und wäre ein Weber geworden. Dort hätt' ich doch Etwas zu klappern gehabt. Jetzt aber, laut auflachend, lief er zur Thür und rief:„Ich ſeh' die Elſe und den Hanauer im Garten. Da muß ich dabei ſein!“ Und huſch! war er zur Werkſtatt hinaus. Drunten im Garten jedoch war der Altgeſell der Elſe gefolgt, die er zu den Blumen hatte gehen ſehen. In der Laube traf er ſie. Das Mädchen, ihn gewah— rend, wollte ſich raſch davon machen; doch der Hanauer ergriff ſie bei der Hand und ſagte aufglühend in tie⸗ offen zur Schau zu tragen; ich aber dächte doch, daß ich nicht ganz ohne Zeichen wäre:— die Roſe—.“ „Was für eine Roſe?“ fragte die Elſe, unmuthig erſtaunt, aufglühend. „Nun,“ lächelte ſelbſtzufrieden der Geſell,„fand ich nicht Ihre Roſe an jenem Sonntag Nachmittag auf meiner Bank? Sie war es doch, die mich gleichſam zum Augarten rief.“ „Wie?“ rief das junge Mädchen einen Schritt näher tretend und dem Hanauer in das Geſicht ſchauend: „Ich, ich hätte Ihnen eine Roſe geſendet? Wer wagt das zu ſagen?“ Der Eduard, der ſchon einige Zeit hinter der Laube geſtanden und gelauſcht, trat jetzt vor und ſagte mit dummtrübſeliger Leichenbittermiene:„Ach, du mein Herr Jeſus, was habe ich da angerichtet! Lieber Hanauer, Ihr waret mir immer ſo zugethan— und da habe ich Euch, als Zeichen meiner Gegenliebe, die Roſe auf Eure Hobelbank gelegt. Die Elſe weiß nichts davon!“ Der Geſell ſtand einen Augenblick wie ſprachlos ob dieſer neuen Fopperei des vermaledeiten Jungen. Plötzlich jedoch ermannte er ſich, ſein Auge funkelte— und dem ſich deſſen nicht verſehenden Eduard eine tüch⸗ tige Ohrfeige gebend, rief er, zugleich zur Laube hinaus⸗ ſtürzend:„Da haſt du meine Liebeserklärung.“(Siehe Bild auf S. 13.) Der Junge rieb ſich die Backen, und zur Elſe ver⸗ legen, liſtig aufſchauend ſagte er:„Das hat man da⸗ von, wenn man ſich zwiſchen Brautleute ſteckt.“ Die Genannte aber lachte auf; und den Jungen beim Arm erfaſſend und ihn einigemal gleich einem Kreiſel herumdrehend, rief ſie:„Schweig, ſonſt be⸗ kommſt von mir noch Eine. Dabei ergriff ſie ihn aber beim Kopf, küßte ihn auf die Stirn, und lief, wie ein Reh, zum Garten hinaus.(Schluß folgt auf S. 20.) Ein ungariſcher Markt. (Taf. 2.) Es gibt nicht leicht etwas Eigenthümlicheres und Mannigfaltigeres für den Fremden, als einen ungari⸗ ſchen Jahrmarkt, und zwar nicht ſo ſehr durch den Reichthum und die Verſchiedenheit der Gegenſtände, welche aus allen Gegenden vor des Käufers Auge tre⸗ ten, als insbeſondere durch die zahlreichen Trachten und nationalen Typen, die hier ihren Brennpunkt, ihre Centraliſation zu haben ſcheinen. Da ſtehen wir auf dem Marktplatze einer Stadt in der Bäcska; ein tiefer Flugſand ſetzt den ohnehin müden Reiſenden eine ganz unliebſame Schranke ent⸗ gegen, die ihn noch beſonders genirt, wenn ihn die Natur in allzu reicher Weiſe mit gewichtigem Körper⸗ Feierſtunden. 1863. bau bedacht haben ſollte. Ein unüberſehbares Heer von Markthütten und unter Gottes freiem Himmel ange⸗ brachten Niederlagen en gros und en detail ſchlingt ſeine weiten Arme um den Platz, auf welchem die toſende Menge ſich drängt, handelnd und rufend und betrachtend. Da rollt ein eleganter Neutitſcheriner heran, gezogen von vier windſchnellen, feurigen Roſſen, von welchen drei blühende Mädchen mit jugendlicher Leich⸗ tigkeit ſich herabſchwingen, während der ſeine koſtbaren Schätze geleitende Papa ſich gemächlich von ſeinem Sitze herabwälzt, um ſodann vor den Augen der ungeduldig harrenden Kinder erſt noch die große Meerſchaumpfeife mit der feinſten, ſelbſtgezogenen Nicotiana zu ſtopfen 4 und in Thätigkeit zu ſetzen, nebſtbei auch dem umfaſ⸗ ſenden Schnurrbart ſeinen etwas geſtörten, vorgeſchrie⸗ benen Schwung zu reſtituiren. Es iſt ein reicher Gutsherr, ein Földeſür mit ſei⸗ nen Töchtern. Das ſind jene friſchen prachtvollen Geſichter mit dem ſchwarzen Gluthenauge und der fein⸗ gebogenen Naſe, das iſt der ſchlanke Wuchs, welcher die Tochter Ungarns ſo vortheilhaft charakteriſirt. Die Pfeife brennt, der Bart iſt martialiſch geord⸗ net— die Karawane ſetzt ſich in Bewegung. Geben wir ihr das Geleite. Man muſtert Bude für Bude; da ſind die neueſten Sonnenſchirme aus Wien ange⸗ langt und, traun, es wäre Verbrechen keinen zu be⸗ nöthigen; jenes reichhaltige Zeughaus der eleganten Peſter Marchande des modes iſt ebenfalls Grund ge⸗ nug, dreimal ſo viel Zeit darin zuzubringen, als man früher auf die große Pfeife gewartet; in jenem Nürn⸗ berger Waarengeſchäfte haben wir die eleganteſten Schreib⸗, Näh⸗ und Gott weiß was noch für unnöthige Neceſſaires, die man doch jedenfalls haben muß, wäre es auch nur dem Namen zu liebe. Daß dabei der gute Papa von der himmelſchreiendſten, gründlichſten Lange⸗ weile gefoltert wird, die ihm nur durch periodiſche, gewaltige Geldbeutelentleerungen und dicke Schweißtropfen verſüßt wird, verſteht ſich von ſelbſt. Der Wagen iſt bereits wieder von ſeiner ſchönen Laſt beſtiegen und fliegt der Heimath zu über die weite grüne Puszta. Eine Staubwolke und noch eine iſt Alles, was uns geblieben von dem freundlichen Bilde — nichts als Staub. Daß doch Alles mit Staub enden muß!. Wir haben ſo Manches noch zu beſuchen und zu betrachten, da dehnen ſich noch weite Gaſſen aus, ge— bildet von den Bazars der zinnernen, eiſernen und meſſingenen unentbehrlichen Geräthſchaften, vor wel⸗ chen die ſorgſamen Hausfrauen in Schlachtordnung ge⸗ ſtellt die kühnſten Heldenthaten des Handelns verüben. Da iſt nichts vergeſſen vom gewöhnlichſten aller Thon⸗ geſchirre bis zum feinſten Porzellanſervice; vom an⸗ ſpruchloſen Schuhnagel bis zum neu erfundenen Bügel⸗ eiſen, welches dem Landmanne am ſpäteſten Gelegen⸗ heit gibt, den Alles, ſogar das Plätteiſen ergreifenden Fortſchritt des Zeitgeiſtes anzuſtaunen; vom bequemen Winterfleckelpatſchen bis zum ellenlangen Juchtenſtiefel, ohne welchen in Ungarn exiſtiren zu wollen unter Her⸗ kules Heldenſtücklein gehören würde. Seht ihr die hübſche, natürlich wiederum ſchwarz⸗ äugige Mennijaßzong(d. i. Braut) mit dem weiten, über Haupt und Rücken hängenden Kopftuche, dem mit ſilbernen Figuren geſtickten Hemde und im unendlich farbenreichen, nur bis an's Knie reichenden Röcklein, dem ein paar ſtämmige, etwas gebräunte Waden un⸗ genirt entwachſen, vor einem Haufen auf der Erde ausgebreiteter Spitzen ſtehend, wählend und berechnend, ob wohl der karg zugemeſſene nervus rerum die Wucht eines ſolchen Sonntagsputzes zu tragen im Stande ſein würde? Viel iſt es, viel, was die unbarmherzige Jü⸗ din verlangt, aber welchen Neid würde man dadurch im Dorfe erregen, wie würde der ſchöne herzgeliebte Peter oder Janos, oder wie er eben heißen mag, ent⸗ zückt ſein ob ſolcher Pracht, wenn ſie damit auf dem Bueſü(Kirchweihe) erſcheinen würde! Ich frage Euch, ewige Götter, kann da ein hübſches, junges und lieben⸗ des Mägdlein widerſtehen? Ein ungleich poeſieloſeres, aber darum deſto prak⸗ — 18— Leiſtungen beanſprucht. tiſcheres Bild iſt uns die reiche, ſchwäbiſche Hausfrau in ihrem geſchmackloſen Anzuge, anſtaunend eine von ihr bisher nie geſehene, neu konſtruirte Kaffeemaſchine. Anfangs zwar wurde dieſes merkwürdige Möbel von der würdigen Frau für einen Branntweinerzeugungs⸗ apparat en miniature gehalten; allein der gewandte Kaufmann erklärt ihr die Zuſammenſetzung und die Manipulation des Ganzen ſo deutlich, daß die Gute, entzückt von der herrlichen Erläuterung des ſo hübſchen, jungen Mannes, der, wie es ſcheint, nicht ganz gleich⸗ gültig auf ihre zwar nicht mehr ganz junge, aber da⸗ rum deſto kräftigere Geſtalt geſehen hat, dahinſchleudert die inhaltſchweren Noten, um das Kunſtwerk im Triumph Aber daheim, welche Noth! Aus dem nicht ſehr geübten Gehirne ſind ſie alle entſchwunden die goldenen, kaffeebereitenden Lehren! Man ſtudirt, man grübelt immens, nie noch haben die Kinder ein ſo nachdenken⸗ des Weſen an der Mutter bemerkt! Als nun des Sonntags zum erſten Male im Leben Kaffee auf den Tiſch kommt, als der erſte Tropfen über des Haus⸗ vaters Lippen gleitet, da ziehen ſich dieſe krampfhaft zuſammen, um das Empfangene hoch im Bogen wie⸗ der hinzugeben, woher es gekommen. Ein ungariſches Fluchwort folgt unmittelbar dem armen Kaffeetrunke (denn ungariſch flucht jeder Deutſche im Ungarland), dann eine kräftige Strafrede, wie man ſolchen Pantſch kochen und ſo heidniſch viel Geld„auf das dumme Zeuch do“— die Maſchine nämlich— verwenden könne. Ich ſchweige natürlich über die eben ſo kräf⸗ tige Replik der Dame des Hauſes, und da der Mann friedliebender Natur iſt, ſo endet damit der Streit— doch in zwei Tagen wandert die neue— Erfindung in den Glaskaſten, indem ſich Frau Ilſe insgeheim in's Fäuſtchen lacht, daß die reichen und gebildeten Leute in Wien und Peſt einen ſolchen Pantſch trinken mögen! Freilich trinken die dummen Stadtleute nur ge⸗ brannten Kaffee, das aber hatte der junge Commis der ehrſamen Hausfrau zu ſagen uuterlaſſen. Wir wandern ſchnell vorüber an jenen glanzloſeren Seiten, wie ſie jeder Markt gleich dem menſchlichen Leben überhaupt beſitzt, und wo man ſich um einen alten, geflickten Schuh eines Kreuzers wegen herum⸗ ſtreitet, denn drüben gegen das Ende des Marktplatzes lockt uns ein ungeheures Getümmel von Wagen, Pfer⸗ den, die Angſtrufe gequälter Schweine, welche man gegen allen Comfort auf zwei Beinen zu gehen zwingt, während die beiden andern gleich den Hebeln eines Schiebkarrens in der leitenden Hand eines überkräfti⸗ gen Bäcskaer Bauers gehandhabt werden, und ſo man⸗ ches andere bunte Schauſpiel; vor Allen iſt es aber der in der Mitte dieſes Treibens aufgeſtellte Kunſttempel, wo Thalia ihre Helden fünfmal erſtechen läßt und Feen und Zauberer aus des Orcus Fluren heraufbe⸗ ſchwört,— das Alles für zwei Groſchen oder auch für einen Bund Zwiebel oder Paprika, welche der kunſt⸗ ſinnige Leiter des Inſtitutes als Aequivalent für ſeine Vor dem Muſenhaus ſelbſt verkündet eine buntbemalte Leinwand all' die Schreck⸗ niſſe, ſo hier zu ſchauen. Da zieht gemächlich ſeine Pfeife ſchmauchend der Hindu auf ſeinem weißen Ele⸗ phanten durch die Palmenwälder; hier iſt das ſchauer⸗ liche Krokodil neben einem entſetzlichen Tiger, aus deſ⸗ ſen Rachen eben noch der Kopf eines Indianers her⸗ nach Hauſe zu tragen.. —, ———. 5——= g—,——., Hausfrau eine don naſchine. öbel von zwugungs⸗ gewandte und die e Gute hübſchen, z gleich aber d eudert Triumph . nicht ſehr goldenen, grühelt Hdenken⸗ un des auf den dumme⸗ rwenden o kräf⸗ Mann reit— ung in m in's 1 Leute trinken zur ge⸗ mis der loſeren clichen reinen herum⸗ aßes e man wingt, 1 eines rkrüft⸗ 0 man⸗ es aber ttempel, ft und raufbe⸗ ih für kunſt⸗ r ſeine ſelbſt vorragt, den er jeden Augenblick ganz zu verſchlucken droht, wenn gleich die beiden Herren bereits Jahre lang in dieſer brüderlichen Unzertrennlichkeit ſich be⸗ finden; dort ſieht man den ungariſchen Cſikös mit verhängtem Zügel durch lange Reihen der Engel ſchnur⸗ ſtracks in den Himmel ſprengen, wo ſchon eine gedeckte Tafel mit Wein und Paprikafiſchen und anderen Koſt⸗ barkeiten ſeiner harret. In tiefes Studium verſunken ſteht die bewundernde Menge vor den merkwürdigen Bildern, und ein Be⸗ wohner der fernen Puszta beräth ſich ſchnurrbart⸗ drehend mit ſeinem Nachbar, ob er wohl ſchon in dem ſeiner Anſicht nach allein exiſtirenden Magyarenlande derlei geſehen, wie jenes große langnaſige Pferd,— der Elephant nämlich— auf dem das Reiten gar lang⸗ ſam gehen müßte. Beim Anblick des letzten Bildes, des Cſikös näm⸗ lich, verklären ſich ſeine Züge, das Auge glänzt in überirdiſchem Feuer, ein Eljen drängt ſich über ſeine begeiſternd entflammt. Seine beſte Rechnung findet natürlich dabei der Meiſter des Muſenhauſes, denn dem herrlichen, obgleich äußerſt bunten, aber kühn ge⸗ dachten Bilde zu liebe ſtrömt die Menge durch die kattunenen Thore, und im Jubel über die Seligkeit des Cſikös nimmt ſie es nicht gar zu genau mit theil— weiſe getäuſchten Erwartungen. Nun auf Wiederſehen, Frau Muſe Thalia! Wir verlieren uns weiter in das Getümmel hinein, um jene Horden von kleinen und unſcheinbaren, aber muthigen und wilden Roſſen zu beſichtigen, welche Tag und Nacht nichts Anderes als den Himmel und die graſige Puszta zu ſehen bekommen, und einen Zaum nur als Sage, als Märchen kennen lernten. Ihr Wächter iſt der ſonnverbrannte Cſikös. Seine muskelkräftige, aber fein gebaute Geſtalt iſt nur vom Hemde und der un⸗ gariſchen, ellenweiten Gatya eingehüllt. Das nicht etwa engliſche Reitzeug iſt ein einfacher Strickhalfter, deſſen unterer Theil durch das Maul des Pferdes ge⸗ zogen; den Sattel bildet der Rücken ſeines Renners. In ſeiner Hand die weitgreifende Fogkötél, eine Art Laſſo. Derjenige, der ein ſolches Roß zu kaufen wünſcht, bezeichnet es, mit dem Finger darauf hinweiſend, mit kräftigem Schwunge fliegt der Laſſo über die Heerde, ſchnaubend, bäumend und athemlos wird das gewählte Opfer aus ſeinen Kollegen hervorgezogen, um einer ſehr rückſichtsloſen Beurtheilung und Bemänglung un⸗ terzogen zu werden. Hier iſt auch das Reich des ewig ſpekulirenden Sohnes Israels. Mit welcher Suada bietet er nicht dieſes Paar alte, ſteife Schimmel aus, welches er um einen Spottpreis erſtanden, dann durch alle möglichen Kniffe verjüngt und eben zum Beweiſe der Tüchtigkeit im raſenden Galopp herumgejagt hat. Stets handelnd und mäkelnd ſchlüpft er unter dem Knäuel von Menſchen und Thieren herum, bis er viel⸗ leicht ein Opfer gefunden, das, nachdem es zu ruhiger Beſinnung gekommen, wieder nach ſeinem Gelde ſeuf⸗ zet. Unter und neben den vielen Pferden, Wagen und Kühen iſt wieder eine abgeſonderte Welt von ſchrecklich Lippen, welches die ganze Menge zum Beifallsſturm - 19/— ſchmutzigen Kindern und ihren nicht beſſer ausſehenden Müttern. Da wird das Werk der Erziehung öffent⸗ lich ausgeübt, gezankt, geprügelt— ein Bild jugend⸗ licher Kraftübung, friedlicher Häuslichkeit, mütterlicher Liebe. Und nun geht's dem Ende zu, lieber geduldi⸗ ger Leſer! Vorüber noch an jenen Heerden der herr⸗ lichen, ungariſchen Gulya(Rinder), die mit ihren un⸗ geheuren weiten Hörnern und dem ſchlanken Körper⸗ baue dem dort ſtehenden Oekonomen Thränen ſehnſüch⸗ tigen Entzückens auspreſſen— vorüber auch an den Schaaren jener ſo verachteten und doch ſo wohlthätigen Thiere, die man ſtets zum abſchreckenden Beiſpiele an⸗ führt, und welche durch die unglückliche Beſchaffenheit ihrer Geſangsorgane jeden Anſpruch auf den Eintritt in die Salons der gebildeten Thierwelt verloren haben. Errathen Sie— meine Verehrten? Wenn Sie gerne feinen Schinken oder am Ende gar, horribile dictu für den Aeſthetiker!„Speck mit Schnaps“ genießen, werden Sie die leiſen Anklänge meiner Gedanken er⸗ rathen! Doch eines Dinges hätten wir faſt nimmer gedacht, eines ſo nothwendigen Bedürfniſſes der Men⸗ ſchen, beſonders in Ungarn, wo der Magen und deſſen Befriedigung kein kleines Wort mitzureden haben, da⸗ her eine Geſtalt ſolcher Art ja auf keinem ungariſchen Markte fehlen dürfte. Es ſind hier nämlich eine Gat⸗ tung von mobilen Hotels auf dem Paatze aufgeſtellt. „Kochend wie aus Ofens Rachen— Glüh'n die Pfannen, Würſte krachen; Alles rettet, rennet, flüchtet, Weil das Paprika's gerichtet.“ Eine förmliche kleine Stadt von Buden, und un⸗ ter freiem Himmel aufgeſtellten Kochapparaten und Pfannen, in deren Räumen im bunten Gewirre alle Gattungen von Brat⸗, Speck⸗ und Blut⸗Hurkaͤk(Wür⸗ ſten) mit duftendem Gulöäs oder in feuerrother Sauce ſchwimmendem Paprikafleiſch zum holden Reigen vereint praſſeln und dampfen, das Ganze nicht unähnlich jenen Opferheerden der Alten, welche vor den Altären ihre köſtlichen Opfer den Diis superis et inferis darzubrin⸗ gen pflegten, uur mit dem Unterſchiede, daß hier eine Schaar von meiſt alten Weibern die Stelle jener Götzenpfaffen einnimmt, von denen Cicero ſagt, daß ſie einander nicht anſahen, um ſich nicht in's Geſicht lachen zu müſſen. Maleriſch wahrlich ſind die Grup— pen der Eſſenden, welche theils in der Mutter Erde Schoße lagernd, theils hoch zu Roß oder zu Wagen mit transpondentalem Hochgennß die vaterländiſchen Leckerbiſſen verzehren, ſich nicht im Mindeſten darob kümmernd, daß es weder chineſiſches Porzellan ſei, worin ſich dieſe befinden, noch auch, daß die Reſte vie— ler Speiſen vergangener Tage darin mit würzendem Staube gemengt, die auflöſende Wirkung des Waſſers keineswegs erfahren haben. Nem bänom, denkt man ſich da, was liegt daran! Doch nun ſind wir zu Ende, vielleicht auch die Geduld des Leſers— wir wollen es nicht ſo machen, wie die großen Sänger, welche noch fortſingen, wenn ihnen längſt Stimme und Athem vergangen. A. Hutſchenreiter. Die Roſe im Ciſch. (Schluß von Seite 17.) Am andern Morgen fand der Labiauer eine Roſe auf ſeiner Bank liegen. Niemand wußte, wie ſie da⸗ hin gekommen. Nun rückte der Termin zur Einlieferung der Gegen⸗ ſtände zur Gewerbeausſtellung heran. Der Meiſter hatte jetzt deſſen kein Hehl mehr zu ſagen, daß der Tiſch für die Ausſtellung beſtimmt ſei. War er doch beinahe vollendet und ſo überaus ge⸗ lungen. Um ſo mehr war er daher eines Morgens entrüſtet, als er vernahm, daß in der Nacht von der Arbeit ein Blatt am Fuß abgebrochen ſei und auf der Platte ſich einige Schrammen befänden. Man ſah es, es war dies Alles mit Abſicht und aus Muthwillen oder Rache geſchehen. Der Thäter war nicht zu ermitteln. Und ſo ließ der Meiſter die Bank des Labiauer nach ſeiner eigenen Arbeitsſtube hinüberſchaffen, damit der Geſell dort un⸗ geſtört ſein Werk zu Ende führen könne. Das Sprüch⸗ wort ſagt: Wer Andern eine Grube gräbt, fällt ſelbſt hinein; oder: Was man verhindern will, befördert man abſichtslos zumeiſt. Hatte der Thäter im Sinne gehabt, ein Werk zu ſtören, damit es nicht zu rechter Zeit abgeliefert werden könne, oder gedachte er zu ver⸗ hindern, daß die Elſe ſich ſo oft ein Gewerbe mache, zur Werkſtatt zu kommen, um die ſchöne, zierliche Ar⸗ beit zu bewundern und zu loben— ſo war Beides fehl gegangen.. Drinnen in des Meiſters Stube ging die Arbeit noch einmal ſo raſch von Statten. Niemand ſtörte dort den Geſellen, und wenn die Elſe kam, Dies oder Jenes zu bringen, oder nach Dieſem und Jenem zu fragen, dann ſchien es, als ob Meißel und Hobel Flügel bekommen hätten, als ob Heinzelmännchen un⸗ ſichtbar mitſchafften und arbeiteten. Die Platte des Tiſches war eine köſtliche Moſaik⸗ arbeit, aus lauter verſchiedenartig polirten Blättchen Holz zuſammengeſetzt. Und wenn man genauer die Zeichnung betrachtete, fand man, daß das Ganze ein liebliches Roſenbouquet war, das Einem entgegen zu duften ſchien, während die ganze Tiſchplatte ſelbſt nur ein ſchön gebogenes und geformtes Blatt einer Calla⸗ pflanze darſtellte. Der Stiel des Blattes bildete den Fuß des Tiſches, der drunten wieder in drei, erſt leicht verſchlungene, und ſich dann zu eben ſo viel Füßen ausbreitende Epheublätter formte. Zierliche Schilfblät⸗ ter ſchienen außerdem den Stiel noch zu umranken und gaben dem Ganzen ein ungemein leichtes, zierlich ge⸗ fälliges Ausſehen. Meiſter und Geſellen konnten nicht umhin, das vollendete Werk zu loben und zu be⸗ wundern. Die Elſe aber ſtand dabei und glühte auf. Sie vermochte Nichts zu ſagen, ſo übervoll war ihr die Bruſt; ſie blickte nur verſtohlen auf— und ihr Blick traf das Auge des Verfertigers, ſo daß ſie, über und über roth werdend, zu zittern begann. Er aber, er ſah ſie an, als wollte er ſie fragen: Haſt du allein kein Wort der Freude, der Anerkennung für mich? Doch ſie konnte Nichts ſagen, es war ihr nicht möglich; ſie konnte ihn nur ſcheu, verſtohlen anſehen. Ihre Bruſt wogte; es ging ein ganzer Himmel von Glückſeligkeit durch ihr)e Seele— aber reden konnte ſie nicht; ſie mußte nur immer wieder denken: Wie ſchön und wie prächtig iſt die Roſe abgebildet, die ich ſelber ſtill, heimlich, verſchwiegen ihm hingelegt! Der Geſell aber, der ſo gern ein Wort aus ihrem Munde vernommen hätte, der nach einem kleinen Lobe von ihrer Seite ſo innig lechzte, er wußte nicht, was er zu denken habe. Still, gedrückt, ſo recht tief ge⸗ täuſcht, wickelte er ſein Werk ein und trug es mit dem Eduard hinüber nach dem Ausſtellungsgebäude. War doch heute der letzte Termin der Ablieferung. Wie viel, wie unendlich viel Schönes war bereits ausgeſtellt aus allen Fächern der Induſtrie und des Handwerks, aus allen Gegenden von nah und fern. Der Geſell und der Eduard wurden nicht müde, Alles zu betrachten; doch die rechte, ächte, herzinnige Freude an dem Vorhandenen ſchien Erſterem vergangen; wie in einem Traume ging er dahin; eine tiefe Er⸗ ſchlaffung, nach übergroßer Anſtrengung, eine gedrückte Muthloſigkeit hatte ſich ſeiner bemächtigt. Er mußte immer an die Elſe denken und an ihr Stilleſein. Trüb ſagte er zu dem Jungen, als er heim ging: „Eduard! Nächſten Samſtag ſchnür' ich mein Ränzel und wandere.“ „Was!“ ſchrie der Burſch erſchreckt, war er doch dem Geſellen von Herzen zugethan,„dann nehmt mich nur mit, denn ohne Euch halt' ich's nicht aus. Doch was treibt Euch fort? Ihr müßt bleiben, bis die Preis⸗ richter Euch die erſte Medaille für Eure Arbeit zuer⸗ kannt haben. Und dann werden Euch andere Hände halten!“ Der Geſell ſchüttelte den Kopf. Ernſt ſagte er: „Mich verlangt nach ſolchem Preiſe nicht!— Und haſt du nicht die anderen köſtlichen Arbeiten geſehen? Die ſind alle ſchöner, beſſer als die meinige!“ „Das iſt Geſchmacksſache,“ lachte Eduard.„Mir gefällt nun einmal Euer Tiſch am beſten.— Wie! oder wollt Ihr weichen, weil man Euch den Poſſen in der Werkſtatt geſpielt? Seid ruhig, ich bring' das Schelmenſtück zu Tage. Verlaßt Euch darauf. Wozu alſo wandern?“ 1 Der Angeredete ſchwieg, aber man ſah es, nicht aus Ueberzeugung, ſondern nur, um nicht noch weiter in der Sache reden zu müſſen. Daheim in der Werkſtatt aber war er noch ſtiller, noch trüber, als ehedem geworden. Hatte er Grund dazu? Wie zutraulich, wie lieb war die Elſe bisher geweſen— und wie ſcheu, wie ängſtlich war ſie nun! Er wußte es ja nicht, daß die Mutter ſie täglich drängte, dem Hanauer Gehör zu geben. Er wußte nicht, daß ſelbſt der Vater nur noch ſchwachen Wider⸗ ſtand dem Drängen der Frau entgegen ſetzte. Er ſah die Thränen nicht, die das Mädchen heimlich, ſtill in ſeinem Stübchen weinte. Er ſah nur ihr ernſtes, trü⸗ bes Geſicht, ihr gedrücktes Weſen, und ſo trug er es länger nicht, er ging in raſchem Entſchluß zum Mei⸗ ſter hinein— und kündigte ihm die Arbeit auf. Näch⸗ ſten Samſtag wolle er wandern. Der Meiſter ſchaute auf, und das bleiche Geſicht des Geſellen bemerkend, ſagte er:„Hätt's nicht erwar⸗ tet. Aber Ihr ſcheint mir mehr geiſtig als körperlich krank— und da mag Veränderung gut thun. Steht auch mit dem Hanauer nicht auf dem beſten Fuß, und da der vielleicht——. Doch was rede ich. Frauen haben nun einmal gern ihren Willen. Alſo nächſten Samſtag! Gut, Labiauer! Euer Wanderſchein ſoll be⸗ reit liegen.“ Dann aber, als würde er nun doch von innerer Rührung und Güte übermannt, trat er einen Schritt näher, reichte dem Goͤſellen die Hand und ſagte, ihn ſanft zur Thüre hinaus drängend:„Geht nur. Mor⸗ gen iſt die Preisvertheilung, und wer weiß, was die uns bringt. Ein Menſch wie Ihr findet überall ſein 8 Brod. Sollt's aber je einmal fehlen, dann kehrt heim — zu mir. In meiner Werkſeatt ſollt' Ihr ſtets will⸗ kommen ſein!“ Der Meiſter trat zurück und der Geſell ſchritt zur Werkſtatt hinüber. Er hörte den Eduard näſelnd ſein früheres Lied parodierend ſingen: „Ein Neidhard in der Werkſtatt ſtand, Er eines Andern Kunſtwerk fand; Da griff er denn mit Fäuſten zu— Und ging davon, legt ſich zur Ruh'— Ein Teufel lachte ſpöttiſch.“ 14 Weiter konnte er nicht ſingen, denn der Zollſtock des Hanauers flog ihm an der Naſe vorbei. „Vermaledeiter Junge!“ rief der Altgeſell,„weißt nicht, daß ein Burſche in der Werkſtatt nicht ſingen 3 darf? Ich bläue dir den Buckel.“ Die andern Geſellen ſchauten auf, ſie wußten nicht, was ſie von dem Zorn des Hanauers zu denken hat⸗ ten. Es gingen gar eigene Gedanken durch ihre Bruſt. Eduard war zur Werkſtatt hinausgeſchlichen. Drau⸗ ßen ſang er weiter: „Weiß nicht, was aus dem Brette ſpricht, Der Meiſter ſtirbt noch immer nicht, Das Mädel ſetzt den Schippſtuhl mir, Mein ſpottend, ſchnippiſch vor die Thür— Da iſt es Zeit zu wandern.“ Die Elſe ging vorbei; ſie hörte das Lied.„Pfui, Eduard!“ ſagte ſie;„hab' ich des Herzeleids noch nicht genug? Mußt du mir auch noch Kummer bereiten? Wenn die Mutter dich hört!“„Wann ſie's nur thät!“ rief der Junge ernſt.„Ich trüge eine Tracht Schläge gern, wenn ich Ihr Auge, Elſe, dadurch wieder lachen machen könnte. Aber Geduld, Geduld— ich helfe—“ Und damit lief er davon. Andern Tages fand die Preisvertheilung ſtatt. 1 Meiſter Erasmus war von früh an bereits in dem Ausſtellungsgebäude anweſend. Es hatte ihm nicht Ruhe gelaſßin⸗ er mußte ſehen und hören, wer Preiſe I gewann. ittag war längſt vorüber. Er hatte ſagen laſſen, man ſolle mit dem Eſſen nicht auf ihn warten, er käme noch nicht. Frau Sabine hatte unmuthig eine Stunde gewartet; nun aber war ihre Geduld erſchöpft, ſie hieß die Schüſſel bringen und die Leute zum Eſſen rufen. Man ſetzte ſich; aber es wollte Niemand ſchmecken; Alle waren erwartungsvoll. Nur die Elſe war ſtill, gedrückt, ihr Auge verweint. Leiſe, wie von innerem Drange getrieben, fragte ſie den Labiauer: „Alſo morgen geht es fort?“ = 21 Der Geſell ſagte nichts, er nickte nur ſtumm mit dem Haupte. Da ſtand ſie auf, trat an das Fenſter und that, als ob ſie nach dem Vater ausſchaue, in Wahrheit aber, um ungeſtört vor ſich hin zu weinen. Sie hatte die Thränen nicht länger zu bergen vermocht. Die Mutter ſahe es, und hatte bereits ein hartes Wort auf der Zunge, als zum Glück der Meiſter ein⸗ trat. Sein Auge glänzte freudig, ſein Schritt war raſch. Mit jugendlichem Eifer trat er zu dem Labiauer, reichte ihm mit zitternder Hand die große, goldene Preismedaille hin und ſagte:„Hier, nehmt— ſie iſt CEuer. Ihr habt ſie verdient. Der Preis iſt gewon⸗ nen. Den Tiſch hat der Fürſt ſelbſt gekauft!“ Die Elſe ſchrie freudig auf, dann aber wurde ſie bleich, als ſchäme ſie ſich ihrer Freude. Der Geſell war aufgeſtanden; er zitterte vor Ueber⸗ raſchung, er mußte an dem Stuhl ſich halten. End⸗ lich ſagte er:„O, wenn dies mein Vater, die Mut⸗ ter erlebt hätten. Sie drangen ſo ernſt darauf, daß ich in der Schule und ſpäter in der Werkſtatt was Tüchtiges lernen mußte. Wie würde dies ſie nun er⸗ freuen!“ Der Meiſter ließ ihn nicht weiter ſinnen; ſtürmiſch rief er, während die andern Geſellen ſich herzudräng⸗ ten und dem Labiauer die Hand ſchüttelten:„Wie die Eltern ſich gefreut hätten, ſo freue ich mich.— Jetzt aber frage ich Euch: Wollt Ihr noch wandern? Bleibt — ich— ich bitt Euch darum!“ Der Gefragte konnte nicht antworten, denn der Eduard drängte ſich durch den Kreis— er hatte einen Augenblick vorher die Stube verlaſſen gehabt—, trat zum Hanauer und ſagte:„Altgeſell! Draußen ſteht ein fremder Geſell, der will Euch ſprechen. Sollt' heim kommen. Man hat Eurem Vater die Werkſtatt ver⸗ ſiegelt, weil die Schulden ihm über den Kopf gewach⸗ ſen ſind. Wußt' es längſt, daß Ihr nicht ſo reich ſeid, als Ihr vorgabt. Und, Altgeſell, wenn Ihr wandert, nehmt hier dies ausgeſchweifte Blatt zum An⸗ denken mit. Es iſt das Blatt, das Ihr von dem Tiſch des Labiauers damals in der Nacht losgebrochen. Fand es Tags darauf in Eurem Kaſten. Nehmt's mit— und gedenkt meiner. Wenn Ihr ſpäter ja ein⸗ mal einen Burſchen bekommt, haltet ihn beſſer, als Ihr mich gehalten habt. Adieu Hanauer!“ Alle ſtanden und ſchauten erſtaunt auf den bleich⸗ gewordenen Sünder, der keines Wortes mächtig war. Der Labiauer war zum Fenſter gegangen, wo die Elſe noch immer ſtand, hatte ihre Hand ergriffen, ihr in das glühende Auge geſchaut und gefragt:„Soll ich mein Ränzel ſchnüren?“ Und ſie, ſie ſchaute auf, blickte ihn an, ſo lieb, ſo traut, wie nur die Liebe ſchauen kann, ſchmiegte ſich leiſe, innig an ſeine Bruſt, und ihre roſigen Lippen ihm ſchämig zum erſten Kuſſe bietend, ſagte ſie:„Ernſt! lieber Ernſt!“ Ein ganzer Himmel voll Glück lag in dieſem Worte. Und er, der zum erſtenmal ſich ſo gerufen fand, zog ſie an ſich, umſchlang ſie innig und rief:„Nun erſt fühle ich es, nun hab ich den Preis errungen!“ „Den ich von ganzem Herzen dir gönne!“ ſprach der Meiſter, der leiſe herangetreten war.„Du ſollſt mir als Sohn willkommen ſein!“ Der Hanauer hörte es; leiſe, unbeachtet ſchlich er zur Thür hinaus. Sein Spiel war ausgeſpielt; die Elſe war für ihn verloren; deren Herz hatte ſeine Hei⸗ math gefunden. Er kehrte niemals zur Werkſtatt zurück. Ein Begegniß in den ſchwarzen Bergen. Aus dem Tagebuch eines Vielgereisten. Wir hatten es zu Dreien unternommen, auf unſe⸗ rer Reiſe nach Oregon, am ſtillen Ocean, die großen Kaskaden des Miſſouri zu beſuchen, die bis jetzt noch von Wenigen unter den civiliſirten Erdbewohnern er⸗ blickt worden ſind. Liegen ſie doch von St. Louis, der großen Hauptſtadt des Staates Miſſouri, nicht weni⸗ ger als fünfhundert und ſiebzig Meilen entfernt, und zwar deutſche Meilen, nicht engliſche! Kommt man doch auf der Reiſe dahin, ſobald man die Grenzen der Staaten Miſſouri und Jowa hinter ſich hat, in kein einziges Städtlein oder Dörflein mehr, wo Menſchen bei einander wohnen, ſondern nur allein durch große, endloſe Prairien und ſpäter durch ebenſo große, end⸗ loſe Waldungen, in welchen ſich wilde Thiere mit roth⸗ braunen Indianern um die Herrſchaft ſtreiten! Frei⸗ lich wenn man das Thal des Miſſouri⸗Stromes ver⸗ läßt, und dieſen nach einer Fahrt von wenigen Tagen rechts bei Seite liegen läßt, um der großen Karawanen⸗ ſtraße nach Oregon zu folgen— dann iſt es etwas ganz Anderes; denn obwohl man auch auf dieſem Wege durch lauter unangebaute Gegenden reist, ſo findet man doch allüberall Spuren von Menſchen, und es vergeht ſogar kein Tag, an dem man nicht einem kleineren oder größeren Trupp derſelben begegnete. Ja ſogar kleine Anſiedlungen findet man von Zeit zu Zeit, ent⸗ weder Büffelzelte von Miſchlingsindianern, welche der Handel mit den Karawanen herbeilockt, oder Block— hütten von Weißen, die theils von einzelnen Jägern, theils aber auch von ganzen Familien bewohnt werden. Dieſe Straße— wenn man anders eine Wegrichtung durch Wald und Prairie ohne Brücken über die Flüſſe und ohne Auffüllungen über die Moräſte eine Straße nennen darf— wird nämlich jährlich von Tauſenden benützt, und von den vielen Tauſenden ſind es wenig⸗ ſtens immer einige Hunderte, welche die Reiſe nicht zu Ende bringen, ſondern ſich rechts und links vom Wege, wo es ihnen beſonders gut gefällt, und wo ſie Vor⸗ theile zu erringen hoffen, niederlaſſen oder auch ihr frühes und jedenfalls einſames Grab finden. Von Ackerbau natürlich oder von Gewerben iſt auf dieſen kleinen Anſiedlungen noch kaum die Rede, aber jedwedes Ding muß ſeinen Anfang haben, und wenn erſt, was ſicherlich in einigen Jahrzehnten der Fall ſein wird, die Blockhütten ſich in Dörfer verwandelt haben, ei nun, dann iſt der ganze Landſtrich, der quer durch die Territorien hindurch nach Oregon führt, der Civiliſa⸗ tion gewonnen, und man reist dann dort ſo gut mit dem Eilwagen oder gar mit dem Dampfroſſe, wie in den anderen Staaten von Nordamerika.. Von allen dieſen Annehmlichkeiten bekamen aber wir drei, die wir uns in St. Louis zuſammengefunden hatten(der Eine von uns war ſeiner Abſtammung nach ein Franzoſe, der Zweite ein Nankee und der Dritte, nämlich ich ſelbſt, ein Deutſcher), nichts zu ſehen, ſon⸗ dern wir fuhren vielmehr auf dem von uns gemietheten Boote, das uns trotz ſeiner ſtarken Bemannung nur langſam ſtromaufwärts brachte, durch die urwüchſigſte Wildniß, die man ſich nur denken kann. An zahl⸗ loſen Sandbänken kamen wir vorüber und Hunderten von dichtbewaldeten Inſeln begegneten wir, aber der Strom mit ſeinen trüben Wellen blieb ſich ganz gleich und auch der Wald zu beiden Seiten bot wenig Ab⸗ wechslung. Dennoch fühlten wir uns wohl und mun⸗ ter, und allabendlich, wenn wir gelandet und ein tüch⸗ tiges Feuer angemacht hatten, um unſere mitgebrachten Vorräthe zu kochen oder auch ein friſchgeſchoſſenes Wild zu röſten, ließen wir unſere fröhlichen Lieder erſchallen, daß es weithin tönte durch Berg und Thal, den Fluß hinauf und hinab. daß ſich vorſichtig ein kleiner Trupp Indianer nahte, neugierig zu ſehen, wer denn hier die hundertjährige Einſamkeit ſtöre; doch waren ſie ſtets friedlich und ſo⸗ gar zuvorkommend, freundlich in ihrem ganzen Veneh⸗ men, als ſie ſich überzeugten, daß wir keine Händel mit ihnen ſuchten. Andere Menſchen übrigens bekamen wir keine zu Geſicht, außer zwei oder drei Male einen einſamen„Fallenſteller und Jäger“, der dem Miſſouri entlang dem Biber auflauerte oder ſonſtige Pelzthiere in ſeine Gewalt zu bekommen ſuchte, und natürlich recht gerne bereit war, uns auf einige Stunden oder gar auf einen ganzen Tag Geſellſchaft zu leiſten. Wer wird ſich alſo darüber wundern, daß wir uns endlich, nachdem unſere Fahrt bereits mehrere Wochen gedauert hatte, darnach ſehnten, die großen Fälle zu erreichen, wo ſich zu Ende des Monats Juli, in welchem wir uns befanden, immer eine größere Compagnie von weißen Händlern und Jägern zuſammenfand? Dort wollten wir uns ja unter den Jägern einen Führer aufſuchen, der uns nach Beſichtigung der Fälle zum Felſengebirge und über dieſes hinüber in's große Ore⸗ gongebiet, ſo wie bis an die Grenzen des Staates gleichen Namens geleite,— ein Weg, der zwar der Schwierigkeiten und Mühſalen eine Menge, dagegen aber der Abwechslungen und Schönheiten eine gleiche Anzahl bot!. Endlich, endlich kamen wir an Ort und Stelle, d. h. an den Theil des Miſſourifluſſes, wo deſſen grandioſe Stromſchnellen und Kaskaden ein Ende neh⸗ men, und richtig fanden wir hier, wie man uns ſchon in St. Louis verſichert hatte, eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Händlern und Jägern verſammelt, die hier mit einander Tauſchhandel trieben zund ſich neben⸗ bei eine Woche lang oder zwei vergnügte Tage mach⸗ ten. Von ſolchen Zuſammenkunftsorten zwiſchen Händ⸗ lern und Jägern, deren es in der weſtlichen Wildniß verſchiedene gibt, hat übrigens der Leſer ohne Zweifel ſchon vielfach gehört, und ebenſo bekannt wird ihm das tolle Treiben ſein, das ſich dort meiſtentheils entwickelt, denn es vergeuden ja bei ſolchen Gelegenheiten manche Trapper oder Fallenſteller mit Trinken und Spielen in wenigen Tagen den ganzen Erwerb des verfloſſenen Jahres, ſo daß ſie faſt bis auf's Hemd ausgezogen in die Wildniß zurückkehren müſſen, um allda ihre müh⸗ ſame Arbeit von Neuem zu beginnen! Schweigen wir alſo darüber oder vielmehr begnügen wir uns zu ſagen, daß es auch hier an den Stromſchnellen des Miſſouri 5 Da kam es dann hie und da vor, nderten ger der gleih ig Ab⸗ dmun⸗ an tüch⸗ brachten. es Wild ſchallen, en Fluß da vor, r nahte, rtjährige und ſo⸗ Veneh⸗ Händel ekamen le einen Niſſouri elzthiere natürlich den oder n. Wer endlich, gedauert rreichen, zem wir nie von Dort Führer lle zum he Ore⸗ Staates war der dagegen 2 gleiche — deeten Reiſegeſellſchafter in ihm bekommen würden. - 23— nicht anders zuging, und daß wir verſchiedene Tage lang das tolle Thun theils mit anſahen, theils ſogar, obwohl nicht in übertriebenem Maße, ſelbſt mitmach— ten. Nun aber nach Verfluß dieſer Zeit trat unſere Bootsmannſchaft mit dem Boote die Rückfahrt nach St. Louis an, und auch wir mußten alſo daran den⸗ unſere Weiterreiſe zu beginnen. Demgemäß ſahen wir uns unter den anweſenden Jägern um, welcher von ihnen am beſten für unſeren Zweck tauge, und merkwürdigerweiſe fiel das Augenmerk von uns allen Dreien zumal auf einen und denſelben Mann. Es war dies ein gewiegter Burſche von fünf⸗ oder acht⸗ undvierzig Jahren, den man nur den langen Tom nannte, wahrſcheinlich weil er etwas über gewöhnliche Mannesgröße maß, welchen aber alle Andere mit einem gewiſſen Reſpekt behandelten, wie wenn er ihnen an Kraft, Erfahrung und Klugheit überlegen wäre. Sol⸗ chen Reſpekt verdiente er übrigens auch, denn als Jä⸗ ger und Fallenſteller ſuchte er ſeines Gleichen, und bei Gefahren oder in der Noth zeigte er einen Muth, eine Ausdauer und eine Aufopferungsfähigkeit, welche man nur bei wenigen Menſchen findet. Ueberdies kannte er den ganzen Weſten, wie ein Anderer ſeine Heimath kennt, und hatte namentlich die Reiſe nach Oregon über das Felſengebirge ſchon mehrere Male zurückgelegt, ſo daß wir gar keine paſſendere Perſönlichkeit hätten finden können. Ohne uns alſo lange zu beſinnen, wandten wir uns an ihn, und fragten ihn, ob er wohl geneigt wäre, die Führerſtelle bei uns zu über⸗ nehmen, und welche Bedingungen er ſtelle. Eine Zeit lang erwiederte er nichts, ſondern betrachtete uns nur ſorgfältig Einen nach dem Andern, vom Kopf bis zum Fuße; endlich jedoch ſchien er zufrieden geſtellt, denn er nickte unmerklich mit den Augen und ein eigenthüm⸗ liches Lächeln flog über ſeine Lippen. „Hm!“ ſagte er,„ich glaub' man kann's mit euch riskiren, denn ihr ſeht mir nicht aus wie Leute, die nach einem Tagmarſch von zwölf Stunden ſchon er⸗ liegen, oder Furcht haben, durch einen Bach zu waten, deſſen Waſſer Einem bis unter das Kinn geht. Allein ehe wir weiter von der Sache ſprechen, muß ich euch ſagen, daß ich einen Kameraden habe, oder vielmehr keinen Kameraden, ſondern einen Neffen, den ich als Sohn betrachte, und daß ich keine Reiſe thue ohne ihn.“ Mit dieſen Worten deutete er auf einen jungen Menſchen von etlichen und zwanzig Jahren, der nebenan vor ſeinem Zelte ſaß und eifrig, aber ohne aufzuſchauen, an einer Doppelflinte putzte. Wir hat⸗ ten denſelben bis jetzt nicht zu ſehen bekommen, ohne Zweifel, weil er ſich den Gelagen der alten Jäger und Trapper ferne hielt, und eben deßwegen betrachteten wir ihn um ſo aufmerkſamer; allein je länger wir auf ihn blickten, um ſo mehr gefiel er uns, denn er war ſehr wohlgeſtaltet von Gliedern und hatte ein überaus einnehmendes, obwohl etwas trübes Geſicht. Auch mußte er offenbar das Gewerbe ſeines Oheims noch nicht allzu lange treiben, da die Haut ſeines Ge⸗ ſichtes und ſeiner Hände noch nicht die ſchwarzbraune Farbe angenommen hatte, welche den älteren Trappern eigen war, und ſomit durften wir annehmen, daß er nicht in der Wildniß geboren ſei, ſondern vielmehr in der civiliſirten Welt, d. h. mit anderen Worten, wir durften hoffen, daß wir einen angenehmen und gebil⸗ Natürlich gingen wir alſo mit Vergnügen darauf ein, nicht blos den langen Tom, ſondern auch ſeinen blond⸗ haarigen Neffen als Führer zu miethen, und nun war unſer Kontrakt in weniger als fünf Minuten abge⸗ ſchloſſen. Waren doch die Bedingungen, welche Tom ſtellte, ſo 3durch und durch annehmbar, daß es eine Schmach für uns geweſen wäre, auch nur in Etwas zu markten! Wir ſchlugen alſo ein, ohne ein Wort zu verlieren, und Tom betrachtete uns nun ſichtlich mit noch größerer Achtung, als zuvor. Wie ſich von ſelbſt verſteht, machten wir uns ſo⸗ fort an die nöthigen Vorbereitungen zu der weiten Reiſe, denn ein Marſch durch die Wildniß und über die Fel⸗ ſengebirge iſt etwas Anderes, als eine Reiſe⸗Tour in Europa, und man darf ſich da in Beziehung auf ſeine Ausrüſtung wohl ein wenig vorſehen. Eine gute Büchſe mit dem nöthigen Pulver und Blei führte allerdings Jeder von uns ohnehin ſchon bei ſich, und überdies hatten wir für tüchtiges Fußwerk, ſo wie für„halt⸗ bare“, nicht an jedem Dorn hängen bleibende Kleider geſorgt; allein deßwegen fehlte uns doch noch viel zu unſerem„Spaziergang“, der vorausſichtlich ſeine drei bis vier Monate dauern konnte, und die anweſen⸗ den Händler fanden daher in uns gute Kunden. Nach wenigen Tagen jedoch waren wir fix und fertig, und nach kurzem Abſchied von den an dieſem Haltplatze gewonnenen Bekannten ſchritten wir, Tom als Führer voran, am Ufer des Stromes aufwärts den großen Fällen zu, wegen deren wir den großen Umweg gemacht hatten. Es war eine großartige Parthie, der wir da ent⸗ gegen gingen, denn man zählt der Kaskaden, die der Miſſouri hier auf einer kurzen Strecke macht, nicht weniger als ſiebenundzwanzig, und im Ganzen beträgt ihr Fall um etwas mehr als dreihundert dreiunddreißig Fuß. Freilich mehrere der Fälle ſind nur gering und eher Stromſchnellen als Kaskaden zu nennen; zweimal aber macht der ungeheure Strom einen Satz, daß die Seele wirklich von tiefſter Ehrfurcht vor der Größe Gottes erfüllt wird. Das eine Mal nämlich beträgt die Höhe des Falles ſiebenundvierzig Fuß bei dreizehn⸗ hundertundvierzig Fuß Waſſerbreite, und das andere Mal engt ſich der gewaltige Fluß auf ſiebenhundert⸗ undneunzig Fuß Breite ein, um volle ſechsundachtzig Fuß ſenkrecht hinabzuſtürzen. Welch' ein Anblick, be⸗ ſonders wenn die Sonnenſtrahlen ſich in den Fluthen brechen! Und dazuhin den Donner und den Giſcht, welche beide ſich faſt auf eine Meile weit verbreiten! Wahrhaftig der Rheinfall bei Schaffhauſen bietet viel, aber mit den Miſſourifällen hält er den Vergleich nicht aus. Doch— meine Abſicht iſt nicht, dem Leſer eine Naturbeſchreibung zu liefern, und daher will ich es bei dem bis jetzt Geſagten bewenden laſſen. Ebenſowenig will ich mich bei den„Gates“ oder dem„Gebirgsthore“ aufhalten, durch welches der Miſſouri etwa zweiund⸗ zwanzig Meilen oberhalb der Fälle hindurchſchießt, ſon⸗ dern nur kurz berichten, daß dieſes Gebirgsthor eine Art Via mala oder noch beſſer eine Taminaſchlucht im Großen iſt, denn der hier auf vierhundertundfünf⸗ zig Fuß eingeängte Strom, deſſen Waſſermaſſe aber der des Rheins bei Cöln mehr als gleichkommt, braust mehr als zwei Stunden lang zwiſchen Felswänden hin, welche an die zwölfhundert Fuß hoch ſenkrecht vom Waſſerſpiegel aufſteigen. Allmächtiger Gott, wie wird Einem da zu Muthe! Wie elend und nichtig fühlt ſich da der Menſch, wenn er einer ſolchen Majeſtät gegen⸗ überſteht! Doch, wie geſagt, ich habe nicht die Abſicht, als Reiſebeſchreiber aufzutreten, und darum genüge es zu ſagen, daß wir durch den Anblick ſowohl der„Fälle“, als der„Schlucht“ mehr als hinlänglich befriedigt wa⸗ ren, dieweil es, den Niagarafall ausgenommen, gar nichts Großartigeres in der Welt gibt. Doch hatte uns die Beſichtigung all' dieſer Wunder mehr als acht Tage Zeit gekoſtet, und wir mußten uns nun beeilen, die Weiterreiſe anzutreten. Der Weg, den wir jetzt einſchlugen, führte ganz ſüdlich in der Richtung nach den„ſchwarzen Bergen“ zu. Dieſe mußten wir zuerſt erreichen, ehe wir einen guten Paß über das Felſengebirge fanden; aber die Entfernung betrug mehrere hundert Stunden, und es vergingen viele Tage und nur zu Geſicht bekamen. Natürlich mußten wir auf dieſem weiten Marſche mit Hinderniſſen aller Art kämpfen, denn wenn auch meiſtentheils auf der ganzen Tour Prairieland mit Wald abwechſelte, ſo hatten wir doch auch nicht ſelten tiefe Bäche, oft ſogar breite Ströme zu überſchreiten, und die Moräſte, die wir umgehen, ſo wie die Felſenberge, über die wir klettern mußten, nahmen uns ſehr viel Zeit weg. Zum Glück begegneten wir nur wenigen Indianern, und ſelbſt dieſe Wenigen benahmen ſich nicht feindſelig gegen uns. Et⸗ was mehr machten uns die vielen Schlangen zu ſchaf— fen, auf die wir an gewiſſen Stellen ſtießen, während das eigentliche Wild erſt dann zahlreich zu werden be⸗ gann, als die Landſchaft anfing gebirgiger zu werden. Der allerſchwierigſte Feind jedoch, den wir zu über⸗ winden hatten, war die furchtbare Einförmigkeit einer Wanderung durch die Wüſte, in der wir auf Hunderte -— 24 ☚ ſogar Wochen, ehe wir ſie Eifer unwillkürlich gerührt; von Stunden die einzigen weißen Menſchen zu ſein uns bewußt waren. Daß wir uns nun unter ſo bewandten Umſtänden immer näher an einander anſchloſſen, ver⸗ ſteht ſich ſo zu ſagen von ſelbſt, und es verging kein Abend, an dem nicht der Eine oder der Andere von uns irgend eine Epiſode aus ſeinem Leben zum Beſten gab. Nur allein der junge Fred— ſo hieß der Neffe des langen Tom— blieb dabei gewöhnlich ſtumm, ohne Zweifel, weil er ſeiner Jugend wegen nicht viel zu ſagen wußte, oder vielleicht weil er zu beſcheiden war, um gegenüber von älteren erfahreneren Leuten das Wort zu ergreifen. Doch wollte es mich oft be⸗ dünken, daß ſeine Zurückhaltung noch einen anderen Grund haben müſſe, denn ſo gefällig und zuvorkom⸗ mend er ſich auch gegen uns Alle erwies, ſo konnte man ihn doch nie ſo recht eigentlich munter nach Art der Jugend ſehen, und in manchen Augenblicken er⸗ ſchien er mir ſogar geradezu trübſelig und melancho⸗ liſch zu ſein, allein da er ſich, obwohl ich ihn ein paar Male zum Sprechen zu bewegen ſuchte, durchaus nicht mittheilſam machen ließ, ſo dachte ich am Ende, es ſei dies ſeine Art ſo, und ließ ihn von nun an in Ruhe. Eines Abends hatten wir wieder, wie gewöhnlich, an einer waſſerreichen Stelle Halt gemacht, und lagen nun in behaglicher Ruhe nach eingenommener Mahl⸗ zeit um die Quelle herum, Jeder ſeine kurze Pfeife rauchend, als Einer von uns, ich glaube der Nankee, plötzlich an den langen Tom die Frage ſtellte, was er denn eigentlich für ein Landsmann ſei. „Ich ſeh's ſonſt den Leuten an der Naſe an,“ ſagte er,„aber bei Euch iſt's mir unmöglich, der Sache auf den Grund zu kommen. Ein Neuengländer ſeid ihr einmal nicht, ſo viel iſt richtig. Aber ſollte ich mich vielleicht täuſchen, wenn ich Euch für einen Sucker oder doch für einen Buckoy erkläre?“ „Nein, nein,“ lachte der lange Tom,„bin weder aus Illinois noch Wisconſin(der Leſer muß nämlich wiſſen, daß die Namen Sucker und Buckoy Spitz⸗ namen für die Bewohner von den Staaten Illinois und Wisconſin ſind); aber ich bitte einmal die beiden andern Gentlemen, ebenfalls auf mein Heimathland zu rathen.“ „Nur der Hautfarbe nach ſeid ihr entſchieden ein Zigeuner,“ meinte ich, ebenfalls lachend. „Und der Unermüdlichkeit nach ein Schottländer,“ ergänzte der Franzoſe. „Dem Herzen nach aber ein Deutſcher,“ rief der lange Tom.„Ja, ja, ſeht mich nur an, ich der vielbekannte alte Tom bin ein eingewanderter Deut⸗ ſcher, ein Dutshman, wie die Nankee's verächtlich ſagen; aber freilich bin ich auch eines Jägers Sohn und ſchon in meinem achtzehnten Jahre herübergekommen.“ „Und aus welcher Gegend Deutſchlands ſeid ihr?“ fragte ich jetzt in deutſcher Sprache, denn ſeit unſerer ganzen Reiſe hatten wir nie ein anderes Wort als ein engliſches geſprochen. „Was?“ ſchrie der lange Tom aufſpringend.„Sie ſind auch ein Deutſcher? Hätte ich doch nach Ihrer Ausſprache geſchworen, daß Sie hier im Lande gebo⸗ ren ſeien!“ „Das bin ich auch,“ erwiederte ich über ſeinen „aber meine Eltern ſind aus Deutſchland eingewandert, und meine Mutter, die eine Freiburgerin war, hat mir es tief an's Herz ge⸗ legt, meine Abſtammung nie zu verleugnen und meine Mutterſprache nie zu vergeſſen.“ „Beim Himmel,“ ſchrie jetzt der lange Tom noch freudiger als zuvor, indem er mir zugleich ſeine beiden großen ſchwieligen Hände hinſtreckte,„dann ſind wir Landsleute, denn mein Vater war Forſtdiener auf der Windeck bei Bühl im Schwarzwald, und hier mein Neffe da, der Sohn meiner verſtorbenen Schweſter und beinahe mein einziger Verwandter auf der Welt, iſt aus Kappel gebürtig, was kaum zwanzig Stunden von Freiburg entfernt liegt. Komm Fritz“— er nannte. ihn jetzt auf einmal nicht mehr Fred, ſondern Fritz— „gib dem Herrn deine Hand und freue dich, daß du nun Jemanden haſt, mit dem du in deiner Mutter⸗ ſprache reden kannſt, da mir ſelbſt durch die lange Zeit, in der ich mit keinem Deutſchen verkehrte, das Eng⸗ liſche geläufiger geworden iſt.“ Er brauchte übrigens ſeinen Neffen nicht erſt zu erinnern, ſich mir zu nähern, denn derſelbe war bei dem erſten deutſchen Worte, das er von mir gehört, wie elektriſirt auf mich zugeſprungen, und in ſeinen beiden großen Augen erglänzten die hellen Thränen, als er mir ſchüchtern ſeine Hand bot. Die Liebe zur Heimath, zur guten treuen Heimath, oh wie iſt ſie doch ſo mächtig in allen Söhnen Germanias, beſon⸗ ders in denen, welche aus dem gebirgigeren Theile un⸗ ſeres Vaterlandes ſtammen! Welch' trauten Abend wir dießmal verlebten, brauche ich wohl kaum zu ſagen, das aber muß ich anführen, V daß der junge Fritz oder Fred, wie wir ihn von nun an abwechslungsweiſe nannten, ſeit der Entdeckung meiner deutſchen Abſtammung ein beſonderes Zutrauen 1 li 1 länder ſollte einen weder imlich Spitz⸗ linois beiden thland en ein ünder,““ ief der ich der Deut⸗ ſagen; n und mmen.“ ihr?“ unſerer als ein ſeinen en ſind ter, die derz ge⸗ dmeine m noch j beiden ſind wir auf der eer mein ſer und gelt, iſ den von rnannte 2 zu mir faßte und mich immer tiefer in ſein Herz ſehen ließ; ja daß wir uns oft auf dem Marſche, während wir mit einander den Nachtrab bildeten, ſtundenlang (Siehe ſei es, das ihn ſo melancholiſch und trübſinnig ſtimme, und in der That mochte auch dieſes Gefühl, das man gehabt haben muß, um ſeine Wirkungen zu kennen, recht viel zu ſeiner Gemüthsſtimmung beitragen; allein bald überzeugte ich mich doch, daß noch etwas Anderes Feierſtunden. 1663. 5 in der theuren Mutterſprache unterhielten, und daß er dann ſein ganzes Leben wie ein offenes Buch vor mir aufſchlug! Anfangs glaubte ich, das Heimweh allein S. 30.) im Hintergrunde verborgen ſei, das noch weit ſchwerer auf ſeiner Seele laſtete. Längere Zeit hielt er damit hinter dem Berge, und ich hütete mich wohl, ihn zu einem Geſtändniß aufzufordern, denn durch eine ſolche Aufforderung wäre er vielleicht nur verſtockter gewor⸗ 4 den. Endlich jedoch drückte es ihn ſo ſehr, ſich einem Freunde mitzutheilen, daß er nicht mehr länger wider⸗ ſtehen konnte. „Werden Sie,“ fragte er mich eines Tags, als wir wieder hart neben einander gingen, während meine Reiſebegleiter dem langen Tom auf dem Fuße folgten, „werden Sie längere Zeit in Oregon verweilen, und wenn nicht, kehren Sie von da wieder in die atlanti⸗ ſchen Staaten zurück, oder wenden Sie ſich vielleicht ſüdlich nach Mexiko?“ „Ich reiſe von Oregon nach St. Francisko,“ er⸗ wiederte ich,„und fahre nach einigem Aufenthalte da⸗ ſelbſt über die Meerenge von Panama nach Newyork, wo ich für längere Zeit Aufenthalt nehme. Doch wa⸗ rum fragen Sie mich das, Fritz?“ „Aus ſehr eigennützigen Gründen,“ entgegnete er, „nämlich weil ich mir von Ihnen einen großen Ge⸗ fallen erbitten wollte; doch um dieſe Bitte anbringen zu können, muß ich nothwendigerweiſe etwas weiter ausholen. Meine Jugendgeſchichte kennen Sie, und ebenſo ſind Ihnen meine ſonſtigen Verhältniſſe durch das, was ich Ihnen bereits erzählt habe, bekannt. Nur Eines habe ich Ihnen bis jetzt verſchwiegen, näm⸗ lich das Verhältniß zu einer Familie in unſerem Ort, welches beſtimmt war, den größten Einfluß auf mein Leben auszuüben. Unweit von unſerem Hauſe wohnte ein junger, mir an Alter kaum um zwölf Jahre über⸗ legener Bauer, den ich ungemein wohl leiden mochte, oder vielmehr der mir Achtung und Liebe zugleich ein— flößte. Derſelbe war Soldat geweſen, und hätte es, weil er eine gute Schule genoſſen und mit einem hel⸗ len, reſoluten Kopfe begabt war, leicht zum Offizier bringen können; allein er zog es vor, in unſer Dorf zurückzukehren, und ſich da mit dem Mädchen ſeiner Neigung zu verheirathen, obwohl dieſes einer armen Wittwe angehörte, und alſo nach bäuriſchen Begriffen weit unter ihm ſtand. Bis ſo weit wäre nun Alles recht geweſen; doch die Frau des Nachbars beſaß eine Schweſter, die etwa zwei Jahre jünger war, als ich, und unbeſtritten als das ſchönſte Mädchen im ganzen Dorfe galt. Ja nicht blos die Schönſte war ſie, ſon— dern auch die Tugendſamſte und— und— oh, Sie ſollten ſie nur geſehen haben, Herr, ſo würden Sie mit mir übereinſtimmen, daß es nie ein weibliches Weſen gegeben hat, welches mehr verdient hätte, ge⸗ liebt zu werden, als meine gute Marie.“ „Hier ſchwieg er wie beſchämt ſtill und eine flam⸗ mende Röthe überzog ſein Geſicht; aber ich wußte ihn bald wieder zutraulich zu machen, indem ich ihn ver⸗ ſicherte, daß ich mir ſeinen Gemüthszuſtand recht gut denken könne, da ich mich ſchon in ähnlicher Lage be— funden habe. „Gut, Herr,“ fuhr er alſo nach einer kleinen Pauſe fort;„Sie wiſſen nun, wie es mit mir und Marie ſtand. Allein Sie wiſſen nicht, wie meine Mutter über dieſen Punkt dachte, obwohl Sie es ſich vielleicht vorſtellen können, da dieſelbe ja ihrer Geburt und Erziehung nach dem Honoratiorenſtande, wie man bei uns ſagt, angehörte. Ihr Augenmerk ſtand darauf, daß ich nach Höherem ſtreben ſolle, und da ich mich zum Forſtmann, wie mein Vater und Großvater, aus⸗ gebildet hatte, ſo meinte ſie, ich müßte nothwendig in den Staatsdienſt treten, gerade wie mein älterer ver⸗ heiratheter Bruder. Wie paßt aber eine Bauerndirne für einen kunſtigen Staatsdiener? Kurz, es gab viel Streit und Zank wegen der kleinen Marie, und ſo gutmüthig ſonſt meine Mutter war, ſo erwies ſie ſich doch in dieſem Punkte unerbittlich. Um dieſe Zeit, jetzt vor etwa dritthalb Jahren, kam ein Brief von meinem Oheim hier, dem langen Tom, wie man ihn gewöhnlich nennt, den einzigen Bruder meiner Mutter, bei uns an, und da derſelbe ſeit langer Zeit faſt ver⸗ ſchollen geweſen war, ſo können Sie ſich wohl denken, welch' große Freude das Schreiben bei uns erregte. Von ſich ſelbſt meldete übrigens der Oheim nur wenig, ausgenommen, daß er alle Tage ſeiner Lieblingsneigung fröhne und ein Jagdrevier habe, wie kein König oder Kaiſer im alten Europa; dagegen begehrte er Auskunft, wie es der Familie draußen ergehe, und meinte, wenk irgend Einen von uns der Schuh drücke, ſo ſolle er nur über's Waſſer hinüberkommen, wo Platz genug ſei für noch viele Hunderttauſende. Schließlich gab er eine genaue Adreſſe an, wohin man Briefe an ihn zu richten habe, und legte einen Wechſel auf hundert Dol— lars bei, damit ſich die Mutter ein Andenken dafür kaufe oder nach Belieben ſonſt darüber verfüge.“ Hier hielt der junge Fritz abermalen ſtill, wie um Athem zu ſchöpfen, und ich ließ ihm natürlich Zeit, ſich wieder zu ſammeln. Nach einer Weile jedoch nahm er den Faden ſeiner Rede wieder auf, ohne daß ich ihn daran mahnte, denn es drängte ihn offenbar, ſein ganzes Herz auszuſchütten.„Ich will mich etwas kürzer faſſen,“ ſagte er,„damit ich Sie nicht lang⸗ weile. Alſo der Brief meines Oheims kam an, und ſeit jenem Tage ging mir das Amerika nicht mehr aus dem Kopfe. Wenn der Oheim ſich als Jägersmann fortbringen kann, dachte ich, ſo kann ich's auch, denn ich bin ja als einer der beſten Schützen bekannt. Na⸗ türlich theilte ich mich der Marie mit, und dieſe ſtimmte mir nicht nur vollkommen bei, ſondern erklärte ſich auch ſogleich bereit, mir bis an's Ende der Welt zu folgen. Eigenthümlicher Weiſe ergriff aber nicht blos uns zwei das Amerikafieber, ſondern mein künftiger Schwager, der Bauer, welcher die Schweſter meiner Auserwählten geheirathet hatte, wurde ebenfalls ange⸗ ſteckt, nicht ſeinetwegen, wie er behauptete, ſondern um ſeiner Kinder willen, deren er bereits dreie beſaß. Ich ſelbſt,“ ſetzte er mir auseinander,„habe ſo viel, daß ich gut davon leben kann; allein wenn ich heute ſterbe, ſo theilt ſich mein Beſitz in drei Theile, und dann iſt Meiſter Schmalhans Küchenmeiſter. Wie aber vollends, wenn mir Gott noch einen größeren Kinder⸗ ſegen beſcheert? Verkaufe ich dagegen mein Hab und Gut hier, ſo kann ich überem Waſſer drüben mit dem Erlös ein Stück Feld erwerben, das nicht blos für meine jetzige Familie, ſondern auch für deren Kinder und Kindskinder ausreicht. Es bleibt alſo dabei, wir ziehen Alle zuſammen fort, und wenn du Luſt haſt, Bauer zu werden, ſo ſiedelſt du dich bei mir an. So ſprach er, und da ſein Wort in der Familie Alles galt, ſo ſtimmte ihm ſofort ſein Weib vollkommen bei. Ja ſogar die alte Großmutter, d. h. die Mutter ſeiner Frau und meiner Marie, ließ es ſich nicht neh⸗ men, mitzuziehen, denn, ſagte ſie, ihre Heimath ſei da, wo ihre Kinder leben, und wenn ſie allein zurück⸗ bliebe, ſo würde ſie vor Heimweh vergehen. Nachdem alſo Alles zwiſchen uns abgemacht war, ging mein Schwager ſogleich an den Verkauf ſeines Anweſens; ich aber eröffnete meiner Mutter, daß ich feſt entſchloſ⸗ ſen ſei, zum Oheim nach Amerika zu gehen. Sie d ſo ſich Zeit, von ihn tter, ver⸗ kken, egte. nig, gung oder unft, wenh le er genug ab er. ihn zu Dol⸗ dafür eum Zeit, edoch daß nbar, etwas lang⸗ , und ſr aus mann denn Na⸗ immte e ſich elt zu t blos uftiger meiner ange⸗ ern um beſaß⸗ 0 viel, heute , und ie aber Kinder⸗ ab und ſtemmte ſich anfangs mit allen Kräften dagegen; allein ich blieb feſt wie Stahl, und ließ mich durch nichts abwendig machen. Endlich gab ſie nach, beſonders da ihr auch mein Bruder, der Staatsdiener, zuſprach, und nun trafen wir in aller Schnelligkeit unſere Vor⸗ bereitungen. In wenigen Wochen waren wir mit Allem fertig, und ſogar die Schiffsakkorde hatten wir ſchon in der Taſche; da erkrankte urplötzlich meine Mutter, und bat mich um Gotteswillen, ſie für jetzt nicht zu verlaſſen. Ich hätte es nicht gethan, auch wenn ſie mich nicht darum gebeten hätte; allein was ſollte nun mit den Schiffsakkorden geſchehen? Nun natürlich, die konnte man nicht verloren geben, und es wurde daher beſchloſſen, daß mein Schwager mit der ganzen Familie nach Newyork abfahren ſollte, während man meinen Platz ſo gut es ging verwerthete. In Newyork dagegen ſollte die Familie im Gaſthof zum deutſchen Haus, der uns beſonders empfohlen worden war, auf mich warten, wenn ſich nämlich die Krankheit meiner Mutter ſo bald hebe, daß ich mit einem der nächſten Schiffe nachfahren könne; wo nicht, ſo ſollten ſie mir dort genaue Nachricht laſſen, wohin ſie ſich gewandt hätten, damit ich ihnen alſobald fol⸗ gen könnte. So machten wir es ab, und ich muß ge⸗ ſtehen, als meine Leute gleich darauf abreisten, wurde mir die Trennung nicht allzu ſchwer, da ich feſt über— zeugt war, daß wir uns in wenigen Wochen wieder ſehen würden, um uns dann nie mehr zu trennen. Allein die Sache ſollte ganz anders kommen. Die Krankheit meiner Mutter nämlich nahm, ſtatt gehoben zu werden, mit jedem Tage mehr zu, und ſteigerte ſich am Ende ſo, daß kein guter Ausgang mehr erwartet werden konnte. In der That ſtarb ſie auch nach Ver⸗ fluß eines Monats, allein nichts deſto weniger konnte nun von einer alsbaldigen Abreiſe meinerſeits durch⸗ aus keine Rede ſein. Im Gegentheil war meine An⸗ weſenheit durchaus nothwendig, um die Theilung der Erbſchaft vornehmen zu können, und ſo einfach auch die Sache ſein mochte, ſo verſtrichen doch abermals über fünf Wochen, bis die Behörden Alles in's Reine ge⸗ bracht hatten. Kurz, ich konnte meiner Braut erſt in Unglück kam ich auch noch auf ein Schiff, welches man keineswegs einen Schnellſegler nennen konnte, in⸗ dem wir nicht weniger als einundfünfzig Tage zur Ueverfahrt nach Newyork brauchten. Endlich, endlich oiber kamen wir an, und ich ließ mich nun natürlich ſalſobald in den Gaſthof zum deutſchen Haus hingelei⸗ ten; allein welcher Schrecken für mich: meine Ver⸗ wandten waren nicht da und eben ſo wenig lag ein Brief für mich parat. Im Anfang glaubte ich, man wolle ſich entweder über mich luſtig machen, oder man vorenthalte mir den erwarteten Brief aus irgend einem anderen Grunde, denn das war doch rein unmöglich, 27— was half mir alle ſeine Theilnahme? Was half es mir, daß er mit mir zum badiſchen Conſul ging, um zu erforſchen, ob dort keine Nachricht für mich hinter⸗ legt ſei, und daß wir ſogar eine Menge von Lands⸗ leuten zuſammen aufſuchten, weil mein Schwager ſich möglicherweiſe dem Einen oder dem Andern mitgetheilt hatte? Nichts erfuhren wir, rein gar nichts, als daß meine Leute wirklich im deutſchen Haus logirt hatten und ſchon nach wenigen Tagen nach dem Weſten wei⸗ ter gereist ſeien. Wie mir da zu Muthe war, kann ſich Niemand vorſtellen, und faſt hätte mich vollſtän⸗ dige Verzweiflung erfaßt. Doch tröſtete mich der Wirth, der meinte: meine Leute werden ohne Zweifel in den Weſten gereist ſein, um ſich allda anzuſiedeln, und wenn ſie erſt ein beſtimmtes Beſitzthum erworben hätten, ſo würden ſie ſchon an mich ſchreiben. Er aber, verſicherte er mich, werde den Brief ſorgfältig aufbewahren, und mich, befinde ich mich auch wo ich wolle, von deſſen Erhalt benachrichtigen. Allein es ſind nun nahezu zwei Jahre verfloſſen, und noch habe ich weder Nachricht noch Brief erhalten, ſondern die Marie und der Schwager, nebſt deſſen ganzer Familie ſind immer noch förmlich verſchollen.“ Hier ſchwieg er, und ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt, ſo daß man wohl ſah, wie ihm der Schmerz das Herz faſt abdrückte. „Aber,“ fragte ich ihn,„wie kommen Sie denn zu Ihrem Oheim in die Wildniß?“ „Das ging ganz einfach zu,“ erwiederte er.„Schon vor meiner Abreiſe aus Deutſchland ſchrieb ich dem Oheim, daß ich kommen werde, und daß ich nähere Anweiſung von ihm in Newyork im deutſchen Hauſe erwarte. Dort erhielt ich dann auch wirklich einen Brief von ihm, der mich anwies, an einem beſtimm⸗ ten Tage in St. Paul am Miſſiſſippi einzutreffen, und kaum war ich dort aus dem Dampfboot geſtiegen, ſo nahm mich der Oheim in Empfang, um mich mit ſich in ſeine Jagdgründe zu führen.“ „Noch eins,“ frug ich weiter,„ſind Sie nie auf den Einfall gekommen, in den Zeitungen nach Ihrem Schwager zu forſchen?“ der Mitte des dritten Monats nachreiſen, und zum „und ich hoffe, Sie werden mir beiſtimmen. „Gewiß that ich das,“ entgegnete er,„und zwar forderte ich nicht blos ihn ſelbſt auf, mir ſeine Adreſſe zukommen zu laſſen, ſondern auch alle Bekannte und Landsleute, die etwas von ihm wüßten, aber bis jetzt erwies ſich Alles als vergebliche Mühe.“ „Von mir jedoch,“ nahm ich nochmals das Wort, „hoffen Sie Hülfe in Ihrer Noth? Wahrhaftig von ganzem Herzen ſtehe ich Ihnen zu Dienſten, nur be⸗ greife ich nicht, was ich etwa thun kann, und muß Sie bitten, ſich näher zu erklären.“ „Will's thun, Herr,“ verſetzte er, mir näher rückend, Sehen Sie, Sie ſind ein Mann von Stand und Anſehen, daß weder Marie noch der Schwager mir Nachricht hinterließen, wohin ſie von Newyork gezogen waren. Ich überzeugte mich jedoch bald, daß mich der Wirth nicht belüge, indem er mir auf alle Art und Weiſe an die Hand ging, ihre Adreſſe auszukundſchaften. Ueberdieß bewies er mir, daß er den Gaſthof erſt vor wenigen Wochen vom früheren Eigenthümer, der Ge⸗ ſundheitshalber nach Europa gereist war, übernommen habe, und daß alſo, wenn je ein an mich hinterlaſſe⸗ ner Brief verloren gegangen war, die Schuld nicht an ihm, ſondern an ſeinem Vorgänger lag. Allein und einem ſolchen geben die Behörden zehnmal eher Red' und Antwort, als einem andern. Nun hat mein Schwager noch Gelder in unſerem Dorfe ſtehen, Zie⸗ ler von ſeinen verkauften Gütern, und dieſe Zieler wollte er ſich nach Jahr und Tag ſchicken laſſen. Na⸗ türlich aber kann er ſie ſich nicht ſchicken laſſen, ohne daß er vorher ſchreibt: wohin und an wen. Demge⸗ mäß wiſſen die Behörden draußen ohne Zweifel ganz genau, wo er ſich befindet, und unter welcher Adreſſe man an ihn ſchreiben muß; wie wär's nun alſo, wenn Sie ſich entweder unmittelbar oder durch die amerika⸗ 4** ——— niſchen Beamten an die betreffende Stelle wenden wür⸗ den, um die verlangte Auskunft zu erhalten? Verwei⸗ gern kann man ſie Ihnen nicht, und auf dieſe Art käme ich am leichteſten und ſicherſten zu meinem Zwecke.“ „Wahrhaftig, Fred,“ entgegnete ich nach einigem Nachdenken,„Sie haben nicht unrecht, und ſo bald ich nach Newyork komme, werde ich die nöthigen Schritte thun. Nur müſſen Sie mir natürlich vorher genau angeben, wohin ich Ihnen etwaige Nachrichten zu ſen⸗ den habe, damit meine Briefe nicht fehl gehen.“ Dies machten wir dann auch wirklich genau ab, und ich konne nun wohl bemerken, daß unſer junger Begleiter von dieſer Stunde an viel heiterer und zu⸗ verſichtlicher in die Welt hinausſchaute, denn zuvor. Ja wenn wir künftig Abends beiſammen ſaßen und unſere Pfeifen ſchmauchten, ſaß er nicht mehr ſo ſtumm und theilnahmslos da, ſondern miſchte ſich ebenfalls in's Geſpräch, und ſang ſogar einmal ein Liedchen mit, das Einer von uns anſtimmte. Doch ich muß eilen, mit meiner Erzählung zu Ende zu kommen, und kann mich daher nicht mehr mit kleinen Nebenumſtän⸗ den aufhalten. In der fünften Woche unſerer Wanderung hatten wir die ſchwarzen Berge erreicht, und die Landſchaft wurde nun auf einmal äußerſt intereſſant und roman⸗ tiſch, bisweilen ſogar wild und großartig. Auch das Wild mehrte ſich, und nicht ſelten begegnete man Hir⸗ ſchen und Antilopen, welche in ſcheuer Haſt an den ungewohnten weißen Männern vorübergaloppirten. „Wir können nun zwiſchen zwei Uebergängen über das Felſengebirg wählen,“ ſagte der lange Tom, als wir eines Abends in einem wunderſchönen Thalkeſſel lagerten und uns die Schlegel eines am heutigen Tage erlegten Rehbocks ſchmecken ließen;„der eine iſt der Walkerspaß, und der andere der Fremontpic. Erſteren muß ich als den zwar etwas längeren, aber auch als den weit bequemeren Weg bezeichnen, der für gewöhn⸗ lich von den Karawanenzügen, die von Miſſouri nach Oregon gehen, eingeſchlagen wird; der letztere dagegen erſetzt durch die Großartigkeit ſeiner Natur, was man an Mühſeligkeit zum Voraus hat.“ „Ich ſtimme für den Walkerspaß,“ erklärte als⸗ bald der Yankee, welcher das Nützliche allem Anderen vorzog. „Und ich für den Fremontpic,“ rief der Franzoſe, der etwas romantiſcher Natur war. „Somit werden wir,“ entſchied ich,„über den Fremontpie ſteigen, vorausgeſetzt nämlich, das Stim⸗ menmehrheit den Ausſchlag gibt, denn ich bin ebenfalls für dieſen Gebirgspaß.“ „Wahrhaftig, mein Herr,“ meinte jetzt der lange Tom,„Sie haben die beſte Wahl getroffen, denn nicht nur reich an Naturſchönheiten iſt dieſer Paß, ſondern auch an herrlichem Wild, und ich verſpreche Ihnen, daß Sie auf dem ganzen Wege ſich nie ſchlafen legen ſollen, ohne ſich vorher an einem ſaftigen Bärenbraten Was gibt es aber köſtlicheres auf ten. geſtärkt zu haben. - 28—— Auch ſprangen wir ſogleich alle fünf auf die Beine, und Jeder griff nach ſeiner Büchſe, die er neben ſich liegen hatte. „Halt, halt,“ ſagte jetzt der lange Tom mit einer ausdrucksvollen Geberde, als der Franzoſe nebſt dem Nankee Anſtalt machten, dem Geräuſch ſofort entgegen zu gehen.„Bleiben Sie Alle, Gewehr im Arm, ruhig hier, und laſſen Sie mich den Berg beſchleichen, denn ich vermuthe, daß ſich in der Nähe eine Höhle befindet, welche ſich eine ganze Bärenfamilie zum Auf⸗ enthalte auserkoren hat.“ Natürlich leiſteten wir unbedingten Gehorſam, da wir wohl einſahen, daß unſer Führer uns an Jägers⸗ erfahrung in jeglicher Hinſicht überlegen ſei, und im“ Augenblick war derſelbe aus unſeren Augen verſchwun⸗ den, indem er mit faſt unhörbaren Tritten dem Berg⸗ abhang zuſchlich, welcher den Thalkeſſel umgab. Wir lauſchten aufmerkſam, aber wenn ſich auch von Zeit zu Zeit das eigenthümliche Brummen wiederholte, ſo konnten wir doch ſonſt lediglich nichts vernehmen. So vergingen etwa zwanzig Minuten, da ſtand der lange Tom plötzlich wieder unter uns. So leiſe er gegangen, ſo leiſe war er wieder gekommen. „Well,“ ſagte er mit dem ihm eigenthümlichen lei⸗ ſen Lachen,„ich glaube, ich habe das Neſt gefunden, und bin ſicher, daß ein paar tüchtige graue Unholde drin hauſen. Für heute Nacht übrigens können wir nichts machen, ſondern wir müſſen den Tag abwarten; aber dann verſpreche ich euch auch eine ſo luſtige Bä⸗ renjagd, als nur je eine in den ſchwarzen Bergen ſtattgefunden hat. Laßt uns alſo unſerem Feuer neue Nahrung geben, damit uns die ſchwertatzigen Burſche ferne bleiben, und während Einer um den Andern Wache hält, können ſich die Uebrigen ruhig dem Schlafe überlaſſen.“ So thaten wir denn auch, d. h. wir beſtimmten zuerſt, wie wir uns einander in der Nachtwache ablö⸗ ſen wollten, und wickelten uns dann in unſere Decken, indem es ſich Jeder ſo bequem als möglich in dem weichen Graſe zu machen ſuchte. Es war dies unſere gewöhnliche Art zu übernachten, denn nur wenn Regen⸗ wetter eintrat, fanden wir es für nöthig, aus abge⸗ hauenen Baumäſten eine Hütte zu erbauen; die übrige Zeit ſchliefen wir ſtets unter dem freien Himmel mit keinem anderen Schutze, als welchen uns die mitge⸗ nommenen Wolldecken gewährten. 1 Ich komme nun an den Theil meiner Erzählung, welcher die eigentliche Pointe derſelben bildet, indem alles Bisherige gleichſam nur als Einleitung zu be⸗ trachten iſt. Am frühen Morgen erwachten wir alle⸗ ſammt wohl und munter, und da das Feuer von der jeweiligen Wache wohl erhalten worden war, ſo nahm die Bereitung unſeres gemeinſamen heißen Thee's nich viele Zeit in Anſpruch. Der lange Tom übrige wartete das Fertigwerden deſſelben nicht ab, ſont ſchlich ſich in der Zwiſchenzeit den Berg hinan, den brummbärigen Feind von Neuem auszukundſe Diesmal blieb er jedoch länger aus, als geſt der Welt, als die Tatzen eines fetten Bären, oder und als er endlich zurückkehrte, merkten wir gleich auch als das Lendenſtück deſ Feuer geröſtet?“ Noch hatte e erfahrenen Jägern nicht wohl verkannt werden konnte ſelben über einem gelinden d nicht ausgeſprochen, als ſich plötzlich in nicht allzu weiter Entfernung ein ganz eigenthüm⸗ liches Brummen vernehmen ließ, deſſen Bedeutung von ſeinen zuſammengekniffenen Lippen, daß Etwas ganz in der Ordnung ſei. „Der Vogel iſt ausgeflogen,“ murrte er,„ er ſoll uns deßwegen doch nicht entrinnen. Gebt nur ſchnell einen Becher von dem heißen Gebräu . dann vorwärts auf die Verfolgung des Feindes.“ ———.— ¾½àX—— t⸗ im un⸗ erxg⸗ Wir Zeit ſo So nge gen, lei⸗ den, olde wir ten; Bä⸗ rgen neue rſche dern hlafe mten abloͤ⸗ ecken, dem unſere degen⸗ abge⸗ ibrige — 29— In einem Augenblicke waren alle Vorbereitungen hinuntergeſtiegen waren, ſahen wir den grauen Bur⸗ getroffen. Zu einem Vorhaben nämlich, wie das unſ⸗ rige, mußten wir uns, wie man ſich wohl denken kann, ſo leichtfüßig als möglich machen, und ſomit brachten wir all' unſer Reiſegepäck, das wir mit uns trugen, auf einen Haufen, den wir ſorgfältig mit Reiſach und Holzwerk bedeckten, damit keine wilde Thiere ihre Zer⸗ ſtörungswuth daran ausübten. ſchehen, ging's vorwärts unter der Anführung des lan⸗ gen Tom! Zuerſt beſichtigten wir die Höhle, in welcher der Feind gehaust hatte. Es lag eine Maſſe Laub in ihr angehäuft, aus deſſen Eindrücken wir erſahen, daß zwei Bären hier die Nacht zugebracht haben mußten, und zwar zwei von der allergrößten Sorte. Auch über⸗ zeugten wir uns ſogleich aus verſchiedenen Anzeichen, daß ſie die Stätte noch nicht allzu lange verlaſſen haben konnten, und überdies zeigten ihre Fährten ganz Sobald aber dies ge⸗ genau, welche Richtung ſie eingeſchlagen hatten. Natür⸗ lich verfolgten wir ſofort die Spur in eiligſter Haſt, uns aber dabei ſo ſehr als möglich bemühend, kein un⸗ nöthiges Geräuſch zu machen, und hier bewährte es ſich von Neuem, welch' trefflicher Jäger der alte Tom war, denn nicht ein einziges Mal kam er in eine fal— ſche Richtung. Der Weg, den die Bären eingeſchla⸗ gen, führte übrigens den Berg hinan mitten in den Wald hinein, und manch' dürrer Aſt war von ihnen auf ihrem Marſch abgeriſſen worden. Auch ſchien die⸗ ſer letztere ein ſehr eiliger geweſen zu ſein, wie wenn ſie auf irgend eine Beute losgeſtürzt wären, und doch hatten ſie nicht ein einziges Mal den ganzen hohen Berg hinauf Halt gemacht. Etwa zwei Stunden mochten wir ſo vorwärts ge⸗ drungen ſein, ohne daß irgend ein Wort zwiſchen uns gewechſelt worden wäre, da zeigte der alte Tom plötz⸗ lich auf einen ſtarken alten Baum, an welchem das Erdreich ringsum ſtark zertreten war. „Der Baum iſt hohl und ein Bienenſchwarm hatte darin ſeine Waben angelegt,“ ſagte er halblaut.„Hier haben die Bären ihr Frühſtück gehalten, denn der Honig iſt eine ihrer Hauptliebhabereien.“ „Und von hier an ſind ſie in verſchiedener Rich⸗ tung fortgezogen,“ ſetzte der junge Fred hinzu, welcher inzwiſchen das Terrain ringsum mit ſchnellem Blicke unterſucht hatte.„Der Eine ging links jener Lichtung zu, der Andere aber, und zwar das größere Thier, ſchlug ſich rechts noch weiter den Berg hinauf, ohne Zweifel, um den Uebergang in das jenſeitige Thal zu gewinnen.“ Der alte Tom nickte, indem er zugleich dem Nef⸗ fen einen wohlgefälligen Blick zuwarf, und nun hiel⸗ ten wir eine kurze Berathung, ob wir uns trennen ſollten, um beide Bären weiter zu verfolgen, oder aber ob es klüger wäre, die Jagd auf einen derſelben zu beſchränken. Alle ſtimmten für das Letztere, und da Fred mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit darauf beſtand, dem größeren Bären nachzuſetzen, ſo ging es ſofort rechts den Berg hinauf, wobei wieder Tom den Füh⸗ rer machte. Nach einer Stunde etwa hatten wir die höchſte Spitze erreicht, waren aber dem Bären noch immer nicht viel näher gekommen; doch nun, da es abwärts ging, durften wir hoffen, durch Verdoppelung unſerer Schritte das Thier zu Geſicht zu bekommen. Unſere Hoffnung trügte uns auch in der That nicht, denn nachdem wir etwa anderthalb Stunden lang ſteil ſchen, wie er in ziemlich gemächlichem Schritte vor uns her trollte. Es war ein prächtiges Thier und von einem Umfang, wie ich noch wenige ſeiner Ka⸗ meraden geſehen, aber wenn wir glaubten, wir hätten ihn bereits, ſo täuſchten wir uns gar ſehr, denn kaum hatte er von uns Wind bekommen und ſich einmal nach uns umgeſchaut, ſo beeilte er ſeinen Gang, und war im Augenblicke zwiſchen den Bäumen verſchwunden. „Drauf jetzt,“ ſchrie der alte Tom, deſſen Augen vor Luſt funkelten;„der Hallunke gibt Ferſengeld, aber er ſoll uns nicht entgehen. Doch hütet Euch, einen Schuß zu thun, ehe wir nahe genug ſind, denn ſonſt prallt jede Kugel unnütz ab oder wir verwunden ihn nur leicht und reizen ihn dadurch zum heftigen Grimme.“ Nunmehr begann eine eigentliche Hetzjagd, und im Sturmſchritt ſtürzten wir den Berg hinab. Auch be⸗ kamen wir den Bären nach kurzer Zeit wirklich wieder in Sicht, allein nur auf eine Minute und in einer Entfernung, die jeden Schuß unnütz machte. Wir ließen jedoch nicht nach, in der Hoffnung, daß wenn wir die Thalſohle erreicht hätten, auch der Wald ein Ende nehmen werde, und dann natürlich konnte uns der Burſche nicht mehr entgehen. Schon glaubten wir dem Ziele nahe zu ſein, und immer eiliger wurden unſere Sprünge; doch ſiehe da, urplötzlich ſahen wir den Weg durch eine ungeheure Felſenparthie verſperrt, die ſich wie eine gewaltige Mauer vor uns aufthürmte. Ueberraſcht ſtanden wir ſtill und ſtarrten auf die über einander gehäuften Steinmaſſen, in deren höchſter Höhe ein ungeheurer Wallnußbaum ſeine rieſigen Aeſte aus⸗ breitete. Wer malt aber unſer Erſtaunen, als wir jetzt den Bären erblickten, wie er unweit des genann⸗ ten Baumes auf einem ſteilen Felſen gleichſam feſtge⸗ nagelt ſtand und, ohne ſich nach uns umzuſehen, in die jenſeitige Tiefe hinablugte? „Hinauf, hinauf,“ keuchte der lange Tom, dem vom Laufen der Athem faſt ausgegangen war,„ſonſt entkommt er uns am Ende noch.“ Das war übrigens leichter geſagt, als gethan, und es ſchien eine Gemſennatur dazu zu gehören, um dieſe gewaltige Steintrümmermaſſe zu beſteigen, obwohl die⸗ ſelbe an manchen Stellen von Ginſter und ſonſtigem Gewächs überwucherte. Nun zeigte ſich's aber, was Jugendelaſticität vermag, denn der wackere Fred ſchwang ſich plötzlich auf den erſten Rand hinauf und zeigte uns ſo den Weg, auf dem wir ihm folgen konnten. In weniger als fünf Minuten ſtand er oben auf der dem Standpunkt des Bären entgegengeſetzten Seite des Baums, und den Augenblick darauf nahm ich meinen Platz neben ihm ein. Hohes Gebüſch, hinter dem wir verborgen waren, verſperrte uns für den erſten Mo⸗ ment jede Ausſicht, aber wie wir nun das Gebüſch auseinander bogen und uns behutſam umſchauten,— Himmel und Erde, welcher Anblick bot ſich uns dar! Nein, beim Ewigen, dieſe Ueberraſchung werde ich in meinem Leben nicht vergeſſen, und noch jetzt, da doch nun ſchon viele Monate und ſogar Jahre darüber hin⸗ gegangen ſind, kommt mir jenes Begegniß mehr wie ein Traum oder wie ein Mährchen, denn wie eine wirkliche und wahrhafte Thatſache vor. Unmittelbar unter uns nämlich fiel die Felswand ganz ſchroff ab und bildete hier einen Keſſel, aus dem eine Quelle ſich in ein wunderliebliches Thal ergoß. Außerhalb des Keſſels rechts im Thale ſtand eine roh gearbeitete Hütte, welche mit Raſenſtücken und Laub- werk bedeckt war, innen aber, gerade zu unſeren Füßen, lagerte eine Gruppe von Menſchen, welche nur ein Wunder hierher gebracht haben konnte, während links, auf gleicher Höhe mit uns, der graue Bär ſich feſt⸗ geſtemmt hatte, und im Begriff ſchien, auf die Men⸗ ſchengruppe hinabzuſtürzen. Wer waren nun aber dieſe Menſchen? Eine Familie von ſieben Köpfen und alle — 30—— V in einem hier zu Lande ganz ungewohnten Anzuge, d. h. in einem ſolchen, wie ihn nur deutſche Einwan⸗ derer tragen! In der Mitte, unmittelbar vor einem Feldkeſſel, der die Morgenſuppe zu enthalten ſchien, ſaß eine alte Frau mit einer Schwarzwälderhaube, vor Entſetzen über das dräuende Ungeſtüm beide Hände emporſtreckend, und neben ihr kniete ein Mädchen von drei oder vier Jahren, das ſeinen Kopf in ihren Schooß barg; weiter rechts ſtand ein etwas älterer Bube mit einer Zipfelkappe über den Ohren und einem Brod⸗ meſſer in der Hand, das er wie zum Widerſtand gegen den Bären zückte, und hart neben ihm kauerte eine noch junge und rüſtige Frau, die aber jetzt bis in den Tod geängſtigt ſchien und das Kleinſte ihrer Kinder feſt an den Buſen drückte; links von der Großmutter ſtand ein kräftiger Mann mit aufgeſtülpten Hemdärmeln, einen Fuß auf den vorſpringenden Fels ſtützend, wie um dem Bären entgegenzugehen, und mit dem rechten Arm eine ſchwere Axt ſchwingend, das Ungethüm nie— derzuſchlagen; ihm zur Seite aber gegen die Großmut⸗ ter zu kniete eine liebliche Jungfrau, und hielt ihn mit einer Hand feſt, daß er ſich nicht allzu ſehr bloß⸗ ſtelle, während ihre Augen der Gefahr todesmuthig ent⸗ gegen blitzten. Das war das Bild, das wir vor uns hatten!(Siehe Bild S. 25.) Wohl zwei oder drei Minuten ſtarrte ich auf die Gruppe hin, ohne mich rühren zu können, denn das Staunen über dieſe außerordentliche Erſcheinung hatte mich völlig gelähmt. Endlich aber wandte ich meine Augen unwillkürlich auf meinen Nachbar, den jungen Fred, allein welch' merkwürdige Veränderung war mit dieſem vorgegangen? Sein Geſicht glühte wie in Fie⸗ berhitze, und die Pupillen ſeiner Augen hatten ſich um's Vierfache erweitert; ſeine Haare aber ſtarrten empor, als hätte ihn Entſetzen ergriffen, und ſein Mund ſtand weit offen wie bei Einem, den der Schlag gerührt hat. Ich rüttelte ihn mit Macht, um ihn zum Leben zurück⸗ zubringen, und nach mehrfacher Wiederholung ſchien mir dies auch wirklich gelingen zu wollen „Sehen Sie ſie?“ flüſterte er mir mit heiſerer Stimme zu.„Das iſt Marie, meine Marie, und der Mann neben ihr iſt der Schwager. Auch die Groß⸗ mutter iſt da mit den Kindern und Liſe, ſein Weib, Mariens Schweſter. Aber es ſind keine lebende Ge⸗ ſchöpfe, ſondern Geiſter, und in einem Augenblicke wird der Wind die ganze Erſcheinung verwehen.“ Iſt der Menſch wahnſinnig geworden, fragte ich mich ſelbſt; doch hatte ich keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Während wir nämlich auf die Gruppe hinabſtarrten, waren auch meine übrigen Reiſegefährten auf den Felſen heraufgeklettert, und der lange Tom hatte ſogleich eingeſehen, daß hier keine Zeit zu ver⸗ lieren ſei, wenn ſchweres Unglück verhütet werden ſolle. Suchte doch der Bär bereits eine Stelle, an der er die abſchüſſige Wand hinabklettern könnte, und wenn ihm dies gelang, ſo fiel ſeiner Wuth vielleicht mehr als ein Menſchenleben zum Opfer! Somit brach ſich der Jäger durch das dichte Gebüſch Bahn und drang, ohne irgend Rückſicht auf ſeine eigene Sicherheit zu nehmen, bis in die nächſte Nähe des furchtbaren Thieres. Alsbald hielt dieſes im Hinabklettern inne und wandte ſich mit auf⸗ gehobenen Vordertatzen ſeinem Gegner zu. Ein Mo⸗ ment, und es hatte den langen Tom erreicht, aber die⸗ ſer behielt ſeine vollkommene Kaltblütigkeit und ſchoß dem Ungethüm die volle Ladung in den aufgeſperrten Rachen, ſo daß daſſelbe alsbald überkugelte und den Felſenabhang hinabſtürzte. Ein furchtbarer Schrei er⸗ ſcholl von der Menſchengruppe unten, denn der Bär ſtürzte gerade zu ihren Füßen nieder, und wie nun Fred dieſen Schrei hörte, kam er plötzlich zu kturer Beſinnung.„Sie leben, ſie leben,“ ſchrie er, indem die Verklärung der Freude über ſein Geſicht zog, und mit einem tollen Sprunge ſetzte er über die Felſen hinab, indem er zugleich ſein langes Meſſer zog, um ſich auf den zum Glück ſchon ſchwer verwundeten Bä⸗ ren zu werfen. Wie er hinabkam, kann ich nicht ſagen, denn Alles geſchah ſo zu ſagen in einem Nu, und er ſelbſt konnte nachher auch keine Rechenſchaft mehr darü⸗ ber geben; mur das weiß ich, daß er dem Ungethüm ſeinen Stahl mehrmals in's Herz bohrte, und daß daſſelbe ſchon nach wenigen Momenten todt zu ſeinen Füßen ausgeſtreckt lag. Im ſelben Augenblicke umfaßte ihn die Marie— denn ſie war es wirklich— und die Beiden hielten ſich nun ſo feſt umſchlungen, wie wenn ſie ſich für ihr ganzes Leben lang nicht mehr loslaſſen wollten, der Schwager aber und die Seinigen ſtanden um das Paar herum, als ob ſie vor Freude und Staunen außer ſich wären. Das iſt das wunderſame Begegniß in den ſchwar⸗ zen Bergen, im Weſten von Amerika, das ich dem Leſer erzählen wollte, und wunderſam wird er es ge⸗ wiß auch nennen. Die natürliche Erklärung will ich jedoch ebenfalls nicht ſchuldig bleiben. Der Schwager Freds war nach einem nur kurzen Aufenthalt in New⸗ York mit den Seinigen nach St. Louis gefahren, um ſich im Staate Miſſouri anzukaufen, natürlich jedoch nicht ohne einen Brief an den Fred zurückzulaſſen, den er dem Wirthe zum deutſchen Haus zur richtigen Be⸗ ſorgung übergab, und in welchem er zugleich das Haus in St. Louis nannte, wo weitere Nachrichten zu er⸗ heben ſeien. In St. Louis jedoch herrſchte damals ein wahres Fieber, nach Oregon auszuwandern, da in die⸗ ſem Lande, wie einſtens in Canaan, Milch und Honig in Natura flöſſen, und ſomit entſchloß ſich auch unſer guter Badenſer zu dem Wagſtück. Er kaufte ſich alſo Alles, was er nöthig hatte, insbeſondere einen Wagen mit vier ſchweren Zugochſen, und ſchloß ſich, nachdem er abermals einen Brief an Fred hinterlaſſen, einer größeren, zum Theil auch aus Deutſchen beſtehenden Carawane an, die den gewöhnlichen Landweg über die Prairien einſchlug. Alles ging ganz vortrefflich, und man war bereits bis in die Nähe der ſchwarzen Berge gelangt, ohne daß irgend ein Unfall vorgekommen wäre. Da bemerkte der arme Mann eines Tags zu ſeinem großen Schrecken, daß ein Paar ſeiner Ochſen nicht mehr vorwärts wollten, ſondern ſich vielmehr trotz aller Zurufe auf den Boden legten und gleich darauf in Convulſionen verfielen. Ganz dieſelben Symptome zeigten ſich gleich darauf auch bei dem andern Paare, ſo wie bei den Zugthieren zweier weiterer Carawanen⸗ mitglieder. Man unterſuchte die Sache ſofort genau Jäger rgend is in hielt auf⸗ Mo⸗ rdie⸗ ſchoß erten hden i er⸗ Bär nun tarer indem , und Felſen , um n Bä⸗ ſagen, ind er darü⸗ ethüm ) daß ſeinen nfaßte nd die wenn slaſſen Tandede e und hwar⸗ -h dem es ge⸗ ſill ich hwager New⸗ Honig h unſer ich alſo Pagen — und fand, daß das hohe Präriegras, durch das man gerade zog, einer Menge von Klapperſchlangen zum Aufenthalte diene, von denen offenbar die Thiere ge⸗ biſſen worden waren. Ein furchtbarer Schrecken er⸗ griff die ganze Carawane, und Alle trieben ihre Thiere zur tollſten Eile an, um aus der gefährlichen Nach⸗ barſchaft zu kommen. Am furchtſamſten und eigen⸗ ſüchtigſten gebärdeten ſich dabei die deutſchen Mitglie⸗ der der Geſellſchaft, denn die Amerikaner hielten doch wenigſtens ſo lange an, bis ſie die Effekten ihrer zwei Landsleute, denen das Zugvieh ebenfalls crepirt war, auf ihren Wägen vertheilt hatten, die Deutſchen aber fuhren davon, ohne ſich um die Bitten des Badenſers, ihn und die Seinigen doch nicht zu verlaſſen, nur im Geringſten zu kehren. Wenn nur ſie heil davon kamen, was lag ihnen an allem Uebrigen? So blieb Freds Schwager mit ſeiner ganzen Familie verlaſſen in der Wildniß zurück und— wahrhaftig ein Glück war's, daß er einen entſchloſſenen feſten Geiſt beſaß, denn ein Anderer wäre in ſeiner Lage verzweifelt. Er 3 5 aber? Nun er that, was ſchon viele Hunderte vor ihm ebenfalls gethan haben, d. h. er ſuchte zuerſt einen paſſenden Platz, wo er ſich für die nächſte Zeit häus⸗ lich niederlaſſen könnte, und brachte dann mit Hülfe der Seinigen alle ſeine mitgenommenen Effekten, Lebens⸗ mittel und ſonſtigen Utenſilien dahin.„Robinſon,“ dachte er,„und viele Andere nach ihm waren weit — 31— ſchlimmer daran, als ich, denn ich kann mir aus mei⸗ nem Wagen eine Wohnung bauen und habe genug Lebensmittel, um Monate lang davon zu leben. Ueber⸗ dies beſitze ich eine Büchſe nebſt Pulver und Blei und ſogar an Ackerwerkzeugen, ſo wie den nöthigen Säme⸗ reien fehlt es mir nicht. Was brauche ich alſo mehr?“ So richtete er ſich häuslich ein, ſo gut es ging, und lebte nun faſt anderthalb Jahre da, immer hoffend, daß ein glücklicher Zufall einen Carawanenzug, der ihn und die Seinigen mitnehme, an ſeiner Thalwoh⸗ nung vorbeiführen werde. Er hoffte übrigens verge⸗ bens, einfach, weil die Carawanen ſeither, eben der Klapperſchlaugen wegen, eine viel weiter ſüdliche Rich— tung einhielten, und wenn alſo uns nicht der Zufall oder vielmehr die Bärenjagd hierher verſchlagen hätte, wer weiß, wie lange ſeine Erlöſung noch ausgeblieben wäre. Was ſoll ich nun noch weiter hinzuſetzen? Der Leſer kann das Ende errathen, ohne daß wir ihm da⸗ bei behülflich ſein müßten. Schließlich nur noch ſo viel, daß Fred mit ſeinem Schwager jetzt eine ausge⸗ dehnte Farm im Staate Oregon beſitzt, woſelbſt der lange Tom ebenfalls ganz heimiſch iſt, denn ganz in der nächſten Nähe befinden ſich noch großartige Wal dungen, in welchen er ſeiner Jagdluſt nach Belieben nachgehen kann. Der Strick des gehängten. Herr C. in Paris war früher Chokolade⸗Fabrikant geweſen, hatte ſich aber allmählig dem Trunk ergeben, ſein Geſchäft verkaufen müſſen und brachte ſich jetzt mühſam als Arbeiter fort. Er ſank immer tiefer, machte einige Male Selbſtmordsverſuche, wurde aber in ſeinem Vorhaben immerdar geſtört. Kürzlich kehrte er Abends in trunkenem Zuſtande wieder nach Hauſe zurück. Er fand ſeine Frau im erſten Stock mit Wäſche beſchäftigt; nm ihren Vorwürfen auszuweichen, ſprach er:„Keinen Lärm, meine Liebe! Ich mache dir keinen Kummer mehr; ich will mich hängen!“—„Wie oft du mir das ſchon geſagt haſt,“ antwortete ſeine Ehe⸗ hälfte,„das kümmert mich wenig!“ C. begab ſich in den zweiten Stock und ſchloß die Thüre. Einige Augenblicke hörte ſeine Frau ihn noch auf⸗ und abgehen, dann trat tiefe Stille ein. Erſtaunt darüber begab ſie ſich jetzt ſelbſt in das Zimmer, wo es bereits ziemlich dunkel war. Sie ſah undeutlich ihren Mann aufrecht in einer Ecke deſſelben, da er aber ganz ſonderbare Bewegungen machte, eilte ſie zu der Thürſchließerin hinab. Mit ihr kehrte ſie zurück, faßte dann ihren Mann bei der Hand und ſagte:„Laß das Schmollen jetzt, geh' zu Bette, da wird dir beſſer ſein. Als ſie ſah, daß er wie eine träge Maſſe hin und her ſchwankte, erſchrak ſie. „Nun, ſeht Ihr nicht, daß er ſich gehängt hat?“ rief die Schließerin;„er ſieht jedoch aus, als ob er noch nicht ganz todt wäre; ich will es doch den Haus⸗ herrn wiſſen laſſen.“ „Ich,“ fiel Frau C. ein,„bleibe nicht allein hier, ſondern warte auf der Treppe.“ Damit verließen ſie den armen Gehängten in ſei⸗ nen letzten Convulſionen. Der Hausherr erſchien mit Th. G—r. einigen andern Miethsleuten.—„Der Mann athmet noch,“ bemerkte Einer der letzteren,„man muß ihn losſchneiden.“ „Sie würden mir etwas Schönes anſtellen,“ er⸗ wiederte der Hauseigenthümer ernſt,„wiſſen Sie nicht, daß man einen Gehängten vor Ankunft des Polizei⸗ kommiſſärs nicht berühren darf? Ich will ſogleich einen holen.“ Auf der Straße traf er einen Stadtſergeanten. „Es hat ſich Jemand bei mir erhängt.“—„Iſt es ſchon lange her?“—„Nein.“—„Haben Sie ihn abgeſchnitten?“„Das laſſe ich vor Ankunft des Kommiſſärs wohl bleiben.“ Der Sergeant eilte die Treppe hinauf und ſchnitt zum großen Aergerniß des Hausherrn den Gehängten ab. Mittlerweile hatte aber der Trunkene zu leben aufgehört. Der Sergeant meldete nun den Vorfall dem Kom⸗ miſſär vom Stadtviertel des Luxembourg. Der Beamte erſchien und machte vor Allem den Anweſenden lebhafte Vorwürfe, daß ſie allem Anſchein nach mit ihrem al⸗ bernen Vorurtheil an dem Tode des Menſchen ſchuldig ſeien. Darauf begehrte er den Strick zu ſehen. Man zeigte ihm ein Stückchen von kaum einigeu Centimeter⸗ längen.— Aber damit konnte er ſich noch nicht hängen!“ Da ſchauten ſich alle Anweſenden an und zogen endlich aus ihren Taſchen Jeder ein Stückchen Strick von gleicher Länge hervor. Sie hatten gewiſſenhaft den ganzen Strick getheilt, ohne zu wiſſen, daß der Aber glaube nur dem Strick von Hingerichteten, und nicht von Selbſtmördern zauberhafte Kräfte zuſchreibt! Solches geſchah im 19. Jahrhundert und in der Hauptſtadt von Frankreich. Dr. B. — —— — — - 3ꝶ32— Die Schuyſkiſt⸗Waſſerwerke zu Philadeſphia. Die Waſſerwerke zu Philadelphia gehören zu den großartigſten Unternehmungen der Welt. Der Man⸗ gel an Trinkwaſſer in der City, die zwiſchen zwei Flüſſen, dem Delaware und Schuylkill gelegen, einen ſolchen kaum vermuthen ließ, wurde ſchon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo Philadelphia noch nicht den zehnten Theil der jetzigen Bevölkerung hatte, lebhaft geſpürt, und der für das Wohl der Stadt, wie für ſein ganzes großes Heimathland tief fühlende Franklin hatte einen nicht unbedeutenden Theil ſei⸗ nes erſparten Vermögens geopfert, die Stadt mit rei⸗ nem und geſundem Waſſer vom Wiſſahiccon⸗Creek aus zu verſehen. Mit der Erweiterung der City und der Zunahme ihrer Bevölkerung reichte indeſſen der durch eine Röhrenleitung erhaltene Zufluß bald nicht mehr aus, und die Gemeinde beſchloß die Anlage eines grö⸗ ßeren, für alle Zeiten genügenden Waſſerwerks bei Fairmount, im Diſtrikt Spring⸗-Garden, etwa zwei engliſche Meilen nordweſtlich vom Staatenhauſe ent⸗ fernt. Der Bau des rieſenhaften Werks begann im Jahr 1819 mit Errichtung eines den Schuylkill kreu⸗ zenden Dammes von 1248 Fuß Länge, durch welchen das Waſſer des Stromes in eine Vorbay von 419 Fuß Länge und 90 Fuß Breite geleitet wurde, aus welcher es auf acht Räder von 16— 18 Fuß Durchmeſſer und ein Turpinenrad ſtürzte, deren jedes eine beſondere Pumpe in Bewegung ſetzte, die hinlängliche Kraft be⸗ ſaß, 1 ½ Millionen Gallons Waſſer täglich zu heben. Das Waſſer wird in eine Höhe von 92 Fuß in vier Reſervoirs geleitet, die auf der Fläche eines natür⸗ lichen Hügels, des„Fair-Mount“, gelegen, an eini— gen Stellen noch 40 Fuß über den Hügel ſelbſt ſich erheben, und das eigentliche Waſſerwerk bilden. Die Reſervoirs faſſen über 20 Millionen Gallons Waſſer, haben, wenn gefüllt, 12 ½ Fuß Waſſertiefe, und ge⸗ ben der eigentlichen Stadt und deren ſüdlichen Diſtrik⸗ ten, in welchen zuſammen 117 ½ engliſche Meilen an Waſſerröhren gelegt ſind, täglich an 9 Millionen Gal⸗ lons Waſſer. Spring⸗Garden und die nördlichen Frei⸗ heiten(der Norden der City) wird durch die eine Meile oberhalb Fair⸗Mount gelegenen Dampfwerke mit Waſ⸗ ſer verſehen. Das Reſervoir derſelben, welches an ———————— der nordweſtlichen Ecke des Grundes von Girards College gelegen iſt, faßt 9,800,000 Gallons Waſſer, und liefert täglich über 4 Millionen Gallons. Ken⸗ ſington, die nördlichſte Vorſtadt von Philadelphia, be⸗ ſitzt ein ähnliches Waſſerwerk am Delawarefluß, und ein zweites großes Reſervoir in der Nähe von Girards College, das durch die Fair⸗Mount⸗Waſſerwerke ge⸗ ſpeist wird, deren Anſicht unſer Bild zeigt, iſt in let⸗ ter Zeit vollendet worden, und jetzt die„Bruderſtadt“ hinlanglich mit Trink- und Rohrwaſſer verſehen. Die Anlage ſämmtlicher Waſſerwerke koſtete die Stadt über 2 Millionen Dollars, und der Ertrag der Waſſer⸗ renten beträgt durchſchnittlich 162,000 Dollars. 2 — rards ————— -x 33 Wikokalendies, der rothe Häuptſing. Ein Nachtſtück aus Kenntucky in Nordamerika*). (Taf. 3.) J. Im Jahr 1778 ſtand im jetzigen Staate Kenn⸗ tucky auf einer Anhöhe über einem kleinen Flüßchen, das dem Lücking River, einem Nebenſtrom des Ohio, zufloß, ein Anweſen, welches den Namen Eſtill's Sta⸗ tion führte, und etwa fünf oder ſechs Gebäulichkeiten zählen mochte. Dieſe waren ſämmtlich roh aus Holz aufgeführt und dienten theils zu Magazinen, theils zu Wohnungen, denn Herr Eſtill, der Beſitzer des An⸗ weſens, konnte ein für die damaligen Zeiten reicher Mann genannt werden und eignete nicht blos die ganze nächſte Umgebung, welche er bereits zum Theil urbar gemacht hatte, ſondern konnte ſich auch rühmen, über ein ganzes Dutzend ſchwarzer Sklaven zu gebieten, was in jenen Tagen ſchon viel ſagen wollte. Deſſenunge⸗ achtet würden ihn nur Wenige der jetzt Lebenden um dieſen ſeinen Reichthum beneidet haben, oder vielmehr man könnte unter unſern Mitmenſchen vielleicht Nie⸗ manden, nicht einmal einen Armen, finden, der ſich da⸗ zu hergegeben hätte, einen Tauſch mit ihm zu treffen, ſo wenig Empfehlenswerthes hatte, den Reichthum aus⸗ genommen, Eſtills Station an ſich. Damals gab es in ganz Kenntucky nur erſt ganz vereinzelt liegende weiße Anſiedlungen, ſo daß man oft einen ganzen Tag reiten mußte, bis man wieder auf eine Farm ſtieß, und von einem geſelligen Leben oder auch nur von einem geſicherten Abſatz ſeiner Produkte konnte alſo noch keine Rede ſein. Im Gegentheil war jeder Anſiedler, ſo zu ſagen, ganz auf ſich allein angewieſen, und hatte — genug zu thun, um ſich vor den Streifereien der In⸗ dianer oder Ureinwohner, welche natürlich gegen die weißen Eindringlinge keine allzu freundliche Geſinnung hegten, zu ſchützen. Glücklich alſo der, der in ſeiner Familie einen Erſatz fand, für die Schrecken der Wild⸗ niß und über das gemüthliche Zuſammenſein mit den Seinigen alle anderen Anſprüche an das Leben ver⸗ geſſen konnte! Leider jedoch durfte ſich Herr Eſtill deſſen nicht rühmen, denn nachdem ihm Frau und Töch⸗ ter längſt geſtorben, beſaß er nur noch einen einzigen Sohn und deſſen Charakter übertraf ſogar noch die wilde Umgebung an Rauhheit und Unzugänglichkeit. Der Vater ſelbſt übrigens gab ihm hierin nur wenig oder gar nichts nach und ſo führten denn die Beiden ver⸗ ſchiedene Jahre lang ein gar iſolirtes und freudeleeres Leben, nur allein damit beſchäftigt, ihre Sklaven zu harter Arbeit anzuhalten und nebenbei der Jagd auf wilde Thiere oder zur Abwechslung auch auf wilde In⸗ dianer obzuliegen. n dem genannten Jahre 1778 jedoch ſchien einige ſslung in dieſes traurige und öde Daſein kommen zu wollen. Der alte Eſtill hatte nämlich Kunde er⸗ halten, daß ihm ſeine einzige in Virginien lebende *) Daß die hier erzählten Ereigniſſe auf einer hiſtoriſchen Grundlage beruhen, wird der Leſer ohne Zweifel ſogleich heraus⸗ finden. Th. Gr. Feierſtunden. 1863. Schweſter geſtorben ſei, ohne etwas mehr zu hinter⸗ laſſen, als eine Tochter, mit Namen Mary, und ſomit entſchloß er ſich ſchnell, dieſe ſeine Nichte zu ſich ins Haus zu nehmen. Verwandtſchaftliche Liebe war es wohl nicht, was ihn zu ſolcher Handlungsweiſe antrieb, ſondern die eigentliche Triebfeder mußte in einer ganz andern Abſicht geſucht werden. Sein Sohn nämlich ſollte heirathen, um das Geſchlecht fortzupflanzen und in der ganzen weiten Umgebung gab es kein einziges Mädchen, das er für denſelben hätte acquiriren können; was war alſo natürlicher als der Gedanke, die junge Mary, die wegen ihrer Armuth keine große Auswahl hatte und alſo an der Parthie froh ſein mußte, für den Poſten einer Schwiegertochter zu beſtimmen? Selbſtver⸗ ſtändlich übrigens ſagte er ſeiner Nichte, als er ſie ab⸗ zuholen kam, kein Wort hievon, ſondern dachte vielmehr, die Sache werde ſich ſchon von ſelber machen, und ſo folgte ihm denn Mary ohne weiteres Widerſtreben. Sie war ja eine verlaſſene Waiſe und er ihr einziger lebender Verwandter! Einige Wochen lang nun ging auch Alles gut und Eſtills Station gewann durch die Gegenwart eines weiblichen Weſens von kaum zwanzig Jahren ein viel freundlicheres Anſehen. Ja ſogar der wilde John— ſo hieß nämlich des Pflanzers einziger Sohn— ſchien ſeine Natur ganz umändern zu wollen, denn er blieb von nun an viel zu Hauſe und man konnte auf den erſten Blick ſehen, daß ſeine Baſe einen großen Eindruck auf ihn gemacht habe! So gratulirte ſich denn der alte Eſtill bereits zu ſeinem klugen Ge⸗ danken und meinte das angeſtrebte Ziel ſei ſo gut als erreicht, als Alles mit einem Male beinahe eine ganz andere Wendung genommen hätte. Etwa zwei Monate nämlich nach der Ankunft Mary's auf Eſtills Station brachte John eines Abends, als er von einem Jagdausfluge nach Hauſe kehrte, die Nach⸗ richt mit, daß ſie einen neuen Nachbar bekommen hätten, der ſich etwa zehn engliſche Meilen oder zwei Stunden von ihnen entfernt an einer Quelle eine Hütte gebaut habe, und ſich, wie es ſcheine, hier ſtabil niederlaſſen wolle. „Vermuthlich ein alter Jäger und Biberfänger!“ ſagte der alte Eſtill gleichgültig, denn es kam öfter vor, daß dergleichen Männer ſich in der an Wild überaus reichen Umgegend, wo natürlich Jeder nach Belieben jagen konnte, für eine Zeitlang feſtſetzten. „Nein, fehlgeſchoſſen, Vater,“ erwiederte John in ſeiner gewohnten rauhen Weiſe.„Der Nachbar iſt vielmehr ein ganz junger Mann von kaum fünfund⸗ zwanzig Jahren und augenſcheinlich an unſere Art und Weiſe zu leben noch nicht gewöhnt. Auch glaube ich nicht weit von der Wahrheit entfernt zu ſein, wenn ich die Behauptung aufſtelle, daß es ihm in ſeiner Heimath ſchlecht gegangen iſt und er ſich nur bei uns in Kenn⸗ tucky wieder auf die Beine helfen will.“ „Du haſt ihn alſo geſprochen?“ frug der Vater et⸗ was neugieriger, als zuvor. „Gewiß,“ entgegnete der Sohn,„und weiß ſogar 5 5 — 34— ſeinen Namen. Simon Girty, wenn ich mich recht er⸗ innere, aus Charlottepoint, oder wie das Neſt ſonſt heißt, in Virginien. Aber was haſt du, Mary?“ wandte er ſich plötzlich an dieſe.„Du wirſt ja plötz⸗ lich ſo weiß, wie die Wand?“ „Und jetzt wieder roth, wie Herzblut,“ ergänzte der Vater, ſeiner Verwandtin einen durchdringenden Blick zuwerfend.„Sollteſt du etwa den neuen Ankömmling kennen?“ „Wenn es,“ entgegnete ſie, ſich ſchnell faſſend,„wenn es, wie John ſagt, Simon Girty aus Charlottepoint iſt, ſo kenne ich ihn allerdings, denn dieſer verkehrte oft in meinem elterlichen Hauſe.“ „Das wird ſich bald zeigen, obs derſelbe iſt,“ ſagte John.„Er wird uns nämlich Morgen einen Beſuch abſtatten, um ſich als Nachbar vorzuſtellen.“ Mary erwiederte nichts weiter, ſondern verließ das Zimmer, wie es ſchien, ihren Geſchäften nachgehend. Auch der alte Eſtill kam nicht auf den Gegenſtand zu⸗ rück, obwohl er ſich, wie aus ſeinem nachdenklichen „Weſen zu ſchließen, offenbar verſchiedene Gedanken da⸗ rüber machte, und kurze Zeit nachher lagen alle Be⸗ wohner der Station in tiefem Schlafe, oder ſchienen wenigſtens darin zu liegen. hatte, dem jungen Manne entgegen.„Ich freue mich, einen ſo nahen Nachbar bekommen zu haben, und hoffe, daß wir bald wahre und innige Freunde ſein werden.“ Simon Girty erwiederte den Gruß eben ſo herzlich, indem er dem Alten ſeine rechte Hand entgegenſtreckte; dann aber ging er ohne Weiteres auf die eben wieder erſcheinende Mary zu und— wenn der alte Eſtill je noch darüber im Zweifel geweſen wäre, daß die beiden jungen Leute ſich ſchon längſt näher kannten und ein⸗ ander auch nicht gleichgültig ſeien, ſo hätten dieſe Zweifel jetzt ſchwinden müſſen, denn ſowohl Simon als Mary wurden feuerroth und die Freude ſich wiederzuſehen, leuch⸗ tete unverkennbar aus ihren Augen. Ja dieſe Freude war ſo groß, daß auch der etwas ſchwerer faſſende John zu begreifen anfing, was dieß zu bedeuten habe, und ur⸗ plötzlich von der wildeſten Eiferſucht ergriffen von ſei⸗ nem Stuhle, auf den er ſich eben niedergelaſſen hatte, aufſprang, offenbar in der Abſicht, gegen den Simon Girty anzuſtürmen! Zum Glück übrigens bemerkte dieß ſein Vater noch zur rechten Zeit, ehe der Fremdling und Mary in ihrem Entzücken etwas davon gewahr wurden, und riß ihn nicht nur mit einem kräftigen Griff zurück, Auch den andern Tag kam keines von ihnen wieder auf das geſtrige Thema zu ſprechen und von dem zu erwartenden Beſuche war ebenfalls nicht ein einziges Mal die Rede. Im Gegentheil ging Alles ſeiner ge⸗ wohnten Arbeit nach, und beſonders der alte Eſtill zeigte ſich ſtrenger und eifriger, denn je. Nur konnte man bemerken, daß er der Mary hie und da einen prüfenden Blick zuwarf, wie um ſie zu ſondiren, und daß dieſe etwas bleicher, als ſonſt, ausſah, wie wenn ſie eine ſchlafloſe Nacht zugebracht hätte. So kam der Mittag heran, ohne daß ſich etwas beſonderes ereignet hätte; allein gerade wie man ſich zum Eſſen ſetzte, hörte man den Galopp eines Pferdes und gleich darauf ſprengte ein Reiter vor das Haus. „Das iſt ſicherlich Simon Girty, der neue Nach⸗ bar,“ ſagte jetzt der alte Eſtill.„Gehe ihm entgegen, John, und heiße ihn willkommen, du aber, Mary, lege noch ein Gedeck auf, denn der Fremdling wird natürlich unſer Gaſt ſein.“ So ſprechend fixirte er ſeine Nichte wiederum genau und ſiehe da, er fand dieſelbe ſo aufgeregt, daß dieß ſelbſt einem weniger ſcharfen Beobachter hätte auffallen müſſen. Eine tiefe Zornesröthe ſtieg ihm ins Geſicht und ſeine Augen funkelten wild, als er dies bemerkte; aber er äußerte nichts, da eben der Fremdling ins Zim⸗ mer trat. Dieſer war in der That ein noch junger Mann von kaum fünfundzwanzig Jahren, dem man wohl anſah, daß er noch nicht lange in der Wildniß zugebracht habe, denn ſeine Wangen hatten ſich noch nicht gebräunt und ſeine Hände zeigten ſich weder rauh noch ſchwielig. Dagegen aber reichte ſein Wuchs über gewöhnliche Man⸗ nesgröße und in ſeinen Gliedern ſchien eine faſt athle⸗ tiſche Kraft zu liegen. Damit ſtimmte ſein kühnes, ent⸗ ſchloſſenes Auge gar vortrefflich zuſammen und nicht minder ſeine breite, verſtändige Stirn; die ſtarken Au⸗ genbraunen jedoch ließen das Geſicht etwas finſter und rachſüchtig erſcheinen, und nur wenn er lächelte, ver⸗ ſchwand dieſer Eindruck wieder. „Gott zum Gruße, Simon Girty,“ rief der alte Eſtill, der alſobald ſeine ganze Faſſung wieder gewonnen ſondern bedeutete ihm auch, ſich gewaltſam zuſammenzu⸗ nehmen, daß er ſich nicht verrathe. „Ha,“ knirſchte der Sohn wüthend, obwohl in lei⸗ ſem Flüſterworte,„ich ſoll geduldig zuſehen, wie die, welche mein Weib zu werden beſtimmt iſt, mit einem Andern Liebesworte wechſelt? Hindere mich nicht länger, Vater, ſondern laß mich ihn niederſchlagen, wie man einem Räuber thut, der Einem ſeinen Schatz zu ſtehlen im Begriffe iſt.“ „Stille, du Thor,“ erwiederte der Alte noch leiſer, aber zugleich in ſo befehlendem Tone, daß der Andere ſich unwillkürlich fügte.„Durch eine ſolche Handlungs⸗ weiſe würdeſt du ſie nothwendig verlieren; ich aber will dir den Weg zeigen, wie du ſie ebenſo nothwendig ge⸗ winnen mußt.“ Kaum waren dieſe Worte gewechſelt, ſo erwachten auch die zwei jungen Leutchen aus ihren Träumen zur— Wirklichkeit und Simon Girty entſchuldigte ſich ſofort, daß er ſich von der Freude, eine Jugendfreundin ſo un⸗ verhofft wieder getroffen zu haben, faſt zu weit habe hinreißen laſſen. „Hoho,“ lachte nun der alte Eſtill laut auf, wie wenn er in der cordialſten Stimmung wäre;„da braucht's wahrhaftig keiner Entſchuldigung, denn ich bin auch einmal jung geweſen und weiß was Jugendfreund⸗ ſchaft iſt. Ihr ſeid mir im Gegentheil jetzt doppelt willkommen, da ich ſehe, welchen Antheil meine theure Mary an Euch nimmt.“ Dieſen Ton behielt der alte Eſtill den ganzen Nach⸗ mittag, ſo lange Simon Girty in ſeinem Hauſe ver⸗ weilte, bei und auch ſein Sohn John ſtimmte hie und da ein, obwohl man ſeinen Reden das Gezwungene an⸗ hörte. Doch eben ſo ſehr, als ſie ſich beſtrebten, dem Fremdling eine zwar rauhe aber herzliche Außenſeite zu zeigen, eben ſo ſehr gaben ſie ſich auch Mühe, jedes fernere Zwiegeſpräch zwiſchen Simon und Mary zu verhindern, und davon war ohnehin nicht die Rede, daß ſie die Beiden allein bei einander gelaſſen hätten.„Sie ſollen ſich nicht unter einander verſtändigen,“ dachte der alte Eſtill,„und noch weniger ſoll ſie ihm einen Wink geben, daß er vor uns auf der Hut ſein müſſe.“ So kam der Abend herbei, und Simon Girty mußte nun daran denken, Abſchied zu nehmen, denn er war natür⸗ + e mich, dufe erden.“ hergich, ſtrecke; wieder iſtill je beiden d ein⸗ zweifel Mary uleuch⸗ Frende e John und ur⸗ don ſei⸗ hatte, Simon kte dieß ing und vurden, zurück, menzu⸗ in lei⸗ vie die, einem länger, die man ſtehlen leiſer, Andere dlungs⸗ ber will dig g wachten - 35—— lich mit der Gegend noch nicht bekannt genug, um ſei⸗ nen Weg in dunkler Nacht nach Hauſe zu finden. „Alſo habt ihr wirklich ernſtlich im Sinne,“ ſagte jetzt der alte Eſtill, als ſie alle aufgeſtanden waren, um den Gaſt vors Zimmer hinaus zu begleiten,„Euch bei der Rothwildquelle, wie wir ſie nennen, niederzulaſſen und für immer in Kenntucky zu bleiben?“ „Ja,“ erwiederte Simon mit einem unwillkürlichen Blick auf Mary,„mein Entſchluß ſteht feſt. Verließ ich doch meine bisherige Heimath aus keinem andern Grunde, als nur mir hier herum einen paſſenden Land⸗ ſtrich zu einer Farm oder Plantage auszuleſen! Natür⸗ lich aber muß ich, wie ich Euch ſchon einmal ſagte, vorher noch einmal nach Charlottepoint zurückreiten, um meine dortigen Sachen in Ordnung zu bringen und einige Dienerſchaft zu holen, denn hier herum kann der Sohn ſeinen Worten keinen Glauben zu ſchenken man doch keine Leute auftreiben.“ „Ganz klug ausgedacht,“ entgegnete der Alte trocken. mehr zurückkehren kann.“ „Und bis wenn gedenkt Ihr dieſen Ritt anzutreten?“ „Natürlich, gleich morgen,“ erklärte Simon Girty. mit einem abermaligen Blicke auf Mary, der dieſer das Blut in die Wangen jagte.„Es iſt meine Sache nicht, einen einmal gefaßten Entſchluß nicht auch ſogleich zur Ausführung zu bringen, und ich ſehne mich ordentlich darnach, recht bald mit Allem im Reinen zn ſein.“ Unter ſolchen Geſprächen traten ſie vors Haus und hier nun verabſchiedete ſich Simon Girty, indem er Jedem der Reihe nach die Hand gab. Er war offen⸗ bar voll froher Hoffnungen und in dieſer Stimmung ſprengte er in der Richtung fort, welche nach der Roth⸗ wildquelle hinführte, die beiden Eſtill's aber nebſt der Mary kehrten ins Wohnzimmer zurück, um ſich bald darauf nach eingenommener Abendmahlzeit zur nächt⸗ lichen Ruhe zu begeben. „Wir müſſen heute zeitig zu Bette gehen,“ meinte der alte Eſtill,„denn John und ich haben morgen eine harte Tagesarbeit vor und du Mary, wirſt nach der heutigen Aufregung wohl auch einiger Ruhe bedürfen. nen zu. Na Mädchen werde mir nicht roth,“ ſetzte er dann noch iit habe †, wie ich bin freund⸗ doppelt . theure — = = 8S. mit einem reichen Lachen hinzu,„und thue nicht ſo verſchämt und zimpferlich. Es iſt ein prächtiger Burſch, der Simon Girty, und wenn ich ein Frauenzimmer wäre, würde er mir auch gefallen.“ Mit dieſen Worten ſagte er ſeiner Nichte gute Nacht und begab ſich ſofort in ſein Schlafgemach; aber vom „zeitigen Bettgehen“, deſſen er ſo eben erwähnt, war durchaus keine Rede. Ja nicht einmal Anſtalt machte er dazu, ſondern er warf ſich vielmehr angekleidet, wie er war, auf einen Stuhl und ſtützte den Kopf in die Hand, wie wenn er über etwas Wichtiges nachzudenken hätte. Wohl eine ganze Stunde ſaß er ſo da, ohne das geringſte Geräuſch zu machen; dann horchte er plötzlich aufmerkſam, und wie er ſich ſofort überzeugte, daß im ganzen Hauſe Alles ſtill ſei, zog er ſeine Schuhe aus und ſchlich ſich auf den Socken nach dem Schlaf⸗ gemach ſeines Sohnes. Eigenthümlicherweiſe übrigens war auch dieſer nicht zu Bette gegangen, ſondern ſchien vielmehr ſeinen Vater erwartet zu haben, denn in ſei⸗ nem Geſicht lag eine furchtbare Ungeduld, wenn nicht gar ein grimmiger Zorn und eine nur mit Mühe zu⸗ rück gehaltene Wuth. „Endlich, Vater,“ ſagte der Sohn mit einem der⸗ ben Fluche. „Stille, John,“ erwiederte der Alte, den Zeigfinger auf die Lippen legend.„Mach nicht, daß einer von der Dienerſchaft oder gar die Mary erwacht. Alle Welt muß vielmehr glauben, daß wir im tiefſten Schlaf be⸗ graben liegen.“ „Bei der Hölle,“ entgegnete der Sohn, ſeine Stimme unwillkürlich etwas mäßigend,„du fängſt an ſo vor⸗ ſichtig zu werden, als wäreſt du Mitglied einer Bet⸗ brudergeſellſchaft. Aber nun ſtelle mich nicht länger auf die Probe, ſondern ſage, was du ausgedacht haſt.“ „Einfach das, daß die Mary den Simon Girty nie mehr zu ſehen bekommen wird,“ meinte der Vater in ſeiner gewohnten herben trockenen Weiſe. „Nicht mehr zu ſehen bekommen wird?“ höhnte der Sohn.„Aber wie willſt du dies verhindern?“ „Dadurch,“ war die Antwort,„daß Girty nicht mehr in die Gegend zurückkehrt. Lache nicht ſo ungläu⸗ big, du dummer Teufel, du,“ fügte er ſofort hinzu, als ſchien,„ich will ſchon machen, daß der Burſche nie „Aber wie, wie?“ fragte John in unendlicher Haſt. „So!“ entgegnete der Vater, ſeinem Sohne ein paar Worte ins Ohr flüſternd. Wie dieſe Worte lauteten, können wir nicht ſagen, aber ihr Inhalt mußte ein ſchrecklicher ſein, denn ſelbſt der rohe und wüſte John fuhr zurück, als ob ihn eine Natter geſtochen hätte. „Nun, haſt du etwa Angſt?“ ſagte jetzt der Vater verächtlich. „Nein,“ rief der Sohn, der ſich alsbald wieder faßte und deſſen Augen um ſo wilder leuchteten, wie die eines Tigers.„Nein und noch einmal nein. Aber glaubſt du, daß wir auf dieſe Weiſe zum Ziele kom⸗ men?“ „Unfehlbar!“ entſchied der alte Eſtill.„Sie wird glauben, daß er in ſeine Heimath zurückgeritten ſei und wenn er dann nicht wiederkehrt, ſo können wir ſie leicht überzeugen, daß er abſichtlich nicht komme, um die Be⸗ kanntſchaft mit ihr nicht fortſetzen zu müſſen. Glaubt ſie aber erſt dies, dann iſt es ein Leichtes für dich, Hahn im Korbe zu werden, denn ein Frauenzimmer, das ſich zurückgeſetzt ſieht, heirathet um ſich zu rächen, ſogar den Nächſten Beſten.“ „Aber wenn ſie,“ warf der Sohn ein,„durch einen ſchlimmen Zufall erfahren ſollte, daß der Simon gar nie nach Charlottepoint zurückgekehrt ſei, wie dann?“ „Ei nun,“ entgegnete der Alte,„dann wird ſie glau⸗ ben, daß ihm unterwegs auf der Reiſe dahin ein Un⸗ glück begegnete, und wenn ſie ihn dann eine Zeitlang betrauert hat, ſo tröſtet ſie ſich ganz ſicherlich mit dir.“ „Gut alſo,“ ſagte nun der Sohn entſchloſſen. „Wann gehen wir?“. „Jetzt gleich,“ entgegnete der Alte,„denn es iſt eine ziemliche Entfernung.“. „Alſo zu Fuße?“ fragte der Sohn. „Natürlich,“ verſetzte der Andere.„Wenn wir Pferde nähmen, ſo wüßten morgen die Knechte, daß wir heute Nacht fortgeritten ſeien; ich aber will, daß uns niemand im Verdacht haben ſoll, als hätten wir mit dem Verſchwinden des Simon Girty irgend etwas zu thun.“ Nun wurde kein Wort weiter gewechſelt, ſondern Jeder von ihnen bewaffnete ſich ſofort mit Meſſer und Piſtole, und dann ſchlichen ſie ſich geräuſchlos die Treppe hinab, um gleich darauf das Haus, wie ſie meinten, völlig unbemerkt zu verlaſſen. Hierin aber ſollten ſie 5* ſich doch täuſchen und zwar wurden ſie von Jemanden beobachtet, den ſie am allerwenigſten in ihr Geheimniß eingeweiht wiſſen wollten. Nachdem nämlich Mary ſich auf ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte, war es ihr rein unmöglich, im Augenblick jene Ruhe zu ſinden, welche dem Eintritt des Schlafes vorauszugehen pflegt. Wie wäre dies nach dem aufregenden Begegniß von heute auch nur denkbar geweſen? Sie hatte ihn wieder geſehen, den ſie immer im Herzen getragen, der aber zu ihrer innigſten Be⸗ trübniß lange, lange vor dem Tode ihrer Mutter eine große Reiſe angetreten hatte und folglich während jenes traurigen Abſchnittes ihres Lebens gar nicht anweſend geweſen war, um ſie zu tröſten und ihr mit Rath und That beizuſtehen! Sie hatte ihn wieder geſehen, den Simon Girty, und durfte ſich ſogar geſtehen, daß er ſie nicht vergeſſen, nein, daß er ihr nachgereist ſei! Mußte dieſer Gedanke ſie nicht mit unendlicher Wonne erfüllen? Ja hatte ſie nicht Urſache, mit Jubel der Zukunft entgegenzublicken? Doch ſiehe da, plötzlich er⸗ innerte ſie ſich ihrer eigenthümlichen Lage im Hauſe des Oheims, denn natürlich hatte es ihr nicht entgehen können, daß der alte Eſtill gewiſſe Abſichten im Herzen trage, mit welchen ſein Sohn ganz einverſtanden ſei. Ein offener und ungeſchmückter Heirathsantrag war ihr bis jetzt allerdings nicht gemacht worden, allein ſie ſah nur zu gut ein, wohinaus Vater und Sohn wollten. Und nun, woher kam es denn, daß ihr Ohm heute auf einmal alle ſeine früheren Pläne vergeſſen zu haben ſchien? Woher kam es denn, daß er den Simon Girty, der doch ſeinerſeits ſeine wahre Geſinnung gar nicht ver⸗ barg, ſo gar cordial behandelte, und daß ſogar ſein Sohn, der wilde John, hierin mit ihm übereinſtimmte? Sollten vielleicht Beide planmäßig ſo verfahren ſein? - 36 Erſchreckt fuhr ſie auf, denn ſo jung und unerfahren ſie auch ſein mochte, ſo beſaß ſie doch Verſtand genug, um einzuſehen, daß dieſe beiden Männer, deren Ge⸗ Die Tante Von Ida von Erſte Abtheilung. Erſtes Kapitel. Die Stadt und das Haus. Von manchen Menſchen kann man ſich gar nicht recht vorſtellen, ſie könnten auch einſt jung oder gar Kinder geweſen ſein. So auch von der Tante Gün⸗ thern. Wenn man ſie herum huſcheln ſah draußen und drinnen, in der Küche und in der Holzkammer, auf der Straße und auf dem Markt, immer ſo wunderlich angethan,— angezogen kann man nicht ſagen— wenn man die kleine Geſtalt mit dem guten alten Geſicht und dem unordentlichen grauen Haar ſo um ſich herum⸗ wirthſchaften ſah, oder ſie vor ſich ſitzen hatte und aus ihren ehrlichen grauen Augen ſo herzlich getreu ange⸗ ſehen wurde, dann wollte es einem durchaus nicht in! müth keine Weichheit kannte und die in dem wilden Lande mitverwildert waren, nicht nur ſo ohne Weiteres auf einen längſt gehegten Plan verzichtet haben könnten. In dieſem Augenblicke hörte ſie ein leiſes Geräuſch, wie wenn Jemand über den Corridor ſchleiche und in⸗ ſtinktmäßig löſchte ſie ihr Licht, damit man glaube, ſie liege im Schlafe. Lautlos mit zurückgehaltenem Athem lauſchte ſie, und richtig, da ging eine Thüre und ihr feines Gehör ſagte ihr ſogleich, welche Thüre es ge⸗ weſen ſei. Nun öffnete ſie leiſe eine Spalte ihrer eigenen Thüre und horchte wiederum mit Anſtrengung aller ihrer Nerven. Sie hörte flüſtern. Was geflü— ſtert wurde, konnte ſie nicht unterſcheiden, aber daß die Flüſternden Vater und Sohn ſeien, darauf hätte ſie einen Eid ablegen können! Was hatten die Beiden ſo heimlich beiſammen zu thun, während doch der Ohm, offenbar um ſie zu täuſchen, vom baldigen Bettgehen geſprochen? Eine furchtbare Angſt überkam ſie und eine innere Stimme rief ihr zu, daß hier etwas Schlimmes verabredet werde. Gegen wen anders aber konnte die Verabredung gerichtet ſein, als nur allein gegen ihn, der ſo plötzlich den Plänen ihres Ohms und Vetters in die Quere gekommen war? Betend fiel ſie auf ihre Knie; doch horch, was war das? Die beiden Männer huſchten mit abgezogenen Schuhen auf den Socken zum Hauſe hinaus! Sie wollten alſo das, was ſie vorhatten, um jeden Preis verborgen halten und folglich mußte dieſes Vorhaben nicht blos ein ſchlimmes, ſondern ge⸗ radezu ein verbrecheriſches ſein! Nun beſann ſie ſich keine Minute länger, ſondern huſchte hinter ihnen drein zum Hauſe hinaus. Die Dunkelheit war groß, doch konnte ſie die beiden Geſtalten genau unterſcheiden und ſogar Waffen ſah ſie an ihnen blinken. Wohin aber gingen ſie? Großer Gott, in der Richtung nach dem Platze, wo Simon Girty ſeine Hütte aufgeſchlagen hatte! (Fortſetzung auf S. 49.) — — Zünthern. Düringsfeld. den Kopf, ſich die Tante Günthern als junges Mäd⸗ chen oder gar als hübſches Kind vorſtellen zu ſollen. Ja, war ſie hübſch geweſen? Ihre Schweſtern ſprachen nie davon. Es kann aber doch der Fall ge⸗ weſen ſein, nur war es ſo lange her, daß ſie es ver⸗ geſſen haben mochten. Tante Günthern ſelbſt wußte Nichts mehr darüber,— hatte ſie es gewußt? Schwer⸗ lich. Sie hatte ſtets ſo wenig an ſich gedacht, hatte immer ſo viel an ihre Schweſtern zu denken gehabt. Es waren deren nicht weniger als fünf; eine ältere: vor der hatte ſie die gebührende Achtung,— vier jüngere: für die trug ſie mehr als gebührende Sorge. Amalie oder Malchen, ſo hieß Tante Günthern früher, war eine zweite Auflage der Mutter. Die Mutter war „eine feine Frau,“ die Tochter des Bergverwalters, des Beamten, welcher die Aufſicht über die ſämmtlichen Bergwerke im Lande hatte. Er ſelbſt beſaß einige, hinterließ überhaupt Vermögen. Auch wollte ſeine Wit nich ein Abe ben den Ado der der die Ell Fr —————ÿy 2 = „——— - 37 Fräulein. Wenn die Frankeſchen Töchter ſpäter, als üden Wittwe die einzige Tochter dem Herrn Adolph Franke teres nicht geben. Er was aus Dresden, guter Leute Kind, ſie erſt da waren, die Schweſter ihres Vaters beſuchten, nten. ein Sohn aus dem goldenen Engel in der Schloßgaſſe. welche in Dresden geblieben und verheirathet war, ſo uſch, Aber die Familie war durch den Krieg, durch den ſie⸗ wurden ſie ſtets als„wertheſtes oder geſchätzteſtes din⸗ benjährigen nämlich, in ihrem Wohlſtand geſtört wor- Mammſell Mühmchen“ angeredet. ſie den und dann allmählich ſo herabgekommen, daß Herr Ihre Geburtsſtadt war ein wunderlicher Ort. Ei⸗ them Adolph Franke recht froh war, als er mit ſeinem Bru⸗ gentlich was man ſo für gewöhnlich ein Neſt nennt, ihr der durch einen einflußreichen Verwandten dem Rath aber dabei„kurios“ und geſchichtlich intereſſant. Die ge⸗ der alten kurſächſiſchen Fürſtenſtadt empfohlen wurde, gute Stadt hatte verſchiedene hiſtoriſche Rubriken. Er— hrer die jetzt eine königlich preußiſche Feſtung iſt, an der ſtens eine Fürſtengeſchichte. Die Kurfürſten von Sach⸗ dung Elbe liegt, und der Geburtsort der ſechs Mamſellen ſen hatten hier reſidirt, gejagt, ihre Beilager und Heim⸗ pelü⸗ Franke werden ſollte, denn damals ſagte man noch nicht fahrten gehalten. Peter der Große hatte hier die Ver⸗ ß die te ſie en ſo Ohm, gehen eine mmes te die ihn, tters ihre nner zum atten, nußte n ge⸗ e ſich drein doch und Gi lagen a I ſ ſrſßhae Wee Ali— Des Kammerſchreibers Haus; S. 38. Mü⸗ mählung ſeines hoffnungsvollen Sohnes Alexis mit der wollte. Luther ſeinerſeits that der Stadt viel Ehre an, N armen Sophie von Braunſchweig gefeiert. Das hieſige weihte die erſte evangeliſche Kirche ein, predigte auch lle. Schloß war ſolcher Ehren werth. Obgleich es durch V ſonſt oft und ſagte, wie es ſeine Art war, von hier ꝛſtern Brand hort mitgenommen wurde und durch Abtragen aus den Fürſten ſowohl wie dem Teufel die Wahrheit. l ge ſeinen ſchönſten Thurm verlor, ſteht es doch heutzutage Seine Frau kam hierher, um elendiglich zu ſterben; bel- noch ſtattlich und maleriſch an der Elbe, und damals die Stadt, welche ihr das vergönnt hatte, ließ ſie auch wußte ſtellte es ſich ſo dar, daß ſelbſt Karl V— Karl V noch begraben und ſetzte ihr ein Denkmal, das noch jwer⸗ muß überall etwas über etwas geſagt haben, gerade jetzt zu ſehen iſt. Endlich hat die Stadt ihre Friedens⸗ hatte wie Napoleon— im Vorüberziehen äußerte, es ſei eine b geſchichte. Gewiß an fünf Mal war der alte Fritz thabt. rechte kaiſerliche Burg. Dann hat die Stadt ihre Re⸗ hier durchgezogen, wenn er Sachſen ſeine unwillkom⸗ ltere: formationsgeſchichte. Lather war in ihr faſt ebenſo menen Beſuche abſtattete. Einmal hatte ſeine Anweſen⸗ vier dal ſim wie in Wittenberg. Wenn es ihm dort ſchlecht heit den Rath nicht weniger als vier Klafter Holz und Sorge: ging, kam er hierher. Die Stadt liebte ihn ungemein, ein Stück Wild gekoſtet, welches eigentlich für die Kur⸗ rüher,„ um ihm das zu beweiſen, Nonnen ſtehlen und fürſtin in Dresden beſtimmt geweſen war. Ein anderes rwar nziskaner vertreiben. Einmal ſchlugen einige ihrer Mal war er in einer der abſchüſſigen Straßen, die zum 3, des br ſchloſſenſter Defenſioner— ſo wurden die wehrhaf⸗ Markte führen, auf dem Glatteis gefallen. Bei ſeinem llichen geſ Bürger genannt,— ſogar eine päpſtliche Geſandt⸗ erſten Beſuche war er in einer Fabrik abgetreten, die einige n mafft todt, welche auf der Elbe zum Kaiſer fahren einem Kammerrath gehörte. Sie ſtand an der Ecke, ſeine d öèNRèẽ„„„»„„—!—⅜—8ͥ”·*„‧⅜—⅜†⅜——⏑ℳʒ—ür·né· hatte. 4 38— der Negerapotheke gegenüber, ging mit einer Seite auf den Markt, mit der andern auf den Fleiſchmarkt und war früher das Rathhaus geweſen, weshalb ſie auch, gleich dieſem einen ſchönen Erker und einen hohen Thurm Das neue Rathhaus mit ſeinen drei Front⸗ giebeln und ſeinen drei Thürmchen lag ihr ſchräge gegenüber, wo es die ganze Weſtſeite des Marktes bil⸗ dete. Hinter ihm ſtanden zwei Thürme einer abge⸗ brochenen Kirche mit ſtarken ſchönen Glocken, die bei großen Gelegenheiten, z. B. an den erſten Feiertagen der drei hohen Feſte läuteten und zwar ſchon früh um vier, damit es feierlicher klänge. Auf der rechten Ecke des Rathhauſes hing in dem kleinen, ſpitzen, zierlichen Säulenthürmchen, eine kleine Glocke, die läutete jeden Wochentag um zwei Uhr nach Tiſche den Rath zuſam— men. Ein ſchlechter Volksreim ſagte, wenn man ſie hörte: Zieh' das Hemd aus, Trag's auf's Rathhaus, der Herr Kammerſchreiber indeſſen befolgte dieſen un⸗ artigen Rath nicht,— er begab ſich im Gegentheil ſtets in allem ſtaatlichen Anzug auf die Kämmerei, welche unter der einladenden Glocke im zweiten Stock lag. Schnallenſchuhe und graue Strümpfe, Frack, weiße Halsbinde, Haarbeutel, Nichts fehlte an der Amtstracht des Herrn Adolph Franke, denn ihm war das Amt des Kammerſchreibers zu Theil geworden und einige Zeit darauf,„da er ſo gut gegen die Armen war,“ auch die Tochter des verſtorbenen Bergverwalters. Mit dem Gelde ſeiner Frau kaufte er die frühere Fabrik, das ehemalige Rathhaus. Der Kammerrath war geſtorben, ſeine zwei Töchter erbten das Haus; die eine war ſchreck⸗ lich böſe und ging doppelt. Eines Tages, als ſie ſich wieder auf der Treppe entgegenkam, wurde ſie ſo wü⸗ thend, daß ſie ſich das große Schlüſſelbund von der Schürze riß und es ihrem Nebenbilde mit dem freund⸗ ſchaftlichen Erſuchen:„geh' zum Teufel!“ an den Kopf warf. Das Doppelbild mußte über eine ſolche unhöf⸗ liche Behandlung allzuſehr erſchrocken ſein, es ließ ſich nicht wieder blicken, und man merkte auch ſpäter, als der Kammerſchreiber das Haus für den Preis von vier⸗ hundert Thalern erſtanden hatte, nichts Unheimliches mehr darinnen. Natürlich mußte er es erſt ausbauen laſſen, bevor er es bewohnen konnte, dann aber wurde es auch ſehr bequem und ſehr ſchön. S. Bild. In dieſem Hauſe nun wurden die ſechs Frankeſchen Mädchen theils geboren, theils groß, und es trug nicht wenig zu dem gewiſſen Stolz bei, durch welchen ſie ſich vor den übrigen Stadtkindern auszeichneten, daß ihr Vater Eigenthümer eines ſolchen Gebäudes war. Der Thurm beſonders galt für eine Auszeichnung, für einen ſchätzbaren und neidenswerthen Beſitz. Wenn es irgend etwas zu ſehen gab, mochte es nun ein Feuer ſein, welches der Schloßthürmer anzeigte, oder eine Ueberſchwemmung,— die Elbe machte es ſchon da⸗ mals ſo wie jetzt: ſie verdarb mit phlegmatiſchem Ueber⸗ laufen gern von Zeit zu Zeit einige unglückliche Wieſen — mochte es ſelbſt nur ein beſonders ſchöner Eisgang ſein, war es da nicht angenehm, auf„unſern Thurm“ ſteigen und ſich Alles mit Gemächlichkeit beſchauen zu können? Und wenn man„die Honneurs unſers Thur⸗ mes machen“ und Magiſters oder Senators, vielleicht gar Superintendents Mädchen einladen konnte, doch ein Bischen heraufzukommen, mußte das nicht ein Selbſt⸗ bewußtſein zund ein Uebergewicht geben, welches ſich unwillkürlich dem ganzen Betragen, ſelbſt dem ganzen innern Weſen mittheilte? Es war ſehr erklärlich, ſogar vollkommen natürlich, daß Kammerſchreibers Töchter ſich in ihrem Thurmhauſe mit einer gewiſſen Vornehm⸗ heit gegen die übrige Stadt abſchloſſen und von den Einwohnern derſelben immer nur als von den„Bör⸗ jern“ ſprachen. So klang der fremdartige niederdeutſche Laut, welcher ſich nebſt manchem andern und ſogar mit manchem in Sachſen ganz unbekannten Ausdruck durch die Ueberſiedelung vieler holländiſcher Tuchmacher in den Dialekt der Stadt eingeſchlichen und eingebür⸗ gert hatte. Die Frankeſchen Töchter ſagten auch weit mehr„unſer Dorm“ als„unſer Thurm.“ Aber Dorm oder Thurm, das war gleichviel, genug, daß die Mäd⸗ chen mit einer Art Protectorat auf die Stadt herab⸗ blickten und nur vor dem Magiſtrat, als vor der hohen Behörde, welcher der Papa untergeben war, einen heil⸗ ſamen Reſpekt hatten. Zweites Kapitel. Familienleben. Doch nicht der Thurm allein machte die Ueberlegen⸗ heit der Frankeſchen Töchter aus, auch in ihrer Klei⸗ dung unterſchieden ſie ſich vor ihren Geſpielinnen. „Was geht ihr geputzt!“ war ein Ausruf, den ſie oft zu hören bekamen. Das machte, ſie trugen ſtets Kra⸗ gen und waren bei den damaligen kurzen Aermeln nie ohne lange Nankinghandſchuhe. Lederhandſchuhe gab es noch wenig und nicht für ſie, auch Seide wurde nicht getragen, die Winterſpenzer waren von Caſimir. Das Haar trugen ſie alle gelockt und durch einen Kamm zuſammengehalten, und gekleidet waren ſie auch ſämmt⸗ lich in ein und denſelben Stoff— die Mutter kaufte immer ein ganzes Stück Zeug für ihre Mädchen. Es war eine verſtändige Frau die Mutter, häuslich und gottesfürchtig. Vor und nach ihrem Hausfrauentage⸗ werk las ſie ein Buch in zwei Bänden, mit gutem deutlichem Druck, mit verrünftiger Frömmigkeit d'rinnen, ruhigen gefaß⸗ ten Erinnerungen an die Vergänglichkeit der irdiſchen Dinge und die Unſtcherheit des eigenen Lebens, Er⸗ mahnungen zur geduldigen Erfullung der täglichen gro⸗ ßen und kleinen Pflichten, mit einem Worte ein ächtes Erbauungsbuch aus dem vorigen Jahrhundert, eine geſunde geiſtliche Koſt für Frauen und Kinder. Auch eine allgemeine Familienandacht fand Morgens und Abends ſtatt, der Vater las ein Gebet und ein Lied vor, die Töchter hörten ſtehend und mit gefalteten Händen zu, und dann erſt durften ſie ſich ſetzen und bekamen zu eſſen, früh Milch, Abends Suppe oder Bier, Brod, Butter und Käſe. Obſt lieferten ihnen ihre drei Gärten vor dem Thor; was ſie ſonſt brauch⸗ ten, die kleinen Nothwendigkeiten der Mädcheninduſtrie, die kleinen Putzſtücke für ihren Anzug, das Alles er⸗ hielten ſie von der Mutter in den Augenblicken des Bedürfniſſes oder an feierlichen Tagen, d. h. zum Ge⸗ burtsfeſt oder zu Weihnachten. An Geld gab eßggbei den Jahrmärkten, deren drei waren, zwei Groſchenwofrm Vater, und zwei von der Großmutter, der verwittuſr! Bergverwalterin. Um dieſe zwei Groſchen jedoch Es geſchrieben und gebeten werden— kein Bries eu Zweigroſchenſtück. Vierzehn Tage vor W kLälſe, mußten alle Mädchen zum Schuhmachermei ſchnie 4 Sturm's Morgen- und Abendandachten, N — zen gar hter jm⸗ den ör⸗ ſche gar uck her ür⸗ veit rm dad⸗ rab⸗ hen heil⸗ hta, — ——·—·‧˙,·„p’ê——— in der Breitengaſſe, welcher mit der Kundſchaft der Großmutter betraut war. Der nahm ihnen Maaß und am Weihnachtsabend um fünf Uhr, wo ſie mit den Eltern in Staat zur Großmutter hinzogen, fand jedes Mädchen ein Paar neue Schuh und einen Stollen. Die Stollen waren je von zwei zu zwei Groſchen theurer, ſo daß, wenn Tunchen, die Jüngſte, einen zu vier Groſchen erhielt, Guſtchen, die Aelteſte, einen von vierzehn Groſchen empfing. Für die Kleinen wurde noch Spielzeug beigefügt. War die Beſcheerung vor⸗ bei, ſo gingen die Eltern nach Hauſe, wohin die Mäd⸗ chen ihnen um ſechs Uhr folgten. - 39— V V und kleinere, alle aber gewiſſenhaft mit Quaſten ver⸗ ziert. Zu einigen Feſten wurden beſtimmte Speiſen ge⸗ geſſen, ſo am Andreas-, am Weihnachts⸗ und am Syl⸗ veſterabend Häring mit Aepfelſalat. An allen drei Abenden kam es beſonders darauf an, recht viel Roggen vom Häring zu eſſen, denn das brachte für das ganze Dann fanden ſie auf dem Tiſche, was im Hauſe eine„Peremitte“ hieß, für gewöhnlich eine Pyramide heißt. Der Weihnachts⸗ 9 war, obwohl der Kammerſchreiber die Aufklärung liebte baum war noch ſo wenig in der Mode wie die Seide und das Taſchengeld, indeſſen die„Peremitte“ that's auch. Der angenommenen Form der Pyramiden ent⸗ gegen war ſie rund und beſtand aus grünangeſtrichenen Holzreifen, die immer kleiner wurden, je höher ſie kamen. Auf dem höchſten, engſten, befand ſich etwas Feierliches, ein Engel, ein Stern oder eine Fahne, an den übrigen hing, was jetzt an den Weihnachtsbäumen hängt, vermiſcht mit kleinen Püppchen und kleinem Töpfergeſchirr. Einmal ward den kleineren Mädchen eine Bude beſcheert, ganz eingerichtet wie eine„wörk⸗ liche“, die hing aber nicht an der Peremitte, ſondern ſtand darunter und wurde als etwas höchſt Bedeutendes angeſehen, denn nun konnte man Markt ſpielen, das war den Mädchen geläufig: der Vater hatte als Kam⸗ merſchreiber das Vergeben der Marktplätze, das benutzte er, ließ Buden bauen und vermiethete die zugleich mit den Plätzen. Das Budengeld machte das Privatein⸗ kommen der Mutter aus; im Ganzen war die Familie wohlhabend, ſelbſt bei den damaligen ſchlechten Zeiten. Einmal geriethen die Eltern in Schrecken: ſie hatten eine Menge Hamburger Bankſcheine; um die Zinſen davon zu erheben, gab Herr Franke ſie einem Neffen mit, der in Dresden angeſtellt war. Unglücklicherweiſe wurde der arme Menſch gerade in dieſer Zeit verrückt und ſchnitt ſich kurz und gut den Hals ab, nachdem er mit ſeinen ſämmtlichen Papieren ein Brandopfer an⸗ geſtellt, und dabei auch die Bankſcheine ſeines Onkels mitverbrannt hatte. Wenn Herr Franke als ordent⸗ licher Geſchäftsmann nicht die Nummern ſeiner Scheine aufgeſchrieben gehabt hätte, er wäre„d'rum geweſen“; ſo kam er ohne Verluſt davon, denn ſie wurden ihm neu ausgeſtellt, nur hatte er Mühe und Schreiberei. Dieſes Begegniß machte ihn noch vorſichtiger, als er Jahr Geld. Aus demſelben Grunde erſchien am Neu— jahrstage Milchhirſe auf der Mittagstafel, obgleich manche Familien es noch beſſer machten, indem ſie Klöße aßen,„denn die Klöße bedeuteten großes Geld, während die Hirſe nur Kleines vorſtellte.“ Man er⸗ ſieht aus dieſen Vorſichtsmaßregeln, daß in der Familie ein gutes Theil angeerbten Aberglaubens im Gange und lehrte und z. B. nie geſtattete, daß am Andreas⸗ abend der Knecht Ruprecht die Mädchen in Furcht ſetzte, ſondern die nöthigen Aepfel und Nüſſe vernünf⸗ tig proſaiſch„hereinwerfen“ ließ. Die Reihe der my⸗ ſtiſch gebotenen Speiſen wurde am Johannisabend durch eine kalte„Semmelmilch“ geſchloſſen. Jeden Sonntag Morgen nach der Kirche fand ein Beſuch bei dem Bruder des Vaters ſtatt, der ebenfalls einen Vertrauenspoſten bei der Stadtverwaltung erhal⸗ ten hatte und ſeine jungen Gäſte jedes Mal mit Sem⸗ mel und Wein„traktirte.“ Zu einer der großen könig⸗ lichen Jagden, welche in der Nachbarſchaft gehalten wurden, fuhr der Vater wohl bisweilen mit der Mutter und einigen von den„Mädchens“ abwechſelnd, ebenſo zu irgend einem Manöver. Das größte Feſt war und blieb der„Auszug der Geharniſchten,“ mit welchem Feſt es eine ernſthafte geſchichtliche Bewandtniß hatte. Die Bürger einer etwa ſechs Meilen entfernten Stadt hatten ſich geweigert, dem Kurfürſten die ver⸗ langten Gelder für den Türkenkrieg zu zahlen, und der Kurfürſt hatte den„Defenſionern“ ſeiner damaligen Reſidenz aufgetragen, die Widerſpenſtigen zu züchtigen, und ſie„zur Raiſon zu bringen.