Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und elranzüͤſiſcher Literatur 1 Eduard Oftmann in leßen 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiſ- und Sſaedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em. pfangnahme und Rücfäabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Mer offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem dad 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Knterlegeie welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:* 1 für oochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ee e. auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige MWonnenten, haben für Hin⸗ und Zurüͤckſendung der Bucher auf Bihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 8 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit upfern ꝛc.) muß der · Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſt etzt und wird peſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterofrleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, we lche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4A ... ͤͤ ————C—Z—Z——— ———;yU 1 b Peierſtunden. unterhaltungsblatt für Gebildete aller Stände. 2 Jahrgang 1864. Rit vielen HKolzſchnitten. Stuttgart. Hoffmann'ſche Verlags⸗ Buchhandlung. 1864. Bacha Bakker Barbig V Bayeu , Beauy V V; 6 Beetho . b V Belem 4 V Belem V Bilder V 7 Biron 1 6 Boncou 1„. 9 Briang 4 3 3 F 4 Brunn . 46 1 V Caliorn V Cannfak d: b China,; Den e b V Ser Con 2* V Conſtant 7— V Larrgggi V Gſas, n Alphabetiſches Riegiſter. Seite Seite Altmühlthal, mit Holzſchnitt........ 113 Simon Verde, m. Holzſchty.... 263 Ancona, m. Holzſchn......e. 3 512 Ein Cricketſpiel, m. Holzſchunu.......““ 349 Antiparos, Tropfſteinhöhle, m. 45 Die Engelseiche, m. Holzſch..... 358 Athos...... 305 Das ſchwarze Moor, m. Hoßſchn....... 385 Auſternfiſchere.. 47 Urtheils⸗Verkündigung, m. Holzſchn.......... 393 V Auſtralier, m. Holzſchn.. 547 Das Blutbad auf den Philippinen, m. Holzſchn.... 433 Ave Maria, m. Holzſchn. Säreeedeeereeseegereee enensceiemereee 25 Abenteuer eines Couriers, m. Holzſchn..--r.......=S.. e.. 453 V Blutſchenke in Texas, m. Holzſchn. 482 Bacharach, Golzſch.... 101 Bis in das dritte Glied, m. Holzſchn. 496 Bakkerkorf's Verläumderinnen, m. Holzſchn. 38 Das grüne Licht, m. Holzſchn.... 551 Barbieri, m. Holzchhn... 297 Ein amerikaniſches Ungück..... 566 Bayeux's Kirche, m. Holzichtt. Cũ 195 Beaupréau, Holzſch. 300 Gzebichtgfeen ee eedterede⸗eer enen ereneereeneene eneSe. 71 5* Beethovens Porträt. 348 Glucks Porträt, Holzſchn. 1 Belem, m. Holzſchn. ressiereeseeeeeeeeeeeen e 3 308 4 Belem, St. Maria ⸗Kirche, m. Golzſchh 36 8 Bilder und Scenen, humoriſtiſche 71. 73. 204. 241. 289. 368. 393. 463. 481.. Heimkehr vom Markt, Holzſchh..C 204 1 Biron, Herzog v. Kurland, m. Holzſchn. 337 Herder's Porträt, Holzſchn. 1 Boncourt, m. Holzſchn.. Hohenſchwangau, Holzſchn. 4 Briangon, m. Holzſchn. Hohenſtaufenfrauen, mit Holzſchn. 10. 114. 249. 301. 34 Brunn, m. Holzſchn...... Japaneſen, m. Souſchh...P 561 Californien, Goldwäſcher, Holzſchn.-.... 109 Cannſtadt, Holzſcht... 453 Küſter, der ſtudirende, Hoßſchn..... 385 — China, m. Holzſchn. o 219 V Der Confirmand, Holzſchht..... 241 Laroche⸗Waſſerfall, m. Holzſchn......:5. 3e s.-vJ s-e.ns. S=...... Conſtantinopel: Moſchee Suleimans, m. Holzſchn. 207 Leſſings Porträt, Holzſchn...... 1 Correggioſs Porträt..... 200 Liotard, Chokolademädchen, m. Holzſchn...... Cſikos, m. Holzſchn....... 341 V Löwenfamilie, Holzſchn. . St. Louis, m. Holzſchn. Dauphiné, m. Holzſchn.....“ 262. 298 Luzerns Löwendenkmal, m. Holzſchn. P. Delaroche, m. Holzſchn........ eee e,Senese zeecese:eeegerhee: ae 545 Madagaskar, m. Holzſchn.. Elſaß, m. Holzſchn.... 507 Die fleißigen Maurer, England in Noth, Holzſchn..... 73 G. Metzu, m. Holzſchn....... Erzählungen.(Merxiko, m. Holzſchn...... Italia liberata C 14 Miscellen“ Aus der Welt draußen.. 26 Miſocco, Holzſchn...... Pfandhausſcene, m. Holhen..... 65 Der Miſſouri, m. Holzſchn. . Boz, große Erwartungen, in. Holzſchn...... 81 Moskau's Kirchen, m. Holzſchn.⸗ Der Ueberfall, m. Hokſchn......... 119 Mozart, Holzſchn.......... Abenteuer in Auſtralien, m. Holzſchn. 160 Ein Tag unter Schlangen, m. Holzſchn. Eingefroren 5S CꝭQCCS-—— 4 5 — Sion, m. Holzſchn. Slingeland's Spitzenklöpplerin, Holzſchn. Stierkampf. Stolzenfels, Holzſchn. Stuttgart, das alte Schloß, Holzſchn. nnneeeeeee 41 Südauſtralier, m. Holzſchn. x 547 Tanzſtunde, die erſte, m. Holzſchn.neenneeeer. Tarantella, m. Holzſchn. ucv Taurus⸗Kaskaden, m. Holzſchh... Teniers Feſt der Landleute, Holzſchn. 4 Terburgs Trompeter, Holzſchn. Rehe im Walde, m. Holzſchn..... 79 Thomar, m. Holzſchn. V Reims(Rheims), m. Holzſchn. Tricula, m. Holzſchn...neenneeeeeen: Rubens Löwenjagd, Holzſchn. Trepangfiſcher, m. Holzſchn..ee Sagnaſſoufluß, In. Holzſchh 47 Venedig, Seufzerbrücke, Holzſchn. 61 Schilohäte 208 Veraeruz, m. Holzſchnhn.... 447 Schlanderberg, Holzſchn.... 105 Vierwaldſtätter⸗See, m. Holzſchn. 22 Schlangenmahlzeit, m. Holzſchn.nnnnnnneee 355 Vipern eeen............ Schwedens Oligarchenherrſchaft, m. Holzſchn.... 394 Schwertfiſchfang, m. Holzſchn.önenennee.. 212 Wildkatze, m. Holzſchn..ennnnnn. 62 1 Seelisberg, Holzſchn...................... 201 Wouvermann: Landſchaft, Holzſchn. v. 397 3 Senegal, Holzſchn.neereneeeeeee 209 Senegal zur Regenzeit, m. Holzſchh. 530 Zigeuner, m. Holzſchh....... 153 Dr ühehler. Auf Seite 306 muß die Ueberſchrift heißen: Das Löwendenkmal bei Luzern, ſtatt Bern. ns ———ſ Feierſtunden. 0 Unterhaltungsblatt für Gebildete aller Stände. Feierſtunden 1864 1/ 1 ————-—— 3 1 45 L 9 Feierſtunden. 1864. Die Raskaden in den Schluchten des Caurus. Vom Buſen von Alexandrette oder Iskenderum bis Gök⸗Tepe⸗Dagh zu 2000 Fuß auf, und im Norden, zur Mündung des Tſchoruk⸗Su, an der Bucht von Laſi- weſtlich neben Karaman, der Hadſchi⸗Baba⸗Dagh zu ſtan, bei Batum, bildet der Kleinaſien von Südweſt nach 8000 Fuß; weſtlich von welchem der noch im Auguſt mit Nordoſt durchſtreichende Armeniſch-Pontiſche Tau⸗ Schnee bedeckte Gök⸗Dagh(Himmelsgebirge) 9— 10,000 rus das Uebergangsglied. Er beſteht aus zahlreichen, meiſt Fuß Höhe hat. parallelen Gebirgszügen, die aus Gneiß, Glimmerſchiefer, Vom ſüdlichen Ende des Anti⸗Taurus geht, vom Kalk und Diorit zuſammengeſetzt, zur Seite Thonſchiefer nördlichen Ende des Meerbuſens von Alexandrette, der und Sandſtein haben, und führt im ſüdweſtlichſten Theile, 100 Meilen lange und 30 35 Meilen breite eigentliche unſtreitig ſeinem maleriſchſten, den Namen des eigent⸗ oder Ciliciſche Taurus aus, und läuft längs der Süd⸗ lichen oder Ciliciſchen Taurus, im mittleren Theile, V ſeite der Kleinaſiſchen Halbinſel hin, ein vielfach geglieder⸗ der den Euphrat berührt, den Namen des Taurus von ter und aus mannigfach zuſammenhängenden Gruppen und Malatiah. Seine nach Weſten zu 10,000 Fuß aufſtei⸗ Ketten zuſammengeſetzter Zug, der in ſeinen Gipfeln zu genden Ketten aus Alpenkalk werden Anti⸗Taurus ge⸗ 8— 10,000 Fuß aufſteigt. Es iſt ein wahres Alpengebirgs⸗ nannt, bilden aber kein eigenes Gebirgsſyſtem. In ihm land, das die Landſchaften Cilicien, Pamphylien, Lydien erhebt ſich der Chanzyr⸗Dagh(d. h. Eberberg), von und Carien, die jetzigen türkiſchen Ejalets Aydin, Kara⸗ welchem aus eine Kette nach Südweſt, zwiſchen beide Arme man und Adana ganz ausfüllt, und bis zu ſeinen Reihen ddes Seihun(Sachun) zieht, bis zu 6000 Fuß. Weſtlich von wild aufſtarrenden, rieſigen Schneegipfeln hinauf und von ihrem Südende erhebt ſich, im Norden von Adana, der in die tiefen Felsſchlünde ſeiner Spalten und Klüfte hinab, 10 Meilen lange, 7—8000 Fuß hohe Kamm des Ala- bis zu den gegen die Geſtade des Cypriſchen Meeres ſich Dagh, deſſen ſpitzer Gipfel Apiſch-⸗Karr 11,000 Fuß ſenkenden, höchſt romantiſchen und üppig bekleideten Thal⸗ Höhe erreicht, und nach Weſten zu mit mehr als 2000 Fuß gründen eine Mannigfaltigkeit der Naturverhältniſſe dar⸗ hohen ſteilen Felswänden zu einem engen Thale herabſtürzt. In der ſüdweſtlichen Fortſetzung zieht ſich der ebenfalls nach Nordoſt ſteil abſtürzende, noch um 1000 Fuß höhere Bulghar⸗Dagh, aus dem ſich der Ala⸗Tepeſſi zu höchſtens 10,000 Fuß erhebt, und nördlich vor ihm ziehen ſich eine Menge bis 7000 Fuß hohe unzugängliche Felſen⸗ mauern hin. Nach Weſten zu erniedrigt er ſich zu dem zerklüfteten Rücken des Dümbelek⸗Dagh(Trommelberg) und dem rauhen, etwa 7000 Fuß hohen Gugluk⸗Dagh, bis zu einem 4500 Fuß hohen Plateau, das ſich nach Nord und Süd zur Hochebene und zum Meere fortſetzt, vom Gök⸗Su aber durchſchnitten wird. Unter allen Bergen, welche auf dem Plateau ſtehen, ſteigt nur der ſteile Rücken des bietet, die viele eigenthümliche Schönheiten entfaltet.— Eine der großartigſten Landſchaftsparthien bilden die in un⸗ ſerem Holzſchnitt nach Langlois Zeichnung dargeſtellten Kas⸗ kaden des des Taurus, im Thale von Beſanti, das von beiden Sei⸗ ten von furchtbaren hohen Felsmaſſen eingeſchlofſen wird. Sie ſind gegen 12 Meilen von Adana, dem von Maul⸗ beer⸗, Pfirſich⸗, Feigen⸗ und Oelbaum⸗Diſtrikten umgebenen Hauptort des gleichnamigen Ejalets, und etwa 10 Meilen von Terſus(Tarſus), dem Geburtsort des Apoſtels Paulus, nahe am Cydnus, entfernt, in welchem Alexander der Große faſt ſein Leben verlor und Friedrich Barbaroſſa umkam. 2. Nachtheile der Eiſenbahn. Unſere Leſer wiſſen ohne Zweifel, daß die Eiſenbahn⸗ waggons in allen Ländern, außer in Württemberg, der Schweiz und Amerika, in einzelne Coupons eingetheilt ſind, in welchen höchſtens acht Perſonen Raum finden. Bei den Schnellzügen, welche nur alle 2—3 Stunden eine kurze Zeit anhalten, iſt es wohl Jedem ſchon aufgefallen, daß man ſich während dieſer Zeit, wo weder dem Conducteur gerufen noch irgend welche andere Zeichen gegeben werden können, ganz hilflos in den Händen der Mitpaſſggiere, ebenſo hilflos bei plötzlichen Krankheitsanfällen, befindet. Dieſer Uebelſtand verurſachte kürzlich, Ende Juli 1863, auf einem durchgehenden Nachtzug von Liverpool nach Lon⸗ don eine ſchauderhafte Scene, welche nur durch außerordent⸗ liche Geiſtesgegenwart vor einem ſchrecklichen Ausgang be⸗ wahrt wurde. Zwei Reiſende, ein Herr Mac Lean und ein Herr Worland befanden ſich in dem erwähnten Zuge in einem Wagen zweiter Klaſſe. In demſelben Coupé waren nur noch eine ältere Dame und ein ſtumpf ausſehender Irländer, D Dame am andern ihre Der Irländer ſprach von Zeit zu Zeit zu ſich ſelbſt und ſchien, ganz in Gedanken verſunken, einen unſichtbaren Feind zu bedrohen. Die Herren blickten ihn erſtaunt an, aber bald wieder, Nichts ahnend, in freundſchaftliche Ge⸗ ſpräche. Der eigentliche Sachbeſtand war aber der, daß der Irländer vor einiger Zeit wahnſinnig geweſen, als geheilt aber wieder aus dem Irrenhauſe entlaſſen worden war, und daß dieſer Wahnſinn plötzlich wieder bei ihm ausbrach.— Eine Idee wuchs bei ihm zur feſten Ueberzeugung, daß näm⸗ lich die beiden Männer Diebe ſeien, und in gedämpfter Unterhaltung ausmachten, wie ſie ihn berauben könnten. Er wollte ihnen zuvoxkommen, und da Methode in ſeinem Wahnſinn war, hielt er ſich bei einer augenblicklichen Sta⸗ tion zurück und wartete, bis der Zug in raſchem Gange war. Plötzlich zog er ein Meſſer und ſtieß es nach Herrn Worland's Kopf. Herr Mac Lean, in raſchem Begreifen der Situation, ſtieß ihn in ſeinen Sitz zurück; doch ſo leicht iſt ein Wahnſinniger nicht zu beſiegen. Der Irre ſprang Sarus, bei Annacha⸗Kaleſſi, in einer Schlucht vertieften ſich Lwelch letzterer an einem Fenſter, die Plätze hatten, ſo daß die beiden Herren zwiſchen ihnen ſaßen auf und ſtieß mit erneuter Kraft auf Worland, der durch — die iſtel zuſhen, ihr Hilf 18 Zugs ds Irxe zu faſſen. Und ungehemr fen die Heiterkei die Fine zu ſich witzigen 1 nachden hüllt, u cemberll „N hor lese da gibrs antworte ſche im ten, fre Schnauz hend, und ken brauu im Stat ſchienen darob ga den, den herten gnüglich. Und ei ſpäter ſi Norden, agh zu guſt mit 10,000 gegldder Ppen und ipfeln 1 ngebirgs⸗ n Relhen mduf und üſte henad, Neeres ſich eten Thal⸗ niſſe dar⸗ faltet.— die in un⸗ A Kas⸗ r Schlucht den Sei⸗ ffen wird. don Maul⸗ umgebenen 10 Meilen Apoſtels Alexander Barbaroſſa 9 ſelbſt und nſichtbaren Gange uh herri die erſte Meſſerwunde ohnmächtig geworden war. Ein Kampf zwiſchen ihm und Mac Lean erfolgte, während die Frau ihre Hilferufe erfolglos durch das Donnern und Brauſen des Zugs erſchallen ließ. Endlich gelang es Mac Lean, des Irren Hand mit dem Meſſer und zugleich ſeine Kehle zu faſſen. Und während dieſer ganzen Zeit rauſchte der Zug mit ungehemmter Schnelle dahin; in den andern Coupé's ſchlie⸗ fen die Reiſenden friedlich oder beſprachen ſich in aller Heiterkeit.— Der Irre zog ſein Meſſer Mac Lean durch die Finger und drohte wild damit. Worland kam wieder zu ſich und riß, obgleich geblendet von Blut, den Wahn⸗ —-—-—:õ————— Feierſtunden. 1864. 3 und fortgeſetzt ertönte— aber weder der Conducteur noch irgend ein Mitreiſender hatten eine Idee, was vorging, und wären auch dann nicht fähig geweſen, irgend welche Hilfe zu geben. Und ſo ſetzte ſich das Trauerſpiel fort, — ein langer Akt,— ein raſender Wahnſinniger, durch zwei Männer niedergehalten, alle drei von Blut überſtrömt, und nur beleuchtet von dem matten Lichtchen und der kalt und grau heraufkommenden Dämmerung.— Während des Durchfliegens von 40 Meilen blieb die Scene unverändert, bis endlich bei Ankunft des Zugs ein Billetkollekteur raſch die Thür öffnete, und die zwei durch Blutverluſt geſchwäch⸗ ten, todtenbleichen Männer, wie ſie noch den Irren in witzigen zu Boden, deſſen Geheul und Gebrüll ſchauderhaft einer Blutlache auf dem Boden feſthielten, befreit wurden. Kuf die Puszta! Skizze aus Ungarn. J. „Pusztära, Jäncsi“— rief ich, das Fenſter öffnend, nachdem ein tüchtiger Schlafrock meinen koſtbaren Leib um⸗ hüllt, um denſelben gegen die allzu friſche, aber reine De⸗ cemberluft zu wahren. „Jöl van, Sok Von Alexander Hutſchenreiter. men Schauders als eine wahre Wüſtenei— eine endloſe Einöde, höchſtens mit ungariſchen Rindern, einem gelang⸗ weilten Hirten und dem hohen Ziehbrunnen als Staffage denken konnte, da freilich hätte ich auch ſo gerufen— aber Gottlob, in der Nähe betrachtet ſieht Manches weit beſſer aus, als man aus der Ferne geglaubt. bor lesz,“(Gut, da gibt's viel Wein) antwortet der Bur⸗ ſche im Hofe drun⸗ ten, fröhlich den Schnauzbart dre⸗ hend, und die ſchlan⸗ ken braunen Renner im Stalle drinnen ſchienen ebenfalls darob ganz zufrie⸗ den, denn ſie wie⸗ herten recht ver⸗ gnüglich. Und eine Stunde ſpäter ſitze ich ein⸗ gepackt in dem ſchmucken kleinen Schlitten, begraben in eine mächtige— Bunda von Lamm⸗ fellen;—„tſchin, tſchin, tſchin“ ſchellt es luſtig hinaus zum Thore, durch den langen Markt über die weiten, blenden⸗ den Schneefelder.— „Auf die Puszta!“ höre ich meine lieben deutſchen Leſer rufen —„wie kann man auf die Puszta fahren!“— Ja, lieber Leſer und mir das eur de hrer nota bene, wüßten ſie, daß as zur Weihnachtszeit, mithin zum Vergnügen geſchieht. trachte—'s iſt niemand Anderer, als Blak, mein großer Wie ich nun ſo dahinfliege und meinen Nachbar be⸗ noch angenehmere Leſerin, vor Jagdhund, der ein recht nachdenklich Geſicht macht— und ſo und ſo viel Jahren, als ich noch ein deutſcher Student wie die liebe Sonne ſo freundlich herabſtrahlt auf den jung⸗ war und mir eine Puszta gar nicht anders denn voll gehei⸗ fräulichen Schnee, der das Licht wiedergibt in Millionen 1* ———;— £ kürlich auch verſchiedene Päcke zu übergeben haben werde, dal 1 3 ohne darum ſelber in's Heiligthum dringen zu dürfen, denn hatten die Kothwellen gemüthlich zuſammengeſchlagen, und Feierſtunden. 1864. — e—-———44j——; bläulicher Kryſtallflächen,— da iſt mir's ſo behaglich zu den Namen eines Roſſes bewilligen; als es nun aber gar Muthe, Gedanken an die liebe Heimath wechſeln mit ande⸗ die erſte Lokomotive dahin eilen ſah, ergriff Furcht und ren, auch angenehmen Erinnerungen— mit einem Worte, Schrecken die Leute, daß ſie ſich zu Boden warfen, um ich denke an die Weihnacht vorigen Jahres, wo ich auch dem entſetzlichen Anblick zu entrinnen.— da gefahren, und freue mich wieder, meine lieben Freunde Die Stadt, bei welcher die Bahn beginnt, heißt Mo⸗ zu ſehen, und die liebe alte Großmutter, die hühnerhof⸗ häcs. Sie hat in der Geſchichte eine traurige Berühmt⸗ beherrſchende, wie ſie mich freundlich ausſchilt ob meines heit durch die Niederlage der Magyaren in der Schlacht ſeltenen Kommens, und wie die Kinder mich freudig um- gegen die Türken und den Tod Ludwigs des Zweiten, ſpringen, geheimnißvoll nach der Thüre deutend, wo die anno 1527, welcher in einem Bache daſelbſt— der Mutter, nebenbei geſagt ein junges Frauchen mit hübſchen Cſellyefluß genannt— ertrank. Wie ein trauriges Sym⸗ braunen Augen, den Chriſtbaum herrichtet, und der ich na- bol kommt es mir vor, daß die Stadt im Norden und Süden, gerade an der Hauptſtraße, von großen Friedhöfen umgeben iſt, einem griechiſchen, dem katholiſchen und evangeliſchen. In der Kapelle des katholiſchen Kirchhofes ſteht jetzt das ganze Bild, die Mohäcſer Schlacht darſtellend. Die Stadt ſelbſt hat einige hübſche Gebäude aufzuweiſen, jedoch entbehrt ſie, wie die meiſten unga⸗ riſchen Landſtädte, jenes durchgän⸗ gigen Comforts und einer gleichför⸗ migen Ordnung und Reinlichkeit, wie man ſie in meinem lieben deut⸗ ſchen Lande ſieht. Die Plätze mit dem freundlichen Brunnenquell oder ſäule, umgeben von den alterthüm⸗ lichen, ſtockhohen Häuſern der Stadt⸗ honorationen, voll des Gepräges ge⸗ müthlicher, wohlhabender Häuslich— 4 keit ſieht man hier nicht häufig; große 7, weite Räume verden oft durch nie— AMf dere Hütten begrenzt, neben denen 1 E MW J wieder ein kahles Haus im moder— V, naen Style mit ganz unpaſſenden gothiſchen Fenſtern, faſt die Höhe des Gebäudes ſelbſt erreichend, ſteht, ſtaubige ſchlechte Straßen, oft auch , wahre Pfützen, in denen man bis 7an die Achſen einen Wagen verſinken ſehen kann, das iſt oft, leider ſehr oft, zu finden. Gleich Dämmen er⸗ heben ſich da die Trottoirs, aber wehe, wenn man von einer Seite 4b der Straße auf die andere gehen ——— muß. Als ich noch ein Neuling war ——— und vermeinte, mit Gummiüber⸗ ——— ſchuhen gehe es durch die ganze Welt, 2 hüpfte ich leichtfüßig über eine ſolche Straße. Ich war drüben, aber meine Schuhe waren für immer dahin. Ueber den Verſunkenen M K auch an mich hat ja das Chriſtkind gedacht. vielleicht nicht in den ſieben trockenen Jahren findet ein Ein ſchrillender Pfiff weckt den Träumer; ſchnell wie ſchwerbeſtiefelter Bauer ihre Leichname! der Gedanke brauſet der Bahnzug vorüber nach Villaͤny, Aber keine Regel ohne Ausnahme. Und ſo kommen dem hübſchen Flecken am Hügelzuge, der die berühmten wir denn vorüberfahrend an dem biſchöflichen Palais, wel⸗ Reben trägt, ſowie nach dem hiſtoriſch bekannten Fünfkir⸗ ches von einem ſehr wenig Anſprüche auf Eleganz machen⸗ chen. Ich erinnere mich, wie vor wenig Jahren, als die den Garten umſchloſſen iſt, durch mehrere hübſchen Gaſſen Bahn im Bau begriffen war, die Dampfſchifffahrtsgeſell⸗— zum Donauſtrand. 2 ſchaft zum Landtrausporte des Materials die ſchwerſten Denken wir, es wäre Sommer. Da Salzburger Hengſte kommen ließ. Das Volk, nur ſeine Dampfſchiff angekommen; viele elegant gekle id tleinen Rößlein gewohnt, wollte dieſen Thieren gar nicht und Damen im Nationalkoſtüm oder auch in iſt eben das ete Bummler ſige Krino⸗ einer ungekünſtelten Dreifaltigkeits⸗— — dun ghü Ctewohl ie gwwiſchen vilche Ge weſtländiſe der„Gem aus den. lenen F Arme, W abtrenner kamwerr äne zu der Tul habenden r gar und um Mo⸗ ͤhmt⸗ hlacht heiten, der Sym⸗ a und tſtra, ben iſt, bliſchen dapelle jt jetzt chlacht einige jedoch aa⸗ cchgaͤn⸗ leichför⸗ ichkoſt llichtell, „ dent⸗ Ielll⸗ ——————— linen gehüllt bewillkommnen die Reiſenden, Grüß Gott und Lebewohl in den verſchiedenſten Dialekten werden gewechſelt, dazwiſchen rufen und ſchreien die Packer und Fuhrleute, welche Gepäck und Kiſten, gefüllt mit den Erzeugniſſen weſtländiſcher Induſtrie, verladen, zum Ueberfluß iſt noch der„Gemiſchte“ von Fünfkirchen angekommen und entläßt aus den Waggons ſeine Paſſagiere— manche mit einem kleinen Fäßchen duftenden Villänyer Rebenſafts unter dem Arme, während rückwärts die langen Reihen Laſtwägen ſich abtrennen, um die ſchwarze glänzende Kohle, aus den Schatz⸗ kammern der Fünfkirchner Berge entführt, in die Maga⸗ zine zu bringen. So ein Landungsplatz iſt die Promenade, der Tummelplatz, das Ideal von Zerſtreuung eines Zeit habenden empfindſamen Provinzbewohners. Was läßt ſich Feierſtunden. 1864. 5 ———-—-ͤ——:ͤ—O——— da nicht Alles beobachten zu Nutz und Frommen der Menſch⸗ heit! Jener ſteife Herr dort, der mit ausgeſpreizten Bei⸗ nen auf dem Verdecke ſitzt mit einem Geſichte, als gäbe es auf der Welt nichts Sehenswürdiges, wie Altengland, und als wäre eine Vergnügungsreiſe nur die Folge eiſerner Nothwendigkeit— der iſt gewiß Lord So und So, der im Auftrage ſeiner Regierung reist. Und unſer Bumm⸗ ler zeigt mit wichtiger Miene ſeine Entdeckung den bekann⸗ ten Damen und Herren, im Stillen beweinend, daß nicht ein Journal de Mohäes erſcheine, in welchem er die Frucht ſeines Scharfſinnes veröffentlichen kann:„Heute iſt Lord C. von der engliſchen Geſandtſchaft durchgereist, um die ungariſche Frage, daher auch insbeſondere die Mohäeſer zu ſtudiren. Der arme Lord, er weiß wohl nicht, welche Zu Seit. 6.) Laſt ihm das betrachtende Publikum im Namen aller Ma⸗ gyaren auf die Schultern legt! Iſt es nicht natürlich, daß der gute Mann, verlegen geworden über die vielen ehrer⸗ bietigen Blicke, mit denen man ihn jetzt betrachtet, aufſteht und der Kajütenthüre zuſteuert, wobei er ſich den über⸗ mäßig hohen Cylinderhut, den einzigen vielleicht, den der Patriotismus der ungariſchen Nation noch unverſehrt ge⸗ laſſen, ſo ſehr an der Thürverkleidung zerquetſcht, daß er im Schrecken darüber einen Schritt zurückthut und dem abſcheulich gemäſteten Pinſcher einer umfangreichen Dame, welcher das magyariſche Hütlein allzu neckiſch anläßt, einen derartigen Tritt verſetzt, daß dieſer ſchreiend und kreiſchend auf neutrales Gebiet— unter die Krinoline ſeiner zürnen⸗ den Herrin entfleucht.