ſͤſſ - Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Aug Irunucearcr Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchenzßich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat:. 2 fl. 30 Kr. 2 fl.-. 1 fl. 1 Kr. 3 3 2 1„ 1— 30 2„„. 2„„ „ 1„„ 27 ⸗ 13 ganannHnhnhnRnabababacatahdbab Ial uraraEaLAr 1 LLTAThe rrRrar HrhnhRhnhnhnrrr= L —I——*— Feierſtunden. 1864. (Siehe Seite 299.) — — — — — — — — 8 —₰ 22 — —½ — — — 8 „ —₰½ +ρ½ ☛ ſchritt ſehr aufgeregt im Saale hin und her, und der Ka⸗ klärung aus dem Munde eines Manncs, der ihn bisher pitän Bull ſaß ſehr niedergeſchlagen in einem Lehnſtuhle. nur mit der anmaßendſten Verachtung behandelt hatte. „Simon,“ begann der Erſtere,„du biſt ein braver„Du mußt dieſen Herrn,“ fuhr Titan, auf den Ka⸗ Patriot und ein ehrenwerther Bürger.“ 1„pitän deutend, fort,„in deinem Hauſe verbergen. Er iſt „Sennor,“ erwiederte Letzterer, ich bin nur ein Land⸗- ein glorreiches Opfer des Deſpotismus, welcher uns er⸗ mann.“. drückt. Siehe dieſe Goldſtücke!“ fügte er, eine Handvoll „Das iſt gleich; ich achte dich als ſolchen.“ derſelben auf den Tiſch werfend, hinzu;„ſie ſind dein, Simon ſpitzte verwundert die Ohren bei dieſer Er⸗ bald er gerettet iſt!“" Feierſtunden. 1864. 298 Ohne einen Blick auf das Gold zu richten, begann Simon ſich hinter den Ohren zu kratzen. „Du zauderſt?“ rief der Obriſt entrüſtet.„Alſo ver⸗ mögen der edle Patriotismus, die unterdrückte Menſchheit und die heilige Freiheit, der die Perſon des Kapitäns ge⸗ opfert werden ſoll, nichts über deine elende Feigheit?“ Simon ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Ew. Gnaden werden wiſſen, daß ich ſchon einmal einen Mann in meinem Hauſe verborgen habe, der auch die heilige Sache des Vaterlandes anrief. Ich that es und mußte dafür leiden. Das Sprüchwort ſagt, man ſolle nicht an der Hütte des Hundes vorbeigehen, von dem man bereits gebiſſen worden iſt.“ Feierſtunden. 1864. ——; „Beleidige den Kapitän nicht durch deine Vergleichun⸗ gen; er iſt ein ergebener Diener der großen Sache der be⸗ leidigten Menſchheit.“ als plötzlich Fornarina mit aufgelösten Haaren und in Thränen ſchwimmend in das Zimmer ſtürzte und ſich ihm mit einer tragiſchen Gebärde zu Füßen warf.(Siehe Bild auf S. 293.) „Ihr wollet einen von den Sbirren verfolgten Hel⸗ den nicht retten?“ rief ſie mit krampfhaftem Schluchzen. „O braver Simon, erbarmet Euch unſer!“ Nach dieſen Worten ſank ſie erſchöpft zu Boden. (Schluß auf S. 313.) Grenoble, das alte Gratianopolis, eine wichtige Feſtung mit doppelter Umſchließung(enceinté), iſt in einer prachtvollen, von Bächen bewäſſerten und von Bäumen beſchatteten Ebene des reizenden Iſorethals gelegen, die rings von bizarr geformten Bergen umgeben iſt, die von oben nach unten mit Waldungen, Weiden und Reben be⸗ deckt, entzückende Ausſichten auf die Alpen, beſonders auf den Montblanc gewähren. Die ſchöne Stadt, welche als der Geburtsort Vaucanſons und des Ritters Bayard bekannt iſt, welch' letzterer in der Andreaskirche begraben liegt, zählt gegen 3000 Häuſer, unter denen viele herrliche alte öffentliche Bauwerke und Paläſte, zahlreiche Bildungs⸗ inſtitute, und an 33,000 Einwohner, die anſehnliche Leder⸗ und Tuchfabriken unterhalten und bedeutenden Handel mit — Handſchuhen und Liqueuren betreiben. Die ſchiffbare Iſere, die unfern der Stadt den reißenden Drac aufnimmt, theilt die Stadt in zwei ungleiche Hälften, deren kleinere, auf dem rechten Ufer, St. Laurent oder la Perrisre, die größere, auf dem linken Ufer gelegene, welche ſchöne, breite Straßen hat, Bonne genannt wird. Beide werden durch zwei Brücken mit einander verbunden. Auf ihrem Laufe durch die Stadt bildet die Iſère mehrere grüne und beſchat⸗ tete Inſelchen.— Im Norden von Grenoble liegt la Grande Chartreuſe, die große Karthauſe, ein berühm— tes Kloſter von prachtvollem Bau, aus welchem der Kar⸗ thäuſer⸗Orden hervorging. Im Jahre 1084 vom heiligen Bruno geſtiftet, erhielt es ſeinen Namen nach dem Dorfe Chartrouſe, das im Thale nahe der Einſiedelei Bruno's lag. Das Hinaufklimmen zwiſchen den ſteilen himmelhohen Felſen und wüthenden Gießbächen iſt im Frühjahre außer⸗ ordentlich beſchwerlich und gefährlich; oberhalb derſelben gewahrt man, aus einem dichten Fichtenwalde tretend, in der Buchenregion zwiſchen Wieſen und Wäldern, am Fuße des mächtigen Mont Granſon, das großartige und weit⸗ läufige, würdige Bauwerk, in deſſen großem Saale ſich bis zur franzöſiſchen Revolution jährlich das Generalkapitel des Karthäuſerordens verſammelte, unter welchem damals in den verſchiedenen Ländern Europa's 168 Karthäuſer⸗ mönchs⸗ und 6 Karthäuſernonnenklöſter ſtanden. Außer dem ſchönen Kapitelſaale enthält das Kloſter 45 Zellen. In der Nähe, kaum eine Viertelſtunde entfernt, in ſchauer⸗ lich wilder Gegend, ſteht die in eine Kapelle umgewandelte Eiiſiedelei des heiligen Bruno.— Vienne, die alte Hauptſtadt der Allobroger, und ſchon Käſars Zeiten berühmt, im fünften Jahrhundert Haupt⸗ Pilder aus dem Dauphiné. (Hiezu die Abbildung auf Seite 296.) ſtadt der Burgunden, reich an Reſten römiſcher Tempel, Theater, Amphitheater, Triumphbögen, Waſſerleitungen ꝛc., liegt am Einfluſſe des Gère in den Rhone, amphitheatra⸗ liſch um einen mit Reben bepflanzten Berg. Die Stadt, die ſich neuerer Zeit mit jedem Jahre verſchönert und längs dem Rhone einen neuen ſchönen Quai mit großartigen mo⸗ dernen Häuſern hat, nach-welchem die engen Straßen bergab laufen, gehört zu den älteſten in Frankreich, und ſoll, nach einer alten, freilich unverbürgten Ueberlieferung, der Ver⸗ bannungsort des Pontius Pilatus geweſen ſein, der hier ſein Leben durch Selbſtmord geendet habe. Das Chriſtenthum hatte hier zeitig Wurzel gefaßt, und unter Marc Aurel (161— 180 n. Chr.) war die Chriſtenverfolgung nirgends ſo heftig, wie hier in Vienne und dem benachbarten Lyon. Hiſtoriſch merkwürdig iſt die Stadt, deren 15,000 Seelen zählende induſtriöſe Bevölkerung zahlreiche Tuch⸗ und Woll⸗ zeugfabriken, Seidenſpinnereien, Gerbereien, Mahl⸗ und Walkmühlen, Stahl- und Kupferhämmer unterhält, durch die Kirchenverſammlung von 1311 und 1312, auf welcher, auf Veranlaſſung Philipps des Schönen, die Aufhebung und Verdammung des Tempelherrenordens von dem Papſte Cle⸗ mens V. ausgeſprochen wurde.— 1 Das Departement der Drome, im Süden des Departements der Iſére und bei weitem kleiner als dieſes, iſt ein von der Drôme, der untern Iſèére, der obern Aigues und dem Rhone bewäſſertes Gebirgsland voller Thäler, die oft einen ſehr eingeengten Ausgang und einen von Natur trockenen und dürren Boden haben. Der Rhone bildet die Weſtgrenze des Departements, empfängt die obengenann⸗ ten Ströme und eine Menge kleinerer Gewäſſer aus ihm, und ſcheidet daſſelbe von Ardèche. Die Iſère mündet bei Valence; die Drôme, die ſehr felſig iſt, das Land oft überſchwemmt und mit Sand bedeckt, entſpringt 5 Stun⸗ den ſüdöſtlich von Die, bei la Baſtie des Fonts, bildet anfänglich zwei Seen und mündet bei Livron. Am Rhone, deſſen Ebenen ſich durch dazwiſchen tretende Berge in meh⸗ rere Bafſins theilen, herrſcht ſüdliches Klima und die Orange gedeiht zum Theil unter freiem Himmel; im öſt⸗ lichen Theile des Landes, in welchem die Ausläufer der cottiſchen Alpen bis 4500 Fuß aufſteigen, iſt die Luft käl⸗ ter, aber heiter, rein und geſund. Im Norden, oberhalb Valence, weht vorherrſchend der Miſtral(Nordweſtwind), bei Nyons, im Süden der Pontias, dieſem entgegen der Véſine. nördlichen Dauphiné, ſind aber ſtärker und reizbarer Simon machte einige Schritte, um ſich zu entfernen, Die Bewohner des Landes gleichen denen des —— — vorzugswei ſchon eine Kultur der lohnend;“ Berühmt Oelbäume gewonnen die hier eif Sedde liefe beſonders b Rindviehzu Die Indu Wollenzeue ſovrcador Valence außer der nen Papſt und dem hält, deren kerung abe füält und o in der Gem Pialoux, zu durchw unweit Va eines Gra⸗ wein, der und von den Lauf die pittor hat.— genehmen 4000 Ein! Muskat⸗! thümer, u. in den Re⸗ tation von und Mau télimar. Leder⸗ und handel bet Stadt„ in ung gefur Feierſtun ——ò;——:O———; vorzugsweiſe gute Soldaten, und zeigen in ihren Sitten ſchon einen ſtarken Anſtrich provenzaliſcher Rauhheit. Die Kultur des Bodens iſt an den meiſten Orten nicht ſehr lohnend; ergiebiger iſt der Garten⸗, Obſt⸗ und Weinbau. Berühmt ſind die Melonen von Romans. Mandel⸗ und Oelbäume ſieht man im Rhonethale, wo auch viel Nußöl gewonnen wird. Maulbeerbäume fördern die Seidenzucht, die hier eifrig betrieben wird und jährlich an 3000 Centner Seide liefert. Der Weinbau iſt bedeutend im Rhonethale, beſonders bei Die, Nyons und Tain. Die Pferde⸗ und Rindviehzucht iſt nur gering, um ſo größer die Schafzucht. Die Induſtrie der Bewohner beſchränkt ſich auf grobe Wollenzeuge, Seiden⸗ und Wollenſtrumpfweberei und Seifen⸗ fabrikation.— Die wichtigſte Stadt des Departements iſt Valence, auf einem Hügel am Rhoneufer, die gut gebaut, außer der Kathedrale mit dem Denkmale des hier geſtorbe⸗ nen Papſtes Pius VI., dem ſogenannten Regierungsgebäude und dem Palaſte des Biſchofs keine Merkwürdigkeit ent⸗ hält, deren betriebſame, an 12,000 Seelen zählende Bevöl⸗ kerung aber verſchiedene Seiden⸗ und Wollfabriken unter⸗ hält und anſehnlichen Weinhandel betreibt. In der Nähe, in der Gemeinde Peyrus, ſind die berühmten Grotten des Pialoux, mit herrlichen Stalaktiten, die in zwei Stunden zu durchwandern ſind. Nördlich von der Iſéremündung, unweit Valence, liegt der Marktflecken Tain am Fuße eines Granithügels, auf welchem der berühmte Hermitage⸗ wein, der Cöte⸗rôtin(brune und blonde), gewonnen wird, und von welchem aus man die herrlichſten Ausſichten auf den Lauf des Rhone und der Iſeére, auf die Alpen und die pittoresken Landſchaften von Lionnais und Vivarais hat.— Die, das alte Dea Vocontiorum, in einem an⸗ genehmen Thale am rechten Ufer der Drôme, mit etwa 4000 Einwohnern, iſt berühmt durch ſeinen ausgezeichneten Muskat⸗ und Clairet⸗Wein und zahlreiche römiſche Alter⸗ thümer, und die unweit des Rhone, am Einfluß des Abron in den Roubion, inmitten einer reichen und üppigen Vege⸗ tation von Wieſen, Saatfeldern, Obſt⸗, Wein⸗, Oliven⸗ und Maulbeerpflanzungen liegende Bezirkshauptſtadt Mon⸗ télimart, die über 11,000 Bewohner hat, welche Seiden⸗, Leder⸗ und Wollfabriken unterhalten und anſehnlichen Wein⸗ handel betreiben, iſt hiſtoriſch merkwürdig als die erſte Stadt, in welcher die reformirte Lehre in Frankreich Ein⸗ gang gefunden und ſich bis zum heutigen Tage erhalten hat. Das Departement der Ober⸗Alpen, im Oſten des vorigen, iſt das ärmſte und volksleerſte Departement des Landes und zugleich das höchſte Gebirgsland Frank⸗ reichs, in welchem Alpennatur, Alpenklima und Alpen⸗ wirthſchaft herrſchen. Die Cottiſchen Alpen haben hier ihren Hauptſtock; man trifft hier die erhabenſten Natur⸗ ſcenen wie in der Schweiz an: Gletſcher, Schneefelder, über die Wolken ſich erhebende Piks, nackte Felſen, tiefe Schluchten mit reißenden und tobenden Bergſtrömen, ſchäu⸗ mende Waſſerfälle, lachende weite und düſtere enge Thäler in der mannigfaltigſten Abwechslung und angenehmſten Miſchung. Gegen Italien zu erheben ſich die Alpen bis zu 12,000 Fuß. Die ſüdlichen Abhänge ſind meiſt kahl * den. 1864. 299 und dürr, die nördlichen bis zur Schneelinie mit Wald be⸗ deckt. Eine Maſſe von Bergen, die eine Höhe von 9000 bis 13,000 Fuß und darüber erreichen, ragen mit ihren Hörnern und Spitzen in dieſem Departement empor, ſo der Mont Pelvoux de Vallouiſe im Girondethale, der Olan, der Saint Firmin, der Goleon de la Grave, der Chaliol le Vieux, der Aiguille noire de Nevache, der Mont Viſo de Riſtolas, der Chabières ꝛc. Die Vorberge dieſer Höhen⸗ maſſen ſind gut bewaldet und beweidet. Die Gebirgsketten ſind durch Cols(Päſſe) verbunden, von denen der 6000 Fuß hohe Col du Mont Gendvre nach Turin, der Col de Lantaret von Briancçon nach Grenoble führt. Zwei volle Drittel der Oberfläche des Landes ſind Berge, das Uebrige Thalgründe. Die intereſſanteſten Thäler ſind das 14 Meilen lange Durancethal mit 18 Nebenthälern; das wildromantiſche, 6 Meilen lange Thal der Guill, über welche, nahe bei Mont Dauphin(ſiehe Bild auf Seite 296), eine Brücke führt, mit 9 Nebenthälern; das Buech⸗ thal mit 13 Nebenthälern; das kleine Thal der Augues mit 2, das 5 Meilen lange Dracthal mit 6 Nebenthä⸗ lern, und das Romanche⸗ oder Gravethal. Zahlloſe Flüſſe und kleine Gewäſſer, die zur Zeit der Schneeſchmelze ſehr verheerend und furchtbar ſind, durchſtrömen Thäler und Schluchten. Der Hauptſtrom des Landes iſt. die Du⸗ rance, die aus 2 Quellbächen auf dem Mont Genèévre und Col du Goudran entſpringt und nach reißendem Laufe ſich mit dem Buech, bei Mont Dauphin mit der vom Mont Viſo herabkommenden Guill, und bei la Vacchette mit der Clairette vereinigt. Der Drac und die Ro⸗ manche ſtrömen der Iſère zu. Von den zahlreichen Berg⸗ ſeen(36) ſind der See von Orcier, aus dem der Drac kommt, und der Lauzan, auf dem Olan, in 6400 Fuß Höhe, beſonders zu bemerken.— Das Klima beurkundet die Alpennatur. Stürme, Nachtfröſte und Hagel ſind häufig. Gefürchtet iſt er Bombard(Oſtwind). Die Bewohner der Ober⸗Alpen ſind meiſt ein armer, gutmüthiger, treu⸗ herziger, gaſtfreier und arbeitſamer, heiterer Menſchenſchlag, der in Künſten und Wiſſenſchaften noch weit zurück iſt und hart für ſeinen Unterhalt zu ſchaffen hat, weshalb auch jährlich gegen Ende Herbſt oft 5— 6000 Bewohner der hohen Alpen, beſonders aus dem Thale von Briancon, auf 5 Monate als Arbeiter aller Art nach dem übrigen Frank⸗ reich auswandern, um Verdienſt zu ſuchen. Der Landbau iſt unbedeutend, der Boden nur im Süden etwas frucht⸗ bar. Die Berge haben gute Weiden; Rinder werden nur wenige gehalten; bedeutend dagegen iſt die Schafzucht, und Mauleſel und Eſel werden in Menge gezogen. Wein wird ziemlich viel gewonnen, und ſehr ergiebig ſind die Nuß⸗ bäume, die in allen Thälern in großer Menge angepflanzt ſind. In den Hochgebirgen findet man noch ziemlich zahl⸗ reich Bären, Wölfe, Füchſe, Gemſen, Murmelthiere und Adler, und viele der Bergbewohner betreiben die Jagd als Nebenbeſchäftigung. Von den ſämmtlich kleinen Städten des Departements verdienen nur Gap, Briancon und Mont⸗Dauphin erwähnt zu werden. giov. Francesco Barbieri, genannt guercino da Cento, geb. 1590 zu Cento, geſt. 1666 zu Bologna, erhielt ſeinen erſten Unterricht in der Malerei bei Benedetto Genari und bildete ſich ſpäter auf Reiſen, namentlich während . A eines längeren Aufenthalts in Bologna, Venedig und Rom, zu einem trefflichen, ſeiner Zeit viel gerühmten Meiſter aus, der, einerſeits der Richtung der Carracci'ſchen Schul 38*. 7 — 1 1 2 300 Feierſtunden. 1864. —; folgend, anderſeits von dem Einfluß des Caravaggio kungen des Caravaggio, in den ſpäteren mehr die zartere beherrſcht, in ſeiner Kunſtweiſe gewiſſermaſſen in der Mitte und anmuthigere Manier des Guido zu erreichen. So ſteht zwiſchen Guido Reni und jenem kecken Hauptmeiſter ſchwankt ſein Styl zwiſchen conventioneller Idealität und der Naturaliſten. Denn es ſind die von ihm dargeſtellten einer derben Wirklichkeit. Er verſteht es, eine impoſante Charaktere und Formen wahrer und lebendiger, als die des Aeußerlichkeit zu entfalten, man vermißt aber poetiſche In⸗ erſteren, edler und gewählter, als die des letzteren, und in tentionen, den tieferen Gehalt; ſeine Charaktere verrathen ſeinen früheren Werken ſucht er mehr die kräftigen Wir⸗ eine gewiſſe Kraft und Energie, aber ohne alle Großartig⸗ V 5 V Beaupréau . im Departement Maine und Loire. keit, ſeine Geſichtsbildungen ſind beſeelt, aber meiſtens ge⸗ deren Bilder des beinahe in keiner größeren Gemäldeſamm⸗ wöhnlich, ſeine Zeichnung iſt richtig, aber ohne Adel. Da⸗ lung fehlenden Meißters aus den verſchiedenen Perioden ſei⸗ gegen zeichnete er ſich vor den meiſten ſeiner künſtleriſchen ner Künſtlerſchaft in den europäiſchen öffentlichen und Pri⸗ Zeitgenoſſen durch eine außerordentliche Fertigkeit im Tech⸗ vatgallerien, würde bei der Menge von Gemälden, die Guer⸗ niſchen aus. Er wußte die Formen auf's Vortrefflichſte zu cino ausgeführt(Lanzi berichtet, man zähle von ihm, ohne modelliren und zu runden, führte den Pinſel in Oel wie die unendlich vielen Bildniſſe, Madonnen, halbe Figuren ein Fresco mit ungemeiner Meiſterſchaft. und Landſchaften, 106 Altarbilder und 144 große Gemälde Eine vollſtändige Aufzählung auch nur der bedeuten⸗ für Fürſten u. ſ. w. gemalt), viele Seiten einnehmen. Feierſtunden. 1864. 301 — ——;⅔:::ᷣꝛꝛ——-:ͤ—:urõõ—õ——r————— Hohenſtaufenfrauen. Ein Kranz von hiſtoriſchen Charakterbildern. Von Louiſe Pichler. 4. ſein düſteres Geſchick die Hand über dem großen Geſchlechte. .—„, Noch zwar beherrſchen Hohenſtaufen als Helden die Welt 4 11 5 7 Beatrice II., Shdie welſe Baſer Gemahlin Kaiſer aber Gluck und Freude ſind gewichen; ein früher Tod 4 ereilt einen um den andern in der Mitte ſeines Sieges⸗ Und auch Du, die nichts gefrevelt, Du, die mit den zarten laufes. Und dieſem Geſchicke erliegen nicht nur die Män⸗ Birken, ner, ſondern auch die zarten, ſchuldloſen Fraue Mit den Lilien aufgeſproſſet in den heimiſchen Bezirken)— ſrrdnr nehn Ruhe uflaſen 85 Gemahl und Als ob mit dem Leben des großen Barbaroſſa das dem kaum geborenen Sohne folgend. Der ſtolze Bau des Glück ſeines Hauſes und die Größe des Reiches in den Hohenſtaufenthrones war erſchüttert; fern in Steilien lebte Wellen des Saleph untergegangen wären, ſo hält von da noch der unmündige Sohn von Heinrich und Konſtanze, M d MMA n 9 W K 1 9 J- 7 9 ARAnnmnen Wu fſ ſ 1 1 —— f 7— N WN, 76 5 2 71 Friedrich II. Im deutſchen Reiche aber war Otto der Verſammlung, denn ſie kam von der blutenden Leiche des Welfe, Philipps Gegrner, jetzt unbeſtrittener Herr. Vaters, von dem Sterbebette der Mutter, wo Schrecken Da nahm der treue Biſchof von Speier, Philipps und Schmerz den jungen Geiſt reiften,— mit klarer, ver⸗ ergebener Freund, die verwaisten Töchter ſeines verſtorbe⸗ nehmlicher Stimme klagte ſie um des Voters blutigen Tod, nen Königs und führte ſie von der verödeten Stammburg über ihre und ihrer Schweſtern ſchutzloſe Lage. hinweg nach Frankfurt, wo am 12. November 1208 Otto Ueberwältigend war dieſe Kindesklage; Freunde und der Welfe vom ganzen Reiche feierlich als König anerkannt Feinde des Hohenſtaufenhauſes wandten ſich ab in Thränen. wurde. Dort, am Morgen des großen Reichstages, führte Otto ſelbſt war erſchüttert. Er hob die Hand auf zum der ehrwürdige Biſchof die zwölfjährige Beatrice, die Schwure, daß er den Tod Philipps ſtrafen wolle, als wäre älteſte der Waiſen, in den Kaiſerſaal. Inmitten der prunk⸗ er deſſen Bruder, die Kinder ſchützen werde, als wären ſie vollen, glänzenden Verſammlung ſtand das zarte Mägdlein ſein eigen. mit dem blonden Hohenſtaufenhaupte, vom ſchwarzen Trauer⸗ Aber die Freunde der Königswaiſen dachten noch wei⸗ gewande umwallt. Sie hob das blaue, ſinnende Kinderauge ter; ſie wünſchten Otto's unbeſtändigen Sinn mit feſtem empor zu dem Throne, wo ein Anderer jetzt an ihres Va⸗ Bande an dieſelben zu knüpfen. Sie ſchlugen eine Ver⸗ ters Stelle ſaß. Nicht eingeſchüchtert von der zahlreichen bindung vor zwiſchen dem erſt achtundzwanzigjährigen Könige — Feierſtunden. 1864. =qꝰʒq iʒᷣeäêä——öWléqqéqé:êG6VW Otto und Beatrice. Otto ſelbſt ging mit Freuden auf den Vorſchlag ein. Beatrice brachte ihm nicht nur die reichen Güter ihres Vaters zu, ſie verband auch die mäch⸗ tige hohenſtaufiſche Partei mit ihm. So wurde denn am Schluſſe der Reichstage die Kö⸗ nigswaiſe noch einmal in den Saal geführt. Angeſichts der ganzen Verſammlung verlobte ſich Otto mit ihr und ſteckte ihr den Ring an die weiße Hand. Und als er in das Antlitz der jungen Hohenſtaufin blickte, in deren kinder⸗ reinen Zügen die Schönheit des Orients und des Occidents, des germaniſchen und des helleniſchen Stammes ſich ver⸗ eint hatte,— da durchbebte ihn die Ahnung künftigen über⸗ ſchwenglichen Glückes, und aufrichtig war ſein Schwur, der friſchen Roſenknoſpe würdig zu bleiben, die für ihn ſich entfalten ſollte. Sie küſſend als ſeine Braut, ſtellte er ſie der Verſammlung vor mit den Worten:„Sehet hier eure Königin, ehret ſie, wie ihr gebührt!“ Und lauter Jubel antwortete ſeinem Rufe, denn in dieſem Bündniſſe ſah man den Frieden des Reiches geſtiftet, die ſeit faſt einem Jahrhundert feindlichen Parteien der Hohenſtaufen und der Welfen vereinigt. Aber als nun die hohenſtaufiſchen Waiſen hinwegge⸗ führt wurden aus dem heimiſchen Schwaben, um in Braun⸗ ſchweig, Otto's Erbland, erzogen zu werden, da blickten viele der treuen Vaſallen ihnen mit ahnender Wehmuth nach und fragten ſich, ob die Kinder ihres Herrn wohl be⸗ hütet ſein würden in einem fremden Lande? In den frommen Mauern eines Kloſters ſorgfältig unterrichtet in Allem, was ihren Geiſt und ihr Herz bil⸗ den konnte, wuchs die Königsbraut heran. Aus dem Kinde entfaltete ſich die Jungfrau, Vater und Mutter waren ihr entriſſen, um ſo inniger wandte ihr erwachendes Herz ſich dem königlichen Verlobten zu, deſſen Bild ihr im Traum und Wachen vor Augen ſchwebte, wie ſie ihn zu Frankfurt auf dem Throne vor Augen geſehen in der Fülle männ⸗ licher Jugendſchönheit und Kraft, hochgewachſen wie ſein Vater der Löwe, mit dunklem, feurigem Auge, dem welfi— ſchen ſchwarzen, krauſen Haare; wie der gewaltige Mann in tiefer Bewegung ihr den Ring an die Hand geſteckt, ihr den Kuß der Verlobung auf die Lippen gedrückt hatte. Sie war ja die Tochter Irene's; wie dieſe Philipp geliebt, ſo ſchlug ihr junges Herz nur für Otto, ihren Herrn. Dieſer war inzwiſchen nach Italien gezogen, um die Kaiſerkrönung zu empfangen. Aber bei aller Heldenkraft, die ſeine Adern ſchwellte, hatte der Welfe nicht die hohen- B ſtaufiſche Großmuth und Klarheit des Geiſtes, nicht Phi⸗ lipps milden, verſöhnlichen Sinn. Die Höhe, zu der er nach vorhergegangener Niederlage durch Philipps Tod ſo unerwartet emporgeſtiegen war, berauſchte ihn und er hielt ſich durch keine Schranke mehr gehemmt. Wortbrüchig ge⸗ gen den Papſt, ſeinen früheren Beſchützer, ſtellte er For⸗ derungen an dieſen, die ſo unbillig kein Hohenſtaufe je ver⸗ langt hatte. Des Bannes lachend, der wider ihn geſchleu⸗ dert wurde, zog er weiter gegen Apulien, um dem vierzehn⸗ jährigen Friedrich II., dem einzigen noch lebenden Hohen⸗ ſtaufen, das Erbreich ſeiner Mutter Konſtanze, Apulien und Sicilien, zu entreißen— weil er fürchtete, daß der Hohen⸗ ſtaufe ihm einmal gefährlich werden könnte. Aber eben dieſe Gewaltthaten, in Verbindung mit dem Stolze, der Härte und Heftigkeit ſeines Weſens, die man weder an dem milden Philipp noch an dem großmüthigen Rothbart gewohnt geweſen war, brachte ſowohl Italiener als Deutſche wider ihn auf. Da nun auch der päpſtliche Bann das Band des Gehorſams zwiſchen den Völkern und dem Kaiſer löste, ſah ſich Otto mit einemmale verlaſſen, hörte ſogar, daß der junge Friedrich nach Deutſchland be⸗ rufen werde, um dort die Krone ſeiner Väter zu empfangen. Jetzt erſchrak Otto freilich; er erinnerte ſich wieder der jungen Hohenſtaufenbraut und wollte durch Vollziehung der Heirath die abgewandten Völker auf's Neue an ſeinen Thron ziehen. Er war dem Eide nicht treu geblieben, den er zu Frankfurt geleiſtet, der reinen Knoſpe werth ſein zu wollen. Die Reize des üppigen Südens hatten ſeine lei⸗ denſchaftliche Natur hingeriſſen. Trunken vom Genuſſe, den ihm der Augenblick bot, hatte er des Glückes vergeſſen, das erſt eine ungewiſſe Zukunft ihm erſchließen ſollte. Er war zurückgekehrt auf den deutſchen Boden. Die kühle Luft der deutſchen Wälder erfriſchte ihm die Stirn, die im Sonnenbrande des Südens geglüht hatte. Aus den Kloſtermauern empfing er die Kaiſerbraut, und geblendet ſtand Otto, der in ſinnverwirrendem Taumel den Becher wilder Luſt faſt bis zur Neige getrunken, jetzt vor der himmliſchen Schönheit der Jungfrau, die, einer friſchbethau⸗ ten Roſe gleich, in holder Anmuth erblüht war. Und Beatrice's Auge ſucht vergebens das ſchöne Jüng⸗ lingsantlitz, das ihr auf dem Throne zu Frankfurt entgegen⸗ geſtrahlt hatte. Dieſe von wilden Leidenſchaften durchfurch⸗ ten Züge, dies unſtet brennende Auge, dieſe von Trotz und Bitterkeit gekrümmten Lippen, konnten ſie Otto angehören? War es die brennende Sonne des Südens, waren's die Sorgen der Herrſchaft, die ihn ſo verändert hatten? Was Minne ſei, welch' ſüßes, hohes Glück ſie gewähre, das empfand Otto erſt, da er Beatrice ſah; die Sinnen⸗ luſt, der er bisher gefröhnt, hatte ſein Herz ja nur öde und leer gelaſſen. Mit Beatricens Beſitz ſollte Alles neu in ihm werden. Und weshalb ſollte er die Vergangenheit nicht von ſich werfen, nicht ein neues Leben im neuen Glücke beginnen? In dieſen Gedanken mochte Otto Beatrice, umgeben von dem glänzenden Gefolge von Fürſten und Völkern, zur Kirche führen— 7. Auguſt 1212—, wo der Biſchof am geſchmückten Altare die in banger Ahnung bebende Hand der holdſeligen Braut in die ſeinige legte, wo die Neuvermählten niederknieten, um Gottes Segen für ihren Bund zu erflehen! Sie kehrten zurück in den Hochzeitſaal, wo die Blu⸗ mengewinde dufteten, wo die herrlichen Gefäſſe ſtrahlten, wo Saiten- und Hörnerklang feſtlich ertönten. Man ſetzte ſich. Jubelnd hob die fürſtliche Geſellſchaft die funkelnden e empor, um unter dem Schmettern der Drommeten das Wohl des Kaiſerpaares zu trinken. Auch Oõtto und Beatrice ſetzten die Pokale an die Lippen,— ein Schauer durchrieſelte die kaiſerliche Braut, als ſie ihn abſetzte. Immer bleicher, immer ſtummer ſaß ſie an der Seite des Gemahls, bis ihre Augen ſich ſchloſſen und ſie ohnmächtig hinweggetragen wurde. In Schrecken und Beſtürzung verwandelte ſich der Feſtesjubel. Woher kam die plötzliche Krankheit? was war der Kaiſerbraut zugeſtoßen? Während das ängſtliche Flü⸗ ſtern der Gäſte dies fragte, ſtand Otto wie ein Geächteter, den Gottes Gericht getroffen, an dem Bette der mit Todes⸗ ſchauern ringenden Braut. Nicht in ſeinen Armen ſollte die holde Roſe verwelken. Sie erblich am vierten Tage der Hochzeit. Niemand wußte die Urſache ihres Todes, den Namen der Krankheit zu nennen; man flüſterte nur: eine italieniſche Buhlerin, die Otto mitgebracht, habe in wilder, raſender Eiferſucht, da ſie ſah, wie das Herz des Kaiſers ſich der holden Braut zuneigte, Gift in ihren Becher geworfen. Eine Beſtätigung erhält dieſe Sage, die ſich 4 jugendlt Herr des von Ung Mannest Banne ſehen, u 1218. fel alhu lichung lichen in die Loko Ein noe Das Br Geitlich gengüſſe oder her ee Kenntn faltete Stein Dieſer Antwort den Geb Derglei tung. ——— wie noch in vielen Büchern geſchieht, iſt eine der äl Feierſtunden. 1864. 303 ——— erhalten, darin, daß ſämmtliche Baiern und Schwaben, die in ſeinem Dienſte ſtanden, in derſelben Nacht, da Beatrice ſtarb, Hof und Heer des ſchuldbelaſteten Mannes in tief⸗ ſter Entrüſtung verließen. 1 Vernichtet, entthront ſtand Otto am Lager der blaſſen jugendlichen Leiche. Friedrich II., der Hohenſtaufe, wurde Herr des Reiches. In fruchtloſem, hartnäckigem Kampfe, von Unglücksſchlägen aller Art verfolgt, rieb Otto ſeine Manneskraft auf und ſtarb, erſt in der Todesſtunde vom Banne entlaſtet und mit dem Troſte der Sakramente ver⸗ ſehen, nur 43 Jahre alt auf der Harzburg am 19. Mai 1218. Beatrice ruht zu Merſeburg im Dome. eiufache Grabſchrift lautet: „Die weiße Roſe. ſchöne Tochter.“ Die alte, Der ſchönen Mutter Damals Scholl Dein Sterben weit umher und tauſend Liebesthränen floßen Dir; die Sänger Knüpften Roſen, Lilien und Cypreſſen Mit der weichſten Töne Band zuſammen, Zu beklagen Dich und Deiner Sonne Niedergang zu ſingen! Heirathen in den Vereinigten Staaten. Ein Eiſenbahnzugführer im Staate Maine, ohne Zwei⸗ fel allzuſehr beſchäftigt, um einen Tag für ſeine Verehe⸗ lichung abzubekommen, ließ ſeine Braut und einen Geiſt⸗ lichen in einen der Wagen kommen, und hier wurde, während die Lokomotive davonbrauste, die Ceremonie vollzogen.— Ein noch originellerer Fall kam 1855 in Virginien vor. Das Brautpaar mußte über einen Fluß ſetzen, um zu dem Geiſtlichen zu gelangen. Allein der Strom war durch Re⸗ gengüſſe ſo angeſchwollen, daß es unmöglich war, hinüber oder herüber zu gelangen. Man rief alſo den Leuten am jenſeitigen Ufer zu und ſetzte ſie von dem Begehren in Kenntniß; der Pfarrer erſchien am Ufer. Der Bräutigam faltete die Legitimationspapiere zuſammen, band ſie an einen Stein und ſchleuderte denſelben hinüber zu dem Pfarrer. Dieſer las dieſelben, wechſelte die gewöhnlichen Fragen und Antworten, und ſegnete dann das heirathsluſtige Paar nach den Gebräuchen der Kirche über den Fluß herüber ein.— Dergleichen ſeltſame Heirathen haben jede bürgerliche Gel⸗ tung. gemeint, werfen ein trauriges Licht auf die geringe Achtung, deren das Band der Ehe dort genießt. Unter andern Thor⸗ heiten haben ſich junge Amerikaner ſchon damit unterhalten, Mock⸗ oder Scherz⸗Heirathen einzugehen. Wenn zwei Per⸗ ſonen, ohne ernſtliche Nebenabſichten, nichts deſto weniger alle dazu gehörigen Formalitäten zum Zeitvertreib durch⸗ machen, ſo ſind ſie wirklich und der That nach durch ein legales Band vereinigt. Ein ſolcher Fall kam 1857 in Pennſylvanien vor. Miß J. und Mr. B. waren in einer Geſellſchaft; dieſer bat um ihre Hand; ſie ward zugeſagt; zur Fortſetzung des Scherzes begaben ſie ſich zu einem be— nachbarten Geiſtlichen und knüpften den ehelichen Knoten feſt. Als das Mädchen wieder etwas zur Beſinnung ge⸗ kommen war, empfand ſie durchaus keine Luſt, die Schein⸗ ehe aufrecht zu erhalten. Aber der Bräutigam nahm die Sache jetzt ernſthafter; das Mädchen mußte auf Scheidung antragen, um den Folgen ihres Leichtſinns zu entgehen. Andere excentriſche Verehelichungen, nicht im Ernſte Der Fall ſteht nicht vereinzelt da, und jedesmal wurde auf Scheidung erkannt. B— e. Die Rathedrale von Reims. Reims(ſprich: Rängß), nicht Rheims geſcrißen, eſten und berühmteſten Städte Frankreichs, und die größte, wenn auch nicht die Hauptſtadt des Departements Marne, das eeine wellenförmige Ebene ohne alle Berge umfaßt und faſt zur Hälfte aus ganz ſterilem, dürrem, von nur wenig Erde bedecktem Kreideboden(la Champagne pouilleuse) beſteht, auf welchem nichts als Wein gedeiht, deſſen Anbau den Hauptkulturzweig der Bewohner bildet und das Departe⸗ ment zum Vaterlande der berühmteſten Champagner⸗ weine macht, von denen Verzenay, Mareuil, Dizy und Pierry den Rothen, Sillery, Ay, Pierry, Epernay und Dizy dagegen den Weißen in Handel bringen. Reims ſelbſt, das alte Durocortorum der Römer, liegt in einer, von ſanften Hügeln umgrenzten kleineren Ebene, am rech⸗ ten Ufer der Vesle, und zählt an 4000 Häuſer und mehr als 40,000 Einwohner, die große Wollenwaarenfabriken, beſonders in Kaſchmirs und Shawls, Baumwoll⸗, Seifen⸗ und Lederfabriken unterhalten, und mit dieſen Artikeln, ſo⸗ wie mit Wein und getrockneten Birnen und Pfefferkuchen, die beide in hohem Rufe ſtehen, einen anſehnlichen Handel betreiben. Die alterthümliche, früher befeſtigte Stadt hat eine reizende Umgebung, und außer den angenehmen Spa⸗ ziergängen, welche die früheren Wälle bieten, gewährt der Cours vor der Stadt eine der ſchönſten Promenaden. Für wiſſenſchaftliche und geiſtige Bildung iſt in Reims mehr geſorgt, als in andern Städten des Departements, und außer einem College, einer mediziniſchen Schule, einem bo⸗ taniſchen Garten, einem Muſeum und einer öffentlichen Bibliothek, beſteht eine Akademie der Wiſſenſchaften, ein unter dem Erzbiſchof ſtehendes theologiſches Seminar, und zahlreiche öffentliche und Privatlebranſtalten. Innerhalb wie außerhalb der Stadt finde⸗ noch viele römiſche Alterthümer, unter denen ſich drei Arkaden mit acht korinthiſchen Säulen beſtehe numpybogen beſon⸗ ders auszeichnet; von den öffentlichen Plätzen der Stadt iſt der Kön gsplatz, mit der Statue Ludwigs XV., den die großartigſten Häuſer umgeben, hauptſächlich zu bemerken, und von ſehenswerthen Gebäuden, außer dem alten Rath⸗ hauſe mit ſeinem herrlichen Portale, und dem hydrauliſchen Werke am Fluſſe, welches das Waſſer aus der Vesle auf einen Thurm hebt und von da in die Stadt vertheilt, eine — 304 Feierſtunden. 1864. ———ᷓõ———:õ———õ——————————————————; —— große Zahl mit Kunſtſchätzen geſchmückter Kirchen, von ſchatz, und über dem Portale zwei Thürme, die ſich bis denen die prachtvolle Kathedrale zu den ausgezeichnetſten 250 Fuß erheben. Vor dem mit Goldblech überzogenen Werken gothiſcher Baukunſt in Europa gehört. Sie hat Hochaltare dieſer Kirche wurden ſeit Philipp Auguſt(1179) eine Länge von 450, eine Breite von 92, und eine Höhe bis Karl X. ſämmtliche Könige von Frankreich, mit Aus⸗ von 110 Fuß, ein herrliches Portal, einen reichen Kirchen⸗ nahme Heinrichs IV. und Ludwigs XVIII., vom Erßzbiſchof Die Kathedrale von Reims. von Reims, als Primas des Reichs, geſalbt und gekrönt. vollen Edelſteinen verzierte Evangelienbuch, auf welches die Der Schatz der Kathedrale, unſtreitig der anſehnlichſte aller Könige den Eid abzulegen hatten, der katholiſchen Kirche Kirchen Frankreichs, welchen jeder König bei ſeiner Krö⸗ gemäß als wahrhaft chriſtkatholiſche Könige fortan regieren nung mit einer neuen Koſtbarkeit vermehrte, enthält unter und als älteſte Söhne der Kirche deren Schützer bleiben zu andern Sehenswürdigkeiten das reich mit Gold und pracht⸗ wollen. 2. — 5— ſich bis Angenen t1lng) nit Aus⸗ erzbiſchf Feierſtunden. 1864. 305 Hagion⸗Oros oder Athos. Im Süden von Salonich(Selaniki der Türken, beiden öſtlich von dieſer ſich ausdehnenden Seen Langadha und Theſſalonika der Alten), der am Fuße des Berges und Betſchik(Beſikia) erhebt ſich, von dieſen Seen und Korthia erbauten Hauptſtadt des Ejalets Selanik und der dem ſie verbindenden Fluß faſt ganz vom Feſtlande geſchie⸗ Feierſtunden. 1864. 39 306 Feierſtunden. 1864. ——————⅓ᷣ—-rry———————õry——r———————; den, die Halbinſel Chalkis, ein wunderſchönes Gebirgs⸗ Zellen und Grotten, in welchen gegen 12,000, ſage zwölf⸗ land von 7 Meilen Länge und 4 Meilen Breite, das tauſend Mönche und Religioſe ſich geiſtlichen Studien und ſich gegen die Mitte hin terraſſirt und im Berge Salo⸗ einem beſchaulichen Leben widmeten. Gegenwärtig umfaßt mon gegen 3600 Fuß aufſteigt. Nirgends ſieht man ma⸗ der Mönchsdiſtrikt 21 griechiſche Klöſter, die feſtungsartig leriſchere Berggeſtalten, nirgends ſchönere, freundlichere gebaut, von hohen Mauern umgeben und mit Geſchützen Thäler, als die ſind, welche von hier aus nach allen Rich- verſehen ſind und deren jedes ſeinen eigenen Landungsplatz tungen die Halbinſel durchziehen, die nach Südoſten zu in am Ufer hat; 11 Dörfer oder Sketen und 190 einzelne drei Bergäſte ausläuft, die wiederum eben ſo viele Halb⸗ Zellen und Einſiedeleien, von denen die meiſten der erſteren inſeln bilden.— Die erſte oder weſtlichſte der letzteren iſt aus den Zeiten der griechiſchen Kaiſer ſtammen. Die ge⸗ die Halbinſel Palene, jetzt Kaſſandra, wo in der ſammte Mönchsbevölkerung des Athos wird jetzt auf 6000 griechiſchen Vorzeit Petidäa, ſpäter aber auf der Land⸗ Seelen geſchätzt; Türken und Frauen werden auf dem hei⸗ enge, welche die Chalkidike von der Palene trennt, die ligen Berge nicht zugeloſſen, wie den überhaupt kein weib⸗ Stadt Kaſſandra lag. Hier wohnten in der Urzeit die liches Weſen auf der ganzen Halbinſel Zutritt erhält.— fabelhaften Giganten oder Rieſen, von denen Strabo be⸗ Die urſprünglich im Walde angeſiedelten Mönche wurden richtet und die Herkules tödtete. Nur wenige griechiſche um 960 durch den Mönch Athanaſius Athonites an Klo⸗ Dörfer, unter denen Valta, ſind noch auf Palene, wo ſterordnung gewöhnt und im Jahre 968 die Abtei Laura, im Alterthum vier blühende Städte lagen. Durch den die erſte des Athos, errichtet. Faſt jede Nation, welche toronäiſchen Buſen, jetzt Golf von Kaſſandra genannt, ſich zur griechiſchen Kirche bekennt, hat hier ein oder meh⸗ wird Palene von der zweiten Halbinſel Sithania, jetzt rere Klöſter, die alljährlich von Schaaren von männlichen Longos, geſchieden, auf welcher einſt Torone lag; und Pilgern beſucht werden, die hier ihre Beichte ablegen(ſiehe der ſingitiſche Buſen, jetzt Golf von Aionoros oder Golf Bild) und den ihnen auferlegten Bußen ſich unterwerfen. Santo führt nach der öſtlichen Halbinſel, die vom alten Die Mönche des Athos hatten ſich ſchon vor der Erobe⸗ Akanthus aus ſich als ein hoher majeſtätiſcher Bergrücken rung Konſtantinopels, eingedenk des Spruches:„Seid gegen Südoſt aus dem Meere emporhebt und im Kap Monte Santo in einem 4260(nach Anderen 6270) Fuß hohen Bergkegel endigt. Es iſt dieſes der Berg Athos, Hagion⸗Oros oder Monte⸗Santo, der alle Heilig⸗ thümer der griechiſchen Kirche vereinigt.— Ueberaus frucht⸗ bare Fluren ziehen ſich nach dem heiligen Berge hin und unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat,“ den Osmannen freiwillig unterworfen und genießen ſeitdem unausgeſetzt des Schutzes der Sultane. Sie zahlen einen jährlichen Tribut von 24,000 Gulden und dürfen eine Schutzwache von 40 bis 50 chriſtlichen Soldaten halten. Der Hauptort des Diſtrikts iſt Kariäs(Karaes), etwa der Pik ſelbſt, deſſen vulkaniſche Natur ſeine Prachtgeſtalt 100 Häuſer auf einer 2000 Fuß hohen, von bewaldeten beurkundet, ſchaut majeſtätiſch nach den Kykladen hin. In alter Zeit lagen auf dieſer Halbinſel fünf Städte: Dion, Kleomai, Thyſſos, Olophyxos und Akrathoi und, wie Phyloſtrat berichtet, pflegten ſich auf den Athos eine große Zahl griechiſcher Philoſophen zu begeben, um daſelbſt den Himmel und die Natur beſſer betrachten zu können. Schon in den früheſten Zeiten wählten die Gläubigen der griechiſchen Kirche die Halbinſel Aiomoros als Zufluchts⸗ ort, um abgeſchieden von der Welt hier ganz der Andacht ſich widmen zu können, und in Wahrheit hätten ſie auch nirgends auf der Erde einen paſſenderen Punkt finden kön⸗ nen, die Werke Gottes zu bewundern, ſich von der Welt und ihrem Treiben zu entfernen und ganz den eigenen Ge— danken zu leben. Die ganze Halbinſel, deren Hauptgebirgs⸗ art aus Glimmerſchiefer, hin und wieder mit Einlagerungen von Marmor beſteht, iſt mit Zufluchtsörtern für andäch⸗ tige Seelen bedeckt und das Südende des langen Gebirges Athos der eigentliche Mönchsdiſtrikt. Vor Ausbruch der griechiſchen Inſurrektion trug der Athos auf ſeinen Ab⸗ hängen mehrere Flecken, 24 Klöſter und 500 Kapellen, Abhängen umgebenen Fläche; hier hat der Aga Boſtandſchi ſeinen Sitz, der einzige Muhamedaner des Diſtrikts, durch welchen die Mönche mit der Regierung in Verbindung ſtehen; und hier befindet ſich auch die heilige Synode, 20 Abgeordnete der Klöſter und 4 Präſidenten, aus den Klöſtern im Wechſel gewählt, welche ſich wöchentlich ver⸗ ſammeln; hier findet auch jeden Samſtag ein Markt ſtatt, auf welchem die Mönche, namentlich die der Dörfer, welche keine Güter beſitzen, die von ihnen verfertigten Waaren: Heiligenbilder, Prieſtermützen, Roſenkränze, hölzerne Löffel, Geräthe ꝛc. verkaufen. Nebenbeſchäftigungen der Mönche, außer ſolchen Handarbeiten und Holzſchnitzereien, ſind Wein⸗ und Oelbau, Vieh⸗ und Bienenzucht. Die Religioſen des heiligen Berges, Leute aus allen Nationen, theilen ſich in drei Klaſſen: eigentliche Mönche, welche die Klöſter be⸗ wohnen, Einſiedler, welche in Zellen leben und von den Klöſtern, zu denen ſie gehören, getrennt ſind, und Cöno⸗ biten oder Laienbrüder, die in den Dörfern wohnen und das Land bebauen. Alle befolgen die Regel des heiligen Baſilius. 2. Das Löwendenkmal bei Bern. Wer von Luzern über Ebikon nach Zürich geht, er⸗ blickt nicht weit von erſterer Stadt in einer Anlage auf der rechten Seite des Weges das nachſtehend abgebildete Denkmal in einen Felſen gehauen. Daſſelbe iſt von Thor⸗ waldſen entworfen und erinnert an ein Beiſpiel glänzender Tapferkeit und unverbrüchlicher Treue von Seite der Söhne Helvetiens. Obſchon die Schweiz ſeit drei Jahrhunderten repu⸗ blikaniſche Verfaſſung hatte und ſtets beſtrebt war, dieſelbe durch gute, auf Freiheit und Gleichheit vor dem Geſetze baſirte Inſtitutionen zu befeſtigen, ließ ſie es doch bis auf die neuere Zeit geſchehen, daß ihre Söhne in fremde Länder zogen und ſich in der Regenten Sold begaben. Der Pabſt und die Könige von Frankreich und Neapel bildeten aus ihnen eigene Regimenter und verwendeten ſie, da ihre Treue und Tapferkeit genugſam erprobt war, vor⸗ züglich zum perſönlichen Schutz und Dienſte.— Ein ſolches Regiment Schweizergarden ſtand, 950 — Mann ſtart der Tuilleri früh die do ruhig und 1 Büct ſchine mir treu geb Hruſes in di * Und wa größere Fort loſer wurde Obrigkeit w Sittenloſigke getteten. J ſeren den) ſchaften un hielt reiche alt, hoch un Nach e Zimmer zur den Vorſtädt Halbkreiſe a⸗ und richtete wurde den geleſen, Ger garde, beſte zern die Bem einen Auger weigerten ſ Sowok, verſäumten Augenblick Verſammlu den Thoren Larrouſſely Als der Fel ſch mit ſei die Zimme zurückließ. Die Porte drang die zuerſ Eing geheul bis ſaderten d „de Schn aus dr H man in wankend n d ſchüſſe an gaben die Kühuft w —— ——— Mann ſtark, am Morgen des 10. Auguſt 1792 im Hofe der Tuillerien, als der König Ludwig XVI. gegen 6 Uhr früh die Poſten beſuchte. Die Haltung des Königs war ruhig und würdevoll. Er ſprach kein Wort, aber ſeine Blicke ſchienen zu ſagen: Das alſo ſind die Einzigen, die mir treu geblieben; Euch vertraue ich das Schickſal meines Hauſes in dieſen Tagen der Noth an. Und wahrlich, es waren Tage der Noth; denn immer rößere Fortſchritte machte die Revolution, immer zügel⸗ den wunde ü Volk. Alle Achtung vor König und Obrigkeit war verſchwunden, rohe Gewaltherrſchaft und Sittenloſigkeit an die Stelle des Rechts und der Geſetze getreten. Robespierre und die Cirkel der Jakobiner terrori⸗ ſirten den Nationalconvent, der Pöbel fröhnte ſeinen Leiden⸗ ſchaften unter der Maske der Freiheit und das Schaffot hielt reiche Ernte unter Männern und Weibern, jung und alt, hoch und nieder.— Nach einer Stunde, als ſich der König kaum in ſeine Zimmer zurückgezogen hatte, zog der erſte Volkshaufe aus den Vorſtädten auf den Carrouſſelplatz. Er ſtellte ſich im Halbkreiſe auf, ſo daß der ganze Platz eingeſchloſſen war und richtete ſeine Geſchütze gegen das Schloß. Unterdeſſen wurde den Schweizern ein Beſchluß des Departements vor⸗ geleſen, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Die National⸗ garde, beſtehend aus 2000 Mann, welcher mit den Schwei⸗ zern die Bewachung der Tuillerien anvertraut war, ſchien einen Augenblick Muth zu faſſen, allein die Kanoniere weigerten ſich ſogar, ihre Stücke zu laden, während die Schweizer, um dieſes Corps nicht noch mehr zu erbittern, verſäumten, ſich ihrer Geſchütze zu bemächtigten. Einen Augenblick nachher begab ſich der König in die geſetzgebende Verſammlung. Jetzt näherten ſich Santerre's Heerhaufen den Thoren der drei Höfe, welche die Tuillerien von dem Carrouſſelplatz und den angrenzenden Straßen trennten. Als der Feldmarſchall de Mailly, Befehlshaber im Schloſſe, ſich mit ſeinen Schweizern allein ſah, befahl er ihnen, in die Zimmer hinauf zu ſteigen, indem er ſechs Kanonen zurückließ. Sie beſetzten die Treppen und Kreuzſtöcke.— Die Porte Royale wurde bald geſprengt. Mit Ungeſtüm drang die Colonne ein und führte ihre Kanonen auf. Die zuerſt Eingedrungenen ſtiegen mit gezücktem Säbel unter Geheul bis zum erſten Poſten bei der Kapelle hinauf und forderten die Schweizer auf, die Waffen niederzulegen. „Die Schweizer geben ihre Waffen nur mit dem Leven aus der Hand!“ war die Antwort. Umſonſt verſuchte man ihre Treue durch Verſprechungen und Drohungen wankend zu machen. Bald wurden mehrere durch Flinten⸗ ſchüſſe aus dem Vorhofe verwundet; auf dieſes Zeichen gaben die Artillerie und die Musketiere im Hofe Feuer. Lebhaft wurde es von den Schweizern erwiedert und der Kampf wurde allgemein. Von der Treppe und den Kreuz⸗ ſtöcken herab ſtrömte ein Feuermeer; nicht minder furcht⸗ bar war das Feuer von Seite der Angreifenden. Doch konnten ſie ungeachtet ihrer überlegenen Anzahl und ihrer Artillerie der Kaltblütigkeit der Schweizer und ihren wohl gezielten Schüſſen gegenüber nicht Stand halten. Die Entſchloſſenſten wurden getödtet, die Hitze der andern ließ nach; in eiliger Flucht erreichten ſie ihre Gefährten im Hofe, verfolgt von dem Feuer aus den Kreuzſtöcken und von ihren Gegnern, die ſie vor ſich hertrieben. In kurzer Zeit war der Hof gereinigt. Eine kleine, von den Haupt⸗ leuten Dürler und Pfyffer zuſammengeraffte Colonne be⸗ mächtigte ſich von neuem der Porte Royale, von wo ſie ein Kreuzfeuer über den mit Menſchen angefüllten Platz — . Feierſtunden. 1864. 307 ſehe die Schweizer beſiegt und getödtet werden konnten. unterhielt. Einen Augenblick ſchienen die Schweizer Mei⸗ ſter des Kampfplatzes zu ſein, denn paniſcher Schrecken hatte ob der großen Tapferkeit des Schweizerregiments die Maſſe ergriffen und ſehr viele Bürger ergriffen die Flucht. Mittlerweile ſchlug man ſich in andern Höfen, wie in der Cour Royale und von dem Garten der Tulllerien her; von der Terraſſe der Feuillans aus regnete es Flinten⸗ und Kanonenkugeln auf die Vertheidiger des Schloſſes. Die Letzteren trieben die Angreifenden auf allen Seiten zurück, indem ſie vornämlich die Marſeillaner, die die Spitze der Angriffscolonnen bildeten, zu Boden ſtreckten. Obgleich es den Schweizern in dieſem entſcheidenden Augen⸗ blicke an Munition zu fehlen begann, wichen ſie doch nicht einen Zoll breit und beſchloſſen, ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Im Rücken durch eine Colonne, die eben in den Garten eingedrungen war, bedroht, lehn⸗ ten ſich 80 von ihnen an die große Treppe und vertheidig⸗ ten ſie gegen Tauſende von Feinden, von denen 400 fielen, Einem Glarner von außerordentlicher Leibeskraft, Fri⸗ dolin Hefti, riß eine Kanonenkugel den Schenkel weg. Seine Waffenbrüder eilten ihm zu Hülfe. In dieſem Augenblick ward Sammlung geſchlagen. Hefti rief:„Hört ihr’'s? Thut eure Pflicht und laßt mich ſterben.“ Dieſer Kampf dauerte zwanzig Minuten, bis der ſtets zunehmende Andrang der Volksmaſſen jeden Widerſtand er⸗ drückte. Jetzt ſuchte jedes ſchweizeriſche Peloton einen Aus⸗ weg. Eine Compagnie zog ſich nach der Straße de l'Echelle hin und ward dort gänzlich aufgerieben. Eine Abtheilung von etwa 300 Mann ſuchte nach den elyſeiſchen Feldern durchzudringen, trennte ſich aber bald wegen Verſchiedenheit der Meinungen in mehrere Pelotons, wovon ſich einige in Privathäuſer retteten, andere kämpfend den Tod fanden. Unterdeſſen hatte eine andere Abtheilung eine günſtige Stellung auf der Seite des Gartens eingenommen. Herr von Salis hatte ſich mitten in einem Gewehrfeuer, das ihn 30 Mann koſtete, dreier Kanonen bemächtigt. In dieſem Augenblicke ſtürzte der Feldmarſchall d'Hervilly ohne Hut und athemlos herbei und befahl den Schweizern, ſich nach der geſetzgebenden Verſammlung zum Könige zu be⸗ geben. Raſch durcheilten ſie den Garten unter einem Kugelregen, der ihnen viele Leute koſtete. Kaum hatten 150 Soldaten und 8 bis 10 Offiziere den Sitzungsſaal der geſetzgebenden Verſammlung erreicht, als man ihnen von allen Seiten zuſchrie:„Legt die Waffen nieder, ihr Henker!“ Sie wieſen dieſe Aufforderung mit Verachtung zurück. Bald aber erhielten ſie einen eigenhändigen Befehl des Königs, augenblicklich die Waffen niederzulegen und in ihre Kaſernen zurückzukehren. Dies war ein Donnerſchlag für ſie. Man ſah dieſe Tapferen Thränen der Wuth ver⸗ gießen. Aber es blieb ihnen nichts übrig, als zu gehorchen, obſchon ſie hiedurch ihren Feinden preisgegeben waren. Nach der Entwaffnung wurden die Soldaten in die Kirche der Feuillanten, die Offiziere in das Zimmer der Saalinſpek⸗ toren geführt und unterwegs durch das Geſchrei des Volkes verfolgt. Der Pöbel verlangte Opfer. Sechzig nach dem Gebäude der Feuillanten gebrachte Schweizer und noch an⸗ dere verdankten ihre Rettung dem Schutze der National⸗ verſammlung und ſogar einzelner Marſeillaner. Nichts⸗ deſtoweniger vollendete das Gemetzel, was Musketen und Artillerie begonnen hatten. Hunderte von Schweizern waren im Gefechte gefallen. Einige wurden erwürgt, als ſie das Schloß verließen, andere, die ſich in deſſen ungeheuren 39* 308 Feierſtunden. 1864. Räumen verirrten; a 3 ; auch Ver 1 5 erwür Dienſtboten, mnuliche ewutice würden erwürgt, ebenſo ſchlitt und die bei P zer⸗ Männer wie Frauen wurbor⸗ ſoga zender wawei, dande zu Pferd—— Kuigeinedte Ratnal er, Meindern ſöbranen, 3 endig on den Dä⸗ ſchen Felder noß igen nieder, welche die erſchoſſen, Pihh dänte envefun Die chthden wurden ziere de pererichn ſtene 1b 8 ſee 1 Ji hnen der Leib aufge⸗ theils im Gefecht theils 8* Schwaerdarde des lünigs er den Streichen der Mörder er, dohagg . 1 unter ihnen Mai 9 ⸗— illardoz B 4 7 Ernſt Caſte z, Bachmann Redin Dießhach, Lö d 7 aſtella und nock m 3 Dießbah vowende 5) aſſ0) andere Te 1„ endenkmal gewidme eine erhebe Fri chelſten Geſchlächtern Helvettens entt welch ſämmtlich den die tapferen T ü e Peeint erhebende Crinnerung an de 3 ieſen edlen Schweizern, wea diſen waren.. nung für die Nachwelt in rhahden d dint r 1 i09 dem Lande und in fremder Her, Wen auch in frem treten und ſtets bereit zu ein, üſnufe un Wah 83 8 ienſt„ dennoch ihr und Recht au) en ö 0 lein⸗ 4 Kunpfe ſin Wagrhii d dl U Dod nicht zu ſcheuen.“ Leben für Rech Pfli f fuͤr Recht und Pflicht aufgeopfert haben, iſt das K. L. Der Corre de Belé rre de Belém und die Bai von Liſſabon. Die Mündn. jo(ſ U ng des Tejo(ſp iſch: Tai prachtvolle, gegen alle Stü paniſch: Tajo) bildet die Quai 46 ge⸗ alle Stürme geſicherte die Quais von Liſſabon 50—60 Fuß tiefe i e geſicherte und noch an den bon, welche dlnbena 1 düediſde e donsd jſ H der Hauptſtadt Portugals bildet und ſich Rias fe und Cu gegen! weſtlich bänke, den, zie Alcaco W Fuß hen Cach den des wegen und zur werden Belém 1 t Feierſtun und ſich Liſſabon ſchief gegenüber in zwei tief einſchneidende Rias fortſetzt, welche zwei andere Häfen, Aldea Gallega und Cunha, bilden. Im Eingange iſt die Tiefe der Bai gegen 180 Fuß. Die Einfahrt des Tejo erſtreckt ſich oſt⸗ weſtlich, und hat wegen der vorliegenden Riffe und Sand⸗ bänke, welche der große und kleine Cachopo genannt wer⸗ den, zwei Eingänge. Der Haupteingang, Carreira da Alcagçava genannt, der eine halbe Seemeile breit, 60 bis 90 Fuß tief und eine Seemeile lang iſt, liegt zwiſchen bei⸗ den Cachopos; der zweite Eingang, o Corredor, im Nor⸗ den des erſten, iſt nur eine viertel Seemeile breit und kann wegen verborgener Klippen nur von kleineren Fahrzeugen und zur Zeit der Fluth paſſirt werden. Beide Eingänge werden durch die Forts S. Giäo, Forte d'Area, Torre de Beléèm, Torre de Sebaſtiäo oder Torre velha, und Torre⸗ Torre de den. 1864. 309 de S. Laurenço auf dem großen Cachopo vertheidigt. Die Stadt Liſſabon ſelbſt iſt ganz ohne Vertheidigungs⸗An ſtalten, ohne Mauern und Thore, und geht durch die ehe maligen Vorſtädte Alcäntara, Belèm, Junqueira, Bem⸗ poſta ꝛc. allmälig in den breiten Gürtel von mehr als 6000 Landſitzen über, der mit zum Termo de Lisboa gehört. Der Torre de Belem(ſiehe Bild) iſt ein merk⸗ würdiger dicker, ſchön verzierter, der Kloſterkirche von Be⸗ lém gegenüber liegender Thurm von arabiſcher Bauart, auf einer Sandbank im Tejo, mit zwei Batterien zur Verthei digung des Orts ſowohl als des Zugangs zur Hauptſtadt. An demſelben befindet ſich ein vortrefflicher Landungsplatz mit Werften, und auf dem Thurme ſelbſt, deu König Emanuel 1491 errichten ließ, ein Telegraph. 2. GW , 4 feee 8— ecanhe Belém. Die römiſche grenzwehr oder ſogen. Ceufelsmauer im Rönigreich Württemberg. „... Veteris cernis vestigia valli: Romana hos olim tenuit victoria campos. Wenn der Reiſende in Württemb g auf einſame⸗ erg auf einſe Fußpfade durch die Fluren und Wälder dder Peeinſeun wangen, Aalen und Gmünd, oder durch die dunkeln Tan⸗ nenforſten des„Welzheimer Waldes“ dahinwandelt, ſo wird er bald viele, in einer geraden Linie ſich hinziehende Er⸗ höhungen gewahr, die bei näherer Betrachtung ſich nicht als Schöpfungen der Natur, ſondern als Werk von Men⸗ ſchenhänden herausſtellen. Indeß halten dieſelben nicht überall die gleiche Höhe, Feſtigkeit und Beſtimmtheit der Form ein: ſie ſind an dem einen Punkte bald etwas höher, bald etwas niedriger als an dem andern, hie und da zei⸗ gen ſie ſich etwas verflacht, dem Verfalle nahe, mit dem ſie umgebenden Boden faſt ſchon verſchwimmend, anderswo F 310 ——ꝛ⅔ꝛ—O:õr————;——;— ſind ſie noch ziemlich feſt und bieten deutliche Umriſſe dar. Am beſten erhalten erſcheinen dieſe Erhöhungen im Allge⸗ meinen auf unbebauten Erdflächen oder in den Waldungen, während auf den Feldern die Cultur ſie geebnet und dem übrigen Ackerlande gleich gemacht hat, ſomit ihre Spur hier größtentheils vertilgt iſt. Zieht man aber in Gedan⸗ ken eine gerade Linie von dem Ende eines Waldes über die Felderfläche hin bis zum Anfang eines zweiten, wenn auch weit entfernten, ſo darf man, wenn man den Weg bis dorthin verfolgt, verſichert ſein, hier auf die Fortſetzung der durch die Felder unterbrochenen Linie zu ſtoßen. Wo⸗ her nun dieſe Erhöhungen? welche Bedeutung haben ſie, und welchen Zweck? Dieſe und ähnliche Fragen drängen ſich der Wißbegierde des Wanderers unwillkürlich auf; allein der darüber befragte Landmann bleibt entweder ſtumm, oder er kann dem Fragenden, neben einigen auffallend klingen⸗ den Namen, nur verworrene und unſichere Sagen mitthei⸗ len, auf welche wir unten zurückkommen werden. Kundigere dagegen werden den Wißbegierigen belehren: daß er an den Ueberreſten der großen römiſchen Grenzlinie oder Grenzwehr vorübergewandelt iſt! Denn nicht blos auf die genannten württembergiſchen Oberamts⸗ bezirke beſchränkt ſich dieſe Linie, ſondern ſie nimmt, von Regensburg bis nach Cöln a. R. ſich erſtreckend, eine Länge von 70— 75 geographiſchen Meilen ein. Durch das Kö⸗ nigreich Württemberg zieht ſie von Eck, Oberamts Ellwan⸗ gen, bis Lorch in einer Länge von 15 Stunden, und von da an, nordweſtlich ſich brechend, bis an die Landesgrenze bei Berlichingen 18 Stunden, demnach im Ganzen 33 Stunden, hin.— Indeſſen, dieſe Linie in ihrer gan⸗ zen Ausdehnung, mit den verſchiedenen Wechſeln ihrer Phy⸗ ſiognomie an den verſchiedenen Orten zu beſchreiben, liegt außerhalb unſeres Planes; wir betrachten unſere Aufgabe als gelöst, wenn wir die Reſultate theils eigener Anſchauung und Forſchung, theils der Unterſuchungen Anderer über dieſelbe, ſoweit ſie Württemberg berührt, unſern Leſern auf klare und deutliche Weiſe vor Augen gelegt haben werden. Ehe die Römer die in dem Winkel zwiſchen Rhein und Donau gelegenen Gegenden in Beſitz nahmen, waren letztere im Beſitze der Markomannen. An der Spitze die⸗ ſes heroiſchen Volkes ſtand zur Zeit des Kaiſers Auguſtus Marbod, ein gewaltiger und unternehmender Mann. Dieſem konnte die Nachbarſchaft der Römer, die ihn im Oſten an der Donau, im Weſten am Rheine(wo ſie ſich immer mehr ausbreiteten und feſtſetzten), im Rücken und von vor⸗ nen bedrohten, nur unerwünſcht ſein. Dieſer gefährlichen Nachbarſchaft ſich zu entſchlagen und für die Ausführung ſeiner weitausſehenden Herrſcherplane einen geeigneten, min⸗ der eingeengten Boden zu gewinnen, führte Marbod ſeine Markomannen in das Innere von Deutſchland, wo er ein mächtiges, ſelbſt den Römern ernſte Beſorgniſſe einflößen⸗ des Reich gründete. Durch dieſen Abzug der Markoman⸗ nen ſtanden die Gegenden zunächſt am Rhein, und vor allen der ſüdweſtliche Winkel, von dem weitaus größten Theile ihrer bisherigen Bewohner verlaſſen da. Wie lange dieſelben in dieſem Zuſtande verblieben, darüber fehlen uns nähere Nachrichten; das iſt jedoch außer allem Zweifel, daß zu Ende des erſten Jahrhunderts unſerer Zeitrechnung nicht blos neue Bewohner in dem verlaſſenen Lande ſich ſeßhaft gemacht hatten, ſondern daß auch ſchon eine Grenzwehr er⸗ richtet war. Tacitus ſagt nämlich in ſeiner Germania: „Nicht möchte ich unter Germaniens Völker diejenigen rech⸗ nen welche die Zehentfluren bebauen, obgleich ſie jenſeits des Rheins und der Donau ſich niedergelaſſen. Jeder gal⸗ Feierſtunden. 1864. ———————-y—r———————— liſche Abentheurer, aus Noth unternehmend, hat ſich auf dieſem Boden angeſiedelt, und nun, nach gezogener Grenzwehr und nachdem die Beſatzungen vorgerückt, gilt jener Landſtrich als ein Buſen des Reichs und als Theil einer Provinz.“ Eingewanderte Gallier alſo traten nach Tacitus an die Stelle der weggezogenen Markomannen; indeß äußert ſich der große Geſchichtſchreiber über die Zeit, wann dieſes geſchehen, eben ſo wenig, als über den Zeit⸗ punkt der Errichtung der Grenzwehr und deren Ausdeh⸗ nung; doch möchte die Vermuthung, daß Einwanderung und Errichtung der Grenzwehr ſchon vor Tacitus' Zeit ſtattgefunden haben, nicht ganz von der Hand zu weiſen ſein. Da jedenfalls damals, als Tacitus ſeine Germania ſchrieb(98 n. Chr.) die Grenzwehr ſchon vorhanden war, ſo kann die Nachricht eines andern alten Geſchichtſchreibers: „Kaiſer Hadrian habe die Grenzmarken gegen die Barbaren, wo ſolche nicht durch Flüſſe vom römiſchen Reiche geſchie⸗ den waren, durch dicht verbundenes Pfahlwerk geſichert,“ nicht auf die Errichtung, ſondern höchſtens auf eine Ver⸗ ſtärkung und größere Ausdehnung unſeres Grenzwalls be⸗ zogen werden, vorausgeſetzt, jener Geſchichtſchreiber habe gerade dieſen Grenzwall im Auge gehabt, zu welcher An⸗ nahme aber durchaus keine Nöthigung vorhanden iſt, da auch in andern Ländern des römiſchen Weltreichs, z. B. in Dacien, Britannien, Nordafrika ꝛc., ſolche Grenzwehren errichtet wurden. Unſere Grenzwehr in ihrer ganzen Aus⸗ dehnung iſt weder das Werk einer Regierung, noch eines Menſchenalters; auch wurde nicht ununterbrochen und nach einem Plane(wogegen ſchon der verſchiedene Charakter der Linie von Kellheim bis Lorch und der von da an bis an den Rhein ſpricht) daran gearbeitet, wie eben die Noth oder Gelegenheit es mit ſich brachte. Urſprünglich galt es die Errichtung eines Schutzwalles für das Dekumaten⸗ oder Zehentland; bald dehnte ſich dieſer durch hie und da be⸗ feſtigte Punkte, welche dann mit einander in Verbindung geſetzt wurden, wie von ſelbſt und darum weniger ange⸗ fochten aus. Mehr Stärke und Ausdehnung mußte dem⸗ ſelben aber in dem Verhältniſſe gegeben werden, in welchem die Bevölkerung und der Wohlſtand des Zehentlandes wuchs, über das ſich im Laufe der Zeit nicht nur ein ausgedehntes Straßennetz verbreitete, ſondern in welchem auch blühende Städte und Wohnorte ſich erhoben und wo römiſche Cul⸗ tur und römiſches Leben immer mehr feſten Boden faßten. Je blühender aber der Zuſtand dieſes Theiles der Provinz wurde, um ſo mehr zog er die beutelüſternen Blicke der Germanen, namentlich der benachbarten Catten, auf ſich und veranlaßte dieſe zu wiederholten Einfällen, bei denen der Grenzwall immer den erſten Anlauf auszuhalten hatte, daher uns denn die römiſchen Geſchichtſchreiber mehr als einmal zu berichten wiſſen, die Feinde haben ſich nach Durchbrechung der Grenzwehr über die römiſchen Beſitzun⸗ gen ergoſſen. Dieſes war beſonders häufig der Fall, nach⸗ dem der Bund der Allemannen ſich gebildet hatte, welche vom Main her immer weiter gegen Süden vorzudringen ſuchten. Wie oft und viel mag damals an und auf dem Walle gekämpft worden ſein, bis die Adler Roms der ger⸗ maniſchen Kraft erlagen! Und dennoch, als das Zehent⸗ land ſchon in den Beſitz der Allemannen übergegangen war, nahmen jene noch einmal ihren Flug in dieſe Gegenden unter Probus(276— 282 n. Chr.). Von dieſem Kaiſer leſen wir bei dem römiſchen Geſchichtſchreiber Vopiscus, er habe, nachdem er den Deutſchen ſchwere Niederlagen beigebracht und ihre Ueberreſte über den Neckar und die Alp getrieben, im Barbarenlande, d. h. in unſeren Gegen⸗ —Q—Q—Q — den, rämiſ mit Beſat ſchlußen, angelegt, 1 ſie daher i Einbildunge Gibbon ſih der Vall ge er in ſchick Andeſſen d welchen der bloße Schu Städte am de Probu Wie Grenzwehr Dunfelhei⸗ gedeckte La Winke der dritten gah ſelbe— we diger— m lich Anſtal Britannien ceer ſeine? um Ende i ten Augent Vertheidige pen wo einzigen L laſſen. I unſere Gr Oroſiud, a der Geogra die Letzten, ald Grenzſ Wweite ſag Donau. wihr, gehe Ihren diſtit wege unian der genduurg — ſich auf ogener ct, gilt. s Theil ten nach manmn; die Zeit, en Zeit⸗ Ausdeh⸗ nderung 8' Zeit weiſen rmania Rn War, hreibers: arbaren, egeſchie⸗ eſichert,“ ine Ver⸗ alls be⸗ er habe her An⸗ iſt, da z. 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Indeſſen dürften wohl jene Anlagen des Probus, von welchen der genannte Geſchichtſchreiber ſpricht, ſich auf bloße Schutzwehren am Rhein und an der Donau für die Städte am andern Ufer beſchränken, welche nach dem Tode des Probus von den Deutſchen überwältigt wurden. 3 Wie ſich übrigens die Zeit der Entſtehung unſerer Grenzwehr nicht genau beſtimmen läßt, ſo herrſcht auch Dunkelheit darüber, wann ſie, und mit ihr das durch ſie gedeckte Land, von den Römern aufgegeben wurde. Einige Winke der Alten ſcheinen ſchon auf die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts hinzuweiſen. Jedenfalls bewahrte die⸗ ſelbe— war ſie auch ſtärker als der Muth ihrer Verthei⸗ diger— mit nicht größerem Glücke dieſe Grenze, als ähn⸗ liche Anſtalten in China, im Kaukaſus, in Dacien und Britannien gethan hatten. Denn ein thätiger Feind, wel⸗ cher ſeine Angriffspunkte wählen und verändern kann, muß am Ende irgend eine ſchwache Stelle und einen unbewach⸗ ten Augenblick finden. Stärke, wie Aufmerkſamkeit der Vertheidiger wird getheilt, und bei den ſtandhafteſten Trup⸗ pen wirkt blinder Schrecken ſtark genug, um eine an einem einzigen Orte durchbrochene Linie faſt augenblicklich zu ver⸗ laſſen. Wie Tacitus der Erſte unter den Alten iſt, welcher unſere Grenzwehr erwähnt, ſo ſind der Geſchichtſchreiber Oroſius, aus dem Anfange des fünften Jahrhunderts, und der Geograph Arthikus, vielleicht aus demſelben Zeitalter, die Letzten, welche von ihr ſprechen. Der Erſte gibt ſie als Grenzſcheide zwiſchen Germanien und Gallien an; der Zweite ſagt: ſie trenne Gallien und Germanien von der Donau. So viel über das Geſchichtliche unſerer Grenz⸗ wehr; gehen wir nun zur Beſchreibung derſelben über. Ihren Anfang nimmt ſie— um dies der Vollſtän⸗ digkeit wegen zu bemerken— ſchon im Königreich Bayern, unfern der Stadt Kellheim, ſechs Stunden oberhalb Re⸗ gensburg, an der Mündung der Altmühl, am linken Ufer der Donau, gegenüber dem auf dem rechten Ufer gelegenen Benediktinerſtifte Weltenburg und dem durch römiſche An⸗ lagen befeſtigten Arzberg. Nachdem die Linie von Südoſt gegen Nordweſt, nicht unterbrochen durch Flüſſe, Berge, Höhen oder Tiefen, meiſt in gerader Richtung ziehend, in der Nähe von Mönchsroth das Königreich Bayern ver⸗ laſſen, erreicht ſie die württembergiſche Grenze ſüdlich von dem Weiler Eck, Oberamts Ellwangen. Dieſen Oberamts⸗ bezirk indeß, ſowie die Oberämter Aalen und Gmünd, durch⸗ zieht ſie weniger in Geſtalt einer Mauer, als in der einer gepflaſterten Straße, als welche ſie auch in Bayern er⸗ ſcheint und an mehreren Stellen gegenwärtig noch benützt wird, obgleich hier, wie dort, Teufelsmauer genannt. Allein die Linie hatte noch eine andere Beſtimmung, als die einer Straße. Abgeſehen davon, daß ſie große Strecken ſchnur⸗ gerade hinzieht, über Berg und Thal, und dann auf ein⸗ mal, nicht in Bögen, ſondern in Winkeln die Richtung verändert, ſo zeigen die vielen Spuren von Befeſtigungen, als: Thürme, Wachhäuſer, künſtlich aufgeworfene, mit Grä⸗ ben umgebene Hügel und Kaſtelle, die ſich längs des Straßen⸗ walles befinden, hinlänglich, daß es eine bedeutende Defen⸗ „Feierſtunden. 1864. 311 ſionslinie, und zuverläſſig der römiſche limes transrhena- nus, die überrheiniſche Grenzwehr, war. Dieſe wallartig geführte Hochſtraße diente— wie ein gründlicher Forſcher bemerkt— zugleich als Grenzlinie, als Bruſtwehr und als Verbindungsſtraße der an ihr ſich befindenden Befeſtigungen. In den Bezirk Welzheim bei Kleindeinbach eingetreten, ver⸗ ändert ſie bei Lorch ihre Richtung, ihre ganze Phyſiognomie und ſelbſt ihren Namen. Nachdem ſie ſich nämlich bisher von Oſten nach Weſten gezogen, wendet ſie ſich am letztgenann⸗ ten Orte, wo auch die von den Donauquellen längs der Alptraufe ſich hinziehende Grenze Obergermaniens und Rhͤ⸗ tiens(Rhaetia secunda) hinlief, einen beinahe rechten Win⸗ kel bildend, auf einmal gegen Nordweſt, nun die Richtung mit dem Laufe des Rheins, wie bisher mit dem der Donau paralleliſirend. Glich, wie ſchon bemerkt, die Linie bisher einer gepflaſterten, dammartigen Straße, ſo erſcheint ſie dagegen von Lorch an als ein vollkommener Erdwall, wel⸗ cher einſt in einem Zuſammenhange fortlief, nun aber theils durch die Länge der Zeit ſtreckenweiſe bis zur Un⸗ kenntlichkeit verfallen, theils von der Cultur vertilgt, nur noch mehr oder minder ſichtbare Spuren hinterlaſſen hat. An den beſterhaltenen Stellen hat der Wall an der ſteilen Außenſeite(Oſtſeite) immer noch 10— 12 Fuß, an der flach abgedachten Innenſeite(Weſtſeite) 4 Fuß Höhe, oben eine Breite von 4—5 Fuß und an der Baſis von 25— 30 Fuß. An der Außenſeite läuft ein 25— 30 Fuß breiter Graben hin, der ſich gegen unten bis anf 2 Fuß verengt. Die Tiefe deſſelben bildet die Höhen-Außenſeite des Walles und beträgt demnach 10—12 Fuß. Gedeckt war derſelbe, ſo lange er zur Vertheidigung und zum Schutze diente, durch oben angebrachte Palliſaden, worauf ſchon die ver⸗ ſchiedene Benennung„Pfahlhecke“,„Pfahlgraben“, welche er an verſchiedenen Orten von Lorch an führt, ſowie die Namen einiger unweit des Walls gelegener Orte, als: Pfahlheim, Pfahldorf, Pfahlbronn, Pfahlhauſen u. ſ. w., hinweiſen. Längs des Walles ſtanden an der innern Seite, genau zwanzig Schritte(60 württemb. Fuß) hinter dem⸗ ſelben, kleine Vertheidigungsgebäude, in der Regel, wenn die Terrainverhältniſſe es erlaubten, tauſend römiſche Schritte (5163 württemb. Fuß) das eine von dem andern entfernt: das Normalmaß bei derartigen Befeſtigungen. Dieſes Maß wurde in dem Falle nicht eingehalten, wann die Terrain⸗ verhältniſſe eine Abweichung nothwendig machten, in welchem Falle, je nach den Umſtänden, bald etwas abgebrochen, bald zugegeben wurde. Die noch aufgefundenen, 2 Fuß dicken Grundmauern derſelben ſind Vierecke, von denen je eine Seite 15 Fuß beträgt. Im Munde des Volkes heißen dieſe Wachhäuschen gewöhnlich„Kapellen“, eine Benennung, welche, ſowie der Name„Kirche“,„Kloſter“ ꝛc., häufig als eine volksthümliche Andeutung der ehemals über der Erde ſichtbaren Römergebäude vorkommt.— Als der Verfaſſer dieſes Aufſatzes in ſeinen jüngeren Jahren den Welzheimer Wald beſuchte, ſprach er mehrfach mit älteren Leuten, welche ſich noch recht gut erinnerten, mehrere dieſer Wachhäuschen in einem noch ziemlich wohl erhaltenen Zuſtande geſehen zu haben. Wann ein Feind ſich genähert(„der Schwede“, ſagte Einer, mich belehrend), ſo habe man von dem Häus⸗ chen aus, wo man ihn zuerſt bemerkt, bei Tage ein Fähn⸗ lein, bei Nacht aber eine brennende Fackel geſchwenkt: die⸗ ſes Signal ſei von dem nächſtgelegenen aus, und ſo von allen, den ganzen Wall entlang, wiederholt worden, wor⸗ auf in kurzer Zeit eine anſehnliche Mannſchaft auf dem bedrohten Punkte ſich geſammelt habe. Außer den häufigen Spuren von Wachhäuschen findet man aber auch noch und von Wach⸗ Ueberbleibſel von größeren Gebäuden thürmen.— Was nun die Richtung des Walles von Lorch aus durch den Welzheimer Oberamtsbezirk betrifft, ſo finden ſich im Pfahlbronner Walde, unweit der Götzenmühle(dieſer Name hat mit dem römiſchen Alterthum nichts zu ſchaffen, ſondern kommt von einem ehemaligen Beſitzer her), die erſten Spuren derſelben in ſeiner nördlichen Richtung. Von da zieht er den Bergrücken hinauf nach Pfahlbronn, den Bimberlinsſtein— eine felſige Bergkuppe, welche ſich, der Volksſage nach, allmälig herumdrehen ſoll— zur Seite laſſend. Aus dem Walde auf das Pfahlbronner Feld ge⸗ treten, zieht ſich der Wall auf demſelben eine Strecke weit in ſichtbaren Spuren fort, bis ſich dieſe bei dem Orte ſelbſt verlieren, um weſtlich von demſelben wieder zu Tage zu treten. Nachdem er in nordweſtlicher Richtung neben der Landſtraße von Pfahlbronn nach Welzheim hingezogen, bricht er in der Nähe des Haghofes in einem ſtumpfen Winkel ab, geht von der Höhe hinab in's Thal und führt, ſeine frühere nördliche Bahn wiederholend, in immer ſichtbaren Spuren weiter durch die Wälder Birkich und Tann, von Strecke zu Strecke Ueberreſte von Wachhäuschen aufweiſend, bis auf die ſogenannten Burgäcker, wo durch die Kultur die Spuren des Walles vertilgt ſind. Wenn nicht ſchon die Benennung„Burgäcker“ auf eine vormals hier beſtan⸗ dene Niederlaſſung ſchließen ließe(denn das Wort„Burg“ bezeichnet häufig im Munde des Volkes einen alten, abge⸗ gangenen Ort überhaupt, nicht gerade eine eigentliche Burg), ſo ſprächen für eine ſolche die Grundmauern römiſcher Ge⸗ bäude von beträchtlichem Umfange, unter dem Boden, ſo⸗ wie die zufällige Auffindung von mehreren römiſchen Alter⸗ thümern, z. B. Lanzen, bronzenen Figuren u. a., nament⸗ lich aber von zahlreichen römiſchen Münzen. Solche wur⸗ den und werden übrigens nicht blos auf dieſem Platze, ſon⸗ dern auch an dem Walle und auf den Feldern und in den Wäldern, durch welche er zieht, in Menge gefunden. Die Bewohner der Gegend legen ihnen, wenn ſie von Bronze ſind, keinen Werth bei: ſie geben ſie als halbe Kreuzer aus. Manche dieſer Münzen habe ich auch an Röcken von Land⸗ leuten, durchlöchert oder mit einem Oehr verſehen, als Knöpfe prangen ſehen. Die ſilbernen werden gewöhnlich an Juden verkauft, welche ſie dann in die Schmelztiegel wandern laſſen. Auch goldene hat man ſchon gefunden. Während eines längeren Aufenthaltes auf dem Welzheimer Walde wurden mir— nachdem bekannt geworden war, es ſei Jemand da, der alte Münzen kaufe— deren eine große Anzahl gebracht. Die meiſten waren von Bronze, doch auch einige von Silber; die bei weitem größere Zahl der⸗ ſelben gehörte den Zeiten des Kaiſers Hadrian und der beiden Antonine an; die ſpäteſte war eine ſilberne von Kaiſer Probus. Doch, um wieder auf die Burgäcker bei Welzheim zurückzukommen, ſo läßt der dumpfe Widerhall, welchen hier an einigen Orten der hart aufſchlagende Pflug her⸗ vorbringt, auf noch vorhandene Gewölbe ſchließen. Eine planmäßig begonnene und geleitete Ausgrabung dürfte hier vielleicht eine reiche Ausbeute von römiſchen Münzen und andern Alterthümern zu Tage fördern, ſowie auch nähere Aufſchlüſſe über den hier geſtandenen Römerort geben. Mag auch die auf der Peutinger'ſchen Tafel verzeichnete Römer⸗ ſtaiton„ad Lunam“(unter dieſem Namen wäre das Flüß⸗ chen„Lein“ zu verſtehen), nicht, wie die Meiſten wollen, hier geſtanden haben, ſondern vielleicht eher bei Pfahlbronn, als einem in militäriſcher Beziehung wichtigeren Punkte, Feierſtunden. 1864. ————:ͤy—————; zu ſuchen, ſo ſcheint doch die römiſche Niederlaſſung bei Welzheim als Wohnort nicht ohne Bedeutung geweſen zu ſein. Doch, kehren wir nach dieſer Abſchweifung zum Wall ſelber zurück.— Von den Burgäckern zieht er ſich weiter über die ſogenannten Mühläcker bei der Stadt, wo neben andern römiſchen Alterthümern im Jahre 1802 ein Bruchſtück eines von Kriegern der XXII. Legion gewidme⸗ ten Altars gefunden wurde, und über die„Kapellentheile“ (ohne Zweifel ſo genannt von den hier einſt geſtandenen Wachhäuschen, Kapellen), und von hier wieder deutlich er⸗ kennbar an Seiboldsweiler vorüber nach Eckardsweiler. Von dieſem Orte geht er öſtlich an Hausmannsweiler vorbei, und über die ſogenannte Gläſerwieſe bis an den obern Rand des ſchroffen Thalabhanges gegen den Weidenhof, in der Nähe des Spatzenhofes. Am Thalrande verläßt der Wall die Hochebene des Welzheimer Waldes und geht über Schluch⸗ ten und Thäler am Weidenhofe vorbei, unweit deſſen er bald die nördliche Grenze des Bezirks Welzheim überſchreitet und Murrhardt zu zieht, und von da in das Hohenlohe'ſche ac. mit größeren und kleineren Unterbrechungen, bis er bei Cöln a. R. ſein Ende findet. „Was nun noch die Benennung unſerer Grenzwehr be⸗ trifft, ſo führte dieſelbe ſchon im Alterthum nicht einen gemeinſchaftlichen Namen, ſondern, ſoweit ſie Rhätien deckte, hieß ſie limes rhaeticus, die rhätiſche Grenzwehr; ſoweit ſie aber das römiſche Obergermanien ſchützte, limes trans- rhenanus, die überrheiniſche Grenzwehr. Auch jetzt noch wird ſie an verſchiedenen Orten verſchieden benannt. Bald heißt ſie, wie ſchon bemerkt, der Pfahlgraben oder die Pfahlhecke, bald Schanze ſchlechtweg, bald Teufels⸗ mauer, bald Schweingraben. Die letzte Benennung rührt von der Sage her, ein Schwein und ein Hahn haben dieſen Wall, welcher ſich um die ganze Erde herumziehe, in einer Nacht zu Stande gebracht: das erſtere habe mit ſeinem Rüſſel die Erde aufgewühlt, der Hahn aber dieſelbe zurecht getreten; auf dieſe Weiſe ſeien Wall und Graben entſtanden. Es ſei aber kein„rechtes“ Schwein und kein „rechter“ Hahn geweſen, welche dieſes vollbracht haben, meinte bedeutſam der Waldbewohner, welcher mir dieſe Sage mittheilte, nicht undeutlich zu verſtehen gebend, der Gott⸗ſei⸗bei⸗-uns habe hiebei ſelbſt ſeine Hand mit im Spiele gehabt. Indeß lautet eine andere Verſion der Sage von der Entſiehung des Schweingrabens dahin: der Böſe habe ſich von dem Herrn ein Stück Landes ausgebeten, ſo groß, als er in einer Nacht mit einer Mauer oder einem Gra⸗ ben umgeben könne. Die Bitte ſei ihm gewährt worden, und nun habe er mit Hülfe— nach Andern in Geſtalt— eines Schweines das Werk der Umfriedung begonnen, ſei aber vor Vollendung deſſelben vom Tage überraſcht wor⸗ den, weßhalb er im Aerger über ſein mißglücktes Unter⸗ nehmen ſein Werk ſelbſt wieder zerſtört habe. In anderen Gegenden, namentlich in Bayern, aber auch in den Ober⸗ ämtern Ellwangen, Aalen und Gmünd, wenigſtens bis über Mögglingen hinaus, heißt die Linie Teufelsmauer (obgleich ſie, wie oben ſchon bemerkt wurde, keine Mauer iſt): ſei es auf den Grund einer der oben angeführten Sagen hin, oder weil das große Werk menſchliche Kräfte zu überſteigen ſchien, weßhalb es von dem Volke, ſeiner bekannten Gewohnheit nach, der Macht des Böſen zuge⸗ ſchrieben wurde, oder weil nach Einführung des Chriſten⸗ thums Heiden⸗ und Teufelswerke gleichbedeutend waren. Abgeſehen davon, daß in England ein ähnlicher Wall die Teufelsbank(Devils-banc) heißt, ſo findet ſich oben am Rande der ſchwäbiſchen Alp ein zweiter Wall, der auch von dem B derſelbe eber ein reiner unders zu gebungen m bei Nacht ſ und man b gegen hie I ten Welzhei ſces Gewan die„Teufels Schirm ſein Als die Auf wir be Krönten Ha! wie e Wenn De Ausdruck aber ſanfter dem ſie vor Herde vette ſehr vowe⸗ verſprach von ihm v behielt er/ gewiſſe Vor beobachten, Plazu B apitän F Rn, durch hpfes das 1 mittel ſein Ha⸗ 8 8 enen klein emn hur e welche als der d — ſung bei weſen zu ung zum ita ſch ;tadt, wo 1802 cin gewidme⸗ entheile“ tandenen tlich er⸗ er. Von vorbei, en Rand „in der der Wall r Schluch⸗ deſſen er jerſchreitet enloheſſche is er bei wehr be⸗ t einen gn deckte, 8 ſoweit ss trans- jetzt noch nt. Bald à R Teufels⸗ genennung ahn haben rumziehe, habe mit e dieſelbe d Graben wund kein ht haben, mir dieſe 0 Geſtalt— onnen, ſei ſcht wor⸗ 7 es Untel⸗ Feierſtunden. 1864. von dem Volke die Teufelsmauer genannt wird, obgleich derſelbe ebenfalls nichts weniger als eine Mauer, ſondern ein reiner Erdwall iſt. Die Volksſage bevölkert, wie nicht anders zu erwarten, noch jetzt die Grenzwehr und ihre Um⸗ gebungen mit Geſpenſtern. Oft— heißt es— laſſen ſich bei Nacht ſchreckliche, ſeltſam bewaffnete Geſtalten ſehen, und man vernehme Männergeſchrei und Waffengetöſe bis gegen die Morgendämmerung hin. Dieſe, in der Gegend von Welzheim am häufigſten vorkommende Sage in ein epi⸗ ſches Gewand einkleidend, ſchließen wir unſern Aufſatz über die„Teufelsmauer“ mit nachſtehenden Strophen: Schirm ſein ſollt' ich dem Lande der Rhätier— wollte der Römer, Als die verlaſſene Flur ward Dekumatengefild. Auf mir blitzten die Adler von Rom; als eherne Mauer Krönten ſtolz und ernſt Roms Legionen mein Haupt. Ha! wie erbrauste ſo oft um mich und auf mir die Feldſchlacht, Wenn der Germane im Grimm heiſchte ſein Erbe zurück. 313 ——;——————— Heerruf ſchallt' in der Tuba Getön: es rauſchten die Speere, Schwerter erklangen und dumpf dröhnten die Schilder im Streit. Blutroth ward ich gefärbt, von Erſchlagenen höher gethürmet, Bis der tarpeiſche Aar wich der germaniſchen Kraft. Dunkel und ſtill umgeben verlaſſene Forſten mich jetzo; Tage vergeh'n, bis an mir wandelt ein Pilger vorbei. Doch, wann Schatten der Nacht umfangen mit Stille die Fluren, Traun, dann reget es ſich laut und lebendig auf mir. Wiederum ſteh'n aus den Gräbern empor die alten Bekannten, Römer, Germanen, es wird wieder geſchlagen die Schlacht. Heerruf ſchallt in der Tuba Getön, es rauſchen die Speere, Schwerter erklingen und dumpf dröhnen die Schilder im Streit. Doch, wie röthet ſich der Oſten, die Stern' am Himmel erbleichen, Sinken, ermattet vom Kampf, wieder die Schatten in's Grab. Dunkel und ſtill umgeben verlaſſene Forſten mich wieder; Tage vergeh'n, bis an mir wandelt ein Pilger vorbei. Dr. W. Binder. 7 imon Uerde. (Schluß zu S. 298.) Der brave Mann, welcher bisher noch keinen andern von der Stille und Einſamkeit begünſtigt, wieder Beſitz Ausdruck heftigen Schmerzes aber ſanften Thränen ſeiner geſehen hatte, als die bitteren, davon genommen hatten. dem ſie von dem väterlichen Herde vertrieben wurde, war ſehr bewegt, erweicht, und verſprach Alles, was man von ihm verlangte. Dennoch behielt er ſo viel Beſinnung, gewiſſe Vorſichtsmaßregeln zu beobachten, und machte des⸗ halb zur Bedingung, daß der Kapitän Frauenkleider anle⸗ gen, durch ein Fenſter des Hofes das Schloß verlaſſen und mittelſt der Hinterthür in ſein Haus kommen ſolle. Er verbarg ihn ſodann auf einem kleinen Speicher, zu dem nur eine Leiter führte, welche er ſogleich zurückzog, als der Fremdling ſich dort niedergelaſſen hatte. Simon nahm die Gold⸗ ſtücke nicht, und dachte auch nicht daran, ſie zu fordern. Die Orangen, welche er ver⸗ kaufte, wurden von ihm bis zum letzten Maravedi behan⸗ delt; aber für Werke des Mitleids einen Preis zu be⸗ anſpruchen, ließ ſein ange⸗ borener Edelmuth nicht zu. Jetzt mochte der Alcalde umherſchleichen und ſpioniren, ſo viel er wollte, er ſah und entdeckte nichts mehr, und hatte den Aerger, ſich Abends mit dem Bewußtſein frucht⸗ loſer Bemühungen heim begeben zu müſſen. Einige Tage ſpäter verſchwanden plötzlich der Obriſt Titan und die Dame Fornarina. Man hielt Nachſuchung im Schloſſe, aber fand nur die früheren Bewohner, welche, Feierſtunden. 1864. Mutter an jenem Tage, an Simon Verde ſetzte ſeine Reiſen nach Sevilla mehrere (Zu Seite 314.) Tage fort, und der Kapitän blieb in ſeinem Verſtecke auf dem Speicher. „Ich wette ein Pferd gegen eine Henne,“ ſagte der Alcalde,„daß Simon bei dieſer Sache wieder die Hand im Spiele hat.“ „O ſaget das nicht, Sennor,“ erwiederte man ihm, 40 4 ——— „dergleichen Dinge paſſen ſich für den armen Simon nicht; weshalb ſollte er ſich einmiſchen?“ „Weil er wahrſcheinlich ſeine Rechnung dabei findet,“ war die Antwort des boshaften Alcalde;„ich habe ihn ein⸗ mal dabei ertappt und traue ihm deshalb nicht mehr. Er war im Einverſtändniß mit jenen Leuten, und wer Oel mißt, macht ſich die Hände fett.“ 1 Wer am meiſten Unruhe empfand, war Julian. Agueda hatte ihm nicht verhehlen können, daß der Kapitän im Hauſe ihres Vaters verſteckt worden ſei, aber wohl gehütet hatter ſie ſich, ihm zu ſagen, wie ſehr ſie bisher der Gegenſtand ſeiner Verfolgungen geweſen war. Julian beſaß einen treuen, ergebenen Freund in dem Schenkwirth Joachim, welcher früher ein Diener des Al⸗ calde geweſen war und für den jungen Mann eine innige Anhänglichkeit bewahrte. „Joachim,“ ſagte Julian eines Tages zu ihm,„willſt du für mich thun, was ich von dir verlangen werde?“ „Soll ich mich köpflings in den Fluß ſtürzen?“ fragte Joachim und machte zwei lange Schritte in der Richtung nach dem Guadalquivir. „Nein, darum handelt es ſich nicht.“ „Nun, um was denn? Bitte, ſage es mir!“ „Ich frage dich nur, um deiner gewiß zu ſein und dich ſpäter bereit zu finden, ſobald es nöthig iſt.“ Inzwiſchen litt Agueda dreifach. Sie ſah die Unruhe und Beſorgniß ihres Vaters, hatte die Eiferſucht des Ge⸗ liebten zu ertragen, und mußte, wenn ſie dem Kapitän ſeine Nahrung brachte, die widerlichen Ausbrüche ſeiner Leiden⸗ ſchaft anhören, welche durch die Einſamkeit und Unthätig⸗ keit des Mannes noch geſteigert worden war. Der Kapitän ſchrieb alle Tage Briefe und empfing darauf Antworten. Als er eines Abends das letzte der eingegangenen Schreiben las, ſagte er: „Simon Verde, es wird mir ſoeben angezeigt, daß ich morgen meine Begnadigung erhalten werde.“ „Gott ſei gelobt!“ rief der brave Simon erfreut. „Aber der Brief wird durch mehrere Hände gehen, ehe er zu mir gelangt, und Ihr, Simon, müſſet deshalb bei dem Wirthshauſe ſo lange warten, bis er gebracht wird. Wahrſcheinlich wird er erſt nach der Stunde des Abendgebets eintreffen.“ „Ich will mit dem größten Vergnügen warten,“ ver⸗ ſetzte Simon, welcher mit Freude den Augenblick nahen ſah, der ihn von einer immer drückender werdenden Unruhe be⸗ freien ſollte. „Inzwiſchen müßt Ihr mir feierlich geloben, gegen Niemand darüber zu ſprechen, bis ich weit von hier ent⸗ fernt ſein werde; denn es iſt mir zur Pflicht gemacht worden.“ „Meine Zunge ſoll ſtumm ſein!“ verſetzte Simon. Am folgenden Tage wartete er vergeblich bis zur be⸗ zeichneten Stunde; Niemand kam und brachte den verſpro⸗ chenen Gnadenbrief. Verdrießlich trat er den Rückweg nach Gelves an. Der Weg wurde ihm lang, theils wegen der erlittenen Täuſchung, theils wegen der tiefen Dunkelheit der Nacht. „Etwas günſtig iſt uns dennoch das Schickſal,“ dachte Simon;„der Alcalde iſt immer auf der Lauer und ſchleicht fortwährend umher, aber ſeine Bemühungen müſſen vergeb⸗ lich ſein. Ich will den Muth nicht verlieren! Wenn die Begnadigung heute nicht gekommen iſt, ſo wird ſie hoffent⸗ lich morgen kommen.“ Unter ſolchen Bemühungen erreichte er ſein Haus; ſallein ehe er eintrat, vernahm ſein Ohr die Stimme der Mutter, welche weinend rief: „„Mein Sohn! mein Sohn! er iſt entflohen!“ „Still, Mutter, um Gottes willen, ſtill!“ erwiederte Simon.„Wenn er entflohen iſt, ſo ſei der Herr geprieſen!“ „Ja, aber— aber— ach! Sohn meiner Seele—“ Ihr Schluchzen, worin ſich das zweier Nachbarinnen miſchte, verhinderte ſie, weiter zu ſprechen. „Was? was?“ fragte Simon, von einer beängſtigen⸗ den Ahnung ergriffen. „Er hat Agueda entführt!“ „Heilige Jungfrau!— Herr mein Gott!— Barm⸗ herzigkeit!“ rief der verzweifelnde Vater.„Von wo hat er ſie mitgenommen? Wann iſt er entflohen? Welchen Weg haben ſie eingeſchlagen? Sprechet, antwortet ſchnell!“ — 1220, mein Sohn, Niemand hat ſie geſehen und ge⸗ ört!“ Simon warf ſeinen Hut auf die Erde und raufte ſich das Haar. „Meine Tochter!“ rief er.„Kind meines Herzens! Dein Vater kann dich nicht beſchützen! Du rufſt mich, und ich komme nicht zu deiner Hülfe! Mein Gott, wenn doch die Vögel mir ihre Flügel, der Luchs ſeine Augen und die wilden Thiere ihre Klauen leihen könnten! wefsſſhe ein Pferd! meine Büchſe!— Nachbaren! Freunde!“ ſchrie er, auf die Straße eilend,—„Juan, Antonio, Nicolas, hel⸗ fet mir, eine Schändlichkeit der ſchwärzeſten Art zu verhin⸗ dern! Wenn ihr Chriſten ſeid, ſo leihet einem unglück⸗ lichen Vater euren Beiſtand, dem man das Kind aus dem Hauſe geſtohlen und das Herz aus der Bruſt geriſſen hat!“ Die Nachbaren kamen und umringten den verzweifeln⸗ den Mann. Ihre ehrlichen Geſichter drückten den Unwil⸗ len aus, welchen ſie empfanden, und ſelbſt die Weiber hörte man Verwünſchungen ausſtoßen. Pferde und Büchſen wur⸗ den herbeigeholt, und Mehrere ſchickten ſich mit der unter ligkeit an, Simon Verde zu begleiten und ihm Beiſtand zu leiſten, als plötzlich der Schall von Pferdehufen hörbar wurde.— „Das ſind Truppen! Es ſind vielleicht die Bürger⸗ garden! Gott führt ſie zur rechten Zeit her!“ riefen Alle. Die Weiber liefen nach der Thür, brachten Lichter und erhellten eine Scene, welche ein allgemeines Freudengeſchrei erweckte. Agueda lag in den Armen ihres Vaters. Noch zu Pferde ſitzend und über dieſe heilige Gruppe gebeugt, gewahrte man Julian, und hinter ihm Joachim, welcher ſich den Schweiß abtrocknete.(Siehe Bild auf S. 313.) „Vater,“ flüſterte Agueda letzterem in das Ohr,„Ju⸗ lian hat mich gerettet!“ „Julian!“ rief Simon Verde,„du haſt mich verlo⸗ ren und haſt mich wieder gewonnen. Ich küſſe die Erde, die dein Fuß betritt, und will dein Sklave ſein, ſo lange in meinen Adern Blut fließt, das dir bis zum letzten Tro⸗ pfen gehört!“ Es würde uns unmöglich ſein, das zu ſchildern, was ſich zugetragen hatte, wenn wir der etwas verworrenen und oft unterbrochenen Erzählung folgen wollten, welche Agueda lieferte, während ſie der Reihe nach aus den Armen ihres Vaters in die der Großmutter und endlich in die Arme der Nachbarinnen überging. Es ſei deshalb mit kürzeren Wor⸗ ten geſchildert. Als die Nacht angebrochen war, ſagte der Kapitän zu Agueda, daß ſeine Freunde kommen würden, um ihn zu holen, und bat, indem er ihr eine kleine ſilberne Pfeife Landleuten in ſolchen Fällen ſtets zu findenden Bereitwil⸗ — — übergab, kof ſtoß zunge) traf ar zrrückt deckung cher h zu ſähen aleitete ſcließen war ſie der Laue de's T. der Gr welched 3 feſter u ſattele n O heißen w J n erreiche Bürgere 9 nme der 1” rwiederte prieſen! zeele—, barinnen ggſſtigen⸗ Varm⸗ do hat& ſcen Weg mell!“ mund ge⸗ aufte ſich Herzens! ich, und un doch und die erd! ein ſchrie er, as, hel⸗ verhin⸗ unglück⸗ wus dn en hat!“ zweifeln⸗ Unwil⸗ ber hörte ſen wur⸗ der unter gereitcwe eiſtand zu 1 hörbar Bürger⸗ fen Alle. jter und ngeſchrei . Noch gebeugt . welcher 5, 313) Jr,„Ju⸗ verlo⸗ ie Erde, 2 Feierſtunden. 1864. ——— — — übergab, nachzuſehen, ob ſie bereits in dem an den Hinter⸗ hof ſtoßenden Olivenwäldchen angekommen ſeien. Das junge Mädchen beeilte ſich, dem Auftrage zu genügen, und traf an dem bezeichneten Orte einen Mann. Schleunigſt zurückkehrend, theilte ſie dem Kapitän die gemachte Ent⸗ deckung mit und ſtellte die Leiter an, um ihn vom Spei⸗ cher herabſteigen zu laſſen. Letzterer that es, ohne ein Wort zu ſagen, und Agueda, erfreut und nichts Böſes ahnend, begleitete ihn in den Hinterhof, um die Thür wieder zu ſchließen, ſobald er ſich entfernt haben würde. Allein kaum war ſie dort angelangt, als ſich zwei Männer, welche auf der Lauer geſtanden hatten, auf ſie ſtürzten und ſie feſt⸗ hielten, während der Kapitän ihr durch ein Tuch den Mund verſchloß und Hände und Füße band. Dann ſtieg der Böſewicht zu Pferde, und die beiden Männer ſetzten das junge Mädchen vor ihn, ſprangen hierauf gleichfalls in den Sattel und ſprengten im Galopp davon. Als Julian eine halbe Stunde ſpäter an Simon Ver⸗ de's Thür vorüberging, hörte er das Klagen und Stöhnen der Großmutter Anna und das Geſchrei der Nachbarinnen, welche die Entführung mit angeſehen hatten. Augenblicklich nach Hauſe eilend, begegnete er ſeinem Freunde, dem Schenk⸗ wirth. „Joachim,“ rief er mit heftig bewegter, aber dennoch feſter und entſchloſſener Stimme,„nimm ein Pferd und ſattele mir die Stute, während ich meine Waffen hole.“ Ohne Zaudern that der Schenkwirth, was ihm ge⸗ heißen wurde; und als Julian zurückkam, fragte er nur: „Wohin gehen wir?“ „Nach Porſuna, um die Landſtraße von Benocaz zu erreichen; die Nichtswürdigen haben den Weg nach Portu⸗ gal eingeſchlagen. Mit dieſen Worten ſetzte Julian ſein Pferd in Ga⸗ lopp, und Joachim folgte ihm wie der Donner dem Blitze. Kaum hatten die Flüchtigen eine Meile zurückgelegt, als ſie das Traben von Pferden hinter ſich hörten. „Wir ſind verloren,“ rief der Kapitän,„es iſt die Bürgergarde!“.. „ Laſſet Eurem Pferde die Zügel,“ ſagte einer ſeiner Begleiter und Mitſchuldigen, welcher die Bemerkung ge⸗ macht hatte, daß die Thiere der Verfolgenden beſſer waren als die ihrigen, und ihnen mit jedem Augenblicke näher kamen. „Kapitän,“ fügte der Andere hinzu,„ſetzet das Frauen⸗ zimmer ab; es hindert unſere Flucht. Verlieren müßt Ihr es doch auf jeden Fall; bringet deshalb Eure Freiheit nicht zum Opfer.“ Die Verfolger kamen näher und näher, und der Ka⸗ pitän ſetzte deshalb endlich Agueda an der Seite des Weges ab und jagte dann geſtreckten Laufes ſeinen Begleitern nach, welche ihm voraus gekommen waren. Kaum ſah ſich das junge Mädchen in Freiheit, als es ihr nach mehreren An⸗ ſtrengungen auch gelang, die Bande der Hände zu löſen. Sie riß das Tuch vom Munde, und als die verfolgenden Reiter in die Nähe kamen, rief ſie:„Hülfe! Hülfe!“ Allein es war kein Bürgergardiſt, der ihr den erſehnten Beiſtand brachte, ſondern mit innigem Entzücken erkannte ſie Julian. Von dem Tumulte angezogen, den die oben geſchilderte Scene vor Simons Hauſe verurſachte, trat der Alcalde aus ſeiner Wohnung und näherte ſich dem Orte, an dem die Verſammlung ſich befand. Unbeſchreiblich waren ſein Aergep und ſein Staunen, als er hier ſeinen Sohn in der Rolle des Helden figuriren ſah, welcher Simon Verde's 315 —-——— Tochter befreit hatte, und ſeine eigenen, vom Schweiße triefenden Pferde erkannte. Seinen Schritt beſchleunigend, begegnete er zuerſt dem Schenkwirthe Joachim. Er faßte ihn beim Kragen und fragte: „Wer hat dir, du frecher, unverſchämter Bube, er⸗ laubt, meine Pferde aus dem Stalle zu ziehen und deine Laſt von dreihundert Pfund darauf zu legen?“ „Ich war es, mein Vater, der es ihm geheißen hat,“ erwiederte Julian mit reſpektvollem, aber feſtem Tone. „Bringe die Pferde zurück,“ ſagte der Alcalde, welcher vor Zeugen keinen Auftritt mit ſeinem Sohne herbeiführen wollte;„wir werden weiter darüber ſprechen.“ Julian gehorchte. „Entferne dich aus meiner Gegenwart,“ fuhr darauf der Alcalde, an den Schenkwirth gewendet, fort.„Wenn ich mich nicht mäßigte, würde ich dich mit Schlägen jetzt ſo zurichten, wie du meine armen Pferde zugerichtet haſt.“ Der Schenkwirth bediente ſich ſeiner langen Beine ſo hurtig als möglich, um in der Dunkelheit zu verſchwinden, wie es der große Schatten Samuels, von der Hexe zu En⸗ dor heraufbeſchworen, gethan hatte.. „Und nun,“ fügte der Alcalde hinzu,„rathe ich der Geliebten dieſes Abenteurers, ihre Schande zu verbergen, und lade den Hehler des Verbrechers ein, ſich augenblicklich dem Gefängniſſe zu überliefern.“. Eine tiefe Stille trat nach jener ergreifenden Scene ein, welche wenige Minuten zuvor alle Herzen hatte ſchla⸗ gen laſſen und allen Augen Freudenthränen entlockt hatte. Die Lichter erloſchen, die Thüren ſchloſſen ſich, und Dun⸗ kelheit und Stille traten an die Stelle deſſen, was das Schönſte auf Erden iſt, an die Stelle der Freude Aller über das Glück eines Einzelnen. VII. Mehr als ein Jahr war verfloſſen. Es war ein kal⸗ ter, nebeliger Decembermorgen; der Regen fiel und der Wind blies, die Landſchaft kleidete ſich in traurige Farben, die Schmetterlinge waren geflohen, die Vögel ſchwiegen, und die Blumen, welche ſonſt nicht dem Froſte erliegen und Andaluſiens Felder auch im Winter zu ſchmücken pfle⸗ gen, hingen die Kelche. Der Strom floß rauſchend durch die Ufer und führte den Raub ſeiner Nebenflüſſe mit ſich. Große Schwärme von Raben kreisten in der Luft und verleumdeten die unſichtbare Sonne. Es war einer von denjenigen Tagen, welche dem Reichen die Freuden und Annehmlichkeiten ſeines Herdes ſo ſüß machen und dem Armen die Kälte des ſeinigen doppelt empfinden laſſen. Auf dem von Triana nach Gelves am Flußufer ent⸗ lang führenden Wege kam ein Mann langſamen und ſchwe⸗ ren Schrittes gegangen. Sein Geſicht trug die Spnren ſchwerer Leiden; die Haare waren weiß, und ſein Auge, obgleich ſanft und gutmüthig, drückte ſo tiefe Trauer aus, daß es mehr Mitleid erweckte, als wenn ſein Mund ge⸗ klagt hätte. Dieſer Mann war Simon Verde, den man aus dem Gefängniſſe entlaſſen hatte, nachdem er ein Jahr darin zugebracht. Er wußte, was er zu Hauſe finden würde: eine Tochter, der die Verleumdung den ehrlichen Namen geraubt hatte und deren Geſundheit von Kummer und Scham untergraben worden, und eine Mutter, deren Augen in Folge der Thränen erblindet waren, während Beide ihr Daſein nur durch Almoſen erhalten hatten. . 40* 316 Welches Wiederſehen ſtand ihm unter dieſen traurigen Verhältniſſen bevor? Allein in dieſem Falle, wie in allen ähnlichen, war es das Weib, welches den Mann aufrecht erhielt. „Simon, mein Sohn,“ ſagte die arme Blinde,„ver⸗ liere den Muth nicht. Sagteſt du mir nicht einſt, daß ein gutes Gewiſſen überall ein ſanftes Bett bereiten Es iſt auch ſo, Simon; wir haben uns nichts vorzuwerfen. Sei deshalb nicht niedergeſchlagen, mein Sohn, und ent⸗ ſinne dich deiner eigenen Worte.“ „Als ich ſie äußerte, Mutter, fühlte ich mich noch ſtark gegen das Unglück, denn die beiden größten Güter des Armen, die Ehre und die Geſundheit, waren uns da⸗ mals noch geblieben. Jetzt aber hat meine Tochter, das Kind meiner Seele, beide verloren, und Eure Augen, meine Mutter, ſind unter Thränen erloſchen, und an Allem trage ich die Schuld.“ „Schweige, mein Sohn, ſchweige! Welches Unrecht haſt du begangen? Sage lieber, daß es der Wille Gottes geweſen ſei, und du wirſt ſehen, welchen Troſt dieſer Ge⸗ danke dir bringt.“ „Mutter, das denke ich auch; aber laſſet mich weinen, denn es iſt nicht gegen Gottes Geſetz. Laſſet mich, da ich nichts Anderes geben kann, wenigſtens meine Thränen dem Kinde weihen, deſſen Seele unter Leiden, wie ſie nur die heiligen Märtyrer erduldet haben, zum Himmel geht.“ Bitterlich weinte Simon, indem er ſeine erblindete Mutter und die bleiche, abgemagerte Tochter anblickte, welche ſich mühſam zu einem Lächeln zwang, wie es ſonſt immer auf ihren Lippen geſpielt hatte. „Verwünſchter Alcalde! Schlechter Menſch!“ ſagte eine Nachbarin, deren in Thränen gebadetes Geſicht die Theilnahme bekundete, welche ſie für die unglückliche Fa⸗ milie empfand;„er hat die Natur eines Krokodils, eines reißenden Thieres. Gott aber richtet Alles, was er ſieht, und hat ihn bereits geſtraft. Wenn er dich in ein Gefäng⸗ niß gebracht hat, Simon, ſo hat Gott ihn in ein anderes geworfen. Seit einem Jahre wird ſein Geſicht vom Krebs zerfreſſen, und je mehr Mittel er anwendet, deſto größer ſind ſeine Schmerzen. Das iſt Gottes Gericht; Du haſt am Körper mehr gelitten, als du im Geiſte gefehlt haſt, und biſt mit deinen eigenen Füßen aus dem Gefängniſſe hervorgegangen, während der ſchlechte Menſch, der Alcalde, nur mit den Füßen Anderer aus dem ſeinigen hervorgehen wird.“ „Das Unglück eines Anderen heilt nicht mein eigenes, Beatrix! Gott bewahre mich, ſelbſt meinem ärgſten Feinde Unheil zu wünſchen!“— „Wohl geſprochen, Simon,“ ſagte die Mutter.„Man verliert die Frucht ſeiner Leiden, wenn man ſich verleiten läßt, Demjenigen Böſes zu wünſchen, der ſie bereitet hat. Gott gebe dem Unglücklichen ſo viel Geſundheit, als ich meinen Kindern wünſche!“ Unterdeſſen näherte ſich die Nachbarin der Tochter und flüſterte ihr ſo leiſe zu, daß kein Anderer es hören konnte: „Wenn der Böſewicht dahingefahren iſt, ſo heiratheſt du Julian, und Alles wird dann vergeſſen ſein.“ „Ich? ich?“ erwiederte Agueda, während ihr bleiches Geſicht ſich plötzlich roth färbte,—„ich, ein Mädchen, das ſeinen guten Ruf verloren hat, mich mit Julian ver⸗ binden? Glaubet nicht, daß das jemals möglich ſei, Tante Beatrix. Julian verdient ein beſſeres Loos. Früher war ich arm und er reich, und ich hielt mich dennoch für eben⸗ Feierſtunden. 1864. bürtig mit ihm, weil Armuth nicht erniedrigt; aber jetzt, nachdem ich durch das falſche Zeugniß ſeines Vaters in ſchlechten Ruf gekommen bin, kann mich kein Mann ohne Unehre für ſich ſelbſt heirathen, und ich will nicht, daß irgend Jemand durch mich den geringſten Schaden leide.“ „Halt, Agueda, du biſt nicht ſo beſcheiden, wie es ſcheint. Was du da ſagſt, mein Kind, iſt nichts als Stolz; aber man wird dir keine Demuthskrone aufſetzen.“ „Ich ſage nicht, daß ich demüthig ſei, und Ihr habt Unrecht, wenn Ihr mich ſtolz nennet. Was ich empfinde, iſt nur Scham, nichts Anderes.“ „Aber ſiehſt du nicht, meine Tochter, daß, wenn er dich heirathet, der Makel verlöſcht werden wird, der dir jetzt anklebt?“ erwiederte die Nachbarin. „Das iſt unmöglich! Nur der, welcher meinen Ruf befleckt hat, kann ihn auch wieder reinigen. Julian kann mir die Schmach nicht abnehmen, ſondern würde ſelbſt da⸗ von angeſteckt werden. Wer Anderen ſeinen Ausſatz mit⸗ theilt, macht ſich krank, aber heilt ſie nicht. So werden wir alſo beide in das Grab ſinken, er, der mich zu Grunde gerichtet hat, mit dem Krebſe, der ſein Geſicht zernagt, und ich, die Entehrte, mit dem Krebſe, welcher mein Herz zer⸗ frißt.⸗ Was Agueda ſagte, empfand ſie tief. Seitdem ihr Name von dem Alcalde mit Schmach bedeckt worden war, hatte ſie ſich, groß in ihrer Demuth, zurückgezogen und allen Verkehr mit Julian abgebrochen. Seiner dringenden Bitten ungeachtet weigerte ſie ſich, ihn zu ſehen oder zu ſprechen. Oft ging er am Gitter des Hofes laut ſingend vorüber, um dadurch ſeine Anweſenheit zu erkennen zu geben; allein dann weinte Agueda bitterlich, und das Fen⸗ ſter öffnete ſich nicht. Julian war außer ſich, daß er kein Mittel finden konnte, dieſen Entſchluß zu bekämpfen und ſich mit Agueda zu verſtändigen; allein, wie das Sprüchwort ſagt, ein Lie⸗ bender plaidirt beſſer als hundert Advokaten, und der Zu⸗ fall ſollte ihn endlich begünſtigen. Eines Tages kam der Schenkwirth Joachim zu Si⸗ mon, von dem er ſeit ſeiner Mitwirkung bei Agueda's Be⸗ freiung immer ſehr warm und herzlich empfangen worden war. Indem er ſich dem jungen Mädchen näherte, um ihr etwas zuzuflüſtern, ſagte er mit einem Brummen, das dem Sumſen einer großen Fliege nicht unähnlich war: „Agueda, Julian hat mir aufgetragen, dir zu erklä⸗ ren, daß deine Handlungsweiſe gegen ihn nach ſeiner An⸗ ſicht nicht recht ſei.“ „Sage ihm,“ entgegnete das junge Mädchen dieſem nichts weniger als olympiſchen Boten,„daß ſein Vater mir, indem er mir die Ehre geraubt, an Stelle derſelben keine Schamloſigkeit verliehen habe.“ „Iſt denn Julian daran ſchuld, daß ſein teufliſcher Vater eine Zunge von Feuer und die Seele einer Hyäne hat? Seitdem ich ſeinen Gaul lahm geritten habe, haßt er mich und nennt mich einen Barbaren, allein das küm⸗ mert mich gerade ſo viel wie—“ Joachim legte den Nagel des Daumens unter einen ſeiner großen Zähne und ſchlug klappernd dagegen. „Nein, es iſt nicht ſeine Schuld, ich weiß es; er kann das Uebel nicht wieder gut machen, das ſein Vater uns Allen zugefügt hat. Worte und Kugeln, die einmal her⸗ aus ſind, laſſen ſich nicht zurückholen. Sage ihm alſo,“ fügte das arme Mädchen hinzu, während Schmerz und Un⸗ wille ihr Thränen und ein bitteres Lächeln abnökhigten, V zum C mit de den ſie in dos „T du etwa Schenkw „L welchem befinde? heit ein A ſiehſt glaube Sprücht Bruder der Ma⸗ liebe, ſc braver ine an vollen, ſo grau ſartben, Jüian eine Se ſehr i wirſt, bören, —₰— er jetzt, ters in un ohne üt, daß n lade.“ wie es hts als fſetzen. hr habt npfinde, venn er nen Ruf ian kann ſelbſt da⸗ ſatz mit⸗ ) werden Grunde gt, und erz zer⸗ em ihr n war, en und igenden der zu ſingend nen zu s Fen⸗ finden Agueda ain Lie⸗ dr M⸗ worden um ihr das dem 1 erkla⸗ ner An⸗ en dieſem in Vater erſelben ufliſcher Hyäne Duuht s küm⸗ — Feierſtunden. 1864. —— „daß die entehrte Tochter kein anderes Brautbett erwarte, als die Mutter Erde.“ „Heilige Jungfrau Maria, wie traurig du redeſt! Wenn dir irgend ein Makel anklebt, ſo muß er erlöſchen, ſobald Julian dich heirathet.“. „Das iſt unmöglich, Joachim! Man muß die Spinne tödten, wenn ſie nicht mehr weben ſoll.“ „Agueda, bedenke doch, daß er in Verzweiflung iſt!“ „So haben wir beide ein gleiches Loos!“ verſetzte das arme Mädchen. „Sei verſichert, daß er dich nie vergißt, denn dafür will ich gut ſein!“ fügte Joachim hinzu, ſich mit furcht⸗ barer Gewalt auf die Bruſt ſchlagend. „Ich glaube es wohl,“ erwiederte Agueda,„die Ver⸗ geſſenheit kömmt nicht plötzlich wie ein böſes Fieber; aber man ſagt auch, daß die Erinnerung ſich auf dem Wege zum Grabe verliere und oft mit dem Gegenſtande, auf den ſie ſich bezog, zugleich in das Grab gelegt werde.“ „Was heißt das? Willſt du etwa ſterben?“ fragte der Schenkwirth erſtaunt. „Siehſt du nicht, in welchem Zuſtande ich mich befinde?“ fragte die Kranke. Betroffen ſtarrte ſie Joachim an und ſagte end⸗ lich mit der rauhen Offen⸗ heit eines Landmannes: „Freilich, ſehr wohl ſiehſt du nicht aus; aber glaube mir, obgleich das Sprüchwort ſagt, daß der Bruder ſeine Schweſter und der Mann eine geſunde Frau liebe, ſo iſt Julian doch ein braver Junge und wird nie eine andere Braut haben wollen, als dich. Wenn du ſo grauſam ſein kannſt, zu ſterben, ſo wird es zwiſchen Julian und ſeinem Vater eine Scene geben, die nicht ſehr zärtlich ſein kann. Du wirſt es hören, du wirſt es hören, du wirſt es ſehen!“ „Ich werde nichts ſehen,“ erwiederte Agueda,„wenn es auch wirklich geſchehen ſollte. Aber ſage Julian, daß es zu nichts nützen könne, denn nur Gott vermöge die Todten wieder zu erwecken.“ „Ich gehe,“ ſagte Joachim, ſich der Thüre nähernd, „ich gehe, um dich nicht mehr vom Sterben ſprechen zu hören. Du ſiehſt heute aus wie ein De profundis. Höre, Agueda, ich bin kein Advokat, wenn auch Julian mich vielleicht dafür hält, und habe weder zu jeder Zeit einen Scheffel mit Gründen bereit, wie dieſe Herren, noch eine Zunge, die ſo ſchnell und geläufig iſt wie die Schlagräder eines Dampfbootes; aber ich will dir einen Rath geben. Lege alle deine Bedenklichkeiten bei Seite und komme heute Abend an das Fenſter. Du wirſt dich mit ihm verſtändi⸗ gen und ſehen, daß du dich beſſer danach befindeſt, und Julg wird mich endlich in Ruhe laſſen. Alſo, Adieu!“ ach dieſen Worten kehrte er ihr den Rücken und eilte nicht viel kleiner. 317 mit zwei Schritten über den Hof. Aber plötzlich blieb er ſtehen, kam auf dieſelbe Weiſe zurück und ſagte zu Agueda: „Ich vergaß, dir von Julian zu ſagen, daß du ihm die Nelke geben möchteſt.“ „Antworte ihm,“ entgegnete das junge Mädchen,„die Nelke, welche es an der Bruſt trug, verbergend, daß der Januar keine Nelken erzeuge.“ „Sie hat Recht,“ murmelte Joachim.„Aber einen ſchönen Auftrag hat er mir gegeben! Ich glaube, er hat ſich einen Spaß mit mir machen wollen, wie er es früher ſo oft gethan.“ Kaum war er fort, als Agueda ſich ſchluchzend auf das Bett warf. Ihre gewaltſamen, ſortwährenden An⸗ ſtrengungen, die Liebe ihres Herzens zu bekämpfen, die lange Haft ihres Vaters, die Erblindung der Großmutter, das Elend, in welchem ſie mit ihr, nur auf Almoſen an— gewieſen, ſo lange gelebt, hatten dieſe zarte Pflanze derge⸗ ſtalt entkräftet, daß ſie endlich gebrochen zu Boden ſank. Allein bei dem ehemaligen Alcalde war das Unglück Abgeſehen von den furchtbaren körper⸗ lichen Leiden, welche ſeine Kräfte verzehrten, hatte er durch ſeine Handlungsweiſe die Liebe des einzigen Sohnes ver⸗ loren; und wenn gleich dieſer ihm nicht die ſchuldige Ehr⸗ erbietung verſagte, ſo erzeugte ſeine Kälte doch eine ſolche Entfernung zwiſchen ihnen, daß er nur noch dem Namen nach ſein Sohn war. VIII. Simon hatte den Schmerz, ſeine arme Eſelin, welche zum zweiten Mal verkauft worden war, in Folge der Miß⸗ handlungen ihres neuen Herrn verenden zu ſehen. Wie viel Feierſtun 318 wenn er das lahme, abgemagerte und unter der aufgebürdeten Laſt erliegende Thier von ſei⸗ nen Leiden hätte befreien können! Ein Jeder wird das verſtehen, der Thiere nicht als Sachen, ſondern als bornde und für Schmerz empfängliche Weſen anſieht. Er machte jetzt ſeine Reiſen nach Sevilla zu Fuß, und, wie ſich denken läßt, war der Gewinn, den er daraus zog, ſehr gering. Eines Abends kehrte er, mehr als gewöhnlich ermü⸗ det, heim, weil es ſtark geregnet hatte und der Weg da⸗ durch ſehr beſchwerlich geworden war. Erſchöpft ſetzte ſich der Unglückliche mit ſeinen naſſen Kleidern nieder, denn er hatte keine anderen, um damit wechſeln zu können. „Agueda, wie befindeſt du dich?“ ſagte er zu ſeiner Tochter, welche, auf die Schulter der Großmutter geſtützt, neben ihm ſtand. „Gut, mein Vater,“ erwiederte ſie mit einem Lächeln, welches nicht mehr die Grübchen in den Wangen erzeugte, die ihr früher einen ſo beſonderen Reiz verliehen hatten. „Hat ſie gegeſſen?“ fragte Simon die Mutter. Die alte Frau antwortete nicht, denn weder ſie noch Agueda hatte den ganzen Tag die geringſte Nahrung ge⸗ noſſen. „Ich empfand durchaus keinen Hunger,“ verſetzte das junge Mädchen, als der Vater die Frage wiederholte. „Meine Tochter,“ ſagte Simon, der nur mit Mühe die Thränen zurückhalten konnte,„ich kam bei einem Kuchen⸗ bäcker vorbei und ſah ganz friſche Zwiebacke im Fenſter hätte er darum gegeben, ſtehen, die einen halben Real das Viertel koſteten. Gern hätte ich davon gekauft, allein das Geld fehlte mir. Ich habe heute nur zwei Realen verdient, welche gerade hin⸗ reichen, um ein halbes Laib Brod mit etwas Oel und Kohlen zur Bereitung der Suppe zu kaufen.“ In dieſem Augenblicke ließen ſich die tiefen Klänge der Kirchenglocke vernehmen und verkündeten, daß einem Sterbenden das letzte Mahl gereicht werden ſolle. Simon ſtand auf und entblößte ſein Haupt, während die alte Mutter das Vaterunſer betete und dann hinzufügte:„Em⸗ pfange in deine Gnade, Herr, die Seele, die nach dir verlangt!“ „Wem wird das Abendmahl gebracht?“ fragte Simon nach Beendigung des Gebetes. „ Dem Alealde, mein Sohn. Er iſt noch kränker ge⸗ worden und hat einen Blutſturz bekommen.“ „Wenn ich einen Mantel hätte, ſo würde ich dem Prieſter folgen, obgleich es nicht meine Pflicht iſt, da ich weder ein Verwandter noch ein Freund desjenigen bin, welcher die letzte Oelung empfangen ſoll.“ „Gehe, mein Sohn,“ bat die fromme alte Frau, „wenn gleich es ein Mann iſt, der uns viel Böſes gethan hat. Gehe auch ohne Mantel zu dieſer Feierlichkeit mit andächtigem, demüthigem Herzen; es wird Gott mehr ehren, als deine Kleidung ihn ehren könnte. Der Herr ſieht nur in die Herzen und das deinige wird von der Vergebung geſchmückt ſein, die du deinem Feinde ſo offen bringſt. Gott möge ihn gnädig aufnehmen!“ „Ich bin zwar entſetzlich ermüdet, die durchnäßten Kleider hängen ſchwer an mir und es regnet, als wollte der Himmel einſtürzen, aber ich will dennoch gehen.“ Simon begab ſich nach der Kirche, ergriff eine Wachs⸗ kerze und folgte der Prozeſſion nach der Wohnung des Sterbenden. Als die heilige Handlung beendigt war, ſagte der Geiſtliche zu ihm: „Ich hatte nach deinem Hauſe geſchickt, Simon, um den. 1864. ſ·——————— dich rufen zu laſſen, denn der Alcalde verlangt dich zu. ſprechen.“ „Mich?“ rief „Ja, dich. Miguel, und tritt ein, denn die Zeit drängt.“ Simon trat in das Zimmer des Kranken, wo viele Perſonen verſammelt waren. Es that ihm unendlich weh, als er den Mann, der früher ſo kräftig und wohl geweſen war, jetzt einem Skelett ähnlich fand, mit zerfreſſenem Geſicht, machtlos und hoffnungslos, aber noch lebend. Kaum erblickte ihn der Alcalde, als er ſeine entfleiſch⸗ ten Arme ausſtreckte und mit bewegter Stimme rief: „Simon! Simonl! vergib mir!“ Dieſer Ausruf des Sterbenden machte einen tiefen Eindruck auf alle Anweſenden und übte eine noch größere Wirkung auf ſeinen Sohn, welcher bis dahin ſchweigend und niedergeſchlagen am Fuße des Bettes geſtanden hatte. „Mein Vater!“ rief Julian, eine ſeiner Hände er⸗ greifend, die er mit Küſſen und Thränen bedeckte. „Sennor Alcalde,“ erwiederte der gute Simon mit bewegter Stimme,„um des Himmels willen, was ſaget Ihr! Wer wird an die Vergangenheit denken?“ „Ich ſage— ja, ja— ich ſage— laß mich reden, Simon,“ fuhr der Alcalde fort, durch Zeichen zu verſtehen gebend, daß er nicht unterbrochen werden wolle;„ich habe dir viel Böſes gethan. Der Tod öffnet demjenigen die Augen der Seele, den Gott nicht ganz verlaſſen hat. Ob⸗ gleich ein großer Sünder, habe ich ſeiner doch nicht ver⸗ geſſen. Auch hat er mir die Zeit gelaſſen, das Böſe wie⸗ der gut zu machen—“ „Schweiget, Sennor, ſchweiget, um der heiligen Jung⸗ frau willen! Ihr zerreißet mir das Herz!“ unterbrach ihn Simon, dem ein Thränenſtrom über die Wangen ſtürzte. „Ich ſchweige nicht, Simon,“ verſetzte der Alcalde; „ich habe gebeichtet und will als ein Chriſt ſterben. Ver⸗ hindere mich nicht daran, denn du biſt auch ein Chriſt.⸗ Neine Herren, ich habe Agueda, das unſchuldige junge Mädchen verleumdet, ihren Ruf untergraben, und wollte nicht, daß mein Sohn ſie heirathete, weil ſie arm war. Ein Teufel hatte mir dieſen Rath. eingegeben. Die Ver⸗ leumdung fand öffentlich ſtatt, alſo muß ihre Ehre auch öffentlich wieder hergeſtellt werden. Was dich betrifft, Simon—“ „Schweiget, Sennor, ſchweiget,“ bat Simon wieder⸗ holt, welcher die Anſtrengung ſah, mit der der Kranke ſprach;„Ihr habet mehr gethan, als die chriſtliche Pflicht erheiſcht.“ „Nein, Simon, nein. Simon erſtaunt. Die Pforte des Himmels iſt dem Sünder verſchloſſen; aber die Reue iſt der Klopfer, dem ſie ſich öffnet, und ich halte ihn in Händen. Laß mich alſo klopfen, auf daß die Menſchen mich hören und für mich beten können und daß auch Gott mich höre und aufnehme.“ Während dieſer Reden waren die Großmutter Anna und Agueda gekommen, welche man hatte rufen laſſen. Sie blieben in der Nähe der Thür ſtehen, während die arme Blinde von der Kranken geführt und die Kranke von Der Alcalde richtete einen der Blinden geſtützt wurde. Perſonen, welche er ſeit ſchmerzlichen Blick auf die drei einem Jahre nicht geſehen hatte und in Folge der aus⸗ geſtaͤndenen Leiden ſo verändert fand. Als ſein Auge auf Simons weiße Haare und abgetragene Kleidung fiel, als er die früher ſo ſanften, jetzt erſtorbenen Augen der Mut⸗ ter gewahrte und Agueda, die einſt ſo friſche, jetzt aber ¹ —p Lege die Kerze bei Seite oder gib ſie dem — gewelkte B die Wange „Da und Neid ten Wege hätten vni können.! gxha ſchmeckte n jate nie e ſich nicht entfremdet „Meo ſaget das mir!“ „N Seele; d zwungene noch bew lieben kön Liehe an Helz der Mit Sterbende deſſelben. Den inigen T ſchlug die ſöder: „C „ Prieſter, herzigkeit. Der Feichen, ihee Här und blich letzterer in die e daters, rvar w ch zu, e dem viele weh, weſen enem eiſch wefen räßere eigend hatte. de er⸗ n mit ſaget reden, ſtehen f habe n die Ob⸗ t ver⸗ KW⸗ Jung⸗ icch ihn ürzte. calde; Ver⸗ Chriſt junge wollte war. Ver⸗ 3 auch etrifft, wieder⸗ Kranke gi 4 Feierſtunden. 1864. —-—-—— gewelkte Blüthe ſah, rannen glühend heiße Thränen über die Wangen des Sterbenden. „Das iſt mein Werk!“ und Neid habe ich es vollbracht, tten Wege nicht umkehren wollte. murmelte er.„Aus Haß weil ich auf dem ſchlech— Ohne meine Unthaten hüen wir alle glücklich und in der Gnade Gottes leben Aber wiſſet es Alle, ich habe das bitterſte Daſein gehabt. Meine Seele war ohne Brod, keine Nahrung ſchmeckte mir, der Schlaf brachte mir keine Ruhe und ich hatte nie einen Freund, nur Schmeichler! Das Herz käßt ſich nicht täuſchen; auch meines Sohnes Liebe habe ich mir entfremdet.“ „Mein Vater!“ rief Julian,„um Gottes willen, ſaget das nicht! Wenn ich Euch gekränkt habe, ſo verzeihet mir!“ „Nein, du haſt mich nicht gekränkt, Sohn meiner Seele; aber das Herz kann wohl unterſcheiden zwiſchen ge⸗ zwungener und freiwilliger Liebe. Mein Sohn,“ fuhr er noch bewegter fort,„wenn du mich im Leben nicht haſt lieben können, ſo denke wenigſtens nach meinem Tode mit Liebe an mich und folge meinem Rathe,— dem, nie dein Herz der Feindſchaft zu öffnen.“ Mit Anſtrengung der letzten Kräfte neigte ſich der Sterbende zu ſeinem Sohne und ſank leblos in die Arme deſſelben. Den angewendeten Bemühungen gelang es, ihn nach einigen Minuten wieder zur Beſinnung zu bringen; er ſchlug die Augen auf, richtete ſie auf den Geiſtlichen und flüſterte: „Es iſt der letzte Kampf!— der Tod naht!“ „Begegnet ihm muthig und ruhig,“ erwiederte der Prieſter;„ſeid ergeben und vertraut auf Gottes Barm⸗ herzigkeit. Habt Ihr noch einen Wunſch?“ Der Sterbende gab Agueda und ſeinem Sohne ein Zeichen, worauf beide ſich ſchluchzend näherten. Er wollte ihre Hände in einander legen, aber konnte es nicht mehr und blickte den Geiſtlichen an, welcher ſeine Bitte verſtand. Letzterer nahm die Hände der jungen Leute und legte ſie in die erſtarrende Hand des mit dem Tode kämpfenden Vaters, deſſen letzte und unterbrochene Worte nur ſchwach hörbar wurden. „Meine Kinder,“ murmelte er,„ſeid glücklich— ich ſegne Euch!— Julian— Simon wird von heute an dein Vater ſein— und ihr Alle— ſeid gut— betet für mich,— einen Sünder,— aber durch die Gnade Gottes — reuig—“—— önnen. XI. Achtzehn Monate waren ſeit dem Tode des Alcalde verſtrichen und die Zeit hatte jene traurigen Gemälde ver⸗ wiſcht. Große Veränderungen waren in dem Daſein der Perſonen dieſer Erzählung eingetreten. Es war am Abende eines Sonntags, als die gute alte Großmutter unter der Weinlaube ſaß. Neben der⸗ ſelben ſtand ein großes und ſtarkes junges Mädchen, das ſeit einiger Zeit Agueda in der Pflege der alten Frau vertrat. Die Großmutter fragte, wie viele Weintrauben am Geländer und Orangen an den Bäumen hingen und wie viele Hühner um ſie her liefen. „Mutter, die Rechnung iſt unmöglich, wir haben an Allem Ueberfluß,“ erwiederte Simon Verde, welcher 319 wieder wohl, kräftig und heiter, wie früher, einen Arm voll Gemüſe aus dem Garten brachte.„Maricota,“ rief er dem jungen Mädchen zu,„iß jene Orangen nicht, ſie ſind noch nicht reif!“ In dieſem Augenblicke erſchien eine junge Frau in der Laube, welche von Geſundheit und Frohſinn ſtrahlte. Sie trug ein leinenes, in Falten gelegtes Leibchen und ſteife, geſtärkte Röcke; auf dem Kopfe eine Manillahaube von gelber Farbe, deren Bänder bis auf die Füße herab fielen, und im Haar eine rothe Nelke. In den Armen aber hielt ſie mit einer ſolchen Leichtigkeit, als wenn ſie nie im Leben etwas Anderes gethan hätte, ein kleines, liebliches Kind. Hinter ihr kam ein hübſcher, wohlgeklei— deter junger Mann, der einen ſchönen blauen Mantel mit Aufſchlägen von rothem Sammet trug. „Agueda, meine Tochter, du gehſt ſchon aus?“ rief Simon, als er ſie ſah. „Ich bin heute zum erſten Male in der Meſſe ge⸗ weſen, mein Vater, und komme jetzt, um der Großmutter unſere kleine Tochter Anna zu bringen. Gute Großmutter,“ fuhr ſie fort, das kleine Weſen in die Arme der alten Frau legend,„hikr iſt mein Kind! Es iſt ein Stern, eine Sonne!“ Eine heilige Mutterfreude leuchtete aus den Augen der jungen Frau und auf ihren Wangen bildeten ſich wie⸗ der wie früher jene reizenden Grübchen, die mit dem Glücke zurückgekehrt waren. „Wie ſchwer es iſt! Man könnte es für drei Mo⸗ nate alt halten,“ ſagte die Greiſin, das einzige Lob über die Enkelin ausſprechend, das ihr geſtattet war.„Gott ſegne es!“ fügte ſie hinzu.„Wie heißt es denn?“ „Anna.“ „Aber, meine Tochter, das iſt ja ein Großmuttername.“ „Eben deßhalb. Sie ſoll auch einſt eine Großmutter werden und Kinder und Enkelinnin haben, die ſie eben ſo lieben, wir wir Euch.“ „Julian,“ ſagte Simon,„warum haſt du deiner Frau erlaubt, nach acht Tagen ſchon auszugehen? Das iſt eine große Unklugheit.“ „Vater Simon, weil Agueda, ſo lange ich lebe, im⸗ mer ihren eigenen Willen haben wird.“ „So? Iſt es dahin gekommen? Nun, du haſt Recht, mein Sohn. Diejenigen, welche ſich den Kopf zuerſt ſchmücken, ſetzen es immer durch, ihren Willen zu behal⸗, ten; und indem ihnen volle Freiheit gelaſſen wird, ver⸗ meidet man, eine Predigt in der Wüſte zu halten. Aber, mein Kleiner, weßhalb kommſt du nicht herein?“ fuhr Simon, an den Schenkwirth Joachim gewendet, fort, wel⸗ cher mit Julian gekommen und außerhalb der Laube ſtehen geblieben war. „Weil er eine Bitte anbringen will,“ ſagte Julian, „und mich erſucht hat, ſein Fürſprecher zu ſein.“ „Eine Bitte? Hoffentlich nicht um Fleiſch oder Ge⸗ wicht, denn beides hat er in Ueberfluß,“ bemerkte Simon. „Grade das iſt es,“ verſetzte Julian lachend;„denn er will um Maricota anhalten und muß ſich an Euch wenden, da ſie keinen Vater hat.“ „Joachim,“ redete Simon den Bittſteller an,„wenn ich noch eine Tochter hätte, würde ich ſie dir geben, weil ich dich achte; aber da man nicht zwei Schwiegerſöhne mit einer Tochter haben kann, ſo iſt nicht weiter davon zu ſprechen. Was Maricota betrifft, ſo iſt ſie, obgleich ſo groß, daß man ſie für die Zwillingsſchweſter des goldenen * —————:——————;———— Thurmes halten könnte, doch kaum geboren; und du, es, der ſie geſchaffen hat, und ſie ſind es, die ſich heira⸗ im, biſt ſchon alt. Wie alt biſt du?“ then. Doch noch eins, Joachim! Ich muß dir zu wiſſen Juachon, aiß löe ſich hinter den Ohren und antwortete thun, daß Maricota nichts auf der Welt beſitzt und daß nicht. du alſo nichts von ihr zu erwarten haſt.“ — bif 5 2 5. mir ian;„für die Ausſtattung wird Agueda ſorgen, Verſtand iſt in der That einer der beſchränkteſten, der mir ſagte Julian;„für ausſtattung wird? 4 je Unnen trine Verzeihe mir dieſe Freiheit, ich ſage es welche Maricota's Brautführerin ſein will. i ine Mutter fragen,“ ſagte der Heiraths⸗ kannſt! Aber vergiß das Sprichwort nicht, daß die Wei⸗ aididh And anne denen. er frn lng 5 ber nur zwei ſchöne Tage bereiten: den, an welchem ſie Halt, halt! Ich werde es ſelbſt ziemlich genau zum Altare kommen und den, an welchem ſie zu Grabe wiſſen,“ rief Simon.„Zur Zeit jener Affaire, welche gehen.“ in die Hä 9 iz br rſ Lieber Vater, Ihr entmuthigt ja unſeren Freier gänz⸗ mich das erſte Mal in die Hände der Juſtiz brachte, warſt„Lie. ich wnrſdard Jahre 5 die große Maricota ſieben lich,“ wandte Agneda lächelnd ein. 1 und meine Agueda dreizehn. Seitdem ſind neun Jahre„Einen Freier entmuthigen? Das iſt nicht ſo leicht; verfloſſen; folglich haſt du Chriſti Alter erreicht und Mari⸗ eher könnte man das Waſſer pflügen,“ erwiederte Simon. uuf if rhſ bh ſud ein Mißverhältniß zu ſein ſcheint.„Alſo 3 Maricota, ſoll ich zu Joachim ‚ja' ſagen? Ant⸗ Um zu arbeiten, ſtehſt du in der Blüthe der Jahre; aber worte! Maricola zu heirathen, biſt du zu alt, mein Kleiner.“ Dieſes Mal ließ ſich jedoch keine Stimme vernehmen. Am Nriraſn zu hor huf une an ſein Alter gedacht hatte,„Zum Henker mnit der Kleinen, wenn ſie nicht ant⸗ ſ ich plötzlich alt nennen zu hören, daß er worten will!“ murmelte Simon. mis Ia erſan eedi blick. d. Han„Lieber Vater,“ ſcherzte Agueda,„Ihr werdet alt nnd „Folge mir, mein Sohn,“ fuhr Simon fun⸗ d murdſih und habt vergeſſen, daß man ‚ja' nur am Fenſter eirathe eine Wittwe; das wäre das Paſſendſte für dich. ſagt“.— 1.34 ber bn Wittwe heirathet, gründet ſich eine ſichere Exi⸗„Mürriſch? Der Vater? Wie meinſt du das, Weib? ſtenz. Was mich betrifft, ich kann nichts für dich thun.“ rief Julian.„Iſt er nicht wie die Maiſonne und lacht „Wer ſoll ſich denn verheirathen? Ihr oder diejenige, er nicht fortwährend?„, welche er verlangt?“ rief eine helle, ſcharfe Stimme aus„Und wiſſet ihr, weshalb? antwortete Simon.„Das dem Innern des Hauſes. Sprichwort ſagt: Weshalb wird dein Herr nie zornig?— „Sehet nur die Kleine! Sie hat ſich verſteckt, aber Weil er nicht verheirathet iſt! Uebrigens wäre es kein mit den Ohren eines Haſen,“ ſagte Simon.„Al‚ſo ſeid Wunder, Aguedilla, wenn ich zuweilen mürriſch würde; ihr einig, was ſo viel heißt, als daß die Kleine auch ver- denn als Kind iſt der Menſch wie ein Vogel, er ſingt; liebt iſty Wer hätte daran zweifeln können! Aber das als Mann wie ein Eſel, er arbeitet; und als Greis wie Sprichwort ſagt: was man am allerwenigſten erwartet, ein Bär, er brummt. Aber was ſaget Ihr dazu, Mutter? das geſchieht im eignen Hauſe.“„Ich ſage,“ erwiederte die alte Frau,„daß ich Joa⸗ wiſſen können, denn ſeitdem Joachim liebt, iſt er noch viel glücklich zu werden verdient. Ein gutes Herz iſt mehr dümmer geworden; und ſie iſt ſo vernarrt in ihn, daß ſie werth, als ein großer Geiſt. Geſtern haben wir kine darüber beinahe das Gehen verlernt hat.“ Taufe gehabt und morgen werden wir eine Hochzeit haben. „Freilich hätte ich es errathen können,“ verſetzte Si⸗ Gott ſei geprieſen!“ mon,„denn es geht ihnen, wie anderen Leuten: Gott iſt *— 4— 2 Miscelſen. Das Journal de Médecine et Chirurgie ſchreibt Alles, was man ihm ſagte, recht wohl gehört, aber weder aus Toulouſe: Ein junger Mann, Namens Fariau, blieb zu ſprechen noch ſich zu rühren vermocht. kürzlich, als er ſich von dem Superior des Prieſterſemi⸗ nars zu Laon verabſchiedet hatte, mitten im Zimmer, auf⸗ recht und ohne Stütze, mit geſchloſſenen Augen, ſtehen. Vor einiger Zeit ſtarb in England eine Dame, welche Erſt nach Dreiviertelſtunden erſchien der Superior wieder, ſich rühmen konnte, die meiſten ehelichen Nachkommen zu und rief, als er deſſen Zuſtand erkannte, um Hülfe. Man hinterlaſſen, welche je eine Mutter und Großmutter hinter⸗ machte alle möglichen Verſuche, um ihn zur Bewegung und laſſen hat. Sie ſtarb nämlich 93 Jahre alt und hatte zum Bewußtſein zu bringen, aber vergeblich. Endlich er⸗ damals 16 lebende Kinder, 114 Enkel, 228 Großenkel und innerte ſich der Superior, daß Fariau immer ſehr empfäng⸗ 9 Urgroßenkel. Hätte ſie noch 7 Jahre gelebt, ſo würde lich für Muſik geweſen ſei; er ließ alſo einen Seminariſten ſich die Zahl ihrer Urgroßenkel um 42 vermehrt gehabt rufen, der ziemlich gut die Flöte blies. Dieſer Amphion haben und ihre lebende Nachkommerkſchaft hätte dann ge⸗ neuer Art rief allmälig den Kataleptiſchen durch die Töne rade 400 Köpfe betragen.— Der Name dieſer merkwür⸗ eines Inſtruments wieder in's Leben zurück. Ueber ſeinen digen Dame war Lady Mary Honeywood.. Auſtand befragt, gab der Letztere zur Antwort, er habe G. B— e. Du biſt im Stande, es nicht zu wiſſen, und dein„Darum machet Euch keinen Kummer, Vater Enaif. nicht, um dich zu beleidigen.“„Nun, dann heirathe, mein Sohn, ſo ſchnell du „Vater,“ bemerkte Agueda lachend,„Ihr hättet es chim lieb habe, weil er ein guter, ehrlicher Menſch iſt und — der feſten U ſtimmt habe. Endlich Erſtaunen erf mit Niß 5 zu ſprechen dem Mittaget ſcheinen werde alten winterlich leuchter in de mer, wo der? ſeiner modernd ſtand, waren unſeres Spa⸗ angezündetn Miß Havish ihrem Stuhle tete meiner. Es war! ob ich den die Vergange rückſchöbe, wie ehemals, — Hocl les begannen in dcem Be⸗ zimma und 1 rabesgſul, Eſtella Rüt ich war na Die 3e ſtimmte früh verlaſſen, un des Dicches 1 aus und lief Eſtela über d lic, warf 2 lasder eder elche zu nter⸗ hatte und pürde thabt ge⸗ wür⸗ G Feierſtunden. 1864. ——:———nrͤynnury—uyuynuynrn———n———; Von Charles Dickens. s herrſchte zwiſchen uns keine Verſchiedenheit der Jahre, die ſie von mir hätte entfernen können, denn wir waren faſt von demſelben Alter, wenn gleich die Jahre bei ihr mehr zählten, als bei mir; allein der Nimbus von Unzugänglichkeit, den ihre Schönheit und ihr ganzes Weſen ihr verliehen, quälte mich inmitten meiner Wonne und ungeachtet der feſten Ueberzeugung, daß unſere Gönnerin uns für einander be⸗ ſtimmt habe. Ich elender Knabe! Endlich kehrten wir in das Haus zurück, wo ich zu meinem Erſtaunen erfuhr, daß Mr. Jaggers angelangt ſei, um in Geſchäften mit Miß Havisham zu ſprechen und bei en dem Mittageſſen er⸗ ſcheinen werde. Die 8 alten winterlichen Arm⸗ leuchter in dem Zim⸗ mer, wo der Tiſch mit s ſeiner modernden Decke s ſtand, waren während unſeres Spazierganges angezündet worden und Miß Havisham ſaß in ihrem Stuhle und war⸗ tete meiner. Es war mir, als ob ich den Stuhl in die Vergangenheit zu⸗ rückſchöbe, als wir, wie ehemals, den lang⸗ ſamen Umzug um die Aſche des Hochzeitmah⸗ les begannen. Aber in dieſem Begräbniß⸗ zimmer und neben der L n Flae 1 6” 1 fen ————— 321 große Erwartungen. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. (Fortſetzung von S. 288.) Ehe ich zu antworten vermochte(wenn ich überhaupt eine ſo ſchwierige Frage zu beantworten im Stande geweſen wäre), wieder⸗ holte ſie:„Liebe ſie, liebe ſie, liebe ſie! Wenn ſie freundlich gegen Dich iſt, liebe ſie! Wenn ſie Dir wehe thut, liebe ſie! Wenn ſie Dein Herz zerreißt— und je älter und ſtärker es wird, deſto hef⸗ tiger wird es bluten— liebe ſie, liebe ſie, liebe ſie!“ Nie in meinem Leben hatte ich eine ſolche Leidenſchaftlichkeit ge⸗ ſehen, wie die war, mit der ſie dieſe Worte ausſprach. Ich konnte fühlen, wie die Muskeln ihres dürren, um meinen Nacken geſchlun⸗ genen Armes von der Heftigkeit ſchwollen, die ſie erfüllte. „Höre mich, Pip!“ fuhr ſie fort.„Ich habe ſie adoptirt, da⸗ mit ſie geliebt werde, — ich habe ſie erzogen, damit ſie geliebt werde, — ich habe ſie zu dem gemacht, was ſie iſt, damit ſie geliebt werde. Liebe ſie alſo!“ Sie wiederholte 8 dieſe Worte oft genug, ALiebe Haß oder Ver⸗ Bzweiflung oder Rache I ausgedrückt, 1 ſo wür⸗ o, den ſie aus ihren Lip⸗ ſ:. Wpen einem Fluche nicht ² ähnlicher haben klingen können, als es jetzt 5 der Fall war. 8 neen 2* 8. 4„Ich will Dir ſa⸗ Grabesgeſtalt, die, in ihren Stuhl zurückgeſunken, die Augen auf gen,“ fuhr ſie eben ſo leidenſchaftlich flüſternd fort,„was wahre Eſtella gerichtet hielt, ſah Letztere noch reizender aus als vorher und ich war noch mehr bezaubert. Die Zeit verſtrich ſo ſchnell, daß die für das Mittageſſen be⸗ ſtimmte frühe Stunde heran kam und Eſtella ſich anſchickte, uns zu verlaſſen, um ihre Toilette zu machen. Wir hatten neben der Mitte des Tiſches angehalten und Miß Havisham ſtreckte eine ihrer Hände aus und ließ ſie auf dem vergelbten Tiſchtuche ruhen. Während Eſtella über die Schulter rückwärts blickte, ehe ſie das Zimmer ver⸗ ließ, warf ſie ihr mit dieſer Hand einen Kuß zu, und zwar mit einem Ausdrucke von faſt gieriger Zärlichkeit, daß er wahrhaft ſchreck⸗ lich war. Als ſich Eſtella hierauf entfernt hatte, wendete ſie ſich an mich und ſagte flüſternd: „Iſt ſie nicht reizend, anmuthig und ſchön gewachſen? Bewun⸗ derſt Du ſie nicht?“ „Jedermann, der ſie ſieht, muß ſie bewundern, Miß Havis⸗ ham,“ erwiederte ich. Ihren Arm um meinen Nacken ſchlingend und mich dicht an ſich ziehend, ſagte ſie:„Liebe ſie, liebe ſie, liebe ſie! Wie behandelt ſie Dich?“ Feierſtunden. 1864. Liebe iſt. Es iſt blinde Hingebung, unbedingte Demuth, völlige Unterwerfung, gänzliches Aufgeben des Herzens und der Seele an Denjenigen, der Dich beſiegt,— ſo wie ich es that!“ Indem ſie nach dieſen Worten einen verzweifelnden Schrei aus⸗ ſtieß, faßte ich ſie um den Leib; denn ſie hatte ſich in ihrem Leichen⸗ gewande aus dem Stuhle erhoben und ſchlug in die Luft, als wenn ſie ſich gegen die Wand hätte ſchleundern und todt niederſtürzen wollen. Alles dieſes erreignete ſich in wenigen Sekunden. Während ich⸗ ſie auf den Stuhl niederzog, empfand ich einen mir bekannten Ge⸗ ruch, und mich umwendend, gewahrte ich meinen Vormund im Zimmer. Er trug fortwährend— ich glaube das noch nicht erwähnt zu haben— ein Taſchentuch von reicher Seide und impoſantem Um⸗ fange, welches in ſeinem Berufe von großem Werthe für ihn war. Ich habe geſehen, wie er einen Clienten oder einen Zeugen dadurch, daß er dieſes Taſchentuch umſtändlich entfaltete, wie um es zu be⸗ nützen, aber plötzlich inne hielt, als hätte er gewußt, daß ihm keine Zeit dazu bleiben werde, ehe der Client oder Zeuge ſich verwirrte, dergeſtalt in Schrecken ſetzte, daß die Verwirrung angenblicklich folgte. 41 322 Feierſtun ——————— Als ich ihn jetzt im Zimmer ſah, hielt er dieſes bedeutſame Taſchen⸗ tuch in beiden Händen und blickte uns an.„Wirklich? Sonderbar!“ murmelte er und machte dann von dem Tuche den richtigen Ge⸗ brauch und zwar mit ſehr vernehmlicher Wirkung. Miß Havisham hatte ihn zugleich mit mir bemerkt und fürchtete den. 1864. ———:——-——r—õr—————;O daran, Sarah Pocket immer gelber und grüner werden zu laſſen, indem er in der Unterhaltung auf meine glänzenden Ausſichten an⸗ ſpielte. Aber auch hierbei verrieth er keine Abſicht, ſondern ließ es ſcheinen, als wenn er jene Anſpielungen mir unſchuldigem Men⸗ ſchen, entlockte,— was er auch wirklich that, obgleich ich nicht ſich vor ihm, wie Jedermann. Sie machte eine gewaltſame An⸗ weiß, wie. ſtrengung, um ruhiger zu werden, und ſtotterte, daß er pünktlich ſei, wie immer. „Pünktlich, wie immer,“ wiederholte er, näher tretend.„Guten Tag, Pip. Soll ich Sie herum fahren, Miß Havisham? Einmal herum? Alſo ſind Sie hier, Pip?“ Ich ſagte ihm, wann ich angekommen ſei und daß Miß Havis ham den Wunſch ausgeſprochen habe, daß ich komme, um Eſtella zu ſehen, worauf er erwiederte:„Ah, eine ſehr ſchöne junge Dame!“ Dann ſchob er Miß Havisham in ihrem Stuhle mit der einen ſeiner großen Hände vor ſich hin, während er die andere in der Taſche hielt, als wenn dieſelbe mit Geheimniſſen angefüllt geweſen wäre. „Nun, Pip, wie oft haben Sie ſchon früher Miß Eſtella ge ſehen?“ fragte er, als der Stuhl ſtill ſtand. „Wie oft?“ „Ja, wie viele Male? Zehntauſendmal?“ „O nein, gewiß nicht ſo oft?“ „Zweimal?“ „Jaggers,“ unterbrach ihn Miß Havisham zu meinem Troſte, „laſſen Sie meinen Pip in Frieden und gehen Sie mit ihm zum Eſſen.“ Er fügte ſich und wir tappten zuſammen die dunkle Treppe hin⸗ unter. Während des Weges nach jenen entfernten Gemächern, welche auf der Hinterſeite des gepflaſterten Hofes lagen, fragte er mich, wie oft ich Miß Havisham habe eſſen und trinken ſehen und ließ mir dabei, wie gewöhnlich, einen Spielraum zwiſchen hundertmal und einmal. Ich überlegte und erwiederte:„Noch nie!“. „Und Sie werden es auch nie ſehen,“ erwiederte er mit finſterem Lächeln.„Seitdem ſie das gegenwärtige Leben führt, hat nie ein menſchliches Auge ſie das Eine oder das Andere thun ſehen. Sie wandert bei Nacht umher und genießt dann die nöthige Nahrung.“ „Bitte,“ ſagte ich,„darf ich eine Frage thun?“ „Das dürfen Sie,“ erwiederte er,„aber ich werde ſie vielleicht nicht beantworten. Fragen Sie!“ „Eſtella's Name— iſt er Havisham, oder— 2“ Ich hatte nichts hinzuzufügen. „Oder was?“ verſetzte Mr. Jaggers. „Iſt er Havisham?“ „Ja, er iſt Havisham.“ Während dieſes Geſprächs kamen wir zu der Mittagstafel, wo Eſtella und Sarah Pocket uns erwarteten. Mr. Jaggers nahm den Vorſitz ein, Eſtella ſaß ihm und ich meiner grünen und gelben Freundin gegenüber. Das Mahl war ſehr gut und wir wurden von einem Mädchen bedient, das ich bei meinen früheren Beſuchen noch nie geſehen hatte, aber das deſſenungeachtet die ganze Zeit in dem geheimnißvollen Hauſe geweſen ſein konnte. Nach dem Eſſen wurde eine Flaſche ausgeſuchten alten Portweins vor meinen Vormund ge⸗ ſtellt— der die Qualität augenſcheinlich wohl zu beurtheilen wußte — und die Damen verließen uns. Nichts glich der entſchloſſenen Zurückhaltung, welche Mr. Jag⸗ gers in dieſem Hauſe beobachtete. Sogar ſeine Blicke behielt er für ſich und richtete ſie den ganzen Abend hindurch kaum einmal auf Eſtella's Geſicht. Wenn ſie mit ihm ſprach, hörte er aufmerkſam zu und antwortete, aber blickte ſie nie an, ſo viel ich ſehen konnte. Dagegen betrachtete ſie ihn häufig mit Neugierde, wenn nicht mit Argwohn; aber nie verrieth ſein Geſicht, daß er es im Entfernteſten bemerkte. Während der ganzen Mahlzeit fand er nur Bergnügen Als ich mich endlich mit ihm allein befand, ſaß er mit einer geheimnißvollen Miene da, als wolle er zu verſtehen geben, daß er mit gewiſſen Dingen ſehr wohl bekannt ſei, ſo daß ich es endlich kaum mehr ertragen konnte. Sogar mit ſeinem Weim ſtellte er ein Kreuzverhör an, wenn nichts anderes zur Hand war. Er hielt das Glas zwiſchen ſich und das Licht, koſtete den Wein, ließ ihn über die Zunge laufen, verſchluckte ihn, betrachtete wieder das Glas, roch daran, koſtete, trank, füllte es wieder und begann dieſes Kreuzverhör von Neuem, bis ich endlich in eine ſo heftige Aufregung gerieth, als wenn ich gewußt hätte, daß der Wein ihm wirklich nachtheilige Dinge von mir berichtete. Drei oder viermal war ich im Begriffe, eine Unterhaltung zu beginnen; allein ſobald er ſah, daß ich eine Frage an ihn richten wollte, blickte er mich, mit dem Glaſe in der Hand, an und rollte den Wein im Munde umher, als wollte er mir be⸗ merklich machen, daß es vergeblich ſein würde, da er nicht antwor⸗ ten könne. Ich glaube, Miß Pocket fürchtete wirklich die Gefahr, daß mein Anblick ſie zum Wahnſinn und dahin bringen könne, ſich die Haube abzureißen— eine abſcheuliche Haube von weißem Muſſelin— und den Fußboden mit ihrem Haar zu beſtreuen, das ganz entſchieden nicht auf ihrem Kopfe gewachſen war. Sie erſchien nicht wieder, als wir ſpäter nach Miß Havisham's Zimmer gingen und alle vier Whiſt ſpielten. In der Zwiſchenzeit hatte Miß Havisham auf phan⸗ taſtiſche Weiſe Eſtella's Haar, Hals und Arme mit den ſchönſten Juwelen ihres Toilettentiſches geſchmückt; und ich ſah, daß ſelbſt mein„Vormund unter ſeinen buſchigen Augenbraunen hervor die Blicke auf ſie richtete, als ihre Schönheit, gehoben durch den Glanz der buntfarbigen Edelſteine, vor ihm erſchien. Ich will nichts davon ſagen, wie er unſere Trümpfe gefangen nahm und gegen das Ende des Spiels mit elenden kleinen Karten zum Vorſchein kam, vor denen die Herrlichkeit unſerer Könige und Damen in nichts verſank, und eben ſo wenig von dem Gefühle ſpre⸗ chen, deſſen ich mich nicht erwehren konnte, als wenn er uns als drei ſehr dürftige Räthſel betrachtete, die er längſt durchſchaut habe. Was mich peinigte, war die Unvereinbarkeit ſeiner kalten Gegenwart mit meinen Gefühlen für Eſtella. Nicht deshalb, weil ich wußte, daß es mir nie möglich ſein würde, mit ihm über ſie zu ſprechen, daß ich es nie würde ertragen können, ſeine Stiefeln ihr entgegen knarren zu hören und ihn ſeine Hände waſchen zu ſehen,— nein, nur deshalb, weil meine Bewunderung für Eſtella ſeiner Perſon ſo nahe war, weil meine Gefühle ſich mit ihm an demſelben Orte be⸗ fanden,— das war es, was mich peinigte. Wir ſpielten bis neun Uhr und dann wurde verabredet, daß ich, wenn Eſtella nach London ginge, Nachricht vorher erhalten ſolle, um ſie beim Ausſteigen zu empfangen, und dann nahm ich Abſchied von ihr, indem ich ihre Hand leiſe berührte, und ging. Mein Vormund bewohnte im Gaſthofe zum„Blauen Eber“ das neben dem meinigen belegene Zimmer. Bis ſpät in die Nacht hin⸗ ein klangen Miß Havisham's Worte:„Liebe ſie, liebe ſie, liebe ſie!“ in meinen Ohren. Ich wiederholte ſie mehr denn hundertmal und ſagte zu meinem Kiſſen:„Ich liebe ſie, ich liebe ſie!“ Dann ſchwoll mein Herz von Dankbarkeit dafür, daß ſie für mich, den ehemaligen Schmiedelehrling, beſtimmt ſei; und da ſie, wie ich fürchtete, für dieſe Beſtimmung noch nicht ſelbſt ſehr große Dankbarkeit empfand, ſo dachte ich daran, wann ſie wohl anfangen werde, ein wärmeres Gefühl für mich zu gewinnen,— wann es mir gelingen werde, ihr Herz zu erwecken, das jetzt noch ſtumm war und ſchlummerte. Wehe mir! Ich hielt dieſe Empfindungen für groß und edel, ahnte weil ie vergane bald ge Nach „Mauen Entſchluſſ Orlick en Stellung „R. mund d derjenig nie der Es fuhr, da Manneh rend ich i⸗ „Gan ſogleich hi Erwe es vielleic gar zu d machen n Tochert wohl ſel Da ten, un Pumblech ich dieſe einen Sp gers, beſ er dem mich erre gleich na Umweg das offen in müſſen, Nooe wier maße ſice G ſein und angeſtaun Lden he hinab, un und, dicht Sch weiß i zcſache ſween ſe Jdden denfals dänaanegs loſen T einer 5 er lich ein das ber roch ahör als inge eine frage dand, be⸗ Wor⸗ nein ube und den der, vier dar⸗ önſten ſelbſt r die Glanz ngen acten und pre⸗ als habe. wart zußte, ſchen, tgegen nein⸗ ſon ſo Feierſtunden. 1864. 35 ——————— ahnte aber nicht, daß es niedrig und klein ſei, Joe zu meiden, weil ich wußte, daß ſie ihn verachten würde. Kaum ein Tag war vergangen, ſeitdem Joe mir Thränen entlockt hatte; aber ſie waren bald getrocknet,— Gott verzeihe mir's!— bald getrocknet. Dreißigſtes Kapitel. Nachdem ich am folgenden Morgen während des Ankleidens im „Blauen Eber“ die Sache reiflich erwogen hatte, kam ich zu dem Entſchluſſe, Mr. Jaggers meine Bedenken darüber mitzutheilen, ob Orlick eine geeignete Perſon ſei, um in Miß Havishams Hauſe eine Stellung einzunehmen, welche beſonderes Vertrauen vorausſetzte. „Natürlich iſt er nicht der rechte Mann,“ erwiederte mein Vor⸗ mund ganz gemüthsruhig und im Voraus davon überzeugt;„denn derjenige, welcher eine Vertrauensſtellung einnimmt, iſt überhaupt nie der rechte Mann.“ Es ſchien ihn in beſonders gute Laune zu verſetzen, als er er⸗ fuhr, daß gerade dieſe Stelle nicht ausnahmsweiſe mit dem rechten Manne beſetzt ſei und er hörte mir mit zufriedener Miene zu, wäh⸗ rend ich ihm erzählte, was ich von Orlick wußte. „Ganz gut, Pip,“ verſetzte er, als ich geendet hatte,„ich werde ſogleich hingehen und unſeren Freund ablohnen.“ Etwas erſchrocken über dieſes ſchnelle Verfahren äußerte ich, daß es vielleicht beſſer wäre, noch einige Zeit zu warten, und gab ſo⸗ gar zu verſtehen, daß unſer Freund ihm einige Schwierigkeiten machen möchte. „O gewiß nicht!“ erwiederte mein Vormund, indem er ſein Taſchentuch mit der vollkommenſten Zuverſicht entfaltete;„ich möchte wohl ſehen, wie er ſich mir widerſetzen wollte!“ Da wir mit der Mittagskutſche nach London zurückfahren woll⸗ ten, und da ich mein Frühſtück unter ſo namenloſer Furcht vor Pumblechook genoß, daß ich kaum die Taſſe halten konnte, ſo ergriff ich dieſe Gelegenheit, um zu ſagen, daß ich das Bedürfniß fühlte, einen Spaziergang zu machen und deshalb, während er, Mr. Jag⸗ gers, beſchäftigt ſei, die Londoner Straße hinab gehen werde, wenn er dem Kutſcher ſagen wolle, daß ich einſteigen würde, ſobald er mich erreichte. Auf dieſe Weiſe gelang es mir, dem„Blauen Eber“ gleich nach dem Frühſtück zu entfliehen. Indem ich hierauf einen Umweg von ein bis zwei Meilen hinter Pumblechooks Haus in das offene Feld hinaus machte, um nicht daran vorüber gehen zu müſſen, gelangte ich in geringer Entfernung von ſeiner Fall⸗ grube wieder auf die Hauptſtraße und fühlte mich dann einiger⸗ maßen ſicher. Es war intereſſant, wieder einmal in der ſtillen alten Stadt zu ſein und nicht unangenehm, dann und wann plötzlich erkannt und angeſtaunt zu werden. Einige Krämer ſprangen ſogar aus ihren Läden hervor und gingen vor mir eine Strecke weit die Straße hinab, um dann wieder, als hätten ſie etwas vergeſſen, umkehren und, dicht an mir vorübergehend, mich genau betrachten zu können. Ich weiß in der That nicht, wer bei dieſen Gelegenheiten ſeine Rolle am ſchlechteſten ſpielte,— ob ſie es waren, indem ſie thaten, als ſpielten ſie keine, oder ich, indem ich that, als ſähe ich es nicht. Jedenfalls war meine Stellung dabei eine ausgezeichnete und ich war keineswegs unzufrieden damit, bis mich das Schickſal jenem grenzen⸗ loſen Taugenichts, Trabbs Lehrlinge, in den Weg führte Während meine Blicke die Straße entlang ſchweiften, ſah ich ihn näher kommen und ſich mit einem leeren blauen Beutel peitſchen, den er in der Hand trug. Ueberzeugt, daß eine ernſte Miene, welche nicht verrieth, daß ich ihn kannte, ſich am beſten für mich paſſen und am meiſten geeignet ſein werde, ſeinen Muthwillen zu dämpfen, ging ich ihm mit einer ſolchen Miene entgegen und freute mich ſchon des Erfolges, als die Kniee des Buben zu ſchlottern begannen, ſein — (Gliedern heftig zitternd, bis in die Mitte der Straße taumelte und den Leuten zurief:„Haltet mich! Ich bin ſo erſchrocken!“ um ſich dadurch den Schein zu geben, als ſei er durch die Würde meines Aeußeren in dieſen Paroxismus von Schreck und Zerknirſchung ver⸗ ſetzt worden. Indem ich an ihm vorüber ging, klapperten ihm die Zähne im Munde und mit den Zeichen der tiefſten Demuth warf er ſich vor mir nieder. Es war ſchwer, dies zu ertragen, aber es war noch nicht Alles. Kaum war ich zweihundert Schritte weiter gegangen, als mir Trabbs Lehrling, zu meinem unbeſchreiblichen Schrecken und tiefſtem Unwillen abermals entgegen kam. Er trat aus einer engen Seitenſtraße her⸗ vor. Der blaue Beutel hing über ſeiner Schulter, Fleiß und Eifer leuchteten aus ſeinen Augen und ſeine ganze Haltung verrieth den Willen, ſich mit froher Emſigkeit zu ſeinem Meiſter zu begeben. Plötzlich aber wurde er meiner gewahr und gerieth wieder in den vorher geſchilderten Zuſtand. Dieſes Mal waren jedoch ſeine Be⸗ wegungen kreisförmig und mit ſchlotternden Knieen und erhobenen Händen, als wollte er um Gnade flehen, taumelte er um mich herum, während ſeine Leiden von den Zuſchauern mit dem größtem Jubel begrüßt wurden und ich mich völlig vernichtet fühlte. Weiter gehend, war ich noch nicht bis an das Poſthaus gekom⸗ men, als ich Trabbs Lehrling von Neuem aus einer Nebenſtraße hervorſchießen ſah. Dieſes Mal benahm er ſich ganz anders. Er trug den blauen Beutel ſo, wie ich meinen Ueberziehrock, und ſchritt ſtolz auf der anderen Seite der Straße mir entgegen, gefolgt von einem Haufen ſehr erfreuter junger Freunde, denen er mit einer hochmüthigen Handbewegung dann und wann zurief:„Ich kenne Euch nicht!“ Keine Worte vermögen den Zorn und Aerger zu be⸗ ſchreiben, welchen ich empfand, als er, dicht an mir vorüber gehend, den Hemdkragen emporzog, ſich das Haar an der Schläfe drehte, den Arm in die Seite ſtemmte und mit ſelbſtgefälligem Lächeln und affektirten Verdrehungen ſeines Körpers den Begleitern zuſchnarrte: „Kenne Euch nicht! Auf Ehre, kenne Euch nicht!“ Als er hierauf wie ein außerordentlich betrübter Hahn, der mich noch als Schmiede⸗ lehrling gekannt hatte, hinter mir zu krähen und mich über die Brücke zu verfolgen begann, erreichte die auf mich gehäufte Schmach ihren Höhenpunkt, mit der ich die Stadt verließ oder von der ich vielmehr aus der Stadt auf das Feld hinaus vertrieben wurde. Allein wenn ich dem Buben nicht das Leben nehmen wollte, ſo weiß ich ſelbſt jetzt noch nicht, was ich anderes hätte thun können, als ſtill und ruhig ertragen. Mich mit ihm auf der Straße zu balgen und mich mit einer geringeren Genugthuung, als der ſeines Herzblutes, begnügt zu haben, wäre lächerlich und entehrend geweſen. Ueberdies war er ein Bube, dem kein Menſch etwas anhaben konnte, eine unverwundbare, gewandte Schlange, die in eine Ecke getrieben, höhniſch lachend zwiſchen den Beinen des Angreifers hindurch ent⸗ ſchlüpfte. Am folgenden Tage ſchrieb ich jedoch an Mr. Trabb und zeigte ihm an, daß ich nicht ferner bei einem Manne arbeiten laſſen könne, welcher die ſchuldigen Rückſichten gegen die bürgerliche Geſell⸗ ſchaft ſo weit außer Augen zu ſetzen im Stande ſei, daß er einen Lehrling beſchäftige, der das Gemüth eines jeden achtbaren Menſchen mit Abſcheu erfülle. Die Kutſche, in deren Innerem Mr. Jaggers ſaß, holte mich endlich ein und ich beſtieg wieder meinen Sitz auf dem Bocke und langte in London zwar wohlbehalten an, aber nicht wohl, denn mein Herz war fort. Gleich nach der Ankunft ſchickte ich reumüthig an Joe einen Stockfiſch und ein Faß Auſtern(als Erſatz dafür, daß ich ihn nicht ſelbſt beſucht hatte), und begab mich dann nach dem Hotel Barnard. Dort fand ich Herbert, welcher ſein Mittagsmahl an kaltem Fleiſche hielt und ſehr erfreut war, mich wiederzuſehen. Nachdem der„Rächer“ abgeſchickt worden war, um aus dem Speiſehauſe noch einiges Andere herbeizuholen, fühlte ich, daß ich noch an dieſem Haar ſich ſträubte, die Mütze ihm vom Kopfe fiel und er, an allen Abende meinem Freunde und Kameraden mein Herz öffnen müſſe. . 324 Feierſtunden. 1864. Da eine vertrauliche Mittheilung unmöglich war, ſo lange ſich der „Rächer“ im Vorſaale(welcher eigentlich nur eine Antichamber des Schlüſſelloches war), befand, ſo ſchickte ich ihn in das Theater. Keinen beſſeren Beweis kann es von der Sklaverei geben, in der ich mich unter dieſem Zuchtmeiſter befand, als die erniedrigenden Hilfs⸗ mittel waren, zu denen ich fortwährend greifen mußte, um ihm Beſchäftigung zu verſchaffen. Oft wurde ich ſogar ſo weit getrieben, daß ich ihn an die Ecke von Hyde Park ſandte, nur um zu ſehen, wie viel Uhr es ſei. Als das Eſſen genoſſen war und wir vor dem Kaminfeuer ſaßen, ſagte ich zu Herbert: „Mein lieber Herbert, ich habe dir etwas Beſonderes mitzu⸗ theilen.“ „Mein lieber Händel,“ erwiederte er,„ich werde Dein Vertrauen achten und ehren.“ „Es betrifft mich ſelbſt, Herbert,“ fügte ich hinzu,„und noch eine andere Perſon.“ Herbert ſchlug die Füße übereinander, legte den Kopf auf die Seite und blickte in's Feuer, und nachdem er längere Zeit vergebens hinein geblickt hatte, ſchaute er mich an, weil ich nicht fortfuhr. „Herbert,“ ſagte ich, meine Hand auf ſeine Kniee legend,„ich liebe— Eſtella,— ich bete ſie an.“ Statt überraſcht zu ſein, erwiederte er nur in ruhigem Tone, als wenn ſich das von ſelbſt verſtünde: „Ganz richtig. Nun?“ „Nun, Herbert? Iſt das Alles, was du ſagſt? Nun?“ „Was weiter? meine ich,“ verſetzte Herbert;„das weiß ich natürlich.“ „Woher weißt Du es?“ fragte ich. „Woher ich es weiß, Händel? Nun, von dir ſelbſt.“ „Aber ich habe es dir nie geſagt.“ „Mir nie geſagt? Du haſt mir auch nie geſagt, wenn du dein Haar haſt ſchneiden laſſen, aber ich habe es dennoch ſehen kön⸗ nen. Du haſt ſie ſtets angebetet, ſeitdem ich dich kenne. Du haſt deine Verehrung für ſie zugleich mit deinem Reiſekoffer hierher ge⸗ bracht. Mir nie geſagt! Du haſt es mir jeden Tag von Morgen bis Abend geſagt. Als du mir deine Lebensgeſchichte erzählteſt, ſag⸗ teſt du mir deutlich, daß du ſie vom erſten Tage, an dem du ſie geſehen und als du noch ſehr jung geweſen, angebetet habeſt.“ „Nun gut,“ verſetzte ich, da dieſe Bemerkung ein neues und nicht unwillkommenes Licht für mich war,„ich habe nie aufgehört ſie anzubeten und ſie iſt jetzt als ein unbeſchreiblich reizendes und elegantes Weſen zurückgekehrt. Geſtern habe ich ſie geſehen. Wenn ich ſie früher ſchon angebetet habe, ſo bete ich ſie jetzt doppelt an.“ „Dann iſt es ein Glück für dich, Händel,“ bemerkte Herbert, „daß du für ſie auserwählt und beſtimmt biſt. Ohne zu weit zu gehen, können wir wohl ſagen, daß hierüber zwiſchen uns kein Zweifel herrſchen kann. Weißt du ſchon, wie Eſtella über dieſe Verehrung denkt?“ Ich ſchüttelte finſter den Kopf und ſagte: „Ach, ſie iſt mir noch viele tauſend Meilen fern.“ „Geduld, mein lieber Händel, es iſt noch Zeit genug. Aber du hatteſt mir noch etwas Anderes zu ſagen?“ 1 „Ich ſchäme mich, es zu ſagen,“ erwiederte ich;„und doch kann ich es eben ſo gut ſagen, wie denken. Du nennſt mich glücklich. Freilich bin ich es auch; denn vor kurzer Zeit war ich noch ein armer Schmiedelehrling und bin jetzt— wie ſoll ich es nennen?“ „Sage, ein guter Menſch, wenn dir's am richtigen Ausdrucke fehlt,“ verſetzte Herbert lächelnd, indem er ſeine Hand auf die mei⸗ nige legte,„ein guter Menſch, mit Leidenſchaftlichkeit und Unſchlüſſig⸗ keit, Kühnheit und Schüchternheit, Thatkraft und Träumerei in ſelt⸗ ſamer Miſchung.“ „Wenn ich frage, was ich mich jetzt nennen ſoll, Herbert,“ fuhr ich fort, ſo will ich damit andeuten, was meine Gedanken darüber —-——; ſind. Du ſagſt, ich ſei glücklich. Allerdings weiß ich, daß ich ſelbſt nichts gethan habe zu meiner Beförderung, daß nur der Zufall mich erhoben hat,— und das nennt man Glück; aber wenn ich an Eſtella denke—“ „Und wann denkſt du nicht an ſie?“ warf Herbert, die Augen auf das Feuer richtend, ein, was mir als ſehr theilnehmend und liebevoll von ihm erſchien. „Dann, mein lieber Herbert, kann ich dir nicht ſagen, wie ab⸗ hängig und ungewiß mir meine Lage vorkommt und wie vielen Zu⸗ fälligkeiten ausgeſetzt. Ohne zu weit zu gehen, wie du vorhin dich ausdrückteſt, muß ich doch ſagen, daß von der Beſtändigkeit einer einzigen Perſon— ich will Niemand nennen— alle meine Erwar⸗ tungen abhängen. Wie unbefriedigend iſt es, ſelbſt im beſten Falle, nur ſo unbeſtimmt zu wiſſen, worin dieſe beſtehen!“ Indem ich dieſes ſagte, erleichterte ich mein Gemüth von dem, was es von jeher gedrückt hatte, obgleich ſeit geſtern am ſchwerſten. „Nun, Händel,“ erwiederte Herbert in ſeinem frohen, hoffnungs⸗ vollen Tone,„es ſcheint mir, daß wir in der Verzagtheit der Liebes⸗ gluth unſerem geſchenkten Gaule mit einem Vergrößerungsglaſe in das Maul blicken. Haſt du mir nicht erzählt, daß dein Vormund, Mr. Jaggers, dir von Anfang an geſagt habe, du ſeieſt nicht bloß auf Erwartungen angewieſen? Und wenn er dir das auch nicht ge⸗ ſagt hätte,— obgleich ich zugeſtehen muß, daß dies ein ſehr bedeu⸗ tendes„Wenn“ iſt— könnteſt du glauben, daß Mr. Jaggers in ſeinen jetzigen Verhältniſſen zu dir ſtehen würde, wenn er ſeiner Sache nicht gewiß wäre?“ Ich erwiederte, es ſei nicht in Abrede zu ſtellen, daß dieſes ein ſehr wichtiger Umſtand ſei, und ſagte es(wie Leute in ſolchen Fällen oft zu thun pflegen), als machte ich dieſes Zugeſtändniß der Wahr⸗ heit und Gerechtigkeit gegenüber nur mit Wüderſtreben und nicht ohne Neigung, es zu leugnen. „Ich ſollte allerdings meinen, es wäre ein wichtiger Umſtand,“ ſagte Herbert,„und ſchwerlich wirſt du dir einen wichtigeren denken können. Im Uebrigen mußt du warten, bis ſein Klient für gut be⸗ finden wird, die Sache aufzuklären. Du wirſt bald das einund⸗ zwanzigſte Jahr erreichen und dann der Aufklärung näher ſein, denn endlich muß ſie kommen.“ „Was für ein hoffnungsvolles Gemüth du haſt!“ ſagte ich dank⸗ bar und ſein heiteres Weſen bewundernd. „Schlimm, wenn ich es nicht hätte,“ verſetzte Herbert,„denn ich habe faſt nichts Anders. Uebrigens muß ich bekennen, daß das Verſtändige, was in dem ſo eben Geſagten liegt, nicht von mir, ſondern von meinem Vater herrührt. Die einzige Bemerkung, welche ich aus ſeinem Munde in Betreff deiner Geſchichte gehört habe, war die fölgende.„„Die Sache iſt in Ordnung und abge⸗ macht,““ ſagte er,„„ſonſt würde Mr. Jaggers ſich nicht damit be⸗ faßt haben.““ Ehe ich aber jetzt noch etwas Weiteres über meinen Vater oder meines Vaters Sohn ſage, muß ich mich dir einen Au⸗ genblick ſehr unangenehm,— förmlich widerlich machen.“ „Es wird dir nicht gelingen,“ entgegnete ich. „O ganz gewiß!“ rief er.„Eins, zwei, drei,— jetzi geht es los! Händel, mein guter Junge,“ fuhr er in zwar heiterem Tone, aber mit unberkennbarem Ernſte fort,„es iſt mir, während wir hier vor dem Feuer ſitzen, eingefallen, daß Eſtella unmöglich eine Bedingung deiner Erbſchaft ſein kann, wenn dein Vormund ihrer niemals gegen dich erwähnt hat. Habe ich deine Mittheilungen rich⸗ tig verſtanden, wenn ich annehme, daß er ihrer niemals, weder dixekt noch indirekt, erwähnt und auch nie entfernt angedeutet hat, daß dein Gönner die Abſicht habe, dich dereinſt mit ihr zu ver⸗ heirathen?“ „Niemals.“ „Nun, Händel, glaube mir,— auf mein Ehrenwort!— ich bin dem Verlangen nach ſauren Trauben fern. Da du nicht an ſie ge⸗ — bun dir iner var⸗ alle, dem, rſten. ungs⸗ iebes⸗ ſe in nund, bloß ge⸗ deu in iner ein Füllen Gah ahr⸗ nicht and,“ enken t be⸗ wnd⸗ denn dank⸗ denn das mir, fung, gebun ahg⸗ le⸗ inen Au⸗ ———ꝛ—:;———-———õͤ——— bunden biſt, ſollteſt du dich nicht von ihr losſagen?— Ich ſagte dir's vorher, daß ich unangenehm werden würde.“ Ich wandte das Geſicht ab, denn wie wenn die Winde des Moorlandes herüber blieſen, durchzuckte mich mit bitterer Gewalt wieder jenes Gefühl, das mich an jenem Morgen überwältigt hatte, als ich die Schmiede verließ und ich, während die Nebel feierlich empor ſtiegen, meine Hand auf den Wegweiſer des Dorfes legte. Einige Minuten lang herrſchte Schweigen zwiſchen uns. „Ja, aber mein lieber Händel,“ fuhr Herbert fort, als wenn wir ununterbrochen mit einander geſprochen hätten, ſtatt geſchwiegen zu haben,„da dieſe Neigung in der Bruſt eines Knaben ſtarke Wurzel gefaßt hat, der von Natur ſehr romantiſch iſt, ſo wird die Sache dadurch ernſthaft. Denke an ihre Erziehung und an Miß Havis⸗ ham. Bedenke nur, was ſie ſelbſt iſt. Jetzt werde ich widerlich und du verabſcheuſt mich. Das kann ſehr traurige Folgen haben.“ „Ich weiß es, Herbert,“ erwiederte ich, mit noch immer abge⸗ wendetem Geſichte,„aber ich kann es nicht ändern.“ „Du kannſt dich nicht von ihr losſagen?“ „Nein, unmöglich!“ „Auch nicht den Verſuch willſt dn machen, Händel?“ „Nein, unmöglich!“ „Gut!“ ſagte Herbert hierauf, indem er aufſtand, ſich lebhaft ſchüttelte, als wenn er geſchlafen hätte, und dann das Feuer ſchürte, „nun will ich verſuchen, mich wieder angenehm zu machen!“ Er ging im Zimmer umher, zog die Fenſtervorhänge zurecht, ſtellte die Stühle an ihre Plätze, ſammelte die umher liegenden Bü⸗ cher, blickte in die Vorhalle hinaus, ſchaute in den Briefkaſten, ver⸗ ſchloß die Thür und kehrte zu ſeinem Stuhle am Feuer zurück, wo er ſich niederſetzte und ſein linkes Bein in beide Arme nahm. „Ich wollte ein paar Worte über meinen Vater und meines Vaters Sohn ſagen, Händel,“ begann er.„Es wird für meines Vaters Sohn kaum nöthig ſein zu bemerken, daß meines Vaters Einrichtung und Haushalt nicht ſehr glänzend ſind.“ „Aber es herrſcht in keiner Beziehung Mangel dort, Herbert,“ erwiederte ich, um etwas Ermuthigendes zu ſagen. „O ja! das ſagt der Aſchenkärner auch, glaube ich, und der Trödler, in der Sackgaſſe. Aber ernſtlich geſprochen, Händel, denn der Gegenſtand iſt in der That ernſt genug, du weißt, wie es dort ht, ſo gut wie ich. Es mag ſein, daß es einſt eine Zeit gab, in der mein Vater noch nicht Alles als hoffnungslos aufgegeben hatte, allein dieſe Zeit iſt jetzt jedenfalls vorbei. Darf ich dich fragen, ob du nicht auch ſchon die Bemerkung gemacht haſt, daß die aus nicht ganz paſſenden Ehen entſprungenen Kinder in der Regel ein ganz beſonderes Verlangen tragen, ſich zu verheirathen?“ Das war eine ſo ſonderbare Frage, daß ich nicht anders darauf antworten konnte, als mit der Gegenfrage:„Iſt es denn ſo?“ „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Herbert,„aber möchte es gern wiſſen; denn bei uns iſt es jedenfalls ſo. Meine arme Schweſter Charlotte, welche nach mir kam und ſchon ſtarb, ehe ſie vierzehn Jahre alt wurde, war ein ſchlagendes Beiſpiel davon. Die kleine Jane iſt grade ebenſo. Man könnte ſagen, daß ſie, in ihrem Verlangen, ſich häuslich niederzulaſſen, die kurze Dauer ihres Daſeins mit der Be⸗ trachtung häuslichen Glückes ausgefüllt habe. Die kleine Alice, im Kinderrock, hat bereits Vorbereitungen zu ihrer Verbindung mit einem paſſenden jungen Manne in Kew getroffen. Ich glaube in der That, wir ſind alle verſprochen, mit alleiniger Ausnahme des jüngſten, noch ganz kleinen Kindes.“ „Alſo du auch?“ ſagte ich. „Ja,“ erwiederte Herbert,„aber es iſt ein Geheimniß.“ Ich gab ihm die Verſicherung, daß ich es gewiſſenhaft bewahren würde, und bat ihn, mir die näheren Umſtände mitzutheilen. Er hätte über meine Schwäche mit ſo viel Gefühl und Verſtand geſpro⸗ chen, daß ich auch gern etwas von ſeiner Stärke kennen lernen wollte. Feierſtunden. 1864. 325 ———;B:B:——:—B——————— „Darf ich nach ihrem Namen fragen?“ ſagte ich. „Ihr Name iſt Clara,“ verſetzte Herbert. „Und wohnt in London?“ „Ja. Vielleicht ſollte ich erwähnen,“ bemerkte Herbert, der auf⸗ fallend niedergeſchlagen und demüthig geworden war, ſeitdem ſich unſere Unterhaltung auf dieſen intereſſanten Gegenſtand gerichtet hatte,„daß ſie etwas unter den verkehrten Standesideen meiner Mutter ſteht. Ihr Vater war früher eine Art von Proviantmeiſter auf Transportſchiffen.“ „Was iſt er jetzt?“ fragte ich. „Oh, ein Invalide, das heißt, er iſt krank,“ erwiederte Herbert. „Und lebt— 2“ „In dem erſten Stockwerke,“ ergänzte Herbert, meine augefan⸗ gene Frage mißverſtehend, da ich von ſeinen Mitteln hatte ſprechen wollen.„Ich habe ihn nie geſehen, denn ſo lange ich mit Clara be⸗ kannt bin, iſt er immer in ſeinem Zimmer oben geblieben. Aber gehört habe ich ihn fortwährend. Er macht furchtbaren Lärm,— brüllt und ſtößt mit irgend einem entſetzlichen Inſtrument auf den Fußboden.“ Indem Herbert mich bei dieſen Worten anblickte und herzlich lachte, gewann er ſeine gewöhnliche gute Laune wieder. „Erwarteſt du ihn deun nie zu ſehen?“ ſagte ich. „Oh ja, ich erwarte es fortwährend,“ antwortete er;„denn nie höre ich ihn, ohne zu erwarten, daß er durch die Decke des Zimmers gepoltert kommen werde. Aber ich weiß nicht, wie lange die Spar⸗ ren noch halten können.“ Nachdem wir von Neuem herzlich gelacht hatten, wurde er wie⸗ der demüthig und ſagte, daß es ſeine Abſicht ſei, Clara zu heirathen, ſobald er anfangen werde, ein Kapital zu ſammeln, und fügte als ſelbſtverſtändlich die Bemerkung hinzu, welche natürlich geeignet war, Niedergeſchlagenheit zu erwecken: „Allein man kann freilich nicht heirathen, wenn man ſich noch umzuſchauen hat.“ Während wir in das Feuer blickten, und während ich darüber nachdachte, was für eine ſchwere Aufgabe es zuweilen ſei, die Viſion eines zukünftigen Vermögens zu verwirklichen, ſchob ich meine Hände in die Taſchen. Ein zuſammengelegtes Papier in einer derſelben er⸗ regte meine Aufmerkſamkeit; ich öffnete es und fand, daß es der von Joe empfangene Theaterzettel war, welcher das Auftreten des berühm⸗ ten Künſtlers aus der Provinz ankündigte. „Meiner Treu!“ rief ich unwillkürlich laut, Abend!“ Dieſe Wahrnehmung gab unſeren Gedanken ſogleich eine neue Richtung und veranlaßte uns zu dem Beſchluſſe, das Theater zu be⸗ ſuchen. Nachdem ich deßhalb Herbert die Verſicherung gegeben, ihm in der Angelegenheit ſeines Herzens mit allen möglichen und unmög⸗ lichen Mitteln beizuſtehen, und nachdem er mir geſagt hatte, daß ſeine Verlobte mich bereits dem Namen nach kenne, und daß ich ihr näch⸗ ſteus vorgeſtellt werden ſolle, und nachdem wir uns endlich, zur Be⸗ kräftigung unſeres gegenſeitigen Vertrauens die Hände gedrückt, blie⸗ ſen wir das Licht aus, ſchürten das Feuer an, und verließen das Haus, um Mr. Wopsle und Dänemark außzuſuchen. „das iſt ja heute Einunddreißigſtes Kapitel. Bei unſerer Ankunft in Dänemark fanden wir den König und die Königin dieſes Landes in zwei auf einen Küchentiſch erhobenen Armſtühlen ſitzen und Hof halten. Der geſammte däniſche Adel war gegenwärtig und wurde repräſentirt von einem edeln Jüngling, wel⸗ cher die großen waſchledernen Stiefeln eines gigantiſchen Vorfahren trug, einem ehrwürdigen Pair mit ſchmutzigem Geſichte, der erſt im ſpäteren Lebensalter aus dem Volke emporgeſtiegen zu ſein ſchien, und der Ritterſchaft, die, mit einem Kamm im Haar und weißſeidenen 326 Beinkleidern, im Ganzen genommen etwas weibiſch ausſah. Mein⸗ talentvoller Mitbürger, deſſen Stirn und Locken auch etwas natür licher hätten ſein können, ſtand mit untergeſchlagenen Armen auf der Seite. Verſchiedene kleine Zwiſchenfälle ereigneten ſich im Laufe der Vorſtellung. Landes ſchien nicht nur beit ſeinem Ableben an einem Huſten gelitten, ſondern denſelben auch mit Der verſtorbene König des in das Grab genommen und jetzt daraus zurlickgebracht zu haben. Ferner trug das königliche Phantom ein geſpenſtiges Mannſcript um den Scepter gewickelt, auf dasae 8G Zeit zu Zeit ſehr ängſtliche Blicke richtete, und häufig 1h vie betreffende Stelle verlor, was ſehr ſtark nach Sterblichkeit ſchmeckte. die Urſache, weßhalb dem Schatten häufig von der Gallerie aus der Qas war, glaube ich, auch Rath zugerufen wurde:„Schlage um!“ den er jedoch ſehr übel auf nahm. Ebenſo war es bemerkenswerth an dieſem majeſtätiſchen Geiſte, daß er, obgleich er ſtets mit einer Miene auftrat, als ſei er lange. Zeit abweſend geweſen und habe unendliche Entfernungen zurückge legt, augenſcheinlich hinter einer ganz nahe ſtehenden Wand hervor kam. Dies bewirkte, daß ſein Erſcheinen nicht Grauen einflößte, ſondern Lachen erweckte. Die Königin von Dänemark, eine wohl beleibte Stirue begabt, Hame, obgleich der Geſchichte nach mit einer ehernen trug dennoch, dem Urtheile des Publikums zur folge, zu viel Erz an ſich, indem ein Reif dieſes Metalls vom Dia deme aus um ihr Kinn lief(als wenn ſie wüthende Zahnſchmerzen hätte), ein zweiter ihren Leib umgab, und jeder ihrer beiden Arme⸗ von einem ähunlichen Reif umſchlungen war, ſo daß ſie laut und öffentlich„die Keſſelpaule“ genaunt wurde. Der edle Jüngling, in ſeinen vorelterlichen Stiefeln, war nicht conſequent, indem er bald. als ein tüchtiger Seemann, bald als ein herumziehender Schauſpier ler, Todtengräber, Geiſtlicher, oder als jene Perſon erſchien, die bei⸗ einem Preisfechten von großer Wichtigkeit war, da nach dem Aus⸗ ſpruche ihres geübten Auges die geſchickteſten Streiche beurtheilt wur den. Dies verurſachte, daß man ihn endlich nicht mehr dulden wollte, und ſogar, als man ihn in der geiſtlichen Tracht entdeckte, zu Rußſchaalen griff. Ophelia, ſchließlich, war die Beute eines ſo lang weiligen muſikaliſchen Wahnſinns, daß, als ſie endlich ihr weites Muſſelintuch abgenommen, zuſammen gelegt und begraben, ein mür riſcher Mann, der ſchon lange Zeit ſeine ungeduldige Naſe an einem Eiſeuſtabe in der vorderen Reihe der Gallerie gekühlt hatte, brum⸗ mend rief:„Nun das Kind zu Bett gebracht iſt, wollen wir zu Nacht ſpeiſen!“ was mindeſtens ſehr unpaſſend war. wlle dieſe Zwiſchenfälle häuften ſich mit komiſchem Effekte auf meinem unglücklichen Mitbürger. Bei jedem Zweifel, bei jeder Frage, welche dieſer wankelmüthige Prinz auszuſprechen hatte, kamen die Zuhörer ihm zu Hülfe. Zum Beiſpiel, bei der Frage,„ob es edler ſei z Andere ſich für beide Anſichten erklärten und ihm riethen zu„looſen“. u dulden,“ ſchrieen Einige„Ja“, Andere„Nein“, während noch Als er die Frage aufwarf,„weßhalb ſolche Menſchen, wie er, zwi ſchen Himmiel und Erde umher kröchen,“ ermuthigte man ihn durch den Zuruf:„Bravo! hört! hört!“ Als er hierauf mit dem nachläſſi⸗ gen Strumpf erſchien(der, wie üblich, als Zeichen der Unordnung unr eine ſaubere kleine Falte an der Spitze trug, welche ohne Zwei fel immer mit dem Bügeleiſen hinein gelegt wurde), fand auf der Gallerie eine Unterhaltung über die Bläſſe ſeines Beines ſtatt, und man fragte, ob ſie von dem Schrecken herrühre, den ihm der Geiſt eingejagt habe. Als er hierauf die Flöte ergriff, ein kleines, ſchwarzes Inſtrument, welches kurz vorher noch im Orcheſter benutzt und, wie ich geſehen hatte, zur Thür hinaus gereicht worden wag, ſchrieen alle Zuhörer einſtimmig, er ſolle„Rule Britannia“ ſpielen; und als er endlich dem Schauſpieler empfahl, nicht die Luft ſo arg mit den Armen zu durchſägen, rief der mürriſche Mann auf der Gallerie:„Aber thuet ihr es auch nicht; ihr ſeid noch ſchlimmer als er!“ Und bei allen dieſen Gelegenheiten folgte ein ſchallendes Ge⸗ lächter. Feierſtunden. 1864. 4 7N Allein die ſchwerſten Prüfungen hatte Wopsle auf dem Kikchn hofe zu erleiden, welcher wie ein Urwald ausſah, mit einer kleinen geiſtlichen Waſchküche auf der einen, und einem Weghauſe auf der anderen Seite. Sobald er, in einen weiten ſchwarzen Mantel gehüllt, durch die Pforte des letzteren eintrat, erhielt der Todtengräber die freundſchaftliche Warnung:„Aufgepaßt! Der Leichenbeſtatter kommt, um zu ſehen, wie weit ihr mit eurer Arbeit ſeid!“ Ich glaube wohl, man iſt in einem conſtitutionellen Lande darüber einverſtanden, daß Wopsle den Schädel, nachdem er darüber moraliſirt hatte, nicht zu rückgeben konnte, ohne ein weißes Tuch aus der Bruſttaſche zu ziehen und ſich die Finger vom Staube zu reinigen; aber auch dieſe un⸗ ſchuldige und zugleich nöthige Handlung konnte einer ſpöttelnden Be⸗ merkung nicht entgehen, und auf allen Seiten rief man:„Ein Kell ner!“ Als der Sarg zur Beſtattung anlangte, und der abfallende Deckel ſeine Leere verrieth, war es das Signal zu einer allgemeinen Heiterkeit, welche noch dadurch erhöht wurde, daß man unter den Trägern eine ſehr verrufene Perſönlichkeit erkannte. Dieſe Heiterkeit begleitete auch Mr. Wopsle durch ſeinen Kampf mit Laertes am Rande des Grabes und des Orcheſters, und hörte nicht eher auf, als bis er den König von dem Küchentiſche hinab geſtoßen und von den Ferſen aufwärts zollweiſe geſtorben war. Wir hatten anfangs einige ſchwache Verſuche gemacht, Mr. Wopsle zu applandiren, allein ſie waren zu hoffnungslos, um damit fortfahren zu können. Wir ſaßen deßhalb ruhig, und bedauerten ihn Ich mußte wider Wil len unaufhörlich lachen, denn die ganze Sache war zu komiſch; aber dennoch war es mir, als wenn etwas außerordentlich Schönes in gewiß nicht um unſerer alten Bekannt ſchaft willen, ſondern weil er ſo langſam, ſo traurig war, ſo ſelt ſam ſtieg und fiel, und überhaupt ſo ganz anders war, als irgend ein Menſch ſich unter Verhältniſſen irgend einer Art ausgedrückt haben Als die Vorſtellung zu Ende, und Wopsle noch einmal zwar, aber lachten deſſen ungeachtet herzlich. Wopsle’s Vortrag läge, würde. herausgerufen worden war, um ausgeziſcht zu werden, ſagte ich zu Herbert: „Laß uns ſogleich gehen, ſonſt möchten wir ihm begegnen!“ So ſchnell als möglich eilten wir deßhalb die Treppe hinab, waren aber deſſen ungeachtet nicht ſchnell genug. An der Thür ſtand ein Mann von jüdiſchem Ausſehen, mit unnatürlich dicken Augenbrau⸗ nen, der mich in's Auge faßte, während wir näher kamen, und, als wir ihn erreicht hatten, zu mir ſagte: „Mr. Pip und Freund?“ Wir gaben uns als die Genannten zu erkennen, worauf der Mann fortfuhr: „Mr. Waldengarver würde ſich freuen, die Ehre zu haben „Mr. Waldengarver?“ wiederholte ich, als Herbert mir in's Ohr flüſterte: „Wahrſcheinlich, Wopsle.“ „Oh!“ ſagte ich.„Ja. Sollen wir Ihnen folgen?“ „Nur wenige Schritte, wenn es Ihnen gefällig iſt,“ erwiederte — der Mann. Als wir uns in einem Seitengang befanden, wandte er ſich um und ſagte: „Wie fanden Sie, daß er ausſah? kleidet.“ Ich weiß wirklich nicht, wie er ausgeſehen hatte, ausgenominen, wie ein Leichenbitter oder Leichenbeſtatter, mit einer großen däniſchen Sonne oder einem Sterne auf der Bruſt, der an einem blauen Bande um ſeinen Hals hing und ihm das Anſehen gab, als wenn er in einer ganz beſonderen Feueraſſekuranz verſichert worden wäre; allein ich antwortete, daß er ſehr gut ausgeſehen habe. „Als er an das Grab trat,“ ſagte unſer Führer,„trug er ſei⸗ nen Mantel vortrefflich; aber von der Seite der Bühne aus geſehen, ſchien es mir, daß er in der Scene mit dem Geſpenſte, im Zimmer der Königin, ſeine Strümpfe beſſer hätte zeigen können. Ich habe ihn ange⸗ ein let bei ſich u tre hi Küche lleinen auf der Rhällt. konant, be wohl, n, daß icht zu ziehen ſe un u Be⸗ Kell Kude meinen ter den Kiterkeit tes am auf, als von den Mr. damit nihn r Wil aber nes in lannt do ſeſt irgend kt haben einmal Hich zu 10 n! „yvyyn and ein ubrau⸗ nd, als duf der jede rte ich um annge⸗ ommen, qniſchen Banlde er in allein er ſei⸗ giſehen, uer zin Feierſtun Ich gab ihm beſcheiden Recht, worauf wir ſämmtlich durch eine tleine ſchmutzige Thür in eine Art leerer Packkiſte fielen, welche ſich dicht dahinter befand. Hier, wo gerade ſo viel Raum war, daß wir hinein ſchauen konnten, wenn die Thür offen gehalten wurde, und wir einander über die Schultern blickten, entledigte ſich Mr. Wopsle ſeiner däniſchen Gewänder. „Meine Herren,“ ſagte er,„ich bin ſtolz, Sie zu ſehen. Sie werden hofſentlich entſchuldigen, Mr. Pip, daß ich mir die Freiheit nahm, zu Ihnen zu ſchicken. Ich habe das Glück gehabt, Sie in früherer Zeit zu kennen, und das Drama hat zu allen Zeiten ſein Recht bei den Edlen und Reichen geltend machen dürfen.“ 1 b Ohne eigentlich zu wiſſen, ob ich Mr. Wopsle noch mehr be⸗ Während deſſen war Mr. Waldengarver, unter furchtbarer Transpiration, bemüht, ſich von ſeinen prinzlichen Gewändern zu befreien. „Ziehen Sie die Strümpfe ab, Mr. Waldengarver,“ ſagte der Eigenthümer derſelben,„oder Sie werden ſie zerſprengen, und zer ſprengen dann fünfunddreißig Schillinge. Selbſt Shakespeare beſaß nie ein ſchöneres Paar. Sitzen Sie ſtill auf Ihrem Stuhle, und überlaſſen Sie ſie mir.“ Mit dieſen Worten kniete er nieder und begann ſeinem Opfer die Haut abzuziehen, das, als der erſte Strumpf herunter fuhr, un zweifelhaft mit dem Stuhle hinten über gefallen ſein würde, wenn überhaupt Platz zum Fallen vorhanden geweſen wäre. Ich hatte mich bisher geſcheut, irgend ein Wort in Betreff des Schauſpiels zu äußern, allein jetzt ſchaute uns Mr. Waldengarver wohlgefällig an und ſagte: „Meine Herren, wie gefiel Ihnen die Vorſtellung, von vorn geſehen?“ Herbert flüſterte von hinten, indem er mich anſtieß,„vortreff lich“, und ich erwiederte deßhalb: „Vortrefflich.“ „Was halten Sie von meiner Auffaſſung der Rolle, meine Herren?“ fragte Mr. Waldengarver hierauf mit einer Miene, dier beinahe, wenn nicht wirklich, herablaſſend war. Herbert flüſterte wieder von hinten, mich abermals anſtoßend, „richtig und erhaben“; und ich wiederholte deßhalb, als wenn das Urtheil von mir ausginge und ich durchaus dabei beharren müßte: „Richtig und erhaben.“ „Es freut mich, Ihren Beifall zu haben, meine Herren,“ ver ſetzte Mr. Waldengarver mit Würde, obgleich er während deſſen gegen die Wand gedrückt wurde und ſich am Stuhle feſthalten mußte. „Aber Eins muß ich Ihnen ſagen, Mr. Waldengarver,“ be merkte der vor ihm knieende Mann,„worin Sie gefehlt haben. Be⸗ achten Sie wohl, ich frage nichts danach, ob Jemand anderer Mei⸗ mung iſt; ich ſage es Ihnen dennoch. Sie machen in der Darſtellung einen Verſtoß, wenn Sie Ihre Beine von der Seite zeigen. Der letzte Hamlet, den ich ankleidete, beging denſelben Fehler in der Probe, bis ich ihm eine große rothe Oblate vorn auf die Schien⸗ beine klebte, mich dann in das Parterre begab und ihm, ſobald er ſich wieder von der Seite zeigte, zurief: ‚Ich ſehe keine Oblate!⸗ Und am Abend, bei der Vorſtellung, war ſein Spiel vortrefflich.“ Mr. Waldengarver lächelte mir zu, als wollte er ſagen,„ein treuer Diener,— ich verzeihe ſeine Thorheit!“ und fuhr dann fort: „Meine Auffaſſung iſt etwas zu tief und klaſſiſch für das hieſige Publiumz; allein es wird ſich bilden, es wird ſich bilden.“ „Ohne Zweifel wird es ſich bilden,“ beſtätigten wir, Herbert und ich. „Haben Sie bemerkt, meine Herren,“ fragte er hierauf,„daß ſich auf der Gallerie ein Mann befand, welcher die Vorſtellung lächerlich machen wollte?“. Niedriger Weiſe erwiederten wir, daß wir allerdings glaubten einen ſolchen Mann bemerkt zu haben, und ich fügte hinzu: „Ohne Zweifel war er betrunken.“ den. 1864. 327 „O nein,“ verſetzte Wopsle,„nicht betrunken. ihm nicht erlauben, ſich zu betrinken.“ Sein Herr würde. „Alſo kennen Sie ſeinen Herrn?“ fragte ich. Mr. Wopsle machte die Augen zu und öſfſnete ſie wieder, beides ſehr langſam verrichtend. „Meine Herren,“ ſagte er dann,„Sie müſſen einen unwiſſen⸗ den, ſchreienden Eſel, mit heiſerer Kehle und gemeinem, boshaftem Geſichte, bemerkt haben, der(um mich eines franzöſiſchen Ausdrucks. zu bedienen) in der vôle des Königs Claudius von Dänemark auf trat ich will nicht ſagen, ſte ſpielte. geht’s in der Kunſt!“ Das iſt ſein Herr! So dauert haben würde, wenn er in Verzweiſtung geweſen wäre, that er mir jetzt ſchon leid, daß ich die Gelegenheit, als er ſich umwaudte, um ſeine Hoſenträger zu befeſtigen, wodurch wir zur Thür hin⸗ aus gedrängt wurden, benutzte, um Herbert zu fragen, washer davon dächte, wenn ich Mr. Wopsle einlade, bei uns zu Nacht zu ſpeiſen. Herbert erwiederte, daß es ſehr freundlich von mir ſein würde, und ich lud ihn daher ein. Bis an die Augen verhüllt, ging er mit uns nach dem Hotel Barnard und wir thaten unſer Beſtes für ihn und er blieb bis um zwei Uhr des folgenden Mor gens ſitzen, indem er theils von dem bereits erworbenen Beifall ſprach, theils ſeine Pläne für die Zukunft auseinander ſetzte. Worin dieſe eigentlich beſtanden, weiß ich nicht mehr, allein ich erinnere mich im Allgemeinen, daß er damit beginnen wollte, das Hrama⸗ neu wieder einzuführen, um es endlich ganz zu unterdrücken, da es nämlich durch ſeinen Tod alle Hoffnung auf ferneren Erfolg ver lieren mußte. Endlich ging ich, mich recht elend fühlend, zu Bett, dachte mit Kummer an Eſtella und träumte dann, daß alle meine Erwartungen vernichtet ſeien, daß ich Herberts Clara heirathen und in Gegenwart von zwanzig tauſend Menſchen die Rolle des Hamlet vor Miß Ha vishams Geſpenſte ſpielen müſſe, ohne zwanzig Worte davon zu wiſſen. Bweiunddreißigſtes Kapitel. Eines Tages, als ich mit Mr. Pocket und meinen Büchern be⸗ ſchäftigt war, erhielt ich durch die Poſt einen Brief, deſſen bloße Außenſeite mich in heftige Aufregung verſetzte; denn obgleich ich nie⸗ mals die Handſchrift der Adreſſe geſehen hatte, ſo errieth⸗ ich dennoch, von weſſen Hand das Schreiben kam. Es enthielt keine beſondere Anrede, wie z. B.„Mein lieber Pip“, oder„Lieber Pip“, oder„Lie⸗ ber Herr“, ſondern lautete einfach folgendermaßen: „Ich komme übermorgen mit der Mittagskutſche nach London. „Wenn ich nicht irre, war es verabredet worden, daß Sie mich „dort empfangen ſollten? Wenigſtens iſt Miß Havisham der „Meinung, und ich ſchreibe auf ihr Verlangen. Sie läßt Sie „beſtens grüßen.“ Die Ihrige . Eſtella.“ Wenn noch Zeit genug geweſen wäre, würde ich mir für dieſe Gelegenheit mehrere neue Auzüge beſtellt haben, allein es war keine Zeit, und ich mußte mich deßhalb mit demjenigen begnügen, welchen ich beſaß. Meine Eßluſt ſchwand augenblicklich, und ich hatte keine Ruhe mehr, bis der Tag kam. Aber auch dann, als er gekommen war, kehrte bei mir weder Appetit noch Ruhe zurück; ich wurde viel⸗ mehr raſtloſer denn je, und ſtand ſchon vor dem Poſthofe in Wood Street, Cheapſide, ehe noch die Kutſche den„Blauen Eber“ in un⸗ ſerer Stadt verlaſſen haben konnte. Obgleich ich dieſes recht wohl wußte, war es mir dennoch, als dürfte ich den Poſthof keine fünf Minuten aus den Augen laſſen. In dieſem unvernünftigen Zuſtande hatte ich bereits die erſte halbe Stunde meines Wachpoſtens, welcher 328 Feierſtunden. 1864. —õ——————— vier bis fünf Stunden zu dauern hatte, zugebracht, auf mich zukam. „Halloh, Mr. Pip,“ fagte er,„wie geht es? Ich hätte nicht gedacht, daß hier Ihr Revier ſein könnte.“ Ich erklärte ihm, daß ich Jemanden mit der Kutſche erwartete, und erkundigte mich nach dem Schloſſe und dem Alten. „Beide ganz vortrefflich, danke Ihnen,“ erwiederte Wemmick, „und namentlich der Alte. Er hält ſich außerordentlich gut, obgleich er nächſtens zweiundachtzig Jahre alt wird. Ich hätte Luſt, an ſei⸗ nem Geburtstage zweiundachtzig Schüſſe abzufenern, wenn die Nach⸗ barſchaft ſich nicht beklagte und die Kanone ſo viel Schüſſe aushielte. Allein das iſt keine Unterhaltung, die für London paßt. Wohin glau⸗ ben Sie, daß ich jetzt gehe?“ „Nach Ihrem Geſchäftslokale?“ verſetzte ich, denn er ging in dieſer Richtung. „Nicht ganz richtig,“ entgegnete Wemmick;„ich gehe nach dem Gefängniſſe von Newgate. Wir haben jetzt mit einem Diebſtahle zu thun, der bei einem Bankier verübt worden iſt, und ich war deß⸗ halb neben am Orte der That, um die Lokalität in Augenſchein zu nehmen, und muß jetzt ein paar Worte mit unſerem Clienten ſprechen.“ „Hat Ihr Client denn den Diebſtahl verübt?“ fragte ich. „Gott bewahre, nein,“ entgegnete Wemmick trocken;„er iſt nur angeklagt. So könnten wir, Sie und ich, auch angeklagt werden, Jeder von uns Beiden.“ „Nur mit dem Unterſchiede, daß Keiner von uns Beiden ange⸗ klagt iſt,“ bemerkte ich. „Aha!“ verſetzte Wemmick, meine Bruſt mit ſeinem Zeigefinger berührend,„Sie ſind ſcharf, Mr. Pip! Hätten Sie Luſt, einen Blick in Newgate zu thun?“ Haben Sie Zeit?“ Ich hatte ſo viel Zeit übrig, daß der Vorſchlag mir willkommen war, obgleich er ſich nicht mit meinem Vorſatze vereinigen ließ, kein Auge von dem Poſthofe zu verwenden. Indem ich murmelte, ich mich erkundigen wolle, ob mir noch Zeit genug bleibe, ihn dahin zu begleiten, ging ich in das Poſtbureau und erfuhr von dem Schrei⸗ als Wemmick an den Eiſengittern ſtehen, um dem ängſtlichen Flüſtern Vieler,— aber Jedem einzeln, zuzuhören und blickte ſie während des Ge⸗ ſprächs, ohne die leiſeſte Bewegung ſeines briefkaſtenartigen Mundes, an, als wenn er ſein beſonderes Augenmerk darauf richtete, wie weit ſie ſeit ſeinem letzten Beſuche der Reife näher ‚gekommen ſeien, um bei der Gerichtsſitzung in voller Blüthe zu erſcheinen. Wemmick war ſehr beliebt und hatte, wie ich ſah, in Mr. Jag⸗ gers Geſchäften das vertrauliche Departement, obgleich auch ihn ein Anflug von dem kalten Weſen ſeines Prinzipals umgab und jede Annäherung über eine gewiſſe Grenze hinaus verbot. Sein perſön⸗ liches Erkennen drückte ſich durch ein kurzes Nicken und dadurch aus, daß er ſeinen Hut etwas rückte und beide Hände in die Taſchen ſteckte. Einige Male zeigten ſich Schwierigkeiten bei der Erhebung von Gebühren und er trat dann ſo weit als möglich von dem un⸗ zureichenden Gelde zurück, indem er ſagte:„Es nützt nichts, mein Freund; ich bin nur ein Diener, ich kann es nicht nehmen. Machet einem Diener keine ſolche Zumuthungen. Wenn Ihr die Summe nicht aufbringen könnet, ſo thut Ihr beſſer, Euch an einen andern Prin⸗ zipal zu wenden. Es gibt deren genug in unſerem Berufe, wie Ihr wiſſet; und was dem Einen nicht genügend iſt, nimmt ein Anderer vielleicht an. Das iſt der einzige Rath, den ich, als ein Diener Euch geben kann. Gebet Euch keine unnütze Mühe! Wozu?— Nun, wer kommt jetzt?“ Auf dieſe Weiſe wanderten wir durch Wemmicks Gewächshaus, bis er ſich endlich an mich wandte und ſagte:„Beachten Sie den Mann, dem ich die Hand geben werde.“ Ich würde dies auch ohne ſeinen Wink gethan haben, da er bis dahin noch Keinem die Hand 1 gegeben hatte. Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als ein wohlbeleibter Mann, von gerader Haltung(den ich noch jetzt, wähvend des Schrei⸗ bens, vor mir ſehe), in einem olivenfarbenen Rocke, mit einem Ge⸗ ſichte, deſſen natürliche Röthe von einer bleichen Farbe überzogen daß war und mit unruhig umher irrenden Augen an einen Winkel des Gitters tvat und halb ſcherzhaft die Hand mit militäriſchem Gruße an den Hut legte, der, wie kalte Fleiſchbrühe, eine ſehr fette Ober⸗ ber mit möglichſter Genauigkeit, und nicht ohne ſeine Geduld auf flächr hatte. eine ſtarke Probe zu ſtellen, die Zeit, in der die Kutſche frühſtens erwartet werden konnte,— weich ich übrigens vorher eben ſo gut wußte, wie er. Dann kehrte ich wieder zu Wr. Wemmick zurück, blickte nach meiner Uhr, ſtellte mich erſtaunt über die erhaltene Aus⸗ kunft und nahm hierauf das Anerbieten an. In wenigen Minuten erreichten wir New⸗Gate, gingen durch 2 die Wohnung des den Gefängnißregeln verſchiedene Ketten hingen, und traten in das Thürſtehers, wo an der kahlen Wand, zwiſchen „Guten Tag, Obriſt!“ ſagte Wemmick.„Wie geht es?“ „Ganz gut, Mr. Wemmick.“ „Es iſt Alles gethan worden, was möglich war, Obriſt; aber die Beweiſe waren zu ſtark.“ „Ja, ja, ſie waren zu ſtark— nun, ich frage nichts danach.“ „Allerdings,“ verſetzte Wemmick kalt,„Sie fragen nichts danach.“ Dann wandte er ſich an mich und ſagte: „Dieſer Mann hat Sr. Majeſtät gedient, war Soldat in der Innere. Damals wurden die Gefängniſſe noch ſehr vernachläſſigt Linie, und kaufte ſich los.“ und die Zeit einer übertriebenen Reaktion,— welche die nothwendige Folge alles öffentlichen Unrechts und ſeine längſte und ſchwerſte Strafe iſt,— war noch fern. beſſere Wohnung und Koſt, als Soldaten(der Arbeitsunfähigen in den Armenhäuſern nicht zu erwähnen), und ſteckten nur ſelten ihre Gefängniſſe unter dem Vorwande in Brand, den Geſchmack ihrer Suppe dadurch verbeſſern zu wollen. Es war die Zeit, in der Be⸗ ſuche geſtattet wurden, als Wemmick mich hinein führte. Ein Auf⸗ wärter aus einem benachbarten Bierhauſe trug Bier umher, und die „Wirklich?“ erwiederte ich, worauf der Mann mich mit ſeinen Blicken vom Kopfe bis zu den Füßen muſterte und, mit der Hand Verbrecher erhielten deshalb keine über den Mund fahrend, lachte „Am nächſten Montage, glaube ich, werde ich hier heraus kom⸗ men,“ ſagte er zu Wemmick. „Wohl möglich,“ verſetzte mein Freund,„aber man kann es nicht wiſſen.“ „Es freut mich, daß ich die Gelegenheit gehabt habe, Ihnen ein freundliches Lebewohl zurufen zu können,“ ſagte der Mann zu Gefangenen, hinter ihren Eiſengittern, kauften Bier und ſprachen Mr. Wemmick, indem er die Hand durch das Gitter ſtreckte. mit ihren Angehörigen und Freunden. Es war eine wilde, wider⸗ liche Seene, deren Anblick einen unangenehmen Eindruck machte. „Danke Ihnen, Obriſt, ich gleichfalls,“ erwiederte Wemmick, ihm die Hand drückend. Wemmick, ſo ſchien es mir, ging unter den Gefangenen umher, wie ungefähr ein Gärtner unter ſeinen Pflanzen umher zu gehen „Wenn das, was ich bei meiner Verhaftung bei mir hatte, ächt geweſen wäre, Mr. Wemmick,“ fuhr der Mann fort, noch pflegt. Dies fiel mir auf, als er eine Pflanze gewahrte, welche erſt immer die Hand des Letzteren haltend,„ſo würde ich, aus Dank⸗ in der vorigen Nacht aufgeſchoſſen war, und ſagte:„Wie? Kapitän Sie hier?“ und hierauf:„Iſt das nicht der ſchwarze Tom! Sind Bill dort hinter der Ziſterne? Ei, ich habe Euch in den nächſten zwei Monaten noch nicht erwartet. Wie geht es?“ Dann blieb er barkeit für Ihre Bemühungen, Sie gebeten haben, noch einen Ring zu tragen.“ „Ich nehme den Willen für die That an,“ verſetzte Wemmick. „Beiläufig,— Sie waren ein großer Taubenliebhaber?“ It „J Könnten Paar d von ma⸗ heut ſein jeden Fo⸗ Tauben thum.“ M weihten ßen, un an die ſetzen kö A Pförtner. reichten, mich, daſ keit meine von den demſelber würdigt von den unter il fanden. „Nu mick,“ fangenwi uns zwif den mit geln un verſehene Jürtner hült und ein verſ dienndere wird dMr. dem an übten N Einen N „d O „‿ 1„S6 mic, in „Sie ſche dichte;, „Iſ gelernten emmic ' „D. d nict t ſchon manmen, er M wiſſe „B Feier Ihnen un zu mmich hatte, noch Danl Ring umidh —— Feierſtunden. 1864. 329 ——-—-õ—y—r—õ———ͤy—n——n—— Der Mann blickte gen Himmel. „Ich habe gehört, daß Sie ſehr ſchöne Tummler gezogen haben. Könnten Sie nicht irgend einen Ihrer Freunde beauftragen, mir ein Paar derſelben zu bringen, wenn Sie ferner keinen Gebrauch da⸗ von machen ſollten?“ „Ja, das ſoll geſchehen.“ „Gut,“ ſagte Wemmick,„ich werde für die Thiere ſorgen. Adieu, Obriſt, Adieu!“ Sie drückten ſich die Hände, und während ich mit Wemmick fort ging, ſagte Letzterer zu mir: „Ein Falſchmünzer, ein geſchickter Arbeiter. Der Syndikus hat heut ſeinen Bericht erſtattet und am nächſten Montag wird er auf jeden Fall hingerichtet werden. Aber deſſenungeachtet ſind ein Paar Tauben, wie Sie einſehen werden, gewiſſermaßen tragbares Eigen⸗ thum.“ Mit dieſen Worten blickte er zurück, nickte ſeiner dem Tode ge⸗ weihten Pflanze zu und ſchaute dann, während wir den Hof verlie⸗ ßen, um ſich, als überlegte er, welchen anderen Blumentopf er wohl an die Stelle derſelben ſetzen könne. Als wir wieder die Pförtnerwohnung er⸗ reichten, überzeugte ich mich, daß die Wichtig⸗ keit meines Vormundes von den Schließern in demſelben Grade ge⸗ würdigt wurde, wie von denen, welche ſich unter ihrer Obhut be⸗ fanden. „Nun, Mr. Wem⸗ mick,“ ſagte der Ge⸗ fangenwärter, welcher uns zwiſchen den bei⸗ den mit ſcharfen Nä⸗ geln und Eiſenſtäben verſehenen Thüren der Pförtnerwohnung auf⸗ hielt und ſorgfältig die eine verſchloß, ehe er die andere öffnete,„was wird Mr. Jaggers aus dem am Waſſer ver⸗ übten Morde machen? Einen Todſchlag oder was ſonſt?“ E nee. Al, 2 —; Stoß verſetzend,„Sie ſind ſo ſtumm, wie einer Ihrer Schlüſſel, wenn Sie mit meinem Prinzipal zu thun haben, Sie wiſſen es! Laſſen Sie uns hinaus, alter Fuchs, oder Mr. Jaggers ſoll eine Anklage gegen Sie erheben, daß Sie uns ungeſetzlich gefangen ge⸗ halten haben.“ Der Schließer lachte, wünſchte uns guten Tag und blieb noch lachend am Gitter ſtehen, während wir die auf die Straße führen den Stufen hinab ſtiegen. „Merken Sie, Mr. Pip,“ flüſterte Wemmick mir in's Ohr, in⸗ (Zu Seite 326.) dem er meinen Arm nahm, um vertraulicher ſprechen zu können, ves iſt außerordentlich klug gehandelt von Mr. Jaggers, daß er ſich Allen ſo fern hält. Seine ſtrenge Zurückhaltung ſteht in vollem Einklange mit ſeinen außerordentlichen Fähigkeiten. Jener Obriſt büätte eben ſo wenig gewagt, ihm Adieu zu ſagen, wie dieſer Schlie⸗ (ßer, eine Frage in Betreff irgend eines Falles an ihn zu richten. Und dann läßt er zwiſchen ſie und ſeine Höhe den Diener hinein ſchlüpfen und fängt ſie ſo— mit Leib und Seele.“ Vor dem Bureau in Little Britain nahm ich von Wemmick Abſchied, wo wie ge⸗ wöhnlich verſchiedene Bittſtellerauf Mr. Jag⸗ gers Erſcheinen warte⸗ ten, und kehrte auf mei⸗ nen Wachpoſten in Wood Strutzurück, um dort noch ungefähr drei Stunden zu warten. Ich brachte die Zeit in Grübeleien darüber zu, wie ſeltſam es ſei, daß ich mit dieſem hſ Schmutz von Gefäng⸗ niſſen und Verbrechern „ 1 ſo oft in Berührung 9 kommen müſſe; daß ich ihm in meiner Kindheit, an einem Winterabende, auf dem Moorlande unſerer Ge⸗ gend zuerſt begegnet, ſo wie daß er ſpäter W zweimal wie ein zwar verblichener, aber nicht ganz erloſchener Fleck wieder hervorgetreten war und daß er jetzt auf dieſe neue Art und Weiſe ſich mir auf „Warum fragen Sie nicht ihn ſelbſt?“ erwiederte Wemmick. dem Wege meines Glückes entgegenſtellte. Während ich mit ſolchen „O ja, ich werde mich hüten!“ verſetzte der Schließer. Gedanken beſchäftigt war, erſchien mir im Geiſte die jugendlich ſchöne „Sehen Sie, Mr. Pip, ſo ſind ſie alle hier!“ bemerkte Wem⸗ Eſtella, ſtolz und gebildet, kam mir entgegen und mit Schaudern mick, indem er ſich mit verlängertem Briefkaſten an mich wandte. dachte ich an den Abſtand zwiſchen ihr und dem Gefängniſſe. Ich „Sie ſcheuen ſich nicht, Fragen aller Art an mich, den Diener, zu wünſchte, Wemmick nicht begegnet oder ſeiner Einladung nicht ge⸗ richten; aber nie wird man ſie meinen Prinzipal fragen hören.“ folgt i iih ani⸗ ihm gegangen zu ſein und nicht gerade an die⸗ .. 3. ſem L N i i i „Iſt dieſer junge Herr einer von den Lehrlingen oder von den n rae 1e aſt et henwgate dt Mteinen Atheii ud Miten gelernten Schreibern in Ihrem Bürcauꝛ“ fragte der Schließer, über klei ern zu haben. Ich ſtampfte den Gefängnißſtaub von meinen Wemmicks launige Antwort lachend 9 4 Füßen, während ich auf und ab ging, ſchüttelte ihn aus meinen Klei⸗ . 5 dern und trieb hauchend ſeinen Duft aus meiner Lunge. So ver⸗ „Da da 2 ieder, ſ Sie!“ ri jck 2. ge. richt geſs 5 duumaff hen S pief Wemmick.„Habe ich peſtet fühlte ich mich, wenn ich an die Erwartete dachte, daß die er ſehon tüß der Wede 11 1 4 8 erſten Frage jertig, ſo geht Kutſche mir ſogar zu früh kam und daß ich mich von dem beflecken⸗ ner zweiten auf den Diener los! Nun, ange⸗ den Eindruck, den Wemmich's Gewächshaus auf mich gemacht, noch nommen, Mr. Pip wäre Einer von ihnen,— was dann?“ „Nun,“ verſetzte der Schließer, abermals grinſend,„dann wird er wiſſen, was Mr. Jaggers iſt.“ „Bah,“ rief Wemmick, plötzlich dem Schließer einen ſcherzhaften Feierſtunden. 1864. nicht hatte befreien können, als Eſtella's Geſicht am Wagenfenſter erſchien und ihre Hand mir winkte. Was für ein namenloſer Schatten war es, der in dieſem einen Augenblicke wieder vor mir vorüber ſchwebte?. 42 Dreiunddreißigſtes Kapitel. In ihren mit Pelz beſetzten Reiſekleidern erſchien Eſtella noch von zarterer Schönheit, als ſie mir ſelbſt bisher erſchienen war. Dazu kam, daß ſie ſich viel freundlicher und einnehmender gegen mich benahm, als je zuvor,— eine Veränderung, in der ich Miß Havishams Einfluß zu erkennen glaubte. Wir ſtanden auf dem Hofe des Gaſthauſes, wo ſie mir ihr Gepäck bezeichnete, und erſt als alle Stücke geſammelt waren,— denn über ſie ſelbſt hatte ich alles Andere vergeſſen,— ſagte ich, daß ich ihren Beſtimmungsort noch nicht kannte. „Ich gehe nach Richmond,“ ſagte ſie.„Unſere Inſtruktion lautet, daß es zwei Richmond gibt, das eine in Syrrey und das andere in Yorkſhire. Erſteres iſt das meinige. Die Entfernung beträgt zehn Meilen. Ich ſoll einen Wagen nehmen und Sie ſollen mich begleiten. Hier iſt meine Börſe, aus der Sie alle Koſten für mich zu beſtreiten haben. O, Sie müſſen die Börſe nehmen! Wir haben keine andere Wahl, Sie und ich, als den uns ertheilten Weiſungen Folge zu leiſten und dürfen nicht unſeren eigenen Ideen folgen.“ Da ſie mich anblickte, während ihre Hand mir die Börſe reichte, ſo hoffte ich, daß ihre Worte eine tiefere Bedeutung hätten. Sie hatte ſie etwas geringſchätzig, aber nicht mit Unmuth geſprochen. „Ein Wagen wird erſt geholt werden müſſen, Eſtella,“ ſagte ich.„Wollen Sie hier etwas ausruhen?“ „Ja, ich will hier etwas ausruhen und eine Taſſe Thee trinken und Sie müſſen inzwiſchen bei mir bleiben.“ Als ob es ſich von ſelbſt verſtände, legte ſie ihren Arm in den meinigen und ich erſuchte den Kellner, welcher bisher die Landkutſche ſo angeſtarrt hatte, wie ein Menſch, dem noch nie etwas Aehnliches vor Augen gekommen war, uns in ein Privatzimmer zu führen. Sogleich zog er eine Serviette hervor, als wenn es eine Zauber⸗ ruthe wäre, ohne die er den Weg nicht finden könne, und führte uns in„die ſchwarze Höhle“ des Gaſthauſes, deren Mobiliar in einem verkleinernden Spiegel, einem Fläſchchen mit Sardellenſauce und einem Paar Holzpantoffeln beſtand. Da ich gegen dieſen Auf⸗ enthalt Einwendungen erhob, ſo führte er uns in ein anderes Zim⸗ mer, wo ſich ein Eßtiſch befand und in dem Kaminroſte das halb verbrannte Blatt eines Schreibebuches unter einem Aſchenhaufen lag. Nachdem er auf das erloſchene Feuer geblickt und den Kopf geſchüt⸗ telt hatte, empfing er meine Beſtellung, und da dieſe nur in„etwas Thee für die Dame“ beſtand, ſo verließ er das Zimmer ſehr nieder⸗ geſchlagen. Ich war mir bewußt, wie ich noch jetzt weiß, daß die Luft dieſes Zimmers, mit ihrer ſtarken Miſchung von Stall⸗ und Sup⸗ pengeruch, einen Jeden zu der Vermuthung hätte bringen können, daß das Fuhrgeſchäft nicht gut gehe und daß der unternehmende Eigenthümer ſeine Pferde koche, um Erfriſchungen daraus zu berei⸗ ten; aber dennoch war das Zimmer Alles in Allem für mich, weil ſich Eſtella darin befand. Mit ihr, dachte ich, hätte ich dort mein ganzes Leben lang glücklich ſein können, obgleich ich in jenem Augen blicke durchaus nicht glücklich war und es ſogar wußte. „Zu wem gehen Sie in Richmond?“ fragte ich Eſtella. „Ich ſoll,“ erwiederte ſie,„mit großem Koſtenaufwande bei einer Dame wohnen, welche— wie ſie wenigſtens ſagt— die Macht hat, mich in die Geſellſchaft einzuführen und mir die große Welt zu zeigen, ſo wie mich ihr.“ „Vermuthlich freuen Sie ſich über dieſe Ausſecht auf Abwechſe⸗ lung und Bewunderung?“ „Ja, ich glaube.“ Sie antwortete ſo nachläſſig, daß ich ſagte: „Sie ſprechen von ſich ſelbſt, als wenn Sie eine dritte Perſon wären.“ „Woher wiſſen Sie denn, wie ich von Anderen ſpreche?“ er⸗ wiederte Eſtella mit einem bezaubernden Lächeln.„O, Sie müſſen nicht erwarten, daß ich bei Ihnen in die Schule gehe; ich ſpreche ſo, wie es mir gefällt. Können Sie ſich mit Mr. Pocket gut ver⸗ tragen?“. „Ich lebe dort ganz angenehm; wenigſtens—“ Unwillkürlich ſtockte ich, denn es ſchien mir, als wenn ich eine günſtige Gelegenheit vorübergehen ließe. „Nun, wenigſtens?“ wiederholte Eſtella. „So angenehm, wie ich, entfernt von Ihnen, irgendwo leben könnte.“ „Sie alberner Knabe,“ ſagte Eſtella ganz ruhig,„wie können Sie ſo thörichtes Zeug ſprechen? Ihr Freund, Mr. Matthias, glaube ich, iſt den anderen Mitgliedern ſeiner Familie überlegen?“ „Sehr überlegen. Er iſt keines Menſchen Feind—“ „Fügen Sie nicht hinzu, als ſein eigener,“ unterbrach mich Eſtella,„denn Menſchen dieſer Art ſind mir zuwider. Aber er ſoll wirklich uneigennützig und erhaben über jeden Neid und jede Bos⸗ heit ſein, wie ich gehört habe?“ „Das kann ich mit Recht beſtätigen.“ „Sie können jedoch nicht daſſelbe mit Recht von den übrigen Perſonen der Familie ſagen,“ bemerkte Eſtella, indem ſie mir mit einer Miene zunickte, die theils ernſt, theils neckend war;„denn ſie beſtürmen Miß Havisham mit nachtheiligen Berichten in Betreff Ihrer. Sie werden von ihnen beobachtet, in ein falſches Licht ge⸗ ſtellt und ſind die Plage und Beſchäftigung ihres Lebens. Sie können ſich keine Vorſtellung davon machen, wie ſehr Sie von dieſen Leuten gehaßt werden.“ „Sie thun mir hoffentlich keinen Schaden?“ ſagte ich. Statt zu antworten, brach Eſtella in lautes Lachen aus. Dieſes kam mir ſehr ſonderbar vor und ich blickte ſie deshalb in großer Verwirrung an. Als ihr herzliches Lachen endlich aufhörte, ſagte ich mit der mir, wenn ich ihr gegenüber war, ſtets eigenen Scheu: „Ich darf doch wohl hoffen, daß es Ihnen keine Freude machen würde, wenn jene Leute mir Schaden thäten?“ „Nein, nein, deſſen können Sie verſichert ſein,“ erwiederte Eſtella.„Ich lache nur deshalb, weil es jenen Leuten nicht gelingt. O, die Qualen, welche dieſe Menſchen ausſtehen, wenn ſie bei Miß Havisham ſind!“ Sie lachte von Neuem, und ſelbſt jetzt, nachdem ſie mir die Urſache geſagt hatte, klang mir ihr Lachen höchſt ſonderbar; denn ich konnte nicht bezweifeln, daß es von Herzen kam und dennoch ſchien es mir zu ſtark für die Veranlaſſung⸗ Ich mußte glauben, daß hier mehr zu Grunde liege, als mir bekannt ſei. Sie ſah, daß ich dieſes dachte und antwortete darauf. „Selbſt Sie werden nicht leicht begreifen,“ ſagte Eſtella,„welche Freude es mir macht, daß die Beſtrebungen dieſer Leute vereitelt werden, und welche Wonne ich empfinde, wenn ſie ſich lächerlich machen; denn Sie ſind nicht von früher Kindheit an in jenem ſelt⸗ ſamen Hauſe aufgewachſen— aber ich. Ihr Verſtand wurde nicht dadurch geſchärft, daß man gegen Sie, wenn gleich unterdrückt und hilflos, unter der Maske von Mitleid und Theilnahme und alles deſſen, was liebevoll und tröſtend iſt, Intriguen ſpielte— aber der meinige. Sie öffneten Ihre runden Kinderaugen nicht allmählig weiter und weiter, um die Betrügerei jenes Weibes zu erkennen, das ſeinen Vorrath an Seelenfrieden für die Zeit zuſammenrechnet, wenn es in der Nacht aufwacht— aber ich.“ Eſtella war jetzt nicht mehr aufgelegt zum Lachen, und dieſe Erinnerungen lagen nicht auf platter Oberfläche. Nicht um aller meiner größeren Erwartungen willen hätte ich die Urſache jenes Blickes ſein mögen, der mich bei dieſen Worten traf. „Zwei Dinge kann ich Ihnen ſagen,“ fuhr Eſtella fort.„Erſt⸗ lich mögen Sie verſichert ſein, daß, obgleich das Sprichwort ſagt, ein Tropfen Waſſer höhle einen Stein aus, dieſe Leute Ihnen nie — auch oder klei bin ich Anſtren⸗ Hand d A Stimm drücke ſi warnen l mit dem berührt dann be⸗ Ihr ſein nur ſachte m Pein. konnte il dennoch unach) holen? Jo wit ſeir ſchieden Theebrer Lüffel, Sorgfal ter, von lleiches Theemaj nd ſch Danze. geworde In Che⸗ fanden ſo ſehr „W D erkennte „die Cl alles in zu habe 2 auſhibe ſchratit in Lond 0 „ geveiht er⸗ nüſſen preche t ver⸗ ch eine leben onnen thias, 2“ Kn j mich er ſoll Bos⸗ brigen ir mit nu ſie Betreff ht ge⸗ önnen Leuten Ditſts großer agte ich eu: machen wdere gelingt. ei Miß nir dit enn ich h ſchien e nicht kt und olles ber der mählig kennen, rechntt, nd ditſe m aller ſe jens „Erf⸗ ot ſogt nnen nie Feierſtunden. 1864. — auch nicht in hundert Jahren— in irgend einem Punkte, groß Zweitens oder klein, bei Miß Havisham werden ſchaden können. bin ich Ihnen dankbar dafür, daß Sie die Urfache der vergeblichen Anſtrengungen und Niedrigkeiten dieſer Leute ſind und hier iſt meine Hand darauf.“ Als ſie mir ſcherzend die Hand reichte,— denn ihre düſtere Stimmung war ſchnell wieder verſchwunden— ergriff ich ſie und drückte ſie an meine Lippen. „Sie lächerlicher Knabe,“ ſagte Eſtella,„werden Sie ſich nie warnen laſſen? Oder küſſen Sie meine Hand mit demſelben Gefühl, mit dem ich Sie einſt meine Wange küſſen ließ?“ „Was für ein Gefühl war es?“ ſagte ich. „Ich muß einen Augenblick nachſinnen. Ein Gefühl von Ver⸗ achtung gegen Schmeichler und Intriguanten.“ „Darf ich, wenn ich‚Ja' ſage, Ihre Wange noch einmal küſſen?“ „Sie hätten fragen ſollen, ehe Sie meine Hand berührten. Doch ja, wenn es Ihnen Freude macht.“ Ich beugte mich nieder, während ihr Geſicht ſo ruhig war, wie wir nicht plötzlich in einen hellen Lichtſchein gekommen wären. So das einer Bildſäule. „Genug,“ ſagte Eſtella, ſich abwendend, ſobald ich ihre Wange berührt hatte.„Sorgen Sie dafür, daß ich Thee bekomme und dann begleiten Sie mich nach Nichmond.“ Ihr Zurückfallen in dieſen Ton— als wenn unſer Beiſammen⸗ ſein nur erzwungen und wir ſelbſt bloße Puppen wären,— verur⸗ ſachte mir Pein; allein alles in unſerem Verkehr verurſachte mir Pein. In welchem Tone ſie auch mit mir ſprechen mochte, ich konnte ihm nicht trauen und keine Hoffnungen darauf bauen; und dennoch ließ ich mich, alles Mangels an Vertrauen und Hoffnung ungeachtet, dadurch nicht abſchrecken. Wozu es tauſendmal wieder⸗ holen? Es war immer ſo. Ich ſchellte, um den Thee kommen zu laſſen, und der Kellner mit ſeiner Zauberruthe erſchien und brachte nacheinander fünfzig ver ſchiedene Zubehör dieſer Erfriſchung herein, aber keinen Thee. Ein Theebrett erſchien, Taſſen, Teller, Meſſer und Gabeln, mehrere Löffel, Salzfäſſer, ein kleiner gewärmter Kuchen, der mit großer Sorgfalt unter einem Blechdeckel verborgen war, ein Stückchen But⸗ ter, von Peterſilie umgeben, welches Moſes im Schilf darſtellte, ein bleiches Brödchen mit gepuderter Spitze und endlich eine dickleibige Theemaſchine, welche der Kellner mit dem Ausdrucke ſchwerer Laſt und ſchweren Leidens im Geſichte, mühſam herbei ſchleppte. Nach⸗ dem er hierauf wieder längere Zeit abweſend geweſen war, brachte er ein Käſtchen von koſtbarem Ausſehen, welches kleine Zweige ent⸗ hielt. Dieſe tauchte ich in heißes Waſſer und erlangte mit Hilfe aller dieſer Vorkehrungen endlich eine Taſſe mit einem Getränke, das ich nicht zu nennen weiß, für Eſtella. Nachdem die Rechnung bezahlt, der Kellner bedacht, der Haus⸗ knecht nicht vergeſſen, das Stubenmädchen berückſichtigt— kurz, das ganze Hausperſonal beſtochen und Eſtella's Börſe bedeutend leichter geworden war, beſtiegen wir endlich unſeren Wagen und fuhren ab. In Cheapſide einbiegend und die Newgate Street hinab rollend, be⸗ fanden wir uns bald vor den Mauern des Gebäudes, deſſen ich mich ſo ſehr ſchämte. ¹ „Was für ein Gebäude iſt dieſes?