“ Die Defenſioner, ſieben bis achthundert an der Zahl, zogen gehorſam aus, kamen vor die Stadt, die ſich ſo ungebührlich be⸗ ohnedies ſchon war; im Ganzen konnte man ihn nie ten der umliegenden Teiche abzuhalten der Kurfürſt den eines Leichtſinns oder einer Fahrläſſigkeit beſchuldigen, und die gute bürgerliche Tugend der Sparſamkeit beſaß die Mutter. Einfach, wenn auch hinreichend war die ganze Lebensart der Familie: die Mutter wollte ſich ſogar den Kaffee abgewöhnen, weil er zu theuer ſei, aber der Kammerſchreiber ſagte: ‚da komm' du mir mit! Auch zum Geburtstage jeder Tochter mußte der Kuchen gebacken oder gekauft werden, den jede am lieb⸗ ſten aß. Deßgleichen brannten auf dem Frühſtückstiſche ſo viele Wachsſtöckchen wie die Gefeierte Jahre zählte, um das Lebenslicht her, welches dreifach zuſammenge⸗ wunden, drei Flammen zeigte. An den Geburtsfeſten der Eltern brannten keine Lichter, aber die Töchter brachten Geſchenke, welche für den Vater meiſtens in geſtrickten Schlafmützen beſtanden. Der würdige Kam⸗ merſchreiber hatte eine ganze Sammlung davon, größere trug, nahmen ſie ein und„brachten ſie zur Raiſon,“ Alles an einem Palmſonntag des ſechszehnten Jahr⸗ hunderts. Zur Belohnung ſchenkte ihnen der Kurfürſt aus ſeiner Harniſchkammer dreihundert vollſtändige Rüſtungen— die Fraubaſenſage fabelt ſogar von acht⸗ hundert. So viel waren es in keinem Falle, doch immer hinreichend, um ſehr ſtattlich zu den kriegeriſchen Uebungen auszuziehen, welche jedes Jahr vom Palm⸗ ſonntag an drei Tage auf einem Anger bei dem größ⸗ Defenſionern zum Andenken an ihre Tapferkeit auf ewige Zeiten geſtattet hatte. Im Anfange zogen ſie genau an dem beſtimmten Tage aus, aber um die kriegeriſchen Uebungen ſchloß ſich allmählig als luſtiger Rahmen ein Feſt für Weib und Kind, für Landvolk und Gaſſenjugend. Zu einem Volksfeſt im Freien jedoch iſt es bei dem Klima, deſſen die gute Stadt ſich zu erfreuen hat, um Palmſonntag herum nun für alle Mal zu kalt, das ſahen die Defenſioner nach verſchie⸗ denen ernſthaften Erkältungen unwiderleglich ein, und ſo wurde denn das Feſt vom hohen Magiſtrat mit all⸗ gemeiner Zuſtimmung auf den Donnerſtag nach Pfing⸗ ſten verlegt, an welchem Tage es noch jetzt gefeiert. wird. Leider ſind im Laufe der Jahre viele von den Rüſtungen, welche der Obhut der einzelnen Bürger an⸗ 6 „* 5 5 8 — 40— vertraut waren, ſchmählich zu Schanden und verloren gegangen, aber zu der Zeit, wo die Frankeſchen Töch⸗ ter noch jung waren, hatte man erſt wenige Verluſte dieſer Art zu beklagen, und die Pikeniere zu Pferde, ſo⸗ wie die Pikeniere zu Fuß zogen, jene mit Trompetern, dieſe mit Janitſcharenmuſik von Türken, vollzählig und prächtig auf den Markt, um ſich dort in Parade aufzuſtellen und ihre Fahnen, ſehr alte und ſehr ehr⸗ würdig zerfetzte Banner, aus dem Rathszimmer abholen zu laſſen, wo ſie das Jahr über verwahrt wurden. Außer dieſen beiden Com⸗ pagnien gab es noch eine von Grenadieren, und alle drei zogen mit einem wahren Cometenſchweif von Gaſſenbuben, welche in der guten Stadt ſeit undenklichen Zeiten immer ausgezeichnet gediehen wa⸗ ren, hinaus auf den Anger, der ſchon einige Tage vor⸗ her in ein Lager von Zel⸗ ten verwandelt worden war. In den großen wurde getanzt, getrunken, gewürfelt, in den kleinen ſaßen die Familien der Defenſioner, von denen jede ihr eigenes beſuß. Möglichſt ſchön geſchmückt und eingerichtet, dienten dieſe Zelte ihnen für die drei Tage zur Putzſtube und Küche, manchen ſogar auch zur Nachtherberge. Herr Franke führte ſeine Frau und ſeine Töchter in das große Zelt des Magiſtrats: die Familie war nun ein für allemal(Siehe denen voraus, mit welchen acker“, ſtatt Frühling„Lenz“. 7 ſie, dem Vermögen und dem Range nach, auf gleicher Stufe hätte ſtehen ſollen. Drittes Kapitel. Die„Mädchens.“ Obgleich die„Mädchens“ nur wie die andern ge⸗ kleidet und gehalten wurden, und eine jede Parteilichkeit icht vermieden, ſondern gar nicht erſt als möglich an⸗ genommen wurde, ſo waren kleine Unterſchiede doch vorhanden. Nicht von Seiten des Vaters, der umfaßte alle Kinder ſeines Hauſes mit derſelben gelaſſenen und ſchätzenden Sorglichkeit und liebte nur die Frau mehr als Alles, aber wohl in dem Herzen der Mutter und auch in der Neigung der Schweſtern zueinander. Auguſte, die Aelteſte, war damals, im Jahre 1810 bereits vierundzwanzig Jahre alt. Sie glich der Mut⸗ ter, war nur weniger hübſch als dieſe geweſen ſein ſollte. Perſon mit einem großen Aufhebeſinn, Knöpfe, Bän⸗ der, Haken, Stecknadeln, Alles, was ſich beim Ar— beiten, Anziehen oder ſonſt zu verlieren etwa Miene Handſchuhe, gefallen zu laſſen, das war etwas Anderes. Wegen angehalten, kam in Auguſtens Schubfächer und daraus ſicher bei der paſſendſten Gelegenheit wieder zum Vorſchein und zur neuen Anwendung. Zugleich war Auguſte die Wohlrednerin der Familie. Wenn etwas beſonderes geſagt werden ſollte, ſagte ſie es am Beſten. Aber ſie überlegte ſich auch Alles und wandte nie All⸗ tagsworte an. Niemand hatte von ihr je den Ausdruck Geburtstag gehört, ſie ſagte ſtets„Wiegenfeſt“. Eben⸗ ſo ſtatt Kirche„Gotteshaus“, ſtatt Kirchhof„Gottes⸗ Sie hatte nebenbei nichts gegen den Proviſor aus der Negerapotheke, einen langen trockenen jungen Mann aus Eis⸗ leben. Wenn es in der Apotheke das oder jenes chen immer ſo gut, ſo bereitwillig. Und nie kam ſie zurück, ohne von dem galanten Proviſor eine Zugabe erhalten zu haben, einige, Magenmorſellen“, einige Pfeffermünzkügel⸗ chen, etwas Lakritzenſaft oder ein Täfelchen Cho⸗ kolade. Erdmutha, die dritte Schweſter, war das Eben⸗ bild des Vaters, nur ver⸗ ſchönert. Von allen den „Mädchens“ entſchieden die hübſcheſte, daher ge⸗ ſegnet oder geplagt mit Anbetern, die ſie ſämmt⸗ lich ſo ſchlecht behandelte, wie ſie der Eltern wegen es durfte. Keiner fand Gnade, kein Geſchenk An 43.) nahme. Einmal war ſie durch eine Ermahnung des Vaters gezwungen worden, ſich eine damals ſehr koſt⸗ ſpielige Huldigung, ein halbes Dutzend langer däniſcher aber ſie anziehen?— Das konnte ihr der Vater nicht befehlen, und hätt' er es befohlen, Muthchen wäre lieber ohne Handſchuhe gegangen, als mit denen an ihren hübſchen weißen Händen, welche ſo geſchickt im Weißnähen und im Rothzeichnen waren. Hatte ſie nicht von Aepfeln gehört, mit denen man einen Liebes⸗ zauber gegeſſen hatte, ſo daß man nachher dem Geber derſelben„nachlaufen“ mußte? Konnte nicht in den Handſchuhen auch dergleichen Unfug verborgen ſein und in ſie hineinfahren, wenn ſie dieſelben an die Arme brachte? Nein, ſie trug ſie nicht, ſie verſchenkte ſie ſämmtlich an die Schweſtern und an Freundinnen, die ſie ohne allen Schaden anzogen, zerriſſen und Muthchen nicht wenig auslachten. Das kümmerte ſie nicht, ſie hatte ihren Willen gehabt, nun war ſie zufrieden. Es war eine wohlerzogene verſtändige junge machte, wurde von Auguſten auf ſeinen verbotenen Muthchen hatte ihren eigenen Kopf und ging ihren eigenen Weg, am liebſten in's Freie. Früh um fünf ſchon konnte man ſie während der Sommerzeit in den Birkengehölzen ſehen, welche die Stadt umgaben, oder auf den Wieſen, wo Weidicht und Erlengebüſch an der Elbe wuchs. Die vielen Nachtigallen in dieſen friſchen zu holen gab, war Guſt⸗ K Laube die te Somn deten, brauch Wirtt Mäß Waſſ kleine Aller Pfau Herb ein mu ihre tan⸗ wal doch lieb hüb klärt nur Ma oben Mu ſich g8 zu ihr M ſter -—,———— ———üjyj - 41—— nd um Laubſchatten, die vielen Vergißmeinnicht im hohen Graſe, wohlgethan, was ſie ſagte, ſo gut wie Orakel. Auguſte var die tauſend wilden Roſen, Alles, was Frühling und war verſtändiger, Erdmuthe hübſcher, Linchen ange⸗ das Sommer der feuchten, ebnen Gegend als Gaben ſpen⸗ nehmer, Tinchen lieblicher, aber Cornelia war die Be⸗ en. deten, war ihre Freude, ja ihr höchſtes Glück. Zu gabteſte, geiſtig gewiſſermaßen eine Anomalie in der lll⸗ brauchen war ſie weder in der Küche, noch ſonſt in der patriarchaliſchen Exiſtenz der Familie, in dem altbür⸗ uck Wirthſchaft, nur am Nähtiſch. Von einer beiſpielloſen gerlichen Lokal der Stadt; das wußte ſie und ließ es in⸗ Mäßigkeit,— ſie trank ganz früh Morgens ein Glas fühlen, und die Andern fühlten es und nahmen es 8⸗ Waſſer, um neun ein kleines Glas Dünnbier zu einem unterwürfig an. Wie ſie ihr eigener Stolz war, ſo bei kleinen Butterbrod und aß ſtets am wenigſten von war ſie auch der aller Ihrigen. Dazu war ſie noch or Allen— hatte ſie doch eine Leidenſchaft für Aepfel und von einer großen Leidenſchaftsfähigkeit und von einer ke Pfannenkuchen, und da ihr Geburtstag gerade auf den ungemeinen Lebenskraft. Was für„ihre Schwächlich⸗ nen Herbſtmarkt fiel, ſo wurde beim beſten Conditor immer keit“ galt, das war Nichts als die Eigenheit eines i⸗ ein hoch aufgehäufter Teller dieſer Leckereien für Erd⸗ gallichten, energiſchen Temperamentes, bei der leichteſten der muthe„zum Wiegenfeſte“ geholt. Gemüthsbewegung gleich bis zur Ohnmacht erſchüttert nes Caroline, Linchen, die auf Erdmutha folgte und zu werden. Darum durfte ſie durch keinen Widerſpruch nſt ihre Lieblingsſchweſter war, hatte den kleinſten Fuß, gereizt, durch keinen Vorwurf verletzt, durch nichts ſo tanzte von allen Schweſtern am beſten und am liebſten, Widerwärtiges geärgert werden. Ging es ihr nach kum war Erdmuthen ähnlich, Wunſch, ſo war ſie gnä⸗ dem doch kleiner und feiner, dig und um ſo zu ſagen u liebte gute Dinge und großmüthig. Sie gab gern. — hübſche Sachen, und er⸗„Ich krieg's ja wieder,“ 8 klärte öfter, ſie würde ſagte ſie mit dem Ver⸗ n, nur einen„ſtudirten“ trauen auf das Geſchick, 4 Mann heirathen, der noch welches die allgemeine aft obenein Vermögen hätte. Schonung ihrer Perſön⸗ ho⸗ Muthchen war der An⸗ lichkeit eingeflößt hatte. ſicht, Linchen würde am Sie erwartete ſich viel vom üüt geſcheideſten thun, gar nicht Leben, was, mußte ſie noch ben— zu heirathen, ſondern mit nicht ſo recht, aber viel ber⸗ ihr, Erdmuthen, eine ewige war es.„Ich hab ein für den Mädchenſchaft und Schwe⸗ alle Mal Glück,“ ſagte ſie den ſterſchaft zu ſchwören, aber einſt ſehr vornehm, als ge⸗ darin ſtimmte Linchen mit der Vater ſie bei Gelegen⸗ mit Muthchen durchaus nicht heit des Auszugs mit meh⸗ mt⸗ überein. Bis die Frage reren Mädchen an eine elte, entſchieden werden konnte, Würfelbude führte und ſie egen ſtickte Erdmuthe allerliebſte eine„Düte“ nach der an— fand Kragen, die Caroline mit dern gewann, während die Ar großer Zierlichkeit um ihren Mitſpielerinnen einen Fehl⸗ ſie weißen Hals legte. wurf nach dem andern des Die kleinſte Schweſter ä thaten. Dann vertheilte koſt⸗ hieß Albertine und wer Q¶X ltelddddd ſie trotz des Einredens des ſcher vielleicht vierzehn Jahr. Vaters die gewonnenen Tinchen, ein ſtilles, ſanf⸗ K Düten, bat ihn noch um ater tes, etwas blaſſes Kind, einige Groſchen, warf von virr hatte ein wenig von der Neuem und erwürfelte ſich man Schwärmerei des neuen glücklich ſo viele wieder, im Jahrhunderts, liebte den wie ſie weggegeben hatte. ſie Mond, die Dämmerung, die Einſamkeit, beſaß muſi- Dieſer Vorfall, ſo kindiſch unbedeutend er war, machte dbes⸗ kaliſches Gehör und Gedächtniß, ſang ſchon recht an- einen bleibenden und beſtimmenden Eindruck auf Cor⸗ jeber muthig und wußte es durch bittende Mienen dahin zu nelia's Charakter, ſie war von dem Tage an noch viel dan bringen, daß der Vater ihr Guitarrenunterricht geben mehr Prinzeſſin als früher. un ließ und ihr zu ihrem ſechszehnten Geburtstage ſogar Wo eine Prinzeſſin iſt, muß auch ein Aſchenbrödel leme ein eigenes ſchönes neues Inſtrument verſprach. Außer⸗ ſein. Amalie war es. Sie wußt' es nicht, die, welche e ſte dem genoß ſie des Vorrechtes, die Mutter du zu nennen, ſie dazu machten, wußten es auch nicht, nimmer hätten ſowie die zweitjüngſte, Cornelie, den Vorzug hatte, mit i— ſie mit Bewußtſein die gute Tochter, die gute Schwe⸗ - der Mutter Kaffee zu trinken, weil ſie„ſo ſchwäch⸗ ſter auf einen niedern Platz geſtellt, ſie, die ſie ſo lieb lich“ war. Von Cornelien dürften einige Worte mehr zu ſagen ſein. In allen Familien, wo viele Schweſtern ſind, findet ſich eine, welche herrſcht, welcher die andern ſich willig oder unwillig unterordnen. Bei den Franke's geſchah es freiwillig. wurde von Jedermann bedient, für Cornelia war das Beſte eben nur gut genug, was Cornelia that, war Feierſtunden. 1863. hatten, aber darum war ſie doch Aſchenbrödel. Theils aus eigener Neigung, indem ſie am liebſten in der Küche wirthſchaftete, theils aber auch aus inſtinktiver Uebereinkunft der Andern, welche ſich ſammt und ſon⸗ n 1— ders ihr überlegen fühlten. Sie konnte nicht ſo ſchöne Cornelia bediente Niemand und Reden halten wie Auguſte, nicht ſo ſticken wie Erd⸗ muthe, nicht ſo tanzen wie Linchen, nicht ſo ſingen wie die Kleinſte, und Cornelia nun erſt— zwiſchen der . 6 und Malchen war gar kein Vergleich denkbar. Malchen mußte in die Küche, das Meiſte thun, das Schwerſte arbeiten— wenn ſie nur ein Mal dazu paßte und es überdies ein Vergnügen für ſie war, wozu ſollten da die andern„Mädchens“ ſich bedienen? Von der Mut— ter war gar nicht mehr die Rede, die hatte durch Kränk⸗ lichkeit ſchon längſt Anſpruch auf Ruhe. Malchen hatte und machte Anſpruch auf Nichts; ihr ging es, ihrer Ueberzeugung nach, immer gut; wurde zu ihrem Ge⸗ burtstag ein„Speckkuchen“ gebacken, ihre mit ihrem Weſen in Einfachheit übereinſtimmende Lieblingsſpeiſe, ſo war Alles für ſie geſchehen, was zu verlangen ſie nur das Recht hatte. Wenn ſie zum Lohn für ihr freudiges Allendienen von Allen geſchulmeiſtert wurde, Seele von einem Manne“. wenn die Eine darüber ſprach, daß ſie ewig nur mit einem Handſchuh vom Markte zurückkäme, weil ſie immer nur einen anzöge, wenn die Andere Malchens Haar nie glatt genug fand, die dritte über das Nicht⸗ ſitzen der Kragen, die Vierte über das häufige Ver⸗ brennen von Milch und Butter und Alle einſtimmig darüber klagten und ſchalten, daß Malchen nie die Thüre hinter ſich zumache und überhaupt ſchrecklich vergeßlich ſei, ſo war das ja lauter Liebe, um ſie zu beſſern, zurecht zu ſtutzen, etwas aus ihr zu machen, und Mal⸗ chen, durchdrungen von ihren konnte es nur ſo aufnehmen, wie ſie es auch wirklich Unvollkommenheiten, aufnahm, mit dem größten Dank. Sie war eben eine Marthanatur, der Schaffen vom Morgen bis in die Nacht Bedürfniß war, aber ſie war es ohne das Mar⸗ thabewußtſein, welches in der Thätigkeit das Höchſte zu leiſten glaubt. Malchen glaubte gar Nichts zu leiſten, ſie diente, diente, diente, freudig, vergnügt, ohne Auf⸗ opferung, obgleich mit ſteter ſtündlicher Hingebung ihres Selbſt. hingeben, fiel ihr gar nicht ein. Dabei war ſie gänz— Daß ſie etwas anders thun könne, als ſich - 42— undfünfzig Jahr, doch noch eine truune⸗Anehn Geſtalt und trotz einiger Junggeſellenwunderlichkeiten „eine wahre Seele von einem Manne“. Malchen wenigſtens ſagte das. Er wohnte näm⸗ lich in des Kammerſchreibers Hauſe und verkehrte häu⸗ fig und freundſchaftlich mit der Familie. Und Mal— chen fand natürlich zehn Gelegenheiten für eine, um ihm dienſtbar zu ſein— wer hätte ihr wohl in die Nähe kommen können, den ſie nicht bedient hätte!— und wie ſie immer von Dank überfloß, ſobald man ihren Dienſteifer nur annahm und dann und wann durch ein freundliches Wort lohnte, der Stabsſekretär aber gegen„Mamſell Malchen“ ſich beſonders reſpekt⸗ voll dankbar bewies, ſo wurde er ebenſo natürlich„eine „Ich weiß nicht, was die Malchen an dem Stabs⸗ ſekretär ſieht, daß ſie ihm immer ſo freundliche Augen macht,“ meinte eines Tages Erdmuthe, die ſtets miß⸗ trauiſch auf die Männer„vigilirte“, welche in ihre oder in der Schweſtern Nähe kamen. „Wenn er nur nicht Augen auf ſie hat,“ meinte das zierliche Linchen. „Ih das wäre mir!“ rief Erdmuthe ärgerlich. „Der alte Stabsſekretär!“ ſagte Cornelia und zuckte geringſchätzig die Achſeln. „Sagt nur der Malchen Nichts,“ warnte die weiſe Auguſte,„damit ſie nicht etwa auf dumme Gedanken kommt.“— Alle gelobten es, Alle indeſſen hatten die Kleine überſehen, welche im Erker einen Kanarienvogel, der bis jetzt noch die Liebe ihres Herzchens in Anſpruch nahm, Zucker vom Finger naſchen ließ. Die Kleine aber hatte nichts Beſſeres zu thun, als ſich aus dem großen Erker- und Eckzimmer, welches drei Fenſter auf den großen und drei auf den Fleiſchmarkt hatte und lich grundſatzlos, that Alles rein naiv, aus Inſtinkt. Und ſo war auch kein Verdienſt an ihr, nur das Schönſte, was an einem weiblichen, an einem menſch⸗ lichen Weſen überhaupt da ſein kann: die natürliche Güte. Es frug ſich nur, ob dieſe Güte ſich bei ihr durch Kämpfe zur Tugend erhöhen, oder im Gegentheil durch Mißbrauch und Mißverſtändniß vielleicht zu jener Gehäſſigkeit verkehren würde, welche wir bei ſo ange⸗ legten Naturen im Alter oft mit peinlicher Betrübniß wahrnehmen und welche Nichts iſt, als das zu einem fortdauernden Zuſtand gewordene Gekränktſein eines Herzens, das urſprünglich ſo geweſen wie das, welches Amalie zu ihren Eltern und ihren Schweſtern und nebenbei zu den Armen hatte. Aber eben auch nur nebenbei. Die Nächſten waren für ſie auch die Erſten. Und wenn jedes Herz ſo fühlte in der Welt, wenn es die Seinen vorzugsweiſe in ſich ſchlöſſe, da brauchten nicht ſo viel Liebesbettler Forderungen an das doch immer ſehr zweifelhafte Gemeingut der allgemeinen Menſchenliebe zu machen. Viertes Kapitel. Der Stabsſekretär. Die Stadt war als Garniſon bedeutend, hatte einen General, einen Stab, eine„Intendanz“. Bei dieſer war der Stabsſekretär Günther, vom General ſeiner Tüchtigkeit wegen ſehr geſchätzt, von aller Welt ſeiner Bravheit wegen wohl gelitten, wenn gleich bereits vier⸗ zur allgemeinen Wohnſtube diente, geräuſchlos fort und in die Küche zu ſchleichen, und dort Amalien, die eben Pilze einmachte, jedes Wort zu hinterbringen, welches die Schweſtern von ihr und dem Stabsſekretär geſagt. Amalie war zu unſchuldig, um roth zu werden. Sie guckte die kleine Schweſter lachend aus klaren Augen an und ſagte mit der innerſten Ueberzeugung:„ih, was den Schweſtern einfällt! Daran denkt ja der Herr Stabsſekretär gar nicht!“ Er dachte aber doch daran, der Herr Stabsſekretär, zum erſten Male in ſeinem Leben dachte er an's hei⸗ rathen. Sonſt hatte er ſich vor den Frauen gefürchtet; wenn ſeine Mutter ihm zuredete, pflegte er zu antwor⸗ ten:„wer weiß, wie nahe mir mein Ende.“—„Nun ja, ſo mach' doch ein Ende und nimm eine Frau,“ ſprach dann die Mutter eindringlich, aber die Antwort war ſtets:„es ſoll mit mir noch nicht zu Ende gehen, und eine Frau wäre mein Ende.“ Und mit dieſen für das„Geſchlecht“ ſo wenig ſchmeichelhaften Wort⸗ ſpielen war die Sache jedes Mal„zu Ende“. Jetzt dagegen dachte der Stabsſekretär:„ja, ſo eine Frau! Das wäre etwas Anderes. Mit der wär's kein Ende, da wär's ein Anfang. Wenn nur meine verwünſchten Vierundfünfzig nicht wären!“ Der Stabs⸗ ſekretär benannte ſeine„Vierundfünfzig“ noch etwas kräftiger, dann kam die Frage:„wie alt mag ſie wohl ſein?“ Da der Stabsſekretär nicht ſehr geübt darin war, das Alter junger Mädchen zu errathen, ſo kam er mit dem Amaliens ohne Hülfe nicht in's Reine. Bald 7 Einle Man wort ſame „Ky ich zum Am V arm recht inder redet nun wie dier wer mit iche ſind 4 teiten läm⸗ häu⸗ Nal⸗ um die man dann retär pekt⸗ „eine nabs⸗ lugen miß⸗ ihre teinte zuckte weiſe anken Aleine der pruch Lleine dem r auf und t und eben helchss ⸗ geſagl. eerden. Augen was Herr — - 43 K* hoffte er, ſie könne wohl an ſechsundzwanzig ſein, bald fürchtete er, ſie wäre erſt achtzehn. Das Einfachſte wäre geweſen, er hätte gefragt, er ſich auch vor, den Kammerſchreiber, die Mutter, die alte Kinderfrau, die Schweſtern, aber er ſchämte ſich und fragte nicht, bis er endlich an einem ſchönen Tage, wo er Amalie allein auf der Treppe begegnete, ungeduldige Mann;„der Herr Vater iſt ja jetzt zu und zu fragen nahm ſich einen verzweifelten Muth faßte und ohne weitere Einleitung mit der Mamſell Amalie, „Zweiundzwanzig Jahr, Herr Stabsſekretär,“ ant⸗ wortete Amalie, ohne ſich im Geringſten über die ſelt⸗ ſame Frage zu wundern, mit einem freundlichen „Knix“. „Zweiundzwanzig,“ wiederholte ich bin vierundfünfzig. zum Hetrathen zu alt ſein würde, liebe Mamſell Amalie?“ „Ach Gott! Herr Stabsſekretär,“ antwortete die er,„ſo, ſot Und arme Amalie ſo erſchrocken, als ob ſie ein großes Un⸗ für Ihre Mamſell Tochter? „Nein, liebe Amalie,“ antwortete der bewegte Mann, ſelbſt gefragt und ſie hat mir mit Nein geantwortet.“ recht gethan hätte,„das iſt doch wohl nur Scherz?“ Erkundigung herausrückte:„liebe wie alt ſind Sie denn eigentlich?“ Glauben Sie, daß ich Ihnen Hauſe.“ „Aber ich habe die Küchenſchürze an,“ wandte Amalie ängſtlich ein. „Darin gefallen Sie mir gerade,“ war die ent⸗ ſchiedene Antwort, und ohne ſich weiteres Sträuben zu erlauben, ließ ſie ſich von ihm unter den Arm faſſen und nach dem kleinen Zimmer führen, wo der Kammer⸗ ſchreiber ſeine Geſchäfte abzumachen pflegte und jetzt eben eine Pfeife rauchte. Sein Erſtaunen bei dem Eintritt des unerwarteten Paares war nicht gering und ſeine Antwort auf den kurzen und bündigen Antrag des Freiers eine unbe⸗ ſtimmte und zögernde. Es war eine große Ehre, ge⸗ wiß, und der Staabsſekretär war in allen Stücken ein Mann u. ſ. w.; indeſſen bei einer ſo wichtigen Ent⸗ ſcheidung, von der die Zukunft eines lieben Kindes u. indem er ihre Hand ergriff und mit herzlichem Tone redete,„es iſt mir ſehr Ernſt damit. Ich habe Sie nun ein Jahr lang alle Tage geſehen und einen Tag wie den andern gleich willig, gleich freundlich und gleich dienſtfertig gefunden. Sie werden eine ſehr brave Frau werden, denn Sie ſind ein herzensgutes Mädchen.“ Amalie konnte das allzu große Lob nicht länger mit anhören und unterbrach es ängſtlich mit der Ver⸗ ſicherung: lieber Herr Stabsſekretär, meine Schweſtern ſind alle viel beſſer als ich.“ „Wenn Sie mir nun aber am Beſten gefallen?“ fragte er lächelnd. „Das iſt eine große Ehre für mich, Herr Stabs⸗ ſekretär,“ antwortete das dankbare und immer höfliche Malchen. —„Sehr gütig,“ erwiederte er,„aber damit hab' ich immer noch keine Antwort. „Auf was denn?“ frug naiv Amalie, die es über ihre große Verlegenheit glücklich ſchon wieder vergeſſen hatte, daß ihr ſo eben der erſte Heirathsantrag gemacht worden war. ſ. w. u. f. w. Der Stabsſekretär unterbrach den Umſchweife Ma⸗ chenden kurz.„Sie meinen, ob ich nicht zu alt ſei Das hab' ich ſie eben „Du haſt alſo ſchon dein Jawort ſo gut wie ge⸗ geben, Malchen?“ fragte der Papa. „Ja, lieber Vater, wenn Sie's nicht ungütig neh⸗ men wollen,“ antwortete Malchen knixend,„der Herr Stabsſekretär iſt ſo gut.“ Darauf ließ ſich eigentlich Nichts weiter einwenden. Auch die Mutter, welche herbeigerufen wurde, ſah das ein, obwohl ſie am beſten wußte, was Amalie im Hauſe ſei und wie viel mit ihr verloren gehen werde. In⸗ deſſen man brauchte ſie ja nicht ganz zu verlieren, der Stabsſekretär konnte nach wie vor im Hauſe woh⸗ nen bleiben.„Ganz meine Meinung“ antwortete er mit ſeiner entſchiedenen Weiſe.„Ach, das wird gar zu ſchön ſein!“ rief Amalie mit glänzenden Blicken. In der That konnte es für ſie nur ein vollkommenes Glück geben, wenn ſie, indem ſie junge Frau wurde, doch zugleich Tochter im Elternhauſe blieb. Der Stabs⸗ Thränen, ſie hielt „Ob Sie mir gut ſein können?“ forſchte der Stabsſekretär, dem in dieſem Augenblick das Herz ſo ſchlug, als ſtände er vor dem allerſtrengſten Vorge⸗ ſetzten. Amalie ſah ihn einige Sekunden lang mit der Ueberraſchung eines Kindes an. Dann kam zum erſten Male die Verſchämtheit des Mädchens über ſie und ſie ſchlug die Augen nieder. Gleich darauf indeſſen erhob ſie dieſelben wieder und aus offener Seele dem auf ſie gehefteten Blick antwortend, ſagte ſie einfach:„ich bin Ihnen ſchon gut, Herr Stabsſekretär.“ „Und Sie wollen mich heirathen?“ „Ja, gerne, Herr Stabsſekretär.“ „Bald?“ „Wann Sie wollen.“ „Ich bin Ihnen nicht zu alt?“ „Nein, Herr Stabsſekretär.“ „Wollen Sie mir einen Kuß geben? Bitte, Herr Stabsſekretär, wenn's erſt die Eltern wiſſen werden.“ „So kommen * Sie gleich zu den Eltern,“ rief der ſekretär lächelte ſeiner neuen Braut wohlwollend zu; er freute ſich ihrer Freude. Die Mutter ſprach ohne Nichts vom Weinen, aber mit Innig⸗ keit:„ſo ſegne dich der liebe Gott, meine gute Tochter, du biſt das erſte Kind, welches ich weggebe, und ich kann Ihnen kein beſſeres geben, Herr Stabsſekretär,“ ſchloß ſie, ſich an dieſen wendend. Amalie küßte der Mutter beſchämt die Hand, es war zum erſten Male, daß ſie ſo viel des Lobes üher ſich hörte, es wurde ihr ordentlich bange dabei.- Der Stabsſekretär, um ſo ungeduldiger, officiell Bräutigam zu werden, je länger er davor zurückge⸗ ſcheut war, wollte die Verlobung ſogleich am Abend „deklarirt“ haben. Das ging indeſſen doch nicht ſo ohne Weiteres, einige Vorbereitungen waren doch immer zu dem kleinen Feſt nöthig, womit ſie gefeiert werden ſollte, auch wenn man nur die Großmutter und den Onkel nebſt Zubehör einladen wollte. So mußte der Stabsſekretär ſich darein ſchicken, daß erſt am dritten Tage von dieſem an gerechnet, Amalie öffentlich ſein werden ſollte; den Schweſtern indeſſen es ohne weitere Säumniß anzukündigen, ließ er ſich nicht nehmen, mar⸗ ſchirte mit Amalien am Arme geradewegs in das Er⸗ kerzimmer hinein, wo die Mädchen an einigen Fenſtern bei ihren Arbeitstiſchen ſaßen, und ſprach mit ver⸗ 6* gnügter tönender Stimme;„ich präſentire mich Ihnen als künftiger Schwager und bitte allerſeits um freund⸗ ſchaftliche Gewogenheit.“ Ein Donnerkeil hätte kaum erſchreckender zwiſchen die Schweſtern fallen können, als dieſe Verlobungsan⸗ kündigung. Was, Malchen als die erſte von ihnen verlobt? Malchen, die noch nie einen Anbeter gehabt hatte und nun gleich einen Mann bekommen ſollte? Freilich, der Mann ſtand ihnen nicht an, keine einzige hätte ihn„gemocht“. Für Malchen— nun, da mochte er„angehen“, obgleich er den Mamſellen als Schwager nicht recht war. Das Alles wirbelte in ihren jungen Köpfen hin und her, während ſie ſich mechaniſch von den Stühlen erhoben und ebenſo mechaniſch Gratula⸗ tionsknixe machten. heran, küßte Malchen unter feierlicher Umarmung, machte dem neuen Herrn Schwager einen neuen Knix und hielt dann dem Brautpaar gemeinſam eine ihrer zierlichen Reden, worauf auch Linchen und Cornelia ſich näherten und mit Worten Glück wünſchten. Sie hatten nun ſo viel Faſſung gewonnen, um ſich der Endlich faßte Auguſte ſich, kam - 44— Amalie hatte in ihrer Demuth nie daran gedacht, man könne ſie heirathen wollen. Die Schweſtern wohl, bei denen war es erklärlich, daß Freier kamen, es wäre nur unerklärlich geweſen, wenn ſie ausgeblieben wären. Aber ſie, Malchen aus der Küche, Malchen mit den ſchiefſitzenden Kragen und den ſchiefhängenden Tüchern, Malchen, die immer ausgelacht wurde, wenn ſie einen Brief ſchrieb, indem ſie niemals ſo recht hinter die Geheimniſſe der Rechtſchreibnng zu kommen vermochte, Malchen geliebt und gefreit,— das war ihr ſelbſt im Traum nie eingefallen. Und nun war ſie gar die Erſte, um die geworben, die Erſte, die Braut wurde; einem Menſchen, noch dazu einem allgemein geſchätzten Manne, war ſie das Liebſte auf der Welt, ſie, die bis⸗ her Allen das Letzte geweſen war. Wenn Amalie bei dieſer Erfahrung eine kleine, die allerkleinſte, allerun⸗ ſchuldigſte Anwandlung von Eitelkeit empfand, wenn ſie ſogar ſo weit kam, ſich ihren Schweſtern als eben⸗ bürtig zu betrachten, wenn ſie vor Allem feſt an dem werthen Bräutigam hielt und ihn nicht hingegeben Schicklichkeit gemäß freuen zu können. Erdmutha war zum Glück nicht da, ſonſt wäre die„Präſentation“ und „Gratulation“ ſchwerlich ſo friedlich abgegangen. Lin⸗ chen kam leiſe zu Amalien herangeſchlichen und flüſterte ihr zu:„ſiehſt du, Malchen, die Schweſtern haben doch recht gehabt.“ Amalie ſah die Kleine freundlich an und flüſterte zurück:„du weißt's ja, ſie ſind immer klüger als ich.“ Der Stabsſekretär wollte wiſſen, wo⸗ von ſo heimlich die Rede ſei. Amalie erzählte es ihm ehrlich, während Tinchen ſich ſchämte und entſchlüpfen wollte. Aber ſie wurde feſtgehalten und mußte von dem neuen Schwager den erſten Kuß dulden, den je ein Mann außer ihrem Vater auf ihre feine Wange gedrückt hatte. Fünftes Kapitel. Die Frau Günthern. Als Erdmuthe am Abend aus einem der Gärten zurückkam, wo ſie das Abnehmen von Birnen beauf⸗ ſichtigt hatte, brach der Sturm los, dem Amalie am Nachmittag entgangen war. Die junge Gegnerin der Ehe weinte, als ſollte die Schweſter zur Schlachtbank geführt werden, erklärte zwanzig Mal, ſie wolle nicht den Stabsſekretär zum Schwager, wolle überhaupt keinen Schwager und im Hauſe weder Braut noch Heirath, geberdete ſich mit einem Worte ſo ungeberdig, daß zu⸗ letzt der Kammerſchreiber einſchreiten und ſie zur Ruhe verweiſen mußte. Die arme Amalie aber hatte darum doch noch keine Ruhe, denn Erdmuthe fing, als die Mädchen in ihren Schlafzimmern waren, die alle zu⸗ ſammenhingen, von Neuem wieder an. Zum erſten Male indeſſen fand ſie bei Amalien etwas Anderes als Nachgiebigkeit. Das gute Mädchen wurde nicht böſe, weil ſie das mit dem beſten Willen nicht konnte, es betrübte ſie auch herzlich, daß Erdmuthe ihretwegen ſo weinen müſſe, aber an ihrem Stabsſekretär hielt ſie feſt.„Er war gut und ſie war ihm gut,“ dabei blieb ſie unerſchütterlich, und Erdmuthe konnte zuletzt Nichts weiter thun, als die Nacht durch wach da liegen und ſich über die Verkehrtheit der Mädchen ärgern, die durchaus Männer haben wollten, gleichviel ob alte oder junge. 8 hätte, auch wenn alle„Mädchens“ Erdmuthen im Weinen Geſellſchaft geleiſtet hätten, ſo waren ihr dieſe ungewöhnlichen Empfindungen ſämmtlich zu vergeben. Die Schweſtern indeſſen weinten nicht, die friſchen vernünftigen Kinder ſchliefen friedlich um die neue Braut her, welche ihrerſeits den Schlaf eines guten Gewiſſens und einer geſunden Natur fand. Die erſte Ausſtattung, welche in einem Hauſe ge⸗ arbeitet wird, bringt als etwas Neues eine Art feſt⸗ licher Aufregung in den gewöhnlichen Lebensgang, und die, für welche ſie beſtimmt iſt, wird während der Dauer der Arbeit unwillkürlich zum Mittelpunkt der Familie. Malchen nahm ſich als ſolcher ebenſo wun⸗ derſam aus, wie ſie ſich ſelbſt vorkam. Sie fand ſehr bald, daß es eigentlich zu viel Ehre für ſie ſei. Die Mutter beruhigte ſie darüber,„du haſt ſo viel für uns gearbeitet,“ ſagte ſie,„daß wir wohl auch einmal für dich arbeiten können.“ Amalie wußte darauf vor dank⸗ barer Verwirrung kein Wort zu erwiedern, nur zu Alle ſehr gut gegen mich.“— ihrem Bräutigam äußerte ſie:„eigentlich ſind ſie doch „Nicht mehr als ſie verdienen, liebe Amalie,“ war ſeine Antwort. Amalie überlegte es ſich nun wiederum, wie ſie es wohl ver⸗ diene, daß der Bräutigvm für ſie Nichts zu viel finde, und gelangte abermals zu dem Schluß:„der Stabs⸗ ſekretär ſei doch ſehr gut gegen ſie.“ Zu andern Ent⸗ deckungen kam die glückliche Amalie während ihrer Brautzeit gar nicht: es waren dies die Feſtmonde in ihrem langen, langen Arbeitsleben. der als alter Junggeſelle nicht entgangen war. Bald ſollten ſie ein Ende nehmen. Der Stabs⸗ ſekretär zeigte nicht minder Ungeduld, Ehemann zu werden, wie er es gezeigt hatte, als es galt Bräutigam zu werden. Die Ausſteuer war fertig, Erdmutha hatte mürriſch, aber ſorgfältig Kragen und Häubchen geſtickt, Cornelia nöthige und unnöthige Dinge gehäckelt, die Mutter geſtrickt, Auguſte, durch Linchen und Tinchen unterſtützt, eifrig genäht. Der Stabsſekretär hatte vierundzwanzig Thaler für eine Specialerlaubniß be⸗ zahlt, vermöge welcher es ihn geſtattet war, ſich ohne Aufgebot trauen zu laſſen. Daß er dieſe Förmlichkeit ſcheute, hatte ſeinen Grund in den Neckereien, denen Seine Freunde hatten ihn„vexirt“. Immer hieß es:„laſſen Sie es nur ſein, wir wollen ſchon gut Betten unter⸗ breiten, wenn Sie von der Kanzel fallen werden.“ 1 Da grh eine die mit Bra ſem chen ſich ſter hte, im die de; tten bis⸗ bei run⸗ venn ben⸗ dem eben im dieſe ben. chen neue uten e ge⸗ feſt⸗ und der der dun⸗ ſehr Die uns für dank⸗ 1 F dec s ſie nalie ver⸗ iinde, tabs⸗ Ent⸗ ihrer de in tabs⸗ n zü tigam hatte ſtict die nche atte un ** 45— Darum entſchloß er ſich kurz: kein Aufgebot, keine große Hochzeit und die Trauung auf dem Lande. An einem trüben, obwohl milden Oktobermorgen kleideten die Schweſtern Amalie in den weißen Muſſelin, der, mit einer„Guirlande“ von Myrthen beſetzt, ihren Brautſtaat ausmachte. Erdmuthe allein fehlte bei die⸗ ſem letzten Liebesdienſt, welches dem bräutlichen Mäd⸗ chen von ihres Gleichen geleiſtet wurde. Linchen, die ſich am beſten auf's Putzen verſtand, ſetzte der Schwe⸗ ſter den Kranz zurecht, Amalie ſah hübſch aus, weil — Siehe Mannes, Amalie verwundert vergnügt, dem hergebrach⸗ ten Bilde einer Braut ſo ungleich wie möglich. Eben⸗ ſo unbefangen zeigte ſie ſich auch als junge Frau. Es war, als wäre ſie ſchon ſeit Jahren Frau Gün⸗ hrk gewefen. Etwas nur ſtörte ſie, daß die Schwe⸗ U ſtern ſich nicht mehr von ihr bedienen laſſen wollten. 4 Cornelia allein nahm, anfänglich mit einigen Einreden, bald aber als gehöre es ſich ſo, die gewohnten Dienſt⸗ dafür dankbar genug ſein ſollte. Nach einigen Monaten jedoch unterbrach eine Ver⸗ ſetzung des Stabsſekretärs auf ein Mal, und auf immer dieſe glückliche Einigkeit, um ſo mehr, da bald nach leiſtungen an, und Amalie wußte gar nicht, wie ſie ihr ſie gut und glücklich ausſah, aber Erdmuthe wollte ſie „ſich nicht anſehen“, fuhr auch unter dem Vorwand, die beiden Wagen wären ja voll genug, nicht mit hin⸗ aus zur Trauung. Erſt als die Familie mit Amalien als„Frau Günthern“ zurückkehrte, fand ſie Erdmuthe im Erkerzimmer und in leidlicher Stimmung, d. h. in einer Art verdroſſener Ergebung. Der Stabsſekretär war ungemein glücklich, der Vater zufrieden mit der Ehe, die Mutter beruhigt über die Zukunft der Tochter an der Seite des braven der Ueberſiedelung des jungen Chepaares in die neue Garniſon ein Bittbrief Amaliens ankam, der inbrün⸗ ſtig um eine oder einige Schweſtern flehte. Sie war ſehraglücklich, Günther war nach wie vor„ſeelengut zu ihr,“ aber„ſie hielts ſo allein an einem fremden Orte nicht aus.“ Die neue Garniſon war ungefähr acht Meilen von ihrer Geburtsſtadt, für ein Haus⸗ thierchen wie Amalie war das eine weltweite Entfer⸗ nung. Und dann war das Städtchen ſo klein und Amalie doch an eine„große“ Stadt gewöhnt, auf dem Markt war„nie was zu kriegen,“ und„kriegte ma was, ſo konnte man den Dienſtboten nicht beibringe” wie ſie's zurichten ſollten.“ So z. B. beharrte A . 4 —— - 46— liens Mädchen darauf, die gelben Rüben lang zu ſchnei⸗ den, während ſie doch„würflicht“ geſchnitten werden mußten. Kein Wunder, daß Amalie an einem ſolchen Orte ſich wie verrathen und verkauft vorkam, und in Herzensangſt nach ſchweſterlichem Beiſtand verlangte. Er wurde ihr, Auguſte kam zuerſt, Linchen löste ſie ab, zuletzt ließ ſelbſt Cornelia ſich herbei, Schwager und Schweſter mit einem Beſuche zu beehren, eine Gunſt, welche allerdings„die Frau Günthern“ beſſer zu ſchätzen wußte, als der Stabsſekretär. Erdmuthe kam nicht. Auch war ihr ein Beſuch gar nicht erſt vorgeſchlagen worden, man wußte, ſie grolle dem armen Stabsſekretär noch immer, daß er Amalie hinwegge⸗ nommen, Amalie, die doch von Rechtswegen der Familie gehörte. Der arme Günther ſollte das ihm beneidete Gut nur zu bald zu erſtatten haben. „Er war ſehr betrübt, daß er von mir fortmußte,“ antwortete Amalie, die nicht recht wußte, ſollte ſie auch betrübt ſein, weil ſie von Günthern getrennt war, oder vergnügt, weil ſie dadurch wieder zu den Ihrigen kam. „Du machſt dir doch nicht etwa Gedanken darüber, daß du nicht mit ihm gezogen biſt?“ fragte Erdmuthe. „Das wäre ſchön geweſen,— wer hätte dich in deinem Zuſtand pflegen ſollen? Nein, bei uns da biſt du gut aufgehoben,“ ſchloß ſie zufrieden, und geleitete Amalie in das Haus, an deſſen Eingang die andern Schweſtern ſie empfingen, umarmten, ſich ihrer freuten und ſie end— lich hinauf zur Mutter begleiteten, welche, eben ſehr leidend, nicht hatte herunter kommen können. „Und was ſagſt du denn dazu, Frau Günthern— wir haben jetzt eine andere Braut!“ ſprach, als Amalie zum Sitzen gelangt war, triumphirend Erdmuthe, die ſich der wiedererlangten Schweſter ausſchließlich be⸗ mächtigte. Hechstes Kapitel. Wieder im Elternhauſe. Ungefähr elf Monate nach der Hochzeit Amaliens beim Anfang des Herbſtwerdens und gegen die Zeit ſagen will,“ bemerkte Auguſte, ihre Befangenheit unter des Abendwerdens auch, gab es in dem Thurmhauſe eine ungewöhnliche Bewegung, an welcher ſich jedoch doch Guſtchen die Aelteſte iſt,“ ſtotterte die arme Frau zumeiſt die Mutter und von den Schweſtern Auguſte, Erdmuthe und Tinchen betheiligten, während Cornelia und Linchen zuſammengedrängt an einem Fenſter des Erkerzimmers ſaßen und über Dinge ſprachen, welche ſie, d. h. Cornelia näher angingen, als die an dieſem Tage erwartete Heimkehr Amaliens in die Vaterſtadt und in das Vaterhaus. Der altmodiſche Wagen aus der„kleinen“ Stadt, wo Günther zuletzt in Garniſon geweſen war, polterte, hochbeladen, über das holprige Pflaſter der„großen“ Stadt und vor die Thür des Thurmhauſes. Amalie, die allein darinnen ſaß, ſtieg etwas mühſam aus, es war nicht leicht zwiſchen den Packeten und Schachteln, welche ſie einhegten, hervorzukommen und überdies er⸗ wartete ſie in drei Monaten ihre Niederkunft. Auf der Erde angelangt, fand ſie ſich von Erdmuthe umfaßt, die ſie ſo warm küßte, als hätte ſie ihr und dem Stabsſekretär nie gegrollt. leidenſchaftliche Kinderfreundin wie ſie eine unverſöhn⸗ liche Ehefeindin war. Sie ſagte öfter:„wenn ich nur Kinder haben könnte, ohne einen Mann nehmen zu müſſen,“ da das nun doch nicht anging, liebte und pflegte ſie unermüdlich alle fremde Kinder, deren ſie, wenn gleich auf Stunden nur, habhaft werden konnte. Indeſſen mußte es doch immer ſchöner ſein, ein Kind zum Lieben zu haben, welches ihr gewiſſermaßen ge⸗ hörte, und daß Amalie ihr in dem zu hoffenden Neffen oder der zu erwartenden Nichte dieſe Ausſicht gewährte, machte ſie Erdmuthen für den Augenblick theurer als alle andern Schweſtern, das vorgezogene Linchen und den allgemeinen Verzug Cornelia nicht ausgenommen. Ja, Erdmuthe verzieh um des Kindes willen ſogar dem Stabsſekretär die Zudringlichkeit, daß er durchaus ihr Schwager hatte werden wollen, um ſo mehr, da er jetzt das große Verdienſt hatte, um zwanzig Meilen weiter verſetzt worden zu ſein, und folglich Erdmuthe. nicht ein Mal durch die Möglichkeit ſeiner Gegenwart zu behelligen. Auch fragte ſie nach einem inbrünſtigen: „na, Gott ſei Dank, daß du wieder da biſt!“ mit her⸗ ablaſſender Milde:„wie geht's denn Günthern?“ Erdmuthe war eine ebenſo Amalie, welche bisweilen von der älteſten Schweſter V halbe Geſtändniſſe über ihre Gefühle für den Proviſor empfangen hatte, rief unvorſichtig:„gewiß die Guſtchen.“ „Wie kommſt du denn auf die Guſtchen?“ fragte mißtrauiſch Muthchen.—„Ich weiß nicht, was ſie Würde verbergend.—„Ich, ich meinte nur ſo, weil Günthern, der es ſelbſt mit Nothlügen nie recht hatte glücken wollen. Erdmuthe nahm Cornelie bei der Hand und ſtellte ſie vor Amalie hin.„Da,“ ſagte ſie triumphirend wie vorher,„ſieh ſie dir an, Frau Günthern; unſere Cornelia iſt ſo gut wie verlobt mit dem Herrn von Tannenhof.“ Die Frau Günthern wunderte ſich und wunderte ſich nicht. Von Tannenhof— ſo eine alte Familie, und reich gewiß auch— aber freilich— Cornelia— das war ſehr erklärlich. Herr von Tannenhof war Lieutenant, Adjutant, wohnte im Hauſe, war ſeit ungefähr drei Monaten in der Stadt, hatte ſich gleich beim erſten Anblicke in Cornelia verliebt und vor acht Tagen mit den Eltern über ſie geſprochen. Nun kam es bloß darauf an, daß ſein Vater in Kenntniß geſetzt werde und ſeine Ein⸗ willigung gebe. „Wird er ſie denn geben?“ gierig. „Ih, das wäre mir, wenn er nicht wollte!“ rief Erdmuthe.„Tannenhof hat es geſagt: da braucht er Cornelia nur ein einziges Mal zu ſehen.“—„Ja, da hat er Recht,“ beſtätigte Amalie mit voller Ueber⸗ zeugung. Cornelia hatte lächelnd ſtillgeſtanden und ſich als Braut erklären laſſen. Jetzt wurde ſie auf einmal lebendig, denn Herr von Tannenhof trat ein. Es war ein junger ſchlanker Mann, vornehm von fragte Amalie neu⸗ Betragen, einfach gut von Anſehen. Er hatte alle die damaligen neuen Vorurtheile gegen Standesunterſ iede, träumte von Allerweltsgleichmachung und liebte in Cor⸗ nelia nicht nur ſie ſelbſt, ſondern auch die Tochter eines bürgerlichen Hauſes. Wäre ſie noch mehr unter ihm von Herkunft und wo möglich ganz arm geweſen, es hätte ihn noch glücklicher gemacht. Wie ſie war, nahm ſie ſeine ganze Seele ein, Cornelia ihrerſeits liebte ihn mit der erſten Neigung ihres ſo leidenſchaftlichen Na⸗ turells, und die Begrüßung der beiden Liebenden, welche — durc wur ſi Di freud auf verſt Gede du iſt als ißte,“ auch oder kam. rüber, zuthe. einem n gut malie eſtern end⸗ ſehr rn— lmalie e, die h be⸗ weſter oviſor chen.“ fragte as ſie unter weil Frau t hatte ſtellte hirend unſere n von underte amilie, elia— djutant, aten 5 licke in Eltern in, daß n Ein⸗ lie neu- e“ rief aucht er „3e Ueber⸗ ſich als winnal von ehm de, 5 die 47 durch die Gegenwart von Zeugen keineswegs gehemmt wurde, erſchien ſo feurig und ſo ſelig, als hätten ſie ſich ſtatt einiger Stunden, einige Monate nicht geſehen. Die Theilnahme an ihrem Glück war allgemein und freudig, beſonders ſah Erdmuthe mit leuchtenden Blicken auf ſie, wie ſie aneinander geſchloſſen und in einander verſunken daſtanden, und für Nichts außer ſich einem Gedanken hatten. Amalie zupfte Erdmuthe am Aermel. du alſo auch gut?“ flüſterte ſie. „Das will ich meinen,“ antwortete Erdmuthe,„das iſt doch noch ein Mann! Und ſo gut iſt er— ganz als wär' er unſer leiblicher Bruder.“ „Dem biſt Siebentes Kapitel. Geburt und Tod. Heerr von Tannenhof, der einzige Mann, welcher bisher vor Erdmuthens Augen Gnade gefunden hatte, erhielt nach einigen Monaten einen Nebenbuhler in ihrem Herzen. Um Weihnachten, recht wie ein Chriſtkind, wurde Amaliens kleiner Knabe geboren. Der erſte Enkel in der Familie, das erſte Kind des neuen Ge⸗ ſchlechtes im Hauſe, dabei ein prächtiger Junge, nicht nur in den Augen der Wärterin und Erdmuthens, ſondern in der That und in der Wahrheit. Der Stabs⸗ ſekretär hätte ſtolz ſein können, wenn er da geweſen wäre. Aber ſein Dienſt erlaubte ihm nicht zu kommen. Er ſchrieb, traurig und liebevoll, noch viel öfter, als er bei einer kurzen Abweſenheit, während ſeiner Bräu⸗ tigamszeit von Dresden aus geſchrieben hatte. Die gute Mutter las der Tochter die Briefe vor, denn Amalie las nie gern Geſchriebenes, um ſo weniger jetzt, wo ihre Augen matt waren. Sie hatte viel ge⸗ litten und zwar mit einer Art erſchrockener Geduld, als begriffe ſie nicht recht, woher und warum alle dieſe Angſt ſo plötzlich über ſie käme. Als der Kleine end⸗ lich erſchienen war und ſie auf gebührende Weiſe an⸗ ſchrie, ſo beguckte ſie ihn mit höchſter Neugier als ein ganz ſeltſames Erzeugniß, als einen Artikel ausländi⸗ ſcher Fabrik, von dem ſie ebenfalls nicht recht begriff, woher er käme und wozu er da ſei. Amalie konnte nicht ſo recht Mutter ſein, ſie verſtand nicht ſchützend zu ſorgen, nur liebend zu dienen. Die Mutterſchaft iſt eine Würde, und die Frau Günthern hatte nicht das Geſchick dazu, irgend eine Würde zu tragen. Es kam ihr und Allen ſo vor, als hätte ſie das Kind nicht für ſich geboren. Ihrer Empfindung nach gehörte es Günthern, der Meinung Erdmuthens nach dem Hauſe und der Familie. als Eigenthümerin des kleinen Menſchen. Höchſt er⸗ götzlich war es, wenn ſie ihn der Mutter brachte, da⸗ mit dieſe ihn tränke. Dieſen Dienſt durfte ſie ihm leiſten, irgend einen andern nicht. Das übrige Alles beſorgte Erdmuthe, welche, um mehr Herrin über ihr neues Eigenthum zu ſein, ſogar ihre Schlafſtätte ver⸗ änderte und ihr Bett in Amaliens Wochenſtube tragen ließ, wo es auch blieb, als aus dem Wochenzimmer allmählich eine Kinderſtube wurde. Nie war Erdmuthe ſo zufrieden und ſo liebeuswürdig geweſen. as Tanteſpielen gefiel ihr wie nichts Anderes bisher. Nur dann wurde ſie verdrießlich, wenn Amalie einmal un- ſchuldig äußerte:„ich wollte, der Günther könnte das Kind ſehen.“—„Laß doch den Günther ſein, wo er Auch betrug Erdmuthe ſich ganz iſt,“ ſagte ſie dann,„er wird den Louis noch Zeit ge⸗ nug zu ſehen kriegen.“ Der wackere Stabsſekretär ſollte ſeinen Sohn aber gar nicht„zu ſehen kriegen.“ Dieſe größte Freude eines Mannes, der in ſpäteren Jahren ſich verheirathet hat, blieb ihm verſagt; ohne ſeine Frau noch beſuchen zu können, mußte er aus ſeiner entfernten Garniſon mit ſeinem Bataillon fort in den ruſſiſchen Feldzug. Amalie weinte, als ſie ſeinen Abſchiedsbrief erhielt, ſo bitterlich wie ſie noch nie geweint. In dieſer Stunde war ſie nicht länger unmündig als Tochter und Schwe⸗ ſter, ſondern fühlte den ſelbſtſtändigen Schmerz des Weibes, welches Gattin und Mutter iſt.„Du armes Kind,“ jammerte ſie, den kleinen Louis in den Armen haltend und ihn mit Küſſen und Thränen bedeckend, „dein Vater hat dich noch nie geſehen— wirſt du denn je deinen Vater ſehen?“ Der Kleine, der nicht ſolche ſchmerzliche Liebko— ſungen gewohnt war und die Mutter nur als Amme kannte, fing an, ſehr unbehaglich zu quäken, Tante Muthchen mußte gerufen werden, ihn nehmen und be⸗ ruhigen. Amalie ſah ſchuldbewußt aus, ſie hatte das Kind ſchreien gemacht, und warum? Weil der Günther fortmußte, ohne es geſehen zu haben. Das war auch „was Rechtes!“„Als ob er nicht wiederkommen wird, der Günther!“ ſagte Erdmuthe grämlich tröſtend, indem ſie den kleinen Günther wegtrug. Ebenſo wenig Antheil erweckte Amalien’s Betrüb⸗ niß bei der übrigen Familie, Auguſte ausgenommen; dieſe war empfindlich darüber, daß die nun ausge⸗ ſprochene Bewerbung des Proviſors als etwas ganz Gleichgültiges aufgenommen worden war, was neben Corneliens Verlobung mit Herrn von Tannenhof gar nicht in Betracht kommen könne, und darum ſchloß ſie ſich mehr von den Andern ab und der Frau Günthern, der es, wenn gleich in anderer Weiſe, ebenſo ging, mit mehr Wärme an, als ſie ihr ſonſt vielleicht gezeigt hatte. Amalien war das ein großer Troſt; ſie hatte doch nun Jemand, bei dem ſie um Günther weinen konnte. Vor der übrigen Familie wagte ſie es nicht, da wäre ihr beſcheidenes Leid gegenüber dem wilden Schmerz Corneliens als unberechtigt zum Lautwerden zur Ruhe verwieſen worden. Corneliens Verzweiflung dagegen über Tannenhofs Abmarſch fand ein Echo in jedem Herzen, denn Alle erlitten in dem liebenswür⸗ digen jungen Manne einen perſönlichen Verluſt. Der wackere aber doch etwas ungelenke Günther hatte es im Hauſe nie weiter gebracht, als bis zum Schwieger⸗ ſohn und zum Schwager, Tannenhof war der Familie Sohn und Bruder geworden. Und dann war er Cor⸗ neliens Alles und Cornelia Aller Augapfel. So war es denn natürlich, daß über ihn der Stabsſekretär, über Cornelia die Frau Günthern gänzlich vergeſſen wurde. Tannenhof allein vergaß der demüthigen Schwe⸗ ſter nicht, ſein Abſchied von ihr war voll brüderlicher Herzlichkeit und ohne daß ſie ihn darum zu bitten wagte, verhieß er ihr, daß er in Günthern einen Freund ſehen und Alles, was er vermöge, für ihn thun wolle. Leider konnte er Günthern uicht vor dem Schickſal des Gefangenwerdens ſchützen, welches er bei Bialy⸗ ſtock mit zwei Bataillonen theilte. Tannenhof ſelbſt wäre dieſem Verhängniß nicht entgangen, wäre er nicht den Tag vor dem Ueberfall der Ruſſen nach Bialy⸗ ſtock abkommandirt worden. Daß er anf Sieſe Seſeher, rettet worden War, überwog lelbſt,„aber ich werde 6 3 7 8 6 1 avtaſſender Mi Familie um ſo viel das Unglück Günthers, welches ein Brief von Tannenhof Amalien ſo ſchonend wie möglich mittheilte, daß auch bei dieſem Anlaß die Frau Günthern eben nur bei Auguſten und bei der Mutter einige Theilnahme fand. Und doch— hätte man dieſe wirklich gute Frau auf das Gewiſſen gefragt: wen ſie lieber hingegeben hätte, ob Tannenhof oder Günther, ſie würde haben antworten müſſen:„oh zehn mal lieber Günther.“ Erdmuthe konnte ſich nun gar einer unwillkürlichen Zufriedenheit darüber nicht erwehren, daß„der Junge“ ihr nun auch für die Zukunft aus⸗ ſchließlich angehören ſolle, denn daß es um Günther ein für allemal geſchehen wäre, das nahm Erdmuthe ohne Weiteres an, und tüäuſchte ſich auch nicht, denn als 1813 Tannenhof aus Rußland zurückkehrte, brachte er die ſo gut wie verbürgte Nachricht mit, daß der arme Stabsſekretär bald in der erſten Zeit ſeiner Ge- ſchlagens ſaß Erdmuthe neben ihm und weinte Tag fangenſchaft geſtorben ſei. Amalie weinte um ihren braven und guten Mann, der„Alles gethan hatte, was er ihr an den Augen abſehen konnte“, aufrichtig und herzlich. Aber— ſie hatte ſich nun von Neuem in das elterliche Haus ein⸗ Aber ſie betrübte ſich ſehr. gewöhnt, oder beſſer geſagt, ſich in den älteſten liebe als ſie in liebender Selbſtſucht das Kind ganz für ſich ſten Gewohnheiten auf's Neue wieder eingerichtet, ihr Mann fehlte ihr nicht. Sie wußte, daß ſie ihn ver⸗ loren hatte, aber ſie empfand ſeinen Verluſt nicht. Mitten in der Betrübniß um ihn konnte ſie ſich ſtau⸗ nend an Corneliens Glück freuen, welches wieder ſo friſch blühte, wie je. Tannenhof war in ſeine frühere Garniſon zurückgekehrt, er wohnte wieder im Hauſe, er war zärtlicher, feuriger faſt, als früher, die Ein- willigung ſeines Vaters wurde ihm von ſeiner Schwe⸗ ſter, die ganz eben ſo dachte, wie er, als nahe bevor⸗ ſtehend zugeſagt— es war Feſtzeit im Hauſe, und die Frau Günthern freute ſich ſo gut wie Alle. Etwas nur bekümmerte ſie: daß ſie Schritte thun ſollte, um ſich den Genuß der kleinen Wittwenpenſion zu ſichern, auf welche ſie ein Anrecht hatte. Sie fand Schwierigkeiten: man glaubte an den Tod des Stabs⸗- ſie wollte lieber draußen für die Kranke ſorgen und ſekretärs, aber man wollte ihn gerichtlich beſtätigt haben, und wie ſollte die junge Wittwe ſich dieſe Beſtätigung — 48 verſchaffen? Der Kammerſchreiber und Tannenhof be⸗ riethen ſich, die Mutter ſeufzte, die Schweſtern waren unwillig auf die Behörden, Amalie entſchloß ſich kurz und ſchrieb an den General, welcher der frühere Vor⸗ geſetzte Günthers geweſen war. Der Brief war charak⸗ teriſtiſch für Amaliens ſchriftſtelleriſches Talent— er begann:„Lieber Herr General, Sie ſind immer ſo gut gegen uns geweſen, Sie haben immer für Gün⸗ thern geſorgt, ſorgen Sie jetzt auch für mich.“ Die arme Frau Günthern wurde ihres naiven Briefſtyls wegen von den Schweſtern und beſonders von Corne⸗ lien und Tannenhof weidlich ausgelacht, indeſſen das Ergebniß ihres Schrittes rächte ſie an den Spöttern: ſie bekam ihre Penſion. „Wehe denen, die lachen.“ Es iſt das ein ſchauer⸗ Wo das Lachen iſt, ſind die Thrä⸗ lich wahres Wort. nen nah. Der kleine Louis ſtarb. Es war im April — er hatte Frühlingsblumen zum Schmucke ſeines klei⸗ nen Sarges. Amalie war mehr erſchreckt als ergriffen. Erſchreckt durch das Unerwartete, erſchreckt vor Allem durch die erſte unmittelbare Anſchauung des Todes, vor welchem . ginde: heſgndere Angſt gezeigt hatte. Bisher e:„wir erch kein Todesfall vorgekommen, ſelbſt die Großmutter lebte noch. Der kleine verwaiste Knabe, der ſeinen Vater nie geſehen, eröffnete den Reigen der künftigen Todten, welche aus dem Hauſe nach und nach herausgetragen werden ſollten. Wenn Amalie an dem Bette, wo ihr Kleiner ſo weiß und ſtill lag, mehr ſchauerte als weinte, ſo war das erklärlich. Von Anfang an war es ihr vorgekom⸗ men, als wäre das Kind nur dazu in der Welt, daß die Familie Freude an ihm habe, der Familie war es mehr geſtorben, als ihr und hauptſächlich Erdmuthen. Die hatte, ohne es ſelbſt recht zu wiſſen, auf den Kleinen ihre ganze Zukunft gegründet. Wie Amalie Allen, ſo gehörte Louis ausſchließlich ihr. Niemand liebte ihn ſo, wie ſie, nach keiner Andern, ſelbſt nach der Mutter nicht, obwohl ſie ihn nährte, ſtreckte er ſo kindiſch verlangend die Hände aus. Und nun war er todt, und in der Vernichtung des erſten großen Fehl⸗ und Nacht. Sie grollte nicht, denn die Frömmigkeit der Mutter war auf ſie übergegangen, und ſie hielt demüthig ſtill, als ſie ſich von Gott geſchlagen fühlte. Daß ſie vielleicht für das Unrecht büßen müſſe, welches ſie dem Vater gethan, zu behalten wünſchte, das kam ihr nicht ein. Auf dem Standpunkt, wo Selbſtprüfung und Selbſtverurtheilung ausgeübt wird, befand Erdmuthe ſich ſo wenig wie irgend ein anderes Mitglied der Familie. Das Ge⸗ ſammtleben Aller und das Gefühlsleben der Einzelnen war das unmittelbare Produkt einer unbewußten Nai⸗ vetät, die Improviſation des Naturells, das unwill⸗ kürliche Ergebniß der verſchiedenen Temperamente. Der kleine Louis war der Vorſchweber einer an⸗ dern Seele geweſen, die heim ſollte, von ſeinem Sarge kam zehn die zweite Trauer. der letzten möglichen Liebe auf Erden um die Sterbende her, nur die Frau Günthern kam nicht gern hesein, Tage nach ſeinem Sterben folgte der zweite Tod, kochen, damit ſie alles Begehrte auf die Minute er hielte und Alles gut. Was konnte die arme Amalie dafür, daß ihr vor dem Enden ſo graute, daß ſie in ihrer demüthigen Thätigkeit nur Sinn für das Leben, nicht für den Tod hatte? Ein Mal mußte ſie dem Grauen doch Stand halten, die Mutter verlangte nach ihr.„Malchen,“ ſagte ſie, als ſie allein mit der zit⸗ ternden Tochter geblieben war,„ich wollte dich nur fragen: wirſt du wieder heirathen? Du biſt noch jung und als gut und wirthlich bekannt, es wird ſich wohl noch der oder jener Freier für dich finden, gedenkſt du b dann deinen Stand nochmals zu verändern?“—„Nein, liebe Mutter, niemals,“ antwortete Amalie unter vie⸗— len Thränen recht treuherzig und ehrlich,„ich bleibe meinem Manne treu, wenn er auch todt iſt, er iſt ſo gut zu mir geweſen, und iſt ſo elend geſtorben, und ich habe gar Nichts für ihn thun können, da will ich ihn wenigſtens nach ſeinem Tode noch ehren. Und dann möcht' ich auch nicht wieder von den Schweſtern und aus dem Hauſe fort, es iſt mir bange genug hierher geweſen, ſelbſt als ich bei Günthern war.“— Die Mutter lächelte befriedigt,„du heiratheſt alſo nicht wieder?“—„Nein, liebe Mutter, darauf kannſt du dich verlaſſen.“—„Wohl, meine gute Tochter, da ſegne dich Gott doppelt, denn wenn du im Hauſe ⅛ Erdmuthe an das Krankenbett der Mutter, vier⸗ Die Töchter alle wetteiferten in — bleib ich! ich und dir, - 49— vaist bleibſt, ſo wird mir der Tod viel leichter werden— die Mutter ſagte zu Tannenhof, welcher herein kam, e de ich weiß, daß du für die Schweſtern ſorgen wirſt, wie um die Nacht durch bei ihr zu wachen:„Lieber Sohn, ich es immer gethan habe, beſonders für die Kleine Sie und ich, wir können jetzt beruhigt über Cornelia Hauſe und für unſere Cornelia.“—„Ja, das verſpreche ich ſein, auch wenn Sie noch einmal fort müßten— . dir, liebe Mutter,“ erwiederte Amalie aufrichtig, und Amalie hat mir's verſprochen: ſie bleibt im Hauſe.“ ter ſo(Fortſetzung folgt.) 4 dwar ekom⸗ „ daß ar es Vaduz. uthen. f den(Taf. 4.) mmalie emand Die Herrſchaften Vaduz und Schellenberg, Bundesverſammlung an der Curialſtimme auf der t nach jene ſüdlich, dieſe nördlich, zwiſchen Vorarlberg, Grau- 16. Stelle mit den beiden Lippe und Reuß, mit Wal⸗ er ſo bündten und St. Gallen gelegen, von welchem Schwei⸗ deck und Heſſen⸗Homburg theilnimmt, im Plenum aber var er zerkanton ſie durch den Rhein geſchieden werden, bil⸗ ſeine beſondere Stimme hat, beſitzt ſchon ſeit 1818 Fehl⸗ den ſeit Ende des 17. Jahrhunderts das Fürſtenthum eine landſtändiſche Verfaſſung. Die Stände, welche 2 Tag Liechtenſtein, das kleinſte aller ſouveränen deutſchen aus Abgeordneten der Geiſtlichkeit und der Landmann⸗ nigkeit Fürſtenthümer, zugleich aber auch das einzige in Curopa, ſchaft beſtehen, verſammeln ſich in einer Kammer, hielt das keine eigentliche Staatsſchuld hat.— Bis zum haben aber nur die fürſtlichen Poſtulate anzunehmen, ühlte. Jahre 1690, wo es Fürſt Johann Adam Andreas, nicht zu beurtheilen. Die Staatsverwaltung wird im r das der letzte Sproſſe der karolingiſchen Linie des im Namen des Fürſten von der fürſtlichen Hofkanzlei, ethan, 13. Jahrhundert entſtandenen reichbegüterten Hauſes welche ihren Sitz in Wien hat, als oberſter Behörde ir ſich Liechtenſtein, erkaufte, deſſen Großvater Karl bereits geleitet, die innere Verwaltung von dem fürſtlichen f dem die Herzogthümer Troppau und Jägerndorf in Oeſter⸗ Regierungsamte zu Vaduz beſorgt, an deſſen Spitze eilung reichiſch⸗ und Preußiſch⸗Schleſien erworben hatte, ge⸗ ein Landesverweſer ſteht. Oberſte Gerichtsinſtanz iſt g wie hörten beide Herrſchaften dem Grafen von Hohenembs, das k. k. öſterr. Oberlandesgericht zu Innsbruck. Ge⸗ 8 Ge⸗ fielen aber nach deſſen Tode, 1712, ſammt allen übri⸗ ſetze für Liechtenſtein ſind meiſtens die öſterreichiſchen. zelnen gen Majoratsbeſitzungen an den Fürſten Anton Unbeſchadet der landesherrlichen Hoheitsrechte iſt Liech⸗ Nai⸗ Florian, von der Gundakar'ſchen Linie, der 1713 tenſtein dem öſterreichiſchen Syſteme der Zölle, Staats⸗ nwill als Fürſt perſönlich Sitz und Stimme im Reichstag monopole, Verzehrungsſteuer und Stempel beigetreten; e. erlangte, welches Recht 1723 auch auf ſeine Nachkom⸗ Zoll⸗ und Steuerämter ſind gemeinſchaftlich; Oeſter⸗ er an⸗ men überging, die den Marktflecken Vaduz oder reich beſoldet und beeidet die Zollbeamten, und Unter⸗ Sarge Liechtenſtein, mit ſeinen 1250 Einwohnern, zum ſuchungen wegen Gefällsübertretungen werden von öſter⸗ vier⸗ Hauptort des Fürſtenthums ernannten, und das auf reichiſchen Beamten geführt 5). Tod, einem hohen Felſen gelegene Schloß Vaduz längere Obwohl die Staatseinnahmen des kleinen Fürſten⸗ ten in Zeit zu ihrer Reſidenz erhoben. thums ſich auf nur 55,000 Gulden belaufen, von arbenee— Liechtenſtein, das nur 2, Quadratmeilen um⸗ denen etwa 20,000 Gulden die Einkünfte des regieren⸗ berei faßt, und kaum 7500 Bewohner zählt, iſt ein völli- den Fürſten von ſeinem Lande bilden, gehört das fürſt⸗ mn und ges Alpenländchen, deſſen höchſte Gipfel im Augſthorn lich Liechtenſtein'ſche Haus, das ſeit 1772 wiederum te er 7900, im Kimberſpitz 7500 Fuß aufſteigen, und wird in zwei Linien, die Franz'ſche(regierende) und Karl'⸗ Amalie vom Rhein, der Tamina, welche der Ill zufließt, ſche verfällt, durch ſeine Mediatbeſitzungen in Oeſter⸗ ſie in und mehreren Bächen bewäſſert. Die Oſt⸗ und Süd⸗ reich, Preußen, Sachſen ꝛc.(die mehr als 104 Quad⸗ Leben, ſeite des Ländchens iſt vorzugsweiſe von hohen Alpen ratmeilen mit einer Bevölkerung von 600,000 Seelen e den bedeckt, welche liebliche, fruchtbare Thäler umſchließen, in 24 Städten, 2 Vorſtädten, 25 Marktflecken, 7⁵6 u nch) hat einen nicht beſonders reichen, auf den Höhen mit Dörfern, 29 Herrſchaften, 46 Schlöſſern, 11 Klöſtern der jit⸗ dichtem Wald bedeckten Boden, und ein geſundes Klima, und 124 Meiereien, und die Beſitzungen der Sekundo⸗ h ux das in den hohen Gebirgen etwas rauh, im Rheinthal ginitur oder das Karlſche Majorat mit über 60,000 ij jung aber mild und lieblich iſt. Landwirthſchaft, beſonders Einwohner umfaſſen), zu den reichſten Privathäuſern j wohl aber Viehzucht, iſt die Haupterwerbsquelle der betriebs in Deutſchland. nlſt du ſamen Bewohner des Landes, deren gewerbliche Thä— B. Nein, A⸗ tigkeit ſich auf Baumwollſpinnerei und Holzarbeiten er vit⸗ beſchränkt, deren Erzeugniſſe in der benachbarten Schweiz*) Am 15. October 1862 trat für Liechtenſtein eine neue, bleibe ſtets geſicherten Abſatz finden. äußerſt freiſinnige Verfaſſung in's Leben. it n V Das kleine Fürſtenthum, welches in der deutſchen, 1, dilg V ſͤͤ weimn Wikokalendies, der rothe Häuptling. gen. 1⸗ 7(Schluß von Seite 36.) ſo ni. iif au Mary war keine Heldin, aber in dieſem Augen⸗ ſtärkſten Mannes.„Auf ihn haben ſie s abgeſehen,” 9 trr, d blicke ſchlug ihr Herz vielleicht muthiger, ala das des ſagte ſie entſchloſſen zu ſich ſelbſt,„aber ich werde hauſt Feierſtunden. 1863.* 7 50— ihn retten, indem ich ihnen zuvorkomme und ihn vor ſeine ganze Kaltblütigkeit wieder gewonnen hatte,„Mäd⸗ ihnen warne.“ Sie kannte die ſämmtlichen Wege und Stege der nächſten Umgebung, und namentlich wußte ſie auch ganz genau, wo die Rothwildquelle liege, da ſie ſchon mehrere Male dorthin geluſtwandelt hatte. Somit zauderte ſie keinen Augenblick, in dieſer Rich— tung fortzueilen; allein da ihr Ohm mit dem John den gewöhnlichen Fußpfad dahin eingeſchlagen hatte, ſo mußte ſie, um eine Begegnung zu vermeiden, einen immerhin nicht unbeträchtlichen Umweg machen. Doch ſuchte ſie die hiedurch entſtehende Verzögerung durch Verdoppelung ihrer Schritte wieder einzubringen, und ſo hoffte ſie ihre Verwandten doch noch zu überholen. Von Zeit zu Zeit übrigens konnte ſie es ſich nicht ver⸗ ſagen, ſtehen zu bleiben, um zu horchen; denn es kam ihr oft ſo vor, als ob ſie unmittelbar vor ſich ein Raſſeln hörte. Es ſtellte ſich aber jedesmal heraus, daß entweder ihre Phantaſie ſie getäuſcht habe, oder daß das Geräuſch von einem aufgeſchreckten Wild her⸗ rührte. Leider jedoch wurde ihr raſcher Lauf hiedurch immer wieder ein wenig verzögert, und überdem kam ſie einmal noch vom rechten Wege ab, was einen neuen Aufenthalt verurſachte. Doch endlich, endlich ſah ſie ſich dem Ziele nahe und— Gott ſei gelobt, nichts zeigte an, daß ihre beiden Verwandten vor ihr den Platz erreicht hätten! Sie athmete hoch auf vor Erleichterung, denn in zwei Minuten mußte ſie die Quelle vor ſich haben! Aber horch— Himmel und Erde, was war das? Ein Schrei, ein wilder Fluch, ein Schuß,— der Oheim und der Vetter hatten alſo ihr gräßliches Vorhaben doch vollbracht! Wie wahn⸗ ſinnig ſtürzte ſie vorwärts, und in einem Moment hatte ſie die kurze Entfernung zurückgelegt; aus ihrer beengten Bruſt aber löste ſich ein ſo durchdringender Hülferuf, daß die ganze Umgegend davon wiederhallte. Doch welch ein Schauſpiel bot ſich ihr dar, als ſie nun hart neben der kleinen Hütte ſtand, welche Simon Girty ſich aus Baumzweigen und Holzwerk errichtet hatte? Auf dem Boden ausgeſtreckt— das Sternen⸗ licht war nun hell genug, um Alles genau überſehen zu können— lag der arme Simon, die Augen ge⸗ ſchloſſen und aus mehreren Wunden blutend, und zu ſeinen Häupten ſtand der alte Eſtill mit geſpannter Piſtole, während der wilde John neben ihm kniete, ſein langes Dolchmeſſer in der Rechten ſchwingend, um es ſeinem Schlachtopfer in die Bruſt zu ſtoßen. „Hülfe, Hülfe, Mord, Mord,“ kreiſchte Mary, bei dieſem entſetzlichen Anblick vollkommen außer ſich gerathend.„Hülfe, Hülfe, Mord, Mord!“ Sie dachte nicht daran, daß auf viele, viele Mei⸗ len kein Menſch wohne, der ſie hören könne! Einen Erfolg hatte aber ihr verzweiflungsvoller Ruf deßwegen doch, denn nicht nur wurden die beiden Verbrecher in ihrem Thun dadurch aufgehalten, ſondern auch der ſchwerverwundete Simon Girty hörte ihn und öffnete die Augen. „Höll und Teufel, er iſt noch nicht todt,“ ſchrie jetzt der wilde John, der ſich zuerſt wieder von ſeinem Schrecken erholte und ſofort ſeinen Dolch von Neuem ſchwang. 3 „Halt ein, halt ein, um Gottes Barmherzigkeit willen halt ein,“ kreiſchte dagegen Mary, während ſie zugleich dem Mörder in den Arm fiel und ihn dadurch am Zuſtoßen hinderte. „Rädchen,“ ſagte nun der alte Eſtill, der alsbald chen, es wäre beſſer für dich geweſen, du hätteſt dein Bett nicht verlaſſen, um uns heimlich hierher zu fol⸗ gen; allein was geſchehen iſt, iſt geſchehen, und läßt ſich nicht mehr ändern. Sei ruhig, John,“ fuhr er dann gegen dieſen gewandt fort,„und ſtecke deinen Dolch ein, denn nun wir einen Zeugen haben, darf die That nicht vollbracht werden.“ „Nicht vollbracht?“ ſchrie John mit einem grim⸗ migen Lachen.„Wer in aller Teufel Namen ſoll mich denn daran verhindern?“ „Ich, du Thor,“ erwiederte der Alte,„und ich weiß recht gut, warum ich's thue. Ich werde näm⸗ lich,“ flüſterte er ihm in's Ohr,„meine Bedingungen ſtellen, und dieſe Bedingungen ſollen uns ſchneller zum Ziele führen, als der Tod dieſes Menſchen da gethan haben würde. Mary,“ fuhr er dann laut fort, indem er ſich an ſeine Nichte wandte, welche neben dem wieder bewußtlos gewordenen Simon Girty niederge⸗ kniet war, und es verſuchte, das aus ſeinen Wunden fließende Blut zu ſtillen,„Mary, du liebſt den Mann, neben dem du knieſt, und es iſt dir alſo an ſeinem Leben etwas gelegen?“ „Alles, alles, Oheim,“ rief Mary, ihre Hände flehend emporſtreckend. „Nun gut, er ſoll leben,“ erwiederte der alte Eſtill,„aber nur unter zwei Bedingungen.“ „Nennt ſie, nennt ſie, und ſie werden erfüllt wer⸗ den,“ erklärte das Mädchen mit geflügelten Worten. „Verlangt Alles, was ihr wollt, Alles, Alles, nur ſchont ſein Leben.“ „Die erſte Bedingung alſo iſt,“ fuhr der Alte kaltblütig fort,„daß Simon Girty, ſobald er von den paar Schrammen, die er erhalten hat, geneſen iſt, Kentucky verlaſſe und ſich nie mehr daſelbſt ſehen laſſe.“ „Das wird er thun,“ rief Mary,„mit meinem Leben ſtehe ich dafür ein, daß er es thun wird. Und nicht blos dies, ſondern er wird auch ſchwören, gegen keinen Menſchen etwas von dem Mordangriff auf ihn verlauten zu laſſen, ſondern gerade ſo zu thun, als ob nichts geſchehen wäre.“ „Was das anbelangt,“ meinte Eſtill trocken,„ſo kann es uns höchſt gleichgültig ſein, ob Simon von der Sache in Virginien, oder wo er ſonſt will, erzählt oder nicht. Ja ſogar klagen darf er ganz nach Be⸗ lieben, denn der Arm der Gerechtigkeit, wie man die Polizei in den Staaten nennt, reicht nicht bis zu uns herein, und ich möchte keinem Sheriff rathen, in Ken⸗ tucky eine Verhaftung vornehmen zu wollen. Aber nun komme ich an die zweite Bedingung, deren Erfüllung rein von dir ſelbſt abhängt.“ „So nennt ſie,“ erklärte das Mädchen mit feier⸗ licher Stimme,„und die Gnade des Himmels möge mir in meiner letzten Stunde verſagt ſein, wenn ich ſie nicht erfülle.“. „Die zweite Bedingung iſt,“ fuhr der alte Mann, ohne eine Miene zu verziehen, fort,„daß du das Weib meines Sohnes John werdeſt, und zwar gleich am morgenden Tage. Unſer nächſter Nachbar auf Mount Sterling, der die Befugniſſe eines Friedensrichters hat, mag die Trauung vornehmen.“ „Das Weib Johns?“ ſchrie Marie todtesbleich zu⸗ rückfahrend und auf einmal am ganzen Leibe zitternd. „Das Weib des Mörders meines einzigen Freundes?“ jedes es l erfül PMter dß falls haſt. zum bei i mit Nei ſij knit ben Mäd⸗ dein 1 fol⸗ läßt hr er einen darf rim⸗ mich d ich näm⸗ ungen rzum gethan indem dem derge⸗ unden kann, einem Hände nan die zu uns n Ken⸗ eer nun füllung t feier⸗ möge un ich Mann, 3 Wel 9 am Neun ers hat, miit ſich in's Reine gekommen zu ſein, „Er iſt nicht ſein Mörder,“ ſprach der alte Eſtill, jedes ſeiner Worte beſonders betonend,„aber er wird es werden, wenn du dich weigerſt, mein Verlangen zu erfüllen, denn ich ſchwöre dir bei den Gebeinen meines Vaters, und dieſen Schwur habe ich noch nie gebrochen, daß Simon Girty jetzt auf der Stelle ſterben muß, falls du in der nächſten Minute nicht Ja geſagt haſt.“ hnſt. Her Gott im Himmel oben,“ rief das arme, zum Tode geängſtete Mädchen,„Herr Gott, ſtehe mir bei in meiner Noth.“ „John, nimm dein Meſſer,“ ſagte der alte Eſtill mit furchtbarer Kälte,„und nun Mary, Ja oder Nein?“ „Ja,“ ſchrie das Mädchen, ſicht mit beiden Händen bedeckte. knickte es wie eine gebrochene Lilie bewußtlos auf den Boden nieder. „Und nun?“ fragte John, der das Meſſer gezückt in der Hand hielt. „Nun ſteckſt du dein Meſſer wieder ein,“ erwiederte der Alte gelaſſen, und nimmſt ſofort deine Braut auf den Arm, um ſie in unſere Behauſung zu tragen.“ „Und du?“ fragte der Sohn weiter. „Ich bleibe einſtweilen bei dem Verwundeten, um ſeine Wunden zu beſorgen,“ entgegnete der Vater höh⸗ niſch.„So nämlich wirſt du zur Mary ſagen, wenn ſie etwa zu ſich felbſt kommen ſollte! Haſt du ſie aber in unſerem Hauſe ihrer Dienerin übergeben, ſo eilſt du, ſo ſchnell du kannſt, hierher zurück, denn unſer Geſchäft iſt noch nicht ganz zu Ende.“ John that, wie ihm befohlen war. Mit leichter Mühe lud er ſeine ſchmächtige Couſine auf den Arm und trug ſie der Heimath zu; der Alte aber ſetzte ſich neben den Verwundeten auf den Boden und ſtützte den Kopf in die Hand, als hätte er tief nachzudenken. Nach einer halben Stunde jedoch ſchien er vollkommen denn er lachte der etwas recht Kluges indem es ſich das Ge— Gleich darauf aber zuſammen und ſank ſtill vor ſich hin, ausgeheckt hat. „Auf dieſe Art geht es,“ murmelte er,„denn ich kann ihr dann jeden Eid, den ſie verlangt, ſchwören, daß ihm nichts weiter zu Leid gethan worden iſt, ſon⸗ dern daß er vielmehr auf ſeinem eigenen Gaule die Weiterreiſe angetreten hat. Nun wohl bekomm ihm dieſe Reiſe,“ ſetzte er darauf mit einem teufliſchen Grinſen hinzu. Kaum war er mit dieſem Selbſtgeſpräche fertig, ſo ſtand er auf und ſchnitt ſich mit ſeinem Meſſer eine ziemliche Menge von ſtarken Binſen ab, die in großer Anzahl in der Nähe wuchſen, die Binſen aber fing er an in dicke Seile zuſammen zu flechten, u wenn er vorhätte, irgend ein ſtarkes Thier zu feſſeli Natürlich begers verwandte er dabei din Auge vun dem Verwundeten, damit er ſogleich bereit ſei, derſelbe etwa aus ſeiner Bewußtloſigkeit erwache, und ſo vergingen mehrere Stunden, bis endlich John wie⸗ der auf den Platz zurückkehrte. „Nun?“ fragte jetzt der Alte. „Sie iſt aufgewacht,“ erwiederte der Sohn,„und ich ſagte ihr, was du mir zu ſagen befohlen.“ „Gut,“ fuhr der Alte fort.„Jetzt geh' hinter die Hütte, wo das Roß des Mannes da angefeſſelt ſtebt, und binde demſelben eine ſtarke Gurte um den 1 Leib, während ich hier vollends den letzten Strick flechte. wie Einer, wenn - 51 Hüte dich aber wohl, es loszulaſſen, denn ſouſt würde mein ganzer Plan vereitelt.“ John ging, die Befehle ſeines Vaters auszuführen, kehrte aber ſchon nach kurzer Zeit zurück, das Ge⸗ ſhrhene dieſem anzuzeigen.“ „Vortrefflich,“ ſagte der Alte,„und nun ſteh' mir bei, den Mann da auszukleiden.“ Auch dies war in wenigen Minuten geſchehen; nicht, ohne daß der Unglückliche, als er ſanft berührt wurde, laut eufgeſeuß hätte. „Jetzt nimm ihn an den Füßen, wihrend ich ihn am Kopfe halte,“ befahl der Alte weiter,„und nun fort mit ihm auf den Gaul hinauf, aber nicht als Reiter, ſondern als Waarenballen. Hoho, John, be⸗ greifſt du jetzt?“ John begriff und lachte wild auf vor Freude. So hoben ſie denn den Armen auf und legten ihn der Länge nach auf das Pferd; dort aber banden ſie ihn mit den Binſenſeilen ſo feſt, daß er unmöglich herab⸗ fallen konnte. „Nur die Stricke noch tüchtig angezogen,“ rief der alte Eſtill,„und die Arme an den Hals, die Füße aber an die Weichtheile angeſchnallt! So iſt's gut, und nun noch einen ſtarken Strick um den Leib, denn das Roß wird gar ſonderbare Manövres machen, ſobald es die ungewohnte Laſt auf ſich ſpürt, und wenn wir ihn daher nicht über die Maßen feſt anbinden, ſo ſtreift es ihn an einem Baume ab, oder wälzt ſich mit ihm auf dem Boden herum, bis es ihn los hat. Ja ſtöhne nur, du neuer Mazeppa, oder wie ſonſt der Koſacken⸗ hetman hieß, den man auf ähnliche Art angebunden durch die Ukraine jagte; aber glaube mir, ſo gut wird dirs nicht, wie's Jenem geworden iſt, ſondern wenn dich das Roß ein paar Tage lang herumgetragen hat, ohne daß ein Tropfen Waſſers deine lechzende Zunge benetzte, ſo biſt du ſo ſicher eine Leiche, als du jetzt noch ein lebender Menſch biſt, oder wenn du je noch athmeſt, ſo werden die Geier und Aaskrähen bald ein Ende mit dir gemacht haben.“ Hat nun der Leſer ebenfalls begriffen, wie die grauſamen Quälgeiſter mit dem armen Simon Girty verfuhren? Schrecklich, ſchrecklich— doch das Aller⸗ ſchrecklichſte kam erſt! Als nämlich), während der Ver⸗ wundete gar entſetzlich ſtöhnte, die gräßliche Arbeit ge⸗ than war, riß der alte Eſtill ein Stück Tuch von ſeiner Kleidung ab, rieb daſſelbe tüchtig mit Pulver aus ſeinem Pulverhorn ein, ſchlug dann Feuer und zündete es an. „Nun merk' auf, John,“ flüſterte er jetzt mit einem heißeren Lachen.„In demſelben Augenblicke, in welchem ich den brennenden Fetzen dem Roſſe in's Ohr ſtopfe, entledigſt du es ſeiner Halfter, und dann wirſt du ſehen, was es für Sprünge macht.“ Noch ein Moment und es geſchah, wie der Alte vorausgeſehen hatte. Sobald nämlich das Thier den Schmerz des brennenden Schwamms fühlte, ſchlug es wild aus und rannte dann mit ſeiner Laſt auf dem Rücken in der wahnſinnigſten Eile in die Ebene hinein. In demſelben Augenblicke aber kam der Verwundete zum Bewußtſein und ſtieß einen furchtbaren Schrei aus! „Den ſind wir los für immer und ewig,“ ſagte nun der alte Eſtill kaltblütig,„und können doch be⸗ ſchwören, daß wir ihm nicht an's Leben gegangen ſind. Aber nun komm' nach Hauſe, denn deine Trauung muß heute noch ſtattfinden.“— doch ſo gar un⸗ — 52— 4 II. Drei Jahre ſind vergangen ſeit der eben ſo grau— ſamen als niederträchtigen That, welche wir ſo eben beſchrieben haben, und in dieſer Zeit hat ſich gar Man— ches verändert. Vor Allem müſſen wir konſtatiren, daß Mary ihren Schwur hielt und dem Vetter John ihre Hand reichte. Zwar allerdings geſchah dies nicht gleich den andern Tag nach dem bewußten Ereigniſſe, ſondern erſt ein paar Wochen ſpäter, denn die furcht⸗ bare Aufregung jener Nacht warf ſie in ein hitziges Fieber, von dem ſie ſich nur langſam erholte. dies würde ſie dem erzwungenen Ehebündniſſe unbe⸗ dingten Widerſtand entgegengeſetzt haben, wenn ſie ge⸗ wußt hätte, wie John und der alte Eſtill in Wahrheit gegen den Simon Girty verfahren waren; allein man hatte ihr hinterbracht, daß Simon nach wenigen Tagen von ſeinen Wunden geneſen und im Stande geweſen ſei, nach Virginien zurückzureiten, und— warum hätte ſie an dieſem Berichte zweifeln ſollen? Wenn der alte Eſtill bei den Gebeinen ſeines Vaters ſchwur, ſo durfte man ihm ja trauen! So gewährte ihr denn der Ge⸗ danke, durch ihre Aufopferung dem Geliebten das Leben gerettet zu haben, unendlichen Troſt, und eben in die⸗ ſem Troſt fand ſie den Muth, eine Ehe zu ertragen, die ihr ſonſt Eckel und Abſcheu zugleich eingeflößt haben würde. Dennoch konnte man natürlich von einem Glück in dieſer Verbindung nicht ſprechen, ſondern es gab vielmehr nicht einen einzigen ſonnigen Tag in der⸗ ſelben. Allerdings offene Zerwürfniſſe oder Scenen kamen ſelten vor, denn ſie ertrug die rohen Launen und ſonſtigen ſchlimmen Gewohnheiten ihres Gemahls mit einer merkwürdigen Geduld und Ergebung; allein ſie gebar ihm keine Kinder und kränkelte zugleich ſeit dem Hochzeitstage ſo auffallend, daß ihre Kräfte ſicht⸗ lich dahin ſchwanden. Wie nun aber der alte Eſtill ſah, daß ſeine Hoffnung, einer Schaar von kräftigen Enkeln ſein großes Beſitzthum hinterlaſſen zu können, eine vergebliche ſei, wurde er von Tag zu Tag mür⸗ riſcher, und nach Verfluß von ein paar Jahren fing er ſogar an, ſeine Söhnerin, ſtatt mit Liebe, mit Haß zu betrachten; ſein Sohn aber, Mary's Gatte, ging in ſeiner Härte, Rohheit und Liebloſigkeit noch weiter, und verfluchte in ſeinem Innern den Tag, an welchem ſeinem Vater der Gedanke gekommen ſei, ihn an ein ſieches Weſen zu feſſeln, mit dem er auch in gar kei— ner Beziehung harmonirte. Abgeſehen übrigens von dieſen Verhältniſſen, die mehr geiſtiger als materieller Natur waren, verging auf Eſtills Station ein Tag wie der andere, und nur ziemlich ſelten wurde die einförmige Einſamkeit durch irgend ein beſonderes Ereigniß unterbrochen; als ein Ereigniß aber galt es ſchon, wenn nur einmal ein Fremder ſich auf die Station verirrte, oder wenn in der Runde von vierzig Meilen ein neuer Anſiedler Poſto faßte, oder endlich, wenn ſich Indianer in der Nachbarſchaft ſehen ließen. Man muß nämlich wiſſen, daß die Letzteren ſich, je mehr Weiße aus den atlan⸗ tiſchen Staaten in's Land kamen, immer weiter gegen den Miſſiſſippi hin zurückzogen, weil ſie mit den „Bleichgeſichtern“ keine Gemeinſchaft haben wollten, und daß ſie insbeſondere jede Berührung mit Eſtills Station mieden, deren Bewohner allgemein als beſon⸗ ders heftige und grauſame Feinde„des rothen Man⸗ 8 Ueber⸗ nes“ galten. Um ſo mehr alſo mußte es auffallen, daß ſich etwa ein Vierteljahr nach dem Beſuche Simon Girty's auf einmal eine alte Indianerin auf der Sta⸗ tion einfand, und nicht blos verſchiedene Tage lang in der Umgegend, anſcheinend ohne irgend einen Zweck, verweilte, ſondern von da an auch alle paar Monate regelmäßig wiederkehrte, um nach kurzem Aufenthalte eben ſo plötzlich, als ſie gekommen, wieder zu ver— ſchwinden. Noch auffallender war, daß ſie, wie ſolche herumſtreifende Indianerinnen ſonſt zu thun pflegten, nicht nur nicht bettelte, ſondern ſogar jede Gabe, die man ihr unaufgefordert reichen wollte, ſtolz verſchmähte, nur allein das Brod und Fleiſch ausgenommen, wel⸗ ches ſie von der jungen Frau des Hauſes eigenhändig empfing. Auch würdigte ſie Niemanden eines Wortes, obwohl ſie, wie ſich ſpäter herausſtellte, im Engliſchen nicht ganz unbewandert war und Alles ganz gut ver⸗ ſtand, was man zu ihr ſagte oder was um ſie her vorging; wenn dagegen Mary ſie anredete, ſo nickte ſie ſtets äußerſt freundlich, wie wenn ihr damit ein beſonderer Gefallen erwieſen würde. Ueberhaupt ſchien es, als ob ſie mit allen ihren Beſuchen keinen anderen Zweck verfolgte, als nur allein die Gattin Johns zu ſehen und zu ſprechen, denn wenn dieſe, was nur zu oft der Fall war, Unwohlſeins halber das Bett hütete, ſo blieb ſie ſtets ſo lange in der Umgegend, bis die arme Kranke wieder ihrem Hausweſen nachging; wenn ſie aber Marien ſchon gleich am erſten Tag nach ihrer Ankunft zu Geſicht bekam, ſo verſchwand ſie ſicherlich gleich am anderen Morgen, und ſtellte ſich erſt nach einigen Monaten abermals ein. Unter ſolchen Um⸗ ſtänden iſt es natürlich nicht zu verwundern, wenn die gute Mary eine Art von Vorliebe für die Indianerin faßte und dieſelbe unter ihren beſonderen Schutz nahm; allein eben ſo ſelbſtverſtändlich iſt es, daß der alte Eſtill und ſein Sohn die„zudringliche rothe Vagabun⸗ din“, wie ſie dieſelbe nannten, mit der größten Ver⸗ achtung behandelten und ihr mehr als einmal das Wiederkommen verboten. Ja einmal ſchwang John ſogar die Peitſche und koppelte die Hunde los, um„die alte Zigeunerin“ aus ſeinem Territorium zu verjagen; doch ließ er ſchnell wieder davon ab, als er nun das Gebahren der Frau gewahrte. Dieſe nämlich richtete ſich auf einmal hoch auf und warf ihm einen ſo küh⸗ nen, herausfordernden Blick zu, daß er denſelben kaum aushalten konnte.„Großer Ruhm,“ rief ſie ihm dann in ziemlich gutem Engliſch zu,„eine alte Frau zu töd⸗ V ten oder zu mißhandeln! Aber haſt du nicht gehört von Wikokalendies, dem großen Häuptling? Er ſchützt jedes Haar auf meinem Haupte, und nun komm du Geier, dem die weiße Taube angetraut, komm und verrichte deine Heldenthat!“ Das war eine Sprache, die er nicht erwartet hatte; ja es lag darin eine Drohung, die gar wohl zu beherzigen war, denn Wikokalendies oder das„Weißauge“ galt als einer der kühnſten und verwegenſten Häuptlinge, der je unter den Indianern aufgetaucht, und es wäre mehr als thöricht geweſen, ſeine Rache herauszufordern. Vor wenigen Jahren noch hatte man nichts von ihm gewußt, und nicht ein⸗ mal ſein Name wurde genannt; in neueſter Zeit aber ſprach man im ganzen Miſſiſſippithal nur von ihm, und es wurden eine Menge der veronnderamſtes Dihe ſowohl in Beziehung auf ſeine Abſtammung und ſein Ausſehen, als auch in Betreff ſeiner Tapferkeit und kriegeriſchen Thaten von ihm erzählt. Mochte nun übri ſo din als Sti tomi verei übrie Was Nan alte auch Sa wa wo di ——-ͤ—,—— ñ——„—,— — allen, imon Sta⸗ ng in weck, dnate halte ver⸗ olche gten, die ühte, wel⸗ ändig ortes, ſchen ver⸗ e her nickte t ein chien eren 3 zu r zu ttete, die wenn ihrer erlich nach Um⸗ 1 die nerin ahm; alte bun⸗ Ver⸗ das Johſ n„die agen; 1 das ihtete küh⸗ kaum dann 1j töd⸗ tt von jedes Geier, riihte die er hung⸗ endies und nanern weſen, dahreu ft ein⸗ t aber ihm, Dinge it und e nun Kampf, f — 53 übrigens daran Vieles oder nur Weniges wahr ſein, ſo galt es jedenfalls als eine ausgemachte Thatſache, daß er auf der andern Seite des Miſſiſſippi eine über— aus große Bande von Kriegern aus den verſchiedenen Stämmen der Wyandots, der Miamies, der Pottowa⸗ tomies und der Shawanies unter ſeinem Commando vereinigt habe, und daß nunmehr kein einziger der übrigen Indianerhäuptlinge ihm an Macht gleichkomme. Was Wunder alſo, wenn John bei Nennung dieſes Namens nicht wenig zuſammen fuhr, und wenn die alte Indianerin für die Zukunft ſowohl von ihm, als auch von ſeinem Vater, dem er natürlich von der Sache Mittheilung machte, unbeläſtigt blieb? Man war ja in Kentucky äußerſt froh, wenn das tapfere Weißauge über dem Miſſiſſippi drüben blieb, und wollte ihm auch nicht den geringſten Anlaß geben, auf die linke Seite des Stromes zu den weißen Anſiedlern herüberzukommen! Auf dieſe Art und Weiſe verlebte man auf Eſtills Station die Jahre vom Sommer 1778 bis zum Som⸗ mer 1781, allein nun ſollte es plötzlich anders wer⸗ den. und der bekanntlich damit endigte, daß die Unabhängig⸗ keit der„Vereinigten Staaten“ anerkannt werden mußte, hatte bis jetzt Kentucky wenig oder gar nicht berührt. Spielte er ja doch hauptſächlich in den Staaten und Gegenden, welche dem atlantiſchen Ocean entlang lagen, während das weniger bevölkerte Innere des Landes von Freund und Feind faſt ganz unbeläſtigt blieb! Deß— wegen aber ergriffen die Bewohner dieſes Innern den⸗ noch ebenfalls ſämmtlich ohne Unterſchied Parthei und hielten es entweder mit den Engländern, als den recht⸗ mäßigen Herren und Gebietern, oder aber mit den empörten Coloniſten, die das drückende Joch abwerfen wollten, ſo daß auch hier überall, ſowohl auf dem Lande als in den Städten, wenn gleich kein offener ſo doch Haß und Zwietracht herrſchten. Das Traurigſte übrigens bei all' dieſen Händeln war die Art und Weiſe, wie man ſich gegenſeitig befehdete, denn man ging einander keineswegs mit blos ehrlichen Mitteln, ſo wie mit denjenigen Waffen, welche in civiliſirten Ländern zu Hauſe ſind, auf den Leib, ſon⸗ dern man ſchreckte vielmehr vor gar nichts zurück, das möglicherweiſe zum Ziele führte. Insbeſondere beſtrebte man ſich auf beiden Seiten, auf der revolutionären wie auf der engliſchen, die wilden Indianer für ſich zu gewinnen, und durch dieſelben Mord und Brand, wenn nicht gar etwas noch Schlimmeres in die Woh⸗ nungen der Gegner tragen zu laſſen. Ja man brachte es, ſei's durch Geſchenke, ſei's durch Ueberredung, ſei's durch andere Mittel, auch wirklich ſo weit, daß dieſe armen Menſchen, die doch gewiß kein Intereſſe dabei hatten, ob die empörten Coloniſten oder die Engländer Herr würden, ſondern in deren Vortheil es vielmehr gelegen geweſen wäre, die ſtreitenden Parthien ſich ge⸗ genſeitig aufreiben zu laſſen, damit das ganze Land wieder an die Ureinwohner zurückfalle,— daß, ſagen wir, faſt ſämmtliche Rothhäute thatſächliche Parthie ergriffen, und ſich, mochten ſie auf dieſer oder auf jener Seite ſtehen, mit einer Wuth und Grauſamkeit in den Kampf ſtürzten, als ob es ſich nur allein um ihr eigenes Wohl und Wehe handle! Dieſe Parthei⸗ ergreifung der Indianer, oder vielmehr ihre Anwer⸗ bung ſei's in engliſchen, ſei's in amerikaniſchen Dienſt, Der lange Krieg nämlich, welcher in jener Zeit zwiſchen Nordamerika und Großbritannien geführt wurde fiel jedoch nicht gleich in die erſten Jahre des Kriegs, ſondern begann eigentlich erſt in der Mitte deſſelben, denn— natürlich— man ſcheute ſich anfangs, zu einem ſolch' barbariſchen Mittel, das mit nichts ande— rem verglichen werden konnte, als mit dem Loslaſſen eines eingeſperrten Tigers oder Wolfs, zu greifen. Allein wie man den erſten Schritt einmal gethan hatte, ging man mit jedem Jahre weiter, und ſandte Anno 1781 ſogar in die ganz weſtlich am Miſſiſſippi gele⸗ genen Diſtrikte Werber, um die dort hauſenden In⸗ dianer für ſich zu gewinnen. Im Anfang nun hat⸗ ten dieſe Werbungen keinen ganz günſtigen Erfolg, und zwar kam dies hauptſächlich daher, daß die beiden großen Häuptlinge Hengunpuſchies oder die ſtarke Wild⸗ katze, und ſein Tochtermann Wikokalendies oder das Weißauge von einer Betheiligung am Kriege der weißen Männer unter einander keinen Antheil nehmen wollten; allein im Sommer deſſelbigen Jahres kam es vor, daß eine Anzahl Kentuckyiſcher Anſiedler angeblich wegen eines Pferdediebſtahls, der an Einem von ihnen be— gangen worden war, ein friedliches Indianerdörflein, das auf der linken Seite des Miſſiſſippi lag, ſtürm⸗ ten, und nun war es mit der Neutralität der beiden großen Häuptlinge auf einmal vorbei. Die Indianer des geſtürmten Dörfleins nämlich gehörten der Nation der Miamies an, deren Hauptſtamm auf der andern Seite des Stroms ſeine Lagerplätze beſaß, und folglich begehrte jetzt die ganze Nation, zur Rache geführt zu werden. Waren ja doch bei jenem Sturme ſogar Weiber und Kinder, die doch jedenfalls keine Schuld an dem vorgeworfenen Diebſtahl treffen konnte, kalt⸗ blütig maſſacrirt und dem Tode geweiht worden, ſo daß der Ruf nach Rache als ein vollkommen gerecht⸗ fertigter erſchien! Weil nun aber die weißen Anſiedler in Kentucky ſämmtlich zu den empörten Coloniſten hielten, ſo konnte nichts natürlicher ſein, als daß ſich die beiden Häuptlinge der vereinigten Miamies, Wyan⸗ dots, Pottowatomies und Shawannies zur Gegenpar⸗ thie, d. h. zu den Engländern ſchlugen, und in feier⸗ licher Rathsverſammlung den Krieg gegen die rebelli⸗ ſchen Amerikaner erklärten. Die Kunde hievon flog wie ein Lauffeuer durch ganz Kentucky, und es ent⸗ ſtand ſofort die größte Aufregung unter den Männern, während die Frauen und Kinder von einer unſäglichen Angſt ergriffen wurden. Waffenlärm ertönte nun all⸗ überall und allüberall flüchtete man das Werthvollſte, das man beſaß, insbeſondere aber auch die wehrloſen Kinder und Frauen in die wenigen Forts, die im Lande herum zerſtreut lagen und dereinſtens gegen die wilden Indianer zum Schutze der Anſiedler errichtet worden waren; die Vertheidigung dieſer Forts aber, die man ſo ſchnell als möglich verproviantirte, über⸗ nahmen die Plantagenbeſitzer und Farmer, welche den⸗ ſelben zunächſt wohnten. So ſtand es im Auguſt des Jahres 1781 in Ken⸗ tucky, und daß in Folge deſſen auch auf Eſtills Sta⸗ tion die größte Verwirrung herrſchte, kann man ſich wohl denken. Ja hier war die Verwirrung noch weit größer, als anderswo, denn es trat noch ein beſonde⸗ rer Umſtand hinzu, der mit tiefſtem Gewicht in die Wagſchale fiel. Zwar allerdings befand ſich nur etwa zehn Stunden entfernt ein ſtarkes Fort,„Bryants⸗ Fort“ geheißen, in welches ſich ſofort die ganze Nach⸗ barſchaft flüchtete, allein die arme Mary, die Fran des wilden John, lag um dieſe Zeit von tödtlicher Krankheit ergriffen zu Wette⸗ und konnte unmöglich h dem Bette und beugte ſich über die Dulderin. weiter transportirt erden hatte ſie das Elend i Drei lange Jahre hindurch hrer Ehe getragen, und acrend dieſen drei langen Jahren fraß der Tod langſam an ihrem Herzen, bis eudlich das Mark ihrer Kräfte total aufgezehrt war. Da lag ſie nun, blaß wie eine weiße Roſe, ein Bild des Schmerzens und des Jammers, ihrer Auflöſung ſtündlich entgegen harrend! ihrem Bette jedoch ſtand kein liebender Anverwandter, der ſie getröſtet und ihrer gewartet hätte, beiden Männer, welchen dieſe Verpflictung obgelegen wäre, ihr Gatte und Schwiegervater, gingen zornig fluchend ab und zu und überließen ihre Verpflegung einer alten, halbtauben, ſchwarzen Sklavin, die kaum fähig war, für ſich ſelbſt, viel weniger für einen hülf⸗ loſen Kranken zu ſorgen. Die ſämmtlichen übrigen Diener hatten alle Hände voll zu thun, um wenigſtens das Werthvollſte nach Fort Bryant zu ſchaffen, denn ſtündlich kam die Gefahr der heranrückenden Indianer näher, und Männern, wie den beiden Eſtill, lag na⸗ türlich ihr Eigenthum mehr am Herzen, als die ſter⸗ bende Gattin und Schwiegertochter. Endlich war das Hauptſächlichſte gethan und nun handelte es ſich darum, was mit Mary begonnen werden ſolle. „Erhebe dich, Mary,“ ſagte der alte Eſtill in ſei— ner gewöhnlichen kalten Weiſe,„erhebe dich augenblick⸗ lich, denn wir dürfen keinen Augenblich mehr zaudern, wenn wir Fort Bryant noch erreichen wolln, ehe die Indianer anrücken.“ „Ich kann nicht,“ erwiederte Mary. mit kaum ver⸗ nehmlicher Stimme.„Geht und überlaßt mich meinem Schickſale.“ „Das werden wir auch thun,“ rief der wilde John, „wenn du dich noch länger zögerſt. Bei der Hölle,“ ſetzte er ſofort mit einem grimmigen Blick hinzu,„ich glaube nicht, daß du auch nur die Hälffte ſo krank biſt, als du dich anſtellſt. Alſo auf und zu Roſſe oder bleib und ſtirb!“ „Ja, ſterben will ich,“ es, der Tod iſt nahe Erdenqual erlöst ſein.“. „Und wir von dir, du ewiger Thränenquell,“ höhnte John.„Doch, was ſoll das dumme Geplapper? Komm Vater und laſſen wir ſie, wo ſie iſt. Denen, die nach ihr fragen, können wir ja ſagen, daß ſie bereits den letzten Athemzug gethan, ehe wir von hier fortgeritten ſeien!“ Er drehte ſich auf dem Abſatze um und verließ das Zimmer, ohne nur noch einen Blick nach ihr, ſeiner Gattin, zu werfen. Gleich hinter ihm drein ſchritt der alte Eſtill, und einen Augenbl ick ſpäter hörte man den Galopp ihrer Pferde, wie ſie über die Ebene hinſpreng⸗ ten; unn aber überzeugte ſich hievon die alte halbtaube Niggerin, als ſie ebenfalls das Zimmer verließ und nach Zuſammenraffung ihrer wenigen Habſeligkeiten ſo eilig als möglich davon floh. So blieb die ſterbende Mary ganz allein, elenallein im Hauſe zu⸗ rück, denn Alles, Alles hatte ſie verlaſſen. Ein un⸗ endlich wehmüthiges Löächeln zog über ihre ſchmalen, blutloſen Lippen, dann legte ſie die faſt durchſichtigen Hände zuſammen und betete leiſe, aber inbrünſtig. hauchte Mary;„ich fühl' und bald werde ich von dieſer Und wie ſie nun ſo da lag, eine wahre Braut des Himmels, da öffnete ſich mit einem Male die Thüre und herein trat die alte Indianerin, von der wir wei⸗ Neben ſondern die — 54— ter oben geſprochen. Leichten Schrittes näherte ſie ſich „Erſchrick nicht, weiße Roſe,“ flüſterte ſie ihr zu, „denn es iſt deine Freundin, das rothe Weib, welches kommt, dich zu beſuchen, und bei dir zu wachen, weil die feigen Bleichgeſichter dich verlaſſen haben.“ „Du biſt gut,“ hauchte Mary, der Frau einen freundlichen Blick zuwerfend. „Nicht ich bin gut,“ erwiederte die Indianerin, „ſondern er, der große Häuptling Wikokalendies, der dich in ſeinen beſonderen Schutz genommen hat. So oft ich kam, um nach dir zu ſehen, kam ich auf ſein Geheiß, und auch diesmal iſt er es, der mir befohlen hat, an dein Bett zu treten. Und weißt du, was er mich beauftragte, dir zu ſagen? Daß er ſelbſt kommen will, dich zu ſprechen. Ja er, der tapfere Weißauge, will mit der weißen Roſe ſprechen, ehe ihre Seele dem Orte zufliegt, wo der große Geiſt ſeinen Thron auf⸗ geſchlagen!“. „Wikokalendies, der rothe Häuptling?“ flüſterte Mary.„Was kann er mir zu ſagen haben?“ In wenigen Stunden wirſt du es fahren,* ent⸗ gegnete die ndirnerin,„denn ehe die Sonne ſich ſchla⸗ fen gelegt, iſt er hier. Aber nun werde ich dir einen ſtärkenden Trank boreiten, der dir die Augen auf einige Stunden ſchließt, ſonſt hätteſt du vielleicht nicht die Kraft, ihm Rede zu ſtehen über Alles, was er von dir zu wiſſen begehrt.“ So ſprechend zog ſie verſchiedene Kräuter aus der Taſche, welche einen intenſiven Geruch verbreiteten, zerrieb dieſelben auf einem Tiſche, drückte ſie dann in ein kleines Gefäß aus, miſchte etwas Waſſer dazu und gab ſofort der Kranken die Mixtur. Die beabſichtigte Wirkung trat auch ſogleich ein, denn die müden Augen⸗ lider ſchloſſen ſich ſofort, und bald verkündeten regel⸗ mäßige, obwohl leiſe Athemzüge, daß ein wirklicher Schlaf eingetreten ſei. Lange Zeit freilich dauerte dieſer Schlaf nicht, aben er hatte doch die Folge, daß das tief geſunkene Lebenes organ wieder auf Augenblicke, wenn auch vielleicht nur auf wenige kurze Augenblicke geſtärkt wurde. Doch wie nun Mary ſichtbar erleichtert die Augen aufſchlug, um der Indianerin ihren Dank abz zujatken⸗ da fand ſie zu ihrem Erſtaunen, daß ſtatt ihrer ein Mann neben ihrem Bette ſaß, ein Mann, der offenbar kein anderer ſein konnte, als Witulaigidies, der rothe Häupt⸗ ling. Er trug nämlich alle die kriegeriſchen Auszeich⸗ nungen, an welchen ein indianiſcher Oberanführer alſo⸗ bald erkenntlich iſt, und von ſeinem Haupte herab winkten Adlerfedern, während in ſeinem fein geſtickten Gürtel die Streitaxt neben dem langen Dolchmeſſer blinkte. Im Uebrigen hatte er ſeinen ganzen Ober⸗ körper, welcher von ungewöhnlicher Kraft zeugte, in das Fell einer Tigerkatze gehüllt, und aus ähnlichem Stoffe waren die Beinkleider gefertigt, wie denn auch die ledernen Sandalen oder Moccaſſins, ſowie die goldenen Armringe und Ohrgehänge nicht fehlten. Kurz der Häuptling, der neben dem Bette der todtkranken Marh ſaß, zeigte ganz das Aeußere eines vornehmen Indianers, und doch lag in ſeinem Geſichte, ſowie in ſeiner ganzen Perſon Etwas, das durchaus auf einen andern, als indianiſchen Urſprung hindeutete. Einen ſolch' hohen und ſtattlichen Wuchs, eine ſolch' athleti⸗ ſche Körperausbildung, eine ſolch' breite, Stirne, und insbeſondere, ein ſolch' klares, entſchloſ⸗ verſtändige ſenes nen trieg Leide der, ds; mertſ Auge Still einen diane mich ſam ſie hiel ſie Aus teſt habe Ton Rett Gire ren rich ihr und zuri ſch u, lches weil inen inen nige die von der eten, in und tigte gen⸗ egel⸗ icher abel nur Ooch llug, fand lann kein üupt⸗ geich⸗ alſo⸗ herab cken neſſer Ober⸗ , in ſchem auch die mehr im Wege ſtehen. -e 55— * ſenes Auge traf man ſonſt nicht unter den Eingebore⸗ nen Amerikas! Der Eindruck, welchen der in ſeinem kriegeriſchen Schmuck prangende Fremdling auf die arme als ob es erſt geſtern geweſen wäre, Leidende machte, war daher ein keineswegs erſchrecken- der, ſondern im Gegentheil kam ein eigenes Gefühl des Zutrauens und der Sicherheit über ſie, je auf⸗ merkſamer ſie auf ihn hinblickte, und je länger ſie ſein Auge auf ſich georähle ſah. lard⸗ unterbrach endlich der rothe Krieger das Stillſchweigen in gutem gewähltem Engliſch, aber in enen Tone, der den melancholiſchen Ernſt des In⸗ dianers nicht verleugnen konnte;„Mary, kennſt du mich nicht mehr?“ Erſtaunt, verwirrt, erſchreckt fuhr die Kranke zu— ſammen, als ſie den Laut dieſer Stimme hörte; aber ſie war nicht im Stande, etwas zu erwiedern, ſondern hielt nur ihre Augen feſt auf ihn gerichtet, als wollte ſie ſein Innerſtes durchdringen. „Mary,“ wiederholte der Fremdling mit demſelben Ausdruck in der Stimme, wie zuvor;„Mary, ſoll⸗ teſt du wirklich den Simon Girty ganz vergeſſen haben?“ „Simon Girty?“ ſchrie die Kranke in ſchrillem Tone, ſich trotz ihrer furchtbaren Schwäche in ihrem Bette halb aufricgtend.„Du, du wäreſt Simon Girty?“ Sie ſtarrte ihn an, wie ein Weſen aus der ande⸗ ren Welt, und Minuten vergingen, bis ihr endlich das richtige Verſtändniß kam. Dann aber verklärte ſich ihr ganzes Geſicht zu einem unendlich ſeligen Lächeln, und die mageren Hände faltend ſank ſie auf ihr Lager zurück, leiſe Worte des Dankes hauchend. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ſie ſich wieder in Etwas erholte; dann aber reichte ſie ihm beide Hände und ſchaute ihm ſo herzlich— liebevoll in's Antlitz, daß ihm faſt die Thränen in die Augen kamen. „Ja,“ lächelte ſie,„ja, du biſt Simon Girty, und trotz der Verkleidung, die du wählteſt, erkenne ich dich ſwieder. Nun, o Vater im Himmel, ſterbe ich gerne, denn mein megeg. ſchweres Leiden hat nun doch we⸗ nigſtens Eine Frucht getragen, das Leben deſſen, den ich auf Erden allein geliebt habe. Aber Simon Girty, theurer, theurer Freund,“ fuhr ſie nach einer aberma⸗ ligen Pauſe fort,„warum haſt du in dieſen langen Jahren nicht ein einziges Wort von dir verlauten laſſen?“ „Durfte ich mich denn dir nahen,“ erwiederte er leiſe,„dir, dem Weibe eines Andern? Aber jetzt,“ fuhr er in lautem entſchloſſenem Tone fort,„jetzt, wo er, dein Gatte, dem du hätteſt theurer ſein ſollen, als das Leben,— jetzt, wo er ſelbſt dich verlaſſen hat, jetzt will ich und darf ich ſprechen. bereit, mich anzuhören?“ „Jch bins,“ entgegnete ſie,„und Gott wird mich noch ſo lange am Leben erhalten, bis du mit deiner Erzählung zu Ende gekommen.“ „Höre und dann richte,“ ſprach er.„Du weißt, daß ich abweſend war, als deine Mutter ſtarb. So wie ich aber nach der Heimath zurückgekommen erfuhr, was ſich zugetragen, entſchloß ich mich ſchnell und reiste dir nach in deine neue Heimathe nach Kentucky. Dort traf ich dich im Hauſe deines Oheims, und er ſowie wältigte mich beinahe Vpon da an verlor ich das Bewußt mit welch' beſeli⸗ gendem Gefühle ich nach der Hütte zurückritt, die ich mir einſtweilen errichtet hatte, und dort entſchlief ich in der Gewißheit, nach wenigen Wochen, wenn ich meine Angelegenheiten in Charlottepoint geordnet, als dein Gatte mich in der Nähe von Eſtills Station nie⸗ derzulaſſen. Da plötzlich in der Nacht erwachte ich an einem lauten Geräuſch, und wie ich mich erheben wollte, um darnach zu ſehen, erhielt ich einen Schlag über den Kopf, der mich wieder auf mein Lager zu⸗ rückwarf. Es gelang mir jedoch, mich abermals auf⸗ zuraffen und ſogar eine meiner Piſtolen zu erfaſſen. Ich feuerte dieſe blindlings ab, und beim Blitze des Pulvers erkannte ich deinen Oheim und deſſen Sohn, welche nun mit ihren Meſſern auf mich los gingen. Jetzt ſtieß ich einen lauten Schrei aus, denn die Ueber⸗ raſchung, in ihnen meine Angreifer zu ſehen, über⸗ , ſie aber benützten dieſen Augen⸗ um mir ihre Dolche in den Leib zu ſtoßen. ſein, und kann deß⸗ halb lediglich nicht mehr ſagen, was unmittelbar dar⸗ auf mit mir vorgenommen wurde; nur iſt es mir noch wie ein Traum erinnerlich, daß ich deine Stimme hörte und ſogar deine Geſtalt ſah, aber ſo ſehr ich auch nachher mein Gedächtniß anſtrengte, ſo wollte es mir doch nie gelingen, mir ein deutliches und klares Bild darüber zu machen. Eben ſo unklar ſind meine ſpä⸗ teren Erinnerungen, und nur Ein Moment blieb mir unvergeßlich, uämlich der, daß ich mich bei meinem plötz⸗ lichen Erwachen nackt auf den Rücken eines Pferdes angebunden fand, das mit mir in den heftigſten Sätzen blick, dahinflog; doch Schmerz und Blutverluſt ſtürzten mich Mary, biſt du ſein Sohn nahmen mich ſo freundlich auf, daß ich bereits hoffte, unſerer künftigen Verbindung könne nichts Ich erinnere mich noch heute, 4 4 ſogleich wieder in die Nacht der Bewußtloſigkeit, und in dieſem Zuſtande muß ich nicht blos verſchiedene Tage, ſondern mehrere Wochen zugebracht haben. Als ich nun aber endlich meiner Denkkraft wieder mächtig wurde, wo befand ich mich? In einem Indianerzelte auf weichen Decken liegend unter der Obhut eines al⸗ ten Mannes, welcher, wie ſich nachher herausſtellte, der Medicinmann des Stammes der Miamies war, und durch deſſen Kenntniſſe ich allein dem ſonſt ſiche⸗ ren Tode entriſſen wurde! Wie war ich dahin gekom⸗ men? Ich will mich kurz faſſen und es in wenigen Worten erzählen. Der Stamm der Miamies hatte damals noch ſeine Jagdgründe auf dem linken Ufer des großen Stromes, und als nun eines Tags Hen⸗ gurpuſchies, der Häuptling keeſe enh mit ſeinen jun⸗ gen Männern dem Biffelthiere nachſtellte, ſahen ſie auf einmal ein lediges Pferd auf der Ebene daherſtür⸗ men. Das Pferd ſchien völlig erſchöpft, aber doch rannte es wie wahnſinnig vorwärts, als ob es von einem böſen Geiſte getrieben würde. Schaum ſtand ihm vor dem Munde, und von ſeinen beiden Seiten tröpfelte es wie ein kleiner Blutbach herab; allein deß⸗ wegen hielt es doch nicht inne, ſondern rannte fort und fort einem Raſenden gleich, bis es endlich vor ihren Füßen todt zu Boden ſtürzte. Jetzt erſt entdeckten ſie den Grund ſeiner Tollheit, denn ſie fanden nun einen nackten Menſchen, der anf ſeinen Rücken feſtgeſchnallt war, und aus dem alles Leben entflohen ſchien. Die⸗ ſer anſcheinend Todte war ich, allein wie ſie meinen Leib nun näher unterſuchten, ſo zeigte es ſich, daß er noch warm ſei. Sie ſchnitten die Bande durch, durch welche ich an das Roß feſtgeſchmiedet war, machten eine Tragbahre zurecht, und brachten mich auf die ſorg⸗ — 4— 56 ſamſte Weiſe in das Zelt des Häuptlings, das dieſer ſofort für mich abtrat. Natürlich übrigens gab es im Anfang wenig Hoffnung, mich zu retten. Obwohl nämlich meine Wunden nicht geradezu tödtlich ſein moch⸗ ten, ſo hatte ich dagegen einen ungeheuren Blutverluſt erlitten, und überdieß war mein ganzer Leib wie zer⸗ ſchmettert, da das Roß mich nicht weniger als drei Tage und drei Nächte lang, wie wir ſpäter erfuhren, auf ſeinem Rücken getragen und eine Entfernung von mehr als hundert Stunden mit mir zurückgelegt hatte. Ja man durfte es ein förmliches Wunder nennen, daß nicht jedes Glied meines Leibes gebrochen und daß überhaupt noch einiger Athem in mir war, wenn man bedenkt, wie lange ich in dieſem Zuſtande ohne Speiſe und Trank, ſowie nackt den glühenden Sonnenſtrahlen ausgeſetzt zubrachte.“ „Aber um Gottes Barmherzigkeit willen,“ unter⸗ brach ihn Mary, die bis jetzt athemlos gelauſcht hatte, „wer waren die Böſewichter, welche dich ſo abſichtlich dem Untergange preisgaben?“ „Wer ſie waren?“ erwiederte Simon Girty trübe lächelnd.„Haſt du es denn nicht längſt errathen?“ „Großer Gott,“ rief ſie wie entſetzt;„alſo wirk⸗ lich mein Oheim und mein Gatte? So war alſo das Opfer, das ich brachte, doch ein vergebliches!“ „Welches Opfer?“ frug Simon haſtig.„Ich bitte dich, verſchweige mir nicht das Geringſte.“ „Ich verſprach, Johns Weib werden zu wollen,“ erwiederte Mary,„unter der Bedingung, daß ſie deine Wunden verbänden und dich frank und frei nach Vir⸗ ginien zurückreiſen ließen.“ „Alſo deßwegen ließeſt du dich ihm antrauen?“ ſchrie Simon, auf einmal alle ſeine bisherige Ruhe und Kaltblütigkeit verlierend.„Ha, jetzt wird mir Alles klar! Aber wie konnte ich nur je ſo wahnſinnig ſein, deiner Handlungsweiſe eine andere als die edelſte Triebfeder unterzuſchieben? Doch,“ fuhr er in eine un— ſägliche Wuth ausbrechend fort,„ſie ſollen's mir büßen, die niederträchtigen, herzloſen Schurken! ſollen ernten, was ſie geſäet haben, und nicht umſonſt will ich der geworden ſein, der ich durch ſie geworden bin! Ja, beim großen Geiſte ſei's geſchworen, Wiko⸗ kalendies, der rothe Krieger, wird den Simon Girty, und die weiße Roſe, ſeine Braut, zugleich rächen!“ Sie Mit heftigen Schritten ging er auf und nieder und V ſondern ich mußte dich, ehe du abſcheideſt, noch einmal ſeine Augen ſchleuderten Blitze, während ſeine Stimme wie Donner rollte; allein wie er nun plötzlich nach Mary hinüberſah und ihr ſchreckensbleiches Geſicht ge— wahrte, ſo bezwang er ſich mit faſt übermenſchlicher Kraft, und eine Sekunde nachher ſaß er wieder ſo ruhig und kalt wie zuvor neben ihrem Bette. „Was ich noch zu erzählen habe,“ fuhr er nach einer Weile fort,„iſt mit wenigen Worten geſagt. Ich genas nach und nach, und hiezu trug die Pflege einer alten Indianerin, der Schweſter des Häuptlings, ſowie eines jungen ſchönen Mädchens, ſeiner einzigen Tochter, nicht wenig bei. Durch ſie erlernte ich auch die indianiſche Sprache, denn die alte Indianerin ver⸗ ſtand etwas engliſch und konnte die Lehrmeiſterin machen; der Häuptling ſelbſt aber, der mich bald außerordent⸗ lich lieb gewann, unterrichtete mich im Gebrauch der indianiſchen Waffen, und hatte die größte Freude, als er ſah, wie ich in der Führung derſelben bald ihn ſelbſt übertraf. So verging Woche um Woche; end⸗ lich jedoch war ich wieder ſo weit hergeſtellt, daß ich daran denken konnte, meinen Wirth zu verlaſſen und in die Heimath zurückzukehren. Allein— in welche Heimath? Nach Charlotteville oder nach meiner Hütte bei Eſtills Station, wo man mich ſo ſchrecklich miß⸗ handelt hatte? Ich zog meinen Wirth zu Rathe, und er meinte, das Klügſte wäre, vor Allem genau zu er⸗ forſchen, wie es auf Eſtills Station ausſehe, und be⸗ ſonders, was aus dir, meiner Geliebten, geworden ſei. Meine Schweſter iſt alt und klug,“ ſagte er. ‚Sie wird bei den Bleichgeſichtern kein Mißtrauen erregen, und ſomit wollen wir ſie hinſenden, damit ſie Alles genau beobachte und dir dann der Wahrheit gemäß Bericht erſtatte.“ Alſo geſchah es dann auch, und du wirſt dich des erſten Erſcheinens der alten Indianerin noch recht wohl entſinnen. Nach einer Abweſenheit von etwa vierzehn Tagen kehrte ſie zurück, allein die Nach⸗ richt, die ſie mir brachte, hätte mich bald dem Wahn⸗ ſinn nahe gebracht. Ich erfuhr nämlich, daß du an John Eſtill vermählt ſeieſt, an ihn, der in Gemein⸗ ſchaft mit ſeinem Vater mich meuchlings hatte morden wollen! Abermals verfiel ich in eine ſchwere Krankheit, und wie ich endlich durch die ſorgſamſte Pflege auch von dieſer wieder geneſen war, machte mir mein Wirth, der Häuptling der Miamies, den Vorſchlag, ihn und die Seinigen nie mehr zu verlaſſen. ‚Die Bleichgeſich⸗ ter ſind treulos,“ ſagte er, ‚zund nur beim rotheu Manne wohnt Redlichkeit und Wahrheit. Du haſt die Sitten meines Volks bereits angenommen, alſo bleibe bei uns und werde mein Sohn und Erbe.“ Was ſoll ich nun noch viele Worte machen? Ich kannte damals den Grund, warum du John deine Hand reichteſt, nicht, und hielt dich für nicht beſſer, denn ſo viele Andere deines Geſchlechts. Somit war mir die Welt der Weißen ein Greuel, und ich nahm das Anerbieten meines Wirthes Hengurpuſchies an. Dennoch brachte ich es nicht über mich, ganz ohne Kunde von dir und deinem Schickſale zu bleiben, und ſomit ſandte ich die alte Frau von Zeit zu Zeit nach Eſtills Station, um Erkundigungen einzuziehen. Was ich aber da erfuhrſ erfüllte mich bald mit tiefem Schmerze, denn die Lieb⸗ loſigkeit und Rohheit, mit der dich Schwiegervater behandelte, wurde mir immer getreu wieder berichtet, und wie ich nun vollends erfuhr, daß in Folge dieſer Mißhandlungen deine Geſundheit für immer untergraben ſei, da hielt es mich nicht länger, von Angeſicht zu Angeſicht ſehen.“ „Und jetzt, kaum hörbarer Stimme.„Glaubſt du noch, daß mein Herz dir je treulos geworden iſt?“. „Ich glaube,“ erwiederte er,„daß du ein Engel biſt unter den Menſchen, und werde dich als ſolchen verehren, ſo lange noch ein Tropfen Bluts mein Herz bewegt.“ Abermals lagerte ſich ein Zug wunderbarer Selig⸗ keit über ihrem Geſichte, und abermals faltete ſie die„ Hände zum Gebete; dann aber ſchloß ſie die todtmüden Augen und ſank wie leblos auf ihre Kiſſen zurück. Und Er, der berühmte rothe Krieger, gefürchtete Häupt⸗ ling der Wyandots, Miamies, Pottowattomies und Shawanies, den man das Weißauge oder Wikokalen⸗ dies nannte? Er war für heute noch einmal Simon Girty geworden, aber auch nur für heute. Noch in dieſer Nacht nämlich hauchte Mary ihre treue Seele aus, nicht jedoch, ohne daß ihr Jugendfreund bis an 8 dein Gatte und theurer Freund?“ frug Mary mite ihr berw drü im dieſe ſowe Alles konn nen hätte Erd zart wal fen Th übe zu vor W hatt gehe Gen als aus beſa run R mam ſow und Vä Tol mujf aus laut Kne nes nen den loni en und welche Hütte h miß⸗ e, und zu er⸗ ind be⸗ den ſei. „Sie rregen, Alles gemäß und du lanerin heit von Nach⸗ Wahn⸗ du an Hemein⸗ morden ankheit, zaſt die bleibe gas ſoll damals eichteſt, 0 viele e Welt erbieten brachte dir und wich die ion, um erfuhr Lieb⸗ tte getreu ir, daß geit für längel, heinmal daß mein in Engll ſolcen gein Herz und 1 A n und Flinten zugleich. ſaapfere Häuptling wußte ſeine Leute in einer ziemlich ihr Ende neben ihr geſeſſen und ihren letzten Athemzug bewacht hätte. Ja er war es, der ihr die Augen zu⸗ drückte, und wiederum nur er war es, der ihrer Hülle im Garten die letzte Ruheſtätte gab! So wie er jedoch dieſe Pflicht erfüllt, ſo war wie mit Einem Schlage ſowohl aus ſeinem Geſichte als aus ſeiner Haltung Alles verſchwunden, was an Simon Girty erinnern konnte, und wie er aus dem Hauſe trat, um zu ſei⸗ nen in der Nähe kampirenden Kriegern zu ſtoßen, ſo hätte ihm, dem ſtolzen Häuptling, kein Menſch auf Erden zugetraut, daß noch vor wenigen Stunden die zarteſten Gefühle ſein Herz bewegten. Was nun folgte, iſt bald erzählt. Wikokalendies war an der Spitze eines großen indianiſchen Heerhau⸗ fens in den oberen Theil Kentucky's— den unteren Theil hatten ein paar andere Häuptlinge zu beſtrafen übernommen— eingerückt, um die dortigen Coloniſten zu Paaren zu treiben, und da ſich ein großer Theil von ihnen mit Weib und Kind und Allem, was ſie Werthvolles beſaßen, in das Fort Bryant geflüchtet hatte, ſo mußte ſeine Abſicht natürlich vor Allem dahin gehen, dieſe Feſte mit ihrem ganzen Inhalt in ſeine Gewalt zu bekommen. Dies war aber leichter geſagt, als gethan, denn obwohl alle Befeſtigungswerke nur aus Backſteinen oder gar nur aus Holz beſtanden, ſo beſaß dagegen die angreifende Parthie gar keine Belage⸗ rungswerkzeuge, und war ſo zu ſagen nur allein auf die Kraft ihrer Hände angewieſen. Ueberdem hatte man das Fort mit einem tiefen waſſergefüllten Graben, ſowie mit außerordentlich ſtarken Palliſaden umgeben, und um dem Werke die Krone aufzuſetzen, waren die Wälle ſogar mit etlichen kleinen Kanonen beſpickt, welche Tod und Verderben in die Reihen der Feinde ſchleudern mußten. Bedenkt man nun ferner, daß die Garniſon aus mindeſtens hundertundzwanzig kräftigen Männern, lauter geflüchteten Anſiedlern mit ihren Söhnen und Knechten, beſtand, ſowie daß es an Lebensmitteln kei— neswegs mangelte, ſo wird man wohl begreifen kön⸗ nen, warum innerhalb des Forts Bryant, ſelbſt unter Den vielen Frauen und Kindern, welche mit den Co— loniſten dahin geflohen waren, die größte Zuverſicht herrſchte. Allein nur zu bald ſollte es ſich zeigen, daß man ſeine eigene Kraft allzu weit überſchätzt, die des Feindes dagegen viel zu ſehr unterſchätzt hatte. War doch dieſer letztere nicht weniger als fünfhundert Mann ſtgrt und was noch weit ſchwerer wog— wurde er doch von einem Manne geleitet, der Wikokalendies hieß, und nicht mit einem ſonſtigen Indianerhäuptling verwechſelt werden durfte! Am vierzehnten Auguſt erſchien Wikokalendies mit ſeinem Heerhaufen vor dem Fort, deſſen beide Thore natürlich feſt geſchloſſen waren, und die Beſatzung em⸗ pfing ihn ſofort mit einem heftigen Feuer aus Kanonen Die Schüſſe machten aber mehr Lärmen als Schaden, denn der eben ſo vorſichtige als geſicherten Entfernung zu poſtiren, und begnügte ſich für den erſten Anfang mit einer engen Einſchließung der Feſtung. Dies hielten die Belagerten für Feigheit, und beſchloſſen, trotz des Abrathens eines erfahrenen alten Grenzjägers, der ſich in ihrer Mitte befand und nicht genug vor dem überlegenen Kriegergenie des An⸗ führers der Rothhäute zu warnen wußte, noch in der Nacht auf den fünfzehnten einen Ausfall zu machen, der den Feind in alle Welttheile zerſtreuen ſollte. Wi⸗ Feierſtunden. 1863. ihm nähern konnte, ohne ſein Leben laſſen zu müſſen⸗ kokalendies aber war auf ſeiner Hut und hatte überall Schildwachen ausgeſtellt, wie erfahrene Kapitäne zu thun pflegen. So ward er denn von der Bewegung der Garniſon noch rechtzeitig genug unterrichtet, um ſeine Vorkehrungen zu treffen, und der Ausfall ward daher nicht blos zurückgeſchlagen, ſondern endigte mit einem ziemlichen Verluſt der Weißen. Ja beinahe wäre es den Indianern gelungen, mit den Retirirenden zu⸗ gleich in das Fort einzudringen, und nur die größte Kraftanſtrengung rettete für diesmal noch die Belager⸗ ten! Da hatten denn dieſe letzteren bereits einen Vor⸗ geſchmack deſſen, was da kommen würde, und der Jammer der Weiber und Kinder, deren Väter und Männer bei dieſem Kampfe gefallen waren, erinnerte die Uebrigen daran, von nun an mit größerer Vorſicht und beſonders auch mit größerer Achtung des Feindes voranzugehen.— Am fünfzehnten war Waffenruhe, welche die Be⸗ lagerten dazu benützten, um ihre Todten— im Gan⸗ zen etliche und zwanzig— zu beſtatten, während die Belagerer, obwohl in ſicherer Schußweite, große Sie⸗ gesfeſtlichkeiten veranſtalteten, und unter mißtönigem Geſchrei um ihre angezündeten Feuer herumtanzten. Dieſe Feſtlichkeiten hörten auch nicht auf, als die Nacht eintrat, und die Belagerten, welche in Folge deſſen der vollſten Ueberzeugung waren, daß die Wilden im Vollauf mit ſich ſelbſt beſchäftigt ſeien, überließen ſich daher ſämmtlich, die wenigen Schildwachen ausgenom⸗ men, der ihnen nach der Aufregung der letzten vier⸗ undzwanzig Stunden ſo überaus nöthigen Nachtruhe. Allein noch war die Mitternachtsſtunde nicht herange⸗ kommen, da wurden die beiden Thore plötzlich unter dem wildeſten Kriegsgeſchrei attacquirt, und es entſtand nun eine wirklich grenzenloſe Verwirrung. Der Feind hatte offenbar die Kriegstänze nur veranſtaltet, um die Garniſon in Sicherheit zu locken, und dieſe Liſt gelang ihm auch ſo gut, daß eines der Thore beinahe geſtürmt worden wäre. Als daher endlich nach einem mehr als dreiſtündigen Kampfe, der um ſo ſchrecklicher war, als eine faſt complete Finſterniß herrſchte, die Rothhäute ſich unter, wie es ſchien, großem Verluſte zurückzogen, gratulirte man ſich im Fort hiezu von ganzem Herzen, denn nie waren Belagerte mit knapperer Noth der Ueberrumpelung entgangen, als diesmal die im Fort Bryant Eingeſchloſſenen. Ja man gratulirte ſich nicht blos, ſondern man triumphirte ſogar über den Sieg, beſonders da man diesmal nicht viele Todte und Ver⸗ wundete zu beklagen hatte, und nicht Wenige meinten höhniſch, daß die Indianer bald mit langer Naſe ab⸗ ziehen würden. Aber— wie urplötzlich änderte ſich am andern Morgen dieſe ſich ſelbſt erhebende Stim⸗ mung, als man nun gewahr wurde, daß der Feind in dieſer Nacht der Feſtung das Trinkwaſſer abgeſchnitten habe? Außerhalb der Palliſaden nämlich an einer et⸗ was niedriger gelegenen Stelle entſprang eine ſtarke Quelle, welche man mittelſt eines bedeckten, tief gezo⸗ genen Kanals in die Feſte hineingeleitet hatte, und der beſagte Born lieferte ſo viel Waſſer, daß gar nie ein Mangel an dieſem ſo nothwendigen Material entſtehen konnte, ſo lange er ſich in der Gewalt der Belagerten befand. Solcher Gewalt aber konnte er faſt unmög⸗ lich entriſſen werden, da er von einer der Kanonen der Feſtung beſtrichen wurde, und folglich kein Feind ſich Nicht nur war der Doch— wie ſah es jetzt aus? —— unterirdiſche Kanal total zerſtört, ſondern auch die Quelle ſelbſt durch Umwühlung unbrauchbar gemacht worden, und Witkokalendies hatte ſomit den Sturm von heute Nacht blos veranſtaltet, um während der Dauer deſſelben den Belagerten das größte Uebel zu⸗ zufügen, das einer belagerten Garniſon nur überhaupt zugefügt werden kann, denn Mangel an Waſſer iſt ja faſt noch ſchlimmer, als Mangel an Munition und Lebensmitteln! Am ſechzehnten niſon des Forts in zwei Tage zuvor, Auguſt alſo befand ſich die Gar— einer ganz anderen Stimmung, als und Viele ſahen der Zukunft nur noch mit dem Auge der Verzweiflung entgegen. Um ſo überraſchter mußte man ſein, als am Morgen die— ſes Tages ein einzelner, unbewaffneter, aber ſonſt im vollen Feſtſchmuck eines Häuptlings prangender India⸗ ner mit einer Art weißen Fahne in der Hand ſich dem Fort näherte, offenbar in der Abſicht, mit den An— führern der Garniſon eine Beſprechung zu verlangen. 58— ihr Verräther und Meineidigen, Fluch über euch und eure Weiber und Töchter!“ Nachdem er dieſe Worte mit lauthintönender Stimme gerufen, zog er ſich mit langſamen, feierlichen Schrit— ten gegen das Lager der Seinigen hin zurück, und ſchaute ſich nicht einmal mehr um, als gleich darauf abermals einige Schüſſe gegen ihn losgefeuert wurden; kaum aber war er in ſeinem Zelte angekommen, ſo berief er alſobald einen Kriegsrath aus den Vornehm⸗ ſten der rothen Männer zuſammen, und es wurden ſofort Beſchlüſſe gefaßt, die ganz mit ſeiner rachgieri⸗ gen Stimmung harmonirten. Natürlich übrigens ging man von den Beſchlüſſen auch gleich zur That oder wenigſtens zu den nöthigen Vorbereitungen über und richtete Alles zum nahen Sturme her. Die Nacht auf den ſiebenzehnten kam heran, eine finſtere, furchtbare Nacht. Lange Zeit blieb Alles ſtill und ruhig, ſo daß die im Fort Eingeſchloſſenen ſchon glaubten, die Indianer hätten den Angriff auf ſpäter Alſobald ſammelten ſich die Meiſten der Belagerten auf dem Walle, und der alte Grenzjäger, den man zum Commandanten ernannt hatte, verlangte ſofort von dem rothen Parlamentär, als dieſer nahe genug gekommen war, zu wiſſen, was er begehre. „Ich bin Wikokalendies, der Obergeneral der ver⸗ einigten rothen Männer,“ erwiederte dieſer,„und biete Euch und Euren Weibern und Kindern freien Abzug unter zwei Bedingungen.“ „Und welches ſind dieſe Bedingungen?“ fragte der alte Grenzjäger. „Zum erſten, war die Antwort,„daß ihr mir das Fort mit allen ſeinen Vorräthen und Waffen auslie— fert, und nichts mit euch nehmt, als was ihr auf dem Leibe tragt. Zum zweiten, daß zwei Männer unter euch, nämlich der alte Eſtill von Eſtills Sta⸗ tion, ſowie ſein Sohn, mit Namen John, mir ſofort geſund und lebendig übergeben werden, damit ich mit ihnen verfahre nach meinem Belieben.“ „Nie, nie,“ ſchrieen alsbald mehrere Stimmen,“ „nie wird ſolches geſchehen.“ „Bedenket wohl, was ihr thut,“ erwiederte Wiko⸗ kalendies.„Hülfe habt ihr keine zu erwarten, und der Mangel an Waſſer wird euch bald nöthigen, euch auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Ueberdies ſind die beiden Eſtill, Vater und Sohn, große Böſewichter, welche den Tod zehnfach verdient haben. Alſo beſinnt euch eines Beſſeren, und zu dieſem Behufe will ich euch eine halbe Stunde Bedenkzeit geben.“ Aus dieſer halben Stunde wurde jedoch nichts, denn noch hatte er kaum ausgeſprochen, ſo fielen einige Schüſſe auf ihn, deren einer ihm den Kopfputz zur Erde riß, während ein zweiter ſeine Seite ſtreifte. Die Schützen waren, wie man ſpäter ermittelte, die beiden Eſtill, ſowie zwei oder drei ihrer näheren Freunde, und die Abſicht konnte keine andere ſein, als allen Un⸗ terhandlungen durch die Tödtung des parlamentirenden Anführers der Indianer ein Ende zu machen; allein die Wirkung war eine ganz andere. „Alſo das iſt eure Kriegsweiſe?“ ſchrie er, den auf den Wällen Stehenden die drohende Fauſt entge⸗ genſtreckend, doch ohne ſich von der Stelle zu bewegen, obwohl das Blut einer kleinen Rinne gleich von ſeiner Seite herabfloß.„Auf ehrlich gemeinte Friedensanträge antwortet ihr mit Flintenſchüſſen? Fluch über euch, verſchoben; aber ſiehe da, unter dem dunklen Schatten der Palliſaden? Himmel, dies ſind keine Geſpenſter der Nacht, ſondern lebende Männer, ganze Haufen von Brennmaterial aufgehäuft, mal all' dieſes dürre Zeug man konnte ſowohl die Indianer, we ich! brachter That wieder über die Palliſaden herüber in — bewegte ſich hier nichts Beim welche leiſen Trittes heranſchleichen herbeiſchleppen. Allmächtiger— es und nur ein Weißer kann ſie das Geheimniß, ſolche zu verfertigen, gelehrt haben! Und nicht blos Leitern ſchleppen ſie, ſondern ganze Haufen von dürrem Gras und leicht entzündbarem Reiſach! „Auf die Wälle, ihr Männer,“ erſcholl das Commando; „auf die Wälle und Feuer, Feuer!“ Und ſie eilten auf die Wälle und Jeder ließ ſeine Büchſe krachen; aber der Indianer waren zu viele, und wenn auch vielleicht deren fünfzig getödtet oder verwundet wurden, ſo ge⸗ lang es doch den Uebrigen, die Palliſaden zu überſtei⸗ gen und das Gras nebſt dem Reiſach hinüber zu ſchaſ⸗ fen.„Feuer,“ erſcholl nun wieder das Eommando, aber diesmal ging es nicht von den Weißen, ſondern und große Leitern ſind wirkliche Leitern, von dem Anführer der rothen Männer aus, und ſower das Commandowort ertönte, ſo war es gerade, als ob ein Blitzſtrahl die ganze Gegend erleuchtete! Rund um das Fort herum hatten die Indianer ohne daß die Belagerten es zu hindern im Stande geweſen wären, und— welchen Anblick gewährte es jetzt, als auf ein⸗ hell aufloderte? Wie am lichten Tage wurde die ganze Gegend erleuchtet, und welche ſich nach voll⸗ ſichere Schußweite zurückgezogen hatten, als auch die Belagerten, die den Männern im feurigen Ofen gleich mitten in der Gluth zu ſtehen ſchienen, genau unterſcheiden. Bald jedoch änderte ſich das Schauſpiel, denn die Hitze, ſowie der Rauch war innerhalb des Forts, das in kur⸗ zer Zeit ebenfalls in Brand gerieth, natürlich ſchon nach einer Viertelſtunde nicht mehr zu ertragen, und da es durchaus an Waſſer fehlte(ſelbſt der Waſſer⸗ graben war ſeit Ableitung der Quelle nur noch ein elender Sumpf), ſo konnte natürlich an ein Löſchen nicht gedacht werden. In der Flucht lag allein Ret— tung, und ſomit ſtürzte ſich Alles, Männer, Weiber und Kinder, wie wahnſinnig den Thoren zu, nicht aber, ohne daß ihre Kleider größtentheils Feuer fingen. Wenn ſie jedoch auch heil und geſund hinauskamen, was dann? Draußen ſtand der furchtbare Wikokalendies mit ſeinen * 1 Krie Kind gen, die ſ jig n ſen e Denk die be ſie he richte nicht flich Eur wär NMh⸗ mein ſchaf Aba⸗ hun rele See und aus ſein miß den dem — 59— ˖ und Kriegern, und jeder Flüchtling, Mann, Weib oder dem das Fort ausgebrannt war, den Schutt weg⸗ Kind, wurde ohne Erbarmen niedergemacht! räumte, klärte ſich die Sache auf, indem man auf imme Ich will dieſe gräßliche Scene nicht weiter verfol⸗ etwa zehn verkohlte Leichname ſtieß, davon zwei ohne chrit⸗ gen, und bemerke nur, daß von all den Hunderten, Zweifel im Leben Eſtill geheißen hatten. und die ſich nach Fort Bryant geflüchtet hatten, keine Zwan⸗ So endete die Belagerung des Forts Bryant im arauf zig mit dem Leben davon kamen; allein ſelbſt von die: Jahre 1781, und der Name Wikokalendies wurde von rden; ſen Zwanzig war nicht Einer, der nicht einen ſchweren nun an der Schrecken aller Coloniſten des Weſtens. „ſo Denkzettel davon getragen hätte. Natürlich gehörten Auch kehrte derſelbe nie zu den Gewohnheiten der tehm⸗ die beiden Eſtill nicht unter die Geretteten, denn auf Weißen zurück, ſondern blieb vielmehr bis an ſein urden ſie hatte Wikokalendies ſein beſonderes Augenmerk ge⸗ Lebensende der große Häuptling der vereinigten Mia⸗ gieri⸗ richtet, allein merkwürdigerweiſe fand man ſie auch mies, Wyandots, Pottowatomies und Shawanies. ging nicht unter denjenigen, welche bei dem Verſuche zu ent⸗ Th. G— r. oder fliehen getödtet worden waren. Wie man jedoch, nach— r und „eine s ſtill ün. Das Chunfiſchfeſt in Palermo. nichts Thunfiſche fängt man in allen Meeren, welche chenlands zu, um allda in den flachen Sanduntiefen Beim Europa umgeben, und viele Tauſende von Menſchen an den ſeichten Ufern ſeine Millionen von Eiern zu ndern wären zum Hungertode verdammt, wenn ihnen dieſer legen, und der raubgierige Menſch benützt natürlich leichen Nahrungszweig urplötzlich entzogen würde. Früher dieſe Zeit, um ſich des Fiſches mit Leichtigkeit zu be⸗ — ⁵ meinte man, der Thynnus(dies iſt nämlich der wiſſen⸗ mächtigen. Von ſelbſt verſteht es ſich übrigens, daß ie das ſchaftliche Name des Thunfiſches) ſei nur eine größere es bei ſolchem Fange nicht überall auf die gleiche Weiſe Und Abart der Makrele, und man verſpeiste ihn viele Jahr⸗ zugeht, und ein guter Beobachter wird nicht unſchwer Haufen hunderte lang als Scomber, wie die Gelehrten die Mak⸗ herausfinden, welche große Verſchiedenheiten und Gegen⸗ deiſach! rele nennen; allein in neueſter Zeit fand man, daß ein ſätze ſchon zwiſchen den Bewohnern jener Küſten, wo nando; Seefiſch, welcher zwölf bis achtzehn Fuß lang wird man italieniſch, und jener, wo man franzöſiſch ſpricht, ken auf und ſeine acht bis zwölf Centner wiegt, wenn er ganz ſtattfinden; wie viel mehr aber noch fällt dies an den ; aber ausgewachſen iſt, doch kein Bruder eines andern Fiſches Geſtaden auf, wo die romaniſche Zunge ganz aufhört jelleichkt ſein kann, der gewöhnlich nur etliche und zwanzig Zoll und das ſlaviſche, griechiſche oder gar türkiſche Idiom ſo ge⸗ mißt und meiſt keine zwei Pfund wiegt, und hat alſo ſeinen Anfang nimmt? Für heute jedoch haben wir es berſtia den Thunfiſch zum Träger einer beſonderen Gattung blos mit den Gebräuchen zu thun, welche auf der gu— ſchaſ⸗ vemacht. Doch— das Verſpeiſen und Einfangen deſ⸗ ten Inſel Sicilien und insbeſondere in der Stadt mando, zen iſt deßhalb kein anderes geworden, und immer Palermo beim Thunfiſchfang üblich ſind, und wir ſondern„ h betrachten viele Tauſende die Exiſtenz dieſes Fiſches glaubten es um ſo mehr ſchuldig zu ſein, den Leſer d ſowie s das einzige oder wenigſtens als das Hauptmittel mit einigen wenigen Worten darüber in's Reine zu „als 0b mua ihrer eigenen Exiſtenz. Freilich ein gar feines Fleiſch ſetzen, als dabei Beluſtigungen ſtattfinden, welche faſt liefert er nicht, beſonders wenn er ſeine ganze Größe das Gepräge eines Volksfeſtes an ſich tragen. So bald erreicht hat; allein als Nahrungsmittel erſetzt es dem nämlich die Nachricht an's Land kommt, daß der Thun— udinun Fiſcher und Küſtenbewohner die Stelle des Rindfleiſches, fiſch in Maſſe der Küſte zuſchwimmt, um allda einen hi em und überdies weiß der Letztere gar wohl, daß er die bequemen Platz für ſeine Eier zu finden, da verbreitet vure, beſten Stücke, welche gut zubereitet auf die Tafeln der ſich die fröhliche Kunde wie ein Lauffeuer ſowohl durch n um Reichen kommen und dort unter allerlei Namen figu- die ganze Stadt, als auch am Geſtade hinauf und Wle und riren, ſtets um einen annehmbaren Preis verwerthen hinab.„Die Thunfiſche ſind da,“ ruft ein Fiſcher— et, ol⸗ kann. Warum ſollte ſich alſo nicht Alt und Jung bube dem andern jubelnd zu, und die Weiber, ſowie ach d in freuen, wenn einmal ein guter Fang geräth, und wa⸗ die Mädchen nehmen natürlich an dem allgemeinen üpet lrum ſollte man nicht mit Sehnſucht der Zeit harren, Jubel Theil; die älteren Burſchen aber nebſt den ver⸗ aul läch 1 wo die Thunfiſche gewohnt ſind, ſich in Maſſe einzu⸗ heiratheten Männern rennen nach ihren Booten, um en ddn. ſtellen? dieſe in den gehörigen Stand zu ſetzen, und es herrſcht iſchede” Man muß nämlich wiſſen, daß die beſagten Fiſche alsbald eine Geſchäftigkeit, die man dem ſonſt an Thä⸗ de hi ſich zwar das ganze Jahr hindurch, alſo im Frühjahr tigkeit weniger gewohnten Volke nicht zutrauen würde. S in 5 wie im Sommer, und im Herbſt wie im Winter, in Bis zum Abend muß Alles fertig ſein, und ſowie nun ch 5— den europäiſchen Meeren, beſonders im Mittelländi⸗ die Sonne hinabgeſtiegen, rudert die ganze Fiſcherflotille, en, 55 ſcchen, aufhalten, daß ſie aber vom Sommer an bis oft aus fünfzig oder noch mehr Fahrzeugen beſtehend, Waſſi über den Winter hinüber mehr die Tiefe der See auf⸗ in die See hinaus, begleitet von den Segenswünſchen noch en ſuchen und ſich jedenfalls von den Küſten ſo entfernt der Umſtehenden und der Ihrigen. Davon iſt aber n 9he halten, daß ihr Fang mit vielen Schwierigkeiten ver⸗ keine Rede, daß jedes Boot für ſich dem Fange nach⸗ lein lber knüpft iſt. Wazn dagegen der Frühling naht und der ginge, ſondern ſie halten vielmehr alle zuſammen und „Faocr Maaimonat ſeine wonniglichen Blüthen entfaltet, da handeln nach einem gemeinſamen Operationsplan. Deß⸗ ſich tuen ſchwimmt der Thunfiſch zu vielen Tauſenden den Ge⸗ wegen haben auch die älteren Männer vorher, ehe ſie n. Ban ſtaden des ſüdlichen Spaniens und Frankreichs, ſowie auszogen, Einen aus ihrer Mitte„zum Könige“ ge⸗ as unm beſonders den Küſten Süditaliens, Siciliens und Grie⸗ V wählt, welcher das Ganze dirigirt, und ihm wird nun ni ſiio 8 † ———— — — 5 60— unbedingter Gehorſam geleiſtet, gerade wie wenn er das legitime Recht zum Commandiren hätte. Auf ſeine Ordre alſo ſtellen ſich die Boote alle in langer Linie auf und ſpannen ein oft mehrere tauſend Fuß langes ungeheures Netz, das in mehrere Kammern getheilt iſt, von einem kleinen Sandeiland, deren es hier eine Menge gibt, zum andern. Iſt dies geſchehen und zu⸗ gleich das Netz ſo gelegt, daß es nicht brechen kann, ſo fahren die Boote in die See hinaus, und treiben ſofort die friedlichen, nichts Arges ahnenden Fiſche durch heftige Ruderſchläge, ſowie durch noch heftigeres Ge⸗ ſchrei dem Netze zu, wobei ſie nicht nachlaſſen, als bis ſie den ganzen Schwarm in die letzte Kammer, welche man die Todtenkammer heißt, gebracht haben. Hat ſich dieſe— wozu natürlich oft viele Stunden erforder⸗ lich ſind— gefüllt, ſo wird ſie alſobald feſt zugezo— as CThunſiſch So wird es in Palermo mit dem Thunfiſchfang gehalten, und natürlich gilt alſo der Monat Mai den dortigen Fiſchern mit ihren Familien als der Ernte⸗ monat, auf den man ſich das ganze Jahr hindurch freut. Eben deßwegen begnügt man ſich aber auch nicht mit dem bloßen„Geſchäftlichen“ bei der Sache, ſon⸗ dern man will auch ein Vergnügen dabei haben und ein „Erntefeſt“ feiern, gerade wie man z. B. in Schwa⸗ ben mit der Fruchternte das Feſt der„Sichelhänge“ verbindet, und in andern Ländern den„Schnitthahn“, oder wie man das Ding ſonſt heißt. Sobald alſo die Schiffer⸗ und Fiſcherflotille von ihrem erſten Fang heim⸗ kehrt, ſammeln ſich alle Angehörigen derſelben am Hafen und der größte Theil der Einwohnerſchaft Palermo's findet ſich ebenfalls ein, um die Rückkehrenden mit lau⸗ tem Zuruf zu begrüßen; dieſe Letzteren aber haben Wim⸗ pel auf ihre Fahrzeuge geſteckt, und auf dem Fahrzeuge gen und ſofort ſo viel möglich durch vereinte Kraft aus dem Waſſer emporgehoben; auf die darin befind⸗ lichen Fiſche aber, deren Anzahl nicht ſelten bis zu Tauſenden beträgt, geht's nun mit Lanzen, Spießen und Stangen, die man zu dieſem Behufe mitgebracht hat, los, und man ruht natürlich nicht eher, als bis man Allen den Todesſtoß gegeben hat. Gleich darauf rudert die ganze Flotille an's Land, wo man gewöhn⸗ lich mit dem Frühmorgen anlangt; allein das Geſchäft hat auch dann noch kein Ende, ſondern die Hauptope⸗ ration beginnt vielmehr erſt, d. h. man zerſchneidet die Fiſche ſofort kunſtgerecht, liest die Stücke, welche ſich zum Scoocleichverkauf eignen, aus, und ſalzt das Ueb⸗ rige ſchleunigſt ein, um es zum ſpäteren Verbrauch aufzubewahren, oder auch an die Händler und See⸗ ſchiffs⸗Capitäne zu verkaufen. 8 ₰ feſt in Pa des auserwählten„Königs“ weht gar eine Siegesflagge. gß (ermo. Das hat jedoch ſeinen guten Grund, denn in dieſer Barke liegt der„Triumphthunfiſch“, d. h. der größte und ſchwerſte aller in der Nacht zuvor gefangenen Fiſche, welchen man auserleſen hat, damit er als der Heros des Feſtes figurire. Kaum nun hat man gelandet, ſo ergreifen vier der kräftigſten und ſchönſten unter den Fiſchern zwei große Ruder und befeſtigen den Triumph⸗ Dann nehmen ſie die Laſt auf die Achſeln, während einige ihrer Kameraden mit Trommeln und Trompeten bewaffnet ſich an die Spitze ſtellen, und nun beginnt alſobald der Feſtzug, welchem ſich alle Fiſcher, die heute Nacht Durch alle Hauptſtraßen bewegt ſich der Zug, und links und rechts ſtehen Tau⸗ ſende und Abertauſende, welche die Hüte ſchwenken und ihre fröhlichen„Evivas“ erſchallen laſſen; beſonders fiſch mit Seilen zwiſchen denſelben. zur See waren, anſchließen. zahhe ſich i Strat mache ds ſic wie d und i lih ganze gleich man Voro der ſchä den, begi beiz - 61 ⁸ Krift zahlreich aber iſt das weibliche Geſchlecht vertreten, das ſich die ganze Fiſcherzunft zum Feſtmale nieder, dem ffind⸗ ſich im vollſten Putze eingefunden hat. In manchen man natürlich alle Ehre anthut. Nach dem Mahle 8 zu Straßen und vor nicht wenigen Häuſern muß man Halt aber— ei nun, was wird jetzt folgen? Die geneigte vießen machen, denn die reicheren Bewohner Palermo's laſſen Leſerin kann es ſich denken, denn die Palermitanerinnen vracht es ſich nicht nehmen, die Träger und Muſikanten, ſo⸗ haben flinke Füße, und da die Muſik ohnehin da iſt, § bis wie die Fiſcher ſelbſt„mit ihrem Könige“ zu regaliren ſo wird man doch ſicherlich die Gelegenheit zum Tanze rauf und ihnen Wein und Brod anzubieten. Dann natür⸗ nicht unbenützt vorübergehen laſſen. Voll Jubel be⸗ böhn⸗ lich wird regelmäßig eine Fanfare geblaſen, und der theiligt ſich Alles am Balle, wenn man nämlich einen ſchäft ganze Zug bricht in die ſchallendſten Bravorufe aus; ſolch' improviſirten Tanz unter Gottes freiem Himmel tope⸗ gleich darauf aber marſchirt man wieder weiter, bis einen Ball nennen darf, und das Vergnügen nimmt et die man endlich den öffentlichen Platz erreicht, der zum erſt ein Ende, wenn die Sonne ſchon wieder blutigroth ſich Voraus als Hauptzielpunkt beſtimmt war. Hier wird aus dem Meere hervortaucht; nun aber eilt Alt und Ueb⸗ der mächtige Fiſch auf den Boden gelegt und mit ge⸗ Jung nach Hauſe, und das große Thunfiſchfeſt hat rauch ſchäftiger Hand eilt man, ein großes Feuer anzuzün⸗ ein Ende. See⸗ den, über dem ihn ſofort muskulöſe Köche zu röſten Iſt das nicht eine hübſche Sitte und wohl werth, beginnen. Ebenſo eifrig geht man daran, Wein her⸗ daß wir ihrer mit wenigen Worten gedachten? beizuſchleppen, und nach weniger als einer Stunde läßt Dr. Freund. Das Bergſchloß Wildenſtein. Im badiſchen Seekreiſe, unweit Mößkirch, ſpiegelt wo ſie durch Liſt in Feindeshände gerieth, für unbe⸗ ſich in den Fluthen der Donau die kleine Bergfeſte zwinglich und uneinnehmbar gehalten wurde. Sie er⸗ Wildenſtein, die bis zum dreißigjährigen Kriege, hebt ſich auf einem ſteil aus der Donau emporſteigen⸗ aliobald—Vrnn MIAnghlhh t Nach den Felſenkegel, der auf allen Seiten abgeſchloſſen für eine Zugbrücke den Zugang zu dem Schloſſe bewerk⸗ fftraßtn ſich daſteht. Ihm gegenüber iſt auf einem zweiten, ſtelligt.