„Sie wiſſen vielleicht gar nicht,“ wendet Herr Takacs, welcher beiläufig geſagt vor Anfang der magyariſchen Bewezung den ſchlichten deutſchen Namen „Weber“ teug, ſich zu einem der Nebenſtehenden, dem auch die Stellung in irgend einer Marktbude des Hauſes Israel und die Handhabung der hölzernen Elle weit mehr zur Na⸗ tur geworden ſein mag, als das ritterliche Koſtüm eines Attila, nebſt den hohen Stiefeln mit Sporen und die Reit⸗ peitſche in ſeiner Hand; reiten Sie mir um eine Elle Kattun, möchte man zu dem verwegenen Ladenjüngling zu ſagen verſucht ſein—„Sie wiſſen vielleicht nicht,“ be⸗ ginnt Herr Takäcs nochmals in ſchlechtem Ungariſch zu Herrn Bäkeſſy, der auch einſt Moſes Friedländer geheißen, —————— 1 6 Feierſtunden. 1864. —. 4 ———————— 6₰„daß wir auch hohe franzöſiſche Gäſte erwarten. Alles, um Bereſen(Ochſenknechte) ſingen ihre Lieder, die einen unga⸗ unſere Fragen zu ſtudiren, unſere Nationalität zu wahren. riſch, wieder andere ſerbiſch oder deutſch, ſich manchmal )„Gottes Wunder,“ erwiedert Herr Békeſſy, doch ſich durch einen kräftigen Anruf ihrer Thiere unterbrechend und beſinnend, daß er ja ein Magyare ſei, geht auch er in das ſelbſt wieder angetrieben von dem ſchlanken Haiduken, der magyariſche Idiom über wir aber übergehen ihn und da in dem blauen S hnürrock einhergeht. Was immer den Patriotismus der in Ungarn lebenden Deutſchen und Neues die landwirthſchaftliche Wiſſenſchaft darbietet, hier rollen über Stock und Stein, das heißt wir gleiten mit iſt es zu ſehen. Jetzt ſäet eine ſinnreiche Maſchine den dem Schlitten dahin über die weiße, glitzernde Fläche, denn Samen, wie ein Gartenbeet pulvert die rieſige Eiſenwalze was wir jetzt erzählt, iſt uns ja vor Monden ſchon wie⸗ den Boden, und nach wenigen Monden ſchon erſcheint ein 2„... 1 2—.— derfahren, als noch die Sonne hell und warm glühte über anderes Produkt menſchlichen Sch unſerem Haupte! Geſchichtliche Erinnerungen verdrängen und legt den Segen des Fleißes unter ſeinem raſtloſen alle anderen, iſt doch die ganze Gegend hier ein ungeheures Meſſer in Schwaden nieder zu den Füßen der Menſchen. — Grab, getränkt mit dem Blute der Chriſtenheit vor langen, Nun aber tritt die Menſchenhand in ihr Recht, Hunderte langen Jahren, als Suleiman I. mit ſeinen Horden in ſind beſchäftigt, Garben zu binden Ungarn erſchien und dieſes Land um 150 Jahre der Civi⸗ ähnliche Schober in Menge auf den Feldern— doch nur liſation brachte. Deutſche Kräfte, deutſche Männer waren zu ephemerem Daſein, denn bald ſehen wir die größte Er⸗ es, welche nachher das verödete Land wieder bevölkerten und findung moderner ökonomiſcher Mechanik auf dem Kampf⸗ aufgerichtet haben, aber vergeſſen iſt leichter als bewahren, platze, die Dampfdreſchmaſchine. Sie ſchüttelt aus den darum will man jetzt dem deutſchen Elemente in Ungarn gelben, ſegengefüllten Garben die nährende Frucht; jetzt, den Kontrakt kündigen! im Winter, ſteht ſie daheim im ſchützenden Schuppen, wohl verwahrt, wie ein treues Roß, dem man gerne die Raſt II. gönnt nach überſtandenen Mühen. Der Bauer freilich pflegt noch ſein Getreide auszureiten oder zu treten, ein Auf der Landſtraße gegen Süden fortfahrend, erblicken ſehr vorſündfluthliches Verfahren.(Siehe Bild S. 5.) wir in der Ferne die Dörfer der Sokäczen, ein ſlaviſcher Schwindeln muß es Einem faſt, wenn wir die Fort⸗ Volksſtamm, in der Kultur auf ziemlich niedriger Stufe. ſchritte der neueſten Zeit in allen techniſchen Fächern, be⸗ Ackerbau und Viehzucht treiben ſie, wie's der Urahn betrieb, ſonders im Maſchinenweſen betrachten. Und gerade die und auch nicht beſſer gewußt. Brennt's etwa drinnen im Landwirthſchaft iſt es, welche ſich dieſer neuen Schöpfungen Dorfe, ſo rührt ſich der, welcher eben auf dem Felde ackert, nicht eher zur Hilfe, als bis der Brand in der Nähe ſei⸗ ner eigenen Wohnung wüthet. Die Weiber lieben— frei⸗ lich, wo wäre es nicht alſo— den Putz leidenſchaftlich. „ und bald ragen häuſer⸗ mit dem, was man jetzt einen miſerablen Pflug nennen würde, einem ſchwerfälligen, unlenkſamen Dingsda, an welchem die Roſſe ſich müde ſchleppten und doch wenig ge⸗ Ketten aus Gold oder Münzen, ſilbergeſtickte Gewänder, nug leiſteten; jetzt iſt bereits der Anfang gemacht, und wie meiſt von weißer Farbe, bedecken und umhüllen ſie.(Siehe ſchnell wird die Fortſetzung folgen! Der Dampfpflug wühlt Bild S. 4) Man ſieht unter ihnen ſehr hübſche, von dun⸗ die Erde durch mit einem Heer von Scharen, in einer keln Augen überſtrahlte Geſichter und ſchöne Körperformen. Tiefe, daß die jungfräuliche, bis nun unberührte Erde nun Nicht ſo apathiſch, wie der Sokacze, iſt ſein Roß. Ein auch hervorgerufen wird zum Dienſte der Vegetation— kleines feuriges Thier, das er mit einem Stäbchen berührt, und das Alles im zwanzigſten Theile der Zeit gegen früher. um es einem Pfeile gleich hinſauſen zu laſſen über die Freilich iſt da, wie überall, zu verbeſſern, den Verhältniſ⸗ Haide. ſen anzupaſſen, allein am Ende kommt es doch dahin, wo⸗ hin man es bringen will. Lokomotive werden unſere Laſten Jetzt aber nimm, o Leſer, Abſchied von der belebten Straße, du wirſt keiner von acht Pferden gezogenen Poſt⸗ auf Straßen und Felder ſchleppen, gleichviel ob durch Chaiſe mit gelangweilten, frierenden Paſſagieren mehr be⸗ Dampf oder eine wohlfeilere Kraft; einer rieſigen Um⸗ gegnen, wir fahren nun durch den Ueberreſt eines Thores, wälzung in Allem und Jedem müſſen unſere Nachkommen welches aus mir unbekanntem Grunde das ſchwarze Thor gewärtig ſein, denn der menſchliche Geiſt iſt groß und an — fekete kapu— heißt. Und nun beginnt eine neue ein„Halt“ nicht oder— wer weiß es— no ch lange Welt, das Reich des großen, adeligen Grundbeſitzes. Ari⸗ 3 nicht zu denken! ſtokratiſche, hohe Baumwände machen ſchon von Weitem Dieſes und ähnliches ging mir durch den Sinn, als die Abgrenzung vom bäuerlichen Felde kenntlich, und erſt ein tüchtiger Ruck des Schlittens, verurſacht durch eine im Innern der Umfaſſung wird der Unterſchied recht klar. ſchnelle Parade der Pferde, mich wieder in die Gegenwart Da ſind keine kleinen, ſchmalen Ackerſtreifen, baumlos und zurückrief. Da ſtand ich vor dem lieben Hauſe, das mich voll wuchernden Unkrautes, lange Alleen von mächtigen ſo oft, ſo lange beherbergt und nun wieder aufnehmen ſollte. Paddelieund Rirleänmen khäilen die de Fläche in eben⸗ S iſt ein altes ſchmuckloſes ebinde mit einem Siwaniert, mäßige Felder. Hie und da ein einzelnes nettes Haus, an das ſich rechts und links, weiterhin ein anſehnliches eine Stallung, ein ganzer Maierhof, aus deſſen Saun ien nrdend. ehenedin Oekonomiegebäude anſchließen. das Gebrülle der Rinder hinaustönt in die ſchlummernde Der kleine hölzerne Thurm droben auf dem ſteilen Dache, winterliche Welt. Man ſiehts dem Ganzen an, daß ein dir mächtigen Gitter an den Fenſtern, das düſtere, ehr⸗ einheitlicher Wille, unterſtützt von dem nervus rerum, hier würdige Grau der Mauern, Alles iſt noch ſo, wie ich's herrſcht. Soweit das Auge reicht, Alles gehört ihm, dem früher geſehen, ſo patriarchaliſch und anheimelnd, drüben reichen Herrn. Manch deutſches Fürſtenthum verſchwände der große Park mit den frrieſigen Eichen und dichten Ge⸗ in den ſ wuinßm reneſih der fllichen Länder! büſchen, das einerue rraz auf eneHidel id da Weitie G ärs Frühjahr oder Sommer, da gäb's ein fröh⸗ des Gartens, jetzt freilich bedeck mit Eis und Schnee, ru liches Bild. Maſſen von Pflügen, beſpannt mit den fanh Erinnerungen Vdißin vergangen Sommernächte und Nach⸗ gehörnten ſchnelle eindern, durchfurchen da die Erde, die tigallenſchlag:. —-—— großartig bemächtigt hat. Noch unſere Großväter ackerten — — V V arfſinnes, die Mähmaſchine, Abe thüre lei Hauſes, Feiertage habe ich Hände 10( je g — — Beſuch ſondern loſe Jun ſein Un Jeden zu Paar im Me Aoſtan liegen Stöckt monia wars, heilſam ſinniges „ſen Lun erklärte, ihrem immer dert wa ſie tägl Part e ihrer K in der wir, da 6 bes Kir meines Sunde d duldigen ſchriebe attf die te einen unga⸗ ſich manchmal rbrechend und Haiduken, der Was immer ebietet, hier Maſchine den d Eiſenwalze deſcheint ein Mätmaſchine,. nem vitloſen er Menſchen. ht, Hunderte ragen häuſer⸗ — doch nur ie größte Er⸗ dem Kampf⸗ lt aus oͤens rucht; jetzt. ppen, wohl we de Raſt auer ſtällch treten, ein d S. 5) ir die Fort⸗ ächern, be⸗ gerade die vchopfuagen teer ackerten lug nennen ingsda, an hwenig ge⸗ ht, und wie pflug wühlt —, in einer t Erde nun getation— gen früher. Verhältniſ⸗ dahin, wo⸗ nſere Laſten ob durch ſigen Um⸗ achkommen oß und an ch lange Sinn, als durch eine Gerxeumun das mich ner ſollt. Stoclwerk⸗ ſehnliches iſchließen. en Dache, lere, chr⸗ wie ihs d, vnben ijm Ge⸗ dr Müir inee, ruft ind Nach⸗ — Feierſtunden. 1864. „Ein Lied aus alten Zeiten Das kommt mir nicht aus dem Sinn!“ Aber„vorwärts marſch“ rufe ich und ſtoße die Haus⸗ thüre leicht auf. Da ſteht ſie, die liebe Großmutter des Hauſes, dem Haushaiducken vermuthlich Ordre für die Feiertage ertheilend. Von der eifrig Redenden unbemerkt habe ich mich zu ihr geſchlichen und von rückwärts die Hände über ihre Augen gelegt.(Siehe Bild S. 8.) 6 Wer iſt's Großmütterchen?“ „Nun wer anders,“ begann die hübſche alte Frau jetzt, „als jener loſe Junge, der, ſeitdem er uns verlaſſen, ſo ſtolz geworden, daß er uns faſt nie mehr die Ehre ſeines Beſuches gönnt und thut, als wäre er nicht unſer Sändor, ſondern wildfremder Leute Kind!“ »Fuit quondam Ilium— einſt, ja einſt war's der loſe Junge, der da auf dem prächtigen Gute praktizirte und ſein Unweſen trieb— ein wahrer Graſel im Kleinen, der Jeden neckte und quälte, der die tollſten Roſſe des Geſtütes zu Paaren trieb, der, wenn der Schnee funkelte und blitzte, im Mondſchein Nächte lang dem Meiſter Reineke auf dem Anſtand auflauerte, anſtatt daheim im warmen Bette zu liegen und aus dicken Bänden die Lehren eines Thaer oder Stöckhardt über Düngerbereitung oder den Werth des Am⸗ moniaks und Phosphors im Geiſte aufzuſaugen! Der war's, der ſchreckliche Junge, an den die Großmutter ihre heilſamſten Lehren fruchtlos verſchwendete über ſein un⸗ ſinniges Toben und Treiben, der ehemalige Ballkönig, deſ⸗ en Lunge Großmama oft als der Tuberkuloſa verfallen erklärte, wenn er nicht wenigſtens täglich ein Quart von ihrem Bruſtthee tränke. Darum hatte ſie mich aber doch immer lieb gehabt, und wenn ich wieder einmal ihre hun⸗ dert wackelnden Gänſe, Hühner und Truthähne lobte, welche ſie täglich wohlgezählt unter Aufſicht einer Wärterin in den Park entließ— oder ſo koloſſalen Appetits in die Speiſen ihrer Küche einhieb und erklärte, nicht einmal der Palatin in der Burg zu Buda(Ofen) äße Schmackhafteres, als wir, da war ich doch wieder ihr„guter Junge“, ihr„lie⸗ — bes Kind“— obſchon ich eigentlich eine Verwandtſchaft meines Wiſſens nach nur von Adam aus herzuleiten im Stande war. Das Alles aber, was ich da meinen vielleicht unge⸗ duldigen Leſern vorplaudere, war ſchneller gedacht, als ge⸗ ſchrieben, und nun, nachdem ich einen herzlichen Schmatz auf die Wangen der lieben Hausmutter gedrückt, begab ich mich in den„Salon“.——„Salon! auf der Puszta?“ höre ich meine geehrten Leſer ausrufen! Und es iſt doch ein Salon; ja noch mehr, ich durchſchreite eine Reihe von Zimmern, deren kein Fürſt ſich zu ſchämen brauchte— Alles modern, Alles nett und komfortabel. Dort auf dem eleganten Schreibtiſche liegen ſie noch, die Dichterkönige, durch deren(und auch eigenen Machwerks) Lektüre ich oft den Frauen den Abend gekürzt, ein Geibel, Lenau, Heine! Ungarn, lieber Leſer, iſt nun einmal das Land der Gegenſätze. Eine halbe Stunde weit von dieſem Hauſe, wo du Salons findeſt un zu— liegt das ärmliche Dorf mit rohrgedeckten Hi durch deren Thüre der Rauch dringt und mit Menſchen— o ich will's nicht ſagen mit was für, geiſtigen Lebens faſt ganz baren Menſchen. Das iſt im Weſten anders, dieſe Klüfte ſind mehr geeb⸗ net, das iſt, um einen Vergleich zu machen, wie das freund⸗ liche Hügelland gegen die Gletſchergebirge der Alpen! DDoort aber im letzten Gemach, dort iſt ſie ſelbſt, die Dame des Hauſes, die junge Fran, wie das Geſinde ſtets eeine ob auch alte Gebieterin anredet awenn noch eine ältere 4 4 — Frau im Hauſe iſt. Dieſe aber verdiente den Namen und mit freundlicher Grazie bot ſie mir die weiße Hand, ſich abwendend von dem mächtigen Chriſtbaum, den zu ſchmücken ſie eben bemüht war. Aus dem Nebenzimmer aber ertönte eine helle, liebe Stimme—„Grüß Gott, grüß Gott, Sändor bäcsi«— ein Gruß, den ich erwiedert hätte, wäre er mir nicht in der Kehle ſtecken geblieben, als ich die ſchöne, vollendete Jungfrau an der Thür erblickte. Auch ihre Wangen rötheten ſich, als ſie den mit Urwaldbart ge⸗ ſchmückten Mann erblickte! Hatten wir denn vergeſſen, daß Jahre zwiſchen einſt und jetzt lagen. Ich hatte Viktoria in meinen Armen gewiegt, und jetzt, jetzt trieb mir ihr freundlicher Händedruck das Blut in die Wangen, und froh war ich, in's Nebenzimmer entwiſchen zu können, um die „Kinderln“ zu ſehen, nebenbei geſagt— mich ſelber zu ſammeln! Dort gab's Leben; Béla, des Hauſes Stammhalter, ſaß hoch zu Roß auf dem Steckenpferde, den Papiertſchacko auf dem Haupte, und exercirte, den Säbel ſchwingend, etwas unſanft die zwei kleinen Schweſtern; bei meinem Eintritt entfloh das zarte Geſchlecht hinter den Ofen, von wo aus es mich mit ſcheuen, neugierigen Blicken betrach⸗ tete, Béla aber zeigte männliche Faſſung, und als ich ein großes Stück Pfefferkuchen hervorgezogen, waren wir bald Alle mit einander gute Freunde! Der Pfefferkuchen war unſere Friedenspfeife! Nicht lange hatte ich bei den Kindern geſeſſen,— ihre naiven Fragen, ob ich das Chriſtkind draußen geſehen, und dergleichen beantwortend—, da rollte ein Wagen mit präch⸗ tigen Braunen beſpannt am Fenſter vorüber.—»A papa. a papa«(der Vater) riefen die Kleinen, und ſchon trat der Papa herein! Ein Ausruf»Servus Freunderl“, als er mich erblickt hatte, kennzeichnete den jovialen Wiener, der ſeinen ehemaligen Schüler auf's Herzlichſte begrüßte. Die „Wienerfrüchtel“ ſind ſo ein eigenes Volk, überall hin neh⸗ men ſie ihre Gemüthlichkeit mit, und ſelbſt die härteſte Unbill des Schickſals vermag dieſelbe nicht zu zerſtören. Raſch wurde ſich nun der Bunda und des Jagdanzuges entledigt, und ein ungeheuer gemüthlicher Schlafrock ange⸗ zogen, während die Großmutter die Jagdbeute übernahm, welche diesmal durch eine wohl 30 Pfund wiegende Trappe ausgezeichnet wurde, die, vielleicht ein verſpäteter Nachzüg⸗ ler oder allzu früher Ankömmling aus dem Süden, des Hausherrn nie fehlendem Rohre zum Opfer gefallen. Die Trappe iſt in den Ebenen Ungarns ſehr heimiſch, aber ſchwer zu erlegen, weil ſie ſehr vorſichtig iſt und jedes Gebüſch, Alles, was zum Hinterhalte geeignet, ſorgfältig vermeidet. Kling, kling, läutete es jetzt, es war die Gloete der Großmutter, die Alt und Jung ſeit jeher aus allen Ge⸗ mächern zur Abendtafel rief. Da ſaß ich denn wieder, wie einſt, neben der ſorgenden Großmutter, links von mir aber die, welche meinen Verſtand erſt vor Kurzem alſo aus dem Gleichgewichte gebracht, der Hausfrau ſchöne, liebliche Schweſter. Folgerichtig würde man erwartet haben, daß meine Augen leuchteten, mein Herz pochte, als ſie dem alten Hausgenoſſen ſo freundlich zulächelte, und ich faſt keinen Biſſen gegeſſen, aber weit gefehlt, meine Verehrten, ich war ſelig an Viktoria's Seite, aß aber darum doch, wie Einer, der ſeit früh Morgens nüchtern und im Allgemeinen in excellenten Appetitsverhältniſſen war, und wahrlich Groß⸗ mütterchen ließ es an nichts fehlen, und hätte gerne noche das Doppelte in den tollen Jungen von ehedem hinei geſtopft. Bald verließen die Frauen den Tiſch, es A— æ — ———- 8 Feierſtunden. 1864. ——B——:B:ä———————————; ja Chriſtabend, und das Chriſtkindlein pochte ſchon allzu bedeutſam an den Fenſtern, wir aber gingen mit den Klei⸗ nen, in deren Adern bereits Queckſilber rollte, in die Vor⸗ halle, wo das Läuten eines Glöckleins das Weihnachtsſpiel verkündete, welches dort ſehr üblich iſt.(Siehe Bild S. 9,) Ein Bauernmädchen, weiß gekleidet, ſtellt den Engel vor, der den Hirten im Felde erſchienen; wenn auch dieſe in ihrer Tracht orientaliſchen Schäfern gänzlich unähnlich ſind, ſo wird das auf der Puszta nicht ſo genau genommen, und ſo wandert die Gruppe von Thür zu Thür. Sind ſie ein⸗ getreten, ſo werfen ſich die Hirten vom Glanze des Ster⸗ nes— in ſpeziellem Falle einer Laterne— geblendet dar⸗ —y—; ieder, und der Engel ſingt ein entſetzlich langes Lied höchſt ſchwermüthig ab, von Nazareth, von Maria und Jeſus. Iſt das vorüber, ſo erheben die armen Schäfer ſich, indem ſie die blauen Hoſen vom Staube reinigen, nehmen die kleine Gabe, die ihnen gereicht wird, und Engel und Hir⸗ ten trollen ſich in gemüthlicher Eintracht, wenn nicht etwa am Ende die Finanzfrage eine Kriſis heraufbeſchwört. Doch wir eilen zum Chriſtbaum. Ei, wie der flim⸗ mert und glänzt, und gleich ihm die Augen der Kinder, und wohl auch der Eltern. Auch ich habe meinen Theil bekommen an niedlichen Sachen, worunter ich eine nette Stickerei allem Andern vorziehe, weil..... ich habe D (Zu Seite 7.) aber auch gegeben und nur ein mittelſt Tüchern verhülltes Ding, einer Kiſte ähnlich, das eben hereingebracht wird— iſt Allen, außer mir, ein Räthſel.»Tessék nagyanya,« ertönt meine Stimme.(Belieben Sie, Großmutter.) Und als die Erſtaunte das Tuch wegziehen will von dem ihr verehrten Geſchenke,„Kikeriki“ ruft's da mit urkräftiger Stimme, ein mächtiger Cochinchinahahn ſammt Gemahlin präſentiren ſich vor den Augen der Erſchrockenen. Ich aber hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, denn Großmütter⸗ chens Freude war ja ihr Hühnerhof, und ſie ſah und hörte wohl ſchon im Geiſte die Kinder und Enkel dieſes präch— tigen Paares in demſelben ſcharren und gackern! Kikeriki, Kikeriki! Als dies nun vorüber und des Chriſtbaumes Lichter erloſchen— mein Gott, was erliſcht nicht Alles und ver⸗ geht im Leben— da rüſtet man zum Aufbruch, aber nicht in die Schlafgemächer, nein— in die Schule! Wir wol⸗ len zwar nimmer wieder erlernen das A⸗B⸗C und das kleine gen Lehrers Schickſal empfunden. Die lieben Kinder aber, die das noch nicht probirt, haben ja Feiertag! Genug denn— in die Schule! Hell iſt's erleuchtet, das freundliche große Gemach, auf dem Tiſche des Kathe⸗ ders liegt eine Menge Gegenſtände mit Tüchern überdeckt, auf welche die Augen von hundert in den Bänken ſitzenden kleinen Knaben und Mädchen erwartungsvoll blicken. Alle ſind ſie in ihr Feiertagsgewand gekleidet, die Knaben in Anzüge von Leder oder blauem Tuche, je nachdem ſie der ungariſchen und ſerbiſchen oder der ſchwäbiſch⸗deutſchen Na⸗ Einmaleins, ſind wir doch Alle ſchon in die Schule des Lebens gegangen und haben manchen Ruthenſchlag des ſtren⸗ lionalit farbige die hüt gen Kü großen wärts nehmer ſtädtiſe bergeld tergru Elter- ſo da GmeMl- 3 ges Lied höchſt a und Jeſus. e ſich, indem „ nehmen die agel und Hir⸗ un nicht etwa heſchwört. ¹ Kinder, nire Tje ich eine wette 12 ich habe Feierſtunden. 1864. 9 ————:—:y—:—————;; —;————; tionalität angehören, ebenſo die Ungar⸗Mädchens in bunt⸗ Pflug, die Peitſche bei Seite gelegt am Tage des Herrn farbige Röcke mit engem Mieder und ſilbergeſticktem Hemd, und der Kinderfreude, um ſich auch zu freuen gleich den die hübſche Pärta, eine Art Haube, auf dem ſchwarzäugi⸗ Kleinen! 3 gen Köpfchen, während die kleinen Schwäbinnen mit dem Herr Jänos aber, der Lehrer, geht im Saale umher, großen Halskragen, den bauſchigten Kattunröcken und rück⸗ die Kleinen zur Ruhe ermahnend und häufig die Taille ſeines wärts gekämmten Haaren ſich nicht ſo vortheilhaft aus⸗ neuen Attila bewundernd, welcher der ſchmächtigen Philiſter⸗ nehmen; die Raizen oder Serbenmädchens aber haben faſt figur, die weit beſſer in einen Frack mit langen Schößen ſtädtiſch modernen Kopfputz und große Halsketten von Sil⸗ paßte, einen faſt komiſchen Anblick gewährt, deſſen auch ich bergeldſtücken als beſondere Pracht aufzuweiſen. Im Hin⸗ und Viktorie, die an meinen Arm gelehnt, nunmehr nach tergrunde des Saales der Pusztaſchule ſtehen die reſpektiven der Großmutter in die Schule trat, uns kaum erwehren Eltern, ebenfalls in feierlicher, froher Erwartung der Dinge, konnten. Bald ſaßen wir Alle auf den Ehrenplätzen, und ſo da kommen ſollen. Heute haben ſie das Grabſcheit, den Herr Jänos rüſtete ſich zu gewaltiger Rede! Ein feierlicher ſ uoaaagd ſ l L V b Vnm Gſg 9 V 6 1 V fGa WG Aägäg ; V G 1 G -alh. 7dadint (Zu Seite 8.) Schauer mochte die Kinder alle durchdringen ob ſeines ſal⸗ Eltern, denen als armen Knechten und Mägden der Freu⸗ bungsreichen Vortrags über die Pflichten der Kinder und den nicht viele wurden, glänzten vor Freude, und ich habe die Bedeutung des Abends, ſchade nur, daß die Kleinen manche Mutterthräne über ein blaſſes kummervolles Geſicht mehr Auge als Ohr waren und das geheimnißvolle Tuch ſich ſtehlen geſehen. Das war ein Chriſtfeſt, wie ich es ſchon ſehnlichſt gelüftet wünſchten! Und endlich geſchah's. liebe, und welches Nachahmung verdient von Allen, welche Es ward enthüllt, das Bild von Sais in Geſtalt unzäh⸗ da beſitzen und über Viele gebieten! liger kleiner Stiefel und Jacken, Hoſen und Hemden, Nun trat der Oberbéres(Oberknecht) hervor, ein Strümpfe und Hüte, nebſt Spielwerk für die winzigſten Mann mit eisgrauem Bart, mit ſchlichten Worten, die der jugendlichen Schaar. Stück für Stück war mit einem ihren Jargon, aus den Thälern des Schwarzwaldes her⸗ Zettel verſehen, und nach dem Namensaufruf traten die ſtammend, nicht verleugneten, dem geſtrengen Herrn Hof⸗ Kinder vor, um aus den ſchönen Händen Viktorias, welche richter— wie man den Verwalter betitelt— im Namen für jedes noch ein Stück Zuckerwerk hatte, ſein Geſchenk Aller den gebührenden Dank auszudrücken, und auf Jedes in Empfang zu nehmen. Ein dreimaliges Eljén(Hoch) von uns, wie auch auf Herrn Jänos ein Extra⸗Hoch, das kündigte den Schluß der Vertheilung an. Jedem war von Allen kräftig nachgerufen und von den bereits in Ak⸗ Etwas beſcheert worden, die Augen der Kinder, ſowie der tivität begriffenen Kindertrompeten begleitet wurde, auszu⸗ Feierſtunden. 1804. 2— — .— A———C—⸗———————-—— 10 Feierſtunden. 1864. ——————————— bringen. Wir aber gingen heim, froh und zufrieden, und Nur zwei Leutchens ziehend durch die Wolken!