“ fragte Eſtella. Thörichter Weiſe ſtellte ich mich anfangs, als wenn ich es nicht erkennte und ſagte es ihr endlich. Als ſie es anblickte und dann „die Elenden!“ murmelnd den Kopf zurückzog, hätte ich ihr um alles in der Welt nicht geſtehen mögen, dort einen Beſuch gemacht zu haben. 4 „Mr. Jaggers,“ ſagte ich, um eine andere Perſönlichkeit vor⸗ zuſchieben,„ſteht in dem Rufe, mehr in die Geheimniſſe dieſes ſchrecklichen Ortes eingeweiht zu ſein, als irgend ein anderer Menſch in London.“. „Ich glaube, er iſt in die Geheimniſſe jedes Ortes mehr ein⸗ geweiht, als Andere,“ verſetzte Eſtella mit leiſer Stimme. 331 „Sie haben ihn wahrſcheinlich oft geſehen?“ „So lange ich denken kann, habe ich ihn von Zeit zu Zeit ge⸗ ſehen, aber ich kenne ihn jetzt eben ſo wenig, wie früher, als ich noch ein Kind war und kaum ſprechen konnte. Was für Erfahrungen haben Sie mit ihm gemacht? Kommen Sie ihm näher?“ „Nachdem ich mich einmal an ſein argwöhniſches Weſen ge⸗ wöhnt hatte,“ erwiederte ich,„konnte ich recht gut mit ihm fertig werden.“ „Stehen Sie auf vertrautem Fuße mit ihm?“ „Ich habe bei ihm, in ſeiner eigenen Wohnung, zu Mittag geſpeiſt.“ „Das muß ein ſeltſames Haus ſein, denke ich mir,“ ſagte Eſtella mit einem leiſen Schauder. „Das iſt es allerdings,“ antwortete ich. Selbſt ihr gegenüber würde ich Anſtand genommen haben, mich zu frei über meinen Vormund auszuſprechen, aber doch ſo weit ge⸗ gangen ſein, das Mittageſſen in Gerard Street zu ſchildern, wenn lange er währte, hatte ich jenes ſonderbare, ſchon früher empfundene Gefühl, als wenn Alles leuchtete und lebte; und als der Glanz ver⸗ ſchwunden war, fühlte ich mich einige Augenblicke lang ſo geblendet, als wenn ich vom Blitz umgeben geweſen wäre. So begannen wir von anderen Dingen zu ſprechen, namentlich von dem Wege, den wir verfolgten, und von den verſchiedenen Thei⸗ len Londons, welche auf dieſer und jener Seite lagen. Die große Stadt war ihr noch ganz neu, wie ſie mir ſagte, denn ſie hatte die Gegend von Miß Havishams Wohnung nie verlaſſen, bis zu ihrer Reiſe nach Frankreich, und war dann auf dem Hin⸗ und Rückwege nur ohne allen Aufenthalt durch London gefahren. Ich fragte ſie, ob mein Vormund während ihres Aufenthaltes in Richmond in irgend einer Beziehung für ſie zu ſorgen haben werde, worauf ſie nur mit beſonderem Nachdrucke erwiederte:„Gott behüte!“ Es konnte nicht unbemerkt von mir bleiben, daß es ihre Ab⸗ ſicht war, mich zu feſſeln und daß ſie ſich deshalb Mühe gab, ſo einnehmend wie möglich zu ſein. Allein das machte mich nicht glück⸗ licher; denn wenn ſie auch nicht in jenem Tone geſprochen hätte, als wenn nur Andere über uns verfügten, würde ich eingeſehen haben, daß ſie mein Herz in ihrer Hand nur deshalb hielt, weil es ihre Laune war, und daß es ihr keinen Schmerz bereitet haben würde, es zu zerdrücken und wegzuwerfen. Als wir durch Hammerſmith fuhren, zeigte ich ihr Mr. Pockets Wohnung, und bemerkte, daß ſie nicht ſehr weit von Richmond ent⸗ fernt ſei und daß ich hoffe, ſie dann und wann beſuchen zu dürfen. „O ja,“ verſetzte ſie,„Sie ſollen mich beſuchen, ſo oft es Ihnen gefällt, und mit der Familie bekannt werden, die Ihren Namen be⸗ reits kennt.“ Ich fragte, ob es eine ſtarke Familie ſei, deren Mitglied ſie wer⸗ den ſolle. „Nein,“ erwiederte Eſtella,„ſie beſteht nur aus zwei Perſonen, aus Mutter und Tochter. Die Mutter iſt eine Dame von Rang, glaube ich, aber deſſen ungeachtet nicht abgeneigt, ihr Einkommen zu erhöhen.“ „Ich wundere mich, daß Miß Havisham ſich ſo ſchnell wieder von Ihnen trennen kann.“ „Der Grund liegt in den Plänen, welche Miß Havisham mit mir hat, Pip,“ ſagte Eſtella ſeufzend, als wenn ſie ermüdet wäre. „Ich ſoll fortwährend an ſie ſchreiben, ſie regelmäßig beſuchen, und ihr Bericht erſtatten, wie es mit mir geht,— mit mir und mit den Juwelen,— denn ſie ſind jetzt faſt alle mein.“ Es war das erſte Mal, daß ſie mich beim Namen nannte. Sie that es natürlich abſichtlich und wußte, daß ich es nie vergeſſen würde. Wir erreichten Richmond früher, als es mir lieb war. Das Ziel unſerer Beſtimmung hier war ein Haus, welches an einem 42* 332 Feierſtunden. 1864. ———-— freien Platze lag, ein ſtattliches altes Gebäude, wo Reifröcke, Haar⸗ puder und Schönpfläſterchen, geſtickte Röcke, gefältelte Strümpfe, Spitzen und Staatsdegen oft ihre Galatage gehalten haben mochten. Einige alte Bäume vor dem Hauſe waren noch auf ſo ſteife und un⸗ natürliche Weiſe beſchnitten, wie die Perrücken und Reifröcke ge⸗ weſen; aber die ihnen in der großen Prozeſſion der Todten ange⸗ wieſenen Plätze waren nicht mehr fern und ſie ſchienen bald hinein ſinken und den ſchweigenden Weg der Uebrigen wandeln zu wollen. Eine Glocke, mit gebrochenem Klange,— die in früherer Zeit oft dem Hauſe verkündet haben mochte:„Hier kommt der grüne Reif⸗ rock, hier iſt der Degen mit dem Diamantgriffe, hier die Schuhe mit den rothen Abſätzen und dem blauen Bande!“ ertönte düſter in dem Mondlichte, worauf zwei rothwangige Mägde erſchienen, um Eſtella zu empfangen. Der Hausflur nahm ſchnell ihre Koffer und Kiſten auf und ſie reichte mir mit einem freundlichen Lächeln die Hand, ſagte Adieu und verſchwand gleichfalls im Hausflur. Ich blieb noch ſtehen und ſchaute das Haus an und dachte, wie glücklich ich ſein würde, wenn ich mit ihr darin wohnen könnte, obgleich ich wußte, daß ich mich bei ihr nie glücklich, ſondern immer nur elend fühlte. Mit ſchwerem Herzen ſtieg ich in den Wagen, um nach Ham⸗ merſinith zurückzufahren, und mit noch ſchwererem ſtieg ich wieder aus. Vor unſerer Thür traf ich die kleine Jane Pocket, welche von einer Kindergeſellſchaft heimkehrte und von ihrem kleinen Anbeter be⸗ gleitet wurde. Ich beneidete den kleinen Liebhaber, obgleich er der Herrſchaft von Flopſon unterworfen war. Mr. Pocket war abweſend, um eine Vorleſung zu halten; denn ſeine Vorträge über Haushaltung, die Erziehung der Kinder und Behandlung der Dienſtboten waren ſehr beliebt und galten für die beſten Abhandlungen über dieſe Gegenſtände. Mrs. Pocket dagegen war zu Hauſe, und befand ſich in einer kleinen Verlegenheit, da dem jüngſten Kinde eine Nadelbüchſe zum Spielen in die Hand gegeben worden war, um es während der unerklärlichen Abweſenheit der Wärterin Millers(die einem Verwandten in der Leibgarde einen Be⸗ ſuch machte) ruhig zu erhalten, und jetzt mehr Nadeln fehlten, als man bei einem Patienten von ſo zartem Alter, äußerlich oder inner⸗ lich angewandt, für heilſam hätte halten können. Da Mr. Pocket mit Recht den Ruhm genoß, vortrefflichen prak⸗ tiſchen Rath ertheilen zu können, und eine klare, geſunde Faſſungs⸗ gabe, ſowie ein verſtändiges Urtheil zu beſitzen, ſo dachte ich in mei⸗ nem Herzweh daran, ihm mein ganzes Vertrauen zu ſchenken; allein als ich zufällig Mrs. Pocket anblickte, welche in ihrem genealogiſchen Buche las, nachdem ſie das Bett als Univerſalmittel für das jüngſte Kind verſchrieben hatte, dachte ich:„Nein, ich will es doch lieber nicht thun!“ Vierunddreißigſtes Kapitel. An meine„Erwartungen“ gewöhnt, hatte ich unwillkürlich an⸗ gefangen, ihre Wirkungen auf mich ſelbſt und meine Umgebung zu beobachten. Den Einfluß, welchen ſie auf meinen eigenen Charakter übten, verhehlte ich mir ſelbſt ſo viel als möglich, obgleich mein Ge⸗ fühl mir ſagte, daß er keineswegs gut ſei. Mein Betragen gegen Joe verurſachte mir fortwährend Unruhe, und auch in Betreff Biddy's machte das Gewiſſen mir Vorwürfe. Wenn ich in der Nacht er⸗ wachte,— wie Camilla,— ſo pflegte ich mit Bedauern zu denken, daß ich beſſer und glücklicher geweſen ſein würde, wenn ich Miß Havisham nie geſehen hätte und aufgewachſen wäre, zufrieden mit dem Looſe, Joe's Geſchäftstheilhaber in der ehrlichen alten Schmiede zu ſein; und oft, wenn ich Abends allein vor dem Kaminfeuer mei⸗ nes Zimmers ſaß und ſinnend hinein blickte, dachte ich, daß es doch kein ſchöneres Feuer gäbe, als das Feuer unſerer Schmiede und un ſerer Küche daheim. Dabei war aber Eſtella ſo unzertrennlich von der Unruhe mei⸗ 5 2—ò:ä:- n—— 3* Gemüthes, daß ich wirklich in Verwirrung darüber gerieth, wel⸗ chen Antheil ich ſelbſt an dem Urſprunge derſelben habe; das heißt . ich konnte nicht in's Klare darüber kommen, ob ich, wenn ich keine „Erwartungen“ gehabt, aber Eſtella im Herzen getragen hätte, beſ⸗ ſer daran geweſen ſein würde. Was dagegen den Einfluß meiner Stellung auf Andere betraf, ſo zeigte ſich hier keine ſolche Schwie⸗ rigkeit, und ich konnte,— wenn auch nur etwas undeutlich,— er⸗ Liei de R hin ſinr itnnand⸗ und namentlich nicht für deſſen gutmüthige Ch derſehnwen veriſchen Gwohuheiten belleiteten ihn, gutmüthiger harakter keine beſondere Feſtigkeit beſaß, zu Aus gaben, die ſeine Mittel überſtiegen, die Einfachheit ſeiner Lebensweiſe ſtörten, ihm den Frieden raubten, und ſtatt deſſen Angſt und Reue verurſachten. Daß ich die anderen Mitglieder der Familie Pocket zu jenen erbärmlichen Ränken gegen mich veranlaßte, machte mir wenig Gewiſſensunruhe, denn ſolche Niedrigkeiten lagen in ihrer Natur, und würden auch von jedem Andern, als mir, erweckt worden ſein; aber mit Herbert war es etwas Anderes, und oft verurſachte es mir nagende Gewiſſensbiſſe, wenn ich bedachte, daß ich ihm einen ſchlech⸗ ten Dienſt geleiſtet, indem ich ſein dürftig ausgeſtattetes Zimmer mit unpaſſenden Mobilien überladen und den„Rächer“ mit der kanarien⸗ gelben Bruſt zu ſeiner Verfügung geſtellt hatte. Um nun ganz ſicher dieſem Unbehagen zu entgehen und in deſto größeres zu fallen, begann ich Schulden zu machen. Wenn ich da⸗ mit anfing, ſo war es faſt ſelbſtverſtändlich, daß Herbert folgen mußte. Auf Startop's Vorſchlag ließen wir uns in einen Club aufnehmen, welcher„die Finken des Haines“ genannt wurde. Den eigentlichen Zweck dieſer geſellſchaftlichen Verſammlung habe ich nie entdecken können, ſofern er nicht darin beſtand, daß die Mitglieder alle vier⸗ zehn Tage ſehr koſtſpielig ſpeisten, nach dem Eſſen unter einander in Streit geriethen, und verurſachten, daß ſechs Kellner betrunken auf den Treppen lagen. Ich weiß, daß dieſe erfreulichen geſellſchaft⸗ lichen Zwecke ſo regelmäßig erzielt wurden, daß wir Beide, Herbert und ich, uns den ſtehenden Toaſt, welcher jedesmal zuerſt geſprochen wurde:„Meine Herren! Möge die gegenwärtige Beförderung freund⸗ ſchaftlicher Geſinnungen in unſerem Kreiſe ſtets unter den Finken des Haines herrſchen!“ nicht anders, als dahin deutend, auslegen konnten. Die Finken verſchwendeten ihr Geld auf thörichte Weiſe,— in einem in Covent Garden belegenen Hotel,— und der erſte Finke, den ich bei meiner Aufnahme in den Hain zu Geſichte bekam, war Bentley Drummle, welcher damals mit einem eigenen Cabriolet in den Straßen von London umher tobte und den Pfoſten an den Straßenecken großen Schaden zufügte. Zuweilen ſtürzte er bei ſol⸗ chen Gelegenheiten auch aus dem Wagen auf das Schoßleder hinaus, und einmal ſah ich, wie er auf dieſe unabſichtliche Weiſe, einem Sack Steinkohlen ähnlich, vor der Thür des Haines ſeine Equipage ver⸗ ließ. Allein ich greife etwas vor, denn ich war damals noch kein Finke, und konnte es uicht eher werden, als bis ich die Volljährig⸗ keit erreicht hatte. Auf meine eigenen Hülfsquellen vertrauend, würde ich gern Herberts Unkoſten übernommen haben, allein er war ſtolz, und ich durfte ihm deßhalb keinen ſolchen Vorſchlag machen. Er gerieth da⸗ her in vielfache Schwierigkeiten, und fuhr fort ſich umzuſchauen. Nachdem wir uns allmählig daran gewöhnt hatten, ſpäte Geſellſchaf⸗ ten zu beſuchen und erſt ſpät in der Nacht heim zu kommen, bemerkte ich, daß er ſehr niedergeſchlagen beim Frühſtück erſchien, um die Mittagszeit etwas hoffnungsvoller wurde, und beim Eſſen faſt zu⸗ ſammenbrach; daß er nach der Mahlzeit das erſtrebte Vermögen zu entdecken, und um Mitternacht faſt geſichert zu haben ſchien, aber Morgens wieder in eine ſolche Niedergeſchlagenheit ſich ein Gewehr kaufen und nach Ame⸗ Büffel zu zwingen, ſein Glück zu gegen zwei Uhr verfiel, daß er davon ſprach, rika gehen zu wollen, um dort die machen. Ich brachte in der Regel die eine Hälfte der Woche in Ham⸗ òA merſmith mond; d ich dort ſein Vat ſich die noch nic Aufkom oder ſů guauer, gerlegent über ihre ihr Taſch Kinder e Wege w D ferneren gleich e Barnal W dafür ſe Wir fühl ſten unſe uns ein. allein di Jed Hoffnung dem Hin kruge, einem inne h daß er ſchen ſo Herbert Es war vovwmer Gohd's halber; deres, Als er n chen G ſtige( daß er H müßten ſere Wo lich zun nicht ert träglich ſerſchien. das Fr Morger gegen; wie un Juweler be ſein por zu ſchwelt brod b 3 atur, ſein; mir hlech⸗ rmit rien⸗ deſto da⸗ ißte. nen, chen ecken vdier⸗ dder unten ſchaft⸗ erbert ochen eund⸗ nken Megen — in inke, war et in den i ſol⸗ Feierſtun — merſmith zu, und machte von dort aus häufige Abſtecher nach Rich⸗ mond; doch davon ſpäter. Herbert kam oft nach Hammerſmith, wenn ich dort war, und bei dieſen Gelegenheiten ſchien es mir, als wenn ſein Vater zuweilen eine vorübergehende Ahnung davon bekäme, daß ſich die günſtigen Verhältniſſe, nach denen ſein Sohn ſich umſchaute, noch nicht zeigen wollten. Im Allgemeinen ſchien er jedoch Herberts Aufkommen in der Welt als einen Umſtand zu betrachten, der früher oder ſpäter eintreten müſſe. Inzwiſchen wurde Mr. Pocket immer grauer, und verſuchte immer öfter, ſich an ſeinen Haaren aus den Verlegenheiten heraus zu ziehen, während Mrs. Pocket die Familie über ihre Fußbank ſtolpern ließ, das genealogiſche Handbuch ſtudirte, ihr Taſchentuch fallen ließ, von ihrem Großvater erzählte, und die Kinder erzog, indem ſie dieſelben zu Bett ſchickte, ſobald ſie ihr im Wege waren. Da ich hier eine ganze Periode meines Lebens ſchildere, um den ferneren Weg vor mir zu bahnen, ſo kann ich unterlaſſen, hier zu⸗ gleich eine Beſchreibung unſerer Sitten und Gewohnheiten im Hotel Barnard hinzuzufügen. Wir gaben ſo viel Geld aus, als möglich war, und bekamen dafür ſo wenig, als die Leute ſich entſchließen konnten, uns zu geben. Wir fühlten uns immer mehr oder weniger unglücklich, und die mei⸗ ſten unſerer Bekannten ebenſo. Der Verſuch wurde zwar gemacht, uns einzubilden, daß wir nns fortwährend vortrefflich amüſirten, allein die traurige Wahrheit war, daß es nie geſchah. Jeden Morgen ging Herbert mit einer ſtets neuen Miene der Hoffnung nach der City, um ſich umzuſchauen. Ich beſuchte ihn oft in dem Hinterſtübchen, welches er in Gemeinſchaft mit einem Dinten⸗ kruge, einem Hutnagel, einem Kohlenkaſten, einer Schnurſchachtel, einem Kalender, einem Schreibpulte, nebſt Stuhl, und einem Lineal inne hatte, und ich entſinne mich nicht, jemals geſehen zu haben, daß er etwas Anderes that, als ſich umſchauen. Wenn alle Men⸗ ſchen ſo gewiſſenhaft das erfüllten, was ſie ſich vornehmen, wie es Herbert that, ſo würden wir in einer Republik der Tugenden leben. Es war das Einzige, was der arme Menſch zu thun hatte, ausge⸗ nommen, daß er jeden Nachmittag, zu einer gewiſſen Stunde, nach Cloyd's Comptoire gehen mußte, um, wie es mir ſchien, der Form halber dort ſeinen Prinzipal zu ſehen. Nie that er dort etwas An⸗ deres, ſoweit meine Beobachtung reichte, und kam hierauf zurück. Als er wahrnahm, daß ſeine Lage bedenklich wurde, und daß er durchaus jetzt eine günſtige Gelegenheit finden müſſe, pflegte er zur Geſchäftszeit auf die Börſe zu gehen und dort mit finſterer Miene unter den verſammelten Magnaten umher zu wandeln. „Denn,“ ſagte er zu mir, als er eines Tages von einem ſol⸗ chen Gange zurück kam,„ich habe eingeſehen, Händel, daß eine gün⸗ ſtige Gelegenheit nicht denjenigen aufſucht, der ihrer wartet, ſondern daß er ſie aufſuchen muß, und ich habe es deßhalb gethan.“ Hätten wir nicht große Anhänglichkeit für einander gehabt, ſo müßten wir uns, glaube ich, jeden Morgen verabſcheut haben. Un⸗ ſere Wohnung war mir in dieſen Momenten der Reue unbeſchreib⸗ lich zuwider, und ich konnte den Anblick der Livrée des„Rächers“ nicht ertragen, welche mir dann noch koſtſpieliger und weniger ein⸗ träglich als in allen den anderen vierundzwanzig Stunden des Tages erſchien. Sowie wir tiefer und tiefer in Schulden verſanken, wurde das Frühſtück bei uns eine immer leerere Form; und als ich eines Morgens die ſchriftliche Drohung erhielt, daß man gerichtliche Klage gegen mich erheben werde, wegen gewiſſer Gegenſtände, welche— wie unſer Ortsnachrichtsblatt ſich ausgedrückt haben würde— mit Juwelen nahe verwandt waren, ging ich ſogar ſo weit, den„Rächer“ bei ſeinem blauen Rockkragen zu packen und ihn vom Fußboden em⸗ por zu reißen, ſo daß er wie ein beſtiefelter Cupido in der Luft ſchwebte, weil er zu glauben gewagt hatte, daß wir noch ein Milch⸗ brod brauchten. Zu gewiſſen Zeiten,— oder vielmehr zu ungewiſſen, denn es den. 1864. 333 ——ͤr————O hing von unſerer Stimmung ab,— pflegte ich zu Herbert zu ſagen, als wenn es eine merkwürdige Entdeckung wäre: „Mein lieber Herbert, es ſteht recht ſchlimm mit uns.“ „Mein lieber Händel,“ antwortete Herbert dann in voller Auf⸗ richtigkeit,„es iſt ſonderbar, dieſelben Worte ſchwebten mir auf der Zunge.“ „Gut, Herbert,“ verſetzte ich darauf,„ſo laß uns einen Blick in unſere Angelegenheiten thun.“ Es gewährte uns ſtets eine große Beruhigung, wenn wir einen ſolchen Vorſatz faßten. Das hieß die Sache geſchäftsmäßig behan⸗ deln, dachte ich dann immer, ihr dreiſt entgegen treten, und den Feind bei der Kehle faſſen; und Herbert dachte ebenſo. Wir beſtell⸗ ten darauf in der Regel etwas Beſonderes zum Mittageſſen, mit einer Flaſche von ausgeſuchterer Qualität, um uns zu der Arbeit zu ſtärken und ihr gewachſen zu ſein. Sobald das Eſſen vorüber war, holten wir einen Bund Federn herbei, hinreichende Dinte, und eine überflüſſige Maſſe von Schreib⸗ und Löſchpapier, wovon wir, der Bequemlichkeit halber, immer einen großen Vorrath hielten. Ich nahm dann ein Blatt Papier und ſetzte darauf, ſo ſchön als möglich, die Ueberſchrift:„Verzeichniß von Pip's Schulden,“ mit Hinzufügung unſerer Wohnung und des Datums, worauf Herbert ebenfalls ein Blatt Papier nahm und, unter Beobachtung derſelben Förmlichkeiten:„Verzeichniß von Herbert's Schulden,“ darauf nie⸗ derſchrieb. Jeder von uns zog ſodann einen Haufen wirrer Papiere zu Rathe, die vorher theils in Schubladen umher gelegen hatten, theils in den Taſchen zu Fetzen getragen, oder beim Anzünden der Lichter halb verbrannt und auf andere Weiſe beſchädigt worden waren. Der Schall unſerer kratzenden Federn flößte uns außerordentlichen Muth ein, ſo daß ich häufig zwiſchen dieſem erbaulichen Geſchäfte und dem wirklichen Bezahlen des Geldes kaum einen Unterſchied entdecken konnte; denn Beides ſchien mir gleich verdienſtlich zu ſein. Nachdem wir eine Zeit lang geſchrieben hatten, pflegte ich Her⸗ bert zu fragen, wie es mit ſeiner Arbeit von Statten gehe, worauf Herbert ſich gewöhnlich, beim Anblicke der zunehmenden Zahlen, mit ſehr kläglicher Miene den Kopf kratzte. „Sie ſteigen,“ antwortete er,„wahrhaftig, ſie ſteigen furcht⸗ bar.“ „Sei feſt, Herbert,“ erwiederte ich dann, eifrig weiter ſchrei⸗ bend.„Schaue der Sache dreiſt in's Geſicht, blicke in deine Ange⸗ legenheiten, bringe ſie außer Faſſung.“ „Das würde ich recht gern thun,“ verſetzte Herbert,„wenn ſie mich nur nicht außer Faſſung brächten.“ 4 Meine Entſchloſſenheit blieb jedoch nicht ohne Wirkung, und Herbert begann von Neuem zu arbeiten. Allein nach einiger Zeit hörte er abermals auf, unter dem Vorwande, daß ihm dieſe oder jene Rechnung fehle. „So nimm eine ungefähre Summe an,“ ermahnte ich ihn,„eine runde Summe, und ſchreibe ſie nieder.“ „Was du für ein umſichtiger Menſch biſt!“ pflegte er dann mit Bewunderung zu rufen;„du beſitzeſt in der That merkwürdige Ge⸗ wandtheit!“ Ich dachte auch ſo. Bei dieſen Gelegenheiten erkannte ich mir die Eigenſchaften eines vortrefflichen Geſchäftsmannes zu,— Pünkt⸗ lichkeit, Entſchloſſenheit, Energie, Klarheit und Beſonnenheit. Nach⸗ dem alle meine Verbindlichkeiten verzeichnet worden waren, verglich ich jeden einzelnen Poſten mit der betreffenden Rechnung und ſtrich ſie in der Liſte ab. Meine Selbſtzufriedenheit bei dieſem Abſtreichen war ein unbeſchreiblich wohlthuendes Gefühl. Als nichts mehr abzuſtrei⸗ chen war, legte ich alle Rechnungen gleichmäßig zuſammen, bezeich⸗ nete ſie auf der Rückſeite, und machte ein ſymmetriſches Bündel dar⸗ aus. Dann that ich für Herbert(welcher in ſeiner Beſcheidenheit geſtand, kein ſo praktiſches Genie zu beſitzen) daſſelbe, und ſagte mir, / daß ich ſeine Angelegenheiten in Ordnung gebracht habe. 331 Feierſtu Meine geſchäftliche Gewandtheit hatte aber noch eine andere Lichtſeite, welche ich„einen Rand laſſen“ nannte. Zum Beiſpiel, wenn Herbert's Schulden ſich auf einhundertundſechzig Pfund, vier Schillinge und zwei Pence beliefen, ſo ſagte ich,„laſſe einen Rand und ſchreibe zweihundert Pfund nieder.“ Oder wenn die meinigen ſich auf ungefähr viermal ſo viel beliefen, ſo ließ ich einen Rand und ſchrieb ſie als ſiebenhundert nieder. Ich hatte eine große Vor ſtellung von der Weisheit dieſer Einrichtung mit dem„Rande“, aber muß, wenn ich zurückblicke, geſtehen, daß ſie mir jetzt als eine ſehr koſtſpielige Maßregel erſcheint; denn wir pflegten gleich darauf neue Schulden zu machen, zum vollen Betrage„des Randes“ riethen zuweilen durch das Bewußtſein der Freiheit und Zahlungs⸗ fähigkeit, welches er uns einflößte, ziemlich weit in einen neuen Rand hinein. Allein es kam in Folge dieſer Prüfung unſerer Angelegenheiten eine Ruhe, ein Friede, eine tugendhafte Stille über uns, die mir für einige Zeit eine außerordentliche Meinung von mir ſelbſt gaben. Beruhigt durch meine Anſtrengungen, meine Methode und Herberts Komplimente, pflegte ich dann, mit Herberts und meinem eigenen ſymmetriſchen Bündel vor mir, und umgeben von den vielen Schreib⸗ materialien, am Tiſche zu ſitzen, und hatte ein Gefühl, als wenn ich nicht ein gewöhnlicher Privatmann, ſondern irgend eine Bank geweſen wäre. Bei dieſen feierlichen Gelegenheiten pflegten wir unſere äußere Thür zu verſchließen, um nicht geſtört zu werden. Eines Abends, als ich mich wieder in dieſem ſelbſtzufriedenen Zuſtande befand, hörte ich, daß ein Brief durch die Ritze der Thüre geſchoben wurde, wel⸗ cher dann zu Boden fiel. „Er iſt für dich, Händel,“ ſagte Herbert, der hinaus gegangen war und mit dem Briefe zurück kam.„Ich hoffe, er bringt keine Unglücksnachricht,“ fügte er mit Bezug auf den ſchwarzen Rand und das ſchwarze Siegel deſſelben hinzu. Das Schreiben war von Trabb und Comp., und ſein Inhalt ſagte, daß ich ein hochgeehrter Herr ſei, dem er ſich anzuzeigen er⸗ laube, daß Mrs. Gargery am vorigen Montage, Abends um zwan⸗ zig Minuten nach ſechs Uhr, verſchieden ſei, und daß ich erſucht werde, bei der am nächſten Montage, Nachmittags drei Uhr, ſtattfindenden Beerdigung gegenwärtig zu ſein. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Es war das erſte Mal, daß ſich mir ein Grab auf meinem Lebenswege öffnete, und die Kluft war tief, die es auf ſeiner ebenen Oberfläche machte. Das Bild meiner Schweſter in ihrem Stuhle am Feuer verfolgte mich Nacht und Tag. Daß dieſe Stelle nicht mehr von ihr eingenommen werden könne, ſchien mir unbegreiflich; und obgleich ich in letzter Zeit mich ſelten oder nie ihrer erinnert hatte, konnte ich jetzt doch den ſeltſamen Gedanken nicht los werden, daß ſie die Straße herauf kommen müſſe und ſogleich an meine Thür klopfen werde. Auch in meiner Wohnung, mit der ſie nie etwas zu thun gehabt hatte, herrſchte die Leere des Todes und ich glaubte fortwährend den Klang ihrer Stimme zu hören und die Be⸗ Be⸗ wegungen ihrer Geſtalt zu ſehen, als wenn ſie noch lebte und oft dort geweſen wäre. Von welcher Art mein Loos auch hätte ſein mögen, ich würde mich meiner Schweſter nie mit beſonderer Liebe haben erinnern kön⸗ nen; allein es gibt eine Art von Kummer, die auch ohne große Liebe beſtehen kann. Unter ihrem Einfluſſe(und vielleicht um den Mangel des weicheren Gefühls zu erſetzen) wurde ich von einer heftigen Er⸗ bitterung gegen denjenigen ergriffen, der ſie ſo ſchwer verletzt und durch den ſie ſo viel gelitten hatte. Ich fühlte, daß ich, wenn hin reichende Beweiſe vorhanden geweſen wären, Orlick oder wer ſonſt die That verübt haben mochte, bis auf das Aeußerſte hätte verfolgen können.. nden. 1864. ———;—-:——— Nachdem ich an Joe geſchrieben hatte, um ihm Troſt einzu⸗ ſprechen und die Verſicherung zu geben, daß ich zum Begräbniſſe kommen werde, brachte ich die dazwiſchen liegende Zeit in dem eben geſchilderten ſeltſamen Zuſtande zu. tten Tages fuhr ich nach unſerem Orte und ſtieg zeitig genug am „Blauen Eber“ ab, um zu Fuß nach der Schmiede gehen zu können. Es war wieder ſchönes Sommerwetter und während ich hinüber wanderte, kehrte mir lebhaft die Erinnerung an jene Zeit zurück, als ich noch ein hilfloſes kleines Weſen geweſen war und die Mißhand⸗ , und ge⸗ lungen meiner Schweſter hatte ertragen müſſen. Allein es miſchte ſich darin ein verſöhnendes Gefühl, das ſogar die ſcharfe Kante des „Tröſters“ ſtumpfer werden ließ; denn ſelbſt der Duft des Klees und der Bohnenblüthen ſchien meinem Herzen zuzuflüſtern, daß auch für mich ein Tag kommen müſſe, an dem es gut für mein Andenken ſein werde, wenn andere im Sonnenſchein wandelnde Perſonen mei⸗ ner mit ſanftem Gefühle gedächten. Endlich zeigte ſich mir das Haus, und ich ſah, daß Trabb und Comp. mit einer Leichenexekution eingerückt waren und Beſitz davon genommen hatten. Zwei ſchrecklich lächerlich ausſehende Geſtalten, deren jede eine mit ſchwarzen Tüchern umwundene Krücke trug,— als ob dieſes Inſtrument irgend Jemandem Troſt hätte einflößen können,— ſtanden vor dem Hauſe. In dem Einen derſelben er⸗ kannte ich einen Poſtillon, der vom„Blauen Eber“ deshalb entlaſſen worden war, weil er in Folge von Trunkenheit, die ihn genöthigt hatte, den Hals des von ihm gerittenen Pferdes mit beiden Armen zu umſchlingen, ein junges Paar an ihrem Hochzeitmorgen mit dem Wagen um und in eine Sägegrube geworfen hatte. Sämmtliche Kinder des Dorfes und die meiſten Weiber bewunderten dieſe ſchwarzen Thürhüter und die geſchloſſenen Fenſter des Hauſes und der Schmiede; und als ich näher kam, klopfte der Poſtillon an die Hausthür,— wahrſcheinlich in der Vermuthung, daß ich vom Kummer zu ſehr angegriffen und entkräftet ſei, um ſelbſt klopfen zu können. Ein anderer ſchwarzer Wächter(ein Zimmermann, der eines ages in einer Wette zwei Gänſe verzehrt hatte) öffnete die Thür und führte mich nach dem beſten Zimmer. Hier ſaß Mr. Trabb am größten Tiſche, den er ſeiner ganzen Länge nach ausgezogen hatte, und hielt mit Hilfe von zahlloſen ſchwarzen Stecknadeln eine Art von ſchwarzem Bazar. Als ich eintrat, war er gerade damit fertig, den Hut einer Perſon mit langen Gewändern zu bekleiden, ſo daß die⸗ ſelbe wie ein afrikaniſcher Säugling ausſah, und ſtreckte mir dann die Hand entgegen. Irre geleitet dadurch und verwirrt von der Um⸗ gebung drückte ich ſie mit allen Zeichen von Herzlichkeit. Der gute, arme Joe, in einen kleinen ſchwarzen Mantel gehüllt, den eine große Schleife unter dem Kinn zuſammenhielt, ſaß allein T am oberen Ende des Zimmers, wo er, als der erſte Leidtragende, ohne Zweifel von Trabb ſeinen Platz angewieſen erhalten hatte. Als iich mich zu ihm niederbeugte und ſagte:„Lieber Joe, wie geht es?“ antwortete er:„Pip, alter Junge, du haſt ſie gekannt, als ſie noch eine ſchöne Frau—“, drückte mir die Hand und ſagte nichts weiter. Biddy, welche in ihrer Trauerkleidung ſehr ſauber und züchtig ausſah, ging leiſe hin und her und half überall. Nachdem ich ein paar Worte mit ihr geſprochen hatte, ging ich, da die Zeit mir nicht paſſend erſchien, um mehr zu ſagen, zu Joe, ſetzte mich neben ihn, und wunderte mich im Stillen, in welchem Theile des Hauſes wohl ſie— meine Schweſter— ſein möge. Da im Zimmer ein ſtarker Kuchengeruch herrſchte, ſo ſchaute ich mich nach dem Tiſche um, auf dem die Erfriſchungen ſtanden. Er war kaum zu entdecken, bis mein Auge ſich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, und ich gewahrte dann einen angeſchnittenen Zwetſchenkuchen, mehrere zerſchnittene Orangen, Butterbrode, Biscuite und zwei Karaffinen, die ich zwar als Zier⸗ rathen von früher gekannt, aber nie gefüllt geſehen hatte, und von denen die eine jetzt Portwein und die andere Sherry enthielt. An dieſem Tiſche ſtehend gewahrte ich auch den kriechenden Pumblechook, Früh am Morgen des beſtimm⸗ — in einem ſch Ellen Lunge tige Bewee Sobald ihm Sherry ritc Herr?“ und Hubble, Li ſollten Ale lächerlche B „Ich we mer zu Pa was eine ſe grauſigen A ſie am Üeb drei oder Armen gel verächtlich „Die ter Geſchä Alle! als wenn ich, Biddh Die lleberr inausgetra Begräbniße lichen ſchwo das Ganze lichen Bein ſtillons wr Die und wir Grade vo der Bevöl abzuſchneid ſolchen Gel um d C ſie!“ und wurde ich hinter mir ſliegenden nung brin übernäßf welhh ſich ſer augg Jeh Schiffe den Kire kannten und ſeine ſter ſanft und der Grab wa Feierſtun —————;—;—:—:—B—::—— in einem ſchwarzen Mantel und mit einem Hutflor von mehreren Ellen Länge, welcher ſich abwechſelnd vollſtopfte und allerhand demü⸗ thige Bewegungen machte, um meine Aufmerkſamkeit zu erregen. Sobald ihm dies gelungen war, kam er zu mir(nach Kuchen und Sherry riechend), und ſagte mit leiſer Stimme:„Darf ich, lieber Herr?“ und that es zugleich. Dann entdeckte ich auch Mr. und Mrs. Hubble, Letztere in ſprachloſer Trauer in einem Winkel ſtehend. Wir ſollten Alle„folgen“, und wurden der Reihe nach von Trabb in lächerliche Bündel zuſammen gebunden. 1 „Ich wollte ſagen,“ flüſterte mir Joe zu, während wir im Zim⸗ mer„zu Paaren formirt“ wurden,— wie Trabb es nannte, und was eine ſchauerliche Aehnlichkeit mit den Vorbereitungen zu einer grauſigen Art von Contretanz hatte,—„ich wollte ſagen, daß ich ſie am liebſten ſelbſt nach der Kirche getragen hätte, mit Hülfe von drei oder vier freundlich Geſinnten, die mit willigen Herzen und Armen gekommen wären; allein man meinte, daß die Nachbarn es verächtlich angeſehen und nicht für anſtändig gehalten haben würden.“ „Die Taſchentücher heraus!“ rief jetzt Pumblechook mit gedämpf⸗ ter Geſchäftsſtimme.„Die Taſchentücher heraus! Wir ſind fertig!“ Alle Anweſenden drückten alſo die Taſchentücher vor das Geſicht, ———;:::———ͤ———ͤ———— den. 1864. 335 nen Sherry, während Mr. Hubble den Portwein trank, und Beide ſprachen(was bei ſolchen Gelegenheiten gebräuchlich iſt, wie ich ſpä⸗ ter bemerkt habe), als wenn ſie einem ganz anderen Menſchenge ſchlechte, als dem der Verſtorbenen, angehörten, und notoriſch un⸗ ſterblich wären. Schließlich ging er mit Mr. Hubble und deſſen Frau fort, um, wie ich überzeugt war, ſich einen fröhlichen Abend zu machen und in der Schenke zu erzählen, daß er der Gründer meines Glückes und mein ſrüheſter Wohlthäter ſei. Als Alle fort waren, und nachdem Trabb und ſeine Leute— aber nicht ſein Lehrling, nach dem ich mich umgeſehen hatte— ihre Mummerei in Beutel geſtopft und ſich auch entfernt hatten, herrſchte eine geſundere Luft im Hauſe. Bald darauf genoſſen wir, Biddy, Joe und ich, ein kaltes Eſſen; aber wir ſpeisten im beſten Zimmer, nicht in der Küche, und Joe nahm ſich in der Handhabung ſeines ieſſers, der Gabel und des Salzfäßchens, ſowie in Allem, was er ſonſt noch that, ſo ſehr in Acht, daß wir Alle einen großen Zwang empfanden. Nach dem Eſſen jedoch, als ich ihn ſeine Pfeife hatte anzünden laſſen, und als wir in der Schmiede umher ſchlenderten und uns endlich auf den großen Stein vor derſelben niederſetzten, wurden wir vertraulicher. Er hatte, wie ich bemerkte, nach dem als wenn ſie Naſenbluten hätten, und gingen in Paaren, Joe und Begräbniſſe ſeine Kleider ſo weit gewechſelt, daß ſie jetzt theils aus ich, Biddy und Mr. Pumblechook, Mr. und Mrs. Hubble, hinaus. dem Sonntagsanzuge, theils aus den bei der Arbeit gebrauchten be⸗ Die Ueberreſte meiner armen Schweſter waren durch die Küchenthür ſtanden, und der gute Menſch ſah darin natürlich wie der Mann hinausgetragen worden. Da es eine weſentliche Vorſchrift in der Begräbnißceremonie war, daß die ſechs Träger unter einer ſchauer⸗ lichen ſchwarzen Sammetdecke erſtickt und geblendet wurden, ſo ſah das Ganze wie ein blindes Ungeheuer aus, das mit zwölf menſch⸗ lichen Beinen, unter der Führung der beiden Wächter,— des Po⸗ ſtillons und ſeines Kameraden,— dahin wankte und ſtolperte. Die Nachbarn zollten jedoch dieſen Einrichtungen großen Beifall, und wir wurden auf unſerem Marſche durch das Dorf in hohem Grade von ihnen bewundert, wobei der jüngere und kräftigere Theil der Bevölkerung von Zeit zu Zeit voran eilte, um uns den Weg abzuſchneiden und ihn an vortheilhaften Stellen zu verſperren. Bei ſolchen Gelegenheiten riefen die Lebhafteſten nuter ihnen, wenn wir um eine Ecke bogen, wo ſie warteten:„Hier kommen ſie! Hier ſind ſie!“ und allgemeiner Jubel empfing uns. Während dieſes Marſches wurde ich von dem verächtlichen Pumblechook ſehr geärgert, welcher, hinter mir gehend, als eine zarte Aufmerkſamkeit, fortwährend den fliegenden Trauerflor an meinem Hute und meinen Mantel in Ord⸗ nung bringen wollte. Außerdem wurden meine Gedanken durch den übermäßigen Stolz von Mr. Hubble und ſeiner Frau abgezogen, welche ſich unendlich viel darauf einbildeten, daß ſie Mitglieder die⸗ ſer ausgezeichneten Prozeſſion waren. Jetzt lag das Moorland klar vor uns, aus dem die Segel der Schiffe auf dem Fluſſe empor zu wachſen ſchienen, und wir betraten den Kirchhof dicht an der Stelle, wo ſich die Gräber meiner unge⸗ kannten Eltern, Philip Pirrip, weiland Bewohner dieſes Sprengels, und ſeiner Frau, Georgiana, befanden. Dort wurde meine Schwe⸗ ſter ſanft in die Erde geſenkt, während die Lerchen hoch oben ſangen, und der leichte Wind den Schatten der Wolken und Bäume über ihr Grab warf. Von dem Betragen des weltlich geſinnten Pumblechook, während dies geſchah, will ich weiter nichts erwähnen, als was ſich auf mich bezog. Selbſt als jene ſchönen Worte geleſen wurden, welche den Menſchen daran erinnern, daß er nichts in die Welt gebracht hat und nichts mitnehmen kann, daß er ſchwindet wie ein Schatten und nie lange verweilen darf, hörte ich ihn huſtend einen Vorbehalt in Betreff eines gewiſſen jungen Mannes äußern, der unerwartet ein großes Vermögen erlangt habe. Nachdem wir zurückgekehrt waren, hatte er die Dreiſtigkeit, mir zu ſagen, er wünſche, daß meine Schwe⸗ ſter hätte wiſſen können, daß ich ihr eine ſo große Ehre erzeigt habe, und anzudeuten, daß ſie dieſelbe mit ihrem Tode als nicht zu theuer aus, der er wirklich war. Als ich fragte, ob ich in meinem früheren kleinen Zimmer ſchla⸗ fen könne, freute er ſich ſehr, und ich freute mich auch; denn ich glaubte mit dieſer Bitte etwas ſehr Großes gethan zu haben. Bei der einbrechenden Abenddämmerung benutzte ich eine Gelegenheit, um mit Biddy in den Garten zu gehen und eine kurze Unterredung mit ihr zu haben. „Biddy,“ ſagte ich,„ich ſollte meinen, du hätteſt mir über dieſe traurigen Dinge ſchreiben können.“ „Wirklich, Mr. Pip?“ verſetzte ſie;„ich würde es gethan haben, wenn ich das hätte denken können.“ „Glaube nicht, daß ich unfreundlich ſein will, wenn ich ſage, daß du meiner Anſicht nach das hätteſt denken können.“ „Wirklich, Mr. Pip?“ Sie war ſo ruhig, ſo gut und ſanft, daß ich ſie nicht wieder zum Weinen bringen mochte. Nachdem ich, während ſie neben mir ging, eine Zeit lang ihre niedergeſchlagenen Augen betrachtet hatte, gab ich den Puukt auf. „Du wirſt jetzt wohl ſchwerlich hier bleiben können, liebe Biddy?“ begann ich wieder. „Oh, auf keinen Fall, Mr. Pip,“ erwiederte ſie in bedauern⸗ dem Tone, der aber zugleich feſte Ueberzeugung ausdrückte.„Ich bis er ſich anders einrichtet.“ „Aber wovon willſt du leben, Biddy? Wenn du vielleicht Geld—“ „Wovon ich leben will?“ unterbrach ſie mich ſchnell, während ihr Geſicht plötzlich roth wurde.„Ich will es Ihnen ſagen, Mr. (Pip. Ich werde mich bemühen, eine Stelle als Lehrerin an der neuen Schule zu erlangen, die jetzt hier gebaut wird und beinahe fertig iſt. Alle Nachbarn wollen mich empfehlen, und ich hoffe, daß ich fleißig und geduldig ſein und ſelbſt noch zulernen kann, während ich Andere unterrichte. Wiſſen Sie, Mr. Pip,“ fuhr ſie lächelnd und ihre Au⸗ gen zu mir aufſchlagend fort,„die neuen Schulen ſind freilich nicht ſo, wie die alten geweſen ſind, aber ich habe ſpäter von Ihnen viel gelernt, und ſeitdem auch Zeit gehabt, mich fortzubilden.“ „Ich glaube, du würdeſt dich unter allen Umſtänden fortbilden, Biddy.“ „Ja, ausgenommen, was die ſchlechte Seite meines Charakters erkauft betrachtet haben würde. Dann genoß er den noch vorhande⸗ betrifft,“ murmelte Biddy. habe mit Mrs. Hubble geſprochen, und gehe morgen zu ihr. Hoffent⸗ lich werden wir im Stande ſein, für Mr. Gargery etwas zu ſorgen, — ——— — 336 Es waren dieſe Worte nicht ſowohl ein Vorwurf für mich, als ein unwillkürlich lautes Denken. Ich beſchloß, den Punkt auch auf⸗ zugeben, ging mit Biddy weiter und beobachtete ſchweigend ihre nie⸗ dergeſchlagenen Augen. „Ich habe noch nicht die näheren Umſtände über den Tod mei⸗ ner Schweſter gehört, Biddy,“ ſagte ich darauf. „Sie ſind ſehr einfach,“ verſetzte Biddy.„Sie hatte wieder einen ihrer böſen Anfälle gehabt,— die jedoch in der letzten Zeit etwas nachgelaſſen hatten,— vier Tage lang, als ſie ſich gegen Abend plötzlich erholte und ganz deutlich ‚Joe: ſagte. Da ſie ſchon lange kein Wort mehr geſprochen hatte, ſo eilte ich in die Schmiede und rief Mr. Gargery herbei. Darauf gab ſie mir zu verſtehen, daß er ſich neben ſie ſetzen, und daß ich ihren Arm um ſeinen Hals legen ſolle. Ich that es, und ſie ließ ihre Hand auf ſeiner Schulter ruhen und ſchien ganz zufrieden zu ſein. Bald nachher ſagte ſie abermals „Joe’, und einmal ‚Verzeihunge, und ‚Pipe. Dann aber hob ſie ihren Kopf nicht wieder auf, und eine Stunde ſpäter legten wir ſie auf ihr Bett, denn ſie war dahin.“ Biddy weinte, und auch vor meinen Augen ſchwammen der dunkler werdende Garten, die Gaſſe und die allmählig hervortreten⸗ den Sterne. „Iſt nie etwas entdeckt worden, Biddy?“ „Nichts.“ ——-:::—qf—————— „Abgeſehen davon, daß du mich Mr. Pip nennſt,— was nicht hübſch von dir iſt,— ſage mir, was meinſt du?“ „Was ich meine?“ fragte Bidyy ſchüchtern. „Biddy,“ rief ich mit tugendhafter Entrüſtung,„ich muß dich bitten, mich wiſſen zu laſſen, was du damit ſagen willſt.“ „Damit?“ ſagte Biddy. „Oh, wiederhole nur nicht meine Worte ſo,“ verſetzte ich;„du haſt es ja früher nicht gethan.“. „Früher nicht gethan?“ erwiederte Biddy.„Oh, Mr. Pip, früher nicht gethan?“ Ich hielt es für gerathen, den Punkt auch aufzugeben, ging noch einmal mit ihr ſchweigend durch den Garten, und kam dann auf die Hauptſache zurück. „Biddy,“ ſagte ich,„vorhin bemerkte ich, daß ich jetzt öfter kommen würde, um Joe zu beſuchen, und du nahmſt es mit auf⸗ fallendem Schweigen auf. Sei ſo gut und ſage mir, weßhalb?“ „Sind Sie deſſen ganz gewiß, daß Sie ihn oft beſuchen wer⸗ den?“ fragte Biddy, indem ſie auf dem ſchmalen Gartenwege ſtehen blieb und mich unter dem Sternenhimmel mit klarem, ehrlichem Auge anblickte. „O mein Gott!“ rief ich, als wenn ich gezwungen wäre, Biddy in Verzweiflung aufzugeben,„das iſt in der That ein recht häßlicher Charakterzug! Sage nichts mehr, ich bitte dich, Biddy,— es ver⸗ „Weißt du, was aus Orlick geworden iſt?“ „Nach der Farbe ſeiner Kleider zu ſchließen muß er in den Steinbrüchen arbeiten.“ „Dann haſt du ihn alſo auch geſehen?— Weßhalb blickſt du ſo aufmerkſam nach jenem dunklen Baume in der Gaſſe?“ „Ich ſah ihn dort an jenem Abende, als ſie ſtarb.“ „„Und wahrſcheinlich war es nicht das letzte Mal, Biddy?“ „Nein, ich habe ihn dort wieder wahrgenommen, ſeitdem wir hier ſpazieren gehen.— Oh, es nützt nichts,“ fügte ſie hinzu, ihre Hand auf meinen Arm legend, als ich forteilen wollte;„Sie wiſſen, daß ich Sie nie täuſchen würde; er war nur wenige Augenblicke dort, und iſt ſchon wieder fort.“ Ich war empört, daß ſie noch immer von dieſem Menſchen ver⸗ folgt wurde, und ſagte es ihr, und verſicherte ſie, daß ich kein Geld und keine Mühe ſcheuen würde, um ihn aus dem Lande zu vertrei⸗ ben. Allmählig gelang es eihy, mich auf eine ruhigere Unterhaltung zurückzuführen, und ſie erzählte mir dann, wie ſehr Joe mich liebte, wie er ſich nie über irgend etwas beklagte—(ſie ſagte nichts über mich, denn es bedurfte deſſen nicht, ich wußte, was ſie meinte) und wie er immer ſeine Pflichten erfüllte, mit kräftiger Hand, ſchwei⸗ gend, und mit ſanftem Herzen. „Ja, es wäre in der That ſchwer, zu viel Gutes von ihm zu ſagen,“ verſetzte ich;„wir wollen oft von dieſen Dingen reden, Biddy, denn natürlich werde ich jetzt oft hierher kommen,— ich werde Joe nicht ganz allein laſſen.“ Biddy erwiederte kein Wort. „Biddy, hörſt du mich nicht?“ „Ja, Mr. Pip.“ (Fortſetzung folgt auf S. 369.) letzt mich zu ſehr.“ Aus dieſem triftigen Grunde hielt ich Biddy während des Nacht⸗ eeſſens in einiger Entfernung, und als ich zu meinem früheren kleinen Zimmer hinauf ſteigen wollte, nahm ich ſo förmlich von ihr Abſchied, als es mir, in meinem gekränkten Gefühle, mit den Ereigniſſen des Tages und mit dem Kirchhofe vereinbar ſchien. So oft ich in der Nacht erwachte,— was faſt jede Viertelſtunde geſchah,— dachte ich darüber nach, wie beleidigend und ungerecht Biddy gegen mich ge⸗ weſen ſei. Früh am nächſten Morgen wollte ich abreiſen, ſtand deßhalb zeitig auf, ging hinaus, und ſchaute unbemerkt in eines der hölzer⸗ nen Fenſter der Schmiede. Mehrere Minuten lang ſtand ich dort und beobachtete Joe, der bereits, von Kraft und Geſundheit glühend, emſig bei der Arbeit war. „Adieu, lieber Joe!“ rief ich.—„Nein, wiſche ſie nicht ab,— gib mir, ich bitte dich, deine ſchwarze Hand!— Ich werde bald wieder hier ſein und oft kommen.“ „Nie zu bald, und nie zu oft, Pip!“ erwiederte Joe. Biddy wartete meiner an der Küchenthür mit einem Becher fri⸗ ſcher Milch und einem Stückchen Brod. „Biddy,“ ſagte ich, indem ich ihr meine Hand zum Abſchiede reichte,„ich bin dir nicht böſe, aber du haſt mir weh gethan.“ „O nein, ſagen Sie das nicht!“ bat ſie flehentlich.„Wenn ich unartig geweſen bin, ſo laſſen Sie mich allein leiden!“ Viederum ſtiegen die Nebel auf, während ich davon wanderte. Wenn ſie, wie ich glaube, mir enthüllten, daß ich nicht zurückkom⸗ men würde, und daß Biddy Recht gehabt habe, ſo kann ich nur ſagen,— daß ſie auch Recht hatten. das vicht nuß dich ich;„du er. pi ng noch auf die dt öfter mit auf⸗ alb?⸗ hen wer⸗ ge ſtehen im Auge äßlicher es ver⸗ Nacht⸗ kleinen bſchied, ſen des Hin der achte ich nich ge⸗ deßhalb hölzer⸗ ch dott Jlührnd, ab,— ſe bald her ft⸗ lbſchiche 4 um ich nderte. ickkom⸗ nur — — — — 1 Feierſtunden. 1864. 337 Narrenhochzeit; Bild zu S. 342. Herzog Biron von Rurland. Hiſtoriſche Skizze von Thaddäus Lau. 4 Die Verhältniſſe in dem benachbarten Polen, wo die Waſa kaum einen Schatten von Macht gelaſſen hatte, ver⸗ Krone ſich völlig abhängig von dem Adel ſah, mehr aber fehlten auf die ruſſiſchen Großen nicht ſeine verlockende Au⸗ noch das Beiſpiel der ſchwediſchen Ariſtokratie, welche nach ziehungskraft, als Peter II. im Februar 1730 an den dem gewaltfamen Tode Karls XII. dem Königthum der Blattern geſtorben war. In ähnlicher Weiſe, wie etwa 43 Feierſtunden. 1864. 338 Feierſtun ——ÿ—õℳꝛꝛꝛꝛ--——-——-QꝗqW—C—ę—Xiçqä--———⸗—⸗———⸗———————————OO:—⸗⸗Y—:x—’::—-———— die ſieben Stammhäupter der Perſer nach der Ermordung des falſchen Smerdes, traten ſieben der angeſehenſten Bo⸗ jaren, den Fürſten Dolgoruki an ihrer Spitze, zuſammen, um die abſolute Schöpfung Peters des Großen in eine Oligarchie umzuwandeln. So wenig aber die Monarchie des Cyrus die nothwendigen Bedingungen für eine derartige Verfaſſung geboten, wie dort die unbeſchräukte Deſpotie die einzig mögliche Staatsform geweſen, ebenſowenig war Ruß⸗ land im Stande, eine Adelsherrſchaft zu ertragen. Der Staat Peters des Großen konnte und wollte, wie der Er— folg auswies, allein die abſolute Gewalt eines unumſchränk⸗ ten Herrſchers gebrauchen. Wem nach dem Ableben Peters II. die Nachfolge ge⸗ bühre, wer der nächſtberechtigte Erbe, darüber ließ ſich ſtrei⸗ ten. Jene Bojareu fanden es im Intereſſe ihrer Pläne, den Schritt des ſchwediſchen Reichsraths nachzuahmen, der 1719 mit Umgehung des von Karl XII. deſignirten Thron⸗ erben, des Herzogs Karl Friedrich von Holſtein, die jün— gere Schweſter des ermordeten Königs, Ulrike Eleonore, auf den Thron erhoben hatte. Die Verſchworenen trugen die erledigte Krone dem Schwächſten unter allen Verwand⸗ ten des großen Peter an, Anna, einer Tochter von Iwan, des Halbbruders von Peter, die ſeit 1711 verwittwete Her⸗ zogin von Kurland war, eben in der Erwartung, daß ſich unter einem Weiberregiment, ganz wie dies in Schweden der Fall geweſen, die Oligarchie werde einführen und be⸗ feſtigen laſſen. Eine Deputation ward nach Mitau abge⸗ ordnet, wo die Prinzeſſin reſidirte, um ihr eine Vertrags⸗ urkunde vorzulegen, nach deren Unterzeichnung Anna zur Czarin proklamirt werden ſollte. Die in der Urkunde ge⸗ ſtellten Wahlkapitularien beſagten, daß Anna Nichts be⸗ ſchließen und ausführen dürfte, was nicht von dem hohen Senat, der höchſten Reichsbehörde genehmigt ſei, die fortan erblich aus den Mitgliedern der ſieben Bojarenfamilien zuſammengeſetzt ſein ſollte. Krieg wird erklärt und Frie— den geſchloſſen durch dieſelbe Körperſchaft; die Erhebung der Steuern, ſowie die Beſetzung der Aemter iſt an die Zuſtimmung des Senats gebunden, und ebenſo darf Anna nur mit ſeiner Genehmigung ſich verheirathen und über die einſtige Nachfolge beſtimmen. Die Todesſtrafe wird für den Adel abgeſchafft. Endlich— für die Erwählte die drückendſte Bedingung— die Czarin darf Ernſt Johann Büren, den Sohn eines Stallmeiſters und ihren vertrau⸗ ten Günſtling, ohne den ſie bisher Nichts gethan, nach Moskau nicht mit ſich bringen, wohin unter Peter II. die Reſidenz zurückverlegt worden war. Anna unterſchrieb die vorgelegte Urkunde ſofort, ohne eine Minute Bedenkens. War ſie doch entſchloſſen, Nichts zu halten. Der Führer der Deputation ſelbſt, Fürſt Ja⸗ guſhinski, einer der Sieben, der dem Dolgoruki die erſte Rolle neidete, die derſelbe bisher unter den Bojaren ge⸗ ſpielt, verſprach, er werde gleich nach der Thronbeſteigung für die ſchleunige Vernichtung der Urkunde Sorge tragen. Dergleichen Verträge würden nur eingegangen, um ſie zu brechen. Noch im Februar 1730 hielt Anna ihren Einzug in Moskau, und ſchon Anfang März wurde auf den Rath Jaguſhinski's eine zahlreiche Verſammlung aus dem nie⸗ dern Adel einberufen, der aus Haß und Neid gegen die bevorzugte Stellung der Bojaren von einer Oligarchie Nichts wiſſen wollte, und dieſer willkürlich zuſammengeſetzten Kör⸗ perſchaft, die von Niemand ein Mandat oder eine Legiti⸗ mation hatte, wurde als den„Abgeordneten des Adels und des Heeres“ die Frage vorgelegt, ob es ihr Willen ſei, iden. 1864. 7 Die Trubezkoi, Tſcherkaski, Borätinski, Matjusckin und die übrigen Stimmführer des Heeres träumten von einer Wiederherſtellung der ſchönen Tage der Strelizzenherrſchaft unter der Kaiſerin Sophie, und ſchrieen laut nach Aufhe⸗ bung des Vertrages. Die Urkunde ward zerriſſen, Fürſt Dolgoruki nach Sibirien in die nämliche ärmliche Wohnung verbannt, in welche er ſeinen Gegner Menzikof unter Pe⸗ ter II. verwieſen hatte, und Anna war unumſchränkte Czarin von Rußland. Weeenn aber Jaguſhinski darauf gerechnet, daß ihm als Lohn für die guten Dienſte die Stelle eines erſten und all— mächtigen Günſtlings der Kaiſerin zufallen werde, ſo täuſchte die Rechnung bitter, einfach weil Anna mit dem Artikel bereits hinlänglich verſehen war. Der Sohn des Stall⸗ meiſters ward eiligſt von Mitau nach Petersburg beſchie⸗ den, wohin die neue Regierung wieder zurückkehrte, und der Sohn des Stallmeiſters war nicht nur bis zum Tode Anna's, ſondern über den Zeitpunkt hinaus wirklich und thatſächlich der Herr und Gebieter von Rußland. Einſt hatte der Adel Kurlands, die ahnenſtolzen Nach⸗ kommen der alten Schwertritter, der verwittweten Herzogin mit beleidigendem Hohn die Bitte abgeſchlagen, den Namen ihres Lieblings als von Büren in das„große Buch“ ein⸗ zutragen, in welchem die Mitglieder der Adelskorporation des Landes verzeichnet ſtanden. Ueber den Wechſel menſch⸗ licher Dinge! Jetzt wo der Protégé kaiſerlicher Oberkammer⸗ herr in Petersburg und die Bittende Czarin von Rußland geworden, beeilten ſich die Nachkommen der Schwertritter aus freien Stücken, an der Newa zu melden, daß ſie es ſich zu einer beſondern Ehre ſchätzten, den Wunſch Anna's erfüllt zu haben. Aber nach dem ſtattgehabten Wechſel der Dinge genügte dem Sohne des Stallmeiſters das beſchei⸗ dene Avancement zu einem kurländiſchen Edelmann bei weitem nicht mehr. Der begehrliche Sinn des Mannes war auf Höheres gerichtet. Aus dem Büren wurde ein Biron. Unter der aus der Luft gegriffenen Angabe, aus dieſem edlen Geſchlechte ſtammen, legte ſich der kaiſer⸗ liche Oberkammerherr Wappen, Namen und DTitel eines der älteſten Häuſer Frankreichs bei. Bekanntlich kommt der Appetit mit dem Eſſen. Bald auch befand der Ehrgeiz des Avanturiers den leeren Herzogstitel für ungenügend; mit dem Titel ſollte der reelle Beſitz eines wirklichen Herzog⸗ huts verbunden ſein. Als 1737 der letzte männliche Sproß der Kettler zu Danzig geſtorben war, welches Geſchlecht von 1561 bis dahin als Herzöge über Kurland geherrſcht hatte, erging an den ruſſiſchen Gouverneur von Riga, an den General von Bismarck, der gemeſſene Befehl, in Mitau die Wahl Bürens zum Herzog von Kurland durchzuſetzen. Was ſpäter in größerem Maßſtabe ſich in Polen wieder⸗ holte, ereignete ſich jetzt in Mitau. Ruſſiſche Truppen marſchirten in das Herzogthum, ruſſiſche Artillerie fuhr ihre Kanonen gegen die Hauptkirche Mitau's, in welcher im Juni 1737 der Wahlakt vorgenommen wurde, und „aus freier und ungehinderter Wahl“ ging Johann Ernſt Büren als Herzog Biron von Kurland hervor. Mit eiſerner Hand laſtete fortan das Regiment des Emporkömmlings auf dem Herzogthum. Melkende Kuh für den ewig geldbedürftigen neuen Herrn ſollte das Land ſein, weiter Nichts. Sibiriens Eisfelder brachen den Wi⸗ derſtand, der anfangs verſucht wurde, und bald auch ver⸗ ſtummten ſelbſt die leiſeſten Klagen, da ſogar auf dieſe die Strafe der Verbannung geſetzt war. Mit der nämlichen Willkür griff der Abenteurer in daß die Czarin an den Mitauer Vertrag gebunden bleibe. die Angelegenheiten Rußlands. Obſchon von einer uner⸗ müdbarer ſtände es als die ſcharfem Auswah laſſen d tereſſer mancfe ter regier runs. 6 gefunden Kreiſe o politiſch unendüec verloſſe die ſich ratione den. auswär Dieſe! Kabinet dende R werde das gehe iin und nommer mindeſt über ir rin Ar ſandter von T ſich da denen rſſ L männe das Tüuſch Viron dlte, ſich zu⸗ juden Steuer Türk die ir angef auf e oſtenſ trägen berühr gen, l ter d werthe wenig zu de tional gegen deg Lauſe Nünn riſſſ bimn empo und 4 — iin und einer rrſchaft Auſhe⸗ Fuürſt ohnung ter Pe⸗ Gzarin jm als nd all⸗ juſchte Attikel Stall⸗ beſchie⸗ 2, und 1 Tode ch und Nach⸗ erzogin Namen „ein⸗ ration enſch⸗ nmer⸗ ßßland vitter ſie es Annas ſel der beſchei⸗ in bei annes de ein , aus kaiſer⸗ es der t der iz des ; mit eerzog⸗ Sproß ſhlecht eriſcht ga, an Miau ſetzen. ieder⸗ uppen fuhr elcher und Ernſt t des Kuh Land Wi⸗ ver⸗ ſe die et in unel⸗ Feierſtunden. 1864. —⸗⸗--õõ————————— müdbaren, raſtloſen Thatkraft, wenn der Drang der Um⸗ ſtände es erheiſchte, liebte Büren doch das Vergnügen mehr als die Geſchäfte. Ein guter Menſchenkenner und mit ſcharfem Blick begabt, verſtand er ſich trefflich auf die Auswahl derjenigen Werkzeuge, denen er die Geſchäfte über⸗ laſſen konnte, ohne dabei weder die eigenen perſönlichen In⸗ tereſſen, noch die Intereſſen des Staates zu gefährden. In mancher Hinſicht iſt Rußland nie beſſer, nicht vortheilhaf⸗ ter regiert worden, als unter der Günſtlingsherrſchaft Bi⸗ rons. In Oſtermann und Münnich hatte er die Köpfe gefunden, wie er ſie ſich wünſchte. Beide waren in ihrem Kreiſe ausgezeichnet brauchbar, und Beide haben zu der politiſchen und militäriſchen Machterweiterung Rußlands unendlich Viel beigetragen; auf Beide konnte ſich Biron verlaſſen, daß ſie trotz der ungeheuren Fülle von Macht, die ſich in ihren Händen concentrirte, nicht durch Conſpi⸗ rationen und Intriguen auf ſeinen Sturz hinarbeiten wür⸗ den. Oſtermann leitete die innere Verwaltung und die auswärtige Politik, Münnich ſtand an der Spitze des Heeres. Dieſe beiden Deutſchen bildeten mit Biron das geheime Kabinet, die höchſte, Anträge controllirende und entſchei⸗ dende Reichsbehörde. Um den Schein zu vermeiden, als werde Rußland allein von Ausländern regiert, waren in das geheime Kabinet zwei Ruſſen, der Großkanzler Golow⸗ kin und der Fürſt Alexei Michailowitſch Tſcherkaski, aufge⸗ nommen worden, bloße Strohmänner, denen niemals der mindeſte Einfluß, der geringſte Antheil bei der Entſcheidung über irgend wichtigere Fragen geſtattet wurde.„Die Cza⸗ rin Anna,“ heißt es in dem Berichte des ſächſiſchen Ge⸗ ſandten Lefort,„läßt ſich nur von Ausländern berathen, von Biron, Oſtermann, Münnich. Mit Recht fühlt ſie ſich dabei zufrieden, denn auch Diejenigen von den Ruſſen, denen es nicht an Fähigkeit fehlt, haben doch nur ihre alt⸗ ruſſiſchen Pläne im Kopf, welche die Zeit vernichtet hat.“ Das letzterwähnte Manöver, das Spiel mit den Stroh⸗ männern im geheimen Kabinet, nützte übrigens wenig, da das Manöver von Denen durchſchaut wurde, auf deren Täuſchung es abgeſehen war. Der Hochmuth, mit welchem Biron den höchſten Adel Moskowiens förmlich mißhan⸗ delte, die ſchonungs⸗ und ſchamloſen Erpreſſungen, die er ſich zum Vortheil der eigenen Privatkaſſe durch ſeinen Leib⸗ juden Liebmann erlaubte, die Ueberbürdung ferner der Steuerkraft und die ungeheuren Menſchenopfer, welche die Türkenkriege erforderten, die Münnich führte, hatten längſt die im Verborgenen ſchleichende Gluth der Unzufriedenheit angefacht. Längſt lauerten die Dolgoruki und Naryſchkin auf eine günſtige Gelegenheit; es fehlte nur noch an einem oſtenſiblen Anlaß, an einem ſchlagenden Stichwort, um die trägen, indolenten Maſſen des Volks fortzureißen. Die berührten Opfer, welche die auswärtigen Kriege verſchlan⸗ gen, lagen mehr auf den Schultern des Adels, deſſen Gü— ter durch die maßloſen Rekrutirungen entvölkert und ent⸗ werthet wurden; das Volk empfand die Opfer und Laſten weniger, ruhig wie das Vieh zur Schlachtbank ließ es ſich zu den Schlachtfeldern Münnichs hintreiben. Aber der na⸗ tionale Haß und Fanatismus des bornirten Altruſſenthums gegen die Ausländer lieferte den Dolgoruki und Naryſchkin die gewünſchte Handhabe. Daß ſie rudelweiſe, daß ſie zu Tauſenden von dem erbarmungsloſen Menſchenſchlächter Münnich an die Türkenſäbel geliefert wurden, ließ ſich das ruſſiſche Volk ruhig gefallen, aber gegen den Gedanken bäumte es als gegen eine bittere und unerträgliche Schmach empor, als ihm durch die adeligen Verſchwörer begreiflich und anſchaulich gemacht wurde, daß allein den deutſchen 339 ——;—;o⸗-——-——⸗⸗xꝛx———— Ausländern das Ohr ſeiner vielgeliebten Czarin gehören ſollte. Nein, das durfte ferner nicht ſein, das mußte an⸗ ders werden! Die Verſchwörung der Ariſtokratie gewann Anhang nicht blos in dem ruſſiſchen Volke, in welchem die Zahl der Eingeweihten binnen kürzeſter Friſt nach Tauſen⸗ den zählte, die Verſchworenen knüpften auch Verbindungen im Auslande an, namentlich mit Schweden und Polen. In dem erſteren Lande war die Vorherrſchaft der ruſſiſchen Partei unter dem Grafen Horn, der Partei der Mützen, durch geſchickte Intriguen des franzöſiſchen Geſandten von der Partei der Hüte, welche unter dem General Löwen⸗ haupt und dem Grafen Teſſin für franzöſiſche Subſidien⸗ gelder den Intereſſen Frankreichs diente, im Jahre 1738 geſtürzt worden. In Folge des Umſchwunges wurde der Gedanke eines Krieges mit Rußland in Schweden populär, und die Ermordung des Schotten Malkolm Sinklair durch ruſſiſche Agenten, welcher Verhandlungen zwiſchen Schwe⸗ den und der Pforte vermittelte, die damals mit Rußland im Kriege lag, goß Oel in das Feuer. Alle Vorbereitun⸗ gen zum Angriff auf Rußland wurden in Finnland ge— troffen, und zwiſchen Schweden und der Türkei ein gegen⸗ ſeitiges Schutz⸗ und Trutzbündniß abgeſchloſſen. Die Ver⸗ ſchworenen in Petersburg hatten ſich mit Löwenhaupt und Teſſin dahin verſtändigt, daß, ſobald die Schweden in das ruſſiſche Gebiet eingebrochen, das Banner des Aufſtandes von den Unzufriedenen erhoben werden ſollte. Da Mün⸗ nich gegen die Türken beſchäftigt und auch der Adel ver⸗ ſchiedener polniſcher Woiwodſchaften für einen gleichzeitigen Einfall in Rußland gewonnen war, ſo hofften die Ver⸗ ſchworenen, daß ſie mit der Regierung, die auf dieſe Weiſe zu gleicher Zeit auf drei Seiten von drei auswärtigen Fein⸗ den angefallen wäre, leichtes Spiel haben würden. Biron ſollte ermordet, die Kaiſerin Anna in ein Kloſter geſteckt, alle Deutſchen ausgeplündert und dann aus Amt und Reich fortgejagt, und ſchließlich Eliſabeth, eine Tochter Peters des Großen, mit dem Fürſten Naryſchkin vermählt und Beide als Czar und Czarin ausgerufen werden. Wir müſſen, bevor wir den weiteren Verlauf dieſer Verſchwörung berichten, die Bekanntſchat eines National⸗ ruſſen Artemon Wolinski aus einem altadeligen Geſchlechte machen. Manches hatte der Stock und die Keule des großen Czaren Peter in die Ruſſen hinein, Manches aus ihnen hinaus prügeln können: gegen Eines hatte ſich die Allge⸗ walt des Kaiſers ohnmächtig erwieſen, gegen die ſyſtema⸗ tiſche Käuflichkeit und die principielle Corruption, gegen das allgemeine Stehlen, Rauben und Unterſchlagen ſeiner Beamten. Für einen der gierigſten und verwegenſten, zu⸗ gleich aber auch für einen der ſchlaueſten und verſchlagen⸗ ſten dieſer Räuber galt Wolinski, der, obſchon mit den Naryſchkin und ſelbſt mit der jüngeren Linie der Romanow verwandt, dennoch zu dem niedern Adel hielt. In ihm repräſentirt ſich auf ausdrucksvolle Weiſe das ſeltſame Ge⸗ miſch der primitiven aſiatiſchen Barbarei und des moder⸗ nen weſtlichen Kulturfirniſſes, wie dieſes Gemiſch durch die Reformen Peters I. in Rußland geſchaffen wurde. Eine anſtellige Natur und ein offener Kopf, Meiſter in der Ver⸗ ſtellungskunſt wie Reinecke Fuchs, verſteckte er hinter einer gefälligen Außenſeite und glatten Manieren die wildeſten, ungezähmteſten Leidenſchaften. Der Verwandtſchaft dankte er eine frühe Anſtellung als Statthalter von Aſtrachan. Der Himmel iſt hoch und der Czar iſt weit— der Statt⸗ halter ſtahl mit der Virtuoſität eines Raben. Selbſt Klo⸗ ſter- und Kirchengut war vor ſeinen diebiſchen Fängen nicht ſicher. Endlich in Petersburg verklagt, log ſich Reinecke 43* 340 Feierſtunden. 1864. ————————— glücklich aus der Schlinge heraus. 1720 ſchwebte das Damoklesſchwert zum zweiten Mal über ſeinem Haupte; Nämliche wie die Bojarenverſchwörung bezweckte, nur mit dem Unterſchiede, daß ihre Früchte keinem Dolgoruki, kei⸗ er hatte in dem Kriege gegen den Chan von Perſien rieſige nem Naryſchkin, ſondern ihm ſelbſt, Artemon Wolinski, Summen unterſchlagen. Die aalglatte Geſchmeidigkeit und zufallen ſollten. Weil er vorausſah, daß die vornehmen die eherne Stirn, die ein Erröthen ob den Lügen der Zunge Bojaren ſeine Erhebung niemals zugeben würden, daher nie gekannt, rettete diesmal nicht; mit höchſteigener Hand bearbeitete Peter der Große den abgeſetzten Statthalter und Vetter derartig, daß der Letztere in Folge der Tracht kai⸗ ſerlicher Schläge Jahr und Tag das Bett hüten mußte. Die Antecedentien waren für Biron kein Hinderniß, Wo⸗ linski wieder in den Staatsdienſt aufzunehmen, der ſich mit klugen Schlangenwindungen allmälig in das Vertrauen des Günſtlings einzuſchleichen gewußt hatte. Von Biron mit der Verwaltung der kaiſerlichen Marſtälle beauftragt und dann zum Oberjägermeiſter der Czarin ernannt, be⸗ thätigte Wolinski auf's Neue die Genialität ſeines Diebs⸗ talents. Der erſte Sturz hatte das mühſam geſammelte Vermögen gekoſtet, indem der Zorn des Czaren daſſelbe nicht verſchmähte; Wolinski hätte nicht Wolinski ſein müſſen, um die Gelegenheit zum Sammeln eines neuen Vermögens ungenützt vorübergehen zu laſſen. Die Car⸗ riere des Mannes ſollte ſich noch beſſer machen. Um 1738 gab der Unwille im Volke darüber, daß die Aus⸗ länder in der Regierung Alles allein entſchieden, ſich ſo allgemein, laut und nachdrücklich zu erkennen, daß Biron es für gerathen hielt, noch einen Ruſſen als dritten Stroh⸗ mann in das geheime Kabinet aufzunehmen. Die Wahl fiel auf ſeine Kreatur, auf Wolinski. Nun hatte Neinecke feſten Boden unter den Füßen und er entſchloß ſich zu einem neuen, verwegenen Spiel. Die Theilnehmer wie die Pläne der ariſtokratiſchen Verſchwörung waren ihm genau bekannt; es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß er ſelbſt zu den Gewonnenen und Ein⸗ geweihten gehörte. Ohne ihn wäre das geſchickt eingefä⸗ delte Complott zum Ausbruch gekommen, und die Geſchicke Rußlands hätten eine andere Wendung genommen. Wo⸗ linski verrieth die Verſchwörung. Niemand war eifriger als er in der Verfolgung und Aufſpürung der Schuldigen. Ein furchtbares Strafgericht traf die Unglücklichen. Zu Hunderten wurden ſie aufgegriffen, auf der Folter zu dem Geſtändniß genöthigt, wie man es forderte, und dem Hen⸗ ker oder den ſibiriſchen Einöden überwieſen. Eigenthüm⸗ lich aber war es, daß die Unterſuchung und das Gericht Wolinski's ſeine Opfer ſehr ſparſam aus dem niedern Adel ſuchte, obſchon notoriſch die Verſchwörung anſehnliche Kontingente in dieſem Kreiſe gehabt hatte; das Strafgericht wüthete vorzugsweiſe unter dem hohen Adel, unter den Bo⸗ jaren, von denen Viele, die das Schickſal ereilte, durchaus unſchuldig waren. Am ärgſten wurde gegen die weitver⸗ zweigte Familie der Dolgoruki vorgegangen. Drei Mit⸗ glieder, Waſſili Lukitſch, Sergei und Iwan Gregorjewitſch wurden im November 1739 zu Nowgorod gerädert, ein vierter, Alexejewitſch, der ehemalige Günſtling Peters II., erſt gerädert, dann enthauptet, ein fünfter und ſechster 7 Waſſili und Michael Wladimorowitſch, zu lebenslänglichem Gefängniß in Sibirien begnadigt. Artemon Wolinski hatte ſeinen guten Grund, unter den Bojaren aufzuräumen, dagegen den niedern Adel zu ſein Wüthen gegen dieſe. Zugleich mit den Deutſchen und Fremden ſollten die Romanow verjagt und ausgerottet werden; für ſich nahm er die unbeſchränkte Herrſchaft in Anſpruch. Der Kaiſerin Anna gedachte er die Ehre ſeiner Hand zuzuwenden. Würde ſie ſich weigern, ſo ſollte ſie zur Nonne geſchoren und in ein Kloſter geſteckt werden. Man kann nicht ohne ein gewiſſes Intereſſe der ſtil⸗ len Maulwurfsarbeit folgen, mit welcher der Verſchworene ſeine Pläne betrieb. Der großen Maſſen konnte er ſicher ſein; die in Ausſicht geſtellte Ausplünderung und Nieder⸗ machung der verhaßten Fremden bot nach dieſer Seite hin die beſte Garantie. Das Geld, deſſen er bedurfte, um auf die Truppen einzuwirken, verſchaffte er ſich von dem Gra⸗ fen Muſſin⸗Puſchkin, dem ſteinreichen Präſidenten des Handelscollegiums, welcher einen unauslöſchbaren Haß ge⸗ gen die Deutſchen hegte, der um ſo tiefer fraß, als er ſorgſam geheim gehalten werden mußte. Um ſtets zu wiſ⸗ ſen, was zwiſchen Biron und der Kaiſerin vorgehe, und um momentane Stimmungen in dieſer Region zu ſeinem Vortheil ausbeuten zu können, beſtach Wolinski den Kabi⸗ netsſekretär Eichler, der ihm treu als Spion diente. End⸗ lich— ein ſehr eigenthümlicher Zug!— zog er zwei ge⸗ lehrte, in der alten Geſchichte Rußlands wohlbewanderte Beamte, den Bauintendanten Peter Jeropkin und den Kol⸗ legienrath Andrei Chruſchtſchow in ſein Intereſſe, welche aus Archiven, Urkunden, Akten Alles zuſammentragen muß⸗ ten, was für das Vorhaben förderlich zu ſein ſchien. Nach ſeiner Verhaftung fand ſich unter ſeinen Papieren ein Stammbaum vor, auf welchem das Geſchlecht der Wolinski von einer Prinzeſſin von Volhynien hergeleitet war, welche vor zwölf Jahrhunderten einen Großfürſten von Moskau geehelicht haben ſollte. Dieſe Urahne war auf der Spitze des Pergaments mit Kaiſerkrone und Scepter ſo abgebil⸗ det, daß ſie mit dem Zeigefinger auf den unten im Har⸗ niſch gemalten Wolinski wies. Uebergroßes Selbſtvertrauen brachte Wolinski zum Fall. Das Glück, das bisher mit ſeinen Lügen, Gleiß⸗ nereien und Intriguen geweſen, machte ihn übermüthig. Er gerieth über eine untergeordnete Angelegenheit in ein Zerwürfniß mit Biron, der ihm Hausarreſt auflegte, um ſeinem Werkzeuge das Abhängige ſeiner Stellung wieder zum Bewußtſein zu bringen. Der Polizeibeamte, welcher ſich nach Wolinski's Wohnung begeben hatte, um ihm den Arreſt anzukündigen, ſah dort zufällig das Pergament mit der Kaiſerkrone und dem Scepter. Der Mann ſprach da⸗ von weiter, das Gerede kam dem Herzog von Kurland zu Ohren, und bei der nun angeordneten Hausſuchung wur⸗ den die ſämmtlichen compromittirenden Papiere entdeckt. Am 7. Juli 1740 erfolgte die Hinrichtung Wolinski's und ſeiner Mitſchuldigen. Den Popen, der ihm am Vor⸗ abend die Tröſtungen der Religion ſpenden wollte, wies er trotzig zurück:„den Tod verdiene ich freilich, aber nicht für die Verſchwörung, ſondern für die Dummheit, die ſie ſchonen. Gegen die Mitwiſſer und Theilnehmer der Ver⸗ mißrathen ließ. Uebrigens iſt es unnöthig, das Vaterunſer ſchwörung aus der letzteren Klaſſe vorgehen, hätte geheißen, in ſein eigenes Fleiſch ſchneiden. Denn in demſelben Mo⸗ ment, in welchem er das Netz der Dolgoruki und Naryſch⸗ kin zerriß, ſpann er die Fäden einer zweiten Verſchwörung, die ſich weſentlich auf den niedern Adel ſtützte, und die das zu beten, weil ich meinen Schuldigern zu vergeben nie be⸗ gehrt habe und auch jetzt nicht begehre.“ Das Beil des Henkers ſchlug ihm zuerſt die Hand und dann den Kopf ab; Graf Muſfin⸗Puſchkin erlitt Ausreißung der Zunge und Verbannung nach Sibirien; Jeropkin und Cruſchtſchow ——gZ Feierſtunden. 1864. wurden enthauptet; Eichler ging durch die Keule und dann nach Sibirien. Unzählige Andere von geringerem Range Pndetan auf dem Blutgerüſte oder verſchwanden nach Si⸗ irien. Feſter als jemals ſaß Biron nach der Vereitelung der beiden Verſchwörungen bei der Czarin im Sattel. Auch ſeine Stunde ſollte ſchlagen, wenngleich erſt ein Jahr (Zu Seite 344.) Die Cſikos. ſpäter. Einſtweilen ſonnte er ſich in dem Glanze der kaiſerlichen Gunſt. Wie es damals an dem Hofe von St. Petexsburg zuging, wiſſen wir aus den Aufzeichnun⸗ gen eines Augenzeugen ziemlich genau.„Der Herzog Bi⸗ ron von Kurland,“ ſagt Manſtein,„liebte Aufwand und Pracht. Schon darum glaubte die Czarin Anna, ihren Hof zum glänzendſten in Europa machen zu müſſen. Aber 342 Feierſtunden. 1864. .—..“n gfac ihre Abſicht ging nicht ſogleich in Erfüllung. Die ſchön⸗ hatte ſechs Narren: Lacoſta, Pedrillo, einen Fürſten Gali⸗ uni ſten Stoffe wurden durch die Hand ungeſchickter Schneider zyn, Wolchonski, Apraxin und Balako. Der Fürſt⸗Hof⸗ ben Häu verdorben; aber wenn man auch an der Kleidung nichts narr Wolchonski war der Schwager von Alexei Beſtuſchew, nen d ausſetzen konnte, war es doch mit den Equipagen ſchlecht dem nachmaligen Kanzler, und ihm lag ob, auf das Wind⸗ Engſi beſtellt. Ein vornehm gekleideter Herr vom Hofe ſaß oft ſpiel der Czarin Acht zu haben. Zuweilen gebot ſie den a de in einem abſcheulichen, von Schindmähren gezogenen Wa⸗ Narren, A 4 8 ſich an der Wand aufzuſtellen; dann trat Einer ſaüen. gen. In Häuſern, wo Alles von Gold und Silber ſchim⸗ hervor, ſtellte den Andern das Bein, daß ſie mit dem dun merte, herrſchte ſehr häufig Unreinigkeit, fehlte faſt immer Rücken voran auf die Erde ſtürzten. Zuletzt riſſen ſie ſich vube guter Geſchmack. Letzteres gilt von den Frauen ebenſogut Alle bei den Haaren, balgten und ſchlugen ſich blutig. hr a 8 als von den Männern; auf eine ordentlich gekleidete Dame Entzückt von ſolchem Schauſpiel, ſtellten ſich die Czarin nn Ga konnte man zehn in geſchmackloſem Putz rechnen. Die und der Hof herum und wollten ſterben vor Lachen. La⸗ häümiß d übertriebene Pracht koſtete den Hof unermeßliche Summen. coſta, ein portugieſiſcher Jude, hatte ſchon unter Peter I. laluüdh Ein Vornehmer, der für ſeinen Putz nur zwei⸗ oder drei⸗ in derſelben Eigenſchaft gedient; Pedrillo, ein Italiener, ſchweiger tauſend Rubel ausgab, genügte kaum dem Unerläßlichen; war nach Petersburg gekommen, um im Orcheſter die Geige daß 8 für die Ehre, am Hofe aufzutreten, richteten ſich Unzählige zu ſtreichen, als er aber ſein Talent zur Narrheit entdeckte, Prinden zu Grunde. Ein Modehändler, der, wenn er nach Peters⸗ wechſelte er zu ſeinem größten Vortheil das Handwerk, Biron burg kam, ſeine Waaren borgen mußte, konnte in zwei bis denn in neun Jahren legte er 20,000 Rubel zurück. Fürſt Väſin) drei Jahren ein gemachter Mann ſein. Die Lebensart der Galizyn mußte zur Strafe Narr werden, weil er auf ſei⸗ Dalb u Kaiſerin Anna war regelmäßig. Vor 8 Uhr ſtand ſie auf, nen Reiſen im Auslande katholiſch geworden war. Nach⸗ kreuzte um 9 Uhr begann ſie mit dem Sekretär oder den Mini- dem ihm ſeine erſte Frau geſtorben, geruhte die Czarin, war ihn ſtern zu arbeiten. Zu Mittag ſpeiste ſie in ihrem Zim⸗ ihn mit einer leibeigenen Magd zu vermählen und ihm eine klug gen mer mit Biron und deſſen Familie; offene Tafel hielt ſie Narrenhochzeit anzurichten.(Siehe Bild auf Seite 337.) deſen S nur ſelten bei größeren Feierlichkeiten. Dann ſaß ſie unter Die Statthalter der Provinzen wurden angewieſen, von dunſt i einem Thronhimmel mit den beiden Prinzeſſinnen Eliſa⸗ jeder Nationalität des Reiches ein Pärchen in eigenthüm⸗ forſam beth Petrowna und Anna von Mecklenburg. Gewöhnlich licher Landestracht als Gäſte zu ſchicken. Zum Feſte ließ aöffucte war in demſelben Saale eine lange Tafel für die Großen, die Czarin gegen Ausgang des Jahres 1739 einen Eis⸗ Pflcht. die Staatsdiener, die Geſandten und die Geiſtlichkeit ge⸗ palaſt bauen, der ſammt Allem, was darin war, Geräth⸗ ſcloſſen deckt. In den letzten Jahren aß die Kaiſerin nie mehr ſchaften, Spiegel, etlichen Mörſern und Kanone, welche Hand d öffentlich, und die ausländiſchen Botſchafter wurden von außen aufgepflanzt wurden, aus lauterem Eiſe beſtand. war wi Oſtermann bewirthet. Im Sommer pflegte Anna der Be⸗ Der Feſtzug, über 300 Köpfe ſtark, ging vom Hauſe Wo⸗ bindung wegung wegen viel umherzugehen; im Winter aß ſie wenig. linski's aus. Die Neuvermählten befanden ſich in einem fand in Regelmäßig zwiſchen 11 Uhr und Mitternacht legte ſie ſich großen Käfige eingeſchloſſen, der von einem Elephanten aus die zu Bett. Einen großen Theil der guten Jahreszeit ver⸗ getragen wurde. Dann folgten die Gäſte in Schlitten, d lebte ſie zu Peterhof, einem Luſtſchloſſe, ſieben Meilen von gezogen von Rennthieren, Hunden, Ochſen, Schweinen. die Hof Petersburg; den Reſt des Sommers brachte ſie im Som⸗ In der Reitſchule des Herzogs von Kurland war die Mahl⸗ wenn di merpalaſte an der Newa zu. Man ſpielte ſehr hoch bei zeit beſtellt. Nachher ging's zum Ball. Jede Nation tanzte’ nach de Hofe. Viele haben durch das Spiel ihr Glück gemacht, zur eigenen Muſik die ihr eigenen Tänze. Die Neuver⸗ ihm un aber noch viel Mehrere ſich durch daſſelbe zu Grunde ge⸗ mählten mußten die Nacht im Eispalaſt zubringen.“ Man gkomm richtet. Nicht ſelten verlor Der oder Jener an einem ſieht, nicht ganz mit Unrecht wendet Gfrörer*) auf die in welch Abend im Faro oder Quinze gegen 20,000 Rubel. Die mit fremder Kultur übertünchte Barbarei Moskowiens das Prieth, Czarin ſelbſt machte ſich wenig aus dem Spiel, und wenn deutſche Sprüchwort an:„Außen der Glanz, innen der Eriel d ſie ſpielte, that ſie es nur, um zu verlieren. Sie hielt St. Veitstanz.“ lübd h dann Bank, und nur Die, welche ſie rufen ließ, durften Zu den Menſchen, welche allein dem Augenblick leben, Schwie ſetzen. Wer gewann, wurde ſogleich ausbezahlt. Da man nur der gegenwärtigen Stunde, gehörte Biron nicht. Die m ü nur mit Marken ſpielte, nahm ſie nie Geld von den Ver⸗ Sorge um die Zukunft, um die Aüfrechterhaltung ſeiner gene 8 lierenden. Sie liebte Schauſpiel und Muſik und ließ Herrſchaft nach dem Tode Anna's, beſchäftigte ihn anhal⸗ die R Alles, was dazu gehörte, aus Italien kommen. Italie⸗ tend und viel. Die Czarin, in deren Gegenwart das Wort wãre niſche und auch deutſche Komödien machten ihr viel Ver⸗ Tod nie ausgeſprochen werden durfte, liebte es nicht, daß geweſer gnügen, und zwar darum, weil ſie gewöhnlich mit Prü⸗ dieſe Eventualität in den Kreis der Erörterungen gezogen rückgän geleien endigten. Im Jahre 1736 führte man die erſte wurde. Uebrigens ſtand die Nachfolge bereits ziemlich feſt. Klughei Oper in Petersburg auf, allein ob ſie gleich gut gegeben Die ungetheilte Vorliebe der Kaiſerin hatte ſich einer ihrer eamte wurde, fand die Czarin weniger Geſchmack daran, als an Nichten, Eliſabeth Catharina Chriſtine, zugewandt, einer gebeten der italieniſchen und deutſchen Komödie. Die unter Pe⸗ Tochter der verſtorbeuen älteren Schweſter Anna's, welche Groffü ter I. aufgekommene und während der zwei folgenden Re⸗ mit dem Herzoge Karl Leopold von Mecklenburg verheira⸗ ſchafte gierungen beibehaltene Sitte des Volltrinkens konnte Anna thet geweſen war. Die Prinzeſſin, im December 1718 fordere nicht leiden; der Anblick eines Trunkenen war ihr ein geboren, wurde unter unmittelbarer Aufſicht der Czarin in Schrift Greuel. Nur der Fürſt Kurakin hatte die Erlaubniß, ſo Petersburg erzogen und hatte bei dem Uebertritt zur grie⸗ ne B viel zu trinken, als ihm beliebte. Um aber doch die edle chiſchen Kirche den Namen Anna angenommen. Bei der dieſer! Gewohnheit nicht völlig abkommen zu laſſen, wurde das ungemeinen Zuneigung der Tante für dieſe Nichte zweifelte ſmmu Feſt der Thronbeſteigung der Kaiſerin dem Bacchus ge⸗ Niemand, daß der Letzteren von der Erſteren die Nachfolge ſerin— weiht. An dieſem Tage war jeder Hofmann verbunden, beſtimmt ſei, und deshalb war die Verheirathung der jün⸗ ſcai mit einem Knie vor der Czarin hingeſtreckt, einen ſehr geren Anna eine hochwichtige Staatsaktion, welche die als ü großen Pokal mit Ungarwein zu leeren. Das Hofnarren⸗—— rin O thum ſtand in Petersburg in vollſter Blüthe. Czarin Anna*) Gfrörer, Geſchichte des 18. Jahrhunderts. II. 379. und Gali⸗ ſeHof⸗ ſchew, Vind⸗ ſie den Einer t dem e ſi lutig. zarin La⸗ er I. jener, Feierſtun —-⸗yy-———ͤ—--e-——ͤͤͤͤͤͤ mannigfachſten Intereſſen berührte. Zu Dutzenden bewar⸗ ben ſich nachgeborne deutſche Prinzen aus großen und klei⸗ nen Häuſern der Reihe nach um die Hand der Prinzeſſin; Empfehlungen des Wiener Hofes ließen die Wahl endlich auf den Prinzen Anton Ulrich von Braunſchweig⸗Bevern fallen. Aber die Braut ſträubte ſich gegen den Bräuti⸗ am, denn abgeſehen davon, daß der Erkorene ein höchſt unbedeutender Hohl⸗ und Flachkopf, hatte die Prinzeſſin ihre Neigung bereits dem ſächſiſchen Geſandten, dem ſchö⸗ nen Grafen Lynar, geſchenkt, mit dem ſie ein inniges Ver⸗ hältniß unterhielt. Eben darauf hatte Biron ſeine Spe⸗ kulationen gebaut, eben deshalb ſich der Wahl des Braun⸗ ſchweigers nicht widerſetzt. Als die Nichte der Tante erklärte, 2 den. 1864. 343 Biron zum Regenten von Rußland einſetzte. Zwei Tage ſpäter, den 28. October, war ſie eine Leiche. Für die Mutter des minorennen Czaren Iwan— der Vater kam wegen ſeiner Geiſtesſchwäche gar nicht in Be⸗ tracht— begannen böſe Tage. Schwer ließ ſie Biron ſeine Feindſchaft empfinden. Eine Verſchwörung, welche Anton Ulrich anzuzetteln verſuchte, war ſo einfältig und unſinnig angelegt, daß ſie augenblicklich herauskam. Mit der demüthigenden und entwürdigenden Beſtrafung des Prin⸗ zen traf Biron nicht ſowohl dieſen, der für dergleichen kaum ein Verſtändniß beſaß, als vielmehr die Großfürſtin Anna, welche er überdies mit der Drohung in Furcht und Schrecken verſetzte, er werde die Näherrechte der Prinzeſſin Eliſabeth auf den Thron unterſuchen. Daß dieſe, eine daß ſie lieber den Kopf auf den Block legen, als den Prinzen Anton Ulrich zum Gemahl nehmen wolle, rückte Biron mit ſeinem Plane bei der Czarin heraus, die Prin⸗ zeſſin mit ſeinem eigenen Sohne Peter zu verheirathen. Halb und halb war die Kaiſerin ſchon gewonnen, da durch⸗ kreuzte die jüngere Anna das Gewebe. In tiefſter Seele war ihr der Herzog von Kurland verhaßt, und ſie war klug genug, um zu durchſchauen, daß die Verbindung mit deſſen Sohn nichts Anderes bedeute, als ſie für alle Zu⸗ kunft in die Feſſeln des älteren Biron zu ſchmieden.„Ge⸗ horſam gegen den Willen der Czarin in allen Stücken,“ eröffnete ſie der freudig überraſchten Tante,„ſei ihre erſte Pflicht. Sie habe ſich noch einmal geprüft und ſei ent⸗ ſchloſſen, den Prinzen von Braunſchweig⸗Bevern aus der Hand der Kaiſerin zu ihrem Gemahl anzunehmen.“ Biron war wie vom Donner gerührt. Seine Künſte, die Ver⸗ bindung hinauszuſchieben, waren nutzlos; die Vermählung fand im Juli 1739 ſtatt, und am 30. Auguſt 1740 ward aus dieſer Ehe ein Knabe Iwan geboren. Die Geburt eben dieſes Großfürſten belebte auf's Neue die Hoffnungen Birons. Daß ſeine Rolle ausgeſpielt ſei, wenn die jüngere Anna den Thron beſteige, mußte er ſich nach dem offenen Bruche ſelber ſagen, zu dem es zwiſchen ihm und der Prinzeſſin nach und durch deren Verheirathung gekommen war. Schlau benutzte er die freudige Erregung, in welche die Czarin über die Geburt des Prinzen Iwan gerieth, um dieſelbe zu dem Gelübde fortzureißen, daß der Enkel dereinſt ihre Krone tragen ſollte. Durch die Ge— lübde hielt die Kaiſerin ſich für gebunden. Noch eine Schwierigkeit blieb zu beſeitigen, die Regentſchaftsfrage. Um die Lieblingsnichte und Adoptivtochter für die entgan⸗ gene Krone einigermaßen zu entſchädigen, hatte die Kaiſerin die Regentſchaft der Mutter Iwans zugedacht. Damit wäre der Stand der Aktien Birons um nichts verbeſſert geweſen. Alles kam für ihn darauf an, den Entſchluß rückgängig zu machen. Wie immer, verfuhr er mit großer Klugheit. Auf ſein Veranſtalten übergaben die höchſten Beamten und Generale der Czarin eine Schrift, in welcher gebeten wurde, daß für die Dauer der Minderjährigkeit des Großfürſten Iwan der Herzog von Kurland die Vormund⸗ ſchaft erhalte, wie das Wohl des Reiches es unbedingt er— fordere. Noch eine zweite, einſtweilen geheim gehaltene Schrift wurde von den nämlichen Perſonen unterzeichnet, eine Bittſchrift an den Herzog von Kurland, in welcher dieſer von den Unterzeichnern erſucht wurde, mit ihrer Zu⸗ ſtimmung die Regentſchaft zu übernehmen, falls die Kai⸗ ſerin ſterbe, ohne durch ein Teſtament über die Vormund⸗ ſchaft verfügt zu haben. Die letztere Schrift erwies ſich als überflüſſig, denn am 26. October 1740 ließ die Cza⸗ rin Oſtermann rufen, damit er Zeuge der Unterzeichnung und Verſiegelung ihres Teſtamentes ſei, in welchem ſie Tochter Peters des Großen aus ſeiner zweiten Ehe mit Katharina I., wirklich ein Näherrecht vor Anna und Iwan beſaß, litt keinen Zweifel; von der Czarin Anna war Eli— ſabeth allein wegen der Niedrigkeit ihrer Sitten und wegen des anſtößigen Lebenswandels übergangen worden, den die Großfürſtin führte. Biron erwog den Gedanken, ob es ſeinen Intereſſen am Ende nicht vortheilhafter wäre, die Anſprüche von Anna und Iwan als illegal zu kaſſiren, und Eliſabeth zur Czarin zu machen, nachdem er ſie zuvor mit ſeinem Sohne Peter vermählt hatte. Der Gedanke reifte der Ausführung entgegen. So lange die Kaiſerin Anna lebte, hatte Münnich ſich mit der Rolle begnügt, die ihm zugefallen war; Biron hatte keinen treueren und mehr ergebenen Anhänger, als den Feldmarſchall, den er auf dem Fuße völliger Gleich⸗ heit zu behandeln klug genug war. Die Anfänge der Re⸗ gentſchaft indeß mißfielen dem Marſchall; der Regent Bi⸗ ron kehrte den Herrn auch gegen ihn heraus. Münnich traf ſeine Verabredungen mit der Prinzeſſin Anna. Zwei Stunden nach Mitternacht, am 20. October, begab ſich der Marſchall in den Winterpalaſt. Jetzt ſei der Augenblick da, erklärte er der aus dem Schlaf geweck⸗ ten Großfürſtin. Das Preobraſchenkiſche Garderegiment, deſſen Chef er wäre, habe die Wache. Unten im Hofe warte ſein Wagen. Die Prinzeſſin müſſe ihm unverzüg⸗ lich folgen. Anna verlor den Muth, nicht aber Münnich. Zu weit war er ſchon gegangen, um zurück zu können. Er ließ die weinende und zitternde Großfürſtin in ihrem Palaſt und marſchirte mit einer bereit gehaltenen Abthei⸗ lung ſeines Regiments nach dem Sommerpalais, der Re⸗ ſidenz des Regenten. In der Mitte der Schaar befand ſich der leere Wagen des Marſchalls mit heruntergeſchla⸗ genen Vorhängen. In dem Wagen kbefinde ſich die Prin⸗ zeſſin Anna, auf deren Befehl er handle, verſicherte er die Soldaten. Die Wache im Sommerpalais ließ Münnich. ohne Anſtand ein, als ſie hörte, er komme im Auftrage der Großfürſtin, die unten in der Kutſche halte. Unſanft weckten Kolbenſtöße den Regenten aus dem vermeinten ſicheren Schlaf. Ein Taſchentuch verſtopfte dem nach Hülfe Schreienden den Mund und eine Offiziersſchärpe band ihm die Hände auf den Rücken. So ward er die Treppen und Gänge des Palais hinunter nach dem Wagen gebracht, in welchem angeblich Anna ſaß, und der Gefangene auf der Stelle nach der Feſtung Schlüſſelburg geführt, auf deren Kommandanten ſich Münnich verlaſſen konnte. Ein in der nächſten Morgenfrühe erlaſſenes Manifeſt verkündete der Hauptſtadt und dem Reiche die Vorgänge der Nacht. Die Großfürſtin Anna habe während der Minderjährigkeit ihres Sohnes, des Czaren Iwan, die Regentſchaft übernommen. Sofort drängten alle Großbeamte und Generale nach dem 344 Palaſt, um den Huldigungseid zu leiſten. Friedlich und ohne Blutvergießen, unter allgemeiner Ruhe und zur all⸗ gemeinen Zufriedenheit hatte der Staatsſtreich ſich vollzogen. Bis in den Juni 1741 zog ſich der Prozeß, welchen Münnich, der jetzt die oberſte Gewalt in Händen hatte, Biron vor dem Senat machen ließ. Das verhängte Todes⸗ urtheil milderte die Gnade der Regentin in ewige Verban⸗ Feierſtunden. 1864. nung nach Sibirien. Am 17. November 1741 erreichte er mit ſeiner Familie den angewieſenen Beſtimmungsort, ein ärmliches, aus Holz aufgeſchlagenes Haus, welches in dem Städtchen Pelym, 600 Werſt hinter Tobolsk, für ihn nach einem Riſſe aufgebaut war, gezeichnet hatte. p den Münnich ſelbſt Ueber den Wechſel menſchlicher Dinge! . Eine Löwenfamilie. Die Cſikos. (Siehe die Abbildung auf Seite 341.) Wer die weiten Ebenen Ungarns durchreist, dem be⸗ gegnen gewiß oft zahlreiche Roßheerden mit ihren wohlbe⸗ rittenen Hütern, Cſikos genannt. Der Cſikos iſt ein Menſch, dem bei der Geburt zufällig ein Fohlen zwiſchen die Beine gerathen iſt. Auf dem Rücken dieſes Fohlen bleibt der Knabe inſtinktmäßig ſitzen und wird auf demſel⸗ ben groß, wie andere Kinder in der Wiege. Der junge Cſikos fühlt ſich in ſeiner Wiege bald heimiſch. Ob er Mutter⸗ oder Pferdemilch genießt, darüber ſind die Natur⸗ forſcher noch nicht einig, faſt ſcheint es aber, als ob er ſich gleich nach der Geburt mit Speck und Brod nähre. Aus dem kleinen Jungen wird allmälig ein großer Roß⸗ hirt. Er tritt, um ſich ſeinen Lebensunterhalt zu gewin⸗ nen, in die Dienſte eines Edelmanns oder der Regierung, welche in Ungarn Pferdegeſtüte beſitzt, die meiſtens einen Raum von vielen Quadratmeilen einnehmen. Der Cſikos hat das ſchwierige Amt, auf die Heerden ein wachſames Auge zu haben, und muß die betreffenden Fohlen zur ge⸗ hörigen Zeit geſund und unverſehrt zur Zähmung aus der Mitte der Heerde wilder Pferde herausfangen: dazu dient ihm ſeine berüchtigte Peitſche. Sie hat einen ſtarken, 1 ½ Fuß langen Stiel und eine Schnur von 3— 4 Klaftern Länge. Dieſe Schnur hängt an einer kurzen eiſernen Kette, und dieſe iſt durch einen Ring von gleichem Metall an der Spitze des Peitſchenſtockes befeſtigt. Am Ende der lan⸗ gen Schnur befindet ſich ein einfacher ſtarker Bleiknopf, während kleinere Bleiknöpfe und Knoten auf der ganzen Länge der Schnur vertheilt ſind. Mit dieſer Waffe, welche der Cſikos nebſt einer kurzen Hacke immer mit ſich führt, begibt er ſich auf die Pferdejagd. Ohne Sattel und Steig⸗ bügel fliegt er wie der Sturmwind über die Haide, lenkt ſein Pferd nur mit Zunge, Händen und Füßen, nicht aber mit dem luxuriöſen Zügel. Die Schnur der Peitſche wirft er geſchickt um den Hals des einzufangenden Pferdes, wo ſie ſich durch die Knoten zu einer Schlinge bildet. Iſt das Pferd niedergeworfen, erſchöpft, ohnmächtig und keu⸗ chend, ſo ſchleicht ſich der Cſikos hinan, ſtellt ſich über das hingeworfene Thier, läßt die Schlinge lockerer, und wenn das Pferd aufſpringt zu raſendem, neuem Laufe, ſo ſitzt er ihm wie feſtgewachſen auf dem Nacken, und läßt im ſene Roß zum uhm nach Ein dem ungar de Kuſ Lager ger ieren vol und ließen en der C frieeen und kagel einſe lopp meh 7, 1 ½ daftern Kette, all an er lan⸗ iknopf⸗ ganzel welche b führt, Fteld⸗ Steig lenkt Feierſtunden. 1864. 345 ——;———ℳ——::'y—— —————— ihm ſeine Kraft ſo lange fühlen, bis das halb todtgehetzte und die Kugel ſtak zur Bewunderung Aller in dem bezeich⸗ Roß zum zweiten Mal niederſinkt und nun lenkſam und neten Flecke. Die Vorſtellung ſollte auf allgemeines Ver⸗ zahm nach Hauſe geführt werden kann. langen eben zum dritten Mal wiederholt werden, da mochte Ein paar Tauſend ſolcher Burſchen gehörten 1849 dem armen, gehetzten Cſikos der gute Gedanke kommen, dem ungariſchen Heere an. Bei Wieſelburg hatten einmal daß er ſeine Waffe noch gegen etwas Beſſeres, als gegen die Kaiſerlichen einen derſelben gefangen und in das einen armſeligen Strohmann gebrauchen könne, und mit Lager gebracht. Der Kommandirende mit ſeinen Offi⸗ einem wilden Schrei ſchmetterte er ſeine Peitſche in den zieren wollten den braunen Vogel einmal im Fluge ſehen gaffenden Kreis und ſetzte mit ſeinem gehorſamen Pferde und ließen vor den Zelten einen Strohmann aufſtellen, an darüber hinweg und querfeldein durch das grüne Korn in dem der Cſikos ſeine Kunſt zeigen ſollte. Er war's zu⸗ die Donau. Ein Dutzend Schüſſe wurden ihm zwar nach⸗ frieden und ließ ſich den Fleck bezeichnen, wohin ſeine Blei⸗ geſchickt, aber das Schickſal war ihm günſtig, er erreichte kugel einſchlagen ſollte. Dann jagte er in geſtrecktem Ga⸗ glücklich das jenſeitige Ufer und das Lager ſeiner Landsleute lopp mehrere Male um den Popanz, ſchwang ſeine Peitſche, Dr. H. S. Hohenſtaufenfrauen. Ein Kranz von hiſtoriſchen Charakterbildern. Von Luiſe Pichler. M 5. ſin der Schönheit und Reinheit der Farben unſer Auge Maria von Brabant blendend. Einer ſolchen gleicht Maria von Brabant, S Ge en 9.. aus dem Blute der Hohenſtaufen und der griechiſchen Irene. Gemahlin Herzogs Ludwig von Baiern. Blutiges Roth miſcht ſich 1 ihrem Bilde mit der reinen Weß iſt das Antlitz ſo trotzig und wild? Farbe rührendſter Unſchuld. Kein Zug auf der Stirne geruhig und mild— Philipp und Irene's Tochter Maria, die Schweſter Vu hat nur verzerrte Verzweiflung und Wuth, der unglücklichen Kaiſerbraut Bentrice, war mit dem Her⸗ und brennenden Durſt nur nach Rache und Blut! 3» 4 zog Heinrich von Brabant vermählt worden. Ihre Toch⸗ Fern, an den geheimnißvollen Ufern des Ganges, blüht ter war die ſchöne Maria von Brabant, um die der junge die Wunderblume, von der die Dichter träumen, der Lotus, Baiernherzog Ludwig warb. Er war ein Mann von Feierſtunden. 1864. 44 — 346 ritterlichen Sitten, ſchön von Geſtalt und tapfer. Maria lebte mehrere Jahre glücklich mit ihm, denn ſie wußte ſich glühend von ihm geliebt und erwiederte ſeine Liebe. Her⸗ zog Ludwig von Baiern war von aufbrauſendem Tempe⸗ ramente, argwöhniſch, und im Jähzorn ſeiner ſelbſt nicht mächtig. Aber die Liebe vergibt; ſo vergab ihm auch Ma⸗ ria, wenn ſie gekränkt worden war; ja ſie ſtellte ſich oft als ein Engel der Milde zwiſchen ihn und die Opfer ſei— nes Zorns. Darum wurde ſie von dem Volke geliebt und geſegnet, von der Ritterſchaft des Hofes bewundert und hoch gefeiert. Es war Sitte der Zeit, daß die Ritter ſich dem Dienſte edler Frauen weihten, ihre Farben trugen und ihren Namen als Feldruf führten, um ſo ihre Waffen zu weihen, ſich zu edler That zu begeiſtern und Unwürdiges ferne zu halten. Fürſtinnen jedes Landes nahmen willig ſolche Dienſtgelübde an und ſuchten dadurch eine edle Ent⸗ faltung des Ritterthums zu fördern. Um die holde Maria drängten ſich viele edle Ritter; aber ſie wich jeder Huldigung aus, mochte ſie noch ſo ehrenhaft gemeint ſein. Sie kannte die Eiferſucht ihres Gemahls und ſchonte ſie. Nur ältere Räthe des Herzogs, bewährte greiſe Männer, würdigte ſie ihres öfteren Um— gangs und zog ſie in ihr Vertrauen. Dieſe alten Dienſt⸗ mannen pflegte ſie auch mit dem traulichen„Du“ zu be⸗ nennen, das beſonders im Verhältniß des Lehensherrn zu ſeinen Vaſallen oder überhaupt des Höherſtehenden zum Dienſtpflichtigen allgemein gebraucht wurde. Vergebens aber hatte der Rauhgraf Ruche, einer der edelſten Ritter am Hofe und ein treuer Vaſalle ihres Gemahls, die edle Fürſtin, die er hoch verehrte, um denſelben ehrenden Be⸗ weis ihres Vertrauens gebeten. Sie ſchwieg und ließ es beim Alten. Aber ſie zeigte dem Rauhgrafen Achtung; ſie unterhielt ſich gerne mit ihm, der ein beredter und kennt⸗ nißreicher Mann war; auch machte ſie gerne ein Schach⸗ ſpiel mit ihm. Zwei mißgünſtigen Höflingen, den Herren von Iſols und von Brokkensberk, war der Rauhgraf bei der Gunſt, die er auch beim Herzog beſaß, ein Dorn im Auge. Sie nahmen Veranlaſſung, die wenige, harmloſe Aufmerkſam⸗ keit, die Maria dem Freunde und Vertrauten ihres Ge⸗ mahls geſchenkt hatte, zu mißdeuten und die ſo leicht er— regbare Eiferſucht des Herzogs anzuſtacheln. Noch ahnte Maria davon nichts, als der Herzog in einer Fehde zu Felde zog. Es war in der traurigen Zeit, wo nach dem Untergang der Hohenſtaufen das Reich ohne Kaiſer war und der inneren Streitigkeiten und Kriege kein Ende mehr wurde. Düſtere Ahnungen drückten jetzt Ma⸗ riens liebendes Herz. Sie kannte den ungeſtümen Muth Ludwigs, der ihn im Feuer der Schlacht alle Gefahr ver⸗ geſſen ließ. Schmerzlich war der Abſchied, obwohl Ludwig die Angſt des geliebten Weibes zärtlich durch Verſicherun⸗ gen ſeiner baldigen Rückkehr zu beſchwichtigen ſuchte. Maria hatte über die Zeit der Abweſenheit ihres Ge⸗ mahls ihren Hofſtaat entlaſſen und ſich mit wenigen ihrer vertrauteſten Edeldamen nach der feſten Burg Donauwöhrt begeben, wo ihre Schwägerin, die verwittwete Königin Eli⸗ ſabeth, mit ihrem Söhnlein, Konradin von Hohenſtaufen, ihre Einſamkeit theilte. Nachrichten aus dem Felde über die tollkühnen Kriegsthaten Ludwigs ſetzten Maria auf's Neue in heftige Beſorgniß. Wie gerne hätte ſie ihn be⸗ ſuchen, die Beſchwerden des Lagerlebens mit ihm theilen Feierſtunden. 1864. mögen, um über ihm zu wachen, um ihn zu beſchwören, daß er ſein Leben mehr ſchone,— aber Ludwig duldete ——;———;—;—;——;——— Frauen im Felde nicht; ſie durfte es nicht wagen, ihn wi⸗ der ſein Gebot zu beſuchen. In ihrer Herzensangſt ge⸗ dachte ſie des Rauhgrafen. Sie ordnete einen treuen Die⸗ ner in's Lager ab und richtete ein Schreiben an den erge⸗ benen Ritter, worin ſie ihn bat, über ihrem Gemahle zu wachen, in der Gefahr nicht von ſeiner Seite zu gehen, und all ſeinen Einfluß auf den Herzog aufzubieten, um dieſen zum Abſchluß der traurigen Fehde zu vermögen. Bringe er ihr den Gemahl bald und unverſehrt zurück, dann, ſchrieb ſie, wolle ſie auch dem Rauhgrafen die Gunſt gewähren, um die er gebeten. Zugleich ſchrieb ſie an den geliebten Gemahl, dem ſie ſchon mehrere Briefe in's Lager geſandt hatte. All' die Liebe, die Sehnſucht, die Angſt ihres Herzens drückte ſie ihm aus und bat um ſeine baldige Rückkehr. Sie ſiegelte die Briefe; den an den Herzog roth mit der Farbe der Liebe, den andern ſchwarz, wie der ernſte Anſtand ſich kleidet, wie Sorge und Bekümmerniß ſich ausdrückt. An der Farbe der Siegel ſollte der Bote, der nicht leſen konnte, die beiden Briefe unterſcheiden. Zugleich empfahl ihm die Herzogin an, den Brief an den Rauhgrafen nur im Ge⸗ heimen zu übergeben;— ſobald Ludwig gewußt hätte, daß der Rauhgraf beauftragt ſei, über ihm zu wachen, daß er mit Abſicht zum Abſchluß der Fehde rede, ſo wäre Mariens Wunſch vereitelt worden; Ludwig wollte nicht ängſtlich be⸗ hütet ſein. Der Bote ritt mit den verhängnißvollen Briefen hin⸗ weg. Abend war es, als er im Lager ankam. Der Her⸗ zog hatte ſich in ſein Zelt zurückgezogen; auch er mochte, während der Kampf ruhte, mit Sehnſucht ſeiner holden Gemahlin gedenken. Er verlangte, ſie wieder an's ſtür⸗ miſche Herz zu drücken; er hätte mindeſtens einen Blick nach Donauwöhrt ſenden mögen, um zu ſehen, wie ſie die Zeit in ſeiner Abweſenheit verbringe. Auch über dem bö⸗ ſen Argwohn grübelte er, den giftige Verleumder in ſeine Seele geſtreut hatten. Sollte es möglich ſein, daß Maria, deren Bild ſo rein und fleckenlos vor ſeiner Seele ſtand, doch in ihrer Treue ſtrauchelte; daß ſie ihr Herz, das bis⸗ her einzig für den Gemahl geglüht hatte, einem Andern zuwandte? Schon der leiſeſte Zweifel hierüber war furcht⸗ bar peinigend für Ludwig; und doch nährte eben die Ent⸗ fernung dieſe quälenden Gedanken, die ein Blick in Ma⸗ riens reines Auge ſonſt immer wieder zerſtreut hatte. Da wurde dem Herzog ein Bote gemeldet, der einen Brief von der Herzogin brächte. Wie ſchnell ließ er ihn einführen! Wie empfing er mit liebender Ungeduld den Brief! fäe er erblaßte, wie von tödtlichem Stoße getroffen, krampfhaft zitterte ſeine ſtarke Geſtalt,— der Bote hatte die Briefe verwechſelt und der Herzog las die Aufſchrift, die an den Rauhgrafen lautete! Bedurfte es mehr, um in dem ſo entzündlichen, ſchon vorher von argwöhniſchen Zweifeln geplagten Manne die Flammen der wildeſten Ei⸗ ferſucht anzufachen? Das verwirrte, ängſtliche Benehmen des Boten, dem der Herzog eine Frage entgegendonnerte und der nun ſeinen Mißgriff wahrnahm, beſtätigte den ſchwärzeſten Argwohn Ludwigs. In furchtbar aufloderndem Zorne ſtieß er dem Boten, dem Vertrauten der Verrätherin, den Dolch in's Herz, den nach neuerer, welſcher Sitte die Ritter im Gür⸗ tel zu tragen pflegten. Dann riß er den Brief auf. Mit rollenden Augen las er die Verſicherung der Ach⸗ tung und des Vertrauens, die Maria dem Rauhgrafen gab, endlichd welche d Da für ihn ter beſch Herzol I ſchwatz! für ſein, thelen ſo iihkii zu noch übri Das⸗ blutunter er ſäne ſehen, wöhnt! der Wü Rauhgre Wo Freunde Hatte er een den? dem Win nicht ſo dem Bot heren die die ihn wußte, d Erörter Pferde. Ferſen D Flucht, Sturme ſd Ve 8 anbrech ihrem im Thr vig.( er ihrer à ſm war ſo Aagt ſtarrte mel; wurde Herzog war er 1 ſchicte zu hole Feierſtunden. 1864. 347 —-—— endlich die unerklärliche Verheißung einer erbetenen Gunſt, Ankommende ſie zurück; dies entmenſchte Antlitz ſollte ihrem welche die Herzogin bewilligen wollte. ſchönen, heldenmüthigen Ludwig angehören? Daß aus dem ganzen Briefe nur die innigſte Sorge„Verrätherin! Ehebrecherin!“ knirſchte Ludwig ihr ent⸗ für ihn ſelbſt ſprach, daß Maria nur ſeinetwillen den Rit⸗ gegen;„geſtehe deine Schuld, denn du mußt ſterben!“ ter beſchwor, ihm eine Gunſt verhieß, das beachtete der Erblaſſend vor der furchtbaren Beſchuldigung wich die Herzog nicht mehr. Schwarz war es vor ſeinen Augen, Herzogin zurück.„Herr, Ihr beſchimpfet ungerecht meine ſchwarz vor ſeiner Seele. Was galt ihm auch ihre Sorge unſchuldige Herrin!“ rief die Oberhofmeiſterin aus, ihm für ſein Leben noch, wenn er ihre Liebe mit einem Andern mit der Würde ihres Alters und ihrer Stellung entgegen⸗ theilen ſollte? Kein Zweifel an einer ſträflichen Vertrau⸗ tretend. lichkeit zwiſchen ihr und dem Rauhgrafen ſchien ihm jetzt„Du auch da, Kupplerin?— Ergreift dies Weib und noch übrig. werft ſie von den Zinnen des Thurmes herab!“ brüllte der Das ſchöne Antlitz verzerrt von Wuth, die Augen Herzog den zitternden Dienern zu, die, ungeachtet des Hülfe⸗ blutunterlaufen, die Lippen bläulich und ſchäumend rief rufs der Unglücklichen, den Befehl auf der Stelle vollzogen. er ſeine Diener. So hatten die Zitternden ihn nie ge⸗ Maria, entſetzt vom Anblick des furchtbaren Mordes, ſehen, obwohl ſie an die Ausbrüche ſeines Jähzorns ge⸗ war in die Kniee geſunken und hob die unſchuldigen Hände wöhnt waren. Mit kaum vernehmlicher Stimme herrſchte flehend zu Gott empor. der Wüthende ihnen den Befehl zu, ihm den Buben, den„Ja, kniee, Weib, kniee, geſtehe deine Schuld und rette Rauhgrafen, vorzuführen. deine Seele!— Der Rauhgraf!— Geſtehe!“ So arbei⸗ War der Rauhgraf noch ſchnell genug von einem tete der Herzog mit Mühe die Worte aus der keuchenden Freunde aus der Nähe des Herzogs gewarnt worden? Bruſt hervor;— ihr Anblick in all' ihrer rührenden Schön⸗ Hatte er zuvor ſchon aus der Hand des unglücklichen Bo⸗ heit und Unſchuld zerriß ſein Herz in Haß und in Liebe. ten den Brief erhalten und vielleicht, indem er denſelben„Sie iſt unſchuldig, Bruder, bei Gott, dem Allheili⸗ dem Winke des Boten gemäß ſchnell in's Gewand ſchob, gen!“ rief Eliſabeth, die Königswittwe, aus. nicht ſo ſchnell die Verwechſelung wahrgenommeu, um ihn„Fort mit dir, fort, daß ich mich nicht an dir noch dem Boten zurückgeben zu können? Es iſt uns des Nä⸗ vergreife!“ knirſchte Ludwig, und die erſchrockenen Diener, heren dieſer Umſtand nicht erzählt. Genug, die Diener, beſorgt um das Leben der Königin, riſſen ſie gewaltſam die ihn haſchen wollten, trafen den Rauhgrafen, der wohl aus dem Gemache hinweg. wußte, daß der Herzog in den Augenblicken der Wuth keine„Ludwig! höre mich, um deiner einſtigen Liebe, um Erörterung ſeiner Unſchuld anhören werde, ſchon auf dem meiner Kinder willen! Sage mir, weß ich beſchuldigt bin, Pferde. Er ritt hinweg wie Einer, dem der Tod auf den daß ich meine Unſchuld darthue!“ flehte jetzt Maria, die Ferſen folgt, und war nicht mehr einzuholen. bisher, vom Schrecken überwältigt, kein Wort gefunden Der Herzog aber hatte kaum die Kunde von ſeiner hatte. Flucht erhalten, als auch er die Roſſe ſatteln ließ und mit Aber eben die Regungen der Liebe, die wider Willen Sturmeseile hinwegritt nach Donauwöhrt, um ſeine Ehre, ſein Herz bewegten, ſteigerten noch die Wuth Ludwigs. ſeine verrathene Liebe an der Verbrecherin zu rächen.„Schlange! du willſt mich bethören, wie du bisher gethan. Es war am 19. Januar 1256. Maria ſaß beim Du ſollſt ſterben und dein Blut den Flecken meiner herzog⸗ anbrechenden Abend mit ihrer königlichen Schwägerin und lichen Ehre abwaſchen!“ ſchrie er ihr entgegen. ihrem Geſellſchaftsfräulein in ihrem Gemache, hoch oben Zögernd nur trat der Knecht herzu, den er aufrief, im Thurme. Ihre Gedanken weilten wie immer bei Lud- ſie zu enthaupten. Drohend zückte der Herzog auch gegen wig. Er mußte nun ihren Brief erhalten haben; dachte ihn ſein Schwert— da gehorchte der Knecht; ſeine Fauſt er ihrer? Gelang es dem Rauhgrafen, ihn zum Frieden griff in die goldenen Locken, das Schwert ſauste und durch⸗ zu ſtimmen und in Mariens Arme heim zu führen? Ihr ſchnitt den ſchönen Hals. Von Blut überſtrömt ſank der war ſo bang und beklommen zu Muthe. Lange hing ihr Leib auf den Teppich nieder. Auge am glühenden Abendhimmel, der ſich über der er⸗ Verſtummend winkte der Herzog dem Henker, das ſtarrten Winterlandſchaft wölbte. Endlich erblaßte der Him- Haupt niederzulegen und die blutigen Reſte zu bedecken. mel; es dunkelte; im Gemache brannten die Kerzen.— Da„Fort, fort!“ winkte er dann den Knechten, und zitternd wurde in donnernden Schlägen an's Thor gepocht. Der zogen dieſe ſich zurück. Herzog war es, der Einlaß verlangte; Nacht und Tag durch Allein mit der Leiche der Gemordeten brachte der Her⸗ war er geritten. zog die ganze Nacht zu. Seine noch eben kochende Wuth . Maria dachte an eine Nachricht vom Schlachtfelde; ſie hatte ſich plötzlich gelegt. Eiskälte drang an ſein Herz; ſchickte eilend ein Ehrenfräulein hinab, um ihr Nachricht ihm ſchwindelte; dort lag ſie todt, die ihn ſo unendlich zu holen, wer angekommen ſei. glücklich gemacht hatte; ſie hatte ſterbend ihre Unſchuld be⸗ Der Herzog hatte den Schloßvogt niedergeſtoßen, der theuert— war ſie denn ſchuldig geweſen? ihn am Thore empfing; ſchon ſtürmte er die Treppen heran; Er blickte im Gemache umher; da lag ihre Laute, ihre er ſah das Fräulein und ſeine blutige Waffe durchbohrte Arbeit; dort ſtand, blumenumrankt, ein Kruzifir— ſtumme auch ſie;— ihre ganze Umgebung war eingeweiht in das Zeugen ihres ſchönen Lebens. Ein Schrank war da, worin verbrecheriſche Verhältniß der Herzogin, ſo ſchien es jetzt die Herzogin ihre Kleinodien zu verwahren pflegte. Sein dem Raſenden, der während des wahnſinnigen, eine Nacht Dolch ſprengte die verſchloſſenen Fächer; mit zitternden und einen Tag durch unausgeſetzten Rittes vollends jede Händen wühlte er darin. Es mußten hier die Beweiſe Zurechnungsfähigkeit verloren hatte. ihrer Schuld aufzufinden ſein. Blutbeſpritzt trat er in das Gemach, wo ihn die Ge⸗ Was fand er? Liebeszeichen von ſeiner eigenen Hand, mahlin und die Schweſter mit frohſter Ueberraſchung em⸗ Erinnerungen an glückliche Stunden: welke Roſen, die er pfingen. Maria hatte die Arme ausgebreitet, um ihm ent⸗ ihr einſt in die Locken geſteckt; Schleifen, die er von ihrer gegen zu eilen— aber Entſetzen feſſelte ſie, wild ſtieß der Hand zum Turniere erhalten; eine Locke ſeines braunen. 44* Feierſtunden. 1864. . W W Reethoven, geboren zu Bonn den 17. Dec. 1770, geſtorben den 26. März 1827. Haares— und die Concepte zu den Briefen, die ſie an ihn und den Rauhgrafen abgeſandt hatte. Er las die rüh⸗ renden Worte der Liebe, der Sehnſucht, die ſie an ihn ge⸗ richtet hatte; er las auch den Brief an den Rauhgrafen wieder, aber mit andern Augen. In dieſen ſorgfältig über⸗ dachten, oft durchſtrichenen und anders geſetzten Worten war ja keine Spur unerlaubter Vertraulichkeit zu finden; nur Angſt und Beſorgniß um den abweſenden Gemahl, als deſſen treuen Freund ſie den Rauhgrafen kannte. Wie hatte ſein verblendetes Auge ſo ganz Anderes in dem Briefe leſen können? Fluch den Verleumdern, die das Gift in ſeine Seele geträufelt hatten! er ihren Zungen mehr geglaubt, als Maria's reinen Lip⸗ pen? Dort lag ſie, todt, erblaßt; mit keiner Macht der Erde konnte ſein Schmerz, ſeine Reue ſie wieder erwecken! Da brach Mark und Bein des jugendkräftigen Mannes zuſammen. Was er in jener entſetzlichen Nacht gelitten, das zeigte ſich, als er Morgens aus dem Todtengemache trat— er war zum Greiſe geworden binnen dieſer Stun⸗ den: die braunen Haare des ſiebenundzwanzigjährigen Man⸗ nes waren in einer Nacht ergraut! 1 Folgenden Tages ſchickte der Rauhgraf eine ſchriftliche liche Bitte. Und warum hatte Rechtfertigung, die Alles darlegte, was je zwiſchen ihm und der Herzogin beſprochen worden war; auch jene unverfäng⸗ Jetzt drang volles Licht in das Gemüth des Herzogs— aber ein grauenvolles Licht! In der Schloßkapelle zu Donauwöhrt ruht Maria, Irene's unglückliche Enkelin, mit ihren gemordeten Ehren⸗ damen, von Ludwig in höchſter, fürſtlicher Pracht begraben. Er ſelbſt wagte es nicht, ſich, den Mörder, neben die Ge⸗ mordete legen zu laſſen. Aber er wählte, zum Zeichen der nie endenden Folter der Reue, ſeine Gruft in dem Kloſter Fürſtenfeld, das er zur Sühne der That ſtiftete, und deſſen ſämmtliche Nonnen Tag und Nacht für die Ruhe der ohne Beichte und Sakrament hinübergeſandten Seelen beten mußten. Auch andere Länder haben das Blut von Fürſtinnen, von Königinnen getrunken,— keine war ſo ſchön, ſo un⸗ ſchuldig und unglücklich, wie Maria von Brabant. Sie ſtarb um ihrer raſtlos ſorgenden Liebe willen, ſtarb nicht durch Feindes Hand, ſondern durch die des Geliebten!⸗ Welke hin, du junger Eichenhain! Schweiget ſtill, geliebte Vögelein! Trockne aus, du ſilberheller Thau! Sinkt, ihr Blumen auf der Thalesau! Da 88, gew Gaſthofe ſicht, S Tagen it zu werde Staßen hütten, der und dringend Aneehe haltung gungen vie ge⸗ eines Bewegu beſetzten dort,— Feierſtunden. 1864. 349 NE Wnsggc S gaae d 2 W 5A as bedeutet dieſes Leben Md und Treiben, Kellner? 2 Ich habe nie eine ſo lebhafte Bewegung in der Stadt geſehen?“ Das war die Frage, welche ich erſtaunt an den glat⸗ ten, gewandten Oberkellner des Royal Höôtel, des erſten Gaſthofes in dem Badeörtchen Deal richtete. In der Ab⸗ ſicht, Seebäder zu nehmen, wohnte ich ſchon ſeit mehreren Tagen in dem Hötel, und fing an, des Aufenthaltes müde zu werden. Die Stadt mit ihrem Labyrinthe ſchmutziger Straßen, dem ſchlechten Steinpflaſter, den niedrigen Holz⸗ hütten, vor deren Fenſtern lange Reihen gefangener Flun⸗ der und Butten aufgehängt ſind, und dem alle Theile durch⸗ dringenden Theergeruche, kann für den Fremden nicht viel Anziehendes haben. Anfangs hatte es mir einige Unter⸗ haltung gewährt, die ſeltſamen Windungen und Verſchlin⸗ gungen der Gaſſen des Ortes zu verfolgen; allein bald, wie geſagt, gab ich dieſes Vergnügen auf und empfand eines Morgens große Langeweile, als jene ungewöhnliche Bewegung an dem mit einer dichtgedrängten Volksmaſſe beſetzten Ufer meine Aufmerkſamkeit erregte. Muſik war dort,— wenigſtens die äußere Hülle derſelben, denn ich ſah mehrere Perſonen gewiſſe Laſten in wollenen Ueber⸗ zügen tragen, aus denen hier und dort die metallene Spitze eines Hornes oder das braune Holz einer Geige hervor⸗ blickte; zahlreiche Körbe, anſcheinend mit Lebensmitteln ge⸗ füllt, wurden herbeigetragen,— Flaggen wehten fröhlich *) Das beliebte engliſche Nationalſpiel, dem deutſchen Ballſpiele ähnlich. *n) Die Goodwins⸗Bänke, längs der Küſte Kent im Kanal bele⸗ gen, ſind jene, allen Schifffahrern ſo gefährliche Meeresſtelle, welche ſchon Tauſende von Fahrzeugen und Millionen von Meuſchenleben verſchlungen hat und alljahrlich neue Opfer fordert. Nur ſelten und bei ungewöhnlich niedriger Ebbe werden ſie vom Waſſer frei⸗ Sie gehörten in früherer Zeit zum Ufer und zu den Beſitzungen eines angelſächſiſchen Grafen Goodwin von Kent. Daher der Name. ————̃bWöO —ö —— ——;——;-—;—;—;—;—:ͤ——— Ein Cricket⸗Spiel*) auf den Sandbänken von goodwin»). in der milden Luft des Sommermorgens, und lange — Rollen Segeltuch lagen am Ufer, denen ein geübtes Auge ſogleich anſah, daß ſie zur Errichtung von Zelten beſtimmt waren. Mehrere, mit Wimpeln und anderen Zeichen geſchmückte Boote nahmen das Segel⸗ tuch, die Körbe und Muſiker auf, während andere der Paſ⸗ ſagiere harrten, zu deren Beluſtigung dieſe Vorbereitungen getroffen wurden. Kein Wunder alſo, daß ich erſtaunt den Kellner fragte, was 8 ungewöhnliche Scene zu bedeuten habe. Selbſt er, ſonſt immer der ruhigſte, gelaſſenſte Menſch, war jetzt etwas aufgeregt und ſchwenkte die Ser⸗ viette, das Zeichen ſeiner Würde, in der Luft, ſtatt ſie in anmuthigen Falten herabhängen zu laſſen, während ſeine glänzenden Schuhe auf ganz unerhörte Weiſe knarrten. Dies geſchah aber nicht etwa aus dem Grunde, weil die erwähnte Begebenheit auch eine vermehrte Anzahl von Gä⸗ ſten nach Royal Höôtel herbeigeführt hatte; im Gegentheil war die Zahl derſelben gering, und beſtand, ſo viel ich ſehen konnte, nur aus einigen Geſchäftsreiſenden, einem ſonnverbrannten Midſhipman und zwei munteren jungen Männern vom Lando, welche Letztere, mit Beinkleidern von Flanell und Schuhen von Büffelleder*) angethan, ein eili⸗ ges Frühſtück im Wirthszimmer zu ſich nahmen. Der Kell⸗ ner betrachtete mich nach meiner Frage mit ruhigem Wohl⸗ wollen und erwiederte: „Betrifft uns nicht! Bei uns geht es immer ruhig zu, ausgenommen zur Zeit der Wahlen, oder wenn die Freiwilligen ſich verſammeln, und—“ „Aber heute findet weder eine Wahl noch eine Ver⸗ ſammlung der Freiwilligen ſtatt,“ unterbrach ich ihn unge⸗ duldig.„Iſt es vielleicht ein Picknick?“ Der Kellner nahm ſich Zeit, zu überlegen. „Ein Picknick? nein,“ entgegnete er darauf; aber fuhr nicht fort, ſondern rief, nach einer andern Seite gewendet: „komme ſogleich!“ und flog im nächſten Augenblicke zu den jungen Männern mit den wollenen Unausſprechlichen. Da gerade ein jüngerer Aufwärter, mit einer Flaſche in der Hand, an mir vorüberging, ſo fragte ich ihn, wie vorher den Oberkellner, und erhielt die Antwort: „Ein Cricket-Spiel! Jene Herren dort gehören auch dazu.“ Fort waren im nächſten Augenblicke Aufwärter und Flaſche. „Ein Cricket⸗Spiel?“ ſagte ich zu mir.„Ich möchte *) Die gewöhnliche Tracht der Cricket⸗Spieler in England. 350 es ſehen. Kent war die Wiege des Spieles, und obgleich die Grafſchaft viel von ihren früheren Ehren in dieſer Be⸗ ziehung verloren hat, ſo hat ſie doch noch tüchtige Spieler aufzuweiſen. Wo iſt der Platz?“ fragte ich den inzwiſchen zurückgekehrten Oberkellner. „Der Platz?— Dort!“ ſagte er, auf die See deu⸗ tend, deren breite blaue Fläche, mit weißen Segeln bedeckt, durch das Fenſter ſichtbar war. „Was ſoll das heißen?“ rief ich, denn ich glaubte, der ernſte Mann wolle ſich einen Scherz mit mir machen. „Das Spiel findet heute auf den Goodwins⸗-Bänken ſtatt,— auf der großen Sandbank. Es wird ſehr in⸗ tereſſant ſein, weil es nur einmal im Jahre, bei einem beſonders tiefen Stande der Ebbe, möglich iſt. Meiſtens iſt da tiefes Waſſer, wo heute der Ball geſchlagen werden wird.“— „Auf den Goodwins-Bänken?“ wiederholte ich ungläu⸗ big.„Wollen Sie im Ernſte ſagen, daß das Spiel auf den Sandbänken gehalten werden ſoll?“ Der Kellner blieb bei ſeiner Erklärung, und die Wir⸗ thin, welche aus ihrem Comptoir hervortrat, beſtätigte die Angabe und fügte hinzu, daß nur bei ausnahmsweiſe niedrigem Waſſerſtande dieſe Stelle des Meeresgrundes zu menſchlichen Spielen benützt werden könne. Einen ſolchen Stand hatte die See an dieſem Tage; und da eine große Anzahl von Zuſchauern erwartet wurde, ſo waren Zelte und Buden, mit Erfriſchungen 18 Muſik, aufgeſchlagen worden. Ich konnte meinen Ohren kaum trauen. Ein Cricket⸗ Spiel auf den Goodwins⸗Bänken! Seitdem ich mich in Deal befand, hatten ſich, während meiner Spaziergänge längs der Küſte, oft meine Augen, wie von einem Zauber angezogen, nach der langen weißen Brandungslinie gerich⸗ tet, die über den unheilvollen Sandbänken kochte und ſie⸗ dete. Häufig hatte ich auch mit alten Seeleuten geſprochen, die nicht genug zu erzählen wußten von der Ausdehnung dieſer Bänke, der unglaublichen Waſſertiefe in den Kanä⸗ len, welche ſie durchſchnitten, der furchtbar reißenden Waſſer⸗ gewalt, welche ſie umſtrömte, und der Zähigkeit ihres Flug⸗ ſandes; ja erſt am vorhergehenden Tage war mir von einem alten Bewohner der Küſte verſichert worden, er wiſſe nicht, was mehr zu fürchten ſei, die tückiſche Gewalt des Trieb⸗ ſands, oder die Wuth der Wellen, mit der letztere bei ſtür⸗ miſchem Wetter auf die Seiten des Schiffes ſchlagen, wel⸗ ches das Unglück hat, dort zu ſtranden. „Erſt im vorigen Jahre,“ erzählte der alte Mann, „bemerkte ich vom Fenſter meines Schlafzimmers aus einen großen Schooner mit ausländiſchem Takelwerk, der auf die Bänke gerathen war, und lief deshalb auf das Dach, von wo aus man deutlich ſehen konnte, wie furchtbar die Wel⸗ len über das Fahrzeug ſchlugen. Ich eilte hinab, um mein Teleſkop zu holen und damit zu entdecken, ob noch Leute auf dem Schiffe ſeien, die ſich vielleicht in das Takelwerk geflüchtet hatten; allein, als ich zurückkam, war von dem Schooner nichts mehr zu ſehen als die Maſtſpitzen, welche immer tiefer und tiefer verſanken.“ Und jetzt ſollte ein Cricket⸗Spiel auf der größten dieſer Bänke gehalten werden, und Muſik und fröhliches Lachen von Mädchen und Kindern ſollte dort erſchallen, wo noch kurz zuvor verſinkende Schiffbrüchige mit dem Tode gerun⸗ gen hatten! Feierſtunden. 1864. ———-i——-——'õ———n—’’—— Boot, verſicherte er, würde mich hinüber und mit anderen Zuſchauern wieder zurück bringen. „Es iſt eine ungewöhnliche Zeit für Cricket,“ bemerkte er dazu;„ſonſt werden die Stäbe gewöhnlich um elf Uhr Morgens zum Anfange des Spiels geſtellt, allein hier hängt Alles von der Zeit der Ebbe ab, denn— wie unſer Sprüch⸗ wort ſagt,— Fluth und Ebbe warten auf Niemand.“ Der Nachmittag wird ſchön werden; aber ich fürchte, gegen Abend zieht böſes Wetter heran, was jedoch natürlich die Spieler nicht beläſtigen wird,“ fügte der Kellner mit einem langen Blicke nach dem Himmel hinzu und entfernte ſich dann. Jedermann in Deal iſt mehr oder weniger wetterkun⸗ dig, allein ich hörte an jenem Tage nicht auf die verſchie— denen Prophezeiungen, und hatte mir vorgenommen, dem ſchlechteſten Wetter zum Trotze Zeuge des Spieles zu ſein. Ich fand einen Platz in einem der Boote und fuhr mit einer fröhlichen Geſellſchaft von Zuſchauern hinüber nach der ſogenannten ‚großen Bank“, welche eine ebene, ſanfte Oberfläche von feſtem Sande hatte und, in Ermangelung von Raſen, zum Ballſpiele wohl geeignet war. Die Neuigkeit der Scene hatte für mich und alle Anderen großen Reiz. Zelte und Buden waren erbaut, bunte Fahnen flat⸗ terten, Körke ſprangen und knallten, und Erfriſchungen jeder Art waren im Ueberfluß vorhanden und wurden fröhlich genoſſen. Viele alte Tritonen in blauen Kleidern und Wachstuchhüten wanderten umher und durchſchweiften den Horizont mit ihren Teleſkopen; Städter, Landleute, Gäſte aus allen Klaſſen waren dort, und auch an ſchönen Damen⸗ hüten und bunten Sonnenſchirmen war kein Mangel. Die ganze Einwohnerſchaft der Küſte ſchien ſich eingefunden zu haben, um das Cricket⸗Spiel auf der Goodwins⸗Bank mit anzuſehen. Die Stäbe wurden zur rechten Zeit aufgeſteckt, und die Spieler, in ihren bunten Jacken und weißen wol⸗ lenen Beinkleidern gingen mit Ernſt und Eifer an die Ar⸗ beit. Gute Spieler thaten ſich auf beiden Seiten hervor, und lauter Beifall wurde den Geſchickten zu Theil, ſowie herzliches Lachen dem ungeſchickten Spieler,— gerade ſo, als wenn das Spiel auf einer grünen Wieſe des Ufers und nicht auf der entſetzlichen Goodwins⸗Bank ſtattgefun⸗ den hätte, in deren Sande die Ueberreſte manches unglück⸗ lichen Schiffes und die Gebeine manches braven Mannes ruhten. Eine Zeit lang ſah ich mit großer Aufmerkſamkeit zu; allein ich konnte natürlich nicht das Intereſſe der an⸗ deren, mit den Spielern näher bekannten Zuſchauer gewin⸗ nen, und kümmerte mich wenig darum, ob Holmes beſſer ſchlug, oder Miller, ob dieſe Partei ſiegte, oder jene. Für mich hatte der ſonderbare Spielplatz mehr Intereſſe als alle Gewandtheit der Ballſchläger. Das dichtere Gedränge der Zuſchauer deshalb verlaſſend, ſchlenderte ich den äuße⸗ ren Waſſergrenzen der Bank zu und legte mich hier an einem ſanften Sandhügel nieder, während ich, auf den El⸗ bogen geſtützt, meine Blicke über die ebene Fläche ſtreifen ließ und müſſig dem Spiele der Wellen zuſchaute.. Die Ebbe war bis zu einer ſelten erreichten Tiefe ge⸗ ſunken, und ſtatt der ſchlagenden Wellen bewegte jetzt nur ein leichtes Kräuſeln die Oberfläche des Waſſers. In dieſer Entfernung vom Lande hatte das Meer ſeine finſtere Farbe verloren, die es meiſtens am Ufer hat, und trug dagegen ſein ächtes Gewand,— ein zartes Grün. Ich war ein Kenner von Seewaſſer, denn ich hatte das Ultra⸗ marin des mittelländiſchen Meeres, die Kobaltfarbe des adriatiſchen, das Veilchenblan des Bosporus, das Braun Ich beſchloß, ein Zuſchauer zu ſein, wenn es mög⸗ lich war. Der Oberkellner erklärte es für leicht; jedes des ſchwarzen Meeres und die Milchfarbe der Oſtſee ge⸗ ſehen; aber das Waſſer der Goodwins-Bänke hatte an dieſem Ta ſichtigen⸗ ther, grün vorüber, lichen Gl nen Füßen Spielplat nur die weicen Sa zer Zeit d von uns, „Gut geſe Miller, do der Spiel nen Träu Ball ver den war mußte; vorbei u mein Lage zu wirken roſie Tr einen dunk vind erho wachte,— unbequeme ſi und w und ſchar nerung und unn Ich war vorher n geweſen, mehr zu 39 ſon. D und keine hier und Naaſche u ber und. noch ſchli konntt ic fahrvull böſer N vieler d pfähle herrühr lich ert längſt ſ meine welche n irgend ei Alles, der fure müſſen. allein ſtehliche von Nie niß uü Riſſe des hatte ſi d ſchatten anderen hemerkte elf Uhr t hüngt Sprüch⸗ . Der Abend Spieler langen nn. erkun⸗ chie⸗ n, dem zu ſein. hr mit er nach ſanfte igelung Die großen flat⸗ N jeder röhlich n und n den Gäſte amen⸗ l. Die den zu nk mit geſteck, n wol⸗ die Ar⸗ Kod-, ſowie de ſo, Ufers gefun⸗ iglück⸗ tannes amkeit ſer on⸗ gewin⸗ beſſer „ Für ſe als ränge äuße⸗ er an Feierſtunden. 1864. —— dieſem Tage das ächte Kanalgrün, die Farbe eines durch⸗ ſichtigen Nereidenkleides. Große Büſchel Seegras von ro⸗ ther, grüner und ſchwarzer Farbe flutheten ſpielend an mir vorüver, und ein geſtrandeter Sternfiſch, der ſeinen bläu⸗ lichen Glanz noch nicht verloren hatte, lag todt vor mei⸗ nen Füßen. Dieſe Dinge erinnerten mich daran, daß der Spielplatz dem Reiche Neptuns entlehnt war, daß ſonſt nur die Füße Amphitritens und ihrer Nymphen dieſen weichen Sandboden zu betreten pflegten, und daß nach kur⸗ zer Zeit die Tritonen und Seejungfern ihre Wohnſtätten von uns, den Eindringlingen, zurückverlanget würden.— „Gut geſchlagen, bei Jupiter! Brav, Holmes! Laufe, Miller, laufe! Hurrah, Walmer!“— Solche Ausrufungen der Spielenden erweckten mich von Zeit zu Zeit aus mei⸗ nen Träumereien, und einmal hörte ich den Schrei:„Ein Ball verloren!“ als ein Ball in die See geſchleudert wor⸗ den war und mittelſt eines Bootes wieder geholt werden mußte; allein mein Intereſſe für die Unterhaltung war vorbei und ich begann zu gähnen. Der Tag war heiß, mein Lagerplatz weich, und das genoſſene ſtarke Ale begann zu wirken, kurz,— ich ſank in Schlummer. Liebliche, roſige Träume umſchwebten mich, aber ſchwanden, nur einen dunkeln Eindruck zurücklaſſend, und als ſich der Abend⸗ wind erhob, überlief mich ein kalter Schauer, und ich er⸗ wachte,— blickte ſtaunend umher, wunderte mich über den unbequemen Ruheplatz und fragte mich im Stillen, wo ich ſei und wie ich dahin gekommen. Ich rieb mir die Augen und ſchaute betäubt um mich, während allmälig die Erin⸗ nerung erwachte. Mein Herz begann heftig zu ſchlagen, und unwillkürlich ſtieß ich einen Schrei des Entſetzens aus. Ich war allein,— allein. Auf der Sandbank, die kurz vorher noch der Schauplatz ſo bewegten, fröhlichen Lebens geweſen, war jetzt kein Zeichen von menſchlichem Daſein mehr zu entdecken. Ich war verlaſſen, wie Juan Fernandez oder Robin⸗ ſon. Die Zelte, Buden und Fahnen waren verſchwunden und keine Spur des fröhlichen Kampfes mehr zu ſehen, als hier und dort eine nachläſſig auf den Sand geworfene leere Flaſche und einige Papier⸗ und Strohreſte. Männer, Wei⸗ ber und Kinder hatten die Sandbank verlaſſen, und, was noch ſchlimmer, auch alle Boote waren fort. Nur mühſam konnte ich mich von der Wirklichkeit meiner entſetzlich ge⸗ fahrvollen Lage überzeugen; mir war, als könne es nur ein böſer Traum ſein. Aber nein, dort waren die Eindrücke vieler Füße im Sande, hier noch die Löcher, wo die Zelt— pfähle geſtanden hatten, und ſelbſt die vom Ballſchlagen herrührenden Riſſe und Streifen im Boden ließen ſich deut⸗ lich erkennen. Das Spiel war vorüber und mußte ſchon längſt ſein Ende genommen haben. Vergebens ſtrengte ich meine Augen an und durchſpähte die weite Waſſerfläche, welche mich vom Ufer trennte, in der Hoffnung, daß noch irgend ein Boot ſichtbar ſein möchte; keines war zu ſehen. Alles, Alles war fort und ich allein zurückgeblieben, mit der furchtbaren Gewißheit vor mir,— umkommen zu müſſen. Warum hatte man mich nicht geweckt? dachte ich; allein im nächſten Augenblicke drängte ſich mit unwider⸗ ſtehlicher Kraft die ſchreckliche Ueberzeugung auf, daß ich von Niemand bemerkt worden war, weil ich an einer ab⸗ hängigen Stelle der Sandbank gelegen hatte. Die Boote, mit fröhlichen Paſſagieren angefüllt, die nur an die Ereig⸗ niſſe des Tages dachten, waren abgefahren, und keine Seele hatte ſich um einen Fremden, wie mich, gekümmert. Die Dämmerung war jetzt angebrochen, und die Abend⸗ ſchatten ſenkten ſich wie ein Schleier herab. Zum erſten ——öO—õ'ö— 351 Mal in meinem Leben ſah ich mit Schrecken den Abend⸗ ſtern aufgehen. Dort, am Rande des Horizonts, funkelte ſein ſcharfes, zitterndes Licht, während der Wind heulend über die See fuhr und das Ufer nur noch in dunkeln nebeligen Umriſſen zu erkennen war. Das Kräuſeln des Waſſers hatte ſich zu Wellen erhoben, zwar noch klein aber mit jedem Augenblicke wachſend, und ſein Murmeln zu einem heiſeren Brüllen, dem der jungen Löwen ähnlich. War die Fluth ſchon eingetreten? Geſpannt und aufmerk⸗ ſam beobachtete ich das Waſſer und die Strömung, um Gewißheit darüber zu erlangen. Ja, ſie war eingetreten und das Steigen derſelben, zwar noch ſchwach, hatte ent⸗ ſchieden begonnen. Was ſollte ich thun? Ich empfand namenloſe Angſt, was ich mich jetzt nicht ſchäme zu ge⸗ ſtehen, denn es war Grund genug vorhanden. Der zum Kampfe mit wilden Thieren verurtheilte Gladiator in alter Zeit war nicht ſo ſchlimm daran, wie ich. Er hatte we⸗ nigſtens eine Waffe, einen Spieß, oder eine Keule, womit er kämpfen und ſich vertheidigen konnte, und in deren Er⸗ mangelung blieben ihm jedenfalls ſeine kräftigen Arme, die vielleicht den lybiſchen Löwen zu beſiegen vermochten; aber ich hatte mit einem andern Feinde zu thun, gegen den kein Widerſtand möglich war,— mit der See! Schwimmen konnte ich nicht. Bisher hatte ich niemals den Mangel dieſer Fertigkeit bereut, allein jetzt würde ich willig alle meine, durch langjähriges Studium mühſam erworbenen Kenntniſſe für die Fähigkeit hingegeben haben, nur ein bis zwei Meilen im Meereswaſſer zu ſchwimmen. Und ſelbſt wenn ich zu ſchwimmen vermocht hätte, ſo würde, fürchte ich, der Triebſand und die heftige Strömung mir wenig Hoffnung gelaſſen haben, das Ufer zu erreichen. O, wenn doch ein Boot käme! Ich lief nach der entgegengeſetzten ſeewärts liegenden Seite der Sandbank und ſchaute in's Weite. In großer Entfernung waren einige Fiſcherkähne mit ihren braunen Segeln zu erkennen, und in noch größe⸗ rer verſchiedene Schooner und Briggs, welche mit eingezo⸗ genen Segeln den Kanal hinauffuhren. Auf der Windſeite des Horizontes lag über der grollenden See eine dichte finſtere Wolkenwand, deren graue Schichten ſich wie Alpen⸗ ſpitzen drohend erhoben, und erinnerte mich auf beängſtigende Weiſe an die Prophezeiung des Kellners. Dazu kam, daß die Luft drückend war, ungeachtet des kühlen Abendwindes der in kurzen Stößen das Waſſer wie mit gigantiſchem Flügelſchlage höher peitſchte und ſich dann ſchnell wieder legte. Auch der Unerfahrenſte hätte dieſe untrüglichen Zei⸗ chen eines kommenden Sturmes erkennen müſſen. Meine einzige Hoffnung ſetzte ich auf die Fiſcherboote. Sie waren nicht ſehr entfernt, und einige der darauf befindlichen Leute konnten mich daher vielleicht ſehen, meine Signale erkennen und mir Hülfe bringen. Ich ſchwenkte deshalb meinen Hut in der Luft, ſchrie bis ich heiſer war, befeſtigte das Taſchen⸗ tuch an meinen Spazierſtock und ließ es hoch in der Luft wehen, während ich von Neuem meine Lungen anſtrengte aber vergeblich,— Alles vergeblich! Die Fiſcher waren zu ſehr mit ihren Netzen, Leinen und Segeln beſchäftigt um mich und meine Zeichen zu gewahren, und nach kurzer Zeit waren ihre Fahrzeuge ſämmtlich in der Dunkelheit verſchwunden. Immer ſchwüler und drückender wurde die Luft, einige ſchwere Regentropfen fielen ſpritzend auf den Sand, und ein fernes, warnendes Rollen des Donners ließ ſich härhi; waranſ wiedee Stille folgte. ſch wandte die Blicke nach dem Ufer. In Fen⸗ ſtern der Stadt begannen die Lichter zu fuimnden Fen⸗ weiter Ferne, auf einſamen Klippen oder weit in die wilde 352 Feierſtunden. 1864. ———-:ͤ——————r————— —;—— — See ſich erſtreckenden Landzungen, ſowie auf dem Verdecke folgte und Blitz auf Blitz, während der Regen mein Ge⸗ von Schiffen, welche an beſonders gefährlichen Stellen an⸗ ſicht zerpeitſchte, als ich mich verzweifelnd von einer Seite kerten, entzündeten ſich warnende Leuchtfeuer. Ich ſah ihren zur andern wandte und in die Nacht hinausſtarrte. Wie rothen Schein weit über das Waſſer fallen; es waren die Fluth immer näher und näher rückte, ähnlich einem Zeichen menſchlicher Theilnahme, Fürſorge und Wachſam⸗ eindringenden Feinde! Mit dem zunehmenden Winde ſtie⸗ keit,— aber mich konnten ſie nicht retten. Die Fiſcher⸗ gen die Wellen ſchneller und kamen mit gierigen, wolfs⸗ boote waren fort, und die Fluth, anfangs langſam, ſtieg artigen Sprüngen die Sandbank herauf. Mit furchtbarer jetzt immer ſchneller. So geſchäftig meine Phantaſie war, Eile drang jetzt die See vor, und der trockene Boden vermochte ſie jetzt doch keine andere Hoffnung mehr zu fin⸗ ſchwand ſchrittweiſe in jeder Minute und wurde von dem den, als daß man mich vielleicht im Gaſthofe vermißte, Nachforſchungen anſtellte und ein Boot zurückſchickte, um mich von der Sandbank abzuholen. Hoffnungsfaden war ſehr ſchwach. Man wußte, daß ich Spaziergänge und Ausflüge liebte und in Bezug auf die Zeit nie ſehr pünktlich war. Ueberdies hatte ich kein Mittageſſen beſtellt und der Wirthin aus⸗ drücklich geſagt, daß ich bis zu meiner Heimkunft, deren Zeit unbeſtimmt ſei, damit warten wolle. Möglich, daß in dieſen Worten mein Todes⸗ urtheil enthalten war! Der Wind begann lau⸗ ter und lauter zu heu⸗ len, während die Lichter des Ufers ruhig, einla⸗ dend und dennoch uner⸗ reichbar zu mir herüber ſchimmerten. O, wie gern hätte ich meine Stellung im Leben mit der des ärmſten Hüt⸗ tenbewohners vertauſcht, deſſen Fenſter einen jener freundlichſten Strahlen ausſandte! Kam endlich Hülfe? Was war es? Eine Seemöve, die mich um⸗ flatterte, hatte plötzlich ihren Klageton erſchal⸗ len laſſen,— das war Alles. Ich beobachtete den Vogel und beneidete ihn wegen ſeiner kräfti⸗ gen weißen Flügel, die das Thier ſo ſchnell durch die Luft zum Ufer trugen. dete mich dergeſtalt, daß ich unwillkürlich die Hand vor Allein auch dieſer z Von Neuem fielen ſchwere Regentropfen und das Rollen des Donners ließ ſich deut⸗ licher hören. Ein flammender Blitz erleuchtete Land und See, die Sandbank und die ſchäumenden Wogen, und blen⸗ wogenden Waſſer bedeckt, deſſen Wellen höher und höher ſtiegen und gleich gierigen Raubthieren brüllten, während der Wind unter der zunehmenden Gewalt des Sturmes immer gräßlicher zu heulen begann. Ja, es war recht ſchön, im weichen Sande zu liegen, von der warmen Sonne beſchienen, und von Nep⸗ tun und Amphitrite mit ihren Tritonen und Ne⸗ reiden, von Seemuſcheln und Seejungfern und mit Delphinen beſpann⸗ ten Wagen zu träumen, als ich darauf rech⸗ nen durfte, den Abend im behaglichen Zimmer bei einem guten Eſſen und einer belebenden Flaſche Wein zu be⸗ ſchließen; allein jetzt waren mir alle Bilder des Meeres verhaßt. Näher und näher drang die See und trieb mich immer weiter und wei⸗ ter zurück. Nur eine kleine Stelle trockenen Bodens war noch übrig, und ſelbſt dieſe mußte bald verſchlungen wer⸗ den. Ich dachte an das ſonderbare franzöſiſche Märchen von einem Manne, dem Beſitzer eines magiſchen Leder⸗ ſtreifens, der mit jedem erfüllten Wunſche ein⸗ ſchrumpfte, während ſein Leben in demſelben Maße bis zur letzten Spanne ſchwand. So ſah auch ich jetzt mein Leben ſchwinden, Fuß um Fuß, Zoll um Zoll, aber ohne die Macht, durch meinen Willen das Fortſchreiten hemmen zu Von Neuem ein gräßlicher Schrei! Es war wieder nur, wie vorher, eine weiße Seemöve, welche mich umflog meine Augen halten mußte, und dann erſchütterte ein furcht⸗ und ihren Klageton ausſtieß, allein er erſchreckte mich. bares Krachen den ganzen Horizont. Blitz folgte nun auf Näher und näher kroch das kochende Waſſer, gierig nach Blitz und Donner auf Donner, als wollte der Himmel in meinem Leben greifend, hungrig nach ſeiner Beute; und Stücke zerfallen, und noch finſterer wurde die Nacht unter während deſſen rollte der Donner und der Blitz fuhr dem gelben Scheine des leuchtenden Wetters. Ich hatte zuckend über die ſchäumenden Wogen. Plötzlich empfand manchen Seeſturm erlebt und bewundert und ſelbſt Gefallen ich eine unangenehme Kälte an meinen Füßen und blickte an dieſem Kampfe der Naturkräfte gefunden; allein dann zu Boden; ich ſtand bereits im Waſſer, das aus dem ver⸗ war ich auf einem ſicheren Ufer oder einem ſtarken Schiffe, rätheriſchen Sande hervordrang. Von der großen Good⸗ nicht auf der Goodwins⸗Bank, geweſen. Donner auf Donner wins⸗Bank war jetzt wenig mehr zu ſehen. Verzweifelnd blickte ich des Ufers rühren, un ſo inbrünſ ſchärfer un Llern auf. Ein Hülf? O man mich Weib, kein mand dach In keiner treten,— Feierſtunden. 1864. 353 — —-—;——————;———;——————— ein Ge⸗ blickte ich nach den Lichtern der Stadt und den Leuchtfeuern Ich ſah ſein Feuer und hörte den jetzt noch ſchärferen r Seit des Ufers; ich ſah die Wellen faſt ſchon meine Füße be⸗ Schall, und erkannte, daß es ein Nothſchuß war. Ein . Wie rühren, und kniete nieder auf den feuchten Sand und betete Riß in den Wolken ließ etwas graues Licht durchdringen, einem ſo inbrünſtig, wie ich nie zuvor gethan. Ein lauter Schall, und ich gewahrte ein großes, zweimaſtiges Schiff, welches de ſti⸗ ſchärfer und durchdringender als die tiefen Töne der Ar⸗ der Sturm vor ſich her trieb. Ob es ein Schooner oder wolfs⸗ tillerie des Himmels, ließ mich emporſpringen. Ich blickte eine Brigg war, vermochte ich nicht zu erkennen, denn nur itbarer auf. Ein neuer Schuß,— ein Signal! Verſprach es die unteren Theile der Maſte ſtanden noch und das Fahr⸗ Boden Hülfe? Leider nicht. Mit Bitterkeit empfand ich, daß zeug ſchwankte furchtbar, da ſeine eine Seite von der Maſſe on dem man mich nicht vermißt hatte. Ich war ein Fremder; kein zerbrochener Sparren und zerriſſenen Takelwerks überladen höher Weib, keine Mutter, kein Freund fragte nach mir, und Nie⸗ war. Die Kanone wurde zum dritten Mal abgefeuert, und ährend mand dachte daran, mich in der Waſſerwüſte zu ſuchen. in demſelben Augenblicke ließ ſich ein Angſtſchrei menſch⸗ turmes In keiner Familie ließ meine Abweſenheit eine Leere ein⸗ licher Stimmen hören, den im nächſten Momente der Sturm kenüüt treten,— mir blieb keine Hoffnung. Ein zweiter Schuß! mit ſich fortführte. Das Schiff ging augenſcheinlich ſeinem Sorx on Nep⸗ rite mit und Ne⸗ nuſcheln en und eſpann⸗ äumen, rech⸗ u Abend dimmer Eſſen benden zu be⸗ jetzt Bider verhaßt. r drang ä mich nd wei⸗ 8 — eine K kockenen N hübrig, mußte n wer⸗ an das zöſiſche einem Beſitzet Leder⸗ t idenn he ii eend ein MMaße Spanne auen(Zu Seite 354.) K 8 N 11 Untergange entgegen, denn in gerader Richtung trieb es den Stern des Schiffes bedeckten, der größere Theil des men z mit der Spitze auf die Sandbank zu. Ein furchtbares Verdeckes doch frei war. Unter den Seiten des Fahrzeugs, dder Krachen folgte, als es darauf ſtieß; der Bug wühlte ſich gegen den Wind geſchützt, kauerten, nur undeutlich erkenn⸗ mide tief in den Sand, und einem Katarakte ähnlich flutheten bar, zwei oder drei Figuren. Ich näherte mich und ſah, mmfi die Wogen darüber hin. daß die Gruppe aus einem alten Herrn, deſſen weißes, un⸗ e nig Dennoch erweckte dieſer Anblick eine neue Hoffnung bedecktes Haar im Winde wehte, einer jungen Dame, ſei⸗ ig na d in mir, denn er verſprach mir Schutz. Wenn ich das ner Tochter, wie es ſchien, und einem Neger in Matroſen⸗ ; und Wrack zu erreichen vermochte, ſo konnte ich mindeſtens eine kleidung beſtand. Der Letztere lag bewußtlos auf dem Zeit lang darin eine ſichere Zuflucht finden, vielleicht ſo⸗ Verdecke, und ſein dunkles Geſicht, ſowie das wollige Haar, 8 gar gerettet werden. Knietief durch das Waſſer watend, war mit Blut bedeckt. 3 blicte gelangte ich endlich zum Fahrzeug, erſtieg mit großer An⸗„Papa, da iſt Hülfe!“ rief das junge Mädchen, als em ber⸗ ſtrengung das Bugſpriet und kroch auf das Verdeck. Vom es aufblickend einen Fremden ſah.„Wir ſind gerettet!“ n Goo⸗ Vordertheile aus konnte ich ſehen, daß, obgleich die Wellen„Leider nicht,“ erwiederte ich traurig.„Ich bin nur veifelnd Feierſtunden. 1864. 45 354 —ͤͦ—-oC————————————— ein Unglücklicher, wie Sie, kein Retter. Durch Zufall bin ich auf dieſer Sandbank zurückgeblieben und habe jetzt das geſcheiterte Schiff erklettert, ſo wie ein Extrinkender nach einem Strohhalme greift. Wenn die Nothſchüſſe am Ufer gehört worden ſind—“ „O mein Herr,“ rief das junge Mädchen,„man hat auch uns hier auf grauſame Weiſe zurückgelaſſen, unſerer flehenden Bitten und Gegenvorſtellungen ungeachtet.“ „Wer?“ fragte ich. Das junge Mädchen deutete auf ein nur noch undeut⸗ lich erkennbares und mit Menſchen angefülltes Boot, das auf einer hohen Welle ſchwebte. 1 „Es iſt nur zu wahr,“ bemerkte der alte Mann mit ſchwacher Stimme;„die Elenden haben uns in ihrem ſinn⸗ loſen, ſelbſtſüchtigen Schrecken verlaſſen. Ich warnte ſie, daß kein Boot den Wellen Widerſtand leiſten könne, und daß unſere einzige Hoffnung darin beſtehe, auf dem Fahr⸗ zeuge zu bleiben und Nothzeichen an das Ufer zu ſenden; allein ſie wollten nicht auf mich hören, weil ich nur ein Paſſagier war. Der Kapitän ſtarb vor acht Tagen, und der Steuermann war feige genug, der Erſte zu ſein, der uns im Stiche ließ.“ „Sie eilen ihrer Strafe entgegen,“ erwiederte ich, auf das Meer blickend;„denn unmöglich iſt es, daß ein gewöhn⸗ liches Boot in dieſer wüthenden See das Ufer erreiche. Waren Sie die einzigen Paſſagiere?“ Die junge Dame antwortete bejahend und fügte hin⸗ zu, daß das Schiff ein ſpaniſches und, von einem ſüdame⸗ rikaniſchen Hafen kommend, nach London beſtimmt gewe⸗ ſen ſei. „Wir waren die einzigen Engländer an Bord,“ ſagte ſie,„und nach den Begriffen der ſpaniſchen Mannſchaft Ketzer, weshalb die Leute um ſo weniger Anſtand nahmen, uns zu verlaſſen. Niemand iſt von ihnen zurückgeblieben, als jener arme Menſch, der ſchwarze Koch, der durch einen Fall vom Hauptmaſte beſinnungslos geworden iſt und dort liegt. Ich fürchte, er hat ſich ſchwer verletzt; allein wenn die Vorſehung ſich nicht unſerer annimmt, ſo wird Nie⸗ mand von uns den nächſten Morgen erleben. Mein Vater iſt krank, und ſelbſt wenn wir Hülfe bekommen ſollten, wird ihn die Näſſe und Kälte der Nachtluft wahrſcheinlich dem Tode nahe bringen.“ Erſt jetzt bemerkte ich, daß, während der alte Mann ſorgfältig in einen dicken Mantel und viele Shawls ge⸗ wickelt war, die Tochter kein anderes Schutzmittel als ein einfaches weißes Tuch trug, welches ſie ſich wahrſcheinlich in der Eile umgeworfen hatte, als ſie aus dem Schlafe erweckt worden, und das jetzt vom Spritzen der Wellen völlig durchnäßt war. Aber keine Klage kam über ihre Lippen, und eine für uns endloſe Stunde lang war ſie es allein, deren Muth vor den entſetzlich drohenden Gefahren keinen Augenblick wich. Unſere einzige Hoffnung beſtand darin, daß das Wrack ſo lange zuſammenhielt, bis ein Rettungsboot uns erreichen konnte. Die Nothſchüſſe muß⸗ ten am Ufer gehört worden ſein, und der Muth der Schif⸗ fer von Kent war ſprüchwörtlich geworden. Inzwiſchen ſchlugen die Wellen mit einer ſolchen Wuth an das Schiff, als wären ſie begierig, ihr grauſames Werk zu vollenden, ehe Hülfe zu uns gelangen konnte. Die Bohlen ſtöhnten, die Balken knarrten entſetzlich und die ſchäumenden Wellen hoben ſich immer höher, gleich Kriegern, welche die Mauern einer belagerten Feſtung erklimmen wollen. Während die Fluth ſtieg, verſank das Fahrzeug tiefer und tiefer in den Sand, und die Wogen ſtrömten über die Schiffsſeiten auf das Verdeck und ſchleuderten jeden Augenblick neue Waſſer⸗ güſſe auf uns. Der alte Mann lag, von Näſſe und Kälte erſtarrt, an der hölzernen Wand und ließ keinen Laut hören, ausgenommen, daß er von Zeit zu Zeit„Edith! Edith!“ — den Namen ſeiner Tochter— rief, ſo wie ein krankes Kind die Wärterin zu rufen pflegt. Das junge Mädchen, an ſich nicht denkend, kniete neben dem Vater, und war unabläſſig bemüht, ſeine kalten Hände durch Reiben zu er⸗ wärmen und ihm Muth einzuſprechen. Plötzlich aber wandte ſie ſich nach mir um und ſagte: „Es iſt mir eingefallen, daß, wenn ſich Hülfe nahen ſollte, unſere Freunde in dieſer dunkeln Nacht das Fahr⸗ zeug nicht würden finden können. Wir müßten an einen der zerſplitterten Maſte ein Licht oder eine Laterne be⸗ feſtigen.“ Die Richtigkeit dieſer Bemerkung war einleuchtend. Mit großer Mühe öffnete ich deßhalb die Treppenthür und ſtieg in die Kajüte hinab, wo ich, zu meiner unbeſchreib⸗ lichen Freude, nach langem Suchen ſo glücklich war, eine Laterne und eine Schachtel Streichhölzer zu finden. Ich zündete das Licht in der Laterne an, verſchloß ſie ſorgfäl— tig, und ſtieg wieder auf das Verdeck. Das auf dieſe Weiſe erlangte Licht an die Spitze eines der zerſplitterten Maſte zu befeſtigen, war noch ſchwieriger, da das Schiff bei jedem Wellenſchlage ſchwankte und die ſchiefe Lage des Verdeckes ein feſtes Stehen unmöglich machte. Auch hätte ich es allein nicht zu Stande gebracht; allein mit der Hülfe des braven Mädchens gelang es mir endlich, unſer trauri⸗ ges kleines Nothlicht aufzuhängen. Sein Schein fiel auf das bleiche, ſchöne Geſicht eines reizenden jungen Mädchens von ungefähr neunzehn Jahren, deſſen aufgelöstes röthlich⸗ braunes Haar im Winde flatterte. Es war der erſte Blick, den ich auf ihre Züge warf, obgleich ich aus dem reinen Wohlklang ihrer Stimme ſchon längſt den ſicheren Schluß gezogen hatte, daß ſie ſchön ſei. Wir kehrten auf unſern Poſten an der Seite des Schiffes zurück. Eine Minute verſtrich nach der andern, und jede ſchien uns entſetzlich lang, denn die Spannung unſerer Nerven hatte den höchſten Grad erreicht und der Tod umgab uns auf allen Seiten. Die ſchreckliche Ge⸗ wißheit drängte ſich mir auf, daß das Schiff mit jedem Augenblicke tiefer in den Sand verſinke, und gleichzeitig ſtieg die Fluth immer höher. Die zornigen, ſchäumenden Wellen hoben ſich jetzt über den Schiffsrand und riſſen uns faſt mit ſich fort. Ich that Alles, was ich konnte, um Edith zu ſchützen, die, ohne Furcht zu verrathen, ihre ganze Aufmerkſamkeit nur dem ſchwachen Vater widmete. Plötzlich aber ſtieß ſie einen lauten Schrei aus, der ſelbſt das Ohr des faſt bewußtloſen alten Mannes berührte. „Gerettet! gerettet!“ rief ſie.„Ich habe ſie geſehen,— dicht bei uns!“ Ich blickte auf die Stelle, wohin ſie deu⸗ tete. Ja, da war ein Boot, ein Rettungsboot, und noch ein zweites, größeres, mit Luggerſegeln und braven See⸗ leuten bemannt. Worte vermögen die Angſt nicht zu ſchil⸗ dern, welche wir empfanden, während Jene mit den Wellen kämpften und uns näher zu kommen ſuchten. Sie hatten die Ruder eingelegt, die von kräftigen, willigen Händen geführt wurden, und arbeiteten gegen die wüthende See mit unerſchütterlichem Muthe, obgleich ſie jeden Augenblick zu⸗ rückgeſchleudert, im Kreiſe gedreht und mit Waſſerſäulen überſchüttet wurden, ſo daß Mehrere fortwährend ausſchö⸗ pfen mußten, während die Anderen ruderten. Wir krochen ſo dicht an den Gang heran, als es möglich war und wir es wagten. Ich hielt inzwiſchen ein Seil in Bereitſchaft, — — allein mit ven Menſ verſuch a gungen n dem Kam. in einem im nüchſte triefend, u lenden Wo immer wi „Nu alte Ster Laterne ſiel.„ nicht un Rudert, Di kräftigen und ſicher ſegenheit! So! dete ich Purfe un Bo nicht dal dieſes W lichen R nicht die mit wel gößte S hwe Au bi dieſe Strictore und üt ſo behe zehnmau N stricto thon 1 ihrer( — Vaſſer⸗ ad Kälte t hören, Oith!“ krankes Nädchen, nd war 1 zu er⸗ wandte euchtend. hür und deſchreib⸗ zar, eine ſorgfäl⸗ tf dieſe litterten Schiff age des h hätte r Hülfe trauri⸗ fiel auf Nädchens röthlich⸗ ſte Blic, n reinen Schluß zäͤte des andern, pannung und der ſche Ge⸗ it jedem eichzeitig umenden d riſſen jkonnte, hen, ihre widmete. del ſelbſt rührte. Feierſtunden. 1864. ——'———-—--— um es ihnen zuzuwerfen, ſobald ſie uns nahe genug waren; allein mit jedem Augenblicke ſchien es, als müßten die bra⸗ ven Menſchen umkommen oder ihren edelmüthigen Rettungs⸗ verſuch aufgeben. Dennoch fuhren ſie mit ihren Anſtren⸗ gungen muthig fort, während das Boot bald hoch oben auf dem Kamme einer rieſigen Welle ſchwebte, bald tief unten in einem Abgrunde unſern Augen faſt entzogen war, und im nächſten Momente die braven Kämpfer, von Waſſer triefend, wieder auftauchten, um von Neuem durch die brül⸗ lenden Wellen zurückgeſchleudert zu werden, gegen die ſie immer wieder und wieder vorzudringen ſuchten. „Nur guten Muth, ihr Leute!“ rief uns der rauhe alte Steuermann des nächſten Bootes zu, als das Licht der! Laterne auf ſein gebräuntes Geſicht und ſein weißes Haar fiel.„Nicht verzweifelt, meine ſchöne Dame! Wir wollen nicht umkehren, ohne Sie alle aufgenommen zu haben! Rudert, Jungens, alle zugleich,— rudert, ſage ich!“ Die Ruder blitzten, fielen in's Waſſer, und von zwölf kräftigen Armen bewegt ſchoß das Boot vorwärts. „Jetzt das Seil!“ kommandirte er weiter;—„ruhig und ſicher, Herr! Wir haben vielleicht keine zweite Ge⸗ legenheit!“ So ruhig und kräftig, als es mir möglich war, ſchleu⸗ derte ich es ihnen zu; denn ich fühlte, daß von dieſem Wurfe unſer Aller Leben abhing. ——OOOQOLCů—¶—— ————C——P—P—ꝛꝛ-r----—-——ͤ---—y— Hurrah! Das Seil war gefangen worden, und im nächſten Augenblicke lag das Boot an der Seite unſeres Schiffes. Mr. Hethington,— das war der Name des alten Herrn,— mußte über den Schiffsrand gehoben wer⸗ den, und auf gleiche Weiſe der arme ſchwarze Matroſe, welcher ſeinen Verletzungen bald darauf erlag. Edith und ich folgten. Noch eine Minute, und wir flogen über die wilde See, verhältnißmäßig ſicher in einem feſten kleinen Fahrzeuge, das des wüthenden Wetters ſpottete, und deſſen brave Mannſchaft jede Sandbank und jede Strömung jener gefährlichen Küſte genau kannte, und in kaum zwei Stunden erreichten wir wohlbehalten das Ufer. Ich habe wenig mehr zu ſagen. Mr. Hethington, ein reicher Mann, belohnte nach ſeiner Wiederherſtellung von ſchwerer Krankheit die edelmüthigen Retter mit großer Freigebigkeit; und das vertrauliche Verhältniß, welches zwi⸗ ſchen mir und ſeiner Tochter in jener furchtbaren Gefahr entſtanden war, hörte mit der letzteren nicht auf. Sobald Vater und Tochter nach London ramen, beſuchte ich ſie in ihrer Wohnung, und bin nunmehr ſeit zwei Jahren der glückliche Gatte der ſchönen Edith. Aber nie werden wir Beide jene ſchrecklichen, auf der Goodwins-Bank verlebten Stunden vergeſſen. L. Du Bois. Eine Schlangenmahlzeit. Boa constrictor: ein ſchrecklicher Name! Wer denkt nicht dabei an ſeine Kindheit, wo er ſchon beim Nennen dieſes Wortes zuſammenfuhr und ſich ſchier von den gräß⸗ lichen Ringen des Ungethüms umſtrickt fühlte? Wer kennt nicht die grauſige, ſich immer gleichbleibende Schilderung, mit welcher uns in Menagerien unter dieſem Namen die größte Schlange vorgezeigt wird? Und doch iſt es faſt ohne Ausnahme eine ganz andere Schlangenart, welche wir bei dieſer Gelegenheit ſehen, aber der Name»Boa con- strictor« iſt einmal der überlieferte von vielen Jahren her und übt auf das Publikum die größte Wirkung aus, und ſo behalten ihn die Menageriebeſitzer bei, wenn ſie auch zehnmal eines Beſſern belehrt werden. Nicht die ſüdamerikaniſche Rieſenſchlange(Boa con- strictor), ſondern die weſtafrikaniſche Pythonſchlange(Py- thon natalensis) iſt es, welche gewöhnlich als die größte ihrer Gattung uns in Menagerien vorgezeigt wird, und manchmal allerdings in Exemplaren von ganz achtungs⸗ werther Größe. Obgleich, wenn man die verſchiedenen Arten dieſer Schlangen lebendig geſehen hat, das Wieder⸗ erkennen für den aufmerkſamen Beobachter nicht ſchwer iſt, ſo iſt doch eine unterſcheidende Beſchreibung um ſo ſchwie⸗ riger, und dies um ſo mehr, da die Farbenzeichnung, durch welche ſie ſich vor Allen ſofort unterſcheiden, in der gan⸗ zen Länge des Thieres ſich keineswegs gleich bleibt. Doch iſt gerade dieſe größte Art, welche immer den falſchen Na⸗ men tragen muß, nicht leicht mit andern zu verwechſeln, da ſie nämlich eine bei weitem dunklere Färbung hat, als die andern ihr nahekommenden Arten. Im Gegenſatz zur Vergangenheit, in welcher die Na— turgeſchichte mehr Fabeln als Wahrheit enthielt, iſt in un⸗ ſerer Zeit bei manchen Naturforſchern eine große Neigung eingetreten, alle auffallenden, unwahrſcheinlichen Erſcheinun⸗ gen in der Natur, wenn ſie nicht von Ihresgleichen beglau⸗ bigt ſind, ſofort als Fabeln über Bord zu werfen. Aber ſo wie die vielen neuerdings von Laien entdeckten neuen Sterne die gleiche Exiſtenzberechtigung haben, wie die, welche durch Aſtronomen vom Fach entdeckt wurden, ſo geht es auch mit den Beobachtungen in der Thierwelt. Es iſt ganz ungerechtfertigt, den großen Schlangenarten die Fähigkeit, große Säugethiere verſchlingen zu können, abzuſprechen, weil man ſie in Menagerien nur mit kleineren Thieren, mit Kaninchen Hühnern und Tauben füttern ſieht. Daß ſelbſt ſolche in langjähriger Gefangenſchaft lebende Schlan⸗ gen ſchon im Stande ſind, größere Thiere zu verſchlingen, mag die Schilderung folgender Scene beweiſen, von welcher ich ſelbſt Augenzeuge war. Als die im Jahre 1836 noch blühende große Akenſche Menagerie, in welcher natürlich auch die großen Schlangen nicht fehlten, zu jener Zeit in Leipzig ſich aufhielt, wurde für den einen Sonntag die Fütterung der großen»Boa constrictor«, welche eben auch eine große Pythonſchlange war, angekündigt. Als täglicher Beſucher fehlte ich natür⸗ lich auch hier nicht. Die Sache wurde ſo eingerichtet, daß man, während das Publikum noch durch die Erklärung der Thiere von einem Käfig zum andern geführt wurde, der Schlange ihren Fraß bereits übergab, da ſie ſich ſonſt durch die vielen Zuſchauer wohl hätte abhalten laſſen, ihn zu packen. Es war ein junges, natürlich lebendes Böckchen mit ſchon zwei Zoll langen Hörnern, deſſen Meckern man ſchon vorher hörte, und welches nun der in ihrer geöffneten Kiſte liegenden Schlange vorgehalten wurde. Die Schlange ſtreckte langſam ihren Kopf nach ihrem Opfer, ſchien mit ihrer pfeilſchnell hervorgeſtreckten geſpaltenen Zunge daſſelbe zu unterſuchen, und den Hals vorher wieder zurückziehend, 45* — 356 Feierſtunden. 1864. —————————;—-—-—y———r———õr——y———; fuhr ſie dann wie der Blitz auf ihr Opfer und packte es als ſie auch ſofort mit einer raſchen Bewegung ihres lan⸗ am Halſe. gen Leibes das todte Thier umſchlang, um es ſich bequem Es mag ſein, daß bei den in der Freiheit lebenden zurechtzulegen, und nun begann die mühſame Arbeit des Schlangen dies der erſte Biß iſt, um das zur Beute ge⸗ Verſchlingens. Langſam und faſt unmerklich, aber immer wordene Thier am Beißen oder Stoßen zu verhindern. Da ſtärker dehnte ſich die Haut des Unterkiefers aus, wobei dies aber hier unnöthig war und die Schlange von ſelbſt die Schlange, den Rachen in einzelnen Zwiſchenräumen vielleicht nicht die erſte günſtige Stelle zum Verſchlingen etwas öffnend, denſelben jedesmal dabei vorwärts ſchob. gefunden hätte, ſo riſſen die Wärter das Ungethüm wieder Die erſte große Schwierigkeit trat an den Hörnern des los und hielten ihm nun den Kopf des Thieres mit der Böckchens ein, hier brauchte es längere Zeit, bis ſich die Naſe zunächſt vor. Die gierig gewordene Schlange packte Unterkieferhaut ſo weit ausgedehnt hatte, um den Rachen auch ſofort wieder zu, und zwar gerade am Maule des weit genug zu öffnen. Die Schuppen, im gewöhnlichen Böckchens, deſſen Schreien jetzt verſtummte. In einigen Zuſtande mit den Rändern ſich deckend, ſtanden an der Sekunden war es regungslos und todt. Jetzt wurde die Haut des Unterkiefers und den nächſten Stellen des Halſes ſchwere Schlange ganz aus ihrer Kiſte genommen und auf jetzt weit getrennt von einander. Endlich aber glitt der ein großes, mit wollenen Decken bedecktes Brett gelegt, wo⸗ Rachen über die hindernden Hörner hinweg, die dann fortan bei ſie aber immer ihr Opfer feſtgepackt hielt. Kaum war durch die Haut der Schlange immer bemerklich blieben. ſie mit ihrer Beute auf dem Brett ſich ſelbſt überlaſſen, Als die dickſte Stelle des Kopfes überwunden und der Rachen einmal ausgedehnt war, glitt derſelbe jetzt ziemlich ſchnell widriger Anblick. Als das ganze Thier verſchlungen war den Hals des Thieres hinauf, aber der Hauptaufenthalt und langſam im Innern des Schlangenleibes ſich fortſchob, geſchah jetzt an den Schultern. Hier dauerte es eine ge⸗ gab man der Schlange noch einige Hühner zum Nachtiſch; raume Zeit, wohl eine Viertelſtunde, ehe die Unterkiefer⸗ und Kehlhaut ſich um noch ſo weit ausgedehnt hatte, als es nöthig war. Das Mißverhältniß zwiſchen dem ſich in der Größe gleichgebliebenen Obertheil des Kopfes und dem ſo unnatürlich ausgedehnten Untertheil war jetzt ſo groß, daß beide Theile gar nicht mehr als zuſammengehörig er⸗ ſchienen. Nach unendlicher Mühe glitt endlich der unnatür⸗ lich ausgedehnte Rachen über die Schultern, deren Knochen dieſelben wurden, da der Rachen bereits ſo ungeheuer aus⸗ gedehnt war, ſehr raſch verſchlungen, und zwar ſo raſch, daß ſie noch lebten, als ſie ſich bereits im Innern der ge⸗ fräßigen Beſtie befanden. Der Erſtickungstod konnte, da der weit ausgedehnte Raum ihm noch Luft zuführte, nicht gleich eintreten, und ſo ſah man noch einige Zeit die pickende Bewegung des Schnabels durch die Haut. Begreiflicherweiſe bot die Schlange, welche nun dick man jetzt zuſammenbrechen hörte, hinweg, die Umſchlingung angeſchwollen dalag und ſich kaum noch rührte, einen höchſt llöste ſich, und die Vorderbeine eng an den Leib gedrückt unſchönen Anblick, und das Ganze war überhaupt zwar ſah man nach und nach das Thier im Innern der Schlange ein lehrreiches, aber keineswegs äſthetiſches Schauſpiel ge⸗ verſchwinden, welche bereits, ſo weit ihre Beute verſchlun⸗ weſen.— gen, um den Umfang derſelben unförmlich angeſchwollen Die Rieſenſchlangen der in den Stuben mancher Schrift⸗ war. Zuletzt ragten nur noch die Hinterbeine, und dieſe ſteller erfundenen Reiſeabenteuer überziehen bekanntlich im⸗ auch immer weniger aus dem gierigen Rachen des Unthiers mer noch ihre Beute mit einem ſchlüpfrigen Geifer, indem hervor, und es war dies in der That ein eigenthümlich ſie dieſelbe über und über mit der Zunge belecken, und es ——— ——. 8 ————— 357 Feierſtunden. 1864. e es ürd. 1——— reien Thieres berechtigend, war es übri 5 4 ider Verhalten des freien Thiere der Beute kei⸗ : ldert worden. Leider das dem Umſchlingen der 3 lan⸗ iſt dies ſchon recht enſchaulich dichilhe Fabel, und auch gens noch, daß mnn vngde ſelbſt nicht der Rippen wahr— bequem iſt dies nun allerdings ein k icht im Geringſten nerlei Zerbrechen on bemerkt, eben blos bei dem iit des bei der hier geſchilderten Scene kam n nahm, dehf dines nh Nüte ben der hier wirkenden Mus⸗ — ,. r immer etwas Derartiges vor. ch noch nicht zu Schlüſſen auf Verſchlingen ſe wobei Intereſſant, wenn au ö e AnnnmannerRärnhe M S 1” 1G Wfa lichen fGwann n der Dalſes itt der fortan lieben. Rachen Briançon.(Siehe nächſte Seite.) ürf eure Ausdeh⸗ i reihei kannt dürfte es ſein, daß die ſo ungeh 3 i r in der Freiheit das! Be üglich iſt durch den loſen Zu im 3 diede z0e ur Wäremehun ndg unn nun dhand d ssemnann Whei insbeſondere die beden gi⸗ ingen der 3 ⸗ ſammen G„ ind 6 8 A Bethalen und Zurechtlegen dient, muß man allerdings da me des Unterkiefers vorn micht zufammenhängen 1 1: inden hingeſtellt ſein laſſen. — — N 358 Feierſtunden. 1864. ſich daher weit von einander trennen können.— Einige„Thierbändiger“ ſie ſich um den Leib wickelte und„Lao⸗ Tage nach der beſchriebenen Fütterung wurde übrigens die koonſtellungen“ annahm, benutzt. Schlange bereits wieder zu den Vorſtellungen, wobei der L. Bilder aus dem Dauphiné. (Siehe die Abbildung auf Seite 357.) Gap, das alte Wappicum der Römer, iſt eine ſchlecht ken, zwei auf dem rechten Ufer liegen, iſt das Fort de gebaute Stadt mit ſüdlichem Gepräge, am Einfluſſe der l'Infernet, in 7374 Fuß Höhe, auf einem ſteilen Fel⸗ Bonne in die Luie, in einem weiten fruchtbaren Thale, das ſen gelegen, die höchſte Veſte Europa's und, nächſt dem von weißen Kalkfelſen umgeben iſt. Sie bietet zahlreiche Hoſpiz des großen St. Bernhard, der höchſte immerwäh⸗ römiſche Alterthümer, hat eine ſehenswerthe Kathedrale und rend bewohnte Ort dieſes Erdtheils.— Mont Dauphin, gegen 10,000 Einwohner, welche Weberei, Gerberei, Hut⸗ auf einem ſteilen Berge, an der Einmündung der Guill in fabrikation und Handel treiben. In ihrer Nähe, mitten die Durancce, iſt eine kleine Stadt und Feſtung, welche die in dem kleinen See Pelhotiers, befindet ſich eine kleine Thäler von Embrun, Briançon, Vars und Queyraz be⸗ ſchwimmende Inſel, die ſogenannte Zitternde Wieſe.— herrſcht und deren Eingänge ſichert. Sie zählt außer der Wichtiger, wenn auch weniger bevölkert, iſt die ſtark befe⸗ Beſatzung nur 500 Einwohner und hat am Fuße des Ber⸗ ſtigte Bezirkshauptſtadt Briangon(ſiehe Bild), die un⸗ ges einige Mineralquellen.— weit der Quellen der Durance, in einer wilden Gebirgs⸗ Die Zahl der Bewohner des Dauphiné wird auf et⸗ gegend und in bedeutender Höhe gelegen, an ſich und durch was mehr als eine Million angenommen, von denen im ſieben umliegende Forts, welche die Thäler beherrſchen, ſo Departement der Iſère 3768, in Drôme 2817, und in ſtark befeſtigt iſt, daß ſie für uneinnehmbar und als einer den Ober⸗Alpen nur 1287 Seelen auf eine Quadratmeile der bedeutendſten Waffenplätze Frankreichs gilt. Die reißende kommen. Faſt die Hälfte derſelben bekennt ſich zum Glau— Durance durchſtrömt an ihrer Seite eine 170 Fuß tiefe ben der reformirten Kirche, die ſich hier, trotz mehr als Schlucht, über welche eine Brücke von Einem Bogen mit hundertjähriger Kämpfe, ebenſo zu erhalten wußte, wie die 120 Fuß Spannung zur Stadt führt. Von den ſieben, kleinen Waldenſer⸗Gemeinden in den Seitenthälern der Du⸗ Briancon ſchützenden Forts, von denen fünf auf dem lin⸗ rance.— Die Engels⸗Eiche. Die kleine Stadt Hadley in Hampfhire— Maſſachu⸗ niedriger Blockhäuſer und einer Doppelreihe großer Bäume, ſetts— iſt eine der älteſten und anſehnlichſten Städte Neu⸗ welche zum Schutz gegen die brennende Sommerhitze von Englands. Sie beſitzt Mühlen, Waarenlager, Schulen, der Axt verſchont geblieben waren. In der Mitte der Kirchen, eine Hochſchule von beträchtlichem Anſehen, und Straße befand ſich ein grüner Platz mit einem Ziehbrunnen eine Brücke von 1080 Fuß Länge, die über den Fluß und eine Hütte, welche die Gerichtsſtube genannt wurde. Connecticut führt. Kornfelder, Obſtgärten und Wieſen, Oben an der Straße aber ſtand ein Haus, das ſich von welche die Stadt anmuthig umgeben, ſtrotzen vor Fülle ſeinen Nachbarn nicht nur durch ſeine Größe unterſchied, und erzählen von einer zweihundertjährigen, ſorgfältigen ſondern auch durch ſeine Umzäunung, in welcher Grab⸗ Kultivirung. Die Bewohner Hadley's ſind ſolide, nüch⸗ hügel und rohgearbeitete Leichenſteine dem Beſchauer erzähl⸗ terne, thätige Menſchen, in deren Mitte Friede und Wohl⸗ ten, daß der Menſch von allen Mühen und Sorgen, von ſtand herrſcht, und grade in ihrem jetzigen Behagen lieben allen Wanderſchaften und Anſiedelungen eingeht zu endlicher ſie es, von dem unten erzählten wunderbaren Ereigniſſe zu Ruhe und ewigem Frieden. Das Blockhaus war der Pu⸗ erzählen, das ihre Vorväter etwa fünfzig Jahre nach deren ritaner Verſammlungshaus, und die Einhägung der Kirch⸗ Anſiedlung vor gänzlicher Vernichtung rettete. hof der Anſiedler. Das glänzende Scheiden des amerikaniſchen Herbſtes, Kaum war ein halbes Jahrhundert vergangen, ſeit das man auch als indiſchen Sommer bezeichnet, färbte und der Anſiedler Ahnen in Maſſachuſetts⸗Bai Anker geworfen vergoldete die dichten Urwälder, welche die Ufer des Con⸗ und ihre Häuſer an den waldigen Ufern der Flüſſe errichtet necticut⸗Fluſſes im Jahre 1675 bekleideten.é Weſtwärts hatten. Unausgeſetzte Verfolgungen im Vaterlande, der erſtreckte ſich unzählige Meilen weit die ehemalige Wildniß, Bürgerkrieg und die Reſtauration der Stuarts gaben Ver⸗ die von Bären, Biſons und umherziehenden indianiſchen anlaſſung zu zahlreicher Auswanderung und demnächſt zu Stämmen, welche kaum weniger wild waren als die erſt- vielfachen Koloniſationen. So hatte auch eine Auswanderer⸗ genannten Thiere, bewohnt wurden. Wo aber die Kette geſellſchaft aus den öſtlichen Grafſchaften von England das der Grünen Berge in einen kühnen Gipfel hart an dem Land am Connecticut zu ihrer Niederlaſſung gewählt, die edeln Fluſſe ihren Ausgang nimmt, zeigte der aufſteigende ſie nach der alten Stadt Hadleigh in Suffolk benannten, Rauch der Schornſteine die Umriſſe eingehägter Felder und deren Schreibart aber im Laufe der Zeit in Hadley ver⸗ die Wege, welche man durch den Wald zu ſchlagen anfing, wandelt wurde. Die Auswanderer hatten wenig Reich⸗ wo die letzte der neu⸗engliſchen Städte in geſchützter liche thümer und eben ſo wenig Hülfsmittel mitgebracht, um tung lag. Sie beſtand damals aus einer einzigen Straße das Leben in der Wildniß einigermaßen behaglich zu machen; — 1** — — — indeß bare und kräft Moral d Glaubens uneingeſch Eigenſche erſten Puu und Alle hatte, die laſſen und tur der w gen Kolot Prediger Pfarchar dem Go getrennt letzteren blühende Generat Familien mitten d mengezin gen hatte konſtruirt ines Fli ſlühle un weder Ei Stadt ſe friedlche muth; arbeitete und ged Di einfachſte und Par noch an Man w uſten d ſein, in dß ſie; an Mitt wie zur wärt. keine V bewohn den V Lage n und den und Be tn in ſchud den in vollbragh „Lao⸗ erwäh⸗ phin, uill in che die az be⸗ zer der 3 Ber⸗ uf et⸗ in im nd in tmeile Glau⸗ r als wie die er Du⸗ Gäume, ge von te der runnen wurde. ch von rſchied, Grab⸗ erzühl⸗ n, von nolicher er Pu⸗ ——— Feierſtunden. 1864. 359 ————; indeß bargen ſie in ihrer Mitte einen Schatz edler Herzen und kräftiger Hände, nobler Grundſätze und die ſtrenge Moral der Puritaner. Unter ihnen fand man nicht nur Glaubensſtärke und Feſtigkeit des Willens, ſondern auch uneingeſchränkte Liebe zu bürgerlicher Freiheit, wie dieſe Eigenſchaften noch heute fortleben in den Nachkommen jener erſten Puritaner. Viele der Anſiedler waren Blutsverwandte und Alle verband der gemeinſame Glaube, der ſie beſtimmt hatte, die blühenden engliſchen Felder und Städte zu ver— laſſen und jenſeits des Oceans gegen die wilde, rauhe Na⸗ tur der weſtlichen Wildniß anzukämpfen. Wie in den übri⸗ gen Kolonien Neu⸗Englands, war auch hier der Gemeinde⸗ Prediger mit ausgewandert und hatte ſich ſein eigenes Pfarrhaus gebaut, welches von dem Verſammlungsorte, dem Gotteshauſe der Koloniſten, nur durch den Kirchhof getrennt war. Viele der Anſiedler hatten bereits auf dem letzteren ihre Ruheſtätte gefunden; aber dafür waren viele bluͤhende Knaben und Mädchen herangewachſen, eine zweite Generation trat in die Fußſtapfen der verſtorbenen, die Familien vermehrten ſich und die Stadt Hadley blühte in— mitten des Waldes. Die Blockhäuſer waren grob zuſam⸗ mengezimmert und niedrig; von gewerblichen Unternehmun⸗ gen hatten die Anſiedler vorläufig nur eine überaus einfach konſtruirte Mühle aufzuweiſen, die an den Stromſchnellen eines Fluſſes gebaut war, dann eine Schmiede, drei Web⸗ ſtühle und verſchiedene Spinnräder. In Hadley exiſtirte weder Einfuhr noch Ausfuhr, alle Dinge wurden in der Stadt ſelbſt fabricirt und das Leben ging ſeinen ſtillen, friedlichen Gang. Es herrſchte dort weder Luxus noch Ar⸗ muth; Keiner gab ſich dem Müſſiggange hin und Niemand arbeitete über ſeine Kräfte, ſo daß die kleine Kolonie lebte und gedieh in ächt patriarchaliſcher Weiſe. Die Regierungsangelegenheiten wurden ebenfalls in einfachſter, urſprünglichſter Art gehandhabt. Fern von Hof und Parlament, hatte Hadley weder einen Bürgermeiſter noch einen Stadtrath, weder Richter noch Gerichtshöfe. Man war übereingekommen, daß der Prediger und die Ael⸗ teſten der Gemeinde in allen Streitigkeiten Schiedsrichter ſein, in allen Schwierigkeiten Rath ertheilen ſollten, und daß ſie zu beſtimmen hätten, wie viel Jeder an Arbeit oder an Mitteln ſowohl zur Unterſtützung der armen Brüder, wie zur Unterhaltung der Kirche beizutragen verpflichtet wäre. Bis zu dieſem Zeitpunkte hatten die Richter noch keine Verbrechen zu beſtrafen gehabt, denn wie unſere Wald⸗ bewohner von den bequemen Hülfsmitteln des Vaterlandes abgeſchnitten waren, ſo ſchied auch das Meer ſie von den Verſuchungen und Verbrechen der alten Welt. Ihre Lage war geeignet, ſtarke, heroiſche Tugenden zu entwickeln und den Glauben zu befeſtigen, der ihnen Allen Ausdauer und Beſtändigkeit verlieh. Friede und Frömmigkeit herrſch⸗ ten in den Blockhäuſern, in denen die Jugend voll Un⸗ ſchuld lebte und das Alter geehrt wurde. Alle Hände fan⸗ den in und außer dem Hauſe Beſchäftigung, und nach vollbrachter Arbeit ſammelten ſich des Abends Kinder und Großkinder um das hellbrennende Kaminfeuer, um den Er⸗ zählungen der Greiſe zu lauſchen, die Alt⸗England aus eigener Anſchauung kannten und mit jugendlicher Lebendig⸗ keit von deſſen Geſchichte, wie von ſeinen berühmten Schlacht⸗ feldern, ſeinen Städten und alten Schlöſſern, ſeinen Domen und Monumenten, ſeinen Legenden und der Zeit erzählten, die ſie ſelbſt mit erlebt hatten. Dieſe Greiſe waren die lebenden Chroniken Hadley's, die nicht wenig zur Bildung und Erziehung der Gemeinde beitrugen. Nachrichten der Neuzeit erhielten unſere Anſiedler nur durch umherſtreifende ————-u—:ᷓõ--ℳõↄò:½ fhtänif— —; Jäger oder durch Reiſende, die von den Niederlaſſungen zu der Bai kamen; jedoch waren die ausgewanderten Pu⸗ ritaner durchaus keine unwiſſenden Leute, die Bildung und Studium gering achteten, wie der Geiſt der Schulen, die ſie begründeten, noch heute bezeugt, und auch in der iſolir⸗ ten Kolonie Hadley blickte man zu dem Pfarrer und dem Schullehrer als den höchſten Autoritätensdes Orts empor. Der Pfarrer, den man in allen Kirchen Neu⸗Englands als den gottesfürchtigen und begabten Herrn Ruſſel kannte und verehrte, gehörte zu den erſten Anſiedlern, da er als kleiner Knabe bereits mit ſeinem Vater ausgewandert war. Derſelbe, ein gelehrter Mann aus adeligem Geſchlecht, hatte aus religiöſer Ueberzeugung und ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit Familie, Freunde und eine einträgliche Pfründe aufgegeben, um als puritaniſcher Prediger eine Auswanderergeſellſchaft nach den weſtlichen Wildniſſen zu begleiten. Der Sohn blieb dem Glauben ſeines Vaters getreu, widmete ſich dem— ſelben Studium, dem zu Liebe er die lange Reiſe nach der Univerſität Leyden unternahm, von wo er nach mehreren Jahren zurückkehrte, um in des Vaters Fußſtapfen zu tre⸗ ten und in jenem armen, von der Welt abgeſchiedenen Got⸗ teshauſe die kleine Gemeinde durch das Wort des Herrn aufzurichten und zu erbauen. Predigend und lehrend, hatte er den Meridian eines ernſten, arbeitſamen Lebens über⸗ ſchritten und war nun alt und grau geworden. Viele, die ihn bei ſeinen gelegentlichen Beſuchen in Plymouth und Whitehaven predigen gehört, glaubten, jener abgeſchiedene Winkel der Welt ſei nicht der rechte Ort, um ſein Licht leuchten zu laſſen; er aber ſagte, dort gerade wäre der Theil des Weinbergs ſeines Herrn, in dem zu arbeiten er berufen ſei, und daß die Liebe und Achtung, die ſeine ein— fache Gemeinde ihm zolle, von keiner noch ſo berühmten und blühenden Kirche übertroffen werden könne. Herr Ruſſel war nicht nur der Lehrer ſeiner Pfarr⸗ kinder in geiſtlichen Dingen, ſondern auch ihr Rathgeber in allen Verlegenheiten des praktiſchen Lebens. Die Zeiten waren bewegt und ereignißreich, und man erzsb“ ſich, daß Leute von den entfernteſten Kolonien zu Herrn aamen, um ſich Rath zu holen. Bekenntniſſe aller Art waren ihm gemacht und tiefſte Familiengeheimniſſe ihm anvertraut worden, denn der vortreffliche Mann war nicht nur als beredter Redner, ſondern auch als geprüfter Menſchenkenner, deſſen Rath man hochſchätzte, weit und breit geprieſen. Ein ſchwerer und unvergeßlicher Verluſt hatte ihn vor achtzehn Jahren durch den Tod ſeiner geliebten und ihm ebenbürti⸗ gen Gattin getroffen. Sie war die Tochter eines ſchotti⸗ ſchen Covenanters*) geweſen, der ſich, wie ſo viele Ver⸗ folgte, in Leyden niedergelaſſen hatte. Dort hatte Ruſſel während ſeiner Studienjahre die Familie kennen gelernt, und der gemeinſchaftliche Glaube und die gemeinſchaftliche Verfolgung machten Ruſſel ſchnell zum Hausfreunde der⸗ ſelben. Das ſchottiſche Mädchen und unſer Jüngling fan⸗ den das reinſte Wohlgefallen an einander, und innige, ge⸗ genſeitige Liebe entſprang in den Herzen der jungen Leute, die, nachdem Ruſſel ſeine Studien beendet hatte, als Mann und Weib nach dem fernen Weſten ſegelten. Oft hatte man den wackern Prediger ſagen hören, ihre Gegenwart mache ſein Leben ſo glücklich, als Sterbliche auf dieſer Erde nur zu ſein vermögen. *) Covenant oder Bund hieß die Uebereinkunft, wodurch die Schotten 1638 ſich zum Schutze der presbyterianiſchen Kirchen⸗Ver⸗ faſſung gegen die von Karl I. beabſichtigte Einführung des Episko⸗ palismus verbanden. 6 360 Aber nur zu bald wurde die junge Frau von dem Sumpffieber, dem Feinde der amerikaniſchen Koloniſten, befallen und ſtarb, als ihr einziges Kind kaum zwei Jahre zählte. Der Gatte betrauerte den Verluſt des geliebten Weibes ſo anhalt d ſchmerzlich, daß er für immer Wittwer bliebeg Seit der treuen Lebensgefährtin Tode wid⸗ . chlleßlich ſeinem Berufe, ohne jedoch die li hen Jungfrau heranwuchs und ſo weit als mäüin die Lücke ausfüllte, die durch das frühe Dahin⸗ ſchelden der Mutter in des Vaters Herzen, wie in ſeinem Hauſe entſtanden war. Frau Ruth Ruſſel,— denn mit dieſem Titel bezeich⸗ nete man auch unverheirathete Damen vom Stande im ſiebenzehnten Jahrhundert,— war allgemein als ein eben ſo ſchönes als holdſeliges Mädchen anerkannt; jedoch leg⸗ ten die ernſten und ſtreng geſchulten Puritaner wenig Ge⸗ wicht auf äußere Reize, und des Predigers Tochter wurde hauptſächlich geliebt und geachtet, weil ſie ihres Vaters Stütze und Freude, die treue Verſorgerin ſeines Hauſes war, weil ſie ein klares Urtheil und ernſtes Verſtändniß für Alles hatte, was ſonſt außerhalb des Geſichtskreiſes eines jungen Mädchens liegt. Wie viel ihre einſame Häus⸗ lichkeit, die eigene Stellung, von Jugend auf die alleinige Gefährtin des Vaters geweſen zu ſein, dazu beigetragen hatten, Ruths ſtillen und feſten Charakter zu bilden, kann wohl Niemand beurtheilen; aber man glaubte, daß das junge Mädchen des Vaters volles Vertrauen beſäße, und die Greiſe der Stadt verglichen ſie mit der weiſen Judith und der klugen Abigail. Der Schullehrer ſtellte Frau Ruth Ruſſel ſeinen Schü⸗ lerinnen als Beiſpiel auf; er unterrichtete nämlich ſowohl die männliche als weibliche Jugend Hadley'’s, und, wie es zu jener Zeit Sitte war, empfingen Brüder und Schweſtern denſelben Lehrunterricht und wurden derſelben ſtrengen Dis ciplin unterw fen, wie das dem ſtrengen und ernſten Cha⸗ rakter 9 kleine itaner vollkommen gemäß war. Im Hauſe lernten ew weſteren den Gebrauch der Axt und der Büchſe, die Andern häusliche Thätigkeit. Die Mädchen wurden zu tüchtigen Hausfrauen herangebildet, aber auf Fertigkeiten und Talente, wie man ſie heutzutage an den Mädchen rühmt, legte man kein Gewicht, ja ſie würden ſelbſt keine Anerkennung gefunden haben, denn man verlangte von der Frau ſowohl wie vom Manne, daß ſie ihrem Berufe völ⸗ lig gewachſen ſeien. Es war kein Heer von Dienſtboten im Hauſe, denen die Frau nur Befehle zu ertheilen hatte, ſondern ſie mußte ſelbſt Hand anlegen und in Küche und Keller Beſcheid wiſſen. Noch heute findet man in den kleineren Städten Neu⸗Englangs die Frauen ernſt und ausdauernd in ihren Pflichten, und noch heute erzieht man dort die Mädchen zu Tüchtigkeit und Arbeit. Und wo wären die Pflichten der Frau zu ſuchen, wenn nicht im Hauſe ſelbſt? Jakob Warder, der Aelteſte und in vieler Hinſicht auch der Erfahrenſte der Kolonie, gehörte zu den ſpäteren Anſiedlern. Sein Vater hatte unter der Regierung der alten Königin, wie Eliſabeth noch in jenen Tagen genannt wurde, nicht nur ſchwere Geldbußen, ſondern auch Gefäng⸗ nißſtrafe erlitten, weil er dem puritaniſchen Glauben und Gottesdienſte anhing. Als Kind hatte er erlebt, daß Ja⸗ kob I. auf den engliſchen Thron kam; als Mann hatte er bei Edge⸗Hill und Marſton⸗Moor gefochten, als es aber am Ausgange der Republik Allen klar wurde, daß die Stuarts Sd mit ihnen wieder die Tyrannei an das Ruder „ Feierſtunden. 1864. kommen würde, da ergriff Jakob den Wanderſtab, trotz ſeiner grauen Haare und trotz des Grabſteines, den er auf dem Kirchhofe von St. Edmondsburg der treuen Gefährtin ſeiner Jugend, ſeinem unvergeßlichen Weibe und der Mut⸗ ter ſeiner Kinder hatte errichten laſſen. Der Greis ſegelte mit ſeinen ſieben Söhnen und ſeinem Hab und Gut nach dem fernen Weſten, um außerhalb des Bereiches der Ty⸗ rannen Gott in der Freiheit des Waldes anzubeten und zu verehren in ſeiner Weiſe. Jetzt, wo Jakob ſein achtzigſtes Jahr zurückgelegt hatte, war er wie das Glied einer Kette, welches die Vergangenheit mit der Gegenwart verband. Das Alter hatte ſeine mächtige Geſtalt gebeugt und viele tiefe Furchen auf ſeine hohe Stirn gegraben, wohingegen er ſich ſeiner geiſtigen und auch körperlichen Kräfte unein⸗ geſchränkt erfreute. Sein Gedächtniß war gut, ſein Ur⸗ theil klar und entſchieden; er las ohne Brille den kleinſten Druck, hörte das leiſeſte Flüſtern und konnte ſelbſt bei weiten Wegen mit ſeinen Großkindern Schritt halten. Jakob war von guter Herkunft, hatte eine vortreffliche Er⸗ ziehung genoſſen und fühlte, daß er die Kräfte, die Gott ihm verliehen und bis in ſein Greiſenalter erhalten hatte, zur Ehre des Herrn und zum Wohl der Kolonie verwen⸗ den müſſe. Der achtzigjährige Greis ſtand dem Schul⸗ lehreramte der Koloniſten vor, und obgleich die Jugend nicht ohne Furcht vor ihrem Lehrer war, würden ihn doch alle Kinder ungern verloren haben. Er hielt ſtrenge Zucht und ſein Tadel war ernſt und oft ſcharf; aber er lobte auch diejenigen gern, die es verdienten, und ſeine Erzäh⸗ lungen vom alten Vaterlande, denen die Jugend mit ge⸗ ſpannteſter Aufmerkſamkeit folgte, waren unerſchöpflich. Jakob beſaß große Autorität unter den Koloniſten. Sein geſunder Verſtand, ſeine unantaſtbare Frömmigkeit und die reiche Erfahrung, die er während eines langen Lebens unter den verſchiedenſten Verhältniſſen geſammelt hatte, verliehen ſeinem Urtheile Anſehen bei Alt und Jung, ſo daß er an Einfluß nur dem Prediger in Hadley nachſtand.. Sein jüngſter Sohn half ihm die Jugend heranbilden und lebte mit ihm in der Hütte, die ſie ſelbſt gebaut hat⸗ ten, indeß die ſechs anderen Söhne ſebſtſtändig angeſiedelt und verheirathet waren. Jakobs jüngſter Sohn hieß nach dem Vater, und oft hörte man dieſen ſagen, daß der Junge das Ebenbild ſeiner Jugend ſei. Hadley hätte Manchen ſeiner Einwohner entbehren können, nur nicht den jungen Jakob. Ehrlich, tapfer und gütig, kannte er keine Angſt und war ein treuer, zuverläſſiger Freund. Er beſaß ein edles, hochherziges Gemüth, einen wahren Feuereifer für alles Gute, aber auch eine gewiſſe jugendliche Haſt und Ungeduld, die weder Aufſchub noch Enttäuſchung mit Gleich⸗ muth ertragen konnte. „Jakob, Jakob,“ pflegte ſein Vater ihm warnend zu⸗ zurufen,„du bedarfſt noch einer tüchtigen Lebensſchule, wie ich ſie in deinen Jahren bedurft habe, und dieſelbe wird auch zweifellos für dich nicht ausbleiben, ehe dein Haar gebleicht iſt wie das meine.“.. 2 Nichtsdeſtoweniger liebte der Greis ſeinen jüngſten Sohn mit beſonderer Zärtlichkeit, und nährte den ſtillen Gedanken, daß des Predigers Tochter auch eine gute Mei⸗ nung von ihm habe, und daß das junge Paar nach ſeinem Tode in dem Blockhauſe leben und die Schule fortführen würde. Der Sohn theilte in dieſer Beziehung den Wunſch und die Hoffnung des Vaters. Herr Ruſſel hatte ſtets wohlwollendes Intereſſe für den Jüngling gezeigt. Des alten Jakob und des Predigers Familien waren von Alters her in England eng befreundet geweſen, und in der einfachen, — ſlichten d Frau Ruth ds jungen hlig oft die Kühe! in Hadle weder Mig Famülim ſ Nebeu und „ECs i iiche, als d — trotz r auf ährtin Muͤt⸗ ſegelte na r 19 nd zu igſtes Kette, band. viele gagen unein⸗ n Ur⸗ inſten ſt bei zalten. he Er⸗ Gott hatte, Wen⸗ chul⸗ ugend doch Zucht lobte erzäh⸗ t ge⸗ pflich. Sein nd die unter liehen er an bilden t hat⸗ ſiedelt nach Junge anchen jungen fführen Wunſch te ſtet Des uirs nfachen, Feierſtunden. 1864. 361 —————ℳ⸗-—;—;ℳ:;::ꝛ::—C—C—C—C—CCC—CO—C—⸗C—O———-—----—⸗⸗—⸗⸗⸗⸗⸗⸗—----B—⸗—⸗—⸗△⸗—⅓—⅓—⅓—⅓—L8:ͤ————---—-—— ——. ſchlichten Denkweiſe der Koloniſten hofften Vater und Sohn,„und wir haben Keinen in unſerer Kolonie, dem ich mein Frau Ruth werde nicht abgeneigt ſein, den Heirathsantrag einzig Kind freudiger antrauen möchte; aber wende dich an des jungen Jakob günſtig aufzunehmen. Er hatte ihr un- Ruth ſelbſt und fieh', wie ſie geſinnt iſt. Möoge Er, der zählig oft geholfen Waſſer ziehen aus dem Brunnen und das Waſſer auf der Hochzeit zu Canaan in Wein verwan⸗ die Kühe nach Hauſe treiben zur Zeit des Melkens. Denn delte, euern Bund ſegnen.“ in Hadley gab es damals, wie wir bereits oben angedeutet, Aber der vortreffliche Mann ſprach dieſe Worte mit weder Mägde noch Knechte. Die Töchter der angeſehenſten leiſem Seufzer, und ſein Blick zeigte, daß er etwas Schwe⸗ Familien verrichteten dergleichen Dienſte ohne Scheu, wie res auf dem Herzen habe.— Rebecca und Rahel in jenen patriarchaliſchen Zeiten gethan.„Haſt du mit Frau Ruth geſprochen, ehrlich und „Es iſt ein ehrenwerther Antrag,“ ſagte der Geiſt- offen, wie ich vor fünfundzwanzig Jahren mit deiner Mut⸗ liche, als der junge Jakob um deſſen Tochter Hand warb, ter gethan, mein Sohn?“ fragte der alte Jakob ſeinen Jüngſtgebornen, als ſie eines Abends am hellen Kamin⸗ liegen dicht bei einander; wir haben ſtets wie Verwandte feuer traulich bei einander ſaßen. mit einander verkehrt; Herr Ruſſel würde ſeine Tochter ja „Ja, Vater,“ ſagte der junge Mann mit geſenktem nicht verlieren, wenn ſie die Gattin meines Sohnes würde; Blick,„und ich will dir ihre Antwort treu berichten. Sie ich verſtehe es nicht. Aber das Mädchen beſitzt eine ſo dankte in freundlich höflichen Worten für die Neigung, die vortreffliche Gemüthsart, daß ihrem Entſchluſſe zweifellos ich ihr dadurch bewieſen, verſicherte mich ihrer vollen Ach⸗ ein wichtiges Motiv zu Grunde liegt. Hat ein geheimes, tung, rieth mir aber, eine andere Braut zu wählen, da, tiefes Leid ſie oder ihren Vater heimgeſucht? Falls dem wie es ihr ſcheine, die Vorſehung ihr den Beruf ertheilt ſo iſt, weshalb behandeln ſie uns als Fremde? Unſere habe, in ihres Vaters Hauſe zu bleiben.“ Freundſchaft hat manchen harten Prüfungen geſtanden, und „Das iſt ſeltſam,“ ſprach nach kurzem Schweigen ich begreife das nicht. Indeß beſitzt Herr Ruſſel tiefere der Greis, deſſen Lieblingshoffnung durch dieſe Antwort Einſicht als ich, wie es ſein hoher Beruf in der That mit eine ſchwere Enttäuſchung erfahren hatte.„Unſere Häuſer ſich bringt, und was auch immerhin auf ihnen laſten möge, Feierſtunden. 1864. 46 362 Feierſtunden. 1864. ——;— der Glaube der Moabiterin Ruth lebt in dieſem vortreff— lichen Mädchen fort.“ Bei den Puritanern war die Pflicht ſtets das höchſte Gebot, dem alle irdiſchen Bande und Intereſſen geopfert wurden. Und obgleich der Greis Ruths verneinende Ant⸗ wort nicht verftehen konnte, ſo billigte er ſie dennoch, da ohne Zweifel Gewiſſensgründe ihr dieſelbe zur Pflicht ge⸗ macht hatten. Der junge Jakob hingegen konnte die Sache nicht in demſelben Lichte ſehen wie der Vater. Er war erregt, ja faſt entrüſtet, hielt ſich für gekränkt, ſtreifte mit der Büchſe im Walde umher, anſtatt wie ſonſt dem Vater in der Schule treu zur Seite zu ſtehen, und man hatte ihn ſogar ſagen hören, daß er in einer andern Kolonie ſein Glück verſuchen würde, wenn er nicht Rückſicht auf den greiſen Vater zu nehmen hätte. Durch des jungen Mannes eigenes Gebahren wurde es bald bekannt, daß Ruth ſeinen Antrag zurückgewieſen habe, worüber die kleine Kolonie in großes Erſtaunen ge⸗ rieth, denn Alt und Jung ſtimmten überein, daß es eine ſehr paſſende Heirath ſei. Die langjährige Freundſchaft der betreffenden Familien, die geachtete Stellung beider Theile und die anſcheinende Zuneigung, die man in Frau Ruths Betragen dem jungen Manne gegenüber bemerkt zu haben glaubte, hatten die Koloniſten dahin gebracht, die Heirath als eine Thatſache zu betrachten. Die Neugierde, die, wie man ſagt, den Männern und in noch höherem Grade den Frauen angeboren ſein ſoll, behauptete auch in den ernſten und arbeitſamen Familien der Anſiedler ihr Recht, und die Mädchen und Matronen Hadley's grübelten und ſpürten unausgeſetzt der Urſache nach, die des Predigers Tochter hatte veranlaſſen können, den Heirathsantrag des jungen Jakob und zwar aus dem von ihr angeführten Grunde zurückzuweiſen. 5 Vieles Beobachten und vieles Sprechen über denſelben Gegenſtand bringt gewöhnlich ganz unerwartete Reſultate und Geſchichten hervor, wie es ſich aufs Neue an den Ufern des Connecticut beſtätigte. Als die Abende länger wurden und die Nachbarn am hell lodernden Kaminfeuer über des jungen Jakobs Heirathsantrag und den unerwarteten Aus⸗ gang deſſelben plauderten, flüſterte man von ungewöhnlichen und unerklärlichen Dingen, die in des Geiſtlichen Hauſe vor ſich gingen. Man lebe dort noch abgeſchloſſener als ſonſt, Frau Ruth ging auch jetzt weniger aus wie ehedem, und es ſchien, als ob ſchwere Sorge auf ihr laſte. Selbſt Herr Ruſſel wäre wachſam und unruhig, und man würde in der Pfarre nicht ſo augenblicklich und herzlich empfan⸗ gen, wie es bis vor Kurzem der Fall geweſen. Frau Deborah, die Nähterin, welche dem Pfarrhauſe gegenüber wohnte und oft bis ſpät in der Nacht arbeitete, erzählte, daß ſie häufig Licht in den Zimmern geſehen habe, wenn der Prediger nach Plymouth gereist geweſen ſei und alle Einwohner ſchon ſtundenlang in tiefem Schlafe gelegen hätten. Zur Erntezeit, wenn die Leute bis gegen Mitter⸗ nacht auf dem Felde Garben banden, hatten ſie im Walde nicht fern vom Pfarrhauſe eine fremde und mächtige Stimme Pſalmen ſingen hören, und ein ſonſt verſchwiegener Hirte erzählte jetzt, daß, als er eines Morgens vor Sonnen⸗ aufgang aufgeſtanden ſei, um ſich nach ſeiner Heerde um⸗ zuſehen, er eine Geſtalt erblickt habe, aufrecht und grau wie eine Rauchſäule, die vor ſeinen Augen über den Kirch⸗ hof geſchritten und zwiſchen der Pfarre und der großen Eiche verſchwunden wäre. Dieſe Berichte ſetzten die Aelteſten und Geſcheuteſten Hadley's in ſtummes Erſtaunen, denn jene Zeit war nicht frei von Aberglauben und geſpenſtiſcher Furcht. Sie hat⸗ ten von geheimen und verbotenen Künſten mit überirdiſchen Weſen gehört; indeß ließen die Achtung und Neigung, mit der ſie zu ihrem Geiſtlichen aufblickten, die ſtets rege Auf⸗ merkſamkeit, die er ſowohl ihren zeitlichen als geiſtigen Intereſſen unausgeſetzt zuwendete, ſein unermüdliches Stre⸗ ben zum Wohle Aller und die unveränderte Treue und Rechtlichkeit ſeines Charakters ſie zu dem Schluſſe gelan— gen, daß ſein Antheil an der geheimnißvollen Sache kein ſündhafter ſein könne, obgleich ſelbſt der alte Jakob den Wunſch nicht verhehlte, man möge bald den Schlüſſel fin⸗ den zu dieſem noch ungelösten Räthſel. Zu Anfang wurde den Niederlaſſungen und Kolonien Neu⸗Englands wenig Aufmerkſamkeit von dem Mutterlande geſchenkt, uud nur unter Cromwells Regierung erfuhren ſie Ermuthigung und Beiſtand. Der verderbte und deſpo⸗ tiſche Hof Karls II., der zu der Zeit, von der wir ſpre— chen, in der Blüthe ſeiner Sünden und Thorheiten ſtand, betrachtete die vielen puritaniſchen Kolonien wie Straf⸗ anſtalten, welche unter Druck und ſtrenger Deſpotie ge⸗ halten werden müßten und deren Untergang nur von den Pächtern des Zolles beklagt und bedauert werden könne. Man hatte Emiſſäre ausgeſendet, um die Freibriefe der Puritaner zu controlliren und ſich zu verſichern, daß Kei⸗ ner der unter der Republik Geächteten bei ihnen Schutz und Zuflucht gefunden habe. Ueber die bevölkertſten Städte hatte man engliſche Gouverneure geſetzt, die dem Hofe treu ergeben und den Puritanern Feind waren; aber die Män⸗ ner Neu⸗Englands hatten ſich im Mutterlande bereits längſt gewöhnt, der königlichen Gnade zu entbehren und ſich in gewiſſem Sinne ſelbſt zu regieren. In jenen Tagen währte die Seereiſe nach Maſſachu⸗ ſetts⸗Bai ſechs Monate oder drüber. Die Verfolgungs⸗ geſetze, welche die Glaubensgenoſſen im Vaterlande bis zur Verzweiflung aufſtachelten und quälten, fielen wie matte Pfeile auf das ferne Ufer; jedoch ſchwebte zu Zeiten ein anderer tiefgreifender Schrecken über ihrer friedlichen Hei⸗ math, der mehr als einmal die Exiſtenz ihrer Kolonien gefährdete. Tief in den Hinterwäldern, von deren Aus⸗ dehnung man ſich damals kaum eine dunkle Vorſtellung machen konnte, ſtreiften unruhige Horden raſtloſer India⸗ ner in mächtiger Anzahl umher, welche, an wilde Krieg⸗ führung gewöhnt, von feindſeligem Haſſe gegen die weißen Fremden beſeelt waren, die ihre Fichtenbäume fällten und ihren Boden pflügten. Die ungebändigte Rohheit dieſer wilden Nachbarn, ihre barbariſchen Sitten, ihr Aberglaube, der noch weit über das Heidenthum hinausging und der die Anbetung der böſen Macht in ſich ſchloß, veranlaßten die Koloniſten, ſich von den Indianern ſelbſt in Friedenszeiten fern zu halten. Die beſten Menſchen jenes Zeitalters hat⸗ ten viel zu lernen und gegen Vieles anzukämpfen, denn die Furcht vor Zauberei und die Feſſeln der Intoleranz lagen in demſelben. Außerdem war die unbedeutendſte Veranlaſ⸗ ſung genügend, eine indianiſche Fehde heraufzubeſchwören. Die Stadtgemeinde hatte viele entſetzliche Angriffe erlitten, und Erzählungen von nächtlichen Blutbädern und Feuer⸗ bränden lebten noch in dem Gedächtniſſe der älteren Anſiedler. Zu der Zeit unſerer Erzählung hatte ein nahezu zwan⸗ zigjähriger Friede zwiſchen den Koloniſten und den India⸗ nern beſtanden, als ſich an den Grenzen Gerüchte von dro⸗ henden Feindſeligkeiten verbreiteten. Die Stämme der Iro⸗ keſen, welche den Sommer zuvor durch ihre angeſtammten ſätts zur Uings M Krieger Ausdeyne ten, und er bei der ſeinm Ve Streitigke der Niede hängnißv der Wäl und vo⸗ Hauſe fahr ka⸗ die Gre ten. 9 Jägers Kriegew Wachtfeu in allen bete zum In dm Indi⸗ was dieſe war. Die als unwe und dieſe det, dure den mitt und der damals, Frü hatte, wo gegangen Braun z ſchon viel oügleich das Rauf les, Feie den Natu und uns Ende W beſchlic die alte ihrer To ſal raſa Yonien rlande fuhren deſpo⸗ ſpre⸗ ſtand, Straf⸗ e ge⸗ n den önne. 2 der Kei⸗ Schutz Städte treu Män⸗ bereits und ſachu⸗ ungs⸗ 1 zur matte n ein Hei⸗ onien Aus⸗ llung ndig⸗ Krieg⸗ weißen n und dieſer laube, er die n die geiten hat⸗ un die lagen anlaſ⸗ vören. itten/ feuer⸗ edler. wan⸗ ndia⸗ 1 dro⸗ J umten Feierſtunden. 1864. 363 Feinde, die Delawaren, nach Norden gedrängt waren, hat⸗ ten ſich nach den Grenzen von Connecticut und Maſſachu⸗ ſetts zurückgezogen, unter der Führung ihres großen Häupt⸗ lings Matacour. Man erzählte ſich, daß, als dieſer wilde Krieger von der höchſten Spitze der Grünen Berge die Ausdehnung des Landes ſah, welches die Weißen inne hat⸗ ten, und der Rauch aus ihren Dörfern in die Luft ſtieg, er bei den Gräbern ſeiner Väter geſchworen habe, das Land ſeinem Volke wieder zu gewinnen. Demzufolge waren bald Streitigkeiten zwiſchen den Jägern der Irokeſen und denen der Niederlaſſungen ausgebrochen. Die Letzteren hatten ver⸗ hängnißvolle Berichte von Verſammlungen in den Tiefen der Wälder, von Kriegstänzen in den indianiſchen Lagern und von lauten Beſchwörungsformeln der Feinde nach Hauſe gebracht. Dergleichen Zeichen hereinbrechender Ge⸗ fahr kannte man bereits aus Erfahrung zu wohl, als daß die Grenzſtädte ſich nicht zur Vertheidigung vorbereitet hät⸗ ten. In allen Diſtrikten entſtanden Milizſoldaten. Des Jägers Büchſe und des Förſters Axt wurden plötzlich Kriegswaffen, zur Vertheidigung von Haus und Hof. Wachtfeuer wurden auf allen Höhen vorbereitet, Wächter in allen Dörfern aufgeſtellt, während in allen Kirchen Ge⸗ bete zum Himmel emporſtiegen. In Hadley glaubte man ſich außer Gefahr, da man den Indianern nicht gerade im Wege lag, wenig beſaß, was dieſelben reizen konnte, und bisher unbedroht geblieben war. Die geſcheuteſten Leute Hadley's hielten es für mehr als unwahrſcheinlich, daß man ihre Stadt angreifen werde, und dieſes Sicherheitsgefühl beſtätigte ſich bald als begrün⸗ det, durch einen vorüberziehenden Jäger, der unſern Freun⸗ den mittheilte, daß der Krieg bereits zwiſchen den Irokeſen und der Chippewaerraſſe ausgebrochen ſei, deren Jagdgebiet damals ganz oben am Connecticut lag. Früh am Morgen, ehe dieſe Nachricht Hadley erreicht hatte, war der junge Jakob mit ſeiner Büchſe in den Wald gegangen, deſſen prächtiges Laubs ſich bereits in röthliches Braun zu färben begann. Die Gipfel der Bäume hatten ſchon viel von ihrem reichen Blätterſchmucke eingebüßt, und obgleich völlige Windſtille herrſchte, hörte man unausgeſetzt das Rauſchen herabfallenden Laubes. Es liegt etwas Stil⸗ les, Feierliches in dem klaren Himmel und der abſterben⸗ den Natur des Herbſtes, das zu unſerem Herzen ſpricht und uns unwillkürlich auffordert, an die Zukunft und das Ende unſerer Tage zu denken. Auch den jungen Jakob beſchlich eine ernſte, wehmuthsvolle Stimmung, als er durch die alten, mächtigen Wälder ſchritt und ſah, wie die Pracht ihrer Tage gezählt ſei und auch ſie das unerbittliche Schick⸗ ſal raſch ereilte. Was ſind all' die Hoffnungen, der Stolz und die Arbeit dieſer Welt, ſchienen ſie zu ſagen, als Blät⸗ ter, die verwelken und abfallen wie unſere Blätter? Nur ein Weſen exiſtirt, das weder altert noch müde wird. „Haſt du den Geboten deſſelben gehorcht,“ fragte ihn eine innere Stimme,„als du deinem Vater die Geſchäfte des Tages überließeſt, um zu deinem Vergnügen durch Wald und Feld zu ſtreifen?“—„Nein,“ antwortete Ja⸗ kob, augenblicklich überzeugt von der gerechten Anklage ſei⸗ nes Gewiſſens.„Ich habe egoiſtiſch gehandelt, und es iſt Zeit, daß ich umkehre, die Büchſe ablege und meiner Pflicht folge. Könnte ich nur noch einen Hirſch oder ein junges Reh wenigſtens aufſpüren, denn es iſt verdrießlich, nach ſo langem Umherſtreifen mit leeren Händen heimzukehren.“ Als dieſer Gedanke durch des jungen Mannes Kopf fuhr, ſah er in dem klaren Teich zu ſeinen Füßen den —— Schatten eines ſich in dem gegenüberliegenden Gebüſch be⸗ wegenden Gegenſtandes. Geſchwind und leiſe bückte er ſich, um durch die Zweige zu blicken, als er am Fuße einer mächtigen Eiche einen jungen Indianer bemerkte, der auf dem weichen Lager der herabgefallenen Blätter gebettet ruhte, den Kopf auf die mooſigen Wurzeln gelehnt. Seinen Bo⸗ gen hatte er gegen den Baum geſtellt, ſeine Axt lag neben ihm, indeß er ermüdet von der Jagd oder vielleicht auch einer langen Reiſe in feſten Schlaf verſunken war. In demſelben Augenblicke ſah Jakob einen andern Indianer verſtohlen durch das dichte Geſtrüpp mit einem Skalpier⸗ meſſer in der Hand zu dem Schläfer heranſchleichen. Da war keine Zeit zu verlieren, und Jakob war nicht der Mann, einen ſolchen Moment ungenützt zu laſſen. „Halte ein, Freund,“ rief er mit lauter Stimme, ſeine Büchſe auf den Schleicher richtend.„Was haſt du vor mit dem Schläfer?“ Der Schlafende, geweckt durch Jakobs Stimme, ſprang empor von ſeinem Lager, ergriff ſeinen Bogen und ſchoß mit triumphirendem Blick dem davoneilenden Feinde nach, der einen Augenblick Jakob anſtarrte und dann mit dro⸗ hender Bewegung, die der junge Mann nicht verſtehen konnte— denn er ſchien nach Oſten zu zeigen— in dem Gebüſche verſchwand. Jakob dachte nicht mehr daran, auf Wild zu ſpähen, ſondern ſchlug den kürzeſten Weg zur Rückkehr ein, nach allen Seiten umſchauend, denn er kannte die wilde und ſchlaue Natur der Indianer. Der junge Jakob gehörte zu Denen, die an die Sicherheit der Kolonie zweifellos ge⸗ glaubt hatten, doch machte ihn die Bewegung des India⸗ ners, der, wie ihm nun einfiel, nach der Richtung Hadley's hingewieſen hatte, ſchwankend. Als er jedoch heimkehrte und man ihm des Jägers Bericht von der Fehde der ver⸗ ſchiedenen indianiſchen Stämme mittheilte, wurde er wieder beruhigt, denn das erlebte Abenteuer erklärte ſich ihm als durch den Krieg herbeigeführt, und die Koloniſten wurden nur noch feſter in dem Gefühle ihrer Sicherheit, da ſie nun beſtimmt wußten, daß die Irokeſen anderweitig be⸗ ſchäftigt waren. Bei den Anſiedlern ſchloß man gewöhnlich das Ernte⸗ feſt mit einem Dankgebet in dem Gotteshauſe. Die Ernte war dieſes Jahr ganz beſonders reich in Hadley ausgefal⸗ len und alle Bemühungen und Beſtrebungen der Koloniſten hatten ein glückliches Gedeihen. Die Ausſicht ungeſtörten Friedens erfreute jedes Herz, und dankerfüllten Gemüthes hatten ſich Männer, Frauen und Kinder in der ländlich ſchmuckloſen Kirche eingefunden, um bei hereinbrechender Dämmerung Dem Loblieder zu ſingen, der ihre Thäler mit Korn ſegnet und die Thränen der Wittwen und Wai⸗ ſen ſtillet. Die Häuſer und Hütten ſtanden ſchweigſam und verlaſſen da, während das Kaminfeuer in denſelben in der dunkeln ſtillen Nacht, die Stadt und Wald in einen dichten Nebel hüllte, fortloderte. In den Straßen herrſchte lautloſe Stille, welche nur durch das Rauſchen des nahen Fluſſes unterbrochen wurde, wie in der Kirche nur die klangvolle Stimme des Geiſtlichen ertönte, der vor einer einfach gekleideten, aber überaus aufmerkſamen Verſamm⸗ lung predigte. Die glatten weißen Holzbänke, welche ſich lungs den Wänden hinzogen, waren dicht gedrängt mit Zu⸗ hörern. Der ſchmuckloſe Raum wurde von zwei altmodi⸗ ſchen Oellampen und mehreren helllodernden Kienbränden ſchwach beleuchtet, ſo daß man kaum Jung von Alt zu unterſcheiden vermochte. Plötzlich verſtummte Herr Ruſſel inmitten ſeiner Predigt und die ganze Verſammlung erhob ſich von ihren Sitzen, denn ſiehe! aus dem dunkeln und 4 46* 364 Feierſtunden. 1864. ———————B——:—;— ——ò:r—————;—— entfernteſten Ende des Raumes erſchien eine große, ſeltſam der ‚Sechs Nationen“! Unſere Freunde waren Männer des gekleidete Geſtalt mit ſchneeweißem, langem Barte und noch Friedens und der Waffe ungewohnt; auch beſaßen ſie nur längerem, fliegendem Haupthaar, die mit mächtiger Stimme eine kleine Anzahl Musketen, die, nach damaliger Zeit noch folgende Worte verkündete: mit Luntenſchlöſſern verſehen, kaum wirkſamer waren als „Männer Hadley's! greift zu den Waffen und ver⸗ der Bogen des Indianers. Kein Menſch wußte, woher der theidigt euch, denn dieſe Nacht, noch ehe der Mond aufgeht, Bote kam, und ehe man ein Wort ſprechen oder eine Frage werden die Indianer der ‚Sechs Nationen’ eure Stadt an⸗ ſtellen konnte, war er verſchwunden; jedoch fühlte jedes fallen!“ Herz, daß ſeine Nachricht Wahrheit verkündete. Schrecken und Verwirrung bemächtigten ſich der Ver⸗„Der Gott der Schlachten ſtehe uns bei,“ ſagte Ruſ⸗ ſammlung; denn Hadley beſaß keine Stadtmauern, und ſel,„denn wir haben Niemand ſonſt, auf den wir bauen was vermochte die geringe Bevölkerung gegen die Schaaren dürfen. Aber, Brüder, die Zeit iſt kurz. Greife Jeder nach der Waffe, die er zu handhaben verſteht, und kämpfet geſchwunden zu ſein ſcheint, als die civiliſirten und geord⸗ wie treue Engländer für euer Leben und eure Familien. neten Verhältniſſe perſönlichen Muth weniger erfordern. Je⸗ Ich will mit euch gehen, denn nie gab es einen gerechteren der Mann verſchaffte ſich eine Waffe, gleichviel ob Axt oder Grund zum Kampfe, und laſſet Die, welche nicht mit aus⸗ Muskete, Sichel oder Senſe. Der alte Jakob holte ſeinen ziehen können, zu Ihm flehen, der mit den drei Männern büffelledernen Rock und ſeinen Küraß vom Nagel, die ſtets durch den glühenden Ofen ging und Daniel ohne Schaden neben ſeinem Bette gehangen hatten, ſeit ſie ihm bei Na⸗ aus der Löwengrube führte.“ ſeby treu gedient, und ſtellte ſich an die Spitze ſeiner ſieben Der Muth ihrer Vorfahren war nicht erſtorben in Söhne, trotz deren wiederholten Ermahnungen, ſich nicht den Anſiedlern der amerikaniſchen Wälder. Das abgehär⸗ der Gefahr auszuſetzen. gte Leben und die feſten, guten Grundſätze, in denen ſie„Ihr habt Recht, meine Söhne, ich bin alt,“ ſagte Jogen, gaben ſelbſt den Mädchen und Matronen ein der tapfere Greis,„aber da ich in Alt⸗England für Ge⸗ tthiges Herz;— eine Eigenſchaft, die in dem Maße ſetz und Religion gekämpft habe, ſo würde es mir gewiß — ſchlecht 3 wächen. Er! rrlebt und ihn zum Unte ſeiſe als! digungalin Frauen un ſch gegen ger zu bet —-————— ſchlecht anſtehen, hier vor dem heidniſchen Feinde zurückzu⸗ weichen.“ 1. Er war der Einzige unter den Anſiedlern, der Krieg erlebt und mitgemacht hatte, und einſtimmig wählte man ihn zum Anführer. Unter ſeinem Befehle marſchirten unſere Freunde ſo leiſe als möglich aus der Stadt und bildeten eine Verthei⸗ digungslinie zwiſchen der Stadt und dem Walde, indeß die Frauen und Kinder ſich in das Gotteshaus zurückzogen, um zu gewähren und für ihre Vertheidi⸗ ſich gegenſeitig Troſt ger zu beten. 365 —MHLͦ:⸗————ͤ———— Es waren nur noch zwei Stunden bis zum Aufgang des Mondes, als der Unbekannte die Einwohner Hadley's von der ihnen drohenden Gefahr benachrichtigt hatte, und als die erſten Strahlen deſſelben die Gipfel der Bäume auf dem Gottesacker beleuchteten, erſchallten bereits Stadt und Wald, Felſen und Fluß von den ſcharfen und grellen, ja faſt unmenſchlichen Tönen des indianiſchen Kriegsgeſchreis. In demſelben Augenblicke ſtürzten auch ſchon die Feinde aus dem Schutze des Waldes wie ein wilder Bergſtrom hervor und ergoſſen ſich über die Stadt. Anfänglich hat⸗ ten die Anſiedler die wilde Schaar am Vorſchreiten gehindert, denn die Indianer, nicht ahnend, daß die Einwohner ſich für den Angriff vorbereitet, waren erſchreckt, als ſie im hellen Mondlicht die weißen Feinde erblickten, die wie eine lebende Wand zwiſchen ihnen und der Stadt ſtanden; aber freilich zeigte ihnen auch daſſelbe Licht die geringe und ſchlecht bewaffnete Anzahl des Feindes. „Wir haben in unſern Wigwams Raum genug für ihre Skalps,“ ſagte der wilde Häuptling Metacour, als er mit ſeinen Schaaren vordrang. Und wie bereute der junge Jakob ſein Umherſtreifen im Walde, als er in dem grim— migen Anführer den hinterliſtigen Feind erkannte, vor deſſen Meſſer er den ſchlafenden Indianer gerettet hatte. Jenes zufällige Dazwiſchentreten Jakobs, durch welches Metacour in ſeiner Abſicht, den Feind zu ſkalpiren, beeinträchtigt wurde, war Veranlaſſung genug, um an allen Einwohnern Hadley's Rache zu nehmen. Während dreier Tage hatten Metacour und ſein Stamm Rath gepflogen und Kriegstänze gehalten, bis ſie übereinkamen, Hadley anzugreifen, wäh⸗ rend ſeine Bewohner in tiefen Schlaf verſunken ſeien, und die Stadt mit Mann und Maus zu vertilgen. Jakobs Mannſchaft beſtand aus entſchloſſenen, muthi⸗ gen Männern, deren Leben, Hab und Gut auf dem Spiele ſtand; dennoch durchbrachen die Indianer bei dem erſten Angriff die ſchlecht gebildete Verſchanzungslinie unſerer 14 44 7 ) n n 5 366 Feierſtun Freunde, wodurch die größte Verwirrung unter denſelben entſtand. Vergebens verſuchte Jakob die Seinen durch Wort und Beiſpiel wieder zu verſammeln, vergebens kehr⸗ ten die Muthigſten zurück, um Widerſtand zu leiſten, die wilden Horden trieben ſie in das Dorf zurück wie Spreu vor dem Winde, ſo daß ſelbſt der tapfere Greis und deſſen Söhne weichen mußten und Feld und Stadt verloren ſchie⸗ nen, denn die Indianer verfolgten die Koloniſten ſelbſt bis auf den Kirchhof, als plötzlich aus dem Schatten einer mächtigen Eiche, die dicht von Gräbern umgeben war, die⸗ ſelbe Geſtalt mit ſchneeigem Haupthaar und langem flie⸗ genden Barte erſchien, welche die Anſiedler zuerſt vor dem Feinde gewarnt hatte. Ein ſtrahlendes Schwert hoch in der Rechten ſchwingend, rief er mit gebietender Stimme: „Schmach über euch, ihr Männer von Hadley! Ihr ſeid von engliſchem Blut, und wollet Ihr es zulaſſen, daß dieſe wilden Heiden eure Häuſer zerſtreuen und eure Kinder töd⸗ ten? Im Namen des Herrn aber Heerſchaaren und Siege, folget mir!“ 1— Seine Stimme übertönte laut das Getöſe der Schlacht und erfüllte die Herzen der Städter mit friſchem Muth. Mit wahrem Feuereifer ſammelten ſie ſich um den Mäch— tigen, der mit dem Blicke eines geübten Befehlshabers ſchnell die Kolonne wiederherſtellte und ſie in beſter Ord⸗ nung zum Angriff gegen die Indianer führte, welche, durch die plötzliche Erſcheinung von Furcht ergriffen, zuerſt zau⸗ derten und zurückſchreckten; als dann aber gar die Anſied⸗ ler, geführt von dem ſeltſamen Befehlshaber, auf ſie feuer⸗ ten, da verlor ſelbſt der indianiſche Häuptling den Muth und floh an der Spitze ſeiner ganzen Schaar in den Wald, während unſere Freunde dieſelbe faſt bis in ihr Lager ver— folgten. Der glänzende Sieg war ſelbſt den Hoffnungsreichſten unerwartet, und die Freude über die Befreiung der Stadt kannte keine Grenzen. Die Frauen hatten dem Schlacht⸗ getümmel von ihrem Zufluchtsorte in dem Gotteshauſe zu⸗ geſchaut, wo Ruth Ruſſel ihnen den ſechsundvierzigſten Pſalm „Gott iſt unſere Zuverſicht und Stärke, eine Hülfe in den großen Nöthen, die uns getroffen haben,“ vorlas, als die Sache am ſchlimmſten geſtanden und ſelbſt die ſonſt ent— ſchloſſenſten Matronen zaghaft geworden und gezittert hatten. Jetzt traten ſie Alle hervor, um ihre Männer und Söhne zu begrüßen, unter denen es viele Verwundete, aber glücklicherweiſe nur wenig Todte gab. Plötzlich aber ſchallte von Munde zu Munde:„Wo iſt der muthige Sieger, unſer kühner Retter? Keine Antwort jedoch erfolgte, denn ſobald der Tapfere das Feld gewonnen, war er ſpurlos verſchwun⸗ den. Alle hatten ſeinen edeln Anſtand, ſein würdevolles Aeußere bemerkt und im Gedächtniſſe treu bewahrt. Unter Gottes gütiger Vorſehung war er das Werkzeug ihrer Er⸗ rettung geworden. Aber wer war er, woher kam er, was bedeutete ſein plötzliches Verſchwinden, und weshalb er⸗ ſchraken und flohen die Indianer, als ſie ſeiner anſichtig wurden, in ſolcher Haſt? „Wohl hatten ſie Grund dazu, mein Sohn,“ ſagte der alte Jakob, als er mit ſeinem jüngſten Sohne am Leuchtfeuer Wache hielt, um die Genoſſen ſo ſchnell als möglich von den etwaigen Bewegungen des Feindes in Kenntniß zu ſetzen.