— Gegenwärtig hat das Bergſchloß, das ur⸗ en Tan auf dem Ufer ſich erhebenden Felſenkegel eine mit ſprünglich den Wilde von Wildenſtein gehörte, ſeine t us Warten verſehene Mauer aufgeführt, von welcher aus Wichtigkeit verloren, bietet aber durch die in ſeiner eſon * —— Nähe befindlichen Felsparthien, durch ſeine eigene rei⸗ zende Lage, und die nicht weit davon entfernte Ruine Falkenſtein, einen der intereſſanteſten Punkte für Touriſten, die von Tuttlingen, Mößkirch oder Sig⸗ maringen aus die im Seekreis gelegenen Fürſtlich Für⸗ ſtenbergiſchen Beſitzungen beſuchen. Nach den Wild von Wildenſtein kam die Bergfeſte ſchon in früher Zeit an die Herren von Gundelfingen, von dieſen an Der Rönig Im Herbſt des Jahres 1818 war in Aachen einer der Congreſſe verſammelt, mit denen die Staatsmänner der Reſtauration ebenſo freigebig waren, als die heu⸗ tigen Staatsmänner mit ihnen kargen. In den Muße⸗ ſtunden, die den in Aachen berathenden Monarchen trotz aller Conferenzen blieben, vergnügten ſie ſich da— mit, einem berühmten franzöſiſchen Seiltänzer zuzu⸗ ſehen. Der Mann galt für den beſten ſeines Fachs, doch glaubte der König Friedrich Wilhelm III. ſich zu erinnern, daß er von einem Deutſchen noch vorzüglichere Leiſtungen geſehen habe. Kolter(er war es, wenn wir nicht irren) wurde nach Aachen berufen und verſprach, wenn man ſeine Anweſenheit verſchweige, eine überra⸗ ſchende„Arbeit“. Am nächſten Tage ſteigt der Fran⸗ zoſe auf dem Seil zu einem hohen Thurm empor. Er hat die Hälfte des Wegs zurückgelegt, da ſieht er zu ſeinem Todesſchrecken, daß aus der Thurmluke ein zweiter Seiltänzer herausſteigt und ihm entgegengeht. Bald ſtehen ſich beide hundert Fuß über der Erde auf dem ſchwankenden Seil gegenüber. Die Tauſende von Zuſchauern unten fragen ſich in athemloſer Spannung, wie dieſe Begegnung enden wird. Inzwiſchen hat oben eein kurzes Geſpräch ſtattgefunden. Der Franzoſe hat ſeinem Gegenüber die bitterſten Vorwürfe gemacht und gleich den Zuſchauern unten gefragt, wie das enden werde. Darauf hat der Deutſche blos geantwortet: „Bücken Sie ſich!“ Der Franzoſe gehorcht mechaniſch, und im nächſten Augenblicke ſetzt der Andere mit einem mächtigen Sprunge über ihn weg und tanzt das Seil hinunter, während ſein zitternder Gegner der Thurm⸗ wieder aufzutreten. Dieſe„Arbeit“ Kolters galt bisher für die beſte und gefährlichſte. Jetzt aber hat ein Franzoſe die Aachener Niederlage ſeines Landsmannes gerächt. Mon⸗ ſieur Blondin iſt der„König des Seils, der Held bei⸗ der Hemiſphären, die Großmacht der Balancirſtange.“ Es iſt in der Ordnung, daß ein ſolcher Mann einen Biographen gefunden hat. C. Linnäus Banks ver⸗ öffentlichte: Blondin, his life and performances. Blondin wurde am 24. Februar 1824 geboren. Sein Geburtsort St. Omer war ſeiner in jeder Be⸗ . ziehung würdig, denn die Stadt zeichnet ſich in dop— pelter Beziehung aus, erſtens durch ihre berühmten *) Wir entnehmen dieſen Artikel dem in Leipzig erſcheinenden Journal: Europa, Chronik der gebildeten Welt, und be⸗ nützen die Gelegenheit, dieſe vortreffliche Zeitſchrift, die wir für die beſte und gediegenſte ihrer Art halten, unſern Leſern freund⸗ ichſt zu empfehlen. Die Redaction. - 62— luke zueilt, in der er verſchwindet, um in Aachen nie die Grafen von Zimmern, dann an die Grafen von Helfenſtein, nach deren Erlöſchen ſie durch Erbſchaft den Fürſtenberg zufiel, von dieſen aber 1733 an Bayern verkauft wurde. Gegenwärtig iſt das Berg⸗ ſchloß wiederum Eigenthum der Fürſten von Fürſten⸗ berg, und durch ſeine Lage eines der intereſſanteſten Schlöſſer. 2. des Seils*). geiſtlichen Gelehrten, und zweitens durch ihren ausge⸗ zeichneten Schnupftabk. Der Vater war ein alter napoleoniſcher Veteran und lebte von ſeinen glorreichen Erinnerungen und vom Fiſchfange. In demſelben fünften Jahre, in dem Mozart zu componiren begann, fing Blondin an auf dem Seile zu tanzen. Eine Ge⸗ ſellſchaft von Seiltänzern und Kunſtreitern kam nach St. Omer, unter der ſich ein junger Menſch befand, der einen ſo verführeriſchen himmelblauen Anzug, ſo prachtvolle Schwungfedern und einen ſo blitzenden Schmuck von Zinn und Glas trug, daß er nicht blos den jungen Mädchen, ſondern auch der hoffnungsvollen Jugend der Gaſſen den Kopf verdrehte. Seinen erſten Verſuch machte Blondin auf einer Waſchleiue ſeiner Mutter, die er an zwei Stuhllehnen befeſtigte. Dieſer Verſuch war ein muthiger, aber kein glücklicher. Die beiden Stühle fielen um, als Blondin ſich auf die Waſchleine ſchwang, und er lag auf der Naſe. Von der im Ganzen richtigen Anſicht ausgehend, daß Män⸗ nerſachen beſſer halten als Frauenſachen, entführte Blondin ſeinem Vater deſſen Angelſchnur, um auf die⸗ ſer zu tanzen. In dieſem Falle war ſeine Berechnung eine unrichtige: die Angelſchnur riß, und er lag zum zweiten Male auf der Naſe. Jetzt verbündete er ſich mit einem alten Matroſen, der im Beſitze eines haltbaren Taues war und es eigenhändig zwiſchen zwei Bäumen ausſpannte. Mit einer zerbrochenen Segelſtange in der Hand betrat Blondin ſein Seil und führte ſeinen erſten Tanz mit dem vollſtändigſten Glück aus. Man brachte ihn nun in eine gymnaſtiſche Anſtalt zu Lyon, und in überraſchend kurzer Zeit war ſeine Ausbildung vollendet. Er trat darauf in die Ge⸗ ſellſchaft der Familie Ravel ein, die in Frankreich be⸗ rühmt war und es in Nordamerica noch mehr wurde. Hauptſächlich im Vertrauen ging die Geſellſchaft 1851 über ihren Schritt nicht zu bereuen. Jahren wurde Blondin, innige Verbindung trat, in allen Städten der Union als der Unvergleichliche und Einzige auspoſaunt. So hatte er, um von ſeinem Stande ein Bild zu entlehnen, ein Schwungbrett bekommen, von dem er ſich mit ei⸗ das Meer und hatte nem Rieſenſprunge auf den Gipfel des Ruhms ſchwin⸗ 4 gen konnte. Im Frühling von Ravel'ſchen Geſellſchaft los und ging an den Niagara. Seine Ankündigung, daß er auf einem Seile über den Fall gehen werde, wurde mit Unglauben und einer Art zu Blondins Leiſtungen In den nächſten acht der mit der Preſſe in eine 1859 machte er ſich von der von Unwillen aufgenommen. Man hielt ihn für einen Schwin men ſe ein Ei beträgt ds E von eit n do zenden Luft ſe ausgeſe V foſtge bahn. ggeeri Geſe Gan ſiche Mit der, In Auge wiede Erh Bi Beiff welch n Seil auf fern ſtel en von ber 33 an Berg⸗ ürſten⸗ nteſten 2. ausge⸗ nalter rreichen nſelben hegann, ne Ge⸗ n nach vefand, g, ſo tenden tt blos svollen werſten ſeiner Dieſer Die uf die Von Män⸗ tführte auf die⸗ echnung ag züm — — Schwindler oder für einen Narren. Sein Unterneh⸗ men ſah wirklich einer Unmöglichkeit ſo ähnlich, wie ein Ei dem andern. Die Entfernung von Ufer zu Ufer beträgt 1100 Fuß, Vorrichtungen, um das Schwanken des Seils zu verhüten, laſſen ſich nicht anbringen, von einer Hülfeleiſtung kann ebenfalls keine Rede ſein, und doch iſt der Seiltänzer, der im Angeſicht der ſtür⸗ zenden und ſtrudelnden Waſſer 160 Fuß hoch in der Luft ſchwebt, einem Unfall mehr als irgend ſonſtwo ausgeſetzt. Vor dem 30. Juni 1859, dem für den Seilgang ſ otz te 3 e Tlo Ortshan ne e feſtgeſetzten a Mgrhun vollgepfropft. Jeder Eiſen⸗ bahnzug, jedes Dampfſchiff brachte Maſſen von Neu⸗ gierigen, und zuletzt waren 25000 Perſonen aus allen Geſellſchaftsclaſſen verſammelt. Blondin trat ſeinen Gang auf der engliſchen Seite an und ging kühn und ſicher nach der americaniſchen hinüber. Als er den der, um ſich das prachtvolle Naturſchauſpiel anzuſehen. In der Nähe des andern Ufers legte er ſich einen Augenblick auf den Rücken, überſchlug ſich, ſtellte ſich wieder auf die Füße und lief raſch zum Landungsplatze. Er hatte zu dieſem Gange fünf Minuten gebraucht. Bei ſeiner Ankunft wurde er mit einem betäubenden Beifallsgeſchrei begrüßt. Ob auch die mit riefen, welche darauf gewettet hatten, daß er ins Waſſer ſtür⸗ zen werde, laſſen wir dahingeſtellt. Seile, dieſes Mal mit einem photographiſchen Apparat auf dem Rücken. Zweihundert Fuß vom Ufer ent⸗ fernt, band er ſeine Balancirſtange auf das Seil feſt, ſtellte ſeinen Kaſten auf und nahm ein Bild des mit Menſchen bedeckten Ufers auf. Als er nach dieſem Uebergange von der engliſchen Seite zurückkehrte, ſchob er eine ſchwere Karre vor ſich her. Etwa auf dem dritten Theile des Weges machte er Halt, brachte ſeine —— ifrr in Gleichgewicht, ſetzte ſich darauf und nahm was man an ihm bewundert, iſt immer ſeine voll⸗ mit gekreuzten Beinen die Haltung eines unbetheiligten ſtellte er ſich ſogar in die Karre. Dieſer Anblick wurde ſelbſt den immer nach Reizmitteln bedürftigen nord⸗ americaniſchen Nerven zu viel. Damen und Herren fielen in Ohnmacht, Tauſende wendeten ſich ab, und wer Blondin im Auge behielt, der hielt den Athem an. ternehmen wurden in Europa als Fabeln behandelt. Einige Gaſthofsbeſitzer in ſolchen americaniſchen Ge⸗ genden, denen der Strom der Vergnügungsreiſenden ſich zuzuwenden pflegt und die nun durch den Niagara in den Schatten geſtellt wurden, hatten ihren Antheil daran. Sie ſchrieben nach London, daß der Seiltanz über den Niagara ein bloßer Puff, eine Gaſtwirths⸗ ſppeculation ſei. Es gäbe allerdings einen Niagara, ber keinen Blondin, der ſei eine Mythe und gehöre in die Claſſe der Seeſchlange. Dieſe Mythe, dieſe Seeſchlange ſetzte inzwiſchen in der ſichtbaren und greif⸗ baren Geſtalt eines ſchönen und kräftigen Mannes ihre Gänge über den Niagara fort. Jedes Mal ſtröm⸗ ten Unmaſſen von Menſchen hinzu, und jedes Mal gab es irgend eine Ueberraſchung. Bald erſchien Blon⸗ din als Blindekuh, ſein Geſicht in einen Sack dicht eeingehüllt, bald trug er einen Mann auf ſeinen Schul⸗ tern und verſchaffte den Zuſchauern den Extragenuß, fall. hatte, waren ſo groß Nach zwanzig Minuten war er wieder auf dem zwanzig f Zuſchauers an. In der Nähe der amerikaniſchen Küſte Die Nachrichten von dieſem mehr als kühnen Un⸗ 63—— ſich zu ſtellen, als gleite er aus und werde nächſtens fallen. Seine Vorſtellungen von 1858 ſchloſſen am 2. Sep⸗ tember mit einem Seiltanze der das Neue brachte, daß Blondin auf der Mitte des Seils ein Feuerwerk ab⸗ brannte. Im Winter gab er in verſchiedenen Städten der Union lauter haarſträubende Kunſtſtücke zum Be⸗ ſten, im Frühling war er wieder am Niagara. Sein glänzendſter Tag war in dieſem Jahr der 14. Sep⸗ tember. Unter den Zuſchauern, die aus Canada und der Union von beſondern Eiſenbahnzügen herbeiführt wurdeu deſand ſi auämlich Fden Plinz von Walse D vegwert Koe on 3 9 2* 6 Abſonderliches zum Vorſcheint hten Waſtes. et darüber war Jedermann einig, und die meiſten Zuſchauer ga⸗ ben ſich der frohen Erwartung hin, das Abſonderliche werde darin beſtehen, daß der Seiltänzer den engliſchen Thronerben über den Niagara trage. Wie wir aus Mittelpunkt erreicht hatte, ſetzte er ſich gemächlich nie— unſerer Biographie erſehen, glauben die guten Yankees noch heutzutage, dieſes Schauſpiel ihnen blos deshalb entzogen, weil der Herzog von Newcaſtle ſein Veto eingelegt habe. Etwas Unerhörtes gab ihnen Blondin doch zu ſehen: er ging auf Stelzen über den Waſſer⸗ Die Schwierigkeiten, die er dabei zu beſiegen und ſo ſichtbar, daß Alle für ihn zitterten und der Prinz von Wales, als Blondin wieder auf feſtem Boden ſtand, laut ausrief:„Gott ſei Dank, daß es vorbei iſt.“ Dieſe Niagara-Vorſtellungen ſind Blondins Höhe⸗ punkt. Der Seiltänzer ſteht neben dem Kunſtreiter auf der unterſten Stufe der Kunſt, wenn hier über⸗ haupt noch von Kunſt die Rede ſein kann. Seinen Leiſtungen klebt eine unvermeidliche Eintönigkeit an. Er gibt immer daſſelbe, und alle kleinen Abwechs lungen, die er anbringen mag, ändern am Grund⸗ charakter ſeiner Darſtellungen nichts. Ob er ein Kind oder einen jungen Löwen in der Karre fährt, einen photographiſchen Apparat oder einen Menſchen auf dem Rücken trägt, auf Stelzen oder in Körben tanzt— ſtändige Sicherheit auf dem ſchwankenden Seile. Wir werden uns deßhalb bei ſeinen ſpäteren Leiſtungen nicht lange aufhalten. So lange Blondin in Nordamerica war, ſuchte er ſich immer die gefährlichſten Stellen aus. Er hatte den Nationalcharakter genau genug kennen gelernt, um zu wiſſen, daß er um ſo mehr Zuſchauer finden werde, je wahrſcheinlicher es ſei, daß er den Hals brechen müſſe. Die zum Bürgerkrieg anſchwellenden Streitig⸗ keiten verleideten ihm aber den Aufenthalt in der Union. Im April 1861 fuhr er, von dem Schriftſteller Cole⸗ man als Reiſemarſchall begleitet, auf dem Bremer Lloyddampfer New⸗York nach Europa und war kaum in London angelangt, als er mit den Directoren des Kryſtallpalaſtes in Sydenham abgeſchloſſen hatte. Man gab ihm für zwölf Vorſtellungen 1200 Pfd. Strl. Im Kriſtallpalaſt war es, wo er ſeine fünfjährige Tochter Adele in einer Karre auf dem Seile fuhr. Das Publicum empörte ſich darüber ſo, daß ein poli⸗ zeiliches Verbot gegen dieſes Gefährden eines Kindes erging. Im zoologiſchen Garten zu Liverpool nahm er ſtatt des Kindes einen jungen Löwen. Die einzige wirkliche Abwechslung, die er in ſeine Darſtellungen brachte, war ſein Auftreten als Affe. Er mag famos geklettert und geſprungen, auch dem„mimiſchen Theil — ——— — fuhren. ſeiner Rolle in jeder Beziehung gerecht geworden ſein“. Augenblicklich iſt er, nach einer Reiſe in den engliſchen Provinzen, wieder für den Kryſtallpalaſt thätig und wird während der Dauer der Ausſtellung fünfzig Vor⸗ ſtellungen geben. Dann ſehen wir ihn auf dem Feſt⸗ lande. Blondin hat mehr Aufſehen erregt und mehr Bei⸗ fall gefunden, als irgend ein wirklicher Künſtler unſe⸗ rer Zeit. Wir wollen dieß weiter nicht beklagen, denn wir finden es natürlich und menſchlich, daß ein Mann, - 64—⁸ ſchen über das Niedrige erheben. der zwiſchen Himmel und Erde auf einem Seile, das in ſolcher Höhe geſehen wie ein Bindfaden erſcheint, ſich wie auf dem Boden bewegt, angeſtaunt wird. Wir bewundern an ihm den höchſten Muth und die höchſte Geſchicklichkeit, alſo zwei Eigenſchaften, die den Men⸗ Wir können daher auch die Seiltänzerkunſt nicht als eine rohe betrachten, wenn wir auch wiſſen, daß ihr gerade das fehlt, was ſie zu einer wahren Kunſt machen würde. . Misceſlen. Die Reſultate der letzten, von Glaiſher und Cox— well, unternommenen Luftſchifffahrt ſind in mancher Beziehung ſehr intereſſant. Nachdem ſie in einer Höhe von 1 ¾ engliſchen Meilen eine dicke Wolkenſchicht paſſirt hatten, verdünnte und klärte ſich die Atmoſphäre plötzlich, und das Gas im Ballon dehnte ſich ſo raſch aus, daß ſie mit raſender Geſchwindigkeit in die Höhe Als ſie drei Meilen vom Erdboden entfernt waren, warfen ſie die erſte der mitgenommenen Tau⸗ ben zum Korb hinaus, um ihren Flug zu beobachten. Das arme Thier flog aber gar nicht, ſondern fiel als wäre es ein Stein. Die zweite hinausgeworfene Taube that ein gleiches, der dritten aber gelang es, ſich am Ballon feſtzuhalten, doch wiſſen die Reiſenden nicht was ſpäter aus ihr geworden iſt. Von den beiden Tauben, die im Korb gelaſſen wurden, war die eine, als die Luftſchiffer den Boden erreicht hatten, todt, und die andere ſehr matt. Auf einer Höhe von fünf Meilen fühlte Herr Glaiſher ſich beinahe erblindet, und die letzte Thermometerregiſtrirung, die er hatte vornehmen können, zeigte auf 50 R. unter Null. Später ſah er das Queckſilber auf 10° unter Null, war aber nicht im Stande zu regiſtriren, und verlor allmälig das Bewußtſein. Herr Corxwell widerſtand länger, der Ballon ſtieg noch weitere zehn Minuten mit ungeheurer Schnelligkeit in die Höhe, und erreichte, ſeinen Berechnungen zufolge, eine Höhe von mindeſtens ſechs engliſchen Meilen. Jetzt aber verſpürte auch Cox⸗ well Anwandlungen von Ohnmacht, und als er die Klappe öffnen wollte, um Gas ausſtrömen zu laſſen, ward er zu ſeinem Schrecken gewahr, daß er keinen Finger bewegen könne. Schnell gefaßt packte er die Schnur, welche die Klappe am Ballon öffnete, mit den Zähnen, das Gas entwich langſam, und der Bal⸗ lon begann allmälig zu ſinken, worauf auch Herr Glaiſher wieder zu ſich kam und ſeine Inſtrumente benutzen konnte. Ein ſelbſtregiſtrirendes Thermometer zeigte ihnen ſpäter, daß ſie bis zu einer Temperatur von 20⁰° R. unter Null vorgedrungen waren, und eine Flaſche mit Waſſer, die ſie mitgenommen hatten, war in der That bei ihrer Rückkunft zugefroren, und thaute erſt nach einer Stunde auf. Herrn Coxwells Hände er hatte verſäumt Handſchuhe mitzunehmen— waren ganz ſchwarz unterlaufen, während er ſich in den höhern Regionen befand, und nahmen erſt in der Nähe des Bodens ihre natürliche Farbe wieder an. Im übrigen hatten ſie mit keinen Widerwärtigkeiten mehr zu kämpfen, ſo wie ſie aus den höhern Luftſchichten herabkamen. In den letzten Tagen haben in London Probefahrten unter den verſchiedenſten Verhältniſſen ſtattgefunden, und es hat ſich dabei mit vollkommener Gewißheit die Anwendbarkeit der Straßenlocomotive ergeben. Die Locomotive der HH. Aveling und Porter in Rocheſter, die dabei verwendet wurde, hatte incl. alles Zubehörs, des Waſſervorraths ꝛc. ein Gewicht von 200 Centnern bei etwa 20 Pferdekraft. Die Radfelgen waren 16 Zoll breit; dieſelben laſſen ſich jedoch mit geringer Schwie⸗ rigkeit localen Verhältniſſen anpaſſen. Die Maſchine legt bei mittlerer Geſchwindigkeit eine deutſche Meile in 80 Minuten zurück, und bewegt ſich gleich gut auf Straßen, Wieſen und Pflaſter; ſie iſt vollkommen lenkbar, fährt im Kreiſe herum, an den Häuſern ent⸗ lang, weicht ohne Schwierigkeit andern Fahrzeugen aus, kurz iſt in vollkommenſter Weiſe zum Gebrauch geeig⸗ net. Die Maſchine führt für etwa zweiſtündigen Ge⸗ brauch Waſſer bei ſich, und die Heizfläche des Keſſels, der ganz wie bei anderen Locomotiven eingerichtet iſt, geſtattet ſelbſt eine Heizung mit Stoppeln oder Dung. Eine eigene Bremsvorrichtung ermöglicht augenblick⸗ liches Halten, und auch rückwärts gehende Bewegungen werden leicht und ſicher ausgeführt. Zur Bedienung ſind zwei Leute erforderlich: ein Maſchiniſt, deſſen Platz hinter der Maſchine wie bei den Eiſenbahn⸗ Locomotiven iſt, und ein Lenker, der vorn ſitzt, und vermittelſt eines kleinen(fünften) Rades der Maſchine die Seitenrichtung gibt. Die Feuerung iſt ſo einge⸗ richtet, daß jede Gefahr vermieden iſt, namentlich iſt der Aſchenkaſten dicht verſchloſſen. Für gewöhnlich hängt man an die Maſchine nur drei Transportwagen an, doch kann die Zahl derſelben, je nach den Verhält⸗ niſſen und der Größe der Maſchine, beliebig erhöht werden. Der Preis einer Maſchine von 20 Pferde⸗ kraft ſtellt ſich ab London auf etwa 420 Pf. St.— ein Preis der keineswegs zu hoch gegriffen iſt. der bezüg des Spi Rie Baf betr nun der Se An eine Gr rigen dem Irle kohl red Ri 99 von Do ſche befi gen ſelb d le, das ſcheint, d. Wir höchſte Men⸗ daher achten, , was r Nähe ahrten unden, eit die n. Die heeſter, hehörs, ntnern 6 Zoll zchwie⸗ aſchine Meile ut auf ommen en eut⸗ en aus, grig⸗ en Ge⸗ ſeſſels, tet itt Dung. 65 Der Rieſendamm. (Taf. 5.) Die Grafſchaft Antrim, in der Provinz Ulſter, der Hauptſchauplatz der oſſianiſchen Helden, iſt bezüglich ihrer Naturſchönheiten eine der intereſſanteſten des Königreichs Irland, und der von ihrer nördlichen Spitze aus ſich weit in's Meer hinein erſtreckende Rieſendamm, mit ſeinen meiſt ſenkrecht ſtehenden Baſaltſäulen, deren Länge zwiſchen 15 und 36 Fuß beträgt, unſtreitig eine der merkwürdigſten Naturerſchei⸗ nungen. Vom alten Städtchen Glenarm aus, deſſen an der gleichnamigen Bucht gelegene, ziemlich ſtark beſuchte Seebadeanſtalt von einem prächtigen Schloſſe des Lords Antrim überragt wird, führt eine merkwürdige Straße, eine ungeheure, 1500 Fuß hohe Kalkmaſſe, deren Grundpfeiler auf Baſalt ruhen, und an deren ſchau⸗ rigem Abſturze ſich die Wogen donnernd brechen, nach dem Vorgebirge Fairhead, der nördlichſten Spitze Irlands. Im Innern des Berges ſind reiche Stein⸗ kohlenlager, zu deren Schachten eine lange, am Mee⸗ resufer beginnende Gallerie führt. Der Beſuch des Rieſendammes, den die Sage für ein Werk Fin⸗ gals und ſeiner Waffengefährten ausgibt, wird meiſt von Buſhmills aus unternommen. Der Weg vom Dorfe zur Küſte iſt mit Baſaltblöcken eingefaßt, zwi⸗ ſchen denen mehrere kleine Buchten oder Höhlen ſich befinden, die mit der Zeit von den andringenden Wo⸗ gen gebildet zu ſein ſcheinen. Die bedeutendſten der⸗ ſelben ſind: die Dunkerry und die Höhle von Port⸗ coon; die erſte iſt tief, aber nur von der Seeſeite zu⸗ gänglich, und, ihre ſchwarzen gewölbten Wände ſind mit Meerespflanzen überdeckt. Zu der zweiten, die an 350 Fuß tief und gegen 30 Fuß breit iſt, kann man während der Ebbe durch eine Felſenſpalte gelangen. Ihr ganzes Innere iſt mit weißem Schaume überdeckt und fortwährend mit einem feuchten Nebel gefüllt. Man vernimmt in ihr beſtändig ein wunderbares, wohl durch den Wellenſchlag hervorgebrachtes Sauſen. In der Nähe der Höhlen bemerkt man vielen Schiefer und Kugelbaſalt, der ſich lagenweiſe abſchälen läßt. Auf dieſe Schieferformation folgen die Baſaltpfeiler, die ſich theils in gerader, theils in ſchiefer und wagrechter Stellung über eine Stunde weit längs der Küſte hin⸗ ziehen; dann erſt beginnt der eigentliche Damm, der uüber 200. Fuß lang und 100 bis 180 Fuß breit all⸗ mählig in das Meer ſich ſenkend ausläuft, und unter dem Waſſer noch weiter bis, wie man glaubt, zur gegenüberliegenden Inſel Staffa ſich hinzieht, ſo daß man zur Zeit der Ebbe viele unterſeeiſche Baſalt⸗ pfeiler durch die Wellen ſchimmern ſieht. braunen Pfeiler ſtehen ſo dicht aneinander, daß keine Meſſerklinge durchgeſchoben werden kann, und ſind fünf⸗, ſechs⸗, mehrere auch ſieben⸗ bis neuneckig. Viereckige Die eiſen⸗ ſind ſelten, und mit drei Ecken hat man bis jetzt erſt einen einzigen gefunden. der Oſtſeite, wo man mehrere von 30 und einen ſo⸗ gar von 40 Gliedern ſieht. Jedes Glied iſt ungefähr 1 Fuß hoch und hat von 8 bis 20 Zoll im Durch⸗ meſſer. Man kann durch einen einzigen Hammerſchlag Frierſtunden. 1863. Die höchſten Pfeiler ſind auf ein ſolches Glied von einem Pfeiler ablöſen, wobei die eine Seite konkav, die andere konvex ausſpringt. Die weiter an der Küſte vorkommenden Baſaltpfeiler ſind viel weniger regelmäßig, als die auf dem Damme, und werden, ihrer beſonderen Form und Stellung nach, mit verſchiedenen Namen, wie Schornſtein, Webſtuhl, Orgel ꝛc. belegt. Bei dem„Schornſteine“, welcher aus einem einzigen hohen Pfeiler mit zwei kleineren daneben beſteht, ſieht man viele wagrechte Pfeiler, die von ſenkrechten durchſchnitten ſind. Nahe beim Damme am Ufer quillt der Rieſenbrunnen, ein ſehr klares und friſches Waſſer, zwiſchen Baſaltpfeilern hervor. In Buſhmills wird von einigen Bewohnern ein förm⸗ licher Handel mit den Baſaltpfeilern der Küſte und des Rieſendammes betrieben. Sie löſen viele derſelben ab und verſchicken ſie in Kiſten. Jedes Glied derſelben wiegt ungefähr einen Centner.— Oberhalb des Rieſen⸗ dammes, kaum eine Viertelſtunde von demſelben ent⸗ fernt, ragen auf einem abgeſonderten hohen Meeres⸗ felſen die Ruinen der Burg von Dulume, das Stamm⸗ ſchloß der Familie Macdonnel, empor, zu welchen ein ſchmaler, gefährlicher, durch kein Geländer geſchützter Steg führt, und längs der Küſte liegen mehrere kleine Felſeninſeln(Skerries), deren genügſame Bewohner lediglich vom Ertrag der Fiſcherei, von etwas Gerſte und Seetang leben. Nördlich vom Vorgebirge Fair⸗ head iſt die über 4 Stunden lange und mehr als eine Stunde breite, ebenfalls von Baſaltpfeilern eingeſchloſ⸗ ſene Inſel Rathlin oder Raghlin, deren 1200 Be⸗ wohner die unvermiſchten Nachkommen der alten Iren zu ſein ſcheinen, nur mit deren Sprache bekannt ſind, und durch Geſtalt und Geſichtsbildung ſich weſentlich von den Bewohnern des iriſchen Feſtlandes unter⸗ ſcheiden.— Ein neuerer Reiſender, der„Erin's grüne Inſel“ beſuchte, gibt uns vom Rieſendamme, zu dem er von der See aus in einem Boote gelangte, folgende intereſſante Schilderung: „Im äußerſten Theile Irlands, von deſſen Küſten kein Land mehr bis Amerika ſich findet, und an deſſen ſteilen Felſen ſich die Wogen des atlantiſchen Oceans wildſchäumend brechen, erhebt ſich in hoher Pracht und Majeſtät ein Baſaltgebirge, wundervoll und wie von Menſchenhand und dem kühnſten Meiſel gehauen in unvergleichlicher Schönheit, und kaum dürfte die Na⸗ tur in irgend einem Lande ähnliche Wunder aufgehäuft haben. Dies iſt der Giants-Cauſeway, der Rie⸗ ſendamm, der ſich, ein hundertarmiger Briareus, gleich einem aus tauſend und tauſend an einander ge⸗ reihten Säulen zuſammen gebildeten Damme weit in's Meer erſtreckt, und von dem ſich die ſchöne Sage er⸗ hielt, daß Rieſen verſucht hätten, durch ihn Irland und Schottland mit einander zu verbinden, ein alter Volksglaube, der dadurch erklärbar wird, daß dieſelbe Baſaltbildung häufig tief in ſtiller See aufzutauchen ſcheint, und alle dieſe Verzweigungen in der Richtung von der auf ähnliche Art gebildeten Inſel Staffa und der Fingalshöhle ſich ausbreiten. Das Vor⸗ 9— gebirge Fairhead beginnt den Reigen dieſer großartigen Scene, und iſt der würdige Anfang einer der erſtaun⸗ lichſten Küſtenformationen, die in der Welt zu finden ſind. Der Rieſendamm ſelbſt erhebt ſich nicht ſehr hoch über den Spiegel des Meeres, allein die meiſter— haft an einander gefügten Säulen, die wie Moſaikarbeit ausſehen, Treppen bilden, und in konvexen und kon⸗ kaven Aushöhlungen auf einander gepreßt ſind, zeigen ihre Wunder erſt in der Tiefe der unergründlichen See, und überraſchen bei jedem Schritte, den man über ſie macht, durch die unbegreifliche Regelmäßigkeit ihrer Bildung und Aufſtellung. der Küſte, zieht ein Baſaltgebirge hin, das größten— theils aus eben ſo kühn von der Natur gemeiſelten Rieſenſäulen beſteht, die bald in Geſtalt einer Orgel, bald als römiſches Amphitheater, immer aber in groß⸗ artigen Bildern vor uns treten. Es iſt unmöglich, - 66— Ueber dem Damme, längs ſich durchzubringen. Wolken zogen ſchwarz und ſchwärzer über unſer düſte⸗ res Tafelzimmer herauf, die Brandung ſchlug immer brauſender in die dunkle Höhle heran, und die Schiffer griffen plötzlich in die Ruder und brachten mühſam die Barke über die, durch zwei Felſen brechende Brandung. Wir waren nun auf hoher See, die einen bedenklichen Charakter annahm. Immer ſtärker brauste der Wind, immer höher thürmten ſich die Wellenberge, und war⸗ fen die leichte Barke auf und nieder. Nun galt es, Mit der äußerſten Anſtrengung näherten wir uns wieder dem Rieſendamm, denn die größte Gefahr beſtand für uns darin, an die Baſalt⸗ felſen der Küſte geworfen zu werden. Mit großer Kraft und Geſchicklichkeit brachten uns die Schiffer zu⸗ weilen ſo nahe heran, daß einer von uns herausſprin⸗ gen konnte, während ſie dann ſogleich wieder abzulen⸗ ken ſuchten, um nach einer kleinen Weile den nächſten dieſe Pracht von Felſenbildung zu malen, geſchweige denn zu beſchreiben. Herrliche Höhlen, 10— 100 Fuß lang, liegen in ſchauerlich lautloſer Oede in dieſen hohen Felſen, und hat man die ſchäumende Brandung nicht ohne Gefahr überwunden, die donnernd gegen die Küſte ſchlägt, ſo hallen die monotonen Ruderſchläge in der Stille dieſer heiligen Dome der Natur, die Schiffern die größte Sicherheit bieten. Fuß hohe Baſaltgebirge, welches ſich über mehrere Meilen weit längs der Küſte ausdehnt, bildet in ſei⸗ Das 4— 500 ner Erſcheinung von der See aus vollſtändig den An⸗- r aufgeben mußten, den gewöhnlichen Fußpfad zu errei⸗ blick einer alten Veſte im Rieſenmaßſtabe, mit unge⸗ heuren vorſpringenden Werken, Baſtionen, Kontreſkar⸗ pen, und beſonders eine Baſaltbildung, die Kaiſer⸗ krone genannt, ſieht einem trotzig in's Meer hinein⸗ ragenden Kaſtelle gleich, ſo daß man es der ſpaniſchen Armada nicht verargen konnte, wenn ſie es in der Nacht beſchoß, als ſie, durch Sturm dorthin verſchla— gen, ſich vor dem nicht weit davon entfernten wilden Dunluca⸗Caſtle wähnte. Der ſtarre Fels rächte ſich furchtbar, indem das Hauptſchiff der Spanier da⸗ ran zerſchellte.— Wir hatten bei heller ruhiger See unſere Fahrt um den Giants⸗Cauſeway begonnen, und von vier kräftigen Ruderern und einem erfahrenen Füh⸗ rer geleitet, glitt unſere Barke über die mächtigen Wogen des Oceans dahin. Gegen Mittag hielten wir in dem romantiſchen Hufeiſen, der ſchönſten Partie des Rieſendammes, an, um unſere Mundvorräthe mit un⸗ ſerer Schiffsmannſchaft zu theilen. Hohe, ſchroffe, ſchwarze Felſen ſchloſſen uns ein, und in dieſem tar⸗ tarusähnlichen Schlunde ſangen uns die von unſerem xeres begeiſterten Matroſen iriſche Lieder. Allein die der Paſſagiere auf gleiche Weiſe herauszuſpediren. Es war eine ganz unheimliche Geſchichte: immer auf dem Sprunge, und nie vorher wiſſend, wohin zu ſpringen. Wir kamen endlich Alle glücklich hinaus, doch die Schiffer mußten ihr Boot preisgeben. Es iſt weit und breit kein Hafen in der Nähe, und dieſes, ſowie die vielen Klippen und die dem Cauſeway gegenüberliegen⸗ den Felſeneilande, machen die Paſſage zu einer der ge⸗ fährlichſten. Wir kletterten auf dem Damme ſelbſt fort, allein der Sturm peitſchte die Wellen mit ſo furchtbarer Heftigkeit uns nach, daß wir die Hoffnung chen, und uns nur dadurch retten konnten, daß wir die Baſaltgruppe, welche den Namen„der König mit ſei⸗ nen Edlen“ führt, erkletterten, und uns zwiſchen den hohen Felſenſpalten einklkemmten. Und nun entwickelte ſich ein Schauſpiel vor uns, dem nichts Aehnliches gedacht werden kann. Die mit Blitzesſchnelle dahin eilenden Wolken ſenkten ſich immer tiefer herab, der Die Tante (Fortſetzung von S. 49.) Achtes Kapitel. Der Stadt Antheil an den Weltſtürmen. Am 10. Juli 1813 ſollte das Franke'ſche Haus, welches bereits Friedrich den Großen beherbergt hatte, nochmals von dem Schritt eines Welteroberers wieder⸗ hallen: Napoleon betrat es. Im Hausflur waren die Sturm peitſchte heulend den kochenden Ocean, und der Giſcht und ſilberweiße Schaum ſchlug mit den toben⸗ den Wellen in ſchauderhaften Brandungeu über die rie⸗ ſigen Felſen, und prallte gebrochen von den ſtolzen, ewig unzerſtörten Baſaltſäulen zurück. Erſtarrt vor Kälte und mannigfach verwundet konnten wir erſt nach meh⸗ reren Stunden aus unſerem Felſenneſte herabſteigen, und den Fußpfad ſuchen, der von dem Rieſendamme auf die Höhe des Feſtlandes führt, allein der Eindruck dieſer großen Naturſcene bleibt mir unvergeßlich in's Herz geſchrieben. 2. Zünthern. 4 Schweſtern in einer Reihe aufgeſtellt, trotz ihrer ge⸗ drückten Stimmung verzeihlich neugierig, den Kaiſer zu ſehen. Napoleon warf im Vorübergehen einen raſchen mißtrauiſchen Blick auf die tiefe Trauerkleidung der ſechs weiblichen Geſtalten— glaubte er eine deutſche Manifeſtation darin zu ſehen?. Gewiß iſt es, daß er nach dem Warum fragte. Als er hörte, die Urſache ſei auß ſchre nur gen kit, heute fortk hinte niſſe unſ all ſie geg gek wu daß ger In hof Flü dand der Toch ihr von wa⸗ Fo. in ſiſch in düſtt⸗ immer Schiffer am die ndung. klichen Wind, war⸗ lt es, ngung n die Zaſalt⸗ großer ffer zu⸗ Iſprin⸗ bzulen⸗ ächſten en. Es uf dem ringen. cch die it und vie die liegen⸗ eer ge⸗ ſelbſt mit ſo vffaung errei⸗ wir die nit ſei⸗ en den wickelte nliches dahin b, der und der toben⸗ die rie⸗ en, ewig r Kälte h meh⸗ ſteigen, damme Lindruc ſich ins = 67— ſei der ſo kürzlich ſtattgefundene Tod der Mutter, äußerte er ſich theilnehmend, vergütete dem Kammer⸗ ſchreiber die Nacht der wenigen Stunden er blieb nur gerade lange genug, um die Truppen zu beſichti⸗ gen und zu ſpeiſen— mit ächt kaiſerlicher Freigebig⸗ keit, und ließ in dem Hauſe ein Echo zurück, welches heute noch in der Erinnerung der damaligen Bewohner fortklingt. Wo Napoleon erſchien und verſchwand, da rollte hinter ihm her der Krieg wie eine Fluth, deren Hemm⸗ niſſe er mit ſeiner Hand weggebrochen hätte. Auch in unſerer Elbſtadt ſollte es nicht anders ſein, als über⸗ all anderswo. Man hatte bereits 1810 angefangen, ſie in eine Feſtung zu verwandeln, und war damit gegen den Schluß von 1812 nothdürftig zu Stande gekommen. In den erſten Monaten von 1813 bereits wurde ſie armirt und man ging damit gleich ſo weit, daß die Schule aus dem alten Franziskanerkloſter aus⸗ gewieſen und dieſes zu einem Lazareth eingerichtet wurde. Im Februar traf der General, bei welchem Tannen⸗ hof Adjutant war, in der Stadt ein und bezog einen Flügel des Schloſſes. Dieſer glücklichen Fügung ver⸗ dankte Tannenhof die traurige Genugthuung, die Mutter der Geliebten pflegen helfen, die Geliebte ſelbſt in ihrem Tochterſchmerz tröſten zu können. Zugleich theilte er ihr die veränderte Geſinnung mit, welche er ſeinerſeits von ſeinem General empfangen hatte. war entſchieden deutſch geworden und weigerte ſich in Folge deſſen mehrmals beſtimmt, franzöſiſche Truppen in die Stadt zu nehmen oder gar durch ſolche die ſäch⸗ ſiſche Garniſon erſetzen zu laſſen. Der König billigte in mehreren Schreiben vollkommen alle Maßregeln des Generals, und die Bewohner der Stadt glaubten ſich unter ſeinem Schutz einer gefahrloſen Neutralität ver⸗ ſichert. Cornelia ließ ſich ohne Mühe vom deutſchen Gefühl entflammen. Gehaßt hatte ſie bereits den Kaiſer als denjenigen, deſſen Befehl Tannenhof von ihr fort und der Gefahr entgegengeführt hatte und jeden Augenblick daſſelbe Gewaltſame an ihr thun konnte, jetzt fing ſie auch an zu lieben, nämlich das Vaterland, und in Jenem deſſen Zwingherrſchaft zu verabſcheuen. Ihre Seele wurde folglich in eine höhere Empfindungsſphäre gehoben, und die Schweſtern folgten ihrer Gebieterin dahin nach, eine Jede ſo weit ſie nach dem Steige⸗ rungsmaß ihrer Gefühlskraft vermochte. Die Frau Günthern wußte ſich am wenigſten in den neuen Zu⸗ ſtand, der im Hauſe herrſchte, zu finden, indeſſen da Tannenhof der Urheber deſſelben war, ſo nahm ſie ihn Dieſer nämlich führte, wo die Familie ſich ruhe⸗ und geſchäftslos um⸗ hertrieb, denn ſeit zwei Tagen ſtanden 15000 Fran⸗ zoſen den Einlaß begehrend, vor der Feſtung, welche von den ſächſiſchen Truppen jetzt unwiderruflich ge⸗ räumt werden ſollte. Was ſie als Begehren ſtellten, hatte eine Depeſche von Napoleon als Befehl ausge⸗ ſprochen, dennoch zögerte der General noch, indem er der Forderung des fremden Herrſchers die Weiſung ſeines angeſtammten Herrn entgegenſetzte, nach welcher der General die ihm anvertraute Feſtung ſelbſt in dem Falle,„wenn das Glück der Waffen die kaiſerlich fran⸗ zöſiſche Armee wieder an die Elbe führen ſollte,“ nicht für Frankreich zu öffnen hätte. Dieſer Befehl war vom 3. Mai datirt, jetzt, ſieben Tage ſpäter, traf ein neuer ein, welcher mit dem Napoleons übereinſtimmte. Das theilte Tannenhof der Braut und den Ihrigen mit, während es ſich auch in der Stadt bereits zu ver⸗ breiten begann. Als der junge Adjutant ſeinen Bericht geendet, entſtand eine drückende Stille, welche Amalie zuerſt durch die klägliche Frage unterbrach:„ach, was ſollen wir nun anfangen?“—„Zum lieben Gott beten,“ ſagte Erdmuthe feierlich.„Uns gut verpro⸗ viantiren,“ rieth Auguſte ſehr verſtändig.„Rothe wird uns dabei helfen können.“ Rothe war der Proviſor, der jetzt in dem einen der umliegenden Städtchen eine eigene Apotheke beſaß und nur auf etwas beſſere Ein⸗ künfte wartete, um Auguſte heimzuführen. Der Kam— merſchreiber, an den die Kleine und Linchen ſich ge— ſchmiegt hatten, ſagte ſchwer ſeufzend:„Ihr armen Kinder! Eine ſolche Zeit und ich ſo zu Nichts nutz! Der Vater war in der That ſeit dem Verluſt der Gattin ſo niedergeſchlagen und durch ſeinen Gram ſo gläubig an, wünſchte Alles mit, was die Andern wünſch- ten, und nur bisweilen gab eine große, wenn gleich vor dem Spott der Schweſtern verheimlichte Angſt ihr die Frage ein, welche ſie in geſtohlenen Augenblicken Tan- nenhof zuflüſterte;„ach Gott, werden wir nicht auch etwa belagert werden? Tannenhof beruhigte ſie dann nach ſeiner beſten Ueberzeugung und täuſchte dadurch uͤnwillkürlich ſowohl die Schwägerin, wie ſich ſelbſt. Es ſollte der Stadt, der Familie und ihm nicht ſo leicht werden, ſich in Liebe wieder an Deutſchland zu ſchließen. Am 10. Mai nach Tiſche kam Tannenhof in der höchſten Auf⸗ regung vom Schloſſe zurück. Cornelia, die ihn ſchon auf dem Fleiſchmarkt erſpäht hatte, eilte ihm auf der Treppe entgegen.„Ich komme zu euch,“ ſprach er, indem/ er ſie umfaßte und in das Erkerzimmer zurück⸗ ſeinen, bisher träumeriſch dageſtanden. ermattet, daß in ihm die Töchter keine Stütze zu hoffen hatten. Cornelia hatte nur gehört, was der Verlobte ſagte, und ihre Hand in der ſeinen, ihr Auge in dem Jetzt frug ſie langſam:„und was wirſt du thun, Tannenhof?“ „Was würdeſt du wünſchen, daß ich thäte?“ ant⸗ wortete er, ſie mit ernſtem Blicke prüfend. „Was deiner am würdigſten iſt,“ ſagte ſie leiſe, aber feſt.. „Was thut der General?“ fragte der Vater zagend. „Das Einzige, was er thun kann,“ antwortete feurig der junge Adjutant.„Er verläßt dieſen Abend die Feſtung und geht zu den Ruſſen.“ „Das dacht' ich mir,“ ſagte Linchen. „Ja,“ ſtimmte die Kleine erröthend ein,„er hat's ja an ſeinem Geburtstag geſagt: ich erkläre hiermit feierlich, daß ich für Frankreichs Sache nie wieder den Degen ziehen werde.““ „Und was thun Sie, Tannenhof?“ fragte nun ihrerſeits Erdmuthe.„Kannſt du noch fragen!“ rief Cornelie mit aufblitzendem Auge.„Er geht mit ſeinem General.“ „Ja, Cornelia, das thu' ich,“ ſprach Tannenhof, ſie inbrünſtig an ſich ziehend.„Ich danke dir, daß du mirs nicht ſchwer machſt. Und wenn ich wieder⸗ komme—“ „Du wirſt wiederkommen,“ unterbrach ſie ihn mit glühender Zuverſicht,„das thut Gott mir nicht an, dich mir zu nehmen.“ „Mag er dich erhören!“ antwortete der junge Mann. „Mag er mich geſund wieder in dieſes Haus zurück⸗ führen. Dann wird Freiheit bei uns ſein, mein Vater wird in mein Glück willigen, und du wirſt mirs geben,“ ſchloß er und küßte ſie mit Jubel und Weh. Die Schweſtern ſchluchzten, Cornelia weinte nicht, ſie war ſtolz. In fliegender Haſt nahm Tannenhof die letzte Mahkzeit mit ihnen ein, dann eilte er fort. Als es dunkelte, kam er noch auf wenige Augenblicke, der General war bereits abgereist, Tannenhof ſollte in dieſer Stunde noch folgen. Der Abſchied war ener⸗ giſch, ohne Thränen faſt, begleitet von gegenſeitigen Verheißungen einer hellern Zeit. Am nächſten Morgen rückten die Franzoſen ein, Anfang Oktober war die Feſtung von den Preußen blockirt. Die Familie Franke hatte bei dieſem Unglück wieder Glück, indem der Commandant in ihrem Hauſe ſeine Wohnung nahm. Cornelia hatte„es vorher gewußt.“ —„Ich hab's euch ja geſagt,“ ſprach ſie zuverſichtlich. „Wir werden auch keine Noth leiden— für mich ſorgt der liebe Gott ſchon.“ Was aus den übrigen Stadt⸗ bewohnern wurde, danach fragte ſie wenig, ſelbſt um die Ihrigen ſorgte ſie ſich nicht groß, ſie lebte ganz in den Egoismus der Brautliebe eingewickelt. Nicht von der Gegenwart ſprach ſie, von der Zukunft.„Wenn die Franzoſen fort ſein werden, wenn Tannenhof wie⸗ der da ſein wird,“ ſagte ſie,„dann— und nun fing ſie an auszumalen, wie es dann ſein würde.“—„Ja, aber für's Erſte iſt doch Tannenhof noch nicht wieder da,“ bemerkte Linchen einſt etwas verdießlich über dieſe Vorhergeſänge des künftigen Triumphes,„und dafür haben wir die Franzoſen in ſchönſter Nähe.“— „Drinnen! rief Cornelia geringſchätzig.„Draußen haben wir die Preußen! Was können uns die Fran⸗ zoſen thun, eingeſperrt wie ſie hier ſind?“—„Sie thun uns ja auch Nichts,“ redete die Frau Günthern entſchuldigend dazwiſchen,„ſie ſind nicht ſo ſchlimm — die armen Menſchen— es geht ihnen auch ſchlecht genug.“—„Es geht ihnen gerade ſo gut, wie ſie es verdienen,“ erwiederte die unbarmherzig patriotiſche Cor⸗ nelia.„Höre,“ meinte Erdmuthe bedenklich,„es iſt nur— wenn ſie erſt Hunger leiden, werden wir auch bald Hunger leiden.“—„Wir werden keinen Hunger leiden,“ ſprach Cornelia in trotzigem Vertrauensbe⸗ harren,„ſo lange noch ein Stück Brod da iſt, wird es in unſerm Hauſe ſein.“—„Aber wenn nun auch kein Stück Brod mehr da iſt?“ wandte die Kleine weinerlich ein.—„Dann kommen die Preußen,“ war die Antwort. Cornelia war vorläuſig noch unüber⸗ windlich gegen alle Furcht gerüſtet. Zugleich hatte ſie Vergnügungen eigener Art: das waren die Gefechte, welche oft in der Nähe der Feſtung vorfielen. Cor⸗ nelia verſäumte nicht eines. Von der Höhe des Fa⸗ milienthurmes blickte ſie wie eine junge Rachegöttin hinab auf die Fremden und die feindlichen Freunde. „Das iſt recht! das iſt recht!“ jubelte ſie, wenn ein Ausfall der Franzoſen zurückgeſchlagen wurde. Cornelia, wie kannſt du ſo oben ſtehen und dich freuen, wenn die armen Menſchen erſchoſſen werden?“ fragte die wehmüthige Amalie.„Das verſtehſt du nicht, Frau Günthern,“ entgegnete vornehm Cornelia,„es ſind keine Menſchen, es ſind Franzoſen.“ Indeſſen war es nur auf dem Thurme, daß ſie ſich ſo barbariſch erhaben über jedes mitleidige Gefühl zeigte. Franzoſen denn doch als Menſchen anzunehmen, wenig⸗ ſtens ſprach ſie mit ihnen und erlaubte ihnen, der gentille demoiselle die letzten Huldigungen darzu⸗ bringen, zu denen ſie belagert und gehetzt, noch Muth 68—— „Ach, Kam ſie wieder herunter, ſo ſchien ſie die hatten; daß ſie dieſe ſchwachen Ueberreſte ihrer nationalen Galanterie ausſchließlich Cornelien darbrachten, ließ ſich daraus erklären, daß Cornelie die Einzige von den Schweſtern war, die geläufig franzöſiſch gelernt hatte. Ueberdies zogen die beiden, welche allenfalls mit ihr hätten wetteifern können, Linchen und die Kleine, ſich ſtets ſo viel wie möglich zurück, die Kleine aus großer Angſt, Karoline, weil ſie das Militär überhaupt nicht leiden konnte, und ſo machte es ſich denn wie von ſelbſt, daß Cornelia auf einem großen Kanapee in der Erker⸗ ſtube ſtets wie inmitten eines kleinen Hofſtaats ſaß. Leider ſah ſie ihre zeitweiligen Unterthanen nie ohne den heimlichen Chriſtenwunſch an:„möchtet ihr doch recht bald todtgeſchoſſen werden!“ Die Frau Günthern kochte. Offiziell für die Familie, im Verborgenen aber auch für manchen armen Schlucker von Franzoſen. Sie hatten ja doch auch Hunger, meinte ſie in ihrem mitleidigen Gemüthe, und ſo bekam mehr als ein erfrorenes und ermattetes Frem⸗ denkind einen Teller wärmender und ſtärkender Suppe. Nur bat ſie immer durch Zeichen ihre Contrebandgäſte, ſie möchten recht geſchwind ſchlucken, denn ſie hatte eine ſchreckliche Furcht, Cornelia könnte ſich eines Tages in die Küche verirren und dann mit ihrem unbedachtſamen Patriotismus die unbefugte Gutherzig⸗ keit der Schweſter richten und verdammen. Auch bat Amalie wieder und immer wieder die Schweſtern, welche ihre Verbrechen am Patriotismus gelegentlich wohl be⸗ merkten, aber ſtillſchweigend„ein Auge zudrückten!“, ſagt nur Cornelien Nichts! An der allzuraſchen Ab⸗ nahme der Vorräthe konnten ihre frevelhaften kleinen Wohlthaten nicht offenbar werden, Auguſte, welche auf den Glücksſtern des Hauſes nicht ſo unbedingt ver⸗ traute wie Cornelie, hatte ſo viel eingeſchafft, wie es ihr nur möglich geweſen war. Rothe hatte ihr dabei redlich geholfen, und ihr, wie früher ſeine Verehrung durch Chokolade, jetzt ſeine Liebe durch Proviant bewieſen. Hauptſächlich verdankte das Haus ihm eine bedeutende Partie Kaffee und Zucker, was Beides bald unſchätz⸗ bar werden ſollte. Die Frau Günthern konnte alſo ihrem guten Herzen folgen, ohne befürchten zu müſſen, daß ſie ſich dadurch gegen die Familie verſündige. Es war ja genug da, und es würde ja nicht lange dauern, tröſtete ſie ſich, wenn ihr denn doch bisweilen Bedenk⸗ lichkeiten kommen wollten.. Neuntes Kapitel. Bedrängniß und Befreiung. Aber es ſollte doch lange dauern, viel länger, als ſelbſt die Beſorglichſten gefürchtet hatten. In die ächt bürgerliche Lebensgeſchichte der Schweſtern ſollte der Krieg einen vollen Geſang ſeines Epos hineinſchmettern. Auch von ſeinen Schrecken ſollte der Stadt und folg⸗ lich der Familie mit kein einziger erſpart bleiben. Mit dem November brach der Typhus aus. Ein Wunder noch, daß er nicht früher angefangen hatte, ſich mit tödtlicher Schnelligkeit zu verbreiten. Es lagen in der damals noch wenig ausgebauten Stadt über dreißig⸗ tauſend Mann, von denen ſechstauſend bereits als Kranke von Dresden angekommen waren. Mit dem Zwang der Nothwendigkeit hatte man ſowohl Gott aus ſeinem Hauſe, wie die Menſchen aus ihren Wohnungen vertrieben, indem die Kirchen zu Lazarethen, eine Menge Bü Da ger hatt zui die ring wöh fruc den bir G we m —— onalen eß ſich n den hatte. it ihr e, ſich großer nicht ſelbſt, Erker⸗ s ſaß. e ohne r doch ür die armen ch auch he, Und Frem⸗ Suppe. dgäſte, hatte eines ihrem herzig ich bat kleinen che auf gt ver⸗ wie es r dabei g durch wieſen. deutende unſchät⸗ nte alſo müſſen, ige. Os dauern, Bedeni⸗ —— 6⁰4 9 Bürgerhäuſer zu Kaſernen umgewandelt worden waren. Da auch die Bewohner der Vorſtädte, wo die Häuſer zerſtört werden mußten, ſich in die Stadt geflüchtet hatten, ſo entſtand durch dieſe Ueberfüllung ein ſolches Zuſammendrängen, oft in den kleinſten Räumen, daß die Seuche bei ihrem Umſichgreifen nicht auf die ge— ringſten jener Hinderniſſe ſtieß, welche ſich unter ge⸗ wöhnlichen Verhältniſſen ihr, wenn gleich vielleicht fruchtlos entgegengeſtellt haben würden. In das Franke'ſche Haus drang ſie erſt ſpät. Dank dem Reſpekt vor dem Gouverneur, war der Familie hinlänglich Raum gelaſſen worden, um den nöthigen Geſundheitsregeln gemäß leben zu können. Zuletzt aber war das Uebel doch nicht mehr draußen zu erhalten. In einem kleinen Zim⸗ mer, welches aus Dank⸗ barkeit einem jungen fran⸗ zöſiſchen Offizier einge⸗ räumt worden war, der M ſich vor dem Einziehen 1 des Gouverneurs der Fa⸗ milie ſtets dienſtwillig und meiſtens mit Erfolg hülfs⸗ bereit gezeigt hatte, ergriff die Krankheit ihr erſtes Opfer innerhalb des Hau⸗ ſes. Der junge Mann war ein Kind der Ga⸗ ronne, ein Toulouſaner, Raoul Sahuc, ein kleiner, ſanfter, gewandter Menſch mit großen, guten, ſchwar⸗ zen Augen. Die dankten den Schweſtern, als ſein Mund ſchon verſtummt war, noch in den letzten Augenblicken für die Wohlthaten der Pflege und der Labung, welche ſie ihm hatten angedeihen laſſen, mit Ausnahme Amaliens, die ſich fürch⸗ tete, und Corneliens, die keinen Feind pflegen wollte. Leider ſollten ſie ihr Mit⸗ leid zu bereuen haben, Caroline legte ſich an dem⸗ ſelben Abend, wo der junge Sahuc begraben wurde, und lange war ihr Aufkommen mehr als zweifelhaft. Jetzt betheiligte auch Cornelia ſich an der Wartung, obwohl nicht ohne herbe Vorwürfe gegen die übrigen Schweſtern, welche durch ihr unzeitiges Erbarmentra⸗ gen dieſes Unglück ſo recht eigentlich herbeigeholt hätten. Die Reue machte bei Erdmuthen und Auguſten, welche ſich hauptſächlich getroffen fühlten, die Angſt um Ca⸗ roline zu einer wahren Qual, am unglücklichſten aber war die Kleine, ſelbſt da noch, als die Kranke ſich bereits wieder in der Geneſung befand, und ſogar die ſchuldigen Schweſtern freier aufathmeten. Die Frau Günthern, welche beim Herumſchaffen im Hauſe Tin⸗ chen mehr als ein Mal in bittern Thränen überraſchte, fragte ſie eines Tages ſo liebevoll, treuherzig, was ihr denn ſei, daß die Kleine nicht widerſtehen konnte, und ihr trauriges Geheimniß beichtete. 1 (Siehe S. Es war ein trauriges. Sie war Raoul Sahuc gut geweſen, noch ehe er krank geworden war, und daß ſein ſo geduldig ertragenes Leiden ihr Herz noch weicher für ihn geſtimmt hatte, war natürlich. Er hatte ihr nie etwas geſagt, denn er verſtand nur ebenſo wenige deutſche Worte, wie ſie franzöſiſche, aber— gut wär' er ihr auch geweſen, meinte ſie.„Ich ſah's, wenn ich auch that, als merkt' ich's nicht, Malchen,“ erzählte ſie ſchluchzend,„aber ich wußt's doch— er wandte faſt nie die Augen von mir, wenn er kam, d. h. er blickte immer nur ſo verſtohlen nach mir hin, aber jede Minute that er's, und das war doch ſo gut, als that er's in Einem fort. Und ſah'ſt du's nicht, Malchen—“ die Kleine ſagte zu der verheiratheten Schweſter nie Frau Gün⸗ thern, wie die Andern— „ſahſt du's nicht, wie ge⸗ ſchwind er mir ein Mal den Seidenknäuel aufhob, und als er mir ihn dann überreichte—“ die Kleine ſprach zierlich, ſelbſt im Schmerz—„da drückt' er mir die Hand— gewiß, ich hab's gefühlt, ich bild' es mir nicht blos ein. Dann ſagt' er immer, wenn ich ſang: ‚c'est beau — s'iſt ſchön, Mademoi⸗ ſellee. Und auch ‚Sie ſingt gut— belle voix — belles chansons.“ Du weißt, das heißt: eine ſchöne Stimme und ſchöne Lieder?“—„Ja?“ fragte nun die Frau Günthern, die es nur zu bon jour gebracht hatte.„Ja wohl,“ beſtätigte altklug die Kleine, „und ſiehſt du, Malchen, da bin ich ihm ſo gut geworden, und dann hab ich mir ſolche Vorwürfe darum gemacht, denn es war doch ein großes Un⸗ recht.“;—„Jh, was war 1 denn dabei für ein Un⸗ recht?“ fragte Amalie eifrig gutmüthig.„Denk doch, Amalie,“ ſagte Tinchen feierlich,„einen Feind des Vaterlandes lieben— das iſt ja das Aergſte, was eine deutſche Jungfrau jetzt thun kann.“—„Ja ſo,“ gab Amalie bedenklich zu.„Aber wenn er nun ſo gut iſt, wie der arme junge Menſch oben?“ fragte ſie dann mit neuer Zuverſicht,„denn ſeelengut war er, das muß man ihm laſſen, wenn's auch nur ein Franzoſe war. Es hat mir ſelbſt leid gethan, als er ſtarb.“— „Ach, Malchen, ich wär' am liebſten mit ihm geſtor⸗ ben,“ ſchluchzte die bedrängte kleine deutſche Jungfrau, „du glaubſt gar nicht, wie's mich im Herzen drückt, wenn ich denke, daß ich ihn nie mehr wieder ſehen werde.“—„Warum wirſt du ihn denn nie wieder ſehen?“—„Ja, er war doch ein Katholik, die kom⸗ men ja doch nicht in einen Himmel mit den Prote⸗ ſtanten?“ 73.) „Ich hab nie gehört, daß es zwei Himmel gibt,“ ſagte die ehrliche Frau Günthern ganz ernſthaft.„Ich glaub's auch nicht, daß die Katholiken und die Prote⸗ ſtanten nicht zuſammen kommen im Himmel. Und das macht auch nichts, ob Franzoſen oder Deutſche, wenn's nur brave Menſchen ſind. Der liebe Gott hat uns Alle erſchaffen, und der liebe Gott wird uns Alle zu ſich rufen. Darum gräme dich nicht, du armes We⸗ ſen, du wirſt den, welchen du lieb gehabt haſt, wieder ſehen, wo's beſſer iſt, als hier.“ Die Frau Günthern war nicht fromm wie Erd⸗ muthe, der liebe Gott hatte für gewöhnlich Ruhe vor ihr, ſie behelligte ihn nicht mit Bitten, ſie dachte: er wird's ſchon machen. Vielleicht war dieſes das erſte Mal, daß ſie ſich herausnahm, in ſeinem Namen eine Meinung zu äußern und Troſt zu verheißen, indeſſen es war auch zum erſten Male, daß ſie die Tröſterin einer unglücklichen Liebe abgegeben hatte. Sie hatte ihre Sache aber gut gemacht, Tinchen ſchluchzte beſchwich⸗ tigt und bat nur noch:„ſag' Cornelien nichts.“ Die Frau Günthern verſprach es mit einem erſchrockenen Geſicht; ſie wußte, daß vor Corneliens Richterſtuhl für die Liebe zu einem Franzoſen, mochte er ſelbſt un⸗ ſchädlich geworden, d. h. geſtorben ſein, keine Gnade zu erwarten geweſen wäre. Kaum hatte ſie das Kind getröſtet, als ſie ſelbſt des Troſtes gar ſehr bedurft hätte. Erdmuthe kam mit düſterem Geſicht in die kleine Küche, wo die Frau Günthern waltete, ſeit der Koch des Gouverneurs die große benützte, und ohne alle Vorbereitung ſagte ſie: „Frau Günthern, weißt du, was uns der liebe Gott auf's Neue auferlegt? Der Vater iſt jetzt auch krank.“ Die Frau Günthern hatte in ihrer Geſchäftigkeit und in ihrer unaufhörlichen Sorge für Alles und Alle bisher buchſtäblich nicht die Zeit gehabt, den Muth zu verlieren, jetzt aber nahm ſie ſich Zeit dazu, ſetzte ſich auf einen Schemel, legte die Arme auf den Küchentiſch, den Kopf auf die Arme und weinte. Der Vater ver⸗ körperte für ſie die Vorſtellung des höchſten irdiſchen Schutzes, in ihren Augen war er weder alt, noch kraft⸗, noch hülflos, er konnte immer noch wie er von jeher gekonnt, Alles, was gut, heilſam und nöthig für die Familie war; ſtarb der Vater, ſo war die Familie ver⸗ loren, und die Frau Günthern— was war die ohne die Familie? In ihrer Tochterangſt hatte ſie einen Muttergedanken; ſie ſchluchzte:„ach, es iſt recht gut, daß mein armer kleiner Louis beim lieben Gott iſt.“ Lange indeſſen konnte bei Amalien die Nieder⸗ geſchlagenheit, ſelbſt die tiefſte, nicht währen, ſie hatte zum Glück ſtets etwas Beſſeres zu thun, als zu wei⸗ nen. Auch jetzt ſtand ſie bald wieder am Herde und kochte, was für die Kranken und die Geſunden nöthig war. Leider wurde ihre fromme Thätigkeit bald auf das Schrecklichſte unterbrochen: die erſten Bomben flo⸗ gen in dieſer Nacht über die Wälle der Stadt, zünde⸗ ten hier und da im Stroh auf den Gaſſen, zerſchmet⸗ terten im Springen viele Fenſter. Obgleich hiernach dieſe Geſchoſſe nicht ganz ſo verderbenbringend zu wir⸗ ken ſchienen, wie man es ſich in der Stadt vorgeſtellt hatte, obgleich ein Tagesbefehl des Gouverneurs vor dem Flüchten in die Keller warnte, ſo ließ Auguſte doch ſchon am nächſten Tage die beſten Sachen hinun⸗ 3 ter in die Keller ſchaffen, welche, gleichſam als wären ſie für einen ſolchen Fall gebaut worden, ebenſo ge⸗ Den kranken Vater indeſ⸗ 70—— ſen hinunter zu bringen, konnten die Töchter ſich noch nicht entſchließen, um ſo mehr, da es ihm vor dieſem gewiſſermaßen Lebendigbegrabenwerden unſäglich graute und er ſich heftig, wie er bei ſeiner Schwäche vermochte, dagegen ſträubte. Die Keller ſollten nun für den äußerſten Nothfall immer bereit ſein. Zugleich nahm der Mangel auf erſchreckende Weiſe zu. Nicht im Franke'ſchen Hauſe, da wurde bis zu⸗ letzt noch geſchlachtet, und der Familie von dem fri⸗ ſchen Fleiſche reichlich mitgetheilt, wie ſie denn über⸗ haupt die Feinde nur zu loben und ſich über keinerlei Gewaltthätigkeit zu beklagen hatte. Nur ein Mal wurde Cornelien eine Mundſemmel, welche ſie zum Verkühlen auf das Brett eines im Erdgeſchoße geöffneten Fenſters gelegt hatte, von der hin und her gehenden Schildwache weggenommen und weggegeſſen. Nach mehr als dreißig Jahren noch erzählte Cornelia dieſen Umſtand, als hätte er ſich erſt am Tage zuvor zugetragen. Eine ſchauerliche Fähigkeit, ſich haſſend zu erinnern. Was den Franke'ſchen ſo gut abging, wie der gan⸗ zen Stadt, das war Bier. Schon lange hatte vor keinem Hauſe mehr ein Sieb ſich an einer herausgeſteck⸗ ten Stange geſchaukelt, als Zeichen, daß drinnen ein Faß ſelbſtgebrauten Bieres angeſtochen worden ſei und nun ausgeſchenkt werde. Das Bier der Stadt hatte nicht mehr den Ruhm wie zur Reformationszeit, wo Melanchthon für ein Lobcarmen auf den Rath kein. höheres Honorar erhielt, als„eine Kuffen“ davon, wo Moritz von Sachſen es ſich von Innsbruck aus für ſeine Heimkehr beſtellte, die er nicht erleben ſollte, wo Guſtav Adolph darnach verlangte, nachdem Luther es auf lateiniſch geprieſen hatte, aber es galt noch immer für ausgezeichnet und wurde vielfach gebraut und fleißig getrunken. Durch das Franke'ſche Haus waren unzäh⸗ lige Bierfäſſer hinaus und weiter hinab an die Elbe geſchafft worden, und jetzt hatte man keine Kanne da⸗ von, um ſeinen Durſt zu löſchen, und auf dem Fleiſch⸗ markt, dicht unter den Fenſtern des Gouverneurs, dicht vor den Zimmern der Familie zerſprangen todtdrohend die Bomben. Unter dieſen Umſtänden ward der Vater endlich doch hinabgeſchafft, und es begann der unterirdiſche Lebensabſchnitt der Belagerten.(S. Bild S. 45.) Wie viele Tage, Nächten gleich, ſie zubrachten, das zählten ſie nicht. Sie horchten nur, ſie zitterten, beteten öfter als ſonſt, litten mit dem Vater, fürchteten für die kaum nothdürftig geneſene Caroline, ängſtigten ſich um Cornelia. Denn ſie, die bis jetzt ſo trotzig muthig, ja, ſo übermüthig vertrauungsvoll geweſen war, ver⸗ lor nun zum erſten Male den Muth, und zwar viel mehr, als die Uebrigen, welche ſo zu ſagen mit Ste⸗ tigkeit furchtſam geweſen waren. Es iſt bei ſo hoch geſpannten Naturen immer ſo: laſſen ſie erſt einmal nach, werden ſie gänzlich ſchlaff. Cornelia war des Lichtes, des Geräuſches, der Bewegung, mit einem Worte der äußeren Lebensbethätigungen bedürftig; wo die ihr fehlten, da mangelte ihr zugleich das Lebens⸗ element— ſie war hier unten in der ſichern Eintönig⸗ keit des Kellers wie ein wilder Vogel in einem verhäng⸗ ten Käfig. Ohne das Fieber zu haben, phantaſirte ſie von allen möglichen Schreckniſſen, von Allem, was da kommen könne, kommen müſſe, unabwendbar ſei. Allgemeines Verhungern, Verſchmachten, Verſchüttet⸗ werden, Verbrennen— das waren ihre Vorherſagungen; die Frau Günthern bat öfter mit gefalteten Händen: gerl bra⸗ tule ch noch dieſem graute mochte, ir den Weiſe dis zu⸗ m fri⸗ über⸗ einerlei wurde rüühlen enſters ldwache dreißig d, als Eine er gan⸗ te vor geſteck⸗ en ein ei und hatte t, wo ih kein on, wo us für lte, wo ther es immer fleißig unzüh⸗ e Elbe ne da⸗ Fleiſch⸗ a, dich drohend endlich indiſche Wie Fählten en öfter für die ſich um muthig, ver⸗ „noch nicht benutzt werden. — 71—— „ach, Cornelia, ſprich doch nicht ſo graulich, man ängſtigt ſich ja zu Tode!“ Aber Cornelia ließ ſich nicht Einhalt thun, ſie war unerſchütterlich hoffnungslos, unerbittlich verzweifelt— ſo vorſchnell ſie früher an Befreiung von aller Noth geglaubt hatte, ſo hartnäckig beharrte ſie jetzt auf der Unvermeidlichkeit des Unter⸗ gangs. Die Beſchießung nahm inzwiſchen an Heftigkeit zu. Es kamen furchtbare Nächte. Feuer entſtanden und wurden mühſam gelöſcht, das Verderben ſchlug hier und dort blitzſchnell ein, die ganze Exiſtenz war nur noch ein athemloſes Fürchten von Minute zu Minute. Unterhandlungen wurden angeknüpft, fallen gelaſſen, wieder aufgenommen, Ruhepauſen traten ein, nach die Töchter, die er zurückließ, drei Tage nach dem Ab⸗ ſchluß der Capitulation. Am 10. Januar 1814 rückten die Franzoſen end⸗ lich aus. Wie viele von ihnen kaum nothdürftig mit Erde bedeckt zurückblieben, das wagten ſie kaum zu zäh⸗ len. Auch an Kranken ließen ſie noch eine große Zahl zurück. Die, welche widerſtanden hatten, zogen mit den militäriſchen Ehren aus, welche ihrem Muthe ge⸗ bührten, und was noch mehr war, es folgten ihnen keine Verwünſchungen. Wenige nur triumphirten ſo feindlich über ſie wie Cornelia, welche, einmal wieder an's Licht geſtiegen, ſogleich ihren ganzen früheren Uebermuth wieder gefunden hatte, und nachträglich ein ungemeines Vertrauen auf das glückliche Enden alles denen das Werk der Zerſtörung um ſo gewaltſamer ſeinen Wiederanfang nahm, und mitten in dieſen Aeng⸗ ſten und Qualen erſchien das Weihnachtsfeſt. Dieſes Mal brannte bei Frankes keine„Paramitte“, dieſes Mal ließ Amalie nicht mit Selbſtzufriedenheit den ſchmackhaft bereiteten Aepfelſalat auftragen, es war eben Alles troſtlos anders als ſonſt, und noch nie hatten Alle ſo die Lücke geſehen, welche das Sterben der Mut⸗ ter in ihrem Kreiſe gemacht. Am Weihnachtstage mußte der Gottesdienſt wie die ganze Schreckenszeit hindurch in der Unterſtube des Superintendentsgebäudes abgehal⸗ ten werden. Da wurde wohl angſtvoll„aus der Tiefe gerufen“, und„der Herr hörte“,— der nächſte Tag brachte die Nachricht der endlich abgeſchloſſenen Capi⸗ tulation. Zehntes Kapitel. Die Familie geht auseinander. licht. im Mittelnorden, aber es war doch nicht der ewige dunſtige Talglichtſchein in dem dumpfen Dunkel des Kellers. gern, ſchwachen Hände und dankte„Gott dem Herrn, daß er ihn nicht habe d'runten ſterben laſſen.“ Noch war der Tod in der Stadt, noch der Ver⸗ kehr mit ihr nicht freigegeben. Kaufleute, die mit Tuchen dieſes Leids äußerte. Wie ſie ſich im Keller gezeigt hatte, davon hörte ſie nicht gerne ſprechen, und als die Schweſtern das wahrnahmen, vergaßen ſie in ſtill⸗ ſchweigender Uebereinſtimmung„Cornelia unter der Erde.“ Die Frau Günthern fand in ihrem guten Herzen wirklich und wahrhaftig einen freundlichen Wunſch für die abziehenden Feinde. Es war gewiß der einzige, der ihnen mitgegeben wurde. Erdmuthe brachte es trotz ihrer chriſtlichen Geſinnung nicht ſo weit, ſie ließ ſie nur in Frieden ziehen und wandte ſich hoffnungsvoll der Zukunft zu. Wäre nicht in dem erſten Wagen, welcher in die Stadt durfte, Rothe angekommen, ſie wäre, wenn auch noch nicht froh, ſo doch ſchon wie⸗ der heiter geweſen. Aber daß der Apotheker ſich mit eigenen Augen überzeugen wollte, wie ſeine Braut die Belagerung ausgehalten hatte, das war für Erdmuthe mitten in der Dankbarkeit für die überſtandenen Ge⸗ fahren ein rechter innerlicher Aerger.„Kaum daß die Bomben aufhören, ſo kommen auch ſchon wieder die Sie trugen den Vater wieder hinauf an das Tages Es war düſter, matt, bleich, Wintertageslicht Der arme Kammerſchreiber faltete ſeine ma- nach Leipzig wollten, konnten, obgleich der Superinten- dent, der unermüdliche Vermittler zwiſchen den Bela⸗ gerten und den Belagerern, ſich zu ihrem Fürſprecher machte, die Erlaubniß zur Reiſe nicht erhalten. In das preußiſche Lager durfte man nur nach ausgehalte⸗ ner Quarantaine. Die Franzoſen bereiteten ſich noch immer zum Abmarſch vor, der Kirchhof draußen konnte So kam es, daß Herr Adolph Franke ſeine Grabſtätte nicht draußen in der Gruft bei ſeiner Frau, ſondern im Schloßgarten mit allen denen fand, die während der Belagerung geſtor⸗ ben waren. Sein Tod war, Dank der wiedergekehrten Ruhe, minder ſchwer, als zu fürchten geweſen war. Sein Bru⸗ der konnte zu ihm kommen und ihm verſprechen, den Töchtern mit Rath beizuſtehen. Auguſte und Cornelia waren verlobt und folglich verſorgt, Erdmuthe war ſelbſtſtändig durch ihren Charakter, wie Amalie durch ihre Wittwenſchaft es war, ihnen beiden empfahl er Caroline und Tinchen. Die Zeit war noch nicht wie⸗ ddeer gut, doch das Schwerſte ſchien vorüber, und ſo verſchied er ohne allzu ſchmerzliche letzte Sorgen um Courmacher an,“ ſagte ſie zu Caroline. Dieſe, welche nur die eine Sorge zu haben ſchien, ob auch der Schuh⸗ macher noch lebe, der ihr immer ihre kleinen feinen Schuhe gemacht, lachte über Erdmuthens Grämlichkei⸗ ten, und aß ein Stück von dem Kuchen, den nebſt andern guten Dingen der Apotheker ſeiner Auguſte mit⸗ gebracht hatte. Für ihn war die Zeit des Allgemeinen Mangels eine einträgliche geweſen, er hatte den Be⸗ lagerten alle Medicamente geliefert. Sobald die Trauer um den Vater vorüber ſein würde, konnte er Auguſte heimführen. Auguſte ſagte nicht Nein, und die Frau Günthern gab ihr ſehr Recht.„Du haſt lange genug gewartet, du armes Weſen,“ ſagte ſie.. Ein anderes„armes Weſen“ ſaß oft bei ihr in der Küche, wo es nun, da die Stadt wieder offen war, auf's Neue vollauf zu thun gab. Seit die Franzoſen abmarſchirt waren, glaubte die Kleine mehr Recht zu haben, um den jungen Toulouſaner zu weinen. Viel⸗ leicht war es auch, weil ſie jetzt mehr Muße hatte, als während der Monate, wo ſie ſich abwechſelnd vor den Bomben, vor dem Feuer und vor dem Typhus fürch⸗ tete. Genug, ſie that ihrem kleinen Herzen Genüge, und weinte höchſt bitterlich in der Küche bei Malchen, die noch immer ihre einzige Vertraute war. Die Frau Günthern ſuchte ſie abwechſelnd durch Liebkoſungen und „delikate“ Kartoffeln zu tröſten, welche ſie ihr rauchend aus dem Topfe holte. Wenn dann die Kleine mit Schluchzen ihre Kartoffel aß und unter Thränen ihre Vortrefflichkeit anerkannte, ſo ſah Amalie ſie mit herz⸗ licher Genugthuung an und lief dann geſchwind ein Mal hinunter auf den Markt, um ihre Augen an den v - 72—— Wägen mit Vorräthen zu weiden, die unaufhörlich in die Stadt gebracht wurden. In aller Eile guckte ſie dann in's Erkerzimmer, um freudig zu melden, was wieder angekommen ſei.„Dem lieben Gott ſei Dank, jetzt lebt man doch wieder, da wieder was auf dem Markt zu ſehen iſt,“ ſchloß ſie gewöhnlich ihren Be⸗ richt, und damit lief ſie in die Küche zurück, wo Tin⸗ chen ihre Kartoffel aufgegeſſen hatte und weiter weinte. Das Kind weinte ſich allmählich aus dem Leben hinaus. War die Liebe zu dem jungen Toulouſaner ernſtlicher geweſen, als ſie ſelbſt es gewußt hatte, oder hatte das eben entfaltete Blümchen doch zu viel von der ſtürmiſchen Luſt der letzten Monate gelitten, genug, ſie welkte und zehrte ab. Es ging mit ihr wie mit den Kanarienvögeln des Hauſes, von denen einer nach dem andern„mieſerich“ wurde und ſtarb. Aber bei denen wußte man, wovon es kam. Es war Verwirrung bei dem Tode des Vaters vergeſſen wor⸗ den, ihre Bauer mit Tüchern zu verhängen, und ihnen das Ableben des Hausherrn feierlich anzuzeigen. Da⸗ von ſtarben ſie; bei Tinchen dagegen begriff man nicht, woran ſie geſtorben war, denn ſie ſtarb zuletzt plötzlich dahin, ſie„war weg, ohne daß man wußte wie.“ Die Schweſtern waren kaum zu dem Gedanken gekommen, ſie könnte wohl krank ſein, da war ſie auch ſchon nicht mehr in ihrer Mitte, ihnen gleichſam un⸗ ter den Händen fort geſchlüpft. ſagte Erdmuthe.„Und dem jungen Franzoſen nach, dem armen Menſchen,“ ſagte die Frau Günthern, die jetzt, nun Tinchen todt war, das Geheimniß nicht mehr nöthig glaubte. Cornelia konnte doch jetzt nicht mehr böſe auf Tinchen ſein. Daß ſie an Tinchens Stelle geſcholten werden würde, daran hatte die Frau Gün⸗ thern nicht gedacht. Es geſchah jedoch, und ſie war ſehr erſchrocken und kleinlaut, obgleich ſie mit Thränen ſie einzuwenden wagte: habe ja doch nichts dafür ge⸗ konnt. Auguſte und Erdmuthe bewieſen ihr indeſſen: die Kleine würde ſich die Dummheit nicht ſo in den Kopf geſetzt haben, wenn ſie nicht immer ihre Klagen angehört hätte. Gar nicht davon ſprechen hätte ſie dür⸗ fen, zerſtreut werden hätte ſie müſſen, und ſtatt deſſen hatte die Frau Günthern ſie ſich ſatt weinen laſſen. Tinchen hatte wohl gefühlt, an welche von den Schwe⸗ ſtern ſie ſich mit ihrem Kummer hatte wenden müſſen, um wenigſtens in Ruhe weinen zu dürfen. Auch konnte es die Frau Günthern nicht dahin bringen, ſich wegen ihrer Schwäche gegen die kleine Schweſter wirkliche Vor⸗ würfe zu machen. Sie ſah ſehr reuig aus und hörte mit dem beſten Willen, ſich ihrer Schuld bewußt zu ſein, die Vorſtellungen der Schweſtern an, aber wenn gedachte, da machte ſie ein zuverſichtliches Geſicht und ſprach getröſtet:„das arme Weſen, es hat ihr doch gut gethan, daß ſie manchmal hat weinen können.“ Auf dieſes Kindesſterben, von welchem keine der Schweſtern ahnte, daß es Poeſie ſei, folgte im Herbſt die Proſa von Auguſtens Trauung. Es gab nun eine Frau Apothekerin mehr in der Welt und wieder eine Schweſter weniger in dem Franke'ſchen Thurmhauſe. Das nächſte Jahr verlor Erdmuthe ihren Liebling Ca⸗ roline, denn es hieß für Erdmuthe ſie verlieren, als Linchen einen„ſtudirten Mann mit Vermögen“ hei⸗ rathete, einen jungen Rechtsgelehrten, der am Gericht der Stadt angeſtellt worden war, und gleich bei der erſten Bekanntſchaft— Linchen förmlich und höflich in der ganz „Den Eltern nach,“ ſie dann für ſich allein an ihrem Herde der Kleinen genfrühe fuhr raſch 7 den Hof gemacht und ihr ebenſo gefallen, wie er Erd⸗ muthen mißfallen hatte. Im Vergleich mit dem, was ſie für den neuen Schwager fühlte, war ihre Geſinnung gegen den armen Stabsſekretär noch reine Gnade ge⸗ weſen. Mehr als ein Mal äußerte ſie:„ehe ſie den ſteifen, vornehmen Herrn geheirathet hätte, da hätte ſie lieber auch ſterben können, wir hätten auch nicht weni— ger von ihr als jetzt.“ Erdmuthe ſollte ſchrecklich beim Worte genommen werden: noch kein Jahr, und Caro⸗ line war eine Mutter und eine Leiche an demſelben Tage. Als die Kleine zur Mutter gelegt worden war, hatte Erdmuthe geſagt:„jetzt hat die Mutter ihre erſte Tochter bei ſich, welche von uns wird die zweite ſein?“ Nun war es Caroline. Erdmuthe ſah ſich die Gruft an, als fragte ſie ſich, wie es möglich ſei, daß ihre zierliche, muntere Caroline dort ſo ruhig liegen könne. Dann ging ſie durch das Haus. Wie leer es war, wie groß, wie ſtill! Ob es ganz leer werden ſollte? Ob ſie Alle ſterben ſollten? Sie fragte die Schweſtern das.„Der liebe Gott verhüt' es!“ ſagte Amalie er⸗ ſchrocken.„Ich ſterbe nicht,“ ſprach Cornelia,„ich bin noch nicht Tannenhofs Frau geweſen, und das muß ich erſt werden.“—„Ja, das mußt du erſt werden,“ beſtätigte die Frau Günthern, und war auf⸗ richtig getröſtet, denn ſie dachte, was Cornelia ſo be⸗ ſtimmt wolle, das müſſe der liebe Gott nothwendig auch wollen.. Erdmuthe aber lebte lange Zeit in einer träumeri⸗ ſchen Todeserwartung hin. Es wunderte ſie nicht, daß Carolinens kleines Mädchen der Mutter folgte, daß die Großmutter einſchlief, daß ſie den Onkel verloren, der noch ein rüſtiger thätiger Mann war. Es wunderte ſie nur, daß ſie, Cornelia und die Frau Günthern noch lebten, noch Quartiere im Hauſe und Buden zu den Märkten vermietheten, daß die Bäume in ihren Gär⸗ ten noch blühten und Frucht trugen, daß es noch Ge⸗ burtstage gab. Sie erwachte erſt wieder zur Theil⸗ nahme, als Tannenhof im Jahre Sechzehn aus Frank⸗ reich zurück gekommen, eines Tages erwartet, erhofft, und doch überraſchend, mit Extrapoſt vorfuhr, in das Erkerzimmer hinaufflog, Cornelia ohnmächtig in ſeinen Armen auffing, ſie in's⸗Bewußtſein zurückküßte und „meine Cornelia, ich bringe dir den —„Ich wußt' es!“ rief Cor⸗ nelia mit blitzenden Augen.„Hab ich es euch nicht geſagt, ich würde nicht ſterben?“—„Ja, du ſollſt leben,“ ſprach Erdmuthe, indem zum erſten Male wie⸗ der Freudenthränen in ihren Augen waren,„und wir wollen auch leben, um uns an deinem Glücke zu freuen.“ Drei jubelnd ausrief: Segen meines Vaters!“ Monate ſpäter ſtand Erdmuthe in der Mor⸗ auf der Schwelle des Hauſes. Ein Wagen über den Markt, ein weißes Tuch wehte aus dem Wagen zurück nach dem Thurmhauſe; Cor⸗ nelig verließ an Tannenhofs Seite als junge Frau die Vaterſtadt. Erdmuthe ſah dem Wagen nach, bis er um die Ecke einer Straße bog, dann holte ſie ſchwer Athem und wandte ſich zurück in's Haus. Amalie ſah ihr treuherzig verwundert in die Augen: warum war Muthchen denn betrübt, da es Cornelien doch nun ſo gut ging? Erdmuthe erklärte der Schweſter ihre Em— pfindungen nicht, ſie ſagte nur mit einem trüben Lächeln:„nun ſind wir Beide ganz allein im Hauſe, Frau Günthern, was werden wir nun anfangen?“ —„Wir werden recht zufrieden mit einander leben, Mutt Günn man allen und oröß verſc öffne dunk flur auf, Per hatt Han um Sp 8 ſihr tre fri Al nic er Erd⸗ n, was ſinnung ade ge⸗ ſie den hätte ſie t weni⸗ h beim Caro⸗ nſelben en war, ee erſte ſein?“ e Gruft daß ihre mkönne. es war, ſollte? hweſtern ralie er⸗ n,„ich nd das du erſt ar auf⸗ ſo be⸗ hwendig rͤumeri⸗ icht⸗ daß daß die ren, der vunderte ern noch zu den en Gär⸗ och Ge⸗ r Theil⸗ s Frank⸗ „erhofft, - 73— Muthchen,“ antwortete eilfertig und eifrig die Frau Günthern.(Siehe Bild S. 69.) Zweite Abtheilung. Erſtes Kapitel. Ein Abend im Thurmhauſe. Es war im Dezember 1830, um die Dämmerung. Draußen über den Forts gegen Weſten mochte noch ein rother Streif am Himmel ſein, denn es fiel noch ſo etwas von letztem Licht in das Erkerzimmer, wenig⸗ ſtens in die Fenſter, die auf den Markt hinaus⸗ ſahen. Nach dem Fleiſch⸗ markt hinaus war es allerdings ſchon düſter, und in der Tiefe des größeren Raumes, wo die verſchiedenen Thüren ſich öffneten, ſo gut wie dunkel. Die Thüre vom Haus⸗ flur aus ging langſam auf, und eine korpulente Perſon kam herein. Sie hatte einen Hut in der Hand und einen Mantel um, als käme ſie vom Spaziergange. So war es auch, Erdmuthe war ihrer alten Gewohnheit treu geblieben, ſie ging früh Morgens und ſpät Abends ſpazieren. Nur nicht mehr ganz ſo raſch wie früher. Sie war noch nicht alt, ſie ſah noch ſtattlich und blühend aus, aber wie geſagt, ſie hatte die Beleibtheit der Vier⸗ zigerin. Geduldiger da— gegen war ſie noch nicht geworden, denn nach dem verdrießlichen Ausruf:„Herr Gott, was iſt das hier wieder für eine Hitze!“ rieß ſie mit großem Geräuſch eines der Fenſter nach dem Markte weit auf, und wollte es eben mit dem zweiten auch ſo machen, als ein ſchar⸗ fer Zug durch das lange Zimmer ſtrich und eine kalte Stimme befehlend fragte:„was thuſt du denn wieder, Tante Muthchen?“ Tante Muthchen drückte, wie ertappt auf einer Miſſethat, das zweite halbgeöffnete Fenſter eilig wieder zu, drehte ſich dann um und ſagte entſchuldigend:„die Tante Günthern hat wieder ſe ſchrecklich eingelegt, Tannenhofen.“ „Wenn du den Mantel noch um haſt!“ ſagte ge⸗ ringſchätzig Cornelia, denn ſie war es, ging mit einem ſeltſam beſtimmten Schritte auf das offene Fenſter zu, ſchloß es und ſprach dann, ſich zu Erdmuthen wendend: „ſoll denn das Kind den Tod haben?“ Das Kind, ein kleiner, blonder Burſche von ſieben Feierſtunden. ℳ . Jahren, der an Corneliens Hand hereingekommen war, ſah klug und vornehm in die Höhe zu Tante Muth⸗ chen, als wollte es ſie fragen:„kannſt du mir denn ſchaden wollen?“ „Ih, Gott behüte mich, du mein Kind, du mein Rudolph, du mein Einziges,“ ſagte ſie, als ob ſie auf ſeinen Blick antwortete, und ihn in die Höhe hebend, hüllte ſie ihn in ihren Mantel und in ihre Liebe und bedeckte ſeinen kleinen friſchen Mund mit Küſſen. „Es iſt ſchon gut, Tante Muthchen,“ ſagte kühl Frau von Tannenhof.„Sage doch der Liſette, daß ſie Licht bringt.“ Erdmuthe ſtellte den kleinen Menſchen gehorſam, wenn auch nicht gern wieder auf die Diele, und ging, um Corneliens Befehl zu geben. Cornelia ſetzte ſich an das Fenſter, welches ſie geſchloſſen hatte, und nahm den Knaben auf ihren Schoos. Gleich als wollte ſie Erdmuthens Küſſe von ſeinen Lippen nehmen, küßte ſie ihn viel heftiger noch, als die Schweſter gethan hatte. Der Kleine ließ ſich mit einer muſter⸗ haften Geduld küſſen, aber als ſein kleiner Mund wieder frei war, frug er ſo geſchwind, daß man wohl ſah, er habe auf Freiheit gewartet:„liebes Herzensmütterchen, wer⸗ den denn die Polen her⸗ kommen?“ „Warum fragſt du denn das, Rudolphchen?“ „Die Tante Günthern hat eben in der Küche zur Liſette geſagt: zach, wenn nur die Polen nicht herkommen!““ „Laß dir von der Tante . 79.) Günthern nicht bange ma⸗ chen, mein Herzenskind.“ „Ja, die Tante Günthern hat immer Angſt,“ ſagte der kleine Rudolph philoſophirend.„Erſt waren's die Türken, jetzt ſind's die Polen— es iſt nie Ruhe.“ „Nein, es iſt nie Ruhe,“ wiederholte die Mutter leidenſchaftlich und melancholiſch, indem ſie den Kna⸗ ben wieder mit beiden Armen umſchloß und an ihrer Bruſt wiegte.„Ruhe iſt draußen auf dem grünen G Kirchhof, wo deine Geſchwiſter liegen, wo auch ich lie— gen werde, wenn Gott mir endlich meine Leiden ver⸗ gelten wird. Aber auf Erden iſt keine Ruhe, mein Rudolph, keine Ruhe und kein Glück.“ „Mama, gehen wir doch lieber in den Himmel,“ ſchlug Rudolph vor.„Da gibt's weder Türken noch Polen.“ Die Türken und die Polen ſchienen dem Jungen merkwürdig unbequem zu ſein. „Wenn Gott uns riefe!“ antwortete Cornelia mit einem faſt wilden Blick zu den Wolken, welche ſich langſam über den Himmel zogen und ihn noch düſte⸗ rer machten.„Aber er nimmt nur, was ihm gefällt, 10 und wir gefallen ihm noch nicht, mein Rudolph! Und wenn er nur nicht mich ohne dich ruft! Wenn du nur nicht allein bleibſt, ohne deine Mutter! Was ſollteſt du da anfangen, mein armes, armes Kind! Die Tan⸗ ten haben dich innig lieb, aber—“ „Mama, ich will nicht allein bei den Tanten blei⸗ ben!“ rief faſt zornig der Kleine. „Wenn es nun aber Gott will, Gott, der deinen Vater rief und deine Geſchwiſter auch?“ „Da will ich mit, Herzensmütterchen!“ ſchluchzte Rudolph, dem das Weinen ſchon längſt in der kleinen Kehle geſteckt hatte. „Was iſt denn? was iſt denn?“ fragte es, herein⸗ huſchelnd, ſetzte ein Talglicht, das noch nicht ordent⸗ lich angebrannt war, ſo haſtig auf den Tiſch, daß es ausging, und kam ganz mit Beſorgniß und Theilnahme zu Mutter und Kind an's Fenſter gelaufen. „Die Mama will ſterben,“ weinte Rudolph. „Du haſt ſchon wieder das Licht ausgehen laſſen, Tante Günthern,“ ſagte Cornelia tadelnd. „Das iſt wahr,“ rief die Frau Günthern, die jetzt durch Rudolph zur Tante Günthern geworden war. Es ließ ſich allerdings nicht abläugnen. Sie ſuchte ein Feuerzeug, ein rothes Fläſchchen, in welches mit Schwefelhölzchen geſtoßen wurde. Drei zerbrach die Tante Günthern, das vierte fing. Sie zündete das Licht glücklich wieder an und wollte an das Fenſter zurückgelaufen kommen, da ſagte Cornelia:„und die Thür ſteht auch ſchon wieder auf.“—„He! He!“ rief die Tante Günthern erſchrocken, und trabte und machte die Thüre zu. Jetzt war es ihr geſtattet, an das Fen⸗ ſter zurückzuhuſcheln, aber Cornelia empfing ſie mit der Frage:„wirſt du denn nie die Thür zumachen lernen, Tante Günthern?“ „Ich hörte unſern Rudolph weinen,“ entſchuldigte V V die Tante Günthern ſich,„und wenn ich das höre, da 9 weiß ich nicht mehr, was ich thue. frug ſie ängſtlich:„was war denn?“ „Er liebt ſeine Mama ſo, der Herzensjunge,“ ant⸗ wortete Cornelia, ihn küſſend und beſchwichtigend. Die Tante Günthern ſah zweifelhaft aus, als wollte ſie fragen:„muß er denn deßwegen weinen?“ aber ſie getraute es ſich nicht, ſondern ſagte nur zärtlich zu Und auf's Neue 4— „Verſteht ſich; wer ſoll ſie denn bekommen, wenn nicht unſer Rndolph?“ Liſette kam und ſie und die Tante Günthern deck⸗ ten den Tiſch. Es war eigentlich dabei nicht viel zu vergeſſen, denn es war nur das Allerunentbehrlichſte darauf, aber die Tante Günthern machte es doch mög⸗ lich. Als Erdmuthe gerufen worden war, und die drei Schweſtern mit dem Knaben um den Tiſch herſaßen, der für eine ſo kleine Zahl viel zu groß war, da fehlte es bald an einem Meſſer, bald an einem Löffel, bald am Salzfaß und ſogar an Brod. Jedes Mal, wenn die Tante Günthern an das Fehlende erinnert wurde, ſprang ſie mit einem erſchrockenen ſchuldbewußten Ge⸗ ſicht auf, aber kaum hatte ſie das Nöthige herbeigeholt und ſich wieder geſetzt, ſo lachten auch Mund und Auge wieder, und mit einer ganz beſonderen Genugthuung hörte ſie die jedesmalige Bemerkung, welche der kleine Rudolph ſeiner Mutter oder der Tante Muthchen weiſe nachplapperte:„unſere Tante Günthern vergißt doch einmal Alles.“ Als nichts mehr zu vergeſſen war, weil Alles auf⸗ gegeſſen war, was die Tante Günthern aufgetragen hatte— viel war's nicht, das alte gewohnte Abend⸗ brod aus der Zeit der Eltern her, nur mit ſo viel weniger Stühlen um den Tiſch— als die Tante Gün⸗ thern den Tiſch ohne Liſettens Hülfe abgeräumt und das Licht geputzt und ausgeputzt hatte, als es wieder angezündet und mitten auf den Tiſch geſtellt worden war, da hörte man draußen gemeſſene Schritte von knarrenden Schuhen die Treppe herab kommen, und die Tante Günthern verkündigte, was alle Anderen ebenſo gut wußten, wie ſie, mit den freudigen Worten:„da kommt der Herr Rath.“ Der Herr Rath Krägen, der Mann oder vielmehr der Wittwer Carolinens, kam in einem blauen Ober⸗ rocke und ſchön geſtickten Schlafſchuhen, ein Licht in der Hand und einen grünen Schirm vor den Augen herein, nahm höflich ſein ſchwarzes Käppchen ab, doch nur, um es wieder aufzuſetzen, ſtellte ſein Licht bei Seite, und löſchte es ſorgfältig aus, und näherte ſich dem Kleinen:„ich habe einen wunderſchönen Apfel von unſerer Bäckern bekommen— da ſieh— will unſer Rudolph ihn ſo eſſen, oder ſoll die Tante Günthern ihn dem Kinde braten?“ „Du kannſt ihn braten,“ antwortete der Kleine nach einiger Erwägung in dem Tone eines kleinen Prinzen, der eine huldvolle Erlaubniß ertheilt. „Du Herzenskind!“ rief die Tante Günthern ſo glücklich, als wüßte ſie ſeine Güte nach ihrem vollen Werth zu ſchätzen, und der Apfel kam in die„Röhre“ des Ofens. „Mama, ich werde jetzt mit meinen Soldaten ſpie⸗ len,“ kündigte Rudolph an, dem es nun doch allmäh⸗ lich zu viel wurde, auf dem Schooße ſeiner Mutter zu itzen. „Warte nur noch, bis wir gegeſſen haben, Ru— dolphchen,“ redete die Tante Günthern ihm zu,„denn ſonſt, weißt du, ſtören wir dich mit dem Decken.“ „Was eſſen wir denn, Tante Günthern?“ „Delikate Kartoffeln, mein Herzenskind.“ „Werde ich die beſten bekommen, Tante Gün⸗ thern?“ wo die Tante Günthern ihm mit einem freundlichen„ſchönen guten Abend, Herr Rath!“ eine Art von Lehnſtuhl zurecht gerückt hatte.„Ich danke ſehr, Frau Sekretairin,“ ſagte der kleine höfliche Mann, der ſo glatt und reinlich ausſah, als wäre er aus Wachs boſſirt;„wie iſt Ihr Befinden dieſen Abend?“—„Ich danke ſchön, Herr Rath,“ antwor⸗ tete die Tante Günthern mit einem kurzen dankbaren „Knix“,„man muß zufrieden ſein.“—„Und wie be⸗ finden Sie ſich, Frau von Tannenhof?“ erkundigte der Herr Rath ſich weiter.—„Mir geht es wie immer,“ entgegnete Cornelia in kaltem Tone.—„Und wie geht es Ihnen, Fräulein Erdmuthe?“ fuhr der höf⸗ liche Schwager fort.—„Wie Sie ſehen, Herr Rath,“ erwiederte Erdmuthe gleichmüthig.—„Das freut mich ungemein,“ ſagte der Herr Rath Krägen mit galanter Zufriedenheit, und ſetzte ſich vorſichtig in ſeinen Lehn⸗ ſtuhl. Neben ihm hatte der kleine Rudolph Platz ge⸗ nommen, der ſein Blechheer aufſtellte, muſterte und marſchiren ließ. Der Rath ſtrich ihm mit der Hand dann dem Tiſche, über das Blondhaar und fragte ebenfalls nach ſeinem man in der Stadt die Fähigkeit ge⸗ habt, humoriſtiſche Geſchichten zu erfinden, ſo würde ſicherlich die aufgebürdet haben, bekanntes Familien⸗ Befinden. Hätte man dem Rath Krägen er hätte irgend ein ihm perſönlich thier des ſei hauſe war, Elbp Kräg Karte werde rieche hafti decku zige ten den dur fiel Sc 3 arb Gil für tete jeder ſeden führt dem der Lam Sch Rat ſchie bläf in der „wenn i deck⸗ viel zu lichſte mög⸗ die drei eſaßen, fehlte I, bald „wenn wurde, en Ge⸗ eigeholt d Auge gthuung r kleine en weiſe ßt doch es auf⸗ etragen Abend⸗ ſo viel Gün⸗ mt und wieder worden itte von und die ebenſo n: vda ielmehr Ober⸗ Licht in u Augen ab, doch licht bei herte ſich hm mit Rath!“ „Ich jrflihe wäte e J diſ antwor⸗ ankbarel —3 = = — —₰½ ꝑ̃ —y — — thier, Hund, Katze oder Kanarienvogel an einem Tage des Zerſtreutſeins höflich gefragt: wie das Befinden ſei. Da man in der Stadt und vollends im Thurm⸗ hauſe völlig unſchuldig an humoriſtiſchen Erfindungen war, ſo wurde die Geſchichte nicht erzählt, und der Erbprinz des Thurmhauſes entgegnete dem„Onkel Krägen“ ſehr gnädig, daß er ſich wohl befinde, drei Kartoffeln gegeſſen habe und ſpäter einen Apfel eſſen werde, der jetzt eben im Begriffe zu braten ſei.„Das rieche ich,“ ſagte der Onkel Krägen mit ſolcher Ernſt⸗ haftigkeit, als mache er eben eine phyſiologiſche Ent⸗ deckung. Der bratende Apfel durchduftete würziger und wür⸗ ziger das große Zimmer. Draußen war es ſtlll, ſel— ten nur ſchallte ein gemeſſener bürgerlicher Gang über den echoreichen Markt, und auch dann wurde der Schall durch den Schnee gedämpft, der dicht und ſtill herab⸗ fiel. Um den Tiſch her ſaßen die Schweſtern mit dem Schwager und dem Kleinen, Cornelia mit ihrer Häkel⸗ arbeit, Erdmuthe mit ihrer Weißnätherei, die Tante Günthern mit einem langen blauen Strumpfe, den ſie für die Milchfrau ſtrickte. Das einzige Talglicht leuch⸗ tete Allen; damit es nicht zu ſtark leuchte, ſtand vor jeder Schweſter ein runder grüner Lederſchirm. Auf jedem war etwas dargeſtellt; auf dem vor Cornelien führte ein Ehepaar einen kleinen Jungen ſpazieren, auf dem vor Erdmuthen fuhr man Schlitten, auf dem vor der Tante Günthern trug ein Wolf ein unglückliches Lamm von dannen. Als die Schweſtern und die Schirme in Ordnung ſaßen und ſtanden, nahm der Rath ein Buch aus der Taſche und fing an, eine Ge— ſchichte von Tromlitz vorzuleſen, in welcher ein Flöten— bläſer auf einer Eisſcholle die Elbe hinunter trieb und in Gefahr und Begeiſterung ein Lied von Luther auf der Flöte blies. Die Geſchichte war ſo rührend, daß ſelbſt der kleine Rudolph ſeine Truppen ſein ließ und ſich an Onkel Krägen's Stuhl drängte, um zuzuhören, aber— es iſt beſchämend, zu erzählen, muß jedoch erzählt werden— die Tante Günthern war bei der allgemeinen Rührung ſchmählich eingeſchlafen. Zweites Kapitel. Acht Jahre im Thurmhauſe. So vergingen ſeit vier Jahren ſchon die Winter⸗ abende im Thurmhauſe. Einer wie der andere, ein Jahr wie das andere, von der Zeit an, wo man an⸗ fing, bei Licht zu ſitzen, bis zu der Zeit, wo man aufhörte, bei Licht zu ſitzen. Der Kleine ſpielte, ſeine Mutter häkelte, die Tante Muthchen nähte, die Tante Günthern deckte den Tiſch und vergaß Meſſer und Gabeln, Brod und Salz, räumte den Tiſch ab und ließ die Thür offen, wollte immer das Licht putzen und putzte es ewig aus, ſetzte ſich hin, freute ſich außer⸗ ordentlich, daß der Herr Rath ſo ſchön vorlas, hörte zu und ſchlief ein. Noch ſtiller, noch eintöniger, noch einſamer waren die Abende und die Tage, die Monate und die Jahre während der Zeit geweſen, wo die beiden Schweſtern Erdmuthe und Amalie allein im Thurmhauſe gelebt hatten. Europa war damals noch nicht von elektriſchen Dräthen durchzogen, man fühlte an einem Ende noch nicht, was am andern geſchah, man kehrte noch nicht ſo unermüdlich vor des Nachbars Thür und war noch - 75— nicht mit aller Welt Nachbar, man reiste noch von Berlin nach Potsdam und von Dresden nach Leipzig, und man konnte noch in einer oder der andern ordent⸗ lichen ruhigen Gegend vernünftig ſtille ſitzen, ohne je⸗ den Morgen durch Telegramms aufgefordert zu wer⸗ den, ſich mit ſeinen Sympathien oder Antipathien an den„höchſten Intereſſen der Menſchheit“ zu bethei⸗ ligen. Zu den Orten, welche am reichlichſten von dieſer Erlaubniß Gebrauch machten, gehörte unſere Elbfeſtung. Man könnte gerichtlich verſichern, daß bis zu 1830 die Politik für ſie ſo gut wie gar nicht da war. deutſche Jugend wurde in Deutſchland verfolgt, der Carbonarismus ſo gut es ging in Italien ausgelöſcht, die Reſtauration reſtaurirte in Spanien und die Grie⸗ chen begannen ſich zu erheben, ohne daß die praktiſche und geſcheidte Stadt ſich darum gekümmert hätte. Die Franzoſen waren fort, und es ſchien auf immer un— möglich, daß ſie wieder kommen könnten— das ge— nügte ihr, ſie fragte nicht nach etwas Anderem, ſie dachte an ſich, baute und pflaſterte ſich neu, ſo viel ihre Einnahmen es ihr erlaubten, und überlegte es ſich auf ihrem Rathhauſe unaufhörlich, wie ſie dieſe Ein⸗ nahmen wieder in etwas verbeſſern könne. Sie war ſelbſt preußiſch geworden, ohne ſich viel damit zu be⸗ ſchäftigen— einige Für und Wider waren bei Bier und Wurſt am Feierabend oder am Sonntag nach der Nachmittagskirche darüber wohl ausgetauſcht worden, aber im Ganzen nahm die Stadt das Preußenwerden mit philoſophiſchem Gleichmuthe auf. Sie hatte, wie bisher den Dresdener, ſo jetzt den Berliner Hof, deſ⸗ ſen Geburts⸗ und Sterbefälle ſie verfolgen mußte. Der ältere Theil der Bevölkerung, welcher ſächſiſch geboren und erzogen worden war, behielt ſeine Theilnahme an den Angelegenheiten des alten Hofes, und wendete ſich zugleich mit Neugier den Begebenheiten des neuen zu, ſo daß er folglich zwiefach beſchäftigt war. Das junge Geſchlecht intereſſirte ſich bald ausſchließlich für Ber⸗ lin, aber über dieſe beiden Reſidenzen hinaus blickte die Stadt nicht, ſie begrenzten ihren Geſichtskreis. Ein einziges Mal während dieſer acht Jahre erſchrak ſie. Das war 1819, als Kotzebue von Sand erſtochen wurde. Sie hatte von den„Komödianten“, welche bis⸗ weilen ihre Bühne im großen Saale des Rathhauſes aufſchlugen, ein oder das andere Stück von Kotzebue aufführen ſehen:„das neue Jahrhundert,“„das Epi⸗ gramm,“ ein Mal ſogar, als es eben Juli geweſen war und die Kirſchen gerade„ſo gut wie Nichts“ ge⸗ koſtet hatten,„die Huſſiten vor Naumburg“. Daß ein Mann, der ſo luſtige Stücke ſchrieb, ſo mir nichts dir nichts todtgeſtochen werden konnte, erſchreckte die gute Stadt, welche dergleichen Heldenthaten natürlich nicht begreifen konnte, ja ſie bewachte eine Zeit lang mit argwöhniſchen Gedanken ihre Gymnaſiaſten, die ſpäter ebenfalls Studenten werden ſollten, und— wer wußte es— am Ende auch Mörder werden konnten. Da indeſſen die Gymnaſiaſten nach wie vor lateiniſch und griechiſch lernten, ohne weder den Bürgermeiſter noch irgend einen Senator mit einem Dolch anzufal⸗ len, ſo vergaß die Stadt Kotzebue bald wieder, baute und pflaſterte ſich weiter, pflanzte Alleen, füllte Teiche aus, und betrug ſich überhaupt wie das Muſter einer deutſchen Kleinſtadt. 3 Die Schweſtern hatten ſtets als getreue Töchter das Leben der Mutterſtadt getheilt: als ſie in die Ein⸗ . 10 Die förmigkeit einbog, folgten ſie ihr blindlings nach, tha⸗ ten wie ſie that, fragten nicht nach dem, wonach ſie nicht fragte, wußten nicht, was ſie nicht wußte, und waren, gleich ihr, mit dem Zuſtand der Dinge im Allgemeinen zufrieden. Im Beſondern nicht immer: die Nachbarn und Bekannten machten es ihnen ſelten recht, allmählich immer weniger, endlich gar nicht mehr. ein Quartier leer ſtehen, ebenſo konnten ſie ſich über Das war jedoch weder ihre noch Jener Schuld, ſon⸗ dern ganz einfach die Folge des ſtillen Arbeitens der Zeit. Die Jugendbeziehungen lockerten ſich, lösten ſich endlich ganz auf und fielen wie abgenutzte Fäden zu Boden, wo ſie mit dem Kehricht in den Winkel ge⸗ worfen wurden. Frauen, welche Geſpielinnen der Franke'ſchen Töchter geweſen waren, als dieſe noch auf „onſern Dorm“ einluden, waren als Hausfrauen und Mütter den beiden kinderloſen, unbeſchäftigten Schwe⸗ ſtern nach und nach fremd geworden. Um doch auch Etwas zu thun zu haben, fingen ſie an, ſich ſehr ge⸗ nau um das Thun und Nichtsthun ihrer Nächſten zu bekümmern, und auf dem Markte und dem Fleiſch⸗ markte eine Art Polizei auszuüben. Wäre die Frau Günthern nicht ſo ſeelengut geweſen und Erdmuthe ſo wacker, ſie hätten vielen Schaden ſtiften können. Jetzt wendeten ſie ihre Entdeckungen nur zum Guten an. Die Eltern erfuhren es, wenn ihre Jungen dumme Streiche gemacht hatten, die Frauen, wenn ihre Mäd⸗ chen ungebührlich lange am alten Röhrbrunnen ge⸗ ſchwatzt hatten. Traf Erdmuthe auf einem ihrer Spaziergänge eine Wärterin, welche das Kind in's Gras geſetzt hatte, um ungeſtört mit einem Infanteriſten zu plaudern, ſo durfte dieſe Wärterin gewiß die nächſten vierzehn Tage nicht mehr„mit dem Kinde vor's Thor.“ Die Schweſtern wurden folglich geſchätzt und auch gerne geſehen, aber ſie ſelber ſahen„die Menſchen“ nicht mehr gern und zogen ſich immer tiefer in ihr Thurm⸗ haus zurück. Sie erlebten, ohne es ſich bewußt zu ſein, die unausbleiblichen Wirkungen der Vereinzelung. Bald beſchränkten die Beſuche, welche ſie empfingen, ſich faſt nur noch auf ihre Miether und auf Bauers⸗ frauen, von denen die Frau Günthern jeden Markt⸗ morgen, d. h. dreimal die Woche, eine oder zwei mit ſich geführt brachte, damit ſie ſich, je nach der Jahres⸗ zeit, entweder erwärmen oder abkühlen, in dem einen wie in dem andern Falle aber ſich ausruhen und einen „Schluck Kaffee“ oder einen„Löffel Suppe“ genießen möchten. Zum Dank dafür brachten ſie ihr, wenn ſie Kirmeß gehabt oder geſchlachtet hatten, Kuchen oder Würſte mit, und zwar ohne dann den„Schluck Kaffee“ oder den„Löffel Suppe“ anzunehmen. Erdmuthe, viel ariſtokratiſcher als die Frau Günthern, obgleich auch dieſe ihr Theilchen am Familienſtolze hatte, bekümmerte ſich nicht um dieſe ländlichen Beſucherinnen, ſie aß den Kuchen und die Würſte, die ſie brachten, aber ſie „konnte nicht mit ihnen reden“. Dagegen war ſie es, welche den„Börjern“ Audienz ertheilte, wenn ſie aus alter Achtung vor dem ſeligen Herrn Kammerſchreiber bisweilen noch zu ſeinen Töchtern kamen, um ſich einen Rath zu erholen, oder eine Familiennachricht mitzu⸗ theilen. Ebenſo verwaltete Erdmuthe das Geſchäftliche mit den Miethern und mit den Schwägern, und das Abſchließen über die Buden war ebenfalls ihre Sache. Dabei war ihr einer ihrer„börjerlichen“ Vaſallen von unberechenbarem Nutzen, der Zimmermann, welcher die Buden aufſchlug und zugleich„beſprach“, ſo daß jeder Dieb, der ſich entweder an den Waaren in der Bude - 76— oder an dieſer ſelbſt hätte vergreifen wollen, gebannt hätte ſtehen bleiben müſſen. Dank dieſer geheimniß⸗ vollen Gabe des Zimmermanns wurden die Buden nach jedem Jahrmarkt in den Schuppen zurückgeſchafft, ohne daß ein Nagel oder ein Brett an ihnen gefehlt hätte; das war, wie Erdmuthe ſagte, ein großer Troſt, auch gute Miether fanden ſie immer und hatten nie ihre Geſundheit und über das Loos der beiden verhei⸗ ratheten Schweſtern nicht beklagen, aber das Alles hin⸗ derte doch nicht, daß Erdmuthe und Amalie unvermerkt ſich in ein alterndes Mädchen und in eine ältliche Wittwe verwandelten. Drittes Kapitel. Das einzige Geheimniß der Frau Günthern. Bevor jedoch das geſchah, war etwas Anderes ge⸗ ſchehen, etwas, wovon in Beziehung auf die Frau Günthern gewiß Niemand gedacht hätte, am allerwenig⸗ ſten ſie ſelbſt: ſie hatte ſich verliebt. Man hätte, wäre man ernſtlich gefragt worden, nicht recht ſagen können, warum Erdmuthe ſo vielen Männern ſo ſehr gefiel. Es iſt wahr, ſie war hübſch, aber doch nicht auf eine ſo ungewöhnliche Art, um eine ſo mannigfache und ſo lebhafte Anziehung zu erklären. Gut, wacker und liebreich, wie ſie war, ſteckte ſie doch voll von Vorurtheilen und Eigenheiten, die es Allen, außer den Ihrigen, unmöglich machten, gern mit ihr das tägliche häusliche Leben zu theilen. Sie morali⸗ ſirte unglaublich gern, ertheilte fortwährend unmögliche Rathſchläge, wiederholte ſie unaufhörlich und nahm es keineswegs gnädig auf, wenn man ſie nicht befolgte, weil man ſie nicht befolgen konnte. Endlich war ihr Eigenſinn mit den Jahren nicht ſchwächer geworden, aber trotz dem Allem gefiel ſie den Augen der Män⸗ ner wohl, zog die Herzen der Männer an ſich und war in ihrer vollen und faſt ſchon etwas zu rei⸗ fen Jugend ein Gegenſtand zahlreicher unbefriedigter Wünſche. Denn ſie erhörte keinen Wunſch, keine Liebe und keinen Freier. Als Cornelia ſich verheirathete, brachte Tannenhof als Zeugen einen Freund mit. Sie waren Beide im adelichen Cadettenhauſe zu Dresden erzogen worden, ſie hatten Beide in Rußland für und in Deutſchland und weiter gegen die Franzoſen gekämpft, ſie waren noch immer Brüder, obgleich der Eine in preußiſche Dienſte getreten war, während der Andere nach wie vor in ſächſiſchen ſtand, und ſie hätten ihre Brüderſchaft gern in eine Schwägerſchaft verwandelt geſehen, aber Muthchen wollte nicht. Der ſächſiſche Hauptmann war jung, vermögend, von Familie und ſo verzweifelt verliebt, wie die Eitelkeit des launenhaf⸗ teſten Mädchens es nur immer verlangen konnte, aber Muthchen wollte nicht. Umſonſt redeten Tannenhof und Cornelia, dieſe herriſch, jener liebreich ihr zu, um⸗ ſonſt hielt die Frau Apotheker Rothe eine ihrer wohl⸗ geſetzteſten Reden, Muthchen wollte nicht nach Dres⸗ den, nicht in die vornehme Geſellſchaft, wollte nicht Equipage und Jäger haben, ſie wollte die Freiheit be⸗ halten, im Thurmhauſe ungeſtört ein altes Mädchen zu werden. Ihr reicher und vornehmer Freier ließ ſie ihr end⸗ lich und war zu verunünftig, um ſich nicht zu tröſten und beka⸗ an ihn n J d nelien mir d Friihe ich, d habe nicht wäre. andäc vorn. möch ebannt imniß⸗ Buden ſchafft, gefehlt Troſt, en nie hüber verhei⸗ § hin⸗ rwerkt iltliche res ge⸗ Frau wenig⸗ vorden, vielen m eine flären. ſie doch Aleen, mit ihr norali⸗ rögliche ahm es efolgte, vax ihr worden, Män⸗ ic ud zu rei⸗ riedigter ehe und brachte 2 waren erzogen und in ekimpft Eine in 1 und anderweitig zu verheirathen. Als dieſe Heirath bekannt wurde, ſchrieb Cornelia einen ſpitzigen Brief an Muthchen. Die las ihn ſehr ruhig durch, legte ihn dann ſehr ſorgfältig zu den früheren Briefen Cor⸗ neliens, die nicht ſpitzig waren, und ſagte:„es thut mir leid, daß die Tannenhofen mir böſe iſt, aber meine ſchont. Freiheit hingeben wegen eines Titels und um Geld— ich, das hätte mir fehlen ſollen! So viel ich brauche, habe ich, und mehr, als ich brauche, könnt' ich doch nicht eſſen, wenn ich auch zehn Mal Frau Hauptmann wäre.“ Die Frau Günthern hörte Erdmuthen ſehr andächtig zu und ſagte, als dieſe ihre Nähterei wieder vornahm:„ja, du haſt ſehr Recht, Muthchen— ich möchte auch nicht mehr heirathen.“ W (Siehe Herr Adolph Franke gab in der Meinung der Schwe⸗ ſtern dem ſeligen Vater nichts nach, und das wollte viel ſagen. Natürlich war der Beſuch bei ſeinen Couſinen— „Mamſell, Mühmchen“ war ſchon längſt aus der Mode gekommen— der erſte, welchen er machte. Er und ſie waren ſich gegenſeitig fremd, er war früh aus der Sctadt fort, ſelten wieder hingekommen. Die Bekannt⸗ ſchaft war folglich ſo gut wie eine neue, das gegen⸗ ſeitige Begegnen angenehm höflich. Es hieß Herr Couſin und Frau und Fränlein Couſine. Dieſe letz⸗ tere Anrede machte jedoch bald einem„Fräulein Erd⸗ muthe“ Paatz, welches ſeinerſeits in einiger Zeit einer „lieben Couſine“ weichen mußte, die endlich gar zu einer„lieben Erdmuthe“ wurde. Der Couſin war dem — Schickſal faſt aller Männer verfallen, welche ſeit zehn „ Jahren die Schwelle des Thurmhauſes betreten hatten. A Seit dieſer Zeit blieb Erdmuthe zwar nicht von ſtillen Anbetern, aber doch von offenen Bewerbern ver⸗ Wo ſolch ein Freier, wie Tannenhofs Freund, abgewieſen worden war, da wagte keiner von geringe⸗ ren Anſprüchen ſich heran. Erſt vier Jahre ſpäter hatte ſie, wie ſie ſich ausdrückte, abermals ihre Noth. Im Jahre Zwanzig kam nämlich der einzige Sohn des verſtorbenen Onkels, nach dem ſeligen Kammer⸗ ſchreiber Adolph genannt, in ſeine Geburtsſtadt zurück, um ſich als Advokat niederzulaſſen. Er war ein„fei— ner Mann, der ein ſehr hübſches Nehmen hatte.“ Als Begleiter eines Jugendfreundes hatte er einige Reiſen gemacht, in deſſen väterlichem Hauſe viel verkehrt, Eng⸗ liſch, Franzöſiſch und Manieren gelernt, kurz, der neue Pre S. 101.) Die blonde, friſche, behagliche Erdmuthe hatte ſein Herz eingenommen, gerade wie ſie jeden Morgen und jeden Nachmittag den Stuhl vor ihrem Nähtiſch ein⸗ nahm, ohne ſich irgendwie zu beeilen oder anzuſtrengen. Wären damals die Lieder von E. M. O. ſchon gedich⸗ tet geweſen, ſo hätte der Herr Advokat Franke ſingen oder ſeufzen können:„In dem Herzen ein Bild.“ Jetzt ſang er es nicht, des Seufzens aber begann er ſich zu befleißigen und brachte es darin bald zu einer bedeuten⸗ den Fertigkeit. Erdmuthe, die Anfangs entſchloſſen ihre Ohren zugemacht hatte, konnte endlich mit dem beſten Willen nicht länger taub bleiben. Der Couſin ſah deutlich, daß ſie ihn hörte, aber zugleich ſah er nicht minder deutlich, daß ſie nicht die mindeſte Neigung habe, ihn zu erhören. Sie wurde im Gegentheil ebenſo unangenehm, wie ſie bisher angenehm geweſen war. Wenn er ſeinen jetzt täglichen Beſuch machte, konnté ſie ganze halbe Stunden da ſitzen und arbeiten, ohne ein Wort an ihn zu richten, ja, nur ohne ihn anzuſehen, ganz, als wäre ſo ein Weſen wie der Couſin gar nicht in der Welt, geſchweige denn im Erkerzimmer. In ſolchen Augenblicken fühlte die tiges Mitleiden für der armen Couſin, hörte auf, hin und her zu ſchaffen, hinaus und herein zu traben, und ſetzte ſich, die Hände im Schooß, vor den Gegenſtand ihres Erbarmens hin. Wenn er entmuthigt die Blicke von Erdmuthens eigenſinnig eingekniffenen Lippen ab⸗ wandte, ſo ruhten ſie unwillkürlich auf dem ehrlichen Geſicht aus, welches ihm zugewandt war, und auf dem aller erdenklicher guter Wille ſo deutlich zu leſen ſtand. Amalie war zu dieſer Zeit ſicherlich ſchon gar nicht mehr hübſch, vorausgeſetzt, daß ſie es je geweſen war: gebräunt von der Luft und vom Küchenfeuer, bereits mit beginnenden Runzeln gekennzeichnet, und obgleich nur zwei Jahre älter als Erdmuthe, dem Anſchein nach dieſer wenigſtens zehne voraus. Ebenſo wenig hatte ſie ſich beſſer anziehen gelernt, ihr Kragen ſaß noch immer ſchief, ihr Tuch deßgleichen, das Haar wollte noch jetzt nie glatt ſitzen, ihre neuen Kleider wur⸗ den ſtets von Zeugen gemacht, die zwei Jahre in der Kommode gelegen hatten, und folglich aus der Mode waren, und zwei Handſchuhe auf einmal zu tragen, dahin hatte ſie es auch noch nicht gebracht. Der Couſin ſah das Alles, er fand„die Sekretären“ weder ſchön noch„fein“, ſie gefiel ſeinen Augen nicht, aber ſie that von Zeit zu Zeit, dann immer öfter und endlich als tägliche Gewohnheit ſeinem Herzen wohl. Gleichſam verſuchsweiſe fing er an, ihr auch ein wenig den Hof zu machen. Wenn er Erdmuthe einen Strauß oder ein Stück Kuchen mitbrachte, ſo fiel bisweilen auch für die Frau Günthern etwas ab. Eines Tages war ſogar ſie es, welche allein einen Strauß bekam, 35 nicht Erdmuthe. Dieſe ſah ſich die ungewohnte T hatſache, daß man ſich in ihrer Gegenwart um die Frau Gün⸗ thern bekümmerte, mit einer Verwunderung an, welche einen Augenblick lang den Couſin glauben machte, er habe ihre Eiferſucht erregt und folglich Hoffnung, daß er unter dieſer Vorausſetzung die arme Frau Günthern augenblicklich vergaß und ſich eifriger als je um Erd⸗ muthe bemüht zeigte; das hätte dieſe ihm eigentlich ver⸗ zeihen ſollen, aber ſie nahm es ihm ſehr übel, erklärte ihn für einen Flattergeiſt, ein Ehrenname, welchen zu erhalten der kleine feierliche Advokat gewiß nie geträumt hatte, und warnte die Frau Günthern ganz wie ein junges Mädchen, ſich nichts in den Kopf ſetzen zu laſ⸗ ſen, und ſich nicht etwa einzubilden, der Couſin könne ſie heirathen wollen. Die Frau Günthern hatte bisher an eine ſolche Möglichkeit noch gar nicht gedacht. War je eine Frau unſchuldig an allen Eroberungsgedanken, ſo war es ſicher unſere Amalie. Was die Herzenseinfalt betrifft, ſo kam ſie noch immer eben aus dem Confirmations⸗ unterricht. Erdmuthe hätte dieſe Unſchuld kennen und ſchonen ſollen. Geärgert durch den Couſin machte ſie ſich Luft, und bedachte nicht, daß ſie Amalien ſchaden könne. Amalie ſagte:„ih nicht doch, Muthchen!“ aber indem ſie das ſagte, war ſie zum erſten Male in ihrem Leben nicht vollkommen aufrichtig. Wenn es nun doch wäre? Wenn der Couſin— das erſte heim⸗ liche Erröthen brannte auf ihren Wangen. Sie hatte Frau gekannt; das Bewußtſein, welches erröthen macht, 8 Frau Günthern aufrich⸗ dachte ſie. Das gut iſt,“ dachte ſie. könnte der Couſin vielleicht— ja, mit Amalien. nes Geſicht ſich auf— ſie ſah glücklich und vornehm verheirathet war, es weder als Mädchen, noch als Braut, noch als junge war in der That noch nie wach geworden. Jetzt that ſie einen verſtohlenen Blick in den Spiegel, ſchämte ſich, lief geſchwind hinaus in die Küche, ließ in aller Eile die Milch überkochen, lief zurück in ihre Stube, zögerte, wandte ſich dem Spiegel zu, wandte ſich ab, hatte die Hand wieder auf der Thürklinke, ließ ſie ſein vnn befand ſich in der nächſten Minute vor dem Spie— gel, in einer neugierigen Unterſuchung ihres armen ehr⸗ lichen Geſichtes begriffen, welches ihr recht ſonderbar, eigentlich recht verſtört entgegen blickte. Es machte ſie förmlich traurig—„ich bin gar nicht mehr hübſch!“ war ihr auch noch nicht begegnet; bisher hatte ſie kein Intereſſe daran gehabt, ob ſie gut ausſehe oder nicht. Charakteriſtiſch für ſie war, daß ſie ſich ſogleich darüber tröſtete.„Wenn's Herz nur Auf ihr Herz hin, meinte ſie, ſo weit war es ſchon Hätte Erdmnnthe das geahnt, ſie hätte die Hände vor Entſetzen zuſammen geſchlagen. Die Frau Günthern mit ſtillen Liebesgedanken! Zum Glück ſaß Erdmuthe ohne allen Argwohn an ihrem Nüähtiſch, und die Frau Günthern konnte mit einer ungewohnten Geräuſchloſ ſigkeit, welche die Verwandlung in ihr offen⸗ barte, in der Küche ſchaffen und dabei ungeſtört träumen. Die Liebesträume eines ſo häuslichen Geſchöpfes konnten nicht anders als praktiſch ſein. Sie ſtellte ſich vor, wie gut ſie dem Couſin immer den Kaffee kochen wolle, was ſie ihm zu Mittag geben wolle, und was zu Abend. Bei ihren kindlichen Verſuchen, ihn zu un⸗ terhalten, während Erdmuthe ſchwieg und nähte, hatte ſie nach und nach alle ſeine Lietinaoſchüſſel n erfahren; jeden Tag ſollte er eine haben.— er hatte gerade ſieben — und Suppe immer. Die einzige Bedenklichkeit, welche Amalien in dieſem g länzenden Zukunftsgeſicht aufſtieß, war die ausgeſ ſprochene Abneigung des Cou⸗ ſin's gegen Speckkuchen. Dieſe ihre liebſte Speiſe mußte ſie von nun an aufgeben, denn ſie würde doch nicht für ſich allein etwas machen, was der Couſin nicht mitäße! Nein, das gewiß nicht. Bekennen müſſen wir für ſie, daß die Aufopferung des Speckkuchens ein für alle Mal ihr einen Seufzer koſtete, aber ſie war trotz⸗ dem dazu entſchloſſen. Plötzlich hellte ihr gutes brau⸗ aus wie ein Kind: ſie konnte ja manchmal, wenn ſie auf den Markt ging, beim Bäcker ein Stückchen eſſen,„ganz friſch, wie er aus dem Ofen käme.“ Wie man ſieht, war Amalie ſchon ganz fers mit ihrer neuen Heirath. Das hätte nicht ſo ſchnell gehen können, hätte der Couſin nicht bereits Sitz und Stimme in ihrem Herzen gehabt. Aber dem war ſo: der zier⸗ liche Couſin, der ſo feine Stiefeln trug, ſo überlegen lächelte, nie ohne Handſchuh ging, war die erſte Liebe der Frau Günthern. Dieſe erſte Liebe kam ſpät und hätte einem Manne gehören ſollen, der ſie beſſer zu würdigen verſtanden hätte, aber ſie war nun einmal da, und Amalie wollte den uu gern heirathen, Die ſelige Mutter konnte nichts wenn er„ſie mochte“. dawider haben: die beiden Schweſtern, um deretwillen Amalie einſt gelobt hatte, nicht mehr zu heirathen, be⸗ durften ihrer nicht länger, Cornelia, weil ſie glücklich Tinchen, weil ſie über⸗ hau nichts mehr nöthig hatte. Amalie war alſo m ihrem Gewifſen o gut im Reinen, wie mit ihrm und bo aur M fatte ke nur du lange, Augen daß d gewiß ihm len, werde er ſie ſich Man die a geliet Brnu genug Demi kat, lebens welche Schr. Endl ſem außen dacht ſo i ſollte ihr d e ſ dur ſam Ste Bei ſine Lei ließ mer wa am d Jetzt that l, ſchämte ß in aller (re Stube, te ſich ab, eß ſie ſein dem Spie⸗ rmen ehr⸗ ſonderbar, machte ſie hübſch!“ begegnet; ob ſie gut war, daß Herz nur neinte ſie, res ſchon ſie hätte gen. Die zum Glück Nühtiſch, gewohnten ihr offen⸗ ungeſtört veſchöpfes ſtellte ſich ffee kochen und was zn zu un⸗ hte, hatte erfahren; adde ſteben enklichkeit, fftsgeſich des Cou⸗ eiſe mußte doch nicht uſin nicht nüſſen vir s ein für var trot⸗ tes brau-⸗ s wie ein den Markt unz friſch, ferg mit nell gehen dStimm „der zier⸗ iberlegen Liebe eite —q 1 wie die Zuſchauer. Wünſchen, und es fehlte zur Heirath nur noch etwas, der Antrag des Couſins. Dieſen behandelte der Advokat Franke ungefähr wie eine Priſe Tabak, die er zwiſchen den Fingern hielt, und von welcher er noch nicht recht wußte, ob er ſie zur Naſe führen oder fallen laſſen ſollte. Er ſelbſt hatte keine Neigung für die„Sekretären“, ſondern wurde nur durch die Gewißheit der ihrigen geſchmeichelt, denn lange, bevor Erdmuthens Unvorſichtigkeit Amalien die Augen öffnete, hatte der kluge Herr Advokat gewußt, daß die„Sekretären“ ihm gut ſei. Zugleich war er gewiß, daß er nie eine andere Frau heirathen könne, welche ihm ſo blindlings ergeben, ſo völlig ohne eigenen Wil⸗ len, genug, ſo ganz ſein gehorſames Geſchöpf ſein werde, wie ſeine Couſine Günthern, denn Amalie nannte er ſie nie, nicht einmal in ſeinen Verhandlungen mit ſich ſelbſt. Der Taufname in den Geodanken eines Mannes zeichnet eine Frau als Perſönlichkeit aus, und die arme Frau Günthern war in der Schätzung ihres geliebten Couſin's keine Perſönlichkeit, ſondern blos eine Brauchbarkeit. genug ſei, d. h. Demüthigung aufwiegen könne, welche der feine Advo⸗ kat, der Engliſch und Franzöſiſch verſtand, in der lebenslänglichen Verbindung mit einer Frau finden mußte, welche nie ſo recht das Deutſche begriffen und das ) 1) 4— 2— c meſſenen Gebrauch, daß weder bis zum Schlafengehen Schreiben und Leſen ſo ziemlich wieder vergeſſen hatte. Endlich beſtimmte ihn ſeine Selbſtſucht, welche in die— ſem Falle ſeine Eitelkeit überwog.„Sie wird mich außerordentlich lieben und ſpäter ſehr treu pflegen,“ dachte er.„Ueberdies kann ich in das Haus ziehen und ſo immer mit Erdmuthen ſein.“ Die Frau Günthern ſollte entſchieden geheirathet werden, doch kündigte er ihr das ihr bevorſtehende Glück noch nicht an. Bevor er ſich unwiderruflich ausſprach, wollte er ſie erſt noch durch ſeine Schweſter in Augenſchein nehmen und gleich⸗ ſam abſchätzen laſſen. Die Schweſter wohnte in einem Städtchen auf dem halben Wege nach Leipzig, zu einem Es frug ſich nur, ob ſie brauchbar ob die Summe ihrer Leiſtungen die Beſuche bei ihr forderte der Advokat ſeine beiden Cou⸗ ſinen auf. Leipzig, wo gerade die Michaelismeſſe war. Erdmuthe ließ ſich herab, dieſe Vorſchläge des Couſin's anzuneh⸗ men, die Frau Günthern zitterte vor Freude und Er⸗ Von dort aus wollte er mit ihnen nach wartung, wie früher als kleines Mädchen, bevor ſie am Weihnachtsabend die„Peremitte“ zu ſehen bekam. Die Couſine urtheilte ziemlich gnädig über ſie, und der Couſin beſtimmte den Tag nach der Rückkehr von Leip⸗ zig zu ſeiner Erklärung. Da mußte es ihm unglück— licher Weiſe einfallen, ſeine Reiſegefährtinnen in das Leipziger Theater zu führen, und es mußte ein Stück gegeben werden, in welchem ein Unſchuldiger einer er⸗ ſchrecklichen Miſſethat angeklagt wurde. Günthern war ſeinen Leiden mit ungemeinem Antheil Die Frau gefolgt, und konnte gar nicht begreifen, warum die Schauſpieler ſeine Unſchuld nicht ebenſo klar einſähen, Unruhe darüber immer ängſtlicher äußerte, wiederholte vergebens:„das muß ja im Stück ſo ſein, liebe Cou⸗ ſine!“ Sie konnte ſich den Unterſchied zwiſchen Schau⸗ ſpiel und Wirklichkeit nicht klar machen. Endlich im entſcheidenden Augenblick, wo der Gegenſtand ihrer ban⸗ gen Theilnahme wirklich verurtheilt werden ſollte, konnte ſſiie es nicht länger aushalten, und halb von ihrem Sitze auffahrend, ſchrie ſie mit heller kläglicher Stimme: „Herr Je, er iſt ja unſchuldig!“(Siehe Bild S. 73.) Der Couſin, gegen den ſie ihre Das allgemeine Lachen, welches folgte, war größ⸗ tentheils gutmüthig. Man ſah die Frau, die ſich ſo ehrlich täuſchen laſſen konnte, allerdings mit Neugierde, aber doch auch mit Wohlwollen an. Es iſt nicht oft, daß man ein gutes Herz ſo laut rufen hört, weder im Theater, noch in der Welt. Die Frau Günthern ſchämte ſich alſo mehr, als ſie nöthig gehabt hätte, denn wenn man gleich über ſie lachte, ſo lachte man ſie doch nicht aus. Aber ihre Nächſten ſahen ihre Treuherzigkeit nicht mit ſolcher Nachſicht an. In ihren Augen war ſie unverzeihlich, ſie fühlten ſich„blamirt“. Erdmuthe beſtand darauf, unverzüglich das Theater zu verlaſſen. „Ich wäre nicht ſitzen geblieben,“ ſagte ſie ſpäter,„und wenn man mich mit Ketten feſtgebunden hätte.“ Die arme Amalie folgte ihr kleinlaut, und mit der Gewiß— heit, daß ſie wieder einmal erſchrecklich dumm geweſen ſei. Der Couſin nannte ſie nur noch„Frau Sekre⸗ tären“, die Couſine ſprach gar nicht mehr zu ihr. In dem Quartier angekommen, welches ſie für die Meß⸗ tage gemiethet hatten, ſagte der Advokat ſeinen Reiſe⸗ gefährtinnen ſo förmlich gute Nacht, daß ſelbſt die argloſe Amalie verſtehen mußte, wie tief gedrückt in ſeiner Würde er ſich fühle. Die drei Frauen hatten ein Zimmer, und vor der Couſine konnte Erdmuthe ihre Schweſter nicht anders demüthigen, als durch Still⸗ ſchweigen, aber davon machte ſie auch einen ſo unge⸗ noch den nächſten Morgen ein Wort über ihre Lippen kam. Erſt nach dem Frühſtücke that ſie den Mund auf, um lakoniſch zu erklären, daß ſie nicht länger in Leipzig zu bleiben wünſche. Der Couſin kam ihrem Wunſch mit der größten und kälteſten Artigkeit ent⸗ gegen, beſorgte eine„Gelegenheit“, half ihr und der „Frau Sekretären“ in den Wagen und ließ ſie fort— fahren. Dieſe Rückkehr in das Thurmhaus vergaß Amalie lange nicht, ja mehrere Monate blieb ſo etwas wie eine Furcht vor Erdmuthen in ihr, ſie war uiht gern allein mit der Schweſter, und kam faſt nie in das Erkerzimmer. Erdmuthe hatte ſie„gar zu ſchlecht gemacht“, wie Amalie ſpäter einmal ihnr älteren Schweſter klagte. Worüber ſie nie klage, das war die Veränderung in dem Betragen des Couſin's, wel⸗ ches von dem unglücklichen Abend an nur noch in der allerunumgänglichſten Höflichkeit, ir der ſteifſten Förm⸗ lichkeit beſtand. Erdmuthe ſagte ſie hätte das erwar⸗ tet, und man könnte es einem ſo feinen Manne nicht verdenken, daß er ſich geſchänt hätte. Amalie nahm es auch demüthig als wohlierdiente Strafe an, aber darum betrübte es ſie nicht minder. Das erſte Luft⸗ ſchloß oder vielmehr die eſte Luftküche, welche ſie ge— baut, war über ihrem HKrzen zuſammen geſtürzt, und die Trümmer lagen reck ſchwer darauf. Es kam wohl vor, daß Amalie mit dm Zipfel der Küchenſchürze ſich eine Thräne abwiſcht. Dann ging ſie in ſich und bereute. Sie hatte es doch der ſeligen Mutter ver⸗ ſprochen gehabt, nick mehr an's Heirathen zu denken — das war nun ire Strafe dafür, daß ſie ihr Ver⸗ ſprechen nicht gehalen hatte. Und ihrem Manne im Grabe war ſie uureu geworden, das war auch Un⸗ recht. Nun, es war recht gut, daß es ſo gekommen war. Vielleicht häre ſie dem Couſin ſpäter doch zu ſchlecht geweſen, und er hätte ſie am Ende nicht gut behandelt. Daß hatte ſie den großen Troſt, daß Erd⸗ muthe nie auf den Gedanken gekommen war, ſie, Amalie, könne ſich den Couſin einbilden. Ja, der — liebe Gott hatte ſchon Alles gut gemacht. Die Frau Günthern fing wieder an, munter herumzuſchaffen und ehrlich vergnügt auszuſehen. Allmählich vergaß ſie ſelbſt, daß ſie gelitten hatte, aber daß ſie dem Couſin gut geweſen war, das vergaß ſie nicht. Es war ihr einziges Geheimniß, und daß ſie eines hatte, vor allen 80 — Schweſtern hatte, daß ſie, die ſämmtlich ſo viel klü⸗ ger waren, ſie doch nicht erriethen, blos weil ſie ſelbſt ſich nicht verrieth, das gab ihr im Stillen ein gewiſſes Gefühl von Wichtigkeit, welches dem langjährigen, ge⸗ duldigen Aſchenbrödel des Thurmhauſes wohl zu gön⸗ nen war. (Fortſetzung folgt auf S. 100.) S'iſt angeſpannt! (Taf. 6.) Das waren goldene Zeiten, als die Eiſenbahnen noch nicht erfunden waren, und die Reiſen im Eil—⸗ wagen zurückgelegt werden mußten! Da konnte man Bekanntſchaften anknüpfen, dieweil man ſich ja nicht blos Stunden⸗ oder gar nur Minuten⸗, ſondern viel⸗ mehr Tag⸗ und vielfach Zwei⸗ oder Drei⸗Tagweiſe gegenüberſaß! Da gabs Abenteuer und komiſche Auf⸗ tritte in Menge, denn der Eilwagen warf nicht ſelten um, und noch öfter blieb er im Koth oder im Schnee ſtecken! Solches Alles iſt nun wie weggeblaſen und eine grenzenloſe Eiſenbahn⸗Proſa an ſeine Stelle ge⸗ treten, eine Proſa, die einen gefühlvollen Menſchen zur Verzweiflung bringen könnte, wenn er gezwungen wäre, ebenſolange im Dampfwagen zu ſitzen, als früher in der Poſtkutſche; allein zum Glück rast die Lokomotive gar ſchnelle, und ehe man ſich's verſieht, iſt man zur Stelle. Noch weit mehr übrigens als die Reiſenden haben de Wirthe und insbeſondere die Poſthalter verloren; ‚ja kiele der Letzteren müſſen ſich geradezu als ruinirte Menfhen betrachten. Herr du meine Güte— man komme ietzt in ein Landſtädtchen, in deſſen beſtem Gaſt⸗ hof früher allabendlich Dutzende von Fremden verkehr⸗ ten; wie ſiht's nunmehr in unſeren Tagen aus? Alle Vierteljahre Ueibt ein einziger Reiſender über Nacht und monateweifeſtehen die ſämmtlichen Gaſtbetten total leer! Warum aber dies? Einfach, weil jeder Reiſende ſich beeilt, noch vor Abendwerden vermittelſt der Eiſen⸗ bahn die Reſidenz ode wenigſtens eine größere Stadt zu erreichen, um in dern Genüſſen zu ſchwelgen! In einem Landſtädtchen zu übernachten ſchaurig, an eine ſolche Langeweile nur zu denken; da⸗ rum vorwärts auf die nähſte Station, damit man den letzten Zug nicht verſäunt! So in Beziehung auf das Logement! Wie ſteht's nun aber vollends mit den Gaäͤthöfen, wo der Eilwa⸗ gen früher zur Frühſtückszeit odr zum Abendeſſen oder gar über Mittag Halt zu machen pflegte? Ach leider noch viel erbärmlicher! Kein Eiwagen und folglich auch keine Gäſte mehr! Köchinnen und Kellner mußten entlaſſen werden, und die Küche ſelkt könnte man ver⸗ pachten, wenn man nur einen Pähter finden würde. Iſt das auch recht, einen ehrlichen Poſthalter ſo um ſein tägliches Brod zu bringen? „Einen ehrlichen Poſthalter?“ Wißwollen glauben, daß die Meiſten es geweſen ſind und noch ſind, aber denkt nicht Jeder von uns, der in früeren Zeiten ge⸗ nöthigt war, eine längere Reiſe zu zachen, immer noch mit eben ſo großem Unwillen als Schrecken an puh, es iſt „diejenigen“ unter den Poſthoteliers, welche es mit dem Eilwagenreiſenden„nicht ehrlich“ meinten, ſondern die⸗ ſelben vielmehr als„Hähnchen“ betrachteten, die man „rupfen“ müſſe? Freilich jetzt in unſeren Tagen ſind, wie ſchon angedeutet, dergleichen„Rupfereien“ gleich⸗ ſam nur noch Reminiscenzen, aber damals— damals! Der geneigte Leſer, beſonders der jüngere, ſchüttelt vielleicht etwas ungläubig den Kopf und meint, wir übertreiben, allein wahr bleibt doch wahr, und um ihm den Beweis dieſer Wahrheit zu liefern, brauchen wir blos ein einziges Beweisſtück anzuführen, das Beweis⸗ ſtück des famoſen Worts:„S'iſt angeſpannt!“ Man denke ſich alſo einen Eilwagen vollgepfropft von Reiſenden, dazu vielleicht eine oder zwei Bei⸗ chaiſen, welche nicht minder angefüllt ſind. Dieſe zwölf bis zwanzig Paſſagiere ſind die ganze Nacht, ſo wie den ganzen Vormittag hindurch gefahren, und wäh⸗ rend dieſer langen, langen Zeit haben ſie nichts über den Mund gebracht, als Morgens in aller Frühe eine Taſſe Kaffee mit einem winzig kleinen Milchbrödlein. Zur Frühſtückszeit nämlich, um ſechs oder ſieben Uhr, hielt der Eilwagen an einer gewiſſen, zum Voraus be⸗ ſtimmten Station an, und der Conducteur hatte den fröhlichen Ruf erſchallen laſſen:„Zehn Minuten Zeit, um den Kaffee einzunehmen.“ Eilends ſtürzten nun die Paſſagiere in die Gaſtſtube, und allda ſahen ſie auch richtig den Tiſch gedeckt und die Taſſen aufgeſtellt. Aber leider litt die Köchin des Herrn Poſthalters etwas an Schlaftrunkenheit, und ſomit war es ihr unmög⸗ lich geweſen, den Labetrunk zur rechten Zeit fertig zu bringen. Was Wunder alſo, wenn der beſagte Kaffee erſt zwei Minuten vor der ſtipulirten Abfahrtszeit auf den Tiſch kam, und es ſomit ſelbſt dem geübteſten Heißtrinker nicht gelang, mehr als eine einzige Taſſe hinabzubringen? Freilich der Poſthalter litt keinen Schaden dadurch, denn er ließ ſich von Jedem der Mitfahrenden die„ganze“ Portion bezahlen; allein die Paſſagiere! Doch was liegt am Ende daran, ob man eine oder zwei Taſſen getrunken, ob man ein oder zwei Milchbrode gegeſſen; es ſind ja nur fünf d oder ſechs Stunden Zeit zu überwinden, bis man die Mittageſſensſtation erreicht hat, und da kann man es ſich ſchmecken laſſen. So tröſtet Einer den Andern, und mit frohem Muthe ſieht Jeder der Zukunft ent⸗ gegen, denn der Poſthalter, bei dem man über Mittag * enthal Wage in A zu ve dein ter G Herau Geim riecht lich zuger ruft liche ſüß und (Tio Sie ſich glei „bitt betre wird nun müſ Riß eine ſow gehe lich ein dul Ze hält, iſt, wie der Conducteur verſichert, weit und breit n wegen der guten Küche, die er führt, bekannt. 483 endlich genau um 12 Uhr Mittags hat man die er⸗ ſehnte Station erreicht und—„dreißig Minuten Auf 3 Endlich, viel klü⸗ ſie ſelbſt gewiſſes eigen, ge⸗ zu gön⸗ mit dem ndern die⸗ die man gen ſind, gleich⸗ damals! ſchüttelt nt, wir um ihm chen wir Beweis⸗ unt!“ 3 gepfropft vei Bei⸗ Dieſe jracht, ſo und wäh⸗ hts übe⸗ ühe eine brödlein. eben Uhr, oraus be⸗ hatte den ten Zeit n nun die enthalt“ ruft der Conducteur in die ſchnell geöffneten Wagen hinein. Ha, welche Wonne! Ein vortreffliches Mittageſſen in Ausſicht und dreißig Minuten Aufenthalt, daſſelbe zu verzehren! Freue dich, du hungriger Magen, denn dein Appetit ſoll geſtillt, freue dich auch, du verwöhn⸗ ter Gaumen, denn ſelbſt du ſollſt befriedigt werden! Heraus aus dem Wagen, hinein in die Gaſtſtube! Beim Himmel, der Conducteur hat recht gehabt; es riecht vortrefflich von der Küche her, und die appetit⸗ lich mit weißem Linnen und dem ſauberſten Service zugerüſtete Tafel ladet freundlichſt zum Eſſen ein! „Nehmen Sie gefälligſt Platz, meine Herrſchaften,“ ruft der höfliche Poſthalter, und verneigt ſich mit ſicht⸗ licher Befriedigung über die Menge von Paſſagieren ſüß lächelnd nach allen Seiten.„Sie werden Hunger und Durſt haben, das kann ich mir ſchon denken, aber Sie ſollen ſämmtlich zufrieden geſtellt werden.“ - 81— Man reibt ſich die Hände vor Vergnügen, und ſetzt ſich flugs an die Tafel, erwartend, daß das Eſſen ſo⸗ gleich ſeinen Anfang nehmen werde. „Meine Herren und Damen,“ ruft der Poſthalter, „bitte zuerſt die Weine zu beſtimmen. Hier iſt die betreffende Karte, belieben Sie auszuleſen; die Suppe wird ſogleich kommen.“ „Das iſt ein Mann nach unſerem Herzen,“ erklärt nun ein Theil der männlichen Paſſagiere,„bei dem müſſen wir auch etwas aufgehen laſſen.“ Somit beſtellt der Eine Affenthaler, der Andere Rißling, der Dritte Traminer, und der Vierte gar eine noch theurere Sorte. ſowie noch mehr über dem Bringen des Weins ver⸗ gehen verſchiedene Minuten, und wie endlich die ſämmt⸗ lichen Paſſagiere bedient ſind, zeigt die Uhr bereits auf ein Viertel nach zwölf Uhr. „Die Suppe, die Suppe,“ rufen nun die Unge— duldigen, die mit Schrecken das ſchnelle Vorrücken des Zeigers bemerken.„ „Sogleich, in der Minute,“ erklärt der Poſthalter, ſich abermals nach allen Seiten verneigend. nur noch für einen kleinen Augenblick um Nachſicht. Dafür ſollen Sie aber auch eine ganz exquiſite Mahl— zeit erhalten, in der That, eine ganz exquiſite. Kann's Ueber dem Ausleſen jedoch, „Bitte Ihnen jetzt ſchon ſagen, was auf den Tiſch kommt, damit Sie Ihren Appetit darnach einrichten und Ihren Magen nicht mit den ſchlechteren oder vielmehr gewöhn⸗ licheren Vorſpeiſen erfüllen. Zuerſt alſo erhalten Sie eine vortreffliche Nudelſuppe, dann Ochſenfleiſch, nicht Rindfleiſch, wie Sie vielleicht glauben möchten, ſon⸗ dern wirkliches gemäſtetes Ochſenfleiſch, mit dreierlei kaltem und zweierlei warmem Zugehör; drauf zweier⸗ lei Gemüſe, nämlich einmal Sauerkraut nebſt Blut⸗ wurſt, Schweinefleiſch und geröſteten Spätzlen, und zum Andern Carviol nebſt Brislein und gehackten — Pfannkuchen; weiter einen acht Pfund ſchweren Hecht, der erſt heute Morgen gefangen wurde, ſowie veritable Königskrebſe; hintenher Kapaunen, Schweinskopf und junge gebratene Enten; ſofort ein ſüßes Gemüſe für die Damen nebſt ſaurer Rehzunge und ſonſtigem Wild⸗ pret für die Herren; endlich Rahmtorte, Zimmtſterne und ſonſtiger Nachtiſch. Sie ſehen, meine Herrſchaf⸗ ten, daß ich meinen Gäſten etwas Ordentliches liefere, und Ihnen alſo den Gulden, welchen die Mahlzeit ohne Wein bei mir koſtet, nicht für nichts und wieder nichts aobnehmen werde.“ Leierſtunden. 1863. dem Anfang des Tiſches entſprechen, ſo „Ausgezeichnet, mein Vortrefflichſter,“ entgegnete Einer der Paſſagiere im Namen der Andern,„aber nun laſſen Sie endlich auftragen.“ „Im Momente,“ ruft der Poſthalter,„ich eile ſelbſt in die Küche, damit Alles um ſo ſchneller von Statten gehe.“ In der That rennt er hinaus, und die Paſſagiere hoffen nun endlich ihren Hunger ſtillen zu können, aber fünf, ſechs, ſieben Minuten vergehen, ohne daß ſich etwas zeigt. In der Verzweiflung halten ſich Viele an's Brod und ſchlingen einen Brocken nach dem an⸗ dern hinunter; allein wie nun der Uhrenzeiger auf zwei⸗ undzwanzig Minuten nach zwölf Uhr zeigt, da reißt ihnen Allen der Faden der Geduld. „Die Suppe, die Suppe,“ ſchrieen ſie wild zu— ſammen,„oder wir zahlen keinen rothen Heller, und ſetzen uns in den Eilwagen, ohne etwas gegeſſen zu haben.“ Und ſie kommt, die lang erſehnte Suppe! In dem⸗ ſelben Momente, als der Tumult allgemein wird, kommt ſie, und im Nu hat jeder Paſſagier einen vol— len, faſt überlaufenden Teller vor ſich! „Ha, endlich einmal etwas Warmes in den armen, bedürftigen Magen,“ flüſtert der Eine oder der Andere der Paſſagiere, und die Mienen von ihnen Allen hei⸗ tern ſich ſichtlich auf. Aber—„Herr Gott im Him⸗ mel, wie habe ich mir den Mund verbrannt!“ ruft plötzlich eine Dame, die zu haſtig geweſen iſt, und ganz ebenſo äußern ſich auch die meiſten Uebrigen. Die Suppe iſt nämlich brühheiß auf den Tiſch gekom⸗ men und raucht noch wie ein Schornſtein, ſo daß man ſie unmöglich genießen kann, ohne ſie eine oder zwei Minuten lang geblaſen zu haben. Demgemäß blaſen Alle zuſammen, was das Zeug hält, und ihre Backen werden ſo voll, wie die von Poſaunenengeln, bis ſich endlich die Brühe verſchluckungsfähig erweist. Mittlerweile hat der Poſthalter das berühmte Rind⸗ oder vielmehr Ochſenfleiſch hereingebracht, und tranchirt es ſofort mit eigenen Händen. Die Paſſagiere können ſich demnach überzeugen, wie ernſt es ihm iſt mit der ſchnellen Aufwartung.„Hurtig die Teller gewechſelt,“ erſchallt ſein Commandowort, und im Nu iſt Alles geſchehen. Den Augenblick darauf hat jeder Paſſagier ein mächtig Stück Fleiſch vor ſich liegen, und auch was die fünferlei Zugehöre anbelangt, hat der Herr Gaſtgeber nicht gelogen.„Zugegriffen alſo, meine Herren und Damen, zugegriffen, denn es iſt an Nichts Mangel!“ Die Gäſte laſſen ſich das nicht zweimal ſagen, ſondern gehen tüchtig in's Zeug, und die Platte mit dem Rindfleiſch wird leerer und leerer, aber— wäh⸗ rend das Ochſenfleiſch verzehrt wird, geht der Ober⸗ kellner auf einen Wink des Poſthalters mit einem lee⸗ ren Teller bei den Paſſagieren herum, und ſammelt von Jedem den bewußten Gulden für den trockenen Tiſch, ſowie das Geld für den beſtellten Wein ein. Der Herr Gaſtgeber iſt ſomit jedenfalls geſichert, mag nun auch kommen, was da wolle! Das Ochſenfleiſch iſt verzehrt und hat vortrefflich gemundet. Nun alſo zum Carviol mit den Brislein und den gehackten Pfannkuchen, oder wer's vorzieht zum Sauerkraut mit der Blutwurſt, dem Schweinsbraten und den geröſteten Spätzlen! Wahrhaftig(ſo denkt⸗ Jeder bei ſich ſelbſt), wenn die kommenden Speiſen, iſt der Gulden, 11 der ſoeben eingeſammelt wurde, nicht hinausgeworfen! Aber— Herr du meine Güte, was ſchlägt denn die Uhr da?„Eins, Zwei; Eins, Zwei!“ Sollte es denn wirklich zwei Viertel nach zwölf Uhr ſein? Einige der Paſſagiere reißen ihre Taſchenuhren heraus, und— richtig es iſt halb ein Uhr, die Zeit, wo wieder abge⸗ fahren werden muß! „Herr Poſthalter! Herr Poſthalter!“ rufen die Paſſagiere,„ſo machen Sie doch mit dem Eſſen vor⸗ wärts, ſonſt müſſen wir abreiſen, ehe das Gemüſe auf dem Tiſche ſteht.“ Doch ihr Ruf iſt ein vergeblicher, denn der Herr Poſthalter iſt plötzlich verſchwunden und mit keinem Auge mehr zu ſehen.„Dienſtgeſchäfte, dringende Dienſt⸗ geſchäfte!“ ſagt der Oberkellner.„Unmittelbar vor der Abfahrt des Eilwagens hat der Herr Poſthalter immer unendlich viel zu thun; allein Sie ſollen deßwegen doch auf's Prompteſte bedient werden, und überdies fährt der Eilwagen nie ſo ganz präcis ab.“ Fort rennt er, in die Küche hinaus, um ſein Wort wegen der prompten Bedienung zur Wahrheit zu machen, und nach zwei Minuten ſchon erſcheint er wie⸗ der unter der Thüre mit einem mächtigen Schweins⸗ braten auf einer Platte. Aber in demſelben Momente, da er von der Küche hereinkommt, wird unter der Thüre, welche vom Hausgang in's Zimmer führt, die Geſtalt des Conducteurs ſichtbar. Derſelbe hat ſich bereits in ſeine Tücher gewickelt und den dicken Schaf⸗ pelz umgeworfen. was er ſagt, muß als„Dienſtbefehl“ angeſehen werden. „Meine Herrſchaften,“ ruft er mit ſtarker Stimme, „s'iſt angeſpannt!“ Verwirrt, entſetzt fahren die Paſſagiere auf.„Aber der Kellner ſagte uns ja ſo eben,“ rufen ſie wild durcheinander,„daß es nicht ſo genau mit der Zeit genommen werde, und wir ſind noch nicht einmal beim Gemüſe, viel weniger beim Braten und den Fiſchen.“ Er iſt alſo„fix und fertig“, und „Thut mir leid, daß Sie nicht ſchneller gemacht haben,“ erklärt der Conducteur kaltblütig,„allein meine Vorſchrift lautet, um halb ein Uhr abzufahren.“ „Nun ſo geben Sie wenigſtens noch fünf Minuten zu, bitten ihn Einige,„damit nicht vollends drei Vier⸗ theile des Eſſens verloren gehen.“ „Habe ſchon mein Möglichſtes gethan,“ entgegnete V der Conducteur noch kälter als zuvor,„denn meine Uhr weist bereits drei Minuten über ein halb nach zwölf. Alſo nochmal, meine Herrſchaften, s'iſt an⸗ geſpannt, und wer mitfahren will, muß in einer Minute im Wagen ſitzen.“ Mit dieſen Worten dreht er ſich um, ſchlägt die Thüre hinter ſich zu, und— faſt noch im ſelben Mo— mente bläst der Poſtillion ſein Zeichen zur Abfahrt. „Heiliger Gott, s'iſt Ernſt,“ rufen die Paſſagiere, und rennen nach ihren Hüten, Stöcken und Mantel⸗ ſäcken. Oder ſollen ſie etwa des Eſſens wegen, das ſie nicht empfangen haben, ihre Fahrkarte, die ſie ſo und ſo viel koſtete, einbüßen? Nein, beim Himmel, von zweien Uebeln muß man das geringſte wählen, und darum gute Nacht Sauerkraut und Schweinefleiſch, gute Nacht Carviol und Brislein, gute Nacht Hecht, Königskrebſe, Kapaunen, Schweinskopf, Enten, ſüßes Gemüſe, Rehzunge, Wildpret, Rahmtorte und Zimmt⸗ ſterne! Lebt wohl für immer, ihr mögt nun in der Wirklichkeit oder nur im Munde des klugen Poſthalters vorhanden geweſen ſein, denn die Reiſenden müſſen fort, weil der Eilwagen abfährt! In einer Minute ſind ſie Alle von Neuem in die Chaiſen verpackt, und fort geht's unter dem lauten Geknall der Poſtillione. Sollte aber vielleicht das Knallen nur deßwegen ſo ſtark ſein, damit man das Schimpfen der armen„Viertelsgeſpeisten“ nicht ver⸗ nehmen könne? Wir wiſſen es nicht; doch ſo viel wiſ⸗ ſen wir, daß der Poſthalter, ſowie der Eilwagen mit den Beichaiſen abgefahren, ſchmunzelndes Antlitzes aus ſeinem Arbeitsſtübchen tritt und ſich vergnüglich die Hände reibt. Er hat ja ein Mittageſſen von Suppe und Rindfleiſch, das keine fünfzehn Kreuzer werth war, für einen baaren Gulden verkauft! Solches bedeutet das Wörtlein:„S'iſt angeſpannt!“ welches an der Spitze dieſes Aufſatzes ſteht, und gibt uns nun der Leſer recht, wenn wir ſagten: die Poſt⸗ halter hätten früher hie und da die Eilwagenpaſſagiere für„Hähnchen“ betrachtet, die man„rupfen“ müſſe? Jetzt freilich iſt's ganz anders und ſelbſt da, wo keine Eiſenbahnen fahren, trifft man nur noch ehrliche Poſt⸗ halterei⸗Inhaber! Th. Gr. Vom Waldkater. Auf dem ſchönen Schloſſe zu Blankenburg wohnte ſeit alter Zeit ein mächtiges Grafengeſchlecht, das ſchon zur Heidenzeit auf dem nahen Regenſtein ſeine Burg gebaut hatte. Lothar von Supplinburg, der Sachſen⸗ kaiſer, hatte den Grafen ten Thron umſtürmten, ihm ſtets treu und gewärtig geweſen waren, und überließ, als er 1137 in Königs⸗ lutter begraben ward, ihnen die Sorge, ſich gegen die von Neid erregten Harzdynaſten zu vertheidigen, wel⸗ ches keine ganz leichte Arbeit war, deren ſie ſich indeß mannhaft unterzogen. Anno 1386 noch hatte Dietrich von Wernigerode ohne Abſage und trotz des erſt von ie ragende Blankenburg ge⸗n ſchenkt, weil ſie in den Fehden, die ſeinen oft bedräng⸗ ihm beſchworenen Landfriedens die Burg in Abweſen⸗ heit des Beſitzers zur Nacht überfallen und geplündert. Nur wenig Wochen hernach fiel er in die Hände des Blankenburgers, der Gericht über ihn halten ließ. Als eehrloſer Räuber ward er verurtheilt, am Zaum des ggenen Roſſes gehängt zu werden;. Hans von Bleicherode, dem ein ſolcher ehrloſer Tod ein alter Ritter, doch gar zu hart deuchtete, und der ſeinem Lehensherrn gern einen ehrenhafteren gönnen mochte, ſpaltete ihm darnach mit gewaltigem Schlage das Haupt bis zum Kinn, worauf die übrigen Ritter ihn, noch blutend, Seit dieſer ſchau⸗ rigen Rachethat hatten die Grafen von Blankenburg an die nächſte Eiche aufknüpften. Ruhh liche ſehen fen ſtatte ein dr zich Glau regie ſtrer 08 mno gab ſond Tr Lün heun eine heu Eu ſt eun meine halb nach F'iſt an⸗ in einer chlägt die lben Mo⸗ Abfahrt. aſſagiere, Mantel⸗ gen, das die ſie ſo Himmel, e wählen, einefleiſch, icht Hecht, ten, ſüßes d Zimmt⸗ un in der ooſthalters n müſſen im in die em lauten leicht das man das vicht ver⸗ viel wiſ⸗ vagen mit Flites aus lglich die i Suppe derth war, eſpanut!“ und gibt die Poſt⸗ ppoſſagiert 1 müſſe? „wo keine lch vo⸗ z. Gr. Ruhe vor den böſen Nachbarn, und hielten mit fürſt— licher Pracht Hof auf der neuerbauten Pfalz. Und ſo ſehen wir auch zu Anfang dieſer Erzählung den Gra⸗ fen Ulrich IV. auf ſeinem ragenden Schloſſe, von ſtattlichen Mannen, wie einer Leibgarde, umgeben, die ein tapferer jungerer Ritter, Georg von Lünderſtedt, der ſchon mit dem Grafen gegen die Türken mit Aus⸗ zeichnung gefochten, befehligte. Hatte er hier ſchon gelernt, den Menſchen, weß Glaubens er auch ſei, zu achten, ſo ſah er an dem regierenden Herrn Grafen das ſchroffe Gegenſtück. Im ſtrengen Dogma der päbſtlichen Lehre erwachſen, er⸗ ſchien ihm jeder davon Abweichende als verdammlicher Abtrünniger, deſſen Irrlehren man mit Feuer und Schwert ausrotten müſſe. Seinen harten Worten folgte er indeß keineswegs mit der That, welche überall ein mildes Herz zeigte, welches beſonders darnach ſtrebte, Niemandem Unrecht zuzufügen, und dieſen ſeinen Grund⸗ ſatz ſo energiſch verfolgte, daß ſeine Zeitgenoſſen, die es in dieſem Punkte nicht ſo ſtreng genommen haben mögen, ihm den Beinamen„der Wunderliche“ gaben. Es ſollte dies keineswegs ein Scheltwort ſein, ſondern nur ſein öfteres Abweichen vom Thun und Treiben der gewöhnlichen Ritter und Herren bezeichnen. Und auf dieſe Weiſe konnte der Hauptmann von Lünderſtedt ſeinen Herrn Grafen bei der Rückkehr vom heutigen Spazierritte wieder beobachten.„Ich habe eine Arbeit für Euch, rief er ihm entgegen, die Ihr heute noch thun ſolltet, falls es nicht zu ſpät für Euch wäre.“ „Ihr wißt ſchon, Herr Graf,“ entgegnete der Rit⸗ ter,„daß in Eurem Dienſt mir keine Stunde zu ſpät oder zu früh iſt.“ „Nun, nun,“ murrte der Wunderliche,„es thut's auch morgen früh, zumal, da Ihr Euch ganz wapp⸗ nen müßt.“ „Ahho,“ meinte der Hauptmann,„Ihr wollt den von Aſſeburg zur Rede ſtellen laſſen wegen ſeiner Worte zu Ilſenburg. Ich denke, er wird Abbitte leiſten.“ „Da wäre der Buhzo wohl ein rechter Gauch!“ polterte Graf Ulrich.„Er hat ganz recht: es iſt ja wahr, daß ich ein türkiſch Mägdlein im Schloſſe halte.“ „Alles mit Unterſchied;“ kopfſchüttelte der Ritter. -= 83— „Noch nicht ganz!“ entgegnete der Offizier.