— Was ſpäter Viktorie und mir bald lag die Puszta in Schlummer. —; tönendes Horn ſtieß, und der Mond, ſtill und freundlich wandelten noch umher, der Nachtwächter, der in ſein dumpf geſchah— der Leſer mag's errathen. Hohenſtaufenfrauen. Ein Kranz von hiſtoriſchen Charakterbildern. Obwohl in gegenwärtiger Zeit in Familienkreiſen viel mehr geleſen wird, als vor noch fünfzig Jahren, obwohl von höheren Töchterſchulen aller Art darnach geſtrebt wird, auch der heranwachſenden weiblichen Jugend einen höheren Grad von Bildung zu verleihen, wird doch nicht zu läug⸗ nen ſein, daß dasjenige Feld, welches unter den erſten dazu geeignet iſt, wahre Bildung zu gewähren,— das Feld der Geſchichte, der ungetrübten, ungefärbt und unparteiiſch er⸗ zählten Geſchichte, noch viel zu wenig angebaut wird für unſere Familienkreiſe, als daß es ihnen die Frucht geben könnte, welche jede mehr als oberflächliche Beſchäftigung mit der Geſchichte im Ganzen oder Einzelnen in reichem Maße bietet. Wohl wird viel geleſen, aber ſind es nicht meiſt No⸗ vellen und Romane, welche das Intereſſe der Frauenwelt in Anſpruch nehmen und feſſeln? Wohl wird in höheren Töcherſchulen auch Geſchichte gelehrt, aber es iſt meiſt nur ein kleiner Theil derſelben, welcher in den verhältnißmäßig ſpärlich zugemeſſenen Stunden vorgetragen wird. Zudem geſchieht dies in einem Alter, dem die Reife zum tieferen Verſtändniß noch abgeht. Das Wenige, was haftet, bleibt oft nur als unnützer Ballaſt von Zahlen und Namen, im Gedächtniß zurück. So mag es denn als eine nicht undankbare Aufgabe erſcheinen, den Leſerinnen— und im weiteren Sinne dem Familienkreiſe einige hiſtoriſche Bilder treu, einfach und ſchmucklos zu zeichnen. Liegt doch in der Geſchichte eine Poeſie verborgen, tief genug, um auch ohne Zuthat der Erfindung zu feſſeln, ſobald nur der aufmerkſame Blick aus dem Gewirre von Zahlen und Namen und Tabellen die einzelnen Geſtalten lebensvoll und beſtimmt in ihrem Zuſammenhang mit dem Ganzen und in ihrer individuellen Eigenthümlichkeit hervortreten ſieht. Unerſchöpflich reich iſt beſonders unſere deutſche Ge⸗ ſchichte an feſſelnden Lebensbildern. Es iſt ein in ſich zu⸗ ſammenhängender Kreis von Frauengeſtalten, welchen wir für dieſesmal dem Leſer vor Augen führen,— von Frauen⸗ geſtalten, die, duftenden Blumen gleich, zwiſchen den Blät⸗ tern unſerer hoch⸗tragiſchen Hohenſtaufengeſchichte hervor⸗ blicken. Möchte die Wahl zu den Herzen der Leſer und Leſerinnen ſprechen, denn Iſt von allen Bergeshöhen in dem weiten deutſchen Reich Eine dieſem Kaiſerfelſen, dieſem Todtenmale gleich? 1. Agnes, die Salierin, die erſte Hohenſtaufin. Agnes, dein Bild, was iſt's?— ein ſüßes Ach! Nichts weiter weiß von dir die Enkelwelt, Dein ſchönes Aug' unabgebildet brach; Doch haſt du tapf're Söhne dargeſtellt, In deren Antlitz du zu ſchauen biſt, Obgleich dein Haupt in Nacht geſunken iſt. (A. Knapp.) Agnes, die Stammmutter der Hohenſtaufen, geboren etwa um 1072, war die Tochter des unglücklichſten Vaters Von Luiſe Pichler. auf dem Throne nachgefolgt war, und der edeln Bertha von Suſa, ſeiner erſten Gemahlin. Der deutſche Kaiſer⸗ thron war damals der höchſte Thron der Erde; der Kaiſer hieß ein Herr der Welt. Kaiſer Heinrichs Herrſchaft aber war erſchüttert, ebenſo durch ſeine Schuld wie durch den Verrath ſeiner Fürſten und Völker. Von Kindheit auf hatten Selbſtſucht und Verrath ihn von allen Seiten um⸗ lauert, darum verachtete er die Menſchen und mißtraute ihnen. Seine Gemahlin nur hatte treu bei ihm ausge⸗ halten in Freude und Leid bis zum Tode, obgleich er ſie früher am bitterſten gekränkt hatte. An dieſem Throne wuchs Agnes auf, eine zarte Blume auf der Höhe eines Vulkans. Ihre Kindheit konnte keine frohe ſein. Der Kaiſer trug das Schickſal einer Welt auf ſeinen Schultern— und er hatte dabei die halbe Welt zur Gegnerin, an ihrer Spitze den unüberwindlichen römiſchen Stuhl. Die Kaiſerin ſah die Gewitterwolken ſich ſchwerer und ſchwerer um Heinrichs Throne ſammeln, ihr Herz war von ſchmerzlicher Sorge erfüllt und ſelbſt der Anblick ihrer Kinder, zweier Söhne und der zarten Tochter, konnte ihr Auge nur vorübergehend aufhalten. Heinrich ſelbſt trug Sorge dafür, ſein zartes Kind zu flüchten vor den Stürmen, die ſein Haus bedroht hatten. Er feierte Oſtern des Jahres 1079 zu Regensburg. Nach alter Sitte pflegten ſich die Fürſten und Grafen des Rei⸗ ches mit zahlreichem ritterlichem Gefolge zu ſolchen Zeiten am Kaiſerhofe zu ſammeln, um die hohen Feſte mit dem Haupte des Reiches zu begehen. Dießmal hatten ſie ſich zahlreicher eingefunden als je; auch mancher Gegner hatte Heinrich durch ſeine Anweſenheit gehuldigt, denn der Kai⸗ ſer wollte das Herzogthum Schwaben nach Rudolphs, des früheren Herzogs Empörung, mit einem neuen Herzog be⸗ gaben. Alle fürſtlichen und mächtigen Herren, die für ver⸗ gangene oder für künftig zu leiſtende Dienſte einen Dank vom Kaiſer zu erwerben hofften, ſtellten ſich zu Regens⸗ burg ein. Heinrich aber übergab das ſchöne Land keinem der ſtolzen und trotzigen Bewerber. Er rief einen unbe⸗ kannten jungen ſchwäbiſchen Ritter zum Throne, Friedrich von Büren, einzig, weil er ihn kannte als einen Jüng⸗ ling ausgezeichnet durch große Eigenſchaften und von uner⸗ ſchütterlicher Treue. Ihn belehnte er Angeſichts der gan⸗ zen Verſammlung mit dem Herzogthum Schwaben. aber die feierliche Belehnung unter freiem Himmel vollzo⸗ gen war, da führte der Kaiſer den jungen Herzog in den Palaſt und in die Gemächer der Kaiſerin; hier legte er ſeiner kleinen Tochter Hand in Friedrichs Rechte mit den Worten:„Ich beſtimme dir meine Tochter Agnes hier zum ehelichen Gemahl.“(Siehe Bild S. 12.). War es die eigene Vaterſorge, war es das zärtliche Mutterauge geweſen, das in Friedrich den Mann aufge⸗ funden hatte, deſſen ſtarker und treuer Hand ſie am ſicher⸗ ſten das Glück ihres Kindes anvertrauen könnten?— Solche frühe Verlobungen waren nach der Sitte der Zeit. und der edelſten Mutter, Heinrichs IV. aus dem Kaiſer⸗ Auch Kaiſer Heinrich war als Kind mit Bertha verlobt 5 geſchlechte der Salier, das dem der ſächſiſchen Ottonen worden und hatte, obwohl er, zum Jüngling erwachſen, Als 8 G ſich gegen geweſen! Auc jährigen; ling, de und die lichte blo zügen, berſprach W dete F ſitz ihn Tode! nächſter wollte. Wiſchen dienen u ließ dieſ Gipfeld den The meiſter ſein, d lung b ab un 7 Sage; lich den Großen nicht er er wehn fremder auf die er ſchon den ſein he AL eimzuf liche d Weihe erblüht, Lugende Jige, zum M Kraft, dem Kre finden, ndlich mir Zertha Laiſer⸗ Kaiſer t aber ch den t auf um⸗ raute usge⸗ r ſie Aume dam lt auf elt zur niſchen werer 3 war ihrer te ihr Kind datten. Nach Rei⸗ Zeiten it dem je ſich 4 hatte Kai⸗ , des g be⸗ ver⸗ Dank gens⸗ einem unbe⸗ drich günh⸗ uner⸗ gan⸗ Als ollzo⸗ n den te el t den r zum rtlihl ufge⸗ ſcher⸗ Zeit. rlobt ſſa Feierſtunden. 1864. 11 ———reiͤ—rtrruryͤyꝛ—y—rr——————————; — ſich gegen die Heirath ſträubte, die nicht ſeine eigene Wahl ihm jetzt zur Verſöhnung und Milde; Niemand deckte geweſen war, doch in ihr den Engel ſeines Lebens gefunden. mit ſchonender Liebe ſeine Fehler vor den lauernden Augen Auch Friedrich gelobte ohne Zaudern der erſt ſieben⸗ der Feinde. Die zweite Gemahlin, die der erſt vierzig⸗ jährigen Braut Liebe und Treue; er ſelbſt war noch Jüng- jährige, durch die Vermählung der Tochter ganz verein⸗ ling, der die Entfaltung ihrer Blüthe abwarten konnte, ſamte Kaiſer in ſein Haus eingeführt hatte, trat zu ſeinen und die kleine Agnes, die das geiſtſprühende Auge, das Feinden über; ſeine beiden Söhne übten Verrath an ihm. lichte blonde Gelocke des Vaters mit den fein geſchnittenen Nur die Tochter und ihr Gemahl blieben dem in Schmerz Zügen, der holden Anmuth der italieniſchen Mutter beſaß, ſie V und Kampf frühe alkernden Kaiſer treu. Friedrich führte verſprach ſich aus der Knoſpe zur herrlichſten Blüthe zu entfalten. mit Glück und tapferem Muthe die Kämpfe des Kaiſers; Während nun Agnes zur Jungfrau heranwuchs, grün⸗ er verſuchte den ſtürmiſchen Mann zur Mäßigung, ſeine dete Friedrich ſeinen Herzogsthron in Schwaben, deſſen Be⸗ Söhne zur Kindespflicht zurückzuführen— doch er hatte ſitz ihm die Feinde des Kaiſers, Rudolph und nach deſſen den Beruf ſeines Lebens erfüllt, indem er im Herzogthum Tode der Markgraf von Zähringen, verwehrte, der als Schwaben die Macht ſeines Hauſes und die Zukunſt des nächſter Verwandter Rudolphs darauf Anſpruch erheben Reiches gründete; er ſollte nicht hineingezogen werden in wollte. Auch war die alte Stammburg im Thale, das das immer verworrenere, frevelnde Treiben des alten ſali⸗ Wäſchenſchloß, nicht geeignet, dem Herzog zur Reſidenz zu ſchen Kaiſerhauſes, dem die Axt ſchon an die Wurzel gelegt dienen und eine Kaiſerstochter aufzunehmen. Friedrich über⸗ war, in den unnatürlichen Kampf zwiſchen Vater und Söhnen. ließ dieſelbe ſeinen jüngeren Brüdern und ließ ſich auf dem Eine Sage erzählt, daß, als Friedrich einſt mit Ag— Gipfel des Hohenſtaufen, der einem Könige gleich dort über nes zur Jagd geritten war in die ſchattigen Wälder am den Thälern emporragt, eine herrliche Burg erbauen. Bau⸗ Fuße des Hohenſtaufen, die Herzogin ihren Ehering verlor, meiſter aus Italien ſollen von ihm herbeigerufen worden den ſie mit dem Reithandſchuh von der Hand geſtreift haben ſein, da die dentſche Baukunſt erſt in der rechten Entwick⸗ mochte. Agnes, die ein böſes Vorzeichen darin erblickte, lung begriffen war. Er ſelbſt legte den Namen„Büren“ verfiel in untröſtliche Betrübniß, und ihrem Gemahl ging ab und nannte ſich von da an Hohenſtaufen. dieſe ſo zu Herzen, daß er gelobte, eine Kirche zu bauen Als einundzwanzigjähriger Jüngling ſchon ſoll einer an dem Orte, da der Ring gefunden würde*). Er fand Sage zufolge Friedrich mit zweien ſeiner Brüder, vermuth⸗ ſich am St. Johannistag, und der Herzog, nachdem er den lich den Kaiſerhof beſuchend, an der Gruft Karls des Finder fürſtlich belohnt hatte, legte den Grund zu der ſchö⸗ Großen zu Aachen geſtanden haben.„Warum kann ich nen Johanniskirche, mit deſſen Erbauung zugleich die Stadt nicht erreichen, was dieſer Todte einſt erreicht hat?“ rief Gmünd entſtand. Hatte jenes Zeichen dennoch wahr ge⸗ er wehmüthig aus.„Du wirſt es erreichen!“ ſprach ein ſprochen? War es etwa eine Ahnung, die den Herzog ver⸗ fremder Mönch, der in der Nähe ſtand und ſeinen Blick mochte, als ſeine Burg vollendet war, unweit auf einem auf die Züge des Jünglings geheftet hielt.— Nun hatte waldumgränzten Hügel, beſpült von der klaren Fluth der er ſchon die Stufen zum Throne Karls des Großen inne, Rems, den Grund zu legen zu einem Kloſter, Lorch, und den ſeine Söhne und Enkel beſtiegen. dort eine Erbgruft für ſich und ſeine Nachkommen zu bauen? Als er an den Kaiſerhof zurückkehrte, um die Braut 1102 wurde das Kloſter eingeweiht und drei Jahre heimzunführen, 1089, da wurde das Band, das die kaiſer⸗ ſpäter ſchon der Gründer, Friedrich, der erſte Hohenſtaufe, liche Vaterhand geſchlungen hatte, noch geheiligt durch die hingerafft in der Blüthe und Kraft ſeiner Mannsjahre, zur Weihe der Liebe. Agnes war in wunderſamer Schönheit neuen Gruft hinabgetragen. Noch trägt das alte Grabmal erblüht; des Vaters Geiſt, vermählt mit den weiblichen in Form eines Sarkophages die Inſchrift: Tugenden der ſanften Mutter, beſeelte ihre jugendlichen Allhie lit begraben Züge, Friedrich von Hohenſtaufen aber, vom Jüngling Herzog Friedrich von Schwaben. zum Manne gereift, leuchtete an männlicher Schönheit und S ſem Kind d Kraft, an Geiſt und an edelem Sinne als der erſte aus Sein. Nuchtömenulnn lunen auch hier bei dem Kreiſe der Fürſten hervor. Ihre Herzen mußten ſich. Gott ihnen all'n genädig ſei. 3 3 QꝘ j„ r 8 finden, denn Feese chlent nur fin dis anedeen lren.„ Da war's öde geworden auf dem herrlichen Hohen⸗ Er liebte ſie von ganzer Seele ja!— ſtaufen, in den prunkvollen Hallen, in dem blühenden Von dir nun, Agnes, herrlich kommen ſoll Lande— öde in Agnes' Herzen. Wo ſollte die Verwitt⸗ S ſöin aunsſenmm 1 Srnlne wete, alles Glückes, aller Freude Beraubte Troſt, wo Schutz Die vräntlich dic hin jenem Tag unndi⸗ und Stütze für ihre noch unmündigen Söhne finden? Ihr Er führte die ſchöne Braut hinweg von dem unter. unghitaha⸗ ſchuldbelaſteter Vater lag in Kerkerbanden; höhlten Boden des Thrones in das ſtille, ſchöne Schwaben⸗ der fiobelde Beuden hatte dir Kerone vem Hüuple des Ba⸗ land. Hier erſt auf der herrlichen Herzogsburg Hohen⸗ kers Heriſſen. 3 he das Drauerjahr auf. Hohenſtaufen zu ſtaufen, an Friedrichs Herzen, ging fuͤr Agnes ein ſonni⸗ Ende Ade dat⸗ Kaiſer Heinrich dein Gafängniß rutflohen ger, goldſtrahlender Tag auf; die Gewitterwolken, die den(vergl. der Verfaſſerin Erzählung:„Kaiſer und Fährmann“) Morgen ihres Lebens umdüſtert hatten, lagen hinter ihr. und ſtarb, belaſtet mit Bann und Acht in erbarmender Zwei Söhne, Friedrich, geb. 1090, und Konrad, geb. Jeinde Händen. Der verrüthexiſche⸗ Sohn Heinrich, der 1093, krönten ihr eheliches Glück. Kraft und Milde, vinſt. War nen vuetriedener Fnirſcher,; Dor Schönheit und Geiſt hatten die Eltern auf Beide vererbt. verſpr 4 9 hen eonden Wane. 19 fein, an ſeinen Thron, Gut war es für Agnes, daß ſie an des edeln Hohen⸗ ruch der 5 1 lche zu ſüin, ſie 8 Derzogthum ſtaufen Seite eine Heimath für ihr Herz und ihr. Leben zu eſchutzen, nach welchem ſeit Friedrichs Tode wieder gefunden hatte! Ihre Mutter, die edle Bertha, war ge⸗ lauernde Feindesaugen blickten. Heinrich ſelbſt, der am ſtorben, am Ende des Jahres 1087. Mit ihr war ſein*) Das Nähere darüber in der bei Scheitlin in Stuttgart erſchie⸗ ſchützender Engel von Heinrich gewichen. Niemand redete nenen kleinen Erzählung:„Der Ring der Herzogin“ von L. Pichler. . 1 2 „ — 12 Feierſtu ——-t——r—————— heiligen Haupte ſeines Vaters gefrevelt hatte, war von Gott nicht mit Kindern geſegnet worden. Aber das Reich war zerrüttet, die Fürſten uneinig, das kaiſerliche Anſehen durch die unnatürlichen Kämpfe zwiſchen Vater und Sohn geſchwächt. Heinrich bedurfte der Stützen. Für den Schutz, den er ihren unmündigen Söhnen gewähren wollte, verlangte er, daß auch die Schwe⸗ ſter als ſeine Bundesgenoſſin für ihn wirke. Noch im Wittwenſchleier, die Züge vom Gram ge⸗ bleicht, war Agnes von hinreißender Schönheit. Der junge Markgraf Leopold von Oeſtreich, der Babenberger genannt, hatte ſie am Hofe des Kaiſers geſehen, und die vielgeprüfte Frau ſchien ihm begehrenswerther als die Fürſtentöchter 9 1 V (Zu Se ihrem Schmerze zu leben, ihren Söhnen, ihrem Bruder und Leopold, dem wackern Fürſten, der nur in ihrer Hand das Glück ſeines Lebens zu finden glaubte. So zog ſie aus Schwaben hinweg, an das ihr Herz gekettet war durch Glück und Schmerz, aus dem Lande, da Friedrich in der ſtillen Gruft ruhte. Sie bewährte, daß ſie neben dem an Liebe unerſchöpflichen Gemüthe ihrer Mutter das ſtarke Herz des Vaters geerbt hatte, denn ſie lebte noch über drei Jahrzehnte durch an Leopolds Seite, geliebt und geſegnet als treue Gattin, als weiſe Fürſtin, als aufopfernde Mutter: ſie hatte dem Markgrafen zehn Kinder geboren und ſorgſam erzogen. So wurde ſie die Stammmutter eines zweiten Heldengeſchlechts, der Baben⸗ berger.— Die beiden letzten Sproſſen dieſer beiden ihr entſtammten Geſchlechter, der Hohenſtaufen und Babenber⸗ ger, waren die vielgeprieſenen Heldenjünglinge und Freunde, ———::————————————;— N nden. 1864 —; alle, die im Glanze heiterer Jugendlichkeit ſtrahlten. Der Kaiſer ſchenkte der Werbung Beifall, denn er gewann da⸗ durch den heldenmüthigen Markgrafen zum Anhänger. Und Agnes? Der Mann ihrer Jugendliebe lag im Grabe; wie konnte ein Anderer ſein Bild aus ihrem Her⸗ zen verdrängen? Aber Friedrichs und ihre Söhne bedurf⸗ ten des Kaiſers mächtigen Schutz und dieſer verlangte von ihr dafür das Opfer ihrer Hand für Leopold. Leichter möchte es ihr geworden ſein, in der Stille des Kloſters ihren Erinnerungen und der Hoffnung der einſtigen Wie⸗ dervereinigung mit dem Geliebten zu leben. Aber Agnes war die Tochter Berthas, der aufopferndſten, nie ſich ſelbſt lebenden Frau. Auch ſie opferte jetzt das wehmüthige Glück, be 2 7) M, ſ) ite 10.) Conradin von Hohenſtaufen und Friedrich von Oeſtreich, die zuſammen 1268 den Tod auf dem Schaffote in Neapel fanden. Hinter ihr als ein ſonniger Traum lagen die achtzehn Jahre, die ſie an Friedrichs Seite auf dem herrlichen Hohenſtaufen verlebt hatte; aber ſeine Söhne ſah ſie des Vaters werth erblühen, ſah die deutſche Krone auf dem Haupte ihres Sohnes Conrad, ſah auch in ſeiner Jugend Friedrich den Rothbart, ihren Enkel vom älteſten Sohne, den künftigen Kaiſer, den größten der Hohenſtaufen. Erſt 1143, betagt, zum zweitenmale verwittwet, wurde Agnes durch den Tod wieder mit dem Gemahl ihrer erſten Liebe, mit Friedrich, mit dem treuen Gefährten ihres ſpä⸗ teren Lebens, Leopold, vereinigt. Unermüdet in Liebe und Treue, vielgeliebt und geſegnet, gleicht ſie der immergrünen — — Uytthe, nen flech Feierſtunden. 1864. 13 —— ¼ ⁰y⁴wWN—C——— Cyqʒy;ꝗq/·/ʒäy—O——— — Myrthe, dem Sinnbilde häuslichen Glückes mit ihren rei⸗ Wird ſpäterhin ihr Wuchs zu ſchauen ſein fleckenloſen Blüthen Im edeln Baum und in der Zweige Frucht; nen f 1 Jtda wurzel, die ſich lieberein Drum ſtehet Agnes auch mit friſchem Glanz Aeef i den Barimn'ſenkel,. ungeſuch Als ſchönſte Mutter in dem Staufenkranz. , rnd Piſſevache bei Martigny im Wallis 2 14 Feierſtunden. 1864. Italia liberata. Eine Epiſode aus dem Leben Louis Napoleons vom Jahr 1831. Erſtes Kapitel. Das Begegniß auf dem Splügen. Bücher, oder markirte einen Namen auf einer der Land⸗ karten. Auf dieſe Art mochte der junge Mann ſchon mehrere Stunden lang beſchäftigt geweſen ſein, ohne daß er durch Links vom Rheine, wie er aus dem Bodenſee heraus⸗irgend Jemanden oder auch nur durch ein Geräuſch unter⸗ kömmt, auf ziemlicher Höhe, liegt ein Schloß, von dem aus man einer prächtigen Fernſicht über einen großen Theil des Kantons Thurgau, zu welchem daſſelbe gehört, ſowie über das Bodenſee⸗ und das Rheinthal mit ſeinen herrlichen Umgebungen und Gebirgen genießt. Noch herrlicher aber faſt, als dieſe Fernſicht, nehmen ſich die Garten⸗ und Parkanlagen aus, welche an die Gebäulichkeiten anſtoßen, und es gibt in ihnen der Laubgänge, ſowie der Grotten und Hütten eine Menge, welche an die Reize des Para⸗ dieſes erinnern. Dieſe prächtige Beſitzung nun heißt Arenenberg und kam vor jetzt etwa vierzig Jahren in den Beſitz der früheren Königin von Holland, Hortenſe Eugenie, einer geborenen Beauharnais, deren Mutter den mächtigen Kaiſer Napoleon von Frankreich ihren zwei⸗ ten Gatten nannte. Dort wohnte die Ex⸗Königin viele, viele Jahre lang, nachdem das napoleoniſche Regiment ge⸗ ſtürzt war, nur allein damit beſchäftigt, ihren dritten Sohn, Louis Napoleon Charles(der erſtgeborne Napoleon Louis Charles ſtarb ſchon anno 1807, und der zweit⸗ geborne Charles Louis Napoleon lebte bei ſeinem Vater, dem Exkönige Ludwig Bonaparte von Hol⸗ land von der Mutter getrennt in Florenz), den jetzigen Kaiſer Napoleon III. von Frankreich, zu erziehen, und wenn ſie je das Schloß auf kürzere oder längere Zeit verließ, ſo geſchah es ſicherlich nur im Intereſſe dieſes ihres Sohnes, auf den ſie große Hoffnungen baute. Auch im Spätherbſt des Jahres 1830 befand ſich die königliche Frau mit dieſem ihrem Sohne Louis, damals einem Jünglinge von zwei⸗ bis dreiundzwanzig Jahren*), auf Arenenberg, und wir bitten nun den Leſer, uns eben⸗ falls dahin zu folgen. Wir begeben uns aber nicht in's Schloß ſelbſt, ſondern in den anſtoßenden Park, und zwar in eine der verborgenſten Lauben deſſelben, welche ſo mit Weinreben überwachſen war, daß man von außen gar nicht ſehen konnte, was darinnen vorging. In der Laube ſtand ein großer runder Tiſch, den Bücher und Landkarten aller Art bedeckten, und vor dieſen Karten und Büchern, gar emſig in denſelben ſtudirend, ſaß ein einzelner Mann, deſ⸗ ſen Geſichtszüge man kaum zu erkennen vermochte, da er ſich faſt gar nie Zeit nahm, auch nur einen Augenblick lang aufzuſehen. Doch konnte es einem aufmerkſamen Beobachter nicht entgehen, daß der eifrige Forſcher und Gelehrte trotz ſeiner bleichen Geſichtsfarbe und ſeines mage⸗ ren eingefallenen Wangen noch ſehr jung ſein müſſe, und insbeſondere fiel die faſt außerordentliche Intelligenz auf, welche auf ſeiner nachdenklichen Stirne thronte. Kein Laut kam über ſeine Lippen, obgleich ſich dieſelben oft wie con⸗ vulſiviſch bewegten, um ſo mehr aber hatten ſeine Hände zu thun, denn er machte ſich eine Menge von Notizen und unterſtrich bald da, bald dort eine Stelle in einem der *) Louis Napoleon Charles, der jetzige Kaiſer der Franzoſen, wurde den 20. April 1808 zu Paris geboren. brochen worden wäre; da raſchelte es plötzlich im Gebüſche und wie aus der Erde emporgewachſen ſtand mit Einem Male ein Fremdling vor ihm, der ihn unverwandten Blickes anſtarrte. Der Eingedrungene trug das Kleid eines Bettel⸗ mönchs, am Leibe eine lange braune Kutte, die durch einen Strick zuſammengehalten wurde, auf dem Kopfe eine Ka⸗ putze ſtatt eines Hutes, an den Füßen Sandalen ſtatt Strümpfen und Schuhen, in der Hand einen ſchweren, mit Eiſen beſchlagenen Stock— und war augenſcheinlich ein ſchon älterer(obwohl immer noch äußerſt kräftig ausſehen⸗ der) Mann, der ſich durch einen langen grauen Bart und merkwürdig kluge Augen auszeichnete. Den Prieſter konnte man unmöglich in ihm verkennen und ſeine Erſcheinung hatte alſo an und für ſich durchaus nichts Schreckhaftes, allein überraſchen mußte jedenfalls ſein plötzliches Auf⸗ treten, und mancher ſonſt ganz herzhafte Mann würde ſicher⸗ lich darob ſtark zuſammengefahren ſein. Nicht ſo der Jüng⸗ ling an dem runden Tiſche, denn keine Muskel ſeines Geſichtes zuckte und ſeine Wangen blieben ſo marmorkalt, wie wenn ſie gar nicht fähig wären, je von Blut über⸗ goſſen zu werden.. „Was wünſchen Sie?“ fragte er äußerſt ruhig in fran⸗ zzöſiſcher Sprache, als der Andere fortfuhr, ihn ſtillſchwei⸗ gend anzuſtarren.„Was wünſchen Sie,“ wiederholte er darauf etwas lebhafter und mit ſtärkerer Betonung,„und vor Allem wie kommen Sie hier herein, da ich doch Befehl gegeben habe, keinen Menſchen zu mir zu laſſen?“ „Ich komme,“ erwiederte der Mönch nach einer Pauſe in italieniſcher Sprache mit leiſer, obwohl voller und kla⸗ rer Stimme,„ich komme aus einem Walde, in welchem viele Wölfe hauſen; das unterdrückte Lamm aber ſchreit nach einem Jäger, der es ſchütze und vertheidige.“ 3 „Ha!“ rief der junge Mann, wie elektriſirt aufſprin⸗ gend, indem zugleich ſeine Augen Blitze ſchoſſen. Doch plötzlich bezwang er ſich gewaltſam, und den nächſten Augen⸗ blick ſaß er wieder ſo ruhig marmorkalt da, wie zuvor. „Sie ſprechen eine Sprache, mein Pater,“ murmelte er, jetzt ſich ebenfalls des italieniſchen Idioms bedienend, „welche für gewöhnliche Sterbliche ein Räthſel iſt. Alſo nochmals, was wollen Sie, und vor Allem, wer ſind Sie und woher kommen Sie?