„Wenn meine Augen mich nicht ge⸗ täuſcht haben, ſo hatte unſer Anführer die Geſtalt eines Mannes, über deſſen Grab das Gras ſeit fünfzehn Jah⸗ ren an den Ufern von Nova Scotia gewachſen iſt. In mancher blutigen Schlacht bin ich dem fliegenden Banner und dem blinkenden Schwerte dieſes Helden gefolgt. Er war ein Mann von unerſchrockenem Herzen und feſten Glaubens. Ich bin nicht ſicher, ob er in einer Sache recht gehandelt hat, aber darüber kann nur Gott entſchei⸗ den. Seine Leiden an jener unfruchtbaren Küſte, an der er und ſeine Freunde ſtrandeten, waren hart. Keiner von ihnen kehrte je zurück, um ihre Leidensgeſchichte zu erzäh⸗ len, aber ich war immer des Glaubens, daß er unter den Auserwählten ſeinen Platz gefunden, und er iſt uns von Hewſdis geſandt worden, um uns aus der Gefahr zu be⸗ reien.“ Das Zeitalter, in dem Jakob Warden lebte, war eben ſo voll von Aberglauben, als von Prüfungen für gute und ehrenhafte Charaktere. In jener einſamen Kolonie, inmit⸗ ten der pfadloſen Wildniß und deren ſie umgebenden Ge⸗ fahren gelegen, war es natürlich, daß die Bewohner Had⸗ ley's ein ſo unerklärliches Erſcheinen, wie das ihres Ret⸗ ters, einem Wunder zuſchrieben, und daß ſie feſt glaubten, ein Engel vom Himmel ſei herabgekommen, um ihre ge⸗ ſprengte Kolonne wieder neu zu bilden. Der junge Jakob ſchloß ſeines Vaters Worte ſtill in ſeine Bruſt, aber den⸗ noch bemerkten ſeine Genoſſen, daß der junge Mann ſeit jener Nacht eine ruhigere, ernſtere, ja demüthigere Haltung angenommen, wie Jemand, dem eine ernſte Mahnung ge⸗ worden. Von nun an ſtand er ſeinem Vater in der Schule fleißig und ausdauernd zur Seite, der ſeinen neunzigſten Geburtstag erlebte, ohne daß die Stadt je wieder von einem indianiſchen Feinde bedroht wurde.— Eine grauſenerregende Geſchichte verbreitete ſich unter den Irokeſen und cirkulirte in vielen fernabliegenden In⸗ dianerſtämmen, in Betreff des Geſpenſtes, das aus der „weißen Männer“ Begräbnißort ſo plötzlich emporgeſtiegen war. Die Erſcheinung deſſelben hatte den Häuptling der⸗ art mit Schrecken erfüllt, daß ſein Herz erbebte und er nicht nur mit den Seinen augenblicklich floh, ſondern ſich auch ganz aus jener Gegend zurückzog und ſich im Norden des Connecticut anſiedelte. Auch den bald darauf erfolgen⸗ den Tod des indianiſchen Häuptlings ſchrieb man jenem gefürchteten Geſpenſte zu, und in kürzeſter Zeit entſtand unter den Indianern eine Legende, welche die alte Eiche auf dem Kirchhofe zu Hadley zum Schauplatz hatte. Den Anſiedlern aber wurde der Baum heilig, aus deſſen Schat⸗ ten ihr geheimnißvoller Erretter hervorgegangen war, und mit allgemeiner Zuſtimmung wurde demſelben der Name „Engelseiche“ beigelegt. Eines nur beſchäftigte und ſtörte die Bewohner in ihrer Freude und ihrem Dankgefühl für den ihnen ſo ſchnell wiedergegebenen Frieden, daß nämlich ihr Pfarrer den Glauben, ein Engel ſei zu ihrer Errettung vom Himmel herabgeſandt worden, weder theilen noch aner⸗ kennen wollte. Herr Ruſſel ſagte: Gott habe viele Boten, und jedem von ihm Erwählten verleihe er⸗die Kraft, Ueber⸗ menſchliches und wie ein Engel zu wirken. Die Frauen fanden, daß Frau Ruth ihres Vaters Anſicht theile, und da Jene feſt an des Engels Dazwiſchentreten glaubten, ſo ſtieg dieſelbe durch dieſen Umſtand in ihren Augen keines⸗ wegs. Trotzdem überſahen die Frauen mit der Zeit dieſen Mangel an Glauben, als Frau Ruth ſich an der Schule des alten Jakob betheiligte, deſſen Sohn heirathete und Frau Warder wurde. b Hätten die guten Leute Hadley's in eine kleine Hinter⸗ ſtube in ihres Pfarrers Haus blicken dürfen, welche durch eine unſichtbare Thür mit deſſen Wohnzimmer verbunden war und ebenſo durch eine zweite verborgene Thür auf den Kirchhof führte, welche durch die große Eiche verborgen wurde, ſo würden ſie leicht begriffen haben, weßhalb Frau Frou Rut ds Pfart Werkzeug In d militäriſch Dunge I eim eſern Jahr, zwiſ drei Monat Befreiung ns ſchien kaoſpender gebleichte große ene falls ihr unbedruch blickte, d über wele den Geri verurtſeilt „Es ob er mi auf dem dem Verhi und den „Fri bekannte Hadley, ſetzt hatt dein Gen bergeben frage unſe allein in! genheiten. für unſer der Biber ertiichen, du deine können.“ Für inem unter In⸗ 5 der kiegen der⸗ nd er ſich Aden olgen⸗ fenem ſtand CSiche Feierſtunden. 1864. ———:¶4õy,y,õ-ßͤ——— — Ruth ihres Vaters Haus nicht verlaſſen wollte und konnte. Auch wäre ihnen dann das oft räthſelhafte Betragen der Frau Ruth, ſowie die verhängnißvollen Erſcheinungen in des Pfarrers Hauſe und das ihnen von Gott geſandte Werkzeug zur Errettung ihrer Stadt plötzlich erklärt worden. In dem kleinen Stübchen nämlich ſaß ein Greis von militäriſchem und edlem Anſehen, der ſich nur langſem von Hunger, Anſtrengung und Ermüdung erholte, welche ſelbſt ſeine eiſerne Natur derart erſchüttert hatten, daß er vier Jahre, zwiſchen Tod und Leben kämpfte. Es waren faſt drei Monate nach der Zeit, welche die Vorfahren ihre letzte Befreiung zu nennen pflegten. Die Sonne des neuen Jah⸗ res ſchien hell, aber oft von Wolken überſchattet auf die knoſpenden Bäume draußen, wie auf das weiße, vom Alter gebleichte Haar des Greiſes, der gebeugt daſaß über ſeine große engliſche Bibel, auf deren Blättern die Sonne eben⸗ falls ihr wechſelndes Spiel trieb. Es waren die erſten, ——-O-OO— dieſelbe oft ſchwer, oft gar nicht zu finden. Die That⸗ ſachen unſerer Erzählung bilden in der Geſchichte Neu⸗ Englands einen eben ſo merkwürdigen als hiſtoriſch treuen Zeitabſchnitt. Die Stadt Hadley wurde vor gänzlicher Zer⸗ ſtörung durch einen Mann von reifer militäriſcher Erfah⸗ rung und politiſchem Rufe gerettet, der, da er einer der Richter Karls I. war, ſelbſt in den Kolonien keine andere ſichere Zufluchtsſtätte finden konnte, als das verborgene kleine Stübchen in dem Hauſe des Pfarrers, welches der gute Mann mit Hülfe ſeiner zuverläſſigen Tochter aus der anſtoßenden Scheune für den unglücklichen Flüchtling her⸗ gerichtet hatte. Die Annalen erzählen, daß der Greis Jahre lang in den weſtlichen Wildniſſen umhergewandert ſei, wo er von Entbehrungen aller Art entſetzlich gelitten habe, bis er die Schwelle unſeres menſchenfreundlichen Pfarrers be⸗ trat. Nach einigen Jahren durfte er ſich aber auch hier nicht mehr ſicher glauben, weßhalb er ſich nach der Kolonie unbedruckten und einſt leeren Blätter, auf die der Greis Providence in Rhode⸗Island zurückzog, wo er im Frieden blickte, die aber jetzt die Liſten der Unglücklichen enthielten, ſein von ſo ſchweren Schickſalen heimgeſuchtes Leben be⸗ über welche das Geſetz harte Strafen verhängt, weil ſie den Gerichtshof gebildet, welcher Karl I. angeklagt und verurtheilt hatte. „Es iſt eine gerechtfertigte That,“ ſagte der Leſer, als „War nicht das Blut Rhode⸗Island wurde 1636 durch den von den Calviniſten ob er mit einem Gegner ſpräche. ſchloß. Rhode⸗Island war damals für die Verfolgten der An⸗ ſiedlungen ein Zufluchtsort, wie Neu-England für die Pu⸗ ritaner Alt⸗Englands geworden. Die erſte Anſiedlung in auf dem Felde und dem Schaffot vergoſſen worden nach aus Maſſachuſetts vertriebenen, auf unbedingte Religions⸗ dem Verhör und weil der Uebelthäter eine goldene Krone freiheit dringenden Geiſtlichen Roger Williams und ſeine und den Hermelin trug?“ „Friede, mein Freund,“ ließ ſich eine ſanfte, uns wohl Es war der Pfarrer von mit dieſen Thatſachen bekannt, denn er erlebte den Regie⸗ bekannte Stimme vernehmen. Hadley, der leiſe eingetreten und ſich neben den Greis ge⸗ ſetzt hatte. Er fuhr fort:„Die That iſt geſchehen; ſollte dein Gewiſſen dich aber nicht freiſprechen, ſo bete, daß dir vergeben werde. Ich fürchte, daß das Herz und die Streit⸗ frage unſerer Zeiten viele Urtheile mißleitet hat, und nicht allein in dieſer, ſondern auch in andern wichtigen Angele⸗ genheiten. Dir iſt die Gunſt geworden, ein gutes Werk für unſere Stadt zu thun, und unter dem ſichern Schutze der Biberhändler wirſt du mit Gottes Hülfe Providence erreichen, wo dich des Königs Häſcher nicht verfolgen und du deine Tage ruhig und in Frieden wirſt beſchließen können.“— Für jedes Wunder gibt es eine Erklärung, nur iſt Anhänger gegründet. Im Laufe der Zeit machte Herr Ruſſel ſeine Gemeinde rungsantritt Wilhelms von Oranien, und ſeit deſſen Thron⸗ beſteigung galt es nicht mehr als Hochverrath, die Männer und Anhänger der Republik zu beherbergen. Aber eine Be⸗ merkung, welche er ſtets in Bezug auf das vermeinte Wun⸗ der machte, findet ihre Anwendung durch allen Wechſel der Zeiten und Geſetze: „Engel ſteigen nicht mehr ſichtbar vom Himmel her⸗ nieder, wie zur Zeit der Aelterväter; aber der Herr der himmliſchen Heerſchaaren ſchickt auch jetzt noch in dringen⸗ der Noth ſeinen Kindern einen Helfer, und es iſt kein Aber⸗ glaube, wenn unſere Kinder fortfahren, jenen ſtattlichen Baum die ‚Engels⸗Eiche“ zu nennen.“ H. L— d. Eine neue Anwendung der Photographie. Der Graf von Penafiel verließ kürzlich Liſſabon, um ſich nach Paris zu begeben, und nahm einen Creditbrief von 70,000 Fr. mit. Unglücklicherweiſe verlor er denſel⸗ ben unterwegs. Er ließ deßhalb an ſeinen Bankier in Liſſa⸗ bon telegraphiren. Dieſer ließ nun nach Paris telegraphi⸗ tren, die Auszahlung des Wechſels vorderhand ſiſtiren, ſchickte aber zugleich mit der Poſt das Porträt des Grafen, und gab Auftrag, demſelben die obige Summe, wenn er ſich vorſtelle, auszubezahlen. B— e. Der betrogene Dieb. Der Charentais bringt folgende Anekdote, welche ſchon manches Seitenſtück in der franzöſiſchen Preſſe gefunden hat. Ein wohlhabender Mann aus Jouzac im Departe⸗ ment der Charente kehrte kürzlich mit ſeiner Frau in einer Poſtchaiſe aus Spanien zurück. In den Pyrenäen ſtieg er an einer Anhöhe aus, um eine Strecke zu Fuß zu gehen, und ließ das Fuhrwerk zurück. Nach einer Weile trat plötz⸗ lich ein Mann aus dem Walde heraus, hielt ihm einen Revolver auf die Bruſt und bedrohte ihn mit dem Tode, wenn er den mindeſten Widerſtand verſuche. So ließ der Reiſende es geſchehen, daß ihm ſeine Börſe mit etwa 2000 Fr., Uhr, Buſennadel und ein Diamantring abge⸗ Feierſtunden. 1864. 368 1 —;;— —-;— in E ls er dort aber ſein Erſtaunen, a ieb ab, kehrte aber Gewandes; wie Fea we um uud Nadel, ſondern zuhedeir rden. Darauf zog der Die b rock noch ab nicht nur Börſe, A Dürandäoe duls fon eaes f nommen mud un nahm ihm ſeinen O aot Reiſende noch eine dlhene bh im Eifer, den Rock des eſſenden nsln vidn ſeine zerlumpte Nridaſ. an. Als er zu ſuid de. gar vergeſſen, die Taſchen ſtiner iig legte aus Furcht, ſich zu eideenediri er dieſer ſanen an bs deneerſs r dig ſie uun wuidr daſ hanſe die Taſchen ſeines ſeltſamen Ja Unfall und unterſu zuc jährigkeit, ich war. Herbe jedoch dad machte das gegen hatte Spannung Beide der J dei diſſer G I hat vvußte, an p hergehenden er mir anze folgenden T zu ſprechen nehmen, d mir das F In d bei, wie d das mir n Papiers, u daß ich in Es w. den Rücken den Rochſch „Nun, nen. Ich 7 ee Er dre „ N N abgemacht n „Nehm Wäͤhte Stiefeln b ich eine T als ich au ſtigen Gyp und ſahen der Unterh, ſahi 8 3 ich ein vor muß ein 1 1 3 Meeanegfaſigmn V 3 M änan gie mmih der 6 5 dag Re” 8 N blitad 98 dene inne hiel. Die letzte Priſe. 8 Noſo Feierſt) + dort erdem Börſe enden genen ——. ———— Feierſtunden. 1864. 369 ———— große Erwartungen. Von Charles Dickens. Hechsunddreißigſtes Kapitel. erbert und ich fuhren fort, unſere Schulden zu Leenhee in fſſers Angel ehene zu ſtrich,— wie es unter allen Umſtänden ihre Gewohnheit iſt,— und ich erreichte die Voll⸗ wie Herbert prophezeit hatte, ehe ich recht wußte, woran jährigkeit, ich war. Herbert war acht Monate vor mir mündig geworden. Da er jedoch dadurch keine andere weſentliche Vortheile erringen konnte, ſo machte das Ereigniß kein großes Aufſehen im Hotel Barnard. Da⸗ gegen hatten wir meinem einundzwanzigſten Geburtstage mit großer Spannung und großen Erwartungen entgegengeſehen, denn wir waren Beide der Anſicht geweſen, daß meine Vorſicht nicht umhin könne, bei dieſer Gelegenheit etwas Entſcheidendes zu ſagen. Ich hatte Sorge getragen, daß man in Little Britain genau wußte, an welchem Tage mein Geburtstag war. An dem ihm vor⸗ hergehenden erhielt ich von Wemmick ein offizielles Schreiben, worin er mir anzeigte, daß Mr. Jaggers mich an dem vielverſprechenden folgenden Tage, Nachmittags um fünf Uhr, in ſeinem Geſchäftslokal zu ſprechen wünſche. Dieſer Umſtand ließ uns mit Gewißheit an⸗ nehmen, daß ſich etwas Großes ereignen werde, und machte, daß mir das Herz heftig pochte, als ich mich pünktlich zu ihm begab. In dem Vorzimmer gratulirte mir Wemmick, und rieb ſich da⸗ bei, wie durch Zufall, mit einem Stück Seidenpapier an der Naſe, das mir nicht übel gefiel. Allein er ſagte nichts in Betreff dieſes Papiers, und gab mir nur durch eine Handbewegung zu verſtehen, daß ich in das Zimmer meines Vormundes eintreten ſolle. Es war November, und mein Vormund ſtand vor dem Feuer, den Rücken an das Kaminſtück gelehnt, während ſeine Hände unter den Rockſchößen ſteckten. „Nun, Pip,“ ſagte er,„heut muß ich Sie wohl Mr. Pip nen⸗ nen. Ich gratulire, Mr. Pip. Er drückte mir die Hand,— was von ihm immer ſehr kurz abgemacht wurde,— und ich dankte. „Nehmen Sie Platz, Mr. Pip,“ ſagte darauf mein Vormund Während ich mich ſetzte, und er, mit finſteren Blicken ſeine Stiefeln betrachtend, in der bisherigen Stellung beharrte, empfand ich eine Verlegenheit, die mich an jene vergangene Zeit erinnerte, als ich auf einen Grabſtein geſetzt worden war. Die beiden geſpen⸗ ſtigen Gypsbüſten auf dem Bücherbrett waren nicht weit von ihm, und ſahen aus, als wenn ſie einen dummen Verſuch machten, an der Unterhaltung Theil zu nehmen. „Nun, mein junger Freund,“ begann Mr. Jaggers, als wenn ich ein vor den Gerichtsſchranken ſtehender Zeuge geweſen wäre,„ich muß ein paar Worte mit Ihnen ſprechen.“ „Wie Ihnen gefällt,“ erwiederte ich. „Wie hoch glauben Sie wohl,“ fuhr er fort, indem er ſich bückte, um auf den Boden zu blicken, und dann den Kopf zurück warf, um nach der Decke hinauf zu ſchauen,„wie hoch glauben Sie wohl, daß ſich 8 jährlichen Ausgaben bisher belaufen haben?“ Wie hoch?“ „Ja,“ wiederholte Mr. Jaggers, noch immer nach der Decke blickend,„wie hoch?“ worauf er im ganzen Zimmer umher ſchaute und ſein Taſchentuch zur Naſe erhob, aber in der Mitte des Weges inne hielt. Meine Angelegenheiten waren ſo oft von mir deprft worden, Feierſtunden. 1864. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. (Fortſetzung zu S. 336.) daß ich endlich jede klare Vorſtellung von ihrer eigentlichen Beſchaf⸗ fenheit verloren hatte. Widerſtrebend mußte ich deßhalb bekennen, daß ich unfähig ſei, die Frage zu beantworten. Dieſe Erwiederung ſchien Mr. Jaggers ſehr zu gefallen, denn er ſagte:„Ich dachte es!“ und führte hierauf ſein Taſchentuch mit großer Zufriedenheit zur Naſe. „Nun habe ich Ihnen eine Frage vorgelegt, mein Freund,“ fuhr er ſodann fort;„haben Sie vielleicht auch eine Frage an mich zu richten?“ „Natürlich würde es mir eine große Bevuhigung ſein, mehrere Fragen an Sie richten zu dürfen; allein ich erinnere mich Ihres Verbotes.“ „Thuen Sie eine,“ ſagte Mr. Jaggers. „Wird mir mein Wohlthäter heut bekannt werden?“ „Nein, thun Sie eine andere.“ „Wird mir dieſes Vertrauen bald geſchenkt werden?“ „Laſſen Sie dieſe Frage einen Augenblick bei Seite, und thun Sie eine andere,“ erwiederte Mr. Jaggers. Ich ſchaute mich um, aber wußte nicht, wie ich der folgenden Frage entgehen ſollte. „Habe— ich— etwas zu empfangen?“ „Ich dachte mir, daß wir dahin kommen würden!“ verſetzte Mr. Jaggers triumphirend, und rief dann Wemmick zu, er ſolle ihm jenes Stück Papier bringen. Wemmick erſchien, überreichte wieder. „Nun, Mr. Pip,“ ſagte mein Vormund hierauf,„merken Sie wohl, was ich ſage. Sie haben bisher ziemlich bedeutende Summen erhoben, und Ihr Name iſt ſehr häufig in Wemmick's Kaſſenbuche zu finden; aber deſſen ungeachtet haben Sie natürlich Schulden,— das Papier, und verſchwand nicht wahr?“ „Ich glaube, ich kann es nicht leugnen.“ „Sie wiſſen, daß Sie es nicht leugnen können,— nicht wahr?“ „Ja. „Ich frage nicht, wie viele Schulden Sie haben, denn Sie wiſ⸗ ſen es nicht, und wenn Sie es wüßten, würden Sie es mir nicht ſagen, und weniger angeben. Ja, ja, mein Freund,“ rief Mr. Jag⸗ gers, mir mit dem Zeigefinger Schweigen gebietend, als ich mir den Schein gab, dagegen proteſtiren zu wollen,„es iſt wohl möglich, daß Sie glauben, Sie würden es nicht thun, allein Sie würden es den⸗ noch thun. Sie müſſen mich entſchuldigen, ich weiß das beſſer, als Sie ſelbſt. Hier, nehmen Sie dieſes Papier in Ihre Hand! Haben Sie es? Gut. Nun entfalten Sie es, und ſagen Sie mir, was es iſt.“ „Es iſt eine Banknote für fünfhundert Pfund,“ erwiederte ich. „Das iſt eine Banknote für fünfhundert Pfund,“ wiederholte Mr. Jaggers;„und eine hübſche Summe iſt es! Glauben Sie nicht?“ „Wie könnte ich anders!“ „Ah, Sie müſſen auf meine Frage antworten.“ „Unzweifelhaft.“ „Sie halten es alſo unzweifelhaft für eine hübſche Summe. Nun, dieſe hübſche Summe, Pip, gehört Ihnen. Es iſt ein Geſchenk für den heutigen Tag, und zugleich ein Vorbote Ihrer Erwartungen. Von einer ſolchen hübſchen Summe jährlich, und keiner höheren, haben Sie in Zukunft zu leben, bis der Geber des Ganzen ſich mel⸗ det. Das heißt, Sie haben von jetzt an Ihre Geldangelegenheiten allein zu verwalten, und werden vierteljährlich einhundertundfünfund⸗ 47 370 Feierſtunden. 1864. 3 ä äͤber den mi zwanzig Pfund bei Wemmick erheben, bis Sie mit dem Urquell in ſich wieder aufrichtend, fort,„werden Sie Ihre Angelegenheiten mit ſen dann, 1 Verbindung treten und mit dem bloßen Agenten nichts mehr zu thun jener Perſon allein ordnen. Wenn jene Perſon ſich zu erkennen gibt, damit, ſo haben. Wie ich Ihnen geſagt habe, bin ich nur der Agent. Ich wird mein Antheil an dieſen Geſchäften aufhören. Wenn jene Per⸗ aber es wir handle nach meinen Inſtruktionen, und werde dafür bezahlt. Sie ſon ſich zu erkennen gibt, wird es nicht mehr nöthig ſein, daß ich Jetzt h ſind meiner Anſicht nach zwar unverſtändig, allein ich werde nicht irgend etwas davon wiſſe. Das iſt Alles, was ich zu ſagen habe.“ nen, ſo weit bezahlt, um meine Meinung darüber abzugeben.“ Wir ſchauten einander an, bis ich meine Augen abwendete und„Da? Jetzt wollte ich meine Dankbarkeit wegen der großen Freigebig⸗ gedankenvoll auf den Fußboden blickte. Aus dieſen letzten Worten„Oas ſo keit meines Wohlthäters ausdrücken, allein Mr. Jaggers unterbrach glaubte ich entnehmen zu können, daß Miß Havisham ihm aus ir⸗„Sie ſir mich. gend einem Grunde ihre Pläne in Betreff meiner und Eſtella's nicht nie—” „Ich werde nicht bezahlt, Pip,“ ſagte er ganz kalt,„um Ihre vertraut habe, und daß ihn dies verdroß, oder daß er den Plänen„Tragba Worte irgend Jemandem zu hinterbringen,„und dann nahm er ſeine entgegen ſei und nichts damit zu thun haben wolle. Als ich meine günzte Wemn Rockſchöße zuſammen, ſowie er den Gegenſtand der Unterhaltung zu⸗ Augen wieder aufſchlug, ſah ich, daß er mich die ganze Zeit ſcharf ſeirn Freun⸗ ſammen gefaßt hatte, und blickte finſter auf ſeine Stiefeln hinab, als beobachtet hatte, und es noch that. darauf an, wenn er den Verdacht hegte, daß ſie Böſes gegen ihn im Schilde„Wenn das Alles iſt, was Sie zu ſagen haben,“ bemerkte ich, zu werden.“ führten. ſ„ſo bleibt mir nichts mehr zu fragen übrig.“„Und Nach einer Pauſe wagte ich zu ſagen: Er nickte beiſtimmend, zog ſeine von allen Dieben ſo ſehr ge⸗ mic?“ „Ich that vorher eine Frage, die Sie mir vorläufig bei Seite fürchtete Uhr hervor, und fragte mich, wo ich zu Mittag ſpeiſen„Das zu laſſen geboten. Erlaube ich mir nicht zu viel, wenn ich ſie jetzt werde. Ich erwiederte:„In meiner Wohnung mit Herbert.“ Als„Ah,“ wiederhole?“ nothwendige Folge fügte ich die Frage hinzu, ob er uns mit ſeiner ſich eine Hin „Was war es?“ ſagte er. Geſellſchaft beehren wolle, und er nahm die Einladung ſogleich an, nung in Wa Ich hätte vorher wiſſen können, daß er mich nicht ſelbſt darauf aber beſtand darauf, mit mir nach unſerer Wohnung zu gehen, um„M p . 4........— bringen würde, allein es ſetzte mich in Verlegenheit, daß ich die etwaige beſondere Vorbereitungen zu verhindern, und bemerkte, daß 4— be 3, d ein Ott, une Frage noch einmal ausſprechen mußte, als wenn es eine ganz neue er vorher noch ein paar Briefe zu ſchreiben und(ſelbſtverſtändlich) Perſon iſt, u wwärd; ſeine Hände zu waſchen habe. Ich erwiederte deßhalb, daß ich in⸗ ult verden „Iſt es wahrſcheinlich,“ ſagte ich zögernd,„daß mein Wohlthä⸗ zwiſchen in das Vorzimmer gehen und mich mit Wemmick unterhal⸗ Walworth hü ter,— der Urquell, von dem Sie vorher ſprachen, bald—“ und ten wolle. mut Ge hielt dann beſchämt inne. Mein Beweggrund war der, daß, als die Fünfhundertpfund⸗ Gan „Was bald?“ ſagte Mr. Jaggers.„Das iſt keine vollſtändige Note in meine Taſche gelangte, gleichzeitig ein Gedanke in meinen Vrhuwrig e Frage.“(Kopf gekommen war, der mich ſchon früher häufig beſchäftigt hatte, Nr. „Bald nach London kommen wird,“ fügte ich hinzu, nachdem und daß ich Wemmick für beſonders geeignet hielt, ihn in Betreff ich nach einem richtigen Ausdruck geſucht hatte,„oder mich irgend deſſelben zu Rath zu ziehen. wohin wird rufen laſſen?“ V Er hatte bereits ſeinen Geldkaſten verſchloſſen, und ſchickte ſich „Hier müſſen wir,“ erwiederte Mr. Jaggers, indem er jetzt zum zum Heimwege an, hatte ſeinen Schreibpult verlaſſen und die beiden erſten Male ſeine dunklen, tiefliegenden Augen auf mich heftete,„auf beſchmutzten Leuchter deſſelben hervorgebracht und dicht an die Thür jenen Abend zurückkommen, an dem wir uns in Ihrem Dorfe zum geſtellt, um ſie beim Hinausgehen zu verlöſchen; hatte ferner das ccher und Wir h uns das au war. Ase zog Wemmie Kerzen zu erſten Male ſahen. Was ſagte ich Ihnen damals, Pip?“ Kaminfeuer mit Aſche bedeckt, und ſeinen Hut und Ueberzieher zu⸗ ge.. „Sie ſagten mir, daß es Jahre dauern könne, ehe dieſe Perſon recht gelegt, und klopfte ſich jetzt mit dem Schlüſſel des Geldkaſtens Suiſt hin erſcheinen würde.“ anhaltend auf die Bruſt, als eine gymnaſtiſche Uebung nach beendig⸗ Ig undeiſ „Ganz richtig,“ verſetzte Mr. Jaggers,„das war meine Ant⸗ ten Geſchäften. dil 8 wort.“„Mr. Wemmick,“ ſagte ich,„ich muß Ihren Rath in Anſpruch duuijan Während wir einander gerade in's Auge blickten, fühlte ich, wie nehmen; ich möchte nämlich gern einem Freunde dienlich ſein.“ oder irgend in dem eifrigen Verlangen, etwas aus ihm heraus zu bringen, mein Wemmick ſchloß ſeinen briefkaſtenartigen Mund feſter und ſchüt⸗ un ſeint St Athem ſchneller ging; und da ich dies fühlte und zugleich ſah, daß telte mit dem Kopfe, als wollte er damit andeuten, daß er einer nnunen er es bemerkte, wußte ich auch, daß ich um ſo weniger Ausſicht hatte, derartigen unheilvollen Schwachheit entſchieden entgegen ſei. vuneach etwas zu erreichen.„Dieſer Freund,“ fuhr ich fort,„iſt bemüht, ſich eine commer⸗ gwöhniſc „Glauben Sie, daß es noch Jahre dauern wird, Mr. Jaggers?“ cielle Stellung zu ſchaffen, aber hat keine Mittel, und ſtößt deßhalb uhte D fragte ich. auf große Schwierigkeiten. Nun möchte ich ihm gern behülflich ſein, 4. Wemm Er ſchüttelte den Kopf,— nicht um die Frage zu verneinen, um einen Anfang machen zu können.“. uneſen Mr. J. Mit baarem Gelde?“ verſetzte Wemmick in einem Tone, der „ ſondern um zu verſtehen zu geben, daß er überhaupt nicht darauf antworten könne; und während deſſen ſahen die beiden ſcheußlichen trockener war als Sageſpäne. Gypsabdrücke, mit den verzerrten Zügen, als meine Augen zu ihnen„Ja, mit etwas baarem Gelde,“ erwiederte ich, mich unwill⸗ hinauf wanderten, aus, als wenn ſie in ihrer geſpannten Aufmerk⸗ kürlich und nicht ohne Unruhe an das daheim aufbewahrte ſymme⸗ ſamkeit zu einer Kriſis gekommen und jetzt im Begriffe wären, zu triſche Bündel Papiere erinnernd,„mit etwas baarem Gelde und Herbert, get er irgend ei gedrückt und nieſen. vielleicht mit einigen Verſprechungen oder Anweiſungen auf das, was „Nun,“ ſagte Mr. Jaggers, die Rückſeite ſeiner Beine mit den ich zu erwarten habe.“ heißen Händen wärmend,„ich will offen mit Ihnen ſprechen, mein„Mr. Pip,“ ſagte Wemmick,„erlauben Sie mir, die verſchie⸗ Ind Freund Pip. Das iſt eine Frage, die nicht an mich gerichtet werden denen Themſebrücken bis nach Chelſea an den Fingern herzuzählen. nfhten darf. Sie werden es einſehen, wenn ich Ihnen ſage, daß die Frage Da iſt erſtens die Londoner Brücke, zweitens die Southwark⸗Brücke, uäinn zu mich compromittiren könnte. Ich will aber noch weiter mit Ihnen I drittens die Blackfriars⸗Brücke, viertens die Waterloo⸗Brücke, fünf⸗ 8 ſgr i gehen und noch mehr ſagen.“ tens die Weſtminſter⸗Brücke, und ſechstens die Vauxhall⸗Brücke. ſanan. A Er bückte ſich, um ſeinen Stiefeln ein paar finſtere Blicke zu⸗ Alſo ſechs, wie Sie ſehen, und nun können Sie wählen.“ durn mühe zuwerfen, ſo tief, daß er während der Pauſe ſeine Waden hätte rei⸗„Ich verſtehe Sie nicht,“ erwiederte ich. ſen Aüſen ben können.„Wählen Sie Ihre Brücke, Mr. Pip,“ verſetzte Wemmick,„und vm nun Alten „Wenn jene Perſon ſich zu erkennen gibt,“ fuhr Mr. Jaggers machen Sie einen Spaziergang darauf, und werfen Sie Ihr Geld n mit gibt, Per⸗ iß ich habe.“ te und R Vorten us ir⸗ nicht länen meine ſcharf tte ich, hr ge⸗ ſpeiſen Als ſeiner ch an, a, um , daß ndlich) ch in⸗ erhal⸗ fund⸗ neinen hatte, Betreff te ſich beiden Thür r das er zu⸗ faſtens endig⸗ ſpruch ſchü⸗ einer mmer⸗ Ißhalb jſein, Feierſtunden. 1864. ——————— über den mittelſten Bogen der Brücke in die Themſe, und Sie wiſ⸗ ſen dann, wo es geblieben iſt. Dienen Sie jedoch einem Freunde damit, ſo werden Sie zwar ebenfalls wiſſen, wo es geblieben iſt, aber es wird ein weniger erfreuliches und vortheilhaftes Ende ſein.“ Jetzt hätte ich eine Zeitung in ſeinen Mund hinein ſchieben kön⸗ nen, ſo weit machte er ihn nach dieſen Worten auf. „Das iſt ſehr entmuthigend,“ ſagte ich. „Das ſoll es auch ſein,“ ſagte Wemmick.⸗ „Sie ſind alſo der Anſicht,“ fragte ich entrüſtet,„daß man nie—“ „Tragbares Eigenthum bei einem Freunde anlegen ſolle?“ er⸗ gänzte Wemmick meine Worte.„Ganz gewiß nicht, ſofern man nicht ſeinen Freund los zu werden wünſcht; und dann kommt es noch ſehr darauf an, wie viel Eigenthum es werth ſein mag, um ſeiner los zu werden.“ „Und das iſt,“ ſagte ich,„Ihre wahre Meinung, Mr. mick?“. „Das iſt meine Meinung in dieſem Lokale,“ erwiederte er. „Ah,“ verſetzte ich dringender, da es mir ſchien, als wenn er ſich eine Hinterthür öffnen wollte,„aber würde das auch Ihre Mei⸗ nung in Walworth ſein?“ „Mr. Pip,“ antwortete er mit ernſter Miene,„Walworth iſt ein Ort, und dieſes Lokal iſt ein anderer Ort, ſowie der Alte eine Perſon iſt, und Mr. Jaggers eine andere. Beides darf nie mit ein⸗ ander verwechſelt werden. Meine Walworth⸗Anſichten muß man in Walworth hören; hier, in dieſem Lokal, habe ich nur meine Anſich⸗ ten als Geſchäftsmann auszuſprechen.“ „Ganz gut,“ erwiederte ich beruhigt,„dann werde ich Sie in Walworth aufſuchen, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Mr. Pip,“ entgegnete er,„Sie werden mir dort in perſön⸗ licher und außeramtlicher Beziehung willkommen ſein.“ Wir hatten dieſes Geſpräch mit leiſer Stimme geführt, weil uns das außerordentlich ſcharfe Gehör meines Vormundes bekannt war. Als er jetzt in der Thür erſchien, ſeine Hände noch trocknend, zog Wemmick ſeinen Ueberrock an und trat auf die Seite, um die Kerzen zu verlöſchen. Dann begaben wir uns alle drei auf die Straße hinaus, wo Wemmick ſeines Weges ging, während Mr. Jag⸗ gers und ich den unſerigen verfolgten. Mehr als einmal mußte ich an jenem Abende unwillkührlich wünſchen, daß Mr. Jaggers einen Alten, oder einen Böller⸗ oder irgend Etwas, oder irgend Jemanden in Gerard Street hätte, um ſeine Stirne ein wenig zu glätten; denn es war an meinem einundzwanzigſten Geburtstage in der That keine angenehme Betrach⸗ tung, daß ich denken mußte, es ſei kaum der Mühe werth, in einer ſo argwöhniſchen, zurückhaltenden Welt mündig zu werden, wie er ſie machte. Mr. Jaggers war hundertmal unterrichteter und geſcheidter als Wemmick, aber dennoch würde ich Letzteren hundertmal lieber zum Eſſen gehabt haben, als ihn. Auch war ich nicht der Einzige, den Mr. Jaggers ſo trübe ſtimmte, denn als er fort war, ſagter Herbert, gedankenvoll in das Feuer ſtarrend, es ſei ihm, als müſſe er irgend ein Verbrechen begangen und vergeſſen haben, ſo nieder⸗ gedrückt und ſchuldig fühle er ſich. Wem⸗ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Indem ich den Sonntag für den geeignetſten Tag hielt, um die Anſichten zu hören, welche Mr. Wemmick in Walworth hegte, ſo beſtimmte ich den nächſtfolgenden zu einer Pilgerfahrt nach dem loſſe. Als ich vor ſeinen Zinnen anlangte, ſah ich die National⸗ flagge wehen und fand die Zugbrücke aufgezogen; allein ohne mich durch dieſen Schein von Feindſeligkeit und Widerſtand abſchrecken zu laſſen, ſchellte ich an der Pforte und wurde auf höchſt friedliche Weiſe vom Alten eingelaſſen. — 371 „Mein Sohn,“ ſagte der alte Mann, nachdem er die Zugbrücke wieder befeſtigt hatte,„ahnte, daß Sie heut vielleicht kommen wür⸗ den, und trug mir deßhalb auf, Ihnen zu ſagen, daß er ſehr bald von ſeinem Spaziergange wieder zurück ſein werde. Er iſt ſehr regelmäßig und pünktlich in ſeinen Spaziergängen,— ſehr pünktlich in Allem.“ Ich nickte dem alten Manne ſo zu, wie Wemmick ſelbſt genicke haben würde, und wir gingen darauf hinein und ſetzten uns am Kaminfeuer nieder. „Sie haben meinen Sohn wohl in ſeinem Geſchäftslokale ken⸗ nen gelernt?“ ſagte darauf der Alte mit ſeiner leiſen, zirpenden Stimme, indem er ſich die Hände an der Gluth wärmte. Ich nickte bejahend.— „Ha!“ fuhr er fort.„Man hat mir geſagt, daß er außerordent⸗ lich geſchickt in ſeinem Geſchäfte ſei?“ Ich nickte ſtärker. „Ja, ſo habe ich gehört. ſamkeit?“ Ich nickte noch ſtärker. Sein Geſchäft iſt die Rechtsgelehr⸗ „Und das iſt um ſo mehr zu bewundern,“ fügte der Alte hinzu,„als mein Sohn dieſes Geſchäft nicht gelernt hat, ſondern die Küferei.“ Neugierig, zu wiſſen, in wie weit der alte Mann mit dem Rufe bekannt war, in welchem Mr. Jaggers ſtand, ſchrie ich ihm, ſo laut ich konnte, dieſen Namen zu. Er ſetzte mich jedoch in die größte Verlegenheit, indem er herzlich an zu lachen fing und ſehr heiter erwiederte:„Nein, ganz gewiß nicht, Sie haben Recht!“ und bis auf die Stunde habe ich noch nicht die leiſeſte Ahnung davon, was er eigentlich meinte, und welchen Scherz er glaubte von mir gehört zu haben. Da ich nicht fortwährend vor ihm ſitzen und nicken konnte, ohne einen Verſuch zu machen, ihn zu unterhalten, ſo ſchrie ich ihm die Frage zu, ob ſein Berufsgeſchäft auch„die Küferei“ geweſen ſei. Indem ich das Wort ſo laut als möglich mehrere Male wiederholte und dem alten Manne auf die Bruſt klopfte, um ihm dadurch die Idee deſſelben begreiflich zu machen, gelang es mir endlich, von ihm verſtanden zu werden. „Nein,“ entgegnete er,„Waarengeſchäfte. Anfangs da oben,“ fügte er hinzu, indem er auf den Schornſtein deutete, aber wahr⸗ ſcheinlich Liverpool meinte,„und ſpäter in der City von London. Allein da ich ein Gebrechen hatte,— ich höre nämlich ſehr ſchwer.“ Ich drückte das größte Erſtaunen aus. „Ja, ich höre ſehr ſchwer; und da ich von dieſem Gebrechen befallen wurde, ſo ging mein Sohn zur Rechtsgelehrſamkeit über, und pflegte mich und ſtellte nach und nach dieſe ſchöne Beſitzung her. Aber um wieder auf das zurückzukommen, was Sie ſagten,“ fuhr der alte Mann, von Neuem herzlich lachend, fort,„meine Meinung iſt,— ganz gewiß nicht! Sie haben Recht!“ Ich ſann noch darüber nach, ob ich mit Aufbietung meines gan⸗ zen Scharfſinnes etwas erdenken könne, was ihn nur halb ſo ſehr amüſirt haben würde, wie dieſer eingebildete Scherz, als meine Auf⸗ merkſamkeit plötzlich durch das Schlagen einer metallenen Feder in der Wand, dicht neben dem Kamine, erregt wurde, wo eine kleine hölzerne Tafel, mit dem Namen:„John“, hervor ſprang. Der Alte, welcher der Richtung meiner Augen gefolgt war, rief triumphirend: „Mein Sohn iſt heim gekommen!“ und wir eilten Beide hinaus an die Zugbrücke. Es war in der That Geld werth, zu ſehen, wie mir Wemmick, als wenn er weit entfernt wäre, von der anderen Seite des Grabens ſalutirte, obgleich wir uns über demſelben mit aller Bequemlichkeit die Hände hätten drücken können. Der Alte war ſo erfreut, die Brücke aufziehen zu können, daß ich keine Anſtalt machte, ihm dabei behülflich zu ſein, und ruhig ſtehen blieb, bis Wemmick herüber 47* 372 gekommen war und mich der Miß Skiffins vorſtellte, einer Dame, welche ihn begleitete. Miß Skiffins hatte ein etwas hölzernes Aeußere und war in die Geheimniſſe des Schloſſes eingeweiht. Sie mochte zwei oder drei Jahre jünger ſein als Wemmick, und ſchien einiges Vermögen zu beſitzen. Der Schnitt ihres Kleides, von der Taille aufwärts, vorn und hin⸗ ten, gab ihr das Anſehen eines Papierdrachens, und die Farbe deſ⸗ ſelben hätte für etwas zu hochgelb gelten können, ſowie ihre Hand⸗ ſchuhe für etwas zu grün. Aber ſie ſchien ein gutes Weſen zu ſein und bezeigte ſich ſehr ehrerbietig gegen den Alten. Bald machte ich auch die Entdeckung, daß ſie ein häufiger Gaſt im Schloſſe war; denmals ich, während wir hinein gingen, Wemmick ein Compliment über die geſchickte Vorrichtung machte, mittelſt deren er ſich dem Al⸗ ten ankündigte, bat er mich, meine Aufmerkſamkeit einige Augenblicke auf die andere Seite des Kamines zu richten, und entfernte ſich. Gleich darauf hörte ich wieder eine Feder ſchlagen, und eine zweite Tafel, mit dem Namen„Miß Skiffins“, ſprang vor; dann ver⸗ ſchwand„Miß Skiffins“, und„John“ zeigte ſich, worauf„Miß Skiffins“ und„John“ zugleich erſchienen, und endlich zugleich ver⸗ ſchwanden. Als Wemmick zurückkam, nachdem er mir dieſe mecha⸗ niſchen Vorrichtungen gezeigt hatte, drückte ich ihm meine Bewunde⸗ rung aus, worauf er erwiederte: „Je nun, ſie ſind dem Alten angenehm und zugleich nützlich. Aber, bei St. Georg, Herr, was erwähnt zu werden verdient, iſt das, daß von allen Leuten, welche durch dieſe Pforte gehen, Nie⸗ mand das Geheimniß dieſes Mechanismus kennt, als der Alte, Miß Skiffins und ich!“ „Und Mr. Wemmick hat ihn ſelbſt gefertigt,“ fügte Miß Skif⸗ fins hinzu,„mit ſeinen eigenen Händen und aus ſeinem eigenen Kopfe.“ Während Miß Skiffins ihren Hut ablegte(ohne jedoch die Hand⸗ ſchuhe auszuziehen, die ſie als ein äußeres und ſichtbares Zeichen, daß ein Gaſt anweſend ſei, den ganzen Abend trug), lud mich Wem⸗ mick ein, einen Spaziergang mit ihm über die Beſitzung zu machen, um zu ſehen, wie ſich die Inſel zur Winterszeit ausnehme. Da ich glaubte, daß er dieſes thue, um mir eine Gelegenheit zu geben, ſeine Empfindungen in Walworth kennen zu lernen, ſo ergriff ich ſie, ſo⸗ bald wir das Schloß verlaſſen hatten. Ich hatte die Sache vorher ſchon reiflich überlegt, und brachte deßhalb jetzt den Gegenſtand ſo zur Sprache, als hätte ich ſeiner früher nie erwähnt. Indem ich Wemmick geſtand, daß ich um Her⸗ bert Pocket beſorgt ſei, erzählte ich ihm, auf welche Weiſe wir zuerſt mit einander bekannt geworden waren, und wie wir mit einander gekämpft hatten. Ich ſchilderte Herberts häusliche Verhältniſſe und ſeinen Charakter, bemerkte, daß er keine anderen Mittel habe, als diejenigen, welche er von ſeinem Vater beziehe, und die ſowohl un⸗ ſicher als unzureichend ſeien,— erwähnte ferner die Vortheile, welche ich in der erſten Zeit meiner Unwiſſenheit und Rohheit aus ſeinem Umgange gezogen, und geſtand, daß ich fürchte, ihn nur ſchlecht da⸗ für belohnt zu haben, und daß er ohne mich und meine großen Er⸗ wartungen wahrſcheinlich in einer beſſeren Lage ſein würde. Indem ich dann Miß Havisham zwar ſo weit als möglich im Hintergrunde ließ, deutete ich doch die Möglichkeit an, daß ich ihm in ſeinen Aus⸗ ſichten ſtörend geweſen ſei, und die Gewißheit, daß er ein edles Ge⸗ müth beſitze, welches jeder niedrigen Rachſucht, Mißgunſt und Hin⸗ terliſt unfähig ſei. Aus allen dieſen Gründen,— ſagte ich zu Wem Feierſtunden. 1864. vergeſſen, daß Herbert von meiner Hülfe nie etwas wiſſen oder ahnen dürfe, und daß ich außer ihm Niemand in der Welt habe, an den ich mich um Rath wenden könnte. Zum Schluß legte ich meine Hand auf ſeine Schulter und ſagte: „Ich kann nicht anders, ich muß Ihnen vertrauen, obgleich ich weiß, daß es Ihnen läſtig iſt; allein Sie tragen inſofern ſelbſt die Schuld, als Sie mich hierher gebracht haben.“ Wemmick ſchwieg eine Zeit lang, und rief dann, wie wenn plötz⸗ lich erwachend: „Ich muß Ihnen Eins ſagen, Mr. Pip: das iſt verteufelt gut von Ihnen.“ „So ſagen Sie, daß Sie mir helfen wollen, gut zu ſein,“ er⸗ wiederte ich. „Ja,“ verſetzte Wemmick, den Kopf ſchüttelnd,„das iſt nicht mein Geſchäft.“ „Aber hier iſt auch nicht Ihr Geſchäftslokal,“ bemerkte ich. „Sie haben Recht,“ antwortete er,„Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, Mr. Pip. Ich will mir die Ueberlegungsmütze aufſetzen, und glaube, daß ſich Alles, was Sie wünſchen, allmählig bewerkſtelligen laſſen wird. Skiffins— ich meine den Bruder— iſt Buchhalter und Agent. Ich will ihn aufſuchen und für Sie an's Werk gehen.“ „Ich danke Ihnen tauſendmal.“ „Im Gegentheil, ich danke Ihnen; denn obgleich wir hier ganz in unſeren perſönlichen und Privatverhältniſſen bei einander ſind, ſo finden ſich doch auch hier einige Spinngewebe von Newgate, und ſo etwas fegt ſie hinweg.“ Nach einer noch kurze Zeit fortgeſetzten Unterhaltung kehrten wir in das Schloß zurück und fanden dort Miß Skiffins bei dem Berei⸗ ten des Thees. Das mit ſo großer Verantwortung verbundene Ge⸗ ſchäft des Brodröſtens war dem guten Alten übertragen worden, wel⸗ cher ſo vertieft darin zu ſein ſchien, daß ich fürchtete, er möchte ſeine Augen mit röſten. Es war kein blos nominelles Mahl, welches wir zu halten im Begriffe ſtanden, ſondern ein ſehr ſubſtantielles. Der Alte hatte einen ſolchen Haufen von geröſteten Butterſchnitten bereitet, daß ich ihn kaum dahinter ſehen konnte, als der Haufen auf einem eiſernen Geſtell vor dem Kaminfeuer briet, und Miß Skiffins hatte einen ſolchen Keſſel mit Thee gebraut, daß ſelbſt das Schwein im Hofe in große Aufregung gerieth und ſein Verlangen zu erkennen gab, an dem Mahle Theil zu nehmen. Die Flagge war eingezogen und die Kanone zur beſtimmten Zeit abgefeuert worden, und ich fühlte mich von dem übrigen Theile der Vorſtadt Walworth ſo gänzlich abgeſchnitten, als wenn der Graben dreißig Fuß breit und eben ſo tief geweſen wäre. Nichts ſtörte jetzt die Stille des Schloſſes, als von Zeit zu Zeit das Herabfallen der Holztafeln mit„John“ und„Miß Skiffins“, welche an einer gewiſ⸗ ſen krampfhaften Schwäche zu leiden ſchienen, die mich auch etwas unruhig machte, bis ich mich daran gewöhnte. Aus der ſyſtematiſchen Art und Weiſe, in der Miß Skiffins Alles verrichtete, ſchloß ich, daß ſie hier jeden Sonntag Abend den Thee bereitete, und vermuthete zugleich, daß eine an ihrem Halſe befindliche Broſche, welche eine keineswegs reizende Dame mit einer ſehr geraden Naſe und einem ſchönen Halbmonde darſtellte, ein Stück beweglichen Eigenthums ſei, das Wemmick ihr geſchenkt hatte. Wir verzehrten alles geröſtete Brod und tranken verhältnißmäßig mick,— und weil er mein Jugendfreund und Gefährte ſei, und weil eben ſo viel Thee, und es war beluſtigend, zu ſehen, wie warm und ich große Zuneigung zu ihm gewonnen habe, wünſchte ich, daß mein fettig wir danach wurden. Beſonders hätte der Alte für den ſaube⸗ eigenes Glück auch auf ihn einige Strahlen werfe, und wolle deß⸗ ren Häuptling irgend eines wilden Stammes gelten können, der ſo⸗ halb bei Wemmick's Erfahrung und Weltkenntniß Rath ſuchen, auf eben geölt worden war. Nach einer kurzen Pauſe wuſch Miß Skif⸗ welche Weiſe ich ihm mit meinen Mitteln zu einem kleinen Einkom⸗ fins— in Abweſenheit der kleinen Dienſtmagd, welche ſich, wie es men— zum Beiſpiel zu hundert Pfund jährlich, um ihn bei gutem ſchien, Sonntags in den Schooß ihrer Familie zurückzog,— das Muthe zn erhalten— verhelfen und ihn ſpäter in ein kleines Geſchäft Theegeſchirr auf eine leichte, ſpielende Weiſe, ſo wie eine Dame von als Theilhaber einkaufen könne. Endlich bat ich Wemmick, nicht zu Stande es zu thun pflegt, und die bei Keinem von uns Anſtoß fand. Dann zog ſ das Feuer, „Nun, Währe daß e8 Gel beſchreiblich „3c „denn er Papa?“ „Ganz rſah, daß „Nur aufblickt,“ König.“ „Gar Mann ſo zuſehen. Das Mr. Wo daß es du dicht vor Kopf oder ſo mußte allein Wer merkfamkei Gefahr en⸗ größte St zu, bis e Da und ich wie Mr. zog, wäh fins Tail Miß Skff that ſie m den Arm legte ihn mit der ſi einen Gra glaubt hab Bald mähhig ver Nach dni Spaanmn Seite vof ſie wiede von dieſe der Tiſch daß Wen Pade der rückgefüht End. holte We Glüſern rung tru und geſe hatten u usgenon liß Sk Wemmich danſ zu für ds von den Abend nen den neine fhich ſt die plötz⸗ lauf mütze tählig an's wel⸗ ſeine elches jelles. nüͤtten nauf iffins wein ennen Zeit le der raben jetzt ei1 der ewiſ⸗ wwas ſchen daß thete eine einem s ſei, mäßig m und aube⸗ er 4 Ski⸗ vie es das te von fand⸗ ——————————— Dann zog ſie ihre Handſchuhe wieder an, und wir ſetzten uns um das Feuer, worauf Wemmick ſagte: „Nun, Papa, lies uns die Zeitung vor.“ Während der Alte ſeine Brille ſuchte, erklärte mir Wemmick, daß es Gebrauch im Hauſe ſei, und daß es dem alten Maune un⸗ beſchreibliches Vergnügen gewähre, die Neuigkeiten laut vorzuleſen. „Ich mache keine Entſchuldigungen,“ fügte Wemmick hinzu, „denn er hat wenig Freuden mehr zu genießen. Nicht wahr, Papa?“ „Ganz recht, John, ganz recht,“ erwiederte der alte Mann, da er ſah, daß mit ihm geſprochen wurde. „Nur nicken Sie ihm bisweilen zu, wenn er von der Zeitung aufblickt,“ ſagte Wemmick,„und er wird ſo glücklich ſein wie ein König.“ 4 „Ganz recht, John, ganz recht,“ verſetzte der heitere alte Mann ſo geſchäftig und ſo froh, daß es eine Freude war, ihn an⸗ zuſehen. Das Vorleſen des Alten erinnerte mich an die Schulſtunden bei Mr. Wopsle's Großtante, mit der angenehmen Eigenthümlichkeit, daß es durch ein Schlüſſelloch zu kommen ſchien. Da er die Lichter dicht vor ſich haben mußte und fortwährend nahe daran war, ſeinen Kopf oder die Zeitung mit der Flamme in Berührung zu bringen, ſo mußte er ſo wachſam beobachtet werden, wie eine Pulvermühle; allein Wemmick war eben ſo unermüdlich als ſanft in ſeiner Auf⸗ merkſamkeit, und der Alte las fort, ohne zu ahnen, wie oft er einer Gefahr entging. Wenn er uns anblickte, drückten wir ſämmtlich das größte Staunen und das geſpannteſte Intereſſe aus, und nickten ihm zu, bis er weiter las. Da Mr. Wemmick und Miß Skiffins neben einander ſaßen, und ich mich in einer ſchattigen Ecke befand, ſo konnte ich beobachten, wie Mr. Wemmick's Mund ſich langſam und allmählig in die Breite zog, während ſein Arm ſich langſam und allmählig um Miß Skif⸗ fins Taille ſchlang. Nach einiger Zeit ſah ich dann ſeine Hand auf Ehe noch eine Woche verſtrichen war, erhielt ich von Wemmick einen aus Walworth datirten Brief, worin er mir mittheilte, daß er in der unſere perſönlichen und Privatverhältniſſe betreffenden Ange⸗ legenheit bereits einige Schritte gethan habe und ſich freuen werde, wenn er mit mir darüber ſprechen könne. Ich begab mich alſo wie⸗ der zu ihm nach Walworth, und ſpäter noch einmal, und traf ihn auf Verabredung auch in der City, aber hielt nie in Little Britain über dieſen Gegenſtand eine Beſprechung mit ihm. Das Reſultat war, daß wir einen achtbaren jungen Kaufmann und Schiffsmakler fanden, welcher noch nicht lange etablirt war, einen brauchbaren Ge⸗ hülfen, ſowie etwas Kapital, bedurfte, und nach einiger Zeit einen Theilhaber aufnehmen konnte. Zwiſchen mir und ihm wurde deß⸗ halb in Betreff Herberts ein geheimer Vertrag abgeſchloſſen, und ich bezahlte ihm die Hälfte meiner fünfhundert Pfund und verpflichtete mich zu mehreren anderen Zahlungen, deren einige zu beſtimmten Zeiten aus meinem Einkommen, andere aber erſt dann geleiſtet wer⸗ den ſollten, wenn ich in den Beſitz meines Vermögens gekommen war. Miß Skiffins Bruder leitete die Unterhandlungen, und Wem⸗ mick überwachte ſie, trat aber nie perſönlich darin auf. Das ganze Geſchäft wurde ſo geſchickt geordnet, daß Herbert nicht das Geringſte von meiner Betheiligung daran ahnte. Nie werde ich das leuchtende Geſicht vergeſſen, mit dem er eines Tages heim kam und mir als eine große Neuigkeit erzählte, daß er mit einem gewiſſen Clarriker(dem jungen Kaufmanne) bekannt geworden, daß derſelbe ihm mit außerordentlicher Zuneigung entgegen gekommen ſei, und daß er glaube, endlich eine vortheilhafte Gelegenheit gefunden zu haben. Tag für Tag, während ſeine Hoffnungen ſtiegen und ſein Geſicht immer leuchtender wurde, muß er mich für einen täglich lie⸗ bevoller werdenden Freund gehalten haben, denn ich hatte die größte Mühe, meine Freudenthränen zu verbergen, wenn ich ihn ſo glück⸗ lich ſah. Endlich, als Alles fertig war, und er an demſelben Tage in Clarriker's Haus eingetreten war und den ganzen Abend in der unbegrenzten Freude über ſein Glück mit mir geſprochen hatte, Miß Skiffins anderer Seite erſcheinen; allein in dieſem Augenblicke that ſie mit dem grünen Handſchuhe ſeiner Bewegung Einhalt, zog den Arm fort, als wenn es ein Kleidungsſtück geweſen wäre, und legte ihn mit großer Ruhe vor ſich auf den Tiſch. Die Gekaſſenheit, mit der ſie dies that, war höchſt merkwürdig, und hätte ich bei ihr einen Grad von Zerſtreutheit vorausſetzen können, ſo würde ich ge⸗ glaubt haben, daß es von ihr mechaniſch gethan worden ſei. Bald darauf bemerkte ich, daß Mr. Wemmich's Arm wieder all⸗ mählig verſchwand, und ſah ſeinen Mund von Neuem breiter werden. Nach einiger Zeit, während deren ich eine für mich faſt peinliche Spannung empfand, erſchien ſeine Hand wieder auf der anderen Seite von Miß Skiffins. Augenblicklich aber hemmte Miß Skiffins ſie wieder mit der Sicherheit eines gelaſſenen Boxers, befreite ſich von dieſem Gürtel, wie vorher, und legte ihn auf den Tiſch. Wenn der Tiſch den Pfad der Tugend darſtellte, ſo darf ich mit Recht ſagen, daß Wemmick's Arm, ſo lange der Alte vorlas, fortwährend von dem Pfade der Tugend abwich und von Miß Skiffins wieder dahin zu⸗ rückgeführt wurde. Endlich ſank der Alte während des Leſens in Schlummer. Dann holte Wemmick einen kleinen Keſſel herbei, ein Brett mit mehreren Gläſern und eine ſchwarze Flaſche, deren Kork eine Porcellanverzie⸗ rung trug, welche einen geiſtlichen Würdenträger mit ſehr röthlichem und geſelligem Geſichte darſtellte. Mit Hülfe dieſer Vorkehrungen hatten wir Alle bald ein warmes Getränk vor uns, den Alten nicht ausgenommen, der von ſeinem Schlummer bald wieder erwachte. iß Skiffins miſchte das Getränk, und genoß es, wie ich ſah, mit nit aus einem Glaſe. Natürlich bot ich ihr nicht an, ſie nach Hauſe zu begleiten, und erachtete es unter dieſen Umſtänden vielmehr für das Beſte, allein vorauszugehen, was ich auch that, nachdem ich von dem Alten herzlichen Abſchied genommen und einen angenehmen Abend verlebt hatte. mußte ich in vollem Ernſte, als ich zu Bette ging, bei dem Gedan⸗ ken weinen, daß meine Erwartungen mindeſtens etwas Gutes gewirkt hatten. Ein großes Ereigniß in meinem Leben, welches den Wendepunkt darin bildete, öffnet ſich jetzt meinem Blicke. Ehe ich jedoch deſſen erwähne und auf alle die Veränderungen übergehe, welche es zur Folge hatte, muß ich Eſtella ein Kapitel widmen. Es iſt nicht zu viel für den Gegenſtand, der ſchon ſo lange mein Herz exfüllt hatte. Achtunddreißigſtes Kapitel. Wenn es in dem alten Hauſe, an dem grüuen Platze in Rich⸗ mond, jemals ſpuken ſollte, nachdem ich geſtorben bin, ſo wird es gewiß mein Geiſt ſein, der darin ſpukt. O die vielen, vielen Nächte und Tage, während deren mein unruhiger Geiſt es umſchwebte, als Eſtella noch darin wohnte. Mochte mein Körper ſein, wo er wollte, mein Geiſt ſchweifte immer hinüber und durchwanderte es. Die Dame, bei der Eſtella ſich aufhielt, war eine Wittwe, Mrs. Bradley mit Namen, und hatte eine um mehrere Jahre ältere Toch⸗ ter als Eſtella. Die Mutter ſah jung aus, und die Tochter alt; die Geſichtsfarbe der Mutter war roſig, die der Tochter gelb; Erſtere gab ſich den Anſtrich von Leichtfertigkeit, Letztere den der Frömmig⸗ keit. Sie lebten in guten Verhältniſſen, machten und empfingen viele Beſuche. Uebereinſtimmung der Empfindungen heerſchte zwiſchen ihnen und Eſtella wenig oder gar nicht; aber darüber waren ſie ein⸗ verſtanden, daß Eſtella ihrer bedurfte, und ſie Eſtella's. Mrs. Brad⸗ le war eine Freundin von Miß Havisham geweſen, ehe Letztere ſich von aller Welt zurückgezogen hatte. In Mrs. Bradley's Hauſe, ſowie außerhalb deſſelben, erduldete ich jede Art, jeden Grad von Folter, die Eſtella mir zu verurſachen Feierſtu 374 im Stande war. Mein Verhältniß zu ihr, das mich auf den Fuß eines vertraulichen Umgangs mit ihr ſtellte, ohne mich in ihre Gunſt einzuführen, trug zu meiner Qual viel bei. ner, um ihre anderen Bewunderer zu peinigen, und benutzte die zwiſchen uns beſtehende Vertraulichkeit, um meine Verehrung für ſie zu verhöhnen. Wäre ich ihr Sekretär, ihr Verwalter, ihr Stiefbru⸗ der, ein armer Verwandter, oder der jüngere Bruder ihres zukünf⸗ tigen Gemahls geweſen, ſo hätte ich, obgleich ihr nahe, von allen meinen Hoffnungen nicht weiter entfernt ſein können, als ich war. Das Recht, ſie bei ihrem Vornamen zu nennen, und von ihr bei dem meinigen genannt zu werden, erhöhte unter dieſen Umſtänden nur das Bittere meiner Lage; und während es wahrſcheinlich ihre anderen Verehrer raſend machte, brachte es auch mich faſt zum Wahn⸗ ſinne. Sie hatte zahlloſe Verehrer. Ohne Zweifel machte meine Eifer⸗ ſucht aus Jedem einen Verehrer, der ſich ihr nur nahte, aber auch ohnedies waren ihrer mehr als genug. Ich beſuchte ſie häufig in Richmond und hörte oft von ihr in London, und pflegte nicht ſelten mit ihr und den Bradleys auf dem Waſſer zu fahren. Außerdem gab es Picknicks, Feſtlichkeiten, Opern, Concerte, Geſellſchaften und alle Arten von Vergnügungen, durch die ich ſie unaufhörlich verfolgte,— aber ſie bereitete mir nur Elend. Keine Stunde lang fühlte ich mich glücklich in ihrer Geſellſchaft, und dennoch dachte ich den ganzen Tag an nichts Anderes, als an die Glückſeligkeit, für immer und bis zum Tode mit ihr vereinigt zu ſein. So lange dieſe Art des Verkehrs zwiſchen uns beſtand,— mei⸗ ner Meinung nach eine ziemlich lange Zeit, wie ſich bald zeigen wird, — bediente ſie ſich gewöhnlich jenes Tones, der mir zu verſtehen gab, daß wir nur gezwungen ſeien, dieſen Umgang mit einander zu pflegen. Zu manchen Zeiten jedoch ließ ſie dieſen Ton plötzlich fal⸗ len und ſchien Mitleid für mich zu empfinden. „Pip, Pip,“ ſagte ſie eines Abends in einem ähnlichen Momente, als wir allein in einer dunklen Fenſterniſche des zu Richmond bele⸗ genen Hauſes ſaßen,„wollen Sie ſich nie warnen laſſen?“ „Wovor?“ „Vor mir.“ „Meinen Sie, Eſtella, ich ſoll mich warnen laſſen, nicht von Ihnen angezogen zu werden?“ „Ob ich das meine! Wenn Sie nicht verſtehen, was ich meine, ſo müſſen Sie blind ſein.“ Ich würde ihr geantwortet haben, daß die Liebe in der Regel für blind gelte, wenn mich nicht, wie es immer zu meiner nicht ge— ringen Qual geſchah, das Gefühl abgehalten hätte, daß es unedel ſei, mich ihr aufzudrängen, da ſie wußte, daß ihr keine andere Wahl blieb, als den Befehlen Miß Havisham's Folge zu leiſten. immer in Furcht, daß dieſes Bewußtſein auf ihrer Seite mich ihrem Stolze gegenüber in eine unvortheilhafte Lage verſetzte und mich zum Gegenſtande eines rebelliſchen Kampfes in ihrer Bruſt machte. „Jedenfalls,“ ſagte ich,„habe ich dieſes Mal keine Warnung erhalten, denn Sie ſelbſt haben mich ſchriftlich veranlaßt, hierher zu kommen.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Eſtella mit einem kalten, gleichgülti⸗ gen Lächeln, das mich ſtets eiſig berührte. Nachdem ſie eine Zeit lang in die Dämmerung hinaus geblickt hatte, fuhr ſie fort: „Die Zeit iſt jetzt gekommen, wo Miß Havisham mich einen Tag lang bei ſich zu haben wünſcht. Sie ſollen mich dahin führen und wieder zurück bringen, wenn Sie wollen. Miß Havisham will nicht, daß ich allein reiſe, und mag eben ſo wenig mein Kammer⸗ mädchen in ihr Haus aufnehmen, weil ſie ſich ſcheut, von ſolchen Perſonen beobachtet und beſprochen zu werden. Können Sie mich begleiten?“ Sie bediente ſich mei⸗ Ich war nden. 1864. ————————:—⅔;⅓⅓ÿ::-:yͤ—y———————;———; „Alſo wollen Sie? Gut, übermorgen, wenn es Ihnen recht iſt. Sie haben alle Unkoſten aus meiner Börſe zu bezahlen. Das iſt die ausdrückliche Bedingung, unter der Sie mich begleiten dürfen. Hören Sie?“ „Ja, ich höre, und weiß, daß ich gehorchen muß,“ war die Antwort. Das war Alles, womit ich auf dieſen Beſuch, wie auf andere (ähnliche vorbereitet wurde; denn Miß Havisham ſchrieb nie an mich, und nie war mir ihre Handſchrift zu Geſicht gekommen. Am zweit⸗ folgenden Tage reisten wir zu ihr und fanden ſie in dem Zimmer, wo ich ſie das erſte Mal geſehen hatte; und es bedarf kaum der Er⸗ wähnung, daß durchaus nichts darin verändert worden war. Sie drückte eine noch fürchterlichere Liebe für Eſtella aus, als bei ihrem letzten Beiſammenſein. Ich bediene mich des Wortes ab⸗ ſichtlich, denn zes lag in der That etwas Fürchterliches in ihren Blicken und Umarmungen. Sie hing mit den Augen an Eſtella's Schönheit, horchte auf ihre Worte, beobachtete jede Bewegung, und ſaß, an ihren eigenen zitternden Fingern nagend, da, als wenn ſie das ſchöne Weſen verſchlingen wollte, das ſie auferzogen hatte. Von Eſtella richtete ſie ihre Augen auf mich mit forſchendem Blicke, als wollte ſie mein Herz durchſchauen und ſeine Wunden auf⸗ ſuchen.„Wie behandelt ſie dich, Pip, wie behandelt ſie dich?“ fragte ſie mich wieder, ſelbſt in Eſtella's Gegenwart, mit ihrem hexenarti⸗ gen Ungeſtüm. Am ſchrecklichſten aber war ſie, wenn wir Abends vor dem flackernden Kaminfeuer ſaßen. Dann zwang ſie Eſtella, de⸗ ren Hand ſie, durch ihren Arm gezogen, feſt in der ihrigen hielt, unter Bezugnahme auf die in den regelmäßigen Briefen der Letzteren enthaltenen Mittheilungen, ihr die Namen und Verhältniſſe derjeni⸗ gen Männer zu ſagen, welche ſie erobert hatte; und während Miß Havisham mit der Spannung einer tödtlich verletzten und wunden Seele bei dieſer Liſte verweilte, ſaß ſie da, die andere Hand, mit dem Kinn, auf der Krücke ruhen laſſend, und ſtarrte mich, wie ein Geſpenſt, mit ihren matt funkelnden Augen an. „So elend mich die Wahrnehmung auch machte, und ſo bitter das dadurch erweckte Gefühl der Abhängigkeit, und ſelbſt der Erniedri⸗ gung, war, ſo erſah ich doch daraus, daß Eſtella dazu beſtimmt war, Rache für Miß Havisham gegen alle Männer zu üben, und daß ſie mir nicht eher gegeben werden ſollte, als bis ſie derſelben genug ge⸗ um die Männer anzuziehen und zu quälen, that ſie dies in der bos⸗ haften Vorausſetzung, daß Eſtella allen Verehrern unerreichbar ſei, und daß eein Jeder, der auf dieſen Wurf ſetzte, verlieren müſſe. Ich ſah darin, daß auch ich durch einen tückiſchen Scharfſinn gepeinigt wurde, obgleich der Preis mir vorbehalten war. Ich erkannte darin den Grund, weßhalb man die Entſcheidung in Betreff meiner ſo lange verſchob, und weßhalb mein ehemaliger Vormund ſich geweigert hatte, ein offener Mitwiſſer ſolchen Planes zu ſein. Mit einem Worte, ich erkannte darin Miß Havisham, wie ſie dort in jenem Augenblicke vor mir ſaß, und wie ich ſie immer vor Augen gehabt hatte, und ſah darin zugleich den deutlichen Schatten des dunklen, ungeſunden Hauſes, in welchem ſie ihr Leben vor dem Sonnenlichte verborgen hatte. Die Kerzen, welche das Zimmer erleuchteten, ſtanden in Arm⸗ leuchtern, die an der Wand befeſtigt waren. Sie befanden ſich in ziemlicher Höhe vom Erdboden und brannten mit der gleichmäßigen Mattigkeit, welche einem künſtlichen Lichte in einer nur ſelten durch friſche Zuſtrömung erneuerten Luft eigen iſt. Während ich ſie und verwesten Hochzeitsgewänder, die auf dem Tiſche und am B. lagen, und ihre eigene ſchreckliche Geſtalt, deren geſpenſtiger Wieder⸗ ſchein, durch das Feuer vergrößert, auf die Decke und die Wand ge⸗ worfen wurde, fand ich überall die Schlüſſe beſtätigt, zu denen ich „Ob ich Sie begleiten kann, Eſtella!“ gekommen war. Meine Gedanken ſchweiften nach dem großen Zim⸗ * than hatte. Ich glaubte darin den Grund zu erkennen, weßhalb ſie mir im Voraus beſtimmt war. Indem Miß Havisham ſie ausſandte, ihren trüben Schimmer betrachtete, und die ſtillſtehende Uhr, und die oden dem Ticcht ſchagenden in dem 2 Es ertt heftige PWort Nie zubor h Wie ſoe Havisham L bielt Eſſella begann. L zu erkenner det, als d „Wi bückend, „Nu machte ih Feuer hin „Spl Stockſehr müde?“ Mit! wieder in geſicht dr Gleichgült gleichgul meine Kä „Biſ „Sie Sie wich nehmen wie ich bi „O ſ ſit an, w erzogen w als ihre T lichkät in „Jed Eſtella, ſprechen. gegen m Sie?" „Li d „Ne „Ih aumuthig die Ande —„Ihn beſtze, Sie mit . Hie abe en, ſ liches .„80 tig an p immer ſie wag ſie mich Feierſtunden. 1864. 375 mer auf der anderen Seite der Hausflur hinüber, wo der gedeckte Tiſch ſtand, und ich ſah dieſelben Schlüſſe gleichſam geſchrieben in den herabhängenden Spinngeweben, dem Kriechen der Spinnen auf dem Tiſchtuche, den Spuren der Mäuſe, die ſich mit ihren ängſtlich ſchlagenden kleinen Herzen hinter die Wandbekleidung flüchteten, und in dem Schleichen und Stillſtehen der Käfer auf dem Fußboden. Es ereignete ſich bei Gelegenheit dieſes Beſuches, daß einige heftige Worte zwiſchen Miß Havisham und Eſtella gewechſelt wurden. Nie zuvor hatte ich ſie in Uneinigkeit geſehen. Wie ſoeben geſchildert worden, ſaßen wir am Feuer, und Miß Havisham hatte noch immer Eſtella's Arm unter dem ihrigen und hielt Eſtella's Hand, als Letztere ſich allmählig von ihr loszumachen begann. Schon mehrere Male hatte ſie vorher eine ſtolze Ungeduld zu erkennen gegeben und jene leidenſchaftliche Zuneigung eher gedul⸗ det, als angenommen und erwiedert. „Wie?“ ſagte Miß Havisham, ſie mit flammenden Augen an⸗ blickend,„biſt du meiner müde?“ „Nur meiner ſelbſt bin ich etwas müde,“ entgegnete Eſtella, machte ihren Arm völlig los und trat an den Kamin, wo ſie in das Feuer hinab ſchaute. „Sprich die Wahrheit, Undankbare!“ rief Miß Havisham, ihren Stock ſehr heftig auf den Fußboden niederſtoßend.„Biſt du meiner müde?“ Mit vollkommener Ruhe blickte Eſtella ſie an, und ſchaute dann wieder in das Feuer hinab. Ihre reizende Geſtalt und ihr ſchönes Geſicht drückten gegen die wilde Hitze der Anderen eine Kälte und Gleichgültigkeit aus, die faſt grauſam war. „Du Stock und Stein!“ ſchrie Mſß Havisham. Herz!“ „Was?“ erwiederte Eſtella, an den Kamin gelehnt und in ihrer gleichgültigen Haltung verharrend,„Sie wollen mir Vorwürfe über meine Kälte machen,— Sie?“ „Biſt du etwa nicht kalt?“ war die zornige Antwort. „Sie ſollten wiſſen,“ verſetzte Eſtella,„daß ich das bin, wozu Sie mich gemacht haben. Nehmen Sie alles Lob, allen Tadel hin, nehmen Sie alles Gelingen, alles Fehlſchlagen, nehmen Sie mich— wie ich bin!“. „O ſieh, ſieh!“ rief Miß Havisham in bitterem Tone.„Schaue ſie an, wie gefühllos und undankbar an dem Herde, an dem ſie auf⸗ erzogen worden iſt! Wo ich ſie an dieſe unglückliche Bruſt genommen, als ihre Wunden noch bluteten, und wo ich Jahre lang alle Zärt⸗ lichkeit an ſie verſchwendet habe!“ „Jedenfalls war ich unthätig bei jenem Vertrage,“ verſetzte Eſtella;„denn als er gemacht wurde, konnte ich kaum gehen und ſprechen. Was verlangen Sie alſo von mir? Sie ſind ſehr gütig gegen mich geweſen, und ich verdanke Ihnen Alles. Was verlangen Sie?“ Liebe,“ erwiederte Miß Havisham. „Du kaltes „Die haben Sie.“ „Nein, ich habe ſie nicht!“ „Ihnen, meiner Adoptivmutter,“ entgegnete Eſtella, ohne ihre anmuthige Stellung zu verlaſſen, ohne ihre Stimme zu erheben, wie die Andere that, und ohne Zorn oder weiches Gefühl zu verrathen, —„Ihnen, meiner Adoptivmutter, verdanke ich Alles. Was ich beſitze, gehört Ihnen. Alles, was Sie mir gegeben haben, können Sie mir auch wieder nehmen. Außerdem habe ich nichts. Wenn Sie aber Dinge von mir verlangen, die Sie mir nicht gegeben en, ſo kann meine Dankbarkeit, wie mein Pflichtgefühl, nicht Un⸗ ögliches leiſten.“ „ Habe ich ihr nie Liebe gegeben?“ rief Miß Havisham, ſich hef⸗ tig an mich wendend.„Habe ich ihr nie glühende Liebe gegeben, die immer unzertrennlich von Eiferſucht und bitterem Schmerze iſt, und ſie wagt mir das zu ſagen? Mag ſie mich wahnſinnig nennen! Mag ſſte mich wahnſinnig nennen!“ — ———————-ͤͤͤ „Weßhalb ſollte ich Sie wahnſinnig nennen? antwortete Eſtellla, —„gerade ich? Gibt es ein Weſen, das Ihre Abſichten halb ſo gut kennt, wie ich? Lebt ein Menſch, der halb ſo gut weiß, wie ich, was für ein treues Gedächtniß Sie haben? Ich, die an dieſem Herde und auf jenem kleinen Schemel, der ſelbſt jetzt neben Ihnen ſteht, geſeſſen, Ihre Lehren empfangen und in Ihr Geſicht geblickthabe, als es mir fremd war und mich erſchreckte?“ „Es war bald vergeſſen!“ ſtöhnte Miß Havisham,— bald ver⸗ geſſen!“ „Nein, nicht vergeſſen,“ entgegnete Eſtella,„nicht vergeſſen, ſon⸗ dern wohl aufbewahrt im Gedächtniſſe. Wann haben Sie mich Ihren Lehren ungetreu werden ſehen? Wann habe ich ſie vergeſſen? Wann haben Sie mich hier— mit der Hand auf die Bruſt deutend— etwas aufnehmen ſehen, was Sie ausgeſchloſſen haben? Seien Sie gerecht gegen mich.“ „So ſtolz, ſo ſtolz!“ ſtöhnte Miß Havisham, während ſie ihr graues Haar mit beiden Händen zurückſtrich. 3 „Wer hat mich gelehrt, ſtolz zu ſein?“ erwiederte Eſtella.„Wer lobte mich, wenn ich meine Aufgabe lernte?“ „So gefühllos, ſo gefühllos!“ ſtöhnte Miß Havisham. „Wer lehrte mich gefühllos ſein?“ entgegnete Eſtella.„Wer lobte mich, wenn ich auch dieſe meine Aufgabe lernte?“ „Aber gegen mich ſo ſtolz und ſo gefühllos zu ſein!“ ſchrie Miß Havisham hervor, indem ſie ihre Arme wild von ſich ſtreckte.„Eſtella, Eſtella, gegen mich ſo ſtolz und gefühllos zu ſein!“ Einen Augenblick ſchaute Eſtella ſie mit einer Art ſtiller Ver⸗ wunderung an, ohne jedoch in ihrer Ruhe geſtört zu werden; dann blickte ſie wieder auf das Feuer hinab. „Ich kann mir nicht erklären,“ ſagte ſie, ihre Augen nach einer kurzen Pauſe wieder aufſchlagend,„weßhalb Sie ſo unbillig ſind, wenn ich nach einer längeren Trennung wieder zu Ihnen komme. Ich habe nicht Ihr ſchweres Leid und die Urſache deſſelben vergeſſen, und bin Ihnen und Ihren Lehren nie untreu geworden. Nie habe ich mich, meines Wiſſens, einer Schwäche ſchuldig gemacht.“ „Wäre es eine Schwäche, meine Liebe zu erwiedern?“ rief Miß Havisham.„Aber ja, ja, ſie würde es ſo nennen!“ „Ich fange an zu glauben,“ ſagte Eſtella nach einer neuen Pauſe ſtiller Verwunderung,„daß ich faſt begreife, woher dies kommt. Wenn Sie Ihre adoptirte Tochter nur in der dunklen Abgeſchloſſen⸗ heit dieſer Zimmer auferzogen und ihr nie geſagt hätten, daß es ein Tageslicht gebe, in welchem ſie Ihr Geſicht nie geſehen hat,— wenn Sie das gethan und dann zu irgend einem beſonderen Zwecke von mir verlangt hätten, daß ich das Tageslicht begreifen und alle eme Eigenſchaften kennen ſolle, würden Sie ſich dann getäuſcht gefühlt haben und zornig geworden ſein?“ 1 Miß Havisham ſaß, den Kopf in beide Hände geſtützt und leiſe ſtöhnend auf ihrem Stuhle, und wiegte ſich hin und her, aber gab keine Antwort. „Oder,“ fuhr Eſtella fort,—„was noch beſſer paßt,— wenn Sie Ihre Tochter ſeit dem erſten Erwachen des Verſtandes mit aller Ihrer Macht und Kraft gelehrt hätten, daß es ein Tageslicht gebe, aber daß es nur dazu da ſei, um ihr Feind und Verderber zu wer⸗ den, und daß ſie ſich ſtets davon abwenden müſſe,— wenn Sie das gethan und dann zu irgend einem beſonderen Zwecke von ihr ver⸗ langt hätten, daß ſie ſich augenblicklich daran gewöhnte, was ihr un⸗ möglich geweſen wäre, würden Sie ſich dann getäuſcht gefühlt haben und zornig geworden ſein?“ Miß Havisham ſaß horchend da,— oder ſchien zu horchen, denn ich konnte ihr Geſicht nicht ſehen,— aber gab keine Antwort. „Deßhalb muß ich ſo genommen werden, wie ich gemacht wor⸗ den bin,“ ſagte Eſtella.„Der Erfolg iſt nicht mein, und das Fehl⸗ ſchlagen iſt nicht mein, aber beide zuſammen haben mich ſo gemacht.“ Inzwiſchen hatte ſich Miß Havisham,— ich weiß kaum, wie, — auf den Erdboden niedergelaſſen, und ſaß unter den bräutlichen 376 —————— auf den ich ſchon lange gewartet, um das am Kamine, gerade ſo, wie die ganze Zeit vorher, wäh Havisham's graues Haar aufgelöst auf den Boden und die bräut⸗ lichen Ueberreſte hinab floß, und einen traurigen Anblick gewährte. Mit ſchwerem Herzen ging ich länger als eine Stunde im Ster⸗ nenlicht auf dem Hofe, in der Brauerei und dem verödeten Garten umher. Als ich endlich Muth genug geſammelt hatte, um in das Zimmer zurückzukehren, fand ich⸗Eſtella vor Miß Havisham's Knie ſitzen und eins ihrer alten, vermoderten Kleidungsſtücke ausbeſſern, an die mich ſeitdem oft die zerfetzten, alten Fahnen erinnert haben, die man in Kathedralen hängen ſieht. Später ſpielten wir Karten zuſammen, wie ehedem, aber franzöſiſche Spiele, weil wir jetzt ge⸗ ſchickter geworden waren; und auf Abends, und ich ging zu Bett. Meine Schlafſtätte lag in dem abgeſonderten Gebäude, an der Hinterſeite des Hofes. Es war das erſte Mal, daß ich eine Nacht in dieſem Hauſe zubrachte, und der Schlummer wollte mir nicht nahen. Tauſend Miß Havishands umſpukten mich. Sie ſtand auf dieſer Seite meines Kiſſens, und auf der anderen, am Kopfende des Bettes, wie am unteren, hinter der halb geöffneten Thür des An⸗ kleidezimmers, und war in der Stube über mir, und in der unter mir belegenen,— kurz, überall. Endlich, als ſich langſam die zweite Stunde der Nacht nahte, fühlte ich, daß es mir unmöglich war, län⸗ ger im Bett zu bleiben, und daß ich aufſtehen müſſe. Ich that es deßhalb, kleidete mich an, und ging über den Hof in den langen ſteinernen Gang, um nach dem äußeren Hofe zu gelangen und dort zur Beruhigung meines Gemüthes ſpazieren zu gehen. Allein kaum hatte ich den Gang erreicht, ſo verlöſchte ich mein Licht, denn eh ſah Miß Havisham leiſe jammernd und auf geſpenſtige Weiſe darin entlang gehen. Ich folgte ihr in einiger Entfernung, und gewahrte ſie die Treppe hinauf ſteigen. Sie trug ein bloſes Licht in der Hand, li welches ſie wahrſcheinlich von dem Armleuchter ihres Zimmers abge⸗ te nommen hatte, und gewäh Fuße der Treppe dem Gaſtzimmer hervor dringen, ohne daß ich öffnen ſah, und hörte ſie oben hinein geh dieſe Weiſe verſtrich der Reſt des d ſie die Thür deſſelben be leiſen Jammern aufzuhören. eren hinaus zu gelangen und zurück zu gehen, cht eher, als bis ſich der erſte Tagesſchimmer zeigte und mich er⸗au kennen ließ, wo und wie ich die Thür zu öffnen habe. dieſer ganzen Zwiſchenzeit hörte ich, ſobald Treppe nahte, ihren leiſen Tritt, ſah das Li vernahm ihr endloſes Jammern. Vor unſerer Abreiſe am folgenden Tage fand keine Erneue der Uneinigkeit zwiſchen Miß Havisham und Eſtella ſtatt ſo wenig ſpäter bei ähnlichen Gelegenheiten, obgleich deren, ſo viel ich mich erinnern kann, noch vier folgten. Auch veränderte ſich M Havisham's Benehmen gegen Eſtella in keiner Weiſe, daß ſich etwas Furcht, wie es mir lichkeiten derſelben miſchte. Es iſt mir unmöglich, dieſes Blatt meines Lebens um ohne Bentley Drummle's Namen darauf es gewiß gern unterlaſſen. Bei einer gewiſſen Veranlaſſun als die 37 allein es gelang mir Ei ausgenommen, Da ſchien, in die früheren Eigenthüm⸗ zuſchlagen, zu ſetzen; ſonſt würde ich „Finken“ in großer chen Anzahl verſammelt waren, und allgemeine Geſelligkeit auf die ge⸗ verä wöhnliche Weiſe dadurch befördert wurde, daß Keiner mit dem Ande⸗ ren einig war, rief der vorſitzende Finke den ausgebracht hatte, was er, den feierlichen Statuten der Geſellſchaft ſich zufolge, vermöge der ihn treffenden Reihe „an dieſem Tage zu thun Ueberreſten, mit denen er beſtreut war. Ich benutzte dieſen Moment, Zimmer zu verlaſſen, nach⸗ dem ich vorher Eſtella mit der Hand ein Zeichen gegeben hatte, auf Miß Havisham aufmerkſam zu ſein. Als ich ging, ſtand ſie noch rend Miß der jämmerliche Tropf!“ flüſterte ich Herbert meinem Platze auf und ſagte, es ſehe, Unverſchämtheit des eh komme,— wir bedienten uns immer der Redensart, kommen“, als einer wohlklingenden parlamentariſchen daß er in den Hain komme und die bringe, die er nicht kenne. und fragte, was das zu bedeuten habe, tungsvolle Antwort gab, daß rte einen höchſt unheimlichen Anblick. Am endlich ſo lebhaft, ſtehen bleibend, fühlte ich die moderige Luft aus ſechs anderen Mitgliedern erklärten, en, und dann nach ihrem ſch eigenen Zimmer, und wieder in das Gaſtzimmer, ohne mit ihrem Mr. D Nach einiger Zeit verſuchte ich im Fin⸗ wordene Ehre der Bekanntſchaft mit ihr beibringen k Während fen, welche u. ſ. w.“ ich mich dem Fuße der Ehre nicht durch cht oben ſchimmern, und beſtimmt worden höflichen kleinen Bekenntniſſe von Eſtella's Hand rung Male die Ehre gehabt habe, mit ihm zu tanzen. „ und eben nichts Anderes übrig, keine leichte für mich; denn würde ihr Begünſtigen eines Anderen, wer es Feierſtunden. 1864. ——;—y—;—ᷣ—;O— hatte. Es ſchien mir, als wenn Drummle mir zuwürfe, während die Wein ich wunderte mich darüber nicht, da freund zwiſchen uns beſtanden hatten. jedoch, als er die Geſellſchaft a von„Eſtella!“ zu trinken!“ „Was für eine Eſtella?“ fragte ich. „Das geht ufforderte, mit ihm anf das Wohl 4 Sie nichts an,“ entgegnete Drummle. „Eſtella von wo? Sie müſſen es ſ agen!“ rief ich, da er, als Finke, in der That die Verpflichtung hatte, es zu thun. „Von Richmond, meine Herren,“ verſe beachtet laſſend tzte Drummle, mich un⸗ „„und eine unvergleichliche Schönheit.“ „Was er wohl von unvergleichlichen Schönheiten wiſſen mag, zu. „Ich kenne die Dame!“ rief Herbert über den Tiſch, nachdem die Geſundheit der Dame getrunken worden war. „So?“ verſetzte Drummle. 4 „Ich auch!“ fügte ich mit feuerrothem Geſi „In der That!“ erwiederte Drummle. Das war die einzige Antwort, welche der plumpe Menſch hervor⸗ bringen konnte; allein ich wurde ſo erbittert dadurch, als wenn ſie mit dem Stachel des Witzes verſehen geweſen wäre, und ſtand ſogleich von meiner Anſicht nach, der bekannten renwerthen Finken ſehr ähnlich, daß er in den Hain „in den Hain Wendung,— Geſundheit einer Dame aus⸗ Mr. Drummle ſprang ſodann empor, worauf ich ihm die bedeu⸗ ich glaube, er wiſſe, wo ich zu fin⸗ cht hinzu. „Mein Gott!“. en ſei. Ob es, nach dieſen V orgängen, in einem chriſtlichen Lande mög⸗ ch war, Blutvergießen zu vermeiden, war eine Frage, über die un⸗ r den Finken verſchiedene Meinungen herrſchten. Der Streit wurde daß mindeſtens noch ſechs ehrenwerthe Mitglieder des werde ihnen ohne Zweifel Schließlich wurde jedoch ent⸗ da der Hain ein Ehrengericht war), daß Mr. Pip, wenn rummle ein Zeugniß der Dame über die ihm zu Theil ge⸗ önne, in ſeiner und als Gentleman ſein Bedauern darüber daß er ſich„zu einer Wärme habe hinreißen laſ⸗ Der nächſtfolgende Tag war— damit unſere Verzug erkalte,— zux Produktion des Beweiſes und an dieſem Tage erſchien Drummle mit einem „ daß ſie mehrere Hiernach blieb mir als mein Bedauern auszudrücken, daß ich mich kannt ſein, wo ſie zu finden ſeien. ieden( genſchaft als Finke szudrücken habe, „zu einer Wärme habe verleiten laſſen, welche u. ſ. w.“, und die iß Idee, daß ich irgendwo zu finden ſei, als unhaltbar zu erklären. un ſaßen wir, Drummle und ich, eine Stunde lang brummend einander gegenüber, während der Hain ſich in den verſchiedenartigſten Streitigkeiten erging und ſchließlich erklärte, daß die allgemeine Ge⸗ ſelligkeit erſtaunliche Fortſchritte gemacht habe. Ich erzähle dies in leichtem Tone, aber die Sache ſelbſt war es iſt mir unmöglich zu beſchreiben, wel⸗ Schmerz mir die Wahrnehmung bereitete, daß Eſtella einem chtlichen, lügenhaften Pinſel, der ſo tief unter allen Anderen ag die geringſte Gunſt bezeugen konnte. Bis auf dieſen Augenblick glaube „Hain“ zur Ordnung, ich, daß es nur der reine Edelmuth, die Unegennndigket meiner weil Mr. Drummle noch keinen Toaſt auf die Geſundheit einer Dame Liebe war, was mir den Gedanken ſo ſehr zuwider machte, da zu dieſem hündiſchen Weſen herablaſſen konnte. Ohne geweſe —— einen hämiſchen Blick flaſchen im Kreiſe umher gingen; allein ſchaftliche Geſinnungen nie Wie erſtaunt und empört war ich — 1 —— wächte, mich ſand würde ner bereitet Es wun tnld,= da duß ſie zu finden, 1 Beharrlchkit fiſt.= inden ſchmächelte, gegen kam, Allein der Lauer N kam, daß ſeiner Fam es faſt die lang es S ches glänze Augenblick Auf glänzenden in Richnon Eſtell alle Schönheiten ſtrahlt hatt folhte dieſen hiſte Drun dergeſtalt, noß von ih eine ſolch dung, daf Entſchlußf ihr in Ber ner zu 2ch benu nüchſte Gel welche ſich ſie m Mre ley wartet mnitihr nac zu ghen, zur Acſahr allein un Blumen befand ihr, da gleitete. „Sil „Ein „Es der fen derlege, ſchreiben. „Um 8 war „Wo „Cſt te dort W 1 diſer ſchen in dienen 2 witderte deierſ ſchen Blit en; allein ungen nie war ich das Wohl er, als lich un⸗ à mag, achdem hervor⸗ ſte mit ich von annten n Hain Hain aus⸗ mpor, bedeu⸗ ————— möchte, mich ſtets elend gemacht haben; allein ein würdigerer Gegen⸗ 377 —-;;—;— „Motten und andere widerliche Kreaturen,“ verſetzte ſie mit einem ſtand würde mir eine andere Art und einen anderen Grad von Kum⸗ Blicke auf ihn,„umkreiſen in der Regel ein brennendes Licht. Kann mer bereitet haben. Es wurde mir leicht zu bemerken,— und ich bemerkte es anh bald,— daß Drummle angefangen hatte, ihr überall zu folgen, und daß ſie es ihm erlaubte. Nach kurzer Zeit war 15 immer hinter ihr zu finden, und faſt täglich begegnete ich ihm. Mit ſtumpfſinniger das Licht es verhindern?“ „Nein,“ entgegnete ich;„aber kann nicht Eſtella es verhindern?“ „Nun,“ ſagte ſie lachend nach einer Pauſe,—„vielleicht,— ja, — wie Sie wollen.“ „Aber, Eſtella, hören Sie mich an. Es macht mich unglücklich, Beharrlichkeit hielt er an dieſem Benehmen feſt, und Eſtella hielt ihn V daß Sie einen Menſchen begünſtigen, der allgemein ſo verachtet iſt, feſt,— indem ſie ihn bald ermuthigte, bald entmuthigte, bald ih m ſchmeichelte, bald ihn öffentlich zurückſetzte, heut ihm vertraulich ent⸗ gegen kam, und morgen ihn kaum zu kennen ſchien. Allein die Spinne, wie Mr. Jaggers ihn nannte, pflegte auf der Lauer zu liegen, und beſaß die Geduld ihres Geſchlechts. Dazu kam, daß er ein dummes Vertrauen auf ſein Geld und die Größe ſeiner Familie ſetzte, das ihm zuweilen gute Dienſte leiſtete, indem es faſt die Stelle feſter Entſchloſſenheit vertrat. Auf dieſe Weiſe ge⸗ lu es Spinne, durch ihre fortwährende Beobachtung Eſtella ches glänzendere Inſekt zu überflügeln, und häufig. Ferade im rechtem Augenibict zum Vorſchein zu kommen. F Auf einem glänzenden Balle in Richmond, wo Eſtella alle übrigen Schönheiten über⸗ ſtrahlt hatte, ver⸗ folgte dieſer tölpel⸗ hafte Drummle ſie dergeſtalt, und ge⸗ noß von ihrer Seite eine ſolche Dul⸗ dung, daß ich den Entſchluß faßte, mit ihr in Betreff ſei⸗ ner zu ſprechen. Ich benutzte die nächſte Gelegenheit, welche ſich bot, als ſie auf Mrs. Brad⸗ ley wartete, um mit ihr nach Hauſe zu gehen, und, zur Abfahrt bereit, allein unter den Blumen ſaß. Ich befand mich bei ihr, da ich ſie faſt immer nach ſolchen Orten hin und zurück be⸗ gleitete. „Sind Sie müde, Eſtella?“ fragte ich. „Ein wenig, Pip,“ erwiederte ſie. „Es kann nicht anders ſein.“ „Sagen Sie lieber, es ſollte nicht ſein; denn ehe ich mich nie⸗ derlege, habe ich heute noch einen Brief an Miß Havisham zu ſchreiben.“ „Um über den Triumph dieſes Abends zu berichten? Ich glaube, es war kein ſehr glänzender, Eſtella.“ „Was meinen Sie? Ich weiß von keinem Triumphe.“ „Eſtella,“ ſagte ich,„blicken Sie auf jenen Menſchen in der Ecke dort, der zu uns herüber ſchaut.“ 6„Weßhalb ſoll ich ihn anblicken?“ erwiederte Eſtella, indem ſie ſtatt deſſen ihre Augen auf mich richtete. iſt an jenem Men⸗ ſchen in der Ecke dort zu ſeh Ihrer Worte zu be⸗ dienen?“ „Das iſt gerade die Frage, die ich an Sie thun möchte wiederte ich; 4 eer hat Sie den ganzen Abend umkreist.“ 4 „Was en,— um mich , er⸗ Feierſtunden.. wie Drummle. Sie wiſſen, daß er verachtet wird.“ „Nun?“ verſetzte ſie. „Sie wiſſen, daß ſein Inneres ebenſo widerlich iſt, wie ſein Aeußeres,— daß er überhaupt ein erbärmlicher, bösartiger, hämi⸗ .) ſcher und dummer Menſch iſt.“ „Nun?“ wiederholte ſie. „Sie wiſſen, daß er nichts beſitzt, als Geld und einen lächerlichen Stammbaum gehirnloſer was ihn empfehlen könnte, Vorfahren, a's man⸗— nicht wahr?“ „Nun?“ ſagte ſie noch einmal, und öffnete dabei jedesmal ihre reizenden Augen weiter und weiter. Schwierigkeit dieſes ſſ. 1 rne einſylbigen Wortes 6 fau hinweg zu kom— 1l galenam men, nahm ich es nmn aauf und ſagte, in⸗ Um über die dem ich es mit ganz beſonderem Nachdrucke wieder⸗ holte: „Nun! Das iſt der Grund, weßhalb es mich unglücklich macht!“ Wenn ich hätte glauben können, daß ſie Drummle in der Abſicht be⸗ günſtigte um mich — mich elend zu machen, ſo würde ich ruhiger dabei geweſen ſein; allein ſie ließ mich in 1 1 4 4 4 der ihr eigenen Weiſe ſo ganz außer Berückſichtigung dabei, daß ich es untöglich glauben konnte. „Pip,“ ſagte ſie, ihren Blick über den Saal werfend,„machen Sie ſich keine thörichten Vorſtellungen über die Wirkungen, die es auf Sie haben ſoll. Es mag Wirkungen auf Andere haben, und haben ſollen. Uebrigens iſt es nicht der Mühe werth, darüber zu ſprechen.“ „O da, 8s iſt wohl der Mühe werthe euwiederte ich;„denn ich kann es nicht Krtragen, daß andere⸗Leütte ſagen,„ſie wirft ihre An⸗ muth und ihre Reize an einen bäuriſchen Menſchen, an den Niedrig⸗ ſten in der ganzen Geſellſchaft, weg.“ „Ich kann es ertragen,“ verſetzte Eſtella. „Oh, ſeien Sie nicht ſo ſtolz, ſo unbengſam, Eſtella!“ „In einem Athem nennt er mich ſtolz und unbeugſam,“ ſagte ſie, erſtaunt die Hände öffnend;„und macht mir Vorwürfe, daß ich mich zu einem bäuriſchen Menſchen herablaſſe 612 „Es iſt kein Zweifel, daß Sie es thun,“ erwiederte ich etwas haftig,„denn ich habe heute Abend geſehen, daß Sie ihm lächelnde Blicke zuwarfen, wie Sie— mix noch nie zugeworfen haben.“ 48 „Wollen Sie denn,“ ſagte ſtem, wenn nicht zornigem Bli Sie auch täuſche und beſtricke?“ „Täuſchen und beſtricken Sie ihn, Eſtella?“ „Ja, ihn und viele Andere,— Alle „ nur Sie nicht. kommt Mrs. Bradley. Ich ſage nichts weiter.“ Nachdem ich nunmehr dieſes Kapitel dem habe, der mein Herz ſo ſehr erfüllte und tete, gehe ich ungehindert zu dem Ereigniſſ noch längerer Zeit bevorgeſtanden hatte, vorbereitet worden war, ehe ich noch wußte, der Welt gab, zu einer Zeit, als ihr kindlicher V Verzerrungen von Miß Havisham's welker Hand empfing. In dem morgenländiſchen Mä welche während der Siegesfreude auf ſollte, langſam aus dem Steinbruche Seil, das ſie feſthalten ſollte, wurde Felſen gebohrt, Decke eingepaßt, meilenlange Höhlung bis zu dem groß nach langer Arbeit wurde der Sultan in tiefer Nacht erweckt, welches das S in ſeine Hand gelegt, und ſchoß dahin, und die Decke ſtürzte herab. S zu führen, war vollendet, und in einem Augenblick wurd geführt, und die Decke meiner Feſtung ſtürzte auf mich herab. Neununddreißigſtes Kapitel. Ich war dreiundzwanzig Jahre alt, hatte ich gehört, das mir ſten Geburtstag verſtrichen. Barnard verlaſſen, und woh Gardencourt, am Ufer des Fluſſes, belegen waren. Das zwiſchen mir und Mr. verhältniß war ſeit einiger Zeit ſchaftlichen Beziehungen hatten nicht aufgehört. dazu kam, mir einen beſtimmten Beru in der unklaren Quelle, Grund hatte,— fand ich Gefallen am täglich mehrere Stunden dazu. von Statten, und mit mir war A Schluß des letzten Kapitels geſchildert habe. Feierſtunden. 1864. Eſtella, ſich plötzlich mit feſtem, ern⸗ begleitet cke nach mir umwendend,„daß ich zu ſtudi Dort Ausſehen h Gegenſtande gewidmet des letzten Hauſes am Ufer, ihm ſo oft Schmerz berei⸗ den e über, das mir ſchon ſeit Branduug einer tobend — zu dem Ereigniſſe, das da daß es eine Eſtella in die Augen auf die erſchütte Verſtand ſeine erſten in einem hrchen wurde die ſchwere Platte, wenn er das Staatsbett hinab fallen Thüren öffnete und gehauen, der Tunnel für das pen derſel langſam und meilenweit durch Augen haltend, durch die Platte wurde langſam empor gehoben und in bie und das Seil wurde daran befeſtigt und durch die lich), bemerk ßen eiſernen Ringe gezogen. Als waren, Alles fertig war, und die Stunde gekommen, Winde ſchwankten, b und das ſcharfe Beil, Fluſſe wie rot eil von dem großen eiſernen Ringe trennen ſollte, wurde und er that den Hieb, und das Seil zerriß ſicht, um elf Uhr aufzuhören. So war es auch mit die Uhren der mir; Alles, was nah und fern geſchehen mußte, um zu dieſem Ziele e der Schlag ſpäter. aber noch kein Wort weiter Aufklärung über meine Erwartungen hätte geben können, und bereits eine Woche war über den dreiundzwanzig Seit einem Jahre hatten wir das Hotel nten im Temple, wo unſere Zimmer im Pocket früher beſtandene Unterrichts⸗ aufgelöst worden, aber die freund⸗ Obgleich ich nicht f zu wählen,— was vielleicht aus der ich meine Mittel bezog, ſeinen Studiren, und verwendete Herberts Angelegenheiten gingen gut lles noch ſo, wie ich es bis zum „und der Tag, an deſſen Abende ich mich niederſetzte, um ren, war der ſchlimmſte von allen geweſen. Seit jener Zeit ſind im Templ e weſentliche Veränderungen vor⸗ genommen worden „ in Folge deren er jetzt nicht mehr ein ſo ödes at und den Einwirkungen des Fluſſes nicht mehr in dem Grade ausgeſetzt iſt, wie früher. Wir wohnten im erſten Stockwerke welches in jener Nacht von dem über Fluß hin ſauſenden Winde wie von Kanonenſchüſſen oder der en See erſchüttert wurde; als der Regen noch zu kam und gegen die Fenſter ſchlug, war es mir, während ich rten Scheiben richtete, als wenn ich mich vom Sturme umtobten Leuchtthurme befände. Von Zeit zu Zeit kam auch der Rauch den Schornſtein herunter getrieben, wie ich ſcheute, in die Nacht hinaus zu fahren; und als ich die die Treppe hinab blickte„ſah ich, daß die Lam⸗ ben verlöſcht waren; und als ich, meine Hände über die die ſchwarzen Fenſter blickte(denn ſie auch nur war gegen einen ſolchen Wind und Regen unmög⸗ ich, daß die Lampen des Hofes gleichfalls verlöſcht und daß die auf den Brücken und am Ufer ſtehenden im und daß die Kohlenfeuer der Barken auf dem hglühende Waſſergüſſe fortgeriſſen wurden. Mit der Uhr vor mir auf dem Tiſche, ſtudirte ich, in der Ab⸗ Als ich das Buch zumachte, ſchlugen St.⸗Pauls⸗Kirche und der vielen anderen Kirchen der City, manche etwas früher, manche gleichzeitig, und andere ein wenig Der Klang wurde auf ſeltſame Weiſe vom und ich horchte darauf, vernehmen ließen. Welche nervenſchwache Thorheit mich erſchrecken und ſie mit dem Fußtritt meiner verſtorbenen Schweſter in Verbindung bringen ließ, iſt gleichgültig. Sie war in einem Augenblicke vorüber, und ich horchte und hörte die Tritte ſtolpernd herauf kommen. Da ich mich erinnerte, daß die Lampen der Treppe verlöſcht waren, ſo nahm ich meine Studirlampe und trat hinaus. Die unten befindliche Perſon wer ſie auch ſein mochte, hatte beim Anblicke meines Lichtes ihre Schritte angehalten, denn Alles war ſtill. „Iſt Jemand da unten?“ rief ich hinab blickend. „Ja,“ erwiederte eine Stimme aus der Dunkelheit herauf. „Welches Stockwerk ſuchen Sie?“ „Ich will in das oberſte,— zu Mr. Pip.“ „Das iſt mein Name. Es hat ſich doch kein Unglück ereignet?“ „Nein,“ entgegnete die Stimme, und der Mann kam herauf. Ich hielt die Lampe über das Treppengeländer, und er gelangte in den Lichtſchein. Es war eine Schirmlampe, um ein Buch zu be⸗ leuchten, mit einem nur beſchränkten Lichtkreiſe, ſo daß wenig zu öffnen, Winde zerriſſen, als ſich plötzlich Fußtritte auf der Treppe ich ihn nur ſchwerer, weiter Wolkenſchleier über? einen Augenblick lang darin ſehen konnte. ſe nach Marſeille unter⸗ Momente ein Geſicht, das mir fremd war, lte mich nicht wohl in der unerklärlichen Ausdrucke von Rührung Einſamkeit. Verſtimmt und unruhig, ſchon ſeit langer Zeit hoffend, blicke zu mir aufſchaute. daß der kommende Tag oder die kommende Woche mir Licht über Indem ich den Bewegungen des Mannes mit der Lampe folgte, meine Zukunft bringen würde, und immer in dieſer Erwartung ge— ſah ich, daß er ſolide, aber grobe Kleider trug, wie ein zur See Rei⸗ täuſcht, vermißte ich ſehr das heitere Geſicht und die muntere Unter⸗ ſender, daß er langes graues Haar hatte, ungefähr ſechzig Jahre alt haltung meines Freundes. 4 35 mochte, und daß er ein muskulöſer, ſtark gebauter Mann, und Es war trauriges Wetter, ſtürmiſch und feucht, i Schmutz auf den Straßen. Tagtäglich hatte ſich von O und tiefer von Wind und Wetter gebräunt und Sihehä war. Als er die 3 ondon gezogen, Herbert hatte in Geſchäften eine Rei nommen. Ich befand mich allein, und füh Ich gewahrte in dieſem und das mit einem mir und Freude bei meinem An⸗ — 2 1. ſten her ein letzten zwei Stufen herauf ſtieg, und da t meiner Lampe uns und zog noch Beide umfaßte, gewahrte ich mit Staunen, daß er mir beide Hände immer darüber hin, als wenn die Maſſe von Wolken und Winden entgegen ſtreckte. im Oſten kein Ende nehmen wollten. Die Stürme hatten ſo wüthend geſaust, daß von mehreren hohen Gebäuden in der Stadt das Blei der Dächer abgeriſſen worden war; und auf dem Lande waren Bäume entwurzelt, Windmühlenflügel abgeriſſen worden, und von der Küſte waren traurige Nachrichten von Schiffbrüchen und Verluſt an Men⸗ ſchenleben eingelaufen. Furchtbare Regengüſſe hatten dieſe Stürme „Was wünſchen Sie?“ fragte ich. 5 4ℳ „Was ich wünſche?“ wiederholte er.„Ach,— ja,— ich w es Ihnen erklären, wenn Sie erlauben.“ „Wollen Sie eintreten?“ „Ja,“ erwiederte er,„ich möchte eintreten, mein Herr.“ Ich hatte die Frage in ſehr ungaſtfreund Tone gethan, — dan das fre uchtete, we Erwiederung dennoch in rich und Er ſch und Freude di ſic ihm ab. Dam daß dos gra vonte ich en Im Gegenth gegen mich „Waos bei wir er Ex u ten Hand rauher, g hat und halb zu te halben Mi Er ſet deckte ſeine tete ihn au kanate ihn „Es iſ te blickend „Aus t Abendf ſagte ich. „Ah, den Kopf mir eben Sie ein M. Aber greif Ich g tannt! Sel innern, a Wind die genſlände wir zum geſtanden erkenaen Stuhle d zu ziehen men und und von gend nach mittel ann borher no⸗ 4 Er ko Hände en hatte ich dände.( und hielt ebzte, um gen vor⸗ ſo ödes in dem tockwerke emm über dder der gen noch rend ich ich nnich on Zeit n, wie ich die ie Lam⸗ iber die uch nur unmög⸗ verlöſcht den im uf dem er Ab⸗ chlugen ſen der wenig rriſſen, Treppe tt dem ließ, d ich mich im ich erſon ihre net?“ uf. angte Ibe⸗ nur ſem mir An⸗ lgte, Rei⸗ alt und die uns inde 2 all, Feierſtunden. denn das frohe Erkennen, welches noch immer aus ſeinem Geſichte leuchtete, war mir unangenehm, weil der Mann gewiſſermaßen eine Erwiederung deſſelben vorauszuſetzen ſchien. Allein ich führte ihn dennoch in das ſoeben verlaſſene Zimmer, ſetzte die Lampe auf den Tiſch und bat ihn, ſo artig als möglich, ſich zu erklären. Er ſchaute um ſich mit höchſt ſeltſamer Miene, in der Staunen und Freude lagen, als wenn er Theil an den Gegenſtänden hätte, die ſich ihm zeigten, und warf ſeinen groben Ueberrock und den Hut ab. Dann bemerkte ich, daß ſein Kopf kahl und gefurcht war, und daß das graue Haar nur an den Seiten deſſelben wuchs. Aber nichts konnte ich entdecken, was mir ſeine Erſcheinung hätte erklären können. Im Gegentheil ſah ich ihn im nächſten Augenblicke wieder beide Hände gegen mich ausſtrecken. „Was wollen Sie eigentlich?“ fragte ich, indem der Verdacht bei mir erwachte, daß er wahnſinnig ſei. Er wandte ſeine Blicke von mir ab, und rieb ſich mit der rech⸗ ten Hand an dem Kopfe. „Es iſt eine bittere Täuſchung für einen Mann,“ ſagte er mit rauher, gebrochener Stimme,„nachdem er ſich ſo ſehr darauf gefreut hat und aus ſo weiter Ferne gekommen iſt; aber Sie ſind nicht deß⸗ halb zu tadeln,— weder Sie, noch ich. Ich will reden— in einer halben Minute. Laſſen Sie mir eine halbe Minute Zeit.“ Er ſetzte ſich auf einen Stuhl vor dem Feuer nieder, und be⸗ deckte ſeine Stirne mit den großen, gebräunten Händen. Ich betrach⸗ tete ihn aufmerkſam, und ſchauderte unwillkürlich zurück, aber er⸗ kannte ihn nicht. „Es iſt doch Niemand in der Nähe?“ ſagte er, über die Schul⸗ ter blickend,„wie?“ „Aus welchem Grunde thun Sie, ein Fremder, der zu ſo ſpä⸗ ter Abendſtunde in meine Wohnung kommt, eine ſolche Frage?“ ſagte ich. „Ah, Sie haben das Herz auf dem rechten Flecke,“ ſagte er, den Kopf ſchüttelnd und mich mit einer Zärtlichkeit betrachtend, die mir eben ſo unerklärlich als ärgerlich war.„Es freut mich, daß Sie ein Mann geworden ſind, mit dem Herzen auf dem rechten Flecke. Aber greifen Sie mich nicht an,— Sie würden es ſpäter bereuen.“ Ich gab die Abſicht auf, die er errathen, denn ich hatte ihn er⸗ kannt! Selbſt jetzt konnte ich mich noch keines ſeiner Geſichtszüge er⸗ innern, aber ich wußte, wer es war! Hätten der Regen und der Wind die verfloſſenen Jahre vertreiben, alle dazwiſchen liegenden Ge⸗ genſtände zerſtreuen, und uns nach dem Kirchhofe tragen können, wo wir zum erſten Male in ſo verſchiedenen Lagen einander gegenüber geſtanden hatten, ſo würde ich meinen Sträfling nicht beſſer haben erkennen können, als ich ihn jetzt erkannte, während er auf dem Stuhle vor dem Feuer ſaß. Er brauchte keine Feile aus der Taſche zu ziehen und ſie mir zu zeigen, nicht das Tuch vom Halſe abzuneh⸗ men und um den Kopf zu wickeln, nicht mit verſchlungenen Armen und von Froſt ſchaudernd durch das Zimmer zu gehen und ſich fra⸗ gend nach mir umzublicken, ob ich ihn erkenne. Ehe er dieſe Hülfs⸗ mittel anwendete, hatte ich ihn erkannt, obgleich ich einen Augenblick vorher noch keine Ahnung von ſeiner Identität gehabt hatte. Er kam dahin zurück, wo ich ſtand, und ſtreckte mir wieder beide Hände entgegen. Unſchlüſſig, was zu thun,— denn vor Staunen hatte ich alle Faſſung verloren,— gab ich ihm widerſtrebend meine Hände. Er ergriff ſie mit Herzlichkeit, drückte ſie an ſeine Lippen, und hielt ſie feſt.“ „Du haſt edel gehandelt, mein Junge,“ ſagte er,—„edel, Pip! Und ich habe es nie vergeſſen!“ Da er eine Bewegung machte, als wollte er mich umarmen, ſo legte ich meine Hand auf ſeine Bruſt und drückte ihn zurück. „Halt!“ ſagte ich,—„nicht näher! Wenn Sie dankbar für das ſind, was ich als Kind gethan habe, ſo hoffe ich, daß ſich Ihre Dank⸗ barkeit durch eine Aenderung Ihres Lebenswandels beweist. Sind 1864. 379 unnöthig. Ich nehme an, auf welche Weiſe Sie mich auch ermittelt haben mögen, daß etwas Gutes dem Gefühle zu Grunde liegt, wel⸗ ches Sie hierher geführt hat; allein Sie müſſen einſehen, daß— ich—“ Der ſtarre Blick, mit dem er mich während deſſen betrachtete, feſſelte meine Aufmerkſamkeit ſo ſehr, daß mir die Worte auf den Lippen erſtarrten. „Sie wollten ſagen,“ bemerkte er, nachdem wir uns eine Zeit lang ſchweigend betrachtet hatten,„ich müſſe einſehen— was? Was muß ich einſehen?“ „Daß ich nicht wünſchen kann, den zufälligen Verkehr aus jener längſt vergangenen Zeit unter den jetzt ſo veränderten Verhältniſſen zu erneuern. Es freut mich, glauben zu können, daß Sie berenut und ſich gebeſſert haben. Ja, es freut mich, Ihnen das zu ſagen, und daß Sie, weil Sie glaubten, mir dankbar ſein zu müſſen, hergekom⸗ men ſind, um mir zu danken. Allein unſere Wege laufen in abwei⸗ chenden Richtungen. Sie ſind durchnäßt und ermüdet. Wollen Sie etwas trinken, ehe Sie wieder gehen?“ Er hatte ſein Tuch wieder loſe umgeſchlungen und ſtand, mich aufmerkſam betrachtend, während er an dem Zipfel deſſelben kaute. „Ja,“ erwiederte er, noch immer daran kauend und mich auf⸗ merkſam betrachtend,„ich möchte etwas trinken⸗ ehe ich gehe, und danke Ihnen.“ Auf dem Seitentiſche ſtand ein Theebrett mit verſchiedenen Fla⸗ ſchen. Ich ſetzte es auf den Tiſch am Feuer und fragte, was er ge⸗ nießen wolle. Er deutete auf eine der Flaſchen, ohne ſie anzublicken und ohne zu ſprechen, und ich bereitete ihm ein Glas Grok. Obgleich ich mich bemühte, dies mit ſicherer Hand zu thun, ſo wurde es mir doch unter dem Blicke ſehr ſchwer, den er, auf den Stuhl zurück ge⸗ lehnt und das— angenſcheinlich vergeſſene— Tuch noch zwiſchen den Zähnen haltend, auf mich richtete. Als ich ihm endlich das Glas vorſetzte, ſah ich mit Staunen, daß ſeine Augen voll Thränen waren. Bis zu dieſem Augenblicke war ich ſtehen geblieben, um ihm nicht zu verhehlen, daß ich ſeine baldige Entfernung wünſchte. Allein⸗ als ich den Mann ſo weich werden ſah, wurde ich auch weich, und empfand Reue. „Ich hoffe,“ ſagte ich, indem ich auch für mich ſchnell ein Glas miſchte und einen Stuhl an den Tiſch zog,„daß meine eben geſpro⸗ chenen Worte Sie nicht verletzt haben. Es war gewiß nicht meine Abſicht, und es ſollte mir leid thun, wenn es geſchehen iſt. Ich wünſche Ihnen alles Gute und alles Glück!“ Als ich mein Glas an die Lippen ſetzte, blickte er verwundert auf ſein Tuch im Munde ließ es fallen, und ſtreckte die Hand aus. Ich gab ihm die meinige, worauf er trank und ſich mit dem Aermel über Stirn und Augen fuhr. „Wie leben Sie jetzt?“ fragte ich. „Ich bin ein Schafzüchter geweſen, und habe allerhand andere Geſchäfte betrieben in der neuen Welt,“ erwiederte er,„viele tauſend Meilen ſtürmiſchen Waſſers von hier.“ „Hoffentlich iſt es Ihnen gut ergangen?“ „Außerordentlich gut. Viele Andere ſind mit mir dahin gekom⸗ men, und haben auch gute Geſchäfte gemacht, aber Keinem iſt es ent⸗ fernt ſo gut gegangen, wie mir. Ich bin bekannt dafür.“ „Es freut mich, das zu hören.“ „Ich dachte und hoffte, daß Sie das ſagen würden, mein lieber⸗ Junge.“ Ohne zu verſuchen, dieſe Worte und den Ton, in dem ſie ge⸗ ſprochen wurden, zu verſtehen, ging ich auf einen anderen Punkt über, der mir ſoeben in den Kopf gekommen war. „Haben Sie je den Boten wieder geſehen, den Sie einſt zu mir ſchickten,“ fragte ich,„nachdem er jenen Auftrag übernommen hatte?“ „Nie wieder; es war auch nicht wahrſcheinlich.“ Sie in der bſchäierher gekommen, um mir zu danken, ſo war es 48* —= ——;————; „Er führte ſeinen Auftrag getreu aus, und brachte mir die zwei Einpfundnoten. Damals war ich ein armer Bube, wie Sie wiſſen, und für einen ſolchen war es ein kleines Vermögen. Aber wie Ihnen, iſt es auch mir ſeitdem gut ergangen, und Sie müſſen mir deßhalb erlauben, ſie zurückzuzahlen. Sie können einem anderen armen Kna⸗ ben damit helfen.“ Ich zog meine Börſe hervor. Er beobachtete mich, während ich ſie auf den Tiſch legte, öffnete, und zwei Einpfundnoten aus ihrem Inhalte heraus nahm. Sie waren beide neu und ſauber, und ich entfaltete und überreichte ſie ihm. Mich noch immer beobachtend, legte er ſie auf einander, faltete ſie der Länge nach zuſammen, zündete ſie an der Lampe an, und ließ die Aſche auf das Theebrett fallen. „Darf ich wohl ſo frei ſein,“ fragte er, mit einem Lächeln, das faſt finſter war,„Sie zu fragen, wodurch es Ihnen gut ergan⸗ gen iſt, ſeitdem wir uns auf dem öden, kalten Moorlande geſehen haben?“ „Wodurch?“ „Ja. Er leerte ſein Glas, ſtand auf und ſtellte ſich neben das Feuer, während ſeine ſchwere braune Hand auf dem Kaminſims ruhte. Dann ſetzte er einen Fuß auf die Eiſenſtäbe des Roſtes, um ihn zu trocknen und zu wärmen, aber blickte ihn weder an noch in das Feuer, ſon⸗ dern richtete ſeine Augen nur auf mich. Erſt in dieſem Augenblicke begann ich zu zittern. Nachdem ich meine Lippen geöffnet und einige klangloſe Worte gemurmelt hatte, zwang ich mich, ihm zu ſagen(obgleich es auch nur ſehr undeutlich geſchah), daß ich erwählt worden ſei, der Erbe eines Vermögens zu werden. „Darf ein Wurm, wie ich, ſich die Frage erlauben, was für ein Vermögen?“ ſagte er. „Ich weiß es nicht,“ ſtotterte ich. „Darf ein Wurm fragen, was für ein Vermögen?“ „Ich weiß es nicht,“ ſtotterte ich wieder. „Ich möchte wiſſen, ob ich wohl errathen könnte,“ ſagte der Sträfling,„worin Ihr Einkommen beſtanden hat, ſeitdem Sie mün⸗ dig geworden ſind! Die erſte Zahl, zum Beiſpiel. Iſt es fünf?“ Während mein Herz pochte wie ein ſchwerer Hammer in un⸗ regelmäßiger Thätigkeit, ſtand ich vom Stuhle auf, legte meine Hand auf die Lehne, und ſtarrte ihn verwirrt an. „Was einen Vormund betrifft,“ fuhr er fort,—„denn Sie müſſen während Ihrer Minderjährigkeit einen Vormund gehabt haben, — vielleicht einen Advokaten,— war der Anfangsbuchſtabe ſeines Namens vielleicht ein J?“ Meine ganze Lage, in ihrer ſchrecklichen Wahrheit, ſtand plötz⸗ lich klar vor mir, und die bittere Täuſchung, die Gefahren, die Schande, die Folgen aller Artrn überwältigten mich dergeſtalt, daß ich förmlich nach Athem ringen mußte. „Angenommen,“ fuhr er fort,„daß derjenige, welcher dieſen Advokaten,— deſſen Name mit J anfing und vielleicht Jaggers lau⸗ ten könnte,— beauftragt hatte, über die See nach Portsmouth ge⸗ kommen, dort gelandet war, und die Abſicht hegte, Sie aufzuſuchen! Sie ſagten vorher, ‚wie ich Sie auch ermittelt haben möge!’ Nun wie habe ich Sie ermittelt? Sehen Sie, ich ſchrieb von Portsmouth an eine Perſon in London, um Ihre Adreſſe zu erfahren. Und der Name dieſer Perſon? Je nun, er iſt— Wemmick.“ Wenn auch mein Leben auf dem Spiel geſtanden hätte, ſo wäre ich doch nicht fähig geweſen, ein Wort zu ſprechen. Mit der einen Hand auf der Stuhllehne, mit der anderen auf meiner Bruſt, die zu erſticken drohte, ſtand ich da und ſtarrte ihn wild an, bis ich end⸗ lich nach dem Stuhle griff, als das Zimmer um mich zu ſchwimmen begann. Er fing mich auf, zog mich auf das Sopha, legte mich ge⸗ gen die Kiſſen, und beugte ein Knie vor mir, während das Geſicht, deſſen ich mich jetzt deutlich erinnerte, und vor dem ich zurückſchau⸗ derte, dicht vor dem meinigen war. ——:—————; 380 Feierſtunden 1864. —; — „Ja, Pip, mein lieber Junge,“ ſagte er,„ich habe einen Gentle⸗ man aus dir gemacht! Ich bin es, der es gethan hat! Ich ſchwor damals, daß, wenn ich jemals eine Guinee erwerben könnte, dieſe Guinee dir gehören ſollte. Ich ſchwor ſpäter, daß, wenn ich je ſpe⸗ kulirte und reich würde, du auch reich werden ſollteſt. Ich lebte karg und hart, damit du bequem leben konnteſt; ich arbeitete ſchwer, da⸗ mit du nicht zu arbeiten brauchteſt. Was thut es, mein lieber Junge? Sage ich es, um dir Verpflichtungen aufzuerlegen? Keineswegs. Ich ſage es nur, damit du wiſſeſt, daß jener elende, gehetzte Hund, dem du das Leben erhielteſt, ſeinen Kopf hoch genug erheben konnte, um einen Gentleman aus dir zu machen. Und der biſt du, Pip!“ Der Abſcheu und die Furcht, welche ich vor dem Manne em⸗ pfand, der Widerwille, mit dem ich ihn betrachtete, hätten nicht größer ſein können, wenn er irgend ein ſchreckliches Thier geweſen wäre. „Sieh, Pip,“ fuhr er fort,„ich bin dein zweiter Vater; du biſt mein Sohn,— biſt mir mehr als Sohn. Ich habe Geld geſpart, damit du es ausgeben könneſt. Als ich ein verdungener Hirte war und in einſamer Hütte wohnte, und keine anderen Geſichter ſah, als die meiner Schafe, bis ich faſt vergeſſen hatte, wie menſchliche Ge⸗ ſichter ausſahen, ſah ich doch immer das deinige. Oft ließ ich in jener Hütte mein Meſſer fallen, beim Mittageſſen oder beim Nacht⸗ eſſen, und ſagte: ‚Da iſt der Bube wieder und ſieht mich an, wäh⸗ rend ich eſſe und trinke! Oft ſah ich dich dort deutlich, wie damals auf dem nebeligen Moorlande. ‚Gott möge mich ſtrafen! ſagte ich dann,— und ging hinaus in das Freie, um es unter dem offenen Himmel zu ſagen,— ‚Gott möge mich ſtrafen, wenn ich nicht, ſo⸗ bald ich Geld und Freiheit erlange, einen Gentleman aus dem Buben mache!“ Und ich habe es gethan. Sieh dich an, lieber Junge, ſieh dieſe Zimmer an,— gut genug für einen Lord! Ein Lord! Oh du ſollſt mit Lords um die Wette Geld verthun, und mehr als ſie!“ In der Hitze ſeines Triumphes, und da er wußte, daß ich bei⸗ nahe ohnmächtig geworden war, bemerkte er nicht, wie ich alle dieſe Reden aufnahm. Es war der einzige ſchwache Troſt, den ich hatte⸗ „Sieh hier!“ fuhr er fort, meine Uhr aus der Taſche ziehend und einen Ring an meinem Finger zu ſich herum drehend, während ich vor ſeiner Berührung wie vor der einer Schlange zurückſchauderte, —„eine goldene, und wie ſchön! Das iſt eine Uhr für einen Gentle⸗ man, hoffe ich! Und ein Diamant, ganz mit Rubinen beſetzt— das nenne ich einen Ring für einen Gentleman! Sieh dein Leinen an, wie fein und ſchön! Sieh deine Kleider an, beſſere gibt es nicht! Und deine Bücher,“ rief er, im Zimmer umher blickend,—„die zu Hunderten auf ihren Brettern ſtehen! Und du lieſeſt darin, nicht wahr? Ich ſah ja, daß du geleſen hatteſt, als ich kam. Ha, ha, ha! Du ſollſt ſie mir vorleſen, mein lieber Junge! Und wenn ſie in fremden Sprachen geſchrieben ſind, wovon ich nichts verſtehe, ſo werde ich darum nicht weniger ſtolz ſein!“ Wieder nahm er meine beiden Hände, und drückte ſie an ſeine Lippen, während mir das Blut erſtarrte.. „Gib dir keine Mühe zu ſprechen, Pip,“ ſagte er, nachdem er ſich noch einmal mit dem Aermel über Stirn und Augen geſtrichen hatte, und in ſeinem Halſe wieder jenes ſeltſame Geräuſch erklungen war, deſſen ich mich von früher wohl erinnerte,— während er mir jedoch in ſeinem Eifer nur um ſo ſchrecklicher war,— du kannſt nichts Beſſeres thun, als ſchweigen, lieber Junge. Du haſt nicht lange auf dieſen Augenblick gewartet, wie ich,— du warſt nicht dar⸗ auf vorbereitet, wie ich. Aber haſt du niemals gedacht, daß ich es ſein könnte?“ „O nein, nein,“ entgegnete ich,—„nie, nie!“ „Nun, du ſiehſt, ich war es dennoch, und ganz allein. Nienkand wußte darum, als ich und Mr. Jaggers.“ „Niemand außerdem?“ fragte ich. „Nein,“ verſetzte er etwas erſtaunt,„wer hätte außerdem noch darum wiſſen ſollen? Und, mein lieber Junge, wie hübſch du —.— ſagen w meinem dann me unternahh den werd s auch mir wun für. Es was ich im in „ „und! zufriede 21 nung, Die Vo ten, we ich dach je ſein wenigen ungeach Wenn ich dos Güter wan? Weiſe men, nen( Geda⸗ könne 7 nicht; diſto Endlic durch. täube Win Sti und muß viele „iſt ½ Denile⸗ ſchwor . dieſe je ſpe⸗ te karg r, da⸗ dunge? §. Ich d, dem e, um e em⸗ rößer R. du biſt eſpart, te war , als ſe Ge⸗ ich in Nacht⸗ wäh⸗ amals gte ich fffenen t, ſo⸗ Buben e, ſieh O, ſie!“ ſch bei⸗ dieſe hatte iehend ährend uderte, entle⸗ das en an, nicht! die zu „nicht 7, ha! ſie in werde ſeine im er richen ungen r mir kannſt nicht t dar⸗ ich es rkand noch Feierſkunden. 1864. ——— —— geworden biſt! Gibt es nicht irgendwo ein Paar ſchöne Augen,— he?— an die du gern denkſt?“ „O Eſtella! Eſtella!“ dachte ich. „Sie ſollen dein ſein, lieber Junge, wenn Geld ſie kaufen kann. Nicht, daß ein Gentleman, wie du, ſie nicht ſelbſt gewinnen könnte, aber Geld ſoll dich unterſtützen! Laß mich vollenden, was ich dir ſagen wollte. In jener Hütte und in jener Stelle erbte ich Geld von ———— ————yä 381 wenn man zurückkommt. Es ſind in den letzten Jahren Viele von dort zurückgekommen, und ich würde ohne Zweifel gehängt werden, wenn man mich finge.“ Nichts fehlte noch als dieſes. Der Unglückliche, nachdem er mich Unglücklichen Jahre lang mit ſeinen goldenen und ſilbernen Ketten beladen, hatte ſein Leben gewagt, um mich aufzuſuchen, und ich hielt es jetzt in meinen Händen! Wenn ich ihn geliebt hätte, ſtatt ihn zu meinem Herrn(welcher daſſelbe geweſen war, wie ich), und erlangte verabſcheuen, wenn ich von der größten Zuneigung und Bewunde⸗ dann meine Freiheit, und fing für mich ſelbſt an. Alles, was ich unternahm, unternahm ich für dich.„Der Herr laſſe es zu Schan⸗ den werden,“ ſagte ich bei Allem, was ich anfing, von welcher Art es auch ſein mochte,„wenn es nicht für ihn iſt!“ und Alles glückte mir wunderbar. Wie ich vorher geſagt habe, ich wurde bekannt da⸗ für. Es war das geerbte Geld und der Gewinn der erſten Jahre, was ich für dich an Mr. Jaggers geſchickt hatte, als er dich, wie ich ihm in meinem Briefe aufgetragen, zuerſt aufſuchte.“ „O, wenn er doch nie gekommen wäre,“ war mein Gedanke, „und hätte mich in der Schmiede gelaſſen, wo ich, wenn auch nicht zufrieden, verhältnißmäßig doch glücklich war!“ „Und dann, mein lieber Junge, war es für mich eine Beloh⸗ nung, im Geheimen zu wiſſen, daß ich einen Gentleman machte. Die Vollblutpferde der Koloniſten mochten mich mit Staub überſchüt⸗ ten, wenn ich an ihnen vorüber ging, es kümmerte mich nicht, und ich dachte bei mir: ‚Ich mache einen beſſeren Gentleman, als Ihr je ſein könnet!’ Wenn Einer zu dem Anderen ſagte: ‚Er war vor wenigen Jahren noch ein Sträfling, und iſt noch jetzt, ſeines Glückes ungeachtet, ein gemeiner, unwiſſender Menſch,“ ſo dachte ich bei mir: Wenn ich auch kein Gentleman bin und nichts gelernt habe, ſo bin ich doch der Beſitzer eines Gentleman. Ihr Alle beſitzet Geld und Güter; wer von euch aber beſitzt einen in London erzogenen Gentle⸗ man? Auf dieſe Weiſe erhielt ich mich im Gange, und auf dieſe Weiſe behielt ich das Ziel immer vor Augen, eines Tages zu kom⸗ men, um meinen Buben außzuſuchen und mich ihm, auf ſeinem eige⸗ nen Grund und Boden, zu erkennen zu geben.“ Er legte ſeine Hand auf meine Schulter. Ich ſchauderte bei dem Gedanken, daß ſeine Hand möglicher Weiſe mit Blut befleckt ſein könne. „Es war nicht leicht, Pip, von dort fortzukommen, und auch nicht ohne Gefahr. Aber ich beſtand darauf, und je ſchwerer es war, deſto feſter beſtand ich darauf, denn ich war einmal feſt entſchloſſen. Endlich ſetzte ich es durch. Ja, lieber Junge, endlich ſetzte ich es durch.“ Ich verſuchte meine Gedanken zu ſammeln, aber war völlig be⸗ täubt. Mir war die ganze Zeit über, als hörte ich mehr auf den Wind und Regen, als auf ihn; und ſelbſt jetzt vermochte ich ſeine Stimme nicht von jenen zu unterſcheiden, obgleich dieſe laut waren, und er ſchwieg. „Wo willſt du mich unterbringen?“ fragte er bald darauf.„Ich muß irgendwo untergebracht werden, mein lieber Junge.“ „Um zu ſchlafen?“ fragte ich. „Ja, um lange und feſt zu ſchlafen,“ erwiederte er;„denn ſeit vielen Monaten bin ich von der See umher geſchleudert worden.“ „Mein Freund und Gefährte,“ ſagte ich, vom Sopha aufſtehend, „iſt abweſend; Sie müſſen ſein Zimmer einnehmen.“ „Er wird doch nicht morgen zurückkommen?“ „Nein,“ entgegnete ich, ungeachtet meiner Anſtrengungen faſt mechaniſch antwortend,„morgen noch nicht.“ „Denn ſieh, mein lieber Junge,“ fügte er hinzu, indem er ſeine Stimme ſenkte und mit beſonderem Nachdrucke einen langen Finger auf meine Bruſt legte,„Vorſicht iſt nöthig.“ „Wie meinen Sie das? Vorſicht?“ „Bei Gott! Es wäre mein Tod!“ „Was wäre Ihr Tod?“ „Ich wurde auf Lebenszeit fortgeſchickt, und der Tod ſteht darauf, rung zu ihm hingezogen worden wäre, ſtatt vor ihm zurückzubeben, ſo hätte es nicht ſchlimmer ſein können. Im Gegentheil, es wäre beſſer geweſen; denn ſeine Erhaltung wäre dann für mein Herz eine natürliche Pflicht geweſen. Meine erſte Sorge war, die Fenſterladen zu ſchließen, ſo daß kein Licht von außerhalb geſehen werden konnte, und dann alle Thü⸗ dren zu verriegeln. Während ich dies that, ſtand er am Tiſche und trank Rum und aß Zwieback; und als ich ihn auf dieſe Weiſe be⸗ ſchäftigt ſah, ſtand mein Sträfling auf dem Moorlande, wie er ſein Mahl genoß, wieder vor meinen Augen. Es ſchien mir faſt, als müſſe er ſich jetzt niederbeugen, um an ſeinem Beine zu feilen. Nachdem ich in Herberts Zimmer geweſen war und alle Zugänge zwiſchen ihm und der Treppe außer demjenigen verſchloſſen hatte, welcher durch das Gemach führte, in dem unſere Unterhaltung ſtatt⸗ fand, fragte ich ihn, ob er zu Bett gehen wolle. Er erklärte ſich bereit, aber bat mich, ihm für den folgenden Morgen einige„feine Wäſche“ von der meinigen zu bringen. Ich that es, und legte ſie für ihn bereit, und von Neuem erſtarrte mein Blut, als er dann wieder meine beiden Hände ergriff, um mir gute Nacht zu ſagen. Endlich machte ich mich von ihm los, ohne zu wiſſen wie, ſchürte das Feuer in meinem Zimmer und ſetzte mich vor daſſelbe nieder, weil es mir unmöglich war, zu Bett zu gehen. Zu betäubt, um denken zu können, brachte ich ſo eine Stunde, oder noch länger, zu, und erſt, als ſich allmählig die Gedanken ſammelten, wurde es mir völlig klar, welchen Schiffbruch ich erlitten hatte, und wie gänzlich das Fahrzeug geſcheitert war, das mich bisher getragen. Miß Havisham's Abſichten in Bezug auf mich waren nur ein Traum geweſen, Eſtella nicht für mich beſtimmt, und ich war in jenem Hauſe nur als eine Bequemlichkeit geduldet worden, als ein Stachel für die habgierigen Verwandten, als eine Puppe mit einem künſtlichen Herzen, um ſich daran zu üben, wenn nichts Anderes zur Hand war. Das waren die erſten Schmerzen, welche ich empfand Aber die ſchärfſte und tiefſte Pein war die, daß ich um des Sträf⸗ lings willen, der, Gott weiß, welche Verbrechen begangen hatte und aus meinem Zimmer, wo ich ſinnend ſaß, geholt werden konnte, um vor Newgate gehängt zu werden, Joe verlaſſen hatte. Ich hätte jetzt um Alles in der Welt nicht zu Joe, nicht zu Biddy zurückkehren mögen, und zwar nur deßhalb, wie ich glaube, weil das Bewußtſein meines unwürdigen Betragens gegen ſie ſtärker war, als jede andere Rückſicht. Keine Weisheit der Erde hätte mir den Troſt geben können, den ich aus ihrer Einfachheit und Treue geſchöpft haben würde; aber nimmer, nimmer konnte ich das unge⸗ ſchehen machen, was ich gethan hatte. In jedem Windſtoß, in jedem Gepraſſel des Regens glaubte ich Verfolger zu hören. Zweimal hätte ich darauf geſchworen, daß an der äußeren Thür geklopft und geflüſtert werde. Unter dieſen Be⸗ fürchtungen begann ich mir entweder einzubilden oder mich zu erin⸗ nern, daß ich geheimnißvolle Warnungen von der Annäherung dieſes Mannes empfangen hatte,— daß ich ſeit mehreren Wochen oft Ge⸗ ſichtern auf der Straße begegnet war, die mir dem ſeinigen ähnlich geſchienen,— daß dieſe Aehnlichkeiten ſich mir immer häufiger ge⸗ zeigt hatten, ſo wie er auf dem Waſſer näher und näher gekommen war,— daß ſein böſer Geiſt dieſe Boten dem meinigen zugeſendet, und daß er in dieſer ſtürmiſchen Nacht ſein Wort erfüllt hatte, und bei mir war. In dieſe Betrachtungen miſchte ſich ferner die Erinnerung, daß , 1 f 1 2 — 382 Feierſtunden. 1864. —— ◻ ich ihn mit meinen kindlichen Augen als einen verzweifelten, gewalt⸗ Es beunruhigte mich, daß gerade in dieſer Nacht ein Lanſcher thätigen Menſchen geſehen,— daß ich von jenem anderen Sträflinge auf der Treppe geweſen war, und ich fragte deßhalb den Wächter, wiederholt gehört, er habe ihn ermorden wollen,— und daß ich ihn als ich ihm an der Treppe einen Trunk reichte, in der Hoffnung, im tiefen Graben wie ein wildes Thier hatte beißen und kämpfen eine genügende Erklärung zu erhalten, ob er vielleicht bei ſeiner Pforte ſehen. Aus ſolchen Erinnerungen entwickelte ſich dann im Lichte des Herren eingelaſſen habe, denen anzuſehen geweſen ſei, daß ſie ſich Kohlenfeuers die dunkle Furcht, daß es gefährlich ſein könne, dieſe in einer Abendgeſellſchaft befunden. Er bejahte und ſagte, daß er zu wilde, einſame Nacht mit ihm eingeſchloſſen zuzubringen. Dieſe Furcht verſchiedenen Zeiten der Nacht drei eingelaſſen habe. Der Eine wohne wuchs immer mehr und drängte mich endlich, das Licht zu nehmen in Fountain Court, und die anderen Beiden im Gäßchen, und alle und hinzugehen, um meine entſetzliche Laſt zu betrachten. drei habe er nach Hauſe gehen ſehen. Der außer mir allein noch in Er hatte ein Tuch um den Kopf gebunden, und ſein weſicht demſelben Hauſe wohnende Herr war ſchon ſeit mehreren Wochen auf trug im Schlafe einen finſteren Ausdruck. Allein er ſchlummerte dem Lande, und konnte nicht zurückgekehrt ſein, da wir beim Erſtei⸗ ruhig, obgleich ein Piſtol auf ſeinem Kiſſen lag. Deſſen verſichert, gen der Treppe noch die Siegel an ſeiner Thür kleben ſahen. zog ich leiſe den Schlüſſel aus der Thür, ſteckte ihn von außen hinein,„Das Wetter iſt in dieſer Nacht zu böſe,“ ſagte der Wächter, und verſchloß das Zimmer, ehe ich mich wieder an meinem Feuer mir mein Glas zurückgebend,„und es ſind deßhalb nur Wenige in niederſetzte. Allmählig ſank ich vom Stuhl herab und llieb auf dem meine Pforte gekommen. Außer den genannten drei Herren entſinne Fußboden liegen. Als ich erwachte, ohne im Schlafe das Bewußt⸗ ich mich ſeit elf Uhr, wo ein Fremder kam und nach Ihnen fragte, ſein meines Elends verloren zu haben, ſchlugen die Glocken der öſt⸗ keines Anderen.“ lichen Kirchen fünf Uhr, die Lichter waren herunter gebrannt, das„Mein Oheim,“ murmelte ich,„ja, ja.“ Feuer erloſchen, und die ſchwarze Finſterniß war durch den Wind„Sie haben ihn geſehen?“ und Regen noch undurchdringlicher geworden.—„O ja, natürlich.“ „Auch die Perſon, welche ſich bei ihm befand?“ „Eine Perſon, die ſich bei ihm befand?“ wiederholte ich. „Ich glaubte, ſie käme mit ihm,“ antwortete der blieb ſtehen, als er ſtehen blieb wie er, dieſen Weg ein.“ Hier endet das zweite Stadium von Pips Erwar⸗ tungen. Wächter.„Sie Vierzigſtes Kapitel.„um mich zu fragen, und ſchlug dann, Es war gut für mich, daß ich, ſo viel in meiner Macht, Maß⸗ „Von welcher Art war die Perſon?“ regeln für die Sicherheit meines ſchrecklichen Gaſtes treffen wußte, Der Pächter hatte nicht beſonders darauf geachtet, aber meinte, denn dieſer Gedanke, der mich allein beim Erwachen beſchäftigte, ver⸗ 8 1 35 es ſei ein Arbeiter geweſen, der, ſo vie drängte einen wirren Schwarm anderer. ler ſich erinnere, Kleider von Die Unmöglichkeit, ihn in meiner W ohnung verborgen zu hal ſtaubiger Farbe unter einem ſchwarzen Rocke getragen habe. Er nahm ten, leuchtete mir ein. Es ging nicht, und jeder Verſuch würde nur 1i Füinh vahs, anühenels ich, da er nicht meine Gründe hatte Verdacht erweckt haben. Ich hatte jetzt zwar keinen„Rächer“ mehr 3 G 1 in meinem Dienſte, aber eine heißblütige alte Aufwärterin, welche Sobald ich mich von ihm losgemacht hatte, was ich ohne ſich von einem zerlumpten Geſchöpfe, angeblich ihrer Nichte, helfen gere Erörterungen für rathſam hiel 3 22 1 ließ, und der Verſuch, ein Zimmer vor ihnen verſchloſſen zu halten, inſemmen genommen, mich gewaltig zu beunruhigen. So leicht und würde nur Nengierde und Uebertreibungen zur Folge gehabt haben. einfach ſie⸗ einzeln ſtehend, zu erklären waren,* da, zum Beiſpiel, Sie hatten beide ſchwache Augen, die ich ſchon lange ihrer Gewohn⸗ egend Ciner, der zu Hauſe der anßerhalb gut dinirt hatte, ſich eürf heit, durch die Schlüſſellöcher zu ſchauen, zugeſchrieben hatte, und meine Treppe verlaufen haben konnte, ohne der Pforte des Wächters waren ſtets bei der Hand, wenn ſie nicht gebraucht wurden, worin, nahe zu kommen⸗ und dort eingeſchlafen Wwar, oder indam nrein abgeſehen vom Stehlen, ihre einzige zuverläſſige Eigenſchaft beſtand. amenloſer Gaſt Zemanden mitgebracht hüben konte, der u den Um daher vor dieſen Leuten kein Geheimniß zu haben, beſchloß ich, Weg zeigte,— ſo mußten ſie doch in Verbindung einen unheimlichen ihnen am Morgen anzukündigen, daß mein Oheim unerwartet vom Eindruck auf denjenigen machen, der ſich ſo geneigt zu Furcht und Lande gekommen ſei. Argwohn fühlte, wie ich ſe Dieſen Plan faßte ich, während ich noch Feuerzeuge ſuchte. Da ich es jedoch nicht finden konnte, ſo blieb mir nichts übrig, als nach dem nächſten Wachthauſe zu gehen und den dort befindlichen Wächter zu bitten, mir mit ſeiner Laterne zu Hülfe zu kommen. Während ich nun die finſtere Treppe hinunter tappte, ſtolperte ich über Etwas, und dieſes Etwas war ein Mann, der kauernd im Winkel ſaß. Der Mann antwortete nicht, als ich ihn fragte, was er dort thue, ſondern wich ſchweigend meiner Berührung aus, und ich eilte deßhalb nach dem Wächterhauſe, und veranlaßte den Wächter, ſchleu⸗ nigſt mit mir zu kommen, worauf ich ihm während des Rückweges erzählte, was mir begegnet war. Da der Wind noch immer tobte, ſo mochten wir das Licht der Laterne nicht dadurch in Gefahr brin⸗ gen, daß wir die verlöſchten Treppenlampen wieder anzündeten, aber unterſuchten die Treppe von unten bis oben, und fanden Niemand. Dann fiel es mir ein, daß ſich der Mann in meine Wohnung ge⸗ ſchlichen haben könne, weßhalb ich mein Licht an dem des Wächters anzündete und, ihn an der Thür derſelben zurücklaſſend, die Zimmer, mit Einſchluß deſſen, worin ſich mein ſchrecklicher Gaſt befand, genau unterſuchte. Alles war ſtill, und Niemand, außer ihm, befand ſich darin. län⸗ t, begannen jene beiden Umſtände, it wenigen Stunden geworden war. Ich zündete mein Feuer an, das in dieſer Morgenſtunde mit bleichem Scheine brannte, und ſank vor demſelben in Schlummer. Als es ſechs Uhr ſchlug und ich erwachte, war mir, als hätte ich die ganze Nacht ſchlummernd daſelbſt zugebracht. Da bis zum Tages⸗ anbruch noch mindeſtens anderthalb Stunden vor mir lagen, ſo ſchlum⸗ merte ich von Neuem ein, aber unruhig, und erwachte von Zeit zu Zeit, indem mir bald lange und ſinnloſe Unterhaltungen in den Ohren klangen, bald der Wind im Kamine wie Donner zu brüllen ſchien bis ich endlich in feſten Schlaf ſank, aus dem ich erſchreckt erſt dann erwachte, als es ſchon halber Tag war. im Dunkeln nach dem Bis dahin war es mir unmöglich geweſen, über meine Lage nachzudenken, und ich konnte es auch jetzt noch nicht. Es fehlte mir an der dazu erforderlichen Kraft. Ich war außerordentlich nieder⸗ geſchlagen, aber ohne mir die Gründe recht klar machen zu können, und einen Plan für die Zukunft zu faſſen, war ich ebenſo unfähig, wie einen Elephanten zu ſchaffen. Als ich die Fenſterladen öffn und in den naſſen, ſtürmiſchen Morgen, mit ſeiner bleifarbenen Wol⸗ kendecke, hinaus blickte, während ich von Zimmer zu Zimmer ging und mich endlich fröſtelnd wieder vor das Feuer ſetzte, um auf das Erſcheinen meiner Wäſcherin zu warten,— dachte ich daran, wie elend ich ſei, aber wußte weder weßhalb, noch wie lange ich es be⸗ — riits geweſen mache, und Endlich mit einem g ſcheiden ließ dem des Fe⸗ in der Nach darnach eng grend all, und jnnd mi Feuer ſitzen, Nach ei Sein Aublie noch abſcher „Ich ſich au de für meine Ua „Auf angenomm wenn du ne „Wie „Magr iſ Abel.“ Wo; „—z „Zu Er ſp Geſchi „Als mich unwi ſtattgefunde „In, „Als nach dem ein bei Ihnen⸗ „Vei „Aber „Ich zwiifelgeit waren; a „Si „Icl einen St „Wa „Nic in den P. „Fan „Wel „Das Er n „KLeru Die brechens, ergriff ei Varten: worden 1 da dabei wa verlonmn, während auf die — —₰½ Nauſcher Dächter voffnung, er Pforte ſie ſich aß er zu de wohne und alle noch in chen auf Erſtei⸗ Zächter, dag in entſinne fragte 7 „Sie dann, neinte, er von nahm hatte, län⸗ ände, t und aſpiel, h auf hters mein den lichen und mit uner. ich glö⸗ um⸗ zu gren hien ann Lage mir der⸗ ——ꝛ—ꝛ;—ꝛ—ꝛ———— reits geweſen, und an welchem Tage der Woche ich dieſe Betrachtung mache, und kaum, wer ich ſelbſt ſei. Endlich kamen die alte Frau und ihre Nichte,— die Letztere mit einem Kopfe, der ſich von ihrem ſtaubigen Beſen ſchwer unter⸗ ſcheiden ließ,— und drückten ihr Erſtaunen bei meinem Anblicke und dem des Feuers aus, worauf ich ihnen mittheilte, daß mein Oheim in der Nacht angelangt ſei und noch ſchlafe, und daß das Frühſtück darnach eingerichtet werden müſſe. Dann wuſch und kleidete ich mich an, während jene das Zimmer reinigten und viel Staub machten, und fand mich endlich wieder, halb ſchlafend und träumend, vor dem Feuer ſitzen, wo ich zum Frühſtück auf ihn wartete. Nach einiger Zeit öffnete ſich ſeine Thür, und er kam heraus. Sein Aublick war mir unerträglich, und ich dachte, daß er bei Tage noch abſcheulicher ausſehe, als bei Abend. „Ich weiß nicht einmal,“ ſagte ich mit leiſer Stimme, als er ſich an den Tiſch ſetzte,„wie ich Sie nennen ſoll. Ich habe Sier für mernen Oheim ausgegeben.“ „Das iſt recht, mein lieber Junge! Nenne mich deinen Oheim.“ „Auf dem Schiffe haben Sie doch wahrſcheinlich einen Namen angenommen?“ „Ja, mein lieber Junge; ich nahm den Namen Provis an.“ „Wollen Sie ihn beibehalten?“ „Je nun, ja, lieber Junge, er iſt ſo gut wie ein anderer,— wenn du nicht einen anderen vorziehſt.“ „Wie iſt Ihr wirklicher Name?“ fragte ich flüſternd. „Magwitch“, erwiederte er eben ſo leiſe,„und mein Vorname iſt Abel.“ „Wozu wurden Sie erzogen?“ „Zu einem Ungeziefer, mein lieber Junge.“ Er ſprach ganz ernſthaft, als wenn das Wort wirklich irgend ein Geſchäft oder einen Beruf bezeichnete. „Als Sie geſtern Abend in den Temple kamen,“— ſagte ich, mich unwillkürlich verwundert fragend, ob es wirklich geſtern Abend ſtattgefunden habe, was ſchon ſo lange hinter mir zu liegen ſchien. „Ja, lieber Junge,“ verſetzte er. „Als Sie geſtern Abend an die Pforte kamen und den Wächter nach dem Wege zu meiner Wohnung fragten, befand ſich da Jemand bei Ihnen?“ „Bei mir? Nein, lieber Junge.“ „Aber es war Jemand in der Nähe, nicht wahr?“ „Ich habe nicht beſonders darauf geachtet,“ erwiederte er etwas zweifelhaft,„da mir der Ort und ſeine Gebränche ganz unbekannt waren; allein ich glaube, daß Jemand mit mir herein kam.“ „Sind Sie bekannt in London?“ „Ich hoffe nicht!“ verſetzte er, ſeinem Halſe mit dem Zeigefinger einen Stoß verſetzend, der mich heiß und kalt werden ließ. „Waren Sie früher in London bekannt?“ „Nicht beſonders, mein lieber Junge. Ich hielt mich meiſtens in den Provinzen auf.“ „Fand— die Unterſuchung gegen Sie in London ſtatt?“ „Welches Mal?“ fragte er, mich ſcharf anblickend. „Das letzte Mal.“ Er nickte und ſagte: 383 ſah er auf gräßliche Weiſe einem hungrigen alten Hunde ähnlich. Hätte ich Appetit empfunden, ſo würde er ihn mir geraubt haben, und ich würde, wie jetzt, von Widerwille gegen ihn erfüllt, da ge⸗ ſeſſen und finſter das Tiſchtuch angeſtarrt haben. „Ich bin ein ſtarker Eſſer, lieber Junge,“ ſagte er, um ſich höf⸗ lich zu entſchuldigen, als das Mahl beendet war,„aber das war ich von jeher. Hätte es in meiner Conſtitution gelegen, ein geringerer Eſſer zu ſein, ſo würde ich wahrſcheinlich auch in weniger Unannehm⸗ lichkeiten gerathen ſein. Ebenſo muß ich meine Pfeife Tabak haben. Als ich auf der anderen Seite der Welt das erſte Mal als Schäfer verdungen wurde, wäre ich, glaube ich, ſelbſt ein melancholiſches Schaf geworden, wenn ich meine Pfeife nicht gehabt hätte. Mit dieſen Worten ſtand er vom Tiſche auf, ſteckte ſeine Hand in die Bruſttaſche des Friesrocks, und zog eine kurze, ſchwarze Pfeife hervor und eine Hand voll loſen Tabak. Nachdem die Pfeife gefüllt worden war, that er den Reſt des Tabaks wieder in die Taſche, als wenn es eine Schublade wäre. Dann nahm er mit der Zange eine glühende Kohle aus dem Feuer, zündete die Pfeife an, drehte ſich um und bot dem Feuer den Rücken zu, und begann wieder ſein Lieb⸗ lingsmanöver, welches darin beſtand, daß er beide Hände ausſtreckte, um die meinigen zu faſſen. „Und das iſt,“ ſagte er, meine Hände in den ſeinigen auf und nieder bewegend und große Rauchwolken blaſend,—„das iſt der Gentleman, den ich gemacht habe! Der ächte Gentleman! Es thut mir wohl, dich zu betrachten, Pip. Alles, was ich mir ausbedinge, iſt, dabei ſtehen und dich anblicken zu dürfen, lieber Junge!“ Sobald es möglich war, machte ich meine Hände los, und fühlte, daß ich mich allmählig in meine Lage zu finden begann. Woran ich gefeſſelt war, und wie ſchwer, wurde mir klar, als ich ſeine Stimme hörte und meine Augen auf ſeinen kahlen Kopf, mit dem grauen Haare an den Seiten, richtete. „Mein Gentleman ſoll nicht in dem Straßenkothe zu Fuß gehen,“ fuhr er fort;„an ſeinen Stiefeln darf kein Schmutz ſein. Mein Gentleman muß Pferde haben, Pip! Pferde, um zu reiten, Pferde, um zu fahren, und auch Pferde zum Reiten und Fahren für ſeine Bedienten. Sollen etwa Coloniſten ihre Pferde haben,— und ſogar Vollblutpferde,— und mein Gentleman nicht? Nein, nein. Wir wollen ihnen etwas Anderes zeigen,— nicht wahr, Pip?“ Er zog aus ſeinem Rocke ein großes, dickes Taſchentuch hervor, das mit Papieren angefüllt war, und warf es auf den Tiſch. „Da, in dem Buche iſt etwas,“ rief er,„das ſich auszugeben ſchon der Mühe verlohnt. Es iſt dein, lieber Junge. Alles, was ich beſitze, gehört nicht mir, ſondern dir. Fürchte dich nicht, es iſt noch mehr von da zu holen, woher das kommt. Ich bin in die Hei⸗ math zurückgekehrt, um meinen Gentleman ſein Geld wie ein ächter Gentleman ausgeben zu ſehen. Das wird mein Vergnügen ſein, — darin ſoll mein Vergnügen beſtehen, ihn das thun zu ſehen. Und ihr Alle möget zum Henker gehen!“ ſchloß er, ſich im Zimmer um⸗ blickend und ein lautes Schnippchen mit den Fingern ſchlagend.„Ihr möget ſämmtlich zum Henker gehen,— vom Richter, mit der Perücke, bis zum Coloniſten, der den Raub aufrührt! Ich will euch einen beſſeren Gentleman zeigen, als ſich aus eurer ganzen Sippſchaft „Lernte da Mr. Jaggers zuerſt kennen. Jaggers war für mich.“ Die Frage ſchwebte mir auf den Lippen, wegen welches Ver⸗ brechens er vor Gericht geſtellt und verurtheilt worden ſei, allein er ergriff ein Meſſer, ſchwenkte es in der Luft, und machte ſich mit den Worten:„Und was ich auch verbrochen haben mußte, es iſt abgebüßt worden!“ an das Frühſtück. Er aß mit einer widerlichen Gier, und alle ſeine Bewegungen dabei waren roh und lärmend. Mehrere von ſeinen Zähnen hatte er verloren, ſeitdem ich ihm auf dem Moorlande begegnet war, und während er die Speiſe im Munde hin und her warf, und den Kopf auf die Seite neigte, um ſich ſeiner ſtärkſten Backzähne zu bedienen, machen läßt!“ „Halt!“ ſagte ich, von Furcht und Ekel faſt wahnſinnig.„Ich muß mit Ihnen ſprechen; ich muß wiſſen, was zu thun iſt,— auf welche Weiſe Sie gegen Gefahr zu ſchützen ſind, wie lange Sie hier zu bleiben gedenken, und welche Pläne Sie haben.“ „Höre, Pip,“ ſagte er, ſeine Hand auf meinen Arm legend, in einem plötzlich veränderten und demüthigen Tone,—„erſt höre! Ich habe mich ſoeben vergeſſen. Was ich ſagte, war gemein; das war es,— gemein. Höre, Pip, verzeihe es. Ich will nicht ge⸗ mein ſein.“ „Vor allen Dingen,“ fuhr ich faſt ſtöhnend fort,„welche Vor⸗ 1 — ſichtsmaßregeln laſſen ſich anwenden, damit Sie nicht erkannt und nergriffen werden?“ „Nein, lieber Junge,“ erwiederte er in demſelben Tone, wie vorher,„das kommt nicht zuerſt. Mein gemeines Betragen kommt zuerſt. Ich habe nicht ſo viele Jahre gebraucht, um einen Gentleman zu machen, ohne zu wiſſen, was ich ihm ſchuldig bin. Sieh, Pip, ich war gemein; das war ich,— gemein. Verzeihe es, lieber Junge!“ Von dem widerlich Komiſchen dieſer Scene ergriffen, konnte ich mich eines ärgerlichen Lachens nicht erwehren, indem ich ſagte: „Ich habe es ſchon vergeſſen. Um des Himmels willen, ſpre⸗ chen Sie nicht mehr davon!“ „Ja, aber ſieh,“ fuhr er beharrlich fort,„lieber Junge, ich bin nicht ſo weit her gekommen, um gemein zu ſein. Nun fahre fort, lieber Junge. Du wollteſt ſagen—“ „Wie Sie gegen die Gefahr zu ſchützen ſind, der Sie ſich aus⸗ geſetzt haben?“ „Nun, lieber Junge, die Gefahr iſt nicht ſo groß. Wenn ich nicht angezeigt werde, hat die Gefahr nicht ſehr viel zu bedeuten. Da iſt Jaggers, und Wemmick, und du. Wer ſonſt könnte mich an⸗ zeigen?“ „Könnte nicht irgend Jemand Sie zufällig auf der Straße er⸗ kennen?“ bemerkte ich. „Nicht Viele,“ erwiederte er.„Es iſt auch nicht meine Abſicht, in den Zeitungen bekannt zu machen, daß ich, A. M., von Botany Bay zurückgekehrt bin, und Jahre ſind ja darüber hingegangen, und Niemand hätte Vortheil davon. Aber ſieh, Pip! wenn die Gefahr auch noch fünfzigmal größer geweſen wäre, ſo wäre ich, glaube mir, doch gekommen, um dich zu ſehen.“ „Wie lange werden Sie bleiben?“ „Wie lange?“ wiederholte er, ſeine Pfeife aus dem Munde neh⸗ mend, mit länger werdendem Geſichte. ich will immer hier bleiben.“ „Aber wo wollen Sie Ihre Wohnung nehmen? Ihnen zu thun? Wo werden Sie ſicher ſein?“ „Lieber Junge,“ verſetzte er,„es ſind für Geld Perücken zu haben, um ſich unkenntlich zu machen, und Puder, Brillen, ſchwarze Kleider und was nicht Alles. Andere haben es vor mir gethan, und „Ich gehe nicht zurück,— Was iſt mit ———;— ····¶·ʒ·——— daran glauben, aber nicht eher. Und nun laß mich wieder meinen Gentleman betrachten.“ Von Neuem ergriff er meine beiden Hände, und ließ ſeine Blicke⸗ mit der bewundernden Miene eines Mannes, der ſein Eigenthum betrachtet, über meine Geſtalt gleiten, während er mit großer Behag⸗ lichkeit ſeine Pfeife rauchte. Das Beſte, was zu thun war, ſchien mir das zu ſein, daß ich ihm irgend eine ſtille Wohnung in der Nähe miethete, die er beziehen konnte, ſobald Herbert zurückkehrte, den ich in zwei bis drei Tagen erwartete. Daß ich Letzterem nothwendig das Geheimniß vertrauen müſſe,— abgeſehen von der großen Erleichterung, die es mir ge⸗ währen mußte,— war mir klar. Aber nicht ſo klar erſchien es Pro⸗ vis(wie ich ihn ferner nennen will), welcher ſeine Einwilligung zu Herberts Mitwiſſen nicht eher geben wollte, als bis er ihn geſehen und eine günſtige Meinung aus ſeiner Phyſiognomie gewonnen habe. „Und ſelbſt dann, lieber Junge,“ ſagte er, ein ſchmutziges klei⸗ nes Exemplar des neuen Teſtaments aus der Taſche ziehend, muß er vorher ſchwören.“ Wollte ich ſagen, daß mein ſchrecklicher Gönner das kleine ſchwarze Buch nur zu dem Zwecke mit ſich herum trug, um Leute nöthigen Falls darauf ſchwören zu laſſen, ſo würde es eine Behauptung ſein, deren Richtigkeit ich nicht verbürgen könnte; aber gewiß iſt, daß ich ihn nie einen anderen Gebrauch davon habe machen ſehen. Das Buch ſah ſo aus, als wenn es aus irgend einem Gerichtshofe ge⸗ ſtohlen worden wäre, und vielleicht gab ihm ſeine Kenntniß dieſes Umſtandes, in Verbindung mit ſeinen eigenen Erfahrungen dieſer Art, ein beſonderes Vertrauen zu der Kraft des Buches, als wenn es gleichſam einen geſetzlichen Zauber übe. Als er es bei dieſer Ge⸗ legenheit zum erſten Male hervor zog, erinnerte ich mich daran, wie er mich vor langer Zeit auf dem Kirchhofe hatte Treue ſchwören laſ ſen, und wie er mir am vorhergehenden Abende erzählt hatte, daß er ſich ſelbſt in der Einſamkeit ſtets geſchworen habe, bei ſeinen Ent⸗ ſchlüſſen zu beharren. Da er jetzt eine weite Schifferkleidung trug, in der er ausſah, als wenn er Papageien und Tabak zu verkaufen hätte, ſo beſprach ich zunächſt mit ihm, welche Art von Anzug er wählen ſolle. Er was Andere gethan haben, können auch wieder Andere thun. Was aber die Frage betrifft, wo und wie ich leben ſoll, ſo bitte ich dich, gib mir deine Anſicht darüber, lieber Junge.“ „Sie ſehen die Sache jetzt ruhiger an,“ ſagte ich;„aber geſtern Abend, als Sie ſchworen, es ſei Ihr Tod, waren Sie in großer Beſorgniß.“. „Ja, mein Tod iſt es auch, das ſchwöre ich noch jetzt,“ ſagte er, ſeine Pfeife wieder in den Mund ſteckend,„und zwar der Tod durch den Strang, auf offener Straße, nicht weit von hier, und es iſt wichtig, daß du das vollkommen begreifſt. Was iſt zu thun, da ich einmal hier bin? Jetzt zurückgehen wäre eben ſo ſchlimm wie bleiben,— noch ſchlimmer. Ueberdies, Pip, bin ich hier, weil es ſeit Jahren um deinetwillen meine Abſicht geweſen iſt. Was ich da⸗ bei wage,— je nun, ich bin ein alter Vogel, der mit allerhand Fallen zu thun gehabt hat, ſeitdem er flügge geworden iſt, und ſich vor keiner Vogelſcheuche fürchtet. Wenn der Tod darin verſteckt iſt, wohl, ſo mag er heraus kommen, ich will ihn erwarten und dann (Fortſetzung folgt auf S. 417.) hegte beſonderes Vertrauen zu den Tugenden von„Kniehoſen“, als einer paſſenden Verkleidung, und hatte ſich einen Anzug ausgedacht, der ihn zu einem Mitteldinge zwiſchen einem Geiſtlichen und einem Zahnarzt gemacht haben würde. Nur mit großer Mühe konnte ich ihn dazu bewegen, einer Kleidung den Vorzug zu geben, welche ihm mehr das Anſehen eines wohlhabenden Farmers verlieh, worauf wir überein kamen, daß er ſein Haar kurz abſchneiden und ein wenig Puder tra⸗ gen ſolle. Endlich ſollte er auch, da die Wäſcherin und ihre Nichte ihn noch nicht geſehen hatten, ſo lange vor ihnen verborgen blei⸗ ben, bis die Veränderung in der Kleidung bewerkſtelligt wor⸗ den war. Man ſollte denken, daß es nicht ſehr ſchwer geweſen wäre, in Betreff dieſer Vorſichtsmaßregeln zu einem Entſchluß zu gelangen; allein in meinem betäubten, faſt wahnſinnigen Zuſtande brauchte ich ſo lange dazu, daß ich erſt am Nachmittage, um zwei oder drei Uhr, ausging, um ſie in's Werk zu ſetzen. Er mußte während meiner Abweſenheit in den verſchloſſenen Zimmern bleiben, und durfte un⸗ ter keiner Bedingung die Thür öffnen. —. meinen vonnen es klei „ muß hwarze öthigen g ſein, daß ich Das ffe ge⸗ dieſes dieſer Das ſchwarze Moor. Erzählung a. d. Engliſchen. 1. ſich den Schnurrbart ſtrich.„Du und mein Vater, ihr habet das Gut um einige tauſend Pfund herunter gebracht; ich habe auch das Meinige gethan, und jetzt thun wir Beide, 1 6 du ſowohl wie ich, unſer Beſtes, um den Reſt durchzu⸗ „Ich weiß das ſchon auswendig, Mutter; du haſt es bringen. Ich will dir keine Vorwürfe machen, aber du „Lorenz, glaube mir, das Einzige, das dich retten kann, iſt eine gute Heirath.“ mir oft geſagt,— öfter, als du zu wiſſen ſcheinſt.“ biſt ſchrecklich verſchwenderiſch,— auf mein Wort!— und „Iſt dir denn meine Unruhe, meine Beſorgniß läſtig?“ ich bin es auch.“ „Nein, aber dein ewiges Drängen quält mich.“„Lorenz, ich bin erſtaunt, daß du ſo ſehr gegen die dich in ſolchem Grade gegen „Du biſt undankbar, Lorenz, und zugleich unehrerbie⸗ Schicklichkeit verſtoßen und tig,“ erwiederte Mrs. Grantley mit ruhigem Tone, der mih vergeſſen kannſt.“ jedoch ein ſehr vornehmes Mißfallen ausdrückte. Mrs. Grantley ſprach mit vollkommenem Anſtande, „Wirklich? Das iſt ſo einmal meine Weiſe,“ verſetzte ruhig, aber mit wahrhaft junoniſchem Unwillen. der Sohn gleichgiltig.„Aber wir brauchen uns nicht zu„Laß es nur gut ſein,“ erwiederte der Sohn,„ich ſtreiten, Mutter,“ fügte er hinzu, langſam vom Sitze auf⸗ vergaß deine Reizbarkeit in dieſem Punkte. Wir ſind ein⸗ ſtehend und an den Kamin tretend, wo er ſtehen blieb und mal in einer böſen Lage, und was iſt zu thun? Eine Feierſtunden. 1864. 49 —— —O—ꝭ——᷑—ÿO—·2—ʒñ——————— Feierſtunden. 1864. ————; Heirath, ſagſt du? Gut, eine Heirath! Wer ſoll es dringenden Blicke auf ihren Sohn, der, wie Letzterer wohl ſein?“ wußte, zu verſtehen gab, daß ſie zu Allem fähig ſei. „Ich mag nicht mit dir ſprechen, Lorenz, ſo lange du„Anna Sibſon?— Ein Schüreiſen in Weiberröcken, in dieſem höhniſchen Tone fortfährſt. Willſt du ernſtlich ein Fiſch, ein Weſen ohne warmes Blut, ohne Grazie, reden, ſo ſolk es mir lieb ſein,— aber ich will keine Verſtand und Schönheit, und überdies vierzig Jahre alt!“ Spöttereien hören,“ entgegnete Mrs. Grantley ſchärfer.„Mein lieber Sohn, wenn du eine vergoldete Venus „O pfui! was ſagt doch Shakeſpeare von dem Miß⸗ ſuchſt, ſo wirſt du, fürchte ich, immer ledig bleiben. Auch trauen eines ſchuldbewußten Gewiſſens?— Oder war es wurde Anna Sibſon im vorigen November erſt neunund⸗ vielleicht Pope?“ zwanzig Jahre alt, und iſt ohne Zweifel ein ſehr ange⸗ „Wir wollen die Unterhaltung abbrechen,“ ſagte Mrs. nehmes junges Mädchen, das—“ Grantley aufſtehend.„Du wirſt ungezogen, und weißt„Ein Scheuſal iſt ſie, Mutter,— die Schlimmſte doch, daß ich das nie dulde. Sobald du geneigt ſein wirſt, von Allen! Was, um des Himmels willen, hat dich auf den Gegenſtand in einem paſſenden Tone mit mir zu be⸗ dieſe Perſon gebracht?“ ſprechen, ſoll es mich freuen.“„Nothwendigkeit, Lorenz, und Beſtimmung. Anna „Gut, ich will ernſthaft reden,“ verſetzte Lorenz etwas Sibſon hat fünfzigtauſend Pfund, ſie liebt dich, und du weniger höhniſch.„Sei gerecht, Mutter,— oder wenn wirſt ſie heirathen, du weißt das ſo gut, wie ich.“ das ein zu großes Verlangen an deine Moralität iſt, ſei„Liebt mich? Sie und lieben? Ja, wie ein Stock⸗ wenigſtens billig. Dieſe Heirath iſt dir ſowohl zum Nutzen, fiſch liebt, dem ſie ſehr ähnlich ſieht,— waſſerblaue Au— wie mir; aber ich allein bin das Opfer. Gönne mir alſo gen, gelbe Haut; weiten Mund und Flachshaare,— eine das Vergnügen, mindeſtens ein wenig ausſchlagen zu dür⸗ vollſtändige Karrikatur!“ fen, während man mich in das Joch ſpannt. Wir wollen„Lache wie du willſt, Lorenz, Anna Sibſon iſt doch die Liſte der Wählbaren durchgehen. Was meinſt du zu dein Loos. Vielleicht thuſt du auch ganz recht, die Sache Miß Sefton?“ von der leichten Seite zu nehmen; es iſt jedenfalls beſſer, Er lachte, aber es war kein natürliches Lachen, und als dich mit Widerwillen darein zu ſchicken,“ ſonderbarer Weiſe ſchlug er, deſſen Blick ſonſt immer dreiſt„Und noch beſſer, es gar nicht zu thun!“ entgegnete und feſt war, die Augen nieder und betrachtete mit einem Lorenz bleich werdend, wie immer, wenn er in Heftigkeit Anfluge von Verlegenheit die Nägel ſeiner Finger. gerieth.„Niemand kann mich zwingen, das Mädchen zu „Sie hat Geld, glaube ich,“ fügte er ironiſch hinzu, heirathen. Oder glaubſt du etwa, daß mir im Alter von „ungefähr fünfzig Pfund jährlich.“ zweiunddreißig Jahren kein freier Wille geblieben iſt, kein „Jane Storey hat mehr,“ bemerkte die Mutter ruhig. Recht der Selbſtbeſtimmung? Du möchteſt dich irren, wenn „Jane Storey kann nicht richtig engliſch ſprechen. das der Fall wäre.“ Nein, Mutter, Jane Storey?— Nein.“„Jetzt wirſt du kindiſch und abgeſchmackt, und bewei⸗ „Ich gebe zu, daß ſie zuweilen grammatiſche Verſtöße ſeſt die Schwäche deiner Einwände durch deine Heftigkeit. macht, was ſich allerdings nicht für eine Dame. paßt, welche Zwinge ich dich denn zu heirathen, oder habe ich ein eige⸗ den erſten Platz an der Grantley'ſchen Tafel einnehmen ſoll; nes Intereſſe dabei?“ aber im Uebrigen iſt ſie nicht übel. Sie hat gute Zähne,„Hat dein Witthum nichts damit zu thun?“ erwie⸗ hübſch's Haar und einen ſchönen Fuß. Doch ich will nicht derte Lorenz.„Gibt es nicht gewiſſe läſtige Poſten, die auf ſie beſtehen, Lorenz. Ein Goldblatt, welches Schlacken mit einem goldenen Schwamme ausgewiſcht werden müſ⸗ bedecken ſoll, muß allerdings dick ſein, und ihre goldene ſen? Oh, ich weiß, Mutter, du haſt von jeher große Außenſeite iſt nicht ſtark genug, um das darunter befindliche Selbſtverleugnung beſeſſen! Aber ſie geht nicht ſo weit, ſchlechte Metall zu verbergen. Aber da iſt Miß Ainsworth daß du für deinen Sohn einen Plan zu einer reichen Hei⸗ — was denkſt du von ihr?“ rath entwerfen ſollteſt, ohne einen eigenen Vortheil dabei „Miß Ainsworth?— mit rothem Haar und einer zu haben.“. Hand, die wie die Fauſt eines Fleiſchers iſt?“„Nun, ſo thue, was du willſt,— aber bedenke, was „Blondes Haar, meinſt du. Zwanzigtauſend Pfund Warner in ſeinem heutigen Schreiben ſagt. Die Hypothek haben nie rothes Haar. Iſt die auch nicht recht? Du biſt iſt gekündigt, und kein anderes Capital läßt ſich zu ihrer ſehr wähleriſch. Nun, da wäre Emma Lanrie— um eine Deckung finden; die große Rechnung bei Lyons muß noch Stufe tiefer hinabzuſteigen.“ in dieſer Woche bezahlt werden; die Marshall'ſchen Wech⸗ „Eine Seifenſiederstochter,— die gerade ausſieht, wie ſel ſind fällig, und vollſtändiger Ruin droht dir, wenn ſie die Talglichter ihres Vaters? Ich habe dir immer einen nicht augenblicklich eingelöst werden. Was mich das Alles gewiſſen ariſtokratiſchen Geſchmack zugetraut, Mutter; allein angeht, fragſt du? Weiter nichts, als dich daran zu erin⸗ ich ſehe, daß der Verluſt des Geldes bei dir auch den Ver⸗ nern, daß Anna Sibſon fünfzigtauſend Pfund hat, daß luſt anderer Eigenſchaften zur Folge gehabt hat. Wenn du ſie dich liebt, und daß das Spiel in deiner Hand liegt. aber ſündigen mußt, ſo ſündige wenigſtens mit Anſtand. Anna Sibſon wird heute Abend auf dem Balle ſein, und Unſerem Range laß uns getreu bleiben!“ Warner's Brief muß morgen beantwortet werden.“ „Du haſt Recht, ich bin zu tief hinunter gegangen.„Meine Mutter wird mich fromm machen,“ ſagte Geburt iſt eben ſo nothwendig wie Geld; wir müſſen Bei- Lorenz, als Letztere das Zimmer verlaſſen hatte, zu ſich des vereint haben,“ ſagte Mrs. Grantley mit gefährlicher ſelbſt,„ſie lehrt mich an Teufel glauben.“ Freundlichkeit.„Laß mich ſehen!— Du magſt alſo weder Er blieb ſitzen und ſann über Alles nach, was ſie Miß Storey, noch Miß Ainsworth, noch Emma Lanrie? geſagt hatte, und mußte ſich geſtehen, daß die unerbittlichen Aber was meinſt du zu Anna Sibſon? Da iſt Alles bei⸗ Geſetze weltlicher Klugheit auf ihrer Seite waren, und daß ſammen, Geburt, Vermögen und Bildung,— nichts der weiſeſte Weg, den er einſchlagen könne, der ſei, Anna fehlt.“ Sibſon zu heirathen, um mit Hülfe ihres Geldes den Ver⸗ Dieſe Worte begleitete ſie mit einem ſcharfen, durch- folgungen der Juden und Pfandgläubiger zu entgehen. — Frellch we Bildung, de magiſe Marie ha haat, d Lächeln, benswürdig jährlih 3 zu kaufent heſeſſen hät geweſen ſe kännen, ſt zwar eigen mehr beb allein Lo em Frau es in de hätte ih reich gel feiner 2 mit ihm De glänzend. der Ungl Sitzunger dder zu unter al die G 4 erer wohl ſei. berröcken e Grnzi, hre alt!“ te Venus en. Auch neunund⸗ ehr ange⸗ hlimmſte dich auf .Anna und du in Stock⸗ laue Au⸗ — eine iſt doch ie Sache s beſſer, atgegnete jeftigkeit dchen zu lter von iſt, kein n, wenn bewei⸗ eftigkeit ein eige⸗ « erwie⸗ ten, die n müſ⸗ große ſo weit, en Hei⸗⸗ il dabei ike, was ypothek zu ihrer uf noch Wech⸗ zenn ſie 5 Alles u erin⸗ at, daß d liegt⸗ in, und 1 ſagte zu ich was ſie ittliceln und daß Anua dn Ver⸗ Itgehen. ntge erſtunden. 1864. 387 Freilich war ſie eine unangenehme, hi erſon, ohne Hat nicht ein Jeder ſchon Weiber geſehen, welche Liebe Bildung, während Marie Sefton r das Geld, nur dulden und Bewunderung geſtatten? die magiſchen fünfzigtauſend Pfur und die arme An dieſem Abende war Mrs. Grantley noch gnädiger kaſtanienbraunes als gewöhnlich. Sie wußte eine ſo unbeſchreiblich wohl⸗ Marie hatte nichts als ihr wal Haar, die großen, blauen, iri Augen, ihr offenes thuende Schmeichelei in ihre Begrüßungen zu miſchen, war Lächeln, ihr gutes Herz, ihr⸗ chheit, Anmuth, Lie⸗- ſo theilnehmend, ſo beſorgt für Jeden, daß die allgemeine benswürdigkeit und Schönheit— elende fünfzig Pfund Bewunderung bis zum höchſten Gipfel ſtieg, und daß ſie jährlich, kaum genug, um zuhe und Blumenſträuße die ganze Verſammlung, ſo zu ſagen, zu ihren Füßen zu kaufen! Wenn Marie Sfte. das Vermögen Anna's herab zog. beſeſſen hätte, dachte Lore wuürde Alles in Ordnung Lorenz war nicht minder beliebt; bei den Männern geweſen ſein, und zwei Hen hätten glücklich werden vielleicht weniger als bei den Damen, welche deſſen unge⸗ können, ſtatt daß einer i tzt opfern mußte. Er hatte achtet nur die Mutter laut prieſen und ihre Bewunderung zwar eigentlich keinen anzunehmen, daß Marie ihn ſowohl für den Putz derſelben als die Vortrefflichkeit ihres mehr liebe, als ihren 2 elhund oder ihre perſiſche Katze; Charakters ausdrückten, während der Sohn nur beiläufig allein Lorenz hielt es 3 nicht für möglich, daß irgend erwähnt wurde. Allein ſo iſt gewöhnlich die Art und Weiſe ein Frauenzimmer ſeine it träge ablehnen könne, und brauchte der Frauenzimmer einer ſtattlichen Mutter gegenüber, welche es in der That auch Micht zu fürchten. Welches Mädchen einen hübſchen, unverheiratheten und wünſchenswerthen hätte ihm einen Korße geben können, dem hübſchen, für Sohn hat.—. reich geltenden junge Manne, von alter Familie und ſo Der erſte Tanz war ſchon vorüber, als ſie kamen; feiner Bildung daſß Niemand in der ganzen Grafſchaft doch die durch Rang oder Schönheit ausgezeichnetſten Tän⸗ mit ihm zu ve gleflchen war. zerinnen ſaßen noch, wie es Sitte war, in einer beſonde⸗ Der am Ahfend ſtattfindende Aſſiſen⸗Ball war äußerſt ren kleinen Gruppe beiſammen; denn für die meiſten von glänzend. aanze vornehme Welt hatte ſich zu Ehren ihnen fing der Ball nicht eher an, als bis Lorenz Grant⸗ der Unglückliſcen verſammelt, die in den vorangegangenen ley erſchien. Sitzunger 86 Gerichtshofes zum Hängen, zur Deportation Marie Sefton, unbeſtritten die erſte Schönheit im oder zu andſeren Strafen verurtheilt worden waren. Keiner Saale, ganz weiß gekleidet, mit einer Lilie im Haar, war unter allen, Gäſten aber erregte ſo großes Aufſehen, wie von einem halben Dutzend Bewunderern umringt, lächelte die Grantſley's. Jedem mit gleicher Freundlichkeit zu, und ſchenkte ſogar — gehörten zu den erſten Familien der Umgegend, deilin der entſetzlich gemeinen Perſon, dem Advokaten de ein nozen Gandditer wan gui hde din Aatiene aumeſamin euüſenie bennneßneliß Ase ſe ſelbſt die nanten Küppen und das üöd. e„ſchwarze nicht mehr Anſpruch hatte, als der Poſtmeiſter, Steuer⸗ Maot bis zum höchſten Werthe verpfändet waren, und G. 4 29. 4 3 1 bei allen Gelegenheiten den Ton an. Keine Sud⸗ Einnehmer, Gaſtwirth, oder irgend eine andere, zur zwei⸗ ionsliſte cirkulirte, an deren Spitze nicht Mutter un ten Geſellſchaftsklaſſe gehörige Perſon gehabt haben würde. hn mbin. ihr Thun und Treiben duu in den dctal. Neben ihr ſaß Anna Sibſon⸗ dir große Erbin, in kaltem ern regelmäßig beſprochen; ſie waren die erſten, die Blau, kalt wie ſie ſelbſt, unter der ſchübenden Begleitung enden Perſonen bei allen Veranlaſſungen, gleichviel, ob von Mariens Miitten dann die Tochter des Gouverneurs, lttiſcher, ſocialer oder wiſſenſchaftlicher Art, kurz, nichts in Schwarz und Gold, und die große Nichte des Biſchofs, nte ohne die Familie von„der Halle“, wie ihr Wohn⸗ n Etwas zu grellem Roth., hände genannt wurde, unternommen werden. Lorenz näherte ſich freundlich lächelnd der Gruppe, Ueberdies war Mrs. Grantley eine Salonkönigin und murdo miit einer ſolchen Galdi ſtrahlender Blicke Sin. deren Schönheit und feine Bildung jede Geſellſchaft mit Pfaltaid, daß in Todten uüen hütte erweckt werden können. Bewunderung betrachtete. Auch ihr verſtorbener Gemahl, der Aünrihs leeglichte Geiſcht ärd ſich. nnit Vurpur Pon Mr. Grantley, war dem Rufe ſeiner Ahnen treu geblie⸗ der Lrnref ſehr ſ dinn and mit er ſich zu ihi wieder⸗ ben. Brav, gutmüthig, freigebig und mit einem etwas an„ dui bn ſannſlen n n hf jnrach. 4 f1, ſtotzen Weſen, welches einem Manne von ſechs Fuß Größe ner Triumph euchtete aus ihren hü ſchen Augen, und ſie nicht übel ſtand, hatte ſein Tod eine Lücke zurdckgelaſſen, dachte, er werde ſie zuerſt zum Tanze auffordern,— eine die ſelbſt Lorenz noch nicht ganz auszufüllen vermögend ge⸗ große, ſtel⸗ erſebnie Auszeichnnne. Aülrin maihdem f deſan war. Inde Ant hr ſein Beſtes, um ſich des na⸗ einige Augenblicke mit ihr geſprochen hatte, wandte er ſich türlichen Namens würdig zu zeigen, und kam ſeinem Ge⸗ wäbei a Anna Sibſon, und forderte ſie zum nächſten dächtniß in der allgemeinen Meinung auch ſehr nahe. Wenn 2, n S 3; i Ta ſ 3, her in deß gleich unbegrenzt ſtolz und hocfahrend, dhr anheag g⸗ Urtereinm wwe daden nich ſo ſaft wie vorher in de herzig von Natur, geſellig, freigebig bis zur Verſchwendung, 83 ulho im l Maren dein ln 9. uns. und ſah dir wie ſein Vater, und wußte ſeine Fehler ſorgfältig zu ver⸗ K A nicht umie Aalt ji un ieß leine Bliaͤg Aber hren bergen, ſo daß die guten Eigenſchaften durch die ſilberne Kopf hinſtreifen. Allein kiß Anna eſchien dieſe Nachläſ⸗ Faſſung um ſo glänzender hervor traten. ſigkeit nicht zu bemerken, denn ihre fahle Wange empfing Als alſo Mutter und Sohn im Salon ericienen er⸗ Line etwas wärmere Färbung, und ihre geiſtloſen Züge be⸗ hob ſich die ganze Geſellſchaft und begrüßte fl 3 eindr kaen dwas mehr Leben, als ſie, von ihm geführt, mit uheſiynig Zauewaren ſi di ar ben ſe uen der offenem üundt und vorgeſtrecktem Kranichhalſe durch den Landes geweſen.„Es iſ Antinous mit der älteſten Tochter der Hecate,“ Merrs. Geantley war an derartige Huldigungen gewöhnt, bemerkte eine klaſſiſch gebildete Dame, Mrs. Gray, der ſie nahm dieſelben als ihr gebührend mit würdevoller Herab⸗ Schrecken aller jungen Männer in der Umgegend. laſſung und ohne alle Verlegenheit an. Als Lorenz mit ſeiner Tänzerin an ſeiner Mutter 49* Feierſt vorüber kam, lächelte dieſe wo mit herablaſſender Freundlichkeit „Das gute Mädchen, Anna ein großer Liebling von mir. aber ſo liebenswürdig, ſo gut und ſ „Ihr Benehmen ſcheint mir ſein,“ bemerkte die Nachbarin aber vermögensloſe Töchter lichem Auge Anna Sibſon ein Dorn war. „Etwas ſcheu, meinen Sie dings, etwas ſcheu; aber das, iſt in jetziger Zeit kein Fehler. mehr ſo ſcheue junge Damen in i Mrs. Grantley, eine abgeſagte Feindin oder Charakter; Mrs. an ihre Nachbarin. o wohlgebildet!“ nicht ſehr gefällig „welche ſelbſt mehrere hübſ beſaß, und in deren mütter unſerer Geſellſchaft.“ von allem Auffallenden in Kleidnng Craven's Töchter aber waren drei Brünetten mit den kürzeſten und rötheſten Unterröcken und den allerkleinſten Amazonenhüten. Die Unterhaltung brach hierauf ab Mrs. Carven fühlte ſich gedemüthigt. Während Lorenz ſich mit ſeiner Dame ton vorüber drehte, ſchaute ſie Beiden etn vorher und ſinnend nach, denn räthſelhaft. Dann ſtand ſie auf, lichen Gecken, Carl Fitzallan, zu tanzen, und zwar nur in Folge einer von Lorenz ausgedrückten ironiſchen „daß ſie den armen Fitzallan nicht ſeines Vergnügens be⸗ rauben möchte.“ Allein bald führte entweder Stolz, oder die natürliche Elaſticität der Jugend, oder vielleicht etwas wohl zu entſchuldigende Verſtellung das Lächeln auf ihre Lippe zurück; ſie tanzte mit Jedem, ſchwatzte, lachte und kokettirte in ihrer harmloſen Weiſe, wie es jedes hübſche „ und die arme an Marie Sef⸗ was bläſſer als ſein Betragen war ihr um mit dem unerträg— Midchen ihres Alters thut; und als endlich Lorenz ſpät am Abend kam und ſich die Ehre ihrer Hand zur näch⸗ 1 ſten Polka ausbat,— wobei er wieder ſo ſanft wie vor⸗ her ſprach und mit gen ſchaute,— f engagirt, da blieb. zärtlicher Bewunderung in i and er ſie ß ihm keine Ho hre Au⸗ auf ſo lange im Voraus ffnung mehr für dieſen Abend Mit einem bitteren, und dennoch orte auf den Lippen wandte e verwundert und mit einem ſchmerzlichen Gefü Bruſt blickte ihm Marie Sef an Anna Sibſon's Seite doch, wie die jungen Leute unehrerbietiger Weiſe zu ſagen pflegten, kaum beſſer als eine Giraffe tanzte. Lorenz hatte ſo oft mit ihr getanzt, daß die alten Damen in der Geſellſchaft bereits ihre Köpfe zuſammen ſteckten und Bemerkungen zu machen begannen, eine derſelben ſogar ſo weit ging, Mrs. reichen Heirath ihres Sohnes, und ebenſ Eroberung zu gratuliren, welche bish Dame gelungen war. Allein N witzige nur vornehm an und erwiederte kalt und ernſt, wie eine Sphinx:„Ich verſtehe Sie nicht.“ Ehe Anna Sibſon den Saal Lorenz ſeinen Antrag gemacht und den. Am nächſten Tage ſchrieb er an W alle jene dringenden Gläubiger durch die unerſchöpfliche Hülfsquellen zum Schwei W — r ſich um und ging, und er noch keiner jungen g ers. Grantley ſah die Vor⸗ 2 ü war angenommen wor⸗ Ausſicht auf neue gen. V 5 hlgefällig und wandte ſich Sibſon,“ ſagte ſie,„iſt Sie iſt zwar nicht hübſch, zu denen die Liebe nu che, wöhnlich am mit ihren fünfzigtauſend Pfund „nicht wahr? Ja, aller— meine liebe Mrs. Craven, Ich wollte, wir hätten wie alle Frauen ihrer Klaſſe, war Bitte, hatten. tem, paſſivem W 5.. j 3 r 8 5 Liebe ausdrückenden mühungen Jener vergeblich waren. darauf ankam hle in der zu erlangen, 1 fton nach, als er von Negem uud ſie im unbeſchränkten durch den Saal ſchwebte, die zu aſſen. Grantley zu heirathen und ihr Vermö ten, und beide erreicht. Lorenz ſie im Herzen verwünſchte und daß ben Augen ſtarr auf die Wand Grantley zu der ihrem ganzen Aeußern nur eine o Anna zu der ſtarrigkeit ausdrückte; 3 wieder verließ, hatte zuſtänden. arner und brachte weit gegan 1 ſo mußte er ſich Die Poſſe wurde d gleich der Hauptperſ Schönheiten unden. 10 V Vorb Zu der Gantley'ſchen Hochzeit wurden äußerſt brillante ereitungen getroffe.n. Heirathen, die aus Intereſſe entſpringen, und bei nur auf dar einen Seite liegt, werden ge⸗ glänzendſten gefeiert; denn was die Men⸗ ſchen nicht haben, wollen ſue ſich in der Regel durch den Schein geben. ¹ Koſtbare Geſchenke wurd ein Heer von Malern, leuten mußte in Stand ſetze den alſo gegenſeitig gemacht, Tapezirern und anderen Arbeits⸗ das Schloß für die kommende junge Frau Stan n; werthvolle, moderne Möbel wurden ge⸗ kauft, die man fürſtlich hätte nenrgen können, wenn deren Anſchaffung nicht Verſchwendung Welt pries Lorenz Grantley's edle ſicherte laut, daß er Anna Sibſon des wegen heirathe. Die Braut w widerwärtige Fraue widerſtehlich; allein ar auch geneigt, ſo zu denken, denn nzimmer halten ſich meiſtens für un- ungeachtet dieſes Vertrauens erachtete ſie es dennoch für zweckmäßig, ihren Zu künftigen auf die Probe zu ſtellen, und dieſe Probe lag in dem Heiraths⸗ vertrage. Sie hatte ſehr geſchickt die Unterzenchnung dieſes wichtigen Papieres bis zum letzten Augenblick zu verſchie⸗ ben gewußt, und jede Beſprechung darüber vermieden. Ihrem rechtlichen Beiſtande, gab ſie vor, Alles überlaſſen zu haben; ſeine Sache ſei es, zu thun, was das Recht er⸗ heiſche. Er that es, und ſorgte dabei wohl für ihr In⸗ tereſſe. Als daher die Dokumente am Abende vor der ur Unterzeichnung vorgelegt wurden lt keineswegs als ſolcher Anna's Advokat hat gewiſſe Klauſeln eingeſchaltet, ten Herrin machten und dem Lorenz und ſeine NM vorſtellungen, auf die jed Ho „ ergab ſich deren , wie die Grantley's ern)artet te an verſchiedenen Stiellen welche ſie zur unumſchrt Gemahle nichts ließen. ſtutter machten dringende Geg och Anna nur mit ſtumpfem, 4 iderſtande antwortete, ſo daß alle 2 e⸗ Da für ihn ſehr „mindeſtens die Intereſſen des Vermögen s ſo ſah er ſich genöthigt, endlich nachzugeben Beſitze ihrer fünfzigtauſend Pfund zeit zu Inha Anna, hatte zwei Ziele verfolgt, nämlich, Lorenz gen für ſich zu behal⸗ te ſie nicht, wie ſehr „während ſie, ihre trü⸗ gerichtet, da ſaß und in Art von blödſinniger Hals⸗ allein ſie würde ſich auch wenig darum ekümmert haben, ſelbſt wenn ſie es gewußt hätte, denn Inna Sibſon ließ ſich nie von einem einmal betretenen Vege dadurch abbringen, daß die L Leute ſchrieen, ſie wandle der fremden Boden und maße ſich Rechte an, die ihr nicht Freilich ahn Da Lorenz, als es zur Unterzeichnung kam, ſchon zu gen war „um mit Ehren zurücktreten zu können, im Stillen als überwunden bekennen. aher mit allem Glanze fortgeſpielt, ob⸗ on der dabei gehoffte Gewinn faſt gänz⸗ ch entgangen war. Marie Sefton, mit vielen anderen der Umgegend, war Brautjungfer, und nie ſo brillante und bei erden ge⸗ ie Men⸗ urch den gemache lrbeis⸗ e Frau den ge⸗ in deren und die und ver⸗ 8 Gel⸗ denn ur un⸗ rachtete nuf die lraths⸗ dieſes rſchie⸗ nieden. rlaſſen ht er⸗ r In⸗ Hoch⸗ deren Fartet tiellen r“ ¹ ag l 3 ſche Landeshofmeiſterin, 1 ürttembergi riginalzeichnung von W. Murſchel. ch O chloſſes. S le logis des Ludwigsburger irben ten corps d 1 n tenpavillon des al Sei im 8 Camfangsfun der gräſin v. Wi 390. Feierſtunden. 1864. ———————— ¶··ʒꝗꝑ······˖·······q··¶·V·/—— ——————— reizend, wie in jenem Augenblicke, als ſie vor dem Altare jüngſten Tage bei ihrem Willen ſtehen geblieben ſein. hinter Lorenz Grantley's amphybienartiger Braut ſtand. Ueberdies hatte ſie ein unwiderſtehliches Zwangsmittel da⸗ Sein Herz hob ſich bitter, als er die ihm Neuver⸗ durch in Händen, daß ſie ſich das unbeſchränkte Recht vor⸗ mählte fortführte und ſich für ewig gefeſſelt wußte, ver⸗ behalten hatte, letztwillig über ihr Vermögen zu disponiren, bunden mit ihr, während Marie Sefton, ſeinen Schritten und ſie bediente ſich deſſelben wie eines aufgerollten Laſſo folgend, heiter und, wie es ſchien, unbekümmert mit ihrem über dem Haupte ihres Gemahls. Begleiter plauderte. Bitter waren ſeine Empfindungen auf Wollte alſo Lorenz ſpätere Vortheile irgend einer Art dem kurzen Wege vom Altare zur Sakriſtei,— triumphi⸗ aus ſeiner Heirath ziehen, ſo mußte er ſie bei guter Laune rend waren die der unliebenswürdigen Gemahlin, und dun⸗ erhalten, das heißt, ſie in allen Beziehungen ihrem eigenen kel, aber keineswegs ruhig, die der hübſchen Marie Sef⸗ Willen folgen laſſen. ton; denn ſie konnte noch immer den Gedanken nicht auf— Selbſt die Stellung ſeiner Mutter wurde auch ſehr geben, daß Lorenz Grantley ihr einſt mehr zugethan geweſen bald bedenklich. ſei, als jedem anderen jungen Mädchen, und ſelbſt jetzt„Ich dächte, es wäre beſſer, wenn deine Mutter eine noch mit ihr in einem wärmeren Tone ſpreche, als mit eigene Wohnung hätte, ehe wir zurückkehren,“ ſagte ſie Anderen, wenn gleich ſie ſich nichts merken ließ. eines Tages in Rom zu ihrem Gemahl; und Lorenz, wel⸗ tuch aufzuheben, welches ſie hatte fallen laſſen. ſogleich an Letztere, die Aeußerung ſeiner Frau erwähnend, Es war die Stimme der Frau,— der reichen und zwar in noch etwas derberen und kränkenderen Aus⸗ Frau,— die er zum erſten Male hörte. drücken; denn da er keine Liebe, ſondern nur große Be⸗ Jedermann zu bewahren, mochte auch kommen was ſchonende Rückſichten gegen ſie zu beobachten und das⸗ wollte. jenige zu mildern oder zu unterdrücken, was ſie verletzen Anna lächelte einfältig und blickte ſich wojigful. tonnte lig um. V Mrs. Grantley las den Brief ihres Sohnes in ſupre⸗ Das Frühſtück ging glänzend vorüber, und die jun⸗ mer Verachtung. gen Eheleute traten ihre Hochzeitsreiſe mit großem Cere⸗„Es wäre doch ſonderbar, wenn ich ein ſo nichts⸗ moniell an. Als ſie fort waren, dachte Mrs. Grantley, ſagendes Weſen, wie Anna Sibſon iſt, nicht meiſtern die Mutter, bei ſich, daß Lorenz jetzt Gelegenheit haben könnte,“ ſchrieb ſie zurück, und blieb in Grantley Hall. und im Stande ſein werde, die junge Frau nach ſeinem So lange Beide im Auslande waren, ſprach Anna Willen zu formen,— da junge Frauen ja immer ſo ge⸗ nicht wieder von dieſem Gegenſtande; allein als ſie über fügſam ſeien!— und daß, wenn bei ihrer Rückkehr noch den Kanal nach England fuhren, ſagte ſie, ihre Worte nicht Alles in gehöriger Ordnung ſein ſollte, ſie ſelbſt, wie Waſſertropfen ohne Ausdruck und Betonung fallen als Königin und Beherrſcherin der Umgegend, das Geſchäft laſſend: übernehmen wolle.„Hat deine Mutter Grantley Hall verlaſſen?“ „Nein,“ erwiederte Lorenz ganz kurz. —„Ich glaube aber, es wäre gut, wenn ſie es thäte,“ 3. fuhr Anna fort. 3 „Mr. Lorenz Grantley iſt zurückgekehrt.“„Sie hat aber keine Luſt dazu,“ verſetzte er,„und i dieſer Hti 3 d uch ich wünſche es nicht. Mit dieſer Benachrichtigung wurden Karten an die F er. ſſer,“ wiederholte, ſie nachbarlichen Familien verſendet, und Alles ſtrömte nach„Es wäre doch beſſer,“ wieder eſie. 7 Grantley Hall, um die Bewillkommnungsbeſuche nach der„So ſage du es ihr ſelbſt,“ entgegnete Lorenz. Rückkehr des jungen Paares abzuſtatten.„Nimm meine Mutter bei der Hand und lenke ſie nach „Ein Jeder mag einmal kommen, um den Grantley's deinem Willen; vielleicht wirſt du es nicht ſo leicht finden, ſeine Aufwartung zu machen,“ war Anna's geheimer Be⸗ wie es dir ſcheint.“ ſchluß,„aber ich will beſtimmen, wer öfter kommen ſoll.“„Ich glaube doch, es wäre am beſten, wenn ſie ginge,“ Der Krieg hatte begonnen. Er hatte ſeinen Anfang war Alles, was Anna antwortete, und der Gegenſtand ſchon in jenem Augenblicke genommen, als Anna in der wurde nicht weiter berührt. Sakriſtei mit dem Gehorſam ihres Neuvermählten prahlte, Als ſie zu Hauſe anlangten, ſaß Mrs. Grantley noch und war ſeitdem ununterbrochen fortgeführt worden. Ein auf ihrem Throne. Mit einem großen Aufwande von Krieg mit Anna war aber keine Kleinigkeit. Viel ſchlim⸗ ſchwarzem Sammet und koſtbaren Spitzen empfing ſie Anna mer als jeder leidenſchaftliche Ausbruch war ihr kaltblüti⸗ äußerſt gnädig und herablaſſend. Anna dagegen ließ die ger Widerſtand, welcher den Gegner nie einen Anhaltspunkt Lippe hängen, machte ein einfältiges Geſicht, nahm alle finden ließ und nie nachgab. Schlug ſie jemals eine Bitte Demonſtrationen ſehr kalt auf und ließ ſie gänzlich unbe⸗ mit Heftigkeit ab, oder ſtritt ſie je über einen Punkt offen antwortet; allein ehe eine Stunde vergangen war, und ehe und leidenſchaftlich?— Niemals. Wie immer, wenn ſie Mrs. Grantley es ahnte, ſah ſie ſich bei Seite geſetzt und hartnäckig auf etwas beſtand, pflegte ſie dann nur mit halb ihren Befehlen widerſprochen,— nicht mit Heftigkeit, aber blödſinniger Miene, kalt, unbeweglich und theilnahmlos die mit der größten Beſtimmtheit. Die Dienſtboten begriffen, Wand anzuſtarren, und würde auf dieſe Weiſe bis zum wer die eigentliche Gebieterin im Hauſe ſei, und die ..PG Jintl der R datzogenl. Gegen in ließ, u Aufregung auszurichte „Ich anderen Ne ſagen, und laule Klage wäͤerſpreche die ſchuldie Dieſe Beleidigur tragen, v jeden St 70 mit völl Gebieteri ihr Ahu necken; d blutloſen So machte ſie welche ihr kommen. öfentliche irem ga den Perſ und es De des Orte vornehme Marie beſucht- oder ſchn Wert do daß er d Sälbſtach dich wie e Sam A auf dien gefälin zurück,“ nicht U letzterer Se mochten einzurich neuügkeit miig drückt Lor Mami cheimer — —. ſein. da⸗ vor⸗ iren, Laſſo Art aune enen ——- — —————ͦ—ÿ—ꝛñ;—Zñℳ—’—‧O˖UO˖AO—᷑—QO—Q——C· Feierſtund Zügel der Regierung waren der alten Dame unwiderſtehlich entzogen. ee en. 1864. 391 Waren jedoch die von Lorenz abſichtlich geduldeten Be⸗ ſuche des Advokaten für Anna läſtig, ſo wußte ſie Erſte⸗ Gegen ein ſolches Syſtem, das ſich nirgends angrei⸗ rem dieſen Liebesdienſt reichlich zu vergelten. Lorenz wünſchte fen ließ, und gegen eine Perſon, die durch kein Mittel in ein Darlehen unter Verpfändung ihres Vermögens aufzu⸗ Aufregung zu verſetzen war, vermochte ihre Taktik nichts nehmen, und Anna weigerte ſich beharrlich, ihm dieſen Ge⸗ auszurichten. „Ich glaube, es wäre beſſer, wenn Sie in einem anderen Hauſe wohnten,“ pflegte Anna täglich einmal zu ſagen, nnd zwar als einzige Antwort auf Mrs. Grantley's laute Klagen, daß ſie ihr bei allen Gelegenheiten geradezu widerſpreche, ihre Befehle aufhebe, und ihr überhaupt nicht die ſchuldige Ehrerbietung beweiſe. Dieſe fortgeſetzten, ohne alle Aufregung zugefügten Beleidigungen konnte die alte Dame endlich nicht mehr er⸗ tragen, und ſah ſich genöthigt zu gehen. Es geſchah ohne jeden Streit, ohne heftige Scene,— in aller Ruhe. „Ich glaube, es iſt gut, daß ſie fort iſt,“ ſagte Anna mit völligem Gleichmuthe, als der letzte Fetzen der alten Gebieterin das Haus verlaſſen hatte, und ging dann an ihr Aquarium, um das darin befindliche Chamäleon zu necken; denn ſie empfand eine gewiſſe Sympathie für alle blutloſen Geſchöpfe. So wie ſie es mit Mrs. Grantley gemacht hatte, ſo machte ſie es auch mit den Gäſten des Hauſes. Diejenigen, welche ihr nicht recht waren, hüteten ſich wohl, wieder zu kommen. Zwar that und ſagte ſie nichts, was für eine öffentliche Beleidigung hätte gelten können, aber war in ihrem ganzen Betragen ſo unangenehm, daß die betreffen⸗ den Perſonen auf das Tiefſte verletzt das Haus verließen und es gewiß nie wieder betraten. Der Einzige, der ihr Stand hielt, war der Advokat des Ortes, Mr. Jones, ein Mann, der nicht mehr zur vornehmen Welt gerechnet wurde, und derſelbe, welcher als Marie Sefton's entfernter Bewunderer den Aſſiſen⸗Ball beſucht hatte. Lorenz trug ihm zuweilen ein unangenehmes oder ſchmutziges Geſchäft auf, und Jones legte zu großen Werth darauf, Fuß in Grantley Hall gefaßt zu haben, als daß er dieſen Vortheil aufgegeben hätte, wenn auch alle Selbſtachtung dabei verloren ging. Seine Haut war ſo dick wie ein Rhinocerosfell, denn allen Beleidigungen von Seiten Anna's ſetzte er eine kalte Unverſchämtheit entgegen, auf die nichts Eindruck machte, und eine gemeine Selbſt⸗ gefälligkeit, die ſich durch nichts ſtören ließ.„Er gebe ihr zurück,“ pflegte er zu ſagen,„was ſie austheile,“ und hatte nicht Unrecht; ſie war die Feile und er der Granit, und letzterer kam am beſten weg. So kam es, daß ſie ſeine Beſuche ertragen mußte, ſie mochten ihr recht ſein oder nicht, und Jones wußte es ſo einzurichten, daß ſie ziemlich häufig waren; denn jede Orts⸗ neuigkeit diente ihm als Vorwand dazu, da er ſie pflicht⸗ mäßig Mr. Grantley mittheilen mußte, wie er ſich aus⸗ drückte. 1 Lorenz duldete dieſe Zudringlichkeit, theils weil der Mann ihm zuweilen von Nutzen war, theils weil er den geheimen Widerwillen ſeiner Frau gegen dieſe Perſon wahr⸗ nahm und es ihm lieb war, ſie auf ſolchen Widerſand ſtoßen zu laſſen. fallen zu erzeigen. „Ich habe geheirathet,“ pflegte ſie auf ſeine dringen⸗ den Vorſtellungen zu erwiedern,„um die Gebieterin von Grantley Hall, nicht aber eine Bettlerin zu werden; alſo ſpare deine Worte, denn ich werde es nimmermehr thun.“ Bis jetzt hatte Lorenz noch wenig pekuniären Vortheil aus ſeiner Heirath gezogen. Anna war zwar nach man⸗ chem bitteren Wortwechſel dazu beſtimmt worden, ein Te⸗ ſtament zu errichten, worin ſie ihn für den Fall ihres Todes zum Univerſalerben einſetzte; allein dieſer Akt war von keinem großen Nutzen für ihn, denn ſo oft er ſie ärgerte,— und ſie war faſt immer übler Laune,— drohte ſie es aufzuheben und ihn als den ruinirten Verſchwender zurückzulaſſen, den ſie geheirathet hatte. Sie quälte ihn damit, wie in jeder anderen Beziehung, auf entſetzliche Weiſe, und ließ ihn die Sünde ſeiner aus Habſucht ge⸗ ſchloſſenen Heirath ſchwer büßen. Außerdem bewahrte ſie aber in einem geheimen Fache noch ein zweites, ſpäter und in gültiger Form errichtetes Teſtament auf, in welchem ſie ihr ſämmtliches Vermögen einer Mrs. Jane Gilbert, in Eagley, hinterließ,„um— wie es darin hieß—„ſie wegen des ihr zugefügten Unrechts zu entſchädigen.“ Auf dieſe Weiſe genoß Anna die geheime Freude, ihren Gatten durch einen bloßen Schein zu ärgern, und ihn in Wirklichkeit zu betrügen. Dieſes zweite Teſtament hatte ſie kurz nach dem erſten errichten laſſen, als ihr Gewißheit darüber geworden war, ¹. aus welchen Beweggründen Lorenz ſie geheirathet hatte; denn, obgleich faſt immer artig gegen ſie, und ihr mit Rückſicht auf ihre angeblich„gute Familie“ äußere Achtung zollend, hatte er dennoch unglücklicher Weiſe eines Tages die Beſinnung und Herrſchaft über ſich verloren und ihr mit deutlichen, ſcharfen Worten geſagt, daß er ſie nie ge⸗ liebt, ſondern um ihres Geldes willen geheirathet, und daß er den Tag verwünſche, an dem er die Verbindung mit ihr geſchloſſen habe. Anna bewahrte dieſe verletzenden Worte in ihrem Ge⸗ dächtniſſe wohl auf und that im Stillen das Gelübde, daß nie ein Pfennig ihres Vermögens in ſeine Taſche fließen ſolle, und daß ſie, was auch geſchehen möge, an ihm ge— rächt ſein wolle. So war Lorenz nicht beſſer daran, als wenn er die gute, ſchöne Marie Sefton mit ihren dürftigen tauſend Pfund geheirathet hätte.: „Wollte Gott, ich hätte es gethan!“ ſtöhnte er in ſei⸗ ner Verzweiflung.„Wollte Gott, ich hätte den Muth gehabt, treu und wahr zu ſein, mich in die Verhält⸗ niſſe zu ſchicken und um Mariens beglückende Hand zu werben!“ (Schluß auf S. 402.) —— Feierſtunden. 1864. — — — — = — — = g. E. geboren den 22. S geſtorben den 15. Februar Leſſing, ar z1 1729 Eine Artheils⸗Verkündigung. Aus dem Volksleben. Faſt jeder unſerer Leſer wird ſchon, wenn er in einer Solche aber, die ſchon oft vor Amt geweſen ſind, Oberamts⸗ oder Bezirksſtadt wohnt, oder in eine ſolche geben ſich gern eine wichtige Miene, wenn ſie das Gerichts⸗ zufällig an einem ſogenannten Gerichtstage gerieth, vor dem gebäude betreten oder vor demſelben warten, bis die Kanz⸗ Gebäude, welches als Stätte der Gerechtigkeit dient, bald leien geöffnet werden, während ihre ſchüchternen Ortsgenoſ⸗ einzelne Landleute, bald Schaaren von ſolchen, meiſt im ſen ſich ängſtlich und möglichſt unbemerkt hineinzuſchleichen ſonntäglichen Gewande, erblickt haben, denen man anſieht, verſuchen.. daß ſie etwas„beim Amte zu ſchaffen haben“. Meiſtens Häufig ſieht man auch die Bauern bei ſolchen Gelegen⸗ betrachten ſie das verhängnißvolle Gebäude mit einer Art heiten in Begleitung eines Rechtsanwaltes aus der Stadt banger Scheu, und dies beſorders ſolche, welche zum erſten dem Gerichtsgebände zuwandern. Jene, die ſchon oft vor Male in ihrem Leben vor Amt kommen; ſie betreten ſeine Amt waren, ſchreiten dann zuverſichtlich und beinahe patzig Schwelle mit ängſtlichem Schritte, denn gar Viele, welche neben ihrem Advokaten einher und ihr Geſicht ſagt: das das erſte Mal vor Gericht geladen werden, vermögen ſich iſt mein Anwalt, den bezahle ich, und der muß mir mei⸗ einen Beamten nicht anders vorzuſtellen, denn als einen nen Prozeß gewinnen, und wenn ich's haben will, ſo muß geſtrengen, den armen Landbewohner grimmig anſchnauzen⸗ er aus weiß ſchwarz und aus ſchwarz weiß machen! Frei⸗ den Herrn(wie es freilich deren auch manchmal gibt), und lich ob's der Advokat thut und ob's bei Gericht durchgeht, wundern ſich dann gewaltig, wenn die Herren Richter ruhig iſt wieder eine andere Frage. Die Anderen, ſchüchtern und und freundlich mit ihnen ſprechen wie andere Leute. im Prozeſſiren unbewandert, täppeln ängſtlich hinter ihrem ◻ ſind, richts⸗ Kanß⸗ genoſ⸗ leichen elegen⸗ Stadt ft vor patzig : das o muß Feierſtunden. 1861. Feierſtunden. 1864. ——ͤͤ————— — Eine Urtheils⸗Verkündigung. 394 Feierſtunden. 1864. Anwalt drein und lauſchen ſeinen Worten wie einem Ora⸗ kel, ſie vertrauen ihrer guten Sache und denken: unſer Advokat wird's ſchon recht machen, der ſoll für uns reden. Begleiten wir nun eine ſolche Geſellſchaft in die ſo— genannte Parthienſtube, wo die vor Gericht Geladenen zu warten haben, bis ſie durch den Diener in das Zimmer des Richters gerufen werden, ſo finden wir dort oft aller⸗ lei Arten von Leuten beiſammen, die ſich meiſt nicht mit den freundlichſten Blicken betrachten, denn Freund und Feind iſt da zuſammengeſperrt, bis der Ruf ertönt, der ſie vor den Richter bringt. Da ſind z. B. zwei Parthien, die zwar in Einem Dorfe und ſogar in Einem Hauſe wohnen, und ſich über⸗ dies durch Bande der Verwandtſchaft nahe ſtehen, dennoch aber leben ſie ſchon ſeit Jahren in der bitterſten Fehde und Feindſchaft. Nun hat der Tod eines gemeinſchaftlichen Verwandten, den ſie beide beerben möchten, vollends den Zankapfel unter ſie geworfen. Seit einem Jahre führen ſie erbitterten Prozeß gegen einander, und die Parthien ſelbſt, ſowie ihre Advokaten thaten ihr möglichſtes, die Rechte der Andern zu verkleinern, zu beſeitigen, und ſich den Kampf⸗ preis zu ſichern. Protokolle über Protokolle wurden auf⸗ genommen, ganze Bände von gelehrten rechtlichen Ausfüh⸗ rungen haben die beiden Advokaten eingereicht, bis der Rich⸗ ter die Akten für geſchloſſen erklärt. Heute ſind die Par⸗ thien nun herbeſchieden, um der Verkündigung des Urtheils anzuwohnen. Wir folgen den ſtreitenden Theilen in den Sitzungs⸗ ſaal, wo das Gerichtskollegium an einer langen Tafel ſitzt. Der Vorſitzende erhebt ſich und ſpricht zu den Parthien: Das Urtheil in eurer Prozeßſache iſt gefällt und lautet alſo:— und nun verliest er das Erkenntniß nebſt den von gelehrten Stellen aus allen möglichen Geſetzen und Commentaren wimmelnden Entſcheidungsgründen, welche die horchenden Landleute natürlich nicht verſtehen. Das aber haben ſie wohl verſtanden, welches von ihnen den Prozeß verloren und welches ihn gewonnen hat, und wenn wir auf unſerem Bilde die Phyſiognomien der feindlichen Parthien betrachten, ſo ſehen wir an den verdutzten Geſich⸗ tern der einen, an den triumphirenden Mienen der andern ſogleich, wer der Sieger und welches die Beſiegten. Doch Einen Troſt haben dieſe— der Prozeß iſt erſt in einer Inſtanz verloren, noch ſteht ihnen die Appellation an zwei höhere Inſtanzen offen, wo vielleicht über die entſcheiden⸗ den Rechtspunkte ganz andere Anſichten herrſchen, als bei dem Untergerichte. Man ſieht es auch dem grimmigen Geſichte des Anwalts der verlierenden Parthie deutlich an, daß er, noch ehe der Richter die Verkündigung des Urtheils vollendet, ſchon entſchloſſen iſt, die Appellation gegen daſ⸗ ſelbe anzumelden. Wünſchen wir ihm Glück dazu, denn die ehrlichen, gutmüthigen Phyſiognomien ſeiner Clienten gegenüber den hämiſchen Geſichtern der gewinnenden Parthie und ihres Anwalts laſſen uns annehmen, daß die gute Sache auf Seite der Erſteren ſei und zuletzt doch ſiegreich aus dem Kampfe hervorgehen werde! Die Oligarchenherrſchaft in Schweden. Von Thaddäus Lau. Nicht volle 11 Decennien iſt die Krone Schwedens im Beſitze des Mannsſtammes der Waſa geweſen. Am 7. Juni 1523 hatten die Reichsſtände dem Begründer der Dynaſtie den Huldigungseid geſchworen; den 16. November 1632 fiel der letzte männliche Sproſſe des Hauſes in der Schlacht bei Lützen. Die Krone ging auf die weibliche Linie über, auf Guſtav Adolfs einzige Tochter Chriſtine. Als dieſe, der laſtenreichen und dornenvollen Herrſchaft müde, im Jahre 1654 ohne Nachkommen abdicirte, mußte man zu Seitenverwandten der erloſchenen Dynaſtie greifen. Karl X., der Sohn des Pfalzgrafen Johann Caſimir von Zweibrücken, aus ſeiner Ehe mit Katharine, der Schweſter Guſtav Adolfs, beſtieg nach der Abdankung ſeiner Baſe den ſchwediſchen Thron. Die Einmiſchung Guſtav Adolfs in den dreißigjähri⸗ gen Krieg hat für Schweden die bedeutſamſten, über ein Jahrhundert nachwirkenden Folgen gehabt, für die auswär⸗ tige wie für die innere Politik jenes nordiſchen Königreiches. Mit Guſtav Adolfs Theilnahme an dem großen Religions⸗ kriege in Deutſchland hatte ſich Schweden, über ſeine na⸗ türlichen Grenzen hinaustretend, in die Reihe der Groß⸗ mächte eingedrängt, eine Rolle übernommen, die ihm nach ſeiner geſchichtlichen Miſſion nicht vorgezeichnet war. Das Principat im Norden Europas mochte dem patriotiſchen Nationalbewußtſein des Volkes, mochte gleicher Weiſe der Ehrſucht ſeiner Herrſcher ſchmeicheln, und für das arme Land ſollte dieſes Principat zu einer ungeheuren Geißel werden, ſein vollſtändiger Ruin. Als eine Folge der Einmiſchung Guſtav Adolfs in den dreißigjährigen Krieg, als eine Folge der angeſtrengten und verzweifelten Verſuche der ſchwediſchen Könige, die im weſtphäliſchen Frieden erlangte Großmachtsſtellung zu be⸗ haupten, iſt weſentlich auch derjenige Gegenſtand anzuſehen, der uns in der vorliegenden Skizze beſchäftigt. Hatte näm⸗ lich ſchon unter Guſtav Adolf der Adel die Abweſenheit des Königs dazu benützt, ſeine Macht auf Koſten der Krone zu erweitern, ſo ſchien das kraftloſe und ſchlaffe Regiment ſeiner launiſchen und phantaſtiſchen Tochter noch mehr ge⸗ eignet, die auf das angedeutete Ziel gerichteten Beſtrebungen der Ariſtokratie zu erleichtern und zu befördern. In der That riß unter Chriſtine der Adel eine ſolche Macht und mit dieſer einen ſo großen Beſitz an ſich, indem die Köni⸗ gin die Staatsdomänen auf das Leichtſinnigſte verſchenkte und verſchleuderte, daß die Krone mit ihren natürlichen Ein⸗ künften faſt alles Anſehen verlor. Chriſtinens Nachfolger Carl X. war nicht aus dem Holze geſchnitzt, um ſich gut⸗ willig derartigen Verhältniſſen zu fügen; ſeine Souveräni⸗ tät mit der Ariſtokratie zu theilen, fiel ihm nicht im Ent⸗ fernteſten ein. Er begann ſeine Regierung damit, dem Adel Rückerſtattung der unter der vorigen Regierung ab⸗ handen gekommenen Staatsgüter aufzuerlegen. Schade, daß im Großen und Ganzen die Anordnung nur auf dem Pa⸗ pier ſtehen blieb, denn die Ariſtokratie, durch jenes Dekret in der Baſis ihrer Macht bedroht, wußte in der Ruhmſucht des Königs, der dem Kriegshelden Guſtav Adolf nachzu⸗ eifern vor Begierde brannte, ein Ventil für ihre gefährde⸗ ten Intereſſen zu finden. Nach der geheimen Berechnung des Adels ſollte Karl X. durch auswärtige Unternehmungen von weitausſehenden Veränderungen im Innern abgehalten werden. Der Kalkül gelang nur zu wohl. Karl X. ſtürzte polniſch wenig! wähnt, lung 5 Krakau denbuug, Sütbenbi ſteitigke zutheile heit des in Pol erhob, Cinmi ſeines unter Friede tu Dront J wieder ſcheinun ſtorbene hinterlo geboren führen und E immer Ueber ſtinene mit fi erſtattn die R. ſchleut ſchaft diſe bemitt Staat ſes in Dure Reich beſtel Part rubel ſchaff Peter venti den Iaxüc hat lic die droh 165, — Anfe ſitzt Parthien: und lautet nebſt den eſetzen und in, welche jen. Das ihnen den und wenn feindlichen en Geſich⸗ der andern en. Dach in einer on an zwei entſcheiden⸗ n, als bei grimmigen eutlich an, s Urtheils gegen daſ⸗ zu, denn Clienten n Parthie die gute ſiegreich g, die im ung zu be⸗ anzuſehen, aatte näm⸗ ſenheit des der Krone Regiment mehr ge⸗ ſtrebungen Sitzungs⸗ — —⸗-ℳ⸗ꝛꝛo——ö—:rͤ——— ſich ohne Bedenken und ohne Grund in Krieg mit Johann Caſimir V. von Polen und mit Friedrich III. von Dänemark. Die Waffen Karls waren ſiegreich, ſowohl in dem polniſchen als in dem däniſchen Kriege. Es iſt eiwe nur wenig gekannte Thatſache, und darum werde ſie hier er— wähnt, daß auf dieſen König der erſte Gedanke einer Thei⸗ lung Polens zurückgeführt ſein will. Er lud, nachdem er Krakau und Warſchau erobert, den Kurfürſten von Bran⸗ denburg, den ruſſiſchen Czaren und den Beherrſcher von Siebenbürgen ein, ſich mit ihm in das durch Religions⸗ ſtreitigkeiten und eine„allzu freie“ Verfaſſung zerrüttete Reich zu theilen. Die Eingeladenen ſchreckten indeß vor der Kühn⸗ heit des Gedankens zurück. Um die Früchte ſeiner Siege in Polen kam Karl, weil ſich der Däne in ſeinem Rücken erhob, und als er denſelben niedergeworfen, vereitelte die Einmiſchung der eiferſüchtigen Holländer die Ausführung ſeines Projekts, die drei ſkandinaviſchen Reiche zu einem unter ſeinem Scepter zu vereinigen. Er mußte ſich im Frieden von Röskilde den 20. Febr. 1658 mit der Abtre⸗ tung der Provinzen Schoonen, Blekingen, Halland, Bohus, Drontheim und der Inſel Bornholm begnügen. Nach dem frühzeitigen Tode Karls X. im Febr. 1660 wiederholten ſich in ſeinem Reiche ganz die nämlichen Er⸗ ſcheinungen, wie nach dem Tode Guſtav Adolfs. Der ver⸗ ſtorbene König hatte einen nur fünfjährigen Sohn Karl XI. hinterlaſſen, für welchen die Königinwittwe Hedwig, eine geborene Prinzeſſin von Holſtein⸗Gottorp, die Regentſchaft führen ſollte. Schnell aber benutzte der Adel das Unſichere und Schwankende, das mit der Regentſchaft einer Frau immer mehr oder minder verbunden ſein wird, um das Uebergewicht wieder herzuſtellen, das er in den Zeiten Chri⸗ ſtinens beſeſſen. Die Regentin mußte die Vormundſchaft mit fünf höchſten Kronbeamten theilen, und von einer Rück⸗ erſtattung der entfremdeten Staatsgüter war nicht weiter die Rede, im Gegentheil, die letzten Domänen wurden ver⸗ ſchleudert und die Schulden ſtiegen während der Vormund⸗ ſchaft auf 20 Millionen Silberthaler. Schlimmer noch als dieſe unverhältnißmäßige Belaſtung der Steuerkraft des un— bemittelten Landes durch die leichtfertige Vermehrung der Staatsſchuld war die Einniſtung des franzöſiſchen Einfluſ⸗ ſes in Stockholm, welche ſich in dieſer Epoche vollzog. Durch das Gold Ludwigs XIV. gewonnen, bildete ſich im Reichsrathe, einem aus den vornehmſten Herren vom Adel beſtehenden Collegium, eine ſtarke franzöſiſche Parkei. Dieſe Partei im galliſchen Solde hieß nachmals, als die Silber⸗ rubel auch eine moskowitiſche Fraktion in Stockholm ge⸗ ſchaffen, die Partei der Hüte, während die Freunde des Petersburger Kabinets die Partei der Mützen genannt wur⸗ den. An der Spitze der Hüte ſtand das im Laufe des 16. Jahrhunderts nach Schweden eingewanderte Haus der de la Gardie. Die Hüte vermochten 1675 Schweden rein in Frankreichs Intereſſe zu einem Kriege gegen den Kur⸗ fürſten von Brandenburg. Der Krieg war ein höchſt un⸗ glücklicher. Durch die Schlacht bei Fehrbellin ward der brandenburgiſche Kriegsruhm begründet. Nur die Inter— vention Ludwigs XIV. konnte 1679 Schweden in dem Frie⸗ den von St. Gamair die verlorenen Plätze in Pommern zurückverſchaffen. Der unglückliche Krieg mit dem großen Kurfürſten hatte die Verlegenheiten des ſchwediſchen Schatzes unglaub⸗ lich geſteigert, die Steuerkraft des Landes war erſchöpft, die Geiſtlichkeit, der Bauern⸗ und der Bürgerſtand verlangten drohend, daß man endlich in allem Ernſte zu dem ſchon 1654 angezeigten Rettungsmittel greife und die verſchleu⸗ 395 ————————————— derten Domänen wieder einziehe. Karl XI., eben majorenn geworden, benutzte dieſe Stimmung der drei Stände zur Wiederherſtellung der königlichen Autorität. Er ließ durch den Stockholmer Reichstag vom Jahre 1680 eine durch⸗ greifende, unerbittliche Rückerſtattung aller dem Staate durch Schenkungen entzogenen Krongüter anordnen. Die Kron⸗ gewalt erſtarkte durch die Maßregel außerordentlich; in kur— zer Zeit hatte Karl XI. alle ſeit 200 Jahren entfremdeten Domänen an ſich gebracht, er war der einzige reiche Mann im Staate. Auch ſonſt zeigte Karl XI., daß er dem ari⸗ ſtokratiſchen Junkerthum, welches während ſeiner Minder⸗ jährigkeit das Haupt ſo hoch getragen, den Fuß auf den Nacken zu ſetzen wiſſe. Der lievländiſche Adel murrte wider die Einziehung der Domänen und die gleichzeitig angeord⸗ nete Beſteuerung jedes Grundbeſitzes; eine Deputation jener Grundariſtokratie erſchien 1692 beſchwerdeführend vor dem Throne, als Sprecher einen gewiſſen Patkul an der Spitze, einen feurigen Kopf und kühnen Charakter. Karl XI. machte kurzen Prozeß mit den vornehmen Querulanten. Sie wur⸗ den beim Kragen genommen, eingeſperrt und zu Tode verur⸗ theilt. Patkul entfloh. Sein Schickſal ſollte ihn ſpäter ereilen. Wenn der Adel darauf gerechnet haben mochte, daß nach dem Ableben Karls XI. im April 1697 der alte Kreis⸗ lauf von Neuem beginnen werde, indem der erſt fünfzehn⸗ jährige Thronerbe Karl XII. unter Vormundſchaft geſtellt war, mithin die Verhältniſſe ganz analog lagen, wie in den Jahren 1632 und 1660, welche für die Machterweiterung der Ariſtokratie ſo günſtig geweſen waren, ſo ſollte die Rechnung nicht zutreffen. Der tolle Eiſenkopf Karl XII. war nicht der Mann, mit ſich ſcherzen zu laſſen. Noch in demſelben Jahre, in welchem er die Regierung antrat, mußte ihn der Reichstag für volljährig erklären. Schwe⸗ den hatte damals im Jahre 1697 ſeinen größten Umfang; zu dem Reiche gehörte außer dem Stammlande, wie es noch jetzt beſteht, ganz Finnland, dann die Küſtenländer am finniſchen Meerbuſen, Corelien, Eſthland, Lievland, ferner im deutſchen Reiche als Erwerbungen des weſtphäliſchen Friedens ein guter Theil der Stiftslande Bremen und Ver⸗ den, Vorpommern nebſt der Inſel Rügen und etwa die Hälfte von Hinterpommern. Heer und Flotte befanden ſich in einem vortrefflichen Zuſtande, die Finanzen waren geord⸗ net, im Schatze lagen zwei Millionen Thaler. Auf die Details des ſogenannten nordiſchen Krieges haben wir hier nicht einzugehen. Was für unſere ſpeziellen Zwecke hervorgehoben ſein will, iſt die Thatſache, daß die durch Karls XI. eherne Fauſt niedergezwängte Ariſtokratie ſich während der Abweſenheit Karls XII. in Dänemark und Rußland, in Polen und in Sachſen ſo lange ſtill und ruhig verhielt, als das Glück dem Könige lächelte; als aber mit dem Tage von Pultawa die böſen Zeiten für Karl began⸗ nen, dachte der Adel ſofort an die Wiederherſtellung ſeiner Privilegien. Während der König eigenſinnig in der Türkei blieb, berief der Reichsrath, ohne erſt Karls Erlaubniß ein⸗ zuholen, die Reichsſtände, in deren Schooß die Frage dis⸗ cutirt wurde, ob nicht die Stände bei längerer Abweſenheit des Königs ohne ſeine Zuſtimmung den Reichsrath. ermäch⸗ tigen könnten, einen Reichsvorſteher zu wählen und Frieden mit den Feinden zu ſchließen. Die Nachricht von dieſen Vorgängen trug das ihrige zu dem plötzlichen Entſchluſſe Karks bei, den Gewaltritt von Demotika nach Stralſund zu unternehmen. Seine rauhe, höhniſche Lache auf der Lippe begrüßte der König bei der Ankunft in Stockholm den Grafen Alfred Horn, eines der Häupter der ariſtokra⸗ tiſchen Partei, mit den Worten:„Ihr ſeid ja während 3 50* ——;—:—:—::—————ʒ; 396 Feierſtunden. 1864. ——ò—:::::::Oͤn—; —; meiner Abweſenheit recht ſtark gewachſen!“ Die unerwartete Frieden gegenüber geſtalten werde. Auch wirkte wohl auf die Entſcheidung der Verſchworenen, an deren Spitze, wie ſtand in den Plänen des Adels; man wollte in dieſen Krei⸗ gleich aus dem Nächſten erhellen wird, Karls eigene Schwe⸗ Rückkehr Karls erzeugte zunächſt eine Stockung, einen Still⸗ ſen abwarten, wie ſich die Lage des Königs dem äußeren ſter ſtand, der enthuſiaſtiſche Empfang des Königs bei dem e ffa Sfe— u 1—1 1 Tan. Karl XII. begrüßt nach der Rückkehrzaus der Türkei den Grafen Alfred Horn. Volke. Obſchon Karl XII. viel Unglück über Schweden Situation ſich weſentlich zu Gunſten des Königs zu geſtal⸗ gebracht, liebte ihn die Nation dennoch, weil er ein ritter⸗ ten ſchien, indem die diplomatiſchen Künſte des gewandten licher, offener, redlicher Fürſt war. Als dank den Talen⸗ Miniſters Combinationen zu Stande gebracht hatten, deren ten des Grafen Görz gegen Ausgang des Jahres 1718 die Durchführung einen völligen Umſchwung erzeugen mußte, Feierſtunden. 1864. 397 —————————— glaubten die verſchworenen Ariſtokraten den Moment für lag auf der Hand, mit den ariſtokratiſchen Reſtaurations⸗ ihre Aktion gekommen. Denn wenn es Karl gelang, ſich gelüſten für immer aus und vorüber. Die nach außen er⸗ in ehrenvoller Weiſe aus den Verwickelungen mit Schwe⸗ langten Erfolge mußten die Stellung des Königs im In⸗ dens auswärtigen Feinden herauszuarbeiten, war es, das nern derart befeſtigen, daß es dem Adel unmöglich wurde, 1 B Landſchaft, nach Wouwerman.. V das Uebergewicht über die Krone zurückzuerobern. Eine ders gelenkt, darüber läßt, auch von dem eigenen Geſtänd⸗ blutige That vollzog ſich. Karl ward den 11. Dezember niß Siggerts abgeſehen, das derſelbe angeblich im Wahn⸗ 1718 in den Laufgräben vor Friedrichshall durch ſeinen ſinne abgelegt haben ſollte, der nun folgende Gang der Ent⸗ Adjutanten Siggert erſchoſſen. Wer die Hand des Mör⸗ wickelung der Dinge in Stockholm nicht den mindeſten Zweifel. 398 —;— Die Thronfolge war, obſchon nicht teſtamentariſch, von Karl XII., der ſelber unvermählt geblieben, dem Her⸗ zoge Karl Friedrich beſtimmt, dem einzigen Sohne ſeiner Schweſter Hedwig, der Gemahlin des in der Schlacht bei Cliſſow gefallenen Herzogs Friedrich von Holſtein⸗Gottorp. Dieſer Prinz befand ſich in dem Lager vor Friedrichshall, und der General Dücker, berühmt durch die Vertheidigung von Stralſund, machte ihm den Antrag, ihn ſogleich durch das Heer zum Könige ausrufen zu laſſen. Der junge Herzog jedoch verließ ſich blind auf ſein Geburtsrecht und auf die wiederholt abgegebene Erklärung des Oheims; er lehnte den Vorſchlag des Generals ab und entſchied ſich, nach Stockholm zu gehen, um aus den Händen der Stände die Krone zu empfangen. Hier aber waren bereits die Königsmörder dem Prinzen zuvorgekommen. Außer ſeiner Schweſter Hedwig beſaß Karl XII. noch eine andere Schwe— ſter, Ulrike Eleonore, welche er zur Cheloſigkeit beſtimmt hatte, damit der Staatsſchatz nicht durch zu zahlende Apa⸗ nagen beſchwert werde. Wider den Willen des Bruders vermählte ſich Ulrike Eleonore den 24. April 1715 mit dem Erbprinzen Friedrich von Heſſen⸗Kaſſel.„Heute tanzt unſere Schweſter ſich die Krone vom Haupte,“ meinte Karl an dem Hochzeitstage. Dieſer Prinzeſſin beſchloß die ari⸗ ſtokratiſche Partei ſich als ihres Werkzeuges zu bedienen, und die bezüglichen Eröffnungen fanden bei Ulrike Eleonore die entgegenkommendſte Aufnahme. Direkt aus dem Lauf⸗ graben, in welchem er den König ermordet, eilte Siggert nach dem nahen Edelhofe, auf welchem der Landgraf, das Kommende erwartend, Quartier genommen. Ein Kourier ward eiligſt an Ulrike Eleonore abgefertigt, Friedrich ſelbſt erſchien vor Friedrichshall und übernahm den Befehl, ledig⸗ lich um die Belagerung abzubrechen und die halbe Million in der Kriegskaſſe nach Stockholm zur Beförderung ſeiner Zwecke zu ſchicken. Bis das Heer nach der Hauptſtadt zu⸗ rückgeführt war, hatten die Verſchworenen mittlerweile den Staatsſtreich in Scene geſetzt. Der Reichsrath hielt nämlich die Kunde von dem Tode des Königs ſo lange geheim, bis er die Maßregeln getrof⸗ fen, um ſich der Regierung zu bemächtigen. Nach einer vorläufigen Verſtändigung mit der Prinzeſſin erkannte er dieſe als intermiſtiſche Regentin unter der Bedingung an, daß fie unverweilt einen Landtag berufe und in die Revi⸗ ſion der Verfaſſung willige. Dann wurde der gefährlichſte Feind der Ariſtokratie, Graf Görz, verhaftet und mit ihm zugleich der General Eklef und der Staatsrath von Natt, ſeine beiden vorzüglichſten Anhänger und Freunde. Am 11. Februar 1719 trat der Reichstag in Stockholm zuſam⸗ men. Von den Anſprüchen des Holſteiners war nicht wei⸗ ter die Rede. Zwei Geſchäfte betrieb die ſiegreiche Partei als ihre Hauptgeſchäfte, den Untergang des verhaßten Aus⸗ länders Görz und die Reviſion der Verfaſſung. Dem Miniſter ward das nämliche Schickſal bereitet, welchem ein paar Decennien ſpäter aus den gleichen Urſachen Struenſee in Kopenhagen erlag. Ein Blutgericht, aus des Grafen Todfeinden zuſammengeſetzt, inſtruirte den Prozeß. Neun Stimmen im Reichsrath erklärten ſich gegen das gefällte Todesurtheil, weil das Verfahren der geſetzlichen Formen entbehrt habe.„Was bedarf es der Form?“ ſchlug Peter Ribbing, der Vorſitzende des Gerichts, die Einwände nie⸗ der.„Als ein Schelm hat er gelebt, als ein Schelm ſoll er ſterben.“ Die Hinrichtung erfolgte den 13. März 1719. Gleichzeitig erkannte der Reichstag die Regentin als Königin Feierſtunden. 1864. Schweden ſollte gleich Polen nach dem Tode von Ulrike Eleonore ein Wahlreich werden. Der Krone blieb kaum ein Schatten von Macht. Wie jede Ariſtokratie, die zur Herrſchaft gelangt iſt, die Tendenz auf die Oligarchie hat, bemühten ſich auch die ſchwediſchen Ariſtokraten, die Regie⸗ rung oligarchiſch zuzuſpitzen. Alle Gewalt gerieth in die Hände der fünf Häupter der Verſchwörung. Karl Gylden⸗ ſtiern war Reichsdroſt, Niels Gyldenſtiern Reichsfeldherr, Rhenſchild Reichsadmiral, Alfred Horn Reichskanzler und Cronhielm Reichsſchatzmeiſter. Ihnen zur Seite ſollte der aus 24 Mitgliedern zuſammengeſetzte Reichsrath ſtehen. Ohne den Reichsrath konnte die Königin nichts beſchließen. Was ſie ohne ihn anordnete, war ungültig. Dagegen durfte ſich laut dem Wortlaut des Geſetzes der Reichsrath auch ohne die Königin um Rechte und Freiheiten des Reiches bekümmern; wer ſich gegen den Reichsrath verging, ward als Hochverräther an Leib und Leben geſtraft. Um einen gültigen Beſchluß zu faſſen, mußten zehn Räthe gegenwär⸗ tig ſein. Die Königin ſollte bei gleichen Stimmen den Ausſchlag geben und auch gegen eine Mehrheit von zwei Stimmen ihr Recht behaupten dürfen. Doch ſchrieb das Geſetz vor, daß ſie im letzteren Falle ihre Gründe angeben müſſe. Alle anſehnlichen Stellen blieben dem Adel, oder vielmehr den Protegés der Reichsräthe vorbehalten, und um eine möglichſt große Zahl vornehmer Herren glänzend verſorgen zu können, wurde ganz Schweden in 24 Land⸗ vogteien zerlegt. Aber ſelbſt dieſe beiſpielloſe Beſchränkung⸗ der könig⸗ lichen Autorität, dieſe weitüberwiegende Präpotenz der Oli⸗ garchie, dieſe ausſchließliche Berückſichtigung der Intereſſen des Adels ſchien der ſchwediſchen Ariſtokratie noch nicht aus⸗ reichend und genügend; der Appetit kommt eben im Eſſen. Ulrike Eleonore wollte ihrem Gemahl, den ſie zärtlich liebte, den Königstitel verſchaffen, und für die Befriedigung die⸗ ſes Wunſches wurden dem Throne noch weitere Rechte ab⸗ gepreßt. Der Landtag von 1720 willigte, nachdem eine Million heſſiſcher Thaler an jene fünf höchſten Reichswür⸗ denträger ausgetheilt war, in die Erhebung des Prinzen Friedrich zum Könige von Schweden. Für die Konzeſſion forderte und erhielt der Adel eine abermalige Umänderung der Konſtitution. Die neue Konſtitution von 1720 behielt dem Adel alle Aemter und Stellen, alle Vortheile, die ſich irgend aus dem Staate ziehen laſſen, als ein ſörmliches Recht vor; ſie ſetzte feſt, daß der Bauernſtand auf dem Landtage ſeinen Schreiber nicht mehr ſelbſt wählen dürfe, ſondern ihn von den andern Ständen ſich geben laſſen müſſe; ſie ſchuf einen ſtändiſchen Ausſchuß, welcher wäh⸗ rend der Zeit, da der Landtag nicht verſammelt war, die Geſchäfte beſorgen und aus 50 Adeligen, 25 Geiſtlichen und 25 Bürgern beſtehen ſollte. Der Bauernſtand war von der letzteren Behörde ganz ausgeſchloſſen, der Landtag ſelbſt zu einem Spiel der Oligarchie geworden. Die neue Konſtitution beſagte ferner, der König kann nicht mehr als 50 Thaler auf die Staatskaſſe anweiſen, er kann auf jedem Reichstage nur acht Männer adeln, er darf keinem Frem⸗ den das Indigenat ertheilen, und an den Privilegien der Stände niemals etwas ändern. Was die Aemter angeht, ſo beſetzt im Heere der Oberſt, in der Verwaltung der be⸗ treffende Präſident die unteren Stellen, die oberen werden entweder vom Reichsrath nach Mehrheit der Stimmen er⸗ theilt, oder der König wählt aus drei ihm von dem Reichs⸗ rath vorgeſchlagenen Kandidaten einen aus. Man ſieht, der an, aber erſt, nachdem ſie auf das Erbrecht und auf die Ausübung der abſoluten Gewalt Verzicht geleiſtet hatte. Königstitel von Schweden war zu einem namenloſen Begriff herabgeſunken, ein Rauch geworden, ein Schall, ein Nichts. E ſich gec Schwe kaufte einen König kraft Friede geb der H. Schwe land u teien z teiwut der de Aufm heit gewa Blut klägl. welch land Arnſtif die D Aktior üſterre wurde geſch zu d war für weil ſchli nur — von Ulrike lieb kaum e, die zur ſarchie hat, die Regie⸗ eth in die I Gylden⸗ ſsfeldherr, nzler und ſollte der ſtehen. ſchließen. den durfte rrath auch 8 Räches ng, ward Um einen gegenwär⸗ nmen den von Pei hrieb das angeben del, oder ten, und glänzend 24 Land⸗ der könig⸗ der Oli⸗ Intereſſen nicht aus⸗ im Eſſen. ich liebte, zung die⸗ dechte ab⸗ dem eine jeichswür⸗ Peinzen onzeſſion ünderung 0 behielt „ die ſich örmliches auf dem len dürf, en laſſen te vih⸗ wor, die heiflichen und war Landtag die neue nehr ale uj idem Feierſtundem. 1864. 