„Was hat er denn gegen meinen Grafen und Herrn ver⸗ brochen, und wo iſt ſeine gefährliche Gemeinde?“ „Das iſt der Pfarrer von Weſterſtetten und Tru⸗ denſtein, der alte Henning Radeke, deſſen Schwe⸗ ſter die Frau von Veltheim iſt. Der läßt in ſeinen Kirchen die Lieder ſingen, ſo der Pfaff von Witten⸗ berg zuſammen gereimt hat, daß ſich die ganze Geiſt⸗ lichkeit bitter und mit Recht beklagt. Den ſollt Ihr mir gefangen daher bringen, und unten in den hintern Thurm legen; dort kann er ſingen, was er will, nur, daß ich und der Abt es nicht hören.“ Der Hauptmann trat einen Schritt zurück. Der Mann, den er in's Gefängniß führen ſollte, war ſein väterlicher Freund und Lehrer, den er erſt vor einer Stunde verlaſſen hatte, und noch mehr, der leibliche Oheim ſeiner Herzliebſten, Bertha von Veltheim, von dem er ſie noch zu erringen hoffte, wenn er ſich klug in ſeine Launen zu fügen wußte.—„Mit Gunſt, Herr Graf!“ hob er endlich an,„kennet Ihr auch die Ketzer⸗ reime, die er ſeine Trudenſteiner ſingen heißt? und iſt Keiner der Bürger darunter, der ihm widerſpräche?“ „Ich weiß und will nichts davon!“ polterte Graf Ulrich;„da hat mir ein Mönch von Halberſtadt den Anfang davon aufſchreiben müſſen, wie der Abt ihm geboten. Lest ſelbſt.“* Der Ritter nahm das Pergament und las mit Schrecken die zierliche Mönchsſchrift: „Ein' feſte Burg iſt unſer Gott, Ein' gute Wehr' und Waffen!— „Nun, das fängt ſo ſchlimm nicht an, Herr Graf, ſo weit ich's verſtehe!“ „Ach was!“ zankte der Herr,—„es wird bald anders kommen, wenn man's weiter hören würde.“ „Er hilft uns frei aus aller Noth, Die uns jetzt hat betroffen— Der alt' böſe Feind, Mit Ernſt er's jetzt meint, Groß' Macht und viel Liſt, Sein' grauſam Rüſtung iſt; Auf Erd'n iſt nicht ſein's Gleichen!“ „Nun, nun,“ murrte der Graf, von den ritter⸗ lichen Bildern des Liedes beſtochen,„wenn das ganze Lied ſo wäre, ſo mögt' es ſchon gehen; aber der Teu⸗ fel iſt ein Schelm; erſt lauft er, und ſtellt ſich gar „Ihr haltet die Dirne nicht mit Gewalt zurück, ſon⸗- dern zum Segen der Verlaſſenen, Heimathloſen!“ „Iſt all' Einerlei,“ ſchalt Graf Ulrich.„Er hat nicht mehr und nicht minder geſagt, als die Worte, die meine Ehre nicht antaſten, da die fatme Keefe Rhebiſch offen in der Burg aus⸗ und eingeht, und meiner Tochter für ihren Gehalt redlich dient. Nein, es iſt ein armer, alter Pfaff, dem Ihr zu Hofe rei⸗ ten und ihn gefangen daher führen ſollt.“ „Gewappnet?“ frug unwirkeſch der Hauptmann; „da thät's auch wohl ein Junkerlein aus der Hof⸗ ſtube!“ „Nein, nein!“ bellte der Alte.„„Es iſt ein alter Narr, der ſonſt ein braver Mann ſein ſoll, den ſeine Gemeinde liebt und kehrt, ſo daf ſie mir ſolch' ein Knäblein todt ſchlagen könnte. Dann müßtet Ihr mit⸗ ten durch Abbenrode mit dem Ketzer reiten, und des Abts faule Knechte wären im Stunde, ſich an ihm zu vergreifen, zum Beweiſe, daß ſie doch nicht taugen.— Wißt moorgen früh ſelbſt reiten ſolles He!“ brav, bis er dem dummen Narren den Strick über den Hörnern hat, dann zeigt er bald die Zähne. So ſagte der Abt erſt geſtern.“ Wunderliche mit ärgerlichem Lächeln. zu etwas Ehrlichem hr nun, warum Ihr 3 lich genannt, alſo, ſagt der hochwürdige Abt, ſeien „Aber, woran erkennt es denn der Hochwürdige, daß es der böſ' Valant iſt, der auf den Fang geht,“ frug der Hauptmann,„wenn er ſich ſo klug zu ver⸗ ſtellen weiß?“ „So fragt nur ein einfältiger Landsknecht, der nichts weiß, als feſt dreinſchlagen,“ entgegnete der „Die geiſtlichen Herren haben ſchon feinere Naſen, aber auch du kannſt es alsbald merken, daß er um den Weg iſt, wenn du hörſt, daß er dem Herrn und Heiland mit Worten und Werken aus dem Wege geht.— Doch ich glaube, es ſind noch mehr derlei wittenbergiſche Liedlein verzeich⸗ net; an dem erſten dünkt mich nichts Verdammliches.“ „Das zweite,“ las der Ritter von Lünderſtedt,„iſt noch chriſtlicher, als das erſte. Es beginnt: Es woll' uns Gott gnädig ſein, ſammt Chriſt und ſeinem Geiſte! Dort wird ja die ganze heilige Dreifaltigkeit ausführ⸗ 11* - 84— die Lieder keineswegs vom böſen Geiſte. Da bittet das Mönchlein expreß um Gottes Gnade, und ſpricht ſo ferner: ‚Vor's Teufels Gewalt fortan uns behüt!’“ Und ſo wird der böſe Geiſt doch nicht wider ſich ſelbſt beten; nein, ſo dumm iſt der nicht!“ „Wo ſteht das?“ fuhr Graf Ulrich auf.„Ihr macht mir am Ende weiß, der Ambroſianiſche Lobge⸗ ſang ſei von dem Doctor aus Wittenberg. Sagt mir doch, woher Ihr all' das gelehrte Zeug habt, das mancher Pfaff nicht weiß.“ „Herr Graf,“ entgegnete der Ritter feſt,„das kommt daher, weil ich mich überzeugen wollte, was an dem Pabſt zu Rom und an den fortwährenden An⸗ feindungen iſt, die man gegen ihn ſchleudert. So habe ich denn manch' gutes Buch auf Wache und Poſten geleſen; ſolche, die gar ernſtlich für Rom gefochten, und natürlich auch die, ſo dagegen geſtritten, wie Doc⸗ tor Martinus von Wittenberg.“ „Und was habt Ihr nun daraus gewonnen und profitirt?“ frug der Graf ſcharf. „Daß auf römiſcher Seite gar viel Unrecht liegt,“ antwortete der Hauptmann,„daß es aber auch keine Kleinigkeit iſt, dem Pabſt an die Tiare und all' den Biſchöfen und Aebten an die ruhigen fetten Pfründen zu taſten; daß dies, wenn die andere Seite durchdringt, einen grimmen Krieg geben wird— nun das geht Alles nach Gottes Rath.“ „Sieg dem Recht!“ Schlachtſtimme. „Und dennoch tretet Ihr als Mann und Fürſt auf die andere Seite?“ frug der Ritter von Lünderſtedt. „Den Teufel auf den Bocksfuß will ich treten. Sagt mir dergleichen nicht fürder, wenn wir Freunde bleiben ſollen!“ „Aber doch ſoll ich einen alten Mann, der ſingen läßt, was gut und recht iſt, in den Thurm holen,“ entgegnete der Ritter frei. „So warnt den alten Menſchen, und laßt abſat⸗ rief der Graf mit ſeiner inniger von ihm Troſt erfleht, wie er ſelbſt, der ſpot⸗ tende Zelot.“ „Es ſcheint,“ grollte der Ritter,„ich ſoll heute durchaus einen Klerikus zur Haft bringen, und aber⸗ mals muß ich proteſtiren. Herr Graf, Ihr könnt Euren Beichtvater fortſchicken, wenn ſein Thun Euch nicht gefällt, aber zu ſtrafen habt Ihr nicht Fug und Recht; das ſteht allein dem Biſchof zu.“— Er grüßte geziemend und verließ das Gemach, in dem der alte Herr allein blieb. Nun, ſchalt er, wenn ich nicht mehr Herr ſein darf über mein Geſinde, ſo will ich das Wenige, welches mir die Kirche von meiner Gewalt noch läßt, wenigſtens ausüben. Er rief einem ſeiner Edelknaben, und ließ dem Pa⸗ ter Gordian befehlen, mit der nächſten Frühe das Schloß zu verlaſſen; ſogleich aber die Schlüſſel zur Kapelle ihm, dem Burgherrn, abzugeben.— Dann ging er in die Gemächer der Gräfin, wo er ſeine Tochter fand, die mit ihrer Harfe am beſten ſeine böſen Dä⸗ monen zu beſchwören im Stande war. Am andern Morgen war Graf Ulrich V. ſeiner Gewohnheit nach gar früh auf den Füßen. Die Schlüſ⸗ ſel der Kapelle, die er verlangt hatte, waren doppelt im Archiv verſchloſſen, und, der zweifachen Zurück⸗ nahme eines Befehls an Hauptmann von Lünderſtedt ſich bewußt, traute er dem eigenen Herzen zu wenig, um einen nochmaligen Sturm auf ſeinen Willen zu riskiren. Weit davon iſt gut für den Schuß! murrte er in den Bart und ſprengte hinaus gegen das düſtere teln,“ brummte der Graf, als eben ein Frauenbild in's Gemach trat. Sie blieb ſchüchtern an der Thüre ſtehen, zog den Schleier, der ihr Antlitz deckte, noch tiefer herab, und kreuzte die vollen Arme vor der Bruſt, wie ſie die beiden Männer ſah. Der Graf ſah ihr ſtumm fragend entgegen, doch ſchweigend nur ſank die Eingetretene auf die Kniee. „Was gib'ts,“ frug der Fürſt rauh, doch beruhi⸗ gend winkte hinter ſeinem Rücken der Ritter. „Dein Imam nennt mich beharrlich Hagar, oder ürkin, und deine Tochter glaubt, dies ſeien Scheltworte auf den Islam.“ „Meinſt du mit dieſer Klage den Pater Gordian, meinen Beichtvater?“ frug der Graf. Die Türkin nickte ſchüchtern. „So laß ihn einſperren, bei Waſſer und Brod, Hauptmann Lünderſtedt!“ befahl Graf Ulrich ſtreng, „und ſorge, daß die Herren Confrates ihm nichts An⸗ deres zuſtecken. Laſſen zu bekritteln. Ich habe ihrem Vater, Abbas Paſcha, der beim Sturm auf Widdin unter den Klin⸗ gen meiner Reiter fiel, verſprochen, das gefangene Mägdlein ſolle ihn nicht vermiſſen! Und jetzt will die⸗ ſer Menſch dem armen Dinge ihren Glauben vorwer⸗ fen? Gut oder bös! Es iſt einmal ihr Glaube, an dem ſie, die einſame Waiſe, mehr vielleicht hängt, und Ich will ihm lehren, mein Thun und Bodethal. Das wilde Bergwaſſer tobte ihm ſchäumend entgegen, und ſchien im hochaufſpritzenden Giſcht die Granitblöcke, die es wohl ſelbſt hier herabgewälzt, zer⸗ malmen zu wollen, und wie das Gemüth gern die eigene Stimmung in der Natur um ſich abgeſpiegelt ſieht, ſo behagte dem zornigen Reiter der Titanenkampf der Elemente an ſeiner Seite im wildeſten Toſen am beſten. Sein ſtarker Braunſchweiger Hengſt war ſol⸗ cher rauhen Pfade unter ihm ſchon längſt gewohnt geworden, und ſchritt mit der Sicherheit eines Maul⸗ thieres über dies Felsgewirr dahin, und wenn es vor ſeinen Hufen auch immer unwegſamer wurde. So war Roß und Reiter endlich in eine beiden durchaus unbe⸗ kannte Gegend gekommen; hoch oben ſchien die Roß⸗ trappe aus ſchwindelnder Höhe zu winken, und das raſende Brüllen des Waſſers ließ den Grafen vermu⸗ then, daß er nicht mehr weit von dem umheimlichen Bodekeſſel ſich befinde, wo die böſen Dämonen die centnerſchwere Goldkrone der Rieſenfürſtin hüten, welche ihr bei dem ſchaurigen Satze ihres Zauberroſſes über den Abgrund entfallen war. Dem Bodekeſſel iſt noch Niemand ganz nahe gekommen; nur bei längerem, har⸗ tem Froſt können einzelne Waghälſe und arme Leute, welche das zerſchmetterte Holz, welches der Strom zur Seite hinausſchleudert, ihm nahen, und auch dort das Herrenloſe aufleſen. Dies Alles war dem Grafen wohl bekannt, ja ein Ritter ſeines Geſchlechtes ſollte, hinabgeriſſen in den ſchaumenden Giſcht, dort an den Felſen zerſchellt ſein, und ſo kam ihm der Einfall, ſich dem Sturze ſo viel wie irgend möglich zu nähern. Um dorthin zu gelangen, durfte er nicht die gerade Linie als Weg wählen, die vielleicht einem Steinbocke bequem geweſen wäre, aber ſeinem Braunen durchaus unzugänglich vorkam. Er brauste zornig, nahm die Stange zwiſchen die Mähne, und wich zurück, indem er ſich tanzend i Tan w drehte. Doch abzulaſſen von einer lich broc hin, hera noch Grau mußt nahe d8 il er G des aben Re ern Ar Au ein Re ihr ren Sc Der und gel vorf ſun ind ein Gr der Pl der ſpot⸗ ſoll heute und aber⸗ hr könnt hun Euch Fug und er grüßte der alte icht mehr lich das t Gewalt dem Pa⸗ rühe das lüſſel zur Ddann ging e Tochter öſen Dä⸗ . ſeiner Schlüſ⸗ doppelt Zurück⸗ ünderſtedt za wenig, Willen zu 3 murrte as düſtere ſchäumend Giſcht die välzt, zer⸗ gern die ggeſpiegelt nenkampf Toſen am war ſol⸗ gewohnt les Maul⸗ un es vor So war nus unbe⸗ einem Entſchluſſe war ſeinem Reiter unmöglich. Seit⸗ lich links dehnte ſich eine Wieſe, auf der die Granit⸗ brocken weniger dicht geſtreut lagen, gegen die Schlucht hin, aus der der Strom durch die ſteinerne Rinne herabtobt, und ein alies zerfallenes Zechenhaus gab noch Zeugniß, daß man hier verſucht hatte, aus dem Grant des Bergſtromes Gold zu waſchen. Dorthin mußte er den ſtetigen Gaul lenken, um dem Bodekeſſel nahe zu kommen. Nach einer halben Stunde, in der es ihm gelang, das ſtörrige Thier zu meiſtern, war er an den Ruinen. des alten Baues,— aber Roß und Reiter waren gleich ermüdet von der Arbeit in der heißen Auguſtſonne, und eine Gruppe alter Rothtannen ſchien ihnen mit heh⸗ rem Sauſen ihren Schatten zu bieten. Der Graf ſtieg ab und warf den Zü⸗ gel über ein her⸗ vorſtehendes, ver⸗ ſunkenes Gebälk, indeß er ſelbſt auf einem mooſigen Granitklotz unter der Tannengruppe Platz nahm. Nie⸗ mand hatte wohl ſeit Jahren hier geraſtet, denn die Vögel, die in den Zweigen ihren Tiſch ſtets gedeckt fanden, waren ſo zahm, daß ſie ohne Scheu auf die Kup⸗ pel ſeines Hifthor⸗ nes ſich ſetzten, wel⸗ ches er ſich zur Seite gehängt hatte. Da ſaß er und hörte dem donner⸗ gleichen Brauſen des Wildwaſſers, hörte dem an⸗ ſchwellenden und verhallenden Sau⸗ ſen der Tannengipfel, aus dem der ſcharfe Ton der Tannenmeiſe und der rauhe Schrei des Hähers ſich hervorhob, mit wechſelnden Gedanken zu. Wie iſt es ſo friedlich, ſo ruhig hier, wo das Menſchenvolk nicht zankt und ſtreitet! flüſterte er. Hier will nicht Jeder Recht haben, wenn ſie ſich um kaiſerlicher Majeſtät Bart ſtreiten, ja um die Perſönlichkeit Gottes im hei⸗ ligen Sakramente.— Meine feſte Burg gibt mir nicht Schutz vor all' dem Gekläff und Geziſche. Oho, was iſt denn da wieder los! fuhr er plötz⸗ lich erſchrocken auf, und griff nach dem ſtarken Jagd— meſſer im Gürtel. Daß der Hengſt unruhig geworden war, hatte er wohl kaum bemerkt; jetzt aber hatte das ſtarke Thier die Witterung eines Raubthieres empfun⸗ den, und war zurückgeſprungen; der Zügel hatte den morſchen Balken, über den er geworfen, nachgezogen, und aus dem Innnern ſcholl ein widriges, zorniges und unheimliches Geheul. In dem verfallenen Zechen⸗ häuschen, an der einſamſten Stelle des ganzen Harzes, hatte eine Waldkatze ihr Wochenbett klug gerüſtet. Das Nähern des Reiters war von dem tückiſchen Eltern⸗ paar zwar mit fauchendem Mißtrauen ſchon beobachtet worden, doch der Mann war weiter gegangen, und das Pferd fürchteten die liſtigen Beſtien we⸗ niger. Nun aber hatte der Braune den ſpähenden Papa erblickt, war zu⸗ rückgegangen, und das loſe Geſparre des Daches war praſſelnd einge⸗ ſtürzt. Die zwei Jungen des Neſtes waren darunter er⸗ drückt und die Wuth der Alten war in furchtbarer Stärke erwacht. Der Kater war dem Hengſt auf den Hals geſprun⸗ gen, wo er grim⸗ mig biß und die Krallen in den Kamm der Mähne begrub; die Katze, von mütterlicher Wuth erregt, hatte ſich dem erſchreck⸗ ten Gaul gerade in's Geſicht gewor⸗ fen, wo ſie arge Wunden heulend riß. Der Graf hatte die Noth ſei⸗ nes Gaules mit raſchem Blicküber⸗ ſehen, und der Hieb der ſchweren Klinge ſchlug den Körper der ange⸗ krallten Katze mehr . wie zur Hälfte von einander; das geblendete, und in jeder Sekunde neue, ſchmerzende Wunden empfangende Roß riß ſich ver⸗ zweifelnd los, und tobte über die felſige Fläche davon. Ein Steinblock, über den es hinſetzte, brachte es zu wildem Satz, in dem es den Vorderfuß ſtürzend brach, und nun ſtöhnend da lag, indeß der Kater noch immer den blutübergoſſenen Hals nicht verließ. Der Graf erkannte, daß ſein Pferd verloren war, und im gerech⸗ ten Schmerz um ſeinen Liebling faßte er mit den ſtar⸗ ken, hirſchledernen Handſchuhen die Gurgel des noch wuthheulenden Thieres, das er ſo endlich unter ſeine Kniee brachte, und mit unſäglicher Mühe das zähe Katzenleben bezwang. keineswegs brechen, Blankenburg geſäet hatte. Der Hauptmann von Lünderſtedt hatte eben noch ſeinen Herrn aus dem Schloßthore reiten ſehen, und er wußte, daß bei ſolchen Frühritten ſein ritterliches Herz am eheſten jedem milden Eindrucke offen ſtende Er eilte daher, gleich ſeinen Heugſt Fitlenn zu laſſen, um bei plötzlich zutoßenden Gefahr ihm nahe zu ſein. Und der Spur im thaunaſſen Graſe folgend erreichte er den Wunderlichen gerade, als er vom Kampfe mit der tückiſchen Beſtie verſchnaufte.„Seid Ihr verletzt, Herr Graf?“ frug er, aus dem Sattel ſpringend. „Nein, ich nicht,“ antwortete der Herr,„aber der Braune hat den Fuß gebrochen, und beſſer wäre es, wenn es dir oder auch mir geſchehen wäre.“ „Woll's Gott!“ brummte der Ritter;„ein wunder⸗ licher Wunſch!“ „Sei ſo gut, Lünderſtedt,“ bat der Alte „und ſtoß dem braven Thiere das Herz, ich bin ſo erſchöpft, daß ich Leiden des Armen noch verlängern könnte.“ ter zögerte einen Augenblick, doch eingedenk der Ueber⸗ zeugung, daß der treue Gefährte doch nicht zu heilen ſei, zog er das breite Gürtelmeſſer, mit dem der Sie⸗ ger jener Zeit dem gefallenen Gegner die Qual ver⸗ kürzte, und ſtieß es mit ſicherer Hand dem Roſſe in die Bruſt. Das Herz war feſt getroffen, und ohne weitere Zuckung hatte das Thier geendet. Das Hifthorn des Ritters rief laut durch das Thal hinaus, und eilig ward dem Grafen ein friſches Pferd vorgeführt.—„Und ſo ſollſt du hier vergehen, einſam, eine Beute der Füchſe und Raben, wandte er ſich noch an ſeinen Liebling. Nein, ſo darf es nicht ſein! Hier ſoll kein Raubzeug fürder Schutz finden, doch der einſame Wanderer möge raſten an der Stelle, die meinen herben Schmerz und eine unvermuthete Ge⸗ fahr an mir vorüber lenken ſah.“ Er gab ſofort die nöthigen Befehle, daß an dieſer Stelle ſofort ein be⸗ quemes Haus errichtet werde, wo er den Eindrücken einer der großartigſten Scenen des Harzes ſich einſam hingeben durfte;„Bum Waldkater“ ward es ge⸗ nannt, wie es auch heute noch heißt, und oft weilte der Fürſt dort, wo er ohne widrige Störung ſeinen Gedanken über Welt und Leben ſich hingeben durfte. Nur ein ſchweigſamer Knappe und, wenn ſeine Pflicht weich, Schwert durch's zittere, und die Beſatzung unterliegen, Der Rit⸗ — 86— gewünſcht es zuließ, Hauptmann Lünderſtedt durften ihn begleiten. Gar Manches war es, was den einſt ſo rüſtigen alten Kämpen mehr und mehr zum Invaliden machte: be⸗ ſonders der mehr und mehr entbrennende Glaubensſtreit, in dem er ſehr ungern nur Partei nehmen wollte, es doch nicht vermeiden konnte. Deutlich ſah er die Mängel der alten Kirche, aber auch eben ſo klar er— kannte er das Mißliche, an ſo altehrwürdigem Bau zu rütteln, und der Zweifel, ob es möglich ſein werde, mit den kritiſchen Bauleuten etwas Neues und Beſſe⸗ res in Stand zu bringen, plagte ihn ſehr. Mit dem alten Pfarrer von Trudenſtein war er mittelſt der lutheriſchen Kernlieder in ein recht freund⸗ liches Verhältniß gekommen; und deſto länger gedenken würden. doch auch mit dem wahr⸗ haft frommen Biſchof von Halberſtadt und ſelbſt dem tlugen Probſt von Gordian auch viele Neſſeln in den weiten Burghof zu Der neue Schloßgeiſtliche war zwar ſehr behutſam, doch, wo er feſten Boden unter den Füßen fühlte, auch deſto beſtimmter und un⸗ nachgiebiger. Der religiöſe Sinn auf Blankenburg Ilſenburg konnte und wollte er wenn das Fortſchicken des Pater war nicht ſo innig, wie es die geiſtlichen Herren wohl hatten, wenn auch nicht der Art, daß ſie berechtigt geweſen wären, darüber zu ſchelten. Frivol waren die Höflinge wohl überall und zu jeder Zeit geweſen, und ſo hatten bei dieſer Miſchung ſchlaue Ränkeſchmiede den ungehindertſten Spielraum. Die Gräfin Barbara von Zichy hielt ſich von Allem, was ſich um ſie bewegte, ſtreng und ſchroff geſondert; ihre Tochter aber, das frohſinnigere Fräulein Jutta dage⸗ gen war durch ihre Geſellſchafterin eher zugänglich. Und dieſe Dame war es beſonders, die bei den ſchwankenden und keineswegs feſt erprobten Grundſätzen am Hofe Ulrichs V. am meiſten leiden mußte. Sie war, wie ſchon geſagt, die Tochter Abbas Paſchas von Widdin. Nach tapferer Wehr mußte endlich die und die durc den heftigen Wi⸗ derſtand erbitterten Deutſchen wütheten ſo arg, wie die Türken bei ähnlicher Gelegenheit. Graf Ulrich hatte ſeine Leute zum blutigen Sturm geführt, und traf auf der Plattform den ſchwer verwundeten Commandanten der Feſtung, wie er ein mit ſeinem Blute überſtröm⸗ tes Kind, welches harmlos ſchlief, im Arm, es mit letzter Kraft zu ſchützen ſuchte. Die Grenadiere waren im Begriffe, die Bajonette ihm in die Bruſt zu ſtoßen, als der Graf, über den Sterbenden tretend, ihn mit der eigenen Klinge vertheidigte, und dem Scheidenden verhieß, für ſein Kind treue Sorge zu tragen. Und dies Wort hatte er mit ritterlicher Ehrenhaftigkeit an der kleinen Fatme erfüllt. Wie eine dunkle Roſe hatte ſie ſich ſtets duftiger, lieblicher entwickelt; ſie war der Liebling des ganzen Schloſſes geworden, mit Ausnahme der Geiſtlichen, die der harmloſen Türkin ihre Herkunft nicht verzeihen wollten, die doch nicht ihre Schuld war. Gern wohl hätten die Herren ihr mit allerlei Bekeh⸗ rungsverſuchen genaht, doch dies hatte der Graf ſtreng verboten. Betragt euch ſo— pflegte er zu ſagen— daß die Türkin es einſieht, unſer Glaube ſei der er⸗ habenere, beſſere, und ſie wird von ſelbſt und ohne Zwang zu ihm übertreten; ſo lange ſie aber ein Kind iſt, denen der Herr zuerſt das Himmelreich verheißt, ſollt ihr ſie nicht belehren, was Sünde ſei.— Seit die Einſame indeß verſucht hatte, Beleidigungen dem Grafen, ihrem Schirmherrn, zu klagen, und dort nach⸗ drücklichen Schutz gefunden hatte, nahmen die Necke⸗ reien überhand, ja ſie wurden zu wirklichen Quäle⸗ reien, gegen welche die Verlaſſene keine Waffen hatte. Sie wußte, daß der Graf, wenn ſie es ihm klagte, zornig auffahren würde, am andern Tage aber auch Alles vergeſſen hätte, ihre Feinde dagegen ihr die Klage Die Gräfin war für derlei völlig unnahbar, die Prinzeſſin machtlos und furchtſam— kurz Niemand war, an den ſich die Arme ſchutzflehend wenden konnte, als— der ritterliche Lün⸗ derſtedt. Und gar bald fand ſich die Gelegenheit ungeſucht, daß die Schüchterne dem ernſten Manne allein gegen⸗ über ſtand. Weß das Herz voll iſt, deß floß der Mund bald über, und nach einer Viertelſtunde hatte Fatme dem Ritter all' ihren Jammer vertraut. Der Haliünnan blickte ſinnend zum Regenſtein hinauf, bis plötzlich ein heiteres Lächeln ſeine Züge verſchönte. Das kömmt ja gerade zur rechten Zeit, nickte er, wenn du, wie ich hoffe, den Muth haſt, dort auf dem neuen Jagdſchloſſe, dem„Waldkater“, zu wohnen. „Doch nicht allein?“ frug die Erſchrockene. iſt ſo beſond dort, reittt dden die la⸗ Feddzu . Auftr zu be einbü Siebe Schu leitu Küch du ante liche fürc üher die! Lünd hatte burg der e Sche Stü Nach raul Geſ wuf das ehre dem ſan nul dren wohl daß ſie Frivol eder Zeit g ſchlaue n. Die em, was ert; ihre ta dage⸗ gglich. bei den undſäͤtzen ste. Sie Paſchas dlich die igen Wi⸗ , wie die ich hatte traf auf randanten berſtröm⸗ es mit re waren ſtoßen, ihn mit heidenden en. Und igkeit an Roſe hatte war der usnahme Herkunft uld war. à Bekeh⸗ of ſtreig ſagen— i der er⸗ und ohne ein Kind verheiſt, — Seit gen dem ort nach⸗ ie Neck⸗ Quüle⸗ een hatte. m klagte, aber auu die Klage war für ſtlos und die Arme iihe ůn „Keineswegs!“ beruhigte der Nothhelfer. Die Sache iſt ſo:„Du weißt, daß unſer wunderlicher Herr ein beſonderes Wohlgefallen an dem neuerbauten Hauſe, dort an der Bode, findet; wenn er aber allein dorthin reitet, ſo fehlt ihm jede Bequemlichkeit in den weiten, öden Gemächern, und Niemand ſtopft und entzündet ihm die lange, türkiſche Pfeife, an der er ſeit dem letzten Feldzuge ſo vielen Genuß findet. Er hat mir nun den Auftrag gegeben, das Haus mit den nöthigen Perſonen zu beleben, ohne daß es ſeine Stille und Einſamkeit einbüßte. Sechs alte Knechte, die mit dem Herrn in Siebenbürgen waren, ſind für den Stall und zum Schutz genug; beſonders fehlt aber eine weibliche Ober⸗ leitung, die das Ganze ordnet und regiert. Für die Küche und das Hausweſen habe ich geſorgt, ſo daß du gewiß zufrieden ſein wirſt.“ Fatme ſah fragend zu dem Ritter auf, der zögernd antwortete:„die Burgrike!“— Er hatte ein verdrieß⸗ liches Abweiſen dieſer unweiblichen Perſönlichkeit be— fürchtet und ſah zu ſeiner Freude ein beifälliges Lächeln über die ſchönen, dunkeln Züge gleiten; Fatme kannte die Unglückliche, von der die Rede war, genauer, wie Lünderſtedt ahnte. Das ritterliche Geſchlecht der von„Bleicherode“ hatte ſeit mehreren Jahrhunderten auf der alten Harz⸗ burg gehauſet, die vor Zeiten der Stolz und ſpäter der einzige Schutz Kaiſer Heinrichs IV. geweſen war. Schon dieſerhalb war ſie den umwohnenden ſächſiſchen Stämmen verhaßt, und ſie ward gebrochen. Der Nachfolger des unglücklichen Heinrich, ſein harter, rauher Sohn, verſchenkte die verödeten Mauern an das Geſchlecht von Bleicherode, das ſich darin einzurichten wußte. Als aber der Ritter Hans von Bleicherode das Haupt ſeines Lehensherrn von Wernigerode aus ehrenhafter Treue geſpalten hatte, wich das Glück von dem blutbefleckten Geſchlechte, und mehr und mehr ver⸗ ſank es in Armuth und Dunkel, bis zuletzt der Stamm nur noch auf vier Augen ruhte. Der Junker von Bleicherode ward auf der Jagd von einem angeſchweiß⸗ ten Keiler grimmig geſchlagen, ſo daß er den Reſt ſei⸗ ner traurigen Tage nur auf dem Siechbette verbrachte. Seine Schweſter war die Einzige, die im Jammer ſei— nes hülfloſen Zuſtandes treu bei ihm aushielt, dem trotzigen Geſinde mit guten oder harten Worten die Stange hielt, fremdem Uebermuthe kräftig zu wehren wußte, und deßhalb meiſt zu Roß, das Schwert ihres Vaters am Sattel, geſehen wurde. Sie ward deßhalb von den widerſpenſtigen Leuten wirklich gefürchtet, und nach ihrem Vornamen nur„die Burgrike“ genannt. Doch die rauhen Nachbarn traten gegen das kräftige, nothbedrängte Mädchen tückiſch zuſammen, und es blieb ihr, nach dem Tode des Bruders, und nachdem ſie einen frechen Dienſtmann des Aſſeburgers, der ſich ge⸗ gen ſie perſönlich vergangen, ſchwer verwundet, nichts übrig, als auf dem Schloſſe des wunderlichen Blanken⸗ burgers Schutz zu ſuchen, wo ſie ihn auch in vollem Maße gefunden hatte. Ueber zehn Jahre hatte ſie als Schaffnerin hier gewaltet, bis jetzt das Alter ſie ſtumpf und unfähig gemacht hatte, die Geißel kräftig gegen die ſtörrigen Knechte zu ſchwingen, wie es oft nöthig und ihr Brauch war. ns eigener Erfahrung wußte die Vergällte, wie ruck des Uebermächtigen thut, und deßhalb war Hbeiche, angefeindete Fatme ihr Liebling geworden, ſſie überall, wo es nöthig war, ſchirmend zur Seite 161 tetem Zimmer ſeine Pfeife rauchen zu können. trat. Freilich hatte die Türkin in klugem Schmiegen und Ausweichen bereits das beſte Schutzmittel aufge⸗ funden, doch ſagte der Sinnesart der Orientalin eine kräftige Oppoſition wohl mehr zu, wenn ihre Klugheit ihr auch die Bitte an ihre Freundin eingab, ihre Ver⸗ bindung möglichſt zu verheimlichen. Deßhalb erſtaunte Lünderſtedt gewaltig, als Fatme den Vorſchlag, mit der Burgrike den einſamen„Waldkater“ zu beziehen, ſo freudig ergriff. Der Zuſtimmung des Grafen war er gewiß, um ſo mehr, als der Wunderliche den Wunſch ſchon öfter gegen ihn geäußert hatte, und ſeine Tochter bald von dem Schloſſe abzugehen vorhatte. Schleunig und ohne alles Geräuſch, wie der Graf es ſelbſt wünſchte, ward der Umzug vollbracht, und ſchon nach acht Tagen hatte der Herr die Befriedigung, dort auf ſeinem Lieblingsplatze in gemüthlich eingerich⸗ Die Höflinge ſcheuchte ſein rauhes Wort, die geiſtlichen Herren hielt der unbequeme Pfad, die derbe, kunſtloſe Küche und der Mangel an edeln Weinen, die der alte Krieger weniger liebte, meiſtens fern, und ſo geſtaltete ſich ein ziemlich einſames, wenn auch bequemes und ruhiges Leben auf dem Waldkater, welches die fürſt⸗ liche Hofhaltung auf Schloß Blankenburg nicht ſtörte, aber auch von ihr nicht behindert ſein wollte. Haupt⸗ mann Lünderſtedt erſchien ab und zu bei dem alten Herrn, um ihm wichtige Schriften vorzulegen oder nöthige Befehle einzuholen, und einige Abwechslung auf das einſame Jagdſchlößchen zu bringen. Zuweilen be⸗ gleitete der rüſtige Pfarrer von Trudenſtein auch den Ritter auf bequemem Maulthiere, und ſprach klug und mild über kirchliche Angelegenheiten, die ſich bei er— quickendem Halberſtädter Biere verhandeln ließen. Kam dann der Abend heran, ſo trug ein Invalide die Büchſe mit dem Radſchloſſe dem Herrn nach, den der Förſter auf einen guten Anſtand führte, wo der Wechſel bald dies, bald jenes Wild zum Schuß brachte. So kam der Oktober heran; die Hirſche hatten ab⸗ gebrunftet, und ein ächter Waidmann nimmt ſie dann nicht mehr gern auf's Korn, er ſucht jetzt lieber den ritterlichen Eber in ſeinem Suhl und im geſelligen Keſſel, aus dem der angeſchweißte, angerufen die Feder ſogleich annimmt. War nun auch Graf Ulrich zu alt, den Keiler anlaufen zu laſſen, ſo war es doch ſeine Freude, von der Kanzel zwiſchen zwei ragenden Fichten ſeinem Lünderſtedt oder dem Förſter zuzuſehen, wie ſie das zornige Hauptſchwein kaltblütig erwarteten, und ihm den Spieß in den zottigen Schweißkaſten rannten. Eines Abens war der Hauptmann durch ſeine Pflicht bei der Gräfin zurückgehalten, und ein Holzkäufer hatte ſich eingefunden, der ein hundert Stück Holländerſtämme angewieſen haben wollte, und das Geld ſogleich bei ſich trug. Klingende Münze aber konnte ein Fürſt jener Zeit ſtets wohl brauchen, alſo ward dem Forſtmeiſter keinerlei Hinderniß in den Weg gelegt. Doch, waren auch die gewohnten Geſellſchafter nicht zur Hand, um ſo länger dehnte ſich der Abend mit frühem Dunkeln. Zum erſten Male fand der Graf den Aufenthalt hier in der Nähe des tobenden Bodekeſſels langweilig, und der Ungeduldige empfand dies gar mißlaunig. Mur⸗ rend ſtieg er im Hauſe auf und ab, und ſchalt auf die Frauenzimmer, die nichts verſtänden, als Spinnen, und höchſtens auf der Cithara klimpernd. Wohl zwei Stunden ertrug die Burgrike dieſe un⸗ gerechten Vorwürfe, bis ihre ziemlich kurz gemeſſene Geduld plötzlich riß.„Der Mond ſtrahlt klar vom Himmel,“ brach ſte los,„und der neue Schnee liegt Zoll hoch auf Feld und Wald. Was einer von Euren Förſtern kann, das traue ich mir auch zu leiſten! Gebt mir Euer Gewehr, ich verſtehe gut, es zu laden; dann kommt hinaus, und wenn Ihr zu treffen wißt, ſo kommen wir nicht ohne Wild heim. Der Wunderliche ſah hoch auf; allein die poſſir— liche Idee, mit einem weiblichen Büchſenſpanners⸗ burſchen zu gehen, hatte ihn gewonnen, und vollends der Zweifel an ſeiner Fertigkeit im Treffen brachte ihn zum Entſchluß.„Meinethalb,“ zankte er;„ich darf nicht vergeſſen, daß wir am Blocksberg, und alſo auf einem der gut bekannten Reviere ſind; alſo nur voran!“ Das ſeltſame Paar hatte das Haus unbemerkt ver⸗ laſſen, weil der Graf doch Anſtand nahm, in ſolcher Begleitung ſich ſehen zu laſſen. Rike richtete ihre Schritte zur ſteinernen Rinne heran; und da der Berg hier dem Grafen als ziemlich wildreich bekannt war, ſo folgte er ohne weiteren Einwurf. Der halbe Mond ſtand klar und kalt über den dunkeln Tannen des Hainberges, und die zerriſſene Spitze der Roß⸗ trappe blickte ſo deutlich herab von ihrer ſchwindeln. den Höhe, als könnte eine Kugel ſie ſicher erreichen. Die ſchlanken Pyramiden der Fichten rauſchten an⸗ ſchwellend und verhallend, wie die Akkorde einer Gei ſterorgel, und aus der Ferne tobte der Donner des Bodekeſſels. Die Burgrike wandte ſich rechts, wo ein Haufwerk rauher Granitblöcke wild über einander ge⸗ worfen lag, und winkte dem Herrn, dort ſich ein —— 88— Plätzchen zu ſuchen; ſie ſelbſt ging links ab, wo ſie leiſe, wie ein kundiger Jäger, zu buſchiren begann. Bald aber hörte der Schütz, der ſich klug angeſtellt hatte, nichts mehr von ihr, und begann ſchon unge⸗ duldig zu werden, als er ſie nahe bei ſich zwiſchen dem Felsgewirr auftauchen ſah, und wohl verſtand, daß ſie ihm ernſtlich Stille zuwinkte. Schnell war ſie jetzt bei ihm.„Hier,“ flüſterte ſie,„iſt ein gezwungener Wechſel, und jedes Stück Wild, welches in's Thal hinab will, muß ihn paſſiren. Aus der Ferne ſah ich dort eine Hirſchkuh mit dem Kalbe heran ziehen, und wenn Ihr dort in jene Hohlung Euch klug duckt, ſo müſſen beide Euch zum Schuß kommen.“ Lautlos, wie der liſtige Marder, war ſie ſchon ver⸗ ſchwunden, als der Graf ſchon das angemeldete Wild ſich nähern ſah. Vorſichtig zog das Altthier heran, mißtrauend ſog es den Wind in die Nüſtern, und wen⸗ dete das weite Gehör nach allen Seiten, indeß das Hirſchkalb harmlos nebenher hoppelte, und wählig am Geſträuch ſchmählte. Schon waren beide auf fünfzig Schritte dem Schützen im Anſchlage nahe gekommen, als das Kalb plötzlich gellend aufſchrie. Aus dem Gräht einer breiten Weißtanne war ein mächtiges Raub⸗ thier ihm blitzſchnell in den Nacken geſprungen, wo es gierig den quellenden Schweiß trank, indeß die ſtarken Pranken zu jeder Seite den Bruſtkaſten ihm zerfleiſchten. Der Graf war von der Schnelligkeit des Anfalls heftig erſchrocken, und vergaß faſt, daß er ein geladenes Gewehr in der Hand hielt; keineswegs aber war dies bei der Burgrike der Fall. Raſch entſchloſſen hatte ſie dem Herrn das Gewehr entriſſen, und den Feuerſtein von Schwefelties auf das Rad fallen laſſen. Ein kur⸗ zes Zielen, ein raſcher Druck, und der Schuß hallte durch die Felſen. Der Luchs— denn ein ſolcher war es— fen. burger Schloſſe möglich geweſen war. E waren vergangen, in denen Lünderſtedt faſt e war von dem muthigen Mädchen in's Kreuz wundeten ſteif ward, und die fatalen Schmer der getroffen, und warf ſich jetzt wuthheulend auf den al⸗ tersſchwachen Grafen, den indeß der dichte Otterpelz ſchützte. Das handbreite Küchenmeſſer, welches die Burgrike gewohnt war, ſtets an der Gürtelkette zu tra⸗ gen, bohrte ſie der Beſtie in die Kehle, daß ſie bald verblutete, doch nicht, ohne der Alten einen derben Biß in den Oberarm beizubringen. „Seiet ſo gut,“ bat das alte Mädchen,„und ſchlin⸗ get mir das Tuch um den Arm, die Wunden, welche ein Luchs reißt, ſollen ſehr bös ſein, hörte ich immer von meinem Vater, der ein erfahrener Jäger war. Mit Anſtrengung machte das Paar ſich nun auf den Weg, das Haus zu erreichen, welches bald gelang. Hier ſchlug die Verwundete mit Fatmes Hülfe kaltes Waſ⸗ ſer und Eſſig um den geſchwollenen Arm, indeß der Graf zwei ſeiner alten Knaben abſandte, das„erlegte Wild von der Spinnſtube ſo ward der Platz ge⸗ nannt— herzuholen.. Spät und wie es ſchien ſehr mißlaunig kam Lün⸗ derſtedt noch zum Waldkater, und das Abenteuer ſeines Herrn ſtimmte ihn nicht heiterer.„Du kömmſt nicht vergnügt aus der Frauengeſellſchaft!“ bemerkte der Herr, und der Hauptmann widerſprach keineswegs. Der Graf empfand in dem einſamen Hauſe immer mehr die ge⸗ diegene Treue Lünderſtedts, und liebte ihn, wie der Vater den erwachſenen Sohn. Nicht der Fürſt ſtand dem Diener, ſondern der erprobte Freund dem Freunde gegenüber. Heute war es an dem Dienenden, den Werth eines Aelteren und Gereifteren ſchätzen zu ler⸗ nen. Mit ernſter Theilnahme folgten die klugen Fra⸗ gen des Grafen den abgebrochenen Antworten des Rit⸗ ters bis zu dem Geſtändniſſe, daß Bertha von Velt⸗ heim ihm Wort und Handſchlag zurückgegeben, weil er keineswegs vom Verdachte der Wittenberger Ketzerei rein ſei, und daß ihre Mutter das Fräulein beſtimmt hatte, im Kloſter zu St. Anna vor Helmſtädt als Novize einzutreten.„Ich will dir für Arbeit ſorgen,“ ver⸗ ſprach Graf Ulrich;„das iſt das beſte Heilmittel ge⸗ gen ſolche Verirrungen der geſunden Vernunft; jetzt aber thue mir den Gefallen, nach der Wunde der alten Rike zu ſehen, da du in Jena förmlich Heilkunde ſtu⸗ dirt haſt. Ich fürchte, der Luchs hat ſie übel ge⸗ zeichnet. Der heilkundige Hauptmann begab ſich ſofort auf den andern Flügel des Gebäudes, wo Fatme, ſtreng von den Wohnräumen der Männer geſchieden, die Frauengemächer etablirt hatte. Nicht ohne einige Förm⸗ lichkeit ward ihm, da er ſich als Hakim meldete, das Zimmer der Burgrike geöffnet. Die Alte lag, ziem⸗ lich roh verbunden, zu Bette, und der Graf hatte lei⸗ der recht: die Krallen des Raubthieres hatten die ganze Muskulatur des Oberarmes zerfetzt. Mit lauem Waſ⸗ ſer ward es einer kundigen Hand nicht ſchwer, die ver⸗ letzten Theile wieder in die gehörige Lage zu bringen, und mit der Zirkelbinde zu befeſtigen, wobei Fatme’s weiche Finger dem ritterlichen Chirurgen ziemlich hal⸗ Doch auch freundliche Worte mußten hiebei ge⸗ tauſcht werden, wie es bei derlei Geſchäften unumgäng⸗ lich nöthig iſt, und nachdem der Verband geſchloſſen war, hatten die beiden daran Thätigen ſich traulicher genähert, als dies in zwei Jahren auf dem Blanken⸗ — SIFm dage neuerig in Fatme's Nähe ſich befand, als der Nacken de Herzort noch u Vorbot ſtarrte⸗ Hüfi ſo war leftitdi gevböhn An ſeid bei die ble Wein Mädch Ulrich ger ſ d lange befan Hünd Galc mit!b keit d und ſchla Ver lage theu⸗ werd Srii aſa Foi men f den al⸗ Otterpelz lches die e zu tra⸗ ſie bald eben Biß d ſchlin⸗ welche h immer der war. auf den ng. Hier tes Waſ⸗ indeß der § erlegte Platz ge⸗ ram Lün⸗ eer ſeines mſt nicht der Herr, der Graf rdie ge⸗ wie der eſt ſtand Freunde den, den n zu ler⸗ ugen Fra⸗ des Rit⸗ von Velt⸗ , weil er berei rein nt hatke, Novize u. ver⸗ mittel ge⸗ uft; jebt der alten kunde ſtu— übel ge⸗ 2dage m dag durch Herzgrube ſich einſtellten, die dem Arzte jener Zeit noch unbekannt waren, die wir aber als die ſicheren Vorboten eines peinlichen Todes kennen. Der Wund⸗ ſtarrkrampf trat bald genug ein, und wenn auch die Hülfeleiſtungen des Ritters ſich ungenügend erwieſen, ſo waren die des Probſtes von Ilſenburg auch nicht befriedigender, bis vor dem Tode der Scheidenden, wie gewöhnlich, noch einige Ruhe vergönnt war. Am Lager der Sterbenden ſtand, von ſchönem Mit⸗ leid bewegt, der Hauptmann Lünderſtedt, indeß Fatme die blauen, erſtarrenden Lippen mit einigen Tropfen Wein netzte. Mit erlöſchender Kraft forderte das alte Mödchen noch den Grafen zu ſprechen, und eilig kam Ulrich in ihr Gemach. „Wollt Ihr bis zuletzt mein Schutzherr und Pfle⸗ ger ſein?“ frug die Scheidende ſich aufraffend. „Ja, auf Wort und Ehre!“ antwortete der Ge⸗ fragte. „So verlange ich, Friederike von Bleicherode, daß 89— meine alte Burg, ſammt Wald und Gut, dieſem Hauptmann von Lünderſtedt reichsfrei und ohne jede Schuld als mein freies Erbe übergeben werde mit der Bedingung, daß er dieſe Abbas Keefe Fatme Rhebiſch*), nachdem ſie gehörig im Chriſtenthum von dem Pfarrer zu Trudenſtein unterrichtet und getauft iſt, zu ſeiner ehelichen Hausfrau auf- und annehme. Dies ſollt Ihr, mein Lehensherr Graf Ulrich von Blankenburg, nach Kräften vollbringen.“ Sie ſank zurück und war verſchieden.— Noch heute blüht das alte Geſchlecht derer von Bleicherode⸗Lünderſtedt, und führt zum An⸗ denken an ſeine Ahnfrau drei Roßſchweife im Wappen. Die alte Burgrike aber wird in den Sagen des Harzes noch heute oft genannt. — So wird ſie auf dem Bilde, welches noch von ihr auf Blankenburg exiſtirt, genannt. Schmidt. Der grimmige Sergeant. Eine wahre Geſchichte. Der M alakoff war genommen! Nach monate⸗ langem ſchwerem Kampf und grauſamem Blutvergießen befand ſich der Hauptſchlüſſel zu Sebaſtopol in den Händen der Franzoſen. Galliens Söhne hatten; mit beiſpielloſer Tapfer⸗ keit den Preis gewonnn,« und Haufen von Er⸗- ſchlagenen, die in den Verſchanzungen umher⸗ lagen, bekundeten, wie theuer der Sieg erkauft werden mußte. Von den Freiwilligen, welche den erſten Sturm auf das Feſtungswerk unternom⸗ men, waren nur wenige mit dem Leben davon gekommen, und lagen jene Nacht im tiefen Schlaf der Erſchöpfung da, ohne ſich anfangs die Exploſionen ſtören zu laſſen, die von der Stadt her ihre Don⸗ nerlaute herüberſandten. Bald nachher rafften ſich aber ſelbſt dieſe todt⸗ müden Männer auf, denn es verbreitete ſich wie ein Lauffeuer die Kunde durch das Lager, daß die Ruſſen ſich nach dem nördlichen Ufer zurück⸗ zögen, und die Stadt, welche ſie lange ſo ritterlich vertheidigt, in Brand geſteckt hätten. Uneingedenk ihres erſchöpften Zuſtandes ſammelten ſich nun auch die Ueber⸗ reſte der Sturmparthien in Haufen, eilten nach der Feierſtunden. 1863.. Stadt und ließen ſich in ihrer Begier nach Beute we⸗ der durch krachende Minen, noch durch die aus bren⸗ nenden Gebäuden niederſtürzenden Balken ſtören. Die Erſten und Vorderſten unter den Plünderern waren zwölf Mann vom vierten—— Regiment, und an ihrer Spitze ſtand ein Unteroffizier, der unter ſeinen Kameraden nur als der„grim⸗ mige Sergeant“ be⸗ kannt war. Philipp Charente war einer der Tapferſten in der Armee. Mit ungemeiner Körper⸗ kraft und furchtloſem Muth begabt hatte ihm die Natur eine Phyſiog⸗ nomie verliehen, welcher er den gedachten Bei⸗ namen verdankte; und da er außerdem ſehr wortkarg war, ſo ſäumte das Gerücht nicht, ihn auch mit dem Charakter großer Wildheit zu be⸗ kleiden. In Wahrheit aber trug dieſes ver⸗ meintliche Ungeheuer ein ſehr weiches Herz in ſei⸗ ner Bruſt, wie man denn nicht ſeltet u daß Leute ſich auf Eigenſchaf⸗ ten etwas einzubitben pflegen, die ihnen vollkommen fremd ſind. Der Sergeant hatte ein Wohlgefallen da⸗ ran, wenn man ihn als einen recht wilden Kerl ver⸗ ſchrie, und gab dies bei entſprechenden Gelegenheiten 12 X durch ein grimmiges Lächeln zu erkennen. verdankte er ſeinem Ruf ſo viel, daß ſeine Kameraden ihn fürchteten und in Ruhe ließen, da es Niemand darum zu thun war, den Zorn des vermeintlichen Ti⸗ gers auf ſich zu laden. Philipp hatte ſich im Krim— krieg wacker hervorgethan, und auch gegen die Krank⸗ heiten Stand gehalten, durch welche ſo viele ſeiner tapferen Kampfgenoſſen hingerafft wurden. Unter de⸗ nen, welche den Malakoff ſtürmten, war er allein ohne Wunde davon gekommen, während um ihn her ſeine Kameraden unter dem feindlichen Feuer, wie das Gras unter der Senſe des Mähters, fielen. Er war einer der erſten, welche die Kunde vom Rückzug der Ruſſen weckte, und da die Soldaten vol⸗ les Vertrauen in ihn ſetzten, ſo hatte er bald ein Häuflein waghalſiger Geſellen um ſich geſammelt, die er in die Fhadt führte. Die kleine Bande jagtemdurch die Straßen mit ihren brennenden Häuſern über Haufen von Erſchlage nen, zerbrochenen Lafetten, geſtürzten Pferden und,Trüm mern aller Art dahin. Ihre Zahl minderte ſich all⸗ mählig, indem da einer von einem einſtürzenden Haus begraben, dort einer von den Geſchoſſen der ruſſiſchen Nachzügler niedergeſtreckt wurde. Die Ueberlebenden aber drangen uneingeſchüchtert und voll Hoffnung auf reiche Beute durch Blut und Flammen, um aus der Hinterlaſſenſchaft der Flüchtlinge den Lohn ihrer un⸗ ſäglichen Anſtrengungen zu holen. Endlich gelangten ſie an den Hafen und dort in ein prächtiges Gebäude, das noch nicht brannte, und auch vom Geſchütz viel weniger gelitten zu haben ſchien, als die in ſeiner Nach⸗ barſchaft ſtehenden, ſiebartig durchlöcherten Wohnungen. Die Erwartungen, welche der äußere Anblick weckte, wurden beim Eintritt nicht getäuſcht, denn die Solda⸗ ten fanden im Innern eine reiche Sammlung von Gemälden, koſtbarem Hausrath, Bücher und Schmuck⸗ ſachen, die überall umher geſtreut lagen. Ein offenes Piano, ein mit Kurioſitäten belegter Tiſch und ein Pult, auf dem noch Papiere lagen, bekundeten, daß dieſes Beſuchzimmer, in welchem die Eindringlinge bald die wildeſte Verwirrung veranlaßten, vor Kurzem noch bewohnt geweſen war. Die hohen Bogenfenſter des prächtigen Gemachs gingen nach einer gegen das Waſ⸗ ſer vorſpringenden Teraſſe hinaus und geſtatteten eine ſchöne Ausſicht nach dem Hafen und dem nördlichen Ufer. Charente ließ ſich durch das Krachen einer Ex ploſion bewegen, für einen Augenblick auf die Teraſſe zu treten, überſchaute die Gegend und ſah, wie die Ruſſen eben die Schiffbrücke zerſtörten, über welche ſie ihren meiſterhaften Rückzug vollbracht hatten. Auf dem Waſſer wimmelte es von Fahrzeugen aller Art, vom raſch zuſammengebundenen Floß an bis zum feenartig dahin gleitenden Dampfer; ſie waren insgeſammt da⸗ mit beſchäftigt, die geborgene Habe der Küilinge nach dem Nordufer zu ſchaffen. Da wurde ſeine Aufmerkſamkeit plötzlich durch ein lautes Geſchrei ſeiner Kameraden, und eine ſchrecken⸗ vwolle weibliche Stimme wieder nach dem Zimmer zu⸗ rückgelenkt, und als er ſich umwandte, bemerkte er, wie die Soldaten durch Zertrümmerngeines mächtigen Spiegels ein Nebengemach ee, hatten, aus dem ſie ein ungefähr vierzehnjähri Mädchen, welches mit gerungenen Händen und herzzerreißenden Lauten die wilden Plünderer um Erbarmen anflehte, hervorzerr⸗ ten. Die Kämpfe mit den Ruſſen und die erlittenen Jedenfalls Verluſte hatten die Franzoſen wüthend gemacht, und einer von den Kerlen richtete eben ſeine Piſtole auf den Kopf des armen Kindes, während ein anderer ſei⸗ nen Säbel erhob, um es nieder zu hauen. Im Nu befand ſich der„grimmige Sergeant“ mitten in der Gruppe, ſchlug die Piſtole in die Höhe, daß ſie un⸗ ſchädlich ſich in die Luft entlud, drückte den drohenden Säbel bei Seite, und bemächtigte ſich des laut auf⸗ ſchreienden Opfers, wobei er mit funkelnden Augen ſeinen erſtaunten Kameraden die Worte zurief:„Sie verdient nicht den Tod eines Soldaten mit Pulver und Schwert, ſondern ſoll wie eine Katze in einem ruſſi⸗ ſchen Waſſerbad erſaufen.“ Dann warf er ſeinen eige⸗ nen Säbel weg und ſprang mit dem Kind über die Teraſſe in's Waſſer hinunter.(Siehe Bild S. 89.) Einen Moment ſtanden die Soldaten wie feſt ge⸗ bannt, dann aber ſtürzten ſie an die Fenſter, um zu ſehen, was der Sergeant weiter treibe. Da jetzt aber ein weiterer Plünderhaufen eindrang, ſo fürchteten ſie, bei der Beute zu kurz zu kommen, nnd gingen wieder an ihre Arbeit, indem ſie ſich mit Allem beluden, was ſich wegſchaffen ließ. Inzwiſchen arbeitete ſich der entſchloſſene Sergeant, der den Kopf des Kindes über dem Waſſer hielt, nach dem nördlichen Ufer hin. Das Waſſer war ſehr kalt, da am Tag zuvor das Wetter umgeſchlagen hatte, und ein ſchneidender Nordwind blies dem Schwimmer ge⸗ rade in's Geſicht. Das Ueberſetzen war ſehr gefähr⸗ lich, da alle Augenblicke eine Kanonenkugel oder eine Granate der Engländer, welche die ruſſiſche Flotte zu zerſtören ſuchten, in's Waſſer fiel. Dazu mochte der Abſtand gegen zwölfhundert Ellen betragen, die er mit ſeinem Riemenwerke und dem Kinde belaſtet zurückzu⸗ legen hatte. Gleichwohl kämpfte er ſich wacker weiter, bis er endlich glücklich das Ziel erreichte, obſchon es hohe Zeit war, da ihm allgemach Athem und Kräfte ausgegangen waren. Die Stelle, wo er au's Ufer gelangte, war ein niederer Kai; der rauhe Soldat ſetzte ſeine junge Bürde ſanft auf den Boden, ſchüttelte ſich dann das Waſſer aus den Haaren und ſagte mit einer Verbeugung zu dem Mädchen:»Mademoiselle, vous tes sauvée.« Die Kleine ergriff ſeine Hand und bedeckte ſie mit Küſſen.„Sagen Sie mir Ihren Na⸗ men und Ihre Adreſſe, großmüthiger Retter,“ rief ſie, und Thränen rannen ihr über die Wangen nieder. (Siehe Bild S. 92.). „Philipp Charente, vom vierten— Regiment,“ antwortete er,„heimathlich in der Rue des Pipots zu Boulogne. Aber ich darf nicht länger weilen,“ fügte er, auf einen herankommenden Ruſſenhaufen deutend, bei, ſprang mit einem kräftigen Satz wieder in's Waſſer und ruderte nach der Südſeite des Hafens zurück. Selbigen Nachmittag ſchritt der„ grimmige Sergeant“ höher, finſterer, grimmiger und ſchweig⸗ ſamer als je im Lager umher. Sein Haar und ſeine Kleider trugen noch die Merkzeichen ſeines Waſſeraben⸗ 4 euers; aber wenn ſeine Kameraden ſcherzten und wiſ⸗ ſen wollten, was er mit ſeiner Gefangenen angefan⸗ gen habe, ſo machte er ein ſo ſchauerlich wildes Geſicht und lächelte ſo teufliſch, daß noch vor Einbruch der Nacht im ganzen Regiment das Gerücht Glauben fand, Charente habe durch irgend einen Proceß langſamen Crtränkens ſogar ſich ſelbſt überboten. Man betrach⸗ tete d et lit T welche prunt Hatten der in hallte glüher Gefile in de unſer Tap am Ehr ſchä Sch blu ten Fah ſchl ſog fur hatte ing word ſeine erhie Bal vatl in eine nach nem Mo ſch cht, und ſtole auf derer ſei Im Nu n in der ſie un rohenden aut auf⸗ Augen „Sie Uder und em ruſſi tnen eige über die 5. 89. feſt ge „ um zu jetzt aber zteten ſie, in wieder delt, Was zergeant, elt, nach lehr kalt, atte, und zumer ge t gefähr oder emne Flotte hu ochte der e er mit znrückzu⸗ er weiter, bſchon ad Kräfte uus Ufet oldat ſete telteſ mit einer le, vO¹s and und hxen Na⸗ rief ſie n nieder. tgiment, Pipots zu 17“ fügte dautend, ——è tete den fürchterlichen Menſchen nur mit Scheu, und er ließ keine Silbe weiter darüber fallen. Vier Jahre waren entſchwunden, und die Gräber, welche die Stätte des gräßlichen Gemetzels bezeichneten, prunkten von jungem Grün. Die fremden Truppen hatten die Krim verlaſſen; die Ruſſen wohnten wie der in Sebaſtopol, und der am Pontus Euxinus ver hallte Kriegslärm lebte abermals auf, zuerſt in den glühenden Ebenen Indiens und dann in den ſonnigen Gefilden Italiens. Wieder zog die franzöſiſche Armee in den Kampf und zum Sieg. Auf's Neue entfaltete unſer Freund, der„grimmige Sergeant“, ſeine Tapferkeit in den vorderſten Reihen, und erwarb ſich am Tage von Magenta die erſehnte Auszeichnung des Ehrenlegionkreuzes. Doch das Glück, das ihn unbe ſchädigt durch den Sturm auf den Malakoff und die Schlacht von Magenta getragen, verließ ihn auf dem blutigen Wahlplatz von Solferino. Er hatte ſich mit ten in den Feind geſtürzt und eben eine öſterreichiſche Fahne erobert, als die Gegner ihn umringten, nieder ſchlugen und gefangen fortſchleppten. Dies wäre kein ſo großes Unglück geweſen, da die Gefangenſchaft nur kurz dauerte und ſeine Wunden bald heilten; aber er hatte an der rechten Hand den Daumen und zwei Finger verloren, und war dadurch dienſtuntüchtig ge⸗ worden, ſo daß er nach der Rückkehr in die Heimath ſeine Entlaſſung nebſt einem kleinen Invalidengehalt erhielt, den er in Boulogne zu verzehren gedachte. Bald nachher heirathete er, und zeigte in ſeinem Pri vatleben nichts von dem wilden Charakter, welchen er in der Armee kund gegeben; denn ſein Haushalt war einer der glücklichſten von der Welt. Drei Monate nach ſeiner Heimkehr wurde er eines Abends zu ſei nem großen Erſtaunen durch einen Gendarmen vor den Maire berufen. Als er vor dieſem Würdenträger er ſchien, ſtellte dieſer die Frage an ihn: „Sie ſind Philipp Charente, früher im vierten Regiment?“— „Ja, Monſieur.“ „Es wird gewünſcht, daß ſie nach Paris kommen. Sie müſſen noch heute Abend dahin aufbrechen. Eine fremde Familie von Rang verlangt Sie zu ſehen; Sie werden dieſelbe im Hotel finden.“ „Herr Maire, ich bin arm und habe keine Kleider, um vor vornehmen Perſonen zu erſcheinen; auch beſitze ich nicht die Mittel, um nach Paris zu reiſen.“ „Dafür iſt geſorgt. Es ſind mir zweihundert Fraues übergeben worden, welche Sie in den Stand ſetzen werden, der Aufforderung ohne Zögern zu ent ſprechen.“ Und der Maire händigte ihm zehn Goldſtücke ein. Der wackere Sergeant verbeugte ſich und verließ die Mairie in einem Zuſtand großer Verwirrung. Er trat in einen Kleiderladen ein und verſah ſich mit einem ſonntäglichen Anzug, worauf er nach Haus zurückkehrte und ſein Weib mit der ſeltſamen Kunde überraſchte; dann packte er ſeinen Torniſter und trat noch am nämlichen Abend die Reiſe nach Paris an. Unterwegs machte er ſich allerlei Gedanken über den Grund, der ihn nach der Hauptſtadt berief, und was wohl eine vornehme Familie von einem armen „Rue de Rivoli, 91 —d— Soldaten, wie er, wollen möge. Die edlen Thaten, die er im Laufe ſeines militäriſchen Lebens geübt, war ren insgeſammt nur ſo unter der Hand geſchehen, und ihm ſelbſt kaum recht bewußt; namentlich hatte er an ſein Abenteuer in Sebaſtopol längſt nicht mehr ge dacht. Vergebens drehte er an ſeinem Schnurrbart und betrachtete die Laterne im Wagen; ſie wollte ihm kein Licht geben, und als er Paris erreichte, hatte ſich der Nebel über dem Geheimniß noch immer nicht zer ſtreut. Im Stationsgebäude warf er ſeinen Reiſeſack üͤber die Schulter, zog die Adreſſe, welche ihm der Maire von Boulogne mit gegeben, hervor und trat den Weg nach der Rue de Rivoli an. Faſt bebenden Fußes machte er unter dem prächtigen Portal des Ho tels Halt und zeigte dem daſelbſt ſtehenden. geſchniegel ten Garcon die Karte. Man hatte ihn augenſcheinlich erwartet, denn der Kellner erwiederte, nachdem er einen Blick auf die Adreſſe geworfen: „Philipp Charente?“ „Ja, Monſieur.“ „Kommen Sie mit mir, mein wackerer Mann,“ ſagte der Kellner freundlich.„Seine Excellenz iſt beim Frückſtück, hat mir aber aufgetragen, Sie zu ihm zur führen, ſobald ſie einträfen.“ Noch mehr verwirrt folgte Charente dem Kellner⸗ die breite Treppe hinan nach einer prächtig möblirten Zimmerreihe. Sie kamen durch einen großen Salon, in welchem ſich mehrere Bediente in reicher Livre be⸗ fanden; dann öffnete ſein Führer eine Thüre dechts und ſprach mit lauter Stimme: „Philipp Charente iſt angekommen, Excellenz.“ Ehe Philipp Zeit hatte, in dem Zimmer, in das er eintrat, etwas wahrzunehmen, klang ein freudiger Ausruf in ſeinem Ohre, und ſeine Hände wurden von zarten, mit koſtbaren Ringen geſchmückten Fin gern gefaßt, während ein wunderſchönes Mädchenantlitz zu ihm aufblickte und eine tiefbewegte Stimme ihm zurief: „Mein edler Lebensretter!“ Ein Mann, augenſcheinlich von hohem militäriſchem Rang, da ſeine Bruſt mit Orden bedeckt war, trat jetzt auf den betroffenen Soldaten zu und drückte ihm mit Wärme die Hand.(Siehe Bild S. 92.) „Gottes Segen über Sie, mein Braver,“ ſagte er,„denn ohne Ihren Edelmuth wäre ich jetzt kin derlos.“ Der gute Sergeant, der nicht wußte, wo ihm der Kopf ſtand, blickte bald den Vater, bald, die Tochter mit einer ſo verdutzten Miene an, daß letztere hell auf lachte und in die Worte ausbrach: „Ei, Philipp, haben Sie denn das ruſſiſche Mäd chen von Sebaſtopol, das ſie gegen die Grauſam keit Ihrer Käͤmevaden in Schutz nahmen, ganz ver geſſen?“ Nun dämmerte in der Nacht ſeiner Verwirrung plötzlich ein Li f, und die längſt pergeſſene Scene trat wieder vor ſeine Seele. Aber war es möglich, daß die anmuthigenſchöne Dame, die noch immer eine ſeiner Hände h, dieſelbe Perſon ſein ſollte mit dem von ihm geketteten blaſſen Kinde? 12* 2 AAb „ Wſe, iabemoffelke Swüre hae NGbchest, bd wür hei roſſen Hauſe vor ehnſtupol ſuubeH9! Ar, 9 ſie Th Iub werſebhe ey Hahh de ſe vergeſfen, unb ewürhen ſchon frihen Huhen tonut won n mMein Reſttanh erſt vo werlaſſen, unb 1 ntk’ ir! n Gehbr! Aben aten eEiffer MNuhut ven Koſſſ aAnſanſüchem hmen banfe fſir demr helmuth, mit ſein inb i decherheft bruchten 1 ſolten die Rrffen mſcht unbamt hafr ſüh eſeh! 1 vantit en wer EiAI erfahren Aher wie fambes frugte her ergenpt woch WRS WGHefrHeGiGEG haſt WNubenoifelte einer verfuſſeſſen Guht LEh, bus waf freß Lih IuurſW, eGG die ſuſge ſ eie üotfe winſchſefert vag ſonſt ſo fröhſiche AHeſicht Sgun wühot ſie ſich an ſhren us Ah ſiheffſeſt mes mihſ Hiſttipſ mſtaüthfeften, 6 mrſ er, hom ber VeituhchYb NNAaIWG ſih Ruſßfuch RehomSeh, ſeiſſed och er ber whhnte ſeine eher weftrant hahh welche ſie Unverweſitin ſeiher eigehen Narhe Wher has Waſſer ſchaf ſen ſoiſtene beſe hoen ehncſ dürch E. prin Aen meiſer RNihe ihn Nuſſwi auſiuchenn K vün ihren wertofen diſd ve ühſ Aehommen uUw vorüe dſeiſ Nu vn uUn Hoiſ Ahenb ſſb Né KNenn vürſern veß ſußdüè WMNorgens in der NIK m bGſes Rrtifels un allein unbd an ſihub r vom uſereh potrtetiſchen WMit 05 UVigitanzcomitte Wwirbe WNEERUBEEberf bes wordeß v as ich v ahſ Gtifo Ach Aw gegebene Mäbchen im tich gefuſſenen „ch fonnte es an fangs kaum glauben,“ Tgte bie ſunge ame het, unb bie Rickerin 3 merung erfültte ſiée mit 4* chanber,„aher als ich 1 mch von meiner Reu 9 laſſenheit und ber G gfepg ſahr meinen dibe Hengte, beſchloſt ſch, d wage wlucht altein zu vei ſuchen wHa brach Ihn Krupp in das Haus, unb ich fanb faum Zeit, Wich in dem Rehem Gennuch u werbhergeſt, als bie wilben Kriegen 1M 1 in be alon heretn n lamen W M Geſtira! üun ſoigte, wiſſen ſo gut, wie ich, um Mcht, baſt ſich von Gohh 10) ſenen Lunbe an Ihnen ein Gefſihte inigſten 1oG be hrecken Dautbarfeht bewahrte, bas erſt mit meiſem Vehem AeHn ertbſchen wirh Oharente war einige 9” wn ha' Nage der gefeferte Gaſt. mn Hans, wurbe allen Krennben unb Vekanm ten der ſungen Hamfe vworgefteltt und mit Amf mertfamfeiten ſchenten ſherhgufte ei Luſſiſche Ghetmaumſſetzte m wLie hriiche Pen ſion von ſechshundert Fraufen dumf und ahbs ſie ſchleben Rahm mdas WMNübchen einen koſtharen Ring vom Finger und HändGte ihn Phüſpſ wie den WortemumbenHais uUnd Ge Nehmen e dies und bieiben e mein gebent Hbeſer Ring Fran an haten, ie an ruſſiſche erinſern Gge Ihre Ahre ebien ſelbſt aber Hautbarftett in San Nruantisto(Catifornien NHCALRE WeHen Lines Geringen Vergehens Hatten Gefänugmiſt, Folter und ſhiERUch ven od von den Händen einen Kefeüſchaft Rewärtigen, weiche Nachbéem ſie der wirküungsſöſem Mäacht enteungen, untr der Ausſchtießtichen Nichters Vynch uuerhérte Gchrecken vei wei Biehe Namene eſchöpfe feſtenewwen werden GEGHIO Ltünge Kahren eihes an kauute den Rorget ihve awt wei uuhiüctiche AMEGOFEREGRE bG breſte alſe' vſta wan 1 T Fel- verJ 1hlel unn den! 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Gleich vielen Anderen war auch ich mehr als einmal nur mit knapper Noth ſolchen meuchleriſchen Attenta ten entronnen, und ich verdankte mein Leben haupt ſächlich dem Beſitz einer mattherzigen Piſtole, die zwar unter ſechs Verſuchen fünfmal verſagte, aber doch einen blanken, weithin ſichtbaren Lauf hatte und beim Span nen einen gut hörbaren Lärm machte. Dieſe Waſſe pflegte ich nun recht augenfällig zu behandeln, wenn ich auf meinem Heimweg nach Happy Valley Nachts an gefährlichen Ecken vorbei kam. Man ſagte freilich der alten Polizei nach, daß ſie nicht nur nichts nütze, ſondern ſogar dem Verbrechen Vorſchub leiſte; aber ſelbſt dies war beſſer, tauſendmal beſſer, als die oſſe nen Morde am hellen Tage durch die von einem Ex trem zum anderen übergehenden.„Vigilanten“, unter der nen die Blutdurſtigſten ſich nicht entblödeten, unver holen zu erklären, daß es ihre Anſicht ſei, jeden Dieb, und hätte er auch nur einen rothen Cent geſtohlen, zu hängen. Und doch war ich an dem Abend des Tages, an welchem ich den oben erwähnten Artikel geleſen, ſelbſt in das Vigilanzeomité als Mitglied eingetreten; ja noch mehr, ich hatte, ſo wenig dies mit meiner Wür digung dieſer Corporation im Einklang zu ſtehen ſcheint, auch einen Freund veranlaßt, das Gleiche zu thun. Dieſer Freund, der mit ſeinem Tauſnamen David hieß, war ein derbknochiger Jäger aus Texas, ein Kerl, den man als Wunder hätte anſtaunen müſſen, wenn ſein Gehirn ebenſo kräftig geweſen wäre, wie ſein Körper. Unſer Comité beſtand aus mehreren hundert wohl bewaffneten Männern, die, wenn die Reihe an ſie kam, abwechſelnd Dienſt leiſten, und die Befehle der„all mächtigen Maſorität“ nach dem Buchſtaben erfüllen mußten. Die Mitglieder waren hauptſächlich amerika niſche Einwohner von San Francisco, wohlhabende Gewerbs⸗ und Kaufleute. Wir beide, mein Freund und ich, betraten das Dienſtlokal des Comité's mit beträcht licher Neugierde, und fanden, daß es aus einem gro ßen, zweiſtockigen Holzgebäude beſtand, das früher als Magazin benützt worden war. Die Geſchäfte wurden im zweiten Stock abgemacht, der eine einzige, lange, kahle Bühne bildete; vornen befanden ſich ſtatt der Fenſter zwei Thüren, und über derſelben an der Außen wand ein paar kleine Krahnen mit Flaſchenzügen und Stricken, früher dazu beſtimmt, Kaufmannsgüter von der Straße heraufzuholen, während ſie jetzt dazu dienen mußten, den Meuſchen in die andere Welt zu helfen; mit einem Wort, ſie waren die extemporirten Galgen. des Vigilanzcomité’'s. Am anderen Ende der Bühne, den Thüren gegenüber, ſtand ein Pfoſten, an den manm zwei uhgliiich, die bereits erwähnten M'Kunzie und Holmes, angekettet hatte. Sechs Bewaffnete ſollten in regelmäßiger Ablöſung Tag und Nacht bei ihnen Wache halten. Es vergingen einige Tage, während welchen in den Zeitungen wie gewöhnlich über die neuen Gefangenen 9. §—— „Senſationsartikel“ erſchienen, die vom Publikum be gierig verſchlungen wurden. Andere Unterhaltungen waren natürlich ſehr koſtſpielig, und ſo verdankte in jener Zeit die Bevölkerung, das heißt das amerikaniſche Element derſelben, deu Operationen Vigilanz comité's ihre hauptſächlichſte und wohlfeilſte Aufregung. Wenn die Angehörigen anderer Nationen dieſe Art von Literatur nicht ſo ſehr nach ihrem Geſchmach fanden, ſo mochte wohl der Grund theilweiſe in der Thatſache liegen, daß ſie vornämlich das Material dazu lieſern mußten. Das Vigilanzcomité zeigte nämlich eine außer ordentliche Rückſichtsfülle gegen die eigene Landsmann des ſchaft, die deßhalb recht gemüthlich für zehn Cents (dies war der Preis einer Morgenzeitung) ſich. bei ihrem Frühſtück amüſixen konnte Die Bekenntniſſe der Gefangenen durften in keiner Nummer ſehlen und beſtanden hauptſächlich aus unbeſtimmten Erinnerungen an Straßenraub, Einbruch und gemeinen Diebſtahl; wenn daher das Comité nie unterließ, die Leſewelt mit ſolcher Koſt zu bewirthen, ſo geſchah es ohne. Zweiſel in der nicht offen ausgeſprochenen Abſicht, das eigene Verfahren zu entſchuldigen oder zu bemänteln. Der Leſer fragt vielleicht, ob dieſe Bekenntniſſe giltig waren. Als achtbares Exmitglied des Gomité’s muß ich darauf mit Ja antworten ebenſo giltig wie ehedem die Ausſagen der Hexen vor dem Inqui ſitionshof, oder überhaupt Geſtändniſſe, welche durch die Folter erpreßt werden. Oder iſt es keine Folter, wenn auf einen unglüch lichen Gefangenen, der ſich keinen Moment vor einem grauſamen. ſicher weiß, zu allem Stunden Tages und der Nacht, ſelbſt Mitternacht nicht ausge nommen, Banden von betrunkenen Rowdies herein brechen, ihm einen Strick um den Hals legen, ihn auf dem Boden herumzerren und unter ſchrecklichen Flüͤchen ihn mit augenblicklichem Dod bedrohen, woſern er nicht oder bekenne? Und ſo machte es das Vigi⸗ lanz Comité in meinem und Davids Beiſein. Reichte dann die Erinnerung die Einbildungskraft nicht länger aus, ſo war es für die armen Opfer nur um ſo ſchlimmer.„Da ſich kein weiteres Geſtändniß er zielen ließ,“ ſagte eine beredte Morgenzeitung,„ſo lag. es jetzt der Maſeſtät der Volksjuſtiz ob, ihr Recht gel tend zu machen.“ Dies wollte ſo viel heißen, als „am nächſten Morgen werden Gefangenen ge henkt.“ Am ſelbigen Abend hielt ich eine geheime Zwie ſprache mit einem gewiſſen, entſchloſſen ausſehenden amerikaniſchen Gentleman von mittlerem Alter. Ruch Oavid war dabei, und es ſtand ihm frei, mitzuſpre chen, wenn er gewollt hätte; da er ſich aber mit Nichts den Kopf zerbrechen mochte, ſo beſchränkte er ſich da Kode des dies das oder die rauf, den aufmerkſamen Zuhörer zu ſpielen. Ich be⸗ richte nur das Ende unſerer Unterredung. „Um welche Zeit bezieht ihr heute Nacht die Wache?“ fragte der Entſchloſſene. „Um zehn Uhr. Die Ablöſung findet Morgens um ſechs ſtatt.“ „Gut. Um zwei Uhr komme ich. Bis dahin habt ihr reichlich Zeit zu eurer Operation, Wohlgemerkt,“ fügte der Sprecher bei, der mit ſteigender Aufregung immer tiefer in ſeinen Stern und Streifendialelt hinein kam,„macht eure, Sachen. recht, Gentlemen, und ihr könnt auf mh ſicher rechnen, wie auf die Kugel aus meinem Rohr. Ja, Sie rechuen, Sie ſchützen 7 —— meine Leute viel zu gering in dieſer Stadt da, aber der Fehler liegt nur daran, daß ihrer zu wenig ſind; denn wer wird täglich ſeine Haut dran ſetzen, wenn⸗ man ſein Salär in Papſer mit fünfundſiebenzig Cents Disconto nehmen muß? Gut, Sir, ich calculire, in einigen Stunden wird ſich's herausſtellen, ob ſie ihre Schuldigkeit thun können, oder nicht. Ich muß heute Nacht die Gefangenen haben, ſo wahr mein Name M'Kay iſt, und wenn ich drüber zu Grunde gehen ſollte.“ M'Kay war der Sheriff von San Francisco,„ein guter und treuer Mann,“ wie er oft gezeigt hatte. Mit einem Wort, ich hatte mich mit meinem Freund David in Folge eines geheimen Einverſtändniſſes mit dieſem Würdenträger, der ſeine eigenen Gründe dafür hatte, die unglücklichen Gefangenen zu retten, bei dem Vigilanzcomité einſchreiben laſſen. Als es ſich um die Wahl eines Gefährten bei dem Unternehmen handelte, war ich auf David verfallen, nicht ſo faſt aus Reſpekt vor ſeinem Verſtande, von dem er nie glänzende Be⸗ weiſe gab, ſondern weil ich ihn als den beſten Kerl⸗ von der Welt und einen Menſchen voll Kraft und Be herztheit kannte, des Umſtandes namentlich nicht zu vergeſſen, daß man ſich unbedingt auf ſeine Treue ver laſſen durfte. Alle dieſe Eigenſchaften kamen bei un ſerem kitzlichen Unterfangen recht wohl in Betracht. Wenn das Comité gegen uns Verdacht ſchöpfte, ſo hatten wir zu gewärtigen, entweder gehangen oder un verweilt aus dem Staate ausgewieſen zu werden; letz teres war die geringſte Strafe für diejenigen, welche ſich den herrſchenden Gewalten mißliebig gemacht hatten. Da ich über dieſen Punkt nicht im Zweifel war, ſo wiederholte ich, ehe wir die Wache bezogen, David noch einigemal ſeine Inſtruktion. „Herr Jenime!“ vief er, als er mir zuhörte, „wenn wir nur ſo einen Schock Bergjungen von Texas drunten hier hätten, ſo könnten wir's denen Vigilan zern da ordentlich kochen.“ Ich ſah mich genöthigt, einen Dämpfer zu ſetzen. „Das iſt ein eitler Wunſch, David,“ ſagte ich. „Was hilft alſo dieſes unnütze Gerede? Merkt Euch, wir beziehen heute Abend zu ſechs unſere Wache demnach noch vier außer uns. Von dieſen Vieren ſind zwei neutral; ſie gehören zur gemäßigten Partei des Comité's und verabſcheuen das Treiben der Anderen, obſchon ſie es nicht wagen, es einzugeſtehen. Sie wer den uns kein Hinderniß in den Weg legen, wenn wir es ſo angreifen, daß ſie nicht compromittirt werden. Es ſind ſonach nur noch zwei vorhanden, die uns ernſtlich zu ſchaffen machen könnten. Den Einen da von kenne ich; er iſt Zäpfler in einer Schenke und ein Liebhaber des Brandyglaſes; ich nehme es auf mich, ihn unſchädlich zu machen. Mit dem Vierten, dem Doctor Jonas Fisk, werden wir den ſchwerſten Stand haben; er gehört zu den Häuptern des Bigilanzeomité; 8, hat ein Auge wie ein Luchs, und wenn er auch Spi rituoſen nicht verſchmäht, ſo braucht er doch eine be deutende Menge, bis ihm die Lider ſchwer werden. Bei drſemn Burſchen rechnen wir auf Euch, David.“ „Das ſchwarze Gewürm ſoll an mich denken,“ ver⸗ ſetzte David, und taſtete nach dem in ſeinem Stiefel ſecenden Bowiemeſſer. „Wie oft muß ich Euch ſagens daß wir mit Ge walt nichts ausrichten? David, Cure Inſtruktion lau⸗ auf dieſe Abſchweifung 94 tet, den Doctor mit Karten zu beſchäftigen. ein leidenſchaftlicher Spieler, und da wir Euch als einen Burſchen kennen, der ſeinen Whisky zu führen weiß, ſo wird es Euch nicht ſchwer werden, ihn blind zu trinken. Habt Ihr ihn ſo weit, ſo wird Alles gut ablaufen.“ „Seid unbeſorgt, wir trennten uns, reitungen zu treffen. Es ſchlug zehn Uhr. David traf nicht gleichzeitig mit mir in dem Vigilanzlokal ein, weil wir allen Arg⸗ wohn vermeiden wollten. Unſere Mitwächter waren ſchon vor uns da. Ich drückte dem Zäpfler Sims die Hand und fand Gelegenheit, mit unſerem zweiten Halb⸗ verbündeten, einem gar ehrlich ausſehenden Victualien⸗ händler, einen bedeutſamen Blick zu wechſeln. Dann wandte ich meine Aufmerkſamkeit dem Doctor zu und faßte im Geiſt ihn als einen Gegner auf's Korn, mit dem mir ein Duell des Witzes auf Tod oder Leben bevorſtand. Er war ein langer dünner Kerl mit nie⸗ derer Stirne und grauſamen kleinen Angen; und die hohen Backenknochen und der mächtige Unterkiefer aber bekundeten, daß es ihm keineswegs an Energie und Entſchloſſenheit fehlte. „Nun, ihr Herren,“ Wort nehmend,„heute Nacht gilt's; wir müſſen die Augen ſcharf offen halten. Wie ich höre, hat der Sheriff erklärt, daß er uns unſere Gefangenen nicht laſſen werde, und ſchätz wohl, er iſt eben aus, ſeine Abſicht in's Werk zu ſetzen. Aber er ſoll uns nur kommen. Morgen Abend kann er ſie haben— da ſol⸗ len ſie ihm gegönnt ſein, aber früher nicht.“ Dieſen grauſamen Spaß, den er ſo laut vortrug, daß den ar⸗ men Gefangenen das Herz im Leib erzitterte, begleitete er mit einem mißtönigen Lachen.„Wie ſteht's?“ fügte er bei.„Hat man dieſen Bürſchlein auch die Feſſeln viſitirt? „Ich will darnach ſehen,“ verſetzte ich, und eilte nach den Arreſtanten hin, welchen ich unter dem Vor⸗ wande, ihre Ketten unterſuchen zu wollen, ein Paar Uhrfederſägen und ein Fläſchchen Mandelöl zuſteckte. Mit welchem Blick des Dankes nahmen ſie dieſe Gabe entgegen!„Arbeitet was ihr könnt,“ flüſterte ich ihnen zu.„In fünf Stunden müſſen eure Feſſeln durch ſein.“ Als ich nach dem Ofen zurückkehrte, um den ſich die Wachmannſchaft bequem machte, fand ich zu mei⸗ nem Aerger, daß der donnerköpfige David ſtatt des Doctors den Zäpfler angegangen und unſinnigerweiſe ihn zum Kartenſpiel undZechen eingeladen hatte.„Da⸗ vid,“ ſagte ich, und kniff den derbenatterm des Rieſen faſt bis auf den Knochen,„ich ſtelle Euch hier den Doctor Fisk vor.“ 2 5 Vrdnt mich, die Bekanntſch aft Ju machen, Squire,“ verſetzte David mit einer kindiſchen Verbeugung, indem er ſich den Arm rieb. Zwei Stunden entſchwanden unter wechſelnder Un⸗ terhaltung, während welcher ich dem Zäpfler aus dem Krug mit„M onongahela“, der zum Beſten der Co⸗ mitémitglieder ſtets im Hauſebereit ſtand, fleißig ein⸗ ſchenkte, bis er endlich ganz betäubt war und ſich zum Schlafen niederlegte. Die beiden Neutralen thaten, als Er iſt Squire,“¹erwiederte David; und um für den Abend unſere Vorbe⸗ ſagte er, als Erſter das tränken ſie, um unter einem guten Vorwand ſeinem und David, der inzwiſchen Beiſpiele folgen zu können, machte mit mit dem Doctor ganz cordial geworden, demſel Gefau menge anls d vluſc den,“ ohne Docto Mam Anſto S ſchem Geſi Plät ſich i meit nem Gef ſtiren gefe Aug wiede „der ſpiele 0 . d ſetzen bi; Rart Aus mach Waſ kalte Naic ein ten den part Doc d DW ter wa zug ſch nic leh er und man Iw Wa d T le el gr eie n. Er iſt Luch als zu führen ihn blind Alles gut avid; und re Vorbe⸗ gleichzeitig allen Arg⸗ ter waren Sims die äiten Halb⸗ Victualien⸗ n. Dann oor zu, und Korn, mit oder Leben l mit nie⸗ ;und die kiefer aber meinem großen Aerger die Karten wegwerfen, von ſei⸗ nergie und Erſter das müſſen die „hat der genen nicht aus, ſeine l uns nut — da ſol⸗ « Dieſen daß den al⸗ „hxleitete 8?“ fügte die Feſſeln und eilte dem Vor⸗ ein Pant zuſtet. dirſe Gabe ich ühren ſeln durch r† demſelben an einem Seitentiſch ein Spielpiket. Die Gefangenen ſaßen in ihrer finſteren Bühnenecke zuſam⸗ mengekauert am Boden und arbeiteten ohne Zweifel aus Leibeskräften an ihren Feſſeln. Alles ſchien er⸗ wünſcht von Statten zu gehen.„Noch zwei Stun⸗ den,“ dachte ich, und die Sache iſt ohne Gefahr und ohne Blutvergießen abgethan; denn wie ausgepicht der Doctor auch ſein mag, iſt doch David vollauf der Mann für ihn; er muß bis dahin ſolchem fleißigen Anſtoßen erliegen.“ So entſchwand die Zeit, und ich betrachtete in Zwi⸗ ſchenräumen das vom Trinken immer rother werdende Geſicht des Doctors ſo ängſtlich, wie an gefährlichen Plätzen der Pilot ſeinen Kompaß. Auf einmal ſah ich ihn, als komme ihm ein plötzlicher Gedanke, zu nem Sitz aufſtehen und unſteten Schrittes ſich nach den Gefangenen hin bewegen, augenſcheinlich um ſie zu viſi⸗ tiren. Wenn er nun bemerkte, daß ihre Ketten durch⸗ gefeilt waren! Der Herzſchlag ſtand mir ſtill in jenem Augenblick. Er kehrte jedoch, augenſcheinlich befriedigt, wieder nach ſeinem Platz zurück. „Squire,“ ſagte David, an meine Seite tretend, „der verwetterte Stinker will nicht mehr trinken und ſpielen.“ -— 95—— Ich ſah auf meine Uhr. Es war zu meinem Ent⸗ ſetzen ſchon halb bis zur Ankunft des Sheriffs. Karte auszuſpielen. „David,“ flüſterte ich,„wir haben nur noch einen Es galt nun, die letzte Ausweg. Fangt Händel mit dem Doctor an und macht ihn wehrlos; aber wohlgemerkt, ja keine Waffen.“ „Alles recht, verſetzte mein Adjunkt aus Texas kaltblütig und fügte bewundernd bei:„Wie Ihr doch gleich ſo beſonnen ſeid, Squire! Warum ſeid Ihr nicht ein Landjobber geworden? Hättet Euch bei uns drun⸗ ten bald ein Vermögen gemacht.“ Einige Minuten ſpäter erhob ſich zwiſchen den bei— den Spielgenoſſen ein Wortwechſel, ihre letzte Karten— parthie betreffend, und endigte damit, daß David den Doctor, ehe dieſer ein Meſſer oder eine Piſtole ziehen konnte, um den Leib packte, trotz ſeines Sträubens zur Thüre hinaus trug und mit Macht die Treppe hinun⸗ ter warf. Nachdem dieſes Bravourſtücklein vollbracht war, hatte ich die Frechheit, dem gefallenen Mann nach⸗ zugehen, ihm aufzuhelfen und ihm zu ſeinem Mißge— ſchick zu condoliren. Er war ordentlich zerbeult, aber nicht ernſtlich beſchädigt. Wie ich vorausgeſehen hatte, lehnte er es ab, wieder in die Wachſtube hinaufzugehen; er ſtieß ungeſtame Verwünſchungen gegen David aus und hinkte nach Haus. Bald nach ſeinem Abgang lag die geſammte Wach⸗ mannſchaft in ſcheinbarem oder wirklichem Schlaf. Zwei Uhr! Die Zeit war gekommen. Auf die Minute hin hörte ich die untere Thüre erbrechen. Dann kamen verſtohlene Schritte die Treppe herauf; krachend brach kurze Berathung, in welcher es zu dem Schluß kam, plötzlich die Thüre herein, und ein Dutzend Polizei⸗ leute fielen über uns hen Wir waren wehrlos gemacht, ehe Einer von uns zur Vertheidigung nach ſeiner Waffe greifen konnte. Nun trat der Sheriff von San Fran⸗ cisco vor. „M'Kenzie und Holmes,“ ſagte er, ſich an die Gefangenen wendend,„kommt hervor!“ Die Angeredeten ſprangen auf; ihre Ketten fielen zwei; alſo nur noch eine halbe Stunde zu Boden, und ſie eilten auf den Sheriff zu, der ſie ſeinen Leuten zur Bewachung übergab. „Und nun guten Morgen meine Herren,“ fügte er gegen uns bei. Sagt eurem Comité, daß M'Kay und ſeine Leute ihre Schuldigkeit gethan haben. Schafft die Arreſtanten nach dem Staatsgefängniß, ihr Jungen — hurtig!“ Was konnten wir fünf geſchlagene Vigilanzcomité⸗ Mitglieder bei einer ſolchen Ueberrumpelung und Ent⸗ waffnung anfangen? Weiter nichts, als Allem aufzu— bieten, um unſeren Ruf zu wahren. Dies war nicht viel und beſtand einfach darin, daß wir nach dem nahen Spritzenhaus ritten und die Vigilanzglocke läuteten, die ſonſt nur bei Hinrichtungen oder Feuersbrünſten ange⸗ zogen wurde. In einigen Minuten war die ganze Stadt allarmirt und auf den Beinen. Schaaren von halb angekleideten Vigilanzmännern kamen mit Waffen in den Händen nach dem Comitéhaus geſtürmt, aber zu ſpät; M'Kay hatte mit ſeiner Mannſchaft bereits den Schirm des Staatsgefängniſſes erreicht und war ſicher. Dieſe Geſchichte machte großes Aufſehen. Nie zu— vor hatte das Vigilanzcomité eine ſolche Schlappe er⸗ litten. Die Mitglieder waren wüthend. Zum Glück argwöhnten ſie keinen Verrath, und begnügten ſich da⸗ mit, uns Alle, mit Ausnahme des Doctors, aus ihrer Verbrüderung auszuſtoßen. Ich brauche nicht zu ſagen, daß weder ich noch David uns dieſen Schimpf ſehr zu Herzen nahmen. Wollte Gott, ich könnte, wie in den alten Geſchich— tenbüchern, meine Erzählung hiemit glücklich abſchließen. Da ich aber mit allen dieſen traurigen Einzelnheiten einen leider nur allzu wahren Vorgang geſchildert habe, ſo muß ich noch beifügen, daß durch Verrath oder Un⸗ achtſamkeit von Seiten der Polizei alle zu Rettung der Gefangenen gemachten Anſtrengungen ſchließlich ſich als erfolglos erwieſen. Das Vigilanzcomité, welches ſeine Niederlage nicht verſchmerzen konnte, war ent⸗ ſchloſſen, ihre Gefangenen wieder zu erobern und auf jede Gefahr hin ihren Nimbus zu wahren. Etwa drei Wochen nach dem Vorgang in dem Comitéhaus, an einem Sonntag Nachmittag, wurden ſämmtliche In⸗ ſaſſen des Staatsgefängniſſes zum Gottesdienſt nach der Kapelle geführt. Während der Geiſtliche die Ge⸗ bete ſprach, brach ein halbdutzend bis an die Zähne bewaffneter junger Burſche, welche ſich zu Sieg oder Tod verſchworen hatten, in die Stätte der Andacht ein, und da in Folge eines verdächtigen Zufalls nur ein einziger Gefängnißwärter zugegen war, ſo wurde es den Eindringlingen nicht ſchwer, ſich des M'Kenzie und Holmes zu bemächtigen, die ſie ohne Widerſtand fortführten. Ein leichter, mit ſechs Pferden beſpann⸗ ter Wagen wartete auf der Straße draußen, und nun ging es in vollem Galopp durch die Stadt nach dem Comitéhaus, das etwa 3½ Mile entlegen war. Um die Beute einer jeden Möglichkeit des Wiedergenommen⸗ werdens zu entheben, hielt das Vigilanzcomité eine die Unglücklichen ohne Weiteres aufzuhängen. Und ſo läutete denn an dem ruhigen Sommernachmittage eines Tages, welcher dem Dienſte des Höchſten gewidmet ſein ſollte, der ſchauerliche Ton der Vigilanzglocke ein Sterbelied.— Zwiſchen eine unabſehbare Menſchenmenge eingekeilt ſtand ich vor dem Comitéhaus und war Zeuge einer -— 96 Tragödie, die zu verhindern ich mein Leben eingeſetzt hatte. Ich wage es nicht, in die Einzelnheiten der ſelben einzugehen. Genug, daß die armen Geſchöpfe auf die ſchauerlichſte Weiſe vom Leben zum Tode ge bracht —— wurden, und daß man an ihnen noch jede Schändlichkeit verübte, welche die ſchlimmſten Leiden⸗ ſchaften verthierter Menſchen einzugeben vermögen. Misceſſe. (Die kaiſerlichen Ställe in Louvre.) Das Gebäude bildet ein längliches Viereck, welches durch zwei Höfe Go aur Coulaincourt und Cour Visconti) getheilt iſt. Die beiden Seiten laufen parallel zu dem Fluß. Auf der linken Seite des Hofes Coulaincourt iſt der erſte Stall, in vierzehn Stände für Sattel pferde getheilt. Daran ſtoßt ein zweiter mit zehn Ständen und einem Waſchplatz. Der architektoniſche Charakter und Schmuck iſt im Einklang mit den an⸗ dern Theilen des Gebäudes, und die Ornamentirung in italieniſchem Style. An der Decke hängen Gas⸗ lampen und mehrere Hahnen liefern das erforderliche Waſſer. Das Intereſſe, welches dieſe Ställe erregen, wird noch geſteigert durch den Ruhm ihrer Inhaber. Eines der Pferde iſt der Buckingham, welches der Kai ſer in der Schlacht von Magenta ritt, ein anderes der Aijac, welches in der Schlacht von Solferino ihm die ſelben Dienſte leiſtete. Auch Perceval, Hamilton und Plouphbay, des Kaiſers Lieblings Jagdpferde, ſind hier; deßgleichen der Cunningham, welcher von dem Kaiſer dem König von Sardinien geſchenkt worden war und von dieſem am Ende des Kriegs wieder mit dem Be merken zurückgegeben wurde, daß er dem Kaiſer kein werthvolleres Geſchenk zu machen wiſſe. Die Gallerie, in welche der Beſucher über den Waſchplatz eintritt, iſt 300 Fuß lang und 14 Fuß breit. Auf beiden Seiten läuft eine Reihe Stände hin, und es iſt Raum für zweiundachtzig Pferde. Bei nächtlicher Gasbeleuchtung macht die Gallerie einen vortrefflichen Eindruck. Un⸗ ter andern befindet ſich hier das ſchöne Wagenpferd Orpheus, welches die 14 Wunden überlebte, die es vor dem Opernhauſe im Januar 1858, da ſein Ge fährte getödtet wurde, erhielt. Das Erdgeſchoß der zwei anderen Seiten des Parallelogramms iſt zu Re⸗ miſen, Sattelkammern u. dgl. eingerichtet. In der Remiſe auf der Oſtſeite an dem Hofe Visconti ſind zwölf gewöhnliche Staatswägen, auf der Weſtſeite fünf zig verſchiedener Gattung. Ueber dem Erdgeſchoß be finden ſich Gemächer für Reit⸗Stallknechte und das übrige zum Stalldienſt gehörige Perſonal. Alle Wägen ſind ſehr ſchön, aber am eleganteſten iſt der große, prächtige Staatswagen. Der Körper beſteht faſt ganz aus dem feinſten Spiegelglas; er iſt mit reichem wei ßem, von goldenen Bienen bedecktem Atlas gefüttert, und die Schnüre und Riemen beſtehen aus Goldtreſſen. Der Rand um das Wagendach iſt von fein eiſelirter, reich vergoldeter Bronze und bildet Namenzüge und Kronen, wechſelnd mit Lorbeerblättern und Eichenlaub; ein goldener Adler iſt auf jeder Ecke. Die Räder und alle übrigen Theile des Wagens ſind von gleicher Pracht und ſtehen in vollkommener Harmonie mit dem Kör⸗ per. Dieſer Wagen koſtete 90,000 Franken. Ein noch prächtigerer ſteht zu Trianon und wurde bei des Kaiſers Vermählung, wie einſt bei der Krönung Carls X. gebraucht. Die Koſten der Reparatur belie⸗ fen ſich allein auf 300,000 Fr. Dieſer Wagen iſt überall völlig vergoldet. Auf den Feldern der Thüren iſt das Wappen des Königshauſes, überragt von einer Krone und umgeben von dem Bande des Ordens der Ehrenlegion. Die wider Felder ſind mit ſymboliſchen Figuren geſchmückt. e Malereien wurden alle von Iſaäbey ausgeführt. D Das Gewicht des ganzen Wagens iſt über 6500 Kilogr. Dem Dienſte in den könig⸗ lichen Ställen wurde ſtets unter der alten Monarchie große Wichtigkeit beigelegt, und er erforderte viel tech⸗ niſche Gewandtheit und Kenntniß. General Fleury, welcher jetzt an der Spitze dieſes Departements ſteht, wurde von dem Kaiſer eben deßhalb hiezu auserſehen. Der kaiſerliche Marſtäkll zählt jetzt 300— 320 Pferde, Reit⸗, Wagen⸗ und Poſtpferde, und ſie ſind in fünf verſchiedene Etabliſſements vertheilt, im Louvre, den Tuilerien, der Rue Montaigne, der Rue de Monceaux und in St. Cloud. Der wirkliche Dienſt iſt im Louvre, der Privatdienſt in den Tuilerien. In der Rue Montaigne ſind die Reitpferde der Kaiſerin, deß⸗ gleichen eine Anzahl Wagenpferde. In der Rue Mon⸗ ceaux ſind Reit⸗ und Wagenpferde; hier befindet ſich auch das Spital. Zu St. Cloud ſtehen immer ſechzig Pferde zu verſchiedenen Zwecken. Wenn die Pferde der Waide bedürfen, ſchickt man ſie nach Meudon; die Zuchtſtuten ſind zu Villeneuve⸗l'Etang. Die Reitpferde ſind durchaus von engliſchem Blute, die Wagenpferde von engliſch normänniſcher, die Poſtpferde von nor⸗ männiſcher Zucht. Die Wägen, 180 an der Zahl, ſtehen im Louvre, in den Tuilerien und in der Rue Montaigne. Die Staatswägen ſind zu Trianon. Die neuen Ställe, welche auf dem Quai d'Orſay, gegen⸗ über der Alma⸗Brücke, erbaut werden, ſollen 300 Pferde aufnehmen, welche für die Kaiſerin, den kaiſerlichen Prinzen und für die Reſerve Seiner Majeſtät beſtimmt ſind. Die Ställe im Louvre wurden von Visconti angefangen und von Lefuel vollendet. Der Kutſcher, Reitknechte u. ſ ſind es über 300. Ueberall herrſcht die nechinne ht„Sen unn und militäriſche Pünktlich⸗ keit, und das Ganze erregt die Bewunderung jedes Kenners. wah dur wo ntat und ſiba wüͤ ter. der — Ja ſwe ehe noch jede en Leiden⸗ lögen. Käder und her Pracht dem Kör⸗ ken. Ein de bei des Krönung atur beli⸗ Wagen iſt er Thüren von einer rdens der mboliſchen alle von n Wagens den könig⸗ Monarchie viel tech⸗ I Fleury, ents ſteht, zuserſehen. 20 Pferde d in fünf bre, den Monceaul t iſt im In dr 1 Gmateriellen Gewinns erhaben war, — feſix Mendelsſohn Bartholdy. Eine biographiſche Skizze von C. F. A. K. (Taf. 7.) Wenigen unſerer großen Künſtler und Schriftſteller daß ſie Aufführung brachte, ſem Gedanken, wollte aber doche noch die Anſicht eines jungen Freunde Mendelsſohn.— Felix Mendelsſohn floß das Leben ſo ruhig und ungetrübt dahin, es ganz ungeſtört und ſorgenfrei ihrem begeiſterten Schaffen zu widmen vermochten, wie Göthe und ſeinem Bartholdy war den 3. Februar 1809 in einer hoch⸗ gebildeten jüdiſchen Banquiersfamilie zu Hamburg gebo⸗- ren. Sein reicher Vater konnte ſich rühmen, einen ebenſo großen Mann zum Vater wie zum Sohne zu haben, denn Felix war der Enkel des großen Philoſo⸗ der Seele geſchrieben, deſſen Vorbild Sokrates war und der zu den großen Lehrern ſeiner Nation zu zählen iſt. Die Liebe zur Muſik hatte der kleine Felix von ſeinem Vater geerbt, der auch Alles that, den zarten Keim, der eine ſo herrliche Pflanze zu werden verſprach, zu Jahre nach der Ge⸗ höchſt muſikaliſchen Schweſter Fanny vor Moſcheles, wahren und zu pflegen. Einige burt dieſes Sohnes ſiedelte der Vater nach Berlin über, wo ſein Haus, da er weit über den Geſchäftskreis des bald ein Sammel⸗ und Zufluchtsort der Künſtler wurde. Den erſten mu⸗ ſikaliſchen Unterricht erhielt würdige, mit der Literatur und Kunſt vertraute Mut⸗ ter. Zelter, der Freund Göthe's, unterrichtete ihn in der Compoſition und im Generalbaß. ſtrengen Satzes, und war auf dem Klavier Virtuos, noch ehe die kleine Hand eine Oktave zu ſpannen vermochte. „Felix iſt noch immer der Obermann meiner Schüler,“ ſchrieb Zelter an Göthe,„Klavier ſpielt der Junge wie 'n Teufel!“ Im Jahre 1821 nahm ihn Zelter auf einen Beſuch zu Göthe mit, ten angekündigt hatte:„Meiner Doris und meinem beſten Schüler möchte ich noch dein Angeſicht zeigen, ehe ich von hinnen gehe.“ Der alte Heros deutſcher Poeſie mit dem greiſen Dichterhaupte neigte ſich gütig zu dem holden Liebling der Muſen nieder. Er gewann den geiſtvollen, munteren Knaben lieb und wandte ihm ſeine volle Theilnahme zu. Dieſer vereinigte aber auch mit der Kindlichkeit und der muthwilligen Naivetät des jugendlichen Alters gediegene Studien und Eigen⸗ ſchaften des männlichen Alters. ſcheiden und anerkannten Muſikern gegenüber ſo ſchüch⸗ tern und zaghaft, daß er bei einem muſikaliſchen Früh⸗ ſtück, wo er nach dem berühmten Hummel ſpielen ſollte, bitterlich zu weinen anfing und durchaus nicht dazu zu bewegen war. Moſcheles verſtand ſich nur auf drin⸗ gendes Bitten dazu, dem Wunderknaben Lektionen zu geben,„der ſchon Alles ſpielte, was der Meiſter zu ſpie⸗ len vermochte, und blitzſchnell jeden Wink auffaßte.“ Gleichwohl dachte der Vater entfernt nicht daran, ſei⸗ naen Felix ausſchließlich zum Muſiker ausbilden zu laſ⸗ ſen. Er gönnte ihm die Muſik als edlen geiſtigen Zeitvertreib, hielt es aber für unverträglich mit der Würde und dem Glanze ſeines Hauſes, daß der Enkel des Philoſophen Mendelsſohn Muſiker von Profeſſion Feierſtunden. 1863. Felix durch ſeine liebens⸗ Schon im achten Jahre löste er mit Leichtigkeit die größten Aufgaben des dem er ihn mit den Wor⸗ Dabei war er ſo be⸗ werden ſollte, und erſt als Felix 1827 ſeine erſte grö⸗ ßere Compoſition,„die Hochzeit des Gamacho,“ zur befreundete ſich der Vater mit die⸗ unparteiiſchen, erfahrenen Meiſters vernehmen. Er reiste deßhalb mit Felix nach Paris, nd bat Cherubini, ſei⸗ nen Sohn gründlich zu prüfen. Die Anerkennung und Aufmunterung von Seiten dieſes berühmten Compo⸗ niſten entſchied über Felixens Zukunft, der ſich nun ungetheilt und mit ganzer Seele der Kunſt widmen phen Moſes Mendelsſohn, der über die Unſterblichkeit Mit erſtaunlicher Produktivität ſchuf er in den Jahren durfte, für die er eine ſo undeſbare d Begabung beſaß. 1825 und 1826 eine ganze Reihe vortrefflicher Werke, von welchen eines, die Ouvertüre zu Shakſpea⸗ re's Sommernachtstraum, ſeinen Ruhm dauernd begründete. Felix ſpielte dieſe Compoſition in vier⸗ händigem Arrangement mit ſeiner geliebten, gleichfalls der ſich von dem in dieſem Werke wehenden ätheriſch idealen Geiſte ſeines Schülers bezaubert und zugleich übertroffen fühlte. Moſcheles umarmte ihn und das herzliche Du beſiegelte nun den Freundſchaftsbund die⸗ ſer edeln Menſchen. Als Moſcheles ſpäter nach Lon⸗ don überſiedelte, fühlt te ſich auch Felix dorthin gezogen, und ſeine im phi dcharnfſcgen Concerte aufgeführte Sommernachtstraum-Ouvertüre erwarb ihm dort allge⸗ meine Bewunderung. Von London aus, wo er mehrere hochgeſchätzte Werke componirte, beſuchte Mendelsſohn auch Schottland. Als⸗ ihn nach ſeiner in demſelben Jahre erfolgten Rückkehr die Schweſtern baten, doch auch etwas von den Hebri⸗ den zu erzählen, rief er: Das läßt ſich nicht erzählen, ſondern nur in Tönen ausdrücken,“ ſetzte ſich an den Flügel und ſpielte das geiſterhafte Thema, das er nach⸗ her zu der Ouvertüre„die Hebriden oder die Fin⸗ galshöhle“ ausſpann. In dieſer Zeit war auch eine andere Ouvertüre zu Göthe's Gedicht„ Meeresſtille und glückliche Fahrt“ entſtanden. Vor dem Antritte ſeiner 1830 unternommenen ita⸗ lieniſchen Reiſe ſprach Mendelsſohn erſt in Weimar bei Göthe ein.„So geſprächig und mittheilend,“ ſchrieb er nach Hauſe,„habe ich den alten Herrn noch nie gefunden. Ich habe alle Mittage bei ihm gegeſſen. Vormittags muß ich ihm ein Stündchen vorſpielen von allen großen Soinponſen nach der Zeitfol ge, und dann ſitzt er in einer dunkeln Ecke wie ein Jupiter tonans und blitzt mit den Augen. Er macht mir Complimente, wobei ‚ganz ſtupend' ſein Lieblingswort iſt.“ Göthe hatte eine Portrait⸗Sammlung von ſeinen Bekannten angelegt, und ſchickte einen Maler zu Felix, um auch deſſen nhi dniß beilegen zu können, und als ihn Felix bat, ihn Du zu nennen, willigte er ein, wenn dieſer noch lunger bleiben wolle, daß er ſich auch daran ge⸗ wöhnen könne. Zum Abſchied ſchenkte er Felix einen Manuſcriptbogen von ſeinem Fauſt mit t ſolgender Un⸗ terſchrift: * 7 13 - 98 ☚— Dem lieben jungen Freunde F. M. B., kräftig zartem Beherrſcher des Pianos, zur freundlichen Erinnerung ſchöner Maitage 1830, J. W. von Goethe. In München, wo Felix Mendelsſohn einer Auf⸗ führung des Fidelio beiwohnte, ärgerte er ſich über die vielen Veränderungen und Striche, die man ſich hiebei erlaubte.„Mein Deutſchland,“ ſagte er,„hat große Sänger, viele denkende Künſtler, aber keinen unter⸗ geordneten, frei und anſpruchslos wiedergebenden.“ Was würde Mendelsſohn ſagen, wenn er in Göthe's Fauſt einen Schauſpieler die Worte ſeiner Rolle zehnmal abſicht⸗ lich verändern hörte, weil er, der Schauſpieler, beſſer zu wiſſen glaubt, wie es heißen müſſe! Ueber Wien, Ungarn, Venedig ging die Reiſe nun nach Florenz, Rom und Neapel.„Was ich in letz⸗ terer Stadt,“ ſagt er,„von Muſik gehört, war der Mühe des Hingehens nicht werth. Das Orcheſter iſt wie in Rom ſchlechter als jedes deutſche. Um italie⸗ niſche Oper zu hören muß man jetzt nach Paris und London gehen. Ich bitte Gott, daß es mit der deut⸗ ſchen Muſik nur nicht auch ſo werden möge.“ Im Uebrigen beklagt er ſehr, daß Italien als Land der Kunſt keinen Einfluß auf ſeine muſikaliſchen Studien habe. In Rom machte er die Bekanntſchaft von Cor⸗ nelius, Koch, Overbeck, Horace Vernet und Thorwald⸗ ſen.„Letzterer,“ ſchreibt er,„hat ein recht gutes In⸗ ſtrument bei ſich ſtehen, und wenn ich mir, während ich ihm vorſpiele, den alten Herrn anſehe, wie er an ſeinem braunen Thon knetet oder ein Gewand aus⸗ glättet— kurz, wenn er ſchafft, was Alle nachher als fertig und dauernd bewundern müſſen, ſo freut mich's ſehr, daß ich ihm ein Vergnügen bereiten kann.“ Von ſeinem Beſuche der Kirche Trinita de Monti erzählt Mendelsſohn Folgendes:„Kommt das Ave Maria, ſo geht's in die Kirche von Trinita de Monti, da ſingen die franzöſiſchen Nonnen, und es iſt wun⸗ derlieblich. Es iſt Dämmerung und die ganze kleine, bunte Kirche voll knieender Menſchen, die von der un⸗ terſinkenden Sonne beſchienen werden, ſobald die Thüre einmal aufgeht; die beiden ſingenden Nonnen haben die ſüßeſten Stimmen von der Welt, ordentlich rührend zart, und namentlich wenn die eine das Reſponſorium ſingt, was man gewohnt iſt, von den Prieſtern ſo rauh und ſtreng und einförmig zu hören; da wird Einem ganz wunderlich. Nun weiß man noch dazu, daß man die Sängerinnen nicht zu ſehen bekommen darf; — da habe ich denn einen ſonderbaren Entſchluß ge⸗ faßt: ich componire ihnen etwas für ihre Stimmen, die ich mir recht genau gemerkt habe, und ſchicke es ihnen zu, wozu mir mehrere Wege zu Gebot ſtehen. Singen werden ſie es dann, das weiß ich, und das wird nun hübſch ſein, wenn ich mein Stück von Leu⸗ ten, die ich nie geſehen habe, anhören werde.“ Wir wiſſen nicht, ob dieſe„drei Motetten für weib⸗ liche Stimmen“ in der Kirche von Trinito de Monti geſungen worden ſind, in Deutſchland und England werden ſie als Perlen des Kirchengeſangs hoch⸗ gehalten. Auf der Rückreiſe kam Mendelsſohn über Florenz und Genua nach Mailand; hier ſuchte er den Sohn Mozart's auf, deſſen Treuherzigkeit ihn innig erfreute. „Er muß die größte Aehnlichkeit mit ſeinem Vater haben,“ ſagte Mendelsſohn,„beſonders im Weſen, denn ſolche Sachen, wie ſie Einen in den Briefen des Cöln. Vaters rühren, hört man in Menge von ihm, und man muß ihn nach dem erſten Augenblicke gleich lieb haben.“ Eine Schweizertour wurde Mendelsſohn durch beharr⸗ liches Regenwetter verdorben. In München aber fühlte er ſich wieder ganz in ſeinem Elemente, als er nach langer Zeit wieder ein gutes volles Orcheſter dirigiren konnte, dafür aber, auf den Wunſch König Lud⸗ wigs, zum Schluſſe am Flügel phantaſiren mußte, was er nicht ganz gerne that, da er es für einen Unſinn und Mißbrauch hielt. Den Winter 1831 brachte Mendelsſohn in Paris zu, wo man damals für Meyerbeer's„Robert der Teufel“ ſchwärmte, deſſen„kalte, berechnete Muſik ohne Wärme und Wahrheit“ ihm herzlich zuwider war. Deſto mehr zog es ihn nach London, wo er hochgeſchätzt und im philharmoniſchen Concert mit ſtürmiſchem Jubel empfangen wurde. Nach längerem Aufenthalte in Ber⸗ lin und wieder in London bei Freund Moſcheles, diri⸗ girte er die glänzenden Muſikfeſte in Düſſeldorf und Im Jahre 1835 wurde er als Dirigent der berühmten, als klaſſiſch anerkannten Gewandhaus⸗ Concerte nach Leipzig berufen. Es ſchwebte ein gewiſſer Nimbus um den Namen Mendelsſohn Bartholdy, die Damenwelt Leipzigs war nicht wenig begierig auf ſeine Ankunft, und als er nun erſchienen war, ſeine zarte Hand die Taſten des Pianos berührte oder den Taktſtock führte, ſchlug ihm wohl manches Frauenherz, in dem ſtille Wünſche rege ge⸗ worden, entgegen, wenn er ſein ſchönes Auge erhob, und das glänzend ſchwarze Lockenhaar die hohe Stirne umwogte. Bei der Lebhaftigkeit ſeines Geiſtes, bei all' den vortrefflichen Eigenſchaften ſeines Herzens und dem vielleicht einmal geſchilderten glücklichen Zuſtand zweier Herzen, die ſich verſtehen, gab man der Hoffnung Raum, daß Merndelsſohn nicht unvermählt bleibe. Wer aber die Glückliche, die Auserwählte unter den Töchtern der Kaufmannswelt ſein werde, dies wurde damals in Leipzig zu einer brennenden Frage. Der Name Felix Mendelsſohn Bartholdy rührte die Herzen nicht nur, wenn man der ſinnigen Lieder und reizen⸗ den Compoſitionen, ſondern auch, wenn man des Herrn Papa, des reichen Berliner Banquiers, gedachte. Es war deßhalb nicht zu verwundern, daß Mendels⸗ ſohn Einladungen in die erſten Familien Leipzigs er⸗ hielt, nicht ſelten in Familien, wo Töchter vorhanden waren, deren Abſichten man errathen konnte, ohne ge⸗ rade ein Oedipus zu ſein. Faſt immer gab es jedoch irgend ein Hinderniß, das ihm leider das Vergnügen raubte, heute in einer Familie zu erſcheinen, die er ſo hoch ſchätzte u. ſ. w. Die Begeiſterung für Mendels⸗ ſohn, der indeſſen auch Moſcheles nach Leipzig einge⸗ laden, ſtieg immer mehr, und der Saal faßte kaum die von Fern und Nah herzuſtrömende Menge. Seine Bedeutung wurde immer mehr anerkannt, Gelehrte und Künſtler nahten dem beſcheidenen, ſtets heitern und freundlichen Manne mit Chrerbietung. Die Orcheſter⸗ mitglieder nannte er liebe Collegen, was er denn mehr, als eben auch ein Muſikus ſei? Es war vorzüglich die Damenwelt, die ſich in ſeine Nähe drängte, und ritter⸗ lich wurde gekämpft, einen Platz in der Nähe des Pul⸗ tes zu erhalten. Im Mai des Jahres 1836 war Mendelsſohn's Paulus, das ſchönſte und großartigſte Oratorium der Neuzeit, unter der Leitung des Componiſten in Düſſeldorf mit dem glänzendſten Erfolge aufgeführt worden. Das neuer leiſe friſch Dile derki in d Ver des dort ren im mit kam ſtür gebr tiga Nid und man haben.“ beharr⸗ der fühlte er nach dirigiren ig Lud⸗ Fte, was Unſinn in Paris obert der ruſik ohne cr. Deſto cätzt und m Jubel in Ber⸗ les, diri⸗ dorf und igent der andhaus⸗ a Namen gigs war ls er nun s Pianos hm wohl rege ge⸗ ne erhob, he Stirne „ Ri all und dem id zweier Hoffnung t bleibe. unter den es wurde age. die Herzen nd rehen⸗ man d 4 edachte. Mendels⸗ ipüigs er vorhanden Der ohne N⸗ es ſdoch - 99 Feſtcomité überreichte ihm ein im Verein mit Schröter, Hübner, Steinbrück, Mücke prachtvoll ausgeführtes Exemplar der Partitur, welches Illuſtrationen der Hauptmomente des Oratoriums enthielt, das bald nicht nur in ganz Deutſchland, ſondern auch in England, Frankreich, Nordamerika als echter Ausdruck chriſtlicher Begeiſterung begrüßt wurde. Die Aufregung der letzten Jahre, das Entſtehen neuer Tonwerke veranlaßten Mendelsſohn zu einer Bad⸗ reiſe nach Scheveningen, die reizbaren Nerven an der friſchen Seeluft zu ſtärken und das Kunſtgeſchwätze der Dilettanten⸗Kreiſe, die reiſenden Virtuoſen und Wun⸗ derkinder⸗Papas auf einige Zeit los zu ſein. Wer nur in Leipzig gewußt hätte, wohin Mendelsſohn ginge. Vergebens forſchte man beim Arzte und den Freunden des Verehrten, um ſich zufällig mit den lieben Töchtern dort einzufinden. Im Herbſte kehrte Mendelsſohn nach einem länge⸗ ren Aufenthalte in Frankfurt nach Leipzig zurück, und im Oktober begannen die Gewandhaus⸗Concerte wieder mit wo möglich ſich noch ſteigerndem Beifalle. So kam der Winter mit ſeinem Regenwetter und Schnee⸗ ſtürmen; in Mendelsſohn aber war ein Frühling an⸗ gebrochen mit blauem Himmel, Waldesgrün und Nach⸗ tigallen, der Frühling der Liebe in ſeinem Herzen. Nicht in den Sälen der Ariſtokratie, nicht in den Prunkzimmern reicher Lords oder Banquiers— in der beſcheidenen Wohnung der Wittwe eines reformirten Predigers zu Frankfurt hatte er ſein Glück, ſein Eins, ſein Alles gefunden: Cäcilie Jeanrenaud, die zweite hinterlaſſene Tochter dieſes Predigers. Das Mädchen war eines ſolchen Gatten werth, und dieſer hing an ihr mit der innigſten Liebe bis zu ſeinem Tode. In Leipzig wurde wohl davon gemunkelt, von Vie⸗ len ward es jedoch noch bezweifelt. Da nahte der Tag des letzten Gewandhaus⸗Concertes des Jahres 1836; ſeit einem Jahrhundert ſtets ein Donnerſtag, diesmal ein Montag.— Warum diesmal ein Montag? Das Concert⸗Direktorium wußte es, und von dieſem war fein und ſinnig als letzte Nummer das Finale aus Fidelio gewählt worden, in welchem der Schlußchor die Worte zu ſingen hat: Wer ein holdes Weib errungen, Stimm' in unſern Jubel ein. Ein endloſer Applaus folgte der Beendigung dieſes Chores, der hier die Löſung eines Räthſels war. Man wußte nun, daß der Allverehrte und Geliebte eine Wahl getroffen. Mendelsſohn dankte mit glühenden Wangen und ſtrahlendem Auge, und hingeriſſen von ſo nie ge⸗ hörtem Jubel, ſetzte er ſich an den Flügel. Dem Au⸗ genblicke vertrauend, erging er ſich über jenes Thema in freudig ergreifender Weiſe. Jeder Ton kam aus dem überfluthenden Herzen und war eine Hymne des Dankes und der Liebe. Das Concert war zur Fami⸗ lienfeier geworden, an welcher die ganze Verſammlung Theil nahm. Am andern Morgen reiste Mendelsſohn nach Frankfurt ab, und als drei Monate ſpäter ſein Paulus von mehr als 300 Sängern in Leipzig auf⸗ geführt wurde, und nach Beendigung deſſelben ein Lor⸗ beerkranz auf ſeinem Pulte lag, vertauſchte er ihn mit der bräutlichen Myrthe. Im Jahre 1841 ernannte ihn der König von Sachſen zu ſeinem Kapellmeiſter und der König von Preußen übertrug ihm den Auftrag, Muſik zur Anti⸗ gone zu ſetzen, für welche charaktervolle Compoſition ihm die deutſche Philoſophenverſammlung des Jahres 1842 ein Dankſagungsſchreiben überſandte. Im näch⸗ ſten Jahre übertrug ihm der König die Oberleitung aller geiſtlichen und kirchlichen Muſik in Preußen un— ter dem Titel eines Generalmuſikdirektors. Wir führen von Mendelſohn's zahlreichen Compo⸗ ſitionen noch die Walpurgisnacht von Göthe an, welche im Winter 1843 auch in Leipzig aufgeführt wurde, deſſen Gewandhaus⸗Concerte er bis zu ſeinem Tode leitete, und ſein letztes Oratorium Elias, das im April 1747 in London die tiefſte Wirkung machte. Auch die Königin Victoria, welche weder vor noch nach dieſer Aufführung in Exeterhall erſchienen, wohnte der Aufführung mit ihrem Gemahle bei, und empſing Mendelsſohn öfters im Familienkreiſe. Er mußte vier⸗ händige Stücke mit ihr ſpielen und ſie ſang ihm einige ſeiner Lieder vor. Prinz Albert aber ſandte ihm das Textbuch des Elias mit folgender Widmung zu: Dem großen Meiſter, der durch das ganze La⸗ byrinth ſeiner Schöpfung, vom ſanften Flüſtern bis zum mächtigen Wüthen der Elemente, uns der Einheit ſeines Schaffens bewußt macht, zum dankbaren Andenken. Prinz Albert. Nach dieſem ſchönen Mittag neigte ſich das Leben dieſes Edeln raſch dem Abend zu. Auf der Rückreiſe von London erhielt er die Nachricht von dem plötzlichen Tode ſeiner geliebten Schweſter Fanny, und ſtieß da⸗ bei einen durchdringenden Schrei aus. Von dieſem Tage an litt ſeine von ſeiner großen Thätigkeit längſt ange⸗ griffene Geſundheit, die er umſonſt in der Schweiz wieder zu kräftigen ſuchte, ſichtlich. Sein raſtloſer Geiſt gönnte ihm auch dort keine Ruhe, obſchon er fühlte, daß ſeine Tage gezählt waren.„Laßt mich nur arbeiten,“ ſagte er der beſorgten Gattin und den Freun⸗ den,„die Zeit zu ruhen, wird nur zu bald kommen.“ Die Vorbereitungen zur Aufführung des Elias in Leip⸗ zig wurden durch Menzelsſohn's beginnende Krankheit unterbrochen, und die Kopfſchmerzen nahmen zu. Nach der Meinung der Aerzte ſoll ihm bei jenem Schmer⸗ zensſchrei ein Blutgefäß im Gehirn geſprungen ſein. Als er ſich am 9. Oktober ſeine letzte Arbeit: Eichen⸗ dorfs Nachtlied„Vergangen iſt der lichte Tag“ von einer Freundin vorſingen ließ, erblaßte er plötzlich und wurde ſchwindlich, ſo daß er nach Hauſe gebracht werden mußte. Noch einmal flammte die Fackel ſeines Lebens empor und erfüllte Alle mit freudiger Hoff⸗ nung, aber am Abend des 4. Nov. 1847, während man in der Nachbarſtadt Berlin ſeinen Elias zum erſten Male aufführte, erlag er den wiederholten Anfällen eines Schlagfluſſes im noch nicht zurückgelegten 38. Le⸗ bensjahre. An ſeinem Bette ſtanden eine edle Frau, die ihm Alles war, und geliebte, liebreizende Kinder. Auch an ihm wurden die von ihm ſo herrlich geſetzten Worte wahr: Es iſt beſtimmt nach Gottes Rath, Daß man vom Liebſten, was man hat, Muß ſcheiden, und jene Worte aus Paulus:„Dir, Herr, will ich mich ergeben,“ lispelte er wohl in der Todesſtunde, als ſein Geiſt ſich aufſchwang in das Reich der ewi⸗ gen Harmonien. Das Sterbehaus war von Hunderten belagert, von Nah und Fern kamen die Angehörigen und Freunde herbeigeeilt, noch einmal die edeln Züge zu ſehen. In Leipzig, wo ſein Tod wie ein öffentliches Unglück hin⸗ 4 13⸗ genommen wurde, war die Trauer grenzenlos, im In⸗ und Ausland fanden Trauerfeierlichkeiten ſtatt, und ſelbſt gekrönte Häupter bezeugten der troſtloſen Wittwe ihr Beileid. Mendelsſohn Bartholdy'’s unerwartetes und ach ſo frühes Hinſcheiden war und iſt ein ſchmerz⸗ liches Ereigniß für die ganze gebildete Welt. 100— Gattin ihrem Felix.„Ver⸗ Tag“ auch ihr. Sie ſchied, nachdem ſie der Schmerz ſchon hier zu einem Weſen jener Welt erhoben hatte. Ihn aber wird man prei⸗ ſen, ſo lange die unſichtbare Welt der Töne die Sterb⸗ Bald folgte auch die gangen war ja der lichte lichen erheitert, tröſtet und läutert. Die Tante Zünthern. (Fortfetzung von S. 80.) Viertes Kapitel. Cornelia wieder heim. Wenn während dieſer einſamen Jahre das Leben der Schweſtern von Zeit zu Zeit etwas bewegt wurde, ſo geſchah das durch die Briefe, bisweilen auch, aber nur höchſt ſelten, durch einen Beſuch Cornelia's. Einen Brief von ihr zu erhalten, galt ſowohl bei Erd⸗ muthen wie bei der Apothekerin— an die Frau Gün⸗ thern ſchrieb ſie nie— für eine Freude und eine Chre, ihre Beſuche waren die eigentlichen hohen Feſte im Hauſe, und eine Einladung zu ihr erſchien als das höchſte Glück, deſſen man theilhaftig werden konnte. Cornelia verfuhr indeſſen höchſt ſparſam damit. Nur Erdmuthe, welche nun durch einen Neffen und eine Nichte Tante Muthchen geworden war, konnte ſich der Auszeichnung rühmen, öfter befohlen zu werden, denn ſo wurde es aufgenommen, wenn Frau von Tannen⸗ hof einlud, Auguſte hatte blos ein einziges Mal dieſe Ueberraſchung, die Frau Günthern hatte ſie nie. Sie war nicht dazu, producirt zu werden, äußerte Cornelia vertraulich gegen Erdmuthe, und dieſe ſtimmte der be⸗ wunderten Schweſter bei. Die Günthern war für's Haus— da war ſie ſehr gut, man konnte keine Beſ⸗ ſere finden, und ſie würde, fehlte ſie, von ihnen Allen vermißt werden, das war Erdmuthens aufrichtige herz⸗ liche Meinung. Aber ſie heraus bringen und nun gar in Corneliens Kreis bringen— lauter Hauptmanns⸗ und Majorsfrauen, eine Oberſtlieutenant und bei offi⸗ ciellen Gelegenheiten ſogar eine Generalin— nein, das ging nicht, und die Günthern mußte das ſelbſt ein⸗ ſehen. Die Frau Günthern brauchte ſich mit dem Ein— ſehen nicht erſt zu bemühen, ſie wurde nicht darüber aufgeklärt, warum man ſie ſtets zu Hauſe ließ, man ließ ſie eben ganz einfach da. Sie blieb zufrieden allein in dem alten großen Hauſe, für welches ſie eine zärt⸗ liche Anhänglichkeit hegte— es mußte doch Eine blei— ben, um auf's Haus aufzupaſſen. Warum ſie immer dieſe Eine war, das fragte ſie ſich nicht. In den ſel⸗ tenen Augenblicken, wo ſie ſo etwas wie Phantaſie hatte, ſtellte ſie ſich wohl vor, wie es ſein würde, wenn Cornelia ſie ein Mal einlüde, aber es betrübte ſie weiter nicht, daß dieſe Vorſtellung ſich nie verwirk⸗ lichte. Daß ſie vernachläſſigt oder zurückgeſetzt werden könne, beſonders von den Schweſtern, die ſo gut zu ihr waren, das fiel ihr nie ein. So waren die acht Jahre vergangen, welche die beiden Schweſtern im Thurmhauſe ſo ſtill hingebracht hatten, da kam ein Brief von fremder Hand an Erd⸗ muthe. Sie erkannte den Poſtſtempel von Corneliens Wohnort, und hatte kaum Kraft genug, das Siegel zu erbrechen— ſie fürchtete Alles. Was ſie wirklich las, war ſchlimm genug. Cornelia hatte ein Nerven⸗ fieber gehabt, Tannenhof hatte ſie Tag und Nacht ge⸗ pflegt, ohne Erdmuthe zum Beiſtand kommen zu laſ⸗ ſen, weil Anſteckung zu befürchten war. An ſich hatte er nicht gedacht; jetzt war Eornelia noch lange nicht geneſen und er lag ſeinerſeits dem Tode nahe. Der Hausarzt ſchrieb an Erdmuthe— ihre Gegenwart war ſowohl dem Kranken wie der Geneſenden dringendſt nöthig. Erdmuthe ſaß ſchon eine Stunde ſpäter im Wagen— ſie fürchtete weder Krankheit noch Tod, nur das Einzige, zu ſpät zu kommen. Das ward ihr er⸗ ſpart: Tannenhof lebte noch. Aber nicht lange mehr. Fünf Tage nach ihrer Ankunft ſchloß Erdmuthe dem Manne, welchen ſie ſo lieb gehabt hatte, daß ſie ihm Cornelia gönnte, die Augen. Sie betrauerte ihren Schwager, wie ſie noch kei⸗ nes ihrer verlorenen Güter betrauert hatte, nicht die Eltern, nicht den kleinen Knaben Amaliens, ſelbſt nicht Caroline. Für Erdmuthe war, ſeit Tannenhof todt war, kein Mann mehr auf der Welt. Selten iſt ein Bruder von einer leiblichen Schweſter ſo lieb gehabt und ſo beweint worden. Cornelia trauerte nicht und weinte nicht, ſie klagte Gott an. Sie hatte das Glück, welches er ihr gege⸗ ben, mit ſolchem ſorgloſen Uebermuthe angenommen, und ſich darin ſo ſicher geglaubt, daß ſie, als es ihr genommen wurde, an Gottes Gerechtigkeit zweifelte, ja, ſie wild und herausfordernd läugnete. Was hatte ſie ihm gethan, daß er ſie ſo ſchlug? War ſie nicht immer in die Kirche gegangen, um ihm zu danken? Warum ſuchte er unter ſo vielen Frauen gerade ſie ihre Freundinnen zu Wittwen? Erdmuthens Frömmig⸗ keit vermochte nichts gegen einen ſolchen Schmerz: grollend, finſter, getroffen, aber nicht gebeugt folgte Cornelia ihr in die Geburtsſtadt und in das Vater⸗ haus zurück. Die Ruhe dort beruhigte ſie nicht, ja, ihr zorni⸗ ger, trotziger Schmerz litt nicht dieſe Ruhe, ſondern verſcheuchte ſie. Es war ſeit Corneliens Heimkehr in ihr, als ſei irgendwo im Hauſe ein Sturm gefangen, der jeden Augenblick hervorbrechen könne und jeden Augenblick drohend hindurchhauche. Cornelia war gegen die Schweſtern hart und rauh— was vermochten ſie Gebuld, die man von ihr nicht hätte erwarten ſollen ich zum Opfer heraus? Warum machte er nicht auch 5) ihr zu ſein, ihr, die den Gatten verloren hatte? Erd⸗ nureen dieſe Gleichgültigkeit Corneliens mit einer — ſie fühlte, was es heißen müſſe, einen Gatten wie Tannei ihrerd gar k Sälhſ M als di dr ür ben wen Rudolp rchalten Vor ei liche d des G rige4 welche von t die d Wenr der g ſo beu ſo au erlaub Nacht Seite muth Blich zul woh ſehen „Per⸗ ie ſchied, n Weſen an prei⸗ e Sterb⸗ § Siegel wirklich Nerven⸗ Nacht ge⸗ zu laſ⸗ ich hatte ge nicht ſe. Der wart war ringendſt päter im Tod, nur d ihr er⸗ ge lalchjr. the dem ſie ihm noch kei⸗ iicht die bſt nicht hof todt n iſt ein b gehabt ſie llagte ihr gege⸗ nomnl, 6 es ihr — — - 101— b⸗ Tannenhof zu verlieren. Mit der Aufbietung aller entgegnete Cornelia auf dieſe Bemerkung Erdmuthens. ihrer Liebe, mit der Hingabe des eigenſten Selbſt ſo⸗„Ich könnte doch Niemand etwas antworten. Was gar konnten die Schweſtern ihn Cornelien nicht erſetzen. will ich noch von der Welt? Daß ſie mir ſo lange, Selbſt die Kinder waren kein Troſt für ſie. bis Rudolph groß iſt, und mich nicht mehr braucht, Aber ein neuer Schmerz wurden ſie für Cornelia, einen Winkel in dieſem Hauſe laſſe. Sonſt mag ich als die Maſern in der Stadt ausbrachen und binnen nichts mehr von der Welt, ſelbſt wenn ſie mir auch der kürzeſten Zeit das Mädchen und den älteſten Kna- das Allerſchönſte und Allerunmöglichſte geben könnte ben wegrafften. Das jüngſte Kind allein, der kleine und wollte.“—„Ach, Tannenhofen, wenn du dich Rudolph, damals noch ſo gut wie auf dem Arm, blieb doch endlich in des lieben Gottes Willen ergeben woll⸗ erhalten, obwohl auch ihn die Krankheit ergriffen hatte. teſt,“ verſuchte die fromme Erdmuthe eine bittende Er⸗ Vor einem Jahre noch ſaß Cornelia als ſtolze glück⸗ mahnung anzufangen, aber Cornelia unterbrach ſie, die⸗ liche Frau mit drei Kindern um ſich her an der Seite ſes Mal nicht mit den feinen Redensarten der Frau des Gatten, und jetzt war es allein der kaum zweijäh⸗ von Tannenhofen, ſondern in der früheren derben rige Knabe, auf dem ihr Auge mit der Angſt ruhte, Weiſe der Franke'ſchen Tochter:„mit dem lieben Gott welche um das Letzte gefühlt wird.— laß mich nur in Ruh— er hat gethan was ihm Sie hatte den Kleinen bisher am wenigſten geliebt, beliebt hat, ich thue nun auch, was ich will. Daß er von nun an indeſſen umfaßte ſie ihn mit einer Liebe, mich ungerecht geſchlagen hat, das will ich behaupten, die durch ihre Heftigkeit faſt bis an Wildheit ſtreifte. und wenn ich in dieſem Augenblicke auf dem Sterbe— Wenn ſie während ihres erſten Wittwenjahres die Kin⸗ bette läge. Was hatte ich gegen ihn verbrochen? Wir der gleichgültig faſt den Schweſtern überlaſſen hatte, thaten nichts, Tannenhof und ich wir liebten uns, ſo bemächtigte ſie ſich dafür jetzt des kleinen Rudolphs das iſt keine Sünde. Und da mußte er fort, und ich ſo ausſchließlich, daß den Tanten eigentlich nur noch muß jetzt allein hier mit euch ſitzen. Komm mir nicht erlaubt war, ihn zu ſehen. Sein Bettchen kam des mehr mit der Ergebung. Geſchehen iſt geſchehen und Nachts ſo wenig wie er ſelbſt den Tag über von ihrer nicht zu ändern, aber warum ich mich nachträglich in Seite, ſie pflegte und wartete ihn, ohne daß ſelbſt Erd⸗ das ergeben ſoll, was mich ſo unglücklich macht, das muthe eine Hand mit anlegen durfte, und in ihrem ſehe ich nicht ein, und dem lieben Gott kann's auch Blicke ſtand unaufhörlich die trotzige Herausforderung einerlei ſein.“—„Es wäre ja nur deinetwegen,“ wandte zu leſen, welche in Augenblicken größerer Aufregung Erdmuthe ein,„du würdeſt dich weniger unglücklich wohl auch auf ihren Lippen laut wurde:„ich will doch fühlen.“—„Und wenn ich mich nun unglücklich füh⸗ ſehen, ob Gott mir auch dieſes Kind noch nehmen len will?“ fragte Cornelia.(Siehe Bild S. 77.) wird.“ Das war es. Ihr Unglück war ihr Beſitz, ſie Es geſchah nicht, Rudolph blieb ihr als ſichtbare wollte nichts davon hergeben, ſie hütete ihn eiferſüch⸗ Erinnerung an ihr früheres Glück, als liebliche Ver⸗ tig. Sie würde geglaubt haben, eine Untreue gegen mittelung zwiſchen ihr und der Zukunft. Als ſolche Tannenhof zu begehen, wäre ſie einen Morgen anders wollte ſie ihn jedoch nicht anerkennen, wie ſie auch nie aufgewacht, als mit der vollen Empfindung von der Gott dafür dankte, daß er ihr ihn gelaſſen habe. Nach⸗ troſtloſen Leere, welche ſeit ſeinem Tode für ſie in der dem ihr Herz bei dem Tode der älteſten Kinder noch Welt war. Daß bei dieſer Stimmung das häusliche einmal ſich erweicht, und dieſen letzten Kleinen in ſich Leben mit ihr nicht beſonders heimlich ſein konnte, be⸗ aufgenommen hatte, ſchloß es ſich feſt um ihn und greift ſich. Unwillkührlich empfand man, daß ihre verhärtete ſich auf immer. Das Kind allein lebte dar- Gegenwart etwas Schattenbringendes habe. Sie erkäl⸗ innen, für jede andere Zuneigung war Corneliens Herz tete den Sonnenſchein und machte den Frühling weni⸗ von nun an unzugänglich, ja auch für jedes Gefühl. ger ſchön. Am meiſten empfand dieſen Einfluß die Keine Regung konnte es mehr aus ſeiner Starrheit harmloſe Natur der Frau Günthern. Sie war ſeit bringen, nicht Dankbarkeit, nicht Hoffnung. Aber frei⸗ Corneliens Einzug in das Haus noch um Vieles be⸗ lich, auch von allen den kleinen täglichen Empfindun- weglicher und geſchäftiger, unruhiger und vergeßlicher gen, welche das innere Tagewerk der Frauen ausmachen, als ſonſt. Es machte ſie immer ängſtlich, wenn ſie blieb es unbewegt. Cornelia wußte nicht länger, ob„die Tannenhofen ſo ſitzen ſah,“ und da ſie alles Be⸗ ſie noch jung war, oder alterte, ſie fühlte ſich nicht drückende und Beklemmende fürchtete und floh, ſo ſuchte mehr als Frau, nur noch als Wittwe und als Mut⸗ ſie denn ihr Heil draußen. Nie hatten die Miether die ter. Putz und Vergnügungen verachtete ſie weiter nicht,„Sekretären“ ſo viel auf den Treppen getroffen, die es war das Alles für ſie nur nicht mehr da. Hätte Nachbarsfrauen ſie nie ſo geneigt zum Schwatzen in ſie nicht aufzufallen gefürchtet, eine Möglichkeit, welche der Hausthür gefunden. An den Tagen der drei Wo⸗ bei ihrer größeren geſelligeren Ausbildung ſie jetzt chenmärkte befand ſie ſich vollends in einem unaufhör⸗ ſcheute, ſie hätte fortwährend tiefe Trauer getragen, ſo lichen Trab zwiſchen den Gemüſekörben und ihrem begnügte ſie ſich, immer nur ernſte Farben zu wählen, Küchenfeuer, und die Dienſtmädchen erklärten:„was am liebſten grau und braun. Es ſtand ihr nicht, ſie die Frau Sekretären jetzt vor Bauernweiber angeſchleppt war zu bleich geworden, um nicht in dunkler Kleidung brächte, das wäre ſchrecklich.“ Sehr natürlich: die gelb, beinahe fahl auszuſehen, aber das kümmerte ſie Frau Günthern mußte wo möglich jede Stunde irgend ja nicht.„Wenn nur mein Kind mich ſchön findet,“ Jemand„eine Güte erweiſen“ können— für Corne⸗ antwortete ſie eines Tages Erdmuthen, welche der lia konnte ſie nichts thun, für den kleinen Rudolph äußeren Eitelkeit noch immer nicht abhold war und ſich durfte ſie nichts thun, Erdmuthe brauchte ſie nicht, nicht darein ſchicken konnte, in der bewunderten Schwe⸗ folglich ſuchte ſie ſich erfrorene Bauersfrauen. Mit ſter, die jünger war als ſie, nur noch eine abgeblühte ihnen konnte ſie dann auch wieder einmal lebhaft Frau zu ſehen, nach der Niemand mehr fragte.„Wozu ſchwatzen und unſchuldig lachen, ohne daß ein Stirne⸗ ſollte denn noch irgend Jemand nach mir fragen?“ runzeln Corneliens ſie ſtrafte. Frau von Tannenhof - 102— ſah es als eine Entweihung ihrer Trauer, ja faſt als eine Beleidigung ihrer ſelbſt an, wenn in ihrer Nähe gelacht wurde. Das ging nun für Erdmuthe, welche nie beſonders fröhlichen Gemüthes geweſen war, aber für die arme Frau Günthern, die immer zufrieden lebte, war es hart, daß ſie dieſe Zufriedenheit nie zeigen durfte, ohne ſich an Cornelien zu vergehen und Muth⸗ chens vorwurfsvollen Blick zu fühlen. Und darum machte ſie ſich faſt ausſchließlich in der Küche zu thun. Fünftes Kapitel. Weiterleben im Thurmhauſe. Endlich wiederfuhr ihr etwas Erfreuliches: ſie be⸗ kam einen neuen Gegenſtand für ihre Sorge. Der Rath Krägen ſprach den Wunſch aus, der Miether und zugleich der Koſtgänger ſeiner Schwägerinnen zu wer⸗ den. Erdmuthe, an die er ſich gewandt hatte, fragte die Tannenhofen, ob ſie nichts dawider habe, denn Cornelia war jetzt, wo ſie Ehrfurcht vor ihr als Lei— dende hatten, mehr denn ſelbſt je als Mädchen die Herrſcherin im Thurmhauſe, was ſie wollte, geſchah, was ſie verbot, durfte nicht ſein, ſie tadelte Alle und Alles und wurde nie wieder getadelt. Sie entſchied nach einer kurzen Ueberlegung, es ſei der gemeinſchaft⸗ lichen Geſchäfte wegen wünſchenswerth, den Rath im Hauſe zu haben, und der Schwager durfte einziehen. Die Frau Günthern war nicht zu Rathe gezogen oder über ihre Meinung befragt worden, es wurde ihr nur, nachdem Alles beſprochen war, von Erdmuthen angekündigt, daß ſie von nun an für den Herrn Rath zu ſorgen habe.„Außer für ſeine Wäſche— die über⸗ nehme ich, denn davon verſtehſt du ja nichts,“ ſchloß Erdmuthe wieder einmal mit dem gutmüthigen Lächeln, welches man jetzt ſo ſelten bei ihr ſah und welches Amalie immer für den ganzen Tag vergnügt machte. Jetzt ſagte ſie mit ſtrahlendem Geſichte:„ich will Alles thun, was ich kann, Muthchen,“ und ſie hielt Wort. Der Herr Rath wurde gepflegt, als wäre er ein rei⸗ cher Großonkel, der noch ſein Teſtament zu machen hätte. Des Mittags aß er mit der Familie; ſein Früh⸗ ſtück aber und ſeinen Abendthee nahm er auf ſeinen Zimmern ein, und erſt ſpäter kam er herunter und las vor. Mit Cornelien waren ſchon Bücher in's Haus gekommen: Schillers und Körners Werke, die bezau⸗ berte Roſe, Hannchen und die Küchlein und einige Cornelien, Würden der Frauen, Vergißmeinnichte ꝛc., der Rath Krägen brachte die Tagesliteratur mit. Er hielt die Zeitung und war auf die„Abendzeitung“ abonnirt. Aus dieſer ſchrieb Erdmuthe ſich ſogar ein⸗ mal ein Gedicht von Agnes Franz ab, die erſte poeti⸗ ſche Thorheit, deren ſie ſich in ihrem Leben ſchuldig machte. Bisweilen erhielt der Rath von dem oder je⸗ nem Freunde aus Dresden oder Leipzig, wohin er von Zeit zu Zeit reiste, das oder jenes Buch geliehen, dann las er„aus einem Buche“ vor. Wachsmann, Blu⸗ menhagen und Tromlitz wurden an den literariſchen Abenden im Thurmhauſe am meiſten„goutirt“, der letztere am allermeiſten. Er„machte es ſo rührend,“ ſelbſt Cornelia weinte„bei den ſchönen Stellen“; frei⸗ lich war dann ihre Stimmung für einige Tage noch düſterer und feindlicher als gewöhnlich, und ſie ſprach mit dem Kleinen noch leidenſchaftlicher, als ſonſt von dem Papa und den Geſchwiſtern. Hätte Rudolph blos zwiſchen ſeiner Mutter, der faſt ebenſo ernſthaften Tante Muthchen und dem ſteifen und förmlichen Onkel Krä⸗ gen gelebt, er hätte zu einer Kindermumie verſteinern müſſen, ſo wenig Bewegung wäre um ihn her geweſen. Die Tante Günthern rettete ihn. Bei ihrem Hin- und Herlaufen brachte ſie doch immer ein wenig Luftzug mit. Die Nothwendigkeit, ihr nachzurufen, wenn ſie die Thür offen ließ, ſich über ſie zu beſchweren, wenn die Milch angebrannt oder das Waſſer in die Kartof⸗ feln gekommen war, ſie zu tadeln, wenn ſie auf dem Markte zu theuer oder gar Unnützes gekauft hatte, ſie zu ſchelten, wenn ſie immer wieder Alles vergaß, end⸗ lich über ſie den Kopf zu ſchütteln, wenn ihr Haar einmal ungewöhnlich„verhudelt“ ausſah, das Alles war doch nicht das ewige Einerlei der Trauer, welches ohne ſie das Kind umgeben hätte. Sie wußte es nicht, daß ſie dieſem ihrem Liebling ſo viel Gutes that, ſie war ſtets voll von der Erkenntniß ihrer Mängel und von der Reue über ihre Fehler, ließ ſich mit vergnüg⸗ licher Demuth„aushunzen“ und hatte nur das eine Beſtreben, es künftig beſſer und hauptſächlich Corne⸗ lien einmal recht zu machen. Der kleine Menſch wußte ebenfalls nicht, wie nöthig für ihn, wie gut zu ihm die Tante Günthern war: Prinz gegen alle Welt, war er gegen ſie am meiſten Hoheit und Gebieter— wie hätt' er nicht nachahmen ſollen, was er täglich von Jedermann ſah? Wer befahl der Tante Günthern nicht, weſſen Gebote that ſie nicht mit immer gleicher Freu⸗ digkeit? So hatte denn Rudolph für die Tante Gün⸗ thern vorzugsweiſe häufige Befehle und regelmäßig die allerunausführbarſten. Sie ſollte ihm den Mond her⸗ unter holen, der vorbeiſtreichenden Schwalbe zure⸗ den, ſich auf's„Erkerfenſter“ zu ſetzen und Futter für ihre„Jungen“ aus Rudolphs Hand zu nehmen, ſie ſollte endlich den kleinen Menſchen ſo hoch heben, daß er den„Rattausdum ſtreicheln“ könne. Die Tante Günthern war dann immer in einem Zuſtande unge⸗ meinen Entzückens und rief, während ihr ganzes Ge⸗ ſicht lachte:„wenn ich's nur könnte, du mein Herzens⸗ kind!“ Und that Rudolph ihr darauf ſeine Ungnade über ihre Unfähigkeit kund und ſagte ſehr ernſthaft er⸗ zürnt:„geh' weg, ich mag dich nicht,“ dann kam ſie ſtrahlend in der Küche an, und ſagte zu Liſette oder zu Nanette:„S'iſt doch ein liebes Kind!“ Sie hatte den Kleinen weit lieber, als ſie einſt ihren eigenen Knaben gehabt hatte, gehörte er doch Cornelien, war er doch, wie einſt dieſe auch, der Stolz des Hauſes. Es iſt wahr: Auguſte hatte ebenfalls drei Kinder ge⸗ habt, und alle drei waren am Leben und geſunde, kräf⸗ tige Buben,„aber was will denn das ſagen, Apothe⸗ kerjungen!“ äußerte die Frau Günthern gegen Erdmu⸗ the, und dieſe ſagte wohlgefällig:„na, das will ich meinen, Frau Günthern, daß unſer Rudolph ein an⸗ deres Kind iſt!“ Allmählich veränderte die Lebensweiſe der Schwe⸗ ſtern ſich, näherte ſich wieder mehr der allgemeinen, wandte aus dem abgeſchloſſenen Innern ſich von Neuem nach Außen. Wo ein Kind iſt, da wächst es in die lebendige Welt hinein, und dieſe dringt, ſei es auch nur durch eine Thürſpalte, ſelbſt in das todteſte Haus. Rudolph bedurfte der Bewegung, man machte lange Spaziergänge, oder Beſuchsreiſen zur Tante Rothe, wo man ſich dann immer ſchrecklich fürchtete, wenn man Abends durch den großen Wald zurück mußte, der mel, b in wee Tante Schuſ dem( Bei d macht zu al eine d die er er füh ſtern Vorſta ſich D Keipzic nen, nächſt dolph blos ften Tante Inkel Krä⸗ verſteinern r geweſen. Hin⸗ und g Luftzug wenn ſie en, wenn e Kartof⸗ Hauf dem hatte, ſie rgaß, end⸗ ihr Haar das Alles er, welches tes nicht, that, ſie ängel und vergnüg⸗ das eine ch Corne⸗ nſch wußte ut zu ihm Welt, war er— wie äglich von cern nicht cher Jreu- ite Gün⸗ näßig die Nond her⸗ lbe zure⸗ putter für zmen, ſie eben, daß die Tante ande unge⸗ ganzes Ge⸗ n Herzens⸗ — 3 Üngnade nſthoft er⸗ m kam ſit ſette ode Sie hatte en eigenen lien, war s Häuſes⸗ Kinder ge⸗ unde, krüf Apothe⸗ zu glücklich, wenn er⸗ zwiſchen dem Städtchen, wo Rothe Apotheker war, und der Feſtung lag, und dier Heimfahrenden zu beiden Seiten mit ſchwarzen unheimlichen Schatten begleitete. Rudolph liebte zärtlich alles Eingemachte: der Sommer ging mit Einkochen und Einlegen von Früchten hin. Rudolph ſah gerne neue Dinge: die Mutter fuhr mit ihm zur Vogelwieſe nach Meſſe uach Leipzig. Ein Schuſter, welcher beim Aus⸗ zug Standartenträger der Geharniſchten zu Pferde war, ſpannte ſein Streitroß, einen etwas gealterten Schim⸗ mel, bei dieſer Gelegenheit vor einen kleinen Wagen, in welchem Rudolph zwiſchen der Mutter und einer Tante gerade Platz hatte, und fort fuhr man, der Schuſter guten und billigen Ledereinkäufen, Rudolph dem Elephanten und unzählbaren Pfefferkuchen entgegen. Bei der Couſine auf halbem Wege wurde Mittag ge⸗ macht, in Leipzig bei einem Conditor abgeſtiegen, der zu allen Märkten in die Feſtung kam und jedesmal eine der Franke'ſchen Buden miethete. Seine Tochter, die er mitbrachte, war dann im Thurmhauſe daheim, er fühlte ſich ſehr geehrt, die Freundlichkeit der Schwe⸗ ſtern durch gaſtfreie Aufnahme in ſeinem beſcheidenen Vorſtadthäuschen erwiedern zu können. Daß Rudolph ſich Dank dieſer Gaſtfreundſchaft bei jeder Fahrt nach Leipzig den Magen verdarb, war leider nicht zu leug⸗ nen, indeſſen wurde dieſes Unglück immer bis zum nächſten Jahre wieder gänzlich vergeſſen. Zu Weih⸗ nachten, wo der fortgeſchrittenen Civiliſation gemäß die „Peremitte“ längſt vom Tannenbaum verdrängt wor⸗ den war, funkelte das Erkerzimmer ſo hell, wie nur je von bunten Lichtern, und wenn die Tanten, Cor⸗ neliens wegen, ſich auch nicht laut mit dem Kinde zu freuen wagten, ſo hatten ſie doch heimlichen großen Genuß an ſeiner Luſt. Als Rudolph erſt Schüler des Gymnaſiums wurde, brachte er noch mehr Leben in's Haus, er hatte Kameraden, die ihn beſuchten, zu denen er ging, er trieb Knabenſpiele, kam mit hundert klei⸗ nen großen Angelegenheiten an, zeichnete ſich aus, brachte Preiſe mit und wollte in den Ferien ſelbſtſtän⸗ dig ſein und Fußreiſen machen. Seine Vettern Rothe waren ebenfalls auf dem Gymnaſium, er patroniſirte ſie, verlangte, daß ſie öfter eingeladen würden, und verſchaffte auch einigen andern armen Mitſchülern wöchentliche Freitiſche im Thurmhauſe. Die glückliche Tante Günthern, die jetzt ſo viele immer hungrige Gymnaſiaſten zu füttern hatte! Tante Muthchen achtete dieſer jungen Tiſchgenoſſen nicht viel, für ſie war, wie Tannenhof einſt der einzige Mann in der Welt gewe⸗ ſen war, ſo Rudolph der einzige Knabe, welcher wuchs und ſich auszeichnete. Sie und Cornelia gingen auch überall hin, wo ſie ſehen konnten, wie er das oder jenes trieb: in den alten Rathhausſaal zu den Tanz⸗ ſtunden, aus Leipzig gab, wenn geſchwommen, an die Teiche, gelaufen wurde. Seinerſeits verſuchte er ihnen ſeine keimende Bildung mitzutheilen, die Mama mußte La⸗ tein von ihm lernen, den Tanten wollte er Geographie in die Turnanſtalt, an die Elbe, beibringen. Mit Tante Muthchen glückte es ihm halb und halb, mit der Tante Günthern aber ein für alle⸗ mal nicht. Sie verwechſelte nach wie vor Peking und Palermo, die joniſchen und die Gewürzinſeln. Der jugendliche Lehrer wurde öfter ungeduldig, ſie aber lachte ihn jedesmal mit glänzenden Blicken an, ſie war gar ihr in ihrer Küche aus ſeinem Dresden oder im Herbſt zur + 103— der oberen Fenſter des Rathhauſ Buche alle die ſchönen Sachen vordemonſtrirte, von denen ſie keine Silbe verſtand. Sechstes Kapitel. Drückende Liebe. Rudolph war weniger glücklich mit ihr und ſelbſt mit Tante Muthchen, obgleich er die eleganter fand, als die arme Tante Günthern. Denn Rudolph ſagte ſchon nicht mehr fein, ſondern nur noch elegant. Man bildet ſich überall, ſelbſt unſere Elbfeſtung bewegte ſich auf dem Wege des Fortſchrittes. Sie fuhr in e Entwicklung noch nicht auf der Eiſenbahn, aber ſie lag doch nicht mehr unbeweglich da wie eine ſchlafende Schildkröte. Nicht, daß nicht noch immer viel von der alten Ueberlieferungspoeſie um ſie her hängen geblieben wäre. Die Chorſchüler, d. h. die armen Gymnaſiaſten, welche auch in der Woche zweimal vor gewiſſen Häuſern ſan⸗ gen, deren Beſitzer jährlich etwas dafür bezahlten, zo⸗ gen vom erſten Weihnachtsfeiertage an mit Laternen nicht nur in der Stadt, ſondern auch auf den in der Stadt eingepfarrten Dörfern herum. Am Sylveſter⸗ abend hatten ſie Fackeln, welche ſie nach vollbrachtem Umzug am Laternenpfahl auf dem Markte in einen Haufen zuſammenwarfen, um bei ihrem verglimmen⸗ den Scheine feierlich„Nun danket alle Gott!“ anzu⸗ ſtimmen. Der Stadtpfeifer frug zu Neujahr an und blies zum Dank für die befriedigenden Antworten, die er empfing, an jedem Markttage genau um elf Uhr Vormittags ein weltliches Stück, und an jedem Frei⸗ tage, jedem Sonntage und jedem Feſttage ebenfalls genau um elf Uhr Vormittags einen Choral aus zwei es auf den Markt herunter, die Jahrmarktswochen und die Zeit des Aus⸗ zugs noch gar nicht mitgerechnet; wie er blies und wie beſonders ſeine„Muſici“ blieſen, das bleibt beſſer un⸗ geſagt; gewiß iſt es, man hätte einen ächten Muſiker, der ein ſchweres Verbrechen begangen hätte, um der Gerechtigkeit volle Genüge zu thun, nur zu verurthei⸗ len brauchen, daß er ein ganzes Jahr lang dieſe Muſik mit anhören ſolle, ohne ſich die Haare ausreißen oder in die Fenſterſcheiben hineinſchlagen zu dürfen. Die Currendſchüler, d. h. die armen Knaben der Bürger⸗ ſchulen, zogen zu den heiligen drei Königen mit dem Stern von Bethlehem umher, und ließen, wenn ſie mit ihrem Liede an die Stelle kamen:„Herodes guckte die während des Sommers ein Tanzlehrer wenn Schlittſchuh zum Fenſter hinaus,“ ein Fenſter im Stern ſich wirk⸗ lich öffnen und Herodes wirklich herausgucken. In den zwölf Nächten durfte nicht gewaſchen und nicht geſponnen werden, denn Waſchen brachte Krankheit, Spinnen Ratten und Mäuſe in's Haus. Am Aſcher⸗ mittwoch durfte man ebenſowenig waſchen laſſen, ſonſt ſprangen einem beim Spazierengehen die Kröten an. Tante Muthchen, die eine beſondere Abneigung gegen die„Greten“ hatte, hielt darauf vorzüglich ſtreng, die Tante Günthern war mehr für die Ruhe der Waſch⸗ fäſſer während der myſtiſchen Nächte— geſponnen wurde im Hauſe nicht. An Lichtmeß Rührei eſſen, um hell zu ſehen, das erklärten die Schweſtern ein⸗ ſtimmig für Aberglauben: es aß keine gern Rührei. Auch Grünkohl am erſten Oſtertage eſſen war im Hauſe ſpeiste Rudolph, ſo lange nicht gebräuchlich, dagegen Ihn am grünen er noch klein war, gefärbte Eier. - 104— Donnerſtag Honig eſſen laſſen, damit er kein Eſel werde, hielt man für überflüſſig und mit Recht, man aß nur zum Kaffee Honigbrödchen, welche beim Bäcker zu haben waren, wie Johanniskrengelchen zu Johanni, Martinshörner zu Martini, und Stollen und Butter⸗ zöpfe zu Weihnachten. Was für eine angenehme Chro⸗ nologie— Rudolph wußte ſie auch zu ſchätzen, ſelbſt als er bereits in Prima ſaß. Rebelliſch aber wurde er als Primaner gegen das Waſchen mit Oſterwaſſer, damit ſeine Haut rein bleibe, und gegen das Abſtrei⸗ fen der drei erſten blühenden Kornähren, die er ſah, ein bitterer Leckerbiſſen, der gegen das Fieber ſchützen ſollte. Die Tanten verſchluckten ſie gewiſſenhaft, näh⸗ ten auch am Himmelfahrtstage nie für ſich, damit der Blitz nicht einſchlage, aber Rudolph war ein Zweifler, „er bildete ſich zu viel ein, weil er zu klug war,“ er wollte nichts mehr glauben und machte ſich über alles Alte luſtig. Er konnte, ſo ſanft er für gewöhnlich war, ungeduldig im höchſten Grade werden, wenn man ihm verſicherte, er werde glücklich werden, weil er am Johannistage entwöhnt worden ſei, und müßte noch „weit in der Welt herumkommen“, weit auseinander ſtanden. Er wollte das„Jahrab⸗ ſingen“ auf dem Markt nicht mehr anhören, den Aus⸗ zug, der eben ſtattfand, nicht mehr mit anſehen, er wiſchte ärgerlich die Kreuze ab, welche die Tante Gün⸗ thern am erſten Mai auf die Thüren gezeichnet hatte; als es am Himmelfahrtstage regnete, ließ er nicht zu, daß ſie Waſſer auffingen, obgleich es doch„ſo gut ge⸗ gen Krämpfe“ war, Juni die Johanniskinder kamen, chen, die an hohen Stöcken große Blumenkränze mit Bändern von buntem Papier trugen und mit hellen Stimmchen anhoben:„Es ſangen drei Engel einen ſchö⸗ nen Geſang,“ da wurde er geradezu böſe und frug: „ob denn das Haus für ſolche Bähge da wäre?“ Und ebenſowenig wie er das Poetiſche begriff, wel⸗ ches mit dieſen alten Gewohnheiten durch das farbloſe Spießbürgerthum der Stadt glänzte, ebenſowenig fühlte er, der klaſſiſch geſchulte Knabe, die ächtdeutſche Poeſie des alten Hauſes. hatte ſie ihn nicht würdigen gelehrt. Wer ſollt' es? Es wußte keine von den Schweſtern, daß ihr Vater⸗ haus ein Gedicht in altdeutſcher Mundart war. Zwei Jahre ſpäter und Rudolph begriff, welchen Werth die ausgemeißelten Thürbogen mit den Sitzſteinen zu bei⸗ den Seiten, die Steinmetzarbeiten an vielen Häuſern, die Nonnen⸗ und Ritterbilder in den Niſchen Straßenecken hatten, mit welchen die ungleichen Gaſ⸗ ſen der alten lutheriſchen Stadt geſchmückt waren. Zwei Jahre ſpäter, und Rudolph bedauerte hundert und hundert Mal das alte maleriſche Thurmhaus. Aber jetzt war es eben noch zwei Jahre früher, Achtzehn⸗ hundertachtunddreißig, und Rudolph langweilte ſich in dem Hausleben der Familie und hauptſächlich in der ſteten Geſellſchaft der Tanten. Das war nicht Un⸗ dankbarkeit von ihm, nur die ſeinem Alter oder lieber ſeiner Jugend angemeſſene Unerkenntniß ihrer uner⸗ müdlichen und völlig uneigennützigen Liebesgüte gegen ihn. Er konnte ja nicht wiſſen, wie ſelten eine ſolche Güte iſt, er hatte noch nichts Anderes erfahren. Seine Mutter hätte ihm zum Verſtändniß helfen können, der leiſeſte zärtliche Vorwurf hätte genügt, denn jedes ihrer Worte war ihm wie ein Gebot, ſie ſelbſt ſeine Anbe⸗ tung. Um ihre Stirn, auf welcher die Falten des war auch eiferſüchtig auf alles Gute und Liebe, weil ſeine Zähne dem der Tanten zu trennen, ſein ſtatt einer Gewohnheit eine Gunſt zu machen. und als am vierundzwanzigſten die kleinen Dinger⸗ Es war nicht ſeine Schul d— man der len zurückließen. Mutter, geliebt dn gehätſchelt werden, Grolls ſich unauslöſchlich eingegraben hatten, webte das Leid, welches ſie überlebt, um ſeinetwillen über⸗ lebt, in den Augen des Knabenjünglings einen Heili⸗ genſchein. Frau von Tannenhof hätte alſo ein einzi⸗ ges Mal ſagen dürfen:„Rudolph, wir dürfen von den Tanten nicht wegziehen, es würde ihnen zu ſchwer fallen, ſie haben dich und mich zu lieb.