“ „Rom iſt die Mutter der Nationen und Italien iſt mein Vaterland,“ entgegnete der Andere, dem Jünglinge einen feſten Blick zuwerfend. „Beim Himmel,“ murmelte nun der Letztere,„es iſt Einer der Eingeweihten, und ich habe Unrecht, ihm noch länger mit Mißtrauen zu begegnen.“ Mit dieſen Worten ſtand er abermals auf und näherte ſich dem Mönche, indem er ihm zugleich die Hand entge⸗ genſtreckte. Doch dieſer wich einen Schritt zurück und holte aus einer verborgenen Taſche ſeiner Kutte ein ſorgfältig zuſammengeſchnürtes Paketchen hervor, das er ſofort dem Andern überreichte.„Leſen Sie, mein Prinz,“ ſagte er, —— — ſc thrf ver ich De Sohn 5 erkannt die Scht ſcher Ge fragte, . vertral durch Seele mich haben, erregen N betrat! und we verſund weuig Wiens wiede langf ließ! am( vielme der p 4 mich n zunehn komme Italie verlan auf's „dami G hatten n ein ünen W viel⸗ zu n ren erfül Dame ſromn Lotſch Allee 8 ld⸗ ———OO——— ſich ehrfurchtsvollſt verbeugend;„dann werden Sie erſehen, wer ich bin und was man von Ihnen will.“ Der junge Mann, in welchem der Leſer längſt den Sohn Hortenſes, den jungen Louis Napoleon Bonaparte erkannt haben wird, nahm das Paket und war im Begriffe, die Schnur deſſelben zu löſen, als abermals ein mißtraui⸗ ſcher Gedanke in ihm aufſtieg.„Hat Sie Jemand geſehen,“ fragte er,„als Sie den Park betraten?“ „Niemand,“ erwiederte der Mönch;„Marcheſe Pepoli vertraute mir den Schlüſſel zu der kleinen Pforte, und durch dieſe bin ich bis hierher gekommen, ohne daß eine Seele meiner gewahr worden wäre. Allein ſelbſt wenn mich Jemand beobachtet hätte, ſo könnte es nichts auf ſich haben, da ein armer Mönch doch ſicherlich keinen Verdacht erregen wird.“ Nunmehr fragte Louis Napoleon nicht weiter, ſondern betrat den dunkeln Alleengang, welcher zu der Laube führte, und war bald in das Studium der ihm übergebenen Briefe verſunken. Der Inhalt derſelben mußte ihn übrigens nicht wenig afficiren, denn das eine Mal blieb er inmitten des Leſens wie angewurzelt ſtehen, das andere Mal ging er wieder ſchnell vorwärts, um ſofort wieder in einen ganz langſamen Gang zu verfallen. Während deſſen aber ver⸗ ließ der Mönch nicht einen Augenblick lang ſeinen Poſten am Eingang der Laube, ſondern beobachtete den Prinzen vielmehr mit unausgeſetzter Aufmerkſamkeit. Endlich ſchien Louis Napoleon über Alles in’s Klare gekommen zu ſein, denn er kehrte ſofort um und ſtellte ſich dicht vor den Pater hin. „Sie kennen den Inhalt dieſer Briefe, Pater Iſidor?“ fragte er. „ Ich kenne ihn,“ erwiederte dieſer. „Und Sie glauben mit den übrigen Brüdern,“ fuhr der Prinz fort,„daß die Zeit zum Handeln gekom⸗ men iſt?“ „Ich glaube es,“ verſetzte Pater Iſidor mit ſtrengem Ernſte. „Gut,“ erklärte nun Louis Napoleon,“ ſo ſoll man mich nicht umſonſt aufgefordert haben, meinen Poſten ein⸗ zunehmen. Ich kenne meine Pflicht und werde ihr nachzu⸗ kommen wiſſen.“ „Wann wird Eure kaiſerliche Hoheit die Reiſe nach Italien antreten?“ fragte ſofort der Mönch.„Die Brüder verlangen eine genaue Antwort.“ „Sobald ich mit meiner Mutter geſprochen habe,“ erwiederte der Prinz nachdenklich.„Kommen Sie mit mir auf's Schloß, mein Pater,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „damit ich Sie der Königin, meiner Mutter, vorſtelle.“ Sie wandten ſich beide dem Schloſſe zu; allein kaum hatten ſie einige wenige Schritte zurückgelegt, ſo kam ihnen in einer der breiten Alleen eine Dame entgegen, welche ihnen den weiteren Weg erſparte. Die Dame mochte acht⸗ undvierzig bis fünfzig Jahre zählen und hatte gewiß den ſorgenvollen Zügen nach des Grames ſchon ungewöhnlich viel erlebt; deßwegen war ſie aber doch immer noch ſchön zu nennen und zugleich ſprach ſich in Gang und Manie⸗ ren eine Würde aus, die unwillkührlich mit Ehrfurcht erfüllte. „Meine Mutter,“ ſagte Prinz Napoleon, als ſie der Dame nahe genug gekommen waren,„du ſiehſt in dieſem frommen Mönch hier den Pater Iſidor aus Rom, der eine Botſchaft von Italien an mich gebracht hat.“ So ſprechend gab er ihr den Arm und führte ſie die Allee weiter zurück, um ihr die nöthigen Mittheilungen zu⸗ Feierſtunden. 1864. 15 machen. Die Unterredung dauerte lange und ſchien der Dame viel Kummer zu bereiten. Ja man ſah Thränen in ihren Augen und oftmals war ihre leis herübertönende Stimme wie vom Schluchzen erſtickt. Doch der Sohn drang immer von Neuem in ſie und wußte es auch in der That am Ende ſo weit zu bringen, daß ſie in ſeine Ab⸗ reiſe willigte, jedoch nur unter Einer Bedingung, nämlich der, ihn begleiten zu dürfen. „Hochwürdiger Herr,“ rief ſie dem Pater Iſidor zu, der in einiger Entfernung des Ausgangs der Unterredung harrte,„kommen Sie und entſcheiden Sie zwiſchen mir und meinem Sohne. Er will mich fern halten, während er ſich für Freiheit und Vaterland in den Kampf ſtürzt; ich⸗ aber will mit ihm nach Rom, um die Gefahren mit ihm zu theilen oder ihn wenigſtens in Noth und Unglück zu tröſten; wahrhaftig ich würde ſterben, wenn ich hier in der Ungewißheit des Ausgangs der Dinge harren müßte.“ „Aber du vergißſt, Mutter,“ warf der Sohn ein, „wie ſchwer es uns fallen dürfte, zuſammen den Kirchen⸗ ſtaat zu erreichen; mir allein wird es in irgend einer Ver⸗ kleidung wohl gelingen, doch mit einer Dame..... „Erlauben Sie, mein Prinz,“ unterbrach ihn Pater Iſidor ehrerbietig.„Wir haben gar wohl vorausgeſehen, daß die Königin, Ihre Muteer, ſich ſchwer entſchließen könnte, Sie allein reiſen zu laſſen, und deßwegen iſt hie durch einen Paß für die Sicherheit Ihrer beiderſeiti ſonen geſorgt.“ 8 Mit dieſen Worten langte er abermals in ei Taſche ſeiner Kutte und zog daraus ein mit ſchweren S geln verſehenes Pergament⸗Papier hervor; dieſes Papier aber war nichts Anderes, als ein regelmäßig ausgeſtellter ſardiniſcher Paß auf die Frau Gräfin von Souſa aus Piemont, welcher vom ſardiniſchen Miniſterium der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten die Erlaubniß ertheilt wurde, mit ihrem Sohne, dem Marcheſa von Souſa, uͤber Mailand nach Rom zu reiſen. Damit ſah Louis Napoleon alle ſeine ferneren Einwände beſeitigt, und er gab ſofort nicht nur ſeine Einwilligung, die Reiſe in Begleitung ſeiner Mutter anzutreten, ſondern ſetzte dieſelbe auch ſogleich auf den drit⸗ ten Tag von der gehabten Unterredung an feſt. Gleich darauf verabſchiedete ſich der Pater Iſidor, um auf dieſelbe geheimnißvolle Weiſe wieder nach dem Orte zurückzureiſen, von dem er hergekommen war, oder vielmehr um ganz offen und ungenirt die italieniſche Grenze zu paſſiren, da man in dem Träger einer Kutte nie und nimmer einen Anhänger der verrufenen Partei geſucht hätte, welche von den Regierungen Italiens wie auch insbeſondere vom Pabſte als die infernaliſchſte aller infernaliſchen Umſturzparteien bezeichnet wurde*). Drei Tage ſpäter begegnen wir auf dem Wege, wel⸗ cher von dem berühmten Badeorte Ragatz nach Chur und dem Splügen zu führt, einem Reiſewagen, welcher von vier Extrapoſtpferden gezogen wird und deſſen Beſtimmung offen⸗ bar Italien iſt. Daß dieſer Wagen übrigens nicht„die Gräfin von Souſa“ nebſt ihrem Sohne, dem Marcheſe, beherbergt, erkennen wir auf den erſten Blick, denn derſelbe iiſt offenbar engliſchen Urſprungs, und auch die drei den Kutſcher⸗ und Bedientenſitz einnehmenden Diener, worun⸗ roſ enartig ausſ ehende ter beſonders eine wettergebräunte, m. i“, welche ſich„die Ge⸗ v aus dem Verlaufe *) Nähere Aufſchlüſſe über dieſe ſellſchaft der Carbonaris“ nannte, n der Erzählung ſelbſt erhalten. — 5 16 Feierſtunden. 1864. ———;;::::::————õr—:õ—y————ꝛõꝛõ:ꝛ—:ͤy—ͤ—ry————;— ——— Geſtalt auffällt, gehören ſicherlich nicht dem Continente an. aber— nun freilich deſſen Beſeitigung hängt allein da⸗ Deſſenungeachtet müſſen wir uns mit dem beſagten Wagen von ab, ob das italieniſche Volk Muth und Kraft genug oder vielmehr mit den beiden jungen Männern, welche im hat, ſeine Feſſeln zu brechen.“ Fond innen ſitzen, etwas eingehender beſchäftigen, denn dieſe„Es war vielleicht nicht recht von mir,“ nahm jetzt Beiden greifen nicht nur ſelbſtthätig in unſere Geſchichte nach einer kleinen Pauſe wieder der Brünette das Wort, ein, ſondern der Eine von ihnen dürfte ſogar als eine„Sie mit einem ſo gefährlichen Auftrage in Anſpruch zu Hauptperſon derſelben anzuſehen ſein. Betrachten wir alſo nehmen, denn wenn man den Brief bei Ihnen entdeckt, ſo zuerſt ihre äußere Erſcheinung und belauſchen wir dann das behandelt man Sie zweifelsohne als den Verbündeten eines vertraute Geſpräch, welches ſie mit einander führen! Hochverräthers, allein wenn Sie wüßten, welche Sehnſucht An Jahren mochte Keiner von ihnen mehr zählen, nach der Heimath, nach Freunden und Verwandten, nach denn vier⸗, höchſtens fünfundzwanzig, und Jeder durfte Mutter und Schweſter mich verzehrt....“ darauf Anſpruch machen, ein ſtattlicher, gut ausſehender„Pah,“ unterbrach ihn der Blonde,„machen Sie ſich junger Herr genannt zu werden; allein deßwegen beſtand keine ſolch' thörichte Selbſtvorwürfe. Den Brief habe ich doch ein großer Unterſchied zwiſchen ihnen. Der Eine näm⸗ eigenhändig in den Bruſtlatz meines Rockes eingenäht, und lich, der Kleinere, hatte eine mehr gedrungene, als hohe ich will den ſehen, der ihn mir da ohne meine Bewilli⸗ Geſtalt und gehörte, wie ſein ſchwarzes Haar, ſeine brü⸗ gung herausholt. Ueberdies,“ ſetzte er mit ſtolzem Selbſt⸗ nette Geſichtsfarbe und ſein dunkel glühendes Auge bewies, bewußtſein hinzu,„haben Sie vergeſſen, Graf, daß ich keineswegs der angloſächſiſchen, ſondern vielmehr der roma⸗ Engländer bin?“ niſchen Rage an; der Andere aber, der Größere, den ein„Ich habe es nicht vergeſſen,“ erwiederte der Brünette, feiner, ſchlanker und dennoch kräftiger Wuchs, eine offene,„und deßwegen wagte ich es auch, mich Ihnen anzuver⸗ klare, intelligente Stirn und ein ebenſo feuriges als ent⸗ trauen. Aber trotzdem iſt es möglich, daß ich Sie durch ſchloſſenes blaues Auge auszeichnete, konnte den Engländer meinen Auftrag in große Gefahr ſtürze, und deßhalb er⸗ offenbar nicht verläugnen. Beide übrigens mußten, wie lauben Sie mir, zu meiner eigenen Rechtfertigung Ihnen man auf den erſten Blick erkannte, zur höheren Klaſſe der die Gründe meiner Handlungsweiſe, ſo weit ich ſie ſagen ſellſchaft gerechnet werden, und waren wohl von Jugend darf, auseinander zu legen. Ich hatte einen Bruder. Er gewohnt, ſich nur in gewählteren Kreiſen zu bewegen; war nur ein Jahr älter, als ich, und alſo vor ſechs Jah⸗ an es dem Kleineren an, daß das Leben ſchon ren nicht viel mehr als ein Knabe. Deßwegen haben ſie Anſprüche an ihn gemacht hatte, als an ſeinen ihn aber dennoch im Jahre 1824 in Verona als Hochver⸗ fröhlicher dreinſchauenden Genoſſen. räther erſchoſſen, und auch mir würde daſſelbe Schickſal zu Eben hatte der Wagen eine Stelle erreicht, von wo Theil geworden ſein, wenn mich meine Mutter nicht noch aus eine größere Steigung begann, da machte der Blonde zur rechten Zeit über die Grenze geſchafft hätte. Damals dem Brünetten den Vorſchlag, die kurze Strecke zu Fuß mußte ich ihr ſchwören, nie nach Italien zurückzukehren, zurückzulegen, und befahl ſofort, als der Andere einwilligte, ohne daß ſie mir die Erlaubniß dazu ertheilt habe, denn dem Poſtillon, einen Augenblick anzuhalten, um dann lang⸗ ſie wollte wenigſtens mich am Leben erhalten. Ich leiſtete ſam nachzufahren. Mit leichten Schritten eilten ſie nun den Schwur und habe ihn ſeither gehalten. Ja ich that empor und machten nicht eher Halt, als bis ſie die höchſte noch mehr und blieb dieſe langen ſechs Jahre über faſt ohne Spitze erreicht hatten. alle Verbindung mit den Meinigen, weil ich wohl wußte, „Ach wie wunderherrlich iſt es doch zwiſchen dieſen daß eine einzige aufgefangene Correſpondenz, ſelbſt die un⸗ Bergen,“ rief jetzt der Blonde, ſeinen Blick nach allen ſchuldigſte, Mutter und Schweſter in's Gefängniß führen Seiten hin ſtreifen laſſend.„Ich glaube, ich könnte Jahre und ihr Vermögen der Confiscation preisgeben würde; aber hier leben, und würde doch jeden Tag neue Schönheiten jetzt— jetzt iſt Hoffnung vorhanden, daß eine Aenderung entdecken.“ eintreten dürfte in dem traurigen Loos meines Vaterlandes, „Ja,“ entgegnete der Andere nicht ohne Bitterkeit, und um zu dieſer Aenderung das Meinige beizutragen, muß „mit dem Gefühle der Freiheit in der Bruſt mag man die⸗ ich die verbotene Grenze überſchreiten. Ich ſage: ich muß ſes Urtheil fällen, allein wenn der Aufenthalt ein ge⸗ und weiß deßhalb gewiß, daß auch meine Mutter einſtim⸗ zwungener iſt, dann..... Doch,“ unterbrach er ſich men wird, wenn ſie meinen Brief geleſen hat. Doch mehr ſelbſt, indem er ſich gewaltſam in eine andere Stimmung darf ich Ihnen nicht ſagen, und ſchon das, was ich an⸗ zu bringen ſuchte,„ich will Sie mit meiner düſteren Ver⸗ deutete, hätte ich verſchweigen ſollen, allein mein Herz bannten⸗Melancholie nicht anſtecken und erkläre mich alſo drängte mich und ein Freund, wie Sie, vergräbt das, was vollkommen mit Ihnen einverſtanden. Allein wenn Sie er vermuthet, in ſeinem Buſen.“ ſchon von dieſer Gegend ſo entzückt ſind, wie wird es Ein Händedruck des Blonden war die einzige Ant⸗ Ihnen erſt ergehen, wenn Sie in meine Heimath hinab- wort, welche dieſer gab, und ſie ſchritten nun eine Zeit ſehen? O Italia, wie wunderſchön biſt du, aber wie häß⸗ lang ſchweigend neben einander her. lich behandelſt du deine treueſten Söhne!“ V„Ich bin unendlich begierig, Ihre Mutter kennen zu „Fort mit dieſen Gedanken, Graf,“ erwiederte der lernen,“ bemerkte darauf der Engländer,„denn nach Allem, Blonde in hellem, muthigem Tone.„Die Sonne bleibt was Sie mir von ihr erzählten, muß es eine eben ſo vor⸗ nicht immer hinter den Wolken verborgen, und der Tag treffliche als hochherzige Dame ſein. Sie zeigten mir ein⸗ der Erlöſung wird auch für Ihr Vaterland anbrechen. mal ihr Porträt, Graf; bitte, laſſen Sie mich es doch Hinderniß zul Vor der Hand dürfen Sie darauf zählen, daß Ihre Frau Mutter Ihren Brief ganz ſicher erhält, trotz aller Sbirren, Gendarmen und öſtreichiſchen Spione, und wenn ſie dann Ihnen das Wort, nicht ohne ihre Erlaubniß die Grenze noch einmal betrachten, wenn Sie es noch immer bei ſich tragen.“— „Ich trenne mich nie von ihm,“ entgegnete dieſer mit melancholiſchem Lächeln,„und ich darf wohl ſagen, daß Italiens zu über iten, zurückgibt, ſo iſt wenigſtens Ein 2— beſeitigt. Das zweite Hinderniß einziger Troſt war.“ es während dieſer ganzen Zeit meiner Flüchtlingſchaft mein — — Mit dot ein! geküßt, ſe 1 5 Kopf,“ ſ trachtend. kennen w ſchade, d beſitzen! gewiß, agen Er Jah⸗ ſie ver⸗ ¹ zu noch nals rren, denn iſtete that ohne ußte, un⸗ ihren aber rung nes, muß nuß ſtim⸗ mehr ſ an⸗ Herz was Ant⸗ Zeit en zu lllem, vol⸗ Feierſtunden. 1864. 17 ———————; ————:ᷓ:ᷓ:—-—————; Mit dieſen Worten griff er in ſeine Bruſt und zog an einer Fremden vorübergehen würde, denn,“ fügte er mit dort ein kleines Medaillon hervor, das er, nachdem er es unendlicher Bitterkeit hinzu,„was braucht auch ein Ver⸗ geküßt, ſeinem Begleiter überreichte. bannter ſeine Schweſter zu kennen?“ 1 „Wahrhaftig ein eben ſo ſchöner als ausdrucksvoller Während dieſes Zwiegeſprächs, das in italieniſcher Kopf,“ ſagte dieſer, das Bild lange und aufmerkſam be⸗ Sprache geführt wurde, waren ſie nur langſam vorwärts trachtend.„Ich bin feſt überzeugt, daß ich ſie ſogleich er- gegangen, und der Wagen hatte daher Zeit gefunden, ſie kennen werde, ſo bald ich ſie nur von Ferne ſehe. Wie einzuholen. Als jedoch nun der Blonde ſeinen Freund bat, ſchade, daß Sie nicht auch ein Bild von Ihrer Schweſter wieder einzuſteigen, um die Reiſe gemeinſchaftlich fortzu— beſitzen! Oder— ſieht ſie vielleicht Ihrer Mutter ähnlich?“ ſetzen, ſchüttelte dieſer traurig mit dem Kopfe und meinte, „Sie war noch ein Kind,“ erwiederte der Andere,„als jes werde das Beſte ſein, wenn ſie ſich jetzt trennen ich vor ſechs Jahren aus meinem Vaterlande flüchtig wurde, würden. und ich kann mir daher keine richtige Vorſtellung von ihr„Weiter als bis Chur,“ ſagte er,„könnte ich Sie machen. Ja es iſt leicht möglich oder vielmehr ſo viel als doch nicht begleiten, denn von dort an bis auf den Splü⸗ gewiß, daß ich an ihr, wenn ich ihr heute begegnete, wie gen hinauf ſind überall verkleidete Spione aufgeſtellt, um (Zu Seite 19.) 2 über verdächtige Perſonen, die über dieſen Paß nach Italien friſch auf, mein Freund, und werfen Sie die Traurigkeit eindringen könnten, Bericht zu erſtatten. Ja wer weiß, über Bord! In wenigen Monden oder vielleicht Wochen ob es nicht deren in Chur ſelbſt eine Menge gibt, und ſehen wir uns hoffentlich unter andern Auſpicien wieder.“ wenn Sie dann mit mir zuſammen geſehen würden, ſo„Grüßen Sie Mutter und Schyeſter,“ entgegnete der könnte dies nur Veranlaſſung geben, Sie um ſo genauer Verbannte leiſe und reichte dem Engländer ſeine beiden nach Ihrem Eintritt auf mailändiſches Gebiet zu beobach⸗ Hände. ten. Geſtatten Sie mir alſo, Sie jetzt ſchon zu verlaſſen Eine Minute darauf rollte der Wagen mit ſeinem nur und meinen Weg nach Ragatz zu Fuß zurückzufinden. Was einzigen Inſaſſen gegen Chur zu weiter; der Verbannte aber wir uns zu ſagen hatten, haben wir uns geſagt und— geſchieden muß ja doch einmal werden.“ Dabei blieb er, und da der Andere ſah, daß es ſei nen Freund wirklich Ueberwindung koſten würde, der ver⸗ botenen Grenze Italiens noch näher zu kommen, wollte er nicht weiter in ihn dringen. „Es ſei ſo,“ ſagte er mit bewegter Stimme;„aber Feierſtunden. 1864. richtete ſeine Schritte den Berg abwärts, und bald waren Beide einander aus den Augen entſchwunden.. Benützen wir nun die Zeit, um den Leſer mit den Perſönlichkeiten der zwei jungen Männer, deren Zwiegeſpräch wir belauſcht, noch näher bekannt zu machen. Es wird dies„. übrigens bei dem Einen wenigſtens, bei dem Brünetten, mit wenigen Worten geſchehen ſein, da wir ja den größte/ 3 / / 7 — 18 Feierſtunden. ——-—;— Theil ſeiner Geheimniſſe bereits kennen. Er war von Ge⸗ burt ein Mailänder, und ſeine Mutter, die Gräfin Bel⸗ giojoſo, eine geborene Fürſtin Doria, gehörte unter die reichſten und vornehmſten Damen Italiens. Den Vater hatte ihm der Tod ſchon vor verſchiedenen Jahren geraubt und wie er ſeinen einzigen Bruder verloren, haben wir aus der Unterhaltung von vorhin erſehen. So blieb ihm außer der Mutter nur noch eine Schweſter, die etwa ſechs Jahre weniger, als er, zählen mochte; allein auch dieſe ſeine bei⸗ den einzigen Verwandten waren faſt ſo gut als todt für ihn, da er als Flüchtling mit ihnen nicht verkehren und noch weniger ſie beſuchen durfte. Unter ſolchen Umſtänden alſo wird man es nur natürlich finden, daß ſein ganzes Streben dahin ging, eine andere Ordnung der Dinge in Italien eingeführt zu ſehen, und ebenſo von ſelbſt verſteht es ſich, daß er nicht Wenige fand, die hierin mit ihm übereinſtimmten. Die Zwingherrſchaft eines Theils der kleinen Potentaten in Mittelitalien und andern Theils die Regierung der eine fremde Sprache redenden Beherrſcher von Mailand und Venedig lag ja längſt wie ein drücken⸗ der Alp auf ſeinen Standesgenoſſen, die ſich hiedurch faſt durchaus in ihrer früheren Machtſtellung beeinträchtigt ſahen, und wenn auch das eigentliche Volk, ſowie insbeſondere die Bauernſchaft auf dem Lande ſich gegen eine revolutionäre Schilderhebung gänzlich gleichgiltig erwies, oder derſelben gar abhold war, ſo hielten es dagegen die Bürger in den Städten mit ihnen. Dazu kam dann noch der geiſtige Umſchwung, den die Welt ſeit der Julirevolution in Frank⸗ reich erfahren hatte, und die Thronbeſteigung Louis Phi⸗ lipps, des Bürgerkönigs, welcher doch unmöglich zugeben konnte, daß die Italiener, wenn es ihnen gelang, ſich ihrer Beherrſcher zu entledigen, wieder durch öſtreichiſche Waffen zur Raiſon gebracht würden. Kurz der verbannte Graf Belgiojoſo glaubte mit vielen Andern, jetzt ſei der rechte Zeitpunkt für die Befreiung ſeines Vaterlandes gekommen, und der Leſer wird alſo nunmehr die Anſpielungen, die ſich derſelbe in der ſo eben belauſchten Unterredung mit ſeinem Freunde erlaubte, zur Genüge verſtehen können. Was nun übrigens dieſen Letzteren, den Freund näm⸗ lich, betrifft, ſo führte er einen keineswegs ſo ſtolz klingen— den Namen, als der Italiener, ſondern hieß einfach Ar⸗ thur Stanton, aber deßwegen floß doch nicht minder hochadeliges Blut in ſeinen Adern, und an Reichthum übertraf er den Andern jedenfalls um ein Bedeutendes. War doch ſein Großvater ein Pair von England, deſſen einzigen Erben er ſich nennen durfte, und gehörte doch ſeine Mutter einem Geſchlechte an, das ſich ſogar einer nicht allzu entfernten Verwandtſchaft mit dem engliſchen Königs⸗ hauſe rühmte! Deſſen ungeachtet wußte der junge Arthux doch nichts von Stolz oder gar Hochmuth, und Alle, die ihn näher kannten, prieſen ihn wegen ſeiner ungemeinen Liebenswürdigkeit, ſowie überhaupt wegen ſeines ganzen Sein und Weſens. Ja Einzelne, beſonders aus dem Kreiſe der Damenwelt, begeiſterten ſich förmlich für ihn und ſuch⸗ ———:—r——————— 1864. —; (doch auch oft, wenn es ihm irgendwo beſonders gut gefiel, ganz allein oder nur von einem einzigen ſeiner Diener (ſeinem Milchbruder Duffy nämlich, einem eben ſo klugen als luſtigen Burſchen, der einige Jahre lang als Matroſe zur See gedient hatte und mehrere Sprachen verſtand) be⸗ gleitet, umher, um auf dieſe Weiſe Land und Leute beſſer kennen zu lernen. Auf einem dieſer Streifzüge nun lernte 2 C..