399 —————ͤͤ————— So ohnmächtig unter der Oligarchenherrſchaft, die es ſich gegeben, daß es jede Bedingung annehmen mußte, konnte Schweden froh ſein, als es zu Nyſtadt den Frieden er⸗ kaufte, der ihm Lievland und Eſthland, Ingermanland und einen Theil von Finnland koſtete. Für die Ruhe des Königreichs, für die gedeihliche Entwicklung ſeiner Lebens⸗ kraft war das Opfer vergebens gebracht, denn nach dem Frieden litt Schweden kaum minder als während des Krie⸗ ges. Die Spaltung der Adelsparteien in die Fraktionen der Hüte und der Mützen zerriß das Land; die Politik Schwedens richtete ſich nach den Geldſummen, welche Ruß— land und Frankreich an die eine oder die andere dieſer Par⸗ teien zahlte. Die Reichstage waren Schauplätze der Par⸗ teiwuth, und ſtatt an die zweckmäßigſten Mittel zur Leitung der öffentlichen Angelegenheiten zu denken, war die ganze Aufmerkſamkeit jeder Partei darauf gerichtet, ſich die Mehr⸗ heit der Stimmen zu verſchaffen, um ſich vor der Ver⸗ gewaltigung durch die andere zu ſchützen; nicht ſelten ward Blut vergoſſen.. Die Geſchichte kennt wenig Beiſpiele von einem ſo kläglichen Ausgang eines Krieges, wie derjenige endigte, in welchen die Hüte im Jahre 1741 Schweden gegen Ruß⸗ land verwickelten. Die Kriegserklärung erfolgte allein auf Anſtiften des Verſaillerhofes, in deſſen Intereſſe es lag, die Diverſion zu bewirken, durch welche die beabſichtigte Aktion Rußlands gegen Preußen, deſſen Verbündeter im öſterreichiſchen Erbfolgekriege Frankreich war, brach gelegt wurde. Bei Wilmanſtrand wurden die Schweden gänzlich geſchlagen, und im folgenden Jahre 1742 bei Helſingfors zu einer ſchimpflichen Kapitulation gezwungen. So weit war es mit dem Kriegsruhm der Schweden gekommen, die für das tapferſte Volk des Nordens galten, einfach deßhalb, weil die ſchrankenloſe Gewalt der Ariſtokraten in der ſchlimmſten Weiſe auf das Heerweſen zurückwirkte. Nicht nur beſetzte Familiengunſt alle Offiziersſtellen, nicht nur mußte der Oberfeldherr alle Pläne und Entwürfe zu Schlachten vorher dem Reichsrathe zur Beſtätigung vor⸗ legen: etwas noch Verderblicheres kam hinzu. Die Faktio⸗ nen, in welche der herrſchende Adel zerfallen war, theilten ſich dem Heere mit. Unter den Offizieren aller Regimen⸗ ter gab es Hüte und Mützen, und der Obergeneral war genöthigt, die Meinung eines Jeden zu beachten, denn als geborener Edelmann hatte der Offizier das Recht, im Land⸗ tage, vielleicht gar im Reichsrathe zu ſitzen, und konnte dort leicht in den Fall kommen, über ſeinen General zu richten. Auch ein Heer von Löwen, meint Gfrörer zutref⸗ fend, hätte bei derartig verkehrten Einrichtungen Schande auf ſich laden müſſen. War ſchon die Kriegführung der Jahre 1741 und 1742 kläglich und ſchimpflich, ſo ſollten die Verhandlungen, welche dem endlichen Abſchluß des Friedens von Abo vor⸗ ausgingen, des Kläglichen und Schimpflichen noch ungleich beſorgt, das laute Murren des Volkes über die jämmerliche Leitung des Krieges könnte in eine thätige Reaktion gegen die Oligarchenherrſchaft umſchlagen, Botſchaft über Bot⸗ ſchaft nach Petersburg, um von der Czarin Eliſabeth den Frieden zu erbetteln. Das dortige Kabinet verſtand ſich auf die Ausbeutung ſeines Vortheils. ſter des Auswärtigen, Graf Beſtuchef, erklärte den Ge— ſandten, an Frieden wäre nicht zu denken, es ſei denn, daß die Krone Schweden Finnland bis zum Kiemenfluß abtrete, und daß zuvor die ſchwediſche Erbfolge in einer Weiſe ge⸗ zu bringen. Der ruſſiſche Mini⸗ ———— Czarin entſpreche. Man entſinnt ſich, daß der Reichsrath 1719 Ulrike Eleonore zu einem Verzicht auf die Erbfolge beſtimmt hatte. Da überdies ihre Ehe mit Friedrich von Heſſen⸗Caſſel kinderlos geblieben war, und der Letztere ſchon 67 Jahre zählte, ſo ſchien der ruſſiſchen Diplomatie die Gelegenheit günſtig, im Trüben zu fiſchen. Offen heraus ſagte Beſtuchef den Bevollmächtigten, daß der Reichsrath zu Friedrichs eventuellem Nachfolger einen Prinzen von Holſtein ernennen müſſe. Allerdings war in Stockholm bereits eine andere Kandidatur in Ausſicht genommen wor⸗ den, welche überdies in ganz Scandinavien populär war, die Kandidatur des Erbprinzen Friedrich von Dänemark. Man gab ſich in Schweden der Hoffnung hin, wenn die drei Kronen des Nordens auf einem Haupte vereinigt ſein würden, eine Kriegsmacht zu ſchaffen, welche im Stande ſein dürfte, außer einer mächtigen Flotte den Moskowitern 100,000 Mann guter Landtruppen entgegenzuſtellen. Aber eben deßhalb wurde von Petersburg her die Wahl eines Holſteiners zur unerläßlichen Vorbedingung der Friedens⸗ verhandlungen gemacht. Die ſchwediſche Ariſtokratie fügte ſich in die angeſonnene Demüthigung; ſie wählte den Her⸗ zog Karl Peter Ulrich von Holſtein⸗Gottorp, einen Enkel des Czaren Peter I. und Neffen der Kaiſerin Eliſabeth. Die Wahl ward in Petersburg nicht beſtätigt, weil Eliſa⸗ beth dieſen Neffen bereits als ihren eigenen Nachfolger in Rußland in Ausſicht genommen hatte; Beſtuchef bedeutete die Schweden, ihr Augenmerk auf den Prinzen Adolf Fried⸗ rich zu richten, den Sohn des kleinen Herzogs von Eutin, der den Titel Biſchof von Lübeck führte. Auch dieſer neuen f Demüthigung unterwarf ſich der Reichsrath. Den 4. Juli 1743 erfolgte die Erwählung Adolf Friedrichs. Für die Summe der Erniedrigung und der Schmach, für die grenzenloſen Demüthigungen, welche die Oligarchen⸗ herrſchaft durch die auswärtigen Verwicklungen über Schwe⸗ den gebracht, ſuchte ſich die Ariſtokratie durch die maßloſe— ſten, blutigſten Verfolgungen ihrer Gegner im Innern zu entſchädigen. In Darlekarlien, wo unter dem kräftigen Bauernſtande das Gefühl der nationalen Ehre ſich gegen die von Rußland erlittene Schmach energiſch aufbäumte, und wo daneben das Gold des Dänenkönigs, der über das Mißlingen der Kandidatur ſeines Sohnes zürnte, die Un⸗ zufriedenheit ſchürte, entſtand ein Aufruhr. Derſelbe wurde niedergeſchlagen; die Theilnehmer büßten theils auf dem Blutgericht, theils im ewigen Kerker. Dennoch hielt die Ariſtokratie der drohenden Unzufriedenheit gegenüber, die auch in andern Provinzen gährte, ihre Stellung für der⸗ artig exponirt, daß ſie ſich entſchloß, die beiden Generäle, welche in Finnland commandirt hatten, Buddenbrock und Löwenhaupt, der erregten öffentlichen Meinung zum Opfer Beide wurden enthauptet. Als jedoch auch dieſe Maßregel den gewünſchten Umſchwung nicht erzeugte, des he ing. griff die Oligarchie zu dem verzweifelten Mittel, ruſſiſche mehr zur Erſcheinung bringen. Der ſchwediſche Adel ſchickte, Hülfe zu der eigenen Erhaltung anzurufen. Auf das Be⸗ reitwilligſte kam man dem Verlangen in Petersburg nach. Es iſt gleichfalls eine wenig gekannte Thatſache, und wir heben ſie deßhalb hervor, daß nach den Intentionen der ruſſiſchen Politik bereits jetzt Das in Schweden geſchehen ſollte, was ein Menſchenalter ſpäter in Polen geſchah. Der Marſchall Keith ward ſofort mit 11,000 Ruſſen nach Stockholm geſchickt und zugleich zum Botſchafter am dor⸗ tigen Hofe ernannt. Keith behandelte, ganz in der Weiſe, wie nachmals die Repnin und Igelſtröm gegen den König Stanislaus Auguſt Poniatowski in Warſchau auftraten, regelt werde, welche den Familienintereſſen des Hauſes der gemäß den geheimen Befehlen, die ihm Beſtuchef mitgegeben, ———;— Schweden wie ein unterworfenes Land. Wenn der ganze Plan ſcheiterte, wenn hier der ruſſiſchen Ländergier ein fetter Ochſe entging, den ſie ſchon zwiſchen den Zähnen gehabt, ſo iſt das Reſultat auf die Intervention Friedrichs II. zu ſetzen. Auf das energiſche Ultimatum, welches der preu⸗ ßiſche Geſandte in Petersburg überreichte, räumten die un⸗ bequemen Gäſte Schweden im Sommer 1744. Durch den Beitritt Rußlands zu der Coalition wider Friedrich den Großen im ſiebenjährigen Kriege holte ſich nachmals Beſtu⸗ chef die Revanche. Wenn während der Anweſenheit des Marſchalls Keith der Reichsrath ſeine gefliſſentliche Demüthigung durch den übermüthigen Fremden zähneknirſchend ertragen hatte, ſo wußten ſich die Gyllenborg, die Horn, die Teſſin nach der Entfernung der Ruſſen durch verdoppelten Uebermuth gegen die Krone zu entſchädigen. Der altersſchwache Friedrich von Heſſen⸗Caſſel war ein Strohmann, der ſich Alles bie⸗ ten ließ. Als kurz vor dem Abſchluß des Friedens von Abo der mecklenburgiſche Geſandte im Einverſtändniſſe mit dem Könige eine Intrigue einzuleiten verſuchte, welche die Pläne der Ariſtokratie zu durchkreuzen bezweckte, ward der Geſandte nach dem Auskommen des Vorhabens in beleidi⸗ gender Weiſe aus dem Reiche gewieſen. Das geſammte diplomatiſche Corps remonſtrirte. Graf Gyllenborg, der Präſident des Reichsraths, erwiederte trocken, die Herren wüßten ja ſelbſt, daß nach der ſchwediſchen Verfaſſung der ſtändiſche Ausſchuß die Macht beſitze, ſich der Perſon aller Reichsräthe, ja auch des Königs, zu verſichern, wenn er dazu geſetzlichen Anlaß finde. Auch dem engliſchen Geſand⸗ ten wurden in der ſchroffſten Form die Päſſe zugeſtellt, weil er es ſich hatte beikommen laſſen, mehrmals in Ge⸗ ſellſchaften für die durch den Adel mit Füßen getretene Ma⸗ jeſtät ſich auszuſprechen. Das gleiche Vergehen brachte den Leibarzt des Königs, Blackwell, auf das Blutgerüſt. Wie es bei erkauften und beſtochenen Fraktionen immer der Fall iſt, gab es ſowohl unter den Hüten als unter den Mützen einige Mitglieder, welche unzufrieden mit dem ihnen gewordenen Antheil der Löwenbeute, nach einem beſſer zah⸗ lenden Auftraggeber ſich umſchauten. Die Blicke der Su⸗ chenden fielen auf den deſignirten Thronerben Adolf Fried⸗ rich, mit welchem ſie ſich in Verbindung ſetzten, angeblich behufs der im Intereſſe des Landes liegenden Machterwei⸗ terung der Krone. Der ruſſiſche Geſandte bekam Wind von der Sache, und wiederum ganz in der Weiſe, wie es ſpäter in Polen geſchah, intervenirte er mit einer Note an den Reichsrath, in welcher es rückhaltslos ausgeſprochen wurde, daß Rußland die Oligarchie in Schweden ſeinen Intereſſen gemäß finde, weil dieſelbe das Nachbarreich ſchwach mache. In der Note hieß es:„In Schweden ſeien Leute, die nach dem Tode des Königs die Deſpotie einfüh⸗ ren wollten. Dies ſei jedoch nicht Wunſch der Nation, ſondern nur einiger Menſchen, die durch ſolche Umtriebe ſich gegen eine Unterſuchung ihres Benehmens zu ſichern gedächten. Seine Kaiſerin finde, daß die Ausführung die⸗ ſes Planes der Ruhe des Nordens ſchädlich werden müßte, und ſie halte ſich kraft der beſtehenden Verträge für ver⸗ pflichtet, im angegebenen Falle zweckdienliche Mittel anzu⸗ wenden, damit die Ordnung aufrecht erhalten werde.“ Als 75jähriger Greis ſtarb König Friedrich I. endlich den 25. März 1751. wenn die Kuönungsfeierlichkeiten ſeines Nachfolgers Adolf Friedrich mit einem Pompe begangen wurden, welcher auf das Grellſte zu der Armuth des Landes, und noch mehr zu der Ohnmacht der Krone contraſtirte. Allein die Ju⸗ Es ſieht faſt wie ein Hohn aus, Feierſtunden. 1864. —————::ͤyy———————; welierarbeiten, die man zur Krönung des Königs aus Paris⸗ kommen ließ, hatten einen Werth von 800,000 Thalern. Aber der Träger dieſer koſtbaren Diamanten und Sma⸗ ragde mußte es ſich gefallen laſſen, daß ihm in den unbe⸗ deutendſten Dingen das Leben von den Reichsräthen ſauer gemacht wurde. Die Hofprediger predigten dem Könige von der Kanzel in das Geſicht, daß er den bei der Krö⸗ nung übernommenen eidlichen Pflichten entgegenhandle, daß er die Geſetze nicht kenne und zu viel Geld auf Bauten und Luſtbarkeiten verwende. Am 3. Februar 1755 erging ein Ausſchreiben an alle Pfarrer des Reichs, bei ſchwerer Strafe in ihre Predigten keine Staats⸗ oder weltliche Sachen einzumiſchen, wohl aber das Volk zu duldendem Gehorſam gegen den Reichsrath zu ermahnen, d. h. mit andern Wor⸗ ten, der Befehl war ein Verbot, ſich des Königs anzuneh⸗ men, dagegen die Anmaßungen der Oligarchen durch das geiſtliche Amt zu decken. Ein Offizier, der auf ausdrück⸗ lichen Befehl des Königs gehandelt, ward eben wegen Be⸗ folgung dieſes Befehls infam caſſirt. Ein paar vertraute Diener in der nächſten Umgebung Adolf Friedrichs, welche die Entwürdigung des Letzteren nicht mehr mit anſehen konnten, und auf ein Komplott ſannen, der Graf Crich⸗ Brahe, der Baron Guſtav Horn, ein Lieutenant Puke und ein Feldwebel Mozelius, bezahlten den Verſuch mit ihrer Hinrichtung; dem Könige ward für den Prozeß ausdrücklich das Begnadigungsrecht genommen. Endlich im Jahre 1755 erklärte der Reichsrath, allen Proteſtationen des Königs ungeachtet, an Friedrich II. den Krieg, deſſen leibliche Schweſter Adolf Friedrich zur Gemahlin hatte. Adolf Friedrich hatte allerdings ein Gefühl für die entwürdigende Behandlung, welcher er ausgeſetzt war, aber dem charakterſchwachen Fürſten fehlte der Muth und die Energie, die Feſſeln zu zerbrechen, die ihn einzwängten. Das Höchſte, zu dem er ſich zu erheben vermochte, war die Drohung mit Niederlegung der Krone.„Die Reichsſtände,“ heißt es in dem bezüglichen Dokument, welches er dem Reichstage im November 1755 überreichen ließ,„mögen im Namen des Höchſten dieſe wichtige Sache frei überlegen und prüfen. Der Gott der Ewigkeit ſegne ſie. Ich habe aus Ergebung in Gottes wunderbare Schickung mein väter⸗ liches Erbtheil aufgeopfert, um dieſem Reiche vorzuſtehen, ich habe aus gutem Glauben meinen Eid geleiſtet und meine zeitliche Wohlfahrt an Schwedens Zukunft geknüpft. Ich will auch zum Beſten dieſes Landes Alles, was ich beſitze, wagen. Dafern ich aber durch oben angeführte wichtige Umſtände fürder gehindert werden ſollte, meiner Pflicht Genüge zu thun, ſo wollte ich lieber meinen Scepter, den mir Gott und der Reichsſtände Wahl anvertraut hat, zu⸗ rückgeben, als denſelben weiter mit Beängſtigung und ohne königliche Würde führen.“ Die königliche Botſchaft wurde zu den Akten gelegt, und Alles blieb beim Alten. Alles blieb beim Alten, bis Adolf Friedrichs Sohn, König Guſtav III., im Jahre 1771 den Thron beſtieg. Auf dieſen genialen Fürſten war durch das mütterliche Blut etwas von jenem Brandenburger Geiſte übergegangen, der beſchwerdeführenden Junkern gegenüber das hiſtoriſch gewor⸗ dene Wort ſprach, er wolle ſeine Souveränetät ſtabiliren wie einen rocher de bronce. Die Herzen des Volkes ſchlugen Guſtav mit Begeiſterung entgegen; war er doch ſeit Karl XII. der erſte in Schweden geborene Prinz, der die Krone trug. Mit berechneter Reſignation fügte ſich anfangs Guſtav in die neuen Beſchränkungen, welche die Oligarchie ihm auferlegte; er wartete ſeiner Stunde. Die Stunde ſchlug. Ein Hauptmann in Chriſtianſtadt kündigte — — aus Paris 0 Thalern. und Sma⸗ den unbe⸗ äthen ſauer em Könige i der Kro⸗ andle, daß if Bauten 55 erging ſchwerer che Sachen Gehorſam dern Vor⸗ à anzuneh⸗ n durch Ns f ausdrüc⸗ wegen Be⸗ er vertraute ſchs, welche it anſehen Graf Erich Puke und mit ihrer usdrücklich zgahre 1755 des Königs en läbbliche ühl für die war, ober ih und die nzwängten. t, war die ichsſtände,“ ds er dem ß,„mögen jüberlegen Ich habe nein väter⸗ orzuſtehen, und meine üft. J ih bt rte wichtige iner Plicht Die Kirche Sankt Clotilde in Paris. Feierſtunden. 1864. 40² Feierſtunden. 1864. mit ſeiner Mannſchaft dem Reichsrathe öffentlich den Ge— horſam auf. Die Stände wollten wohl ſchnell den Auf⸗ ruhr unterdrücken, aber unterdeß gewinnt der entſchloſſene junge Monarch durch perſönliche Anrede die Gardebeſatzung der Hauptſtadt; dieſe huldigt bereitwillig der Verfaſſung, wie ſie Karl XI. feſtgeſtellt hatte, und damit iſt der Adels⸗ deſpotismus vernichtet. Jauchzend begrüßt das ganze Land die entfeſſelte Herrſchaft des Königs. So tief hatte das Volk ſeit Generationen den Druck der Oligarchenherrſchaft beſchränkte und ſich nicht in den Sinn kommen ließ, Rache zu nehmen an Denen, die ſeiner Vorfahren Rechte mit Füßen getreten hatten. Kein Blutstropfen ward vergoſſen, kein Haar den alten Machthabern und ihren Anhängern gekrümmt. Der Adel der Geſinnung ward von dem Adel der Geburt dem Könige Guſtav auf jener berühmt gewordenen Ballnacht vom 16. März 1792 mit dem Piſtolenſchuſſe des Mörders Ankarſtröm vergolten. Die Wunde war nicht empfunden, daß es nur in der erweiterten Macht des Kö⸗ tödtlich. Daß die Wunde tödtlich wurde, dafür ſorgte Her⸗ nigs ſeine Freiheit garantirt ſah, und ſo vertrauensvoll zog Karl von Südermanland, der, wiederum wie einſt Ul⸗ kam es dem hochherzigen Monarchen entgegen, daß dieſer rike Eleonore ein Werkzeug der Ariſtokratie, in des Bruders jetzt die abſolute Gewalt hätte erwerben können. Aber darin zeigte ſich eben Guſtavs Hochſinn und auch ſein Wunde Gift und Brand durch den Arzt zu ſchaffen wußte, der den Verwundeten behandelte. ſtaatskluger Blick, daß er freiwillig ſeine königliche Macht! Die Rirche Sankt (Mit Abbildung Dieſe Kirche, deren Bau 1846 begonnen, und vor wenigen Jahren vollendet wurde, iſt eines der vielen Opfer, welche einer unglücklichen Nachahmung des gothiſchen Sty⸗ les gebracht wurden. In der Abſicht der Erbauer ſollte ſie den Kirchen des 13. und 14. Jahrhunderts ähnlich werden, und es iſt dieſes auch erreicht worden: man hat eine ſchlechte! Clotilde in Paris. auf Seite 401.) Copie eines ſchönen Bildes erhalten.— Die Höhe vom Boden bis zur Spitze des Kreuzes iſt 69 Métres(210 Fuß), die Länge 96 Metres, die Breite 38 Metres; die Kirche bedeckt eine Bodenfläche von 3800 Quadrat⸗Moétres(32,000 Quadratſchuh) und hat ungefähr 600,000 Franken ge⸗ koſtet. 8 Das ſchwarze Moor. (Schluß zu S. 391.) 4. Lorenz hatte jetzt ein Jahr in der Ehe gelebt,— ein Jahr unbeſchreiblichen, ununterbrochenen Elends. Jeder Tag vermehrte die gegenſeitige Entfremdung, jeder Tag enthüllte eine neue unliebenswürdige Eigenſchaft Anna's. Selbſt aller Schein von gutem Willen war zwiſchen ihnen verſchwunden, und Lorenz dachte bereits über die geeigneten Mittel nach, eine Scheidung zu erlangen. Anna gab ſich keine Mühe mehr, ihre fortwährende Mißſtimmung zu verbergen, und eben ſo wenig verhehlte er ſeine Erbitterung; ſie weigerte ſich entſchieden, ihm in ſeinen Geldangelegenheiten beizuſtehen, und er ſagte ihr in das Geſicht, daß dieſe Rückſicht der einzige Hauggrund geweſen ſei, aus dem er ſie geheirathet hube, und daß ſie nur eine Laſt für ihn ſei, wenn dieſe Erwartung getäuſcht werde. So ſchleppten Beide, von Widerwillen und Erbit⸗ terung erfüllt, ihr Leben mit einander hin. Eines Tages, im Winter, während der Schnee in dichten Flocken fiel und ein kalter Nordwind durch die ent⸗ laubten Bäume ſauste, ſaß Anna am Fenſter und gab ſich ihrer Lieblingsbeſchäftigung hin, die halb erſtarrten Thiere im Aquarium zu beobachten. Lorenz blickte erhitzt und auf⸗ geregt über die weiten, zu Grantley Hall gehörigen Aecker und Wieſen, auf denen jetzt ſchwere Pfandſchulden hafteten, und die dem ſtolzen Herzen des Letzten der Grantley'ſchen Familie— wie er ſich gern zu nennen pflegte— ſo theuer waren. Er wurde von ſeinen Gläubigern hart gedrängt, und hatte ſoeben wieder ſeinen Plan, mit Anna's Hülfe ein Darlehen aufzunehmen, zur Sprache gebracht, aber thö⸗ richter Weiſe durch Heftigkeit und Drohungen zu erreichen! geſucht, was er auf gütlichem Wege nicht zu erreichen ver⸗ mochte. Anna ſchwieg zu Allem, und ſchien weder von ihm noch von ſeinen Worten die geringſte Notiz zu nehmen und ihre ganze Aufmerkſamkeit den Thieren in der Glaskugel zuzuwenden. Endlich aufblickend fielen ihre Augen auf die noch entfernte Geſtalt des Advokaten Jones, welcher die zum Hauſe führende Allee herauf galoppirt kam. Mr. Jones war eigentlich von der Natur zum Reit⸗ knecht beſtimmt, beſaß viel Pferdekenntniß, und bildete ſich nicht wenig auf ſeine Vollblutſtute ein. „Mr. Jones kommt viel zu oft hierher,“ ſagte Anna, ihren Gatten ganz plötzlich in einer eifrigen Rede unter⸗ brechend. „Ich hoffe, es hängt von mir ab, wem ich die Be⸗ ſorgung meiner Geſchäfte übertragen will,“ erwiederte Lorenz. „Mag ſein, aber er kommt zu oft hierher.“ 3 Nun ſo vertreibe ihn doch,“ entgegnete Letzterer mit „2₰ widerlichem Lachen;„du haſt ja einen Jeden zu vertreiben gewußt, der dir nicht gefiel.“ „Nicht einen Jeden,“ verſetzte Anna mit unerſchütter⸗ licher Ruhe,„nicht Mr. Jones.“ „ Freilich nicht, er iſt dir zu zähe!“ höhnte er und verließ gerade in dem Augenblicke das Zimmer, als der Advokat vor die Hausthür ſprengte. „Ich bin ein naſſer Gaſt!“ ſagte Mr. Jones ſcherzend, indem er auf die Fußdecke im Hausflur ſtampfte und den Schnee in dichten Lagen von ſeinem langhaarigen Oberrock abſchüttelte. 3. Lorenz lächelte mit freundlicher Herablaſſung und ging ſogar ſo weit, ihm die Hand zum Willkommen zu reichen. Loren‚ bringe G von ih war ut W den T wieder ein halb „It entdee Vortt werden Ihrig wahrſ mit r Sie, über denr men und here that hat lieh, Rache Rechte mit — dergoſſen, Anhängern Adel der gewordenen olenſchuſſe war nicht orgte Her⸗ einſt Ul⸗ Bruders fen vußte, Höhe vom 210 Fuß), die Kirche 6(32,000 aanken ge⸗ jeichen ver⸗ r von ihm rehmen und Glaskugel en auf die velcher die zum Reik⸗. bildete ſich ſagte Anna, ſede unter⸗ gterer mit eſctn⸗ d e er un als der lerzend — cherzend/ . und den n Oberroct und ging u richen etwas ängſtlich. ———— Er liebte zwar den Mann keineswegs, aber ſah doch ſeine —— Feierſtunden. 1864. 403 „Wer ſonſt hätte es mir denn ſagen können?“ erwie⸗ Beſuche nicht ungern, weil er ihm als eine Art von Daum⸗ derte Lorenz kurz, dem die Unterhaltung läſtig zu werden ſchraube diente, um ſeine Frau zu quälen. turen ſind in einem feindſeligen Haushalte oft von Nutzen. „Könnte ich mit Ihnen allein ſprechen?“ fragte Jones „Gewiß, kommen Sie in mein Arbeitszimmer,“ ſagte Lorenz.„Hier, Betty, nimm Mr. Jones Ueberzieher, und bringe Rum und Waſſer.“ Er kannte den Mann und beabſichtigte ein Darlehen von ihm heraus zu drücken; denn Jones hatte Geld, und war unter Umſtänden nicht knauſerig. Die Magd brachte das Verlangte, ſetzte Gläſer auf den Tiſch, ſchürte das Feuer im Kamin und entfernte ſich wieder. Ohne eine Einladung abzuwarten, miſchte ſich Jones ein Glas ſtarken Grok und trank es mit einem Zuge halb leer. „Nun, Mr. Jones, was bringen Sie?“ fragte Lorenz. „Iſt ein Wilddieb gefangen, oder eine neue Kohlenmine entdeckt worden?— Ich weiß, Sie haben immer meinen Vortheil im Auge,“ fügte er etwas ſpöttiſch hinzu,„und werden gewiß noch einmal mein Glück machen, oder das Ihrige aus dem meinigen.“ „He, he, he, ſehr gut!“ lachte Mr. Jones,„aber wahrſcheinlich eher das Ihrige, als das meinige! Ich wäre mit wenig zufrieden, während Männer vom Stande, wie Sie, viel brauchen.“ „Nun, zur Sache!“ drängte Lorenz. „Sind Sie ſicher, daß uns Niemand belauſcht oder überraſcht?“ fragte der Advokat, ſich vorſichtig umſchauend; denn es war ein delikates Geſchäft, welches er unternom⸗ men hatte, und vor dem ſelbſt er ſich etwas ſcheute. „Ueberraſcht?“ wiederholte Lorenz ſpöttiſch,„wer ſollte uns überraſchen? „Ich dachte, Ihre Frau Gemahlin könnte vielleicht herein kommen,“ erwiederte Jones in demſelben Tone, und that abermals einen tiefen Zug aus ſeinem Glaſe. „Iſt das das einzige Geſchäft, welches Sie hergeführt hat?“ fragte Lorenz gereizt. Gern hätte er den Menſchen zur Thür hinaus gewor⸗ fen; allein wer wird eine Gans treten, die goldene Eier legen ſoll?. „Gut, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen,“ verſetzte Jones ernſthaft;„es iſt eine ſehr kitzliche Sache, die mich zu Ihnen führt; ſie betrifft Ihre Frau.“ „Nun, was iſt mit meiner Frau?“ Sich das Kinn reibend, ſann Jones einige Augen⸗ blicke nach. „Wer war ſie, wenn ich mir die Frage erlauben darf?“ ſagte er ſodann. 5 „Wiſſen Sie das nicht? Sie war die Tochter des verſtorbenen Sir Thomas Sibſon, des Abgeordneten im Parlamente für dieſe Grafſchaft,“ antwortete Lorenz mit gleichgiltiger Miene.„Eine gute, alte Familie!“ „Und ihre Mutter?“ „Oh, ihre Mutter gehörte einer noch vornehmeren, der Lascelle'ſchen Familie an. Sie ſtarb kurz nach der Geburt ihrer Tochter in Italien.“ „Starb nach der Geburt ihrer Tochter in Italien,— und gehört zur Lascclle'ſchen Familie?“ wiederholte Jones, und preßte ſeine dicke, rothe Unterlippe zwiſchen Daumen und Finger, wie ein Knabe eine Kirſche reibt.„Bitte, hat Ihre Frau Gemahlin Ihnen alles dieſes ſelbſt geſagt?“ Solche Crea⸗ begann. „Es kommt viel darauf an, zu wiſſen, ob Mrs. Grantley Ihnen ſelbſt dieſe Mittheilungen gemacht hat,“ wiederholte der Advokat. „Sie nehmen ein ſonderbares Verhör mit mir vor!“ rief Lorenz endlich mit einem Blicke, der nichts Gutes ver⸗ kündete. „Mr. Grantley, es iſt eine äußerſt wichtige Sache, die ich vorhabe,“ wandte Jones mit ſehr wichtigem Tone ein,—„eine Sache, von der Ihr ganzes Leben, Ihre Stellung, Alles, was Ihnen werth iſt, abhängt! Haben Sie nur einen Augenblick Geduld! Ihr Wohl liegt mir am Herzen,— bei meiner Seele! Aber erſt muß ich mich orientiren,— meinen Grund und Boden prüfen, bevor ich damit herausrücke.“ Lorenz lachte. „Nun, ſo ſchießen Sie los, Jones!“ ſagte er mit plötzlicher Vertraulichkeit; denn obgleich äußerſt reizbar, war er doch ſehr empfänglich für alles Komiſche.„Fahren Sie mit Ihrem Verhör fort, ich will antworten.“ Er warf ſich in ſeinen Lehnſeſſel zurück, ſteckte die Hände tief in die Taſchen, und begann ein Liedchen zu ſummen. „Beſten Dank, Mr. Grantley! Das ſieht Ihnen ähn⸗ lich! So ſpricht ein Gentleman! Geſtatten Sie alſo, daß ich weiter frage,“ ſagte Jones, ſeine vorige ſinnende Stel⸗ lung wieder annehmend.„Hat Ihnen Ihre Frau nichts weiter von ihrer Mutter erzählt?“ „Allerdings hat ſie öfters von ihr geſprochen, aber ich weiß nicht mehr was! Sehr intereſſant war es auf keinen Fall.“ „Aber ſie hat deutlich und beſtimmt geſagt, daß ihre Mutter nach ihrer Geburt geſtorben ſei?“ „Nun ja, wie ich ſchon vorhin erwähnt habe.“ „Dann, Mr. Grantley, habe ich die peinliche Pflicht, Ihnen anzuzeigen, daß ſie Ihnen wiſſentlich eine Unwahr⸗ heit geſagt hat. Ihre Mutter lebt in dieſem Augenblicke noch, und iſt keine geborene Lascelle.“ „Wirklich?“ rief Lorenz, indem er aufſprang und leichenblaß wurde.„Aber was geht es mich an,— was kümmere ich mich darum!“ ſetzte er nach wenigen Momen⸗ ten gleichgiltig hinzu. „Sie ſind groblich betrogen worden,“ fuhr der Advo⸗ kat fort.„Was mir zu ſchwer wird, Ihnen mündlich mit⸗ zutheilen, habe ich hier ſchriftlich aufgeſetzt.“ Mit dieſen Worten überreichte er ihm ein Papier. Lorenz öffnete es und blickte hinein. Ohne ein Wort oder eine Bemerkung las er es durch, und dann die Schrift wieder zuſammen legend, ſtieß er mit geiſterbleichem Geſichte ſin ſe gräßliches Lachen aus, daß ſelbſt Jones davor er⸗ ſchrak. „Was ich Ihnen mitgetheilt habe,“ ſagte der Advokat nach einer Pauſe,„iſt ſo wahr wie das Evangelium, nur zu wahr. Glauben Sie, daß eine Sterbende aus freien Stücken eine ſolche Lüge erzählen und ihr Seelenheil ge⸗ fährden würde?— Ihr Seelenheil, Mr. Grantley, beden⸗ ken Sie das!— Es gibt gewiſſe Dinge, die der menſch⸗ lichen Natur unmöglich ſind, ſelbſt in einem Gerichtszim⸗ mer, und zu dieſen Unmöglichkeiten gehört, daß dieſe Depoſition eine Lüge ſei! Nun aber ſchauen Sie dieſe Mittheilung von der praktiſchen Seite an, und benutzen Sie dieſelbe als eine furchtbare Macht in Ihren Händen, 51*: 404 Feierſtunden. 1864. ———————————;; mit Hülfe deren Sie Alles erlangen können. —;— ¶¶·—N O— Das Feld ſei, und daß deßhalb die geeigneten Schritte zur Trennung iſt für Sie offen, Sie müſſen den Wettlauf ſpielend ge⸗ gethan werden müßten. winnen. Ich weiß, daß Ihre Erwartungen in ſo ferne Ehe er in dos Eßzimmer trat, war ſein Entſchluß getäuſcht worden ſind, als Ihre Frau ſich nicht hat dazu gefaßt und ein Plan entworfen. verſtehen wollen, Ihnen Beiſtand zu leiſten; jetzt haben Sie ein Mittel in der Hand, mit dem Sie ſie zwingen können, Alles zu thun, was recht iſt.“ „Nun,“ fuhr der Advokat fort,„Sie ſind immer 4 Es entging Anna nicht, daß er ſehr bleich und noch ſchweigſamer war, als gewöhnlich, daß ſein Auge nie dem ihrigen begegnete, und daß ſein ganzes Weſen auffallend kalt erſchien; allein dergleichen Wahrnehmungen machten artig und gütig gegen mich geweſen, und als ich deßhalb keinen Eindruck auf ſie, denn Anna kümmerte ſich nie um zufällig dieſe Entdeckung machte,— denn Sie wiſſen, ich das, was Andere dachten und empfanden, ſobald ſie ſelbſt bin ſelbſt von Eagley gebürtig,— ſagte ich zu mir ſelbſt: „Jones, das iſt eine Gelegenheit, dem jungen Mr. Grant⸗ ley einen Dienſt zu leiſten, er hat dir manches Gute er⸗ zeigt, jetzt iſt die Zeit da, es zu vergelten!“ Bei Jupiter, ich war ſtolz darauf, es thun zu können! Wie eine Liebes⸗ arbeit ſah ich es an, die Beweiſe zu ſammeln und ſie un⸗ entgeldlich in Ihre Hände niederzulegen. Ja, ich war ſtolz darauf, es thun zu können!“ „Ach, mein guter Jones, ich kann das Alles nicht ſo ernſtlich nehmen,“ verſetzte Lorenz.„Wie leicht laſſen ſich ſolche Dinge nicht erfinden! Man braucht nicht mehr Zeit dazu, als ein Kartenhaus zu bauen.“ „Verſuchen Sie es!“ rief Jones, mit geballter Fauſt auf den Tiſch ſchlagend;—„verſuchen Sie es! Welchen Nutzen hätten meine Bemühungen gehabt, wenn die ganze Sache nicht wahr wäre? Welchen anderen Halt haben Sie? Wo iſt Ihr Triumph in der Karte? Sie ſind verloren, wenn meine Nachrichten nicht wahr ſind. Beſſer hätte ich dann gethan, zu Hauſe zu bleiben und mich meinen Clien⸗ ten zu widmen.“ „Oh, die ſind um ſo beſſer daran, wenn Sie ab⸗ nicht unangenehm davon berührt wurde. „Du ſiehſt krank aus, Anna,“ ſagte ihr Gatte am nächſten Morgen beim Frühſtück, ohne ſie dabei anzublicken. „Thorheit, ich bin nicht krank,“ erwiederte die Frau ſo unfreundlich als möglich; denn ſo oft Lorenz geneigt ſchien, in einem liebevollen Tone mit ihr zu ſprechen, ant⸗ wortete ſie abſichtlich deſto verdrießlicher, um das Vergnü⸗ gen zu haben, ihn zur Heftigkeit zu reizen. Gefühlloſe Gemüther finden daran ein beſonderes Gefallen. „Ich wünſchte aber doch, du ließeſt einen Arzt kom⸗ men,“ wiederholte er in ebenſo froſtigem Tone. „Thue nur nicht, als wäreſt du beſorgt um mich; ich befinde mich ganz wohl.“ „Du biſt nicht wohl, Anna. „Soll ich etwa krank ſein? Und hat vielleicht dieſer Wunſch den Gedanken bei dir erzeugt?“ fragte ſie kalt. „Reiche mir das Brod, und laß mich zufrieden, ich bin ganz geſund.“ „Dennoch muß ich hierin meinen Willen haben und werde Doktor Downs kommen laſſen.“ „Ich mag ihn aber nicht ſehen!“ entgegnete ſie, ihre weſend ſind, Jones,“ ſagte Lorenz, indem er verſuchte, trüben Augen aufſchlagend;„du biſt heute auffallend be⸗ einen Ton ſcherzenden Uebermuthes anzunehmen, was ihm zuweilen gelang, aber in dieſem Augenblicke gänzlich miß⸗ glückte. „Wohl möglich,“ verſetzte der Advokat ganz ruhig, „aber ich ſage noch einmal, machen Sie wenigſtens den Verſuch. Murmeln Sie den Namen im Schlafe, oder— wenn Sie wollen— flüſtern Sie ihr in's Ohr: ‚Haſt du jemals eine Jane Gilbert in Eagley gekannt?! und geben Sie wohl Acht auf die Wirkung dieſer Worte. Dann wer⸗ den Sie ſehen, ob meine Nachrichten wahr ſind, oder nicht!“ „Betrogen— in jeder Beziehung betrogen!“ murmelte Lorenz, die Fauſt ballend. „Ja,“ fuhr Mr. Jones fort,„ſie iſt eine ſchlaue junge Dame,— wußte ihre Karten recht gut zu miſchen und dreiſt zu ſpielen.“. „Noch ein Wort, Jones! Wahr oder falſch,— ver⸗ geſſen Sie nicht, daß ich Ihre Nachrichten keineswegs als unbedingt richtig annehme,— Sie werden ſchweigen, hoffe ich?“ „Mr. Grantley!“ rief der Advokat mit Affektation eines tiefen Gefühls,— bei meinem Leben ſchwöre ich es!“ und verließ dann unter wiederholten Verbeugungen das Zimmer. „Endlich ſteckt der Pflock!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, während er langſam fortritt und, zum Fenſter des Wohn⸗ zimmers aufblickend, den Hut höflich vor Mrs. Grantley zog, ‚welche noch immer mit ihren Amphybien beſchäf⸗ tigt war. Lorenz blieb, in Gedanken verſunken und über entſchei⸗ dende Maßregeln nachſinnend, in ſeinem Zimmer ſitzen, bis zum Mittageſſen geſchellt wurde. häusliches Beiſammenleben von jetzt an nicht mehr möglich Er fühlte, daß ein ſorgt um mich.“ „Das war einmal wieder eine von deinen unangeneh⸗ men Antworten,“ ſagte Lorenz ſehr ſanft, während ein Blick des bitterſten Haſſes aus ſeinen Augen ſchoß. „Die Wahrheit iſt gewöhnlich nicht angenehm,“ ver⸗ ſetzte Anna;„ich laſſe mich nicht ſo leicht täuſchen.“ Lorenz ſtand auf und verließ das Zimmer; er fühlte, daß es gefährlich war, länger zu bleiben. Ihr frecher Trotz ſchien zu ihrem eigenen Untergange gewaltſam hin⸗ zudrängen. „Es muß ein Ende nehmen!“ ſagte er laut. ſei ihr gnädig!“ Eine drohende Gefahr lag vor ihnen Beiden, deren Ahnung in Lorenz ein faſt teufliſches Gefühl erweckte. Sein eigentlicher Plan, obgleich grauſam, ſollte ein Aus⸗ weg ſein. Er war ſicher in jeder Beziehung, ſicher für die äußere Ehre, ſicher für ihr Leben, und ebenſo für ihn ſelbſt,— grauſam allerdings, aber hatte er nicht Grund genug dazu? Suchte er nur ſeinen Vortheil,— oder war es nicht vielmehr Nothwendigkeit, was ihn zu dieſem Mit⸗ tel trieb?. Unfähig, länger im Hauſe zu bleiben, nahm er ſein Gewehr und ſeinen Hund, und wanderte nach dem„ſchwar⸗ zen Moor“, jener wüſten Einöde, die ſo wohl zu ſeinen jetzigen Empfindungen paßte. Kaum wiſſend, was er that und wo er war, brachte er den ganzen Tag auf den öden Klippen zu, in einer ſo aufgeregten Stimmung und unter einem ſolchen Sturme von Gefühlen, daß kein ruhiges Denken und Ueberlegen möglich war, und daß er nichts empfand, als die brennende Gluth des bitterſten Haſſes. Allein der Abend kam, und er mußte in das Haus zurückkehren, das ihm ſchrecklicher war als das Grab, und „Gott — zu den er beg 9 4 mögli —₰½ Trennung Entſchluß und no e nie uc auffallend machten mnie um ſie ſelbſt Hatte am zablicken. di Frau inz Rrnagt ſchen, art⸗ à Vergnü⸗ Gefühlloſe Arzt lom⸗ im mich; ht dieſer ſie kalt. „ich bin haben und ſie, ihre allend be⸗ nangeneh⸗ hrend ein oß. m,“ ver⸗ n.“ r fühlte, frecher ſam vin⸗ „Gott en, deren erwecte. ein Aus⸗ ſiche für für ihn Grund r ni Haſſes. as Haus . Feierſtun Das Unrecht, das zu den Ketten, die ihn wund drückten. er begangen hatte, trug bittere Früchte. Auf einem engen, ſchmalen Wege, wo kein Ausweichen möglich war, begegnete ihm plötzlich Marie Sefton mit ihrer Mutter. Zum erſten Mal ſeit ſeiner Hochzeit ſah er ſie wieder, denn Marie war häufig abweſend geweſen, und Lorenz hatte ſie abſichtlich gemieden. Jetzt ging er abſichtlich auf ſie zu, reichte ihr wie den. 1864. 405 den nur gegen ihre Tochter, Mr. Grantley ſei ſehr herz⸗ lich geweſen, aber ſcheine nicht ganz wohl zu ſein. Marie erwiederte darauf, es habe ihr auch geſchienen, als wenn er krank ſei, aber ſie habe ſich ſehr gefreut, ihn wieder zu ſehen, und wünſchte nur, daß ſeine Frau um⸗ gänglicher wäre, denn Lorenz Grantley ſei der angenehmſte Mann in der ganzen Umgegend. Sie würde vielleicht noch mehr darüber geſprochen haben, wenn nicht ein plötzliches Gefühl ihre Zunge gefeſſelt hätte. früher die Hand, drückte die ihrige herzlich und begann ein Geſpräch,— aber mit ſchwerem Athem, unruhigen Blicken und ſo wild bewegten Zügen, daß dieſe Erſcheinungen ſelbſt Marien, obgleich ahnungslos, nicht entgehen konnten. Die Mutter dagegen merkte nichts und äußerte nach dem Schei⸗ Waſſerfall zwiſchen Ronshun einen Gegenſtand zur Unterhaltung zu finden und das tödt⸗ liche Schweigen zu brechen, bemerkte er auf dem Neben⸗ tiſche einen ſchönen Zweig einer Stechpalme liegen, deſſen röthliche Beeren wie Blutstropfen am Holze hingen, und ein plötzlicher Gedanke erwachte in ihm. „Ein ſchöner Zweig,“ ſagte er, ihn in die Hand neh— mend und ſeine Frau ſcharf anblickend;„aber die ſchönſte Blüthe dieſer Art, die ich je geſehen habe, fand ich einmal in einem kleinen Dorfe, vor dem Hauſe einer armen Frau, — was war doch ihr Name?“ fügte er ſinnend hinzu. „Ach ja, Jane Gilbert!— Es iſt mir noch ſo deutlich erinnerlich, als wenn es geſtern geweſen wäre,— der kalte, unfreundliche Decembertag, der Dornbuſch mit ſeinen ro⸗ then Beeren, und die blondhaarige Bauersfrau, über deren Hausthür„Jane Gilberte auf einem kleinen Schilde ge⸗ ſchrieben ſtand.“ Cine plötzliche Bläſſe, welche Anna's Geſicht überzog, ein leichtes Zucken ihrer ſchlaff herabhängenden Unterlippe und eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand über ihr Haar waren die einzigen Zeichen, welche verriethen, daß die Als Lorenz die Damen verlaſſen hatte, kehrte er au⸗ genblicklich in das Gehölz zurück, blieb dort, bis es dunkel geworden war, und kam erſt ſpät nach Hauſe. Nach dem Eſſen ſich im Zimmer umſchauend, um —— und Va Erwähnung jenes Namens ſie berührt hatte; aber Lorenz beobachtete ſie wohl. „Ich mag das Zeug nicht,“ ſagte ſie und warf den Zweig in das Feuer. „Warum denn nicht?“ fragte Lorenz. Anna ſchwieg und machte ein einfältiges Geſicht. „Eagley iſt ein hübſcher Ort, der wohl eines Beſuches werth wäre,“ fuhr er fort.„Du ſollteſt einmal hinfahren und dir Jane Gilberts ſchönen Dornbuſch anſehen.“ Anna's Geſicht wurde leichenblaß. 7»„ Jane Gilbert ſcheint dir den Kopf verdreht zu haben,“ ſagte ſie und kehrte ihm den Rücken zu. „Du und dein Chamäleon im Aquarium, ihr ſeid euch heute einmal wieder ſehr ähnlich,“ verſetzte Lorenz, der beſonders aufgelegt zum Sprechen zu ſein ſchien;„du biſt todtenblaß, und dein Chamäleon iſt am Verenden. Soll Doktor Downs euch beiden etwas verſchreiben?“ „Ich will Doktor Downs nicht ſehen,“ entgegnete Anna mit ihrer gewöhnlichen einfältigen Miene. „Er wird doch kommen,“ entgegnete Lorenz. Regungslos ſaß Anna ſpäter an jenem Abende vor ihrem Toilettentiſch und ſann. „Was meinte er mit Eagley und Jane Gilbert?“ ſagte ſie zu ſich.„Jones war geſtern eine lange Zeit hier und iſt von Eagley gebürtig. Sollte er etwas wiſ⸗ ſen?— Doch nein, es iſt nicht möglich! Meine alte Amme kann mich nicht verrathen haben und iſt jetzt todt, wie es heißt. Wenn ſie wirklich todt iſt, ſo weiß kein lebendes Weſen darum, als ich; und kein Menſch weiß, daß ich es weiß. Meine Mutter glaubt, ich ſei geſtorben. Aber was bedeutet alles dieſes? Woher dieſe Veränderung in ſeinem Weſen? Weßhalb beſteht er ſo ſehr darauf, den Arzt rufen zu laſſen?— Nun, mag das Schlimmſte kom⸗ men, ich bin vorbereitet!“ Dem Rufe folgend, erſchien am nächſten Tage Dok⸗ tor Downs, ein freundlicher, geſprächiger Mann, der viel zu erzählen hatte und Alles erzählte, was er wußte, eine Art wandernder Zeitung. „Sie werden wenige äußere Zeichen von Krankheit an meiner Frau entdecken,“ ſagte Lorenz mit ſehr beſorg⸗ ter Miene;„aber, mein lieber Doktor, obgleich ich nichts von Pſychologie verſtehe, kann ich doch deutlich die Noth⸗ wendigkeit einer ſchleunigen ärztlichen Behandlung für ſie erkennen. Sie iſt zu Zeiten äußerſt ſonderbar, hat ſo eigen⸗ thümliche Ideen und Einfälle, einen plötzlichen, unerklär⸗ lichen Widerwillen gegen Dinge und Perſonen, die ſie ſonſt liebte, und iſt unbeſchreiblich argwöhniſch. Mit einem Worte, ihr Geiſt ſcheint mir geſtört zu ſein. Ich weiß nicht, was mit ihr zu machen iſt!“ „Iſt es möglich, Mr. Grantley? Ich glaubte, es wäre eine ganz andere Veranlaſſung, weßhalb Sie mich rufen ließen,“ erwiederte Doktor Downs.„Ei, ei, die arme junge Dame! Ja, ja, ich habe es immer geſagt, — Scropheln, unzweifelhaft Scropheln! Darin irre ich mich nie, Mr. Grantley, ſie mögen auftreten, in welcher Geſtalt ſie wollen. Aber wir müſſen hoffen und thun, was möglich iſt, ehe wir verzweifeln. Eine Veränderung der Luft, des Aufenthaltes und der Umgebung kann ſehr wohlthätig wirken. Zuweilen wird dadurch ein keimendes Uebel dieſer Art gänzlich unterdrückt.“ „Glauben Sie wirklich, meine Frau retten zu können?“ „Ich hoffe es, aber kann nicht eher eine beſtimmte Meinung ausſprechen, als bis ich ihren Zuſtand näher unterſucht habe. Kann ich ſie ſehen?“ „Gewiß, kommen ſie mit mir; ſie iſt in ihrem Wohn⸗ zimmer.“ „Anna,“ ſagte er beim Eintreten,„Doktor Downs iſt gekommen, um dir einen Beſuch zu machen.“ „Doktor Downs hätte ſich die Mühe ſparen können,“ erwiederte ſie mürriſch, ohne aufzublicken und ohne die ge⸗ ringſte Notiz vom Arzte zu nehmen.„Ich befinde mich ganz wohl, und du weißt, daß ich es bin.“ „Nun, nun, wir glauben auch nicht, daß es viel zu ſagen hat,“ plauderte Doktor Downs in einem freundlichen, beruhigenden Tone, durch den er die Sache nur noch ſchlim⸗ mer machte.„Eine kleine Unpäßlichkeit,— weiter nichts. Aber laſſen Sie mich doch Ihren Puls fühlen,— bitte, meine liebe Madame, thun Sie es.“ „Es iſt ganz unnöthig,“ ſchnarrte Anna, die Hände auf dem Knie feſt zuſammendrückend. „Mrs. Grantley ſcheint ſich vor mir zu fürchten,“ äußerte der Arzt lachend in einem ſolchen Tone gegen Lo⸗ renz, als wenn er von einem Kinde ſpräche, was keines⸗ wegs dazu beitrug, ihre Laune zu verbeſſern.„Meine liebe Feierſtunden. 1864. Madame,“ fuhr er ſchmeichelnd fort,„ich will Sie nicht beleidigen oder Ihnen läſtig fallen; aber es iſt meine Pflicht, Ihnen zu ſagen, daß Sie einiger ärztlicher Auf⸗ merkſamkeit bedürfen. Was können Sie dagegen einzuwen⸗ den haben, daß ein alter Mann, wie ich, Sie von Zeit zu Zeit beſucht und Ihnen die nöthigen Mittel zur Erhal⸗ tung Ihrer Geſundheit reicht?“ „Suchſt du eine Gelegenheit, mich zu vergiften, unter dem Vorwande, mich ärztlich behandeln zu laſſen?“ fragte Anna, ſich an Lorenz wendend, mit kaltem, gefühlloſem Tone. „Die fixe Idee wieder,“ flüſterte Doktor Downs, —„ein faſt untrügliches Zeichen,— Verdacht gegen ihre beſten Freunde, grundloſer, wuchernder Verdacht! Es ſcheint mir wirklich bedenklich.“ „Meine liebe Anna,“ erwiederte Lorenz in beruhigen⸗ dem Tone,„wie kannſt du ſo thöricht reden? Laß dir doch rathen, und laß Doktor Dowus etwas verſchreiben; dann wird Alles gut werden. Es iſt ja nur dein eigenes Wohl, wofür ich beſorgt bin.“ „Irgend ein Complot exiſtirt hier, deſſen Opfer zu werden ich nicht Luſt habe,“ verſetzte Anna, indem ſie auf⸗ ſtand, mit ſo ruhigem, nachdrucksloſem Tone, wie gewöhn⸗ lich, als beſäßen ſie kaum Energie genug, um die Worte gehörig auszuſprechen, während ihre ſtarren, eine Art von thieriſchem Groll ausdrückenden Blicke auf Lorenz gerichtet waren.„Dr. Downs mag gehen; ich bin nicht krank. Ich brauche ſeine Arzneien nicht, und werde ſie auch nicht neh⸗ men, wenn er welche ſchicken ſollte. Du möchteſt mich ermorden, denn ich ſehe, worauf Alles abzielt, aber du biſt ein Feigling und fürchteſt dich vor der Ausführung.“ Sie ſchellte. „Betty, öffne dem Herrn Doktor die Hausthüre,“ ſagte ſie zu dem eintretenden Mädchen. „Noch nicht, Betty, noch nicht!“ rief Lorenz mit dem freundlichſten Tone, als wenn ſeine Frau ſich nur geirrt hätte; denn er war ſtets bemüht, den Schein zu wahren, und wünſchte namentlich jetzt, ſich eine vortheilhvfte Mei⸗ nung der Dienſtboten zu ſichern.„Kommen Sie, lieber Doktor,“ ſagte er, den Arm deſſelben ergreifend,„kommen Sie in mein Arbeitszimmer, ich muß mit Ihnen ſprechen. — Nun?“ fügte er ängſtlich fragend hinzu, als Beide allein waren. „Ach,“ ſeufzte der Doktor, den Kopf ſchüttelnd,„es wäre ſchrecklich, wenn es wahr ſein ſollte, Mr. Grantley! Aber nach dem erſten Beſuche kann ich noch nichts Ent⸗ ſcheidendes ſagen. Ich werde in einigen Tagen wieder kom⸗ men,— nicht gleich, verſtehen Sie, weil es Ihre Frau zu ſehr aufregen möchte,— erſt nach einigen Tagen, und will dann ihren Zuſtand gründlich unterſuchen.“ „Aber glauben Sie, daß ihr Gehirn wirklich bedroht iſt, Doktor?“„ „Bedroht? Ja, das fürchte ich allerdings; allein noch nicht eigentlich krank,— wenigſtens jetzt noch nicht.“ Er kam wieder, oft wieder, und mit jedem Beſuche wurde Anna's Betragen ungezogener und abſtoßender, ihre Sprache unvorſichtiger, und ihre Beſchuldigungen und Ver⸗ dächtigungen heftiger, bis endlich Doktor Downs,— un⸗ ter keinen Umſtänden ein ſehr ſcharfſinniger Arzt, der die Verwandten ſeiner Patienten zu fragen pflegte, was Letz⸗ teren fehle,— auf die von Lorenz angedeutete Anſicht ein⸗ ging und ſeine Meinung dahin ausſprach, daß Anna an entſchiedener, aber nicht ſehr gefährlicher Geiſtesſtörung leide. „Alſo doch entſchiedene Geiſteskrankheit?“ fragte Lorenz. entholl „wenn i ſch Krüftig anderu Ausla thätig Frau vielleit xxi ſtreuu Beiſp könnte einwir die me ten Z ich au⸗ werde engere in d Leute ſchied der b geſch ₰½ — Sie nicht iſ meine icher Auf⸗ ſeinzuwen⸗ von Zeit en, unte fragte ühlloſem Downs, Kgen ihre E ſcheint beruhjgen⸗ aß dir doch ben; dann ennes Wohl, Opfer zu m ſie auf⸗ egewöhn⸗ die Worte Art von zgerichtet rank. Ich nicht neh⸗ hteſt mich ber du biſt ung.“ austhüre,“ z wit dem nur geirrt zu wahren, ppſte Mei⸗ jie, lieber „kommen ſprechen. zeide allein ————— Feierſtund „Mr. Grantley,“ erwiederte der Arzt,„nach ruhiger und ſorgfältiger Beobachtung fühle ich mich veranlaßt, ihren Zuſtand eine eentſchiedene Geiſtesſtörung zu nennen.“ Lorenz bedeckte das Geſicht mit den Händen, um die ſüudliche Freude zu verbergen, welche ſich darin ausdrückte. „Und was ſoll ich mit ihr machen, Herr Doktor?“ fragte er nach einer Pauſe.„Wäre es nicht meine Pflicht, ſie unter geh 4 ſcheue mich, die Verantwortlichkeit für ihren längeren Auf⸗ enthalt hier zu übernehmen.“ „Sehen Sie, mein lieber Herr,“ verſetzte der Arzt, „wenn das Uebel in Scropheln ſeinen Grund hat, ſo läßt ſich ſchon durch eine allgemeine Behandlung viel thun. Kräftige Nahrung, viel Geſellſchaft und Zerſtreuung, Ver⸗ änderung der Luft und des Ausland und dergleichen, das ſind Mittel, welche ſehr wohl⸗ thätig auf ſcrophulöſe Störungen wirken. Ehe Sie Ihre Frau alſo gänzlich aus den Händen geben, was leider doch vielleicht endlich nöthig werden wird, wollen wir die uns hier im Hauſe zu Gebote ſtehenden Mittel anwenden, Zer⸗ ſtreuung, leichte körperliche Bewegung,— ein Ball zum Beiſpiel.— Keine üble Idee, Mr. Grantley! Ein Ball könnte vielleicht ſehr vortheilhaft auf ihren jetzigen Zuſtand einwirken. Sie bedarf einer Anregung, mein lieber Herr; die meiſten derartigen Uebel werden chroniſch, weil zur rech⸗ ten Zeit eine kräftige Anregung unterblieben iſt. Wenn ich auch ſpäter keine Beſſerung ſehe, dann, Mr. Grantley, werde ich der ſchmerzlichen Pflicht gehorchen müſſen, einen engeren Gewahrſam für ſie zu empfehlen.“ Den nächſten Tag brachte Doktor Dawns damit zu, in der ganzen Nachbarſchaft umher zu laufen und allen Leuten zu erzählen, daß die junge Mrs. Grantley an ent⸗ ſchiedener Geiſtesſtörung leide, und daß Lorenz Grantley der beſte Ehemann von der Welt, und von dieſem Miß⸗ geſchick jetzt ganz niedergebeugt ſei. Ungezogenheiten nicht darin ſtören. er ſich von ſeinem Poſten, um den anweſenden Freunden und Bekannten vertraulich zuzuraunen, daß die arme junge Frau ſich gerade an dieſem Abende in einem viel ſchlim⸗ meren Zuſtande als gewöhnlich befinde, glückliche Mr. Grantley ſehr zu beklagen ſei. örige Aufſicht und Behandlung zu ſtellen? Ich wahnſinnig geworden ſein, baldige Erlöſung ihn aufrecht erhalten hätte. Jetzt mußte die öffentliche Meinung auf ſeiner Seite ſein, dachte er, jetzt, nach dem, was an dieſem Abende vorgegangen war, konnte Niemand mehr Zweifel darüber hegen, daß der paf⸗ ſendſte Aufenthalt für ſeine Frau eine Irrenanſtalt ſei. Aufenthaltes, z. B. Reiſen in's z ſtand. ihre Nähe zu drängen gewußt, die junge Dame ſelten verließen, daß der niedrige Advokat es wagte, ſie zu bewundern und en. 1864. Nur zuweilen entfernte und daß der un⸗ Das war er allerdings, und möchte vielleicht ſelbſt wenn nicht die Hoffnung auf Das Gerücht von Anna's Geiſtesſtörung gelangte auch u Marie Sefton's Ohren, in deren Nähe Mr. Jones Dieſer Herr hatte ſich an jenem Abende häufig in und Lorenz, deſſen Blicke bemerkte mit Ingrimm, ſeine Bewunderung auszudrücken, eine Dreiſtigkeit, deren ſich Letzterer ſchwerlich ſchuldig gemacht haben würde, wenn er ſich nicht durch Mr. Grantley's Gönnerſchaft gehoben gefühlt hätte. „Wie ſchrecklich das für Mr. Grantley iſt! Ach wie ſehr er mir leid thut!“ ſagte Marie, ihre Augen mit inni⸗ ger Theilnahme auf ihn richtend. „Er hat wenigſtens einen Troſt,“ verſetzte Jones mit beſonderer Wärme,„er wird von der ſchönſten Dame un⸗ ſerer Grafſchaft bemitleidet.“ „Mein Herr!“ rief Marie mit einem Blicke unaus⸗ ſprechlicher Verachtung; denn ſie zeigte nie die geringſte Affektation in ihrem Weſen und gab ſich nie den Schein, ein Compliment nicht zu verſtehen. „Ich habe Sie doch nicht beleidigt?“ verſetzte Jones. „Ich ſagte nur, was ich empfinde; ehrliche Herzen haben freie Zungen.“ Marie wandte ihm die Kehrſeite ihrer hübſchen weißen 6. Nach langem Kampfe behielt Lorenz ſeinen Willen. — Er ſebte es durch, daß ein Ball gegeben und Alles dazu eingeladen werden ſollte,— ſelbſt Marie Sefton, welche er in ſeinem eigenen Hauſe zu ſehen ſich eigentlich ſcheute, und ſogar Mr. Jones, der gemeine Ortsadvokat. Lorenz übernahm es, die Liſte der Gäſte aufzuſtellen, ohne Rück— ſicht darauf, ob ſie ſeiner Frau recht war oder nicht. Bis⸗ her hatte ſie unbeſtrittene Herrſchaft ausgeübt, aber jetzt begann ihre Macht zu wanken. Dagegen beſchloß Anna im Stillen, daß dieſes der erſte und letzte Ball ſein ſolle. Sie nahm ſich vor, es unmöglich zu machen, daß irgend einer der geladenen Gäſte jemals wieder komme. In dieſer Abſicht richtete ſie alle Vorbereitungen zu dem Feſte ſo dürftig und unzureichend ein, zeigte der verſammelten Geſellſchaft unverholen eine ſo ſchaute. Schulter zu, und in demſelben Augenblicke kam Lorenz, welcher den auf ihn gerichteten mitleidigen Blick geſehen und verſtanden hatte, eiligſt zu ihr und forderte ſie zum Wal⸗ zer auf. „Gott ſegne Sie, melte er,„Gott ſegne Sie für die Theilnahme, einem tiefgebeugten Manne ſchenken!“ Marie wollte nichts Unrechtes thun, und glaubte nur freundlich und theilnehmend gegen ihn zu ſein; aber ihr ganzes Weſen drückte leidenſchaftliches Gefühl aus. Sie blickte in ſein Geſicht, und Thränen ſchwammen in ihren Augen. Dann ſagte ſie mit ſanftem, ſchweſterlichem Tone: „Armer Mr. Grantley! Sie thun mir herzlich leid!“ Lorenz führte ſie zum Tanze und preßte ſie zärtlich an ſich, während er ſich mit ihr im Kreiſe drehte und ſein Geſicht, bleicher als das einer Marmorbüſte, auf ſie hinab Nach der erſten Tour trat er wieder ab, und meine liebe Miß Sefton,“ mur⸗ die Sie üble Laune, und betrug ſich gegen ihren Gemahl öffentlich führte ſie zu ihrer Mutter zurück. ſo ungezogen und feindſelig, Anderem mehr ſprachen, al geiſtesirre ſei, und daß Doktor Dowus den Ball nur als Heilmittel für ſie angeordnet habe, um ihrem geſtörten Ge⸗ ſchnell faſſend. müthe dadurch eine gewaltſame Anregung zu geben. in Anna's Nähe auf, um eine Art vöäterlicher Auf — Doktor Downs hielt ſich den größeren Theil des — daß die erſtaunten Gäſte ſich in Gruppen zuſammen ſtellten und alle ſehr bald von nichts zwungener Heiterkeit, s daß die junge Mrs. Grantley Marie verwirrt und tief beſchämt zurückblieb. r ſie zu führen, und ließ ſich natürlich durch ihre „Miß Sefton iſt meiner müde,“ ſagte er mit er⸗ und ging lächelnd fort, während „Ich will zu Mrs. Grantley gehen,“ äußerte ſie, ſich Indem ſie deßhalb den Arm eines der vielen Cavaliere annahm, welche ſtets zu ihrem Dienſte bereit waren, ging ⸗ ſie durch den Saal zu ihr. Anna ſaß allein und ſprach mit Niemand, als mit „Die arme Anna bedarf auch des Troſtes.“ 408 Feierſtunden. 1864. denen, welche zu ihr kamen, und dann nur kurz und mög⸗ geſetzloſen Zeiten, von Unglücksfällen durch Ausgleiten am der bej lichſt unfreundlich. Als Wirthin zeigte ſie ſich in keiner Rande der ſchroffen Klippen, vom Untergange junger Lie⸗ 4 ver Beziehung, und ſchenkte weder den Gäſten noch dem gan⸗ bender und lachender Kinder, und von Selbſtmorden aus ä9 zen Feſte die geringſte Aufmerkſamkeit. Nie war ſie un- Schuld oder Verzweiflung,— viele ſolche Erinnerungen Orte liebenswürdiger geweſen, nie hatte ihr Geſicht einen einfäl⸗ umſchwebten wie ruheloſe Geſpenſter den ſchwarzen Pfuhl. iu tigeren, widerwärtigeren Ausdruck getragen, als an dieſem Lorenz ſaß am Rande der ſteilen Klippen und warf Kd Abende. Steine in das tief unter ihm liegende dunkle Waſſer, wäh⸗ ſchre In völliger Uebereinſtimmung hiermit war auch ihr rend er mit wilder Leidenſchaft in der Bruſt an die Schmach eiſet Anzug, welcher nie geſchmackvoll, aber bei dieſer Gelegen⸗ und das Elend ſeines jetzigen Lebens, nicht aber an ſeine verii heit abſcheulich war. Sie trug ein blaßgraues Kleid, ähn⸗ eigenen Sünden dachte, deren Folge jenes war. un lich ihrer Hautfarbe, mit gelben Roſen, der Farbe ihres Haares; während Marie, in ihrem wallenden blauen Ge⸗ wande, neben ihr ausſah wie ein Engel an der Seite eines Leichnams. „Sie thäten beſſer, wieder mit Mr. Grantley zu tan⸗ zen,“ erwiederte Anna, ohne aufzublicken, auf Mariens freundliche Anrede. 4 „Ich will mich lieber mit Ihnen unterhalten,“ ver⸗ ſetzte Letztere lächelnd.„Wir haben ſo lange nicht mit ein⸗ ander geplaudert, und Sie haben mir noch nichts von Ihren Reiſen erzählt.“ „Ich mag nicht plaudern,“ entgegnete Erſtere.„Wa⸗ rum gehen Sie nicht und tanzen wieder mit Mr. Grantley?“ Wenn Anna einmal begann, ihre Worte zu wieder⸗ holen, ſo war es vergebliche Mühe, ſie zu etwas Anderem bewegen zu wollen; an ihrem eiſernen Starrſinn prallte Alles ab. Das erfuhr Marie, welche ſich endlich nach einem unaufhörlichen Strome kaltblütiger Beleidigungen genöthigt ſah, ſie zu verlaſſen. Der langweilige Abend ging allmählig zu Ende, und die Gäſte verließen das Haus mit der Ueberzeugung, daß die junge Mrs. Grantley wahnſinnig und zu Allem fähig ſei,— ihren Gatten zu morden, ſich ſelbſt umzubringen, das Haus anzuzünden, und dergleichen mehr,— und daß ſie durchaus unter ſtrenge Aufſicht geſtellt werden müſſe. Der folgende Tag brachte trübes, unfreundliches Wet⸗ ter, und ziemlich ſtarker Regen fiel. Gegen Mittag hörte er zwar auf, aber dunkle und ſchwere Wolken blieben am Himmel hängen, und auf den Schluchten und Klüften der umliegenden Berge lagerte dichter Nebel. Es war einer von jenen unbeſchreiblich düſteren, traurig ſtimmenden Ta⸗ gen, an denen die Erde wie geſtorben, und der ſchwere, graue Himmel wie ein ungeheures Leichentuch erſcheint, und an denen uns ſelbſt Verbrechen nicht ſo ſchrecklich erſcheinen, wie in anderen helleren Augenblicken. Lorenz mochte an dieſem Tage ſeine Frau nicht ſehen. Er frühſtückte allein in ſeinem Arbeitszimmer, ſchrieb meh⸗ rere Briefe,— darunter einen an Doktor Dowus, worin er ihn bat, das erforderliche Certifikat zur Aufnahme ſei⸗ ner Frau in einer Irrenanſtalt auszuſtellen,— und ging dann aus und ſchlug wieder die Richtung nach dem„ſchwar⸗ „Du haſt dir eine recht geiſtreiche Beſchäftigung ge— wählt, ließ ſich plötzlich Anna's Stimme mit ihrem ton⸗ loſen Ausdrucke vernehmen. Lorenz ſprang auf. „Bin ich denn nirgends vor dir ſicher?“ „Du biſt ſehr höflich, Lorenz, man,“ höhnte Anna, trachtend. „Eine Frau, welche ihre Gäſte ſo empfängt, wie du geſtern gethan, hat kein Recht, einem Andern Unhöflichkeit vorzuwerfen,“ cntgegnete Lorenz heftig. „Ich war mindeſtens eben ſo gut wie meine Geſell⸗ ſchaft und jedenfalls beſſer als mein Gemahl,“ verſetzte Anna, und ließ die Lippe hängen. „Erdreiſte dich nicht, deinen Namen in einem Athem⸗ zuge mit dem meinigen zu nennen!“ rief er verächtlich. „Nicht? Warum denn nicht?— Freilich ſtehen wir nicht ganz auf einer Stufe des Laſters. Ich machte nicht einen Menſchen, wie jenen Jones, zu meinem vertrauten Freunde,— hege keine geheimen Pläne, um dich für wahn⸗ ſinnig erklären und in das Irrenhaus ſtecken zu laſſen, und wende nicht Anderen meine Liebe zu, oder biete alles Mögliche auf, um aus reiner Eitelkeit das Lebensglück eines Menſchen zu vernichten. Alles das thue ich nicht, wie ein gewiſſer Anderer, den ich nennen könnte!“ ſagte ſie, ver⸗ ächtlich mit den Fingerſpitzen ſeine Wange berührend. „Nein,“ erwiederte Lorenz, ſie ſo heftig bei den Ar⸗ men ergreifend, daß ſie ſich wand und ſträubte,—„nein, aber ich will dir ſagen, was du thuſt! Du machſt dein ganzes Leben zu einer hölliſchen Lüge, du ſchleichſt dich durch Liſt in eine anſtändige Familie, gehſt mit Schunde und Falſchheit auf der Stirn durch die Welt, und verbirgſt deine ehrloſe Abkunft durch Meineid und Betrug!“ „Was meinſt du?“ fragte Anna, ſich vergeblich be⸗ mühend, ihre Arme zu befreien. „Ich meine, daß du die Tochter einer unverheiratheten Dienſtmagd biſt,— daß du es weißt und wußteſt, als du mich heiratheteſt,— daß du aus Furcht, es möchte Ande⸗ ren bekannt werden, deine Mutter dem Armenhauſe über⸗ laſſen haſt, und daß in dieſem Augenblicke deine Mutter, Jane Gilbert, die Kleidung des Armenhauſes trägt und das Brod deſſelben ißt!“ rief er. wie ein ächter Gentle⸗ ihn mit ihren kalten Blicken be⸗ zen Moor“ ein, ſeinem Lieblingsaufenthalte in trüber„So, weißt du das?“ fragte Anna mit verächtlichem von Stimmung. Lächeln;„ich dachte es mir.„Aber wenn ich auch alles dau In einer tiefen Bergſpalte, wohin nie ein Sonnen⸗ dies that, was dann?— Es waren zwei Diamanten, die Plär ſtrahl fiel und ſelbſt der Adler ſein Neſt nicht baute,— ſich einander ſchnitten, und der meinige war der härteſte. Hör in der keine Spur von Leben und Vegetation zu finden Dachteſt du nur an deinen Vortheil, und vergaßeſt den ſo war, und deren Klippenwände ſo ſchroff und ſteil hinab meinigen gänzlich? War es keine Verſuchung für mich, als jett liefen, daß ſelbſt das Bergſchaf und die Gemſe nicht daran Tochter einer Ortsarmen, die Frau des ſtolzeſten Mannes ſoll fußen konnten, lag„das ſchwarze Moor“, wie ein See der Grafſchaft zu werden und einen Namen zu erlangen, cer der Todten, oder, nach dem Ausdrucke des in der Um⸗ den ſein Eigenthümer ſelbſt für eine Fürſtin nicht zu ſchlecht wie gegend wohnenden Landvolks, wie der Eingang zum hölli- erachtete? Du gedachteſt Geburt und Geld zu erheirathen,. ſchen Abgrunde. Allerhand Traditionen erzählte man ſich und haſt nichts bekommen; ich aber wußte, daß ich mich von dieſem Orte. Sagen von Ermordungen in früheren mit Geburt und Stand verband, und mein Handel war war tief ——— lusgleite unger an der beſte. Du wollteſt mich überliſten, aber es mißglückte; ſollſt du erfahren, wer mein wahrer Erbe iſt, und wirſt ich verſuchte dich zu überliſten, und es gelang mir.“ mich dann vielleicht beſſer verſtehen lernen. Nicht ſo ver⸗ „Weib, biſt du verrückt, mich hier— an dieſem rückt, um mich der Welt als wahnſinnig zu zeigen und Orte— auf ſolche Weiſe zu reizen?“ ziſchte Lorenz, wäh⸗ dann in ein Irrenhaus ſtecken zu laſſen; nicht ſo verrückt, rend er ihre Arme noch feſter packte, und ſein Geſicht einen um deinem Glücke als Fußſchemel zu dienen und bei Seite ſchrecklichen Ausdruck annahm. geſtoßen zu werden, wenn du meiner müde biſt; nein, nicht „Nein, noch nicht verrückt genug für deine Abſichten,“ ſo verrückt, Lorenz Grantley, um ſo mit mir umgehen zu verſetzte Anna mit höhniſchem Lachen;„nicht ſo verrückt, laſſen, wie du zu deinem Nachtheile erfahren ſollſt!— um mein Geld auf dich zu vererben und dir meinen Tod Ich bin die außereheliche Tochter einer Ortsarmen,“ fuhr fftigung ge⸗ ihrem ton⸗ rigf er. chter Gintle⸗ Blicken be⸗ ingt, wie du Unhöflichkeit eine Geſel⸗ ,“ berſetzte dem Athem⸗ rächtlich. ſtehen wir machte nicht n vertrauten c für wahn⸗ mzu laſſen, biete alles sglück eines ht, wie ein te ſie, ver⸗ ührend. bei den Ar⸗ —„nein, nachſt dein leichſt dich t Schaude d verbirgſt 10 g! rgeblich be⸗ rheiratheten eſt, als du öchte Ande⸗ jauſe über⸗ je Mutter, trägt und vortheilhaft werden zu laſſen. Wenn du nach Hauſe gehſt, ſie mit ſteigendem Hohne fort, und du biſt Mr. Grantley von Grantley Hall. Ich trieb deine Mutter aus dem Hauſe, ich machte vom erſten Augenblicke an alle deine Pläne zu Schanden, und bin noch nicht mit dir fertig! Höre mich! Verſuchſt du einen Finger an mich zu legen, ſo ſoll die ganze Welt die Wahrheit erfahren, wie du ſie jetzt weißt, und der gemeinſte, elendeſte Wicht im Orte ſoll lachen, wenn die Geſchichte von Mr. Grantley's rei⸗ cher Frau und ihrer vornehmen Geburt erzählt wird, und wie hübſch er hinter's Licht geführt worden iſt!“ Was war geſchehen? Welche Veränderung der Scene war eingetreten?— Die bleigrauen Wolken hingen noch tief und ſchwer, wie zuvor, und die wilden Vögel flogen Feierſtunden⸗ 1864. noch ſchreiend über das Thal, wie vorher; aber an den Klippen hatten ſich einige Steine gelöst, wie von einem widerſtrebenden Fuße, und auf dem ſchwarzen Waſſer des Pfuhles breiteten ſich ſchnell weite Ringe aus. Lorenz ſtand am Rande des Abgrundes und ſchaute einige Augenblicke hinab. Länger wagte er nicht zu blei⸗ ben, denn ihm ſchwindelte; er wandte ſich ab und ging. Als er in das kleine, dicht hinter den Klippen gele⸗ gene Gehölz trat, begegnete ihm der Advokat Jones. „Guten Morgen, Mr. Grantley!“ ſagte er, ſchnell an ihm vorüber gehend, und ohne, was er ſonſt immer that, mehr mit ihm zu ſprechen. Feierſtu Mrs. Grantley war verſchwunden. ihr fand ſich. genden Tage Niemand, um einen Beſuch zu machen. Das Kammermädchen hatte die junge Frau zu einem Spaziergange angekleidet und ſie den Garten durch eine Seitenpforte verlaſſen ſehen, und der Hausverwalter war ihr wenige Schritte von der Pforte begegnet; aber von hier an hörte jede weitere Spur auf. Die Begebenheit verurſachte in der ganzen Umgegend große Aufregung, wie es immer der Fall iſt, wenn ſich Alle Welt bedauerte den Gatten ſowohl, wie die Frau; man erinnerte ſich ihrer guten Eigenſchaften, vergrößerte ſie und vergaß die ſchlech⸗ Grantley Hall war der Gegenſtand allgemeiner Theil⸗ Was etwas Geheimnißvolles zugetragen hat. ten. nahme; allein das Geheimniß blieb unaufgeklärt. war aus ihr geworden? Lorenz blieb viel zu Hauſe, ſprach wenig und ſchien ſehr niedergebeugt zu ſein, und die Nachbarn wunderten ſich, daß er von dieſem Unglück, wie es ſchien, ſo ſehr ergriffen werde, denn Jedermann wußte, daß ſeine Ehe Die näheren Freunde kamen nicht glücklich geweſen war. täglich zu ihm, um ihre Theilnahme auszudrücken und Rath zu ertheilen, aber kein Plan, kein Mittel hatte Erfolg. Der Körper wurde nicht gefunden, und eben ſo wenig eine Spur von Flucht entdeckt. Verhältniß, und ein Jeder hegte die Meinung, daß die ſchrecklichſte Gewißheit erträglicher als dieſe qualvolle Span⸗ nung und Ungewißheit ſein würde. Eines Tages hatte ſich eine ungewöhnlich große Ver⸗ ſammlung bei Lorenz eingefunden. Doktor Dowus, der Ortsgeiſtliche und noch zwei oder drei andere Herren wa⸗ ren gekommen, um mit ihm die geeigneten Mittel zur Auf⸗ klärung des Geheimniſſes zu berathen, als ſich der Huf⸗ ſchlag eines Pferdes hören ließ, und der Advokat Jones vor das Haus galoppirte. Als Lorenz ſeine Stimme vernahm, ſtand er auf und verließ eiligſt das Zimmer. Der Arzt bemerkte, wie bleich er plötzlich wurde, und einer der anderen Herren, ein glück⸗ licher Gatte, ſeufzte:„Armer Mann!“ Jones trat ein und verbeugte ſich mit plumper Drei⸗ ſtigkeit. „Ein ſchöner Wintertag!“ ſagte er, ſeinen Ueberrock öffnend. „Ein ſehr ſchöner Tag!“ erwiederte der leutſelige Dok⸗ tor Downs. Dann trat eine Pauſe ein. 2 Jones war bei der vornehmeren Klaſſe nicht gern ge⸗ ſehen. Man hielt ihn für gemein und anmaßend, und wußte, daß er ſich ſtets unberufen in die Privatangelegen⸗ heiten Anderer miſchte und gern in Cirkel eindrängte, in die er nicht gehörte. Die Anweſenden empfingen ihn deßhalb mit kalten Blicken und wunderten ſich im Stillen, daß ein ſo ſtolzer Mann, wie Lorenz Grantley, ihm einen ſo vertraulichen Zutritt in ſein Haus geſtatten könne. Selbſt der Geiſt⸗ liche, der vermöge ſeines Berufes chriſtliche Liebe und Dul⸗ dung zu üben hatte, würde ihm keinen Eintritt in ſein Beſuchszimmer erlaubt haben. Dennoch war er da,— war ein Gaſt bei dem großen Balle geweſen, und jetzt am eifrigſten bemüht, ſeine Theil⸗ Die ganze Um⸗ gegend wurde meilenweit durchſucht, aber keine Spur von Von den eingeladenen Gäſten kam am fol⸗ Es war ein höchſt trauriges nden. 1864. —; nahme auszudrücken und ſeinen Rath zu ertheilen. Es gehen allerdings zuweilen ſonderbare Dinge in der Welt vor! Die Pauſe fing bereits an, peinlich zu werden, als Lorenz zurück kam. Sein Geſicht trug nicht mehr die Todtenbläſſe, wie vorher, er hatte ſich geſammelt; allein etwas Gezwungenes, als wenn er ſich Gewalt anthäte und mit Mühe ſeine Kräfte aufböte, lag im Ausdrucke ſeines Geſichts. Er empfing Jones mit Herzlichkeit, reichte ihm die Hand, ſprach freundlich, faſt vertraulich mit ihm, lud ihn zum Sitzen ein, und ſtellte ihn denjenigen Herren vor, denen er nicht bekannt war. Die Anweſenden wechſelten zwar einige Blicke mit ein⸗ ander, aber gingen endlich auf den Ton des Wirthes ein. Die unſichtbare Schranke war gefallen, und Jones hatte ſeinen Sitz unter ihnen. Das Geſpräch war ziemlich allgemein geworden, als der Advokat, ſich zu Lorenz neigend, mit vorſichtiger und leiſer, aber um ſo deutlicherer Stimme ſagte: „Verzeihen Sie, Mr. Grantley, wenn ich mir eine Frage erlaube. Haben Sie ſchon das„ſchwarze Moor“ unterſuchen laſſen? Es iſt eine Oertlichkeit, an der ſich leicht ein Unglücksfall ereignen kann; und bei dem Ge⸗ müthszuſtand Ihrer Frau Gemahlin iſt es durchaus nicht nane rſcheinüüh daß ſich etwas Aehnliches dort zugetragen habe.“ Während dieſer Worte blickte er Lorenz feſt an. „Ich danke Ihnen für dieſen Wink, Mr. Jones,“ antwortete Letzterer, ſeinen Blick eben ſo feſt erwiedernd. „Ich habe bis jetzt noch nicht daran gedacht, und doch iſt es ſehr möglich; aber ich werde ſogleich die nöthigen Schritte dazu thun.“ „Wenn ich Ihnen meine Dienſte anbieten kann, ſo geſchieht es mit Vergnügen,“ fuhr Jones in einem ſo nach⸗ läſſigen Tone fort, als ſpräche er mit ſeines Gleichen. „Soll ich vielleicht dieſes peinliche Geſchäft für Sie beſor⸗ gen, Mr. Grantley? Sie können ſich ganz auf meine Be⸗ reitwilligkeit und Verſchwiegenheit verlaſſen,“ fügte er mit beſonderem Nachdrucke auf das letzte Wort hinzu. „Sie ſind ſehr gütig, Mr. Jones,“ erwiederte Lorenz ſtotternd, und wurde bleich bei dem Gedanken an das, was folgen mußte.„Wenn Sie die Gefälligkeit haben wollten, die Nachſuchung zu veranſtalten,— ein Mann könnte an einem Seile hinab gelaſſen werden, und— doch mein Ver⸗ walter wird alle nöthigen Maßregeln treffen“ Gleich dar⸗ auf ſetzte er aber, ſchnell aufblickend, hinzu:„Allein es wäre doch vielleicht beſſer, wenn ich mit dabei wäre?“ „Folgen Sie meinem Rathe und thun Sie es nicht,“ entgegnete der Advokat langſam.„Sie können volles Ver⸗ trauen in mich ſetzen. Ich werde Alles mit eben ſo viel Sorgfalt und Rückſicht ausführen, wie Sie es nur thun könnten. Sie dürfen mir volles Vertrauen ſchenken!“ fügte er etwas leiſer und mit einem vielſagenden Drucke der Hand hinzu und ging. „Ich hätte dem Menſchen nie ſo viel Gefühl zugetraut,“ äußerte einer der anweſenden Herren. „Ich auch nicht,“ ſagte ein Anderer. „Er ſcheint ein beſſerer Menſch geworden zu ſein,“ bemerkte der Geiſtliche mit frommem Seufzer. „Ja,“ rief Doktor Downs,„es gibt in der Pſycho⸗ logie noch große, unentdeckte Geheimniſſe.“ Der ſchreckliche Tag, an dem die Nachſuchung ſtatt⸗ fand, ſchien für Lorenz kein Ende nehmen zu wollen. Er wußte, welches entſetzliche Geheimniß aus der Tiefe jenes . 2 nit ih Wang Auger keime ſch liebt den frühe Anna Aeuß ein ſeime ver et ore ——— —△ anthäte und rucke ſeines e ihm die 1, lud ihn erren vor, te mit ein⸗ WS Iaches ein. Ade Jones hatte vorden, al8 ſichtiger und ch mir eine rze Moor“ in der ſich dem Ge⸗ hhaus nicht zugetragen ſt an. tr. Jones,“ erwiedernd. und doch iſt gen Schritte kann, ſo em ſo nach⸗ § Gleichen. Sie beſor⸗ meine Be⸗ „ fügte er hinzu. erte Lorenz das, vas en wollten, könnte an ) mein Vrr-⸗ Ggleich 3 ————— Auch Marie Sefton war ein häufiger Gaſt— Marie, mit ihren jetzt volleren, zu höherer Schönheit aufgeblühten Wangen und den blauen, vom reinſten Lichte ſtrahlenden Augen,— Marie, die, mit der ſchon lange in ihrer Bruſt keimenden und jetzt zum klaren Bewußtſein gelangten Liebe, ſich ganz der Wonne ihres neuen Glückes hingab. Lorenz liebte ſie, und ſie wußte es; was bedurfte ſie mehr, um den Himmel auf Erden zu genießen? Aber Lorenz, obgleich er liebte und in dieſem Gefühle glücklich war, hatte viel von der Ruhe verloren, die ihm früher und ſelbſt in jener Zeit eigen war, als er, von Anna gemartert und gedemüthigt, ein qualvolles Leben führte. Aeußerlich zeigte er ſich zwar immer noch derſelbe; aber ein ſcharfer Beobachter würde bemerkt haben, wie die Linien ſeines Geſichtes tiefer und ſchärfer wurden, der Blick ſei⸗ ner Augen ängſtlich und bohrend, als ſuchte er fortwährend etwas, oder horchte auf ferne Laute,— wie ſein glänzend braunes Haar ſich in kurzer Zeit mit Grau miſchte, und ſeine Hände die häßliche Gewohnheit annahmen, ſich un⸗ aufhörlich krampfhaft zu ballen, als wollten ſie die Kehle irgend eines feindlichen Gegners packen. Aber wer las dieſe Zeichen? Höchſtens hätten es ärzt⸗ liche Perſonen und Künſtler vermocht. Da jedoch der ein⸗ zige in der Gegend wohnende Arzt kein ſehr ſcharfer Beob⸗ achter war, und Künſtler ſich dort ſo ſelten wie Paradies— vögel ſehen ließen, ſo blieben ſie unbeachtet. Niemand wußte, daß Marie und Lorenz Liebende waren, als ſie ſelbſt. Nur Mrs. Grantley mochte es viel⸗ leicht ahnen; doch war ſie diskret und hatte jetzt, nachdem alle früher auf den Beſitzungen laſtenden Schulden getilgt waren und Lorenz bei einer zweiten Heirath nicht mehr auf Geld zu ſehen brauchte, nichts dagegen einzuwenden, wenn er eine Verbindung aus Liebe ſchloß. Außer ihr konnte Niemand in das zwiſchen den Liebenden beſtehende Verhält⸗ niß dringen, denn öffentlich zeigte ſich Lorenz ſo kalt und zurückhaltend gegen Marien, als wenn ſie unter allen jun— gen Damen ihn am wenigſten zu feſſeln vermocht hätte. War er aber kalt, ſo zeigte ſich der dreiſte und an⸗ maßende Advokat Jones um ſo wärmer in ſeiner Bewun⸗ derung für ſie, und machte kein Hehl daraus. Lorenz ertrug dieſes, wie jetzt alles Andere, mit eiſer⸗ ner Selbſtbeherrſchung, ließ nie eine Regung von Eiferſucht oder Unwillen ſehen, und verrieth ſich durch nichts, als zuweilen durch eine zuſammengepreßte Lippe, oder⸗ eine glühende Wange. Aber nicht geringe Pein verurſachte ihm der Gedanke, daß Jones ohne das vertrauliche Verhältniß zu ihm, ohne den von ihm genoſſenen Schutz und ſeine dadurch gehobene, geſellſchaftliche Stellung nie gewagt haben würde, die Augen zu Marien zu erheben. Und wie viel weiter konnte nicht der Menſch noch gehen? Gegen ihn auf⸗ zuſtehen, was Lorenz zu thun brannte, wagte er nicht; denn waren nicht ſeine Hände gefeſſelt,— und ſtand nicht zwiſchen ihm und Jones jenes entſetzliche Geheimniß wie ein Geſpenſt, deſſen Anblick alle Glieder lähmte? Geiſtige Qualen ſind oft ſchrecklicher als das ſchmerzhafteſte körper⸗ liche Leiden, und gern hätte Lorenz dieſe Seelenpein gegen die ärgſten Martern vertauſcht, denen ſein Fleiſch unter⸗ worfen werden konnte. Was Marien betraf, ſo war ſie theils zu glücklich, theils zu gleichgültig, um Jones ihre Abneigung fühlen zu laſſen. Ahnungslos und von ſeiner Selbſtgefälligkeit er⸗ halten, ſetzte alſo der Advokat ſeine plumpen, rohen Auf⸗ merkſamkeiten fort, obgleich ſie unbeachtet blieben; und wenn knüpfenden ſchrecklichen Erinnerungen, —— merkte, ſo ließ er ſich dadurch nicht irre machen, und hegte nicht die geringſten Zweifel über die endliche Erreichung ſeiner Abſichten. So verfloß mehr als ein Jahr nach Anna's Tode, und der liebliche Frühling, mit deſſen Erſcheinen die Natur aus langem Schlummer erwacht, kehrte zurück. 9. Der ſtarre, unfreundliche Winter, und alle ſich daran ſchwand wie der Schnee auf den Bergſpitzen, und an ſeiner Stelle kamen Lenzblumen, ein ſonniger Himmel und neues Leben. War Lorenz jetzt nicht glücklich? Mariens Hand in der ſeinigen haltend, und ihr zärtliches Geſicht an ſeine Bruſt drückend,— konnte er noch nicht vergeſſen? Konnte er nicht ſeine Todte für immer begraben und ſich dem Ge⸗ nuſſe der glücklichen Stunde hingeben? In manchen Augen⸗ blicken, ja; doch waren es nur Augenblicke, die wie einzelne goldene Tropfen dem Regenbogen entfielen, der ſich über dunkle, ſchwarze Wolken ſpannt. Allein, wenn auch nicht glücklicher, war er jetzt wenigſtens etwas ruhiger geworden, denn er hatte für die Zukunft einen Plan entworfen, der ihn jener ſchrecklichen Nachbarſchaft des„ſchwarzen Moors“ entziehen ſollte. Grantley Hall wollte er verkaufen und nach der Vermählung mit Marien England für immer ver⸗ laſſen. In einer ſonnigen italieniſchen Villa, von Myr⸗ then und Weinreben umgeben, mit Marien an der Seite, gedachte er die Verbannung leicht zu ertragen, und was ſie betraf, ſo würde ihr jede Wüſte zum Paradies geworden ſein, in der ſie, unzertrennlich mit ihm verbunden, an ſei⸗ ner Seite leben konnte. Die Vögel zwitſcherten fröhlich in den Bäumen, und auf Feldern und Wieſen ſang die Lerche; milde Blüthen⸗ düfte wehten in der Luft, und die ganze Natur trug ein ſo heiteres, glänzendes Gewand, als wenn Sünde, Kum⸗ mer und Tod nie in die Welt gekommen wären. Lorenz und Marie waren jetzt Verlobte, und ſollten in kurzer Zeit verbunden werden; aber ihr Verhältniß, außer ihnen ſelbſt nur den beiden Müttern bekannt, wurde noch geheim gehalten, und die Hochzeit ſollte in aller Stille vor ſich gehen. Marien war dies gleichgültig. Ihr Lebensquell war ſeine Liebe; ihr Stolz, ihr Glück, Alles bezog und ſtützte ſich auf ihn, und die übrige Welt galt ihr nichts. Ja, an jenem Morgen war Lorenz glücklich. Er ver⸗ gaß den Schatten hinter ſich und lebte nur im Sonnen⸗ ſchein. Im Waſſer des„ſchwarzen Moors“ war kein Blut ven eines Anderen; die Vergangenheit mahnte nicht an Kummer und Verbrechen, und die Zukunft brachte keine Zweifel, keine Befürchtungen mehr; das Leben, die ganze Erde, Alles war hell und ſchön! Lorenz, genieße die kurze Stunde der Wonne mit Marien unter den uralten Lindenbäumen deines Gartens! Gott und die Gerechtigkeit können dir nicht mehr gewähren. Nach Jahren, nach langen und traurigen Jahren wird noch jener ſonnige Lenzmorgen vor deinem Gedächtniſſe ſtehen, und der Duft der Lindenblüthen, den du jetzt einathmeſt, wird dich lebenslang umſchweben und an einen verlorenen Himmel erinnern. Jones bemerkte nicht, daß Lorenz Marien liebte, und er zuweilen auch die unfreundliche Aufnahme derſelben be⸗ ahnte nur entfernt, daß Letztere, welche lebhafter und leiden⸗ mehr ſichtbar, und keine Kette drückte ihn mehr als Skla⸗ ———-—— 414 ——;— ſchaftlicher war und nur aus Gehorſam ihre Neigung ver⸗ hehlte, ihn liebte. Lorenz verbarg ſeine Gefühle ſorgfältig vor Jones, und hatte ſeine guten Gründe dazu; und Jones war ſeines Erfolges zu gewiß, als daß er ſich um das Herz eines anderen Mannes hätte kümmern und Nebenbuhlerſchaft irgend einer Art fürchten ſollen. Er war ſo ſehr daran gewöhnt, Alles ſeinen Wünſchen nachgeben zu ſehen, daß er auch bei Marie Sefton keinen Widerſtand für mög⸗ lich hielt. Am Nachmittage jenes Lenztages— des ſchönſten in Feierſtunden. 1864. legen, und die lange unterdrückte, jetzt mit Gewalt hervor brechende Erbitterung verdoppelte ſie. Hieb folgte auf Hieb, und Schlag auf Schlag; ſein ganzes Herz ergoß ſich in Mißhandlungen durch Wort und That, bis er endlich, er⸗ ſchöpft von ſeiner eigenen Leidenſchaft, den Elenden zu Bo⸗ den ſchleuderte und in das Haus zurückkehrte. Jones kroch gleichfalls nach Hauſe, und blieb während der nächſten vierzehn Tage unſichtbar,— ſehr krank, wie das Gerücht ſagte. Inzwiſchen nahte der zur Hochzeit beſtimmte Tag. Grund zur Geheimhaltung war jetzt nicht mehr vorhanden, und Lorenz prahlte faſt mit ſeinem Glücke. Aber bei allem ihrem ganzen Leben— während ſie, getrieben von innerer Wonne, ruhelos in einer Allee des Gartens auf und ab ging und ſich jedes Wort, jeden Blick, jede Bewegung des Geliebten in jener überglücklichen Stunde der Verlobung in das Gedächtniß zurück rief, ſchlich Jones ihr nach und trat, ſie aus dem Himmel der Wonne reißend, plötzlich vor ſie. Ohne Einleitung erklärte er ihr in ſeiner rohen Weiſe, daß er Gefallen an ihr gefunden habe und ſie zu heirathen wünſche, und daß ſie nichts Beſſeres thun könne, als ſeine Hand annehmen. Er habe, ſagte er, zwar keinen vorneh⸗ men Namen, wie Lorenz Grantley, aber einen ehrlicheren, und Letzterer könne nie ihr Gatte werden, wenn ſie etwa darauf hoffen ſollte,— fügte er mit einer verächtlichen Handbewegung hinzu. Mariens Blut wallte auf. So ſanft ſie ſonſt immer war, in dieſem Augenblicke bemeiſterte ſich ihrer eine, aus der Liebe zu Lorenz entſpringende, unbegrenzte Wuth. Mit der tiefſten Verachtung wies ſie ihn von ſich und ließ eine Fluth bitterer Worte über ihn los, die ſelbſt Jones einige Augenblicke lang in Verwirrung ſetzten. „Aha,“ ſagte er endlich, tief Athem holend,„das kommt daher, daß Sie Mr. Grantley lieben! Ein Wort von mir, Miß, ein Wort, und er iſt verloren! Ein elen⸗ dem war ſein Weſen ſehr verändert. Früher ſtolz, kalt und ſchweigſam, war er jetzt fortwährend ſehr aufgeregt, faſt trotzig, ſprach viel und ſchnell, gab alle ſeine Gefühle und Abſichten öffentlich kund, und ſchien eine Art von Hoffnung und Troſt in der häufigen Wiederholung deſſen zu finden,„was er thun wolle und werde“. Allein es klang faſt mehr wie eine Herausforderung, als wie eine Willenserklärung. Während großartige Vorbereitungen zum Hochzeitsfeſte gemacht wurden, das ſelbſt noch prächtiger gefeiert werden ſollte, als das erſte, läag Jones krank in ſeinem Hauſe, krank an Fieber und in Folge der erlittenen Mißhandlun⸗ gen, wie es hieß. Aber am Morgen des Hochzeittages, als Marie in ihrem bräutlichen Schmucke darauf wartete, zur Kirche abgeholt zu werden, machte ſich Jones auf und hinkte, einen Arm in der Binde und das Geſicht mit Pfla⸗ ſtern bedeckt, nach ihrer Wohnung. Die Magd durch ein bedeutendes Geſchenk beſtechend, gelangte er nach dem Zimmer, in welchem Marie allein ſaß. „Miß Sefton!“ ſagte er, plötzlich eintretend. Marie ſprang vom Sitze empor und ſchrie laut auf. „Ruhig, kein Geſchrei!“ befahl er mit frechem, un⸗ verſchämtem Tone;„jetzt ſind Sie endlich in meiner Macht! der Schurke iſt er, ein ſchleichender Hund, der ſich ganz Hören Sie mich an!“ in meiner Gewalt befindet, den ich zermalmen könnte, wie dieſen Wurm. Ja,“ fügte er hinzu,„mit einem Worte könnte ich ihn zermalmen, und wenn Sie mich dazu trei⸗ ben,— bei Gott, ſo ſoll es geſchehen!“ „Wie können Sie es wagen, mich ſo zu beleidigen?“ rief Marie in höchſter Leidenſchaft. „Ich beleidige Sie nicht, Miß. heit in Betreff Lorenz Grantley's ſage, iſt das eine Be⸗ leidigung für Sie? Es iſt weit gekommen, wie es ſcheint Ich glaube, dieſer Schuft hat es gewagt, auf meinem Re⸗ viere zu jagen! Hat er das, beim Himmel, ſo—! Miß Sie kennen meine Stellung, und—“ „Ihre Stellung?“ unterbrach ihn Marie. Stellung iſt tief unter der des niedrigſten Bedienten von Mr. Grantley! Sie entweihen ſeinen Namen, wenn Si ihn erwähnen, und ſind nicht werth, ihn ausſprechen zu„Jetzt heirathen Sie dürfen!“ Nach, dieſen Worten entfloh ſie und begegnete in ge ringer Entfernung ihrem Verlobten. Sich in ſeine Arm werfend, rief ſie: Ihre Angſt und Aufregung und des Advokaten offen „Ihre zen Moor“ gehört habe. Lorenz, Lorenz, ſchütze mich vor jenem Ungeheuer!“ bebend, mit loſem, Sich dichter zu ihrem Geſichte niederbeugend, fuhr er fort: „Sie wollen ſein Weib werden, ihm das ſein, was ihm Anna Sibſon war, und von dem Golde leben, das ſie ihm zugebracht hat? Nur ein Wörtchen will ich Ihnen in's Ohr flüſtern, nur ein Wörtchen, damit Sie wiſſen, Wenn ich die Wahr⸗ wen Sie heirathen! Still, kleiner Vogel, ſtill!— wozu (Ihr Sträuben? Sehen Sie nur, Sie haben ſich verwun⸗ det, da dringt Blut aus Ihrem Arme und fällt auf Ihr Kleid! Pfui! Blut und ein bräutliches Gewand! Seien „Sie ruhig, und ich erzähle Ihnen eine hübſche kleine Ge⸗ ſchichte, die ich eines Tages auf den Klippen am„ſchwar⸗ Still! ſage ich.“ 1 Er legte ſeine Lippen an ihr Ohr und flüſterte ihr e das Geheimniß zu. Dann mit lautem Lachen rufend: Lorenz Grantley, mit Blutflecken auf los und verließ Ihrem Brautkleide!“ ließ er ihren Arm hinkend das Zimmer.. e Ein gellender Schrei ſchallte durch das Haus. Mariens Mutter und Brautjungfern eilten herbei. Leichenblaß und herabgefallenem Haar, ſtieren Blicken eund bleichen Lippen, fanden ſie die Unglückliche zuſammen⸗ Unverſchämtheit ließen Lorenz Alles errathen, was geſchehen gekauert in einer Ecke des Zimmers ſitzend und„Mord! ſch 9) DHen g. war. Er ſchob ſie ſanft bei Seite, und rieth ihr, zu ſei 2 V Mord! Lorenz!“ murmelnd, während Blutstropfen von ner Mutter in das Haus zu gehen. Dann ſich umwen⸗ ihrem Arme auf das Kleid hinab fielen. 4 dend, ergriff er Jones und begann ihn mit der ſchweren Aerztliche Hülfe wurde zwar ſchleunigſt gerufen, allein Hundepeitſche zu mißhandeln. Der Advokat wehrte ſich, ſie kam dennoch zu ſpät. aber Lorenz war ihm an körperlichen Kräften weit über⸗ Nach drei Tagen ſtarb Marie. valt hervor eauj Hieb, goß ſich in endlich, er⸗ den zu Bo⸗ ab während rank, wie mte Tag. dorhanden, bei allem ſuohz, kalt aufgeregt, ane Gajfühle e Art vm lung deſſen Allein es s wie eine ochzeitsfeſte jert werden em Hauſe, lißhandlun⸗ ttages, als bartete, zur 8 auf und t wit Pfla⸗ beſtechend, j allein ſaß⸗ 7nd. 3 e laut auf. echem, un⸗ mer Macht! ugend, fu br he ſein, was leben, das Mariens enblaß Unl ther Blicm Feerſtunden. 1864. 415 ———-:————-——-—-———————;—ꝛ⅓—⅓ꝛꝛ::—B—B—ä:ä:äää::ꝛ—⁊⁊¶t⁊⁊ay—r—————— Viele Jahre ſpäter wurde Lorenz eines Tages als ein„ſchwarzen Moors“ tiefer als gewöhnlich eintrocknete, kam verarmter, alter und gebeugter Mann auf den Klippen am die Hand eines menſchlichen Leichnams zum Vorſchein, und „ſchwarzen Moore“ ſtehend geſehen. Die Perſon, welche das Volk flüſterte ſich zu, daß es die Hand des ehemaligen ihn erkannte— der Sohn ſeines ehemaligen Hausverwal⸗ Beſitzers von Grantley Hall ſei. Niemand nahm ſich die ters Deedham—, redete ihn an, doch er antwortete nicht, Mühe, die Vermuthung näher zu unterſuchen; allein die und verſchwand von jenem Augenblicke an gänzlich. Als Grabſtätte des„letzten Grantley“ iſt bis jetzt in der Fami⸗ aber in dem darauf folgenden Sommer das Waſſer des liengruft nicht ausgefüllt. L. Dubois. Der Vierwaldſtätter⸗See. Unter allen Schweizerſeen iſt der Vierwaldſtätter⸗ und eine Fahrt auf ſolchen Booten von vielen Reiſenden See der originellſte und an Abwechslungen reichſte; ſonder⸗ einer Dampfertour vorgezogen. Die Beſchiffung des Sees bar in ſchiefer Kreuzform geſtaltet, und nach allen Seiten iſt zwar nicht gefahrvoll, wenn man größere Fahrzeuge und weit in's Land hineingebuchtet. Ringsum von großartigen nüchterne tüchtige Schiffsleute wählt und deren Anſicht über Gebirgen umgeben, von kahlen Felſenflanken und lieblichem das Wetter hört; wer aber mit Segel⸗ und Ruderbaoten Hügelgelände eingefaßt, mit idylliſchen Dörfern, Weilern nach Flüelen will, fahre auf jeden Fall ſo früh als mög⸗ und einzelnen Landhäuſern herrlich dekorirt, wie deren eines lich dahin ab, um vor Sonnenuntergang dort zu landen, unſer Holzſchnitt auf S. 416 zeigt, find alle Punkte ſei- denn auch ohne Gewittergefahr wehen alsdann Alpenwinde ner Umgebung voller klaſſiſchen Erinnerungen, in ſeiner bergab, wodurch ſich die Fahrt bei deren Heftigkeit oft bis Nachbarſchaft der Schauplatz von Tells Thaten, wie ſie tief in die dunkle Nacht verzögern kann. Nach langem Re⸗ unſer Schiller poetiſch aufgefaßt, die der Schweiz Freiheit gen löſen ſich auch öfters von den Felswänden des Axen⸗ und Unabhängigkeit gebracht. berges Trümmer ab, was übrigens auch zeitweilig von Die Länge des mannigfach gekrümmten See's von Vögeln und weidenden Gaiſen bewirkt wird, wodurch die Luzern bis Flüelen beträgt 7 ½, von Küßnacht bis Stanz⸗ auf dem See Hinrudernden leicht in Gefahr kommen kön⸗ ſtad 3 Stunden, ſeine größte Breite beträgt nirgends über nen; gleichen Unannehmlichkeiten ſind aber auch die Dam⸗ eine Stunde, an zwei Stellen kaum eine Viertelſtunde. pfer, trotz ihrer Schnelligkeit, ausgeſetzt, und ein plöͤtzlicher, Seine Höhe über dem Meere beträgt 1345(nach de Luc heftig herabſtoßender Föhn kann ihnen, wie Beiſpiele bereits 1314) Fuß; die größte Tiefe findet ſich zwiſchen dem Axen⸗ bewieſen haben, eben ſo verderblich werden, wie den größ⸗ berge und der Isleten, in 800 Fuß; der Geſammtumfang ten„Nauen“ oder Marktſchiffen. des Sees iſt nicht ganz 2 Quadr.⸗Meilen.— Ungemein Die Natur zeigt ſich am Vierwaldſtätter⸗See, auch fiſchreich, beſonders von mehreren trefflichen Salmenarten, ohne allen Flitterſtaat menſchlicher Kunſt, in ihrer ganzen der Balle(Salmo lavaretus) und Rötele(S. salvelinus) Hoheit und Größe, und ſetzt durch die unerſchöpfliche Man⸗ belebt, beſpülen deſſen Wellen die vier ihn umgebenden nigfaltigkeit ihrer Bilder und ihres Ausdruckes vom furcht⸗ Kantone: Luzern, Unterwalden, Uri und Schwyz, bar Schauerlichen bis zum romantiſch Lieblichen in Erſtau⸗ die„Waldſtätten“ genannt, die dem See den Namen ge⸗ nen. Der rieſenhafte Felſenkranz, der den See umgibt, geben haben. Von ſeinen drei Becken, in die er durch vor⸗ und ſich von 2000 bis 9000 Fuß über ſeine Fläche auf⸗ tretende Felſenmaſſen geſchieden wird, führt das obere, thürmt, wechſelt faſt mit jedem Kolbenhube des Dampfers, von Brunnen an bis Seedorf, das nur einen ungeheuren mit jedem Ruderſchlage des Schiffers in ſeinen Geſtalten, Felsſpalt ausfüllt, den Namen Urner⸗See, und iſt durch und die An⸗ und Ausſichten in den bald reizend anmuthigen, Rütli, Tells⸗Platte und Kapelle am Axenberge und bald erhabenen, bald melancholiſchen, bald ſchauerlichen bei Brunnen klaſſiſch geworden. Seine ſchauerlichen Ufer ſind Seebecken ſowohl, als vom ſogenannten Kreuztrichter, wo ſteile Felſen, zwiſchen denen es nur wenige Landungsplätze die Buchten von Küßnacht, Luzern und Alpnach zuſammen⸗ gibt; oberhalb des Hafens Treib und unter dem Dorfe fließen, ſind, nach den verſchiedenen Licht⸗ und Schatten⸗ Seelisberg erhebt ſich aus dem Waſſerſpiegel, unfern des würfen, beſonders bei Morgen⸗ und Abendbeleuchtung, un⸗ denkwürdigen, einſam gelegenen Rütli, der einförmige Fel⸗ erſchöpflich. Von welchem Standpunkte aus man auch den ſen Mythenſtein:„Schillers Denkmal am Vierwaldſtät⸗ See betrachten mag, in jedem Bilde herrſcht Größe, Er— ter⸗See,“ deſſen glatte Felſenwand die Inſchrift:„Dem habenheit und etwas Außerordentliches, das nur Erſtaunen Sänger Tells F. Schiller die Urkantone 1859“, in rieſen- empfinden läßt. An keinem See ſieht man ſolche tiefe haften Lettern ziert. Das mittlere Seebecken hat im Schlagſchatten, ſo dunkle Farben, ſolche wunderbare Wir⸗ Weſten einen ſanftern Charakter, der ſich aber oberhalb kungen der Lichter an den Gebirgen, als hier, kein Wunder Beckenried verliert; von den Naſen dagegen bis Brunnen daher, daß er von Vielen den Seen des Berner Oberlandes, wird das nördliche Ufer durch eine ſchroffe Kalkſteinkette dem Thuner⸗ und Brienzer⸗See vorgezogen wird. gebildet, die das Landen nur bei Gerſau geſtattet. Das Abgeſehen vom Rigi, der mit ſeinen ſteil nach Süden untere Becken, der Luzerner⸗See, iſt nur längs dem abfallenden Verzweigungen die ganze Nordküſte des Sees Bürgen und Lopperberge ſchroff und felſig, und der ſich bildet, der Rothenflue, über Wäggis, einer ſteilen rothen ihm nach Süden anſchließende Alpnacher⸗See iſt im Nor⸗ Felswand, die in der Abendbeleuchtung ein eigenthümliches den und Süden von hohen Felſen beengt.— Die Schiff⸗ Farbenſpiel reflektirt, der merkwürdigen, ſchwer zugäng⸗ fahrt auf dem Vierwaldſtätter⸗See iſt ziemlich lebhaft, und lichen Tropfſteingrotte Waldisbalm, die ſich, nahe am wird durch vier Dampfer, welche die ganze Seelänge in ſüdweſtlichen Fuße des Rigi, 170 Klaftern in den Felſen drei Stunden befahren, und viele Segelſchiffe betrieben. erſtreckt, und den grünen Pyramiden des Stanzer⸗ und Die letztere wird theils durch große Marktſchiffe oder Nauen, Buochſer⸗Horns, die im Süden des Sees über das aber ſeit Einführung der Dampfſchifffahrt immer mehr maleriſche Unterwaldener Hügelgelände emporragen, bietet gen, theils durch Segel⸗ und Ruderboote vermittelt, auch das obere Seebecken, der Flüelenarm oder Urner⸗ N 4¹6 See, prächtige oS⸗=aopee Schöne Ausſich aber noch bei der etwas höher gelegenen, von uns auf den 6140 Fuß hohen Seel Felſen⸗ und Bergformen. Vom Gütſch, bei Brunnen, genießt man eine prachtvolle Ausſicht auf beide Seearme, und einen angeneh Feierſtunden. 1864. gäſte bietet das maleriſch am weſtlichen Ufer des Urner⸗ Sees, auf einer 2336 Fuß hohen Felsterraſſe, gelegene Pfarrdorf Seelisberg, in einſamer Gebirgswildniß. men Aufenthalt für Kur⸗ ten hat man hier bei der Kirche, lieblichere auf Sonnenberg, von welcher aus man, mit Führer, isberger⸗Kulm in drei Stun⸗ 2 1 Seite 201 abgebildeten Wallfahrts⸗Kapelle St. Maria den erreichen kann. 2 ——— ¹ en — —₰ des Urner⸗ —, Feierſtunden. 1864. Rlegene. rrauiduiſ große Erwartungen. Von Charles Dickens. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. / Fortſe S. 38 I 8(Fortſetzung von S. 38 1.) ü 9 a ich in Eſſex Street ein anſtändiges Haus verantwortlich machen zu wollen, aber ich war immer in dem Glau⸗ 8 6 kannte, deſſen hintere Seite vom Temple aus ben, daß es Miß Havisham ſei. W h, 5 geſehen werden konnte, und nur in geringer„Wie Sie ganz richtig ſagen, Pip,“ antwortete Mr. Jaggers, Entfernung von meinen Fenſtern lag, ſo begab mich kaltblütig anblickend und an ſeinem Zeigefinger nagend,„ich ich mich zunächſt dahin, und war ſo glücklich, bin nicht dafür verantwortlich.“ 1 1 45 das zweite Stockwerk für meinen Oheim, Mr.„Und doch hatte es ſo ſehr den Anſchein,“ ſagte ich traurigen 7 Provis, miethen zu können. Dann ging ich von Laden zu Laden Herzens. und machte diejenigen Einkäufe, welche zur Veränderung ſeiner äuße„Nicht der entfernteſte Beweis war dafür da, Pip,“ entgegnete ren Erſcheinung nöthig waren. Nach Beendigung dieſer Geſchäfte Jaggers, indem er den Kopf ſchüttelte und ſeine Rockſchöße aufnahm. ſchlug ich, zum Zwecke meiner eigenen Angelegenheiten, den Weg„Urtheilen Sie nie nach dem Anſchein, immer nur nach Beweiſen. nach Little Britain ein. Mr. Jaggers ſaß an ſeinem Schreibpulte, Es gibt keine beſſere Regel.“ ſtand aber bei meinem Eintritt ſogleich auf und ſtellte ſich vor das„Ich habe nichts weiter zu ſagen,“ murmelte ich ſeufzend nach Feuer. einem kurzen Schweigen.„Die mir gewordene Anzeige hat ſich be⸗ „Nun,“ Pip, ſtätigt, und damit ſagte er,„ſeien iſt die Sache zu Sie vorſichtig.“ Ende.“ „Gewiß,“ war h„Und nachdem meine Antwort, da G G G Magwitch in ich bereits auf dem h Wh Neu Süd⸗ Wales Wege wohl über Tn 0 W' ſich endlich zu legt hatte, was ich A W erkennen gegeben ſagen wollte. Wſeg- hat,“ ſagte Mr. „Compromit l Jaggers,„werden tiren Sie ſichnicht,“ Sie einſehen, wie fuhr er fort,„über ſtreng ich mich in haupt, Niemand. allen Verhandlun Verſtehen Sie recht, gen mit Ihnen au — Niemand. Sa⸗ die Thatſachen ge⸗ gen Sie mir nichts, halten habe. Ich ich bin nicht neu bin nie im Gering gierig.“ ſten davon abge Natürlich ſah wichen. Sie ſind ich, daß ihm die 1 davon überzeugt?“ Rückkehr des Man⸗ r„Vollkommen.“ nes bekannt war.„Ich warnte „Ich wollte Magwitch,— in G mir nur Gewiß— Neu⸗Süd⸗Wales, heit darüber ver⸗ als er zum ſchaffen, Mr. Jaggers,“ ſagte ich,„daß das, was mir geſagt worden erſten Male an mich ſchrieb,— von Neu⸗Süd⸗Wales aus, nicht iſt, wahr ſei. Ich habe keine Hoffnung, daß es unwahr ſei, aber zu erwarten, daß ich je von der ſtrengen Linie der Thatſachen ab ich darf mich wenigſtens davon überzeugen.“ weichen würde. Auch noch eine andere Warnung gab ich ihm. Es ℳ Mr. Jaggers nickte. ſchienen mir in ſeinem Schreiben dunkle Andeutungen enthalten zu „Wie drückten Sie ſich aus,„geſagt“ oder„angezeigt“ worden ſein, daß er die Idee habe, Sie hier in England zu beſuchen. Ich 1g iſt?“ fragte er, den Kopf auf die Seite neigend und mich nicht au⸗ ſagte ihm, daß ich davon nichts mehr hören dürſe, daß er für Lebens⸗ blickend, ſondern horchend auf den Fußboden hinab ſchauend.„Ge⸗ Zeit verbannt ſei, und daß ſein Erſcheinen in dieſem Lande ein Ver 1 ſagt— würde eine mündliche Mittheilung vorausſetzen, die Sie je brechen ſein würde, welches ihn der Todesſtrafe ausſetze. Dieſe War doch von einem Manne⸗ in Neu⸗Süd⸗Wales unmöglich erhalten nung gab ich Magwitch,“ ſchloß Mr. Jaggers, mich ſcharf anblickend; können.“„ich ſchrieb ſie ihm nach Neu⸗Süd⸗Wales. Ohne Zweifel hat er ſich „Ich will ſagen ‚angezeigt’, Mr. Jaggers. von ihr leiten laſſen.“ „Gut.“,„Ohne Zweifel,“ bemerlte ich. „Es iſt mir von einem Manne, Namens Abel Magwitch, au„Von Wemmich habe ich erfahren,“ fuhr er darauf fort, mich gezeigt worden, daß er der mir ſo lange unbekannte Wohlthäter ſei.“ noch immer ſcharf aublickend,„daß er einen Brief aus Portsmouth. „Das iſt der Mann,“ verſetzte Mr. Jaggers,„in Neu Süd⸗ von einem Coloniſten erhalten habe, Namens Proves—“ Wales.“„Oder Provis,“ berichtigte ich. „Und er allein?“ fragte ich.„Oder Provis,— ich danke Ihnen, Pip. Vielleicht iſt es Pro⸗ -„Er allein,“ erwiederte Jaggers. 4 vis. Sie wiſſen vielleicht, daß der Name Provis iſt?“ „ Führet,„Ich bin nicht ſo unvernünftig, Sie für meine irrigen Schlüſſe„Ja,“ erwiederte ich. Feierſtunden. 1864. 53 „Gut. Einen Brief aus Porthmouth von einem Coloniſten, Namens Provis, worin er ſich im Auftrage von Magwitch nach Ihrer Adreſſe erkundigt. Wemmick ſchickte ihm die Adreffe mit um⸗ gehender Poſt, wie ich. Wahrſcheinlich haben Sie auch durch Provis jene Aufklärungen von Magwitch— in Neu⸗Süd⸗Wales— er⸗ halten?“ Allerdings, durch Provis,“ antwortete ich. „2 „Adieu, Pip,“ ſagte Mr. Jaggers hierauf, chend,„es freut mich, Sie geſehen zu haben. Wenn Sie mit der Poſt an Magwitch— in Neu⸗Süd⸗Wales— ſchreiben, oder ihm durch Provis Nachricht zugehen laſſen, ſo haben Sie die Güte, zu erwähnen, daß Ihnen die ſpecificirte Rechnung und die Belege un— mit dem vorhandenen Ueberſchuß, zugeſtellt Adieu, Pip.“ mir die Hand rei⸗ ſeres langen Conto's, werden ſollen; denn es iſt noch ein Ueberſchuß da. Wir reichten uns die Hände, und er folgte mir mit ſeinem ſchar⸗ fen Blicke, ſo lange er mich ſehen konnte. An der Thür wandte ich mich um und bemerkte, daß ſein Blick noch immer auf mir ruhte, während die beiden abſcheulichen Gypsabdrücke auf dem Bücherbrett ſich zu bemühen ſchienen, ihre Augenlider zu öffnen und aus ihren geſchwollenen Kehlen die Worte hervor zu bringen:„O, was für ein Mann er iſt!“ Wemmick war abweſend; aber wenn er auch an ſeinem Pulte geſtanden hätte, ſo hätte er doch nichts für mich thun können. Ich begab mich geraden Weges nach dem Temple, wo ich den ſchrecklichen Provis wohlbehalten beim Grog und Tabak rauchend fand. Am folgenden Tage wurden alle von mir gekauften Kleider ge⸗ bracht, und er zog ſie an; aber jedes Stück, das er anzog, paßte ihm weniger,— wie es mir trübſeliger Weiſe erſchien,— als die vorher getragenen Kleider. Er hatte, meiner Meinung nach, etwas an ſich, das jeden Verſuch einer Verkleidung vereitelte. Je länger und je beſſer ich ihn ankleidete, deſto mehr ſah er wieder dem ſchlot terigen Flüchtlinge auf dem Moorlande ähnlich. Dieſer Eindruck auf meine aufgeregte Einbildungskraft war ohne Zweifel großen Theils dem Umſtande zuzuſchreiben, daß ich mit ſeinem alten Geſichte und allein ich glaubte auch zu als wenn noch eine ſeinem Weſen wieder vertrauter wurde; bemerken, daß er ſein eines Bein nachſchleppte, Eiſenlaſt daran hinge, und daß in dem ganzen Weſen des Mannes, vom Kopf bis zu den Füßen, der Sträflingscharakter ſcharf ausge⸗ prägt ſei. Dazu kamen noch die unverkennbaren Einflüſſe ſeines einſamen Lebens, welche ihm ein wildes Ausſehen gaben, das von keiner Klei⸗ dung verdeckt werden konnte, ſowie die Einflüſſe ſeines ſpäteren ge⸗ brandmarkten Lebens unter den Menſchen, und namentlich das jetzt bei ihm vorherrſchende Bewußtſein, daß er ſich verbergen müſſe. In ſeinem ganzen Weſen, wenn er ſaß oder ſtand, aß oder trank,— wenn er ſcheu und gebückt umher ſchlich,— wenn er ſein großes Meſſer, mit der Hornſchale, hervor zog und auf dem Bein abſtrich, um ſeine Speiſe zu zerſchneiden,— wenn er leichte Gläſer und Taſ⸗ ſen zu ſeinen Lippen erhob, als wenn es ſchwere Pfannen wären,— wenn er einen Keil aus ſeinem Brod ſchnitt und, auf dem Teller herum fahrend, die letzten Reſte der Sauce damit aufnahm, als wenn es ihm darauf ankomme, nichts liegen zu laſſen, und dann ſeine Finger am Brod abſtrich und es verſchlang,— in allen dieſen Ma⸗ nieren und tauſend anderen nicht zu beſchreibenden Fällen, welche ſich täglich jede Minute ereigneten, ſtand deutlich„Gefangener“,„Ver⸗ brecher“,„Sträfling“ geſchrieben. Es war ſeine eigene Idee geweſen, etwas Puder zu tragen, und ich hatte darin nachgegeben, nachdem ich ihn von den kurzen Knie⸗ hoſen abgebracht hatte; allein ich kann die Wirkung des Puders in ſeinem Haare mit nichts Anderem vergleichen, als mit der Wirkung, welche wahrſcheinlich Schminke auf den Wangen eines Leichnams haben würde,— ſo ſchrecklich drang bei ihm Alles, was zu verber⸗ gen beſonders wünſchenswerth geweſen wäre, durch dieſe dünne Schicht von Verſtellung und ſchien aus dem Scheitel ſeines Kopfes hervor zu brennen. Mit Worten läßt ſich nicht beſchreiben, wie ſchrecklich und peini⸗ gend das Geheimniß für mich war, das ihn umgab. Wenn er Abends auf dem Armſtuhle einſchlief, während ſeine knochigen Hände ſich an die Lehne deſſelben klammerten und der von tiefen Furchen durchzogene kahle Kopf auf ſeine Bruſt ſank, pflegte ich ihn ſtaunend zu betrachten und darüber nachzudenken, welche entſetzliche Verbrechen er muthmaßlich begangen haben mochte, bis ich nahe daran war, aufzuſpringen, und ihm zu entfliehen. Jede Stunde erhöhte meinen Abſcheu gegen ihn dergeſtalt, daß ich glaube, ich hätte in der Qual, ſo verfolgt zu werden, alles deſſen, was er für mich gethan, und der ihm drohenden Gefahr ungeachtet, jenem Drange nachgeben kön⸗ nen, wenn nicht Herbert bald hätte eintreffen müſſen. Einmal ſprang ich wirklich in der Nacht aus dem Bett und begann meine ſchlechte ſten Kleider anzuziehen, in der plötzlich erwachenden Abſicht, ihn mit Allem, was ich beſaß, dort zurückzulaſſen und als gemeiner Soldat in der indiſchen Armee Dienſte zu nehmen. Kein Geſpenſt, glaube ich, hätte mir in jenen einſamen Zim⸗ mern und die langen Abende und Nächte hindurch ſchrecklicher ſein können, als er war; kein Geſpenſt hätte um meinetwillen verhaftet und gehängt werden können, und der Gedanke, daß dies bei ihm möglich ſei, und die Furcht, daß es geſchehen werde, trugen nicht wenig zur Vermehrung meines Schreckens bei. Wenn er nicht ſchlief, oder ſich nicht mit einem ihm gehörigen Spiele ſchmutziger Karten beſchäftigte,— wobei er ſeine Gewinne dadurch markirte, daß er ſein Taſchenmeſſer in den Tiſch ſteckte,— pflegte er mich zu bitten, ihm etwas vorzuleſen,—„etwas Fremdes, lieber Junge,“ wie er ſich ausdrückte. Während ich dann ſeiner Bitte eutſprach, ſtand er, ob⸗ gleich kein Wort davon verſtehend, dabei und betrachtete mich mit der Miene eines Mannes, der eine Seltenheit zeigt, und ich ſah zwi⸗ ſchen den Fingern meiner Hand hindurch, mit der ich mein Geſicht beſchattete, wie er mit ſtummer Geberde die Möbel des Zimmers auf meine Gelehrtheit aufmerkſam zu machen ſchien. Der Student in der Fabel, der von der ungeſtalteten Creatur verfolgt wurde, welche er ſündlicher Weiſe ſelbſt gemacht hatte, war nicht unglücklicher als ich, der von dem Weſen verfolgt wurde, das mich gemacht hatte, und deſto mehr vor ihm zurückſchauderte, je mehr es mich bewunderte und liebte. Ich ſchildere dieſen Zuſtand, als wenn er ein Jahr gedauert hätte, allein er währte nur fünf Tage. Da ich Herbert ſtündlich er⸗ wartete, ſo wagte ich nicht, auszugehen, ausgenommen, wenn ich Provis in der Dunkelheit für kurze Zeit in die friſche Luft führte. Endlich, als ich eines Abends nach dem Eſſen ermattet in Schlum⸗ mer geſunken war,— denn meine Nächte waren ſehr unruhig und mein Schlaf von ſchrecklichen Träumen geſtört geweſen,— weckten mich bekannte und willkommene Fußtritte auf der Treppe. Provis, welcher auch geſchlafen hatte, taumelte, von meinem Geräuſche erweckt, empor, und augenblicklich ſah ich das ſchimmernde Taſchenmeſſer in ſeiner Hand. „Ruhig! Es iſt Herbert!“ ſagte ich, und im nächſten Momente kam Herbert mit der Friſche, die ihm eine ſechshundert Meilen lange Reiſe durch Frankreich gegeben hatte, herein geſprungen. „Handel, mein lieber Freund, wie geht es, wie geht es? Mir iſt, als wenn ich ein volles Jahr abweſend geweſen wäre. Es muß auch wohl ſo lange ſein, denn du biſt ganz mager und blaß geworden! Handel, mein— Holla! ich bitte um Entſchuldigung.“ Er wurde in ſeinem Wortfluſſe und ſeinem warmen Händedrucke plötzlich durch den Anblick von Provis unterbrochen. Letzterer ſteckte, verſchließend, ihn ſcharf beobachtend, ſein Meſſer langſam wieder ein, und ſuchte in ſeiner Taſche nach etwas Anderem. „Herbert, mein lieber Freund,“ ſagte ich, die Doppelthüren während Herbert noch ſtarr und verwundert da ſtand, 8 1 von n. chwe Sie etwa freut drück —4 pſes hervor zu lich und peini⸗ ib. Wenn er cochigen Hände tiefen Furchen Hihn ſtaunend cye Verbrechen daran war, höhte meinen in der Qual, Jethan, und weben kön A A ſprang un ſche hte bſicht, ihn wit emeiner Soldat einſamen Zim⸗ ſchrecklicher ſein villen verhaftet dies bei ihm „trugen nicht er nicht ſchlief, nutziger Karten tte, daß er ſein zu bitten, ihm “ wie er ſich , ſtand er, ob⸗ ſchtete mich mit und ich ſah zwi⸗ h mein Geſicht des Zimmers Der Student twurde, welche unglücklicher als macht hatfe, und mich hewunderte Jahr gedauert ert ſtündlich er⸗ men, wenn ich ſche Luft führte. attet in Schlum⸗ ehr unruhi und weckten Heräuſcht e riſchenmeſſen ehſſte gſſ ich onl e T Me ilen lü ge eile gen. Feierſtun „es hat ſich etwas ſehr Seltſames ereignet. Hier iſt— ein Gaſt von mir!“ „Ganz recht, lieber Junge!“ ſagte Provis, mit ſeinem kleinen ſchwarzen Buche vortretend und ſich an Herbert wendend.„Nehmen Sie es in Ihre rechte Hand. Gott zerſchmettere Sie, wenn Sie je etwas verrathen. Küſſen Sie es!“(Siehe Bild S. 417.) „Thue, was er wünſcht,“ ſagte ich zu Herbert. Letzterer blickte mich, noch immer ſtaunend und unruhig, aber freundlich an, und that es, worauf Provis ihm ſogleich die Hand drückte und ſagte: „Jetzt haben Sie einen Schwur geleiſtet, und glauben Sie nie dem meinigen, wenn Pip nicht aus Ihnen einen Gentleman machen ſoll!“ Einundvierzigſtes Kapitel. Vergebens würde ich verſuchen, das Staunen und die Unruhe zu beſchreiben, welche ſich in Herberts Zügen ausdrückte, als ich, nachdem wir, er, ich und Provis, uns vor dem Kaminfeuer nieder⸗ gelaſſen hatten, ihm das ganze Geheimniß enthüllte. Es genüge zu erwähnen, daß ich meine eigenen Empfindungen in ſeinem Geſichte abgeſpiegelt ſah, und unter ihnen meinen Abſcheu wor dem Manne, der ſo viel für mich gethan hatte, in nicht vermindertem Grade. Wenn nicht noch andere Umſtände vorhanden geweſen wären, die uns von dieſem Manne ſcheiden mußten, ſo wäre die triumphirende Freude, welche er bei meiner Erzählung ausdrückte, genügend geweſen. Ab⸗ geſehen von dem Gefühle, ſich ſeit ſeiner Rückkehr bei einer Gelegen⸗ heit„gemein“ benommen zu haben,— worüber er ſich gegen Her⸗ bert auszuſprechen begann, ſobald meine Erzählung beendet war,— hatte er keine Ahnung von der Möglichkeit, daß mir mein Glück nicht willkommen ſein könne. Den Stolz, mich zu einem Gentleman ge⸗ macht zu haben, und gekommen zu ſein, mich vermöge ſeiner bedeu⸗ tenden Mittel als einen ſolchen auftreten zu laſſen, ſetzte er bei mir in demſelben Grade voraus, wie er ihn ſelbſt empfand; und daß es für uns Beide höchſt angenehm ſei, uns deſſen rühmen zu können, war bei ihm eine unzweifelhafte Sache. „Aber hören Sie, Pip's Kamerad,“ ſagte er zu Herbert, nach⸗ dem er eine Zeit lang geſprochen hatte,„ich weiß recht wohl, daß ich ſeit meiner Rückkehr einmal,— eine halbe Minute lang,— mich gemein benommen habe. Ich geſtand gleich Pip, daß ich es einſähe. Doch laſſen Sie ſich das nicht kümmern. Ich habe nicht einen Gent⸗ leman aus Pip gemacht, und Pip ſoll keinen Gentleman aus Ihnen machen, ohne daß ich weiß, wie ich mich gegen Sie Beide zu beneh⸗ men habe. Lieber Pip, und Sie, ſein Kamerad,— Sie mögen darauf rechnen, daß ich ſtets einen höflichen Maulkorb tragen werde. Ich habe ihn ſeit jener halben Minute getragen, in der ich mich zu einer Gemeinheit verleiten ließ, trage ihn jetzt, und werde ihn immer tragen.“ Herbert erwiederte:„Gewiß!“ aber machte eine Miene dazu, als wenn kein beſonderer Troſt darin läge, und blieb beſtürzt und un⸗ ruhig. Wir erwarteten mit Ungeduld die Zeit, wenn er ſich nach ſeiner Wohnung begeben und uns verlaſſen würde, allein er war augenſcheinlich eiferſüchtig darauf, uns bei einander zu laſſen, und blieb lange ſitzen. Erſt um Mitternacht führte ich ihn nach Eſſex Street und wartete, bis er in ſeine eigene dunkle Thür eingetreten war. Als er ſie ſchloß, empfand ich ſeit dem Abende ſeiner Ankunft die erſte Erleichterung. 3 Da ich mich von der beängſtigenden Erinnerung an jenen Mann auf der Treppe noch immer nicht losmachen konnte, ſo hatte ich, wenn mein Gaſt nach der Dämmerung in das Freie und zurück ge⸗ führt wurde, ſtets ſorgfältig um mich geſchaut, und that es auch jetzt. So ſchwer es in einer großen Stadt auch iſt, den Verdacht, daß man beobachtet werde, zu vermeiden, ſo konnte ich mich doch nicht über⸗ reden, daß die in der Nähe wohnenden Leute ſich um meine Bewe⸗ V den. 1864. . 419 —— gungen kümmerten. Die Wenigen, welche jetzt an mir vorüber kamen, verfolgten ihre verſchiedene Wege, und die Straße war leer, als ich in den Temple zurückkehrte. Niemand war mit uns zur Pforte hinaus gegangen, und Niemand folgte mir bei der Rückkehr durch dieſelbe. Als ich am Brunnen vorüber ging, konnte ich die hell und ruhig leuchtenden hinteren Fenſter in Provis Wohnung ſehen; und als ich an der Thür meines Hauſes ſtill ſtand, ehe ich die Treppe hinauf ging, war Gardencourt eben ſo ſtill und todt, wie ich die Treppe beim Hinaufſteigen fand. Herbert empfing mich mit offenen Armen, und nie vorher war es mir ſo klar geworden, wie in dieſem Augenblicke, was es heiße, einen Freund zu beſitzen. Nachdem er einige theilnehmende und trö⸗ ſtende Worte geſprochen hatte, ſetzten wir uns Beide nieder, um die Frage zu erwägen, was jetzt zu thun ſei. Da der Stuhl, auf dem Provis geſeſſen hatte, noch an derſel⸗ ben Stelle ſtand,— denn er hatte die kaſernenmäßige Gewohnheit, ſich auf unſtäte Weiſe an einer Stelle umherzutreiben und allerhand Manöver mit ſeiner Pfeife, dem Tabak, dem Meſſer und ſeinen Kar⸗ ten der Reihe nach zu wiederholen, als wenn Alles auf eine Tafel für ihn niedergeſchrieben worden wäre,— da, wie geſagt, der Stuhl noch auf der alten Stelle ſtand, ſo ſetzte ſich Herbert unbewußt dar⸗ auf, aber ſprang im nächſten Augenblicke empor, ſtieß ihn fort, und nahm einen anderen. Er hatte dann nicht mehr nöthig, mir zu ſagen, daß er Abſcheu gegen einen Gönner empfinde, und eben ſo wenig brauchte ich es ihm zu geſtehen. Wir vertrauten nns dieſes gegenſeitig, ohne eine Silbe zu ſprechen. „Was iſt zu thun?“ ſagte ich zu Herbert, als er ſich auf einen anderen Stuhl niedergelaſſen hatte. „Mein armer Handel,“ erwiederte er, den Kopf in die Hand legend,„ich bin zu betäubt, um überlegen zu können.“ „Es ging mir im erſten Augenblicke, als der Schlag mich traf, ebenſo. Aber etwas muß geſchehen. Er hat ſich in den Kopf geſetzt, verſchiedene neue Ausgaben zu machen,— Wagen, Pferde und aller⸗ hand koſtſpielige Sachen zu kaufen. Das muß auf irgend eine Weiſe verhindert werden.“ „Du meinſt, du kannſt nicht annehmen, daß— 2 „Wie kann ich?“ unterbrach ich ihn.„Bedenke, was er iſt, ſieh ihn an!“ Ein unwillkürlicher Schauder überlief uns Beide. „Bei allem dem quält mich noch die ſchreckliche Furcht, daß er mir in Wahrheit innig zugethan iſt. Hat je ein Menſch ein ſolches Schickſal gehabt!“ „Mein lieber, armer Handel!“ erwiederte Herbert. „Und nun,“ ſagte ich,„wenn ich auch jetzt aufhöre und keinen Penny mehr von ihm annehme,— wie viel habe ich nicht bereits von ihm empfangen! Außerdem bin ich tief in Schulden,— ſehr tief für mich, da ich jetzt gar keine Erwartungen mehr habe,— und bin zu keinem Berufe erzogen worden, tauge für nichts.“ „Nun, nun,“ remonſtrirte Herbert,„ſage nur nicht, daß du für nichts taugeſt.“ „Wozu tauge ich denn? Nur Eins wüßte ich, und das iſt, Sol⸗ dat zu werden. Ich wäre auch vielleicht ſchon fort, mein lieber Her⸗ bert, wenn mich nicht die Ausſicht abgehalten hätte, mir bei deiner Freundſchaft und Liebe Rath zu holen.“ Natürlich wurde ich hier von meinen Gefühlen überwältigt, und natürlich that Herbert, außer daß er mir mit Wärme die Hand drückte, als wenn er es nicht bemerkte. „Jedenfalls, mein lieber Handel,“ ſagte Herbert nach einer kur⸗ zen Pauſe,„iſt es mit dem Soldatwerden nichts. Sollteſt du dieſe Gönnerſchaft und dieſe Begünſtigungen aufgeben, ſo würdeſt du es wahrſcheinlich in der ſchwachen Hoffnung thun, das bereits Empfan⸗ gene dereinſt zurück erſtatten zu können, wozu dir aber der Soldaten⸗ ſtand wenig Ausſicht böte. Außerdem iſt es lächerlich. Viel beſſer 53* 420 —— wäreſt du in Clarriker's Hauſe aufgehoben, ſo klein es iſt. Du weißt ja, ich arbeite danach, Theilhaber am Geſchäfte zu werden.“ Der arme Menſch! Er ahnte nicht, mit weſſen Gelde es geſchah. „Aber es entſteht noch eine andere Frage,“ fuhr Herbert fort. „Er iſt ein unwiſſender, halsſtarriger Menſch, der lange eine be⸗ ſtimmte Idee mit ſich hernmgetragen hat; und was noch mehr iſt, er ſcheint mir,— wenn ich ihn nicht unrecht beurtheile, ein Mann von heftigem, verzweifeltem Charakter zu ſein.“ „Als ſolcher iſt er mir bekannt,“ erwiederte ich.„Laß mich dir ſagen, welche Beweiſe ich davon geſehen habe.“ Ich ſchilderte ihm hierauf, was ich vorher in meiner Mitthei⸗ lung übergangen hatte, den Kampf zwiſchen Provis und dem andern Sträfling. „Alſo bedenke!“ verſetzte Herbert,„er kommt mit Gefahr ſeines Lebens hierher, um die einmal gefaßte Idee auszuführen. Aber im Augenblicke der Ausführung, nach großen Mühſeligkeiten und lan⸗ gem Warten, ziehſt du ihm den Boden unter den Füßen fort, zer⸗ ſtörſt ſeine Idee und machſt alles Errungene werthlos für ihn. Siehſt du nicht, was er, wenn ſeine Hoffnungen auf folche Weiſe getäuſcht werden, zu thun fähig ſein könnte?“ „Ich habe es geſehen und ſeit jenem unglücklichen Abend ſeiner Ankunft fortwährend davon geträumt. Nichts hat mich ſeitdem ſo ſehr beſchäftigt, wie der Gedanke, daß er ſich abſichtlich ergreifen laſſen könne.“ „Verlaß dich darauf,“ ſagte Herbert,„es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß er dies thun würde. Darin beſteht ſeine Macht über dich, ſo lange er in England iſt, und dieſen verzweifelten Weg würde er ein⸗ ſchlagen, ſobald du ihn verließeſt.“ Ich wurde von dieſem Gedanken, der mich von Anfang an ge⸗ quält hatte und deſſen Ausführung mich gewiſſermaßen als ſeinen Mörder erſcheinen laſſen würde, ſo erſchreckt, daß ich auf meinem Stuhle nicht ſitzen zu bleiben vermochte und im Zimmer auf und ab zu gehen begann. Ich ſagte während deſſen zu Herbert, daß ich, auch wenn Provis ohne ſeinen Willen erkannt und ergriffen werden ſollte, mich als die, wenngleich unſchuldige, Urſache anſehen und elend fühlen würde,— elend, obgleich ich ſchon jetzt ſo unglücklich dadurch war, daß er ſich in Freiheit und in meiner Nähe befand, und ob⸗ gleich ich viel lieber mein ganzes Leben lang in der Schmiede hätte arbeiten wollen, als dieſes Schickſal haben. Allein durch Toben und heftige Ausbrüche ließ ſich die Frage, was zu thun ſei, nicht erledigen. „Das Erſte und Wichtigſte, was geſchehen muß,“ ſagte Herbert, „iſt, daß er aus England entfernt wird. Du wirſt ihn begleiten müſſen, wodurch er ſich vielleicht beſtimmen laſſen wird, zu gehen.“ „Aber wohin ich ihn auch bringen mag, kann ich verhindern, daß er zurückkehrt?“ „Mein guter Handel, iſt es nicht einleuchtend, daß du hier, mit Newgate in der nächſten Straße, viel mehr wagſt, wenn du ihm deine Abſichten mittheilſt, und ihn leichter zur Verzweiflung treibſt, als an einem andern Orte? Wie, wenn jener andere Sträfling, oder irgend ein Umſtand aus ſeinem Leben, als Vorwand benutzt werden könute, um ihn fortzuſchaffen?“ „Ja, da ſitzen wir wieder feſt!“ antwortete ich, vor Herbert ſtehen bleibend und ihm meine offenen Hände entgegenſtreckend, als wenn in ihnen das Verzweifelte der Sache läge.„Ich weiß nichts von ſeinem Leben. Es hat mich faſt wahnſinnig gemacht, wenn ich Abends hier ſaß und ihn vor mir ſah, der mit meinem Glück und Unglück ſo eng verbunden, und von dem mir deſſen ungeachtet nichts weiter bekannt iſt, als daß der Elende mich in meiner Kindheit zwei Feierſtunden 1864. —————— „Vollkommen, ſowie auch du es in meiner Stelle ſein würdeſt.“ „Und fühlſt dich überzeugt, mit ihm brechen zu müſſen?“ „Herbert, wie kannſt du fragen?“ „Und du hegſt, wie es deine Pflicht iſt, eine ſolche Rückſicht für ſein Leben, welches er um deinetwillen in Gefahr gebracht hat, daß du ihn, wenn es möglich iſt, verhindern mußt, es wegzuwerfen. Dann iſt es vor allen Dingen nöthig, ihn aus England zu entfer⸗ nen, ehe du daran denkſt, dich von ihm loszumachen. Sobald das geſchehen iſt, magſt du dich in Gottes Namen von ihm befreien, und dann wollen wir zuſammen überlegen, was weiter zu thun iſt, alter Junge.“ Es lag ein Troſt darin, uns, nachdem wir wenigſtens ſo weit gekommen waren, einander die Hände drücken und dann wieder auf und ab gehen zu können. „Nun, Herbert,“ ſagte ich,„was die erforderliche Kenntniß ſei nes früheren Lebens betrifft, ſo ſehe ich nur einen Weg, um ſie zu erlangen. Ich muß ihn geradezu fragen.“ „Ja, frage ihn,“ verſetzte Herbert,„wenn wir morgen beim Frühſtück ſitzen.“ Provis hatte nämlich, als er von Herbert Abſchied nahm, ge⸗ äußert, daß er kommen werde, um mit uns zu frühſtücken. Mit dieſem Entſchluſſe gingen wir zu Bett. Ich hatte die wil⸗ deſten Träume in Betreff ſeiner und erwachte endlich unerfriſcht,— erwachte, um von der Furcht, die mich während der Nacht verlaſſen hatte, wiederum ergriffen zu werden, daß er als ein vom Deporta⸗ tionsorte zurückgekehrter Sträfling entdeckt werde. Im wachenden Zuſtande quälte mich dieſe Furcht unaufhörlich. Zur beſtimmten Zeit kam er, zog ſein Meſſer aus der Taſche und ſetzte ſich an das Mahl. Die Pläne für„das glänzende Auf⸗ treten ſeines Gentleman“ beſchäftigten ihn ſehr, und er drängte mich, ſchnell mit dem Inhalte des Taſchenbuches zu beginnen, das er in meinem Beſitze gelaſſen hatte. Er ſah unſere Wohnung und die ſei⸗ nige nur als vorläufige an, und trug mir auf, mich ſchnell nach „einem faſhionabeln Lokale“ in der Nähe von Hyde Park umzuſehen, wo er ſich's bequem machen könne. Als er mit dem Eſſen fertig. war und daß Meſſer an ſeinem Bein wieder abſtrich, ſagte ich, ohne ein Wort der Einleitung, zu ihm: „Nachdem Sie uns geſtern Abend verlaſſen hatten, erzählte ich meinem Freunde von dem Kampfe, in welchem die Soldaten Sie auf dem Moorlande fanden, als wir hinzu kamen. Erinnern Sie ſich?“ „Ob ich mich erinnere?“ verſetzte er.„Ich glaube wohl.“ „Wir möchten gern etwas mehr über jenen Mann und über Sie wiſſen. Es iſt ſeltſam, daß ich nicht mehr darüber, und namentlich in Beziehung Ihrer weiß, als ich geſtern Abend erzählen konnte. Iſt nicht dieſe Zeit ſo gut wie jede andere, um es zu hören?“ „Gut!“ erwiederte er nach einiger Ueberlegung.„Pips Kame⸗ rad, Sie wiſſen, Sie haben zu ſchweigen geſchworen?“ „Allerdings!“ antwortete Herbert. „Ueber Alles, was ich ſage,“ fuhr er fort.„Der Eid bezieht ſich auf Alles.“ „So habe ich es verſtanden. „Und merken Sie wohl! Was ich auch gethan habe, Alles iſt gebüßt!“ bemerkte er mit beſouderem Nachdrucke. „Ganz richtig.“ Er zog ſeine ſchwarze Pfeife hervor und wollte ſie füllen, allein als er auf den Tabak in ſeiner Hand blickte, ſchien er zu denken, Tage lang mit Schrecken erfüllt hat!“ Herbert ſtand auf und legte ſeinen Arm in den meinigen, wor⸗ auf wir Beide, den Teppich ſtudirend, hin und her gingen. „Handel,“ ſagte Herbert, plötzlich ſtill ſtehend,„fühlſt du dich überzeugt, keine ferneren Wohlthaten von ihm annehmen zu können?“ daß das Rauchen ihn im Faden ſeiner Erzählung ſtören möchte. Er ſteckte deshalb den Tabak wieder ein, hing die Pfeife in ein Knopf⸗ loch ſeines Rockes, breitete eine Hand über jedes Knie, ſchaute einige Augenblicke finſter in das Feuer, dann auf uns, und begann folgende Erzählung. — — ſein würdeſt.“ nüſſen 2 eRücſſcht für racht hat, daß wegzuwerfen. ind zu entfer⸗ Sobald das befreien, und pun iſt, alter Mtens ſo weit in wieder auf 2 Kennvai ſei⸗ eg, um ſie zu morgen beim ied nahm, ge⸗ icken. hatte die wil⸗ merfriſcht,— ſjacht verlaſſen vom Deporta⸗ am wachenden aus der Taſche glänzende Auf⸗ er drängte wich, ten, das er in ng und die ſei⸗ f ſchnell nach ark unzuſehen, m Eſſen fertig „ſagte ich, ohne en, erzählte ich Soldaten Sie Erinnern Sie ube wohl.“ an und über Si und namentlich blen kounte 3 bren— .„Liys Kame⸗ 99 I! der Eid bezicht habe, Alles ſt Zweiundvierzigſtes Kapitel. „Lieber Junge und Sie, Pips Kamerad! Ich will Ihnen nicht mein Leben erzählen, wie es in einem Liede oder Geſchichtenbuche geſchieht, ſondern will es kurz und bündig, mit ein paar Worten geben. Es lautet: Im Gefängniß und aus dem Gefängniß, im Gefängniß und aus dem Gefängniß, im Gefängniß und aus dem Gefängniß! Da haben Sie es. So ungefähr war mein Leben bis zu der Zeit, als ich mit dem Schiffe abſegeln mußte, nachdem Pip mir als Freund gedient hatte. „Ich habe ſo ziemlich Alles durchgemacht, ausgenommen— das Hängen, bin ſo lange eingeſchloſſen worden wie ein ſilberner Thee⸗ keſſel,— bin hierhin gefahren worden und dahin,— aus dieſer Stadt vertrieben, und aus jener,— habe im Stock geſeſſen, und bin ge⸗ peitſcht, gequält und gejagt worden. Wo ich geboren bin, weiß ich eben ſo wenig wie Sie,— oder noch weniger. Als ich zum erſten Male meiner bewußt wurde, befand ich mich in Eſſex, und ſtahl Rüben für meinen Unterhalt. Irgend Jemand,— ein Mann, ein Keſſelflicker,— hatte mich verlaſſen und das Feuer mitgenommen, ſo daß ich ſehr fror. „Ich wußte, daß mein Name Magwitch, und mein Taufname Abel war. Woher ich es wußte? Aus derſelben Quelle, wie das, daß die Vögel in den Hecken Buchfink, Sperling und Droſſel heißen. Ich hätte es für eine Lüge halten können, allein da ſich die Vogelnamen als richtig erwieſen, ſo nahm ich an, daß es der meinige auch ſei. „So viel ich mich erinnere, gab es nie einen Menſchen, der ſich bei dem Anblicke des jungen Abel Magwitch, mit eben ſo wenig auf dem Leibe wie in dem Leibe, nicht vor ihm entſetzte, und ihn entweder fortjagte oder einſperren ließ. Ich wurde eingeſperrt, eingeſperrt, eingeſperrt, ſo daß ich förmlich dabei aufwuchs. „So kam es, daß ich ſchon als ein kleines zerlumptes Weſen, das ſo ſehr zu bemitleiden war, als ich je eins geſehen(ich will nicht ſagen, daß ich in einen Spiegel blickte, denn ich war noch ſelten in das möblirte Innere von Häuſern gekommen), für einen verhärteten Böſewicht galt. ‚Das iſt ein arger verſtockter Bube,“ ſagten die Schließer, auf mich deutend, zu Denjenigen, welche die Gefängniſſe beſuchten; zer bringt ſein Leben faſt nur in Gefängniſſen zu.’ Dann betrachteten die Leute mich, und ich betrachtete ſie, und ſie maßen meinen Kopf,— ſie hätten beſſer gethan, meinen Magen zu meſſen, — und Andere gaben mir Traktätchen, die ich nicht leſen konnte, und hielten Reden, die ich nicht verſtand. Immer ſprachen ſie zu mir vom Teufel. Aber was, zum Teufel, ſollte ich thun? Ich mußte doch meinem Magen etwas geben, nicht wahr?— Allein ich werde wieder gemein, und weiß doch, was ſich ſchickt. Lieber Junge und Sie, Pip's Kamerad, fürchten Sie nicht, daß ich wieder gemein ſein werde. „Indem ich mich alſo umhertrieb, bettelte, ſtahl, zuweilen arbeitete, wenn es ging,— obgleich das nicht ſo oft der Fall war, wie Sie vielleicht ggauben werden, bis Sie ſich fragen, ob Sie ſelbſt ſehr ge⸗ neigt geweſen ſein würden, mir Arbeit zu geben,— bald Wilddieb, bald Tagelöhner, bald Fuhrmann, bald Feldarbeiter, bald Hauſirer, kurz, Alles treibend, was nichts einbringt und in's Unglück führt,— ſo wuchs ich auf und wurde ein Mann. Ein deſertirter Soldat, der in der ‚Wanderers Ruhet, bis zum Kinn verſteckt, unter einem Haufen von Lumpen lag, lehrte mich leſen, und ein reiſender Rieſe, der ſeinen Namen für einen Penny ſchrieb, lehrte mich ſchreiben. Ich wurde jetzt nicht mehr ſo oft eingeſperrt, aber behielt immer noch einen guten Antheil am Schlüſſelmetall. „Auf dem Pferderennen bei Epſom, vor ungefähr zwanzig Jah⸗ ren, wurde ich mit einem Manne bekannt, deſſen Schädel ich mit dieſem Schüreiſen wie eine Krebsſchere zerſchlagen würde, wenn ich ihn hier hätte. Sein eigentlicher Name war Compeyſon, und es war derſelbe Mann, den du mich im Graben verarbeiten ſahſt, wie du es Feierſtunden. 1864. 421 geſtern Abend, uachdem ich fort war, deinem Kameraden ganz richtig erzählt haſt. „Dieſer Compeyſon gab ſich für einen Gentleman aus, und war in einer öffentlichen Schule erzogen worden, und hatte Etwas gelernt. Er konnte ſehr angenehm ſchwätzen, und wußte ſich einen vornehmen Anſtrich zu geben, und war auch hübſch von Geſicht. Am Abend vor dem großen Rennen war es, als ich ihn auf dem Platze in einem Zelte traf, das mir bekannt war. Er und einige Andere ſaßen an den Tiſchen, als ich eintrat, und der Wirth, der mich kannte und zu den Wettern gehörte,— rief ihn hinaus und ſagte: „Ich glaube, das iſt ein Mann, der für Sie paſſen würde,— womit er mich meinte. „Compeyſon blickte mich ſcharf an, und ich blickte ihn wieder an. Er trug eine Uhr und Kette, einen Ring, eine Bruſtnadel, und ſehr ſchöne Kleidung. „Nach Eurem Aeußeren zu ſchließen, geht es Euch nicht ſehr gut,' ſagte er. „Nein,' erwiederte ich, ‚es iſt mir noch nie ſehr gut gegangen. „Ich war eben erſt aus dem Gefängniſſe von Kingston entlaſſen worden, wo ich wegen Landſtreicherei geſeſſen hatte, obgleich es auch für etwas Anderes hätte ſein können; allein es war für nichts An⸗ deres. „Das Glück wechſelt häufig,“ ſagte Compeyſon; vielleicht wechſelt jetzt das Eurige auch.“ „Ich hoffe es,“ verſetzte ich, habe Platz genug.“ „Was könnt Ihr thun?e fragte Compeyſon darauf. „Eſſen und trinken,“ antwortete ich, zwenn Sie mir den Stoff liefern wollen. „Compeyſon lachte, blickte mich wieder ſehr ſcharf an, gab mir fünf Schihiinge, und beſtellte mich für den folgenden Abend nach dem⸗ ſelben Orte. „Ich ging am folgenden Abende wieder dahin, fand Compeyſon, und er nahm mich als ſeinen Gehülfen und Compagnon an. Und worin beſtand Compeyſon's Geſchäft, an dem wir Theilhaber waren? Es beſtand im Schwindeln, im Anfertigen falſcher Handſchriften, im Verbreiten geſtohlener Banknoten und dergleichen. Alle Arten von Fallen, die Compeyſon erdenken und legen konnte, um Vortheil dar⸗ aus zu ziehen, ſich ſelbſt davor zu bewahren, und Andere ſtatt ſeiner hinein zu führen,— das war Compeyſon's Geſchäft. Er hatte nicht mehr Herz als eine eiſerne Feile, war kalt wie der Tod, und beſaß den Kopf des Teufels, von dem ich vorher geſprochen. „Es war noch ein Anderer bei Compeyſon, der ſich Arthur nannte, — nicht daß es ſein Taufname, ſondern wahrſcheinlich ein Zuname war. Er litt an der Schwindſucht, und ſah aus wie ein Schatten. Er und Compeyſon hatten mehrere Jahre vorher einer reichen Dame einen böſen Streich geſpielt und viel Geld dabei gemacht; aber Com⸗ peyſon ſpielte und wettete, und würde eine königliche Steuerkaſſe durch⸗ gebracht haben. Alſo Arthur war dem Tode nahe, und blutarm, und in furchtbaren Fieberſchauern, und Compeyſou's Frau(die von ihrem Manne meiſt nur Stöße und Schläge bekam) nahm ſich ſeiner mit⸗ leidig an, wenn ſie konnte; aber Compeyſon hatte für nichts und für Niemand Mitleid. „Ich hätte an Arthur ein warnendes Beiſpiel nehmen können, aber that es nicht, denn ich war, ehrlich geſtanden, nicht ſehr be⸗ denklich. Was hätte es mir auch nützen können,— nicht wahr, lieber Junge? Ich fing alſo das Geſchäft mit Compeyſon an, und war ein jämmerliches Werkzeug in ſeinen Händen. Arthur wohnte im Dachgiebel von Compeyſon's Hauſe, welches dort drüben bei Brent⸗ ford lag, und Compeyſon führte eine genaue Rechnung über ſeine Koſt und Wohnung, damit er ſie abarbeiten könnte, wenn er je wie⸗ der geſund werden ſollte. Es war das zweite oder dritte Mal, daß ich ihn ſah, als er eines Abends ſpät in Compeyſon's Zimmer kam, ohne etwas Anderes anzuhaben, als ein flanellenes Nachtkleid, mit ſchweißtriefendem Haar, und zu Compeyſon's Frau ſagte: ——᷑—ÿ—ÿ—ͦ—ᷣ—ʒ—ͥ——— 422 „Sarah, ſie iſt richtig wieder oben bei mir, und ich kann ſie Sie iſt ganz weiß gekleidet, mit weißen Blumen i nicht los werden. V wahnſinnig, und hat ein Leichentuch am i im Haar, und iſt ſchrecklich ———— Feierſtunden. 1864. ————————— umherblickend.„Die Zeit bei Compeyſon war die ſchwerſte Zeit, die ch jemals gehabt; damit iſt Alles geſagt. Habe ich erwähnt, daß ch während derſelben wegen eines Vergehens allein vor Gericht ge⸗ Arme hängen, und ſagt, ſie wolle es mir morgen früh um fünf Uhr ſtellt wurde?“ überwerfen.“ „Aber Compeyſon ſagte darauf: „Wie, du Narr, weißt du denn nicht, Körper hat? Wie hätte ſie zu dir gelangen können, ohne durch Thür oder das Fenſter zu kommen und die Treppe hinauf zu gehen?⸗ „Ich weiß nicht, wie ſie dahin gekommen iſt, erwiederte Arthur, von furchtbaren Fieberſchauern geſchüttelt, ‚aber ſie ſteht in der Ecke, am Fuß des Bettes, und iſt ſchrecklich wahnſinnig. Und auf der Stelle, wo ihr Herz brach,— Du brachſt es,— da ſind Bluts⸗ die tropfen.“ „Compeyſon ſprach zwar ſehr muthig, ling.: aber war immer ein Feig— „Gehe mit dem kranken, faſelnden Menſchen hinauf,“ ſagte er zu ſeiner Frau, ‚und du, Magwitch, hilf ihr!' rief er mir zu; aber er ſelbſt kam ihm nicht nahe. „Compeyſons Frau und ich, wir brachten ihn wieder zu Bett, und er phantaſirte fürchterlich.„Sieh' ſie nur an! ſchrie er, ‚ſie droht mir mit dem Leichentuche! Siehſt du ſie nicht? Was für Au⸗ gen ſie hat! Iſt es nicht ſchrecklich, ſie ſo wahnſinnig zu ſehen?⸗ Dann rief er wieder: ‚Sie will es mir anziehen, und dann bin ich verloren! Nehmet es ihr fort, nehmet es ihr fort!’ Und dann klammerte er ſich an uns und ſprach und antwortete ihr, bis ich 4 ſelbſt faſt zu ſehen glaubte. „Compeyſons Frau, welche an ihn gewöhnt war, gab ihm Et⸗ was ein, um das Fieber zu mäßigen, und nach einiger Zeit wurde er ruhiger. ‚Oh, ſie iſt fort!“ ſagte er; ziſt ihr Wärter hier gewe⸗ ſen?„Ja,“ erwiederte die Frau. ‚Haben Sie ihm geſagt, daß er ſie einſchließen und einriegeln laſſen ſolle?„Ja.“ ‚Und ihr das häßliche Ding wegzunehmen? Ja, ja, Alles beſorgt.: ‚Sie ſind ein gutes Weſen,“' ſagte er darauf; ‚verlaſſen Sie mich nur nicht!' „Er blieb ziemlich ruhig liegen, bis es wenige Minuten vor fünf Uhr war; dann ſprang er mit einem lauten Schrei empor und rief: ‚Da iſt ſie! Sie hat wieder das Leichentuch! Sie entfaltet es! Da, ſie kommt aus der Ecke hervor,— an das Bett! Haltet mich — haltet mich Beide,— leidet nicht, daß ſie mich damit berühre! Ha, dieſes Mal hat ſie mich verfehlt! Leidet nicht, daß ſie mir es überwerfe,— daß ſie mich aufhebe, um es mir umzuſchlagen! Ha, — ſie hebt auf! Haltet mich feſt!' Und dann richtete er ſich gerade auf und ſank todt zurück. „Compeyſon nahm den Todesfall ſehr leicht und ſah ihn als eine beiden Theilen wohlthätige Befreiung an. Er und ich, wir daß ſie einen lebendigen uetheilt. die ich bei ihm zubrachte, zwei⸗ oder dreimal verhaftet, aber es fehlte an Beweiſen. geklagt, geſtohlene Banknoten in Umlauf geſetzt zu haben. Compey⸗ ſon ſagte zu mir: ‚Jeder muß ſich beſonders vertheidigen laſſen,— keine Communikation!’ Das war Alles. Ich war aber ſo entſetzlich arm, daß ich alle meine Kleider verkaufen mußte, die allein ausge⸗ nommen, welche ich auf dem Körper trug, um Mr. Jaggers gewin⸗ nen zu können. ffängniſſen wohl bekannt war? „Nein,“ entgegnete ich. „Gut!“ fuhr er fort,„ich wurde vor Gericht geſtellt und ver⸗ Wegen Verdachts wurde ich in den vier oder fünf Jahren⸗ Endlich wurden wir Beide, Compeyſon und ich, an⸗ „Als wir Beide vor die Schranken traten, wurde ich erſt deut⸗ lich gewahr, wie fein Compeyſon ausſah, mit ſeinem krauſen Haar, dem ſchwarzen Anzug und ſeinem weißen Taſchentuche, und wie ge⸗ mein ich dagegen. Während die Anklage verleſen und die Beweiſe angeführt wurden, bemerkte ich, wie Alles auf mich ſo ſchwer und auf ihn ſo leicht fiel; und als die Zeugen verhört wurden, ſah ich deutlich, wie ich es ſtets war, der geſehen worden, dem das Geld gezahlt worden, und der ſcheinbar die ganze Sache betrieben und den Gewinn gehabt hatte. Als jedoch die Vertheidigung kam, durchſchaute ich den Plan noch deutlicher, denn Compeyſons Anwalt ſprach folgen⸗ dermaßen: „Mylord und Gentlemen! Hier ſtehen neben einander zwei Perſonen vor Ihnen, zwiſchen denen Sie einen in die Augen fallen⸗ den Unterſchied erkennen werden. Der Eine, der Jüngere, iſt gut erzogen und als ſolcher bekannt; der Andere ſchlecht erzogen und als ein verdorbener Menſch bekannt. Der Erſtere iſt ſelten oder nie in dieſen Verhandlungen geſehen worden und befindet ſich nur unter Verdacht; der Letztere iſt ſtets darin geſehen und verurtheilt worden. Können Sie, wenn nur ein Schuldiger in der Sache iſt, zweifelhaft ſein, welcher von Beiden es ſei? Und wenn Zwei dabei betheiligt ſind, welcher der Schlimmſte ſei? „So ungefähr ſprach er, und als es zur Prüfung des Leumun⸗ des kam, war es da nicht Compeyſon, der auf der Schule geweſen war und Schulkameraden in dieſer und jener hohen Stellung hatte, und war er es nicht, den viele Zeugen in dieſen und jenen Klubs und Geſellſchaften gekannt hatten und von dem ſie nichts Nachtheili⸗ ges zu ſagen wußten? Und war ich es dagegen nicht, der ſchon vorher in Unterſuchung geweſen und in allen Zuchthäuſern und Ge⸗ Und als es zum Redehalten kam, war es da nicht Compeyſon, der gut ſprechen konnte und ſein Ge⸗ waren bald zuſammen in Geſchäften; aber erſt ließ er mich auf mein ſicht alle Augenblicke in das weiße Taſchentuch ſinken ließ,— und 5 h auf) 9 eigenes Buch ſchwören,(denn er war immer ſchlau)— hier auf dieſes kleine Buch, auf das ich deinen Kameraden habe ſchwören laſſen. „Um nicht alle Pläne zu erwähnen, die von Compeyſon erſon⸗ Geſchworenen ihren Wahrſpruch gaben, nen und von mir ausgeführt wurden,— was eine ganze Woche in wegen ſeines guten Leumundes, Anſpruch nehmen würde,— will ich nur ſagen, lieber Junge, und ſchaft verführt Sie, Pips Kamerad, daß dieſer Mann mich in Netze verſtrickte, welche mich förmlich zu ſeinem Sklaven machten. Ich war ihm immer ſchuldig, immer unter ſeinem Daumen, mußte fortwährend für ihn arbeiten, und ſchwebte immer in Gefahr. Er war jünger als ich, aber verſchlagen und gelehrt, mir mehr als fünfhundertmal überlegen, und hatte kein Erbarmen. Meine Madam, mit der ich die böſe Zeit hatte,— doch halt!— ich habe von ihr noch nichts geſagt—“ Er ſchaute ſich verwirrt um, als wenn er die richtige Stelle im Buche ſeiner Erinnerung verloren hätte, wandte dann das Geſicht dem Feuer zu, breitete ſeine Hände auf den Knieen weiter aus, hob ſie auf und legte ſie wieder hin. „Es iſt nicht nöthig, davon zu reden,“ ſagte er, noch einmal ſeine Worte mit Verſen auszuſchmückeu wußte? Und war ich es nicht, der nichts weiter vorzubringen vermochte, als:„Meine Herren, Mann an meiner Seite iſt ein großer Schurke!' Und als die war es nicht Compeyſon, der und weil er von ſchlechter Geſell⸗ worden war und Alles gegen mich angegeben hatte, der Gnade empfohlen wurde? Und war ich es nicht, der über ſich nichts weiter hörte, als das Wort: Schuldig! Und als ich zu Com⸗ peyſon ſagte: Laß uns nur aus dieſem Gerichtshofe kommen, dann will ich dir das Geſicht zerſchlagen! war er es da nicht, welcher den Richter bat, ihn zu ſchützen, ſo daß zwei Schließer zwiſchen uns gehen mußten? Und als das Urtheil geſprochen wurde, bekam er da nicht ſieben Jahre, und ich vierzehn? und war er es nicht, über den der Nichter ſein Bedauern ausſprach, weil er in der Welt ſo gut hätte fortkommen können, und war ich nicht wieder derjenige, den der Rich⸗ ter nur einen verſtockten Verbrecher von zügelloſen Leidenſchaften nannte, einen Menſchen, mit dem es wahrſcheinlich ein noch ſchlim⸗ meres Ende nehmen werde?“ dieſer — 1 al ni und nach ich wer ſchn der Leu und ſei, in tirt. ond —₰½ iſte Zeit, die rwähnt, daß Gericht ge⸗ fellt und ver⸗ fünf Jahren, aber es fehlt Und ich, an⸗ 1. Compeh⸗ laſſen,— ſo entſetzlich adan ausge Cgerd gewin ich erſt deut⸗ krauſen Haak, „und wie ge⸗ d die Beweiſe ſo ſchwer und irden, ſah ich dem das Geld eben und den „durchſchaute ſprach folgen⸗ enander zwei Augen fallen⸗ mgere, iſt gut rzogen und als en oder nie in ſich nur unter rtheilt worden. iſt, weifelhaft dabei betheiligt ig des Leumun⸗ Schule geweſen Ztellung hatte, d jenen Klubs hts Nachtheil⸗ ich, der ſchon uſern und Gt⸗ Redehalten kam, n ließ/ 3 und wer ich 6s heine Herren, nd als die 13 Compeyſon,, lechter Geſen⸗ Feierſtun Er hatte ſich in eine heftige Aufregung hinein gearbeitet, aber unterdrückte ſie, holte mehrere Male kurz Athem, und reichte mir ſeine Hand, indem er in beruhigendem Tone ſagte: „Lieber Junge, ich werde nicht wieder gemein ſein!“ Er war ſo erhitzt, daß er das Taſchentuch herausziehen und ſich das Geſicht, den Kopf, den Hals und die Hände trocknen mußte, ehe er fortfahren konnte. „Ich hatte zu Compeyſon geſagt, daß ich ihm das Geſicht zer ſchlagen würde, und ich ſchwor, daß Gott das meinige zerſchmettern ſolle, wenn ich es nicht thäte. Wir wurden auf daſſelbe Sträflings ſchiff gebracht, aber ich konnte lange nicht in ſeine Nähe kommen, obgleich ich mir alle Mühe gab. Endlich gelang es mir, dicht hinter ihm zu ſtehen, und ich berührte ſeine Backe, damit er ſich umdrehen möchte und damit ich ihm mit aller Kraft in das Geſicht ſchlagen könnte; allein ich wurde geſehen und ergriffen. Das ‚ſchwarze Loch' war für einen Kenner ſolcher Lokale, der zugleich ſchwimmen und tauchen konnte, kein ſehr feſtes. Ich entkam deshalb an das Ufer und verbarg mich daſelbſt unter den Gräbern, deren Bewohner ich beneidete, weil mit ihnen Alles vorbei war, als ich dort meinen lieben Jungen zum erſten Mal ſah!“ Er betrachtete mich mit einem zärtlichen Blicke, der mir von Neuem Abſcheu gegen ihn einflößte, obgleich ich jetzt großes Mitleid für ihn empfunden hatte. „Von meinem lieben Jungen erfuhr ich dann, daß Compeyſon auch auf dem Moorlande ſei. Meiner Treue, ich glaube, er war aus Furcht vor mir vom Schiffe entflohen, ohne zu ahnen, daß ich mich auch am Ufer befand. Ich ſuchte ſeine Spur und fand ihn und zerſchlug ihm das Geſicht. ‚Und nun,“ ſagte ich, will ich dich nach dem Schiffe zurückſchleppen, deun das iſt das Schlimmſte, was ich dir anthun kann, und mir iſt Alles gleich!’ Ich würde auch, wenn es dazu gekommen wäre, mit ihm nach dem Schiffe zurückge⸗ ſchwommen ſein, ihn an den Haaren nachgezogen und ohne Hülfe der Soldaten an Bord gebracht haben. „Natürlich kam er auch hier am beſten davon,— denn ſein Leumund war ja ſo gut. Er hatte ſich geflüchtet, weil er durch mich und meine mörderiſchen Abſichten in ſo große Angſt verſetzt worden ſei, hieß es, und ſeine Strafe war deshalb leicht. Ich dagegen wurde in Eiſen gelegt, wieder vor Gericht geſtellt und für Lebenszeit depor⸗ tirt. Aber ich blieb nicht mein ganzes Leben lang dort, lieber Junge, ſondern bin hier.“ Er trocknete ſich wieder, wie vorher, den Schweiß ab und zog dann langſam ſeinen Tabak aus der Taſche, nahm die Pfeife aus dem Knopfloche, füllte ſie, und begann zu rauchen. „Iſt er todt?“ fragte ich nach einer Pauſe. „Wer? mein lieber Junge.“ „Compeyſon.“ „Wenn er noch lebt, ſo hofft er gewiß wenigſtens, daß ich es ſei,“ erwiederte er mit einem wilden Blicke.„Ich habe nie wieder von ihm gehört.“ Während deſſen hatte Herbert etwas mit einer Bleifeder auf den inneren Umſchlag eines Buches geſchrieben. Da Provis rauchend ſeine Augen auf das Feuer gerichtet hielt, ſo ſchob er mir das Buch leiſe zu, und ich las folgende Worte: „Des jungen Havishams Name war Arthur. Compeyſon iſt ‚der Mann, welcher Miß Havisham fälſchlich Liebe geſchworen hatter.“ Ich nickte, machte das Buch zu und legte es bei Seite; aber keiner von uns Beiden ſprach ein Wort, und wir betrachteten nur Provis, der rauchend vor dem Feuer ſtand. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Weshalb ſoll ich mich bei der Frage aufhalten, wie viel von meinem Widerwillen gegen Provis den Empfindungen zuzuſchreiben geweſen ſei, welche ich für Eſtella hegte? Warum ſoll ich auf meinem — den. 1864. 423 Pfade zögern, um den Gemüthszuſtand, in welchem ich mich von dem befleckenden Hauche des Gefängniſſes zu befreien verſucht hatte, ehe ich Eſtella auf dem Poſthofe empfing, mit demjenigen zu vergleichen, in welchem ich jetzt über die weite Kluft nachdachte, die zwiſchen Eſtella, in ihrem Stolz und ihrer Schönheit, und dem zurückgekehr⸗ ten Verbrecher lag, den ich beherbergte? Der Pfad würde dadurch nicht ebener werden, das Ende nicht beſſer, ihm würde dadurch nicht geholfen und mein Loos nicht gemildert werden. Seine Erzählung hatte eine neue Beſorgniß in mir erweckt oder vielmehr einer ſchon in mir vorhandenen Beſorgniß Geſtalt und Be⸗ deutung gegeben. Wenn Compeyſon noch lebte und die Rückkehr von Provis entdeckte, ſo konnte ich nicht zweifelhaft über die Folgen ſein. Daß Erſterer Todesfurcht vor ihm empfand, wußte ich ſo gut, wie es jeder von ihnen Beiden nur wiſſen konnte; und daß ein Mann, wie Compeyſon, Anſtand nehmen würde, ſich von einem gefürchteten Feinde durch das ſichere Mittel der Denunciation für immer zu be⸗ freien, war nicht denkbar. Nie hatte ich Eſtella's gegen Provis mit einer Sylbe erwähnt, und war feſt entſchloſſen, es nie zu thun. Aber ich ſagte zu Herbert, daß ich vor der Reiſe in das Ausland nothwendig Eſtella und Miß Havisham noch einmal beſuchen müſſe. Dies geſchah an jenem Abende, an dem Provis uns ſeine Geſchichte erzählt hatte, als iche mit Herbert allein war. Ich beſchloß, am folgenden Tage nach Rich mond zu gehen, und ging. Bei meiner Ankunft in Mrs. Bradley’s Hauſe zeigte mir Eſtel la's Kammermädchen an, daß ſie auf das Land gegangen ſei. „Wohin?“ fragte ich. „Nach Miß Havishams Hauſe, wie gewöhnlich,“ lautete die Antwort. „Nicht wie gewöhnlich,“ bemerkte ich,„denn ſie iſt noch nie ohne mich dahin gegangen. Wann wird ſie zurückkommen?“ Die Erwiederung des Mädchens wurde mit einer Zurückhaltung gegeben, welche meine Unruhe noch vermehrte, und lautete dahin, daß ſie überhaupt nur noch für kurze Zeit zurückkommen werde. Wie ich dies verſtehen ſollte, wußte ich nicht, aber ſah ein, daß es mir abſichtlich unverſtändlich bleiben ſollte, und ging ſehr niedergeſchlagen nach Hauſe. Eine zweite Berathung mit Herbert, nachdem Provis heimge gangen war(ich brachte ihn immer ſelbſt nach ſeiner Wohnung und ſah mich dabei ſtets vorſichtig um), führte zu dem Beſchluſſe, daß von der beabſichtigten Reiſe nichts erwähnt werden ſolle, bis ich von Miß Havisham zurückgekehrt ſei. Inzwiſchen wollten wir, Herbert und ich, jeder für ſich überlegen, was am zweckmäßigſten geſagt wer⸗ den könne; ob der Vorwand benutzt werden ſolle, daß wir fürchteten, Provis werde beobachtet, oder ob ich, da ich noch nie im Auslande geweſen, aus dieſem Grunde die Reiſe in Vorſchlag bringen ſolle. Wir wußten Beide, daß er ſich allen Vorſchlägen von meiner Seite fügen würde, und waren darüber einverſtanden, daß er in ſeiner jetzigen ſo gefährlichen Lage nicht länger bleiben dürfe. Am folgenden Tage beging ich die Niedrigkeit, vorzugeben, daß ich Joe verſprochen habe, ihn zu beſuchen; allein ich war gegen Joe und ſeinen Namen faſt jeder Niedrigkeit fähig. Provis ſollte wäh⸗ rend meiner Abweſenheit ſehr vorſichtig ſein, und Herbert ſollte für ihn ſorgen, wie ich es bisher gethan. Ich verſprach, nur eine Nacht auszubleiben, und bei meiner Rückkehr ſollte mit der Erfüllung ſei⸗ nes Wunſches, mich als einen Gentleman in größerem Maßſtabe auftreten zu ſehen, begonnen werden. Es fiel mir dabei ein, und, wie ich ſpäter hörte, meinem Freunde Herbert ebenfalls, daß der beſte Vorwand, um ihn über das Waſſer zu ſchaffen, der ſein dürfte, ge⸗ wiſſe Einkäufe machen zu wollen. Nachdem ich für meine Ausflucht zu Miß Havisham auf dieſe Weiſe den Weg gebahnt hatte, fuhr ich, ehe es noch Tag war, mit der erſten Kutſche ab, und befand mich ſchon auf der offenen Landſtraße, ehe der Morgen, von dicken Wolken und Nebelſtreifen umhüllt, langſam 424 anbrach. Als wir nach einer regneriſchen Fahrt vor dem„Blauen Eber“ hielten, ſah ich zu meinem nicht geringen Erſtaunen Bentley Drummle, mit dem Zahnſtocher in der Hand, aus dem Thorwege treten, um die Kutſche zu betrachten. A Da er ſich den Schein gab, als wenn er mich nicht ſähe, ſo that ich daſſelbe. Die Verſtellung war auf beiden Seiten eine ziemlich lahme, und zwar um ſo mehr, als wir Beide in das Gaſtzimmer gingen, wo er ſein Frühſtück bereits beendet hatte und ich das mei⸗ nige genießen wollte. Es war Gift für mich, ihn in dieſem Orte zu ſehen, denn ich wußte ſehr wohl, weßhalb er dahin gekommen 6 war. Scheinbar eine alte, beſchmutzte Zeitung leſend, auf deren Sei⸗ 3 6 ten nichts deutlicher erkennbar war, als die zahlloſen, von Kaffee, Saucen, Butter und Wein herrührenden Flecke, welche ihre Spalten bedeckten, ſaß ich an einem Tiſche, während er vor dem Feuer ſtand. Allmälig begann es mir als eine grobe Unart zu erſcheinen, daß er den Platz vor dem Kaminfeuer ausſchließlich einnahm, und ich ſtand auf, feſt entſchloſſen, meinen Antheil daran zu haben. Ich mußte, als ich an den Kamin trat, meinen Arm dicht hinter ſeine Beine durchſchieben, um das Schüreiſen faſſen zu können und das Feuer damit zu ſchüren, aber that dennoch, als kenne ich ihn nicht. „Soll das eine Beleidigung ſein?“ fragte Mr. Drummle. „Oh,“ erwiederte ich, mit dem Schüreiſen in der Hand,„ſind Sie es? Wie geht es? Ich wunderte mich, wer es ſein könnte, der ſo das Feuer für ſich allein in Anſpruch nehme.“ Nach dieſen Worten begann ich wüthend zu ſchüren, und pflanzte mich darruf dicht neben Mr. Drummle, mit dem Rücken gegen das Feuer. „Sie ſind ſoeben erſt angekommen?“ fragte Mr. Drummle, indem er mich mit ſeiner Schulter ein wenig auf die Seite ſchob. „Ja,“ antwortete ich, den Druck mit meiner Schnlter erwie⸗ dernd. „Ein abſcheuliches Neſt,“ bemerkte Mr. Drummle,—„ Heimath, wenn ich nicht irre?“ Ja,“ verſetzte ich,„die Gegend ſoll mit Shropſhire viel Aehn⸗ hre lichkeit haben.“ „Nicht die geringſte,“ entgegnete er. und ich auf die meinigen, und dann blickte er au und ich auf die ſeinigen. keinen Zoll breit am Feuer zu weichen. „8 indem er that, al ſchloſſen behauptete, wie ich. „Werden Sie lange hier bleiben?“ „Kann es nicht ſagen,“ antwortete Drummle.„Und Sie?“ „Kann es nicht ſagen,“ erwiederte ich. meinem Blute, daß ich, wenn Drummle's Schulter noch um eir Feuer geſchleudert haben würde; aber ebenſo, daß Drummle, wenn Seite geſtoßen haben würde. daſſelbe. „Vermuthlich viel Moorland hier in der Gegend?“ fragte er. „Ja. Wozu die Frage?“ erwiederte ich. Mr ſagte:„Oh!“ und lachte. „Sie ſcheinen in ſehr guter Laune zu ſein, Mr. Drummle?“ „Nicht beſonders,“ erwiederte er. Schenken,— Schmieden— und dergleichen. Kellner!“ Feierſtunden. 1864. „Zu Befehl, mein Herr.“ „Iſt mein Pferd in Bereitſchaft?“ „Es ſteht ſchon vor der Thür.“ „Merket wohl! Die Dame will heut' nicht reiten; ihr nicht zu.“ „Sehr wohl.“ „Und ich werde heut' nicht hier zu Mittag ſpeiſen, weil ich bei der Dame ſpeiſe.“ „Sehr wohl.“ Dann warf Drummle, mit frechem Triumphe in ſeinem großen Fiſchgeſichte, einen Blick auf mich, der, ſo dumm der Menſch auch war, mir einen Stich in das Herz gab und mich dergeſtalt aufbrachte, daß ich große Luſt fühlte, ihn in meine Arme zu nehmen und auf das Kohlenfeuer zu ſetzen. Eins war uns Beiden klar, und das war, daß weder ich noch er von dem Feuer weichen könne, ſo lange nicht Jemand kam, um uns abzulöſen. Da ſtanden wir, Schulter an Schulter, Fuß an Fuß, die Hände hinter uns haltend, und wichen keinen Zoll. Das Pferd ſtand, wie wir ſehen konnten, draußen im Regen vor der Thür, mein Frühſtück war aufgetragen, Drummle's abgeräumt, der Kellner lud mich ein, anzufangen, ich nickte, aber wir blieben Beide feſt wie das Wetter ſagt Nach dieſen Worten ſchaute Mr. Drummle auf ſeine Stiefel f meine Stiefel halte ſie für keine angenehme.“ ange genug, um deſſen überdrüſſig zu ſein,“ erwiederte er, s wenn er gähne, aber ſeinen Platz eben ſo ent⸗ mehr zwiſchen uns anzuknüpfen.“ In dieſem Momente fühlte ich durch ein gewiſſes Stechen in 1 Haar breit mehr Raum in Anſpruch genommen hätte, ihn in das 1 meine Schulter ſich eine ähnliche Freiheit erlaubt hätte, mich auf die nicht reiten will, und daß ich Er pfiff ein Stückchen, und ich that ſpeiſe.“ „Ich will einen Spazierritt zu verlaſſen. machen und zu meiner Unterhaltung das Moorland in Augenſchein Wort weiter gehen konnten, ohne Eſtella's Namen zu erwähnen, den nehmen. Es ſoll dort abgelegene Dörfer geben,— ſonderbare kleine ich von ſeinen Lippen nicht hören mo mit Gewalt Schweigen auflegend, auf die gegenüber befindliche Wand. die Mauern ſtehen. „Sind Sie ſeitdem im ‚Haine’ geweſen?“ fragte Drummle. „Nein,“ entgegnete ich,„mein letzter Beſuch bei den Finken hat mir die Luſt genommen.“ 1 „War das damals, als eine Meinungsverſchiedenheit zwiſchen entſtand?“ „Ja,“ erwiederte ich ganz kurz. „Nun, nun, Sie kamen damals leicht genug davon,“ ſpottete Drummle;„Sie hätten nicht hitzig werden ſollen.“ „Mr. Drummle,“ entgegnete ich,„Sie ſind nicht befähigt, mir in dieſer Beziehung Rath zu ertheilen. Wenn ich hitzig werde(wo⸗ mit ich durchaus nicht zugeben will, es damals geweſen zu ſein), ſo werfe ich mindeſtens nicht mit Gläſern um mich.“ „Aber ich thue es,“ verſetzte Drummle. Nachdem ich ihn ein paar Male mit ſteigender Wuth angeblickt hatte, ſagte ich: „Mr. Drummle, ich habe dieſe Unterhaltung nicht geſucht und uns „J ch eben ſo wenig,“ erwiederte er, verächtlich über die Schul⸗ 7 g)— „Sind Sie ſchon lange hier?“ fragte ich, feſt entſchloſſen, ihm ter blickend;„übrigens iſt ſie mir ganz gleichgültig.“ „Aus dieſem Grunde,“ fuhr ich fort,„würde ich, mit Ihrer Erlaubniß den Vorſchlag machen, in Zukunft keine Unterhaltung „Ganz damit einverſtanden,“ ſagte Drummle,„gerade das, was ich auch vorgeſchlagen, oder vielmehr, ohne Vorſchlag gethan haben würde. Aber verlieren Sie nicht wieder Ihre Faſſung. Haben Sie nicht ohnedies ſchon genug verloren?“ „Was ſoll das heißen?“ „Kellner!“ rief Drummle ſtatt der Antwort. Der Kellner erſchien. „Merket wohl,“ wiederholte er,„daß die junge Dame heut' bei der jungen Dame heut' zu Mittag „Ganz wohl,“ verſetzte der Kellner. 3 Nachdem der Kellner meine faſt erkaltete Theekanne mit der Hand befühlt, mir einen bittenden Blick zugeworfen hatte und dann hinaus⸗ .Drummle ſah mich an, blickte dann auf meine Stiefel, gegangen war, zog Drummle, ohne jedoch ſeine neben mir befindliche Schulter im Geringſten zu bewegen, eine Cigarre aus der Taſche und biß die Spitze ab, aber verrieth keine Neigung, ſeine Stellung Vor Wuth faſt erſtickend, fühlte ich, daß wir um kein chte, und blickte deßhalb ſtarr, mir 26 — günſ und ten; das Wetter ſen, weil ich bi ſeinem großen er Menſch auch ſtalt aufbrachte, nhmen und auf ß weder ich voch emand kam, um ter, Fuß an Fuß, Zoll. Das Pferd n vor der Thür, äumt, der Kellmr en Beide fiſt wie te Drummle. den Finken hat ꝛdenheit zwiſchen dovon,“ ſpottete icht befähigt, mir hitzig werde(wo⸗ eeſen zu ſein), ſo t Woth angeblick nicht geſucht und hüber d 1 ie Schul⸗ 1 4& rer de ich, wit Ihre ine Unterhaltung „Dame heut zunge 2. din eut z Mittas ne 26 —————————— „ günſtiges Licht bei ihr ſtellte. Kurze Zeit blickte ſie mich ſcharf an, und ſagte dann ruhig: „Was verlangſt du für ſie?“ „Ich wollte nur verhindern,“ war meine Antwort,„daß Sie Jene mit den Anderen auf gleiche Stufe ſtellen. Sie mögen von demſelben Blute ſein, aber, glauben Sie mir, nicht von derſelben Gemüthsart.“ Mich noch immer ſcharf anblickend, wiederholte Miß Havisham: „Was verlangſt du für ſie?“ „Ich bin nicht verſchlagen genug,“ antwortete ich, etwas errö⸗ thend,„um Ihnen, ſelbſt wenn es meine Abſicht wäre, verbergen zu können, daß ich wirklich etwas für ſie erbitten möchte. Miß Ha⸗ visham, wenn Sie eine Summe Geldes anwenden wollten, um mei⸗ nem Freunde Herbert einen Dienſt zu leiſten, der von Einfluß für ſein ganzes Leben ſein würde, aber der ihm aus beſonderen Grün⸗ den unbekannt bleiben muß, ſo könnte ich Ihnen ſagen, auf welche Weiſe.“. „Weßhalb muß es ohne ſein Wiſſen geſchehen?“ fragte ſie, ſich mit den Händen auf ihren Stock ſtützend, um mich deſto aufmerk⸗ ſamer betrachten zu können. „Weil ich ſeit länger als zwei Jahren begonnen habe,“ erwie⸗ derte ich,„ihm dieſen Dienſt ſelbſt zu leiſten, und nicht gern verra⸗ then werden möchte. Aus welchem Grunde es mir nicht möglich iſt, den begonnenen Dienſt zu vollenden, kann ich nicht ſagen, da es einen Theil jenes Geheimniſſes bildet, welches nicht mir, ſondern einem Anderen gehört.“ Allmählig zog ſie ihre Augen von mir ab, und richtete ſie auf ddas Feuer. Nachdem ſie einige Zeit, die mir in der Stille des Zim⸗ mers ziemlich lang erſchien, hinein geblickt hatte, erwachte ſie plötzlich Naus ihrem Sinnen durch das Zuſammenfallen eines glühenden Koh⸗ lenhaufens und ſchaute wieder zu mir auf,— anfangs mit etwas aopbweſendem Ausdrucke, aber bald geſammelter. Während deſſen ſtrickte Eiſtella ohne Unterbrechung fort. Als Miß Havisham ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit wieder auf mich gerichtet hatte, ſagte ſie in einem Tone als wenn unſer Geſpräch durch nichts unterbrochen worden wäre: „Was weiter?“ „Eſtella,“ erwiederte ich, mich jetzt an ſie wendend, und bemüht, mmeeine bebende Stimme zu befeſtigen,„Sie wiſſen, daß ich Sie liebe. Sie wiſſen, daß ich Sie ſchon lange innig geliebt habe.“ Sie ſchlug bei dieſer Anrede ihre Augen zu mir auf, aber ihre Hände ſetzten die Arbeit fort, und ſie ſah mich an, ohne die geringſte In ewegung zu verrathen. Während deſſen ſtreiften Miß Havishams Blicke, wie ich bemertte, von mir auf ſie, und von ihr auf mich. „Ich würde dies früher geſagt haben, wenn ich mich nicht lange zeit in einem großen Irrthume befunden hätte. Er verleitete mich u der Annahme, daß Miß Havisham uns für einander beſtimmt abe. So lange ich glaubte, daß Sie von Ihrem eigenen Willen icht unabhängig ſeien, nahm ich Anſtand, es auszuſprechen. Jetzt ber muß ich es ſagen.“ Sie ſchüttelte den Kopf, aber ihr Geſicht blieb unverändert, und re Finger ſetzten die bisherige Arbeit fort. „ Ich weiß, ich weiß, Eſtella,“ ſagte ich als Antwort auf dieſe ewegung,„daß ich keine Hoffnung habe, Sie jemals mein zu nen⸗ n. Was vielleicht ſehr bald aus mir werden wird, wie arm ich n werde, und wohin ich werde gehen müſſen,— der Himmel mag wiſſen! Aber ich liebe Sie, und habe Sie vom erſten Augenblicke ſerer Begegnung in dieſem Hauſe geliebt.“ Mich vollkommen ruhig anblickend und emſig fort arbeitend, ittelte ſie wieder mit dem Kopfe. „Es würde grauſam von Miß Havisham geweſen ſein, entſetz⸗ grauſam, mit der Empfänglichkeit eines armen Knaben zu ſpielen ihn all' dieſe Jahre hindurch in der Qual einer eitlen Hoffnung eines vergeblichen Strebens zu laſſen, wenn ſie die ganze Be⸗ — ——— „ 1 Feierſtunden. 1864. ——’O;OO Zweifel nicht eingeſehen. In ihrem eigenen Leiden vergaß ſie wahr⸗ ſcheinlich das meinige, Eſtella.“ Ich ſah Miß Havisham die Hand auf das Herz legen und dort feſt halten, während ſie abwechſelnd auf mich und Eſtella blickte. „Es ſcheint mir,“ erwiederte Eſtella ganz ruhig,„daß es Em⸗ pfindungen gibt, Phantaſien,— ich weiß nicht, wie ich ſie nennen ſoll,— die ich außer Stande bin zu verſtehen. Wenn Sie ſagen, Sie lieben mich, ſo ſind mir die Worte wohl klar, aber nur in ihrer formellen Bedeutung. Hier, in meiner Bruſt, berühren ſie nichts. Ich kümmere mich um nichts, was Sie ſagen. Habe ich Sie nicht davor gewarnt?“ „Ja,“ erwiederte ich in traurigem Tone. „Ja. Aber Sie wollten ſich nicht warnen laſſen, weil Sie glaub⸗ ten, es ſei nicht mein Ernſt. Iſt es nicht ſo?“ „Ich glaubte und hoffte, daß es nicht Ernſt bei Ihnen ſei,— bei Ihnen, einem ſo jungen, ſchönen und unerfahrenen Weſen. Oh, es liegt nicht in der menſchlichen Natur!“ „Aber in der meinigen,“ entgegnete ſie, und fügte dann mit beſonderem Nachdrucke hinzu:„Es liegt in der Natur, die in mir gebildet worden iſt. Wenn ich das ſage, ſo mache ich einen großen Unterſchied zwiſchen Ihnen und Anderen. Mehr kann ich nicht thun.“ „Iſt es nicht wahr,“ ſagte ich, daß Bentley Drummle ſich hier im Orte befindet und Sie verfolgt?“ „Vollkommen wahr,“ antwortete ſie bei der Erwähnung ſeines Namens mit kalter Verachtung. „Und daß Sie ihm freundlich entgegen kommen, mit ihm aus⸗ reiten und heute mit ihm zu Mittag ſpeiſen werden?“ „Ganz wahr,“ wiederholte ſie, obgleich etwas erſtaunt darüber, daß ich ſo viel wußte. „Unmöglich können Sie ihn lieben, Eſtella!“ Zum erſten Male hielten ihre Finger mit der Arbeit an, indem ſie etwas gereizt erwiederte: „Was habe ich Ihnen geſagt? Glauben Sie deſſen ungeachtet noch immer, daß ich das nicht meine, was ich ſage?“ „Sie werden ihn doch nie heirathen, Eſtella?“ Miß Havisham anblickend, überlegte ſie einen Augenblick, mit der Arbeit in den Händen, und verſetzte dann: „Weßhalb ſollte ich Ihnen nicht die Wahrheit ſagen? Es iſt meine Abſicht, ihn zu heirathen.“ E Ich ließ mein Geſicht in die Hände ſinken, aber bewahrte den⸗ noch mehr Faſſung, als ich bei dieſen für mich ſo ſchmerzhaften Wor⸗ ten erwartet hätte. Als ich wieder aufblickte, ſah ich in Miß Havis⸗ hams Zügen einen ſo geſpenſtigen Ausdruck, daß ich meines Kum⸗ mers ungeachtet davon ergriffen wurde. „Eſtella, theure Eſtella, laſſen Sie ſich nicht von Miß Havis⸗ ham zu dieſem unheilvollen Schritte verleiten!“ rief ich.„Stoßen Sie mich für immer von ſich,— Sie haben es bereits gethan,— aber geben Sie Ihre Hand einem würdigeren Manne, als Drummle iſt. Miß Havisham verſchenkt Sie an ihn, um die vielen beſſeren Männer, die Sie bewundern, und die wenigen, welche Sie wahr⸗ haft lieben, zu kränken und zurückzuſetzen. Unter den Wenigen mag es vielleicht Einen geben, der Sie ſelbſt ſo innig liebt, wenn auch nicht ſo lange, wie ich. Wählen Sie ihn, und um Ihrer ſelbſt wil— len werde ich es leichter ertragen können.“ Mein Eifer erweckte bei ihr ein ſolches Staunen, daß es faſt ſchien, als würde ſie eine Regung von Mitleid empfunden haben, wenn ſie überhaupt im Stande geweſen wäre, mich zu verſtehen. „Ich ſtehe im Begriffe, mich mit ihm zu verheirathen,“ ſagte ſie wieder, aber in ſanfterem Tone.„Die Vorbereitungen zur Hoch⸗ zeit werden getroffen, und ſie wird in kurzer Zeit ſtattfinden. Weß⸗ halb ziehen Sie ungerechter Weife meine Adoptivmutter in die Sache ung ihrer Handlungsweiſe eingeſehen hätte; allein ſie hat ſie ohne hinein? Es iſt meine eigene freie Handlung.“ — 4——— 9 Feierſtunden. 1864. 8 CEs läßt ſich nicht ſagen, wie lange wir in dieſer lächerlichen„Es iſt nicht dein Geheimniß, ſondern das eines un. Stellung zugebracht haben würden, wenn nicht drei wohlhabende Far⸗ Nun?“ v mer— wahrſcheinlich von dem Kellner veranlaßt,— in das Gaſt⸗„Als Sie mich zum erſten Male hierher bringen ließen, Mu u zimmer gekommen wären, die ſich die Ueberröcke auszogen, die Hände Havisham,— als ich noch jenem Dorfe angehörte, das ich nie ver⸗ 2 rieben und an das Feuer drängten, und vor denen wir deßhalb Platz laſſen zu haben wünſche, kam ich, glaube ich, wirklich hierher, wie fübl jeder andere Knabe hätte herkommen können, das heißt, als eine Art 1 machen mußten. j Durch das Fenſter ſah ich ihn noch die Mähne ſeines Pferdes von Diener, der einem Bedürfniſſe oder einer Laune genügen und faſſen, plump und ungeſchickt aufſteigen, und dann ſeitwärts und dafür bezahlt werden ſöllte?“. rückwärts abreiten, und glaubte ſchon, er ſei fort, als er zurückkam„Ganz richtig, Pip,“ erwiederte Miß Havisham, ruhig mit dem 4 und Feuer für ſeine noch nicht brennende Cigarre verlangte. Ein Kopfe nickend. I Mann, in ſtaubfarbiger Kleidung, erſchien mit dem Verlangten,—„Und daß Mr. Jaggers—“ 1 1 ob aus dem Hofe des Gaſthofes, oder von der Straße, oder woher„Mr. Jaggers,“ unterbrach ſie mich in feſtem Tone,„hatte nichts 1 1 ſonſt, konnte ich nicht ſagen,— und während Drummle ſich hinab damit zu thun, und wußte nichts davon. Daß er mir als Rechts⸗ 89 beugte, um die Cigarre anzuzünden, und dabei lachend mit einer beiſtand diente, und zugleich deinem Beſchützer, war ein reiner Zu⸗ 5 Bewegung des Kopfes nach den Fenſtern des Gaſtzimmers deutete, fall, und um ſo leichter erklärlich, als er in demſelben Verhältniß* erinnerten mich die hängenden Schultern und das verworrene Haar zu vielen Anderen ſteht. Wie dem aber auch ſei, es war einmal ſo, I des mir mit dem Rücken zugekehrten Mannes an Orlick. und ohne Jemandes Dazuthun.“— Zu verſtimmt, um mich darum zu kümmern, ob er es ſei oder Man konnte deutlich in ihrem hageren Geſichte leſen, daß ſie d nicht, und um mein Frühſtück zu genießen, wuſch ich mir den Reiſe⸗ weder etwas verheimlichen noch beſchönigen wollte. A 9 ſtaub von Geſicht und Händen, und ſchritt nach dem merkwürdigen„Aber als ich in jenen ſo lange bewahrten Irrthum verfiel,“ alten Hauſe, das ich nie hätte betreten, nie ſehen ſollen. fuhr ich fort,„ließen Sie mich wenigſtens darin.“ 7 „Ja, ich ließ dich darin,“ erwiederte ſie, wie vorher, ruhig nickend. 1. 9 Vierundvierzigſtes Kapitel.„War das gütig?“ a „Wer bin ich,“ ſchrie Miß Havisham, urplötzlich in ſo heftigen Ich fand Miß Havisham und Eſtella in dem Zimmer, wo der Zorn ausbrechend und mit ihrem Stocke dergeſtalt auf den Fußboden Toilettentiſch ſtand und wo die Wachslichter an den Wänden brann⸗ ſtoßend, daß Eſtella ſie erſtaunt anblickte,„wer bin ich, daß ich gü⸗ 9 ten. Erſtere ſaß auf einem Seſſel am Kaminfeuer, und Letztere auf tig ſein ſollte?“ 2 1 einem Polſter zu ihren Füßen. Eſtella ſtrickte, und Miß Havisham Es war eine thörichte Klage von meiner Seite, und ſie ent⸗ ſah ihr zu. Beide richteten ihre Augen auf mich, als ich eintrat, ſchlüpfte mir abſichtslos. Ich geſtand es ihr, als ſie nach dieſem 3 und Beide nahmen eine Veränderung an mir wahr. Ich erkannte Ausbruche finſter brütend da ſaß. 1 dies an den Blicken, welche ſie wechſelten.„Schon gut, ſchon gut,“ antwortete ſie,„was noch?“ 4 d „Was für ein Wind bringt dich denn hierher, Pip?“ fragte Miß„Ich wurde für meine früheren Dienſtleiſtungen hier dadurch. Havisham. 4 reichlich bezahlt,“ ſagte ich, um ſie zu beruhigen,„daß ich in die de Obgleich ſie mich feſt anblickte, bemerkte ich doch eine gewiſſe Lehre treten durfte, und ich that jene Fragen nur zu meiner eigenen † im Verwirrung an ihr. Eſtella hielt einen Augenblick mit ihrem Stricken Belehrung. Was aber folgt, hat einen anderen und, wie ich hoffe, 26 inne und ſchaute mich an, und als ſie darauf fortfuhr, glaubte ich weniger eigennützigen Zweck. Indem Sie meinen Irrthum beſtehen un in den Bewegungen ihrer Finger ſo deutlich, als wenn es geſchrieben ließen, ſtraften oder hintergingen Sie— vielleicht ergänzen Sie ſ vor mir geſtanden hätte, zu leſen, daß ſie es mir anſah, daß ich ſelbſt, ohne Beleidigung von meiner Seite, den Ihren Abſichten ent⸗ 1 meinen wirklichen Wohlthäter entdeckt hatte. ſprechenderen Ausdruck— Ihre habſüchtigen Verwandten?“ „Miß Havisham,“ ſagte ich,„geſtern ging ich nach Richmond,„Allerdings,“ verſetzte ſie.„Sie wollten es ſo, und du wollteſt 8 um Eſtella zu beſuchen, und da ich fand, daß irgend ein Wind ſie es ſo. Iſt meine Lebensgeſchichte von der Art geweſen, daß ich mir n hierher geweht hatte, ſo folgte ich.“ die Mühe hätte nehmen ſollen, ſie oder dich zu bitten, es nicht ſo t Wiederholt durch Winke von Miß Havisham aufgefordert, mich zu wollen? Ihr habt euch ſelbſt die Fallen gelegt, nicht ich.“ V 5 zu ſetzen, nahm ich einen am Toilettentiſch ſtehenden Stuhl, auf dem Wartend, bis ſie wieder ruhiger geworden war,— denn auch b ich ſie oft hatte ſitzen ſehen. Mit allen jenen verweſenden Ueberreſten dieſe Worte wurden in heftiger Aufregung geſprochen,— fuhr 8 zu meinen Füßen und um mich her, ſchien mir der Platz an dieſem ich fort. G Tage dennoch ganz paſſend zu ſein.„Mit einer Familie Ihrer Verwandten bin ich in nahe Berüh⸗ „Was ich Eſtella ſagen wollte, Miß Havisham,“ fuhr ich fort, rung gekommen, Miß Havisham, und faſt fortwährend in ihrem ſ „will ich ſogleich in Ihrer Gegenwart ſagen. Es wird Sie nicht Kreiſe geweſen, ſeitdem ich in London wohne. Ich weiß, daß ſie 1 überraſchen, es wird Ihnen nicht mißfallen. Ich bin ſo unglück⸗ jenen Irrthum eben ſo ehrlich theilten, wie ich, und es würde falſch 4 lich, als es nur je in Ihrer Abſicht gelegen haben kann, mich zu und niedrig von mir ſein, wenn ich Ihnen nicht ſagte,— gleichviel, machen.“ 4 ob es Ihnen angenehm iſt, oder nicht, und ob Sie es glauben wol⸗ d Miß Havisham blickte mich noch immer feſt an, und an den(len, oder nicht,— daß Sie Mr. Matthias Pocket und ſeinem Sohne 1 Bewegungen der Finger Eſtella's konnte ich erkenneng, daß ſie auf Herbert ein ſchweres Unrecht zufügen, wenn Sie von ihnen nicht 6 meine Worte horchte; aber ſie ſchaute nicht zu mir auf. glauben, daß ſie edelmüthig, aufrichtig und jeder Niedrigkeit un⸗ 3 „Ich habe in Erfahrung gebracht, wer mein Gönner iſt. Es fähig ſind.“. iſt keine Entdeckung, die mich glücklich macht, und die je zur Hebung„Es ſind deine Freunde.“. meines Rufes, meiner Stellung und meiner Glücksgüter beitragen„Sie wurden meine Freunde zu einer Zeit, als ſie ſich durch kann. Aus gewiſſen Gründen darf ich nicht mehr ſagen; es iſt nicht mich verdrängt glaubten, und als Sarah Pocket, Miß Georgianak mein Geheimniß, ſondern das eines Andern.“ und Miſtreß Camilla meine Freundinnen nicht waren, wie ich Während ich einige Augenblicke ſchwieg und, auf Eſtella hinab glaube.“ 4 ſchauend, darüber nachdachte, wie ich fortfahren ſolle, wiederholte Miß Es machte mir Freude zu ſehen, daß dieſe Vergleichung den Havisham: erſteren mit den anderen Verwandten jene in ein, wie es mir ſchien 54. Feierſtunden. 1864. nes Ande I 4 8 dließen, A 3 a ich nie ver. h hierhtr, wit 8 t, als eine Art genügen und ruhig mit dem mhatte nichts ir als Rechts⸗ ein viner Zu⸗ lben Verhältniß war einmal ſo, leſen, daß ſie rthum verfiel,“ vorher, ruhig hin ſo heftigen jden Fußboden cch, daß ich gü⸗ e, und ſie ent⸗ ſee nach dieſem noch?“ 8 en hier dadurch „daß ich in die meiner eigenen d, wie ich hoffe, Irrthum beſtehen zt ergänzen Sie rn Abſichten ent⸗ andten?“ „und du wolliſt ſen, daß ich nir ¹ tten, es nicht ſo nicht ich. ar,= denn duch prochen,— fuhr „Ihr eigener Wille, Eſtella, ſich an einen ſo rohen Menſchen wegzuwerfen?“ „An wen ſollte ich mich wegwerfen?“ entgegnete ſie lächelnd. „Sollte ich mich an einen Mann wegwerfen, der nach kurzer Zeit fühlen würde(wenn Männer überhaupt dergleichen Dinge empfinden), daß ich ihm kein Herz mitbrächte? Es iſt einmal geſchehen. Ich hoffe, es wird mir leidlich ergehen, und meinem Gatten auch. Und was das betrifft, daß Miß Havisham mich zu dieſem— wie Sie es nen⸗ nen— unheilvollen Schritte verleitet habe, ſo iſt ſie vielmehr dage⸗ gen geweſen, und wünſchte, daß ich noch wartete, und nicht heirathete. Allein ich bin des bisher geführten Lebens, das mir wenig Angeneh⸗ mes bot, müde, und will es ändern. Sagen Sie nichts mehr darü⸗ ber; wir werden uns nie verſtehen.“ „Ein ſo niedriger, roher und dummer Menſch!“ rief ich in Ver⸗ zweiflung. „Beſorgen Sie nicht, daß ich ihn zu glücklich machen werde,“ erwiederte Eſtella;„es ſoll nicht geſchehen. Hier iſt meine Hand. Laſſen Sie uns nunmehr ſcheiden, Sie ſchwärmeriſcher Knabe— oder Mann!“ „O Eſtella!“ antwortete ich, während bittere Thränen aus mei⸗ nen Augen auf ihre Hand hinab ſtrömten, obgleich ich mir alle Mühe gab, ſie zu unterdrücken,—„ſelbſt wenn ich in England bleiben und gleich Anderen meinen Kopf hoch tragen dürfte, wie könnte ich Sie als Drummle's Weib ſehen!“ „Thorheit!“ entgegnete ſie,„Thorheit! Das wird bald vorüber⸗ gehen.“ „Nimmer, Eſtella.“ „In acht Tagen werden Sie mich vergeſſen haben.“ „Vergeſſen? Sie ſind ein Theil meiner Exiſtenz, meines eigenen Ich. Ihren Namen fand ich in jeder Zeile, die ich las, ſeitdem ich als ein armer, unwiſſender Knabe hierher kam, deſſen Herz Sie ſelbſt damals ſchon verwundeten. In jeder Ausſicht, die ſich ſeitdem mei⸗ nen Blicken gezeigt hat, ſchwebten Sie mir vor,— auf dem Fluſſe, den Segeln der Schiffe, dem Moorlande, in den Wolken, im Son⸗ nenlichte, in der Dunkelheit, im Winde, in den Wäldern, auf der See und auf den Straßen. Sie waren die Verkörperung jeder ſchö⸗ nen Idee, die mein Geiſt kennen lernte. Die Steine, aus denen die ſtärkſten Gebäude Londons errichtet werden, ſind nicht wirklicher und für Ihre Hände nicht weniger unbeweglich, als Ihre Gegenwart und Ihr Einfluß für mich hier und überall geweſen iſt, und ſein wird. Eſtella, bis zur letzten Stunde meines Lebens müſſen Sie nothwen⸗ dig ein Theil meines Charakters bleiben, ein Theil des wenigen Gu⸗ ten in mir, ein Theil des Böſen. In dieſer Abſonderung aber ver⸗ binde ich Sie nur mit dem Guten, bei dem Sie in meinem Anden⸗ ken immer bleiben ſollen; denn Sie müſſen mir viel mehr Gutes als Böſes gethan haben, ſo bitter mein Schmerz jetzt auch ſein mag. Gott ſegne Sie! Gott verzeihe Ihnen!“ In welchem Uebermaß von Weh ich dieſe gebrochenen Worte aus⸗ ſtieß, weiß ich ſelbſt nicht. Der wilde Strom entquoll meiner Bruſt, wie Blut aus einer inneren Wunde, und ſtürzte hervor. Einige Augenblicke drückte ich zögernd meine Lippen auf ihre Hand, und ver⸗ ließ ſie dann. Aber ſpäter erinnerte ich mich ſtets,— und zwar bald darauf aus beſonderen Gründen— daß, während Eſtella mich nur mit ungläubigem Staunen betrachtete, Miß Havishams geſpenſtige Geſtalt, die Hand noch immer auf dem Herzen ruhen laſſend, nur Blicke des innigſten Mitleids und der tiefſten Reue auf mich richtete. Alles vorbei, Alles dahin! So viel war dahin, daß das Tages⸗ licht, während ich die Hauspforte verließ, mir eine dunklere Farbe angenommen zu haben ſchien, als es bei meinem Eintreten gehabt hatte. Eine Zeit lang barg ich mich in Gaſſen und Nebenſtraßen, und ſchlug dann den Weg nach London ein, um zu Fuße dahin zu gehen; denn ich hatte mich inzwiſchen ſo weit geſammelt, um einzu⸗ ſehen, daß es mir unmöglich war, nach dem Gaſthofe zurückzukehren, und dort mit Drummle zuſammen zu kommen, ſowie, daß ich keinen —————————— 427 Plat auf der Landkutſche einnehmen und mich in eine Unterhaltung einlaſſen konnte, und daß mir überhaupt nichts Beſſeres zu thun blieb, als mich durch körperliche Anſtrengung recht zu ermüden. Es war nach Mitternacht, als ich London⸗Bridge paſſirte. Mein nächſter Weg zum Temple lief durch die engen und gewundenen Stra⸗ ßen, welche ſich damals am Ufer des Fluſſes entlang zogen, und durch Whitefriars. Ich wurde erſt am folgenden Tage erwartet, aber hatte meine Schlüſſel bei mir und konnte, wenn Herbert ſich ſchon niedergelegt hatte, zu Bett gehen, ohne ihn zu ſtören. Da es ſelten geſchah, daß ich durch die Pforte von Whitefriars in den Temple kam, nachdem er bereits geſchloſſen worden, und da ich ſehr ermüdet und beſchmutzt war, ſo nahm ich es nicht übel, als der Pförtner mich, die Thür nur wenig öffnend, mit beſonderer Auf⸗ merkſamkeit betrachtete. Um ſeinem Gedächtniſſe zu Hülfe zu kommen, nannte ich meinen Namen. „Ich war meiner Sache nicht ganz gewiß, aber dachte, daß Sie es ſeien,“ ſagte er.„Hier iſt ein Briefchen für Sie. Der Bote, der es brachte, bemerkte dabei, Sie möchten ſo gut ſein, es an mei⸗ ner Laterne zu leſen.“ Erſtaunt über dieſe Bitte, nahm ich das Schreiben. Es trug meine Adreſſe, Philip Pip, über der die Worte ſtanden:„Bitte, leſen Sie dieſes hier!“ Ich öffnete das Billet, der Pförtner hielt ſeine Laterne empor, und ich las darin, von Wemmick'’s Hand ge⸗ ſchrieben: „Gehen Sie nicht nach Hauſe.“ Fünfundvierzigſtes Kapitel. Der Templepforte den Rücken wendend, nachdem ich dieſe War⸗ nung geleſen hatte, ſchlug ich eiligſt den Weg nach Fleet Street ein, fand dort noch einen verſpäteten Miethswagen und fuhr nach dem Hummumſchen Gaſthauſe in Covent Garden. In der damaligen Zeit war dort zu jeder Stunde der Nacht ein Bett zu bekommen, und der Aufwärter, der mich durch ſeine ſtets bereite Pforte einließ, zündete das Licht an, welches auf ſeinem Leuchterbrette an der Reihe war, und führte mich in das Schlafzimmer, welches auf ſeiner Liſte in der Reihe folgte. Es war eine Art von Gewölbe, auf der hin⸗ teren Seite des Erdgeſchoßes belegen, und enthielt eine vierpfoſtige Bettſtelle, ein wahres Ungeheuer, die faſt den ganzen Raum einnahm, indem ſie eigenmächtig das eine Bein bis an den Kamin vordrängte, und das andere bis an die Thür, ſo daß der kleine Waſchtiſch auf jammervolle Weiſe eingezwängt ſtand. Da ich ein Nachtlicht verlangt hatte, ſo brachte mir der Auf⸗ wärter, ehe er mich verließ, das in jener tugendhaften Zeit übliche gute, alte, konſtitutionelle Binſenlicht,— das wie das Geſpenſt eines Spazierſtocks ausſah, bei der geringſten Berührung zuſammenbrach, und deßhalb in einſamer Gefangenſchaft auf dem Boden eines durch⸗ löcherten Zinnthurmes ſtand, welcher durch ſeine vielen Oeffnungen einen ſeltſamen Schein auf die Wände des Zimmers warf. Als ich endlich müde, elend und mit ſchmerzenden Füßen im Bette lag, fand ich, daß es mir eben ſo wenig möglich war, meine Augen zu ſchlie⸗ ßen, wie die des lächerlichen Argus, des zinnernen Thurmes, vor mir, der mich, ſo wie ich ihn, in der Stille und Finſterniß der Nacht unverwandt anſtarrte. Welche peinliche Nacht! Wie angſtvoll, wie ſchrecklich, wie lang! Im Zimmer herrſchte ein widerlicher Geruch von kaltem Ruß und heißem Staube, und als ich zu den Winkeln des Betthimmels über meinem Kopfe hinauf ſchaute, fiel mir ein, wie viele Fliegen aus dem Mezgerladen, Ohrwürmer vom Markte, und Käfer von den Feldern dort niſten müßten, um im nächſten Sommer hervor zu kom⸗ men. Dieſer Gedanke erweckte die Frage, ob nicht zuweilen manche von ihnen herunter fielen, und dann das Gefühl, als wenn bereits leichte Gegenſtände mein Geſicht berührten, worauf es mir ſchien, 3 54* — — — ——— — ͤͤ— 428 Feierſtunden. 1864. ———;—:⅓———y——y——r———ry——n—nn—;Y als wenn noch widerlichere Gäſte meinen Rücken herauf zu kriechen begännen. Nachdem ich längere Zeit wachend zugebracht hatte, fingen jene ſeltſamen Stimmen an laut zu werden, die in der Stille ver⸗ nehmbar ſind. Die Kammer flüſterte, das Kamin ſeufzte, der Waſch⸗ tiſch knarrte, und in einer Kommode erklang von Zeit zu Zeit eine Guitarrenſaite. Gleichzeitig bekamen die Argusaugen an der Wand einen neuen Ausdruck, und in jedem derſelben las ich die Worte: „Gehen Sie nicht nach Hauſe.“ Welche nächtlichen Bilder und Töne mich auch umſchweben moch⸗ ten, dieſes„Gehen Sie nicht nach Hauſe“ vermochten ſie nicht zu ver⸗ drängten; es flocht ſich in jeden Gedanken ein, wie ein körperlicher Schmerz es gethan haben würde. Kurze Zeit vorher hatte ich in den Zeitungen geleſen, wie ein unbekannter Herr in der Nacht nach dem Hummumſchen Gaſthauſe gekommen war, ſich zu Bett gelegt und umgebracht hatte, und am folgenden Morgen in Blut ſchwimmend gefunden worden war. Die Idee erwachte in mir, daß er die That in demſelben Zimmer ausgeführt haben müſſe, in welchem ich lag, und ich ſtand deßhalb auf, um mich zu überzeugen, ob keine Blut⸗ ſpuren ſichtbar ſeien, und öffnete die Thür, um in den Gang hin⸗ aus zu blicken und bei dem Anblicke des fernen Lichtes etwas Muth zu ſchöpfen, in deſſen Nähe der Aufwärter, wie ich wußte, im Halb⸗ ſchlummer ſaß. Aber während deſſen beſchäftigten mich die Fragen, weßhalb ich nicht nach Hauſe gehen ſolle, was ſich zu Hauſe zuge⸗ tragen habe, wann ich nach Hauſe würde gehen dürfen, und ob Pro⸗ vis wohlbehalten zu Hauſe ſei, ſo ſehr, daß man hätte glauben ſol⸗ len, ſie könnten für andere Gedanken keinen Raum laſſen. Selbſt wenn ich an Eſtella dachte, wie wir an dieſem Tage für immer von einander geſchieden waren, wenn ich mich an alle Nebenumſtände er⸗ innerte, an ihre Blicke, ihren Ton und die Bewegungen ihrer ſtrickenden Finger,— ſelbſt dann ſah und las ich überall die War⸗ nung:„Gehen Sie nicht nach Hauſe!“ Als ich endlich in Folge von geiſtiger und körperlicher Erſchöpfung einſchlief, wurde die Warnung zu einem großen, ſchattenhaften Zeitworte, das ich conjugiren mußte. Der Imperativ lautete:„Gehe nicht nach Hauſe, Gehe er nicht nach Hauſe, Gehen wir nicht nach Hauſe, Gehet ihr nicht nach Hauſe, Gehen Sie nicht nach Hauſe;“ und der Conjunktiv:„Daß ich nicht nach Hauſe gehe, Daß ich nicht nach Hauſe ginge u. ſ. w., bis ich endlich dem Wahnſinn nahe war, mich auf dem Kiſſen umher warf, und wieder die leuchtenden Argusaugen an der Wand betrachtete. Ich hatte den Aufwärter angewieſen, mich um ſieben Uhr zu wecken, denn es war mir klar, daß ich vor allen Dingen Wemmick ſprechen müſſe, und zwar in Walworth, um ſeine dortigen Empfin⸗ dungen zu Rath zu ziehen. Es war eine Wohlthat für mich, das Zimmer, in dem ich eine ſo traurige Nacht zugebracht hatte, verlaſ⸗ ſen zu können, und es bedurfte deßhalb keines zweimaligen Klopfens an meine Thür, um mich dem unbehaglichen Bett zu entziehen. Um acht Uhr zeigten ſich meinem Blicke die Zinnen des Schloſ⸗ ſes. Da die kleine Magd gerade mit zwei heißen Milchbröden in die Feſtung ging, ſo folgte ich ihr durch die Pforte und über die Zug⸗ brücke, und gelangte auf dieſe Weiſe unangekündigt zu Wemmick, als er mit der Bereitung des Thees für den Alten beſchäftigt war. Durch eine offene Thür konnte ich Letzteren in ſeinem Bett im Nebenzimmer liegen ſehen. „Holla, Mr. Pip!“ ſagte Wemmick.„Alſo ſind Sie heim ge⸗ kommen?“ „Ja, aber ich bin nicht in das Haus gegangen,“ erwiederte ich. „Ganz recht,“ verſetzte Wemmick, ſich die Hände reibend.„Ich ließ zu dieſem Zwecke an jeder Pforte des Temple ein Billet für Sie zurück. An welche Pforte kamen Sie?“ Ich ſagte es ihm. „Ich will heut noch an die übrigen Pforten gehen und die Brief⸗ chen vernichten,“ bemerkte Wemmick;„denn es iſt eine Hauptregel, nie dergleichen ſchriftliche Beweisſtilcke beſtehen zu laſſen, wenn es zu verhindern iſt, weil man nie wiſſen kann, wann Gebrauch davon ge⸗ macht werden könnte. Ich muß mir eine Freiheit gegen Sie erlau⸗ ben. Würden Sie die Güte haben, dieſes Würſtchen für den Alten zu röſten?“ Ich erwiederte, daß ich mit dem größten Vergnügen dazu be⸗ reit ſei. 4 „Dann kannſt du an deine Arbeit gehen, Mary Anne,“ ſagte Wemmick zu der kleinen Magd, und fügte darauf, als Letztere ſich entfernte, hinzu,„ſo daß wir allein bei einander bleiben können. Verſtehen Sie, Mr. Pip?“ Ich dankte ihm für ſeine Freundſchaft und Vorſicht, worauf un⸗ ſere Unterhaltung leiſe fortgeſetzt wurde, während ich die Wurſt des Alten röſtete, und er die Milchbröde mit Butter beſtrich. „Nun, Mr. Pip,“ ſagte Wemmick, Sie wiſſen, Sie und ich, wir verſtehen uns. Hier befinden wir uns in unſeren Privatverhält⸗ niſſen, und haben ſchon früher vertrauliche Beſprechungen mit ein⸗ ander gehalten. Es gibt amtliche Empfindungen, aber hier ſind wir außeramtlich.“ Ich ſtimmte ihm von Herzen bei. Meine Aufregung war jedoch ſo groß, daß ich das Würſtchen des Alten bereits wie eine Fackel angezündet hatte und genöthigt worden war, es wieder auszu⸗ blaſen. „Zufällig hörte ich geſtern Morgen,“ ſagte Wemmick,„als ich mich an einem gewiſſen Orte befand, wohin ich Sie eines Tages geführt habe,— ſelbſt zwiſchen Ihnen und mir iſt es wohlgethan, keine Namen zu erwähnen, wenn es ſich vermeiden läßt,— 4 „Beſſer, es geſchieht nicht,“ bemerkte ich;„ich verſtehe Sie.“ „Dort hörte ich geſtern früh zufällig,“ fuhr Wemmick fort,„daß eine gewiſſe Perſon, die nicht ganz unbekannt mit den Colonien und nicht ohne bewegliches Eigenthum iſt,— wer es wirklich iſt, weiß ich nicht, wir wollen die Perſon nicht nennen,—“ „Nicht nöthig,“ bemerkte ich. „Daß alſo dieſe Perſon einiges Aufſehen in einem gewiſſen Theile der Welt erregt hat, wohin viele Leute gehen, aber nicht immer aus eigenem Antriebe, und auch meiſtens nicht ohne Koſten für die Re⸗ gierung—“ Während ich ſein Geſicht beobachtete, machte ich mit dem Würſt⸗ chen des Alten ein wahres Feuerwerk, und ſtörte dadurch meine und Wemmick's Aufmerkſamkeit, ſo daß ich um Entſchuldigung bitten mußte. „Dadurch Aufſehen,“ wiederholte Wemmick,„daß er aus jener Gegend verſchwand und nicht wieder gehört und geſehen wurde. Die Folge war, daß Vermuthungen mannigfacher Art entſtanden. Ich hörte auch, daß Sie und Ihre Wohnung in Garden Court beobach⸗ tet worden ſeien und ferner beobachtet werden dürften.“ „Von wem?“ fragte ich. 3 „Darauf mochte ich nicht eingehen,“ verſetzte Wemmick auswei⸗ chend,„es würde ſich mit meiner amtlichen Verantwortlichkeit nicht wohl vertragen haben. Ich hörte dieſe Dinge an, wie ich an dem⸗ ſelben Orte manche andere ſonderbare Dinge gehört habe. Meine Mittheilung gründet ſich nicht auf Anzeigen, die mir gemacht wor⸗ den ſind; ich habe es nur gehört.“ Während er ſprach, nahm er mir die Röſtgabel mit der Wurſt ab, und ſetzte das Frühſtück des Alten auf einem kleinen Kaffeebrett ſauber zurecht. Bevor er es ihm brachte, ging er mit einem reinen weißen Tuche in des Alten Zimmer, band ihm daſſelbe unter dem Kinn feſt, ſetzte ihn aufrecht, rückte ſeine Schlafmütze auf die eine Seite, und gab ihm ein faſt verwegenes Ausſehen. Dann ſtellte er mit großer Sorgfalt das Frühſtück vor ihn hin, und ſagte:„Alles recht, Papa?“ worauf der Alte in heiterem Tone erwiederte:„Alles recht, John, mein Junge!“ Da Vater und Sohn darüber einver⸗ ſtanden zu ſein ſchienen, daß Erſterer ſich jetzt nicht zeigen könne, ſo that ich, als wenn ich von allem dem nichts ſähe. „Das Beobachten meiner Wohnung(das ich ſelbſt ſchon zu arg⸗ wöhnen Urſache gehabt habe),“ ſagte ich zu Wemmick, als er zurück⸗ kam, ſte dre Sit Wer „Au er;„das wifen ſt oder 6s komme.“ Da hielt, ſ Dankgeft raden We wie er g ich jedo ich ihm Aolehn zeugt Frühſt fand ſ und u. „ wahrer auf, d komme gehört und da Hauſe, „l 28 nen, ga wiſſe,— oder in Tom, ſchaffen würde bip, gibt es junge einen viant Bet, ſehen kannt . — 1 Sie erlau⸗ ür den Alten gen dazu be⸗ Anne,“ agte Letztere ſich iben künnen. worauf un⸗ Wurft des An und ich, Privawoeglt⸗ gden mit ein⸗ hier ſid wir g war jedoch eeine Fackel ieder auszu⸗ nick,„als ich eines Tages wohlgethan, hhe Sie.“ fort,„daß colonien und ich iſt, weiß wiſſen Theile immer aus für die Re⸗ dem Vürſt⸗ h meine und igung bitten er aus jener wurde. Die tanden. Ich autt beobach⸗ mid auswei⸗ lichkit nihht ich an dem⸗ abe. Meine emacht wwor⸗ t der Burſt gaffeebrett nem reinen „unter der duf die eine en könne, ſo Feierſtunden. 1864. ———---ͤ-— — kam,„ſteht wahrſcheinlich in inniger Verbindung mit der Perſon, deren Sie erwähnt haben, nicht wahr?“ Wemmick machte ein ſehr ernſtes Geſicht. „Aus eigener Kenntniß könnte ich das nicht ſagen,“ erwiederte er;„das heißt, ich könnte nicht ſagen, daß es ſo von Anfang an ge⸗ weſen ſei. Allein entweder iſt es ſo, oder es wird dahin kommen, oder es iſt mindeſtens große Gefahr vorhanden, daß es dahin komme.“ Da ich ſah, daß ſeine Pflichttreue gegen Little Britain ihn ab⸗ hielt, ſo viel zu ſagen, als er konnte, und da ich wußte, nicht ohne Dankgefühl gegen ihn, daß er bereits weit von dem gewohnten ge⸗ raden Wege dadurch abgegangen war, daß er mir ſo viel geſagt hatte, wie er gethan, ſo konnte ich nicht weiter in ihn dringen. Nachdem ich jedoch einige Zeit am Feuer nachgeſonnen, ſagte ich zu ihm, daß ich ihm gern eine Frage vorlegen möchte, deren Beantwortung oder Ablehnung ich ſeinem Gutdünken anheim ſtellen wollte, da ich über⸗ zeugt ſei, daß er nur das Rechte thun werde. Er hielt mit ſeinem Frühſtück inne, kreuzte die Arme, zupfte an ſeinen Hemdärmeln(er fand ſeine größte häusliche Bequemlichkeit darin, ohne Rock zu ſitzen), und nickte mir zu, meine Frage zu ſtellen. „Sie haben von einem übelberüchtigten Menſchen gehört, deſſen wahrer Name Compeyſon war?“ Er antwortete mit einem zweiten Nicken. „Lebt er noch?“ Wieder ein Nicken. „Iſt er in London?“ Er nickte abermals, preßte den Briefkaſten feſt zuſammen, nickte zum letzten Male, und fuhr dann mit ſeinem Frühſtück fort. „Nun, da jetzt die Fragen vorüber ſind,“ ſagte Wemmick hier⸗ auf, die letzten Worte mit beſonderem Nachdruck wiederholend,„ſo komme ich zu dem, was ich that, nachdem ich das vorher Erwähnte gehört hatte. Ich ging nach Garden Court, um Sie aufzuſuchen, und da ich Sie nicht fand, ſo begab ich mich nach Mr. Clarriker's Hauſe, um dort Mr. Herbert zu finden.“ „Und ihn fanden Sie dort?“ ſagte ich mit großer Unruhe. „Ihn fand ich. Ohne Namen und nähere Umſtände zu erwäh⸗ nen, gab ich ihm zu verſtehen, daß er, im Fall er irgend Jemanden wiſſe,— Tom, Jack, oder Richard,— der ſich in Ihrer Wohnung, oder in der Nähe derſelben aufhalte, wohl thun werde, ihn,— Tom, Jack, oder Richard,— während Ihrer Abweſenheit fortzu⸗ ſchaffen.“ „Ohne Zweifel war er in großer Verlegenheit, was er thun ſollte?“ „Allerdings war er in Verlegenheit, und zwar um ſo mehr, als ich ihm ſagte, daß es meiner Meinung nach nicht ohne Gefahr ſein würde, Tom, Jack, oder Richard jetzt zu weit zu entfernen. Mr. Pip, ich muß Ihnen etwas ſagen. Unter obwaltenden Umſtänden gibt es keinen beſſeren Ort, als eine große Stadt, wenn man ein⸗ mal darin iſt. Man muß nicht zu früh aus dem Verſteck hervor gehen, ſondern ſtill liegen und warten, bis die Sache ſich etwas ver⸗ laufen hat, ehe man ſich in die freie, und ſelbſt in die ausländiſche Luft wagt.“ „Ich dankte ihm für ſeinen guten Rath, und fragte, was Her⸗ bert gethan habe. „Mr. Herbert,“ fuhr Wemmick fort,„nachdem er eine halbe Stunde lang wie aus den Wolken gefallen geweſen war, fand einen Plan. Er theilte mir als ein Geheimniß mit, daß er ſich um eine junge Dame bewerbe, die, wie Ihnen ohne Zweifel bekannt ſein wird, einen bettlägerigen Vater hat. Dieſer Vater, welcher früher Pro⸗ viantmeiſter auf Schiffen geweſen iſt, liegt an einem Bogenfenſter im Bett, von wo aus er die Fahrzeuge den Fluß auf und ab fahren ſehen kann. Wahrſcheinlich ſind Sie mit der jungen Dame be⸗ kannt?“. „Nicht perſönlich,“ erwiederte ich. 42²9 —————;—ꝛꝛx-————öõ— Die Wahrheit war, daß ſie gegen mich, als einen zu verſchwen⸗ deriſchen Gefährten, deſſen Umgang für Herbert nachtheilig ſei, Aus⸗ ſtellungen gemacht, und als Herbert ihr zum erſten Male vorgeſchla⸗ gen, mich ihr vorzuſtellen, dieſen Vorſchlag mit ſo geringer Wärme aufgenommen hatte, daß er es für ſeine Pflicht gehalten, mich von der Lage der Sache zu unterrichten und noch einige Zeit verſtreichen zu laſſen, ehe er mich mit ihr bekannt machte. Als ich angefangen hatte, Herberts Fortkommen im Geheimen zu befördern, war es mir möglich geworden, dieſe Zurückſetzung mit heiterer Ruhe zu ertragen. Er und ſeine Verlobte konnten natürlich kein beſonderes Verlangen darnach tragen, eine dritte Perſon bei ihren Zuſammenkünften ein⸗ zuführen, und daher kam es, daß ich, obgleich verſichert, in der Ach⸗ tung Clara's geſtiegen zu ſein, und obgleich ich mit derzjungen Dame durch Herbert regelmäßig Botſchaften und Grüße gewechſelt, ſie doch nie geſehen hatte. Dieſe umſtändlichen Einzelheiten theilte ich Wem⸗ mick jedoch nicht mit. „Da das Haus mit den Bogenfenſtern am Ufer des Fluſſes liegt,“ ſagte Wemmick,„in der Nähe des Teiches, zwiſchen Lime⸗ houſe und Greenwich, und von einer anſtändigen Wittwe gehalten wird, welche das oberſte Stockwerk meublirt hat, um es zu vermie⸗ then, ſo fragte mich Mr. Herbert, was ich von dieſer Wohnung als einen vorläufigen Aufenthalt für Tom, Jack oder Richard dächte? Mir ſchien ſie ſehr zweckmäßig zu ſein, und zwar aus folgenden drei Gründen. Erſtens, weil ſie ganz außerhalb Ihres gewöhnlichen Be⸗ reiches liegt, und entfernt von den volkreichen großen und kleinen Straßen; zweitens, weil Sie, ohne ſelbſt in die Nähe des Hauſes zu gehen, ſtets durch Herbert von der Sicherheit des Tom, Jack oder Richard hören können; drittens, weil, wenn es nach einiger Zeit rathſam erſcheinen ſollte, Tom, Jack oder Richard auf ein ausländi⸗ ſches Schiff zu ſchaffen, dies von dort aus ohne Schwierigkeit ge⸗ ſchehen könnte.“ Durch dieſe Vorſtellungen ſehr beruhigt, dankte ich Wemmick wiederholt, und bat ihn, fortzufahren. „Nun, Mr. Herbert ging ſogleich mit Eifer an die Sache, und brachte geſtern Abend um neun Uhr Tom, Jack oder Richard,— wer es auch ſein mag, was Sie und ich nicht wiſſen,— glücklich dahin. In der alten Wohnung war vorgegeben worden, daß er in Geſchäften nach Dover reiſen müſſe, und er wurde deßhalb auch wirk⸗ lich die Straße nach Dover hinunter, und dann erſt auf einem Neben⸗ wege davon abgeführt. Ein anderer großer Vortheil bei dieſem Ver⸗ fahren iſt nun der, daß Alles ohne Ihre Mitwirkung geſchah, und daß, wenn irgend Jemand ſich die Mühe gab, Ihre Bewegungen zu beobachten, er Sie nur viele Meilen davon und mit anderen Dingen beſchäftigt geſehen haben kann. Das lenkt den Verdacht ab und er⸗ zeugt Verwirrung; und aus dieſem Grunde gab ich Ihnen geſtern Abend den Rath, daß Sie, im Falle Ihres Heimkommens, nicht nach Hauſe gehen ſollten. Es entſteht dadurch Verwirrung, und dieſe iſt gerade nöthig.“ Da Wemmick ſein Frühſtück beendet hatte, ſo blickte er nach der Uhr und begann ſeinen Rock anzuziehen. „Und nun, Mr. Pip,“ ſagte er, mit den Händen noch in den Aermeln,„habe ich wahrſcheinlich Alles gethan, was ich thun kann aber ſollte ſich je die Möglichkeit zeigen, noch mehr für Sie zu thun — von unſerer Stellung in Walworth aus betrachtet, und in rein perſönlicher Beziehung,— ſo ſoll es mit Freuden geſchehen. Hier i*ſt die Adreſſe. Es kann nichts ſchaden, wenn Sie heute Abend, ehe Sie ſich nach Hauſe begeben, dahin gehen, um ſich ſelbſt zu über⸗ zeugen, daß mit Tom, Jack, oder Richard Alles in Ordnung iſt,— und das iſt noch ein Grund, weßhalb Sie geſtern Abend nicht nach Hauſe gehen durften. Aber nachdem Sie nach Hauſe gegangen ſind, dürfen Sie dahin nicht zurückkehren. Was ich gethan habe, iſt ſehr gern geſchehen, Mr. Pip, ſeien Sie verſichert!“ fügte Wemmick hinzu, ſtreckte ſeine Hände aus den Aermeln hervor, die ich herzlich drückte, und legte ſie dann auf meine Schultern, indem er zum Schluß in —— 430 Feierſtunden. 1864. leiſem, feierlichem Tone ſagte:„Und nun laſſen Sie mich Ihnen noch (Bogenfenſtern, gefunden hatte, blickte ich auf die an der Thür befind⸗ etwas ſehr Wichtiges an das Herz legen. Benutzen Sie den heutigen liche Meſſingplatte, und las den Namen Mrs. Whimple. Da es der Abend, um ſich in den Beſitz ſeines beweglichen Eigenthums zu ſetzen. von mir geſuchte war, ſo klopfte ich, worauf eine ältliche Frau von Sie wiſſen nicht, was mit ihm geſchehen kann. Bringen Sie ſein bewegliches Eigenthum in Sicherheit.“ Da ich völlig daran verzweifelte, Wemmick meine Empfindungen in dieſer Beziehung klar machen zu können, ſo enthielt ich mich auch jedes Verſuches. „Die Zeit iſt um,“ ſagte er darauf,„und ich muß fort. Wenn Sie nichts Wichtigeres zu thun haben, ſo würde ich Ihnen rathen, bis zur Dunkelheit hier zu bleiben. Sie ſehen ſehr erſchöpft aus, und es wird gut für Sie ſein, einen recht ruhigen Tag hier bei dem Alten zu verleben,— er wird bald aus dem Bett kommen,— und dann ein Stück— Sie erinnern ſich doch des Schweines?“ „Natürlich,“ erwiederte ich. „Gut, ein Stück von ihm! Die Wurſt, welche Sie geröſtet haben, war auch von ihm; es war überhaupt ein Kapitalthier. Ver⸗ ſuchen Sie es, wenn auch nur um der alten Bekanntſchaft willen. Adieu, Papa!“ rief er laut in freundlichem Tone. „Alles recht, John, Alles recht, mein Junge!“ erwiederte der Alte mit ſeiner leiſen Stimme. Ich ſank bald vor Wemmick's Kaminfeuer in Schlummer, und der Alte und ich genoſſen gegenſeitig unſere Geſellſchaft, indem wir mehr oder weniger den ganzen Tag ſchliefen. Zum Mittageſſen hat⸗ ten wir eine Schweinslende mit einigem Gemüſe aus dem Garten, und ich nickte dem Alten oft abſichtlich zu, wenn ich es nicht zufällig that. Beim Anbruche der Dunkelheit verließ ich den Alten, welcher bereits mit dem Röſten des Brodes zum Thee beſchäftigt war, und aus der Zahl der Taſſen und ſeinen häufigen Blicken nach den zwei Täfelchen in der Wand erſah ich, daß auch Miß Skiffins erwartet werde. Hechsundvierzigſtes Kapitel. Es war acht Uhr vorbei, als ich endlich in jener Atmoſphäre anlangte, welche auf keine unangenehme Weiſe vom Geruche der, Späne der am Ufer entlang wohnenden Schiffbauer, Maſt⸗, Ruder⸗ und Blockmacher geſchwängert iſt. Jene ganze Ufergegend des oberen und unteren Teiches unterhalb der Brücke war mir völlig unbekannt und als ich am Fluſſe hinunter ging, überzeugte ich mich, daß die Lokalität keineswegs da lag, wo ich vermuthet hatte, und daß ſie nicht leicht zu finden war. Sie hieß Mill Pond Bank, Chink's Baſin, und ich hatte keinen anderen Weg dahin, als die Old Green Copper Rope Walk genannte Straße.. Es bedarf keiner Beſchreibung der vielen geſtrandeten und zur Ausbeſſerung auf trockenem Boden liegenden Fahrzeuge, unter denen ich mich verlor, der alten Schiffsrumpfe, welche in Stücke zerſchla⸗ gen werden ſollten, des von der ſinkenden Fluth zurückgelaſſenen Schlammes und Kothes, der Zimmerhöfe, in die ich irrthümlich ge⸗ rieth, der roſtigen Anker, die, obgleich ſeit Jahren außer Dienſt, noch blind in die Erde biſſen, der zahlloſen Berge von Balken und Fäſ⸗ ſern, und der vielen Seilerbahnen, welche nicht die Old Green Cop⸗ per⸗Bahn waren, und in denen ich mich verirrte. Nachdem ich lange vergeblich geſucht hatte, gelangte ich endlich, um eine Ecke biegend, unerwartet nach Mill Pond Bank. Es war, im Ganzen genommen, eine recht friſche Gegend, wo der vom Fluſſe kommende Wind Raum geung hatte, um ſich zu drehen, und wo zwei oder drei Bäume ſtan⸗ den, ſowie der Rumpf einer zerfallenen Windmühle, und der Old Green Rope Walk lag, deſſen lange, ſchmale Straße ich im Mond⸗ lichte durch eine Reihe hölzerner Geſtelle hindurch verfolgen konnte, die in den Erdboden geſteckt waren und wie alte, gebrechliche Rechen ausſahen, welche die meiſten ihrer Zähne verloren hatten. Indem ich unter den in Mill Pond Bank ſtehenden wenigen ihres Vaters nach Hauſe gerufen wurde, ihr Liebesverhältn Gebäuden ein dreiſtockiges Haus, mit einer hölzernen Front und mütterlichen Mrs. Whimple vertraut hatten, von der es ſeit freundlichem und anſtändigem Aeußeren öffnete. Sie wurde jedoch ſogleich durch Herbert erſetzt, welcher mich leiſe und ſchweigend in das Wohnzimmer führte und die Thür verſchloß. Es verurſachte mir ein ſeltſames Gefühl, ſein wohlbekanntes Geſicht in dieſem ganz un⸗ bekannten Zimmer und der mir ganz fremden Gegend ſo häuslich niedergelaſſen zu ſehen, und ich blickte ihn gerade ebenſo an, wie ich den in der Ecke des Zimmers ſtehenden Glasſchrank mit Porzellan, die Muſcheln auf dem Kaminſimſe, und die an der Wand hängenden Kupferſtiche betrachtete, welche den Tod des Kapitän Cook, das Aus⸗ laufen eines neuen Schiffes, und König Georg III., in einer Kut⸗ ſcherperrücke und mit ledernen Hoſen und Stulpenſtiefeln, auf der Terraſſe von Windſor ſtehend, darſtellten. „Alles iſt in Ordnung, Handel,“ ſagte Herbert,„und er iſt ganz zufrieden, aber erwartet dich mit großer Ungeduld. Mein lie⸗ bes Mädchen befindet ſich jetzt bei ihrem Vater. Wenn du hier war⸗ ten willſt, bis ſie herunter kommt, ſo werde ich dich ihr vorſtellen, und nachher können wir hinauf gehen.— Das iſt ihr Vater!“ Ich hatte nämlich in demſelben Augenblicke ein entſetzliches Brum⸗ men oberhalb vernommen, und in Folge deſſen wahrſcheinlich einige Unruhe in meinem Geſichte ausgedrückt. „Ich fürchte, es iſt ein ſchlimmer alter Burſche,“ ſagte Herbert lächelnd, allein ich habe ihn nie geſehen.„Riechſt du keinen Rum? Er hat das Glas fortwährend in der Hand.“ „Das Rumglas?“ fragte ich. „Ja,“ erwiederte Herbert,„und du kannſt dir denken, wie ſehr dies ſeine Gicht beſänftigen muß. Auch beſteht er darauf, alle Vor⸗ räthe in ſeinem Zimmer aufzubewahren und ſie eigenhändig auszu⸗ theilen. Sie liegen auf Brettern über ſeinem Kopfe, und er läßt es ſich nicht nehmen, ſie alle ſelbſt abzuwiegen. Sein Zimmer ſieht aus wie ein Kramladen.“ Während er dies ſagte, wurde das Brummen zu einem lang⸗ gedehnten Brüllen, das endlich erſtarb. „Welche andere Folge kann es haben,“ bemerkte Herbert zur Erklärung deſſelben,„wenn er durchaus den Käſe ſelbſt durchſchnei⸗ den will? Ein Mann mit der Gicht im rechten Arme, und in faſt allen Gliedern, kann natürlich nicht erwarten, einen großen Glou⸗ ceſter⸗Käſe zu durchſchneiden, ohne ſich wehe zu thun.“ Er ſchien ſich ſehr wehe gethan zu haben, denn er ſtieß von Neuem ein furchtbares Brüllen aus.. „Daß Provis das obere Stockwerk bewohnt, iſt eine wahre Wohlthat für Mrs. Whimple,“ ſagte Herbert,„da natürlich nicht ein jeder Andere einen ſolchen Lärm ertragen würde. Es iſt ein ſonder⸗ bares Haus, Handel, nicht wahr?“ Es war in der That ein ſonderbares Haus, aber außerordent⸗ lich rein und ſauber. „Mrs. Whimple,“ bemerkte Herbert, als ich ihm dies ſagte,„iſt eine vortreffliche Hausfrau, und ich wüßte in der That nicht, wie meine arme Clara ohne ihre mütterliche Hülfe fertig werden könnte. Denn Clara hat keine Mutter, lieber Handel, und keinen anderen Verwandten in der Welt, als den alten Griesgram.“ „Das iſt doch nicht ſein Name, Herbert?“ „Nein, nein,“ entgegnete Herbert,„ich nenne ihn nur ſo. Sein Name iſt Mr. Barley. Aber ein Segen iſt es für den Sohn mei⸗ ner Eltern, daß er ein Mädchen liebt, das keine Verwandtn hat, mit denen ſie ſich ſelbſt oder Andere quälen könnte.“ Herbert hatte mir bei einer früheren Gelegenheit erzählt, und erinnerte mich jetzt daran, daß er Miß Clara Barley zuerſt kennen gelernt habe, als ſie ſich behufs ihrer Ausbildung in einem? in Hammersmith befunden, und daß ſie und er, als ſie zur Bflege zuthheit iiten Bo niß dieſe pyxcholo war. W hielten zitterte Thür u ungefüh und wun in der⸗ gelten b ley, Ne⸗ A Worte das N wird. der R morge zwei Mehl, Pfeffer ſollte ie Es benen 2 Pertrau Veiſe, und et Mill Rope — daſf Geld d M Brumn bares hülzerne kommer nach m 4 dlaubſ „ , Schwe Grog blick u zu laſſ E 3 trinkt zitterte D in das führen ü inn diſſ rohere alte dem der a mer! — r Thür befind⸗ l.. Da es der iche Frau von wurde jedoch ſchweigend in derurſachte mir ſem ganz un⸗ id ſo häuslich han, wie ich it Porzellan, d hängenden k, das Aus⸗ aner Kut⸗ dn, der eund er iſt d. Mein lie⸗ du hier war⸗ ihr vorſtellen, Vater“ liches Brum⸗ heinlich einige agte Herbert einen Rum? in, wie ſehr i, alle Vor⸗ ſändig auszu⸗ nd er läßt es Iner ſſeht aud einem lang⸗ Herbert zur t durcſſnei⸗ „ und in faſt roßen Glou⸗ er ſäiß von eint wahfe diich nicht ein t ein ſonder⸗ rußerurdent⸗ g ſagte viſt t nicht, wit erden könnte. nen anderen — ——— Feierſtunden. 1864. —————-----—————ä::—— Zartheit und Verſtand genährt und überwacht worden war. Dem ———————;———————; Mit dieſer tröſtenden Geſangsweiſe pflegte ſich der unſichtbare alten Barley, darüber war man einverſtanden, ließ ſich ein Verhält⸗ Barley, wie Herbert ſagte, Tag und Nacht zu unterhalten, wobei niß dieſer Art nicht mittheilen, weil er für Alles, was ſich über die er, wenn es hell war, häufig durch ein der Bequemlichkeit halber Pſychologie von Gicht, Rum und Vorräthen erhob, unempfänglich an ſeinem Bett befeſtigtes Teleſkop blickte, um den Fluß zu beobachten. war. In zwei kajütenartigen Gemächern, im Giebel des Hauſes be⸗ Während wir uns auf dieſe Weiſe mit leiſer Stimme unter⸗ legen, welche friſche, reine Luft hatten und wo Mr. Barley weniger hielten und das Brummen des alten Barley noch an dem Balken zitterte, der über die Decke des Zimmers hinlief, öffnete ſich die Thür und ein ſehr hübſches, ſchlankes, ſchwarzäugiges Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren trat, mit einem Korbe in der Hand, ein und wurde mir von Herbert als ſeine Clara vorgeſtellt. Sie war in der That ein reizendes Weſen und hätte für eine gefangene Fee gelten können, die von dem ſchrecklichen Ungeheuer, dem alten Bar⸗ ley, gezwungen worden war, ihm zu dienen. „Sieh hier,“ ſagte Herbert, indem er mir, nachdem wir einige Worte gewechſelt hatten, mitleidig lächelnd den Korb zeigte;„da iſt das Nachteſſen der armen Clara, wie es ihr jeden Abend zugetheilt wird. Hier iſt ihre Portion Brod, da das Scheibchen Käſe und da der Rum,— den ich trinke. Das iſt Mr. Barley's Frühſtück für morgen, welches er herausgegeben hat, um es zubereiten zu laſſen: zwei Hammelskottelets, drei Kartoffeln, einige Erbſen, ein wenig Mehl, zwei Unzen Butter, etwas Salz und all' dieſer ſchwarze Pfeffer. Es wird zuſammen geſchmort und heiß genoſſen, und muß, ſollte ich meinen, ein vortreffliches Mittel gegen die Gicht ſein!“ Es lag etwas ſo Natürliches und Einnehmendes in dem erge⸗ benen Blicke, mit dem ſie dieſe Vorräthe betrachtete, und ein ſolches Vertrauen, eine ſolche Liebe und Unſchuld in der züchtigen Art und Weiſe, in der ſie ſich dem ſie umſchlingenden Arme Herberts hingab, und etwas ſo Sanftes, des Schutzes ſo ſehr Bedürftiges hier in Mill Pond Bank, bei Chinks Baſin und dem Old Green Copper Rope Wake, wo das Brummen des alten Barley am Balken erklang, — daß ich das Verhältniß zwiſchen ihr und Herbert nicht um alles Geld des noch uneröffneten Taſchenbuches hätte löſen mögen. Mit Vergnügen und Bewunderung betrachtete ich ſie, als das Brummen plötzlich wieder zu einem Brüllen anſchwoll und ein furcht⸗ bares Gepolter oben vernehmbar wurde, wie wenn ein Rieſe ſein hölzernes Bein durch die Decke des Zimmers bohren und zu uns kommen wollte, worauf Clara mit den Worten:„Papa verlangt nach mir, lieber Herbert!“ augenblicklich verſchwand. „Das iſt ein gewiſſenloſer alter Haifiſch!“ ſagte Herbert.„Was glaubſt du wohl, daß er jetzt verlangt?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte ich,„vielleicht etwas zu trinken?“ „Getroffen!“ rief Herbert, als wenn ich etwas außerordentlich Schweres errathen hätte.„Er hat immer ſeinen fertig gemiſchten Grog in einer Kanne auf dem Tiſche ſtehen. Warte einen Augen⸗ blick und du wirſt hören, daß Clara ihn aufhebt, um ihn trinken zu laſſen. Horch!“ Ein neues, langgedehntes Brüllen erſcholl. „Jetzt,“ ſagte Herbert, als es wieder ſtill geworden war,„jetzt trinkt er; und jetzt,“ als das Brummen von Neuem am Balken zitterte,„liegt er wieder auf ſeinem Rücken!“ Da Clara bald darauf zurückkehrte, ſo begleitete mich Herbert in das obere Stockwerk, um mich zu unſerem Pflegbefohlenen zu führen. Als wir an dem Zimmer des alten Barley vorüber kamen, hö in im Inneren mit heiſerer Stimme den folgenden Re⸗ f. nen, deſſen Melodie wie der Wind ſtieg und fiel und in deſſ eexte ich einige mildere Ausdrücke für die von ihm gebrauchten roheren einlegen will: „Ahoi! o Jammer! Hier iſt der alte Bill Barley. Hier iſt der alte Bill Barley. Bei Gott, hier liegt der alte Bill Barley auf dem Rücken— flach auf dem Rücken, wie ein todter alter Flunder, der auf dem Waſſer treibt! Hier iſt der alte Bill Barley, o Jam⸗ mer! Ahoi! o Jammer!“ hörbar war, als unten, fand ich Provis behaglich eingerichtet. Er drückte keine Unruhe aus und ſchien auch keine zu empfinden; aber es ſchien mir, als wenn ſeine Stimmung viel weicher geworden wäre.— Woran ich dieß zu erkennen glaubte, hätte ich nicht ſagen können und vermochte ich mir auch ſpäter nie zu erklären, wenn ich daran dachte, aber es war ſo. 4 Ein Ergebniß der Betrachtungen, zu denen der ruhig verlebte Tag mir Gelegenheit gegeben hatte, war der Entſchluß, ihm nichts über Compeyſon mitzutheilen; denn ſo wie ich ihn kannte war zu befürchten, daß er ſich von ſeiner Wuth gegen dieſen Menſchen verleiten laſſen möchte, ihn aufzuſuchen und ſich dadurch in ſein eigenes Ver⸗ derben zu ſtürzen. Als ich deßhalb mit ihm und Herbert vor dem Feuer ſaß, fragte ich ihn vor allen Dingen, ob er zu Wemmicks Urtheile und der Zuverläſſigkeit ſeiner Nachrichten Vertrauen habe. „Ja wohl, lieber Junge,“ erwiederte er mit ernſtem Kopfnicken, „bei Jaggers wiſſen ſie Beſcheid.