“ Sie ſagte nichts dergleichen, weil ihr das Zuſammenleben mit den Schweſtern noch drückender war, als ihrem Sohn. Wie jedes Gefühl, wenn es unaufhörlich genährt wird, ſich endlich nur noch mit dem ganzen Leben ſättigen läßt, ſo war auch Corneliens Liebe zu ihrem Kinde unerſättlich geworden. Sie war nicht nur eiferſüchtig auf jede Liebkoſung, welche nicht ihr ward, auf jedes gute Wort, welches er den Tanten zukommen ließ, ſie was Er ſollte blos von ihr, von ſeiner die Schweſtern maßten ſich, nach ihrer Empfindung, falſche Rechte an, wenn ſie von unictem Rudolph“ ſprachen. Sie ſag⸗ ten freilich auch„unſere Tannenhof“ und bewunderten und liebten Cornelia wo möglich mehr als je, aber das gab ihnen doch immer kein Anrecht auf Corneliens Sohn. Der gehörte ihr allein, mußte ihr allein ge⸗ hören, ſie konnte ihn nicht theilen, ſelbſt nicht, um ihn lieben zu laſſen. Darum hatte ſie ſchon längſt daran gedacht, ihr und Rudolphs tägliches Leben von und aus dem Zuſammen⸗ In die Gräber ihrer anderen ſie ihm anthaten. der Stadt wollte ſie bleiben, Kinder hielten ſie, ihre Brauterinnerungen waren alle hier, und dann, wo konnte ſie im Falle einer Krank⸗ heit ſolche Pflegerinnen und in jedem Augenblicke ſo treue Herzen finden, wie ihre beiden Schweſtern, die in der Welt nichts mehr hatten, als„ihre“ Cornelia und„ihren“ Rudolph? Aber mit ihnen wohnen wollte ſie nicht mehr, und da es ſelbſt ihr unmöglich dünkte, ihnen das ſo gerade heraus anzukündigen, ſo mußte ein Vorwand gefunden werden. Siebentes Kapitel. Das aufgegebene Vaterhaus. Der Vorwand war leicht zu finden, es war das alte Haus, das alte, Franke'ſche, Kammerſchreiber'ſche Lhaumbaus, wo der alte Fritz geſchlafen und Nanoleon Tafel gehalten hatte. Oefter als einmal bereits war von den beiden Schwägern, dem langen, mageren Apotheker Rothe draußen in dem kleinen Städtchen, und dem kleinen, feinen Rath Krägen vom Landgericht in der Stadt, die leiſe Andeutung gemacht worden, ob es im Intereſſe aller Betheiligten nicht beſſer ſein dürfte, das Haus zu verkaufen? Es war unmalich daß vier Beſitzer eines Grundſtüches in ſo langen Jahren ſtets eines Sinnes über die Verwerthung dieſes Grundſtückes ſein konnten. Dadurch entſtanden kleine Reibungen, die nie lange dauerten, aber doch immer gewiſſe wunde Stel⸗ Die Familie würde, hatte der Herr Rath zuerſt gemeint, und der Apotheker hatte ihm bei⸗ geſtimmt, die Familie würde viel einiger leben, wenn ſie in Betreff des Eigenthums geſchieden wäre. Die Schweſtern, Erdmuthe und die Tante Günthern näm⸗ lich, hatten dieſe pulben Aeußerungen ſtets gänzlich überhö! worten. allein muthe tigte: abgemo Co Schwe Auch Meim Rückſi men, daß doch Opf lange rene nicht iſt d von! Sohl wir men, einzic icch k ſchlie ſager tten, webte villen über. einen Heili oein einz⸗ dürfen von nzu ſchwer Sie ſagte nleben mit rem Sohn. nährt wird, en ſättigen hrem Kinde eiferſüchtig „auf jedes hen ließ, ſie Liebe, was „von ſeiner Schweſtern „Rechte an, Sie ſag⸗ hewunderten 3 je, aber Corneliens allein ge⸗ nicht, um chon längſt Leben von Zuſamme⸗ nachen. It rer anderen waren alle ner Krank⸗ genblicke ſt eſtern, di "Cornelia hnen wollt glich dünk ſo mußte 3 war da ſchreiber ſh d Napoledt en beiden er Rothe - 105— überhört, denn da brauchten ſie nicht darauf zu ant⸗ worten. Nur wenn ſie vor dem Zubettegehen ganz allein bei einander waren, ſprachen ſie darüber, Erd⸗ muthe ſagte:„das ſollte mir fehlen!“ Amalie beſtä⸗ tigte:„nein, das thu' ich nicht,“ und die Sache war abgemacht. Cornelia war bisher weder für, Schweſtern geweſen, ſie war gleichgültig gebliebeu. Auch jetzt kam ſie nicht offen mit ihrer veränderten Meinung heraus. So wenig ſie es für nöthig hielt, Rückſicht auf ihre beiden dienenden Schweſtern zu neh⸗ men, den Muth ihnen zu ſagen:„hört, ich will jetzt, daß unſer Haus verkauft werde,“ den Muth hatte ſie doch nicht. Es gibt Opfer, welche zu ver— langen ſelbſt eine gebo⸗ rene Selbſtherrſcherin nicht recht wagt.„Es iſt dumm,“ ſagte Frau von Tannenhof zu ihrem Sohne,„denn wollen wir von ihnen los kom⸗ men, ſo iſt das die einzige Möglichkeit, aber ich kann mich nicht ent⸗ ſchließen, es ihnen zu ſagen.“ „Aber, Mama, wie wollen wir's dann da machen?“ fragte Rudolph verdrießlich. „Wir wollen zum Onkel Rothe fahren,“ antwortete die Cornelia. „Onkel Krägen kann mitkommen, da können wir draußen gleich Al⸗ les abmachen.“ Demzufolge fuhr an einem Sonntage Frau von Tannenhof mit dem Rath hinaus. Da die ſämmtlichen drei Rothe's mitgenommen werden mußten, um ihren El⸗ tern eine Ueberraſchung zu bereiten, war natür⸗ lich kein Platz für die Tanten im Wagen, ſelbſt nicht für Muthchen. — — = Wie Cornelia richtig vorausgeſagt hatte, wurde Die Schwäger ſag⸗ „draußen gleich Alles abgemacht“. ten der Frau von Tannenhof viele Artigkeiten, daß ſie mit ſolcher Beſtimmtheit endlich ausſpreche, was längſt nöthig und wünſchenswerth geweſen wäre. Auguſte war auch bereit. Sie hatte es ſchon lange eingeſehen, aber was hätte man denn mit den beiden Schweſtern anfangen ſollen? Es war nur gut, daß Cornelia im⸗ mer klüger und vernünftiger war. Sie übernahm es auch, es den Schweſtern mitzutheilen. Sie verließ ſich auf ihre Ueberredungskunſt. Am nächſten Sonnabend ſollte es ſein, da kam ſie immer in die Stadt, um einzukaufen und ihre Jungen zu ſehen. Die Verſchwö⸗ rung gegen das arme alte Haus war fertig. Aber den Verſchworenen war nicht ganz wohl zu Feierſtunden. 1863. noch gegen die Muth. Sie wußten, daß ſie auf ſtarken Widerſtand ſtoßen würden. Auguſte rüſtete ſich, indem ſie immer eine Rede nach der andern entwarf und verwarf. End⸗ lich beſchloß ſie, Alles auf die Eingebung des Augen⸗ blicks ankommen zu laſſen.„Die Worte ſind mir ja noch nie im Halſe ſtecken geblieben,“ dachte ſie. Der Sonnabend kam, und ſie traf pünktlich um acht Uhr ein. Ausnahmsweiſe hatte ihr Mann ſie die⸗ ſen Morgen fahren laſſen, ſonſt kam ſie immer zu Fuß, an einem Arm den Korb, unter dem andern den Regenſchirm. Auch ſagte Muthchen:„du kommſt ja heute ganz ſtattlich, Tante Rothen.“ Seit Rudolph da war, nannten die Schweſtern ſich unter einander Tanten, nur Cornelia war ausgenommen. Etwas in Muth⸗ chens Stimme, etwas Zitterndes, Weiches, fiel Auguſten auf. Sie ſah Cornelia an.„Ja,“ ſagte dieſe,„Tante Muthchen weiß es. Ich hab's ihr geſtern geſagt, als wir auf dem Kirch⸗ hof waren. Du brauchſt es alſo nur noch der Tante Günthern zu ſa⸗ gen.“ „Willſt du, Tante Muthchen?“ frug Tante Rothen. Erdmuthe ſtand an dem Fenſter, wo ſie immer ſaß und nähte. Sie kehrte den Schwe⸗ ſtern ſorgfältig den Rücken und ſah ſich auch nicht um, als ſie ſcheinbar gleichgültig ant⸗ wortete:„da ihr Alle wollt.“ Das hieß überſetzt: „da die Tannenhofen will.“ Für die„Tannen⸗ hofen“ that Erdmuthe Alles. Es war am Abend vorher an den Gräbern der Eltern und denen der Kinder wie ein kalter Schrecken auf ſie gefallen, als Cornelia geſagt hatte:„höre, ich habe auch am Sonntag mit den Schwägern geſprochen, wir werden das Haus doch nicht behalten können.“ Aber ſie hatte es geduldig angehört, hatte Cornelia das und noch mehr ſagen laſſen, und nur zuletzt gefragt:„aber wie wird's dann da, Tannenhofen, werden wir noch zuſammen wohnen können?“ Und auf das Nein Cor⸗ neliens war ſie ganz ſtill geworden. Sie hatte es ſeit längerer Zeit ſchon dunkel gefühlt, daß Cornelia wohl eiferſüchtig ſein könne, ſo ſehr auch Erdmuthe ſich mit den Aeußerungen ihrer Zärtlichkeit für Rudolph in Acht genommen hatte. Wie gewöhnlich gab ſie Cornelien Recht.„Man kann es ihr als Mutter nicht verden⸗ ken,“ dachte ſie,„er iſt ihr Einziges.“ So war ſie denn am Morgen bereits vollkommen reſignirt, nur 14 bleich ſah ſie aus, und die Schweſtern anzuſehen ver⸗ mied ſie, weil ſie nicht zeigen wollte, daß ihre Augen „voll Waſſer ſtanden“. Die Aufgabe der Apothekerin war demnach bereits halb gelöst. Warum ſah ſie ſich da ſo verlegen in dem bekannten Erkerzimmer um, als wäre ſie ganz fremd hier, ganz ungewiß, was ſie thun ſollte, und wie ſie es anzufangen hätte? Es war ja nur die Tante Günthern, der ſie es noch zu ſagen hatte, und die Tante Günthern— wer frug denn je nach der? So dachte Auguſte, um ſich Muth einzureden, aber ſie fühlte ganz anders, als hätte ſie etwas Unrechtes vor. Etwas, das ſie mit aller Wohlredenheit ſich ſelbſt ge⸗ genüber nie ſo recht entſchuldigen konnte, wovor ſie ſich ſchämte, obgleich ſie ſonſt keineswegs übermäßig gewiſſenhaft war, wenn es ſich um die täglichen klei⸗ nen Sünden handelte, welche in einer kleinen Stadt häufiger begangen werden, als in einer großen, weil man mehr Zeit und weniger zu thun hat. Die wohl⸗ habende Apothekerin hatte die faſt arme Sekretärswittwe noch nie beneidet, heute that ſie es und zwar um das gute Gewiſſen, welches der Tante Günthern aus den Augen lachte, als ſie geſchäftig mit dem heißen Kaffee für die Tante Rothen herein gelaufen kam. Sie war dieſen Morgen beſonders vergnügt: ſie hatte noch nichts vergeſſen. Auch auf dem Kaffeebrett war Alles, was + 106— da ſein mußte, ſogar die Zuckerzange fehlte nicht. Mit innigem Vergnügen ſtand ſie dabei, während Auguſte trank, ſich die Hände an ihrer Schürze abwiſchend und ſchon in Gedanken mit etwas Gutem beſchäftigt, wo⸗ durch Auguſtens Anweſenheit zu Mittag gefeiert wer⸗ den ſollte. Auguſte wurde heiß und unbehaglich unter ihren liebevollen Blicken, Cornelia kam der älteſten Schweſter zu Hülfe. Sie trat neben die Tante Gün⸗ thern hin, legte ihr eine Hand auf die Schulter und ſagte:„ja, wenn wir unſere Tante Günthern nicht hätten, die für uns Alle ſorgt! Was ſollten wir da wohl anfangen?“„Ih, es würde auch gehen,“ meinte die Tante Günthern vergnügt und geſchmeichelt, denn ſie ließ ſich gar gern loben.„Nein, nein,“ ant⸗ wortete Cornelia, den Kopf ſchüttelnd,„das wiſſen wir beſſer. Es thut mir auch ſo leid, wenn ich denke — bleib doch, Tante Muthchen! wo willſt du denn hin?“ unterbrach ſie ſich. Erdmuthe, die im Begriffe geweſen war, das Zimmer zu verlaſſen, kehrte lang⸗ ſam wieder um, ſie war leichenblaß; Amalie ſah es, und es dämmerte in ihr die Ahnung auf, daß etwas geſchehen ſei oder geſchehen ſolle. Sie blickte unſchul⸗ dig erſchrocken Cornelia an, dann Auguſte, endlich wie⸗ der Erdmuthe. Dieſe war bis an den Tiſch gekom⸗ men und ſtand ihr jetzt gefaßt gegenüber.„Die Tan⸗ nenhofen will dir etwas ſagen,“ ſprach ſie mit ihrer gewöhnlichen Ruhe, obgleich ihre Stimme ſchwächer klang als ſonſt.„Ja,“ ſagte Cornelia, indem ſie den Arm um Amalie legte,„ich wollte ſagen, es thäte mir ſo leid, daß du bald nicht mehr in deiner alten Küche wirſt kochen können.“ „Warum denn nicht?“ fragte Amalie, die noch nichts begriff.„Sie wollen das Haus verkaufen,“ ſagte Erdmuthe zitternd, aber deutlich. Die Tante Günthern machte eine ſo lebhafte Be⸗ wegung, daß Corneliens Arm von ihrem Tuche abglitt. Dann ſagte ſie entſchloſſen:„das haben ſie oft gewollt, aber wenn wir nicht wollen, wir und die Tannen⸗ hofen—“—„die Tannenhofen will,“ entgegnete Erd⸗ muthe wie vorher. Jetzt erſt fühlte die Tante Günthern, daß wirkliche Gefahr für das Haus vorhanden ſei. Wenn die Tan⸗ nenhofen wollte, da ſtand auch Muthchen nicht mehr mit ihr, da war ſie ganz allein, um es zu vertheidi⸗ gen. Dennoch verſuchte ſie es. „Tannenhofen, warum willſt du denn auf einmal?“ frug ſie bittend. „Weil es vernünftig iſt, Tante Günthern,“ ant⸗ wortete Cornelia. „Es hat unter uns noch nie Streit gegeben, außer wegen des Hauſes,“ gab Auguſte dazu, die nicht mehr trank, aber noch am Tiſche ſaß. Der Kaffee hatte ſie geſtärkt, und ſie bereitete ſich vor, jetzt friſchen Mu⸗ thes am Angriffe auf die Tante Günthern Theil zu nehmen. „Es thut nie gut, hört,“ ſagte Cornelia. „Aber wir ſind ja doch Alle Schweſtern,“ wandte Amalie ängſtlich ein. „Ich bitte um Ihre Vergebung, Frau Sekretären,“ ſprach hier eine neue Stimme dazwiſchen,„wir ſind auch Schwäger.“ „So, der Herr Rath kommt auch?“ ſprach die Tante Günthern mit einem an ihr ganz fremden Tone. „Um die Frau Sekretären überreden zu helfen,“ ſagte der Rath Krägen mit angenehmer Höflichkeit. „Das wird nicht ſchwer ſein,“ ſprach die Frau Apothekerin immer noch am Tiſche,„unſere Frau Gün⸗ thern iſt ja vernünftig und weiß auch was es heißt, mehr Geld zu kriegen, als man hat.“ „Ich habe einen ſehr guten Käufer,“ ſagte der Rath. „Es iſt ja ohnedies ſo baufällig,“ ſprach Cornelia. „Beim Sturm fürcht' ich mich immer.“ „Und die Reparaturen koſten uns die Augen aus dem Kopfe,“ ſetzte Auguſte hinzu. Es war alt— was wird nicht alt— das arme, verurtheilte Haus, und es brauchte in den letzten Jah⸗ ren öfter als ſonſt„Reparaturen“. Wie ein alter Mann ſtärkenden Weines bedarf, ſoll er noch rüſtig ſein, ſo bedurfte das alte Haus der Unterſtützung, um ſo feſt zu bleiben, wie ſonſt.„Die Augen aus dem Kopfe“ koſtete es nicht, aber einiges Geld mußte aller⸗ dings geopfert werden, um es zu erhalten. Indeſſen es hatte ja auch viel Geld eingetragen, es hatte ſich geduldig vermiethen laſſen, ſo und ſo oft und ſo und ſo lange— die Schweſtern waren noch um viele Tau⸗ ſende in ſeiner Schuld. Und dann hatte es treu ge⸗ dient, nicht einem, auch nicht blos zwei Geſchlechtern, ſondern mehreren, Jahrhunderte lang. Hatte zuerſt die Noth beſchützt, dann die Arbeit, endlich die Familie. Dennoch war es verurtheilt, und ſollte verkauft wer⸗ den, als wär's ein Haus von geſtern. Das empfand die Frau Günthern, als ſie da ganz allein den Andern gegenüber ſtand, die es verkaufen wollten. Keines von ihnen empfand es mit ihr, Keines liebte das Haus, aber ſie liebte es und ſie ließ es nicht.„Ich thu's doch nicht,“ ſagte ſie, halb furchtſam, wie immer, halb entſchloſſen, wie noch nie. „Was thuſt du nicht?“ fragte Cornelia mit ſanf⸗ ter Herablaſſung. wenn ein Haus ſo Vielen ge⸗ „Ich laß unſer Haus nicht verkaufen,“ antwortete ſie, ſche drinnen W und zuch 1 „I „Ur ter will nur no der Ra ren in ſie der abſicht laſſen D mit e wird' kaufen A gegeni⸗ Frau nünftie uns ke Namei Beſtes Beſtes 4 zu ar ihren entge halten — — gnete Erd⸗ witklih die Tin nicht mehr vertheidi⸗ einmal?“ en,“ ant⸗ ben, außer nicht mehr ee hatte ſie ſchen Mu⸗ Theil zu Vielen ge⸗ „“ wandte kretären,“ „wir ſind ſprach die 3 fremden zu helfen, fflichkeit doie Frau rau Gün⸗ es heißt, ſrge de Cornelia. Augen als das arme, ltzen Ja „ein altal licher übrigen Mitbeſitzer zu widerſetzen. Er bedauerte unend⸗ ſie, ſchon muthiger;„es ſollen keine fremden Menſchen drinnen wohnen.“ „Wohnen jetzt etwa keine drinnen?“ fragte Auguſte und zuckte lächelnd die Achſeln. „Ja, weil wir es ihnen erlauben.“ „Und weil ſie uns dafür bezahlen. ter will der Käufer auch nichts thun.“ Nun ſieh, wei— „Wenn es die Frau Schwägerin beſonders ſtört, nur noch fremde Menſchen hier zu wiſſen,“ miſchte der Rath ſich abermals mit den angenehmſten Manie⸗ ren in das Geſpräch,„ſo kann ich ihr verſichern, daß ſie dergleichen nicht zu fürchten hat. abſichtigt es ſogleich nach der Aquiſition abtragen zu laſſen, um es neu aufzubauen.“ Die Frau Günthern ſah ihren höflichen Schwager mit einem faſt drohenden Blicke an und ſagte:„er wird's nicht abtragen laſſen, denn ich werd's nicht ver⸗ kaufen laſſen.“ Alle, Erdmuthe ausgenommen, die ihr noch immer gegenüber am Tiſche ſtand, waren jetzt dicht um die Frau Günthern her. Alle redeten ihr zu.„Sei ver⸗ nünftig, Tante Günthern,“ ſagte Cornelia.„Mach' uns keine Noth, Malchen,“ ſagte Auguſte, den alten Namen anwendend.„Glauben Sie, daß wir nur Ihr Beſtes wollen, Frau Sekretären, ganz wie unſer Aller Beſtes,“ fügte der Rath eindringlich hinzu. Die„Frau Sekretären“ wehrte ſich gegen die gar zu aufdringliche Nähe ihrer Rathgeber ungeberdig mit ihren Ellenbogen.„Ihr mögt wollen was ihr wollt,“ entgegnete ſie eigenſinnig,„ich will unſer Haus be⸗ halten.“ „Aber, Tante Günthern—“ „Aber, Malchen—“ „Aber, Frau Sekretären— Die Tante Günthern wich nicht. Sie ſtand vor ihrer Hausthür wie ein Soldat auf Poſten. Sie ver⸗ theidigte ihr Haus. Erdmuthe hörte mit gepeinigter Seele zu. Die Thränen rannen ihr jetzt langſam über das bleiche Geſicht. „Warum weinſt du, Muthchen?“ Günthern ihr zu.„Sag lieber was.“ „Ich ſag nichts mehr,“ antwortete Tante Muth⸗ chen.„Die Tannenhofen will's.“ „Und wenn's auch die Tannenhofen will, ich will nicht,“ war die unerhörte Antwort. Auch trat Cor⸗ nelia beleidigt zurück und ſagte:„ich erkenne dich gar nicht mehr, Frau Günthern.“ „Das iſt mir einerlei,“ verſetzte die Frau Gün⸗ thern. Sie war wirklich nicht mehr zu erkennen. Zum erſteumale in ihrem Leben war ſie böſe. Die Schwe⸗ ſtern ſtanden rathlos vor ihr. Wäre der Rath nicht geweſen, die Frau Günthern hätte, wenigſtens dieſes Mal noch, ihr geliebtes Haus gerettet. Aber der Rath war da, der Rath ſprach vom Ge⸗ 14 rief die Frau richt, von der Mehrheit, von dem Recht, welches die Frau Günthern nicht habe, ſich dem Willen ſämmt⸗ Er ſprach ſehr höflich, aber ſehr beſtimmt. lich, aber— es mußte ſein. Die Erben alle wollten es, die Frau Sekretären konnte nichts hindern, es war warten, zu hoffen, mit Gewißheit anzunehmen, daß „ die Frau Sekretären ihnen keine Schwierigkeiten ma⸗ ccben, ſie nicht in die unangenehme Nothwendigkeit ver⸗ ſetzen werde.— - 107— Der Käufer be⸗ Tannenhofen und unſere todten Schweſtern, von dem klaren Verſtande der Frau Sekretären zu er- Der Rath hielt erwartend inne. Die Frau Gün⸗ thern brach in Thränen aus. Das geſchah ſo ſelten, daß es Alle erſchreckte. Abermals drängten Alle ſich zu ihr, abermals wehrte ſie Alle ab, dieſes Mal in— deſſen nur mit den Händen, die ſie bittend faltete, als ſie wieder frei ſtand. Ihr Zorn war ſchon wieder vorüber, ſie war nicht länger die tapfere Vertheidigerin des Vaterherdes, ſondern nur noch, wie immer, das gute demüthige Aſchenbrödel der Familie. Sie weigerte ſich nicht länger, ſie trotzte nicht weiter, ſie ſchluchzte und ſie bat. „Kinder,“ ſagte ſie,„ihr ſeid noch immer gut zu mir geweſen, ſeid's auch jetzt, verkauft unſer Haus nicht. Der Herr Rath ſagt, daß ihr das Recht habt — ich will's nicht beſtreiten, aber— thut's nicht. Thut mir's nicht an. Ich hab' euch ja doch auch nie Böſes gethan, ſondern immer Alles, was ich euch an den Augen abſehen konnte— thut mir nun das zu liebe: verkauft's Haus nicht. Wenn ich hier heraus muß, wird mir's ſein, als müßt' ich ſterben— ihr ) wißt's, ich fürchte mich vor dem Sterben— laßt mich hier im Hauſe.“ „Denkſt du, der Tod kann hier nicht herein?“ fragte Frau von Tannenhof kalt.„Ich dächte, du hät⸗ teſt es geſehen, zuletzt noch an meinen Kindern. Wo ſind ſie geſtorben, wenn nicht hier?“ „So laß mich auch hier ſterben,“ fuhr die Frau Günthern fort, und die feierlichen Worte klangen in ihrem Munde faſt ſo rührend, als ſpräche ein Kind ſie unvollkommen aus.„Ich hab euch noch nie um Etwas gebeten, ſchlagt mir meine erſte Bitte nicht ab. Ich hab euch immer mit Freuden gedient, ich will euch auch weiter dienen, nur laßt's hier in unſerem Hauſe ſein. Denkt doch dran, Kinder, Muthchen und die alle die vier Jüngſten ſind hier geboren. Ich und die Rothen und die Tannenhofen, wir haben von hier aus gehei⸗ rathet, unſere Eltern ſind hier geſtorben, haben ſo lange in Frieden und Eintracht hier gelebt— könnt ihr's über's Herz bringen, ſo ein Haus zu verkaufen?“ Alle waren durch ihre einfache Anſprache tief be⸗ wegt. Auguſte und Cornelia umarmten ſie, tröſteten ſie, weinten mit ihr. Aber vierzehn Tage ſpäter war der Kauf bereits abgeſchloſſen, und ſobald ſie, Frau von Tannenhof mit ihrem Sohne am Markte, Tante Muthchen und die Tante Günthern in einer Straße, die auf den Markt auslief, paſſende Wohnungen ge⸗ funden hatten, begann das Einreißen des aufgegebenen Vaterhauſes.(Siehe Bild S. 105.) Achtes Kapitel. Briefe aus Venedig. Seit dieſer Zeit war die Tante Günthern nicht mehr glücklich. Das Vertrauen zu den Ihrigen war verſchwunden. Sie hatten ihr mit ruhiger Ueberlegung das größte Leid anthun können: es war unmöglich, daß ſie ihr ſo gut waren, wie ſie ſagten. Sie war ihnen noch zugethan und nach wie vor dienſtbar, ſelbſt mit Freuden, denn Dienen war nun einmal ihre Lebens⸗ beſtimmung und ihr Naturbedürfniß, aber ſie hatte ihre harmloſe Zufriedenheit eingebüßt und litt, ohne es zu ſagen und ohne darüber zu klagen, an einem nicht zu ſtillenden Heimweh nach der alten Stätte ihres Heimath⸗ 14* herdes. In das neue alltägliche Gebäude zu ziehen, welches an Stelle des Thurmhauſes aufgeführt worden war, dazu hätte Niemand ſie vermogt, und nie ſah ſie den Erker oder den Thurm des Rathhauſes, ohne daß es ihr an's Herz ging und ſie heimlich für ſich ſagte:„unſer Erker oder onſer Dorm war doch ſchöner.“ ᷓ Inzwiſchen gingen die Jahre hin. Rudolph hatte mit Auszeichnung ſein Abiturientenexamen gemacht, dann ebenſo glänzend die Examina zum Offizier beſtanden und war bei dem Infanterieregiment eingetreten, wel⸗ ches in der Stadt garniſonirte. Lieber wäre er Kaval⸗ leriſt geworden, doch da ſeine Mutter nicht die Stadt und er unter keiner Bedingung ſeine Mutter verlaſſen wollte, ſo konnte er ſeinem Wunſche nicht folgen. Frau von Tannenhof war mit dem Alter nicht milder oder zufriedener geworden. Sie betrachtete ihr Schickſal noch immer als eine Ungerechtigkeit Gottes und ihren Sohn als ihr gusſchlleßliches Eigenthum. Er konnte ihr nie völligen Erſatz gewähren, aber er mußte ganz und unbedingt ihr gehören. Ihrerſeits lebte ſie nur für ihn und war ſelbſt gegen Erdmuthe, die ſie doch unter den Schweſtern entſchieden vorzog, ſo gut wie gänzlich erkaltet. Bisweilen ſprach ſie den Wunſch aus, Rudolph möge heirathen.„Wenn ich deine Kinder um mich her ſpielen ſähe, vielleicht könnte ich mich da noch einmal auf der Welt freuen.“ Meiſtentheils antwortete Ru⸗ dolph ſcherzend und dabei aufrichtig:„ja, wenn ich dich in ein junges Mädchen verwandeln und zur Frau neh⸗ men könnte, Mama, denn ſo lieb wie dich kann ich doch keine Andere haben.“ Und wenn er dann irgend wo ein Gefallen verſpürte und äußerte, dann hatte Cornelia ſo viel gegen das Mädchen, ihre Verwandt⸗ ſchaft, ihr Vermögen, kurz, gegen Alles einzuwenden, daß Rudolph zuletzt lachend ausrief:„ſiehſt du wohl, Mama, am liebſten behältſt du mich doch auch für dich allein.“ Dagegen hinderte ihn ſeine Mutter in nichts, was zu einem flotten Offiziersleben gehörte. Wenn er ihr nur täglich einige Stunden widmete und ſie ſicher blieb, immer ſein erſtes und heiligſtes Intereſſe zu ſein, ſo mochte er mit den Kameraden trinken, ſpielen, jagen, in der Nachbarſchaft Beſuche machen und auf Bälle gehen und fahren, ſo viel er wollte. Cornelia verlangte im Großen, nicht im Kleinen. Allmählich blieb er wieder mehr und mehr bei ihr. Er war mehr ernſter Gemüthsart als eigentlich läſſi⸗ gen Sinnes, die Garniſonsvergnügungen langweilten ihn bald, er fing an zu ſtudiren und auf eine Reiſe nach Italien zu ſparen. Cornelia ſparte ebenfalls, ſie wollte ihm dieſe langerſehnte Freude gar zu gerne gönnen. Und da die Tanten demüthig um die Erlaubniß baten, auch das Ihrige beitragen zu dürfen, ſo war die nö⸗ thige Summe bald beiſammen, und Rudolph konnte am Morgen nach ſeinem neunundzwanzigſten Geburts⸗ tag, folglich im Frühling 1852, Mutter und Tanten zärtlich und dankbar an's Herz ſchließen und dann die Treppe hinab und über den Markt der Straße zueilen, welche nach der Poſt führte. Die drei Frauen ſahen ihm nach, bis er um die Ecke verſchwand, dann weinten ſie, d. h. Cornelia und Tante Muthchen. Die Tante Günthern ſchien ihre letzten Thränen geweint zu haben, als man ihr das alte Haus gleichſam vom Herzen geriſſen hatte. Sie 108 ⁸ blickte jetzt die beiden Weinenden mit einer gewiſſen neugierigen Theilnahme an, als begriffe ſie es nicht ganz, warum ſie ſich ſo dem Schmerz hingäben. Sie war eben etwas ſtumpfer im Theilnehmen geworden, die alte Tante Günthern, ſeitdem ſie für den einen großen Schmerz ihres Lebens ſo wenig Mitgefühl ge⸗ funden hatte. Dennoch ſagte ſie gutmüthig tröſtend: „weint doch nicht ſo, unſer Rudolph wird ja geſund wieder kommen, wenn er erſt ſeine ſchöne Reiſe gemacht haben wird.“ Die Tante Günthern hatte noch immer nicht begriffen, daß ſie nicht mehr„unſer Rudolph“ ſagen ſollte. Tante Muthchen dagegen ſagte ſtets„dein Rudolph“, wenn ſie zu Cornelien und„der Rudolph“ kurzweg, wenn ſie im Allgemeinen von ihm ſprach. Die Tante Günthern bekam für ihren Troſt keinen Dank. Muthchen und Cornelia wollten weinen, es war einmal eine Gelegenheit. Dann fingen ſie an die Tage zu zählen, welche bis zu Rudolphs Rückkehr ver⸗ fließen mußten. Dieſer ſchrieb zuerſt von Wien, und zwar ganz entzückt. Er war noch nie weiter aus ſeiner Mutter⸗ ſtadt herausgekommen, als im Sommer 1849 nach Baden. Und damals, das mußte ſelbſt der größte Reiſefanatiker geſtehen, war Alles angenehmer als das Reiſen, nicht gerechnet, daß Rudolph nicht einmal ge⸗ reist, ſondern nur marſchirt war. Ein vom Meere ſchwärmender Brief aus Trieſt folgte und dann einer und ein anderer und noch ein anderer aus Venedig.„Was ſoll das?“ frug Cornelia, die betroffen ward, Tante Muthchen.„Ich weiß auch nicht, was er da ſitzen bleibt,“ meinte dieſe;„mir könnt's da nicht gefallen— es iſt ja lauter Waſſer da.“ Die Tante Günthern fragte:„ih, warum ſoll er denn nicht da bleiben, wenn es ihm gefällt?“ Frau von Tannenhof blieb jedoch bedenklich: ihr Inſtinkt warnte ſie. Daß es nicht vergebens geweſen war, kam im näch⸗ ſten Briefe heraus. Rudolph hatte Stella della No⸗ vare kennen gelernt, die Tochter eines öſterreichiſchen Offiziers. Ihre Eltern waren Beide Venetianer, ſie ſelbſt, achtzehn Jahre alt, war in Venedig geboren und nach dem Tode des Vaters, etwa vor drei Jah⸗ ren, mit der Mutter wieder dahin zurückgekehrt. Vor einem Jahre war auch die Mutter geſtorben und Stella lebte nun bei ihrem Onkel von mütterlicher Seite, dem Advokaten Zachello. Dieſer hatte eine kleine, aber aus⸗ erleſene Gemäldeſammlung, welche Fremden, die ein⸗ geführt wurden, gaſtfreundlich offen ſtand. Durch eine jener Kaffeehausbekanntſchaften, die man, iſt man nicht Deutſcher, d. h. Oeſterreicher, in Italien ſo leicht macht, war Rudolph in das Haus Zachello gekommen, und hatte außer den Gemälden auch Stella geſehen. Er verſuchte, der Mutter den Eindruck zu beſchreiben, welchen das junge Mädchen auf ihn gemacht. Corne⸗ lia verſtand davon ſo viel, um zu erklären, daß ihr Sohn geradezu verblendet worden ſei. Tante Muth⸗ chen ſtimmte ihr darin bei, hoffte jedoch, die Verblen⸗ dung werde ſich durch das erſte ernſte Wort der Mut⸗ ter heben laſſen. Die Tante Günthern frug unüber⸗ legt:„aber warum ſoll er ſie denn nicht liebhaben, Tannenhofen?“ Cin Blick fiel aus Corneliens Augen auf ſie, der ſie früher halb vernichtet haben würde, jetzt„machte ſie ſich weiter nichts daraus“. Sie frug ſogar nochmals, nur daß ſie ſich dieſes Mal an Muth⸗ ſchen wendete:„warum ſoll er ſie denn nicht liebhaben?“ A deweſ Vante Tinche doch e s d ſchrf Güntc faben entſch wäre wir wäre mal Gün chen, verdr wari gewo Sche ten: nicht aufo ſie vald gera dieſ inde Cor grö ihr ihr lie tis Wa noc Ach r gewiſſen ees nicht äͤben. Sie geworden, den einen gefühl ge⸗ tröſtend: ja geſund ſe gemacht och immer Rudolph“ ſtets dein Rudolph ſprach. roſt keinen weinen, es ſie an die ückkehr ver⸗ zwar ganz r Mutter⸗ 849 nach der größte er als das einmal ge⸗ aus Trieſt d noch ein g Corueli — weiß auch eſe;„mir ter Waſſet darum ſoll ?“ Frau r Inſtint mim näch della No rrreichiſchen etianer, ſie dig geboren drei Ja kehrt. Val und Stelle Seite, den aber aus⸗ in, die din Durch eine ſthhan hatte, - 109 —„Aber überleg dir's doch,“ antwortete Erdmuthe verweiſend,„eine Katholikin!“—„Ih,“ meinte die Tante Günthern,„der junge Franzoſe, dem unſer Tinchen ſo gut war, das war auch ein Katholik und doch ein guter Menſch.“ was dabei herausgekommen iſt?“ frug Erdmuthe noch ſchärfer.„Ja, weil er ſtarb,“ erwiederte die Tante Günthern, die jetzt von Zeit zu Zeit wirklich Recht haben wollte. Erdmuthe gab es ihr nicht; ſie ſagte —„Haſt du nicht geſehen, entſchieden und entſcheidend:„auch wenn er gelebt hätte, wäre nichts Gutes herausgekommen. Glaubſt du denn, wir hätten ſie einen Katholiken heirathen laſſen?“ „Warum denn nicht, da ſie ihm gut war?“ „Am Ende hätteſt du ſelber einen geheirathet!“ „Warum denn nicht, wenn ich ihm gut geweſen wäre?“ „Du biſt jetzt manch⸗ mal wie verdreht, Tante Günthern,“ ſagte Muth⸗ chen, auf das Höchſte verdrießlich. Die Tante Günthern war in der That anders geworden. Wie die Schweſtern ſich ausdrück⸗ ten:„man konnte gar nichts mehr mit ihr anfangen. Immer frug ſie bald: warum? und bald: warum nicht? gerade wie jetzt. In dieſem Falle hatte ſie indeſſen Unrecht. Für Cornelia wäre es das größte Unglück, welches ihr begegnen konnte, daß ihr Sohn eine Katholikin liebte. Der Proteſtan⸗ tismus in der Stadt war ein wunderlicher: noch bis zum Jahre Achtundzwanzig hatten die Geiſtlichen die Litur⸗ gie in Meßgewändern abgehalten, am Freitag wurde den Familienüberlieferun⸗ gen gemäß ungern etwas Anderes gegeſſen, als Mehl⸗ ſpeiſen, in allen Stuben hingen Kruzifixe, und was die Heiligen nicht länger durften: ſchützen und fürbit⸗ ten bei Gott, das thaten ſtatt ihrer und ebenſo gut die verſchiedenen Verſtorbenen. Genug, die guten lu— theriſchen Bürger der Stadt waren noch um etwas römiſcher, als die Lutheraner für gewöhnlich ſind; das hinderte indeſſen keineswegs, daß man nie katholiſche Dienſtboten nahm, außer in Dresden, wo die Muſik eine Entſchuldigung war, nie in die katholiſche Kirche ging, und ſehr ernſtliche Zweifel darüber hegte, ob die Katholiken auch ſo recht ſelig werden könnten. Oder lieber, man hatte keine Zweifel darüber, es war eine traurigenrchewißheit. Wer milder über den Katholicis⸗ muse Günd, um deſſen Proteſtantismus ſtand es in dere ebenſog ſeiner Mitbürger nicht ſo, wie es hätte (Siehe Auch über die Tante Günthern ſchüt⸗ zemacht durch Ruthchen bedenklich den Kopf, und Cor— ne fremde, verne Ironie:„ſie wird ordentlich revolu⸗ thaftete. unthern.“ An Rudolph wurden lange eindringliche Briefe abgeſandt. Cornelia ſchrieb und Tante Muthchen auch. Dieſe ſprach von ſeiner Mutter, ſeine Mutter ſprach von ſich ſelbſt. Es wurde Rudolph Alles vorgeſtellt, was er ſo gut hätte wiſſen können wie die Mutter und die Tante. Dieſe Vorſtellungen enthielten nur Rich⸗ tiges. Eine Fremde, eine Ausländerin, eine Katholi⸗ kin— wie die Sachen lagen und ſtanden konnte es nicht zum Guten ausſchlagen. Leider kam jede Vor⸗ ſtellung zu ſpät. Rudolph liebte zum erſtenmale, und in welcher Stadt war es! In Venedig, wo jedes Liebeswort, begleitet von Gondelwiegen und Rudertakt, doppelt ſüß klingt! Es war unmöglich, daß ein junger, unverdorbener Mann unter ſolchen Umſtänden vernünf⸗ tig bleiben konnte, und Rudolph blieb es nicht. Er ſchrieb in einem Gemiſch von Reue und Trunkenheit, aber er ſchrieb, daß Stella ſeine Braut ſei, und daß ſie ihn als ſeine Frau zurückbeglei⸗ ten werde. Sie hatte gerade Vermögen genug, um zur nöthigen Kau— tion zu genügen— fünf⸗ zigtauſend Lire ungefähr — es war nicht viel, aber doch hinreichend. Auch hatte Rudolph be⸗ reits um den Conſens geſchrieben und auch alle Schritte gethan, die ſonſt noch nöthig waren. Er bat ſeine Mutter um Verzeihung für ſich, um Liebe für Stella— zurück konnte er nicht mehr, und hätt' er's ſelbſt gekonnt, er hätt' es nicht gewollt: er liebte eben. Er war mündig, Cor⸗ nelia mußte zum erſten Male in ihrem Leben einem anderen Willen nachgeben, und zwar dem Willen ihres Sohnes, der bisher nichts geweſen war, als ihr Kind. Sie war außer ſich. M ) Tc 2 2 8 8 S 8 5 WV 128.) Neuntes Kapitel. Die Ankunft. Der Wind fuhr am dreißigſten Oktober unheim⸗ lich heulend über den hohen Markt. Der Himmel war nicht geradezu bewölkt, aber doch bezogen, und ſah aus, als ob ihn fröre. Die Tauben und Sgperlinge flatter⸗ ten mit Anſtrengung von den Dächern auf das Pfla⸗ ſter und von dieſem wieder in die Höhe— man ſah es, ſie ſuchten Ruhe, ohne ſie zu finden. Die Gaſſen— buben hockten gerne, wie immer, auf dem Schindeldache des Röhrbrunnens, aber ſie ließen die Beine nicht wie gewöhnlich baumeln, ſondern hatten ſie heraufgezogen und unter ihrem Körper ſorgfältig zuſammen gelegt. Genug, es war einer von den hoffnungsloſen unbe⸗ haglichen Herbſttagen, an denen keiner Kreatur wohl wird, ſei ſie Menſch oder Thier. — Gleichſam perſonificirt wurde er durch Cornelia, welche in ihrer Wohnſtube am Fenſter ſaß und zwi⸗ ſchen einigen ſtachligten Cactuspflanzen auf den Röhr⸗ brunnen hinüberblickte. Um den Röhrbrunnen herum bog die Straße auf den Markt ein, welche Rudolph. heraufgefahren kommen mußte. Ihn und ſeine junge Frau erwartete ſie, aber, wie geſagt, mit einem Ge⸗ ſicht, welches ganz dem froſtig grauen Himmel glich. So vergrämt, ſo verfallen, ſo ſtumpf verzweifelt ſah ſie aus, daß man ſie ganz gut um Vieles älter halten konnte, als Erdmuthe, obgleich auch dieſe eine höchſt bekümmerte Miene zur Schau trug, während ſie lang— ſam in dem wenig geräumigen Zimmer hin und her ging. „Kommen ſie noch nicht?“ frug ſie nach einem langen Schweigen zu Cornelien hinüber.—„Noch nicht,“ wiederholte dieſe mit ſchwacher Stimme. Erdmuthe kam zur Schweſter, legte ihr die Hand auf die Schulter und ſagte zärtlich:„Tannenhofen, gräm' dich doch nicht ſo, du wirſt ja ſonſt noch krank.“ —„Wenn ich's nur geworden wäre,“ antwortete Cor⸗ nelia finſter,„vielleicht wär's ihm da an's Herz ge⸗ gangen! Aber nein, von ſeiner Italienerin hätt' er doch nicht gelaſſen. Die hat ihn nun einmal verrückt gemacht. Ich hab' meinen Sohn verloren.“ Erdmuthens Lippen zitterten.„Rede nicht ſo,“ bat ſie,„du brichſt mir das Herz.“—„Er hat's mir gebrochen,“ ſagte Cornelia. Sie blickte wieder auf den leeren Markt hinaus, dann, ſich zurück zur Schweſter wendend, fuhr ſie fort: „hätten wir das je gedacht, Muthchen, als wir ihn mit ſolchem Stolz groß wachſen ſahen? Immer der Erſte in der Schule, immer der ordentlichſte Menſch und der beſte Sohn, und jetzt— o, ich hab' es ja immer geſagt: Gott hat mich zu ſeinem Opfer auser⸗ ſehen.“ „Verſündige dich nicht, Tannenhofen,“ warnte Erd⸗ muthe ſchauernd,„Rudolph könnte dir ſterben— da wärſt du doch noch mehr geſchlagen.“ „Nein, da hätt' ich ihn mehr als jetzt.“ „Ich bitte dich, ſei ſtill!“ „Aber was iſt er denn jetzt noch für mich! Mein Sohn? Gewiß nicht. Er iſt der Mann dieſer Stella, das iſt Alles. O, was ich ſie haſſe!“ murmelte ſie zwiſchen den Lippen. 4 „Ich kann gerade auch nicht ſagen, daß ich ihr ſchon beſonders gut wäre, oder mich ſehr auf ſie freute,“ meinte Erdmuthe,„aber vielleicht wird es beſſer, als wir denken— vielleicht iſt ſie doch nicht geradezu ſchlimm.“ Daß eine Venetianerin, die Stella hieß, kein Deutſch konnte und Katholikin war, vielleicht auch geradezu gut ſein konnte, das fiel den beiden Schweſtern in der Naivetät ihrer Vorurtheile gar nicht ein. Es iſt wahr, ſie hatte damit angefangen, Unrecht zu thun, indem ſie ſich von Rudolph hatte heirathen laſſen, folglich konnte ſie, den Begriffen ihrer neuen Familie nach, niemals ganz Recht thun; das Einzige, was man allen⸗ falls von ihr hoffen zu können glaubte, war: ſie ſei vielleicht nicht geradezu ſchlimm. Eine Ausnahme fand jedoch ſtatt: die Tante Gün⸗ thern machte ſie. Die gute Seele— ſie freute ſich auf Rudolphs Rückkehr, ſie freute ſich ſogar auf ſeine junge Frau. Es würde doch wieder was Junges da ſagte Cornelia, ſie beobachtend, wie ſie mit Kuchen, Kaffeetaſſen u. ſ. w. unermüdlich herein lief:„ich glaube wirklich, die Günthern denkt, ſie muß ſich freuen.“ Die Tante Günthern kam eben jetzt athemlos zum zehnten oder zwölften Male herein gerannt und rief: „ſie kommen!“—„Nicht doch, ſagte Erdmuthe raſch und umfaßte Cornelia, die gleichſam vergehend in ihren Seſſel zurückſank. „Es iſt aber doch wahr,“ behauptete die Tante Günthern eifrig,„unſere Marie hat das Poſthorn gehört.“ Und es war ſo. Um die Ecke kam eine Extrapoſt, raſſelte über den Markt und hielt vor dem Hauſe. Die Tante Günthern lief aus allen Kräften hinunter, ſie war es, welche an der Thüre des Hauſes eine kleine feine Geſtalt in ihren Armen empfing, während Ru⸗ dolph die alte treue Tante und ſeine junge Frau zu⸗ gleich umfaßte. Oben preßte Cornelia die Hände krampfhaft auf die Bruſt und ſtammelte:„ich kann ſie nicht ſehen, Muthchen, ich kann ſie nicht ſehen!“ In der That empfand ſie eine ſolche Angſt, als müſſe in der erwarteten jugendlichen Erſcheinung ihr Tod auf ſie zukommen. Während Erdmuthe in Todesangſt ihr zuredete, ſich zu faſſen und zu beruhigen, küßte die Tante Günthern unten im Hausflur mit Wonne das lieblichſte Geſicht, welches ſie je geſehen, oder wie ſie nie eines geträumt. Stella war eine jener reizendſten roſigen Blondinen, welche die ſchönſten Perlen Venedigs ſind. Ihre Augen waren von dem wunderbar tief durchſichtigen Blau, wie man es im Norden faſt nie findet. Ihr Mund hatte die ächte italieniſche Anmuth. Als ſie die Tante Günthern anlächelte, kamen zwiſchen den hellröthlichen Lippen blendende Kinderzähne zum Vorſchein.„Mama?“ ſagte ſie fragend. „Nicht die Mama, eine Tante,“ ihr auf italieniſch. Sie ſchien betroffen, daß es nicht die Mama ſei, welche ſie empfange. Gleich darauf aber lächelte ſie wieder, ſchmiegte ſich an die Tante Günthern und lis⸗ pelte ſchmeichelnd:„liebe Zia!“—„Ih, du Herzens⸗ kind, ſprichſt du deutſch!“ rief die entzückte Tante Günthern. „Erſt ſehr wenig,“ antwortete Rudolph, der ſchon mehrmals mit ſichtlicher Unruhe die Treppe hinauf ge⸗ ſehen hatte.„Tante, wo bleibt denn die Mama? Iſt ſie krank?“ „Krank? werdet ſehen. ſchwach davon iſt,“ antwortete die tapfer und trabte voran. 1 Sie hatte zum erſten Male in ihrem unſchuldigen Daſein gründlich gelogen. Es war für Stella, die ſie bereits mehr liebte als„unſern Rudolph“. erklärte Rudolph Ih, nicht doch! Kommt nur und ihr Thüre groß auf, indem ſie zugleich den Schweſtern ein drohendes Geſicht zeigte. Auf Erdmuthe geſtützt umarmte förmlich und froſtig die junge Frau, dann mit mühſam unterdrückter Leidenſchaftlichkeit den Sohr Kein Wort wurde geſprochen. d Augen zu ihrer neuen Mutter auf, denn ihr gegenübc war Cornelia groß. Erdmuthens Umarmung wa kam Cornelia vorwärts und ½ ſein, meinte ſie in ihren treuherzigen Gedanken. Auch etwas weniger kalt, ſie konnte dem zarten fremde Wiſt tieß de; kalten geben waren die T ſagt: Dan ſchul nur wort ſen, ſchor Stel ihren ten venem Tant her, griff Soh ware ihm that ſagt Hei und Tro ther St ther ein Sie freut ſich nur ſo, daß ſie ganz ſi Tante Günthern R. „Na, da ſind ſie,“ kündigte ſie an, und riß die Ph Stella ſah mit großen f b Gi⸗ here hüb wor ſtre mit Kuchen, lif: f:„ich e muß ſich hemlos zum t und rief: wmuthe raſch end in ihren die Tante as Poſthorn ne Extrapoſt, dem Hauſe. ten hinunter, es eine kleine während Ru⸗ nge Frau zu⸗ die Hände :„ich kann nicht ſehen!“ t, als müſſe oor Tod auf ezuredete, ſich nte Günt thern uiſuchihf ds geträumt. 1 Blordiun Ihre Augen tigen Blau, Ihr Mund ſie d die Tant geltöthlüchen h. Mama! kärte Rudolph be Mama ſe ber lächelte ſie 18 rn und lis⸗ Hell zens⸗ hich Taut er ſchon u,n 5 Jge blama⸗ J ihr 3 8 udig und ſi gatz ſich wenig behaglich in den kleiner, daß hinchm Räumen gefühlt haben. ante aufgenommen worden, hätte man gekonnt, in Winde gelaſſen. Wind durch die eiſige Luft des Hauſes. Tante Günthern während ihrer vierundſechzig Lebens⸗ ahre ebenſo viel Schaden geſtiftet hätte, wie ſie Gutes 9 gethan. hatte, ſie hätte in dieſer: Weſen, als ſie es erſt ſah, nicht gram ſein. ließ ſich von ihr umarmen, küßte ſie aber nicht, wie die Tante Günthern. Auch Cornelien hatte ſie den kalten Kuß nicht erwiedert, welchen dieſe ihr halb ge⸗ geben hatte. Es war, waren die diſben Worte Corneliens. „Ja wohl, ſpricht ſie deutſch!“ fiel triumphirend die Tante Günthern ein;„ſie hat mir unten gleich ge⸗ ſagt: liebe—“ „Zia,“ half Rudolph lächelnd der guten Tante ein. Dann wandte er ſich an ſeine Mutter und ſagte ent⸗ ſchuldigend:„ſie verſteht ſo ziemlich; ſprechen kann ſie nur noch ſehr wenig— ſie iſt in Mailand erzogen worden, und dann nur in Trieſt und in Görz gewe⸗ ſen, wo wenig deutſch geſprochen wird, aber ſie wird ſchon lernen,“—„Ja, ſie wird ſchon lernen, unſere Stella!“ beſtätiate die Taute Günthern, und ſtreiche lte ihren neuen dirnind. Stella ſah ſie an, ein Leuch⸗ ten ging über ihr Antlitz, und ſie ſagte mit ihrer ſüßen venetianiſchen Sümme langſam, aber dentlich:„gute Tante!“ her, um ſie abzuküſſen. Unterdeſſen hatte Cornelia die Hand Rudolphs er⸗ griffen und ihn näher zu ſich gezogen. Mutter und Sohn blickten einander in die Augen. In den ihren waren alle die ſchmerzlichen Vorwürfe zu leſen, die ſie ihm nicht mit Worten machen wollte. Seine Blicke thaten eine demüthige Abbitte. Cornelia faßte ſich und ſagte:„kommt Kaffee trinken.“ Die erſte Mahlzeit der ſäuden Frau in ihrem neuen Heim! Ein ſolches Mahl ſollte mit Liebe angeboten und mit Freuden angenommen werden. Hier war nur Trauer, ausgenommen in den Augen der Tante Gün⸗ thern, welche ſich an Stella nicht ſatt lachen konnte. Stella war das Chriſtkind, welches der Tante Gün⸗ thern in ihrem Alter noch den heiligen Chriſt der Poeſie einbeſcheerte. Zwei oder drei Mal bückte die Tante Günthern ſich zu einer oder der anderen Schweſter heah und frug geſchwind und heimlich:„iſt ſie nicht hübſch?“—„JIh ja, daran fehlt's ihr nicht,“ ant⸗ wortete Tante Muthchen halb beſtochen, aunr wider⸗ ſtrebend. Cornelia entgegnete eiskalt:„ja, recht hübſch!“ Die junge Frau ſollte nun endlich ihr Quartier ſehen, welches im zweiten Stocke war. Die Tanten führten ſie hinauf. Rudolph kam auch mit und dankte den Tanten herzlich für die Mühe, welche ſie ſich bei Zum Glück iſt eine ſonſt würde Stella allzu ordentlichen Jetzt ſagte ſie recht lieblich dankbar:„gut, ſehr gut,“ aber froh ſchien ſie nicht, konnte es auch nicht ſein, der Empfang war gar zu ffeierlich geweſen. Sie war nur aus Nothwendigkeit man hätte die Hausthüre vor ihr zugemacht und ſie draußen im Immer die Tante Günthern ausge⸗ Die huſchelte wie ein warmer munterer Wenn die der Einrichtung gegeben daiteu Venetianerin nicht gerade verwöhnt, nommen. Stunde Alles wett V fun durch den Liebesfrohſinn, mit welchem ſie um i fremde, verwaiste Stella herumlief und herumwirth⸗ dfteis. -—— 111— Stella geben, als wären ihre Lippen gelähmt. „Deine Frau ſpricht wohl gar kein Deutſch?“ das Die Tante Günthern fiel förmlich über ſie Tante Muthchen hatte ſich bald wieder hinab be⸗ und in etwa einer halben Stunde folgte ihr auch Rudolph. Ungefähr um ebenſo viel ſpäter ſtiegen auch Stella und die Tante Günthern Arm in Arm die ſteile dunkle Treppe hinab. Die Tante Günthern beeilte ſich, die Thüre zum Wohnzimmer wieder triumphirend auf⸗ zumachen, ſie fühlte ſich ſtolz, ſie brachte ja etwas ſo Schönes. Stella wollte eintreten, ſie blieb ſtehen, blickte einen Augenblick lang hinein, trat dann leiſe zu⸗ rück und machte geräuſchlos die Thüre wieder zu. Sie hatte Rudolph auf den Knieen dr ſeiner Mutter ge⸗ ſehen, Beide einander umfaßt haltend und bitterlich weinend. Neben ihnen ſtand Viua Muthchen und weinte auch. Stella ſah wohl, daß ſie in vren Au⸗ genblicke gänzlich überflüſſig war. Die Tante Günthern hatte die Gruppe auch ge⸗ ſehen, und ſtand nun in tiefer, ehrlicher Beſtürzung der jungen Frau gegenüber, welche ihre Ankunft beweint fand wie ein ſchweres Familienunheil. Sie wollte gern etwas ſagen, aber ſie wußte nicht was. So ſtand ſie denn in rührend komiſcher Rathloſigkeit da und guckte Stella in das junge Antlitz, welches plötzlich einen Ansdrc von kaltem Stolz aſfäſeh hatte. Der verſchwand ſedoch. als Stella die guten Au⸗ gen nß ſich ruhen mehr fühlte, als ſah. Sie kam dicht heran, legte den Arm um die Tante Günthern, ſah ſie vertrauungsvoll an und ſagte leiſe:„du mich lieben?“ „Ja, meine Herzensſtella, immer und immer, als wäreſt du mein eigenes Kind!“ antwortete die Tante Günthern aus vollem Herzen. Dann ſtiegen ſie langſam wieder Wohnung der jungen Frau. hinauf zu der Zehntes Kapitel. Sternverlöſchen. Die Anfang ſchlecht, Alles Das Sprüchwort ſagt: Ende gut, Alles gut. Erfahrung ſagt leider oft genug: ſchlecht. Stella vergab nicht, was ſie geſehen. Sie liebte Rudolph ſo leidenſchaftlich, ſo ausſchließlich, wie ſeine Mutter ihn nur immer lieben konnte. Mit vollem Vertrauen, gleich dem eines Kindes, war ſie ihm in die ferne neue Heimath gefolgt. Sie glaubte ebenſo einzig geliebt zu ſein, wie ſie liebte. Von Cornelien hatte ſie nur wie von einer Mutter gehört, in der ſie ihre eigene„Mama“ wiederfinden werde. Sie kam, und ſie, welche als eine Tochter zu kommen meinte, wurde als eine unwillkommene Fremde begrüßt; ſie, die Glück mit ſich zu bringen wähnte, ſah bei ihrer An— kunft Thränen fließen, wie man ſie in einem großen Schmerze weint. Wozu war ſie denn alſo da? Wa⸗ rum hatte Rudolph um ſie geworben;? Warum ſie nicht unbefangen und ruhig in ihres Onkels Hauſe gelaſſen? Sie hatte ihn ja nicht eingeladen, er war von ſelbſt gekommen, von ſelbſt wiedergekommen. Sie hatte ihn auch nicht um ſeine Liebe gebeten, er hatte aa die ihrige ſei die Bedingung, unter welcher allein er noch glücklich werden könne, nachdem er ſie geſehen. Und nun weinte er an dem Tage, wo ſie in ſein Haus kam. Wie geſagt: Stella vergab nicht. Ihre Natur war eine jener ſtillen, ſcheinbar ruhigen, die zu ver⸗ letzen gefährlich iſt, weil ſie nicht die in unſerer armen, unvollkommenen Welt unnenbehrlich Fähigkeit des Ver⸗ geſſens beſitzen. Sie ſchwieg, aber ſie hatte ſich in ſich zurückgezogen, und keine zärtliche Bemühung Rudolphs 8 konnte ſie wieder heraus und an ſeine Bruſt locken. Als die Tante Günthern am nächſten Morgen in ihrer kurzen Art erzählte, wie Stella Mutter und Sohn ge⸗ ſehen, da fragte allerdings Cornelia kalt:„und was thut das?“ aber Rudolph erſchrak, und wie er ſich am Abend ſeiner Ankunft Vorwürfe der Mutter wegen ge⸗ macht, ſo machte er ſie ſich jetzt Stella's wegen. Er konnte ſich nun die plötzliche Veränderung erklären, welche er an ſeiner jungen Frau bemerkte, aber nicht weiter beachtet hatte, weil er zu ſehr mit dem Zuſtande ſeiner Mutter beſchäftigt geweſen war. Er ſah zu ſei⸗ nem tiefen Schrecken bald, daß dieſe Veränderung auf immer war, und um ſo hoffnungsloſer, weil Stella nie davon ſprach, was in ihr vorgegangen ſei. Denn das that ſie nicht. Umſonſt drängte und ſchmeichelte Rudolph, umſonſt beklagte er ſich dann und wurde zu— letzt gar zornig, Stella blieb bei ihrem»niente, caro, niente«. Das ſagte ſie mit der kühlen Gelaſſenheit der Italienerinnen wieder und wieder. Sie weinte nie, ſie klagte nie, ſie ſchmollte nicht, ſie blieb ſanft, kühl, verſchloſſen und ſagte: niente. Es war nicht ihre Schuld, ſie war ſo. Sie machte den gutmüthigen Rudolph toll und raſend, aber ſie konnte ſich nicht än⸗ dern— es war nicht ihre Schuld, nur ihr und ſein Unglück. Ebenſowenig war Rudolph. anzuklagen, daß er Stella geliebt und heimgeführt. Er hatte vergeſſen, daß er ſeiner Mutter gehörte, das eigene Leben war einmal mächtiger geweſen, als die Hingebung des Soh⸗ nes. Und dann— Stella war ſo ſüß, ſo lieb— er hatte wirklich nicht anders gedacht, als Cornelia müſſe mit dem erſten Blicke auf ſie überwunden und gewon⸗ nen ſein. Er träumte von einem Doppelglücke, von einer Doppelliebe zwiſchen Mutter und Frau. Sie müſſen ſich in ihm finden, meinte er. Es war der natürliche Irrthum eines guten, innigen, gemüthreichen Menſchen, welcher leidenſchaftliche Frauennaturen nach ſeiner eigenen ruhigen Natur berechnete. Cornelia endlich konnte auch eben nicht anders ſein, als ſie war. Ihr herriſches Habenwollen war von ihrer ganzen Umgebung unabläſſig, mit ängſtlicher Be⸗ fliſſenheit möchte man ſagen, genährt worden. Damit ſie als Kind nicht ſchreien, als Mädchen nicht krank werden, als Frau nicht grollen möge, waren Alle ihren Wünſchen ſtets zuvorgekommen, wie hätte ſie ſich da auf einmal beherrſchen können, begreifen, es könne noth⸗ wendig ſein, ſich ſagen: du mußt? Selbſt um Ru⸗ dolphs Willen konnte ſie nicht bis dahin kommen. Es war bisher immer Alles um ihretwillen geſchehen, auf das Recht der Ueberlieferung geſtützt verlangte ſie, es ſolle ſo bleiben. Sie konnte alſo nicht anders, als in Stella ein feindliches Weſen erblicken, welches hinter⸗ liſtig in das Heiligthum ihrer Wittwenſchaft eingedrun⸗- gen, die Hand an ihr letztes Glück zu legen. Mit der Logik der Mutter warf ſie, um jede Schuld von Ru⸗ Auch bedingt, gründlicher verfolgen und entwickeln, wenn es ſich nicht eben blos um den Einfluß handelte, welchen Cornelia durch ihre Behandlung Stella's auf die Tante Günthern ausübte. ſchlecht mit dem Kinde um.“ Schweſtern thun ſollte, unter der Begingung, daß Stella ſie brauche. Von Rudolph wollte ſie gar nichts mehr wiſ⸗ ſen. bin dir nicht mehr gut,“ ſagte ſie,„du dolph zu nehmen, alle Schuld auf Stella.„Wenn ſie nicht Alles gethan hätte, um ihn zu fangen,“ ſagte ſie mit voller Ueberzeugung,„er hätte nimmer vergeſſen, daß er eine Mutter hat, die ihm Alles ſein mußte.“ Dieſer Charakter iſt nicht neu und kommt beſon⸗ ders in der unmittelbaren Gegenwart häufig vor. Am ſchärfſten und ausführlichſten hat Thackeray, der phi⸗ oſophiſche Romancier, ihn im„Pendennis“ geſchildert. hier ließe er ſich, durch die deutſche Weſenheit Die Tante Günthern hatte fertig werden ſollen. Sie hatte von dem bloſen Inſtinkt des Liebhabens zur freien und bewußten Anhänglichkeit gelangen ſollen. Was ihr bisher gefehlt hatte: was recht ſei, und den Muth, dieſe Erkenntniß aus⸗ zuſprechen, nelia und Stella ſtehend und gewiſſermaßen herausge⸗ fordert, zu wählen, trat ſie an Stella's Seite. Sie ſtahl ſich damals die kleine Schweſter, nein, und für Stella. Nicht, daß ſie ſich nicht immer noch vor den Schweſtern gefürchtet hätte, das war eine zu alte Gewohnheit, trotz ihrer Furcht. halb geöffneten Thüre in der Hand, damit ſie gleich nach dem die Erkenntniß deſſen, das fehlte ihr nicht länger. Zwiſchen Cor⸗ nicht zu ihr, um ſie heimlich zu tröſten, wie ſie war offen mit aber ſie liebte und hätſchelte Stella Sie ſagte, die Klinke der ſchon Beweiſe ihrer Tapferkeit davonlaufen könne: lieber als euch Alle,“ oder:„ihr geht Wenn ſie etwas für die ſo verſprach ſie es immer nur nicht gerade „ich habe ſie „Ich läſſeſt deine Frau weinen. Da du ſie geheirathet haſt, mach' ſie auch glücklich.“ Rudolph hatte den beſten Willen, es zu thun, aber nicht mehr die Macht. Es hatte ihn gegen Stella abgekühlt, daß ſie die Mutter nicht für ſich gewonnen, daß ſie es ſogar nicht einmal verſucht hatte, und der Mann muß im olen Baunde der Liebe ſein, wenn er ein weibliches Herz können ſoll, beſonders ein plötzlich erſtarrtes, wie das Stella's. 3 Ob es Stella gelungen wäre, wenn ſie es gedul⸗ dig und demüthig angeſtrebt hätte, Eornelia allmählich zur Duldung ihrer Weſenheit, ja, vielleicht ſogar zu einem halben Liebhaben gegen ſich zu bringen? Man kann das weder bejahen, noch verneinen, ſie that nie etwas, um ſich Cornelien zu nähern, ſie wich ihr ſo⸗ gar ſichtlich aus, ebenſo Tante Muthchen, welche aller⸗ dings bald ihre entſchiedene Gegnerin wurde. Ihren Mann ließ ſie kommen und gehen wie er wollte. Es war, als hätte ſie länger keinen Theil an ihm. Da⸗ gegen hing ſie mit ihrer ganzen Hülfloſigkeit, mit ihrer ganzen Kindlichkeit, mit ihrer ganzen der Tante Günthern. (Schluß folgt S. 127.) Weiblichkeit D einem Som das ſe befind der I brüllt „die Sprün Hirten in Al ſucht viklic die S Heerde das met als ſen, ungel der, duld Jaue treibe wied men Früͦ Her wär ſpät im dem Ge die Lan leiſ mif hel für Leb eſt der „Wenn ſit ¹ ſagte ſie wrrgiſn, mußte.“ mt beſon⸗ vor. Am der phi⸗ geſchildert. Weſenheit wenn es d, welchen fdie Tante den ſollen. habens zur gen ſollen. rniiß deſſen, intniß aus⸗ iſchen Cor⸗ herausge⸗ geite. Sie köſten, wir offen mit immer noch var eine z helte Stellt der ſchmn t ſie gleih ufen könne. ihr geii vas für di immer nur icht gerad 3 mehr wiſ⸗ tte ſie,„d rathet ha e den beſten Macht. E die Muttt nicht tinna llen Pun⸗ 9 wed 1, ,s Gedl 8 ga d lmält Ihrel urde. 3 6 OW —: 113—— Heimfahrt von der Alm. (Taf. 8.) Ihr Matten lebt wohl! Ihr ſonnigen Weiden! Der Senne muß ſcheiden, Der Sommer iſt hin. Der Hirt im Tell. Der günſtige Leſer, der etwa auf einer Reiſe in einem Dorfe übernachtete, hat wohl ſchon, am frühen Sommermorgen an dem Klange der Schalmei erwachend, das ſehnſüchtige, ungeſtüme Brüllen der noch im Stalle befindlichen Rinder gehört, in den ſie, nach dem auf der Weide verbrachten Tage, eingethan worden. brüllt, muht und meckert, bis aufgemacht wird, und „die breitgeſtirnten glatten Schaaren“, in komiſchen Sprüngen durch die Gaſſen klappernd, ſich um den Hirten zur Ausfahrt geſammelt haben. Lebhafter gibt in Alpengegenden das Vieh im Frühling ſeine Sehn⸗ ſucht nach den Bergen, ſchon mehrere Tage vor der wirklichen Ausfahrt, zu erkennen, beſonders, wenn es die Sennerin die Almengeräthſchaften ordnen und die Heerdenglocken hervorſuchen ſieht. Auf den Alpen wird das Vieh nicht von läſtigen Bremſen gequält, es ath⸗ met die reine, würzige Bergluft, die ihm freilich beſſer als der dumpfe Qualm der Ställe behagt, kann freſ⸗ fen, ſo oft es Luſt hat, was ihm juſt zuſagt, und ungehindert mit Seinesgleichen verkehren. Was Wun⸗ der, wenn ſelbſt die Sennen dieſe freudige Unge⸗ duld ergreift, und ſie ihr Vieh mit ununterbrochenem Jauchzen, Singen und Jodeln in die Berge hinauf⸗ treiben, und deinen Gruß mit einem Jubelgeſchrei er⸗ wiedern, als hätten ſie nicht alle ihre Sinnen beiſam⸗ men! Sie nennen das Hinaufziehen in die Berge im Frühjahre das„Einfahren“ und die Rückkehr im Herbſte das„Ausfahren“ oder„Aberauſchen“, als wären die hohen Alpenweiden ihre eigentliche Heimath. Die Fahrt auf die Alpen geſchieht früher oder Es Käſemachen und das größere Geſchirr ſteht. ſchließt. iſt. ſpäter, je nach der Witterung und Lage, in der Regel im Mat, wenn der Crocus ſeine weißen Kelche aus dem dürren Wintergraſe der Matten ſtreckt, dunkelblaue Gentianen wie Indigobrocken aus dem Boden dringen, die hellen Leberblümlein ihre friſchen Augen unter dem Laube hervorheben, Schaaren von Schlüſſelblumen ein leiſes Gelb in die noch matten Farben der Landſchaft miſchen, und ſich überall aus den braunen Raſen friſche, hellgrüne Halme erheben. Der Tag des Auszugs iſt für die Alpenbewohner ein wichtiger, bisweilen in ihrem Leben Epoche machender Tag, und ſie tragen heute ihre beſten Kleider. Der Zug hat ſtets eine gewiſſe, nach der Gegend verſchiedene Ordnung. Im Tyrol geht eein Handbube voran. In folgen die Kühe mit gro⸗ Fen„Trinkeln“(Glocken), den Prunkſtücken des Sen⸗ nen, oft über einen Fuß breit und 40 bis 50 Gulden poerth, und zwiſchen hinein tönen die kleineren Erz⸗ glocken. Nach den Kühen folgen die Kälber und Zie⸗ gen mit dem Heerdenſtier, und der Senn macht den Scchluß mit dem Saumpferde, das die Geräthſchaften trägt und mit buntem Wachstuche bedeckt iſt. Am Säntis eröffnet der mit Bändern geſchmückte Senne den Zug, den ſauberen Melkkübel auf der Schulter und den Hund zur Seite. Dann kommen die Kühe, die Feierſtunden. 1863. halten, um das Abſtürzen zu verhüten. ſchönſten mit den mächtigſten Glocken, hinter ihnen der Handbub, als Gehülfe des Senn, mit ſeinem Melk⸗ eimer, die ganze Heerde führend, deren Reihe der Stier mit dem einbeinigen Melkſtuhl auf den Hörnern be⸗ Am andern Tage wird ſodann das nöthige Geräth, Milchkummen, der kupferne Käskeſſel, auf einem Saumroſſe zur Sennhütte geſchickt. Auf der Alme führen meiſtens Dirnen, die Sen⸗ nerinnen, Schwaigerinnen, auch Sendinnen genannt, die Aufſicht über das Vieh. Die Sennhütten ſind in der Regel geräumig. Mitten iſt die Thüre, durch die man in die Küche tritt, wo der Herd zum Kochen und Auf der einen Seite iſt die Milchkammer, auf der andern die Stube mit kleinem Glasfenſter, Ofen, Tiſch, Bett und Bänken. In größeren Hütten iſt außer der Sen⸗ nerin ein Handbub oder Geißer und ein Fütterer. Die Weiden befinden ſich entweder in der Waldregion der Voralpen, oder zwiſchen dieſen und den Hochalpen, oder auch ganz oben auf dem Gebirge. Um St. Urban treiben die Sennerinnen in die Mittelalpen, um St. Veit, zur Hochtriebszeit, in die Hochalpen, wo ſie 8 bis 9 Wochen zubringen, und dann noch wohl vier Wochen in den Niederalpen bleiben. Mit der allmäh⸗ lichen Entwickelung der Weiden auf den verſchiedenen Bergſtufen rücken auch die Heerden vor. Je höher hinauf, deſto ſchöner und kräftiger wird die Weide, aber auch deſto zarter und kürzer. Das Frauenmäntelchen, das Mutterkraut, der Alpenwegerich gewähren dem weidenden Viehe die trefflichſte und würzigſte Nahrung. Die wichtigſte und angeſehenſte Perſon einer Alpen⸗ wirthſchaft iſt die Sennerin, da ſie das Vieh beſorgt, wozu oft nicht wenig Klugheit und Muth erforderlich Die ſchönſten Triften ſind oft ſteile und nicht ohne Gefahr zu beweidende Abhänge, und nicht ſelten von tiefen Schlünden und ſchroffen⸗Abgründen begrenzt. Solche Stellen muß die Sennerin mit einem Zaune umgeben, oder, wenn dies nicht möglich iſt, das Vieh bei naſſem oder neblichtem Wetter von denſelben ferne Die Sennerin muß ſich nicht nur auf's Wetter, ſondern auch auf die Lage und Verhältniſſe ihrer Alp verſtehen und beur⸗ theilen, ob ein Stück abgeweidet oder gemäht werden muß. Bei ſchlechtem Wetter kann das Vieh nicht aus⸗ getrieben werden, und dann hat ſie für hinreichendes Futter zu ſorgen. Soll es ſich gerne zum Melken ein— ſtellen und dabei ruhig bleiben, ſo muß ſie immer einige Leckerbiſſen, das„G'löck“ bereit haben, würzige Kräu⸗ ter, die nur da, wo das Vieh nicht hinkommen kann, und oft nicht ohne Gefahr zu holen ſind. Viele Sen— nerinnen ſingen während des Melkens und gewöhnen das Vieh daran, hiebei auch ohne G'löck ruhig zu ſein. Einen harten Stand hat die Sennerin, wenn das Vieh auf einer entlegenen Alpe von einem Gewitter über⸗ raſcht wird, die vom Hagel getroffenen Thiere ſich nicht mehr halten laſſen und mit vorgeſtrecktem Kopfe und aufwärts ſtehendem Schwanze der Hütte zueilen, wobei leicht eines in die Tiefe ſtürzt. Zum Glück wittern die Kühe das Nahen eines Unwetters ſchon von ferne, 15 - 114— und meiden, wenn es der Hunger nicht drängt, von ſelbſt jene gefährlichen Stellen. Auf den Bergen des ſteiriſchen Salzkammerguts gibt es Hunderte von Sennhütten, welche von einer oder zwei Sennerinnen oder„Schwaigerinnen“ bewohnt ſind. Dieſe Mädchen führen ein ſtilles aber zufriede⸗ nes Klausnerleben, und das Singen iſt oft ihre ein⸗ zige Kurzweil. ſchaften in der Nähe, ſo geht es munterer zu; ſie un⸗ ternehmen dann manche Beſchäftigungen gemeinſchaftlich und vereinigen ſich zu kleinen Vergnügungen. Mit einem„Johezer“ fordern ſie bisweilen ihre auf benach⸗ barten Halden lebenden Freundinnen zu einem Wechſel⸗ geſange auf. Neckerei oder einen Vorwurf enthält. Pauſirt die eine Sängerin, ſo fällt die andere ein, und ſo theilen ſie ſich an ſchönen Tagen ſtundenlang, oft ohne ſich ſehen zu können, oder ihre Beſchäftigungen zu unterbrechen, ihre Empfindungen und Neuigkeiten mit, oder warnen, wenn ſich einiges Vieh zu verſteigen droht. Iſt die Unterhaltung zu Ende, ſo ſchließen ſie mit einem weit⸗ hin ſchallenden Jauchzer, den das Echo vervielfältigt. In den Alpenwirthſchaften der Schweiz, denen ge⸗ wöhnlich ein Senne vorſteht, wird Vieles anders ge⸗ halten. Nicht ſelten ſind dort gar keine Ställe vor⸗ handen, und die im Freien bleibenden Heerden ſuchen bei anhaltendem Regenwetter Schutz unter Bäumen oder an Felſenwänden. jahre plötzlicher Schnee, ſo ſammeln ſich die Heerden vor den Hütten, um gefüttert zu werden, und es kommt vor, daß eine trächtige Kuh Abends mit einem mun⸗ teren Kalbe bei dem Sennen erſcheint. Genügſame und gemüthliche Reiſende machen ſich gerne zuweilen das Vergnügen, in einer Sennhütte ein⸗ zuſprechen, zu der wir über die Riegel und Schneiden, die aus Balken zuſammengeſetzten Almenhage und die kleinen Durchläſſe zum Ueberſteigen, die„Stiegl'n“ gelangen. Das Vieh hört neugierig zu freſſen auf und eilt herbei, den Fremden in der Nähe zu betrachten. Einer gaſtlichen Aufnahme gewiß, ſprechen wir bei der Sennerin ein, die uns mit Milch, Schotten und Käſe bewirthet, was trefflich zu dem Brode mundet, das wir ſelbſt mitgebracht haben, und uns im Nothfalle auch Nachtquartier geſtattet. Heiter und unbefangen kürzt ſie uns den Abend mit launigen Scherzen und luſtigen Alpengeſängen, worin ſie unſer Führer nach Kräften unterſtützt. Es herrſcht poetiſche Einfalt und Kraft in dieſen Liedern, ein frommer, poetiſcher Sinn, ſo formlos und ungeſchickt oft auch ihr Bau iſt. Hiezu gehört aber die Naivetät und Mimik dieſer Hirten und die großartige Umgebung der Alpen. Bei allen ſeinen Beſchwerden und Gefahren gewährt das Leben auf den Alpen ſo viel Freiheit und Luſt, daß die Sennen dieſelben nur ungerne verlaſſen, und ſo luſtig und ausgelaſſen die Lieder bei der Alpfahrt klangen, ſo düſter und melancholiſch klingen ſie bei der Thalfahrt, wenn ſie auch feſtlich mit Blumen und Mufik vor ſich geht, und die Sendin oft in ihrem In⸗ nern traurig iſt, wie eine Braut, die man aus ihrer freien poetiſchen Jugend in die Arme eines gebietenden Mannes und in den Kreis der häuslichen Geſchäfte führt. Auch das Vieh, das ſich bei der Alpfahrt mit freudigen Sprüngen in den Zug reihte, zeigt ſich miß⸗ Befinden ſich aber mehrere Alpenwirth⸗ Dann folgt ein melodiſches Recitativ, das einen Gruß, eine Einladung und wohl auch eine Fällt im Früh- oder Spät⸗ muthig. Es ſcheint zu ahnen, daß es jetzt in die dum⸗ pfen Winterſtälle geht, daß es aus iſt mit dem familien⸗ artigen Heerdenverband, und manches Stück die Alpe zum letztenmale ſah. In Steiermark, wo das„Aberauſchen“ noch in althergebrachter feſtlicher Weiſe geſchieht, vereinigen ſich mehrere Sennerinnen zu gemeinſchaftlicher„Ausfahrt“. Schon einige Tage vorher werden die Vorbereitungen getroffen und in luſtiger Geſellſchaft die Kränze für die Kühe gewunden. Im ſchönſten und prächtigſten Schmucke erſcheint der ſogenannte älteſte Almenſtier und die äl⸗ teſte Almenkuh, wobei man weder Koſten noch Mühe ſpart. Ihre Hörner ſind vergoldet, ihre Köpfe mit ſeidenen Bändern, Blumen und Farrenkrautbüſchen ge⸗ ſchmückt und die Hälſe mit ſchweren Kränzen behangen, wozu man oft Arzneikräuter wählt, die man nachher an Apotheker verkauft. Die Kälber ſcheinen mit rothen und weißen Roſen bekränzt, es ſind jedoch, wenn man näher kommt, nur rothe„Hetſchepetſchen“(Hagebutten), weiße Buchenſchwamm-Stückchen mit„Kranewatten“ und„Fuchswurzeln“, oder in Würfel und Herzchen geſchnittene weiße Wurzeln der„Almenrankeln“ und „Almenkrapfeln“. Wo nur Senninnen auf der Alm ſind, wird erſt die Ankunft der Saumpferde erwartet, auch kommen der Sennin wohl die Burſchen mit Muſik entgegen und bringen ein eigenes geſchmücktes Pferd, das dieſelbe be⸗ ſteigen muß, und an welchem rechts und links die Milchgefäſſe, Käſe⸗ und Schmalzlöffel herabhängen. Langſam bewegt ſich der Zug durch das Krumm⸗ holz und die felſigen Pfade der ſteilen Gehänge hinab. An manchen Stellen, wo die„Rugguſer“ oder Jodler ein kräftiges Echo finden, oder beſonders ſchön im Thale verklingen, wird Halt gemacht, und einer jener eigen⸗ thümlich jauchzenden Geſänge angeſtimmt, mit denen man die Kühe herbeiruft und die Bekannten im Ge⸗ birge begrüßt. Unſere Abbildung zeigt ein ſchmuckes Paar, das ſich auf einem Felſenvorſprung mit Wech⸗ ſelgeſängen von benachbarten Sennen verabſchiedet und dem ſcheidenden Jahre zugleich ſeinen Abſchiedsgruß bringt. Auch frohe und luſtige Weiſen klingen heute ganz anders, als bei der Alpfahrt im Frühling, und ſo zufrieden auch die Sennerin iſt, die ohne jeden Ver⸗ luſt und Unfall in's Thal zurückkehrt, ſo verläßt ſie doch ihre Alpe nicht gerne. Nur die fleißige und ſorgfältige Sennerin darf „kranzen“. Iſt ihr aber durch Fahrläſſigkeit oder Zu⸗ fall eine Kuh oder ein linkiſches Kälbchen verunglückt, ſo darf ſie weder ſich mit Blumen ſchmücken, noch ihr Vieh, dem ſie ſtatt der Kränze die Stallkette um die Hörner windet. Traurig und ſcheinbar unbemerkt zieht ſie hinab und Niemand öffnet ihrem Vieh die Stall⸗ thüre.„Man neckt und foppt ſie dann wohl,“ fragte ein Reiſender einen Sennen,„wenn ſie ohne Kränze vom Berge herab zieht?“„B'hüte Gott,“ antwortete dieſer.„Keiner foppt ſie. Keiner ſagt nichts, denn es iſt ja ſchon das ein Leid, daß ſie nicht kranzen kann.“ Nach glücklich beendigter Alpenzeit, gewöhnlich im September, gibt man den Sennerinnen ein Feſt, wo⸗ bei Steiriſch, Salzburgiſch, Ländleriſch und wohl auch Deutſch, d. h. der Walzer getanzt, und manche Hei⸗ rath angeknüpft oder geſchloſſen wird. die dum⸗ amilien⸗ die Alpe noch in igen ſich sfahrt“. eitungen für die ſchmucke die äl⸗ h Mühe pfe mit ſchen ge⸗ ehangen, nachher t rothen enn man ebutten), watten“ Herzchen 4“ und ird erſt kommen gen und ſelbe be⸗ ints die ingen. rrumm⸗ hinab. 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Das lag bei ihm im Blute, denn von Vater, Großvater und Urgroß⸗ vater her, die unter Georg Frundsberg, Schentlin von Burtenbach und andern ſchwäbiſchen Kriegsoberſten als ehrliche Landsknechte manchen guten Zug bis nach Welſch⸗ land und gegen den Großtürken in's Ungariſche mach⸗ ten, hatte er eine unbändige Wanderluſt, das Kenn⸗ zeichen jedes ächten Schwaben, geerbt.— Es war da⸗ mals keine gute Zeit zum Wandern. Ueberall mehr⸗ ten ſich die Anzeichen, daß die drohenden Kriegswetter bald ausbrechen werden. Der Donauwörther Handel hatte böſes Blut gemacht und die proteſtantiſche Union ſtand der katholiſchen Liga ſchroff gegenüber, beide bis an die Zähne bewaffnet. Der Bogen war geſpannt zum Brechen. Abgedanktes herrenloſes Kriegsvolk, das beiden Theilen entweder zu ſchlecht war, oder im Au⸗ genblicke wegen des zu großen Aufſehens, vielleicht auch der Koſten halber, nicht zuſammengehalten werden konnte, ſchweifte in Oberſchwaben umher, raubte, plün⸗ derte, ſengte und brennte, und wagte es ſogar, anno 1610 das indeſſen noch rechtzeitig gewarnte Radolfs⸗ *) Vertrat ehedem die Stelle des Wanderbuchs, wurde aber nicht von der Behörde, ſondern von der Zunft ausgeſtellt. zell mit einem förmlichen Heerhaufen zu bedrohen. Die Schwäche des Kaiſers Mathias, der damals des heili⸗ gen römiſchen Reichs deutſcher Nation Krone trug, konnte dem Unfug nicht ſteuern. Dies erkennend, ſuch⸗ ten einzelne Reichsſtände ihr Gebiet ſo gut als mög⸗ lich ſelbſt zu ſchützen, und ſchlugen den geſetzloſen Banden das Quartier auf, wo ſie angetroffen wurden. Daraus geht hervor, daß damals überall in Schwaben offener Kriegszuſtand herrſchte, weßhalb es auch der Vertheidigung wohl genügend war. Einzelne nicht wagen konnte, ohne Waffen ſich von Hauſe zu entfernen; darum trug auch Hans Kunder— mann ein kurzes Wehrlein an der Seite, das im Ver⸗ ein mit dem tüchtigen Knotenſtock zu ſeiner perſönlichen Doch erreichte er die Thore der alten Reichsſtadt unbehindert von Schnapp⸗ hähnen, und ohne daß er es nöthig gehabt hätte, ſein Leben und bischen Gut zu vertheidigen. Dies hatte er einestheils dem leichten Gepäck, das er auf dem Rücken trug, und ſeinem handfeſten trutzigen Weſen, andern⸗ theils der muſterhaften Ordnung zu verdanken, welche Herr Hans Thunower, der kaiſerliche Landrichter auf der Leutkircher Haide und in der freien Bürſch, auf ſeiner Zunft herausgefunden. des Kaiſers Heerſtraße aufrecht erhielt. Vor dem alten, mit Wappenſchildern, Gatter, Zug⸗ brücke und Zinnen verſehenen Thor ſtäubte Hans ſich ab, richtete ſeinen Anzug ein wenig zurecht, ging dann in ſtrammer Haltung an den herumlungernden Stadt⸗ ſoldaten vorüber und erkundigte ſich beim Thorwächter nach der Herberge„einer ehrſamen Zinngießerzunft“. Dieſe befinde ſich in der„Krone“, wurde ihm geſagt, und ihm zugleich der Weg mit jener brummigen bär⸗ beißigen Art gewieſen, die einmal unabänderlich mit dem ebenſo ſchwierigen als wichtigen Amt eines Thor⸗— wächters verknüpft zu ſein ſcheint. Nach Hin- und Hergehen in den engen und krummen, mit hochgiebeli⸗ gen, erkerreichen Häuſern beſetzten Gaſſen, erneuten Fragen, die nöthig waren, da ſich die Auskunft des Thorwächters nicht beſonderer Klarheit rühmen konnte, fand Hans endlich die gedachte Herberge, ein großes, mit Arcaden und weit überhängenden Stockwerken ver⸗ ſehenes Haus, deſſen Außenſeite ſchon das Herz jedes kundigen Handwerksgeſellen mit Ahnungen freundlich⸗ ſter Aufnahme und beſter Zehrung erfüllte. Er ſtieg die Treppe hinauf, hängte, bevor er die Thüre öffnete, den dicken Knotenſtock*) mittelſt des Lederriemens an einen Knopf ſeines Wammſes, wie es der Handwerks⸗ brauch vorſchrieb, und trat dann in eine geräumige Stube, von deren getäferter Decke mancherlei mit far⸗ bigen Bändern und Goldflittern gezierte Innungszei⸗ chen herabhingen. Sein ſpähender Blick hatte bald das Er trat auf den Tiſch zu, über welchem das Zeichen, denſelben gleichſam weihevoll beſchützend, ſchwebte, legte den Daumen der rechten Hand auf den Tiſch, und redete mit friſcher Stimme die darum ſitzenden und wacker zechenden Ge⸗ *) Alles Folgende bis zum Schluſſe des Kapitels iſt ſtren⸗ ger Handwerksbrauch der Zinngießerzunft, dem theilweiſe heute noch nachgelebt wird. 15* ꝛ——— f 4 116— ſellen an:„Glück zu von wegen des Handwerks!“ Die ſo Angeredeten legten, als ſie den Stock und Daumen am richtigen Orte fanden, ebenfalls jeder den Daumen der rechten Hand auf den Tiſch. Oben ſaß der Alt⸗ geſelle, auf den die Anderen in einem ſo wichtigen Moment erwartungsvoll zu blicken gewohnt waren. Dieſer, von dem man mit Recht ſagen konnte,„eine Würde, eine Höhe entfernte die Vertraulichkeit,“ ſah den Fremden ſcharf an, und begann dann mit Hans folgendes Examen:„Ein reiſender Zinngießergeſelle?“ —„Weiß nicht anders!“„Wo da?“„Schorn⸗ dorf im Württembergiſchen!“—„Wo iſt die Lade?“ —„In Stuttgart!“„Was iſt das Wahrzeichen von Stuttgart?“ forſchte der Altgeſelle weiter, mit einem Tone und einer Miene, die jedem Anweſenden es klar machten, daß das eigentlich eine ſehr kitzliche Frage ſei, von deren richtiger Beantwortung Vieles abhänge. Die Geſellen nickten einander bedeutſam zu. Hans aber antwortete ohne Zögern:„Die Glocken hängen über dem Dache des Kirchthurmes!“*) ging ein beifälliges Gemurmel, zu dem der Altgeſelle das Signal gab, um den Tiſch. Der erwähnte Würde⸗ träger rief dem Wirth zu:„Herr Vater, hier iſt ein zugereister guter Geſelle einer ehrſamen Zunft, gebe Nun ſchaft auszudehnen, vertagte für jetzt die Erweiterung ſeiner geographiſchen Kenntniſſe, beſchloß, ſie in einer ſpäteren Zeit wieder aufzunehmen, und nahm in Lin⸗ dau Arbeit bei einem Meiſter in„der Grube“, ein Entſchluß, von deſſen Vortrefflichkeit ihn einestheils die Rednergabe eines aus Waiblingen, unweit Schorndorf gebürtigen Nebengeſellen, anderntheils aber der für Lindau gewiß höchſt ehrenvolle Umſtand überzeugte, daß es ihm in der Inſelſtadt ausnehmend wohl behagte. So arbeitete er alſo rüſtig die Woche hindurch, Sonn⸗ abends aber und Sonntags ging er mit ſeinen Hand⸗ werksgenoſſen nach nahe gelegenen, noch zum Gebiete der Stadt gehörigen Dörfern und Weilern, wie Eſchach, Rickenberg, Schönau und den beiden Reitenau, auch Schachen und Alewind gaben Zielpunkte angenehmer Gänge, und das Schifffahren machte dem hieran nicht gewöhnten Unterländer viel Spaß. Der Wein, das Leben überhaupt, war gut und billig, die Leute freundlich, und von allen Fremden war namentlich damals der Württemberger gut behan⸗ delt, da die Stadt Lindau als evangeliſcher Reichsſtand ihre natürliche Anlehnung an dem mächtigſten lutheri⸗ ſchen Fürſten in Schwaben, dem Herzog Johann Frie⸗ V derich von Württemberg, erblickte. Der Meiſter Han⸗ ihm der Herr Vater einen Trunk zum Ablegen!“ Der 83 6 3 Herr Vater, nämlich der Kronenwirth, brachte einen Krug Wein, Hans trank ihn der Geſellſchaft zu, nahm einen beſcheidenen Schluck und reichte dann das Gefäß dem Altgeſellen. Dieſer ſagte:„Glück zu von wegen des Handwerks!“ that einen tiefen Zug und gab den Krug an Hans zurück. Das war die letzte Falle, die ihm geſtellt wurde. Hätte Hans das Getränke an ſich genommen und ſelbſt wieder getrunken, ſo hätte er da⸗ durch den Verdacht erregt, daß er eigentlich kein rech⸗ ter Zinngießer, vielleicht gar ein Landläufer oder Be⸗ trüger, zum Mindeſten aber, daß ſeine zünftige Aus bildung eine ſehr mangelhafte ſei. Aber auch dieſe Prüfung beſtand Hans ohne Tadel. Als ihm der Alt⸗ geſelle den Krug wieder bot, entgegnete er(„wie das Geſetz es befahl“) ablehnend:„Steht in guter Hand!“ worauf dann der Altgeſelle den Krug im Kreiſe herum gehen, den Hans zu ſich niederſetzen hieß, und ihn als würdigen Genoſſen und ehrlichen Geſellen der Zunft aufnahm. Zum Schluſſe der Ceremonie wurde noch „der Herr Vater“ und die„Frau Mutter“, wie auch die„Jungfer Schweſter“, nämlich Wirth, Wirthin und deren Tochter, herbeigerufen, von Hans mit den Wor⸗ ten begrüßt:„Glück zu von wegen des Handwerks. Ich ſoll euch grüßen von Meiſtern und Geſellen einer ehrſamen Zinngießerzunft bei der Lade von Stuttgart und Ulm!“ Hierauf Händeſchütteln und freundliche Einladung, der„Herr Sohn möge ſich's bei ihnen ge⸗ fallen laſſen“, und dann war unſer Held aufgenom⸗ men und anerkannt als Glied einer dieſer ſonderbaren Republiken, die man„Zünfte“ nennt. Das war ehedem Handwerksbrauch einer ehrbaren Zinngießerzunft. Zweites Kapitel. Hans, deſſen urſprüngliche Abſicht war, weiter in die Schweiz oder in's Oeſterreichiſche ſeine Wander⸗ *) Zum Verſtändniß dieſer Antwort diene die Notiz, daß auf dem Stiftskirchenthurm in Stuttgart einige kleinere Glocken in einem eiſernen Geſtell auf das Dach des Thurmes aufgeſetzt ſind, und ſo allerdings den Kirchthurm noch überragen. ſein durften. ſens war ein Biedermann, das Geſchäft ging gut und lohnte die Mühe, in Summa: zu einem eigentlichen Wohlbefinden mangelte Hans nach ſeiner Anſicht gar nichts.„Doch mit des Geſchickes Mächten iſt kein ew'ger Bund zu flechten,“ ſo ſang nicht ganz 200 Jahre ſpäter der große Landsmann unſeres Helden, und an ſeinem bis jetzt ungetrübten Horizonte ſtieg eine Wolke auf, die, Anfangs klein und unſcheinbar, bald zu einem recht reſpektabeln Gewitter anwachſen ſollte. Die Monate Mai und Juni waren verſtrichen; eine heiße, überheiße Juliſonne brütete über der Ge⸗ gend. Kein Wind regte ſich und die Schiffe lagen träg auf dem ſpiegelglatten See, der die ſengenden Sonnen⸗ ſtrahlen blitzend zurückwarf. Kein Hauch erhob ſich, um die ſchlaffen Segel zu füllen, keine Hand unter⸗ nahm es, in dieſer Glühhitze die Ruder zu bewegen. Nur in der Stadt, in den engen Gäßchen, deren ge⸗ genüberſtehende Häuſer nach jener alten Bauart mit den oberen Stockwerken faſt zuſammenſtoſſen, und der Sonne den Eintritt in die Straße wehren, konnte man es noch einigermaßen erträglich finden. Bei offenen Fenſtern und in Hemdärmeln arbeitete der Meiſter Hanſens und ſeine Geſellen in der Werkſtätte, draußen auf den Straßen, unter den Hausthüren und Thor⸗ bögen, ſaßen Frauen und Kinder mit ihrer Arbeit und ihren Spielen. Hämmern und Klopfen, Hobeln und Sägen, Geſang und helles Lachen klang luſtig von überall her. Plötzlich erhob ſich in der Ferne banges Geſchrei, das ſich nahe und immer näher wälzte. Ein⸗ zelne Schüſſe und der Ruf: Schlagt ihn todt, Hülfe! wurden unterſchieden. Athemlos und angſterfüllt lauſch⸗ ten die Weiber, und die Männer ſahen nach den Waf⸗ fen, die in ſo ſchweren Zeitläuften nie weit abſeits Was auf der Straße war, ſtob aus⸗ einander und brachte die Kinder in Sicherheit. Unten die Gaſſe herauf aber kam ein großer zottiger Hund. Die Zunge lang aus dem ſchaumigen Maule heraus⸗ hängend, die Augen blutunterlaufen, die Haare an⸗ einigen Stellen vom Schweiße und Blute zuſammen⸗ geklebt, an anderen borſtenartig in die Höhe ſtehend, die Ruthe eingeklemmt, ſo ſtürzte er die Straße herauf, recht rend verfe von thend die e wie Mäd Geſc ſtatt ter wie Ret am hör iterung n einer in Lin⸗ “, ein eils die undorf er für e, daß ehagte. Sonn⸗ Hand⸗ Rebiete iſchach , auch nehmer nnicht ut und remden behan⸗ fsſtand utheri⸗ Frie⸗ Han⸗ t und tlichen ht gar ſt kein Jahre ind an Wolke einem richen; r Ge⸗ u träg onnen⸗ unter⸗ ewegen. ren ge⸗ rt mit nd der e man offenen Meiſter raußen Thor⸗ eit und In und ig von banges kin Hülft buſch Waf⸗ abſeits 9 aud⸗ Unten Hund. heralls⸗ art an mmell ſtehend herauſ - 117—— rechts und links um ſich ſchnappend und heiſer knur⸗ rend, faſt heulend. Ein wüthender Hund! Das Thier, verfolgt von einer immer wachſenden ſchreienden Menge, von einigen Schüſſen nur geſtreift, wurde immer wü⸗ thender. Es flog mit großen Sätzen wie ein Blitz in die enge Gaſſe, wo Alles vor ihm auseinander ſtob, wie Spreu vor dem Winde. Am bedrohteſten war ein Mädchen von etwa 18 Jahren, die, wie das weibliche Geſchlecht in ſolchen Gefahren meiſt den Kopf verliert, ſtatt in das nächſte Haus zu treten und die Thüre hin— ter ſich zuzuſchlagen, gewiſſenhaft die Gaſſe hinauf floh, wie wenn nur ganz am Ende derſelben vollſtändige Rettung vorhanden wäre. Die langen Röcke hinderten am raſchen Lauf, das Thier kam immer näher, ſchon hörte ſie das heiſere Keuchen, das faſt wie ein Pfeifen Leute herbei, Männer, Frauen, zaghafte Kinder mit neugierigen und zugleich entſetzten Mienen. Alles lobte den braven Geſellen, deſſen Name freudig von Mund zu Mund ging. Frauen beſchäftigten ſich mit dem Mädchen. Ein unter der Menge befindlicher Arzt ver⸗ breitete ſich, das zahlreiche Auditorium benützend, mit großer Gelahrtheit über die Hydrophobia; ſeine Zuhö⸗ rer lauſchten mit großer Andacht und einer Art grim⸗ migem Vergnügen, das dem großen Haufen leicht bei überſtandener großer Gefahr angenehm die Haut ſchau⸗ dern macht. Andere wogen ab und disputirten mit großem Scharfſinn darüber, was wohl noch hätte ge⸗ ſchehen können, wenn die Sache ganz anders abgelau⸗ fen wäre. Bald kam auch ein Rathsherr mit einem Waibel und ein paar Stadtſoldaten hinzu, deren Einer entſandt wurde, den Kleemeiſter zu Entfernung des Cadavers zu holen. Als dieſer mit feinem Karren und ſeinen Knechten kam, floh die Menge ebenſo ausein⸗ ander, wie ſie es vor dem Hunde, als er noch lebte, gethan hatte, denn er war ja„unehrlich“, er wie ſeine aus der Kehle des Ungethüms kam, ſchon glaubte ſie die Tatzen des raſenden Thieres auf ihrem Rücken zu fühlen; ſchwindelnd, einer Ohnmacht nahe, ſank ſie in die Kniee, und erwartete jede Sekunde den Biß, der ſie dem elendeſten Tode überliefern ſollte. Aber eine ſtarke Fauſt hatte den Hund am Genick gepackt, ein breites Meſſer fuhr blitzend in ſeine Kehle, ein wilder, entſetzlicher Schrei und Gurgeln, ein Zappeln, und das Thier ſtreckte verendend die Glieder, noch im Tode ein fürchterlicher, grauſenhafter Anblick. Hans Kundermann war es, der die Jungfrau ge⸗ rettet hatte, er war es, der ſchnell beſonnen aus der Werkſtätte herausgeſtürzt war und thatkräftig dem jetzt zitternd und kaum ſeiner Sinne mächtig da liegenden Mädchen das Aergſte erſpart hatte. Nun ſprangen JP-es Zainm g 5 (Knechte, und Jeder hütete ſich wohl, mit den„Schin⸗ dern“ in Berührung zu kommen. Ein paar mitleidige Frauen, denen man das Vergnügen anſah, in dieſem bald die ganze Stadt auf's Höchſte beſchäftigenden Stücke eine, wenn auch noch ſo kleine Rolle zu ſpie⸗ len, geleiteten die Jungfrau in ihr Heimweſen. Sie wurden hiedurch eine Art von Mithandelnden. Das war viel werth und gab Anlaß, manchen Abend ein paar Stunden rechtſchaffen zu trätſchen. Hans aber hatte ſich längſt auf die Seite gedrückt und ſeines Mei⸗ ſters Haus wieder aufgeſucht. Dort traf er die Werk⸗ ſtätte geſchloſſen, es war unterdeſſen Feierabend gewor⸗ den; auch zu Nacht geſpeist war ſchon, man hatte ihm Etwas zurückgelegt, das ihm vom Lehrjungen in ſeine Kammer gebracht wurde. Von dieſem erfuhr er, Mei⸗ ſter und Meiſterin ſeien ausgegangen in den Garten, und die Geſellen nach der Herberge. Obgleich es Hans nicht gewöhnt war, unter der Woche Abends in ein Wirthshaus zu gehen, ſo glaubte er doch heute eine Ausnahme machen zu dürfen. Die kühne erfolgreiche - 118 That, die Lobſprüche der Menge hatten ihn gehoben und ihm große Luſt eingeflößt, heute unter fröhliche Er reinigte ſich alſo ſo gut als möglich von dem Schmutze des Gewerbes, putzte ſich ein wenig heraus und begab ſich in die Krone. Auf dem Wege dahin hörte er deutlich und nicht ohne in⸗ neres Wohlgefallen von Vorübergehenden oft ſagen: „Da iſt er, der iſt's.“ Häufig ſah er, wie die Leute ſtehen blieben und ihm aufmerkſam nachſahen, und manch' hübſcher Mädchenkopf ſah verſtohlen oder wohl⸗ gefällig hinter Roſen und Levkojen hervor auf die kräf⸗ tige Geſtalt des jungen Helden. bemerkte das wohl, und höher wurde ſeine Bruſt ge⸗ hoben, von wohl berechtigtem Selbſtgefühl geſchwellt. Mit elaſtiſchem Schritt und aufrechtem Haupte trat er in die Herberge. Unter dem Innungszeichen ſaßen auch ſchon die Zunftgenoſſen zahlreicher als ſonſt, beinahe ohne Ausnahme. einen Stuhl herbei, da auf der Bank kein Platz mehr für ihn war, Verſammelten bot, erwiederte Letzteren keiner, Niemand Menſchen zu gehen. rückte zu, ihm Raum zu geben, und Alle ſahen ent⸗ weder verlegen oder trotzig ſchweigend vor ſich hin. Das nun war ſicherlich nicht der Empfang, den er erwar⸗ tete und verdient zu haben glaubte. Er begriff gar nicht, was dieſes abſtoßende Weſen bedeuten ſollte, aber der Altgeſelle, der auf ſeine Frage:„Was habt denn ihr?“ das Wort nahm, machte ihm nur zu ſchnell Alles klar.„Schorndorfer,“ begann er nach würde⸗ vollem Räuspern,„Schorndorfer, du kannſt fernerhin nicht mehr in unſerer Zunft bleiben, denn du haſt dem Schinder in das Handwerk gegriffen und einem tollen Hund den Garaus gemacht. Das hüätteſt du ſollen bleiben laſſen. Wir haben unſere Privilegien nicht da⸗ rum von Kaiſer Carolus dem Fünften, daß wir ſie auf dem Schelmenwaſen ausüben. Was die Meiſter⸗ ſchaft thut, wiſſen wir nicht, aber wir, die Geſellen, haben es ſo feſt gemacht: du biſt nicht mehr ehrlich, ſeit du dein Geſellenſtück als Schindersknecht abgelegt haſt. nichts mehr zu ſuchen!“ Damit ſetzte ſich der Altgeſelle wieder und Keiner der Uebrigen würdigte den Schorn⸗ dorfer eines Wortes, nicht eines Blickes, ſie thaten, als wäre er gar nicht mehr da. Hans aber ſtand, ſtarr vor Entſetzen, wie wenn er in eine ungeheure Kluft blickte, in die er nothwendig fallen müſſe, Alles drehte ſich mit ihm im Kreiſe, verworren tanzten die Fenſter, die Gläſer, die Tiſche, die Gäſte, der Herr Vater, die Innungszeichen um ihn herum, verworren ſchlug das Geſpräch an ſein Ohr, nur das Eine ſtand klar und unverrückt vor ihm da, ſeine Schande. Ja, der Altgeſelle hatte recht, er war entehrt und ausge⸗ ſtoßen aus ſeiner Zunft, aus der Ehrbarkeit, und der verachtete gemiedene Scharfrichter, der Henker, der Frei⸗ knecht fortan ſein Genoſſe! Taumelnd verließ er die Stube, die er noch vor wenigen Augenblicken ſo ſtolz betreten hatte, jeden Blick fühlte er auf ſeinem Rücken verdammend haften. Draußen auf der Straße umfing ihn wohlthätig die inzwiſchen eingebrochene Nacht. Drittes Kapitel. Es gibt ein gutes altes Sprüchwort, das lautet: „Keine Suppe wird ſo heiß gegeſſen, als ſie eingebrockt Wie ſchon geſagt, er iſt.“ Dieſe Wahrheit ſollte auch Hans erfahren. Er hatte einen ſchweren Kampf zu kämpfen mit ſich ſelbſt und mit der Welt. Seine raſche That konnte er un⸗ möglich verwerflich finden, nein, ſogar rühmenswerth, und doch war er wieder zu ſehr Kind ſeiner Zeit und ihren Anſichten und Vorurtheilen unterthan, als daß er nicht hätte ſeinen Gegnern beiſtimmen müſſen, wenn ſie gegen ihn vorbrachten, er hätte ſeine ehrſame Zunft beſchimpft und die Handthierung des Kleemeiſters aus⸗ geübt. Sie waren ganz in ihrem Rechte, wenn ſie ihn ausſtießen, aber— und immer wieder aber— hätte er denn ſollen das Mädchen vom raſenden Thiere zer⸗ reißen laſſen, da er ſie doch retten konnte? Nein! und immer wieder nein! Er ſah ganz wohl die Schranke, die er im Sinne der damals herrſchenden Anſichten zwiſchen ſich und ſeine Handwerksgenoſſen geſtellt hatte, Er näherte ſich dem Tiſche, brachte und als er einen freundlichen Gruß den Mache alſo, daß du fortkommſt, hier haſt du und mußte ſich ſagen, daß nur eine höhere Macht, wo nicht gar die höchſte im Reiche, der Kaiſer, dieſen Abgrund werde ausfüllen können. Wie aber wollte er, der fremde, unbekannte, niedrige und ausgeſtoßene Hand⸗ werksgeſelle zu ſolcher Höhe ſeine Stimme dringen laſ⸗ ſen? Konnte ihm die Flucht von hier etwas helfen, wenn er keine Kundſchaft erhalten konnte, und wenn er eine ſolche erhielt, ſo ſchrieben ſie ihm hinein, was geſchehen war, und er erfuhr die nämliche Behandlung im Norden, Oſten oder Weſten des deutſchen Landes, wie hier im Süden! Doch es ſollte ihm Rath werden. Sein Meiſter, der die Ausſtoßung Kundermanns zeitig erfahren hatte, ließ ihn zu ſich kommen. Er ſtellte ihm vor, daß die übrigen Geſellen erklärt hätten, ſie treten ſofort außer Arbeit, wenn er den Schorndorfer länger behalte, daß er ihn deßwegen nicht im Geſchäfte laſſen könne, ohne dieſem den empfindlichſten Schaden zuzufügen, daß er ihm aber, bis die ganze Angelegen⸗ heit wieder in's rechte Geleis gebracht ſei, ſonſt„Un⸗ terſchlauf“ geben wolle. Er thue das gerne, weil er ihn liebgewonnen habe, und weil er ein braver Menſch. ſei, deßwegen werde er auch dafür ſorgen, daß Hans wieder vollſtändig zu Ehren komme. Er, der Meiſter, ſei Mitglied des weiteren Rathes und wolle die Ange⸗ legenheit mit aller Macht bei Bürgermeiſter und Rath betreiben. Um günſtigen Erfolg ſei es ihm nicht bange. Bis dahin aber ſolle er ſich auf einem Hofe, den er in Unter⸗Reitnau beſitze, aufhalten und in Ruhe des Weiteren abwarten. Die zuverſichtlichen Worte des wackeren Mannes goſſen den erſten Balſam in das wunde Herz des Geſellen, und voll Hoffnung begab er ſich nach ſeines Meiſters Beſitzthum, wo er die beſte Aufnahme fand. Unter⸗Reitnau war zu jener Zeit ein ganz anſehn⸗ Von hat es ſich nie wieder erholt. dauiſcher Patricier, Maier⸗ oder Keller⸗Höfe des hoch⸗ fürſtlich frei⸗weltlichen Stiftes u. l. Frauen zu Lindau waren zu ihm eingepfarrt. Die niedere Gerichtsbarkeit beſaß Lindau, die höhere die Grafen von Montfort. Die Pfarre war katholiſch, die Unterreitnauer hatten ſich aber darum nicht über die geringſte Bedrückung von Seiten des proteſtantiſchen Stadtregiments zu be⸗ klagen. Die Duldung war im Lindauiſchen altherge⸗ bracht, und das ganze Werk der Reformation dort im Gegenſatz zu anderen Landſchaften und Städten ſogar äußerſt gemüthlich vollführt worden.— Hans machte ſich die Woche durch in der Wirthſchaft des Hofes nütz Ken⸗ reich kam. mit gelſ geleg Das von das ther der wa⸗ W leb Ge des Sch trac dem gere Flei bald und üoli nach Ba ner B an n. Er ſelbſt er un⸗ Swerth, it und s daß wenn Zunft à aus⸗ ſie ihn Phätte ee zer⸗ n! und chranke, nſichten t hatte, cht, wo dieſen ollte er, Hand⸗ hen laſ⸗ helfen, wenn 1, was ndlung Landes, werden. zeitig r ſtellte ten, ſie ndorfer eſchäfte Schaden gelegen⸗ ſt„Un⸗ weil er Menſch 5 Hans Meiſter, Ange⸗ nd Rath t bange. den el uhe des orte des in das begab el die beſte auſehn⸗ Von Krieges i ge Lin⸗ - 119— nützlich, wobei ihm und den Reben des Meiſters ſeine Kenntniß vom Weinbau, die er als Sohn des wein⸗ reichen Remsthales inne hatte, vortrefflich zu Statten kam. Den katholiſchen Gottesdienſt hatte er noch nie mit angeſehen, ſo ſehr ihn auch der Geſang, das Or⸗ gelſpiel und andere Bruchſtücke jenes Kultus, die er gelegentlich zu Geſicht bekam, dazu reizen mochten. Das war ihm Alles papiſtiſcher Greuel und Abfall von der reinen Lehre des Evangeliums. das von ihm, als einem ſtarren württembergiſchen Lu⸗ theraner, erwarten. Doch fehlte er Sonntags ſelten in der Nähe der Kirche, wenn der Gottesdienſt vollendet war, um wenigſtens Leute zu ſehen; die alte halbtaube Wirthſchafterin, mit der er die Werktage zuſammen ver⸗ lebte, wußte er nicht unter dieſen Begriff zu bringen. Gerne ſetzte er ſich auf die Bank, die an der Mauer des Kirchhofs, in deſſen Mitte das Kirchlein ſtand, im Schatten einer uralten Linde angebracht war, und be⸗ trachtete die Vorübergehenden. Da Hans nur kurz in dem Dorfe zu bleiben gedachte, ſo hatte er noch nicht gerade Bekanntſchaften geſucht; doch hatte ihm ſein Fleiß, ſein anſtelliges Weſen, das von den Nachbarn bald bemerkt worden, manche der freundlichen Anreden Man konnte ihrem Geſichte ruhende unverholene Ausdruck der größ⸗ ten Verehrung für ihn hatte ihn mächtig angezogen. — Auf dem Heimwege ſagte die Tochter:„Du, Mut⸗ ter, wenn ich den Hans anſchaue, muß ich immer an den heiligen Ritter Jörg denken, wie er den Drachen erlegt. Ich habe einen Holgen*) von der Frau Für⸗ ſtin am letzten Jörgentag geſchenkt bekommen, weißt du. Der hat gerade ſo goldgelbe Locken und blaue Augen, wie der Hans.“—„Kind ſei ſtill,“ wehrte die Mutter ab,„Gott verzeih dir die Sünd!“— Und Hans? Nun, Hass ſeinerſeits ſpürte auch ein ſonder⸗ bares Gefühl unterem Bruſttuch. So hatte er noch kein Mädchen geſehen, und ſo hatte ihm auch noch kei— nes gefallen, das mußte er geſtehen. Wenn ſie nur nicht katholiſch wäre, dann ließe ſich über die Sache noch weiter reden! Ach was Dummheiten! ſo weit ſind wir ja noch nicht! Auf dieſe Art beſchwichtigte Hans ſich wieder, den Abend aber ſang er allerhand Lieder und Gſetzlein aus ſeiner Heimath, die von lauter Liebe und Gegenreden eingetragen, wie ſolche auf dem Lande üblich ſind. nach ſeiner Hedſchira aus Lindau ſaß Hans auf der Bank unter den Linden. Es war ein wunderbar ſchö⸗ ner Tag. Warme Lüfte ſpielten in den Blättern der Bäume, Käfer ſummten luſtig durch die Zweige und am tiefblauen Himmel ſegelten einige weiße lockere Wölklein. Von der nahen Kirche herüber tönten die Klänge der Orgel, welche eben den Nachmittagsgottes⸗ dienſt ſchloſſen. Die Kirchgänger verließen das Got— teshaus, wie ſich's gebührt mit frommer, demüthiger Haltung, die Weiber den Roſenkranz noch in den ge⸗ falteten Händen. Hans auf ſeiner Bank betrachtete die Vorübergehenden mehr mechaniſch, als mit Intereſſe. Letzteres wurde aber bald dadurch geweckt, daß er zwei Frauen auf ſich zukommen ſah, eine alte und eine junge. Sie traten näher und die junge rief aus:„Mutter, Mutter! Sieh, das iſt der brave Geſell, der mir das Nun erkannte auch Hans ſeinen Leben gerettet hat!“ Schützling, und er ſtand erfreut auf, ſie zu begrüßen. Die Mutter aber ließ ihn kaum zum Worte kommen vor lauter Dankesbezeugungen und Segenswünſchen. Als ſich dieſer Sturm der Gefühle gelegt hatte, kehrte die Unterhaltung in ein ruhigeres Fahrwaſſer zurück. Hans erzählte die Folgen ſeiner Ritterthat und erwei⸗. Am Nachmittage des zweiten Sonntags und Treue und Trennung und Abſchied und dergleichen Sachen handelten. Abſichtlich und bewußt wohl, oder aber deßwegen, weil weß das Herz voll iſt, deß der Mund überläuft? Ein paar Tage darauf kam mit dem Meiſter ein Rathsdiener nach Reitnau hinaus, der ihm eine Ladung auf das Rathhaus überbrachte. Es ſtehe Alles gut, ſagte der Meiſter, der Magiſtrat wolle ihn in alle ſeine Ehren wieder einſetzen und ihm außerdem noch eine Belohnung für ſeinen bewieſenen Muth einhändi⸗ gen. In einer Zunftverſammlung habe der Obmann der Zunft, der Rathsherr Nathanael Kurz, der Geſel— lenſchaft den Beſchluß des Magiſtrats hierüber mitge⸗ terte dadurch den Heiligeuſchein, den er in den Augen der beiden Frauen hatte, um ein Bedeutendes. Sie konnten faſt kein Ende finden mit Loben und Bedauern. Die Mutter ſagte, ſie wolle keinen Gang ſcheuen, der ihm dienlich ſein könnte, ſie ſei zwar eine arme Wittwe, und nicht einmal aus Lindau, ſondern aus dem be⸗ nachbarten Bregenz, aber ihre Tochter Angelika habe eine hohe Gönnerin an Ihrer Fürſtlichen Gnaden der Frau Aebtiſſin des Stiftes in Lindau, und durch dieſe hoffe ſie, da Ihre Gnaden beim Magiſtrate viel gelte, der Angelegenheit des jungen Mannes eine gute Wen⸗ dung zu geben. Hans beſtärkte ſie ſelbſt darin, da ihm Alles daran lag, in ſeine bürgerliche Unbeſchol⸗ tenheit je eher, je lieber wieder eingeſetzt zu werden, und als die Frauen ſchieden, wurde ein för liches Be⸗ dauern in ihm wach, nicht alle Tage bei ihnen ſein zu können, denn die Schönheit der Tochter und der auf theilt, und ihnen ernſtlich anbefohlen, bei einem großen Frevel den um das gemeine Weſen der Stadt wohl⸗ verdienten Hans Kundermann künftighin ſonder Ge⸗ fährde und Uzen(Necken) zu laſſen. Das war gute Botſchaft. Am andern Tage wurde Hans vor den Magiſtrat geführt, er allda höchlich belobt und ihm zum Schluſſe der Feierlichkeit neben einem Dokumente über dieſe Wiedereinſetzung in den vorigen Stand noch „ein fein ſilbern Büchslein gefüllt mit nagelnewen Gulden gemeiner Stadt Lindau als Verehrung“ über⸗ geben. Es war hiebei eine Menge Leute anweſend. Wenn Hans, der auch, wie jeder Schwabe, ſeine tüch⸗ tige Portion von Befangenheit bei öffentlichen Vor⸗ gängen geerbt, vor Beklemmung einerſeits und befrie⸗ digtem Selbſtgefühl andererſeits hätte dazu kommen können, ſeine Augen ein wenig im Saale herumlaufen zu laſſen, ſo hätte er ſehen müſſen, daß in einer Ecke zwei Frauen ſtanden, von denen die eine, die ältere, faſt zerfloß in Thränen der Rührung und Freude, wäh⸗ rend die andere, die junge, für nichts Augen zu haben ſchien, als für die Hauptperſon in dieſem Spektakel⸗ ſtück. Es war Angelika und ihre Mutter. Wie ge⸗ ſagt, Hans ſah ſie nicht, es war wie ein Flor, was ihm vor den Augen lag, und nur die Ueberzeugung konnte er feſt halten, daß er heute eine ungeheuer wich⸗ tige Perſon ſei, wegen welcher der ganze große Rath, die Patrizier, die Bürger und das andere Volk, Tra⸗ banten, Rathsdiener und Stadtſoldaten hier verſammelt ſeien in feſtlichem Aufzuge. Einem der Rathsherren aber, die in vollem Ornat und ziemlich gelangweilten Geſichtern auf bequemen Seſſeln ruhten, und nur ge⸗ *) Heiligenbild, verdorben— Holgen. —õ——— ——— — —— 8 legentlich mit ſchläfrigem Augenaufſchlag der geſchraub⸗ ten Rede des Rathsſchreibers horchten, einem dieſer Väter der Stadt ging es gar nicht ſo. Eingedenk des alten: videant consules, ſchweiften, als die blumen⸗ reiche Expectoration des gelahrten Redners gar kein Ende gewinnen wollte, die Blicke des Herrn Senators im Saale umher und verweilten endlich, wie beim An⸗ blicke einer freundlichen Oaſe mitten in der Wüſte, auf dem ſchönen, von der Flamme der Begeiſterung wahr⸗ haft verklärten Geſichte Angelika's. Durch einen Wink rief der Senator einen Rathsdiener herbei, und richtete an dieſen eine leiſe Frage. Der Unterthänige ſah hinüber nach der bezeichneten Stelle und gab die er⸗ wünſchte Auskunft. - 120— Viertes Kapitel. So war nun bei Hans Alles wieder glücklich in's alte Geleiſe zurückgebracht. Was neu hinzugekommen war, der für ſeine früheren Verhältniſſe große Reich⸗ thum durch das Geldgeſchenk des Magiſtrats und der häufige Verkehr mit Angelika, konnte gerade nicht zu den widerwärtigen Neuerungen gerechnet werden. Ver⸗ mittelſt des Geldes ſöhnte er ſich mit ſeinen Zunft⸗ genoſſen bei der nächſten„Auflage“*) vollſtändig aus, indem er ihnen Etwas zum Beſten gab. Der Erfolg war vorauszuſehen, denn welcher Handwerksgeſelle hätte je ſein Herz gegen die Logik eines vollen Weinglaſes verſchloſſen! Das kleine Feſt ſchloß mit allgemeinem (Siehe Gefühlsduſel und mit den feurigſten Freundſchaftsver⸗ ſicherungen von Seiten des Altgeſellen. Es waren die Zärtlichkeiten eines Bären. Dieſer würdige Bär alſo erhob ſich und hielt, da er voll ſüßen Weines war, folgende Standrede:„Mit Gunſt, ihr frommen Ge⸗ ſellen, jung und alt!“„Gunſt genug!“ rief ihm die Geſellenſchaft zu. Der Altgeſelle fuhr fort:„Ihr werdet euch gutermaßen zu erinnern wiſſen, daß wir heutigen Tags haben einen ſaubern Geſellentiſch gehal⸗ ten und des frommen Geſellen Kundermanns Wein getrunken. So wollen wir auf diesmal einen friſchen, fröhlichen Feierabend machen. Wir wollen aber zuvor ehren Gott den Allmächtigen, darnach den Herrn Va⸗ ter, die Frau Mutter, die Brüder und Schweſtern, und es ehre ein guter Geſelle den andern, ſo werden wir Alle wohl fahren. Wer will weiter trinken, der laß weiter klingen, mein Pfennig ſein Geſell!“*) Das Verhältniß von Hans zu Angelika und ihrer Mutter, der Katzenbachin, wurde immer intimer. Allabendlich fand er ſich in ihrer Behauſung in der Nähe der„Burg“ ein, und nach Verfluß von ein paar Streng nach Handwerksgebrauch. — 122.) Wochen war Hans und Engele**) ein ſo gutes Liebes⸗ paar, wie nur je eines auf Erden herumgewandelt iſt. Die Mutter, in deren kummervolles Geſicht manche trübe Erfahrung tiefe Furchen gegraben hatte, ſah nicht ohne Bangen auf die jungen Leute, denen im Voll⸗ gefühl ihrer jungen Liebe nichts mehr auf der ganzen Welt beachtenswerth ſchien, als ihre eigene, gegenſeitig überaus werthe Perſönlichkeit. Der frommen Frau war die Religionsverſchiedenheit Beider nicht die kleinſte Sorge, und die eigene Armuth, wie auch, daß Hans ſo gar weit weg zu Hauſe ſei, ließ ſie nur beklommen in die Zukunft blicken. Auch der Meiſter Hanſens machte, als er durch Zwiſchenträger Kenntniß von dem Verhältniß der beiden jungen Leute zu einander erhielt, ſeinem Geſellen Vorſtellungen, und ſagte ihm, er ſolle ſich vor dieſen Weibsleuten in Acht nehmen. Sie ſeien allgemein gemieden, da vor noch gar nicht langer Zeit die Großmutter Engele's drüben in Bregenz als Hexe *) Geſellenverſammlung, wobei Geldbeiträge zu Zunftzwecken entrichtet,„aufgelegt“ und andere Zunftangelegenheiten beſprochen werden. **) Angelika. verbr ter d gehel erſt; beil zugc Groß men. wenn mal Erzä zut beth fron ſer 121— verbrannt worden ſei. Sie habe ein fürchterlich Wet⸗ ter angerichtet. Auch mit der Mutter ſei es nicht ganz geheuer, man munkle allerlei von ihr. Das war nun erſt recht Oel in's Feuer, daß man Hans auch noch beiläufig verbieten wollte, mit den Katzenbachiſchen um⸗ zugehen. Was ginge ihn, ſagte er ſich, die verbrannte Großmutter an, die wollte er ja nicht zum Weibe neh⸗ men. Und jetzt that er's erſt recht, und ging hin, wenn er konnte, wenn auch heimlicher, als ſonſt. Ein⸗ mal brachte er bei den Frauen die Sprache auf die Erzählung des Meiſters, bereute aber bald, es gethan zu haben, denn die Alte brach in laute Wehklagen aus, betheuerte bei allen Heiligen die Unſchuld und den frommen Wandel ihrer Mutter, die, nur auf's Aeu⸗ ßerſte gequält, geſtanden habe, was man von ihr hören ◻‿‿ (Siehe S. ſehen, daß eine Geſtalt in einen dunkeln Mantel gehüllt ſie aufmerkſam beobachte. Aufgeregt, wie er im Au— genblicke noch war, wollte er hinzuſtürzen, aber Engele bat ihn, davon abzuſtehen, weil ſie für ihren Ruf fürchte. Er gab für heute nach, beſchloß aber, als er an meh⸗ reren ſpäteren Abenden die gleiche Beobachtung machte, der Sache endlich auf den Grund zu kommen, in was ihn eine Mittheilung Engele's noch beſtärkte. Dieſe erzählte ihm nämlich, es ſei bei ihnen eine Frau geweſen, die ihnen berichtet habe, ein Lindauer Patrizier, deſſen Namen ſie jetzt noch verſchweigen müſſe, habe von Angelika ſo viel Gutes gehört, daß er ihr das Anerbieten mache, ſie auf ſeinen am feſten Lande genden Cdelſitz als Haushälterin unter den glänzend⸗ ſtein Bedingungen zu nehmen. Die Unterhändlerin habe ſiche,lang und breit über die Herrlichkeiten ausgelaſſen, dahnengele's dort warten, und habe vorgeſtellt, daß da⸗ ziehen ſer Noth und Armuth, in der ſie jetzt leben, auf Berge hgeſteuert wäre. Hiedurch ſei ihre Mutter bei⸗ lnden. 1863. d erzähle. wollte, und fand es ſchließlich ſündhaft und ſchlecht, daß man ſie mit der unſeligen Geſchichte, die ſie aus ihrer Heimath vertrieben, noch nicht in Ruhe laſſe. Engele ihrerſeits fing an, bitterlich zu weinen, und ſprach den ganzen Abend faſt kein Wort mehr. Beim Nachhauſegehen, beim Hinausleuchten aber ſah ſie den auf's Aeußerſte beſtürzten und verlegenen Hans mit einem Blicke ſo voll Trauer, Wehmuth und Liebe an, daß dieſem ganz heiß wurde. Er ſagte ihr noch einige gutgemeinte Worte des Troſtes, und daß er ſich um die ganze Sache gar nichts kümmere, daß ſie ihm nur noch lieber ſei und dergleichen, bis Engele endlich durch Thränen wieder lächelte, wie eben droben am Himmel der volle Mond aus düſteren Wolken heraustrat. Wäh⸗ rend ſie noch mit einander ſprachen, glaubte Hans zu M i ffälifſſ 124.) nahe gewonnen worden und habe ihr ſehr zugeredet, ja zu ſagen. So gerne ſie es ihr zu lieb gethan hätte, ſo habe ſie ſich doch eine Bedenkzeit ausgebeten, haupt⸗ ſächlich um ſich mit Hans darüber zu beſprechen. Heute aber nach dem Veſperläuten ſei der Herr ſelbſt da ge⸗ weſen, der reiche Patrizier und Rathsherr Paiger von Fenfftenau. Er befinde ſich ſchon lange im Wittwer⸗ ſtande, habe er geſagt, und hätte gerne in ſeinem Alter eine rechtſchaffene brave Pflegerin um ſich. Hierauf habe er perſönlich noch einmal ſeine Vorſchläge wieder⸗ holt, aber auf eine Art, bei der ihr gar nicht wohl zu Muthe geworden ſei. Beim Gehen ſei ihr von ihm ein koſtbarer Ring und ein goldenes Kettlein in die Hand gezwungen worden, und dann ſei er fort, um ſich morgen wieder einen günſtigen Beſcheid zu holen. Dem Hans, dem bei dieſer Erzählung ganz ſchwül wurde, fuhr wie ein Blitz durch die Seele, was man in Stuttgart von ähnlichen Praktiken der Hofkavaliere Er ſah es ganz gut, man wollte ihm ſein 16 Engele rauben und den Lüſten des alten Sünders über⸗ liefern. Aber noch war er da, es zu verhindern, und er fühlte ſich Mannes genug, den Kampf mit allen Geſchlechtern und der ganzen Ehrbarkeit Lindau's auf ſich zu nehmen.„Gib mir den Ring und die Kette,“ ſagte er zu Engele, ich will's ſchon machen, du bleibſt bei deiner Mutter. Bei Gott, wenn mir der Schleicher heute wieder begegnet, ſo will ich's ihm vertreiben, un— beſcholtenen Jungfrauen nachzuſtellen. Gib's her!“ So hatte ihn Engele noch nie geſehen, zitternd gab ſie ihm die Kleinode, er ſteckte ſie zu ſich und verließ das Haus. Raſch ſchritt er ſeines Weges und glaubte in jedem der ſonderbar geformten tiefen Schlagſchatten, die der volle Mond auf die Straße, die Wände und in die unheimlichen Winkel warf, des Verführers ver⸗ haßte Geſtalt zu ſehen. Doch Alles blieb ruhig und einſam. Wie er aber das Gäßchen verließ und noch einmal umſchaute, huſchte Jemand, der ſich ganz im Dunkel der Häuſer hielt, an ihm vorüber. Inſtinkt⸗ mäßig fühlte Hans, es ſei der Geſuchte. Er kehrte alſo wieder um, und war mit ein paar Schritten dem Vermummten zur Seite.„Halt, guter Freund!“ rief er ihm mit vor Aufregung bebender Stimme zu,„ich habe mit Euch ein Bisle zu reden!“ Der Angeſprochene ſah ſich um und ging, ohne Antwort zu geben, weiter. Hans, um dies zu verhindern, packte ihn beim Mantel. Der Verfolgte wand ſich los, ließ den Mantel in den Händen des Geſellen und entſprang. Hans ihm nach, ſtürzt, des Orts Gelegenheit unkundiger als der Andere, über ein paar Stufen, die zu einem nahen Kanale führen, und als er ſich wieder aufgerafft, war der Mann verſchwunden. Er mußte vermittelſt eines der vielen Häuſerdurchgänge, die in eine andere Straße führten, entkommen ſein. Als Trophäe dieſes kurzen Kampfes blieb dem Geſellen der Mantel. Er wollte ihn zuſammenwickeln und über die Schulter werfen, als er etwas Schweres darin fühlte. Er unterſuchte, und fand in der inneren Taſche verwirrt kam er nach Hauſe, ging in ſeine Kammer und wollte ſich eben zur Ruhe legen, als an der Haus⸗ thüre fürchterlich gepoltert wurde. Waffen klirrten und eine an's Befehlen gewöhnte Stimme begehrte Einlaß im Namen des hohen Magiſtrats. Man öffnete, herein trat der Vorſitzende des höchſten Kriminalgerichts, ge⸗ folgt von Waibeln und Soldaten, nahm den Zinn⸗ gießergeſellen Hans Kundermann von Schorndorf in Haft unter ſchwerer Anklage des Raubs und der Wege⸗ lagerei, das Gold aber, Kleinodien und Mantel zu Gerichtshanden, als corpora delicti(ſiehe Bild S. 120). Fünftes Kapitel. Unſere Erzählung führt jetzt den Leſer in ein Ge⸗ mach des freiweltlichen Stiftes u. l. Frauen zu Lindau. In dem mit prächtigen Tapeten von Arras, worauf die Thaten des frommen Helden Aeneas zu ſehen wa⸗ ren, verzierten Zimmer ſaß, mit einer Stickerei be⸗ ſchäftigt, Ihre fürſtliche Gnaden, die Frau Aebtiſſin Anna von Bubenhofen. Bei ihr ſtand Angelika Katzen⸗ bach, bleich, abgehärmt und in tiefſter Trauerkleidung. „Liebes Kind,“ ſagte die Aebtiſſin,„du haſt eine ſchwere Zeit durchzumachen, aber vertraue auf Gott und die Fürbitte der Heiligen, ſie werden Alles noch zum Be⸗ ſteu lenken; vertraue auch auf mich, du wirſt dich nicht + 122 einen Beutel mit vielen Dukaten. Das war eine unangenehme Geſchichte. Ganz betrogen finden. Daß deine Mutter eines ſo ſchnellen Todes verblichen iſt, mag ich ihr, wenn ich Alles überlege, gerne gönnen. Sie hat des Guten auf die⸗ ſer Erde nicht viel genoſſen. Du ſtehſt jetzt verwaist, doch ich will mich deiner mit allen Kräften annehmen.“ „Aber Hans! er iſt noch im Gefängniß, man will mir und ihm nicht glauben, jammerte Angelika, und wenn ſie ihn verurtheilen, lebe ich keine Stunde mehr. Der See iſt tief.“„Alle Heiligen bewahren dich vor ſo ſündhaften Gedanken,“ erwiederte die Aebtiſſin, be⸗ ruhige dich auch darüber, und glaube mir, es wäre nicht das Schlimmſte, wenn er zum Tode verurtheilt würde.“ Entſetzt und ungläubig ſah Angelika auf die Fürſtin. Dieſe ſprach weiter:„Sieh, Engele, vor der peinlichen Frage, Staupenſchlag, Pranger und der⸗ gleichen Sachen kann ich ihn nicht bewahren, aber wenn ſie ihn zum Tode durch Henkershand verurtheilen, ſo habe ich, die Aebtiſſin des Stiftes zu Lindau, das aus unvordenklichen Zeiten herſtammende Recht, ihn vom Stricke zu löſen*). Ich darf dieſes Recht nur Ein⸗ mal während meiner Regierung ausüben, und um dei⸗ netwillen freut es mich, daß ich bis heute noch keinen Gebrauch davon machte. Die Unſchuld deines Schatzes und die ſchändlichen Ränke des alten Paiger aufzu⸗ decken, das müſſen wir der Allmacht und Gerechtigkeit Gottes überlaſſen. Wenn Hans dann frei iſt, ſo müßt ihr fort und in Gottes Namen mit einander in ſeine Heimath wandern und euch dort niederlaſſen. Du wirſt allerdings unſere heilige Kirche entbehren müſſen und ich begehe vielleicht eine Sünde, wenn ich hiezu helfe, aber ſei's drum. Wir ſind doch ſchon vorher Alle ſün⸗ dige Menſchen. Für eine anſtändige Ausſteuer werde ich ſorgen, damit du dich nicht vor der Kundermanni⸗ ſchen Sippe und den andern Leuten im Württembergi⸗ ſchen drunten zu ſchämen brauchſt.“ Angelika dankte mit den Ausdrücken der innigſten Dankbarkeit, als der Amtmann des Stiftes eintrat, und der Frau Fürſtin die Nachricht zuflüſterte, Hans ſei ſoeben zum Strange verurtheilt worden, ſchon nach zwei Tagen ſolle die Execution vollzogen werden.„Engele,“ ſagte die Aeb⸗ tiſſin,„gehe jetzt in deine Kammer, bete zur heiligen Jungfrau und verzweifle nicht, wenn du Schlimmes hören ſollteſt, du darfſt dich auf mich verlaſſen.“ En⸗ gele ging und ließ die Aebtiſſin allein mit dem Amt⸗ manne. Dieſe hatten noch Maßnahmen zu beſprechen, deren Erfolg ſpäter berichtet werden ſoll. Wie aus dem Vorhergehenden zu entnehmen iſt, war viel Unheil über Hans und Angelika hereingebrochen. Um mit dem erſteren zu beginnen, ſo iſt zu berichten, daß er bald aus den Verhören herausfand, er ſei in einem Netze gefangen, deſſen Maſchen ſich immer enger um ihn legten, und aus dem er nicht ſo leicht wieder entſchlüpfen werde. Der Beſitz der Kleinodien, des Goldes, des Mantels, die Art des Anfalls, Alles ſprach laut gegen ihn, und die größte Mühe, die ganze Begebenheit richtig darzuſtellen, war verloren. Was er in dieſer Richtung vorbrachte, wurde von den Richtern nicht geglaubt, und vom angeblich Beraubten gänzlich in Abrede geſtellt. Das Zeugniß der Frau Katzen⸗ bachin und ihrer Tochter wurde als ſehr verdächtig a gefochten, und dagegen den Angaben Paigers, des S nators, des Patriziers, des Reichen, des Mächtien voller Glauben geſchenkt. Hans in ſeinem Gefüochen 1 11 Hiſtoriſch. 4 Wim ſog. T finſtere Näch über ſein un war und ing telt, in we Meenbuhler hör hatte er her erfolgte den ihm ihr wurde ause grif,, wenn und entbel am nothwe tung der Fängen de belte er ül ſeine Liebe fühl war waltſames Verhörricht nen die pei lich ſchon Augen geme ducch lange tur in eiſi was man gefällt, Po ſtarb, wie Senator! VPorſchläge derholt, ab von der zo gang erhal Allem unte entzog ſie den Prozeß welcher de nicht änd unnd, ſi freiung d Letzteren hatte, gem mit Angel zufs Heſt die Zeit d mehr mit Angchörig aber mit dem ſonſt tet hütte. Schließer Worten, ſie, unge erfahren er beim llabin n Swährte ſaennten Meinte der ¹ nach einen ATrmer d blickte lihtimm ſchnellen ich Alles auf die⸗ verwaist, nehmen.” nan will ka, und de mehr. dich vor ſſin, be⸗ e wäre erurtheilt a auf die gele, vor und der⸗ anber wenn eilen, ſo das aus ihn vom nur Ein⸗ um dei⸗ ch keinen Schatzes r aufzu⸗ rechtigkeit ſo müßt in ſeine Du wirſt üſſen und lezn helfe⸗ Alle ſün⸗ er werde dermanni⸗ tembergi⸗ tka dankte t, als der u Fürſtin n Strange ſolle die t die Aeb⸗ ur heiligen Schlimmes ſen.“ En⸗ dem Amt⸗ beſprechen, ℳ en iſlwar ngebrochen. u berichten⸗ der ſei i nmer enger ſicht wide nodien, des 6, Alles 5 6 lo, Mächta Gefäoen 6 4 im ſog.„Diebsthurm“, verbrachte Tage, troſtlos lange finſtere Nächte, in denen er voll ohnmächtiger Wuth über ſein unverdientes Mißgeſchick dem Wahnſinn nahe war und ingrimmig knirſchend die ſchweren Ketten ſchüt⸗ telte, in welche ihn die Bosheit ſeines Feindes, ſeines Nebenbuhlers geſchlagen hatte. Nur einmal im Ver⸗ hör hatte er Engele geſehen und zugleich den kurz vor⸗ her erfolgten Tod ihrer Mutter erfahren. Der Troſt, den ihm ihr Anblick, der Klang ihrer Stimme gewährte, wurde ausgelöſcht von dem tiefen Weh, das ihn er⸗ griff, wenn er ſich ſagen mußte: nun ſteht ſie allein, und entbehrt gerade da meiner treuen Hut, wo dieſe am nothwendigſten wäre, ſie iſt ausgeſetzt der Verach⸗ tung der Menge und wie die wehrloſe Taube den Fängen des ſtarken Raubvogels. Tag und Nacht grü⸗ belte er über unſinnige Pläne, ſeine Haft zu brechen, ſeine Liebe zu Engele wuchs rieſengroß, und dies Ge⸗ fühl war es, das ihn hinderte, ſeinem Leben ein ge⸗ waltſames Ende zu machen. Eines Tages ſtellte der Verhörrichter als Antwort auf ſein ſtandhaftes Läug⸗ nen die peinliche Frage in Ausſicht, und als auch wirk— lich ſchon gräßliche Vorbereitungen hiezu vor ſeinen Augen gemacht wurden, erbebte ſeine zwar ſtarke, aber durch lange, erbarmungslos harte Haft erſchütterte Na⸗ tur in eiſigem Schauder, und jetzt geſtand er Alles, was man von ihm haben wollte. Die Sentenz wurde gefällt, Paiger triumphirte. Während der Unterſuchung - 123— ſtarb, wie ſchon erwähnt, die Frau Katzenbachin. Der Senator hatte hierauf ſich Engele wieder genähert, ſeine Vorſchläge im Hinblicke auf ihre verlaſſene Lage wie⸗ derholt, abermals abgewieſen, deutlicher geſprochen, und von der zornerglühten Jungfrau die gehörige Abferti⸗ gung erhalten. Die Aebtiſſin, durch Angelika von Allem unterrichtet, nahm ſie zu ſich in's Stift und entzog ſie auf dieſe Weiſe allen Anfechtungen. Auf den Prozeß ſelbſt konnte ſie bei der Eiferſucht, mit welcher der Magiſtrat über ſeine Privilegien wachte, nicht einwirken, hatte ſich aber, wie ſchon berichtet wurde, feſt vorgenommen, ihrerſeits das Recht zur Be⸗ freiung des Malefikanten auszuüben. Die Haft des Letzteren wurde in den drei Tagen, die er noch zu leben hatte, gemildert, und ihm ſogar eine Zuſammenkunft mit Angelika geſtattet. Das Wiederſehen erregte beide auf's Heftigſte. Dieſe zwei Herzen waren gerade durch die Zeit der Trübſal eng in einander verwachſen, Hans mehr mit der nachhaltigen ruhigen Kraft, welche den Angehörigen ſeines Volksſtammes eigen iſt, Angelika aber mit einer Gluth und Schwärmerei, die man bei dem ſonſt einfachen und ſtillen Mädchen nicht erwar⸗ tet hätte. Schließer bei Seite ſetzend, ſprach ſie mit geflügelten Worten, was ihre Seele bewegte. ſie, ungehſß vom Schließer, die Pläne der Fürſtin erfahren Nlre fand ſeinen ganzen Muth wieder, den er beim? lie Engele's weichen fühlte, als er noch glääuben mußte, dieſe Zuſammenkunft ſei die letzte. Die Thaihe Zeit verrann ſchnell und getroſten Muthes ſcennten ſie ſich.„Die nimmt's merkwürdig leicht,“ meinte der Schließer höhniſch brummend, als Angelika nach einem Abſchiede ſich entfernte, aus dem trotz aller Trauer doch eine gewiſſe freudige Zuverſicht hervor— blickte.„So ein katholiſches Pack iſt eben doch viel leichtſinniger, als wir Andern, und auch der Württem⸗ perger thut, als wenn nicht ſchon das Stricklein für einen Hals gerichtet wäre. Morgen aber wird das Allen Zwang, ſogar vor dem anweſenden Vögelein ſchon anders pfeifen.“ Nach dieſem Monolog voll Nächſtenliebe und Theilnahme unterſuchte er noch einmal die Schlöſſer, um dem„Vögelein“ keine Gele— genheit zum Fortfliegen zu geben. Sechstes Kapitel. Die nun folgenden Ereigniſſe erzählt ein Chroniſt der Stadt Lindau wörtlich wie folgt: 1 Auf die erhaltene Nachricht(nämlich vom Todes— urtheil) machte die fürſtliche Aebtiſſin folgenden Tages (26. Octobris), vermuthlich aus Beſorgniß, ſie möchte ſonſt ihr hergebrachtes Recht, wenn ſie mit deſſen Aus⸗ übung länger verweilte, in die Gefahr der Verjährung ſetzen, bei dem Stadtmagiſtrat die nachbarliche Cröff⸗ nung: wie ſie geſonnen wäre, morgenden Tages den Miſſethäter nach dem von ihren Vorfahren erlangten Erledigungsrecht zu befreien, mit dem Erſuchen, ihr hierin nicht hinderlich, ſondern förderlich zu ſein. So geneigt man nun von Seiten der Stadt war, zu Unterhaltung guter nachbarlicher Freundſchaft in allen Fällen der fürſtlichen Frau Aebtiſſin alle mög⸗ lichen Gefälligkeiten zu erweiſen, ſo fand man doch in vorliegendem Falle eine Bedenklichkeit; weil nicht ohne Gründe zu beſorgen ſtund, daß eine ſolche Befreiung dieſes zwar noch jungen, aber gerade darum ſtrafbaren Räubers ſowohl für das Publikum, als für ihn mehr ſchlimme als gute Folgen haben würde, ſo hielt man es einer reifen Berathſchlagung um ſo nöthiger, wie fern man der Frau Aebtiſſin in ihrem Geſuche ohne Gefahr willfahren könne? Da dann endlich zu Bezeugung all' nachbarlicher Freundſchaft beſchloſſen wurde: ſolchem Anſinnen dem Exekutionsreceß gemäß zu entſprechen, und zu ſolcher Befreiung alle Beförderung zu leiſten, auch hiezu eine beſondere Rathsdeputation nebſt einer bewehrten Be⸗ deckung für die fürſtliche Frau Aebtiſſin wider den ungeſtümen Zulauf des Volks abzuordnen, unter dem Beding jedoch: daß außerdem ſolche Befreiung von der Frau Aebtiſſin perſönlich dem Herkommen nach vor⸗ Hans, der durch genommen werde, der Verhaftete ſodann unverzüglich aus der Stadt Gebiet fortgeſchafft würde; da man dann ſolcher Erklärung noch den Wunſch beifügte: daß ſolche Erledigung einen wirklichen Nutzen ſchaffen, folg⸗ lich den Miſſethäter auf eine wahre Aenderung ſeines rohen Sinnes bringen möge; auf all' widrigen Fall man ſich gegen Gott und das ganze Publikum in An⸗ ſehung der Juſtizpflege verwahret, und vor allen Vor⸗ würfen geſichert haben wolle.. Da nun Freitags den 27. der Miſſethäter aus ſei⸗ nem Gefängniſſe in die vor dem Rathhauſe aufgeſchla⸗ genen Schranken in Begleitung der ihm zugeordneten Geiſtlichen geführt, derſelbe von ſeinen Banden entle⸗ diget, ihm Urgicht und Urtheil abgeleſen, der Stab über ihn gebrochen und derſelbe von des Nachrichters Hand gebunden und fortgeführt wurde, verfügten ſich die Rathsdeputirten nebſt dem Gerichtsſchreiber an den Baumgarten bei dem ſogenannten Cavappeneck, wo⸗ ſelbſt die fürſtliche Frau Aebtiſſin nebſt ihren ſechs Kapitulardamen in Begleitung des jüngeren Herrn Ba⸗ ron von Ratzenried, des Herrn Baron von Rüpp ») Man hat hiebei nur die für uns etwas barbariſche Recht⸗ ſchreibung und Satzbildung durch kleine Aenderungen genießbar gemacht. 16* und ſeiner Frau Gemahlin, auch des Herrn Oberamts⸗ raths von Bregenz und des ſtiftiſchen Herrn Kanzlei⸗ verwalters Braun u. ſ. w. ſich ſchon lange erwartend befanden. ſtund um ſie herum. Nach Verlauf einer Viertelſtunde näherte ſich der Maleficant, der ſehr leicht gebunden war. Der die voranziehende Soldateska anführende Garniſons⸗Oberoffizier ließ ſelbe darauf in einen Kreis ſtellen. Die Frau Aebtiſſin aber begab ſich aus der Sänfte, ging dem Maleſicanten einige Schritte entge⸗ gen, dem Halt zu machen befohlen und derſelbe erin⸗ nert wurde: Ihro fürſtliche Gnaden wäre hier, er ſolle niederknieen, um Gnad und ſein Leben bitten. zeugte ſich hierüber ſehr luſtig, und fiel ohne weitere Vorſtellung auf die Knie. bei Erblickung des Strickes mit Lächeln ihr Wohlge⸗ fallen, und als Ihro Gnaden von Herrn von Razen⸗ ried das Meſſer auf einer ſilbernen Schaale geboten wurde, faßte ſie mit der linken den um des Malefi— canten Leib gebundenen Strick und ſchnitt denſelben glücklich entzwei.(Siehe Bild S. 121.) Der junge Maleficant ſtund wieder auf, und der ſtiftiſche Kanz⸗ leiverwalter bemühete ſich ſelbſt, ihn von ſeinen übri⸗ gen Banden zu entledigen und ihm die Stricke in den Sack zu geben. Die Frau Acbtiſſin aber hielt den ab⸗ geſchnittenen Strick dem Uebelthäter unter die Augen, gab ihm ſolchen in die Hand, und befahl ihm, Ihro Gnaden zu folgen. Die Geiſtlichen aber erinnerten ihn nun: daß er von Ihro fürſtlichen Gnaden vom Tode befreit worden, dahero er höchſt denenſelben für ſolche ihm erwieſene Gnade kniefällig danken ſolle, ſo er je⸗ doch ohne ein Wort zu ſprechen that, bei deſſen wieder Aufſtehen befahlen ihm die Frau Aebtiſſin wiederholt, derſelben zu folgen, aber der Gerichtsſchreiber trat hier zwiſchen ein, und hielt folgende Anrede an ihn: „Du Hans biſt nun durch Ihre fürſtliche Gnaden mit eines hieſigen Wohllöblichen Magiſtrats Einwilli⸗ gung von deiner wohlverdienten Todesſtrafe befreiet worden; danke Gott herzlich dafür, fürchte ihn(wobei die Frau Aebtiſſin mit aufgehobenem Finger ſagte: Merk es) und thue in deinem Leben niemals mehr Uebel, meide auch lebenslänglich hieſige Stadt und Ge⸗ biet, welches ich dir auf hochobrigkeitlichen Befehl hie⸗ mit auf immer und ewig verbieten ſoll.“ Auf dieſes hin ging man allerſeits aus einander, und wurde die Frau Aebtiſſin fortgetragen und der Erledigte von den ſtiftiſchen Kanzelliſten, das ganze Gefolg aber durch die zugeordnete Bedeckung bis vor das Stiftsportal begleitet. Montags den 30. darauf aber bezeugte die Frau Aebtiſſin gegen den Magiſtrat ihren Dank für den bei ſolcher Befreiung gethanen Vorſchub, zugeordnete Deputation und Ehrenwache. 6 Unter den vielen Seen des ſüdlichen Bayerns gilt der Würmſee oder Starnbergerſee, den die kleine Die Frau Aebtiſſin ſaßen hiebei in einer Sänfte, und ihr Gefolg zwiſchen vorgedachter Bedeckung Er be⸗ Die Frau Aebtiſſin äußerte - 124— Schluß. Unmittelbar nach dieſen Vorfällen verließ Hans und Angelika Lindau, reichlich beſchenkt von der Aeb- tiſſin, und ſiedelten in Schorndorf ſich an. Sie leb⸗ ten ſchon beinahe drei Jahre in der Heimath, und be⸗ trieben fleißig und redlich das Handwerk, als beide eines Tages zum herzoglichen Vogt auf Schloß beru⸗ fen, und ihnen dort eröffnet wurde, daß der Patrizier 5 und Rathsherr Paiger von Senfftenau zu Lindau auf der Trinkſtube der Junker,„zum Süfgen“ genannt, mit einem andern Herrn vom Adel Streit bekommen habe. Von beiden Seiten ſei die Wehre gezückt wor⸗ den, und im Verlaufe der Rauferei habe Herr Paiger eine ſchwere Wunde erhalten, an deren Folgen er Tags darauf auch geſtorben ſei. Als er ſein letztes Stünd⸗ lein herannahen fühlte, habe er einer zu Abfaſſung ſei⸗ nes Teſtamentes anweſenden Rathsdeputation geſtanden, daß der Raubanfall, deſſen er den Zinngießergeſellen Der Würmſee und Poſſenhofen. Würm durchſtrömt, für den reizendſten und intereſſan⸗ teſten. Die Eiſenbahn von München führt in einer berg, das im Sommer einen Lieblingsaufenthalt der Hans Kundermann bezüchtigt, gar nicht ſtattgefunden habe, daß er ihm Mantel und Geld abſichtlich in Hän⸗ den gelaſſen, um eine Anklage gegen ihn erheben zu können. Kundermann und ſeine jetzige Frau werden ſchon wiſſen warum. Er bereue auf's Tiefſte und ver⸗ mache ihnen zur Sühne 1000 Gulden baares Geld nebſt der Kette und dem Ringe, welche Kleinode da⸗ mals bei Hans gefunden worden ſeien. Er bitte um's Blut Chriſti, die von ihm hart Geſchädigten möchten ihm verzeihen, und für ſein arg gefährdetes Seelenheil zu Gott fleißig beten. Dieſer Mittheilung war noch beigefügt eine Publikation des Magiſtrats Lindau, nach welcher Prozeß und Urtheil völlig null und nichtig er⸗ klärt und namentlich die Verbannung aufgehoben wurde. Auch ein Schreiben der fürſtlichen Frau Aebtiſſin fand ſich noch vor mit Glückwünſchen zu dieſer erfreulichen Wendung, und einer freundlichen Einladung in's Stift. Ob Hans und Angelika dieſer Einladung je Folge lei⸗ ſteten, iſt dem Verfaſſer nicht bekannt geworden, ſo wenig, als etwas Weiteres über die ferneren Schickſale des in früheren Jahren ſchwer geprüften Ehepaares. Der dreißigjährige Krieg vergrub in ſeinem entſetzlichen Sturme die Nachrichten über die, Exiſtenz des Einzel⸗ nen ſo ziemlich. Unter den Namen der Schorndorfer Weiber aber, welche 1688 ihre Vaterſtadt gegen den Mordbrenner General Melac glorreich vertheidigten, finden wir neben dem der couragirten Frau Bürger⸗ meiſter Künkelin immer den der Barbara Kunder⸗ mannin, einer Enkeltochter Angelika's, ein Beweis, daß der thatkräftige Sinn des Vaters und der mütter⸗ liche Muth zur Ausdauer im Ungemach ſich auch auf die nachkommenden Geſchlechter forterbte. Stunde über Paſing, Planegg, Gauting und Mühl⸗ thal, an deſſen liebliche Ufer und nach dem freund⸗ lichen, ſechs Poſtſtunden von München entfernten Starn⸗ - 125—— Bewohner der Reſidenz bietet, und von zahlreichen! Obſtgärten umgebenen Häuſern wird von dem Schloſſe Fremden als Kurort beſucht wird. Die Umgebung überragt, das, aus dem 13. Jahrhundert ſtammend, Hꝛns Starnbergs iſt ungemein lieblich. Das maleriſch ge⸗ jetzt den Sitz eines königl. Landgerichts und eines Rent⸗ der Aa⸗ legene Dorf mit ſeinen 90, meiſt mit ſchattenreichen amts bildet, und von dieſem und der Kirche aus ge⸗ Sie leb⸗ und be⸗ s beide d beru⸗ Patrizier. dau auf Rnannt,. ekommen ict wor-. er Paiger er Tags Stünd⸗ ſung ſe r heſtanden, ergeſellen gefunden in Hän⸗ heben zu werden W und ver⸗ G V- d Fſſ res Geld inode da⸗ ditt ums d möchten Seelechei var noch au, nach ichtig er⸗ en wurde. ſſin fand freulichen e's Stift. Folge lei⸗ orden, ſo Schickſale Fhepaares. tſetlichen 8 Einzel⸗ orndorfer gegen den ttheidigten, 1 Bürger⸗ ; Kunder⸗ 1 Beweis, er mütter⸗ hauch ruf — — — Anſicht von Poſſenhofen. nießt man eine der herrlichſten Ausſichten über den Wieſen liegen. Am Juße der Hügel tauchen, dicht tül⸗ See, den täglich ein Dampfſchiff und zahlreiche Fiſcher⸗ am See, romantiſch zerſtreute Fiſcherhütten auf, die und Mühl⸗ kähne durchfurchen. Zu beiden Seiten längs dem See freien Anhöhen bieten faſt alle, immer in Entfernung n freull ziehen ſich ſanfte, mit anmuthigen Waldungen gekrönte von weniger als einer Stunde von einander, anſehn⸗ Berge hin, zwiſchen welchen ſchöne, friſche Felder und liche Schlöſſer mit Thürmen, und dazwiſchen reizende Villen, liebliche Landhäuſer im neueſten Geſchmacke, und einzelne Kirchen, beiderſeits den ganzen See hin⸗ auf, an deſſen Ende, wie wohl noch weit davon ent⸗ fernt, die bayeriſchen Alpen mit ihren hohen Felſen und Schneegebirgen erſcheinen, die im Krottenkopf 7181, in der Almenſpitze 7943, im Karwendelgebirge 8479, und in der Zugſpitze 10,094 Fuß majeſtätiſch empor⸗ ſteigen. Mehr als 1980 Fuß über der Meeresfläche gele⸗ gen iſt der Würmſee, der ſich oben gegen Südoſt wen⸗ det, dort ſich gefälzig abrundet, und ſanft aufwärts ſteigende Ufer hat, von Seeshaupt bis Starnberg 5 ½ Stunden lang, in ſeiner größten Breite, unweit Bernried, über 1 ½¼ Stunde breit, und in ſeiner größ⸗ ten Tiefe, bei Allmannshauſen, 414 Fuß oder 69 Klaftern tief. Sein Umfang beträgt an 13 Stunden, und den Flächenraum, den er bedeckt, faſt 17,000 baye⸗ riſche Tagewerk. In 500 Schritt von ſeinem weſt⸗ lichen Ufer erhebt ſich im See die kleine Inſel Würth, die in der Urzeit mit dem feſten Lande verbunden ge⸗ weſen ſein ſoll, jetzt aber durch zwei Brücken oder Stege mit dem Ufer in Verbindung ſteht. Früherer Zeit ſtand auf ihr ein heidniſcher Tempel, ſpäter ein chriſtliches Kirchlein von dicken Quadern, das kaum hundert Menſchen zu faſſen vermochte, aber ein berühm⸗ ter Wallfahrtsort geweſen ſein ſoll, und von den Schwe⸗ den zerſtört wurde. Die Trümmer derſelben liegen noch unberührt, und zwiſchen denſelben wuchern Geſträuche und Bäume, deren mehrere das Gemäuer weit über⸗ ragen. Unweit dem Kirchlein ſtand unter dem lieb⸗ lichen Schatten von Obſtbäumen ein niedliches Bauern⸗ haus, von einer Fiſcherfamilie bewohnt, die hier ein wahrhaft idylliſches Leben führte, und der es, da die Inſelbewohner das Recht hatten, Bier zu verzapfen, —— 126— während der Sommermonate nie an Gäſten fehlte, die hier in ländlicher Stille die Reize des See's bewunder⸗ ten und genoſſen. Ein Brand, der im Jahre 1849 das friedliche Landhaus in Aſche legte, veranlaßte die armen Inſulaner zur Auswanderung nach Feldafing, und ſie verkauften die Inſel, welche zwei Jahrhunderte lang Eigenthum der Familie geweſen war, im Jahre 1850 an König Max II., der an die Stelle der vor⸗ maligen Fiſcherhütte ein äußerſt geſchmackvolles Land⸗ haus treten ließ. Acker, Wieſe und Garten, die einſt die Iflfel bedeckten, ſind in kunſtreiche Gartenanlagen verwandelt worden, und die Pracht, welche die Menge der ſchönſten und ſeltenſten Roſengattungen hier ent⸗ faltet, haben der Inſel nun den Namen„Roſeninſel“ verliehen. Gerne verweilt hier König Max mit ſeiner Familie, wenn er in ſeinem Luſtſchloß Berg, bei Starnberg, Hof hält, zu welcher Zeit dann Fremden der Beſuch der kleinen lieblichen Inſel nicht geſtattet wird, außerdem aber ſind hierzu in München Zutritts⸗ karten beim königl. Oberſthofmarſchallſtabe auf's Be⸗ reitwilligſte zu haben. Von den benachbarten Bergen, ſowie Würm erhält der See beſtändigen Zufluß von Waſſer; ſeine ergiebigſten Quellen kommen aber unſtreitig von unten. Sein Waſſer iſt faſt durchgängig klar, hell und durchſichtig. Bei guter Witterung ſteht ſein Spie⸗ gel beinahe ſtill oder ſpielt in lichtgrünen Wellen; zur Zeit aufbrauſenden Sturmes aber, oder bei mächtigem Windtoben fluthet er in weißgrünen, ſchnell über ein⸗ ander ſtürzenden Wogen. Oft, wenn Alles im Som⸗ mer heiter und ruhig iſt, ſieht man das Waſſer gleich durch die einem Regenbache rings um die Ufer ſehr ſchnell da⸗ hin treiben. Dies geſchieht oft ſo heftig, daß die Fiſcher gehindert ſind, ihre Netze auszuwerfen. Es heißt dann:„der See rinnt“(rennt). Gewöhnlich gilt das Rennen des See's für das Zeichen eines künftigen anhaltenden Regens; oft aber bleibt es auch ohne Folge. Im Winter gefriert der ganze See und iſt dann an manchen Orten das Eis 1 ½, auch wohl 2 Fuß dick. Die Leute gehen zu dieſer Zeit nach allen Richtungen über den gefrorenen See, und nahe am Ufer fährt man mit Pferden und Schlitten darüber. Tag und Nacht donnert der gefrorene See, daß man ihn wohl eine Stunde weit hört, wenn das Eis nach allen Rich⸗ tungen zerkracht, und durch Thauwetter wird daſſelbe oft in weniger als 24 Stunden zermalmt. Der See iſt ungemein fiſchreich, und die Fiſche in ihm werden in edles, geringeres und letztes Fiſch⸗ werk eingetheilt. Zu dem erſten zählt man die Ren— ken und Lachſe oder Lachsferchen; zum zweiten die Waller, Karpfen, Hechte, Jutten, Pra⸗ ren, und zur dritten Abtheilung Alten, Bürſch⸗ linge, Rothaugen oder Haſeln, Laugen Eau⸗ ben) und andere kleine Backfiſche. Die Renke, eine Salmenart, gehört unſtreitig un⸗ ter die geſundeſten und ſchmackhafteſten Fiſche Deutſch⸗ lands. Sie wird faſt in allen bayeriſchen Seen, aber von der vortrefflichſten Art im Würmſee angetroffen, weßhalb ſich ſtets viele Fiſchfreunde hier einfinden. In ihrer erſten Jugend wird die Renke Züngel, nach einem Jahre Riedling, und wenn ſie eine gewiſſe Größe erlangt hat, Bodenrenke genannt. Sie er⸗ reicht 7—8 Pfund und wohl auch etwas darüber. Wenn die Renken ſogleich vom Fange her mit See⸗ waſſer gekocht werden, ſind ſie beſonders ſchmackhaft. In der Küche werden ſie theils gebacken, theils in Eſſig geſotten, und dann mit Eſſig und Oel verſpeist; auch bratet man ſie auf dem Roſte und begießt ſie mit Ci⸗ tronenſaft. Ebenſo werden ſie geräuchert von Vielen als große Delikateſſe genoſſen. In dem Augenblicke, in welchem ſie aus ihrem Elemente kommen, ſind ſie auch ſchon todt, und es iſt überhaupt unmöglich, ſie, was bei andern Fiſcharten angeht, lebendig zu ver⸗ ſchicken. Das Fiſchen iſt nicht Jedermann geſtattet, und es beſteht zur Ausübung des Fiſchfanges eine See⸗ ordnung vom Jahre 1643, die 1835 erneuert und zeit⸗ gemäß abgeändert wurde. Der Renkenfang iſt vom erſten Sonntage in der Faſten bis Galli(16. Oktober) erlaubt, und außer dieſer Zeit bei Verluſt der Fiſcher⸗ gerechtſame verboten. Dies iſt auch in Betreff des Lachsfanges eingeführt. Die Fahrzeuge, deren ſich die Fiſcher bedienen, beſtehen aus gewöhnlichen, flach ge⸗ bauten Kähnen; früher bediente man ſich nur der ſo⸗ genannten Einbäume, die aus einem ausgehöhlten Eich— ſtamme von 22 Fuß Länge und 3—4 Fuß Breite beſtanden, in welchen 6 Perſonen Platz hatten; jetzt ſind dieſe aber faſt ganz verſchwunden. Zu Vergnü⸗ gungsfahrten auf dem See ſind außer dem Dampfboot, das den See regelmäßig befährt, und Gondeln für den königl. Hof, ſtets mehrere kleine Schiffe, Gondeln und ein Muſikſchiff für die Fremden in Bereitſchaft. Pan⸗ zerſtechen, Fiſcherſtechen und Schiffrennen, die früher die Fiſcherſpiele bildeten, und zur Zeit, als der Würm⸗ ſee der vorzüglichſte Vergnügungsort der bayeriſchen Landesfürſten war, mit den Freuden der Jagd wech⸗ ſelten, haben jetzt aufgehört. Eine Nund längs dem 4 zurück an d. ren. Eine Ni Blicke und bie Augenweide, 14 turgenüſſe. 4 ofen, einen von allen Re Wirthshauſe herrlichen An wollen, das einſt Eigenth ſtauration un Beſitzer, dem danken, der lingsaufentha⸗ nert.— Ueb welcher als dächtigen, wie tur die hüchſte Eine halbe Srl geregelte Har jede neue Ste und ſehr glüc ſeltene Gabe, geweſen, wa hatte et me ätheriſch w bedarf, um Vo ſie auf Stella war Armen des; den nützliche auf deutſch werden müſ funſe ſe ſelbſtſüchtig Es ſollte 3 heimath hie wutſcen G war gezei die dhnr zu ſehen, vunderliche enctinnen n. Hütte gend in 9 können, abe ſteben wie orſtellung heit thun, dean Arzt zu 8 de dn ſchnell da⸗ , daß die erfen. Cs öhnlich gilt S künftigen hne Folge t dann an jFuß dic. Richtungen Ufer fährt Lag und ün wohl allen Rich⸗ ird daſſelbe e Fiſche in tes Fiſch⸗ die Ren⸗ um zweiten en, Pra⸗ Bürſc⸗ gen(Lau⸗ treitig un⸗ e Deutſch⸗ Seen, aber mgetroffen, finden. In igel, nach ine gewiſſe Sie er⸗ darüber. mit See⸗ hmackhaft. s in Eſſig eist; auch ſie mit Ei⸗ von Vielen Augenblick, n, ſind ſie öglich, ſir, ig zu ver⸗ n geſtattet, zeine See⸗ t und zeit⸗ Eine Rundreiſe um den See mit dem Dampfboot längs dem Weſtufer nach dem Oberſee, und von dort zurück an der Oſtſeite, iſt eine der genußreichſten Tou⸗ ren. Eine Reihe der lieblichſten Landhäuſer feſſelt die Blicke und bietet den Vorüberdampfenden eine ergötzende Augenweide, ſowie ihren Beſitzern die herrlichſten Na⸗ turgenüſſe. Das Dampfboot landet bei Poſſen⸗ hofen, einem kleinen Dorfe von 14 Häuſern, das von allen Reiſenden beſucht wird, die ſich hier im Wirthshauſe an delikaten friſchen Renken, oder in den herrlichen Anlagen des prachtvollen Schloſſes ergötzen wollen, das unſere Abbildung zeigt. Das Schloß, einſt Eigenthum des Grafen Leroſtén, hat ſeine Re⸗ ſtauration und prächtigen Anlagen dem gegenwärtigen Beſitzer, dem Herzoge Maximilian in Bayern zu ver⸗ danken, der dieſen ſeinen und Herzogin Ludowika Lieb⸗ lingsaufenthalt mit jedem Jahre erweitert und verſchö⸗ nert.— Ueber dem Schloſſe erhebt ſich ein Hügel, welcher als Calvarienberg verwendet zugleich den An⸗ dächtigen, wie den Bewunderern der Schönheit der Na⸗ tur die höchſten Genüſſe gewährt. Eine halbe Stunde weiter erblickt man, unmittel⸗ bar auf einer Uferterraſſe, das Schloß Garatshau⸗ ſen, ebenfalls Eigenthum des Herzogs Max, das die⸗ ſer, ohne dem Gebäude das alterthümliche Aeußere zu entziehen, in trefflichen Stand ſetzen ließ.— Am Schloß und Dorfe Tutzing vorüber, wo der See eine weite Bucht bildet, die ihrer trefflichen Karpfen wegen der Karpfenwinkel genannt wird, führt der Dampfer nach dem Kloſter Bernried, jetzt Eigenthum des Frei⸗ herrn von Wendland, und von da 1 ¼ Stunde weiter nach dem Pfarrdorfe Seeshaupt, dem äußerſten ſüd⸗ lichen Punkte des See's, der hier ſeinen reichſten Zu⸗ fluß durch den Mühlbach erhält.— Von hier geht das Dampfboot nach kurzem Aufenthalte längs dem öſtlichen Ufer den See hinab, nach Starnberg zurück, bei St. Heinrich, Weidenkamm, Ambach, Ammer⸗ land, Allmannshauſen, Aſſenbuch, mit dem Himbfel'ſchen Landſitze, und Leoni, Aufkirchen, dem königl. Luſtſchloß Berg, und Kampfenhauſen vor— bei, und landet nach einer Seefahrt von drei Stunden wiederum am Eiſenbahnhofe von Starnberg. 10 Die Cante Zünthern. (Schluß von Stella hätte, wäre ſie nicht als Mißton in die geregelte Harmonie einer Familie hineingekommen, wo jede neue Stimme zu viel war, ſehr glücklich werden und ſehr glücklich machen können, denn ſie beſaß die ſeltene Gabe, mit Grazie zu lieben. Das war es auch geweſen, was Rudolph ſo an ihr entzückt hatte, nur hatte er nicht bedacht, daß gerade dieſe Eigenſchaft, ätheriſch wie ſie iſt, einer reinen, ungeſtörten Ruhe bedarf, um ſich in ihrer lieblichen Zartheit zu entwickeln. Wo ſie auf Widerſtand ſtößt, da hat ſie keine Kraft. Stella war kein ſtarkes Geſchöpf, ſie hätte auf den Armen des Mannes getragen werden müſſen. Auch zu den nützlichen Perſonen gehörte ſie nicht, ſie hätte nie auf deutſch die Wirthſchaft führen können. werden müſſen, was Cornelien geworden war, dann wäre ſie kein verzogenes Kind, dazu war ſie zu wenig ſelbſtſüchtig, wohl aber ein holdſeliges Kind geweſen. Ihr hätte Seite 112.) lich eines Tages in Verzweiflung zu Rudolph und fragte:„was denn das ſei, Crepa⸗cuore?