- 3. er den jungen Grafen Belgiojoſo kennen und beide gewan⸗ nen einander bald ſo lieb, daß ſie ſich viele Tage und Wochen lang nicht mehr trennten. Endlich aber mußte ſich Arthur doch entſchließen, die Schweiz zu verlaſſen, um auch Italien zu beſuchen, und wie nun ſein Freund dieſe Reiſe dazu benützte, um ſeinen nächſten Anverwandten ſichere Nachricht über ſich zukommen zu laſſen, haben wir im Obigen bereits geſehen. Kehren wir alſo jetzt nach dieſer kurzen Erklärung zu unſerer Erzählung zurück oder viel⸗ mehr begleiten wir den jungen Arthur auf ſeiner Fahrt in das Land der Herrlichkeit, in das vielgeprieſene ſchöne Italien! Es war ein wunderſchöner Herbſtmorgen, als er in ſeinem wohlbeſpannten Wagen die oft ziemlich ſteile Straße auf den Splügen hinauffuhr. Chur, wo er übernachtet, hatte er ſchon vor Sonnenaufgang verlaſſen, um die erſte italieniſche Station wo möglich noch bei Tageszeit zu er⸗ reichen und dennoch ſo viel Zeit zu erübrigen, daß er ſich gehörig auf der Spitze des Berges umſchauen könne, denn wie hätte er es ſich verſagen mögen, von dieſem Alpenpaß aus einen Umblick zu gewinnen über das Land, welches mit Recht die Wiege der abendländiſchen Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft genannt wird? Da wollte er träumen von Mai⸗ land und Florenz, von Rom und Neapel, ſowie von den vielen anderen großen Städten, an deren jeder ein Stück Weltgeſchichte hängt! Da wollte er ſich ein Bild machen von den ſchönen Frauen, die nirgends in der Welt jene Vollkommenheit erreichen, wie im Lande Italia, und da wollte er ſie im Geiſte vorüberziehen laſſen, die Hunderte geringſte ſchon ſich einen Meiſter nennen darf! Da wollte er auch ihrer gedenken, welche dereinſt gewaltige Wolken verbreiteten über die ganze Welt oder auch mit Blitzen dreinſchlugen, die Millionen in Todesſchrecken verſetzten, — ihrer, der mächtigen Kirchenfürſten, die mit Sceptern und Kronen umgingen, als wären es Spielzeuge in ihren Händen, und vor denen Kaiſer wie Könige ſich beugen mußten! All' dieſe Scenen und Bilder wollte er aufrollen vor ſeiner Seele, gerade wie der Zeichner die Umriſſe eines großen Gemäldes aufrollt; aber unwillkürlich erfaßten ihn ganz andere Gedanken und ſein Geiſt verlor ſich in's Nach⸗ ſinnen darüber, wie es denn möglich geworden, daß ein Volk, mit einer ſo großartigen Vergangenheit, wie das ita⸗ lieniſche, ein Volk mit ſo wunderbar herrlichen Naturan⸗ lagen und mit einem heimathlichen Boden, der an Frucht⸗ barkeit von keinem in der Welt übertroffen wird,— daß ein Volk dieſer Art ſo tief in die Nacht der Unwiſſenheit und in die Ketten der Sklaverei verſinken konnte, als es von Malern, Bildhauern und Dichtern, von denen der ſo zu ſ Luud,“ faſt auß heit verſ ſde i ten auf Ueberdie Schönhe ziehung vor Jo ſie waͤ gevoren I ſchauen plßlich thnn erſe wie er hinwand am Ber die an und ve den. Wager ſchah, ſein! Arthur ſchon, während Bedient er den ihm dr Uebrige auch in die ſich rufe ei wie du der ger mehr; doch rif ganz do Duffy und nu befindli nur zw welcher mit la men, Gefahr Arm u andere dch du iddgen Vact — fiel, ener igen roſe be⸗ eſſer rnte ban⸗ und ſich nuch Keiße chere im jeſer iel⸗ in höve in raße ctet, erſte er⸗ ſich denn paß ches Wiſ⸗ Mai⸗ den Stück achen jene d da derte der pollte olken itzen zten, btern hren ugen ollen eines ihn Voch⸗ ein ita⸗ * 1 Bedienten befahl, ihm ſchleunigſt zu folgen. Feierſtun ſo zu ſagen in den Schooß geſchüttet wurde!„Welches Land,“ ſo fragte er ſich nun,„iſt glücklicher, das, deſſen faſt außerordentliche Fruchtbarkeit ſeine Bewohner in Träg⸗ heit verſumpfen läßt, oder das, deſſen Rauhheit die Men⸗ ſchen zwingt, alle ihre geiſtigen und körperlichen Fähigkei⸗ ten auf die höchſte Stufe der Ausbildung zu bringen? Ueberdies,“ ſo monologiſirte er weiter,„war nicht die Schönheit und Fruchtbarkeit Italiens auch in anderer Be⸗ ziehung ſein Fluch? Lockten dieſe ſeine Vorzüge nicht ſchon vor Jahrhunderten den fremden Eroberer herbei und ſind ſie nicht noch heute die Urſache, daß Ausländer dem Ein⸗ geborenen den Fuß auf den Nacken ſetzen?“ Während er nun ſo träumte und darüber das Um⸗ ſchauen in ſeine nächſte Umgebung ganz vergaß, wurde er plötzlich durch einen ſchrillen Hülferuf, der unmittelbar vor ihm erſchallte, in die lebende Wirklichkeit zurückverſetzt, und wie er ſofort ſeine Augen nach der angegebenen Richtung hinwandte, ſah er einen großen Reiſewagen, welcher hart am Bergabhang der Straße halb umgeſtürzt lag, während die an denſelben geſpannten Roſſe ſich mächtig aufbäumten und von den Poſtillonen nur noch mit Mühe gezügelt wur⸗ den. Offenbar war hier große Gefahr vorhanden, daß der Wagen in die Tiefe hinabſtürzen werde, und wenn dies ge⸗ ſchah, ſo mußten ſeine Inſaſſen nothwendig verlorene Leute ſein! Wie ein Blitz ſchoß dieſer Gedanke durch den Kopf Arthur Stantons, und den Moment darauf ſprang er auch ſchon, ohne den Schlag zu öffnen, aus ſeinem Wagen, während er zugleich ſeinem Kutſcher Halt zurief und ſeinem Im Nu hatte er den gefährdeten Wagen erreicht und unmittelbar hinter ihm drein rannte ſein Leibdiener Duffy, während die Uebrigen ebenfalls ihr Möglichſtes thaten. Es war aber auch in der That die höchſte Zeit, daß Hilfe kam, denn die ſich bäumenden Roſſe wurden durch die gellenden Hilfe⸗ rufe einer Kammerzofe, die vornen auf dem Bock ſaß, ſo⸗ wie durch die wilden Flüche der Poſtillone nur noch wüthen⸗ der gemacht und ſchlugen ſo furchtbar aus, daß ſie kaum mehr zu bändigen ſchienen. Mit einem einzigen Ruck je⸗ doch riß der kraftvolle Arthur eines der Thiere nieder und ganz daſſelbe gelang im nächſten Augenblicke ſeinem Diener Duffy mit dem andern. So kam der Wagen zum Stehen und nun konnte Arthur den Schlag öffnen, um die innen befindlichen Reiſenden zu retten. Deren waren es übrigens nur zwei, eine ſchon ältere Dame und ein junger Herr, welcher der Sohn der erſteren zu ſein ſchien, denn er rief mit lauter Stimme, man ſolle auf ihn keine Rückſicht neh⸗ men, ſondern nur allein daran denken, ſeine Mutter der Gefahr zu entreißen.(Siehe Bild S. 17.) Mit kräftigem Arm umfaßte alſo Arthur die Dame und trug ſie auf die andere Seite des Weges; ihr Sohn aber arbeitete ſich wirk⸗ lich durch ſeine eigene Kraft heraus, während einer der übrigen Diener Arthurs die ſchreiende Kammerzofe vom Bocke herabhob. So kam gar Niemand zu Schaden und nur der halb umgeſtürzte Wagen hatte nothgelitten, ſowie auch das Riemenwerk der Pferde zum großen Theil zer— riſſen war; allein was lag hieran, da ja das Leben der Reiſenden auf dem Spiel geſtanden hatte? Nunmehr als Alles vorüber— der Auftritt dauerte übrigens natürlich viel kürzer, als wir gebraucht haben, ihn zu ſchildern— betrachtete ſich Arthur die von ihm Geret— teten etwas näher, aber ſie waren ihm völlig fremd, Mut⸗ ter wie Sohn, und aus ihrer Phyſiognomie konnte er nur ſo viel ſchließen, daß er entweder Franzoſen oder Italiener vor ſich habe. Auffallen mußte ihm jedoch die unendliche ————————— de n. 1864. 19 Ruhe und Kälte, welche in dem Geſichte des jungen Herrn lag, denn während ſich derſelbe noch vor einem Augenblicke ſo außerordentlich beſorgt um ſeine Mutter gezeigt hatte, betrachtete er nunmehr die ganze Scenerie ſo gelaſſen, als ob er eigentlich ein förmlich gleichgültiger Zuſchauer wäre. „Louis, Louis,“ rief jetzt die Dame auf franzöſiſch, indem ſie ſich ängſtlich nach ihrem Sohne umſchaute,„du biſt doch hoffentlich unverletzt?“ „Vollkommen, meine Mutter,“ erwiederte der Sohn in einem Tone, dem man auch nicht die mindeſte Erregung anmerkte;„vollkommen, allein ich wollte lieber, ich hätte ein Glied gebrochen und der Wagen nebſt dem Geſchirr wäre dafür ganz geblieben; denn wir können nun unmög⸗ lich weiter reiſen.“ „Der Schaden wird reparirt werden, Louis,“ entgeg⸗ nete die Dame eifrig,„und der Verzug bringt uns hoffent⸗ lich keinen Nachtheil. Aber komm, laß uns dem Herrn hier unſeren Dank für ſeinen außerordentlichen Beiſtand ſagen, da wir ja ohne ihn nur zu gewiß gänzlich verloren geweſen ſein würden.“ „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ wandte ſich nun der junge Mann gegen Arthur Stanton um;„ich war ſo un⸗ höflich, Sie noch nicht einmal mit denen, welche Ihnen ihre Rettung vom Sturze in die Tiefe verdanken, bekannt zu machen, allein ich will den Fehler repariren und ſtelle Ihnen hiemit meine Mutter, die Gräfin von Souſa vor. Im Uebrigen ſind wir gewöhnliche Reiſende, die im Sinne hatten, Mailand zu beſuchen, um dann nach ihrem Vater⸗ lande Piemont zurückzukehren, ein Plan, der nunmehr wohl wird aufgegeben werden müſſen.“ „Das ſoll er nicht,“ rief Arthur Stanton mit freund⸗ lichem Entgegenkommen,„wenigſtens ſo weit ich dazu bei⸗ tragen kann. Mein Wagen hat für Sie und Ihre Frau Mutter bequem Platz, und Ihre Dienerſchaft mag dann in dem Ihrigen, den man in wenigen Stunden wenigſtens nothdürftig herſtellen kann, langſam nachfahren.“ Die Frau Gräfin von Souſa warf ihrem Sohne einen eigenthümlichen Blick zu, wie um deſſen Einwilligung zu dem gutgemeinten Vorſchlag zu erbitten; allein dieſer blieb kalt und gemeſſen, wie zuvor. „Sie ſind ein Engländer, mein Herr,“ ſagte er in einem Tone, der nichts anderes beſagte, als„ich fahre mit keinem Engländer zuſammen.“ „Ich nenne mich Arthur Stanton,“ erwiederte dieſer, ſich ſtolz aufrichtend,„und England iſt mein Vaterland; aber,“ ſetzte er dann freundlich lächelnd hinzu,„da Eng⸗ land und Piemont in keinem Kriege mit einander begriffen ſind, ſo denke ich wohl, daß Sie meinen Vorſchlag unbe⸗ ſchadet Ihrer Nationalität annehmen könnten.“ Abermals warf die Gräfin von Souſa ihrem Sohne einen bittenden Blick zu, und dieſer ſchien ſich nun plötz— lich eines Beſſeren zu beſinnen. „Wir ſind allerdings ſehr eilig,“ meinte er,„und wenn es Sie nicht allzu ſehr incommodirt, ſo möchten wir wohl von Ihrer Güte Gebrauch machen. Nur kommt da⸗ bei noch der leidige Umſtand in Betracht, daß meine Mut⸗ ter ihrer Kammerfrau nicht wohl wird entbehren können.“ „Auch dazu ſoll Rath geſchafft werden,“ erwiederte Arthur Stanton abermals lächelnd, zugleich aber ſeinen Leuten die nöthigen Befehle ertheilend. Ohne Zweifel lächelte er, weil es ihm denn doch etwas komiſch vorkom⸗ men mußte, daß der junge Herr Marcheſe von Souſa ſich gerade ſo benahm, wie wenn er eine Gefälligkeit erweiſe, nicht aber wie wenn ihm eine erwieſen würde. „ 3*. — 2— — 20 Feierſtunden. Ein Theil der Koffer, welche der Frau Gräfin von Souſa gehörten, wurden nun ſchnell auf den Wagen Ar⸗ thur Stantons gepackt, und auch die Kammerfrau derſelben erhielt einen Platz auf dem vorderen Boden. Dann ging's hurtig voran, um wo möglich die verlorene Zeit wieder einzubringen, und bald kam man an die höchſte Stelle des Berges, von wo aus man Chiavenna, die erſte italieniſche Station, tief unter ſich erblicken kann. Der Anblick war prachtvoll, denn Chiavenna ſcheint zwiſchen Weinberge und Olivenhaine förmlich eingekettet zu ſein, und Arthur hätte daher gerne den Poſtillonen befohlen, von jetzt an gemäch⸗ licher zu fahren; allein der junge Herr von Souſa hatte offenbar für die Schönheiten der Gegend keinen Sinn und meinte trocken, ſie hätten keine Zeit zu verlieren, wenn ſie heute noch den Comer⸗See erreichen wollten. Gleich darauf kam man an den Grenzpfahl, an welchem das maliländiſche Gebiet beginnt, und nun erfolgte ein äußerſt genaues und ſcrupulöſes Viſitiren der Koffer wie der Päſſe, ſo daß aber⸗ mals eine beträchtliche Zeit verſtrich. Endlich jedoch ging auch dieſer Kelch der Trübſal vorüber, und nun rollte das Gefährt in ununterbrochener Eile die Bergſtraße hinab nach Chiavenna hinein, das man mit Einbruch der Dun⸗ kelheit erreichte. Hier hatte Arthur Stanton im Sinne zu übernachten, denn die Station, die er zurückgelegt, war eine ſehr lange geweſen und überdies fühlte er ſich von den An⸗ ſtrengungen des Tages nicht wenig angegriffen; allein zu ſeinem großen Erſtaunen bat ihn die Frau Gräfin v. Souſa, ſeiner Güte die Krone aufzuſetzen und die Reiſe noch in der Nacht bis nach Riva, einem vier Stunden weiter ſüd⸗ lich hart am Comerſee gelegenen Städtchen fortzuſetzen. „Wir haben,“ ſagte ſie nicht ohne einige Verlegenheit, während ihr Sohn ſo kalt und gemeſſen drein ſchaute, wie immer,„wir haben in der That große Eile und überdies iſt das Nachtquartier in Riva ein viel beſſeres.“ Arthur Stanton verbeugte ſich, ohne ein Wort zu er⸗ wiedern, und ließ ſofort neue Poſtpferde beſtellen. Zwar allerdings war es ihm klar genug, daß der Grund des beſſeren Nachtquartiers nur ein Vorwand ſei, allein die Gräfin hatte Etwas in ihrem Benehmen, dem er unmög⸗ lich Widerſpruch entgegenſetzen konnte, und ſomit fügte er ſich ihrem Willen, wie wenn dies ſich von ſelbſt ſo ver— ſtanden hätte. Doch nahm er ſich vor, ſie morgenden Tages, wenn ſie die Reiſe nach Mailand weiter mit ein⸗ ander fortſetzen würden, etwas aufmerkſamer zu beobachten und namentlich auch den ſchweigſamen Sohn zum Sprechen zu bringen. Bei dunkler Nacht erreichte man Riva und Arthur Stanton lud nun ſeine Reiſegeſellſchaft ein, gemeinſchaft⸗ lich mit ihm die Abendmahlzeit— die zugleich auch als Mittagsmahl gelten mußte, da man unterwegs ſich mit kalter Küche hatte begnügen müſſen— einzunehmen, allein ſowohl die Gräfin als ihr Sohn ſchlugen das Anerbieten aus und Beide zogen ſich ſogleich in die ihnen beſtimmten Gemächer zurück. „Wir ſind Ihnen gewiß unendlich verpflichtet,“ ent⸗ ſchuldigte ſich die Gräfin, indem zugleich ein tiefer Seuf⸗ zer ihre Bruſt erleichterte,„mehr ſogar, als Sie nur ver⸗ muthen; allein unſere heutigen Strapazen zwingen uns zu einem ſofortigen Rückzuge.“ „Auf Wiederſehen morgen früh,“ ſetzte der Sohn in kaltem Tone hinzu, indem er dem Wirthe befahl, mit den Kerzen voranzuleuchten. „Ein paar ſonderbare Menſchen,“ dachte Arthur Stan⸗ ton in ſeinem Innern,„abſonderlich der Sohn, welchem 1864. ——y————————;Y nn Gefühl Dankbarkeit ein ganz unbekanntes zu ſein heint.“ Doch— was gingen ihn die Leute an? Er ſchlug ſich alſo die Sache aus dem Sinn, und ſuchte nach ein⸗ genommener Mahlzeit“ ebenfalls bald ſein Nachtlager auf, denn er hatte ja morgen wieder eine anſtrengende Reiſetour vor ſich. Auch verfiel er ſogleich in einen tiefen Schlaf, aus dem er erſt erwachte, als man ihn befohlener Maßen kurz nach Sonnenaufgang weckte; allein wie erſtaunte er nun, als er ſich ſchnell erhebend vom Wirthe, den er ſofort beim Frühſtücke fragte, ob ſeine Reiſegefährten be⸗ reits munter und bereit ſeien, die Tour fortzuſetzen, erfuhr, daß dieſe ſchon ſeit mehr als drei Stunden das Haus ver⸗ laſſen hätten! „Das Haus verlaſſen,“ rief er, über eine ſolche Un⸗ höflichkeit auf's Höchſte indignirt,„und wohin denn?“ „Weiß nicht,“ meinte der Wirth mit dem einfältigſten Geſicht von der Welt.„Sie ließen ſchon lange vor Tages⸗ anbruch einen Schiffer kommen, der die ſchnellſegelndſte Barke des ganzen See's hat, und befahlen mir dann, nach⸗ dem ſie ihre Zeche bezahlt, ihre Koffer auf das Boot ſchaffen zu laſſen.“ „Und an mich hinterließen ſie nichts?“ fragte Arthur weiter.„Weder einen Brief, noch einen mündlichen Auftrag?“ „Nichts, ſo viel mir bekannt,“ entgegnete der Gaſt⸗ geber achſelzuckend. In dieſem Augenblicke jedoch trat Duffy, der vertraute Diener Arthurs, in's Zimmer, und überreichte dieſem einen kleinen, zierlich gefalteten Zettel. „Von wem?“ fragte Arthur. „Ein Knabe, der auf mich im Stalle lauerte, über⸗ gab mir ihn,“ war die Antwort.. Neugierig öffnete Stanton den Brief und fand fol⸗ gende Worte darin verzeichnet:„Meine Mutter ſagte Ihnen geſtern, daß wir Ihnen mehr verpflichtet ſeien, als Sie erfülltem Herzen. Der Weiterreiſe mit Ihnen zu Lande zogen wir übrigens die Alleinreiſe zu Waſſer vor, und zwar ſchon deßwegen, um Ihnen die Unannehmlichkeiten, welche leicht daraus für Sie entſpringen könnten, zu erſparen. Eine nähere Aufklärung brauche ich einem Manne, der ſo genau mit den Verhältniſſen Italiens bekannt iſt, nicht zu geben. L. N.“ 3 „L. N.?“ murmelte Arthur Stanton vor ſich hin, ohne ſich im Augenblicke die Bedeutung dieſer Anfangsbuch⸗ ſtaben enträthſeln zu können. Doch plötzlich fiel es wie des angeblichen Marcheſe von Souſa noch einmal überdachte. „Louis Napoleon iſt's,“ flüſterte er halblaut,„und ſeine Mutter die Ex⸗-Königin Hortenſia oder die Gräfin von St. Leu, wie man ſie gewöhnlich nennt. Nun wahrhaftig wird mir Alles klar und es wäre eine Thorheit, ihm ſeine unceremoniöſe Abreiſe übel nehmen zu wollen. Muß er ſich doch, ſo lange er ſich auf mailändiſchem Gebiet be⸗ unter den Füßen!“* Noch hatte er dieſen ſeinen Gedankengang nicht vol⸗ lendet, ſo ſprengten gleichſam zur Beſtätigung deſſelben ein halb Dutzend berittener Gensdarmen vor's Hotel und den Moment darauf ſtand ihr Anführer im Zimmer. 3 „Wo iſt der Herr und die Dame,“ rief dieſer barſch, „die geſtern unter dem Titel eines Grafen und einer Gräfin von Souſa hier abgeſtiegen ſind?“ findet, gerade ſo fühlen, als hätte er brennende Kohlen — nur vermuthen, und ich wiederhole dieſe Worte aus dank⸗ Schuppen vor ſeinen Augen, als er das ganze Benehmen di unten ſhen P. ,Jc mwüderte welche m xr Herr kamen, ſ Comerſee rum haſt „8 erſtaunt da de G 5 mandan ten doch Wageng. der Eint telieniſch ten ſtrene boten iſt „I de Chre d J und 9 gehören der Eng „Und we wiſſen n ii bin, Ihnen Paß zu Abe nun der einen wi aus un dann d hinab, nen Un die Verfo ter fortzu er verof jeinen S ſpit dav iictet we de Perſo rafen Grifin! de maile dhen blie d8 j »—— 4 Feierſtunden. 1864. 21 ſein„Ich weiß nicht, von wem der Herr Offizier ſpricht,“ Zweites Kapitel. lu erwiederte der Wirth tief demüthigſt und mit einer Miene, Das Feſt des H aug welche man ſich nicht unſchuldiger denken konnte, vallein Das Feſt des Herzogs von Noalta. nuf der Herr und die Dame, welche geſtern Nacht hier an⸗ Seit vierzehn Tagen weilte der junge Arthur Stan⸗ ui kamen, ſind ſchon vor mehr als vier Stunden über den ton in Mailand, und noch immer trug er den Brief ſei⸗ n Comerſee hinübergefahren. nes Freundes, des Grafen Belgiojoſo, auf ſeiner Bruſi nßen„Höll und Teufel,“ ſchrie der Brigadier,„und wa⸗ verborgen, ohne denſelben an die Adreſſe abgegeben zu haben. öhen rum haſt du ſie nicht feſtgehalten?“ Aber es war nicht Nachläſſigkeit und Vergeßlichkeit, oder df„Ich? Feſthalten?“ entgegnete der Wirth, den Mund gar Gleichgültigkeit und Trägheit, was ihn zu dieſer Hand⸗ — erſtaunt aufreißend.„Das wäre mir wohl übel bekommen, lungsweiſe bewog, ſondern vielmehr Vorſicht und Klugheit. he⸗ da die Grenzpoſten ihnen kein Hinderniß in den Weg legten.“ Schon gleich am zweiten Tage nach ſeiner Ankunft, ühß,„Aber Sie, mein Herr,“ wandte ſich nun der Com⸗- als er den erſten Ausflug zur Beſichtigung der berühmten ver⸗ mandant der Gensdarmen an Arthur Stanton,„Sie wuß⸗ Stadt machte, glaubte er in dem Cicerone oder Fremden⸗ ten doch wohl, daß Sie zwei Menſchen Platz in Ihrem führer, den er gemiethet hatte, einen Spion erkennen zu Un⸗ Wagen gaben, denen der Eintritt in die ten italieniſchen Staa⸗ ed⸗ ten ſtrengſtens ver⸗ dſte boten iſt?“ „Ich habe nicht= doot die Ehre, zur Poli⸗ S zei Ihres Herrn thur und Regenten zu ichen gehören,“ erwiederte der Engländer ſtolz, ſt⸗ 1„und wenn Sie etwa wiſſen wollen, wer u ich bin, ſo ſteht S⸗ nei Ihnen hier mein? Paß zu Dienſten.“ = Abermals ſtieß He ber⸗ nun der Brigadier S einen wilden Fluch Ze fol⸗ aus und ſtürmte M hnen 4 dann die Treppe Sie hinab, um mit ſei⸗ ank⸗ nen Untergebenen; ande die Verfolgung wei⸗ wat ter fortzuſetzen, aber elche er war offenbar von ren. ſeinen Spionen zu r ſo ſpät davon unter⸗ t zu richtet worden, wer — die Perſonen ſeien, bin, die unter dem fal⸗ uch⸗ ſchen Paſſe eines’ S—— wie b. Grafen und einer(Zu S. 43.) eras mar Gräfin von Souſa che die mailändiſche Grenze überſchritten hatten, und ſein Nach- müſſen, denn der Menſch erwies ſich als gar zu demüthigſt ſeine ſetzen blieb alſo völlig erfolglos. Damals, im Jahr 1830, zudringlich, als daß man darin nur die gewöhnliche Be⸗ von gab es ja noch keinen elektriſchen Telegraphen, und der Vor- dientennatur hätte finden können. Ueberdies ſuchte ſich der⸗ aftig ſhnna, den Louis Napoleon mit ſeiner Mutter gewonnen, ſelbe alſobald in das Zutrauen der Dienerſchaft Arthurs ſtine un 5 demnnach ſo leicht nicht wieder einholen! Gelang es einzuſchleichen, ohne Zweifel um recht viel über den frem⸗ p er Kirchenſta eiden Exilirten, noch bevor man ſie faßte, den den, vornehmen Herrn zu erfahren, und ſo ſah ſich denn t be⸗ anhaben 3 zu zerreichen, ſo konnte man ihnen nichts mehr der Letztere veranlaßt, den Burſchen ſchon nach vierund⸗ ihlen Anpaſ Feſun in Rom lebten zu jener Zeit noch der Kar⸗ zwanzig Stunden wieder zu entlaſſen. Nun wurde ein S eſch, die rechte Hand des Pabſtes, ſowie ſeine Zweiter gemiethet, denn ohne Führer kommt man einmal n Schweſter, Madame Lätitia, die hochbetagte Mutter des in den Städten Italiens nicht zurecht; allein dieſer war ein diſes en dnach. i. die Großmutter Louis Napoleons, wo möglich noch neugieriger und unverſchämter, als der den Sheeupergen von Frankreich. 4 ferſtere, und ſomit warf ihn Duffy, welchen er auf die ſc 5 en kte as Begegniß auf dem Splügen, durch gemeinſte Weiſe auszufragen verſuchte, ohne Weiteres die iſch 5 hen alrihun Süaaton in verſchiedene weitere Abenteuer Treppe hinab. In einem Dritten ſchien ein beſſerer Geiſt räfm Rerni e eden jor te, deren Verlauf die Fortſetzung die⸗ zu wohnen, indem derſelbe wenigſtens keine Fragen ſtellte, er Geſchichte dem Leſer enthüllen wird. ſondern nur das beantwortete, was man von ihm wiſſen Mf — õ——— ————ÿÿ—— Feierſtunden. 