“ „Ich habe heute mit Wemmick geſprochen,“ ſagte ich darauf, „und komme, um Ihnen zu ſagen, welche Vorſichtsmaßregeln und welche Rathſchläge er mir an die Hand gegeben hat.“ Mit Ausnahme des eben erwähnten Vorbehaltes theilte ich ihm ſodann Alles mit und ſagte, Wemmick habe im Gefängniſſe von Newgate(ob von Beamten oder Gefangenen wiſſe ich nicht) gehört, daß Verdacht in Betreff ſeiner gehegt werde und daß meine Woh⸗ nung beobachtet worden ſei, ſowie, daß Wemmick empfohlen habe, er ſolle ſich, entfernt von mir, einige Zeit ſtill verhalten, und daß er es für gerathen erachtet, ihn, ſobald als es thunlich ſei, in's Aus⸗ land zu ſchaffen. Ich fügte dabei hinzu, daß ich ihn natürlich, wenn dieſe Zeit käme, begleiten oder dicht hinter ihm folgen würde, je nachdem Wemmick das eine oder das andere für beſſer halten werde. Darüber, was ſpäter geſchehen ſolle, ließ ich mich nicht aus; denn da ich ihn jetzt in dieſer weicheren Stimmung und in unverkenn⸗ barer Gefahr um meinetwillen ſah, war es mir weder klar, was dann folgen ſolle, noch konnte ich ohne Unruhe daran denken. Was die gewünſchte Veränderung meiner Lebensweiſe und die Vergröße⸗ rung meiner Ausgaben betraf, ſo fragte ich ihn, ob es unter unſeren jetzt ſo ſchwierigen und mißlichen Umſtänden nicht lächerlich oder noch ſchlimmer wäre, es thun zu wollen. Er konnte dieß nicht in Abrede ſtellen und zeigte ſich überhaupt ganz vernünftig. Sein Zurückkommen ſei ein Wagniß geweſen, ſagte er, und immer von ihm ſchlecht angeſehen worden. Er wollte nichts thun, um es zu einem verzweifelten Wagniß zu machen und hege im Uebrigen, da ihm ſo kräftiger Beiſtand zur Seite ſtehe, keine großen Beſorgniſſe für ſeine Sicherheit. Herbert, der inzwiſchen ſinnend in das Feuer geſchaut hatte, ſagte hier, daß Wemmicks Rathſchläge ihm einen Gedanken einge⸗ geben hätten, deſſen nähere Erwägung wohl der Mühe werth ſein dürfte. „Wir ſind beide gute Ruderer, Händel,“ fuhr er fort,„und könnten ihn, wenn die rechte Zeit kommt, ſelbſt den Fluß hinab fah⸗ ren. Dann brauchte kein Boot zu dieſem Zwecke gemiethet zu wer⸗ den und keine Bootsleute gedungen; es würde dadurch mindeſtens möglicher Verdacht verhütet werden, was viel werth iſt. Kümmere dich nicht um die Jahreszeit. Sollte es nicht zweckmäßig ſein, wenn du jetzt gleich anfingeſt, ein Boot an der Waſſertreppe des Temple's zu halten und regelmäßig den Fluß auf und ab zu fahren? Wenn du dieſe Gewohnheit jetzt annähmeſt, würde ſie ſpäter keinem Men⸗ ſchen auffallen. Thue es zwanzig oder dreißigmal und Niemand wird ſich mehr darum kümmern, wenn es noch öfter geſchieht.“ ———————————————— Feierſtunden. 1864. — — —;— Dieſer Plan gefiel mir und auch Provis war ſehr dafür ein⸗ wie ein ganzes Regiment Soldaten, ſo war dennoch in Chinks' Ba⸗ genommen. Wir kamen deßhalb überein, daß er ausgeführt werden ſin genug Jugend, Vertrauen und Hoffnung vorhanden, um es bis und daß Provis uns nie ein Erkennungszeichen geben ſolle, wenn zum Ueberfließen zu füllen. wir unterhalb der Brücke und an Mill Pond Bank vorüber führen. Ferner verabredeten wir, daß er vor dem nach Oſten gehenden Fen⸗ ſter ſeines Zimmers den Vorhang herablaſſen ſolle, ſobald er unſer anſichtig werde, zum Zeichen, daß im Hauſe alles richtig ſei. Nachdem unſere Berathung nunmehr beendet und die nöthige Uebereinkunft in allen Punkten getroffen worden war, ſtand ich auf, um zu gehen, indem ich gegen Herbert bemerkte, daß es gut ſein werde, nicht zuſammen den Heimweg anzutreten und daß ich ihm um eine halbe Stunde vorausgehen wolle. „Ich laſſe Sie hier nicht gern zurück,“ ſagte ich zu Provis,„ob⸗ gleich Sie hier ohne Zweifel beſſer aufgehoben ſind, als bei mir. Leben Sie wohl!“ „Lieber Junge,“ erwiederte er, meine Hand drückend,„ich weiß nicht, wann wir uns wiederſehen werden und höre das„„Lebewohl““ nicht gern. Sage lieber—„„Gute Nacht!““ „Gute Nacht!“ verſetzte ich.„Herbert wird regelmäßig zwiſchen uns hin⸗ und hergehen, und wenn die Zeit kommt, werde ich bereit ſein,— verlaſſen Sie ſich darauf! Gute Nacht, gute Nacht!“ Wir erachteten es für nöthig, daß er in ſeiner Wohnung bleibe und ließen ihn deßhalb auf dem Treppenabſatz bei ſeiner Thür zurück, wo er das Licht über das Geländer hinaus hielt, um uns zu leuch⸗ ten. Indem ich nach ihm zurückblickte, erinnerte ich mich jenes erſten Abends ſeiner Rückkehr, an dem unſere Stellung umgekehrt war und ich keine Ahnung davon hatte, daß ich jemals mit ſo ſchwerem, be⸗ ſorgtem Herzen von ihm ſcheiden würde, wie es jetzt geſchah. Der alte Barley brummte und fluchte noch immer, als wir an ſeiner Thür vorüber kamen, und ſchien weder aufgehört zu haben, noch aufhören zu wollen. Am Fuße der Treppe angelangt, fragte ich Herbert, ob er den Namen Provis beibehalten habe. Er verneinte es ſehr beſtimmt und ſagte, daß der Miethsmann jetzt Mr. Campbell ſei. Ferner erklärte er mir, daß man im Hauſe nichts weiter über Mr. Campbell wiſſe, als daß er(Herbert) ſich ſeiner angenommen und ein großes perſönliches Intereſſe habe, ihn gut verpflegt und in ſtiller Zurückgezogenheit leben zu ſehen. Als ich deßhalb in das Wohnzimmer trat, wo Mrs. Whimple und Clara bei der Arbeit ſaßen, äußerte ich nichts über mein eigenes Intereſſe an Mr. Campbell, ſondern behielt es für mich. Nachdem ich von dem hübſchen, ſanften, ſchwarzäugigen Mäd⸗ chen und der mütterlichen Frau Abſchied genommen hatte, deren aufrichtige Theilnahme für ein kleines Liebesverhältniß durch den Lauf der Jahre noch nicht erloſchen war, ſchien es mir, als wenn der alte Green Copper Rope Walk ein ganz anderes Anſehen ge⸗ wonnen hätte. Barley mochte ſo alt ſein wie die Berge und fluchen Im Temple war alles ſo ruhig, wie ich es je gefunden hatte. Die Fenſter der noch kürzlich von Provis bewohnten Zimmer waren dunkel und ſtill und kein menſchliches Weſen war in Garden Court zu ſehen. Zwei⸗ oder dreimal ging ich an dem Springbrunnen vor⸗ über, ehe ich die zwiſchen mir und meiner Wohnung liegende Treppe hinabſtieg, aber ich war ganz allein. Als Herbert heim und an mein Bett kam— denn ich hatte mich, geiſtig und körperlich ermü⸗ det, ſogleich niedergelegt— berichtete er daſſelbe; und indem er dann noch ein Fenſter öffnete und in das Mondlicht hinausſchaute, wieder⸗ holte er, daß auf dem Hofe eine ſo feierliche Stille herrſche, wie ſie zu dieſer Stunde nur im Schiffe einer Kathedrale herrſchen könne. Am folgenden Tage machte ich Anſtalt, mir ein Boot zu ver⸗ ſchaffen. Es war bald gethan und das Boot wurde an die Waſſer⸗ treppe des Temple gelegt, wo ich es in wenigen Minuten erreichen konnte. Dann begann ich auszufahren, als wenn ich mich im Ru⸗ dern üben wollte, bald allein, bald mit Herbert. Ich war oft bei ſtrenger Kälte, in Schnee und Regen auf dem Fluße, aber Niemand beachtete mich mehr, nachdem ich einige Male ausgefahren war. An⸗ fangs ging ich nicht weiter, als bis zur Blackfriars⸗Brücke, aber als die Zeit der Fluth wechſelte, fuhr ich bis an die London⸗Brücke. Damals beſtand noch die alte London⸗Brücke, in deren Nähe zu ge⸗ wiſſen Zeiten der Fluth ein ſo gewaltiger Waſſerſturz war, daß ſie in übelm Rufe ſtand. Allein ich lernte es bald, unter der Brücke durchzuſchießen, nachdem ich einmal geſehen, wie es gemacht wurde, und ruderte dann zwiſchen den jenſeits liegenden Schiffen entlang nach Erith zu. Als ich zum erſten Male mit Herbert an Mill Pond Bank vorüberfuhr, ſahen wir beide auf der Hin⸗ und Rückfahrt den Vorhang am öſtlichen Fenſter der bewußten Wohnung herunterfallen. Herbert war in der Regel jede Woche mindeſtens dreimal dort und brachte mir nie eine Nachricht von beunruhigender Art. Dennoch wußte ich, daß Grund genug zu Beſorgniſſen vorhanden war und konnte mich von dem Gedanken nicht losmachen, daß ich beobachtet werde. Wenn man einmal eine ſolche Idee gefaßt hat, ſo wird man immerwährend davon verfolgt. Wie viele unſchuldige Perſonen ich im Verdachte hatte, daß ſie mich beobachteten, iſt nicht zu berechnen. Kurz, ich war unaufhörlich in Angſt um den verwegenen Mann, der ſich jetzt verbergen mußte. Herbert hatte zuweilen geäußert, daß es ihm Vergnügen mache, in der Dunkelheit an einem unſerer Fen⸗ ſter zu ſtehen, wenn die Fluth zurückkehre, und dabei zu denken, daß ſie mit Allem, was ihre Wellen trugen, ſeiner Clara zuſtröme; ich aber dachte mit Angſt daran, daß ſie Magwitch zufließe, und daß jeder ſchwarze Punkt auf ihrer Oberfläche Verfolger ſein könnten, — welche ſchnell, leiſe und ſicher dahin eilten, um ihn zu ergreifen. (Fortſetzung folgt auf S. 465.) ſiſe pinen⸗ ſter biren w ſeine deßwege könne, „Prar chaft ohne 3 lang die: zu ſ nicht 8 di ſtigen ols ae that. Kunſ Welt und ſoga wo jene als gag! mert L her 1 Am, er! und efre auf òú — Chinky Pa⸗ um es bis donden hatte mmer waren ſaarden Court Drunnen vor⸗ ſende Treppe im und an erlich ermü⸗ m er dann ate, wieder⸗ d wie ſie * Men rc. Voot zu ver⸗ die Waſſer⸗ ten erreichen nich im Ru⸗ war oft bei⸗ ber Niemand n war. An⸗ cke, aber als don⸗Brücke. Nähe zu ge⸗ ar, daß ſie der Brücke nacht wurde, ffen entlang mnterfallen. nal dort nd t. Danmoch n war und ich bebachtet 1 wird man Perſonen ich zu berechnen. venen Mann, tt, daß — unſerer Fen denken, daß zuſtröme; ich ſe, und daß ſein kunnten, fen. „rare erhi Feierſtunden. 1864. 433 ————y-—=ͤ— ———— ———— Das Blutbad auf den Philippinen oder der 9. Oktober 1820. Es war im Jahre 1819, da fuhr auf dem Handels⸗ Domicil aufzuſchlagen. trotzdem daß es ihn nur ein paar ſchiffe„Cultivateur“, deſſen Beſtimmungsort die Philip⸗ Stunden Zeit gekoſtet hätte, nach dem herrlichen Manilla, pinen⸗Inſeln waren, als Paſſagier auch ein junger deut⸗ der Hauptſtadt der Philippinen, die nur fünf ſpaniſche cher Arzt, der in dieſer entfernten Zone ſein Glück pro⸗ Meilen(eine ſpaniſche Meile gleich zwanzig Minuten) ent⸗ biren wollte. Derſelbe hatte auf der heimathlichen Uriverſität fernt liegt, hinüberzufahren. Allein in Manilla gab's ſeine Studien vollendet und gute Zeugniſſe davongetragen; ſchon drei Aerzte und in Cavito noch keinen einzigen. deßwegen wußte er aber doch, daß es Jahre lang andauern Dieſer letztere Punkt könnte an ſich ſchon ein Entſcheidungs⸗ könne, bis er ſich im Vaterlande eine„Stellung“ und grund genannt werden, wenn anch nicht noch dazu gekom⸗ „Praxis“ erwerben würde, alldieweil ſeine Familie keines⸗ men wäre, daß Cavito äußerſt reizend liegt und von einer wegs den höheren Ständen angehörte, und ſeine Verwandt⸗ Menge von Landhäuſern umgeben iſt, deren Beſitzer natür⸗ ſchaft keinen Einfluß beſaß. So beſchloß er denn, da lich alle ſeine Hülfe in Anſpruch nehmen mußten, wenn ohnedies ſein Vermögen auf die Neige ging und ihm kein ſie krank wurden. So miethete er ſich denn in einem Hauſe langes Privatiſiren und Nichtsthun geſtattete, friſchweg in ein, deſſen Parterre von einem olivenfarbigen Chineſen zu die neue Welt hinein Aegge eagffeleſen einem Theeladen be⸗ zu ſteuern, ob ihm Firui ndn nützt wurde, wäh⸗ nicht dort vielleicht Ate rend das Stübchen die Glücksgöttin gün⸗ über ihm von einer ſtiger entgegen lache, alten Malayin, welche als ſie es in Europa ihr Leben mit„Wa⸗ that. War doch ſeine ſchen für die Cabal⸗ Kunſt in der ganzen leros“ friſtete, in Be⸗ Welt eine geſuchte, ſitz genommen war. und am geſuchteſten Die Wohnung konnte ſogar in der„neuen“, eine ziemlich beſchei⸗ wo die Medicin zu dene genannt werden, jener Zeit noch mehr allein fuͤr ſeine als recht im Argen Verhältniſſe war ſie lag! Sein Augen⸗ groß genug, denn merk richtete er da⸗ man konnte doch nicht her allerdings auf mit Beſtimmtheit ſa⸗ Amerika, aber wie gen, wie es mit der er nach Havre kam Praxis gehen würde. und man ihm da Mit der letzte⸗ „freie Ueberfahrt“ ren ging's jedoch vor⸗ auf die Philippinen trefflich, weit beſſer, bot, wenn er dafür als er es erwartet als Arzt auf dem hatte, und nicht ge⸗ Schiffe Dienſte thue,(Zu Seite ringe Schuld hieran ſo entſchied er ſich 1. hatte ſeine malayiſche ſchnell für die letztere Reiſe, denn— die Philippinen ge⸗ Mitbewohnerin, die Wäſcherin; denn als den Tag nach hör ¹ ſ„ WVV' ten ja auch zu einer ihm neuen Welt, und ihm konnte ſeinem Einzug die Frau eines ſpaniſchen Soldaten, eines es am Ende gleichgültig ſein, ob ſein Glücksſtern ihn nach faſt kupferfarbigen Eingeborenen(denn die Spanier, die Oſtindien oder Weſtindien führe. War ihm doch Amerika Beſitzer der Philippinen, rekrutiren ihre Armee meiſtens ſo gut eine Fremde, als irgend ein anderer Theil des aus der Raſſe der Malayen), einen unglücklichen Fall that, großen außereuropäiſchen Landesgebietes! ſo daß man ſie in hülflofem Zuſtande nach Hauſe trug, Am neunten Oktober des Jahres 1819 landete ſein ſo wußte die Waſcherin, die zufällig eine nahe Verwandte Schiff in dem kleinen Hafen der Stadt Cavito auf der jenes Soldaten war, nichts Eiligeres zu thun, als den Imer Lacon oder Manilla, welche eine und zwar die deutſchen Doctor herbeizurufen, damit dieſer ſeine Kunſt an größte und ſchönſte der Philippinen iſt, und Joſeph der Verunglückten bewähre. Und das that er auch, und Greiner— dies iſt der Name unſeres Arztes— ſprang zwar mit viel Glück, denn obgleich die arme Frau ein Bein mit Luſt an's Land, denn einen ſo wunderſchönen Fleck gebrochen und eine Rippe eingefallen hatte, ſo heilte er ſie Ebe, als die Inſel Lucon, hatte er in ſeinem Leben nicht doch in weniger als vier Wochen, ſo daß ſie nach dieſer geſehen. Cavito iſt nun zwar nur eine kleine Stadt und Zeit wieder ſo geſund herumlief, wie vor ihrem Falle. zird auch nur von wenigen europäiſchen Familien bewohnt, Der Soldat in der Freude ſeines Herzens bot ihm die Löh⸗ a der Haupttheil der beſitzenden Klaſſen aus Creolen, die nung eines ganzen Monats als Belohnung, aber der Doc⸗ rbeitende Klaſſe aber, alſo bei weitem die große Mehrzahl tor nahm nichts, auch nicht einen Maravedi, weil dies ſein r Bevölkerung, aus Chineſen, Papuas und Malayen, erſter Kunde geweſen war, und weil er wohl wußte, daß er auch aus Miſchlingen von Creolen und Eingeborenen es Unglück bringt, wenn man dem erſten Kunden Geld teht; aber dennoch beſchloß der junge Arzt, hier ſein abnimmt. Feierſtunden. 1864. 55 — 8—— —õ— ——òͦõÿõ;—::'ͤyͤy————————;; Jetzt war der Ruhm Joſeph Greiners geſichert, denn die ganze malayiſche, Miſchlings⸗ und Chineſen⸗Bevölke⸗ rung von Cavito ſchwur auf ſeine Geſchicklichkeit, und auch die beſitzende Klaſſe, die Creolen und Europäer ſäumten nicht, in entſprechenden Fällen ſeine Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Man hieß ihn allgemein nur Don Joſé, den deutſchen Arzt, hie und da auch Don Joſé Grinero, da das Wort„Greiner“ im Spaniſchen unausſprechbar iſt, und er war bald eine überall wohlgekannte und beliebte Perſönlichkeit. Natürlich beſtrebte er ſich, ſo ſchuell als möglich ſpaniſch zu lernen, da dieſe Sprache(als die Sprache der Herrſchenden) ſprechen zu können auf den Philippinen unumgänglich nothwendig iſt; nebenbei übte er ſich aber auch mit Hülfe der alten Malayin, die ober ihm wohnte, in der Ausſprache der Kehllaute des„Tagaloéiſchen“, wie man den Hauptſtamm der hier einheimiſchen Aſiaten ge⸗ wöhnlich nannte, denn ſonſt konnte er ſich mit den Letzte— ren, die nur ſchwer ſpaniſch lernten, nicht leicht verſtänd⸗ lich machen; das bischen franzöſiſch aber, welches er von Hauſe aus verſtand, diente ihm dazu, mit der Mannſchaft und den Offizieren der verſchiedenen im Hafen liegenden Schiffe, von denen die meiſten die franzöſiſche Flagge führ⸗ ten, zu verkehren. So ſchien das Glück Don Joſé's ge⸗ macht, als auf einmal ein Ereigniß eintrat, welches ur⸗ plötzlich der ganzen Sache eine andere Wendung geben und dem Leben und der Exiſtenz aller Europäer und Creolen auf Lucon, ſowie auf den Philippinen überhaupt ein ſchnel⸗ les Ziel ſetzen zu wollen ſchien. Es traf ſich nämlich, daß im September des Jahres 1820 ein fremdes Schiff die Cholera nach Cavito brachte, von wo aus ſich dieſe furchtbare Krankheit augenblicklich über die ganze Inſel, ja ſogar noch über dieſe hinaus bis nach Formoſa verbreitete. Dieſes unſelige Ereigniß hatte Feierſtunden. 1864. ——;—;ℳ——:-————— weg. Auch hätte er hundert Arme haben ſollen, um Allen Genüge zu ſein, und hätte doch noch nicht genug gehabt! Während er nun ſo dahin brütete, und kaum an's Bett⸗ gehen dachte, obgleich er todtmüde war, öffnete ſich plötz⸗ lich ſeine Thüre und die alte Malayin trat herein. „Don Joſé,“ ſagte ſie in ihrer kurzen Weiſe, indem ſie die Hände über der Bruſt kreuzte,„bleib heute Nacht und den morgenden Tag zu Hauſe und ſchließe deine Zim⸗ merthüre gut ab, daß Niemand zu dir herein kann.“ „Und warum, Juanita?“ fragte der Arzt verwundert. „Biſt du vielleicht unwohl und verlangſt, daß ich mich den ganzen Tag dir widmen ſoll? Juanita iſt doch ſonſt nicht eigennützig, und ſie weiß, daß der Leidenden viele ſind, die meiner Hülfe bedürfen.“ „Juanita iſt nicht eigennützig,“ erwiederte die Alte kopfſchüttelnd,„aber ſie liebt den weißen Doctor, denn er iſt gut und hat ſich ihres Volkes angenommen. Juanita darf nicht mehr ſagen, ob ſie gleich wollte, ſonſt würde ſie zur Verrätherin; ſie ſagt nur das Eine: Don Joſé, bleib Morgen zu Hauſe. Willſt du mir's verſprechen, Don Joſé?“ Der Arzt hatte keine Zeit, auf dieſe wunderliche Auf⸗ forderung zu antworten, denn in dieſem Augenblicke hörte man den Tritt einiger Pferde, die im Galopp vor's Haus ſprengten, und gleich darauf ward die Nachtglocke, welche Don Joſé an der Hausthüre hatte anbringen laſſen, hef⸗ tig angezogen. Ehe der Letztere aber noch das Fenſter ge⸗ öffnet hatte, um nachzuſehen, wer unten ſei, flog ſchon ein leichter Tritt die Treppe herauf, und eine junge Dame ſtürzte zur Thüre herein, denn der Chineſe, welcher unten den Theeladen hielt, hatte ihr dienſtfertig das Haus geöffnet. „Donna Hyacintha,“ rief der Arzt aufſpringend und die allertraurigſten Folgen, denn da die Hitze damals eine ſich mit glühenden Wangen ehrfurchtsvollſt verbeugend, furchtbare war, ſo ſteigerte ſich die Wuth der Krankheit„Sie ſind es ſelbſt? Welchem Ereigniß habe ich dieſe hohe mit jedem Tage, und beſonders waren es die Eingeborenen, Ehre zu verdanken? Aber mag es ſein, was es wolle, ver⸗ welche darunter zu leiden hatten, da ſie von ihrer gewohn⸗ fügen Sie gänzlich über mich.“ ten Lebensweiſe nicht ablaſſen wollten, und es durchaus an Der Doctor war in offenbarer Verwirrung, obwohl Verpflegung und Aerzten fehlte. Sie ſtarben zu Tauſenden er ſonſt durchaus nicht wie ein Mann ausſah, der leicht und aber Tauſenden, und Tag und Nacht zu jeder Stunde aus der Faſſung kam, ſondern im Gegentheil eine recht hörte man die Todtenkarren durch die Straßen raſſeln. entſchloſſene und tapfere Miene hatte. Aber daß ihn dieſe Sonſt freilich gab es wenig Geräuſch mehr, denn die Rei- Erſcheinung ein wenig aus ſeiner Ruhe brachte, darf man chen hatten ſich auf ihre Landhäuſer zurückgezogen, wo ſie wohl nicht als ein Wunder betrachten. Donna Hyacintha ſich förmlich abſchloſſen, und die Schiffe verlegten ihren war nämlich eine junge Dame von faſt außerordentlicher Ankergrund in den äußeren Hafen, wo ſie vor der An⸗ Schönheit, zwar vielleicht nicht ſchöner, als Viele ihrer ſteckung ſicher waren. Hiedurch hörte natürlich aller Han- Genoſſinnen, aber— die Creolinnen ſind alle von bezau⸗ del und Wandel auf und die aſiatiſche Bevölkerung ward bernder Schönheit, und die junge Dame war eine Creolin förmlich zur Verzweiflung getrieben, da zu der Geißel der vom reinſten Blute, da ſowohl ihr Vater als ihre Mutten Krankheit auch noch die Geißel der Entbehrung und des in direkter Linie von ſpaniſchen Edelleuten abſtammten Mangels trat. Ueberdies gehörte ſie einer der reichſten Familien der Inſel So kam der neunte Oktober des Jahres 1820 herbei, an und lebte mit ihrer Mutter— der Pater war der Tag, an dem es ſich jährte, daß Don Joſé auf der vor einigen Jahren geſtorben— auf ein„ Inſel Lucon gelandet war. Unſere Geſchichte beginnt aber güter in der Nähe der Stadt, umgeben von mit dieſem Tag oder vielmehr mit der Nacht vorher. den die Abkömmlinge der Spanier auf Es mochte nämlich(in der Nacht vom achten auf den Inſeln zu entwickeln wiſſen. Der Arzt hatte neunten) ſchon ziemlich ſpät ſein, aber dennoch brannte noch geſehen und war als ſolcher ſogar ſchon ein adergwe Licht in des Doctors Zimmer, denn er war ſoeben erſt auf ihrer Mutter Landhaus berufen worden, aber im Uebri von ſeinen Krankenbeſuchen nach Hauſe gekehrt. Vor ihm gen ſtand die Familie zu hoch für ihn, als daß er ſich ſtand Speiſe und Trank, aber er ſprach ihnen nur wenig hätte rühmen können, in irgend nähere Beziehungen zu ihr zu. Das große Sterben in Cavito hatte ihn ſchmerzlich gekommen zu ſein. Was Wunder alſo, wenn der junge ergriffen, und er ſah ein, von welch' geringem Werthe Mann ein wenig verwirrt wurde, als er die ſtolze Creolin menſchliche Kunſt iſt, denn ſo Vielen er auch beiſprang, ſo ohne Umſtände in ſein Zimmer treten ſah? und ſo ſehr er ſich aufopferte für's allgemeine Beſte, ſo„Was ſteht zu Ihren Dienſten, Donna Hyacintha?“ * 4 1 4 fie ſchon öfter 6 4 ſtarben ihm doch die Patienten wie Fliegen unter der Hand wiederholte der Arzt, nachdem er ſich etwas gefaßt hatte, 4 2 8— ſchon— u — Feierſtunden, 1864. ———=— ——— um Allen indem er der jungen Dame zugleich einen Armſtuhl bot, und Miſchlingen*) gegenüber, von denen die Meiſten be⸗ ug gehabt! um ſich darauf niederzulaſſen. waffnet waren. Es mochten etwa dreißig Männer ſein, uns Bett⸗„Nicht doch, Don Joſé,“ erwiederte die Dame, die und dieſelben nahmen die ganze Straßenbreite ein, ſo daß ſich plötz⸗ im Anfang, wahrſcheinlich in Folge des ſchnellen Rittes, ſie ihnen den Weg verſperrten. 4. ein. die Sprache verloren zu haben ſchien.„Eilen Sie viel⸗„Heilige Maria von Caſale,“ rief die Dame erblei⸗ eiſe, indem mehr, Ihre Inſtrumente zu ſich zu ſtecken, denn Sie müſ⸗ chend,„meine Ahnung iſt eingetroffen.“ eute Nacht ſen mir augenblicklich folgen. Mein Diener hält unten Auch der Doctor erbleichte ein wenig, doch war es eine Zim⸗ mit einem geſattelten Pferde für Sie, und wir haben keine mehr vor Zorn als vor Schrecken.„Was ſoll das?“ un.“ Zeit zu verlieren.“ ſchrie er.„Macht Platz, denn ihr ſeht, wir haben Eile.“ rwundert.„Wer iſt krank geworden, und welche Art Krankheit In demſelben Augenblicke trat ein großer, breitſchul⸗ mich den iſt es?“ fragte der Doctor, indem er zu ſeinem Medicin⸗ teriger Mann vor und fiel dem Pferde der Donna Hya⸗ onſt nicht kaſten eilte, denn in jenen Gegenden war damals der Arzt cintha in die Zügel. Der Mann trug eine Büchſe über eſod, die ſo zu ſagen Alles in Allem:„Arzt, Chirurg, Hebamme der Schulter nebſt zwei Piſtolen im Gürtel, und auf ſei⸗ und Apotheker,— eine Sache, die auch jetzt noch nicht viel nem breiten Strohhute prangte eine ſtolze Feder. Auch er⸗ e die Ac anders geworden ſein wird. kannten ihn ſowohl der Doctor als die Creolin auf den r, denn er„Oh, fragen Sie nicht,“ rief die Dame voll Schmerz, erſten Blick, denn es war ein Mann von großem Einfluſſe Juanita indem ihre Augen ſich unwillkürlich mit Thränen füllten. unter der einheimiſchen Bevölkerung, ein Miſchling, Na⸗ onſt würde„Meine Mutter, meine theure Mutter— glauben Sie mens Tornero, deſſen wilde Gemüthsart und ausſchwei⸗ Don Joſt, denn, ich wäre ſelbſt hergeritten, wenn es nicht meine fende Sittenloſigkeit der europäiſchen und creoliſchen Bevöl⸗ verſprechen, Mutter wäre? Und zugleich— ich konnte niemand Zuver⸗ kerung viel Furcht einjagte. Sein ſtarker Körperbau be⸗ läſſiges finden, denn es iſt eine ſo ſonderbare Bewegung zeugte ſeine Abkunft von einem Europäer, während die rliche Auf⸗ in alle unſere Leute gekommen. Aber wir haben jetzt nicht queren Augen, das ſtraffe ſchwarze Haar und die häßlichen glicke hörte Zeit, hierüber zu ſprechen. Eilen Sie, Doctor, eilen Sie breiten Backenknochen den Malayen ankündigten. 4„Habe ich dich endlich, mein Täubchen?“ ſagte der und retten Sie meine Mutter. ke, welche Der Arzt war in einem Augenblicke fertig. Er füllte aſſen, hef⸗ eine kleine Taſche, die er ſich umhing, mit den ihm nöthig Fenſter ge⸗ ſcheinenden Medicamenten, nahm ſeine Inſtrumente zu ſich 6 und ſteckte zum Ueberfluß noch ein paar Piſtolen in den Gürtel, da, wie er ſich ſelbſt den Tag hindurch überzeugt, und wie das Fräulein ſoeben bemerkt hatte, in der That eine„ſonderbare Bewegung“ unter die Bewohner der Inſel gekommen war. Schon wollten die Beiden zuſammen das Zimmer verlaſſen, da ſtellte ſich ihnen ein unerwartetes or's Haus d Miſchling, welcher offenbar als Anführer der Bande fun⸗ girte, mit einem höhniſchen Grinſen.„Brauchſt nicht zu zittern, denn ich werde dich an einen ganz ſicheren Ort führen, wo du gut genug aufgehoben ſein ſollſt. Und du, Doctor, ſteige nur ruhig von deinem Pferde; auch dir ſoll nichts zu Leide geſchehen, denn wir werden den morgenden Tag deine Hülfe vielfach in Anſpruch nehmen.“ Dieſer Auftritt kam ſo plötzlich und überwältigend, daß der Doctor eigentlich gar nicht wußte, was die Sache g ſchon ein inge Dame lcher unten das Haus d und thennen Hinderniß in den Weg. Die alte Malayin warf ſich näm- bedeuten ſollte; aber er war wie geſagt ein Mann von dieſe hohe lich plötzlich dem Doctor zu Füßen und umklammerte ſeine großer Entſchloſſenheit und unerſchütterlichem Muthe. So⸗ wolle ver⸗ Knie.(Siehe Bild auf S. 433.) bald er daher ſah, daß der Schurke Tornero dem Pferde 1 1 3„Bleib hier, Don Joſé,“ kreiſchte ſie,„bleib hier der Donna Hyacintha in die Zügel gefallen war und noch obwohl und verlaſſe dein Zimmer nicht.“ 1 mehr, als er die unwürdigen Worte hörte, mit denen der bäer licht 1„Was fällt dir ein, Juanita?“ rief der Doctor zor⸗ freche Geſell das edle Fräulein zu beleidigen wagte, beſann tine recht nig, und ſuchte ſich loszumachen. er ſich nicht mehr länger, ſondern erhob ſeine ſchwere Reit⸗ kan dief„Du haſt mir Gutes gethan, Don Joſé,“ fuhr die peitſche und hieb damit dem Tornero ſo derb über das Ge⸗ 3 9 um Malayin heftig bewegt fort,„und haſt meine Baſe vom ſicht, daß das Blut nachſpritzte und der Mann jählings zu di tha Tode errettet. Bleib hier und es wird dir kein Leid ge⸗ Boden fiel.(Siehe Bild auf S. 436.) Zu gleicher Zeit — ſchehen. Sein Blut komme über dich, ſtolze Spanierin, ergriff er die Zügel des Roſſes, auf welchem Donna Hya⸗ atwitäche wenn du ihn zwingſt, dir zu folgen,“ ſetzte ſie zornig ge⸗ cintha ritt, und jagte ſeinem eigenen Pferde die Sporen Ville in 1 gen die Creolin gewandt hinzu. ſo tief in den Leib, daß dieſes in raſender Wuth aufſprang von vehe Allein die Drohung der alten Malayin war eine ver⸗ und ſich durch die vor ihm ſtehenden Malayen eine breite ine er gebliche; weder der Doctor noch die Creolin hörten auf ihre— e Multe Worte; denn Don Joſé hatte ſich faſt gewaltſam frei ge⸗*) Die Urbevölkerun g der Philippinen⸗Inſeln war, trotzdem bſtammten macht und eilte mit ſeiner ſchönen Begleiterin die Treppe daß dieſe Inſelgruppe dem Feſtlande von Aſien ſehr nahe liegt, teine der Inſel binab. An eir A blicke 3 ſie zu Pfer aſiatiſche, ſondern vielmehr eine auſtraliſche; allein ſchon vor n einem Augenblicke ſaßen ſie zu ferde und undenklichen Zeiten wurde dieſe Urbevölkerung von malayiſchen Stämmen, die in ihren Canoes herüber gefahren kamen, verdrängt, ſo daß jetzt nur noch einige wenige Reſte von Urbewohnern übrig⸗⸗ ſind. Dieſe— ſie heißen ſich ſelbſt Papuas, werden aber von den Spaniern Negritos del monte genannt— waren zu ſtolz, ſich mit mar Ichon uf der Straße dahin, dem Landhauſe der Donna Sie eilten unaufhaltſam vorwärts und hoff⸗ 4 halben Stunde an Ort und Stelle zu ſein, denn damals ſaßen die vornehmen Damen auf den Philip⸗ „ 27. E L 3. den Eindringlingen zu vermiſchen, ſondern zogen ſich auf die Gebirge ſchon ſſur pinen⸗Inſeln noch gut zu Roſſe, da das Reiten ihre Uebung zurück, in Gegenden, wohin ihnen die Malayen nicht zu folgen wag⸗ wiauie von Jugend auf war. Kannte man doch Chaiſen und ten, und wo ſie jetzt noch in wenigen tauſend Exemplaren als ächte, d llebki⸗; 3 rmiſchte Auſtralneger leben.— zu den Malayen, welche ſich im Uh Equipagen faſt nur dem Namen nach und ſind ſolche auch unvermiſchte Auſtralnegene In hen, welche ſich Wu er ſi;„; Cer Gehr:;ſr— über die ganze Inſel ausgebreitet haben, kamen bald auch Chine⸗ T 3 ſ4 jetzt noch ziemlich uber Gebrauch, weil das vielfach bergigte ſen, die in wenigen Tagen aus ihrem übervölkerten Vaterlande her⸗ gen zu d Terrain keine ſolche Fuhrwerke geſtattet! überſchiffen konnten, und durch die Vermiſchung dieſer beiden Raſſen der junge Plötzlich hörten ſie jedoch den Tritt vjeler Menſchen, theils mit einander, theils mit den Spaniern, die dieſe Inſeln im lze Creolin welche geraden Weges auf ſie zukamen, und wie der Mond l6 ahchnnerdmte Tſaſ ahen nnedimamfchlr Eurdphere ent⸗ 19:; ℳ 4 Molke. 7; ſ. G de dri e Raſſe, die R e der Miſchlinge, we he in auf einen Augenblick durch die Wolken brach, ſahen ſie ſich Beziehung auf Charakter und Menſchenwerth die bei weitem elendeſte wacinthe⸗ einem Haufen von Eingeborenen, oder vielmehr von Malayen] von allen dreien iſt. Gr. ffaßt hatt, 56* 5 und bedächtig die 8——V-——; 436 ———:;;::— Feierſtunden. 1864. Gaſſe brach. So waren ſie im Augenblicke gerettet, denn Donna Hyacintha ergriff die Hand des Arztes mit auch der Diener, welchen Donna Hyacintha mit ſich ge⸗ ſtummem Entzücken, und warf ihm einen Blick der Dank⸗ bracht hatte, folgte ihnen auf dem Fuße. Zehn Minuten barkeit zu, den er in ſeinem Leben nicht mehr vergaß. ſpäter hatten ſie das Landhaus erreicht, ohne daß Eines„Wir haben ein Landgut hoch oben in den Bergen,“ ſagte von ihnen Schaden gelitten hätte, denn ein paar Kugeln, ten ſie mit freudeblitzenden Augen,„ganz umſchattet von hohen die ihnen zu ſpät nachgeſchickt worden waren, hatten nicht Cedernbäumen, und hart an der Grenze des Gebietes der getroffen. Negritos del Monte.“ „Don Joſé,“ ſagte Fräulein Hyacintha, als er ihr Sie ging, um dem Haushofmeiſter zu befehlen, die die Hand bot, um ſie vom Pferde zu heben,„ich bin zu nöthigen Anordnungen zu treffen, während der Arzt für aufgeregt, um Ihnen ſo zu danken, wie ich Ihnen danken die Kranke einen kühlenden Trunk bereitete. Gleich darauf ſollte. Aber kommen Sie zuerſt zu meiner Mutter und kam ſie zurück, aber mit todtbleichem Geſichte, und winkte reißen Sie mich aus meiner Todesangſt.“ dem Doctor in ein Nebenzimmer. Ihre Stimme zitterte, als ſie ſo ſprach und ihre Au—„Don Joſé,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme,„jetzt gen ſuchten den Boden. Auch der Doctor war offenbar weiß ich, was der ſchreckliche Auftritt zu bedeuten hatte mehr als gewöhnlich ergriffen, doch bezwang er ſich gewalt⸗ bei welchem ſie mich aus den Händen des gräßlichen Tor⸗ ſam und folgte dem Fräulein, ohne ein Wort weiter zu nero befreiten. Es iſt ein Aufſtand unter den Eingebore⸗ —————————————DAGx entgegnen. 9 knen ausgebrochen und ſie ſtürmen ſoeben die Stadt Cavito. Auf einer Otto⸗ Faſt alle unſere Die⸗ denejintein in K dee enechtehuben ausgeſtatteten Zim⸗ ſſſi uns verlaſſen, bis mer lag eine ältliche auf wenige ſechs, die Dame, deren Beſich treu anli ben üind wie in großer Fieber⸗„Um ſo mehr hitze glühte. Sie Grund haben Sie, hatte die Augen ge— zu eilen, um in die ſchloſſen, aber den⸗ ſicheren Berge zu noch zeigte der Wech⸗ entkommen, Donna ſel in ihren Zügen, I Hyacintha,“ erwie⸗ daß ſie nicht ohne W derte der Arzt.„Oder Bewußtſein war. S haben ſich die Papuas zer Veudr 34 Men Wolayen nahm den ſchlaff un iſchlingen ver⸗ herabhängenden Arm bunden?“ und unterſuchte lange„Nein, Doctor,“ rief die Creolin, „dies wird wohl nicht geſchehen, auch iſt die Zahl der Negritos eine ſo geringe, daß es wenig ausmachen würde, ob ſie ſich auch noch bei dem Pulsſchläge. Dann fuhr er ſanft über die in Schweiß ge⸗ badete Stirne der Kranken und forſchte aufmerkſam nach ge— N8 N wiſſen Flecken auf N K der Haut, welche(Zu Seite 435.) Aufſtande betheiligen immer die untrüg⸗ oder nicht. Aber dies lichen Zeichen der ausgebrochenen Cholera ſind. Aber er iſt es nicht, was ich Ihnen ſagen wollte, Don Joſé, fand keine ſolche und der Schweiß ekſchien ihm als eine ſondern ich wollte Sie bitten, uns zu begleiten, uns nim⸗ gute Vorbedeutung. mer zu verlaſſen, bis— bis Sie mit Sicherheit nach Die junge Dame hatte jede Bewegung des Arztes Cavito zurückkehren können.“ mit einer faſt außerordentlichen Aengſtlichkeit bewacht. Ihre Sie ſprach dies mit fliegendem Athem und bat ſo Augen hingen an ſeinem Munde, als ob Tod und Leben innig und ſo lange, bis der Arzt verſprach, den ganzen von ſeinem Ausſpruche abhingen. Tag auf der Villa, wohin ſie die Kranke zu bringen ge⸗ „Iſt es die Seuche?“ flüſterte ſie endlich mit kaum dachten, zuzubringen. Nunmehr waren übrigens alle Vor⸗ hörbarer Stimme. „aber in einen Palankin oder bedeckten Tragſeſſel, und die ſechs en kann, treugebliebenen Diener wechſelten im Tragen deſſelben mit wenn wir eine Aenderung dieſer glühenden Temperatur zu einander ab. Der Zug bewegte ſich in ruhiger Ordnung hoffen haben.“ vorwärts, angeführt von dem Haushofmeiſter und geſchloſ⸗ „Würde die Luft in den nahen Bergen nicht heilſamer ſen von Don Joſé, neben welchem Donna Hyacintha ritt. ein?“ frug Donna Hyacintha, in deren Angen die Hoff⸗„Glauben Sie„wirklich, daß es ein förmlicher Auf⸗ nung aufzudämmern begann.„Aber man wird meine ſtand der Eingeborenen iſt?“ fragte Don Joſé, dem die Mutter nicht transportiren dürfen?“ Scene mit der alten Malayin in ſeiner Wohnung nicht „Gewiß darf man dies,“ entgegnete der Arzt,„und aus dem Kopfe wollte.„Und gegen wen ſollte der Auf⸗ ch ſtehe für die Rettung der edlen Dame, wenn wir ſie ſtand gerichtet ſein? Gegen die Behörden oder gegen die 1 die friſche Region der Berge bringen können.“ es iſt ein heftiges Fieber, das nur bewältigt werd bereitungen getroffen; man brachte die Herrin des Hauſes „Nein, Gott ſei Dank,“ erwiederte der Arzt, Beſitzenden überhaupt?“ I ewidde da6 d ſei, u Sie! und doch beime ice und zu nun u Eile ſtet gewo doß trot lich d elest wenten hatte ißlichen Tor⸗ n Eingebore⸗ fttadt Cavito. eunſere Die⸗ Knechkehaben tlaſſen, bis ige ſechs, die lieben ſind.“ n ſo mehr haben Sie, um in die Berge zu en, Donne da, erwie⸗ Arzt. Oder die Papuas Malahen hlingen ver⸗ „Doctor, Creolin, dwohl nicht auch iſt die Negritos eringe, daß ausmachen b ſie ſich bei dem betheiligen Aber dies onl Joſt, uns nim⸗ rheit nach d bat ſt en gauzzen aingen ge⸗ alle Vor⸗ Hanſe⸗ die ſechs elben mit Ordnung geſchloſ⸗ ntha ritt. Feierſtunden. 1864. —————————--— — „Ich kann Ihnen nichts Näheres ſagen, Don Joſé,“ erwiederte die Creolin,„aber der Haushofmeiſter ſagte mir, daß die ganze Inſelbevölkerung nach den Städten gezogen„So kommt, ich werde ſei, und daß es in Cavito drunter und drüber gehe. Wenn oder mit ihm untergehen.“ Sie nun heimgekehrt wären, mitten in den Tumult hinein, und wenn Ihnen dann ein Leid wiederfahren wäre, wie cintha, die todesbleich geworden war. doch leicht möglich, müßte ich dann beimeſſen, weil ich Sie trotz Juanita's Warnung Ihrer ſicheren Wohnung entriſſen habe?“ müſſen. Bleiben Sie bei uns, Während ſie noch ſprach, hörten ſie einen lauten Ruf mich nicht zur Verzweiflung!“ und zugleich den Galopp eines Pferdes, und wie ſie ſich„Capitän nun umwandten, ſahen ſie einen Reiter, der in feſeiterBoßtan ernſt.„Was würde Donna Eile daherſprengte. Anfangs glaubten ſie, es ſei ein Prie⸗ denken, wenn ich einen Freund, der in „Heilige Maria!“ unterbrach ihn nicht mir die Schuld werden uns nicht verlaſſen, Sie dürfen nicht. Sie ermorden, und ich würde mich Ihre Mörderin nennen Don Joſé, bringen Sie ———.— „——ſſ 43³⁷7 —— „Ja, zehn Ruderlängen vom Ufer hält es ſtill, um außer dem Bereich der Kugeln der Malayen zu ſein.“ den wackeren Neville retten, jetzt Donna Hya⸗ „Don Joſé, Sie Man wird Neville iſt mein Freund,“ erwiederte der Hyacintha von mir Todesgefahr ſchwebt, ſter oder Mönch, denn derſelbe hatte eine Art Kutte über⸗ im Stiche ließe? Sie würden mich als einen Feigling ver⸗ geworfen, aber wie der Reiter näher kam, zeigte es ſich, achten. daß es ein Matroſe war, trotz der Hitze einen Mantel übergeworfen hatte, wahrſchein- ich hoffe, die dortig lich um nicht als Matroſe kenntlich zu ſein. Don Joſé erkannte ihn auch augenblicklich als den zweiten Steuermann auf dem franzöſiſchen Schiffe Corſar, wel⸗ ches gerade im Hafen ag und mit deſſen Offizieren der junge Arzt ſehr vertraut war „Um der Mut⸗ Lgd ter Gottes Barm⸗ 76 herzigkeit willen hal⸗ ten Sie, Doktor,“ rief der Steuer⸗ mann, dem das ſchnelle Reiten faſt den Athem benahm— 4 und aus deſſen Ge⸗ W 2 4 I ſicht eine unſägliche— Angſt ſprach.„Hal⸗ ten Sie, denn Sie allein können unſern Capitän retten.“ „Euern Capitän?“ erwiederte der Arzt erſchreckend. das ſich, wie er hörte, in vollem „Den Capitän Neville? Was iſt mit ihm? Iſt er von ſollte. der Cholera ergriffen?“ „Oh, wenn's nur das wäre!“ rief der Steuermann geſagt hatte. Die Malayen und mit faſt entſetzter Stimme.„Die Eingeborenen ermorden wie wir ſchon oden geſagt haben, 1,, f N Es war aber in der That ſo, w Und was Ihre Mutter betrifft, ſo werden Sie der über ſeine Matroſenjacke Ihre Villa in den Bergen nach kurzer Zeit erreichen, und Luft wird der Kranken ſo wohl thun, daß ſie in wenigen Tagen wieder her⸗ geſtellt iſt. Sehen Sie, ſie hat jetzt ſchon einen ganz anderen, einen viel ruhigeren Schlaf.“ „So eilen Sie, Don Joſé,“ flüſterte Donna Hyacintha, bleich wie der Tod, „aber, wenn Sie Ihren Freund ge⸗ rettet haben, ſo ver⸗ geſſen Sie nicht, zu uns zurückzukehren. Kommen Sie bald, Don Joſé, wenn Sie nicht wollen, daß mich die Angſt tödtet.“ Ein Händedruck und der Doctor wandte ſein Pferd und ſprengte mit dem Steuermann dem Städtchen zu, Aufſtande befinden vwie der Steuermann Miſchlinge,— welche, zu Tauſenden an der alle Europäer, ganz Cavito ſchwimmt im Blute, und die Cholera zu Grunde gingen, während die Europäer und . Leichen liegen zu Dutzenden auf den Straßen herum. Es Creolen bei ihrer vernünftigeren Lebensweiſe und bei den iſt eine furchtbare Metzelei, und jeder Weiße, der in der Mitteln zur Vorſorge, welche ihnen zu Dienſten ſtanden, Stbt gef⸗eden wird, muß es mit dem Leben büßen, und nur wenig oder gar nicht von der Krankheit ergriffen wur⸗ den,— konnten nicht begreifen, nitten unter dieſen Cannibalen befindet ſich unſer Capitän, der ſich in der Casa d'oro mit zwei andern Kapitänen ver⸗ ſchanzt hat, lagert wird. Wenn die Wüthenden in's Haus eindringen, Raſſe mit im Spiele ſei. ſo iſt unſer braver Capitän verloren. Doch Sie, Doctor, Stunde wuchs die Verzweiflung, und Sie haben Einfluß auf die Eingeboxenen; wenn Ein Menſch Wuth, auf Erden, ſo können Sie ihn retten. Darum bin ich die Fremden, die Europäer, aber von einem ganzen Haufen Malayen be⸗ daher nicht nehmen, daß hier eine Schl Mit jedem Tag, mit jeder die bald in Raſerei ausartete. die Weißen überhaupt hätten warum die ſchreckliche Krankheit nur in ihren Reihen wüthete, und ließen es ſich echtigkeit der weißen eben damit auch die Plötzlich hieß es, auch auf Tod und Leben geritten, als mir der Chineſe in die Flüſſe, Quellen und Brunnen vergiftet, um die ganze Ihrem Hauſe ſagte, wo ſie ſich befänden.“ farbige Bevölkerung auszurotten. So unſinnig dieſe Be⸗ „Habt Ihr ein gut bemanntes Boot am Ufer?“ frug hauptung war, ſo fand ſie doch allgemein Glauben, und Don Joſé kurz. wie in einem Nu war auf der ganzen Inſel die Ueber⸗ ——— *— 438 deſſen man habhaft werden konnte. bei der großen ſizilianiſchen Veſper. Um Mitternacht begann das Morden. gemeinſchaftliche Sache machen! ller Steuermann,„als ich dies Pf Alle Häuſer, von denen man wußte oder vermuthete, daß ſie von Weißen bewohnt ſeien, wurden faſt zu gleicher Zeit aufgeriſſen, ihre Inſaſſen auf die Straße geſchleppt und dort ohne Gnade maſſacrirt, während man hernach die Häuſer ſelbſt aus⸗ raubte und das Mobiliar verwüſtete. Es hatten ſich deß⸗ halb eine Menge Malayen und Miſchlinge, welche auf dem Lande beſchäftigt waren, in die Stadt gemacht, um an dem allgemeinen Morden Theil zu nehmen und ſich ebenfalls etwas von dem Raube anzueignen. Dadurch ſtieg die Ver⸗ wirrung auf den höchſten Grad, und die conſternirten Be⸗ hörden konnten im Anfang wenig oder gar nichts thun, um dem Gemetzel eine Grenze zu ſetzen. War doch die Zahl der Empörer eine weit beträchtlichere, als die Zahl der Streitkräfte, die man ihnen entgegenſetzen konnte! Ja, war doch zu befürchten, die vielen einheimiſchen Soldaten wür⸗! 1 4 nee 4 den ihren europäiſchen Offizieren nicht gehorchen, ſondern ihrer Mitte hatten, den ſie auf's Engſte umringt hielten. vielmehr ſich mit ihren Landsleuten vereinigen und mit ihnen —— Feierſtunden. 1864. Der Steuermann gehorchte dem Befehle und der Doc⸗ Welche Veränderung war ſeither mit dieſer vorgegan⸗ gen! Welch' furchtbare Mord- und Raubbande mußte hier gehaust haben! Da lagen Betten und Hausgeräthe alker Art auf den Straßen, halb zerfetzt und zerhauen, halb ver⸗ brannt und verkohlt! Dort ſah man eine Leiche mit ge⸗ ſpaltenem Kopfe, und hier eine andere mit einer tiefen Wunde in der Bruſt! Alle Läden waren feſt geſchloſſen und kein Menſch zeigte ſich an den Fenſtern der Häuſer; auch die Straßen ſchienen öde und verlaſſen, nur hörte man von da und dorther ein wüſtes Gebrüll, als ob ganze Haufen von wilden Thieren im Kampfe mit einander begriffen wä⸗ ren. Dazwiſchen hinein tönten einzelne Schüſſe oder der Todesſchrei eines neuen Opfers des Wahnſinns der Wilden. Der Doctor hatte jedoch nicht lange Zeit, Beobach⸗ tungen anzuſtellen, denn ſein Ziel war die Casa d'oro, ein Wirthshaus, welches hart am Hafen lag, und vielfach den Schiffsoffizieren zum Abſteigquartier diente. Jede Minute Zögerung konnte ſeinem Freunde den Tod bringen, darum galoppirte er, was ſein Roß laufen konnte. Schon von Weitem ſah er das Wirthshaus, aber zu⸗ gleich vor demſelben einen Haufen Männer, die in einem dichten Knäuel beiſammen ſtanden. Es waren lauter Ma⸗ layen und Miſchlinge, welche offenbar einen Gegenſtand in „Das iſt Capitän Neville und ſeine Begleiter,“ dachte der Doctor, und ritt mit ſeinem Pferde auf die Die Wuth der empörten Maſſe war übrigens weniger Menge hinein. auf die Creolen, das iſt auf diejenigen Weißen gerichtet, rer welche entweder auf den Inſeln geboren oder doch dort ſeit das Haus geſtürmt, in welchem ſich der Capitän mit den vielen Jahren anſäſſig waren, als vielmehr auf die wirk⸗ beiden andern Offizieren verſchanzt hielt, und die drei lich Fremden, d. h. auf die Europäer, welche zu den im Hafen liegenden Handelsſchiffen gehörten; denn dieſen wurde Es war in der That ſo. Die Eingeborenen hatten Schlachtopfer auf die Straße herabgeriſſen, um ſie einen langſamen Martertod ſterben zu laſſen; denn mit dem die Vergiftung der Brunnen hauptſächlich in die Schuhe Morden allein begnügten ſie ſich vielfach nicht, ſie woll⸗ geſchoben, während die Creolen ſolches Verbrechen nicht be⸗ ten auch einen Genuß im Morden haben! Einer der gangen haben konnten, da ſie ja von demſelben Waſſer Offiziere lag bereits auf dem Boden und ein Blutſtrom tranken, wie die Eingeborenen. Die Malayen fielen daher zu allererſt über die Schiffscapitäne(welche während ihres Aufenthalts im Hafen gewöhnlich am Lande wohnten) und ihre Mannſchaft her, und viele Hundert, Franzoſen, Eng⸗ Aänder und Spanier, mußten ihr Leben laſſen, obgleich ſie es meiſt ſo theuer als möglich verkauften. Nicht Weni⸗ gen gelang es allerdings, gleich im Anfang auf die Schiffe zu entkommen; Einige wurden auch durch einen glücklichen Zufall am Lande gerettet, im Allgemeinen aber darf man gen, daß das Blutbad erſt ein Ende nahm, quoll aus ſeiner Bruſt. Er hatte ausgelitten; der andere Offizier aber und der Capitän ſtanden noch aufrecht, ob⸗ gleich Beide bleich wie der Tod ausſahen. Var ihnen ſchwang ein rieſiger Malaye ſeine Kriſe— ſo nennt man die eigene Art von Dolchen, welche die Malayen tragen — als wollte er ſie den Europäern in den Leib ſtechen. Er war auch wirklich bereit, ſo zu thun, wenn er ſeine Schlachtopfer genug mit der Todesfurcht gequält hatte. „Macht Platz, ihr Leute,“ rief Don Joſé in malayi⸗ als keine ſcher Sprache, indem er mitten unter ſie hineinſprengte, ropäer mehr gefunden wurden, die man morden konnte. und ſein Pferd ſo aufſtellte, daß es zwiſchen den Capitän d— alles dies geſchah in wenigen vierundzwanzig Stun⸗ a, in dem Zeitraum von einem einzigen kurzen Tage. Don Joſé und ſein Begleiter ſprengten in raſender und retten Sie ſich; hart am Ufer hält Ihr Steuermann und den rieſigen Malayen, der den Dolch ſchwang, zu ſtehen kam.„Schlüpfen Sie unter meinem Roſſe durch ———:——':õ————; zeugung verbreitet:„das ſämmtliche Trinkwaſſer Eile Cavito ſei vergiftet.“— Dieſe Erſcheinung war gerade dieſelbe, benden Roſſe einen Augenblick an. wie in Europa zur Zeit des Mittelalters, als man, wäh⸗ rend die Peſt wüthete, die Juden beſchuldigte, die Brun⸗ fragte der Doctor nochmals. nen vergiftet zu haben. Auch die Folgen dieſer Beſchul— digung waren dieſelben; denn wie man damals in vo Wuth gegen die Juden losbrach und dieſelben ohne Gnade Sie aufzuſuchen.“ niedermetzelte oder ihnen ſogar noch ärgere Torturen an⸗„Gut, ſo reitet jetzt rechts ab um die Stadt herum, that, als den Tod;— gerade ſo verfuhr in Cavito und macht Euch auf das Boot, welches Ihr parat liegen habt, Manilla der einheimiſche Pöbel gegen die Weißen und Eu⸗ und nähert Euch dem Ufer bis auf Mannslänge, damit ropäer, und ermordete Jeden, den man faſſen, der Capitän, wenn er entkommt, mit Einem Sprung in In der Nacht der Schaluppe iſt.“ vom achten auf den neunten— in derſelben Nacht, da der Doctor nach der Villa der Donna Hyacintha abgeholt tor ſprengte in die Stadt. wurde— brach der Aufſtand aus, und es ſcheint, als ob alle Malayen und Miſchlinge in das Geheimniß eingeweiht worden waren; denn dieſen zu gleicher Zeit in Manilla wie in Cavito und anderen Städtchen der Inſel ausbrechen⸗ den Aufſtand konnte man unmöglich anders bezeichnen, denn als eine geheimnißvolle Verſchwörung von derſelben Art, wie einſtens die Verſchwörung von Palermo und Meſſina zu, vor der Stadt aber hielten ſie ihre ſchnau⸗ „In der Casa d'oro befindet ſich Capitän Neville?“ „Dort befand er ſich wenigſtens,“ erwiederte der erd aus dem Stalle riß, um — mit ein Cäͤpitän renen ter ein Beglet dies ge ihter S los, u Dolche ſpite dem ner ſicht fehl, dieſes Glüc wäre Gefal noch mehr Thier unter gen den beide Fein liche Vier ſeinzi wagt da — ire ſchnau⸗ Neville?⸗ ederte der le riß, um dt herum, gen habt, e, damit rung in der Doc⸗ vorgegan⸗ nußte hier üthe aller halb ver⸗ mit ge⸗ ner tiefen oſſen und er; auch man von Haufen ffen wä⸗ oder der Wilden. Beobach⸗ a G'oro, vielfach e. Jede bringen, aber zu⸗ in einm uter M⸗ nſtand in hielten. gleiter,“ auf die n hatten mit der die diei ſie einen mit dem ſie woll⸗ iner der lutſtrom r andert cht, ob⸗ r Ahnen nt man tragen ſtechen. er ſeine atte. malayi⸗ prengte, Capitän 19/ zu 1 Juung ermann ihrer Schlachtopfer Feierſtund ———ᷓ—— ——————-':õ-——— en. 1864. mit einem Boote,“ ſetzte er zu gleicher Zeit gegen den krank war, und haſt nicht einmal eine Belohnung dafür Capitän gewandt in franzöſiſcher Sprache hinzu. „Und Sie?“ entgegnete der Eapitän eilig. „Bekümmern Sie ſich nichts um mich. Sie ſehen ja, ich bin beritten, und werde ihnen ſchon entkommen.“ Dieſes Alles geſchah ſo ſchnell und für die Eingebo⸗ renen ſo unerwartet, ter eine Gaſſe öffneten und alſo dem Capitän nebſt ſeinem k Begleiter Zeit ließen, ſich zu flüchten. Kaum aber war i dies geſchehen und kaum hatten die Eingeborenen die Flucht bemerkt, ſo brach ihre Wuth furchtbar genommen. Geh', ſich an dir vergreifen. wir quitt.“ daß ſie unwillkürlich dem kühnen Rei⸗ der Inſel curirt hatte. Keiner von Allen, die hier ſtehen, wird Gelh', aber merke dir's, jetzt ſind Es Jetzt erſt erkannte der Doctor den Soldaten. war derſelbe, deſſen Weib er gleich nach ſeiner Ankunft auf So rettete ihm alſo die Dankbar⸗ eit dieſes Mannes das Leben, denn in der That ließen hn die vierhundert Malayen ungehindert ziehen, weil er unter dem Schutze eines Landsmannes von ihnen ſtand. Aber„wohin ſich nun wenden?“ ſo fragte ſich der 1os, und der rieſige Malaye mit ſeinem geſchwungenen junge Arzt. Sein Pferd war gefallen, und in dieſem furcht⸗ Dolche ſprang, der Erſte, ſpitze Waffe in deſſen Bruſt zu begraben.. „Feigling, komm' heran,“ donnerte Don Joſé, in⸗ gegen Don Joſé los, um ſeine baren Wirrwarr, Haus zu größerer Sicherheit gänzlich abſchloß und ver⸗ barrikadirte, konnte er nicht hoffen, wo Jeder nur für ſich ſorgte und ſein ein anderes aufzutrei⸗ dem er ſeinem Roſſe die Sporen gab und zugleich mit ſei⸗ ben. So war ihm alſo der Rückweg nach dem Landhauſe ner ſchweren Reitpeitſche den Malayen über das Ge⸗ der Donna Hyacintha abgeſchnitten, denn zu Fuße ſich ſicht hieb. dorthin zu begeben konnte er unmöglich wagen, da er noth⸗ Hiedurch ging der Stoß, welchen der Malaye führte, wendig dieſer oder jener Bande von empörten Einheimiſchen fehl, und traf, ſtatt des Doctors, das Pferd deſſelben, dieſes ſich hoch aufbäumte und dann zuſammenſtürzte. Zum Glück gelang es dem Reiter, vorher abzuſpringen, ſonſt wäre er unter demſelben begraben worden. Gefahr zwar abgewandt, noch größere zu ſtürzen. mehr, wie er gehofft hatte, Thieres retten, ſondern ſtand allein und unter vierhundert losgelaſſenen gen Dolchen bewaffnet waren. Doch deßwegen verlor er den Muth nicht. Im Gegentheil,— er zog alſobald ſeine beiden Piſtolen und ſtellte ſich, in jeder Hand eine, ſeinen Feinden entgegen.(Siehe Bild auf S. 437.) Hier zeigte es ſich nun abermals, welch' außerordent⸗ liche Gewalt der Weiße üner den farbigen Mann ausübt. Vierhundert mit Dolchen bewaffnete Malayen ſtanden einem einzigen Weißen gegenüber, und von all' den Vierhunderten wagte es Keiner, den Weißen anzugreifen. Keiner woltte der Erſte ſein, weil er ſicher war, von der tödtlichen Kugel des Doctors niedergeſtreckt zu werden! Doch— nach weni— gen Minuten ſchon fingen die Entfernteren an, auf die Vor⸗ deren zu drängen. Zum Glück beſaßen die Malayen keine Schießwaffen, allein deſſen ungeachtet konnte es unmöglich lange dauern, bis dieſelben, ſich ihrer außerordentlichen Uebermacht bewußt werdend, über den einzelnen Weißen herfielen und ihn maſſacrirten. Sein Schickſal ſchien alſo beſiegelt und er ſelbſt dachte nur noch darauf, ſein Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Da urplötzlich in dieſer allerhöch⸗ ſten Noth nahte ſich ein Retter, und zwar von einer Seite, woher es Don Joſé am allerwenigſten erwartet hätte. In dieſem nämlichen Augenblick nämlich brach ſich ein malayi⸗ ſcher Soldat, der mit einer Muskete bewaffnet war, Bahn batehedie Menge, und ſchlug den rieſigen Mann, welcher den Dockor ſchon vorher ſo hart bedroht hatte und nun eben wieder ſeinen Dolch ſchwang, mit dem Schaft ſeines Gewehres zu Boden. Dann pflanzte er ſein zweiſchneidiges Bajonnet auf und ergriff die Muskete am Kolben, indem er ſie rund um ſich herumſchwang. Dadurch öffnete ſich natürlich ein weiter Kreis, denn nicht Einer wollte ſich der Gefahr ausſetzen, von dem mit Blitzesſchnelligkeit geſchwun⸗ genen Bajonnet berührt und zerſchnitten zu werden. „Herr,“ rief nun der Soldat, ſeine Landsleute mit Stolz fixirend,„ſo lange ich hier bin, ſoll dir kein Leid geſchehen. Du haſt mein Weib gerettet, als ſie ſchwer! daß in die Hände fallen mußte, daß ſich ihm ein ri euſt würde. So war dieſe welche die Ausſicht auf aber nur, um ihn in eine andere, vielleicht eine Möglichkeit zu finden, einem der Schiffe im Er konnte ſich nämlich jetzt nicht Hafen ein Zeichen zu geben, durch die Schnelligkeit ſeines ner Befreiung an's Ufer ſende. verlaſſen, mitten ſicher ſein, daß wenn nur Wilden, die alle mit lan- denen er faſt ohne Ausnahme genau perſönlich bekannt war, und nicht wohl hoffen durfte, zweiter Erretter, wie der vorige, zeigen So ſchlich er ſich dern an den Häuſern hin, das Meer hatten, in der Hoffnung, daß es einen Nachen zu ſei— Denn deſſen durfte er Einer der Schiffscapitäne, mit ſeine Noth bemerkte, augenblicklich ein rettendes Boot nach ihm ausgeſandt werden würde. Aber ſiehe da,— hier zeigte ſich ihm ein Nachen ganz nahe am Ufer. Schon wollte er auf denſelben zuſpringen, um ſich auf das nächſte beſte Schiff im Hafen rudern zu laſſen, da ſtürzte plötzlich von einer andern Straße her eine Rotte von Einheimiſchen hervor, welche ſich augenblicklich des Nachens bemächtigten. Dieſelben trugen lange Stangen und hatten ſich ſämmtlich mit Beilen bewaffnet, ohne Zwei⸗ fel, um die franzöſiſchen Schiffe im Hafen anzugreifen,— ein Wagniß, das ihnen bei dem Muthe, den ſie angetrun⸗ ken hatten, eine Kleinigkeit ſchien! Natürlich war Don Joſé von dieſen Tollwüthigen bemerkt und an ſeiner weißen Geſichtsfarbe augenblicklich als ein Europäer erkannt worden. Sie ſtürzten alſo auf ihn los und— er hatte nur einen Vorſprung von dreißig Schritten! „Hierher, um die Ecke!“ flüſterte plötzlich eine Stimme veben ihm.„Heilige Mutter von Caſale, ſo eile dich, Don oſé.“ Er flog um die Ecke und befand ſich neben der alten Malayin Juanita. „Nieder auf den Boden und halte dich ſtill,“ flüſterte die Alte weiter und drückte den Arzt an die Wand, wo er ſich zuſammenkauern mußte, als wäre er ein rieſiger Igel. Sie ſelbſt ſtellte ſich vor ihn und deckte mit ihren weiten Kleidern und dem faltigen Mantel, den ſie umgeworfen hatte, ſeinen Leib gänzlich zu.(Siehe Bild auf S. 440.) Eine Sekunde ſpäter rannten die Verfolger herbei. „Wo iſt der weiße Fremdling? In welcher Richtung iſt er entflohen?“ ſchrieen ſie.. Dorthin!“ rief Juanita, mit dem Finger nach einer gewiſſen Richtung deutend.„Eilet, ihr Freunde, und gebt euren Füßen Flügel, ſonſt entkommt euch der Fluch⸗ würdiae“ 440 Sie rannten fort und— abermals war der Doctor gerettet. „Eile nach Hauſe, Don Joſé,“ flüſterte jetzt Jua⸗ nita.„Der Weg iſt ſauber und du biſt ganz in der Nähe. Dorthin werde ich dir weitere Nachricht bringen.“ dieſer Nacht und dieſes Tages ſo müde und erſchöpft, daß er ſich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Zu Hauſe angekommen, ſchloß er ſogleich die Thüre und alle Fenſterläden, und dann ſetzte er ſich an den Tiſch, wo noch die Ueberreſte ſeiner Abendmahlszeit von geſtern ſtan⸗ den. Es war doch Etwas zu ſeiner Stärkung! Kaum aber hatte er Einiges genoſſen, ſo klopfte es an der Thüre. „Doctor! Doctor! Oeffne, ich habe dir etwas Wich⸗ tiges zu ſagen,“ rief eine Stimme, welche der Arzt augen⸗ blicklich als die des Chineſen, welcher unter ihm einen Thee⸗ laden hielt, erkannte. Er öffnete und der kleine Chineſe humpelte herein; die⸗ ſer war aber ſo bleichgelb vor Angſt, wie eine eben erſt mit Ocker ange⸗ ſtrichene Wand. „Doctor,“ rief er verzweifelt,„du mußt augenblicklich fliehen, denn ich kann dich keine Mi⸗ nute länger im Hauſe behalten.“ „Undwarum?“ fragte der Doctor. „Weil die Mon⸗ grelen hier ſein wer⸗ den, ehe es Abend wird, und dann biſt du verloren.“ Unter Mon⸗ grelen verſtand der Chineſe die Miſch⸗ linge aus malayi⸗ ſchem und europäi⸗ ſchem Stamme, welche jedenfalls mehr als die Malayen ſelbſt. „Yang⸗Po,“ erwiederte der Arzt,„du haſt Angſt für deinen Theeladen und deine Waarenvorräthe, deßwegen willſt du mich aus dem Hauſe haben. Oder woher weißt du, daß die Mongrelen kommen?“ „Ich weiß es, weil ſie heute früh da waren, heute Mittag abermals nach deiner Ankunft fragten. haſt einen ihrer Anführer in's Geſicht geſchlagen, als du mit der Donna Hyacintha fortritteſt, deßwegen haben ſie dir und ihr Rache geſchworen, und ſie werden ihr Wort halten.“ „Yang⸗Po,“ meinte jetzt der Arzt, dem die von dem Chineſen vorgebrachte Nachricht nur zu wahr däuchte,„ver⸗ zu fürchten waren, und Du meiner ſo gefährlichen Gegenwart befreit ſein.“ Aber wie wäre es dem Chineſen möglich geweſen, in dieſer gräßlichen Zeit ein Pferd aufzutreiben? Nicht, wenn man das Zehnfache ſeines Werthes dafür bezahlt hätte! J(Zu Seite 439. (ihm ſind mehr als fünfzig Männer. ſchaffe mir ein Pferd, dann ſollſt du im Augenblick von —— Feierſtunden. 1864. —-—ͤõ——rͤõu———äeo'ͤA——öänu———— „Nun gut, Yang⸗Po,“ ſagte jetzt Don Joſé ruhig. „Du ſiehſt, zu Fuße kann ich nicht fliehen, und ein Pferd bekomme ich nicht. Somit iſt es das Beſte, ich bleibe, wo ich bin, und halte meine Thüre gut verſchloſſen. Wenn aber die Mongrelen kommen und nach mir fragen, ſo ſage Der Doctor befolgte den Rath. Er wußte ſelbſt kei⸗ ihnen, und beſonders ihrem Anführer Tornero, daß ich nen andern, und zudem war er von den Anſtrengungen zwei daß Piſtolen hier habe und eine gute Doppelbüchſe, und ich gewohnt bin, mein Ziel nicht zu verfehlen.“ Kaum war der Chineſe fort, ſo verbarrikadirte der Doctor ſeine Thüre ſo gut als möglich, indem er einige ſchwere Möbel davor ſtellte, und dann lud er ſeine Piſto⸗ len und den Zwilling. So erwartete er den Abend. Noch war es aber nicht vollſtändig Nacht, ſo hörte er einen furchtbaren Lärm vor dem Hauſe, und gleich darauf fielen Dutzende von ſchweren Stößen und Hieben gegen das Hausthor. Der Chineſe hatte nämlich ſeine Thüre eben⸗ falls feſt verſchloſſen und verweigerte Jedermann den Ein⸗ gang, hoffend, daß dadurch die Gefahr vorübergehen werde. 1—*„Das ſind ohne Zweifel die Mon⸗ grelen und Tornero an ihrer Spitze,“ dachte der Arzt, in⸗ dem er nach ſeinen Waffen griff. Pochen an den Laden ſeines hinteren Fen⸗ ſters, von dem aus man auf das Dach hinausſteigen konnte. Er ſchlich ſich leiſe hin und frug, wer da ſei. „Juanita ſchickt mich,“ flüſterte eine weibliche Stimme. „Verliere ke genblick, D . fliehe über dane, denn ſonſt biſt du verloren. Tornero hat geſchworen, dich zu tödten, und mit Schnell durch's Fen⸗ ſter und in das hintere Gäßchen an deinem Hauſe, wo Juanita und ich deiner warten.“ Es war, wie geſagt, die Stimme eines Weibes, welche ſprach, und nach einigem Beſinnen erkannte der Doc⸗ tor in ihr die Frau des Soldaten, welcher er einſt den gebrochenen Arm curirt hatte. Schnell Fffnete er den* ſterladen und ſchwang ſich auf das Daß einer kleinen, von den beiden Frauen bet»hurleuen Lei⸗ ter in das ſchmale Hintergäßchen hinabzuklettern; denn es war in der That kein Augenblick zu verlieren, da Tornero mit ſeinen Leuten ſoeben die Hausthüre eingeſchlagen hatte. Er konnte noch die Flüche der Wüthenden hören, als ſie ia's Haus ſtürmten, aber die hohe Flamme, welche gleich darauf emporſtieg und Alles verzehrte, was er als Eigen⸗ thum beſaß, ſah er nicht mehr. Aus Rache nämlich, weil ſie das Neſt leer fanden, zündeten die Mongrelen das Haus an, nachdem ſie es vorher ausgeplündert hatten. Juanita und ihre Baſe zogen den Doctor mit ſich fort, ——„ mein ſterte als Vor End wir kenn in ei galo Viel dr in dor — vſe ruhig. ein Pferd ich bleibe, n, ſo ſage „daß ich ſchſe, und n.“ dirte der er einige ne Piſto⸗ end. ſo hörte eich darauf gegen ds hüre eben⸗ n den Ein⸗ hen werde. asſindohne die Mon⸗ d Tornero Spitze, Arzt, in⸗ ach ſeinen riff. 1. mden Laden eeren Fen⸗ n dem aus das Dach gen konnte. ſich leiſe cds, wer gritchick kſterte eine Stimme. Feierſtund —C———————— und es gelang ihnen, zu entkommen, da ſich. herabſenkte. Ihr Ziel war das kleine Häuschen, V der malayiſche Soldat mit ſeinem Weibe bewohnte, denn ſich für gewöhnlich Europäer dahin verloren hätten, konn⸗ ten ſie noch am eheſten Sicherheit für ihren Schützling hof⸗ „ Der Malaye ſelbſt war nicht anweſend, denn die ſpaniſchen Behörden hatten ſich endlich doch ermannt und alle ihre bewaffnete Macht in die Kaſernen berufen, um ber ſtießen ein wildes Gelächter aus. von da aus einen Schritt zur Herſtellung der Ordnung zu thun. Spanierin zu Hülfe eilſt?“ rief Juanita. im Schatten der Häuſer unbemerkt des Soldaten, ohnehin die Nacht immer tiefer Weißer biſt. welches ohne dich zu erkennen, kommen, in dieſer Gegend der Stadt, die zu ärmlich war, als daß thätig.“ liche Ahnung Anſchlag auf Donna Hyacintha im Sinne.“ 441 ————— en. 1864. „kein Menſch wird glauben, daß du ein Tornero ſelbſt würde an dir vorüber gehen, aber er wird dir nicht in den Weg denn er iſt in einer ganz andern Richtung hin plötzlich eine gräß⸗ „Ha!“ rief Don Joſé, dem jetzt „Tornero hat einen durch den Kopf ging. Er ſprang auf, um fortzueilen, aber die zwei Wei⸗ daß du der „Glaubſt du, „Glaubſt du, wir wollen dich retten, : „Iß und trink, Don Joſé,“ ſagte Juanita, dem Er⸗ wir haben dich in einen Tagaloe verwandelt, damit du die matteten Speiſe und Trank vorſetzend. du brauchſt Muth und Kraft. Dein nicht vollbracht.“ Während der Saft einiger Blätter in eine Schaale aus und ihre Baſe war ihr dabei behülflich. Nachher brachte ſie ein Pulver herbei, welches ſie mit dem Safte miſchte. „Nun komm mein Sohn,“ flü⸗ ſterte jetzt Juanita, als ſie mit dieſen Vorbereitungen zu Ende war.„Komm', wir wollen dich un⸗ kenntlich machen und in einen ächten Ta⸗ galoe verwandeln. Vielleicht gelingt es dir dann doch noch im Dunkel der Nacht deinen Feinden zu vommen. Sieh', Alles hätteſt vermieden, wenn du meinen Rath be⸗ folgt hätteſt, und geſtern Nacht ruhig in deinem Hauſe geblieben wärſt, ſtatt der ſtolzen Creolin zu folgen, die ihrem Schickſal nun doch nicht entgehen wird.“ Während dieſer Worte nahm ſie von der ſoeben berei⸗ teten Salbe und rieb damit das Geſicht, den Nacken und die Hände Don Joſé's, ſo daß dieſelben bald jene röthlich gelbe Farbe annahmen, die dem Stamme der Malayen eigen iſt. Zu gleicher Zeit brachte die Frau des Soldaten einige elende Kleidungsſtücke herbei, gen ußte, um die Verwandlung in einen Eingeborenen vollkommen zu machen. „Was weißt du von Donna Hyacintha?“ fragte Don Joſé, der in den letzten Worten Juanitas einen beſonde⸗ ren Sinn ahnte.„Welchem Schickſale wird ſie nicht ent⸗ Doctor aß und trank, „Stärke dich, denn Wege der Unſerigen durchkreuzteſt? Tagewerk iſt noch ſuche es! Geh', wir werden dir unſere Jünglinge nachſenden und dich be⸗ drückte ſie den zeichnen als Einen, der ſich in unſere Tracht gekleidet und — (Zu Seite 443.) gehen?“ „Bekümmere dich nichts um ſie,“ erwiederte die alte Malayin,„du wirſt genug mit dir ſelber zu thun bekom⸗ men, denn die Gefahr iſt noch nicht vorüber.“ . Jetzt waren die Weiber mit ſeiner Umwandlung fer⸗ tig.„Bei der Mutter des Gekreuzigten,“ ſagte die Frau Feierſtunden. 1864. Nein, nein, nein! Ver⸗ eile zum Ranchero der Creolin,— und mit unſeren Farben bemalt hat, und keine Minute lang iſt dein Leben mehr ſicher! Aber was geht dich die ſtolze Creolin an,— ſie, die nur ein Hohnlächeln für dich hätte, wenn du ihr ſagteſt, daß du ſie liebſt? Nein, nein, nein, Fremd⸗ ling! Dein Weg ſiſt ein anderer! Wir wollen dich retten, aber nur dich allein. Du haſt uns Gutes gethan, und dies wollen wir dir ver⸗ gelten, denn die Tagaloes ſind dank⸗ bar und lieben ihre Wohlthäter. Willſt du uns folgen?“ Der Doctor ſah wohl ein, daß er ſich fügen müſſe. Er war verloren, ſowie die Weiber ihn verriethen! Und doch— hatte nicht ſchon Yang⸗Po, der Chineſe, darauf hingedeutet, daß der Miſchling Tornero ihm und der Donna Hyacintha Rache geſchworen habe? War nicht das geſtrige Begegnen des Tornero ſchon ein klarer Beweis, welche An⸗ ſchläge dieſer ſchreckliche Menſch auf die junge Dame habe? Ging es nicht aus den Worten Juanita's und ihrer Baſe klar hervor, daß Tornero eben jetzt in der Ausführung die⸗ ſer ſeiner Anſchläge begriffen ſei? Aber— wenn es auch ſo war, wenn ſeine Vermuthungen ſich richtig erwieſen, wie konnte er, der einzelne Mann, der ſich ohne Hülfe nicht einmal ſelbſt retten konnte, wie konnte er der Donna Hya⸗ cintha beiſtehen? Er konnte in dem Verſuche, das Fräu⸗ lein zu retten, nur ſich ſelbſt opfern, aber— war der ſtolzen Donna ſolches Opfer, wenn er es je bringen wollte, auch nur genehm? All' dieſe Gedanken flogen ihm mit Blitzesſchnelle durch den Kopf, aber er hatte nicht Zeit, klar zu überlegen und darnach ſeine Antwort zu regeln, denn die alte Malayin fragte ihn nochmals, ob er ihnen folgen wolle, oder ob ſie 56 4⁴4² Feierſtunden. 1864. ——————————————:— ————————;;— ihn ſeinem Schickſal überlaſſen ſollten, und ſo fügte er ſich aber nur einen Augenblick, denn eben jetzt hörte er deutlich denn ihrem Willen, und that blindlings, was ſie ihn hießen. Die beiden Frauen verließen mit ihm das Haus, und wie ſie auf der Straße waren, ſo hängte ſich jede von ihnen an eine ſeiner Seiten. Es hatte faſt den Anſchein, als ob Mutter und Söhnerin den betrunkenen Sohn und Gatten führen würden. Auch ſahen es die, welche ihnen begegne⸗ ten,— und das waren ganze Banden betrunkener Malayen und Miſchlinge, welche tobend und ſchreiend die Straßen durchzogen, ihre Dolche ſchwingend und nach Blut lechzend, weil das, welches ſie vergoſſen hatten, ihren Durſt noch nicht geſtillt haben mochte,— auch wohl ſo an, denn ſie ſtießen ein rohes Gelächter aus oder begrüßten ſie die Frauen mit noch roheren Anreden, aber— paſſiren ließen ſie die— ſelben unbehindert, denn Don Joſé ward von Allen als ein Malaye angeſehen. Sie hatten das Meer erreicht, aber an einer Stelle, die Don Joſé faſt unbekannt erſchien, ſo entfernt war ſie von dem gewöhnlichen Landungsplatze der Schiffer. Unter Gebüſchen verborgen lag die Hütte eines Fiſchers. Schlei⸗ chend näherten ſich die beiden Weiber dem Häuschen. Es war nur von einer Frau mit ihren Kindern bewohnt, denn ihr Ehemann hatte ſich nach Cavito gemacht, um auch an der Blutbad⸗Rache gegen die Weißen Theil zu nehmen. „Es iſt Alles ſicher,“ flüſterte Juanita,„komm' Don Joſé, aber mache kein Geräuſch.“ Hart am Ufer befand ſich ein beſonders dichtes Gebüſch. Hier fanden ſie, was ſie ſuchten,— einen kleinen ſchmalen Nachen, nur aus Baumrinde gemacht. „Rette dich auf die Schiffe deiner Landsleute“ flüſterte abermals Juanita, indem ſie den Doctor in den Nachen ſchob.„Rudere weit in's Meer hinaus, dann wirſt du gegen Oſten die Laternen an ihren hohen Maſten erkennen.“ Don Joſé wußte nicht, wie ihm geſchah. Er hatte ſeit mehr als ſechsunddreißig Stunden kein Auge zugethan und ſich dieſe ganze Zeit über in unausgeſetzten Thätigkeit und dazu noch in der größten Anfregung beſunden. Eine Art Schwindel hatte ihn erfaßt, eine Aeattigkeit ſon⸗ der Gleichen, ſo daß er die Augen unwillkurlich geſchloſſen hielt und ſich faſt willenlos führen ließ. Aber jetzt befand er ſich auf der See, und die friſche Luft, die hier wehte, gab ihm auf einmal ſeine Beſinnung wieder. Er athmete hoch auf, wie ein aus einem ſchweren Traume Erwachter, und gebrauchte die Ruder ſeines kleinen Schiffchens mit Macht. Seine erſte Abſicht war, auf eines der Kauffahrtei⸗ ſchiffe, die im äußeren Hafen lagen, zu entkommen, und ſo wenigſtens ſein Leben zu retten. Allein je weiter er ruderte, je friſcher ihn die Luft machte, um ſo öfter kehrte der Name„Donna Hyacintha“ auf ſeine Lippen. Plötzlich hielt er zu rudern inne.„Gott hat mich bis hierher wunderbarlich erhalten,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„denn ich bin vielleicht der einzige Europäer von Cavito und Ma⸗ nilla, der unverſehrt aus dieſem gräßlichen Gemetzel her⸗ vorgegangen. Soll ich nun ſo feige ſein, und nicht auch das Meinige dazu beitragen, Anderen in ihrer herben Noth beizuſtehen? Wenn die Creolin in die Hände Torneros fällt, ſo iſt ſie verloren. So will ich denn thun, was in mei⸗ nen Kräften ſteht, und das Uebrige Gott anheimſtellen.“ Seein Entſchluß war gefaßt. Aber nun fragte es ſich, ſollte er jetzt im Augenblicke und allein umkehren, um auf die Villa der Donna Hyacintha zu eilen, und dieſe zu war⸗ nen, ſo lange es noch Zeit dazu war? Oder ſollte er auf eines der Schiffe rudern und die Hülfe ſeiner Mannſchaft in Anſpruch nehmen? Einen Augenblick war er unſchlüſſig, den Ton vieler Ruderſchläge, die ſich in gleichmäßigem Takte fortbewegten. Er horchte aufmerkſam, und bald blieb ihm kein Zweifel, daß eine große Anzahl von Booten den Schiffen im äußeren Hafen zuruderten. „Die Malayen greifen die Schiffe an,“ ſprach er bei ſich;„bei Gott, ſie ſind ſo frech, den Europäern auf ihren ſchwimmenden Feſtungen auf den Leib zu rücken, aber ich hoffe, ſie ſollen nach Gebühr empfangen werden. Ich wollte ich könnte dabei ſein, wenn meine Landsleute ihnen den Hirnſchädel einſchlagen, aber meine Pflicht ruft mich auf die entgegengeſetzte Seite, denn jetzt, wo die gelben Unthiere zu dieſem neuen Kampfe ſich geeinigt haben, kann es mir vielleicht möglich ſein, der Donna Hyacintha noch zur rech⸗ ten Zeit meine Warnung zukommen zu laſſen.“ Er wandte ſein Schifflein und flog dem Ufer zu. Die Furcht, zu ſpät zu kommen, trieb ihn zur höchſten Eile an. Bald landete er, und nun eilte er, nachdem er den Nachen feſtgebunden und für alle Nothfälle ſo gut als möglich ver⸗ borgen hatte, Cavito zu. Vielleicht konnte er ſich jetzt, da die Stadt von den Malayen und Miſchlingen(wegen ihres Angriffes auf die Schiffe) verlaſſen ſein mußte, Hülfsmit⸗ tel verſchaffen, ſchneller als zu Fuße fortzukommen. Er kam an ſeiner bisherigen Wohnung vorbei. Hausgeräthe, Theekiſten, Waaren aller Art lagen vor derſelben auf der Straße, und inmitten derſelben der Chineſe Yang⸗Po mit einem Dolche in der Bruſt. Die Thüren waren eingeſchla⸗ gen, die Läden abgeriſſen, der Giebel wie der obere Stock ausgebrannt, und das Ganze bot ein Bild der gräßlichſten Zerſtörung dar. Aber nicht blos ſeine Wohnung ſah ſo aus, das ganze Viertel ringsum war von demſelben Schick⸗ ſale betroffen worden. An gar manchen Orten hatte die Brandfackel vollendet, was Menſchenwuth nicht hatte voll⸗ bringen können. Dazu kam eine gräßlich verpeſtete Luft von der Ausdünſtung der vielen verweſenden Leichname, weor nackt ausgezogen offen in den Straßen herumlagen, de n och hatte kein Menſch daran gedacht, die ermordeten zen zu beerdigen. Es war ein furchtbares Schauſpiel! Den Arzt ſchauderte, und ſo glühend heiß auch die Nacht war, ſo beſchlich ihn doch ein heftiges Fröſteln. Er eilte abermalen vorwärts. Plötzlich erinnerte er ſich eines Halb⸗Spaniers, der in der Vorſtadt eine Art Leihſtall mit Maulthieren hielt, und natürlich lenkte er ſeine Schritte dorthin. Das Haus wie der Stall waren feſt verſchloſſen. Hauee der Halb⸗Spanier ebenfalls mit den Malayen gemein⸗ ſchaftliche Sache gemacht? Don Joſé dachte nicht lange darüber nach, eben ſo wenig als darüber, ob er das Recht habe, den Stall gewaltſam zu öffnen. Das Letztere war aber in einem Augenblicke geſchehen und eine Minute dar⸗ auf ſprengte Don Joſé auf einem ungeſattelten Maulthiere davon. Es war derſelbe Weg, den er den Tag zuvor faſt zur nämlichen ſpäten Nachtſtunde zurückgelegt hatte. Damals ritt Donna Hyacintha in der Blüthe ihrer Geſundheit neben ihm einher,— wie mochte es jetzt um ſie ausſehen! Und die Geſundheit war noch das Wenigſte! Denn, wenn ſie in die Hände Torneros gefallen war, ſo... Er mochte nicht weiter denken und trieb ſein Thier zur raſendſten Eile an! Bereits näherte er ſich den Bergen, wohin ſich Donna Hyacintha mit ihrer Mutter und der ganzen Dienerſchaft, welche ihnen treu geblieben war, zurückgezogen hatte. Noch war ihm nichts Verdächtiges begegnet, ſondern die ganze Natur lag in tiefem Schweigen, welches nur hie und da — von d broche er ho des 7 werde ſehen einm Fack das auf, er füt Hütt der d in 2 ===ͤ==— —— —— der deutlich aitmäͤßigem dbalh blieb Bosten den prach er bei n auf ihren 7, aber ich Ich wollte ihnen den mich auf Unthiere am mir c zur ud⸗ ſer zu. Die Feierſtunden. 1864. 443 —;— von dem entfernten Brüllen eines wilden Thieres unter⸗„Tornero?“ erwiederte Einer der Halbſpanier oder brochen wurde. Jetzt kam er durch eine tiefe Schlucht, und Miſchlinge, welche zu dem Haushalt des Ranchero gehör⸗ er hoffte, wenn er dieſelbe durchritten und ſein ſchnauben⸗ ten.„Wenn es Tornero geweſen wäre, ſo müßten wir des Maulthier auf die angrenzende Höhe getrieben habe, ſo etwas von ihm gewahr geworden ſein. Nein, er hätte ſol— werde er das Ranchero oder den kleinen Pachthof vor ſich ches Wagſtück nicht unternommen, vielmehr glaube ich die ſehen, auf dem er Donna Hyacintha treffen ſollte. Auf Negritos del Monte haben den Frevel begangen, denn dies einmal ſchien es ihm, als ſähe er zur Seite ein mächtiges iſt das verwegenſte Raubgeſindel der Inſel, und ich meinte Fackellicht, und von Stunde zu Stunde vergrößerte ſich erſt vorhin, einen dieſer ſchwarzen Geſellen hinter einem das Leuchten der Fackel. Plötzlich ſprühte das Feuer hoch Baume verborgen geſehen zu haben.“ auf, und er konnte ſich nun nicht länger täuſchen,— was„Du lügſt, Sklave,“ ſprach jetzt plötzlich eine tiefe er für ein Fackellicht gehalten hatte, war eine brennende Stimme, und in demſelben Augenblicke ſtand die hohe, Hütte oder vielleicht auch ein größeres Haus, vielleicht gar ſchwarze Geſtalt eines jener Urbewohner der Inſel, deren der geſuchte Pachthof ſelbſt, da die Landhäuſer der Reichen nur noch wenige Hunderte auf den höchſten Bergen der in Beziehung auf leichte Bauart von den Hütten der Ein⸗ Inſel lebten, mitten unter ihnen. Es war ein Mann von geborenen nur wenig Verſchiedenheit zeigten. Den Arzt äußerſt kräftiger Statur, und obwohl von faſt glänzend hatte ſein Beruf noch nie in dieſe Gebirgsgegend geführt; ſchwarzer Farbe, ſo zeigten doch ſeine regelmäßigen Ge⸗ er konnte ſich in der Dunkelheit der Nacht leicht im Wege ſichtszüge, ſeine gerade Naſe und ſeine feine Lippen nicht geirrt haben, und deßhalb zu weit links abgekommen ſein. die geringſte Verwandtſchaft mit dem afrikaniſchen Neger. Deßhalb beſchloß er, auf das brennende Haus zuzureiten, Seine Kleidung beſtand in nichts, als in einem breiten um ſo mehr, als er von dort her Hülferufe zu hören ver⸗ Gürtel um den Leib, im Uebrigen war er total nackt, nur meinte. Abermals trieb er ſein müdes Thier an und aber⸗ daß ſein langes, in vielen Flechten herabhängendes Haar mals ging es in raſender Eile vorwärts. oben auf dem Scheitel mit vielen Federn geſchmückt war. Er glaubte die Brandſtätte in wenigen Minuten er⸗ In der Hand hielt er einen mächtigen Bogen, deſſen Senne reichen zu können, und es wäre ihm vielleicht auch mög⸗ wohl vier Fuß lang war, und die breite Bruſt zierte eine lich geweſen, wenn er ſtatt eines Maulthiers ein Pferd Art Schild, das von Perlmutter glänzte, während an der geritten hätte, aber bei dem Ueberſetzen über einen Graben linken Hüfte eine aus Thierfellen verfertigte Taſche hing, ſtürzte erſteres zuſammen, um nicht mehr aufzuſtehen. So welche eine Menge langer ſpitzer Pfeile enthielt.(Siehe eilte er zu Fuße weiter, ſo ſchnell es ihm möglich war, Bild auf Seite 441.) denn je näher er kam, um ſo mehr überzeugte er ſich aus„Du lügſt, feiger Sklave,“ wiederholte der Neger verſchiedenen Nebenumſtänden, daß der Platz, wo es brannte, in ziemlich gutem Spaniſch,„die Papuas rauben nicht, das von ihm geſuchte Ranchero ſei. Jetzt hatte er die obwohl ſie ein Recht dazu hätten, weil die ganze Inſel ihr Stätte erreicht, und er erkannte unter den mit Löſchen be⸗ Eigenthum iſt. Aber der weiße Mann ſprach die Wahr⸗ ſchäftigten Dienern augenblicklich den Haushofmeiſter der heit, der Meuchelmörder Tornero hat das Feuer angezün⸗ Mutter Hyacinthas. det und das weiße Mädchen geraubt.“ .„Wo iſt Eure Herrin und ihre Tochter Donna Hya⸗„Ihr hört's,“ rief jetzt wieder Don Joſé, deſſen cintha?“ ſchrie der Arzt, indem er vorſtürzte. fieberhafte Auſregung ſich mit jeder Minute ſteigerte,„ſo⸗ „Ah, Sie ſind's Don Joſé?“ erwiederte der Haus⸗ gar der Neprito hier beſtätigt meine Ueberzeugung. Alſo hofmeiſter.„Unſere Herrin befindet ſich in jenem Gebände ſchnell, waffret euch, und mir nach, die Schändlichen zu dort, das zum Glück unverſehrt geblieben iſt, und Donna verfolgen!“ Hyacintha wird ihr ohne Zweifel Geſellſchaft leiſten. Be⸗ Schon wollte er allein forteilen, weil ihm die Andern geben Sie ſich nur dorthin, denn ich hoffe, wir werden viel zu langſam waren, da legte ſich eine ſchwere Hand über das Feuer in kurzer Zeit Herr geworden ſein.“ auf ſeine Achſel. Es war die Hand des Negers. Don Joſé eilte in das bezeichnete Haus, und— die„Kennt mich der weiße Fremdling nicht mehr?“ ſagte ältere Dame befand ſich in der That dort. Sie hatte ſich der Negrito.„Erinnert er ſich nicht, vor ſechs Monaten von dem Fieberanfalle wieder ziemlich erholt und zeigte über ein Papuakind in einer Hütte im Thale unten von ſchwe⸗ das Brandunglück mehr Faſſung, als der Arzt erwartet rer Krankheit geheilt zu haben? Der weiße Mann hat wie hätte; allein als er nach Donna Hyacintha fragte, ſo war ein Bruder der Papuas gehandelt, und die Papuas lieben die Antwort, ſie müſſe auf der Brandſtätte ſein, denn ſie ihren Bruder. Liegt dem weißen Manne viel daran, das habe das Zimmer vor kaum zehn Minuten verlaſſen. Es geraubte Mädchen wieder zu finden?“ war alſo kein Zweifel mehr, Donna Hyacintha„Mein Leben, mein Alles ſetze ich daran,“ rief Don fehlte! Joſé.„Aber jede Minute Verzug bringt der Donna mehr Nunmehr entſtand, wie man ſich denken kann, die als tauſendfältigen Tod.“ enzonloſeſte Verwirrung. Der Eine rannte dahin, der Der Negritoshäuptling— denn einen ſolchen hatte Veer rief den Namen„Donna Hya⸗ er offenbar vor ſich— erwiederte keine Silbe, ſondern ſtieß aur allein Don Joſé behielt ſeine Geiſtesgegen⸗ nur einen ſchrillen Ton aus, auf welchen hin etliche und wart, denn die Nachricht von dem Verſchwinden Donna zwanzig ſchwarze Geſtalten, die ſämmtlich eben ſo bewaff⸗ Hyacinthas traf ihn nicht unerwartet, und er ließ ſich da⸗ net waren, wie ihr Anführer, aus der Dunkelheit der Nacht her auch von der Ohnmacht, in welche die Mutter der hervortraten. Er gab einige Befehle in einer Sprache, Verſchwundenen fiel, nicht außer Faſſung bringen. welche Don Joſé nicht verſtand, und alſobald eilten drei „Schnell,“ rief er,„waffnet euch ſo gut ihr könnt, oder vier der ſchwarzen Geſellen in verſchiedenen Richtungen und folgt mir, die Spur der Räuber auszukundſchaften. davon. Die Uebrigen harrten der weiteren Anordnung ihres Tornero mit ſeiner Bande iſt hier geweſen, und hat den Führers. Brand in das Haus geworfen, um in der darauf folgen⸗„Folge mir, mein Bruder,“ ſagte jetzt der Negrito, den Verwirrung die Donna zu rauben.“„aber du allein; die gelben Sklaven mögen hier bleiben, 56* 444 Feierſtunden. 1864. —————y————nn— denn der Häuptling der Papuas will nichts mit ihnen zu nicht ſo ſtark, als die des wilden Ureinwohners. Doch jetzt, thun haben.“— ja er täuſchte ſich nicht, es war der Tritt von wohl Don Joſeé gehorchte ſtillſchweigend und die Negritos vierzig Männern, den er vernahm. Er erhob ſich auf ſeine ſetzten ſich alſobald in Lauf mit ihm; die Richtung, die Knie, um beſſer ſehen zu können, und bog das Gebüſch ſie einſchlugen, ging aber nicht Cavito zu, ſondern viel ein wenig zur Seite. Auch der Negritohäuptling hatte ſo weiter gegen Süden, in's Innere der Inſel, auch waren gethan und ſeinen Bogen ſchußfertig angelegt. Jetzt,— die Wege, die ſie verfolgten, ſolch' ſchmale und enge Fuß⸗ jetzt waren ſie da! Sie ſchritten ohne beſondere Eile vor⸗ pfade, daß immer Einer hinter dem Andern gehen mußte. wärts, denn ſie waren offenbar vollkommen unbeſorgt. Nach einer halben Stunde ſtieß Einer von jenen vier erſten Von Vieren in der Mitte wurde auf einer von rohen Stä⸗ Abgeſandten, die offenbar als Kundſchafter vorausgeeilt ben gemachten Bahre ein Gegenſtand getragen, der wie ein waren, zu ihnen, und der Negritohäuptling veränderte nun lebloſer menſchlicher Körper ausſah. Neben dieſen Vieren, die Richtung ſeines Laufs noch mehr gegen Süden. Gleich aber geſchützt durch ihre Körper, ſchritt der rieſige Tornero. darauf ſtieß ein zweiter Kundſchafter zu ihnen, und beſtä⸗ Jetzt ſchwirrte ein Pfeil, und einer der Träger in tigte offenbar den Bericht des erſten, denn der Häuptling der Mitte ſtürzte zu Boden. Die Sekunde darauf ſchwirr⸗ nickte zufrieden, obwohl er nichts entgegnete. Nach einer ten noch zwanzig Pfeile, und nicht Einer war, der nicht abermaligen halben Stunde kamen ſie an ein buſchigtes, getroffen hätte. Die Miſchlinge— denn ſolche waren es unebenes Terrain, wo ſie der dritte Kundſchafter erwartete,— ſtießen ein furchtbares Geſchrei aus, denn ſie wurden und hier hielt der verwundet, ohne daß Häuptling auf ein⸗ Tfba f h endesſtreſ N N S ſie eines Feindes mal an. gewahr worden wä⸗ „Mein Bru⸗ ren, die Negritos der wird das geraubte aber verhielten ſich Mädchen wieder er⸗ 6 ſtill wie das Grab. halten,“ flüſterte er Doch eine zweite leiſe. Dann ver⸗ Salve von Pfeilen theilte er ſeine Leute gab den deutlichſten hinter einzelnen Ge⸗ Beweis, wie ſehr ſie büſchen und verbarg lebten und wie gut ſich ſelbſt mit Don ſie zu zielen ver⸗ Joſé ebenfalls hin⸗ mochten. Nun ſtürz⸗ ter ein ſolches, ſo ten die Angegriffenen daß man eine Se⸗ vorwärts, die Dolche kunde nach ihrer ſchwingend, um mit Ankunft an dieſem ihren verborgenen Platze unmöglich die Seinden handgemein Anweſenheit irgend u werden. eines Menſchen ver N Gleich im An⸗ muthen konnte, denn fang des Gefechts, man hörte auch nicht Kals der erſte Pfeil einen Athemzug, viel fiel, war ſich's Tor⸗ weniger ein anderes nero bewußt gewor⸗ Geräuſch, und ſehen 5 V. den, welchen Gegner konnte man vollends(Zu Seite 446.) er ſich auf den Hals nichts, obwohl es geladen hatte. Er gegen ſechs Uhr ging und der Anbruch des Tages alſo dachte daher keineswegs an Widerſtand, ſondern riß den nicht mehr ferne war; denn in jenen tropiſchen Gegenden auf der Bahre liegenden Gegenſtand herab, ſchloß ihn in geht die Sonne faſt zu jeglicher Jahreszeit zur nämlichen die Arme, und rannte davon, ſo ſchnell ihn ſeine Füße Stunde auf und zur ſelben Stunde unter. trugen, indem er es ſeinen Genoſſen überließ, den Kampf Don Joſé hatte nun ſeit vollen achtundvierzig Stun⸗ mit den Negritos auszufechten. Sein einziger Zweck war, den nicht geſchlafen und in dieſer ganzen Zeit aur zweimal die Beute, die er trug, zu ſichern, und ohne Zwei⸗ Nahrung zu ſich genommen; aber er ſpürte in dieſem Au⸗ fel wäre ihm auch das Entkommen gelungen, wenn nicht genblicke weder Hunger noch Ermüdung, denn ſeine ganze zwei Augen geweſen wären, die jede ſeiner Bewegungen Seele war fieberhaft angeſpannt. Das Einzige, was er von Anfang an bewacht hätten. Kaum hatte er alſo ſeine that, war, nach ſeinen Piſtolen zu ſehen, die er im Gür⸗ Füße zur Flucht gewandt, ſo folgte ihm ein anderer, der tel trug. nicht nachließ, bis er ihn eingeholt hatte. Jetzt trat die Sonne aus dem Meere hervor und ver⸗„Steh', feiger Schurke, und ſetze dich zur Wehre,“ goldete Alles mit ihrem Glanze. In demſelben Augen⸗ ſchrie Don Joſé— denn dieſer war der Verfolger—, blicke legte der Negritoshäuptling ſein Ohr auf den Boden als er hart hinter ihm war. und horchte aufmerkſam. Don Joſé durfte nicht ſchießen, denn er mußte be⸗ „Sie kommen,“ flüſterte er abermals,„aber mein fürchten, das Weſen zu treffen, welches Tornero auf den Bruder hüte ſich, von ſeinen Schießwaffen Gebrauch zu Armen trug, und daß dies niemand anders ſein könnte, als machen, bis ich ihm ein Zeichen gebe.“ Donna Hyacintha, daran zweifelte er keinen Augenblick. Don Joſé konnte im Anfang nichts hören, ſo auf⸗ Tornero ſtrengte alle ſeine Kräfte an, ſeinem Feinde zu merkſam er auch lauſchte, denn ſeine Gehörorgane waren entkommen, aber er war durch die Laſt, die er trug, am ſchrelen rilie J hulbma — Feierſtund Helen s ſt Kopf 5. r.— tte er dieſen Schlag indert; überdi ſ egner faſt Kopf zu verſetzen; aber— kaum ha en ehndettzbe dhnn ehe ſeerh 8 geführd, ſo warf Tornero ſeine Laſt weg, zog ſeinen langen Dolch und ſtürzte auf Don Joſé zu. Nunmehr begann t don A nellen Lauf ¹ don wohl jinai Anſtrengungen. Jetzt gelang es de dch auf ſeine Halbmalayen mit der umgekehrten Piſtole eins über den 8 Gebüſch un bats ſ Jebl,— re Eile vor⸗ unbeſorgt. rohen Stä⸗ Kor—* der wie ein 1 Nio 4 Veeren, K Tornero. Baäͤxer in rauf ſchwm⸗ t, der nicht he waren es mſie wurden det, ohne daß ns Feindes orden wä⸗ legritos ten ſich as Grab. zweite nn Nfoiſo don Pfeilen. deutlichſten T ſie 4 R d f 5 „ Wehre, aer—/ fW, ſ— 1„— 3 4 3 WMS=. mufte be⸗ 2 Mauf den 3 3 bunte, al⸗ ein Kampf, in welchem der Europäer faſt mit Nothwen⸗ benützen konnte, keine Waffen, wähend der Meiſcing ſene rugenblic⸗ digkeit unterliegen mußte, denn er beſaß außer ſeinen Piſto⸗ Kriſe führte. Ueberdies— eein Mann, der ſeit a d Feinde zu len, die er in einem„Mann⸗gegen⸗Mann⸗Kampfe“ kaum vierzig Stunden zu unausgeſetzter Anſtrengung a 446 ——:— 2 2 2 2,———————:’————————— Kräfte gezwungen und dazu noch während dieſer ganzen wo das Leben erſt von N konnte natür⸗ ſeemänniſch gekleidete Herr lich nimmermehr das leiſten, was der Andere zu vollbrin- beißig auszuſehen, gen vermochte, der ſeinen Körper durch Nahrung und Ruhe Wangen liefen. Aber Eins hatte Don Joſé voraus, den Zeit faſt ohne alle Nahrung geblieben war, geſtärkt hatte. geiſtigen Muth, den Heroismus der Seele, Bewußtſein, im Kampfe zu können. Der Kampf war ein im Verhältniß dieſer mit der ſchweren Piſtole ſo über's Haupt, ſchwer Getroffene wie betrunken zurücktaumelte. Don Joſ'é ſeine zweite Piſtole, und entlud in das Geſicht des Elenden, luſt verlor er das Bewußtſein. als der Häuptling der Negritos herbeigerannt kam, Bruder beizuſtehen, ſchien es faſt, dem Körper des Letzteren entflohen ſei. Und doch war es nicht ſo! Zwei Tage ſind vorübergegangen, und wir befinden That, uns in einem der luftigen Zimmer einer ſpaniſchen Villa der ſo unter tropiſchem Himmel. einem leichten Teppiche bedeckt, ruht, jüngere Dame, ein und ein Anderer, der neben dem Kranken ſitzt und deſſen fen; Hand hält, um den Pulsſchlag zu ſondiren. iſt ein Kollege Don Joſé's, ein Arzt, Seite des Kranken gekommen iſt. Jetzt ſchlug der Letztere die Augen auf, und ſah ſich verwundert im Zimmer um; aber ſein Blick war nicht ver⸗ ſtört und irr, ſondern— wenn gleich matt— doch klar und helle. Mit einem freudigen Aufruf ſtürzte die jüngere Dame an das Lager des Patienten, und ergriff deſſen beide Hände, einen Blick voll unausſprechlicher Dankbarkeit gen Himmel ſendend.(Siehe Bild auf Seite 444.) „Donna Hyacintha,“ flüſterte der Kranke mit verklär⸗ tem Lächeln.„Gott ſei Dank, Sie ſind gerettet! Nun will ich gerne ſterben.“. „Sterben? Donnerwetter, wer ſpricht vom Sterben, zu ſeinen Folgen V faſt nur kurzer. Faſt im ſelben Momente, als der Halbmalaye ſchwarzen Häuptlings dem Bette. dem Weißen ſeinen Dolch in die Bruſt ſtieß, ſchlug ihn hat unrecht zu ſagen, daß der ſprach er mit feierlicher Stimme. Nun zog mörder ſind nicht die Eingeborenen dieſer Inſel. ihren Inhalt will nicht rechten mit meinem weißen Bruder, daß dieſer leblos zu Boden ein Tapferer. ſtürzte. Aber auch der Arzt konnte ſich nicht länger auf in die Berge; den Beinen halten, denn der Dolch Torneros ſtaß ihm tief Papuas.“ in der Bruſt und— von Ueberanſtrengung und Blutver⸗ als ob das Leben aus wie der Le Feierſtunden. 1864. —— enfſud hat ein Ende!“ geräuſchloſem Tritte näherte die Eingeborenen ſind mit den regulären Soldaten der ſpaniſchen Behörden, welche ſich endlich ermannt hatten, und durch einen gemeinſamen Angriff gelang es ihnen, die Malayen und Miſchlinge in einer blutigen Schlacht bis zur Vernichtung zu ſchlagen und ſo die Ordnung wieder herzuſtellen. Don Joſé war von den vierhundert Europäern, welche ſich im Lande befunden hatten, als der Aufſtand begann, faſt der Einzige geweſen, der mit dem Leben davon kam. Drei Monate nach jenen furchtbaren Ereigniſſen feierte er ſeine eheliche Verbindung mit Donna Hyacintha, der ſchönen Creolin, die ihm Leben und Ehre zu verdanken hatte. Th. Gr. Der Elephanten-Orden in Dänemark. Bei dem Brande, welcher das Schloß Fredericksborg in Dänemark vor einigen Jahren in Aſche legte, gingen unter anderen antiquariſchen Merkwürdigkeiten auch ſämmt⸗ liche Wappenſchilder der Ritter des Elephanten⸗Ordens ſeit der Zeit ſeiner Gründung bis auf die Gegenwart verloren. Der Elephanten⸗Orden iſt nächſt dem Hoſenband⸗ und Golden⸗Vließ⸗Orden der älteſte in Europa, und wurde von Chriſtian I. zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts geſtiftet, während Andere ſeinen Urſprung in die Tage der Kreuzzüge, wo ein däniſcher Ritter einen Elephanten erſchlug, verlegen, wo er von dem Pabſte 1462 beſtätigt wurde, da die Ritter den katholiſchen Glauben zu ver⸗ theidigen gelobten, und den Emblemen der— Glieder wechſelsweiſe aus einem Elephan— Thürmchen, wie noch heute, beſtanden, das Bild der heil. Jungfrau beigefügt wurde. Bei Einführung des Prote⸗ ſtantismus verſchwand das letztere wieder, und die Ritter ſchworen von da an auf den lutheriſchen Glauben. Gegen⸗ wärtig beſtehen die Ordens⸗Inſignien aus einem Elephan⸗ ten von weißem Email mit goldenen Zähnen und blauer Schabrake, worauf ſich ein Thurm erhebt, und einem mit goldenem Pfeile bewaffneten, auf dem. Halſe des Elephan⸗ ten ſitzenden Neger. Die Deviſe iſt: Pretium magna- nimi. Den Orden erhalten, was Landesunterthanen betrifft, — Keuem beginnen ſoll?“ rief der , der ſich anſtrengte, recht bär⸗ dem aber die hellen Thränen über die „Capitän Neville?“ flüſterte wieder der Kranke.„Sie das begeiſterte hier? So ſind die Eingeborenen geſchlagen und der Malayen⸗ für die Unſchuld nicht untergehen In dieſem Augenblicke ging die Thür auf und mit ſich die hohe Geſtalt des „Mein weißer Bruder geſchlagen,“ „Die gelben Meuchel⸗ Aber ich denn er iſt Wenn er wieder geneſen iſt, ſo komme er er iſt willkommen in den Hütten der Mit dieſen Worten wandte er ſich, leiſe, wie er ge⸗ kommen, und war den Augenblick darauf verſchwunden. Alles dies war das Werk einer Minute geweſen, und Doch— was ſollen wir dieſe ergreifende Scene noch wei⸗ ſeinem ter ausmalen? Die Geneſung des Kranken— dieſer war, ſer natürlich längſt weiß, kein Anderer, als Don Joſé— wurde von dem aus Manilla herbeigerufenen Arzte als geſichert erklärt, und ſie war es auch in der denn nach wenigen Wochen ſchon fühlte er ſich wie— geſund und kräftig, wie zuvor; der furchtbare Ma⸗ Fünf Perſonen ſind im Zim⸗ layenaufſtand hatte aber wirklich ein Ende genommen. Die mer, ein Kranker, der auf einem weichen Divan, nur von Wüthenden waren in jener Nacht, als Don Joſé das Ge⸗ eine ältere und eine räuſch der vielen Ruder auf der See vernahm, in der That Herr in ſchiffsmänniſcher Uniform, ausgerückt geweſen, um die Schiffe der Europäer anzugrei⸗ von dieſen wurden ſie jedoch auf eine Weiſe empfan⸗ Der Letztere gen, die Hunderten von ihnen das Leben koſtete. Dann den man aus Ma⸗ verbanden die verſchiedenen Schiffscapitäne ihre Mannſchaft nilla geholt hat und der ſeit zwei Tagen faſt nicht von der uut dii tel Kaſſ in gen d. Cruz l tief geſu Raſſe, ſind me haben ſeltene vorſtel etwas ſten 8 Zag unter die D Körpe nie B lange wenigen lebhafte kos be⸗ Getrar wirken ernſt, und( auch i volles, Religi ten do ſich m ſehr benn deten Chri ſie das pred die ſche de blüti als Kma Cali zeige b Wer Hrüt den kl we dun ger ihr zen une rief der de kecht här⸗ n über die Krank. „0, W.„Oie 2* Malayen⸗ auf und. und mit (Rof, eſtalt des Ißer M r Bruder geſcho, Mtagen, M elchel⸗ Yber ich ¹ Geiſe empfar⸗ Feierſtunden. 1864. 447 ——ͤ———-———-:ͤ—-́ᷓ—————;— nur diejenigen, welche bereits den Danebrogs⸗Orden zwei⸗ Empfang des Elephanten⸗Ordens ſogleich wieder ablegen, ter Klaſſe haben; iſt dies nicht der Fall, ſo erhalten ſie da dieſer keinen andern neben ſich duldet. ihn gewöhnlich acht Tage zuvor, müſſen ihn aber bei Dr. B. Die Indianer der Tierra⸗Caliente. Die Indianer der Tierra⸗Caliente von Vera⸗ Männern aufgeführt werden, zeigt ſich ihr düſterer Ernſt; Cruz und Jälapa ſind im Vergleich mit ihren Voreltern ein ganz beſonderer Geſchmack aber für Malerei und Bild⸗ tief geſunken, dem ungeachtet aber immer noch eine noblere nerei in Holz, Stein und Muſcheln iſt ihnen von ihren Raſſe, als die Mehrheit der mexikaniſchen Creolen. Sie Vorfahren geblieben, und es iſt zum Erſtaunen, welche vor⸗ ſind meiſt von röthlicher, ſeltener ſchwärzlich⸗brauner Farbe, zügliche Werke ſie mit ſchlechten Mitteln auszuführen im haben faſt ſtets ſchwarzes, glattes, gerade herabhängendes, Stande ſind und welche Mühe ſie ſich noch heute geben, ſeltener gewalltes Haupthaar, nur wenig Bart, ſtark her⸗ Heiligenbilder knechtiſch nach Modellen zu malen und zu vorſtehende Backenknochen, ſchiefe, mit der inneren Spitze ſchnitzeng die ihnen vor mehr als dreihundert Jahren von etwas nach oben gekehrte Augen, einen meiſt finſteren, ern⸗ Eura gebracht wurden. Auch ihr Geſchmack an Blu⸗ ſten Blick, breite, doch nicht aufgeworfene Lippen, einen men iſt ſbch derſelbe, wie ihn Cortez fand; jede indianiſche Zug von Gutmüthigkeit um den Mund, und ſind meiſt Hütte iſt mit Blumen geſchmückt, und noch jetzt verkauft unterſetzter Statur. Die Weiber ſind weit hübſcher als kein Indianer ſeine Früchte und Erzeugniſſe auf dem Markt die Männer und haben ſanfte Züge. Mißſtaltungen des zu Mexiko, ohne ſeine Bude jeden Tag mit friſchen Blu⸗ Körpers ſind ſehr ſelten bei ihnen, und Humboldt verſichert, men zu ſchmücken. nie Buckliche unter ihnen geſehen zu haben. Die Lebensart der Indianer iſt ſehr einfach: ſie ſchla⸗ Die Eroberung Mexikos durch die Spanier und deren fen auf dem Boden ihrer Hütte, auf einer Matte, den lange Herrſchaft hat auf den Charakter der Indianer nichts Kopf bedeckt, die Füße bloß, ohne ein anderes Kiſſen zu weniger als vortheilhaft eingewirkt; es ſind nicht mehr jene haben, als einen hölzernen Block, worauf die Kleidungs⸗ lebhaften, munteren Azteken, die den heißen Erdſtrich Mexi⸗ ſtücke gelegt werden. Wollen ſie ſpeiſen, ſo wird eine Decke ko's bewohnen; denn ſo lange man nicht durch berauſchende auf die Erde ausgebreitet, auf welche ſie die Speiſen ſetzen. Getränke und Leidenſchaften auf die jetzigen Indianer zu Mais macht ihre Hauptnahrung aus, dazu kommen Kar⸗ wirken ſucht, bleiben ſie, ſelbſt in den Jünglingsjahren, toffeln, Bohnen, Kürbiſſe, Bananen, Maniok und einige ernſt, ſchwermüthig und ſchweigſam. Feſt an den Sitten Gemüſe; Fleiſch kommt höchſt ſelten, nur bei Feſten auf und Gebräuchen ihrer Vorfahren hängend, legen ſie gerne ihren Tiſch, Fiſche aber werden in Menge gegeſſen. Aus auch in ihre gleichgültigſten Handlungen etwas Geheimniß⸗ Mais wird Arepa, eine Art ungeſäuertes, aber nahrhaftes volles, und obwohl die meiſten von ihnen die chriſtliche Brod, und die Tortillas, dünne, mit Salz uud Chile— Religion ohne viel Schwierigkeiten angenommen haben, hal⸗ pfeffer oder mit Zucker gewürzte Kuchen, auch noch eine ten doch faſt Alle, unbekümmert um die Dogmen derſelben, andere Mehlſpeiſe, Necatamal genannt, verfertigt. Auch ſich mehr an die Ceremonien, deren manche für ſie etwas mehrere Arten von Getränken, im Allgemeinen Chicha ge⸗ ſehr Anziehendes hatten, und vermiſchten den neuen Glau⸗ nannt, werden von den Indianern aus Mais gebraut, und ben mit dem ihrer Väter, und die chriſtlichen Prieſter dul⸗ aus dem zuckerhaltigen Safte der Stengel Tlaolli gewon⸗ deten nicht allein dieſe Vermiſchung, durch welche das nen; das Lieblingsgetränke derſelben iſt aber der Pulque Chriſtenthum leichteren Eingang fand, ſondern begünſtigten oder Oktli, der aus dem Safte der Magueypflanze berei⸗ ſie ſogar bis auf einen gewiſſen Punkt, verſicherten, daß tet wird, und wenn er ausgegohren hat, ungemein berau⸗ das Evangelium ſchon in uralten Zeiten in Amerika ge⸗ ſchend wirkt.— Ebenſo einfach als die Nahrung der In⸗ predigt worden ſei, und ſuchten in dem aztekiſchen Ritus dianer iſt im Allgemeinen auch die Kleidung derſelben, die die Spuren hiervon mit großem Eifer auf. Das ſpani⸗ ſich die, welche von größeren Städten und beſuchten Märk⸗ ſche Joch, und ſeit der ſogenannten Befreiung Mexiko's ten entfernt leben, meiſt ſelbſt verfertigen. Leder und die faſt jährlich wechſelnde Herrſchaft der Creolen und Halb⸗ Baumwollenzeuge ſind die Hauptſtoffe dazu. Das Hemd blütigen zu ertragen, wurde den Indianern um ſo leichter, iſt von einem ziemlich groben, weißen Baumwollenzeug, als ſie ſchon unter den früheſten aztekiſchen Herrſchern an wird indeſſen ſelten von Männern getragen, die daſſelbe Knechtſchaft gewöhnt waren. durch eine weiße Jacke, oder ein Stück Zeugs von blauer Bildungsfähigkeit iſt den Indianern der Tierra⸗ Farbe mit weißen Streifen erſetzen, das in der Mitte einen Caliente, die im Staate Vera⸗Cruz außer etwas ſpaniſch viereckigen Ausſchnitt hat, um den Kopf durchzuſtecken, un⸗ — S nnaka⸗Sprache reden, nicht abzuſprechen, ter den Armen zugenäht iſt, und kaum bis zur Hälfte des hewiſſe Stufe von Bildung erlangt, ſo Körpers reicht. Sonſt tragen die Männer noch weite Un⸗ zeigen ſie im Lernen eine große Leichtigkeit, viel richtigen terbeinkleider, welche bis zur Mitte der Waden reichen, und Verſtand, natürliche Logik und eine beſondere Neigung zu über denſelben eine etwas kürzere Hoſe von braunem, ge⸗ grübeln, oder die feinſten Verſchiedenheiten zwiſchen mehre⸗ gerbtem Ziegenleder, die durch einen blauen und weißen ren zu vergleichenden Gegenſtänden aufzufaſſen. Dabei Gürtel um die Hüften befeſtigt iſt. Außerdem tragen ſie klügeln ſie kalt, aber mit Ordnung, ohne jedoch jene Be⸗ einen Poncho oder eine wollene Decke, durch deren Mitte weglichkeit der Einbildungskraft, jenes Kolorit der Empfin- ſie den Kopf ſtecken, zum Schutz vor dem Regen und dung, jene Kunſt zu ſchaffen und hervorzubringen zu zei⸗ Nachts zur Bedeckung; die Kopfbedeckung beſteht aus einem gen, welche die ſüdéuropäiſchen Völker charakteriſirt. In flachen Hute; die Füße ſind meiſt unbekleidet. Die Frauen ihrer melancholiſchen und klagenden Muſik, in ihren Tän⸗ tragen einen Rock von blauem oder rothem Wollenzeuge, zen, die ohne Leben und Grazie ſind, und auch nur von oben und unten mit einem breiten Stücke weißen Baum⸗ 448 an die Knöchel reichend, und bedecken den Oberkörper mit einem der ſpaniſchen Mantille ähnlichen Tuche von geſtreif⸗ tem Wollenzeuge, das dreimal ſo lang als breit, und in deſſen Mitte ein Loch ausgeſchnitten iſt, um den Kopf hin⸗ Indianerin der Tierra⸗Caliente. durch zu ſtecken. Dieſer Ueberwurf bedeckt Hüfte und Brüſte, läßt aber die Seiten und Arme unbedeckt. Ihr ſchwarzes Haar, das in Zöpfe, mit Schnüren von rother Mexiko, das alte Reich der Azteken, das jetzt nach mehr als fünfzigjährigen Wirren von Neuem als Kaiſer⸗ ſtaat aufzutreten beabſichtigt, und ſeinen Herrſcher von Eu⸗ ropa wünſcht, weil es, in Folge zahlreicher Aufſtände, Feierſtunden. 1864. wollenzeugs eingefaßt, über den Hüften gebunden und bis Wolle durchflochten, geſchlagen wird, tragen ſie um den Kopf gewunden, und dieſer Haarputz würde ziemlich an⸗ muthig ſtehen, wenn er ſorgfältig unterhalten würde. Viele tragen das Haar hinten in einen Zopf oder in mehrere Flechten gebunden, oder laſſen es auch frei über die Schul⸗ tern herabhängen; die Männer tragen es meiſt kurz abge⸗ ſſchnitten. Die Wohnungen der Indianer ſind faſt noch wie zur Zeit der erſten Entdeckung des Landes, und gleichen mehr Hütten. Sie enthalten gewöhnlich nur eine Wohnſtube, Sala genannt, und ein Schlafzimmer. Die Thüre der Sala iſt zugleich Hausthüre, und durch ſie fällt auch das Licht herein. Eine in der Ecke angebrachte Thüre führt aus der Sala in's Schlafzimmer. Die Küche befindet ſich in der Regel einige Schritte vom Hauſe entfernt in einer be⸗ ſonderen Hütte. Vier ſenkrecht in die Erde befeſtigte Pfo⸗ ſten tragen das leichte, aus Stangen, Latten und Palm⸗ blättern, ohne irgend einen Nagel, verfertigte Dach, zu deſſen Befeſtigung Stricke aus den Blättern der Maguey oder Riemen aus ungegerbten Häuten dienen. Die vier Seitenwände des Hauſes werden mit Bambusrohr ausge⸗ füllt. Fenſter hat eine ſolche Wohnung nicht; die Thüre iſt ebenfalls aus Bambusrohr zuſammengebunden, und ſtatt der Thürgehänge mit Riemen befeſtigt. Der Fußboden be⸗ ſteht ſelten aus etwas Anderem als aus feſtgeſtampfter Erde. Bisweilen ſind die Wände einer ſolchen Hütte noch mit Lehm beworfen, und dann iſt ſie ſchon bewohnbarer. Ebenſo einfach wie die Wohnung iſt auch der Hausrath. Vier Pfoſten, von denen je zwei durch ein Querholz ver⸗ bunden ſind, und über welche Bambusrohr gelegt iſt, bil⸗ den das Bett des Hausherrn, die Kinder und übrigen Be⸗ wohner der Hütte ſchlafen auf der Erde. Tiſche und Stühle ſind höchſt ſelten, nur ein paar niedere Schemel findet man. Eine kleine bemalte Kiſte verſchließt die beſſeren Kleidungs⸗ ſtücke und Koſtbarkeiten der Hausfrau; auf einem in der Höhe angebrachten Brette ſtehen einige Gläſer, Taſſen, Teller und ſonſtige Geſchirre, und hierzu kommt noch ein großes Gefäß von rothem Thon zur Aufbewahrung des Waſſers, und ein Sattel und Zaum. Die Wände ſind reichlich mit Kreuzen und Heiligenbildern geſchmückt, unter denen das Bild der heil. Jungfrau ſich ſtets durch ſeine Größe auszeichnet. Die Indianerinnen ſind ungemein arbeitſam und un⸗ abläſſig mit der Sorge für ihre kleine Haushaltung beſchäf⸗ tigt. Die Zubereitung der Tortillas iſt eine mühſelige Arbeit, die täglich vorgenommen werden muß; ſie bringen ihren Männern das Eſſen auf das Feld, das größtentheils nur von dieſen bearbeitet wird, und tragen Früchte, Ge⸗ müſe und Geflügel zu Markt. Wenn ſie zu dieſem Ende nach der Stadt gehen, tragen ſie ihre Ladung meiſt in einem großen Korbe mittelſt eines Leintuches, das unter der Bruſt zuſammengebunden wird, auf dem Rücken, ſonſt aber alle Kleinigkeiten auf dem Kopfe, wie in den Händen. 2. Ein nächtliches Jeſt in der Tierra-Caliente. den häufigen Wechſel der Conſtitutionen und Präſidenten müde geworden, iſt, ſo häufig es auch von Europäern be⸗ ſucht wird, ein ſo klaſſiſches Werk A. v. Humboldt auch über daſſelbe veröffentlicht hat, immer noch ein faſt unbe⸗ Feierſtunden. 1864. urz noch wie zur ichen mehr Wohnſtube, Thüre der auch das t aus n und Palm⸗ . △ Dach, zu der Maguch Die rohr ausge⸗ die Thüre n, und ſtatt Fußboden be⸗ ſtgeſtampfter n Hütte noch bewohnbarer. holz ver⸗ gt iſt, bil⸗ brigen Stühle t man. dungs aͤnem in der läſer, Taſſen, zmmt noch ein wahrung des nde ſind mückt, unter durch ſeine tſam und un⸗ ang beſchüf⸗ mühſelige denten 2 Präſi 2 ropüern oldt auch faſt unle⸗ Feierſtunden. 1864. liches Feſt in der Tierra⸗Caliente. 6 f 450 Feierſtunden. 1864. kanntes Land, obwohl es rückſichtlich ſeines Bodens, ſei- trauen ſind Eigenſchaften, die einen beſtändigen Schatten nes Klima's und ſeiner Handelslage, mehr als viele Staa⸗ auf die Mehrheit werfen. Aeußerlichkeiten ſind ihnen Haupt⸗ ten der nordamerikaniſchen Union, deutſchen Auswanderern ſache geworden, und wie Kinder erblicken ſie in Staat, anzuempfehlen ſein dürfte, die hier, mit Umgehung der Heer und Kirche nur Gelegenheit zu Uniform, Orden, heißen feuchten Küſtenniederungen(der Tierra⸗Caliente), die Ceremonien und feierlichen Aufzügen. Kaum begreiflich iſt herrlichen Gegenden der Tierra Templada, und noch mehr ſes, wie bei mehr als fünfzigjähriger Anarchie, bei faſt all⸗ die ungeheuren Ebenen des Tafellandes(Tierra Fria, ob⸗ gemeiner, ſprichwörtlicher Korruption der Beamten wie des wohl Orangen im Freien wachſen) bewohnen könnten, denn Militärs, bei elender Juſtizpflege, betrügeriſcher Staats⸗ fabelhafte Strecken ſind hier noch unbebaut und beinahe un⸗ haushaltung und faſt gänzlichem Mangel an öffentlichem bewohnt. Eine Bevölkerung von kaum ſieben Millionen Unterricht, im Ganzen verhältnißmäßig ſo wenig gewalt⸗ in einem Lande ſo groß wie der vierte Theil von Europa, ſame Eingriffe auf Leben und Eigenthum vorkommen, ganze wovon zwei Drittel der mildeſten, geſundeſten Luft und Klaſſen von armen Leuten, wie z. B. die Maulthiertreiber, eines herrlichen Bodens ſich erfreuen, der eine Tragkraft durch das ganze Land eine ſprichwörtliche Redlichkeit bewahrt durchſchnittlich von dreißig bis vierzig Körnern Ernte auf haben, und im Handel und Wandel das gegebene Wort ein Korn Ausſaat erreicht! Dabei bedarf das Land keines heilig gehalten wird. Raubanfälle kommen faſt nur auf Düngers, faſt keiner Obhut und geringer Arbeit man der Hauptſtraße von Vera⸗Cruz nach Mexiko, meiſt in der im vollen Sinne des Worts in Mexiko mit einemt krum⸗ Nähe dieſer Städte vor. Im Innern und auf Nebenwegen men Holze pflügen ſieht, und die Erfahrung überall zeigte, reist man ziemlich ſicher vor Räubern und Dieben. daß, wo man irgendwo mit dem tiefer gehenden, mithin Die Wirthshäuſer, Meſon, Fonda oder Poſada ge⸗ mehr Arbeitskraft erfordernden europäiſchen Pfluge die Erde nannt, ſind ſich durch's ganze Land gleich, und immer von umgebrochen hatte, die Menge des Unkrauts ſich unbegreif⸗- Bummlern(mit Ausnahme der fleißigen, arbeitſamen In⸗ lich mehrte. dianer, der Hälfte der Bevölkerung) beſucht, die hier, ſo Die merkwürdige Bildung des zwiſchen zwei Meeren oft ſie können, nächtliche Feſte zu improviſiren ſuchen. gelegenen, zu einer durchſchnittlichen Höhe von 7— 8000 Hat man ein Wirthshaus der Tierra⸗Caliente geſehen, Fuß aufgethürmten Tafellandes, mit einem Klima und wie ein ſolches auf S. 449 abgebildet iſt, ſo kennt man einer Produktivität, wie etwa Südſpanien und Calabrien, alle, auch die der Tierra Templada und Fria.— Die Häu⸗ durchſchnitten von ungeheuren Thälern, die nach beiden ſer ſelbſt ſind meiſt leicht gebaut, von Flechtwerk und mit Meeren zu ſtets tiefer und wärmer werden und alle Pro⸗ Lehm beworfen; der Wohnraum der Wirthsleute iſt von dukte der heißen Zone erzeugen, geſtattet, daß man in dem der kleinen Küche mit niederem Herde, wenn dieſe nicht in größten Theile von Mexiko in einem Tage alle Klimate einem beſonderen Gebäude iſt, durch eine Rohrwand getrennt. durchwandern, und vom ewigen Eiſe durch alle Pflanzen⸗ Im Eß⸗ oder Wirthſchaftszimmer birgt ein Verſchlag eine regionen bis herab zum Kaffeebaum und dem Zuckerrohr Art Kaufladen mit Unſchlittkerzen, Cigarren, eingemachten gelangen kann. Reich an ſich, durch ſeine Bevölkerung aber Früchten(dulces) und Zündhölzchen in Schachteln. Die arm, hat das Reich Montezuma's eine große Zukunft vor Einrichtung beſteht meiſt aus zwei Tiſchen und einigen ſich, und wenn wir auch nicht glauben, daß ein Nachfolger Rohrſeſſeln und Stühlen, und an einzelnen Nägeln, in die Karls V., in deſſen Reiche die Sonne nicht unterging, durch Rohrwände geſchlagen, hängen ſchlecht eingerahmte bunte ſeine Perſönlichkeit das Unmögliche möglich zu machen, und Heiligenbilder, ein paar verroſtete Säbel und Piſtolen, und ein faſt verkommenes Volk mit ſeinem Scepter wie mit ſendlich die nirgends fehlende, doppelt beſaitete mexikaniſche einem Zauberſtabe umzuwandeln im Stande ſein dürfte, Guitarre oder Vihuela. ſind wir doch überzeugt, daß es der fleißigen, unermüd⸗ Die Guitarre dient allabendlich zu Geſang und Tanz, lichen germaniſchen Raſſe im Laufe der Zeit gelingen wird, welcher auf der Vorflur des Hauſes, geſchützt von dem vor⸗ auch hier ihre welthiſtoriſche Miſſion zu erfüllen, und fri- ſpringenden Dache, vor ſich geht. Faſt Jedermann kann ſches Blut der Thätigkeit in die Adern der hier herrſchen⸗ die Guitarre ſpielen; ſelten iſt dieſe verſtimmt und wird den Lazaroni⸗Völker zu gießen, die ſich ſelbſt mitunter meiſt ziemlich fertig gehandhabt. Kaum ſind Abends ein „hijos mal criados de malos Espanoles«(ſchlecht er- paar Arrieras in den Meſon angekommen, und haben ſich zogene Söhne ſchlechter Spanier) nennen, und(die Den⸗ und ihren Thieren etwas Nahrung gegönnt, ſo werden die kenden wenigſtens) die Unmöglichkeit ſolchen Fortbeſtehens Cigaritos angezündet, ſpaniſche Lieder beginnen und ein ſelbſt anerkennen. Ball wird improviſirt, zu dem ſich, wie die Muſik ertönt, Land und Leute in Mexiko ſind durchaus verſunken; immer mehr Theilnehmer aus der Nachbarſchaft einfinden. der Druck, der unter ſpaniſcher Herrſchaft auf dem Volke Die Tanzmuſik iſt ziemlich einförmig, doch in ihrem eher laſtete, hat daſſelbe auf der Stufe der Kindheit, und zwar ſchwermüthigen Gange originell und nicht unangenehm. der verdorbenen, erhalten. Seit 1810, wo ſich Mexiko Andere Inſtrumente als Guitarren ſind ſelten dabei, höch⸗ von Spanien frei zu machen, ſich ſelbſt zu heben trachtete, ſtens bei größeren Feſten noch eine Harfe, eine Geige und hat es ſich nicht über dieſe Stufe erhoben, ſeit jener Zeit ein oder zwei Klarinetten. Gewöhnlich bilden drei auf der kein Werk, keine Anſtalt in's Leben gerufen, und ſelbſt das Vorflur auf erhöhten Sitzen befindliche Guitarrenſpieler das gefundene, das von den Spaniern überkommene Gute zer- Orcheſter, einige wenige, mit Feſtons und Blumen ver⸗ fallen laſſen. Wie die Kinder, kennen die Mexikaner weder zierte Hängelampen die Beleuchtung, und rund um die erſte⸗ Ernſt noch berechnende Ausdauer; die im Auslande, in Eu⸗ ren herum gruppirt ſich, einen freien Platz in der Mitte ropa Erzogenen kommen ſelten beſſer zurück, als ſie gingen, laſſend, das aus Indiern, Creolen, Mulatten und Zam⸗ wohl aber ſchlauer, und was ſie an Wiſſen erworben, ge⸗ bas gebildete, mehr oder minder dunkle Publikum in ſchlech⸗ reicht ihrem Lande ſelten zu Nutzen, weil ſie mehr vom ter europäiſcher, oder in mehr oder weniger eleganter mexi⸗ Schlimmen als vom Guten zurückbringen. Eitelkeit und kaniſcher Kleidung, die Damen mit Blumen in den ſchwar⸗ Selbſtzufriedenheit iſt zum Grundcharakter des Volks gewor⸗ zen Haaren.— Abwechſelnd tritt dann bald das eine, bald den, und Rachſucht, Hinterliſt, Verſchmitztheit und Miß⸗ das andere Paar vor und ſich gegenüber zu einem mehr giſckitt zöſen, nach ei durch) dazu ſ pfindu⸗ Gefäll hervor oder al ſchlinge zerin. und vi Eigen Geſche derg vierte wſſſe der beſon Hack ander dama des( reißen deſſen Bun terdr am O hund dem ſenhe matt und rich der Schatten n Haupt⸗ Stagt, — F te geſehen, d kennt man — Die Häu⸗ wwerk und mit iſt von ſe nicht in nvor⸗ kang un kann mt wird — Abends ein ad haben ſich m rden die „ die erſte⸗ „Mitte und Zalf⸗ „ zu ſchlech⸗ ri⸗ Feierſtunden. 1864. ——ℳ⸗ℳꝛꝛꝛꝛꝛ:u——O M geſchrittenen als hüpfenden pantomimiſchen Tanze, in gra⸗ ziöſen, doch unkünſtlichen Bewegungen und Verſchlingungen nach eigener Erfindung, im Ganzen einfach, doch belebt durch Augenſpiel und ſüdliche Mimik. Der Tänzer ſchlägt dazu ſeine gewaltigen Sporen zuſammen, um den Em⸗ pfindungen ſeines Herzens noch mehr Ausdruck zu geben. Gefällt die Tänzerin, ſo kommen abwechſelnd andere Burſche hervor, ſetzen der Dame unter dem Tanze ihren Hut auf, oder aber nehmen ihre rothen oder blauen Gürtel ab und ſchlingen dieſelben als Schärpe über die Schulter der Tän⸗ zerin. Behende und gefallende Tänzerinnen tragen oft drei und vier ſolche beneidete Auszeichnungen, welche von den Eigenthümern durch Bewirthung der Senora und kleine Geſchenke, wie Kämme, Rebozos(halbſeidene Shawls) und dergleichen wieder eingelöst werden müſſen. Nach etwa viertelſtündigem Paradiren tritt ein neues Paar auf. Fran⸗ zöſiſche Tänze werden erſt neuerer Zeit beliebter. Während der Tanzpauſen geht die Muſik zur Erheiterung des ver⸗ ——O—V—————— — 451 ſammelten Publikums unermüdlich fort, und außer ihr läßt ſich nur leiſes Geſpräch hören. Die Haltung der Geſell⸗ ſchaft iſt durchaus gemeſſen und ſtets ſo, wie ſie unter Senores Caballeros, wie ſich die dunkeln Herren gegenſei⸗ tig nennen, ſich geziemt.— Vergleicht man die mexikani⸗ ſchen Tanzfeſte der geringſten Meſons oder Poſaden, mit dem plumben, rohen Stampfen und Johlen auf unſeren deutſchen Bauerbällen in den Dorfſchenken, oder auch mit dem franzöſiſchen Cancan, ſo muß die Schale des Lobes ſich auf Seite der Mexikaner ſenken; wie man denn in der That überall, wo immer Spanier oder Hiſpaniſirte woh⸗ nen, neben allen noch ſo großen Fehlern, höfliches Beneh⸗ men, zierliche Redeweiſe und eine gewiſſermaßen ſtolze Hal⸗ tung ſelbſt bei der niederſten Klaſſe findet, Erſcheinungen, die um ſo freundlicher auf den von Deutſchland einwan⸗ dernden Reiſenden wirken, als dort, beſonders bei der ge⸗ ringeren Klaſſe, ſich die allerdings ſolideren Eigenſchaften faſt durchgängig mit gründlicher Derbheit paaren. 2. Landleute von Oſſuna. Zur Zeit der Herrſchaft der Araber über Spanien, beſonders unter den Khalifen Abdur⸗Rhaman III. und Hackem II. kam dieſes Land zu einer Blüthe, wie kein anderes in ganz Europa, und die Einwohnerzahl belief ſich damals auf beinahe vierzig Millionen. Von dieſer Höhe des Glücks, des Wohlſtandes und der Macht aber ſtieg es reißend ſchnell herab, als nach der Vertreibung der Araber deſſen chriſtliche Könige mit finſteren Deſpoten einen Bund eingingen, alle geiſtige wie politiſche Freiheit zu un⸗ terdrücken, und es kam in Folge deſſen ſo weit, daß es am Schluſſe des vorigen und im Anfang des jetzigen Jahr⸗ hunderts kaum noch acht Millionen Spanier gab. Ueber⸗ dem herrſchte, weil man das Volk gefliſſentlich in Unwiſ⸗ ſenheit und Aberglauben auferzog, überall die größte Ar⸗ muth und Trägheit, und die Macht des einſt ſo ſtolzen und großartigen Staates, in deſſen Grenzen die Sonne nicht unterging, war total gebrochen. So weit brachte es der Deſpotismus und die Unvernunft! Seit etwa dreißig Jahren iſt man übrigens auch in Spanien auf andere Grundſätze gekdömmen, und nothge⸗ drungen mußte die Regierung auf die Ideen der Freiheit eingehen. Auch hat dieſe Wandelung ſchon ſehr gute Früchte getragen, und das Volk jenes herrlichen Landes iſt jetzt in Beziehung auf Wohlſtand, Macht und Anzahl im ſicht⸗ baren Fortſchritt begriffen; allein dennoch ſteht es hinter den übrigen Bewohnern des mittleren und weſtlichen Eu⸗ ropas, beſonders hinter den Engländern, Franzoſen und Deutſchen, noch himmelweit zurück, und in mancher Be⸗ ziehung kann es ſogar nicht einmal mit den Italienern den Vergleich aushalten. Natürlich— denn die Jahrhundert lange Bernachläſſigung feiner Ausbildung, der Jahrhundert lange geiſtige Druck, der auf ihm laſtete, das Jahrhundert lange gefliſſentliche Verdummungsſyſtem, durch das man alles Denken in Spanien auszurotten verſuchte, hat einen ſolch' bleibenden Einfluß auf den Charakter der Einwohner ausgeübt, daß ſtatt der ſeither eingepflanzten unendlichen Trägheit und Unwiſſenheit nicht auf einmal geiſtige und körperliche Rührigkeit, nicht auf einmal Aufklärung und vorurtheilsloſe Anſchauungen Platz greifen konnten. Den beſten Beweis hiefür bekommen wir, wenn wir, die größeren Städte verlaſſend, uns auf’s Land begeben, und uns mit den Bauern, dem Kern und Grundſtock der Bevölkerung eines jeden Staates, der nicht gerade ein rei⸗ ner Seeküſtenſtaat iſt, etwas näher bekannt machen. Auch der Zeichner des hübſchen Bildchens auf S. 452 that ſo, und es braucht nicht allzu viel Studium, um aus der na— turgetreuen Gruppe, welche das Bild wiederſpiegelt, das ganze Thun und Treiben, die ganze Denk⸗ und Lebensweiſe der ſpaniſchen Landleute jetziger Generation herauszufinden. Auf der rechten Seite erblicken wir zwei Reiter, deren Pferde offenbar jener berühmten Raſſe angehören, welche man die andaluſiſche nennt. Der Eine von ihnen ſitzt regelrecht im Sattel, und ſieht mit ſeinem keck aufgeſtülp⸗ ten Hütlein, ſowie mit ſeiner übergehängten Büchſe eher einem edelmänniſchen Jäger als einem Bauernburſchen gleich. Der Andere hat ſich bequem nach Weiberart auf ſein Roß gepflanzt und reitet offenbar vom Felde, wo er gepflügt oder ſonſt eine Arbeit abgethan, nach Hauſe; allein den eigentlichen Bauern, d. i. den Bauern nach unſeren Be⸗ griffen verleugnet auch er, denn er raucht eine Cigarre und von ſeinem Sattelknopfe hängt eine Flinte oder Büchſe herab, welche der des anderen Reiters vollkommen gleicht. Trotzdem ſind ſie Beide nichts mehr und nichts weniger als Bauern, deren einzige Beſchäftigung der Ackerbau iſt; nur machen ſie zugleich darauf Anſpruch„Hidalgos“ zu ſein, d. h. dem edelmänniſchen Stande anzugehören. Sol⸗ cher„Hidalgos“ gibt es unendlich viel in Spanien, und es exiſtirt im ganzen Lande keine noch ſo kleine„Aldra“ oder Gemeinde, in welcher nicht der dritte Theil oder gar die Hälfte der männlichen Bewohner behauptete, wenn nicht „Cavaleros“, doch wenigſtens„Escuderos“ zu ſein. Frei⸗ lich von einem adeligen Beſitzthum iſt bei dieſen„Cava⸗ lieren“ nicht die Rede, ſondern ſie ſind ſo arm, als ihre übrigen Mitbauern, aber das Bewußtſein des Titels„Don“ lebt in ihnen, und dieſes Bewußtſein erfüllt ſie mit einem ſolch' unendlichen Stolze, daß ſie meiſt nur zu Pferde und jedenfalls ſtets mit der Flinte bewaffnet ihren ländlichen Geſchäften nachgehen. Ueberdem verrichten ſie dieſe mit jener Würde und Gravität, mit jener langſamen Ruhe und Ernſthaftigkeit, welche allen ſogenannten„Schaffeifer“, ſo⸗ wie überhaupt alles anſtrengende Arbeiten für eine gemeine bürgerliche Eigenſchaft erklärt, und ſomit kann man ſich 57* 452 Feierſtunden. 1864. ———————————————; ſchon denken, wie vorzüglich es um die Beſtellung ihrer ſtrengt, ſondern daß ſie vielmehr Alles, was ſie thut, mit Aecker ſtehen wird. Zunächſt den beiden Reitern ſehen wir eine Frau, welche einen Henkelkrug auf dem Kopfe und ein kleines großer Gemächlichkeit thut; man ſieht's ihr aber auch wei⸗ ter an, daß ſie vollkommenen Frieden mit ſich ſelbſt hat, und daß ihr alſo das Faullenzen nicht die geringſten Ge⸗ Kind auf dem Arme trägt. Rechts und links von ihr wiſſensſerupel machte. Ebenſo kann man aus den Geſich⸗ gehen zwei Knaben von acht bis zehn Jahren, zweifellos tern der Knaben herausleſen, daß ſie Feinde aller tumul⸗ ihre älteren Söhne, und ſie alle drei gehören offenbar wie tuariſchen Freude ſind; allein gewiß wird auch keiner von die Reiter ebenfalls dem Dörflein an, das im Hintergrunde ihnen ſtrenge zur Schule angehalten, ſondern die gute Mut⸗ erſcheint. Aber wie ruhig und bequem ſchreitet nicht die ter gibt ſich, von ihrem Beichtiger belehrt, damit zufrieden, Frau dahin! Welche Ruhe und vornehme Gelaſſenheit liegt wenn die Ranzen das Credo und Ave ohne Fehler herſagen nicht ſelbſt in den Bewegungen der beiden Knaben! Man können. Warum ſich denn mit dem vielen Lernen den Kopf ſieht's der Frau an, daß ſie die Hände nie allzu ſehr an- zerbrechen, wenn man ohne daſſelbe in den Himmel kommenkann. Die linke Gruppe des Bildes beſteht aus vier Män— nern nebſt zwei Ochſen und einem Schwein. Die Ochſen ziehen einen Getreidewagen und gehören, wie es ſcheint, jenem Geſchlechte an, aus dem man die Bullen zu den Stierkämpfen ausliest. Sie ſind alſo kräftig genug, um eine recht tüchtige und harte Arbeit zu verrichten; allein der Treiber derſelben, der Knecht des neben den Thieren ſtehen⸗ den Mannes, iſt weit entfernt, ihnen ſolches zuzumuthen, mit ihnen aus. Auch der Treiber des Schweins, ein faſt Ochſenknecht, macht es ſich ganz bequem und läßt dieſem eigenſinnigen Thiere ganz den Willen. Sein Herr dagegen, der Inhaber des Schweins, bekümmert ſich nicht im Gering⸗ ſten weder um ihn noch um den Vierfüßler, denn— wäre daß er eine Flinte iſt? Nein, g mit Inhaber des Ochſenwagens, welcher ſeinerſeits, die Cigar zwiſchen den ſondern er ruht vielmehr alle Augenblicke ganz gemächlich noch unwiſſenderer und träger ausſehender Burſche, als der das nicht unter ſeiner Würde, da er(man ſieht dies daraus, über der Schulter trägt) ein Hidalgo er unterhält ſich vielmehr ganz geruhig mit dem Lippen, dieſelbe Gelaſſenheit zur Schau trüg und Beide haben offenbar keine Ahnung davon, daß„Ze. ſo viel iſt als Geld.“ Was geht nun aber aus dem ganzen Bilde hervor?“ Nichts anderes, als daß ſtolze Selbſtgenügſamkeit nebſt unendlicher Ruhe und Trägheit den Hauptcharakterzug des Spaniers bilden, und wenn uns der Künſtler noch einen finſterſchauenden Prieſter nebſt einem Holzſtoß, auf wel⸗ chem ein Ketzer brennt, im Hintergrunde gezeigt hätte, ſo wäre die Zeichnung der pyrenäiſchen Halbinſel eine ganz vollſtändige geweſen, doch hoffen wir, daß es mit der Zeit auch hie Wahrhe ſhönen Fezer ſu ndeen 1864. 453 ——;õ——y—————;— —————— 1 ul, mit auch hier anders wird. Hoffen wir, daß der Hauch der euch nai Wahrheit und des Lichts, welcher jetzt weht, auch in jenem ſchönen Lande den ſchweren Alp des politiſchen und kirch⸗ lichen Obſcurantismus, der bisher auf ihm lag, wenn nicht auf einmal, doch wenigſtens nach und nach zu verdrängen weiß! Th. Gr. 1 G G b G nn ' 1, 6 — ½⁴ö½ ſ ꝗD— 6 S G G ” 7 1 dadt da 5 a V 1 4 Der Rurſaal in Cannſtatt bei Stattgat. „ hes daraus, ein Hidalge cccdcdd¾d¾⅛⅛tä S —-— — — ——— 5— — ᷣ———— —O-——— —— ——— — wor? buh nebſt umoeon unktazug de hats b fin,. rnch, eu Abenteuer eines engliſchen Regierungs⸗Couriers in Mexiko. to Ld, ſo ait z und„Der Tauſend, Hardy, alter Knabe, biſt du's, oder geſucht. Freut mich, dich zu ſehen!“ rief mi aus dem Ni ae 3t iſs dein Geiſt? Ich hätte dich noch immer in Auſtander Penſchenäöringr, das die ſchlüpferige nichhe Admi⸗ ralitätshafendammes von Dover herauf wogte, eine fröh⸗ liche Stimme an. Das überfüllte franzöſiſche Packetboot, das ziemlich ſpät eingetroffen war, ſpie eben ſeine Paſſa— giere aus. Wie gewöhnlich hatte ſich eine Anzahl Zuſchauer eingefunden, um ſich die bleichen Jammergeſichter der neuen Ankömmlinge zu betrachten, und auch ich, der ich eben in Dover auf Beſuch war, mich unter den Haufen der Neu⸗ gierigen gemiſcht, da ich eben nichts Beſſeres zu thun wußte. Ich wandte mich in die Richtung, aus der die Stimme kam, und erblickte einen wetterbraunen, militäriſch ausſehen⸗ den Mann in einer Bortenmütze und einem Mantel von ausländiſchem Schnitt, der in ſeiner Linken einen ſehr diplo⸗ matiſch ausſehenden Depeſchenfascikel trug, während er zu⸗ gleich die Rechte gegen mich ausſtreckte— augenſcheinlich ein Regierungs-Courier. Es war aber, ſeit ich dieſen Gentleman zum letztenmal geſehen, eine ſo lange Zeit ver— ſtrichen, und im Laufe derſelben hatte ich mit ſo vielen neuen Geſichtern verkehrt, daß ich den mich Anredenden nicht ſogleich erkannte, woraus dieſer Anlaß nahm, in etwas vorwurfsvollem Tone fortzufahren:„Zum Henker, Menſch, ich glaube, du haſt den Dick Musgrave vergeſſen!“ Jetzt erſt ergriff ich mit Herzlichkeit die mir dargebo— tene Hand und äußerte meine Freude, meinen alten Freund Musgrave zu ſehen, der als Capitän außer Dienſt beim Miniſterium des Auswärtigen Verwendung gefunden hatte. „Und woher kommſt du eben jetzt?“ ſagte ich, als ich mit ihm den Hafendamm hinanſtieg, während uns ein Lohndiener mit dem Reiſegepäck meines Freundes folgte. „Von Wien. Ein langweiliges Ding dieſes Reiſen auf den langſamen öſtreichiſchen Eiſenbahnen. den Weg über Prag und nahm auch Breslau und Berlin mit. Wie hat's dir in Auſtralien gefallen— wahrſchein⸗ lich eine Laſt grobes Korn mitgebracht?“ Wir waren inzwiſchen aus dem Bereiche der Stein⸗ blöcke, der Krahnen, der Schubkarren und ſonſtigem Stol⸗ perapparate gekommen, welche die Zugaben eines unbeendig⸗ ten Hafendammes bilden, und hatten den freien Platz vor dem Bahnhof erreicht, auf dem ein ſtolzes Hotel zur Ein⸗ kehr winkte. „Wohin, Herr?“ fragte der Gepäckträger, mit der Hand nach ſeiner Mütze greifend. Nach dem Bahnhof,“ verſetzte Musgrave.„Ihr könnt den Reiſeſack im Gepäckzimmer abgeben; den Fascikel aber muß ich bei mir behalten. Gehen wir zuerſt nach dem Telegraphenbureau; ich habe ein paar Worte nach London aufzugeben. Sie werden ſich in unſerem Stall freuen, wenn ſie erfahren, daß die Papiere angelangt ſind.“ „Du kommſt für den Zug um eine halbe Stunde zu ſpät,“ ſagte ich, auf meine Uhr blickend,„und wirſt ſchwer⸗ lich einen Extra nehmen wollen.“ Dick lachte trocken. „Nein, nein, dieſe Zeiten ſind vorbei— würde zu hoch kommen in unſeren knickerigen Tagen. Ich werde den Poſtzug abwarten und dem Unter⸗Sekretär Anzeige machen, wann ich eintreffen kann.“ Mit dieſen Worten trat er in das Telegraphenbureau, ſchrieb nieder, was er zu ſagen hatte, lauſchte auf das Ticken des Inſtruments, das ſeine Meldung weiter beför⸗ derte, kam dann wieder heraus und nahm mich beim Arm. „Wir haben Zeit,“ ſagte er.„Komm,, wir wollen in dem Hotel einen Imbiß einnehmen und ein wenig von al⸗ ten Zeiten plaudern.“ Geſagt, gethan. Im Laufe des Geſprächs erzählte mir mein Freund folgendes Abenteuer. Ich machte: ———; „Es iſt jetzt ſechs Jahre her, daß ich zum erſtenmal nach Mexiko geſendet wurde. Damals hing, wie du wohl wiſſen wirſt, der Gehalt eines Kabinets⸗Couriers von der Zahl ſeiner Reiſetage ab, und es war uns natürlich darum zu thun, ſo viel wie möglich beſchäftigt zu werden. Ich war noch ein Neuling in der Zunft und hielt mich für aus— gezeichnet bevorzugt, daß dieſer mexikaniſche Ausflug mir zugewieſen wurde, was ich natürlich auf Rechnung meiner Anſtelligkeit bei früheren Courierreiſen ſchrieb. .„„Sie ſprechen ſpaniſch, glaube ich, Capitän Musgrave?“ fragte mich der Unter⸗Staats⸗Sekretär, als er mir meine Inſtruktionen ertheilte. ‚Aber wenn ich nicht irre, ſo ſind Sie noch nie in Amerika geweſen?“ „Ich antwortete beſcheiden, ich habe als Attaché der Geſandtſchaft in Madrid ein wenig ſpaniſch gelernt, ſei aber noch nie nach der anderen Seite des atlantiſchen Mee⸗ res gekommen. „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß es wirr aus⸗ ſieht in dem Land, und daß man daſelbſt mit großer Vor⸗ ſicht reiſen muß, fuhr der Sekretär mit einer Amtsmiene fort, die ſich jedoch bald in die der Vertraulichkeit umwan⸗ delte. ‚Sie kommen unter ein arges Galgenpack. Sehen Sie ſich vor, daß man Ihnen kein Bein ſtellt.“ „Ich war damals noch um ſechs Jahre jünger und ver⸗ traute mehr auf meine Weltkenntniß, als dies jetzt nach reiferer Erfahrung der Fall iſt. War ich doch ſchon in ganz Europa und unter allerlei halbwilden Nationen herum gekommen, ohne Schaden zu nehmen. Ich achtete daher nicht ſonderlich auf die Warnung meines Chefs und glaubte, ſo wohlgemuth durch Mexiko wandern zu können, als handle ſich's um eine Reiſe von Paris nach Dresden. Die Fahrt nach Vera⸗Cruz ging glücklich von Statten; aber dort fingen meine Nöthen an. Die Diligencen zwiſchen der Küſte und der Hauptſtadt ſind, wie du wahrſcheinlich weißſt, noch in dem primitiven Zuſtande der Poſtkutſchen unter der Regie⸗ rung der letzten Stuarte— unbequeme, ſchwerfällige Ma⸗ ſchinen, die von einer Menge dürrer Maulthiere und Klep⸗ per weiter geſchleppt werden, unregelmäßig in der Abfahrt und Ankunft, langſam und, was am ſchlimmſten, unab⸗ läſſig den Angriffen von Straßenräubern ausgeſetzt. Im Durchſchnitt bleiben kaum fünfzig Prozent der Diligence⸗ züge von den Verſuchen der Freibeuter verſchont, und man muß oft wochenlang warten, ehe man eine Reiſe antreten kann, wenn ſie durch einen eben vom Bürgerkrieg bedräng⸗ ten Bezirk führt. Doch ich weiß, das ſind alte Geſchich⸗ ten, und du kannſt, wenn du willſt, in den Spalten der Times dutzend Hiſtörchen von Straßenraub in großem Styl und haarſcharfem Entrinnen zuſammen leſen. Ich für mei⸗ nen Theil verſpreche dir, dich nicht mit Banditengeſchichten zu langweilen.— Ich mußte einige Tage warten, ehe die Diligence ſich zum Aufbruch fertig machte, und als es end⸗ lich ſo weit kam, ſchloß ſich uns wegen der unruhigen Zu⸗ ſtände des Landes eine Eskorte von ſchäbigen Soldaten an⸗ Der ewige Krieg, der an den Eingeweiden Mexiko's zehrt, tobte eben irgendwo anders; aber Banden von ausgeriſſe⸗ nen Soldaten durchſtreiften den Staat Puebla und hatten dem eingeborenen Element der Brigandage eine bedeutende Verſtärkung zugeführt. Unſere Geſellſchaft war ſehr gemiſcht: franzöſiſche Kaufleute, die nach ihren Läden in der Haupt⸗ ſtadt zurückkehrten; ein bebrillter Deutſcher, der Pflanzen und Inſekten ſammelte und faſt in Thränen auszubrechen pflegte über die Ungefälligkeit des Conducteurs, der nicht halten laſſen wollte, wenn er unter den Felſen einen ſel⸗ tenen Cactus oder eine merkwürdige Erica bemerkte; einige in Geſe gemiſch ünſerer in ihre ten eir luſtigt gewich zen ſch Spörn Schauſ darauf entlocke ritterb ſelbe ſichs Rumw Küſt gen ſtieg Fieb wärt ſam die i Zuht Ster⸗ Freu kame ſchli⸗ Rüc band Stra lar Leeke nicht Tiefe Trüt im erſtenmal „ du wohl lich d ich darum Nor nung meiner M 1grave?“ r meine mi mit nee, ſo ſind Attache Nr gelernt, ſa ntiſchen Mee⸗ keit umwan⸗ ack. Sthen ger und ver⸗ etzt nach och ſchon in tionen herum nd glaubte, r dort fingen r Küſte und fſt, vnoch in der Regie⸗ eerfällige Ma⸗ e und Klep⸗ rr Abfahrt nſten, unab⸗ geſetzt. Im r Diligente⸗ at, und man Keiſe antreten frieg bedräng⸗ Geſchic⸗ Spalten der aroßem Styl at für mei⸗ Ich engeſch d 5 zehrt, ier e, ausgekiſſe⸗ 6 Pertto Feierſtunden. 1864. ———-—õ———— —; in Geſchäften reiſende Engländer und Amerikaner und ein Gemiſch von mexikaniſchen Männlein und Weiblein. Neben unſerer holpernden Räderarche ritten die mageren Lanciers in ihren fadenſcheinigen blauen Kolleten her und entwickel⸗ ten eine militäriſche Schwadronage, die mich ungemein be⸗ luſtigte. Es war eine Luſt, mit anzuſehen, wie ſie ihre gewichsten Schnurrbärte drehten, ihre rothbewimpelten Lan⸗ zen ſchüttelten und ihre Pferdlein, denen ſie mit rieſigen Spornrädern zuſetzten, vor uns courbettiren ließen. Dieſe Schauſtellung militäriſcher Bravour war ohne Zweifel darauf berechnet, unſeren Taſchen ein hübſches Geſchenk zu entlocken; ich weiß übrigens nicht, welchen Muth unſere ritterlichen Beſchützer entwickelt haben würden, wenn der⸗ ſelbe auf die Probe geſtellt worden wäre. Zufällig fügte ſich's, daß während der kurzen Reiſe, die ich in dem alten Rumpelkaſten machte, kein Brigand in unſere Nähe kam. „Wir hatten die Tierra⸗Caliente oder den ſchwülen Küſtenſtrich hinter uns, und als wir die ſteilen Aldhun. gen der gemäßigten Region oder Tierra Templada hinan ſtiegen, wünſchten wir uns Glück, dem Gebiet des gelben Fiebers entkommen zu ſein. Es ging fort und fort auf⸗ wärts auf rauhen felſigen Pfaden, aber uur äußerſt lang⸗ ſam trotz der Flüche des Conducteurs und der Poſtillone, die ihre ſchweren Peitſchen ohne Unterlaß auf das arme Zugvieh niederfallen ließen, und wir ſegneten unſeren guten Stern, als wir endlich das Hochland erreicht hatten. Die Freude war übrigens voreilig, denn im Laufe unſerer Fahrt kamen wir nicht weit von Xalapa auf eine Wegſtrecke, die ſchlimmer war als die ſchlimmſten Punkte, die uns im Rücken lagen. Es hatte hier ein Gefecht zwiſchen Guerilla⸗ banden und den Regierungstruppen ſtattgefunden, und die Straße war demolirt worden, um den Transport der Ar⸗ tillerie zu erſchweren. Von Reparaturen merkte mam noch nicht viel, denn wir trafen auf Löcher von erſtaunlicher Tiefe, und überall lagen noch zerbrochene Laffeten und die Trümmer von Munitions⸗ und Proviantwägen umher. Eines dieſer Löcher wurde auch für uns verhängnißvoll, denn die Diligence ſchlug um, brach eine Achſe und erlitt auch in ihrem ſonſtigen Holzwerk bedeutende Beſchädigun⸗ gen, der menſchlichen Fracht nicht zu gedenken, die gleich— falls zum Theil jämmerlich zerbeult wurde. Es lief indeß noch gut ab, indem kein Menſchenleben verloren ging, ja nicht einmal Beinbrüche und Gliederverrenkungen vorkamen, mit alleiniger Ausnahme einer Daumendislocation, die der arme deutſche Naturforſcher davon getragen hatte. Was mich betraf, ſo hatte ich außer der Erſchütterung, die mich eine Weile betäubte, keinen Schaden genommen, und ich konnte daher mithelfen, die ſchwerer Beſchädigten aus dem Trümmerwerk des Wagens auf feſten Boden zu bringen. Natürlich wurde es, nachdem man von dem Umfang des Schadens Einſicht genommen, Gegenſtand einer ernſten Berathung, was jetzt zu thun ſei. Das Fuhrwerk wieder aufzurichten ging über unſere vereinten Kräfte; und ſelbſt wenn wir den plumpen Kaſten wieder auf ſeine Räder gebracht hätten, ſo wäre er bei der gebrochenen Achſe und der eingeſtoßenen Seuenwand nutz⸗ los geweſen. Die Pferde wurden losgemacht und ſtanden ſchnaubend da, die Köpfe dem kühlen Winde zugekehrt, der durch die Pinien fächelte. Der Conducteur benahm ſich wie ein Verrückter. In ſeiner rothen geſchlitzten Jacke, den Marokinſtiefeln und einer gelben Schärpe ſchoß er hin und her, fluchte und ſchimpfte über Alle und Alles, von ſeinen armen Kleppern an bis zur Partei der Liberalen, welcher er dieſes Unglück Schuld gab, und wir mußten zuflicken, daß es auf dem holperigen 45⁵ das Austoben dieſes Sturmes von unſinniger Wuth ab⸗ warten, ehe an eine vernünftige Berathung gedacht werden konnte. Die Poſtillone dagegen, barfüßige, halbwilde Bu⸗ ben aus den Bergorten, grinsten und lachten nur, und ich glaube, ſie beluſtigten ſich eher an unſerem jammervollen Ausſehen, als ſie unſer Unfall bekümmerte. Nachdem der Conducteur lange genug gegen Himmel und Erde gewüthet hatte, kam er ſoweit zur Ruhe, um auf unſere Fragen zu antworten. „Könnte man den Wagen für den Reſt der Reiſe noch brauchen, wenn er ausgebeſſert würde?: „Caramba, wer kann dies ſagen? Wir haben noch fünf gute Miles bis Xalapa. Es iſt zu ſchlecht! Und noch obendrein dies, nachdem ich ſechs lange Kerzen vom beſten Wachs meinem Namenspatron Antonio zu Ehren verbrannt habe! Aber warte— wenn du je wieder von mir ein Licht— lein kriegſt, ſo ſoll mich—“ „Bst, Miſter!’ brummte ein langer Amerikaner aus einem der auswärtigen Bankhäuſer von Vera⸗Cruz, indem er ohne Umſtände ſeine breite Hand auf den offenen Mund des Conducteurs legte, ‚wir haben Euch lange genug fluchen gehört. Jetzt bitt ich um ein manierliches Wort, wenn Ihr Eure Haut ganz behalten wollt. Wir möchten wiſſen, wie wir weiter kommen ſollen. Will Jemand von euch ſo gut ſein, dies dem Burſchen auf ſpaniſch zu ſagen?: „Dieſem vernünftigen Anſinnen wurde entſprochen und die Ergießung des Yankee dem rabiaten Eingeborenen über⸗ ſetzt, welcher verdrießlich darauf antwortete, daß er dies nicht wiſſe; wir ſeien in freiem Felde, und wer könne da ſagen, wie man weiter kommen ſolle. „Der Korporal der Eskorte legte ſich in's Mittel und theilte uns⸗ mit, ein tüchtiger Schmied, ein geſchickter Ar⸗ beiter, ein viejo Christiano und vor Allem ſein Onkel von der Mutterſeite wohne in einem benachbarten Dorfe. Er wolle es auf ſich nehmen, dieſen würdigen Mann neben einem Schreiner und ſo vielen ſtämmigen jungen Mozos, als nöthig wären, unſer unglückliches Fuhrwerk wieder auf— zurichten, auf den Platz zu ſchaffen, und da man ihm dieſe Gefälligkeit mit einem Dollar lohnte, ſo ließ er ſein Roß ſcharf ausholen. „Es entſchwand eine geraume Zeit, bis der Korporal mit dem Schmied, dem Schreiner und acht oder neun kräf⸗ tigen jungen Bauern zurückkehrte. Das Aufrichten der Diligence hatte jetzt keine Schwierigkeiten mehr, wohl aber die Wiederherſtellung der Brüche, und die zur Hülfe auf— gebotenen Handwerker machten nach vielem Ausrufen und vielem nutzloſen Geſchrei eine Forderung von hundert Dol⸗ lars, um in einer Friſt von drei Tagen die dringlichſten Ausbeſſerungen zu vollbringen. Dann trat eine wahre ba⸗ byloniſche Verwirrung ein, indem der Conducteur als Re⸗ präſentant des Eigenthümers der Diligence die Beſtreitung der aus den Beſchädigungen erwachſenen Koſten gern aus⸗ ſchließlich den Reiſenden aufgebürdet hätte; denn ihm, be⸗ merkte er mit großer Zungenfertigkeit, mache es nichts aus, wie früh oder ſpät er nach Mexiko komme. Der angel⸗ ſächſiſche Theil der Geſellſchaft hielt jedoch zuſammen, und man verſtändigte ſich endlich dahin, daß die zerbrochene Diligence unverweilt ausgebeſſert, für die Reparatur eine Summe von fünfzig Dollars bezahlt und die Hälfte dieſes Betrags von den Paſſagieren übernommen werden ſollte. Schmied und Schreiner beeilten ſich jetzt, Material und Handwerkszeug beizuſchaffen, und machten ſich anheiſchig, bei Fackellicht zu arbeiten und das Fuhrwerk ſoweit heraus⸗ Wege wenigſtens bis ——— — ————— — —— — ——— 456 Puebla halte, wo eine regelmäßigere Reparatur vorgenom⸗ men werden könne. „Während dieſer Verhandlungen fragte ich den langen Amerikaner, welcher der Vernünftigſte unter der ganzen ſelbſt auf einige perſönliche Gefahr hin ſchneller nach der Hauptſtadt kommen könne. Ich war ohnehin mit meinen Depeſchen etwas ſpät daran und fürchtete, in dem nächſten Miniſterialſendſchreiben wegen meiner Langſamkkeit eine Rüge abzufangen. Der Nankee blinzelte, während er mich betrach⸗ tete, mit ſeinen tiefliegenden Augen und warf dann einen Blick auf die dem Horizont ſich nähernde Sonne. „Glaubs gern, daß Euch unſer Progreß nicht gefällt, Miſter; denn s'geht wahrhaftig hölliſch langſam. Erſtlich werden die gelbhäutigen Trödler da nicht bälder als nach Feierſtunden. 1864. wohl bis Puebla zu Fuß gehen. thun iſt, raſch zu Eurer Legation zu kommen, ſo müßt zerika Ihr eben reiten; Reiſegeſellſchaft war, ob er mir nicht Rath wiſſe, wie ich — Mitternacht fertig, und dann müſſen wir erſt noch ſchätz Wenn's Euch darum zu es gibt keinen anderen Ausweg.: „Reiten?“ verſetzte ich. Von Herzen gern; aber wie ſoll ich zu einem Pferde kommen? In Mexiko gübt es keine hin findet Ihr immer Gelegenheit; nur wird man Euch Poſtſtälle, wenigſtens nicht wie wir ſie in Europa haben, und ſo wird es ſchwer halten, mich beritten zu machen.: „In Xalapa könnt Ihr das ſchon, und auch weiter⸗ mit dem Miethpreis ordentlich herüber ziehen, bemerkte Mr. Brandreth, die Aſche ſeiner Cigarre abſtoßend. Mit Geld läßt ſich in Mexiko Alles machen. Aber ich würde mich doch noch vorher beſinnen. Ihr könntet, ehe Ihr den Prado zu ſehen kriegt, auf gar unbequeme Patrone ſtoßen, f 3 1— 81 4 — fn 3 9 G (Zu Seite 460.) und man braucht blutwenig Blei, um im raſcheſten Galopp oft faſt als prophetiſch vorgekommen. Ich treibe mich einen Reiter von ſeinem Roß herunter zu langen.“ ſchon neun Jahre im Land um, Capitän Musgrave, ſagte „Wir beſprachen die Sache noch eines Weiteren, und er, ‚und wenn ich auch nicht mit dem Sypaniſchen fort⸗ endlich kam der gutmüthige Amerikaner auch zu meiner An⸗ komme, ſo weiß ich doch Ein und das Andere von den ſicht, indem er meinte, zuletzt laufe man bei der Diligence⸗ fahrt eben ſo viel Gefahr, als bei der von mir beabſich⸗ tigten Reiſemethode, und wenn er zehn Jahre jünger wäre, ſo würde er ſich mir anſchließen. Dann rieth er mir, mich nach dem Platze umzuſehen, wo die Relais für die Diligence gehalten würden, und da ſelbſt zu möglichſt bil⸗ ligem Preiſe ein Pferd ſammt einem berittenen Diener zu miethen. Nachdem er mir über die gefährlichſten Stellen des Weges einige werthvolle Winke ertheilt hatte, empfahl er mir, ſo raſch als möglich zu reiten, gleichwohl aber für Nothfälle die Kräfte meines Kleppers zu ſchonen. Dieſe letztere Warnung war ſehr am Platz, und iſt mir ſeitdem Dons. Nur nicht trauen. In einem Gefecht ſind ſie nicht halb ſo gefährlich, als wenn ſie vor Euch ſchmeicheln nd wedeln. Nicht trauen, ſage ich. Wenn Ihr Euch dies⸗ nicht merkt, ſo ſtehlen ſie Euch Euren Angenzahn ſogar, ſo wahr ich Nat. Brandreth heiße. „Wir reichten uns die Hand und ſchieden. Ich hatte einen Weg von fünf Miles vor mir; doch dies war in dem gemäßigten Strich von Mexiko keine Beſchwerniß. Ein indianiſcher Pere trug mein Gepäck, das nahe genug zu⸗ ſammen ging. Der Grund, über den wir weg mußten, war eine Art Terraſſe oder ein Gebirgsplateau von ſeb fruchtbarem Ausſehen, obwohl es ſich nur theilweiſe Anbau befand. Weite Gerſten⸗ und Maisfelder wechſe. — mit dih lähl und nehr ſch kurzen 6 erhob weißer gefährl lagen durch iſchn Graume Sonne Himme Vald ſah u n ch ſchät 6 darum zu n, ſo müßt zaber wie üt es kin opa haben, zu machen. auch weiter⸗ d man Euch bemerkte Mit der ich Vürde t, ehe Ihr da Latrone ſtoßen, Feierſtun —YY—B—B—B—————— mit dichten Nadelholz⸗ und Eichenwäldern; die Luft war kühl und angenehm, und ich ſah mehr wilde Blumen und mehr ſchöne Landſchaftsparthien, als mir je auf einer ſo kurzen Strecke vorgekommen waren. Weit, weit hinter mir erhob ſich in der klaren blauen Atmoſpäre wie ein feiner weißer Nebel der von dem ſilbernen Meere aus über die gefährlich ſchöne Küſte ſich hinbreitende Dunſt. Näher lagen kahle Felſen von Porphyr, Quarz, Serpentin, wie durch vulkaniſche Thätigkeit unter einander gemengt, da⸗ zwiſchen Rieſenbäume, von deren Zweigen das phantaſtiſche Graumoos tapetenartig niederhing. Im Weſten ging die Sonne glühroth unter, und die purpurnen Tinten des Himmels boten links von mir über dem tiefen Grün der Waldlandſchaft ein entzückendes Schauſpiel. Alle dieſe Dinge ſah und bewunderte ich; das heißt, ich nahm geiſtig Notiz mich zur Trennung von der Karawane zu bewegen, wenn ihm nicht die Hoffnung auf ein gutes Mahl zum Sporn gedient hätte.— Mein Peon erwies ſich als eine ſehr ſchlechte Geſellſchaft. Er trabte ſtumm und geduldig wie dameel unter ſeiner Laſt im Staube dahin und verhielt meinen Anſprachen gegenüber auch nicht viel beſſer. verſtand er ſpaniſch, aber ſein Wörter⸗ und Ideen⸗ rath war peinlich beſchränkt, und ich konnte keine Aus⸗ kunft über die politiſche Stimmung des Landes aus ihm herausholen. Er ſchien die kirchliche Partei ſowohl als die liberale mit einer Art blöden, ſchüchternen Widerwillens als ein peſtilentialiſches Volk zu betrachten, das ihm ſeine Hühner ſtahl, ſeine Wagen und Ochſen für Proviantfuhren in Anſpruch nahm und ſein Maisfeld niedertrat. Von der Urſache des beſtehenden Haders wußte er rein nichts, wie er ſich denn auch um die Zukunft Mexiko's, oder um die beſte Art ſeiner Regierung keine grauen Haare wachſen ließ. Feierſtunden. 1864. ——⏑———::::——:¶:—⸗,u46õ——-—--—————— (Zu Seite 462.) den. 1864. 457 —;— davon und bewunderte ſie ſpäter, ſofern damals meine Ge⸗ danken mit anderen Gegenſtänden beſchäftigt waren. Du weißt vermuthlich aus perſönlicher Erfahrung, daß ein Reiſender, wie ſchwunghafte Schilderungen er auch in ſein Tagebuch einzeichnen mag, zur Zeit, in welcher ſich ihm die Anläſſe dafür bieten, in der Regel keinen Sinn hat für das Studium des Roſendufts auf den Bergen oder des Perlgraus einer Teichfläche, da ihm vielleicht das Frühſtück im Kopf herum geht, enge Schuhe ſeine Füße mit Blaſen belegen, oder eine Prellerei von Seiten eines Wirths oder Führers ſeine Galle in Aufregung erhält. Auch mir er⸗ ging es ſo: ich war ſehr hungrig und fühlte ein höchſt un⸗ romantiſches Verlangen nach einem Abendeſſen. Ich weiß in der That nicht, ob wirklich mein Eifer, die Regierungs⸗ depeſchen ſchleunigſt abzuliefern, ſo weit gegangen wäre, Nur ſo viel konnte ich merken, daß ihm die kirchliche Fak⸗ tion ein bischen näher am Herzen zu liegen ſchien, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er dem Cura neun Piaſter für Meſſen ſchuldete und eine Erlaſſung derſelben in Ausſicht ſtand, wenn er auf die Seite der Kirch⸗ lichen trat. Der arme Schelm war ein gutmüthiger, fleißiger Burſche wie die meiſten Angehörigen ſeiner Raſſe. Nach⸗ dem er lange genug geſchwiegen, zeigte er endlich ſeine Zähne, indem er unter einem vergnügten Lächeln mir zu⸗ rief: ‚Seht, Sennor, dort liegt Xalapa.“ .„Und ſo war's. Da lag die Stadt mit ihren flachen Dächern, ihren Terraſſen und Kirchthürmen, ihren Bäu⸗ men und Gärten, um letztere her die rieſigen Dorngehäge, und über der ganzen Scene noch das warme Roth, das die letzten Strahlen der bereits untergegangenen Sonne wieder⸗ ſpiegelte. Ich fragte meinen Begleiter, welcher wie faſt 58 die Hälfte ſeiner geduldigen Raſſe Joſé getauft war, ob er wiſſe, wo die Diligence die Pferde wechsle. „Non sabè!“ verſetzte der Indianer. Ich hätte mir's freilich denken können, daß die Antwort ſo lauten würde. „„Welches iſt das beſte Wirthshaus?“ „Non sabè!“ „Zum Henker mit dieſem Holzkopf!“ rief ich in un⸗ gebührlichem Aerger. ‚Was wißt Ihr denn eigentlich?“ „Es ſtellte ſich nun heraus, daß der arme Joſé, ob⸗ ſchon er ganz in der Nähe von Xalapa geboren und erzo⸗ gen war, von der Stadt ſelbſt nur wenig wußte. Er kannte den Marktplatz, wohin er bisweilen Vanille und andere in den Wäldern geſammelte Parfümerie⸗ oder Arz⸗ neigewächſe brachte, ſein Weib aber regelmäßigere Abſtecher machte, um ihre Eier und Gartenerzeugniſſe zu verwerthen. Ferner kannte er das Kaffeehaus, wo die indianiſchen Peons zuſammen tranken und rauchten, und das, in welchem die weißen Rancheros tranken, ſpielten und einander mit ihren Meſſern bearbeiteten. Auch der Garten, in welchem die Tertulias gehalten wurden, war ihm nicht fremd, und zwei⸗ mal in ſeinem Leben hatte er das Innere der Kirche von San Jago, der größten in der Welt,“ wie er meinte, be⸗ treten. Damit ſchloß jedoch der Kreis ſeines Wiſſens, und er vermochte mir keine weitere Auskunft zu geben. „Etwa ein halbes Mile von der Stadt ſteht oder ſtand ein Poſada von der beſſeren Klaſſe, mehr Gaſthaus, als Schenke, obſchon es, in Vergleichung mit ähnlichen Unter⸗ kommenshäuſern, in Europa oder in den vereinigten Staa⸗ ten noch primitiv genug war. Ein anſehnlicher Hof wurde von einer Ziegelmauer umſchloſſen, an welche ſich einige ſcheunenartige Nebenbauten anlehnten; das Hauptgebäude aber war ein wunderliches Haus mit einem flachen Dach, grellem Anſtrich und ſchwerfälligen hölzernen Balkonen vor den kleinen Fenſtern, in welchen meiſt die Scheiben fehlten. Unter dem Hofthore ſtand, eine Papiercigarre im Mund, ein wohlgenährter Mann mit einer niedrigen weißen Mütze und dem weiten Linnenanzug, den die Köche zu tragen pfle⸗ gen. Unmittelbar über ihm ſtak ein dürrer Fichtenwispel zum Zeichen, daß der Wirth hier guten Wein zu reichen verſprach. Als der Mann meine Tritte hörte, und beim Umwenden eines fremden Reiſenden anſichtig wurde, nahm er mit großer Höflichkeit ſeine Mütze ab. „Euer Diener, edler Herr, wenn ich ſo glücklich ſein ſollte, Euer Gnaden nützlich werden zu können.“ Er brachte dieſe Worte in der pomphaften, aber doch unterwürfigen mexikaniſchen Manier vor. Ich dachte, es werde wohl am beſten ſein, wenn ich ihn um Auskunft anging. „Könnt Ihr mir ſagen,“ fragte ich, ‚wo in Xalapa die Diligence⸗Pferde gewechſelt werden?“ „Hier, mein würdiger Sennor,“ antwortete der Mann ohne das mindeſte Zögern. „Hier?“ verſetzte ich. ‚Das fügt ſich ja ganz vor⸗ trefflich“. Dann fiel mir ein, daß mich der Auskunftgeber vielleicht belog. Ich wußte, daß die Nation in dieſer Tu⸗ gend eine große Fertigkeit beſitzt. Der beleibte Mann war indeß ein guter Phyſiognom und las meine Zweifel ſo deut⸗ lich, als habe er ſie in Frakturſchrift vor ſich. „„Wenn die Excellenz meiner unterthänigen Verſiche⸗ rung nicht glauben will,’ ſagte er, ‚ſo kann ſie ſich ſelbſt davon überzeugen, wenn ihr beliebt, von dem Corral (Pferdehof) Einſicht zu nehmen. Ihr werdet dort die Thiere ſehen, welche vor die Diligence kommen, wenn ſie— wer weiß?— vielleicht morgen früh eintrifft. Mein Stallknecht Ehre daraus machen, Euer Gnaden die Pferde zu zeigen. Er ſprach im Tone gekränkter Unſchuld und ich begann zu bereuen, daß ich ſeine Gefühle verletzt hatte. Um meinen Irrthum wieder gut zu machen, erzählte ich ihm von dem Vorfall, der die Diligence betroffen habe, und die Beendi⸗ gung der Reiſe wahrſcheinlich ſo weit hinausſchieben werde, daß ich es vorziehe, mich eines Miethpferdes und eines be⸗ rittenen Führers zu bedienen. Der edle Sennor hätte ſich zu dieſem Ende an keinen beſſeren Mann wenden können, als an mich,“ ſagte der Wirth mit einem öligen Lächeln und einem eigenthümlich verdächtigen Reiben ſeiner fetten Hände. ‚Euer Gnaden ſoll ein Pferd erhalten, deſſen ſich der Conquiſtador ſelbſt nicht geſchämt haben würde, und einen Führer, wie er ſein muß, flink, geſcheidt und des Weges wohl kundig. Gewiß, hochedler Sennor, gewiß.“ „„Zu welchem Preis?“ „Der Wirth verneigte ſich unterwürfig und entgegnete, daß es darüber zu keinen Händeln kommen ſolle; er über⸗ laſſe dieſen Punkt ganz meiner Generoſität. „Alles dies klang angenehm genug, faſt zu angenehm um wahr zu ſein. Doch man konnte ja weiter ſehen, wenn ich zuvor meinen inneren Menſchen angefriſcht hatte. Auch der Wirth meinte, eine Ladung werde nicht am unrechten Platze ſein, und ſtellte mir ſein ganzes armes Haus mit ſeinem Inhalte zur Verfügung; die Speiſekammer ſei nicht übel verſehen, und er, Pedro Mendez, mein unwürdiger Diener, gelte für einen leidlichen Koch, der durch ſeine Geſchicklichkeit ſchon bei vielen edlen Caballeros und Damen vom höchſten Range Lob und Beifall geerntet habe. Wollte auch ich ihn mit meiner Kundſchaft beehren? Wollte ich meinen Mozo entlaſſen und ſeinem Stallknecht erlauben, mein Reiſegepäck in's Haus zu tragen? „Mittlerweile hatte ſich der Stallknecht eingefunden, ein brauner, breitſchulteriger Kerl mit einem rothen Tuch um den Kopf, goldenen Ringen in den Ohren und einer Jacke und Calconcillos von ſchmutzigem weißem Baum⸗ wollenzeug. Seine kurzen Haare waren kraus und wollig, ſeine Augen unruhig und funkelnd, und die zu ſcharfen Spitzen ausgefeilten Zähne verliehen dem faſt afrikaniſch geſchnittenen Geſicht, namentlich beim Lächeln, einen äußerſt unangenehmen Ausdruck. Der Menſch war in der That ein Sambo, das heißt ein Miſchling von Neger und In⸗ dianer, von denen mir hier das erſte Exemplar zu Geſicht kam. Der Wirth ſah vermuthlich, daß der Anblick ſeines Dieners keinen ſehr günſtigen Eindruck auf mich machte, denn er erging ſich alsbald halb ſpaniſch, halb gebrochen franzöſiſch in Lobeserhebungen über Diego, welcher die ehr⸗ lichſte Haut von der Welt, die Perle der Haus⸗ und Stall⸗ knechte, eine gute Seele, ein Lamm, ein wahres Lamm ſei. Natürlich mußte der Hausherr die Eigenſchaften ſeines Die⸗ ners am beſten zu würdigen wiſſen; aber ich konnte an Diego nichts von einem Lamm bemerken, da er mir im Gegentheil eher wie ein Wolf und obendrein wie ein recht grimmiger Wolf vorkam. Ich lohnte meinen Indianer ab, der mit ehrerbietiger Verbeugung ſein Geld dahin nahm und wieder den Heimweg antrat; dann blieb ich noch eine Weile vor dem Hofthor ſtehen, betrachtete mir die ſich im⸗ mer tiefer in den Schatten der Nacht bergende nahe Stadt und fühlte mich inſtinktartig verſucht, dem Straßenwirths⸗ haus den Rücken zuzuwenden und gleichfalls weiter zu ziehen. Ein Wort gab den Ausſchlag. „Wünſcht Eure Gnaden ſogleich zu Nacht zu ſpeiſen? „Da ich ſehr hungrig war, ſo entſchlug ich mich der Diego‘— er that einen lauten Pfiff— ‚wird ſich eine unbeſtimmten Beſorgniſſe, die mich bedrängten, und ant⸗ wortete verloren auch m hielt da zu laſſ von ſo worden auswär als in damit ſt wännen. hören verſchle kammen gemäch eine ſo die in Tiſch e Kartenp Kunſtar 101 ney ſein, d deutlich rend d weil d über Eifer Grin dem Wollt ich — 3 Feierſtunden. 1864. 459 ———---———r——⸗—ℳ—bv=-ð-ꝑQ—A wortete raſch mit Ja. Diego, der bisher noch kein Wort verloren hatte, griff meinen kleinen Reiſeſack auf und wollte auch meinen Depeſchenfascikel an ſich nehmen; allein ich hielt damals noch ſtreng darauf, ihn nie aus meinen Augen zu laſſen. Ich hatte nämlich auf dem Staffettenbüreau von ſo wunderbaren Tücken, welche den Courieren geſpielt worden, gehört, daß Mancher von uns ſich einbildete, die auswärtigen Regierungen haben nichts Anderes zu thun, als in alle Welt die verſchmitzteſten Agenten auszuſchicken, damit ſie in unſere muffigen alten Protokolle Einſicht ge⸗ wännen. „Ich erklärte, daß ich dieſes Gepäckſtück in eigener Obhut behalten wolle, und trat in das Haus. Im Erd⸗ geſchoß befand ſich eine große Küche mit einer durch eine Bretterwand davon getrennten Speiſeſtube, von der aus man das appetitreizende Praſſeln des bratenden Fleiſches hören konnte. An Stube und Küche grenzten ein Schenk⸗ verſchlag und einige mit Vorlegſchlöſſern verſehene Vorraths⸗ kammern, während eine ſchmale Holztreppe nach den Schlaf⸗ gemächern hinaufführte. In dem Speiſezimmer fand ich eine ſaubere, gehörig mit Matronenſpeck verſehene Frau, die in einem Polſterſtuhl ſchlief, und hinter einem langen Tiſch einen blaſſen ſechzehnjährigen Jungen, der mit einem Kartenpacket ein Manöver, vielleicht den famoſen alten Kunſtgriff, welchen die franzöſiſchen Schwindler saut du roi nennen, verſuchte. Etwas der Art mußte es geweſen ſein, denn ich, der ich zuerſt in das Zimmer trat, bemerkte deutlich die verſchiedenen Farben des Kartenſpiels, wäh⸗ rend der hinter mir her kommende Vater nichts davon ſah, weil das blaſſe Jüngelchen mit ungemeiner Geſchwindigkeit über die Karten drei offene Bücher hinzog und mit größtem Eifer darin zu ſtudiren ſich anſtellte. „Meine Frau— Excellenz— mein Sohn. Ho, Katharina, Weib, wach auf!' „Und die ſo beſchworene Wirthin erwachte und rieb ſich gähnend die Augen. Inzwiſchen fragte Diego in gräm⸗ licher Weiſe, wohin er meinen Reiſeſack bringen ſolle. Ich ließ ihn neben meinen Stuhl legen und fügte bei, daß es mir lieb wäre, mein Nachteſſen raſch zu erhalten, da ich mit dem Aufgehen des Mondes meine Reiſe fortzuſetzen beabſichtige. Es kam mir vor, als verziehe der Stallknecht bei dieſen meinen Worten ſein Geſicht zu einem finſteren Grinſen; doch ſagte er nichts, ſondern bekreuzte ſich vor einem in einer Niſche ſtehenden großen Marienbilde, vor dem eine kleine Lampe brannte, und verließ das Zimmer. Mittlerweile hatte ſich auch die Wirthin erhoben und, wäh⸗ rend ſie ihre ziemlich zerknüllte Mantille glatt ſtrich, mir einen Knix gemacht, der ihre langen Pendeloques in ſtark pendelnde Bewegung ſetzte; dann wandte ſie ſich an ihren Sohn, der mit erbaulichem Fleiße ſtudirte, und ſchmälte ihn liebevoll, daß er ſich die armen Augen über den Büchern verderbe, ganz wie eine engliſche Mutter gethan haben würde. Der Wirth, der ſich unter den Pfannen und Bratenwen⸗ dern eifrig zu ſchaffen machte, und unter deſſen Oberbefehl eine ſchmutzige, in einen rothen Baumwollenrock gekleidete indianiſche Matrone mit ungekämmten Haaren die verſchie⸗ denen Kohlenfeuer lebhaft erhielt, huſchte bei dieſen Wor⸗ ten mit dem Löffel in der Hand wieder in's Zimmer und ſagte: ‚Laß den Jungen nur machen, Frau. Das Lernen geht ihm ſo leicht und natürlich, wie dem Geier das Aas⸗ wittern. Er bringt's noch zum Biſchof, zum Erzbiſchof gar und wird ſeinen armen Eltern Abſolution ertheilen für alle ihre— Ahnen!! „Und Sennor Mendez, der in väterlichem Stolz ————ͤ—r———— nahezu warm geworden, hielt plötzlich inne und brach in einen Verlegenheitshuſten aus. Ich achtete damals nicht ſonderlich darauf, ſondern ſtellte in meinem Innern eine ſchadenfrohe Vergleichung der dem Knaben prophezeihten hohen geiſtlichen Würde mit der zweifelhaften Beſchäftigung an, ob der ich ihn ertappt hatte; aber die Höflichkeit for⸗ derte, daß ich etwas ſagte, und ſo fragte ich meinen Wirth, ob der junge Menſch ſein einziger Sohn ſei und ob er ſich auf das Univerſitätsſtudium vorbereite. „Unſer einziger Sohn, unſer einziges Kind, unſer Stolz und unſere Hoffnung,“ rief die Mutter, mit ihrer fetten Hand zärtlich über den ſchwarzen Kopf des Buben hinfahrend. Er iſt ſchon ein halbes Jahr in der Haupt⸗ ſtadt an dem Gymnaſium geweſen, Excellenz, und hat ſich recht brav gehalten. Wir werden Ehre an ihm erleben, nur fürchte ich, daß dem lieben fleißigen Jungen das ewige Sitzen über dem Sanct Virgil und Sanct Cäſar an der Geſundheit ſchaden könnte.: „Ich ließ einen Blick nach dem geſetzt thuenden Stu⸗ denten hingleiten und konnte mich des Zweifels nicht erweh⸗ ren, ob ſeine krankhafte Blöſſe wirklich vom übermäßigen Eifer im Studium der Humaniora herrühre, namentlich da ich bei dieſer Gelegenheit bemerkte, daß er hinter dem Rücken von Vater und Mutter hurtig das Kartenpacket un⸗ ter den Büchern hervorlangte und ebenſo behend in ſeiner Bruſttaſche verbarg. „Sennora Mendez hatte bei der Zurüſtung des Tiſches eine Gehülfin in einem Indianermädchen, das die Zwil⸗ lingsſchweſter des feueranblaſenden Küchenpudels zu ſein ſchien. Das Tafeltuch war nicht ſehr reinlich, aber am Rande mit verblichenen ſcharlachrothen Seidenfranſen beſetzt; die Teller beſtanden aus rohem Töpfergeſchirr; die Meſſer, Löffel und Gabeln aber hatten ſchwere ſilberne Handgriffe, auf denen man Wappen mit der Feile vertilgt zu haben ſchien. Ich vermuthete, daß ſie aus dem Hauſe irgend eines reichen Landbeſitzers ſtammten und Beuteſtücke waren, welche die Soldaten der einen oder der anderen Partei beim Umſchlagen des Kriegsglücks wohlfeil an unſeren Wirth verkauft hatten. Es wurden vier Couverte gelegt, und ich konnte daraus entnehmen, daß ich nicht allein ſpeiſen, ſon⸗ dern an dem gewöhnlichen Familienmahl theilnehmen ſollte, das man vielleicht mir zu Ehren etwas früher auftragen ließ. Man hatte zu dieſem Behuf auch die Bücher abge⸗ räumt, und da der hoffnungsvolle Jüngling jetzt unbeſchäf⸗ tigt war, ſo machte ich einige Verſuche, ihn mit in's Ge⸗ ſpräch zu ziehen. Vergeblich. Der Burſche war eine ver⸗ ſteckte, heimliche Natur, und aus ſeinen ſchlauen Augen, der erkünſtelten Verſchämtheit in ſeinen kurzen Antworten, konnte ich, was ich bereits aus der kleinen Epiſode mit den Karten vermuthet, entnehmen, daß er auf dem beſten Wege war, ein vollendeter Heuchler zu werden. Er hatte unge⸗ achtet ſeiner Teigfarbe keine üblen Züge und mochte mit der Zeit wohl eben ſo groß und beleibt werden, wie ſein Vater; doch flößte er mir bald ein Gefühl wirklichen Widerwillens ein. „So muß Tartüffe in ſeinem ſechzehnten Jahre aus⸗ geſehen haben, ſagte ich zu mir ſelber, während die Mut⸗ ter des Früchtchens Flaſchen und Gläſer auf den Tiſch ſetzte, die Lampen anzündete und dabei nicht verſäumte, von Zeit zu Zeit einen ſtolzen Blick auf ihren ſcheinheiligen Sohn zu werfen, in welchem die Eltern augenſcheinlich das Non plus ultra aller Vortrefflichkeit ſahen. Das Bürſchlein ſelbſt ſchien dieſe Huldigung als ſein Recht ent⸗ gegenzunehmen und zeigte ſich als ein ſo paſſiver Götze, 58* —— wie mir nur je einer zu Geſicht gekommen, obſchon er mir hin und wieder, wenn er meine Aufmerkſamkeit anders be⸗ ſchäftigt glaubte, ſcharfe, ſpähende Blicke zuwarf. „Endlich trat der Wirth ein, jetzt nicht mehr im weißen Kochsgewand, ſondern in ſeiner Sonntagsjacke von grünem Sammt mit glockenförmigen ſilbernen Knöpfen, einer pur⸗ purnen, mit ſchweren Goldbullions gefransten Schärpe und einer gelben Leibbinde; denn er hatte ſich, wie er ſagte, der Ehre würdig machen wollen, mit einem ſo edlen Engländer wie ich bei Tiſche zu ſitzen. Das Nachteſſen wurde dam⸗ pfend heiß von den beiden Indianermädchen aufgetragen, und mein Wirth erſuchte mich mit großer Förmlichkeit, an der Tafel Platz zu nehmen.(Siehe Bild auf Seite 456.) Ich willfahrte und lehnte meiner Gewohnheit zufolge mei⸗ nen Depeſchenfascikel gerade ſo wie hier an meinen Sitz. Die Wirthin warf einen Blick auf die Madonna, bekreuzte ſich und nahm etwas linkiſch einen Stuhl, als fühle ſie ſich in ihrem Gewiſſen bedrückt, daß ſie ſich mit einem Ketzer zu Tiſche ſetze. Während ich dieſem Gebahren zuſah, kam, von dem Licht angelockt, ein Muskito in das Zimmer ge⸗ ſummt und biß mich ſcharf in die Wange. Darob drehte ich haſtig den Kopf und bemerkte, wie Sennor Mendez eben mit gierigen Augen meinen Fascikel mit ſeinen Meſ⸗ ſingklampen und dem auf den Schild eingegrabenen eng⸗ liſchen Wappen betrachtete. Für einen Moment gemahnte mich das Blitzen dieſer Augen, daß ich mich in einer etwas ungewiſſenhaften Geſellſchaft befinden dürfte, und daß mein Wirth wahrſcheinlich glaubte, ich ſei der Träger eines Schatzes, nicht aber trockener dienſtlicher Depeſchen; doch Sennor Mendez hatte eine große Gewalt über ſein Geſicht, das bald wieder ſo ruhig war wie die Oberfläche eines Teichs, den das Aufſpringen eines kleinen Fiſchchens augen⸗ blicklich aufgeſtört hat. —„Das Nachteſſen war gut. Ich will dir nicht alle die Schüſſeln aufzählen; doch gab es natürlich Puchero, Frijo⸗ les, wilde Vögel aus dem Gebirge, Schmorfleiſch, Ollas, Früchte und Gemüſe, die mir nicht einmal dem Namen nach bekannt waren. Die Gerichte waren, wenn man den ſtarken Knoblauch⸗ und Bohnenölgeſchmack abrechnet, trotz der ſtarken Fettbeigabe ſehr ſchmackhaft, und ich fiel wie ein hungriger Wolf darüber her. Was das Getränk betraf, ſo hatte ich rauhe feurige Pulque, noch feurigeren Mais⸗ branntwein, Albuquerque⸗Sherry und Paſo⸗Champagner, die zwei beſten Weinſorten, die in Mexiko wachſen. habe mir ſeitdem oft Gedanken gemacht, ob mein Getränk mit etwas Schlafmachendem verſetzt war, oder ob die Schläfrigkeit, die ſich unmittelbar nach dem Eſſen meiner bemächtigte, blos auf Regung meiner Ermüdung und der langen Enthaltſamkeit, mit der ſich vielleicht das haſtige Eſſen und Trinken nicht recht vertrug, geſchrieben werden muß. Wie dem ſein mag, meine Erſchlaffung war ſo groß, daß ich, als der Mond endlich an dem klaren, wolkenloſen Himmel aufſtieg, kaum ſo viel moraliſchen Muth zuſam⸗ menbringen konnte, um die Rechnung zu bitten, mein Pferd ſammt Führer zu verlangen und zu erklären, daß ich jetzt aufbrechen müſſe. „Als daher nach einer langen Beſprechung mit dem Wirthe Diego hereinkam, eine betrübte Geſchichte über die Lahmheit des Pferdes vortrug, das von ſeinem Nachbar geſchlagen worden ſei, und daraus, weil die anderen Roſſe für die Diligence nöthig ſeien und ein friſches Thier aus einem zwei Stunden entlegenen Corral geholt werden müſſe, die Nothwendigkeit ableitete, die Reiſe bis zum andern Mor⸗ gen zu verſchieben, ſo konnte ich mich mit dieſer Ausflucht Ich Feierſtunden. 1864. ——ℳò;—ꝛ—ꝛ—ꝛ:ꝛ—ꝛ—ꝛẽ—:::ͤy—————;—— recht gut verſöhnen. Es war mir ſogar lieb, für die Ver⸗ meidung einer Anſtrengung, die mir bei dem gedrückten Zuſtande meines Nervenſyſtems ſehr peinlich geworden wäre, einen Grund zu haben. War mir wirklich ein Schlaftrunk beigebracht worden? Doch das iſt eine unnütze Frage, die nie zur Löſung kommen wird. „„So muß die Excellenz eben hier ſchlafen,“ ſagte der Wirth. ‚Wir können dem edlen Sennor ein trefkliches Bett geben, ein Bett für einen Prinzen, und morgen mit dem Früheſten ſoll Euer Gnaden ein Pferd haben, das Euch wie ein Vogel dahin tragen wird. Es wird Euch nicht reuen, bei uns Herberge genommen zu haben. Da hinauf, Aer Sennor— nehmt Euch vor dem Balken rechts in t.: „Mit dieſen Worten leuchtete mir der höfliche Wirth, in der einen Hand meinen Reiſeſack, in der anderen die Lampe, die Treppe hinauf. Das Gemach, in das er mich durch ein anderes führte, hatte keine Möbel, ſondern war ein langes, niederes Zimmer mit getünchten Wänden, in dem nur ein Bett und ein Stuhl ſtand. An dem einen Ende befand ſich ein Haufen friſchen Maishülſenſtrohs, wegen deſſen Anweſenheit ſich der Wirth höchlich entſchul⸗ digte; aber ich war ſo ſchläfrig, daß ich ſeine Floskeln mit Ungeduld abwehrte. Endlich verließ er mich, und ich blieb im Beſitze des Zimmers und der Lampe. „Nachdem ich mich von der Reinlichkeit des Bettzeugs — ein in Mexiko ſeltenes Vorkommniß— überzeugt hatte, ſchickte ich mich träge an, meine Kleider abzulegen. Ich öffnete das Fenſter, oder vielmehr, um richtiger zu ſpre⸗ chen, ich ließ es offen, was ſehr nothwendig, wenn ich nicht erſticken wollte, denn das Gemach war ſehr niedrig und die Nacht ſchwül. Ich muß bemerken, daß dieſes Schlaf⸗ zimmer nicht dasjenige war, in welchem man gewöhnlich Gäſte von Stand unterzubringen pflegte; aber das Staats⸗ gemach konnte für den Augenblick wegen Einbruchs der Decke, welcher Tags zuvor ſtattgefunden, nicht bewohnt werden. Ueberhaupt war das ganze Haus eine mürbe alte Baracke, die, wie Alles in dieſem Lande, dem Einſturz entgegenging. „Ich ſchickte mich zum Bettgehen an, indem ich mehr mechaniſch, als aus Rückſichten der Klugheit, für die mein Kopf zu ſchwer gewefen wäre, meinen Depeſchenbeutel, meine Börſe und mein Taſchenbuch unter dem Hauptpol⸗ ſter verſorgte. Bei Unterſuchung der Thüre kam zwar eine gewiſſe dümmliche Ueberraſchung über mich, als ich weder Schloß noch Riegel, nichts als eine einfache Klinke fand; aber ich war zu duſelig, um mir viel daraus zu machen, blies noch eine Weile träumeriſch die Wolken meiner Ci⸗ garre durch das offene Fenſter, löſchte dann die Lampe aus und legte mich nieder. Licht hatte ich kaum nöthig gehabt, denn es waren weder Vorhänge noch Läden vorhanden, und der Silberſchein des Mondes ſchien die ſchmutzigen Dielen des Bodens mit einem Perlmutterbeleg zu überkleiden. Die Helle wurde mir peinlich, und ich konnte nicht ſo leicht zum Einſchlafen kommen, als ich wünſchte. Nach vielem unruhigen Hin⸗ und Herwerfen entſchlummerte ich endlich, erwachte aber wieder mit einem Gefühl, das ich dem ver⸗ gleichen möchte, wenn man lebendig geſchunden wird. Die Flöhe gönnten mir keine Ruhe, und zwar waren es mexi⸗ kaniſche Flöhe, hurtig wie der Teufel, und groß wie die Zecken; auch glaube ich, daß meine feine angelſächſiſche Haut ihnen eine beſonders verlockende Schnabelwaide bot, denn ſie fielen über ihr exotiſches Bankett mit einer Wuth her, die keinen Gedanken an weiteren Schlaf aufkommen (ließ. Ich ſprang auf und würde die Lampe angezündet 55 melte ich und ver mer kol nach A Male erinne net. dötzeut enſt lihli Feierſtunden. 1864. ——ͤ————r—O haben, wenn ich meine Schwefelholzbüchſe gefunden hätte. Der Mond war untergegangen, und es herrſchte nur ein mattes Dämmerlicht in dem Gemach. In der Verzweif⸗ lung taſtete ich, da ich von meinen Plagegeiſtern nicht leben⸗ dig aufgezehrt werden wollte, nach meinen Kleidern und legte einige Stücke an, um den Reſt der Nacht auf einem Stuhl ſitzend zu verbringen. Auf einmal erinnerte ich mich der friſchen reinen Welſchkornſtreu, die am anderen Ende des Zimmers lag, taſtete mich darnach hin und fand in dem Strohhaufen eine recht behagliche Lagerſtatt. „Das iſt viel beſſer als ein mexikaniſches Bett,“ mur⸗ melte ich vor mich hin, deckte mich mit meinem Poncho zu und verſuchte auf's Neue einzuſchlafen. Doch der Schlum⸗ mer kommt nicht immer, wenn man ihn gern hätte, und nach Ablauf einer Stunde gab ich alle Hoffnung auf, mei⸗ ſſſſffffſfffffffffßg 6 V Gſ WWiolmiiſügiigite Tc W 1 V Male durch den Kopf. Auch der Warnung des Nankee erinnerte ich mich, aber zu ſpät. Ich war ganz unbewaff⸗ net. Wer konnte es wiſſen— vielleicht ſtand ein Halb⸗- dutzend Galgenſtricke draußen. Mittlerweile zappelte der augenſcheinlich außen von unſichtbaren de en die Höhe gehoben wurde, ſich ab, durch das Fenſter hereinzukommen. Er benahm ſich dabei ſehr unbe⸗ hilflich, und es wäre das Werk eines Augenblicks geweſen, ihn zu packen und wieder hinunter zu ſchleudern; aber ſo ſeltſam es auch ſcheinen mag, hieran dachte ich nicht, bis der Kerl im Zimmer und auf ſeinen Beinen ſtand. Nun richtete ich mich auf, feſt entſchloſſen, mich nicht ohne Kampf abthun zu laſſen, als mich auf einmal zwei Um⸗ ſtände wieder einigermaßen beruhigten. „Der eine war, daß die Perſonen draußen, wer ſie auch ſein mochten, ſtatt ihrem Kameraden zu folgen, leiſe nen gequälten Leib erfriſchen zu können. Vielleicht hatte ich wirklich einen Schlaftrunk erhalten und das Narcoticum eher aufregend denn einſchläfernd gewirkt, wenn nicht etwa die Flöhe allein die fieberige Unruhe, die mich von einer Seite auf die andere trieb, verſchuldet hatten. Kurz, ich war halb wach, als ich ein Gemurmel von Stimmen un⸗ ter einem der Fenſter hörte. Die Laute waren gedämpft und unbeſtimmt; auf ſie folgte ein Geräuſch, wie wenn ein Körper ſich an einer Wand dahin ſchiebt, und zu meinem (Zu Seite 463.) Erſtaunen— ich darf wohl ſagen zu meinem Entſetzen— ſah ich, daß der Kopf und die Schultern eines Menſchen zu dem offenen Fenſter herein kamen. „Alles, was ich je von einſam gelegenen Wirthshäu⸗ ſern und ſchurkiſchen Wirthen, von mexikaniſcher Treuloſig⸗ keit, von Raub und Mord geleſen, ſchoß mir mit einem zwar, aber mit deutlich hörbaren Schritten ſich wieder ent⸗ fernten. Dann taumelte der Eindringling, ſtatt mich zum Gegenſtande eines Angriffs zu machen, unter trunkenem Schluchzen auf das Bett zu, warf ſeine Oberkleider, die er mit dem Fuße zuſammen ſtreifte, auf den Boden, kroch in die Federn, zog die Decke über ſich, und bald hörte ich die ſchweren Athemzüge, welche den tiefen, aber unruhigen Schlaf des Rauſches verriethen. Ich athmete freier. Der Eindringling war alſo kein Mörder, ſondern nur ein be⸗ trunkener Kerl, der ſein Schlafgemach verfehlt hatte, der Argwohn gegen meinen Wirth ſonach ungerecht geweſen. Aber was war jetzt zu thun? Sollte ich ruhig bleiben und mein Zimmer mit dieſem uſurpirenden Trinculo theilen, oder ſollte ich den Sennor Mendez rufen und den Burſchen hinauswerfen laſſen? Während ich dieſe Frage erwog, wurden meine Zweifel in einer nicht erwarteten Weiſe abgeſchnitten. —————— 462 —————,:; „Ich hörte einen Fußtritt, diesmal nicht von außen, ſondern von dem kleinen Vorzimmer her. Dann krachte eine Diele, und es folgte darauf ein dumpfer, leiſer Fluch in ſpaniſcher Sprache. Wieder ein Tritt, noch einer, das verſtohlene Auftreten unbeſchuhter Füße; dann ſah ich einen Strahl gelben Lichts durch einen Spalt in der ſchlechtſchlie⸗ ßenden Thüre hereindringen. Im nächſten Moment wurde die Klinke langſam niedergedrückt, und die Thüre ging ſo weit auf, daß auf den Boden ein breiter Lichtſtreifen fiel, in welchem ich deutlich den Schatten einer menſchlichen Hand, die ausgeſtreckten Finger deſſen unterſcheiden konnte, der den grellen Lichtſchein auszuſchließen verſuchte. „Er ſchläft natürlich, der ketzeriſche Hund,“ murmelte eine Stimme in tiefen Kehllauten. „Gemach, Diego; gemach, mein Sohn. Stell' die Lampe hinter uns auf den Boden, wir werden genug ſehen,“ ziſchte Sennor Mendez in einem Tone, der keine Aehnlichkeit hatte mit dem ſalbungsvollen Accent ſeiner gewöhnlichen Rede. „„Wir haben's nur mit Einem zu thun, und er iſt unbewaffnet, murmelte der Sambo. ‚Aber ich will die Lampe niederſetzen, wenn Ihr Euch fürchtet, Padron.“ „Ich hörte die Lampe leiſe auf den Boden ſtellen. Sie warf nur wenig Licht in das Gemachz aber ich lag an dem anderen Ende, und meine Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt. Die hereinfallenden Schatten zweier Menſchen ließen ſich unterſcheiden. Ueber ihre Perſonen konnte ich eben ſo wenig im Zweifel ſein, als über ihre Abſicht. Mein Puls ſtockte; eiskalt überlief es meinen Kör⸗ per, und meine Stirne überzog ſich mit kaltem, klebrigem Schweiß. Ich glaube nicht, daß es Furcht war, was ich fühlte, ſondern eher das Entſetzen, ſo ſterben zu ſollen, abgeſchlachtet wie ein Schwein in einem gemeinen Straßen⸗ wirthshaus, ohne die Hoffnung, einen erfolgreichen Wider⸗ ſtand leiſten zu können. Doch nahm ich mich zuſammen und machte mich auf einen mannhaften Kampf gefaßt; ich wollte mein Leben wenigſtens ſo theuer als möglich ver⸗ kaufen. Sie kamen herein.(Siehe Bild auf Seite 457.) „Der Wirth und Diego, der Negerindianer. Die mus⸗ kulöſen Arme des Letzteren, ſo dunkel wie Bronze, waren bis an die Schulter entblößt; er trug in der Hand ein lan⸗ ges Meſſer, das, wenn zufällig ein Strahl der Lampe dar⸗ auf fiel, wie Silber glänzte. Der Wirth führte als Waffe ein ſchweres Machete(ſo nennt man das kurze Schwert, das bei den Mexikanern als Wehr ſo beliebt iſt). Er ſah bleich, faſt leichenfahl, aber gleichwohl entſchloſſen aus, während die ſpitzig zugefeilten Zähne in dem zu einem Grinſen verzogenen Munde des Sambo an das Gebiß eines kläffenden Hundes erinnerten. Beide waren barfuß. „Des Schlimmſten gewärtig duckte ich mich auf meine Maisſtreu nieder. Mendez war von den beiden Schurken der minder kräftige, und ich konnte ihn zu überwältigen und zu entwaffnen hoffen, wenn ſchon dieſe Ausſicht ver— zweifelt genug ſchien, da ich obendrein nicht einmal wiſ⸗ ſen konnte, ob er nicht Spießgeſellen in Rufweite hatte. „Mach hurtig!' ſagte der Wirth mit heiſerer Stimme. „Schnell und leicht wie ein Panther ſchoß der Sambo nach dem Bette hin und bohrte ſein Meſſer durch die Decke, die ſich alsbald mit Blut färbte. Wieder, wieder und wie⸗ der! Ich ſah die Klinge in der Luft blinken und hörte den dumpfen Schall des Stoßes beim Eindringen in den Kör⸗ per des Opfers, das erwacht war und mit einem gurgeln⸗ den Schrei einen Verſuch machte, ſich aufzurichten. Dieſes —,——]— Feierſtunden. 1864. ——òͦõ—⏑:—:—⸗ꝛ⅓ᷣ:::ꝛÜyyy——;— —— 2—— ———:ͤõ——Y; ſchon ſeinem ſchwarzen Spießgeſellen zu Hülfe eilte und ſein Machete gleichfalls in den noch athmenden Körper ſtieß. Ich vernahm ein tiefes Aechzen, einen erſtickten Seufzer; dann war Alles ſtille. Die ſchnöde That war vollbracht und eine Einmengung nutzlos, ja ſchlimmer als nutzlos, denn ich konnte nicht daran zweifeln, daß der arme Betrun⸗ kene irrthümlich ermordet wurde und daß die beiden Schur⸗ ken ſeine Leiche für die meinige hielten. „Er iſt zur Hölle gefahren!“ rief Diego tief aufathmend. „Biſt du deiner Sache gewiß? fragte Mendez ſtotternd. „Ja wohl. Seine Wirbelſäule iſt ſchlaff, und das Herz ſchlägt nicht mehr. Der Engländer wird ſich nicht darüber beklagen, daß man ſeinen Schlaf geſtört habe, Mei⸗ ſter. Hier unter dem Kopfpolſter iſt ſein Sack, ſeine Börſe und ſein Taſchenbuch, wie ich ihn ſie vor dem Niederlegen durch den Thürſpalt verſtecken ſah.“ „Ohne ein weiteres Wort entfernten ſich die beiden Mörder. Ich hörte ihre Tritte immer ſchwächer werden, und ſah, wie der letzte Lichtſtrahl der Lampe, die ſie mit ſich nahmen, verſchwand. Das Blut ſtarrte noch immer in meinen Adern. Die Vorſehung hatte mich vor einer ſchweren Gefahr bewahrt, aber um welchen Preis? Wer war der Menſch, der ſtatt meiner ermordet wurde? Ich konnte es nicht errathen. Doch jetzt kam mir der Gedanke, die Elenden würden wohrſcheinlich zurückkehren und die Leiche holen, um ſie zu begraben; würde ich dann entdeckt, ſo war ein neues Verbrechen gewiß. Auf dies mochte ich es nicht ankommen laſſen. Ich ſtand hurtig auf, zog Rock und Stiefel an, ging, das blutige Bett und die darin liegende Leiche vermeidend, auf den Zehenſpitzen durch das Zimmer und ſtieg durch das Fenſter hinaus, an deſſen Sims ich mich auf Armslänge hinunter ließ, um dann vollends auf den Boden hinunter zu rutſchen. Ich fiel ſchwer auf und blieb eine Weile betäubt liegen, nahm aber keinen Schaden. In dem Garten, in den ich niedergefallen, war es hell genug, ſo daß ich mich wohl zurecht fand und das Garten⸗ thürchen erreichte, welches nach der Landſtraße hinaus führte. Jetzt eilte ich was ich konnte der noch in Schlummer ver⸗ ſenkten Stadt Xalapa zu. „Ich ſehe auf meiner Uhr, daß ich mich kurz faſſen muß, und will daher nicht bei meinen Gefühlen, nicht bei dem Lärm verweilen, den meine vor dem Alcalde gemachte Anzeige nach ſich zog, obſchon der würdige Richter, zu dem mich ein an ſeiner Laterne kenntlicher Nachtwächter ge⸗ bracht hatte, anfangs meine frühzeitige Störung etwas übel vermerkte. Zufällig ſtand jener Bezirk damals unter dem Kriegsrecht, und die machthabende Partei wünſchte ein gutes Einvernehmen mit den auswärtigen Regierungen. Ein Sol⸗ datentrupp begleitete die Polizei, welche ich möglichſt eilig nach dem Straßenwirthshaus führte. Das Hofthor, das noch geſchloſſen war, wurde auf Befehl des mitausgezogenen Alcalde von den Soldaten mit den Gewehrkolben eingeſchla⸗ geu. Man fand in einer Ecke des Hofs zwei Männer, die beim Licht einer Laterne mit dem Ausſchaufeln eines Gra⸗ bes für meine vermeintlichen Ueberreſte beſchäftigt waren. Sie wurden umringt, feſtgenommen und natürlich ſogleich als Diego und ſein Herr erkannt. Die Schuͤrken zeigten bei ihrer Verhaftung große Be⸗ tretenheit; als ſie aber meiner anſichtig wurden, wandelte ſie ein wahres Entſetzen an. Sie fielen auf ihre Geſichter nieder und ſchrieen laut gen Himmel um Gnade, indem fie in unzuſammenhängender Weiſe ihr Verbrechen eingeſtanden. war ſo ſchnell geſchehen, daß ich mich von meiner Ueber⸗ raſchung noch nicht erholt hatte, als der verrätheriſche Wirth „Rühret ſie an,“ ſagte der Führer der Soldaten zu mir; ‚ſie halten Euch für einen Geiſt. Caramba! ſie gedachten zu mache 5 dern auc und nab 4 mit eine gebundel vollen G tet. Die das ſchu Mörder 79- nicht he wollte! „C Die W ten und welchem Aber wo das Aug ihren ein D Unbeder Leben welch' ſchaft Tanzit man p feineren Mühe Welt ſ Da ko Tanzw ren T ſtädtch Intel luſttre Umge Aufreg lebhaf teſter Straße ſich ju von 16 kuſſion größter an lär Schule ſelbſt berei, Danzm dagege getheil ders Geleg ein, e de Feierſtunden. 1864. —-re-——õ—-ö::ᷓͤ— 483 te und gedachten, durch ihre ſaubere Arbeit Euch zu einem ſolchen eigener Vater erſchlagen. Sie eilte auf den erkalteten Kör⸗ eper ſtieß. zu machen.: per zu, umſchlang ihn mit ihren Armen und erhob ein Seufzer;„Als die Elenden ſahen, daß ich nicht nur lebte, ſon- Zetergeſchrei, an das ich bis zu meiner Sterbeſtunde denken will. vollbracht dern auch friſch und geſund war, änderten ſie ihren Sinn„Der Ermordete war alſo der Sohn des Wirths?“ nutzlos, und nahmen ihr Geſtändniß wieder zurück.„Ja, der blaſſe Student. Es ſtellte ſich heraus, daß Betrun⸗„Das wird ſich Alles ausweiſen, ſagte der Alcalde der junge Burſche, ein frühreifer Schlemmer und Spieler, en Schur⸗ mit einem grimmigen Lächeln, und ließ nun die Schurken gewöhnt war, Nachts ſich aus dem Hauſe zu ſtehlen und gebunden und unter ſtarker Bedeckung nach dem verhängniß⸗ in Xalapa mit den ärgſten Taugenichtſen Gemeinſchaft zu nend. vollen Gemach führen. Hier lag nun unter der durchbohr⸗ machen. In ſelbiger Nacht war er ſchwer betrunken von ſtott ernd. ten Decke der ſtumme Zeuge— der arme Ermordete. einigen Kameraden zurückbegleitet worden, die ihm, damit nd das„Wollt ihr noch weiter leugnen? fragte der Alcalde. ſeine ihn im Bette wähnenden Eltern nichts merkten, zu c nich„Das Gemach war jetzt vom Fackellicht taghell beleuch⸗ dem offenen Fenſter meines Zimmers herein halfen; er hatte Mei tet. Die Leiche lag mit dem Geſicht nach unten gekehrt, und es nämlich für unbewohnt gehalten und lieber hier ſeinen Rauſch Verſe das ſchwarze Haar fiel wirr auf das Kiſſen nieder. Die ausſchlafen, als durch das Stolpern nach ſeinem eigenen Gemach erlagen Mörder zitterten. Diego fand zuerſt ſeinen Muth wieder. Jemand im Haus wecken wollen. Daher die Kataſtrophe.: „Demonios! rief er. Ihr habt uns; könnt ihr uns„Und der Wirth— der Sambo? beiden nicht hängen ohne all' dieſen Lärm. Ich für meinen Theil„Beide wurden um Tagesanbruch, nachdem ſie zuvor wollte nur—(Siehe Bild auf Seite 461.) einem Prieſter gebeichtet, gehenkt. Man macht in Mexiko „Er wurde durch einen wilden Aufſchrei unterbrochen. kurzen Prozeß. Mein Depeſchenfascikel und meine Börſe ch immer Die Wirthin, durch das Getümmel geweckt, war eingetre⸗ wurden in einem Schranke wieder aufgefunden. Aber die einer ten und ſah ihren Mann gefangen in einem Gemach, in arme Mutter— ich hatte tiefes Mitleid mit dem unglück⸗ Wer welchem ohne ihr Wiſſen ein Verbrechen verübt worden! lichen Geſchöpf. Ich erfuhr nachher, daß ſie vor Jammer Jch Aber was noch ſchlimmer, in der verſtümmelten Leiche hatte den Verſtand verlor.— Doch alle Hagel, es ſind nur noch edarße das Auge der Mutter auf den erſten Blick ihren Sohn, fünf Minuten bis zum Abgang des Zugs. Gott befohlen, eiche ihren einzigen Sohn erkannt, welchen in der Dunkelheit ſein Tom! Lebe wohl!““ V. Die erſte Tanzſtunde. Die erſte Tanzſtunde— an ſich allerdings etwas höchſt Unbedeutendes und doch in Wahrheit ein Ereigniß in dem Leben ſo manches Jünglings, ſo manchen Mädchens! Mit welch' klopfendem Herzen ſieht ſolch eine jugendliche Geſell⸗ ſchaft wie die auf dem Bilde S. 464 dargeſtellte der erſten Tanzſtunde entgegen, beſonders draußen in der Provinz, wo man weniger Gelegenheit hat, die graziöſen Manieren der feineren Welt zu bewundern und ſich Wunder vorſtellt, welche Mühe es koſte, ſich auch nur einen Schein der dieſer feinen Welt ſo zu ſagen angeborenen leichten Grazie anzueignen. Da kommt denn ſo von Zeit zu Zeit ein herumreiſender Tanzmeiſter, meiſtens im Balletcorps eines Hof⸗ oder ande⸗ ren Theaters herangebildet, in ſolch' ein entlegenes Land⸗ ſtädtchen und erbietet ſich in den Spalten des Amts⸗ und Intelligenzblattes zu Ertheilung von Tanzunterricht für die luſttragenden jungen Herrn und Damen der Stadt und Umgegend. Eine ſolche Anzeige verurſacht immer große Aufregung unter der Bevölkerung des Landſtädtchens, und mit lebhafter Neugierde betrachtet man den einſtweilen in elegan⸗ teſter Kleidung und mit unbeſchreiblicher Grazie durch die Straßen wandelnden Tanzmeiſter. In jeder Familie, wo ſich junge Leute des einen oder andern Geſchlechts im Alter von 16—20 Jahren befinden, erhebt ſich eine feierliche Dis⸗ kuſſion zwiſchen Eltern und Kindern. Die erſteren, welche größtentheils gar wohl einſehen, wie wohlthätig bei ihren zmn ländlichen Leben etwas verwilderten Kindern eine ſolche Schule des Anſtandes wirke ſelbſt gar gerne ein Tänzchen gemacht haben, ſind ſogleich bereit, die Koſten einer ſolchen Tanzſtunde, oder wie der Tanzmeiſter ſagt: eines Tanz curſus auf ſich zu nehmen, dagegen ſind man getheilter Natur. ders der im Alter vorgerücktere, n würde, und welche ſeiner Zeit chmal unter der Jugend ſelbſt die Gefühle Der eine Theil der jungen Herrn, beſon⸗ herige linkiſche Unbeholfenheit und fürchten, ſich in der Tanz⸗ ſtunde vor ihren Kameraden zu blamiren. Bei den Mädchen iſt dieſe Scheu ſchon weniger maßgebend, denn dem weib⸗ lichen Geſchlechte iſt die Neigung zum Tanze ſchon mehr angeboren. Nun, einiges Zureden hilft auch die Schüchtern⸗ heit der einzelnen Zaghaften überwinden und eine oder meh⸗ rere junge Geſellſchaften haben ſich bald gebildet, um von dem Anerbieten des Herrn Tanzmeiſters Gebrauch zu machen, und ſo naht ſie denn die feierlich erwartete erſte Tanzſtunde. Im Tanzſaale des Gaſthofes, in welchem der Meiſter ſeine Woh⸗ nung genommen, verſammeln ſich die hoffnungsvollen Schüler und unterhalten ſich flüſternd über die Dinge, die ihnen nun geoffenbart werden ſollen. Die Sonntagskleidung, in die ſich die jungen Leute geworfen haben, erhöht die feierliche Stimmung. Nun öͤffnet ſich die Thür und der Meiſter tritt ein. Die graziöſe Freundlichkeit, mit wel⸗ cher er bei aller Hoheit und Würde, die man ſchon an ihm bewundert hat, ſcine jungen Schüler begrüßt, erleichtert ſchon die Schüchternen um einen Theil ihrer Bangigkeit. Ein würdevoller Vortrag über das Weſen und die Bedeutung der Kunſt, welche er im Begriffe ſteht, ihnen beizubringen, eröffnet den Unterricht, und andächtig lauſchen die Schüler ſeinen ſalbungsvollen Worten. Schon etwas ängſtlicher, we⸗ nigſtens verlegener, macht ſie aber ſeine Aufforderung, die zierlichen Bewegungen, welche er ihnen als die„Anfangsgründe“ ſeiner Kunſt vormacht, nachzuahmen. Keines will den Anfang machen, Jedes meint, von den Andern beobachtet und verſpottet zu werden. Als der Tanzlehrer dies bemerkt, findet er ſich veranlaßt, etwas kategoriſcher zu Werke zu gehen; er zieht den nächſten Beſten aus der Gruppe der jungen Herrn hervor und befiehlt ihm, an ſeiner Seite durch den Saal zu ſchreiten und ihm dabei jede ſeiner Bewegungen, die Art, wie er ſeinen Hut, wie er den Fuß aufſetzt, wie er den Oberkörper trägt u. ſ. w., auf’'s Genaueſte nachzuahmen. Dies iſt der Moment, welchen uns der Zeichner in ſeinem Bilde vor Augen führt. Daß der Meiſter nicht gerade den talentvollſten und gewandteſten ſeiner Schüler hervorgezogen hat, ſehen wir gleich an der Angſt, die ſich in deſſen Antlitz malt, in der ganzen Tappig⸗ keit, mit der er den ihm vorgemachten Bewegungen zu folgen ſucht. Krampfhaft balancirt er die Angſtröhre in ſeiner Rechten, er hört das Kichern ſeiner Kameraden, und was ihm noch mehr in's Herz ſchnei freut ſich lebhaft über dieſe det, das der jungen Schönen, deren Löwe zu werden er gehofft hatte. n Gelegenheit, um in die erſehnten Geheimniſſe des Tanzes„Aber tröſte dich, guter Jüngling, du weißt ja: aller Anfang iſt ſchwer! dem fit eingeweiht zu werden und ſich den heranwachſenden Schönen und ſogleich wird ein Anderer, den der Herr Tanzmeiſter aus dem Kreiſe deiner Kameraden herausziehen wird, und der jetzt über dich „ kichert, die gleiche Verlegenheit wie du durchzumachen haben, wenn des Städtchens in ungezwungener Weiſe nähern zu können chüchtern, ſie kennen ihre bis⸗ er zierlichen Schrittes neben dem Meiſter der Grazie einherſchreiten die anderen ſind zaghaft und ſ Feierſtunden. 1864. 464 —ʒʒ— —— 1 Nr aelln 1 hr Schloſſe G ſein; alle Inzy düſteres! Gläubigen Geldes ler leicht entbe mit mir, meinen je von mein ich ihm d es ſelbſt pfunden ich ſeit Freigebi M Waͤ KR, da obgleich tung un ſammenk Weshalb Winden ungleun e ſelbſt nie um vori Inconſe Es herrſche wie ein Aber ke ich unzä ſei, von Herberts als gewe denoch ſortwähr — ——— — ñů’-——— 2 5 icheln, im fröh⸗ enlaſe .,, Mädchen, die dich jetzt beläche 7 5 ſſur 8 Mal nicht beſſer zu Stande bringt, der Muſik mit 2 3 zungeit Müd matf tn G Huute ie je t noch ſoll, und ſeine Sache beim ſſewmne dich fernd denn bald, wenn lichen Neigen diehen, hir da t W o Sahri d du tz och V ls du es A uch ge nin ſbermuden ſind, wirſt du dich beim Klange machſt, werden bis dahin gſ vergeſſen die böſen„ ufangsgründe — ·——— = Siebenundvierzigſtes Kapitel. ehrere Wochen verſtrichen ohne Veränderung. Wir warteten auf Wemmick, aber er ließ ſich nicht ſehen. Hätte ich ihn nie außerhalb Little Britain kennen gelernt und nie das Vorrecht ₰ eines vertrauteren Umganges mit ihm im Schloſſe genoſſen, ſo würde ich vielleicht zweifelhaft an ihm geworden ſein; allein wie ich ihn kannte, war es unmöglich. Inzwiſchen begannen meine finanziellen Angelegenheiten ein ſehr düſteres Anſehen zu gewinnen und ich wurde von mehr als einem Gläubiger um Zahlung gedrängt. Selbſt den Mangel des baaren Geldes lernte ich kennen, und um mir zu helfen, mußte ich manches leicht entbehrliche Juwel veräußern. Dennoch war ich darüber einig mit mir, daß es ein herzloſer Betrug ſein würde, wenn ich, bei meinen jetzt ſo ungewiſſen Plänen und Abſichten, noch mehr Geld von meinem Gönner annehmen wollte. Aus dieſem Grunde hatte ich ihm das uneröffnete Taſchenbuch durch Herbert zurückgeſchickt, um es ſelbſt aufzubewahren, und dann eine gewiſſe Zufriedenheit em⸗ pfunden— ob eine wahre oder trügeriſche ſei dahingeſtellt— daß ich ſeit den letzten Eröffnungen keinen ferneren Gebrauch von ſeiner Freigebigkeit gemacht hatte. Während die Zeit verſtrich, begann der Gedanke mich zu quä⸗ len, daß Eſtella ſich verheirathet habe. Die Beſtätigung fürchtend, obgleich es nur eine bei mir erwachte Idee war, las ich keine Zei⸗ tung und bat Herbert, dem ich die Einzelnheiten unſerer letzten Zu⸗ ſammenkunft mitgetheilt hatte, nie ihrer gegen mich zu erwähnen. Weshalb ich dieſen letzten Fetzen des zerriſſenen und bereits den Winden überlieferten Hoffnungsgewandes noch aufbewahrte, weiß ich ſelbſt nicht! Weshalb haſt du dich, lieber Leſer, im vorigen Jahre, im vorigen Monate, vielleicht in der vorigen Woche einer ähnlichen Inconſequenz ſchuldig gemacht?. Es war ein unglückliches Leben, das ich führte, und jene vor⸗ herrſchende eine Sorge, die ſich über 1 anderen Sorgen ſo erhob, wie eine hohe Bergſpitze niedrigere Hügelfüberragt, verließ mich nie. Aber kein neuer Grund zu Befürchtungen zeigte ſich. Wenn gleich ich unzählige Male mit friſch erwachter Furcht, daß Provis entdeckt ſei, vom Bett aufſprang— wenn gleich ich Abends angſtvoll auf Herberts heimkehrenden Schritt horchte, ob er nicht vielleicht ſchneller als gewöhnlich und von böſen Nachrichten beflügelt ſei— ſo nahm dennoch alles ſeinen gewohnten Fortgang. Zur Unthätigkeit und fortwährenden Spannung und Ruheloſigkeit verurtheilt, ruderte ich Roote umher und wartete, wartete und wartete, ſo gut Zu ge.. Zeiten der Fluth war es, nachdem ich den Fluß hinab gefahren war, unmöglich, durch die unter den Bogen und Pfeilern der alten London⸗Brücke ſich bildenden Strudel zurückzu⸗ kehren; dann ließ ich mein Boot am Werft des Zollgebäudes zurück, um es ſpäter zur Waſſertreppe des Temple bringen zu laſſen. Ich that dieß um ſo lieber, als es dazu diente, mich und mein Boot bei den am Fluſſe beſchäftigten Arbeitern um ſo bekannter werden zu laſſen. Dieſer unbedeutende Umſtand gab zu zwei Begegnungen Ver⸗ anlaſſung, welche ich jetzt ſchildern will.— An einem Nachmittage, ſpät im Februar, langte ich in der Feierſtunden. 1864. 3 große Erwartungen. Von Charles Dickens. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. (Fortſetzung von S. 432.) Dämmerung allein bei dem Ufer des Zollhauswerftes an. Ich war mit der ebbenden Fluth bis Greenwich gefahren und mit der wieder ſteigenden zurückgekehrt. Der Tag war ſehr hell und ſchön geweſen, aber gegen Sonnenuntergang ſehr nebelig geworden, ſo daß ich nur mit großer Mühe meinen Weg zwiſchen den Schiffen hindurch hatte finden können. Auf meiner Hin⸗ und Rückfahrt hatte ich an ſeinem Fenſter das verabredete Signal geſehen, welches mir zu erkennen gab, daß„Alles gut“ ſei. Da eine rauhe Abendluft wehte und ich etwas fror, ſo beſchloß ich, mich ſogleich durch mein Mittageſſen zu erquicken und dann das Theater zu beſuchen, um den einſamen und traurigen Stunden zu entgehen, die meiner im Temple warteten. Das Theater, wo Mr. Wopsle ſeinen etwas zweifelhaften Triumph errungen hatte, lag in der Nähe des Ufers, und dahin wollte ich gehen. Es war mir nicht unbekannt, daß Mr. Wopsle ſeine Abſicht, das Drama wieder zu heben, nicht erreicht, ſondern vielmehr an ſeinem Falle theilgenom⸗ men hatte. Den Theaterzetteln zufolge war er als ein getreuer Ne⸗ ger mit einem kleinen Mädchen von vornehmer Geburt und einem Affen aufgetreten; und Herbert hatte ihn in der Rolle eines räube⸗ riſchen Tartaren, von komiſchen Neigungen, mit einem ziegelrothen Geſichte und einem mit unzähligen Glöckchen behangenen, abgeſchmack⸗ ten Hute geſehen. Ich aß in einem Speiſehauſe zu Mittag, welches Herbert und ich„die geographiſche Reſtauration“ zu nennen pflegten— wo die Ränder der Bierkrüge auf alle Theile der Tiſchtücher und die Ueber⸗ reſte der Sauce auf alle Meſſer Landkarten gezeichnet hatten— und brachte die Zeit damit zu, über den Brodkrumen einzuſchlafen, die Lichter anzuſtieren und mich im heißen Dunſte der Speiſen zu rö⸗ ſten. Endlich riß ich mich aus dieſem Zuſtande los und ging nach dem Theater. Dort fand ich einen tugendhaften Hochbootsmann, im Dienſte Sr. Majeſtät— einen vortrefflichen Mann, obgleich ich gewünſcht hätte, daß ſeine Beinkleider an manchen Stellen nicht ſo eng und an anderen nicht ſo weit geweſen wären— der, ſeines Edelmuthes und ſeiner Tapferkeit ungeachtet, allen kleinen Leuten die Hüte bis über die Augen hinabſchlug und trotz ſeines Patriotismus keine Steuern bezahlen konnte. Er hatte einen langen Geldbeutel in der Taſche, der einem eingeſchlagenen Pudding ähnlich ſah, und heira⸗ thete auf Grund dieſes Vermögens eine junge Dame, deren Kleider aus Bettvorhängen gefertigt worden waren, unter großem Jubel, bei dem die ganze Bevölkerung von Portsmouth(nach der neueſten Zäh⸗ lung aus neun Perſonen beſtehend) an das Ufer kam, um ſich die Hände zu reiben und allen Anderen die Hände zu drücken und zu rufen:„Füllet die Gläſer! Füllet die Gläſer!“ Allein ein gewiſſer dunkelhäutiger Verdeckfeger, der weder einſchenken noch ſonſt etwas thun wollte, was von ihm verlangt wurde und deſſen Herz, wie der Hochbootsmann öffentlich verſicherte, eben ſo ſchwarz war wie ſein Geſicht, beredete zwei andere Deckfeger, die ganze Welt in Verwir⸗ rung zu bringen, was ihnen auch(da die Familie der Deckfeger gro⸗ ßen politiſchen Einfluß beſaß) ſo vollſtändig gelang, daß es faſt den ganzen Abend dauerte, um die Sachen wieder in Ordnung zu brin⸗ gen, und endlich nur dadurch erreicht werden konnte, daß ein ehr⸗ licher kleiner Krämer, mit weißem Hute, ſchwarzen Gamaſchen und rother Naſe, einen Bratſpieß haltend, in eine Wanduhr kroch und horchte und dann heraus kam und einen Jeden mit dem Bratſpieß 59. 4 466 Feierſtunden. 1864. ——————; —; zu Boden ſchlug, den er nicht durch das, was er gehört hatte, wi⸗ Da ich genug Grund zu Argwohn hatte, ſo erwachte ein ſolcher derlegen konnte. Dieß hatte zur Folge, daß Mr. Wopsle(der bis ſelbſt gegen dieſen armen Schauſpieler bei mir. Ich glaubte, er habe dahin noch nicht erſchienen war) mit Stern und Hoſenbandorden als die Abſicht, mich zu einem Geſtändniß zu verlocken und blickte ihn ein von der Admiralität abgeſendeter Bevollmächtigter anlangte, um deßhalb von der Seite an, während wir neben einander gingen, aber zu erklären, daß alle Deckfeger ſogleich in das Gefängniß gehen ſagte nichts. müßten, und dem Hochbootsmann die Nationalflagge als ein Aner⸗„Ich bildete mir lächerlicher Weiſe ein, Mr. Pip, daß er mit kenntniß ſeiner Verdienſte um die Oeffentlichkeit überbrachte. Der Ihnen gekommen ſein müſſe, bis ich ſah, daß Sie von ſeiner Nähe Hochbootsmann, durch dieſe Auszeichnung zum erſten Male in ſeinem gar nichts ahnten, während er wie ein Geſpenſt hinter Ihnen ſaß.“ Leben ſehr ergriffen, trocknete ſich ehrfurchtsvoll die Augen an der Ein kalter Schauder überlief mich von Neuem, aber ich war Flagge und bat dann, heiter werdend, Mr. Wopsle, den er Ew. entſchloſſen, noch nicht zu ſprechen, denn die Annahme war keines⸗ Ehrwürden titulirte, um die Erlaubniß, ſeine„Floßfeder“ drücken wegs unvereinbar mit ſeinen Aeußerungen, daß man ihn abgeſchickt zu dürfen. Mr. Wopsle überließ ihm ſehr gnädig ſeine„Floßfeder“ habe, mich zu verleiten, dieſelben auf Provis zu beziehen. Natürlich und wurde dann ſogleich, während alle Uebrigen einen Matroſen⸗ war ich deſſen vollkommen gewiß, daß Provis nicht dort geweſen tanz begannen, in einen ſtaubigen Winkel geſchoben, von wo aus war. er unzufrieden das Publikum überblickte, und meiner anſichtig„Sie werden ſich über mich wundern, Mr. Pip,— ja, ich ſehe wurde.. es deutlich; allein die Sache iſt ſo ſonderbar. Sie werden es kaum Das zweite Stück war die neueſte große Weihnachtspantomime, glauben, was ich Ihnen ſagen will; ich ſelbſt würde es ſchwerlich in deren erſter Scene ich nicht ohne Schmerz Mr. Wopsle mit roth⸗ glauben, wenn Sie mir es ſagten.“ wollenen Beinen, einem wie Phosphor glühenden Geſichte und einer„Wirklich?“ rief ich. Maſſe rother Franſen an Stelle der Haare erkannte, welcher in einer„Gewiß. Mr. Pip, Sie erinnern ſich vielleicht aus früherer Höhle beſchäftigt war, Donnerkeile zu ſchmieden, und große Furcht Zeit, als Sie noch ein Kind waren, eines Weihnachtstages, an verrieth, als ſein rieſiger Meiſter(ſehr heiſer) zum Mittageſſen heim dem ich bei Gargery's zu Mittag ſpeiste, und an dem mehrere kam. Bald darauf zeigte er ſich jedoch in einer würdigeren Stellung; Soldaten in das Haus kamen, um eine Handſchelle repariren zu denn als der Genius jugendlicher Liebe, welcher des Beiſtandes be⸗ laſſen?“ durfte, weil ein unmenſchlicher Vater, ein unwiſſender Farmer, die„Ich entſinne mich deſſen ſehr wohl.“ Wünſche ſeiner Tochter dadurch vereiteln wollte, daß er ſich abſicht⸗„Und Sie erinnern ſich auch, daß dann eine Verfolgung zweier lich in einem Mehlſacke aus dem Fenſter des erſten Stockwerks auf Sträflinge begann, an der wir Theil nahmen, und daß Mr. Gar⸗ den Gegenſtand ihrer Wahl fallen ließ,— die Hilfe eines llugen gery Sie auf den Rücken nahm, und daß ich voran ging, während Zauberers anrief, und dieſer nach einer, wie es ſchien, ſehr angeri. Sie mir folgten, ſo gut es gehen wollte?“ fenden Reiſe von den Antipoden ziemlich unſicheren Schrittes an⸗„Alles deſſen entſinne ich mich vollkommen,“ erwiederte ich und langte, war es Mr. Wopsle, mit einem hohen Hute auf dem Kopfe dachte bei mir, viel beſſer, als er vermuthe. und einem Zauberbuche unter dem Arme. Da das Geſchäft dieſes„Und daß wir an einen Graben kamen, in dem die beiden Zauberers auf Erden nur darin beſtand, daß ein Jeder auf ihn los Sträflinge mit einander kämpften, und daß der Eine ſtarke Ver⸗ ſprach, ſang, ſtieß, tanzte und einen buntfarbigen Feuerregen auf letzungen erhielt, und namentlich im Geſichte übel zugerichtet wurde?“ ihn ſchleuderte, ſo hatte er viel Muße; und ich bemerkte zu meiner„Alles ſehe ich deutlich vor mir.“ großen Verwunderung, daß er ſie nur dazu anwendete, ſtaunend„Und daß die Soldaten brennende Fackeln brachten und die nach mir hinzuſtarren. Sträflinge in ihre Mitte nahmen, und daß wir ſie bis zum letzten Es lag etwas ſo Sonderbares in ſeinen immer ſtierer werden⸗ V Augenblicke über das ſchwarze Moorland begleiteten, wo das Fackel⸗ den Blicken und er ſchien von ſo mannigfaltigen Gedanken bewegt licht auf ihre Geſichter fiel— wie mir beſonders deutlich erinnerlich zu ſein und ſo verwirrt zu werden, daß ich mir ſeinen Zuſtand nicht iſt— während uns auf allen Seiten dichte Finſterniß umgab?“ erklären konnte. Noch lange, nachdem er bereits in einem großen„Ja,“ erwiederte ich,„alles deſſen entſinne ich mich.“ Uhrgehäuſe zu den Wolken emporgeſtiegen war, dachte ich dariter„Nun dann, Mr. Pip, es war der Eine von jenen beiden nach, ohne es begreifen zu können, und dachte noch daran, als ich Sträflingen, der dieſen Abend hinter Ihnen ſaß. Ich ſah ihn über eine Stunde ſpäter das Theater verließ und ihn an der Thür meiner ihre Schulter hinweg.“ wartend fand.. Halt! dachte ich, und fragte dann:„Welchen von Beiden glau⸗ „Wie geht es?“ ſagte ich, ihm die Land reichend, während wir ben Sie geſehen zu haben?“ zuſammen die Straße hinab gingen.„Ich bemerkte, daß Sie mich„Denjenigen, der ſo übel zugerichtet worden war,“ antwortete ſahen.“ er augenblicklich;„ich könnte beſchwören, daß ich ihn geſehen habe! „Daß ich Sie ſah, Mr. Pip?“ erwiederte er.„Ja, natürlich Je länger ich daran denke, deſto gewiſſer werde ich deſſen.