“ Rudolph ſagte verdrießlich:„das heiße in Italien vor Gram ſterben, und wahrſcheinlich bildet Stella ſich ein, das werde ihr Ende ſein. Weil ſie die Mutter und ihn unglücklich mache, glaube ſie es zu ſein, und wolle ihnen glauben machen, daß man aus übler Laune ſter⸗ ben könne.“ Die Tante Günthern blickte ihn mit einem Ausdrucke an, wie er noch nie auf ihrem Ge⸗ ſichte geſehen hatte.„Ich weiß nicht, ob man aus übler Laune ſterben kann,“ ſagte ſie,„aber ich weiß, daß ich meine Stella nicht mehr lange haben werde, wenn das ſo fort geht. Und dann— möcht' ich am liebſten auch mit fort.“—„Die Günthern it wirr lich förmlich vernarrt in deine Frau,“ ſagte Cornelia, als Rudolph das erzählte und ſie, doch einigermaßen Es ſollte nicht ſein, ſie war eben aus ihrer Meeres⸗ heimath hierher gebracht worden, um auf der kalten, deutſchen Erde zu welken und zu vergehen. Denn ſie war gezeichnet von dem Augenblicke an, wo ſie damals die Thür geſchloſſen hatte, um Rudolph nicht weinen zu ſehen, und ſie wußte es und richtete ſich mit der wunderlichen Gleichgültigkeit dazu ein, welche die Ita⸗ lienerinnen haben können, ſie mögen genießen oder lei⸗ den. Hätte ſie ſich geſträubt, vielleicht hätte die Ju⸗ gend in ihr die Enttäuſchung überwinden und überleben können, aber ſie war träg in ihrem Leid, ſie ließ ſich ſterben, wie die Südländer ſagen. Wenn Rudolph ihr Vorſtellungen machte, ſie ſolle etwas für ihre Geſund- heit thun, ſo ſagte ſie freundlich, ihr fehle nichts; wenn die Tante Günthern ſie mit Liebesangſt beſchwor, den beunruhigt, ernſtlich fragte, ob ſie Stella's Zuſtand für bedenklich halte. Cornelia verneinte das und ver— neinte es aus Ueberzeugung.„Ich ſehe gar nicht, daß ſie einen Zuſtand hat,“ ſagte ſie, und ſagte die Wahr⸗ heit,„ſie iſt träge und unluſtig zu Allem, nun, das ſind ja wohl die Italienerinnen alle. Du erzählteſt mir ja, daß in Venedig die Männer auf den Markt gehen, wie ſollen die Frauen denn da anders werden als unnütz?“ Tante Muthchen war derſelben Anſicht, und Rudolph, der nur durch die Augen der Mutter ſah, entſchlug ſich jeder Beſorgniß als thöricht. Die Tante Günthern aber kam nach einigen Wochen abermals an, und zwar dieſes Mal mit einem Vor⸗ ſchlage. Rudolph ſollte mit Stella eine Reiſe machen. „Nach Italien,“ meinte die Tante Günthern. Du „D haſt ja Italien noch nicht geſehen,“ ſagte ſie. Ru⸗ Arzt zu nehmen, antwortete ſie gelaſſen:„ilft nicht, is der Crepa⸗cuore.“ Die Tante Günthern rannte end⸗ dolphs italieniſche Reiſe hatte in der That in Venedig angefangen und geendigt, nur daß er auf dem Rück⸗ Tante Günthern ſitzt bei ihr.“ wege mit Stella über Mailand und den Eomerſee ge⸗ gangen war. Das Verſäumte indeſſen dieſes Jahr ſchon einzuholen, war ihm noch gar nicht eingefallen, und er wußte auch nicht, wie die Tante auf den Ge⸗ danken kam.„Will denn Stella das? fragte er, „Stella?“ wiederholte die Tante Günthern,„du lieber Gott, das arme Wurm— die will gar nichts.“— —„Nun, ich will das auch nicht,“ erwiederte Rudolph, „und wenn ich ſelbſt wollte, weißt du ja, daß ich nicht ſchon wieder einen ſo langen Urlaub bekommen würde.“ Die Tante Günthern ſtand noch immer da. Rudolph ſah ſie fragend an— ſie fuhr hinaus:„wenn du nicht kommſt, laß mich mit ihr nach Venedig.“—„Das wäreſt du im Stande?“ fragte Rudolph, erſchrocken faſt vor dem Uebermaß von Liebe, welches ſich in die— ſem unerhörten Entſchluß der Tante Günthern offen⸗ barte.„Ja, wegen Stella gleich,“ antwortete ſie. „Aber um des Himmels willen, was ſoll denn auf einmal dieſe Reiſewuth? Will denn Stella durchaus nach Venedig zurück?“ „Nein, ich will, weil ich meine Stella behalten will.“ „Du bleibſt dabei, daß ſie krank iſt!“ „Du wirſt's ſehen, wenn es zu ſpät iſt.“ Rudolph ging augenblicklich zu Stella und frug ſie, ob ſie wirklich nach Venedig wolle?»Grazie, no,« antwortete ſie.„Aber glaubſt du, es könne dir gut 128— Sie wich und wankte nicht mehr aus dem Zimmer, wo Stella lag und meiſtens ſchlief. Sie, die ſonſt kaum Stunden ohne Luft und Bewegung aushalten konnte, ſie, die nichts ſo fürchtete, als Krankheit und Tod, ſie ſaß jetzt ſtill und aufmerkſam und wartete ihres kranken Kindes, welches ſterben ſollte. Denn daß Stella nicht mehr lange für dieſe Welt war, das ſahen allmählich Alle ein, ſelbſt der Arzt und Cornelia. Dieſe nicht ohne eine große Erſchütterung. Sie fragte ſich nicht, ob ſie nicht vielleicht Das und Jenes an dieſem jungen Weſen verſchuldet habe, wel⸗ ches ihr doch eigentlich als Tochter anvertraut worden war, ihrer Empfindung nach hatte noch immer Stella alle Schuld an dem Nichtwerden ihres gegenſeitigen Verhältniſſes, aber der frühe Tod der jungen Frau that ihr ſo leid, daß ſie Rudolph nicht zu tröſten ver⸗ mogte. Rudolph machte ſich ſchwere Vorwürfe. Nicht da⸗ rüber, daß er Stella nicht länger ſo geliebt wie im Anfange, nicht darüber, daß er ſie gewiſſermaßen ſei⸗ ner Mutter aufgeopfert, aber wohl darüber, daß er ihr friedliches, junges Leben geſtört, daß er ſie aus nichts von Ungefähr ſei. thun?“ fragte er dringender.»No.«—„Denn ſonſt will die Tante Günthern mit dir.“ Buona zia!« ſagte ſie und lächelte.— Willſt du da?“ „No.⸗—„Willſt du ſonſt etwas?“—»Niente.- „Was ſoll ich mit der Frau anfangen?“ fragte Rudolph, der zur Mutter gegangen war.„Nichts,“ ihrer Heimath weggeführt und ihr Verſprechungen ge⸗ geben hatte, welche zu erfüllen ihm durch eine höhere Pflicht unmöglich gemacht worden war. Tante Muth⸗ chen tröſtete ihn durch ihren frommen Glauben, daß Dennoch litt er unendlich. Nicht ſo indeſſen, wie die Tante Günthern. Stella war ihre erſte, wirkliche, lebendige Liebe. Das erſte Geſchöpf, welches mit ſolcher Innigkeit an ihr gehan⸗ gen hatte, dem ſie Alles war, die einzige Blume in ihrem armen grauen Daſein. Und Stella ſtarb. Wäh⸗ rend der letzten Wochen ihres Hinfiechens alterte die antwortete Cornelia wie Stella, nur auf deutſch,„ſie ſein laſſen.“ Er ließ ſie ſein. Sie ſchwand aus ſeinem Leben, aus dem Verkehr des Hauſes, aus der Familie gleich⸗ ſam weg. Da ſie keinen Platz gefunden hatte, der leer geweſen war und auf ſie gewartet hatte, ſo ließ ſie auch keine Lücke. Nur von Zeit zu Zeit frug einmal dieſes oder jenes Familienmitglied:„wo iſt denn die Stella?“ dann antwortete ein anderes:„die ſitzt oben und die Damit war es gut. Einige Zeit ſpäter hieß es:„ſie liegt zu Bette, ſie ſagt, daß ſie ſo müde ſei.“—„Und die Günthern?“ —„Die weicht nicht von ihr, man hätt's der Gün⸗ thern gar nicht zugetraut, daß ſie ſo ſtill ſitzen könnte.“ Rudolph fing jetzt doch an, unruhig zu werden. Er kam oft nach Stella zu ſehen, that ihr ſchön, ver⸗ ſicherte ihr, daß er ſie noch immer lieb hätte. Sie nickte ihm immer freundlich zu. Wenn Cornelia und Tante Muthchen ſie beſuchten, ſo wurde ſie ſehr ſtill und höflich. Beide betrübten ſich darüber, daß ſie ſo verſtockt ſei, und ſie hielten ſie auch wirklich dafür. Die Tante Günthern war eiferſüchtig, wenn Stella andere Beſuche bekam. Sie gönnte ihre Stella Nie⸗ mand mehr, ſie geizte mit ihr. geholt wurde, ſah ſie ihn geringſchätzig an, als wüßte ſie, was ſeine Kunſt hier werth ſei. Er verſicherte, es ſei durchaus keine Gefahr. melte hinter ihm her:„ja, du weißt es.“ Tante Günthern, daß es ein Erbarmen war. Aus einer rüſtigen alten Frau wurde ſie zur Greiſin. Die Schweſtern wagten ſie in dieſer Zeit nie zu ſchelten, unwillkührlich flößte ihr ungeſchickt ausgedrückter Schmerz ihnen etwas wie Scheu ein. In der letzten Stunde waren die Beiden allein. (Siehe Bild S. 109.) Die Tante Günthern ſprach Die Tante Günthern mur⸗ ſprachen, war es mit Milde und Rührung. Jahre ſpäter Rudolph, den Wünſchen ſeiner Mutter dem Leben der Ihrigen. Als der Arzt endlich nie davon, wie Stella ſtarb. Ueberhaupt nannte ſie den Namen ſpäter nicht gerne. Thaten es die An⸗ dern, ſo ſagte ſie:„laßt es gut ſein, ſie iſt ja nun todt!“ Seit Stella geſtorben war, verziehen Cornelia und Erdmuthe ihr, daß ſie gelebt hatte. Wenn ſie von ihr Als vier gemäß, ſich wieder verheirathete, und zwar mit einem Mädchen, welches ſie für ihn ausgewählt hatte, da ſagte ſie ihm an ſeinem Hochzeitsmorgen mit einer zärtlichen Umarmung:„möge deine neue Frau ſo ſanft und ſo gut ſein, wie deine ſelige Stella.“ Die Tante Günthern nahm wenig Theil mehr an Es war, als ob ſie mit Stella in der Familie fremd geworden wäre. Die zweite Frau Rudolphs wollte ſie nie ſo recht anerkennen. Ein Jahr nach ſeiner neuen Heirath ſtarb ſie, und zwar mit der Freude einer Liebenden, die wiederſehen ſoll. Ihr leutes Lebenszeichen war ein Lächeln und der halb ausgeſprochene Name: Stella. Dri hr ſch Bald ging ein „Marte, ſind weſurfte dan Schlüpfte dan Eilte hinaus! Heute war ja Zur Reſidenz, Jetzt war Ma Einzuverleiben Ueber dem Ku Vorſchriftmäßit Beigefügt zur, Alles ward beſt Nun mit dem Strich der Mau Eiſpanne kane Lisbeth, aber! Macht ein pro Weckt„'Herr Doch ſchon li Cben legte ſi Ihren Buſen Selbſt die ſch Vor der erſtat „LEi der dondi Koſete halblau „Schweig doch Dunkler errött Doch als Lisl Deehte ſich „Gel), du „Lisbeth, Lie Gleichzeitig Jeden Morg 4!„Guckot So * tt ſich Flugs band Und kam ebe Nahm ſie d Goß den K Richtete flin Auf das ble — Denn d Dob mit A Selbſt die „Marie, ſch Nauma ſc Däch Ils woch als di Und nn die t der 3a ſie der Nückt einen deierſtund m Jimmer 5 dir ſonſt alshalten unkheit und ind wartete dieſe Welt r Arzt und cütterung. Das und habe, wel⸗ aut worden mer Stella ſegenſeitigen ingen Frau tröſten ver⸗ Nicht da⸗ ebt wie im maßen ſei⸗ e, daß er r ſie aus ungen ge⸗ ine höhere nte Muth⸗ uben, daß unendlich. ern. Stella Das erſte iyr gehan⸗ Blume in rb. Wäh⸗ alterte die var. Aus iſin. Die zu ſchelten, er Schmerz den allein. hern ſprach nannte ſie s die An⸗ iſt ja nun vrnelig und ſie von ihr Als vier ner Mutter mit einem tte, da ſagte er zurtlichen anft und ſo ai mehr un ob ſie mit Die zweitt ennen. Ein und zwar rſehen ſoll. nd der hah 4 Beſidenzfahrt*). (Taf. 9.) Drei Uhr ſchlug's des Morgens, da klopft es dreimal am Pfarrhaus, Bald ging ein Laden auf, es erſchien im Hemde die Lisbeth: „Marte, ſind Jehrs, i komm au glei!“ ſo ſprach ſie und gähnte, V Schlüpfte dann flugs in Rock und Schuh', ſchob ſachte den Riegel, Eilte hinaus und erſchloß dem Bauern die knarrende Hausthür. Heute war ja der Tag der vielbeſprochenen Reiſe Zur Reſidenz, gerüſtet ward Alles zuvor noch am Abend: Jetzt war Marte gekommen, die Schachteln, Säckchen und Päckchen Einzuverleiben den Taſchen und Truhen der bauchigen Pfarr⸗ kutſch'; Ueber dem Kutſchenhimmel da wurden die gröberen Sorten Vorſchriftmäßig verpackt, es wurde ein Gänslein im Korbe Beigefügt zur„Schenkaſch“ für Herrn Ober⸗Conſiſtorialrath. Alles ward beſtens gethan, gerückt, gedrückt und betrachtet. Nun mit dem letzten Blick des ſelbſtzufriedenen Auges Strich der Marte ſein Haar und ſprach:„Meine Gäul die ſind gfuettert, Eiſpanne kane, wanns bliebt, i gang jetzt und leg derweil s'Gſchirr uf;“ Lisbeth, aber mahlt den Kaffee, ſetzt Waſſer und Milch zu, Macht ein praſſelndes Feuer und rüſtet„Satz und Zigore“, Weckt„s'Herr Pfarrers“ und klopft dann leis beim„Jungfer Mariele“; Doch ſchon längſt war feſtlich gerüſtet das liebliche Pfarrkind, Eben legte ſie nur vor beſcheidenem Spiegel noch Hand an, Ihren Buſen zu ſchmücken mit friſch erblüheten Roſen; Selbſt die ſchönere Roſe, ſo ſtand ſie mit glühendem Antlitz Vor der erſtaunten Magd, und mit fröhlich leuchtenden Augen. „Ei der dondich, wie nett, grad wie ne leibhäftiger Engel!“ Koſete halblaut die Magd, die Arme hebend und ſenkend; „Schweig doch, Lisbeth, wie kannſt“— gebot ſich wendend die Jungfrau, Dunkler erröthend noch und heimlich beglückt von der Rede; Doch als Lisbeth, die treue, verblüfft die Thür wieder ſuchte, Drehte ſich freundlich des Mägdleins Kopf zu traulichem Schmollen: „Geh', du willſt mir nur ſchmeicheln— doch hör', ich glaub' die Mamma ruft.“ „Lisbeth, Lisbeth!“ erklang's im höhern Diskant aus der Stube, Gleichzeitig auch erſcholl ein tiefes, ergiebiges Räuſpern, Jeden Morgen das Zeichen des wach gewordenen Pfarrherrn. „Gucket So ilch!“ ermahnt' im Verſchwinden die Lisbeth, e ſich ſofort dem geheimen Dienſte der Pfarrfrau. Flugs band Marie die Schürze ſich jetzt um die zierlichen Hüften, Und kam eben noch recht, das Ueberlaufen zu hindern, Nahm ſie vom Feuer, und blies darein mit beſchwörendem Athem, Goß den Kaffee auf, und ließ drei„Sprudel“ ergehen, Richtete flink das blanke Geſchirr und die ſilbernen Löffel Auf das blecherne Bret, und Brod dazu, Butter und Honig, — Denn die Pfarrſpeiskammer iſt wie ein unendliches Füll⸗ horn— Hob mit Anmuth die köſtliche Laſt, und trug ſie behende Selbſt die Thür noch öffnend hinein auf den Tiſch vor dem Sofa. „Marie, ſchon fix!“ empfing ſie der Vater in körnigem Baſſe, Mamma ſchüttelt den Kopf:„Ei, ei, mit dem„Staat’ an den Herd ſteh'n!“ Doch als die ſchmucke Tochter des Brets ſich ſauber entladen, Und mit den ſchwellenden Lippen den Mund der Mutter ge⸗ ſtopfet, Zog ſie der Pfarrherr dſ Herz mit väterlich ſtolzem Behagen, Drückt einen raſchen, ſchnalzenden Kuß auf die Stirne der Jungfrau. Wir haben dieſes anſpruchsloſe Gedicht mit Erlaubniß des Ver⸗ faſſers einer Sammlung von Eduard Hiller(Stuttgart, bei Quack,) entnommen, und empfehlen dabei dieſe Sammlung allen Freunden ähn⸗ licher Lektüre.. 6. Die Redaktion. . Feierſtunden. 1863. Jetzt entſtürzte mit jähem Sprung der Schlafſtube Gotthold, Klomm an der Schweſter täppiſch hinauf, und— zerdrückte die Roſen; „O meine Blumen!“ ſchrie ſie auf in ſchmerzlichem Tone, Blättlein ſank um Blättlein und Thränen mit auf den Boden. „Gotthold, Gotthold!“ warnte der Vater in zürnendem Ernſte, Wie beginnſt du den Morgen die Eltern und Schweſter be⸗ trübend! Toller Burſche, gib Acht, nicht immer ſtößſt du auf Roſen Und mit halbem Blick den Freudenſtörer beſtrafend Liſpelt die Mutter leis:„Nun, Marie, bete zum Frühſtück!“ Alle beugten das Haupt; der Pfarrherr, die ſammtene Mütze In den gefalteten Händen, ſchloß mit kräftigem Amen. Gotthold ſaß zerknirſcht, ſcheu Väterleins Mienen beſpähend; Doch einem Mairegen gleich verſiegten die plötzlichen Thränen Mariens ſchnell in dem Strahl ihres warmen liebenden Blickes, Holdſelig füllte ſte raſch die weiten beblümeten Schüſſeln, Und kredenzte den Friedenstrank, den duftenden„Mokka“, Lächelnd winkte ſie zu dem ſtumm zugreifenden Gotthold, Und nach der zweiten Schüſſel wich auch der Zorn von dem Pfarrherrn. Horch! jetzt ſchwirrte der Peitſchenknall des nahenden Marte, Zuckend fuhr er durch's Haus und ſteigerte jede Erwartung; Schnell ward noch ein reichliches Maas des braunen Gebräues Für die Lisbeth gerichtet, und auch für den Marte„ein Schoppen“; Nimmer ließ es den Gotthold, er ſtürzte hinab, in die Kutſche, Alsbald drang herauf der Ton einer klirrenden Scheibe, Doch der Mißton war ſchwach, er verklang in dem großen Momente, Wo auf der krächzenden Stiege das ſtattliche Ehpaar hinabſtieg; Marte beſeitigte ſchnell die Scherben, und deckte den Mantel Chriſtlicher Liebe vor's Loch für den erſten bedenklichen Anlauf. Prüfenden Auges umſchritt der Pfarrherr das Kutſchengebäude, Glücklich entging ihm vorerſt der heimliche gläſerne Schaden, Prüfend betaſtet die Pfarrfrau all' die gefülleten Taſchen, Warf noch einen befriedigten Blick auf das ſchnat ernde Gänschen; Dann von Lisbeth und Marte gelüpft verſanken die Guten Tief in dem wohligen Abgrund der C befederten Chaiſe, Marie hüpfte hinein mit dem grimmig blickenden„Schnauzer“, Und— der Kutſchenſchlag fiel mit fernhin ſchmetterndem Dröhnen. Vorn auf dem Bock nahm Lisbeth Platz in bebänderter Haube, Unter dem Arm das Regendach, das leuchtende rothe; Und auf der Brücke hinten ließ man den Jakob„aufſitzen“, Daß er konnte beſuchen„ſeine Buebe de Gardeſoldate“; 14 Jetzt ſchlug Marte Feuer, und ſog in gierigen Zügen, Stieg mit Würde zum Bock, und ſchlang um die Lehne das Leitſeil, Rief in gehobenem Tone:„Nu hü e Gottsnamme“ und knallte, Und in ſchallendem Trab entbrausten die mächtigen Gäule. Da und dort ging ein Fenſter auf, und beſchlafmützte Köpfe Sandten wundernde Blicke nach dem ſeltenen Schauſpiel. Morgenzauber lag auf der ſommerlich tagenden Landſchaft, Munter trabten die Roſſe durch Felder, Wälder und Wieſen, Ausſchlagend dann und wann in kühnen muthigen Sätzen, Stets begleitet vom hergebrachten Angſtruf der Pfarrfrau; Lerchenſang und Amſelſchlag und des Schwarzkopfs Gezwitſcher Klangen ſo lieblich und friſch in die Rufe der Meiſen und Finken. Unausſprechlich ward nun zu Muthe der lieblichen Mari, Stummes Wonnegefühl wollt' faſt das Herz ihr zerſprengen, Wohlbehagen umſtrahlte auch das pfarrliche Ehpaar, Ehrlicher Knaſterrauch entſtrömte den Lippen des Pfarrherrn, Und Mamma, vom poetiſchen Hauch der Umgebung gekitzelt, Holte bewegt aus dem Ridikül die klappernde Stricket, Strickte Gedanken und baumwoll'ne Fäden geſchickt durcheinander, Manchmal werfend zärtliche Blicke auf Eins oder's Andre.“ Jetzt war ein langer Berg, die Pferde mußten„verſchnaufen, 5 8 2 7—. Marte ſtieg vom Bock, und nöthigte Lisbeth zum Bleiben, Gotthold aber, dem ſchon der Genuß des Fahrens vorbei war, Bat um Ausſteig⸗Erlaubniß, und ſprang über Hecken und Gräben, 3 Halt! was hat er entdeckt, was rennt er ſo gegen den Wald⸗ — ſaum? 8 1 17 dem Rücken. „O, einen Schmetterling wohl, eine Eidechs— oder Blind⸗ ſchleich.“ „Nichts von Allem, es iſt Etwas, du möchteſt es haben.“ Doch nicht wartend der Antwort, erhob er plötzlich die Rechte Triefend von friſchem Blut, und überraſchte die Schweſter Mit einem dornigen Zweig von wilden bethaueten Roſen; Stolz ſtand er und ſah in die glücklichen Augen Mariens, Und nach wen'gen Sekunden da prangten auf's Neu' ihr am Buſen Roſen weit köſtlicher noch als die im Sturmlauf geknickten. - 130— Sieh', ſchon kommt er zurück, und jubelt von weitem:„Maria! Rath', was ich hab'!“ ſo ruft er, ſich nähernd, die Hand auf „Gut gemacht!“ rief der Papa, doch die Mutter gewahrte mit Schrecken, Daß ſich Gotthold die Finger gewiſcht mit dem ſchneeweißen Sacktuch; Blutige Striche durchkreuzten es ganz, doch des muthigen Buben Treues Aug' und zerriſſene Finger zerſchmolzen den Groll ihr. Oben war man am Berg jetzt, Marte und Gotthold beſtiegen Wieder den wiegenden Kaſten, und flott kutſchirte der Alte. Jetzt nach luſtiger Fahrt erreichte man endlich die„Weinſteig“, Stärker und ſtärker pochte das Herz Marien und Gotthold, Schon erſchien durch Weinberglücken der Stuttgarter Stiftsdom; Hier war's, wo ſich Marte als Roſſelenker erprobte: Vollen Laufs ging's die Steige hinab, die gewundene, ſteile! Kaum noch hielten die ſchnaubenden Roſſe die rollende Kutſche, Auf flog rings der Staub, und Funken ſprühten die Steine Gleichmüthig rauchte der Pfarrer, beruhigt die Pfarrerin ſtrickte, Denn ſie vertrauten dem Marte, dem ſichern, erfahrenen Führer; „Schnautzer“ in ſicherem Port vor jeglicher Unbild geborgen Zeigt' einem„Spitzer“ zu Fuß, der die pfarrliche Kutſche be⸗ kläffte, Ueber den Schlag ſich reckend den Bart und die fletſchenden Zähne. Aber ein leichtes Grauen befiel Marie, und ſie zupfte Lisbeth heimlich am Rock, ſich beugend über den Kutſch'ſchlag: „Lisbeth! ſind wir bald unten?“ ſo frug ſie, ihr Bangen ver⸗ bergend, „Bald iſch L'ſchea, Jungfer Mari, Gottlob, frei thuet es mer grusle.“ Schon verlor ſich in ſanfterem Hang die ſtürzende Steige, Sanft austrabend entführten den Wagen die dampfenden Gäule Nun in der Vorſtadt eb'nen Verlauf— die Angſt war vorüber. Ausgebreitet vor ihnen, in unentwirrbaren Maſſen Lag die erſehnte Stadt im reizenden Neſenbachthale, Und Spaziergänger ſchon entſandten Gaſſen und Straßen, Mädchen ſchwebten vorbei in ſtolzen modiſchen Röcken, Schauten mit kaltem Blick in die mittelaltrige Landkutſch', Oder auch wollten ſie gar nicht bemerken die ländlichen Gäſte; Wie ein Stich ging dem Pfarrkiud in's Herz dies fremde Ge⸗ bahren, Warme Blicke ja ſandte ſie aus voll Theilnahm' und Neugier, Und kein Menſch, ach, wollte ſie ſehen und freundlich erwiedern; Alll' die Mädchen mit bleichen ſtolzen und feinen Geſichtern Kamen ihr vor wie von anderem Stern, aus anderem Stoffe; Däuchte ſie doch ſich ein ſehenswerth' Bild heut früh vor dem Spiegel, Jetzt zum verachteten Aſchenbrödel meint ſie zu werden— Sie, der Sie, die Freude, der Stolz der einfachen Wohner der Pfarre, Segen und Hort der armen leidenden Dörfler; uUnd eine Thräne, viel herber als die am Morgen vergoſſ'ne, Stahl unwillkürlich ſich aus dem ſanften, tiefblauen Auge. Doch die Kutſche hielt ſtill jetzt in dumpfer, finſterer Gaſſe, „Oha!“ rief Marte,— es war der Hirſch, die Herberg' der Pfarrer. Der Verſchwender. „Wenn ich nicht irre, ſo habe ich das Vergnügen, Mr. N zu ſehen?“ ſagte eine Stimme in engliſcher Sprache zu mir, während ich, nach Beendigung meines Frühſtücks, einige Augenblicke vor der Thüre eines Kaffeehauſes im Palais Royal ſtand und darüber nach⸗ dachte, wie ich den Tag zubringen ſollte. Ich ſah den Sprechenden an, aber obgleich ich mich rühmen konnte, ſelten oder nie die Geſichtszüge einer mir bekannt gewordenen Perſon zu vergeſſen, ſo ließ mich mein Gedächtniß in dieſem Falle dennoch völlig im Stich. Hätte er nicht meinen Namen genannt, ſo würde ich geglaubt haben, daß auf ſeiner Seite ein Irrthum obwalte. Mein Erſtaunen war eben ſo groß über ſein vollkommen gutes Engliſch, wie darüber, daß eine Perſon ſeines Standes und Ranges ſich mir als ein Bekannter vorſtellte. Es war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, in der eng an⸗ ſchließenden Uniform eines Sergeanten bei einem der franzöſiſchen Dragonerregimenter. Sein braunes, locki⸗ ges Haar quoll kurz und kraus unter der ſchmalen Mütze hervor; die klaren blauen Augen ſtanden in grellem Kontraſt mit der gebräunten Wange, deren Farbe augenſcheinlich von Wetter und Sonnenhitze her— rührte, und ſein Geſicht trug keinen andern Haarwuchs, als einen kleinen Schnurrbart. Er war das beſte Modell eines leichten Kavalleriſten, das ich je geſehen hatte— breit in den Schultern, ſchlank, gewandt und muskulös. Seine Haltung war militäriſch und ohne übertriebene Steifheit, wie ſie häufig Unteroffizieren eigen iſt,zund in ſeinem Aeußern lag ein gewiſſer An⸗ ſtand, der unter dem groben Rocke eines gemeinen Soldaten ebenſogut ſichtbar geworden ſein würde, wie unter der feineren Uniform, welche ihm ſeine Eigen⸗ ſchaft als Sergeant zu tragen erlaubte. Allein meine Bewunderung dieſes hübſchen Kriegers trug nichts dazu bei, ihn wiederzuerkennen, obgleich ich, während ich ihn betrachtete, in ſeinem Lächeln über meine augenſchein⸗ liche Verlegenheit Züge zu entdecken glaubte, die mir nicht ganz unbekannt waren. Ohne Zweifel machte ich eine ſehr verlegene Miene, denn er kam mir endlich u Hülfe.. „Ich ſehe, Sie erinnern ſich meiner nicht mehr,“ ſagte er.„Es iſt kaum vier Jahre, ſeit wir uns ge⸗ ſehen haben; aber freilich vier Jahre unter einer afri⸗ kaniſchen Sonne und in einer franzöſiſchen Uniform bewirken eine Veränderung. Ich traf Sie in Warwick⸗ ſhire, im Hauſe Mr. Georg Clinton's, und habe Sie auch ſpäter noch einige Mal geſehen; allein das letzte Mal, daß wir mit einander ſprachen, war, wenn ich nicht irre, auf einem Spazierritte über Harleigh Dowus. Mein Name iſt Francis Oakley.“ Jetzt erkannte ich ihn ſogleich. Während eines kur⸗ zen Beſuches auf dem Landhanſe eines Freundes hatte ich vor ungefähr vier Jahren Mr. Francis Oakley's Bekanntſchaft gemacht, welcher damals grade volljährig⸗ geworden und durch den Tod ſeines Vaters in den Beſitz von einigen tauſend Pfund gelangt war. Die Zinſen dieſer Summe, welche eine hübſche Zubuße zu dem Solde eines Subalternoffiziers oder dem beſchränk⸗ * 5 ten Einkommen eines jungen Kaplans geweſen ſein würden, waren natürlich nicht ausreichend, um die Be⸗ dürfniſſe und Einfälle eines ſolchen Müſſiggängers zu befriddigen, allen ſeinen Mann, wec beſendere S vielmehr auf der el, zu werden w ſpreche, lebt er gab ſo v Gegenſtände ſchlmmer geln vergoſ vätte. All in der offen gen Männ Harleigh H trachteten, keit einiger er ein char und ihre A Wetten bein für den dop gleich wir v men waren auch zugleic ſo blieb ur ich reiste! ringſte Gre der großen viele Perſo ten, als O und er ſein Meinung n zu Vergnüg keien zu ſet Manne hät deſtens fün Zweifel al wir uns! trafen und einem Ba kalte Verbe mit dem e dert Pfun er eben ſüllen Kl ren, in p Gelegenhe ich nicht gnoſtikon al geſtel Prophezei uünſchte, dr, ſeinen und edle nicht von hüufig bi winmenn er bereitn Sinn ko burf u u galh var, See S ie ſleiſhenden ppfte Kuticſſchlag. B angen ver⸗ thuet es mer Steige, fenden Gäule war vorüber Snahen, cen, dlutſch', dichen Giſte fremde Ge⸗ und Neugier, ſc erwiedern; Heſichtern erem Stoffe; rüh vor dem den— der Pfarre, fler; vergoſſ'ne, Auge. r Gaſſe, derberg' der ürde, wie ne Eigen⸗ lein meine nichts dazu end ich ihn ugenſchein⸗ „ die mir machte ich ir endlich ht mehr,“ r uns ge⸗ einer afri⸗ 1 Uniform Warwick⸗ ˖ habe Sie das letzte wenn ich 1 Downls. befriedigen, wie Oakley war. Mr. Francis galt bei allen ſeinen Bekannten für einen„ſchnell lebenden“ Mann, welche Eigenſchaft ſich nicht ſowohl auf eine beſondere Stärke und Feſtigkeit ſeines Charakters, als vielmehr auf die beſondere Geſchwindigkeit bezog, mit der er, ſowie andere Leute ſeiner Art, ſein Geld los zu werden wußte. Grade in jener Zeit, von der ich ſpreche, lebte er ſo„ſchnell“ als möglich, das heißt, er gab ſo viel Geld als möglich für die werthloſeſten Gegenſtände aus; es wäre in der That nicht viel ſchlimmer geweſen, wenn er ſeine Goldſtücke zu Ku⸗ geln vergoſſen und aus den Banknoten Fidibus gemacht hätte. Allein er fand ohne Zweifel ſeine Belohnung in der offenen Bewunderung von zwei oder drei jun⸗ gen Männern ſeiner Klaſſe, welche ſich als Gäſte in Harleigh Hall befanden und ihn wie ein Orakel be— -= 131— ſeiner offenen Hand murmeln hören. Derartige kleine Züge ließen es mich aufrichtig bedauern, daß er im Eil⸗ ſchritt dem Verderben entgegenlief; denn darüber, daß er dieß that, konnte ich keinen Zweifel hegen. Seine Ver⸗ ſchwendung kannte keine Gränzen, und in ſechs Monaten mußte er mit dem Einkommen von eben ſo vielen Jahren fertig geworden ſein. Wo ein Vergnügen zu genießen war, gleichviel was es koſtete, fehlte Oakley nie. Mit einer Revenue von kaum vierhundert Pfund jährlich hielt er ſechs Pferde und zwei Wagen. In der Oper hatte er natürlich ſeine eigene Loge, und eine Reihe koſtbar möblirter Gemächer in der theuerſten Straße von Lon⸗ don, wo er ſeinen durſtigen Freunden und habgierigen Tänzerinnen ſchwelgeriſche Diners und Soupers gab. Die Erſteren bewieſen ihre Dankbarkeit für die freund⸗ liche Bewirthung dadurch, daß ſie ihm das Geld im trachteten, und in der entgegenkommenden Vertraulich⸗ keit einiger älteren Herren, die darauf ſchworen, daß er ein charmanter, liebenswürdiger junger Mann ſei, und ihre Aufrichtigkeit dadurch bewieſen, daß ſie ihm Wetten beim Billardſpiel abgewannen und ihm Pferde für den doppelten Betrag des Werthes verkauften. Ob⸗ gleich wir vier Tage lang in demſelben Hauſe beiſam⸗ men waren und uns täglich beim Mittageſſen ſahen, auch zugleich mit einander ſpazieren gingen oder ritten, eine Wette aus. ſo blieb unſere Bekanntſchaft doch ſehr entfernt, und ich reiste wieder ab, ohne daß zwiſchen uns der ge⸗ ringſte Grad von Vertraulichkeit entſtanden war. Unter der großen Anzahl von Gäſten in Harleigh Hall waren viele Perſonen, welche meinem Geſchmacke mehr zuſag⸗ ten, als Oakley und die ihn umgebenden Schmeichler; und er ſeinerſeits war von dem kürzlich ererbten, ſeiner Meinung nach unerſchöpflichen Vermögen, den Plänen zu Vergnügungen und dem Weihrauch der Schmeiche⸗ leien zu ſehr in Anſpruch genommen, als daß er einem Manne hätte Aufmerkſamkeit ſchenken können, der min⸗ deſtens fünfzehn Jahre älter als er war und ihm ohne Zweifel als„ein langweiliger Menſch“ erſchien. Als wir uns deßhalb in der folgenden Saiſon in London trafen und von Zeit zu Zeit auf der Straße oder in einem Ballſaale begegneten, wurden nur leichte und kalte Verbeugungen zwiſchen uns gewechſelt. Ich ſah, daß Oakley noch immer den Schnelſſchritt fortſetzte, mit dem er angefangen hatte, und mit ein paar hun⸗ dert Pfund jährlichen Einkommens ſo lebte, als wenn er eben ſo viele tauſend beſäße. Die Nähe meines ſtillen Klubbs bei dem eleganten und viel koſtſpielige— ren, in welchem er Aufnahme gefunden hatte, gab mir Gelegenheit, ſeine Lebensweiſe ferner zu beobachten, was ich nicht verabſäumte. Ich hatte im Geiſte das Pro⸗ gnoſtikon für ſeine Laufbahn und ſein endliches Schick— ſal geſtellt, und war neugierig, zu ſehen, ob meine Prophezeiungen eintreffen würden, obgleich ich es nicht wünſchte, da ſie ihm keineswegs günſtig waren, und er, ſeiner vielen Thorheiten ungeachtet, manche gute nicht von jener egoiſtiſchen Beſchaffenheit, wie man ſie häufig bei den Leuten ſeiner Art findet. Er gab einem wimmernden Bettler eben ſo freigebig Almoſen, wie er bereitwillig Hände voll Gold für eine ihm in den Sinn kommende Thorheit oder eine Schwelgerei hin⸗ warf; und einen alten, verkrüppelten Soldaten, der ihm zuweilen das Pferd an der Thüre des Klubbs hielt, hatte ich öfters, nachdem er bereits fortgeritten war, Segensſprüche wegen ſeines guten Herzens und und edle Eigenſchaft beſaß. Seine Verſchwendung war ben, und traf ihn hier öfters. heiß, zu ſtark, oder zu koſtſpielig für ihn. Kartenſpiel abgewannen, und die Letzteren drückten ihre Anhänglichkeit für ihn aus, indem ſie alle koſtbaren Spielereien mitnahmen, welche in den Zimmern umher⸗ lagen, und ihm ſeine diamantene Buſennadel raubten, um ihren Shawl damit zu befeſtigen. Mit einem Worte, er überlieferte ſich den Harpyen vollſtändig. Zu dieſen Abflüſſen aus ſeiner Schatzkammer kamen noch andere, viel ſtärkere. Er ſpielte hoch und ſchlug nie Wie viele thörichte junge Leute(und auch manche alte Thoren), hegte er eine blinde Ehr— furcht vor Rang und hohem Stande, und war der Meinung, daß ein Lord nie etwas Unrechtes begehen könne. Selbſt ein Baronet beſaß in ſeinen Augen ſchon einen gewiſſen Grad von Untrüglichkeit. Nichts, zum Beiſpiel, würde ihn überzeugt haben, daß Lord Rufus Slam, welccher ſich nicht ſelten herabließ, ihm kaltblütig im écarté fünfzig bis hundert Pfund abzu⸗ nehmen, blos deshalb nicht jedes Mal den König beim Geben der Karten aufſchlug, weil er einen ſo elenden Kunſtgriff verachtete und andere weniger auffallende, aber nicht weniger ſchlechte Mittel hatte, ſich den Ge⸗ winn zu ſichern. Der arme Oakley, welcher, ſo lange ſein Vater lebte, ſelten oder nie London beſucht hatte, traute ſich mit einem Male außerordentlich viel Klug⸗ heit und Erfahrung zu und glaubte alle Ränke und Kniffe der Hauptſtadt zu kennen. In Wirklichkeit aber war er noch entſetzlich unerfahren, wurde deßhalb aus⸗ gezogen, und ſah nach Ablauf weniger Monate ſein Vermögen um eine Summe vermindert, die, wie ich vermuthe, ſelbſt ſeinen leichtſinnigen Kopf zum Nach⸗ denken brachte. Das wenigſtens dachte ich, als ich ihn am Schluſſe der Saiſon auf einem nach Boulogne fahrenden Dampfboote traf, wo er ſehr niedergeſchla⸗ gen ausſah. redete ihn an und verſuchte eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen, allein er war verdrießlich und ging nicht darauf ein, und als wir Boulogne erreichten, verlor ich ihn aus dem Geſichte. Nach einem kurzen Umwege kam ich nach Paris, um den Winter über dort zu blei⸗ Die niedergeſchlagene Stimmung, welche er von London mit ſich genommen hatte, ſchien ihn verlaſſen zu haben, denn er war wie⸗ der der Heiterſte unter den Heiteren, und lebte, als wenn ſeine Börſe keinen Boden hätte. Nichts war zu In Eng⸗ land hatte er für einen„ſchnell lebenden Mann“ 17⸗ 5 Kaum war ein Jahr ſeit unſerer Begeg⸗ nung in Harleigh Hall verfloſſen, und ſchon hatte das ausſchweifende Leben die Jugendfriſche von ſeinen Wan⸗ gen vertrieben und ſeine Stirn ſorgenvoll gemacht. Ich⸗ — 1 - 132— gegolten, und in Frankreich nannte man ihn einen viveur enragé. Seine Geſellſchaft war nicht ſehr zu bewundern. Ich ſah ihn entweder mit den ärgſten Wüſtlingen von Paris, den ausſchweifendſten jungen Franzoſen, oder im Kreiſe von Engländern, die, wenn auch Einzelne darunter waren, denen etwas Schlechtes nicht poſitiv nachgewieſen werden konnte, doch meiſtens aus ſolchen Leuten beſtanden, die einen mehr als zwei⸗ felhaften Ruf hatten. Anfangs hielt er ſich in der Geſellſchaft der Franzoſen auf, deren Sprache er ſo gut wie ein Eingeborener kannte, weil er ſeine Jugend in Frankreich verlebt hatte; allein ſpäter verließ er ſie und ſchloß ſich dem engliſchen Cirkel an, und plötzlich verſchwand er gänzlich. Ich begegnete ihm nicht mehr auf den Boulevards, nicht mehr im Bois de Boulogne, und ſah ihn nicht mehr Nachts, von Wein erhitzt, aus dem Café Anglais kom⸗ men. Alle ſeine früheren Gefährten blieben und ſetz⸗ ten ihre gewohnten Ver⸗ gnügungen in den bisher beſuchten Lokalen fort, aber er war nicht mehr ſichtbar. Ich konnte es mir nicht erklären, daß er Paris grade am Anfange der Saiſon verlaſſen haben ſollte, und hielt ihn an⸗ fangs für krank. Allein da eine Woche nach der andern verſtrich, ohne daß Francis Oakley wieder er⸗ ſchien, ſo kam ich endlich zu der Ueberzeugung, daß er Paris verlaſſen habe. Dieſes Verſchwinden är⸗ gerte mich gewiſſermaßen, denn ich hatte mir vor⸗ genommen, ihn bis an das Ende ſeiner Laufbahn zu beobachten. Ueberdieß war bei mir, obgleich wir nie mit einander ſprachen und ſelbſt unſere gegen⸗ ſeitigen Begrüßungen auf⸗ gehört hatten, durch mein langes Beobachten ſeines Thuns und Treibens ein gewiſſes Intereſſe für ihn entſtanden. Nur einmal glaubte ich ihn ſpäter noch flüchtig geſehen zu haben. Ich machte nämlich von Zeit zu Zeit gern Streifereien durch die entfernteren und ſchlechteren Theile von Pa⸗ ris, durch jenes Labyrinth enger Straßen, ſchmutziger Gaſſen und baufälliger Häuſer, wo man die charakte⸗ riſtiſchen Eigenthümlichkeiten der niederen Klaſſen am beſten kennen lernen kann. Als ich eines Abends nach der Dämmerung von einem ſolchen Ausfluge heim⸗ kehrte, wurde ich in einer äußerſt kothigen Straße der Vorſtadt St. Antoine von einem heftigen Regenſchauer überfallen und flüchtete mich unter einen Thorweg. Grade gegenüber befand ſich der Laden einer kleinen Speiſewirthſchaft, in deſſen ſchmutzigem Fenſter eine Schale mit gehacktem Spinat, ein Teller mit gekoch⸗ tem Rindfleiſch, trocken wie ein Brett, und einige ge⸗ ſchmorte Birnenſtücke als Zeichen des lukulliſchen Mahles dienten, welches innerhalb zu haben war. Auf der einen Seite der Ladenthür, deren urſprünglich grüne Farbe vom Regen und Wetter in ein mattes Blau verwandelt worden war, ſtand mit gelben Buchſtaben geſchrieben:»Fricot, Traiteur, donne à boire et à- manger,« während auf der andern Seite die hiero⸗ glyphiſche Darſtellung einer Flaſche, nebſt Glas, mit den Worten:»Bon vin de Macon, à 8 et 10 Sous,« Monſieur Fricots wohlverſehenen Keller zu erkennen gab. Es war eines jener elenden Speiſehäuſer, deren die franzöſiſche Hauptſtadt ſo viele hat, und wo ein Hungriger ſich gegen den Hungertod für denſelben Preis ſchützen kann, für den er im Café Francois einen Zahnſtocher erhält und ein halb Verdurſteter ſich in Kartoffelbranntwein berauſchen kann. Dreitägiges Faſten, oder der Appetit eines Steinſetzers, iſt erfor⸗ derlich, um ein ſolches Lo⸗ kal zu betreten. Neugierig blickte ich nach dem Fen⸗ ſter, durch deſſen Scheiben, an verſchiedenen Stellen mit Papier geflickt, man beim trüben Schimmer zweier Talglichter das Schwingen der eiſernen Gabeln und Löffel undeut⸗ lich erkennen konnte, als plötzlich die Thür geöffnet wurde und ein Mann her⸗ austrat, welcher, ohne den Regen zu beachten, ſchnellen Schrittes fortging. Nur einen Augenblick lang ſah ich ihn, denn im nächſten war er in der Dunkelheit der ſchlecht beleuchteten Straße verſchwunden; al⸗ lein dennoch glaubte ich die Haltung und die Züge Francis Oakley's zu er⸗ kennen. Seitdem ereignete ſich nichts mehr, das mich an ihn hätte erinnern kön nen, und ſchon ſeit Jahre war mir der gutmüthige, aber leichtſinnige Menſch ganz aus dem Gedächtniſſe — gekommen, der einige Zeit lang meine Aufmerkſamkeit erregt hatte. Francis Oakley alſo war es, der jetzt unter den Arkaden des Palais Royal vor mir ſtand. Ich reichte ihm meine Hand und ſagte einige Worte, um die Langſamkeit meines Gedächtniſſes zu entſchuldigen. „O, ich bitte, nur keine Entſchuldigungen,“ war ſeine Antwort.„Von zwanzig meiner früheren Freunde erkennt kaum einer den verſchwenderiſchen Dandy in dem beſcheidenen Sergeant eines Dragonerregiments, und an den Wenigen, die es thun, erkenne ich ſtets bei meiner Annäherung eine große Neigung, ſich auf die andere Seite der Straße zu begeben. Die Leute machen ſich unnütze Mühe, denn ich habe durchaus nicht die Abſicht, ihnen läſtig zu fallen. Seit vier Monaten befinde ich mich in Paris und bin meinen ehemaligen Bekannten faſt täglich begegnet, aber habe noch mit Keinem ein Wort geſprochen. Auch weiß ich kaum, was m Bekanntſcafte es nicht der D Altengland zu ſchen, wenn 6 Wunſch gern „Ganz ge macht mir Fr muß, daß ich bin. Ein Er dienſt in d den Dienſte den Ihre F haben, wenn Ich zaut hatten meine rührt, auf! leicht und ab meine Verlege brochenen Sa „Wenn u dung nicht m kaufen zu kön ich hatte nich doch Sie ſoll die Abenteue jetzt, wie ich mir erzähler ſteht, ob es iſt, und wa und alle d Können Sie „Ein hau derte ich her gen Mannes dnen eingeb „ein halbes machen?“ „So l nehmen,“ fen au ſein rieth, auf aher ) td Freunde dad den Promem wgegen hat düt iſt am beſucht, der . Ohne er j ütt verſ lim diſche Auf der lich grüne ttes Blau Buchſtaben Olre et die hiero⸗ blas, mit 0 Sous,« erkennen ſer, deren d wo ein denſelben Francois rſteter ſich dreitigiges it erfor⸗ ſolches Lo⸗ Neugierig dem Fen⸗ Scheiben, Stellen ct, man Schimmer ter das eiſernen l undeut⸗ unte, als ir Röffnet Mann her⸗ ohne den „ſchnellen ng. Nur lang ſah nächſten dunkelheit leuchteten nden; al⸗ lbte ich die die Züge ¹s zu el⸗ ereignete mern töt it Jahre tmüthig⸗, Menſch sdächtniſſ einige Jiit egiments, ich ſtrts ſich auf ———— Seit vier — das mich 6 3 kaum, was mich veranlaßt hat, Sie anzureden, deſſen Bekanntſchaft mit mir immer nur entfernt war, wenn es nicht der Wunſch iſt, Nachrichten über mein liebes Altengland zu hören; und ich müßte mich ſehr täu⸗ ſchen, wenn Sie nicht der Mann wären, der meinen Wunſch gern erfüllt.“ „Ganz gewiß, Mr. Oakley,“ verſetzte ich.„Es macht mir Freude, Sie zu ſehen, obgleich ich geſtehen muß, daß ich über Ihren jetzigen Stand etwas erſtaunt bin. Ein Engländer hätte, meiner Meinung nach, den Dienſt in der Armee ſeines Vaterlandes jedem frem⸗ den Dienſte vorziehen ſollen; und ohne Zweifel wür⸗ den Ihre Freunde Ihnen eine Offiziersſtelle verſchafft haben, wenn— wenn—“ Ich zauderte und hielt inne, denn unwillkürlich hatten meine Worte delikaten Grund und Boden be— rührt, auf dem ich das Gefühl des jungen Mannes leicht und abſichtslos verletzen konnte. Oakley bemerkte meine Verlegenheit, lächelte und vollendete den unter⸗ brochenen Satz. „Wenn mir nach meiner leichtſinnigen Verſchwen⸗ dung nicht mehr ſo viel Geld blieb, um ſelbſt eine - 133— kaufen zu können, meinen Sie,— nicht wahr? Nun, ich hatte nicht mehr ſo viel Geld, und überdies— doch Sie ſollen Alles erfahren, wenn es Sie intereſſirt, die Abenteuer eines Bruder Liederlich zu hören, der jetzt, wie ich hoffe, gebeſſert iſt. Dagegen ſollen Sie mir erzählen, ob London noch auf dem alten Platze ſteht, ob es noch immer ſo verderbt und ſo angenehm iſt, und was mein alter Freund Georg Clinton macht, und alle die fröhlichen Burſchen in Warvickſhire. Können Sie mir eine Stunde opfern?“ Billardſpieler und Unteroffiziere der Pariſer Garniſon genoſſen ihr Straßburger Bier oder ihr Glas eau-de- vie. Das letzte der Zimmer war leer. Dort zog Oakley zwei Stühle an das Fenſter, beſtellte als Titel zu unſerem längeren Aufenthalte einige Erfriſchungen, ſetzte ſich mir gegenüber, und ließ dann eine förmliche Fluth von Fragen über Perſonen und Verhältniſſe in England auf mich los. Ich antwortete darauf ſo gut ich konnte, und wartete, bis ſich der Strom verlaufen hatte, ehe ich ſelbſt als Fragender auftrat. Nachdem ſeine Neugierde in Bezug auf die Heimath, die er ſchon ſo lange nicht geſehen, einigermaßen befriedigt war, drückte ich den Wunſch aus, ſeine Erlebniſſe und die Verhältniſſe kennen zu lernen, welche ihn zum Solda— ten gemacht hatten. Er ging ſogleich darauf ein, und ſehend, daß ich ihm mit Intereſſe und geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zuhörte, gab er mir eine umſtändliche Schil⸗ derung ſeines Lebens vom Augenblicke unſerer erſten Bekanntſchaft an. Er erzählte mir ſeine Geſchichte mit vieler Lebendigkeit und militäriſcher Schärfe, die mich beinahe in demſelben Grade feſſelte, wie ſeine wirklich ergreifenden Abenteuer. Der erſte Theil, welcher ſich nur auf ſein Leben in London bezog, brachte mir wenig, das ich nicht ſchon wußte oder mindeſtens ver⸗ muthet hatte. Es war die gewöhnliche Geſchichte eines leichtſinnigen, unerfahrenen jungen Mannes, der plötz⸗ lich ohne Führer auf den Ocean des Lebens geworfen wird und bei jeder Bewegung auf die Sandbänke unter dem Waſſer ſtößt. Er war geplündert worden von äußerlich anſtändigen Schwindlern,— nicht gemeinen, ſchmutzigen Betrügern, ſondern Männern von guter Familie und angeblich ſogar Ehre, die ihn gefordert „Ein halbes Dutzend, wenn Sie wollen,“ erwie⸗ derte ich herzlich, denn der offene biedere Ton des jun⸗ gen Mannes, den ich vor wenigen Jahren noch als einen eingebildeten Geck gekannt hatte, gefiel mir, „ein halbes Dutzend! machen?“ „So lange will ich Ihre Güte nicht in Anſpruch nehmen,“ verſetzte er, und fügte, von dem Silberſtrei⸗ fen an ſeinem Aermel, der den Unteroffiziersrang ver⸗ rieth, auf meine feine Civilkleidung blickend, hinzu: naber das Spazierengehen betrifft, ſo mag ich, ) mich meiner Stellung nicht ſchäme, Sie t den verwunderten Blicken Ihrer engliſchen Freunde dadurch ausſetzen, daß ich an Ihrer Seite auf den Promenaden erſcheine. Wenn Sie daher nichts dagegen haben, ſo wollen wir hier hinaufgehen. Der Ort iſt anſtändig und wird, glaube ich, von Niemand beſucht, der Sie kennt.“ Ohne mir weiter Zeit zu laſſen, ihm zu ſagen, Sollen wir einen Spaziergang hatten ihn geprellt. wie gleichgültig mir eine ſolche Kritik ſein würde, trat er in eine Hausthür, über der ein Schild hing, welches ein Schiff mit vollen Segeln und die Unterſchrift trug: Café Hollandais. Wir ſtiegen eine Treppe hinauf und traten dann in eine Reihe geräumiger Zimmer, welche verſchiedene Billardtafeln, Stühle, Bänke und kleine Tiſche zur Benutzung der Trinkenden enthielten. Mehrere Fenſter, durch die man eine Ausſicht auf den hatte P digt über den Nutzen der Mäßigteit zu halten. Deſſen⸗ Garten des Palais Royal hatte, ſtanden offen, wahr— ſcheinlich um den vom vorhergehenden Abende noch her⸗ rührenden Tabaksgeruch aus dem Zimmer zu entfernen. Obgleich es noch nicht Mittag war, ſo raſſelten die und niedergeſchoſſen haben würden, wenn er ihr Wort in Zweifel gezogen hätte, aber keinen Anſtand nahmen, auf feine Weiſe ſeine Taſchen zu leeren. Verſchlagene — Weiber hatten ihn hinter das Licht geführt, falſche Freunde ausgeſogen, und betrügeriſche Geſchäftsleute Nie hatte er daran gedacht, eine Rechnung zu machen,— ausgenommen bei dem Wett⸗ rennen, und dann gewöhnlich eine unrichtige,— oder in eine Rechnung zu blicken, oder eine ſolche zu füh— ren; ſondern wenn er Geld brauchte, und der Bankier ihm anzeigte, daß der deponirte Baraih erſchöpft ſei, ſo ſchrieb er nur ſeinem Mäkler die kurzen Worte: „Verkaufen Sie fünfhundert oder tauſend,“ je nachdem ſein Bedürfniß war. Lange Zeit waren dieſe lakoni⸗ ſchen Aufträge ohne Einwendung ausgeführt worden; aber endlich, gegen das Ende der Londoner Saiſon, erſchien ſein Mäkler, ein ſehr achtbarer Mann, vor ſeinem jungen Klienten, deſſen Vater er viele Jahre lang gekannt hatte, und erlaubte ſich einige beſcheidene Vorſtellungen über die furchtbaren Angriffe, welche Oakley bereits auf das Kapital gemacht hatte. Francis verſuchte über die Bedenklichkeiten des alten Herrn zu lachen und erzählte am Abend der ausgelaſſenen, bei ihm zum Souper verſammelten Geſellſchaft eine amü⸗ ſante Geſchichte von dem alten Philiſter, dem Weiſen des Oſten(d. h. der City), der eine Pilgerfahrt nach St. James*) unternommen hatte, um ihm eine Pre⸗ ungeachtet machten die Mittheilungen des Geſchäfts⸗ mannes einen erſchreckenden Eindruck auf den Verſchwen⸗ der. Er ahnte nicht, wie weit ſein Kapital bereits Billlardbälle doch ſchon kräftig auf den Tafeln, unnd— einige frühe Trinker, meiſtens Ausländer, profeſſionirte *) St. James, das faſhionabelſte Quartier von London. 4ℳ —————— geſchmolzen war, und wurde deßhalb von nicht gerin⸗ gem Schrecken ergriffen, als er erfuhr, daß es ſich ſchon um mehr als die Hälfte vermindert hatte, und zwar in der Zeit von kaum einem Jahre! Momentan ſtieg der Gedanke in ihm auf, ſich beſſern zu wollen, die ausſchweifende Lebensweiſe zu verlaſſen und ſich einem Berufe zu widmen. Allein dieſer gute Vorſatz ſchwand bald wieder. Wie konnte er, der heitere, lebensluſtige Francis Oakley, die Blume der Mode— welt und der Bewunderte von ganz London(wofür er ſich wenigſtens hielt), ſeinen ſtolzen Geiſt ſo demüthi⸗ gen, daß er ſich herab ließ, in dem Geſchäftszimmer eines Advokaten Akten zu ſtudiren, oder als Fähnrich in einem Regimente Dienſte zu nehmen? Oder ſollte er ſich auf der Univerſität blind arbeiten, um im Al— ter von dreißig Jahren endlich einmal eine Kaplans⸗ ſtelle mit hundert Pfund jährlich zu erlangen? Oder ſollte er nach Oſtindien gehen, um ſich von den rebel⸗ liſchen Eingeborenen erſchießen zu laſſen, oder am Fie⸗ ber zu ſterben? Gott bewahre! Was würden Slam und Martingale und Mademoiſelle Entrechat und alle ſeine vornehmeu und fröhlichen Freunde zu einem ſol— chen Hinabſteigen ſagen? Die Idee war zu abgeſchmackt, und Oakley beſchloß deßhalb, alle Gedanken an einen ehrlichen Broderwerb aufzugeben, die Sorgen zu er— tränken und nach dem Grundſatze zu handeln, den er oft im Kreiſe ſeiner bewundernden Freunde ausge⸗ ſprochen hatte, wenn die Champagnerpfropfen auf ſeine Koſten und zu ihrem Beſten flogen, nämlich„ein kur⸗ zes, aber heiteres Leben!“ Er blieb alſo in London bis zum Schluſſe der Saiſon, genoß Alles bis auf die Hefen und begab ſich dann nach dem Continent. Ein Verſuch, ſeine Finanzen in Baden⸗Baden zu verbeſſern, endigte damit, wie ſich erwarten ließ, daß ſie noch weiter reducirt wurden, und endlich trat er den Weg nach Paris an. Unglücklicher Weiſe war ſeine ver⸗ derbliche Lebensweiſe in England von zu kurzer Dauer geweſen, um ihn wirklich zur Beſinnung kommen zu laſſen, und die eigene Meinung von ſeiner Weltkennt⸗ niß ſo groß, daß er den Rath und die Erfahrung der wenigen wohlmeinenden Freunde gänzlich von ſich wies, und deßhalb, obgleich bereits mehr als halb zu Grunde gerichtet, in ſeindr Verblendung beharrte. Er glaubte an die Aufrichtigkeit ſeiner vornehmen Freunde, die Treue ſeiner Maitreſſen und die Uneigennützigkeit des Menſchengeſchlechts im Allgemeinen, oder wenigſtens desjenigen Theils deſſelben, mit dem er in Verkehr ſtand. Der Vogel hatte bereits ſeine Federn auf der Leimruthe gelaſſen, aber war deſſen ungeachtet immer noch eben ſo bereit, wie früher, wieder in die Fallen zu gehen, deren es in Paris, wohlgeködert und ſorg⸗ fältig verdeckt, nur zu viele gab. „Ich kann die Geſellſchaft kaum beſchreiben, in die ich gleich nach meiner Ankunft in Paris gerieth,“ ſagte Oakley, als er zu dieſem Theile ſeiner Geſchichte kam. „Sie beſtand aus einem bunten Gemiſch und war je— denfalls mehr unterhaltend als anſtändig. Es befan⸗ den ſich darunter mehrere Perſonen, die ich bereits in London gekannt hatte, entweder Engländer oder lebens⸗. luſtige junge Franzoſen, welche einige Monate vorher einer, und Sie dürfen ſich deßhalb nicht ſcheuen, dann Die mitge⸗ zum Beſuche hinüber gekommen waren. nommenen Empfehlungsbriefe, von denen mehrere mir Eintritt in die beſten Pariſer Geſellſchaften verſchafft haben würden, vernachläſſigte ich faſt gänzlich, und — 134— Geier zu errathen, welche mich umflatterten. zog die Geſellſchaft der heiteren Gefährten vor, an die ich von meinen Londoner Trink⸗ und Spielbrüdern em⸗ pfohlen worden war. Wohrſcheinlich galt ihnen jedoch meine noch ziemlich gefüllte Taſche und die Sorgloſig⸗ keit, mit der ich mein Geld verthat, als die beſte Empfehlung. Ich wußte, daß ich mich auf dem gra⸗ den Wege zum Verderben befand; allein mein Fuhr⸗ werk war durch den abſchüſſigen Pfad in einen ſo wil⸗ den, ungeſtümen Lauf gerathen, daß ich es nicht mehr aufzuhalten vermochte, und machtlos meine Augen vor dem verderblichen Stoße ſchloß, der mich am Ende der Bahn unvermeidlich zerſchmettern mußte. „Es währte auch nicht mehr lange. Obgleich in Frankreich erzogen und daher mit der Landesſprache ſo genau bekannt, wie ein Eingeborener, ſchloß ich mich doch lieber meinen Landsleuten, als den Franzoſen an, und entfernte mich deßhalb allmählig von denjenigen, mit denen ich während der erſten Monate meines Auf⸗ enthaltes in Paris die meiſte Zeit verbracht hatte. Allein ich kam vom Regen in die Traufe, denn meine neuen Gefährten waren gemeine Betrüger, die nichts Anderes wollten, als einen ſolchen Vogel rupfen, wie ich war. Anfangs behandelten ſie mich mit Schonung, aus Furcht, das Spiel zu verderben, wenn ſie die Plünderung zu ſchnell und zu großartig betrieben. Es wurde mir von ihnen viel Aufmerkſamkeit bewieſen; ſie beehrten mich häufig mit ihrer Geſellſchaft bei ⸗Tiſche, vergaßen zuweilen ihre Börſen und entlehnten Geld von mir, ohne es zurückzuzahlen, und arrangirten Spielparthien, bei denen ich manchmal gewinnen durfte. Allein mein Gewinn verhielt ſich zum Verluſt wie eins zu zehn, und eine unkluge Vertrauensſchenkung von meiner Seite beſchleunigte die Kataſtrophe. „Mein intimſter Freund war ein gewiſſer Henry Darvel, ein großer Mann, von bleicher Geſichtsfarbe, und um mehrere Jahre älter als ich, deſſen Züge hübſch geweſen ſein würden, wenn in den grauen Au⸗ gen nicht eine gewiſſe Unruhe und im Ausdrucke eine abſtoßende Kälte gelegen hätte, welche Leuten desjenigen Berufes häufig eigen iſt, dem er, wie ich ſpäter er⸗ fuhr, angehörte. Ich hatte ihn zuerſt in Baden ken⸗ nen gelernt und ſpäter in Paris getroffen, wo er bald mein ſteter Gefährte wurde. Von ſeinen Verhältniſſen wußte ich weiter nichts, als daß er eine große Bekannt⸗ ſchaft hatte, auf gutem Fuße lebte, viel Geld ausgab und ein höchſt angenehmer Geſellſchafter war. Ich hatte durch Erfahrung allmählig gelerut, Schmeichelei zu durchſchauen, wenn ſie nicht ſehr geſchickt angewen⸗ det wurde, und die wahre Abſicht vieler derjenigen Allein Darvel ſchmeichelte mir nie; ſein Benehmen war eher rauh und barſch zu nennen, und von Zeit zu Zeit gab er mir gutem Rath ünter dem Scheine wahrer Freund⸗ ſchaft und der Beſorgniß für mein Wohl.„Sie ſind noch jung,“ pflegte er zu ſagen, ‚und haben doch ſchon manche Erfahrungen geſammelt; aber ich bin ein alter Praktikus, der ſten enand Saiſon in Paris mitge— macht hat. Ich will Sie nicht wie ein Kind behan⸗ deln, und Sie ſind auch nicht der Mann, ſich ſo be⸗ handeln zu laſſen; allein zwei Köpfe ſind beſſer als und wann einen Wink von mir anzunehmen. Paris iſt ein gefährlicher Ort, wo es eine abſcheuliche Brut von Schwindlern gibt.: Ich hatte keine Ahnung, daß mein gütiger Rathgeber einer der gefährlichſten dieſer Klaſſe war, ſondern ſchenkte ihm volles Vertrauen, — und machte! allmählig vo überhaupt ge ſeinn Hünde „Eines Brief meines mir erweckt trauten, und Nath, meine Ohne Erſtac dß er ſich Mittel find lungen in ſicherte mich mich guten noch Zeit g und rieth beſchränken, von ſeiner mich etvas ſeine Vrrſpr gaß wider; Ahnung hate Vertrauen v bisher geſch ſchehen, ſor genau bekar und die S einen zu h wußten ſie Eier geſchl Vermögen daß ich, ſol ein Bettler von meiner Steudel vo lich nicht r und ba g beſuchte e mit mir. „Sper iſche Vfei ſesßelten verſett hat Geflügel, Chamberti kleines S natürlich, und Ringy wir, und .„Bexe gingen aus Wenige Se brüdern en⸗ ihnen jdoch b Sorgloſig⸗ 8 die beſte f dem gra⸗ mein Fuhr⸗ enen ſo wil⸗ nicht mehr Augen vor m Ende der Oögleich in esſprache ſo loß ich mich ranzoſen an, denfenigen, meines Auf⸗ racht hatte denn meine die nichts rupfen, wie Schonung, un ſie die rieben. Es t bowieſen; tbei Tiſche, ehnten Geld arrangirten innen durfte luſt wie eins enkung von iſſer Henry eſichtsfarbe, eſſen Züge grauen Au⸗ adrucke eine —n desjenigen h ſpäter er⸗ Baden ken⸗ wo er bald Verhältniſſen de Bekalutt. he Bekalntk Geſewvenen Abenteuers in ein faſt krampfhaftes Lachen Held ausgab war. Ich Schmechelti dt angenen⸗ er derfenigen rten. Allein ren war eher t zu eit 8 1 Freund⸗ hrer Frell Si ſind . Wi To m doch ſchor 3 lter und machte mich, ſeinen Einflüſterungen Gehör gebend, allmählig von den wenigen achtbaren Freunden, die ich überhaupt gehabt hatte, ganz los, und überlieferte mich ſeinen Händen und denen ſeiner Helfershelfer. „Eines unglücklichen Tages, als ein warnender Brief meines würdigen alten Mäklers neue Unruhe bei mir erweckt hatte, machte ich Darvel zu meinem Ver⸗ trauten, und fragte ihn über die Mittel und Wege um Rath, meine ruinirten Verhältniſſe wieder herzuſtellen. Ohne Erſtaunen zu verrathen, hörte er mich an, ſagte, daß er ſich die Sache überlegen wolle, und gewiß ein Mittel finden werde, ſprach von vortheilhaften Stel⸗ lungen in England, über die er zu verfügen habe, ver⸗ ſicherte mich ſeiner Theilnahme und Freundſchaft, hieß mich guten Muthes ſein und nicht verzweifeln, da mir noch Zeit genug bleibe, einen andern Pfad zu betreten, und rieth mir, einſtweilen meine Ausgaben etwas zu beſchränken, und gelegentlich einen freundlichen Wink von ſeiner Seite nicht übel zu nehmen, im Falle er mich etwas zu hitzig handeln ſähe. Sein Ton und ſeine Verſprechungen heiterten mich auf, und ich ver⸗ gaß wieder meine mißliche Lage. Nicht die entfernteſte Ahnung hatte ich davon, daß dieſes übel angebrachte Vertrauen mein Schickſal beſiegelte. Wenn man mich bisher geſchont hatte, ſo war es nicht aus Mitleid ge⸗ ſchehen, ſondern lediglich, weil meine Verhältniſſe nicht genau bekannt waren, mein Vermögen überſchätzt wurde, und die Schurken befürchteten, den ganzen Plan durch einen zu heftigen Angriff auf mich zu verderben. Jetzt wußten ſie, daß die Gans ohne den Verluſt goldener Eier geſchlachtet werden konnte, daß mein geſammtes Vermögen noch in— zweitauſend Pfund beſtand, und daß ich, ſobald ſie mir auch dieſe abgenommen hatten, ein Bettler war. Darvel kam zwei Tage lang nicht von meiner Seite, erhielt mich fortwährend in einem Strudel von Zerſtreuungen, und bot alle ſeine wirk⸗ lich nicht unbedeutenden Kräfte auf, mich zu amüſiren und bei guter Laune zu erhalten. Am dritten Tage beſuchte er mich ſchon Morgens und früſſtückte mit mir. „Speiſen Sie heute bei mir, ſagte er, ſeine tür⸗ iſche Pfeife ron hend, nachdem er mich durch die nes ihm am vorhergehenden Abende zu⸗ verſetzt hatte. ‚Junggeſellen⸗Koſt natürlich,— etwas Geflügel, ein Stückchen Braten und ein Glas von dem Chambertin, der Ihnen ſo gut ſchmeckt. Nachher ein kleines Spiel zur Unterhaltung,— ganz unter uns, natürlich,— keine hohen Sätze. Ich will Lowther und Ringwood dazu einladen. Um ſieben Uhr ſpeiſen wir, und um zwölf geht's in's Bett. „Bereitwillig nahm ich die Einladung an, und wir gingen aus, um die beiden andern Gäſte aufzuſuchen. Wenige Schritte brachten uns zu Thomas Ringwood's Wohnung, welcher unter ſeinen Vertrauten als„der Eiſenfreſſer“ bekannt war, ein Spitznahme, den ſie ihm wegen ſeiner rauhen Stimme, ſeines barſchen Weſens und einer ſeltenen Geſchicklichkeit im Fauſt⸗ kampfe beizelegt hatten. Er gehörte einer wohlbekann⸗ ten, üie hugen engliſchen Familie an, die alles Mögliche verſucht hatte, um ihn davon abzuhalten, ihren Namen durch ſeine ſchlechte Lebensweiſe zu ent⸗ ehren. In heteidung und äußerem Weſen affektirte er den ſchlichten, egraden Engländer, trug einen blauen Nock, lederne Pandſchuhe, oder gar keine, und einen 8 —— 135— Hut mit breiter Krempe, ſprach von allen Ausländern mit ſupremer Verachtung, und nannte ſich ſelbſt den „ehrlichen Tom Ringwood.“ Dieſe Lippenehrlichkeit und affektirte Geradheit waren Gegenſtand ſteter Scherze unter denjenigen, welche ſeinen wahren Charakter beſſer kannten, aber galten für ächt bei unerfahrenen, friſch angekommenen jungen Leuten, wie ich war, welche ihn in gutem Glauben für einen wohlhabenden und acht⸗ baren engliſchen Gentleman hielten. „Ningwood war zu Hauſe und gerade in einer Privatübung mit einem viel verſprechenden jungen Preis⸗ fechter aus Oxford begriffen, der, nachdem er ſeinen Gegner im Kampfe getödtet hatte, nach Paris gekom⸗ men war, um andere Luft zu genießen. Engliſches Porterbier in Flaſchen ſtand auf dem Tiſche, Sand bedeckte den Fußboden, um das Ausgleiten zu verhin⸗ dern, und die Wände waren mit zahlreichen Porträts wohlbekannter Pugiliſten, Abbildungen von Rennpfer⸗ den, Boxhandſchuhen, eiſernen Masken und anderen ähnlichen Gegenſtänden behangen. In einem behag⸗ lichen Armſtuhle ſaß Archibald Lowther, des ehrlichen Tom nächſter Verbündeter, welcher in jeder Beziehung den Gegenſatz ſeines Freundes bildete. So wie Ring⸗ wood den rauhen Britten affektirte, ſpielte Lowther den Gecken und Ausländer, trug einen vollen Bart, bril⸗ lante Weſten, beſaß Dutzende von Hemdknöpfen und Ringen, lispelte ſeine Worte nur mit Hülfe eines ſil⸗ bernen Zahnſtochers und trug fortwährend ein Lächeln höchſter Liebenswürdigkeit auf ſeinem braunen, aber hübſchen Geſichte. Glücklicher, oder für mich unglück⸗ licher Weiſe waren beide Herren an dieſem Abende frei. Der Tag wurde deßhalb mit Spazierengehen, Billiard⸗ ſpielen und anderen Zerſtreungen zugebracht, und um ſieben Uhr ſetzten wir uns zum Mittageſſen nieder. Es fiel mir damals nicht auf, daß, obgleich Darvels Einladung den Schein einer ganz unvorbereiteten haben ſollte, dennoch Alles bei unſerem Erſcheinen bereit war. Das verſprochene Geflügel und der Braten kamen zwar nicht, aber ſtatt deſſen ſtand ein ausgeſuchtes Mahl mit den feinſten Weinen vor uns. Ich befand mich in der heiterſten Laune, trank ohne Maß, und war um zehn Uhr, am Schluſſe des Eſſens, bereits in großer Aufregung, wenn auch noch nicht trunken. Dann folgte Kaffee mit Cognac, und während Darvel in einem Nebenzimmer noch beſonders feine Cigarren für mich ſuchte, und Lowther den Tiſch abräumte, und Karten und Würfel herbeiholte, ließ ſich Ringwood Zucker und Citronen bringen und bereitete eine Bowle ſtarken Punſch. Es war klar, daß eine ſchwelgeriſche⸗ Nacht folgen ſollte. Darvels Erklärung, daß er kein hohes Spiel in ſeiner Wohnung dulde und jeden um zwölf Uhr hinauswerfen werde, wurde von mir mit lautem Gelächter beantwortet, in das Lowther, allem Anſcheine nach ſchon halb betrunken, eben ſo laut ein— ſtimmte. Wir begannen das Spiel mit niedrigen Sätzen, und das Glück begünſtigte mich auf Koſten von Ringwood und Lowther. Erſterer wurde verdrieß⸗ lich, und Letzterer zänkiſch, verwünſchte ſein Unglück und beſtand darauf, daß die Sätze erhöht würden. Darvel wollte dies nicht zugeben; allein ich, als Ge⸗ winner, hielt es für meine Pflicht, ihm zu widerſpre⸗ chen, und die Stimmenmehrheit entſchied endlich. Die Sätze wurden verdoppelt, vervierfacht und erreichten endlich eine wahnſinnige Höhe. Bald nachher kamen noch ein paar„Freunde“, in vollem Abendſtaat, weißen Weſten mit goldenen Knöpfen, Glacehandſchuhen ꝛc. leiſten, (Siehe Bild S. 137.) Sie befanden ſich auf dem Wege, ſagten ſie, zu einer Abendgeſellſchaft bei der Marquiſe von Multepulciano, aber hatten in Darvels Fenſtern Licht bemerkt, und waren deßhalb nur herauf gekommen, um zu ſehen, was vorgehe. Mit vieler Mühe ließen 136 ſie ſich endlich bereden, am Spiele Theil zu nehmen, und die Marquiſe im Stich zu laſſen. war ich es, der, vom Trunke erhitzt und in überfließen⸗ der Heiterkeit auf ihr Bleiben beſtand. Meine drei anderen Freunde waren nicht ſo dringend in ihren Bitten, und als ich ſpäter über jenen unglücklichen Abend nachdachte, erinnerte ich mich ſogar deutlich ge— welche kamen, um an ihrer Beute Theil zu nehmen, ärgerliche Blicke unter einander wechſelten. Das wür⸗ dige Trio hätte mich gerne allein für ſich behalten. Sie unterdrückten jedoch ihre Mißſtimmung und ließen äußerlich nur Herzlichkeit und gute Laune ſehen. Der „Eiſenfreſſer“ braute eine Bowle nach der anderen, und ich verſchlang das glühende, berauſchende Getränk, bis ich keine Karte mehr erkennen konnte. Doch genug; Namentlich brachte mir Zeitungen, erzählte die Tagesneuig⸗ keiten, und ließ nicht ſelten Anſpielungen auf beſſere Zeiten fallen, welche mir noch, wie er ſagte, bevor ſtänden, und in denen die blinde Göttin mir wieder lächeln würde. Endlich erfuhr ich, um welchen Preis ihre Gunſt zu erkaufen ſei. Ich war geneſen, und der Arzt hatte gerade ſeinen letzten Beſuch bei mir ge⸗ macht und meinen letzten Napoleon mit ſich genommen, als Darvel in mein Zimmer trat. Nach den üblichen formellen Fragen ſetzte er ſich ſchweigend und mit düſte⸗ rer Miene an das Kaminfeuer. Dies mußte mir auf⸗ fallen, da er ſonſt immer ſehr heiter und geſprächig in ſeinen Beſuchen geweſen war. Ich fragte deßhalb, ſehen zu haben, daß ſie beim Eintritte jener Raubvögel, i Scenen, wie dieſe, ſind zu oft geſchildert worden, als daß ſie großes Intereſſe erwecken könnte. Uhr vom Fieber geſchüttelt, beſinnungslos und— ein Bett⸗ ler. Auch das letzte Goldſtück bei meinem Londoner Mäkler war meinen„Freunden“ überwieſen worden. „Lowther, der, allem Anſcheine nach, am wenig⸗ ſten nüchterne und zugleich ſchlechteſte Spieler in der Geſellſchaft, war der Hauptgewinner. Ringwood hatte nur wenig gewonnen; die beiden Fremden aber, die Freunde der Marquiſe von Montepulciano, trugen keinen unerheblichen Theil der Beute davon, obgleich ſie verſicherten, daß ihr Gewinnſt nur ganz geringfügig ſei. Darvel, welcher öfters verſucht hatte, dem Spiel Einhalt zu thun, aber durch Lowthers Heftigkeit und Ringwoods mürriſche Grobheit daran verhindert wor⸗ den war, befand ſich anſche im Verluſt. Allein was that das, wenn nur ſeine Verbündeten gewonnen hatten! Auch unter Dieben beſteht ein gewiſſes Ehren⸗ geſetz, und ohne Zweifel theilten ſie am nächſten Tage ihren Raub gleichmäßig unter ſich. „Zwei Tage verſtrichen, ehe ich einen meiner güti⸗ gen Freunde wieder ſah. Den nächſtfolgenden brachte ich im Bette zu, erſchöpft und niedergeſchlagen, und Um ſechs nicht den Muth, auszugehen, und Jemandem zu be⸗ gegnen. Endlich kam Darvel zu mir, drückte große Bekümmerniß über meinen Verluſt aus, tadelte meine Hartnäckigkeit, mit der ich das hohe Spiel gegen ſei⸗ nen Rath fortgeſetzt hatte, und ergoß ſich in heftigen Invektiven gegen Lowther. In Folge der Angſt und unmäßigen Schwelgereien war ich jetzt wirklich krank. Darvel beſtand deßhalb darauf, mir ſeinen Arzt zu ſchicken, und verließ mich mit den Ausdrücken der in⸗ nigſten Theilnahme und dem Verſprechen, am folgen⸗ den Tage wieder zu kommen.. „Alle dieſe Aufmerkſamkeiten wurden jedoch nicht ohne Abſicht verſchwendet. Die Bande hatte die Ent⸗ deckung gemacht, daß ich ihnen noch von Nutzen ſein könne. Auf welche Weiſe? ſollte ich bald erfahren. In der folgenden Woche, während deren ich zu Hauſe blieb, weil ich an einer Art von ſchleichendem Fieber litt, kam Darvel faſt täglich, um mir Geſellſchaft zu Morgens endlich warf ich mich auf mein Bett, ob ihm etwas Unangenehmes begegnet ſei. „Ja— nein,“ verſetzte er; ‚nicht gerade mir; um Ihretwillen bin ich verſtimmt.“ „Um meinetwillen?: „Allerdings. Ich hatte vor mehreren Tagen nach England an einige hochgeſtellte Freunde geſchrieben und ſie gebeten, Ihnen eine gute Stellung zu verſchaffen, und habe heute Antwort erhalten.“ „Nun, keine gute?: „Leider nicht,— nur kalte Vertröſtungen; viele Verſprechungen, wie gewöhnlich, mit dem Bemerken, daß noch mehrere Andere da wären, denen vor Ihnen geholfen werden müſſe, und daß Sie noch einige Mo⸗ nate— was bei ſolchen Leuten einige Jahre bedeutet ) — zu warten hätten, ehe etwas geſchehen könne. Das thut mir unendlich leid!“ „Mir auch! antwortete ich traurig, worauf eine kurze Pauſe eintrat. „Wie ſieht's mit Ihrer Kaſſe aus?: fragte Darvel. „Dort, auf dem Kaminbrett, wird noch etwas kleines Geld liegen— es iſt mein letztes.: „Den Teufel auch! Das geht nicht! Wir müſſen Schatzkammer auf irgend eine Weiſe wieder fül⸗ Es muß etwas geſchehen für Sie!: „Das iſt leicht zu ſagen,“ erwiederte ich, zaber wie? Wenn Sie mir nicht einen Gewinn in der Lot⸗ terie verſchaffen, oder einen verborgenen Schatz zeigen können, ſo wird meine Börſe wahrſcheinlich ſo leer bleiben, wie ſie jetzt iſt. Ihre len. „Pah! verborgene Schätze brauchen wir nicht Es laſſen ſich immer noch Schätze für diejenigen finden, die geſchickt zu ſuchen wiſſen. Freilich, nichts iſt ohne MWMihe dachte über meine verzweifelte Lage nach. Ich hatte Menhe. „Die Mühe würde ich nicht ſcheuen.: „Das wohl nicht; aber funge Herren ſind zuwei⸗ len ſehr ſtolz, eigenſinnig und bedenklich.“ „Pah!“ rief ich jetzt, ‚Sie wiſſen, daß meine Ver⸗ hältniſſe mir das nicht erlauben. Geld muß ich be⸗ kommen, gleichviel auf welche Weiſe.” „Ich ſprach, ohne zu überlegen, und ohne meine Worte gehörig abzuwägen, aber auch ohne böſe Abſicht. Nur die Bereitwilligkeit wollte ich ausdrücken, für mei⸗ nen Unterhalt auf jede mögliche Weiſe zu arbeiten, die ich noch vor vierzehn Tagen mit Verachtung von mir gewieſen haben würde. Darvel verſtand ich jedoch anders, und dachte muthmaßlich, daß meine Ausſchwei⸗ fungen das Gefühl für Ehre und Rechtlichßeit bei mir abgeſtumpft hätten, und daß ich für ſchee Abſichten reif ſei. Nach einer kurzen Pauſe frie M er deßhalb mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit: b „Beiläufig, ſind Sie vielleicht hät den jungen Da dur ſch ſind ſie hier land und wollen Sie Mühe wert l — Schaalen meine Wi ich deutli = dort, m ſammen mit ihn Wulehhe ſchwer fa machen. und führer lung. W laſſen, u in die Ta venn igen Fre können. Füierſtun Lagesneuig⸗ auf beſſere agte, bevor mir wieder lchen Preis neſen, und ſei mir ge⸗ genommen, en üblichen mit düſte⸗ wir auf⸗ dgiſprächig gie deßhalb, d te ee mir; um Tagen nach hrieben und verſchaffen, gen; viele Bemerken, vor Ihnen ſenige Mo⸗ hre bedeutet önne. Das vorauf eine te Darvel. noch etwas zir müſſen wieder fül⸗ ich, aber in der Lot⸗ Schat zeigen ich ſo leer aicht Es gen finden, chts iſt ohne ſind zuwi⸗ meine Ver⸗ nuß ich be⸗ ohnte meine böſe Abſicht. für mel⸗ rrbeiten, di ng von mil Fjch jsdoch Ausſchwer⸗ it bei mü . Abſichten er dejhal den fungel - 137— Daltons, den Söhnen des reichen alten Baronet, Sir William Dalton, näher bekannt?: „Nur ſehr entfernt,“ verſetzte ich. Ich habe ſie einige Male geſehen, aber vor langer Zeit, und würde ſchwerlich mit ihnen ſprechen, wenn wir uns wieder treffen ſollten. Hauslehrer erzogen und am Gängelbande geführt wor⸗ den ſind. „So müſſen ſie ſich losgeriſſen haben; denn geſtern ſind ſie hier auf ihrem Wege nach Italien, Griechen⸗ land und Gott weiß wohin angekommen. Warum wollen Sie ihnen keinen Beſuch machen? Es iſt der Mühe werth. Sie ſollen Kreditbriefe für ungeheure M 1 Summen auf Paris und andere Städte bei ſich führen.“ „Ich ſehe nicht ein, weßhalb ich einen Beſuch bei ihnen machen ſollte, und was ſie oder ihre Kreditbriefe mir nützen können.: Es ſind höchſt beſchränkte Menſchen, die von einer albernen Mutter und einem puritaniſchen V V „Pah, wer weiß! Sie bleiben einen Monat hier, es kann immer zu etwas führen.“ „Zu was?“ fragte ich gleichgültig. „Darvel machte eine ungeduldige Bewegung. „Sie verſtehen heute ſehr ſchwer,“ erwiederte er. „Erinnern Sie ſich nicht, daß ein großer Dichter ſagt, die Welt ſei eine Auſter, welche nur von klugen Leu⸗ ten geöffnet werden könne? Nun ſehen Sie, dieſe Daltons ſind die beſte Art von Auſtern, denn ihre (Siehe S. 136.) Schaalen ſind mit Perlen beſetzt.— Gut, wenn Sie meine Winke durchaus nicht verſtehen wollen, ſo muß ich deutlicher ſprechen. Speiſen Sie heute im Hotel W— an der Table d'hote. Die Daltons logiren dort, und Sie werden daher jedenfalls mit ihnen zu⸗ ſammen kommen. Erneuern Sie Ihre Bekanntſchaft mit ihnen, oder knüpfen Sie eine friſche an, wie Sie wollen. Es kann Ihnen bei Ihrer Gewandtheit nicht ſchwer fallen, zwei ſolche Neulinge zu Freunden zu machen. Schenken Sie ihnen tüchtig Burgunder ein, und führen Sie ſie dann hierher, oder in meine Woh⸗ nung. Wir wollen Lowther und Ringwood kommen laſſen, und es ſoll Ihnen mindeſtens hundert Pfund in die Taſche bringen. „Ich müßte in der That blödſinnig geweſen ſein, wenn ich über die Meinung und Abſichten meines wür⸗ digen Freundes noch die leiſeſten Zweifel hätte hegen können. Wie durch einen Zauberſtab berührt, fielen Feierſtunden. 1863. mir die Schuppen von den Augen; alle bisherigen Illuſionen ſchwanden, und ich ſah mich und meine Gefährten im wahren Lichte,— mich als einen betro⸗ genen Gimpel, und meine Freunde als gemeine Gau⸗ ner. So betäubt und verwirrt war ich durch dieſe plötzliche Wahrnehmung, daß ich eine Minute lang ſprach⸗ und regungslos da ſtand. Er hielt mein Schwei⸗ gen für Beiſtimmung und öffnete den Mund, um mit ſeinen Rathſchlägen und Unterweiſungen fortzufahren, als bei mir, durch ſeine verhaßte Stimme erweckt, auf dieſe Betäubung die heftigſte Empörung folgte. Ich packte ihn beim Kragen, ergriff eine in der Nähe lie⸗ gende Reitgerte, und peitſchte den Böſewicht durch die Stube, ſo lange ich meinen Arm rühren konnte, und bis ſich die Bewohner des Hauſes, durch ſein Geſchrei herbei gelockt, vor der Thüre meines Zimmers ver⸗ ſammelten. Zu ſehr aufgebracht, dies zu beachten, warf ich den Elenden hinaus und blieb allein zurück, 18 um über meine begangenen Thorheiten und meine ge⸗ genwärtige ſchwer bedrängte Lage mit Muße nachzu⸗ denken. An den erſteren war nichts mehr zu ändern, und die letztere ſollte bald noch ſchlimmer werden. Darvel hatte ſich an den Wirth meines Hauſes gewen⸗ det— was er ihm geſagt, weiß ich nicht— und zwei Tage ſpäter empfing ich, da der Monat gerade zu Ende war, eine hohe Rechnung mit der Anzeige, daß die Wohnung an eine andere Perſon vermiethet worden ſei und deßhalb augenblicklich von mir geräumt werden müſſe. Ich war zu ſtolz, um auf dieſe Ungezogenheit zu antworten, und zu arm, um eine ſo koſtſpielige Wohnung ferner beibehalten zu können. Geld beſaß ich nicht, und mußte deßhalb den größeren Theil mei⸗ ner beweglichen Habe opfern. Die Forderung des Wirthes wurde aus dem Erlöſe bezahlt, und mit ſchwe⸗ rem Herzen, leichtem Koffer und ungefähr hundert Franken in der Taſche bezog ich ein billiges Dachzim⸗ mer in einer elenden Vorſtadt. „Sie werden vielleicht denken, daß ich zu raſch ge⸗ handelt habe, und, ehe es zu dieſem Aeußerſten kam, den Beiſtand meiner Freunde hätte nachſuchen ſollen; allein darauf muß ich erwiedern, daß ich die wenigen Perſonen, welche vielleicht geneigt geweſen wären, mir zu helfen, ſchon lange gänzlich vernachläſſigt hatte, um alle meine Zeit den Freunden zu widmen, von denen ich ſo unbarmherzig ausgezogen worden war. es jedoch auch anders geweſen wäre, würde ich ſchwer⸗ lich zu dieſem Mittel geſchritten ſein, da ich, nur ge⸗ wohnt zu geben und zu leihen, das Bitten und Bor⸗ gen nicht verſtand. Das Erſte, was ich that, ſobald ich mein Zimmer im ſechsten Stock für zwanzig Fran⸗ ken bezogen hatte, war, an meinen Oheim in England zu ſchreiben, ihm die Schurkerei zu ſchildern, deren Opfer ich geworden war, und meine Reue über die begangenen Thorheiten, ſowie den Wunſch auszudrücken, ſie durch ein von nun an beginnendes thätiges Leben wieder gut zu machen. Ich fragte ihn um Rath, wel⸗ chen Weg ich zu dieſem Zwecke einſchlagen ſollte, er⸗ klärte meine Vorliebe für die militäriſche Laufbahn, und erbat als einzige Gunſt von ihm, mir in der brittiſchen Armee eine Offiziersſtelle zu kaufen. Die Antwort darauf kam mit umgehender Poſt; ihre Schnel⸗ ligkeit ließ mich den Inhalt ahnen. Meine Hoffnung wurde bitter getäuſcht. Der Agent meines Oheims ſchrieb mir in ſeinem Auftrage, daß Mr. Oakley, auf Schloß Oakley, nicht geneigt ſein könne, irgend etwas für einen Neffen zu thun, der ſich durch ſeine Ver⸗ ſchwendung und liederliche Lebensweiſe entehrt habe, und daß alle ferneren Briefe unbeantwortet bleiben würden. Dieſe Behandlung war nicht unverdient, wie mir mein Bewußtſein ſagte, aber ich hätte wenigſtens mildere Worte vom älteren Bruder meines verſtorbe⸗ nen Vaters erwarten dürfen. Die Koſten des geringen Beiſtandes, den ich von ihm erbeten hatte, würde er aus ſeinem Einkommen von zehntauſend Pfund jähr⸗ lich nicht vermißt haben. Es war für mich das erſte Beiſpiel der häufig zwiſchen Verwandten beſtehenden Kälte und Entfremdung. Ich ſammelte Erfahrungen, für die ich im Voraus einen ſchweren Preis bezahlt hatte.. „Natürlich dachte ich nicht daran, eine auf ſo grau⸗ ſame Weiſe abgeſchlagene Bitte zu wiederholen, ſon⸗ dern beſchloß, mich gänzlich auf mich ſelbſt zu ver⸗ laſſen, und irgend eine, wenn auch noch ſo niedrige 138— Wenn Beſchäftigung zu wählen, welche meine Exiſtenz ſicherte. Keine Ahnung hatte ich davon, wie ſchwierig es war, eine ſolche zu finden, bis ich den Verſuch machte. Da ich keine Kunſt, kein Handwerk gelernt hatte, ſo wußte ich nicht, wohin ich mich wenden, welche Art der Be⸗ ſchäftigung ich wählen ſollte. Ich war ein ziemlich guter Fechter, und dachte daran, mich als Lehrer die⸗ ſer edlen Kunſt zu etabliren; allein wenn ich auch die dazu erforderlichen Mittel hätte aufbringen können, ſo war doch kein Erfolg zu erwarten, da der Beruf ſchon zu ſtark vertreten war, und ſich in jedem Regimente der Garniſon von Paris viele prevôts(Vorfechter) finden ließen, die mich in den erſten Gängen entwaff⸗ net haben würden. Ich konnte reiten, eine Fertigkeit, welche mich befähigte, Poſtillion zu werden, und beſaß eine ziemlich genaue Kenntniß des Billiardſpieles, um auf den ehrenvollen Poſten eines Marqueurs Anſpruch machen zu können; allein ſelbſt für dieſe Stellungen — hätte ich mich auch entſchließen können, zu ihnen hinab zu ſteigen— waren Zeugniſſe eines guten Lebens⸗ wandels erforderlich. An wen ſollte ich mich wenden, um dieſe zu erlangen? An meine lebensluſtigen Freunde im Café de Paris? oder an die vornehmen Familien, denen ich Empfehlungsſchreiben überbracht, und die ich nach dem erſten Beſuche vernachläſſigt hatte? Und wie ſollte ich exiſtiren, ohne mich zu einer ſo niedrigen Stellung herabzulaſſen? Obgleich ich ein Mann von Bildung und Geburt war, fehlten mir doch die erfor⸗ derlichen Eigenſchaften, um auf etwas Beſſeres Anſpruch zu machen. Es war eine bittere, aber heilſame Lehre für meine Eitelkeit und meinen Stolz, zu ſehen, daß ich, ohne den ererbten Reichthum, weniger im Stande war, für meine gewöhnlichſten Lebensbedürfniſſe zu ſor⸗ gen, als der Handwerker im groben Rocke, und der Tagelöhner mit ſchweren Schuhen, an denen ich, ſie mit Koth beſpritzend, früher ſtolz vorüber gefahren war, und die ich als Weſen einer untergeordneten Gat⸗ tung verachtet hatte. Demüthigend waren meine Be⸗ trachtungen und groß war meine Angſt und Unruhe während der nächſten vier Wochen nach dem plötzlichen Glückswechſel in meinen Verhältniſſen. Ganze Tage brachte ich damit zu, auf dem Bette zu liegen, oder aus dem Fenſter über die öden und kahlen Dächer vor mir zu blicken, und über meine verzweiflungsvolle Lage und ein Mittel zu ihrer Abhülfe nachzuſinnen. Allein ſo dringend ein ſolches erforderlich war, und ſo ſehr ich mich abmühte, blieb dennoch alles Sinnen vergeb⸗ lich, und ich ſah mich endlich dem Verderben nahe. Das ganze Vermögen, welches ich nach Befriedigung meines früheren unverſchämten Hauswirthes mit mir genommen hatte, beſtand in zwanzig Fünffrankenſtücke. Dieſe waren faſt ausgegeben, und ich wußte nicht, wo⸗ her ich noch einen Sou nehmen ſollte, da meine ge⸗ ſammte bewegliche Habe bis auf wenige Wäſche und die nothwendigſten Kleidungsſtücke reduzirt war. In dieſer Zeit lernte ich, mit wie wenig ein Menſch leben und doch geſund ſein könne. Alle Ausgaben für Koſt und Wohnung beſchränkte ich auf zwei Franken täglich, was im ganzen Monat ungefähr ſo viel ausmachte, wie ich früher für ein exikuräiſches Frühſtück oder Mit⸗ tageſſen fortgeworfen hatte; und ich befand mich bei dieſer ſchmalen Diät, welche die Nothwendigkeit mir auferlegte, um ſo wohler. Obgleich geiſtig gequält, wirkte die Enthaltung von Trunk, Nachtſchwärmerei und anderen Ausſchweifungen wohlthätig auf meinen die frühere Le diegten n Dacſſtube mi denen ich Beth durh die ne gänge in der dann mit ei ſelbſt die d ſchmackhaft „Eines entlang gin goner begeg Paris verle ihre ſtattlic ten Pferde den, und d hüllt, ſahen auf einen um ſie an nicht umhin, und der ein ſchrzum Ra Ich annte nehmlichkei hielt die Len Sorge um Könige im nen und v Kolonne ri trab, beſtel von denen lem Giſch „Ald ich unwil und trat, Rückweg Dur Lun ge welches ſu deutend d datenſtand hohen Of Lruppent terane au verkrüppe welche an ren fran Theil ger von den lutonen; nahte ich goßem J bun hie ammen Naine u einer nicht 3 Ausdriüch in ihren, tenz ſichert. eig es war nachte. Da „ſo wußte rt der Be⸗ in ziemlich Lehrer die⸗ c auch die fönnen, ſo Beruf ſchon Ragimente Corfechter) en entwaff⸗ Nrtigkeit, jnd beſaß ſpieles, um § Anſpruch Stellungen „zu ihnen ten Lebens⸗ ch wenden, en Freunde Familien, und die ich 2 Uod wie o niedrigen Mann von hdie erfor⸗ es Anſpruch fome Lehre ſehen, daß im Stande iſſe zu ſor⸗ und der en ich, ſie r gefahren meten Gat⸗ meine Be⸗ und Unruhe plötlichen Hanze Tage jegen, oder Dächer var svolle Lage rn. Allein und ſo ſehr nen vergeb⸗ erben nahe. 139 Körper. meine Conſtitution wieder zu kräftigen, welche durch die frühere Lebensweiſe zwar geſchwächt, aber doch nicht untergraben worden war. Wenn ich meiner einſamen Dachſtube müde wurde, pflegte ich, alle Straßen, in denen ich Bekannten hätte begegnen können, vermeidend, durch die nächſte Barriere zu gehen, lange Spazier⸗ gänge in den Umgebungen von Paris zu machen und dann mit einem geſchärften Appetit heimzukehren, der ſelbſt die dürftige Koſt eines billigen Speiſewirthes ſchmackhaft werden ließ. „Eines Tages, als ich die Straße nach Orleans entlang ging, geſchah es, daß mir ein Regiment Dra⸗ goner begegnete, welches ſein Quartier von dort nach Paris verlegte. Die Morgenſonne beſchien glänzend ihre ſtattlichen Uniformen, die Hufe der wohl gepfleg⸗ ten Pferde erklangen hell auf dem hart gefrorenen Bo⸗ den, und die Männer, in ihre warmen Mäntel ge⸗ hüllt, ſahen heiter und fröhlich aus. Ich ſetzte mich auf einen am Wege ſtehenden niedrigen Meilenſtein, um ſie an mir vorüber reiten zu ſehen, und konnte nicht umhin, eine Vergleichung zwiſchen meiner Stellung und der eines gemeinen Dragoners anzuſtellen, welche ſehr zum Nachtheil der erſteren ausfiel.(S. Bild S. 140.) Ich kannte damals noch nicht alle Beſchwerden und Unan⸗ nehmlichkeiten, welche das Leben eines Soldaten hat, und hielt die Leute, welche gut gekleidet, wohl beritten und ohne Sorge um ihre täglichen Bedürfniſſe waren, für wahre Könige im Vergleiche mit einem ſo nutzloſen, verlaſſe⸗ nen und von Allem entblösten Weſen, wie ich. Die Kolonne ritt vorüber, und hinter ihr folgte der Nach⸗ trab, beſtehend aus ſechs ſonnverbrannten Dragonern, von denen einer mit wohlklingender Stimme und vie⸗ lem Geſchmack das bekannte Soldatenlied ſang: „Ha, welche Luſt! Ha, welche Luſt! Ha, welche Luſt, Soldat zu ſein.“ „Als die Töne in der Entfernung verklangen, ſang ich unwillkührlich die Melodie nach, ſprang dann auf Umgebung ſtand, und dieſer Umſtand war genügend, mir Neid und Beleidigungen zuzuziehen. und trat, halb entſchloſſen, Soldat zu werden, den Rückweg nach Paris an. Durch längeres Nachdenken befeſtigte ſich mein Ent⸗ und als ich die Stadt erreichte, ging ich gera⸗ ges nach dem Marsfelde. Das Schauſpiel, welches ſich hier meinen Augen bot, ſteigerte noch be⸗ deutend die bei mir plötzlich erwachte Luſt zum Sol⸗ datenſtande. Die Cavallerie manöverirte vor mehreren hohen Offizieren, während Soldaten der verſchiedenſten Truppentheile umher ſtanden und zuſahen. Auch Ve⸗ terane aus dem nahe belegenen Hotel des Invalides, verkrüppelte und mit Narben bedeckte alte Krieger, welche an den Triumphen und Unglücksfällen der tapfe⸗ ren franzöſiſchen Armeen von Valmy bis Waterloo Theil genommen hatten, waren gegenwärtig, ſprachen von den ehemaligen Feldzügen und kritiſirten die Evo⸗ lutionen ihrer Nachfolger. Mehreren dieſer Gruppen nahte ich mich bis auf Hörweite und vernahm mit großem Intereſſe manche ſpannende Schilderung aus jenen kriegeriſchen Zeiten, als der Korſe Europa in Flammen ſetzte und ſeine ſiegreichen Legionen von Moskau bis Andaluſien ausbreitete. Endlich kam ich zu einer Gruppe jüngerer Soldaten, welche neuere und nicht weniger glorreiche Waffenthaten beſprachen. Die Ausdrücke, Beduinen, Razzia, Algerien, kamen häufig in ihren Geſprächen, hor und erweckten plötzlich einen Dazu kam, daß die weiten Fußtouren, welche ich während dieſer Zeit unternahm, viel beitrugen, neuen Gedanken in mir. Es fiel mir ein, woran ich bisher nicht gedacht hatte, daß es noch ein Schlachtfeld gab, wo ein Muthiger Gefahren beſtehen und Aus⸗ zeichnungen gewinnen konnte. Freilich hätte ich lieber civiliſirteren Feinden gegenüber geſtanden, als jenen ſchwarzhäutigen Bewohnern der Wüſte, und wäre lie⸗ ber einem humaneren Syſteme der Kriegsführung ge⸗ folgt, als dem bisher von den Franzoſen in Afrika beobachteten; allein meine Verhältniſſe geſtatteten keine ſehr großen Bedenklichkeiten, und an demſelben Tage noch trat ich als Freiwilliger in die leichte Cavallerie, und erbat mir als beſondere Gunſt, nach einem in Afrika dienenden Regimente verſetzt zu werden. „Sollte es Sie intereſſiren, ſo will ich Ihnen ſpäter eine umſtändliche Schilderung meines militäri⸗ ſchen Novitiates und meiner Abenteuer in Afrika geben. Das erſtere war keineswegs leicht, und die letzteren enthalten wenig, was ſie vor denen meiner Kameraden auszeichnet. Ein fremder Dienſt iſt ſelten eine ange⸗ nehme Zuflucht, und der franzöſiſche jedenfalls der ſchlimmſte, in den ein Engländer treten kann. Die alte Antipathie gegen England, wenn ſie gleich bei den Civiliſten Frankreichs etwas nachgelaſſen hat, beſteht noch in hohem Grade unter dem Militär. Es iſt ein ererbter Haß, der ſich von den Siegen der Engländer in Spanien und namentlich von Waterloo herſchreibt, jener Schlacht, von der die Franzoſen noch jetzt behaup⸗ ten, daß ſie nur durch Verrath für ſie verloren wor⸗ den ſei. Ein franzöſiſches Kaſernenzimmer iſt wahr⸗ lich kein beneidenswerther Aufenthalt für einen engli⸗ ſchen Volontair. Ich war noch beſſer daran, als je— der Andere meiner Landsleute unter ähnlichen Umſtänden geweſen ſein würde; denn da ich die Sprache wie ein Eingeborener und ſogar beſſer als die meiſten meiner Kameraden ſprach, ſo entging ich den Spöttereien, welche ein engliſcher Accent unfehlbar zur Folge gehabt haben würde. Meine Heimath war jedoch bekannt, und überdies ließ ſich die Entdeckung nicht verhindern, daß ich in Bezug auf Geburt und Bildung über meiner Den Neid ließ ich unbeachtet, aber Beleidigungen jeder Art ahn⸗ dete ich auf der Stelle, weil ich einſah, daß dies das einzige Mittel ſei, um mich gegen anhaltende Quäle⸗ reien zu ſchützen. Zwei oder drei Duelle, aus denen ich vermöge meiner Fertigkeit in Handhabung der Waf⸗ fen unverwundet hervorging, verſchafften mir Achtung im Regiment; und während ſie meinen Muth außer Zweifel ſtellten, that ich mein Beſtes, mit denjenigen auf freundſchaftlichem Fuße zu ſtehen, mit denen ich hinfort leben mußte. Es gelang mir allmählig; meine Eigenſchaft als Engländer hörte auf, Veranlaſſung zu Angriffen und Beleidigungen zu geben, und wenn ſie auch nicht ganz vergeſſen wurde, ſo geſchah ihrer we⸗ nigſtens keine Erwähnung mehr. „Ich bewies mich als einen tauglichen Rekruten und konnte ſchon nach viel kürzerem Exercitium als gewöhnlich in das Regiment eintreten, zu dem ich ge⸗ genwärtig gehöre, und mit dem ich am Anfange die⸗ ſes Winters von Afrika zurückgekehrt bin. Seitdem hat es ſeine Garniſon in Paris gehabt. Die gewiſſen⸗ hafte Erfüllung der mir obliegenden Pflichten, meine Gewandtheit im ſchriftlichen Ausdruck und Rechnungs⸗ weſen, und mein Verhalten bei einigen heißen Affairen bewirkten, daß ich zum Korporal und Fourier befördert 18* *1 wurde. Den letzten Grad, den höchſten unter dem Lieutenant, verdanke ich einem Gefecht, welches wenige Wochen vor unſerer Abreiſe von Afrika ſtattfand. Eine kleine Truppenabtheilung, beſtehend aus drei Ba⸗ taillonen Infanterie und eben ſo viel Schwadronen Cavallerie, zu denen auch die meinige gehörte, hatte Oran verlaſſen, um zu recognosciren. Nachdem wir den ganzen Tag marſchirt waren, wurde beim Ein⸗ bruche der Nacht an einer einſam liegenden Ciſterne Halt gemacht. Das einzige lebende Weſen, welches wir dort trafen, war ein kleiner Araberknabe, der ein paar magere Ochſen hütete und uns ſagte, daß, mit Ausnahme ſeiner Eltern, der ganze die Gegend bewoh⸗ nende Stamm bei der Nachricht von unſerer Annähe⸗ rung geflohen und jetzt weit entfernt ſei. Dies klang etwas verdächtig, und wir gebrauchten deßhalb alle Vorſichtsmaßregeln gegen einen plötzlichen Ueberfall. Feldwachen und Vor⸗ poſten wurden ausge⸗ ſtellt, die Bivouakfeuer angezündet, die Rationen gekocht und gegeſſen, und dann legten wir uns, in unſere Mäntel ge⸗ wickelt, nach den Mühen des Tages zur Ruhe nieder. Allein Schlaf war uns nicht beſchieden, namentlich uns Reitern nicht, denn die Unruhe unſerer Pferde, welche keinen Augenblick auf⸗ hörten zu wiehern, zu ſtampfen und zu ſchla⸗ gen, ließ uns nicht dazu kommen. Kapvalleriſten ſehen dies immer als ein böſes Zeichen an, und mancher alte Sol— dat, während er ſein Roß ſtreichelte und zu beruhigen ſuchte, pro⸗ phezeihte eine nahe Ge⸗ fahr, die ſich auch bald zeigte. Zwei Stunden nach Mitternacht, als das ganze Lager im Schlummer lag, die Pferde ruhiger geworden waren, und die Stille der Nacht nur durch den Ruf der Wachen unterbrochen wurde, fielen plötzlich einige Schüſſe, die Trommel. einer Feldwache ſchlug Allarm, und der Ruf erſcholl: ‚die Araber!' Im Augenblicke war das ganze Lager, vorher ſo ſtill, bewegt wie ein Bienenſtock. Glück⸗ licher Weiſe hatten wir uns Alle in voller Uniform, mit den Waffen an der Seite, niedergelegt, ſo daß wir beim Aufſpringen auch ſogleich zum Kampfe bereit waren. Der General, welcher allein ein kleines Zelt inne hatte, ſtürzte halb angekleidet heraus; aber unſer alter Obriſt war augenblicklich bei der Hand, kalt, wie auf einer Parade, und kampffertig. ‚Zu Pferde!“ don⸗ nerte ſeine Commandoſtimme, die durch den Pulver⸗ dampf ſo vieler Schlachten etwas heiſer geworden war, und im nächſten Moment ſaßen wir in den Sütteln. Von allen Seiten umgab uns ein wildes Geſchrei, klei⸗ nes Gewehrfeuer wurde gehört, und unſere Feldwachen kamen, von den heranſtürmenden Feinden gedrängt, mit -— 140— (Siehe S. 139.) ſchwerem Verluſte und in großer Verwirrung zu uns zurück geflohen. Der Mond ſchien nicht, aber beim Lichte der Sterne konnten wir große Maſſen weißer, ſchattenartiger Figuren unſer Lager umſchwärmen ſehen. Die Infanterie hatte ſich, nach einem vorher entwor⸗ fenen Vertheidigungsplane, in ſtrenger Ordnung, nach Bataillonen und Compagnien, niedergelegt, und ſtand jetzt in drei Vierecken formirt, deren Zwiſchenräume von der Reiterei und der Artillerie ausgefüllt wurde, welche auf die Gelegenheit wartete, die Ladung ihrer leichten Berghaubitzen in die feindlichen Maſſen ſchleu⸗ dern zu können. Mit einem wilden Kriegsgeſchrei, Allah und den Propheten anrufend, ſprengten die feind⸗ lichen Horden bis an die Spitzen unſerer Bajonette, aber prallten hier vor den wohlgezielten Flintenſchüſſen zurück, und ließen das Feld mit Todten und Sterben⸗ den bedeckt. Dann ſandte ihnen unſere Artillerie einige volle Salven nach, und die Kavallerie verfolgte die Fliehenden und hieb ſie nieder, bis ſie von neuen und überlege⸗ nen Maſſen gezwungen wurde, ſich zurück zu 6 ziehen. Dieſe Kämpfe wurden mehrere Male piiederholt. Es waren jedenfalls mehrere tau⸗ ſend Araber, meiſtens Reiter, welche uns um⸗ gaben; und wäre die Disciplin dieſer wilden Krieger ihrem Muthe gleich gekommen, ſo hät⸗ ten wir uns in einer ſehr bedenklichen Lage befunden. Nichts weni⸗ ger als abgeſchreckt durch die ſchweren Verluſte, erneuerten ſie immer wieder ihre Angriffe, bis endlich der General, des langen müde, ſeine Vierecke zuſammenzog, das Feuer bis zum letzten Augenblicke zurückhielt, und dann die Angreifenden mit einer ſo furchtbaren Ladung empfing, daß ſie eiligſt zurückflohen, um nimmer wieder zu keh⸗ ren. Die Kavallerie mußte ſie natürlich verfolgen, und unſer Obriſt, Monſieur de Bellechaſſe, ein alter Soldat Napoleons, der ſtets voran war, wo Hieb und Stich fielen, führte die Schwadron an, zu der ich ge⸗ hörte. Fortgeriſſen von ſeinem Ungeſtümd, ließ er ſich in der Verfolgung der Beduinen zu weiteführen, ſo daß wir bald von einer wüthenden Maſſe umgeben waren, welche, unſere geringe Zahl gewahrend, ſich nicht nur zur Wehre ſetzte, ſondern angriffsweiſe zu verfahren begann. Beim trüben Lichte der Sterne ge⸗ ſehen, waren dieſe Araber, mit ihren dunkeln Geſich⸗ tern, von weißen Mänteln umſchloſſen, den funkeln⸗ den Augen und wilden Geſtikulationen, einer Legion Teufel ähnlich, welche zu unſerem Untergange losge⸗ laſſen worden waren. In der hitzigen Verfolgung hat⸗ ten ſich unſere Reihen aufgelöst, wodurch wir einen Hauptvortheil im Kampfe mi’ worſen Afrikanern ver⸗ * 1 5ANA Kampfes — loren, vn loſſenen nnez Einzekamgfe ahl unſerer vir fochten d in der Rähe ten. Er vel Gegner war uenn ihm vie der er in f goner in R ihm Beiſta zu thun, Beduinen vortreffliche lang es m. einen ſchwe den rechten unfähig zu! thend kirſch Zähnen, wa nes Roß ſchnelle und ehe ich mein vollenden war froh, ſein, weil moͤglich wu zu Hülfe Der alte H böſer Lage. hieb hatte vom Kopfe eine Wund wäggbracht leicht war blutete, geblendet den Züg laſſen, un den Linen angriff, gen die Hieb nae rollten i Zeit, zu als ich ung zu uns aber beim ſen weißer rmen ſehen. er entwor⸗ nung, nach und ſtand ſchenräume üllt wurde, dung ihrer ſſen ſchleu⸗ gsgeſchrei, en die feind⸗ Bajonete, nenſchüſſen d Sterben⸗ llerie einige nach, und e verfolgte n und hieb is ſie von überlege⸗ Rehwungen zurück zu ſe Kämpfe grere Male Es waren hehrere tau⸗ , meiſtens he uns um⸗ wäre die ſer wilden n Muthe en, ſo hüt⸗ in einer chen Lage ihts weni⸗ hreckt durch Verlüſte, ſie immer Angriffe er General, Kampfes Veerecke „das Feuer hdann die empfing, der zu ki verfolgen, , ein alter o Hieb und der ich ge⸗ ließ er ſ führen, mbe loren, denn die Beduinen, obgleich unfähig, einem mit geſchloſſenen Reihen und Gliedern gemachten Angriffe zu widerſtehen, ſind keine zu verachtenden Gegner im Einzelkampfe. Ein ſolcher entwickelte ſich jetzt. Die Zahl unſerer Feinde war uns zehnfach überlegen, und wir fochten deßhalb für unſer Leben. Ich befand mich in der Nähe des Obriſt, dem zwei Araber hart zuſetz⸗ ten. Er vertheidigte ſich wie ein Löwe, allein ſeine Gegner waren ſtark und gewandt, und die Jahre hat⸗ ten ihm viel von der Kraft und Fertigkeit genommen, der er in früherer Zeit den Ruf eines der beſten Dra⸗ goner in Napoleons Armeen verdankte. Niemand konnte ihm Beiſtand leiſten, denn Alle hatten die Hände voll V zu thun, und ich ſelbſt mußte mich gegen einen rieſigen Beduinen wehren, der von ſeinem krummen Säbel! vortrefflichen Gebrauch zu machen wußte. Endlich ge⸗ lang es mir, ihn durch einen ſchweren Hieb über den rechten Arm kampf⸗ unfähig zu machen. Wü⸗ thend knirſchte er mit den Zähnen, wandte ſein ſchö⸗ nes Roß mit Blitzes⸗ ſchnelle und verſchwand, ehe ich mein Werk an ihm vollenden konnte. Ich war froh, ſeiner los zu ſein, weil es mir jetzt möglich wurde, dem Obriſt zu Hülfe zu kommen. Der alte Krieger war in böſer Lage. Ein Säbel⸗ hieb hatte ihm den Helm vom Kopfe geriſſen und eine Wunde an der Stirne beigebracht, welche zwar leicht war, aber ſo heftig blutete, daß er dadurch geblendet wurde, und gerne den Zügel hätte fahren laſſen, um ſich die Augen Die Araber und ſetzten ihm ter zu, als ich den LEinen von der Seite 141— angriff, indem ich mit der Bruſt meines Pferdes ge⸗ Zzum Kampfe, ſondern nur zur Beobachtung der lang— gen die Schulter des ſeinigen rannte und zugleich einen Hieb nach ſeinem Kopfe führte. Mann und Thier rollten in den Staub. Der Obriſt hatte kaum ſo viel Zeit, zu ſehen, wem er dieſe rechtzeitige Hülfe verdankte, als ich zwiſchen ihn und ſeinen Gegner drang, und die Wuth des Letzteren auf mich lenkte. Zu meiner gro⸗ ßen Freude hörte ich in demſelben Augenblicke aus ge⸗ ringer Entfernung ein regelmäßiges Gewehrfeuer. Es war die Infanterie, welche uns zu Hülfe kam. Die Araber hörten es auch, und da ſie für dieſen Tag ge⸗ nug franzöſiſches Blei gekoſtet hatten, ſo machten ſie ſich eiligſt auf die Flucht und verſchwanden, Geſpen⸗ ſtern gleich, im Dämmerlicht der Wüſte. Ich wurde für meine Theilnahme an dieſem Gefechte dreifach be⸗ lohnt, nämlich durch ehrenvolle Erwähnung meines Namens im Armeeberichte, durch die Beförderung zur Stelle eines Fouriers, oder maréchal des logis, und durch den perſönlichen Dank meines vortrefflichen alien bei ‚mille millions de sabres!“ ſchwur, daß er, nach⸗ dem er ſeinen Kopf gegen Ruſſen, Preußen, Oeſter⸗ reicher, Engländer und Spanier zu ſchützen gewußt, von zwei elenden, ſchwarzhäutigen Heiden in Stücke gehauen worden wäre, wenn ich ihm nicht zur rechten Zeit Hülfe gebracht hätte. Von jenem Tage an be⸗ wies er mir unveränderlich die größte Güte, nicht blos, weil er mir die Erhaltung ſeines Lebens verdankte, ſon⸗ dern weil ihm beſonders die ſummariſche Art und Weiſe gefiel, mittelſt deren ich ihn von einem ſeiner ſchwarzen Gegner befreite, und die ihn ſtets, wie er ſagte, an einen ähnlichen eigenen Kampf mit drei rie⸗ ſigen Tartaren während des ruſſiſchen Feldzuges erin⸗ nerte. Seitdem wir hier in Garniſon ſind, hat er mich öfters zu ſich eingeladen, angeblich, um ihm bei ſeinen Rechnungen und Schreibereien zu helfen, in Wirklich— keit aber, um mir kleine Artigkeiten zu erzeigen, und in neueſter Zeit, wie ich zu glauben geneigt bin, um mir ſeine alten Feldzüge erzählen zu kön⸗ nen. Er machte bald die Entdeckung, daß ich, was er. ſchon vorher geahnt hatte, früher in beſſeren und höheren Verhältniſſen geweſen war, und hat mir öfters durch Winke zu verſtehen gegeben, daß er ſich bemühen werde, mir eine Lieutenantsſtelle zu verſchaffen. Dieſe Hoffnung und die Erleich⸗ terungen, welche mir durch ſeine Güte zu Theil wer⸗ den, laſſen mich das übri⸗ gens traurige Garniſons⸗ leben mit Geduld und Heiterkeit ertragen., Jetzt, fügte Oakley hinzu, nach⸗ dem ich Sie mit meiner langen und umſtändlichen Geſchichte hinlänglich er⸗ müdet habe, muß ich Abſchied nehmen, denn die Pflicht ruft— leider nicht weiligen Formalitäten des Kaſernenlebens.“ Ich dankte Oakley für ſeine intereſſante Mitthei⸗ lung, gab ihm meine Adreſſe und bat ihn, mich zu beſuchen. Er verſprach es, und wir trennten uns. Drei Tage ſpäter kam er, ſpeiste mit mir und berei⸗ tete mir einen ſehr angenehmen Abend durch ſeine in der That höchſt verſtändige Unterhaltung. Der früher ſo leichtſinnige Wüſtling mußte während des Unglücks Obriſt, welcher mir herzlich die Hand ſchüttelte, und und Soldatenlebens viel gedacht und gelernt haben, um ſchnell ein ſo einſichtsvoller, gebildeter und beſcheidener Mann zu werden. Etwas fiel mir jedoch an ihm auf, nämlich von Zeit zu Zeit eine gewiſſe Abweſenheit des Geiſtes. Wenn eine kurze Pauſe in der Unterhaltung eintrat, ſchienen ſeine Gedanken fortzuwandern, und zuweilen glaubte ich einen unruhigen, ſorgenvollen Zug in ſeinem Geſichte zu erkennen. Ich brauchte ihn jedoch nur anzureden, um dieſe Wolken augenblicklich zu vertrei⸗ ben und die gewöhnliche Lebendigkeit bei ihm zurückzurufen. 1 Vierzehn Tage verfloſſen, ohne daß ich ihn ſah. Eines Abends war ich beſchäftigt, Briefe zu ſchreiben und meine Vorbereitungen zu der Rückkehr nach Eng⸗ land zu treffen, welche ich in Kurzem antreten wollte, als an meine Thüre gepocht wurde. Ich öffnete, und Oakley trat ein. Anfangs kannte ich ihn kaum, denn er trug eine ſehr feine, ihm außerordentlich gut ſtehende Civilkleidung. Allein es fiel mir auf, daß er unge⸗ wöhnlich blaß, ſehr ernſt und faſt ängſtlich ausſah. Seine erſten Worte enthielten eine Entſchuldigung we⸗ gen des ſo ſpäten Beſuches, die ich jedoch mit der Verſicherung, daß ſein Kommen mir angenehm ſei, und mit der Frage unterbrach, ob er Aufträge für mich nach England habe. „Wann reiſen Sie?“ ſagte er. „Uebermorgen.“ „Nein, ich habe keine Geſchäfte dort,“ war ſeine Antwort;„aber Sie könnten mir noch vor Ihrer Ab⸗ reiſe einen ſehr großen Dienſt leiſten, wenn Sie wollten.“ „Wenn es in meinen Kräften ſteht, ſehr gerne.“ „Aber Sie werden vielleicht Anſtand nehmen, wenn Sie hören, worin er beſteht.Ich wollte Sie bitten, mein Sekundant bei einem Duell zu ſein.“ „Bei einem Duell?“ wiederholte ich erſtaunt und nicht ſehr erfreut darüber, daß ich in irgend einen Kaſernenſtreit, wie ich glaubte, mit hinein gezogen wer⸗ den ſollte.„Bei einem Duell? und mit wem?“ „Mit einem Offiziere meines Regiments.“ „Ihres Ranges? meinen Sie?“ fragte ich, etwas verwundert über die Anmaßung, wie es mir ſchien, mit der er Leute ſeines Standes Offiziere nannte. „In dieſem Falle würde ich nicht nöthig gehabt haben, Sie zu beläſtigen,“ verſetzte er; ich würde Dutzende von Sekundanten haben finden können. Allein mein Geguer iſt Lieutenant in meinem Regimente, nur in einer andern Schwadron.“ „Iſt es möglich?“ rief ich;„aber das bringt Sie ja vor ein Kriegsgericht!“ „Sehr wahrſcheinlich,“ antwortete Oakley;„allein Ihnen kann nichts geſchehen. Ich bin Ihr Lands⸗ mann, komme in Civilkleidung zu Ihnen, und bitte Sie, mir in einem Duell zu ſekundiren. Sie willi⸗ gen ein; wir gehen an Ort und Stelle, und treffen dort einen Herrn, anſcheinend auch Civiliſt, deſſen mi⸗ litäriſche Eigenſchaft und Grad Niemand als Ihnen bekannt vorausſetzen kann. Zweikämpfe finden täglich in Frankreich ſtatt, wie Sie wiſſen, und wenig wird daraus gemacht, ſelbſt wenn ſie einen unglücklichen Aus⸗ gang nehmen. Ich kann Sie verſichern, daß durchaus keine Gefahr für Sie vorhanden iſt.“ „Ich dachte nicht an mich ſelbſt. Allein wenn Sie auch unverletzt den Kampf verlaſſen, ſo werden Sie wegen des Angriffs auf das Leben eines Ihnen vor⸗ geſetzten Offiziers erſchoſſen werden.“ Oakley zuckte die Achſeln, als wollte er ſagen: „ich weiß das, und muß es darauf ankommen laſſen,“ aber antwortete auf meine Bemerkung nicht. „Ich will Ihnen die Umſtände erzählen,“ ſagte er, „und Sie mögen ſelbſt darüber urtheilen, ob ich das Duell umgehen kann. Als ich von meinem freund⸗ lichen alten Obriſt ſprach, ließ ich unerwähnt, daß er eine Tochter, ſein einziges Kind, hat, Bertha de Belle⸗ chaſſe, welche das ſchönſte und reizendſte Weſen ihres Geſchlechts iſt. Nach unſerer Rückkehr von Afrika ging — 142— der Obriſt aus Dankbarkeit für den Mann, der ihm das Leben gerettet hatte, ſo weit, daß er mich ſeiner Frau und Tochter vorſtellte, und ſprach mit etwas übertriebenem Lobe von meinem Benehmen. Die Da⸗ men reichten mir die Hand zum Kuß, und hätte ich die Hälfte meines Blutes für den alten Mann ver⸗ goſſen, ſo würde ich durch Bertha's reizendes Lächeln und den warmen Ausdruck ihres Dankes mehr als be⸗ lohnt worden ſein. Madame de Bellechaſſe, glaube ich, war im Begriffe, mir ihre Börſe zu reichen, allein wurde durch einen Wink ihres Gemahls davon abge⸗ halten, der, nach meiner Entfernung, ohne Zweifel ihr und der Tochter Alles erzählte, was er von meiner Geſchichte wußte, daß ich Ausländer, von guter Fa⸗ milie, und nur durch widrige Umſtände gezwungen wor⸗ den ſei, die grobe Uniform eines gemeinen Dragoners anzuziehen. Vielleicht fügte er auch einige der roman⸗ tiſchen Fabeln hinzu, welche im Regimente über mich im Umlaufe waren. Ich hatte nie über meine Ver⸗ gangenheit geſprochen, weil ich fühlte, daß ich nicht ſtolz darauf ſein konnte; aber müßige Schwätzer hatten aller⸗ hand Erfindungen über den engliſchen Mylord in Cir⸗ culation geſetzt. Nachdem ich längere Zeit im Regi⸗ mente geweſen war, und meiner Heimath nicht mehr gedacht wurde, hörte die Wiederholung dieſer Mähr⸗ chen allmählig auf; allein einige von ihnen wurden dennoch wieder aufgewärmt und dem Obriſt aufgetiſcht, als er nach dem Gefechte von Oran Erkundigungen über mich bei den Offizieren des Regiments einziehen ließ. Erſt mehrere Wochen ſpäter fragte er mich ſelbſt, und erhielt von mir eine ungeſchmückte Schilderung meiner früheren Laufbahn. Es iſt möglich, daß das geheimnißvolle Dunkel, welches über meiner Vergangen⸗ heit ſchwebte, in Verbindung mit den Lobpreiſungen aus dem Munde ihres Vaters und dem Dankgefühle, welches ſie ſelbſt empfand, viel dazu beitrug, Bertha's reizbare Phantaſie zu gewinnen und zu meinen Gunſten zu ſtimmen. Was mich betrifft, ſo war der erſte Blick ihrer dunkeln Augen, die gleich Diamanten unter den langen, ſeidenen Wimpern funkelten, genügend geweſen, mein Herz zu erobern; das erſte bezaubernde Lächeln ihrer reizenden Lippen hatte mich auf ewig zu ihrem Gefangenen gemacht. Lange kämpfte ich gegen dieſe Leidenſchaft, die, wie ich einſah, wahnſinnig war und mich nur unglücklich machen konnte. Welche Thorheit von einem blutarmen Soldaten, ſelbſt wenn er durch die Protektion ihres Vaters zum Offizier befördert würde, ſeine Augen zu der reichen und ſchönen Tochter des Grafen de Bellechaſſe erheben zu wollen! Abweiſung, Hohn und Verachtung konnte der einzige Lohn einer ſolchen Anmaßung ſein. Der Obriſt, obgleich ein Offizier aus der Kaiſerzeit, war von altem franzöſi⸗ ſchem Adel, und ſein Reichthum bedeutend; und wenn er noch jetzt in der Armee diente, ſo geſchah es nur aus beſonderer Vorliebe für den militäriſchen Stand. Seine Tochter war eine gute Parthie für die Vornehm⸗ ſten des Landes. Alles dies und noch vieles Andere wiederholte ich mir unaufhörlich; allein wann ſiegt je⸗ mals die Vernunft im Kampfe mit der Liebe? Mehr als einmal nahm ich mir vor, die ſchöne Erſcheinung zu vergeſſen, welche mir meine Ruhe geraubt hatte, oder an ſie nur wie an ein unerreichbares Traumbild zu denken; allein kaum war der Entſchluß gefaßt, als meine Gedanken ſich unwillkührlich auf ihre Vollkom⸗ menheiten richteten, und ich mir die wenigen ſanften 8 Vorte wiederhe „r Stimme, ducſt. Dn⸗ mir ſehend, ſch fähricheegen en aözuwende und kaum eine wand, der mi mit die Geleg lang zu ſehen u finden. Tage zu Tac Regimentes: Tochter allei wart zu em. uns beſtehen wie mit eine oder mich zu afrikaniſchen zu erzählen. dieſen geführl gehen, ſo wei ohne mir den keit aufzulade die dazu dienl häufig, und Wenn ich et trag immer zublicken, k eipannter; es, daß ich auch in ihre weckt zu hab Einige ſtundenlang Rechnungen und zwar i richteten 3 ein anderes Bibliothek die Papier Düre, u o wall. während ſe überraſcht, können, un rathen, w hütten; de öfter ſtatt jder ihm ui ſeiner etwas diede hätte kann uu 8 Lächeln ſr als be⸗ gaaube ich, en, allein don abge⸗ Zweiffl ihr on meiner guter Fa⸗ ungen wor⸗ Dragoners der roman⸗ über mich neine Ver⸗ nicht ſtolz tten aller⸗ d in Cir⸗ im Regi⸗ nicht mehr ſer Mähr⸗ en wurden aufgetiſcht, undigungen s einziehen mich ſelbſt, childerung daß das hergangen⸗ rreiſungen nkgefühle, Bexthas n Gunſten erſte Blick unter den nd geweſen, de Lächeln zu ihrem gegen dieſe war und e Thorheit neer durch dert würde, Cochter des Abweiſung, Lohn üinet bgleich ein n franzöſi⸗ und wenn ch 8 nur en Stand. Vornehm⸗ eſpannter Aufmerkſamkeit auf mir ruhten. Worte wiederholte, welche ſie mir geſagt hatte, und ihrer Stimme, ihres Blickes, ja jeder Bewegung ge⸗ dachte. Den Abgrund, an deſſen Rande ich ſtand, vor mir ſehend, ſchwor ich in einem Augenblicke, ihre ge⸗ fährliche Gegenwart für immer zu meiden und die Au⸗ gen abzuwenden, wenn ſie mir dennoch begegnen ſollte, und kaum eine Stunde ſpäter benützte ich jeden Vor⸗ wand, der mich in das Haus ihres Vaters führen und mir die Gelegenheit verſchaffen konnte, ſie eine Minute lang zu ſehen. Ein ſolcher Vorwand war nie ſchwer zu finden. Des Obriſten Zuneigung zu mir ſtieg von Tage zu Tage, und wenn ich in Angelegenheiten des Regimentes zu ihm kam, und er mit ſeiner Frau und Tochter allein war, ſo pflegte er mich in ihrer Gegen- wart zu empfangen, und ſich mit mir, den zwiſchen uns beſtehenden Standesunterſchied bei Seite ſetzend, wie mit einer Perſon ſeines Gleichen zu unterhalten, oder mich zu veranlaſſen, einige Abenteuer aus unſeren afrikaniſchen Feldzügen zur Unterhaltung der Damen zu erzählen. Selbſt wenn ich die Kraft gehabt hätte, dieſen gefährlichen Begegnungen aus dem Wege zu gehen, ſo weiß ich nicht, wie ich es hätte thun können, ohne mir den Schein der Undankbarkeit und Unhöflich⸗ keit aufzuladen. Allein ich gab mir auch keine Mühe, die dazu dienlichen Mittel aufzufinden. Ich ſah Bertha häufig, und mit jedem Male ſtieg meine Leidenſchaft. Wenn ich etwas erzählte, ſo richtete ich meinen Vor⸗ trag immer an ihre Eltern; allein ohne ſie ſelbſt an⸗ zublicken, konnte ich ſehen, daß ihre Augen ſtets mit So kam es, daß ich endlich die Hoffnung zu nähren wagte, auch in ihrer Bruſt ein warmes Gefühl für mich er⸗ weckt zu haben. „einige Zeit beſchäftigte mich der Obriſt öfters ſtundenlang in ſeinem Hauſe, um die Papiere und Rechnungen des Regimentes in Ordnung zu bringen, und zwar in einem zu dieſem Zwecke beſonders einge⸗ richteten Zimmer des unteren Stockes, hinter welchem ein anderes gelegen war, das zur Aufbewahrung der Bibliothek benutzt wurde. Eines Tages, als ich in die Papiere und Liſten vertieft war, öffnete ſich die Thüre, und Bertha's Feengeſtalt erſchien auf der el Sin chien bei meintem Anblicke verlegen zu wen. h ua.cd auf und verbeugte mich ſchweigend, während ſie durch das Gemach ging, aber war zu ſehr überraſcht, um völlige Herrſchaft über mich haben zu können, und ließ wahrſcheinlich meine Augen etwas ver⸗ rathen, was meine Lippen noch lieber ausgeſprochen hätten; denn ehe ſie die Thüre des Bibliothekzimmers erreichte, waren ihre Wangen mit Purpur übergoſſen. Solche Begegnungen, eben ſo kurz als ſüß, fanden - 143—— zu empfehlen. öfter ſtatt, führten uns allmählig näher und endlich zum gegenſeitigen Verſtändniß. derartigen Schilderungen nicht ferner langweilen. Ge⸗ Doch ich will Sie mit nug, wir waren ſelig im Gefühl der Liebe, welche nur Erziehung über dem Stande erhaben ſind, welchen Sie durch ihre Hoffnungsloſigkeit getrübt wurde. Von jener Zeit an hatte ich faſt täglich Geſchäfte im Hauſe des Obriſt, und Bertha fand immer Mittel und Wege zu kurzen Zuſammenkünften und Unter⸗ redungen. In dieſen überlegten wir wiederholt, aber vergeblich, ob es möglich ſei, dem Vater unſer Geheim⸗ niß zu geſtehen. So leutfelig er im Allgemeinen war, beſaß der Obriſt doch viel Ahnenſtolz, und mit Gewiß⸗ heit ließ ſich annehmen, daß er bei einer ſolchen Eröff⸗ nung in furchtbare Wuth ausbrechen, Bertha in ein Kloſter ſchicken, und mich das ganze Gewicht ſeines Haſſes und ſeiner Rache fühlen laſſen würde. Heute Morgen kam Bertha auch unter dem gewöhnlichen Vor⸗ wande, ein Buch aus der Bibliothek holen zu wollen, in das Zimmer, und das peinliche Thema wurde von Neuem beſprochen, welches uns ſchon ſo lange beſchäf⸗ tigte. Sie hatte geſtern zum erſten Male ihren Vater die Abſicht erklären hören, mich zu einer Offiziersſtelle Dies erweckte für uns einen neuen Hoffnungsſtrahl, und wir beſchloſſen, ein Geſtändniß zu wagen, ſobald ich die Epaulette auf der Schulter haben würde. Die Ausſicht, unſeren bisher ſo qual⸗ vollen Zuſtand von Ungewißheit ein Ende nehmen zu ſehen, und die, wenn auch nur ſchwache Hoffnung, das Ziel unſerer Wünſche erreichen zu können, erweckte einen heiteren Schein in Bertha's lieblichen Zügen, welche durch die ausgeſtandene Angſt und Unruhe ſeit einiger Zeit bleicher geworden waren. Ich bemühte mich, ihr Hoffnungen einzuflößen, die ich ſelbſt kaum zu hegen wagte, und während ich ſo, ihre Hand in der meinigen haltend, neben ihr ſtand, öffnete ſich plötz⸗ lich die Thüre, und Victor Moreau, ein Lieutenant aus meinem Regimente und Bewerber um Bertha's Hand, that einen Schritt in das Zimmer, ehe wir uns von einander entfernen konnten.(Siehe Bild S. 141.) Einen Augenblick lang blieb er, wie vom Donner ge— rührt, ſtehen, dann wandte er ſich, ohne ein Wort zu ſagen, und ging, und gleich darauf hörten wir ihn über den Hof ſchreiten und das Haus verlaſſen. „Faſt beſinnungslos vom Schrecken floh Bertha in ihr Zimmer und überließ mir, zu erwägen, was jetzt am beſten zu thun ſei. Mein Entſchluß war bald ge⸗ faßt. Es blieb mir nichts Anderes übrig, als zu dem Lieutenant Moreau zu gehen, ihm unſere gegenſeitige Neigung zu erklären und an ſeinen Edelmuth mit der Bitte zu appelliren, das von ihm zufällig entdeckte Geheimniß unverletzt zu bewahren. Ich eilte nach ſei⸗ ner Wohnung, welche in geringer Entfernung lag. Er war bereits dort und ſchritt heftig bewegt in ſeinem Zimmer auf und ab. Seit unſerer Rückkehr aus Afrika war er als Bertha's erklärter Anbeter aufgetreten; Reichthum und Familie begünſtigten ihn, und ihr Va⸗ ter ſah deßhalb ſeine Bewerbungen gern, inſofern ſie mit den Empfindungen der Tochter übereinſtimmten. Den Diener fortſchickend, welcher mich hinein geführt hatte, redete er mich, ehe ich zum Worte kommen konnte, ſogleich an. „Es iſt unmöglich!“ ſagte er, als ich reden wollte, mit einer Stimme, die von innerer Bewegung noch halb erſtickt war, zes iſt unnöthig! Ich errathe Alles, was Sie ſagen wollen. Ein Augenblick hat mich von Allem in Kenntniß geſetzt, und die ſeitdem verfloſſene halbe Stunde war genügend, um mit mir darüber in's Reine zu kommen, welche Schritte ich ferner zu thun habe. Mr. Oakley, ich weiß, daß Ihre Geburt und jetzt einnehmen. Sie haben Ihre gegenwärtige Stel⸗ lung vergeſſen, und ich will Ihrem Beiſpiele folgen, und die Verſchiedenheit unſeres militäriſchen Ranges eine Zeit lang bei Seite ſetzen. Als Freund des Obriſt ſollte ich ihm vielleicht Alles mittheilen, was ich heute erfahren habe; allein als Bewerber um die Hand ſei⸗ ner Tochter und als ſein erwählter Schwiegerſohn ziehe ich es vor, einen anderen Weg einzuſchlagen. Ihr Geheimniß iſt ſicher bei mir. Heute Abend werden Sie einen mehrtägigen Urlaub erhalten, der Ihnen geſtattet, Ihre Uniform abzulegen, und morgen früh werden wir uns im Gehölz von Vincennes treffen, nicht als Offizier und Sergeant, ſondern als zwei durch Geburt und Erziehung im Range gleich ſtehende Män⸗ ner, und zwar mit den Waffen in der Hand. Der Mann, den Bertha de Bellechaſſe durch ihre Gunſt ehrt, kann eines ſolchen Vorſchlages nicht unwürdig ſein. Nehmen Sie ihn an?“ „Ich war erſtaunt über dieſe Worte. An ſtrenge militäriſche Disciplin gewöhnt und den weiten Abſtand immer vor Augen habend, der den Offizier von ſei⸗ nem Untergebenen trennt, hatte ich nie an die Mög⸗ lichkeit eines Duells mit Moreau gedacht. Im erſten Augenblicke konnte ich mir daher dieſen ſonderbaren Vorſchlag nicht erklären; allein ein Blick auf die Ge— ſichtszüge meines Herausforderers, in denen ſich die heftigſte Leidenſchaftlichkeit ausdrückte, löste das Geheim⸗ niß und erklärte mir ſeine Beweggründe. Er wurde von der wüthendſten Eiferſucht verzehrt, und ſein na⸗ türlich ritterlicher Sinn, in Verbindung mit der Be— fürchtung, Bertha auf unverſöhnliche Weiſe zu beleidi— gen, hielt ihn ab, denjenigen Weg einzuſchlagen, wel⸗ chen die meiſten Perſonen in ſeiner Lage gewählt haben würden, nämlich, den Obriſt von der Neigung ſeiner Tochter für eine Perſon ſo untergeordneten Standes in Kenntniß zu ſetzen. Gleichzeitig hoffte er wahrſchein— lich, ſich durch das Duell von einem begünſtigten Ne— benbuhler zu befreien, den er ſpäter in Bertha's Her⸗ zen erſetzen konnte, ohne daß Letztere erfuhr, von weſſen Hand er gefallen war. Dieſe Gründe ſchwebten mir augenblicklich vor und erklärten den ſonderbaren Antrag. -= 144— tes hatte ich in ganz Paris keinen Freund. Da fielen Sie mir ein. Unſere kurze Bekanntſchaft rechtfertigt allerdings nicht eine ſolche Bitte, allein die Güte, welche Sie mir bereits bewieſen haben, ermuthigt mich zu der Hoffnung, daß Sie mir dieſen Dienſt nicht verſagen werden. Moreau iſt ein Mann von Ehre, und Sie können alſo mit Gewißheit auf die Geheimhaltung Ihres Namens und Ihrer Betheiligung bei der Sache rechnen. Selbſt wenn Beides bekannt werden ſollte, könnte man Ihnen, als Ausländer und Civiliſt, wegen des militäriſchen Verhältniſſes, in dem ich zu meinem Gegner ſtehe, nichts anhaben. Mich natürlich würde die Entdeckung vor ein Kriegsgericht ſtellen und ſchwe⸗ rer Strafe unterwerfen.“ Obgleich jeder Art von Zweikampf abgeneigt, wenn nicht beſonders erſchwerende Umſtände Veranlaſſung dazu gegeben hatten, war ich dennoch mehr als einmal in meinem Leben in dergleichen Angelegenheiten ver⸗ wickelt worden, und ich fürchtete deßhalb keine etwaigen nachtheiligen Folgen, wenn ich auf Oakley's Wunſch einging. Moreau's ritterliches Benehmen gefiel mir, und für Oakley hegte ich Mitleid wegen der peinlichen und höchſt ſonderbaren Lage, in die ihn ſeine früheren Thorheiten und die unglückliche Neigung zu dem jun⸗ gen Mädchen verſetzt hatten. Nach kurzem Beſinnen entſchloß ich mich daher, als ſein Sekundant zu agiren. Zeit war nicht zu verlieren, und ich bat ihn alſo, mich ſogleich von den näheren Umſtänden und Bedingungen in Kenntniß zu ſetzen, und mir zu ſagen, wo ich Mo⸗ Vielleicht erkannte ich ſie ſogar deutlicher als er ſelbſt, denn er ſchien mir nur nach der erſten Eingebung ſei— ner leidenſchaftlichen Natur und von Rachſucht getrie⸗ ben zu ſprechen und zu handeln ſicherte, und froh deßhalb, gegen einen ſo billigen Preis Es entging mir nicht, daß ich durch die Annahme des Duells ſein Schweigen mein Geheimniß bewahren und Bertha gegen den Zorn ihres Vaters ſchützen zu können, nahm ich Moreau's Vorſchlag bereitwillig an und dankte ihm für ſeinen mir dadurch bewieſenen Edelmuth, daß er die ſtrengen militäriſchen Vorurtheile zu meinen Gunſten vergaß. „Nachdem Stunde und Waffen beſtimmt worden waren, verließ ich ihn, und erſt dann dachte ich an die Schwierigkeit, einen Sekundanten zu finden. Einen reau's Sekundanten finden könne. Des Letzteren be⸗ durfte es jedoch nicht, was mir ſehr lieb war, weil Oakley bereits ſelbſt alle Verabredungen mit ſeinem Gegner getroffen hatte. Da das Duell kein ſolches war, welches durch Vermittlung der Freunde verhindert werden konnte, auch Zeit und Ort bereits beſtimmt waren, ſo blieb mir nichts zu thun übrig, als meinem Freunde auf dem Kampfplatze die nöthigen Dienſte zu leiſten. Es war während unſerer Beſprechung ſpät gewor⸗ den, und Oakley nahm deßhalb Abſchied, nachdem wir, um mein Incognito in der Angelegenheit zu bewahren, da ich keine Luſt fühlte, in den Zeitungen zu paradi⸗ ren, oder vor ein Kriminalgericht geſtellt zu werden, die Verabredung getroffen hatten, uns am Morgen in einem von meiner Wohnung ziemlich ent⸗ von meinen Kameraden konnte ich natürlich nicht um Hülfeleiſtung erſuchen, und außerhalb meines Regimen⸗ fernten Kaffeehauſe einzufinden, und von dort nach dem Kampfplatze zu fahren. (Schluß folgt.) Die Jagd vor hundert Jahren. (Taf. 10.) Zu den anziehendſten Erſcheinungen der„guten alten Zeit“ gehört vornämlich auch das Jagdweſen, wenn auch der Landmann alle Urſache hat, Gott zu danken, Auf den Hirſch! auf den Hirſch! er jaget ſchon, Friſch auf, ihr Waidgeſellen! Er trägt mit Trotz die vierte Kron, Jagt die Rivalen all' davon, Den laßt uns fangen und fällen! v. Kobell. daß die Jagd nicht mehr iſt, was ſie in der für ihn ſchlimmen Zeit geweſen iſt, auf welche nur Junker aus Schlöſſern, in welchen die nobeln Paſſionen zu — 1 nächſten Fauſe ſin, Jadd im gro die Shuten Das Jügerpe in Blthe, Heinrich ve auch mit d Diana Hä Die G ſich bei den der ihnen! ſten Glanze traf Fürſte und das( Freien verſo Jagdgeſang ren und D in den ver der Pferde zeigten die und gewä Die forcehörne ſchaften Waidſchre „Waidmau Hunde, ei ſind kaum Tuſch un des Fürſte allerla C gegangen Bewegun gefährlich Die erſchiede vern mt man entfliehen Peitſchen ſich Hor 1 1 das 6 Gr ſetzen die dort ein und br krachend Meute, Plan. ſchein, o dung ſei werfend Schüſſe das ſi l mich zurüchg enem y Haſtige dirſches ſpringt deierſt re, und Sie eheimhaltung «i der Sache verden ſollte, wiliſt, wegen zu meinem türlich würde n und ſchwe⸗ geneigt, wenn Vrranlaſſung er als einmal enheiten ver⸗ eine etwaigen ey's Wunſch gefiel mir, er peinlichen ſaine früheren zu dem jun⸗ em Beſinnen mt zu agiren. in alſo, mich Bedingungen wo ich Mo⸗ Letzteren he⸗ hwar, weil mit ſeinem kein ſolches de verhindert s beſtimmt als meinem *Dienſte zu ſpät gewol⸗ nachdem wir, zu bewahren, n zu paradi⸗ t zu werden, um nächſten zemlich eut. ort nach dem - 145— Hauſe ſind, mit Betrübniß zurückſchauen können. Die Jagd im großen Style war nur ſo lange möglich, als die Staaten für die Rittergüter der Fürſten galten. Das Jägerparadies ſtand am ſchönſten in Frankreich in Blüthe, aber auch Sachſen, Heſſen und Württem⸗ berg waren ſo reichlich mit Wild geſegnet, daß ſich z. B. Johann Georg von Sachſen rühmen konnte, 15,290 Hirſche erlegt zu haben, und daß Hirſche von 16 bis 18 Enden gar keine Seltenheit waren, während jetzt Jahrzehnte hingehen, bis ein Thier von ſolcher Endenzahl erlegt wird, wie 1838 durch den Herzog Heinrich von Württemberg, der dieſes Ereigniß aber auch mit den Worten anzeigte:„wofür ich der ſchönen Diana Hände und Füße küſſe.“ Die Galantrie und Romantik der Rococozeit zeigte ſich bei den Galajagden der üppigen franzöſiſchen und der ihnen nacheifernden deutſchen Höfe in ihrem ſchön— ſten Glanze. Schon am Abend vor dem großen Tage traf Fürſtliche Durchlaucht auf dem Jagdpalais ein, und das Erwachen Serenissimi wurde von den im Freien verſammelten Edelleuten und Jägern durch einen Jagdgeſang gefeiert. Das prächtige Koſtüm der Her⸗ ren und Damen, die glänzenden Uniformen der Jäger in den verſchiedenen Farben ihrer Herren, die Menge der Pferde und Hunde, die dreifach beſetzten Fanfaren ꝛc. zeigten die Liebe der Franzoſen zu Glanz und Luxus, und gewährten ein in ſeiner Art einziges Schauſpiel. Die Jäger rufen endlich mit ihren großen Par⸗ forcehörnern die um das Jagdſchloß zerſtreuten Herr⸗ ſchaften zuſammen und laſſen den vorgeſchriebenen Waidſchrei ertönen, bis derſelbe aus den Fenſtern mit: „Waidmanns Heil!“ erwiedert wird. Die gekoppelten Hunde, ein Gewimmel von Beinen und Schwänzen, ſind kaum noch zu halten.(Siehe die Abbild.) Ein Tuſch und fröhlicher Zuruf verkündigt das Erſcheinen des Fürſten, und der Zug, dem die Jagdbedienten mit allerlei Geräthe, der Koch und Kellermeiſter ſchon voran gegangen, ſetzt ſich mit ſeinen reizenden Amazonen in Bewegung, die in der Regel den Herzen der Jäger gefährlicher werden als dem Wilde. Die Leithunde voran, theilt ſich die Geſellſchaft in verſchiedene Trupps zur Vorſuche. Die aufgebotenen aern ſind aufgeſtellt und gewiſſe Theile des Forſtes „uat man mit Garnen umzogen, damit das Wild nicht entfliehen kann. Nah und fern ſchallt Hundegebell und Peitſchenknall durch das Dickicht. Die Jäger geben ſich Hornſignale, und zwar bei der Hirſchjagd nicht das„Grob in's Horn“, ſondern das„Hagelgeſchrei“, ſetzen die Hunde und ſtellen das Zeug. Vorſichtig tritt dort ein Hirſch aus dem Gehölze, ſchrickt zuſammen und bricht mit zurückgelegtem Geweihe durch das krachende Dickicht; aber ihn erreicht die verfolgende Meute, und in ungeheuern Sätzen jagt er über den Plan. Da und dort kommt auch ein Haſe zum Vor⸗ ſchein, oder ein ſchlaues Füchslein, das über die Ret⸗ tung ſeines Pelzes ſinnt. Pfeilſchnell und beinahe um⸗ werfend fliegt eine Caleſche um die Waldecke. Nahe Schüſſe fallen; ſie ſchrecken ein zärtliches Paar auf, das ſich in einem Laubgange ein Stelldichein gibt, und nun auf verſchiedenen Wegen wieder zur Geſellſchaft zurückſprengt. Unter jener Birke kniet ein Jäger über einem verendenden Wild, ihm den Nickfang zu geben. Haſtiger wird die Jagdluſt und wilder, die Fährte des Hirſches immer friſcher. Der Jäger ſtößt in's Horn, ſpringt vom Pferde und läuft mit der Meute dem Feierſtunden. 1863. Wilde nach;„dolz, dolz, dolz“ ruft er,„da, ho, ho!“ durch allerlei Naturlaute, die er ihrem Verſtändniſſe anpaßt, das Gekläff ſeiner Rüden nachahmend. Wech⸗ ſelt der Hirſch, ſo wird„ein langer Hift“ geblaſen, und gerufen:„hoch da, hoch da!“„der Hirſch wech— ſelt!“ iſt er aber erlegt, ſo ſtößt der, welcher ihn ge⸗ ſchoſſen, viermal in's Horn, während die Andern ſchreien:„der Hirſch hat's, iſt erlegt, iſt erlegt!“ Nach Beendigung der Jagd wird das Wild auf den Sammelplatz gebracht, wo ſich die ganze Geſell— ſchaft, mit Einſchluß der Hunde, zu einem Mahle ein⸗ findet, das von dem Jagdherrn mit einigen derben Waidmannsſprüchen eingeleitet wird. Den Hunden wird„ihr Recht“, d. h.: das Geſcheide, Milz mit dem Schweiße und was an den ausgeſchlagenen Ge⸗ weihen hängen geblieben,„zu genießen gegeben“. Der Jägermeiſter oder der erſte Jägerburſche trägt hierauf dem Jagdherrn in ceremonöſer Weiſe die Geweihe, und zwar zuerſt die mit den meiſten Enden vor, worauf verſchiedene gereimte Dank- und Lobreden an ausge⸗ zeichnete Leithunde folgen, welche mit erhobenen Köpfen zuhören, als Zeichen des Verſtändniſſes mit den Schwän⸗ zen wackeln und als Erwiederung ein Weniges knurren und kläffen. Schließlich läßt ſich der Jagdherr einen Pokal reichen, der in der Regel die Geſtalt eines Hun⸗ des, Hirſches oder Wildſchweins hat, und trinkt dem Oberjäger auf aller rechtſchaffenen Waidleute Geſund⸗ heit zu, worauf ſich letzterer bedankt und das Wohl des ihm im Range Folgenden trinkt, und ſo geht der Pokal herum bis zum letzten Beſuchsknecht und Pirſch⸗ jungen. Bei jeder Geſundheit der obligate Tuſch der Hift-, Jagd⸗ und Flügelhörner, und am Schluſſe er— ſchallt ein fröhliches Waidgeſchrei. Die Diana ſpielte als Göttin der Jagd eine große Rolle bei dieſen Hoffeſten. Bei einem ſogenannten Jagddiverdiſſement bei der Krönung Ludwigs XV. wurde S. M. im Walde von der Diana mit ihren Nymphen empfangen, welche ihm die Herrſchaft über die Wälder abtrat und als Huldigung Köcher und Bogen überreichte.„Die Frauenzimmer waren alle in Jagdhabit gekleidet und hatten ſich um die Dianam geſtellt.“ Zur Vermählungsfeier des Herzogs Karl zu Württemberg mit der Markgräfin Sophie zu Branden⸗ burg⸗Bayreuth wurde am 8. Okt. 1748 zu Leonberg ein Prunkjagen gehalten, zu welchem 800 Stück ver⸗ ſchiedenen Wilds zuſammengetrieben, durch eine Reihe geſchmückter Arkaden 14 Fuß hoch in ein dem fürſt⸗ lichen Schirm gegenüber liegendes Baſſin herabgeſprengt und ſchwimmend erlegt, die Sauen aber auf einem Laufplatz mit der Feder abgefangen wurden. In der Mitte der Arkaden thronte die Diana auf einem Hauptpor⸗ tale. Unter Pauken und Trompeten wurden 400 Stück erlegt, die andern freigelaſſen. Eine der letzten und größten Prunkjagden war die— jenige, welche noch 1812 von König Friedrich von Württemberg abgehalten und von dem Dichter Mat⸗ thiſſon als„das Dianenfeſt von Bebenhauſen“ beſchrie⸗ ben wurde. An reich verzierten Tempeln, Tribünen und Schirmen fehlte es nicht.„Jetzt führte,“ ſagt Matthiſſon,„gleich dem ſtattlichſten Feldherrn, ein Sechszehnender die anſehnliche Schaar des Rothwilds in den Lauf. Stolz und muthig tritt er vor den Stand des Königs. Urplötzlich, als hätte der furcht⸗ barſte elektriſche Schlag aus des Donners Regionen ihn getroffen, war ſein Verenden.... Mannigfaltig, 19 1 - 146— wie auf den Schlachtfeldern der Iliade die Todesarten der Helden, erblickte man hier die Todesarten der fal⸗ lenden Thiere, in jeder Hinſicht vom höchſten artiſti⸗ ſchen Intereſſe für den Pinſel eines Bourguignon, Riedinger oder Seele.(Letzterem war zu ſeinen Auf⸗ nahmen ein geeigneter Standpunkt angewieſen.) Den größten und impoſanteſten Anblick des Jagdfeſtes boten unſtreitig die enormen Wildmaſſen dar, welche wie Katarakten(!), wovon Keuler, Bachen, Hirſche, Rehe und anderes Gethier gleichſam nur die Tropfen(!) bil— deten, hernieder an der ſchroffen Felswand des Gebirg⸗ rückens ihrem unwiederruflich geworfenen Todeslooſe entgegenſtürzten. In der kurzen Zeitſpanne von zwei Stunden ergab ſich der Totalertrag von 823 Stücken erlegten Wildprets. Dritthalbhundert Hatzrüden vom kräftigſten Schlage und von der muſterhafteſten Dreſſur, deren zwanzig, gleich turnierfähigen Rittern des Mit⸗ telalters, gepanzert in die Schranken traten, wurden in zehn Hatzabtheilungen organiſirt, unter Anführung meh⸗ rerer, bei dieſem vaterländiſch⸗denkwürdigen(!) Dianen⸗ feſte unermüdlich thätigen Hofoberforſtmeiſter, Jagd⸗ junker und Rüdenmeiſter.“ Wie die Hirſchjagd in jener Zeit zu einem un⸗ waidmänniſchen Spektakel geworden war, indem man die Thiere zwang, bei türkiſcher Muſik über künſtliche Barrieren zu ſetzen und dergl., ſo mußten auch die rit⸗ terlichen Sauen zu ſogenannten Ergötzlichkeiten dienen, die einen echten Waidmann anwidern. Zur Zeit Ludwigs XIV. ſtand vorzüglich die Par⸗ forcejagd in Blüthe, welche auch in Deutſchland als die„franzöſiſche Jägerei“ eifrige Freunde fand. Schon Ludwig XI. galt für einen großen Parforcejäger, und Graf Gaſton de Foix unter Karl VI., der eine Meute von ſechzehnhundert Hunden hatte, preist dieſe Jagd, die dem Jäger zum Himmel verhelfe, denn wenn er den gehetzten Hirſch erblicke und die jagenden Hunde, wenn er ſchreie und aus Leibeskräften in's Horn ſtoße, ſo denke er an keine Sünde. Heinrich IV. forcirte oft an einem Tage fünf bis ſechs Hirſche. Stets huldig⸗ ten auch die Damen dem Waidwerk. Katharina, die berüchtigte Gemahlin Heinrichs II., ritt auf einem Männerſattel bei den Parforcejagden mit, obwohl ſie mehrmals abgeworfen wurde, und auch die ſogenannte petite bande de dames, eine Schaar von Damen, von welchen gerühmt werden konnte, daß ſie jung und ſchön waren, fand ſich bei dieſen Jagden ein. Lud⸗ wig XIV. aber hielt 1671 zu Chantilly eine Parforce⸗ jagd bei Nacht, wobei der Wald von Lampen und Fackeln erhellt war und in dem Glanze ebenfalls ſchöne Damen funkelten. Die churpfälziſche Prinzeſſin Eli⸗ ſabethe Charlotte, Herzogin von Orleans, eine eifrige Jägerin, ſchrieb 1709 von Marly an die Raugräfin Louiſe zu Pfalz:„Iſt es möglich, daß Ihr liebe Louiſe nie Keine parforce jagt geſehen habt, Ich habe gewiß mehr als tauſendt hirſch fangen ſehen, habe auch man⸗ chen braffen fall Im jagen gethan, In 26 mahl daß Ich gefallen bin, habe ich mich Nur Ein Eintzig mal wehe gethan... Kame Ich Eben Von der jagt mit J. M. dem König, die jacht war perfect ſchön, der König hat kleine Calesche und kleine pferdtger, die rennen aber ſo ſtark daß man allzeit hei den Hunden iſt— die jagt wehrte Nur anderthalb ſtundte und die hunde Erſoffen den hirſch allernegſt hier bei in einem weyer, es war recht ſchön alle die Hunde mitt dem Hirſch Ins waſſer zu ſehen und alle die leutte mag⸗ — nifick gekleidt ſo drumb herumb wahren und alle die jager ſo auff den jagts hörner ſehr woll blaßen, Es war Ein recht ſpecktackel.“ In einem Briefe von 1714 erzählt die Herzogin von zwei Geiſtlichen, die bei dem Herannahen eines Hirſches aus der Caleſche ſprangen und ſich aus Angſt hinter derſelben platt auf den Bo⸗ den legten.„Es iſt mir leydt,“ ſo ſchließt die Her⸗ zogin,„daß ich dieſe scene nicht geſehen habe, hätte mich braff lachen machen den wir andere alten Jäger ſcheuen die Hirſche nicht ſo ſehr.“ Auf einer Parforcejagd zu Ramboulllet ereignete ſich unter Ludwig XV. der ſeltene Fall, daß drei von verſchiedenen Meuten gejagte Hirſche in einem Weiher zum Halali zuſammenkamen. In den Jahren 1712 bis 1714 wurden von Landgraf Ernſt Ludwig von Heſſen 124 Hirſche halali gejagt. Die im Frühjahre forcirten ſollen nach 3 bis 4 Stunden erlegen ſein, während ſie im Herbſte 5 bis 5 ½ Stunden aushiel⸗ ten. Markgraf Alexander von Ansbach jagte von An⸗ fang Auguſt bis St. Hubertus wöchentlich zweimal mit 50 bis 60 engliſchen Hunden, wobei 25 bis 30 Hirſche gefangen wurden. Der als Jagdtyrann verrufene Markgraf Wilhelm zu Brandenburg aber jagte 1712 einen Hirſch von 10 Enden bei Weidersdorf an und forcirte denſelben durch Regelsbacher Wildfuhr durch die Redniz, durch Korndorfer, Megeldorfer und Fiſch⸗ bacher Wildfuhr, und von dannen zuruck durch ſieben Forſtreviere bis Kornburg in den Flecken, wo er ihn, nachdem er einen Weg von 10 Stunden Länge zurück⸗ gelegt hatte, mit 40 Hunden erlegte. Wenn bei den Parforcejagden ein Hirſch durch den Leithund„beſtätigt“ war, ſo wurden die theils beritte⸗ nen Jäger mit Hunden auf die Orte vertheilt, welche der Hirſch paſſiren mußte. Auf dieſen Fürlagen oder Relais waren 20 bis 30 Hunde vertheilt. Hierauf begab ſich der Jagdherr mit Gefolge zu Pferde nach dem Standorte des Hirſches, wo man ſich ſo vertheilte, daß der aufgeſprengte Hirſch dem Einen oder dem An⸗ dern zu Geſicht kommen mußte. Der Hirſch wurde nun von der Jägerei aufgeſucht und angejagt und die eigentliche Jagd mit der Meute, die manchmal bis 100 Hunde zählte, begann, und wurde bei jeder Für⸗ lage mit Reiten und Laufen, Waidgeſchrei und Hern⸗ ruf, durch Wald und Feld oft bis in die Nacht hinein fortgeſetzt. Zu jeder Jahreszeit tobte der lärmende Troß verwüſtend über Felder und Fluren, und rief eine allgemeine Erbitterung über dieſes rückſichtsloſe Treiben hervor; Bürgers Gedicht„der wilde Jäger“ iſt nicht aus der Luft gegriffen. War der Hirſch geſtellt, ſo hieb man ihm biswei⸗ len„die Heſſen“(die hinteren Läufe) ab, um ihn wehrlos zu machen, und fing ihn ab mit dem Hirſch⸗ fänger, worauf ihm der rechte Vorderlauf abgelöst und dem Jagdherrn als Ehrengabe überreicht wurde. Schließ⸗ lich folgte das Curée-Machen. Unter den zerwirkten und klein zerlegten Hirſch wurde die Decke(Haut) mit Kopf und Geweih gelegt und nun den Hunden der Kopf gezeigt, die Decke raſch weggezogen und der Hirſch denſelben preisgegeben. Ein würdiges Nachſpiel der Parforcejagd war das „Prellen“ der bei derſelben gelegenheitlich oder auch extra eingefangenen Füchſe. Dieſe an üppigen Höfen ſehr beliebte Unterhaltung beſtand darin, daß man mit⸗ telſt der Prellnetze(handbreiten, 9 bis 10 Ellen lan⸗ gen Gurten oder auch Stricken mit eingezogenen Knebeln) zübſe o, derte, bi ſi Volanfpil e ſem Pralle. mit, vobei gegrrber ha nus den Käſ ſchauende He a nun ba werden die tinge Bache unter den ur beſchreib Stallbahn Füchſe gept wandtheit h 6 bis 8 G gende treffe von Danmnel kindlichen G haltend darg len, ſo gibt Riß, der n Die Pe tigen Reite Hetzen und weniger a Todthetzen oder nur Hunden er tigkeit zu Auch man von Anhau Meilen w Möge folgen, d von Kobe Churfür eine Pau Walffahn ar= Hhatz gauze 9 der Chur heilige 3 und ihm anderwä hergeſtel horn ge für imn Sauen bä der und alle di blaßen, Es evon 1714 die bei dem e ſprangen if den Bo⸗ t die Her⸗ habe, hätte re alten dt creignete as drei von nem Weiher ihren 1712 udwig von Frühjahre glegen ſein, en aushiel⸗ te von An⸗ veimal mit 30 Hirſche verrufene agte 1712 rj an und fuhr durch und Fiſch⸗ durch ſieben wo er ihn, inge zurüc⸗ durch den ils beritte⸗ ilt, welche lagen oder Hierauf ferde nach vertheiltt, er dem An⸗ irſch wurde agt und die nchmal bis jeder Für⸗ und Hern⸗ Nacht hinein r lrmende 1, und rif rucſſichtloſe ilde Jäger im biswei⸗ b, um ihn oögelööt und de. Schließ⸗ r zerwirkten aer Hetzen flüchtete gauze Hagouumult erſcholl - 147— Füchſe oder auch Haſen ſo lange in die Luft ſchleu⸗ derte, bis ſie verendeten. Wie zum Tanze oder zum Volantſpiel engagirten ſich Herren und Damen zu die⸗ ſem Prellen. Es wurden drei bis vier Reihen for— mirt, wobei jeder Cavalier eine Dame neben ſich und gegenüber hatte, und ſodann die Füchſe oder Haſen aus den Käſten gelaſſen und geprellt, ſo daß die zu⸗ ſchauende Herrſchaft ihr Vergnügen haben kann.