1864. —————;—:————— wollte; doch leider erweckte auch er ſchon nach kurzer Zeit Dies hatte aber ſeinen ganz natürlichen Grund und den Verdacht, unter die Zuträger der Polizei zu gehören. man hätte es ſogar ein Wunder nennen müſſen, wenn es Derſelbe erlaubte ſich nämlich hie und da kurze Worte und anders gekommen wäre. Wenn nämlich Arthur ſich den Bemerkungen, welche darauf ſchließen ließen, daß er zu ganzen Tag mit Beſichtigung der verſchiedenen Kirchen, den„Unzufriedenen“ gehöre, d. h. zu denen, welche gerne Paläſte, Spitäler und ſonſtigen öffentlichen Gebäude, deren die beſtehende Ordnung umgeändert und namentlich dem es bekanntlich in Mailand eine Maſſe gibt, müde gegangen öſtreichiſchen Regimente ein Ende gemacht hätten; dagegen hatte, pflegte er am Abend das berühmte Theater La Scala aber überraſchte ihn Duffy eines Abends in Geſellſchaft zu beſuchen, um ſich dort zu zerſtreuen, und hier nun war oder vielmehr in heimlicher Unterhaltung mit einem fein es, wo er zum erſten Male eine junge Dame ſah, die ausſehenden Herrn, vor welchem ſich ſonſt jeder Italiener bald ſein ganzes Herz erfüllte. Sie befand ſich in einer in Mailand unendlich in Acht zu nehmen pflegte, da der- gegenüber liegenden Loge, in Geſellſchaft eines Herrn und ſelbe als einer der Oberleiter des weitverzweigten geheimen einer Dame, die offenbar den höchſten Ständen angehörten Beaufſichtigungsperſonals galt, und— was ließ ſich hieraus und die er geneigt war, ihres Alters wegen für ihr Eltern⸗ Anderes ſchließen, als daß der ſo überaus grundehrlich paar anzuſehen. Er ſah übrigens nur wenig auf dieſes thuende Cicerone dieſe ſeine Ehrlichthuerei nur als Maske ältere Paar, denn gleich von Anfang an machte deſſen brauche, um deſto mehr Zutrauen zu erwecken? Arthur junge Begleiterin ſowohl durch die Schönheit ihres Geſich⸗ Stanton ging deßhalb, als ihm Duffy dieſen Umſtand be- tes, als auch durch ihre Manieren, ſowie durch die Lie⸗ richtete, mit ſich zu Rathe, ob er nicht den Verdächtigen benswürdigkeit ihrer Erſcheinung überhaupt einen ſolchen ebenfalls ſogleich entlaſſen ſolle, wie deſſen beide Vorgän⸗ Eindruck auf ihn, daß er ſchon am erſten Abend die Augen ger; allein bei näherer Ueberlegung beſchloß er, dies nicht nicht mehr von ihr abwenden konnte. Ja die ganze Nacht zu thun. Hätte es ja doch offenbar auffallen müſſen, wenn durch ſchwebte ſie ihm in ſeinen Träumen vor, und als er alle andere Tage mit ſeinem Cicerone gewechſelt haben er des Morgens aufſtand, machte er ſich die größten Vor⸗ würde, und überdies, was konnte es ihm helfen? Ein Vier⸗ würfe, daß er ſich geſtern vor lauter Entzücken nicht ein⸗ ter oder Fünfter wäre ſicherlich um kein Haar beſſer ge⸗ mal nach ihrem und ihrer Begleiter Namen erkundigt hatte. weſen, und da man ihm einmal die Ehre authat, ihn Waren es doch möglicherweiſe Fremde, die ſich nur vor⸗ beaufſichtigen zu laſſen, ſo mußte er entweder das Feld übergehend in Mailand aufhielten! Allein— welch' ein räumen oder aber ſich in das Unvermeidliche fügen. Glück,— als er Abends die Scala wieder beſuchte, da Das übrigens ſah er ſogleich ein, daß er nicht der erſchien auch der alte Herr mit ſeiner Dame und dem jun⸗ Einzige ſei, der von Spionen beobachtet werde, ſondern daß gen Fräulein wieder in ſeiner Loge, und das Hinüberſchauen ſich dieſe Maßregel mehr oder weniger auf alle Fremde, konnte alſo abermals beginnen. Und merkwürdig— ſeine ſowie auch auf alle hervorragendere Einheimiſche in ganz Augen mußten Magnete ſein, denn auch die junge Schön⸗ gleicher Weiſe erſtrecke, und wenn er genau nachdachte, ſo heit konnte ſich nicht enthalten, von Zeit zu Zeit wenn auch konnte er dies der beſtehenden Regierung nicht einmal übel verſtohlen zu ihm herüberzublicken, und wenn ſich dann ihre nehmen. Gährte es doch damals im ganzen Lande und beiderſeitigen Augen begegneten, ſo erröthete ſowohl er als mußten alſo die Oeſtreicher für ihre eigene Exiſtenz beſorgt ſie bis an die Stirne hinauf. Noch eigenthümlicher, als ſein! Ueberdies— was ſeinen eigenen ſpeciellen Fall be⸗- dies Alles, war aber das, daß ſein bedeutendes Vis-A-vis traf, mußte er nicht doppelt verdächtig erſcheinen, da ſein ihm gar nicht fremd, ſondern vielmehr wie eine alte viel⸗ Begegniß mit dem Prinzen Napoleon ohne Zweifel auf liebe Bekanntſchaft vorkam, obgleich er ſich um keinen Preis eine für ihn äußerſt ungünſtige Weiſe nach Mailand be⸗ erinnern konnte, wo er ſie etwa ſchon geſehen habe. Doch richtet worden war? Ja durfte er nicht mit ziemlicher Ge- bald ſollte ſich ihm dieſes Wunder erklären. Als er näm⸗ wißheit vorausſetzen, daß auch ſein freundſchaftliches Ver⸗ lich ſeinen Cicerone, der vor der Loge außen ſeiner Befehle hältniß zu dem verbannten Flüchtling Belgiojoſo genau harrte, nach dem Namen der ihm Gegenüberſitzenden fragte, genug bekannt ſei, und daß man alſo in ihm, zum Min⸗ erklärte ihm dieſer, daß es der Herzog und die Herzogin deſten geſagt, einen Freund der revolutionären Partei wit- von Roalta mit ihrer Nichte ſeien, und wie er ſofort den tere? Um ſo mehr beſchloß er ſich in Acht zu nehmen und Namen der Nichte wiſſen wollte, erfuhr er, daß ſie Feli⸗ namentlich Alles zu vermeiden, was die Familie ſeines citas Belgiojoſo heiße und eine Tochter der Gräfin Freundes hätte compromittiren können, denn ſelbſt Frauen, gleichen Namens ſei. Unwillkürlich brach er in einen Aus⸗ wenn ſie überwieſen wurden, mit flüchtigen Hochverräthern ruf des freudigſten Erſtaunens aus, als er dies hörte, denn in brieflicher Verbindung zu ſtehen, durften ſicher ſein, dem er wußte nun, daß der Gegenſtand ſeiner Bewunderung Gefängniß nicht zu entgehen, und zugleich ihre ſämmtliche Niemand anders, als die Schweſter ſeines Freundes ſei, Habe zu verlieren. aber wie er dann den neugierig lauernden Blick des Cice⸗ Nunmehr weiß der Leſer, warum unſer Held den ihm rone bemerkte, nahm er ſich gewaltſam zuſammen und ſtellte anvertrauten Brief der Gräfin Belgiojoſo trotz ſeines be- von nun an keine weitere Frage mehr. reits vierzehntägigen Aufenthalts in Mailand noch nicht Seit dieſem Abend fehlte Arthur bei keiner Vorſtellung überreicht hatte; ja warum er es ſogar vermied, nach die- im La Scala-Theatergebäude, und zu ſeinem unendlichen ſer Dame und ihrer Familie auch nur zu fragen. Er Entzücken blieb auch die ſchöne Felicitas nie aus. Doch wollte die ihn beobachtenden geheimen Agenten glauben wie keine Roſe ohne Dornen iſt, ſo gibt es auch kein Glück, machen, daß ihn die Gräfin lediglich nichts kümmere und das nicht hie und da durch einen böſen Schatten getrübt daß ihm der Name Belgiojoſo ſo gleichgültig ſei, als nur würde, und dieſer Schatten war in unſerem beſonderen Einer in der Welt; allein— wie himmelweit entfernt war Falle ein junger Herr, der ſich faſt allabendlich in der er von einer ſolchen Gleichgültigkeit! Im Gegentheil, wie Loge des Herzogs von Roalta einſtellte. Natürlich näm⸗ träumte er Tag und Nacht nur von dieſem Namen, und lich konnte ſich Arthur wohl denken, daß der Beſuch des wie gab es keinen, ſelbſt nicht in ſeinem Vaterlande Eng- beſagten Herrn nicht ſowohl dem Herzoge und ſeiner betag⸗ land, der ihm theurer geweſen wäre! ten Gattin, als vielmehr der jungen Felicitas gelte, und Wer an frühen der Mitte welche die ken. Unr ſten Tiefe betung, Daſeins gebeugte Feierſtunden. 1864. 25 ——y—44jjᷣj4ꝑꝑꝑ4j⁰=ðↄ-———yèêqWWꝑxB—— und dr Aye Maria. en, ren gen rala war die anet und Rben tern⸗ ieſes eſſen ſich⸗ Lie⸗ chen lgen acht ald Vor⸗ ein⸗ hatte. vor⸗ ein da zun⸗ auen ſeine ſchön⸗ wauch ihre r als „als 14-VIS viel⸗— 4 6 4 8„ 8 A— S A 4 F 3 Preis 3 K 1 5 d 2 Aee e 2—— 8.— Doch 3 71 S 3 S Wer wurde nicht ſchon wunderbar ergriffen, wenn er zen in ſolchem Augenblicke; ſeine Bruſt athmet freier, er am frühen Morgen, beim Untergang der Sonne, oder in denkt an Gott, und in ſeinem zum Himmel emporgehobenen der Mitte der Nacht, die Glocke vom Thurm ertönen hörte, Auge erglänzt der Strahl einer zuverſichtlichen Hoffnung. welche die Menſchen erinnerte, an ihren Schöpfer zu den⸗ Die größten Dichter haben dieſen Glockenton nach ihrer ken. Unwillkürlich erhob ſich dann wohl, aus der inner⸗ Weiſe ausgelegt und mehr oder weniger treffend ihn in ſten Tiefe des Gemüths, ein Wort der Andacht, der An⸗ ihren Verſen nachhallen laſſen. betung, der Liebe zu den Mitgeſchöpfen, der Freude des Dante ſagt davon, daß es in dem einſamen Pilger, Daſeins in dieſer ſchönen Gotteswelt. Selbſt der Nieder⸗ der es aus der Ferne erklingen hört, das Heimweh her⸗ gebeugte vergißt ſeinen Kummer, der Leidende ſeine Schmer⸗ vorruft: 5 1Ä p 1 F ‿ 9 n h näm⸗ efehle ragte, rrung ei Sd l Scqnilla di lontana, und ſich in dem Chore zuſammen finden, die Matutina zu ſrlte Che paja il giorno pianger, che si muore. halten, Gott zu preiſen und für ihre Mitmenſchen zu beten. Das ferne Abendglöckchen, Dieſe Mahnung des Glockentons ſoll nun auch in den ulung Das Reichſam weinet ob des Tages Scheiden. Herzen der auf dem Grütli tagenden Männer wiederhallen, licen Unſer Schiller illuſtrirt damit den Eingang ſeiner er⸗ und ſie ſtärken und weihen zu dem, was ſie vorhaben. Ddo habenen Grutli⸗Scene, und erreicht einen wahrhaft zaube⸗ Dreimal an jedem Tage erſchallt dieſer Ruf: beim ülüt, riſchen Lokaleffekt: Sonnenaufgang, um Mittag, wenn die Sonne uns am nribt Das Mettenglöcklein in der Waldkapelle, höchſten ſteht, und Abends beim Niedergehen der Sonne. deren„Dringt hell herüber aus dem Schwitzerland. Das Gebet, welches dabei von den Katholiken geſprochen 1 der Beide Dichter weiſen nach oben. Dante's Heimweh wird, feiert den Augenblick, in welchem der verheißene Er⸗ im⸗ ddes Pilgers nach dem Jenſeits; Schiller will daran mah⸗ löſer der heiligen Jungfrau von dem Engel verkündigt c ds nen, daß, während die Männer ſich in der Morgenfrühe wurde. Es iſt mithin eine Gedächtnißfeier der beginnenden deug verſammeln, um über das Wohl ihres Landes zu tagen, Erlöſung, die allen chriſtlichen Konfeſſionen ja gewiß gleich und dir ſtonnanen Mönche auch ihr Lager ſchon verlaſſen haben, bedeutſam und gleich verehrungswürdig erſcheint. Dieſes 1 eierſtunden. 1864. 1 4 —. den Erdkreis, ſchwingt ſ ———— —ʒ— 26 ————;—:——— Gebet wird nach den lateiniſchen Anfangsworten»Ave Maria«(gegrüßt ſei Maria), oder auch nach der kurzen Einleitung zu demſelben»Angelus Domini nunciavit Mariae«(der Engel des Herrn brachte Mariä die Bot⸗ ſchaft),»Angelus« oder„der Engel des Herrn“ benannt wird. Vor ungefähe fünfhundert Jahren fing man an, die⸗ ſes Gebet Abends zu ſprechen, ſobald man dazu durch ein Glockenzeichen aufgefordert wurde. fromme Sitte allgemein, es dreimal, in den oben ange⸗ gebenen Tageszeiten, zu verrichten, nachdem verſchiedene Päbſte dazu aufgefordert hatten. Da nun aber jene Tages⸗ zeiten auf der ganzen Erde nicht überall gleich zu treffen, ſondern mit der Sonne ſelbſt von Oſten nach Weſten fort— ſchreitend im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden den Umkreis um die Erde machen, ſo ſchlingt ſich auch dieſes Gebet der Chriſten, durch die Glockenzeichen hervorgerufen, täglich, gleichſam wie ein dreifacher heiliger Gürtel, um ſich mit der vorrückenden Sonne von Ort zu Ort, und von Mund zu Mund, gleich einem Loſungsworte voll des erhabenſten Troſtes, um die Kunde von der Menſchwerdung nach vierundzwanzig Stunden da⸗ hin zurückzubringen, von wo ſie ausgegangen, und hier ihren Umlauf ununterbrochen von Neuem zu beginnen. Und von Ort zu Ort beugen Menſchen die Kniee und neigen ihre Häupter, und vereinigen die Seelen in Verehrung und Anbetung. Das Tagewerk wird auf ſolche Weiſe unterbrochen und Später erſt wurde die Feierſtunden. 1864. ———:—õr—:———ry——u— durchflochten durch die Erinnerung an das Ueberſinnliche und Ewige, die uns abhält, blos für unſern Körper zu ſorgen. Der Landmann, der ſeinen Acker baut, der Ge⸗ werbsmann, der in ſeiner Werkſtätte arbeitet, oder die, welche auswärts ihrem Geſchäfte obliegen, die Alle nur an zeitlichen Gewinn und Broderwerb denken, werden durch den Schall des Ave Maria⸗Glöckchens daran gemahnt, für we⸗ nige Augenblicke ihre irdiſchen Angelegenheiten zu vergeſſen, und einem Gedanken an Gott in ihrer Seele Raum zu geben. Das bedeutet jenes Läuten, welches, ſo oft wir es auf unſern Touren im Gebirge, auf einſamen Pfaden, ver⸗ nommen, uns bald wehmüthig, bald freundlich berührte, das in volkreichen Städten zu uns erklang, wo wir ſahen, wie mitten im geſchäftigen Treiben des Straßengewühls, Leute der verſchiedenſten Stände das Haupt entblößten und die Lippen in ſtiller Andacht bewegten. Den vollſtändigen Sinn, der in dieſem Allem liegt, drückt der Schlußvers des alten lateiniſchen Kirchengeſanges»Alma Redemto- ris« aus: Jenes Ave nimm zur Stunde Aus des Engels hehrem Munde! Und der Sünder und der Armen Wolle, Jungfrau, dich erbarmen! Ich wünſche, aber ich hoffe es auch, daß dieſe kurze Schilderung in dem nichtkatholiſchen Leſer jene Unbefangen⸗ heit nicht geſtört haben könne, die ihn bisher das Poetiſche des Glockentones tief empfinden ließ. A. L. Aus der Weſt draußen. Erlebniſſe zweier auſtraliſchen Barillabrenner. Ich weiß nicht, ob in unſeren Tagen, in welchen der Süden ſo eifrig durchforſcht wird und jede ankommende Poſt von neuentdeckten Goldfeldern ſpricht, vor zwanzig Jahren durchgemachte Abenteuer noch das Intereſſe des Publikums anregen, und wenn ich gleichwohl mir erlaube, auf ein Stündchen um Aufmerkſamkeit zu bitten, ſo muß ich vorausſchicken, daß ich, obſchon ich mehrere Jahre der beſten Zeit meines Lebens in Auſtralien verbrachte, nie ein Korn Gold zu Geſicht bekam. Ueberhaupt darf der Leſer keine haarſträubende Geſchichten von entſetzlichen Gefahren erwarten, denen ich mit knapper Noth entrann, ſofern meine Abſicht blos dahin geht, wirkliche Erlebniſſe während meines ſechsmonatlichen Aufenthalts auf French Island, einer der kleinen Inſeln an der auſtraliſchen Südküſte, in einfacher Sprache, wie ſie mir eben zu Gebot ſteht, zu berichten. French Island war und iſt noch immer unbewohnt. Die Inſel hat eine ziemlich beträchtliche Ausdehnung und eine höchſt unintereſſante ſchlammige Küſte, die aber mit ſchönen Mangrovebäumen bewachſen iſt. Dieſe Bäume ge⸗ deihen nämlich am beſten im Uferſchlamme, der von der Fluth beſpült wird, und ſind ein Objekt, das in früherer Zeit den Spekulationsgeiſt mächtig anzog. Nach dieſer nicht ſehr einladenden Oertlichkeit hatte ich mich mit meinem Freunde S— in der beſcheidenen Abſicht begeben, um mit der Bereitung der Barilla, einer unreinen kohlenſauren Soda, welche damals für die Bexeitung von Glas und Seife, für die Linnenbleiche und andere induſtrielle Zwecke in ausgedehntem Maße benützt und leidlich bezahlt wurde, ein Vermögen zu erwerben. Die Arbeit dabei war einfach genug. Die Mangrove knorrigen Stamme, der in unregelmäßigen Zwiſchenräu⸗ men plumpe Zweige hinaustreibt; verbrannt liefert ihr Holz die Barilla des Handels. Oh, könnte ich mich nur noch all' der feinen Berechnungen entſinnen, mit denen ich und der arme S— einander zu überzeugen ſuchten, daß nur ein früher Tod oder das Verſinken der Inſel im Ocean uns hindern könnte, vor Ablauf vieler Jahre grundreiche Leute zu werden. Hatten wir doch eine unerſchöpfliche Menge von Rohmaterial, das in Geld umzuwandeln ein⸗ fach eine Frage der Beharrlichkeit und fleißiger Arbeit war. Der einzige Zweifel, darin, ob wir uns mit vierzig, ſechzig oder hunderttauſend Pfund von dem Geſchäft zurückziehen wollten, und wir kamen ſchließlich darin überein, daß die letztgenannte Summe ein recht achtbares Vermögen ausmache, von dem die eine Hälfte an mich, die andere an S— fallen ſollte.. Ich will nun über die Art Auskunft geben, wie wir auf die Inſel kamen. Ein Anſiedler an der Küſte des auſtraliſchen Feſtlandes, Namens J—, der eine große Viehſtation beſaß, borgte uns eines von ſeinen zwei Boo⸗ ten. Das Fahrzeug ſtand freilich in ſchlechtem Ruf, da es durch ſeine Liebhaberei, bei unzarter Behandlung das unterſte zu oberſt zu kehren, ſchon manchen Tod verſchul⸗ det hatte, und trug noch obendrein den unheimlichen Namen „Sarg“; allein es ſtand uns kein anderes Hilfsmittel zu Gebot, und wir ſegelten an einem kalten Juliabend voll Hoffnung aus der Tobinyallock⸗Bucht aus.— der uns zu ſchaffen machte, beſtand 3 iſt ein Baum von acht bis zwölf Fuß Höhe mit einem dicken⸗ Die gberwät zäude un Folgenden Kleidern, Säge, ei mer, ſet überſchri kommen zwa P Pulver Dazu Buſchn Seife u eine Na die Reſe in einer land.. wandhoi voroehe dn, w hatten dies zu beigege U res We tungen, ten. Y einem French telbarer Jederm aufgeſch und bre⸗ ſo muß weinfäͤß Der ar bis es; A uns nac liccen L verabred dn Fal ds Boc uns plö don der oland eine ſole winen I wer Ae br mi in nnliche per zu r Ge⸗ t die, nur an rch den ür we⸗ geſſen, im zu auf 1, M⸗ rrührte, ſahen, wühls, en und nndigen lußvers lemto- ſe kurze fangen⸗ oetiſche A X. angrobe dka henräu⸗ hr Holz ur noch ich und aß nur Ocean ndreiche opfliche deln ein⸗ eit war. hoitand tauſend nd wir Summe die eine ——————ʒ;——— Die Mittel, mit denen wir gegen alle Arten von Widerwärtigkeiten anzukämpfen und trotz derſelben das Ge⸗ bäude unſeres Glückes aufzuführen gedachten, beſtanden in Folgendem. Zuerſt in zwei leichten Herzen; dann in den Kleidern, die wir auf dem Leibe hatten, ſechs Aexten, einer Säge, einem Spaten, einem großen Bohrer, einem Ham⸗ mer, ſechs Feilen, einer Flaſche Branntwein(mit„Gift“ überſchrieben für den Fall, daß ſie in gewiſſenloſe Hände kommen ſollte), einem fünf Gallonen haltenden Waſſerkruge, zwei Paar Bettteppichen, einer Büchſe, einer Doppelflinte, Pulver und Blei, einer Bratpfanne und einigen Nägeln. Dazu kam, auf drei Monate berechnet, der gewöhnliche Buſchmannsproviant, Thee, Zucker, Mehl, Salzkfleiſch, Seife u. ſ. w. Zwei Hemden, ein Bruchtheil eines dritten, eine Nachtmütze, keine Socken und keine Strümpfe bildeten die Reſerve unſerer Garderobe. S=— ſchlief nämlich ſtets in einer Nachtmütze und ſagte, dies erinnere ihn an Alteng⸗ land. Beiläufig, ich muß hier auch noch ein Paar Lein⸗ wandhoſen aufführen, denen eine eigenthümliche Beſtimmung vorbehalten war; denn als unſere Vorräthe ſich verminder⸗ ten, wurden die Ratten ſo kühn, daß wir die größte Noth hatten, ſie vor ihren Angriffen zu bewahren. Wie wir dies zu Stande brachten, mag der geneigte Leſer aus der beigegebenen Skizze entnehmen.(Siehe Bild S. 28.) Unſere Literatur beſtand aus einer Bibel, Shakſpea⸗ res Werken und unterſchiedlichen Päcken alter Colonialzei⸗ tungen, deren wichtigſten Inhalt die Ankündigungen bilde⸗ ten. Mit dieſem wohlaſſortirten Cargo beluden wir an einem Wintertage unter einer Klippe des Feſtlandes, die French Island gegenüber lag, unſere Barke. In unmit⸗ telbarer Nähe davon hatte mein Freund M—(er war Jedermanns Freund, nur nicht ſein eigener) ſeine Hütte aufgeſchlagen. M— ſtand im Ruff des beſten Reiters weit und breit; wenn ich aber der Wahrheit gerecht werden will, ſo muß ich ſagen, daß er, wenn er neben einem Brannt⸗ weinfäßchen beilegen konnte, noch ſchärfer trank, als er ritt. Der arme Schelm— ſein Herz war an der rechten Stelle, bis es zu ſchlagen aufhörte. Nachdem wir unſer Boot beladen hatten, begaben wir uns nach ſeiner Hütte und fanden bei ihm den gewöhn⸗ lichen Buſchwillkomm. Wir beſprachen unſere Pläne und Feierſtunden. 1864. 274 aber die Entfernung nach dem Sandvorſprung betrug keine drei Miles, und ſo hofften wir uns bei dem zeitweiligen Nachlaſſen des Windes wohl durchſchlagen zu können, ob⸗ ſchon wir auf den gelegenen Augenblick bis zum Abend warten mußten. Wir ſtachen nun in die See und ſteuer⸗ ten unſerem Beſtimmungsorte zu. Das Boot hatte unge⸗ fähr die Mitte des Kanals erreicht, als der Wind gänzlich erſtarb und wir zu den Rudern greifen mußten. Doch bald darauf fegte wieder ein ſteifer Wind von der Seite her, und wir hatten Noth, unſere Segel einzuziehen. Kaum waren wir damit zu Stande gekommen, als wir uns auf einmal in einer ſprudelnden Waſſerfläche befanden, als ſeien wir in eine kochende Braupfanne gerathen, deren aufſpritzen⸗ der Schaum unſere Augen blendete. Unſer Boot benützte mit ſeiner gewohnten Umſchlagluſt jede Gelegenheit, das Schanddeck unterzutauchen; doch hielten wir es gut vor dem Winde, und obgleich es mehr Waſſer fing, als uns lieb war, hatten wir doch im Ganzen Urſache, mit ſeinen Leiſtungen zufrieden zu ſein. Nachdem wir etwa ſechs Miles von unſerem Kurs abgekommen waren, ließ der Wind wieder nach. Wir begannen nun zu öhſen, denn das Waſſer war bis in unſere Provianttruhen gedrungen. In wie weit dadurch unſere Lebensmittel Schaden genommen, wußten wir damals noch nicht; als es aber an den Ver⸗ brauch ging, fanden wir den bitterlichen Salzgeſchmack ſehr unangenehm, und unſer Zucker war in den hellen Syrup umgewandelt. Am Himmel kamen bald die Sterne zum Vorſchein; der Wind begann vom Feſtlande her zu wehen, und eine ſanfte, mit dem Wohlgeruch der Myrthen und Mimoſen beladene Briſe führte uns an das Ufer von French Island. Wir beſchloſſen, die erſte praktikable Mangrovenlichtung zu benützen und unverweilt an's Land zu gehen. Zum Glück war Hochwaſſer, und mit einigem behutſamem Lotſen und kräftigen Ruderſchlägen gelangten wir bald an eine hohe trockene Stelle des ſchlammigen Ufers. Nachdem wir das Boot angelegt hatten, ſammelten wir einen Haufen Flut⸗ holz und dürres Gras, und bald erhellte ein luſtiges Feuer die Landſchaft. Das ausſtrömende Licht belehrte uns übri⸗ gens, daß wir mit der Wahl unſeres Landungsplatzes nicht ſehr glücklich geweſen, denn der Grund lag ſehr niedrig, verabredeten mit unſerem Freunde einen Signalcodex. Für und aus den langen Reihen von Seegras konnten wir ent⸗ den Fall, daß uns etwas Ernſtliches zuſtieß, zum Beiſpiel das Boot unbrauchbar wurde oder verloren ging, Einer von ſer ſtand. nehmen, daß er bei einer Springflut theilweiſe unter Waſ⸗ Doch fühlten wir uns beruhigt durch den An⸗ uns plötzlich erkrankte und dergleichen, wollten wir auf dem blick eines nicht fernen Sandhügels, nach dem wir uns im von der Hütte aus ſichtbaren Sandausläufer des French Nothfalle zurückziehen konnten. Island drei Feuer anzünden; M— verſprach, daß er auf eine ſolche Aufforderung hin zu dem neun Miles entfernt wohnenden J— reiten und von ihm das andere Boot bor⸗ gen werde. Zwei Feuer ſollten ihm andeuten, daß wir Ein kleinerer Hügel in un⸗ ſerer unmittelbaren Nähe ſchien für unſere vorläufigen Be⸗ dürfniſſe wie geſchaffen zu ſein. Wir holten an Mund⸗ vorrath, was wir für den Abend brauchten, aus dem Boot, machten mit Maſt, Rudern und Segeln ein Zelt und leg⸗ Hilfe brauchten, wenn auch nicht gerade ſo dringlich, und ten uns, das ſüdliche Kreuz über unſeren Häuptern, rück⸗ mit einem Feuer konnten wir eine Einladung zu einem Beſuche an ihn ergehen laſſen, wofern er Zeit fand, ihr lings auf den Boden, um, die Pfeife im Munde, nach den Beſchwerniſſen des Tages der Ruhe zu pflegen. Oh, wie Folge zu geben. In dem unverhofft glücklichen Fall aber, ſchwungkräftig iſt das Herz in der Bruſt des Einundzwan⸗ daß ein Schiff vor unſerer Inſel anhielt und uns ein Fäß⸗ chen Branntwein abließ, ſollte ein ganzer Wald angeſteckt werden und die Flamme ihm als Aufforderung dienen, in dem nächſten beſten Fahrzeug zu uns herüber zu kommen. Nachdem wir uns im Finſtern ſeinen Branntwein hatten belieben laſſen, legten wir uns auf dem Boden der Hütte ieder, erfreuten uns eines erfriſchenden Schlafs und er⸗ vachten am andern Morgen zu dem rauhen Gruße eines ürmiſchen Tages. Die See ging nicht ſehr einladend hoch, and der Sarg war kein Freund von dergleichen Poſſen; zigjährigen, in deſſen Wörterbuch das Wort Ungemach nicht vorkommt und dem das Ausreichende mehr Genuß gewährt, als im ſpäteren Leben aller Ueberfluß. Wir mußten auch an ein Nachteſſen denken. Bald praſſelte eine Schnitte Salzfleiſch über der Flamme; ein Theetopf warf ſeine Blaſen auf, und die aus Mehl und Waſſer angerührten Lederkuchen buken in der heißen Aſche. Ich erſtattete, da ich ſchon vorher einigemal Einſicht von der Inſel genommen, meinem Freunde Bericht über die Ergebniſſe meiner früheren Unterſuchungen, und theilte ihm 4* ÿ — — — ᷣõ⁴— —————— 28 Feierſtunden. 