“ ſah ich Sie. Aber wer war außer Ihnen da?“„Das iſt ſehr ſonderbar!“ ſagte ich, mit ſo gleichgiltiger Miene, „Wer außer mir?“ als ich affektiren konnte,—„ſehr ſonderbar!“ „Es iſt ſonderbar,“ ſagte Mr. Wopsle, indem ſein Geſicht wie⸗ Ich kann die geſteigerte Unruhe, in die mich dieſe Mittheilung der den wirren Ausdruck annahm,„ich hätte darauf ſchwören können, verſetzte, nicht ſtark genug ſchildern, und ebenſowenig den Schrecken, daß er es ſei.“ welchen ich bei dem Gedanken empfand, daß Compeyſon„wie ein Unruhig werdend, bat ich Mr. Wopsle, ſich deutlicher zu er⸗ Geſpenſt“ hinter mir geweſen war. Denn wenn ich ſeiner je einige klären.* Augenblicke lang vergeſſen hatte, ſo war es gerade in jenen Mo⸗ „Ob ich ihn ohne Ihre Anweſenheit bemerkt haben würde,“ fuhr menten geſchehen, während deren er mir am nächſten geweſen war; er eben ſo geiſtesabweſend fort,„kann ich mit Gewißheit nicht ſagen, und der Gedanke, daß ich nach aller meiner Vorſicht gerade da ſo aber ich glaube es doch.“ ahnungslos geweſen war, verurſachte mir ein Gefühl, als wenn ich, Unwillkürlich blickte ich mich um, wie es duf den abendlichen um ihn abzuhalten, eine Reihe von hundert Thüren geſchloſſen und Heimwegen meine Gewohnheit war, denn bei dieſen geheimnißvollen ihn dann dennoch neben mir gefunden hätte. Auch konnte ich nicht Worten überlief mich ein Schauder. begreifen, daß er nur deßhalb dahin gekommen, weil ich dort gewe⸗ „Oh, er kann nicht in der Nähe ſein,“ ſagte Wopsle;„er ver⸗ ſen, und daß die Gefahr, ſo gering ſie auch icheinmn mochte, dennoch ließ das Theater vor mir, ich ſah ihn gehen.“ ſtets nahe und thätig ſei. Ich! wann der nur mich einiger 3 Verbindu daß ich f geſtanden dig, laut erinnere, glaube ni gleich ch ich Perſon men: wie entſte Nach von ihm gungen! hatte, ſe den Ten mand lit in mein⸗ Her eine ern der an d ihn zu e fürchtete, mittiren ich mich ihn ſelbſ Nähe ſie thun ko mehr T nie in dem Fl mit ebe D nunger mein! damal wo ick drängt der m Jagger zuſamn geſchickt atürlich nd — Feierſtun ——— Ich richtete verſchiedene Fragen an Mr. Wopsle, zum Beiſpiel, wann der Mann herein gekommen ſei. Er wußte es nicht und hatte nur mich geſehen und ihn über meine Schulter hin, auch erſt einiger Zeit erkannt, Verbindung gebracht und zwar auf Grund einer dunkeln Erinnerung, —-⸗--———¶o⸗-——:'õ———;— nach nug für ..... 2 5 aber ihn vom erſten Augenblick mit mir in in dem zunehmenden Nebel mehr rothe Augen öffneten, als das den. 1864. 467 ein, während die Lichter in den Ladenfenſtern zu glänzen begannen und die Lampenanzünder, in der gedrängten Straße kaum Platz ge⸗ ür das Aufſtellen ihrer Leitern findend, auf und ab eilten und Binſenlicht bei Hummums weiße Augen auf die Wand geworfen daß ich früher im Dorfe in irgend einer Beziehung zu dem Manne hatte. geſtanden habe. Dann fragte ich, wie er gekleidet geweſen. Anſtän⸗ dig, lautete die Antwort, aber nicht auffallend,— ſo viel er ſich erinnere, in Schwarz. Ob ſein Geſicht entſtellt geweſen? Nein, er glaube nicht. Auch ich hielt es nicht für wahrſcheinlich, denn ob⸗ gleich ich in meinem zerſtreuten Zuſtande die hinter mir ſitzenden Perſonen nicht beſonders beachtet hatte, ſo würde mir doch ein irgend⸗ wie entſtelltes Geſicht aufgefallen ſein. Nachdem Mr. Wopsle mir Alles, was er wußte, von ihm herausbringen konnte, mitgetheilt und gungen des Abends eine kleine Erfriſchung auf meine Koſten genoſſen hatte, ſchieden wir. Es war zwiſchen zwölf und ein Uhr, als ich den Temple erreichte und die Thore deſſelben verſchloſſen fand. Nie⸗ mand ließ ſich in meiner Nähe ſehen, als ich hinein ging und mich in meine Wohnung begab. Herbert war bereits zu Hauſe und wir hielten am Kaminfeuer eine ernſte Berathung; allein nichts war zu thun, als Wemmick von der an dieſem Abende gemachten Entdeckung Nachricht zu geben und ihn zu erinnern, daß wir auf ſeine Winke warteten. Da ich be⸗ fürchtete, daß ich ihn durch zu häufige Beſuche im Schloſſe kompro⸗ mittiren möchte, ſo machte ich ihm dieſe Mittheilung ſchriftlich. Ehe ich mich in's Bett legte, ſchrieb ich den Brief, ging aus und warf ihn ſelbſt in den Poſtkaſten; und auch dann war Niemand in meiner Nähe ſichtbar. Herbert war mit mir einverſtanden, daß wir nichts thun konnten, als ſehr vorſichtig ſein. Wir verfuhren auch mit och mehr Vorſicht, als früher— wenn es möglich war— und ich kam nie in die Nähe von Chinks Baſin, ausgenommen, wenn ich auf dem Fluſſe daran vorüberfuhr, und betrachtete dann Mill Pond Bank mit eben ſo gleichgiltigen Blicken, wie jeden andern Gegenſtand. V oder was ich Achtundvierzigſtes Kapitel. Die zweite der im vorigen Kapitel erwähnten beiden Begeg⸗ In der Schreibſtube von Little Britain herrſchte die gewöhnliche Thätigkeit,— Briefe wurden geſchrieben, Hände gewaſchen, Lichter geputzt und Geldſchränke verſchloſſen, womit die Geſchäfte des Tages endeten. Als ich müſſig an dem Kaminfeuer in Mr. Jaggers' Zimmer ſtand und auf die beiden Gypsabdrücke blickte, ſah es im flackernden Scheine der ſteigenden und ſinkenden Flamme faſt ſo aus, als wenn ſie Verſtecken mit mir ſpielten, während die beiden fettigen zen, nach den Anſtren⸗ welche Mr. Jaggers, in einer Ecke mit Schreiben beſchäftigt, düſter beleuchteten, wie zur Erinnerung an viele gehängte Klienten, mit ſchmutzigen Leichentüchern dekorirt zu ſein ſchienen. Wir begaben uns alle drei in einem Miethswagen nach Gerard Street und gleich nach unſerer Ankunft wurde das Eſſen aufgetragen. Wenn gleich ich mir an einem ſolchen Orte nie die leiſeſte Anſpie⸗ lung auf Wemmicks Walworſh⸗Empfindungen erlaubt hätte, ſo wäre es mir doch nicht unangenehm geweſen, zuweilen einem freundlichen Blicke von ihm zu begegnen; allein das ſollte nicht geſchehen. Er richtete ſeine Augen nur auf Mr. Jaggers, wenn er ſie überhaupt aufſchlug und benahm ſich gegen mich ſo fremd und kalt, als wenn es Zwillingsbrüder Wemmick gegeben hätte und dieſer der mir un⸗ bekannte geweſen wäre. „Haben Sie Miß Havisham's Schreiben Mr. Pip zugeſchickt, Wemmick?“ fragte Jaggers, nachdem wir die Mahlzeit begonnen hatten. „Nein,“ entgegnete Wemmick,„es ſollte gerade auf die Poſt gegeben werden, als Sie mit Mr. Pip kamen. Hier iſt es.“ Er überreichte daſſelbe ſeinem Prinzipale, ſtatt mir. „Es ſind zwei Zeilen von Miß Havisham, Pip,“ ſagte Mr. Jaggers, indem er es mir gab,„die ſie mir zuſchickte, weil ſie Ihre Adreſſe nicht genau wußte. Sie ſagt darin, daß ſie mit Ihnen in Betreff einer Geſchäftsangelegenheit zu ſprechen wünſche, deren Sie erwähnt haben. Sie werden zu ihr gehen?“ „Ja,“ erwiederte ich, das Schreiben überleſend, welches genau nungen ereignete ſich ungefähr eine Woche ſpäter. Ich hatte wieder in dieſen Ausdrücken abgefaßt war. mein Boot an dem Werft unterhalb der Brücke zurückgelaſſen, wie damals, aber die Zeit war um eine Stunde früher, und unſchlüſſig, wo ich mein Mittageſſen genießen ſollte, ſchlenderte ich durch die ge⸗ drängten Straßen von Cheapſide, als mir plötzlich irgend Jemand, der mich einholte, ſeine Hand auf die Schulter legte. Es war Mr. Zaggers' Hand, und er ſchob ſie durch meinen Arm. „Da wir denſelben Weg verfolgen, Pip, zuſammen gehen. Wohin wollen Sie?“ ſagte er. „Nach dem Temple glaube ich,“ war meine Autwort. „Wiſſen Sie es nicht?“ verſetzte Mr. Jaggers. „Nein,“ erwiderte ich, froh, dieſes eine Mal wenigſtens ſein Kreuzverhör vereiteln zu können,„ich weiß es in der That nicht; ich bin noch nicht einig mit mir.“ „Aber Sie wollen zu Mittag ſpeiſen? Das werden Sie doch zugeben?“ „Ja, das will ich zugeben.“ „Und ſind nicht eingeladen?“ „Auch das.“ „Nun,“ fuhr Mr. Jaggers fort,„ſo kommen Sie und ſpeiſen Sie mit mir.“ Ich wollte eine ablehnende Entſchuldigung vorbringen, als er hinzufügte,„Wemmick kommt auch,“ und ließ deßhalb auf die ein⸗ leitenden Worte eine Annahme folgen— da ſie für Beides paßten — und wir gingen Cheapſide hinunter und bogen in Little Britain „Wann gedenken Sie dahin zu gehen?“ „Ich habe ein Geſchäft vor mir,“ erwiederte ich mit einem Seitenblicke auf Wemmick, welcher ein Stück Fiſch in den Brief⸗ kaſten ſchob,„das mir keine ganz freie Verfügung über meine Zeit läßt; aber ich denke, ſogleich.“ „Wenn Mr. Pip die Abſicht hat, ſogleich dahin zu gehen,“ ſo können wir wohl ſagte Wemmick zu Mr. Jaggers,„ſo bedarf es keiner Antwort auf das Schreiben.“ Indem ich dieß als einen Wink anſah, daß es gut ſein würde, den Beſuch nicht zu verſchieben, beſchloß ich, am folgenden Tage zu gehen, und ſagte es. Wemmick trank ein Glas Wein und blickte Mr. Jaggers mit einer Art von grimmiger Zufriedenheit an, aber nicht mich. „Unſer Freund, die Spinne, Pip,“ ſagte Mr. Jaggers darauf, „hat alſo ſeine Karten gut geſpielt; er hat das Spiel gewonnen.“ Ich konnte nichts Anderes thun, als beiſtimmen.. „Ha, der Burſche verſpricht viel— auf ſeine Weiſe— aber er mag doch vielleicht nicht in Allem ſeinen Willen bekommen. Der ſtärkere Wille wird zuletzt ſiegen, aber er muß erſt gefunden werden. Wenn er ſie ſchlagen ſollte—“ „Sie werden doch nicht im Ernſte glauben, Mr. Jaggers,“ un⸗ terbrach ich ihn, während mir das Geſicht und das Herz glühten, „daß er ein ſolcher Schurke ſein könnte, das zu thun?“ „Ich ſage das nicht, Pip, ich ſetze nur einen Fall. Wenn er 59* 468 —— Feierſtu ſo weit geht, ſie zu ſchlagen, Pip, ſo möchte er vielleicht der Stär⸗ kere bleiben; durch ſeinen Verſtand wird er es gewiß nie ſein. Es wäre gewagt, eine Meinung darüber auszuſprechen, wie ein Menſch dieſer Art ſich unter ſolchen Umſtänden benehmen wird, denn es würde ein bloßes Rathen zwiſchen zwei alleinigen Möglichkeiten ſein.“ „Darf ich fragen, worin dieſe beſtehen?“ „Ein Menſch, wie unſer Freund, die Spinne,“ antwortete Jaggers,„ſchlägt entweder oder er kriecht. Er mag kriechen und brummen oder kriechen und nicht brummen; aber, wie geſagt, ent⸗ weder ſchlägt er oder er kriecht. Fragen Sie Wemmick um ſeine Meinung.“ „Schlägt entweder oder kriecht,“ ſagte Wemmick, ohne mich an⸗ zublicken. „»Alſo auf das Wohl von Mrs. Bentley Drummle,“ ſagte Mr. Jaggers hierauf, eine Flaſche feinen Wein von ſeinem Nebentiſche nehmend und unſere Gläſer, ſowie das ſeinige füllend,„und möge die Frage der Oberherrſchaft zur Zufriedenheit der Dame entſchieden werden! Zur Zufriedenheit der Dame und des Herrn wird ſie nie ausfallen. Nun, Molly, Molly, Molly, wie langſam Du heute biſt!“ Die Haushälterin ſtand neben ihm, als er ſie rief, und ſetzte gerade ein Gericht auf den Tiſch. Während ſie die Hände wegzog und dabei, ängſtlich eine Entſchuldigung murmelnd, um einen Schritt zurück trat, bemerkte ich eine gewiſſe Bewegung ihrer Finger, welche mir auffiel. „Was gibt es?“ fragte Mr. Jaggers. „Nichts,“ entgegnete ich,„Der Gegenſtand, von dem wir ſo⸗ eben ſprachen, war nur etwas peinlich für mich.“ Die Bewegung ihrer Finger war der des Strickens ähnlich. Sie blieb ſtehen und blickte ihren Herrn an, zweifelhaft, ob ſie gehen dürfe oder ob er ihr noch etwas zu ſagen habe und ſie zurück rufen würde, wenn ſie ginge. Ihr Blick war außerordentlich geſpannt. Gewiß, ganz kürzlich hatte ich bei einer mir unvergeßlichen Gelegen⸗ heit gerade ſolche Augen und ſolche Hände geſehen! Er entließ ſie und ſie verſchwand leiſe aus dem Zimmer. Aber ihr Bild blieb ſo deutlich vor mir ſtehen, als wenn ſie noch da wäre. Ich ſah noch jene Hände, jene Augen, jene wallenden Haare, und verglich ſie mit anderen Händen, anderen Augen, anderen Haaren, nden. 1864. ———— mal erſchienen wäre, ſo hätte ich nicht mehr und nicht minder davon iiberaunt ſein können, daß meine Ueberzeugung begründet war. Der Abend verſtrich ziemlich langweilig, denn Wemmick genoß ſeinen Wein, wenn die Flaſche an ihn kam, gerade ſo, als wenn es ein Geſchäft geweſen wäre,— ſo ungefähr, wie er ſein Gehalt zur beſtimmten Zeit eingeſtrichen haben würde,— und ſaß dann, die Augen auf den Principal gerichtet, in fortwährender Bereitſchaft zu einem Kreuzverhöre da. Was die Quantität des genoſſenen Weines betraf, ſo war ſein Briefkaſten eben ſo gleichgültig und willig, wie ſjeder andere Briefkaſten zur Aufnahme von Briefen. Von meinem Geſichtspunkte aus betrachtet, war er den ganzen Abend der unrechte Zwillingsbruder und dem in Walworth wohnenden Wemmick nur äußerlich ähnlich. Wir verabſchiedeten uns frühzeitig und gingen zuſammen. Schon dann, als wir noch unter Mr. Jaggers' Vorrath von Stiefeln nach unſern Hüten ſuchten, war es mir, als wenn der bechte Zwillings⸗ bruder auf dem Rückwege ſei, und ehe wir, in der Richtung nach Walworth, das Haus zehn Schritte weit hinter uns gelaſſen hatten, wußte ich, daß ich Arm in Arm mit dem rechten Zwillingsbruder die Straße hinabging, und daß ſich der unrechte in Luft aufgelöst hatte. „Wohl,“ ſagte Wemmick,„das wäre vorüber. Er iſt ein wun⸗ derbarer Mann und hat nicht ſeines Gleichen unter den Lebenden; aber ich fühle, daß ich mich in die Höhe ſchrauben muß, wenn ich bei ihm ſpeiſe, und ſpeiſe doch lieber ohne Schraube.“ Dieſe Bemerkung erſchien mir ſehr bezeichnend, und ich ſagte es. „Ich würde eine ſolche Aeußerung gegen keinen Andern, als ge⸗ gen Sie gethan haben,“ erwiederte er.„Ich weiß, daß Alles, was zwiſchen uns geſprochen wird, nicht weiter geht.“ Ich fragte ihn, ob er jemals Miß Havishams Adoptivtochter, Mrs. Bentley Drummle, geſehen habe. Er verneinte. Um nicht zu ſchnell auf den Gegenſtand loszugehen, der beſonderes Intereſſe für mich hatte, begann ich von dem Alten und von Miß Skiffins zu ſprechen. Als ich der Letzteren erwähnte, nahm ſein Geſicht einen ſchlauen Ausdruck an, und er blieb auf der Straße ſtehen, um ſich des Taſchentuches zu bedienen, indem er den Kopf wiegte und mit dem Arme eine Bewegung machte, die faſt etwas prahleriſch ausſah. „Wemmick,“ ſagte ich darauf,„erinnern Sie ſich, daß Sie mir, die mir wohl bekannt waren, und mit dem, was ſie nach zwanzig Jahren eines ſtürmiſchen Lebens mit einem rohen Gatten ſein möch⸗ ten. Ich ſah immer wieder die Hände und die Augen der Haus⸗ hälterin und dachte an das unbeſchreibliche Gefühl, das mich beſchli⸗ chen hatte, als ich zum letzten Male— nicht allein— durch den wüſten Garten und die öde Brauerei gegangen war. Ich dachte da⸗ ran, wie daſſelbe Gefühl über mich gekommen war, als ich ein Ge⸗ ſicht geſehen, das mich aus einem Wagenfenſter anblickte, und eine Hand, die mir winkte; und wie es mich einem Blitze gleich durch⸗ zuckt hatte, als ich— nicht allein— in einem Wagen durch eine dunkle Straße gefahren und plötzlich von hellem Lichtſchein umgeben worden war. Ich dachte daran, wie eine zufällige Ideenaſſociation zu jener Erkennung im Theater geführt hatte, und wie eine ähnliche, bisher mangelnde Verbindung dadurch entſtanden war, daß ich von Eſtella's Namen zufällig auf die ſtrickenden Finger und die geſpann⸗ ten Blicke gekommen war und fühlte mich völlig überzeugt, daß die⸗ ſes Weib— Eſtella's Mutter ſei. Mr. Jaggers hatte mich öfters in ihrer Geſellſchaft geſehen und konnte deßhalb nicht unbekannt mit den Empfindungen ſein, die ich nie zu verbergen bemüht geweſen war. Er nickte, als ich ſagte, daß der Gegenſtand peinlich für mich geweſen ſei, klopfte mir auf den Rücken, ließ den Wein herumgehen und fuhr fort zu eſſen. Noch zweimal erſchien die Haushälterin im Zimmer, aber hielt ſich nur kurze Zeit auf, und Mr. Jaggers ſprach mit ihr in ſehr ſtrengem Tone. Ihre Hände waren und blieben jedoch Eſtella's Hände, und ihre Augen Eſtella's Augen, und wenn ſie noch hundert⸗ ehe ich Mr. Jaggers zum erſten Mal in ſeiner Privatwohnung be⸗ ſuchte, riethen, die Haushälterin zu beachten?“ „That ich das?“ erwiederte er.„Kann wohl ſein. Ja, ja,“ fügte er plötzlich hinzu,„ganz richtig, ich beſinne mich. Es ſcheint daß immer noch Etwas von der Schraube in mir ſteckt.“ „Ein gezähmtes wildes Thier nannten Sie ſie,“ bemerkte ich. „Und wie würden Sie ſie nennen?“ fragte er. „Eben ſo, Wemmick. Aber auf welche Weiſe zähmte Mr. Jag⸗ gers ſie?“ 4 „Das iſt ein Geheimniß. Sie befindet ſich ſchon ſeit vielen Jahren in ſeinem Hauſe.“ „Ich wünſchte, Sie erzählten mir ihre Geſchichte, denn ich habe ein beſonderes Intereſſe, ſie kennen zu lernen. Sie wiſſen ja, d— das, was zwiſchen uns geſprochen wird, nicht weiter geht.“ „Ja,“ verſetzte Wemmick,„ich kenne eigentlich ihre Geſchit nicht,— das heißt, ich kenne ſie nicht ganz. Was ich jedoch dave weiß, will ich Ihnen gern mittheilen. Wir ſind natürlich jetzt ir unſern perſönlichen Beziehungen.“ „Verſteht ſich.“ „Vor ungefähr zwanzig Jahren ſtand dieſes Weib, des Mordes angeklagt vor dem Schwurgericht der Old Bailey und wurde freige⸗ ſprochen. Sie war eine ſchöne junge Frau, mit etwas Zigeunerblut, wie ich glaube. Jedenfalls war ihr Blut im Zuſtande der Aufre⸗ gung heiß genug, wie Sie ſich denken können.“ „Aber ſie wurde freigeſprochen?“ „Ja, Mr. Jaggers war ihr Vertheidiger,“ fuhr Wemmick mit nich hierk nichts dar Abend ſet entſinnſt große R ggethan?“ Ich hatten es „E daran, d „Gr That wi Oder wi „Al 6 Herl ſich vor, näher zu ten, als meine An gewöhnlich erſchienen „Dei brennt dos ſagte er. „Durch Erzähle Provis lieber H glücklich nun kon kühle, d fangs z weh it bald d nehmer nicht w Junge: ſcheint, Grade: 1 erdien vor Ge vis ihn ſtärkeres einer e Feierſtun ——;—⅓—ꝛ::ꝛꝛ——:ͤ——————— mich hierher ſetzen und dir den Verband ſo leiſe abnehmen, daß du nichts davon fühlen ſollſt. Ich ſprach von Provis. Weißt du, Hän⸗ del, daß er ſich zu ſeinem Vortheile verändert?“ „Ich ſagte dir, es ſchiene mir, als ich ihn das letzte Mal ſah, daß er ſanfter geworden ſei.“ „Allerdings ſagteſt du das, und ſo iſt es auch. Er war geſtern Abend ſehr geſprächig und erzählte mir viel von ſeinem Leben. Du entſinnſt dich, daß er hier, als er von einem Weibe ſprach, das ihm große Noth gemacht, plötzlich abbrach?— O, habe ich dir wehe gethan?“ Ich zuckte, aber nicht in Folge ſeiner Berührung; ſeine Worte hatten es bewirkt. „Es war mir entfallen, Herbert, aber ich erinnere mich jetzt daran, da du davon ſprichſt.“ „Gut, er erzählte von dieſem Theile ſeines Lebens, der in der That wild und finſter war. Soll ich wiederholen, was er ſagte? Oder würde es dich jetzt vielleicht zu ſehr angreifen?“ „Auf jeden Fall erzähle mir Alles.“ Herbert beugte ſich vor, um mich näher zu betrach⸗ ten, als wenn ihm meine Antwort un⸗ gewöhnlich haſtig erſchienen wäre. „Dein Kopf brennt doch nicht?“ ſagte er. „Durchaus nicht. Erzähle mir, was Provis ſagte, mein lieber Herbert.“ „Es ſcheint,“ fuhr er fort,„da iſt der Verband glücklich los, und nun kommt der kühle, der dir an⸗ fangs zwar etwas weh thun, aber bald deſto ange⸗ nehmer ſein wird, nicht wahr, lieber Junge? Es ſcheint, daß das Weib ein junges, eiferſüchtiges und im höchſten Grade rachſüchtiges Frauenzimmer war.“ „Bis zu welchem Grade?“ „Bis zum Morde.— Iſt der Verband dir zu kühl auf dieſer empfindlichen Stelle?“ „Ich fühle ihn nicht. Was für einen Mord beging ſie? Wen ermordete ſie?“ „Nun, die That mag vielleicht keinen ſo ſchrecklichen Namen verdient haben,“ bemerkte Herbert,„aber ſie wurde wegen Mordes vor Gericht geſtellt, und Mr. Jaggers vertheidigte ſie, wodurch Pro⸗ vis ihn zuerſt kennen lernte. Das Opfer war ein anderes und viel ſtärkeres Frauenzimmer und ein Kampf hatte ſtattgefunden— in einer Scheune. Wer ihn begonnen und ob er ehrlich war oder nicht, möchte zweifelhaft ſein; außer Zweifel aber iſt, auf welche Weiſe er endete, denn das Opfer wurde erwürgt gefunden.“ „Wurde das Weib für ſchuldig erklärt?“ „Nein, ſie wurde freigeſprochen.— Mein armer Händel, ich thue dir wohl weh?“ „Du kannſt unmöglich ſanfter mit mir umgehen. Nun? Was weiter?“ Feierſtunden. 1864. (Zu Seite 470.) den. 1864. 473 „Dieſes freigeſprochene junge Frauenzimmer und Provis,“ fuhr Herbert fort,„hatten ein junges Kind, welches Provis außerordent⸗ lich liebte. Am Abend vor derjenigen Nacht, in welcher das Opfer ihrer Eiferſucht erdroſſelt wurde, wie ich dir erzählt habe, erſchien ſie einen Augenblick lang vor Provis und ſchwor, daß ſie das Kind welches in ihren Händen war) umbringen werde, und daß er es nie wieder ſehen ſolle, worauf ſie verſchwand.— So, der böſe Arm iſt wieder bequem in der Schlinge und nun bleibt nur noch die rechte Hand, welche bei weitem nicht ſo viel Umſtände macht. Ich kann es bei dieſem Lichte beſſer verrichten, als bei einem ſtärkeren, weil meine Hand dann ſicherer iſt, wenn ich nicht die wunden, mit Bla⸗ ſen bedeckten Stellen allzudeutlich ſehe.— Das Athemholen wird dir doch nicht ſchwer, mein lieber Junge? Es ſcheint ja ganzaeicht zu gehen.“ „Ich glaube auch, Herbert. Aber hielt das Weib ihren Schwur?“ Das iſt der dunkelſte Theil in dem Leben von Provis. Ja, ſie hielt ihn.“ „Das heißt, er ſagt, daß ſie es gethan habe?“ „Natürlich, lieber Junge,“ er wiederte Herbert in erſtauntem Tone und ſich wieder vor⸗ beugend, wie um mich näher anzu⸗ ſehen;„er ſagt das alles, denn ich habe keine andere Quelle.“ „Ganzrichtig.“ „Ob er nun,“ fuhr Herbert fort, „des Kindes Mut⸗ ter mißhandelt oder ob er ſie gut be⸗ handelt hatte, ſagte Provis nicht; aber ſie hatte vier oder fünf Jahre ſeines elenden Lebens, wie er es uns am Ka⸗ minfeuer geſchil⸗ dert, bei ihm zu⸗ gebracht und er ſchien Mitleid für ſie empfunden und Nachſicht gegen ſie geübt zu haben. Aus Furcht deßhalb, daß er Zeugniß wegen des umgebrach⸗ ten Kindes werde ablegen und dadurch ihren Tod veranlaſſen müſ⸗ ſen, hielt er ſich, ſo ſehr ihn auch der Verluſt des Kindes ſchmerzte, verſteckt, blieb aus dem Wege und der Unterſuchung fern und wurde darin nur ganz allgemein als eine Perſon, Namens Abel, erwähnt, welche die Veranlaſſung zur Eiferſucht gegeben hatte. Nach ihrer Freiſprechung verſchwand ſie, ſo daß er auf dieſe Weiſe das Kind und des Kindes Mutter verlor.“ „Ich möchte wiſſen—“ „Nur einen Augenblick noch, lieber Junge, ich bin ſogleich fer⸗ tig,“ ſagte Herbert.„Jener Teufel, Compeyſon, der ärgſte aller Schurken, welcher wußte, daß er ſich in jener Zeit verborgen hatte, und aus welchen Gründen, benutzte ſpäter dieſe Kenntniß, um ihn arm zu erhalten und deſto ſchwerer für ſich arbeiten zu laſſen. Es wurde mir geſtern Abend klar, daß dieß der Umſtand iſt, aus dem hauptſächlich der Haß von Provis gegen ihn entſpringt.“ „Ich möchte vor allen Dingen wiſſen, Herbert,“ ſagte ich,„ob er gegen dich erwähnt hat, wann ſich dieß zutrug.“ „Vor allen Dingen? Wie waren doch ſeine Worte? Laß mich 60 474 beſinnen! Ja, er ſagte: ‚Es ſind runde zwanzig Jahre her, und es war gleich darauf, nachdem ich bei Compeyſon in Dienſt getreten war.“ Wie alt warſt du damals, als er dir auf dem kleinen Kirch⸗ hofe begegnete?“ „Ich glaube beinahe ſieben Jahre.“ „Ja, ja. Es waren damals drei oder vier Jahre ſeitdem ver⸗ gangen, ſagte er, und deine Erſcheinung erinnerte ihn an das auf ſo traurige Weiſe verlorene kleine Mädchen, welches ungefähr von demſelben Alter geweſen ſein würde.“ „Herbert,“ ſagte ich haſtig nach einer kurzen Pauſe,„kannſt du mich bei dem Lichte des Fenſters oder bei dem des Feuers am Feierſtunden. 1864. ———; hatte, weil Letzterer dann ſelbſt hören konnte, daß ich nichts ſagte, was ihn hätte compromittiren können. Meine Erſcheinung mit dem verbundenen Arme und dem loſe auf den Schultern hängenden Rocke war meinen Abſichten günſtig. Obgleich ich Mr. Jaggers gleich nach meiner Ankunft in London eine Schilderung des Unfalls mitgetheilt hatte, ſo mußte ich ihm doch noch die näheren Umſtände erzählen, und die Eigenthümlichkeit des Gegenſtandes bewirkte, daß unſere Unterhaltung nicht ſo ſteif und trocken und nach den Regeln der Beweisführung ſo ſtreng ein⸗ gerichtet war, wie ſonſt gewöhnlich. Während ich den Unfall be⸗ ſchrieb, ſtand Mr. Jaggers, ſeiner Gewohnheit gemäß, vor dem wußte, zählung borgen g Verbindt von Mr. mehr ho keine Ge jetzt abe „Sl ſagte M 3 „Ja beſten ſehen?“ Feuer. Wemmick ſaß zurückgelehnt auf ſeinem Stuhle und ſtarrte Walks. „Bei dem Lichte des Feuers,“ antwortete Herbert, ſich aber⸗ mich an, während ſeine Hände in den Hoſentaſchen ſteckten und die Sel ua.ien mich vorbeugend. Feder horizontal im Briefkaſten ruhte. Die beiden häßlichen Gyps⸗ dn gan „Sieh mich an.“ abdrücke, welche in meinem Geiſte von den Verhandlungen in dieſem obgleich Ich ſehe dich ja an, mein lieber Junge.“ Geſchäftszimmer ſtets unzertrennlich waren, ſchienen zu überlegen, dieſe M 7‿ 7 2 Berühre mich.“ ob ſie in dieſem Augenblicke nicht Feuer röchen. ihn an 5* 3 3 N 9„(n 1 huo Ker. 8 zchto „Ich berühre dich auch, mein lieber Junge.“ Nachdem uieiee Erzählung beenbigt und ihre Iergen erſchöpft 1 mucht⸗ „Du fürchteſt nicht, daß ich im Fieber ſei oder daß mein Ge⸗ ſwenren unt u9 Di afähans n ahiiaunn au demrſazguchne hatte. hirn durch den geſtrigen Uufall gelitten habe?“ von neunhundert Pfund für Herbert vor. Mr. Jaggers' Augen„ „N-ein, mein lieber Junge,“ erwiederte Herbert, nachdem er dogen ſich noch etwas tiefer in den Kopf zurück, als ich ihm⸗die indem mich prüfend angeſchaut hatte.„Du biſt etwas aufgeregt, aber bei Elfenbeintafel überreichte; aber er behändigte ſie ſogleich an Wemmick macht vollkommen klarem Verſtande.“ niit dem Auftrage, die Anweiſung an die Bank zu entwerfen und„E „Ich weiß, daß ich das bin! Und der Mann, den wir unten ihm zur Unterſchrift vorzulegen. Während dieß geſchah, ſah ich macht, am Fluſſe verbergen, iſt— Eſtella's Vater.“ Wemmick beim Schreiben zu, und Mr. Jaggers, ſich auf den blank lebt.“ geputzten Stiefeln hin und her wiegend, betrachtete mich. Die „Es thut mir leid, Pip,“ ſagte er, als ich die von ihm unter⸗ den Die — zeichnete Anweiſung in die Taſche ſteckte,„daß wir für Sie nichts Tuch w Einundfünfzigſtes Kapitel. zu thun haben.“ finſterer 4.... V„Miß Havisham war ſo gut, mich zu fragen,“ erwiederte ich D Was ich durch meine eifrige Ermittelung von Eſtella's Abkunft„ob ſie für mich nichts thun könne, und ich verneinte es.“ Weiſe eigentlich bezweckte, kann ich nicht ſagen. Es wird ſich ſogleich zei—„Ein Jeder muß am beſten wiſſen, was ihm noth thut,“ be⸗ kung, gen, daß mir die Frage nicht mit voller Klarheit vorſchwebte, bis merkte Mr. Jaggers, während ich ſah, daß Wemmicks Lippen die gehört ſie mir endlich von einem weiſeren Kopfe, als dem meinigen, vor⸗ Worte„bewegliches Eigenthum“ formten. Bezieh gelegt wurde. Nachdem ich jedoch die bedeutungsvolle Unterredung„Ich würde nicht mit Nein geantwortet haben, wenn ich an eher au mit Herbert gehabt hatte, ergriff mich mit fieberhafter Gewalt die hrer Stelle geweſen wäre,“ fügte Mr. Jaggers hinzu;„aber ein ſchweig Ueberzeugung, daß es meine Pflicht ſei, die Sache bis auf das Aeu⸗ Jeder muß ſelbſt am beſten wiſſen, was ihm noth thut.“ ihm hir ßerſte zu verfolgen, und namentlich mit Mr. Jaggers darüber zu„Jedem Menſchen thut bewegliches Eigenthum noth,“ ſagte kaſten ſprechen, um von ihm die reine Wahrheit zu erfahren. Ich weiß Wemmick mit einem vorwurfsvollen Blicke auf mich.„ wirklich nicht, ob ich dieß um Eſtella's willen that oder weil ich In der Meinung, daß es jetzt Zeit ſei, auf den mir am Her⸗ nähert gern auf den Mann, deſſen Erhaltung mir ſo ſehr am Herzen lag, zen liegenden Gegenſtand überzugehen, wandte ich mich an Mr. Pip k einige Strahlen von dem romantiſchen Intereſſe übertragen wollte, Jaggers und ſagte: 3 in welchem ſie mir bisher immer erſchienen war. Die letztere Mög⸗ 4„Etwas habe ich mir dennoch von Miß Havisham erbeten, näm⸗ und lichkeit liegt der Wahrheit vielleicht am nächſten. lich, einige Auskunft über ihre Adoptivtochter; und ſie hat mir Alles offene Wie dem auch ſei, meine Ungeduld war ſo groß, daß ich mich geſagt, was ſie wußte.“ an di kaum abhalten ließ, noch an demſelben Abende nach Gerard Street„Wirklich?“ verſetzte Mr. Jaggers, ſich vorwärts beugend, um Daue zu gehen. Nur Herberts Vorſtellungen, daß ich dadurch wahrſchein⸗ ſeine Stiefeln zu betrachten und dann ſich wieder gerade aufrichtend. auf d lich bettlägerig und gerade dann unfähig zu handeln werden würde,„Ha, ich würde es an Miß Havishams Stelle nicht gethan haben V ſtellte wenn die Sicherheit unſeres Flüchtlings von meinem Beiſtande ab⸗ glaube ich. Allein ſie muß am beſten wiſſen, was ſie zu thun hat.“ Vert hängig ſei, hielten mich zurück. Erſt nachdem er mir wiederholt zu-„Ich weiß mehr von der Geſchichte ihrer Adoptivtochter, als und geſtanden, daß ich auf jeden Fall am folgenden Tage zu Mr. Jag⸗ Miß Havisham ſelbſt weiß; ich weiß, wer ihre Mutter iſt.“ gegen gers gehen ſolle, verſtand ich mich endlich dazu, ruhig im Hauſe zu Mr. Jaggers ſah mich forſchend an und wiederholte: langt verweilen und mich pflegen zu laſſen. Früh am nächſten Morgen„Ihre Mutter?“ A. mußt jedoch gingen wir zuſammen aus und trennten uns an der Ecke von„Ja, ich habe ſie in den letzten drei Tagen geſehen.“ ſelige Giltopur Street, bei Smithfield, wo Herbert ſich nach der City„Wirklich?“ ſagte Mr. Jaggers. innig wandte, während ich meinen Weg nach Little Britain fortſetzte.„Und Sie haben ſie ebenfalls geſehen,— ſelbſt noch vor kür⸗ einſan Von Zeit zu Zeit pflegte Mr. Jaggers mit Wemmick die Bü⸗ V zerer Zeit.“ und t cher und Rechnungen durchzugehen, die Belege zu prüfen und Alles„Wirklich?“ wiederholte er. Mr.= in Ordnung zu bringen. Bei ſolchen Gelegenheiten brachte Wem⸗„Ich weiß vielleicht ſogar mehr von Eſtella's Geſchichte, als danz mick ſeine Bücher und Papiere in Mr. Jaggers' Zimmer und einer Sie wiſſen; ich kenne ihren Vater.“ 3 der im oberen Stockwerke arbeitenden Schreiber mußte im Vorzimmer Ein gewiſſer Stillſtand in Mr. Jaggers' Weſen— er hatte zu Herz ſeine Stelle vertreten. Da ich an dieſem Morgen einen ſolchen auf viel Herrſchaft über ſich, um eine eigentliche Veränderung in ſeinem und Wemmicks Platz fand, ſo wußte ich, was vorging, war aber nicht Weſen erkennen zu laſſen, aber er konnte einen gewiſſen unbeſchreib⸗ eeh unzufrieden darüber, daß ich Jaggers und Wemmick beieinander baren Stillſtand nicht verhindern— überzeugte mich, daß er nicht und m or kür⸗ A Feierſtunden. 1864. wußte, wer ihr Vater ſei. Dieß hatte ich ſchon aus Provis' Er⸗ zählung(wie Herbert ſie mir mitgetheilt), daß er ſich damals ver⸗ borgen gehalten habe, geſchloſſen, indem ich den Umſtand damit in Verbindung brachte, daß Letzterer erſt vier Jahre ſpäter ein Client von Mr. Jaggers geworden war, zu einer Zeit, wo er keinen Grund mehr hatte, ſeine Identität zu bewahren. Vorher hatte ich jedoch keine Gewißheit über Mr. Jaggers’ Unkenntniß in dieſer Beziehung; jetzt aber war ich überzengt davon. „So, Sie kennen alſo den Vater der jungen Dame, Pip?“ ſagte Mr. Jaggers. „Ja,“ erwiederte ich. Wales.“ Selbſt Mr. Jaggers ſtutzte bei dieſen Worten. Es war nur ein ganz leichtes Stutzen und augenblicklich unterdrückt, aber er ſtutzte, obgleich er ſogleich ſein Taſchentuch zu Hülfe nahm. Wie Wemmick dieſe Mittheilung empfing, kann ich nicht ſagen, da ich mich ſcheute, ihn anzuſehen, aus Furcht, daß Mr. Jaggers Scharfblick erkennen möchte, welcher Verkehr ohne ſein Wiſſen zwiſchen uns ſtattgefunden hatte. „Und auf Grund welcher Beweiſe,“ fragte Mr. Jaggers trocken, indem er mit dem Taſchentuche auf dem Wege zur Naſe inne hielt, „macht Provis dieſen Anſpruch?“ „Er macht keinen Anſpruch,“ erwiederte ich,„hat ihn nie ge⸗ macht, und weiß oder ahnt nicht einmal, daß ſeine Tochter noch lebt.“ Dieſes Mal verſagte ſelbſt das ſonſt ſo wirkſame Taſchentuch den Dienſt. Meine Antwort kam ihm ſo unerwartet, daß er das Tuch wieder in die Taſche ſteckte, die Arme kreuzte und mich mit finſterer, ſtarrer Aufmerkſamkeit anblickte. Dann erzählte ich ihm Alles, was ich wußte und auf welche Weiſe ich es in Erfahrung gebracht hatte, mit der einzigen Beſchrän⸗ kung, daß ich ihn vermuthen ließ, dasjenige von Miß Havisham gehört zu haben, was ich von Wemmick gehört hatte. In dieſer Beziehung beobachtete ich große Vorſicht. Auch warf ich kein Auge eher auf Letzteren, als bis ich ausgeſprochen hatte und eine Zeit lang ſchweigend Mr. Jaggers Blicken begegnet war. Als ich darauf nach ihm hin ſah, bemerkte ich, daß er die Feder bereits aus dem Brief⸗ kaſten genommen hatte und die Augen auf den Tiſch gerichtet hielt. „Ha,“ ſagte Mr. Jaggers endlich, indem er ſich den Papieren näherte,„bei welchem Poſten blieben Sie ſtehen, Wemmick, als Mr. Pip kam?“ Auf dieſe Weiſe wollte ich mich jedoch nicht abfertigen laſſen und bat ihn deßhalb in leidenſchaftlichem, faſt entrüſtetem Tone, offener und männlicher gegen mich zu verfahren. Ich erinnerte ihn an die falſchen Hoffnungen, in die ich verfallen war, an die lange Dauer derſelben, an die Entdeckung, die ich gemacht, und deutete „Er heißt Provis,— aus Neu⸗Süd⸗ 475 richten und ihm vorzuſtellen, daß er unter dieſen Umſtänden offener gegen mich ſein ſollte!“ Nie habe ich zwei Männer geſehen, die ſich gegenſeitig auf ſo ſeltſame Weiſe betrachteten, wie es Mr. Jaggers und Wemmick nach dieſer Anſprache thaten. Im erſten Augenblicke fürchtete ich, daß Letzterer aus ſeiner Stellung ſogleich werde entlaſſen werden; aber dieſe Beſorgniß ſchwand, als ich ſah, daß ſich Mr. Jaggers Züge zu einem Lächeln verzogen, und daß Wemmick dreiſter wurde. „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte Mr. Jaggers.„Sie mit einem Halten Vater und mit heiteren, harmloſen Gewohnheiten?“ „Nun,“ erwiederte Wemmick,„wenn ich ſie nicht hierher bringe, was thut es?“ „Pip,“ rief Mr. Jaggers, ſeine Hand auf meinen Armalegend, mit offenem Lächeln,„dieſer Menſch muß der ſchlauſte Ba in ganz London ſein!“ V„Keineswegs,“ entgegnete Wemmick, immer dreiſter werdend, „ich glaube, Sie ſind ein eben ſo großer.“ Wieder wechſelten ſie die ſeltſamen Blicke, wie vorher, und jeder ſchien den Argwohn zu hegen, daß der Andere ihn hintergehe. „Sie mit einer hübſchen Häuslichkeit?“ wiederholte Mr. Jaggers. „Da die Geſchäfte nicht darunter leiden,“ antwortete Wemmick, „ſo kommt nichts darauf an. Und indem ich Sie jetzt betrachte, ſollte es mich durchaus nicht wundern, wenn auch Sie in einiger Zeit, nachdem Sie dieſer Arbeiten müde geworden ſind, daran däch⸗ ten, ſich eine hübſche Häuslichkeit zu verſchaffen.“ V Mr. Jaggers nickte mehrere Male ſinnend mit dem Kopfe, als dächte er an die Vergangenheit, und ſeufzte ſogar. „Pip,“ ſagte er darauf,„wir wollen nicht von zarmſeligen Träumen’ reden; Sie wiſſen mehr von ſolchen Dingen als ich, da Ihre Erfahrung in dieſer Beziehung jünger iſt. uns von dem anderen Gegenſtande ſprechen. Ich will Ihnen einen Fall vorlegen. Doch, wohl verſtanden!— ich räume nichts ein.“ Er wartete, bis ich erklärt hatte, daß ich ganz wohl verſtehe, eer wolle nichts einräumen. „Alſo hören Sie, Pip!“ begann er.„Angenommen, daß ein Frauenzimmer unter den von Ihnen geſchilderten Umſtänden ihr Kind verborgen habe und genöthigt worden ſei, dieſe That ihrem Rechtsbeiſtande zu vertrauen, nachdem er ihr vorgeſtellt, daß er, um ihre Vertheidigung wirkſam führen zu können, genau wiſſen müſſe, was aus dem Kinde geworden ſei— angenommen, daß er zu der⸗ ſelben Zeit von einer excentriſchen reichen Dame den Auftrag er⸗ halten habe, ein Kind für ſie zu finden, welches ſie adoptiren und erziehen könne—“ „Ich verſtehe.“ „Angenommen, daß er, der Rechtsbeiſtand, in einer Atmoſphäre von Verderbtheit lebte, wo alle Kinder in die Welt kamen, um Aber laſſen Sie auf die drohende Gefahr hin, die jetzt mein Gemüth drückte. Ich einem ſicheren Untergange entgegenzureifen. Angenommen, daß er ſtellte ihm vor, daß ich in Erwiederung des ihm ſoeben geſchenkten oft Kinder vor den Schranken des Criminalgerichts ſah, wo ſie öffent⸗ Vertrauens auch einiges Vertrauen von ſeiner Seite verdienen dürfte, lich gezeigt wurden; angenommen, daß er ſie täglich einkerkern, aus und ſagte, daß ich ihn weder tadelte, noch Argwohn oder Mißtrauen ſpeitſchen, transportiren, vernachläſſigt und verſtoßen werden und gegen ihn hegte, aber eine Beſtätigung der Wahrheit von ihm ver⸗ heranwachſen ſah, um dem Henker anheim zu fallen. Angenommen langte. Wenn er mich fragte, weßhalb und mit welchem Rechte, ſo V daß er Urſache hatte, faſt alle Kinder, die er in leinem Berufe ſah, mußte ich ihm erwiedern— wie wenig er auch auf dergleichen arm⸗ als Fiſchlaich zu betrachten, aus dem ſich Fiſche entwickelten, die i ſelige Träume geben möge— daß ich Eſtella ſchon ſeit langer Zeit ſeine Netze fallen mußten, um von ihm verfolgt oder vertheidigt zu innig geliebt, und daß mir, obgleich ich ſie verloren habe und ein falſchen Eiden verleitet, zu Waiſen gemacht oder auf irgend lünt einſames Leben führen müſſe, dennoch Alles, was ſie betreffe, näher Weiſe dem Teufel überliefert zu werden—“ und theurer ſei, als die ganze übrige Welt. Und da ich ſah, daß„Ich verſtehe.“ Mr. Jaggers dieſe Anſprache ſtill und ſchweigend und, wie es ſchien,„Angenommen, Pip, daß unter dieſen Vielen ein hübſches klei⸗ ganz ungerührt anhörte, ſo wandte ich mich an Wemmick und ſagte: nes Kind war, welches gerettet werden konnte,— das der Vater „Wemmick, ich weiß, daß Sie ein Mann von gefühlvollem für todt hielt, ohne über ſein Ende Nachforſchungen veranlaſſen Herzen ſind. Ich habe Ihre hübſche Häuslichkeit, Ihren alten Vater, dürfen, und in Betreff deſſen der Rechtsbeiſtand eine beſondere de und alle die heiteren, harmloſen Gewohnheiten Ihrer Lebensweiſe walt über die Mutter übte, weil er zu ihr ſagen konnte: ‚Ich 1 geſehen, in denen Sie nach beendigten Geſchäften Erholung finden, was und wie du es gethan haſt. Du kamſt ſo und ſo„ u 4* und beſchwöre Sie deßhalb, ein Wort für mich an Mr. Jaggers zu die Art und T Veiſe des Angriffs, das die der Vertheidigung; du 7 60* gingſt da und dahin und thateſt das und das, um Verdacht abzu⸗ lenken. Ueberall bin ich deiner Spur gefolgt und ſage dir Alles. ———;:-:ͤ————; waren ſie jetzt ſo ſchroff gegen einander, indem Mr. Jaggers in ſehr gebieteriſchem Tone ſprach, und Wemmick ſich bei jeder Gelegenheit Trenne dich von deinem Kinde, ſofern die Vorzeigung deſſelben nicht auf das Hartnäckigſte vertheidigte. Ich hatte ſie nie ſo gereizt gegen dazu nöthig iſt, um deine Unſchuld zu beweiſen, in welchem Falle es vorgezeigt werden ſoll. Lege das Kind in meine Hände und ich will alles Mögliche thun, um deine Freiſprechung zu erwirken. Wirſt du gerettet, ſo iſt auch dein Kind gerettet; wirſt du verurtheilt, ſo iſt mindeſtens das Kind gerettet. das Weib wurde freigeſprochen—“ „Ich verſtehe vollkommen.“ „Aber merken Sie wohl, daß ich keine Zugeſtändniſſe mache.“ „Daß Sie keine Zugeſtändniſſe machen.“ Auch Wemmick wiederholte: Keine Zugeſtändniſſe.“ „Angenommen, Pip, daß die Leidenſchaft und die Todesfurcht den Verſtand des Weibes etwas erſchüttert habe und daß ſie nach ihrer Freilaſſung, von aller Welt verſtoßen, zu ihm, dem Rechts⸗ beiſtande gegangen ſei, um Schutz zu ſuchen. Angenommen, daß er ſie aufnahm, und daß er, wenn ihre frühere Leidenſchaftlichkeit nur im Geringſten wieder auflodern wollte, dieſelbe unterdrückte, indem er ſeine Macht über ſie in der alten Weiſe geltend machte. Verſtehen Sie den imaginären Fall?“ „Vollkommen.“ „Nehmen Sie ferner an, daß das Kind heran wuchs und eine Geldheirath ſchloß; daß die Mutter noch lebte, und daß der Vater noch lebte, und daß Beide, ohne es zu wiſſen, nahe bei einander und nur durch ſo und ſo viel Meilen, Ruthen oder Schritte ge⸗ zrennt, wohnten; daß das Geheimniß noch immer ein Geheimniß war, ausgenommen, daß Sie Wind davon bekommen hatten. Na⸗ mentlich dieſen letzten Fall machen Sie ſich recht klar.“ „Ich thue es.“ „Auch Wemmick bitte ich, ſich dieſen Fall recht ſorgfältig vor⸗ zulegen.“ „Ich thue es,“ erwiederte Wemmick. „Um weſſen willen wollen Sie nun das Geheimniß enthüllen? Um des Vaters willen? Ich glaube, er würde durch den Beſitz der Mutter nicht viel glücklicher werden. Um der Mutter willen? Ich glaube, daß ſie, wenn ſie eine ſolche That begangen hat, nirgends beſſer aufgehoben ſein könnte, als da, wo ſie ſich befindet. Um der Tochter willen? Ich glaube kaum, daß es von Nutzen für ſie ſein würde, ihren Gemahl mit den Verhältniſſen ihrer Eltern und ihrer Abkunft bekannt zu machen und ſie in die Schande zurückzuſchleppen, der ſie zwanzig Jahre lang entzogen worden war und aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach bis an ihr Lebensende entzogen bleiben würde. Aber fügen Sie noch die Vorausſetzung hinzu, Pip, daß Sie das Mädchen zum Gegenſtande jener zarmſeligen Träume“ gemacht hät⸗ ten— die, beiläufig geſagt, in mehr Köpfen gelebt haben, als Sie glauben— und dann ſage ich Ihnen, daß Sie beſſer thäten— und nach reiflicher Ueberlegung es thun würden— Ihre verbundene linke Hand mit der verbundenen rechten abzuhauen, und das Beil Wemmick zu reichen, um ſich von ihm auch die rechte abhauen zu laſſen, ehe Sie das Geheimniß enthüllten!“ Ich blickte Wemmick an und ſah, daß ſein Geſicht ſehr ernſt war. Er legte den Zeigefinger auf die Lippen, und ich that daſſelbe, worauf es auch Mr. Jaggers that. „Nun, Wemmick,“ ſagte Letzterer ſodann in ſeinem gewöhn⸗ lichen Tone,„bei welchem Poſten waren Sie ſtehen geblieben, als Mr. Pip kam?“ Während ich ihrer Arbeit eine Zeit lang zuſah, bemerkte ich, daß die vorher zwiſchen ihnen gewechſelten ſeltſamen Blicke jetzt mehr⸗ mals wiederholt wurden, aber mit dem Unterſchiede, daß jetzt jeder von ihnen den Verdacht gegen ſich hegte, ſofern er ſich nicht deſſen wirklich bewußt war, ſich dem Anderen in einem ſchwachen, geſchäfts⸗ Angenommen, dieß geſchah, und einander geſehen, denn gewöhnlich wurden ſie recht gut zuſammen fertig. Glücklicher Weiſe wurden ſie beide erlöst durch das Erſcheinen von Mike's, dem Clienten mit der Pelzmütze, der die Gewohnheit hatte, ſich die Naſe mit dem Rockärmel zu putzen, und den ich in dieſem Zimmer am erſten Tage meines Dortſeins geſehen hatte. Dieſer Mann, welcher entweder durch ſich ſelbſt oder durch irgend ein Mitglied ſeiner Familie fortwährend in Ungelegenheiten(was mit Newgate gleichbedeutend iſt) zu ſein ſchien, kam herein, um anzuzeigen, daß ſeine älteſte Tochter wegen angeblichen Ladendiebſtahls verhaftet worden ſei. Als er Wemmick dieſe traurige Anzeige machte, während Mr. Jaggers mit obrigkeitlicher Miene vor dem Feuer ſtand und durchaus keine Notiz davon nahm, ſchimmerte zufällig in Mike's Auge eine Thräne. 5 „Was macht Ihr?“ fragte Wemmick höchſt entrüſtet. Ihr hierher, um zu greinen?“ „Es war nicht meine Abſicht, Mr. Wemmick.“ „Aber Ihr habt es gethan. Wie könnet Ihr Euch das erlau⸗ ben? Wenn Ihr nicht hierher kommen könnet, ohne zu kreiſchen wie eine ſchlechte Feder, ſo müßt Ihr fortbleiben. Was ſoll das bedeuten?“ „Man kann doch nichts für ſeine Gefühle!“ ſtellte Mike bit⸗ tend vor. „Für was?“ rief Wemmick in völliger Wuth. einmal!“ „Höret, Freund,“ ſagte Mr. Jaggers, einen Schritt näher tre⸗ „Kommet „Saget das noch tend und auf die Thüre deutend.„Verlaſſet das Lokal. Ich kann hier keine Gefühle brauchen. Hinaus!“ „Es geſchieht Euch recht,“ fügte Wemmick hinzu.„Hinaus!“ Der unglückliche Mike zog ſich hierauf ſehr demüthig zurück, und Mr. Jaggers und Wemmick, zwiſchen denen das beſte Verneh⸗ men wieder hergeſtellt zu ſein ſchien, ſetzten ihre Arbeit mit einer ſolchen Friſche fort, als wenn ſie ſoeben ein gutes Frühſtück einge⸗ nommen hätten. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Von Little Britain ging ich, mit meiner Anweiſung in der Taſche, zu Miß Skiffins' Bruder, dem Buchhalter; und da Letzterer ſich direkt zu Mr. Clarriker begab und ihn zu mir führte, ſo hatte ich die Freude, das Geſchäft mit ihm abzumachen. Es war das einzige Gute, das ich gethan und vollendet, ſeitdem meine großen Erwartungen begonnen hatten. Clarriker theilte mir bei dieſer Gelegenheit mit, daß die An⸗ gelegenheiten des Hauſes gute Fortſchritte machten, und daß er nun⸗ mehr im Stande ſein werde, eine Commandite im Orient zu errich⸗ ten, deren ſie zur Erweiterung ihrer Geſchäfte bedürften, ſowie, daß Herbert in ſeiner neuen Eigenſchaft als Theilhaber die Verwaltung derſelben übernehmen ſollte. Ich ſah alſo, daß ich mich auf eine Trennung von meinem Freunde hätte gefaßt machen müſſen, ſelbſt wenn meine eigenen Angelegenheiten geordneter geweſen wären, und mir war, als wenn ich dadurch meinen letzten Anker verlöre und nun bald ohne allen Halt mit dem Winde und den Wellen dahin treiben würde. Aber eine Belohnung gewährte mir die Freude, mit der Her⸗ bert eines Abends nach Hauſe kam und mir dieſe bevorſtehenden Veränderungen mittheilte, ohne zu ahnen, daß er mir keine Neuig⸗ keiten erzählte, und dann luftige Bilder entwarf, wie er Clara in das Land der arabiſchen Nächte führen, wie ich zu ihnen kommen widrigen Lichte gezeigt zu haben. Aus dieſem Grunde, glaube ich, werde(mit einer Carawane, wenn ich nicht irre) und wie wir dann oberh dort; Uhr, 1 M ging was aber Wäh im 4 Licht zu ſel und Schlo Halſe worf er d und geber 1 er ve Feierſtun ——⸗ꝛ—⅓—⅓—⅓ꝛꝛꝛrͤͤy———uuͤ—————eõ——jͤn—————õö———y——B—ͤͤͤ-O——— in ſeht Selegenheit gereizt gegen ut zuſammen oberhalb ein offener Speicher lag, ſo rief ich hinauf:„Iſt Jemand dort?“ aber keine Antwort erfolgte. Dann blickte ich nach meiner Uhr, und da ich ſah, daß es ſchon halb zehn war, rief ich abermals: „Iſt Jemand dort?“ Allein auch jetzt antwortete Niemand, und ich ging deßhalb zur Thür hinaus, unentſchloſſen, was ich thun ſollte. Es begann ſtark zu regnen. Da ich außerhalb nichts ſah, als was ich bereits geſehen hatte, ſo trat ich in das Haus zurück, blieb aber auf der Thürſchwelle ſtehen und blickte in die Nacht hinaus. Während ich dort erwog, daß noch vor kurzer Zeit irgend Jemand im Hauſe geweſen ſein und bald zurückkehren müſſe, weil ſonſt das Licht nicht brennen würde, fiel mir ein, nach dem Docht des Lichtes zu ſehen, ob er lang ſei. Ich wandte mich zu dieſem Zwecke um und hatte gerade das Licht in der Hand, als es durch einen heftigen Schlag verlöſcht wurde und ich im nächſten Augenblicke an meinem Halſe eine Schlinge fühlte, die mir von rückwärts über den Kopf ge⸗ worfen worden war. „Jetzt,“ ſagte fluchend eine unterdrückte Stimme,„jetzt habe ich 8 Erſcheinen Gewohaheit d den ich in ſehen hatte. zrurch irgend Heiten(was ein, um t.„Kommtt dich!“ „Was iſt das?“ rief ich, bemüht, mich loszumachen.„Was iſt das? Hülfe, Hülfe, Hülfe!“ das erlau⸗ Meine Arme wurden nicht nur feſt an die Seiten geſchnürt, zu kreiſchen ſondern der Druck an den wunden Arm verurſachte mir auch namen⸗ as ſoll das loſen Schmerz. Bald legte ſich die Hand eines ſtarken Mannes, bald deſſen Bruſt auf meinen Mund, um das Geſchrei zu erſticken, und k but⸗ während ich den heißen Athem deſſelben dicht vor mir empfand, kämpfte ich in der Dunkelheit vergebens gegen eine überlegenere das noc Kraft, die mich an die Wand feſſelte. „Jetzt,“ ſagte, abermals fluchend, die Stimme,—„jetzt ſchreie noch einmal, und ich will dir bald für immer den Mund ſtopfen!“ Faſt ohnmächtig in Folge des Schmerzes in meinem linken Arme, betäubt von der Ueberraſchung, und dennoch deſſen bewußt, wie leicht er dieſe Drohung ausführen konnte, hörte ich auf, um Hülfe zu rufen, und verſuchte, meinen Arm mindeſtens etwas zu lockern. Allein ver⸗ gebens; er war zu feſt gebunden. Mir war, als wenn er, nachdem er vorher verbrannt worden, jetzt gekocht würde. Das plöͤtzliche Verſchwinden des nächtlichen Schimmers von eingge⸗ außen und die ſtatt ſeiner eintretende völlige Finſterniß ſagten mir, daß der Mann den Fenſterladen geſchloſſen habe. Nachdem er eine Zeit lang ſuchend umhergetappt hatte, fand er das aus Stahl und Stein beſtehende Feuerzeug und begann Feuer zu ſchlagen. Ich rich⸗ tete meine Augen geſpannt auf die Funken, welche auf den Zunder fielen, und die er, ein Schwefelhölzchen in der Hand haltend, bemüht war anzublaſen, aber konnte nur ſeine Lippen und die blaue Spitze des Hölzchens ſehen, und auch dieſe nur momentan. Der Zunder war feucht,— wie es nicht anders ſein konnte,— und die Funken exloſchen einer nach dem andern. Der Mann war in keiner großen Eile und ſchlug von Neuem Feuer. Während die Funken dicht und hell um ihn her fielen, konnte ich ſeine Hände ſehen, ſowie einzelne Theile ſeines Geſichts, und bemerkte, daß er am Tiſche und über denſelben gebeugt ſaß, aber weiter nichts. Bald jedoch ſah ich ſeine blauen Lippen wieder auf den Zunder blaſen, und plötzlich ſchoß ein Licht empor und zeigte awir Orlick. Wen ich zu finden erwartet hatte, weiß ich nicht; ihn aber ge⸗ wiß nicht. Bei ſeinem Anblicke wurde es mir klar, daß ich in der That in einer ſehr gefährlichen Lage war, und ich hielt meine Blicke auf ihn gerichtet. Er zündete das Licht ſehr bedachtſam mit dem flackernden Hölz⸗ chen an, warf letzteres auf den Fußboden und trat es aus. Dann ſchob er das Licht auf dem Tiſche von ſich, ſo daß er mich ſehen konnte, ſchlug die Arme übereinander und betrachtete mich. Ich nahm ⸗ wahr, daß ich an eine ſtarke, ſenkrechte Leiter feſtgebunden war, ſche wenige Zoll von der Thüre entfernt ſtand und als Treppe 5 eicher diente. den. 1864. 479 „Jetzt,“ ſagte er, nachdem wir uns gegenſeitig eine Zeit lang angeſtarrt hatte,—„jetzt habe ich dich!“ „Biude mich los und laß mich gehen!“ rief ich. „Ja,“ erwiederte er,„ich werde dich gehen laſſen! In den Mond ſollſt du gehen, oder in die Sterne. Alles zu ſeiner Zeit!“ „Weßhalb haſt du mich hierher gelockt?“ „Weißt du es nicht?“ verſetzte er mit einem tödtlichen Blicke. „Weßhalb haſt du mich in der Dunkelheit überfallen?“ Weil ich Alles thun will. Einer bewahrt ein Geheimniß beſſer „W als Zwei. O du Feind! du Feind!“ Seine Freude über das Schauſpiel, welches ich ihm gewährte, während er mit gekreuzten Armen am Tiſche ſaß und mir zunickte, hatte etwas ſo Boshaftes, daß ich zu beben begann. Während ich ihn ſchweigend betrachtete, griff er mit der Hand in eine Ecke an ſeiner Seite und nahm eine Flinte hervor, deren Schaft mit Meſſing beſchlagen war. „Kennſt du das?“ fragte er, mit dem Gewehre auf mich zielend. „Weißt du, wo du es früher ſchon geſehen haſt?“ „Ja,“ antwortete ich. „Du haſt mich um die Stelle gebracht. Sprich!“ „Was konnte ich anders thun?“ „Du haſt es gethan, und das allein wäre ſchon genug geweſen. Aber wie konnteſt du auch wagen, dich zwiſchen mich und ein junges Frauenzimmer zu drängen, das ich gern hatte?“ „Wann that ich das?“ „Wann du es gethan haſt? Warſt du es nicht, der dem alten Orlick immer einen ſchlechten Namen bei ihr gab?“ „Du haſt ihn dir ſelbſt gegeben, haſt ihn dir ſelbſt gewonnen. Ich hätte dir nicht ſchaden können, wenn du dir nicht ſelbſt geſchadet hätreſt.“ „Du biſt ein Lügner. Und du willſt weder Mühe noch Geld ſchonen, um mich aus dem Lande zu ſchaffen, nicht wahr?“ ſagte er, dieſelben Worte wiederholend, welche ich bei meiner letzten Zuſam⸗ menkunft mit Biddy geſprochen hatte.„Jetzt will ich dir etwas ſagen. Nie in deinem Leben war es ſo der Mühe werth, mich aus dem Lande zu ſchaffen, wie an dieſem Abend,— mehr als all' dein Geld, zwanzigmal gezählt, bis zum letzten Kupferpenny!“ Während er mir mit ſeiner ſchweren Fauſt drohte und wie ein Tiger dazu knurrte, fühlte ich, daß er die Wahrheit ſprach. „Was willſt du mir thun?“ „Dein Blut will ich haben!“ ſchrie er, indem er mit der Fauſt einen furchtbaren Schlag auf den Tiſch that und dabei aufſtand, um ihm noch mehr Gewicht zu geben,„dein Blut will ich haben!“ Er beugte ſich vor und ſtierte mich an, öffnete damt langſam die Finger ſeiner Hand und fuhr ſich damit über die Lippen, wie wenn ihm der Mund nach mir wäſſerte, worauf er ſich wieder ſetzte.— „Du biſt dem alten Orlick immer in dem Wege geweſen, von früher Kindheit an. Jetzt aber, dieſen Abend, gehſt du ihm aus dem Wege. Er will nichts mehr mit dir zu thun haben,— du biſt todt!“— Ich fühlte, daß ich am Rande meines Grabes ſtand, und blickte mich einen Augenblick wild um, ob keine Möglichkeit des Entkom⸗ mens da ſei; allein es zeigte ſich keine. „Aber was noch mehr iſt,“ fuhr er fort, ſeine Arme auf den Tiſch ſtützend,„kein Fetzen, kein Knochen von dir ſoll auf der Erde bleiben. Ich werde deinen Körper in den Kalkofen werfen,— ich könnte zwei ſolche auf meinen Schultern tragen,— und mögen die Leute von dir denken was ſie wollen, ſie ſollen nie etwas erfahren!“ Mit unbegreiflicher Schnelligkeit überblickte mein Geiſt alle Fol⸗ gen eines ſolchen Todes. Eſtella's Vater mußte glauben, ich habe ihn verlaſſen, wurde ergriffen, und ſtarb mich verklagend; ſelbſt Her⸗ bert konnte nicht anders als zweifelhaft an mir werden, wenn er den D u haſt es gethan. 480 für ihn zurückgelaſſenen Brief mit dem Umſtande zuſammenhielt, daß ich nur einen Augenblick an Miß Havishams Pforte geweſen war. Joe und Biddy erführen nie, welche Reue ich an dieſem Abend em⸗ pfunden hatte, und was ich gelitten, wie aufrichtig meine Empfin⸗ dungen geweſen, und welche Qualen ich erduldet. Der Tod, welcher mir drohte, war ſchrecklich, aber viel ſchrecklicher noch die Furcht, nach dem Tode Denjenigen in einem unrichtigen Lichte zu erſcheinen, welche ſich meiner erinnerten. So ſchnell waren meine Gedanken, daß ich mich bereits von ungebornen Generationen verachtet ſah,— von Eſtella's Kindern und ihren Kindeskindern,— während die Worte dem Böſewicht noch auf den Lippen ſchwebten. „Nun, Wolf,“ ſagte er,„ehe ich dich wie eine Beſtie umbringe, — was meine Abſicht iſt und wozu ich dich gebunden habe,— will ich mich recht an dir weiden und dich peinigen. Oh, du Feind!“ Es war mir in den Sinn gekommen, noch einmal um Hülfe zu rufen, obgleich Niemand beſſer als ich wiſſen konnte, wie abgelegen der Ort war und wie hoffnungslos mein Ruf ſein mußte; allein während er mich anſtierte, er⸗ wachte in mir ein Gefühl von Ab⸗ ſcheu und Verach⸗ tung, das mir Kraft gab und meine Lip⸗ pen verſchloß. Vor allen Dingen nahm ich mir vor, nicht um mein Leben zu bitten, und nicht zu ſterben, ohne jeden Widerſtandzu verſuchen, der mir möglich war. So weich auch meine Gedanken in dieſer äußerſten Noth in Bezug auf alle übrigen Menſchen waren, ſo de⸗ müthig ich den Himmel um Vergebung anflehte, und ſo weh es mir that, daß ich von keinem meiner Lieben Abſchied genommen hatte und nie, nie werde Abſchied von ihnen nehmen können, oder ihnen die Empfindungen meines Inneren erklären und ſie um Nachſicht für die begangenen Fehler bitten,— ſo würde ich doch ihn, wenn es in meiner Macht geſtanden, ſelbſt ſterbend noch haben tödten können. Er hatte getrunken und ſeine Augen waren roth und von Blut unterlaufen. An ſeinem Halſe hing eine Zinnflaſche, wie ich ihn früher oft ſein Eſſen und Trinken hatte tragen ſehen. Er ſetzte die Flaſche an ſeine Lippen und that einen feurigen Zug, und ich konnte den Spiritus riechen, der in ſeinem Geſichte flammte. „Wolf!“ ſagte er, ſeine Arme wieder unterſchlagend,„der alte Orlick will dir etwas ſagen. Du warſt es, der deiner Schweſter den Reſt gab.“ Wie vorher, hatte mein Geiſt wieder, noch ehe Orlacl mit ſeiner lahmen Zunge dieſe Worte ausgeſprochen, mit jener unbegreiflichen Feierſtunden. 1864. ————:B:::õͤ—ͤ————;——— Schnelligkeit den ganzen Gegenſtand, den Angriff auf meine Schwe⸗ ſter, ihre Krankheit und ihren Tod durchflogen. „Du warſt es, Böſewicht!“ erwiederte ich. „Ich ſage dir, es war dein Thun,— es geſchah durch dich,“ erwiederte er, indem er die Flinte aufhob und mit dem Kolben durch die leere Luft zwiſchen uns ſchlug.„Ich kam von hinten auf ſie zu, wie heute auf dich. Ich gab es ihr! Ich ließ ſie für todt liegen, und wenn ein Kalkofen ſo nahe geweſen wäre, wie er dir jetzt iſt, ſo hätte ſie nicht wieder in das Leben zurückkommen ſollen. Aber es war nicht der alte Orlick, der es that; du warſt es. Du wurdeſt verhätſchelt, und der alte Orlick wurde geſcholten und geſchlagen,— ja, geſcholten und geſchlagen! Aber jetzt ſollſt du dafür bezahlen. Du haſt es gethan, und du ſollſt bezahlen.“ Er trank wieder und wurde noch wüthender. Ich ſah an der Art und Weiſe, wie er die Flaſche hob, daß nicht mehr viel darin war. Unverkennbar wollte er ſich mit dem Reſte Muth trinken, um mei⸗ nem Leben ein Ende zu machen. Ich wußte, daß jeder Tropfen darin ein Tropfen meines Le⸗ benswar,— wußte, daß Orlick, nachdem ich in einen Theil jenes Kalkrauches verwandeltworden, der mir, wie mein eigener warnender Geiſt, kurz vorher entgegengedrungen war, mit möglich⸗ ſter Schnelligkeit 2 nach London eilen und ſich dort auf den Straßen und in den Bierhäu⸗ ſern zeigen werde. Meine fliegenden Gedanken verfolgten ihn dahin, machten ſich ein Bild von der Straße, in der er ging, und verglichen die Helle der⸗ ſelben und ihr lebhaftes Treiben mit dem einſamen Moorlande und dem weißen, darüber hinziehenden Dunſte, in den ich dann ſchon auf⸗ gelöst worden war. Ich hätte nicht nur viele Jahre zuſammenfaſſen können, während er ein Dutzend Worte ſagte, ſondern Alles, was er ſprach, zeigte ſich mir auch in Bildern, nicht blos in Worten. In dem aufgeregten Zuſtande meines Gehirns konnte ich an keine Oertlichkeit, an keine Perſonen denken, ohne ſie zu ſehen. Es iſt unmöglich, ſich eine leb⸗ haftere Einbildungskraft zu denken, und dennoch richtete ich die ganze Zeit hindurch die geſpannteſte Aufmerkſamkeit auf ihn wer würde den zum Sprunge herankriechenden Tiger nicht achten!— ſo daß mir auch die leiſeſte Bewegung ſeiner Fi⸗ nicht entging. A (Fortſetzung folgt.) Feierſtunden. 1864. j meine Schwe M 1 6 n ah durch dich dc dich, M em Kolben durch 8 Anten auf ſie zu, für udt liegen, rdir jett iſ, ſ ollen. Aber es Du wurdeſt 1 geſchlagen,— Na ſig dafür bezahlen. 8 Ä1— —— —— — Ic ſch m der mehr viel darin ar. Unverkennbar l ſich mit eſte Muth um mei ein Ende 8 MMäi gge machen. Ich A a te, daß jeder e' 70 vpfen darn 84 an iag 17, opfen meines Le⸗ aſ 6 aswar,— wußte, M Orlick nachdem inen Theil Kalkrauches deltworden, wie mein warnender kurz vorher tgegengedrungen ic, mit möͤglih Schnelligket on eilen dort auf ßen und Bierhau⸗ — ⁸ 5 — — — 2 — P S S S8. P dem aufgerigttn üöktit, an keine ihtiit, wm ch, ſich eint leh⸗ iictete ih di eit auf ihn r richt er Fi ng ſein Feierſtunden. 1864. ——;——:ͤõy—ßy———ͤ———————— Feierſtunden. 1864. Die Blutſchenke in Cexpas. Unſer Journal, der in Galveſton erſcheinende Standard, war eingegangen, und ich dadurch an den Bettelſtab gekom⸗ men, da mein ſeit zwölf Monaten rückſtändiger Gehalt als Unter⸗Redakteur verloren ging. Die⸗Kataſtrophe kam frei⸗ lich nicht unerwartet; vielmehr hatte ich ſeit länger als Jahresfriſt mit Zunge und Feder gegen den Druck des Mißgeſchicks angekämpft; allein unſere Leitartikel machten keinen Eindruck auf das Publikum von Texas, die Tages⸗ nenigkeiten kamen in der Regel zu ſpät, unſere beſten Cor⸗ reſpondenten gingen zum Feinde über, und unſere Politik fand keinen Anklang. Der Standard war ein republika⸗ niſches Journal, und die Texaner ſind meiſtens Demo⸗ kraten. Wir fielen„mit großem Lärm“. Die Gerichts⸗ beamten nahmen unſere Preſſen, Lettern und Papiervorräthe in Beſchlag, und der arme alte Methley, der Eigenthümer des Geſchäfts, nachdem er in ſeiner gewohnten Schenke neunzehn Gläſer Brandy ſchnell nach einander getrunken hatte, machte einen unglücklichen Sprung vom Hafendamme, und wurde drei Stunden ſpäter kalt und todt aus dem Waſſer gezogen. Der Haupt⸗Redakteur, Seneca Jollith, war ſo glücklich, eine Stelle als Sekretär bei ſeinem Vet⸗ ter, Brakley Jollith, dem Geſandten der Vereinigten Staa⸗ ten in Stockholm, zu erlangen; und was mich betraf, ſo war der Horizont über mir nie ſo dunkel geweſen wie jetzt, ſeitdem ich vor mehreren Jahren mit fünftauſend Pfund, dem Ueberreſt eines viel größeren, in Spekulationen ge⸗ opferten Vermögens, nach Amerika gekommen war. Ich hatte während meines ſiebenjährigen Aufenthaltes viel ver⸗ ſucht und viel gelitten, und ſah mich jetzt wieder ohne Beſchäftigung und von allen Mitteln entblößt. Unter dieſen Umſtänden hielt ich es für ein großes Glück, als ſich mir eine Lehrerſtelle in der Stadt Auſtin bot. Das Einkommen derſelben betrug ungefähr neunhundert Dollar, und die Naturalien, welche mir die Eltern meiner hoffnungsvollen Zöglinge lieferten, waren auf weitere ein⸗ hundert Dollar anzuſchlagen. Ich ſuchte alſo, was mir von Latein, Griechiſch und Mathematik aus früherer Zeit übrig geblieben war, zuſammen, und wurde im Ganzen mit meiner Aufgabe recht wohl fertig, das heißt, ich lehrte wirklich, was ich zu lehren vorgab,— ein Umſtand, der in Amerika, und namentlich in den ſüdlichen Staaten, nicht gewöhnlich iſt. In Europa ſind alle Berufszweige ſo ſtreng geſchie⸗ den, daß ein Lehrer nicht wohl ein anderes Fach, als das des Unterrichts, ergreifen kann; anders aber iſt es in Amerika. Die Regel:„einmal Schullehrer— immer Schullehrer,“ gilt dort nicht. Der Vorſteher einer Er⸗ ziehungsanſtalt iſt ſelten für dieſen Beruf gebildet worden, und kein Grund exiſtirt, weßhalb ein Schullehrer nicht vor⸗ her ſchon Schiffskapitän, Kellner, Plantagen⸗Aufſeher oder Beſitzer eines Spielhauſes geweſen ſein ſollte, und ſpäter noch Offizier, Farmer, Prediger, Senator oder Geſandter werden könnte. Viele Amerikaner, wie Haji Baba, haben alle dieſe Grade durchgemacht. Ich war kein Nankee, aber hatte lange genug in der neuen Welt gelebt, um mich auch den Umſtänden fügen zu lernen, und ſah deßhalb meine Schule in Auſtin nur als einen einſtweiligen Ruhepunkt auf der⸗Leiter des Lebens an, der mir Zeit gewährte, mich nach etwas Beſſerem um⸗ zuſehen. Ich erfüllte meine Pflichten, aber nicht mit Luſt und Liebe. Auch der beſte Jugendlehrer würde an mei⸗ nen Zöglingen irre geworden ſein. Dieſe jungen texani⸗ ſchen Bürger, welche nie die leiſeſte Regung der anderen Knaben eigenen Ehrfurcht eines Schülers vor ſeinem Leh⸗ rer empfanden, ſahen mich nur als einen Händler an, der ihnen Wiſſenſchaft gegen einen beſtimmten Preis verkaufte, und ſuchten deßhalb ſo viel als möglich für die von ihren Eltern gezahlten Dollar aus mir herauszubringen, wäh⸗ rend ſie ſich übrigens in ihrem Benehmen gegen mich kalt und gleichgültig zeigten. Unter ſolchen Umſtänden war es natürlich, daß ich nach Beförderung zu einem anderen Be⸗ rufe ſtrebte, und ſehnlichſt den Tag herbei wünſchte, an dem ich meine Sprachlehren und Wörterbücher für immer bei Seite legen konnte. Endlich bot ſich eine herrliche Gelegenheit. Der alte Major Mac Manus, Inſpektor der Grenzpolizei, gab mir einen geheimen Wink, daß er ſein Amt niederzulegen beabſichtige. „Warum bewerben Sie ſich nicht um meine Stelle, Kapitän?“ ſagte der gutmüthige alte Mann. Mir gebührte, beiläufig geſagt, der Titel„Kapitän“ nicht, denn ich war früher nur Lieutenant in engliſchen Dienſten geweſen; allein die Amerikaner legten mir dieſen höheren Grad bei. „Weßhalb thuen Sie es nicht?“ fuhr er fort.„Es wäre doch jedenfalls eine beſſere Beſchäftigung, als den dickköpfigen Buben meines Bruders Mark Latein und Al⸗ gebra einzubläuen? Sie werfen ſich geradezu weg, Kapitän. Jeder Andere könnte die Schularbeit verrichten, aber eine feſte Hand muß es ſein, welche unſere Grenzrowdies*) und die indianiſchen Vagabunden in Zaum und Ordnung halten will. Selbſt Mark, obgleich er ärgerlich iſt, weil ſein Aelteſter nicht den Deklamationspreis bekommen hat, ſagt, Sie ſeien zu gut für einen Schulmeiſter.“ „Sie ſchmeicheln mir, Major,“ erwiederte ich un⸗ ſchlüſſig;„aber ſelbſt wenn ich die erforderliche Qualifi⸗ kation für die Stelle des Inſpektors beſäße, wäre für mich keine Hoffnung da, ſie zu erlangen.“ dat, der lange gegen die Mexikaner gefochten hatte;„und icht? Die Stelle muß beſetzt werden, und weß⸗ warum ni w halb ſollten Sie nicht eben ſo gut in's Schwarze ſchießen, ich in der Provinz fremd wie irgend ein Anderer?“ Meine Antwort war, daß und ein Ausländer ſei, keine Empfehlungen hab, und auch nicht die geringſte Erfahrung in Polizeiangelegenheiten be⸗ ſitze. Der Major war ein treuer Freund; er verwarf nicht nur meine Einwendungen mit der Bemerkung, daß ein Menſch waten müſſe, ehe er ſchwimmen könne, ſondern erbot ſich auch, ein gutes Wort bei dem Gouverneur der Provinz für mich einzulegen. Ungefähr zehn Tage ſpäter wurde ich zum Gouver⸗ neur beſchieden. Ich war mit General H— nur ſehr ent⸗ fernt bekannt, aber wußte, welchen hohen Ruf er in Be⸗ zug auf Eifer und ſtrenge Redlichkeit genoß. Populär war er eigentlich nicht, weil ſein ſchroffes Weſen und ſeine ſtolze Sprache Manchen abſtießen; allein in Zeiten der Gefahr blickten alle Augen der texaniſchen Coloniſten in⸗ ſtinktmäßig auf ihren alten Befehlshaber. Amerikaniſche *) Rowdies— Leute, welche gegen Bezahlung Dienſtleiſtungen jeder Art, ſelbſt die Ermordung Anderer, übernehmen, den italieni⸗ ſchen bravi ähnlich. — „Nicht?“ verſetzte der alte Offizier, ein rauher Sol⸗ Beam bedien Spra Gener den, ſteifer riſche chen folger licher ſelten mich ohne von Pflie will Ma mög der; dem gnü⸗ thun ſuch Sta ſchä der ungen texani⸗ der anderen ſeinem Leh⸗ ndler an, der reis verkauſte, die von ihren ngen, wäh⸗ mich kalt nden war es anderen Be⸗ für immer eine herrliche Ir ripetor der „ daß er ſein meine Stelle, 1„Kapitän“ in engliſchen n mir dieſen fort.„Es ing, als den tein und Al⸗ deg, Kapitän. aber eine growdies) ind Ordnung lich iſt, weil kommen hat, n, derte ich un⸗ ichee Qualif⸗ räre für mich rauher Sol⸗ hatte;„und n, und weß⸗ urze ſchitßen Ben ig oniſten Ameri ltaniſche ol ; mßtleiſtn ngen . de nalieni⸗ Feierſtunden. ——⏑;—⅓—⅓½½—ꝛ—ꝛ—————— Beamte, welche ihre Stellung durch Wahl erlangt haben, bedienen ſich in der Regel einer ſehr ſanften, gefälligen Sprache gegen ihre Wähler; anders war es jedoch mit Gener—. Groß, mager, in einen eng anſchließen⸗ den, en zugeknöpften blauen Rock gekleidet, mit hohen, ſteifen feln und Sporen, ſah er wie ein ächt militä⸗ riſcher Z nie aus; und mit der Stimme eines ſol— chen ſagte er Meine durch kdringenden Blicke auf u mich richtend: „Mac Mrnus hat mir angezeigt, daß Sie ſein Nach⸗ folger werden wulleo und verſichert, daß Sie ein recht⸗ licher Mann ſeien,— eine Eigenſchaft, die jetzt überall ſelten iſt. Ha! Verſtehen Sie etwas vom Pozzeidienſt?“ Die letzte Frage ſprach er mit einer Schnelligkeit, die mich faſt überraſchte. Deſſen ungeachtet antwortete ich ihm ohne Zaudern die Wahrheit, und ſagte, daß ich, abgeſe da von dem, was ich durch Hinenſaden erfahren, mit den Pflichten eines Polizei⸗Inſpektors völlig unbekannt, aber willens ſei, ſie gründlich zu erlernen, und von Mac Manus gehört habe, daß dies in einem Monat recht wohl möglich ſei. Des Gouverneurs ſtrenge Züge wurden bedeutend mil⸗ der; ſein funkelndes Auge drückte Beifall aus, und mit dem ihm eigenthümlichen grimmigen Lächeln erwiederte er: „Das gefällt mir! Es macht Einem wirklich Ver⸗ gnügen, wenn man mit einem eingeborenen Britten zu thun hat. Ein lügneriſcher Nankee hätte jedenfalls ver⸗ ſucht, mich glauben zu machen, daß er ſchon früher im Staatsdienſte und grade in dieſem Verwaltungszweige be⸗ ſchäftigt geweſen ſei. Wahrheit iſt die beſte Politik, wenn 49 alte H— die Wage hält. Aber hören Sie,“— fügte er, ſeine ſtrenge Miene wieder annehmend, hinzu,—„die Stelle iſt nicht ſo ohne Weiteres zu erlangen; ſie muß er⸗ worben werden. Wie Sie ſelbſt ſagen, fehlt Ihnen noch die eigentliche Qualifikation dazu; Sie müſſen alſo eine Probe Ihrer Fähigkeiten liefern.“ „Nichts wäre mir erwünſchter!“ rief ich, aber biß mir im nächſten Augenblicke auf die Lippen, aus Furcht, etwas Albernes, oder vielmehr etwas Verſtändiges auf recht alberne Weiſe geſagt zu haben, da es ſchicklich iſt, daß Kandidaten einen ſehr beſcheidenen Ton beobachten. Allein meine Beſorgniß war ungegründet; im Gegentheil, Gene⸗ ral H— s Geſicht klärte ſich bei meinen Worten bedeutend auf, und jetzt erſt lud er mich höflich ein, Platz zu neh— men. Dann zog er aus einem geheimen Fache ſeines T Schreibpultes mehrere Papiere hervor, legte ſie auf den mhen unpolirten Mahagonitiſch, und ſetzte ſich neben mi „Das Geſchäft, deſſen Ausführung ich von Ihnen verlange, Kapitän Kendat,“ ſagte er,„iſt nicht ohne große Schwierigkeiten; es erfordert Beſonnenheit und Vorſich. Gelingt es Ihnen, ſo ſollen Sie des Majors Stelle haben, ſobald er abtritt; gelingt es Ihnen aber nicht, ſo iſt— ich warne Sie— leicht mehr als Ihr bloßes Gehalt da— bei zu verlieren.“ Er machte mit der mageren Hand eine ſchneidende Bewegung über ſeinen knöchernen Hals, und fuhr dar⸗ auf fort: „Außer Mac Manus und mir hat Niemand eine Ahnung von dem, was Sie hören werden; und ſelbſt uns wäre ohne die Depoſitionen eines Trappers?), welche in dieſen Papieren enthalten ſind, nichts davon bekannt. Von ihm haben wir Licht über ein ſo ſchändliches Treiben be⸗ *) Jäger in den amerikaniſchen Wildniſſen. ————— 1864. 483 wie es bis jetzt in Texas noch nicht da geweſen iſt. Aber ehe ich fortfahre, laſſen Sie mich fragen⸗ ob Ihnen nicht ſelbſt ſchon Gerüchte über Reiſende zu Ohren dekomran ſind, welche den Weg nach der mexkkaniſchen Grenze angetreten haben, und von denen man nie wieder etwas gehört hat? Leonard Smith, zum Beiſpiel, und ſeine Frau, Sennor Joſé Guzman mit ſeinen Kindern und Dienern, die Thorgoods, Zimri Sickle und viele Andere?“ Ich erwiederte, daß ich mich allerdings erinnere, von dem Verſchwinden dieſer Perſonen gehört zu haben, und zwar mit der Vermuthung, daß ſie von Indianern gefan⸗ gen oder ermordet worden ſeien. „Ach was, Indianer!“ rief General H— mürriſch. „Die Comanches müßten breite Schultern h haben, wenn ſie außer der Laſt ihrer eigenen Sünden auch noch diejenigen tragen ſollten, welche ihnen unverdient n gewackt werden. Nein, nein, Lapitün⸗ die Indianer haben nichts mit dieſer Sache zu thun. Leſen Sie nur die Papiere, dann wird Ihnen Alles klar werden.“ Ich las, und fühlte meine Wange erbleichen, meine Lippe beben, und mein Aune ſtarr werden. „Gerechter Himmel! rief ich unwillkürlich,„iſt es möglich, daß ein ſo ſchändl icher Bluthandel im neunzehn⸗ ten Jahrhundert und in einem chriſtlichen Lande beſtehen kann?“ „Ich wundere i über Ihr Staunen nicht,“ ver⸗ ſetzte der General;„allein in einer erſt ſeit kurzer Zeit an⸗ gebauten und noch ſo wilden Gegend, wie Texas, ſind ſolche Verbrechen natürlich eher möglich und leichter ausführbar, als in den ſchon Lasthe koloniſirten anderen Theilen von Amerika. Wir haben, wie Sie wiſſen, eine ſehr gemiſchte Bevölkerung, welche großen Theils aus Menſchen beſteht, die dem Geſetze entflohen und zu Allem fähig ſind. Aber zur Sache! Wollen Sie es unternehmen, dieſe dunkle An⸗ gelegenheit zu enthüllen?“ Ich erklärte mich bereit, worauf der Gouverneur mir die näheren Umſtände mittheilte, aus denen ſich mit Be⸗ ſrunmiheit ergab, daß die vermißten Perſonen von anderen Händen als denen der Indianer ermordet worden ſeien. Einige Schmuckſachen von keinem ſehr großen Werthe, das frühere Eigenthum der Töchter Joſé Guzman's, eines rei⸗ dhen Grundbeſitzers, waren in der Stadt St. Antonio von einem nepilanäſch en Hauſirer verkauft worden; und Mr. Thorgoods gold lenr Uhr, mit ſeinem auf der inneren Seite eingegrabenen Namen, hatte ein texaniſcher Reiſender in einer der kleinen Städte von Neu— Mexiko bei einem Juwe⸗ lier zum Verkaufe aushängen ſehen, der ſich weigerte, zu erklären, auf welche Weiſe er in den Beſitz derſelben ge⸗ kommen ſei. Den vollſtändigſten Beweis von einem ver⸗ brecheriſchen Treiben lieferte jedoch ein wilder Trapper aus den Felſengebirgen. Dieſer Mann hatte eine Privataudienz beim Gouverneur nachgeſucht und ihm entſetzliche Dinge von einer an der Grenze belegenen einſamen Schenke er⸗ zählt, wo Reiſende, welche Geld oder Geldeswerth bei ſich führten, für immer ſpurlos verſchwänden, und deren Thür kein Gaſt, deſſen Beraubung der Mühe werth war, lebend wieder verlaſſe. Ich las die Depoſition des Trappers. Sie war nach den mündlichen Angaben des Mannes, der weder leſen noch ſchreiben konnte, flüchtig zu Papier gebracht wor⸗ den, trug aber eine ſchreckliche Wahrſcheinlichkeit in ſich. Dennoch ſchien es kaum glaublich, daß ſolche Dinge ſich in einem Lande ereignen ſollten, wo, wenn auch gewalt⸗ thätige, in Leidenſchaftlichkeit verübte Handlungen häufig geſchahen, planmäßig ausgeführte Verbrechen, in Ganzen 61¾ kommen, 484 Feiexſtunden. 1864. genommen, doch ſelten waren. Ich wußte nicht, ob ich ich zu präſidiren die Ehre habe, und ich wünſche nichts die Angaben des Trappers für abſichtliche Erdichtungen, ſehnlicher, als die Enthüllung der Wahrheit. Allein wir oder Illuſionen eines Wahnſinnigen, oder für wahre Be⸗ müſſen klare Beweiſe haben. Geben Sie uns dieſe, und richte einer rohen, ungebildeten Zunge halten ſollte. Sie ſollen dann keine Urſache mehr finden, unſere Unent⸗ „Aber weßhalb wurde dieſer wichtige Zeuge nicht feſt⸗- ſchloſſenheit zu tadeln.“ gehalten?“ fragte ich erſtaunt;„und weßhalb wurde nicht So kam es, daß ich drei Tage ſpäter in Begleitung ſogleich der Befehl erlaſſen, das Haus des verdächtigen des alten Major Mac Manns die Stadt Auſtin zu Pferde Schenkwirthes zu durchſuchen, und—“ verließ, um ein Geſchäft zu unternehmen, deſſen Gefahren „General H— lachte in ſeiner gewöhnlichen trockenen und Unannehmlichkeiten ich mir nicht verhehlen konnte. Der Weiſe. Major befand ſich in beſter Laune, und trug ſeine ver⸗ „Kapitän,“ unterbrach er mich,„Ihre britiſche Er⸗ ſchoſſene Uniform mit heiterer Miene als gewöhnlich. Ich ziehung läßt Sie die amerikaniſchen Verhältniſſe durch eine dagegen war unruhig und niedergeſchlagen. Die Ausſicht engliſche Brille betrachten. Wir leben hier nicht in einem auf einen guten Poſten ſchimmerte zwar lockend vor meinen Ihrer alten europäiſchen Länder, wo alle Klaſſen eine aber⸗ Augen, aber ein widerwärtiges Geſchäft lag zwiſchen mir gläubiſche Ehrfurcht vor dem Geſetze haben. Wie konnte und dieſer Hoffnnng. Mit großer Mühe hatte ich endlich ich den Trapper feſthalten? Der Mann hatte volle Frei⸗ einen Subſtituten zu meiner Vertretung in der Schule ge⸗ heit, zu gehen wo⸗ funden, da meine hin er wollte. Es Abweſenheit meh⸗ war ein roher Dia⸗ rere Wochen dauern mant; er konnte konnte, hatte mich kaum verſtändlich mit einem Pferde, reden, und miſchte Büchſe und Jagd⸗ fortwährend india⸗ meſſer verſehen, mei⸗ niſche und ſpaniſche nen Revolver gela⸗ Ausdrücke in ſeine den, und befand mich Geſchichte, die wir, nunmehr auf dem Mac Manus und Wege. ich, entziffern und„Sie reiten da überſetzen mußten, I einen hübſchen Mu⸗ ſo gut wir konn⸗ Bſtang,“ ſagte der ten. Nach ſeiner eige⸗ M Major, mein Pferd nenSchilderung ent⸗! mit Kennerblicken kam er der Raub⸗ betrachtend,„ein höhle auf wunder⸗ ſchönes Thier. Jah bare Weiſe, nament⸗ Kſehe, das linke Ohr lich durch ſeine Ar⸗ iſt gekerbt, und die muth und ſein wil— Hufe waren ſo ſtark des, rohes Aeußere; gewachſen, daß der aber er drückte die Schmied eine bedeu⸗ Abſicht aus, dahin tende Quantität hat zurück zu kehren, um W ²³ 8 abſchälen müſſen, die Sache genauer(Zu Seite 486.) ehe er das Eiſen zu unterſuchen.“ auflegen konnte: ein „Glauben Sie, daß er es gethan hat?“ fragte ich. Zeichen, daß das Thier in den Händen von Indianern „Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ erwiederte der Ge⸗ geweſen iſt, die ihre Pferde nie beſchlagen. Wahrſchein⸗ neral, die Achſel zuckend.„Sehr wahrſcheinlich ſchießt und lich haben es die Rothhäute einmal irgendwo geſtohlen.“ jagt er jetzt wieder in irgend einer unbetretenen Wildniß Nachdem er auf dieſe Weiſe meinem Pferde ſein Lob von Arizona oder Neu⸗Mexiko. Dieſe Trapper ſind nicht geſpendet hatte, wendete ſich ſeine Aufmerkſamkeit mir wie andere civiliſirte Menſchen; ſie dulden keinen Zwang, ſelbſt zu. 3 und haben eine große Scheu vor allen Förmlichkeiten un⸗„Sie reiten nicht übel, Kapitän,“ war er freundlich ſerer Gerichtshöfe. Was den Befehl zur Hausſuchung be⸗ genug zu bemerken,„viel beſſer als die hochſchulterigen, trifft, ſo konnte ich nicht wagen, auf Grund dieſer Anzeige langbeinigen und ungeſchickten Nankees im Norden. Ich einem naturaliſirten Bürger, wie Van Klein iſt, eine ſolche bin in Tenneſſee aufgewachſen, wo die Pferdezucht zu Hauſe Schmach zuzufügen. Er iſt kein unvermögender Mann, iſt, und verſtehe etwas vom Reiten. Aber Sie ſehen ver⸗ und Kapitän in der Miliz. Die Einwohner würden ein ſtimmt aus, Kapitän, was iſt es? he?“ willkürliches Eindringen in ſein Haus nicht gut geheißen Ich geſtand offenherzig, nicht in ſehr heiterer Laune zu haben, und ein Gouverneur muß immer die öffentliche Mei⸗ ſein. Der Major hielt ſein Pferd an, und betrachtete mich nung berückſichtigen.“ verwundert.. Ich gab keine Antwort, aber ohne Zweifel drückten meine„Was?“ rief er, ſich mit der flachen Hand auf das Geſichtszüge Mißbilligung aus, denn der General legte ſeine Bein ſchlagend.„Furcht? Sie und Furcht?— Eher hätte Hand auf meinen Arm und fuhr fort: ich meinen Hut, Stiefeln und Alles gegeſſen, als jemals „Beurtheilen Sie mich nicht unrichtig! Ich verabſcheue das von Ihnen geglaubt!“ nicht minder als Sie die Unthaten, welche, wie leider nicht zu Ich beruhigte den Major über ſeine Beſorgniſſe in bezweifeln iſt, in dem Staate verübt worden ſind, dem Betreff meines Muthes, und gab ihm die Verſicherung, daß en Gefahren konnte. Der g ſeine ver⸗ öhnlich. Ich Die Ausſicht d vor meinen wiſchen mir tt ich endüch r S* ule ge⸗ a, da weine nheit meh⸗ Lochen dauern „ hatte mich no Pfor inem Pferde, or auf dem Sie reiten da hübſchen Mu⸗ ſagte der r·, mein Pferd trachtele es nicht Unruhe um meine perſönliche Sicherheit ſei, was mich bewege, aber geſtand ihm auch, daß ich nur mit Widerwille an das mir bevorſtehende Geſchäft ginge; denn was ich zu thun hatte, war der Handlung eines Spions ſo ähnlich wie ein Ei dem anderen. Der Major ſchlug ſich auf die Bruſt. „Jeruſalem!“ ſchrie er,„Kapitän, in der ganzen Schöpfung gibt es keine ſo wunderlichen Kreaturen, wie ihr Briten ſeid! Betrachten Sie die Sache von der rech⸗ ten Seite! Da iſt ein Neſt voll von verwünſchtem Gewürm in menſchlicher Geſtalt, ſchlimmer und giftiger als alle Klapperſchlangen Amerika's, und Sie haben noch Bedenken, die Welt davon zu befreien? Wie ſollen denn die Strolche beſtraft werden, wenn die Wahrheit nicht an das Licht ge⸗ bracht wird? Sollen ſie etwa unbeſtraft bleiben? Junger Mann, alles Blut, das dieſe Böſewichter noch vergießen würden, müßte über Sie kommen!“ Ich ſah ein, daß der Major enenngg Recht tte, d ſ afrenr hhrber 8' 1 Wirkung ſeiner Wea Vorſtellungen ließ es der alte Mann nicht an gutem Rathe fehlen. „Reiten Sie jetzt nach der Stadt St. Antonio,“ be⸗ merkte er,„und übergeben Sie die⸗ ſes Schreiben an den dortigen She⸗ riff Moreno. Er iſt ein braver Mann, und ſeines ſpaniſchen Namens ungeachtet dem Staate treu erge⸗ ben. Niemand kennt die Kniffe und Schliche der texa⸗ niſchen Rowdies ſo gut wie er, und kein Menſch kann Ihnen beſſeren Rath ertheilen, um wieder mit heiler Haut aus dieſer Unternehmung zu kommen. Adieu, Kapitän. Ich hoffe, Sie noch als Polizei⸗Inſpektor in meinen Schuhen zu ſehen!“ Wir drückten uns die Hände und ſchieden, worauf ich meinen Weg nach St. Antonio fortſetzte und dort das Be⸗ glaubigungsſchreiben dem Sheriff Moreno, einem Manne von vortrefflichem Charakter und großer Einſicht, übergab. Mit ihm hatte ich eine lange Unterredung, und verdankte in der Folge ſeinen weiſen Rathſchlägen allein die glückliche Erreichung meiner Zwecke und ſeiner bereitwilligen Hülfe die Mittel zur Ausführung. Die Schenke, deren Beſitzer in jenem finſteren Ver⸗ dachte ſtand, lag in einer ſehr einſamen Gegend, unfern dem Ufer des Fluſſes St. Miguel. Keine andere menſch⸗ liche Wohnung war im Unkreiſe von dreißig Meilen zu finden, und ſüdlich erſtreckte ſich ein in ſehr üblem Rufe ſtehender Diſtrikt, in welchem feindliche Indianer zu hau⸗ ſen pflegten. Ich nahte mich dem Hauſe jedoch abſichtlich von der ſüdlichen Seite, und hatte zu dieſem Zwecke einen h 1 V 1 —————r—r——n—n——ʒy 485⁵ —; weiten Umweg gemacht, weil ich den Beſitzer über die Ge⸗ gend täuſchen wollte, aus der ich kam. Mein Pferd hatte ich in St. Antonio zurückgelaſſen, und an ſeiner Stelle einen ſchwarzen Muſtang, von außerordentlicher Kraft und Schnelligkeit, aus Moreno's Stall entliehen; denn Letzte⸗ rer, dem der gefährliche Charakter des älteren Van Kleins durch Gerüchte hinlänglich bekannt war, hatte mich gewarnt, daß im Falle eines Mißlingens des Unternehmens mein Leben wahrſcheinlich von der Schnelligkeit meines Pferdes abhängen werde. Die Schenke beſtand aus einem langen, niedrigen, von ganzen Baumſtämmen und Schalbrettern errichteten Ge⸗ bäude mit einem Schindeldach. Vier bis fünf rieſige Bäume, welche um ihres Schattens willen von der Axrt verſchont worden waren, ſtanden in der Nähe des Hauſes, hinter welchem ein dichtes, wild verwachſenes Gebüſch lag, wäh⸗ rend zahlreiche, aus dem üppigen Ra⸗ ſen hervorquellende . Bäche anzeigten, e daß der Boden ſumpfiger Art war. Ein weiter Hof ſchloß ſich an das Gebäude, der von einigen halb ver⸗ fallenen Scheunen und Ställen um⸗ geben, und auf der einen Seite mit einer ſtarken Palli⸗ ſade, zum Schutze gegen feindliche In⸗ dianer, verſehen war. Jenſeits brei⸗ tete ſich die weite Prairie aus, ein See von Gras und Blumen, die ſich bis in endloſe Ferne ergoß und am Ran⸗ de des Horizontes mit dem blauen Aether verſchmolz. Dieſem nicht ſehr einladenden Wirthshauſe nahte ich mich jetzt in kurzem Galopp, und hielt vor der Thür des Gartenzauns an, welche nur durch zwei kreuzweiſe über einander gelegte Bäumchen verſchloſſen war. „Holla! Holla!“ rief ich vom Sattel aus,„Wirthſchaft!“ In der halb geöffneten Thür der Schenke, grade un⸗ ter dem Schilde, welches in halb verwiſchter Schrift die Anzeige trug, daß Van Klein für Menſch und Thier„gute Nachtherberge“ biete, ſtand ein Mädchen. Sie war groß und wohlgebaut, hatte ihr dunkles Haar, nach mexikaniſcher Sitte, in einem rothſeidenen Netze, und trug ein buntes, gelb und ſchwarz geſtreiftes Jäckchen, darunter ein ſpani⸗ ſches, mit entfärbter Silberſtickerei geſchmücktes Mieder. Allein es war nicht dieſer vernachläſſigte fremdartige Putz, was meine Aufmerkſamkeit anzog, ſondern der ſeltſame Ausdruck in dem ſchönen, bleichen Geſichte des Mädchens, mit den ſchwarzen Augen und den fein geſchnittenen Zügen. Die Augen hatten einen ſtarren, traurigen Blick, ihre Lip⸗ pen zuckten krampfhaft, und auf der ſchönen Stirne lag 1 eine tiefe Wolke, die ihre Sanftmuth ſtörte. ihre Stimme ſchien zu beben; Klang einer Sterbeglocke an das Ohr ſch „Holla! Wirthſchaft!“ her, während mein Pferd gleichfalls, wie Einlaß begehrend, zu wiehern und zu ſtampfen begann. Die in den Ställen des Hofes befindlichen Thiere antworteten darauf, und ein Kettenhund ließ ein tiefes Bellen hören. Das junge Mäd⸗ chen hatte, träumeriſch über die weite Prairie blickend, weder mein Kommen, noch meinen erſten Ruf gehört. Jetzt fuhr ſie auf, wie ein plötzlich aus dem Schlafe Erwachen⸗ der, näherte ſich langſam und ſchaute mich an, ihre Augen mit der Hand ſchützend. In der ganzen Haltung und Er⸗ ſcheinung des jungen Weſens lag etwas Sonderbares, Thea⸗ traliſches, das mich vielleicht zu einer anderen Zeit zum Lachen gereizt hätte; allein in dieſem Augenblicke empfand ich keine Neigung dazu.(Siehe Bild auf S. 484.) „Kann ich hier Nachtherberge finden?“ fragte ich, miei⸗ nen Hut abnehmend und mich tief verbeugend, wie es allen Frauenzimmern gegenüber in ganz Amerika Sitte iſt. Das junge Mädchen zauderte einen Augenblick, und denn zwei⸗ oder dreimal ſetzte ſie an, ehe ein hörbarer Laut aus ihren Lippen kam. „Ihr könnt bedient werden, wie Ihr wüaſchet, Frem⸗ der,“ ſagte ſie endlich.„Ihr ſeid willkommen!“ Es waren einfsche Worte, die aber in einem hohlen Tone geſprochen wurden, der traurig und ſeltſam wie der lug. „Ich komme von Süden herauf, den Weg von Mextko,“ ſagte ich mit ſo patürlichem und gleich gültigem Tone, als mir möglich war,„und habe darauf gerechnet, hier die Nacht bleiben zu können. Aber vielleicht ſind Ihr nicht darauf eingerichtet, Gäſte zu empfangen? Wenn das der Fall iſt, ſo will ich Euch keine Unruhe verurſachen. Ich habe noch eine Stunde Tageslicht, und kann weiter reiten.“ Das Mädchen blickte nach der Sonne, und ſah mich dann mit der wirren, unentſchloſſenen Miene eines Men⸗ rief ich noch lauter als vor⸗ —————; Der Einladung Folge leiſtend, ſtieg ich ab, und der Wirth entfernte die beiden Bäumchen von der Thür und ließ mich eintreten.. „Auf zehn Meilen weit ſteht hier kein Haus,“ ſagte er, die Pforte wieder ſchließend,„und ich weiß wirklich nicht, ob unſere Speiſekammer wohl beſtellt iſt; aber gutes Getränk haben wir wenigſtens im Keller. Cornelius Van Klein kann ſeinen Gäſten, abgeſehen von Whisky und Brandy, eine ſo kräftige Flaſche Wein vorſetzen, wie der Gouverneur von Texas. Der Schenkoirth ſprach ſehr gut engliſch, aber mit holländiſchem Accent. Ich würde jedoch auch ohne letzte⸗ ren einen Einwanderer aus Europa in ihm erkannt haben; denn die neue Welt erzeugt nicht ſo ſtämmige, breitſchul⸗ terige Figuren, wie die Van Kleins war, in welcher her⸗ kuliſche Kraft mit Gewandtheit gepaart waren. Auch ſeine Geſichtsfarbe, von Natur roth, obgleich durch die Einwir⸗ kung ungeſunder Hitze und einer beſchwerlichen Lebensweiſe etwas gebleicht, war unzweifelhaft europäiſch. Das Mädchen hatte ſich bei dem erſten Worte ihres Vaters erſchreckt zurückgezogen, und ich befand mich mit ihm allein. Während er dienſtfertig den Zügel meines Pferdes ergriff, um das Thier nach dem Stalle zu ziehen, ſah ich, daß ſeine Hand außerordentlich muskulös und haarig wie die Tatze eines Bären war. „Sind viele Reiſende dieſes Jahr hier vorbei gekom⸗ men?“ fragte ich, die Betonung und Sprechweiſe der Ame⸗ rikaner ſo viel als möglich nachahmend; denn wenn gleich Van Klein mich wohl bereits als Engländer erkannt hatte, ſo glaubte ich doch unter der Maske eines Nankee ſicherer gegen Verdacht zu ſein. 4 „Nicht übermäßig viele,“ erwiederte der Wirth;„es iſt eine einſame Straße. Ein ſchmuckes, flinkes Thier— ſchen an, bei welchem der Wahnſinn dem Ausbruche nahe iſt. „Ja,“ murmelte ſie,„es iſt noch Tageslicht, und das Pferd iſt noch friſch. Ihr könntet bis Coopers Farm, am St. Miguel, kommen, und—“ „Und wenn er auch bis dahin käme, könnte Cooper ihm ein ſo gutes Bett und Abendeſſen geben we Corne⸗ lius Van Klein, du alberne Dirne?“ rief eine tiefe Stimme an meiner Seite. Ich blickte mich ſchnell um; der gefürchtete Schenk⸗ wirth ſtand neben mir,— ein Mann mit breiter Bruſt, von mittlerem Alter, in einer braunen Tuchkleidung, die in Bezug auf Stoff und Schnitt ſehr unamerikaniſch war. Van Klein mochte ungefähr fünfzig Jahre alt ſein, aber in ſein krauſes Haar miſchte ſich nur erſt wenig Grau, während ſeine tiefliegenden Augen mit allem Feuer einer energiſchen Natur funkelten, und die ſcharfen Geſichtszüge des Mannes Schlauheit, Entſchloſſenheit und feſten Wil⸗ len ausdrückten. Er trug eine rothe Mütze auf dem Kopfe, und in ſeinen Ohren goldene Ringe, wie Seeleute häufig zu thun pflegen. „Seid Ihr der Beſitzer des Gaſthauſes?“ fragte ich mit höflichem Tone. „Ich bin der Wirth dieſer Schenke,“ erwiederte er Euren Sternen danken, daß ich in der Nähe war, als meine einfältige Tochter Euch weiter Wetter und Hagel! Die Nacht wird verwünſcht dunkel werden, und ein Fremder kann hier Moraſt verſinken. barſch, und Ihr möget zu Cooper ſchicken wollte. leicht ſeinen Weg verlieren und in den Aber kommet nur herein, Freund, kommet herein!“ traben laſſen?“ llerdings, ich mußte wohl,“ verſetzte ich lachend; denn es iſt für Jemand, der Gold bei ſich führt, keine angenehme Sache, bei Nacht durch die Prairie zu reiten.“ „Gewiß nicht,“ bemerkte Van Klein haſtig;„aber hier iſt der Stall.“ 4 Mit dieſen Worten warf er die halb zerbrochene Thür auf, und ließ mich einen langen, niedrigen Schuppen, mit einer Krippe und Raufe, ſehen, die zwar von ſehr roher Arbeit waren, aber Platz für zwanzig Thiere gewährte. Der Stall war übrigens nicht ganz leer; es ſtanden zwei Pferde darin, großes, aus dem Norden ſtammendes Pferd, welches das meinige mit Wiehern und Stampfen begrüßte. Außerdem befanden ſich fünf Mauleſel dort, Sſsgin Texas gewöhnlich zum Feldbau und anderen Arbeiten erwendet werden. „Euer Klepper wird ſich hier wohl befinden, Frem⸗ der,“ ſagte mein Begleiter;„alſo nehmt ihm den Zaum ab, während ich den Sattelgurt löſe.“ Nichts konnte billiger und gaſtfreundlicher klingen, als dieſe Theilung der Arbeit; allein während ich zufällig rück⸗ wärts blickte, bemerkte ich, daß Van Klein mit einem widerlichen tückiſchen Lächeln ſeines breiten Geſichtes heim⸗ lich meine ſchweren Sattelranzen befühlte, ols wollte er im Voraus den Betrag der gehofften Beute berechnen. So⸗ gleich wandte ich jedoch meine Augen wieder ab, denn es lag nicht in meinem Plane, das geringſte Mißtrauen mer⸗ ken zu laſſen. Wir gaben meinem armen Thiere eine Krippe voll Korn, nebſt Gras und Häckſel, und ich rieb es ab, Euer Klepper; aber es ſcheint, Ihr habt ihn ordentlich — — ein feuriger junger Muſtang, und ein us,“ ſagte 8 wiirklich aber gutes ius Van hisky und 1, wie der ber mit etzte⸗ t haben; dratſchul⸗ ger⸗ Rl⸗ ——— Feierſtunden. 1864. 487 ———-——; tränkte es und verwendete ſo viel Zeit auf ſeine Pflege, daß Van Klein endlich ungeduldig wurde. „Machet ſchnell, Freund,“ ſagte er,„es wird dun⸗ kel, und ich muß nach Eurem Abendeſſen ſehen. Das Pferd iſt jetzt gut aufgehoben; Ihr werdet es munter und friſch finden, wenn Ihr es wieder brauchet.“ Obgleich dieſe Worte nichts als eine gewöhnliche Be⸗ merkung enthielten, ſo machte doch ihre ſeltſame Betonung, in Verbindung mit dem, was ich von dem Sprechenden wußte, einen ſolchen Eindruck, daß mich ein kalter Schau⸗ der überlief. Allein ohne mir etwas merken zu laſſen, nahm ich die Sattelranzen, und verließ den Stall mit dem Wirthe. „Soll ich die Dinger tragen, Fremder? ſie ſcheinen ſchwer zu ſein,“ ſagte Van Klein, auf meine Laſt deutend. „Sie ſind freilich nicht leicht, aber ich bin nicht er— müdet, und danke Euch deßhalb,“ erwiederte ich ſo freund⸗ lich, als mir möglich war.„Lieb iſt es mir wahrlich, daß ich unter dem Dache eines ehrlichen Mannes bin; denn Dublonen ſind eine arge Verſuchung für viele von den Kunden, die man hier an der Grenze trifft, gleichviel, ob ſie weiße oder rothe Haut haben.“ „Das iſt wohl wahr,“ bemerkte der Wirth trocken; naber in meinem Hauſe ſeid Ihr mit Eurem Eigenthum völlig ſicher.“ Er öffnete die Thür des Hauſes, und ſchob mich ſanft vorwärts. Ich trat ein, und befand mich in einem großen, ſcheuerartigen Gemache, welches keine andere Decke, als die nackten, kahlen Sparren des Daches hatte. Die Wände beſtanden aus rohen, mit Lehm beworfenen Balken und Stämmen; hier und da war ein Schrank oder Wandkaſten daran befeſtigt, aber übrigens waren ſie kahl und nur mit einer großen Menge getrockneter Kornähren bekleidet. Ein rieſiges Feuer praſſelte auf dem Herde, vermochte aber doch nur ein Drittel des weiten Gemaches zu erleuchten, wäh⸗ rend der übrige Theil in Schatten und Dunkelheit liegen blieb. Augenſcheinlich diente das Zimmer als Küche, Wohn⸗ und Gaſtſtube. Die darin befindlichen Möbel beſtanden nur aus mehreren ſchweren Tiſchen, eichenen Stühlen und verſchiedenen aufrecht ſtehenden Fäſſern. Einige Wandbretter waren mit kupfernen, zinnernen und irdenen Gefäſſen geſchmückt, ſämmtlich mehr oder weniger ſchmutzig, und unter ihnen ſtand eine große ſilberne Kanne, welche jedenfalls ein Erzeugniß von Utrecht oder Amſterdam war. Ueberall herrſchte Unordnung: hier lag ein Sattel, dort ein Gewehr, Bärenſchinken in dieſer Ecke, und geſalzenes Schweinefleiſch in jener,— Angelruthen, Felle, wollene Decken, Alles lag im bunten Wirrwarr durch einander. Das Zimmer war nicht leer. Zwei hochgewachſene junge Männer ſaßen trinkend am Herde, und beachteten in keiner Weiſe unſer Eintreten, obgleich es geräuſchvoll genug war. Auch des Mädchens ausländiſche Kleidung und ſchwar⸗ zes Haar glaubte ich an der Grenze des erleuchteten Rau⸗ mes zu erkennen, wo ſich eine geöffnete Seitenthür befand. Ich muß geſtehen, daß das Herz mir heftiger zu ſchlagen begann, und meine Wange bleicher wurde, als ich den Schenkwirth die Hauptpforte verſchließen und verriegeln ſah. Es war nicht gerade Furcht, was ich empfand, allein die Ueberzeugung drängte ſich mir auf, daß jetzt kein Zurück— treten mehr möglich ſei, und daß ich auf jeden Fall das Abenteuer beſtehen müſſe, wenn es auch mit meinem Tode endete. Als deßhalb Van Klein ſich mir mit ſchwerem Tritte näherte und, nach dortiger Sitte, ſeine mächtige Hand als Begrüßung im Hanſe auf meine Schulter fallen ihre von Blut unterlaufenen Augen ſtarrten mit blödſinni— gem, thieriſchem Ausdrucke auf das glühende Feuer. „Joſeph! Ruben!“ rief der alte Van Klein, mit ſei— nem gewichtigen Fuße auf den Boden ſtampfend.„Hakt ihr denn gar keine Lebensart, ihr Buben?— ſitzet da und verſchlinget den Branntwein, wie Frauenzimmer Thee trin⸗ ken, und denket nicht daran, einen Gaſt zu bewillkommnen, der eben angelangt iſt? Sehet ihr den Fremden nicht?“ Dieſe Anſprache veranlaßte endlich die beiden jungen Männer, mir ihre ſtieren Blicke und leichenhaften Geſichter zuzuwenden. Der Aeltere, Joſeph, ſchien noch etwas mehr Verſtand als ſein Bruder zu beſitzen, aber zitterte fortwäh⸗ rend am ganzen Körper wie von Fieber oder Froſt geſchüt⸗ telt, und ſeine Hand, welche die blöden Augen beſchattete, während er mich anſtarrte, bebte gleich der eines vom Schlage getroffenen alten Mannes. Der Jüngere und Kräftigere von Beiden, Ruben, hatte den wilden, wirren Blick eines Wahnſinnigen; ſein Geſicht zuckte unaufhörlich, ſein Mund murmelte unverſtändliche Worte, und die Un⸗ terlippe war blutig vom ewigen Beißen und Nagen. „Ein hübſches Paar!“ ſagte der alte Van Klein mit bitterem Tone,—„zwei Söhne, auf die ein Vater ſtolz ſein kann!— Donnerwetter, halte deinen Mund,“ ſchrie er Ruben zu, deſſen Brummen und Murmeln vernehm⸗ licher geworden war,„oder ich will dir mit der Peitſche den Mund ſtopfen!“ „Laßt' ſie doch, Vater,“ ſagte die Tochter, aus dem Schatten hervor tretend,„es iſt nur der Whisky und die Schwäche nach dem Fieber, was ſie ſo gedankenlos macht. Joſeph hat das Zittern, und Ruben wird immer von Fie⸗ berangſt geplagt. Wir müſſen ſie zu Bett bringen.“ Dieſer Maßregel widerſetzten ſich jedoch beide Patien⸗ ten. Joſeph wimmerte wie ein Kind, und begann zu wei⸗ nen, als ſeine Schweſter ihn aufforderte, das Feuer und die Whiskyflaſche zu verlaſſen, und ihm das gefüllte Glas aus der Hand nehmen wollte, das er nicht an den Mund zu führen vermochte, ohne einen großen Theil zu verſchüt⸗ ten; und Ruben umklammerte den Krug mit ſeinem eiſer⸗ nen Griffe, blickte ſtier in die glühende Aſche, und mur⸗ melte Worte, von denen ich nur die Wiederholung des einen: „Gold! Gold! Gold!“ verſtehen konnte. „Ein ſchönes Willkommen für einen fremden Gaſt!“ brummte Van Klein.„Juno! Juno!— wo iſt die ſchwarze Beſtie? Juno!“ Beim dritten Rufe erſchien eine Negerin, von mitt⸗ lerem Alter und in der gewöhnlichen Kleidung der Haus⸗ ſklaven. Sie hatte kein übles Geſicht, ſah aber ängſtlich —.ͤ— 488 ——:;⅓ꝛ-:——— und eingeſchüchtert aus, und näherte ſich ihrem Herrn mit dem furchtſamen, bittenden Blicke eines Hundes, der die Peitſche fürchtet. Mit barſchem Tone befahl ihr Van Klein, mein Abendeſſen zu bereiten,— ein Huhn, etwas Hirſch⸗ braten und den Reſt von einem Truthahn. Das Weib ſchlich davon, um den Befehl zu vollſtrecken, während Van Klein ſeiner Tochter gebot, reines Bettzeug und Wein aus dem Keller herbei zu holen. „Ich will Euch Euer Schlafzimmer zeigen, Freund,“ ſagte er;„es mag nicht ſo bequem ſein, wie eins in den Gaſthöfen von New⸗Orleans, aber ſchon Mancher hat vor Euch darin geſchlafen, und nie eine Klage geäußert.“ Mit dieſen Worten ſtieg Van Klein eine knarrende Leiter hinauf, und führte mich nach einem ſpeicherähnlichen Raume, wo zwei rohe Bettſtellen, mit Strohmatratzen und Federbetten, zur Bequemlichkeit der Reiſenden ſtanden. Andere Möbel befanden ſich nicht dort, und die Thür des Gemaches war, wie ich bemerkte, ohne Schloß und Riegel. Ueber dieſen letzteren Umſtand äußerte ich natürlich kein Wort, denn ich hatte nichts Anderes erwartet. „Ich hoffe, Ihr werdet hier gut ſchlafen können?“ fragte der Wirth mit verkünſteltem Humor. „Ohne Zweifel,“ verſetzte ich gähnend;„nach einem Ritt von beinahe vierzig Meilen würde ein Jeder auch in einem weniger bequemen Bett, als dieſes iſt, gut ſchlafen.“ Ich warf meine Sattelranzen in eine Ecke, und legte mein Gewehr darauf, aber behielt den Revolver und das Jagdmeſſer, unter dem weiten Rocke verſteckt, im Gürtel. Trotz alles Vertrauens zu der vom Sheriff erdachten Kriegs⸗ liſt würde ich lieber in eine Bärenhöhle gedrungen ſein, als unbewaffnet den Abend in Van Kleins gefährlicher Ge⸗ ſellſchaft zugebracht haben. „Ein hübſches Gewehr, Fremder,“ ſagte der Wirth, meine Büchſe wohlgefällig und mit einem Blicke betrach⸗ tend, welcher verrieth, daß er ſie bereits als ſein Eigen⸗ thum anſah,—„ein hübſches Gewehr, und koſtet ganz gewiß eine nette, runde Summe.“ Es war in der That eine ſchöne Waffe, mit Silber beſchlagen und von vortrefflicher Arbeit; aber ich beſchloß im Stillen, daß Van Klein nie einen Theil derſelben ſein eigen nennen ſollte, ausgenommen, die Kugel vielleicht, welche feſtgepfropft im Laufe ſaß. 3 Die Tochter kam jetzt mit dem Bettzeuge in das Zim⸗ mer zurück, und wir ſtiegen wieder hinab. Die Söhne ſaßen noch, wie vorher, am Herde, aber das Gemach war nicht mehr vom bloßen Feuerſchein erleuchtet. Die Negerin hatte eine große eiſerne und mit Bärenfett gefüllte Lampe angezündet, deren Flachsdocht ein helles Licht verbreitete. Van Klein ſetzte ſelbſt einen Eßtiſch zurecht, bedeckte ihn mit einem groben, aber reinen Tuche, und begann mit den Tellern und Gläſern zu raſſeln. Ich lud ihn ein, mit mir zu ſpeiſen, angeblich, weil ich nicht gerne allein eine Mahlzeit einnähme. Der ſtäm⸗ mige Wirth grinste auf widerliche Weiſe, indem er meine Einladung annahm; und als ich ihn erſuchte, ein paar Flaſchen von ſeinem gerühmten Madeira herauf zu holeu, hörte ich, während er, mit den Schlüſſeln klappernd, nach dem Keller ging, ſein kurzes, heiſeres Lachen. Der Grund, weßhalb ich Wein beſtellte, ein in einer Prairie⸗Schenke ungewöhnliches Verlangen, war zweifach: erſtlich, wollte ich meinen Wirth bei guter Laune dadurch erhalten, daß ich mich ſtellte, als wäre ich heiter und fühlte mich voll⸗ kommen ſicher; und zweitens, fürchtete ich, durch verfälſchte Feierſtunden. 1864. ——ͤ——ͤy——— ——;:;⅓⁊:ͦ:—u:—————;— lich gebrauchten Fäſſern enthalten waren, in einen Zuſtand von Betäubung verſetzt zu werden. Eine halbe Stunde ſpäter brachte Juno das Eſſen. Van Klein öffnete eine der mit Staub und Spinneweben bedeckten Flaſchen, und das edle Getränk floß in unſere Gläſer. Wir ſetzten uns zu Tiſche. „Aber Ihr ſcheint nicht halb ſo heißhungerig zu ſein, als Ihr ſagtet, Freund,“ bemerkte Van Klein in etwas argwöhniſchem Tone. In der That wurde mir das Eſſen, obgleich ich wirk⸗ lich hungrig war, recht ſchwer; jeder Biſſen, den ich in dieſer böſen Geſellſchaft nahm, ſchien mir im Halſe ſtecken zu bleiben. Meine Aufgabe war nicht leicht, und die Rolle eines Spions, ſelbſt zu einem guten Zwecke, war mir zu⸗ wider. Ich ſammelte jedoch alle meine Kraft, und es ge⸗ lang mir, dem angenommenen Charakter treu zu bleiben. Ich aß und trank, ſang und plauderte, und affektirte eine Heiterkeit, die mir fern war. Katharine, die Tochter des Wirthes, bediente uns beim Eſſen. Mehrmals ſah ich die Augen des Mädchens mit ſonderbarem, düſterem Blicke auf mir ruhen, und zwar, wie es mir ſchien, weniger abſicht⸗ lich, als vielmehr durch ein ſchreckliches Bild angezogen, das nur ihr ſichtbar war. Ich konnte errathen, an was ſie dachte. Sie ſah mich jetzt noch lebend und wohl vor ſich, ſcheinbar heiter und ahnungslos, und unter dem Lachen und dem munteren Geſchwätz ſtieg die Scene der finſteren That vor ihr auf, welche um Mitternacht verübt werden ſollte,— um Mitternacht, wenn ſich das kleine Schlafzimmer im Speicherraume in eine Schlachtſtätte ver⸗ wandelte. Da ſaß ich dem Mörder gegenüber, ſtieß fröhlich mit dem tückiſchen Wirthe an, und lachte über ſeine Scherze und Anekdoten, die er mir zum Beſten gab. Er war, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſeiner mangelhaf⸗ ten Bildung ungeachtet, ein unterhaltender Geſellſchafter, wußte zahlloſe ſonderbare Geſchichten aus Holland, Frank⸗ reich und Amerika zu erzählen, und gab ſich alle Mühe, mich zu amüſiren.— „Ach, Mynheer, dieſes Land iſt nicht wie meine Hei⸗ math,“ ſagte Van Klein, die zweite Flaſche entkorkend⸗ „Ich hoffe, meine Gebeine in Holland ruhen zu laſſen; aber erſt muß ich Vermögen erwerben, ha, ha, ha! Ich verließ Utrecht bankerott und arm wie ein Bettler; wenn ich einmal dahin zurückkehre, muß ich Gulden haben, um meine dortigen Mitbürger zu blenden. Alſo ſchenket ein, mein werther Gaſt! Noch ein Lied, bitte, noch ein Lied!“ Allein ich lehnte das Singen ab, denn es war Zeit, zu dem zweiten Akte der Komöoͤdie überzugehen, die ſich durch das geringſte Verſehen ſo leicht in ein entſetzliches Drama verwandeln konnte. Ich nahm jetzt eine finſtere, melan⸗ choliſche Miene an, welche durch ihren, Gegenſatz zu der vorangegangenen Heiterkeit um ſo mehr auffallen mußte, begann zu ſeufzen, und trank, ohne ferner zu ſprechen. Ich ſah, daß Van Klein mich einige Augenblicke neugierig beobachtete, dann klärte ſich ſein Geſicht auf. Er erinnerte ſich ohne Zweifel, wie es meine Abſicht war, daß es Men⸗ ſchen gibt, die in Folge des Trinkens ſchwerfällig und nie— dergeſchlagen werden, und bei denen das Verſchwinden der Heiterkeit ſtets anzeigt, daß ihr Gehirn von der Berau⸗ ſchung ergriffen worden iſt; aber nicht im Entfernteſten ahnte er, wie ſehr mein Herz unter Furcht und Hoffnung ſchlug, während ich mich auf dieſe Weiſe verſtellte. Ich ſchwebte noch immer in großer Gefahr; denn Getränke anderer Art, wie ſie muthmaßlich in den gewöhn⸗ wenn gleich der eine von den jungen Rieſen am Feuer —. 5. 8 anen Zuſtand ſoß in unſere 4 rig zu ſein, lein in etwas leich ich wirk⸗ den ich in Halſe ſtecken und die Rolle war wir zu⸗ en und wohl vor d unter dem ie Scene der cht verübt ich das kleine hlachtſtätte ver⸗ ſ öhlich mit Scherze Er war, um er mangelhef Geſellſchaftet, o;lland, Frank⸗ 5 alle Mühr ſich alle Mühe, aino henle jatiernteſten Si Foffnung ſt li. denn Def un Feui durch den Trunk, das Fieber und ſein böſes Gewiſſen völ⸗ lig entkräftet worden war, ſo ließ ſich doch dies von ſei— nem Bruder nicht ſagen. Letzterer hegte zwar eine namen⸗ loſe Furcht vor ſeinem Vater, vor dem der ganze Haus⸗ halt zitterte, aber er war keineswegs entnervt. Der Trunk hatte bei ihm mehr auf das Gehirn als auf die übrigen Theile des Körpers gewirkt; er war dem Wahnſinn nahe, aber nicht gelähmt. Wenn jedoch auch beide Söhne neu⸗ tral geblieben wären, ſo würde Van Klein allein ſchon ein furchtbarer Gegner geweſen ſein. Während ich ihn, vor mir ſitzend, beim Scheine der Lampe betrachtete, glaubte ich, nie einen ſo furchtbaren Menſchen geſehen zu haben. Ich war zwar ſelbſt kräftig gebaut, ſtark und gewandt, allein beim Anblicke der breiten Bruſt, des ſtierartigen Nackens und der muskulöſen Glieder meines Wirthes ſah ich ein, daß mir in einem perſönlichen Kampfe mit ihm keine Hoffnung auf Sieg blieb. Ich war allerdings be⸗ waffnet, aber er nicht minder; denn eine Piſtole blickte aus ſeiner Bruſt⸗ taſche hervor, und in dem Ledergürtel trug er nachläſſig ein Jagdmeſſer.— Eine Zeit lang führte Van Klein das Geſpräch allein, und trank dabei den größeren Theil der zweiten Flaſche, end⸗ lich jedoch wurde er auf meine Nieder⸗ geſchlagenheit und meine Seufzer auf⸗ merkſam und er⸗ mahnte mich, hei⸗ ter zu ſein. „Heiter ſein! das läßt ſich leicht(Zu Seite 491.) ſagen,“ verſetzte ich in mürriſchem Tone;„allein es iiſt ſchwerer, den Rath zu befolgen, als ihn zu geben.“ tend,„Ihr habt auch Unglück gehabt, Freund,— nicht wahr? Trinkt noch ein Glas; alter Wein iſt der beſte Tröſter.“ Ich hielt ihm mein Glas hin, ließ es füllen und leerte es mit langſamen Zügen. Dann brach ich, wie von plötzlicher Leidenſchaft ergriffen, wünſchungen gegen das Schickſal aus, nannte mich unglücklichſten, elendeſten Menſchen auf der Welt, ſprach davon, mich erſchießen zu laſſen u. ſ. w., und ſpielte voll⸗ Fünfhundert?“ ſagte Van Klein kommen die Rolle eines Verzweifelten. ich nicht, verſchiedene Winke ſache habe, die Verfolgungen der Gerechtigkeit und daß mein Gewiſſen von einer Schuld, einer blutigen That belaſtet ſei. Der Wirth ging in die Falle. Er chlug mir auf den Rücken, und ſagte, ich ſolle Muth faſſen und die Verzweiflung abſchütteln. Dann ließ er fri⸗ ſchen Wein aus dem Keller holen, ſchenkte mir ein, und verſicherte, daß, wenn ich ihm mein Herz ausſchütten wolle, Feierſtunden. 1864. Dabei unterließ zu ſcheuen, Feierſtunden. 1864. könnte. „Aha!“ bemerkte mein Gefährte, mich ſchärfer betrach⸗ empfinden!“ tuch geſenkt. warf, bemerkte fallen zu laſſen, daß ich Ur⸗ roth wurde. er, Cornelius Van Klein, mir ſeine Theilnahme und ſei— nen Rath nicht verſagen werde; und während er dies ſagte, ſah ich deutlich an ſeinem verſteckten höhniſchen Lächeln und dem Funkeln ſeiner grimmigen Augen, daß er nur daran dachte, noch in dieſer Nacht allen meinen Sorgen für im⸗ mer ein Ende zu machen. Anfangs zögerte ich, ſeiner Aufforderung Folge zu leiſten, aber ließ mich allmählig zu dem erdachten Geſtänd⸗ niſſe verleiten, welches mir der Sheriff Moreno an die Hand gegeben haͤtte, und erzählte ihm, daß ich Diener bei einem reichen amerikaniſchen Kaufmanne, welcher ſich im mexikaniſchen Gebiete niedergelaſſen, geweſen ſei, meinen vertrauenden und nachſichtigen Herrn beraubt und ermordet habe, und noch an demſelben Tage aus der Stadt Durango zu Pferde entflohen ſei. „Ich bin ein Geächteter, Verfolgter,“ rief ich mit Erbitterung,„und Weg Rer des Lebens herzlich nnn aane 1 müde, das ich ſeit Meth drei Wochen habe f führen müſſen.— Der Getödtete hat 1 4 Freunde in Texas, und ließ ich mich daher in Auſtin oder Galveſton ſehen, ſo würde ich ohne Um⸗ ſtände gehängt wer⸗ den. Dennoch bexeue ich die That nicht, und würde ſie wie— der begehen, wenn ich noch einen Griff in die Reichthümer thun könnte, die jener alte Geizige unter Schloß und Riegel verwahrte. Ach, gern gäbe ich die mitgenommenen fünfhundert Gold⸗ dublonen darum, wenn ich mir die Freundſchaft eines verwegenen Kameraden damit erkaufen Hätte ich einen ſolchen, ſo ſollte Texas es bald — Ich hatte nicht gewagt, Van Klein während dieſer Worte anzuſehen, und meine Augen mürriſch auf das Tiſch⸗ Als ich endlich einen Seitenblick auf ihn ich, daß in ſeinem Geſichte eine ſonderbare Miſchung von Leidenſchaft, Staunen, Habgier und eine in eine Fluth von Ver⸗ teufliſche Freude arbeitete, die er jedoch dadurch zu ver⸗ den bergen ſuchte, daß er ſich über das Weinglas beugte. „Fünfhundert Golddublonen wollet Ihr geben, Freund? endlich mit heiſerer Stimme, während ſein Geſicht von der Aufregung glühend „Ja,“ erwiederte ich,„fünfhundert Goldſtücke, ſo gut, als ſie je aus einer ſpaniſchen Münze gekommen ſind. Sie ſtecken oben in meinem Sattelranzen. Aber wozu die Frage?“ „Eure Hand darauf!“ ſchrie Van Klein, und ließ ſeine Fauſt auf den Tiſch nieder fallen, daß alle Gläſer bebten.„Donnerwetter, Eure Hand darauf! So wenig 62 Feierſtu Ihr es dachtet, ſeid Ihr doch an den rechten Mann ge⸗ kommen! Ich will Euer Kamerad ſein, ich, Cornelius Van Klein! Füllt Euer Glas, und laßt uns auf das Gedeihen der neuen Compagnie trinken!“ Wir leerten die Gläſer. Ich fühlte mein Geſicht glühen, nicht vom Weine, ſondern von dem Fieber des ge⸗ fährlichen Spieles, welches ich ſpielte. „Ihr— Ihr ſcherzet, mein guter Wirth,“ ſtotterte ich mit nicht übel affektirter Ueberraſchung hervor. „So wenig denke ich an Scherz,“ grunzte Van Klein mit fürchterlichem Nachdrucke,„daß ich, wäret Ihr nicht mit der Farbe herausgerückt, noch vor Tagesanbruch Euren Ranzen in Beſitz gehabt hätte, ohne daß es Euch je ein⸗ gefallen wäre, Euer Eigenthum zurück zu verlangen.“ Bei dieſen Worten zog er den Rücken ſeines Meſſers langſam über die Kehle, um die Art und Weiſe anzudeu— ten, auf welche er ſeine Opfer zum Schweigen brachte. „Ihr möget für einen Anfänger nicht ungeſchickt ſein,“ ſagte er, wieder ein Glas leerend,„— wie iſt doch Euer Name?— ach ja, Kendal! gut!— aber mit mir, mit einem Manne, wie ich, könnet Ihr Euch nicht vergleichen, der— ohne eine Lüge zu ſagen— an ſeinen Fingern 5 ſiebenzehn herzählen kann.“ „Siebenzehn?“ rief ich entſetzt;„ſiebenzehn Mor— ich meine Fälle?“ „So gewiß, wie Gold, ſo zuverläſſig, wie die Bank anden. 1864. —y————; Bett gefunden hatten, zeigte mir neben demſelben Bette, welches für mich beſtimmt geweſen, die nur unvollkommen vom Fußboden verwiſchten Blutflecken, breitete eine un⸗ glaubliche Menge geraubter Gegenſtände vor mir aus, und bekannte ſich unverholen als Mörder der Smithſchen, der Guzmanſchen Familie, ſowie vieler anderen; und nachdem er mir dieſe entſetzlichen Aufklärungen über ſeine Verbrechen gegeben, ſprach er von ſeiner Hoffnung, bald nach Utrecht zurückkehren und dort als geachteter Bürger von ſeinem blutigen Raube in Ueberfluß leben zu können. ¹„Wir wollen das Geſchäft zuſammen betreiben, Freund,“ rief Van Klein,„und mit Nutzen; fünfhundert gelbe Bur⸗ ſchen ſind kein übles Handgeld für die erſte Nacht.“ Der Böſewicht hatte keine Ahnung davon, daß das Gold, welches er ſo gierig ergriffen, das Eigenthum des (Sheriffs Moreno war, deſſen flinkes Pferd meiner wartend im Stalle ſtand. . Kurz vorher, ehe der Vollmond unterging, öffnete der Wirth, jetzt völlig betrunken, die äußere Thür des Haufes, und beſtand darauf, mir die Gräber ſeiner Opfer zu zeigen. „Blitz! wir werden noch Manchen unter die Erde betten,“ rief er, höhniſch lachend,„ohne daß einer von den Stadtnarren etwas ahnt!“ V Hierauf zeigte er mir, wo Leonard Smith und deſſen Frau neben einander lagen,— wo Guzman, der reiche glaubet mir!“ Wunſch, das Gold zu ſehen. von Amſterdam iſt,“ verſetzte Van Klein ſtolz lächelnd. Spanier, unter dem Pflaſter des Hofes eiligſt verſcharrt „Aber jene Buben ſind nicht das Salz werth,— feige worden war,— wo ſeine Töchter unter der fruchtbaren Memmen, die keine Kehle abſchneiden können, wenn ſie Erde des Gartens ihr Grab gefunden, ſowie die Ruheplätze nicht, um ſich zu betäuben, ſo viel Whisky trinken, daß vieler Anderen. ſie ſchwach wie Weiber werden. Gut für Euch, Kamerad,„Hier liegt der Letzte,“ ſagte Van Klein, verächtlich daß meine Söhne ſo elende Wichte geworden ſind, ſeit mit dem Fuße an einen friſch aufgeworfenen Hügel ſtoßend, wir—. Aber es geht ja Euch nichts an! Brauchte ich„hier liegt der Spion!“ nicht Hülfe von einem derben Burſchen, wie Ihr ſeid, ſo„Der Spion?“ rief ich erſtaunt. hätte ich Euch dieſe Nacht einen böſen Streich geſpielt,„Ja, ein verwünſchter Trapper!“ verſetzte mein Com⸗ pagnon,„ein elender Wicht, der ſich zu dem Gouverneur Nach kurzer Unterhaltung äußerte Van Klein den geſchlichen und ihm allerhand ſonderbare Dinge von unſe⸗ Ich ging deßhalb hinauf, rem Thun und Treiben hier erzählt hatte. Er kam hier⸗ her zurück, wahrſcheinlich um noch mehr auszukundſchaften, aber wurde vom Fieber befallen und ſchwatzte in ſeinen Phantaſien Alles aus, worauf wir ihm den Mund ſtopf⸗ ten. Aber der Mond iſt untergegangen, laßt uns hinein gehen und einige Stunden ſchlafen. Jetzt könnt Ihr Euch ruhig in's Bett legen, jetzt ſeid Ihr bei uns ſicher!“ Wir kehrten in das Haus zurück, deſſen Thür offen Sobald hierauf Van Klein mit ſeinen nicht minder holte die Ranzen herunter, und breitete das glänzende Me⸗ tall vor dem gierigen Böſewicht aus.(Siehe Bild auf Seite 485.) „Ah, die Goldfüchſe! wie ſie ſchimmern!“ rief er, ſie zählend, und warf ſie dann in eine Schublade, deren Schlüſſel er zu ſich ſteckte. Nachdem ſeine Habgier nun⸗ mehr befriedigt war, verlangte er noch mehr zu trinken. „Aber keinen Wein mehr, Brandy, Mädchen, blieb. Brandy!“ ſchrie er ſeiner Tochter zu.„Oder halt, Catha⸗ rine,— da ſind noch einige Flaſchen von dem alten und die Tochter, welche mich ſeit dem Augenblicke, als ich Schiedam; bringe ſie herauf, wir wollen eine luſtige Nacht zum Mitglied der Bande erhoben worden, nur mit Abſcheu hadene wurde eine luſtige Nacht. Ban Klein trank maß dbetrachie helte, in AaAu u dis ergein dbenfalls zu S ge Nacht. Van Klein trank maß⸗ Bett gegangen war, ich ich mich leiſe hinaus rat in los, ſang, ſchrie, tanzte im Zimmer umher, ſtellte mich den Srall, ſattelte ul Pferd und führte es mit äußer⸗ ſeinen kihune Wuhäen als ien 6 Compagnon im ſter Vorſicht aus dem Gehöft. Dann ſprang ich hinauf Mordgeſchäfte vor, und ließ jede Schranke der Vorſicht und jagte in geſtrecktem Galopp durch die weite rairie. fallen. Mir war, als ſchwelgte ich mit Teufeln, von vnnen Erſt dachdem lbehrert Meilen ahiſchen 65 und tres eaniie. der ärgſte, Van Klein, förmlich Ruhm in ſeine Schänd⸗ höhle lagen, wagte ich freier zu athmen, und mäßigte die lichkeit ſetze. Uebermüthig prahlte er mit den Verbrechen, Eile meines Pferdes etwas. Kaum war die Dämmerung bei deren Anhörung das Haar eines jeden Anderen ſich angebrochen, ſo lag die Wildniß bereits hinter mir, und ſträuben mußte, zeigte mehrere vernarbte Wunden, die er ehe die Sonne hoch am Himmel ſtand, hielt ich mein Pferd von einigen der Unglücklichen empfangen, welche ſich ver⸗ vor der Thür ſeines Herrn in St. Antonio an. Erfreut zweifelt gewehrt hatten, und beſchrieb mir die verfälſchten ſchlug der Sheriff in die Hände, als er den glücklichen Getränke, welche von ihm angewendet worden waren, um Erfolg meines Unternehmens hörte. die nicht ermüdeten Reiſenden in Betäubung zu verſetzen.„Wir wollen das Land von dieſer Schlangenbrut be⸗ Er erzählte von Wanderern, die ahnungslos ihren Tod im freien!“ war Alles, was er ſagte. trunkenen Söhnen, als er ſelbſt, in Schlaf verſunken war, — .. S——= —. — . B X 0sęↄ S8 olllommen t eine un⸗ r aus, und nithſchen, der und nachdem ne Verbrechen ach Utrecht von ſeinem n, Freund,“ t gelbe Bur⸗ des einer warund 3, öffnete der h und deſſen a, der reiche gſt verſcharrt r fruchtbaren die Ruheplätze I, derächllih Hügel ſtoßend, e men Com⸗ Gouverneur ge von unſe⸗ Er kam hür⸗ tundſchaften, te in ſeinen Mund ſtopf⸗ t uns hinein unt Ihr Euch ſicher!“ a Thür offen nicht winder Gippfel der ehemalige Tempel(Teocalli) welcher vor faſt vierthalbhundert Jahren der Feierſtunden. 1864. Allein es erforderte Zeit, unter den geſchäftigen texa⸗ niſchen Farmern eine aus zwölf Hauskeſitzern beſtehende Jury zuſammen zu bringen, und ſo geſchah es, daß wir, des Eifers und der Thätigkeit Moreno's ungeachtet, erſt am Abende des ſechsten Tages mit einer ſtarken Beglei⸗ tung bewaffneter Reiter vor dem einſamen Gaſthofe an⸗ langten. Wir umzingelten das Haus, welches inzwiſchen ſtark verbarrikadirt worden war; denn nach Entdeckung meiner Flucht hatte Van Klein Verdacht geſchöpft. Die Auffor⸗ derung des Sheriffs Moreno, ſich zu ergeben, beantwortete er mit einem wilden Fluche und der Erklärung, daß er ſein Leben theuer verkaufen wolle; und als wir ſein finſte⸗ res, entſchloſſenes Geſicht durch die Schießſcharte blicken ſahen, in welcher zwei Büchſenläufe lagen, blieb uns kein Zweifel, daß der jetzt zum Aeußerſten getriebene Böſewicht ſein Wort halten werde. Van Klein kämpfte mit furchtbarer Erbitterung, und erſt nach langem und hartnäckigem Widerſtande wurde das Haus erſtürmt. Der Mörder richtete drei Schüſſe auf mich, gegen den er einen besonderen Groll zu hegen ſchien; der dritte Schuß tödtete mein Pferd, das ſchöne Thier, mit 491 Hülfe deſſen ich ſo glücklich aus der Mordhöhle entkommen war. Faſt gleichzeitig wurde der Sheriff getroffen, und ſank ſtöhnend aus dem Sattel; aber im nächſten Augen⸗ blicke wurde auch Van Klein von einer Kugel durchbohrt. Sobald der Vater gefallen war, warfen die Söhne muth⸗ los ihre Waffen fort, und ſuchten zu entfliehen. Sie wur⸗ den jedoch von unſeren Reitern leicht gefangen, verurtheilt und zuſammen au dem nächſten Baume aufgehängt, wor⸗ auf unſere Leute das Haus plünderten und niederbrannten. Nur mit Mühe gelang es mir, die darin befindlichen zwei Frauenzimmer gegen Strafe und Mißhandlung zu ſchützen. Die arme Katharine, eine unfreiwillige Theilnehmerin an den Miſſethaten ihres Vaters, war in hoffnungsloſen Wahnſinn verſunken, und wurde nach einer Irrenanſtalt in Auſtin gebracht, wogegen Juno, die Negerin, welche nur aus ſklaviſcher Furcht vor dem tyranniſchen Herrn geſchwiegen hatte, die Freiheit erlangte. Der Sheriff ge⸗ nas von ſeiner Wunde, und die fünfhundert Dublonen fanden ſich bei der Plünderung unberührt im Kaſten vor; ich aber wurde der Nachfolger des Majors Mac Manus und Inſpektor der texaniſchen Grenz⸗Polizei. L. Dubois. Montezuma's Cypreſſenhain. Die Umgebung Mexiko's bietet Gelegenheit zu den Mexiko's ſein muthvoll begonnenes Unternehmen faſt ſchei⸗ angenehmſten Ausflügen, und Tacuba, Tacupaya, Guade⸗ tern ſah. Unfern von Popotla verbirgt das kleine, meiſt lupe, Popotla und Chapultepec, wo die angeſeheneren Be⸗ von Gärtnern und Webern bewohnte Städtchen Tacub wohner der Hauptſtadt ſchöne Landhäuſer, Gärten und ſeinen Verfall unter hundertjährigen Bäumen. Durch frucht⸗ Villen beſitzen, gehören zu den beſuchteſten Orten der Nach⸗ barſchaft. Hat man den Kanal del Salto de Alvarado überſchrit— ten, die ariſtokratiſche, aber todtenſtille Vorſtadt San⸗Cosme durchwandert, und die nach Chapultepec und Tacuba füh⸗ rende Garita(das Stadtthor) erreicht, ſo wandert man von dieſer aus in einer von prachtvollen Bäumen gebildeten Allee, welche den jetzt in Verfall kommenden Aquedukt be⸗ ſchattet, der das Waſſer des Santa Fé der Hauptſtadt zuführt, bis zu dem kleinen, kaum eine halbe Stunde ent⸗ fernten Dorfe Popotla, das dem Freunde hiſtoriſcher Erin⸗ nerungen manches intereſſante Denkmal aus alter Zeit bie⸗ tet, und durch Cortez Rückzug in der„traurigen Nacht“ (noche triste) berühmt geworden iſt. Auf dem nach Tra⸗ buco führenden Damme angegriffen, mußte Cortez bis nach dieſem Städtchen zurückweichen, wo es ihm gelang, den einer gänzlichen Vernichtung entgangenen Reſt ſeines kleinen Heeres zu ſammeln und ſeine Freunde, den unerſchrockenen Alvaredo und die treue Marina, wieder zu finden. Man zeigt bei Popotla noch den Baum, unter welchem der Eroberer, voll Betrübniß über das Schickſal ſeiner dem barbariſchen Kultus der Mexikaner geopferten unglücklichen Gefährten, die übrigen Stunden dieſer ſchreckenvollen Nacht auf der Erde liegend zugebracht haben ſoll. Der ungeheure Baum, welcher einen Umfang von 32 bis 33 Fuß hat, ſteht zwiſchen der kleinen Kirche und den Trümmern des Hügels, welcher, wie das Denkmal von Cholula, aus ſonnengetrockneten Ziegeln errichtet war und auf deſſen dieſer einſtigen Stadt ſich erhob. Die Kirche ward von Cortez zur Erin⸗ nerung an jene, ſeine traurigſte Zeit, errichtet, und wird noch immer von der ehrwürdigen Cypreſſe beſchattet, unter Eroberer bare, gut bewäſſerte Felder führt ein unterhaltender Fuß⸗ weg an den Hacienden Joaquinos und Morales vorüber zur Kirche der Madonna de los Remedios(Maria⸗Hilf), die ſich eines großen Anſehens zu erfreuen hat, und von hier gelangt man nach Chapultepec, einem Schloſſe der ehe⸗ † maligen ſpaniſchen Vicekönige. Es liegt auf einer beträch lichen, freiſtehenden Anhöhe, welche die herrlichſten Ausſich⸗ ten auf das Thal von Mexiko darbietet, iſt aber gegen⸗ wärtig in einem ſehr ſchlechten Zuſtande, und dient theil⸗ weiſe als Staatsgefängniß. Chapultepec, der Berg der Baungrillen, war einſt, vor der Eroberung Mexiko's, der Lieblingsaufenthalt Montezuma's, und der Ruheplatz der ihm vorangegangenen Herrſcher ſeiner Dynaſtie. Auf einem Hügel, der noch jetzt Cerro de Montezuma genannt wird, erhob ſich der groß⸗ artige Palaſt des letzten Kaiſers, und am Fuße deſſelben breiteten ſich feenhafte Gärten aus. Der Palaſt iſt ſchon lange in Trümmer zerfallen, ebenſo die hinter demſelben gelegene, terraſſenförmig gegen 3000 Fuß aufſteigende Py⸗ ramide, an welche ſich„Montezuma's Cypreſſenhain“ an⸗ ſchließt, deſſen Alter die Zeit der Eroberung um viele Jahr⸗ hunderte überſchreitet. Die rieſenhaften Ahuehueten, eine in Mexiko eigen⸗ thümliche Cypreſſenart, die den Hain bilden, haben Stämme von 45 bis 50 Fuß und mehr im Umfang, eine Höhe von 100— 120 Fuß, und bilden hier in ihrer Geſammt⸗ heit wahrhaft heilige Hallen. Kein Reiſender, der Mexiko beſucht, wird es verabſäumen, einen Ausflug nach den Ahue⸗ hueten des kaiſerlichen Haines zu unternehmen, und die Bewohner der Hauptſtadt ſelbſt verweilen während der heißen Sommertage gerne in den Schatten dieſer herrlichen Cypreſ⸗ ſen, die ſchon viele Jahrhunderte, Generationen, Dynaſtien und Regierungswechſel dahin ſchwinden ſahen, und lebhaft 62 † 492 Feierſtunden. 1864. ——————;::::ͤ———— ··— q ·——— ·—————;; an die erſtaunliche Pracht der rothen Cedern des Klemat dem ſogenannten„Spaniſchen Barte“ bekleidet, das in und des Redwood⸗Creek in Kalifornien, und an die rieſi⸗- langen Vorhängen Baum mit Baum verbindet, und den gen Cedern des Libanon erinnern. Ihre koloſſalen Aeſte Strahlen der Sonne keinen Durchgang geſtattet. Die menſch⸗ ſind mit rieſenhaften Maſſen von grünlich weißem Mooſe, liche Stimme verhallt in den Gewölben dieſes natürlichen, Montezuma's Cypreſſenhain. von rieſenhaften Säulen getragenen Tempels, deren inein⸗„heiligen Hallen Tharands“, die Gefühlsſchwärmerei ſo ander greifende Aeſte den großartigſten Dom bilden, den ſehr erhoben, in Nichts verſinkt. die Natur geſchaffen, gegen welchen die Berühmtheit der 2 —— der Feierſtun — Na*. det, das in 3 det, und und den DNe menſch⸗ à natürlichen, Hohenſtau 6. Eliſabeth von Baiern, Konradins Mutter. Mir ward die Lebenshoffnung zu lauter Todesſchmerz, Vereinſamt, arm und blutig ſteht mein zerriß'nes Herz, Die Fürſtin iſt entkrönet, verödet Welt und Zeit— Doch bleibet noch die Mutter und Lieb' und Ewigkeit! Am Hofe Herzog Ludwigs von Baiern, ihres Bru⸗ ders, lebte als vereinſamte ſchutzloſe Wittwe Eliſabeth, 1 4* zur Ferſe, den, ſeines Geiſtes und ſeiner Tugenden wegen, ein Italiener mit einem Obſtbaume vergleicht, der zu glei⸗ cher Zeit ſowohl Blüthen als Früchte trägt. Aber die ſtrahlende Sonne der Hohenſtaufen war im Sinken. Schon 1254 ſtarb der erſt ſechsundzwanzigjäh⸗ rige König Konrad in Italien. Das mächtige Weltreich Friedrichs II. löste ſich auf. Niemand war da, der dem kaum zweijährigen Kinde Konrads, von den Italienern Konradino genannt, den Thron ſeiner Väter bewahrt und erhalten hätte. Bei ih verlaſſene Königswittwe mit i hrem verwaisten Söhnlein „erei ſö eine Zuflucht ſuchen. Dort lebte ſie ſtill der Erinnerung wärn an ihr kurzes, entſchwundenes Glück und dem Sohne, der „ nun all ihr Glück, all' ihre Hoffnung war, aus deſſen 2 blauen Augen, aus deſſen Kinderantlitz ihr das Bild des früh erblichenen, Umgab auch kein Thron wie ſeinen heißgeliebten Gemahles entgegen blickte. Glanz ſeine Jugend, winkte ihm kein Vätern: am warmen Mutterherzen ruhte Ein Kranz von hiſtoriſchen Charakterbildern. rem Bruder in Baiern mußte die den. 1864. fenfrauen. Von Louiſe Pichler. ſeinſt am herrlichen Throne Kaiſer Friedrichs II. erzogen, auf deſſen Haupt der vereinte Glanz der Kronen von Deutſchland, von Burgund, von dem geeinten Italien und von dem Königreich Jeruſalem im fernen Oriente ſtrahlte, als Verlobte ſeines Sohnes und Erben; dann die glück⸗ lichſte Frau und Königin an der Seite ihres Gemahles, Konrads IV., der nach dem Tode des kaiſerlichen Vaters 1250 den deutſchen Thron beſtieg,— er, von dem man. ſagte, daß er, wie Abſalom, ſchön ſei vom Scheitel bis I K N ſeine kin⸗ rone und Reich verloren und fröhlich aufblühte, onauwöhrt, wo Ludwig ihren Augen ſeine un⸗ — ſchreckte die Königs⸗ ſem Zufluchtsorte auf. Sie vermochte n blutbefleckten Bruder zu leben, der, von den Furien der Reue und Verzweiflung verfolgt, im⸗ mer wilder, verſchloſſener, finſterer wurde.— Jeder an⸗ dern Hülfe bar nahm ſie 1259 die Hand des mächtigen Grafen von Görz an, der um die ſtille, bleiche Königs⸗ wittwe warb, und folgte ihm mit dem Sohne in die ſtille Alpenwelt Tyrols, wo ſein Land lag. Von dort wurde nach einigen Jahren der heranwachſende Konradin nach Schwaben berufen, wo die treuen Vaſallen des hohenſtau⸗ fiſchen Hauſes ihm mindeſtens die Herzogswürde zu ſichern 494 F ſuchten— als kleinen Ring aus der weltbeherrſchenden Krone ſeiner Ahnen. Willig ließ Eliſabeth den Liebling ihres Herzens nun ziehen— zu den friedlichen Ufern des Bodenſee's hin, wo der edle Biſchof zu Conſtanz ſich des verwaisten Königsſohnes väterlich annahm und ſelbſt ſei⸗ nen Unterricht in allen damals bekannten Wiſſenſchaften, in ritterlichen Uebungen und ſchönen Künſten überwachte. Im ſtillen Schwaben, wo der Stern der Hohenſtaufen auf⸗ gegangen war, da hoffte Eliſabeth ihren Sohn in beſchränk⸗ tem Beſitze glücklich zu ſehen, getrennt durch die Mauer der Alpen von den gefährlichen Gefilden Italiens, die ſei⸗ nes Vaters Grab geworden waren. Aber keine harmlos friedliche Taube, ein junger Adler war ihr Konradin, und bald regte er ſeine Schwingen. Ein Verſuch ſeiner Anhänger, ihn zum König in Deutſch— land wählen zu laſſen, mißlang, weil der päpſtliche Stuhl ſich widerſetzte. Der heranwachſende frühreifende Knabe mußte die Schmach mit anſehen, daß die Dentſchen, weil ſie ſich nicht über einen aus ihrer Mitte einigen konnten, ſich im Auslande nach einem Könige umſahen, daß Richard von Kornwall, ein Nachkomme deſſelben eng⸗ liſchen Königs, der ſich nicht ganz hundert Jahre vorher den Vaſallen des deutſchen Kaiſers genannt hatte, jetzt die deutſche Krone um Geld erkaufte, indem er ein Faß Silber, das er mit nach Deutſchland gebracht hatte, unter die Fürſten vertheilte. Das ertrug der Geiſt des jungen Hohenſtaufen nicht. Auch in Schwaben gelang es ſchwer, ihm eine auch nur beſchränkte Herrſchaft zu gründen, denn die Grafen alle hatten in der herrenloſen Zeit ſeiner Kindheit ſich Unab⸗ Pha errungen, die ſie nun gegen ihn zu behaupten en. Dagegen kam von Süditalien, aus Ugulien und Sicilien, wo man Friedrichs II. glückliche Tage nicht ver⸗ geſſen konnte, ein Ruf an ihn. Karl von Anjou, ein län⸗ derloſer franzöſiſcher Prinz, hatte mittelſt Söldnerheere, unterſtützt vom Papſte, das Reich erobert und beherrſchte es nun als blutiger Tyrann. Da richteten die geknechteten Völker das Auge auf den letzten Sprößling der Hohen⸗ ſtaufen, der nach Erbrecht ihr König war, und riefen ihn durch Geſandte, daß er ſeine Lande in Beſitz nehme. Konradin war vierzehn Jahre alt, ohne Mittel, ohne Heer. Von bangen Ahnungen erfüllt mahnte Eliſabeth ihn ab; ſie bat, ſie flehte, ferne von dem für die Deut⸗ ſchen ſo unglücklichen Italien zu bleiben, wo ſich ſeiner Ahnen, wo ſeines Vaters Leben ſich verzehrt hatte— ver⸗ gebens! Der junge Adler mußte ſeinen Flug beginnen. Er konnte nicht in Deutſchland bleiben, thatenlos, faſt ein Bettler, während in Italien ihm der Thron winkte, wäh⸗ rend er dort als Retter erſehnt und begrüßt wurde. Im Verlaufe gelang es ihm, ein Heer zu werben, indem er die letzten Beſitzungen veräußerte. Alles, was ritterlich fühlte in Deutſchland, was die Schmach empfand, in die der deutſche Name verſunken war, das ſammelte ſich unter ſeinen Fahnen. Ihm ſchloß ſich beſonders der junge Mark⸗ graf Friedrich von Baden und Oeſtreich an. Der letzte Sproſſe vom Hauſe der Babenberger, deſſen Stammmutter die kaiſerliche Hohenſtaufin Agnes in ihrer zweiten Ehe geworden, war er wie Konradin ſeines Erblandes, Oeſt⸗ reichs, beraubt. Beide, in gleicher Jugend, gleichen Lei⸗ den, gleicher Hoffnung erzogen, hatten ſich gefunden und vereint auf Leben und Tod.— Im September des Jah⸗ res 1267 erfolgte Konradins Abſchied von ſeiner Mutter auf der Burg Hohenſchwangau in Baiern.(Siehe Bild Vater einſt, die Mutter abgehärmt und bleich; er voll Siegeshoffnung und Muth, ſie zerriſſen von der bitterſten Todesahnung: ſo umarmten ſie ſich zum letztenmale; im⸗ mer und immer wieder überwältigte Eliſabeth den Sohn, gewaltſam riß er ſich los von ihrem Herzen— ſie durfte ihn nie wieder ſehen! Siegreich ging ſein Zug durch Italien. Auf dem Kapitole jauchzte Rom dem Sohne der Kaiſer zu, die hier gekrönt worden waren. Und aus allen Höhen und Tiefen tönt es lauter, liſpelt's leiſer: „Heil dem wunderbaren Jüngling, unſerem vielerſehnten Kaiſer!“ Konradino, Sohn des Glückes, auf des Kapitoles Höhe! Nun vergiß der Jugendthränen, deines Waiſenſtandes Wehe, Steig empor, du junger Adler, von des Kapitoles Wipfel, Breite deinen gold'nen Fittig über Deutſchlands Eichenwipfel! So tönte der Jubelruf bis Deutſchland, bis zum Ohre der glücklichſten Mutter! Ja, jetzt war ihr verwais⸗ ter Sohn, der Arme, der auf's Mitleid Edeldenkender an⸗ gewieſen war, nun war er der allgeprieſene Held geworden! Jetzt erkannten die Deutſchen den Sohn ihrer Kaiſer; jetzt erinnerten ſie ſich an die untergegangene große Zeit. In Italien hatte ſich Konradin die Herzen der Deutſchen er⸗ obern müſſen, und Eliſabeth ſah den Tag nicht ferne, da er aus dem fernen Welſchland zurückberufen werden würde, um zu Frankfurt oder Aachen den Thron Karls des Großen und Friedrich Barbaroſſas zu beſteigen! Da kam— ein Donnerſchlag aus heiteren Maien⸗ lüften, die Nachricht von der bei Skurkola durch einen Hinterhalt verlorenen Schlacht, von Konradins Flucht und dem Verrath Frangipanis, des Herrn von Aſtura, der die Flüchtlinge in ſeinem Hafen, von wo ſie das freie Meer gewinnen wollten, erkannt, und ſie an Karl von Anjou ausgeliefert hatte. Eliſabeth raffte ſich auf aus der Betäubung des Schreckens und Jammers. Sie faßte zuſammen, was ſie, was ihr Gemahl beſaß, und eilte nach Italien, um den Sohn mit ſeinem Freunde aus der Gefangenſchaft loszu⸗ kaufen und in der deutſchen Heimath über die verlorene Hoffnung zu tröſten. Aber ſo ſehr die Mutterangſt ihre Schritte beflügelte — noch raſcher war die Mörderhand. Anjou hatte kein Recht auf den Thron, als das der Gewalt; Konradin kein Unrecht gethan, als eben ſein unläugbares Recht ver⸗ folgt.— Darum hielt ſich Karl auf dem Throne nicht geſichert, ſo lange der Hohenſtaufe lebte. In der Frühe des 29. Oktober 1268 ſtand auf dem Ufer des herrlichen Golfs von Neapel ein ſchwarzbeſchlagenes Blutgerüſt er⸗ richtet. Schwerbewaffnete franzöſiſche Truppen umſtanden daſſelbe,— wehklagend, ſchauernd, knirſchend ſammelte ſich das Volk von Neapel im Umkreis, aber es war waffenlos! Vor Sonneuaufgang beſtiegen die Verurtheilten das Schaffot, unter ihnen zwei Jünglinge, heldenſchön. Eins wie im Leben gingen Konradin und Friedrich zum Tode. „Jeſus Chriſtus, König der Ehren, willſt du nicht, daß dieſer Kelch an mir vorübergehe, ſo befehle ich meinen Geiſt in deine Hände!“ rief der letzte Hohenſtaufe, und kniete nieder; ſchon blitzte das Beil über ſeinem Halſe, als er noch einmal aufſprang und die Hände emporhob mit dem erſchütternden Weherufe:„O Mutter, Mutter, welch' ſchreckliche Kunde ſollſt du von mir hören!“ Alſo rief der Kaiſerjüngling angeſichts der Vätergrüfte, 1 Und ein roſenrother Blutſtrahl ſtieg erſchütternd in die Lüfte, Und dem höchſten Heldenſtamme war die Wurzel abgehauen. Als Eliſabeth den Boden Neapels betrat, wurde ſie auf S. 493.) Er voll Jugendſchönheit und Kraft, wie ſein vom leeren Gefängniſſe zu einem doppelten Grabhügel am —— — — Auf dem zu, die hier t's l iſer: „Kaiſerl⸗ b d, bis zum rihr verwais⸗ denkender an⸗ Held geworden! r Kaiſer; jetzt oße Jeit. In ſchen er⸗ cht ferne, da werden würde, s des Großen teren Maien⸗ durch einen zetäubung des men, was ſt, itte beflügtlte Jou hatte kein ſt. Konradin 111 m 0 mmporhod Acj Mutter, 6 1 —————:rrͤ—:——————— Strande des Golfes geführt. Leben geblieben war. Ganz Europa theilte und ehrte den Schmerz der be⸗ raubten Mutter; aber alles Mitgefühl hatte für ſie keinen Werth, es rief ihren Konradino nicht mehr in's Leben. Sie beſaß eine kleine Tochter, ihr aus der zweiten Che erwachſen,— ſpäter als Gemahlin Kaiſer Albrechts des — auch ſie konnte Dornenkrone inmitten den Schmerz der Mutter nicht tröſten, konnte den herr⸗ lichen Sohn, den einzigen vom heißgeliebten Hohenſtaufen Eliſabeths Leben war nur noch eine nie endende Klage um ihren gemordeten Sohn, bis Erſten Stammmutter der Habsburger, Konrad, nicht erſetzen. Feierſtunden. 1864. Die heiligen Mutterthränen netzten den Sand, der den Gemordeten ſtatt geweihter Erde zur Ruheſtätte geworden war. Darüber errichtete Eliſabeth eine Kapelle— es war die letzte Sorge, die ihr für's der Tod ſie mit ihm und dem Gemahl ihrer Jugend und Liebe vereinigte am 9. Oktober 1273, fünf Jahre nach Konradins blutigem Ende. Sie wurde begraben im Klo⸗ ſter Stambs, das ſie geſtiftet, damit für die Seele ihres Sohnes dort gebetet werde. Das Bild Eliſabeths, der früh Verwittweten, der Verlaſſenen und Einſamen, das Bild der beraubten untröſt⸗ lichen Mutter blickt uns an in der Geſtalt der Paſſions⸗ blume mit ihren des Stammes mangelnden Ranken, ihren in's Violett der Trauer gekleideten Blumenſternen und der deſſelben. O ruhe ſanft! Verſchwunden iſt ſie vom Erdenrund, Doch ihres Herzens Wunden ſind heilig uns noch kund, Der Staufen letzte Mutter ſchied hin Eliſabeth, Wie hinter Sturmgewölken die Sonne untergeht. Crepang⸗iſcher. Indien iſt und bleibt doch das Land der Wunder und nirgends in der Welt bringt die Thierwelt und Vegetation Im Gegentheil erregte noch immer ſchon ihr Anblick einen ſolchen Eckel, daß ſich ſelbſt die Unheikelſten voll Abſcheu ſo Großartiges zu Tag, als dort; nirgends ſonſt findet von ihnen abwandten, und wenn man ſie vollends, ſei's ſich ein ähnlicher Reichthum an koſtbaren Produkten aller Art. Ja gar viele Pflanzen und lebende Weſen, die in Europa eben ſo zu Hauſe ſind, als in Indien, aber bei uns gar keinen Werth haben, verwandeln ſich dort in Ge— genſtände, nach deren Beſitz Jedermann begierig iſt, trotz⸗ dem die Aehnlichkeit in der äußeren Erſcheinung dieſelbe bleibt, und zum Beweis dieſer meiner Behauptung will ich nur den Trepang anführen. Zu der niedrigſten Thiergattung, die es auf der Welt gibt, gehören die Mollusken oder Weichthiere, welche aller Gliedmaßen und ſogar des Rückgrats entbehren, und zwar ſowohl auf dem Feſtlande, im Meere vorhanden ſind. genannten Holothurien, auf einer der geringſten Rang⸗ ſtufen unter ihnen ſtehen. nungen beſitzen und deren rothbraune Körper mit einer warzigen, unreinen, ſich wie Leder anfühlenden Haut über⸗ zogen iſt. Ihre Länge beträgt von zehn bis fünfzehn Zoll, in der Dicke aber erreichen ſie ſelten über drei Viertelzoll, und hie und da trifft man noch viel kleinere Species an. Zähne beſitzen ſie keine, dagegen haben ſie einen äußerſt harten Mundrand, mit dem ſie ihre Hauptnahrung— Conchylien— gar leicht zu zerbrechen im Stande ſind, und das iſt ein großes Glück für ſie, denn ſie zeichnen ſich durch eine ungemeine Gefräßigkeit aus. Was ihre Heimath anbelangt, ſo trifft man ſie in allen Meeren der Welt, und zwar halten ſie ſich faſt regel⸗ mäßig zwiſchen Klippen und an Korallenbänken auf, wo ſie ſich feſtſetzen. Schlammigte Ufer dagegen meiden ſie gänzlich, ohne Zweifel weil ſie da keine ihnen zuſagende Nahrung finden. So verbreitet nun aber auch die Holo⸗ thurien in allen Seen der Welt ſind, und ſo oft ſchon kuropäiſche und amerikaniſche Fiſcher es verſucht haben, ſie auf irgend eine Weiſe nutzbar zu verwenden, ſo iſt dies och bis jetzt immer vergeblich geweſen, und am allerwenig⸗ ſten gelang es,— was doch ſonſt bei allen anderen See⸗ und Weichthieren der Fall iſt,— ſie eßbar zuzubereiten. Es ſind dies länglichte, wurm— artige Geſchöpfe, die an beiden Enden ihres Leibes Oeff⸗ nun im ſiedenden Waſſer, ſei's in der Bratpfanne, zube⸗ reitete, ſo ſteigerte ſich dieſer Abſcheu zum Grauſen. Ja ſogar bei einer großen Hungersnoth, die einmal in Venedig herrſchte, konnte ſich Niemand unter den Bewohnern, nicht einmal unter den Allerärmſten, dazu entſchließen, eine aus »Cazzo del mar«— ſo heißen die Thiere dort be⸗ ſtehende Speiſe zu ſich zu nehmen, ſondern die Leute zogen es vor, lieber der Nahrungsloſigkeit zu erliegen! Wie ganz anders aber verhält ſich dies im ſüdlichen Aſien, beſonders in Indien und China! Zwar allerdings, welche was das Ausſehen der Thiere anbelangt, ſo findet ſich ent⸗ aber trotz dieſer niedrigen Organiſation äußerſt zahlreich weder gar kein, oder doch kein als insbeſondere auch Ihre verſchiedene Klaſſen und Unterabtheilungen zu nennen iſt hier nicht der Platz; da⸗ gegen aber darf ich es nicht verſchweigen, daß diejenigen unter ihnen, von denen der Trepang herrührt, alſo die ſo⸗ großer Unterſchied zwiſchen den aſiatiſchen und europäiſchen oder amerikaniſchen Holo⸗ thurien, ſondern ſie gleichen, dort wie da, eckelhaften, roth⸗ braunen, dick angeſchwollenen Würmern, vor deren bloßen Berührung es einem civiliſirten Menſchen ſchaudern ſollte; aber der Geſchmack derſelben iſt ein ganz anderer geworden und ſie gelten im Orient(wenigſtens in jedem Hauſe an der See) überall als eine willkommene Speiſe. Ja nicht genug an dem— auch im Innern jener Länder, beſonders in allen größeren Städten, ſind ſie äußerſt geſucht und eine Leckermahlzeit am Tiſche der vornehmen Chineſen würde ihres koſtbarſten Gerichtes entbehren, wenn— außer den Vogelneſtern— die Holothurien fehlen würden! Freilich als Holothurien kommen ſie da nicht auf die Tafel, ſondern als Trepang; allein was thut der geän⸗ derte Name zur Sache? Der Name„Trepang“ iſt näm⸗ lich nichts anderes, als die malayiſche Ueberſetzung von Holothurie, und da nun die Malayen es hauptſächlich ſind, welche ſich mit dem Fang dieſer Thiere abgeben, ſo iſt ihre Benennung derſelben im Oriente die allgemein übliche ge⸗ worden. Doch muß auch noch weiter angeführt werden, daß man unter Trapang gewöhnlich keine„friſchen“ Holo— thurien verſteht, ſondern„getrocknete“, indem dieſelben nur in getrocknetem Zuſtande als Waare verſandt und bei den Gaſtmählern der Reichen verſpeist werden. Wie wollte man dies auch anders halten, da dieſe Thiere ſchon wenige Stunden, nachdem man ſie aus dem Seewaſſer herauf ge⸗ bracht hat, in Fäulniß übergehen? Darum wenn auch die malayiſchen Schiffer es in der Gewohnheit haben, den Tre⸗ pang für ſich ſelbſt„gekocht“ als Suppe zu verzehren, und dieſe Suppe, beſonders wenn ſie gut mit Gewürzen zerſetzt — 496 Feierſtunden. 1864. ——— ſtt, umge Fang lang gewo denn bald hera oft chne reinid Sonr oft a Unter das blos die 9,. N.— A, 5 O „ungu eL⸗buvchoa =— ———————;;— Feierſtunden. 1864. ———;::ͤ—;—— * 497 ———O iſt, jeder anderen Speiſe vorziehen, ſo ſäumen ſie dagegen Trepangs, anfängt, und wo es aufhört, iſt bis jetzt noch umgekehrt nicht, ihre Jagdbeute ſogleich nach gemachtem Fang„als Waare“ zuzubereiten, d. h. dieſelbe regelrecht ſo lange an der Sonne zu trocknen, bis ſie ſo hart wie Stein geworden iſt. Die Manipulation iſt übrigens ganz einfach, denn ſie beſteht einfach darin, daß man den Thieren, ſo⸗ bald man ſie unter dem Waſſer von den Korallenbänken heraufgeholt hat— ein guter Taucher fängt an einem Tage oft ſeine fünf⸗ bis ſechshundert Stück— die Seite auf⸗ ſchneidet, darauf ihren Darmkanal durch einen einzigen Druck reinigt, und ſie dann ſchließlich auf Bambusblättern in der Sonne ausbreitet. Bei dieſem Geſchäfte helfen Weiber und oft auch Kinder mit, das Fangen ſelbſt aber, ich meine das Untertauchen in die See zu den Korallenbänken hinab und das Losreißen der Holothurien mit den Händen beſorgen blos die Männer, und ſelbſt von dieſen verſtehen ſich nur nicht genau ermittelt worden; die Thatſache dagegen ſteht feſt, daß man ſie auf allen Sand⸗ und Korghenbünten der indiſchen Meere, von Sumatra bis Neuguinea, in großen Maſſen findet. Der Hauptſtapelplatz dieſer Waare muß übrigens auf Macaſſar und der Inſel Celebes überhaupt geſucht werden, denn von hier aus werden jährlich über 7000 Pikuls(à 133 ⅛ Pfd.) nur allein nach China ver⸗ ſandt, ohne das, was nach andern Häfen abgeht. Was nun aber den Werth der Waare betrifft, ſo iſt dieſer na⸗ türlich je nach der Qualität, wie bei allen eßbaren Dingen, ſehr verſchieden, und man bezahlt in Macgſſar ſelbſt von zehn bis zu neunzig Dollars oder ſchwere Piaſter per Pikul. Im Durchſchnitt dürfte alſo das Pfund einen Drittels⸗ dollar werth ſein, und ſomit darf man ſich wohl nicht mehr wundern, warum die Malayen ſich dieſem Fang mit ſo vielem Eifer widmen. ℳ” die Kräftigſten gut zu der anſtrengenden Arbeit. Wo das Revier der„eßbaren“ Holothurien, d. i. des 1 I b aoee g hh V 3 9 V 13 V 63„ 1) wen lte 9 eid z 2 ſtets 2 er beſc da ich ich ſpie nicht ſe ſein W digt zur 4ää4ä4 himmel 1 den. 1864. Spißenklöpplerin nach Slingeland. 4 — — ———— —— ——O(—— —,— ———— Feierſtunden. 1864. Bis in das dritte glied. M 4 Erzählung doß Marie v. Roskowska. I 9 u Aau ſtiſchen Bilder und Geſtalten, die in meiner Seele ſchlum⸗ er 1 merten, wachgerufen. Die Paſſionsgeſchichte miſchte ſich ſei Die Andächtigen lagen auf den Knieen und murmel⸗ mit einer ſlaviſchen Sage, die in den Evangelien überlie⸗ Fl ten Gebete, indem ſie reuevoll m die Bruſt ſchlugen oder ferten Vorgänge mit einer Hoffnung, die Leute polniſcher D inbrünſtig den Boden küßten. Sie ließen ſich durch die Zunge auf die Zukunft bauen. Bei Chriſti Tod hatten ſich knn Andersgläubigen nicht ſtören, welche nur Neugierde in die die Gräber aufgethan und ihre Bewohner wiedergegeben: tha Kloſterkirche führte. es ſtand in meinem erregten Hirn feſt, unter dieſen Todten fand So lange es her iſt und ſo jung ich damals noch ſei„Swixty Woyciech“, der heilige Adalbert. Daß dieſer ließ war, als ich an der Hand unſeres Mädchens zum erſten einmal auferſtehen und mit ſeinem Kopf unter dem Arme erö Mal das katholiſche Gotteshaus betrat— die Eindrücke von Gneſen nach Prag gehen würde, das wußte unter An⸗ ſein ſind unauslöſchlich geblieben. Ich war ganz überwältigt dern auch unſere Victora, und eben ſo feſt überzeugt war Ja von den weiten hohen Hallen, deren Gewölbe ſich in der ſie davon, daß dann, wenn dieſes merkwürdige Ereigniß der Dunkelheit verloren, von der Pracht rings umher, von ſtattfinde, ganz Polen frei und jeder Niemer(Deutſche) ger dem Trauergeſang und den Weihrauchdüften. Die Finſter⸗ innerhalb des alten Piaſtenreichs elendiglich umgebracht ihr niß im Hintergrunde der wenig beleuchteten Seitenchöre und würde. Mich hatte zu all' den Schauern bei dem Eintritt vie Kapellen ängſtigte mich; meine aufgeregte Phantaſie belebte in die Kirche und den Wundern bei Chriſti Tod auch noch jun die Heiligenbilder. Zitternd ergriff ich Victora's Schürz gräßliche Befürchtung durchrieſelt, der heilige Woyciech ben als ſie mir die Hand entzog, um ſich mit Weihwaſſer; rde nicht, wie ich immer gehört, an ſeinem Namenstage, w beſprengen; folgte ihr in heftiger Aufregung, als ſie, vor indreiundzwanzigſten April, ſeinen ſilbernen Sarg ver⸗ ſch jedem Bilde knixend, vor jedem Crucifix das Kreuz ſchla⸗ aſſen, ſondern ſchon heute, am Todestage Chriſti, an gend, vor jedem Seitenaltar die Kniee beugend, langſam welchem die Grüfte geſprengt wurden, wie ich unlängſt im V ſche dem heiligen Grabe oder vielmehr dem Menſchenknäuel um Evangelium mit frommer Rührung und lebhafter Verwun⸗ daſſelbe ſich näherte. derung zugleich geleſen. Am Tage und zu Hauſe hatte ich V In kindlicher Unwiſſenheit hielt ich das offene Grab, nichts von dieſer haarſträubenden Furcht empfunden, auch fr von welchem Victora mir ſo oft erzählt hatte, für die wirk⸗ nicht an den Apoſtel des Chriſtenthums in unſern Gegen⸗ Fra liche Gruft des Gekreuzigten, und ein urbeſchreibliches Ge⸗ den gedacht, deſſen Auferſtehung uns Deutſchen ſo übel be⸗ Jaſ miſch von Grauen und Entſetzen, Furcht und Mitleid be⸗ kommen ſollte. Jetzt fürchtete ich ernſtlich für mein jun⸗ Vie Ich glaubte mich in eine fremde, ges Leben; denn ſo großes Vertrauen ich auch zu Victora Lieb traum⸗ oder märchenhafte Welt verſetzt, in der es mir kei⸗ hegte, zweifelte ich doch an ihrer Macht, mich bei der all⸗ delt neswegs behagte, und wünſchte von ganzem Herzen, die gemeinen Maſſacre meiner Landsleute zu ſchützen, und wäre und Kirche zu verlaſſen, dem Schauſpiele nicht beizuwohnen, das lieber daheim geweſen bei dem Vater, dem ich dieſes Ver⸗ das mir unſagbar unheimlich erſchien. Allein ich wagte dieſen mögen ſchon eher zuſchrieb. Die vielen polniſchen Land⸗ ſſlle meinen innigen Wunſch nicht zu äußern; einmal, weil es leute, in ihren Schafpelzen oder den blautuchenen Kaftanen, u ſe mir als Sünde erſchien, einen ſo heiligen Ort, wie eine mit brennendrothen Shawls und braunen Filzhüten oder Kirche, in welchem der liebe Gott noch viel mehr anweſend viereckigen Pelzmützen, erhöhten meine Angſt; glaubte ich bew ſei, als überall, gleichſam zu fliehen. Dann wußte ich, ſie doch nur hier reea um die Auferſtehung des heiligen niff Victora würde doch nicht früher fortgehen, bis die Ceremonie Adalbert auf blutige Weiſe zu feiern. Und kein Bekann⸗ und vorüber ſei. Ueberdieß hatte ich ſo inſtändig gebeten, mit⸗ ter, kein mich tröſtendes, anheimelndes Geſicht, ſoviel ich Hu genommen zu werden, daß ich mich ſchämte, gleich wieder auch umherſpähte! bell nach Hauſe zu verlangen. Aber meine Aufregung wuchs Plötzlich fiel jedoch die ganze Bergeslaſt des Grauens, den mit jedem Augenblick. der Todesangſt von meiner Seele. Ich athmete auf und efi Victora hatte mich, nach Art ſolcher Leute, ſtets durch rief hoch erfreut:„Ach, da iſt der alte Jaſch!“ beſſ recht draſtiſche Drohungen und Schreckniſſe zu erziehen, d. h.„Scht— nicht ſo laut, ſonſt mauern ſie dich leben⸗ bube durch Furcht von Unarten abzuhalten geſucht. Es war ihr dig ein!“ flüſterte Victora. Doch nicht einmal dieſe ſchreck⸗ ben gelungen, mich einzuſchüchtern und furchtſam zu machen, liche Drohung machte jetzt einen überwältigenden Eindruck wenm doch begann ich jetzt, da ich„groß“, d. h. ſieben Jahre und auf mich. Ich ſchwieg allerdings und packte Victora’'s i einige Monate alt geworden war, mich im gewöhnlichen ſchöne bunte Schürze noch feſter, allein ich war im Joner⸗ galt Leben ſchon zu emancipiren von der Furcht vor der Dune ſten meines Herzens doch beruhigt und zog immer gröfyere nich kelheit und vor Geſpenſtern, vor Donnerkeilen, womit der Sicherheit aus dem Anblicke des armen Jaſch, der an demn Lebe liebe Herrgott die unnützen Kinder im Gewitter erſchlägt, breiten Seitengange neben einem Pfeiler kniete und ſich dee altee vor Hexen, die Einem in irgend einer Speiſe den ee ſchlug, daß es laut dröhnte. 3 wegte meine junge Seele. zopf eingeben oder mit ihrem böſen Blicke ſonſt ein Uebles Die Perſon, welche mir wie ein wahrer Schutzengel anthun, z. B. hindern, daß man wachſe, und allen übrigen erſchien, hatte von einem ſolchen nicht viel an ſich. Dieſtets In neuen und ungewöhnlichen Verhältniſſen lange hagere Geſtalt mit dem wirren grauen Haar und Popanzen. Bart, trotz des kalten Märztages nur mit einer Jacke von blaugeſtreifter und Beinkleidern von grauer Leinwand be⸗ deckt, mochte Fremden nicht eben viel Vertrauen einflößen 3 . ſtand ich jedoch noch ganz unter der Herrſchaft der aber⸗ gläubiſchen Vorſtellungen, die ich aus den mancherlei Ge⸗ ſpenſtergeſchichten, Sagen und Legenden geſchöpft hatte, welche Victora ſtets ſo bereitwillig erzählte, wie ich ſie, auch zu wiederholten Malen, anhörte. Jetzt waren all' die verwerrenen Ideen und Begriffe, all' die unklaren phanta⸗ und der zuweilen ſtiere und gläſerne, dann wieder unſtäte und rollende Blick war nicht grade einnehmend. Allein ich kannte den Mann, wie Jeder in meiner Vaterſtadt. ge Ereigniß r(Deutſche) h umgebracht dem Eintritt iſti, an längſt im ur Verwun⸗ Hauſe hatte ich unden, auch nſern Gegen⸗ ſo übel be⸗ ir mein jun⸗ S u Lickora ch bei der al⸗ t und würe 4 dieſes Ver⸗ ſeiſchen Land⸗ Kaftanen, Filzhüten oder glaubte i ung des heiligen ain Bekann⸗ Kät, ſobitl ich des Grauend, nete auf und Feierſtunden. 1864. Tag aus und Tag ein, Sommer und Winter, vom Morgen bis zum Abend, durchſtrich er die Straßen mit einer Trage und zwei gefüllten Waſſereimern und bat die Leute, ihm das Waſſer abzunehmen. Fand ſich Niemand, der es brauchte oder brauchen wollte, ſo goß er den Inhalt ſeiner Eimer in den Rinnſtein und ging eilig wieder zum Fluſſe, um ſie auf's Neue wieder zu füllen und zu leeren. Dabei hatte er die Gewohnheit, wie ein zorniger Hund zu knurren, und ſeine Augen rollten dabei fürchterlich, doch that er nie Jemandem etwas zu Leide. Die Straßenjugend fand natürlich ſein Weſen und Treiben ſehr auffallend und ließ, ſobald ſie ihn erblickte, den Ruf:„Der alte Jaſch!“ ertönen. Und das geſchah ſo häufig, daß man allmälig ſeinen Zunamen vergeſſen hatte und ihn allgemein den alten Jaſch nannte; ich wenigſtens kannte ihn unter keinem an⸗ dern Namen. Er ſelber war damit zufrieden, ward nicht gereizt durch die Neckereien der Uebermüthigen, und ſetzte ihnen nichts als die freundliche Frage entgegen: ob ſie vielleicht Waſſer brauchten? Dieſe Ruhe hielt die Gaſſen— jungen wenigſtens einigermaßen in Reſpekt, wenigſtens trie— ben ſie ihren Unfug nicht ſo arg, als es der Fall geweſen wäre, hätte er ſich geärgert, geſcholten, getobt. Mir aber ſchoſſen oft heiße Thränen des Zorns in die Augen, wenn ich ſah, daß ungezogene Buben den armen, harmloſen Men⸗ ſchen verſpotteten, ihn mit dem Waſſer aus ſeinen Eimern begoſſen. Ich hätte ihm gern beigeſtanden und fragte oft, warum er denn immer Waſſer trage, da er doch nichts da⸗ für bezahlt nehme? Allein die einzige Antwort auf meine Fragen war der für mich etwas dunkle Beſcheid: der alte Jaſch ſei nicht geſcheidt—„nicht recht bei Troſt“, wie Victora ſich ausdrückte, weil, wie ſie dann hinzufügte, ſeine Liebſte ihm ungetreu geworden ſei und ihn ſchlecht behan⸗ delt habe. Warum er wegen der Untreue ſeiner Geliebten und ihrer ſchlechten Behandlung ſtets umſonſt Waſſer trug, das hatte ich freilich nicht begreifen können, wenn dieſe ſchlechte Behandlung nicht etwa darin beſtand, daß ſie ihn zu ſo niedern Dienſten verurtheilte. Doch nicht immer erſchien er mir bedauernswerth; ich bewunderte ihn oft recht ehrfurchtsvoll, denn er zeigte, we⸗ nigſtens nach meiner Anſicht, außerordentlich viel Muth und Kraft. So harmlos und friedliebend er ſonſt war, Hunde mochte er nicht leiden, und ſobald ihn einer an⸗ bellte, ſchlug er denſelben in die Flucht. Das gefiel mir, denn ich fürchtete mich gewaltig vor Hunden; noch beſſer gefiel es mir jedoch, daß er auf der Straße den Kindern beiſtand, welchen ein Unrecht zugefügt ward. Die Gaſſen⸗ buben, die ſich damit beluſtigten, kleinen Mädchen und Kna— ben irgend einen Streich zu ſpielen, liefen ſogleich davon, wenn ſie ihn erblickten. Seine magern Arme hatten eine ſüberraſchende Stärke und er brauchte ſie wacker, wo es galt, Schwache zu ſchützen. Dieſer Umſtand war es, der mich in der Kirche darüber beruhigte, daß mein„junges Leben Gras ſei“. Ich hegte die feſte Ueberzeugung: der ulte Jaſch werde mir von den aufſtändiſchen Polen kein Leid zufügen laſſen. War ich doch überdieß ein Günſtling von ihm, hatte ſtets Victora gebeten, ihm das Waſſer abzunehmen, wenn er beſcheiden an unſere Küchenthür klopfte, und ihm einſt, da ich„noch klein“ war, die hölzernen Eimerchen, womit ih ſpielte, ſchenken wollen, damit er an ſeinem großen nicht ſo ſchwer zu ſchleppen habe. Bot ihm Jemand, der ſtin Waſſer brauchte, Geld dafür an, ſo wies er es belei⸗ dgt zurück, und die Art, wie er ſich dann aufrichtete, war himmelweit verſchieden von der eines gewöhnlichen Arbeits⸗ 499 mannes, wofür man ihn doch halten mußte. Er ſah dann grade aus wie ein Herr, dachte ich. Mein Geſchenk er⸗ freute ihn, obgleich er es nicht annahm; er fand ſeitdem Vergnügen daran, mir die Eimerchen mit Waſſer zu füllen, wenn ich auf dem Hofe ſpielte, etwa meine Puppenwäſche ſäuberte. Als gute Wirthin wußte ich ſchon längſt, Fluß⸗ waſſer ſei zur Wäſche beſſer als Brunnenwaſſer, hatte mir daher ſtets den alten Jaſch, der ja am liebſten Flußwaſſer holte, beſtellt, wenn ich das Puppenzeug wuſch. II. Ich ſuchte Jaſchs Blicke, um ihm zuzuwinken, wen⸗ dete mich beſtändig nach ihm um, als Victora vorwärts ſchritt. Er ſah jedoch nicht nach mir hin, ſondern nach der andern Seite, nach dem Eingang. Seine Blicke haf⸗ teten feſt und unverwandt auf Jemand, der den Gang herabkam. Eine außerordentliche Veränderung ging in ſei⸗ nen kindlich harmloſen Zügen vor— ſie belebten ſich eigen⸗ ſthümlich; mit ſeltſamem Ausdruck ſtarrten die Augen ſo lange auf einen Punkt, daß ſie aus den Höhlen zu treten drohten. „Swixty Woyciech!“ dachte ich mit wiederkehrender kindiſcher Angſt und wandte mich zitternd, doch raſch. Statt des gefürchteten Heiligen ohne Kopf erblickte ich in dem Halbdunkel einen ſtattlichen Offizier, der eine bildſchöne, reichgekleidete Frau am Arme führte. Meine Befürchtun⸗ gen waren augenblicklich verſchwunden, in namenloſer Span⸗ nung ſchaute ich aber auf die Scene, die jetzt vorging, flüchtig zwar, faſt ſchneller als ſie ſich erzählen läßt, doch mir unvergeßlich. Mein alter ſonſt ſo friedlicher Freund, den nicht ein⸗ mal die Neckereien der Gaſſenbuben zu ärgern vermochten, ward von dem Anblick der ſchönen Dame in die äußerſte Entrüſtung verſetzt. Er knurrte wie ein zorniger Hund und ſtreckte, ſich vorbeugend, den Nahenden die geballte Fauſt entgegen, wodurch er ſie am Vorübergehen hinderte. Der Blick der Dame, welcher bisher neugierig in der Kirche umherſchweifte, fiel nachläſſig auf das Hinderniß in ihrem Wege. Sie bebte zurück, da ſie den Mann, welcher ihre Saloppe ergriffen hatte, für einen Bettler halten mochte. Haſtig, wie um ſich möglichſt ſchnell von der widerwärtigen Berührung zu befreien, griff ſie in den Pompadour, reichte ihm ein Geldſtück und ſchritt vorüber. Einen Augenblick ſtarrte der Waſſerträger auf die Münze in ſeiner ſchmalen braunen Hand, dann ſprang er wüthend auf und rief, während ſeine Augen fürchterlich rollten: „Du— Du gibſt mir ein Almoſen?!“ Die Dame ſtieß einen Schreckensruf aus und klam⸗ merte ſich angſtvoll an ihren Begleiter, der von dem klei⸗ nen Zwiſchenfall nichts wahrgenommen hatte und jetzt be⸗ troffen auf den alten Jaſch blickte, der raſch hinzufügte: „Bewahre es lieber für deine Kinder und Enkel! Sie werden es brauchen, denn es gibt einen rächenden Gott, der die Sünden der Eltern heimſucht an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied.“(Siehe Bild S. 501.) Dabei ſchleuderte er das Geldſtück nach ihr; da ihm aber Leute in den Arm fielen, traf er nicht ſie, ſondern mich, die neben ihr ſtand. Die Münze, ein kupfernes Sechspfennigſtück, bei uns„Brummer“ genannt, fiel auf meine Schulter. Unwillkürlich griff ich darnach und hielt ſie krampfhaft in der Hand, bis ich nach Hauſe kam. 63* 500 ——;———— „Der Kandidat!“ hatte der Offizier erſchreckt gemur⸗ melt. Als jener das Geldſtück nach der Dame warf, wollte er auf ihn zuſtürzen, wurde aber von ihr feſt- und zurück⸗ gehalten. Die Kirchendiener und andere Leute packten den alten Jaſch und ſchleppten ihn hinaus. Er leiſtete Wider⸗ ſtand, wobei er laut knurrte und wie ein Hund um ſich ſchnappte. Ich war beſtürzt über ein ſolches Betragen, allein ich nahm in meinem Herzen dennoch Partei für mei⸗ nen alten Freund. Mußte ihm doch arges Unrecht geſchehen ſein, um ihn ſo aufzubringen. Die Dame und der Offi⸗ zier waren ſehr bleich geworden; ſie ſchlug die Augen nicht auf und zitterte ſichtlich; er blickte finſter in die Geſichter der vielen Umſtehenden, während er zornig ſagte: „Warum ſperrt man einen Wahnſinnigen nicht in's Irrenhaus?“ Jarum habt Ihr ihn erſt um ſeinen Verſtand ge⸗ bracht?“ flüſterte eine Stimme hinter mir. Ich ſah mich um und erkannte in der Sprecherin die greiſe Bürgerfrau, bei welcher der alte Jaſch wohnte. Sie arbeitete ſich durch die Menge, um ihrem Penſionär zu folgen. Inzwiſchen entfernte ſich der Offizier und ſeine Ge⸗ mahlin, oder verſchwand doch für mich in dem Menſchen⸗ knäuel, der ſchnell zuſammengeſtrömt war. Die Heiligkeit des Ortes hielt laute Aeußerungen zurück, doch drängte ſich eine Anzahl Neugieriger nach dem Ausgange, um zu ſehen, ob der Skandal nicht vielleicht draußen eine Fortſetzung fände. Ich zog Victora hinaus und ſie folgte ohne Wider⸗ ſtreben, da ſie ſelber neugierig war. Draußen gab es in⸗ deß nichts als viele Menſchengruppen, die ſich über den Vorfall unterhielten. Victora fand auch Bekannte, mit denen ſie die Sache lebhaft beſprach. Da ich des Polni⸗ ſchen nicht ganz mächtig war und die Magd mit ihren Freundinnen ſehr ſchnell redete, verſtand ich trotz aller Auf⸗ merkſamkeit wenig, viel weniger, als ich zu verſtehen wünſchte. Nach einiger Zeit wollte Victora in die Kirche zurückkehren, ich mochte davon jedoch nichts hören. Meine Angſt war zu groß geweſen. Mit aller Hartnäckigkeit eines verwöhnten Kindes beſtand ich darauf, ſogleich nach Hauſe zu gehen. Sie mußte zuletzt nachgeben, war aber böſe und ſchwieg mürriſch auf meine Fragen nach dem alten Jaſch und ſeiner Geſchichte. Zu Hauſe hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als den Vorfall zu erzählen und das Geldſtück zu zeigen. Dann fragte ich eifrig:„Mutter, iſt es wohl wahr, daß ſeine Braut den alten Jaſch mit den Hunden forthetzen ließ, weil ſie ſich einen andern Schatz angeſchafft hatte, der aber auch ſchon verlobt war? Das kann ich gar nicht glauben; es hat doch kein Mädchen zwei Bräutigams auf einmal und kein Bräutigam zwei Bräute— da müßte ſie ja zwei Ringe haben und davon hörte ich noch nie!“ „Herr Jeſus, was redet das Kind zuſammen!“ rief die Großmutter, und faltete verwundert die Hände, nach⸗ dem ſie die Brille abgenommen und die Bibel zurückgeſcho⸗ ben hatte. Meine Brüder lachten und der älteſte ſagte neckend:„Du haſt auch ſchon etwas Rechtes gefehen!— Denke doch nur an Blaubart und die Türken.“ „Unſinn— Blaubart brachte ſeine Frauen um, aber er hatte nur eine auf einmal. Und wir ſind Chriſten, keine Türken!“ rief ich gereizt.„Vater, erzähle du mir die Ge⸗ ſchichte vom alten Jaſch. Ich habe allerlei davon gehört, doch verſtehe ich es nicht recht. Die Dame in der Kirche heute— das war ſeine Braut, nicht wahr? Ich bin nicht Feierſtunden. 1864. ————;— doch nicht Du zu ihr ſagen dürfen. Aber das begreife ich nicht, wie der alte Jaſch, der eine geflickte Leinwandsjacke an hat und Waſſer trägt, eine ſo feine Dame zur Braut haben konnte.“ „Er war nicht immer der alte Jaſch, trug früher nicht Waſſer oder eine geflickte Leinwandjacke,“ ſagte der Vater ernſt. „Wie früh ein Mädchen ſchon auf die Kleidung ſieht!“ rief mein Bruder ſpottend,„du nimmſt dir wohl keinen Arbeitsmann?“ Ich ſchüttelte unwillig den Kopf und fragte den Vater: „Ja, was war er denn eigentlich, etwa Candidat, wie der Offizier ſagte? Und was iſt das mit ſeiner Schweſter, die ſich aus Liebesgram umbrachte? Ich verſtand das nicht ordentlich.“ „Iſt auch gar nicht nöthig,“ fiel die Mutter unge⸗ wöhnlich ſtreng ein.„Spiele du mit deiner Puppe, oder nimm das Strickzeug und kümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen.— Daß dem Kinde nicht ſolche Geſchichten erzählt werden,“ ſetzte ſie zu Victora hinzu, die ſich am Ofen etwas zu ſchaffen machte. „Was thue ich aber mit dem Brummer? Soll ich ihn der Frau Hauptmann, denn das iſt ſie ja, hintragen? fragte ich, durch den Verweis etwas kleinlaut gemacht, doch keineswegs entſchloſſen, der mütterlichen Weiſung ſo weit zu folgen, um mich nicht um die Sache zu kümmern. Ich war im Gegentheil noch neugieriger geworden. „Was würde die dazu wohl ſagen,“ ſprach der Vater als Antwort auf meine Frage zur Mutter, und erhielt darauf ein bedeutungsvolles Kopfſchütteln und Achſelzucken. Meine Brüder wollten wie gewöhnlich über mich lachen, der Ernſt des Vaters hielt ſie davon ab. Die Großmutter aber meinte:„Den Brummer kannſt du einem Armen geben, oder in den Gotteskaſten am Spital legen.“. Das that ich denn auch ſchon am folgenden Tage, d. h. ich ſteckte dieſes Geldſtück heimlich in meine Spar⸗ büchſe, um es zum Andenken zu bewahren, und nahm da⸗ für ſechs Pfennige heraus, mit denen ich zu der nahen Ecke ging, an welcher, um das Mitleid anzuregen, das Bild des armen Lazarus hing, deſſen Schwären die Hunde lecken. Der kraſſe Naturalismus ſeiner Auffaſſung, die grellen Farbentöne des Gemäldes hätten die Kritik zu Ausſtellun⸗ gen veranlaßt. Sogar mir gefiel es nicht. Aber ich be⸗ trachtete den mit Lumpen und mit großen Farbenklexen ſtatt der Geſchwüre bedeckten Körper ſtets mit dem wohligen Schauder, welchen eine recht grausliche Geſchichte hervorruft. Mein alter Freund, der Waſſerträger, hatte gleich⸗ falls ſtets eine Vorliebe für das Bild gezeigt, oft betrach⸗ tend vor demſelben geſtanden; allein da er eine tiefe Ab⸗ neigung gegen Hunde beſaß, ſchüttelte er faſt immer drohend einen Haken ſeiner Waſſertrage gegen die zwei windſpiel⸗ artigen, über die Maßen ſchlanken, vierbeinigen Geſchöpfe, welche ſich ſo mitleidig gegen den Armen, Leidenden erwie⸗ en. be Thiere die Wunden lecken zu laſſen; es ſah vielmehr aus, als biſſen ſie in die nackten Beine hinein, und dieſer ——————;———;— verunſtaltet. Die Schnauzen derſelben waren fortgekratzt. Ich dachte mir zwar, wer dieſes Attentat verübt habe, ſchwieg indeß gegen Jedermann, „nicht recht bei Troſt“ war, in keine Unannehmlichkeiten bringen wollte. Ueberdies erſchien mir das Gemälde mit ſo dumm, ich merke gleich die Hauptſache— hätte er ſonſt den ſchlanken Hunden ohne Vorderkopf noch viel merkwür⸗ Die Kunſt des Malers hatte nämlich nicht hingereicht, Ausdruck war es wohl, der den alten Jaſch ſo ſehr erbit⸗ terte. Eines Morgens fand man die gemalten Hunde ganz weil ich den Armen, der begreife ich wandsjacke ne zur Braut „krug früher 2,“ ſagte der eidung ſieht!“ wohl keinen te den Vater: dat, wie der er, d le da nich das nicht Mutter unge⸗ Puppe, oder ht um Dinge, evicht ſolche ora hinzu, die ſo weit A mern. Ich der Vater und erhielt * Achſetzucken. rmich lachen, ie Großmutter einem Armen —₰ 12i grellen u gusſtlle Aber ich be⸗ kleren ſtatt Feierſtunden. 1864. ——·qhy-q„ ·····(·————— diger, denn nun waren die Thiere doch von den bei uns Bureau, die Mutter und Großmutter auf einem Kaffee. erklärt, Ich wußte, daß ſie von einem heimiſchen erſt recht verſchieden, alſo nach meiner Meinung Victora aber hatte mir eben dem Vaterlande des armen Lazarus angemeſſen. nothwendigen Gang habe. Nachdem ich den halben Silbergroſchen in den Kaſten ſolchen nicht ſo bald wiederkehrte und und einen Blick auf das Gemälde geworfen hatte, ſchaute gegen, die Dämmerung allein zuzubringen. 501 ——B————;ʒ— daß ſie noch einen hatte auch nichts da⸗ Meine Phan⸗ ich nach dem alten Jaſch umher, der ſonſt um dieſe Stunde taſie belebte die Einſamkeit, und graute ich mich zuletzt doch in dieſer Gegend der Stadt ſein Waſſer auszubieten pflegte. ein wenig, ſo war Heute ließ er ſich jedoch nicht ſehen. mich außerordentlich darüber, Und manchen Tag hindurch erſchien er nicht wieder. konnte ich benutzen, mit dem Ich hörte, er ſei wegen des Auftrittes in der Kirche auf Herzensluſt zu plaudern, das um ſo ſchöner. daß ich allein war. ſonderbaren Menſchen nach d. h. wenn er mir Rede ſtehen Jetzt freute ich Das einige Zeit eingeſperrt worden und dürfe nicht freigelaſſen würde, denn gewöhnlich hatte er für nichts Sinn, als für werden, weil man neuen Skandal von ihm befürchtete. Zwar bedauerte ich ihn herzlich, vergaß ihn jedoch bald. An⸗ fangs hatte ich Vic⸗ tora gequält, mir die Geſchichte des armen Mannes zu erzählen. Sie ſchlug es mir rundweg ab, weil die „Panſtwo“ es ver⸗ boten hatte. Doch wußte ich wohl, der eigentliche Grund die⸗ ſer Schweigſamkeit ſei der Unwille über mein damaliges Wi⸗ derſtreben, in die Kirche zurückzukehren. Das nahm ich ihr übel und mochte nun meinerſeits die Ge⸗ ſchichte nicht hören, ſein Waſſertragen. als ſie mir dieſelbe freiwillig erzählen wollte. III. Der Sommer und ein Theil des Herb⸗ ſtes war vergangen und der Winter wie⸗ der vor der Thür, als ich an einem kal⸗ ten Nachmittage drau⸗ ßen den wohlbekann⸗ ten Ruf:„Jaſch, der alte Jaſch!“ vernahm. Haſtig öffnete ich das Fenſter, und da kam mit ſeiner gewöhnlichen Suite von Gaſſenjungen und auf den Schultern die Trage mit den gefüllten Waſ⸗ ſereimern der Irrſinnige die Straße herab. Auf den erſten Blick hatte er ſich wenig verändert, nur daß ſein Haar zund Bart noch verworrener war— ſogar die blauſtreifige, ſchon ziemlich verblichene, aber reinliche Jacke, auf den Ellenbogen mit neuer, bedeutend dunklerer Leinwand geflickt, konnte dieſelbe ſein. Bald nahm ich jedoch wahr, daß ſein Haar und Bart, früher eiſengrau, jetzt wie mit Mehl be⸗ ſtreut ſchien, und das ohnehin hagere Geſicht noch und ſpitzer geworden war. Ich hatte ihm gewinkt, zu kommen, ich befand mich zufällig ganz allein. Brüder waren nicht mehr daheim, (Zu Seite 499.) die wohlgemeinte Gabe und ſteckte die die kleinen Fauſthandſchuhe. und ungeſchickt!“ ſagte alſo dein Geſchenk, dafür.“ Mit glühender Schamröthe griff ſchuhen— es freute mich nur, daß falle doch unerſchöpflichen Stoff zu hagerer Um über meine Meine„Ich wollte dieſe Haſtig lief ich durch die Zimmer, um die verriegelte Küchen⸗ thür zu öffnen— Jaſch war ſchan durch den Thorweg uber den Hof gekommen, trat ein und goß ſein Waſſer in die Tonne. Es enthielt viel Eis, und durch die Thür, welche er offen ge⸗ laſſen hatte, drang ein Strom ſchneidend kalter Luft. Und der Aermſte ging ſo leicht gekleidet, faßte mit den bloßen Händen die eiſernen Bügel der Eimer an! Von dem tiefſten Mitleid erfüllt, hieß ich ihn warten und ſprang in die Stube, um die wollene Hand⸗ ſchuhe zu holen, die ich mir ganz allein geſtrickt hatte, auf welches Werk ich nicht wenig ſtolz war. „Du wirſt dir noch die Hände er⸗ frieren!“ ſagte ich zurückkehrend.„Da nimm die Handſchuhe — ich kann mir ja andere ſtricken— ver⸗ ſtehe das ſchon.“ Er nahm mit gutmüthigem Lächeln zwei Vorderfinger in „Sie paſſen nicht recht— meine Hand iſt zu groß er freundlich und ruhig. Kind, aber ich danke dir herzlich „Behalte ich nach den Hand⸗ meine Brüder nicht zugegen waren; hätten ſie in dieſem meinem albernen Ein⸗ Neckereien gefunden. Verlegenheit hinweg zu kommen, und hier herein eine Nothlüge für erlaubt haltend, ſagte ich ohne Beſinnen: . Handſchuhe auch nur als Maß zu der Vater auf dem denen brauchen, die ich dir ſtricken werde.“ 502 —;;——; Er glaubte mir unbedenklich, machte keine ſpöttiſche auf den Kopf gießen. Sie meinten, damit die Gluth zu Bemerkung, wie ich das von Andern gewöhnt war, wenn löſchen, die ja von hier“— er deutete auf ſein Herz— ich, was ziemlich häufig geſchah, eine Dummheit geſagt,„emporgeſtiegen war und mein Hirn verbrannte. Das that irgend einen Genieſtreich begangen, oder, wie man heute weh, ſchrecklich weh, und darum ſchöpfe ich den Fluß aus, ſagen würde, mich„gründlich blamirt“ hatte. Ich fand und je mehr Eimer ich daraus forttrage, deſto weniger darum den alten Jaſch in hohem Grade vernünftig, moch⸗ bekomme ich ſpäter davon auf den Schädel gegoſſen, wenn ten ihm andere Leute auch das Gegentheil nachſagen. Aber ſie künftig wieder einmal vorgeben, mich kuriren zu wollen. daß er mein Verſprechen, ihm ein Paar ordentliche Hand-— Ja, ich habe Feinde, mächtige Feinde, aber ich bin ſchuhe zu ſtricken, ablehnte, gefiel mir nicht, und ich demon⸗ ſtrirte ihm lebhaft vor, er müſſe ſich die Hände an- und abfrieren, wenn er ſie nicht gegen den Froſt ſchütze. Die meinigen erſtarrten gleich, wenn ich draußen auf dem Hofe nur ein ganz klein wenig„ſchlidderte“. „Oh, ich friere nie. Es brennt hier wie Feuer, da⸗ von werden auch die Hände warm,“ antwortete er mit ſo ſchmerzlichem Tone, daß ich erſchrak, und preßte beide Hände auf die Stirn. Im nächſten Augenblicke fragte er jedoch mit gänzlich verändertem, bittendem Ausdrucke, ob ich erlaube, daß er noch einmal Waſſer holen dürfe? Ich fand nicht den Muth, ſeine Bitte abzuſchlagen. Aber ich dachte mit einiger Unruhe daran, was Victora zu dem vielen Flußwaſſer ſagen würde, von welchem ſie zum Kochen keinen Gebrauch machen konnte: mich gewiß bei der Mutter verklagen. Ich war als einzige Tochter und Neſt⸗ häkchen zwar ſehr verwöhnt, kam faſt immer ohne Strafe fort, ließ es aber doch nicht gern zu einer Klage kommen. Daher gerieth ich jetzt auf den klugen Gedanken, einen Theil des Waſſers auf den Hof zu gießen. Dadurch verminderte ich den übergroßen Vorrath und ſchuf mir zugleich eine prächtige„Schlidderbahn“. Stracks ergriff ich eine Kanne und trug Waſſer hinaus, bis der alte Jaſch wieder kam, was ſehr ſchnell geſchah. Victora brauchte wenigſtens die fünffache Zeit, holte ſie einmal Flußwaſſer. Der Irre war ſo vergnügt, lachte ſo fröhlich, obgleich nicht laut, rieb ſich ſo entzückt die Hände, nachdem er ſchon die zweite Tracht Waſſer in die Tonne gegoſſen hatte, daß ich es nicht über das Herz bringen konnte, darauf zu be⸗ ſtehen, es ſei jetzt genug. Er reſpeklirte, wie ich wußte, eine Abweiſung ſtets, zog ſich immer beſcheiden zurück, wenn man ſeinen Dienſt ablehnte, aber derſelbe gewährte ihm augenſcheinlich ein hohes Vergnügen, er bat ſo drin⸗ gend und zugleich ſo demüthig. Er dauerte mich, und gleich⸗ zeitig fühlte ich mich dadurch außerordentlich geſchmeichelt, daß es in meiner Macht ſtand, einen Menſchen froh und glücklich zu machen; dergleichen war meiner kleinen Perſon noch nie vorgekommen. Daher nickte ich huldvoll; der lei⸗ denſchaftliche Waſſerträger wollte wieder davon laufen, als ich ihn mit der neugierigen Frage aufhielt, warum er denn ſo gerne Waſſer hole? Sein grinſendes Geſicht verdüſterte ſich augenblicklich, und die unſtäten Augen begannen unheimlich zu rollen, doch ſagte er nach einer Pauſe in ſanftem, faſt melancholiſchem Tone:„Du biſt gut gegen den alten Jaſch, beſſer, als die Andern, die kaum eine Tracht Waſſer annehmen. Da⸗ rum will ich dir ein Geheimniß ſagen, du mußt es aber nicht ausplaudern.“ Ich gelobte das und ſah ihn erwartungsvoll an. Er blickte verſtört umher, als fürchte er einen Lauſcher, neigte ſich dann zu meinem Ohr und flüſterte:„Sieh', ich haſſe das Waſſer und will Alles, Alles aus dem Fluß tragen und fortgießen. Als es ſo in meinem Kopfe brannte— o noch viel mehr, wie jetzt, ſo, als hätte ich einen feuer⸗ ſpeienden Berg darin, da ſagten die Doktoren: ich ſei ver⸗ rückt, und ließen mir Waſſer, viele, viele Eimer Waſſer! 9 klug, nicht wahr, und führe ſie hübſch an? Und ſie mer⸗ ken gar nicht, wie viel Waſſer ich ſchon aus dem Fluß geſchöpft habe!“ Er lachte dabei hell auf. Wäre ich älter geweſen, ſo hätte ich in dieſem Wahnſinn Methode gefunden; damals fand ich noch viel mehr darin; ich hielt den Einfall für ſehr vernünftig. Meine Phantaſie ging eben ſo ſchnell mit meinem bischen Verſtand durch, wie mein Herz, es gab daher nicht leicht eine Idee, die mir nicht im erſten Augen⸗ blicke eben ſo einleuchtete, wie dieſes Ausſchöpfen des Fluſ⸗ ſes; übrigens mögen zu meiner Zeit die Kinder einfältiger geweſen ſein, als heutzutage. Daher nickte ich ihm beifäl⸗ lig zu und bemerkte weiſe: „Ja, aber warum ſchöpfſt du denn gerade nur Fluß⸗ waſſer? Die Doktor haben dir vielleicht Brunnenwaſſer auf den Kopf gegoſſen.“ „Waſſer iſt Waſſer, und was davon verbraucht wird, iſt nicht mehr da, kommt alſo nicht auf meinen Kopf,“ ſagte er mit ſo ernſtem Nachdrucke, daß ich dieſes Argu⸗ ment höchſt überzeugend fand. „Aber das Flußwaſſer haſſe ich ganz beſonders,“ fuhr er dann geheimnißvoll und ſichtlich verdüſtert fort. „Warum?“ fragte ich haſtig. „Warum, ja— das iſt wahr— warum doch nur?“ Er legte die Hand nachdenkend an die Stirn. Seine Augen wurden ganz ſtier, und ohne meine Neugierde wäre mir jetzt ſein ſchnell verändertes Weſen unheimlich geworden. Nach kurzer Zeit flog jedoch ein Ausdruck des Beſinnens, ein Schimmer der Erinnerung über ſeine Züge, und dem⸗ ſelben folgte ein tiefes Schmerzgefühl. Der Blick war aber noch immer ſtarr und wie auf irgend einen Punkt gerichtet, den zu erkennen er ſich bemühte, der ihm gleich⸗ wohl nicht klar wurde.„Ach ja, jetzt beſinne ich mich!“ murmelte er dann.„Im Fluſſe machen Mädchen ihrem Leben ein Ende, wenn der Geliebte eine Andere freit, und darum muß ich raſch das Waſſer ausſchöpfen.“ Er griff nach den Eimern und rannte davon. Ich war ſehr erſchüttert und hegte den lebhaften Wunſch, dem Unglücklichen bei ſeinem Werke, das mir noch immer höchſt zweckmäßig ſchien, ein wenig zu helfen. So goß ich denn mit der Kanne das Waſſer auf den Hof, während er wel⸗ ches vom Strome herbeitrug. warm, wie der arme Wahnſinnige, den in ſeiner leichten Kleidung auch nicht fror. Die Dämmerung war ange⸗ brochen und ich hatte die Küchenlampe angezündet. Trotz meines Eifers konnte ich nicht ſo viel Waſſer fortgießen, wie Jaſch brachte; auf die Idee, ihn das ver⸗ haßte Naß ſelber auf meine projektirte Rutſchbahn ſchütten zu laſſen, kam ich zwar, allein ſeine Freude über unſere Gefäſſe, welche ſo lange nicht gefüllt waren, erfreu zu lebhaft, als daß ich ihn nicht bei ſeine laſſen ſollen. Es ſchmeichelte meiner kindiſ daß ich den alten Jaſch, der in meinen Augen recht klug war, gewiſſermaſſen anführte. Endlich waren unſere ſämmtlichen Gefäſſe, von In meinem Eifer fühlte ich nichts von der Kälte— arbeitete ich mich doch eben ſo te mich m Wahn hätte chen Eitelkeit, dem brin Glü chen der herb alter ſchw chen Fuß tletten ihn Freile Jeder imm desal Das verre Kaaf nich der Und und großen eingemauerten Keſſel auf dem Herde bis auf die Micchkanne, gefüllt. Jaſch freute ſich ſeiner Thätigkeit ſo ſehr, daß er mich mit ſeiner Freude anſteckte. Aber ich fühlte mich ermüdet, und ſo ſeelenvergnügt ich auch war, konnte ich eine gewiſſe Beſorgniß doch nicht unterdrücken. Auf dem Hofe hatte ich eine wahre Ueberſchwemmung an— gerichtet, in der Küche ſah es gleichfalls arg genug aus, und wie— wenn mein alter Bekannter nun nicht auf⸗ hören konnte, immer mehr Waſſer herbeizuſchleppen, wenn er ſo etwas Undinenartiges an ſich hatte, und uns zuletzt erſäufte zur Strafe dafür, daß ich ihm überhaupt geſtattet hatte, uns ſeine Dienſte zu widmen! Obgleich nicht mit Undine, hatte er doch immerhin einige Aehnlichkeit mit einem Kobold, als er mit ſeinem wirren Haar und verwilderten Ausſehen grinſend, kichernd, die Hände reibend oder als Ausdruck höchſten Vergnügens die hageren Arme und Beine wie ein Gliedermann umherſchlenkernd, ſich in dem ziem⸗ lich düſtern Lampenſcheine bewegte. IV. Ich mußte den Irrſinnigen in eine andere Stimmung bringen, dieſe ausgelaſſene wurde mir immer beunruhigender. Glücklicherweiſe war der Kuchen noch nicht verzehrt, wel⸗ chen ich zur Entſchädigung für mein Zuhauſebleiben von der Großmutter erhalten hatte. Raſch brachte ich denſelben herbei und präſentirte ihn mit einem zierlichen Knix dem alten Jaſch, deſſen läppiſche Luſtigkeit augenblicklich ver⸗ ſchwand. Er verbeugte ſich tief, nahm graziös ein Stück⸗ chen Kuchen und ſagte reſpektvoll:„Danke, mein Fräulein!“ Entzückt lächelte ich ihn an und ſtellte mich auf die Fußſpitzen, um etwas größer zu erſcheinen. War das ein netter, artiger Menſch! Gleichzeitig fiel mir ein, daß ich ihn bisher ohne die gebührende Rückſicht behandelt hatte. Freilich war ich nicht mehr„ſo klein und dumm“, um Jedermann„Du“ zu nennen; doch da das im Polniſchen immer geſchieht, hatte ich die Gewohnheit des frühen Kin⸗ desalters beibehalten und dutzte die Leute der niederen Stände. Das ſchickte ſich aber meinem Geſellſchafter gegenüber nicht, perrieth doch ſein Weſen deutlich, daß er den gebildeten Klaſſen angehöre. Hatte der Vater nicht geſagt, er habe nicht immer Waſſer und eine Leinwandjacke getragen, hatte der Hauptmann in der Kirche ihn nicht Candidat genannt? Und ich ließ ihn in der Küche ſtehen!. O ja, die Mutter zund Großmutter hatten ſchon Recht, wenn ſie mir Unbe⸗ dachtſamkeit und Mangel an Lebensart zum Vorwurf mach⸗ ten! Aber nun ſollten ſie ſich auch einmal vom Gegentheil überzeugen. Schnell zündete ich Licht an, öffnete die Stubenthür und ſagte, wie ich das oft gehört hatte:„Bitte, wollen Sie nicht ein wenig näher treten? Es wird uns ſehr an⸗ genehm ſein.“ Er ſtand mir an Artigkeit nicht nach, ſagte verbind— lich:„Wenn Sie es erlauben, werde ich ſo frei ſein,“ und ließ mir den Vortritt. Beim Ueberſchreiten der Schwelle führ er mit der Hand nach dem Haupte, als wolle er die Kopfbedeckung entfernen. Da er keine fand— denn Som⸗ mner und Winter diente ihm einzig ſein verworrenes Haar als ſolche— verlor er ſeine Kaltblütigkeit nicht, nahm ſie Trage ab, als entledigte er ſich eines Ueberziehers, und ſtellte ſie wie einen Spazierſtock in eine Ecke. Ich mußte mich auf das Sopha ſetzen, während er ſich einen Stuhl an den Tiſch zog, und wurde dann höflich nach meinem Feierſtunden. 1864. 503 Befinden gefragt, einmal über das andere„Fräulein“ titu⸗ lirt. Ich glaubte, noch nie einen ſo feinen und vernünf⸗ tigen Mann geſehen zu haben, und ſelbſt ſeine geflickte Leinwandjacke, ſein ungepflegter Haarwuchs und das irre Feuer ſeines Blickes, wie ein gewiſſes Zucken der Geſichts⸗ muskeln, ſtörte mich in dieſer Meinung nicht. Altklug wollte ich eine Unterhaltung mit ihm begin⸗ nen, die Erwachſenen parodirend, welche ich bisher beobach⸗ tet hatte. Doch meine natürliche Lebhaftigkeit duldete das nicht lange. Auch wurde mein Gaſt unruhig. Er blickte ungewiß umher, antwortete zerſtreut. „Er denkt daran, wie lange er nicht in ſolchem Zim⸗ mer ſaß, nicht als Herr behandelt wurde!“ ſagte ich zu mir ſelber, und holte, um ihn zu erheitern, Defoe's Ro⸗ binſon, und ſchlug ihm die ſchönſten Stellen auf. Er blickte nicht in das Buch, ſondern in mein Geſicht, zog mich dann nahe zu ſich heran und ſchaute mir prüfend in die Augen. „Hübſch biſt du nicht, Kleine, wie wirſt du einſt leiden müſſen. Armes, armes Ding!“ ſprach er dann ge⸗ dankenvoll und mit tief ſchmerzlichem Ausdrucke. Niemand hätte, ihn jetzt für närriſch halten dürfen.„Wer nicht ſchön iſt, leidet hier mehr, unendlich mehr als du dir jetzt noch träumen läßſt, beſonders wenn er ein Herz beſitzt. Und du haſt ein Herz; armes Kind!“ Ich ſchauderte und vermochte kein die Kehle war mir wie zugeſchnürt. Doch war es nicht die Wirkung ſeiner Worte, nicht der Gedanke, wie ſchmer⸗ zensreich das Leben ſei— was wußte ich denn davon?— nicht eine Ahnung deſſen, wie prophetiſch er ſpreche. Ich hatte mich bei meiner aquariſchen Beluſtigung begoſſen, in meinem Leichtſinn weder auf die Kälte draußen, noch anf meine naſſen Füße geachtet, und bebte vor Froſt. Mein ſeltſamer Gefährte legte meinem Zittern einen andern Grund unter, und fuhr tröſtend, obwohl ſelber ſehr traurig, fort:„Aber es iſt beſſer, häßlich ſein und leiden, als in glänzendſter Schönheit prangen und Andern Leiden machen— alſo ſei ruhig, Kleine; denn ſiehſt du, es iſt einmal nicht anders—“ fügte er mit geheimnißvollem Flüſtern hinzu:„man muß Ambos oder Hammer ſein!“ Ich verſtand ihn nicht, allein ſein Ton verurſachte mir Leid, machte mir das Herz ſchwer. Ich weinte, ohne zu wiſſen warum und— habe das ja viel ſpäter noch manch' liebes Mal gethan. Vielleicht war es auch die Kälte meiner Füße und ein Schmerz im Halſe, was mir damals die Thränen in die Augen trieb. Ich verſuchte, mich und ihn zu erheitern, ſagte: wir wollen ſehen, wer zuerſt lachen werde, ſchnitt Grimaſſen und trieb die thörichtſten Poſſen. Kinder und Narren wech⸗ ſeln ihre Stimmungen oft ohne Uebergang; ihre Launen und Einfälle laſſen ſich nie berechnen, und damit das Trio voll werde— aller guten Dinge ſind ja drei— und auch um der Wahrheit die Ehre zu geben füge ich den Kindern und Narren noch die Frauen hinzu. Ich leiſtete ziemlich viel in dieſer Unberechenbarkeit, dieſem ſchnellen Wechſel, allein ſo weit, wie der alte Jaſch, hatte ich es darin doch nicht gebracht. Vielleicht auch konnte ich ihm an jenem Abend nur nicht folgen, nicht gleich auf die Veränderung ſeiner Gemüthsverfaſſung eingehen, weil ich mich ermüdet und abgeſpannt fühlte und noch immer fröſtelte. Die Raſt⸗ loſigkeit und die unvermittelten Sprünge aus einer Stim⸗ mung in die andere ängſtigten mich. Ich wollte hübſch ruhig und gemüthlich mit ihm plaudern, d. h. mir etwas von ihm erzählen laſſen, und forderte ihn dazu auf. Er Wort zu erwidern, 504 Feierſtunden. 1864. war bereit und fragte, was ich hören wollte. Ich ſagte, Er ließ mich nicht ausreden, ſtieß mich ſo heftig zu⸗ n indem ich mich vertraulich an ihn lehnte und das förmliche rück, daß ich gefallen wäre, hätte ich mich nicht am Sopha da „Sie“ längſt wieder vergeſſen hatte: gehalten, und ſprang auf.„Heuchlerin, Schlange— ſo 4 „Erzähle mir eine wahre Geſchichte, die höre ich am willſt du mich überliſten?“ rief er wüthend.„Erſt ver⸗ d liebſten.“ Zugleich erwachte der inzwiſchen ſchon vergeſſene räthſt du mich, dann willſt du ſchmeicheln, weil du mich geoß Wunſch, über ihn ſelber Näheres zu erfahren. Raſch und fürchteſt? O ich kenne dich und fluche dir! Weh über dich irgen mit jener kindlichen Rückſichtsloſigkeit, die keine Ahnung da⸗ und deine Kinder und Kindeskinder! Gott wird ſie heim⸗ ſü von hat, wie tief man verletzt, ſetzte ich hinzu:„Iſt es ſuchen bis in's dritte und vierte Glied.“ pun denn wahr, daß deine Braut ſich einen anderen Schatz an⸗ Seine Bläſſe war einer glühenden Röthe gewichen. 1 ſchaffte und dich mit Hunden forthetzen ließ?“ Die Augen rollten, der Mund ſchäumte, und um das polni Augenblicklich bereute ich dieſe vorwitzige Frage. Jaſch Schreckenerregende ſeiner Erſcheinung zu erhöhen, knurrte gäͤl zuckte heftig zuſammen und erbleichte. Erſchrocken ſtreichelte er laut und fletſchte die großen weißen Zähne. Jetzt erſt un ich ſein Geſicht, ſein graues Haar, ſchmiegte mich ſchmei⸗ erhielt ich einen Begriff vom Wahnſinn und entſetzte mich ſcxer chelnd an ihn und bat:„Sei nicht böſe, ich habe dich lieb vor dem Raſenden, mit dem ich vorhin ſo ſorglos, ſo un⸗ iinb und meinte es gut.“ befangen und vertraulich umgegangen war. Ich dachte nicht dünn anc 1- ſo „0 14 Irr ſſſſſſfſfſſfr nl * A 1 1 iche aud wohl mein Vorz Ecke, pfenr Char als ihn b Neht ſpäten ſoglei ging ande den doch ihn mög fʒDe S nicht (Zu Seite 505.) Da Bele daran, daß er mich für eine andere Perſon hielt, was mir Vickora aber erhielt um ſo mehr Vorwürfe, mich allein dnt im Grunde ja auch nicht geholfen hätte; ich fürchtete mich gelaſſen zu haben, und trug mir dieſe ſowohl, wie die fn nun unſäglich. Zuerſt war ich wie gelähmt und konnte Mühe, welche ihr das Ausgießen des Waſſers verurſachte, kla keinen Laut hervorbringen, dann ſtieß ich ein gellendes Ge⸗ noch lange nach. Die Meinigen waren in großer Sorge Pn ſchrei aus. und ich hatte Muße, über meine Albernheit nachzudenken d „Jeſus— Maria! was iſt?“ rief eine bekannte Stimme, und vernünftiger zu werden.— käuf⸗ und Bictora ſtürzte herein. Der Wahnſinnige ſtutzte, ſah Vor dem alten Jaſch empfand ich ſeitdem ein Grauen. dat ſich in der ihm fremden Umgebung befremdet um. Dann Wenn er noch ſo harmlos mit ſeinen Waſſereimern dahin⸗ a ſprang er hinaus, vergaß aber nicht, ſeine Waſſertrage mit⸗ ſchlenderte, ich fürchtete die Wildheit, welche plötzlich her⸗ et zunehmen und in üche ſeine Eimer aufzuraffen. vorbrechen konnte. Uebrigens war ich froh, mit dem bloßen 4 Bei dem Anbck eines Mannes, der mir einen ſo Schrecken davon gekommen zu ſein, und fühlte weder Nei⸗ dar durchdringenden Schrei entriß, hatte Victora„Diebe und gung, mit ihm in weitere Berührung zu kommen, noch 14 Hülfe!“ ſchreien wollen. Als ſie jedoch den alten Jaſch Neugier, ſeine Geſchichte zu erfahren. Auch ſah ich ihn erkannte, der nur ſeine eigene Trage fortnahm, unterließ nur ſelten und von ferne; er mied unſere Straße und noch den. ſie das und fragte, was mir fehle. Es dauerte lange, ehe mehr unſer Haus, fragte nie wieder, wie früher, ob wir ee ich mich beruhigte, auch blieb der Abend nicht ohne Folgen Waſſer brauchten, und bot daſſelbe in einer andern Gegend S für mich. Die Erkältung zog mir die Halsbräune zu; ich der Stadt aus. an kam nun ohne Verweis für meine kindiſche Thorheit fort, Dann wurde ich in die Schule geſchickt und war nun 8 —— oheftig zu⸗ tam Sopha lange— ſo „Erſt ver⸗ eil du nich eh über dich d ſie heim⸗ e gewichen. d um das en, knurrte Jttt erſt nüegte mich Nod, ſo un⸗ dachte vicht Feierſtunden. 1864. 505 ———————,————————: ⸗⸗⸗——⸗6-—-- ————-——y;— 83 eine viel zu wichtige Perſon geworden, um Theilnahme für Irren. Ich blieb ſtehen, um ihn herankommen zu laſſen. den alten Jaſch zu behalten, der noch immer fortfuhr, den Wie ſehr hatte ſich mein alter Freund verändert. Noch „Fluß auszuſchöpfen“. Es hüätte ſich auch nicht geſchickt, umgab Haar und Bart, jetzt ſchneeweiß, wirr und zerzaust, daß ich mit der Schultaſche am Arme und nun ſchon„ein den Kopf, in welchem das„Hirn verbrannt“ war, das großes Mädchen“ oder gar eine angehende„junge Dame“ Geſicht, in welchem die tiefliegenden Augen unſtet flackerten; irgend welche Gemeinſchaft mit dem Wahnſinnigen gehabt noch lag eine Waſſertrage auf ſeinen Schultern, und ſeine hätte, welcher den Mittelpunkt der Gaſſenjugend, den Ziel⸗ Kleidung war von Leinen. Allein dieſe war ſchmutzig und punkt für deren Neckereien bildete. erriſſen zum Erbarmen, und an der Trage hingen nicht, Die Julirevolution brach inzwiſchen aus, darauf die wie ſonſt, gefüllte Eimer, ſondern nur die eiſernen Bügel polniſche. Dieſe, unſerer Grenze ſo nahe, verſetzte und von ſolchen. Die Eimer waren im Laufe der Zeit zer⸗ hielt uns noch mehr in Spannung, als jene. Trotz meiner brochen, zuſammen gefallen— der Unglückliche glaubte ſie Jugend nahm ich daran lebhaften Antheil. Hierauf er- aber noch immer zu beſitzen, und ſchöpfte und trug in ſei⸗ ſchreckte jener aſiatiſche Würgengel, der ſich ſeitdem bei uns nem Wahne Waſſer mit den bloßen Bügeln. Es machte einbürgerte: die Cholera, Europa— forderte auch in mei⸗ das im erſten Moment auf mich einen noch furchtbareren ner Vaterſtadt, wie überall, ihre Opfer. Dann hatte ich Eindruck, als ſeine Lumpen und ſeine Blöße. Die Gluth längſt aufgehört, ein Kind zu ſein, und war mithin von des feuerſpeienden Bergs in ſeinem Kopf, die ihn ſonſt auch ſo vielen Intereſſen in Anſpruch genommen, daß ich des im Winter erhitzt hatte, ſchien im Erlöſchen begriffen, denn Irren vollends vergaß. Ueberdies befand ich mich auch ſie wärmte ihn nicht mehr— er zitterte vor Froſt. Doch nicht immer in meiner Vaterſtadt. nicht allein dieſes Feuer, auch die Lebenskraft war in ihm ausgebrannt. Jetzt hätte ich nicht mehr, wie einſt im kin⸗ diſchen Wahn, von ſeinem ſtarken Arm Schutz vor den V. rebelliſchen Polen hoffen dürfen; dieſer Arm war erlahmt und die Gaſſenjungen fürchteten nicht, wie früher, ſeine Von einer längeren Abweſenheit zurückgekehrt, räumte Stärke, ſpotteten vielmehr ſeiner Schwäche. Ja, er war ich einſt in einem Schränkchen auf, worin ſich Reliquien ſchwach und hinfällig geworden, wankte langſam umher, aus der Kindheit, Puppen ohne Kopf, zerbrochenes und ſchleppte ſich nur mühſam weiter. Die Knaben ſchrieen: wohlerhaltenes Spielzeug, alte Schreibhefte und diejenigen der alte Jaſch habe ſich wohl betrunken, wozu er unwillig meiner Schulzeugniſſe befanden, welche ich, wegen ihrer den Kopf ſchüttelte. Ueberhaupt hatte er nicht mehr ſeinen Vorzüglichkeit, der Aufbewahrung werth erachtete. In einer Spaß mit der Jugend, amuſirte ſich nicht an ihren Necke⸗ Ecke, ſorgſam in Papier gewickelt, lag ein kupfernes Sechs⸗ reien oder an ihrem Schrecken, wenn er mit dem erhobenen pfennigſtück, ein Brummer, derſelbe, welchen ich am jenem Haken der Trage drohend auf ſiealosſprang. Damals Charfreitage aus der Kloſterkirche mitgebracht hatte. Einſt, liefen die Uebermüthigen davon, heute war es vorüber mit als die thönerne Sparbüchſe zerſchlagen wurde, hatte ich ſeinen Drohungen— ſie lachten derſelben. ihn von dem übrigen Gelde geſondert und dann vergeſſen. Ziemlich nahe an uns hergekommen, blieb er auf der Jetzt ſtand der Auftritt in der Kirche ſowohl, wie jener anderen Seite der Straße ſtehen und ſagte, während große ſpätere bei uns, lebhaft vor meiner Seele, und ich fragte Thränen in ſeinen greiſen Bart rannen:„Laßt den alten ſogleich nach dem alten Jaſch. Er lebte noch, aber es Jaſch, Kinder, was thut er denn? Euch und Niemand ein ging ihm ſchlecht. Seine ehemalige⸗Amme, bei welcher er Leid!“ Ergriffen von dem herzzerreißenden Gemiſch von in Koſt und Logis geweſen, war geſtorben, und er nun bei Ergebung, Flehen ünd. Vorwurf in dieſen Worten, ſtutzten andern Leuten, die ſich nicht ſo forgſam ſeiner annahmen, die Gutmüthigeren ſeiner Verfolger, die Anderen ſchlugen den Hülfloſen, Unzurechnungsfähigen verwahrlosten, oder ein lautes Gelächter auf, erhoben ein Jubelgeſchrei, war⸗ doch ſich ſelber überließen. War ja das Geld, welches auf fen ihn mit Schneeballen, oder machten Miene, ihm die ein⸗ ihn gezahlt wurde, nur gering, weil ſein elterliches Ver⸗ gebildeten Eimer fortzunehmen, was den Unglücklichen in mögen völlig zuſammengeſchmolzen war und die Gemeinde die lebhafteſte Angſt verſetzte und zu kläglicher Bitte veran⸗ nicht viel an den Unglücklichen, Unheilbaren wenden wollte. laßte, welche die junge Rotte höchſt komiſch und beluſtigend Da er eben nicht genug beſaß und überdies, bis auf jene fand.(Siehe Bild auf Seite 504.) Die Aergſten waren Beleidigung der Dame und meiner kleinen Perſon, Ne⸗ zwei wohlgekleidete Knaben, die ihre gleichen Röcke und mnand ein Leides that, hatte man ihn frei umhergehen laſ⸗ Pelzmützen, mehr aber die Aehnlichkeit ihrer ſchönen Züge ſen, während er ſonſt unfehlbar in einem Irrenhauſe feſt- als Brüder erkennen ließen. gehalten worden wäre. V Empört hatte ich ſogleich auf die Gruppe zutreten, Ein Beſuch unterbrach meine weiteren Erkundigungen. den Buben ihren herzloſen Uebermuth verweiſen wollen, Später ging ich mit demſelben aus, um verſchiedene Ein⸗ meine Begleiterin mich jedoch entſetzt feſtgehalteng Jetzt käufe zu machen. Es war ein ſchöner, klarer Wintertag, machte ich raſch einen Schritt vorwärts, mußte m wie⸗ kalt genug, den Schnee unter den Füßen knirſchen zu laſ⸗ der zurückweichen, denn ein Schlitten hielt vor dem Laden, ſen, nicht ſo kalt, um bei gehöriger Verhüllung den Auf⸗ welchen wir eben berlaſſen hatten. Die vier ſchönen feu⸗ inthalt im Freien unerträglich zu machen. Ich fand ihn rigen Pferde, nur mit Mühe vom Kay her zum Stehen ſogar ſehr angenehm. gebracht, ſchlugen ſo heftig aus, daß W nicht an ihnen Als wir eben aus einer Ladenthür traten, erſchallte vorüber, auf die Straße, kommen konnte. Und hinter mir der Ruf:„Der alte Jaſch!“— Alter Jaſch gib mir dein war ein reich gallonirter Bedienter vom Schlitten geſprun⸗ Waſſer— mir, mir! Ich brauche auch welches— lauf gen uünd half ſeiner Herrſchaft heraus, ſo daß ich, da zur end hole raſch mehr!“ untermiſcht mit dem hellen Geläch⸗ Laden⸗ und Hausthüre mehrere Stufen hinauf führten, die eer friſcher Stimmen. Die Jugend ſtrömte eben aus den den ſchmalen Bürgerſteg ganz einnahmen, im erſten Augen⸗ Schulen, und ein großer Schwarm Kinder umgab den blick nicht von der Stelle konnte. Feierſtunden. 1864. 64 506 Feierſtunden. 1864. „Dieſer prachtvolle Schlitten und die Tigerdecke!“ flüſterte meine Begleiterin bewundernd.„Etwas Aehnliches, wie auch ein ſolches Geſpann, gibt es in der ganzen Stadt nicht mehr. Und ſehen Sie doch den Sammetpelz der Dame— wundervoll, nicht wahr? Es iſt die Major Rother von Wolfenhonz, deren Mann erſt unlängſt hierhyer verſetzt wurde!“ Gleichzeitig klang von der anderen Seite eine helle, etwas ſcharfe Kinderſtimme in mein Ohr. Das kleine Mädchen, welches mit einer Dame und einem Hunde in dem Schatten geſeſſen hatte und eben vom Diener aus einem großen geſtickten Fußſack gehoben wurde, ſagte unwillig: „Da iſt Horace und Rhynguſph und geben ſich mit einem alten Lumpen ab! Du ſollteſt es ihnen verbieten, Mama, daß ſie ſich ſo gemein machen.— Ich würde ſo etwas nie thun, ſehe nie einen Bettler an— mag ſolches Volk gar nicht leiden!“ Ich wandte mich, um unter den Federhut, in das Antlitz der Mutter zu ſehen, die ihrem Kinde ſolche Lieb⸗ loſigkeit, ſolchen Hochmuth mit keiner Silbe verwies. Das Geſicht war ſchön, noch immer ſehr ſchön, obgleich etwas voll und nicht mehr jugendlich. Und wo hatte ich es denn ſchon erblickt? Irgendwo im Vorübergehen, im Traume dieſem Augenblick pfiff einer der jungen Herren dem Hunde, unwillkürlich ſah ich von dem Ohnmächtigen auf. Die ſilber⸗ nen Schellen läuteten harmoniſch, der Kutſcher klatſchte mit wahrer Virtuoſität mit der Peitſche und der Schlitten flog dahin, daß die Roßſchweife auf den Hälſen der Pferde im Luftzuge flatterten, und die blau⸗ und ſilberſtreifigen Decken der Thiere ſich wie Segel blähten. Blendend fun⸗ kelten die reichen Silberbeſchläge des Schlittens und Zaum⸗ zeugs in dem Sonnenſtrahl, der golden vom tiefblauen Himmel ſtrahlte, und in gewaltigen Sätzen ſchoß Diana dem Gefährt nach. Um den zerlumpten Wahnſinnigen, der blutend und ohnmächtig auf dem beſchneiten Straßenpflaſter lag, ſam⸗ melte ſich ſchnell ein Haufe Neugieriger. Ich rieb ſeine Schläfe mit Schnee, und einige mitleidige Seelen ſtanden mir bei, nachdem der Arme mehr auf die Seite getragen worden. Er zuckte— regte ſich— das Leben begann wie⸗ derzukehren. „Was Teufel gibt es denn hier?“ fragte plötzlich eine tiefe Stimme. Bereitwillig öffnete ſich die Menge, um einem hohen Offizier Raum zu geben, der eben mit andern von der Wachtparade kam. „Der alte Jaſch iſt gefallen— vor Schrecken über oder als Kind? einen Hund— er hat einen tüchtigen Schlag bekommen,“ Ich hatte nicht Zeit, darüber nachzudenken. Die Frau hieß es dienſteifrig. Major ſandte ihren Diener über die Straße, um ihre„Nun, er wird wohl nicht gleich draufgehen, und ge⸗ Söhne, jene beide Knaben, welche den Irrſinnigen am eif⸗ ſchähe es, ſo wäre es auch kein Unglück!“ ſagte ein hüb⸗ rigſten höhnten, zu ſich zu beſcheiden. Der Hund, ein ſcher ſchlanker Fähndrich, auf deſſen friſcher Lippe der erſte großes, prächtiges Thier, braun, mit weißen Flecken, lief Flaum ſproßte, zu dem Major.„Komm, Vater, was ihm ſo ſchnell voran, daß ſeine langen weißen Ohren auf wollen wir uns dabei aufhalten. Wenn's noch ein hühſches und nieder klappten, und ſprang freudig an ſeinen jungen Mädchen wäre!“ fügte er halblaut hinzu, und rief würch Herren empor. dieſen Witz, wenigſtens ſollte es einer ſein, ein Gelächter Die Blicke der Dame, welche auf der Treppe ſtand, unter Einigen der Umſtehenden hervor. begegneten denen des zerlumpten Wahnſinnigen, der mit weit Der Vater warf ihm einen unwilligen Blick zu und aufgeriſſenen Augen zu ihr herüberſtarrte; ſie wandte ſich fragte theilnehmend:„Der Mann hat ſich doch nicht ernſt⸗ haſtig und mit Indignation, ergriff die Haud ihres Töch⸗ lich beſchädigt?“ Er trat näher, ſo nahe, daß er den Un⸗ terchens und wollte in den Laden ſchreiten, als ein lauter, glücklichen ſah. Mitleidig beugte er ſich nieder, fuhr aber furchtbarer Schrei, ein mehr thieriſcher als menſchlicher entſetzt zurück. Jaſch hatte die Augen noch nicht geöffnet, Laut, die Luft zerriß. Der alte Jaſch hatte ihn ausge⸗ knurrte aber heftig, wie das ſeine Gewohnheit war, und ſtoßen, indem ſein Auge auf den Hund gefallen war. fletſchte die großen, weißen Zähne. „Diana!“ kreiſchte er. Mit gläſernem Blick ſtarrte der Major auf den Irr⸗ „Er kennt ſie! Diana, faß— faß ihn!“ jubelte der ſinnigen, lauſchte wie gebannt den im Munde eines Men⸗ Jüngſte der Knaben. Und ohne auf den Auftrag des Die⸗ ſchen ſo fürchterlichen Tönen. Sein Sohn führte ihn faſt ners zu hören, ſtimmte der Aeltere bei: gewaltſam fort, doch zog er vorher noch Geld hervor und „Faß— faß, Diana! Das gibt einen Hauptſpaß!“ bot es mir für den Unglücklichen. Ich wies es unwill⸗ Gehorſam und ehe der Diener das Thier zurückhalten kürlich zurück— hatte ich doch den Offizier aus der Klo⸗ konnte, ſprang es, knurrend und die Zähne weiſend, an ſterkirche, den Gemahl der ſchönen Dame im Schlitten, den Armen hinan. Er fiel, mochte ihn nun bei ſeiner erkannt. Empört dachte ich an jene Kupfermünze und ſchau⸗ Schwäche Diana niedergeworfen haben, oder er zurücktre⸗ derte in der Seele meines armen alten Freundes davor zu⸗ tend auf dem gefrorenen Schnee, der abſchüſſigen Straße, rück, das Mindeſte für ihn von dieſen Leuten anzunehmen, ausgeglitten ſein. Der Haufe der Kinder lief davon, ſo⸗ die zu haſſen er wohl Grund haben mochte.— Die Ver⸗ gar die beiden keckſten eilten über die Straße zu ihrer ſammelten begriffen meine Bewegung nicht und Einer der⸗ Mutter, die in augenſcheinlicher Faſſungsloſigkeit ihr Töch⸗ ſelben ließ ſich das Geld geben. terchen in den Schlitten hob und dann ſelber einſtieg. Jaſch verſtummte und blieb eine Weile regungslos. „Nach Hauſeng raſch!