„Soll es nun bald zu Ende gehen,“ erzählt Flemming,„ſo werden die Sauen herausgelaſſen(Friſchlinge und ge⸗ ringe Bachen), und die machen dann bei den dames unter den Reifröcken einen ſolchen Rumor, daß nicht zu beſchreiben.“ Am 1. März 1751 wurden auf der Stallbahn vor dem königl. Schloſſe zu Dresden 687 Füchſe geprellt. Es gehörte ziemliche Kraft und Ge⸗ wandtheit hiezu. Gute Preller ſchleuderten den Fuchs 6 bis 8 Ellen hoch. Fr. v. Kobell macht hiezu fol— gende treffliche Bemerkung:„Wenn man die Porträts von Damen aus jener Zeit betrachtet, und wie ſie ſo kindlichen Gemüths eine Roſe oder Lilie in der Hand haltend dargeſtellt ſind, und man denkt an Fuchsprel⸗ len, ſo gibt's Einem, wie man bei uns ſagt, zeinen Riß,“ der manchen ſchönen Traum zerſtört.“ Die Parforcejagd erforderte allerdings einen tüch⸗ tigen Reiter und perſönlichen Muth, das gefühlloſe Hetzen und Quälen eines edeln Thieres iſt aber nichts weniger als ein edles Waidwerk zu nennen. Das Todthetzen der franzöſiſchen Parforcejagd ohne Schuß oder nur mit einem nicht tödtlichen Schuſſe, um den Hunden etwas Rothfährte zu geben und ihre Tüchtig⸗ tigkeit zu erproben, war jedenfalls eine barbariſche Sitte. Auch manches Pferd ging dabei zu Grunde. Ein Fürſt von Anhalt⸗Deſſau ſoll bei einer Jagd, welche zehn Meilen weit ging, acht Pferde todtgeritten haben. Möge auf dieſe widrigen Bilder ein freundlicheres folgen, das wir, wie einige andere Notizen, Franz von Kobell's Wildanger entnehmen.„1775 hielt der Churfürſt am 12. Oktober, an ſeinem Namenstage, eine Parforcejagd bei Maria Eich, einem bekannten Wallfahrtsorte in der Nähe von München. Nach lan⸗ ſich der Hirſch in einen eingezäun— tigen Mutter⸗Gottes⸗Kapelle. Die lld, die Jäger eilten herbei, und der um die Kapelle. Da aber der Churfürſt herankam, befahl er ſogleich, um die heilige Zufluchtsſtätte zu ehren, vom Hirſch abzulaſſen und ihm die Freiheit zu ſchenken, worauf er die Jagd anderwärts fortſetzte. Der Großherzog Karl Auguſt hielt noch 1811 eiue Hirſchparforcejagd, und gegenwärtig beſteht in Böhmen eine Parforce⸗Geſellſchaft, auch in den kaiſerlichen Par⸗ ken in Frankreich ſind dieſe Jagden äußerlich und in Betreff des Ceremoniells im früheren Glanze wieder hergeſtellt. Sonſt aber wird nur noch ſelten ein Hift— horn gehört, und mit der Jagd im großen Style iſt's für immer zu Ende. Das Jagen in Parken, wo die Sauen weniger als das Rothwild verkümmern, und bei der künſtlichen Fütterung das waldfriſche Leben ver⸗ lieren, ſteht weit gegen dem im Freien zurück, und das Erlegen furchtlos weidenden Wildes macht dem ächten Waidmann nur geringes Vergnügen. Freilich iſt da⸗ mit auch ein gutes Stück Poeſie aus der Welt gegan⸗ gen, die jedoch für Niemand ein Segen, für drei Vier⸗ tel des Volks aber ein Fluch war. Die Wildhege wurde ohne alle Rückſicht geübt und an vielen Orten zwiſchen Jägern und Wildſchützen vor. war die greulichſte Verwüſtung der Felder die Folge. Der Bauer, der ſie baute, wurde durch Steuern ge⸗ drückt, er ſollte der Herrſchaft zahlen, die ihn doch um den Ertrag ſeiner Felder, die Früchte ſaurer Arbeit gebracht hatte, und ihm verbot, ſie durch Zäune oder Hunde zu ſchützen. Ja der Bauer wurde noch als Treiber zu wochenlangen Jagden gepreßt, wobei er ſich ſelbſt mit Lebensmitteln verſehen mußte. Kein Geſetz war ſo unartig, dem Edelmanne den Weg durch die Kornfelder und Kohlgärten zu ſperren, und der Land⸗ graf Philipp von Heſſen fand es„zum Erbarmen, daß grobe, filzige Bauern ſich weigerten, ſeine Kühe(d. h. die Hirſche) in ihr Feld gehen zu laſſen, da er doch ihre Kühe in ſeinen Wald laſſe.“ An manchen Orten war das Wild weder durch„der Feldhüter Abhetzen, Wehren, Schrecken, Trommelſchlagen und anderes Ge⸗ töne, Geruf und Geſchrei in den Wald zu bringen, und man die wohl ausgeſtellten Felder wiederum zu wüſtem Rechte liegen laſſen mußte.“ Kein Wunder, wenn Nürnberg, Bamberg, Würzburg und andere Städte Deputationen um Abhülfe an den Kaiſer ſchick⸗ ten, und mißhandelte Gemeinden in Heſſen es auf's Aeußerſte trieben, und die Wälder anzündeten, um das Wild zu verderben. Nach der Meinung mancher ade⸗ ligen Herren„ſtarben“ die Hirſche und Sauen, Bauern aber konnten nur„krepiren“, und eine Stelle in der Eingabe eines Pfarrers an einen ſüddeutſchen Souverän, der in ſpäteren Jahren den Wildſchaden einzuklagen geſtattete, iſt für jene Zeit ganz charakteriſtiſch.„Euer Königlichen Majeſtät Allerhöchſte Sauen,“ ſchrieb der Pfarrer,„haben meine allerunterthänigſten Kartoffeln gefreſſen.“ Mit dem Jagdunfug fielen an den meiſten Orten auch die Wilddiebſtähle, die unmenſchliche Beſtrafung derſelben und das gegenſeitige Morden der Jäger und Wildſchützen weg, aber noch im Jahre 1705 verſchärfte Kaiſer Joſeph I. die Mandate:„Verrufene Wild⸗ ſchützen,„welche denen Leuthen auf Leib und Le⸗ ben trohlich, ſollen auf der Stelle, wo ſie das Wild geſchoſſen, aufgehängt, wenn ſie nit verrufft, mit dem Schwert vom Leben zum Tode hingebracht, die aber nit betrohlich geweſen, ſollen für das erſtemal mit Abhauung der rechten Hand, das andermal mit dem Strang beſtraft werden.“ Für den im Walde ange⸗ troffenen„Wilderer“ war deßhalb die Wahl kurz: ich oder du!— Wie mancher wackere Jäger fiel im Kampfe oder meuchlings, und in vielen Gegenden war ihr Leben ein Leben von heute auf morgen. Man fand Jäger im Walde liegen, die ſchlafend angebirſcht und erſchoſſen worden waren. Zachäus Wagner aus Rei⸗ chersbayern wurde in einem Heuſtadel von Wilddieben überfallen und niedergeſchlagen. Von Schmerzen ge⸗ peinigt, erwachte er in der Morgendämmerung, und ſah ſich mit hölzernen Nägeln an die äußere Wand der Hütte genagelt. Das Winſeln und Bellen ſeines Hun⸗ des lockte glücklicherweiſe Holzknechte herbei, welche den Gekreuzigten losmachten und nach Hauſe trugen. Er wurde wieder hergeſtellt und ſtarb 1847 in Amerland am Starenberger See. Nicht ſelten ſind die Fälle, daß ſowohl Jäger als Wildſchützen ſpurlos verſchwun⸗ den ſind. Eine wilde Felsſchlucht, ein Sumpf oder See barg wohl die Reſte der Vermißten. Obgleich die neueren Geſetze ungleich zweckmäßiger ſind, kommen noch gegenwärtig traurige Beiſpiele blutiger Kämpfe 19* — 148—— Faſt überall iſt die Jagd nun ſo weit beſchränkt, die alten Jäger nicht eine Ahnung hatten, die wild⸗ als es die Intereſſen der Landwirthſchaft gebieten. Sie hat in ihrer gegenwärtigen beſcheidenen Weiſe nur noch entfernte Aehnlichkeit mit dem Bilde, das unſere Vor⸗ eltern von jenen wildpretgeſegneten Zeiten entworfen, loſen Forſte durchziehen, hat deßhalb nicht ſelten etwas Komiſches. Die wichtigſte Obliegenheit des heutigen Forſtmannes iſt die Waldkultur, und ſein Revier iſt nicht ſowohl Stall, wo Wild gemäſtet wird, als Feld und der Anblick unſerer Sonntagsjäger, die mit allen und Garten, wo Holz wächst. erdenklichen Jagdgeräthſchaften ausgerüſtet, von welchen C. F. A. K. Eine Walſroßjagd. Vor einigen Jahren nahm ich die Einladung eines Freundes an, ihn auf einer Reiſe nach der Eisregion von Spitzbergen zu begleiten, um auf Seehunde und Wallroſſe Jagd zu machen. werk habe nicht ſeines Gleichen auf der Welt, wie er aus eigener Erfahrung wiſſe, da er ſchon in den Wäl— dern Afrika's, in den Dſchöngeln von Aſien, auf den Gebirgen Europa's und in den Prärien Amerika's der Jagd obgelegen habe. Ich übergehe die Reiſe, eine für mich ſtets unan⸗ genehme Sache, im gegenwärtigen Falle aber um ſo mehr, da ſie uns hauptſächlich durch die traurigen Striche des ewigen Eiſes führte, und gebe einfach an, daß wir unſeren Jagdgrund am erſten Juli erreichten und ſogleich unſere Thätigkeit eröffneten. Das Wallroß, das man geeigneter den Meer⸗ elephanten nennen könnte, iſt ein in die Ordnung der Robben gehöriges, fleiſchfreſſendes Säugethier, um den Leib ſo groß oder noch größer als ein Ochſe, fünfzehn bis zwanzig Fuß lang, und mit kurzen, gelblichen Haaren bedeckt; er hat einen kleinen, faſt menſchen⸗ ähnlichen Kopf mit feurigen Augen, dicke Borſten um die Schnauze, und weiße, elfenbeinartige Hauer, die abwärts wachſen und im Durchſchnitt eine Länge von zwei Fuß beſitzen. Es hält ſich in Gewäſſern von zehn bis zwanzig Faden Tiefe auf, athmet Luft, die er nach Art der Wallfiſche einſchnaubt und ausſtößt, nährt ſich von Sandwürmern, Seeſternen, Meerkreb: ſen, Auſtern, Muſcheln und Seekräutern, durchpflügt oft mit ſeinen Hauern den Meeresgrund, um Futter zu ſuchen, und liegt häufig auf den ſchwimmenden Eis⸗ feldern, um zu ſchlafen oder ſich zu ſonnen. Iſt der Ausluger auf dem Maſte eines ſo bevölkerten Eisfel⸗ des anſichtig geworden, ſo theilt er dies ſogleich der Schiffsmannſchaft mit, welche dann nicht ſäumt, eines oder mehrere Boote auszuſetzen, um auf den Schau⸗ platz des Kampfes zu gelangen. Dieſe Boote ſind eigenthümlich gebaut; ſie haben eine Länge von ungefähr zwanzig, eine Breite von zehn Fuß, an beiden Enden einen Bug und in der Mitte einen niedergedrückten Kiel, ſo daß ſie raſch, wie um einen Stift, gedreht werden können. Ein ſolches Boot nimmt fünf Mann auf, die, insgeſammt am Ruder beſchäftigt ſind; der Steuermann hat das Geſicht dem Bug zugekehrt und bedient ſich ſtatt des Steuers gleich⸗ falls eines Ruders. Nähert man ſich einer Heerde von Seehunden oder Wallroſſen, ſo tritt der Harpunier in den Bug, nimmt ſeine Waffe auf und befeſtigt da⸗ ran ein Tau von fünfzehn Faden Länge, die in der Regel ausreicht, wenn das verwundete Thier in die * — Tiefe geht. Bisweilen ſteht auch ein Matroſe mit der Büchſe bereit und bedient ſich dieſer Waffe, wenn das Er erklärte, dieſes Waid⸗ Boot nicht nahe genug kommen kann, um dem Har⸗ punier den Wurf zu ermöglichen. Dieſes Verfahren iſt freilich ſehr unſicher, da das Thier, wenn es auch auf den Tod verwundet wurde, dem Jäger häufig ent⸗ wiſcht; denn kann es noch in's Waſſer entkommen, ſo ſinkt es vermöge ſeiner Schwere unter und iſt verlo⸗ ren, ehe das Boot nahe genug herankommen kann. Die einzige Stelle, an welcher eine Büchſenkugel augen⸗ blicklichen Tod bewirkt, iſt das Gehirn des Wallroſſes; dieſes ſitzt aber an der Hinterſeite des Kopfes und hat nur die Größe einer Mannsfauſt; man begreift daher, daß bei dem Schaukeln des Bootes ſowohl als des Eisfeldes ein ſo kleines Ziel ſchwer zu treffen iſt. Die aufregendſte Art des Robbenfanges iſt das ſogenannte Jagen. Dies geht in folgender Weiſe vor ſich: Die Wallroſſe leben in Heerden, und man findet häufig ein ſchwimmendes Eisfeld ſo von ihnen über⸗ laden, daß ſie theilweiſe auf einander liegen, wie die Schweine in ihrem Stalle. So ſonnen ſie ſich und ſchlafen; doch iſt ſtets eines auf der Wache, um eine nahende Gefahr ankündigen zu können. Macht der Wächter, wie bei der Annäherung eines Bootes gewöhn⸗ lich geſchieht, Lärm, ſo ſtürzen ſich die Thiere hurtig in's Waſſer, und tauchen mit einem ſolchen Gebrüll, Schnauben und Schlagen, daß der Neuling in nicht geringe Angſt geräth, unter, um eine ſicherere Oerl—— lichkeit aufzuſuchen. Das Jagen beſteht nun darin, daß ihnen das Boot in der Richtung, die ſie einge⸗ ſchlagen haben, folgt, wobei jeder Ruderer ſeine volle Kraft und Geſchicklichkeit aufbietet, um ihnen nahe ge⸗ nug zu ſein, wenn ſie wieder an die Oberfläche kom⸗ men, um Luft zu ſchöpfen. Nun wird die Harpune nach einem ſchönen alten Thiere geſchleudert, das nicht nur das Boot mit großer Geſchwindigkeit nachzieht, ſondern auch ſolche Schmerzrufe ausſtößt, daß alle ſeine Kameraden heran kommen, um es zu vertheidigen. Das Unternehmen wird jetzt lebensgefährlich, denn die Wallroſſe ſind, wenn ſie angriffsweiſe verfahren, ſehr wild und in der That furchtbar; verhängt ſich die Leine beim Ablaufen oder bringt eine ſolche Beſtie ihre Hauer über das Schanddeck, ſo ſchlägt das Boot wahr⸗ ſcheinlich um, und man hat allen Grund, Gott zu danken, wenn man wieder in daſſelbe hinein kommt. Wir hatten uns noch nicht viele Tage mit dem Robbenfange abgegeben, als uns ein derartiger Unfall zuſtieß. Unſer Harpunier hatte ein Wallroßkalb ange⸗ ſpießt, und das klägliche Geſtöhn des kleinen Kerls machte nicht nur die Mutter, ſondern die ganze Heerde de gen halb aus Zähnen und be wüthend; Göſichter güliſtn Rer veitzt glant gutlike und kundert Mei und wir im und Bootsk ſclagen, h einen wilde ſchah, zapt eiſigen Wa ihre — aber obſ mir doc Vorrane k, die wit ſelten etwas des heutigen t Revjer ſt d, als Feld roſe mit der „wenn das dem Har⸗ Verfahren un es auch häufig ent⸗ ommen, ſo iſt verlo⸗ men kann. ugel augen⸗ Walrroſſes; fes und hat reift daher, hl als des fen iſt, s iſt das Weiſe vor nan findet ſnen über⸗ , wie die e ſich und „ um eine Macht der es gewöhn⸗ iere hurtig n Gebrüll, giin nicht rere Oerk⸗ tun darin, ſie einge⸗ ſeine volle en nahe ge⸗ flüche kit⸗ ie Harpune „ das licht 1 nachziehſ, ſalle ſeine ertheidigen. denn di wüthend; die Thiere ſammelten ſich um uns her, ſpran⸗ gen halb aus dem Waſſer, brüllten, knirſchten mit den Zähnen und verzerrten unter den blutunterronnenen Augen ihre Geſichter in einer Weiſe, daß man ſich in die hölliſchen Regionen mit ihren Schwärmen von Teufeln verſetzt glaubte. Ich ſchauderte bei dem ſchrecklichen Anblicke und wünſchte in meinem Innern, daß ich hundert Meilen von dem Platze ſein möchte. Wäh⸗ rend wir insgeſammt mit unſeren Harpunen, Speeren und Bootshaken beſchäftigt waren, den Angriff abzu⸗ ſchlagen, hörte ich plötzlich ein furchtbares Krachen, einen wilden Schrei, und ehe ich wußte, wie mir ge— ſchah, zappelte ich mitten unter der tollen Heerde im eiſigen Waſſer. Ein altes Wallroß hatte ſich an un⸗ aber obſchon ich ein rüſtiger Schwimmer war, gewann mir doch ein Matroſe bald um etwa zehn Ellen den Vorrang ab. Ach Himmel! helft mir!“ rief dieſer, über die Schultern zurückſchauend. 4 Am nächſten Augenblicke bemerkte ich mit Entſetzen, wwiie ein ungeheures Wallroß ihn faßte Im Verſinken ſtreckte er noch die Hände in die Höhe und ſtieß einen Schreckens⸗ und Schmer⸗ zensſchrei aus, den ich in meinem Leben nicht vergeſſen werde. Ich mußte über dieſelbe Stelle weg, an der er verſchwunden war, und als ich ſie erreichte, ſah ich Bei dem An⸗ blicke vergingen mir faſt die Sinne; doch ich erinnerte mich, daß mit jedem Momente mich das gleiche Loos — die Angſt ſpornte daher meine Waſſer zog. das Waſſer mit ſeinem Blute gefärbt. treffen önnte - 149—— und mit in das ſer Boot heran gearbeitet und demſelben eine Seite eingeſchlagen, ſo daß es alsbald verſank. Da ſchwam⸗ men nun wir Alle unbewaffnet und wehrlos im Waſ⸗ ſer, der Gnade der grimmigen Beſtien preisgegeben, und ohne Hoffnung auf Beiſtand, da kein anderes Boot in Sicht und unſer Schiff wenigſtens eine See— meile von uns entfernt war. Kann man ſich eine ſchrecklichere Lage denken? Trotz der Ueberraſchung und meines Schreckens blieb mir doch glücklicherweiſe noch genug Geiſtesgegenwart, um zu Rettung meines Lebens alle möglichen Anſtren⸗ gungen zu machen. In der Entfernung von zweihun⸗ dert Ellen befand ſich ein Eisfloß, in deſſen Erreichung meine einzige Hoffnung lag. Ich holte kräftig aus; (Energie, und ich begann, mit erneuter Kraft zu rudern. Bis in's Mark durchkältet und faſt erſchöpft hatte V ich beinahe den Eisfloß erreicht, auf dem ich zeitweilige Ruhe und Sicherheit vor den ſchwimmenden Ungeheuern darauf zu Grunde ging, als plötzlich eine rieſige Beſtie neben mir erſchien. Im nächſten Augenblicke war ich ergriffen und unter das Waſſer gezogen. Ich erinnere mich, wie es abwärts ging, tiefer, tiefer und tiefer; vor meinen Ohren klang ein wildes Brauſen; ich em⸗ Alles vorüber ſei. Darauf mußte eine kurze Periode von Bewußtloſigkeit gefolgt ſein; als ich wieder meiner Sinne mächtig war, zappelte ich neben einem Boote auf dem Waſſer, ſah menſchliche Geſtalten wie Schat⸗ zu finden hoffte, wenn ich auch vielleicht nachher elend pfand ein Gefühl von Erſtickung und glaubte, daß jetzt ten über mir dahin ſchweben, und hörte die aufgeregten Rufe menſchlicher Stimmen. Es folgte nun eine Pe⸗ riode ſeltſamer Verwirrung, während welcher ich mir bewußt war, daß ich derb hin und her geriſſen wurde; doch war es mir nicht klar, ob dies durch Menſchen oder Thiere geſchah; dann verlor ich abermals die Be⸗ ſinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Trocke⸗ nen neben einem lodernden Feuer, deſſen Wärme einen wohlthätigen Eindruck auf mich machte. Zwei von der Mannſchaft meines Bootes, die gleichfalls gerettet wa⸗ ren, ſtanden neben mir. Ich blickte verwundert zu ihnen auf und fragte mit matter Stimme, wo ich ſei. Sie theilten mir in Kürze mit, was ſeit dem Unfall, das unſer Fahrzeug betroffen, geſchehen war. In dem⸗ ſelben Augenblicke, als wir in's Waſſer flogen, kam ein anderes von unſeren Booten um einen nnr einen Büchſenſchuß entfernten Eisberg herum; unſere Noth wurde bemerkt, und die Mannſchaft eilte zu unſerer Rettung herbei. Zwei von meinen Gefährten waren umgekommen, die anderen beiden aber in Sicherheit gebracht worden; ich ſelbſt wurde in einem völlig er⸗ ſchöpften Zuſtande aufgefiſcht, nachdem mich das Wall⸗ roß bis auf den Meeresboden hinunter gedrückt, doch mit Ausnahme einiger Fleiſchwunden, die von den Hauern herrührten, nicht weiter beſchädigt hatte. Weil zu befürchten ſtand, ich möchte erfrieren, wenn man mich in meinem dermaligen Zuſtande nach dem Schiffe zurückbrächte, ſo hielt das Boot auf eine nahe gelegene Inſel ab, auf der die Matroſen von einigem Treib⸗ holze, das ſie am Ufer fanden, ein Feuer anmachten. Sie ließen mich unter der Obhut meiner zwei Kame⸗ raden, die der Wärme gleichfalls ſehr benöthigt waren, zurück, und fuhren wieder nach dem Orte unſerer Be⸗ drängniß, um zu ſehen, ob ſich nichts von dem Boote retten ließ, und ob nicht die Leichen der Verunglückten aufzufinden wären. Nach ungefähr einer halben Stunde kam das Boot wieder; es hatte einiges Takelwerk, Speere, Harpunen, Bootshaken und andere Gegenſtände geborgen; aber die Ueberreſte der zwei unglücklichen Matroſen waren für immer verſchwunden. Ich konnte jetzt wieder aufrecht ſitzen, und Alle gratulirten mir zu meinem haarknap⸗ pen Entkommen, doch nur in der Weiſe, wie man etwa Einem glückwünſcht, der einen verlorenen Geld⸗ beutel wieder gefunden hat. Ich ſah, der ſchreckliche Vorfall hatte auf ſie nicht denſelben Eindruck gemacht, wie auf mich; ihnen erſchien das Ganze nur wie ein Unfall im Geſchäft, der oft genug vorkommt und auf den man ſich gefaßt halten muß; der Verluſt des Boots und der Wallroſſe ſchien ihnen faſt mehr zu Herzen zu gehen, als der ihrer Kameraden. Und doch waren dieſe Menſchen nicht allen Gefühls bar, ſon⸗ dern eben Naturen, in welchen ein Leben voll Mühe und Gefahr die zarteren Regungen des Herzens abge⸗ ſtumpft hatte. „Yo⸗ho! ein Bär auf dem Eiſe!“ lautete der auf⸗ regende Ruf, der mit einemmale jeden Gedanken von dem erlebten Unglücke ab und einem neuen Gegenſtande, - 150— rend das Teleſcop den Ausluger einen großen Polar⸗ bären unterſcheiden ließ. Die weißen Bären des nördlichen Oceans leben von den Robben und Wallroſſen, und werden ſelbſt wieder die Beute der Robbenjäger wegen ihres Fells, ihres Fetts und ihres Fleiſches. Obſchon Meiſter Petz wahrſcheinlich keine Wahl hat zwiſchen den Seehunden und Wallroſſen, ſo lehrt ihn doch ſein Inſtinkt, daß die erſteren ungeachtet ihrer ſcheuen, vorſichtigen Natur weit ſicherer anzugreifen ſind; denn unter einer Heerde der letzteren könnte er leicht in Stücke zerriſſen werden, wie er wahrſcheinlich an manchem ſeiner Kameraden mit eigenen Augen hat anſehen müſſen. Wenn er da⸗ her von ſeinem Loch aus eine Robbe, die auf einem Eisfloße ihr Schläfchen macht, erſpäht, ſo läßt er ſich in's Waſſer nieder, ſchwimmt ſo geräuſchlos als mög⸗ lich und nur einen kleinen Theil ſeines Kopfes zeigend hinter dem Wind auf ſie zu und taucht ganz unter, wenn er meint, daß die beabſichtigte Beute nach ihm hinſieht. Kann er auf dieſe Weiſe unbemerkt an den Rand des Eisfeldes gelangen, ſo ſchwingt er ſich plötz⸗ lich auf daſſelbe und bringt mit einem kräftigen Schlage ſeiner ſchweren Tatze den Seehund in ſeine Gewalt, obſchon dieſer bisweilen ſelbſt jetzt noch entrinnt und dem hungrigen Feinde das Nachſehen läßt. Gelegentlich ſetzt ſich, wie in dem gegenwärtigen Falle, der Polarbär auf einen ſchwimmenden Eisberg und tritt eine Entdeckungsreiſe an. Wird er dann von Jägern verfolgt, ſo nimmt er zum Waſſer ſeine Zu⸗ flucht und ſucht ſich durch Schwimmen zu retten; doch ein von fünf geſchickten Ruderern regiertes Wallroß⸗ boot holt ihn leicht ein, und ein guter Schütze ſtreckt ihn mit der erſten Kugel nieder. Nach ungefähr drei Stunden kehrte unſer Boot mit dem erlegten Bären wieder zurück. In der Freude über die Beute war das Unglück des Tages ſchon wie⸗ der vergeſſen. Wir hatten uns ſoweit erholt, daß man uns nach dem Schiffe bringen konnte, und beeilten uns, in das kleine Fahrzeug zu ſteigen; aber ehe wir von der Inſel abſtoßen konnten, ſahen wir uns in einen plötzlichen Nebel eingehüllt, um welcher willen die Eisregion berühmt iſt. Ein ſolcher dichter Nebel überzieht oft, ehe man ſich's verſieht, auf weite Strecken die Meeresfläche, und man muß dann ruhig liegen bleiben, bis er ſich verzogen hat, da man auf keine zehn Fuß weit ſehen kann. Es kommt nicht ſel⸗ ten vor, daß bei ſolchen Gelegenheiten eine Bootsmann⸗ ſchaft, ja ſogar ein Schiff zu Grunde geht. w Zum Glück war das Boot wieder bei uns, und wir befanden uns, mit Proviant gehörig verſehen, auf einer Inſel. Zu unſerem großen Jammer hielt der Nebel drei Tage und drei Nächte an. Dieſe ganze Zeit ſtand die Sonne in heller Klarheit über uns, da ſie bekanntlich in der Nähe des Pols während des gan⸗ zen Sommers gar nicht untergeht. Endlich gelangten wir wieder auf unſer Schiff, um unſer trauriges Erlebniß zu erzählen und die alte Be⸗ ſchäftigung wieder aufzunehmen, als ob nichts vorgefallen wäre; dies iſt in dem wilden, aufregenden Treiben der Wallroßjäger ganz natürlich. Im Auguſt traten wir der Gewinn verſprach, zuwandte. Die Matroſen eil⸗ ten wieder in ihr Boot und durchfurchten in weniger als einer Minute auf's Neue die Waſſerfläche, einem fernen Eisblocke zuſteuernd, auf welchem das bloße Auge kaum ein kleines Fleckchen wahrnehmen konnte, wäh⸗ mit einem wohlgeladenen Schiffe die Fahrt wieder nach dem Süden an, und ich kehrte mit mancher angeneh⸗ men Erinnerung an die gefährlichen Scenen, in denen ich eine ſo bedeutſame Rolle geſpielt hatte, in die Hei⸗ math zurück. Dr. Kolb. ₰ Es war nit in de) dm Wagen Vincennes em geregnet, un ſchwere Waf die Sonne der Erde un oben. Nach abgelegenen! auf einen u Unſere Eile denn es fehl deten Zeit. jedoch Tritte ſich drei Her tariſchen Ho ſchien. In Beſinnen ei ſichtsvoller Zweitampfe einladen w Miene des Arzt zu erke langt, von ſ auf die Se ſich vor O. Gegner mei E war ei Zwanzig J flammende Entſchloſſ Italiener ſeine Hein ren 1 At geſehen, w mir darau⸗ hatten, de Mann zu derſelben griffen ei Mehr in der F Sekundan ache au ſchüttelte „Unm Vanlaſ ds gegen Ihnen vi meinen L ein Nrrech aber da koßen Polar⸗ 5 deans leben verden ſelbſt ihres Fell Meiſter Net Seehunden nſtinkt, daß tigen Natur einer Heerde iſſn werden, Kameraden Venn er da⸗ auf einem läßt er ſich os als mög⸗ pfes zeigend ganz unter, nach ihm erkt an den Fſich plötz⸗ en Schlage ne Gewalt, tteinnt und genwärtigen den Eisberg er dann von r ſeine Zu⸗ retten; doch Wallroß⸗ ütze ſtreckt Boot mit der Freude ſchon wie⸗ , daß man and beeilten ber ehe wir vir uns in ſcher willen ſchter Nebel auf weite dann ruhig a man auf nt nich ſel⸗ Zootsmann⸗ uns, und erſehen, auf r hielt der Dieſe ganze der und, da nd des gal⸗ Schiff, um ie alte Be⸗ vorgefallen Treiben der traten wit wieder na angeneh⸗ 1 in vmm in die hiů r. Koll. — 1 1 1 + 151— Der Verſchwender. (Schluß von Seite 144.) Es war ein friſcher, ſchöner Frühlingsmorgen, als wir in der Nähe des kleinen Dorfes St. Mande aus dem Wagen ſtiegen und den Weg in das Gehölz von Vincennes einſchlugen. Während der Nacht hatte es geregnet, und an Gras und Blättern hingen noch ſchwere Waſſertropfen. Der Himmel war klar, und die Sonne ſchien hell; aber ein leichter Nebel lag auf der Erde und verlor ſich, allmählig aufſteigend, nach oben. Nach kurzem Marſche gelangten wir zu einer abgelegenen lichten Stelle im Walde, ſetzten uns hier auf einen umgefallenen Baumſtamm, und warteten. Unſere Eile hatte uns etwas zu früh kommen laſſen, denn es fehlte noch eine Viertelſtunde an der verabre⸗ deten Zeit. Nach wenigen Minuten vernahmen wir jedoch Tritte und Stimmen, und gleich darauf nahten ſich drei Herren, deren einer mir, wegen ſeiner mili— täriſchen Haltung, der Offizier und Gegner zu ſein ſchien. In einem zweiten erkannte ich nach turzem Beſinnen einen geachteten Literaten, da Moreau ruck⸗ ſichtsvoller Weiſe keinen ſeiner Kameraden zu dieſem Zweikampfe mit einer ihm untergeordneten Perſon hatte einladen wollen. Der ſchwarze Rock und die ernſte Miene des dritten Fremden gaben ihn deutlich als den Arzt zu erkennen, welcher ſich, auf dem Platze ange— langt, von ſeinen Gefährten trennte und mehrere Schritte auf die Seite trat. Die beiden Anderen verbeugten ſich vor Oakley und mir. Beſonders gefiel mir der Gegner meines Freundes in ſeiner äußeren Erſcheinung. Es war ein junger Mann von ſechs⸗ bis ſiebenund⸗ zwanzig Jahren, von dunkelm Colorit, mit ſchwarzen, flammenden Augen und einem Geſicht, das Muth und Entſchloſſenheit ausdrückte. Ich wurde ihn für einen Italiener gehalten haben, und erfuhr auch ſpäter, daß ſeine Heimath in der Provence, dicht an der italieni⸗ zrenze, war. Nie habe ich ein feuriges Tem⸗ at in der Phyſiognomie ſo ſcharf ausgeprägt geſehen, wie bei dieſem jungen Offizier, und ich konnte mir daraus die Gefühle erklären, welche ihn beſtimmt hatten, den von der Dame ſeiner Wahl bevorzugten Mann zu fordern, obgleich die geſellſchaftliche Stellung derſelben von der Art war, daß nach gewöhnlichen Be⸗ griffen ein Zweikampf mit ihm nicht zuläſſig erſchien. Mehr um die übliche Formalität zu beobachten, als in der Hoffnung auf Erfolg, fragte ich Moreau's Sekundanten, ob keine Ausſicht vorhanden ſei, die Sache auf freundſchaftlichem Wege zu arrangiren. Er ſchüttelte ſeinen Kopf ſehr entſchieden. „Unmöglich,“ entgegnete er.„Ich kenne nicht die Veranlaſſung des Streites, nicht einmal den Namen des gegenüber ſtehenden Herrn. Mein Freund, der Ihnen vielleicht eben ſo unbekannt iſt, hat mich um meinen Beiſtand erſucht und erklärt, daß das Duell ein gerechtes, ehrenhaftes und nicht zu vermeidendes ſei, aber daß er die Beweggründe, aus denen er dazu her⸗ ausgefordert habe, ſelbſt mir nicht mittheilen könne. Mit dieſer Verſicherung zufrieden geſtellt und ſeinen Worten unbedingten Glauben ſchenkend, habe ich keine Veranlaſſung, weitere Fragen zu thun. Ueberdies wäre es, da wir einmal auf dem Platze ſind, ſehr ſchwierig, eine derartige Angelegenheit ohne Kampf auf ehrenvolle Weiſe auszugleichen.“ Ich verbeugte mich, ohne weiter zu antworten. Der Grund wurde vermeſſen, die Piſtolen geladen, und die Kämpfer auf ihre Plätze geſtellt. Das Auf⸗ werfen eines Fünffrankenſtückes gab Moreau den erſten Schuß. Seine Kugel ſtreifte Oakley's Wange, aber ſo leicht, daß kaum Blut kam. Hierauf feuerte Letz⸗ terer. Der Offizier wankte, wandte ſich halb um und fiel zu Boden; der Schuß hatte ſeine Hüfte getroffen. Sein Sekundant, der Arzt und ich eilten zu ihm. Während dies geſchah, traten drei Soldaten, welche, wie ſich ſpäter ergab, aus einem verborgenen Orte unter den Bäumen den ganzen Hergang mit angeſehen hatten, aus ihrem Verſtecke hervor, gingen über das eine Ende des offenen Platzes und richteten neugierige und erſtaunte Blicke auf uns. Sie waren noch nicht fort, als Moreau, welcher zu einer ſitzenden Stellung aufgerichtet worden war, ihrer anſichtig wurde. Er erſchrak und blickte Oakley an, welcher gleichfalls ſei⸗ nen Stand verlaſſen hatte, und ſich in der Nähe des Verwundeten befand. „Sehen Sie jene dort?“ fragte er haſtig, während er ſich unter den Händen des Arztes ſchmerzhaft wand, der ihm den Stiefel und die Beinkleider aufſchnitt und die verwundete Hüfte unterſuchte. Die Soldaten, von denen zwei Dragoner-Unifor⸗ men trugen, wie ich deutlich bemerkt hatte, waren un⸗ terdeſſen im Gebüſche verſchwunden. Oakley nickte bejahend. „So thäten Sie am beſten, augenblicklich zu fliehen,“ ſagte Moreau.„Gehen Sie nach England oder Deutſchland. Ihr Urlaub lautet auf acht Tage; ich will dafür ſorgen, daß er verlängert werde. Aber ſchnell fort— fort von Paris. Jene Burſchen haben Sie erkannt und werden die ganze Sache ausſchwatzen.“ Er ſprach mit Unterbrechung und ſichtbarer An⸗ ſtrengung, denn der Arzt drehte und wendete ſein Bein während deſſen auf höchſt ſchmerzhafte Weiſe, und der junge Mann war von Blutverluſt bereits erſchöpft. Oakley aber ſchaute ihn nur mit Blicken der Reue an und verrieth durchaus keine Neigung, die empfohlene ſchleunige Flucht anzutreten. „Nun, Doktor,“ ſagte Moreau nach einer Pauſe, bitter lächelnd,„mit dem Tanzen iſt's wohl vorbei?“ „Kleinigkeit!“ verſetzte der Chirurg,„Kleinigkeit! In einem Monate ſind Sie wieder hergeſtellt. Ihr Blut iſt zu heiß, mon lieutenant, Sie werden ſich nach dieſem kleinen Aderlaß um ſo wohler befinden.“ „Da ſehen Sie alſo!“ ſagte der Verwundete freund⸗ lich zu Oakley,„es iſt kein großer Schaden geſchehen, wenigſtens mir nicht. Um ſo mehr ſollte es mir leid thun, wenn für Sie nachtheilige Folgen daraus ent⸗ ſtänden. Fort mit Ihnen! Führen Sie ihn fort!“ rief 8 — er mir zu;„er riskirt ſein Leben durch längeres Zaudern.“ Ich nahm Oakley's Arm und führte ihn, ohne Widerſtand zu finden, fort. antwortete kaum auf einige Bemerkungen, welche ich an ihn richtete, während wir das Gehölz verließen. Der Wagen wartete unſer; wir ſtiegen ein und fuhren nach Paris zurück. „Ich hoffe, Sie werden Moreau's Rath befolgen,“ ſagte ich,„und das Land für einige Zeit verlaſſen, bis Sie deſſen gewiß ſind, daß die Sache nicht ruch⸗ bar geworden iſt.—Er hegt die Befürchtung, daß ſie durch jene drei Soldaten bekannt werde.“ „Und er hat Recht,“ verſetzte Oakley.„Zwei von ihnen gehören zu meiner Schwadron, und einer der⸗ ſelben iſt ein ſchlechter Burſche, den ich ſchon oft habe ſtrafen müſſen. Er wird ſicherlich dieſe Gelegenheit, ſich zu rächen, nicht vorüber gehen laſſen.“ „In dieſem Falle müſſen Sie ſogleich fort nach England. Mein Paß ſteht Ihnen zu Dienſten. Wir haben zwar nicht viel Aehnlichkeit mit einander, allein das wird nicht bemerkt werden.“ „Vielen Dank, allein— ich werde in Paris bleiben.“ „Um ſich vor ein Kriegsgericht ſtellen zu laſſen? Welche Strafe haben Sie zu erwarten?“ „Nach dem Buchſtaben des Geſetzes— den Tod. Die franzöſiſchen Kriegsartikel ſind nicht ſehr milde. Doch unter den obwaltenden Umſtänden werde ich wahr⸗ ſcheinlich mit einigen Jahren Gefängniß und der Ver⸗ ſetzung in ein Strafregiment davon kommen.“ „Eine ſchöne Ausſicht!“ bemerkte ich. „Ich ſehne mich durchaus nicht darnach,“ erwie— derte Oakley;„allein ich bin in Paris eben ſo ſicher wie an jedem anderen Orte, wenigſtens einige Tage lang; und inzwiſchen findet Moreau vielleicht Mittel, jene Zeugen des Vorganges zum Schweigen zu bewegen. Jedenfalls iſt es morgen oder übermorgen noch Zeit genug, die Flucht anzutreten. Ich kann unmöglich jetzt gleich fort gehen. Es gibt eine Perſon, die ich unter jeder Bedingung vorher ſehen oder jetzen muß.““ Ich errieth, wen er meinte, und an ſeinem ganzen Weſen erkennend, daß es ſein feſter Entſchluß war, zu bleiben, enthielt ich mich aller ferneren Vorſtellungen. Ehe wir Paris erreichten, verließen wir den Wagen und trennten uns. Er begab ſich in eine kleine Woh⸗ nung, die er am vorhergehenden Abende gemiethet hatte, und ich ging nach Hauſe, um meine Vorbereitungen zur Abreiſe fortzuſetzen. Bis nach dem Mittageſſen blieb ich dort, und beſuchte dann ein kleines Kaffee⸗ haus, welches hauptſächlich von Militärperſonen fre⸗ quentirt wurde. Wie ich gefürchtet hatte, wurde ſchon in der ganzen Stadt von dem ſonderbaren Duell zwi⸗ ſchen Victor Moreau und einem Sergeant ſeines Re⸗ gimentes geſprochen. Es war von jenen drei Soldaten ſogleich angezeigt worden; Moreau befand ſich bereits in ſtrengem Arreſt, und ſein Gegner wurde von der Polizei eifrig geſucht. Ich verließ das Kaffeehaus, ſprang in einen Wagen und eilte nach Oakley's Woh⸗ nung. Er war nicht zu Hauſe. Gegen elf Uhr Abends ging ich noch einmal hin, aber fand ihn noch abweſend, und konnte daher nichts weiter thun, als ein paar Zeilen— natürlich ohne meine Namensunterſchrift — mit der Warnung, ſich in Acht zu nehmen, für ihn zurückzulaſſen. Dann begab ich mich nach Hauſe und ging zu Bette; aber eine ſolche Unruhe, erfüllte mich um ſeinetwillen, daß die ganze Nacht kein Schlaf Er war in Gedanken und geweſen war. rer zugezogen worden. in meine Augen kam. Am folgenden Morgen früh⸗ ſtückte ich wieder im Kaffeehauſe, um Nachrichten zu erhalten, und das Erſte, was ich erfuhr, war— Oakley's Verhaftung. Man hatte ihn am vorhergehen⸗ den Abende in der Nähe der Wohnung des Obriſten, welche er wahrſcheinlich in der Hoffnung umſchlich, Bertha's anſichtig zu werden und mit ihr ſprechen zu können, betroffen und arretirt. Selten erregte ein Kriegsgericht ein ſolches Auf⸗ ſehen in der militäriſchen Welt von Paris, wie das⸗ jenige, welches über Lieutenant Victor Moreau und Sergeant Francis Oakley entſcheiden ſollte. Der Fall war beiſpiellos in den Annalen militäriſcher Vergehen. Von einem Duell zwiſchen einem Offizier und Ser⸗ geanten deſſelben Regiments hatte man noch nie gehört, und das geheimnißvolle Dunkel, welches über der Ver⸗ anlaſſung dazu ſchwebte, erhöhte noch die allgemeine Neugierde und Aufregung, denn die Angeklagten wei⸗ gerten ſich hartnäckig, Licht darüber zu verbreiten. Auch ihre Sekundanten waren nicht zu ermitteln, und eben ſo wenig der Arzt, welcher beim Kampfe gegenwärtig Nach Anlegung des erſten Verbandes war er verſchwunden, und an ſeiner Stelle ein ande⸗ Die Wunde ergab ſich als nicht gefährlich, und ſchon nach kurzer Zeit konnte Moreau, mit Hülfe von Krücken, das Zimmer wieder verlaſſen, Auch bei dem Verhöre beobachteten ſie daſſelbe Verthei⸗ digungsſyſtem. Außerhalb des Dienſtes, war ihre gleich⸗ lautende Erklärung, ſeien ſie in Geſellſchaft zuſammen⸗ getroffen und üͤber einen Gegenſtand, welcher durchaus keine Beziehungen auf ihr militär iſches Dienſtverhält⸗ niß gehabt, in Streit gerathen, und daher überein ge⸗ kommen, dieſen durch den Gebrauch der Piſtolen zu ſchlichten. Oakley weigerte ſich zu ſagen, von wem die Herausforderung ausgegangen war; allein Moreau, wohl wiſſend, daß das Urtheil Oakley viel härter tref⸗ fen mußte, als ihn, nannte ſich ſelbſt und übernahm in Kenntniß edelmüthig den größeren Theil der Schuld. Ueber die Veranlaſſung zum Streite, die Namen der Sekundan⸗ ten und alle übrigen begleitenden Umſtände beobachteten Beide gleichmäßig Schweigen, und ließen ſich darin weder durch die Bemühungen der Freunde, noch die Vorſtellungen der Richter irre machen. de Bellechaſſe und viele andere Offiziere beſuchten Oak⸗ ley im Gefängniſſe, und boten Alles auf, um in das Geheimniß zu dringen, da die hohe Meinung, welche ſie von ihm und Morean hegten, ihnen die Ueberzeu⸗ gung gab, daß hier etwas Außerordentliches und Un⸗ gewöhnliches zu Grunde liege, deſſen Aufklärung bei⸗ den Angeklagten günſtig ſein würde; allein nichts lies ſich aus den hartnäckigen Duellanten herausbringen, die ſich auf keine anderen Zeugen beriefen, als diejenigen, welche zu Gunſten ihres Leumundes ausſagen ſollten. Von dieſen erſchien eine große Anzahl, welche ſämmt⸗ lich— höhere Offiziere ſowohl als Kameraden— in ihren Belobungen Beider völlig gleichlautend waren. Dieſe Ausſagen übten ohne Zweifel großen Einfluß auf die Richter, denn das ſpäter gefällte Urtheil ward allgemein für ſehr milde gehalten. Oakley wurde zu fünfjähriger Gefängnißſtrafe verurtheilt, weil er einen Angriff auf das Leben ſeines vorgeſetzten Offiziers ge⸗ macht hatte, und Moreau erhielt einen ſtrengen Ver⸗ weis wegen ſeiner Nichtbeachtung der beſtehenden Dis⸗ ciplinargeſetze und Herausforderung eines Untergebenen, und wurde vom Regimente entfernt und zur Dispo⸗ Der Obeiſt ſton gſtlt zenlih glh 3 llih Düglich ih ſice Belſt rne lereit, 3 ſin bunte aungt hatte, ſgen, ob me mwiederte ver lber die Ger habten Duell gehen nur in lin beſtehe, vermögend ſe zu gehen und werden der 2 Fragen beant ſeiner Verthe werde, daß de den ſei und Dieſen Auftr iheilte mir ſchwieriger w über Bertha vergeblichen wegen Unwe finde. Das Oakley, die hatte verſpre licher Weiſe der jungen die nervöſe litt, den E ſein Kind v der zunge J ſeine Vorhe war er ſeh ſprechen al uſtandes die Bericht Tag des V danlich i den der Be ſchrieben, die Geſund Soball Freunde a oder mind ken; allei Nor. korgn füü achrichten u Jr, war— ſprechen zu ſolches Auf⸗ S8, wie das⸗ Moreau und e. Der Fall her Vergehen. er und Ser⸗ h nie gehört, über der Ver⸗ ie allgemeine eklagten wei⸗ reiten. Auch 7, und eben gegenwärtig —Verbandes le ein ande⸗ ſich als nicht ant Moreau, der verlaſſen, ſelbe Verthei⸗ ar ihre gleich⸗ ft zuſammen⸗ cher durchaus dienſtverhält⸗ überein ge⸗ Piſtolen zu „von wem ein Moreau, härter tref⸗ nd übernahm d. Ueber die er Sekundan⸗ e beohachteten en ſich darin 2.. eurlich in ſeinem Geſichte, deſſen Bläſſe die Anweſen⸗ jſuchen Dak. Der „um in das nung, welche die Ueberzel⸗ hes und U⸗ ffllärung 3 in nichts lie in nich de —.,— — + 153 ☚̈☚ ſition geſtellt, was einer gänzlichen Dienſtentlaſſung ziemlich gleich kam. Ich blieb in Paris, bis das Urtheil gefällt wurde. Obgleich ich nicht den Wunſch hegte, in das gericht⸗ liche Verfahren verwickelt zu werden, ſo war ich doch gerne bereit, Alles zu thun, was Oakley von Nutzen ſein konnte. Nachdem ich mit Mühe bei ihm Zutritt erlangt hatte, bat ich ihn deßhalb, mir offenherzig zu ſagen, ob mein Zeugniß ihm dienlich ſein könne. Er erwiederte verneinend, mit dem Bemerken, daß, da über die Gerechtigkeit und Ehrenhaftigkeit des ſtattge⸗ habten Duells kein Zweifel herrſchen könne, ſein Ver⸗ gehen nur in der Verletzung der militäriſchen Discip⸗ lin beſtehe, welche mein Zeugniß zu beſeitigen nicht vermögend ſei. Dagegen erſuchte er mich, zu Moreau zu gehen und ihm zu ſagen, daß er, um das Bekannt⸗ werden der Veranlaſſung zum Duell zu verhüten, keine Fragen beantworten, ſich als ſchuldig bekennen und zu ſeiner Vertheidigung nur die Behauptung aufſtellen werde, daß der Streit außerhalb des Dienſtes entſtan⸗ den ſei und durchaus keine Beziehungen darauf habe. Dieſen Auftrag richtete ich gewiſſenhaft aus. Er er⸗ theilte mir noch einen anderen, deſſen Ausführung ſchwieriger war. Ich ſollte ihm nämlich Nachrichten über Bertha de Bellechaſſe bringen. Nach mehreren vergeblichen Verſuchen ermittelte ich endlich, daß ſie ſich wegen Unwohlſeins ſeit mehreren Tagen im Bette be⸗ finde. Das waren freilich traurige Neuigkeiten für Oakley, die ich ihm ungerne überbrachte; allein ich hatte verſprochen, die reine Wahrheit zu ſagen. Glück⸗ licher Weiſe konnte ich hinzufügen, daß die Krankheit der jungen Dame nicht gefährlicher Art ſei, obgleich die nervöſe Abſpannung und Mattigkeit, an der ſie litt, den Eltern, und beſonders dem Vater, welcher ſein Kind vergötterte, große Unruhe verurſachte. Als der junge Mann die nachtheilige Wirkung erfuhr, die ſeine Verhaftung bei Bertha zur Folge gehabt hatte, war er ſehr niedergeſchlagen, und drang mir das Ver⸗ ſprechen ab, ihn von jedem Wechſel ihres Geſundheits⸗ zuſtandes in Kenntniß zu ſetzen. Ich that es, allein die Berichte waren nicht ſehr günſtig, und als der Tag des Verhöres und Urtheilsſpruches kam, las ich den der Beſorgniß wegen ſeines eigenen Schickſals zu⸗ ſchrieben, die Spuren ſeiner Angſt und Unruhe um die Geſundheit der Geliebten. Sobald das Urtheil gefällt war, machten Oakley's Freunde alle möglichen Verſuche, ſeine Begnadigung, oder mindeſtens eine Milderung der Strafe zu bewir⸗ ken; allein alle Bemühungen waren vergeblich, denn der Kriegsminiſter wies jedes Geſuch zurück. Aus dem militäriſchen Geſichtspunkte betrachtet war das Vergehen allerdings ſchwer, denn es verſtieß direkt gegen die Geſetze der Disciplin und mußte deßhalb ſtreng und ohne Gnade geahndet werden. Mehrere Tage waren ſeit Oakley's Verurtheilung verſtrichen, und ich kehrte eines Abends von einem aber⸗ maligen fruchtloſen Verſuche, eine einflußreiche Perſon zu ſeinen Gunſten zu gewinnen, nach meiner Wohnung zurück, als ſich plötzlich eine Hand auf meine Schulter legte, und ich beim Umſchauen Mr. Anthony Scri⸗ vington, einen geſchickten und würdigen Rechtsgelehrten vor mir ſah, der längere Zeit mein geſammtes Ver⸗ mögen allein verwaltet hatte. Seine Erſcheinung ver⸗ urſachte mir nicht geringe Unruhe; denn ich hatte einen Feierſtunden. 1863. Prozeß ſchweben, wegen deſſen ich ſchon vor länger als Monatsfriſt in Englar“ hätte eintreffen ſollen, was auch unbedingt geſchehen ſein würde, wenn nicht Oak⸗ ley's Angelegenheiten mich ſo ſehr in Anſpruch genom⸗ men und zurückgehalten hätten. Mein Advokat ſah, daß ich erſchrak. „Aha,“ ſagte er,„Ihr Gewiſſen ſchlägt Sil, wie ich ſehe. Freilich habe ich Sie ſeit ſechs Wochen täg⸗ lich erwartet; allein glücklicher Weiſe iſt kein Nachtheil daraus entſtanden. Wir werden den Prozeß dennoch gewinnen.“ „Alſo ſind Sie nicht in meinen Angelegenheiten hierher gekommen?“ „Keineswegs, aber ich werde Sie jetzt mit mir nehmen, da ich Sie gefunden habe. Es iſt eine andere Veranlaſſung, die mich herführt, und bei der mir Ihre Hülfe recht willkommen wäre; denn Sie kennen ja ganz, Paris. Ich ſuche einen Engländer.“ „Nun, da brauchen Sie nicht weit zu ſuchen,“ ſagte ich, auf eine Gruppe unverkennbarer Britten deutend, welche in geringer Entfernung von uns ſpazieren gingen. „Ja, nicht jeden beliebigen Engländer,“ verſetzte er;„ich ſuche eine gewiſſe, beſondere Perſon, den Er⸗ ben großer Güter, mit acht- bis zehntauſend Pfund jährlicher Einkünfte. Den letzten Nachrichten zufolge war er vor ungefähr drei Jahren in Paris; aber ſeit⸗ dem ſind alle Spuren von ihm verſchwunden. Die ganze Sache iſt ſonderbar genug. Niemand hätte ge⸗ glaubt, daß er jemals zu dieſem Beſitze gelangen würde. Noch vor zwei Jahren ſtanden ihm zwei junge, kräf⸗ tige Männer im Wege, aber beide ſind plötzlich geſtor⸗ ben, und er iſt nun Herr von Schloß Oakley.“ „Wovon?“ rief ich mit einer Stimme, die Mr. Scrivington mehrere Schritte zurückfahren ließ, und momentan alle Blicke in der Straße auf uns zog. „Was ſagten Sie?“ „Von Schloß Oakley,“ ſtotterte der erſchreckte Ad⸗ vokat, und ſetzte ſeinen wohl gebürſteten Hut wieder zurecht, der ihm beinahe vom Kopfe gefallen war.„Der alte Valentin Oakley iſt vor kurzer Zeit geſtorben, und ſein Neffe Francis gelangt zum Beſitze des Vermögens. Aber was, in aller Welt, iſt Ihnen denn?“ Statt jeder Antwort ergriff ich ſeinen Arm und zog ihn in meine Wohnung, bei der wir gerade ange⸗ langt waren. Fünf Minuten genügten, um Alles auf⸗ zuklären, und Scrivington zu überzeugen, daß der Mann, den er ſuchte, ſich zur Zeit als verurtheilter Verbrecher in einem franzöſiſchen Militär⸗Gefängniſſe befinde. Es iſt unnöthig, umſtändlich zu ſchildern, was Jeder errathen wird, daß jetzt nämlich von Neuem Schritte zu Oakley's Gunſten geſchahen, und zwar mit ganz anderem Erfolge, nachdem der unbekannte Ser⸗ geant ſich plötzlich in einen engliſchen Gentleman von angeſehener Familie und großem Vermögen verwandelt hatte. Hochgeſtellte und einflußreiche Perſonen, welche vorher jede Einmiſchung in die Angelegenheiten eines unbekannten Abenteurers entſchieden abgelehnt hatten, wurden jetzt leicht beſtimmt, ſich für den Herrn von Schloß Oakley zu verwenden. Es hieß ſogar, daß ein ausgezeichneter engliſcher General ſich zu dieſem Zwecke ſchriftlich an einen ehemaligen Gegner in Frankreich gewendet habe. Genug, alle Hinderniſſe wurden beſei⸗ tigt, und Oakley erhielt volle Begnadigung und ſeine 20 154— Entlaſſung aus dem Militärdienſte; und damit dem Lieutenant Moreau ein gleicher Grad von Milde zu Theil werde, wurde ihm an demſelben Tage geſtattet, ſeinen Platz im Regimente wieder einzunehmen. Schließlich ſei erwähnt, daß auf Bertha die Nach⸗ richt von der Begnadigung ihres Geliebten kräftiger einwirkte, als alle ärztliche Kunſt vermocht hatte, und ſehr bald Freude in ihr Herz und Roſen auf ihre Wangen zurückführte; daß Obriſt de Bellechaſſe, als er das Verhältniß ſeiner Tochter zu Oakley und die wahre Urſache des Duells erfuhr, Anfangs ſtürmte und wüthete, aber ſich allmählig beſänftigen ließ, und endlich ſeine Einwilligung zu ihrer Verbindung gab, und daß Moreau, auf ſeinen Wunſch, in ein afrika⸗ niſches Regiment verſetzt wurde, und ſich dort Lorbee⸗ Gerne hätte ich mich weitläufiger ren erworben hat. über dieſe Punkte ausgelaſſen, allein es fehlt mir an Zeit, da ich morgen früh London verlaſſen muß, um meinen jährlichen Beſuch auf Schloß Oakley bei dem ehemaligen„Verſchwender“ abzuſtatten. L. Dubois. Ein Ausſlug nach der großen chineſiſchen Mauer. An einem ſchönen kalten Morgen brachen wir, unſeren ſechs gut berittene Touriſten, mit einem hal⸗ ben Dutzend Proviantwägelchen von Tientſin nach der großen chineſiſchen Mauer auf. Es hatte einige Tage vorher geregnet, und ſchon zu Anfang unſerer Wan⸗ derung ſtiegen uns allerlei Bedenken auf, ob ſich auch der Ausflug in den Marſchrouten, die wir uns vor⸗ genommen, würde vollbringen laſſen. Die Entfernung von Tientſin nach Sumwha betrug etwas mehr als hundert Miles(gegen zwanzig deutſche Meilen), die wir in vier Tagreiſen zurückzulegen beabſichtigten; un⸗ ſere Wagen ſtanden ſorgfältig geladen bereit, und wir hatten ſchon unten Tartarroſſe beſtiegen, um wohlge⸗ muth die Reiſe anzutreten. Auf eine weite Strecke hin bot die Landſchaft nichts von Intereſſe; das Auge hatte nur eine endloſe, mit Hirſengeſtrüpp bedeckte Ebene vor ſich, während am ſerem erſten Nachtquartier, hin, und muß ſich wohl deſſelben nicht beneidenswerthen Rufes wie weiland die Hounslower Heide erfreuen; denn an ihrem Anfange ſowohl als an ihrem Ende war eine hohe Stange mit einem Korbe oben aufgepflanzt, in welchem ſich ein menſchlicher Kopf befand. Dieſe Ornamentik ſollte, wie wir uns ſagen ließen, den Bewohnern der Um⸗ gegend als Warnung dienen und ſie abhalten, harm⸗ loſe Wanderer, die über die Ebene ziehen, um ihre Habe leichter zu machen. Wir erreichten Panchuanſer ziemlich ſpät, und es hielt etwas ſchwer, für die Nacht ein Unterkommen zu finden. Die chineſiſchen Wirths⸗ häuſer bieten keine große Abwechslung dar; ſie haben einfach ſehr geräumige Höfe, die reichlich mit Futter⸗ trögen verſehen ſind, im Innern aber nichts, was man Bequemlichkeit nennen könnte. In jedem Zimmer be⸗ findet ſich ein Kang oder eine Schlafſtätte, die große Aehnlichkeit mit der Pritſche einer Wachſtube hat. Da nun die Chineſen ſehr froſtige Menſchenkinder ſind, ſo lieben ſie es, ihre Gemächer bis zu dem höchſten Maße menſchlichen Ausdauervermögens zu erhitzen. In dieſer Abſicht geht auch durch jeden dieſer Kangs eine Leitröhre, die mit einem gewöhnlich in der Mitte des Zimmers, bisweilen aber auch außerhalb angebrachten Ofen in Verbindung ſteht. Im letzteren Falle konmut es dem an die Bräuche des himmliſchen Reiches nicht gewöhnten Europäer in hohem Grade ſeltſam und un⸗ bequem vor, wenn er ſich Abends zur Ruhe niederlegt und auf einmal mitten in der Nacht durch die unaus⸗ ſtehliche Hitze, welche aus dieſer Vorkehrung gegen ihn losbricht, geweckt wird. Schade, daß andererſeits die Chineſen bei Anfertigung ihrer Fenſter die Vortheile, welche das Glas vor dem Papier bietet, nicht beſſer zu würdigen wiſſen. Faſt die ganze Vorderſeite ihrer Häuſer beſteht aus einem großen Papierfenſter, und dieſer Umſtand ſetzt die Eingeborenen in die Lage, ihre Neugierde in Betreff deſſen, was die Barbaren ſpeiſen, befriedigen zu können; ſie drücken nämlich den Zeige⸗ finger gegen den ſchwachen Schirm, bis er durchbricht, und bringen dann ſogleich ihr Auge an die Oeffnung. fernen Horizonte braune Streifen und Punkte die Lage von Dörfern andeuteten. Dieſe Ortſchaften zeigen ins⸗ geſammt den nämlichen Typus; ſie liegen auf Anhöhen und ſind mit Barrikaden von Hirſenſtroh umgeben, welche die Wohnungen ſowohl gegen die kalten Winter⸗ winde, als gegen die neugierigen Blicke der Reiſenden ſchirmen. Dieſe Ebene zog ſich bis Panchuanſer, un⸗! Auf die Dauer wird es etwas widerwärtig, ſolche ſchmeichelhafte Achtungsbeweiſe auf ſich zu ziehen, na⸗ mentlich wenn man dabei in Erwägung nimmt, daß die zahlloſen Gucklöcher, welche der Neugier unſerer bezopften Freunde dienen müſſen, in dem Falle einer nicht ſofortigen Ueberpappung des Nachts einem nicht ſehr angenehmen kalten Zugwinde den Zutritt geſtatten— — 2 .“ Uithren vohner ſi 1 ſir Reiſe ne ner des Pr kiten bildete on, inden Offiziere ſei Kaufleute e Mit der die Landſcho obſchon ſich nicht verlor zu Geſicht, Der zu einer im A vermittelſt (zu deutſch Bald nach untergeordn kundigen, aus unſere und er ent abermalige hätten. Fl ten es ihn Läden, und dungen von von Tientf hier neugie die Einwol ſich faſt d gehörig i an einer Morgen! drei Uhr daß es 30 zicht nehu geliefert h für das? Am d dielbeſucht wir ein y den. Wi da in ein — der 16 nageri un mit gen ließ, und bindung gab in ein afrite dort Lorber⸗ weitläufiger fehlt mir an en muß, um üley bei dem 8. Dubois. uß ſich wohl e weiland die rem Anfange Stange mit hem ſich ein mentik ſollte, ern dr Um⸗ zalten, harm⸗ hen, um ihre Panchuanſer für die Nache ſchen Wirths⸗ r; ſie haben mit Futter⸗ s, was man Zimmer be⸗ e, die große ube hat. Da enkinder ſind, den öüſte erhitzen. In er Kangs eine der Mitte des angebrachten „Falle komnt Reiches nicht ſam und un⸗ uhe niederlegt ch die unaus- ung gegen ihn ndererſeits d de Vonthel , nicht beſſe rderſeite ihren erfenſter, 1 d lu iiſ rbaren ſpeiſen, ch den e er urbunct Oeffnung. den ſfalh 11 155 eine Unbequemlichkeit, die um ſo mehr in's Gewicht fällt, wenn das Thermometer unter dem Gefrierpunkte ſteht, und eben kein Ueberfluß an Bettzeug vorhan— den iſt. Während unſeres Zugs durch die Dörfer war es ergötzlich, die natürlichen Bemerkungen mit anzuhören, zu denen unſer Kommen Anlaß gab, indem die Be⸗ wohner ſich nicht darüber klar werden konnten, ob un⸗ ſere Reiſe nach dem Norden auf Zwecke des Vergnügens oder des Profits abhob. Unſere geringen Perſönlich⸗ keiten bildeten ſtets einen Gegenſtand eifriger Spekula⸗ tion, indem die Einen meinten, daß wir vornehme Offiziere ſeien, Andere dagegen in uns nichts weiter als Kaufleute erkennen wollten. Mit der größeren Entfernung von Tientſin gewann die Landſchaft allmählich einen anderen Charakter, und obſchon ſich der einer hoffnungsloſen Unfruchtbarkeit nicht verlor, ſo bekamen wir doch mitunter Parthien zu Geſicht, die uns mit Bewunderung erfüllten. Der zweite Abend brachte uns nach Jung-⸗Tai, einer im Aufſchwunge begriffenen Stadt, in die wir vermittelſt eines Fährbootes über den„Retpang⸗No“ (zu deutſch der Getreide führende alte Fluß) gelangten. Bald nach unſerer Ankunft ſtellte ſich ein Mandarin untergeordneten Ranges bei uns ein, um ſich zu er— kundigen, was für ein Geſchäft uns herführe. Einer aus unſerer Truppe unterhielt ſich eine Weile mit ihm, und er entfernte ſich wieder mit dem Verſprechen eines abermaligen Beſuchs, ſobald wir's uns bequem gemacht hätten. Freilich hielt er nicht Wort, und wir verübel⸗ ten es ihm auch gar nicht. Jung⸗Tai hat ſehr ſchöne Läden, und wir bemerkten an einigen derſelben Abbil⸗ dungen von Engländern und Franzoſen, die natürlich von Tientſin her bezogen ſein mußten. Wir wurden hier neugieriger begafft, als an jedem anderen Orte; die Einwohner folgten uns ſchaarenweiſe und traten ſich faſt die Zehen ab in ihrem Eifer, die Barbaren gehörig in's Auge zu faſſen. Unſer Dolmetſcher litt an einer chroniſchen Schlafloſigkeit, die ihn bewog, am Morgen unſerer Abreiſe von Jung⸗Tai uns ſchon um drei Uhr zu wecken; er war der feſten Ueberzeugung, daß es Zeit zum Aufbrechen ſei, und ließ ſich dieſelbe nicht nehmen, bis wir ihm den augenfälligen Beweis geliefert hatten, daß er das helle Mondlicht irrthümlich für das Aufdämmern des Tages gehalten. Am dritten Tage erreichten wir Ling⸗tſchi⸗tien, einen vielbeſuchten Haltplatz an der Straße nach Peking, wo wir ein weit bequemeres Unterkommen als bisher fan⸗ den. Wir waren ſchon um Mittag angelangt, und da in einem ganz nahe bei der Stadt gelegenen Dorfe eben ein Markt abgehalten wurde,“ ſo benützten Hun⸗ derte von Eingeborenen dieſe Gelegenheit, um zu ſehen, wie die Fremden ihr Mahl einnahmen. Die Zudring⸗ lichkeit der uns umringenden Perſonen wurde zuletzt ſo läſtig, daß der Wirth nach einer langen Peitſche griff ud tüchtig mit derſelben auslangte, ein Manöver, vbelches die Gaffer in eine achtungsvolle Entfernung zurückdrängte, ihm ſelbſt aber das Ausſehen eines Menageriewächters gab, der ſeine Thiere vor dem Con⸗ tact mit dem Publikum bewahrte. Wir ſahen jetzt ein Gebirgsland ſich vor uns ent⸗ falten— ein erfreulicher Anblick nach dem langen Zuge über die endloſe ebene Gegend. Am vierten Tage kamen wir durch einige ſehr intereſſante Tiefthäler und Gebirgspäſſe. Der Waldwuchs wurde reich, und wir trafen auf viele Baumarten, die wir im Süden nir— gends geſehen hatten. Die Scenerie war ungemein abwechſelnd, indem uns bald Bergwände, mit dunklem Föhrengrün bekleidet, bald in natürliche Alleen geord⸗ nete hochſtrebende Pappeln entgegentraten. Auf den ſchwarzen Thongrund war rother Sandboden gefolgt, der nicht nur angenehmer auf das Auge wirkte, ſon⸗ dern auch leichter von unſeren Wagen ſich befahren ließ. Auch ſahen wir jetzt häufig ſtatt der bisherigen ewigen Lehm- und Backſteinhäuſer aus Sandſteinen aufgeführte Wohnungen, obſchon auch hier durch die Dörfer die Zeichen großer Armuth ſich bemerklich mach⸗ ten, wie man ſie an Plätzen findet, wo die Bewohner eben von der Hand in den Mund leben. Wir kamen über einen Strom, deſſen Waſſer ſo klar wie Kryſtall war und wohl von edeln Fiſchen wimmeln mochte, obſchon eine flüchtige Unterſuchung vom Ufer aus uns keine Merkmale an die Hand gab, die einen Angehörigen der löblichen Anglerzunft ſonder⸗ lich in Entzücken verſetzt haben würden. Sechs oder ſieben Miles von Sunwha ſahen wir an unſerem Wege einige mächtige felſige Hügel, auf denen Bethäuſer ſtanden; doch möchten wir ſehr be zweifeln, ob die Frömmigkeit der Umwohner ſo groß iſt, um ſie zu veranlaſſen, blos der Andacht zu lieb ſo ſchwindelnde Höhen zu erklimmen. Hier wurden wir auch in einer Entfernung von zehn oder zwölf Miles zuerſt der chineſiſchen Mauer anſichtig, die links von uns ihren buchtigen Lauf über eine Kette kleiner Berge nahm und in unregelmäßigen Zwiſchenräumen Thürme ſichtbar werden ließ. In Sunwha angelangt, ließen wir dem Mandarin unſere Ankunft und den Zweck unſeres Beſuches melden; als Antwort ſchickte uns dieſer Beamte ſeinen Hausmeiſter, nach deſſen An— weiſung wir für den nächſten Tag unſer Programm entwarfen. Im Laufe des Abends machte dieſer unſer Rathgeber einen Verſuch mit einer Cigarre, konnte aber derſelben keinen Geſchmack abgewinnen, denn er warf ſie bald wieder weg; ebenſo wenig ſchmeckte ihm un— ſere Chocolade, während ihm dagegen unſer Brannt wein und Kirſchengeiſt ſehr wohl einzuleuchten ſchien. Am anderen Tage mußten wir uns dem Prüäfekten, einem Mandarin mit blauem Knopfe, vorſtellen und unſere Päſſe zeigen, die wir dann auch nebſt einem Empfehlungsſchreiben, das uns der Präfekt von Tientſin mitgegeben, auslieferten. Wir fanden eine ſehr freund⸗ liche Aufnahme, und unſer Wirth, der über ſeinem langen, mit Pelz gefütterten ſeidenen Leibrocke einen an Kragen und Aermeln mit Zobel verbrämten Man⸗ tel aus der Haut ungeborener Kameele trug, gab ſich alle Mühe, die Honneurs ſeines Hauſes in der anmu— thigſten Weiſe zu machen. Wir mußten Platz nehmen, wurden mit Thee bewirthet, und es entſpann ſich eine Unterhaltung über allerlei. Namentlich bewunderte der Präfekt eine goldene Uhr und Kette, die Einer aus unſerer Geſellſchaft bei ſich führte; er fragte, ob ſie oder eine ähnliche nicht zu kaufen ſei, und erkundigte ſich nach dem Preiſe ſolcher Waaren in England. Die Erklärung, daß wir uns weder mit Kauf noch Ver⸗ kauf abgäben, ſchien ihn etwas verdrießlich zu ſtim⸗ men; doch fand er bald ſeinen Gleichmuth wieder und ging auf einen anderen Gegenſtand über. Nachdem die Bezeugungen der Achtung und der Freude, ſich kennen gelernt zu haben, in landesüblicher Weiſe ausgetauſcht waren, verabſchiedeten wir uns; als wir aber in un⸗ . 20* ſerem Wirthshanſe ankamen, hatte uns bereits unſer Mandarin den Vorſprung abgewonnen, um uns ſeine Gegenviſite zu machen, eine Aufmerkſamkeit, die gar nicht nach unſerem Geſchmacke war, da wir uns nach einem ſubſtantiellen Frühſtücke ſehnten, zu dem bereits Anſtalten getroffen waren. Allerdings ließen wir uns dies nicht merken, ſondern behandelten ihn ſo höflich, als möglich. Er betaſtete alle unſere Meſſer, Gabeln, Löffel, Teller und ſo weiter, und als er ſich wieder entfernte, beſchenkten wir ihn mit einigen Flaſchen Kirſchengeiſt, etlichen Paketen Stearinkerzen, Wachszünd⸗ hölzchen und ähnlichen Kleinigkeiten, die von einem eng⸗ liſchen Bezirksbeamten mit Verachtung abgelehnt wor⸗ den wären, dem chineſiſchen aber augenſcheinlich große Freude bereiteten. Zum Dank dafür ſchickte er uns ein Schaf und einen Korb mit Früchten; auch ertheilte er ſeinem Hausmeiſter die Weiſung, uns nach dem Paß von Lo⸗wan als Führer zu dienen. Dieſer Paß iſt einundzwanzig Lee(drei Lee gehen auf das Mile) - 156— von Sunwha entlegen und kann in einer Entfernung von drei Lee von Wagen nicht mehr befahren werden. Lo⸗wan⸗Ju iſt ein gedrängt zuſammengebautes Städt⸗ chen(trotz ſeines geringen Umfanges kann man es doch kein Dorf nennen) und wird von Ausläufern, die un⸗ ter einem rechten Winkel ſich an die große Mauer an⸗ legen, vollſtändig umgeben, obſchon das Gemäuer an vielen Stellen die Gebrechen des Alters zeigt. Die Bevölkerung des Platzes ſoll von den im Laufe der Zeiten hier ſtationirten tartariſchen Wachen abſtammen und zeigt in der That eine Verſchmelzung von tartari⸗ ſchen und chineſiſchen Bräuchen, wie man namentlich an den Füßen der Weiber ſieht, da ſie, allerdings nicht im Zuſtande der Natur belaſſen, doch nicht jene ſchreck⸗ liche Verkrüppelung zeigen, durch welche ſich das zarte Geſchlecht von rein chineſiſcher Abkunft kennzeichnet. Die in einem kläglichen Zuſtande befindliche Straße machte unterſchiedliche weite Biegungen, bis wir endlich den Paß ſelbſt erreichten, an deſſen Eingang ſich ein von einem ſtändigen tartariſchen Poſten beſetztes Wach⸗ haus(ſiehe Bild S. 154) befindet; wir ſahen an einem V Rechen eine Anzahl Spieße ausgeſtellt. In früheren Zeiten müſſen die beiden Mauerenden durch eine Brücke verbunden geweſen ſein, von der man übrigens wenig Spuren mehr ſieht. Wir befeſtigten unſere Pferde an Bäume und kletterten die Mauer hinan, die in der Nähe des Paſſes ſehr baufällig ausſieht. Die Aus⸗ ſicht war hier in hohem Grade imponirend und male⸗ riſch, denn ſo weit das Auge reichte, ſahen wir den wunderbaren Bau, alle zwei⸗ bis dreihundert Schritte von kleinen Thürmen unterbrochen, ſich an den Berg⸗ wänden und über die Höhen hinziehen. Auch eine kurze Strecke beſteht zu beiden Seiten des Paſſes die Mauer aus einer hinteren und einer vorderen Schichte von Backſteinen, die in der Mitte mit Schutt ausgefüllt ſind; in weiterer Entfernung aber iſt faſt Alles aus Felsgeſtein hergeſtellt. Kurz, man ſcheint dazu genom⸗ men zu haben, was ſich eben in nächſter Nähe dar⸗ bot; denn da an den Stellen, die wir beſuchten, das unterliegende Geſtein Granit war, ſo bildete dieſer auch das Hauptbaumaterial. Auf Meilen hin beſteht die Mauer aus Granitblöcken, die nur an der Außenſeite Unter den Thürmen bemerkten wir blos behauen ſind. einen einzigen, der ganz aus Stein war; die anderen beſtanden aus Ziegelgemäuer mit einer Werkſteinunter⸗ lage. Die Höhe der Mauer bis zum Kranze oben be⸗ trägt achtzehn bis neunzehn, die Dicke dreizehn und die Höhe der Brüſtung ſechsthalb Fuß; die Thürme haben zweiunddreißig Fuß Höhe und achtundzwanzig Fuß Breite. Auf der Mauer ſowohl als auf den Thürmen zeigt das Parapet Zinnen und Gucklöcher, während die Thürme zugleich mit Schießſcharten verſehen ſind. Von jedem hohen Punkte aus lohnt die Ausſicht vollkommen die Mühe des Steigens; man ſieht klare Ströme durch die Päſſe ſich herausſchlängeln, während überall ihin bis in weite Ferne braune Bergkuppen mit kleinen, der Kultur unterworfenen, ſaftig grünen Streifen in die Höhe ragen. die einen unbelaſtet, die andern mit Buſchholz beladen, das die Umwohner ſtatt des auf der Ebene gebräuch⸗ lichen Hirſenſtrohs als Brennmaterial benützen, ohne die in zahlloſer Menge vorhandenen Eſchen, Föhren und Pappeln anzugreifen. Unſer Zeichner war für die Chineſen ſo ſehr ein Gegenſtand des Staunens und Vergnügens, daß er, von allen Seiten eingeengt, ſeine Triebe von Packeſeln gehen zu und ab, labe Ach vrgich ſj dß 6 l vuuini 1 ds di Landf Di Mal lälfer, und Vorhandenſen us Städcher und an de in faſt para Höhe ſteigt. nahmen, m und wir m. jeden Gegen Am fo Chapow, d Ju abliegt, ſere Vermu Die Dynaſti Tſchin T der hriſt der Bau Die Zehntauſ Fremdek indeß rei und wen dukt der eine Str ſo verſch in Vergl het eines würfigen Vä Wetter mitten; chenſtift Entfernung ren werden. dutes Stüdt⸗ man es cj ern, die un— Mauerx an⸗ Yemäuer an eigt. Dit in Laufe der abſtammen von tartari⸗ in namentlich lerdings richt t jene ſchreck⸗ ſich das zarte kennzeichnet. dliche Straße s wir endlich gang ſich ein rkten wir blos jdie anderen gerkſteinunter⸗ anze oben be⸗ eizehn und die Thürme haben dwanzig Fuh den Thürmel, 4 während di hen ſind. Von ht vollkommen Ströme dyri d überall din it lleinen, del it kleinen, - 157— liebe Noth hatte, etwas zu Stande zu bringen. Er verglich ſich endlich mit dem neugierigen Volke dahin, daß es ihm vorn freien Raum ließ, wofür es die Erlaubniß erhielt, von hinten auf das Papier zu ſehen, das die Landſchaftsſkizzen aufnahm. Die Mauer macht an verſchiedenen Stellen Aus⸗ läufer, und es iſt oft ſchwer, ſich den Grund ihres Vorhandenſeins klar zu machen. Einer derſelben hält das Städchen Lo⸗wan⸗Ju vollſtändig umſchloſſen, wäh⸗ rend an der entgegengeſetzten Seite(ſiehe die Skizze) in faſt parallelem Verlaufe eine doppelte Mauer in die Höhe ſteigt. Das beſcheidene Gaſtmahl, das wir ein⸗ nahmen, machte den Eingeborenen viel Unterhaltung, und wir mußten ſorgfältig Acht haben, daß ſie nicht jeden Gegenſtand unſeres Services befingerten. Am folgenden Tage beſuchten wir den Paß von Chapow, der ungefähr einundzwanzig Lee von Lo⸗wan⸗ Ju abliegt, und bei dieſer Gelegenheit fanden wir un⸗ ſere Vermuthung beſtätigt, daß die Bauaccordanten, wenn es anders ſolche gegeben hat, ſtets das zunächſt gelegene Material in Anwendung brachten. Wir be⸗ merkten mehrere Kanonen, meiſt aber theilweiſe in der Erd⸗ oder Schuttfüllung verſunken, welche den mittle⸗ ren Theil der Mauer bildete. Eines dieſer Geſchütze trug eine Inſchrift, die uns belehrte, daß es unter der Regierung Wan Lee's, des vorletzten Kaiſers aus der Mingdynaſtie, gegoſſen worden. Die Kanone mußte alſo gegen 260 Jahre alt ſein und war augenſcheinlich nach einem europäiſchen Modell gearbeitet. Von den Thürmen befanden ſich viele in einem ſehr verfallenen Zuſtande; in einigen hatte man das Innere von dem Schutte gereinigt und in Gärtchen oder Kornſpeicher umgewandelt. Einer aus unſerer Geſeellſchaft ſtörte, als er umher kletterte, einen Fuchs auf, der, durch die plötzliche Erſcheinung des ſeltſam gekleideten Bar⸗ baren erſchreckt, den Eindringling einen Augenblick an⸗ ſtarrte und dann, ſo ſchnell er konnte, auf der Mauer von dannen lief. Die große chineſiſche Mauer wurde unter der Sin⸗ dynaſtie gebaut und unter der Regierung des Kaiſers Tſchin Tſchi Kwang, der dritthalbhundert Jahre vor der chriſtlichen Zeitrechnung lebte, zu Ende gebracht; der Bau iſt alſo mehr denn zweitauſend Jahre alt. Die Chineſen nennen die wunderbare Baute die Zehntauſendleemauer, und finden es ſehr natürlich, daß Fremde kommen, um ſie zu beſehen; der Anblick lohnt indeß reichlich die Mühen und Beſchwerniſſe der Reiſe, und wenn es wahr iſt, daß dieſes außerordentliche Pro⸗ dukt der Architektur ſeine Schlangenwindungen über eine Strecke von mehr als tauſend Stunden hinbreitet, ſo verſchwinden alle anderen ſogenannten Weltwunder in Vergleichung mit dieſem ewigen Denkmal der Thor⸗ heit eines Despoten und der Zwangsarbeit eines unter⸗ würfigen Volkes. Bei unſerem Beſuche des Chapow⸗Paſſes war das ſehnten„Matte“ aber aus Leibeskräften der nächſten Wohnung zurannte, um die erfrorenen Glieder aufzu⸗ thauen. Die Stadt Sunwha, wo wir unſer Standquartier nahmen, liegt ungefähr vierhundert Lee von Peking und dreihundert von der See ab; ſie hat aber wenig Handel, und die Bewohner ſcheinen ihre Zeit in einer Art trauriger Beſchaulichkeit zu verbringen. Die Stadt⸗ mauer iſt hier weit beſſer erhalten, als in Tientſin, wahrſcheinlich weil letzteres als gewöhnlicher Grenzplatz, Sunwha aber als ein Poſten gilt, den man gegen die Einfälle der wilden Horden, welche an den Grenzen des alten Reichs umherſtreifen, beſſer verwahren muß. Nach den Inſchriften, die man auf vielen der Ziegel findet, mag dieſe Mauer etwa zweihundert und fünf⸗ zig Jahre alt ſein; die Kanonen, durch welche ſie wehr⸗ Wetter ſehr ungünſtig, und unſer Künſtler warf oft mitten in der Aufnahme einer Skizze Papier nnd Zei⸗ ner Gliedmaßen das Blut wieder in Circulation zu bringen. Einen ergötzlichen Anblick bot uns dabei ein Paar Himmliſcher, das auf der Höhe eines Thurmes bar gemacht wird, ſind zwanzig oder dreißig Jahre ſpäter hingekommen. Man trifft auch hier die nach een in ze den Kardinalpunkten des Kompaſſes angebrachten un⸗ chenſtift hinweg, um durch eine kräftige Bewegung ſei⸗ vermeidlichen vier Thore, von denen das ſüdliche ſtets mit Einbruch der Dunkelheit geſchloſſen wird, damit der böſe Geiſt nicht einziehen könne. 1 Am zweiten Dezember brachen wir abermals nach eifrig mit Schachſpielen beſchäftigt war, nach dem er⸗ dem Lo⸗wan⸗Paß auf, in der Abſicht, in demſelben - 158—— einige Miles vorzurücken, und nachzuſehen, ob uns nicht in der Gegend jagdbares Wild aufſtoße. Der Hausmeiſter des Präfekten, welcher das ungewohnte Umherreiten ſatt hatte, beſorgte uns für dieſen Aus⸗ flug einen anderen Führer, der es übrigens mit dem Grundſatze hielt, man müſſe, um den Geiſt aufrecht zu erhalten, ſich Geiſtiges eingießen, und in Gemäß⸗ heit davon uns eher eine Laſt, als eine Hülfe wurde. Als wir die große Mauer erreicht hatten und unſer Vortrab eben durch die Oeffnung einritt, begrüßte uns mit einemmale von hintenher ein gewaltiger Lärm. Die Tartarenwache war, von einer Menge Volks be— gleitet, ausgerückt, und ſchrie und geſtikulirte in der unbegreiflichſten Weiſe. Ihr Sprecher, welcher wo möglich noch betrunkener war, als unſer Geleitsmann, kauderte uns mehrere Minuten mit einer Zungenfertig⸗ keit und Unverſtändlichkeit nach, die jeder Beſchreibung Trotz bietet; unſer Führer antwortete ihm natürlich, bis, wenn ſich aus den rothen Geſichtern und den ge⸗ ſchwollenen Augen ein Schluß ziehen ließ, eine leid⸗ liche Anzahl von Komplimenten gewechſelt war. Zum Glück kam jetzt ein Chineſe von achtbarerem Ausſehen, als die übrigen, des Wegs und belehrte uns dahin, daß die Wache blos verlange, wir ſollen nach dem landesüblichen Brauch abſteigen und zu Fuß durch das Mauerthor gehen, da ſelbſt die chineſiſchen Beamten die Verpflichtung hätten, ſich in dieſe Ordnung zu fügen. Natürlich ſtiegen wir ſogleich ab, obſchon es augenſcheinlich war, daß wir mit dieſem Anſinnen ver⸗ ſchont geblieben wären, wenn wir ſtatt des betrunke⸗ nen Stellvertreters unſern Präfektenhausmeiſter zum Führer gehabt hätten; denn es wurde bei einem frühe⸗ ren Anlaß kein Einſpruch erhoben, als unſere ganze Geſellſchaft, der Hausmeiſter voran, durch die Mauer⸗ lücke ritt. Wir trafen bald nachher auf ein paar Chineſen, die, mit guten Luntenſchloßgewehren bewaffnet, gleich⸗ falls dem Waidwerk nachgingen; ſie ließen ſich aber nicht bewegen, uns nach einer Stelle zu führen, die unſerem in Ausſicht genommenen Vergnügen Befriedi⸗ gung verſprach. Ungefähr neun Lee jenſeits der Mauer machten wir an einem einzeln ſtehenden Hauſe Halt, banden unſere Pferde an und benützten die in Abwe⸗ ſenheit des Gatten von der Wirthin freundlich ange⸗ botene Gaſtlichkeit, um uns zu erfriſchen und unſere Jagdparthie zu organiſiren, die übrigens nur mit gro⸗ ßer Ermüdung und äußerſt geringer Ausbeute endigte. Zwei von unſerer Geſellſchaft, die fünf bis ſechs Mi⸗ les auf der Straße weiter geritten waren, erzählten uns nach ihrer Zurückkunft, ſie ſeien in eine ſehr ſchöne Gegend mit einem fünfzig bis ſechzig Fuß breiten Strome, der Sa⸗Ho genannt, gekommen; man habe ihnen geſagt, daß in einer Entfernung von dreißig Miles gegen die Mongolei hin das Land ſehr waldig werde, und daher die Holzkohlen kämen, die in ſo rei cher Menge nach dem ummauerten Theile des Reiches eingeführt würden. Wir hätten gute Luſt gehabt, un⸗ ſeren Ausflug dahin auszudehnen, aber unſer Urlaub lief ab, und wir ſahen uns gendthigt, am andern Tage den Rückmarſch anzutreten. Am ſechsten Dezem⸗ ber langten wir wieder in Tientſin an. Ich brauche nicht erſt beizufügen, daß wir von den Erfahrungen der letzten zwölf Tage ſehr befriedigt waren. Selbſt dem oberflächlichſten Beobachter drängen ſich zwei Eigenthümlichkeiten auf, durch welche ſich die Be⸗ wohner der von uns beſuchten Gebirgsgegend auszeich⸗ nen: die eine iſt ihre große Vorliebe für ſtarkgeiſtige Getränke, die andere das häufige Vorkommen des Kropfs. Die Liebhaberei für Schnaps fällt um ſo mehr auf, als in den anderen Theilen von China die Bewohner wahre Muſter von Nüchternheit ſind. Die vielen Kröpfe ſchreiben die Chineſen der Kälte des Waſſers zu, das ſie trinken. Weder Alter, noch Ge⸗ ſchlecht oder Stellung iſt eine Ausnahmebedingung für dieſes ſo ſehr verunſtaltende Uebel, mit dem volle zwanzig Prozent der Bevölkerung behaftet ſind. Dr. Kolb. Die Hunde zu Conſtantinopel. Wie es ſich auch mit dem Wohlwollen und der praktiſchen Mildthätigkeit der wahren Gläubigen gegen das Hundegeſchlecht verhalten mag, meine An⸗ ſicht iſt, daß die Hunde daſelbſt nicht alle Tage etwas Ordentliches zu eſſen bekommen. Ich hätte tauſend und einen Grund dafür; aber ſtatt deſſen will ich ein⸗ fach erzählen, daß ich unlängſt bei der Moſchee des Sultans Achmed(der auf dem Hippodrom mit den gigantiſchen Marmorpfeilern) geſehen habe, wie vier Hunde aus den Ueberreſten eines Caſtorhutes ihr Mit⸗ tagsmahl hielten. Ich will damit nicht ſagen, die Hunde von Conſtantinopel nähren ſich blos von her⸗ renloſen Hüten; ich weiß ſehr wohl, daß ſie auch von todten Katzen und Eſeln, von unbrauchbaren Sätteln und Pantoffeln, von Melonenſchaalen und ſchimmeli⸗ gem Reis, von Pferdekadavern und Ziegenhäuten und allem möglichem Auskehricht leben; ich bin oft Zeuge ihres frugalen Mahles geweſen, wenn ich ſie mir gleich hungrigen Freunden oder Verwandten folgen ſah und am Ende nach einem Stocke greifen mußte, um ihrer los zu werden, wie man es gerne mit der eben genann⸗ ten Geſellſchaft thun möchte. Ich habe mich manch⸗ mal damit unterhalten, ihre Zahl zu berechnen, und glaube, daß im Mittel die allereinſamſten und klein⸗ ſten Gäßchen Conſtantinopels je ſieben bis acht Rekru⸗ ten zu ſeinem unregelmäßigen Contingent von herren⸗ loſen Hunden liefern können. Man darf ſich jedoch nicht vorſtellen, alle dieſe Vierfüßler ſeien, obwohl zu Parias erniedrigt, an Geſtalt und Intelligenz völlig herabgekommen. Ohne die Kühnheit und Stärke des Neufundländers, die Eleganz des Windſpiels, die Spür⸗ kraft des Wachtelhundes, die Lebhaftigkeit des Dachſes, den Muth der Bulldogge zu beſitzen, haben ſie doch ſtarkes Kreuz, ſcharfes Gebiß und allen Inſtinkt, deſ⸗ ſen ſie bedürfen. Ihre Eigenſchaften wechſeln nach den verſchiedenen Quartieren, welche ſie bewohnen. di Hudd rxfllnmn 1 ſchem hmu Hafen, anl 2 und fig., in di einſan nukn unge jinng, wie wäre, ſind Mägden, W ſchwatzen; den bewohnte verlieren ihr merkt wegſt wilden Bru von Schuft ſten Beſten oberen Stra einer ganzel an den Stie unteren Str Drohung die Ich weit ſchen oder o den Byzant Croberer ſie olfne Herd Keben, das dieſer Stad lich iſt, al an einem! Der he Gelehrter i tes Thier rocher, bal ſchlecht ge lebhaſtem ſcharfem man ohn kann: au Straßen Menſchen 1 einen Stei ganzes Du der Reſpe Ausſage haben; ſi vielen Ve ſie den Steinewe mich am ſteine der en Beftide der Mauer Hauſe Ha ie in 8 ndlich ange⸗ und unſere uur mit gro— eute endigte. d ſechs Mi⸗ n, erzählten e ſehr ſchöne Fuß breiten z man habe von dreißig ſehr waldig le in ſo rei⸗ des Reiches gehabt, un⸗ nſer Urlaub am andern zten Dezem⸗ Ich brauche Erfahrungen n. drangen ſich ſich de Be⸗ end auszeich⸗ ſtarkgeiſtige kommen des ällt um ſo / China die ſind. Die Kälte des „noch Ge⸗ dingung für dem volle ſind. Dr. Kolb. chſeln! vchturjan - 159 Die Hunde in öden Straßen, aus der Gegend der verfallenen Wälle ſind ſcheue Miſanthropen von cyni⸗ ſchem Humor, aber die auf volkreichen Straßen, am Hafen, an den Bazars und am Serail ſind kriechend und feig. Die Philoſophie erklärt dieſen Unterſchied: in den einſamen Quartieren ſtreichen ſie herum und rauben ungehindert, ſie räumen alle Unreinigkeiten hinweg, wie es Schuldigkeit für die Sanitätspolizei wäre, ſind der Schrecken von türkiſchen Kindern und Mägden, welche unter den Gartenthüren zuſammen⸗ ſchwatzen; mit einem Worte, ſie ſind die Herrn; in den bewohnten Ouartieren bekommen ſie tauſend Schläge, verlieren ihren Muth, leben von dem, was ſie unbe— merkt wegſtipizen können, entſagen dem Stolze eines wilden Bruder Liederlich und fügen ſich in die Rolle von Schuften und Vagabunden, welche vor dem näch⸗ ſten Beſten ſich ducken müſſen. So iſt man in den oberen Straßen der Stadt der Gefahr ausgeſetzt, von einer ganzen Meute verfolgt und bis auf die Nägel an den Stiefelabſätzen aufgefreſſen zu werden; in den unteren Straßen iſt es die Meute, welche vor einer Drohung die Flucht ergreift. Ich weiß nicht, ob dieſe Hunde aus der europäi— ſchen oder aſiatiſchen Türkei ſtammen, ob ſie bis zu den Byzantinern hinaufreichen, oder muſelmänniſche Eroberer ſind, welche ſo ein herumſchweifendes Leben ohne Herd und Wohnung angenommen haben, ein Leben, das unter dem Himmel von Byzanz und in dieſer Stadt voll Winkel und Ecken nicht ſo unerträg— lich iſt, als man bei uns glauben möchte, wenn man an einem nebeligen Novembertage am Fenſter ſitzt. Der herrenloſe Hund, canis erraticus, wie ein Gelehrter ihn nennen würde, iſt ein gut proportionir⸗ tes Thier von der Größe gewöhnlicher Hunde, braun⸗ rother, bald in's Schwarze, bald in das Gelbe eines ſchlecht gebackenen Pfefferkuchens ſpielender Farbe, mit lebhaftem Auge, ziemlich feinem Ausſehen, weißem, ſcharfem und ſehr ſtarkem Gebiß. Es iſt falſch, daß man ohne einen Stock in Stambul nicht herumgehen kann: außer bei Nacht, wo es in den laternenloſen Straßen gefährlich iſt, greifen die Hunde nie einen Menſchen an; die bloße Bewegung des Bückens, um einen Stein aufzuheben, genügt in der Regel, um ein ganzes Dutzend in die Flucht zu jagen. Daher kommt der Reſpekt, welchen die türkiſchen Hunde nach der Ausſage der gläubigen Osmanlis vor den Moſcheen haben; ſie wagen dieſelben nicht zu betreten, denn die vielen Verbeugungen und Fußfälle daſelbſt machen auf ſie den Eindruck, wie wenn man ein Signal zum Steinewerfen gäbe. Einige Tage nach meiner Ankunft in Conſtantino⸗ pel hatte ich Gelegenheit, dieſe wilden Hunde von einem ſehr primitiven und hiſtoriſchen, aber minder anziehen⸗ den Geſichtspunkte aus zu betrachten. Ich wollte einen Beſuch in Skutari machen, warf mich alſo in eine jener leichten Kaiken, wo man ſich gut im Gleichge⸗ wicht halten muß, um nicht von den Wellen des Bos⸗ porus verſchlungen zu werden, und um ein paar Pia⸗ ſter von der Falſchmünze des Sultans wurde ich auf der Küſte Kleinaſiens an's Land geſetzt. Ich befand mich am Fuße des Hügels, von welchem die Leichen⸗ ſteine des engliſchen Kirchhofs herabwinken; der Him⸗ mel war prächtig, die Briſe erfriſchend, die türkiſche Landſchaft gewährte mir den Anblick ihrer großen Wogen, blauer als das Firmament, die Promenade auf den Uferkieſeln war jedoch nicht immer leicht; dann und wann ſtieß ich auf ſchwarze Bäche, in deren Nähe ich mir die Naſe zuhalten mußte. Auf einem der rei⸗ zendſten Punkte wurden aber meine Geruchsnerven ſo empfindlich beleidigt, als ob das Meer hier alle er⸗ droſſelten Paſcha's und in Säcke genähte Frauen ab⸗ gelagert hätte; ich ſchaute mich auf dem grünen friſchen Raſen um und bemerkte ſchaudernd gerade vor mir das Aas eines Pferdes, über welches ſich die wilden Hunde noch gieriger, als Subſcribenten über ein mildthätiges Zweckeſſen hergemacht hatten; ſie biſſen, riſſen, zerrten, fraßen an dem halb in Stücke zerfallenen Körper herum, ſo daß ich, um ſo ſchnell als möglich von dem eckel— haften Schauſpiel hinwegzukommen, einen weiten Um⸗ weg machte. Eines Tages trieb ich mich planlos auf dem klei⸗ nen Todtenacker von Pera, dem lebhafteſten Spazier⸗ gange dieſer Vorſtadt, herum und bemerkte neben mir ein geöffnetes Grab: da die Türken nicht civiliſirt ge⸗ nug ſind, um Leichname zu verkaufen, und ihre Aerzte für die Anatomie nicht ſo eingenommen, um derglei⸗ chen zu kaufen, fragte ich mich, was wohl zu dieſer Profanation Anlaß gegeben haben möchte; aber bald ſah ich aus dieſer düſtern Kluft einen ſchrecklich kleinen Hund herauskommen; ihm folgte ein zweiter, ein drit⸗ ter, vierter, die nun in der Sonne zu ſpielen anſingent: das Grab war zu einem Hundeſtall geworden! eine Hündin hatte ſich daſelbſt mit ihrer Nachkommeuſchaft etablirt! Ich hatte über die herrenloſen Hunde wie über Sultane und Sultaninnen ſo viele Mährchen gehört, daß ich den Franken von Galata kaum glauben wollte, als ſie mir erzählten, die Hunde ſeien quartierweiſe mit ſtatiſtiſcher Regelmäßigkeit eingetheilt und klaſſificirt. Sie haben, ſagte man mir, ihre Departements und Bezirke, ihre Gemeindegüter und Grenzen, und die, welche ihren Unterhalt anderswo ſuchen wollen, ſetzen dabei ihr Leben auf's Spiel. Sie haben geſetzlich ge⸗ ordnete Staaten in Pera, wie in Scutari, im Stadt⸗ viertel der Süßen Waſſer, wie im Almeidan: die muſelmänniſche Mildthätigkeit gegen die Thiere hatte die Vermehrung ihrer Race gefördert, und Conſtanti⸗ nopel war das Paradies der Hunde geworden. Ich zweifelte an ihren Polizei⸗Reglements, aber mit meinen eigenen Augen ſah ich bald hernach eine wirkliche Exe⸗ kution. Ich ſchlenderte in einem der griechiſchen Quar⸗ tiere auf und ab, und meine Aufmerkſamkeit war, ich weiß nicht mehr durch welchen Gegenſtand, angezogen, vielleicht durch eine ausnehmend ſchöne und ausnehmend ſchmutzige Griechin, welche eben an den alten Mauern der Reſidenz der Conſtantine und Comnenen Wäſche aufhing, als das Gebell, Geheul und wilde Rennen einer ganzen Bande von Hunden mich auf meine per⸗ ſönliche Sicherheit Bedacht nehmen ließen: ich kletterte auf einen Steinhaufen und ſah nun die ganze Meute Dogge begriffen, welche, mit Koth und Blut bedectt, offenbar ein Eindringling war, der es gewagt hakte, herankommen, in der Verfolgung einer babesaa außerhalb ſeines Kantons auf Nahrung auszugehen. Nie wurde ein Schmuggler ſo heftig von Zollſchutz⸗ wächtern bedrängt, wie der arme Flüchtling; von allen Winkeln der Straße, von jeder Thüre ſtürzten neue Verfolger heraus, um ſich der wüthenden Meute an⸗ Cypreſſenwälder, ihrer vergoldeten Minarets, ihrer zuſchließen. Eine halbe Stunde ſpäter befand ich mich 4* vor der Moſchee Hiobs(nicht deſſen aus der Bibel, ſondern eines Generals von Mahomet II., welcher nach unglaublichen Heldenthaten bei der Eroberung Conſtan⸗ tinopels hier, in der über ſeinem Grabe errichteten Moſchee noch Wunder verrichtete); der Ort iſt einer der heiligſten für den Muſelmann, und kein Chriſt dürfte es, ſelbſt mit einem kaiſerlichen Ferman in der Hand, wagen, hier einzudringen. Ich warf einen neu⸗ gierigen Blick nach dem Heiligthum und gedachte, durch die Thüre ohne allzu große Gefahr für meinen Kopf Etwas zu erſpähen, als ich wieder von der wilden Jagd eingeholt wurde. Die geächtete Dogge war ihren Verfolgern noch immer etwas voraus; ich verſperrte ihr den Weg und ſie warf ſich in die Oeffnung eines Abzugkanals, verſchwand ſo meinen Blicken, und ließ ihre Feinde ebenſo getäuſcht zurück, wie nur ein uner⸗ fahrener Dachshund es ſein kann, der zum erſten Male ein Kaninchen verfolgt, und es plötzlich vor ſich in einen Bau ſchlüpfen ſieht. Sollten dergleichen Kanäle ein Aſyl für dieſe Vagabunden ſein? Sie hätten es da allerdings im Winter warm und im Sommer kühl: die Ratten, welche ſie dort treffen, könnten ihnen ſtatt Wildpret dienen. Uebergehen wir den widrigen Anblick, welchen die Leichen dieſer elenden Hunde überall darbieten, woran aber die Türken durchaus kein Aergerniß zu nehmen ſcheinen, vorausgeſetzt, daß ihre Pfeife geſtopft, ihr Kaffee warm und ihr Reispilau, Dank einer Miſchung mit Goldäpfeln, roſig gefärbt iſt. Dies beweist jedoch - 160—— keineswegs, daß dieſelben unſere Härte gegen dieſe Vierfüßler angenommen haben. Ich ſah, wie die wahren Gläubigen mitleidig gruppenweiſe um einen jungen Hund herumſtanden, der von den Rädern eines Ochſenkarrens überfahren worden war; ich ſah einen Mollah mit grauem Barte nach einem Brunnen eilen, um Waſſer zu ſchöpfen, und dadurch einem kran⸗ ken Hunde Erleichterung zu verſchaffen. Vergeſſen wir nicht, daß die türkiſchen, oder vielmehr arabiſchen und perſiſchen Legenden ohne Unterlaß von den Belohnun⸗ gen reden, welche Allah denen verheißt, die mitleidig gegen Thiere ſind. Die Vereine zum Schutze der Thiere ſollten ſich in Conſtantinopel niederlaſſen; da hätten ſie Gelegenheit, gute Werke in Menge zu üben. Ihre Schützlinge ſchießen daſelbſt wie Pilze empor, im Winkel jeder Mauer, in allen Höfen, unter den Ge⸗ wölben der Bazars, um die Küchen im Freien herum, kurz ſie ſind überall. Im Alter ſind ſie ſchrecklich an⸗ zuſehen, mit zerfetzten Ohren, verſtümmelt in Folge von Händeln mit ihresgleichen, oder an Krankheit lei⸗ dend, die ſie bis auf die Knochen abzehrt. ropäer fragen ſich, warum die Polizei nicht dieſe elen⸗ den Geſchöpfe von den Qualen eines ſolchen Daſeins befreit, aber es ſcheint, eine Barmherzigkeit dieſer Art verträgt ſich nicht mit den Vorſchriften des Koran, und Conſtantinopel wird wohl eher ſeiner Türken, als ſei⸗ ner Hunde los werden. Dr. B. Misceſlen. Ueber die Roſenpflanzungen in Kleinaſien berichtet Prof. Landerer in Athen, daß ſich in der Nähe von Adrianopel und auch in Bruſſa ſehr aus⸗ gedehnte Roſenpflanzungen befinden, nicht frei, ſondern in Ummauerungen. Thüre, auch kleine Häuschen für die Wächter. Ein Theil derſelben wird auch mit Gemüſen und anderen Nutzpflanzungen belebt und der Ertrag daraus bildet den Lohn für den Gärtner. bleiben offen und frei. Die Roſenſtauden werden durch Ableger vermehrt und in Reihen gepflanzt. Bevor die Jeder Garten hat ſeine kleine Andere Roſenplantagen Blüthen ſich öffnen, werden die Knoſpen eingeſammelt früh Morgens oder nach Sonnenuntergang von Frauen und Kindern. Erſt wenn die Blüthen vollkommen abgewelkt ſind, werden ſie der Deſtillation unterwor⸗ fen. Oft wird auch Salz darauf geſtreut, um die Blüthe vor zu ſchneller Gährung zu ſchützen. Acacia farnisiana mit ihren ſehr wohlriechenden Blü⸗ then, die im Orient viel zum Parfümiren gebraucht werden. Doch verflüchtigt ſich ihr Oel bei der Deſtil⸗ lation gänzlich. (Ein Matroſe von einem Haifiſch verſe gen.) Eine Barke von Quebek lag vor einigen? im Hafen von Fernando Po. Einer der Matroſen hatte das Boot, welches die Beute vom Lande zurückholte, verfehlt; an der Küſte angekommen, entſchloß er ſich, nach dem Fahrzeug, das etwa drei Schiffslängen vom Lande entfernt lag, hinzuſchwimmen. Er warf alſo einen Theil ſeiner Kleider ab, band ſie in ſein Taſchen⸗ tuch, nahm dieſes in den Mund und ſtürzte ſich in Das gewonnene Roſendeſtillat wird der Kälte ausgeſetzt und dann das aufſchwimmende Oel abgenommen und ſo⸗ gleich in kleine zierliche Gläſer gefüllt und in den Handel gebracht. Diſtrikten am Balkangebirge jährlich 50— 60,000 Un⸗ zen Roſenöl gewonnen, jetzt kaum 8000 Unzen. Zu einem Loth Roſenöl gehören 8— 10,000 Blüthen. Eine Hauptzierde der orientaliſchen Gärten bildet In früheren Jahren wurden in den den See. Kaum war er einige Angenblicke im Waſ⸗ ſer, als ein gewaltiger Haifiſch auf ihn zukam. Die Leute an Bord erhoben ein lautes Geſchrei, zwei Ma⸗ troſen warfen ſich in ein Boot, um ihren Kameraden zu retten. Dieſer ſchwamm aus Leibeskräften, um dem ſchrecklichen Tode zu entgehen, aber Alles vergeblich: der Hai holte den erſchöpften Matroſen ein, und mit Entſetzen ſahen die Leute am Deck, wie das Ungeheuer denſelben verſchlang. Herzzerreißend war das Geſchrei des armen Burſchen, als das mörderiſche Gebiß des Hai's ihn erfaßte. Die Eu⸗ Einzelha Es gib Eindruck z Tagen friſ ſtehen. We genehme Emn lette Pflich Erinnerunge Gedanken a beben alle unſerer geſt lieblichſten Reminiscel den Bewu haft erſche dieſes, der Paradieſe zauberhafte Früchte der loſe Früch nicht aber wintten, liſcher Fr herein, im golde u vergle — poetiſche, öffentliche ſchon ſtr der bölz abſoluten ſo düſter ſters mit gegen dieſ ihh, wie dee denweiſe um den Rädern ar; ich ſah em Brunnen einem kran⸗ Vexgeſſen wit eabiſchen und in Belohnun⸗ die mitleidig ze der Thiere n; da hätten üben. Ihre empor, im uter den Ge⸗ Freien herum, ſchrecklich an⸗ telt in Folge drankheit lei⸗ t. Die El⸗ t dieſe elen⸗ hen Daſeins dit dieſer Art Koran, und rken, als ſei⸗ Dr. B. echenden Blü⸗ ren gebraucht ei der Deſtil hverſé⸗ nigen; Natroſen hütte peetiſche, Einzelhaft. beneidet er die Nachbarsbuben, - 161— Der erſte gang zur Schule. (Taf. 10.) Es gibt Begegniſſe, die einen ſo unverwiſchbaren Eindruck zurücklaſſen, daß ſie noch in den ſpäteſten Tagen friſch und lebend vor unſerem geiſtigen Auge ſtehen. Wohl uns, wenn dieſe Erinnerungen nur an⸗ genehme Empfindungen in uns erwecken, und nicht ver⸗ letzte Pflicht das Gewiſſen beſchwert. Die ſüßeſten Erinnerungen ſind die aus der Jugendzeit. Bei dem Gedanken an den Frieden der ehemaligen Heimath er⸗ beben alle Saiten des Gefühls, das ſich bei vielen unſerer geſchätzteſten Dichter und Schriftſteller zu den lieblichſten Dichtungen belebte. Hiezu gehören ſchon Reminiscenzen aus der duftigen Ferne des aufdämmern⸗ den Bewußtſeins der früheſten, uns nun ſo märchen⸗ haft erſcheinenden Jugendtage. Dem Einen hat ſich dieſes, dem Andern jenes Bild aus dem verlorenen Paradieſe der Kindheit erhalten, den Meiſten aber die zauberhafte Erinnerung an einen Wunderbaum, der ſehr. Ich ſeh des Dorfes Weiden, Des Wieſenbaches Rand, Wo ich die erſten Freuden, Den erſten Schmerz empfand; Die Schule dumpf und düſter, Umrankt von Immergrün, Wo uns der ernſte Küſter Ein Weltgebieter ſchien. Matthiſſon. erhielt, die Frau aber ihm nun die Differenz zwiſchen 12 und 15 demonſtrirte, indem ſie ihm die drei Bir⸗ nen vorwies und lachend verſpeiste. Dieſes Argumen- tum ad oculos und das„Geh' heim, dummer Junge!“ das ihm die Oebſtlerin nachrief, hatte gewirkt, aber der kleine Wildfang fürchtet ſich vor den engen Stu⸗ ben, und als der Vater fragte:„Wollt ihr gerne zur Schule gehen?“ hatte wohl die Schweſter geantwortet: „Recht gerne,“ der Peter aber:„Nicht recht gerne. Ich werde erſt gern hingehen, wenn ich ſchon einmal drin geweſen bin, denn das erſtemal genire ich mich gar zu Wird man dem Schulmeiſter,“ fragt Peter, „nicht auch einige Flachsdocken bringen oder Butter⸗ ballen, daß er uns keine Schläge gibt?“„Will ihn ſchon ſchmieren, daß er euch nichts ſchenken ſoll,“ er⸗ Früchte der verſchiedenſten Art getragen, ſüße, harm⸗ loſe Früchte, die im ſchlimmſten Falle den Magen, nicht aber wie jene, die vom Baume der Erkenntniß winkten, die ganze Carriere verdarben. liſcher Frühling brach in's dunkle, winterliche Zimmer herein, und Krippchen und Weihnachtsbaum glänzten im goldenen Schimmer. Welcher Baum iſt dieſem zu vergleichen, und welches Glück dem der ſeligen Weage! vinnerung reiht ſich eine andere, weniger die des Eintritts in die Schule an, die das öffentliche Leben, der Staat des Kindes iſt, wo es ſchon ſtrenge Pflichten und ſchwere Sorgen gibt und der hölzerne Scepter als unverkennbares Zeichen der abſoluten Herrſchaft des Magiſters droht, die oft ein ſo düſteres Andenken hinterläßt, als die eines Mini⸗ ſters mit drakoniſchen Geſetzen voll Körperſtrafen und Die Leſer werden ſich bei Betrachtung des beilie⸗ genden Bildes, das den erſten Gang zur Schule dar⸗ ſtellt, ähnlicher Scenen aus dem Schulleben erinnern, bei welchen vielleicht der eine oder der andere die Haupt⸗ i 2 Wörtchen wie ein ſtörriſches Rößlein. Er ſieht, daß rolle ſpielte. „Morgen geht's in die Schule, ihr Kinder,“ hat der Vater erklärt,„es iſt Jakobitag, da fängt der Schulmeiſter an, die A⸗B⸗C⸗Schützen zu drillen.“ Der kleine Peter hat zwar längſt eingeſehen, daß er ein dummer Junge bleibt, bis er zur Schule geht. Wie die ſo ſchön vom hör⸗ nenen Sigfried, der Genoveva und vom Till Eulen⸗ ſpiegel vorzuleſen verſtehen! Wie hat ſich Peter ge⸗ ſchämt, als er von der Oebſtlerin ſtatt der geſtatteten fünfzehn— zwölf Birnen für einen Kreuzer verlangte und Feierſtunden. 1863. Ein himm⸗ wiedert der Vater. Die Großmutter, die in ſo vielen Familien, ſtatt der zu beſchäftigten Eltern, die Studien der Enkel lei⸗ tet, ſetzt als halben Sonntagsſtaat die flotte, fliegende Dormeuſe auf, bindet die neue geſtreifte Tafftſchürze um, und nimmt das Kathrinchen an die rechte und ihren Wildfang an die linke Hand. Die Kleine hat als Gaſt ſchon öfter die Schule beſucht und fügt ſich gerne; anders aber iſt's mit dem Peter: ſie freut ſich, die Großmutter geht ihr nicht raſch genug, Peter iſt bange, er denkt an die Strafen, die dieſer und jener Nachbarsjunge erhalten, er ſträubt ſich halb und macht den Schleiftrog, aber ſchon iſt man vor der Schule angekommen, durch jede der runden Fenſterſcheiben ſchaut ein Geſicht heraus, wie aus dem Vollmond, und Alles jubelt:„des Müllers Peter kommt!“ Da tritt der Schulmeiſter vor die offene Thüre.„Laſſet die Kind⸗ lein zu mir kommen,“ ſpricht er mit Salbung,„denn ihrer iſt das Himmelreich;“ aber Peter hat den Pan— ſcher geſehen, den der gute Mann gewohntermaßen un⸗ ter dem Arme trägt. Er will nichts von dieſem Him⸗ melreich wiſſen, wirft Buch und Tafel weg, und ver— ſucht wo möglich noch auszureißen. Nun, man beſänftigt den Wildfang mit guten ihm der Kopf nicht genommen wird, und es gefällt ihm nicht ganz übel, daß man ihm Häuschen und Thierlein vormalt und farbige Bilder zeigt. Bald aber geht's an's Studium.„Sieh, mein Kind,“ ſagt der Schulmeiſter,„der Strich mit dem Punkte heißt i, das runde Ding o und bei drei Strichen macht man den Mund zu und brummt m.“„Ach was,“ ſagt Peter, „die kleinen ſchwarzen Dinger da; Schulmeiſter, malt mir lieber wieder ein Häuschen!“ Aber es kommt all⸗ mählich noch ganz anders. Das Gaſthütchen wird dem 21 Jungen herabgezogen und trotz allem Ach und Weh geht's durch's ganze A⸗B⸗C. Das Addiren begreift er am beſten, wenn ihm die zuzuzählenden Zahlen hinauf⸗ gezählt werden. Auch das Einmaleins macht der Ju- gend heiß, und bei den Bibelſprüchen und Geſangbuch⸗ verſen denkt Mancher ſein Lebenlang an die Schläge, die ſie ihn gekoſtet. „In Gottesnamen“ gibt ihm der Schulmeiſter die erſte Feder in die Hand:„mit dieſem kleinen, leichten Ding kannſt du dich einſt glücklich, aber auch elend machen.“ Der Schüler begreift nichts von der Denk⸗ würdigkeit dieſes Augenblicks, und ſein erſter Verſuch mit der Feder iſt vermuthlich ein Klecks. Wohl hat man begonnen, den Kindern mit der Schonung und gerechten Güte zu begegnen, die von der Humanität, vom Chriſtenthum zu ſchweigen, ge⸗ fordert wird; die Zeit, in welcher der fleißige Knabe Luther fünfzehnmal in einer Vormittagsſtunde ausge⸗ prügelt wurde, iſt vorüber, und kein Schultyrann wird heutzutage noch ein Prügel⸗Journal oder Martyrologium anlegen, wie jener Jakob Häuberle, der darin in den 51 Jahren und 7 Monaten ſeines Schulamts 911,527 Stock⸗ und 124,000 Ruthenſchläge verzeich⸗ net hatte. Hiezu kamen noch 20,989 Pfötchen mit dem Lineal und nicht blos 10,385 Maulſchellen, ſondern dabei noch 7905 Ohrfeigen Nachſchuß— und an den Kopf im Ganzen 1 Million und 115,800 Kopfnüſſe. Er hat 22,763 Notabenes bald mit der Bibel, bald mit Katechismus, bald mit Geſangbuch, bald mit Grammatik gegeben, gleichſam mit vier ſyllogiſtiſchen Beweisfiguren, oder einer sonate à quatre mains. — Dieſe Zeit iſt vorüber, aber noch heute gibt es Lehrer, die ihre Schüter erbarmungslos maltraitiren, noch heute nnn man von Stockſchlägen aufgeſchwollene Hände und alle Farben auf dem Rücken ſchwächlicher Lateinſchüler ſehen. Es gibt Schüler, die nicht ohne Schläge zu unterrichten ſind, aber auch Präzeptoren, die nach einigen Wochen keinen noch nicht geprugelten Schüler mehr aufzählen können. Die Formen ſind mangelhaft memorirt, beſonders die verba deponen- tia und irregularia, da fehlt das Fundament, und der Schüler ſoll jetzt Deutſches in's Lateiniſche über⸗ - 162 aufgaben löſen ſoll, ſetzen. keinen ſleien Augenblick zum Spielen übrig läͤßt, bittert vielen Kindern das Leben, und Schrecken erwacht manches gute Kind, das Haus⸗ Die Ueberladung mit Aufgaben, die ihnen ver⸗ und mit Jammer denen es doch nicht gewach ſen iſt. Dieſe Uebelſtände ſtören die phyſiſche und geiſtige Entwicklung, ja ſie führen nicht ſelten zu verzweifelten Eutſchluſſen, deren derſinhte Ausführung nicht immer ſo harmlos abläuft, als es bei zwei Nachbarsknaben des Verfaſſers der Fall war.„Guſtav,“ fugt der äl⸗ tere Bruder zum jüngeren,„wenn ich nur ſterben thät — den ganzen Tag ſchaffen und alle Tage Hiebe!“ „Wir wollen nach Amerika zum Onkel,“ ſagt Paul, „auf ſeiner Farm gibt's keine Schule.“„Wir haben ja kein Geld zur Ueberfahrt,“ entgegnet Guſtav.„Wir können Schiffsjungen werden,“ meint Paul.„Ja, da bekommt man mit dem Tauende, aufſpringt. Aber weißt du was, Paul, wir gehen nach Sillenbuch zu unſerer Milchfrau, die hat uns ſchon oft eingeladen. Dort muß man nicht ſo viel lernen; wir bleiben, bis wir konfirmirt ſind, und gehen daun wieder heim zu den Eltern“ Geſagt, gethan. Wäh⸗ rend der Vater in der Kanzlei und die Mutter auf dem Wochenmarkte iſt, leeren die Söhne den Schul⸗ ranzen aus, füllen ihn in der Speiſekammer und machen ſich aus dem Staube. Der Abend kommt, die Nacht, kein Paul erſcheint und kein Guſtav; zwei, drei Tage gehen hin, und noch immer keine Spur von den Jungen. Die Mutter weint und ſchreit, der Vater will nicht geſtehen, wie ihm zu Muthe iſt, hat aber längſt auf der Polizei Anzeige gemacht. Da kommt die Milchfrau wieder. Sie erſchrickt beim Aublicke der verzweifelnden Mutter.„Do will i's gau no ſa,“ verſetzt ſie verlegen,„dia junge Herra ſind bei aus (uns), ſe ſend ganz brav und ganget mit auſere Kin⸗ der in d'Schul.“ Der Vater ſprach kein Wort, nahm ein Meerröhrchen, ſpazierte in das kaum anderthalb Stunden entfernte Dorf und trieb die Auswanderer vor ſich her in's Elternhaus, wo ſie wohlbehalten bei anbrechender Dämmerung ankamen. . F. A. Kolb. Sir Charles Lyeſl. In der Geſchichte unſerer Erde, die von dieſer ſelbſt geſchrieben worden iſt, hat das Schreckenswort Revolution eine größere Rolle geſpielt, als in der Ge- ſchichte der Menſchen. Wie hier iſt aber auch dort ſeine Macht jetzt gebrochen, denn wie zur Stunde auf dem politiſchen Gebiete der geſetzmäßige Fortſchritt die allgemeine Loſung iſt, ſo gilt auch das langſame Vor⸗ wärts in der Geologie für die Veränderungen, welche unſere Erde in den früheren Epochen ihres Daſeins, bevor des Menſchen Fuß ſie betreten, erlitten hat. Dieſen gewaltigen Umſchwung in den Anſchauungen über die Geſchichte unſerer Erde hat der oben genannte engliſche Geologe bewirkt. Als Sohn eines ausgezeichneten Botanikers 1797 zu Kinnardy in der Grafſchaft Forfar in Mittelſchott⸗ land geboren, erhielt Lyell ſeine Ausbildung im Exeter⸗ College in Oxſord, worauf er ſich dem Studium der Rechte widmete und nach Beendigung deſſelben in Lon⸗ don als Sachwalter niederließ. Als Erbtheil aus dem väterlichen Hauſe hatte er jedoch eine große Liebe zu der freien Natur und ihrer Thätigkeit mit in das Leben hinübergenommen, und dieſe machte ſich bald der Art geltend, daß Lyell ſeinen zuerſt erwählten Beruf ganz aufgab, und ſich ausſchließlich und mit großem Eifer dem Studium der Naturwiſſenſchaften, und insbeſon⸗ dere der Geologie hingab. Um die geologiſchen Pro⸗ bleme an Ort und Stelle, in den Gebirgen Frank⸗ reichs, Deutſchlands und Italiens zu ſtudiren, unter⸗ nahm Lyell 1824 ſeine erſte größere Reiſe, Frucht wir verſchiedene Abhandlungen in den Mémoi- res de la Société géologique und den Annales des Sciences daß Einem die Haut als deren les anzuſehen haben. A1 1830 rſchie die»Principles of Geology«, und dadur ndete Lyell ſeinen großen Ruf. Be.ſ reits 1833 und außerde ed ins dauſ Verbreitung beitung d bperus Ston d Pert.„L lue durch iie Aufmer Grode auf gemein die dih aft erli dura end ſih überſti konnte ma Kataſtrophe gelhaft erk geſtörte La nen Organ dieſe Schwi Phantaſiege ren, hinwe⸗ Revolution haben ſollt nachweiſen großartigen ſeit dem haben ſoll Lyell Anſicht an unſere Erd weiter ſeie dener phy) vor unſer dhetſläche ſtänden i nicht ale ſtehliche aufthürn 8 hebo den Tro zig llein dieſe im ſam abe des im welcher von tau Pflanze nen kle 1 die ihnen 88 läßt, ver⸗ he „ das Haus⸗ gewachſen iſt und geiſtige derzweifelten dicht immer achbarsknaben ſagt der äl⸗ ur ſterben thät Tage Hiebe!“ ¹ ſagt Paul, „Wir haben juſtav.„Wir zuul.„Ja, da nem die Haut vir gehen nach at uns ſchon viel lernen; ) gehen daun ethan. Wäh— Mutter auf eden Schul⸗ tammer und nd kommt, die ap; zwei, drei Spur von den it, der Vate it, hut aber Da kommt Aublicke der gau no ſa,“ ind bei aus auſere Kin— Wort, nahm m anderthalb Auswanderer ulbehaltn bi — 5. A. Kolb. 8 = —=— —2 = * reits 1833 hatte dieſes Werk neun Auflagen erlebt, und außerdem war es in's Franzöſiſche und dreimal in's Deutſche überſetzt worden. Eine eben ſo weite Verbreitung hat auch eine abgekürzte, populäre Bear⸗ beitung deſſelben, die Lyell 1838 unter dem Titel zwar ſehr langſam, aber ſtetig, aus den Fluthen der „Elements of Geology« herausgab, gefunden. Schon der Zuſatz auf dem Titelblatt des größeren Werks:„Verſuch, die Formveränderungen der Erdober⸗ fläche durch noch jetzt thätige Kräfte zu erklären,“ mußte die Aufmerkſamkeit der gelehrten Welt im höchſten Grade auf ſich ziehen, denn bis dahin hatte man all⸗ gemein die Veränderungen, welche unſere Erde unzwei⸗ felhaft erlitten hat, und von denen der Bau derſelben hinreichend Zeugniß ablegt, plötzlichen Kataſtrophen, ſich überſtürzenden Revolutionen zugeſchrieben. Freilich konnte man die Entſtehungsurſachen dieſer zerſtörenden Kataſtrophen entweder gar nicht, oder nur ſehr man⸗ gelhaft erklären, ja ſehr oft wurden ſie durch die un— geſtörte Lagerung der Schichten und der darin erhalte⸗ nen Organismen geradezu widerlegt. Aber über alle dieſe Schwierigkeiten wußte man durch Hypotheſen und Phantaſiegebilde, die oft der abenteuerlichſten Art wa- ren, hinwegzukommen. Eben ſo unbegreiflich als dieſe Revolutionen, welche die ganze Erdrinde verändert haben ſollten, aber ſich faſt nirgends in ihren Spuren nachweiſen laſſen, war auch die Annahme, daß die großartigen und plötzlichen Veränderungen unſerer Erde ſeit dem Daſein des Menſchen einen Abſchluß erlangt haben ſollten. Lyell ſtellt nun in ſeinem angeführten Werk die Anſicht auf, daß die mannigfachen Veränderungen, die unſere Erde ſeit ihrem Beſtehen erlitten hat, eben nichts weiter ſeien, als das Produkt der Einwirkung verſchie⸗ dener phyſikaliſcher und chemiſcher Kräfte, die noch jetzt vor unſern eigenen Augen auf allen Theilen der Erd⸗ oberfläche und unter den mannigfaltigſten äußern Um⸗ ſtänden in Thätigkeit begriffen ſind. Hierher gehören nicht allein die Thätigkeit der Vulkane und die unwider⸗ ſtehliche Macht der Felſen zertrümmernden und Hügel aufthürmenden Meereswogen, ſondern auch das ſtille —d beharrliche Wirken der Atmoſphäre auf die Ober⸗ , das Ab⸗ und Anſchwemmen der das unaufhörliche Nagen des fallen⸗ den Tropfens, die Arbeit des Eiſes, ſeien es die win⸗ zig kleinen Eisblättchen in den feinen Riſſen, wodurch dieſe immer mehr erweitert und endlich die Berge lang⸗ ſam aber ſicher zerſtört werden, oder ſei es die Wucht des im ſteten Abwärtsgleiten begriffenen Gletſchers, welcher rauhe Bergwände feiner glättet als der Meißel von tauſend Steinmetzen. Hierher gehören ferner die Pflanzen, welche ihre feinen Saugwurzeln als Millio⸗ nen kleiner Keile in die feinen Spalten der verwittern⸗ den Geſteine eintreiben, und nach und nach die zackigen Kronen der Felſen in weich gerundete Kuppen verwan⸗ deln, und ebenſo das kleinſte thieriſche Leben, die kalk⸗ und kieſelgepanzerten Infuſionsthierchen, die, mögen ſie noch ſo winzig ſein, daß wir ihrer Hunderttauſende bedeutende Gebirgslager bilden. Allerdings iſt die ſtille und beharrliche Thätigkeit — 163—— derungen als ſehr bedeutſame und in die Augen fallende anzuſehen, wenn ſich die winzigen Wirkungen dieſer geringfügigen Kräfte im Laufe größerer Zeiträume ſum⸗ miren. Wir wollen dafür nur ein Beiſpiel anführen. Die ſchwediſche Oſtküſte hebt ſich noch zur Stunde Oſtſee, etwa drei Fuß im Laufe von hundert Jahren, alſo einen Drittelszoll im Jahr— eine Bewegung, die ſich der augenblicklichen Beobachtung geradezu ent⸗ zieht, und dennoch hat ſich die gegenwärtige Strand⸗ linie in tauſend Jahren um dreißig Fuß über den Meeresſpiegel erhoben. Ein anderes Beiſpiel von der Macht des Kleinen in der Natur gibt uns der Heil— bronner Tunnel. Bei deſſen Bau legte man ein Lager von Anhydrit(waſſerfreiem Gyps) bloß. Durch die Einwirkung der atmoſphäriſchen Niederſchläge ver⸗ wandelt ſich der Anhydrit in waſſerhaltigen Gyps, wo— bei ſich ſein Volumen um 0,648 vergrößert. Die hier⸗ durch entwickelte Macht iſt ſo groß, daß der ganze Berg, wie es der Augenſchein lehrt, ſich aufbläht und aus den Fugen zu gehen droht. Gegen Lyells Anſicht eröffneten zwar die Geologen der alten Schule einen heftigen Kampf, aber vergebens; denn je tiefer wir in die ewig unverrückbaren Geſetze der waltenden Natur eindringen, um ſo mehr Anhän⸗ ger finden die von Lyell aufgeſtellten Grundſätze. Im⸗ mer mehr befeſtigt ſich die Anſicht, daß der Uebergang aus einer geologiſchen Periode zur andern an den auf der Erde vorhandenen Geſchöpfen gerade ſo unbemerk⸗ bar vorübergegangen iſt, wie für uns in der Neujahrs⸗ nacht die Ablöſung des alten Jahres durch ein neues. Erſt ſeit Lyell hat man angefangen, die Zeit richtig zu würdigen. Allerdings haben ſchon die Unterſuchun⸗ gen der Alterthumsforſcher an den von Menſchenhänden herrührenden Werken weit über das als Glaubensſatz hingeſtellte Alter unſerer Erde hinausgeführt, aber ſelbſt dieſe Erweiterung iſt noch verſchwindend klein gegen die Berechnungen, welche neuere geologiſche Entdeckungen als unzweifelhaft dargethan haben. In Folge ſeines Rufes wurde Lyell 1832 mit Ab⸗ haltung eines Curſus der Geologie in dem Royal College in London betraut. 1841—42, ſowie 1845 begab er ſich wieder auf Reiſen, um die geognoſtiſchen Verhältniſſe der nordamerikaniſchen Union, Canada's und Neu⸗Schottlands an Ort und Stelle zu erforſchen. Die Reſultate dieſer Forſchungen hat er in zwei po⸗ pulär geſchriebenen Werken:(Travels in North-Ame- rica 1845, zwei Theile) und A second Visit to the United States(1849), die in England verſchiedene Auflagen erlebt haben und auch in's Deutſche überſetzt worden ſind, niedergelegt. Dieſe Werke verdienen ge⸗ rade in der heutigen Zeit große Beachtung, da man darin intereſſante Aeußerungen über die Sklavereifrage, die Urſache der heutigen Wirren, findet. Die detaillirte Darſtellung der auf dieſen Reiſen ausgeführten geogno⸗ ſtiſchen Forſchungen finden wir in zahlreichen Abhand⸗ lungen in den Proceedings of the Geological So- zugleich mit dem Finger zerdrücken können, dennoch ciety, dem Quaterly Journal of the Geol. Soc. und in Silliman's American Journal of Sciences and der in der Gegenwart die Oberfläche unſerer Erde be⸗ arbeitenden Kräfte bezüglich der dem einzelnen Menſchen zur Beobachtung vergönnten Zeit meiſtens ſo klein, daß ſie ſich unſern Augen vollkommen u entzichen ſcheint, aber dennoch ſind die dadurch hervorgerufenen Verän⸗ 1—— Arts. Die beiden erſten Journale enthalten auch noch vielfach andere Belege der regen wiſſenſchaftlichen Thä⸗ tigkeit Lyells, der behufs derſelben bis in die neueſte Zeit wiederholte Reiſen nach dem Continent angeſtellt hat. So hat ſich denn auch Lyell lebhaft an der Frage über die älteſten Spuren des Menſchengeſchlechts, mit 21⸗ —— 164— der ſich zur Stunde die Wiſſenſchaft auf das angele⸗ gentlichſte beſchäftigt, betheiligt, und zur Begründung ſeines Urtheils zu wiederholten Malen die Orte auf dem Feſtlande, an denen man die merkwürdigen Funde gemacht hat, welche für eine weit längere Exiſtenz des menſchlichen Geſchlechts auf europäiſchem Boden und deſſen Gleichzeitigkeit mit den ausgeſtorbenen Diluvial⸗ thieren ſprechen, beſucht. Mehr noch als in Frankreich, wo die erſten Funde dieſer Art zu Amiens und Abbe⸗ ville gemacht wurden, ſchwärmte man in England für den Praeadamite Man, und man ruhte nordwärts des Canals nicht eher, als bis man in einer Sandablage⸗ rung in Suffolk einen ähnlichen Fund, freilich zunächſt von ſehr winziger Art, gemacht, und ſo nicht mehr den mächtigen Rivalen jenſeits des Canals um ſeine Präadamiten zu beneiden hatte. Auf der Verſamm⸗ lung der engliſchen Naturforſcher zu Aberdeen(1859) hielt Lyell einen Vortrag über die beiden voradamiti⸗ ſchen Menſchen, die man im mittlern Frankreich auf dem Mont⸗Deniſe in der Nähe des Puy⸗en⸗Vélai in einer vulkaniſchen Breccie aufgefunden hatte. Lyell hatte dieſen Ort ſelbſt beſucht, konnte ſich aber nicht davon überzeugen, daß der Menſch Zeuge der letzten vulkaniſchen Ausbrüche im mittleren Frankreich geweſen ſei. Später indeß haben ſich die Funde dieſer Art bedeutend gemehrt, und jetzt iſt auch Lyell der Anſicht, daß der Menſch unzweifelhaft in Europa gleichzeitig mit den diluvialen Thieren exiſtirt, ſich alſo vom Mammuth und Nashorn genährt, und die Ueberreſte ſeiner Mahlzeit dem Tiger und der Hyäne überlaſ⸗ ſen hat. An Anerkennung ſeiner Wirkſamkeit har es Lyell nicht gefehlt. Zweimal(1836 und 1850) ernannte ihn die geologiſche Geſellſchaft in London zu ihrem Ehrenpräſidenten, und 1840 ertheilte ihm die Regierung die Ritterwürde(Knight bachelor) für die wichtigen Dienſte, die er der Wiſſenſchaft geleiſtet hatte. 1853, nahm er Theil an den Arbeiten der Commiſſion, welche die britiſche Regierung zur Induſtrie⸗Ausſtellung nach New⸗York abgeordnet hatte.(Unſere Tage.) Die Sünderin. Nach den Gerichtsakten erzählt von Julius Märker. m Jahre 1663 lebte in Paris der alte Canoni⸗ cus Vitale im Frieden mit dieſer Welt und in der Hoffnung auf das Himmelreich. Er war ein würdiger Greis mit weißem friſch, wie es alle alten Diener Gottes ſind, die im Glauben gelebt haben, fern von weltlichen Leidenſchaf⸗ ten. Nur ſelten berührten ihn flüchtige Sorgen. Ob er gleich gern aß, ſo denke man ſich ihn doch nicht voll und rund, mit feiſtem Vollmondsgeſichte; er war vielmehr ein ſchöner Greis, etwas hager, ziemlich groß, Haare, und trotz ſeinen achtundſechzig Jahren noch und er erfüllte ſeinen Beruf mit vollem Glauben und rſt. 3 tin goße gcnt ſi hültenn di hiiule ſelnd in, tr. Siine Inil, in K Er ſta on Lyon. in Lyon, Mann, d ſtarb, ſei Des zwei Canonicu und ließ „Montyell Arzneikun diren. Al rich die S beendigt begab er ſi den Rath Mutter na ris zu Oheim. Er p großer Mann v undzwan ren, mi etwas b aber leb len Geſic braune unrahmt enem De Abende in der nung d Oheims war fr und einn ſo dai die He rin ihn wann, bald ve hatte. Lgel th abrr nich e der letzten reich geweſen de dieſer Art der Anſich, a gleichzeiti h alſo vom di Ueberreſte häne überlaſ⸗ ha es Lyell 50) ernannte on zu ihren die Regierung die wichtigen hatte. 1853 iſſion, welche ſtellung nach Lage.) — — 165 Ernſt. Jedermann liebte und ehrte ihn. Er beſaß kein großes Vermögen; das Wenige, was er ſein nannte, gehörte ſeiner Familie, den Armen und ſeiner Haus— hälterin. Nur etwas hypochondriſch war er bisweilen; die Heiterkeit und die Traurigkeit fanden ſich abwech⸗ ſelnd ein, je nach dem Regen oder dem ſchönen Wet⸗ ter. Seine verdrießlichen Tage verbrachte er am Ka⸗ mine, in endloſe Träumereien verſunken. Er ſtammte aus einer armen Familie in der Nähe von Lyon. Seine Schweſter hatte ſich mit einem Arzte in Lyon, Thome, verheirathet, der zwar ein ehrlicher Mann, aber ein ſchlechter Arzt war, ſo daß, als er ſtarb, ſeine Frau mit den Kindern in Noth gerieth. Des zweiten Sohnes, Heinrich Thome, nahm ſich der Canonicus an, und ließ ihn in Montpellier die Arzneikunſt ſtu⸗ diren. Als Hein⸗ rich die Studien beendigt hatte, begab er ſich auf den Rath ſeiner Mutter nach Pa⸗ ris zu dem Oheim. Er war ein großer junger Mann von vier⸗ undzwanzig Jah⸗ ren, mit einem etwas bleichen, aber lebensvol⸗ len Geſichte, das braune Locken umrahmten. An einem Dezember⸗ Stimme.„Sagen Sie mir, ob Sie heute in das Gefängniß gehen.“ „Nein, nein, ich gehe nicht,“ antwortete der Cano⸗ nicus, als rede er mit ſich ſelbſt.„Ich werde nicht mehr dahin gehen.“ Während er das ſagte, nahm er ſeinen Regenſchirm und ging fort. Heinrich war nachdenkend geworden. Er folgte im Gedanken ſeinem Oheime, ſah ihn nach St. Pelagie gehen, in eine Zelle eintreten und irgend eine junge, reuige Sünderin tröſten. „Ich werde nach St. Pelagie gehen,“ ſagte er plötz⸗ lich, als wenn ihn eine Ahnung fortzöge. Bis dahin hatte Heinrich nicht geliebt. Zwar hatte er in Mont⸗ pellier während ſeiner Studien keineswegs wie ein Einſiedler ge⸗ lebt, aber die Leidenſchaft hatte ſein Herz noch nicht ergriffen. Nach der Rück⸗ kehr des Cano⸗ nicus fragte ihn Heinrich, ob die verirrten Schafe auf den rechten Weg gekommen wären. „Die armen Gefangenen,“— ſagte der Abbé ziemlich lebhaft, „ſind Alle von der Stimme des Abende kam er Evangeliums in der Woh⸗ ſehr ergriffen und nung des alten ſie fühlen auf⸗ Oheims an, der ½ 1 richtige Reue. hm. e—, Eine nur wider⸗ men 46 4 2 ſtrebt mehr und war freundlich— ſpricht gleichgil⸗ und einnehmend,— 2 tig von ihrem ſo daß auch— Seelenheile. die Haushälte⸗— Gottes Gnade rin ihn lieb ge⸗ Siehe S. 167) wird indeß end⸗ wann, und ihm lich auch ihr bald von der Traurigkeit erzählte, in die der Canoni⸗ cus bisweilen verfiel. An einem ſolchen Tage bemühte ſich Heinrich ſehr, den Oheim zum Sprechen zu brin⸗ gen, aber vergeblich; erſt als der junge Arzt ſich zum Fortgehen anſchickte, brach der Greis in die Worte aus:„ach, mein Gott, gib mir die Kraft, ſie zu ret⸗ ten. Armes Weib! In einem unwürdigen Gefäng⸗ niſſe!(Siehe Bild S. 164.) Heinrich, der erſchrocken das Geheimniß der Träume ſeines Oheims erfuhr, ſchlich leiſe hinaus. Aber plötz⸗ lich trat die alte Haushälterin ein und hielt ihn auf. „Werden wir zeitig zu Abend eſſen, Herr Cano⸗ nicus?“ fragte ſie. Der Abbé antwortete nicht. „Hören Sie?“ fragte Margarethe mit kreiſchender Herz erfüllen.“— Nach einer Pauſe fuhr der Cano⸗ nicus fort, als ſpreche er mit ſich ſelbſt: „Ach wenn ich dieſen gefallenen Engel retten könnte!“ „Lieber Oheim,“ fragte Heinrich einigermaßen ver⸗ legen,„gibt es keine Kranke in St. Pelagie?“ „Immer; das Gefängniß iſt faſt ein Grab; man lernt da ſterben.“ „Da Sie ein ſo trefflicher Arzt der Seelen ſind, warum ſollte ich nicht der Arzt der Leiber ſein; Sie ſtehen in Verbindung mit vielen Hochgeſtellten, könn⸗ ten Sie mich nicht zum Aſſiſtenzarzte des Gefängniſſes machen laſſen, und mir etwa 600 Livr. Gehalt ver⸗ ſchaffen? Es wäre dies, bevor ich reichere Kranke finde, ein Studium für mich. Denken Sie daran, lieber Oheim.“ „Sechshundert Livres,“ murmelte der Canonicus. 2 „Er hat Recht. Uebrigens wäre es auch eine Erleich- terung für mich. Sechshundert Livres! Ja, ich will darüber nachdenken.“ Den zweitnächſten Tag erinnerte Heinrich den Oheim an ſein Verſprechen und erfuhr, daß der Cano⸗ nicus die Sache dem Kanzler vorgetragen, und daß dieſer ihn zum Aſſiſtenzarzte bei dem Gefängniſſe von St. Pelagie ernannt habe. Nachdem Heinrich in Begleitung ſeines Oheims ſeine Beſuche bei dem Oberarzte und der Superiorin gemacht, wünſchte er bei den kranken, büßenden Sün⸗ derinnen eingeführt zu werden. An dieſem Tage fand er aber Geſchöpfe, die, durch das Verbrechen gebrand⸗ markt, weder Schönheit noch Energie beſaßen. Mein Oheim hat ſich ſicherlich verblenden laſſen, dachte er; denn er hatte doch faſt alle Gefangenen ge⸗ ſehen, und keine einzige konnte mit der reuigen Mag— dalene verglichen werden. Einige Tage nachher aber, als er mit dem Kerker⸗ meiſter über einen Corridor ging, erſuchte ihn eine Kloſternonne, die Schweſter zu beſuchen, welche der Direktor des Gefängniſſes zur Arbeit der Verurtheilten anhalten wolle.— „Wenn ſie jemals dort arbeitet, will ich mich ein⸗ ſperren laſſen,“ ſagte der Kerkermeiſter.„So ſchöne, weiße Hände ſollte man wirklich ruhen laſſen.“ Heinrich Thome folgte ſchweigend der Nonne, die ihn in eine kleine Zelle am Fuße einer Treppe führte. Sie nahm einen Schlüſſel vom Gürtel, kopfte drei⸗ Mal an, öffnete, und ließ den jungen Arzt eintreten. Die Gefangene neigte langſam das Haupt, indem ſie einen gleichgiltigen Blick auf Heinrich Thome warf. „In einigen Minuten komme ich zurück,“ ſagte die Nonne, indem ſie die Thür verſchloß. Der junge Arzt blieb vor der Gefangenen ſtehen, die auf einem Bette ſaß. „Gnade, Herr,“ ſprach ſie mit engelgleicher Milde, „aus Barmherzigkeit erklären Sie mich für krank. Da Sie Arzt ſind, wird Ihnen dies nicht unangenehm ſein,“ ſetzte ſie mit einem leichten, ſchelmiſchen Lächeln hinzu. Dabei ſchlug ſie die Augen auf, von denen Hein— rich faſt geblendet wurde. „Ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten ſoll, außer daß ich Sie ſo lange, alsSie es wünſchen, für krank erklären werde. beſchwichtigen, erlauben Sie mir“— fangenen deutlich wirder vorzuſtellen, und allmählig Um aber mein Gewiſſen zu Er vollendete nicht, denn die Gefangene gab ihm V die Hand, ohne ſich bitten zu laſſen, und fragte ſchnell, ob ſie Fieber habe. „Nein,“ antwortete er mit bewegter — 166— Sie mich, wenn Sie wollen, ich werde es nicht übel Stimme. „Aber,“ ſetzte er hinzu,„Ihret- und' meinetwegen er⸗ kläre ich Sie auf lange Zeit für krank. Sogleich will ich Sie in das Verzeichniß eintragen.“ Sie nahm dieſe Worte mit einiger Freude auf. „Ich bin Ihnen für Ihren guten Willen Dank ſchul⸗ dig,“ ſprach ſie bewegt. Darauf nahm ſie ein Gebetbuch und ſtellte ſich, als leſe ſie darin; Heinrich ging erregt in der Zelle auf und ab und ſuchte das Geſpräch von Neuem an⸗ zuknüpfen. „Sie haben, ſagte er,„einen ſehr ergebenen Freund in meinem Oheim, dem Canonicus; Sie haben ſein Herz bewegt. Ein ſo großes und edel getragenes Un⸗ glück, eine ſo ſeltene Schönheit, die ein verderbliches Schickſal in einem Gefängniſſe birgt, während viele Herzen ſie gern aufnehmen würden.“ Die Gefangene ſchlug das Buch zu, und richtete ſtolz das Haupt empor. „Mein Herr,“ ſprach ſie mit einiger Bitterkeit, „ich geſtehe nicht Jedermann das Recht zu, mich zu beklagen.“ Da ſie jedoch ſah, daß dieſe Worte den jungen Arzt verletzten, ſuchte ſie dieſelben ſogleich zu mildern. „Die Freundſchaft aber,“ ſetzte ſie mit einem ſchmerz⸗ lichen Seufzer hinzu,„die wir Beide für den Abbé Vitale fühlen, entſchuldigt Sie vielleicht. Beklagen nehmen.“ In dieſem Augenblicke öffnete die Nonne die Thüre wieder.„Auf Wiederſehen! Morgen!“ ſprach der junge Arzt, ſich verneigend. Die Gefangene antwortete nicht, ſondern grüßte nur kalt. Heinrich ging traurig hinweg. Als Nachmittags Heinrich ſeinen Oheim traf, konnte er nicht umhin, demſelben mitzutheilen, daß er die Gefangene geſehen, und daß ſie die ſchönſte Frau der Welt ſei. „Doch,“ ſetzte er hinzu,„habe faſt ich nur die Augen und ihre Hände geſehen. Welch' ſchreckliche Augen! welche anbetungswürdigen Hände!“ „Sündhafte Augen und Hände,“ ſprach der Oheim mit einem Seufzer.„Laß uns nie von dieſem Weibe ſprechen.“ Heinrich begab ſich auf ſein Zimmer, und ſuchte ſich nun ſein Zuſammentreffen mit der berühmten Ge⸗ . trat wieder vor ſeine entzückten Augen das Geſicht, das er kaum erblickt hatte, mit ſeiner ſo rührenden Bläſſe, mit ſeinen ſo reinen Zügen, mit ſeinen ſo zauberiſchen Reizen. „Wer dieſes Weib liebt, ſtürzt ſich in einen Ab⸗ grund,“ flüſterte Heinrich Thome, indem er die Arme ſinken ließ. Den ganzen Tag über und während der Nacht ver⸗ ſuchte er, ſich dieſer zauberhaften Erinnerung an die Gefangene zu entziehen; er ſtand aber einmal unter dem Zauber; überall ſah er jenes bleiche Geſicht, d Leidenſchaft reizende Spuren aufgedrückt hatte, jene anbetungswürdigen Augen, die ſo viele Liebe ausge-⸗ ſtrömt, ſo viele Thränen vergoſſen, für ihn aber nur ein verächtliches Lächeln gehabt hatten. 9* Am andern Tage gegen Mittag kehrte Heinrich Thome in das Gefängniß zurück. Er war aufgeregter und bleicher, als am Tage vorher, als er in die Zelle der ſchönen Gefangenen eintrat. In dem Wunſche, ein wenig in das Geheimniß dieſes großen Unglücks einzudringen, warf er auf Alles, was ſie umgab, einen prüfenden Blick, und ſprach dabei von tödtlicher Lange⸗ weile des Gefängniſſes, wenn der Maihimmel mit Neid auf die blühende Erde herabblicke. Die Zelle war nicht viel größer als ein Grab. Das ganze Geräth darin beſtand in einem ſchmalen, harten Bette, in einem Stuhle, einem kleinen Tiſche von Eichenholz⸗ einem Stickrahmen, einem Waſſerkruge, einigen Gebet⸗ büchern, einigen Kleidungsſtücken, einem kleinen zer⸗ brochenen Topfe von Porzellan, in welchem die Ge⸗ fangene Veilchen zog, und endlich in einem kleinei Spiegel in gothiſchem Rahmen. In die Zelle hinei fiel nur wenig Licht. her traurih 1 „Eff J iinn Volch „Was gin ich d Ar Tod v „Die, Es iſt viͦ „Spr heit; ich ene ſein. 4„Vor „Zwe „Wie in dieſer trüſtele d Die wenigſtens den Bußp Als er a denſelben, Dieſer a⸗ Taufnan kleideten Hein den wem „ich ver Herren Geld ge ſehen. C mein Gli laſſen we Den Worken Worte heißt. kennen, eht. Nur Schuldb Si Marie verderblihes ihrend viel und richtete Bitterkii, „mich zu Worte den ſogleich zu nm ſchmerz⸗ eden Abbé Belagen Snich übel i die Thüre ich der junge vortete nicht, nrig hinweg. traf, konnte daß er die e Frau der die Augen he Augen! der Oheim ieſem Weibe und ſuchte ühmten Ge⸗ allmählig Geſicht, das den Bläſſe, auberiſchen anen Ab⸗ er die Arme e Nucſ ver rung an die Aunter en. dt, dem de hatte, jene Liebe ausge⸗ in aber nur 4 1 indem vr das Siegel erbrach. 1— „Hier können Sie nicht bleiben,“ ſagte Heinrich; „hier können Sie kein Jahr leben.“ „Ich lebe bereits elf Jahre da,“ erwiederte ſie mit trauriger und milder Ergebung. „Elf Jahre!“ wiederholte Heinrich, als habe er einen Dolchſtoß in das Herz erhalten. „Was liegt daran?“ entgegnete die Gefangene; „bin ich doch verurtheilt, hier zu ſterben. Aber ſelbſt der Tod verſchmäht mich.“ „Die, welche Sie verurtheilt haben, ſind Barbaren. Es iſt nichts als eine gehäſſige Rache.“ „Sprechen wir nicht weiter von der Vergangen⸗ heit; ich darf für Sie nichts als eine kranke Gefan⸗ gene ſein.“ „Vor elf Jahren waren „Zweiundzwanzig Jahre. „Wie!l die ſchönſten Tage Ihres Lebens haben Sie in dieſer ſchrecklichen Einſamkeit verbracht! Kein Herz tröſtete das Ihrige?“ Die Gefangene hörte nicht mehr auf Heinrich, wenigſtens ſtellte ſie ſich, als leſe ſie aufmerkſam in den Bußpſalmen. Er achtete ihr Schweigen und ging. Als er an dem Kerkermeiſter vorüber kam, fragte er denſelben, was man über die ſchöne Gefangene ſage. Dieſer antwortete, er wiſſe von ihr nichts, als ihren Taufnamen„Marie“ und daß ſie von einem ſchwarzge⸗ kleideten Manne da eingekerkert gehalten werde. Heinrich wollte nach dieſen wenig bedeutenden Wor— ten weiter gehen, als der Kerkermeiſter hinzuſetzte: Sie noch ſehr jung.“ 167— „ich vergaß Ihnen zu ſagen, daß mehrere vornehme Herren in Wagen daher gekommen ſind und mir viel Geld geboten haben, um ſie auf einen Augenblick zu ſehen. Einer beſonders war ſehr zudringlich; er wollte V mein Glück machen, wenn ich die Gefangene entfliehen laſſen wollte.“ Den Oheim redete er dieſen Tag ſogleich mit den Worten an:„ich erwarte von Ihrer Freundſchaft einige Worte über das Schickſal der Gefangenen, die Marie heißt. kennen, was in ihrer Seele vorgegangen iſt oder noch eht.“ Sohn,“ antwortete der Alte,„nur Gott n, was ich als Beichtiger gehört habe. ſteht es zu, ſie in dem großen bis zum jüngſten Gerichte.“ nicht vergeſſen, was Ihnen Nur den. 8 Schuldbuche a. „Sie haben alf Marie anvertraut ha „Laß uns nicht mey, a dieſem Weibe ſprechen; achten wir vielmehr ihre Sewaäs en als vergeſſen, da ſie Thränen der Reue vergoſſen hat.“ Der Canonicus ſah ſeinen Neſſen bei dieſen Wor⸗ ten an und erſchrak über deſſen Bläſſe. „Was habe ich Unvorſichtiger gethan?“ dachte Vi⸗ tale bei ſich, indem er ſich der engelgleichen Schönheit der Gefangenen erinnerte.„Wenn der Arme auch ihren Reizen nicht zu widerſtehen vermöchte!“ „Lieber Sohn,“ ſetzte er laut hinzu,„dieſe Frau Da ich ihr Arzt bin, ſo muß ich auch das liebt,“ Er las ihn mit kindlichem Eifer, aber doch mit zerſtreutem Herzen. Abends, als er allein war, kam es ihm vor, als habe er die Gefangene ſeit Jahren nicht geſehen. Er verſuchte, an ſeine Mutter zu den⸗ ken, und rief aus:„ach Gott! meine Mutter befreie mich von dieſer Frau!“ Aber in demſelben Augenblicke ſetzte er hinzu:„Barmherziger Gott! erlöſe die arme Gefangene!“ In weniger als acht Tagen ſtand Heinrich Thome unter der Herrſchaft der heftigſten Liebe. Allein trotz ſeiner Liebe hatte er der Gefangenen kaum wenige Worte zu entlocken vermocht. Eines Morgens endlich, als er ſie in Thränen fand, ſprach ſie mit ihm wie mit einem Freunde.* Die Nonne war an dieſem Tage nicht in die Zelle eingetreten, als ſie dem jungen Arzte die Thüre geöff⸗ net hatte. Heinrich, der ſich allein vor der weinenden Frau ſah, ſank auf ſeine Kniee, ergriff ihre Hände, und ſprach mit bewegter Stimme: „Ach, wenn Sie mir ſagen könnten, daß ich Ihnen nicht gleichgiltig ſei.“(Siehe Bild S. 165.) Ein Anfall von Schmerz und Verzweiflung hatte das Herz der Gefangenen erſchloſſen; dieſes ſo leiden⸗ ſchaftliche Geſtändniß rührte ſie, ſie blickte Heinrich an, ohne ihm ihre Hände zu entziehen, und flüſterte mit bewegter Stimme: „Sie lieben mich! Sie wiſſen nicht, wen Sie lie⸗ ben. Sie können nur Mitleiden mit meinem Unglücke fühlen, aber keine Liebe. Gott ſei gelobt! Sie bekla⸗ gen mich, Sie lieben mich nicht.“ „Ich Sie nicht lieben?“ Die Gefangene fühlte brennende Thränen auf ihren Händen. „Armes Kind!“ flüſterte ſie, und begann ſelbſt von Neuem zu weinen.„Haben Sie in der Welt kein jüngeres Weib gefunden, das Ihres Herzens würdiger iſt. Haben Sie keine Schweſter, die Sie durch ihre Reinheit vor einer ſolchen Liebe ſchützt?“ „Ich habe eine Schweſter, eine Schweſter, die mich entgegnete Heinrich mit erſtickter Stimme; „wenn ſie Sie ſo unglücklich, ſo ſchön ſähe, würde ſie, ſtatt mein Herz zu verdammen, mich auffordern, Sie zu lieben.“ Marie war nachdenkend geworden. Sie ſtreckte die Hand nach dem Crucifixe über ihrem Bette und ergriff einen verroſteten Schlüſſel und einen mit Blut befleck⸗ ten Dolch; aber plötzlich ſtieß ſie beide zurück und ſagte: „Nein, nein!“ „Vertrauen Sie mir!“ bat Heinrich. „Wollen Sie mir helfen, ein großes Werk zu voll⸗ bringen, da Sie mich lieben?“ fragte ſie. „Ich bin zu Allem bereit,“ ſprach der junge Mann raſch, indem er den Kopf empor richtete;„befehlen Sie, Madame; mein Arm, wie meine Seele ſtehen Ihnen zu Dienſten.“ iſt ein finſterer Abgrund, den ich immer nur zitternd betrachtet habe. Man muß ſie beklagen, wenn man an ihr vorübergeht, aber nicht an ſie denken; das Ver⸗ brechen hat ſchon mehr als ein junges Herz irre geführt. — Doch ich vergaß dir zu ſagen, daß hier ein Brief an dich iſt.“ AEin Brief von meiner Mutter!“ rief Heinrich, Mitternacht, a niſſe herauskomme. Wir ſteigen in einen Fiarre und „Bedenken Sie wohl; in das Verderben ſtürzen.“ „Ich wiederhole noch einmal, ich bin zu Allem bereit.“ „Wohlan,“ ſprach Marie, indem ſie ihm die Hand drückte,„ich rechne auf Sie. Sorgen Sie dafür, daß ich, nur auf drei bis vier Stunden, an einem Tage dieſer Woche, etwas vor Mitternacht, aus dem Gefäng⸗ es iſt ſchwer und könnte Sie * — V Ä 1 6 6 1 4 3 -: 168— fahren in die Rue Mazarin, wo ich Jemanden einen Beſuch zu machen habe.“ Heinrich konnte ein Gefühl der Eiferſucht nicht un⸗ terdrücken. „Kind,“ fuhr ſie fort,„ſehen Sie nicht in meinen Augen, daß es kein Liebesabentheuer iſt?“ Und wahrhaftig, es glühte in den Augen der Ge⸗ fangenen der Zorn der Rache. „Nach dieſem Beſuche kehren wir eiligſt hierher zurück, denn fliehen will ich nicht, ſelbſt nicht mit Ihnen. Die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben. Haben Sie den Muth, dies zu thun?“ „Ja, Madame,“ antwortete Heinrich mit feſter Stimme. Heinrich küßte ihre Hand und fragte dann:„heute Abend?“ — b gehen. Er fand die Schweſter Martha in der Zelle Mariens, die noch nicht gewagt hatte, ſich ihr zu ent⸗ decken. Da keine Zeit zu verlieren war, ſo theilte ihr Heinrich gleich nach ſeinem Eintritte die Abſicht Ma⸗ riens mit. „Ich erwarte von Ihrer Freundſchaft für Marien, daß Sie drei Stunden ſchweigend in dieſer Zelle blei⸗ ben; nach drei Stunden wird ſie zurück ſein; wir ſchwören es Beide bei dieſem Crucifix.“ „Wenn ein gutes Werk gethan werden ſoll,“ flü⸗ ſterte die Schweſter Martha erſchrocken. „Ja, ja, ein gutes Werk,“ fiel Marie lebhaft ein. „So gehen Sie, ich werde zu der heiligen Mutter Gottes beten, daß ſie über Ihnen wache.“ Heinrich warf der Gefangenen, die ihm in einiger Entfernung folgte, ſeinen Mantel über. meiſter kam, ihn bis an die Thüre zu geleiten; Hein⸗ Siehe 6 „Ja, heute Abend, wenn Sie es möglich machen können.“ „Ich kann es, wenn Sie es wünſchen; ich werde dem Kerkermeiſter und der Superiorin anzeigen, daß Sie kränker geworden ſind, daß ich die Nacht noch ein⸗ mal kommen werde, und daß die Schweſter Martha bei Ihnen wachen wird. Die Schweſter Martha liebt Sie, wie Alle, die in Ihre Nähe kommen. Wir gehen mit einander hinaus; man wird nur mich fort⸗ gehen ſehen.“ „So gehen Sie; ich erwarte Sie im Gebete.“ Heinrich entfernte ſich glücklich und ſtolz, aber auch verliebter als je. Gegen elf Uhr Abends ſtieg er am Ende der Straße aus dem Fiacre, denn ob es gleich in Strömen reg⸗ nete, wollte er doch bis an das Gefängniß zu Fuße 169.) rich nahm ihm die Blendlaterne ab, löſchte ſie aus, indem er ſie fallen ließ, täuſchte den ſchon halb ſchla⸗ fenden Mann durch unzuſammenhängende Worte und Alles ging gut; während der Kerkermeiſter ſeine Laterne verdrießlich aufhob, hatte die Gefangene Zeit gehabt, hinaus zu gehen. Sobald die Thür verſchloſſen war, nahm Heinrich Marien auf die Arme und trug ſie bis zu dem Fiacre. Während der Fahrt wurde ſehr wenig geſprochen; denn Heinrich wagte Marien weder zu fra⸗ gen, noch ſie in ihren Gedanken zu ſtören; aber er hielt zärtlich ihre Hände in den ſeinigen. Trotz dem Regenwetter war die Nacht nicht ſehr dunkel, und man konnte ſelbſt in dem Fiacre ſehen. Marie fand in die⸗ ſer Nacht zum erſten Male, daß Heinrich ein ſchönes, Der Kerker⸗ edles Geſicht habe; ſie fühlte, daß ſeine Liebe Eindruer auf ſie gemacht, und ſie konnte den Gedanken nicht abweiſen, wie ſelig es für ſie Beide ſein würde, wenn ſe utfüh ihrer lie Der v Maa „Klinge dmn Hrnud da rrüte alkn und Guſen. „Und ar klingelt „Ich einem tief Sie Nue Arbeit v Läche, Lampe fahlen Als aufgere und las wieder war wi glch machen ; ich werde azeigen, daß icht noch ein⸗ ſter Mart Nartha 8 umen. Wir ar mich fort⸗ Gebete. dl, aber auch de der Straße Strömen neg⸗ niß zu Fuße de Worte und eſeine Laterne Zeit gahrbt ſchloſſen war, Htrug ſie bid e ſehr wenig weder zu ſ aber er - 169— ſie entfliehen und an irgend einem entlegenen Orte nur ihrer Liebe leben könnten. Der Fiacre hielt vor dem kleinſten Hauſe in der Rue Mazarin. „Klingeln Sie,“ ſagte ſie zu Heinrich, der ihr bei dem Herausſteigen behilflich war.„Fragen Sie nach La Verriere; der Schweizer wird Sie für einen Freund halten und trotz der ſpäten Stunde Sie vorübergehen laſſen.“ „Und wohin gehen wir?“ fragte Heinrich, indem er klingelte. „Ich kenne den Weg,“ antwortete ihm Marie mit einem tiefen Seufzer. Sie gingen ohne Hinderniß weiter, über den Hof, eine kleine Treppe hinauf, und blieben im Dunkel vor einer Thüre ſtehen. „Erwarten Sie mich, es wird hoffentlich nicht lange währen.“ Sie ſteckte ihren verroſteten Schlüſſel in das Schloß, öffnete die Thür und trat vorſichtig in das Kabinet, in welchem ſie ihren Beſuch abſtatten wollte. „Es iſt gut,“ ſagte ſie, als ſie einen Lichtſtreifen unter der Thür ſah;„ich treffe ihn.“ Sie blieb einen Augenblick ſtehen, ſammelte ihre Kräfte und ſchlug die Augen gen Himmel auf. Entſchloſſener ging ſie dann weiter, öffnete leiſe die Thür und trat ein. In dem Kabinete wachte ein durch Kummer und Siehe S. 172. Arbeit völlig ausgedorrter Mann, der mehr wie eine Leiche, denn wie ein Lebendiger ausſah. Eine kleine Lampe verbreitete über ſein knochiges Geſicht einen fahlen Schein. Er trug ein ſchwarzes Gewand. Als Marie in das Kabinet eintrat, ſah der Mann aufgeregter aus als gewöhnlich; er hatte geſchrieben, und las das, was er geſchrieben, mit grauſamer Freude wieder durch. Es mußte etwas Böſes ſein, und es war wirklich das Unwürdigſte, das von der Hand eines Menſchen gekommen, ein Teſtament voll von Verwün⸗ ſchungen. Der Mann, der den Tod nahen fühlte, wollte ſeinen Haß, ſeine Rache, ſeinen ganzen Zorn vererben. Er überlas dieſes ſeltſame Teſtament, und in ſei⸗ nem runzeligen Geſichte ſprach ſich eine böswillige Freude aus, als hätte er einen Dolch in die Bruſt ſeines Feindes geſtoßen. In dieſem Augenblicke glaubte er ein Geräuſch zu hören; er blickte auf und ſah Marien bleich, mit klopfendem Buſen, daſtehen.(Siehe Bild S. 168.) Feierſtunden. 1863. „Sie, Madame?“ rief er zitternd. „Ja,“ entgegnete ſie, indem ſie einen Schritt näher trat;„ich bin es.“ Der Mann, welcher Mariens Gatte, der Parla⸗ ments⸗Procurator Pierre Gars de La Verrière war, öffnete den Mund, um nach Hilfe zu rufen. „Rufe nicht,“ gebot Marie, indem ſie den Dolch in ihrem Buſen ergriff. Er erhob die Hand, um ſich zu vertheidigen, aber die Wuth und die Angſt wirkten ſo gewaltig auf ihn, daß er ohnmächtig auf den Stuhl ſank. Marie trat näher zu ihm und betrachtete ihn mit Widerwillen und Mitleiden. „Ihn tödten!“ dachte ſie bei ſich,„das wäre feig, iſt er doch ſchon halb todt.“ Und ſie ließ den Dolch ſinken. „Ach, mein Gott!“ ſprach ſie dann,„ich danke dir, du haſt meinen Arm entwaffnet.“ Hierauf bückte ſie ſich über den Tiſch, um einen 22 Blick auf das zu werfen, was der Mann eben geſchrie⸗ ben hatte. „Sein Teſtament!“ ſprach ſie neugierig. Sie überſchlug die erſten Seiten, und las die letz⸗ ten Zeilen:— „Ich vermache überdies meinen Kindern meine ganze Rache, und alle meine Flüche gegen ihre Mutter. Im Namen Gottes und der menſchlichen Gerechtigkeit er⸗ warte und verlange ich, daß ſie dieſelbe bis zum Tode mit Schmach verfolgen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes!“ „Das alſo ſchrieb er!“ ſprach ſie kaum athmend; „die Rache iſt demnach ſein letzter Gedanke und, wenn er geſtorben, wird noch ſein ruheloſer Schatten an der SPforte meines Kerkers Wache halten.