1864. ———— rrr———ryrõ—y——r—r—·—tͤ—n——; ———; eben mit, daß es für Ratten, Musquitos, Sandfliegen und ſchlugen dann wieder unſer Zelt auf, ſchlüpften auf dem Schlangen auf der ganzen Welt kein beſſeres Klima gebe, weichen Schlammboden— heutzutage überfliegt mich ſchon als er plötzlich laut aufſchrie, auf einem Beine umherhüpfte bei dem Gedanken daran ein rheumatiſches Grieſeln— in und aus Leibeskräften das andere rieb. Ich ſah mich nach unſere Teppiche und wanderten hinüber in das Land der der vermeintlichen Schlange um, bemerkte aber zu meiner Träume. Gegen Morgen wurden wir durch ein Schlagen großen Beruhigung nur eine Anzahl großer rother Ameiſen, auf dem Waſſer, wie von Rudern, geweckt. Ein Schwarm in den Colonien„Soldaten“ genannt, die, augenſcheinlich ſchwarzer Schwäne, an die fünfhundert ſtark, ſtieg von der nicht in der beſten Abſicht, hurtig an ſeinen Beinkleidern Bai auf und flog, ihr klägliches Geſchrei ausſtoßend, mit hinauf marſchirten. Kein Wunder, denn der Hügel, auf geſtreckten Hälſen über unſeren Köpfen weg. Dieſer dem wir uns niedergelaſſen, war nichts anderes als eine Schwan heißt in der Sprache der Eingeborenen von ſeinem ungeheure Ameiſenkaſerne, aus der jetzt die Regulären und Ruf„Cournawarre“, wie aus dem gleichen Grunde die die Freiwilligen zu Myriaden hervorbrachen. S— gewann Krähe„Wang“, der Leierſchwanz(Mänura superba) ſeinen Gleichmuth bald wieder; aber nun fand ich, daß auch„Bullen⸗bullen“, und ein anderer Vogel, das Moorſchwein, ich nicht unbeachtet geblieben war. Der Stich dieſer Beſtien„Uwöck⸗uwöck“ genannt wird. Mit dem Anbruch des Ta⸗ war etwa, wie wenn eine rothglühende Nadel in die Haut ges wollten die Flüge der Schwäne, der Enten, der Peli⸗ cane und der Kraniche, die Alle auf die Bai abhoben, kein Ende nehmen. Wir lie⸗ ßen ſie ungeſtört ziehen, da unſer Pulver und Blei uns ſo werthvoll wie Gold und Silber war. Und nun hörten wir aus dem nahen Gummi⸗ baumwalde das erſte Gackern eines Vogels, den man bis⸗ weilen als„Anſiedleruhr“, noch paſſender aber als den „Lacheſel“ bezeichnet; er hat den Vorzug, daß er ſeine Aufmerkſamkeit hauptſächlich den Schlangen zuwendet, und iſt bei den Leuten im Buſch ſehr beliebt, einmal wegen ſeiner Liebhaberei gegen un⸗ er ſo pünktlich ſeine Zeiten einhält und ſchließlich viel⸗ leicht um ſeines lachluſtigen Humors willen. Mit dem Aufdämmern des Lichtes konnten wir auf den kahlen, ſtrackeligen Zweigen der uns —— zunächſt ſtehenden Gummi⸗ (Zu Seite 27.) bäume mehrere ungeſchlacht ausſehende Vogelgeſtalten mit eingeſtoßen wird, und bereitete für den Augenblick einen Schnäbeln unterſcheiden, die in gar keinem Verhältniß zu heftigen Schmerz, der jedoch zum Glück nicht lange an⸗ dem übrigen Leibe ſtanden. Der Reihe nach ſtreckten ſie hielt und nur ſelten üble Folgen nach ſich zieht. Doch abwechſelnd gemächlich Beine und Flügel, und ein Ton eine Million oder ſo gegen zwei war eine zu gewaltige wie ein unterdrücktes Lachen ſchlug uns an's Ohr, in kur⸗ Ueberzahl; wir hielten es daher für räthlich, uns auf die zen Zwiſchenräumen ſich wiederholend, gerade ſo, als mache Seite des beſſeren Theils der Tapferkeit zu ſchlagen und ſich eine Parthie alter Herren beim Glaſe Wein über einen Reißaus zu nehmen. Wir zündeten anderswo ein Feuer körnigen Spaß luſtig. Gelegentlich brach einer, der die ihm an, tödteten ein paar Dutzend Ameiſen, die noch immer inwohnende Heiterkeit nicht länger unterdrücken konnte, in hartnäckig an unſeren Kleidern hafteten, und formirten uns, ein ſeitenerſchütterndes Gelächter aus, von dem rings herum nachdem wir dem Feinde Zeit gelaſſen, in ſeine Quartiere der Wald wiederdröhnte. Andere alte Herren, die großen⸗ zurückzukehren, zu einer Fouragirparthie, welche wieder vor⸗ theils am Aſthma litten, ſchienen plötzlich den Witz zu be⸗ rückte, ſich der verſchiedenen⸗ Delikateſſen, aus der unſer greifen und fielen im Chor ein. So wurde die Luſtigkeir Nachteſſen beſtand, bemächtigte und dann in guter Ordnung immer lauter und wüthender, bis endlich wir ſelbſt auch auf's Neue den Rückzug antrat. Ein zweiter Anlauf brachte mitmachen mußten. Ob das Einſtimmen von Fremden miß⸗ uns in den Beſitz unſeres Zeltes, obſchon die herausgeriſ- fällig aufgenommen oder der Führer der Verſammlung von ſenen Ruder und der Maſt eine bedeutende Breſche in die einem apoplectiſchen Anfall betroffen wurde, konnten wir gegneriſche Citadelle machten. nicht klar ermitteln; genug, das fröhliche Concert nahm Das Nachteſſen nahm uns nicht viel Zeit weg. Wir plötzlich ein Ende und machte einer tiefen Stille Platz. befußte Reptilien, dann weil — In eonne ſta nel. Wi ſodann an Hütte auf denn auße ſchwamm wärts zu von dem ſerem 2 der Bai tam in es hatte finden u hierauf Stelle 1 Lappen, Baume! ten nach um holen. einige: Plattkt durch d tragen ſere W gegen m ſchützt w Brunnen dafür, Schritte gazin ee als ſand ſchon in Fuß Wo es war hatte ebe ten noch audgehoh lſtiger lachs a dog und inem S en wurd Triebſan verv ol lih m — — auf dem ch ſchon 1 in and der chlagen chwarm von der nd, mit Dieſer ſeinem unde die uperba) eſchwein, des Ta⸗ er Peli⸗ che, die abhoben, Wir lie⸗ jeit, do A vns dold und ten wir Gummi⸗ Gackern an bis er ſeine l wegen gen un⸗ ann weil e Zeiten ich viel⸗ hluſtigen Mit dem Lichtes kahlen, der uns Hummi⸗ ſſchlacht lten mit ttniß z cten ſie in Ton in kur⸗ 3 mache er einen die ihm mte, in s herum großen⸗ zur be⸗ iſtigkeit ſt auch en miß⸗ ung von ten wir nahm. latz⸗ 1 ——— Inzwiſchen war es völlig Morgen geworden, und die Sonne ſtand in reinſter Pracht an einem wolkenloſen Him⸗ mel. Wir nahmen unſer Frühſtück ein und ſchickten uns ſodann an, einen paſſenden Platz für die Errichtung einer Hütte aufzuſuchen. Nach einem ermüdenden Geſtampf— denn außer dem Bereich des Schlamms war der Boden ſo ſchwammig, daß es uns ſehr ſchwer wurde, darauf vor⸗ wärts zu kommen— gelangten wir, ungefähr vier Miles von dem Sandvorſprung entfernt, an eine Stelle, die un⸗ ſerem Zwecke entſprach. Der Wald ſtieg hier weiter nach der Bai nieder, als anderwärts, und auch der Theeſtrauch kam in reichlicherer Menge vor; was indeß noch wichtiger, es hatte ganz den Anſchein, als ob wir hier Süßwaſſer finden würden, ohne allzu tief graben zu müſſen. Da wir hierauf zuerſt abheben mußten, ſo bezeichneten wir die Stelle mit einem weißen Lappen, den wir an einem Baume befeſtigten, und kehr⸗ ten nach dem Boot zurück, um es gleichfalls herbei zu holen. Unterwegs fingen wir einige Fiſche, Schnapper und Plattköpfe, wurden glücklich durch die Flut an's Land ge⸗ tragen und hatten bald un⸗ ſere Werthgegenſtände nach der Bauſtelle geſchafft. Nach⸗ dem unſere Habſeligkeiten gegen mögliche Unfälle ge⸗ ſchützt waren, ging es an's Brunnengraben. Der Platz dafür, ungefähr vierhundert Schritte von unſerem Ma⸗ gazin entfernt, erwies ſich als ſandiger Grund, welcher— ſchon in einer Tiefe von ſechs= Fuß Waſſer gab. Hurrah!— es war ſüß und gut. Ich hatte eben mit meinem Spa⸗ ten noch einen Fuß weiter ausgehoben, als ſich hinter⸗ liſtiger Weiſe der Boden des Lochs allmählig zuſammen— zog und meine Beine wie von einem Schraubſtock feſtgehal⸗ ten wurden. Ich war in den Triebſand gekommen und ſtak ſo feſt, daß ich mir unmög— lich ohne Beiſtand wieder heraushelfen konnte. S— fand einige Minuten vor Lachen keine Zeit, mir Handreichung zu thun, und als ich endlich unter ſeiner Mitwirkung mit vieler Mühe wieder auf feſten Boden gelangte, war mein einziges Paar Stiefel zurückgeblieben. Am anderen Tage gelang es uns, dieſen Verluſt wieder zu erobern, und wir vervollſtändigten unſeren Brunnen, der uns vorläufig reich⸗ lich mit Waſſer zu verſorgen verſprach. Allerdingssſtan⸗ den wir in der Regenzeit, und Sommers konnten wir wohl in Noth kommen; aber im Buſch iſt man nicht geneigt, ſich wegen der Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Hatten wir doch für den Augenblick mehr als genug; wir dankten Gott für dies und hofften, er werde uns auch ſpäter das Nöthige finden laſſen. Ddie Erbauung der Hütte, die wir zu fünfzehn Fuß Länge und zwölf Fuß Tiefe abſteckten, nahm uns mehrere Wochen in Anſpruch. Das Rahmenwerk machte uns am —— meiſten zu ſchaffen; ſobald aber dieſes einmal ſtand, füll⸗ ten wir die Zwiſchenräume mit Reiſiggeflecht aus und ver⸗ mörtelten innen und außen mit Schlamm. Junge Hände ſind in der letzteren Beziehung nicht ekel, und man erhält auf dieſe Weiſe eine waſſerdichte Wohnung, wie man ihrer eine Menge in den Colonien findet. Die Rinden von einem Dutzend abgeſtreifter weißer Gummibäume, durch tüchtige Holzblöcke beſchwert, bildeten ein vortreffliches Dach. Unſer Haus war fertig; doch muß man nicht glauben, daß es vier geſchloſſene Seiten hatte. Wir hielten es näm⸗ lich für räthlich, die vierte Wand ganz wegzulaſſen. Aus welchem näher liegenden Grunde dies geſchah, weiß ich nicht mehr; doch bin ich geneigt, zu glauben, daß das Haupt⸗ motiv in dem brennenden Verlangen lag, in der Realiſi⸗ rung der in Ausſicht genommenen hunderttauſend Pfund (Zu Seite.30) keine weitere Zeit zu verlieren. Das Haus ſollte ja nur uns dienen, und wenn es ſich auch blos dreier Wände rüh⸗ men konnte, ſo hatten wir doch in der einen ein hölzernes Fenſter und in der anderen eine aus Flechtwerk beſtehende Thür— beide ſogar verſchließbar, obſchon ſich auf ſech⸗ zig Miles von uns nirgends eine Angel oder Hinge hätte finden laſſen. Um die Thür feſt zu machen mußten wir zu zwei gewöhnlichen Wichſeflaſchen unſere Zuflucht nehmen, von denen wir die eine mit dem Halſe abwärts in den Boden eingruben, die andere mit dem Halſe aufwärts in dem Ouerbalken über der Thüre befeſtigten. In die Ver⸗ tiefungen der beiden Flaſchenboden fügten wir nun die Eck⸗ zapfen der geflochtenen Thür ein, und die neue Einrichtung entſprach ihrem Zwecke vortrefflich. Wie ſehr bewährte ſich hier das älte Sprüchwort, daß die Noth die Mutter der Erfindungen iſt. Wie oft probirten wir unſere ſinnreiche Vorkehrung, und doch hätten, was das Auf⸗ und Zugehen betrifft, Fen⸗ 30 Feierſtunden. 1864. ——————— ſter und Thür ganz fehlen können, da die offene vierte ich wieder nach der Hütte zurückkehrte, ſah ich S— mit Seite ſowohl uns, als dem Licht und der Luft ausreichen⸗ einem ſchönen Vogel über der Schulter einherkommen. den Zutritt geſtattete. Aber was würde, redeten wir uns„Lang lebe der König!“ rief ich.„S— für immer!“ ein, die Geſellſchaft von unſerem Hauſe gedacht haben,„Nicht für immer, nur für einen Monat,“ ver⸗ wenn es ihm an Thür und Thor gebrach? ſetzte er. G Der geſetzliche Grundſatz, daß eines Engländers Haus Er ſäumte nicht lange, ſeinen erſten Befehl zu erlaſ⸗ ſein Schloß ſei, gilt in Auſtralien ſo gut wie in der alten ſen, der mich das Mittageſſen zu bereiten anwies, indem Heimath; doch könnte ſich die Frage aufwerfen, was in er dabei zu verfügen geruhte, daß ich dem Schwane den unſerer armen Hütte wohl geeignet geweſen ſein dürfte, die Hals hart am Körper und die Beine an den Sprunggelen⸗ Habgier eines Andern zu reizen. Freilich muß der Werth ken abſchneiden, ſonſt aber den Vogel in puris naturali- von Allem nach den Umſtänden bemeſſen werden, und ein bus laſſen ſollte. Ich umgab ſodann das Thier mit einem Paar Bettteppiche, eine Doppelflinte, ein Pfund Thee oder Lehmmantel und ſteckte es in die glimmenden Kohlen. Nach Tabak vermochten einem einſamen armen Schelme im anderthalb Stunden nahm ich es wieder heraus, und klopfte Buſch oder einer Bootsmannſchaft dieſelbe Verlockung zu die Hülle ab, an welcher die Federn und der Flaum hän⸗ bieten, wie in kultivirten Landen eine Silbertruhe. Auch gen blieben, ſo daß wir einen appetitlichen, vollkommen wurde unſere Hütte während unſerer Abweſenheit mehr als gar gekochten Braten erhielten. Nachdem die weiteren nöthi⸗ einmal beſucht; denn als bekannt wurde, daß wir friſches gen Operationen beſchickt waren, zierte unſeren Tiſch oder Waſſer hatten, legten zuweilen Boote an, um ſich damit vielmehr die Baumrinde, die uns dafür dienen mußte, ein zu verſehen, obſchon wir bei ſolchen Gelegenheiten nie mehr königliches Mahl. Der Vogel allein würde uns, lebend vermißten, als durch den guten alten Buſchbrauch gerecht- auf den Londoner Markt gebracht, zehn bis fünfzehn Pfund fertigt wird. Lüſteten die Ankömmlinge nach einem Napf eingetragen haben.. 3.. Thee, ſo bedienten ſie ſich aus unſerem Vorrathe, und es Von dieſem Tage an hielten wir, wer auch im Beſitz war ihnen von Herzen gegönnt, da wir es unter ähnlichen der Macht ſein mochte, treu und loyal zuſammen. Wir Umſtänden nicht anders gemacht hätten. Die Gaſtlichkeit trieben es ſo ungefähr fünf Monate, und obgleich Jeder des auſtraliſchen Buſchlebens iſt mir ſtets eine theure Er⸗ die ſchwachen Seiten des Andern kannte, ſo vermieden wir innerung. Man fühlt da ſeine Abhängigkeit, und die erſte es doch klüglich, ſie rauh anzufaſſen, weßhalb wir denn Frage an einen Fremden lautet nicht:„Wer biſt du?“ auch im beſten Frieden mit einander auskamen. Nach dem ſondern„Brauchſt du etwas?“ oder„Was kann ich für bereits Mitgetheilten wird es den Leſer nicht befremden, dich thun?“ wenn er hört, daß wir den Sonntag in unſerer eigenen Um in meiner Geſchichte fortzufahren— mag ſich nun eine Armee von 20,000 Mann oder mögen ſich auch nur ein paar Perſonen auf Abenteuerfahrten einlaſſen, ſo iſt der Erfolg nicht wahrſcheinlich, ja kaum möglich ohne einen anerkannten Führer, deſſen Pläne ſchnell und bereit⸗ willig ausgeführt werden müſſen. Weſſen Name ſollte nun in unſerem Falle voranſtehen? Allerdings hatte ich vom Buſchleben ſchon mehr geſehen, als S—, wie ich denn auch die Inſel und die Bai beſſer kannte; aber natürlich war er nicht geneigt, ſtets meinen Anſichten beizupflichten. So beſprachen wir dann an einem Sonntag Morgen bei unſeren Pfeifen ruhig die Sache mit einander und vereinig⸗ ten uns dahin, daß wir im Kommando monatlich abwech⸗ ſeln wollten. Dann erhob ſich die Frage, wer den Anfang machen ſollte. Geld aufwerfen konnten wir nicht, weil Keiner von uns ein Stück Münze in der Taſche hatte; aber da wir eben friſches Fleiſch brauchten, ſo beſchloſſen wir, daß derjenige, welcher zuerſt einen ſchwarzen Schwan erlegte, die Souveränität über die Inſel führen, der Andere aber als gehorſamer Unterthan treu und gewärtig ſein ſollte. Dann zogen wir Halme um die verſchiedenen Gewehre. Die Doppelflinte fiel S— zu. „Bevor wir ausziehen,“ ſagte ich,„müſſen wir uns wechſelſeitig vollkommen verſtändigen. Wer auch gewinnen mag, der Andere darf nicht murren, ſondern ſoll ſich Mühe geben, Herz und Kraft der gemeinſamen Sache zuzuwenden.“ Wir gaben uns die Hand darauf und traten in ver⸗ ſchiedenen Richtungen unſern Jagdgang an. Wir hatten uns noch nicht lange getrennt, als ich einen Schuß und unmittelbar darauf den im auſtraliſchen Buſch eigenthüm⸗ lichen Ruf„Ku⸗y“ hörte. In demſelben Augenblick ſah unorthodoxen Weiſe hielten. Es war der Tag, an welchem wir unſer Brennmaterial ſammelten oder für Beiſchaffung friſchen Fleiſches Sorge trugen. Auch wurden alle Beſchä⸗ digungen der abgelaufenen Woche ausgebeſſert, Knöpfe an⸗ genäht oder an ihrer Statt Speiler eingeſetzt, Kleider ge⸗ flickt und gewaſchen u. ſ. w. Waren dieſe kleinen Geſchäfte abgethan, ſo pflegten wir eine Bergkette, vier Miles wei⸗ ter innen zu beſuchen, um dort den Reſt des Tages zu verbringen. Lehrt uns ja der Dichter, daß die zur An⸗ dacht geſtimmte Seele in jedem Baume, der ſein lebendiges Dach über unſere Häupter ausbreitet, einen Tempel findet. Wir erfreuten uns dabei des großen Vortheils, daß wir in unſeren Betrachtungen nie durch das Getümmel unmuſika⸗ liſcher Glocken geſtört wurden. Die Zeit war nun gekommen, mit dem Mangrove⸗ brennen unſern erſten Verſuch zu machen. Wir hatten zu dieſem Ende eine Thontenne von zwölf Fuß im Geviert angelegt, die in der Sonne hart gebacken und nun gang geeignet war, die Holzlaſt aufzunehmen. zu gewinnen, mußten wir bisweilen faſt knietief im Schlamm arbeiten, und ihr Transport nach der Brennſtätte erwies ſich als eine nicht minder prüfende Aufgabe. Die Man⸗ grovewurzel iſt mit einer Reihe ſtarker, ſpitziger Schoſſe verſehen, die in unregelmäßigen Abſtänden von drei bis ſechs Zoll auslaufen und einen oder zwei Zoll weit über m Schlamm hervorſtehen. elt bei dieſer Arbeit nicht lange Stand, ich ſtellte ſie da⸗ her bei Seite und machte, ſo gut es ging, in meinem Ge⸗ ſchäfte barfuß weiter.(Siehe Bild S. 29.) Die Stämme, welche wir auf dem Rücken an's Land ſchleppen mußten, waren ſo dicht mit kleinen Muſcheln beſetzt, daß ihre Ober⸗ fläche einer Feile glich. Unſere Schultern und Hände wur⸗ Um die Blöcke Mein einziges Paar Stiefel. ich ſieben oder acht Schwäne über meinen Kopf wegfliegen. den davon bald ſo wund gerieben, daß ich mir eine Vor⸗ Ich feuerte unter ſie, erzielte aber keine andere Wirkung, ſtellung von der Qual machen konnte, welche die unglück⸗ als das Wackeln von einem oder zwei Schwänzen. Als lichen Opfer auszuſtehen hatten, wenn ſie von den Karaiben nitluſte wurch ge feilen zu In unſerem als Badd es mit ſ und das zugängli ganz. ten und veſand, fanden ſcharf o danke an keinen A vir nach in eine Un wurde ſich we dreißig das fi Inzwi fortbetr⸗ ten, un handen. ſo ſtill, fen, und und bald her, daß Nachts; daß wir die uns Menſch de D gebrannt heit bring Wind bli ten, daß Probe ge furchtbare mnbrechen Vnen M lige, dlsartike acht ei inuſtrie düüſtück u 2 A ten u erna war jn O fer Un onnen —q d— mit nen. mmer!“ ℳ „ ver⸗ u erlaſ⸗ indem ane den nggelen⸗ turali- in ovem n. Nach dklopfte m hän⸗ kommen nöthi⸗ ſch oder ßte, ein lebend fund m Beſitz n. Wir h Jeder den wir r denn ach dem remden, eigenen welchem aftn rch⸗ ppfe an⸗ ider ge⸗ Heſchäfte les wei⸗ ages zu ur An⸗ bendiges findet. wir in muſika⸗ ngrove⸗ atten zu Geviert un gand Blöcke hlamm erwies Feierſtun mit Auſterſchaalen todt geſcheuert wurden. Wir ſahen uns dadurch genöthigt, zeitweilig auszuſetzen und unſere Wunden heilen zu laſſen. In einer ſolchen Ferienzeit gruben wir unfern von unſerem Brunnen ein paar Löcher in den Sand, die uns als Badwannen dienen konnten; denn unſere Arbeit brachte es mit ſich, daß wir ſtets von Schmutz überzogen waren, und das Salzwaſſer, das uns nur zur Zeit der Hochflut zugänglich wurde, entſprach dem Zwecke der Reinigung nicht ganz. Nachdem wir dieſe Sanitätsmaßregel getroffen hat⸗ ten und unſere Haut ſich wieder in leidlich gutem Zuſtande befand, ging es auf's Neue an unſere Marterarbeit. Wir fanden zwar die Spitzen ſo hart und die Muſcheln ſo ſcharf als je, machten aber doch beharrlich fort. Ein Ge⸗ danke an die Möglichkeit eines Fehlſchlagens war uns noch keinen Augenblick in den Sinn gekommen; doch begannen wir nachgerade zu denken, daß 100,000 Pfund eine große, ja eine ſehr große Summe ſei. Unſer Holzſtoß ſtieg höher und höher, und die Arbeit wurde um ſo beſchwerlicher, je mehr unſere Kraft dafür ſich minderte; doch hatten wir nach Ablauf eines Monats dreißig oder vierzig Tonnen treffliches Material aufgehäuft, das für den Brand nur noch auf ſchön Wetter harrte. Inzwiſchen wurde die Legung eines zweiten Haufens eifrig fortbetrieben. Die Wolken begannen allmählig ſich zu lich⸗ ten, und es war alle Ausſicht auf eine trockene Woche vor⸗ handen. An einem lieblichen Nachmittag— die Luft war ſo ſtill, daß ſich kein Laub rührte— beſtieg ich den Hau⸗ fen, und S und bald qualmte ein ſo blendender, weißer Rauch um mich her, daß ich eiligſt wieder herunter kletterte. Als wir uns Nachts zur Ruhe begaben, wünſchten wir einander Glück, daß wir einmal auf der erſten Stufe der Leiter ſtanden, die uns zum Reichthum führen ſollte. Aber leider— der Menſch denkt, Gott lenkt. Der dritte Abend kam. Unſer Feuer war nahezu aus— gebrannt; noch ein Tag, und wir konnten Alles in Sicher⸗ heit bringen. Da ſammelten ſich Wolken im Oſten, der Wind blies in heftigen Stößen, und wir begannen zu fürch— ten, daß unſere Geduld noch manchmal auf eine ſchwere Probe geſetzt werden dürfte. Um Mitteenacht brach ein furchtbares Gewitter über unſere Inſel herein, und mit dem anbrechenden Tage ſahen wir das ganze Werk des vergan⸗ genen Monats vernichtet, indem unſere Barilla in eine ſulzige, werthlofe Maſſe umgewandelt war. Dieſer Han⸗ delsartikel hat nämlich die Eigenſchaft, Feuchtigkeit mit Macht einzuſaugen, und iſt nach völliger Durchnäſſung für aiinduſtrielle Zwecke unbrauchbar. Das war ein trauriges Frühſtück an jenem Morgen. Allein was half alles Grä⸗ men? So machten wir zum ſchlimmen Spiele gute Miene und beſchloſſen, wieder friſch anzufangen. Solche Kleinigkei⸗ ten durften uns nicht muthlos machen, wo es galt, uns ein Vermögen zu erkämpfen. Fehlſchlagen? Unſinn— dies war ja nicht möglich. b Obgleich unſere Mühe verloren war, diente uns die⸗ ſer Unfall doch zur Lehre; denn ſtatt Stöße von vierzig Tonnen aufzubauen, fertigten wir jetzt viel kleinere an und ———; zündete ihn an; wir erhoben Hurrahrufe, den. 1 864. 31 ———;——; erzielten daraus eine verkäufliche Waare im Werth von vielleicht zwanzig Pfunden. Doch einmal ein Anlauf zu den 100,000. Am Ende des dritten Monats hatten wir einen Werth von etwa fünfzig Pfunden Barilla aufgelagert; aber unſere Lebensmittel waren beunruhigend knapp zuſammen gegangen. Alle Vierteljahre pflegte ein kleiner Handelskutter durch die Bay zu kommen, der die Anſiedler mit ihren Bedürfniſſen verſah; aber er hätte ſich ſchon blicken laſſen ſollen, und wir lugten deßhalb ängſtlich nach ihm aus. Als unſer Thee auf ein Pfund, unſer Mehl auf zwei und der übrige Mundvorrath in demſelben Verhältniß zuſammengeſchmol⸗ zen war, hielten wir es für hohe Zeit, anders woher das Nöthige beizuſchaffen und zu dieſem Ende den Sarg von Stapel zu laſſen, damit Einer von uns in J—'s Station Viktualien borge, die nach der Ankunft des Kutters wieder heim gegeben werden konnten. Das Loos wies S— die⸗ ſen Ausflug zu. Unſere Garderobe befand ſich nachgerade in einem ſehr kläglichen Zuſtande. S— hatte ſich aus einem alten grü⸗ nen Shawl eine Art Blouſe angefertigt, da ſeine urſprüng— liche Flanelljacke längſt in Fetzen gegangen war. Seine Beinkleider— nun, davon iſt nicht viel zu ſagen, nur etwa, daß ein bischen mehr von ihnen vorhanden war, als von den meinigen, die bereits durch ein Stück aus meinem Bettteppich hatten ergänzt werden müſſen. Dagegen ließ ſich gegen meine Jacke nichts einwenden. Die Taſchen be⸗ fanden ſich allerdings in einem ſehr vermürbten und durch⸗ löcherten Zuſtande; doch mit dieſer alleinigen Ausnahme war ſie ein Kleidungsſtück, das in einer dunklen Nacht ein Gentleman wohl tragen konnte, ohne viel Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Am ſchwächſten verhielt ſich die Be⸗ ſchaffenheit unſeres Stiefelwerks; einer von den meinigen beſtand faſt geradezu aus zwei Stücken, während einer von S— noch nothdürftig durch rohe Hautſtreifen zuſammen⸗ gehalten wurde. Zwar ließen ſich aus beiden Paaren noch ein leidlich geſundes zuſammenbringen, aber unglücklicher Weiſe waren es zwei linke. Das Ende von der Sache lief darauf hinaus, daß ich S— mit meiner patenten Jacke und meinem ſogenannten guten Stiefel auftakelte und da⸗ für ſeine grüne Blouſe und die ſohlenloſe Fußbekleidung entgegennahm. Nach drei Tagen erwartete ich ihn ſpäte⸗ ſtens wieder zurück, und im Nothfall konnte mich der Mehl⸗ vorrath auch noch etwas länger vor dem Hungerſterben be⸗ wahren. Es beſchlich mich eine eigenthümliche Empfindung, als ich meinen einzigen Gefährten das Boot durch die Mangroven hinauslootſen ſah. Wie Wenige haben dieſes Gefühl von völliger Einſamkeit wirklich erfahren! Einzel⸗ haft in einer Gefangenenzelle iſt nicht das Nämliche, denn der Eingeſperrte weiß, daß er von Zeit zu Zeit beſucht wird. Er vernimmt die Laute menſchlichen Gewerbsfleißes, vielleicht den Lärm ſpielender Kinder um ſich her, hört die Glocken läuten, die Uhren ſchlagen, und alles dies ſagt ihm, daß er nicht völlig allein iſt. Aber buchſtäblich abgeſchnit⸗ ten ſein vom ganzen menſchlichen Geſchlecht— ein ſchreck⸗ licher Gedanke, und ich hatte Noth, mich derſelben zu ent⸗ ſchlagen. (Fortſetzung folgt auf S. 35.) ———ꝭ—᷑—ᷣ—᷑—ꝭ—ᷣ—ᷣ—ÿ—ʒ—ÿ—ʒ—ʒ—ʒQQO—⁊-——— ——y— Aᷣl ———— 32 — Feierſtunden. 