“ befahl ſie dem Kutſcher. Dann ſchauderte er in ſich zuſammen, machte mit der Hand Die hoffnungsvollen Söhne ſprangen gleichfalls hinein und eine Bewegung nach dem ſchmerzenden Kopf und ſchlug der Diener beeilte ſich, die Decke in Ordnung zu bringen die Augen auf. Sie hatten nicht den unſteten Ausdruck, und ſeinen Platz einzunehmen. das unheimliche Flackern des Wahnſinns— verwundert, — Der Irre lag regungslos auf der Straße; ſein Kopf nachdenklich ſchaute er auf und ſtammelte die Frage, wo war, gegen die Erhöhung des Bürgerſtegs, auf einen ſpitzen er ſich befinde, was mit ihm geſchehen ſei? Ich ſuchte ihn Stein gefallen. Ich hob ihn empor— dicke Blutstropfen zu beruhigen, dennoch richtete er ſich haſtig auf. Sein Blick rieſelten hinab, rötheten das greiſe Haar und den weißen ſtreifte die Lumpen, in welche er gehüllt war, das elende, Schnee, und Diana— leckte das Blut von der Erde. In ganz unbeſchreibliche Schuhwerk an ſeinen Füßen; er haf⸗ 1 dem Hund i. dchue ſcher llatſchte der Shhlitten en der Pferde ſilberſreiſigen glendend ſun⸗ 5 und Zaum⸗ m tiefblauen ſchoß Diana blutend und log, ſam⸗ ch vab ſeine Seelen ſtanden Seite getragen n begann wie⸗ plötzlich eine Menge, um en mit andern ſchrecken über bekommen,“ ehen, und ge⸗ fagte ein hüb⸗ eippe der erſte Vater, 8 hein hühſches m rief Vir ein Gelächter Böc zu und nicht ernſt⸗ ß er den Un⸗ er, fuhr aber iccht geöffnet äit war, und au den Ir⸗ e ins Men⸗ ührte ihn faſt c hervor und 8 es unnil⸗ Feierſtunden. 1864. — —————ꝛ—ꝛ̃::-y————————; tete an ſeinen ſchmutzigen, von Froſt erſtarrten Händen. ſollte dem Unſeligen jetzt die Klarheit des Geiſtes, die Sein Erſtaunen ging allmählig in Schrecken, Entſetzen und Vernunft? Wäre er im Wahnſinn geſtorben— wäre er Verzweiflung über— der Schleier des Wahns zerriß vor ſeinem inneren Auge, ließ ihn ſein ganzes Elend wahr⸗ nehmen. Das Licht des Bewußtſeins fiel in die umnachtete Seele, aber es erleuchtete ſie nicht, traf ſie ſo furchtbar, ſo urplötzlich und zerſchmetternd, wie ein Blitzſtrahl. Was von hinnen geſchieden, ohne zu erkennen, wie namenlos elend er geweſen, ohne beim Ausgange aus dieſem Leben zum Bewußtſein darüber zu kommen, wie daſſelbe vernich⸗ tet, entwürdigt worden! (Schluß folgt.) Elſaß und ſeine Bewohner. Elſaß, die herrlich reiche, jetzt zwei franzöſiſche De⸗ partements bildende, längs dem Rhein liegende, und durch dieſen von dem Grdßherzogthum Baden getrennte Landſchaft, war einſt ein deutſches Land, Straßburg eine deutſche Stadt, und bis zum Jahre 1789 ward es ſelbſt von Frank⸗ reich als fremdes Land betrachtet, indem es ſeine Zolllinie wohl gegen Frankreich, nicht aber gegen Deutſchland hatte. — Vom Jahre 870 an gehörte die Landſchaft zum deut— ſchen Reiche, und bildete von 916, in welchem Jahre Con⸗ rad I. den Wünſchen der Schwaben gemäß den Grafen Burchard zum Herzog von Schwaben und von Elſaß er⸗ nannte, bis zum Jahre 1268 einen Beſtandtheil des Her⸗ zogthums Schwaben, nach deſſen Auflöſung, 1268, durch Conradins Tod, ſie ein unmittelbares Reichsland wurde. — In zwei Theile, den Suntgau(Ober-⸗Elſaß) und den Nordgau(Unter⸗Elſaß) geſchieden, die der Eckenbach trennte, hatte die Landſchaft, welche einen Flächenraum von 150 Quadratmeilen umfaßte, mithin größer als Heſſen⸗ Darmſtadt war, und durch die Vogeſen von Lothringen ge⸗ ſchieden wurde, ſchon von jener Zeit an die Aufmerkſam⸗ keit der benachbarten Staaten auf ſich gezogen, und das Haus Oeſterreich vorzugsweiſe nach und nach einen großen Theil von Ober⸗Elſaß unter ſeine Herrſchaft gebracht; ihm gehörte faſt der ganze Suntgau mit Belford bis zur Thur; der Reſt von Ober⸗Elſaß beſtand aus fünf freien Städten und dem Fürſtenthum Montbéliard(Mömpelgard), welch' letzteres 1397 durch Heirath an Württemberg kam, das es bis 1793 beſaß. Unter⸗Elſaß erſtreckte ſich bis zur Aurich und umfaßte die Amtmannſchaft Hagenau, das Fürſten⸗ thum Lützelſtein, die Grafſchaft Hanau oder Lichtenberg, einen Theil des Wasgaus mit Wiſſenburg und neun freie Städte. Das reiche Land, das ſich gegenwärtig eines in⸗ duſtriellen Aufſchwungs zu erfreuen hat, wie nur wenige andere Theile des franzöſiſchen Kaiſerſtaates, hat bis zu den Gipfeln der Vogeſen fruchtbare Ackererde, und an den Abhängen derſelben eine reiche Vegetation: Wälder, Wein⸗ berge und Aecker. Die Ebene iſt reich bevölkert, hat zahl⸗ reiche Städte, blühende Dörfer und treffliches Kulturland, ſo daß nur wenige Provinzen einen herrlicheren Anblick ge⸗ währen.* Seit die Linie Bourbon auf den franzöſiſchen Thron gelangte, reichen Landſchaft, und von den Proteſtanten Deutſchlands im dreißigjährigen Kriege zu Hülfe gerufen, ließ es ſich für den geleiſteten Beiſtand im weſtphäliſchen Frieden 1648 ganz Elſaß, mit Ausnahme Straßburgs und anderer Reichs⸗ ſtädte, als Lohn abtreten, nahm aber auch dieſe 1681 ohne trachtete Frankreich wiederholt nach dem Beſitz der ganz Elſaß und bis 1681 freie deutſche Reichsſtadt, an der Ill und Brunſch, und eine halbe Stunde vom Rheine ge⸗ legen, im ſechsten Jahrhundert von den Franken gegründet, die hier im ſiebenten Jahrhundert, unabhängig von der Stadt, ein Hochſtift errichteten, deſſen Biſchof, nachdem Luthers Lehre Eingang in Straßburg gefunden, ſeinen Sitz nach Elſaß⸗Zabern verlegte, obwohl das Domkapitel bei der Kathedrale in Straßburg blieb, und auch nach der franzöſiſchen Beſitznahme von Elſaß und Straßburg deut⸗ ſcher Reichsfürſt blieb und als ſolcher Sitz und Stimme auf dem Reichstage in Regensburg hatte, bis die franzö⸗ ſiſche Revolution dieſes unnatürliche Verhältniß löste, El⸗ ſaß und Straßburg, volle tauſend Jahre deutſches Beſitz⸗ thum und durchaus deutſch, waren Eigenthum Frankreichs geworden, wurden aber erſt hundert Jahre ſpäter vollſtän⸗ dig mit Frankreich verſchmolzen und in die Departements des Ober⸗ und Unter⸗Rheins geſchieden.— Straßburg, die deutſche Stadt, deren Bewohner, wie die des ganzen Elſaß, zum größten Theile immer noch Sprache und Sit⸗ ten ihrer Voreltern beivehalten haben, gehört jetzt zu den Hauptfeſtungen Frankreichs, und bildet die Vormauer gegen Deutſchland. Obwohl die franzöſiſche Sprache jährlich mehr einbürgert und Geſchäfts⸗ und Umgangsſprache der Gebildeten geworden iſt, franzöſiſche Tracht, Sitte und Moden immer mehr un ſich greifen, bleibt doch das Gros des Volkes immer noch den alten elſäßiſchen Sitten treu, und, wie unſer Holzſchnitt auf Seite 508 zeigt, iſt die elſäßiſche Tracht in den Straßen Straßburgs immer noch vorherrſchend vertreten. In den Dörfern um Straßburg herum, und im gan— zen Elſaß, ſieht man beim Kirchganze noch jetzt die eigen⸗ thümliche Tracht der Bauern. Der ſchwarze, offene Rock der Männer läßt eine rothe Weſte mit vergoldeten Knöpfen ſehen; die kurze Hoſe iſt von ſchwarzem Ratin; große, weiche Stiefeln oder lange Gamaſchen gehen bis an den Kniegürtel der Hoſe, und ein breiter Hut bedeckt den Kopf. Die Weiber haben große niedere Strohhüte; die herabhängenden Zöpfe ſind mit Schleifen geziert, welche verheirathete Frauen nicht tragen dürfen; oder die Haare ſind mit einem goldenen Pfeile aufgeſteckt; ein mit großen ſteifen Schleifen geknüpftes Kopftuch erſetzt die Haube oder bildet dieſelbe. Ein ſchwarzſeidenes Halstuch bedeckt loſe die Bruſt. Das Leibchen iſt vornen mit Gold und Bän⸗ dern beladen. Der Sonntagsrock von grüner Seide hat unten einen rothen Streifen; weiße, feine Hemdärmel gehen bis zur Hand, um die eine gefaltete Manchette liegt. Das feine Bein deckt ein weißer Strumpf, und die Füße zieren Weiteres in Beſitz, und Deutſchland beſtätigte leider im Ryswicker Frieden 1697 die Beſitzergreifung als zu Recht beſtändig.— Straßburg, die ehemalige Hauptſtadt von Schuhe mit hohen Hacken und ſilbernen Schnallen. 64** 508 Feierſtunden. 1864. eſgfchgiſirchcare rfſſſff fſffesſf MKAAͤͤ“ ennaRkril Aräannxal Gät V— ⸗ den G G 1“ feſt 9 ehf,— 1 7 W Elſäßiſche Trachten zu Straßburg. fen Sion oder Sitten. nü Es ſieht recht kühn und ſtolz in die Welt hinein, das ſteht der Trotz auf der ſteinernen Stirne geſchrieben. Wie Mit uralte Städtchen Sion oder Sitten, mit ſeinen hohen unendlich lieblich dagegen nimmt ſich die Umgebung des tthie Mauern, ſeinen tiefen Gräben und ſeinen breiten Wällen; Städtchens aus! Das herrliche Rhonethal mit dem glitzern⸗ tüig noch ſtolzer und kühner aber iſt das Ausſehen ſeiner beiden den Sionnebach, die grünen Rebberge und die Menge der Leher Bergſchlöſſer, von welchen es überragt wird, denn ihnen Obſtkulturen, die vielen Landſitze mit ihren parkähnlichen frede Feierſtunden. 1864. 509 —— 1yy——————õ————⸗ℳ⸗—Y——j-————y Gärten— wahrhaftig man kann ſich nichts Anmuthigeres denken muß. Für die Zukunft übrigens ſcheint dies anders denken, als dieſe Landſchaft, und ſie verhält ſich zu dem werden zu wollen, indem man bereits eine kleine Vorſtadt feſtungsartigen Städtchen gerade wie ein blühendes Land⸗ angelegt hat, die ſich durch eine breite Straße und freund⸗ mädchen zu einem ſchwergeharniſchten Ritter. Doch an die⸗ liche Häuſer auszeichnet, und überdies fängt man, dem ſen beiden Kontraſten iſt es keineswegs genug, ſondern es Geiſte der Neuzeit Rechnung tragend, an, die Gräben aus⸗ kommt noch ein dritter hinzu, aber freilich einer, der beſſer zufüllen, die Wälle zu bepflanzen und die Mauern einzureißen. wegbliebe. Betreten wir nämlich das Innere des Städt⸗ Sion iſt ſeit uralten Zeiten der Sitz des Biſchofs vom chens, ſo finden wir, daß daſſelbe die engſten und ſchmutzig⸗ Wallis, und darin liegt ſeine Hauptmerkwürdigkeit. Be⸗ ſten Gaſſen hat, welche es vielleicht irgendwo gibt, und trachten wir nämlich die hervorragendſten Bauten des Städt⸗ weil alſo weder das Licht und die Sonne, noch auch die chens, ſo rühren ſie faſt alle von früheren Biſchöfen her luftreinigenden Winde eindringen können, ſo ſehen die Men⸗ oder ſind wenigſtens auf ihre Anregung erbaut worden; ſchen darinnen gar blaß und ungeſund aus, ſo daß man vertiefen wir uns aber in die Geſchichte des Orts, ſo dreht bei ihrem Anblick unwillkürlich an Doktor und Apotheker ſich hier wiederum Alles um die Träger der Inful, weil Sion. dieſe von hier aus ihre Geſetze ergehen ließen.— Zu der der große Sturm der Völkerwanderung, und die Folge deſ⸗ Zeit, als die Römer anfingen, über die hohen Alpen her⸗ ſelben war, daß die Römer, wie aus ganz Deutſchland, ſo über in die Schweiz einzudringen, war das jetzige Wallis auch aus der Schweiz und dem Wallis, verjagt wurden. der Sitz der Seduner, eines ſehr tapferen deutſchen Volks⸗ Auch wurden bekanntlich in jenen ſchrecklichen Tagen die ſtammes, welcher ſich den fremden Eroberern kühnlich in meiſten ihrer Schöpfungen dem Erdboden gleich gemacht, den Weg ſtellte und ihnen jeden Zoll Boden mit den Waf- und ohne Zweifel kam deßhalb auch das walliſche Sedunum fen in der Hand ſtreitig machte; allein die Macht der Ger⸗ nicht ohne ſehr bedeutende Beſchädigungen davon; allein manen wurde durch die größere Kriegskunſt der Römer und ganz von dem Grunde weg raſirt kann man es nicht haben, ihre beſſere Bewaffnung gebrochen, und ſomit blieb endlich da es ſchon im ſechsten Jahrhundert wieder unter ſeinem nichts übrig, als ſich dem Sieger zu unterwerfen. Von alten Namen vorkommt. dieſem letzteren ward dann da, wo jetzt Sion ſteht, eine Nachdem nämlich die große Völkeraufregung ſich wie⸗ Militärkolonie gegründet, welche den Namen„Sedunum“ der in Etwas gelegt hatte, entſtand im Gebiet der Aar erhielt, und dieſe entwickelte ſich bald zu einem ſehr gewerbs⸗ Loire und Rhone ein neues Reich, das der Burgunder, und thätigen Städtchen, in welchem die Beherrſchten wie die dieſem ward auch das Wallis von Anfang an einverleibt. Beherrſchenden bis in's vierte Jahrhundert hinein ganz Freilich, einen langen Beſtand hatte daſſelbe nicht, ſondern friedlich mit einander zuſammenwohnten. Darauf folgte es ward ſchon in der Mitte des ſechsten Jahrhunderts von 510 den Franken unterjocht; allein merkwürdiger Weiſe waren die Burgunder, ganz im Gegenſatz gegen die übrigen ger⸗ maniſchen Volksſtämme, alſobald, nachdem ſie ſich in ihrem Territorium feſtgeſetzt hatten, zum Chriſtenthum über⸗ getreten, und daſſelbe mußten nun auch die Walliſer thun. Ja man ſetzte ihnen ſogar ſogleich einen Biſchof und gab dieſem Gewalt, jeden in's Heidenthum Zurückfallenden mit den ſtärkſten Strafen zu belegen. Wo aber nahm der Bi⸗ ſchof ſeinen Sitz? Nirgends anderswo als in Sedunum, wie ſich denn auch zum Beiſpiel auf dem Concil in der burgundiſchen Stadt Macon der walliſiſche Biſchof Helio⸗ dor als»Episcopus a Sedunis«, d. h. als Biſchof von Sedunum oder Sion unterſchrieb. Alſo im ſechsten Jahrhundert war Sion, wenn es auch gleich während der Völkerwanderung wahrſcheinlicher⸗ weiſe arg nothgelitten hatte, bereits wieder aus ſeinen Trümmern erſtanden, und im ſiebenten erhielt es ſogar den glänzenden Namen eines Oppidum oder einer Stadt, indem es die Biſchöfe mit Mauern und Thoren umgaben. Zu noch größerem Anſehen kam es im achten Jahrhundert, denn weil gegen den Schluß jenes Seculums hin Kaiſer Karl der Große dem Biſchof von Sion die Landeshoheit über das ganze Wallis übertrug und ihn alſo zu einem regieren⸗ den Herren machte, gerade ſo gut als es ein Herzog von Franken oder Schwaben war, ſo wurde Sion urplötzlich aus einer bloßen biſchöflichen Reſidenz zu der Haupt— ſtadt eines zwar kleinen, aber ſelbſtſtändigen— natür⸗ lich die Oberhoheit des Kaiſers abgerechnet— Reiches erhoben. Von nun an geſchah natürlich noch viel mehr als bis⸗ her für die Vergrößerung und Befeſtigung von Sion, denn dem Biſchof als dem Beherrſcher des Wallis fehlte es kei⸗ neswegs an einem guten Einkommen, und überdies hatte er die Pflicht, ſein Gebiet gegen einen böſen Nachbar, näm⸗ lich gegen das eroberungsſüchtige Savoyen zu ſchützen. Die⸗ ſes letztere glückte ihm auch verſchiedene Jahrhunderte hin⸗ durch, dagegen verlor er im 16. Jahrhundert einen Theil von Unterwallis an Bern, und üpberdies fingen um jene Zeit ſeine Unterthanen an rebelliſch zu werden. Die allzu große Nähe der freien Schweizerkantone wirkte anſteckend auf ſie, und ſie verlangten nach einer ähnlichen Verfaſſung. Natürlich ſuchten die geiſtlichen Herren ihre Rechte ſo gut als möglich zu wahren, und darin ſtanden ihnen auch die Päbſte in Rom, ſowie die Kaiſer von Deutſchland bei; allein da kam endlich die böſe franzöſiſche Revolution, und die unheilvolle Folge derſelben war, daß der Biſchof von Sitten zwar noch geiſtlicher Oberhirt vom Wallis blieb, dagegen aber ſeine weltliche Herrſchaft total einbüßte. Das war ſchlimm, ſehr ſchlimm, für den Infulinhaber nämlich; die Walliſer dagegen befinden ſich ſehr wohl dabei, beſon⸗ ders ſeit ſie einen Canton der Schweiz bilden, und die Sioner haben ebenfalls nichts verloren, denn ihre Stadt iſt jetzt zugleich biſchöfliche Reſidenz und Sitz der oberſten Regierungsbehörden. Zum Schluß beſehen wir uns, wie wir es oben ſchon angedeutet haben, die merkwürdigſten Gebäude des Städt⸗ chens, denn wir müſſen doch auch wiſſen, was von Seiten der Biſchöfe während ihrer langen Herrſchaft gethan wor⸗ den iſt. An Kirchen konnten ſie es natürlich nicht fehlen laſſen, und ſo beſitzt denn Sitten, trotzdem es im Mittel⸗ alter kaum zweitauſend Einwohner zählte(jetzt hat es etwa dreitauſend), deren mit den größeren Kapellen ein ganzes Halbdutzend. Beſonders ſehenswerth ſind aber nur zwei Feierſtunden. 1864. ————————; derſelben, nämlich die große alte Kathedrale mit ihren fünf⸗ zehn Altären und den vielen Erbbegräbniſſen und Grab⸗ mälern, ſowie die Kirche des heiligen Theodulus, einem ehrwürdigen Biſchofs von Sion, welchen der Pabſt wegen ſeiner beſonders hervorragenden Frömmigkeit und Chriſtlich⸗ keit aus freien Stücken canoniſirt hat. Außer dieſen beiden vorzüglichen Eigenſchaften muß aber der edle Theodulus auch noch einige andere beſeſſen haben, insbeſondere die der kriegeriſchen Tapferkeit, indem er hoch oben auf dem Mont Cervin, 10,280 Fuß hoch über dem Meere, zum Schutz des Wallis gegen die Savoyer eine gewaltige Schanze an⸗ legte, welche— der höchſte befeſtigte Punkt auf der Erde — jetzt noch exiſtirt und den Namen der„St. Theoduls⸗ ſchanze“ erhalten hat. Außer dieſen zwei Kirchen nenne ich dann noch den unteren biſchöflichen Palaſt, ſowie den oberen, auch Schloß Majoria genannt; weiter das Domſtift, in welchem das Domcgpitel, d. i. die zwölf Domherren, die den Biſchof wählen, ſeinen Wohnſitz hat; endlich das Jeſuitencollegium, das zur Verherrlichung der katholiſchen Religion und Aus⸗ rottung des Proteſtantismus anno 1734 geſtiftet wurde, aber hundertundzehn Jahre ſpäter, anno 1844, auf allge⸗ meines Verlangen, um endlich religiöſen Frieden zu bekom⸗ men, wieder aufgehoben werden mußte. Doch weit mehr intereſſiren wir uns für die beiden Felſenſchlöſſer, welche in alten Zeiten ſchon hoch oben auf zwei Burgen hart hin⸗ ter der Stadt errichtet worden ſind, denn ſie ſind es einzig und allein, welche der ganzen Gegend ihren ſo außerordent⸗ lich pittoresken Reiz verleihen. Das eine derſelben, das am höchſten und gegen Norden zu gelegene, führt den eigen⸗ thümlichen Namen„Tourbillon“, das iſt der Wirbelwind, und wurde erſt im Jahre 1492 vollendet. Die Biſchöfe, die an ihm bauten, legten es vollſtändig einer Feſtung ge⸗ mäß an, und es führte nur ein einziger, ganz in Felſen gehꝛuener Weg zu ihm hinauf; trotzdem aber nahmen ſie, ſobald es fertig war, ihren Wohnſitz darinnen und fühlten ſich jetzt ſo ſicher, wie der Adler in ſeinem Felſenneſt. Freilich war's auch eine ſtattliche Burg, ſo ſtattlich faſt, als das Felſenſchloß zu Salzburg; allein eben deßwegen wurde es von den Franzoſen, als dieſe anno 1798 die Stadt Sion erſtürmten, ſo lange beſchoſſen, bis ſeine Ba⸗ ſtionen und Thürme nur noch Ruinen waren. Weit älter iſt das zweite Bergſchloß, d. i. die dem Tourbillon gegen⸗ über liegende Burg„Valeria“, ſo genannt, weeil dieſelbe von dem römiſchen Prätor Valerius ſchon im zweiten Jahr⸗ hundert nach Chriſtus hergeſtellt worden ſein ſoll. Letztere Behauptung beruht übrigens auf zeiner bloßen Sage, und obwohl die Burg mit ihren hohen Thürmen und Mauern ſtattlich genug ausſieht, ſo fällt die Erbauung derſelben doch ſchwerlich hinter das zwölfte Jahrhundert zurück. So viel erſieht man nämlich aus dem Style; dagegen kann es immerhin möglich ſein, daß ſchon die Römer hier einen Wartthurm oder auch weitläufigere Befeſtigungen beſaßen, und daß daun deren Trümmer benutzt wurden, um auf ihrer Grundlage eine deutſche Rittethurg erſtehen zu laſſen. Doch ſei dem, wie ihm wolle, fagigl iſt ſicher, daß die Valeria ſchon im früheren Mittekaer harhanden war, und daß ſie den Biſchöfen von Sionzum Kufenthalte diente, bis dieſe ſie zu eng fanden und daher den Tourbillon her⸗ ſtellten. Großes Intereſſe bietet auch die mit der Burg verbundene kleine alte Kirche, denn in ihr liegt der Wun⸗ derthäter Mathias Will, einſt Generalvikar, begraben, und vor Zeiten wallfahrteten jährlich Tauſende dahin, um von ihm Heilung ihrer Gebrechen zu erflehen. ger abe 8 — i und Grab⸗ dulus, einem Pabſt wegen und Chriſtli tdieſen beiden le Theodulus Andere die der uf dem Mont zum Schutz Schanze an⸗ auf der Erde 2t. Theoduls⸗ dann noch den „auch Schloß welchem das e den Biſchof nitencollegium, ion und Aus⸗ geſtiftet wurde, 14, auf allge⸗ den zu bekom⸗ ch weit mehr löſſer, welche ren hart hin⸗ ſind es einzig d außerordent⸗ derſelben, das ührt den eigen⸗ r Wirbelwind, Die Biſchöft, er Feſtung ge⸗ unz in Felſen at vahwen ſie, en und fühlten in Feſemmſt ſaattlich faſt, ben änur no 1798 di d ſeine Ba⸗ n. Weit älter urbillon gegen⸗ 4* Aerzten, aber keiner wußte Rath, und die angewandten Feierſtunden. 1864. ———:—— ——— Sion wurde im Ganzen, ſo lang es ſteht, nicht weni⸗ ger als acht Mal belagert, erobert und eingeäſchert; jetzt aber iſt wohl die Zeit ſeiner Prüfungen vorüber, indem ——;;———; es keinen Anſpruch mehr darauf macht, eine feſte Stadt zu ſein. Th. Gr. Eine Löwenjagd. Ein Brief aus Oran erzählt von einer Löwenjagd, die kürzlich auf der Grenze der Provinz von einer Geſell⸗ ſchaft Jagdfreunde, welche Gérards Ruf nach Algier gelockt Seine Lage war höchſt gefährlich, aber ſeine Feſtigkeit ret⸗ tete ihn. Der Löwe kauerte nieder, mit dem Kopf zwiſchen den Vordertatzen, und zeigte ſein furchtbares Gebiß. Der hatte, abgehalten wurde. Der Held des Tages war Graf Graf ſenkte ſeine Lanze, trat, als der Löwe ſeinen Sprung Stecki, ein Pole, der ſich einer Waffe von eigener Erfin⸗ dung bedient hatte. Es iſt eine 20— 25 Kilogramm ſchwere Lanze, an der Spitze ſehr ſcharf, aber weiter abwärts mit Widerhaken und Kerben verſehen, ſo daß ein Herausziehen aus der Wunde unmöglich iſt. Die Lanze iſt von Toledo⸗ Stahl und der beſten Härtung. Der Löwe ſollte ſich in einer Höhle am Fuße einer tiefen Schlucht, wo nur zwei Perſonen neben einander vorrücken können, aufhalten. Die Geſellſchaft begab ſich nach jener Stelle, als plötzlich aus einem Dickicht an der Straße das ungeheure Thier hervor⸗ ſprang und vier Ellen vor dem Grafen Halt machte.! machen wollte, etwas vor, und ſtieß ſie dem Löwen in die Kehle. Das Thier fiel zu Boden und ſuchte ſich vergeblich der Waffe zu entledigen, und da der hervorſtehende Theil derſelben den Boden berührte, war er durch das Gewicht derſelben gehindert, auf einen ſeiner Angreifer loszuſprin⸗ gen. Ein Piſtolenſchuß durch das Herz machte ſeinem Leben ein Ende. Der Graf wurde von ſeinen Begleitern, welche beim Aufbruch über ſeine neumodiſche Lanze gelacht hatten, lebhaft beglückwünſcht, und die Araber waren voll Bewunderung über ſeine Heldenthat. Dr. B. Ein ſeltſamer Todesfall. Nach amerikaniſchen Zeitungen ſtarb vor einiger Zeit in Albany ein Mann in Folge davon, daß er ſeine künſt⸗ lichen Zähne verſchluckt hatte. Er befand ſich mit einem Freunde auf der Feldlerchenjagd und erhielt unverſehens einen heftigen Schlag, der ihn zu Boden warf. Als er ſich erholte, entdeckte er, daß er ſeine falſchen Zähne ver⸗ ſchluckt hatte. Es waren deren vier, drei an dem einen, einer an dem andern Ende; die Plättchen hatten natürlich Haken, um ſie an den natürlichen Zähnen feſtzuhalten. Die ganze Länge der Plättchen betrug zwei Zoll. Er eilte ittel verſagten ihren Dienſt. Nach ſechs Tagen ſchwe⸗ ren Leidens ſtarb er. Bei der Sektion fand ſich das Metallplättchen in der Speiſeröhre, unmittelbar unter und in gleicher Höhe mit der Spitze des Bruſtbeines, quer überliegend, und die zerbrochenen ſcharfen Hakenſpitzen hat⸗ ten auf der rechten Seite einen Riß von 1 ½ Zoll gemacht und ſich in den oberen rechten Lungenflügel eingebohrt, eine heftige Entzündung der Theile erzeugt und bewirkt, daß die Nahrung, welche der Leidende zu ſich zu nehmen verſuchte, in die Rippenhöhlung anſtatt in den Magen gelangte. Links war die Speiſeröhre durchbohrt und das Plättchen ſteckte feſt in der Kehlſubſtanz. Ein ſtarkes Schwären der Lungen und benachbarten Theile führte endlich den Tod herbei. B—e. Anc Ancona, nach Venedig der erſte Handelsplatz Italiens, wurde 400/ vor Chriſto durch Syrakuſer gegründet. Der griechiſche Name der Stadt, Ancona, der Ellenbogen, be⸗ zieht ſich auf den Umſtand, daß man, obgleich dieſelbe an der Oſtküſte liegt, bei der ſtarken Biegung des Cumeniſchen Vorgebirgs, am Hafen hier die Sonne im Gebirge auf⸗ und im Meere untergehen ſieht. Die Häuſer erheben ſich von dem am Meere ſteil abbrechenden Felſen thurmartig hinter einander, und zwiſchen ihnen ragen noch höhere Kup⸗ peln und Thürme hervor. Viele Straßen ſind daher eng, winklig, nicht zugänglich, und die meiſten Ouerſtraßen nur pen oder Steigen. lebhafte Stadt, welche über 36,000 Einwohner zählt, ſchöne öffentliche Plätze. Der ſichere, runde Hafen iſt durch Mauern und Thore von der ihn umfaſſenden Stadt ge⸗ trennt.—. * ringsum mit Gebäuden umgeben. liegt das Lazareth, und Batterien. damm oder Molo vom Arſenal, am Fuße des Berges Guasco auslaufend, mit dem berühmten Triumphbogen, der den Vordergrund der nachſtehenden Anſicht bildet. Die⸗ ſer Thorbogen iſt 47 Fuß wurde im Jahre 106 n. Chr. Geburt von der Stadt aus Dankbarkeit dem Kaiſer Trajan an der Stirne des von manche das ganze Jahr hindurch dem Sonnenlichte ihm angelegten Hafendammes erbaut. on d. Der Hafen, zu welchem ſieben Thore führen, iſt Im Süden deſſelben ein Fünfeck mit Gebäuden, Mauern Auf der Nordſeite befindet ſich der Hafen⸗ hoch und 30 Fuß breit und An jeder Seite die⸗ Trep⸗ ſes Bogens ſtehen zwei cannelirte korinthiſche Säulen, Gleichwohl hat die große, ungemein welche zu zwei Drittheilen heraustreten. Säulen ſind zwei vorſpringende, lich, und über denſelben die Spuren einer abgenommenen Verzierung von Erz. Die Säulen tragen ein ſchönes Fries . und über dieſem eine hohe Attika, an welcher ſich auf der Zwiſchen den länglichte Vierecke bemerk⸗ 512 —;— Stadtſeite eine Inſchrift befindet, welche jedoch nur an den Löchern der abgenommenen Erzbuchſtaben noch lesbar iſt. Dieſer ſchöne Bau ſoll einſt die Bildſäule des Kaiſers in einem mit vier Pferden beſpannten Wagen von Erz getra⸗ gen haben. Das Material des Bogens iſt pariſcher Mar⸗ mor und noch ſo weiß, als wäre er erſt vor einigen Jah⸗ ren vollendet worden. der Stelle ſteht, wo einſt der griechiſche Venustempel den Seefahrern entgegenblickte. Das Innere bildet ein griechi— ſches Kreuz, in der Mitte erhebt ſich eine mit Kupfer ge⸗ deckte Kuppel. Hinter der Stadt ſteigt, der Monte Aſtagno Am Fluſſe Pekos, etwa 90(engl.) Meilen oberhalb Fort Stanton in Neu⸗Mexiko hat man merkwürdige Rui⸗ nen entdeckt. Sie liegen in einer Ebene und gehören einem untergegangenen Volke an. Die Stadt wurde, ſcheint es, von einem kriegeriſchen Stamm erbautv; ſie iſt viereckig und zeigt an manchen Gebäuden an der Außenſeite eine Art Schießſcharten. Mehrere der Häuſer ſind von großen dunk⸗ len Granitblöcken erbaut, drei davon haben eine Fronte von 4 x Feierſtunden. 1864. Ueber dem Hafen erheben ſich die röthlichen Backſtein⸗ häuſer fünf bis ſieben Stockwerke hoch, von welchen oft nur der obere eine freie Ausſicht gewährt. Die engen, oft ſehr unebenen Straßen geben ein lebhaftes Bild ſüdlichen Städtelebens. Unter den öffentlichen Plätzen verdient nur die Piazza grande dieſen Namen. Die anſehnlichſte der 35 Kirchen iſt der Dom, der auf dem Monte Guasco auf AAAA1AA! Ancona. 313 Fuß über die Meeresfläche, auf welchem ſich die male⸗ riſche, Stadt und Hafen beherrſchende Citadelle erhebt. (C. Ruinen in Neu⸗Mexiko. je 300 Fuß. Die Mauern ſind noch 35 Fuß hoch. In dem einen ſind innen keine Abtheilungen, ſondern es bildet eine ungeheure Halle. Sculpturen in Basrelief und Fres⸗ ken an den Wänden laſſen vermuthen, daß hier ein Tem⸗ pel ſtand. Die Steinblöcke ſind durch ein Cement bitumi⸗ nöſer Art verbunden. Gewaltige Mauerſtücke ſind herunter⸗ geſtürzt und die Blöcke ſind nicht aus den Fugen ge— wichen. Dr. B. werfen hen Backſtein⸗ welchen oft de engen, oft Zild ſüdlichen derdient nur nlichſte der Guasco auf ſich die male⸗ lle erhebt. 7. Il iß hoc. 8 t bilde 3 „ 2 ——:nu—'yõru—:e.ey——————— 2 achdem er zum zweiten Mal getrunken k' hatte, ſtand er von der Bank, auf der er 6 bisher geſeſſen, auf und ſchob den Tiſch NNzurück. Dann nahm er das Licht und ſtellte ſich, indem er die Hand ſo dahinter hielt, daß der Schein deſſelben auf mich fallen mußte, vor mich hin und weidete ſich an meinem Anblicke. „Wolf, ich will dir noch etwas ſagen. Es war der alte Orlick, über den du an jenem Abende auf deiner Treppe ſtolperteſt.“ Ich ſah die Treppe mit den verlöſchten Lampen vor mir,— den Schatten des ſchweren eiſernen Geländers, den die Laterne des Wäch⸗ ters auf die Mauer warf,— die Zimmer, welche ich nie wiederſehen ſollte, mit einer halb offenen Thür und einer geſchloſſenen,— und alle darin ſtehenden Möbel. „Und weßhalb war der alte Orlick dort? Ich will dir noch etwas ſagen, Wolf. Du und ſie, ihr Beide hattet mich ſchon ziem⸗ lich aus dieſem Lande vertrieben, wenigſtens ſo weit, daß ich kein bequemes Unterkommen mehr finden konnte, und ich mußte deßhalb neue Kameraden ſuchen und neue Herren. Manche von ihnen ſchrei⸗ ben meine Briefe, wenn ich ſie brauche,— verſtehſt du?— ſchreiben meine Briefe, Wolf! Sie haben fünfzig Handſchriften,— nicht wie du, Schleicher, der nur eine ſchreibt. Es war immer, ſeitdem du zum Begräbniſſe deiner Schweſter hier geweſen warſt, meine feſte Ab⸗ ſicht, dein Blut zu haben; aber ich konnte lange kein ſicheres Mittel finden, und paßte dir deßhalb auf, um all' dein Thun und Treiben kennen zu lernen. Denn, ſagte der alte Orlick zu ſich ſelbſt: ‚Ich muß ihn haben!e Und als ich dir nachſpürte, wen finde ich?— Deinen Onkel Provis! Ha, ha, ha!“ Mill Pond Bank und Chink's Baſin und der Green Coppor Feierſtunden. 1864. große Erwartungen. Von Charles Dickens. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. (Fortſetzung zu S. 480.) ihnen in Acht nehmen, nachdem er ſeinen Neffen verloren hat! Er mag ſich vor ihnen in Acht nehmen, wenn kein Menſch mehr einen Fetzen von den Kleidern ſeines theuern Anverwandten und einen Knochen ſeines Körpers finden kann! Es gibt Leute, welche Mag⸗ witch,— ja, ich kenne den Namen!— nicht in demſelben Lande mit ſich leben laſſen können und wollen, und die ſo ſichere Nachrichten über ihn gehabt haben, als er noch in einem andern Lande war, daß er unbemerkt daſſelbe nicht verlaſſen und ſie in Gefahr bringen konnte. Vielleicht ſind es dieſelben, die fünfzig Hände ſchreiben, und nicht wie du ſind, Schleicher, der nur eine ſchreibt. Hüte dich vor Compeyſon, Magwitch, und dem Galgen!“ Er hielt mir das Licht wieder ſo dicht vor, daß der Rauch in mein Geſicht und mein Haar drang und mich einen Augenblick blen⸗ dete, worauf er mir ſeinen breiten Rücken zudrehte, um es auf den Tiſch zu ſtellen. Ehe er ſich nach mir umwandte, hatte ich im Stil⸗ len ein Gebet geſprochen und an Joe, Biddy und Herbert gedacht. Zwiſchen dem Tiſche und der gegenüberliegenden Wand war ein offener Raum von einigen Fuß. Hier bewegte er ſich jetzt in ſeinem ſchlotterigen Gange auf und ab. Seine bedeutende Körperkraft er⸗ ſchien mir jetzt noch größer, während er, mit ſchwerfällig herabhän⸗ genden Armen und mich wild anſtarrend, dies that. Kein Funken von Hoffnung blieb mir übrig. So gewaltig meine Aufregung und ſo mächtig der Eindruck der an der Stelle der Gedanken an mir vorüberfliegenden Bilder auch war, ſo ſah ich doch ein, daß er, wenn es nicht ſeine Abſicht geweſen wäre, innerhalb der nächſten Minuten meinem Daſein ein Ende zu ſetzen, mir alle dieſe Mittheilungen nicht gemacht haben würde. Plötzlich blieb er ſtehen, zog den Pfropfen aus der Flaſche und warf ihn weg. So leicht er war, ſo fiel er für mein Ohr dennoch Rope Walk, Alles ſtand klar und deutlich vor mir! Provis in ſei⸗ nen Zimmern und das Signal, das jetzt von keinem Nutzen mehr var, die hübſche Clara, die gute, mütterliche Frau, der alte Bill Bar⸗ ſey, auf dem Rücken liegend,— alle dieſe Bilder ſchwebten an mir porüber, wie auf dem ſchnellen Strome meines Lebens ſchwimmend, der dem Meere zueilte! „Du— mit einem Onkel! Ich hatte dich ja ſchon bei Gar⸗ gery's gekannt, als du noch ein ſo kleiner Wolf warſt, daß ich dir mit zwei Fingern die Gurgel hätte zuſchnüren und dich todt fort⸗ werfen können(wie ich oft Luſt hatte, wenn ich dich Sonntags unter den Weiden umherſchlendern ſah), und hatteſt doch damals noch kei⸗ nen Onkel gefunden! Gewiß nicht! Als der alte Orlick aber hörte, daß dein Onkel Provis wahrſcheinlich das Fußeiſen getragen habe, welches der alte Orlick gefunden,— hier auf dieſem Moorlande vor Gott weiß wie vielen Jahren,— und aufbewahrt, bis er deine Schweſter damit zu Boden ſchlug, wie einen Ochſen, und wie er dich zu Boden ſchlagen wird,— he!— als er das hörte,— he!—“ In ſeiner thieriſchen Wuth hielt er mir das Licht ſo dicht vor, daß ich mein Geſicht abwenden mußte, um mich vor der Flamme zu ützen. „ Ah!“ rief er lachend, daſſelbe wiederholend,„ein gebranntes 1u ſcheut das Feuer! Der alte Orlick wußte, daß du dich ver⸗ nannt hatteſt und daß du deinen Onkel Provis fortſchmuggeln woll⸗ et,— ja, er iſt dir gewachſen, und wußte auch, daß du heute kom⸗ ſingſoe Nun will ich dir noch etwas ſagen, Wolf, und das ſt das Letzte! Es gibt Leute, die deinem Onkel Provis in demſelben Gade gewachſen ſind, wie der alte Orlick dir! Er mag ſich vor Feierſtunden. 1864. ℳ mit dem Gewicht eines Senkbleis nieder. Langſam und die Flaſche immer höher hebend trank er den darin befindlichen Reſt und blickte mich dann nicht mehr an. Die letzten Tropfen der Flüſſigkeit ſchüt⸗ tete er in ſeine Hand und ſog ſie auf. Dann plötzlich mit furcht⸗ barer Wuth und gräßlichem Fluchen die Flaſche von ſich ſchleudernd, bückte er ſich, und ich ſah in ſeiner Hand einen Steinhammer mit einem langen, ſchweren Griffe. Den gefaßten Entſchluß gab ich nicht auf und begann, ohne ein einziges Wort vergeblicher Bitte an ihn zu richten, mit aller Macht zu ſchreien und mich zu wehren. Nur den Kopf und die Beine ver⸗ mochte ich zu bewegen, aber mit dieſen Theilen meines Körpers kämpfte ich mit aller mir zu Gebot ſtehenden und bis dahin unbe⸗ kannten Kraft. In demſelben Augenblicke vernahm ich von außerhalb antwortende Stimmen, ſah mehrere Geſtalten und Lichtſchimmer in die Thür dringen, und gewahrte Orlick, der ſich aus einem Kampfe mit verſchiedenen Männern wie aus einem Waſſerſtrudel losriß, über den Tiſch ſprang und in die Nacht hinausſtürzte. Nach einiger Zeit fand ich mich eutfeſſelt am Boden liegen, wäh⸗ rend mein Kopf auf Jemandes Schooße ruhte. Als ich wieder Be⸗ wußtſein erlangte, waren meine Augen, die ſich ſchon früher geöffnet hatten, ehe ich etwas ſehen konnte, auf die Leiter an der Wand ge⸗ richtet, und ich erkannte daran, daß ich mich noch an demſelben Orte befand, wo ich das Bewußtſein verloren hatte. Anfangs zu gleichgültig, um mich umzuſchauen und zu über⸗ zeugen, wer es ſei, der mich ſtützte, blieb ich, die Leiter anblickend, liegen, als ſich zwiſchen mich und ſie ein Geſicht drängte,— das Geſicht von Trabb's Lehrlinge. 65 ——y—— 514 ——;— „Ich glaube, er erholt ſich,“ ſagte Letzterer;„aber ſchrecklich blaß iſt er!⸗ Bei dieſen Worten beugte ſich das Geſicht Deſſen, der mich ſtützte, über das meinige, und ich erkannte Herbert. „Herbert! Gott im Himmel!“ rief ich. „Still, ſtill, Händel,“ erwiederte er,„nicht zu heftig.“ „Und unſer alter Kamerad Startop!“ rief ich von Neuem, als auch dieſer ſich über mich beugte. „Denke an das, worin er uns Beiſtand leiſten ſoll,“ ſagte Her⸗ vert,„und verhalte dich ruhig.“ Dieſe Worte ließen mich emporſpringen, doch vom Schmerz in meinem linken Arme übermannt, ſank ich im nächſten Augenblicke wieder zurück. „Die Zeit iſt doch nicht ſchon verſtrichen, Herbert? Welcher Tag iſt heute? Wie lange bin ich hier?“ fragte ich angſtvoll, weil ich fürchtete, daß ich lange dort gelegen habe,— vielleicht ſchon zwei Tage und zwei Nächte,— oder noch länger. „Die Zeit iſt noch nicht vorüber,“ erwiederte er;„es iſt heute Montag Abend.“ „Gott ſei gedankt!“ „Und du kannſt dich den ganzen morgenden Tag, den Dienſtag, ausruhen,“ ſagte Herbert.„Aber du ſtöhnſt unwillkürlich, mein lieber Händel. Haſt du eine Verletzung erlitten? Kannſt du ſtehen?“ „Ja, ja,“ erwiederte ich,„ich kann gehen; ich habe keine anderen Verletzungen, als die an dieſem wunden Arme.“ Sie entblößten ihn und thaten was ſie konnten. Er war heftig geſchwollen und entzündet, und ich konnte eine Berührung deſſelben kaum ertragen. Sie zerriſſen jedoch ihre Taſchentücher und machten friſche Verbände, und legten ihn dann wieder vorſichtig in die Schlinge, bis wir nach der Stadt gelangen und kühlende Mittel an⸗ wenden konnten. Bald darauf hatten wir die Thür des dunkeln und leeren Schleuſenhauſes geſchloſſen und traten unſern Rückweg durch den Steinbruch an. Trabb's Lehrling,— jetzt Trabb's herange⸗ wachſener Gehülfe,— ging mit der Laterne voran, deren Schein das Licht geweſen war, welches ich in die Thür hatte dringen ſehen. Inzwiſchen war der Mond um zwei Stunden höher am Himmel geſtiegen, und die Nacht, obgleich regneriſch, war viel heller als vor⸗ her. Der weiße Dampf des Kalkofens zog vor uns hin, als wir daran vorübergingen, und ſo wie ich im Augenblicke der höchſten Gefahr im Stillen Gott um Hülfe angerufen hatte, ſo ſprach ich jetzt im Stillen ein Dankgebet. Auf meine dringende Bitte an Herbert, mir zu ſagen, was ihn beſtimmt habe, zu meiner Rettung herbei zu eilen,— die er anfangs kurzweg aus dem Grunde verſagt hatte, daß ich mich ruhig verhalten müſſe,— erfuhr ich, daß ich in der Eile das empfangene Schreiben in meiner Wohnung hatte fallen laſſen, wohin er bald nach meiner Entfernung mit Startop gekommen war, den er auf der Straße ge⸗ troffen hatte. Der Ton deſſelben hatte ihm Unruhe verurſacht, und zwar um ſo mehr, als er mit dem von mir zurückgelaſſenen haſtigen Briefe in ſo grellem Widerſpruche ſtand. Da ſeine Unruhe, ſtatt ab⸗ zunehmen, mit jeder Minute fortgeſetzter Ueberlegung zunahm, ſo war er mit Startop, welcher ſich als Begleiter erboten, nach dem Poſthofe geeilt, um zu erfahren, wann die nächſte Landkutſche gehe; und da er hörte, daß die Nachmittagskutſche bereits fort ſei, und ſeine Unruhe durch dieſe Hinderniſſe zu wahrer Angſt ſtieg, ſo hatte er ſich entſchloſſen, mir in einer Poſtchaiſe nachzufahren. So waren er und Startop am„Blauen Eber“ angelangt, in der Erwartung, mich dort zu finden oder Nachrichten von mir zu hören. Allein keines von Beidem geſchah, und ſie begaben ſich deßhalb nach Miß Havishams Hauſe, wo ſie meine Spur verloren. Von dort kehrten ſie nach dem Gaſthofe zurück,(ohne Zweifel zu der Zeit, als ich die dort verbrei⸗ tete Verſion meiner Lebensgeſchichte anhören mußte,) um Erfriſchungen einzunehmen und einen Führer nach dem Moorlande zu bekommen. Feierſtunden. 1864. — ſich auch Trabb's Lehrling,— ſeiner alten Gewohnheit getreu, überall zu ſein, wo er nichts zu thun hatte,— welcher mich auf meinem Wege von Miß Havishams Hauſe nach dem Lokale, wo ich zu Mit⸗ tag ſpeiste, geſehen hatte. Er wurde deßhalb ihr Führer, und mit ihm gingen ſie nach dem Schleuſenhauſe, aber auf dem Wege durch die Stadt, welchen ich vermieden hatte. Während des Marſches fiel es Herbert ein, daß ich vielleicht doch dahin gerufen worden ſei, um etwas wirklich Nützliches in Bezug auf die Sicherheit von Provis zu erfahren, und indem er bedachte, daß eine Störung in dieſem Falle nachtheilig ſein könne, ließ er den Führer und Startop am Rande des Steinbruches zurück und begab ſich allein nach dem Hauſe, das er mehrere Male umſchlich, um ſich zu überzeugen, ob Alles in Ord⸗ nung darin ſei. Da er nichts weiter hören konnte, als die undeut⸗ lichen Laute einer einzelnen tiefen und rauhen Stimme,(zur Zeit, als mein Geiſt ſo ſehr beſchäftigt war,) ſo begann er ſchon daran zu zweifeln, daß ich wirklich dort ſei, als plötzlich mein Hülferuf erſcholl, und er, darauf antwortend und von den beiden Andern gefolgt, hineinſtürzte. Als ich Herbert mittheilte, was im Hauſe vorgegangen war, ſtimmte er dafür, augenblicklich zu einem Polizeibeamten des Ortes zu gehen, obgleich es ſchon ſpät in der Nacht war, und einen Ver⸗ haftsbefehl zu erwirken. Allein ich hatte bereits erwogen, daß ein ſolches Verfahren, welches uns der Gefahr ausſetzte, zurückgehalten oder genöthigt zu werden, am folgenden Tage nach dem Orte zurück⸗ zukehren, große Nachtheile für Provis zur Folge haben konnte. Die⸗ ſes Bedenken war zu einleuchtend, und wir gaben deßhalb jeden Ge⸗ danken an Orlicks Verfolgung vorläufig auf. Auch hielten wir es unter den obwaltenden Verhältniſſen für das Klügſte, kein Gewicht auf die Sache in Gegenwart von Trabb's Lehrlinge zu legen, wel⸗ cher, wie ich feſt überzeugt bin, ſehr unzufrieden geweſen ſein würde, wenn er erfahren hätte, daß ſeine Dazwiſchenkunft mich von dem Kalkofen errettet habe. Ich will damit nicht ſagen, daß ſein Gemüth boshaft geweſen ſei, ſondern nur, daß er vermöge einer zu großen Lebhaftigkeit ſtets nach Abwechſelung und Aufregung geſtrebt habe, gleichviel auf weſſen Koſten. Als wir ſchieden, reichte ich ihm zwei bedaure, jemals eine nachtheilige Meinung von ihm gehabt zu haben, (was gar keinen Eindruck auf ihn machte). Da der Mittwoch ſo nahe war, ſo beſchloſſen wir, noch in der⸗ ſelben Nacht alle drei mit einer Poſtchaiſe nach London zurückzufahren, und zwar um ſo mehr, als wir dann ſämmtlich fort waren, ehe ſich die Nachricht von dem nächtlichen Abenteuer verbreitete. Herbert verſchaffte ſich eine große Flaſche mit einer kühlenden Eſſenz, und durch fortwährendes Auflegen derſelben wurde es mir möglich, die Schmerzen während der Reiſe gut zu ertragen. Mit Tagesanbruch er⸗ reichten wir den Temple, wo ich mich ſogleich zu Bette legte und den ganzen Tag liegen blieb. Meine Angſt, krank und für den folgenden Tag unbrauchbar zu werden, war namenlos, und ich wundere mich, daß ſie mich nicht wirklich krank machte. Gewiß würde es auch, in Verbindung mit der erlittenen geiſtigen Erſchütterung, geſchehen ſein, wenn ich mich nicht in einer ſo unbeſchreiblichen Spannung durch den Gedanken an den folgenden Tag befunden hätte, der ſo lange erſehnt und von ſo großer Bedeutung für mich war, und deſſen Ausgang, obgleich ſo nahe liegend, ein undurchdringliches Dunkel verhüllte. daß wir an dieſem Tage allen Verkehr mit Provis vermieden; un dennoch erhöhte ſie meine Unruhe. Bei jedem Laut, bei jedem F tritt erſchrak ich und glaubte, daß er entdeckt und ergriffen wol⸗ ſei, und daß der Bote komme, um es mir anzuzeigen. Ich hieleex⸗ überzeugt, daß ich wiſſe, er ſei ergriffen worden, und daß es ge⸗ als bloße Furcht oder Vorahnung ſei, was auf mir laſte; d wirklich geſchehen, und daß ich auf geheimnißvolle Weiſe Keu Unter den Müſſiggängern am Thorwege des„Blauen Ebers“ befand davon erlangt habe. Als der Tag verſtrich, ohne daß böſe Nach 1 Guineen(die ihm ſehr zu behagen ſchienen,) und ſagte, daß ich ſehr Keine Vorſichtsmaßregel hätte einleuchtender ſein können, als die, — kamen am f förml in me ich a hinau ig ſ her. einſch dem fortwwe ich ei ich in und terne daß woch nes blick und meer gehei Schei von wurd und Wint und thüm welche thun, beant ihnen Süiche —— eit Rtreu, überall mich auf meinem wo ich zu Mit⸗ Führer, und mit dem Wege durch des Marſches fiel worden ſei, um t von Provis zu in dieſem Falle bam Rande deg Hauſe, das er Alles in Ord⸗ ads de undeut⸗ imme,(zr Jiit, er ſchon daran Hülftruf erſcholl, Andern gefolgt, vorgegangen war, kamten des Ortes „und einen Ver⸗ rwogen, daß ein e, zurückgehalten dem Orte zurück⸗ den konnte. Die⸗ deßhalb jeden Ge⸗ h hielten wir es gſte, kin Gewicht ge zu legen, wel⸗ weſen ſein würde, ft mich von dem daß ſein Gemüth einer zu großen ig geſtrebt habe chte ich ihm zwei agte, daß ic ſehr mgehabt zu haben, wir, noch in der⸗ on zurückuſahren, tt waren, the ſch breitete. Helbert nden Eſſenz, mir möglich, die Tagesanbruch er⸗ zette legte :g unbrauchbar zu daß ſ m Verbindung mi u, wenn ich mit den Gedenken an lte. können, und eund den f ſie mich nicht Lind ab, und blieben dort anſcheinend unentſchloſſen ſtehen, ob wir das it das nenſchlichen Amphibien, welche ihren Stand an der Treppe hat⸗ ———; kamen, und endlich die Dunkelheit anbrach, wurde ich von der Furcht, am folgendeu Morgen durch meine Krankheit untauglich zu ſein, förmlich überwältigt. In meinem brennenden Arme klopfte es, und in meinem glühenden Kopfe hämmerte es, und mir war, als wenn Ich zählte bis zu hohen Zahlen ich anfinge irrſinnig zu werden. hinauf, um mich zu überzeugen, daß ich noch meiner Sinne mäch⸗ tig ſei, und ſagte lange Stellen aus Büchern in Proſa und Verſen her. Zuweilen geſchah es, daß ich aus Ermüdung einige Minuten einſchlief und Alles vergaß; aber dann fuhr ich wieder empor mit dem Gedanken:„Jetzt kommt es, ich werde irrſinnig!“ Meine Pfleger hielten mich den ganzen Tag ruhig, verbanden fortwährend meinen Arm, und reichten mir kühlende Getränke. Wenn ich eingeſchlummert war, erwachte ich bald wieder mit der Idee, die ich im Schleuſenhauſe gehabt hatte, daß eine lange Zeit verſtrichen, und daß die Gelegenheit, ihn zu retten, verloren ſei. Gegen Mit⸗ ternacht ſtand ich auf und ging zu Herbert, in der Ueberzeugung, daß ich vierundzwanzig Stunden geſchlafen habe, und daß der Mitt⸗ woch vorüber ſei. Es war die letzte, erſchöpfende Anſtrengung mei⸗ nes aufgeregten Zuſtandes, denn gleich darauf ſchlief ich feſt ein. Der Mittwoch Morgen dämmerte, als ich zum Fenſter hinaus blickte. Die Lichter auf den Brücken hatten ſchon einen bleichen Schein, und die aufgehende Sonne verkündete ihr Kommen durch ein Feuer⸗ meer am Horizonte empor. Ueber dem Fluſſe, der noch ſtill und geheimnißvoll da lag, erhoben ſich die Brücken mit kaltem, grauem Scheine, der nur hier und dort, an den höheren Stellen derſelben von einer wärmeren Berührung des glühenden Himmels verdrängt wurde. Während ich über die zahlloſen Dächer und die Thurmſpitzen der Kirchen hinblickte, welche ſich in die ungewöhnlich klare Luft er⸗ hoben, ging die Sonne auf, und ein Schleier ſchien von dem Fluſſe abgezogen zu werden, auf deſſen Wellen Millionen von Funken tanz⸗ ten. Auch mir ſchien ein Schleier abgezogen zu werden, und ich fühlte mich wohl und kräftig. Herbert ſchlief noch in ſeinem Bett, und Startop auf dem Sopha. Ich konnte mich nicht ohne Hülfe ankleiden, ſchürte aber das Feuer im Kamine an, welches noch brannte, und machte Kaffee für ſie. Bald ſtanden ſie auch wohl und kräftig auf, und wir ließen die friſche Morgenluft zu den Fenſtern herein und beobachteten die Fluth, die jetzt noch im Steigen war. „Wenn ſie ſich um neun Uhr wendet,“ ſagte Herhert fröhlich, „ſo ſchaue nach uns aus und ſei bereit, du dort unten in Mill Pond Bank!“ Vierundfünfzigſtes Kapitel. Es war einer jener Märztage, an denen die Sonne warm ſcheint, und der Wind kalt bläst, wenn es Sommer im Sonnenſchein und Winter im Schatten iſt. Wir hatten unſere Mäntel mitgenommen, und ich trug eine Reiſetaſche. Von allen meinen weltlichen Beſitz⸗ thümern nahm ich nichts mit, als die wenigen unentbehrlichen Sachen, welche ſich in der Reiſetaſche befanden. nuf der Thürſchwelle ſtehen, und dachte, ob und wann und unter dieſe Zimmer wiederſehen werde. Wir ſtiegen langſam die zum Waſſer führende Treppe am Temple oder nicht. Natürlich hatte ich dafür geſorgt, Nach län⸗ Feierſtunden. 1864. 515 Waſſerſtandes,— halb neun Uhr. zu fallen und mußte uns bis drei Uhr treiben, wo ſie wieder zu ſteigen anfing, und von wo an wir gegen dieſelbe bis zur Dunkel⸗ heit weiter zu rudern beabſichtigten. Dann waren wir im Stande, 5) 9 7 jene Flußgegend, hinter Graveſend, zwiſchen Keut und Eſſex, zu er⸗ reichen, wo der Strom breit und einſam iſt, die Ufer nur ſchwach bewohnt ſind, und hier und dort abgelegene Wirthshäuſer ſtehen, von denen wir eins erwählen konnten, um darin auszuruhen und die ganze Nacht zu bleiben. Das Hamburger Dampfboot, ſowie das nach Rotterdam beſtimmte, ſegelte am Donnerſtag früh gegen neun Uhr von London ab. Wir konnten alſo mit ziemlicher Genauigkeit die Zeit berechnen, wenn die Fahrzeuge dort, wo wir lagen, vorüber kommen mußten, und wollten das erſte, welches kam, anrufen, um, wenn wir aus irgend einem zufälligen Grunde keine Aufnahme fan⸗ den, den Verſuch bei dem zweiten wiederholen zu können. Das Bewußtſein, endlich bei der Ausführung unſeres Vorhabens zu ſein, wirkte ſo ermuthigend auf mich, daß ich mir den Zuſtand, in welchem ich mich noch wenige Stunden vorher befunden, kaum als da geweſen zu denken vermochte. Die friſche Luft, das Sonnenlicht, die lebhafte Bewegung auf dem Fluſſe, der Fluß ſelbſt, und die längs dem Ufer dahin laufende Straße,— Alles ſchien mit uns zu ſym⸗ pathiſiren, uns zu ermuthigen, und flößte mir neue Hoffnung ein. Es war verdrießlich für mich, ſelbſt von ſo wenig Nutzen im Boote zu ſein; aber deſto thätiger waren meine Freunde, zwei ausgezeich⸗ nete Ruderer, welche mit gleichmäßigem Schlage den ganzen Tag fort rudern konnten. In der damaligen Zeit gab es noch bedeutend weniger Dampf⸗ boote auf der Themſe, als jetzt; dagegen waren die Ruderboote um ſo zahlreicher. An Barken, Kohlenſchiffen und Küſtenfahrern gab es vielleicht eben ſo viele, wie jetzt, aber an großen und kleinen Dampf⸗ ſchiffen nicht den zwanzigſten Theil. So früh es noch war, ſo fuh⸗ ren an jenem Morgen doch ſchon viele Nachen und Kähne umher, und zahlreiche Barken liefen mit der ſinkenden Fluth den Strom hinab. Die Schifffahrt zwiſchen den Brücken in offenen Booten war damals viel leichter und allgemeiner, als jetzt, und wir fuhren an vielen Kähnen und Fähren ſchnell vorüber. Die alte Londoner Brücke lag bald hinter uns, und ebenſo der Markt von Billingsgate, mit ſeinen Auſterbooten und Holländern, und der Tower, mit dem weißen Thurme und der Verrätherpforte. Hier lagen die nach Leith, Aberdeen und Glasgow fahrenden Dampf⸗ ſchiffe, welche ein- oder ausluden, und unendlich hoch aus dem Waſ⸗ ſer hervor zu ragen ſchienen, als wir daran vorüber fuhren; hier lagen auch zahlloſe Kohlenſchiffe, und hier ankerte das Dampſſchiff, welches am folgenden Morgen nach Rotterdam abgehen ſollte, und das wir uns genau anſahen, ſowie auch das nach Hamburg beſtimmte, unter deſſen Bogſpriet wir dahin fuhren. Und jetzt zeigte ſich mir, während ich mit ſchneller klopfendem Herzen im Hintertheile des Boo⸗ tes ſaß, Mill Pond Bank, mit ſeiner Ufertreppe. „Iſt er dort?“ fragte Herbert. „Noch nicht.“ er uns ſehen würde. Siehſt du ſein Signal?“ „Von hier aus nicht deutlich, aber ich glaube, ich ſehe es.— Jetzt, jetzt ſehe ich ihn! Leget beide ein! Ruhig, Herbert,— die Ruder bei!“ Einen Augenblick lang legten wir bei der Ufertreppe an, er ſtieg ein, und im nächſten Augenblicke waren wir wieder unterwegs. Er hatte einen Schiffermantel um, und trug einen ſchwarzen Nachtſack, und ſah einem Flußlootſen ſo ähnlich, wie mein Herz es nur wün⸗ ſchen konnte. Herbert ſaß „Lieber Junge!“ ſagte er, ſeinen Arm auf meine Schulter 65* im Bug, und ich am Steuerruder. Es war die Zeit des höchſten Unſer Plan war folgender. Die Fluth begann um neun Uhr „Ganz recht. Er ſollte ja nicht eher herunter kommen, als bis —————— 516 ——⅓—⅓—½——õr————— legend, während er ſich ſetzte.„Lieber, treuer Junge, das war gut gemacht. Ich danke dir, ich danke dir!“ Von Neuem fuhren wir durch ganze Reihen von Schiffen hin⸗ durch, hinüber und herüber, vermieden roſtige Kettenkabel, zerriebene hanfene Halſen und tanzende Bojen, verſenkten momentan zerbrochene Körbe, die im Waſſer ſchwammen, trieben ſchwimmende Holzſpäne auseinander, durchſchnitten ſchwarzen Kohlenſchaum, und fuhren un⸗ ter dem Schiffsbilde des John von Sunderland dahin, der den Win⸗ den eine Rede zu halten ſchien(wie es auch andere Johns thun), und unter dem der Betſt von Yarmouth, mit ihrer vollen Bruſt und den zwei Zoll weit aus dem Kopfe hervorſtarrenden Augen,— wäh⸗ rend auf den Schiffsbauplätzen des Ufers Hämmer und Sägen raſ⸗ ſelten, Maſchinen an unbekannten Dingen klapperten, die Pumpen auf leck gewordenen Fahrzeugen arbeiteten, Schiffe in die See hinaus fuhren, und unverſtändliche Meerweſen den entgegen kommenden Lichterſchiffen Flüche zubrüllten,— weiter und weiter, bis wir end⸗ lich auf den offenen Fluß hinaus kamen, wo die Schiffsjungen ihre Schutzbretter einziehen können, ohne länger mit ihnen über die Schiffs⸗ ſeiten hinweg in trübem Waſſer zu fiſchen, und wo die bekränzten Segel im Winde flattern dürfen. Von dem Augenblicke an, wo wir ihn bei der Ufertreppe an Bord genommen, hatte ich mich fortwährend nach allen Seiten vor⸗ ſichtig umgeſchaut, um zu ſehen, ob wir nicht von irgend wo beob⸗ achtet würden, aber hatte nichts wahrgenommen. Bis zu dieſer Zeit waren wir jedenfalls noch von keinem Boote verfolgt worden, und wurden es auch da noch nicht. Wäre uns ein Boot gefolgt, ſo würde ich an das Ufer geſteuert und es gezwungen haben, weiter zu fahren, oder ſeine Abſicht zu erklären. Aber wir ſetzten unſeren Weg fort, ohne im Geriugſten beläſtigt zu werden. Provis hatte ſeinen Schiffsmantel um, und ſah, wie erwähnt, ganz ſo aus, als wenn er zum Boote gehörte. Merkwürdig war es (aber vielleicht eine natürliche Folge ſeines elenden Lebens), daß er von uns Allen am wenigſten Unruhe verrieth. Er war keineswegs gleichgültig, denn er ſagte mir, er hoffe, ſeinen Gentleman als einen der erſten Gentlemen im Auslande zu ſehen, und ebenſowenig zeigte er ſich reſignirt; aber er hatte keine Idee davon, ſich auf eine Gefahr vorzubereiten. Wenn ſie kam, ſo trat er ihr entgegen, aber beun⸗ ruhigen ließ er ſich vorher nicht durch ſie. „Wenn du wüßteſt, lieber Junge,“ ſagte er zu mir,„welcher Genuß es für mich iſt, hier neben meinem lieben Jungen zu ſitzen und eine Pfeife zu rauchen, nachdem ich ſo viele Tage lang zwiſchen Wänden eingeſchloſſen war, ſo würdeſt du mich darum beneiden. Aber du kannſt dir keine Vorſtellung davon machen.“ „Ich glaube, ich weiß, welche Wohlthat es iſt, frei zu ſein,“ war meine Antwort.“ „Ach,“ verſetzte er mit ernſtem Kopfſchütteln,„du weißt es nicht ſo gut wie ich. Du müßteſt unter Schloß und Riegel geweſen ſein, um es ſo gut zu wiſſen, lieber Junge.— Aber ich will nicht wie⸗ der gemein werden.“ Es fiel mir dabei als widerſprechend auf, daß er um einer Idee willen ſeine Freiheit und ſein Leben hatte in Gefahr bringen können; allein ich bedachte, daß die Freiheit ohne Gefahr allen Gewohnheiten ſeiner bisherigen Exiſtenz zu fern lag, um das für ihn zu ſein, was ſie für einen Anderen ſein würde. Ich hatte darin nicht Unrecht, denn nach einer kurzen Pauſe ſagte er: „Sieh, lieber Junge, als ich noch dort drüben auf der anderen Seite der Erde war, ſehnte ich mich immer nach dieſer Seite, denn es war mir dort ſo öde und langweilig, obgleich ich reich wurde. Jedermann kannte Magwitch, und Magwitch konnte kommen oder gehen, Niemand kümmerte ſich um ihn. Hier ſind die Leute nicht ſo gleichgültig in Bezug auf mich, lieber Junge,— und würden es noch weniger ſein, wenn ſie wüßten, wo ich wäre.“ „Wenn Alles gut geht,“ erwiederte ich,„ſo werden Sie in we⸗ nigen Stunden wieder vollkommen frei und ſicher ſein.“ Feierſtunden. 1864. —————————————— „Nun,“ verſetzte er mit einem tiefen Seufzer,„ich hoffe es!“ „Und glauben es?“ Er tauchte ſeine Hand über den Rand des Bootes in das Waſ⸗ ſer und ſagte mit jenem milderen Lächeln, das mir nicht mehr neu war: „Ja, ich glaube es wohl, mein lieber Junge. Wir können ja nicht ruhiger und behaglicher ſein, als wir jetzt ſind. Aber— viel⸗ leicht iſt es das ſanfte, angenehme Fahren durch das Waſſer, was mich darauf brachte,— aber ich dachte eben beim Rauchen, daß wir eben ſo wenig durch die nächſten Stunden blicken können, wie auf den Grund des Waſſers, das ich faſſe; und wir können ihren Lauf eben ſo wenig feſthalten, wie ich dieſes. Es rinnt durch meine Fin⸗ ger, und iſt fort,— ſiehſt du?“ fügte er hinzu, die naſſe Hand em⸗ por haltend. „Wenn ich Ihr Geſicht nicht ſähe, ſo würde ich glauben, Sie ſeien etwas muthlos,“ ſagte ich. „Keineswegs, mein lieber Junge! Es kommt nur von der ruhi⸗ Bewegung und von den Plätſchern am Kiel des Bootes, das faſt ein Sonntagslied klingt. Oder es kommt auch vielleicht daher, ich alt werde.“ Mit völligem Gleichmuthe ſteckte er ſeine Pfeife wieder in den Mund, und ſaß ſo ruhig und zufrieden da, als wenn wir ſchon Eng⸗ land verlaſſen hätten. Dabei zeigte er ſich jedoch ſo fügſam und folgte jedem Rathe ſo willig, als wenn er in fortwährender Furcht geweſen wäre. Als wir, zum Beiſpiel, an das Ufer fuhren, um einige Fla⸗ ſchen Bier in das Boot zu nehmen, und er auch ausſteigen wollte, gab ich ihm zu verſtehen, daß es, meiner Meinung nach, ſicherer ſein würde, wenn er im Boote bliebe, worauf er ſich mit den Wor⸗ ten:„Glaubſt du, lieber Junge?“ ruhig wieder auf ſeinen Platz ſetzte. Die Luft auf dem Fluſſe war kalt, obgleich der Tag ſchön war, und der Sonnenſchein erheiternd wirkte. Das Sinken der Fluth war ſtark, welches ich möglichſt benutzte, ſo daß unſer ſicherer Ruderſchlag uns bedeutend vorwärts brachte. Allmählig, während der Fall der Fluth ſchwächer wurde, verloren wir die nahe liegenden Hügel und Gehölze aus dem Geſichte, und kamen zwiſchen die Moraſtbänke hin⸗ ein; aber die Ebbe begleitete uns noch, als wir vor Graveſend an⸗ langten. Da unſer Schützling in ſeinen Mantel gehüllt war, ſo fuhr ich abſichtlich innerhalb weniger Bootslängen an dem ſchwimmenden Zollhauſe vorüber, und wieder hinaus, an zwei Emigrantenſchiffen vorüber, und unter dem Bug eines großen, mit Soldaten angefüll⸗ ten Transportſchiffes vorbei, welche auf uns herab blickten. Bald darauf hörte die Ebbe völlig auf, und die vor Anker liegenden Schiffe wendeten ſich, und diejenigen, welche die eintretende Fluth benutzen wollten, um weiter hinauf zu fahren, ſammelten ſich um uns zu einer Flotte, und wir hielten uns ſo nahe als möglich am Ufer, und gen wie daß alle Sand⸗ und Schlammbänke vermieden. Unſere Ruderer, welche ſich von Zeit zu Zeit eine kurze Raſt gegönnt und das Boot nur vom Waſſer hatten treiben laſſen, waren ſo friſch, daß ihnen die Erholung einer Viertelſtunde vollkommen ge⸗ nügte. Wir ſtiegen über viele ſchlüpferige Steine an das Ufer, ver⸗ zehrten, was wir zu eſſen und zu trinken hatten, und ſchauten uns um. Die Gegend war dem Moorlande meines heimathlichen Ortes ähnlich, flach, einförmig, und mit einem trüben Horizonte, während der Fluß ſich hin und her ſchlängelte, und die darauf ſchwimmenden Bojen auf und ab tanzten, und alles Uebrige ſtill und geſtrandet aus⸗ ſah; denn das letzte von den ſtromaufwärts gehenden Schiffen hatte jetzt die Landzunge paſſirt, um die wir gefahren waren, und die letzte grüne Barke, mit Stroh beladen, und mit braunen Segeln verſehen, war gefolgt, und nur einige Lichterſchiffe, die den erſten kunſtloſen Nachbildungen eines Bootes von Kinderhand ähnlich ſahen, lagen tief im Schlamme, und ein kleiner, niedriger Leuchtthurm ſtand auf offe⸗ nen Pfählen, wie auf Stelzen und Krücken, im Sumpfe, und ſchlam⸗ 5. ſo fern, als wir konnten, von der Strömung, inde wir ſorgfältig mige und tup und Die nich hatt blich in e und die H hier Mor thur als Ru⸗ nach Me kalt übe lenſ nem ſlack feuer wiee Häus liged bereit wie Anbr gens das welch kam dem von wo weil Abg gen! Ster rigen uns gende gegen jedes durch von füſe ſer?⸗ dann das ( darau nen ſtieg Virth vahrf brann und b ich hoffe 68! in das Waſ⸗ mir nicht mehr Wir können ja Aber— vill⸗ 3 Waſſer, was uchen, daß wir enen, wie auf en ihren Lauf ich meine Fin⸗ e Hand em ) Jlauben, Si r von der ruhi⸗ es, das faſt vielleicht daher, wieder in den ir ſchon Eng⸗ gjam und folgte Furcht geweſen um einige Fla⸗ jeigen wollte, nach, ſicherer h wit den Wor⸗ auf ſeinen Platz T Tag ſchön war, der Fluth war rrer Ruderſchlag d der Fall der den Hüde und chwimmenden nigrantesſchiffn daten angefül⸗ Bald blickten. Bald den Schiffe h am Ufer, rgfältig m wir ſo ine kurze Raft Klaſſen, warel 14 1 5(⸗ vollkommen ge vol.. r⸗ das Uer, ve⸗ Feierſtun .—O———; mige Pfoſten ragten aus dem Moraſt hervor, und rothe Landmarken und Fluthmarken ragten daraus hervor, und eine alte Landungs⸗ treppe, mit einem alten, dachloſen Gebäude, ſchien darin zu verſinken, und Alles um uns war Sumpf und Moraſt. Wir ſtießen wieder ab und fuhren weiter, ſo gut es gehen wollte. Die Arbeit war jetzt viel ſchwerer, aber Herbert und Startop ließen nicht nach, und ruderten, bis die Sonne unterging. Um dieſe Zeit hatte der Fluß ſich ein wenig gehoben, ſo daß wir über das Ufer blicken konnten. Die rothe Sonnenſcheibe lag auf der niedrigen Ebene in einem purpurnen Dunſte, der ſchnell die nächtliche Farbe annahm; und die öde Moorgegend lag vor uns, und in der Ferne erhoben ſich die Hügel, zwiſchen denen und uns ſich kein anderes Leben zeigte, als hier und dort im Vordergrunde eine einſame Seemöve. Da die Nacht ſchnell herein brach, und der bereits abnehmende Mond nicht früh aufgehen konnte, ſo hielten wir eine kurze Bera⸗ thung, welche uns überzeugte, daß wir nichts Beſſeres thun konnten, als in das erſte einſame Wirthshaus einkehren, das wir ſahen. Die Ruder wurden deßhalb wieder aufgenommen, und ich ſchaute mich nach einem Hauſe um. So ging die Fahrt vier bis fünf langweilige Meilen weiter, ohne daß ein Wort geſprochen wurde. Es war ſehr kalt, und ein vor⸗ über fahrendes Koh⸗ lenſchiff, mit ſei⸗ nem glühenden und flackernden Küchen⸗ feuer, erſchien uns wie eine einladende Häuslichkeit. Völ⸗ lige Dunkelheit war bereits eingetreten, wie ſie bis zum Anbruche des Mor⸗ gens anhielt, und das einzige Licht, welches wir hatten, kam weniger von dem Himmel, als von dem Fluſſe, wo die Ruder zu⸗ weilen auf den Abglanz der weni⸗ gen dort reflektirten Sterne ſchlugen. In dieſer trau⸗ rigen Zeit erfüllte uns Alle offenbar die Furcht, daß wir verfolgt würden. Die ſtei⸗ gende Fluth ſchlug heftig und in unregelmäßigen Zwiſchenräumen gegen das Ufer; und wenn ein ſolcher Schall ſich hören ließ, erſchrak jedes Mal Einer oder der Andere von uns, und blickte nach der Richtung hin. An manchen Stellen hatte die Strömung das Ufer durchbrochen und kleine Buchten gebildet, und gerade dieſe wurden von uns beſonders mit argwöhniſchen Augen betrachtet. Zuweilen flüſterte Einer von uns:„Was war das für ein Rauſchen im Waſ⸗ ſer?“ oder ein Anderer ſagte:„Iſt das dort nicht ein Boot?“ und dann trat wieder tiefes Schweigen ein, und ich horchte unruhig auf das Geräuſch der Ruder, welches mir ungewöhnlich ſtark erſchien. Endlich entdeckten wir ein Licht und ein Haus, und legten bald darauf an einem kleinen Damme an, der von aufgeſammelten Stei⸗ nen errichtet worden war. Die Anderen im Boote zurücklaſſend, ſtieg ich an das Land und ſah, daß das Licht aus dem Fenſter eines Wirthshauſes hervor ſchien. Es war ein unſauberes Lokal, und wahrſcheinlich die Herberge von Schmugglern; allein ein gutes Feuer brannte in der Küche, und Speck und Eier waren da zum Eſſen, und verſchiedene Getränke für den Durſt. Auch zwei Schlafzimmer V den. 1864. W— j—ʒꝑêênꝙGꝙ»ꝙOx»òꝑÖ mit doppelten Betten enthielt das Haus, von denen der Wirth ſagte, „wie ſie nun eben ſind“. Im Inneren befand ſich Niemand, als der Wirth, ſeine Frau, und eine ſchmutzige männliche Perſon, der „Jack“ oder Bootsknecht des kleinen Hafenplatzes, welcher ſo ſehr mit Koth und Schlamm bedeckt war, daß er ſelbſt einer Waſſermarke glich. In ſeiner Begleitung ging ich nach dem Boote zurück, worauf wir ſämmtlich an das Land kamen, und die Ruder, das Steuerruder, den Bootshaken und alles Uebrige mitnahmen, und das Boot ſelbſt an das Land zogen. Wir genoſſen ein gutes Mahl beim Küchenfeuer, und vertheilten dann die Schlafzimmer, von denen das eine an Her⸗ bert und Startop überwieſen wurde, während ich und mein Schütz⸗ ling von dem anderen Beſitz nahmen. Wir fanden die friſche Luft darin ſo ſorgfältig ausgeſchloſſen, als wenn ſie dem menſchlichen Le⸗ ben nachtheilig wäre; und unter den Betten lagen mehr ſchmutzige Kleidungsſtücke und alte Schachteln, als ich im Beſitze der Familie vermuthet hätte. Aber deſſen ungeachtet waren wir froh, dort zu ſein, denn einen einſameren Ort hätten wir nicht finden können. Während wir uns nach dem Mahle am Feuer wärmten, fragte mich der Jack,— welcher in einer Ecke ſaß und ein Paar aufge⸗ quollener Schuhe an den Füßen hatte, die er uns, während wir Speck und Eier aßen, als intereſ⸗ ſante Ueberreſte ei⸗ nes ertrunkenen und vor wenigen Tagen an das Ufer ge⸗ ſpülten Matroſen zeigte,— ob wir eine vierruderige Galeere mit der Fluth den Fluß haben hinauf fah⸗ ren ſehen. Als ich verneinte, ſagte er, daß ſie in dieſem Falle wieder ſtrom⸗ abwärts gegangen ſein müſſe, obgleich ſie beim Abfahren von dort aufwärts geſteuert ſei. „Sie müſſen,“ ſagte Jack,„aus ir⸗ gend einem Grunde ihren Plan geän⸗ dert haben und wieder abwärts gegangen ſein.“ „Eine vierruderige Galeere?“ fragte ich. „Ja,“ verſetzte Jack,„eine mit vier Rudern und zwei Perſonen, die darin ſaßen. „Sind ſie hier gelandet?“ „Sie kamen mit einem Steinkruge von zwei Gallonen an das Land, um Bier zu holen. Ich hätte Gift hinein thun mögen.“ „Weßhalb?“ „Ich weiß, weßhalb,“ verſetzte Jack, der mit einer Stimme⸗ ſprach, als wenn ihm viel Schlamm in den Hals geſpült worden wäre. „Er denkt,“ ſagte der Wirth, ein kränklich ausſehender Mann mit einem blöden Auge, der äuf ſeinen Jack großes Vertrauen zu ſetzen ſchien,„ſie waren etwas geweſen, was ſie doch nicht waren.“ „Ich weiß, was ich denke,“ bemerkte Jack. „Du denkſt, Zollbeamte, Jack, nicht wahr?“ ſagte der Wirth. „Freilich!“ erwiederte Jack. „Da haſt du Unrecht, Jack.“ „So?“ 4 Feierſtun Gehoben von der bedeutungsvollen Tiefe dieſer Antwort und dem unbegrenzten Vertrauen zu der Richtigkeit ſeiner Anſichten zog Jack ſchüttelte .*. dies mit den einen ſeiner aufgequollenen Schuhe aus, blickte hinein, ein paar Steine heraus, und zog ihn wieder an. Er that der Miene eines Jack, der ſo vollkommen Recht hat, daß er ſich Alles erlauben darf. „Aber was glaubſt du in dieſem Falle, daß ſie mit ihren Knö⸗ pfen gemacht haben, Jack?“ fragte der Wirth mit ſchwacher, unſiche⸗ rer Stimme. „Was ſie mit ihren Knöpfen gemacht haben?“ erwiederte Jack. „Ueber Bord werden ſie ſie geworfen haben, oder verſchluckt, oder geſäet, damit ſie als Salat aufgehen. Was ſie mit ihren Knöpfen gemacht haben!“ „Sei nicht unartig, Jack,“ verwies ihn der Wirth in traurigem, aber pathetiſchem Tone. „Ein Zollbeamter weiß ſchon, was er mit ſeinen Knöpfen zu thun hat,“ fuhr Jack fort, das verhaßte Wort mit der größten Ver⸗ achtung wiederholend,„wenn ſie ihm im Wege ſind. Eine Galeere, mit vier Rudern und zwei Einſitzern, geht nicht mit der einen Fluth hinauf, und mit der anderen wieder hinunter, mit ihr und gegen ſie, ohne daß das Zollamt dahinter ſteckt.“ Nach dieſen Worten ging Jack mit verächtlicher Miene hinaus, und der Wirth, der jetzt keine Stütze mehr hatte, hielt es nicht für rathſam, den Gegenſtand weiter zu verfolgen. Dieſes Geſpräch machte uns Alle unruhig, und namentlich mich. Der Wind umheulte traurig das Haus, die Fluth ſchlug gegen das Ufer, und mir war, als wenn wir gefangen und in Gefahr wären. Eine vierruderige Galeere, die auf ſo ſeltſame Weiſe umher fuhr, daß ſie Aufmerkſamkeit erregte, war ein widerwärtiger Umſtand, der mich peinigte. Nachdem ich Provis bewogen hatte, ſich in's Bett zu legen, ging ich mit meinen beiden Gefährten(von denen Startop jetzt auch die wahre Lage der Sache kannte) in's Freie und hielt Berathung. Die Frage war, ob wir bis zu der Zeit, wenn das Dampfboot kam, alſo bis zum folgenden Nachmittag um ein Uhr, im Hauſe bleiben, oder ob wir ſchon früh am nächſten Morgen ab⸗ fahren ſollten. Wir hielten es endlich für beſſer, liegen zu bleiben, bis etwa eine Stunde vor Ankunft des Dampfboots, und dann in die Bahn deſſelben zu rudern und gemächlich mit der Fluth den Strom hinab zu fahren. Nachdem dieſer Beſchluß gefaßt worden war, kehrten wir in das Haus zurück und gingen zu Bett. Ich legte mich mit faſt ſämmtlichen Kleidern nieder, und ſchlief einige Stunden ruhig. Als ich aufwachte, hatte ſich der Wind er hoben, und das außerhalb hängende Schild des Hauſes, ein Schiff, knarrte, klapperte und machte einen Lärm, der mich erſchreckte. Leiſe aufſtehend, denn Provis ſchlief feſt, ſchaute ich zum Fenſter hinaus. Es gewährte eine Ausſicht über den Damm, wo wir gelandet waren und das Boot an das Ufer gezogen hatten, und nachdem meine Au⸗ gen ſich an das trübe Mondlicht gewöhnt hatten, gewahrte ich zwei Männer, welche in das Boot ſchauten. Sie gingen unter dem Fen⸗ ſter vorüber, ohne nach etwas Anderem zu ſehen, und ſchritten dann, nicht nach dem Landungsplatze, welcher, wie ich deutlich ſehen konnte, leer war, ſondern über das Moorland in der Richtung nach dem Meere weiter. Mein erſter Gedanke war, Herbert zu rufen und ihm die ſiche entfernenden zwei Männer zu zeigen. Allein ich bedachte, ehe ich ſein im Hintertheile des Hauſes gelegenes Zimmer erreichte, daß er und Startop einen beſchwerlicheren Tag gehabt hatten, als ich, und ſehr ermüdet ſein mußten, und unterließ es deßhalb. An mein Fen⸗ ſter zurückkehrend, konnte ich die beiden Männer über das Moorland Hhrnitn ſehen, verlor ſie aber in dem trüben Lichte bald aus den Augen, und da ich heftig fror, ſo legte ich mich wieder nieder, um über dieſe Wahrnehmung nachzudenken, und ſank von Neuem in Schlaf. Wir ſtanden frühzeitig auf. Während wir alle vier vor dem nden. 1864. (Frühſtücke im Freien auf und ab gingen, hielt ich es für recht, den Anderen mitzutheilen, was ich in der Nacht geſehen hatte. Wie⸗ derum war es Provis, der ſich dadurch am wenigſten beunruhigt zeigte. Es ſei ſehr wahrſcheinlich, meinte er, daß die Männer zum Zollamte gehörten, und durchaus nicht an uns gedacht hätten. Ich bemühte mich zu glauben, daß es ſo ſei,— wie es wohl möglich war,— aber machte doch den Vorſchlag, daß Provis mit mir bis zu einem entfernten Punkte des Ufers, den wir ſehen konnten, gehen, und daß das Boot uns dort, oder in der Nähe, ſo wie es thunlich ſei, um die Mittagszeit aufnehmen ſolle. Da dieſe Vorſichtsmaßregel von Allen gebilligt wurde, ſo machten wir uns gleich nach dem Frühſtück auf den Weg, ohne im Wirthshauſe etwas davon zu ſagen. Er rauchte ſeine Pfeife während des Marſches, und blieb zu⸗ weilen ſtehen, um mir auf die Schulter zu klopfen. Man hätte glau ben ſollen, daß nicht er, ſondern ich die von Gefahr bedrohte Perſon ſei, die er zu beruhigen ſuchte. Uebrigens wurde wenig geſprochen. Als wir uns dem Punkte näherten, bat ich ihn, an einem verdeckten Orte zurückzubleiben, während ich voran ging, um zu recognosciren; denn es war die Gegend, wohin ſich jene beiden Männer in der Nacht gewandt hatten. Er that es, und ich ging allein weiter. Es war dort zwar kein Boot auf dem Waſſer zu ſehen, und eben ſo wenig lag eins in der Nähe auf dem Ufer, oder waren überhaupt Anzeichen da, daß Leute ſich an jener Stelle eingeſchifft hatten; allein die Fluth ſtand hoch, und die Fußſpuren konnten durch das Waſſer verdeckt worden ſein. Als er aus ſeinem Verſteck hervorſchaute und mich mit dem Hute winken ſah, zum Zeichen, daß er mir nachkommen ſolle, eilte er ſo⸗ gleich zu mir, warauf wir, theils, in unſere Mäntel gehüllt, am Ufer liegend, theils auf und ab gehend, warteten, bis wir unſer Boot heran kommen ſahen. Ohne Schwierigkeit ſtiegen wir ein und fuhren dann in das Fahrwaſſer des erwarteten Dampfbootes. Es war jetzt zehn Minuten vor ein Uhr, und der Rauch deſſelben konnte ſich mit jedem Augenblicke zeigen. Allein es wurde halb zwei, ehe wir ihn zu Geſicht bekamen, und bald darauf zeigte ſich hinter demſelben der Rauch eines zweiten Dampfbootes. Da das Fahrzeug mit voller Schnelligkeit heran kam, ſo nahmen wir unſere beiden Reiſetaſchen zur Hand, und benutzten dieſen Augenblick, Herbert und Startop Lebewohl zu ſagen. Wir hatten einander herzlich die Hände gedrückt, und weder Herberts Au⸗ gen noch die meinigen waren ganz trocken, als plötzlich in geringer Entfernung von uns eine vierruderige Galeere unter dem Ufer her⸗ vor ſchoß und nach derſelben Richtung ruderte, wie wir. 3 In Folge der Biegungen und Windungen des Fluſſes hatte bis⸗ her noch eine Strecke Uferland zwiſchen uns und dem Dampfboote gelegen; allein jetzt wurde es ſichtbar und kam heran. Ich rief Her⸗ bert und Startop zu, ſich vor der Fluth zu halten, damit wir von der Mannſchaft des Dampfbootes geſehen würden, und beſchwor Pro⸗ vis, in ſeinen Mantel gehüllt, ganz ruhig zu bleiben.„Verlaß dich darauf, mein lieber Junge!“ erwiederte er, und ſaß wie eine Bild⸗ ſäule. Inzwiſchen war die von ſehr geſchickter Hand geführte Galeere an uns vorüber gefahren, hatte uns darauf zu ſich heran kommen laſſen und ſich dann neben uns gehalten. Nur mit ſo viel Zwiſchen⸗ raum, als für die Bewegung der Ruder nöthig war, blieb ſie an unſerer Seite, und ließ ſich, wie wir, von der Fluth treiben. Der Eine der beiden Einſitzer hielt die Leinen des Steuerruders, und beobachtete uns aufmerkſam, was auch die Ruderer thaten; der An⸗ dere dagegen war, gleich Provis, in einen Mantel gehüllt und ſchien ſich vor unſeren Blicken verbergen zu wollen, aber flüſterte dem das Steuerruder Führenden etwas zu, indem er nach uns hinüber ſah. In beiden Booten wurde kein Wort geſprochen. raunte mir leiſe den Namen„Hamburg“ zu. Es näherte ſich uns mit großer Schnelligkeit, und das Schlagen ſeiner Räder wurde im⸗ Startop entdeckte bald, welches Dampfboot das erſte war, und mer! plätzli der) den er u zu t bare Mit und N zog l Leute große Beſch das Augen Gefan herum in gre vis er weg b erkaun kaante namen ſchrii Vaſſer finken. 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Schon breitete ſich ſein Schatten über uns, als wir plötzlich von der Galeere angerufen wurden. „Sie haben einen zurückgekehrten Deportirten an Bord,“ ſagte der Mann, welcher das Steuerruder führte.„Jener dort, der in den Mantel Gehüllte, iſt es. Sein Name iſt Abel Magwitch, aber er nennt ſich auch Provis. Ich verhafte ihn, fordere ihn auf, ſich zu ergeben, und Sie, mir Beiſtand zu leiſten.“ In demſelben Augenblicke ließ er, ohne ſeinen Leuten eine hör⸗ bare Anweiſung zu geben, die Galeere dicht an uns heran laufen. Mittelſt eines plötzlichen Ruderſchlages kam ſie uns etwas voraus und legte ſich quer vor uns, worauf die Mannſchaft die Ruder ein⸗ zog und ſich an unſer Boot klammerte, ehe wir wußten, was die Leute eigentlich thaten. Dies verurſachte an Bord des Dampfbootes große Verwirrung, und ich hörte, daß man uns zurief, daß der Befehl zum Anhalten der Räder gegeben wurde, aber fühlte, daß das Schiff dennoch unwiderſtehlich auf uns zutrieb. Im nächſten Augenblicke ſah ich den Steuermann ſeine Hand auf die Schulter des Gefangenen legen, ſah, wie beide Boote von der Gewalt der Fluth herumgeſchleudert wurden, und wie auf dem Dampfſchiffe die Leute in großer Aufregung vorgeſtürzt kamen. vis empor ſprang, ſich über denjenigen, welcher ihn verhaftete, hin⸗ weg beugte, und dem Vermummten den Mantel herunter riß,— erkannte in dem enthüllten Geſichte das mir aus früherer Zeit be⸗ kannte Geſicht jenes anderen Sträflings,— ſah es, bleich und von namenloſem Schrecken erfüllt, zurückbeben,— hörte ein lautes Ge⸗ ſchrei an Bord des Dampſſchiffes und einen ſchweren Fall in das Waſſer, und fühlte in demſelben Momente das Boot unter mir ver⸗ ſinken. Einen Augenblick lang glaubte ich gegen tauſend Mühlwehre und tauſend Blitze zu kämpfen, doch im nächſten Augenblicke wurde ich in die Galeere aufgenommen. Herbert und Startop ſah ich dort, aber unſer Boot war verſchwunden, und die beiden Sträflinge wa⸗ ren fort. Unter dem furchtbaren Geſchrei an Bord des Dampfbootes und dem wüthenden Ausſtrömen des Dampfes, während das Schiff wei⸗ ter trieb, und unſere Galeere daſſelbe that, vermochte ich anfangs kaum den Himmel vom Waſſer und ein Ufer vom anderen zu unter⸗ ſcheiden; allein die Mannſchaft der Galeere legte dieſe ſchnell wieder herum, brachte ſie mit einigen kräftigen Ruderſchlägen vorwärts, und ließ ſie dann ruhig liegen, worauf Alle ſchweigend und geſpannt auf eine hinter dem Stern derſelben befindliche Stelle des Waſſers blick⸗ ten. Nach wenigen Sekunden wurde ein dunkler Gegenſtand ſicht⸗ bar, welcher mit der Fluth auf uns zutrieb. Keiner ſprach ein Wort, aber der Steuermann hielt die Hand empor, und Alle⸗ begannen lang⸗ ſam rückwärts zu rudern und hielten die Galeere gerade vor dem näher kommenden Gegenſtande. Ich ſah, daß es Magwitch war, welcher zu uns heran ſchwamm, aber, wie es ſchien, nicht ohne Ferner ſah ich, wie Pro⸗ 519 —ò:::-—————— welcher ſchwere Verletzungen in der Bruſt und eine tiefe Wunde am Kopfe davon getragen hatte. Er ſagte mir, daß er wahrſcheinlich unter den Kiel des Dampf⸗ bootes gerathen und ſich dort beim Emporſteigen mit dem Kopfe da⸗ gegen geſtoßen habe. Die Verletzung in der Bruſt, welche ihm beim Athmen große Schmerzen verurſachte, glaubte er an der Seite der Galeere empfangen zu haben. Er fügte hinzu, daß er nicht ſagen könne, was er mit Compeyſon gethan oder nicht gethan haben würde, aber daß der Böſewicht, als er ihn beim Mantel erfaßt, um ſich zu überzeugen, daß er es ſei, empor geſprungen und rückwärts getau⸗ melt, und daß er mit ihm über Bord gefallen ſei, wobei unſer Boot durch Magwitch's plötzlichen Sturz und die Bemühung des Polizei⸗ benmmtan, ihn zurückzuhalten, umgeſchlagen war. Flüſternd ſagte er mir, daß ſie Beide feſt umſchlungen auf den Grund gegangen ſeien, und daß ein wüthender Kampf unter dem Waſſer ſtattgefunden, aber daß er, Magwitch, ſich endlich von ihm losgemacht habe und davon geſchwommen ſei. Ich hatte keine Urſache, an der Wahrheit deſſen zu zweifeln, was er mir erzählte. Auch der Polizeibeamte, welcher das Steuerruder der Galeere führte, ſchilderte die Umſtände, unter denen Beide über Bord gefallen waren, auf dieſelbe Weiſe. Als ich die Erlaubniß des Letzteren nachſuchte, den Gefangenen an Stelle ſeiner naſſen Kleider andere, ſoweit ich dergleichen im Wirthshauſe für Geld erlangen konnte, anlegen zu laſſen, gab er ſie bereitwillig, und bemerkte nur, daß er ihm Alles abnehmen müſſe, was derſelbe bei ſich führe. Auf dieſe Weiſe ging das Taſchenbuch, welches einſt in meinen Händen geweſen war, in die des Polizei⸗ beamten über. Er geſtattete mir ferner, den Gefangenen nach Lon⸗ don zu begleiten, aber verſagte dieſelbe Gunſt meinen beiden Freunden. Der Jack im Wirthshauſe wurde davon in Kenntniß geſetzt, wo der Ertrunkene verſunken war, und übernahm es, den Leichnam an denjenigen Stellen des Ufers aufzuſuchen, wohin er in aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit geſpült werden mußte. Sein Intereſſe an der Auffindung ſchien dadurch bedeutend geſteigert zu werden, daß er hörte, der Verun⸗ glückte trage Strümpfe. Muthmaßlich bedurfte es mindeſtens ein Dutzend Ertrunkener, um den Mann völlig auszuſtaffiren, und da⸗ her mochte es auch rühren, daß ſeine verſchiedenen Kleidungsſtücke ſich in verſchiedenen Stadien der Auflöſung befanden. Wir blieben im Wirthshauſe, bis die Fluth wieder zu ſteigen begann, worauf Magwitch in die Galeere geſchafft wurde. Herbert und Startop mußten, ſo gut ſie konnten, zu Lande nach London zu⸗ rückkehren. Unſer Abſchied war traurig, und als ich an Magwitch's Seite meinen Platz einnahm, fühlte ich, daß dies hinfort mein Platz bleiben mußte, ſo lange er lebte. Denn mein Abſcheu gegen ihn war jetzt völlig geſchwunden und ich ſah in dem verfolgten, verwundeten und gefeſſelten Weſen Schwierigkeit. Er wurde an Bord genommen und ſogleich an Hän⸗ den und Füßen gefeſſelt. Die Galeere wurde ruhig gehalten, und Alle begannen von Neuem ſchweigend und geſpannt die Blicke auf das Waſſer zu rich⸗ ten. Inzwiſchen kam jedoch das nach Rotterdam beſtimmte Dampf⸗ boot heran, und zwar mit voller Schnelligkeit, da die Mannſchaft von dem Vorgefallenen nichts zu wiſſen ſchien. Nachdem es ange⸗ rufen worden war und gehalten hatte, fuhren beide Dampſſchiffe wei⸗ ter, und wir ſtiegen und ſanken in einem unruhig bewegten Kielwaſ⸗ 8 Als es wieder ruhig geworden, und die Fahrzeuge verſchwun⸗ en waren, wurde die Beobachtung noch lange fortgeſetzt; allein Jedermann wußte, daß nichts mehr zu hoffen ſei. V Endlich wurde ſie aufgegeben, und wir legten am Ufer, bei dem erſt kürzlich verlaſſenen Wirthshauſe an, wo wir mit nicht geringem Erſtaunen empfangen wurden. Hier war es mir möglich, einige Be⸗ guemlichkeit für Magwitch— nicht mehr Provis— zu verſchaffen, nur einen Mann, der mein Wohlthäter hatte ſein wollen, und der viele Jahre lang mit großer Treue nur Liebe, Dankbarkeit und Groß⸗ muth für mich empfunden hatte. Ich ſah in ihm einen Menſchen, der viel beſſer war, als ich gegen Joe geweſen war. Als die Nacht kam, wurde ſein Athem ſchwerer und ſchmerzhaf⸗ ter, ſo daß er häufig ein Stöhnen nicht unterdrücken konnte. Ich verſuchte, ihn in meinem einen brauchbaren Arme ſo bequem als möglich ruhen zu laſſen, aber es war mir ſchrecklich, daß ich im Grunde meines Herzens ihn nicht beklagen konnte, die ſchweren Ver⸗ letzungen erlitten zu haben, da unzweifelhaft ein natürlicher Tod für ihn das Beſte war. Daß noch genug Leute lebten, welche ihn erken⸗ nen konnten und wollten, durfte ich nicht bezweifeln; und daß ex der ſchon in der früheren Unterſuchung im ſchlechteſten Lichte 4 ſchildert worden, der dem Gefängniſſe entſprungen und wieder vor Gericht geſtellt worden, der von der Deportation für Lebenszeit zu⸗ rückgekehrt war und den Tod derjenigen Perſon verurſacht hatte, welche 520 —ᷓ————ᷓ——y—n—— zu ſeiner Ergreifung Veranlaſſung gegeben,— begnadigt werden würde, durfte ich nicht hoffen. Während wir der untergehenden Sonne entgegen, die wir geſtern hinter uns gelaſſen hatten, zurückkehrten, und während der Strom unſerer Hoffnungen jetzt im umgekehrten Laufe zu fließen ſchien, ſagte ich ihm, wie wehe es mir thue, daß er um meinetwillen wieder nach England gekommen ſei. „Lieber Junge,“ antwortete er,„ich will mich gern Allem un⸗ terwerfen, was kommen mag. Ich habe meinen lieben Jungen ge⸗ ſehen, und er kann auch ohne mich ein Gentleman ſein.“ Nein. Ich hatte daran bereits gedacht, während ich neben ihm ſaß. Nein. Abgeſehen von dem, was ich darüber dachte, verſtand ich jetzt Wemmick's Wink, und ſah voraus, daß ſein Vermögen, als das eines verurtheilten Verbrechers, der Krone verfallen werde. „Sieh, mein lieber Junge,“ fuhr er fort,„es iſt beſſer, wenn jetzt Niemand erfährt, daß ein Gentleman, wie du, zu mir gehöre. Aber komm und beſuche mich mit Wemmick, als wenn du zufällig von ihm mitgebracht würdeſt; und ſetze dich, wenn ich zum letzten Male vor Gericht ſtehe, ſo, daß ich dich ſehen kann. Weiter verlange ich nichts.“ „Ich will nicht wieder von Ihrer Seite weichen,“ erwiederte ich, „ſo lange es mir erlaubt wird, bei Ihnen zu bleiben. Mit Gottes Hülfe will ich ſo getreu gegen Sie ſein, wie Sie gegen mich gewe— ſen ſind!“ „Ich fühlte ſeine Hand in der meinigen beben, und er wandte, auf dem Boden des Bootes liegend, ſein Geſicht ab, und ich ver⸗ nahm wieder jenen alten Ton in ſeiner Kehle,— aber ſanfter als früher, ſo wie Alles an ihm ſanfter geworden war. Es war mir lieb, daß er dieſen Punkt berührt hatte, denn ich wurde dadurch an Etwas erinnert, woran ich ſonſt vielleicht erſt zu ſpät gedacht hätte, — daran, daß er nie zu erfahren brauchte, auf welche Weiſe ſeine Hoffnung, mich reich zu machen, vereitelt wurde. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Am folgenden Tage wurde er nach dem Polizeiamte geführt, und würde ſogleich dem Criminalgericht überwieſen worden ſein, wenn es nicht nöthig geweſen wäre, einen alten Beamten des Ge fangenſchiffes, von dem Magwitch entflohen war, herbeizuholen, um ihn von demſelben recognosciren zu laſſen. Niemand zweifelte an ſeiner Identität; allein Compeyſon, der ſie hatte bezeugen wollen, ſchwamm todt in den Fluthen des Waſſers, und zufällig war zu jener Zeit kein Gefängnißbeamter in London vorhanden, der dieſe Auskunft hätte geben können. Ich war bei meiner Ankunft am Abend direkt zu Mr. Jaggers gegangen, um ſeinen Beiſtand in Anſpruch zu neh⸗ men. Er ſagte mir, daß er in Betreff des Gefangenen kein Zuge⸗ ſtändniß machen werde, weil ihm nichts Anderes übrig bleibe; denn ſobald der Zeuge komme, bemerkte er, müſſe die Sache in fünf Mi⸗ nuten zum Nachtheile von Magwitch entſchieden ſein, und keine Macht der Erde könne es verhindern. Ich theilte ihm meine Abſicht mit, Letzteren über das Schickſal ſeiner Reichthümer in Unkenntniß zu laſſen. Er war unwillig, faſt böſe darüber, daß ich ſie mir hatte„durch die Finger ſchlüpfen laſ⸗ ſen“, und ſagte, wir müßten in einiger Zeit eine Bittſchrift einrei⸗ chen und verſuchen, wenigſtens etwas davon zuetten, verhehlte mir aber dabei nicht, daß, obgleich in manchen Fällen die Confiscirung unterbleibe, die Verhältniſſe dieſes Falles doch nicht ſo angethan ſeien, um große Hoffnung hegen zu können. Ich verſtand das recht wohl. Keine Verwandtſchaft, kein vom Geſetz anerkanntes Band beſtand zwi⸗ ſchen mir und Magwitch; er hatte vor ſeiner Verhaftung keine ſchrift⸗ liche Beſtimmung zu meinen Gunſten getroffen, und jetzt es zu thun, würde nutzlos geweſen ſein. Ich hatte deßhalb keinen Anſpruch, und Feierſtunden. 1864. — ——;— beſchloß,— wobei ich auch ſpäter blieb,— daß ich nie den hoffnungs⸗ loſen Verſuch machen wolle, einen ſolchen zu erheben. Es war Grund für die Vermuthung vorhanden, daß der ertrun⸗ kene Denunciant eine Belohnung aus dem confiscirten Vermögen zu erlangen erwartet und eine ziemlich genaue Kenntniß von der Be⸗ ſchaffenheit deſſelben zu erwerben gewußt hatte. Als ſein Leichnam mehrere Meilen weit von dem Orte des Verſinkens gefunden wurde, und zwar ſo furchtbar entſtellt, daß er nur durch den Inhalt ſeiner Taſchen erkannt werden konnte, waren einige Notizen, die er in einem beſonderen Behältniß bei ſich trug, noch leſerlich. Unter ihnen be⸗ fand ſich der Name eines Bankierhauſes in Neu⸗Süd⸗Wales, bei dem eine Summe Geldes deponirt war, und die Bezeichnung gewiſſer Ländereien von großem Werthe. Beide Poſten ſtanden auch in einer Liſte, welche Magwitch im Gefängniſſe Mr. Jaggers gab, und die ein genaues Verzeichniß derjenigen Vermögenstheile enthielt, welche ich nach ſeiner Abſicht erben ſollte. Die Unwiſſenheit des Armen war mindeſtens zu etwas gut; er zweifelte nie daran, daß mein Erbtheil mir mit Mr. Jaggers Hülfe ſicher ſei. Nach einem Verzuge von drei Tagen, während deren die Staats⸗ anwaltſchaft nichts that, um den Zeugen von dem Gefangenſchiffe zu erwarten, langte dieſer an, wodurch die Begründung der Anklage vollendet wurde. In Folge deſſen fand ſeine Ueberweiſung an das Criminalgericht ſtatt, und ſollte er bei den nächſten Aſſiſen, welche in Meföhr vier Wochen zuſammentraten, vor die Geſchworenen ge⸗ ſtellt werden. In dieſer für mich ſo trüben Zeit war es, als Herbert eines Abends ſehr niedergeſchlagen nach Hauſe kam und ſagte: „Mein lieber Händel, ich fürchte, ich werde dich bald verlaſſen müſſen.“ 5 Da ſein Compagnon mich ſchon früher darauf vorbereitet hatte, ſo war ich nicht ſo erſtaunt, wie er erwartete. „Wir würden eine ſchöne Gelegenheit verlieren, wenn ich zö⸗ gerte, nach Cairo zu gehen, und ich fürchte deßhalb, daß ich gehen muß, mein lieber Händel, zu einer Zeit, wo du meiner am nöthig⸗ ſten bedarfſt.“ „Herbert, ich werde deiner ſtets bedürfen, weil ich dich immer lieb haben werde; aber ich werde dich jetzt nicht mehr vermiſſen, als zu jeder anderen Zeit.“ „Du wirſt dich recht einſam fühlen.“ „Mir bleibt keine Zeit, daran zu denken,“ erwiederte ich.„Du weißt, daß ich alle erlaubte Zeit bei ihm zubringe, und daß ich den ganzen Tag bei ihm bleiben würde, wenn ich dürſte, ſowie, daß meine Gedanken fortwährend bei ihm ſind, nachdem ich ihn verlaſſen habe.“. Die Lage, in welche Magwitch verſetzt worden, war für uns Beide ſo ſchrecklich, daß wir ihrer nicht mit deutlicheren Worten er⸗ wähnen wollten. „Mein lieber Freund,“ ſagte Herbert,„möge unſere nahe be⸗ vorſtehende Trennung— denn ſie iſt ſehr nahe— mich entſchuldigen, wenn ich mir eine Frage in Betreff deiner ſelbſt erlaube. Haſt du ſchon an deine Zukunft gedacht?“ „Nein, denn ich habe mich⸗geſcheut, überhaupt an die Zukunft zu denken.“ „Allein deine Zukunft darf nicht vergeſſen werden, mein lieber Händel. Ich wünſchte, du ließeſt uns jetzt ein paar freundliche Worte darüber ſprechen.“. „Ich bin bereit,“ erwiederte ich. „In jenem Zweiggeſchäfte, lieber Händel,“ begann Herbert, „brauchen wir einen—“ Ich ſah, daß ſein Zartgefühl das rechte Wort umgehen wollte, und ergänzte es deßhalb, indem ich ſagte:. „Einen Commis.“ Ja, einen Commis, der jedoch in einiger Zeit zum Geſchäfts⸗ — theilhal gethan Worte, E dem T welche ſeine e 5 fort,, Thräne Vetſeite duö Lebe Gatten d der fertic Ich mich jetz ihm kom erſtens darüber Hintergr Ende die „Al „ohne N. „Ku Jahrl⸗ „Mic Monate.“ Herb Uebereink din Mut Ende die „Ul „D llichtget dber mu lußerte 1 väre jede „Leid dede ich an ruh eber Hä as rothe abt ha Am ach einen phe H dremung n an C Zeigen 1 deine ei dch ſon ath mel Auf e den lpffnungs⸗ daß der ertrun⸗ Lermägen zu z von der Be⸗ ſein Leichnam funden wurde, Inhalt ſtiner ie er in einem nter ihnen be⸗ ales, bei dem lung gewiſſer auch in einer dab, wdd di enthielt, wach des Armen war mein Erbtheil ren die Staats⸗ fangenſchiffe zu ig der Anllage veiſung an das Aſſiſen, welche ſchworenen ge⸗ Herbert eines te: bald verlaſſen orbereitet hatte, wenn ich zö⸗ daß ich gehen er am nöthig⸗ ich dich immer vermiſſen, derte ich.„dn nd daß ich den t, ſowie, dj ch ihn verlaſſen war für uns Worten er⸗ ren nſere nahe be⸗ 9 antſchuldigen 2„ Haſt du aube. Hal ukunft n die 3 u Giſhöſt lte Sache nach und nach auf den Grund gekommen, Feierſtunden. 1864. —————ʒ—O— theilhaber emporſteigen kann, ſo wie es ein dir bekannter Commis gethan hat. Nun ſage mir, Händel, mein lieber Junge, mit einem Worte,— willſt du zu mir kommen?“ Es lag etwas unbeſchreiblich Herzliches und Gewinnendes in dem Tone, mit dem er nach den Worten:„Nun ſage mir, Händel,“ welche wie der Anfang einer wichtigen Geſchäftsrede klangen, plötzlich ſeine ehrliche Hand ausſtreckte und wie ein Schulknabe ſprach. „Clara und ich haben oft, ſehr oft davon geſprochen,“ fuhr er fort,„und noch dieſen Abend bat mich das liebe kleine Weſen, mit Thränen in den Augen, dir zu ſagen, daß ſie, wenn du nach unſerer Verheirathung bei uns wohnen wollteſt, Alles thun würde, um dir das Leben angenehm zu machen und dich zu überzeugen, daß ihres Gatten Freund auch der ihrige ſei. Wir würden herrlich mit einan⸗ der fertig werden, lieber Händel!“ Ich dankte ihm herzlich, ſowie auch ihr, aber ſagte, ich könne mich jetzt noch nicht mit Gewißheit darüber ausſprechen, ob ich zu ihm kommen und ſein freundliches Anerbieten annehmen werde; denn erſtens war mein Geiſt von anderen Dingen zu ſehr bewegt, um klar darüber denken zu können, und zweitens— ja, zweitens!— lag im Sintergrunde meiner Gedanken ein dunkles Etwas, das gegen das Ende dieſer Erzählung in helleres Licht treten wird. „Allein wenn du die Frage, lieber Herbert,“ fügte ich hinzu, „ohne Nachtheil für euer Geſchäft, kurze Zeit offen laſſen könnteſt—“ „Kurze Zeit?“ rief Herbert.„Ein halbes Jahr,— ein ganzes Jahr!“ „Nicht ſo lange,“ verſicherte ich;„höchſtens zwei oder drei Monate.“ 4 Herbert war entzückt, als wir uns zur Bekräftigung dieſes Uebereinkommens die Hände drückten, und ſagte, erſt jetzt könne er den Muth faſſen, mir anzuzeigen, daß er wahrſcheinlich ſchon am Ende dieſer Woche werde abreiſen müſſen. „Und Clara?“ fragte ich. „Das liebe kleine Weſen,“ erwiederte Herbert,„bleibt als pflichtgetreue Tochter bei ihrem Vater, ſo lange er lebt,— was aber muthmaßlich nicht mehr ſehr lange dauern wird. Mrs. Whimple iußerte gegen mich, daß er ohne Zweifel ſeinem Ende nahe ſei.“ „Ich mag nicht gefühllos ſein,“ bemerkte ich,„aber ſein Tod wäre jedenfalls das Beſte.“ 3 „Leider läßt ſich das nicht leugnen,“ verſetzte Herbert;„und dann verde ich zurückkommen, um das liebe kleine Weſen zu holen, und anz ruhig mit ihr in die nächſte Kirche gehen. Bedenke, mein liber Händel, daß ſie aus keiner großen Familie ſtammt, nie in das rothe Buch geblickt und nie eine Ahnung von ihrem Großpapa nehabt hat. Welches Glück für den Sohn meiner Mutter!“ Am folgenden Samſtage ſagte ich Herbert Lebewohl, als er die nach einem Seehafen fahrende Landkutſche beſtieg. Er war zwar von rohen Hoffnungen erfüllt, aber doch ſehr traurig wegen unſerer Trennung. Nachdem er fortgefahren war, ging ich in ein Kaffeehaus, m an Clara ein paar Zeilen zu ſchreiben und ihr ſeine Abreiſe an⸗ zuzeigen und ſeine letzten Grüße zu überſenden, und kehrte dann in meine einſame Häuslichkeit zurück,— wenn ich meine Wohnung och ſo nennen konnte; denn ſie war keine Häuslichkeit, keine Hei⸗ math mehr für mich, und ich hatte nirgend mehr eine Heimath. Auf der Treppe begegnete ich Wemmick, der, nachdem er lange Zeit vergebens mit ſeinen Knöcheln gegen meine Thür gearbeitet hatte, launter kam. Ich hatte ihn ſeit jenem unglücklichen Fluchtverſuche uccht allein geſehen, und er war in ſeiner perſönlichen, nicht alnt. (ihen Eigenſchaft gekommen, um mir in Betreff jenes Mißlingens emige Aufklärungen zu geben. „Der verſtorbene Compeyſon,“ ſagte Wemmick,„war der ganzen und aus den Ge⸗ prächen ſeiner Leute, die ſich in Newgate befanden(wo immer einige daſelben zu finden ſind), erfuhr ich das, was ich wußte. Ich hielt di Ohren offen,— that aber, als wenn ich ſie ſchlöſſe,— bis ich Feierſtunden. 1864. V„Nicht ſeit zwölf Jahren,“ verſetzte Wemmick. hörte, daß er abweſend ſei. Dieſe Zeit erſchien mir als die geeig⸗ netſte zu dem Verſuche. Jetzt muß ich glauben, daß er, als ein ſchlauer Mann, ſeine eigenen Werkzeuge grundſätzlich getäuſcht hat. Ich hoffe, Sie tadeln mich deßhalb nicht, Mr. Pip? Gewiß war es nur meine aufrichtige Abſicht, Ihnen zu dienen.“ „Deſſen bin ich eben ſo gewiß, wie Sie ſelbſt, Wemmick, und danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Theilnahme und Ihre Freundſchaft.“ „Danke Ihnen, danke Ihnen ſehr. Es iſt eine böſe Geſchichte,“ fuhr er fort, ſich den Kopf kratzend,„und ich verſichere Sie, daß mich ſeit langer Zeit nichts ſo angegriffen hat, wie dieſe Sache. Was mich am meiſten verdrießt, iſt der Umſtand, daß ſo viel Ver⸗ mögen verloren geht.“ „Woran ich am meiſten denke, thümer dieſes Vermögens.“ „Ja, natürlich!“ verſetzte Wemmick.„Freilich kann Ihnen nicht verdacht werden, daß Sie bekümmert um ihn ſind, und ich ſelbſt wünde gern eine Fünfpfundnote opfern, wenn ich ihn dadurch be⸗ freien könnte; allein ich ſehe die Sache aus einem anderen Geſichts⸗ punkte an. Da Compeyſon vorher Kenntniß davon hatte, daß er hierher zurückkehren würde, und entſchloſſen war, ihn den Behörden zu überliefern, ſo glaube ich nicht, daß es überhaupt möglich geweſen wäre, ihn zu retten, wogegen das Vermögen ſicherlich zu retten ge⸗ weſen wäre. Das iſt der Unterſchied zwiſchen dem Vermögen und dem Eigenthümer deſſelben. Verſtehen Sie?“ Ich lud Wemmick ein, in meine Wohnung zu kommen und ſich mit einem Glaſe Grok zu erfriſchen, ehe er nach Walworth ging. Er nahm die Einladung an. Während er ſeine mäßige Quantität genoß, ſagte er, ohne alle Einleitung und nachdem ich eine gewiſſe Wemmick, iſt der arme Eigen⸗ Unruhe an ihm wahrgenommen: „Was denken Sie davon, Mr. Pip, daß ich die Abſicht habe, mir am nächſten Montage einen Feiertag zu machen?“ „Nun, ich denke, daß Sie wahrſcheinlich etwas Aehnliches ſeit zwölf Monaten nicht gethan haben.“ „Ja, ich will mir einen Feiertag machen. Aber noch mehr; ich will auch einen Spaziergang machen. Und was noch mehr iſt, ich will Sie bitten daran Theil zu nehmen.“ Ich war im Begriffe, mich damit zu entſchuldigen, daß ich gegen⸗ wärtig nur ein ſehr ſchlechter Geſellſchafter ſei, als Wemmick mir zuvorkam.. „Ich weiß, welche Verpflichtungen Sie übernommen haben, Mr. Pip,“ ſagte er,„und daß Sie in ſehr trüber Stimmung ſind; aber wenn Sie mir dieſen Gefallen erzeigen könnten, ſo würde ich Ihnen ſehr dankbar ſein. Es iſt kein langer Spaziergang, und er ſoll früh am Morgen ſtattfinden. Mit Einſchluß des Frühſtücks wird er höchſtens von acht bis zwölf dauern. Könnten Sie nicht ein Uebriges thun und es möglich machen?“ Er hatte zu verſchiedenen Zeiten ſo viel für mich gethan, daß dies im Vergleich ſehr wenig war. Ich ſagte deßhalb, daß ich es möglich machen könne,— und möglich machen wolle,— und ſeine Freude über meine Nachgiebigkeit war ſo groß, daß ich mich ſelbſt freute. Auf ſeine beſondere Bitte verſprach ich, ihn am Montag früh um halb neun Uhr vom Schloſſe abzuholen, worauf wir uns trennten. Meiner Zuſage getreu ſchellte ich am Montag früh an der Schloß⸗ pforte und wurde von Wemmick ſelbſt empfangen. Er ſah, wie es mir ſchien, ſauberer als gewöhnlich aus, und trug einen glänzenderen Hut. Im Wohnzimmer ſtanden zwei Gläſer Rum und Milch mit einigen Zwiebacken bereit. Der Alte mußte mit der Lerche aufge⸗ ſtanden ſein, denn als ich einen Blick in ſein dahinter gelegenes Schlafgemach warf, ſah ich, daß ſein Bett ſchon leer war. Als wir uns mit der Miſchung von Milch und Rum und den Zwiebacken geſtärkt hatten und hinaus gingen, um den Spaziergang —— anzutreten, ſah ich zu meinem Erſtaunen, ruthe nahm und ſie über die Schulter warf. „Wir wollen doch nicht angeln gehen?“ ſagte ich. „Nein,“ erwiederte Wemmick,„aber ich gehe gern mit einer Angelruthe ſpazieren.“ V —ÿõ—-:;;———O— daß Wemmick eine Angel⸗ Bedacht im Auge hatte, ſteckte ihre weißen Handſchuhe in die Taſche und zog ſtatt ihrer die grünen an. „Nun, Mr. Pip,“ ſagte Wemmick beim Hinausgehen, indem er triumphirend ſeine Angelruthe auf der Schulter trug,„glauben Sie wohl, daß irgend Jemand uns für eine Hochzeitsgeſellſchaft halten So ſeltſam mir dies auch erſchien, ſo ſagte ich doch nichts, und würde?“ ten uns auf den Weg und kamen nach Camberwell Green. wir mach Dort angelangt ſagte Wemmick plöͤtzlich: „Holla, da iſt eine Kirche!“ Es lag nichts Auffallendes darin, aber ich mußte ſtaunen, als er, wie von einer glänzenden Idee beſeelt, rief: „Laſſen Sie uns hinein gehen!“ Wir gingen hinein und Wemmick ließ ſeine Angelruthe in der Vorhalle und blickte ſich nach allen Seiten um. Dann fuhr er in die Taſchen ſeines Rockes und brachte Etwas hervor, das in Papier gewickelt war. „Holla!“ rief er von Neuem. wir wollen ſie anziehen!“ Da es weiße Glacéhandſchuhe waren und da ſein Briefkaſten ſich bis zur weiteſten Weite öffnete, ſo begann ich jetzt Verdacht zu ſchöpfen. Derſelbe wurde auch zur Gewißheit, als ich im nächſten Augenblicke den Alten, welcher eine Dame führte, durch eine Seiten⸗ thür eintreten ſah. „Holla,“ ſagte Wemmick,„hier iſt Miß Skiffins. eine Hochzeit halten!“ wiederum „Hier ſind ein Paar Handſchuhe; Wir wollen Dieſe verſtändige Jungfrau war wie gewöhnlich gekleidet, aber zog jetzt ſtatt der üblichen grünen Handſchuhe ein Paar weiße an. Auch der Alte war bemüht, ein ähnliches Opfer am Altare Hymens zu bringen, allein er ſtieß dabei auf ſo große Schwierigkeiten, daß Wemmick es für nöthig erachtete, ihn mit dem Rücken gegen eine Das Frühſtück war in einer hübſchen kleinen Schenke beſtellt worden, welche ungefähr eine Meile hinter Camberwell Green, an einem Hügel belegen war, und in deren Gaſtzimmer auch ein Brett⸗ ſpiel bereit ſtand, für den Fall, daß wir uns nach der ernſten Feier⸗ lichkeit zu zerſtreuen wünſchten. Es gewährte mir Vergnügen, zu beobachten, wie Mrs. Wemmick nicht mehr Wemmicks Arm, wenn er ihn um ihren Körper ſchlang, löste und zurückſchob, ſondern auf ihrem hochlehnigen Stuhle an der Wand wie ein Violoncell in ſeinem Kaſten ſaß, und ſich ſo geduldig umarmen ließ, wie es dieſes melo⸗ diſche Inſtrument gethan haben würde. Wir hatten ein vortreffliches Frühſtück, und wenn irgend Jemand bei Tiſche etwas ablehnte, ſo ſagte Wemmick:„Iſt vertragsmäßig geliefert worden; alſo ſcheuen Sie ſich nicht!“ Ich trank auf das Wohl des jungen Paares, das des Alten, auf das Gedeihen des Schloſſes, küßte die junge Frau beim Abſchiede, und machte mich überhaupt ſo angenehm als möglich. Wemmick begleitete mich hinunter bis an die Thür, und ich drückte ihm noch einmal die Hand und wünſchte ihm Glück. „Danke Ihnen!“ ſagte Wemmick, ſich die Hände reibend.„Sie glauben nicht, wie geſchickt ſie in der Hühnerzucht iſt. Ich werde Ihnen einige Eier vorſetzen, und Sie mögen dann ſelbſt urtheilen. Aber halt, Mr. Pip!“ fügte er, mich zurückrufend, mit leiſer Stimme hinzu:„Sie wiſſen, das ſind Empfindungen, die nur für Walworth paſſen.“ „Ich verſtehe,“ war meine Antwort;„deren keine Erwähnung Säule zu ſtellen, und dann ſelbſt hinter die Säule zu treten und. in i 7 ſelbſt h 5 Id in Little Britain geſchehen darf.“ mit allen Kräften an den Handſchuhen zu ziehen, während ich den alten Herrn um den Leib faßte und hielt, damit er einen feſten Widerſtand bieten könne. Mit Hülfe dieſes ſinnrei itte ⸗. 2 Pdenſ deene e it Pulte dieſes ſinneeichen Mittels wun Schluß,„iſt es beſſer, wenn Mr. Jaggers nichts davon erfährt. Er den die Handſchuhe glücklich an die Hände gebracht. Daun erſchien der Geiſtliche mit dem Küſter, und wir wurden der Reihe nach an dem bedeutungsvollen Gitter aufgeſtellt. Seiner Idee getreu, alles dieſes ſcheinbar ohne Vorbereitung zu thun, hörte ich Wemmick zu ſich ſelbſt ſagen, während er etwas aus der Weſtentaſche hervor zog, ehe die Trauung begann:„Holla, da iſt ein Ring!“ Ich agirte als der Führer des Bräutigams, während eine lahme, kleine Perſon, mit einem Kinderhute auf dem Kopfe, die Buſen⸗ freundin von Miß Skiffins vorſtellte. Das Ehrenamt, die Dame Wemmick nickte. „Nach dem, was Sie neulich verrathen haben,“ ſagte er zum möchte glauben, daß ich Gehirnerweichung oder etwas Aehnliches be⸗ kommen habe.“ Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Während der ganzen Zeit zwiſchen der Ueberweiſung des unglück⸗ lichen Magwitch an das Criminalgericht und der Eröffnung der Aſſiſen lag er im Gefängniſſe ſehr krank. Zwei Ribben waren ihm zerbrochen worden und hatten ſeine Lunge verletzt, ſo daß er nur mit anlaſſung zu einem Aergerniß für den Geiſtlichen gab, und zwar auf nahmen. Es war eine Folge ſeiner Verletzungen, daß er außer⸗ folgende Weiſe. Als er ſagte: giebt dieſe Jungfrau dieſem ordentlich leiſe, kaum hörbar, und deßhalb nur ſehr wenig ſprach⸗ Manne zum Weibe?“ ſtand der alte Herr, welcher nicht im Entfern⸗ Aber um ſo lieber hörte er mir zu, und es wurde daher meine teſten wußte, bis zu welcher Stelle die Trauungsceremonie gediehen heiligſte Pflicht, ihm das zu ſagen oder vorzuleſen, war, ruhig lächelnd da, und ſtarrte die zehn Gebote an, weßhalb der für ihn ſein konnte. Geiſtliche noch einmal fragte:„Wer giebt dieſe Jungfrau dieſem Da er zu krank war, um in dem gewöhnlichen Gefängniſſe Manne zum Weibe?“ Da der alte Herr aber noch immer in dem bleiben zu können, ſo wurde er ſchon nach den erſten Tagen in das Zuſtande liebenswürdiger Bewußtloſigkeit war, ſo rief der Bräutigam mit dem Gefängniſſe verbundene Spital geſchafft, wodurch ſich mir mit ſeiner gewohnten Stimme:„Nun, alter Papa, du weißt ja!“ manche Gelegenheit bot, bei ihm zu ſein, die ich ſonſt nicht gehabt worauf der Alte, ehe er die verlangte Antwort gab, mit großer haben würde. Auch hätte man ihn jedenfalls in Feſſeln gelegt, weun Munterkeit erwiederte:„Alles recht, John, Alles recht, mein lieber er nicht ſo krank geweſen wäre da er für einen höchſt verwegenen. Junge!“ Nach dieſen Worten machte der Geiſtliche eine Pauſe, mit Ausbrecher, und, ich weiß nicht, was ſonſt noch galt. 4 ſo finſterer Miene, daß ich ſehr zweifelhaft wurde, ob die Trauung Obgleich ich ihn jeden Tag beſuchte, ſo war es doch immer nur überhaupt werde vollendet werden. für kurze Zeit, und die regelmäßigen Zwiſchenzeiten der Trennung Indeß ſie kam dennoch zu einem glücklichen Ende, und als wir waren deßhalb lang genug, um jede geringe Veränderung ſeines för⸗ die Kirche verließen, nahm Wemmick den Deckel von dem Taufſtein perlichen Zuſtandes auf dem Geſichte auszuprägen. Ich erinnere mich ab, warf ſeine weißen Handſchuhe hinein, und legte ihn dann wieder nie ein auf Beſſerung deutendes Zeichen darin geſehen zu haben; er darauf. Seine junge Frau dagegen, welche die Zukunft mit mehr nahm ab, und wurde vom erſten Tage ſeines Aufenthaltes im Hoſpitale in die Ehe zu geben, ſollte der Alte üben, was ohne Abſicht Beahe Beſchwerden und Schmerzen athmen konnte, die täglich zu⸗ Wer „D 2 was wohlthätig. — 11 — an in tion“ mir, urthei Umſtä ſuchte rechtf mache Gege über nich, und al Zug a müthig A gers d Sitzun ſetzung zurückg und m Armitn Man! trat un D. theidigy er am ſich ord die T Nichte andere lichen Tag mit d Gedäc ſo wün glauben ter ſal Spitze genug T Augen ben de eingepf er me Weiben Schrec oder di gehört ſtande 1 eine b faſt vo der, 1 erlitte Anwe keürns Mann in die Taſcht hehen, indem er „glauben Sie ſellſchaft halten Schenke beſtellt ell Green, an nuch ein Brett⸗ ernſten Feier⸗ ergnügen, zu 8 Arm, wenn 8, ſondern auf oneell in ſänem es dieſes mo⸗ irgend Jemand vertragsmäßig trank auf das 3 Gedeihen des nd machte mich „ und ich drückte reibend.„Sie ſtt. Ich werde ſelbſt urtheilen. end, mit leiſer en, die nur für feine Erwähnung „ ſagte er zum pon dlſäöhrt. Er as Aehnliches be⸗ ſung des unglüc⸗ r Eräffmung der jöben waren iim ſo daß er nur mi , die tiglich 9 „daß er u ſehr wenig imd⸗ urde daher nein was wohlthä t Feierſtunden. 1864. 523 ———⅔—ꝛ⅓ᷣ:ꝛ—:õy—————O ——— ————————nx an immer ſchwächer und ſchwächer. Seine Ergebung, ſeine Reſigna⸗ platze ſeiner Verbrechen gelebt, ſeine Irrthümer erkannt und einige tion war die eines völlig erſchöpften Menſchen. Zuweilen ſchien es Zeit ein friedliches und ehrbares Leben geführt; aber in einem un⸗ mir, nach ſeinem Weſen oder einigen leiſe geflüſterten Worten zu heilvollen Augenblicke den alten Neigungen und ceidenſchaften nach⸗ urtheilen, als wenn er darüber nachdächte, ob er unter günſtigeren gebend, deren Befriedigung ihn ſo lange Jahre hindurch zu einer Umſtänden nicht ein beſſerer Menſch geworden wäre; aber nie ver⸗ Geißel der menſchlichen Geſellſchaft gemacht, habe er den Hafen der ſuchte er durch die leiſeſte Andeutung ſich in dieſer Beziehung zu Ruhe und Reue verlaſſen, und ſei in das Land zurückgekehrt, aus rechtfertigen oder die ewig unveränderliche Vergangenheit anders zu dem er verbannt worden. Obgleich er hier augenblicklich denuncirt machen, als ſie war. worden, habe er ſich doch längere Zeit den Dienern der Gerechtigkeit Ein paar Male ereignete es ſich, daß ſeine Wärter in meiner zu entziehen gewußt, aber ſei endlich, und zwar im Augenblicke der Gegenwart auf ſeinen böſen Ruf anſpielten. Dann flog ein Lächeln Flucht, ergriffen worden, und habe ſich widerſetzt, und— ob abſicht⸗ über ſein Geſicht, und vertrauungsvoll richtete er ſeine Augen auf lich oder nur in blinder Leidenſchaft, werde er ſelbſt am beſten wiſſen, mich, als wenn er ſagen wollte, daß ich, ſelbſt vor langer Zeit ſchon— den Tod ſeines Denuncianten verurſacht, dem ſein ganzer Lebens⸗ und als ich noch ein kleines Kind geweſen, manchen verſöhnenden lauf genau bekannt geweſen. Da die geſetzliche Strafe für ſeine Rück⸗ Zug an ihm wahrgenommen habe. Im Uebrigen zeigte er ſich de- kehr in das Land, von dem er ausgeſtoßen worden, der Tod ſei, ſo müthig und reuig und ließ nie eine Klage hören. müſſe er ſich unter den erſchwerenden Umſtänden, welche ſeine Hand⸗ Als die Zeit der Schwurgerichtsſitzung nahte, ſuchte Mr. Jag⸗ lung begleiteten, bereit halten, zu ſterben. gers darum nach, daß die Unterſuchung gegen ihn bis zur folgenden Die Sonne ſandte ihre Strahlen durch die großen Fenſterſcheiben Sitzung verſchoben werde,— augenſcheinlich in der gewiſſen Voraus⸗ des Gerichtsſaales und durch die am Glaſe hängenden Regentropfen, ſetzung, daß er nicht bis dahin leben könne; allein das Geſuch wurde und warf einen breiten Lichtſtreifen zwiſchen den Richter und die zurückgewieſen. Das Verfahren wurde ſogleich gegen ihn eröffnet, zweiunddreißig Verbrecher, welcher beide Theile zu verbinden ſchien und man geſtattete ihm, in Berückſichtigung ſeines Zuſtandes, einen und vielleicht manchen unter den Zuhörern daran erinnerte, daß Armſtuhl, als er vor die Schranken des Gerichts geführt wurde. Beide, früher oder ſpäter, ganz gleichmäßig vor dem höheren Richter Man ließ es zu, daß ich bis dicht an die Außenſeite der Schranken erſcheinen müßten, vor dem Alles offenbar wird, und der nie irrt. trat und die Hand, welche er mir reichte, in der meinigen hielt. Einen Augenblick aufſtehend, ſo daß auf ſein Geſicht das helle Licht Das Verfahren war ſehr kurz und klar. Was zu ſeiner Ver⸗ fiel, ſagte Magwitch:„Mylord, ich habe mein Todesurtheil von dem cheidigung geſagt werden konnte, wurde geſagt,— namentlich daß Allmächtigen empfangen, aber ich beuge mich vor dem Ihrigen,“ und er am Orte ſeiner Verbannung ein arbeitſames Leben begonnen und ſetzte ſich dann wieder. Nach einer Pauſe fuhr der Richter mit dem ſich ordnungsmäßig und ehrbar betragen habe; allein nichts vermochte fort, was er den Uebrigen zu ſagen hatte. Sie wurden ſämmtlich die Thatſache zu entkräften, daß er zurückgekehrt war und vor dem unter Beobachtung der geſetzlichen Förmlichkeiten verurtheilt. Manche Richter und den Geſchworenen ſtand. Das Urtheil konnte unmöglich von ihnen mußten dann hinausgetragen werden, während Andere anders als„Schuldig!“ gegen ihn lauten. mit mühſam erkünſteltem Muthe hinausſchritten, Einige der Gallerie In der damaligen Zeit war es Sitte(wie mir meine ſchreck⸗ zunickten und Andere den Saal verließen, indem ſie Stückchen von lichen Erfahrungen in jener Gerichtsſitzung lehrten), einen beſonderen den umherliegenden Blumen zerkauten. Magwitch war der Letzte Tag für die Fällung der Urtheile zu beſtimmen, und ein Todesurtheil weil er nur mit Hülfe aufſtehen und ſehr langſam gehen konnte. Er hielt mit einem eindrucksvollen Schlußeffekt auszuſprechen. Wenn mein meine Hand feſt, während die Anderen ſich entfernten und die Zu⸗ Gedächtniß mir nicht das unauslöſchliche Bild jener Scene vorhielte, hörer von ihren Sitzen aufſtanden, um gleichfalls zu gehen und ſo würde ich es ſelbſt jetzt, während ich dieſe Worte ſchreibe, kaum dabei ihre Kleider in Ordnung brachten(wie ſie es in der Kirche zu glauben, daß ich zweiunddreißig Männer und Weiber vor dem Rich⸗ thun pilegen), und auf dieſen oder 3 ter ſah, um gemeinſchaftlich ihr Urtheil zu empfangen. An der auf ihn und mich deuteten. jenen Verbrecher, namentlich aber Spitze derſelben befand er ſich, und zwar ſitzend, damit er Athem Ich hoffte und bat den Himmel, daß er ſterben möge, ehe der genug ſchöpfen konnte, um lebend zu bleiben. Syndikus ſeinen Bericht erſtattete; aber in der Beſorgniß, daß er Die ganze Scene zeigt ſich mir in den lebendigen Farben des länger leben könne, begann ich ſchon in der folgenden Nacht ein Augenblicks, und ich ſehe die Tropfen des Aprilregen an den Schei⸗ Geſuch an den Miniſter des Innern zu entwerfen, worin ich Alles ben des Gerichtsſaales im Sonnenlichte funkeln. In die Schranken auseinander ſetzte, was ich über ihn wußte, und darthat, daß er nur eingepfercht, an deren äußerer Ecke ich ſtand, Magwitch's Hand in um meinetwillen zurückgekehrt ſei. Ich ſchrieb ſo warm und ein— der meinigen haltend, befanden ſich die zweiunddreißig Männer und dringlich, als es mir möglich war, und nachdem ich die Schrift Weiber,— von denen manche Trotz ausdrückten, andere, von vollendet und abgeſchickt hatte, richtete ich noch andere Petitionen an Schrecken erfüllt, weinten und ſchluchzten, oder ihr Geſicht bedeckten, mehrere von denjenigen hochgeſtellten Männern, denen ich das meiſte oder düſter vor ſich hin ſtarrten. Unter den Weibern war Geſchrei Mitleid zutraute, und eine ſelbſt an die Krone. Mehrere Tage und gehört worden, aber man hatte ſie zur Ruhe gebracht, und Stille Nächte hindurch nach ſeiner Verurtheilung genoß ich keine andere war eingetreten. Die Sheriffs, mit ihren langen Ketten und Blumen⸗ Ruhe, als dann und wann einen kurzen Schlummer auf dem Stuhle ſträußen, ſowie andere bürgerliche Ungethüme, Schreier, Gerichts- und war immer nur mit dieſen Geſuchen beſchäftigt; und als ich fe diener und eine große mit Menſchen angefüllte Gallerie,— wie das abgeſendet hatte, zog es mich unwiderſtehlich nach den Lokalitäten hin Publikum eines weiten Theaters,— ſahen zu, als der Richter und wo ſie lagen, und mir war, als wenn ſie durch meine Nähe weni er die zweiunddreißig Angeſchuldigten ſich einander feierlich gegenüber verzweifelt würden und zu mehr Hoffnung berechtigten. In dne ſtanden. Dann begann der Richter ſeine Rede. thörichten Unruhe und geiſtigen Pein pflegte ich Abends in den Cteaßen Unter den beklagenswerthen Weſen vor ihm, ſagte er, an die er umher und an jenen Häuſern und Geſchäftslokalen vorbei 7 rnah⸗ eine beſondere Anſprache richten müſſe, befinde ſich ein Mann, der dern, wo ich die Petitionen abgegeben hatte. Die Srinnerung daran faſt von Kindesbeinen an die Geſetze fortwährend übertreten habe, iſt mir bis auf dieſe Stunde geblieben und macht daß die öden der, nachdem er wiederholt Gefängnißſtrafen und andere Züchtigungen weſtlichen Straßen Londons, mit ihren finſtern verſchloſfenen Paläſten erlitten, zu mehrjähriger Verbannung verurtheilt worden, aber unter und den langen Lampenreihen, an einem kalten und ſtaubigen Früy⸗ Anwendung großer Gewalt ſeiner Haft entflohen, und endlich zu lingsabende noch jetzt etwas unausſprechlich Melancholiſches für mich lebenswieriger Deportation verdammt worden ſei. Dieſer unglückliche haben. 1 ij Mann habe, wie es ſcheine, als er weit entfernt von dem. Schau⸗ Die täglichen Beſuche, welche ich bei ihm machen durfte, wurden 7 66* Feierſtunden. 1864. 514121 itee—— jetzt abgekürzt, und er ſelbſt wurde ſtrenger überwacht. Da ich ſah,„Sie blieb am Leben und fand mächtige Freunde,— lebt noch, oder zu ſehen glaubte, daß man den Verdacht gegen mich hegte, ich— iſt eine Dame ſehr ſchön, und— ich liebe ſie!“ habe die Abſicht, ihm heimlich Gift zu bringen, ſo bat ich darum, Mit einer letzten ſchwachen Anſtrengung, die ohne meine Unter⸗ unterſucht zu werden, ehe ich mich an ſeinem Bett niederſetzte, und ſtützung nutzlos geweſen ſein würde, hob er meine Hand an ſeine ſagte dem Wärter, welcher ſtets gegenwärtig war, daß ich gern Alles Lippen. Dann ließ er ſie ſanft auf die Bruſt zurückfallen und ſeine thun wolle, um ihn von der Reinheit meiner Abſichten zu über⸗ Hände darauf ruhen. Der ruhige Blick nach der weißen Decke zeugen. Niemand war übrigens hart gegen ihn, oder gegen mich. kam wieder und ſchwand, und ſein Kopf ſank auf die Bruſt hinab. Gewiſſe Pflichten mußten erfüllt werden und wurden erfüllt, aber Eingedenk deſſen, was ich ihm vorgeleſen hatte, dachte ich an in keiner rauhen Weiſe. Der Wärter verſicherte mich jedes Mal, die zwei Männer, welche in den Tempel gingen, um zu beten, und fühlte, daß ich an ſeinem Bett nichts Beſſeres ſagen könne, als die daß ſein Zuſtand ſich verſchlimmere, und mehrere andere Kranke im Zimmer, ſowie einige andere Gefangene, die den Letzteren als Kran⸗ Worte:„O Herr, erbarme dich dieſes armen Sünders!“ kenwärter dienten(Miſſethäter zwar, aber, Gott ſei Dank, doch nicht ohne alles menſchliche Gefühl), beſtätigten es ſtets. Im Laufe der Zeit bemerkte ich mehr und mehr, daß er meiſtens Siebenundfünfzigſtes Kapitel. ruhig dalag und die Blicke auf die weiße Decke gerichtet hielt, während alles Licht aus ſeinem Geſichte verſchwunden war, bis es durch ein Wort von mir momentan Leben erhielt, um jedoch gleich wieder in die vorige Abſpannung zu verſinken. Häufig war er ganz unfähig zu ſprechen, und antwortete dann nur mit einem leichten Drucke der Hand, den ich bald verſtehen lernte. Zehn Tage waren verſtrichen, als ich eine größere Veränderung an ihm wahrnahm. Bei meinem Eintritt waren ſeine Augen auf die Thür gerichtet, und begannen heller zu leuchten. Da ich nunmehr ganz allein war, ſo erklärte ich meine Abſicht, die Wohnung im Temple nach Ablauf der kontraktlichen Zeit zu ver⸗ laſſen und ſie inzwiſchen in Aftermiethe zu geben. Zu dieſem Zwecke hing ich ſogleich Zettel an die Fenſter, denn ich hatte Schulden, faſt gar kein baares Geld mehr, und begann über meine Lage ſehr un⸗ ruhig zu werden. Ich ſollte eigentlich ſagen, daß ich unruhig gewor⸗ den ſein würde, wenn ich geiſtige Kraft genug beſeſſen hätte, um etwas Anderes klar zu erkennen, als den Umſtand, daß ich einer mde. letgfpete, 1 8— Mkernſtlichen Krankheit nahe war. Die Anſtrengung der letzten eit „Lieber Junge, ſagte er,„es ſchien mir, als kämeſt du ſpät. hatte ſie zurückgehalten, aber nicht vercen hen donden. Jetzt ſchui Aber ich wußte, daß du das nicht thun könnteſt.“.. 227 1 1 9 4 3. 5 ſiich, daß ſie kam; weiter far ts ar ſe e ich⸗ „Es iſt gerade die Zeit,“ erwiederte ich.„Ich habe am Ein⸗ 8 8f; weiter faſt nichts, und war ſelbſt dagegen gleich gange gewartet.“ Ei— 3. 2 4 3— nige Tage lang lag ich auf dem Sopha, oder auf dem Fuß⸗ 5 oarteſt immer an der Pforte,— nicht ahr eber. 7 2 Jun 221 wartei 3 der Pſorte nicht wahr⸗ licber boden,— wo ich gerade hin ſank,— mit ſchwerem Kopfe und 3u Ja um keinen Augenblick zu verlieren.“ ſchmerzenden Gliedern, ohne Kraft und ohne Willen. Dann kam 1 2.. C: „Daat dir, Keber 9 unge dane dir. Gott ſegne dicht Du eine Nacht, welche endlos erſchien, und voll von Angſt und Schrecken Danke dir, lieber e dir. egne 1 D. 3 3. irſt ich nit dverlaſſen„5 der ſeg ch 1 war; und als ich am Morgen mich außzurichten und darüber nach⸗ wirſ utch dt na ſ zeine Gande denm iche†„Audenken verſuchte, vermochte ich es nicht. Schweigend drückte ich ſeine Hand, denn ich konnte nicht ver⸗ Ob ich wirklich in der Stille der Nacht im Gardencourt geweſen geſſen, daß ich eines Tages nahe daran geweſen war, ihn zu ver⸗ war, um das Boot zu ſuchen, welches ich dort gelaſſen zu haben laſſen. glaubte,— ob ich zwei⸗ oder dreimal mit großem Schrecken auf der und was das Beſte iſt,“ fügte er hinzu, daß du getreuer bei 4 3 71 iid wos das ſie iſt, g 1 Rnzur, 18 Hetpeu r bei Treppe erwacht war, ohne zu wiſſen, auf welche Weiſe ich das Bett mir geweſen biſt, ſeitdem die dunkle Wolke auf mir ruht, als früher 15. 7. 3. 4 —2 95 8. verlaſſen,— ob ich mich dabei betroffen, die Lampen anzuzünden, im Sonnenſchein. Das iſt das Beſte!“. G— 5 21. 4* 3 in der Idee, daß Magwitch die Treppe herauf komme und alle Lich⸗ Er lag auf dem Rücken und athmete mit großer Beſchwerde. 3 e... Was er auch thun anochte und wie ſehr er mich auch liebt ſa d ter verlöſcht ſeien,— ob ich namenloſe Pein durch die wahnſinnigen 3 un mochte e ſehr er 3 7.— uh 19— Danie ſehr er mnich) alich, ſoj hwand Reden, das Lachen und Stöhnen irgend Jemandes ausgeſtanden Und doch das Licht mehr und mehr aus ſeinem Geſichte und ein Schleier e raiti 5 5 z0. ſe rrſihd og ſich über den ruhigen nach der weißen D ke gerichteten Blick gleichzeitig vermuthet hatte, daß ſie von mir ſelbſt herrührten,— d ge C der eißen Dech 3.. 3* 3 5.. 2 zog ſich hig 9 rißen Decke gerichteten But ob in einer dunkeln Ecke des Zimmers ein eiſerner Ofen geſtanden „Haben Sie heute große Schmerzen?“ fragte ich. 2 3. we 3 4 Ich beklage vich Belſ ſue Wü ſagte dee und ob eine Stimme mir zugerufen hatte, daß Miß Havisham darin . e ermiederte er finr zueenn Ee, dc 4 3 78 deen en— nde Vunge; elwiederke er. verbrenne,— alle dieſe Eindrücke bemühte ich mich an jenem Mor⸗ „S 9 9 ne. 4 gen, als ich im Bett lag, zu ordnen und mir klar zu machen. Allein Das waren ſeine letzten Worte. Er lächelte und ich verſtand, der Dampf des Kalkofens drängte ſich zwiſchen mich und ſie, Alles daß ſeine Berührung ſagen wollte, er wünſche meine Hand zu haben wieder in Verwirrung bringend, und durch den Dampf ſah ich und ſie auf ſeine Bruſt zu legen. Ich legte ſie ſelbſt dahin, und er endlich, daß zwei Männer vor mir ſtanden und mich anſchauten. lächelte und ließ ſeine beiden Hände auf der meinigen ruhen.„Was wollen Sie?“ fragte ich erſchreckend.„Ich kenne Sie Während ich ſo neben ihm ſaß, verſtrich die uns bewilligte Zeit; nicht.“ aber als ich mich umſchaute, ſtand der Inſpektor des Gefängniſſes„Nun,“ erwiederte der Eine, indem er ſich niederbeugte und neben mir und flüſterte: meine Schulter berührte,„es iſt eine Sache, die Sie wahrſcheinliche „Sie brauchen noch nicht zu gehen.“ bald in Ordnung bringen werden, allein ich muß ſie verhaften.“ Ich dankte ihm und fragte:„Wie viel beträgt die Forderung?“ „Darf ich noch mit ihm ſprechen, wenn er mich hören kann?“„Hundertdreiundzwanzig Pfund, ſechzehn Schillinge und ſechs Der Inſpektor trat zurück und winkte einem Wärter, daſſelbe Pence,— eine Juweliersrechnung, wenn ich nicht irre.“ zu thun. Dieſe Bewegung, obgleich ſie ohne alles Geräuſch erfolgte,„Was iſt zu thun?“ zog den Schleier von ſeinen Augen, und er blickte mich liebevoll an.„Das Beſte wäre, daß Sie nach meinem Hauſe kämen,“ ſagte „Lieber Magwitch,“ ſagte ich,„ich muß Ihnen endlich etwas der Mann;„ich habe ein ſehr hübſches Haus.“ 4 3 mittheilen. Sie verſtehen mich doch?“ Ich machte den Verſuch aufzuſtehen, um mich anzukleiden, aber Ein leiſer Druck der Hand. ſank betäubt zurück. Als ich meiner wieder bewußt wurde, ſtanden „Sie hatten einſt ein Kind, welches Sie liebten und verloren.“ ſie in geringer Entfernung von meinem Bett und betrachteten mich. Er antwortete mit einem noch ſtärkeren Druck der Hand.„Sie ſehen meinen Zuſtand,“ ſagte ich.„Ich würde Ihnen — „— lebt noch, e meine Unter⸗ Hand an ſeine allen und ſeine weißen Decke e Bruſt hinab. dachte ich an zu beten, und önne, als die 9 meine Abſicht, een Zeit zu ver⸗ dieſem Zwecke Schulden, faſt Lage ſehr un⸗ unruhig gewor⸗ ſen hätte, um daß ich einer er letzten Zeit „Jetzt fühlte dagegen gleich⸗ auf dem Fuß⸗ em Kopfe und n. Dann kam t und Schrecken darüber nach neourt geweſtn ſien zu haben chrecken auf der ſ ich das Bett n anzuzünden, und alle Lic wahnfannigen geſtanden und 429 berrührten,— Ofen geſtanden Havisham darin *„em Mor⸗ an jenem Mo nachen. Allein Alles ich und ſie, Damyf ſch anſchauten. zch kenne Si und derbeugte und wahrſceinlih 2 7 verhaften. und ſech nen,“ ſg akleiden/ di nze fandel urdenn icjh. chteten hi krde Jhen jürde wüt ———yõ-—B—— W folgen, wenn ich könnte, aber ich bin gänzlich unfähig. Wenn Sie mich von hier fortſchleppen, ſo werde ich auf dem Wege ſterben.“ Es iſt möglich, daß ſie etwas erwiederten, oder die Sache be— ſprachen, oder mir Muth einzuſprechen und mich zu überzeugen ſuchten, daß ich wohler ſei, als ich glaube; allein da nur dieſer ein⸗ zige ſchwache Faden ſie mit meinem Gedächtniſſe verbindet, ſo weiß ich nicht, was ſie thaten, ausgenommen, daß ſie mich nicht fort— ſchleppten. Daß ich in Fieber verfiel und gemieden wurde, daß ich oft die Beſinnung verlor und viel litt, daß die Zeit mir endlos erſchien, daß ich unmögliche Exiſtenzen mit meiner eigenen Perſönlichkeit ver⸗ wechſelte,— daß ich ein Ziegelſtein in einer hohen Mauer zu ſein glaubte und flehentlich darum bat, aus der ſchwindeligen Stelle er⸗ löst zu werden, wo die Bauleute mich angebracht hatten,— daß ich eine Stahlachſe an einer großen Maſchine war, die ſich über einem tiefen Schlunde bewegte, und in meiner eigenen Perſon bat, doch die Maſchine anzuhalten und den Theil, welchen ich an ihr bildete, abzuhämmern,— daß ich durch alle dieſe Phaſen der Krankheit ging, weiß ich aus meiner eigenen Erinnerung, und war mir deſſen da⸗ mals theilweiſebewußt. Ebenſo wußte ich da⸗ mals, daß ich zuweilen mit wirklichen Leuten rang, in der Meinung, daß es Mörder ſeien, ſffff aber plötzlich begriff, ſ daß ſie es nur gut mit ſſſtt mir meinten, und dann erſchöpft in ihre Arme ſank und mich auf das Bett legen ließ; aber vor allen Dingen wußte ich, daß alle dieſe Leute,— deren Geſichter, wenn ich ſehr krank war, allerhand Verwandlungen erlit ten und zu einer un⸗ geheuren Größe an⸗ wuchſen,— früher oder— ſpäter eine auffallende annahmen. Als die Kriſis meiner Krankheit vorüber war, nahm ich allmählig wahr, daß dieſe Eigenthümlichkeit derſelben blieb, während alle anderen ſchwanden. Wer mir nahe kam, war Joe ähnlich. Wenn ich in der Nacht meine Augen öffnete, ſah ich Joe in dem großen Armſtuhle am Bett ſitzen, wenn ich ſie bei Tage öffnete, ſah ich Joe, ſeine Pfeife rauchend, am offenen Fenſter ſitzen. Wenn ich nach einem kühlen Trunk ver⸗ langte, war die liebe Hand, die ihn mir reichte, Joe's Hand, und wenn ich auf das Kiſſen zurückſank, war es Joe's Geſicht, das mich liebevoll und hoffnungsvoll anblickte. V Endlich faßte ich eines Tages Muth und fragte:„Iſt es wirk⸗ lich Joe?“ worauf die treue, alte, heimathliche Stimme antwortete: „Ja, er iſt es, lieber Junge!“ „O Joe,“ rief ich,„du brichſt mir das Herz! Blicke mich ſornig an, Joe,— ſchlage mich und wirf mir meine Undankbarkeit vor, aber ſei nicht ſo gut gegen mich!“ Denn in ſeiner Freude, daß ich ihn erkannte, hatte Joe ſeinen Kopf neben mich auf das Kiſſen gelegt und ſeinen Arm um meinen bals geſchlungen. „Wir waren ja immer Freunde, lieber Pip, alter Junge!“ ſagte Joe.„Und wenn du wieder wohl genug biſt, um einmal ausfahren zu können, welchen Spaß wollen wir dann haben!“ Nach dieſen Worten trat Joe an das Fenſter, indem er mir den Rücken zuwendete, und trocknete ſich die Augen. Da meine große Schwäche mich verhinderte aufzuſtehen und zu ihm zu gehen, blieb ich liegen und murmelte nur reuig: „O Gott, ſegne ihn! Segne dieſen guten, chriſtlichen Mann!“ Als ich ihn wieder an meinem Bett ſitzen ſah, waren ſeine Augen roth; aber ich hielt ſeine Hand in der meinigen, und wir waren beide glücklich. „Wie lange, lieber Joe? fragte ich.“ „Wie lange deine Krankheit gedauert hat, meinſt du, lieber, alter Junge?“ „Ja, lieber Joe.“ „Wir ſind jetzt am Ausgang des Mai, Pip; morgen iſt der erſte Juni.“ „Und die ganze Zeit biſt du hier geweſen, lieber Joe?“ „Beinahe, alter Junge. Denn, als ich zu Biddy ſagte, nach⸗ dem wir die Nachricht von deiner Krankheit durch einen Brief er⸗ halten hatten, den ein Poſtbote brachte, wel⸗ cher früher unverhei⸗ rathet geweſen war, aber jetzt verheirathet iſt, und obgleich er zu geringe Bezahlung be⸗ kömmt für das viele Gehen und das Schuh⸗ leder, doch geheirathet hat, weil ſein Herz nie nach Reichthum geſtrebt hat, ſondern nur nach einem Weibe, und—“ „Wie herrlich es iſt, dich wieder ſprechen zu hören, Joe! Aber ich unterbrach dich in dem, was du zu Bid⸗ dy ſagteſt.“ „Nun ich ſagte,“ fuhr Joe fort,„daß 1 L Ffr eaatgh rwW ſ' Mfi ang M a 1 1 du vielleicht unter Fremden ſeieſt, und daß, da wir immer Freunde geweſen, ein Beſuch unter ſolchen Um⸗ ſtänden nicht unwillkommen ſein möchte. Und Biddy,— ja ihre Worte waren: ‚Gehen Sie zu ihm ohne Zeitverluſt.⸗„Das,“ ſagte Joe, die Sache wie ein Richter mit ernſter Miene zuſammenfaſſend, „waren Biddy's Worte. Kurz, ich würde dich nicht täuſchen,“ fügte er noch nach kurzer Ueberlegung hinzu,„wenn ich ſagte, daß die Worte des jungen Frauenzimmers geweſen ſeien, ‚ohne eine einzige Minute zu verlieren.““ Hier brach Joe plötzlich ab, indem er mir anzeigte, daß nicht mit mir geſprochen werden dürfe, und daß ich häufig, zu beſon⸗ ders beſtimmten Zeiten, etwas Nahrung zu mir nehmen müſſe, gleich⸗ viel ob ich Neigung habe oder nicht, und daß ich mich allen ſeinen Ordnungen unterwerfen müſſe. Seine Hand küſſend, blieb ich deß⸗ halb ruhig liegen, während Joe dazu ſchritt, einen Brief an Biddy zu entwerfen und ihr meine Grüße zu überſenden. viel Offenbar hatte Biddy den guten Joe im Schreiben unterrichtet. Als ich in meinem Bette lag und beobachtete, mit welchem Stolze er an dieſes Geſchäft ging, hätte ich in meinem ſchwachen Zuſtande von Neuem faſt vor Freude weinen mögen. Mein Bett war, nach 526 Entfernung der Vorhänge, mit mir in das Wohnzimmer, das größere und luftigere Gemach, transportirt worden, dem, um die Luft bei Tage und bei Nacht immer friſch zu erhalten, auch der Teppich ge⸗ nommen worden war. An meinem eigenen Schreibtiſche, der, in eine Ecke geſchoben, mit Medizinflaſchen beladen ſtand, nahm Joe jetzt Platz, um ſein großes Werk zu beginnen, und fing damit an, daß er ſich eine Feder aus dem Federnkäſtchen hervorſuchte, wie wenn letzteres ein mit Schmiedewerkzeugen angefüllter Kaſten geweſen wäre, und dann ſeine Aermel hinauf ſchob, als wenn er im Begriffe ſtände, einen Schmiedehammer zu ſchwingen. Es war nothwendig daß er den linken Ellbogen feſt auf den Tiſch ſtützte und⸗das rechte Bein weit nach hinten ausſtreckte, ehe er anfangen konnte; und als er endlich begann, machte er jeden Strich abwärts ſo langſam, daß man hätte glauben ſollen, er müſſe ſechs Fuß lang werden, während ſeine Feder bei jedem aufwärts gezogenen Striche auf gräuliche Weiſe kratzte. Er hatte die ſeltſame Idee, daß das Tintenfaß auf derjenigen Seite von ihm ſtehen müſſe, wo es in Wirklichkeit nicht ſtand, und tauchte ſeine Feder fortwährend in den leeren Raum ein, aber deſſen ungeachtet völlig zufrieden mit dem Reſultate, wie es ſchien. Zu— weilen ſtieß er zwar auf einen orthographiſchen Stein des Anſtoßes, allein im Ganzen genommen wurde er mit der Arbeit recht wohl fertig; und nachdem er ſeinen Namen unterſchrieben und zum Schluß einen Dintenfleck mit ſeinen beiden Zeigfingern von dem Papier auf den Wirbel des Kopfes übertragen hatte, ſtand er auf und ſchritt um den Tiſch, um ſeine Arbeit mit unbegrenzter Selbſtzufriedenheit von verſchiedenen Geſichtspunkten aus zu betrachten. Um Joe nicht, abgeſehen von meiner Schwäche, durch zu vieles Sprechen zu beläſtigen, verſchob ich es bis zum folgenden Tage, mich nach Miß Havisham zu erkundigen. Als ich ihn fragte, ob ſie wie⸗ der hergeſtellt ſei, ſchüttelte er mit dem Kopfe. „Iſt ſie todt,„Joe?“ „Ja nun, ſieh, alter Junge,“ erwiederte er in remonſtrirendem Tone, um, wie es ſchien, die Sache ſo ſchonend als möglich vorzu⸗ bringen,„ich möchte nicht gerade ſo weit gehen, denn das iſt viel geſagt; allein ſie iſt—“ „Nicht mehr am Leben, Joe?“ „Das iſt es eher,“ verſetzte Joe;—„ja, nicht mehr am Leben.“ „Hat ſie lange gelitten 2 ℳ Feierſtunde n. 1864. Georgiana hat überhaupt zwanzig Pfund bekommen; und Mrs.— wie nennt man doch das wilde Thier mit dem Höcker, alter Junge?“ „Kameel?“ ſagte ich, erſtaunt über die Frage. Joe nickte. „Ja, ja, Mrs. Camel“— womit er, wie ich ſogleich einſah, Carnilla meinte,—„erhielt fünf Pfund, um Nachtlichter zu kaufen und ſich damit in heitere Stimmung zu verſetzen, wenn ſie in der Nacht aufwacht.“ Die Genauigkeit dieſer Angaben war ſo einleuchtend, daß ich ſie als wahr annehmen konnte. „Du biſt nicht kräftig genug, alter Junge,“ ſagte Joe darauf, „um heute mehr als noch eine Schaufel einzunehmen. Orlick iſt in ein Wohnhaus eingebrochen.“ „In weſſen Haus?“ „Nun, ſeine Manieren ſind zwar etwas prahleriſch,“ verſetzte Joe entſchuldigend,„allein das Haus eines jeden Engländers iſt für ihn eine Feſtung, und Feſtungen dürfen nur in Kriegszeiten genom⸗ men und erbrochen werden; und was auch ſeine Fehler ſein mochten, er war im Herzen doch ein Korn⸗ und Samenhändler.“ „Iſt es Pumblechooks Haus?“ „Allerdings, Pip,“ ſagte Joe.“ Und ſie haben ihm die Laden⸗ kaſſe genommen und die Geldkiſte, und haben ſeinen Wein getrunken und ſeine Speiſekammer geleert, und haben ihm in's Geſicht ge⸗ ſchlagen und ſeine Naſe gezerrt, und haben ihn an einen Bettpfoſten gebunden und ihm ein Dutzend aufgezählt, und haben ihm Gras und friſche Kräuter in den Mund geſtopft, um ſein Schreien zu ver⸗ hindern. Aber er hat Orlick erkannt und Orlick ſitzt jetzt im Ge⸗ fängniſſe.“ Auf dieſe Weiſe wurde unſere Unterhaltung nach und nach un⸗ gezwungen. Meine Kräfte kehrten zwar nur ſehr langſam zurück, aber allmählig nahm doch die große Schwäche ab, und Joe wich nicht von meiner Seite, ſo daß ich wieder der kleine Pip zu ſein glaubte. Seine Sorgfalt entſprach allen meinen Bedürfniſſen auf ſo ſchöne Weiſe, als wenn ich noch ein Kind in ſeinen Händen ge⸗ weſen wäre. Er ſaß an meiner Seite und ſprach mit mir, wie früher, in dem alten, einfachen, anſpruchsloſen und vertraulichen Tone, und es war mir faſt, als wenn mein ganzes Leben ſeit jenen in der alten Küche zugebrachten Tagen nur eine von den geiſtigen Qualen geweſen wäre, welche das jetzt gewichene Fieber erzeugt „Naͤchdem du krank geworden warſt, ungefähr— was man ſagen könnte— eine Woche,“ ſagte Joe, noch immer entſchloſſen, mir Alles ſo ſchonend als möglich mitzutheilen. „Lieber Joe, haſt du gehört, was aus ihrem Vermögen wird?“ „Je nun, wie es ſcheint,“ erwiederte er,„hat ſie das Meiſte an Miß Eſtella vermacht. Aber wenige Tage vor dem Unfalle ſchrieb ſie noch eigenhändig ein kleines Codicill und ſetzte darin kühle vier⸗ tauſend Pfund für Mr. Matthias Pocket aus. Und weßhalb glaubſt du wohl, Pip, daß ſie ihm dieſe kühlen viertauſend Pfund hinter⸗ laſſen hat? ‚Wegen Pip's Bericht über ihn.“ So lauten ihre Worte, wie Biddy mich verſichert hat,“ ſagte Joe und wiederholte mit beſon⸗ derem Wohlgefallen die juriſtiſche Phraſe, ‚wegen Pip's Bericht über ihn. Und kühle viertauſend, Pip!“ Ich habe nie zu entdecken vermocht, auf welche Weiſe Joe die conventionelle Temperatur der viertauſend Pfund in Erfahrung ge⸗ bracht, aber ſie ſchien die Summe in ſeinen Augen zu vergrößern, und es machte ihm augenſcheinlich Vergnügen, darauf zu beſtehen, daß ſie kühl ſei. Dieſe Mittheilung verurſachte mir große Freude, weil das einzige Gute dadurch vollendet wurde, das ich je gethan hatte. Ich fragte Joe, ob er gehört habe, was für Legate den übrigen Ver⸗ wandten zugefallen ſeien. hatte. Er verrichtete Alles ſelbſt für mich, ausgenommen die häus⸗ lichen Arbeiten, zu deren Zwecke er eine anſtändige Frau gedungen hatte, nachdem die Wäſcherin von ihm gleich bei ſeiner Ankunft ent⸗ laſſen worden war. „Denn ich verſichere dich, Pip,“ pflegte er öfters zu ſagen, um dieſe eigenmächtige Handlung zu erklären,„ich ertappte ſie, als ſie das nahm, um ſie zu verkaufen. Ohne Zweifel würde ſie auch bald das deinige angezapft haben, während du noch darauf lagſt; und die Kohlen trug ſie in der Suppenterrine und den Gemüſeſchüſſeln fort, und den Wein in deinen Stiefeln.“ V Wir erwarteten mit Ungeduld den Tag, an dem ich die erſte Ausfahrt machen durfte, wie wir früher den Tag meines Aufdingens erwartet hatten. Als er endlich kam und ein offener Wagen in der Gaſſe hielt, hüllte Joe mich ein, nahm mich auf ſeine Arme, trug mich hinunter und ſetzte mich hinein, als wenn ich noch das kleine hülfloſe Weſen geweſen wäre, dem er ſo viel von dem Reichthume ſeines großen Herzens gegeben hatte. Joe nahm darauf an meiner Seite Platz, und wir fuhren auf das Land hinaus, wo der Sommer ſich bereits auf den Bäumen und im Graſe entfaltete, und wo ſüße Sommerdüfte die Luft er⸗ füllten. Es war zufällig ein Sonntag, und als ich auf die reizende Umgebung blickte und bedachte, wie Alles, was ich ſah, gewachſen „Miß Sarah,“ erwiederte Joe,„erhält jährlich fünfundzwanzig Pfund, um Pillen zu kaufen, weil ſie an der Galle leidet. Miß und verändert worden war, wie die wilden Blumen emporgekeimt, und die Stimmen der Vögel ſtärker geworden waren, bei Tag und Gaſtbett wie ein Faß Bier anzapfte und die Federn heraus bei N mich i die blo Als jer ſchlugen gende n ſti, daß meinen thun ge hatte u Al wie frül noch im geweſen ſchaffen. A und m trug, d Moorla⸗ niſſen haupt n Leben be gegen ſo Reine m the er es „Ho maliger „wer me welcher .„He mit zune „W „Ja — — und Mrs.— alter Junge?“ ogleich ſeinſah, hter zu kaufen nn ſit in der d, daß ih ſe Joe darauf, Orlick iſt in iſc,“ verſetu gländers iſt für szeiten genom⸗ r ſein mochten, A ihm die Laden⸗ Wein getrunken 's Geſicht ge⸗ nen Bettpfoſten ben ihm Gras chreien zu ver⸗ jeht im Ge⸗ h und nach un⸗ langjam zurück, und Joe wich ne Pip zu ſin edürfniſſen auj nen Händen ge⸗ mä wir, wie ud vertraulichen alben ſeit jenm mn den geiſtigen Fieber erzeugt nmen dit häus⸗ Frau gedungen ner Ankunft et daſt nüͤſiſchſſel einen Ausweg ſuchend den Fenſterſitz betrachtet hatte,— diß ſie dann um ſ und den Tröſter auseinande immer meinem Willen gleich. Feierſtuͤn —;;— bei Nacht, unter der Sonne und unter den Sternen, während ich mich in glühender Unruhe auf meinem Bett gewälzt hatte, wirkte die bloße Erinnerung daran ſtörend auf meinen inneren Frieden. Als jedoch die feierlichen Klänge der Kirchenglocken an mein Ohr ſchlugen, und als ich noch einmal hinausblickte auf die vor mir lie⸗ gende weite Pracht, ſagte mir mein Gefühl, daß ich nicht undankbar ſei, daß mir nur noch die Kraft zur Dankbarkeit fehle, und ich legte meinen Kopf an Joe's Schulter, wie ich vor langen Jahren zu thun gepflegt, wenn er mich mit ſich auf den Jahrmarkt genommen hatte und ich müde geworden war. Allmählig wurde ich ruhiger und wir plauderten mit einander, wie früher, wenn wir beim alten Walle im Graſe lagen. Joe war noch immer unverändert derſelbe. Was er damals in meinen Augen geweſen, war er auch jetzt noch; eben ſo ſchlicht, ſo treu und recht⸗ ſchaffen. Als wir wieder heim kamen und er mich und mit ſolcher Leichtigkeit über den Ho trug, dachte ich an jenen Weihnachtsabend, an dem er mich über das Moorland getragen hatte. Des Glückswechſels in meinen Verhält⸗ niſſen war bis jetzt noch nicht erwähnt worden, und ich wußte über⸗ haupt nicht, wie viel ihm von den letzten Ereigniſſen in meinem Leben bekannt war. Ich mißtraute mir ſelbſt ſo ſehr, und ſetzte da⸗ gegen ſo unbedingtes Vertrauen in ihn, daß ich nicht darüber in's Reine mit mir zu kommen vermochte, ob ich derſelben erwähnen ſolle, ehe er es that. „Haſt du gehört, Joe,“ fragte ich an jenem maliger Ueberlegung, während er am „wer mein Gönner war?“ „Ja, ich habe es gehört, alter Junge,“ erwiederte er; nicht Miß Havisham.“ „Haſt du gehört, wer es war, Joe?“ „Nun, es wurde mir geſagt, daß es ein Mann geweſen ſei, welcher jene Perſon abgeſchickt hatte, die dir die Banknoten in der Schenke gab.“ „Ja, ſo war es.“ „Erſtaunlich!“ verſetzte Joe ganz gelaſſen. „Haſt du auch gehört, daß er todt iſt, Joe?“ fragte ich darauf mit zunehmender Unruhe. „Wer? Derjenige, der die Banknoten ſchickte, Pip?“ „Ja.“ „Ich glaube,“ ſagte Joe, nachdem er längere Zeit ſinnend und „ich glaube aus dem Wagen hob f und die Treppe hinauf Abende nach noch⸗ Fenſter ſeine Pfeife rauchte „es war etwas Aehnliches gehört zu haben.“ „Haſt du auch etwas über ſeine Verhältniſſe erfahren?“ „Nichts Beſonderes, Pip.“ „Wenn du ſie hören möchteſt, Joe, aufſtand und an mein Sopha kam. „Sieh, alter Junge,“ ſagte er, ſich über mich beugend,„wir waren immer die beſten Freunde,— nicht wahr, Pip?“ Ich ſchämte mich zu antworten. „Alſo gut,“ fuhr er fort, als wenn ich bejahend geantwortet hätte,„das iſt in Ordnung und abgemacht. Weßhalb nun Dinge erwähnen, die zwiſchen zwei Solchen, wie uns Beiden, unnöthig ſind? Es gibt genug Gegenſtände, die zwiſchen zwei Solchen beſprochen werden können, ohne die unnöthigen. Mein Gott, wenn ich nur an deine Schweſter und an ihr Poltern denke! Erinnerſt du dich nicht mehr des Tröſters?“ „Gewiß, Joe.“. „Sieh, alter Junge, ich that immer, was ich konnte, um dich r zu halten, aber meine Macht kam nicht —“ begann ich, als Joe —-—— Denn wenn deine Schweſter Luſt hatte, über dich herzufallen, ſo kümmerte ich mich weniger darum, daß ſie auch über mich herfiel, ſobald ich ihr Widerſtand leiſtete, als darum, o ärger auf dich losſchlug. Ich bemerkte das. den. 527 ———-:'oõ—yòòò 1864. ——— Ein Mann wird ſich dadurch, daß ihm der Bart ein wenig gezaust oder daß er etwas geſchüttelt wird(was ich Deiner Schweſter ſtets gönnte), nicht abhalten laſſen, ein kleines Kind vor Strafe zu ſchützen; aber wenn das Kind um des Zauſens und des Schüttelns willen noch härter gezüchtigt wird, ſo fragt der Mann natürlich: ‚Wo iſt das Gute, das du thun willſt? Ich ſehe nur Schaden, aber kein Gutes,“ ſagte der Mann, zund ich fordere dich deßhalb auf, mir das Gute zu zeigen.““ „Das ſagt der Mann?“ bemerkte ich, als Joe auf meine Ant⸗ wort wartete. „Das ſagt der Mann,“ verſetzte Joe beiſtimmend. Recht?“ „Lieber Joe, er hat immer Recht.“ „Gut, lieber Junge,“ fuhr Joe fort,„dann halte an deinen Worten feſt. Wenn er immer Recht hat(obgleich ich glaube, daß er meiſtens Unrecht hat), ſo hat er auch Recht, wenn er Folgendes ſagt:— Angenommen, du habeſt je eine kleine Angelegenheit ver⸗ heimlicht, als du noch ein Kind warſt, ſo geſchah es hauptſächlich deßhalb, weil du wußteſt, daß Joe Gargery's Macht, dich gegen den Tröſter zu ſchützen, nicht ganz ſo groß war, als ſein guter Wille. Alſo denke nicht mehr daran und laß uns keine Bemerkungen über unnöthige Gegenſtände machen. Biddy hat ſich viel Mühe mit mir gegeben, ehe ich von Hauſe fort ging(denn ich begreife ſehr ſchwer), damit ich die Sache aus dieſem Geſichtspunkte anſähe und demgemäß mich darüber ausſpräche. Da nun Beides,“ fügte er, über ſeine logiſche Auseinanderſetzung erfreut, hinzu,„geſchehen iſt, ſo ſagt dir ein treuer Freund zum Schluß: ‚Du mußt dich nicht zu ſehr an⸗ greifen, ſondern dein Nachteſſen genießen und deinen Wein mit Waſſer trinken, und dann dich in die Federn begeben.“ Die Zartheit, mit der Joe dieſen Gegenſtand be ſchonende Takt, mit dem Biddy, 7 „Hat er ſeitigt, und der — welche vermöge ihres weiblichen Scharfblickes meine Heimlichkeiten ſo früh entdeckte,— dazu vorbe⸗ reitet hatte, machten einen tiefen Eindruck auf mein Gemüth. Aber ob Joe wirklich wußte, wie arm ich war, und wie meine großen Erwartungen, gleich dem Nebel unſeres Moorlandes vor der Sonne, geſchwunden waren, vermochte ich mir nicht klar zu machen. Ein zweiter Umſtand, den ich anfangs, als er mir zuerſt be⸗ merkbar wurde, nicht begriff, den ich aber zu meinem Schmerze bald verſtehen lernte, war folgender: In dem Grade, wie ich ſtärker und wohler wurde, nahm Joe's Unbefangenheit in ſeinem Verkehr mit mir ab. So lange ich vermöge meiner Schwäche gänzlich von ihm ab⸗ hängig geweſen war, hatte er den alten Ton angeſtimmt, und mich bei den alten Namen lieber Pipe, ‚alter Junge“' genannt, die jetzt Muſik für mich waren. Auch ich hatte darein eingeſtimmt, nur zu glücklich und dankbar, daß er es mir erlaubte. Aber unmerklich, obgleich ich daran feſthielt, war Joe davon abgegangen; und ſo ſehr ich mich aufangs darüber wunderte, ſah ich doch bald ein, daß der Grund nur in mir lag und daß ich allein die Schuld trug. Ach, hatte ich nicht Joe Urſache genug gegeben, an meiner Be⸗ ſtändigkeit zu zweifeln und zu glauben, daß ich im Glück wieder kalt „gegen ihn werden und ihn vernachläſſigen werde? Hatte ich ſeinenr unſchuldigen Herzen keinen Grund zu ahnen gegeben, daß mit meinen zunehmenden Kräften ſein Einfluß ſchwächer werden würde, und daß er wohl thue, ihn aufzugeben und auch mich gehen zu laſſen, ehe ich mich ſelbſt von ihm losriß? Es war beim dritten oder vierten Male, da Arm geſtützt, im Garten des Temple ſpazieren ging, als ich dieſe Veränderung deutlich erkannte. Wir hatten im warmen Sonnen⸗ licht geſeſſen und den Fluß beobachtet, und als wir aufſtanden, ſagte ich zufällig: „Sieh, Joe, ich kann ſchon ganz kräftig allein gehen. Jetzt ſollſt du ſehen, wie ich ohne Hülfe nach dem Hauſe zurückkehre.“ „Greife dich nicht zu ſehr an, Pip,“ erwiederte Joe;—„aber es wird mich freuen, wenn ich ſehe, daß du es kannſt.“ ß ich, auf Joe's 528 Die letzte Wendung that mir weh, doch was konnte ich dagegen ſagen! Ich ging bis an die Pforte des Gartens und ſtellte mich dort ſchwächer als ich war, und bat um ſeinen Arm. Joe gab ihn mir, aber er war in Gedanken. Auch ich war in Gedanken, denn es war eine ſchwere Aufgabe für mein reuiges Gemüth, auf welche Weiſe ich dieſer zunehmenden Veränderung Einhalt thun ſolle. Verhehlen mag ich nicht, daß ich mich ſchämte, ihm zu ſagen, von welcher Art meine Lage, und wie tief ich herabgekommen war; allein ich hoffe, daß dieſe Scheu aus keinem unwürdigen Grunde entſprang. Ich wußte, daß er mir mit ſeinen kleinen Erſparniſſen würde haben helfen wollen, und wußte, daß ich es nicht leiden durfte. Es war ein gedankenvoller Abend für uns Beide. Ehe wir zu Bett gingen, hatte ich beſchloſſen, den folgenden Tag, einen Sonn⸗ tag, vorüber gehen zu laſſen, und mein neues Verfahren mit der Feierſtunden. 1864. ſtand, war mein Entſchluß feſt, Joe ohne Aufſchub Alles zu ſagen. Ich wollte es ihm ſchon vor dem Frühſtück ſagen, mich ſogleich an⸗ kleiden, in ſein Zimmer gehen und ihn überraſchen, denn es war das erſte Mal, daß ich früh das Bett verlaſſen hatte. Ich trat in ſein Zimmer, und er war nicht dort; aber das nicht allein, auch ſein Koffer war fort. Dann eilte ich an den Frühſtückstiſch und fand hier einen Brief mit folgendem kurzen Inhalte: „Um nicht läſtig zu fallen, bin ich abgereist, denn du biſt „wieder wohl, lieber Pip, und wirſt beſſer fertig werden „ohne Joe.“ Nachſchrift.— Immer die beſten Freunde. Außerdem lag im Briefe eine Empfangsbeſcheinigung über den Betrag meiner Schuld, nebſt Koſten, wegen deren ich hätte verhaftet neuen Woche zu beginnen. Am Montag früh wollte ich mit Joe werden ſollen. Bis zu dieſem Augenblicke hatte ich thörichter Weiſe über dieſe Veränderung ſprechen, die letzte Zurückhaltung bei Seite geglaubt, daß mein Gläubiger ſeine weiteren Schritte gegen mich bis legen, und ihm ſagen, was ich beabſichtige und weßhalb ich mich zu meiner Geneſung verſchoben habe. Nie hatte ich mir davon träu⸗ nicht entſchloſſen hatte, Herbert zu folgen, und hoffte dann die Verän⸗ men laſſen, daß Joe das Geld bezahlt haben könne; aber Joe hatte —;—;—;———— —— derung für immer be⸗ ſiegt zu haben. So wie bei mir dieſer Ge⸗ danke gereift war, hatte bei Joe etwas Aehn⸗ WWTP)) G liches ſtattgehabt, und ſf er ſchien, gleich mir, 1 zu einem Entſchluſſe gekommen zu ſein. Der Sonntag ver⸗ ſtrich ruhig. Wir machten eine Spazier⸗ fahrt auf das Land, und wanderten dann durch die Felder. „Ich bin dem Himmel dankbar da⸗ für, krank geweſen zu ſein, Joe,“ ſagte ich. „Lieber Pip, alter Junge,“ erwiederte er,—“ Sie ſind bei⸗ nahe ganz wieder her⸗ geſtellt“ „Es iſt mir eine merkwürdige Zeit geweſen, Joe.“ „Auch mir,“ erwiederte Joe. „Wir haben mit einander eine Zeit durchlebt, die ich nie ver⸗ geſſen kann. Es gab einſt Tage, die ich vergeſſen konnte, aber dieſe werde ich nie vergeſſen.“ „Pip,“ verſetzte Joe etwas haſtig und unruhig,„wir haben manchen Spaß gehabt. Und— lieber Herr, was zwiſchen uns vor⸗ gefallen iſt— das iſt vorbei.“ Am Abend, als ich bereits im Bett lag, kam Joe in mein Zim⸗ mer, wie er täglich während meiner Geneſung gethan hatte. Er fragte mich, ob ich mich ganz gewiß eben ſo wohl fühle, wie am Morgen. „Ja, lieber Joe, ganz ſo wohl,“ erwiederte ich. „Und fühlſt, daß deine Kräfte zunehmen, alter Junge?“ „Ja, Joe, fortwährend.“ Joe klopfte die auf meiner Schulter liegende Decke mit ſeiner großen, guten Hand, und ſagte in etwas heiſerem Tone, wie es mir ſchien: *½„Gute Nacht!“ Als ich am folgenden Morgen erfriſcht und neu geſtärkt auf⸗ (Schluß folgt.) es bezahlt, denn die Quittung war auf ſeinen Namen geſtellt. Was blieb mir jetzt anderes übrig, als ihm nach der lieben alten Schmiede zu fol⸗ gen, und dort mein Herz auszuſchütten und meine Reue zu beken⸗ nen, und mein Ge⸗ müth von dem auf⸗ bewahrten„Zweitens“ zu befreien, das als ein dunkles Etwas im Hintergrunde meiner Gedanken zu liegen an⸗ gefangen, aber ſich zu einem feſten Vorſatze geſtaltet hatte? Dieſer Vorſatz beſtand darin, zu Biddy zu gehen, ihr zu zei⸗ gen, wie reuig und demüthig ich heim⸗ komme, ihr zu ſagen, daß ich Alles verloren habe, worauf ich ge⸗ hofft, und ſie an das zwiſchen uns in meiner erſten, unglücklichen Zeit beſtandene Vertrauen zu erinnern. Dann wollte ich ihr ſagen: „Biddy, ich glaube, du hatteſt mich einſt lieb, als mein unſtätes Herz, ſelbſt während es ſich von dir verlor, in deiner Nähe ruhiger und beſſer war, als es ſeitdem je geweſen. Wenn du mich jetzt nur halb ſo lieb haben kannſt, wenn du mich, mit allen meinen Fehlern und Enttäuſchungen, wie ein Kind, dem du verziehen, wieder auf⸗ nehmen kannſt,(denn ich bin eben ſo reuig, Biddy, und bedarf eben ſo ſehr einer tröſtenden Stimme und einer ſanften Hand), ſo hoffe ich, daß ich jetzt deiner etwas würdiger bin,— nicht viel, aber doch ein wenig. Und von dir, Biddy, ſoll es abhängen, zu beſtimmen, ob ich mit Joe in der Schmiede arbeiten, oder eine andere Beſchäfti⸗ gung in dieſem Lande ergreifen, oder ob wir nach einem fernen Orte gehen ſollen, wo ſich mir eine Gelegenheit bietet, die ich bisher un⸗ benützt gelaſſen habe, um erſt, deine Antwort zu hören. Und wenn du, liebe Biddy, mir nun ſagen kannſt, daß du durch das Leben mit mir gehen willſt, ſo wirſt du es mir ſicherlich zu einem glück⸗ lichen Leben und mich zu einem beſſeren Menſchen machen, und ich werde alle meine Kräfte aufbieten, um auch dir das Leben zu einem glücklichen zu machen.“ Das war mein Vorſatz; nachdem ich, mit Rückſicht auf meine Geneſung, noch drei Tage gewartet hatte, fuhr ich nach dem alten heimathlichen Orte, um ihn auszuführen. Wie es mir dabei erging, iſt Alles, was ich noch zu erzählen habe. Feier lles zu ſagen. ch ſogleich an. denn es war . Ich trat in t allein, auch er einen Vritf denn du biſt ertig werden Joe.“ gang über den hätte verhafte hörichter Weiſe gegen mich bis nir davon träu⸗ aber Joe hatte ahlt, denn die ng war auf Namen geſtellt 4s blieb mir eres übrig, als ſch der lieben hmiede zu fol⸗ nd dort mein szuſchütten und Reue zu beken⸗ und mein Ge⸗ von dem auf⸗ ten„Zweitens“ eien, das als lles Etwas im xunde mäner ten zu litgen al⸗ n, aber ſich zu feſten Vorſatze hatte? teſer Vorſat darin,zu Bdh ell zcht a. 6 fſicht dem altel n ach rginl dabti(i. Feierſtunden. 1864. ———— Das Schloß Boncourt. 42 dug Bnnn 66 6 Ich träum' als Kind mich zurücke, Und ſchüttle mein greiſes Haupt; Wie ſucht ihr mich heim, ihr Bilder, Die lang ich vergeſſen geglaubt? Hoch ragt aus ſchatt'gen Gehegen Ein ſchimmerndes Schloß hervor, Ich kenne die Thürme, die Zinnen, Die ſteinerne Brücke, das Thor. Feierſtunden. 1864. 4 p alpnnnnnſſlun le E 4 h Es ſchauen vom Wappenſchilde Die Löwen ſo treulich mich an, Ich grüße die alten Bekannten Und eile den Burghof hinan. Dort liegt die Sphinx am Brunnen, Dort grünt der Feigenbaum, Dort, hinter dieſen Fenſtern, Verträumt' ich den erſten Traum. 67 529 ——————-——— O——-'——-ö'oõuõ—õ'äi-—-——-— 14 1 530 Feierſtunden. 1864. —————————— Ich tret' in die Burgkapelle Und ſuche des Ahnherrn Grab, Dort iſt's, dort hängt vom Pfeiler Das alte Gewaffen herab. Und biſt von der Erde verſchwunden, Der Pflug geht über dich hin. Sei fruchtbar, o theurer Boden! Ich ſegne dich mild und gerührt, Ich ſegn' ihn zwiefach, wer immer Noch leſen umflort die Augen Den Pflug nun über dich führt. Die Züge der Inſchrift nicht, Wie hell durch die bunten Scheiben 3 V Ich aber will auf mich raffen, Mein Saitenſpiel in der Hand, Die Weiten der Erde durchſchweifen, Und ſingen von Land zu Land. Adalbert von Chamiſſo. Das Licht darüber auch bricht. So ſteh'ſt du o Schloß meiner Väter Mir treu und feſt in dem Sinn, Am Senegal zur Regenzeit. In dem altberühmten Buche von Münchhauſen ſteht Gaboon, Congo, Coanza und andere haben übrigens eben ſchwarz auf weiß zu leſen, wie dieſer Ritter einſt bei ſei⸗ ſo breite als tiefe Betten, und da ſie demnach eine ſchwere ner Tour durch Europa an einem Winterabende, weil er Menge Waſſers zu faſſen vermögen, ſo ſtrömen ſie nicht keinen Wohnort mehr fand, in dem er hätte Herberge neh⸗ allzu oft über. Letzteres kommt vielmehr nur von Zeit zu men können, ſein getreues Roß an einen aus dem Schnee Zeit vor, wenn die Regenzeit länger als gewöhnlich an⸗ hervorragenden Gegenſtand band und ſich dann getroſt neben dauert, oder auch, wenn der Niederſchlag ein viel größerer demſelben niederlegte, um zu ſchlafen. Aber— o Wun⸗ war, als ſonſt, aber dann folgen auch Ueberſchwemmungen, der— wie ward ihm, als er beim Erwachen am andern die unter einem gemäßigten Klima ein Ding der Unmög⸗ Tag die Entdeckung machte, daß er inmitten der Straße lichkeit ſind. Werden doch in ſolchen Jahren nicht blos einer großen Stadt lag, während ſein Pferd ganz oben am die unmittelbar an die Ufer anſtoßenden Niederungen unter Thurme der Kathedrale baumelte und die Füße in der Luft Waſſer geſetzt, ſondern das flüſſige Element dringt viel⸗ herumſchlenkerte! Doch faßte er ſich ſogleich wieder und er- mehr weit in's Land hinein vor und läßt ſich durch gar klärte ſich das Phänomen ganz einfach daraus, daß der keine Hinderniſſe, hohe Berge ausgenommen, zurückhalten. faſt zweihundert Fuß tiefe Schnee, welcher ihm das Daſein Es dringt vor und verwandelt den ganzen Geſichtskreis in der Stadt geſtern noch verbarg, plötzlich in der Nacht ge⸗ eine große wogende See, aus der nur wenige Anhöhen ſo ſchmolzen ſei, und ſo dieſes kurioſe Faktum bewerkſtelligt zu ſagen als Inſeln hervorſehen. Es dringt vor und be⸗ abe. droht jedes lebende Weſen, welches nicht im Waſſer zu „Eine handgreifliche, ja mehr noch, eine koloſſale, exiſtiren vermag, und doch auch nicht im Stande war, ſich unverſchämte Lüge,“ wird natürlich jeder unſerer Leſer aus- durch Schwimmen zu retten, mit unvermeidlichem Unter⸗ rufen, und wir geben ihm hierin vollkommen recht, denn gang. Eben aus dieſem Grunde erbauen ſich auch die Völ⸗ es fällt nirgends in Europa ein zweihundert Fuß tiefer kerſchaften, welche die Ufer des einen oder des andern der Schnee, und ebenſo wenig ſchmilzt eine ſolche Maſſe un- obengenannten Flüſſe bewohnen, ihre Dörfer nie im Thale bemerkt über Nacht weg. Allein wenn man nun von Eu⸗ ſelbſt, ſondern immer an den höchſten Punkten, bis wo ropa hinüberſchifft nach Afrika und darinnen vordringt bis hinauf die Waſſer ſelbſt in den näſſeſten Jahren und bei in die Aequatorgegenden, oder auch nur bis zur anderen der höchſten Fluthzeit nicht reichen, und überdem verſtehen Seite des Atlasgebirges, alſo bis dahin, wo nach gewöhnlicher ſie ſich ſo gut auf die Schifffahrt, daß ſie ſich im Falle Annahme Centralafrika beginnt, ſcheint da die Münchhauſen- der höchſten Noth jedenfalls mittelſt ihrer breiten Barken ſche Aufſchneiderei nicht wenigſtens annähernd ein Ding der retten könnten. Wie aber wird es— und um dieſe Frage Möglichkeit werden zu wollen? Ja verwandelt ſie ſich nicht handelt es ſich hier hauptſächlich— wie wird es, wenn ein ſogar in veritable, thatſächliche Wirklichkeit, ſobald man ſolcher Ueberſchwemmungsfall eintritt, den Thieren des das Wort„Schnee“ ausſtreicht und dafür den Ausdruck Waldes ergehen, an denen das heiße Afrika bekanntlich kei⸗ „Waſſer“ ſetzt? nen Mangel leidet? Werden ſie ſich retten können, oder Die Winter in der heißen Zone nämlich beſtehen, wie müſſen ſie ſämmtlich elend erſaufen? Jedermann weiß, nicht darin, daß Schnee vom Himmel Ich glaube dieſe Frage am klarſten und praktiſchſten fällt, ſondern vielmehr darin, daß es eine ganze Reihe von damit zu löſen, daß ich dem Leſer ein kleines Abenteuer Wochen hindurch, wenn nicht unausgeſetzt, doch wenigſtens erzähle, welches ſich zur Regenzeit des Jahres 1860 am tageweiſe und zugleich auf eine Weiſe regnet, von der man Senegal begab, und für deſſen Wahrheit in jeglicher Be⸗ bei uns zu Lande keinen rechten Begriff hat. Die Erde ziehung gebürgt werden darf. Damals befanden ſich ver⸗ muß hinlänglich geſättigt werden, um es über die trockene ſchiedene Negerſtämme im Innern des Landes im Kriege Jahreszeit hindurch aushalten zu können, und überdem nſt tegen einander, und es ſtand zu befürchten, daß die ent⸗ ſie auch unter den glühenden Sonnenſtrahlen des Aquator⸗ legeneren Poſten, oder beſſer geſagt die kleinen militäriſchen himmels ſo vertrocknet, daß ſie ganze Ströme in ſich auf- Stationen, welche die franzöſiſche Regierung am Senegal zuſaugen vermag. Doch wenn es nun ſeine dreißig bis aufwärts errichtet hat, darunter Noth leiden könnten. Eben vierzig Tage lang geſchüttet hat, daß man glauben könnte, darum beſchloß der in St. Louis, der Hauptſtadt der fran⸗ es habe ſich ein ganzes Meer vom Firmamente herabge⸗ zöſiſch⸗afrikaniſchen Niederlaſſungen, reſidirende Gouverneur, ſtürzt, dann beginnen endlich die Flüſſe langſam zu ſteigen, denſelben augenblicklich friſche Munition nebſt Lebensmitteln und je länger es fortregnet, um ſo höher gehen ihre Flu⸗ zu ſenden, und rüſtete zu dieſem Zwecke ſofort ein Regie⸗ then. Die meiſten derſelben, beſonders die größeren, wie rungsdampfboot aus, das den Senegal hinauf fahrend die⸗ der Senegal, Gambia, Caſemanche, Volta, Yarriba, Niger, ſes Alles bewerkſtelligen ſollte. Obwohl man nämlich aus lange für g etwa ſcif flußau ten w ſich e hinauj tüchtig Ufer i Rede n Schnelle fand m mußten noch un A gebliche eine S auf zu poſten großen ſich bre konnten gelungen Offizier dieſes, umgekeh lang ar Regenze zu erin ſeine Nähe! ſo bem und tie und en Ueberfl an mar nicht al das W üben a noch di ſer an würde ſaben, ſetzählte ſpiegel Ktoßart D gen die über der ſe ſch füchtet Chamiſſo. übrigens eben ch eine ſchwere ömen ſie nicht ur von Zeit zu gewöhnlich an⸗ viel größerer chwemmungen, j der Unmög⸗ en nicht blos erungen unter t deingt viel⸗ ſich durch gar „zurückhalten. Jeſichtskreis in de Anhöhen ſo t vor und be⸗ m Waſſer zu ande war, ſich lichem Unter⸗ auch die Vül⸗ es andern det nie im Thale kten, bis wo hren und bei dem verſtehen ſich im Fall reiten Barken m dieſe Frage es, wenn ein Tjieren des ekanntlich ki⸗ können, ode d praktiſchſte nes Abenteutt 8s 1860 am ſgliche Be Feierſtunden. 1864. ———;——:—————;— langer Erfahrung gar wohl wußte, daß der genannte Strom für gewöhnlich nur bis zu dem kleinen Fort Podor, das etwa fünfzig deutſche Meilen von St. Louis entfernt liegt, ſchiffbar iſt(weßwegen auch die Verbindung mit den weiter flußaufwärts gelegenen Poſten auf dem Landweg unterhal⸗ ten werden muß), ſo hoffte man doch diesmal, weil man ſich eben in der ſtrengſten Regenzeit befand, viel weiter hinauf fahren zu können. Waren doch die Gewäſſer bereits tüchtig angeſchwollen und hatten ſogar da und dort die Ufer übertreten, ſo daß von ſeichten Stellen im Fluſſe keine Rede mehr ſein konnte, und ſelbſt die Rapids oder Strom⸗ Schnellen in der Wellenmaſſe aufgingen! Ueberdies— be⸗ fand man ſich nicht erſt in der Mitte der Regenzeit und mußten alſo die Waſſermaſſen nicht in den nächſten Tagen noch um ein Bedeutendes zunehmen? Alle dieſe Hoffnungen erwieſen ſich als keineswegs ver⸗ gebliche, und es gelang dem Dampfboote in der That, noch eine Strecke von mehr als achtzig Meilen über Podor hin⸗ auf zu fahren, ſo daß alſo die meiſten der kleinen Militär⸗ poſten in verhältnißmäßig ſehr kurzer Zeit und ohne die großen Mühſeligkeiten, welche der Landtransport ſtets mit ſich brachte, mit den nöthigen Vorräthen verſehen werden konnten. Eine ſolche Stromfahrt war bis jetzt noch nie gelungen, und der Kapitän des Boots, ein ſo erfahrener Offizier er auch war, mußte ſelbſt zugeben, daß er ſich dieſes günſtige Reſultat nicht verſprochen hätte. Allein umgekehrt hatte man auch ſeit Menſchengedenken keine ſolch' lang anhaltende und mit ſolch' haſtigen Güſſen verbundene Regenzeit erlebt, und die älteſten Leute wußten ſich nicht zu erinnern, daß der Senegal je früher ſo großartig über ſeine Ufer getreten ſei, als diesmal. Weiter unten, in der Nähe von St. Louis, machte ſich dies allerdings noch nicht ſo bemerkbar, weil da das Bett des Fluſſes ungemein breit und tief war, wie man aber weiter und weiter hinauf kam, und endlich gar Podor hinter ſich hatte, da dehnten ſich die Ueberfluthungen in immer größere Entfernungen aus, und an manchen Stellen glaubte man in einem großen See, nicht aber in einem Strome zu fahren. Ja ſo hoch ſtieg das Waſſer, daß von mächtigen Akazienbäumen, die ganz oben auf dem ohnehin ſchon hohen Uferrand wuchſen, kaum noch die höchſten Spitzen hervorſahen, und wenn man da⸗ her an eine dieſer Spitzen ein Boot feſtgebunden hätte, ſo würde man nachher in der trockenen Jahreszeit gefunden haben, daß es— gleichſam zur Bewahrheitung der oben erzählten Münchhauſiade— fünfzig Fuß über dem Fluß— ſpiegel in der Luft ſchwebe. Gewiß alſo eine merkwürdig großartige Ueberſchwemmung! Doch ſiehe da, was bewegte ſich denn in den Zwei⸗ gen dieſer Baumkronen, die nur noch einige Schuh hoch über dem Waſſer emporragten? War das der Wind, der ſie ſchüttelte, oder ſollte ſich etwas Lebendiges dahin ge⸗ flüchtet haben? Der Kapitän gab Befehl, das Dampfboot ganz nahe auf die Bäume zu zu ſteuern und— huſch— huſch!— im Momente, wo dies geſchah, ſprangen ſechs oder ſieben Affen auf's Verdeck herüber. Sie alſo hatten ſich vor der Ueberſchwemmung hier hinauf gemacht, und ſie, die ſonſt ſo ſcheuen Thiere, ſuchten jetzt auf dem Schiffsdeck einen feſten Grund und Boden. Hieran war es aber nicht einmal genug, ſondern wie man weiter an dem unter Waſſer geſetzten Akazienwald hinfuhr, ſchnellten ſich ſogar verſchiedene Schlangen auf das Boot herüber, und ihnen folgte wieder eine ganze Auswahl von Pavianen. Kurz, es war Gefahr vorhanden, das Schiff möchte ſich in eine Art von Arche Noah verwandeln, 531 —————;— ſen Curs noch länger beibehielt, und ſomit fuhr man alſo⸗ bald wieder in die Mitte des Stroms zurück, indem man ſich mit dieſer kleineren Thierausbeute begnügte. Natürlich aber ſammelte ſich ſofort die ganze Mannſchaft auf dem Deck und betrachtete ſich mit bewaffneten oder unbewaffne⸗ ten Augen die unter dem Laubwerk der Baumſpitzen ver⸗ borgenen Thiere, die dort ſo ſtill und ſchweigſam kauerten, als hätten ſie alle ihre Wildheit eingebüßt! Plötzlich übrigens zeigte ſich dem Kapitän, welcher durch ſein Fernglas die ganze Umgebung überſchaute, in einiger Entfernung ein Gegenſtand, der ſeine Aufmerkſam⸗ keit noch weit mehr erregte, ohne daß er jedoch, wie es ſchien, klug daraus werden konnte. „Sergeant Boivin,“ rief er nun, indem er einen nur wenige Schritte von ihm am Fockmaſt lehnenden Unter⸗ offizier herbeiwinkte;„Sergeant Boivin, ich weiß, Sie ſind in dieſem Theile des Senegals bekannter, als ſonſt irgend Einer auf dem Boote; gewiß werden Sie mir alſo ſagen können, was für Eigenthümlichkeiten das Land in dieſer Richtung hin hat. Befindet ſich da vielleicht ein großer See mit einer Inſel darauf?“ Dem Sergeanten Boivin ſah man es auf den erſten Blick an, daß er ein vielerfahrener, reſoluter und tüchtiger Kamerad ſei, der bereits ſeine zwanzig oder fünfundzwan⸗ zig Dienſtjahre auf dem Rücken haben mochte, und dem entſprechend fiel auch ſeine Antwort aus.„Mein Kapitän,“ ſagte er,„in der Richtung, welche Sie mir bezeichnen, be⸗ findet ſich bei trockener Jahreszeit ein weithingedehnter Wald, der in der Mitte hoch emporſteigt, ohne daß man ihn ge⸗ rade einen Berg nennen könnte, und von einem See mit einer Inſel kann alſo keine Rede ſein.“ „Dann ſteht der ganze Wald unter Waſſer,“ entgeg⸗ nete ſofort der Kapitän,„und aus demſelben ragt nur die höchſte Anhöhe einer Inſel gleich hervor. Aber dieſe Inſel ſcheint mir bewohnt oder wenigſtens belebt zu ſein, und vielleicht haben ſich einige Unglückliche dahin geflüchtet. Da nehmen Sie einmal mein Glas und ſagen Sie mir Ihre Anſicht hierüber.“ Der Sergeant nahm das Fernglas und blickte ſcharf und lange auf den Gegenſtand hin.„Lebende Weſen ſind dort,“ entgegnete er darauf in beſtimmter Weiſe;„aber ob's Menſchen ſind, oder Thiere, kann man aus dieſer Entfernung nicht unterſcheiden. Dagegen iſt ſo viel gewiß, daß wenn die Fluth nur noch wenige Fuß höher ſteigt, Alles, was auf jenem Punkte jetzt noch athmet, elendiglich umkommen muß, und ſomit möchte ich Sie bitten, mein Kapitän, mich mich der Schaluppe dahin abzuſenden, denn mit dem Dampfboot wäre es doch nicht gerathen, in den überſchwemmten Wald hineinzuſchiffen.“ „Gut,“ erwiederte der Kapitän, Schaluppe nebſt zehn Mann und rudern 6 „nehmen Sie die Sie dem Punkte zu, der wie eine Inſel ausſieht. Sind Menſchen darauf, ſo retten Sie ſie; ſind's aber wilde Thiere, nun für die⸗ ſen Fall verſehen Sie ſich hinlänglich mit Waffen und Munition.“ Zehn Minuten ſpäter fuhr die Schaluppe vom Schiffe ab und— damit ich's kurz mache— in einer kleinen hal⸗ ben Stunde befand ſie ſich ſchon über dem großen Walde, von dem Boivin geſprochen hatte. Im Anfang übrigens wurde man deſſen kaum gewahr, denn kein einziger der Bäume ragte aus dem Waſſer hervor, ſondern dieſes ſtrömte wohl fünf Fuß hoch über dieſelben hinweg. Nach einer weiteren halben Stunde aber wurde dies anders, und man wenn man die⸗ hatte jetzt Mühe, ſich zwiſchen den Baumkronen, ohne 67* 5³² ——õ———— ꝛ— anzuſtoßen, durchzuwinden. Plötzlich bekam man das ſo⸗ genannte Eiland hart vor's Auge, und man konnte nun unterſcheiden, was darauf war. Doch welch' ſchreckliches Erſtaunen ergriff den Sergeanten und ſeine Leute, als ſie dieſe Unterſcheidung machten! Man denke ſich— nicht Menſchen entdeckten ſie, ſondern lauter wilde Thiere, die ſich theils auf, theils unter einem großen Baume, dem ein⸗ zigen noch ganz waſſerfreien Platze der Inſel, zuſammen⸗ gedrängt hatten. Allein was für eine grauſig merkwürdige Compagnie von wilden Thieren war dies! Vornen dran ein Löwe, ſo königlich majeſtätiſch, wie ihn nur Afrika er⸗ zeugen kann, und hart neben ihm eine faſt nicht minder ſtarke Löwin. Feierſtunden. 1864. Links und rechts von dieſen beiden, und ſie ————; oben, den Stamm mit ſeinen Tatzen umarmend, ein Leo⸗ pard, und ganz oben auf den Zweigen eine ganze Meute von Affen der verſchiedenſten Gattung. Das war die Ge⸗ ſellſchaft, die ſich auf dem Inſelchen, das iſt auf einem ma nicht größer als zehn Fuß in's Gevierte, gelagert atte! Und wie hatten ſich dieſe Thiere gelagert? Ich habe es ſchon angedeutet, ganz dicht an einander, Leib an Leib, als bildeten ſie nur eine einzige Freundſchaft und Familie! Scheue Antilopen, borſtige Eber und furchtſame Affen mit⸗ ten unter ihren größten Feinden, dem Löwen, dem Leopar⸗ den und der Hyäne, war das nicht ein Schauſpiel, über das man nicht genug erſtaunen konnte? Aber freilich, ſie mit ihren Leibern berührend, zwei Hyänen; darauf ein wil⸗ alle beſeelte jetzt nur ein einziges Gefühl, die Angſt vor dem der Eber und einige Antilopen; endlich halb auf dem Baume gut als die leichtfüßige Gazelle, und ſelbſt die ſchlingſüch⸗ tige Hyäne fühlte vor dem Beben ihrer Glieder weder Hunger noch Raubluſt; die Affen aber, die behenden Klet⸗ terer— ſie wären faſt von ihrem erhabenen Sitze herab⸗ gefallen, ſo ſehr verſagten ihnen ihre Glieder den Dienſt. .„Sie werden's uns auf dem Schiffe nicht glauben,“ ſagte nun der Sergeant,„wenn wir ihnen berichten, was wir geſehen haben; aber vielleicht gelingt es uns, die ſämmt⸗ lichen Thiere zu erlegen, und dann iſt's eine Demonstra- tio ad oculos, wie der Lateiner ſagt.“ Sogleich traf er die nöthigen Anſtalten zum Angriff; natürlich aber mit Anwendung aller Vorſicht und Klugheit, denn man konnte doch nicht wiſſen, ob in den Thieren nicht plötzlich die altgewohnte Wildheit erwachen würde. Doch man hatte ſich ja glücklicherweiſe mit Schießgewehren ver⸗ ſehen, und konnte alſo den Feind aus ſicherer Entfernung wegpürſchen. Dies geſchah nun auch in der That, indem man den Anfang mit dem Löwenpaar machte, und in einer Viertelſtunde lebte kein Stück der merkwürdigen Compagnie naſſen Grabe. Vor dieſem erzitterte der gewaltige Löwe ſo mehr, einige Affen und eine Antilope, die ſich lebendig hatten fangen laſſen, ausgenommen. Drauf lud Boivin ſeine ganze Beute in die Schaluppe und fuhr triumphirend wieder zum Schiffe zurück. Er hatte recht gehabt; man würde ſeiner Erzählung keinen Glauben geſchenkt haben, wenn kein ſo augenſchein⸗ licher Beweis geliefert worden wäre. Nun aber, was ſagt der Leſer zu dieſer Geſchichte? Wird ſie ihm nicht über alle Maßen wunderbar vorkommen? Außerdem— liegt nicht in ihr der Beweis, daß alle anderen ungeflügelten Bewohner jenes großen Waldes nothwendig in den Fluthen zu Grunde gegangen ſein müſſen, und daß alſo die Fluß⸗ überſchwemmungen in Central⸗Afrika immer große Ver⸗ wüſtungen unter der dortigen Thierwelt anrichten? Ich ſelbſt enthalte mich übrigens jeder weiteren Bemerkung und füge nur noch hinzu, daß das bewußte Dampfboot von ſeiner abenteuerlichen Fahrt ganz ungefährdet wieder in St. Louis ankam. Th. G welche ausſetz zuſehen wurde dem ei Lazarl die U Die dieſen der S mehr wöhnli S ſchwere ner eri Unfall ſchuldet. nen Kr Kranken ſicht m ließ; ſ und be⸗ .,3 ſeiner ſeinem ich gin Menſc dieſem Ich nä alſo die trinnere und wi E mit der tief in S ih an nehr. den Ja Sorgfal vir wu d, ein Leo⸗ Zanze Meute war die Ge⸗ t auf einem te, gelagert „ Jc habe eib an Leib, d Familie! Affen mit⸗ em Leopar⸗ ſpiel über frälich, ſie Iſt vot dm tige Löwe ſo Feierſtun ————ͦ ꝗ-n———;— Bis in das den. 1864. 533 ———:B::———— dritte glied. Erzählung von Marie v. Roskowska. (Schluß zu S. 507.) VI. Meine Freundin war außer ſich über das Gerede, welchem ich mich durch die Sorge um den alten Verrückten ausſetzte. Sie verließ mich ärgerlich, als ich erklärte, erſt zuſehen zu müſſen, wo der Bedauernswerthe bliebe. Er wurde in das nahe Hoſpital gebracht, an deſſen Ecke, über dem eiſernen Kaſten, ſich noch immer das Bild des armen Lazarus befand, obgleich verwaſchen und verblichen, durch die Unbilden der Witterung bis zur Unkenntlichkeit entſtellt. Die Leute, bei denen er ſich in Pflege befand, wenn ich dieſen Ausdruck brauchen darf, wohnten weit draußen vor der Stadt, auch war ſein Zuſtand ſo bedenklich, daß er mehr Ruhe und Wartung heiſchte, als er in ſeinem ge⸗ wöhnlichen Logis hatte. Sein Elend, ſeine Lumpen belaſteten mein Herz mit ſchwerem Selbſtvorwurf. Hüätte ich mich nicht früher ſei⸗ ner erinnern und etwas für ihn thun ſollen? Sein jetziger Unfall ſchien mir, wenigſtens zum Theil, durch mich ver⸗ ſchuldet. Aber ich wollte es gut machen, ſo viel in mei⸗ nen Kräften ſtand. Erſt an der Thür des Armen⸗ und Krankenhauſes verließ ich den Unglücklichen, der das Ge⸗ ſicht mit den Händen bedeckend Alles ſtill mit ſich geſchehen ließ; ſein Schmerz fand keine Worte, ſcheute die Zeugen und bedurfte der Einſamkeit. Ich vermochte ihm nachzufühlen, konnte ihn aber nicht ſeiner ſtummen Verzweiflung überlaſſen, mußte ihn aus ſeinem wortloſen Weh aufrütteln. Daher ergriff ich, ehe ich ging, ſeine Hand und ſagte ihm herzlich: es gäbe noch Menſchen, die es mit ihm wohl meinten, obgleich er in dieſem Augenblick daran und an Allem verzweifeln müſſe. Ich nähme ſo innigen Antheil an ihm— er möge mir alſo die Freude gönnen, ihm denſelben zu bethätigen. Zwar erinnere er ſich meiner nicht, wir ſeien aber alte Bekannte und würden künftig hoffentlich gute Freunde werden. Er antwortete mir nun mit einem Blick, und dankte mit dem Verſuch eines Lächelns, das mir unausſprechlich tief in die Seele ſchnitt. Schon Nachmittags und dann noch einige Mal war ich an ſeinem Lager, doch bedurfte er meiner nicht lange mehr. Freundlich und dankbar nahm der greiſe— nicht den Jahren nach greiſe— ſo ſchwergeprüfte Mann die Sorgfalt und Hingebung des jungen Mädchens an, und wir wurden in der That Freunde. Es waren ernſte, trau⸗ rige Stunden, die ich an ſeinem Lager zubrachte, und wie ſchmerzliche Einblicke in das Leben, in ſein Leid und ſeine Schuld gewann ich dabei, wie manche quälende Frage, wie mancher nagende Zweifel ſtieg in dem jungen, ſonſt ſo ſorg⸗ loſen Herzen auf! Dennoch möchte ich jene Stunden nicht aus meinem Daſein ſtreichen. Sie waren kurz genug. Auf Anlaß der Frau Major Rother von Wolfenhag beab⸗ ſichtigte man, den alten Jaſch, den langjährigen Wahn⸗ ſinnigen, nicht mehr frei umhergehen zu laſſen, ſondern ihn in ein Irrenhaus zu ſperren. Der Unglückliche hatte frei⸗ lich, vielleicht in Folge des harten Falls, des Blutverluſtes, ſeine Vernunft zurück erhalten, allein ein Zufall konnte ihm dieſelbe wieder rauben; es war alſo ſicherer, ihn wenig⸗ ſtens in Gewahrſam zu bringen. Dazu kam es jedoch nicht. Der Arme, deſſen Loos ein ſo furchtbares geweſen, ſollte nun nicht noch in ſeiner Freiheit beſchränkt werden; der ſo lange umdüſterte, von den Banden des Wahnes gefeſſelte Geiſt ſchwang ſich zu jenem Lichte auf, das nie getrübt wird, zu jener Freiheit, die keine Feſſel, keine Schranke kennt. Wie furchtbar war mir, wie der friſchen Jugend überhaupt, der Tod immer erſchienen. An dieſem Sterbe⸗ bette lernte ich ihn lieben, begriff ich, welche Wohlthat er oft iſt, wie ſüß es dem Heimathloſen erſcheint, heimzu⸗ gehen; dem von des Daſeins Laſt und Leid Ermüdeten, Wundgeriebenen, Erdrückten: endlich Ruhe zu finden. Ja, nach dem Sturme des Lebens, nach dem Schiffbruch all' unſerer Wünſche und Hoffnungen, unſeres Strebens und — unſerer Kraft, wie friedlich winkt da der ſtille, ſichere Hafen: das Grab. Mein alter Freund fand das ſeinige, wie er gewünſcht, dicht am Zaune des Friedhofes neben verſunkenen Hügeln, in denen ſeine Schweſter und ſeine Eltern den ewigen Schlaf ſchliefen. Der Schweſter hatte die Geiſtlichkeit nur das Plätzchen an der Einfriedigung gegönnt, und die Eltern ſich dann neben ihrem Kinde, das ſie nicht lange überleb⸗ ten, betten laſſen. Der evangeliſche Gottesacker war damals noch nicht, wie jetzt, ein blühender Garten; wie Oaſen in der Wüſte erhoben ſich nur hier und da einzelne wohlgepflegte Gräber aus dem Sandfelde, und am Zaune war es völlig wüſt und traurig. Und doch paßte das vollkommen für den, welchen man eben ſtill und eilig zu Grabe trug, es war ein Bild ſeines Daſeins. Der alte Jaſch, oder vielmehr Johannes Barm, Can⸗ didat der Theologie, erzählte mir ſeine Geſchichte. Was er verſchwieg oder nur andeutete, das ergänzten die Erzäh⸗ lungen Anderer oder mein eigener Verſtand. Unter den wenigen deutſchen Gutsbeſitzern, die ſich während der Dauer des Großherzogthums Warſchau in ihrem Grundbeſitz erhalten hatten, war auch ein Herr Rich⸗ ter. Von niederem Herkommen und ohne Bildung, doch mit einer Doſis geſundem Menſchenverſtand, viel Eigen⸗ thumsſinn und einigem Spekulationsgeiſt begabt, hatte er zu der Zeit, in welcher in„Südpreußen“ die Güter auf unverantwortliche Weiſe verſchleudert wurden, zu einem wahren Spottpreiſe ganz in der Nähe meiner Vaterſtadt eine anſehnliche Beſitzung erworben. Verwahrlost genug war dieſelbe freilich, und die unruhigen Zeiten ſchienen nicht geeignet, ſie zu verbeſſern, ſeinen Wohlſtand zu erhöhen. Dennoch fand Beides ſtatt. Möglich, daß Herr Richter eben nicht ſkrupulös war in der Wahl der Mittel, ſich zu bereichern— genug, als ein Theil des ehemaligen Groß⸗ herzogthums wieder an Preußen fiel, war er ein reicher Mann. Die Theurung in den Jahren 1817 und 1818 vermehrte ſeinen Mammon, und er dachte daran, ſeinen Kindern eine ſeinem Wohlſtande angemeſſene Erziehung zu geben; zu dem Zwecke nahm er einen Hofmeiſter in's Haus. Es war dies Johannes Barm, der eben ſein Candi⸗ daten⸗Examen abſolvirt hatte, ein noch blutjunger, aber, wie man ihm allgemein nachrühmte, äußerſt geiſtvoller und kenntnißreicher Mann. Seine Eltern beſaßen in meiner Vaterſtadt eines der ſchönſten Häuſer zu damaliger Zeit, und das blühendſte Geſchäft. Die ſchweren Kriegszeiten hatten ihr Vermögen zwar vermindert, dennoch war daſſelbe 5³⁴4 —ꝑ—:'r—-ö'———-—-'⸗———— noch immer nicht unbedeutend, und die Familie ſtand im Orte und der Umgegend in hoher Achtung, und war eine der erſten unter den wenigen deutſchen. Johannes hatte das väterliche Geſchäft fortführen ſollen, dazu aber ſo wenig Neigung gehabt, daß die Eltern ſeinem Wunſche nach— gaben und ihn Theologie ſtudiren ließen. War er doch der einzige Sohn, hatten ſie außer ihm doch nur noch ein Kind, ſeine Zwillingsſchweſter Charlotte. Die innige Liebe zu dieſer und ſeinen Eltern veran⸗ laßte den jungen Candidaten, die Hofmeiſterſtelle bei Rich⸗ ters anzutreten; während ſeiner Studien war er fern ge⸗ weſen— jetzt wollte er, wenigſtens ſo lange, bis er eine Pfarre erhielt, in der Nähe der Heimath bleiben. Freilich hätte er das Elternhaus vorläufig gar nicht verlaſſen dür⸗ fen, allein ſo ſehr er ſeine Bücher liebte, hatte er doch das Bedürfniß nach einer praktiſchen Thätigkeit. In jugend⸗ licher Begeiſterung ſchwärmte er für den Beruf eines Er⸗ ziehers, und bei Richters eröffnete ſich ihm allerdings ein weiter und, wie er hoffte, auch ſehr lohnender Wirkungs⸗ kreis. Die beiden Knaben dort zeigten ſich recht herzlich verwahrlost, befanden ſich in einem ſo natürlichen Zuſtande, wie die heimiſchen Wälder, waren von der Kultur nicht mehr beleckt, als die polniſchen Unterthanen ihrer Herrſchaft. Gutherzig waren ſie freilich, trotzdem hätte er vielleicht nicht lange in dem Hauſe geweilt, denn der ganze Ton in dem⸗ ſelben ſagte ihm nicht zu, war ſehr verſchieden von dem bei ſeinen Eltern herrſchenden und ſeiner Neigung, wie ſei⸗ ner Bildung entſprechenden. Allein Richters älteſtes Kind, die ſechzehnjährige Katharina, kam dem neuen Hausgenoſſen mit einer ſolchen Herzlichkeit entgegen, ſie war ſo blendend ſchön, daß der junge Hofmeiſter, der bisher, die Mutter und Schweſter ausgenommen, mehr mit ſeinen Büchern, als mit Frauen verkehrt hatte, angezogen, gefeſſelt, berauſcht wurde. Anfangs verhehlte er es ſich nicht, daß Käthchen wenig Bildung hatte, dagegen aber mancherlei Fehler, wie Eigenwille, Hochmuth, ſogar Herzloſigkeit und eine Anlage zur Koketterie. Allein ſie konnte doch nicht dafür, daß die Bildung ihres Geiſtes und Gemüths vernachläſſigt worden; ihm gegenüber war ſie nicht herzlos,— im Gegentheil, und daß ſie ihn mit jenen kleinen und doch oft ſo gefähr⸗ lichen Künſten zu bezaubern ſuchte, welche mitunter dem unwiſſenden Landmädchen ebenſo zu Gebot ſtehen, wie der routinirteſten Weltdame,— durfte er ihr deßhalb zürnen? Und vielleicht war ſie auch nicht einmal kokett, vielleicht ſ wollte ſie ihm nur gefallen, weil er ihr nicht gleichgiltig war! So mußte er bald glauben; auch zeigte ſie den lie⸗ benswürdigſten Eifer, das Verſäumte nachzuholen, zu ler⸗ nen, was ſie nicht wußte, allerdings ziemlich viel, faſt Alles. Johannes wurde ihr Lehrer, ein ſo eifriger Lehrer, wie ihn ſich eine lernbegierige Schülerin nur wünſchen kann. Liebte er ſie doch bald mit der ganzen Innigkeit ſeines Ge⸗ müthes, mit jener Ueberſchwänglichkeit, welche in der Na⸗ tur der erſten Liebe, wie der Jugend überhaupt liegt, und damals noch unendlich mehr zur Geltung kam, als in un⸗ ſerer nüchternen, hauptſächlich auf das materielle Intereſſe gerichteten Zeit. Jetzt nahm er natürlich an ihr keinen Fehler wahr, erblickte in ihr ein vollkommenes Ideal— das ſeinige. Bei ſeinem ſtillen, etwas zum Phlegma nei⸗ genden Temperament hätte er ſie in ſeinem Herzen wie eine Heilige verehrt, und ihr höchſtens ſchüchtern und verſtohlen anbetende Huldigungen dargebracht. Doch das junge Mäd⸗ chen war heftig und leidenſchaftlich. Es kam ihm ſo offen entgegen, daß ein Geſtändniß nicht lange ausblieb. Stand Feierſtunden. 1864. ———O——;— —;— der Nachbarſchaft wohnten nur Polen, Frau Richter aber war eine eifrige Proteſtantin; ſie hätte es niemals zuge⸗ geben, daß ihre Tochter einen Mann heirathete, der nicht „deutſch“, ſondern„polniſch“ ſei, dieſes bei uns gleichbe⸗ deutend mit„katholiſch“. Das hatte ſie oft unverholen geäußert; ſie ging ſo weit, ihre Tochter, obgleich dieſelbe ſonſt viel, nur allzu viel Willen hatte, von dem Umgang mit jungen Polen durchaus fern zu halten, damit ſich nicht etwa ein ihr unwillkommenes Verhältniß entſpänne. Barm war von gutem Herkommen, wohlhabend, ein„Studirter“, noch dazu ein Geiſtlicher, der Mutter mithin als Schwie⸗ gerſohn ganz recht, beſonders da in der Gegend keine große Auswahl für einen ſolchen blieb. Herr Richter konnte um ſo weniger dagegen haben, als er in Angelegenheiten, welche nicht gerade das äußere Departement betrafen, ſehr unter dem Regiment der Damen ſeines Hauſes ſtand. Es war alſo einer Verlobung nichts im Wege, als eine Grille des jungen Mädchens, das ſich, ſo wenig Romane es geleſen hatte, weil damals nur ſehr wenige in unſere Gegend und in ihr väterliches Haus gedrungen, in den Kopf geſetzt hatte, einen kleinen Roman zu erleben. Ihre Liebe ſollte in den dichteſten Schleier des Geheimniſſes gehüllt und mit dem ganzen Zauber deſſelben umgeben werden. Ein heim⸗ liches Einverſtändniß, flüchtige Händedrücke, verborgene Zuſammenkünfte und Liebesſchwüre im Geſchmack jener Zeit, das war es, was Käthchen entzückte, was ſie einem gewöhnlichen Brautſtande weit vorzog. Der junge Mann ward dadurch und durch ihre Schönheit, ihre naive Heiter⸗ keit, ihre beſtrickende Koketterie ſo berauſcht, in eine ſo lei⸗ denſchaftliche Erregung verſetzt, wie ſie Niemand dem Träu⸗ mer zugetraut hätte. Doch nicht umſonſt ſagt das Sprich⸗ wort: Stille Waſſer haben tiefe Gründe. Bei einer etwas phlegmatiſchen Natur iſt eine Leidenſchaft, einmal angefacht, heftiger, dauernder, unverlöſchlicher, als bei mehr beweg⸗ lichen Gemüthern. Er begann jetzt, nach längerem Bei⸗ ſammenleben, zwar manchmal unter Käthchens Charakter⸗ eigenthümlichkeiten zu leiden, namentlich reizte ſie ſeine Eiferſucht durch die Freude, welche ſie an Eroberungen zu empfinden ſchien, während er nur einzig Sinn und Gedan⸗ ken für ſie hatte. Allein er liebte ſie zu abgöttiſch, um nicht lieber der ganzen Welt und ſich ſelber eher, als ihr, eine Schuld beizumeſſen, und ihr Liebreiz, wie ihre Zärt⸗ lichkeit, beſchwichtigten ſeine eiferſüchtigen Aufwallungen ſehr chnell. Ueberdies blieb er nicht ſo lange im Hauſe, daß es zu ernſtlichen Konflikten kommen könnte. Die beiden Kna⸗ ben, ſeine Zöglinge, ſtarben wenige Tage hinter einander am Scharlachfieber— man bedurfte alſo keines Hofmeiſters mehr, und dieſer kehrte in ſein väterliches Haus zurück. Bei dem tiefen Schmerz der Eltern durfte jetzt von einer Werbung um Käthchen nicht die Rede ſein, das wäre undelikat geweſen. Wenigſtens ſtellte das junge Mädchen es ihm ſo vor. Er begnügte ſich alſo vorläufig damit, ihre Eltern freundſchaftlich zu beſuchen und dabei heimliche Zuſammenkünfte mit ihr zu haben. Zwiſchen ihrer und ſeiner Familie fand wenig Umgang ſtatt; die Entfernung von zwei Meilen war angeblich zu groß, doch mochte der wahre Grund davon ein Mangel an Uebereinſtimmung, eine tiefinnerliche Verſchiedenheit der Anſchauungs⸗ und Lebensweiſe und der ganzen Richtung fri Frau Barm ſtammte aus einem feingebildeten Hauſe, und hatte dem ihrigen den Stempel ihrer eigenen Bildung aufgeprägt— Richters waren gewöhnliche Leute. Bei zufälligen Begeg⸗ ihrem Bunde doch überhaupt kein Hinderniß im Wege. In nungen verkehrte man freundlich mit einander, das war — ò ſicter aber der nicht ns gleichbe⸗ unverholen eich dieſelbe m Umgang it ſich nicht ne. Barm Studirter“, 8 Schwie⸗ tane große konnte um iten, waͤche ſehr unter d. Es war Grille des ees geleſen Gegend und Kopf geſetz Liebe ſollte lt und mit Ein heim⸗ verborgene mack jener z ſie einem unge Mann give Heiter⸗ eine ſo lei⸗ dem Trüͤu⸗ das Sprich⸗ einer etwas al angefacht nehr beweg⸗ agerem Bei⸗ Chaualler⸗ te ſie ſeine berungen zu und Gedan⸗ 3 ärt⸗ le ihre Zär allungen ſchr mſe, daſ 1b beiden nt Hofme es Kna⸗ rr änunder meiſters Feierſtunden. 1864. —— ·˖···ꝗ˖·······q·q··¶ aber auch Alles. Johannes hatte zwar ſeine Schweſter, die er ſehr liebte, und die Angebetete ſeines Herzens ein⸗ ander näher, recht nahe bringen wollen, doch war ihm die⸗ ſes nicht nach Wunſch gelungen— ſie waren eben zu ver⸗ ſchieden von einander, nicht allein durch die ſechs Jahre, welche ſie im Alter trennten. Charlotte, von Natur und durch beſtändige Kränklichkeit in der Jugend ſehr ernſt ge⸗ ſtimmt, nicht ſchön, aber reichen, warmen Herzens, und vielſeitiger gebildet, als irgend ein Mädchen in ihrer Hei⸗ math, fand Käthchen zwar ſchön und einnehmend, aber wenig Anknüpfungspunkte zu Geſprächen, wie ſie ihr zu⸗ ſagten; zu einem wirklichen Freundſchaftsbunde gar keine. Käthchen behauptete mit ihrem liebreizendſten Lächeln: Char⸗ lotte ſei ihr zu gelehrt, d. h. zu langweilig. Barm konnte darum dem verführeriſchen Weſen nicht gram ſein, hoffte, Käthchen werde die Schweſter ſchon lieben, wenn ſie erſt Gelegenheit gehabt habe, dieſelbe näher kennen zu lernen, und ſelbſt durch das Leben und die Jahre etwas ernſter geſtimmt worden ſei. VII. Charlotte war jetzt überdies ſchäftigt. Während des für Napoleon ſo unglücklichen Feld⸗ zugs in Rußland war ein gefangener preußiſcher Offizier, ſchwer erkrankt, von Barms aufgenommen und namentlich ſehr mit ſich ſelber be— von der Tochter des Hauſes mit hingebendſter Aufopferung gedrungen, dieſen dafür noch inniger zu lieben. ggepflegt worden. Der erſchütternde Umſchlag im Glück des großen Corſen gab ihm ſeine Freiheit, und Niemand hörte ſeitdem wieder von ihm. Vielleicht war er gefallen in den gewaltigen Schlachten, womit Europas Völker ihre Be⸗ freiung vom franzöſiſchen Joch erkauften, vielleicht lebte er ils glücklicher Gatte und Vater. Für Charlotte war das gleich viel, ſie hoffte auch nicht, ihn je wieder zu ſehen, wies aber die Bewerbungen von ſich, welche vielleicht mehr ihrem Gelde, als ihrer Perſon galten; ſie war ja nicht ſchön, auch beinahe zu ernſt, zu trübſinnig, um liebens⸗ würdig zu ſein. Einige Zeit darauf, nachdem Johannes die Erzieherſtelle angenommen, war die Garniſon gewech⸗ ſelt worden, und die neue beſtand zufällig aus dem Ba⸗ taillon, bei welchem jener Offizier, jetzt Hauptmann, ſtand. Natürlich ſuchte er die Familie auf, welche ihn einſt ſo menſchenfreundlich gepflegt hatte, wurde ein häufiger Gaſt derſelben, und man flüſterte ſich bald als öffentliches Ge⸗ heimniß den Grund zu, aus welchem das junge Mädchen bisher unvermählt geblieben ſei. Die Verlobung war zwar noch nicht bekannt gemacht, doch wurde der Hauptmann und Charlotte, ſchon als ein Paar betrachtet, nicht allein in der Stadt, ſondern auch in ihrem Hauſe. Bedarf es doch oft nicht der Worte, um ein Uebereinkommen zu tref⸗ fen; nicht eines Ringes, um gebunden zu ſein. Charlotte war ſo glückſelig, daß ſie faſt einnehmend wurde. Der junge Hauptmann verrieth zwar keine leidenſchaftliche Liebe, ſie begehhrte aber eine ſolche auch nicht, war vollkommen dadurch befriedigt, daß ſie ihn mit all' der ſchwärmeriſchen überſpſannten Liebe jener Zeit der Romantik lieben durfte. „Die ganze Stadt war durchdrungen davon, welches Glülkk die alten Barms mit ihren Kindern hatten. Nicht allein, daß die unſchöne Tochter einen zwar vermögensloſen, ock altadeligen Offizier heirathete, dem die glänzendſte Cachiere offen ſtand, der Sohn wurde der Gatte eines der ſcamiſten und reichſten Mädchen der Kamder Tode war ja Käthchen die einzige Erbin. Denn —— 5³⁵ —— das Verhältniß zwiſchen ihr und dem jungen Candidaten war nicht ſo geheim geblieben, wie ſie meinten. In der Umgegend ſowohl, wie in der Stadt, munkelte man we⸗ nigſtens davon, und wenn Käthchens Eltern durch die An⸗ ſpielungen ihrer Bekannten wenig davon erfuhren, ſo lag das nur daran, daß die Schwergebeugten gerade den Tod ihrer Knaben betrauerten, und ſich von aller Welt zurück⸗ gezogen hielten. Zwiſchen dem Candidaten und ſeinem künftigen Schwa⸗ ger knüpfte ſich auch kein Freundſchaftsband, und die Zwil⸗ lingsgeſchwiſter, welche ſich ſonſt ſo nahe ſtanden, entfrem⸗ deten ſich innerlich immer mehr. Sie begriffen einander in ihrer Liebe nicht— Etwas, das auch die Engverbunden⸗ ſten zu trennen pflegt. Wenn Charlotte ſich wunderte, daß ihr begabter, feingebildeter Bruder ſein ganzes Herz an ein junges Mädchen hing, welches, außer blendender Schönheit, keinen Vorzug, wohl aber viele und jeden Unbefangenen widerwärtig berührende Fehler beſaß, ſo ſchüttelte Johan⸗ nes ſeinerſeits den Kopf zu der tiefen, ausſchließlichen Hin⸗ gebung der Schweſter. Wie konnte ein ſo geiſtreiches, talentvolles und obenein ſo ernſtes und ſinniges Mädchen einen Mann lieben, der allerdings Muth, kriegeriſche Tapfer⸗ keit bewieſen hatte, ſonſt aber ein ganz gewöhnlicher Menſch war? Einige Verſuche der Geſchwiſter, ſich gegenſeitig über die Blindheit ihrer Leidenſchaft die Augen zu öffnen, liefen ſo ab, wie das gewöhnlich der Fall iſt. Jeder von ihnen fühlte ſich in dem angebeteten Gegenſtande gekränkt und Vielleicht trug zu der Ueberzeugung von der Thorheit des Andern noch der Umſtand bei, daß Käthchen bei einigen zufälligen Begegnungen mit dem Hauptmann demſelben eine auffal⸗ lende Abneigung, eine faſt beleidigende Geringſchätzung be⸗ wieſen hatte. Charlotte ward dadurch natürlich verletzt und gegen das junge Mädchen eingenommen; der Candidat war überzeugt, der Offizier ſei der Schweſter unwürdig, weil die reine unverdorbene Seele ſeiner Angebeteten einen in⸗ ſtinktiven Widerwillen gegen ihn empfinde. Sich jetzt zu Hauſe nicht behaglich fühlend und über⸗ dies von Käthchen dazu angeregt, unternahm der junge Mann eine größere Reiſe nach Deutſchland. Sie hatte ihm vorgeſtellt, wie entzückend das Wiederſehen nach einer län⸗ geren Trennung ſein würde— inzwiſchen beruhigte ſich der Schmerz ihrer Eltern auch einigermaßen. Damals war eine Reiſe keine Kleinigkeit. Barm hätte ſehr viel Zeit darauf verwenden müſſen, um ganz Deutſchland zu ſehen. Es duldete ihn indeß nicht lange in der Fremde— nach kaum zwei Monaten befand er ſich ſchon auf der Rückkehr. Seine Seele eilte„auf den Flügeln der Sehnſucht“ voraus, während ſein Körper vom Poſtwagen langſam genug wei⸗ ter befördert ward. Nachrichten von den Seinen hatte er nur wenige, in der letzten Zeit gar keine, erhalten— Käthchen ſchrieb ihm nie. Vielleicht fürchte ſie eine Kritik ihrer Orthographie. Sonſt hätte er ſich gewundert über die Kürze, wie über die gezwungene Heiterkeit und einige bittere Anſpielungen in den Briefen, welche er von der Schweſter gleich nach ſeiner Abreiſe erhielt; jetzt ſetzte er ſie auf Rechnung der zwiſchen ihnen obwaltenden Dishar⸗ monie und legte kein beſonderes Gewicht darauf. Auf der letzten Station vor der Heimath verließ er den Poſtwagen, nahm Extrapoſt und eilte nach Wollier, dem Gute Richters. Es war Vormittags, noch ziemlich früh, als er die Chaiſe in dem Walde halten ließ, in wel⸗ Gegend— nach ihrer ſch em er ſo oft unbelauſchte Spaziergänge mit Käthchen ge⸗ macht hatte. Hier wohl bekannt, ſchlug er einen Richtſteig 5³36⁶ ——— ein, der einen nach ſeiner Vaterſtadt führenden Pfad kreuzte. Auf dieſem Kreuzwege hatte ſie ihn erwartet, wenn er aus der Stadt kam und den Wagen am Saume des Waldes verließ. Das höchſte Entzücken durchſtrömte ſein Herz— ſie erwartete ihn auch heute. Hatte ſie ſeine Rückkehr ge⸗ ahnt oder verweilte ſie nur hier, um in Erinnerungen zu ſchwelgen, ſeiner ungeſtörter zu denken? Genug, ſie war da und ſorgfältiger gekleidet, als er ſie je geſehen hatte. Zwar trug ſie noch Halbtrauer um die Brüder, allein ſie war blond, das graue Kleid, die ſchwarzen Spitzen und Bänder ſtanden ihr vortrefflich, und ſie war während ſei⸗ ner Abweſenheit noch viel ſchöner geworden. Nein, erwarten mochte ſie ihn nicht— ſchaute ſie doch unverwandt den Weg nach der Stadt entlang, und wollte endlich auf demſelben fort, an ihm vorüber gehen. Er trat jetzt näher und ſie erſchrak bei ſeinem Anblick, wollte fliehen. Ihr ſonderbares Weſen der Ueberraſchung zuſchreibend, ſuchte er ſie zu beruhigen; auch faßte ſie ſich ſchnell, als ſie hörte, er ſei noch nicht zu Hauſe geweſen, war aber doch anders, wie ſonſt. Seine Umarmungen und Küſſe, die ſie früher mehr herausgefordert, als abgelehnt hatte, wies ſie jetzt ſcheu und ängſtlich zurück, meinte be⸗ klommen, es könne Jemand in der Nähe ſein. Er ver⸗ ſicherte: das würde ja nichts ſchaden— wollte er doch nächſtens, oder am liebſten ſogleich, vor ihre Eltern treten, da es jetzt genug ſei der Heimlichkeit, es auch nicht länger in ſeiner Gewalt ſtehe, die übermächtig gewordene Leiden⸗ ſchaft, wie bisher, zu verbergen. Sie wollte etwas er⸗ widern, ſtockte aber, befand ſich augenſcheinlich in pein⸗ lichſter Verlegenheit. Da fiel ſein Blick auf einen koſt⸗ baren Ring, den er am kleinen Finger des Hauptmanns, ſeines künftigen Schwagers, geſehen zu haben meinte. Wie kam ſie zu dem Ring? Dazu ihr ſonderbares Benehmen jetzt, ihr Erſchrecken bei ſeinem Anblick! Zugleich ſchoß ihm mit Blitzesſchnelle die Erinnerung durch den Sinn, ſie ſei in der letzten Zeit vor ſeiner Abreiſe nicht ſo zärtlich und leidenſchaftlich, wie früher, ſondern kühler, zurückhaltend und zerſtreut geweſen. Damals hatte er es in ſeiner Arg⸗ loſigkeit nicht beachtet, jetzt, da ſeine erwachende Eiferſucht ein grelles Streiflicht darauf warf, ſtanden alle jene klei⸗ nen verdächtigen Umſtände in ſchneidendem Lichte vor ſeiner Seele. Er brauste furchtbar auf— ſein Argwohn, wie die leidenſchaftliche Gluth ſeiner Liebe, brach mit einer Hef⸗ tigkeit hervor, die Käthchen an ihm noch gar nicht kannte. Sie zitterte vor Angſt, ſuchte ihn durch die zärtlichſten Liebkoſungen, die ſüßeſten Liebesworte zu beſchwichtigen und führte ihn dabei auf den Pfad zurück, welchen er gekom⸗ men war, nachdem ſie noch einen angſtvollen Blick auf den nach der Stadt führenden geworfen hatte. Es gelang ihr bald, jeden Verdacht fortzuſchmeicheln. Er ſchämte ſich ſei⸗ ner Aufwallung, bat ſie ihr innig ab und kam darauf zu⸗ rück, wann er mit ihren Eltern reden ſolle? Sie antwor⸗ tete darauf nur mit Scherzen und Poſſen und ſtellte, aus⸗ gelaſſen wie ein übermüthiges Rind, ihre Diana vor, einen ſchönen großen Hund, den ſie unlängſt zum Geſchenk er⸗ halten hatte, der die Vertraulichkeit, welche der Fremdling ſeiner Herrin erwies, nicht zu billigen ſchien, denn er knurrte und wies ihm die Zähne. Käthchen lachte dazu ſchelmiſch, drängte dann aber den jungen Mann, nach Hauſe zu fahren, und war dabei ſo liebenswürdig heiter, daß er ihr nicht einmal die unverkennbare Abſicht, ihn los zu werden, übel nehmen konnte. Er kehrte zu ſeiner Chaiſe zurück und verſank in ſo ſelige Träumereien, daß ihn erſt das Rütteln auf dem Feierſtunden. 1864. ſchlechten Pflaſter der Stadt daraus emporſchreckte.— Im Hauſe ſeiner Eltern fand er die größte Verwirrung, alle Thüren offen und die Dienſtboten nicht da. Bleich und verweint kam die Mutter ihm entgegen und ſank halb ohn⸗ mächtig in ſeine Arme. Charlotte war ſeit dieſem Mor⸗ gen verſchwunden— der Vater und die Leute ſuchten ſie bei allen Bekannten; irgend Jemand wollte ſie vor einigen Stunden in dem kleinen Kahn geſehen haben, in dem ſie zuweilen auf dem Fluß, an welchen der Garten ſtieß, um⸗ herruderte. Man hatte den Nachen umgekehrt auf dem Wuſſer treibend gefunden, von der Vermißten jedoch keine pur. Johannes war ſo beſtürzt, daß er zuerſt keine Frage thun konnte. Aber Charlotte ruderte ſo gut, es war nicht möglich, daß ſie verunglückt ſei. Vielleicht war ſie irgend wohin gegangen— ſpazieren, oder zu Bekannten— viel⸗ leicht kam ſie jeden Augenblick heim. Die Mutter ſchüt⸗ telte dazu niedergeſchlagen den Kopf und ging dann in die Küche, ſelbſt in dieſem Augenblick nicht vergeſſend, daß der Sohn von der Reiſe komme, alſo wohl, trotz ſeiner Ver⸗ ſicherungen vom Gegentheil, einer Erfriſchung bedürfe. Der junge Mann dachte ſeufzend, was der Hauptmann zu dieſem furchtbaren Unglücksfall ſagen werde, wenn derſelbe, wie er noch immer nicht glauben mochte, ſich wirklich ereig⸗ net hätte. Dazwiſchen quälte ihn Reue über die Entfrem⸗ dung, welche ihn ſeit einiger Zeit der einzigen, ſtets ſo zärt⸗ lich geliebten Schweſter fern gehalten hatte. Er wußte nicht, ſollte er bleiben und die Mutter erwarten, oder gehen, ſeine Nachforſchungen mit denen der Andern vereinen? Mecha⸗ niſch hob er dabei ein zerknittetes Papier vom Boden auf. Richter und Frau auf Wollier zeigten darin Freunden und Bekannten die heute ſtattgehabte Verlobung ihrer einzigen Tochter Katharina mit dem Hauptmann Rother von Wol⸗ fenhag an. Die Anzeige war vom vorigen Tage datirt. VIII. Wiederholt las der Candidat die wenigen Zeilen, ehe er ihren Inhalt endlich begriff. Die Mutter kam nicht ſogleich herein, war doch in der Küche Niemand zur Hand. Er dachte auch nicht an ſie, eilte fort, über dem Einen alles Uebrige vergeſſend. Es konnte ja nicht Wahrheit ſein; irgend ein boshafter Spaßvogel hatte ſich einen ſo unpaſſenden Scherz erlaubt. Dautete aber Käthchens Be⸗ nehmen bei dem heutigen Wiederſehen nicht auf etwas Un⸗ gewöhnliches? Wenn dieſe Verlobung dennoch Wahrheit, wenn ſie die Urſache zu ſeiner Schweſter Tod geworden war? Sein Herz drohte zu brechen bei dem Gedanken, doch konnte er die Mutter nicht mehr nach dem Hauptmann fra⸗ gen, da er ſich ſchon weit auf dem Wege nach Wollier befand. Ohne Kopfbedeckung, das verhängnißvolle Papier in der Hand, rannte er, trotz der Mittagsſonne, die heiß vom Himmel brannte, obgleich es ſchon September war, unaufhaltſam fort. Wer ihm etwa begegnete, ſah ihm kopf⸗ ſchüttelnd nach. Die ihn kannten, vermutheten den Grund ſeiner Aufregung— war die Verlobungsanzeige da'ch am vorigen Tage bei allen Bekannten der Richter'ſchen Fumilie und des Bräutigams abgegeben worden. Nur das völlige Unvermögen, weiter zu eilen, den jungen Mann einigemal auf dem Wege auf. G er ein wenig Luft geſchöpft hatte, ſetzte er den Laur der fort und langte endlich athemlos, glühend erhi)ötg⸗ äußerſt erſchöpft in Wollier an. Frau Richter h'rült — — weckte.— virrung, alle jBleich und ſank halb ohn⸗ dieſem Mor⸗ te ſuchten ſie e vor einigen 3 in dem ſie en ſtieß, um⸗ rt auf dem jedoch keine t beine Frage es war wicht var ſie irgend inten— viel⸗ Mutter ſchüt⸗ g dann in die ſſend, daß der tz ſeiner Ver⸗ ung bedürft, Hauptmann zu wenn derſelbe wirklich ereig⸗ die Entfrem ſtets ſo zärt t woßte nich r gehen, ſein nen? Mech⸗ n Boden auf. Freunden und ihrer einziger her von Wel⸗ age datirt. Feierſtunden. 