“ Sie zerriß das Teſtament, und warf es dem Manne An das Geſicht; dann ging ſie und kehrte zu Heinrich urück. „Wir wollen eiligſt zurückkehren,“ ſprach ſie, in— dem ſie die Thür hinter ſich ſchloß;„mein Beſuch iſt beendigt.“ Sie begaben ſich wieder in das Gefängniß. Die Schweſter Martha ſchlief in der Zelle. „Gute Nacht!“ flüſterte Heinrich, ehe die Nonne geweckt war; vergeſſen Sie aber auch nicht, daß mir außer dem Glücke, Sie begleitet zu haben, ein Kuß gebührt.“ „Heinrich,“ entgegnete ſie,„beten Sie heute zu Gott, daß er Ihnen die Gnade gewähre, mich zu ver⸗ geſſen.“ Als der Procurator eine halbe Stunde darauf wie⸗ der zu ſich kam, war er allein; er glaubte geträumt zu haben, aber zu ſeinen Füßen lag der Dolch ſeiner Frau und ſein Teſtament war zerriſſen. Er weckte alle ſeine Leute, brachte das ganze Haus in Aufruhr; man ſuchte überall, allein alle Thüren waren verſchloſſen, und man fand keine lebendige Seele. Sobald es Tag war, ließ er ſich trotz ſeiner Schwäche nach St. Pelagie tragen, um ſich nach ſeiner Frau zu erkundigen. Man ſagte ihm, Marie von Joyſel ſei krank und habe eine ziemlich unruhige Nacht gehabt. Da er jedoch dem Berichte der Priorin nicht unbedingt glaubte, ſo wollte er die Gefangene ſehen. Hierauf führte ihn die Schwe⸗ ſter Martha in die Zelle Mariens, und ſobald er ſie auf ihrem Schmerzenslager erblickte, ſprach er mit dumpfer Stimme zu ihr:„ich fürchte Sie nicht, Ma⸗ dame.“ Halbtodt wurde er in ſein Haus zurückgebracht. Die Erſcheinung ſeiner Frau hatte ihm aber den Todes⸗ ſtoß gegeben. Vor ſeinem bald darauf erfolgten Tode erklärte er deßhalb auch, er ſei durch ſeine Frau er⸗ mordet worden, und ließ ſeine Kinder an ſein Sterbe⸗ bett kommen(das jüngſte war zwölf Jahre alt), um ſich von ihnen angeloben zu laſſen, ihre Mutter ewig zu haſſen. Die unglücklichen Kinder weinten. Nach dem Tode des Procurators hatte deſſen Wittwe Marie ein rührendes Bittſchreiben an die Herren vom Par⸗ lamente abgefaßt. Heinrich Thome kam jeden Tag auf eine Stunde in ihre Zelle. Ohne ihm ihre ganze Geſchichte zu ge⸗ ſtehen, hatte ſie ihm unter anderen Namen vertraut, daß ſie wegen Untreue verurtheilt worden, daß ihr Mann geſtorben ſei, und daß ſie ihre Freilaſſung er⸗ warte. Weit entfernt, ſeine Liebe zu ermuthigen, ſuchte ſie dieſelbe vielmehr zu erlöſchen; ſie machte ihm nicht im mindeſten Hoffnung und ſagte, ſie ſei für die Liebe todt. ( 170 Allein die Liebe weiß ſich atich da Hoffnungen zu f ti ſchaffen, wo es keine gibt. Heinrich Thome wollte um ijr. ſich der Hoffnungsloſigkeit nicht übergeben; er liebte wn Marien, ſie war ſein Glück, und er erwartete dem⸗ Ihr hen nach geduldig, daß auch ihr Herz bewegt werde. ih zu Wn Marie empfand allmählig ein ſtilles Vergnügen 9 daran, das freundliche, edle Geſicht zu ſehen, und ſeine dr Grid, tröſtende„Stimme zu hören, während ſie von Liebe We ſprach. b 3 Die Juſtiz hatte ein Urtheil geſprochen, und der de Wittwe des Procurators lebenslängliches Gefängniß zuerkannt.. In Heinrich fand ſie eines Tages aufgeregter als ge⸗ fängniſt wöhnlich. 7/ irungen „Was iſt Ihnen?“ fragte et„ Beichte, „Man hat mein Geſuch abgewieſen,“ antwortete lernt hal ſie;„ich ſoll hier ſterben in Schimpf und Schande.“„Jch Heinrich ließ traurig das Haupt ſinken. Nach lan⸗ Vater,) gem Schweigen reichte er Marien die Hand und ſprach: vater ha „Hören Sie mich an; Gott hat mir den Gedanken war Rat an ein gutes Werk eingegeben, ich könnte Sie aus dem Dienſte! Gefängniſſe befreien, wenn Sie wollten.“ ſchaft ge „Wie wäre das möglich?“ fragte Marie raſch. Noßes B „Ich wage es nicht auszuſprechen; es wäre ein zu ner Che großes Opfer für Sie.“. Tochter! „Gott iſt mein Zeuge,“ entgegnete ſie, die Hände nur noch faltend,„daß ich gerne bereit bin, ein Opfer zu Der Uel bringen.“ Mutter, „Ich will meinerſeits ein Geſuch an das Gericht tiett ab einſenden, das ſich auf das Geſetz und die chriſtliche verheira Liebe ſtützt, und deßhalb von dem Richter nicht wird nur wem zurückgewieſen werden können. In dieſem Geſuche werde mer übe ich um die Erlaubniß bitten, Sie heirathen zu dürfen.“„30 „Mich heirathen!“ rief Marie, indem ſie in die ſchah, u Arme des jungen Mannes ſank;„mich heirathen? was g der Vict denken Sie? Ich würde nie in dieſe Au opferung— war eine willigen.“. ohne G „Marie, Sie würden mich durch Ablehnung mei⸗ man vñ nes heißeſten Wunſches ſehr kränken. Haben Sie Mit⸗ Eir leid mit meiner Liebe, wie ich Mitleiden habe mit nen Sc Ihrem Unglücke. Ja, ich heirathe Sie.“ Turenn „Aus Barmherzigkeit, denken Sie nicht mehr da ſ. ran,“ bat Marie flehend.„Sie wiſſen nicht, wen Sie 1 heirathen wollen; ich bin Marie von Joyſel, die Wittwe des Procurators Gars de La Verriére.“. gen.. „Ich weiß es,“ ſprach Heinrich bewegt;„aber wa⸗ Mutten rum an die Vergangenheit denken? Bleiben Sie gegen fürche mich nur die arme Marie, die ich hier kennen gelernt„8 habe, die ich ſo innig liebe, liebe von ganzem Herzen. St. S Glauben Sie mir, die Ehe hat Sie in das Verderben Boſſi geſtürzt, die Ehe wird Sie retten. Sie kehren unbe⸗ ihre l ſorgt in die Welt zurück, denn ich mit meiner Liebe den ke ſtehe bei Ihnen.“ 4 3 ſamkei „Noch einmal, Heinrich, Sie wiſſen nicht, wer mit n ich bin.“ Alaf ſehnte Nach einer Pauſe hob hierauf die Gefangene ihr daräch Kopfkiſſen auf, und nahm darunter ein Bündel Pa⸗ 3 piere hervor. 1 Famg 1„Da,“ ſprach ſie weiter,„leſen Sie heute dieſe B5 Denkwürdigkeiten und bringen Sie mir dieſelben mor⸗ aufd gen wieder. Beſtehen Sie dann noch darauf, mich zu trauri heirathen, ſo reiche ich Ihnen die Hand.“ rück „Morgen alſo,“ ſprach Heinrich. Plan Kaum war er in ſeine Wohnung zdege ſo dtwns begann er die Geſtändniſſe Mariens zu leſen. Als er i 9 Hoffnungen gl Thome wolte den; er liebt rwartete dem⸗ werde. 8 Vergnügen hen, und ſeine ſie von Liebe hen und der 57 T d Gefängniß 6 , antwa tete ind S ſe.“ en. Nach lan- d und ſprach: den Gedanken Sie aus dem nrie raſch. wäre ein zu à, die Hände in Opfer a n das Gericht die criſtiche er nicht wird Geſuche werde zu dürfen.“ m ſie in die rathen? was Aufopfetung lehnung mi⸗ ben Sie Mit⸗ den habe mit ict mehr de ict, win r al, di Witrpe t:„abet wa den Sie gegen kenuen gelern anzem heljen. das Verderben tttren unbe meiner Lube en nicht, ver Geiangene ihr 4 Bündel e 3 1 noch bei den erſten Zeilen ſtand, trat ſein Oheim ein, um über ſeine Mutter mit ihm zu ſprechen. „Lieber Oheim,“ ſprach er plötzlich,„ich rechne auf 1 Ihr Herz und Ihre Unterſtützung bei dem Werke, das ich zu vollbringen gedenke.“ „Ich werde mehr thun, mein Sohn,“ entgegnete der Greis, indem er Heinrich umarmte; ich ſegne euch Beide.“ 4 Heinrich begann von Neuem zu leſen: Denkwürdigkeiten der Marie von Joyſel. St. Pelagie 1680. 3„In dem Schmerze und der Langeweile des Ge⸗ fängniſſes will ich mir die Buße auferlegen, die Ver⸗ irrungen meines Lebens niederzuſchreiben. Es iſt eine Vätt⸗ die ich vor mir ſelbſt ablege, nachdem ich ge⸗ lernt habe, an mein Seelenheil zu denken. „Ich wurde in Burgund 1651 geboren. Mein Vater, Peter von Joyſel, war Lieutenant. Mein Groß⸗ vater hatte ſich im Staatsdienſte berühmt gemacht; er war Rath des Königs Heinrich IV. geweſen, der ſeine Dienſte dadurch anerkannte, daß er ihm die kleine Graf⸗ ſchaft Joyſel gab. Mein Vater ſtarb jung, ohne ein großes Vermögen zu hinterlaſſen. Die Sprößlinge ſei⸗ ner Ehe waren zwei Söhne und eine Tochter; dieſe Tochter bin ich Von meinen beiden Brüdern iſt mir nur noch einer übrig; der andere ſtarb im Kloſter. Der Ueberlebende hat, in Folge der Schwäche meiner Mutter, das Erbe des Vaters vollends vergeudet, er⸗ hielt aber ein Regiment in der Gascogne, wo er ſich verheirathete. eine Mutter überlebte meinen Vater nur wenige Jahre, und ſtarb wahrſcheinlich aus Kum⸗ mer über ihren leichtſinnigen, verſchwenderiſchen Sohn. „Ich war elf Jahre alt, als dieſes Unglück ge— ſchah, und wurde von einer Schweſter meiner Mutter, der Vicomteſſe von Montreuil, aufgenommen. Sie war eine Modedame, noch ziemlich hübſch und nicht ohne Grazie und Geiſt. In ihrer ſchönen Zeit hatte man viel von ihr geſprochen. Eine ganze Saiſon blieb ich bei ihr auf ihrem klei⸗ nen Schloſſe Montreuil. Ihr Gemahl befand ſich mit Turenne in Kriege. Da meine Tante ſelbſt kein in beſaß, ſo konnte ſie nicht daran den⸗ glänzende Zukunft zu verſchaffen, und hloß bald, mich in ein Kloſter zu brin⸗ gen. Ich war in Alles ergeben; ich hatte ja meine Mutter ſo oft weinen ſehen, daß ich die Thränen nicht fürchtete. „Sobald der Winter kam, wurde ich in die Abtei St. Salaberge gebracht, deren Superiorin Louiſe von Boſſi war. Bei meiner Tante hatte ich die Welt, ihre Unruhen, ihre Feſte, ihre Leiden und ihre Freu⸗ den kennen gelernt, und ſobald ich mich in der Ein⸗ ſamkeit des Kloſters befand, ſtellte ſich mir dieſe Welt mit noch weit größeren Reizen wieder dar, und ich ſehnte mich unabläſſig in das Schloß Montreuil zurück. „In der Abtei befanden ſich Mädchen aus großer Familie, welche mit Ungeduld nicht auf den Augenblick, in welchem ſie den Schleier nehmen ſollten, ſondern auf den Tag der Heirath warteten. Ich zog mich traurig von allen dieſen jungen, heiteren Mädchen zu⸗ rück, die nur dem Glücke entgegenſahen. Welchen Plan konnte ich mir machen? Ich hatte vor mir nie etwas Anderes geſehen, als eine einſame Zelle, in welcher ich mein Herz, meine Liebe, meine Träume begraben ſollte. 14 - 171— „Ich war die Schönſte im Kloſter, aber meine Gefährtinnen waren nicht eiferſüchtig auf mich, da ich ja arm war. Spottend und mitleidig ſagte man: ‚es lohnt ſich auch der Mühe, ſo ſchön zu ſein.“ „Kurz vor der Zeit, da ich den Schleier nehmen ſollte, holte mich meine Tante, die Wittwe geworden war, aus dem Kloſter ab, um ſich ein wenig zu zer⸗ ſtreuen. „ In den erſten Wochen ihres Wittwenſtandes fand ich bei meiner Tante keine angenehme Geſellſchaft, doch war mir tauſendmal wohler, als in dem Kloſter; ich athmete frei, ich lief in dem Garten umher, und band Sträuße und Kränze, kurz, ich lebte nach meinem Ge⸗ fallen. ‚Armes Kind,' ſagte meine Tante, zich fürchte, das Kloſtergewand wird dir läſtig werden; es wäre aber auch wirklich ein wahrer Mord, wollte man das ſchöne Haar abſchneiden. Wie reizend dagegen müßte dieſem ſchwarzen Haare ein Brautſchleier ſtehen.“ „Sie ſprach nie wieder von dem Kloſter und ich dachte auch nur ſeltener daran, häufiger dagegen an das Heirathen. Der Mann, ich geſtehe es, war dabei nur eine Nebenſache; ich hätte dem erſten dem beſten meine Hand gegeben, der Freiheit wegen, die ich durch ihn erhielt. Solche Gedanken beherrſchten mich, als Herr Gars de La Verriere erſchien, um einige Zeit in dem Schloſſe meiner Tante zuzubringen. Er kam mir ſehr häßlich vor. ‚Mein Gott,“ dachte ich, wie müßte man ſich bei einem ſolchen Manne langweilen!“ Er war nicht galant und beſaß eben ſo wenig Geiſt; er kleidete ſich ſchlecht und lachte niemals, mit einem Worte, er war die Perle der Männer. Während er eine Prozeßſache meiner Tante in Ordnung brachte, geruhete er, ſein Auge allmählig mit Wohlgefallen auf mir ruhen zu laſſen, und hielt endlich um mich an. „Niemals werde ich mich mit einem ſolchen Manne ver⸗ heirathen! rief ich aus. Allein das Herz ſollte keine Stimme bei der Entſcheidung der wichtigen Frage haben, denn ich kam bald wieder auf den Gedanken, daß die Heirath für mich das größte Glück ſei. Vielleicht redete ich mir ein, iſt der Herr Procurator nicht ſo ſchlimm, als er ausſieht; meine Tante ſprach viel von ſeinem Vermögen, ſeinen Wagen, ſeinem Landgute. Ich ließ mich verlocken und ſagte ja; am Hochzeittage kam mir aber faſt die Luſt an, wieder in das Kloſter zu gehen. „Drei lange Wochen ging es recht gut, als er mich aber nach Paris gebracht hatte, feſſelte mich ſeine Eifer⸗ ſucht wie eine Kette. Wir wohnten in einem kleinen, V dem Kamine meines Zimmers bleiben. dunklen Hauſe, und da mußte ich den ganzen Tag vor Ich erinnere mich, daß er eines Tages ſehr in Zorn gerieth, weil ich ein Fenſter geöffnet hatte. „Mein Herz wollte ſich in ein ſolches Leben nicht fügen, und doch vergingen drei Jahre auf dieſe Weiſe. Zu meinem Troſte hatte ich zwei Kinder, aber trotz dieſen Kindern ſann ich auf Rache. Die Gelegenheit dazu bot ſich bald. Der Herr Procurator hatte einen Vetter in dem Dragonerregimente Champagne, Philipp von Mont⸗ brun, der uns eines Tages beſuchte, zum großen Aer⸗ gerniß meines Eiferſüchtigen. Er war ein ſchöner, heiterer, junger Mann, er gefiel mir, und hatte bald mich gewonnen. In der erſten Stunde begegneten ſich unſere Blicke, in der zweiten fanden ſich unſere Hände, und noch denſelben Abend entführte er mich. „Wir fanden keinen Wagen, und mußten ein Pferd . 22* - 172— nehmen. Ich hatte nie geritten und klammerte mich deßhalb feſt an Montbrun an.(Siehe Bild S. 169.) Er wollte mich nach Corbeil bringen, zu einem ſei⸗ ner Freunde, der ſich vor Kurzem verheirathet hatte, aber kaum waren wir acht Stunden von Paris, als uns ein entſetzliches Gewitter überfiel. in dem erſten beſten Hauſe ein Unterkommen ſuchen; es war das Schloß Biérre. Unſer Einzug nahm ſich ko⸗ Der Schloßherr kam uns entgegen, Da er uns aber miſch genug aus. da er uns für alte Freunde hielt. nicht kannte, ſo wollte er uns hinausweiſen, als Mont⸗ brun zu ihm ſagte: ‚nehmen Sie es nicht übel, Herr, Wir mußten Garten umhergehen. Ich hatte ebenfalls dieſe Erlaub⸗ niß erhalten, trotz dem Procurator. „Nach ſechs Wochen endlich zeigte man mir an, der Procurator würde im Sprachzimmer erſcheinen, um mir meine Begnadigung zu gewähren, wenn ich wahre Reue zeige. Er kam und ich nahm ihn ſehr übel auf; er kam mir häßlicher vor als je. Sobald er von einem Vergleich ſprach, diktirte ich ihm meine Bedingungen, ſtatt die ſeinigen anzuhören, und verlangte vollkommen frei zu leben, in die Comödie, auf die Promenade, in die Kirche zu gehen, und das Fenſter öffnen zu dürfen, ſo oft es mir gefalle.— ‚Sehr wohl,“ antwortete er daß wir in Folge des Gewitters Ihr Schloß für ein wuthſchäumend darauf, ‚ſo bleiben Sie noch zwei Jahre Wirthshaus an⸗ ſahen, umgekehrt wie Don Quixote, der die Wirths⸗ häuſer für Schlöſ⸗ ſer hielt.“ Der Be⸗ ſitzer des Schloſſes, der an dieſen Wor⸗ ten erkannte, daß er gebildete Leute vor ſich habe, wurde gaſtfreundlicher. „Wir aßen bei ihm zu Abend, und da die Jugend mittheilend iſt, ſo erzählten wir ihm unſer Abenteuer, und lachten über das lange Geſicht, das der Herr Pro⸗ curator machen würde. „Dieſer Tag war der glücklichſte meines Lebens, und jetzt noch, da ich alle meine Ver⸗ gehen verwünſche, kann ich doch jenen ſchönen Tag nicht verfluchen. „Unſer Wirth wurde ſo freund⸗ lich, daß wir drei Tage bei ihm blieben. Am vierten Tage reisten wir nach Corbeil ab, wo wir von dem jungen Ehepaare ſehr gut auf⸗ genommen wurden. „Als wir etwas ruhiger geworden, und, ich kann es wohl ſagen, etwas zu Verſtand gekommen waren, entdeckte uns der Procurator. Wir wollten noch ent⸗ 1 Wg 2 8 fliehen, wurden aber auf dem Wege nach Melun ein⸗ geholt. Montbrun ſuchte uns zwar mit dem Schwerte zu vertheidigen, aber er unterlag der Mehrzahl. „Wir kehrten, getrennt von einander, nach Paris zurück. Ich wurde ſogleich nach den Madelonettes ge⸗ bracht, und hörte da einen ganzen Monat lang nichts von meinem Manne und nichts von dem Geliebten. Zum Glücke befanden ſich in dem Hauſe einige Büßende aus guter Familie, und man ließ uns viel Freiheit; früh und Abends durften die Begünſtigten in dem 4 hier; wenn ich Ihnen dann nicht Verzeihung ge⸗ währe, wird man Sie geißeln und Ihnen das Haar abſchneiden. Sie werden jetzt das ſchwarze Gewand der Büßerinnen anlegen.“ „Damit ent⸗ fernte ſich der Procurator und kam nicht wieder. „Den nächften nanant Tag glaubte ich ihn wieder ſehen zu müſſen; man berief mich wieder in das Sprech⸗ zimmer, und ich traf dort ſeinen Sekretär, der mir ſchweigend einen Brief übergab. Ich erbrach ihn. Wie groß war aber nun meine Ueber⸗ rafchung und meine Freude, als ich die Handſchrift mei⸗ nes theuren Mont⸗ brun erkannte. Ich erröthete und er⸗ bleichte, und begab mich eiligſt in meine Zelle, um ihn ſtill und unge⸗ ſtört zu leſen. „Geliebte,“ ſchrieb er, ‚endlich weiß ich, wo du Mein Herz ſuchte dich überall. Ohne dieſen — A2 d nnaauniul W biſt. braven Mann, der dir dieſen Brief übergeben wird, ſuchte ich wahrſcheinlich noch immer vergebens. Wie! dein Mann hat die Schändlichkeit begangen, dich wie ein ehrloſes Mädchen in den Madelonetten einſperren zu laſſen? Aber wenn dich Gott betrübt hat mit einem Manne, der dich verfolgt, hat er dir einen andern zur Vertheidigung gegeben. Mir iſt es gelungen, an dem Thore von Paris zu entkommen, und ich entfloh blos ſin der Abſicht, um dich wieder aufzuſuchen. Ich habe mir vorgenommen, dich zum zweiten Male zu entfüh⸗ ren. Du weißt, wie leicht das iſt. Dieſe Nacht noch wird uns wieder vereinigen. Sei muthig und feſt und talt dü uuf. D. iiner Et wir bild einem g iin; gele „Alle rerſtekte run kar ternacht ſtiegen: wir zwe glücklich allmähl „31 verließ um perſ lienange worten. nach die zu ſehen, gen drei Wochen, rückkam. wieder e ſein Be dert, bald, derswo er wiel kam ni⸗ Herz b als er: Geldes Bricf. Nauzas „N reiste diſſe Erlaud⸗ n mir — der men, u un ich wahre ſehr übel duf; dr von einem Irdingungen, vollkommen menade, in en zu dürfen, antwortete er ch zwei Jahre wenn ich en dann nicht eihung ge⸗ f,, wird man geißeln und n das Haar neiden. Sie n jetzt das ze Gewand Büßerinnen m. Damit ent⸗ e ſich der urator und nicht wieder. „Den uächſten glaubte ich wieder ſehen üſſen; man mich wieder 1s Sprech⸗ r, und ich dort ſewen⸗ tär, der mir igend einen fübergab. Ich ch in. Wie war aber meine Ueber⸗ annd meine de, als ich die ſſcheift mei⸗ geuren Mont⸗ erkannte. J hete und er⸗ te, und begab U und unge⸗ als er mir eine Summe halte dich um elf Uhr allein am Ende des Gartens auf. Dort trennt uns nur eine Mauer, aber mit - 173 einer Strickleiter und einem ergebenen Diener werden wir bald beiſammen ſein. einem guten Wagen und ſchlagen einen andern Weg ein; geleite uns der Himmel! Philipp von Montbrun. „Alles ging vortrefflich. Ich meldete mich krank, verſteckte mich Abends im Garten, und wartete. Mont⸗ brun kam mit der Leiter und dem Wagen. Um Mit⸗ ternacht waren wir ſchon weit fort, und in Campiegne ſtiegen wir unter falſchen Namen aus. Hier lebten Diesmal fliehen wir in wir zwei Monate ganz ſtill und unbekannt, aber ſehr glücklich. Trotz unſerer Liebe langweilte uns indeß allmählig dieſe Lebensweiſe. „Zu Ende Dezembers verließ mich Montbrun, um perſönlich eine Fami⸗ lienangelegenheit zu beant⸗ worten. Ich hoffte ihn nach vier Tagen wieder zu ſehen, aber es vergin⸗ gen drei lange, lange Wochen, ohne daß er zu⸗ rückkam. Als er endlich wieder erſchien, hatte ſich ſein Benehmen ſehr geän⸗ dert, und ich bemerkte bald, daß ſein Herz an⸗ derswo ſei. Bald reiste er wieder fort, und er kam nicht wieder. Mein Herz brach er vollends, Geldes ſchickte ohne einen Brief. Ich erkannte mein ganzes Unglück. „Mitten im Winter reiste ich nach Paris, und es gelang mir nach vie⸗ ler Anſtrengung, ſeinen Auf rthaltsort ausfindig zu machen. Montbrun hatte eine andere Geliebte. „Miine Verzweiflung war groß, ſo daß ich mich entſchlos, zu ihren Füßen zu ſtorben. Ich kaufte deßha b einen Dolch, kleidete mich als Modehändlerin, und begab mich eines Morgens in die Wohnung der fraglichen Dame, überzeugt, den Untreuen da zu finden. Nachdem ich eine Stunde im Wohnzimmer gewartet hatte, geruhte man, mir eine Audienz zu bewilligen. „Ich trat in das Gemach ein. Die Dame erwar⸗ tete mich vor dem Kamine in einem reizenden Negligé. Sie war ſchön, blond, und reich an Reizen. Ich öff⸗ nete vor ihr meine Spitzenſchachteln; ſie griff raſch (Siehe endlich fand ſie eim Stück, das ihr gefiel; ſie legte es an und betrachtete ſich im Spiegel. mer her, deſſen Thür halb offen ſtand, vernahm ich männliche Tritte, ich zitterte und hielt nicht länger an mich, trat raſch hinein und warf dem Ungetreuen einen zerſchmetternden Blick zu. Er erbleichte.„Sie ſind es?“ fragte er unruhig.— ‚Ja, ich bin es, antwofs⸗ S S. tete ich, und griff nach dem Dolche.— Die Dame kam mit einem gellenden Schrei auf mich zu.— „Keinen Schritt weiter!“ ſprach ich drohend zu ihr, und ſie fiel in Ohnmacht. „Montbrun, der ſie mit Bedauern umſinken ſah, eilte ihr zu Hilfe und beleidigte mich durch Worte und Geberden. Dies ſteigerte meinen Haß und meine Rache auf das Aeußerſte, ich ſchwang meinen Dolch und rief, indem ich mich auf Montbrun ſtürzte, ‚Grauſamer!“ und der Dolch traf ſein Herz, das Herz, das mich ſo ſehr geliebt hatte. „Kaum hatte ich die That vollbracht, als ich wankte, auf die Knie niederſank und die Hand meines armen Geliebten mit Küſſen bedeckte. Ich bin verloren!“ ſprach er leiſe, ohne Groll und ohne mir die Hand zu entziehen.(Siehe Bild S. 172.) „In dieſem Augen⸗ blicke trat erſchrocken ein Kammermädchen in das Zimmer. Montbrun hatte noch ſo viel Geiſtesgegen⸗ wart, um mich retten zu wollen. „Es iſt nichts,“ ſagte er zu dem Kammermäd⸗ chen, komm in einer Viertelſtunde wieder.“ „„Ja, in einer Vier⸗ telſtunde wird Alles vor⸗ über ſein,“ ſetzte ich hinzu. „Ich hob den Dolch auf, war aber ganz kraft⸗ und muthlos, und meine Hand ſank, ohne daß ich mir den Stoß verſetzen konnte, den ich mir be⸗ ſtimmt hatte. „Gnade, Gnade! rief Montbrun, der ſich wie⸗ der etwas erholte, ent⸗ ferne dich ſchnell, arme Marie ich glaube, die Wunde iſt nicht tödtlich. Geh, ich werde mich in meine Wohnung bringen laſſen; komm dahin.: „Ich kam ohne Hin⸗ derniß aus dem Hauſe hinaus. Durch die Ausrufer erfuhr ich des andern Tages ſeinen Tod. Der Name Montbrun wurde nicht genannt, aber er war es, ich wußte es. Ich trug mein Verbrechen in der Stille und lebte allein mit meinem Schmerze, ſo daß ich den Winter auf die traurigſte Weiſe von der Welt ver⸗ 176.) brachte. Als der Frühling wieder kam, wich der Schat⸗ Hhinein und beſah Alles mit ziemlicher Mißachtung; Vom Nebenzim⸗ ten Montbruns allmählig weiter und weiter von mir zurück, und ich fühlte mich wieder verjüngt. Ich hatte eine Gefährtin aus dem Kloſter gefunden, die mich all⸗ mählig aufheiterte. „Ob ich aber gleich einen andern Namen angenom⸗ men hatte, ſo machte mich der Procurator doch endlich ausfindig, und er erlangte diesmal ein ſchreckliches Ur⸗ theil gegen mich, lebenslängliches Gefängniß. Man brachte mich nach St. Pelagie, wo es weder Garten, noch Promenade, noch Gefährtinnen gibt, St. Pelagie —— das halboffene Grab. Nur eine Erinnerung, die mich tröſtet, iſt mir aus meinen Verirrungen geblieben, die Erinnerung an Montbrun, den Einzigen, den ich ge⸗ liebt habe. Den Dolch, der ſich mit ſeinem Blute färbte, habe ich ſtets auf meinem Herzen getragen. Dieſer Dolch hat noch Jemanden zu treffen.“ Heinrich begab ſich, nachdem er dieſes traurige Ge⸗ ſtändniß geleſen hatte, ſelbigen Tages noch zu Marien, fand aber dieſelbe noch niedergeſchlagener. Als ſie ihn eintreten ſah, ließ ſie ſchweigend das Haupt ſinken, wie vor ihrem Richter. Er reichte ihr die Hand und ſie hielt ihm die ihrige hin, ohne ihn anzuſehen. „Marie,“ ſagte Heinrich mit feſter Stimme,„ich heirathe Sie vor Gott und den Menſchen.“ Sie ſank auf die Knie vor ihm nieder. „Ich habe nichts mehr zu ſagen,“ flüſterte ſie; „Sie ſind mein Gebieter, und ich werde Ihren Befehlen gehorchen.“ „Sprechen Sie nicht alſo, Marie,“ entgegnete Heinrich.„Ich heirathe Sie nicht Ihret-⸗, ſondern meinetwegen; ich heirathe Sie, weil ich Sie liebe; es iſt das kein Opfer. Weit entfernt, Ihr Gebieter zu ſein, bin ich nur ihr ergebener Sclave.“ — Heinrich Thome hatte das Heirathsgeſuch bei dem⸗ ſelben Gerichte eingegeben, welches die Bitte Mariens abgewieſen. Das Geſuch war würdevoll und einfach, eine ſchöne Vertheidigung Mariens. Das Geſuch wurde durch den Advokaten ſo gut unterſtützt, daß der Gerichtshof daſſelbe genehmigte. Die Familie des Procurators trat jedoch ſofort mit einer Klage gegen dieſes Urtheil auf, und mit dem Teſtamente deſſelben. Bis zur Entſcheidung des Prozeſſes beſuchte Hein— rich Marien täglich. Ihre Liebe wurde immer ver⸗ trauensvoller und zärtlicher; ſie eröffneten einander ihre Herzen, ihre Hoffnungen und Beſorgniſſe; ſie beteten, tröſteten und liebten einander. Eines Tages traf Heinrich Marien im innigen Gebete. „Ich hielt Sie nicht für ſo fromm, Marie,“ ſprach er ſanft. „Sie haben mich gelehrt, Gott zu lieben,“ ant⸗ wortete ſie ihm, indem ſie die Augen zum Himmel erhob.„Ich betete zwar auch, ehe ich Sie kannte, aber wie oft entweihete ich das Gebet durch Zorn, Stolz und Haß. Keine einzige Seele ermuthigte meine Thrä⸗ nen und richtete mein armes Herz auf. Da kamen Sie; Sie liebten die, welche die Welt von ſich ſtieß, Sie fanden in meinem Herzen die Quelle der Thränen wieder; ich habe geweint, nicht aus Zorn, ſondern aus Liebe und Reue; ich habe Sie, ich habe Gott geliebt. Ach, Heinrich, Sie ſind mein Retter!“ Der außerordentliche Prozeß kam im Juli 1684 zur Verhandlung. Man berief Marien von Joyſel und deren Kinder, die väterlichen und mütterlichen Verwand⸗ ten, Karl Heinrich Thome, den Canonicus Vitale, die Superiorin von St. Pelagie, die Schweſter Martha und einige Andere. Aus der Stadt und vom Hofe war eine Menge Neugieriger gekommen. Seit einem halben Jahrhunderte hatte kein berühmterer Prozeß ſo die Neugierde gereizt. Marie von Joyſel erſchien im Gewande einer Büßenden, im ſchwarzen Leibchen mit großen Aermeln, grauem Rocke und einem einfachen Häubchen, das die Haare verhüllte. Trotz dieſer Kleidung machte ihre 1 1 - 174— Schönheit allgemeines Aufſehen. — Sie ſchien ſich um die Neugierigen nicht zu kümmern; in ihren Zügen lag Ergebung, und von Zeit zu Zeit warf ſie unwillkür⸗ lich einen zerſtreuten Blick auf Heinrich, der mit ſei⸗ nem Oheime an den Schranken ſtand. Bisweilen ſah ſie auch ihre beiden kleinen Töchter, die ganz vergeſſen hatten, daß ſie ihre Mutter ſei, mit unausſprechlichem Schmerze an. Sie ſaßen neben ihrem Vormunde, ihrem Advokaten und einigen Verwandten ihres Vaters. Vor dem Eintritte des Gerichtes erregte ein kleiner Zufall lebhaft die Neugierde. Eine alte Dame ſank ſchluchzend in die Arme Mariens; es war ihre Tante, die alte Vicomteſſe von Montruil, die Schweſter ihrer Mutter. Sie nahm Marien an der Hand, ſprach von tauſenderlei Dingen auf ein Mal, gab ihrem Advoka⸗ ten Rathſchläge u. ſ. w. Dann fragte ſie, wo Hein⸗ rich Thome ſei, ging zu ihm und ſah ihn lächelnd und mit einer Thräne im Auge an. „Was Sie da thun, mein Sohn, iſt ſehr gut. Rechnen Sie auf mein Vermögen und meine Freund⸗ ſchaft!“ In dieſem Augenblicke erſchien der Gerichtshof. Der Advokat Mariens ergriff zuerſt das Wort, um das Geſuch Heinrich Thome's auseinander zu ſetzen. Nachdem er ſodann von der Reue der Wittwe des Procurators geſprochen hatte, hoffte er, wie er ſagte, daß der Gerichtshof ihm erlauben würde, den höchſten Grad der chriſtlichen Liebe auszuüben; nicht Reichthü⸗ mer reizten ihn bei dieſem guten Werke, da Marie von Joyſel nichts mehr beſitze. Der Canonicus Vitale, ſowie die Superiorin, welche er als Zeugen für die Buße und Reue Mariens hatte vortreten laſſen, ließen derſelben alle Gerechtigkeit wie⸗ derfahren. Hierauf fuhr der Advokat in ſeiner Rede wieder fort:„meine Herren, da die Freiheit das erſte Gut iſt, ſo muß natürlich Marie von Joyſel, die dieſes koſtbare Gut verloren hat, annehmen, daß durch die Ehe ihre Feſſeln gebrochen werden. Ihre Forderung gründet ſich auf das Geſetz Gottes und der Menſchen, auf das der Familie und auf die Buße, die 7. ihre Verbrechen gethan hat.“ „Ein Gatte war alf e zer nnalück, ein es ihr vergelten; Heige, ſo olich war, wird jetzt ihr Heil; ſie finder o. wo ſie Schiffbruch litt. Wenn Sie ihr die Gnade vewilligen, die ſie erbittet, wird ſie gewiß nie vergeſſen, daß Sie die Menſchlichkeit mit der Gerechtigkeit verbindetz.“ Darauf begann der Advokat der väterlichen Fomilie eine lange, für Marien von Joyſel höchſt beleidigende Rede; er entwarf eine entſetzliche Schilderung von ihrem Leben, beſchuldigte ſie, ihren Gatten durch den Aerger umgebracht zu haben, den ſie ihm verurſacht, und ſprach ſelbſt von Gift. Man nahm indeß dieſe Be⸗ ſchuldigung mit einem allgemeinen Gemurmel des Un⸗ willens auf. Jedermann bemerkte mit wahrem Schmerze, daß die beiden unglücklichen Kinder durch ihre Geberden alle Beleidigungen des Advokaten zu beſtätigen ſchie⸗ nen. Man fragte ſie und ſie erzählten, was bei dem Tode ihres Vaters geſchehen war; aber man ſah auch, daß ihnen dieſe Geſchichte eingelernt worden war. In dieſem Augenblicke wurde die Feierlichkeit der Debatten durch das Erſcheinen eines unerwarteten Zu⸗ ſchauers auf ſeltſame Weiſe unterbrochen. Alle Blick⸗ richteten ſich auf den Neuangekommenen, der kein Auf — ſehen me Benedicti ſeinen 3 gewiſſet Geiſt und Marim! traurigen velches d fußſend Mar Kinder „Mei er iſt es Mann?“ Die kat der niſſe, di Bal dahin e Bank d gen zu Ein Der Be nieus V „Ach don Hi beruhſc Als betracht wendete innern; Mo todt in Uand man be klage weinen Zorn dien ſich un en Jügen la e unvilllir⸗ der mit ſei isweilen ſah un vergeſſen ſrecliten LVormunde, ihtes Vaters. te en kleiner 2 Dame ſank ihre T Tande, üweſe ihrer d ſprach von rem Advoka⸗ ſie, wo Hein⸗ lächelnd und ſt ſeir gut. eine Freund⸗ richtshof. Wort, um d zu ſetzen. Wirwe des wit a ſagte, den hochſten icht Neichthü⸗ d Marit von rorin, welche Lariens hatte ſchtigkeit wie⸗ Rede wieder s erſte Gut , die dieſes aß durch die re Forderung der Menſchen, wo fie de vewil ligen, ſ en, N Sie erbi inder.“ lichen hemili o Alich XNꝝꝰòA?- ſehen machen zu wollen ſchien. Er war ein junger Benedictiner, bleich und hager zum Erbarmen. In ſeinen Zügen lag unter einer Maske von Demuth ein gewiſſer edler Stolz, der von vornehmer Geburt, von Geiſt und Schmerz zeugte. Etwa zwanzig Schritte von Marien blieb er ſtehen; er betrachtete ſie mit ſanften, traurigen Blicken, und ſtützte ſich auf das Geländer, welches die Neugierigen von den Richtern trennte, neigte ſeufzend ſeine Stirne und ſchien ſich zu ſammeln. Marie, die ſehr bewegt war, da ſie ſich durch ihre Kinder ſo grauſam angeklagt ſah, achtete anfangs nicht auf die neue Geſtalt; als ſie aber ihre Blicke auf die⸗ ſelbe richtete, erbebte ſie. Heinrich Thome, der ſie fortwährend beobachtete, erſchrak über ihr plötzliches Erbleichen, und ſchien ſie durch ſeine Unruhe um die Urſache zu befragen. Marie aber achtete nicht darauf, ſondern blickte noch immer den Benedictiner an, der ſchreckliche Erinnerungen in ihr zu wecken ſchien. „Wenn er es wäre!“ dachte ſie erſchreckt und er⸗ ſtaunt. Marie ſtrich mit den Händen über die Augen, als wollte ſie ich überzeugen, daß ſie nicht träume. „Nein,“ ſagte ſie bei ſich,„ich träume nicht, aber er iſt es nicht. Woher und warum kommt dieſer Mannd; Die Debatten gingen unterdeß weiter. Der Advo⸗ kat der Gegenpartei las ſogar Mariens Selbſtgeſtänd⸗ niſſe, die man ihr in St. Pelagie weggenommen hatte. Bald darauf verlangte der Benedictiner, der bis dahin ernſt und ſchweigend dageſtanden hatte, auf die Bank der Zeugen geführt zu werden, da er Eröffnun⸗ gen zu machen habe. Ein Diener des Gerichts öffnete die Schranken. Der Benedictiner ſetzte ſich ſchweigend neben dem Cano⸗ nicus Vitale, in der Nähe Mariens nieder. „Ach, mein Gott!“ flüſterte er, indem er die Hände zum Himmel erhob,„gib mir Kraft, mein Herz zu beruhigen.“ Als er ſah, daß Marie ihn mit großer Unruhe betrachtete, zog er ſeine Kaputze über das Geſicht und wendete den Kopf ein wenig bei Seite. Nachdem der Advokat die Geſtändniſſe Mariens zſich der Benedictiner langſam und ⸗Wer ſeie hn. der Präſident mit einer innern Bewegung, die er ta hewältigen ewehüh Marie ſtieß einen Angſtſche⸗ und ſank halb todt in die Arme ihrer Tante. „Ich bin Philipp von Montbrun,“ antwortete der Mönch ernſt;„ja, ich bin Philipp von Montbru man beſchuldige alſo dieſe Frau nicht des Mordes, man klage ſie nicht an wegen ihrer Fehler; Gott, der ſie weinen ſah, hat ihr verziehen. Treiben Sie Ihren Zorn nicht weiter; ich komme hierher durch die Barm⸗ herzigkeit Gottes, nach den heiligen Vorſchriften des Evangeliums. Ich trage größere Schuld als dieſe Frau; ich war der böſe Geiſt, als ſie noch ein Engel war an Schönheit und Tugend; ich war die Schlange, die ſie die Sünde lehrte. Aber es gibt noch einen Schul⸗ digeren als mich; dieſer erſte Schuldige iſt mein Vet⸗ ter, der Procurator Peter de La Variéère. Die Ehe iſt ein göttliches und menſchliches Geſetz, das den Mann heilig mit der Frau verbindet; aber der Procu⸗ ptor war kein Mann, er hatte durch das Alter Alles Kn, was uns Gott Edles, Großes gegeben; er in Herz und keine Seele. Ich weiß wohl, daß - 175— ſes von erhabener Ergebung gezeugt haben würde, wenn Marie von Joyſel dieſem Manne ihre Schönheit, ihre Tugend gewidmet hätte, aber das Weib iſt ſchwach; Gott hat es alſo erſchaffen.“ Der Präſident unterbrach Montbrun. „Mein Bruder,“ ſagte er etwas trocken zu ihm, „wir verlangen keine Predigt von Euch; wir ſitzen hier nicht in der Schule. Sagt einfach, wie es möglich iſt, daß Ihr, Philipp von Montbrun, hier ſeid.“ „Marie von Joyſel hat nicht Alles geſagt; ſie hat ſich allein angeklagt und hätte mich ſchwerer beſchuldi⸗ gen ſollen, aber das gehört nicht zur Sache. Ich bin hierher gekommen, als ich von dem Prior unſerer Abtei vernahm, was hier vorgeht; ich wollte die Sün⸗ derin in ihrer Reue wiederſehen und hoffte, es würde mir erlaubt ſein, meine Stimme zu ihren Gunſten zu erheben.“ Montbrun trat näher zu Marien, die ſich wieder erholte. Sie ſah und hörte ihren erſten Geliebten, ohne ihren Augen und Ohren zu glauben. „Sie! Sie!“ ſprach ſie, indem ſie mit den Hän⸗ den über die Stirne ſtrich. Montbrun trat noch näher. „Wo bin ich? Mein Gott!“ rief ſie erbebend aus. Der Generalprocurator hatte das Wort ergriffen. Montbrun ſprach während deſſen leiſe zu Marien: „fürchten Sie nichts, ich komme nicht, um mich zu beklagen, ſondern um Ihnen Muth einzuſprechen; ich bin todt für dieſe Welt, Marie. Ich habe Allem ent⸗ ſagt und flüchtete mich zu dem Gebete und der Liebe Gottes; dieſe Liebe täuſcht nicht, ſie iſt die einzige ewige; die Thränen, die man dabei vergießt, ſind die wonnereichſten. Leben Sie wohl; ich habe hier nichts mehr zu ſagen und kehre für immer an meinen ſtillen Zufluchtsort zurück, um dort für Sie zu beten. Leben Sie wohl.“ Er verbeugte ſich, zog die Kaputze wieder über das Geſicht und ſchritt ernſt nach der Thüre zu. „Lebt wohl!“ ſprach Marie ſengzend⸗ Die Rede des Generalprocurators war merkwürdig, aber zu Gunſten Mariens und Heinrichs, denn ſein letztes Wort war für die Heirath. Der Gerichtshof erklärte ſich für die Anſicht des Generalprocurators. Als das Urtheil geſprochen wurde, konnten Marie, Heinrich und die alte Tante die Thränen nicht zurück⸗ halten. Marie wurde in das Gefängniß zurückgebracht, worin ſie bis zu dem Hochzeittage bleiben ſollte. Die Frau von Montruil verließ ſie mit dem Verſprechen, an jenem Tage ihren Wagen zu ſchicken, um ſie zu der Kirche abholen zu laſſen. Sie wünſchte, daß das junge Paar die erſte Zeit ihrer Ehe in ihrem Schloſſe verbringe. Des andern Tages, gegen zwei Uhr, als Hein⸗ rich Thome aus der Zelle trat, meldete die Schweſter Martha den Beſuch eines Benedictiners an. Marie ülrichte wankte, ſank auf einen Stuhl und ſchlug die Hände über das Geſicht.„Er!“ ſprach ſie mit kaum vernehmlicher Stimme. Er trat ein, ernſt und ſchweigend. „Meine Schweſter,“ ſprach er,„ſtehen Sie auf und kommen Sie zu mir; ich habe lange für Sie ge⸗ betet wie für mich.“ Da Marie nicht antwortete, fuhr er fort: „Fürchten Sie nichts von mir, ich bin nur noch der Schatten Montbrun's, ein Schatten, der ſich durch die Reue hindurch langſam zu dem ewigen Leben ſchleppt. Ich habe Sie geliebt, Marie, ich habe Sie verführt und irre geleitet; jetzt fühle ich nur noch Liebe für meinen Heiland, aber die Erinnerung an Sie ſtört mich noch immer, oft in meinem Gebete; ich wollte Sie wiederſehen, Ihre Hand berühren, dieſe Hand, welche zweimal mein Herz traf.— Verzeihen Sie mir — es iſt mein letzter Abſchied hienieden.— Marie, Sie blicken mich nicht an, Sie hören nicht auf mich? — Ich reiche Ihnen die Hand— die Hand eines Bruders. Berühren Sie dieſelbe und Alles iſt vorüber.“ Marie erhob langſam und mit einem Seufzer die. us, Augen gen Himmel erhob,„Heinrich Thome! Ihn Hand. „Sie ſind ſehr grauſam geweſen, Montbrun,“ ſagte ſie;„Sie ließen an meinem Herzen elf lange, ſchreck⸗ liche Jahre mit dem Gedanken an Ihren Tod vorüber gehen. Sie wiſſen nicht, was ich gethan habe, um meine Liebe und mein Verbrechen zu vergeſſen. Grau⸗ ſamer! Warum ſagten Sie mir nicht, daß Sie aus dieſer Welt zurückträten? Mit welcher traurigen, viel⸗ leicht aber meinem Herzen ſüßen Freude würde ich mich in ein Kloſter geflüchtet haben, vielleicht fern von Ihnen, aber Ihnen nahe durch das Gebet, in Ge⸗ danken.“ „Ich will Ihnen nichts verheimlichen, Marie, denn mein Herz verbirgt ſich nicht mehr. Die Frau, die Sie tödtlich verletzten, als Sie mich verwundeten, betete an dieſem Tage zum erſtenmale in ihrem Leben zu Gott, ſie betete, um mich zu retten. Gott rettete mich vom Tode. Sie hatte ſich ebenfalls bekehrt und begab ſich zu ihrer Schweſter in dem St. Margarethenkloſter. Bei den Frauen überlebt indeß die Eiferſucht die Liebe; ſie nahm den Schleier erſt, als ich geſchworen hatte, der Welt zu entſagen, und Ihnen, der ſchönſten, viel⸗ leicht der Geliebteſten von Allen.“ „Wie?“ rief Marie, durch ihre neuerwachte, frühere Liebe hingeriſſen,„Sie liebten ſie mehr als mich?“ Und ſie ſtand bewegt auf. „Wer weiß es?“ antwortete der Benedictiner;„Sie waren die erſte, ſie war die zweite, aber wir ſind von den Zeiten der Stürme und Gefahren bereits weit entfernt.“ „So weit!“ ſprach Marie. lich, die vergeſſen!“ „Sie Marie, haben doch zuerſt vergeſſen, mehr ver⸗ geſſen, als ich. Glauben Sie, daß ich kein Bußgewand angelegt habe, um hierher zu kommen.“ „Ach glücklich, glück— Der Ortler und - 176— Marie ſank in die Arme des Benedictiners. „Ach, Gott ſei gelobt!“ rief ſie aus;„jetzt kann ich ſterben. Ach, Montbrun, welche Freude, mit dem Gedanken zu ſterben, daß Ihr Herz nach ſo langer Einſamkeit für mich nicht erkaltet iſt!“ „Marie! Marie! Gnade, ſuchen wir zu vergeſſen! Erinnern Sie ſich, daß dieſes Herz, das ich an dem meinigen ſchlagen fühle, weder mir, noch Ihnen mehr angehört, ſondern dem edlen Manne, der Ihnen den Segen der Ehe und der Familie bringen will.“ Marie zog ſich aus den Armen Montbrun's zurück. „Heinrich Thome!“ rief ſie aus, während ſie die hatte ich vergeſſen!“ Es folgte eine Pauſe auf dieſe Worte. „Wenn es mir nicht erlaubt iſt,“ fuhr ſie mit ge⸗ ſenktem Haupte fort,„mein Herz für mich oder Sie zu beſitzen, ſo kann ich es doch wenigſtens zu Gott erheben.“ „Ja, Marie, da oben erwarte ich Sie. Sehen Sie meine Bläſſe und Mattigkeit; ich habe nicht viele Jahre mehr zu leben und werde vor Ihnen da oben ſein.“ (Siehe Bild S. 173.) „Vor mir? Das weiß Gott allein. Sie täuſchen mich nochmals, denn Sie werden dort oben die Frau V ſuchen, die Sie ſo ſehr, zu ſehr geliebt haben.“ „Vielleicht bis Sie ankommen.“ Der Benedictiner lächelte ſo liebenswürdig, wie ſonſt. „Doch,“ ſetzte er hinzu,„ich bereite mich, Abſchied zu nehmen, denn wenn ich eine Stunde länger noch bei Ihnen bliebe, würde ich die elf vergangenen Jahre vergebens in Kampf mit meinem Herzen und in Reue verbracht haben. Leben Sie wohl, Marie.“ „Ach,“ fiel ſie mit einem Ausrufe des Schmerzens ein,„warum kamen Sie wieder?“ Montbrun hatte ſeinen ruhigen Geſichtsausdruck wieder erlangt.. „Lebe wohl, meine Schweſter,“ ſagte er. Er reichte ihr die hagere, weiße Hand, die Marie begierig ergriff. laſſen. Bedenken Sie, daß wir einander zum letzt Male ſehen.“ edr „Auf der Erde.“ „Ach, wenn ich überzeugt wäre, Sie im Himmel wieder zu ſinden.“ „Hoffe auf Gott, Schweſter.“ (Schluß feigt.) das Stiſſſer⸗Joch. (Taf. 12.) führt über das Stilfſerjoch. Sie iſt die nächſte Ver⸗ bindung zwichen Oeſterreich und Italien über Salz⸗ Der Ortler, aus Granit gewoben, Zur Grenzenhut emporgehoben, Nagt glorreich allen Nachbarn vor, Und trägt aus frommem Hirtenthale Des Dankes volle Opferſchale Zu deinem Thron, o Gott, empor. Beda Weber. erhebt ſich 8900 Fuß bis zu den mächtigen Gletſcher des Ortlers und des Monte Criſtallo, während dr Syli „Nein, nein, Sie werden mich nicht ſo ſchnell— aum Die höchſte und merkwürdigſte Straße Europa's burg, Innsbruck, das Oberinnthal und Mats, unſ St. Gotthe der Mont ſelbſt dien zuß errich Wie b dem von d ſeürien; ten Schw durchbroch Sümpfe breiten H gung zu Straße! undvierzi nöthig, zu erreic Ober Ebene ü ſches Sch mauern ſind die zwiſchen ragt. R Stilfs, ſtockigen benden die Str men de innlieniſ mig öf Sulden— Weiler, man au nun dur vung i von de Ortler ſtürze punktes anwie baren ander Thal der an de ein b dtſch vone wüſte Auge Geſt BWei leriſ kein 9 U ctiners. B. jetzt kann St. Gotthardsſtraße 6388 F., der Mont Cenis 6360 F., ude, mit dem der Mont Genevre 6258 F., der Simplon 6172 F., c ſo langa der Splügen 5926 F., der Breuner 4371 F., und ſelbſt die nicht fahrbare St. Bernhardsſtraße nur 7668 zu vergeſſen! Fuß erreichen. Lic an dem Wie bei den kühnſten Eiſenbahnbauten waren bei Innen nch dem von der öſterreichiſchen Regierung 1820— 25 aus⸗ er Ixnen w geführten Bau dieſer großartigen Alpenſtraße die größ⸗ il 1 ten Schwierigkeiten zu überwinden. Es mußten Felſen rus ff durchbrochen, Abgründe überwölbt, Waſſerfälle und druns zurücl. Sümpfe überbrückt werden, um der überall 15 ½ Fuß ahrend ſie die breiten Heerſtraße nirgends mehr als 10 Proc. Stei⸗ Dome! Ihn gung zu geben. Bis zu dem Dorfe Prad ſteigt die Straße nur allmälig, von hier an aber waren acht⸗ t. undvierzig zickzackartige Windungen oder Serpentinen ir ſie mit ge⸗ nöthig, um das Joch mit dieſer mäßigen Steigung nich oder Sie zu erreichen... ſens zu Gott Oberhalb Prad zieht ſich die Straße aus der Etſch⸗ Ebene über ein durch eine Menge von Quellen mor⸗ ſches Schiefergebirge, welche über und durch die Seiten⸗ . Sehen Si 4 3 hen Ir mauern der Straße herabrinnen. Statt der Wälder bnbl 3 ſind die ſchroffen Abhänge nur mit Steinblöcken beſetzt, zwiſchen welchen nur hie und da eine Tanne empor⸗ di tüuſchen ragt. Rechts in der Höhe blickt maleriſch das Dorf dm die Frau Stilfs, italieniſch Stelvio, mit ſeinen maſſiven, zwei⸗ huden ſtockigen Häuſern und ſeinen, am ſteilen Abhange ſchwe⸗ benden Gärten auf den Wanderer herab. Von dieſem v weſit die Straße beherrſchenden Dorfe hat dieſelbe den Na⸗ men des Stilfſer⸗Joches; nach Bormio hinab auf der italieniſchen Seite heißt ſie Wormſer⸗Joch. Gabelför⸗ mig öffnet ſich nun das Gebirge, links kommt der mhenen duhn Sulden-, rechts der Trafoibach hervor, welche bei dem und in Rem Weiler Gomagoi(Bedwaſſer) zuſammenfließen. Steigt man aufwärts in dem Thale des Trafoibaches auf der Schmerzens nun durch ihre Windungen und die großartige Umge⸗ bung intereſſanter werdenden Straße, ſo hat man links von dem wild daherbrauſenden Bache die Wände des Ortlers vor ſich; aber trotz der faſt ſenkrechten Ab⸗ ſtürze erreicht das Auge wegen der Nähe des Stand⸗ mich, Abſchied lünger noch fſichtsausdruck te er. 1 nd, die Marie blaue Eiswand herableuchtet. ſo ſchnell de-. Der Riiſende ſteht hier am Fuße des Hauptſtockes er zun leßin eralpen, die ſich in öſtlicher, dann ſüdlicher oon der Berninakette abzweigen, eines Ber⸗ ges von 12,020 Fuß Höhe, der noch vor Kurzem für den höchſten Deutſchlands galt, bis neuere Meſſungen dem Großglockner(12,158 Fuß hoch) die erſte Stelle anwieſen. Die ganze Scenerie macht einen wunder⸗ baren, überraſchenden Eindruck, ſo großartig, wie wenig andere Punkte in den Alpen. Im Fintergrunde des T uales thronen ein prächtiger, ſanft gewölbter Eisberg, ddeer Monte Criſtallo, und der große Madatſchferner, an deſſen Rande ſpäter die Straße vorüberführt. Als ein brauner Felsſtock ſchiebt ſich der pyramidale Ma⸗ datſch hinter der linken Thalwand hervor. Die große, von einem Kranze mächtiger, am blauen Himmel oft kaum erkennbarer Eisfirſten umragte Schnee⸗ und Eis⸗ wüſte, in welche das Gebirge gehüllt iſt, blendet das Auge und ſenkt ſich an einigen Stellen in blaugrünem Geſtuf ſteil und zerklüftet bis auf die Thalſohle herab. Bei jeder Veränderung unſeres Standpunktes ändert ſich die Landſchaft, ſtets neue, ſo großartige als ma⸗ leriſche Anſichten darbietend. Von Gomagoi 1 ³½ Stunden entfernt liegt die kleine Häuſergruppe von Trafoi auf einer ſaftgrünen, Feierſtunden. 1863. e im Humel —— - 177— punktes kaum die Schulter des Rieſen, von dem eine ſich zu dem tobenden Alpenbache abdachenden Wieſe. Trafoi zählt 8 Häuſer mit 84 Einwohnern, die Jo⸗ ſeph II. mit einer Kaplanei und einer Schule verſah. Der Name Tresfontes iſt in dieſer an Quellen ſo reichen Gegeud, deren an manchen Stellen drei hervor⸗ brechen, leicht zu erklären. Doch ſoll der Ort ſeinen Namen von den„drei heiligen Brunnen“ haben, welche in einer Gebirgswildniß tief im Thale, am eigentlichen Fuße des Ortlers, liegen. Man erreicht dieſe heilige Stätte in drei Viertelſtunden. Im Hintergrunde ſtehen unter einer Bedachung drei Bildſäulen: Chriſtus, ſeine Mutter und Johannes, aus deren Bruſt ſich aus eiſernen Röhren das klare, eiskalte Waſſer ergießt. Neben den Brunnen ſteht ein Haus, das früher von einem Einſiedler bewohnt wurde und jetzt dem Geiſt⸗ lichen von Trafoi zu einem Unterſtand dient. Einen düſtern Eindruck macht in dieſer Wildniß die von Tan⸗ nen umſchattete Kirche mit drei Altären, welche ein Wallfahrtsort zur Mutter Gottes iſt. Wenn nach längerem Steigen das nächſte Zu⸗ fluchtshaus(Cantoniera) erreicht iſt, das ganz nahe an den zerklüfteten, ſich heranſchiebenden Maſſen des Ma⸗ datſchferners liegt und durch ſogenannte Strichwände gegen Lawinen geſchützt iſt, ſo kommt man auf eine Ebene und zur Franzenshöhe, einem einſamen, 6903 Fuß hoch liegenden Poſthauſe mit vielen Kavallerieſtällen. Hier gewahren wir bei einem Blick nach oben nun auch den oberſten Gipfel des Berges, die ſcharfe Ortlerſpitze. Die ſenkrechten Kalkwände des Berges ragen wie ein Kern aus den glimmerſchieferartigen Gebirgen auf, und erſt in der Ferne, wo man ſeine Oberfläche beſſer über⸗ ſehen kann, werden wir ſeine großen Eis- und Schnee⸗ fluren gewahr. Die Alpenvegetation, deren Eigenthümlichkeit und Schönheit gebildeten Reiſenden ſo hohes Vergnügen ge⸗ währt, beſteht hier vornehmlich aus kräftigen Nadelholz⸗ wäldern, beſonders Lärchen, Zirbelkiefern und Krumm⸗ holzgeſtrüpp. In erſtaunlicher Ueppigkeit blühen hier das Alpenmaßlieb, die blaublumige Himmelsleiter(Po- lemonium coeruleum) unſerer Gärten, prachtvolle Erd⸗ beeren, blaue Sturmhutsſtauden, purpurgoldige Kreuz⸗ kräuter, Saxifragen, Gentianen und tauſend andere liebliche Alpenkinder. Der Ortler wurde das erſte Mal am 27. Sept. 1804 auf Veranlaſſung eines Erzherzogs erſtiegen, wel⸗ cher dieſe Gebirgsgegend durch den Bergoffizier Geb⸗ hard unterſuchen ließ. Letzterer beredete den Gemsjäger Joſeph Pichler, vulgo Joſele, eine Beſteigung zu ver⸗ ſuchen. Joſele fand einen Weg und erreichte die Spitze, konnte es aber nur vier Minuten oben aushalten, die gerade zur Beobachtung des Barometers genügten. Im nächſten Jahre wurde der Berg ſodann auch von Geb⸗ hard, und im Auguſt 1826 unter Anführung Joſele's von dem öſterreichiſchen Ingenieuroffizier Schebelka er⸗ tiegen. Die intereſſanteſte Erſteigung führte Profeſſor Thur⸗ wieſer am 12. Auguſt 1834 aus. Führer waren der nun ſchon ſirbenzigjäſtide Joſele, deſſen Sohn Lex und Michael Gamper. Man verließ, von den Glückwün⸗ ſchen der Einwohner begleitet, Trafvi Nachmittags zwei Uhr. Der Weg führte von den heiligen drei Brunnen das„Bergl“ hinan. Bei einer verfallenen Schafhütte wurde übernachtet. Das Nachtlager war eine kleine Vertiefung, das ſpärliche Gras und abgefallene Nadeln des Krummholzes waren die Flaumfedern. — 23 Um bei dem ſtarken Luftzuge nicht zu erfrieren, wurde ein Feuer unterhalten. Der Mundvorrath beſtand aus Braten, Brod, Schmalz, Chokolade, Kaffeepulver, Wein und Haller Säure, letztere um den brennenden Durſt zu mildern, der ſich auf dieſen eiſigen Höhen einzuſtellen pflegt. Um vier Uhr wurde gefrühſtückt. Nach fünf Uhr betraten ſie den untern Ortlerferner, der von einem ſolchen Wuſte von Blöcken bedeckt iſt, die dem Ortler entſtürzten, daß man kaum ahnen konnte, auf Eis zu gehen. Im blauen Eisbette rauſchte ein Bach herab, dem man aufwärts folgte. Von den Quellen dieſes Baches an nimmt die Zerriſſenheit des Ferners ſo überhand, daß es keinen wildſchauerlicheren Anblick geben kann. Es gab 30 Fuß breite Spalten. Hinabgewor⸗ fene Steine plumpten entweder in's Waſſer oder ver⸗ ſchwanden lautlos in der Tiefe. An der ſchlimmſten Stelle mußte Lex ein Seil umlegen und eine Wand emporklettern, die der Hand oder einem Zinken des Steigeiſens kaum einen Haltpunkt bot. An einem Ab⸗ ſatze ſtemmte er ſich an und zog die Gefährten herauf. Gefährlich war die Paſſage der ſogenannten Schnee⸗ rinne, eines Engpaſſes, durch welchen die Schneemaſſen abgleiten, der herabbrauſenden Steine wegen. Um neun Uhr kam man an die„Wandeln“, ſenkrechte Stollen, und die weniger ſenkrechten Zwiſchenräume, die„Stel⸗ len“. Um eilf Uhr ſtand man auf der Höhe der Wände, am Saume des oberen Ortlerferners, des großen Eisgefildes, welches den Dom des Berges be⸗ deckt und über welchen der Schneekamm hinzieht, deſſen Geſſellſchaft wieder wohlbehalten bei der Kirche an, wo Ende die Ortlerſpitze iſt. Häufig mußten Stufen gehauen werden, bis man auf eine Ebene und ſodann über ein ſteiniges Schnee⸗ feld kam, wo die Wanderer von dem Fernerglanze, den vom Schnee zurückgeworfenen Sonnenſtrahlen, ſehr be⸗ läſtigt wurden und Thurwieſer einen Flor vor die Au⸗ gen binden mußte. Als es wieder ſteiler hinanging, fühlte ſich der alte Joſele ſo angegriffen, daß er der Geſellſchaft den Weg andeutete und hier zurückblieb. Noch ſuchte das Auge in dieſer Wüſte mit fürchter⸗ lichen Brüchen und Abgrüuden die Spitze vergebens. Die verdünnte Luft erſchwerte das Athmen, und eine durch das Zurückbleiben des alten treuen Führers noch vermehrte Abſpannung bemächtigte ſich der Geſellſchaft. Doch der klare, reine Himmel und ein Blick auf die Tyroler Gränzwächter gegen Veltlin, die vorher ſo trotzig herabſahen und nun beſiegt waren, beſeelte ſier mit neuem Muthe. Denn, wie Schaubach treffend be⸗ merkt, für einen Bergſteiger ſind bei Erſteigung eines Hochgipfels die umliegenden Höhen Aergerniſſe; er weiß, daß er über ſie alle hinaus muß; liegen ſie aber unter ihm, ſo wird er muthiger, er hat das lä⸗ ſtige Gerölle beſiegt und nahe winkt der Gipfel. Auch unſere Bergſteiger erblickten nun die Spitze, welche durch einen zuſammengewehten Schneegrat mit dem Gebirgsrücken zuſammenhängt und deſſen nördlichſter Theil iſt. Einer folgte bedächtig den Fußſtapfen des Andern, oft bis an's Knie einſinkend, nicht wiſſend, ob über einem verborgenen Abgrunde. Nach zwölf Uhr war die Spitze erreicht. Sie iſt eine etwa 30 Fuß hohe, über der Felſenkrone des Berges zuſammen⸗ gewehte Schneepyramide. Dieſelbe wurde ſo weit ge⸗ ebnet, daß eine Fläche von 6 Fuß entſtand, um neben einander ſtehen zu kännen. An einem Bergſtocke wurde Barometer und Thermometer aufgehangen und mit „Wandln“. einer Jacke gegen die Sonne geſchützt. - 178— Der Aufenthalt auf der Spitze war angenehm; man war in Hemdärmeln, ohne zu frieren, obgleich der Thermometer nur+ 40 R. zeigte. Herrlich war die Ausſicht, deren zahlreiche Punkte kaum angeführt, geſchweige beſchrieben werden können. Im Süden die Rieſenberge der Ortleralpen; über die furchtbaren Schnee⸗ gipfel des Bernina glänzte der Eisſtock des Monteroſa, und rechts von ihm in fernen Schleier gehüllt das ehr⸗ würdige Haupt des Montblancs. Rechts zeigte ſich das Eisgebirge des Berner Oberlandes, der äußerſte Gipfel war der Säntis in Appenzell. Zwiſchen den Fernern Vorarlbergs und des Oetzthales ſchweifte der Blick über niedrigere Gebirge nach Baden und Württemberg hin⸗ über. Gegen zwei Uhr verließ Thurwieſer mit ſeinem Begleiter Strimer den Gipfel. Lex war ſchon früher zu ſeinem Vater hinabgeſandt worden. Schneller, zum Theil gleitend, ging es hinab, und ſchon von ferne winkte ihnen die Rauchfahne des Feuers, das die bei⸗ den Pichler angezündet hatten. Der Alte war noch unwohl; der hier bereitete Kaffee half ihm jedoch auf. Nun ging es mit Hülfe des Seils die„Wandeln“ und eben ſo glücklich die Schneerinnen hinab. Um zwölf Uhr erreichte man den untern Ferner, und nach acht Uhr den Nachtlagerplatz am„Bergl“, wo Feuer an⸗ gemacht und gekocht wurde. Des Morgens wurde Strimer vorausgeſchickt, um Anſtalten zu treffen, daß Profeſſor Thurwieſer in den heiligen drei Brunnen eine Meſſe leſen konnte. Nach ſechs Uhr kam die kleine ſich auch der Poſtmeiſter, der von der Franzenshöhe aus die Beſteigung beobachtet hatte, und andere Perſonen einfanden, um an der ſtillen Dankmeſſe Theil zu neh⸗ men. Joſele erhielt 50 Gulden, jeder der Uebrigen 4 Dukaten. Im Jahre 1837 unternahm auch der Poſtmeiſter von Prad dieſe gefährliche Bergfahrt, welche von einem ſiebzehnjährigen Mädchen aus demſelben Dorfe mitge⸗ macht wurde.— Von der Franzenshöhe an, um die Tour über dieſe berühmte Alpenſtraße nun weiter zu verfolgen, geht dieſelbe nun der Höhe des Joches zu. Die Wände deſſelben bilden ein ödes, völlig baumloſes Felſen⸗ amphitheater, und nur bei anhaltend warmem Som⸗ merwetter findet man die oberſte Bergſtraße leer von Schnee, der noch im Juli Mauern von 6 bis 7 Fuß aufbaut. In langen Linien ziehen ſich wieder zahlreiche Windungen(im Italieniſchen Giravolten), die der Fuß⸗ gänger bedeutend abſchneiden kann, an der Felswand hinauf. Um lange Unterbrechungen zu verhüten, iſt dieſer oberſte Theil der Straße faſt ganz bedacht und durch eine Reihe von Schutzgallerien, theils hölzern, theils gemauert oder in den Fels geſprengt, gegen La⸗ winen und Waſſerfälle geſichert. So fährt man im hohen Sommer unter dieſen Schutzdächern neben den auf der Seite aufgethürmten Schneemauern hin, welche oft, wie gefrorne Fenſter, nur ein Dämmerlicht herein⸗ fallen laſſen. Stürme und Lawinen richten in jedem Winter bedeutende Verwüſtungen an, die ſich oft erſt im Frühjahre zeigen, wenn der Schnee ſchmilzt: höl⸗ zerne Gänge ſind durchbrochen und lange Strecken der Straße mit Felstrümmern bedeckt oder ganz fortge⸗ riſſen. — Auf halber Höhe ſtand früher das Poſthaus Im Winter 1825 wartete der Poſt⸗ 4 meiſter gu wachen. Schneewü Lawine in unten nach einem groß iine Decke Vor mit hölzer ren brach Wormſer⸗ ſtörung d dieſe öſter und hied Südtyrol wurde nu Ma den die; einem ſt Ba Trauun Marien ſich das ten Wa Da⸗ einen der St r angenehm; den, abgleih Herrlich war m angefühtt, m Süden die daren Schner⸗ M 4 8 Monteroſa, te Gipfel den Fernern der Blick über cttemberg hin⸗ tmit ſeinem ſchon früher Schneller, zum on von ferne das die bei⸗ te war noch jedoch auf. zandeln“ und Um zwölf ad nach acht vo Feuer an⸗ orgens wurde u weffen, daß drei Brunnen kam die kleine Kirche an, wo nzenshöhe aus dere Perſonen Theil zu neh⸗ der Uebrigen er Poſtmeiſter che von einem Dorfe mitge⸗ ie Tour übet zu verfolgen, Die Wände nloſes Felſen⸗ aarme Söm⸗ traße leer von 6 bis 1 Fuß idder zahlrih die der Fuß⸗ dr Felswund verhüten, iſt bedacht und 8 - 179— meiſter auf die Briefpoſt aus Bormio; da ſie zu lange ausblieb, legte er ſich zu Bette und ließ zwei Knechte wachen. Als endlich der Poſtillon kam, fand er eine Schneewüſte an der Stelle des Poſthauſes, welches eine Lawine in den Abgrund geſchleudert hatte. bpardo trägt. Als man unten nachgrub, fand man den Poſthalter todt unter einem großen Felsblocke, die Knechte aber, über die ſich eine Decke von Balken gelegt hatte, unverletzt. Vor dem Jahre 1848 war faſt der ganze Weg mit hölzernen Gallerien bedeckt. Italieniſche Freiſchaa⸗ ren brachen aber zu jener Zeit verheerend über das Wormſer⸗Joch in Südtyrol ein, und ſuchten durch Zer⸗ ſtörung der Gallerien und Caſino's(Zufluchtshäuſer) dieſe öſterreichiſche Etappenſtraße unzugänglich zu machen und hiedurch die Truppenmärſche aus Deutſchland nach Südtyrol zu verhindern. Zum Schutze der Straße wurde nun bei Gomagoi ein Fort errichtet. Man erreicht von der Franzenshöhe in zwei Stun⸗ den die Jochhöhe, wo ein Arbeiterhaus ſteht. Neben einem ſturmfeſten Caſino ſteht der Gränzſtein, der mitten die Aufſchrift Confine, auf deutſcher Seite Territorio Tirolese, auf italieniſcher Territorio Lom- Die Ausſicht Italien zu, wo ſich das Joch allmälig über hügelige Steinfelder und mooſige Tiefen zu der eine kleine Stunde entfernten Cantoniera di Santa Maria herabſenkt, iſt öde und troſtlos. Dieſe kleine, aus nur zwei Häuſern, dem Wirthſchaftsgebäude und den Ställen beſtehende Häuſergruppe liegt 8100 Fuß hoch in einem kahlen, nur Diſteln und dürftiges Gras hervorbringenden Bergkeſſel, und iſt wohl die höchſte, auch im Winter bewohnte Behauſung Europa's. Die Straße muß wieder zu vielen Windungen ihre Zuflucht nehmen, bis ſie auf den tieferen Thalboden und die Poſtſtation Spondalonga(lange Bruſtwehr) 5380 Fuß gelangt. Vier Stunden vom Joche liegt Bormio oder Worms, noch 3848 Fuß über Meer, in einem grünen Thalkeſſel, der nach dieſen ſtarren, nackten Höhen wie V V ein üppig grünender Garten erſcheint. C. F. A. Kolb. Die Sünderin. (Schluß von Seite 176.) Bald nahte der von Heinrich heiß erſehnte Tag der Trauung, und im Gefühle höchſter Seligkeit führte er Marien zum Altare. Nach dem Trauungsakte begab ſich das junge Paar in dem von der Tante überſende⸗ ten Wagen ſofort auf das Schloß Montreuil. Das Feuer, das im Kamin brannte, verbreitete einen lebhaften Glanz im Zimmer, während draußen der Sturm tobte und der Schnee an die Fenſter ſchlug. Unter heiteren Geſprächen genoſſen die Neuvermähl⸗ ten in Geſellſchaft der Tante und des Canonicus das Abendbrod, wobei zuweilen ein launiger Trinkſpruch des greiſen Oheims daſſelbe würzte. Heeinrich wäre überglücklich geweſen, wenn er nicht 4 zabemerkt bütte, daß Marie, als die Tante ihrer künf— . ti gen hauslichen Einrichtung erwähnte, plötzlich zuſam⸗ menzuckte. Kaum konnte er den Augenblick erwarten, wo er mit Marien allein ſein konnte, um von ihr zu erfah⸗ ren, was jenes krampfhafte Zuſammenzucken verur⸗ ſacht habe. Da der Canonicus bemerkt hatte, daß er, ſo leid es ihm auch thue, den ihm ſo lieb gewordenen trauten Kreis ſchneller, als er gewollt, verlaſſen zu müſſen, da ihn dringliche und wichtige Amtsgeſchäfte in die Stadt riefen, morgen mit dem Früheſten abreiſen werde, übrigens auch bereits die mitternächtliche Stunde ſich nahete, ſo begab ſich die Tante bald nach aufgehobener Tafel auf ihr Wohnzimmer, Allen herzlich eine„gute Nacht“ wünſchend. „Gern möchte ich, liebe Kinder, Stündchen mit euch plaudern,“ hob der Canonicus an, auf dem Sopha Platz nehmend,„wäre nicht die Zeit ſer ergreife ich die Gelegenheit, euch noch mit meinen wohl noch ein ſſchon zu weit vorgerückt. Je mehr mir aber,“ fuhr Marie. der fort,„euer Glück am Herzen liegt, um ſo freudi⸗ frommen, väterlichen Wünſchen rückſichtlich eurer künf⸗ tigen Lebensführung bekannt zu machen.“ In liebevollen Worten ſprach nun der Abbé von der Führung eines zufriedenen und gottſeligen häus⸗ lichen Lebens, und Heinrichs und Mariens Hand erfaſſend, ſprach er zuletzt innig bewegt:„Nun, meine Lieben, ſo ſeid recht glücklich, und habet immer Gott vor Augen.“ Heinrich geleitete hierauf den Oheim, da dieſer wünſchte, nunmehr auch der Ruhe pflegen zu wollen, nach deſſen Schlafgemach. „Nun ſiehſt du, meine Marie, Gott hat geholfen,“ rief Heinrich wieder eintretend,„wir ſind vereint für immer,“ fuhr er entzückt fort,„und gehen einer glück⸗ lichen Zukunft entgegen. Biſt du doch der Liebe eines Königs werth! Aber ach! du liebſt mich nicht, denn ein Etwas ſcheint deinem Glücke zu fehlen, darum öffne mir die Falten deines bekümmerten Herzens.“ „Ja,“ entgegnete Marie lächelnd,„ich liebe dich, als wäre ich deine Schweſter, deine Mutter—“ „Nein, Marie, du liebſt mich nicht, wie ich mir träumte. Habe ich nicht geſagt, daß ich dich liebte von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und für mein gan⸗ zes Leben?“ Marie ſchlug bei dieſen Worten die Augen zum Himmel empor. 1 „Der Himmel erhöre dich und ſegne uns!“ Marie klingelte. „Warum klingelſt du, Marie?“ „Daß man mir meine Toilette bringe.“ Eine Dienerin öffnete die Thüre. „Bringe mir das Käſtchen von Roſenholz,“ ſagte Das Mädchen ging und kit bald wieder zurück. Während Heinrich hinter ihr die Thür verſchloß, öff⸗ 23* .. 4 4 8 “ 5 2 . B - 180— nete Marie das Käſtchen am Kamin. Sie nahm ein Schreibzeug, eine Feder und ein Blatt Papier heraus. „Was fällt dir ein?“ fragte Heinrich, als er zu ihr zurückkam,„wozu das Schreibgeräthe? Iſt die Liebe ein Advokat?“ „Wer weiß! die Liebe hat dir vielleicht eine Bitt⸗ ſchrift zu übergeben.“ Da Heinrich durch dieſe Worte traurig geſtimmt wurde, ſetzte ſie heiter hinzu:„gräme dich nicht, Kind, ich lege die Feder nieder.“ „Weißt du, daß Jedermann im Schloſſe zur Ruhe gegangen iſt?“ „Ich glaube es,“ antwortete ſie lächelnd,„es iſt a 6- 1üſ Mee F l 7(Siehe S ab, trat dann an ein Fenſter und zog die Vorhänge zurück, um den Himmel zu ſehen. Der Wind rauſchte ſanft in den alten Bäumen des Parkes. „Wie ſchön wird morgen das Wetter ſein!“ ſprach Marie mit einem Seufzer;„er wird in den Strahlen der Sonne erwachen, unter dem Geſange der Vögel. Ich öffne das Fenſter; der Wind wird dann den Duft des Morgens und das Lied der Lerche bis zu unſerem Bette tragen.“ Sie blickte nach dem Bette; Heinrich ſchlief noch immer.„Mich friert!“ ſprach ſie ſchauend. Es iſt Zeit, daß ich mich wieder niederlege.“ Sie ging nochmals bis an den Kamin, wo ſie lange das Porträt ihrer Mutter betrachtete.„Ach, mein Gott!“ murmelte ſie;„ich danke dir für den Muth, den du mir gegeben haſt.“ Als ſie ſich wieder niedergelegt hatte, faltete ſie wiederum inbrünſtig die Hände; endlich, als ſie dem Schlafe nicht länger widerſtehen konnte, ſchlief ſie nach einem langen Seufzer ein. Als Heinrich erwachte, brach der Tag allmählig ſich beim Erwachen der Natur verbreitet. Er wagte kaum aufzuathmen, aus Beſorgniß, Marien zu wecken; er ſah ihren Kopf halb von einer Falte des Kopfkiſſens verhüllt, halb von dem langen Haare verſchleiert. Mit ſüßer Ungeduld wartete er, daß der erſte Sonnenſtrahl ihre geliebten Züge erhellen werde. Heinrich ſtand in der Morgenröthe des Glückes, im Frühlinge ſeiner Liebe. Dennoch lag in dieſer Liebe eine ſtörende Bitterkeit, die er nicht zu entfernen vermochte. Mit einem Male traf ein Sonnenſtrahl auf das Fenſter und reichte bis an den Fuß des Bettes. „Die Sonne geht auf, ich kann Marien wecken,“ dachte Heinrich bei ſich, und ſtrich mit leichter Hand das lange Haar ſeiner Geliebten zurück. Er neigte ſich über ſie, und drückte ſeine bebenden Lippen auf die Lippen Mariens, in demſelben Augen blicke aber fuhr er mit Entſetzen zurück. 8 ſt⸗ ja ſchon elf Uhr! Du haſt dich nie ſo ſpät nieder⸗„Mr gelegt, nicht wahr?“ uffu, Beide begaben ſich zur Ruhe. Heinrich, von den E Erlebniſſen des Tages ohnehin angegriffen, war bald tr ſch,d in tiefen Schlummer verſunken. 6 na Nach einem Gebete erhob ſich Marie wieder von ſäin Bru ihrem Lager, betrachtete ihn unter heißen Thränen, und ihm di d trat mit den niedlichen Füßen in ihre Schuhe, warf 1 M einen Mantel über ihre zitternden Schultern, näherte nochten! ſich dem Kamin, und ergriff mit bewegter Hand die Eine Feder. Sie ſchrieb unter Thränen wohl über zwei ſchluchger Stunden lang. Von Zeit zu Zeit ſah ſie ängſtlich Wo nach dem Bette. Als ſie fertig war, ſtand ſie auf und tann al betrachtete ſich mit trauriger Neugierde in dem Spie⸗ Er gel. Sie ging einige Male in dem Zimmer auf und chen auf götter i deuufen bald jed draußen „M ſprang; it ſie, Als Brief, d hatte. und jede der ihm De 5 ſterben. dich m Aber n erwarte Stunde auf me ſouche d mich 9 Lieben herzigt in dieſ der an Srrett S. 181 an; die erſte Gluth der Morgenröthe ſteherenin dem 4—, Zimmer wieder; draußen war es ſtill und geräuſchlos Nein und man hörte nur das eigenthümliche Summen, das derder tri niar„Marie!“ rief er bleich und wie vom Blitze ge⸗ don den troffen,„Marie!“ ar bald Er konnte an ſeinem Unglücke nicht lange zweifeln, 3 er ſah, daß ſie todt war. der d Er nahm ihre Hände, hob ſie auf, legte ſie an hen u ſeine Bruſt, weinte und betete, kurz er that Alles, was b un ihm die innigſte Liebe, der verzweifeltſte Schmerz ein⸗ nij arf gab. Marie war todt; ſeine Küſſe und Thränen ver⸗ Auhette mochten nichts.(Siehe Bild S. 180.) de di Eine Stunde lang ſaß er da über ſie gebeugt, dr zwei ſchluchzend, zärtlich ſie anredend. angſtlich„Wo aber bin ich?“ fragte er ſich plötzlich;„es auf und kann alles dies nur ein Traum ſein.“ m Spit⸗ Er blickte auf, und ſah die friſchen Bauernmäd⸗ auf und chen auf der Tapete lächeln, ſah die dickbackigen Liebes⸗ götter über den Thüren und den blauen Himmel draußen. Aber noch immer glaubte er zu träumen; bald jedoch hörte er zwei Dienerinnen auf dem Gange draußen leiſe ſprechen. „Mein Gott!“ rief er, indem er aus dem Bette ſprang;„es iſt vorbei. Was ſoll ich thun? Warum iſt ſie, wie iſt ſie geſtorben?“ Als er dem Kamine ſich näherte, erblickte er den Brief, den Marie unter ſo vielen Thränen geſchrieben hatte. Er nahm ihn faſt mit Freude, überlas ihn, und jedes Wort des Abſchiedes war wie ein Dolchſtich, der ihm in das Herz drang. Der Brief lautete: „Was ſoll ich dir ſchreiben, Heinrich? Ich werde ſterben. dich mein ſchönes Leben neu beginnen ſehen könnte! Aber werde ich nicht da oben wieder leben, und dich Stunde, da eine Thräne des Glückes aus deinem Auge auf mein Herz gefallen iſt. fluche der nicht, die du geſegnet haſt; bedauere nicht, mich geliebt zu haben, denn ich werde jetzt mit deiner Liebe vor Gott erſcheinen, und er wird in ſeiner Barm⸗ herzigkeit die reuige Sünderin aufnehmen. Ich habe in dieſer Welt ſo viel gelitten, daß man mir es in der andern zu gute rechnen wird. Erretter. Es gehörte deine ganze, edle Liebe dazu, um wen Richter zu beſänftigen; ſie haben der ver⸗ — ne ſo große Liebe einflößte. Und warum nicht in aller geweihten Freude dieſer Liebe? Nein, nei; ich bin dem, der mich geliebt hat, immer verderblich geweſen. Ich muß ſterben, denn wer weiß, Vor zwanzig Jahren begegnete einem Freunde von bitterkeit mir in Texas folgendes ſchauerliche Abenteuer. Er . brach von Houſton auf, um ſich zu Pferde nach einer auf das Niiederlaſſung an dem Brazos zu begeben. Ein großer r8.. Torheil ſeines Weges führte über ebenes, tiefliegendes wecken, Sumpfland, das von zahlreichen Strömen und Bächen durchzogen wurde; einige davon hatten Furthen, wäh⸗ rend man andere durchſchwimmen mußte. Eines Tages wurde, als er ein Kunſtſtück der letzteren Art verſuchte, ein Pferd ſcheu und warf ihn in's Waſſer. Nach ter Hand bebenden n Augen, ren, ich würde durch Sterben, da ich nach ſo vielen Leiden durch erwarten? Ja ſterben, denn ich kann es in dieſer Heinrich, verzeihe mir, Du biſt mein erſter - 181 ob du nicht bald den Abgrund erkennen würdeſt, in welchen du um meinetwillen hinabgeſtiegen biſt. Dann würde ich für dich nur eine Feſſel ſein. Ich könnte wohl deinem Schmerze antworten: du haſt es gewollt; aber nein, ich fühle Mitleid mit einem edlen, verirr⸗ ten Herzen. Was könnte ich dir bieten für ſo viele Liebe?— ein beflecktes Herz, das keine Ruhe finden kann, das immer die früheren Verirrungen vor ſich ſieht. Ach, ich habe dich innig geliebt, ich ſterbe in Liebe zu dir, aber ich fühle auch, daß ich die Kraft nicht mehr habe, zu lieben. Deine Seele mußte in mein Herz dringen, um das göttliche Feuer in ihm wiederum anzufachen. Ich muß es dir ſagen, Hein⸗ rich, ſobald du davon ſprachſt, mich zu heirathen, dachte ich an den Tod, aber ich dachte an ihn mit wahrem Wonnegefühle; ſterben in deiner Liebe, ſterben und be— trauert zu werden von einem großen Herzen, ich, die von aller Welt verfluchte, was konnte ich Schöneres hoffen? Du haſt mir deinen Namen gegeben, die Hei⸗ rath mit dir war für mich eine neue Taufe, die Taufe der Abſolution. Das iſt Alles, was ich noch von dem Leben erwartete, nebſt einem Kuſſe deiner jugendlichen Lippen auf meine Stirne; iſt dieſer Kuß nicht ein hei⸗ liges Diadem?— Eben habe ich Opium genommen, und ſchon fühle ich die Wirkungen deſſelben.— Ach, mein Gott, gib mir die Kraft, ruhig zu ſterben! Heinrich, Heinrich, ich wage nicht, zu dir zurückzukeh⸗ Todeskälte Schauder in dir er⸗ regen. Armes Kind! Eine traurige Brautnacht! Ich habe nicht lange mehr zu leben; lebe wohl! lebe wohl! Dieſer Brief iſt mein Teſtament; ich wünſche, daß du leben mögeſt, ohne mich zu beklagen, aber um mein Andenken zu vertheidigen. Armer Heinrich, wenn du erwachſt, wirſt du allein ſein, allein mit einer Todten! Ich bitte dich um einen letzten Kuß.— Begrabe mich mit dem Porträt meiner Mutter. Lebe wohl! Lebe wohl!. . Marie.“ Marie wurde auf dem Schloſſe Montreuil begra⸗ ben. Nach einigen Tagen tiefer Trauer kehrte Hein⸗ rich zu ſeiner Familie zurück, allein er fand keinen Troſt, vielmehr erſchien er nach einem Jahre wieder in Paris, Um ſeinen traurigen Erinnerungen näher zu ſein. Er ſtarb vor ſeinem alten Oheime, dem Cano⸗ nicus. In den letzten Tagen ſammelte er noch ein⸗ mal ſeine Kräfte, um nach Montreuil zu gehen, und eine Blume von Mariens Grabe zu pflücken. Der Mord im Arwalde. 4 ſchwerem Kampfe gelang es ihm, das andere Ufer zu erreichen; mehr todt als lebendig kletterte er zu dem trockenen Lande hinan und mußte da leider finden, daß ſich ſein Thier in dem dichten Walde verlaufen hatte und er zu Fuß und allein, fern von jeder menſchlichen Wohnung, in einer traurigen Wildniß ſtand. An ein Auffangen des flüchtigen Roſſes durfte er nicht denken, und da der Tag bereits auf die Neige ging, mußte er auch die Hoffnung auf ein Obdach für die Nacht auf⸗ geben. Eine ſehr unerquickliche Ausſicht, frierend, 1 - 182—„ durchnäßt, und ohne etwas im Magen die Nacht auf feuchtem Boden zubringen zu ſollen, wo ihm jeden Augenblick eine wilde Beſtie des Urwalds einen Beſuch abſtatten konnte. Doch da war nichts zu ändern, und er mußte zum ſchlimmen Spiele eine gute Miene machen. Er hatte keine andere Waffe, als ſein Meſſer, da ſeine Piſtolen in den Sattelholftern ſtaken, keinen Teppich, keinen Mantel, um ſich damit zu bedecken, und da es ihm außerdem an den Mitteln gebrach, ein Feuer an⸗ zuzünden, ſo beſchloß er in heller Verzweiflung, im Walde weiter zu wandern, bis er auf eine menſchliche Wohnung träfe, und wenn er bis zum Morgen auf den Beinen bleiben mußte. So lange es noch hell war, ging es damit leidlich Wiährend er noch mit ſich ſelbſt zu Rathe ging und genug; als aber endlich die Nacht einbrach, wurde es ſchwierig, den ſchmalen Roßpfad auch nur eine Stunde weit einzuhalten. Er fand nach dieſer Friſt, daß er verirrt war, und wußte nun nicht mehr, in welche Richtung er ſich zu wenden hatte, um wieder auf den verlorenen Weg zu kommen. Machte er auf's Gerathe⸗ wohl fort, ſo ſtand zu befürchten, daß er ſich auch am anderen Morgen nicht wieder zurecht fand, weßhalb er beſchloß, an Ort und Stelle zu bleiben. Er hätte wohl gerne ſeine naſſen Kleider getrocknet, aber da ihm die Mittel hiefür abgingen, ſo ſuchte er ſich einen Baum aus, in deſſen Zweigen er wenigſtens gegen die Angriffe der Raubthiere geſichert war, die, wie er wußte, ſich noch in dieſer Gegend umtrieben. Er hatte bald, was er brauchte; aber wenn auch der Blätter⸗ ſchirm ſeinem Leben Schutz verſprach, ſo entſchwanden ihm doch die langen Stunden, die ſein durchkälteter Körper ſchon um der gefährlichen Oertlichkeit willen ſchlaflos verbringen mußte, qualvoll genug. Er mochte ein paar Stunden in dieſer peinlichen Lage geſeſſen haben, als er mit freudiger Ueberraſchung aus der Ferne den Hufſchlag von Pferden vernahm, die allmählig näher und näher kamen, bis er endlich ſogar die willkommenen Laute menſchlicher Stimmen Haändel bereiten. Geht mit der Laterne und dem Spa⸗ unterſcheiden konnte; es hatte den Anſchein, als unter⸗ hielten ſich ein paar Reiſende in der gewöhnlichen Weiſe mit einander.„Die kann ich anrufen,“ ſagte mein Freund zu ſich ſelbſt.„Sie werden mich auf den rech⸗ ten Weg weiſen, und wenn's gut geht, finde ich noch in der nächſten Anſiedelung ein ordentliches Nachtquar⸗ tier.“ Getroſt in der Ueberzeugung, daß er nicht weit von dem Wege abgekommen ſein konnte, wartete er, bis die Reiter nahe genug waren, um ſeinen Ruf zu hören. Aber während er in ängſtlichem Schweigen harrte, vernahm er plötzlich den Knall einer Piſtole, / 8 Unſer Freund bemerkte nun, daß das Licht von einer Blendlaterne ausging; doch konnte er durch die Blätter und Zweige nur gelegentlich die ſchattenhaften Bewegungen der beiden Mörder unterſcheiden, die jetzt ihre Pferde anbanden und ſo leiſe ſprachen, daß ſich von ihren Worten nichts mehr verſtehen ließ. In ſei⸗ ner Aufregung wußte er nicht, was er thun ſollte, und es kämpfte in ihm, ob es am beſten ſei, ruhig auf ſeinem Baume ſitzen zu bleiben, oder ſich fortzuſchlei⸗ chen, um in der nächſten Anſiedelung Lärm zu machen. lauſchend umherſchaute, hörte er einen von den Schur⸗ ken lauter ſagen:„So, jetzt haben wir, was wir wollten. Schätz wohl, wir müſſen ihn auch ein⸗ ſcharren.“ „Natürlich,“ verſetzte der Andere.„Unter den Bo⸗ den mit ihm, daß weder Menſch noch Vieh ihn aus⸗ wittert— ein unbefugter Tropf könnte uns ſchlimme ten voran; ich will die Leiche nachſchleppen. Sucht ein weiches Stück Grund auf, denn ich will nicht die ganze Nacht mit einer Arbeit zubringen, die nichts einträgt.“ „Ich meine, ſie trage genug ein,“ entgegnete ſein Kamerad,„denn ich gebe gerne ein rundes Tauſend für die Hälfte, die Ihr bei dieſem Geſchäfte verdient habt.“ „Das iſt richtig, Joe. Aber begreift Ihr nicht, daß wir dies für das Todtſchlagen haben? Ich meine, das Begraben— dies zahlt ſich nicht, einfältiger Menſch.“ „Hört!“ rief Joe in warnendem Tone.„War's mir doch, ich höre ein Geräuſch. Wenn Jemand des Wegs käme und wir entdeckt würden—“ „Dann müßten wir eben zwei einſcharren, Joe. Aber macht hurtig und laßt das Licht nur ſcheinen, wo es nöthig iſt.“. Die zwei Männer kamen nun auf den Baum zu, auf dem unſer Freund ſaß, der eine mit dem Spaten und der Laterne, der andere mit dem Leichname des Ermordeten, den er nachſchleppte. Etwa zehn Fuß von dem Baume ab machten ſie an einer weichen, ſumpfi⸗ und unmittelbar darauf ein ſchweres Aechzen, verbun⸗ den mit einem Tone, wie wenn Jemand vom Pferd ſtürze. Der Hufſchlag derſtummte. Augenſcheinlich war kaum hundert Schritte von ihm Halt gemacht worden, und er hörte jetzt eine Stimme in gedämpftem, aufgeregtem Tone ſprechen:„Kein Meſſer. Ich rechne, mein Schuß hat ihm ſchon den Garaus gemacht. Neh⸗ men wir uns in Acht, daß wir keine Blutſpuren an unſere Kleider bringen.“ „Gut,“ verſetzte eine andere Stimme.„Jetzt an das Geld. Hier iſt die Laterne. Macht hurtig!“ Ein Licht blickte durch das Gebüſch. Der erſte Sprecher ſagte:„Ah, da iſt es, Joe— ein hübſcher Pack. Wir haben diesmal einen guten Fang gethan!“ „Und ſeine Uhr,“ fuhr der Andere fort(es ſchie⸗ nen ihrer nur zwei zu ſein). gen Stelle Halt, und begannen Angeſichts des Verſteck⸗ N ten, der bei dem Scheine des Lichts gelegentlich ihre 6 Geſichter deutlich unterſcheiden konnte, den Boden auf⸗— zugraben. Wie wenig ahnten ſie, daß ihnen ein menſ liches Auge zuſah, und es war ein Glück für unſern Freund, daß ihre Arbeit ſie zu ſehr in Anſpruch nahm, um das Rauſchen der Blätter zu hören, als der Aſt, auf dem er ſaß, unter ſeinem fieberhaften Beben ſchütterte. 1 Sie ſprachen wenig mehr, ſondern gruben eifrig fort, indem bald der Eine, bald der Andere den Spa⸗ ten aufnahm. In wenigen Minuten hatten ſie in der weichen Erde eine Grube ausgehöhlt, welche für ihren Zweck ausreichte. Dann warfen ſie den Körper des Erſchlagenen, als ob es der eines Hundes wäre, hin⸗ ein, ſchaufelten zu und traten den Boden darüber wie⸗ der eben. „So,“ ſagte der Eine, und warf den Spaten weit hinein in das vor ihm liegende Dickicht,„wir haben jetzt ſeinen Tiſch gemacht und können wieder heimgehen. Das Pferd könnt Ihr Bagley bringen und ihm ſagen, die Hälfte von dem, was er in der Bai drunten dafür löſe, gehöre ſein.“ „Aber Sattel und Zeug?“ fragte der Andere. „Oh, das muß mit dem Pferde gehen. Der Menſch Y 2 — in eini Minute Für handen, Baume langte und Gr Richtun Wege d gelegt h in nicht tes, da ſiedlers würde haben; weſen, wollte am M meiden chend ſchreckl W. e K ruhig 3 8 8 icht vmn r durh die hattenhaften en, die jetzt 1, daß ſich 5. In ſci⸗ ſollte, und ruhig auf frtzuſcle⸗ zu machen. e ging und den Schur⸗ „ was wir auch ein⸗ iter den Bo⸗ ihh ihn aus⸗ as ſchlimme d dem Spa⸗ Sucht ein ct die ganze einträgt. gegnete ſein Tauſend für dient habt.“ Ihr nicht, Ich meine, einfältiger ne.„Wars Jemand des crren, Joe. cheinen, wo Baum zu, dem Spaten ichname des ehn Fuß von hen, ſumpf⸗ des Verſtec⸗ gentlih ihte Boden auf⸗ rein menſ— für unſern ppruch nahmm, als der Aſ aften Bebnn ruben eifri rre den Spa⸗ mn ſie in del he für ihren Körper des würe, hin⸗ darüber wie⸗ Zpaten wet wir habm rtemmſa ihm ſagen, runten dafüt Andert. da Meuſt b 3 - 183— iſt fremd in Texas geweſen, und es wird's Niemand erkennen. Kommt ſo bald als möglich wieder zurück. Ich will das Geld mitnehmen, es abzählen und Euren Antheil für Euch zurücklegen.“ „Ihr nehmt aber doch nicht mehr als die Hälfte, Bill?“„ „Haltet Ihr mich für einen Dieb, Joe?“ „Oh nein; es war nur Spaß, Bill.“ „Und dazu glaubt Ihr berechtigt zu ſein, weil Ihr der Joe King ſeid?“ verſetzte der Andere lachend.„Na, macht daß Ihr fort kommt— nehmt Euch in Acht, daß Euch Niemand begegnet— zuerſt durch's Gebüſch.“ Die Beiden traten nun den Rückweg an, um ſich in einiger Entfernung zu trennen. Nach ein paar Minuten waren ſie außer Hörweite. Für unſern Freund war länger kein Grund vor⸗ handen, über dem Grabe des Ermordeten auf ſeinem Baume zu bleiben; er ſtieg daher wieder herunter, ge⸗ langte auf den Roßpfad zurück und eilte, vor Entſetzen und Grauſen am ganzen Leibe zitternd, in weſtlicher Richtung weiter. Diesmal kam er nicht wieder vom Wege ab. Nachdem er zwei oder drei Miles zurück⸗ gelegt hatte, gelangte er auf freies Feld, und erblickte in nicht großer Entfernung das Flimmern eines Lich⸗ tes, das augenſcheinlich von der Wohnung eines An⸗ ſiedlers herkam. Die Ausſicht auf eine Nachtherberge würde er unter anderen Umſtänden mit Freuden begrüßt haben; aber das Verbrechen, deſſen Zeuge er eben ge⸗ weſen, machte ihn ängſtlich und argwöhniſch. Lieber wollte er die Nacht im Freien zubringen und ſogar am Morgen die Begegnung mit jedem Fremden ver⸗ meiden, bis er einen Platz erreicht hatte, der hinrei⸗ chend bevölkert war, um ihm die Enthüllung ſeines ſchrecklichen Geheimniſſes räthlich erſcheinen zu laſſen. Wie er ſich eben niederlegen wollte, bemerkte er ein Pferd, das einige Ruthen links vom Wege ab ruhig graste. In der Vermuthung, es könnte ſein entlaufenes Thier ſein, näherte er ſich demſelben vor⸗ ſichtig, und machte zu ſeiner großen Freude die Ent⸗ deckung, daß er ſich nicht getäuſcht hatte. Er griff es auf und beſtieg es. Sobald nun unſer etwas furcht⸗ ſamer Freund ſich wieder im Beſitze ſeiner Piſtolen ſah, wuchs ihm der Muth, und er nahm ſich vor, keck auf die nächſte Anſiedelung zuzureiten. Dort angelangt, ſtellte er in dem einzigen Wirthshauſe ein und begab ſich zu Bette, ohne über den Vorgang im Walde etwas verlauten zu laſſen. Am anderen Morgen erkundigte er ſich nach einer Magiſtratsperſon, und wurde nach dem Hauſe des Squire Goodwin gewieſen, welcher der Verſicherung ſeines Wirthes zufolge ein ſo ehrlicher Mann ſein ſollte, wie nur je einer gelebt hatte. Unſer Freund machte dieſem ehrlichen Squire die Aufwartung in der Abſicht, ihm Alles, was er von dem ſchrecklichen Morde wüßte, zu eröffnen; aber man denke ſich ſeine Ueberraſchung, ſeine Beſtürzung und ſeinen Schrecken, als er in der Orts⸗ obrigkeit ſelbſt einen der Mörder erkannte, die vor ſei⸗ nen Augen ihr Opfer eingeſcharrt hatten. Er wurde blaß, fuhr zurück und ſtreckte voll Abſcheu ſeine Hände aus. „Nun, was ſoll dies heißen?“ fragte der Ortsvor⸗ ſtand mit finſterem Stirnerunzeln. Auch die Stimme! Es war dieſelbe, welche er bei jenem unvergeßlichen Auftritte gehört hatte. „Ich bitte um Verzeihung,“ verſetzte unſer Freund, der ſchnell ſeine Faſſung wieder gewann,„ich meinte, Sie ſchon früher geſehen zu haben, ſehe aber wohl, daß es ein Irrthum iſt. Können Sie mir nicht Aus⸗ kunft geben über einen gewiſſen Henry Smith, der ſich irgendwo in dieſer Gegend niedergelaſſen haben ſoll?“ „Ich weiß nichts von einem Menſchen dieſes Na⸗ mens,“ antwortete der Andere, ihn noch immer arg⸗ wöhniſch betrachtend. Einige weitere Fragen über eine Perſon, von der unſer Freund ſelbſt nie etwas gehört hatte, ſchienen ihn zu überzeugen, daß er ſich in dieſem Strich ver⸗ geblich nach einem Henry Smith umſah; nachdem er den Richter um Verzeihung gebeten, daß er ſeine koſt⸗ bare Zeit in Anſpruch genommen, wünſchte er ihm guten Tag und entfernte ſich. Auf dem Wege nach dem Wirthshauſe begegnete er dem anderen Mörder, der mit ganz unſchuldiger Miene ſich ihm anſchloß und ihn bis an's Haus begleitete. Wer iſt dieſer Herr?“ fragte er den Wirth, auf das fragliche Individuum deutend. „Das iſt Joſeph King, unſer Sheriff.“ Unſer Freund befand ſich noch zehn Miles von ſeinem Beſtimmungsort, wo er etwas Land zu kaufen und ſich niederzulaſſen beabſichtigte; aber was er in ſo kurzer Zeit erlebt hatte, reichte zu, ihn zu einer Aen⸗ derung ſeines Planes zu beſtimmen. Er beſtieg ſein Pferd wieder und ritt nach Houſton zurück, wo er wohlbehalten wieder anlangte. Ein paar Tage ſpäter ſchiffte er ſich in Galveſton ein, um nach New⸗Orleans zu reiſen, feſt entſchloſſen, ſich nie wieder unter den Räubern und Mördern von Texas blicken zu laſſen. Drei Jahre nachher las er in den Zeitungen einen Bericht über die Aufhebung einer Falſchmünzer⸗ und Mörderbande in Texas, deren Anführer William Good⸗ win und Joſeph King laut Spruchs des Richters Lynch gehangen worden waren. „Erſt ſeitdem iſt's mir wieder wohl geworden,“ ſagte mein Freund,„denn ich gewann daraus die Ueber⸗ zeugung, daß den Verbrecher früher oder ſpäter die ſtrafende Gerechtigkeit ereilt. Ihr wundert Euch viel⸗ leicht, daß ich nicht in Texas blieb und gegen die Mörder des Reiſenden klagbar wurde? Aber würde man den Angaben eines Fremden Glauben geſchenkt und nicht vielmehr mich ſelbſt als der Unthat verdäch⸗ tig feſtgenommen haben? Und wenn's auch anders ge⸗ gangen wäre— meint Ihr, man hätte mich das Ende des Kriminalprozeſſes erleben laſſen? Nein, nein; nach dem, was ich erlebt, hielt ich es für beſſer, mein Geheimniß bei mir zu behalten und Texas den Rücken zuzukehren. Auch reut es mich keinen Augenblick, daß ich ſo gehandelt habe. Unter Griechenlands und Italiens ſchönem Him⸗ mel, zwiſchen 36° und 39° 46“ n. Br., liegen in drei Gruppen geſchieden, längs den Küſten von Alba⸗ nien, Akarnanien, Aetolien und Morea, ſieben größere, von 40 kleinen, zum Theil unbewohnten Eilanden und Klippen umgebene Inſeln, die Republik der joni⸗ ſchen Inſeln, welche England neuerer Zeit, ſeit Griechenlands Aufſtand im vorigen Jahre, ſeinem Kan⸗ didaten für den griechiſchen Thron als Ausſteuer zu⸗ gedacht hat: das olivenreiche Korfu, das Korcyra der Griechen und Römer, der Schlüſſel des adriatiſchen Meeres mit 8 Nebeninſeln, darunter Fano, Mer⸗ lera, Samotraki, Paxo, nebſt den menſchenlee— ren Antipaxo; dann Santa Maura, mit den Inſeln Meganiſi, Kalamo und andern, die alte Leucadia(Levkadha), die einſt als Halbinſel mit dem gegenüberliegenden Vorgebirge Leucata, jetzt Kap Ducato, zuſammenhing; dann Kephalonia, die größte unter den joniſchen Inſeln, mit ihren cyklopiſchen Mauer⸗ trümmern; Zante, die wald⸗ und fruchtreiche Za⸗ kynthos des Strabo, die noch jetzt von den Italie⸗ nern ihrer Fruchtbarkeit wegen il fiore di Levante genannt wird, und zuletzt, öſtlich von Kephalonia, Thiaki, ſonſt Ithaka. Dieſe ſechs Hauptinſeln liegen im joniſchen Meere, in welches ſich das adria— tiſche nach ſeiner Verengung zwiſchen dem Kap d'O⸗ tranto und Kap Linguetta öſtlich von Calabrien nach der griechiſchen Küſte hin erweitert. Die ſiebente Haupt⸗ inſel Cerigo, das alte Kythera, liegt ſüdlich von Morea: am Eingange ins Aegäiſche Meer, und bildet mit den kleinen Inſeln Cerigotto, Ovo, Dra— gonera und Pori, zwiſchen Cerigo und Kandia, die ſüdliche Gruppe des im Ganzen 51 ½ Quadr.⸗Meilen, mit 250,000 Seelen umfaſſenden Joniſchen Inſelſtaa- tes, deſſen Lage es deutlich erkennen läßt, warum ſein Beſitz allen Völkern, die den Handel des Mittelmeers und der Levante in Anſpruch nehmen, von jeher ſo wichtig war. Unter Hellas Schutze blühten die ſieben Eilande, die durch Homers Geſänge und Odyſſeus Irr⸗ fahrt auf die ſpäteſte Nachwelt gekommen, als beſon⸗ dere kleine Staaten. Heroenzeit Scheria, und war die Heimath der„reiche Gaben ſpendenden Phäaken“, die der joniſche Sänger als ein zur See mächtiges Volk ſchildert. nach Homer, von reizenden Gärten umgeben, der Palaſt des Alkinoos, reich an den ſeltenſten Kunſt⸗ werken in Metall; dort empfing die ſchöne Königstoch⸗ ter Nauſikaa den Odyſſeus, der die Kephalonier vor Troja geführt, und nach langer Irrfahrt an der Küſte von Scheria Schiffbruch gelitten hatte. Auf die⸗ ſer Inſel legte im 5. Jahrh. v. Chr. Korinth eine Kolonie an und nannte ſie Korcyra, die bald an Macht und ausgebreiteter Schifffahrt mit der reichen Mutterſtadt wetteiferte. Bei dem Ausbruche des pelo— ponneſiſchen Krieges, den Korcyra vorzüglich mit ver⸗ anlaßt hatte, ſtand die Kolonie auf dem Gipfel ihrer Macht. Später, als Griechenland unter Makedoniens, dann unter Roms Herrſchaft gekommen war, verlor Korcyra, gleich den übrigen joniſchen Inſeln, ſeine Die joniſchen Inſeln. Das heutige Korfu hieß in der Dort lag, Selbſtſtändigkeit, und unter Vespaſian ſeine Freiheit. Nach der Theilung des römiſchen Reichs gehörten die joniſchen Inſeln zu dem byzantiniſchen Kaiſerthume. Im 13. Jahrhundert ward Korfu von dem Normanen⸗ führer Roger von Sccilien erobert, und gehorchte jetzt den Königen von Neapel bis zum Jahre 1385, wo ſich dieſe wichtige Inſel der Königin des adriati⸗ ſchen und des Mittelmeeres, der Republik Venedig, unterwarf, die deren Beſitz im Jahre 1401 um 30,000 Dukaten von Neapel erkaufte, und die Stadt Korfu als eine Vormauer gegen die Türken befeſtigte. Spä⸗ ter bemächtigte ſich Venedig auch der übrigen Inſeln und regierte ſie durch Proveditoren, und die Inſeln ſelbſt bildeten, nebſt den venetianiſchen Beſitzungen auf dem Feſtlande(in Albanien), die Provinz Levante Veneto. Der Friede von Campo Formio, 1797, brachte ſie unter die Herrſchaft Frankreichs, aber ſchon 1799 bemächtigten ſich ihrer die verbündeten Türken und Ruſſen, worauf Kaiſer Paul das geſchäftliche Leben der alten Freiheit wieder erweckte, indem er ſie durch den Vertrag mit der Pforte vom 21. März 1800 unter dem Namen der„Sieben“ vereinigten Inſeln“ in einen Freiſtaat verwandelte, der von den Vornehmen des Landes regiert, unter der Hoheit der Pforte ſtehen und dieſer tributar ſein ſollte. In der That aber blieb der ruſſiſche Schutz ſo überwiegend, daß Korfu eine ruſſiſche Beſatzung erhielt. Innere Zerwürfniſſe rie⸗ fen 1803, unter den berühmten Grafen Capo d'Iſtrias, Vater und Sohn, die damals die Verhältniſſe der von Frankreich und Großbritannien anerkannten Republik ordneten, eine ariſtokratiſche Verfaſſung hervor, die durch Frankreich aber, das durch den Tilſiter Frieden wieder in den Beſitz der Inſeln kam, aufgehoben wurde. Im Jahre 1810 beſetzten die Engländer die wichtig⸗ ſten der Inſeln, mit Ausnahme Korfu's, und erlang⸗ ten auch dieſen wichtigen Vorpoſten des Levanteben durch die Pariſer Konvention vom 23. Durch Uebereinkunft vom 5. Nov. 181 endlich Oeſterreich, Großbritannien, Preuß land zu Paris das politiſche Schickſal der joniſchen Inſeln, und begründeten, den ſchon vorläufig auf dem Kongreſſe zu Wien verabredeten Beſtimmungen gemäß, das völkerrechtliche Daſein dieſes wiederbelebten Staats⸗ körpers. Nach dem Traktate vom 5. Nov. 1815, den Caſtlereagh, Wellington, Raſſumowsky und Capo »'Iſtria unterzeichneten, wurde die„Republik der ver⸗ einigten Staaten der joniſchen Inſeln“ unter den un⸗ mittelbaren und ausſchließenden Schutz Großbritanniens geſtellt, und die übrigen Mächte entſagten allen und jeden Anſprüchen, die ſie auf dieſe Inſeln haben könn⸗ ernennen, mit der Vollmacht, eine geſetzgebende Ver⸗ ſammlung des joniſchen Inſelſtaats zu berufen, damit dieſelbe einen Verfaſſungs⸗Entwurf bearbeite und der Krone Englands zur Beſtätigung vorlege. Großbri⸗ tannien ſollte ferner das Beſatzungsrecht der Feſtungen der Inſeln haben, und die Streitkräfte der Republik ſollten dem Oberbefehlshaber der britiſchen Truppen untergeordnet ſein; und Alles, was ſich auf Unterhal⸗ tung der vorhandenen Feſtungen und auf die Beſoldung ten. Großbritannien ſollte einen Lord⸗Oberkommiſſär delsflagge freien un Freiheit. örten die ſerthume. ormanen⸗ Rhorchte te 1385, 8 adriati⸗ Wenedig, n 30,000 andt Korfu te. Spä⸗ en Inſeln ie Inſeln ungen auf Levante 9, 1797, ber ſchon n Türken ſchäftliche dem et ſie Närz 1800 1 Inſeln“ Bornehmen orte ſtehen aber blieb dorfu eine efniſſe rie⸗ d'ſtrias, der von Republik wvor, die er Frieden ven wurde. ie wichti⸗ nd erlang⸗ mteb⸗ — oniſchen g auf dem gen gemäß, en Staats⸗ 1815, den und Capo it der ver⸗ er den un⸗ britanniens Großbrr rFfftunge T Republi 4 Truppen Unterhal⸗ Beſoldung der britiſchen Beſatzungstruppen, ſowie auf die nume⸗ riſche Stärke derſelben im Frieden, und auf das Ver⸗ hältniß des Heeres zu der joniſchen Regierung bezog, ſollte durch beſondere Uebereinkunft geordnet und feſt⸗ geſtellt werden.— Die Häfen der joniſchen Inſeln wurden hinſichtlich der Ehren⸗ und militäriſchen Rechte der britiſchen Gerichtsbarkeit untergeben, und die Han⸗ delsflagge der joniſchen Inſeln als die Flagge eines freien und unabhängigen Staats anerkannt. Der Han⸗ -+ 185— delsverkehr zwiſchen den vereinigten joniſchen Inſeln und den öſterreichiſchen Staaten ſollte dieſelbe Vortheile und Begünſtigungen genießen, wie der Handel Groß⸗ britanniens mit denſelben, übrigens aber, außer Han⸗ delsagenten oder Konſuln, kein diplomatiſcher Geſchäfts⸗ träger bei der Republik angeſtellt werden. Auf dieſer hiſtoriſchen Grundlage ruhte ſeit 1815 die Republik der joniſchen Inſeln, wurde in Wirklichkeit aber unter 47 dem britiſchen Protektorate nur wie eine Kolonie be⸗ ——— 35 5 — 5 Sgtarin 6 Nlissurc Argyrokastro ☛ orzitxc 3 * ilursi— VTel ILMerlerh Erilarsi 2— V V Lorfhonos, Tano S 1 Sararnta V 2 Janina ſeſa E 8 Stn Mdhd.. S 2 b V 24 3— e ITrihala, 0 V Taramithia- V 0 N—8 Parga- 4 S 1 6= . V — 556 22——„ e 22 2* 1 . b V Republik 4e Ionischen Inseln& 8ö — Iaean Male issolangbi — I. Rephalonla eh 4 V Luwuees— ——— T— 5 Achaia 3 Mor oxew 5 ſi 3 Tolin=— astuni- ILIante 2i ignee d Zakynthos) Vasvu 2 3 5 22 Ierpos es XMNos V — handelt. durch den Schutz Großbritanniens nichts weniger als befriedigt. Die politiſche Bildung des Volkslebens ent⸗ wickelte ſich auf den joniſchen Inſeln nur langſam, die britiſche Verwaltung vermochte es nicht, den helle⸗ niſchen Freiheitsſinn und den Stolz der Jonier mit ſich auszuſöhnen; die ſogenannte„Unabhängigkeit“ ging in der Thatſache der engliſchen Herrſchaft unter. Oe ariſtokratiſche Charakter der von der britiſchen emt, aufgeſtellten Lord⸗Oberkommiſſäre führte mapeit be⸗ Zerwüreniſſe und Unzufriedenheiten herbei; Junkelheit, 33. Die Bewohner der joniſchen Inſeln wurden am 29. Mai 1816 erfolgte Auflöſung des zu Korfu ſeit 1803 beſtehenden„Senats der ſieben Inſeln“ durch Sir Th. Maitland, den erſten Land⸗Oberkom⸗ miſſär de⸗⸗ Wn blik, der zugleich ein Geſetz bewirkte, er nigen, deren nahe Verwandte im 6— ächte ſtanden, von allen öffentlichen 2r E ſen wurden, trug nicht wenig dazu e theit des ganzen Volkes zu erregen, zen und angeſehenſten Familien der S. Iſtria's, Mocenigg, Luſi, Loverdo, Berletzen; die Ernenung eines Pri⸗ 24 8 durchnd Dorge und Alfred Faulf Hand der J. bewarb, 73, märrathes von 11 Joniern von Seiten des Lord⸗ Oberkommiſſärs, mit welchem er ſelbſt den Verfaſſungs⸗ entwurf der Republik bearbeitete, war nicht geeignet, die Liebe der Jonier zum„Protektorate“ zu ſteigern, das der joniſchen Schifffahrt und dem Handel weder Schutz gegen epirotiſche und mainottiſche Seeräuber zu gewähren vermochte, noch Vorkehrungen gegen die Peſt traf, die bald darauf in Korfu zum Ausbruche kam. Nach der Verfaſſungsurkunde vom 1. Januar 1818 (2. Mai 1817) paßte der Titel Republik nicht mehr auf die joniſchen Inſeln: denn der Lord⸗Oberkommiſſär ernannte alle Beamte, ſanktionirte alle Regierungs⸗ handlungen, leitete die Finanzverwaltung, alle Polizei⸗ und Sanitätsanſtalten, und übte in der That eine monarchiſche Gewalt, umgeben von ariſtokratiſchen Formen, aus. Dem neu ernannten Senate und der geſetzgebenden Verſammlung wurden ihre Befugniſſe ſehr verklauſulirt, und das wichtigſte Recht der Jonier, ſowohl in Körperſchaften, als auch einzeln, Reklama⸗ tionen und Petitionen an die britiſche Krone zu richten, von welchem ſchon mehrmals Gebrauch gemacht wurde, ward nicht immer geachtet. Die dem unpopulären Sir Th. Maitland folgenden Lord⸗Oberkommiſſäre, beſonders Lord Nugent, befolgten ein wahrhaft libera⸗ les Verwaltungsſyſtem; als aber im Anfang der drei⸗ ßiger Jahre, nach Griechenlands erlangter Selbſtſtän⸗ digkeit, die Jonier ſich mehr zu Griechenlands politi⸗ ſchen Intereſſen hinneigten, und ſelbſt das Parlament die Trennung von Großbritannien beabſichtigte, erfolgte unerwartet durch den britiſchen Geheimerathsbefehl vom 28. April 1834 die Aufhebung des joniſchen Parla⸗ ments, und es wurden von jetzt an nur ſolche Män⸗ ner in den Senat gezogen, die dem britiſchen Intereſſe ergeben waren. Lord Nugent nahm ſeine Entlaſſung - 186— und die Jonier ließen auf ihren verdienten Wohlthäter eine Ehrenmedaille prägen. Von da an bis jetzt be⸗ fand ſich die Bevölkerung der Inſeln und das verfaſ⸗ ſungsmäßige Parlament, das unter den nachfolgenden Lord⸗Oberkommiſſären mannigfache Vertagungen erdul⸗ den mußte, in einem Zuſtande der permanenten Auf⸗ lehnung gegen die Schutzmacht, und im Jahre 1859 petitionirte das Parlament vergeblich um Vereinigung mit Griechenland, nachdem ſchon 1855 der damalige Lord⸗Oberkommiſſär, Sir J. Noung, den Vorſchlag gemacht hatte, die Inſeln, jedoch mit Ausnahme von Korfu, an das ſtammverwandte Königreich Griechenland zu überlaſſen. Die Staatsumwälzung Griechenlands wird nicht verfehlen, eine Aenderung in die politiſchen Verhält⸗ niſſe des joniſchen Inſelſtaats zu bringen. Durch die, obwohl abgelehnte Wahl eines engliſchen Prinzen zum Herrſcher Griechenlands hat Englands Politik in jenem Reiche einen vollſtändigen Triumph errungen. Durch das Anerbieten der freiwilligen Aufgabe des Protekto⸗ rats der joniſchen Inſeln zu Gunſten Griechenlands, kommt es jetzt wenig darauf an, ob Dieſer oder Jener als König oder als Präſident in Athen regieren wird; jedenfalls wird er unter engliſchem Einfluſſe ſtehen. Des Kaiſers Nikolaus von Rußland einſtige Erklärung: „lieber ſeinen letzten Soldaten und ſeinen letzten Rubel zu opfern, als eine Machtvergrößerung der Griechen zuzugeben, da der Schlüſſel von Konſtantinopel in Athen aufgehangen ſei,“ ſcheint verhallt zu ſein; auf keinen Fall aber iſt das zu Allem entſchloſſene und bis an die Zähne gepanzerte, zu Opfern bereitwillige England geneigt, dieſen Schlüſſel herausgeben zu wollen. Br. Das Arcanum gegen die Waſſerſcheu. Aus den Papieren eines Londoner Delectivbeamten.⸗ Ich wohnte einmal einige Monate bei Frau George, einer ältlichen Wittwe, welche eines der geräumigſten neuen Häuſer in der Juddſtraße, New⸗road, beſaß. Dieſe Frau brachte ſich dadurch fort, daß ſie möblirte Zimmer vermiethete. Sie bewohnte mit ihrem Dienſt⸗ mädchen, das ſich zu allen Arbeiten brauchen laſſen mußte, die Souterraingelaſſe; Herr und Frau Fordyce, ein mit der Gicht behafteter Gentleman und ſeine er⸗ ſtaunlich beleibte Ehehälfte, hatten das Erdgeſchoß inne; ein jugendliches Mitglied des K. Chirurgen⸗Colleges, Namens Faulkner, behauptete den erſten, Herr Richard Bellingham aus Worcheſter, immatriculirter Subſtitut bei dem Sachwalter Tartes im Mitre⸗court des Temple, den zweiten, und meine Wenigkeit den dritten Stock. Der Name Faulkner, Wundarzt, war d, dierem Meſ⸗ 4 andere Beläſtigung, als das ſchwerfällige Weib, fühlke ſingſchilde an der Hausthüre zu leſen, uit der wchrift „Glocke des Arztes“ zierlich zwiſchen den bche des peltn Meſſinggriffen der Glockenzüge angemalt.'ch mit ver⸗ Ungeachtet der verſchiedenen geſellſchaftldipfel ihrer lung lebten alle Bewohner des Hauſes mitedoniens, auf einem ganz. vertraulichen Fuße. Herr verlor ein vom Geſchöft abgetretener Materialienhändle. ſich nie ſo glücklich, als wenn er den Wundarzt, den immatriculirten Subſtituten und mich bewegen konnte, Abends eine Whiſtparthie mit ihm zu machen. Frei⸗ lich kam es oft vor, daß ich mich nicht in der Lage befand, ſeinem Wunſche zu entſprechen, und in dieſem Falle wurde die Hausfrau aufgegriffen und ſtatt mei⸗ ner in den Dienſt gepreßt, da Frau Fordyce in Be⸗ ziehung auf die Geheimniſſe des Whiſts oder überhaupt jedes anderen Kartenſpiels als eine vollſtändige Null betrachtet werden durfte. Herr Fordyce war für ſeine Stellung ein reicher, durchaus nicht knauſeriger Mann; man fand daher bei ihm Wein, Branntwein, Cigarren, Alles von beſter Qualität, und ein vortreffliches Abend⸗ eſſen. Gelegentlich mußte allerdings das geliebte Whiſt dem Pabſt Johann, Einundzwanzig oder einem ande⸗ ren ſtellvertretenden, ruhigen Spiel Platz machen, und Herr Fordyce pflegte ſich dann ſo zu ärgern, daß in der Regel ein heftiger Gichtanfall darauf folgte, ohne ſolltefel aus dem einfachen Grunde, weil er bei ſolchen untergeor der tröſtenden Portweinflaſche über das ge⸗ ſeine tung der voß zuſprach. Dergleichen Gelegenheiten kamen dunſchnitich ſiin Nicten, r Wit Beſ uch macht Miädchen, nm denn ich ko wuͤrdigung ainem Poli hielt und i ſeiner Tafe aber deßha partner im übrigens am rer Bekann haben wir lich zuzuſch Es war machte kein errichtet un Nichten mi waren Frä herein nich daß ſie ſic keine ande jübſches man ihren reichten, d doch zu ver von fünfta ſie die Anſ den. So ſchöner jin Colleges, er es nut hatte, we füͤnftauſen ohlthäter ſetzt be⸗ à verfaſ⸗ olgenden n erdul⸗ en Auf⸗ e 1859 inigung amalige orſchlag jme von chenland erd nicht Welhält⸗ urch die, gen zum in jenem Durch Protekto⸗ henlands, er Jener wird; ſtehen. larung: m Rubel Griechen nopel in ein; auf a bis an England n. eI. r B. b, fühlk arzt, den n konnte, n. Frei⸗ der Lage in dieſem ſtatt mel⸗ e in Br⸗ überhaupt dige Nul für ſeine r Mann; dene Equipage zu halten. durchſchnittlich alle vierzehn Tage einmal vor, wenn ſeine Nichten Julie und Laura Morris mit ihrer Mut⸗ ter, der Wittwe Morris, dem reichen Onkel einen Beſuch machten. Die beiden Nichten waren hübſche Mädchen, namentlich Julie, obſchon nicht eben Schön⸗ heiten; doch konnte ich für meine Perſon ihnen keinen ſonderlichen Geſchmack abgewinnen. Um ihrer Stellung in der Geſellſchaft willen— ihr Vater war ein Bäcker in Islington geweſen, und ſeine Wittwe trieb das ſchwunghafte Geſchäft noch immer fort— hätten die Mamſellen ihre Naſen nicht ſo hoch tragen dürfen; denn ich konnte deutlich merken, daß ſie eine Herab⸗ würdigung ihres Onkels darin ſahen, wenn er ſich mit einem Polizeibeamten in deſſen dienſtfreier Zeit unter⸗ hielt und ihm geſtattete, in gewöhnlicher Kleidung an ſeiner Tafel zu erſcheinen. Vielleicht hatten ſie Recht; aber deßhalb mochte er doch nicht ſeinem Lieblings⸗ partner im Whiſtſpiel den Laufpaß geben. Sie waren übrigens angenehme Frauenzimmer, die ſich bei nähe⸗ rer Bekanntſchaft immer beſſer machten, und ihnen haben wir die Tragödie in der Juddſtraße hauptſäch⸗ lich zuzuſchreiben. Es war eine bekannte Sache, und Herr Fordyce machte kein Geheimniß daraus, daß er ein Teſtament errichtet und für den Fall ſeines Ablebens jede ſeiner Nichten mit fünftauſend Pfunden bedacht hatte. Nun waren Fräulein Julie und Fräulein Laura von vorn⸗ herein nicht die Perſonen, von denen ſich erwarten ließ, daß ſie ſich wegwerfen würden, ſelbſt wenn ſie über keine andere Mitgift zu verfügen hatten, als über ihr hübſches Ich, ihre Herzen und ihre Laute, die, wenn man ihrem Geſang glauben durfte, vollkommen aus⸗ reichten, die Wolken des Lebens zu verſcheuchen oder doch zu vergolden; denke man ſich dazu noch die Zugabe von fünftauſend Pfunden, ſo wird man begreifen, daß ſie die Anſprüche für ihre Zukunft gehörig hoch ſpann⸗ ten. So war zum Beiſpiel der Herr Faulkner ein ſchöner junger Mann und Mitglied des K. Chirurgen⸗ Colleges, folglich eine ganz angenehme Parthie, wenn er es nur erſt zu einer einträglichen Praxis gebracht hatte, welche ihn mit den zugäblichen Intereſſen von fünftauſend Pfunden in den Stand ſetzte, eine beſchei⸗ Und bis er ſo weit kam, war ein bischen Hofmachen auch keine unangenehme Sache. Was Richard Bellingkon betraf, ſo glaube ich, daß er bei einer Bewerbung um eine der Nichten kaum eine beſſere Ausſicht als ich ſelbſt gehabt haben würde. Warum nicht gar— ein Notaraantsſchreiber— wie ungereimt! Sie wußten vielleicht nicht, daß die reich⸗ ſten Sachwalter und Notare als Schreiber den Anfang machen mußten. Es war klar, daß Herr Faulkner ſich auf die Wahrſcheinlichkeiten des Eheſtandſpiels, das er gern je eher je lieber aufgenommen hüätte, weit beſſer verſtand, als auf die des Whiſt, für das er nur eine ſehr mit— telmäßige Begabung zeigte, hauptſächlich um ſeiner Zerſtreutheit willen. Er ſchien immer an etwas An⸗ deres, an etwas viel Wichtigeres und Intereſſanteres als die Karten zu denken. Es ſtand indeß nicht lang an, bis ich die Ueberzeugung gewann, daß ihn Fräu⸗ lein Julie Morris unrettbar an ihrer Angel hatte. Und doch war Faulkner ein Mann von glänzendem, von umfaſſendem Verſtande, aus dem Stoff geformt, der geiſtige Rieſen bildet und nur der Gelegenheit be⸗ darf, um ſich aus dem kalten Schatten der Dunkelheit, dem niedrigen Schlamm der Armuth ſchnell zu den ſtolzeſten Höhen ſeines Berufs zu erheben. Dies konnte ſogar ich beurtheilen; und doch war Miß Julie Mor⸗ ris, im günſtigſten Licht betrachtet, nur ein ziemlich hübſches, umgängliches Mädchen von alltäglichem Schlag und ihre Bildung ſo elementar, wie ſie gemeiniglich wohlhabenden Bürgerstöchtern eigen iſt. Für ſolche Dinge gibt es keine Erklärung; genug, daß Alfred Faulkner Julie Morris liebte. Er machte ihr endlich einen Antrag, und es kam zu einer Ver⸗ ſtändigung. Faulkner erklärte unumwunden, daß ſein ganzer Reichthum in der Hoffnung, in der ſtarken Hoffnung beſtehe, in ſeinem Beruf Auszeichnung zu erringen, obſchon er es in demſelben noch nicht weit gebracht habe, und ſeine Kundſchaft vorderhand gleich Null ſei. Doch hatten die ausgezeichnetſten Aerzte und Wundärzte beim Beginn ihrer Praxis ſich in ähnlichen Umſtänden befunden, und obſchon Selbſtlob nicht nach ſeinem Geſchmack ſei, ſo habe er doch das Vertrauen zu ſich, daß er es, wenn ſich ihm nur eine Gelegenheit biete, ſeine Kunſt zu zeigen, recht gut mit denen auf— nehmen könne, welche in der öffentlichen Meinung ihm bereits den Vorrang abgewonnen. Das Reſultat war eine Uebereinkunft, welche ihm für den Fall, daß er erfolgreich die unteren Stufen der Lebensleiter zurück⸗ gelegt und die Ausſicht habe, die höchſte oder jedenfalls eine gehörige Höhe zu erreichen, die liebenswürdige Per⸗ ſon und die fünftauſend Pfunde der Miß Julie Mor⸗ ris zuſagte; auch ging Herr Fordyce, der den jungen Arzt trotz ſeines ſchlechten Whiſtſpiels ſehr gern hatte, ſo weit, es ſchriftlich von ſich zu geben, daß die er⸗ wähnte Mitgift am Hochzeitmorgen ausbezahlt werden ſollte. Mittlerweile ſollten Herr Faulkner und Fräu⸗ lein Julie als Freunde, nur als Freunde ſich be⸗ gegnen. Ich will nun darlegen, was ich erſt ſpäter erfuhr — in welcher Lage nämlich ſich Faulkner zu der Zeit befand, als das eben erwähnte Uebereinkommen zwi⸗ ſchen ihm, Julie Morris, ihrer Mutter und Herrn Fordyce ſtatthatte. Er war der Sohn eines Mannes, der früher ein ſchönes Vermögen beſeſſen, aber durch liederliche Wirthſchaft ſich in Armuth und Elend geſtürzt und vor einigen Jahren in einer geringen Hütte von Somerstown das Zeitliche geſegnet hatte. Er hinter⸗ ließ eine gelähmte, halbblinde Wittwe, die ſich ſelbſt keine Hilfe geben konnte, und für die noch kurze Dauer ihres Erdenwallens von einem Verwandten unterſtützt wurde. Dieſer hatte auch die Koſten für Alfreds Er⸗ ziehung beſtritten, und den jungen Studenten, als er ſeine mediciniſchen Studien mit Glanz beendigt, noch mit hundert Pfunden beſchenkt, der letzten Gabe aber mit ſeinem Segen die Erklärung beigefügt, daß er nicht mehr weiter für ihn thun könne. Drei oder vier Monate nachher ſtarb dieſer wohlwollende Verwandte in Verhältniſſen, die ſich keineswegs ſo glänzend aus⸗ wieſen, als man erwartet. Inzwiſchen waren die hun⸗ dert Pfund allmählig hingeſchmolzen. Faulkners Praxis warf in der Woche kaum mehr als zwanzig Schillinge ab, und der junge Mann gerieth bald gegen Frau George und Andere in Schulden. So verhielt ſich Alfred Faulkners pecuniäre Lage, als er ſich um die Hand der Julie Morris und um die fünftauſend Pfunde bewarb, zu welchen dieſe Hand den Schlüſſel hatte. Er gewann nicht viel durch dieſen Zug. Gleichwohl konnte man von dem Punden enthuſig⸗ *⁵„f ſtiſchen Wundarzt ſtets hören: ja, wenn ich die Gelegenheit ſelbſt machen könnte, ſo würde Alles gut gehen, und mein Ziel wäre erreicht.“ Er war ſehr vertraut mit mir, und ich wußte mehr von ihm, als irgend eine andere Per⸗ ſon; doch konnte ich mir nicht denken, was er unter dem Selbſtmachen einer Gelegenheit verſtand, die ihm zur Auszeichnung verhelfen ſollte. Bei ihm ſelbſt konnte, bis ſich der ſchreckliche Anlaß dazu ergab, der Gedanke nur eine nebelige Hoffnung, die Ausgeburt ſeines gährenden Gehirns geweſen ſein. Er war eine herzliche, edle Natur, und ſein einziger Fehler der Ehr⸗ geiz, dieſe Leidenſchaft, welche ſelbſt Engel zum Fall brachte. Faulkners Praxis legte nicht zu, obſchon die Jah⸗ reszeit ungeſund und das Wetter, namentlich gegen die Hundstage hin, ungewöhnlich heiß war. Seine Lage wurde verzweifelt und mit den Verhältniſſen er ſelbſt deſparat. Das Benehmen der Fräulein Julie gewann dadurch nicht an Leutſeligkeit, geſchweige an Zärtlich⸗ keit, denn die holde Dame mochte, wie mir vorkam, obſchon ich ſeit einiger Zeit nicht mehr viel von ihr zu ſehen kriegte, die Ueberzeugung gewonnen haben, ſie „Wenn ſich mir nur einmal eine Gelegenheit böte, mich auszuzeichnen— verurtheile ſich ſelbſt zu ewigem Cölibat, wenn ſie ſo lang auf einen Mann warten wollte, bis Herr Faulk⸗ ner es zu der Auszeichnung der Ritterwürde und einer Equipage gebracht hatte. Sie brach indeß nicht mit ihm und machte eines Tages ſogar eine von ihm ver⸗ anſtaltete Picnic⸗Parthie nach der Hampſteader Haide mit, an welcher ſich ihre Schweſter Laura, Richard Bellingham und Herr Fordyce, der natürlich als ge⸗ meinſamer Verſorger nicht fehlen durfte, betheiligten. Der Tag entſchwand ſehr heiter, bis das Vergnü⸗ gen durch einen ſchrecklichen Vorfall unterbrochen wurde. Ein großer Hund hatte ſeine Kette abgeriſſen, ſtürzte ſich wüthend auf die Geſellſchaft, zerfleiſchte Richard Bellington jämmerlich den Arm und wollte ſich dann üher Julie Morris hermachen. Faulkner, ein behender, kräftiger Mann, gewann kaum noch Zeit, ſich zwiſchen ſie und die tolle Beſtie zu werfen, die er mit einem gewaltigen Rippenſtoße hilflos in's Gras niederſtreckte, doch erſt, nachdem ſie ihn ſelbſt in die bloße Hand gebiſſen hatte. Niemand zweifelte daran, daß der Hund toll ſei; man bemächtigte ſich ſeiner, und einige Mi⸗ der Waſſerſcheu Einhalt zu thun und ſie gründlich zu nuten nachher wurde er von dem Eigenthümer des Hofs, von dem er losgebrochen, erſchoſſen. 4 Herr Fordyce und die Frauenzimmer beeilten ſich, in einer angerufenen Kutſche wieder nach Hauſe zu kommen, und Bellingham, welcher in heller Todesangſt lebte, wollte ihnen nach, wurde aber von Faulkner zurückgehalten. „Kommen Sie mit mir, Bellingham,“ ſagte der junge Doctor.„Es iſt da kein Augenblick zu verlie⸗ ren. Die Wunde muß ſogleich cauteriſirt werden— ein Schüreiſen thut's, und wir haben ein Haus in der Nähe. Kommen Sie; ein bischen Entſchloſſenheit, und Alles wird gut ablaufen.“ Bellingham folgte Faulkner mechaniſch. Er war nicht der Mann des Muths und der Entſchloſſenheit, und der Gedanke an das Cauteriſiren, das heißt, an's Brennen der von dem wüthenden Thier beigebrachten Wunden vermittelſt eines rothglühenden Eiſens, erſchien ihm faſt ebenſo ſchrecklich, als ein mögliches Sterben aan der Waſſerſcheu. * - 188— „Iſt das Cauteriſiren, wie Sie's nennen,“ fragte er, als der Doctor ihn mit ſich fortzog,„in ſolchen Fällen ein untrügliches Mittel?“ „Untrüglich? nein. Es gibt bei dem Biß eines tollen Hundes keine untrüglichen Vorbauungsmittel, und alle Bähungen ſind weiter nichts als abergläubiſche Quackſalbereien; doch iſt die alsbaldige Anwendung des activen Cauteriums der wirkſamſte Schutz, den man kennt. Auch müſſen Sie nicht vergeſſen, daß unter zwanzig erwieſenermaßen von tollen Hunden gebiſſenen Perſonen neunzehn ohne Waſſerſcheu davon kommen. Sie haben noch den weiteren Troſt, daß die Zähne des Thiers, ehe ſie mit dem Fleiſch in Berührung kom⸗ men, durch das Tuch Ihres Rockärmels gingen, und daher das Gift abgeſtreift haben müſſen. Meine Hand war bloß. Es iſt mir zwar wegen des Ausgangs nicht bange, indeß will ich doch nichts unterlaſſen, was die Regeln der Kunſt vorſchreiben.“ Faulkner machte ein Schüreiſen rothglühend und brannte mit Feſtigkeit die Wunde an ſeiner Hand; doch nichts konnte den armen, haſenherzigen Belling⸗ ham bewegen, ſich der gleichen Operation zu unterziehen. Da kein Zuſpruch half, ſo fuhr der junge Doctor mit ſeinem Patienten eiligſt nach der Juddſtraße zurück, äzte die Wunde mit Höllenſtein, verordnete ein beruhi⸗ gendes Mittel, und ſomit war Alles gethan, was un⸗ ter ſolchen Umſtänden die innerliche und äußerliche Heil⸗ kunſt anwenden konnte. Ohne Zweifel war ihm da⸗ mals noch nicht entfernt der Gedanke gekommen, ſelbſt die Gelegenheit zu Emporbringung ſeines Rufes zu ſchaffen und für dieſen Zweck zu den Mitteln zu greifen, die er ſpäter in Anwendung brachte. In dieſer Anſicht ſtimmten nicht viele mit mir überein; aber die ſchnelle Verordnung der geeigneten Medicamente beweist jedenfalls, daß er kein Attentat auf Richard Bellinghams Leben im Schild führen konnte. Der Vorfall auf der Hamſteader Haide machte Aufſehen und wurde in allen Zeitungen beſprochen. Daraus entſtand eine Controverſe über die Frage, ob es wirklich Specifica gegen die Waſſerſcheu gebe, wenn ſich einmal Symptome dieſer ſchrecklichen Krankheit gezeigt hätten. Alfred Faulkner betheiligte ſich wen Eifer an dieſem Streit, und der Kern der vier von ihm veröffentlichten Abhandlungen 4 hinaus, daß er ein untrügliches Mittel entdeckt habe, heilen, nachdem ihre Erſcheinungen bereits unverkenn⸗ bar an's Licht getreten ſeien. Man verlachte ihn als einen Marktſchreier. Er antwortete darauf, daß er ſich die Bezeichnung gefallen laſſen wolle, wenn ihm nicht der Beweis gelinge, daß ſein Specificum von unfehl⸗ barer Wirkung ſei. Richard Bellingham lebte fortwährend in einem Zuſtande der ſchrecklichſten Angſt; er wußte, daß wenig⸗ ſtens ſechs Monate darüber hingehen mußten, ehe er nur einigermaßen ſich für geſichert halten konnte; ja, viele erſtreckten den Termin ſogar auf ein ganzes Jahr. Mit Staunen machte ich die Wahrnehmung, daß Faulk⸗ ner die Angſt ſeines Patienten, ſtatt ſie ihm auszu⸗ reden, eher zu nähren ſchien. So erinnere ich mich namentlich, daß er eines Tages an Bellingham, als eben ein beſonders düſterer Ausdruck auf deſſen Geſicht lag, flüſternd die Frage richtete, ob er nicht eine be— ſondere Aufregung ſpüre, wenn ſein Blick auf die blanke Fläche des großen Spiegels falle— er(der Doctor) — —n glaut der gel bewit ergri geqpui ſorg Syie Ies ſtehen dern rige ulen Nacktheit enthüllen. glaube wenigſtens etwaß, derart an ſeinem Patienten, der ſich mit unwillkührlichem Schauder von dem Spie⸗ gel abgewendet, bemerkt zu haben. Die halblaute Frage bewirkte wirklich ein bemerkliches Schaudern bei dem ergriffenen, ſtets von den unheimlichſten Phantaſien gequälten Subſtituten. Er wagte es nicht, ſeine Be⸗ ſorgniſſe dadurch zu bannen, daß er dreiſt vor den Spiegel hintrat, und wendete ſogar im Uebermaße ſei⸗ nes Schreckens die Blicke ab von dem auf dem Tiſche ſtehenden Waſſerglas; dabei zitterte er an allen Glie⸗ dern, und der heiße Schweiß rann ihm über die kleb⸗ rige Stirne nieder. „Nur nicht verzagt,“ ſagte Faulkner;„wir wollen zu der Haue bald den Stiel finden. Doch jetzt müſſen Sie ſchnell in's Bett. Nehmen Sie meinen Arm.“ Sie verließen mit einander das Zimmer, und ich hörte erſt am andern Abend ſpät wieder von ihnen. Herr Fordyce und Frau George ſaßen in ernſter Un⸗ terhaltung bei einander. „Entſchiedene Waſſerſcheu,“ ſagte Herr Fordyce. „Alle Symptome dieſer Krankheit.“ Doctor A. und Doctor B., zwei berühmte Aerzte, ſind von Herrn Faulkner beigezogen worden; ſie erklärten, es könne hierüber kein Irrthum obwalten, und man dürfe nicht zögern mit dem gewöhnlichen Verfahren— Morphium, bis ein verhältnißmäßig ſchmerzloſer Tod eintrete. Herr Faulkner dagegen beſteht darauf, ſein Specificum werde die bisher für unheilbar gehaltene Krankheit heben, und will dem unglücklichen Patienten kein Morphium geben. Von den Aerzten verlangte er weiter nichts, als ihre unterſchriftliche Beſtätigung, daß Richard Bellingham wirklich von der Waſſerſcheu befallen ſei. Sie thaten ihm den Willen. Drei Stunden, nachdem ſich die Aerzte entfernt hatten, fügte Herr Fordyce bei,„be⸗ ſuchte ich den Kranken, und ich muß ſagen, daß die Heftigkeit der Symptome bedeutend nachgelaſſen hat.“ Es iſt ſeltſam, aber nichts deſto weniger wahr, daß Geheimniſſe und Räthſel, welche eine Zeit lang die anerkannteſten Geiſter verwirren, ſich oft dem ge⸗ ſunden Blicke weit untergeordneterer Perſonen in ihrer In dem vorliegenden Falle — ovon die gelehrten Aerzte nichts ge— kommen klar. Alfred Faulkner wollte heit herbeiführen, ſich einen Namen antte deßhalb durch Arzneien und durch Einwirkung auf die Angſt, auf die Einbildungskraft ſeines Patienten die Symptome hervorgerufen, welche die beigezogenen achtbaren Aerzte im Hinblick auf den vorausgegangenen Hundsbiß für unverkennbare Anzei⸗ chen der Waſſerſcheu erklärten. Da ich mich indeß überzeugt fühlte, Faulkner beabſichtige Richard Belling— ham keinen bleibenden Nachtheil zuzufügen, ſo ſchien es mir das Beſte zu ſein, wenn ich meinen Argwohn, meine Ueberzeugung für mich behielt. Faulkner ließ das von den beiden Aerzten unter⸗ zu machen, Unb zeichnete Gutachten, das Richard Bellingham als un- heilbar der Waſſerſcheu verfallen erklärte, in die Abend⸗ zeitungen einrücken, und fügte ein anderes Zeugniß bei, in welchem ein dritter ausgezeichneter Praktiker beglau⸗ bigte, er habe den Patienten eben geſehen, und denſel⸗ ben wohl in einem Zuſtande großer Schwäche gefunden; doch ſei die Krankheit ſelbſt durch Herrn Faulkners Mittel angenſcheinlich überwunden worden. G— 189— Natürlich machte dies in der Aerztewelt gewaltiges V Aerzte, Sie mich Ihren Puls fühlen.“ Aufſehen, und die Fakultät beſchloß, der Wahrheit die⸗ ſer Sache möglichſt auf den Grund zu gehen. Drei Aerzte und Wundärzte erſten Ranges fanden ſich zu dieſem Ende in der Juddſtraße ein— ſo früh, daß ich, der ich die Nacht vorher von meinem Dienſt ſcharf in Anſpruch genommen geweſen, noch im Bette lag. Als mir das Dienſtmädchen mittheilte, was vor⸗ ging, ſtand ich hurtig auf und begab mich hinunter. Da ſah ich nun, wie Faulkner leichenblaß und mit vor Aufregung oder Schrecken ſprühenden Augen an dem Schlüſſelloche des Gemaches lauſchte, in welchem die drei Doctoren über Richard Bellinghams Zuſtand eine Conſultation hielten. Ich blieb, von Faulkner unbemerkt, an dem Trep⸗ pengeländer ſtehen, und hörte bald nachher die Thüre des Patienten aufgehen; die drei gelehrten Herren kamen heraus, ſtiegen mit ernſten, feierlichen Schritten die Treppe hinunter, und Faulkner folgte ihnen. Einer von den Doctoren, der mich kannte, rief mir, als er meiner anſichtig wurde, zu: „Herr Polizeioffizier, Sie müſſen bleiben. Man wird Ihrer Dienſte benöthigt ſein.“ Natürlich gehorchte ich und trat mit den Vieren in Herrn Faulkners Privatzimmer. Der arme junge Mann war mir lieb geweſen, weßhalb ich meine Augen von ſeinem hageren, leichenblaſſen Geſicht ab⸗ wandte. „Herr Faulkner,“ ſagte der älteſte von den Aerz⸗ ten,„Ihr nichtswürdiger Kunſtgriff iſt durchſchaut. Der junge Menſch droben liegt im Sterben—“ Ein krampfhafter Aufſchrei unterbrach ihn. Faulk⸗ ner war, wie von einem Blitzſtrahl getroffen, auf einen Stuhl niedergeſunken. „Richard Bellingham hat eben ſo wenig die Waſ⸗ ſerſcheu gehabt, als ich,“ fuhr der Doctor fort.„Sie haben durch die Anwendung bekannter giftiger Stoffe Symptome hervorzubringen gewußt, die bei nicht ſehr ſorgfältiger Unterſuchung auch geſchickte Fachmänner auf den Glauben bringen konnten, es handle ſich bei dem Patienten um dieſe ſchreckliche Krankheit. Wir wollen nicht glauben,“ fügte der ehrwürdige Herr bei, „daß es in Ihrer Abſicht lag, den jungen Mann um's Leben zu bringen; auch erliegt er nicht der Wir⸗ kung der von Ihnen benützten giftigen Droguen, ſon⸗ dern einfach einer tiefen Nervenſchwäche, der Folge ſeiner Angſt, unvermeidlich an der Hydrophobie ſterben zu müſſen, weil er durchaus keinen Glauben zu Ihrem Arcanum hatte. Aus dieſem Zuſtande, nehmen Sie mein Wort dafür, erholt er ſich nicht wieder. Sie, Herr Polizeiofſizier, dürfen dieſen Herrn nicht aus den Augen laſſen, bis die geeignete Behörde vollſtändig von allen Umſtänden dieſes erſchütternden Falls in Kenntniß geſetzt iſt.“— „Halten Sie einen Augenblick,“ rief einer der welcher die ganze Zeit über den armen Faulk— ner mit großer Aufmerkſamkeit beobachtet hatte.„Hal⸗ ten Sie einen Augenblick— Herr Faulkner, laſſen Er ſtreckte die Hand aus, als wolle er das Handgelenk des jungen Man⸗ nes faſſen, griff aber ſtatt deſſen einen auf dem Tiſche liegenden Taſchenſpiegel auf und ließ die blanke Fläche gegen Faulkner hinblitzen. Eine heftige krampfhafte Verzerrung war das urplötzliche Reſultat. „Unglücklicher junger Mann,“ fuhr der Arzt fort, Nach der Bombay⸗Zeitung drang vor einiger Zeit Morgens ein Tiger von mittlerer Größe in die Stadt Surat ein, und ſetzte das ganze dicht bevölkerte, Quar— tier der Stadt, wo er erſchien, in großen Schrecken. Wie das Thier hieher kam, iſt noch ungewiß; ohne Zweifel ſchwamm es über den Fluß herüber und legte ſich dort in Hinterhalt. Zuerſt entdeckte man es von der Wohnung eines Parſen aus; Schüſſe und Lärm trieben es von da auf, und es warf ſich in einen an— ſtoßenden Schuppen. Allmählig hatte ſich viel Volk auf daſſelbe machen, konnte aber über eine dazwiſchen befindliche Bambuswand nicht hinwegſetzen; endlich drang er durch ein Loch hindurch und zog ſich in einen ſchma⸗ len Feldweg zurück. Inzwiſchen hatten die europäiſchen Einwohner der Stadt davon Kunde erhalten, und einige derſelben machten nun Jagd auf den Tiger. Mehrere Schüſſe wurden abgefeuert, thaten aber nur wenig Schaden; vielmehr machte er einen verzweifelten An⸗ In den Zeiten des Alterthums war Griechenland die Heimath der Improviſatoren, und die Geſchichte erzählt uns von vielen helleniſchen Gelegenheitsdichtern, V die vor keiner Aufgabe zurückſchreckten. Später wan⸗ derte die beſagte Kunſt,„aus dem Stegreif über jeden 190—— „dies iſt Hydrophobie. Bitten Sie Gott um Ver⸗ zeihung, ſo lang Sie noch Zeit dazu haben. Herr Offizier,“ fügte er gegen mich bei,„rufen Sie die Dienſtboten herein, und helfen Sie ihnen, Herrn geſammelt, und der Tiger wollte jetzt einen Angriff weniger als zwölf Kugeln, darunter eine in den Unter⸗ Faulkner zu Bette zu bringen. Er hat aufgehört, einem menſchlichen Richterſtuhl verantwortlich zu ſein.“ Am andern Morgen waren beide Kranke todt. Dr. Kolb. Eine Cigerjagd in Indien. griff auf Lieutenant Rees, warf ihn zu Boden und packte ihn am Bein. Mr. Stewarts, der ihm am nächſten war, feuerte zwei Schüſſe ab, die ihn in die Bruſt trafen. Der Tiger ließ nun von Rees ab und fiel über ein armes, parſiſches Weib her, die bei dem verzweifelten Verſuche, ſich aus ſeinen Klauen loszu⸗ machen, übel zugerichtet wurde. Mr. Rogers ſtieß dem Thiere endlich einen Dolch durch den Hals, wäh⸗ rend das Feuer von anderer Seite fortgeſetzt wurde. Der Tiger wurde endlich wehrlos, nachdem er nicht kiefer, die ihn am meiſten zu inkommodiren ſchien, er⸗ halten hatte, und vollends erlegt. Mr. Rees erhielt eine oder zwei ſchwere Wunden, doch war keine ſehr gefährlich; auch die parſiſche Frau wurde gerettet. Ohne die muthige Dazwiſchenkunft der Europäer hätte der Tiger wahrſcheinlich ſchweres Unheil in der Stadt angerichtet. Dr. B. Ein italieniſcher Improviſator. ſchwelgeriſchen Mahle durfte vorübergehen, ohne daß die Gäſte durch wetteifernde Stegreifdichter erheitert worden wären. uter denſelbe Andrea Marone, welcher von 1474 bis 1527 lebte, Der berühmteſte unter denſelben war eobensweiſe, ſowie durch ausgezeichnete Pabſt Leo X., und keines ſeiner vielen und der fröhliche Pabſt verehrte ihm manch' goldenen Becher für die Siege, die derſelbe ſich durch ſeine Reim⸗ kunſt erwarb. Doch kounte damals das gewöhnliche Volk an dergleichen geiſtigen Freuden nicht Theil neh⸗ men, einfach deßwegen, weil die Improviſatoren in „lateiniſcher“ Sprache zu dichten pflegten. Gleich nach Leo’s Tode aber wurde es üblich, ſich ſtatt des Latei⸗ niſchen der»lingua volgare«, d. i. der gewöhnlichen italieniſchen Volksſprache zu bedienen, und beſonders war es Silvio Antoniano, welcher dieſe Neuerung einführte. Dieſer nämlich, der um's Jahr 1540 zu Rom geboren wurde, hatte die italieniſche Sprache ſo ſehr in der Gewalt, daß ihm gar nie ein Reim ver⸗ ſagte, und man gab ihm deßwegen, als er kaum 30 Jahre alt geworden war, eben wegen ſeines Ta⸗ lents zum Improviſiren, den Beinamen des»Poetino«. Weit berühmter wurde noch der Ritter Perfetti, wel⸗ cher im Jahre 1680 zu Siena geboren wurde und anno 1747 zu Rom ſtarb, und es exiſtiren von ſei⸗ nen Stegreifdichtungen gegenwärtig noch zwei dicke Bände. Doch muß man freilich zugeben, daß dieſe Poeſien, wenn man ſie liest, keineswegs die Bewun⸗ Gegenſtand in wohlgeſetzten Reimen zu ſprechen,“ nach Italien aus, und bis in die neueſte Zeit gibt es keine Nation, welche der italieniſchen dieſe Naturgabe ſtrei⸗ tig gemacht hätte. Schon Petrarea pflegte ſeine Lieder mit der Laute in der Hand zu improviſiren, und manches ſeiner Gedichte, denen wir jetzt noch den Zoll der Bewunderung nicht zu verſagen vermögen, wurde von ihm bei irgend einer fröhlichen Gelegenheit,„ohne daß er vorher Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken,“ gleichſam aus dem Aermel geſchüttelt. Später, als nach dem Falle Conſtantinopels eine Menge der gebil⸗ detſten Griechen nach Italien flüchteten, und daſelbſt mit ihrer Sprache und Literatur auch ihre Gebräuche und Sitten verbreiteten, ward es herkömmlich, daß beſonders begabte Männer bei den Gaſtmählern, welche die Reicheren gaben, als extemporiſirende Poeten auf⸗ traten, um die Freuden der Tafel durch die des Witzes und Geiſtes noch zu erhöhen. Solche Genüſſe liebte beſonders der durch ſeine verſchwenderiſch⸗wollüſtige ſeinen hochgebildeten Geiſt — ——— derun ſie in rühm. Reim aber ſchon widm waren ſowie röͤmiſ Lud tiond cise den ſpert um ub cher dieſe erſch Cic ohne blos es g ausz 115 Fa ter Lich zei Wo auch Rei Ita wie nen die un we äl ufgehört zu ſein.“ todt. kolb een und hm am in die ab und bei dem loszu⸗ es ſtieß 8, wäh⸗ wurde. er vicht Unter⸗ en, er⸗ erhielt ne ſehr Rrettet. er hätte t Stadt de daß heitert n war lebte, adenen Reln⸗ zaliche lneh⸗ ren in h nach Latei⸗ nlichen onders uerung 40 zu iche ſo mber⸗ kaum Ta⸗ ino«. wel⸗ — und n ſei⸗ dicke dieſe ewun⸗ 1 — ſüängern, als mit 5 7 1 derung erregen, welche ſie wohl damals, als Perfetti ſie improviſirte, erregt haben werden. Auch der be⸗ rühmte Metaſtaſio verſuchte ſich im Extempore⸗ Reimen und erlangte darin einen ziemlichen Ruf, gab aber das„Geſchäft“ in Rückſicht auf ſeine Geſundheit ſchon bald wieder auf, um ſich anderen Studien zu widmen. Weitere berühmte italieniſche Improviſatoren waren Zacco, welcher anno 1764 zu Verona ſtarb, ſowie ſein Schüler, der Abbaté Lorenzi; dann der römiſche Advokat Bernardi und der Neapolitaner Ludovico Roſſi, welcher anno 1799 als Revolu⸗ tionär in Neapel hingerichtet wurde; ferner Fran⸗ cisco Gianni, ein ebenſo glühender Republikaner, breſer Hut, geſchmückt mit zwei ſtraußartigen Pfauen⸗ ſie ja an Kindesſtatt angenommen, und prozucirt ſie den die Ruſſen bis zum Jahre 1800 in Cattaro ein- von wo aus ihn General Buonaparte erlöste, um ihn zugleich mit einer Penſion von 6000 Francs zu beſchenken; ſodann Thommaſo Syricci, wel⸗ cher im Jahre 1823 ein vollſtändiges Trauerſpiel— dieſes iſt unter dem Titel„Hector“ ſpäter im Drucke erſchienen— improviſirte, und endlich der berühmte Ciccani, welcher anno 1829 gar eine ganze Epopöe ohne irgend eine Vorbereitung dichtete. Uebrigens nicht ſperrten, ein Pulcinello in Viertels⸗Lebensgröße auf ihrem Schurze ſche Perſon, welche, ſelbſt wenn ſie nicht im Stande wäre, auch nur den geringſten Witz zu reißen, die Jugend ſchon durch ihren Schlapphut und ihren unge⸗ blos Männern wurde dieſe Gabe zu Theil, ſondern es gab auch Frauen, welche ſich als Improviſatricen auszeichneten. 1756 zu Lucca geboren wurde, ferner Fortunata Fantaſtici, verehelichte Sulgher aus Livorno, wei⸗ ter Roſa Taddei, die anno 1801 zu Rom das Licht der Welt erblickte, und endlich die ſchöne Maz⸗ zei, eine geborene Lanti, welche ſowohl durch den Wohlklang und die Regelmäßigkeit ihrer Verſe, als auch durch den Reichthum ihrer Phantaſie und die Reinheit ihrer Sprache in den„vierziger“ Jahren ganz So Tereſa Bandettini, die anno übernehmen könnte. Iſt nun aber vom Harlequin Alles Italien elektriſirte. Kurz an hochberühmten weiblichen wie männlichen Improviſatoren fehlte es in jenem ſchö⸗ nen Lande ſeit verſchiedenen Jahrhunderten nicht, allein die von uns Angeführten ſind nur die„Matadore“, und es gibt eine ganze Maſſe von Stggreißdichtern, welche eine größere Aehnlichkeit mit unſern Bänkel— wirklichen Dichtern haben. Dies ſind Volksimproviſatoren“, d. h. Poeta⸗ Jahrmärkten oder bei ſon⸗ en produciren, deren Gewerbe er mit dem italieniſchen Volks⸗ 14 leben verwaeſen e,—a man ſich in dem Lande der Orangen gar kein eigentliches Vergnügen denken kann, ohne die Gegenwart eines„Improviſatoren“. Erlaube uns daher der Leſer, ihm einen ſolchen Künſtler vor⸗ zuführen, damit er einen Begriff von dem bekomme, was dieſe Klaſſe von Menſchen zu leiſten vermag. Welchen Namen wir unſerem Volksimproviſator geben, iſt ſo ziemlich gleichgültig, und es ſteht alſo dem Leſer vollkommen frei, ihn„Leonardo Manzoni“ oder„Pietro Zaccone“, oder wie er ſonſt will, zu be⸗ nennen. Jedenfalls aber ſtammt er von ächt italieni⸗ ſchem Blute und verſteht es, außer dem Dichten und Singen auch noch die Mandoline zu handhaben, und als Marionettentheater⸗Inhaber aufzutreten. Gewöhn⸗ lich iſt es kein junger Mann, ſondern vielmehr ein abſchreit, kommt es nicht an, — 191— Burſche von geſetztem Alter, der ſchon eine ziemliche Portion Lebenserfahrung beſitzt; unter allen Umſtänden aber müſſen Bart⸗ und Kopfhaare in wilder Unord⸗ nung herabhängen, damit er ein„poetiſches“ Anſehen gewinnt. Das Auge ſieht zerſtört oder gar wild aus und auf dem Kopfe thront ein mächtig breiter Cala⸗ V . federn, ſowie mit dem kleineren Bildniſſe der Madonna. Für ſich allein, d. h. als einzelne Perſon, tritt er nie auf, ſondern er hat ſtets eine junge Begleiterin, ſei's nun eine ſchöne Agatha oder eine liebliche Helena, welche ſeine Geſänge mit der Tambouret zu begleiten verſteht. Woher dieſe Agatha oder dieſe Helena ſtammt, iſt ſo ziemlich gleichgültig, und ſelbſt wenn ihr Vater als Räuber des Gebirgs gehangen worden wäre, ſo hätte es nichts zu ſagen, denn der gute Petro⸗Leonardo hat nie anders, denn als ſeine eigene leibliche Tochter. Auch trägt er Sorge, daß ſie durch ihr Coſtüm das Publikum entzückt, und es darf ihr weder der lange Schleier fehlen, der ihr ein madonnenartiges Anſehen gibt, noch wird ſie je öffentlich erſcheinen, ohne daß herumbaumelt. Die dritte Perſon, welche ebenfalls nicht fehlen darf, iſt der Harlequin, d. h. jene komi⸗ heuren angeklebten Schnurrbart entzückt. Der Harle⸗ quin nämlich muß den Improviſator dem Publikum ankündigen, und er allein iſt es, der durch ſeine Sprünge und Tollheiten immer eine große Menge von Gaffern und Müßiggängern anlockt, denn der Herr Pietro Zaccone oder Leonardo Manzoni iſt eine viel zu gewichtige Perſon, als daß er das Geſchäft, die Welt von ſeiner Erſcheinung zu benachrichtigen, ſelbſt gehörig beſorgt, ſo ſtellt ſich der Improviſator an irgend einem Kreuzwege oder öffentlichen Platze auf, macht ſeinen Marionettenkaſten zurecht, nimmt die Mandoline zur Hand, verdreht die abgelebten Augen, öffnet den zahnloſen Mund, und ſingt mit ſchreiender Stimme ein Lied ab, welches ſeine Vorſtellung einzu⸗ leiten beſtimmt iſt, während die ſchöne Agatha das Tambourin ſchlägt, und zugleich ihre tiefen, ſchwarzen Augen gleich einladenden Sternen rund herum gehen läßt. Nun ſammelt ſich das Publikum, zuerſt Kinder, die bekanntlich überall voran ſind, dann müßige Laza⸗ roni's, an welchen es in Italien ebenfalls nirgends fehlt, darauf Leute aus dem Volke, Arbeiter oder Ar⸗ beiterinnen, und endlich Fremde, welche der Spektakel herbeilockt. Auf den Inhalt des Liedes, welches Pietro denn er iſt eben ſo gern bereit, den„König-Pabſt“, oder den liebenswürdigen abgeſetzten„König Franz“, als den„Befreier Gari⸗ baldi“, oder den großen„Galanthuomo Victor Ema⸗ nuel“ zu preiſen; dagegen aber darf man ſtets darauf zählen, daß noch vor Endigung des Geſanges die ſchöne Agatha oder Helena mit ihrem Tambouret unter dem Publikum herumgeht, um die kleine Münze, welche man ihr zuwirft, einzuſammeln. Erſt wenn dieſer Akt vorüber, beginnt das Marionettenſpiel, welches der Abgott aller italieniſchen Lazaroni's iſt, beſonders wenn der Policinell recht derbe Schläge von ſeinem Herrn und Meiſter bekommt. Kaum aber hat auch dieſes Stück ausgeſpielt, ſo wandert der Improviſator wei⸗ ter, und der Harlequin eilt unter grotesken Sprüngen voran, um eine neue Ecke aufzuſuchen, wo abermals Halt gemacht wird. Auf dieſe Art treten die gegenwärtigen Volks⸗ Improviſatoren Italiens auf, und nie kommt es vor, 4 ——— 4 ² daß dieſelben ohne Publikum wären, denn welches Land ' in der Welt iſt geſegneter an müßiggehenden Strolchen, 1 G G 4 gen zu machen verſtehen, ihr Publikum oft ſo zur Begeiſterung hinzureißen, daß daſſelbe ſie höher preist, Mr. Black, Verleger der Encyclopaedia Britan- nica, gab kürzlich den Schriftſtellern, welche zu die⸗ ſem Nationalwerke ihm Beiträge geliefert hatten, ein Diner, und hiebei kam unter Anderem auch zur Sprache, was derſelbe ſich die 7. und 8. Auflage ſeiner Encyclopädie hatte koſten laſſen. Er bezahlte des Marionettenſpiels irgend volksthümliche Anſpielun⸗ als einen Arioſt oder Taſſo. - 192— als gerade Italien? Auch wiſſen die genannten„Künſt⸗ ler“, wenn ſie in ihren Liedern oder in den Dialogen Italieniſcher Improviſator. Iſt es alſo nicht ein herrlicher Beruf, der Beruf eines Improviſators? Th. Gr. Miscelſe. nämlich ſeiner Verſicherung zufolge: den Autoren 40,979 Pf. St., für Papier 52,503, für Druck und Stereotypie 36,708, für Kupferplatten, Gravirung und Stich 18,277, für Einband 22,613, für Anzeigen 11,081, für Verſchiedenes 2269, für Zoll auf Papier 8573, im Ganzen 184,425 Pf. Sterling. ——— danes SiS Vellow Hed Magenta ey 4 Black —