1864. ———;B:ä:õ————————; kommen ſehen. Er hörte, wie ſie dem Diener zurief: ſei Niemand zu Pole ſeine Frage, ſei, niſchen Dorfes vorüber fortſchwankte. Anfangs war Barm wie vernichtet, dann wollte er das gleichwohl nicht über ihre der ſo ſchwer an ſeiner Rache nehmen an dem Elenden, Schweſter und ihm ſelbſt die Schändliche, ſeine Verzweiflung, gefrevelt. wie in ſeine Rachegedanken. Gewiß, Hauſe— er wurde alſo abgewieſen. E ſchreckt durch ſein verſtörtes Ausſehen bejahte der gutmüthige ob denn das Fräulein wirklich verlobt nur mit Widerſtreben, und ſah ihm dann mitleidi nach, als er über den Hof an den elenden Hütten des pol⸗ Raſender Zorn über nicht die ihn verrathen hatte, miſchte ſich in Er tadelte die Schwäche, Aber nein, auch, daß ſie ihm heute ſie war unſchuldig— unter Gott weiß welchen Vorſpiege⸗ ihr aber zugleich Beides. lungen dazu veranlaßt, vielleicht von den Eltern gezwungen. ſo war es! Liebte ſie ihn ja, wäre es doch nichts⸗ — 5³⁷ von welcher ihm ſo ver⸗ trauungsvoll entgegen getragen, daß ſich die ſeinige erſt daran entzündet hatte, oder doch dadurch zu der wahnſinni⸗ g gen Leidenſchaft geworden war, welche jetzt in ſeinem Her⸗ zen flammte. Darum alſo ihr Erſchrecken bei ſeinem An⸗ ihm etwas zu ſagen ſtrebte, Lippen wollte; darum an ihrem Finger der Ring des Offiziers, den ſie von jeher hatte leiden mögen, der ihm jetzt tödtlich verhaßt war! mit welcher ſie nachgegeben hatte, früh nicht Alles geſtanden, vergab War er, ihre natürliche Stütze bei einem ſolchen Widerſtande, doch fern geweſen— hatte ſie es doch nicht über ſich vermocht, ſein Glück beim blick, die Angſt, mit welcher ſie (Zu Seite 538.) Wiederſehen zu trüben. Und mit welcher Zuverſicht hatte ſeine Rückkehr ſie erfüllt— mit einer ſo ſiegesgewiſſen, daß ihr heiteres Naturell zuletzt ebenſo den Sieg über jede Befürchtung davon trug, wie ihre Liebe über jede etwaige Rückſicht, die ſie dem aufgedrungenen Verlöbniß ſchuldig zu ſein glaubte. Hatte ſie ſich nicht ſo innig, wie nur je, an ſeine Bruſt geſchmiegt, als er zornig aufloderte; nicht ſo ſilberhell gelacht, ruhig war? Es wollten zwar noch andere Ideen in ſeinem Hirn auftauchen, Zweifel in ſeinem Herzen ſich geltend machen; war es denkbar, daß ihre Eltern ſie zu einem ihr wider⸗ wärtigen Bunde zwingen ſollten, da ſie der einzigen Toch⸗ ter immer ihren Willen gelaſſen hatten und demſelben jetzt, nach dem Tode der Söhne, natürlich noch eifriger nach⸗ kamen? Allein ihre Untreue war ja noch viel, viel undenk⸗ barer, ganz undenkbar! Er hätte eher an ſeinem eigenen Feierſtunden. 1864. wie in früherer Zeit, als er wieder k Verſtande und allem Uebrigen gezweifelt, als an ihr. Wußte er doch, daß ihre Untreue ſein Tod ſein würde, glaubte er ja ſchon wahnſinnig zu werden, wenn er ſich nur dieſe Möglichkeit dachte. Es konnte alſo nicht ſein. Doch bevor er irgend einen Schritt that, mußte er ſie ſprechen; es wirbelte ihm ſo ſeltſam im Kapfe, daß er kei⸗ nen klaren Gedanken faſſen, geſchweige denn beſchließen onnte, auf welche Weiſe dieſe Verbindung rückgängig ge⸗ macht werden ſollte. Da ihre Eltern ſich verleugnen ließen und ihm gewiß nicht geſtattet hätten, ſie zu ſprechen, wollte er ſie draußen erwarten. Auf einem weiten Umwege begab er ſich zu dem ziemlich umfangreichen Garten, der an einer Seite an den Wald ſtieß, von demſelben nur durch einen breiten Graben getrennt. Dank Vater Jahns Eifer für die edle Turnkunſt machte es ihm keine Schwierigkeit, über den Graben zu gelangen. Dann verbarg er ſich in dem Garten. 68 ———— es würdig geweſen, an dieſer Liebe zu zweifeln, r⸗ ſie ihm ſo viele Beweiſe gegeben, die ſie —— Und ſie ahnte das nach ſeiner Meinung. Feſtlich ge⸗ kleidet und von Diana begleitet erſchien ſie im Garten. Der Hund ſprang zornig der Laube zu, in welcher Barm ſaß. Sie rief ihn zurück, war dann aber lebhaft beſtürzt, als der frühere Geliebte hervortrat. Sein Ausſehen ver⸗ rieth, daß er ihre Verlobung kenne— es gab jetzt alſo nichts zu verbergen. Mit kalter, hochmüthiger Miene blieb ſie ſtehen und ſagte kurz: „Ich glaubte nicht, ſo bald ſchon das Vergnügen zu haben, Sie wieder zu ſehen, Herr Candidat. Wollen Sie mir gratuliren, ſo ſollen Sie uns willkommen ſein.— Starren Sie mich nicht ſo an,“ fuhr ſie fort, da er im Schweigen verharrte.„Als vernünftiger Mann müſſen Sie einſehen, daß eine Jugendthorheit, wie die unſerige, nicht währen kann, und— daß ich einen Hauptmann von altem Adel einem Paſtor vorziehe.“ Ihn ſchwindelte, er wußte nicht, ob er wache oder träume, von einer Fieberphantaſie umfangen ſei. Keines andern Lautes mächtig rief er mit einem herzzerreißenden Tone ihren Namen. „Nur keine Scene!“ ſagte ſie raſch und ſchroff.„Wir haben Gäſte— die Leute aus der Nachbarſchaft ſind da, um meine Verlobung zu feiern. Sie ſind nicht in der Gemüthsverfaſſung, ſich in Geſellſchaft zu zeigen, gehen Sie alſo, ehe Jemand Sie wahrnimmt.“ Doch ſtatt ſich zu entfernen, trat er ihr einen Schritt näher. Man hörte in der Ferne die Stimmen der Gäſte, welche über den Hof nach dem Garten kamen. „Gehen Sie den Augenblick oder ſoll ich Sie durch unſere Leute hinausbringen laſſen?“ rief Käthchen, mit dem kleinen Fuße heftig auf den Boden ſtampfend.„Und laſ⸗ ſen Sie Sich noch einmal hier ſehen, ſo werden Sie wie ein Landſtreicher fortgejagt.“ Zorn und Verzweiflung rangen in dem Unglücklichen um das Uebergewicht. Aber er hatte ſie zu ſehr geliebt, als daß der Schmerz nicht größer geweſen wäre, als die Empörung. Auch war dieſe Umwandlung der leidenſchaft⸗ lich Verehrten zu plötzlich gekommen, und er hatte ſie in ſeiner Phantaſie mit zu vielen Vorzügen ausgeſtattet, als daß er ſogleich hätte glauben können, was ſie ihm da in ſo fürchterlicher Weiſe ſagte. Hatte ſie ihm wirklich ihr Herz entzogen, dann trug jener Mann, der ſo heillos mit dem Frieden ſeiner Schweſter geſpielt, die Schuld daran; der Gedanke, von ihm für ſich und Charlotte blutige Ge— nugthuung zu fordern, flog durch ſeine Seele, während ſein Auge flehend und vorwurfsvoll an dem Mädchen hing, welches ſich noch vor einigen Stunden ſo zärtlich gegen ihn gezeigt. Er hätte ja Alles, Alles vergeben und vergeſſen können, wenn es ihm nur gelang, ihre Liebe für ihn wie⸗ der zu erwecken, die von Stolz und Hochmuth unterdrückt worden ſchien. Da die Sprache ihm verſagte, ließ er die Augen reden. Dieſe ſtumme Sprache brachte ſie jedoch noch mehr auf.„Unverſchämter, was ſtarrt Er mich ſo an!“ rief ſie in jenem Tone, den er imk Anfang ihrer Bekanntſchaft einige Male gegen Dienſtleute und Untergebene vernommen hatte, von dem er geglaubt, ſie habe ihn längſt verlernt. Sein Stolz, bisher vom Schmerz niedergehalten, regte ſich.„Ich gehe und befreie dich von meinem Anblick, der dir ein brennender Vorwurf ſein muß,“ ſagte er, ſeine ganze Kraft zuſammen raffend.„Aber glaubſt du, daß nun Alles zwiſchen uns abgethan ſei? Glaubſt du, ich werde ungeſtraft mit meinem Glück, mit meinem Leben ſo entſetzlich ſpielen laſſen? Du ſollſt noch von mir hören.“ V läufig auch gehalten wurde. Feierſtunden. 1864. ——————r———————; — - „Welche Frechheit von dieſem Menſchen!“ knirſchte Käthchen, faſt vor Wuth erſtickend, und ballte die kleinen Hände.„Er wird mich blamiren und ich habe kein Mit⸗ tel, ihm den Mund zu ſchließen.“ Der Candidat preßte die Hände an ſeinen heftig ſchmer⸗ zenden Kopf.„Fürchte nichts!“ ſagte er mit bitterem Lachen.„Sei als gnädige Frau ſo glücklich, wie du kannſt. Ich verachte dich zu ſehr um deinen elenden Verrath—“ Die junge Dame hielt ſich nicht länger. Vergebens hatte ſie ſich nach Dienſtleuten umgeſchaut— es war Nie⸗ mand zu ſehen. Das Koſſäthenmädchen, welches im Gar⸗ ten arbeitete, hatte ſich erſchreckt hinter ein nahes Gebüſch geduckt, als es, wie früher ſchon öfter, das Fräulein mit dem Herrn Candidaten im Geſpräch erblickte. War jenes doch unerbittlich ſtreng gegen Lauſcher, die— ertappt wur⸗ den.— Da ſie keinen menſchlichen Beiſtand in der Nähe ſah, pfiff Katharina dem Hunde. „Auf ihn, züchtige dieſen Unverſchämten!“ rief ſie Diana in jener maßloſen Heftigkeit zu, welche ſie von Kind⸗ heit an zum Schrecken der Dienſtboten gemacht hatte. (Siehe Bild auf Seite 537.) „Käthchen, um Gottes willen, Käthchen!“ rief der junge Mann leidenſchaftlich ausbrechend.„Iſt das denn Wahrheit— oder bin ich wahnſinnig? Nein, Käthchen, du liebſt mich noch— du mußt mich ja lieben, wie ich dich — haſt es mir ja oft zugeſchworen hier, auf dieſer Stelle! O mein Kopf! Hab Erbarmen mit mir! Ich kann dich ja nicht laſſen!“ Er warf ſich ihr zu Füßen, ſtreckte flehend die Hände nach ihr aus. Allein ſie wich raſch zurück und hetzte den Hund auf ihn, der ihn wüthend anfiel. Kaum vermochte er ſich zu erheben, trat dann einen Schritt ſeitwärts, un⸗ ter eine alte Buche, die Zeuge mancher heimlichen Zuſam⸗ menkunft, manchen ſüßen Liebesgeflüſters geweſen war. Er machte keine Bewegung, das erbitterte Thier von ſich abzuwehren, ſtarrte mit blutunterlaufenen Augen Kathari⸗ nen nach, die ihren Eltern und Gäſten entgegenſtürzte, welche eben den Garten betraten und Zeugen dieſer Scene wurden. „Der Menſch iſt verrückt, verfolgt mich mit Liebes⸗ geſtändniſſen!“ rief ſie den theils Verwunderten, theils Er⸗ ſchrockenen zu.„Er wurde ſo unverſchämt— ich konnte ihn mir nicht anders fern halten!“ Ihr Vater pfiff dem Hunde, der nur widerwillig und knurrend von ſeiuem Opfer ließ. Der alte Herr eilte zu dem ehemaligen Hofmeiſter und gerieth in namenloſe Be⸗ ſtürzung, als er ihn regungslos in der Höhlung des alten Baumes lehnen ſah— die Kleider zerfetzt, mit Blut be⸗ ſudelt, das Geſicht leichenhaft blaß. Er hielt ihn für todt, entdeckte jedoch bald zu ſeiner großen Erleichterung, daß er nur ohnmächtig ſei. Schleunig ließ er einen Wagen an⸗ ſpannen, den Bewußtloſen hineintragen und nach Hauſe fahren. Er fürchtete bei dem Erwachen deſſelben eine ſkan⸗ dalöſe Scene und beeilte ſich, ihn vor der Ankunft ſeines künftigen Schwiegerſohnes fortzuſchaffen. Der Hauptmann hatte ſich nur auf einige Stunden entfernt; ſein Regiment hielt eben in der Nähe einige Uebungen ab und er lag wäh⸗ rend dieſer Zeit in Wollier im Quartier. IX. Katharina bat die Anweſenden, ihrem Bräutigam nichts von dieſem Auftritt zu ſagen, was verſprochen und vor⸗ Man gab ſich den Anſchein, 4— knirſchte die kleinen 3 kein Mit⸗ ftig ſchmer⸗ lit bitterem edu kannſt. errath—, Vergebens war Nie⸗ 3 im Gar⸗ es Gebüſch räulein mit War jenes ertappt wur⸗ n der Nähe ¹“ rief ſie evon Kind⸗ nacht hatte. “ rief der das denn äthchen, du wie ich dich ſſer Stelle! kann dich die Hände d hetzte den vermochte twärts, un⸗ pen Zuſam⸗ erwillig und Feierſtunden. 1864. —— —— an die Unverſchämtheit des jungen Candidaten zu glauben, obgleich man innerlich davon überzeugt war, Katharina habe ihm dazu Anlaß gegeben und es auch hinter ihrem Rücken, im Kreiſe von Vertrauten, ſchonungslos ausſprach. Man hatte auch ohnedies Urſache, über ſie zu reden, erzählte ſich, wie das junge Mädchen anfangs eine außerordentliche Gleich⸗ giltigkeit, eine an Beleidigung grenzende Nichtachtung gegen den Hauptmann gezeigt, um ihn dadurch zu reizen, heraus⸗ zufordern, wenigſtens auf ſich aufmerkſam zu machen. Bei Käthchens großer Schönheit gelang ihr das freilich um ſo ſchneller, und ein plötzliches Entgegenkommen feſſelte den Offizier um ſo ſicherer. Er zog ſich von Charlotte zu⸗ rück, kam immer öfter nach Wollier, und als er jetzt einige Tage ganz in ihrem Hauſe weilte, ward die Leidenſchaft, welche ſie ihm, wie Johannes, einzuflüſtern gewußt, Herr über etwaige Bedenken, die er noch hegen mochte. Dem Geſtändniß ſeiner Liebe war die Verlobung ſogleich gefolgt, ſo wollte es Käthchen. Vor der Rückkehr Barms, deſſen ſchwärmeriſche Liebe ihr ſchon ſeit einiger Zeit langweilig geworden, wollte ſie Braut ſein, meinte: er werde ſich in das Unabänderliche finden müſſen, wie ſeine Schweſter, deren Hoffnungen ja auch getäuſcht worden. Es waren erſt wenige Stunden verfloſſen, ſeitdem Barm Vormittags, in ſelige Träumereien verſenkt, in ſeine Vaterſtadt einfuhr. Wie verſchieden waren aber ſeine Em⸗ pfindungen, als der Wagen jetzt über das holperige Pfla⸗ ſter raſſelte. Deutlich bewußt wurde er ſich derſelben und dieſes grellen Contraſtes freilich nicht. Das Einzige, deſ⸗ ſen er ſich ſpäter noch erinnerte, war ein furchtbarer, herz⸗ zerreißender Anblick. Man hatte ſeine Schweſter eben aus dem Waſſer gezogen und in das Elternhaus gebracht. Er lachte grell auf und verfiel dann in Tobſucht, raste fürch⸗ terlich, mußte in's Irrenhaus gebracht werden. Die Eltern ertrugen dieſe Schläge nicht lange. Sie ſchliefen bald neben der Tochter, welche am Zaun des Fried⸗ hofes zur letzten Ruhe gebettet worden. Man wollte zwar behaupten, das Mädchen ſei zufällig verunglückt, allein dieſer Zufall gerade am Tage, nachdem der Mann ſich verlobte, welchen ſie Jahre hindurch ſtill im Herzen getra⸗ gen hatte, und dann als ihren Bräutigam zu betrachten Urſache gehabt, war in der That zu auffallend. Es ſtand Jedem frei, davon zu denken, was er wollte; es kam nie zu Tage, ob ſie zufällig oder abſichtlich den Tod in den Wellen gefunden hatte; ſie nahm das Geheimniß in das Grab und fragte nun nicht mehr nach dem Urtheil der Welt, empfand auch nicht mehr das bittere Leid, welches ſie gequält hatte, ſeitdem der Hauptmann ſich von ihr und ihrem Hauſe zurückzuziehen begonnen. 2 Die Eltern lebten noch lange genug, um große Ver⸗ luſte an ihrem Vermögen zu erfahren. Einige Perſonen, bei welchen ihre Gelder ſtanden, machten Bankerott. Scheint ſich das Unglück doch nicht leicht zu erſchöpfen, wenn es einmal ein Haus auserwählt hat. Freilich mochten ſie dieſe Verluſte wenig kümmern; die Tochter war todt, der Sohn unheilbar wahnſinnig— was nützte da Geld? Und den⸗ noch, wie würde es ſie geſchmerzt haben, hätten ſie gewußt, daß ihr einziger Sohn, der Stolz, die Freude und die Hoffnung ihres Lebens, einſt mit Lumpen ſeine Blöße decken und der Sorge der ſtädtiſchen Behörde, der Armenpflege — eine traurige Pflege— anheimfalle! Wohl den Todten! Und die Lebenden? Sie beklagten die unglückliche Fa⸗ milie und vergaßen ſie dann. War im Grunde nicht auch die Ueberſpanntheit der Zwillingsgeſchwiſter an Allem üähe Charlotte hätte ja, wenigſtens bevor ihre Eltern ſo große 539 AeAeeee Vermögensverluſte erlitten, noch immer einen Andern be⸗ kommen können, nachdem der Hauptmann die junge, blen⸗ dend ſchöne, ſo verführeriſche Katharina Richter ihr vorge⸗ zogen hatte, brauchte darum nicht Vergeſſenheit in den Wel⸗ len des Stromes zu ſuchen. Und die Untreue eines ſchönen, jungen und überdies leichtfinnigen Mädchens iſt auch nichts Seltenes— wollte Jeder darüber den Verſtand verlieren, es gäbe viel Narren in der Welt. Uebrigens war es ja ſchon gegen den geſunden Menſchenverſtand, ein Mädchen, wie Katharina, ſo ſchwärmeriſch zu lieben. Dennoch verdachte es kein Mann dem Offizier, daß er für die ſchöne Richter eine glühende Leidenſchaft empfand. Sie wurde allgemein gefeiert, ſeitdem einmal die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſie gelenkt worden, und noch weniger war Je⸗ mand geneigt, ihm einen Vorwurf wegen ſeines Benehmens gegen Charlotte zu machen. Warum hatte ſie ſeine Achtung und Freundſchaft, wie ſeine Dankbarkeit für die einſtige Pflege, für Liebe gehalten und darauf Hoffnungen gebaut? Trotzdem ließ er ſich in eine entfernte Gegend verſetzen. Als ſpäter Katharina's Vater ſtarb, wurde das Gut ver— pachtet, und das junge Paar kam nur einmal in die Ge⸗ gend, damals, als mit dem Irrſinnigen der Auftritt in der Kirche ſtattfand. Jetzt, als Rother von Wolfenhag neuerdings in die alte Garniſon verſetzt wurde, waren ſeitdem wieder viele Jahre verfloſſen. Er und ſeine Frau hatten den Verrück⸗ ten wohl längſt vergeſſen. Ich war damals noch jung, begriff alſo nicht, daß es dieſem Paare wohl gehen könne. In Kurzem überzeugte ich mich von meinem Irrthum. Reichthum, Anſehen, Ge⸗ ſundheit, blühende, wohlgebildete Kinder— Alles, was dem Menſchen als Glück erſcheint, das vereinigte ſich in dieſem glänzenden Hauſe. Und es war in der That ein glänzen⸗ des Haus, das der Major, oder vielmehr ſeine Frau machte. Wenigſtens übertraf es Alles, was bisher in meiner Vater— ſtadt dageweſen. Ich hatte mir gedacht, die Frau, welche als junges Mädchen nicht allein ſo leichtſinnig, ſondern auch ſo roh und herzlos geweſen, habe ihren Gatten dafür büßen laſſen, daß er ſich mit ihr verbunden. Doch nein, Frau Katharina Rother von Wolfenhag, ſo gern ſie Hul⸗ digungen angenommen und ſo viele ſie deren auch bei ihrer Schönheit empfangen, hatte ihrem Gatten die muſterhafteſte Treue bewahrt. Sie liebte ihn ſogar und ihre Ehe war glücklich. Er hatte ihr ja eine Stellung gegeben, wie die⸗ ſelbe ihrem Stolz und Hochmuth zuſagte— denn zu glän⸗ zen, Andere zu überſtrahlen, war ihr ein Hauptbedürfniß. Sicherlich ſtimmte der Major darin mehr mit ihr überein, als ihr erſter Geliebter, der hochgebildete und etwas über⸗ ſpannte Candidat, mit dem ſie das Verhältniß eben nur angeknüpft hatte, weil ſich kein anderer junger Mann in der Nähe befand. Sterbend hatte mein armer alter Freund vergeben— ich konnte es nicht; mein Gerechtigkeitsgefühl empörte ſich zu lebhaft— ich vermochte dieſen Leuten, und namentlich der Frau, nicht freundlich, Fnicht einmal höflich zu begeg⸗ nen, zeigte auch wohl unverholen meine Geringſchätzung — meinte, ſie müßten von Jedermann mit ſolcher behan⸗ delt werden. Thörichte Grille des jugendlichen Hirns! Die Vornehmſten beeiferten ſich, Theil an den reichen Feſten der Rother von Wolfenhag zu nehmen, mit der noch im⸗ mer ſchönen Frau, der es keine Andere an Aufwand gleich thun konnte, möglichſt genau bekannt zu werden. Vielleicht wäre das überall nicht anders geweſen, in meiner Heimath mußte es erſt recht ſo ſein. In Reſidenzen 68* 540 Feierſtunden. 1864. —y—ÿ—õ—————— bildet der alte Adel, in Handelsſtädten das ehemalige Patri⸗ zierthum einen Kern, an welchen nur gleichartige Elemente anſchießen dürfen— in Grenzſtädten, in einer Gegend, welche eben erſt koloniſirt und civiliſirt wird, iſt das ganz anders. Es fehlt da alles Stabile, die Zuſtände gleichen in mancher Hinſicht denen jenſeits des Weltmeers. Wer hierher kommt, ſiedelt ſich ſelten für immer, oder nur da⸗ rum an, um etwas zu gewinnen. Es ſind Beamte aus andern Theilen des Staates, die ihre Hierherverſetzung mit Leidweſen, oft ſogar mit einer Art Schauder vernehmen, und ſich von Herzen darnach ſehnen, möglichſt bald wieder fort zu kommen. Es ſind Kapitaliſten, die ihr Geld hier im Grundbeſitz oder Spekulationen beſſer anzulegen hoffen, als in dem mit Kapital und Intelligenz mehr verſehenen — oder ſagen wir: überfüllten?— Deutſchland. Die Moral der Grenzbewohner wird ſchon durch die Zölle und die Defraudationen corrumpirt, und die höheren Klaſſen entziehen ſich dem Einfluß der niedern kaum jemals. Ich will damit durchaus nicht ſagen, es gebe in dieſem Winkel des Landes nicht im höchſten Grade achtbare Männer, ver⸗ ehrungswürdige Frauen. Allein wie den Bewohnern der Grenzſcheide zweier Länder und Völker häufig ein beſtimmter Typus, das feſte eigenthümliche Gepräge dieſes oder jenes Volksſtammes fehlt, weil ſie eben Miſchlinge ſind, ſich durch Zuzügler aus aller Herren Länder ergänzt haben, ſo wird es im Ganzen mit mancherlei, ſelbſt mit Grundſätzen, etwas weniger ſtreng genommen, wie in andern Gegenden. Es herrſcht, wie in dem jungen Amerika, im Gegenſatz zum alten Europa, in dieſen der deutſchen Sitte erſt vor ver⸗ hältnißmäßig kurzer Zeit gewonnenen Strichen oft eine größere Regſamkeit, auf der andern Seite aber auch wie⸗ der eine Laxheit der Begriffe und eine gewiſſe Bonhommie, welche über Vieles ein Auge und im Nothfalle auch beide Augen zudrücken läßt. Gewaltthätige Charaktere ſind hier noch häufiger, als in civiliſirteren Gegenden, und finden mehr Entſchuldigung, weil das Volk ſehr roh iſt.— Der Reichthum gilt jetzt zwar überall Alles, hier aber noch etwas mehr. Ein großes Haus machen können und es machen, deckt Alles zu. Einzelne nehmen es damit zwar genauer, die Meiſten aber verfahren, wie einer angenehmen und äußerlich anſtändigen Reiſegeſellſchaft gegenüber. Wer fragt da nach anderen Dingen, als nach dem Wohin und Woher; die Hauptſache iſt, ſich gut zu unterhalten. Oft wäre es auch unbeſcheiden, tiefer in die Verhältniſſe einzudringen. — Es iſt hier mehr Kommen und Gehen, d. h. Herziehen und Fortziehen, als in gleich großen oder gleich kleinen Städten im Mittelpunkte des Landes; man lebt ſchneller, als dort, faſt ſo ſchnell, wie an großen⸗Orten— Gras wächst über dem, was vor Kurzem geſchah; was Decen⸗ nien rückwärts liegt, gehört längſt der Tradition an. Seit⸗ dem das Dampfroß durch unſere, von dem ſcharfen Oſt⸗ winde überwehten Ebenen ſaust, iſt das Alles freilich noch in erhöhterem Maße der Fall, allein es läßt ſich auch ſchon von jener Zeit ſagen, in welcher mein Bekannter aus der Kinderzeit, der arme Irrſinnige, ſtarb. Darum erzählte man ſich auch hinter dem Rücken der Frau Major Rother von Wolfenhag, ſie habe einſt den verrathenen Geliebten durch die Hunde von ihrem Hofe hetzen laſſen, ſchmückte die an ſich ſchon furchtbare Wahr⸗ heit mit noch furchtbareren Erfindungen aus. Das hinderte jedoch nicht, daß ſie die erſte Frau in der Stadt war. Man ſpottete heimlich darüber und beneidete ſie im Grunde, daß ſie immer die neueſten und eleganteſten Moden trug und ſofort ablegte, was Andere ſich auch anſchafften. Allein ——;— — man ertrug geduldig den Stolz und Uebermuth, welchen nicht nur ſie ſelbſt gegen ihr Gleichſtehende durchblicken ließ, ſondern der auch ihren, übrigens ſehr hübſchen, Kindern angeboren ſchien. X. Ich nahte meiner Vaterſtadt, von der ich wieder lange fern geweſen war. Viele, viele Mal hatte der Winter ſeine Schneeflocken, der Lenz ſein Grün über den Hügel gebrei⸗ tet, unter welchem der alte Jaſch neben den Seinigen ſchlummerte. Die Wogen der Zeit und des Lebens waren über ſein Andenken gerauſcht, hatten es fortgeſpült aus aller Erinnerung— aus der meinigen nicht. Oft hatte ich ſeiner gedacht, vielleicht auch deßhalb, weil ich die Wahr⸗ heit der Worte, welche er, wie im prophetiſchen Geiſt, zu dem kleinen liebenden Mädchen geſprochen, erfahren und er⸗ lebt hatte. Und wie tief und ſchmerzlich!— Vielleicht erinnerte ich mich auch darum ſeiner mehr, als es ſonſt der Fall geweſen wäre, weil ich noch immer nicht jene Er⸗ kenntniß errungen hatte, die den Unglücklichen ſelbſt in ſei⸗ ner Geiſtesverwirrung erhob, die erhabene Erkenntniß:„Es iſt beſſer, ſelbſt leiden, als Andern Leiden verurſachen!“ Noch empörte ſich mein Herz heiß dagegen, war nicht ab⸗ gekühlt von Alter und Erfahrung, heiſchte für den Guten auch hinieden Glück— und Strafe für den Schuldigen. Der Wind trug die Klänge der Glocken aus der Hei⸗ math herüber. Das Geplauder im Poſtwagen verſtummte. „Ein Begräbniß— wer mag es ſein?— Und alle Glocken— alſo ein Reicher. Wer nur?“ Eine Frau, welche erſt auf der letzten Station einge⸗ ſtiegen war, gab darüber Auskunft. „Es iſt Frau Oberſtlieutenant Rother von Wolfen⸗ hag; ſie ſtarb vor drei Tagen am Nervenſchlag, man fand ſie Morgens ſanft entſchlafen.“ In meiner Bruſt wallte es wild gährend auf. Auch noch ein ſanfter Tod, ihr, die ſich wenigſtens in qualvoller Todespein hätte winden müſſen! Iſt das Gerechtigkeit? Ich fühlte mich in die Vergangenheit zurückverſetzt, ſah die⸗ ſen Blick, mit dem der zerlumpte, blutende Verrückte ſich beſinnend, mit wiederkehrender Vernunft, auf ſich und um ſich ſchaute; kniete wieder an dem Sterbelager im Hoſpital, wo ein edler, reichbegabter Menſch auf ſein zertretenes, vernichtetes Leben zurückſchauend, zwar großſinnig nach Ruhe und Ergebung rang und ſie errang, doch erſt, nachdem er furchtbar, o wie unſäglich furchtbar gelitten hatte. Ich dachte an die Eltern, welche verzweifelnd ſtarben, an das Mädchen, das im Fluſſe endete. Und Katharina Richter entſchlief ſtill und ſanft, wie ein ſchuldloſes Kind, das in den Schooß des Vaters zurückkehrt!— Ja, ſelbſt über den Tod hinaus, der alle Menſchen gleich machen ſoll, welch' greller Contraſt! Die prunkloſe Beerdigung der Selbſt⸗ mörderin, das ſtille Begräbniß des Vaters, der Mutter, an deren Sarge kein Kind weinte, endlich die Beſtattung des unglücklichen Johannes vom Spital aus! Jener ward kaum eine Ruheſtätte in geweihtem Boden gewährt, gegen dieſen bewies ſich ſelbſt die Allmutter Erde ſtiefmütterlich, indem ſie, hart gefroren, dem Herzen der treuloſen Gelieb⸗ ten gleichend, ſich weigerte, den Unglücklichen aufzunehmen. Die Jahreszeit, in welcher er ſtarb, bot keine Blumen für ſein Grab— hatte das Schickſal doch auch, außer den erſten Frühlingsblüthen, keine für ſein Leben gehabt.— Und dagegen dieſer prunkende Leichenconduct der Frau Obriſtlieutenant! Ich ſah ihn im Geiſte, den eichenen, reich th, welchen blicken ließ, n, Kindern vieder lange Vinter ſeine igel gebrei⸗ Seinigen dens waren doſpült aus Oft hat h die Wahr⸗ en Geiſt, zu gren und er⸗ — Velleicht als es ſonſt icht jene Er⸗ ſelbſt in ſei⸗ antniß:„Es erurſachen!“ ar nicht ab⸗ den Guten Schuldigen. aus der Hei⸗ verſtummte. — Und alle tation einge⸗ pon Wolfen⸗ n , man fand auf. Auch in qualvoller herechtigkeit! tzt, ſah die zerrückt ſich ſich und um im Hoſpita r zertrtenes ig vacj Ruhe nachdem e hatte Feierſtunden. 1864. ———;—; 541 —————— dienſtliche Feier bei der Beiſetzung ſeiner Gemahlin einge⸗ weiht ward. Meine Gedanken ſchweiften davon zu den ver⸗ ſunkenen Hügeln an der Einfriedigung. Von den Blumen, ——:ͤ——Y—————ÿ——ä:e:õͤ———nn;O;O— mit Silber verzierten, mit Blumenkränzen geſchmückten Sarg; umgeben von allen Geiſtlichen des Ortes, dem trauernden Gatten, drei blühenden Söhnen und einem hoch⸗ geborenen Schwiegerſohn. Und hinter dem endloſen Zuge welche die Hand der Mutter auf das Grab der Tochter des Fußgängergeleites die noch endloſere Reihe der Karoſſen, pflanzte, war nur ein Roſenſtock übrig geblieben, aber er denn Jedermann in der Stadt, der eine beſaß, hatte ſie zu blühte ſchon längſt nicht mehr, wies außer Blättern nur ſenden für Pflicht gehalten, oder es ſich zur Ehre geſchätzt. Dornen auf. Waren doch zu bittere Thränen auf dieſe Der vorderſte Wagen, die Equipage der Verſtorbenen, ent⸗ Schlummerſtätte gefloſſen, um Blumen gedeihen zu laſſen. hielt die einzige Tochter Thoska, vermählte Gräfin Sont⸗ Dagegen grünte und blühte, wie man mir geſchrieben, der heim, an ihrer Seite ein zartes Kind, das die Todte ſtam⸗ Hollunder, den eine Fremde auf das Grab des Unglück⸗ melnd„Großmutter“ genannt hatte. Ich ſah auf dem lichen geſteckt, deſſen ſchönſte Lebenszeit ſo ſchaurig ver⸗ inzwiſchen größtentheils zu einem Blumengarten umgeſtal⸗ düſtert geweſen, der in friſcher kräftiger Jugend den höch⸗ teten Friedhofe das ſchöne und geſchmackvolle Gewölbe, welches, wie meine Reiſegefährtin mittheilte, der Obriſt⸗ lieutenant hatte bauen laſſen, das nun durch eine gottes⸗ ſten Beſitz des Menſchen verlor, um ihn erſt ſterbend wie⸗ der zu finden. Während meiner Abweſenheit hatte ich wenig von (Zu Seite 543.) Wolfenhags gehört, doch wußte ich, daß der alte verdiente Offizier ſeinen Abſchied genommen, daß die Familie eine Zeit lang auf dem Gute gelebt, es hierauf verkauft haͤtte und in die Stadt gezogen war. Sämmtliche drei Söhne waren Lieutenants geworden, nebenbei auch ein wenig der Schrecken der Ehemänner oder Eltern, und unwiderſtehlich liebenswürdig für junge Damen. Thoska, die einzige Toch⸗ ter und der Mutter Liebling, war ſchön und vielgefeiert. Die Mutter hatte mit der Tochter Zuſtimmung unter der Menge Bewerber einen Cavallerie⸗Lieutenant erwählt, haupt⸗ ſächlich, weil er aus einem der älteſten gräflichen Geſchlech⸗ ter Deutſchlands ſtammte. Meine Reiſegefährtin erzählte noch mancherlei, bevor wir das Poſthaus erreichten. Die Leute in Wollier hatten nach dem Verkaufe des Gutes ihrem Herrgott auf den Knieen gedankt, daß ſie von der gnädigen Frau befreit waren allerdings Kleinigkeiten, doch charakteriſtiſche. Das waren, die ſie auf jede mögliche Weiſe gedrückt, geſchunden hatte. Die Ausſtattung der Tochter, wie die Einrichtung für das erhoffte Enkelkind, war koſtbarer geweſen, als die mancher Prinzeſſin, hatte die ganze Stadt und Umgegend in Aufregung, Staunen, Bewunderung und Neid verſetzt. Dann kamen Anekdoten von Mutter und Tochter; jene hatte einſt einer Putzmacherin alle Arbeit und damit den Lebens⸗ unterhalt entzogen, weil dieſelbe es gewagt, ihr Hütchen, zwar nicht mit denſelben Stoffen, doch in derſelben Art zu garniren, wie ihre Tochter, die Braut eines Grafen, ihren Hut garnirt trug. Die Tochter war in die ſehr ge⸗ füllte katholiſche Kirche gekommen. Sie ſah ſich vergebens nach einem leeren Platz um, trat dann vor ein junges Mädchen, welches einen ihr zuſagenden inne hatte, und ſprach in ihrer brüsken Weiſe:„Ich bin die Gräfin Sont⸗ heim!“ Verwirrt erhob ſich die alſo Angeredete und räumte den Sitz, welchen als ein Recht zu beanſpruchen die junge Dame nur die Nennung ihres Namens nöthig dünkte. Dies Schmettern des Poſthorns unterbrach ſie, der Poſtillon blies luſtig:„So leben wir,“ und wir raſſelten in den Poſthof. In Kurzem erfuhr ich jedoch, es ſei auch hier nicht 5⁴² ———n—ͤ——— Alles Gold, was glänze— die Todte nicht ſo beneidens— werth geweſen, wie die Leute meinten. Die Thränen einer verzweifelnden, ihrer Kinder beraubten Mutter waren doch auf das Herz der Schuldigen gefallen, als eine Saat der Rache aufgegangen. Oder vielmehr, die reiche vornehme Frau hatte geerntet, was ſie ſelber geſäet, ſie ward an ihrer empfindlichſten Stelle, in ihrer Mutterliebe und ihrem Stolz, tödtlich verletzt. Die Söhne waren geworden, was ſich nach ihrer Erziehung und ihrem Naturell vorausſehen ließ: Verſchwender und rohe Wüſtlinge. Die Eltern hat⸗ ten ſich mit ihnen völlig überworfen, nachdem ſie ihre Schulden unzählige Male bezahlt. Der Eine mußte ſeinen Abſchied nehmen, verheirathete ſich mit einem hübſchen, aber ungebildeten Mädchen aus niederem Stande, trat eine kleine Pachtung an, machte aber bald Bankerott. Der plötzliche Tod der Mutter kam ihm und ſeinen Brüdern ſehr er⸗ wünſcht, ſie hofften auf das Erbe. Da hatte die hoffähr— tige Frau alſo nicht allein einen verwundbaren, ſondern auch ſehr wunden Fleck gehabt, und die Liebe der Tochter ſicherlich nicht Balſam darauf geträufelt. Thoska war im reiferen Alter nicht minder herzlos, wie ſie ſich ſchon als Kind zeigte. Damals hatte der Stolz der Kleinen die Mut⸗ ter erfreut; daß ſie jetzt zuweilen unter der Gemüthloſigkeit der Tochter gelitten, war kaum zu bezweifeln. Sie hatte ſich nicht beklagt, hatte, wie im Tode auch bis zu demſel— ben, ſtets ein Lächeln auf den Lippen gehabt, obgleich es in ihrem Innern traurig und dunkel geweſen ſein mußte. Wenigſtens verrieth es nicht kindliche Liebe, daß die junge Frau an der Leiche der Mutter ſich lebhaft freute, daß Schwarz ſie ſo gut kleide; daß ſie auf den Traueranzug ſo große Sorge verwendete und ſich über den Verluſt nur da⸗ rum betrübt zeigte, weil ſie nun den Nachlaß der Mutter mit den Brüdern theilen müſſe, während ſie ſonſt die Revenüen des Vermögens allein mit ihr genoß. Und doch war ſie der verzärtelte Liebling geweſen, von der Mutter ſtets mit einer Art Vergötterung umgeben, hatte auch nach ihrer kurzen, höchſt unglücklichen Ehe keine andere Stütze, als die Mutter gehabt. In dieſer angebeteten Tochter war die Todte am Tief⸗ ſten verletzt worden. Der nur aus Snandesrückſichten ge⸗ wählte Schwiegerſohn hatte ſeinerſeits nur aus pecuniären Rückſichten gewählt und war, trotz ſeiner vornehmen Ge⸗ burt, ein gemeiner Menſch. Die Mitgift der jungen Frau reichte eben nur für ſeine Schulden und einige Abende am Spieltiſch. Als die Schwiegermutter nicht, wie er erwar— tet hatte, bedeutende Zuſchüſſe machte, mißhandelte er Thoska, und dieſe flüchtete zur Mutter. Die Frau Obriſt⸗Lieute⸗ nant liebte ihre Tochter; ſie war auch als leidenſchaftlich geliebte Gattin und reiche Erbin gewöhnt, das Uebergewicht über den Ehegemahl zu haben. Sie hatte es als ſelbſtver⸗ ſtändlich angenommen, ihre Tochter werde den Grafen eben ſo beherrſchen, wie ſie den Obriſt⸗Lieutenant; verſtand doch Thoska das Herrſchen ſchon von jeher ſo vortrefflich! Und nun war dieſe, ihr einziges Kind, die Gräfin Sontheim, von ihrem Manne geſchlagen worden! Wer der Mutter hochmüthigen Sinn kannte, der begriff, wie furchtbar ſie darunter litt, obwohl ſie ſich an der Wiege des Grafen⸗ kindes noch hochmüthiger zeigte, als vorher. Leider war die kleine Gräfin Regine ein ſo häßliches und kränkliches Kind, wie ſelten eins. Die eigene Mutter wandte ſich wider⸗ willig von dem unglücklichen kleinen Weſen, das ſie über⸗ dies an ihre kurze Ehe gemahnte, aus der ſie nichts Ange⸗ nehmes, als den Grafentitel behalten hatte. Die Groß⸗ mutter aber hatte das kränkliche Geſchöpf gehegt mit einer Feierſtunden. 1864. — ——;— Zärtlichkeit, welche die ſpottſüchtige Welt Affenliebe nannte, die mich aber mit der herzloſen Frau einigermaßen aus⸗ ſöhnte. Manche Nacht hindurch hatte ſie bei dem kranken Kinde gewacht, und wie düſtere, anklagende Gedanken, welche drohende, geſpenſtiſche Geſtalten mögen da in der ſtillen Mitternacht, von Niemand belauſcht, in ihrer Seele auf⸗ geſtiegen ſein! Grund zur peinlichſten Sorge hatte ſie wenigſtens ge⸗ habt. Für ſich ſelber war ſie durch den plötzlichen Tod, der ſich zur rechten Zeit einſtellte, freilich jeder Noth ent⸗ hoben, allein um die Zukunft der Ihrigen hatte ſie ernſt⸗ lich bangen müſſen. Ihr Vermögen, von ihr ſelber ver⸗ waltet, galt für ungeheuer. Zu Aller Ueberraſchung und zur großen Beſtürzung der Erben hinterließ ſie nur wenige tauſend Thaler. Der unſinnige Aufwand, den ſie ſeit ihrer Verheirathung gemacht, hatte Alles verzehrt. Der Obriſt⸗Lieutenant, von jeher im Hauſe nur eine Nebenperſon, war in der letzten Zeit zum Statiſten herab⸗ geſunken. Es hieß, er ſei tiefſinnig, Andere behaupteten: das Muckerthum habe ihm den Kopf verrückt. Er betete und ſeufzte viel, ſprach wenig und ließ ſich bei Vergnügun⸗ gen und öffentlichen Anläſſen nie ſehen, ging immer allein, nur von einem großen Hunde begleitet, ſpazieren und ge⸗ berdete ſich dabei oft höchſt ſeltſam. Nach dem Tode ſei⸗ ner Frau zog er ſich nach Wollier, wo er ſich beim Ver⸗ kauf ein Gartenhäuschen reſervirt hatte. Die Tochter mit der Enkelin begleitete ihn, hielt es aber nicht lange in der Einſamkeit aus und kehrte nach der Stadt zurück. Das Kind blieb bei dem Großvater.— Ich beſuchte häufig eine Freundin, die auf dem Lande, in der Nähe von Wollier, die Molkenkur brauchte. Dabei erblickte ich den greiſen Offizier einige Male von fern. Die hohe Geſtalt gebeugt, den Blick traurig zur Erde geſenkt, ſchritt er langſam auf den Waldpfaden vorwärts, auf welchen einſt das ſchöne Käthchen an ſeinem Arme dahinſchwebte, auf denen ſie auch dem früheren Geliebten entgegen gegangen war. Begegne⸗ ten Leute dem alten Manne, ſo wich er ihnen ſcheu aus, beobachtete man ihn unbemerkt, dann hörte man ihn leiſe zu ſich ſelber oder zu dem Hunde reden, einem Abkömm⸗ ling jener Diana, welche das junge Fräulein, überhaupt eine Liebhaberin von Hunden und Pferden, ſehr gerne gehabt hatte. Mitunter blieb er ſtehen, zog die rothberandete Mütze ab, faltete die Hände und betete halblaut. Die unzuſam⸗ menhängenden Worte, die er vor ſich hin zu murmeln pflegte, verriethen tiefe Seelenpein, hatten ſtets einen Zu⸗ ſammenhang mit der Barm'ſchen Familie, oder waren Stoßſeufzer zu Gott, ihm ſeine Sünden zu vergeben. Der Kummer, welchen ſeine Kinder ihm und ſeiner Frau berei⸗ teten, ſchien ihm ein Strafgericht Gottes, die Erfüllung des Fluches, womit ein anderes Elternpaar von hinnen ge⸗ gangen, die Verwirklichung jener Drohung, welche den Uebertretern der göttlichen Gebote die Strafe noch in den Nachkommen ankündigt— der Drohung, welche der Wahn⸗ ſinnige dem ſtattlichen Paar in der Kirche zurief. Der alte Herr dachte gewiß viel des Unglücklichen, der nun ſchon ſo lange vom Leben ausruhte. Jene Begeg⸗ nung auf der Straße, ehe der Irre ſein Bewußtſein wie⸗ der erhielt, mußte einen unauslöſchlichen Eindruck auf ihn gemacht haben. Ich ſah ihn einſt, wie er, auf der Erde kauernd, vor ſich hin knurrte, ganz ſo, wie der Wahnſinnige es zu thun pflegte. Sein Antlitz war blutlos, das Haar geſträubt; er ſchien mit Entſetzen dieſen ſchaurigen Tönen zu lauſchen, und doch durch eine unwiderſtehliche Nothwen⸗ digkeit dazu gedrängt, ſie immer wieder auszuſtoßen. War ſtadt galt. ſuche heiße mein einſt, vereir werde Leben ich vo acker. dächtn Kindh verwe ſich i breiten Stelle verſur dolden Lhel ein zal im Ar⸗ wenigf Gerech ſer S Staub tere, f Schul dem te ſer Ge Rother wie ihl den Il — liede nannte rmaßen aus⸗ dem kranken anken, welche der ſtillen : Seele auf⸗ -nigſtens ge⸗ glichen Tod, Noth ent⸗ t ſie ernſt⸗ ſelber ver⸗ dſchung und nur merige ſie ſeit ihrer uſe nur eine en herab⸗ behaupteten: . Er betete Vergnügun⸗ mmer allein, ren und ge⸗ n Tode ſei⸗ beim Ver⸗ Tochter mit lange in der urüc. Das e häufig eine von Wollier, den greiſen talt gebeugt, gſam auf nen ſie auch Sagegile⸗ n ſcheu aud, in ihn leiſe n Abkömm⸗ erhaupt tine erne gthabt andete Mütze ie unzuſom⸗ au murmeln 59 Au⸗ zeinen Zu⸗ oder waken aeben. Der I„ 1 das ſchöne — Feierſtunden. 1864. —öẽẽᷓłõ die ſich der alte Mann, das eine Buße, eine Kaſteiung, von ſeinem Gewiſſen gequält, auferlegte? Oder war es eine unwillkürliche Nachahmung, der endlich zur Gewohn⸗ heit gewordene Trieb, ſolche Laute hervorzubringen, wie ſein liebſter, zuletzt faſt einziger Geſellſchafter, der Hund? Ich wußte es nicht, aber ich war tief erſchüttert und die Dienſtleute erzählten, daß er es oft ſo treibe, ſchon bei Lebzeiten der Frau ſo getrieben habe; ſein Trübſinn und ſein Gebetseifer aber immer zunehme und er die halben Nächte ſtöhnend und betend auf den Knieen liege. Ich begriff, es ſei beſſer, ſelbſt zu leiden, als An⸗ dern Leiden zu verurſachen. XI. Vorausſichtlich zum letzten Male hatte ich meine Vater⸗ ſtadt beſucht, wobei es die Abwickelung einiger Geſchäfte galt. Die Meinen konnte ich nur auf dem Kirchhofe be⸗ ſuchen. Ich hatte ſie tief betrauert, allein nicht mit dem heißen, ungeſtümen Leid der Jugend. Neigte ſich doch auch mein Leben ſchon längſt abwärts, wußte ich doch, ich würde einſt, vielleicht bald, mit all' den vorangegangenen Lieben vereint ſein. Wenn der Abend herabſinkt, pflegt es ſtill zu werden im Menſchenherzen wie in der Natur, und mein Lebensabend war hereingebrochen. Von einer Freundin zum Bahnhof begleitet, machte ich vor meiner Abreiſe einen kleinen Umweg zum Gottes⸗ acker. Wir traten auch zum Grabe des Armen, deſſen Ge⸗ dächtniß mit allen Phaſen meines Daſeins, mit meiner Kindheit, meiner Jugend und dem reiferen Alter ſo eng verwebt war. Der Flieder, den ich darauf gepflanzt, hatte ſich über die Grabſtätten Charlottens und der Eltern ver⸗ breitet, und bildete einen einzigen großen Buſch auf der Stelle, an welcher ſich einſt vier Hügel befanden, die jetzt verſunken und unkenntlich waren. Die weißen Blüthen⸗ dolden ſtrömten ihren würzigen Duft in die warme Früh⸗ liussluft, welche in dem vornehmen Theil des Friedhofes ein zahlloſes Heer von prächtigen Blumen, und auch hier, im Armenviertel, einzelne Knoſpen und Blüthen, oder doch wenigſtens friſche Grashalme, hervorgeſchmeichelt hatte. Nicht wie einſt, lautklopfenden, empörten Herzens, Gerechtigkeit, auch wohl Rache heiſchend, ſtand ich an die— ſer Stelle. Ich war ja alt geworden. Die Handvoll Staub in dieſen verfallenen Gräbern ſchien mir durch bit⸗ tere, feindliche Gedanken entweiht zu werden, und die ſchwere Schuld längſt geſühnt. Wehmüthig ſchaute ich hinüber zu dem tempelartigen Gewölbe zwiſchen Cypreſſen— in die⸗ ſer Gegend eine Seltenheit— welches die Aſche der Frau Rother von Wolfenhag barg. Es war nach ihrem Tode, wie ihr übriger Nachlaß, verkauft worden; Fremden, nicht den Ihrigen, gehörte die ſchöne, geſchmackvolle Gruft— nur ihr Gatte war neben ihr beigeſetzt. Ich hatte während meines kurzen Hierſeins keine Zeit gefunden, mich nach dem Ergehen der andern Familienglieder zu erkundigen, konnte mir aber denken, ſie ſeien, wie es in Schuberts Lied heißt: „Geſtorben— verdorben.“ So war die Schuld der Ju⸗ gend, wie der Hochmuth des ſpäteren Lebens, ja geſühnt — mochten ſie in Frieden ruhen. Vielleicht war auch die— ſer Hochmuth, wie all' der Aufwand, die Hoffahrt, Eitel— keit und Zerſtreuungsluſt, nur die allerdings übel gewählte Hülle geweſen, um die Unruhe des Herzens, die Pein des Gewiſſens, der Welt zu verſchleiern! Wer ſchaut in's In⸗ nere der Menſchenbruſt, wer kennt die wahren Motive des Benehmens, der Handlungen Anderer? Sollten wir doch lieber uns ſelber prüfen, als Andere verdammen. dieſem geblieben, 543 Ein junges Mädchen, auf Gepräge unheilbarer Krankheit, Wermuth auf den Grüften des Armenviertels. Es wuchs hier viel des bitteren Krautes— wie mancher Wermuths⸗ tropfen mochte in dem Lebenskelch derer geweſen ſein, die unter der Raſendecke ruhten? Erſchöpft hatte ſich die Arme auf den Rain geſetzt und ließ ſich von der warmen Früh⸗ lingsſonne beſcheinen. Ein unſagbar trauriges Bild, dieſe Wermuthſammlerin, welche nie Geſundheit und Glück ge⸗ kannt haben mochte, und doch ſo paſſend auf dieſer Schlum⸗ merſtätte der Armen, die auch ſie bald in ihren ſtillen Schooß aufnehmen ſollte.(Siehe Bild auf Seite 541.) Ich wandte mich ab, wir durften nicht länger weilen. Noch einen Blick in dieſem Leben auf dieſe Stätte tiefen Schmer⸗ zes und der Erlöſung von allem Schmerz, heißer Thränen und ungeſtörten Friedens— dann fort, nach dem Bahnhofe. „Weißt du, wer das unglückliche Geſchöpf war?“ fragte meine Begleiterin unterwegs.„Die Gräfin Regine Sontheim, die Enkelin der einſt ſo gefeierten Frau von Wolfenhag.“ Ich erfuhr nun, daß Thoska, nicht an Arbeit gewöhnt, — vielleicht auch zu ſolcher unfähig, hatte ſie doch nie etwas Nützliches gelernt,— der Einſchränkungen bald müde wurde, deren ſie ſich nach dem Tode der Mutter unterziehen mußte. Sie war in die Welt gegangen, es hieß nach Paris und verſchollen. Wer weiß, wo und wie ſie ein elendes und abenteuerndes Leben endete, oder noch fortſchleppte?“ Ihr kränkelndes Kind war bis zu des Großvaters Tode bei dann der Wohlthätigkeit der Bekannten anheimgefallen, die ſich übrigens lau genug erwies. Der Vater hatte durch einen Piſtolenſchuß ſeinem Leben ein Ende gemacht, als er ſeiner Schulden halber den Dienſt quitti⸗ ren mußte. Endlich erwirkte ein Waffengefährte des Obriſt⸗ Lieutenant deſſen beklagenswerther Enkelin eine kleine lebens⸗ längliche Penſion; ſie mußte jetzt bald heimfallen an den Staat. Horace Rother von Wolfenhag war in Folge ſeiner Ausſchweifungen ſchmerzvoll geſtorben, ſein Bruder Rhyn⸗ gulph Fremdenlegionär geworden und im Kampfe gegen die Kabylen gefallen. „Und der Aelteſte?“ fragte ich. Ein lachender, lärmender Trupp Menſchen und Kin⸗ der kam die Straße daher. Ich gedachte unwillkürlich des unglücklichen Irren, der ſo oft den Mittelpunkt einer ſol— chen Verſammlung bildete. „Da iſt er ſelbſt als Antwort auf deine Frage!“ Meine Begleiterin wies auf den johlenden Betrunkenen in der Mitte des Haufens.— Schaudernd warf ich einen Blick auf den Elenden. Wer hätte in ihm den ſchönen Lieutenant erkannt, dem alle Mädchenherzen entgegenflogen? Ich ſah ihn als ſchlanken Fähndrich, wie er ſeinen beſtürzten Vater mit einem faden Witz von dem ohnmächtigen, blutenden Wahnſinnigen fort⸗ zulocken ſuchte. Ich ſah auch Thoska, die ſpätere Gräfin Sontheim, ein bildhübſches Kind, vor mir, wie ſie die langen blonden Locken unter das Hütchen zurückſtrich; hörte ſie mit ihrer klaren, faſt ſcharfen Stimme ſagen:„Du ſollteſt es meinen Brüdern verbieten, Mama, daß ſie ſich ſo gemein machen.“ Jene ganze Scene ſtand ſo lebhaft vor mir, als befände ich mich wirklich noch mitten in der⸗ ſelben. Hätten die unglücklichen Kinder jener ſtolzen Frau, und ſie ſelber, in die Zukunft blicken können! Und doch, was hätte das genützt? Mußte doch Jeder, der einige Er⸗ fahrung beſaß, ſich ſagen, daß es endlich ſo kommen werde. ir waren inzwiſchen raſch vorwärts geſchritten. „Ach mein Gott, Madamchen, ſchenken Sie mir einen dem reizloſen Antlitz das nahen Todes, ſammelte 544 Feierſtunden. 1864. ———ͤ—õ—————;— ——— Polſchen“— zwei Pfennige—„mich hungert ſo ſehr!“ ſagte ein zerlumpter Bube neben mir in dem halb näſeln⸗ den, halb ſingenden Tone der Bettlerzunft. „Gib dem Schlingel nichts— er vernaſcht es, oder ſein Vater vertrinkt es!“ ſagte meine Freundin.„Es iſt der hoffnungsvolle Sprößling des Trunkenbolds, dem wir vorhin begegneten.“ „Vater ſchlägt uns und die Mutter, wenn wir nichts haben!“ ächzte der Knabe. Verdunkelten Blicks griff ich in's Portemonnaie. Es enthielt einige kleine Münzen, die ich beim letzten Aufräu⸗ men in einer noch von meinen Eltern herſtammenden Kom⸗ mode, in einer kleinen Börſe, gefunden, und in der Eile, ohne nachzuſehen, in mein Geldtäſchchen geſchüttet hatte. Ohne es zu beſehen, reichte ich dem Knaben ein großes Geldſtück, warf erſt einen Blick darauf, als der kleine Bett⸗ ler, die ausgeſtreckte Hand zurückziehend, naſenweis ſagte:! ——ꝛ;ꝛ---:——ͤõ—————y;O „Das können Sie für Sich behalten— das gilt nicht und anführen laſſe ich mich nicht.“ Damit lief er pfeifend fort. Ich aber hielt einen alten „Brummer“ in der zitternden Hand.„Du gibſt mir ein Almoſen? Bewahre es für deine Kinder und Enkel, ſie werden es brauchen!“ gellte die Stimme des alten Jaſch ſchneidend in meine Ohren, obgleich eine ſo lange Reihe von Jahren darüber hingezogen war, ſeitdem ich ſie da⸗ mals, als Kind, hörte.— Zugleich traf ein anderer ſchril⸗ ler Laut mein Gehör, der Pfiff der Lokomotive. Bald befand ich mich im Waggon, der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Zum letzten Male nickte ich der Freundin zu, einen letzten Blick warf ich zurück auf meinen Geburts⸗ ort. Adieu— Heimath! Durch das Trennungsleid in mir und den geſchäftigen Lärm um mich ſchwirrten die furcht⸗ baren Worte:„Denn es gibt einen Gott, der die Sünden der Väter heimſucht an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied!“ Woſe’s(zu Seite 546). — Feierſtunden. 1864. lt nicht und -...— einn älte Delaroche, Paul, bſt mir ei.. Enkel, n einer der ausgezeichnetſten und gefeiertſten Hiſtorienmaler der die große goldene Medaille, im Jahre 1832 wurde er Mit alten Jaſch neueren romantiſchen Richtung in Frankreich, geb. 17. Juli glied des Inſtituts und 1833 Profeſſor an der Akademie. ange Näihe 1797, legte ſich anfänglich auf die Landſchaftsmalerei, trat Das erſte Bild, mit dem Delaroche 1822 die allge ich ſie dae aber fpäter in das Atelier des Baron Gros und widmete meine Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte, war: Joas, durch ae le d d er erer ſchril ſich von nun an der Hiſtorienmalerei, in der er ſeinen Joſabeth dem Tode entriſſen. In demſelben machte ſich, eigentlichen Beruf erkannte. Im Jahre 1824 erhielt er bei aller akademiſchen Grundlage, bereits das Ringen nach ſetzte ſich 4— Vchggghg led i ni 9 V Lene 4 4 G 6 4 3 8 3 1 6 V 6 G G- 8 6 ——·QʒQqQq— 1 4 1G W NAA 1ANG- 1 a 1 aae 1 1 9 6 6 ” WW 1 faanggasrawäwene — * Kaiſer Rapoleon, nach Aarece.— 1 d eigenthümlicher Durchbildung in Auffaſſung und Darſtellung, und verhöhnt; überhaupt jene romantiſche Richtung geltend, die er in ſei Dupont); nen ſpäteren Gemälden, namentlich den folgenden: Tod der v. P Königin G Eliſabeth von England(1827); Kardinal Mazarin Tod der Jane⸗Gray, 1837(geft. v. Mereury), mit ſo auf dem Sterbebette, 1829(geſt. v. Girard); Richelieu, großem Erfolge betrat. Allein die Schärfe ſeines Verſtan⸗ der mit de Thon und Cing Mars die Rhone hinauf fährt, des und die Unbeſtechlichkelt ſeines Urtheils, verbunden mit len 307 dgeſt v. Girard); Söhne Eduards im Tower, 1834 einer* Ausdauer, die ihn nirgends ſtehen bleiben ließ, arbel⸗ Prudhomma, Ermordung des Herzogs von teten raſtlos au ſeiner küͤuſtl. en Weiterbildung und Ent⸗ HGar.*(1835); Karl I., von Cromwells So daten bewacht wicktuaf un 5 eriſchen eiterbildung und Gut Cromwell am Sarge Karl J.(geſt. v. H. Graf Strafford vor deſſen Hinrichtung(geſt. rudhomme und H. Dupont, lith. v. v. M üller), d ſo hat e der Ze Geierſtunden. 1601. ſo hat er ſich im Vaufen er Zei in ſelnen 1 8 1 — ——— ☛‿——— 546 Feierſtunden. 1864. ————————r———õry—————r——————;— —— bedeutendſten Leiſtungen, wenn auch nicht gerade in der Größe der Gedanken und der wahren Freiheit des Geiſtes, ſo doch, was Tiefe der Poeſie in der Erfindung und vol⸗ lendete Lebenswärme der Darſtellung betrifft, auf die gleiche Höhe mit den beſten Geſchichtsmalern emporgeſchwungen. Er liebt zwar beſonders die Darſtellung jener dramatiſchen Scenen und blutigen Kataſtrophen, womit die Blätter der engliſchen und franzöſiſchen Geſchichtsbücher angefüllt ſind, und er weiß durch glückliche Wahl der Gegenſtände und das melodramatiſche Intereſſe, das er in ſie legt, die Beſchauer vor ſeine Bilder zu feſſeln; allein er verſteht es ebenſogut in ſeinen chriſtlichen Gemälden, die Akkorde der reinſten Frömmigkeit und tiefſten Glaubens⸗ und Gefühlsinnigkeit anzuſchlagen. Was man daher vor Allem an ſeinen Bil⸗ dern rühmt, iſt die tiefe Durchdringung der Aufgabe, die dichteriſche Wahl und geiſtreiche Conception, das haarſcharfe Erfaſſen des Moments, die ausgezeichnete Beſtimmtheit der Charakterzeichnung, den treffenden Ausdruck, die individuelle Durchbildung der Geſtalten, die ſchlagende Wirkung durch Gegenſätze der Motive, Formen, Farben und der Haltung, die tadelloſe Reinheit und Correctheit der Zeichnung, die Wärme und Durehſſichtigkeit, Kraft und Vollendung des Colorits und die bisweilen dem Frans Hals, mitunter dem van Dyck verwandte Breite und Meiſterſchaft des Vortrags. Im Jahre 1841 vollendete Delaroche nach vierjähri⸗ ger Arbeit im Palaſt der ſchönen Künſte zu Paris ſein großes Gemälde: l'hémicycle du palais des Beaux-Arts, das für ſeine ausgezeichnetſte Leiſtung gilt und auch unter die hervorragendſten Werke der neneren Malerei überhaupt gehört. Daſſelbe ſchmückt in friesartiger Weiſe die Halb⸗ rotunde des Preisvertheilungsſaals der Pariſer Kunſtſchule und iſt mit Oelfarbe auf den mit ſiedendem Oel getränk⸗ ten Stein an die Wand gemalt. Der Inhalt des Bildes von circa 50 Fuß Breite und 15 Fuß Höhe mit 74 Figu⸗ ren, von denen die im Vorgrunde um ein Drittheil die natürliche Größe überragen, bezieht ſich auf den Zweck des Saals. Es iſt nämlich eine Verſammlung der Heroen unter den Künſtlern der verſchiedenen Zeiten und Völker bis zum 17. Jahrhundert, in deren Anweſenheit oder im Hinblick auf welche die Preiſe an die lebenden nacheifernden Kunſtjünger vertheilt werden ſollen. In der Mitte deſſel⸗ ben thronen vor einer marmornen Halbrotunde auf einer um vier Stufen erhöhten Bank, als die Richter der Preis⸗ vertheilung, die vornehmſten Vertreter griechiſchen Kunſt⸗ geiſtes: Iktinos, Apelles, Phidias. Auf den Stu⸗ fen, die zu dieſer Richterbank führen, gewahrt man zu bei⸗ den Seiten je zwei allegoriſche weibliche Geſtalten, von denen die beiden zur Linken: die griechiſche Kunſt und die des chriſtlichen Mittelalters, die rechts die römiſche und die Renaiſſance darſtellen. Zu dieſer allegoriſchen Mittelgruppe gehört ſodann, dieſelbe nach vorn abſchließend, ein knieen⸗ der Genius, der im Begriffe ſteht, aus einem Haufen von Kränzen einen Kranz aus dem Gemälde heraus unter die lebenden Anweſenden zu werfen. An die halbrunde Tribüne lehnen ſich dann zu beiden Seiten, von je vier joniſchen Säulen getragen, Marmorhallen, vor welchen ſich, auf Ruhebänken ſitzend oder vor denſelben ſtehend, die berühm⸗ teſten Maler, Bildhauer und Architekten in den mannig— faltigſten Gruppen verſammelt haben, und zwar ſchließen ordentlicher Delikateſſe gemalt. Manches daran zu tadeln wußte, ſo mußte man dagegen doch die glückliche, im ſchönſten Einklange zu der Architek⸗ tur des Saales ſtehende Dispoſition, das feine individuelle und zugleich vollkommen edle höhere Leben der Geſtalten, die treffenden Charaktere, denen nicht blos eine treue Copie vorhandener Porträts, ſondern ein ſorgfältiges Studium der Werke jedes einzelnen der dargeſtellten Meiſter zu Grunde liegt, den Reichthum und die Feinheit geiſtiger Beziehungen in der Gruppirung der beſonderen Kreiſe, ſowie im künſt⸗ leriſchen Aufbau des ganzen Werks, die ſichere Objektivität, überhaupt die geniale Virtuoſität der Darſtellung hoch be⸗ wundern. Nicht minder iſt die Linienführung, der Ton, die überall warme Färbung durchaus ruhig und edel gehal⸗ ten und das Ganze von wunderbar ſchöner Geſammtwirkung. Nach der Vollendung dieſer großartigen Wandmale⸗ reien, während deren Ausführung mancherlei Entwürfe zu künftigen Bildern entſtanden, malte der Künſtler den jun⸗ gen Pic de la Mirandole, den ſeine Mutter leſen lehrt, eine heil. Familie für die Königin von England, und be⸗ gann hernach für die Viktoriengallerie in Verſailles die ihm von Louis Philipp beſtellte Darſtellung der erſten Zuſam⸗ menkunft des Königs der Franzoſen mit der Königin von England in Eu. Im Jahre 1844 begab ſich Delaroche zum zweitenmale nach Rom, um dort einige Bilder für den König Louis Philipp zu fertigen. Er wurde während ſei⸗ nes Aufenthaltes daſelbſt zum Mitglied der Akademie von St. Luca ernannt und ſtellte vor ſeiner Abreiſe von dort ein Bildniß des Papſtes, eine heil. Familie und eine Ita⸗ lienerin mit ihren zwei Kindern, eine außerordentlich reizende und liebliche Darſtellung, eines der vollendetſten Bilder des Meiſters öffentlich aus. Nach ſeiner Rückkehr ſah man in ſeinem Atelier ſodann im Jahre 1845 die kleineren Far⸗ benſkizzen zu vier großen Bildern für Verſailles: zu einer Schlacht der Franken und Longobarden, der Krönung Karl des Großen, der Taufe Chlodwigs und der Anerkennung des Papſtes durch Karl den Großen zu Aachen. Eine Frucht ſeines Aufenthalts in Rom war ferner das Bild in der gräflichen Raczynski'ſchen Sammlung zu Berlin: Pilger auf dem St. Petersplatz zu Rom(1847). Nachdem Delaroche ſofort längere Zeit nichts mehr öffentlich ausgeſtellt gehabt, ſoh man von ihm 1851 zu Paris wiederum ein großartiges Gemälde: Marie Antoinette vor ihren Richtern(geſt. v. François), auf dem beſonders der Kopf der unglücklichen Königin als ein Meiſterſtück von Charakteriſtik und Ausdruck, als das Gelungenſte und Er⸗ greifendſte bewundert wurde, was der Künſtler überhaupt geſchaffen. Dann die Ausſetzung Moſis(ſiehe Holzſchnitt auf Seite 544). Sein Gemälde: die Girondiſten(1856), ſtellt dieſe dar, wie ſie, im Gefängniſſe vereinigt, vom Kommiſſär abgerufen werden, um zur Hinrichtung abge⸗ führt zu werden. Auf Delaroche's Malereien aus der chriſtlichen Ge⸗ ſchichte übte ſeine 1834 unternommene erſte Reiſe nach Rom, wohin er ſich begab, um ſich durch Studien für die Aus⸗ ſchmückung der Kirche St. Madelaine zu Paris mit einem Freskencyklus aus der Magdalenenlegende vorzubereiten, eine Arbeit, die ſich aber ſpäter zerſchlug, den größten Einfluß. Zeuge davon iſt namentlich ſeine heil. Cäcilie(geſt. von Forſter), ein Bild von unendlicher Grazie und mit außer⸗ Seine heil. Amalie(geſt. ſich rechts an die mittlere Halle die Bildhauer, links die v. Mercury) wurde für ein Fenſter der Kapelle im Schloſſe Architekten an, während die Maler ſodann beide Flügel ein⸗ Eu auf Glas copirt, und ſeine heil. Familie, für die Kö⸗ nehmen. Dieſes großartige Gemälde erregte gleich nach ſei- nigin von England gemalt, iſt ein Gemälde voll zarten ner Vollendung großes Aufſehen, und wenn man auchereligiöſen Gefühls und hinreißender Geſichtsbildung. ſolch zeigen Sitte und ter i flüſſe Rau iſt, torig Fuß geſta der bei ſchwo groß Zähr bild klein Die tung Fra⸗ Vord wie wärt ſind, runge auf wohn als j die holz kleine kende ihne der 1 hande liche theilh Lunge ſichte oder gan dagegen der Architek⸗ individuelle r Geſtalten, treue Copie 8 Studium zu Grunde Beziehungen im künſt⸗ bjektivität, ag hoch he⸗ „der Ton, ddel gehal⸗ amtwirkung. Wandmale⸗ Entwürfe zu ler den jun⸗ leſen lehrt, nd, und be⸗ lles die ihm ſten Zuſam⸗ Königin von Delaroche lder für den ſe von dort nd eine Ita⸗ tlich reizende Bilder des ſah man in ineren Far⸗ §: zu einer önung Karl Anerkennung kEine Fru gild in der in: Pilget m 1851 zu je Antoinette em beſonders ſterſtück von iſte und Er⸗ „ überhoupt Holzſchnit 7 1856), Feierſtunden. 1864. ——— Auch in der Porträtmalerei hat Delaroche höchſt Be⸗ deutſames geleiſtet. Seine Bildniſſe des Miniſters Guizot (geſt. v. Calamatta) und des Grafen Molé ſind her⸗ vorragende Erſcheinungen, namentlich aber ſein Porträt Napoleons, welches wir im Holzſchnitt auf Seite 545 geben, iſt, obgleich nicht nach der Natur gemalt, das ähnlichſte und geiſtreichſte von allen Bildniſſen des Kaiſers. Außer den angeführten Werken des Meiſters ſind uns von Zeichnungen und Bildern von Delaroche noch bekannt, unter den erſteren: der Tod Ludwig XIII.; die Folgen eines Zweikampfs; der Abſchied Karl. I. von ſeinen Kin⸗ dern; eine Vorleſung; das Kartenhaus; der Herzog von Guiſe bei der Belagerung von Metz und ein umgeſchlage⸗ nes Boot in der Brandung(in der Gallerie des L. Ra⸗ venet zu Berlin), eine in Kreide ausgeführte Zeichnung, welche von der früheren Richtung des Künſtlers in der 547 —; Landſchaftsmalerei eine hohe Vorſtellung gibt. Unter den letzteren: eine Kreuzabnahme; die ſieben Schmerzen der Maria; die Jungfrau von Orleans; der heil. Vinzens von Paula; der Tod des A. Earacci; Filippo Lippi; die Kin⸗ der im Gewitter; eine Scene aus der Bartholomäusnacht; der letzte Präſident und Gallilei. In das Album der Her⸗ zogin von Montpenſier malte er 1846 eine ſehr ſchöne Aquarelle: das letzte Gaſtmahl der Girondiſten. Delaroche war Mitglied der Akademien zu Paris, Amſterdam und St. Petersburg. Er erhielt 1828 das Ritter⸗ und 1834 das Offizierskreuz der Ehrenlegion, 1843 vom Großherzog von Sachſen⸗Weimar das Ritterkreuz des Ordens vom weißen Falken und vom Könige von Preußen den Orden pour le mérite. Seine im Jahre 1845 verſtorbene Gemahlin war eine Tochter von Horace Vernet. Er ſtarb am 4. Nov. 1856 zu Paris. Die Eingeborenen Süd-Auſtraliens. Die Ureinwohner des auſtraliſchen Feſtlandes, ſoweit ſolche den Europäern oder Anſiedlern bekannt worden ſind, zeigen in Bezug auf Körperbau, Lebensweiſe, Charakter, Sitten und Gebräuche eine auffallende Uebereinſtimmung, und die wahrnehmbaren geringen Verſchiedenheiten, die un⸗ ter ihnen vorkommen, ſind nur als Folge örtlicher Ein⸗ flüſſe zu betrachten, die bei einem Volke, das über einen Raum von faſt 150,000 Quadratmeilen ſpärlich verbreitet iſt, niemals ausbleiben werden. Die Männer, wenigſtens in Südauſtralien und Vic⸗ toria, ſind meiſt wohlgebaut und muskulös, 5—6 engliſche Fuß hoch, und Arme und Beine größtentheils ebenmäßig geſtaltet. Das Vordergehirn iſt bei ihnen gut entwickelt, und der Geſichtswinkel erſcheint bei weitem weniger ſpitz, als bei anderen ſchwarzen Raſſen. Tiefliegende, aber große, ſchwarze und ausdrucksvolle Augen, eine platte Naſe, ein großer, oft aufgeworfener Mund mit guten und ſchönen Zähnen, gehören zu den Eigenthümlichkeiten der Geſichts⸗ bildung; und hierzu kommt noch ein kurzer Hals, meiſtens kleine Hände und Füße, und im Allgemeinen dünne Waden. Die Bruſt iſt breit und verräth große Körperkraft; Hal⸗ tung, Gang und Bewegung ſind im Ganzen gefällig. Die Frauen erreichen nur ſelten eine Höhe von fünf Fuß. Das Vordergehirn iſt bei ihnen nicht in dem Grade entwickelt, wie bei den Männern; der Scheitelwirbel liegt weiter rück wärts; der Geſichtswinkel iſt ſpitzer; Arme und Beine ſind, wahrſcheinlich in Folge der Mühſeligkeiten, Entbeh⸗ rungen und harten Behandlung, welchen ſie von Jugend auf preisgegeben ſind, auffallend magerer. Der Urein⸗ wohner Auſtraliens betrachtet, wie alle Wilden, ſein Weib als ſeine Sklavin. Sie muß Speiſe und Trank beſorgen, die Hütte und das Lager für die Nacht zubereiten, Brenn⸗ holz einſammeln, und auf der Reiſe alle Habſeligkeiten, die kleinen Kinder, oft ſogar die Waffen des ſtolz einherſchrei⸗ tenden Gebieters tragen. Fehlt es, was nicht ſelten bei ihnen vorkommt, an Lebensmitteln, ſo iſt ſie faſt allein der hungernde Theil, und wird noch überdies ſchlecht be⸗ handelt. Es iſt daher nicht zu verwundern, daß der weib⸗ liche Köxper, mit wenigen Ausnahmen, ſich nicht ſo vor⸗ theilhaft entwickelt, als der männliche. Nur unter ganz jungen Mädchen findet man zuweilen wirklich hübſche Ge⸗ ſichter.— Die Hauptfarbe beider Geſchlechter iſt ſchwarz oder doch ſehr dunkel, das Haar entweder glatt oder kraus, aber nie ſo wollig wie beim Neger. Meiſt wird es kurz abgeſchnitten und nach den verſchiedenen Altersſtufen ver⸗ ſchieden, entweder mit Federn, Känguru⸗Zähnen, Hunds⸗ ſchweifen ꝛc. geſchmückt, oder mit rothem Ocher und Fett eingeſalbt. Die Eingeborenen von Victoria(ſiehe Abbild. auf S. 549) laſſen es wild und buſchig wachſen, ohne es zu beſchneiden, und die Männer tragen um Mund und Kinn einen eben ſo verwilderten, krauſen Bart. Die Bekleidung der Ureinwohner iſt möglichſt ein⸗ fach und beſteht aus den Fellen der Beutelthiere, Kängurus oder Wallabies. Man trägt gewöhnlich nur einen man⸗ tel⸗ oder deckenartigen Ueberwurf, deſſen Größe nach den Jahreszeiten und dem Belieben deſſen, der ihn trägt, wech⸗ ſelt; Viele gehen auch ganz unbekleidet. Die Felle zu die⸗ ſen Mänteln werden erſt an der Sonne ausgeſtreckt und getrocknet, dann zwiſchen den Händen gerieben, und mit Fäden aus den Sehnen des Emu ꝛc. zuſammengenäht. Der Mantel wird, mit der Haarſeite nach außen, über den Rücken und die linke Schulter geworfen und vorn mit einem kleinen hölzernen Pflock zuſammengehalten, ſo daß der rechte Arm zu allen Bewegungen frei bleibt. Die Frauen ziehen das eine Ende unter der Achſelhöhle durch und bilden ſo auf dem Rücken eine Art Sack, um ein klei⸗ nes Kind darin tragen zu können. An der Seeküſte, wo unfruchtbares Land vorherrſcht, und man ſich keine Thier⸗ felle verſchaffen kann, bereitet man die Bekleidungsſtoffe aus Seetang oder Binſen. Der Kopf bleibt in der Regel unbedeckt; nur bei ſehr großer Hitze, oder auf der Reiſe, tragen beide Geſchlechter zuweilen eine Kopfbedeckung von friſchen Baumblättern oder anderen grünen Pflanzen. Der Charakter der Eingeborenen, wo ſie nicht durch den Umgang mit der gemeinſten Klaſſe der eingewanderten Europäer in Berührung gekommen ſind, und deren Laſter angenommen haben, iſt offen und zutraulich, und ſchon nach kurzer Bekanntſchaft gewinnt man, wenn man ſie zu be⸗ handeln weiß, ihre Zuneigung. Eyre, und andere neuere Reiſende, die längere Zeit unter ihnen verweilten, fanden auf ihren Streifzügen, weit von den Wohnungen weißer Anſiedler, und oft nur von einem einzelnen jungen Bur⸗ ſchen begleitet, ſtets den herzlichſten Empfang, wurden, wenn Jene es hatten, mit Fiſchen, Früchten, Kängurufleiſch beſchenkt, und oft mehrere Meilen weit zu ſolchen Stellen begleitet, wo Waſſer zu finden war.— Im Verkehr un⸗ 69* 548 Feierſtunden. 1864. ter einander ſelbſt find die Eingeborenen verſchiedener Stämme, wenn gerade keine Urſachen zu Feindſeligkeiten unter ihnen obwalten, beim Zuſammentreffen ungemein auf⸗ merkſam und höflich. Die artigſten Begrüßungen werden dabei gegenſeitig ausgetauſcht. Jeden Augenblick hört man die Bezeichnungen:„Vater, Mutter, Sohn, Bruder, Schwe⸗ ſter,“ und es kommt auch bald zu Umarmungen und Küſſen. Auch ihre Kinder haben ſie ſehr lieb, ſpielen oft mit ihnen und hätſcheln ſie. Nur eine Schattenſeite zeigt ſich in ihrem Charakter: daß die Männer nur ſelten eine beſondere Zu⸗ neigung gegen die Frauen zu erkennen geben; ſie nur als Laſtthiere betrachten und behandeln; ſie oft wochen⸗ und monatelang gleichgültig, ohne Abſchied zu nehmen, verlaſ⸗ ſen, und mit gleicher Kälte zu ihnen zurückkehren, ſich ruhig und ohne zu ſprechen hinſetzen, und dabei ausſehen, als ob ————::B—ꝛ⁊õ—ß——ry—r——ur——————————;O bringen friſche Waffen herbei, und feuern durch ihr Geſchrei die Männer zum Kampfe an; nie aber hat man gehört, daß bei ſolchen Fehden die ſiegende Partei Weiber und Kin⸗ der des Feindes gemordet hätte. Blutiger als offene Kämpfe im freien Felde ſind die Ueberfälle, bei welchen feindliche Parteien einzelne Lager des Nachts im Schlafe überfallen, und dann alle Männer unbarmherzig tödten, Weiber und Kinder aber mit ſich fortſchleppen. Kommen zwei oder mehr Stämme um einer Feſtlich⸗ keit willen zuſammen, ſo erſcheinen die Männer zwar auch in kriegeriſcher Haltung, mit Wurfſpießen und Schildern, nähern ſich aber einander friedlich und ſetzen ſich ſogleich auf den Boden nieder. Sind einzelne Fremde darunter, ſo werden ſie von den älteren Männern förmlich vorgeſtellt und nach Abſtammung und Wohnplatz beſchrieben. Hierauf ſie keinen Augenblick von den Ihrigen getrennt geweſen unterhält man ſich über Alles, was gegenſeitig intereſſiren wären. kann, namentlich über Gegenden, wo die meiſten Lebens⸗ Sämmtliche Eingeborene Auſtraliens führen ein herum⸗ mittel zu finden ſind, und es erfolgen von beiden Seiten ſchweifendes Zigeunerleben. Selten verweilen ſie mehr als Einladungen an Verwandte und Freunde, dahin zu kommen. einige Wochen, oft auch nur wenige Tage an einem und Auch die Verhältniſſe verſchiedener Stämme zu einander demſelben Orte. Die Anzahl der einzelnen Perſonen einer werden beſprochen, und man berathſchlagt ſich über das Wanderhorde hängt größtentheils von der Jahreszeit und Verhalten gegen feindlich geſinnte Stämme; die Frauen den Nahrungsmitteln ab, welche ſich eben auffinden laſſen. ihrerſeits unterhalten ſich über Familienangelegenheiten, Hei⸗ Iſt eine beſondere Art häufiger als eine andere, oder kann rathen, Geburten, Todesfälle ꝛc., und am Abend bauen die man ſich dieſelbe nur an gewiſſen Stellen verſchaffen, ſo verſchiedenen Stämme ihre Hütten ſo nahe als möglich neben begibt ſich in der Regel der ganze Stamm dahin; iſt dies einander, jeder Stamm aber ſtets nach der Seite hin, von aber nicht der Fall, ſo zerſtreuen ſie ſich ſtets in einzelne welcher er gekommen iſt. Die Größe und Beſchaffenheit Gruppen, oder verbreiten ſich familienweiſe über ihren gan- der Hütten hängt dabei von der Jahreszeit und der Gegend zen Bezirk. ab. Iſt das Wetter ſchön, ſo enthält jede Hütte zwei bis Zu gewiſſen Jahreszeiten, gewöhnlich im Frühling oder fünf, bei ſchlechter Witterung auch mehr Familien, doch b Sommer, wenn reichliche Nahrung vorhanden iſt, verſam⸗ hat jede Familie ihren eigenen Feuerplatz; und ehe man ſich meln ſich mehrere Stämme auf gegenſeitigen Gebieten, ent⸗ zur Ruhe begibt, unterhält man ſich noch mit verſchiedenen V weder um Feſtlichkeiten zu begehen, oder Krieg zu führen, Beluſtigungen, beſonders mit Geſang und Tanz. oder um Nahrungsmittel, Kleider, Waffen und Geräthſchaf⸗ Eigentliche Kriegstänze, wie die nordamerikaniſchen In⸗ ten auszutauſchen, oder auch um gewiſſen feierlichen Ge⸗ dianer, haben die Eingeborenen von Auſtralien nicht, ob⸗ V bräuchen beizuwohnen, welchen ſich junge Leute in beſtimm⸗ ſchon ſie bei manchen Tänzen in kriegeriſcher Haltung er⸗ ten Abſchnitten ihres Lebens unterwerfen müſſen. Bei⸗ ſol⸗- ſcheinen und mit Waffen verſehen ſind. Bei vielen Tän⸗ chen Verſammlungen kommen auch die allgemeinen Ange⸗ zen iſt die Hauptſache die Nachahmung von Thieren, und „.———„ zee. 23.1 7 4 legenheiten jedes Stammes zur Sprache. Hat man ſich namentlich wiſſen die Umwohner des Victoria⸗See's, im lange nicht geſehen, und ſind während der Zeit merkwür⸗ Süden Auſtraliens, die Bewegungen, Sprünge und Gewohn⸗ dige Todesfälle eingetreten, deren natürliche Urſachen man heiten der Kängurus, in ihren Tänzen ſehr geſchickt und nicht zu erklären vermag, und daher den Zauberern benach⸗ natürlich darzuſtellen. Die ſogenannte Muſik zu den barter Stämme zuſchreibt, beſchließt man gemeinſchaftlich Tänzen iſt die primitivſte, die man ſich vorſtellen kann, Rache dafür zu nehmen, und berathſchlagt über die Art und beſteht oft nur in dem Zuſammenſchlagen zweier Stöcke, V und Weiſe der Ausführung.— Soll eine Verſammlung oder in dem Schlagen auf ein zuſammengerolltes trockenes zum Behuf eines Krieges ſtattfinden, ſo wird von einer der Thierfell, was einen dumpfen Ton wie von einer Trommel beiden Parteien eine paſſende Stelle dazu auserſehen, und hervorbringt. In der Regel wird nur des Abends und in die andere Partei davon benachrichtigt. Beide Theile finden der Nacht getanzt; doch gibt es auch Tänze bei Tage, und ſich hierauf ein, und ſtellen ſich in zwei Reihen einander dieſe ſcheinen mit gewiſſen Feierlichkeiten und abergläubiſchen gegenüber. Gewöhnlich geſchieht dies entweder bei Tages⸗ Gebräuchen in Verbindung zu ſtehen. Gewöhnlich tanzt anbruch oder gegen Sonnenuntergang, weil das mildere gleichzeitig nur der eine von den verſammelten Stämmen, Licht um dieſe Zeit die Augen nicht blendet, und man den wärend der andere, ſowie die Frauen, in einem Halbkreis 6 Wurfſpießen leichter ausweichen kann. Beide Parteien ſind als Zuſchauer herum ſitzen und von Zeit zu Zeit ihren Bei⸗ mit Spießen, Schilden und andern Waffen verſehen, und fall laut zu erkennen geben. Es gibt übrigens auch gewiſſe das Gefecht dauert oft drei bis vier Stunden, während Tänze, welche nur von den Frauen ausgeführt werden. welcher Zeit kaum ein Wort geſprochen wird, und nur dann Eben ſo einfach und roh wie die Tänze und die Mufik und wann ein Schrei zu hören iſt, wenn einer verwundet der Eingeborenen ſind auch deren Geſänge, welche ſelten wird. Meiſt gibt es auf beiden Seiten eine Menge zum aus mehr als einer oder zwei Strophen beſtehen, die unauf⸗ Theil faſt ſchwer Verwundeter, ſelten aber, ſelbſt wenn hörlich wiederholt werden. Es ſind Erzeugniſſe des Augen⸗ mehrere Hunderte im Kampfe begriffen ſind, mehr als zwei blicks, und beziehen ſich meiſtens auf etwas, das vor Kur⸗ oder drei Todte. Bei allen ſolchen Fehden ſind die Män⸗ zem allgemeine Aufmerkſamkeit erregt hat, auf die Anſied-⸗ ner verpflichtet, nicht nur ihren Blutsverwandten, ſondern ler und Einwanderer, ihre Lebensweiſe ꝛc. Zeitmaß und allen Gliedern ihres Stammes beizuſtehen. Auch Weiber Ton richten ſie nach dem Gegenſtande: zum Tanze wird V und Kinder finden ſich zuweilen bei ſolchen Kämpfen ein, laut, luſtig und ſchnell geſungen; Trauergeſänge ſind wild t Geſchrei man gehört, nd Kin Kämpfe en fendud überfallen, Weiber und ur ter Ffſtlich⸗ zwar auch 8 chil ldern, ch ſogleich darund, ſo h are en. Hierauf intereſſiren n Lebens⸗ den Seiten u kommen. zu einander d bauen die glich neben in, don Geſchaffenheit Hder Gegend e zwei bis ilien, doch man ſich verſchiedenen nniſchen In nicht, ob Haltung er vielen Tän jeren, und See's, im und Gewohn ſciikt und ſil zu den ſtellen kann, weier Stöcke, tet trocenes „ Trommel Ztmmen, . Pal lbkreis 2 hren Bei uh vnſ Feierſtunden. — 1864. „ — 1 1 8 5⁵⁰ —yᷣõꝛÿℳꝛ———ä'rßy——-—— und pathetiſch. Zuweilen ſingen zwei Parteien abwechſelnd in Fragen und Antworten, oder Eine Stimme ſingt allein und die Uebrigen antworten im Chor.— Zur Nachtzeit und in einiger Entfernung gehört, haben manche Geſänge auch für den Europäer etwas Gefälliges. Die Nahrungsmittel der auſtraliſchen Eingebore⸗ nen, aus dem Thierreiche ſowohl als aus dem Pflanzen⸗ reiche, ſind, je nach den Jahreszeiten und den örtlichen Ver⸗ hältniſſen, ungemein mannigfaltig. Bei der großen Aus⸗ dehnung des Landes ſind die Verſchiedenheiten derſelben nicht unerheblich, aber ſo weit man das Land bis jetzt durch Unterſuchung und Berichte der Eingeborenen kennt, gibt es weder an den Küſten noch im Inneren, ſelbſt da, wo der Europäer nur unfruchtbaren Boden erblickt, Gegenden, die den Eingeborenen zur geeigneten Jahreszeit nicht den nöthi⸗ gen Lebensunterhalt lieferten. Die Bewohner ſolcher Gegen⸗ den haben durch langen Aufenthalt eine genaue Kenntniß von den Mitteln erlangt, ihre geringen Bedürfniſſe dort zu befriedigen, wo ein Weißer dem Hunger und Durſt erliegen würde. Das dichteſte Geſtrüppe, welches den Letzteren in ſeiner Wanderung aufhält und ihm oft ſo furchtbar erſcheint, iſt gerade für den Eingeborenen die reichſte Vorrathskammer, denn hier findet er einen Ueberfluß von wilden Thieren aller Art, ebenſo Brennholz bei kaltem Wetter, und Schatten gegen die drückende Hitze; und aus den Wurzeln großer Baumſtämme und durch Aufſammeln des Thaues von den Blättern weiß er ſich überall, wo Bäume ſind, Trinkwaſſer zu verſchaffen. Es gibt, wahrſcheinlich auch da, wo noch keine Europäer ſich angeſiedelt haben, keinen Landſtrich und keine Jahreszeit, welche den Eingeborenen nicht Lebensmittel darböte. Als die vornehmſten können angeführt werden: alle Arten von See⸗ und Süßwaſſerfiſchen, von Muſcheln, Schnecken und Krebſen; Schildkröten, Fröſche, Eidechſen und verſchiedene Schlangenarten; Inſekten und Inſekten⸗ larven; Eier verſchiedener Vögel, und die Vögel ſelbſt: Enten, Gänſe, Schwäne, Kropfgänſe, Truthühner, Wach⸗ teln, Papageien, Kakadus ꝛc.; von Säugethieren: Ratten, Mäuſe, Beutelthiere, Kängurus, Faulthiere, und an den Küſten Robben und Wale; dann Schwämme und mancher⸗ lei Wurzeln und Kräuter; Blätter und Früchte des Meſem⸗ Feierſtunden. 1864. —— rungsmitteln einzuſammeln, und zu dem Hunger ſich noch die Kälte geſellt, gegen die ſie ungemein empfindlich ſind. Ungemein verſchieden iſt die Art und Weiſe der Ein⸗ geborenen, ſich ihre Nahrungsmittel zu verſchaffen, und zeugt oft von großer Geſchicklichkeit, großem Scharfſinn, außerordentlicher Gewandtheit, Körperkraft, Geduld und Be⸗ harrlichkeit. Die Fiſche fängt man theils mit Netzen, welche aus Binſen verfertigt und an Stellen ausgebreitet werden, wo zu dieſem Behufe Dämme und Wehre errichtet worden ſind, theils auch, beſonders die größeren Gattungen, mit Spießen. Letzteres geſchieht meiſtens in den großen Flüſſen, bei niedrigem Waſſerſtande. Es verſammeln ſich dann größere Abtheilungen, oft an 40— 50 Männer, im Waſſer in einem weiten Halbkreis. Auf ein gegebenes Zeichen tau⸗ chen alle zugleich mit ihren Spießen unter, und kommen nach kurzer Zeit wieder empor, um die gefangenen Fiſche ihren am Ufer ſtehenden Frauen zu übergeben. War der erſte Fang nicht glücklich oder nicht reichlich genug, ſo be⸗ gibt ſich der ganze Haufe einige Schritte weiter flußauf⸗ oder abwärts, und wiederholt das Untertauchen, welches oft eine Meile weit fortgeſetzt wird und nicht ſelten Fiſche von 15 und mehr Pfund zum Vorſchein bringt. Ungemein in⸗ tereſſant iſt dieſe Art des Fiſchfangs mit Spießen, wenn ſie zur Nachtzeit geſchieht. Der einzelne Eingeborene be⸗ ſteigt dann einen Kahn, und beladet dieſen mit einem Vor⸗ rath von Brennholz; hierauf wird ein ovales Stück Baum⸗ rinde, von drei Fuß Länge und zwei Fuß Breite, mit einer dicken Lage von feuchtem Schlamm oder Lehm überzogen und am Hintertheil des Kahnes auf einem Geſtell befeſtigt. Ein paar Stücke Holz werden in den Lehm aufrecht geſteckt, andere rings herum kegelförmig geſtellt, und dann das Ganze angezündet. Der Mann treibt nun den Kahn im Strome herab und beginnt ſein Geſchäft. Das Brennholz iſt von einer leichten, harzigen Gattung, welche ein helles Licht und einen angenehmen Geruch verbreitet, und faſt gar keinen Rauch macht. Außer dem Kahnführer, der zugleich den Spieß wirft, iſt noch ein zweiter Mann zur Unterhal⸗ tung des Feuers im Kahne. Vom Ufer aus geſehen fällt die Nachtfiſcherei, beſonders wenn eine größere Zahl von Kähnen beiſammen iſt, mit den ſchwarzen nackten Geſtalten vryanthemum; mehrere andere Früchte und Beeren; die zar⸗ ten Rinden vieler Baum⸗ und Strauchwurzeln; die Samen mehrerer Hülſenfrüchte; verſchiedene Manna⸗Gattungen; den Gummi verſchiedener Eucalypten und Akazien; Bienenhonig und Honig aus den Blumen der Bankſia, der durch Ein⸗ weichen derſelben in Waſſer erhalten wird. Von dieſen ver⸗ ſchiedenen Nahrungsmitteln, die freilich nicht alle einen euro⸗ geeigneten verrichten pflegen.— Bezüglich der Beſchaffenheit der Nah⸗ päiſchen Gaumen zu reizen vermögen, ſind zur Jahreszeit viele nicht blos hinreichend, ſondern ſelbſt in ſo großer Menge zu haben, daß oft mehrere Hunderte von Eingeborenen eines ſelbſt kleinen Bezirks viele Wochen da⸗ von leben können, und dies ſind gerade diejenigen, welche Die Leichtigkeit, ſich faſt jeden iſt Urſache, daß die Eingeborenen von keiner Sorge für die Zukunft wiſſen, iſt die wahre Ernte für die in und ſelbſt wenn ſie im größten Ueberfluſſe ſchwelgen, ſel⸗ ten mehr als für den nächſten Tag einen kleinen Vorrath Nur wenn ſie auf Wanderungen begriffen ſind, zund die Beſchaffenheit der Gegend noch nicht kennen, nach welcher ſie ziehen, machen ſie eine Ausnahme von ihrer ge⸗ wöhnlichen Sorgloſigkeit, und verſehen ſich mit einigen Vor⸗ Am meiſten leiden ſie durch ihre Gleichgültigkeit ſie am liebſten genießen. Tag Lebensmittel verſchaffen zu können, aufheben. räthen. darin, im Glanze des nachſchwimmenden Feuers, höchſt maleriſch in's Auge, beſonders in dem Momente, wo der Fiſcher ſeinen Arm erhebt und die Waffe mit Blitzesſchnelle iin die Tiefe wirft. Auch große Süßwaſſer⸗Krebſe von zwei bis vier Pfund werden auf dieſe Weiſe gefangen. Letztere, ſowie Schildkröten und große Muͤſcheln, erhält man auch durch Tauchen, welches Geſchäft die Frauen zu rungsmittel ſind die Eingeborenen Aüſtraliens nicht beſon⸗ ders ekel, und gleichen darin den Chineſen. In gewiſſen Jahreszeiten, beſonders im September, werden die Fiſche in den größeren Flüſſen von einer Krankheit befallen, und werden dann entweder kraftlos oder gar todt vom Strome auf der Oberfläche ſchwimmend fortgetrieben. Dieſe Zeit der Nähe der größeren Ströme hauſenden Eingeborenen, die überhaupt jeden Fiſch eſſen, wenn er auch ſchon längere Zeit abgeſtorben iſt, und eben ſo wenig Bedenken tragen, faule und angebrütete Eier zu genießen. Kängurus werden theils mit Spießen erlegt, theils in Netzen und in Fallen gefangen. Zu dieſem Ende erfor⸗ ſchen die Eingeborenen die Waſſerplätze, Quellen oder Teiche, gegen die Bedürfniſſe der Zukunft bei naßkalter Witterung, wohin ſich dieſe Thiere zum Trinken begeben, und die Wege, wo es ihnen oft unmöglich wird, das Geringſte an Nah⸗ die ſie dahin einſchlagen. Um die Quellen her werden dann Löch aber ſi zwei Netz ſpri ähn fang Won auf findi fernu die C imme Drei den ſcheue dem das J ternder gemein es me wohnen Kroner eine A löchern liern bei T reszeit eingebe Knütte Feierſtunden. 1864. 55 551 d ſich noch Löcher gegraben und die Fallen darin aufgeſtellt, die Netze mit den übrigen heißen Steinen nebſt etwas trocknem Gras, dlich ſind. aber quer über den Weg gelegt. In der Nähe verſteckt Baumlaub oder Baumrinde, und zuletzt mit einer dicken ſe der Ein ſich der Jäger hinter Buſchwerk oder in einer aus Baum⸗ Schicht Erde bedeckt, ſo daß die Hitze nicht entweichen kann. dfen, und zweigen gemachten Hütte, und ſobald das Thier ſich im Das Dämpfen geſchieht auf ähnliche Weiſe, nur wird ſtatt Scharfſinn, Netz verwickelt hat oder in eines der Löcher gefallen iſt, trockenen Graſes ꝛc. dann naſſes genommen. d und Be⸗ ſpringt er hervor und tödtet es mit dem Spieße. Auf Die Wohnungen der Eingeborenen ſind ſo einfach, ben, welche ähnliche Art wird der Emu oder auſtraliſche Strauß ge⸗ daß deren Errichtung wenig oder gar keine Geſchicklichkeit tet werden, fangen. Dieſer Vogel hat nämlich die Gewohnheit, viele und Mühe erfordert. Im Sommer und überhaupt bei tet worden Wochen nach einander zur Nachtzeit die gleiche Ruheſtätte ſchönem Wetter beſtehen ſie aus wenig mehr als einigen ingen, mit aufzuſuchen. Sobald die Eingeborenen dieſe Stelle aus⸗ Aeſten und Zweigen, die in Form eines Halbkreiſes nach aen Flüſſen, findig gemacht haben, ſo ſpannen ſie in einer kleinen Ent- der Seite hin, von welcher der Wind kommt, aufeinander fernung von derſelben ein Netz aus, und bilden durch in die Erde geſteckte Stäbe vom Netze an zwei Reihen, die immer weiter auseinander gehen und endlich ein großes Dreieck beſchreiben, deſſen Schenkel und Grundlinie von den Eingeborenen beſetzt werden, die nun den Vogel auf⸗ ſccheuchen. Der Emu hat nur den einzigen Ausweg nach dem Scheitelpunkte des Dreiecks hin, wo er ſich ſtets in gelegt werden. Im Winter aber, bei naßkalter Witterung, iſt die Form zwar gleichfalls ein Halbkreis, aber die Rück⸗ wand und die Seiten werden durch andere Aeſte verſtärkt, welche nach oben zuſammenlaufen und hier befeſtigt werden, ſo daß ſie eine gewölbte Decke oder Laube bilden. Die Größe iſt verſchieden und richtet ſich nach den Umſtänden.* Manche ſind nur für eine Familie beſtimmt; andere um⸗ ter flußauf⸗ das Netz verwickelt. faſſen fünf bis zehn Familien, deren jede aber ihre beſon⸗ „welches oft Schwieriger und anſtrengender iſt der Fang der klet⸗ dere Feuerſtelle hat. In manchen Gegenden findet man Fiſche von ternden Beutelthiere, die von den Koloniſten mit dem all— auch dauerhafte Hütten von Baumſtämmen, mit Rinde oder ngemein in⸗ gemeinen Namen„Opoſſums“ bezeichnet werden, und deren Raſenſtücken gedeckt, welche das Waſſer nicht durchlaſſen. eßen, wenn es mehrere Arten und von verſchiedener Größe gibt. Sie Auf Wanderungen, oder wenn man feindliche Parteien in ehorene b⸗ wohnen meiſt in hohlen Bäumen, oder auch wohl in den der Nähe vermuthet, werden Felſenhöhlen, Waſſerſchluchten einem Vol⸗ Kronen der Bäume, wo ſie ſich aus Aeſten und Zweigen oder dichtes Buſchwerk als Wohnungen und Bergeplätze be⸗ ztüc Baum⸗ eeine Art von Neſt bauen; manche Arten leben auch in Fels⸗ nutzt.— Die Waffen der Eingeborenen ſind einfach und e, mit einr löchern und Höhlen. Das Fleiſch derſelben gilt den Auſtra⸗ gu en Zu mm „ überzogen liern als Leckerbiſſen, und deßhalb wird auf dieſe Thiere entſprechend. Die allgemeinſte Waffe iſt der Wurfſpieß . veſägt. bbei Tage ſowohl als bei Nacht, und faſt zu allen Jah-(Kiko oder Kiro), von welcher ſie zwei Arten beſitzen, dt geſtect reszeiten Jagd gemacht. Man bedient ſich dazu meiſt der deren eine mit freier Hand geworfen, die andere aber mit⸗ 4 u das eingeborenen Hunde, um die Thiere aufzuſpüren, und großer telſt eines Wurfſtocks geſchleudert wird. Die nöthige Uebung roh, aber ſehr mannigfaltig und ihren Zwecken vollkommen Kahn im 1 Knüttel, um ſie todtzuſchlagen, oder erklettert die Bäume, in der Anwendung derſelben erlangt der Auſtralier ſchon m Kn rhoh um ſie aus ihren Höhlungen und Neſtern zu langen, wo⸗ als kleiner Knabe durch Spielen mit kleinen Spießen. Ein . Bunehns bei es nicht immer ohne oft bedeutende Verwundungen ab⸗ andere, ſehr gefährliche Waffe iſt das Wängnu(Bume⸗ 4„ zoſt gar geht, da die Thiere ſich hartnäckig zu vertheidigen ſuchen. rang), ein dünnes, flaches und gekrümmtes Stück hartes und fagih 14 Bei Zubereitung der Nahrungsmittel verfahren die Holz von zwei Fuß Länge, das ebenfalls als Wurfwaffe 5 zug al⸗ Eingeborenen ungemein einfach; viele derſelben werden faſt gebraucht wird, mit größter Schnelligkeit durch die Luft r unnriu roh genoſſen. Da ſie keine Gefäſſe beſitzen, welche dem fliegt, und im Stande iſt, einen Arm oder ein Bein zu geſehen ſun Feuer widerſtehen, ſo wiſſen ſie auch nichts vom Kochen zerſchlagen. Man hat auch ſchwert- und beilähnliche Waf⸗ Zall uin oder Sieden, wohl aber verſtehen ſie ſich auf Backen, Rö⸗ fen, Keulen ꝛc., welche theils im Kriege, theils auf der ten ſule ſten, Dämpfen und Braten. Ein Loch wird gegraben und Jagd gebraucht werden; und zum Schutze Tärräms oder rurs, ſöch am Boden mit Steinen belegt. Ueber dieſen wird ein Schilde, aus hartem Holze oder ſtarker Baumrinde, die Feuer angezündet, um ſie zu erhitzen und das Loch auszu⸗ bis 2 ½ Fuß lang und in der Mitte bis 18 Zoll breit, trocknen. Dann entfernt man das Feuer, nimmt einige gegen die beiden Enden ſpitz zulaufen. In der Mitte der⸗ von den Steinen weg und legt auf die unteren das Fleiſch ſelben ſind zwei Löcher, durch welche ein Stück Holz als oder auch das ganze abgehäutete Thier, welches man hierauf Griff oder Henkel geſteckt wird. 2. Das grüne Licht. Eine Geſchichte aus Amerika. „Ich kann nicht viel zur Empfehlung der Stelle ſagen; brach endlich in ein unterdrücktes Lachen aus. Ich fühlte Stromt ber ſo wie ſie iſt, ſteht ſie Ihnen zu Dienſten.“ mich nicht beleidigt, denn ich kannte die Amerikaner zu gut, Nach dieſen Worten drückte der Sekretär mir herzlich um von ihnen dieſelbe Höflichkeit zu erwarten, welche ein. die Hand, warf einen haſtigen Blick auf ſeine Uhr, ent⸗ europäiſcher Beamter gegen mich beobachtet hab ſchuldigte ſich mit dringenden Geſchäften, und ging fort. und wußte überdies, daß die r iſt u Ein Schreiber blieb im Bureau zurück, um meine vom lachen, und daß ihre Meinung dbrütete bir Gouverneur der Provinz Nord⸗Carolina zu vollziehende Be⸗ werth ſind. geh ſtallung auszufüllen. Dieſer junge Mann, einer der lang⸗„Sie lachen, ſagte ich; darf ich fragen worüber? ,13 ÄAM. 7. 2:: F... 1 7) g„ ent theilsn haarigen amerikaniſchen Jünglinge, hatte in ſeinem ſchlauen Iſt es vielleicht meine Bewerbung um dieſe Stelle, was legte 0 EGeſichte einen höchſt komiſchen Ausdruck. Er ließ die Au⸗ Ihnen ſo lächerlich erſcheint?“ Er gih en über das Dokument rollen, kniff ſeine ſchmalen Lippen Der Schreiber legte die Feder nieder, „6 mit einem bedeutungsvollen Seitenblicke zuſammen, und ſeinen bli ſah mich mit. nzelnden Augen grade an und erwiederte: — — ————— — —— —— — — — — —— 552 „Weßhalb ich lache? Ich will es Ihnen ſagen. Ihr Herren ans dem Mutterlande begehet die ſonderbarſten Streiche. Wir eingeborene Amerikaner ſind ohne Zweifel gewandt und können meiſt Alles angreifen,— Neger trei⸗ ben, oder Buchführen, oder predigen, was es auch ſei; aber was ein Amerikaner nie thun wird, iſt— Wächter auf dem Leuchtthurme von Cap Hatteras werden!“ „Weßhalb nicht?“ fragte ich in beſter Laune.„Die Stelle iſt zwar etwas einſam und die Beſoldung nicht hoch,— „Sechshundert⸗ fünfundzwanzig Dol⸗ lar, mit Holz und Oel frei,“ unterbrach er mich,„wäre ſo übel nicht für leichte Arbeit.“ „Abgeſehen von anderen damit ver⸗ bundenen Vorthei⸗ len,“ bemerkte ich. „Die Lokalität iſt geſund, das Leben dort ruhig und bil⸗ lig, keine Verſuchung zu Ausgaben—“ „O was das betrifft,“ rief der Schreiber,„ſo war Robinſon Cruſoé ein wahrer Schlemmer in Vergleich mit dem, was Sie dort ſein werden. Blitz! ein Opoſſum auf einem Gummibaume lebt mehr in der Welt als der Wächter jenes Leuchtthurmes. Seit⸗ dem ich hier bin, — ſeit ungefähr elf Monaten,— ſind drei Wächter nach einander dazu ernannt worden. Der erſte, ein Deutſcher, ſchnitt ſich den Hals ab, der zweite ſtarb am Delirium, und der dritte, ein Irländer, ertrank oder ertränkte ſich. Lächerlich war es zu hören, was Ihnen der Sekretär vorſchwatzte von Naturaliſation, von einem Lichte, das ſich ſelbſt entzündet, und dergleichen,— als wenn wir nicht zu jeder Zeit einen Ausländer bekommen könnten, der es anzündet.“ Ich muß geſtehen, daß die Bemerkungen des jungen Mannes mir manche unruhige Stunde verurſachten und erhebliche Zweifel darüber erweckten, ob ich wohl gethan, eine ſo einſame Stellung anzunehmen. Allein ein altes Sprichwort ſagt, daß eine gewiſſe Klaſſe nicht wähleriſch ſein dürfe, und meine Börſe war leicht genug, um mich in dieſe nicht beneidenswerthe Kategorie zu ſtellen. Ich hatte Amerika mit großen Hoffnungen be⸗ von Perſonen treten, welche jedoch ſämmtlich auf klägliche Weiſe zu Waſ⸗ ſer geworden waren. Mit Palette und Pinſel hatte ich Ruhm und Reichthümer zu erwerben gedacht, allein der Fußboden meines Zimmers war immer ein roher, mit Farben bedeckter Dielboden geblieben, und der gehoffte Ruhm, noch werthvoller als Reichthümer, war wie ein höhnendes Irrlicht vor mir zurück gewichen. Ich war jetzt in der That ärmer, als zwei Jahre früher bei meiner An⸗ kunft in New⸗York. Von meiner Kunſtfertigkeit rühmend zu reden, verbietet mir die Beſcheidenheit, allein wahr iſt, daß ich lange und eifrige Studien ge⸗ macht hatte, und daß mir von vielen Kunſt⸗ richtern eine glück⸗ liche Zukunft verhei⸗ ßen wurde. Der richtige Weg wäre der geweſen, ruhig in der Heimath zu bleiben, und durch anhaltendes, geduldi⸗ ges Streben die Gunſt des Publikums, wenn auch nicht den höch⸗ ſten Ruhm, zu er⸗— ringen. Das aber hatte ich nicht gethan. Ich wollte mit einem Male reich und be⸗ rühmt werden, und war mit dieſer Hoff⸗ nung nach Amerika ausgewandert; keinen dümmeren Streich hätte ich begehen kön⸗ nen. Die neue Welt iſt ſehr karg mit ihrer Gönnerſchaft gegen das ausländiſche Ta⸗ lent, wenn deſſen Ruhm nicht ſchon in Europa verkündet worden iſt. Der Künſtler, Schauſpie⸗ ler, oder Sänger, der jenſeits des Mee⸗ res einen großen Na⸗ men erlangt hat, wird auch in den vereinig— ten Staaten geehrt werden, allein der Unbekannte wird kalt angeſehen. So war es mir ergangen, und dies der Grund, weßhalb ich, nachdem ich mich ver⸗ geblich in Philadelphia, Boſton und Cincinati nach einan⸗ der als Porträt⸗ und Geſchichtsmaler niederzulaſſen verſucht hatte, endlich genöthigt wurde, die Stelle als Wächter eines Leuchtthurmes auf einer elenden Sandinſel an der nörd⸗ lichen Küſte von Carolina nachzuſuchen. 4 Aber ich hatte noch einen beſonderen Grund für meine Bewerbung um dieſen nicht ſehr viel verſprechenden Poſten, — einen Grund, den ich weder dem Sekretär noch dem Schreiber mittheilte. Wenn ich als Künſtler eine Lieblings⸗ neigung hegte, ſo beſtand ſie darin, Schiffe und Seebilder — Fog d nutzu Gem Läng war ten O Amt der? nur beſſere traf, Zeit, lernen ſelben in die können I thete i nach! ren. den, d in re men, werden zwei ſeſch, rere K. dene Ohm gleitun migen eiſe zu Waſ⸗ hatte ich „allein der t, mit gehoffte var wie ein Ich war jetz meiner An⸗ it rühmend wahr iſt, e und Sudun ge der geweſen, der Heimath n, und durch des, geduldi⸗ ben die Gunſt verkündet iſt. Del Schauſpit⸗ „ Sängel, Sä .* 8 Mee⸗ oßen Na⸗ rohen hat, wird — rvereinig⸗ geehre n del 1 rangen, ich mich ber⸗ .7 einal⸗ n 4 verſuch r eiul Ind —— kommt, Feierſtunden. ——————— zu malen; allein bis jetzt hatte mich das Reſultat meiner ſein, Anſtrengungen in dieſer Richtung Das Colorit erſchien mir ſo dürftig, und die Auffaſſung nach und Behandlung des Gegenſtandes ſo gewöhnlich! hatte ich mich nach einer Gelegenheit geſehnt, vor dem Oceane zu ſitzen, jede Linie und Furche in den ſturmbeweg⸗ ten Geſichtszügen des Meergottes zu ſtudiren und das Bild der See in allen ihren Stimmungen, der ruhigſten ſowie der raſendſten, aufzunehmen. Eine ſolche Gelegenheit bot ſich mir in der jetzt erlangten Stellung dar. Der Wäch⸗ beſch ter eines Leuchtthurms war mit der Natur allein; nichts Köch zog dort meine Aufmerkſamkeit ab, und nach fleißiger Be⸗ nutzung eines Sommers war ich vielleicht im Stande, ein Gemälde zu liefern, das ſich in London gut verwerthen ließ. mit Länger als ein halbes Jahr in der Stellung zu bleiben, ten. Süd ren, war überhaupt nicht meine Abſicht. Es iſt in den Vereinig⸗ atlantiſchen Oceans durch ten Staaten nicht üblich, ein Amt lange zu behalten, denn—- der Amerikaner ſieht ein jedes ü ⁵⅛⁵⅛⁶⅛⅛⅛⅛⅛⅛d⅛dddddddddddd4e4e nur als Uebergang zu einem ccce ä beſſeren an; und was mich be⸗ traf, ſo gedachte ich in dieſer Zeit genug zu erſparen und zu lernen, um nach Ablauf der— ſelben mit beſſeren Ausſichten in die Heimath zurückkehren zu können. Vierzehn Tage ſpäter mie⸗ thete ich ein Boot und ließ mich nach meiner neuen Reſidenz fah⸗ ren. Es war ausgemacht wor⸗ den, daß mir von Zeit zu Zeit, in regelmäßigen Zwiſchenräu⸗ men, Lebensmittel zugeſendet werden ſollten. Jetzt nahm ich zwei Faß eingeſalzenes Schweine⸗ fleiſch, einen Sack Mehl, meh⸗ rere Kiſten Zwieback, verſchie⸗ dene Spezereiwaaren und ein Ohm Whisky mit. Meine Be⸗ gleitung beſtand aus einem ſtäm⸗ migen ſchwarzen Burſchen, deſ— ſen Glotzaugen beim Anblicke des Meeres erſtaunt im Kopfe rollten, und einer geſunden alten des Buben, welche mir als eine tüchtige Köchin und Haus⸗ hälterin empfohlen worden war. Beide waren natürlich Sklaven. Weiße Dienſtboten ſind Luxusgegenſtände, die ſich im arbeitsſcheuen Süden ſchwer finden laſſen, und ich hatte mich deßhalb der herrſchenden Sitte unterworfen und men noch wenig befriedigt. fel lieber mit Ihnen nach dem Oft tere Arbeit, iin den Reisfeldern und Zuckerplantagen von Georgien und Carolina zu hacken; und dahin hätte ich die beiden Wollköpfe wichtigt, Negerin, der Großmutter nen Sandinſeln geſchützt, anzuhören, welche nie vorher das 1864. 553³ Britiſcher! Tante Polli und Juba gehen ohne Zwei⸗ Leuchtthurme, als daß ſie Süden verkauft werden. Ich dächte, es wäre leich⸗ Eſſen zu kochen und Betten zu machen, als ſchicken müſſen, wenn Sie nicht gekommen wä⸗ um ſie zu dingen.“ Auf dieſe Weiſe wurden meine Bedenken einigermaßen und ich fand, daß Tante Polly eine gute in und Juba ein williger Burſche war, obgleich beide keinen großen Ueberfluß an Faſſungskraft beſaßen. Ein leichter Wind blähte unſere Segel, großer Schnelligkeit über die funkelnden Die ganze Bucht, ſo daß wir Wogen ſchiff⸗ gegen die heftigen Stürme des den natürlichen Damm der klei⸗ erinnerte mich an die Lagunen von Venedig, und nicht minder war der leuchtende blaue Himmel über uns ächt italieniſch. Es machte mir Ver⸗ gnügen, das eifrige Geſchwätz meiner dunkeln Begleiter Meer zu Geſicht bekom⸗ hatten, und denen jetzt alle Gegenſtände neu waren jene zwei lebendigen Hausrathsſtücke von einem Grundbeſitzer und Staunen erregten. in der Nähe der Stadt Wilmington gedungen. An den Eigenthümer derſelben, Dr. Leonidas Wicks, einem Freunde gewieſen worden, welcher wußte, daß Letz⸗ kerer mehrere entbehrliche Sklaven beſaß. Ein Engländer fühlt ſich ſtets im Gewiſſen beunruhigt, wenn er mit„dem heimiſchen Inſtitute“ der Sklavenſtaaten in Berührung und ſelbſt dann, wenn es nur in der indirekten Weiſe geſchieht, daß er einem anderen Beſitzer gewiſſe Stücke ſeines lebendigen Eigenthums abdingt. deſſen ſſen, denn plötzlich, ehe noch unſer Handel abgeſchloſſen var, ſagte er: „Sie haben nicht nöthig, Feierſtunden. 1864. einige ſo verwünſcht bedenklich zu war ich von als er einen Auch Dr. der hohe, bicks mochte in meinem Geſichte derartige Empfindungen auf Seite den kühnen Verſuch gemacht, bar; allein ſelbſt die „Hu, was für Gras das?“ rief zum Beiſpiel Juba, großen Haufen Seeneſſeln von rother, brau⸗ ner und purpurner Farbe, mit Muſcheln und kleinen Kreb⸗ ſen bedeckt, an uns vorüber ſchwimmen ſah. „Kein Gras das,— Blumen, Dummkopf!“ berich⸗ tigte Tante Polly mit der Selbſtgefälligkeit höheren Wiſſens. Bald darauf erreichten wir den kleinen Uferdamm, ſteckten, und über dem ſich weiße Thurm des Pharo erhob.(Siehe Bild 552.) Ein früherer Bewohner deſſelben hatte den Boden zu bepflanzen, und Spuren eines ehemaligen Gartens waren noch ſicht⸗ Mauer deſſelben war unter dem feinen 70 Pfähle tief im Sande 5⁵54 vom Winde herangetriebenen Sande allmählig bis zur Hälfte begraben worden. Das ganze Gebäude, obgleich noch in ziemlich erhaltenem Zuſtande, ſchien vernachläſſigt zu ſein, und hatte ein finſteres, unfreundliches Aeußere. Auch das Innere gewährte keinen gefälligeren Anblick. Die hölzernen Wände waren von Würmern zerfreſſen, und die niedrigen Decken der Zimmer mit Namen und Zahlen, un⸗ richtig geſchriebenen Verſen und ſchrecklichen Carricaturen bedeckt, während mehrere verkohlte Stellen verriethen, daß meine Vorgänger mit dem Lichte und dem Feuer nicht ſehr vorſichtig zu Werke gegangen waren. Das Mobiliar be⸗ ſtand nur aus einigen zerbrochenen Tiſchen und Stühlen, einem eichenen Schranke und einer eiſernen Feldbettſtelle. Aber große Vorräthe an Holz und Oel waren vorhanden, drei Teleſcope, mit dem Zeichen der Regierung verſehen, ſtanden in dem größeren Zimmer, und an der Wand hing eine lange Flinte, nebſt zwei Hirſchfängern, deren Metall⸗ griffe von der feuchten Seeluft ganz mit Grünſpan über⸗ zogen waren. Man hatte mir vorher geſagt, daß ich alle zu meiner Bequemlichkeit erforderlichen Dinge mitbringen müſſe, und das Boot war deßhalb mit Lebensmitteln, Küchengeräthen, Matratzen und Betten ſtark beladen. Bei der Ausladung und Hinaufſchaffung dieſer Gegenſtände lei⸗ ſteten die Leute des Bootes mir und meinen ſchwarzen Dienſtboten weſentliche Hülfe. Sie beſtanden aus einem ſchönen, alten Manne, welcher Hemd, Beinkleider und Jacke von geſtreifter Hausleinwand trug, deſſen Sohne und einem jungen Mulatten, und verweilten nach beendigter Arbeit noch einige Zeit bei mir, um ein Glas Whisky auf meine Geſundheit zu trinken. „Jetzt ſieht Eure Kajüte ſchon etwas ſchiffsmäßiger aus,“ ſagte der alte Mann, die auf der eiſernen Bettſtelle liegenden Matratzen und wollenen Decken betrachtend;„aber einſam und langweilig wird es hier für einen Mann, wie Ihr, ſein, der an das Stadtleben gewöhnt iſt. Es gibt zwar Nachbarn hier, aber“— fügte er mit leiſerer Stimme hinzu,—„ich warne Euch, Fremder, ſeid vorſichtig, bis Ihr wiſſet, mit wem Ihr zu thun habt.“ „Was meint Ihr?“ fragte ich erſtaunt. Allein der alte Mann war nicht geneigt, ſich deutlicher auszuſprechen, und äußerte nur murmelnd, daß für ein blindes Pferd ein Nicken eben ſo gut ſei wie ein Wink, und entfernte ſich gleich darauf. Die alte Negerin, welche in der That eine in der Klaſſe ihrer Farbe ſeltene Neigung zur Arbeit beſaß, be⸗ gann ſingend die Einrichtungen der Küche zu treffen, wäh⸗ rend Juba langſam und ſchwer keuchend Brennholz herbei⸗ ſchleppte. Nachdem ich die Laterne in Augenſchein genom⸗ men und die Lampen mit Oel gefüllt hatte, trat ich in das Freie und ſchlenderte an das Ufer. Die Ausſicht war weit, aber einförmig. Waſſer und Sand— ſo weit das Auge reichte, von Norden nach Süden und von Oſten nach Weſten, nichts als Waſſer und Sand. Am Ufer lagen zahlreiche bunte Muſcheln und viele Häufchen röthlichen Seegraſes. Auch Krebſe krochen in großer Anzahl umher, und eine Schildkröte ließ ſich platſchend in die Tiefe einer kleinen Bucht hinab, als ich mich nahte. Mein Auge ſchweifte die weite, ſcharf abgegrenzte Küſte entlang, an der die Sandhügel in unregelmäßig gewundener Linie lagen, ſo wie der Wind ſie während der ſtürmiſchen Monate auf⸗ gehäuft hatte. Die Vegetation war dürftig, denn nur wenige Graspflanzen gemeiner Art und von dunkelgrüner Farbe klammerten ſich verzweifelnd an den ſandigen Boden, und hier und da ſchoß eine wilde Baumwollenſtaude auf, deren Samen ein Sturmwind von dem Feſtlande über das Feierſtunden. 1864. Meer dahingetragen hatte. Die hier heimiſchen Waſſer⸗ vögel waren außerordentlich zahm, umflogen mich ſchreiend und erinnerten mich an Robinſon Cruſoe's Herrſchaft über die Thiere und das Geflügel der wüſten Inſel. Lange ſtrengte ich meine Augen an, aber konnte nirgends eine Spur von menſchlichen Wohnungen entdecken. Nur einige weiße Segel waren am fernen Rande des Horizontes ſicht⸗ bar, und ſelbſt ihr Anblick gewährte mir einen gewiſſen Troſt, da ſie ein Band zwiſchen meiner Einöde und der geſchäftigen Welt bildeten. Schwere Zweifel begannen ſich in meiner Bruſt darüber zu regen, ob ich wohl gethan hatte, dieſe Stelle anzunehmen. „Holla, Freund, ſeid Ihr der neue Leuchtthurms⸗ wächter?“ rief plötzlich eine tiefe Stimme hinter mir. Ich wandte mich um und ſah auf der Spitze eines Sandhügels einen großen, ſonnverbrannten jungen Mann, in Jägertracht und hohen Waſſerſtiefeln und mit einem zerdrückten Strohhut auf dem Kopfe, ſtehen. Er hatte ein Gewehr in der Hand und eine Jagdtaſche an der Seite, die mit geſchoſſenen Vögeln angefüllt war. Ein rothes Tuch war loſe um ſeinen Hals geſchlungen, und ſein gan⸗ zes Koſtüm hatte etwas Nachläſſiges und zugleich Maleri⸗ ſches, was ihm faſt das Anſehen eines Räubers gab. „Holla, könnet Ihr nicht antworten?“ donnerte die tiefe Stimme von Neuem. Ich erwiederte, daß ich der neue Leuchtthurmswächter, ſoeben vom Feſtlande angekommen und ganz zu ſeinen Dien⸗ ſten ſei. „Alſo ſind wir Nachbarn?“ verſetzte der Jäger, in⸗ dem er ſich näherte und mir die Hand reichte. Es war eine große, braune, knochige Hand, deren Druck mir faſt Thränen auspreßte. Nach dieſer Begrüßung lehnte ſich der Inſelbewohner auf ſein Gewehr und be⸗ trachtete mich lange von Kopf bis zu den Füßen.(Siehe Bild auf Seite 553.) „Ich hörte, daß ein neuer Wächter komme,“ fuhr der Rieſe fort,„und mein Vater, der alte Daddy Brown, in Fruit Creek,— mein Name iſt Japhet Brown,— ſagte, wenn ich Euch begegnete und wenn Ihr mir gefielet, ſo ſollte ich Euch zu wiſſen thun, daß Ihr zu jeder Zeit ein gutes Eſſen und ein Glas Branntwein in Fruit Creek be⸗ reit finden würdet.“.. Nachdem er ſich mit ſeiner brummenden Stimme die⸗ ſer gaſtfreundlichen Einladung entledigt hatte, begann er mich von Neuem anzuſtarren, wie um völlige Gewißheit darüber zu erlangen, daß ihm mein Aeußeres gefalle. Was mich betraf, ſo war ich mit mir einig, daß die Erſcheinung meines neuen Bekannten keine ſonderliche Bewunderung ver⸗ diene. Der Menſch war mir zuwider, allein ich wußte nicht, weshalb. Es war nicht das Rauhe und Ungeſchlachte in ſeinem Weſen, nicht das verworrene, ſchwarze Haar, das unter dem zerriſſenen Rande des Hutes herabfiel, nicht der Schmutz auf ſeinen Kleidern, was mich abſtieß,— nein, ich hatte brave Leute von noch rauherer Außenſeite kennen gelernt und zu lange die Welt geſehen, um den Druck der von Arbeit gehärteten Hand eines redlichen Man⸗ nes zu verſchmähen; allein in Japhets Geſicht drückte ſich nichts als eine rohe, wilde Freundlichkeit aus, während die Züge ſchwer und lauernd waren, der Blick der ſchwarzen Augen unruhig und verſchlagen ſtarrte, und in dem Lächeln ſeiner Lippen etwas Finſteres und Freches lag. Der Mann war mir zuwider, aber ich hütete mich wohl, Kälte oder Abſcheu zu verrathen. Der Wächter des Leuchtthurmes auf Cap Hatteras durfte nicht ſehr anſpruchsvoll in der Wahl ₰ ſeine alten wenn Abſic nete Glaſ um wein verri eigen ſeinen tung ganz nahm iſt G iſt D ſehen Aber licher Könne erwied gen 3 „ I Vogelf dort, ſchwin gleich Flügel ſchlug Naken Hand! füͤnfzig mir di ſpäter fen, iſ Schütze Sicher! der Fli wenigſt liger H die Sch „8 „Speck 5⁵⁵ Feierſtunden. 1864. ——:——-—O——ͦy-ê-́ê—— Taſſer⸗ ſeiner Freunde ſein. Ich erinnerte mich der Warnung des alten Bootsmannes und beſchloß, mit meinen Nachbarn wenn irgend möglich auf gutem Fuße zu leben. In dieſer Abſicht führte ich Japhet Brown in meine Wohnung, öff⸗ nete die Vorrathskammer und bewirthete ihn mit einem Glaſe Whisky und einer ausgezeichneten Cigarre, die ihm Bebens nicht erwehren, während ich die Dochte putzte, die Reflektoren richtig ſtellte und endlich zum Anzünden ſchritt. Ehe es geſchah, las ich noch einmal die mir darüber be⸗ händigten gedruckten Inſtruktionen durch und zauderte. Die ganze Bedeutung meiner Pflichten in ihrer vollen Schwere err einge hi trat mir vor Augen. Ich ſtand im Begriffe, ein Feuer dzontes ſict, um ſo beſſer mundeten, als er nur an gemeinen Brannt⸗ anzuzünden, auf deſſen fernen Schein der vom Sturm ge⸗ een geviſſe wein und ſchlechten Tabak gewöhnt war. Der junge Mann jagte Seemann im verzweifelten Kampfe mit den Elemen⸗ öde und der verrieth weniger Neugierde, als einem Nankee gewöhnlich ten wie auf einen rettenden Leitſtern blickte. Welches ent⸗ gannen ſih eigen iſt, hatte aber etwas unbeſchreiblich Anmaßendes in ſetzliche Unheil konnte daher leicht durch Nachläſſigkeit ver⸗ l gethan ſeinem Weſen und drückte unverhohlen eine große Verach⸗ urſacht werden, und wie unendlich groß war die Verant⸗ tung aller Stadtbewohner aus. „Ihr werdet hier Langeweile haben, Freund,— ſo ganz allein, he?“ fragte er mit etwas höhniſcher Theil⸗ nahme für meine einſame Stellung.„In Red Bay, da iſt Geſellſchaft genug zu finden, und in Fruit Creek, da iſt Daddy, und meine Mutter, und die Großmutter, abge⸗ un den ſehen von ſechs Buben und Mädchen und vielen Nachbarn. Er hatte e wortlichkeit meiner Stellung,— eines Poſtens, welches der gierig verſchlingenden See gegenüber für die Erhaltung menſchlicher Leben wacht! Plötzlich flammte nördlich von mir ein heller Schein auf und beleuchtete die fernen Sandhügel und die in Dun⸗ kelheit verſinkenden Meereswogen. Ein weißes Licht! Es mußte das des Leuchtthurms von Albemarle Sund ſein, ugen Mann, — Aber hier?— Ich muß mich wundern, daß ſich ein weich⸗ der gleich mir Wache hielt gegen Schiffbruch und Unglück. Nder Sei licher Städter, wie Ihr ſeid, den Ort ausgeſucht hat? Die Pflicht gebot mir, das Signal zu beantworten, und Ein rothes Könnet Ihr ringen?“ ich zündete daher meine beiden Lampen an,— ein rothes mt Muhe„In früheren Jahren hatte ich einige Uebung darin,“ und ein grünes Licht. Kaum hatten ſie etwa fünf Minu⸗ erwiederte ich lächelnd;„als Knabe liebte ich jeden derarti⸗ gen Zeitvertreib.“ „Könnet Ihr auch ſchießen?“ fragte er weiter. Auf meine bejahende Antwort legte er ſeine lange rnswächtt, Vogelflinte in meine Hand und ſagte: ten lang geleuchtet, als ich gegen Süden einen blutrothen Stern über den Wellen gewahrte,— das Licht des Leucht⸗ thurms von Cap Look⸗out. Einige Zeit verweilte ich in dem Glaszimmer, welches auf der Spitze aller derartigen Thürme befindlich iſt, ſchaute in die Nacht hinaus und rS gab. donnerte die einm Dien⸗„Verſuchet einmal, Fremder. Ihr ſehet jenen Vogel horchte auf das Heulen des Windes. Ich fühlte mich nicht dort, der auf einem Haufen Seegras ſitzt, das in der See ſo einſam, während vor mir im Norden und Süden jene r Jäger, in⸗ ſchwimmt? Könnet Ihr ihn treffen?“ fernen Leuchten ſchimmerten, denn ſie hatten denſelben Zweck Zu Japhets großem Erſtaunen wartete ich, ſtatt ſo⸗ wie meine Stellung,— Wachſamkeit für das Wohl un⸗ Hand, dein gleich abzudrücken, bis die Möve ſich mit ihren weißen ſerer Mitbrüder. rBegrüßung Flügeln erhob, und ſchoß dann erſt. Der Vogel über⸗ er und be ſchlug ſich und fiel todt in das Meer. zen.(Siche„Halloh! Ihr ſeid ein Guter, Freund,— der beſte NYankee, auf den je meine Augen fielen! Reichet mir die ne, fuhr der Hand! Ich will Daddy Brown davon erzählen. Volle „Brown, in fünfzig Schritt, kein Zoll weniger!“ ſagte, In ſeiner Freude über meine Geſchicklichkeit drückte er gefilt, ſo mir die Hand dergeſtalt, daß ſie mich noch eine Stunde der Zeit ein ſpäter ſchmerzte. Die Fertigkeit, Vögel im Fluge zu tref⸗ ruit Ereek be⸗ fen, iſt in Amerika viel ſeltener als in Europa. Die beſten 4 Schützen der Vereinigten Staaten thun ſich viel auf ihre imme die⸗ Sicherheit mit der Büchſe zu gut, aber im Gebrauche mit „begann er der Flinte ſind ſie weniger erfahren. Ich hatte, für jetzt „, Gewißheit wenigſtens, Japhets Achtung gewonnen, und mit aufrich⸗ Vfalle Wa tiger Herzlichkeit ſchlug er mir deshalb beim Abſchiede auf lei die Schulter und erneuerte ſeine Einladung. „Kommet, wann Ihr wollet, Freund!“ ſagte er. „Speck und Schinken und Whisky iſt immer vorräthig; und wollt Ihr uns einmal am Sabbath zum Mittageſſen beſuchen, ſo werdet Ihr auch willkommen ſein. Meine Mutter verſteht ein Huhn zu braten wie der beſte Koch. an anhaltender Beſchäftigung qualvoll geweſen ſein, denn Die Mädchens— meine Schweſtern meine ich— ſind das Putzen der beiden Reflektoren und das Reinigen und 109) eenſeit muntere Dinger, und ein Schwatz mit ihnen würde Euch Anzünden der Lampen erforderte keine große Thätigkeit; tet Aub gut thun, wenn Ihr von der Langeweile geplagt werdet.“ allein mir ſtand glücklicherweiſe meine Kunſt zur Seite, „Welche Zeit wollen Maſſa Nachteſſen haben? Präch⸗ tiges Huhn da,— kann braten, wenn Maſſa befehlen., Soll Tante Polly Waſſer kochen für Thee?“ Es war meine ſchwarze Haushälterin, die, nach Be⸗ ſchäftigung verlangend, meine Betrachtungen mit dieſen Fragen unterbrach und mich abrief.— Mein tägliches Leben als Wächter des Leuchtthurms von Cap Hatteras war außerordentlich einförmig. Zuwei⸗ len beneidete ich zwar Tante Polly, wenn ſie, von ihren Pfannen umgeben, ein Liedchen ſang, und Juba, während er beim Holzhacken oder beim Stiefelputzen eine endloſe Negerarie wirbelte; aber zu anderen Zeiten war auch ich in heiterer Stimmung. Von Zeit zu Zeit landete ein Boot in meinem kleinen Hafen, und ich genoß dann das Ver⸗ gnügen einer kurzen Unterhaltung mit den abgehärteten Seeleuten deſſelben, welche meiſtens eine ſeltſame Miſchung von Fiſchfang und Politik enthielt, aber nie ganz ohne Intereſſe war. Meine Berufsgeſchäfte nahmen wenig Zeit in Anſpruch. Für einen Mann ohne Bildung würde zwar der Mangel den, um Nach dieſen Worten wandte ſich Japhet auf dem Ab⸗ mit Hülfe deren ich die langen Stunden der ſchwülen Som⸗ dlchen ſih ſatz um und ſchlug den Weg nach Fruit Creek ein. mertage ausfüllen konnte. Ich ſkizzirte und malte, änderte tt— 1 Nichts von Bedeutung ereignete ſich ferner an dieſem und arbeitete um, und machte durch genaue und gewiſſen⸗ wähter arn Nachmittage. Als die Dämmerung über die niedrigen Ufer hafte Beobachtung der Natur endlich erhebliche Fortſchritte t ſcng ſchlich und ein tieferer Schatten die Azurfarbe des Meeres in der Malerei von Seeſtücken. Die Stelle mochte ich auf 1* dem Aum eſt in glänzenden Purpur und dann in Veilchenblau ver⸗ keinen Fall länger als ein Jahr behalten, und würde ſelbſt dalt he wandelte, ſtieg ich zum erſten Mal die Leiter hinauf, um nicht ſo lange darin haben bleiben wollen, wenn es nicht ¹— f das Leuchtfeuer anzuzünden. Ich konnte mich eines leiſen mein Wunſch geweſen wäre, das Meer, nach monatelangem gur„ 70* tth S 70 4 1² in N — — — ——— ——— —— 4 ——ꝛB—ꝛ:õ:õr—————;— Lächeln, auch in ſeinem Zorne malen zu lernen. Ein Menſch kann jedoch nicht immer malen, und es wurde daher auch mir ſchwer, andere Beſchäftigung zu finden. Ich putzte die Metallbeſchläge der Teleſkope und die Griffe der alten Hirſchfänger, bis ſie wie Gold glänzten,— reinigte die Vogelflinte und machte ſie zum Gebrauche fertig, wenn mit dem Eintreten des Schneefalles im Norden die Zugvögel anlangten; und da ich die Bemerkung gemacht hatte, daß ſich am Ufer auch nicht der kleinſte Fiſch fangen ließ, ſo unternahm ich die Arbeit, ein großes, altes und zum Leucht⸗ thurme gehöriges Boot wieder in Stand zu ſetzen, welches ich in einer nahen Bucht halb verſunken gefunden hatte. eſſen bleiben ſollte, war es iu ih Lebensweiſe kennen zu lernen. Wie ſich der Leſer ſpäter überzeugen wird, höchſt glücklicher Umſtand, daß ich mich dieſem Geſchäfte unterzog. Monaten führte zwar die Neugier manchen Gaſt zu mir, allein obgleich ich nie unterließ, ſolche Beſuche ſo artig als möglich zu empfangen, konnte doch keine Vertraulichkeit zwiſchen mir und ihnen entſtehen. Der Grund davon war nicht ihre rohe Ausdrucksweiſe, oder ihr lärmendes Weſen, und ebenſowenig ihr Mangel an Bildung; er lag darin, daß meine Nachbaren faſt ſämmtlich in ihrem Benehmen Etwas hatten, das jeden Grad von Achtung und Vertrauen unmöglich machte. Bei all' ihrer äußeren Rohheit waren ſie verſchlagen und ließen zuweilen Aeußerungen hören, die nach meinem Gefühle ehrlos waren. Ich werde nie den erſten Beſuch vergeſſen, welchen ich bei der Familie Brown abſtattete. Fruit Creek war eine lange und tiefe, aber ſchmale Bucht, welche in einen ab⸗ ſchüſſigen Winkel auslief, auf deſſen weichem Sande zahl⸗ reiche Boote und Kähne, ſowie auch viele Fiſche lagen, die vom Waſſer ausgeworfen worden waren. Die Bucht(Fruit Creek= Obſt⸗Bucht) hatte ihren Namen von einem mit Ananas und Nüſſen beladenen weſtindiſchen Schiffe, welches Feierſtunden. 1864. —; ———————— in der Nähe derjenigen Uferſtelle untergegangen war, wo Daddy Brown ſein langes, ſchwarzes Blockhaus erbaut hatte. Noch andere Hütten waren in der Nähe ſichtbar, allein Mr. Browns Wohnung war die beſte und größte von allen. Sie hatte Glasfenſter und einen kleinen Gar⸗ ten, der gegen das Spritzen der Wellen und die Anhäu⸗ fung des Sandes durch eine hohe, von ganzen Baumſtäm⸗ men errichtete Wand geſchützt war. Das Innere des Hauſes hatte noch bequemere Einrichtungen, als ſelbſt ſein Aeußeres erwarten ließ. Die Familie Brown mußte in guten Um⸗ ſtänden ſein, und da ſie darauf beſtand, daß ich zum Nacht⸗ ſo hatte ich Gelegenheit, ihre gewöhn⸗ Daddy Brown war ein geſunder alter Mann, wenn⸗ 9. ggleich von Jahren ſtark gebeugt, deſſen ſchwarze Augen wie 1 Während deſſen ſah ich von meinen Nachbaren, den die eines Habichts funkelten und große Schlauheit und übrigen Bewohnern der Inſel, nur wenig. In den erſten Kraft verriethen. Ich mußte unwillkürlich Gefallen an ihm finden, denn er ſprach gut und geläufig. Von der ganzen Familie war er allein in der Welt umhergekommen, hatte als Steuermann eines Schiffes China und Europa beſucht und oft die atlantiſche Küſtenfahrt von Veracruz bis Halifax gemacht. Er hatte drei Söhne, von denen Japhet der älteſte war, und drei Töchter, ſämmtlich groß und ſchön gewachſen, mit dunkler Geſichtsfarbe und feuri⸗ gen Augen. Die Mutter dagegen war eine ſanfte kleine Frau, mit ſcheuem Blicke in ihren blauen Augen und, wie ihr Gatte erzählte, aus Pennſylvanien gebürtig,— eine vortreffliche Haushälterin, die ganz den Geſchmack der Frauen des Nordens für Putzen und Scheuern hatte; denn der Fußboden des Hauſes war fleckenlos, und das in den Küchenſchränken befindliche Zinn und Kupfer ſtrahlte von Glanz. Ich wurde gaſtfreundlich empfangen. Die jungen Männer betrachteten jedoch meine Sehnen und Muskeln mit unverhehltem Hohne und forderten mich ſcherzend zu einem Ringkampfe mit einem der Jüngeren auf, da Ja⸗ phet, wie ſie ſpöttiſch bemerkten, zu groß und ſtark für mich ſei. Aber auch von meiner Fertigkeit im Schießen wollten ſie Proben ſehen, in Betreff deren ihnen der älteſte Bruder Wunder erzählt hatte. Es wurde alſo eine Vogel⸗ flinte von dem Haken über dem Ofen, wo ſie gewöhnlich thing, herabgenommen und eine halbe Stunde lang nach einem beweglichen Ziele, einer Mütze oder einem alten Stiefel, geſchoſſen, die wiederholt in die Luft geworfen und unter allgemeinem Beifalle von Schrot durchlöchert wurden. „Es wird zu dunkel! es wird zu dunkel!“ rief der alte Brown.„Gut geſchoſſen, Britiſcher,— nun genug! Früher war ich auch ein leidlicher Schütze, aber nur mit Kommt zum Eſſen, Jungens und Mädels; die Alte hat eben die Lampen angezündet.“ V Die erwähnten Lampen waren große Maſchinen von weißem Metall, augenſcheinlich das Werk eines amerikani⸗ ſchen Blechſchmieds, die eine große Quantität Oel enthiel⸗ ten und ein helles, gelbes Licht gaben. Das Tiſchtuch war über den Wallnußtiſch gebreitet worden, und auf demſelben ſtand dampfend ein großer Ueberfluß heißer Fleiſchſpeiſen, von Flaſchen und Steinkrügen umgeben. Die Teller waren von gewöhnlichem Steingut, aber die Trinkgeſchirre waren von verſchiedenem Material. Daddy Brown hatte einen ſilbernen Becher, Japhet einen zinnernen, die Mädchen Gläſer, und die übrigen Familienglieder Porcellankrüge. Noch mehr aber wunderte ich mich, zu bemerken, daß manche von den Gabeln aus maſſivem Silber beſtand, während andere gewöhnliche ſtählerne Doppelzinken von der billigſten Beſchaffenheit waren. der Büchſe. Kaum hatten wir uns geſetzt, als — ſich gierd ſchw derſe zu er Soh die was erſta rief Freu die 6 Letzt ſchul ein, eine nung ereigt deres Eine welch ſaß, ſchwa chen, in Go mit franz ren S ſich augen und e auf daß d ſchein Urſpr eine Art n ameri liers „ nichts das D fem 2 dhe ſichtbar, nd größte n Gar⸗ Baumſtäm⸗ des Hauſes Aeußeres g. Von der hergekommen, dd Europa von Veracruz „ von denen umtlich groß e und feuri⸗ ſanfte kleine Feierſtunden. 1864. 557 ————yy—— ſich ein ſonderbarer Umſtand ereignete. Weniger aus Neu⸗ Möbeln ſtanden,— ſeidene Gardinen an den ſchmalen gierde, als in Zerſtreutheit, wendete ich die vor mir liegende Fenſtern, mehrere mit verſchoſſenem und abgeſchabtem ſchwere ſilberne Gabel um und entdeckte an dem Griffe Sammet überzogene Lehnſeſſel, einen ſchönen Sekretär von derſelben ein halb verwiſchtes Wappen. Che ich es jedoch koſtbarem Holze, und vor allen Dingen einen prachtvollen zu entziffern vermochte, ſtreckte der neben mir ſitzende jüngſte Spiegel, deſſen kunſtvoller, vergoldeter Rahmen auf ſelt⸗ Sohn, Seth Brown, ſeine knochige Hand aus, entriß mir ſame Weiſe gegen die rohen Lithographien abſtach, welche die Gabel und ſchleuderte ſie über den Tiſch, indem er et- an derſelben Wand hingen. Freilich war es möglich, daß was von„ſpioniren“ murmelte. Ich ſelbſt war zu ſehr dieſe werthvollen Gegenſtände aus einer früheren Zeit her⸗ erſtaunt, um die Rohheit rügen zu können, aber der Vater rührten und vom alten Brown auf ſeinen Reiſen geſam⸗ rief ſogleich in ſtrengem Tone: melt worden waren, aber dennoch zweifelte ich. „Pfui, Seth! Du biſt betrunken, Bube. Bitte den Eine Woche ſpäter wurden meine Zweifel beſtätigt. Fremden um Verzeihung, oder—“ Ein Offizier der Marine, welcher den Auftrag hatte, alle Er beendigte ſeine Worte nicht, runzelte aber finſter Leuchtthürme der amerikaniſchen Küſte zu inſpiciren, langte die Stirn und drohte dem Sohne mit der Fauſt, worauf unerwartet bei mir an. Auf Cap Hatteras fand er nichts Letzterer mir die Gabel zurückgab und verlegen eine Ent⸗ zu rügen. ſchuldigung murmelte, daß es nicht böſe gemeint und nur„Ihre Lampen und Laternen ſind in muſterhaftem Zu⸗ ein„Scherz“ geweſen ſei. ſtande ſagte er freundlich zu mir,„und Ihre Reflektoren Jedenfalls war es—— machen Ihnen Chre. eine ſonderbare Erſchei⸗ k:UUU1⅞⅞⅞⅛⸗˖ Ich wollte, ich könnte nung, und bald darauf das überall ſagen; ereignete ſich etwas An⸗ aber leider iſt nicht deres ähnlicher Art.— zu läugnen, daß On⸗ Eine von den Töchtern, kel Sam*) ein ſchänd⸗ welche in meiner Nähe liches Weſen an die⸗ ſaß, ein fröhliches ſer Küſte treibt. Hat ſchwarzlockiges Mäd ſich in Ihrer Zeit chen, trug eine hübſche, hier kein Unfall er⸗ in Gold gefaßte Broche, eignet?“ mit Emaille im alt„Unfall?“ fragte franzöſiſchen Style.(ich betroffen. W„Ja, es iſt am beſten, dieſe Bezeich⸗ nung zu gebrauchen,“ erwiederte trocken der Offizier,—„obgleich die traurigen Fälle, welche ich meine, in hieſiger Gegend ſich nur zu oft ereignen, namentlich bei ſtür⸗ miſchem und nebeli⸗ — gem Wetter. Die Schiffer täuſchen ſich zuweilen an den Lich⸗ tern, laufen an die — ½ ſich die junge Dame augenſcheinlich freute, und erlaubte mir dar⸗ auf die Bemerkung, daß die Arbeit wahr⸗ ſcheinlich franzöſiſchen Urſprungs ſei, da ich eine Broche ähnlicher I Art nie im Laden eines W amerikaniſchen Juwe⸗ liers geſehen habe. „Das geht Euch nichts an!“ entgegnete das Mädchen in ſchar⸗ Küſte und ſcheitern, fem Tone. und kein Wunder „Phöbe!“ rief die Mutter verweiſend, während der iſt es, da manche Menſchen ſo ſchlecht ſind, Laternen an Vater ſeiner Gewohnheit gemäß nur freundlich lachte. Pferden zu befeſtigen und am Ufer hin und her zu treiben, „Unſere Inſelmädchen verſtehen Eure ſtädtiſchen Ma⸗ um die unglücklichen Seefahrer irre zu leiten. Ich ſehe nieren nicht, Britiſcher,“ ſagte er.„Das glänzende Ding Ihnen an, Mr. Halford, daß Sie erſtaunt ſind; mit einem iſt ehrlich erlangt worden, darauf möget Ihr ſchwören; Worte denn,— in nicht zu großer Entfernung von hier aber ob es franzöſiſch iſt, oder nicht, das kümmert uns erxiſtiren Banden der ſchändlichſten Seeräuber, die auf Er⸗ wenig.“. den nur zu finden ſind. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Ich nahm von der Familie Brown herzlichen Abſchied; Ihnen nicht eines Tages ein böſer Streich geſpielt werde.“ allein je länger ich auf dem Heimwege an ſie dachte, deſto Niihts ereignete ſich jedoch während des langen und ſonderbarer erſchien ſie mir. Waren es wirklich Fiſcher⸗ heißen Sommers, um die Warnung des Offiziers zu recht⸗ leute? fragte ich mich ungläubig, trotz der vielen Netze und fertigen. Der Herbſt kam, und mit ihm die Zeit der hef⸗ Leinen, welche vor dem Hauſe zur Schau hingen. Wurden tigen Stürme, ſtarken Regen und undurchdringlichen Nebel. jene ſchmalen und ſpitzigen Kähne zu keinen anderen Zwecken Ich hörte Gerüchte von einzelnen Schiffbrüchen an entfern⸗ benutzt, als die Söhne nach denjenigen Stellen des Waſſers ten Theilen der ſandigen Inſelkette, allein in meiner Nähe zu bringen, wo die meiſten und beſten Fiſche zu finden— waren? Das Haus enthielt Gegenſtände, welche in ſelt⸗*) Nationale ſamem Kontraſte mit den eichenen Bänken und den rohen Deutſchen. (Zu Seite 558.) Bezeichnung der Amerikaner, wie„Michel“ für die 558 —;——— ereignete ſich kein ſolches Unglück. Täglich ſah ich Schiffe mit eingezogenen Segeln ungefährdet vorüber fahren und muthig ihren Weg durch die zornige See kämpfen; und allnächtlich antworteten meine Leuchtfeuer dem freundlichen Scheine von Nord und Süd, deren warnende Zeichen an der gefährlichen Küſte nicht nutzlos brannten. Inzwiſchen wurde ich meines Amtes herzlich müde. Ich hatte einige Skizzen vollendet und durch Fleiß und Uebung in der Far⸗ bengebung Fortſchritte gemacht, und zeigte deßhalb, da mir die Einſamkeit unerträglich geworden war, meiner vorgeſetz⸗ ten Behörde an, daß ich entſchloſſen ſei, meine Stelle nie⸗ derzulegen, und daß ich ſie verlaſſen würde, ſobald ein Nachfolger ernannt worden. An einem düſteren, ſtürmiſchen Herbſttage, während die Wolken in wilder Flucht über den drohenden Horizont zogen und die Wellen dumpf rollten, ſtieß ich auf einem einſamen Spaziergange plötzlich auf zwei Männer. Sie ſtanden in einer kleinen Vertiefung zwiſchen zwei Sand⸗ hügeln und blickten auf die See hinaus. Inſtinktmäßig folgten meine Augen der Richtung der ihrigen, und ich ſah ein großes Schiff, mit eingerefften Marsſegeln und dem Bug nach Süden gekehrt, ſchwankend und unſicher die Küſte entlang fahren. Der Wind war ihm entgegen, und nur durch fortwährendes Laviren konnte es langſam vorwärts kommen. Die beiden Männer am Ufer, welche mich nicht bemerkten, da der weiche Sand unter meinen Fußtritten kein Geräuſch verurſachte, ſprachen ungenirt und laut mit einander.(Siehe Bild auf S. 557.) „Da, es lavirt ſchon wieder mit dem Backbord,“ ſagte der Jüngere und Größere von Beiden;„ſo wird ſich's herum ſchlagen bis zur Nacht und nicht zehn Kabel weit vorwärts kommen.“ „Die Bucht von Ocracock kann es bei dieſem Winde, der wahrſcheinlich noch ſtärker wird, unmöglich erreichen,“ bemerkte der Aeltere mit ſanfter Stimme, an der ich Daddy Brown erkannte.„Der Schiffer muß die Küſte nicht ken⸗ nen, und ehe die Nacht anbricht, wird der Narr am Ufer feſtſitzen. „Nicht übel wäre es, wenn es innerhalb unſerer Gren⸗ zen an das Ufer ſtoßen ſollte!“ rief der Jüngere, Japhet Brown.„Schwer beladen iſt es; der Fang wäre ſchon eine naſſe Jacke werth. Solche Beute iſt uns nicht in die Hände gekommen, ſeit—“ „Still!“ flüſterte warnend der Vater, welcher ſich gerade umgedreht und mich bemerkt hatte,— es ſind Ohren in der Nähe!“ Japhet wurde roth und machte eine ſehr finſtere Miene, als ich den Sandhügel hinab ſtieg und ihn und ſeinen Vater begrüßte. Deſto freundlicher war jedoch der Letztere. „Freut mich, Euch wieder einmal zu treffen, Briti⸗ ſcher, ſagte er;„habe Euch ſeit zwei Monaten nicht geſehen!“ Schlechtes Wetter heut!“ Unſere Unterhaltung währte nicht lange, und wir trennten uns bald. Aber als ich bereits meiner Wohnung nahe war, vernahm ich mit nicht geringem Erſtaunen Je⸗ manden hinter mir keuchen, und ſah Japhet heran kommen. „Mein Vater läßt Euch ſagen,“ ächzte er,„daß es ihm große Freude machen würde, wenn Ihr heute Abend nach Fruit Creek kommen wolltet. Die Mädchens haben Gäſte geladen, um Nüſſe und Kaſtanien zu ſchälen und aufzuziehen. Es werden viele Nachbarn kommen, Männer und Frauenzimmer, und wir wollen Spiele haben und ein ———— Feierſtunden. 1864. ———— Nachteſſen, das für einen Präſidenten nicht zu ſchlecht wäre. Wollet Ihr kommen?“ Wäre ich meiner Neigung gefolgt, ſo würde ich die Einladung abgelehnt haben; allein ich mochte nicht beleidigen und wußte, daß meine Weigerung einem gewiſſen Stolze zugeſchrieben werden würde, und nahm ſie deßhalb an. „Das iſt recht, Freund!“ ſagte Japhet, tief Athem holend.„Ich haſſe jeden Burſchen, der ſtolz iſt. Ja, wir könnten gute Geſchäfte mit einander machen, und es würde Euch mehr einbringen, als Euer lumpiger Gehalt ausmacht, wenn Ihr nur wüßtet, welche Seite Eures Brodes mit Butter beſtrichen iſt.“ „Was meint Ihr?“ fragte ich. Japhet wandte ſich lachend um und erwiederte nur: „Laſſet's nur ſein, und vergeſſet nicht zu kommen. Die Gäſte verſammeln ſich um ſechs Uhr, alſo nicht ſpäter!“ Im nächſten Augenblicke war er fort. Ich ging auch nach Hauſe, und als ich an der Thür noch einmal zurück⸗ blickte, gewahrte ich das Schiff ungefähr eine Meile vom Ufer entfernt. Obgleich es bereits ziemlich dunkel war, konnte ich doch ſehen, daß es nur langſam vorwärts kam, während der Sturm mit jedem Augenblicke loszubrechen drohte. Ich ſtieg die Leiter hinauf, ſtellte meine Lampen zurecht, zündete ſie mit der gewöhnlichen Sorgfalt an, und ſetzte mich dann nieder, um einige Zeit zu leſen. Um halb ſechs Uhr kleidete ich mich an, nahm meinen Mantel, warf noch einen Blick auf das Leuchtfeuer und ging. Es war das erſte Mal, daß ich den Thurm verließ, während das Feuer brannte. Ich hatte einen langen und beſchwerlichen Weg nach Fruit Creek, denn der Wind heulte und der Mantel flat⸗ terte um meine Schultern und zerrte an mir, als wollte er mich zurückhalten, während mein Fuß in den Sand⸗ hügeln oft ſtrauchelte. Dabei herrſchte tiefe Dunkelheit, und der Regen, mit Schnee vermiſcht, ſchlug mir in das Geſicht. Nach dieſer mühevollen Wanderung am Meeres⸗ ufer gewährte mir Brown's Haus mit den hell erleuchteten Fenſtern und der bunten Verſammlung von Männern, Frauen, Mädchen und Kindern einen freundlichen Anblick. Scherz, Lachen und Heiterkeit herrſchten in dem munteren Kreiſe. Ein endloſer Contretanz wurde von mindeſtens zwanzig Perſonen ausgeführt, mit ſehr geräuſchvoller Be⸗ gleitung von klatſchenden Händen und ſtampfenden Füßen, und dann folgten Geſang und geſellſchaftliche Spiele. Zu jeder anderen Zeit würde es mir Vergnügen gemacht haben, dem fröhlichen Treiben zuzuſehen, allein an dieſem Abende befand ich mich in einer ſehr gedrückten Stimmung, und mein Herz war ſchwer. Eine trübe Ahnung beſchlich mich, der ich nicht widerſtehen konnte, ſo ſehr ich mich auch be⸗ mühte, meine Mißſtimmung zu verbergen. Der alte Brown war ſehr erfreut über mein Kommen, und nicht minder Japhet, aber es entging mir nicht, daß die Frau des Hau⸗ fes mich mit etwas ſcheuen Blicken betrachtete. Auch fiel mir auf, daß, obgleich die drei Töchter mit einem Eifer tanzten, als hinge ihr Leben davon ab, die beiden jüngeren Söhne abweſend waren. „Sie ſind nach dem Feſtlande hinüber gefahren, um Enten zu ſchießen,“ erwiederte der alte Brown auf meine Frage nach ihnen;„ehe es zu Tiſche geht, werden ſie zu⸗ rück ſein, Britiſcher.“ Ich lehnte es ab, am Tanze Theil zu nehmen, und begnügte mich eine Zeit lang damit, Zuſchauer zu ſein. Allein das Geigen, Lachen und Schreien that auf die Dauer G meinen mehr, Gelege trat de I begegn und T an mi die be⸗ erkenne haben, ihre A mit junger lichen die Zä das? Dunke nächſte Kanon irgend weiter. freunde die brü mein g rothe L „ ein un ſen! ladung meine; Thurm zünden hört h durchſch Das 9 Leuchtt dadurch nur un tbeleidigen iſſen Stolze — Shalb an. „tief Athem olz iſt. Ja, hen, und es piger Gehalt Säte Eures Seite Lalle iederte nur. zu kommen. nicht ſpäter!“ einmal zurück⸗ e Meile vom dunkel war, vorwärts kam, loszubrechen neine Lampen falt au, und n. Um halb I, warf . Es war während das hen Weg nach Mantel flat⸗ r, als wollte n den Sand⸗ m Männern, ichen Arblic. em munteren m mindeſtens 1 „Dunkelheit durchzuckte?— Ein Blitz?— Nein, denn im Feierſtunden. 1864. ——n— meinen Ohren weh. Ueberdies ſtieg meine Unruhe immer mehr, und endlich konnte ich es nicht länger ertragen. Eine Gelegenheit benutzend, ſchlüpfte ich unbemerkt hinaus und trat den Rückweg an. Als ich ungefähr die Hälfte deſſelben zurückgelegt hatte, begegneten mir zwei Männer, welche, da ſie gegen Regen und Wind kämpfen mußten, den Kopf gebeugt hielten und an mir vorüber eilten, ohne mich zu bemerken. Ich glaubte die beiden jüngeren Söhne des alten Brown in ihnen zu erkennen; allein was konnte ſie nach Cap Hatteras geführt haben, da ihr Vater mir einen ganz anderen Grund für ihre Abweſenheit vom Hauſe angegeben hatte? Eine dunkle Ahnung ergriff mich und füllte mein Herz mit Schrecken. In welcher Abſicht konnten dieſe beiden jungen Männer gerade während der Feſtlichkeit im elter⸗ lichen Hauſe nach meiner Wohnung gegangen ſein? Ich biß die Zähne zuſammen und eilte ſchneller weiter. Was war das?— der rothe Schein, der eben auf der See die nächſten Augenblicke ließ ſich der dumpfe Donner einer Kanone hören. Es war ohne Zweifel das Nothzeichen irgend eines von Gefahr bedrohten Schiffes. Ich ſtürzte weiter. Endlich konnte ich den Leuchtthurm ſehen und den freundlichen Schein, den ſein Feuer wie gewöhnlich über die brüllende See warf. Wie gewöhnlich?— Nein; denn mein geübtes Auge erkannte ſogleich die Veränderung. Das rothe Licht brannte allein; das grüne war— erloſchen! „Gerechter Himmel!“ rief ich laut,„dies iſt entweder ein unglücklicher Zufall, oder Böſewichter ſind hier gewe⸗ ſen! Ha,— jene Buben,— das Schiff,— die Ein— ladung— ich ſehe Alles!“ Mit tiefem Stöhnen rannte ich weiter, ſo ſchnell mich meine Füße tragen wollten, um wo möglich noch zeitig den Thurm zu erreichen und die verlöſchte Lampe wieder anzu⸗ zünden, ehe das unglückliche Schiff, deſſen Signal ich ge⸗ hört hatte, ſeinem Schickſale erlag; denn augenblicklich durchſchaute ich den ſchändlichen Plan der Strandräuber. Das allein brennende rothe Licht mußte für das Feuer des Leuchtthurmes auf Cap Lookout gehalten werden, und der dadurch getäuſchte Kapitän ſuchte nach einem Canale, wo nur unheilvolle Sandbänke lagen. Ehe ich jedoch meine Wohnung erreichen konnte, ver⸗ riethen mir die ſchnell auf einander folgenden Schüſſe, daß die armen Seeleute das Geführliche ihrer Lage erſt erkannt hatten, als es zu ſpät war. Der Schall kam immer näher und näher, und das Schiff mußte alſo der Küſte zu treiben. Ich ſtürzte in das Haus. Juba ſchlief ſchnar⸗ chend in einem Winkel der Küche, und die alte Polly ſaß vor dem Feuer und ſang krähend ein Lied ihrer Heimath. Beide wußten augenblicklich nichts von dem, was geſchehen war. Ich eilte zu dem Glaszimmer hinauf, wo ſich die Lampen befanden, zündete ſchleunigſt die verlöſchte an und blickte dann hinaus. das Blitzen der kleinen Kanonen; ſich ein breiter, düſterer Schein, und beim Lichte eines une geheuren Feuers, welches am Ufer von einem aus Theer⸗ fäſſern und Holz beſtehenden Haufen aufſtieg, ſehen, daß das Schiff bereits geſtrandet war. MWaß auf einer Sandbank feſt, und die Maſte, mit dem Takelwerk, waren über Bord gefallen und hatten das Ver⸗ deck mit Trümmern überſchüttet, auf das die Wellen wüthend In geringer Entfernung davon konnte ich einen matten Herzſchlag. niederſchlugen. Eine Zeit lang ſah ich nichts, als ein, und warf dann aber bald darauf erhob und merhaufen an das Land. zuſammengebundenen Segelſtangen beſtehend, war weit fort konnte ich geſchwommen Der Bug Strömung trieb mich faſt auf das hohe Meer hinaus; aber dennoch zu entziehen. Augen, und hatte kein anderes Lebenszeichen mehr, als 559 — in dem blutrothen Lichte des Feuers ſcharf abgrenzten, und die am Ufer ſehr beſchäftigt zu ſein ſchienen. Es waren die Strandräuber, welche das Feuer angezündet hatten. Ohne mich zu beſinnen und die Folgen meiner Handlung zu überlegen, ſtieg ich die Leiter hinab, befahl Juba, mir zu folgen, und eilte an die Küſte, um wo möglich noch Einem oder dem Anderen der armen Schiffbrüchigen hülf⸗ reiche Hand zu leiſten. Als ich dahin gelangte, vernahm ich ein lautes Geſchrei. Das Schiff war in der Mitte gebrochen. Die See, gluthroth vom Feuerſchein, war mit ſchwimmenden Maſten, Ballen, Kiſten und menſchlichen Figuren bedeckt, welche gegen die Wellen kämpften. Von den letzteren waren jedoch nur wenige ſichtbar, und ihr Hülferufen blieb unbeachtet von den habſüchtigen Böſewich⸗ tern am Ufer, die unter lautem Gebrüll bis an die Bruſt in das Waſſer ſprangen, um ihre Beute zu ſichern. Kiſten, Fäſſer und andere Gegenſtände wurden eiligſt ergriffen und aus dem Bereiche der Wellen an das Ufer gezogen, wäh⸗ rend die Räuber ſich durch Zurufungen zu ihrem teufliſchen Werke anfeuerten. Es war eine gräßliche Scene, allein ich ſah wenig davon, denn plötzlich fiel mein Auge auf einen Gegenſtand, welcher es von allen anderen abzog. Anfangs ſchien es mir ein Bündel Kleider zu ſein, der, an eine leichte Rohrbank befeſtigt, in meiner Nähe vorüber getrie⸗ ben wurde; allein das weiße Bündel bewegte ſich, und ich konnte deutlich die langen, goldenen Haare und das bleiche, liebliche Geſicht eines Kindes beim düſteren Scheine des Feuers erkennen. Im nüächſten Augenblicke ſtand ich bis an die Bruſt im Waſſer und griff nach dem Gegenſtande, der meine Aufmerkſamkeit erregt hatte. Die heftige Strö⸗ mung riß mich faſt fort, und ich wankte, aber hielt den⸗ noch das Kind feſt, zerſchnitt den Strick, mittelſt deſſen es an die Bank gebunden war, und brachte es in meinen Armen an das Ufer. Ein ſanftes Geſichtchen, ſchön und unſchul⸗ dig, wie das eines Seraphs! Das kleine Mädchen war durchnäßt und von Kälte erſtarrt, aber ihr Geiſt und ihre Gefühle waren dadurch nicht betäubt worden; denn während ſich das eine ihrer ſchwachen Hände an meine Schulter klammerte, deutete ſie mit dem anderen auf das Meer und murmelte matt und leiſe:„Mama! Bitte, hilf Mama! O bitte, bitte, rette Mama!“ Das arme Weſen! Mitleidsvoll blickte ich es an, denn ich zweifelte nicht, daß ſeine Mutter in dem Schiffbruche umgekommen war. Aber das kleine Mädchen— es mochte kaum ſechs Jahre alt ſein— beharrte in ſeinen Bitten, deutete eifrig auf einen Haufen Trümmer, der vom Stru⸗ del vorbei getrieben wurde, und flehte mich angſtvoll an, „die liebe Mama“ zu retten. Das Kind hatte Recht; an jene Trümmer war wirk⸗ lich eine menſchliche Geſtalt gebunden, welche leblos zu ſein ſchien, und deren langes braunes Haar und Kleidung er⸗ kennen ließen, daß es ein Frauenzimmer war. Ich legte das Kind ſanft auf das ſandige Ufer, ſprach ihm Muth meinen Rock ab, ſprang in die See zog mit großer Anſtrengung den ſchwimmenden Trüm⸗ Das kleine Floß, aus einigen „ehe ich es erreichen konnte, und die heftige gelang es mir, die Unglückliche den Wellen Sie war ganz bewußtlos, mit geſchloſſenen Das Geſicht war ſehr zart ge⸗ eine Anzahl Perſonen erkennen, deren düſtere Geſtalten ſich formt und dem des ſchönen Kindes ähnlich, obgleich die 560 ——;—:—::9—— Feierſtunden. 1864. —y—éxV Farbe deſſelben, ſowie die der Haare, dunkler war. Das lich entfallen, daß ich ihm befohlen hatte, mir zu folgen. kleine Mädchen ſchlang ihre Arme um den Hals der Mut⸗ Ich war ihm voraus geeilt, und ſah jetzt ſein ſchwarzes ter und küßte ſie unzählige Male. Geſicht vor mir. Der arme Burſche ſchien von dem wilden Ich mußte jetzt auf Mittel denken, die leidende Frau Geſchrei und den leidenſchaftlichen Bewegungen der Strand⸗ in Sicherheit und unter Obdach zu bringen; allein wie war rügber furchtbar erſchreckt zu ſein, und wollte ſich gerade dies zu bewerkſtelligen? An die Strandräuber durfte ich mich davon machen, als ich ihn beim Kragen faßte. Mit ſeiner natürlich nicht wenden. Glücklicher Weiſe hatten ſie nicht Hülfe gelang es mir, die junge Frau über die öden Sand⸗ geſehen, was fünfzig Schritte weit von ihnen vorging, oder hügel nach dem Leuchtthurme zu tragen, während das Kind, wenn ich von ihnen bemerkt worden war, ſo hatten ſie mich welches ſich inzwiſchen genügend erholt hatte, neben uns zu muthmaßlich für Einen ihrer Bande gehalten. Allein ſie um Hülfe anzuſprechen wagte ich nicht, denn ſie wollten keine lebenden Zeugen ihrer Miſſethaten haben, und eben ſo wenig diejenigen retten, welche rechtmäßige Anſprüche auf die von ihnen widerrechtlich in Beſitz genommenen Gegenſtände machen konnten. Während ich mit meiner zweiten Beute zurückſchwamm, war mein Geſicht dem geſcheiterten Fahrzeuge zugewendet geweſen, und ich hatte deutlich zwei menſchliche Köpfe aus dem Waſſer tauchen, zwei angſtvolle Geſichter und die ausgeſtreckten Arme zweier Ertrinkenden geſehen. Beide waren ohne Kopf⸗ bedeckung, und nach dem kurzen Blicke zu ſchließen, den ich auf ſie warf, würde ich den Einen für einen Matroſen, den Anderen aber für einen Mann von Stande gehalten haben. Verzweifelnd riefen ſie um Hülfe, die ihnen Nie⸗ mand brachte, aber ein großer Mann, deſſen Geſtalt der des Japhet Brown ähnlich war, näherte ſich ihnen und ſtieß Beide mit einer langen Ruderſtange in das tiefe Waſ⸗ ſer zurück, während die übrigen Böſewichter am Ufer Bei⸗ fall riefen. So mußten die Unglücklichen untergehen, ge⸗ mordet um des ſchnöden Gewinnes willen. Ich ſah ein, daß mein eigenes Leben an einem Faden hing; denn wenn einer der Strandräuber mich entdeckte, ſo nahmen ſie gewiß Fuß ging. Wir legten die Leidende auf mein Bett, und Tante Polly bewies ſich als eine vortreffliche Wärterin. Der Sorge und dem Eifer der gutherzigen Negerin war es zu danken, daß die Dame ſich allmählig erholte. Aus dem Munde der Letzteren erfuhr ich hierauf, daß ſie die Frau eines reichen Mannes, Namens Fairfax, in Nord⸗Carolina, war, deſſen Oheim als Gouverneur an der Spitze des Staates ſtand. Ich konnte der Unglücklichen natürlich nicht verhehlen, daß ſie Wittwe war, aber erſparte ihr wenig⸗ ſtens den doppelten Schmerz, zu hören, daß ihr Gatte muth⸗ maßlich von jenen Unmenſchen ermordet worden ſei; denn der Beſchreibung nach konnte ich nicht zwei⸗ feln, daß der Eine von jenen Beiden, die ich in das Waſ⸗ ſer hatte zurückſtoßen ſehen, Capitän Fair⸗ fax geweſen. Während die junge Wittwe den erlittenen Verluſt beweinte, wo⸗ bei fie das Kind angſtvoll umſchlang, als fürchtete ſie, es auch zu verlieren, be⸗ gann ich die nöthigen Vorbereitungen, um die Inſel am näch⸗ ſten Morgen verlaſ⸗ ſen zu können. Wie bereits erwähnt wor⸗ den, hatte ich glück⸗ Mußeſtunden dazu benützt, das alte Es hatte zwar noch kei⸗ licher Weiſe meine Boot wieder in Stand zu ſetzen. nen Maſt, aber war mindeſtens waſſerdicht und mit guten Rudern verſehen. Ehe ich mich zur Ruhe legte, zog ich es noch auf den Uferdamm, ſo daß wir mit dem erſten Mor⸗ genlichte abreiſen konnten; denn die Furcht quälte mich, daß die Strandräuber vor unſerem Entkommen die Entdeckung machen möchten, daß ich Augenzeuge ihres Verbrechens ge⸗ weſen war und einige von den Paſſagieren des geſcheiterten Schiffes gerettet hatte. Sobald der Tag graute, ließ ich deßhalb Matratzen und Kiſſen in das Boot legen, und trug die Dame mit Hülfe von Juba und Tante Polly hinunter, da ſie noch zu kraftlos war, um gehen zu können. Das Kind folgte, und die Negerin hüllte die Leidende in wollene keinen Anſtand, einen neuen Mord zu begehen. Allein was ſollte ich thun? Das Kind konnte ich wohl mit Leichtigkeit tragen, aber wie die Frau fortſchaffen? Gott ſei Dank, da ſtand Juba. Es war mir gänz⸗ Decken und Mäntel, während ich, mit Juba, die Ruder ergriff. Für den Fall einer Verfolgung, welche mir jedoch nicht wahrſcheinlich erſchien, hatte ich das geladene Gewehr mitgenommen, einen Hirſchfänger unter meinen Rock —VHV—2 ,.,p,—:— er flue — — geſchnallt waren 9 zen und befanden Ich lief und hur e hoh 6 und ſei den me antwor eines Ff nete i ſproche ( aber und ſt ( mit m und ei 1 mit zu folgen. ſein ſchvarzes von dem wilden en der Strand⸗ Alte ſic gerude te. Mt ſeiner die öden Sand⸗ rend das Kind, nehen uns zu m Bett, und ate Wärterin. Nord⸗Caroling, der Spitze des natürlich nicht ntte ihr wenig⸗ den doppelten nerz, zu hören, ihr Gatte muth⸗ ich von jenen nſchen ermordet nſei; denn der nach mit meinem Hirſchfänger aus dem Leuchtthurme vertreiben ung richt zwei⸗ daß der Eine zurückſtoßen Capitän Fair⸗ eſen. end die junge ve den erlittenen iſt beweinte, wo⸗ ſie das Kind voll umſchlang, uncttete ſie, es gverlieren, be⸗ ich die röthigen reitun Feierſtunden. 1864. 561 ——-:——-—4üüüüyyyᷣ 1 geſchnallt, und den anderen im Boote verborgen. Wir zurückkehrte. Wir waren beide, Juba und ich, keine ſehr waren gerade im Begriffe abzuſtoßen, als mir meine Skiz⸗ zen und Zeichnungen einfielen, die ſich noch im Leuchtthurme befanden, und die ich nicht gerne im Stiche laſſen wollte. Ich lief deßhalb zurück, nahm die Mappe unter den Arm, und hatte bereits wieder den Ausgang erreicht, als mir eine hohe Geſtalt entgegen trat,— Japhet Brown! Sein Geſicht war vom Trunke roth und aufgedunſen, und ſeine ſtechenden Augen ſenkten ſich unwillkürlich, als ſie den meinigen begegneten. „Wohin, Fremder? Ihr ſcheint verteufelte Eile zu haben,“ brummte er, mir die Hand entgegen ſtreckend. „Ich reiſe ab, und habe keine Zeit zur Unterhaltung,“ antwortete ich kurz. „Verwünſchter, aufgeblaſener, britiſcher Hund!“ ſchrie er fluchend.„Wer ſeid Ihr, daß Ihr es wagt, die Hand eines ehrlichen Mannes zu verſchmähen?“ „Eines Mörders Hand, wollet Ihr ſagen?“ entgeg⸗ nete ich empört, aber bereute die Worte, ſobald ſie ge⸗ ſprochen waren. Japhet wurde leichenblaß vor Wuth. „Es ſcheint, Ihr wiſſet zu viel, mein ſchöner Herr; aber ich will Euch den Mund ſtopfen!“ ſagte er höhniſch und ſtürzte ſich auf mich. Glücklicher Weiſe war ich bewaffnet und konnte ihn ausgezeichneten Ruderer, und das Boot trug eine große Laſt, weßhalb unſere Fahrt nur langſam von Statten ging. Ehe wir noch den halben Weg zurückgelegt hatten, wurde ich ein ſchnell ſegelndes Fahrzeug gewahr, das uns folgte. Ohne Zweifel hatte der ſchurkiſche Japhet ſeinen Kameraden Anzeige gemacht, die uns jetzt einzuholen ſuchten. Wäre es ihnen gelungen, ſo würde die Unthat durch Opferung unſeres Lebens unentdeckt geblieben ſein. Allein eine in geringer Entfernung vorüber fahrende Schaluppe, die wir anriefen, nahm uns auf und brachte uns nach dem Feſt⸗ lande. Noch an demſelben Tage konnte ich die unglückliche Frau, mit ihrer kleinen Tochter, dem Schutze der Ver⸗ wandten ihres Gatten übergeben. Die dankbare Familie wollte mir eine bedeutende Geld⸗ belohnung aufdringen, aber ich lehnte ſie ab. Dagegen nahm ich gern ihre Gönnerſchaft und Empfehlung an, die mich nach zwei Jahren in den Stand ſetzte, mit einer wohl⸗ gefüllten Börſe in die Heimath zurückzukehren. In Folge unſerer Anzeige wurde ein Gerichtsbeamter, mit bewaffneter Begleitung, nach Cap Hatteras abgeſchickt, um ſich der Verbrecher zu bemächtigen. Allein da die Aus⸗ führung dieſer Maßregel einige Verzögerung erlitt, ſo ge⸗ lang es der Familie Brown, nach dem fernen Texas zu entfliehen, wo Japhet und ſein Vater, wie ich in öffent⸗ lichen Blättern las, mehrere Jahre ſpäter wegen Raub⸗ und eine Strecke weit verfolgen, worauf ich nach dem Boote mords durch Lynch⸗Juſtiz hingerichtet wurden. Sitten und geöräuche der Japaneſen. Fragt man die Japaneſen, zu welcher Raſſe ſie ge⸗ hören oder woher ſie ſtammen, ſo zeigen ſie hinauf nach dem Himmel und ſagen mit Stolz, daß ſie in gerader Linie von den Göttern abſtammen und von Anbeginn der Welt auf der Inſel gelebt hätten, die ſie noch heute be⸗ wohnen. Sie betrachten es für eine Beleidigung, daß es Menſchen gibt, die ihre Abſtammung von den Chineſen herleiten wollen. In der That gehören ſie zu der großen mongoliſchen Raſſe, welche einen bedeutenden Theil des Morgenlandes bevölkert hat und noch heute das unbeſtimmte Land der Tartarei, einen bedeutenden Theil des ruſſiſchen Kaiſerreiches und Mittelaſien bevölkert, ſowie in anderer Linie unter den Turkomanen, den Kalmucken, den Tongu⸗ ſen und dergleichen Stämmen mehr vorkommt. Dieſelbe Raſſe eroberte China, aber in einer viel ſpäteren Periode, als die Unterjochung des japaneſiſchen Volkes ſtattgefun⸗ den hat. Daiſchen den Chineſen und Japaneſen iſt wenig Gleich⸗ artiges. Ihre Sprachen verrathen keine Verwandtſchaft, und obgleich die Lettern beider denſelben Urſprung haben, ſo ſind ſie jetzt doch total verſchieden. Die alten Religio⸗ nen beider Nationen ſind ebenfalls vollkommen abweichend von einander. Wenn Japan von China koloniſirt wäre, ſo würden die Eingebornen den Glauben und den Gottes⸗ dienſt ihres Vaterlandes beibehalten haben; der urſprüng⸗ liche Gottesdienſt der Japaneſen aber, den ſie„Sintos“ nennen, iſt nur ihrem Vaterlande eigen und hat nicht die geringſte Aehnlichkeit mit dem alten Glauben der Chineſen. Auch der Körperbau der Japaneſen iſt äußerſt ver⸗ ſchieden von dem chineſiſchen, und obgleich der mongoliſche Typus entſchieden ausgeprägt iſt, ſo ſind die Japaneſen den Europäern doch ungleich ähnlicher, als irgend eine an⸗ Feierſtunden. 1864. dere der mongoliſcheu Raſſen. In vielen Theilen der Inſel könnten ſogar die untern Volksklaſſen, wenn ſie in euro⸗ päiſche Tracht gekleidet wären, für Portugieſen, Italienef oder Sicilianer gelten. Und nicht nur Gebräuche und Ma nieren der betreffenden Nationen, ſondern auch die hervor⸗ ragenden Züge der Charaktere deuten auf verſchiedenen Ur⸗ ſprung hin. Die Chineſen ſind ein friedliebendes, ſchüch⸗ ternes Volk, das zu ernſtem, nachdenkendem Leben geneigt, dabei ſchlau, argwöhniſch, gierig, betrügeriſch und dem Wucher ergeben iſt; wohingegen die Japaneſen ſchnell und flatterhaft, muthig, freigebig und offenherzig ſind, ein thä⸗ tiges und aufregendes Leben lieben und viele Tugenden nomadiſcher Volksſtämme beſitzen. Obgleich ſie von den Göttern abzuſtammen behaupten und natürlich auf ein Be⸗ ſtehen ſeit grauer Vorzeit Anſpruch machen, ſo ſetzen ihre Schriftſteller den Zeitpunkt ihrer Exiſtenz als ein Volk, ⸗ ganz im Gegenſatze zu denen des„himmliſchen Reiches“, i auf etwa ſechs Jahrhunderte vor Chriſtus feſt, indem ſie die dunkeln früheren Zeiten mit Stillſchweigen übergehen. Nichtsdeſtoweniger iſt es faſt gewiß, daß in früher Zeit— vielleicht gleichzeitig mit der Entſtehung der Herr⸗ ſchaft der Chineſen— während einer langen Reihe von Jahren ein freier und thätiger Verkehr zwiſchen den beiden Nationen ſtattgefunden hat. Aber im dreizehnten Jahrhun⸗ dert, während die Mongolen in China die Gewalt inne⸗ hatten und verſchiedene Male, wenngleich vergebens, Japan zu erobern ſuchten, brachen die Japaneſen jede Verbindung mit dem himmliſchen Reiche ab und verſchloſſen faſt wäh⸗ rend dieſer ganzen Periode ihre Häfen dem chineſiſchen⸗ Handel, grade ſo ſtreng, wie ſie es bis vor Kurzem dey Europäern gegenüber gethan haben. Erſt als die Miy Dynaſtie die mongoliſche Herrſchaft in China umſtieß, w 71/ 562 Feierſtunden. 1864. den wieder Verbindungen mit Japan angeknüpft, die jedoch zu keinem beſonders freundſchaftlichen Verhältniſſe führten. Und obgleich die ſiebenzig Junken ⁵), welche jährlich von den Häfen Amoy, Ningpo und Sanghan nach Japan kom⸗ men, einen weit ausgedehnteren Handel mit den Inſel⸗ bewohnern führen, als die Holländer, ſo ſind ihre Kapitäne und Matroſen dennoch, wie die Holländer, auf eine kleine Inſel verwieſen, die ſie nie verlaſſen dürfen, außer um den Tempel in der Stadt Nagaſaki zu beſuchen. Die Japa⸗ neſen haben zu allen Zeiten und nie entſchiedener als jetzt jede verwandtſchaftliche Abſtammung mit den Chineſen als unbegründet zurückgewieſen. Die mythologiſchen Anſichten des heidniſchen Alter⸗ thums von der Entſtehung der Welt ſind in den Kosmo⸗ gonien oder Weltentſtehungsberichten enthalten, welche in der Regel zugleich Theogonien oder genealogiſche Berichte von der Geburt der Götter ſind. Die Kosmogonie der Japaneſen iſt von wildeſter Art. Aus dem Chaos ſei der höchſte der Götter hervorgegangen, der ſich ſelbſt erſchaffend ſeinen Wohnſitz in dem höchſten Himmel nahm und ſeine erhabene Ruhe durch Sorgen keiner Art geſtört haben wollte. Daher rief er acht Millionen Götter in's Leben und über⸗ gab die Herrſchaft über Alle und Alles ſeiner Lieblings⸗ tochter, der Sonne, deren Regierung aber nur 250,000 Jahre währte. Ihr folgten vier andere Götter, welche zu⸗ ſammen etwas über zwei Millionen Jahre herrſchten. Die⸗ ſes ſind die irdiſchen Götter. Der letzte derſelben, der ein irdiſches Weib geheirathet hatte, hinterließ einen ſterblichen Sohn, von dem die Dairi's ⁵*) oder Mikado's ihre Ab⸗ ſtammung herleiten. Es gibt drei Hauptreligionen in Japan. Die älteſte und urſprünglichſte iſt die Sinto oder Sinſiu, die ſich auf die Verehrung von Geiſtern gründet, welche die Aufſicht über alle ſichtbaren und unſichtbaren Dinge haben und mit dem chineſiſchen Worte„Sin“ oder mit dem japani⸗ ſchen„Kami“— beide bedeuten Geiſt— bezeichnet wer⸗ den. Am höchſten wird von dieſen Geiſtern die Göttin Ten⸗ſio⸗dai⸗ſin, d. h. großer Geiſt des himmliſchen Lichts, alſo die Sonne, verehrt, die ihren im vierten Jahrhundert nach Chr. erbauten Haupttempel Nai⸗ku oder Dai⸗fin⸗ku in der Provinz Ize hat. Die Sonne ſelbſt iſt aber zu groß und zu erhaben, um auch nur im Gebete angerufen zu werden, außer durch die Vermitttung der untergeordne⸗ teren Kami's, oder ihrer in gerader Linie abſtammenden Nachkommen, der Mikado's. Die Kami's beſtehen aus 292 geborenen Göttern und 2640 kanoniſirten oder ver⸗ götterten Sterblichen. Der Gott Tajo⸗keo⸗dai⸗ſin ſteht der Sonne am nächſten; er wird als Ordner des Himmels und der Erde und als Schutzgeiſt des Dairi angeſehen und ſein Haupttempel Geku liegt auf dem Berge Nuki⸗no⸗ko⸗ jama, ebenfalls in der Provinz Ize. Ein dritter iſt der Gott des Kriegs und Schickſals, der Bruder der erwähn⸗ nicht den herrſchenden nennen, da noch 34 andere Religions⸗ lehren tolerirt werden. Buddha heißt in der Sanſkrit⸗ ſprache ſo viel als Weiſer und iſt der Ehrentitel des Sakija⸗ muni, d. h. Lehrer aus der Familie Sakja, des Stifters des Buddhismus. Sakja⸗muni wurde im ſechsten Jahr⸗ hundert vor Chr. geboren in der nordindiſchen Provinz Magadha, jetzt Behat genannt. Seine Eltern waren Sudd⸗ hodana, König von Magadha, und deſſen Gattin Maja. Ueber die Entartung und das Elend der Menſchen von tiefem Mitgefühl ergriffen, zog ſich Sakja⸗muni eine Zeit⸗ lang in die Einſamkeit zurück, bald aber trat er als Re⸗ ligionslehrer auf und beſtritt die beſtehende Religion. Er überlieferte ſeine Lehre ſeinem Schüler, dem Brahmanen Mahakaja, und ſtarb wahrſcheinlich im Jahre 543 vor Chr. Mahakaja überlieferte die Lehre wiederum einem Schü⸗ ler, und es dauerte ſolche Uebertragung von Lehrer auf Schüler mehrere Jahrhunderte fort. Die Hauptlehren der Buddhiſten ſind: Ein höchſtes Weſen regiert die Welt; es iſt unſichtbar und ohne ſinnliche Geſtalt, daher durch kein Bild darſtellbar; es iſt weiſe, gerecht, gütig, barmherzig, allmächtig und wird am beſten ſchweigend verehrt. Der Menſch gelangt durch Tugend zur Seligkeit; er darf daher nicht ſchwören, lügen, verleumden, tödten, ſtehlen, keine Rache ausüben, muß züchtig und mäßig leben, Almoſen austheilen und durch ſtille Betrachtung ſein eigenes Weſen und das Weſen der Gottheit erkennen lernen. Wenn der Menſch dieſe Pflichten vollkommen erfüllt, ſo erlangt er ſchon auf Erden die Würde eines Buddha oder Weiſen, und nach dem Tode die Vereinigung mit dem höchſten Weſen. Dieſe Vereinigung heißt Nirwàna, was unſerem Worte: Ruhe, Seligkeit, entſpricht. Die Seelen der Men⸗ ſchen, die auf Erden einen ſchlechten Wandel geführt haben, werden in Thierkörpern wiedergeboren. Der Buddhismus fand ſo ſchnelle Verbreitung, daß eine Art Verſchmelzung des Sintodienſtes mit dem Budd⸗ hismus für die Maſſe des Volkes daraus entſtand, wie die Buddhiſten auch die Kosmogenie der Sinto's beibehielten und ebenfalls die meiſten untern indiſchen Götter. Die Buddhiſten richten ihre Gebete vornehmlich an ihren Reli⸗ gionsſtifter, opfern ihren Heiligen und Untergöttern nur Blumen und Früchte, verwerfen dahingegen alle blutigen Opfer. Sie erkennen keine Erblichkeit der Stände, und ſelbſt der Prieſterwürde kann entſagt werden. Die Prieſter der Buddhiſten ſcheeren das Haupt, leben ehelos und woh⸗ nen häufig in Klöſtern beiſammen, ganz im Gegenſatze zu den Brahmanen, welche die Ehe als heilige Pflicht betrachten. Die dritte in Japan verbreitete Religion iſt die des Szuto oder Siza, eine Nachahmung der philoſophiſchen Lehre des Confucius, die aus China nach Japan verpflanzt wurde. Sie iſt gänzlich frei von mythologiſcher Sage und hat weder religiöſen Ritus, noch religiöſe Ceremonien. ten Ten⸗ſio⸗dai⸗ſin, welcher unter dem Namen Satsman⸗ no⸗dai⸗ſin Orakel ertheilt und ſeinen 570 nach Chr. erbau⸗ ten Tempel bei Uſa hat. Das Haupt dieſer Religion iſt der Dairi, das geiſtliche Oberhaupt des öſtlichen Inſel⸗ reiches. Der Buddhismus iſt nach allen Berichten, die uns vorgekommen ſind, das verbreitetſte aller morgenländiſchen Glaubensbekenntniſſe in Japan. Doch kann man denſelben ⁵8) Junke, ein kleines chineſiſches Fahrzeug. Dairi, eigentlich Daili, d. h. innerhalb, alſo die innerhalb 2 Unter den niedern Volksklaſſen ſoll der Szuto wenig Bo⸗ den gefunden haben; aber deſto mehr iſt er bei dem Adel und den gebildeten Klaſſen verbreitet. Die Regierung in Japan iſt ſtreng theokratiſch. Der Kaiſer, Mikado oder Dairi, d. h. Herr des innern Pala⸗ ſtes, macht als Nachkomme der Sonnengöttin den Anſpruch, durch göttliches Recht und göttliche Herkunft zu herrſchen. Sie ſind ſowohl Hoheprieſter als Könige, und wurden ur⸗ ſprünglich als Stellvertreter der Götter auf Erden betrach⸗ ttet und wie Cötter angebetet. Selbſt heutzutage werden Prinzen jener Familie und beſonders diejenigen, welche auf des Palaſtes Wohnenden, iſt der Titel der geiſtkichen Herrſcher in dem Throne ſitzen, als an ſich heilige Perſonen und als A Japan. Päpſte von Geburt betnachtet. waren Sudd⸗ Gattin Maa. Menſchen don dni eine zät⸗ der als Re⸗ Won. Er a Ruumanen 543 vor Chr. n einem Schü⸗ on Lehrer auf er darf daher ſtehlen, keim den, Almoſen eigenes Weſen n. Wenn der ſo erlangt er oder Weiſen, dem höchſten was unſerem elen der Men⸗ geführt haben, breitung, daß dem Budd⸗ ſtand, wie die z beibehielten Götter. Die in ihren Reli⸗ rrgöttern nur alle blutigen Stände, und Die Prieſter elos und woh⸗ Gegenſatze z iht betrachten. „„ iſt die des — —— Der Form nach beſitzt der geiſtliche Kaiſer, Mikado, der zu Miako reſidirt, auch jetzt noch die höchſte Gewalt. Doch ſeit langer Zeit iſt dieſe nur noch ſcheinbar, und er, deſſen eigentlichen Namen bei ſeinen Lebzeiten auszuſprechen verboten, iſt jetzt lediglich das geiſtliche Oberhaupt des Staates. Nach den letzten uns zugekommenen Berichten ſcheint es, daß der Mikado, gemäß der primitiven Sitte, wie ein ſteter Gefangener in ſeinem Palaſte gehalten wird und ſich nie dem Volke zeigen darf. Außer ſeinem Hof⸗ ſtaate und den Beamten des weltlichen Oberhauptes hat Niemand Zutritt zu ihm. Nur einmal im Jahre wird er auf eine Galerie gebracht, die ganz gedeckt und nur nach unten offen iſt, ſo daß man ſeine Füße ſehen kann. Wenn der Mikado im Bereiche ſeines ungeheuren, wohlbefeſtigten Palaſtes friſche Luft ſchöpfen will, ſo wird Allen durch ein Zeichen Entfernung geboten, bevor die Träger ihn auf ihre Schultern heben; denn niemals darf der Mikado die Erde berühren. Wie der Mikado heilig iſt, iſt es auch ſein Körper in allen ſeinen Theilen, ſo daß er weder ſein Haar, noch ſeinen Bart, noch ſeine Nägel ſchneiden darf. Damit er aber nicht zu unſauber werde, dürfen die nöthigen Proze⸗ duren in der Nacht, wenn er anſcheinend ſchläft, vorge⸗ nommen werden, weil, wie ſeine Anbeter ſagen, was wäh⸗ rend des Schlafes geſchehe, einem Raube gleichkomme und ſolcher Diebſtahl weder ſeiner Heiligkeit noch ſeiner Würde Abbruch thue. In früheren Zeiten mußte er täglich meh⸗ rere Stunden auf dem Throne ſitzen, und zwar in vollſter Unbeweglichkeit; wenn er dabei unglücklicherweiſe einmal ſein Haupt mehr nach der einen oder der andern Seite be⸗ wegte, ſo fürchtete man, daß Krieg, Hungersnoth, Feuers⸗ brunſt oder ſonſt irgend welch' großes Unglück bevorſtehe, wodurch das Land der Verwüſtung anheimfallen würde. Jetzt iſt jedoch Seine Heiligkeit von dieſer ermüdenden Pflicht befreit, und nur die Krone wird jeden Morgen während mehrerer Stunden auf den Thron gelegt, da deren Unbeweglichkeit die beſte Bürgſchaft für den Frieden und die Wohlfahrt des Landes bietet. Aus verſchiedenen Gründen war in früheren Zeiten die Abdankung der Mikado's nichts Seltenes. Die gefäng⸗ nißmäßige, eingeſchränkte und gleichförmige Lebensweiſe, welche den japaneſiſchen Herrſchern zur Pflicht gemacht wurde, mag wohl die Urſache derſelben geweſen ſein. Der Kaiſer war nur der Schatten der Souveränität, ein Götzen⸗ bild im Schrein. Alle Geſchäfte und die wirkliche Auto⸗ rität des Staates lagen in den Händen des Hofes und Rathes, welche aus einer Hierarchie geiſtlicher Beamten be⸗ ſtanden. Auch Frauen können auf dem japaneſiſchen Throne ſitzen, und die Japaneſen haben viele glänzende Herrſcherin⸗ nen gehabt. Im zwölften Jahrhundert wurde die weltliche Macht der geiſtlichen Kaiſer zum erſten Mal durch Auflehnung und Thronſtreitigkeiten der verſchiedenen kaiſerlichen Prin⸗ zen erſchüttert, und endlich wurden ſie durch die Uſurpation der Oberfeldherren— Seogun— der irdiſchen Gewalt gänzlich entkleidet, unbeſchadet ihrer geiſtlichen Würde, ihres Ranges, ihrer Heiligkeit und gewiſſer anderer ihnen zuer⸗ kannten Rechte und Prärogative. Ja ſie wurden, wie ſchon vorhin erwähnt, ſogar zu einer Art Gottheit gemacht, und das Geſchlecht der Dairi ſtirbt niemals aus, denn hat der Dairi keine Kinder, ſo ſendet ihm der Himmel eines, d. h. er findet ein, gewöhnlich aus den vornehmſten Geſchlechtern des Reiches gewähltes Kind unter den Bäumen in dem Garten ſeines Palaſtes. Auch iſt er ermächtigt, neunmal Feierſtunden. 1864. 563 —-ℳ—⸗—-—õ——— neun Frauen zu nehmen. Zu bemerken iſt noch, daß des Dairi's Kleidungsſtücke nur von edlen Jungfrauen gefer⸗ tigt werden dürfen und ſeine Speiſen täglich auf neuem Geräth gereicht werden müſſen, das man zerbricht, ſobald er ſein Mahl geendet. Einer der Seogun, der bereits erwähnten Feldherren, bemächtigte ſich ſowohl der Herrſchaft wie des Titels der⸗ ſelben; es war der berühmte Tako⸗Sama, der, wie es heißt, vom Holz⸗ und Waſſerträger nur durch eigenes Verdienſt und ſeltenen Muth ſich emporgeſchwungen hatte. Um das Jahr 1585 etwa nahm dieſer Tako⸗Sama, der mit dem Kommando der Truppen und der Regierung der weltlichen Angelegenheiten betraut war, den Titel Kubo oder weltlicher Kaiſer an. Er wird als der erſte weltliche Monarch von Japan betrachtet; und ſeit ſeinem Auftreten iſt der Kubo der eigentliche und alleinige Herrſcher Japans, wennſchon er dem Dairi der Form nach den erſten Rang überläßt und ſogar Ehrentitel von ihm annimmt, die er durch an— ſehnliche Geſchenke erwiedert. Der Kubo oder Seogun hat ſeine Reſidenz in Jeddo in der Provinz Maſaſi*). „Seit die Trennung des Reiches in geiſtliche und welt⸗ liche Herrſchaft ſtattgefunden,“ meldet ein treuer Bericht, „hat der Bürgerkrieg aufgehört. Die Scheinherrſchaft des Dairi wird unausgeſetzt fortgeführt, und die Handhabung der wirklichen exekutiven Gewalt geht mit der Regelmäßig⸗ keit und Präciſion einer Maſchine vor ſich. Und ſo tief und ſchlau iſt der Zauber der Gewohnheit, der Sitte und Etiquette, welche das ganze Syſtem in einen verzauberten Schlaf hüllt, daß es unmöglich iſt, die Zeit ſeiner Auflö⸗ ſung, oder den Vorgang, durch den der Zauber gebrochen werden könnte, vorauszuſehen.“ Die Nachfolger des großen Kubo Tako⸗Sama ſanken bald, mit wenigen und nicht bedeutenden Ausnahmen, zu Schattenbildern ihrer Macht herab. Das Scepter, welches der tapfere Tako⸗Sama mit großer Geſchicklichkeit führte, iſt nur ein Spielzeug in der Hand ſeiner Nachkommen ge⸗ worden, und der Kubo der Jetztzeit verbringt ſein Leben wie der Dairi in einem langen Traume der Souveränität. Die eigenthümliche dualiſtiſche Regierung, an deren Spitze dieſe beiden Monarchen ſtehen, iſt von unzähligen Geſetzen, Regulativen und Vorſichtsmaßregeln eingehegt, und gerade dieſe kann man als Zeichen des Zweifels oder vielleicht auch als Beweis anſehen, daß die japaneſiſchen Großen, welche unter den Kaiſern regieren, von dem Be⸗ wußtſein der Schwäche ihrer Inſtitutionen ſelbſt ſehr be⸗ drückt ſind. Abgeſehen davon, wie ſich das Volk bei dieſem Sy⸗ ſteme befinden mag, ſo iſt letzteres jedenfalls für die *) Jeddo iſt eine Stadt, die zwanzig Meilen im Umfange und 1 ½ Millionen Einwohner haben ſoll. Sie wird von zahlreichen Ka⸗ nälen durchſchnitten, und unter den nicht minder zahlreichen Brücken befindet ſich eine aus Cedernholz erbaut, mit prächtigem Geländer verſehen, von welcher aus die Entfernungen aller Orte im Reiche be⸗ rechuet werden. Das Hauptgebäude iſt der Palaſt des Kubo; er ſteht in der Mitte der Stadt auf einer Anhöhe, iſt mit Grähen und Wäl⸗ len umgeben, und hat fünf Stunden im Umfange. Er zerfällt in drei Haupttheile. In dem erſten wohnen die männlichen Nachkom⸗ men und Verwandten des Kubo; in dem zweiten die Lehensfürſten des Reiches, die alljährlich ſechs Monate daſelbſt reſidiren und deren Familien zum Unterpfande ihrer Treue immer dort wohnen müſſen; und in dem dritten lebt der Kubo und ſeine Frauen. Dieſer Theil des Palaſtes iſt zum Zeichen der Gewalt mit einem hohen, vierecki⸗ gen Thurm verſehen. An andern großen und weitläufigen Paläſten der japaneſiſchen Großen und herrlichen Tempeln aller drei im Reiche beſtehenden Religionen fehlt es in Jeddo nicht; auch findet man do⸗ ſelbſt eine bedeutende Buchdruckerei, in welcher die große japanif und chineſiſche Eneyklopädie in achtzig Bänden gedruckt iſt. 4 71 † 564 ————:--———;—— Regierenden entſetzlich. Geiſtlicher oder weltlicher Kaiſer, Ve⸗ zier oder Lehensfürſt, erſter Rath oder Sekretär der Provinz, alle ſind ſie„eingeengt, gefeſſelt, gebannt“ und zu einer Lebensweiſe gezwungen, welche einem Europäer faſt ſo un⸗ erträglich ſein würde, wie die eines Galeerenſklaven. Arg⸗ wohn und Mißtrauen herrſchen in jedem Gliede der ſozia⸗ len Kette, und die Vorſicht Ausländern gegenüber ſoll nicht ſtrenger ſein als die gegen Neuerungen und Unruhen im eignen Lande. Japan iſt das Land der Spione, und ein Syſtem des Spionirens iſt durch das ganze Reich verbrei⸗ tet und erſtreckt ſich nicht nur auf jeden öffentlichen Be⸗ amten, den Dairi und Kubo mit eingeſchloſſen, ſondern auch auf alle Theile der Geſellſchaft. Obgleich Japan ein abſolut deſpotiſcher Staat, ſo iſt deßhalb die Regierung im Allgemeinen durchaus keine will⸗ kürliche. Denn wenn wir bedenken, daß alle Verwaltungs⸗ behörden insgeſammt, und jedes Mitglied derſelben ſpeziell, unaufhörlich von Spionen beobachtet werden,— deren viele bekannt, viele aber auch unbekannt ſind,— Spione unter Vorgeſetzten und Untergebenen, ehrgeizige Nebenbuhler und Kameraden, ſo geht daraus hervor, daß dieſe anſcheinend abſoluten Miniſter nicht die geringſte Uebertretung der Ge⸗ ſetze oder irgend welche Reform ohne Furcht und Zittern wagen dürfen. Keine Perſon des ganzen Reiches, wie hoch auch immerhin ihr Rang ſein möge, ſteht über dem Ge⸗ ſetze. Beide Herrſcher ſind durch den japaneſiſchen Deſpo⸗ tismus ebenſo oder ſelbſt mehr noch gefeſſelt als der Niedrigſte ihrer Unterthanen. Dieſer Deſpotismus der Ge⸗ ſetze und der Sitte laſtet, unter der ſtündlichen Aufſicht einer Polizeimacht ſtehend, auf Allen mit derſelben tyran⸗ niſchen Wucht, und faſt keine Handlung des Lebens iſt ſei⸗ ner ſtrengen und unbeugſamen Kontrole enthoben.„Das Haupt jeder Familie,“ ſagt M. Meylan,„iſt für ſeine Kinder, ſeine Dienſtboten, ja für den Fremden verantwort⸗ lich, der in ſeinem Hauſe lebt. Jede Stadt iſt in Abthei⸗ lungen von je fünf Familien eingetheilt, und jedes Mit⸗ glied einer ſolchen Abtheilung iſt für die Führung der An⸗ dern verantwortlich.“ Dieſe Verantwortlichkeit wird durch Spione überwacht, welche in jeder Sphäre der Geſellſchaft, ſowohl in der niedrigſten wie der höchſten, anzutreffen ſind. Und in einem Lande, wo Jeder, wenn dazu ernannt, dem Geſetze nach Spion werden oder auch ſeinen eignen Leib aufſchlitten muß, kann es nicht auffallen, daß ſo viele Spione in allen Klaſſen, in jedem Alter und unter den verſchiedenſten Verhältniſſen anzutreffen ſind. Obgleich die Japaneſen nicht wie die Hindu's und andere orientaliſche Völker in Kaſten getheilt ſind, ſo kann man ſie doch in erbliche Klaſſen eingetheilt nennen. Um geachtet zu werden, muß Jedermann ſein Lebenlang in dem Stande bleiben, in dem er geboren iſt, wenn er nicht durch ſeltenes Verdienſt und ganz beſondere Verhältniſſe daraus erhoben wird. Gewöhnlich verabſcheuen die Japaneſen alle Emporkömmlinge. Indeß gilt es für eben ſo unehren⸗ haſt⸗ ja ſchimpflich, unter ſeinen angeborenen Stand zu ſinken. Es gibt acht Klaſſen oder Stände. Die erſte Klaſſe beſteht aus den Lehensfürſten; die zweite aus dem Erbadel, der nicht den Prinzenrang hat.(Dieſe Klaſſifikation erin⸗ nert genau an das alte Feudalſyſtem in England, aber ſicherlich war die Lage eines feudalen engliſchen Lords oder eines deutſchen Grafen unabhängig, frei und glücklich zu nennen im Vergleich mit der Stellung der japaneſiſchen Prinzen und des japaneſiſchen Adels.) Die dritte Klaſſe ſchließt die Prieſter— wie es ſcheint ohne Unterſchied— Feierſtunden. 1864. ——— — aller Religiönen und Sekten ein, die im Kaiſerreich exiſti⸗ ren. Die vierte Klaſſe wird vom Militär oder den Va⸗ ſallen gebildet, welche der Adel als Soldaten ſtellt. Dieſe vier Klaſſen, welche den höhern Rang der japaneſiſchen Ge⸗ ſellſchaft repräſentiren, erfreuen ſich des Privilegiums, zwei Schwerter, ſowie weite, faſt rockähnliche Beinkleider tragen zu dürfen, welche die vier anderen Klaſſen nie anzulegen berechtigt ſind. Die fünfte Klaſſe ſcheint Alles zu um⸗ faſſen, was wir den vornehmeren oder gebildeten Theil der Mittelklaſſen nennen, nämlich Aerzte, Staats⸗ und Regie⸗ rungsbeamte u. ſ. w. Zur ſechsten Klaſſe gehören die Kaufleute großer Magazine*) und Großhändler, welche, wie reich und gebildet dieſelben auch ſein mögen, bei den Japaneſen in nicht beſonderer Achtung ſtehen. Zu der ſiebenten Klaſſe werden Manufaktur⸗ und Kleinhändler, ſo⸗ wie Hauſirer, Handwerker und Handarbeiter aller Art ge⸗ rechnet. Auch ſind Maler und alle andern Künſtler der ſiebenten Klaſſe einverleibt, die allerdings kein Europäer in derſelben geſucht haben würde. In der achten Klaſſe fin⸗ den wir Landleute, Bauern und Tagelöhner. Die Maſſe der Bauern ſoll wenig beſſer geſtellt ſein als Leibeigene, die zum Grund und Boden gehören und Eigenthum der Ländereibeſitzer ſind. Die Geſetze in Japan zeichnen ſich durch ihre Strenge aus. Sie können wirklich drakoniſch, in Blut geſchrieben genannt werden, da Tod die zuerkannte Strafe für ſelbſt kleine Vergehen iſt, der durch Henkershand oder auf Befehl der Obrigkeit durch augenblicklichen Selbſtmord, nämlich durch Aufſchlitzen des Bauches vollzogen werden muß. Die geringſte Uebertretung des Geſetzes wird durch den Tod geſühnt, ebenſo die Störung der öffentlichen Ruhe oder das ſich Auflehnen gegen irgend einen Befehl oder irgend eine Vorſchrift der Obrigkeit.„Es ſcheint indeß nicht,“ ſagt Donf,„daß dieſes Syſtem aus Leichtſinn oder aus Mißachtung des menſchlichen Lebens entſprungen ſei, man muß es vielmehr einer falſchen Auffaſſung der Mittel, gleiche Gerechtigkeit ausüben zu wollen, zuſchreiben. Die Japaneſen ſind der Anſicht, daß die Gerechtigkeit übertreten wird, wenn nicht alle Perſonen jeden Ranges, die ein Ver⸗ gehen auf ſich geladen, in derſelben Weiſe beſtraft werden; ſo halten ſie den Tod für die einzige gerechte Strafe, welche Prinzen und Bauern gleichmäßig trifft.“ Aber obgleich im Prinzip ſo unerbittlich gerecht, werden die Geſetze in der Ausübung ſehr modifizirt. Der Richter kann in allen Fällen die Strafe nach ſeinem Ermeſſen mildern, außer bei Mord und Todtſchlag, wo das Urtheil der Todesſtrafe unwandelbar erfolgen muß. Was die Ehe anbetrifft, von welcher der ſittliche Werth aller Nationen entſchieden abhängt, ſo wird dieſelbe in Ja⸗ pan in viel höheren Ehren gehalten und für uugleichmhei⸗ liger erachtet, als es bei den andern orientaliſchen Völkern der Fall iſt. Der Japaneſe darf geſetzmäßig nur eine Frau haben, und nur ſeine legitimen Kinder erben ſein Vermögen, ſeine Titel und ſeinen Rang. Alle Aemter ſind erblich, und ſelbſt wenn ein Civilbeamter oder ein Militär des Kubo als Strafe für ein Vergehen auf Befehl ſich den Bauch aufſchlitzen mußte, ſo bringt ein ſolcher Tod keine Schande, und der Sohn folgt dem Vater in ſeinen Wür⸗ den, ſowie er deſſen Güter erbt. *) Auch bei den Engländern gehören nur Kaufleute, die keinen offnen Laden haben, zur ſogenannten guten Geſellſchaft, wohingegen auf Jeden, der einen Laden hält— shop-keeper— mit Gering⸗ ſchätzung herabgeſehen wird. 8, zwei f tragen 1 Irt ge⸗ r dor er der Curopaer in Klaſſe fin⸗ ie Maſſe ſ 5 Liibeigene,* 1 al m der fe für ſelbſt eauf Befehl — Aomter ſind *„ Militär (Schlu Achtundfünßzigſtes Kapitel. as Gerücht von dem tiefen Falle Glücksumſtände war ſchon vor mir nach m b drungen. ich machte die Bemerkung, daß es eine große Veränderung in de Benehmen des„Ebers“ zur Folge hatte. Zeit, als die glücklichen Ausſichten ſich mir eröffneten, ſehr eifr um meine Gunſt bemüht hatte, war ſein Betragen jetzt, nachde die Ausſichten ſich für mich geſchloſſen, außerordentlich kühl. Es war Abend, als ich ſehr ermüdet von der Reiſe anlangte, die ich ſo oft mit großer Leichtigkeit zurückgelegt hatte. Der„Eber“ einen Streit einzulaſſen, ſo nahm ich ſie. konnte mir nicht mein gewöhnliches Schlafzimmer an⸗ weiſen, weil es be⸗ reits von einem lth Anderen in Beſitz genommen war M (wahrſcheinlich von Jemandem, der große Erwartun⸗ gen hatte), und führte mich ſtatt deſſen phgtſte den Taubenſchlägen und dem Poſtwa⸗ gen belegenen Kam⸗ mer. Dennochſchlief ich hier eben ſo gut, wie ich in dem eleganteſten Gemache des Ebers geſchlafen haben würde, und die Beſchaffenheit mei⸗ ner Träume war nicht minder gut. Früh am Morgen, während mein Frühſtück bereitet wurde, ſchlenderte ich in's Freie, in die Nähe von Miß Havishams Hauſe. Gedruckte Zettel waren an die Pforte geklebt, und hingen, an Tep⸗ pichſtreifen befeſtigt, aus den Fenſtern, welche verkündigten, daß in der folgenden Woche eine öffentliche Verſteigerung der Mobilien ge⸗ halten werden ſolle. Das Gebäude ſelbſt ſollte als altes Bau⸗ material verkauft und niedergeriſſen werden. Der Poſten Nr. 1 war mit weißem Kalk in kniehohen Buchſtaben an das Brauhaus gemalt, und der Poſten Nr. 2 an denjenigen Theil des Hauptgebäudes, wel⸗ cher ſo lange verſchloſſen geweſen war. Andere Poſten ſtanden an anderen Theilen des Hauſes verzeichnet, und der Ephen war herab⸗ geriſſen worden, um den Inſchriften Platz zu machen, und lag nie⸗ dergetreten und ſchon verdorrt im Staube. Als ich einen Augen⸗ blick lang in die offene Pforte trat und mich mit der unbehaglichen Miene eines Fremden, der dort nichts zu thun hat, umſchaute, ſah ich einen Schreiber des Auktionators auf den Fäſſern umhergehen und ſie zählen, während ein Anderer, der, eine Feder haltend, Feierſtunden. 1864. 44 (Zu S ————’ große Erwartungen. Von Charles Dickens. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. meiner unter Begleitung des Liedes:„Alter Klemm!“ geſchoben worden war. g g 9 nem Geburtsorte und ſeiner Umgebung ge⸗ Der„Blaue Eber“ kannte es, und dem Wirthe. Denn während er ſich zur wartete meiner und redete mich mit folgenden Worten an: —-— ß zu S. 528.) der Aufſtellung des Kataloges beſchäftigt ſchien, ein zeitweiliges Schreibpult aus dem Rollſtuhle gemacht hatte, der ſo oft von mir, ei⸗ Als ich in das Wirthszimmer des„Ebers“ zu meinem Früh⸗ ſtück zurückkehrte, fand ich dort Mr. Pumblechook im Geſpräch mit Erſterer, deſſen äußere Erſcheinung durch das kürzlich m ſtattgehabte nächtliche Abenteuer keineswegs verbeſſert worden war, ig„Junger Mann, es thut mir leid, zu ſehen, daß Sie herunter m gekommen ſind. Allein was ließ ſich anders erwarten?“ Da er ſeine Hand mit einer gnädig vergebenden Miene aus⸗ ſtreckte, und ich, von Krankheit geſchwächt, unfähig war, mich in „William,“ ſagte Mr. Pumblechook zum Kellner,„ſtelle das geröſtete Brod auf den Tiſch. So weit iſt es alſo ge⸗ kommen-— ſo weit!⸗ Mürriſch ſetzte ich mich zum Früh⸗ ſtück nieder. Mr. Pumblechook ſtand daaagaaaäad ſffſf 1Wan d ie ntts 1 1 Mediegg 6G neben mir und ſchenkte, ehe ich die Kanne berühren konnte, den Thee mit der Miene eines Wohlthäters ein, derentſchloſſen war, bis zum letzten Au⸗ genblicke getreu zu bleiben. „William,“ ſagte Mr. Pumblechook traurig,„ſetze das Salz auf den Tiſch. In glücklicheren Zeiten,“ fügte er, ſan mich gewendet hinzu, npflegten Sie, wenn ich nicht irre, Zucker zum Thee zu nehmen, und Milch,— nicht wahr? Zucker und Milch. William, bringe die Waſſerkreſſe.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte ich kurz,„ich eſſe keine Waſſer⸗ kreſſe.“ „Sie eſſen keine,“ wiederholte Pumblechook, mehrmals ſeufzend und mit dem Kopfe nickend, als wenn er das erwartet hätte, und als wenn der Nichtgenuß der Waſſerkreſſe in natürlichem Zuſammen⸗ hange mit meinem Glückswechſel ſtände.„Ja, ja,— die ein⸗ fachen Früchte. Nein, William, Du brauchſt keine zu bringen.“ Ich fuhr mit meinem Frühſtück fort, und Mr. Pumblechook blieb neben mir ſtehen, indem er mich mit ſeinen Fiſchaugen an⸗ ſtarrte und, wie immer, laut ſchnaufte. 1* „Wenig mehr als Haut und Knochen!“ murmelte er hörbar. „Aber als er von hier fortging(mit meinem Segen kann ich wohl ſagen), und ich, wie die Biene, meinen beſcheidenen Vorrath vor ihm ausbreitete, war er ſo rund, wie eine Pfirſich!“ 72 d waaagg g W eite 564.) 570 —— Dieß erinnerte mich an den ſeltſamen Unterſchied zwiſchen dem r kriechenden Weſen, mit dem er mir in meinem Glücke ſeine Han mit den Worten:„Darf Herablaſſung, mit der er mir jetzt ſeine fetten fünf Finger darreichte. „Ha!“ fuhr er fort, mir die Butterſchnitte reichend,„werden Sie auch zu Joſeph gehen?“ dend,„was geht es Sie an, wohin ich gehe? Laſſen Sie die Thee⸗ kanne ſtehen!“ Es war das Schlimmſte, was ich hätte thun können, denn es gab Pumbleechook die Gelegenheit, auf die er wartete. „Ja, junger Mann,“ ſagte er, ſeine Hand von dem erwähnten Gegenſtande abziehend, mehrere Schritte zurücktretend und für die Ohren des Wirthes und des an der Thür ſtehenden Kellners ſpre⸗ chend,„ich will die Theekanne nicht berühren. Sie haben Recht,— dieſes Mal haben Sie Recht. Ich vergaß mich, indem ich ſo viel Intereſſe an Ihrem Frühſtück nahm, daß ich Ihren durch verſchwen⸗ deriſche Ausſchweifungen geſchwächten Körper wieder mit der heil⸗ ſamen Nahrung Ihrer Voreltern zu ſtärken wünſchte. Und dennoch,“ fügte er, ſich nach dem Wirth und dem Kellner umwendend und mit ausgeſtrecktem Arme auf mich deutend, hinzu,„iſt Er es, mit dem ich in den glücklichen Tagen ſeiner Kindheit geſpielt habe. Sa⸗ gen Sie mir nicht, daß er es nicht ſei; ich ſage Ihnen, er iſt es!“ Beide antworteten mit einem leiſen Murmeln. Beſonders ſchien der Kellner ergriffen zu ſein. „Er iſt es,“ fuhr Pumblechook fort,„den ich in meinem Wa⸗ gen habe fahren laſſen. Er iſt es, den ich mit der Hand habe auf⸗ ziehen laſſen. Er iſt es, deſſen Schweſter durch Heirath meine Nichte wurde, und deren Name, wie der ihrer Mutter, Georgiana Maria war. Er mag es leugnen, wenn er kann!“ Der Kellner ſchien überzeugt zu ſein, daß ich es nicht leugnen könne, und daß die Sache dadurch ein ſehr ſchwarzes Ausſehen be⸗ komme. „Junger Mann,“ ſagte Pumblechook, indem er, ſeiner alten Gewohnheit gemäß, mit dem Kopfe auf mich hineinbohrte,„Sie wollen zu Joſeph gehen. Was es mich kümmere, fragen Sie, wo⸗ hin Sie gehen? Ich ſage Ihnen, Sie wollen zu Joſeph gehen.“ 66. Der Kellner huſtete, als wenn er mich beſcheiden auffordern wollte, das zu widerlegen. „Nun,“ fuhr Pumblechook mit der unerträglichen Miene fort, als wenn er ſeine Zuhörer nur im Intereſſe der Tugend überzeugen wollte,„nun hören Sie, was Sie zu Joſeph ſagen ſollen. Hier iſt Mr. Sauires, der Beſitzer des ‚Blauen Ebers', ein in der Stadt bekannter und geachteter Mann, und hier iſt William, deſſen Vaters⸗ name Potkins war, wenn ich nicht irre.“ „Nein, Sie irren ſich nicht,“ bemerkte William. „In ihrer Gegenwart will ich Ihnen ſagen, junger Mann, was Sie zu Joſeph ſagen ſollen. Sagen Sie:„Joſeph, ich habe heute meinen früheſten Wohlthäter und den Gründer meines Glückes ge⸗ ſehen. Ich will keinen Namen nennen, Joſeph, aber ſo wird er in der Stadt genannt, und ich habe den Mann geſehen.“ „Ich ſchwöre, daß ich ihn hier nicht ſehe!“ rief ich. das auch zu ihm, und ſelbſt Joſeph wird vielleicht erſtaunen.“ „Sie irren ſich ſehr in ihm,“ erwiederte ich;„das weiß ich beſſer.“ 8 „Sagen Sie,“ fuhr Pumblechook fort:„Joſeph, ich habe den Mann geſehen, und der Mann hegt keinen Groll gegen dich und keinen Groll gegen mich. Er kennt deinen Charakter, Joſeph, und rakter und meinen Mangel an Dankbarkeit. Ja, Joſeph“ ſagen Sie das,“ fügte Pumblechook hinzu, indem er den Kopf und die Hand drohend gegen mich ſchüttelte,„er weiß, daß keine Spur na⸗ türlicher Dankbarkeit in mir vorhanden iſt. Er weiß es, Joſeph, Feierſtunden 1864. ·CC-———⸗ℳ—ꝛ d laſſung haſt, es ich?“ angeboten, und der prahleriſchen die geben, den ich jetzt ausrichten will. in meinem Herunterkommen die Hand der Vorſehung erkannt habe. .. 3 Er erkannte die Hand, als er 9„ rie er W e e A:: 3 5. 3 7. „Um des Himmels willen,“ rief ich, wider Willen heftig wer zeigte ihm folgende Worte, Joſeph: Lohn der Undankbarkeit gegen ſeinen früh ſeines Glückes! Aber der Mann ſagt, daß er nicht bereue, was than habe und was er wieder thun werde.“ Kinder ließen ſich ſehen, und Biddy' „Sagen Sie das auch,A entgegnete Pumblechook,„ſagen Sie weiß, wie dumm und unwiſſend du biſt, und er kennt meinen Cha⸗ wie kein Anderer. Du weißt es nicht, Joſeph, da du keine Veran⸗ zu wiſſen, aber er weiß es!*“ Ein ſo windiger Eſel er auch war, ſo ſtaunte ich doch, daß er Frechheit hatte, mir das in das Geſicht zu ſagen. „Sagen Sie: ‚Er hat mir einen kleinen Auftrag an dich ge⸗ Derſelbe beſteht darin, daß er ſie erblickte, und ſah ſie deutlich. Sie eſten Wohlthäter und den Gründer er gethan habe, keineswegs; daß es recht geweſen ſei und menſchen⸗ freundlich, und daß er es wieder thun werde.“ „Es iſt ſehr ſchade,“ bemerkte ich verächtlich, mein unterbro⸗ chenes Frühſtück beendigend,„daß der Mann nicht ſagt, was er ge⸗ „Mr. Squires,“ ſchloß nunmehr Pumblechook, an den Wirth' gewendet, ſeine Rede,„und William! Ich habe nichts dagegen, wenn Sie, ſofern es Ihr Wunſch iſt, oben in der Stadt oder unten in der Stadt erzählen, daß es recht und menſchenfreundlich geweſen ſei, es zu thun, und daß ich es wieder thun würde.“ Nach dieſen Worten ſchüttelte er beiden mit ſtolzer Miene die Hand und verließ das Haus, während ich, weit mehr erſtaunt als erbaut über die Tugenden dieſes unbeſtimmten„es“, zurückblieb Bald nach ihm verließ ich auch das Haus, und als ich die Haupt⸗ ſtraße hinunter ging, ſah ich ihn vor ſeiner Ladenthür(wahrſchein⸗ lich mit derſelben Wirkung), einer auserwählten Gruppe Vortrag halten, die mich mit ſehr ungnädigen Blicken beehrte, als ich auf der anderen Seite der Straße vorüberging. Um ſo angenehmer war es aber für mich, jetzt zu Biddy und Joe zu gehen, deren große Langmuth, im Vergleich mit der Frech⸗ heit dieſes Betrügers, deſto glänzender leuchtete, wenn es möglich war. Ich ſchritt langſam, weil meine Glieder noch ſchwach waren, aber mit ſteigender Erleichterung, während ich ihnen näher und näher kam und alle Lüge und Anmaßung immer weiter und weiter hinter mir zurückließ. Das Juniwetter war herrlich. Kein Wölkchen ſtand am tief⸗ blauen Himmel, die Lerchen ſchwirrten hoch über dem grünen Korn und die ganze Gegend erſchien mir ſchöner und ruhiger als je zuvor⸗ Manche liebliche Bilder von dem Leben, welches ich dort führen wollte, und der wohlthätigen Veränderung, die mit meinem Charak⸗ ter vorgehen würde, wenn ich erſt einen leitenden Geiſt an meiner Seite hatte, deſſen Herzensgüte und klaren häuslichen Verſtand ich⸗ erprobt, begleiteten mich. Sie erweckten zärtliche Regungen in mir⸗ denn mein Herz war durch die Rückkehr weicher geworden, und eine ſolche Veränderung war in mir vorgegangen, daß ich mir wie ein Menſch vorkam, der barfuß und ermüdet von weiten Reiſen heim⸗ kehrte und deſſen Wanderungen viele Jahre gedauert hatten. Das Schulhaus, in welchem Biddy Lehrerin war, hatte ich noch nicht geſehen; allein die kleine Nebengaſſe, bemerkt zu bleiben, in den Ort ging, führte mich daran vorüber. Zu meinem Leidweſen fand ich jedoch, daß es Feiertag war; keine s Haus war verſchloſſen. Ich. hatte gehofft, ſie in ihren täglichen Pflichten beſchäftigt zu ſehen, ehe ſie mich bemerkte, und war darin getäuſcht worden.. Aber die Schmiede lag nur in geringer Entfernung, und ich⸗ ſchritt unter den grünen Lindenbäumen dahin und horchte ſchon von ffern auf die Schläge von Joe’'s Hammer. Lange nachdem ich ſie hätte hören ſollen und lauge nachdem ich ſie zu hören geglaubt, fand ich endlich, daß es nur Einbildung geweſen und daß Alles ſtill war. Die Linden waren da und die weißen Dornbüſche waren da und die Blätter rauſchten harmoniſch, während ich ſtehen blieb, um zu hor⸗ ſchen, aber die Schläge von Joe's Hammer trug der Sommerwind nicht zu mir herüber... fürchtete ich mich faſt, der Schmiede Ohne zu wiſſen, weßhalb, ſie endlich und ſah, Funken ſprühten, nahe zu kommen, aber erblickte ſchloſſen war. Kein Feuer brannte, keine Blaſebalg blies,— Alles war ſtill und verſchloſſen. und das beſte Zimmer denn an dem Fenſter flatter⸗ Doch das Haus war nicht verlaſſen, ſchien in Gebrauch genommen zu ſein;. ten weiße Vorhänge, und das Fenſter ſtand offen und war mit Blu⸗ men geſchmückt. Leiſe ging ich näher, um einen verſtohlenen Blick durch die Blumen zu thun, als plötzlich vor mir ſtanden.„ . Im erſten Augenblicke ſtieß Biddy einen Schrei aus, als wenn ſie glaubte, ein Geſpenſt zu ſehen, aber im nächſten lag ſie in mei⸗ nen Armen. Ich weinte bei ihrem Anblicke, und ſie weinte bei dem meinigen; ich, weil ſie friſch und lieblich war, und ſie, weil ich ſo krank und leidend ausſah. „Aber liebe. Biddy, wie geputzt du biſt!“ ſagte ich. b durch welche ich, um un⸗ 1 daß ſie ver⸗ kein Joe und Biddy, Arm in Arm, 1 Feierſtunden. 1864. 571 W———-ͦę—O——;—— „Ja, lieber Pip,“ erwiederte ſie. „Und Joe, wie geputzt auch du biſt!“ „ Ja, lieber Pip, alter Junge.“ Ich ſchaute ſie beide an, „Es iſt heut mein Hochzeitstag!“ rief Biddy Ausbruche von Glückſeligkeit;„ich bin mit Joe verheirathet!“ Sie hatten mich in die Küche geführt, und ihren Lippen, und Joe's tröſtende „Er war noch nicht ſtark genug für eine ſolche Ueberraſchung,“ ſagte Joe. „Ja, ich hätte daran denken ſollen,“ verſetzte Biddy,„aber ich war zu glücklich.“ 5 ſtolz, mich zu ſehen, tief gerührt, daß ich zu ihnen kam, und ent⸗ zückt, daß ich zufällig gekommen war, um das Glück dieſes Tages für ſie zu krönen. Joe nie eine Sylbe in Betreff dieſer jetzt vereitelten Hoffnung ver⸗ traut hatte. Wie oft hatten die Worte mir auf den Lippen geſchwebt, während er in meiner Krankheit bei mir war! Wie unwiderruflich wäre es zu ſeiner Kenntniß gelangt, wenn er nur eine Stunde län⸗ ger verweilt hätte!. „Liebe Biddy,“ ſagte ich,„du haſt den beſten Mann von der ganzen Welt, und wenn du ihn an meinem Bette hätteſt ſehen kön⸗ nen, ſo würdeſt du ihn— doch nein, du könnteſt ihn nicht mehr lieben, als du thuſt.“. „Nein, Biddy. 4 „Und du, lieber Joe, du haſt das beſte Weib in der ganzen Welt, und ſie wird dich ſo glücklich machen, wie du es verdienſt, du guter, lieber, edler Joe!“ Joe blickte mich mit bebenden Lippen an, und drückte den Aer⸗ mel ſeines Rockes auf die Augen. „Und nun, Joe und Biddy, da Ihr heut in der Kirche gewe⸗ ſen ſeid und für die ganze Menſchheit nur Liebe und Wohlwollen fühlt, ſo nehmet auch meinen demüthigen Dank für alles das an, „was Ihr für mich gethan habt, und was ich ſo ſchlecht vergolten habe! Und wenn ich ſage, daß ich innerhalb einer Stunde wieder fort gehe(denn ich werde England bald verlaſſen), und daß ich nicht eher ruhen will, als bis ich das Geld erworben und Euch zugeſen⸗ det baben werde, mit dem Ihr mich vor dem Gefängniſſe bewahrt habt, ſo glaubet nicht, lieber Joe und liebe Biddy, daß ich, wenn es in meiner Macht ſtände, Euch die Summe tauſendmal zu zahlen, jemals glauben würde, dadurch einen Penny an meiner Schuld ge⸗ tilgt zu haben, und daß ich es thun würde, wenn ich könnte!“ 1 Beide waren tief gerührt von dieſen Worten, und baten mich, nichts weiter zu ſagen. „Aber ich muß Euch noch mehr ſagen. Lieber Joe, ich hoffe, daß Ihr Kinder haben werdet, die Ihr liebt, und daß in den Win⸗ terabenden ein kleiner Bube in dieſer Ecke ſitzen wird, der Euch an einen andern kleinen Buben erinnern wird, welcher die Ecke für im⸗ mer verlaſſen hat. Sage ihm nicht, Joe, daß ich undankbar ge⸗ weſen bin; ſage ihm nicht, Biddy, daß ich herzlos und ungerecht war; ſaget ihm nur, daß ich Euch beide geehrt habe, weil Ihr ſo gut und treu waret, und daß ich geſagt, er müſſe natürlich, als Euer Kind, zu einem viel beſſeren Manne heranwachſen, als ich geworden.“ „Nichts von der Art werde ich hinter ſeinem Aermel wird es.“ „Und nun, obgleich ich weiß, daß Ihr es in Eueren guten Her⸗ zen bereits gethan habt, bitte ich Euch, ſaget mir, daß Ihr mir ver⸗ ziehen habet! Laſſet mich dieſe Worte hören, damit ich ihren Klang mit mir hinweg nehme, und dann werde ich zu glauben vermögen, daß Ihr mir werdet vertrauen und in Zukunft beſſer von mir den⸗ ken können!“ „O lieber, alter Pip, alter Junge,“ ſagte Joe,„Gott weiß, da ich dir vergebe, wenn ich dir überhaupt etwas zu vergeben aabe!“ 3 wahrlich, ich könnte ihn nicht mehr lieben,“ verſetzte ihm ſagen, Pip,“ ſchluchzte Joe hervor,„und Biddy auch nicht— und keiner m Bük„Amen!“ verſetzte Biddy.„Gott weiß, daß ich es auch thus.“ 1 Arn⸗„Nun laſſet mich hinauf gehen, um noch einmal mein altes, kleines Zimmer zu ſehen und einige Minuten darin zu ruhen, und dann, nachdem ich mit Euch geſpeist und getrunken haben werde, begleitet mich, lieber Joe und liebe Biddy, bis an den Wegweiſer, ehe Ihr mir Lebewohl ſaget!“ von dem Einen auf die Andere und—— und 8 hatt. plötzlich in einem land verlaſſen, und innerhalb zweier Monate war ich Commis bei ich hatte den Kopf auf den alten Holztiſch gelegt. Biddy hielt eine meiner Hände an Hand ruhte auf meiner Schulter. Sie waren Beide unendlich erfreut, mich zu ſehen, unendlich ſchränkt, bezahlte meine Schulden, Mein erſtes Gefühl war das des Dankes, daß ich dem dten llichen müſſe. „jenes Gefühl nannte, iſt dahin,— ganz dahin. Ich verkaufte Alles, was ich beſaß, und legte ſo viel als mög⸗ lich zu einem vorläufigen Vergleiche mit meinen Gläubigern bei Seite, — welche mir zu ihrer vollen Befriedigung hinreichende Zeit ließen ging zu Herbert. Vor Ablauf eines Monats hatte ich Eng⸗ Clarricker und Comp., und als vier Monate verſtrichen waren, be⸗ fand ich mich zum erſten Male in einer ſelbſtſtändigen, verantwort⸗ lichen Stellung. Denn der an der Decke des Zimmers in Mill Pond Bank befindliche Balken hatte aufgehört, unter dem Brüllen des alten Bill Barley zu beben, Herbert war nach England gegangen, um ſich mit ſeiner Clara zu verbinden, und mir war, bis zu ſeiner Rück⸗ kehr mit ihr, die alleinige Verwaltung des im Oriente befindlichen Zweiggeſchäftes übertragen worden. Manches Jahr verging, ehe ich Theilhaber im Geſchäfte wurde; aber ich lebte glücklich mit Herbert und ſeiner Frau, lebte einge⸗ und unterhielt einen fortwähren⸗ Joe. Erſt als ich der Dritte in der Firma war, verrieth mich Clarriker gegen Herbert, indem er erklärte, daß er das Geheinmiß in Betreff der Theilhaberſchaft Her⸗ berts lange genug auf ſeinem Gewiſſen habe und endlich veröffent⸗ Er erzählte alſo Alles, und Herbert war eben ſo ge⸗ rührt als erſtaunt, und meine Freundſchaft mit dem guten Men⸗ ſchen erlitt durch die lange Verheimlichung keinen Abbruch. Man darf nicht glauben, daß wir je ein großes Haus waren und große Reichthümer ſammelten; nein, unſer Geſchäftsbetrieb war nie groß⸗ artig, aber wir hatten einen guten Namen, arbeiteten mit Vortheil und befanden uns wohl. Dem Fleiße meines ſtets heiteren Freun⸗ des Herbert hatten wir ſo viel zu danken, daß ich mich oft darüber wunderte, wie ich früher auf die Idee hatte kommen können, daß er untüchtig ſei, bis mir eines Tages die Vermuthung Aufklärung gab, daß die Untüchtigkeit nicht in Herbert, ſondern in mir gelegen habe. den Briefwechſel mit Biddy und Ueunundfünfzigſtes Kapitel. Elf Jahre lang hatte ich Joe und Biddy mit meinen leiblichen Augen nicht geſehen— obgleich ſie im Orient oft vor meinem Geiſte geſtanden hatten— als ich an einem Dezemberabend, nicht lange nach dem Dunkelwerden, meine Hand auf das Schloß an der Thur ihrer Küche legte. Ich berührte es ſo leiſe, daß mich Niemand hörte, öffnete, und blickte unbemerkt in das Innere. Dort, auf dem alten, gewohnten Platze am Kaminfeuer ſeine Pfeife rauchend, noch eben ſo geſund und kräftig wie früher, nur etwas grauer geworden, ſaß Joe; und dort, durch Joe's Bein in eine Ecke des Kamins gedrückt, auf meinem kleinen Schemel ſitzend und in das Feuer ſtarrend, war — ich! „Wir haben ihn aus Liebe zu dir Pip genannt, alter Junge,“. ſagte Joe entzückt, als ich einen anderen Schemel nahm und mich an des Kindes Seite ſetzte(ohne jedoch ſein Haar zu zauſen),„und gehofft, daß er dir ähnlich werden werde, und glauben auch, daß er es wird.“. Ich glaubte es auch, und machte am folgenden Morgen einen Spaziergang mit dem Kleinen, auf dem wir unendlich viel mit einander ſprachen und uns vollkommen verſtanden. Dann führte ich ihn nach dem Kirchhofe und ſetzte ihn auf einen gewiſſen Grabſtein, von wo aus er mir den Stein zeigte, welcher dem Andenken an Philipp Pir⸗ rip, weiland Einwohner dieſes Kirchſprengels, und an Georgiana, deſſen Frau, gewidmet war. „Biddy,“ ſagte ich, als wir nach dem Mittageſſen mit einander plauderten, während ihr kleines Mädchen ſchlummernd auf ihrem Schooße lag,„deinen kleinen Pip mußt du mir geben oder wenig⸗ ſtens für einige Zeit leihen.“ „Nein, nein,“ entgegnete ſie ſanft,„du mußt heirathen.“ „Das ſagen Herbert und Clara auch, aber ich glaube nicht, daß es je geſchehen wird, Biddy. Ich habe mich in ihre Häuslichkeit ſo eingeniſtet, daß es ſehr unwahrſcheinlich iſt.“ Biddy ſchaute auf ihr Kind hinab, drückte die kleine Hand des⸗ ſelben an ihre Lippen und legte dann ihre eigene gute, mütterliche Hand in die meinige. In dieſer Handlung und in dem leichten Drucke ihres Trauringes lag Etwas, das außerordentlich beredt zu mir ſprach. „Lieber um ſie?“ „O nein— nein, Biddy.“ „Geſtehe es mir, einer alten ganz vergeſſen?“ „Meine liebe Biddy, ich habe nichts vergeſſen, das je einen der erſten Plätze in meinem Herzen einnahm, und wenig, das überhaupt einen Platz darin hatte. Aber der armſelige Traum, wie ich einſt Lip,“ ſagte Biddy,„du grämſt dich doch nicht mehr Freundin, offen,— haſt du ſie 72*¾ 1 rar Sie danruckfehler. türlie 572 Feierſtu —— —;; Deſſen ungeachtet war es, während ich dieſe Worte ſprach, im Geheim meine Abſicht, an dieſem Abende das alte Haus noch ein⸗ mal— um ihretwillen— zu beſuchen, ja,— um Eſtella's willen. Ich hatte früher gehört, daß ſie ein unglückliches Leben führe und von ihrem Gatten getrennt ſei, der ſie grauſam behandelt hatte und als eine Miſchung von Stolz, Geiz, Rohheit und Niedrigkeit bekannt geworden war. Dann hatte ich von dem Tode ihres Gatten gehört, der bei Gelegenheit der Mißhandlung eines Pfer⸗ deserfolgt war. Dieſe Befreiung hatte ich vor ungefähr zwei Jah⸗ ren erfahren, ſie konnte aber, was ich nicht wußte, wieder verheira⸗ thet ſein. Die Gewohnheit in Joe's Hauſe, früh zu Mittag zu eſſen, ließ mir, ohne mein Geſpräch mit Biddy abzukürzen, hinreichende Zeit, um vor dem Dunkelwerden nach dem alten Orte zu gehen. Allein durch häufiges Stillſtehen, um alte bekannte Stellen zu be⸗ trachten und an vergangene Dinge zu denken, verſtrich die Zeit den⸗ noch ſo, daß der Abend nahe war, als ich endlich dahin gelangte. Kein Gebäude ſtand mehr dort, keine Brauerei, nichts war übrig geblieben, als die alte Gartenmauer. Der offene Platz war mit einem rohen Zaun ——½—--—— nden. 1864. ———; „Ich habe immer gehofft und beabſichtigt, hierher zurückzukom⸗ men, aber bin durch Umſtände daran verhindert worden. Die arme alte Stätte!“ Die erſten Strahlen des Mondlichts berührten jetzt den ſilbernen Nebel und ſchimmerten in den Thränen, die aus Eſtella's Augen hervorquollen. Nicht ahnend, daß ich ſie ſah, und bemüht, ſie zu⸗ rückzudrängen, ſagte ſie ruhig: „Saben Sie ſich gewundert, als Sie hierher kamen, den Ort in dieſem Zuſtande zu finden?“ „Ja, Eſtella.“ „Der Grund und Boden gehört mir. Es iſt das einzige Beſitz⸗ thum, das ich nicht aufgegeben habe. Alles Andere iſt mir, nach und nach entriſſen worden. Es war der Gegenſtand des einzigen entſchloſſenen Widerſtandes, den ich in allen den unglücklichen Jahren geleiſtet habe.“ „Soll der Platz wieder bebaut werden?“ . „Jetzt endlich. Ich kam deßhalb hierher, um von ihm Abſchied zu nehmen, ehe die Veränderung vorgeht. Und Sie,“ fügte ſie in umgeben worden, und als ich über denſelben blickte, ſah ich, daß der welke Epheu neue Wurzeln geſchlagen hatte und an manchen⸗ Schutthaufen wieder grün empor ſproßte. Da eine Pforte im Zaune offen ſtand, ſos ging ich hinein. Ein kalter Nebel hatte den ganzen Nach⸗ mittag über der Flur gelegen, und der Mond I war noch nicht aufge⸗ ſtiegen, um ihn zu ve treiben. Allein die Sterne leuchteten ober⸗ halb des Nebels, und der Mond kam, und der Abend war nicht dunkel. Ich konnte deutlich erkennen, wo das alte Haus geſtan⸗ den hatte, und wo die Brauerei, die Pforten und die Fäſſer. Da⸗ mit fertig, ſchaute ich 5 den öden Gartenpfad hinunter, als ſich mir eine einſame Geſtalt zeigte. Sie bemerkte mich auch, während ich vorwärts ſchritt. Vorher war ſie mir entgegen gegangen, jetzt aber ſtand ſie ſtill. Es war die Geſtalt eines Frauenzimmers. Als ich ihr näher kam, war ſie im Begriffe umzuwenden, aber blieb ſtehen und ließ mich heran kom⸗ men. Dann ſtiutzte ſie, ſtotterte meinen Namen und ich rief: „Eſtella!“ „Ich bin ſehr verändert,“ ſagte ſie;„es wundert mich, daß Sie mich erkennen.“ Die Friſche ihrer Schönheit war allerdings verſchwunden, aber die unbeſchreibliche Anmuth war geblieben. Dieſen Reiz kannte ich von früher; was ich jedoch früher nicht an ihr wahrgenommen hatte, war das trübere und ſanftere Licht der einſt ſo ſtolzen Augen,— was ich früher nicht gefühlt hatte, war die freundliche Berührung ihrer ehedem ſo kalten Hand. 1 Wir ſetzten uns auf eine nahe Bank, und ich ſagte: „Es iſt ſeltſam, daß wir uns nach ſo vielen Jahren gerade an ſtattfand! Kommen Sie oft hierher zurück?“ „Ich bin ſeitdem nie hier geweſen.“ „Ich auch nicht.“ Der Mond begann ſich zu erheben, und ich gedachte des abge⸗ ſchiedenen Magwitch und ſeines ruhigen Blickes nach der weißen Decke des Zimmers. Der Mond begann ſich zu erheben, und ich dachte an den Druck, den meine Hand empfunden, als ich die letzten Worte geſprochen hatte, die er auf Erden vernahm. Eſtella brach zuerſt das zwiſchen uns eingetretene Schweigen. war jedes Scheiden von jeher ſchmerzlich. 1 1 d rung an unſer letztes Scheiden unendlich traurig und ſchmerzhaft geweſen.“ einem Tone hinzu, in dem für einen Wan⸗ erer eine unendlich ührende Theilnahme lag,„leben Sie noch mmer im Auslande?“ „Noch immer.“ „Und es geht Ihnen ohne Zweifel ut?“ „Ich muß für ein zureichendes Einkom⸗ nen angeſtrengt arbei⸗ ſagen— ja, es geht mir gut.“ „Ich habe oft an Sie gedacht.“ „Wirklich?“ „In der letzten Zeit recht oft. Viele⸗ ſchwere Jahre hindurch hielt ich die Erinne⸗ „rung an das. was i fortgeworfen, ſeinen Werth hatte, fern vo⸗ aber ſeitdem es mit meinen Pflichten nicht zmaehr unvereinbar war, die Erinnerung daran zuzulaſſen, habe ich ihr einen Platz in mei⸗ nem Herzen eingeräumt.“ „Sie haben immer Ihren Platz in meinen Herzen behalten,“ antwortete ich. Wir ſchwiegen wieder beide, bis ſie von Neuem begann. „Ich ahnte nicht,“ ſagte Eſtella,„daß ich auch von Ihnen Ab⸗ ſchied nehmen würde, indem ich von dieſem Platze Abſchied nehme. Aber es freut mich.“ „Es freut Sie, wieder ſcheiden zu müſſen, Eſtella? Für mich Für mich iſt die Erinne⸗ „Aber Sie ſagten zu mir,“ erwiederte Eſtella mit großer Wärme, „Gott ſegne Sie! Gott verzeihe Ihnen!’ Und wenn Sie das da⸗ mals zu mir ſagen konnten, ſo werden Sie keinen Anſtand nehmen, ſes auch jetzt zu mir zu ſagen, nachdem ich durch die Schule des Lei⸗ dens gegangen bin und darin erkennen gelernt habe, was Ihr Herz war. Ich bin gebeugt und gebrochen, aber dem Orte wieder treffen müſſen, an dem unſere erſte Begegnung gebeſſert worden. wie ich hoffe— auch Seien Sie jetzt ſo gut und nachſichtig gegen mich, wie Sie damals waren, und ſagen Sie, daß wir Freunde ſind.“ „Wir ſind Freunde!“ erwiederte ich, indem ich aufſtand und mich über ſie beugte, während ſie ſich von der Bank erhob. „Und wollen auch getrennt Freunde bleiben!“ ſagte Eſtella. Ich nahm ihre Hand in die meinige und wir verließen den öden Platz; und, ſo wie die Morgennebel aufgeſtiegen waren, als ich vor langer Zeit zum erſten Male die Schmiede verließ, ſo ſtiegen jetzt die Abendnebel auf, und in dem weiten, von ſtillem Lichte erhellten Raume vor mir ſah eich keinen Schatten des Scheidens mehr. Druck von C. Hoffmann in Auf S. 306 muß die Ueberſchrift heißen: Das Löwendenkmal bei Luzern, ſtatt Bern. Stuttgart. 1 1 3 zurückzukom⸗ Die ar Die arme n filbernen 8 Augen ſie zu⸗ ini Beſitz⸗ mir nach einzigen aüclichen Jahren Abſchied fügte ſie; ſie in 667 unendlich Th 1 Theilnahme Einkom⸗ engt arbei⸗ und kann deßhalb n— ji, es geht be oſt an es mit hten nicht ereinbar war 34 in meis 8. —— —,— —— ·———— —— — Chart vellow Hed Magenta Grey 3 Grey 4 Black .— —