1864. ——§::—B::——õ—:—————— Die Bewohner Norwegens. Die Bewohner Norwegens, jetzt nahe an 1 ½ Mil⸗ lionen Seelen, zerfallen nach ihrer Abſtammung in eigent⸗ liche Norweger oder Normannen, in finniſche An⸗ ſiedler, Kwänen oder Kajanen, und in Lappen, hier Finnar genannt, die ſich ſelbſt aber als Sami oder Sahmelads bezeichnen. Die beiden letzten Stämme, die Kwänen und Lappen, bewohnen den hohen Norden des Lan⸗ des und umfaſſen zuſammen kaum 25,000 Seelen. Das Gros der Nation, die Norweger oder Nor⸗ mannen, ſind mit den Dänen und Schweden gleichen Stammes und gehören der germaniſchen Raſſe an. Sie ſind von mittlerer Größe, von kräftigem Körperbau, haben ein langes, volles und ernſtes Geſicht, und vorwiegend blaue Augen und blondes Haar; von Charakter ſind ſie offen, beſonnen, ſogar zögernd, nachdenklich, entſchloſſen, kühn, 2 2—— 7 AE ASe 4. ——— Bürger aus Stavanger(Norwegen). wegen ſelbſt iſt es nur noch in drei Dialekten, einem ſüd⸗ lichen, weſtlichen und nördlichen vorhanden. Die Schrift— ſprache iſt durchaus däniſch.— Die Maſſe der Bevölkerung bilden die Landleute, die in eigentliche Bauern und in Hausleute zerfallen. Die erſteren ſind Beſitzer von Grundeigenthum, und zwar entweder Odalbauern, d. h. Eigenthümer ohne Entrichtung von Grundgeld, oder Jord⸗ rotten, d. h. Zinspflichtige; die letzteren entweder Lei⸗ ländige, Pächter gegen eine gewiſſe Abgabe, oder Lod⸗ beugare, Landbauern, die einen Theil des Ertrags an die Grundbeſitzer abliefern; oder endlich Pladſemänd, die zu Abgaben und Frohndienſten beim Säen und Ernten verpflichtet ſind. Der däniſche Adel, der ſich im Laufe der Zeit in Norwegen eingebürgert hatte, iſt gegenwärtig abge⸗ ſchafft. Norwegen, früher ein ſelbſtſtändiges Reich, und Jahrhunderte hindurch(von 1387 an) däniſche Provinz, ſehrlich, dienſtfertig und bieder. Ihre Nationaltugenden ſind: große Vaterlandsliebe, Achtung vor den Geſetzen, Gaſtfreiheit, ächte Religioſität, ernſte und tiefe Empfindung. Neigung zum Seeleben iſt bei ihnen vorherrſchend, und die norwegiſchen Matroſen ſind überall geſucht und geſchätzt. Geſunder Verſtand und im Allgemeinen größere Aufklärung und Bildung, als man ſelbſt bei den civiliſirteſten Natio⸗ nen zu finden pflegt, Freimüthigkeit und Höflichkeit, ſowie Schlauheit im Handel, zeichnen den Norweger ebenſo aus, wie ein oft eigenſinniges, unbedingtes Feſthalten am Her⸗ gebrachten ihm ein eigenthümliches Gepräge geben.— Das Däniſche iſt das Hauptidiom ihrer Sprache. Das dem Däniſchen nahe verwandte Norwegiſche iſt von jenem ver⸗ drängt und zu einem Volksdialekt herabgeſetzt. Das alte Norwegiſche ſpricht man nur noch auf Island, in Nor⸗ (Frauen aus Stavanger(Norwegen). wurde vom König von Dänemark durch den Kieler Frie⸗ densvertrag vom 14. Jan. 1814 an Schweden abgetreten. Die Norweger, weit entfernt, ſich auf ſolche Weiſe poli⸗ tiſch verhandeln zu laſſen, ſetzten ſich zur Wehr, und gaben ſich am 17. Mai 1814 zu Eidsvold eine freie Verfaſſung. Nach einigen Kämpfen mit den ſchwediſchen Truppen kam es zu einem Vertrage mit dem ſchwediſchen Kronprinzen, deſſen Hauptergebniß die modifizirte Verfaſſung vom 4. Nov. 1814 iſt, nach welcher Norwegen ein freies, ſelbſtſtändiges, untheilbares und unabhängiges Reich bildet, und zu Schwe⸗ den in keiner weiteren ſpeziellen ſtaatsrechtlichen Beziehung ſteht, als daß es denſelben König hat. Seit jener Zeit exiſtirt in Norwegen kein privilegirter Stand; alle Nor⸗ weger genießen eine vollkommene Gleichheit vor dem Geſetze; der Adel exiſtirt verfaſſungsmäßig nicht mehr; Majorate, Fideikomiſſe haben aufgehört; man unterſcheidet nur noch — geblldete, gl, und ji ſogene und um reblichen kein Bau Vorname „ſon“(d man zu Storthiu Beſchr läſſig; genden eſetzen, dung. nd die chätzt. ürung Natio⸗ ſowe d aus, 1 Her⸗ Das s dem t ber⸗ alte Nor⸗ F rie⸗ treten. 1 poli⸗ b gaben aſſung. en kam prinzen, 1 Nor indihes/ Gebildete, welche eine Stellung haben, wie anderwärts der Adel, und Ungebildete. Den erſteren nähern ſich jetzt auch die ſogenannten„weißen Bauern“ mit einigem Vermögen, und um dieſer Klaſſe anzugehören, nehmen ſie auch einen erblichen Familiennamen an, welchen ſonſt in Norwegen kein Bauer trägt, ſondern ſich wie in Schweden nach dem Vornamen ſeines Vaters nennt und dieſem das Wörtchen „ſon“(die Tochter„datter“) anhängt. In der Regel wählt man zu Familiennamen den Namen des Grundſtücks. Das Storthing ſchaffte 1839 auch die Zünfte ab, und erklärte Beſchränkungen der Gewerbsfreiheit auf immer für unzu⸗ läſſig; die Norweger genießen daher jetzt mehr politiſche Feierſtunden. 1864. 33 Freiheit, als die Bewohner irgend eines anderen europäi⸗ ſchen Staates. Der Typus der Bewohner Norwegens, ſagt Klöden in ſeiner Skizzirung des norwegiſchen Volks, iſt in ver⸗ ſchiedenen Landestheilen doch ein ſehr verſchiedener: die in Voß(im Stift Bergen) haben hohen Wuchs und Adler⸗ naſen, dagegen die im benachbarten Sogn niedrigen Wuchs, ſtarke Glieder, leichte geſchmeidige Bewegungen; die Män⸗ ner zu Tinn in Tellemarken gehören zu den ſchönſten im Lande, die Weiber aber ſind ſelten hübſch, und kein Diſtrikt hat durchgehends ſchönere Weiber, als der von Röraas, wo dagegen ein hübſcher Mann ſelten iſt. Die Geſchmeidigkeit — (Trachten am Hardangerfjord in Norwegen. der Thal⸗ und Alpenbewohner, welche ſich beſonders in ihren nicht anmuthigen Tänzen zeigt, iſt bewundernswerth. — Der Sonntag wird überall geheiligt. Die Kirche iſt lutheriſch; der Ritus hat, abweichend von dem in Deutſch— land, viel Ceremonielles, die Geiſtlichen celebriren in rei— cher Kleidung und leſen Meſſe, aber es iſt nichts von katholiſchem Geiſte darin. In den elendeſten Hütten findet man Geſangbuch, Bibel und Gebetbücher.— Manneswort gilt überall in Norwegen; ein abgeſchloſſener Handel wird ſtets durch ein Kjöbkaal(einen Kaufbecher, eine gemein⸗ ſchaftlich getrunkene Flaſche Branntwein) beſtätigt. Fami⸗ lienfeſte werden mit Pomp mehrere Tage gefeiert, und eine Braut trägt am Hochzeittage eine ſilberne Krone.— Die Häuſer, ſelbſt in den Städten, ſind größtentheils aus Holz gebaut, aus auf einander gelegten Stämmen, und die Fugen ſind mit feinem Moos ausgefüllt; zum Theil ſind Feierſtunden. 1864. ſie auch außen mit Brettern verkleidet, innen getäfelt. Nur in Chriſtiania iſt der Holzbau verboten, und die neuen Häuſer ſind alle aus Stein oder Ziegeln, meiſtens aber nur einſtöckig und mit Schiefer gedeckt. In den Thal⸗ und Alpengegenden, ſowie an den Küſten, ſind die Häuſer nied⸗ rig, haben kleine Fenſter, ſtatt der Oefen Kamine, ein Dach aus Brettern, mit Birkenrinde gedeckt, auf welcher Raſen liegt. Reſte der uralten Bauart ſind die Rögſtuer(Rauch⸗ ſtuben), die ſich noch an den Küſten von Bergen finden, und ſtatt des Schornſteines mit einer Klappe verſehen ſind; in ihnen ſind die Wände natürlich vom Rauche geſchwärzt. Im äußerſten Norden baut man die Hänuſer in die Erde, ſo daß das Dach mit dem Erdboden in gleicher Höhe liegt. Dörfer findet man höchſt ſelten, nur einzelne Höfe auf dem Lande. Von Chriſtiania bis Drontheim, 150 Stunden, trifft man kein einziges Dorf, nur kleine Städte. Dier 5 — — 34 Feierſtunden. 1864. Bauernhöfe, Gaard genannt, beſtehen meiſt aus einer Gruppe kleiner hölzerner Häuſer, in deren einem die Familie ſchläft, im andern ißt, im dritten kocht ꝛc., ſo daß ſie, da ſie meiſt mit Magazinen und Scheuern umgeben ſind, oft wie zer⸗ ſtreute Dörfer oder Weiler ausſehen. In den Stuben der Thal⸗ und Alpenbewohner, deren Fußboden meiſt mit Tan⸗ nennadeln beſtreut iſt, ſteht ein großer Tiſch beim Fenſter, der ſtets von Bänken umgeben wird, und dieſer, ſowie hölzerne Stühle, ein Bett, ein großer Schrank mit irdenen Gefäſſen und Gläſern machen das Mobiliar aus. Gewöhn⸗ lich findet ſich noch in der Ecke ein Geſtell für Bibel, Ge⸗ ſangbuch und Kalender, und auf einem Bretterbord, ein Gegenſtand der weiblichen Eitelkeit, der, wenn es die Mit⸗ tel erlauben, nie fehlen darf, blanke kupferne und meſ⸗ ſingene Keſſel. Die Trachten der Bewohner ſind ungemein verſchieden, und die Provinzialtrachten in den von den Städten entfern⸗ ten Gegenden ſind äußerſt gefällig. Unverfälſchte National⸗ trachten hat namentlich das Stift Bergen. Jacken von Leder oder grobem Tuch, verſchiedenfarbig, meiſt aber ſchwarz, durch einen Gürtel zuſammengehalten und mit ſilbernen Schnallen oder Knöpfen geziert; Kamiſole mit bunten Nähten und Vorſchöſſen, rothe Weſten mit ſilbernen Knöpfen, kurze Hoſen, Schuhe und Kamaſchen, Filzhüte mit breitem Rande oder auch rothe wollene, phrygiſche Mützen, tragen die Männer. Das weibliche Geſchlecht liebt den Putz, beſonders bei Hochzeiten und an Sonntagen, und iſt mit Schnallen und Buckeln von Silber oder Gold, mit Perlen und anderem Geſchmeide aufgeputzt. Buntver⸗ brämte Leibchen und Gürtel, rothe geſtrickte Strümpfe und viele Röcke, oft ſechs bis acht über einander, ſind für nor⸗ wegiſche Frauen und Mädchen eine Nothwendigkeit; bemerkt zu werden verdient aber noch, daß die Gewänder faſt überall ſelbſt gefertigt ſind. Von den verſchiedenen Trachten der norwegiſchen Bevölkerung geben wir die Tracht der Bewoh⸗ ner des Hardangerfjord, die maleriſche Sonntagstracht der Frauen um Stavanger, und einen Bürger von Stavanger im Sonntagsſtaate. Die Frauen um Stavanger tragen ſämmtlich eine eigenthümliche Art cylindriſcher, oben plat⸗ ter, nach vorn vorſpringender ſchwarzer Hüte mit ſchmalem, meiſt buntem Rande und verzierter Binde; rothe, baum⸗ wollene oder ſeidene Männerkravatten, ſchwarze Weſten, ſcharlachene Leibchen und ſchwarze Röcke und Jacken, die oben bunt eingefaßt ſind. Die Frauen am Hardangerfjord tragen eigenthümliche Flügelhauben, bunt verzierte Leibchen, ſchwarze oder geſtreifte Röcke und bunte Schürze; die Mäd⸗ chen gehen ſtets ohne Kopfbedeckung und tragen das Haar glatt geſtrichen, mit zwei langen, geflochtenen, am Mieder befeſtigten Zöpfen; die Männer ſieht man nie ohne die un— vermeidliche rothwollene Zipfelmütze. Geſelligen Vergnügungen ſind die Norweger nicht ab⸗ hold, und Tanz, beſonders der Wallinger Tanz, Muſik, Geſang, Kartenſpiel und Tabakrauchen, bei einem Glas Branntwein, gewährt ihnen in freien Stunden die ange⸗ nehmſte Unterhaltung. Die Nationalgeſänge und die Me⸗ lodien derſelben haben durchweg einen ernſten, meiſt melan⸗ choliſchen Charakter. Von Inſtrumenten ſieht man, außer in den Städten, nur die Violine, namentlich die eigenthüm⸗ liche, kleine Hardanger⸗Violine mit zwei Meſſingſaiten un⸗ ter den Darmſaiten, die mit großer Virtuoſität geſpielt wird, die Klarinette und die Lure oder Schalmei, welche auf den Waiden ertönt. Das Intereſſe an Muſik ſteigert ſich mit jedem Jahre. Es gibt viele Bauernfamilien, welche Pianoforte's beſitzen und Quartette und Sympho⸗ nien ausführen. Die dramatiſche Kunſt iſt ſo beliebt, daß Liebhaber in allen Städten und ſelbſt im Lande Dramen aufführen. Am Johannistag und um Weihnachten gibt's allerhand Volksfeſte, und dieſe Tage, ſowie der 17. Mai, der Tag der Unabhängigkeits⸗Erklärung Norwegens, wer⸗ den hoch gefeiert. In ihrer Lebensart und Lebensweiſe ſind die Norweger im Allgemeinen außerordentlich einfach, bei aller Einfach⸗ heit aber, wie alle Nordländer, ſtarke Eſſer. Wein wird wenig getrunken, dagegen mehr Branntwein, der das Haupt⸗ getränk der Bewohner bildet. Das Leben in den Hotels der größeren Städte iſt wie überall. Längs der Meeres⸗ küſte bilden Seefiſche den Hauptbeſtandtheil der täglichen Nahrung. Brod findet man überall, doch nur die Wohl⸗ habenderen eſſen Roggen⸗ und Weizenbrod, der gemeine Mann dagegen Flatbrod von Hafermehl oder Gerſtenbrod. Von der Ebene von Chriſtiania bis zu den lappländiſchen Moräſten, ſagt W. Alexis, verlaſſen Fiſche nicht die Tafel. Doch hier im Binnenlande nicht mehr jene delikaten Mee⸗ resfiſche mit reichem Fleiſch und wenigen Gräten, ſondern die ſpringende Forelle, die hier in jedem Gebirgsbache hei⸗ miſch iſt, und bis zu einer bedeutenden Größe anwächst. Wer auch kein Fiſchliebhaber iſt, muß an der norwegiſchen Forelle Geſchmack finden, wer ſie aber zum Miteagstiſch, zum Abend, ja zum Frühſtück beim Kaffee ſtatt des man⸗ gelnden Brodes hingeſtellt ſieht, vertauſchte gern dieſe De⸗ likateſſe mit einem Stück deutſchen Kommißbrodes. Daß es hier keine oder wenigſtens nur ſelten Gemüſe gibt, be⸗ darf wohl nicht erſt der Erwähnung; dagegen ſind Fiſche, vortreffliche Milch, Eier, Käſe und Flatbrod, Artikel, die ſo ziemlich in jedem Gaard gefunden werden. 2 Der Tod der ſetzten Rönigin der Sikhs. Dieſer Tage iſt in London eine Frau geſtorben, deren Leben eines der ſeltenſten Bilder wechſelnder Schickſale bot; Dhulip Singh den Thron zu verſchaffen. Ihr Reichthum war ungeheuer. Sie verließ den Palaſt nie anders als in es war die Maharani(„Großfürſtin“) Oſchindikor, einſt Tragſeſſeln von maſſivem Gold und Silber; ſie beſaß mehr die Lieblings⸗Gemahlin des Randſchit⸗Singh, Königs von Diamanten und Perlen als alle Kaiſerinnen und Königin⸗ Lahore. Sie war eine der ſchönſten und der grauſamſten nen Europa's zuſammen; der weltberühmte Diamant Kohi⸗ Frauen, die je gelebt, gebieteriſch und unnahbar vor Hoch⸗ muth; wer ihren ehrſüchtigen Plänen nur eine Sekunde lang hindernd war, deſſen Kopf mußte fallen. Allgewaltig ſchon nur diente ihr täglich zum Stirnſchmuck. Nach dem Tode ihres Gemahls hat ſie als Reichsſtatthalterin für ihren Sohn zweimal den Engländern den Krieg erklärt. Beſiegt, zu Lebzeiten ihres Gemahls, der das Reich der Sikhs ge⸗ entthront, ihrer Reichthümer beraubt, hat ſie die letzten gründet, ließ ſie drei Söhne deſſelben von einer andern fünfzehn Jahre ihres Lebens als Verbannte in dem Land Günſtlingin einkerkern und umbringen, um ihrem Sohne ihrer Beſieger, in England, verbringen müſſen, vergeſſen In verar gräͤueltha Glauben den Orde Bewältig ihren Gre der Tau Tiſche o Da eine Ble pünſtiger und ſtar Li W vuntt ten I ſich D Wind, daraus werde! ſchien! Briſe er einen S Blitz m ſtehen k der Win Jetzt ſ wüthend ſo daß jedoch; ſchrie— werde n Aber ſe nichts ü ſinken. wie ſcht tnatterte Blick d dank, ung n fortmac dr Hir Vuer. ſatter wü Bom mich Aeſte und die S Minu haftete direr dine a uf der der un Fächre die un⸗ cht ab⸗ Mufik, Glas ange⸗ e M melan⸗ außer thüm⸗ ten W⸗ geſpielt welche ſteigert milien, mpho⸗ t, daß ramen gibt s Ma, „ wer⸗ orweger einfach⸗ wird aupt⸗ Hotels deelds⸗ glichen Wohl⸗ gemeine enbrod. diſchen Tafel. Mee⸗ ſondern he hei⸗ wächst. giſchen gstiſch, man⸗ t, be⸗ Fiſche, il, die 9 Feierſtunden. 1864. 35 —:————;———— —— und verarmt. Sie erlebte, daß ihr Sohn, dem ſie durch trat wie ſie. Sie ſtarb vergeſſen von der Welt, nur von Gräuelthaten den Thron ſichern wollte, in England den einigen Dienern umgeben. Jetzt hat ſich noch ein Streit Glauben ſeiner Väter abſchwor, einen Jahresgehalt und über ihrer Leiche erhoben; ihr Sohn will ſie nach europäi⸗ den Orden des Südſterns annahm, der zum Andenken der ſcher Weiſe begraben laſſen; ihre Diener wollen, daß die Bewältigung Oſtindiens gegründet worden. Allein ſie blieb Leiche unter den heiligen Bräuchen der Sikhs verbrannt und ihren Grundſätzen und ihrem Glauben ſo treu, daß ſie ſeit die Aſche zu den Ufern des Ganges gebracht und in den der Taufe ihres Sohnes nie mehr mit ihm an Einem heiligen Fluß verſenkt werde, wie die Maharani es auf Tiſche aß, und nie duldete, daß er denſelben Teppich be⸗ ihrem Todbette vorgeſchrieben. 0 AKus der Weſt draußen. Fortſetzung von S. 31.) Das Wetter war ſchwül und heiß; der Horizont zeigte ganz außer mir mich in's Waſſer ſtürzte, als könnte ich eine Bleifarbe, und der vorhandene leichte Wind blies in ſine rettende Hand bieten. Ich wußte kaum, was ich that. günſtiger Richtung. S— hatte die Mangroven hinter ſich Es war mir ungefähr ſo, wie es, den Erzählungen gereis⸗ und ſtand etwa zwei Miles weit in der See, als eine völ⸗ ter Perſonen zufolge, Einem bei einem Erdbeben zu Muthe lige Windſtille eintrat. Die Flut war auf ihrem Höhe⸗ ſein mag— ein Gefühl der vollſtändigſten Hiffloſigkeit, punkt und das Boot rührte ſich kaum. Bald nachher ſtör- ſich in der Unfähigkeit bekundend, etwas anderes zu thun, ten Windſtöße das glatte Waſſer auf; aus der Ferne ließ als ſinnlos fortzurennen. Nachdem ſich der Krieg der Ele⸗ ſich Donnergeroll hören und der Forſt ſeufzte unter dem mente gelegt hatte, gewann ich meine Faſſung wieder; ich Wind, der durch Laub und Zweige ſtrich. Ich erkannte ſeilte aus dem Waſſer heraus, um ſo hurtiger, da ich in daraus, daß ein Gewitter im Anzug war, und hoffte, S— meiner Nähe die Rückenfinne eines Hatfiſches bemerkte. werde wieder nach der Inſel zurückrndern. Dieſer aber(Siehe Bild S. 36.) Armer S—, das war ein trauriges ſchien von der Gefahr nichts zu ahnen, und als ihn die Vorzeichen! Das Boot wurde noch immer hin und wieder Briſe erreichte, trieb der alte Sarg luſtig weiter und ließ ſichtbar, triftete aber jetzt gegen das Feſtland hin. Durfte einen Schaumſtreifen hinter ſich. Endlich gab ein greller ich meinen Augen trauen? War das nicht eine menſchliche Blitz meinem Kameraden ein Zeichen, das er nicht mißver⸗ Geſtalt, die ſich daran anklammerte? Ja— alſo nicht alle ſtehen konnte. Das Gewitter zog ſich raſch zuſammen und Hoffnung verloren. Ich kletterte auf einen der höchſten der Wind ſchlug nach allen Richtungen des Kompaſſes um. Theebäume und band an den oberſten Zweig eine Bettdecke, Jetzt ſah— faſt möchte ich ſagen fühlte— ich einen um damit meinem Freund anzudeuten, daß mir ſeine ge— wüthenden Stoß das Boot faſſen und es ſeitwärts werfen, fährliche Lage nicht entgangen ſei. Dann ggriff ich haſtig ſo daß es mir verloren zu ſein ſchien. Es richtete ſich mein Gewehr und einige zur Hand befindliche Lebensmittel jedoch wieder auf, und ich erinnere mich, daß ich hinaus⸗ auf und eilte nach dem Sandvorſprung, der M— s Hütte ſchrie— ich hätte freilich eben ſo gut erwarten können, man gegenüber lag. Mit blutenden Füßen und zerbeulten Schien⸗ werde mich tauſend Meilen weit hören—„Segel nieder!“ beinen langte ich daſelbſt an, denn die Zeit war zu koſtbar, Aber ſelbſt dafür war's jetzt zu ſpät; dem Fahrzeug blieb um den beſſeren Weg aufzuſuchen. Die drei Signalfeuer nichts übrig, als vor dem Wind zu laufen oder zu ver⸗ flackerten auf; aber ich erhielt lange keine Antwort, obſchon ſinken. ich ſtetig Holz beiſchleppte, um die Flamme recht augen⸗ Wieder ein Blitz noch einer— Donnerſchläge, die fällig zu machen. Ich beſchloß nun, an dieſer Stelle zu wie ſchweres Geſchütz krachten und wie Rottenfeuer nach⸗ übernachten; nahes Fröſchegequack und der Ruf des Glocken⸗ knatterten, und ein ſchüttender Regen. Ein angſtvoller vogels ſetzte mich in den Stand, auf einem Stückchen ſum⸗ Blick durch die dunſtige Atmoſphäre ließ mich, Gott ſei pfigen Grundes nothdürftig Trinkwaſſer aufzufinden. Ich Dank, unterſcheiden, daß das Boot ſich raſch unſerer Lich⸗ ſteckte nämlich einen zugeſpitzten Pfahl in den Boden, und tung näherte. Wenn der Wind nur noch kurze Zeit ſo das Loch füllte ſich allmählig, ſo daß ich mit einem Rohr⸗ fortmachte, war S— in Sicherheit. Entzückt ſchlug ich ſtengel Waſſer an mich ſaugen und ſo meinen brennenden die Hände zuſammen, aber meine Freude war von kurzer Durſt löſchen konnte. Die Signalfeuer erhielt ich bis zum Dauer. Das Brüllen des Sturmes wurde auf einmal Abend brennend, und nun ſteckte ich das ganze Gebüſch an, fürchterlich, und eine unſichtbare Gewalt trieb mich— ich ohne übrigens damit von dem anderen Ufer herüber eine wußte nicht wohin. Es war mir, als werde ich von dem Antwort zu erzielen. Wolken von Musquitos und Sand⸗ Boden emporgehoben; eine Windsbraut umtobte mich. Um V fliegen brachen zum Schluß dieſes traurigen Tages über mich mich her hörte ich das Krachen großer Bäume; ich ſah herein, und ich ſchlief nur wenig. Am anderen Morgen Aeſte und Stämme ſplittern, und eine Maſſe von Laub ſchickte ich mich an, nach der Hütte zurückzukehren; zuvor und Zweigen wirbelte über meinen Kopf hinweg weit in aber wollte ich für den Fall, daß ein Boot anlangte, an die See hinaus. Alles dies muß das Werk einer oder zweier einem augenfälligen Platz eine ſchriftliche Weiſung anheften. Minuten geweſen ſein. Und das Boot? Zum zweitenmal Ein Stück von meinem Hemd mußte das Material her⸗ haftete mein Auge darauf; ich ſah S— darin ſtehen, als geben, auf das ich mit einem Kohlenſplitter die Worte ſei er im Begriff, hinauszuſpringen. Dann verbarg ihn kritzelte:„Sucht in der Bay nach einem Manne und eine aufſteigende Welle, und nachher konnte ich nur das einem umgeſchlagenen Boote.“ Nachdem ich den Lap⸗ auf dem Waſſer ſchwimmende weiße Segel und einen Kör⸗ pen an einen Holzpfahl, den ich in die Erde ſteckte, be⸗ per unterſcheiden, der mir das mit dem Kiel nach oben feſtigt hatte, trat ich den Rückweg an. In der Hütte gekehrte Boot zu ſein ſchien. Ich erinnere mich, daß ich angelangt, erkannte ich aus der Unordnung, in der ſich 5 — — B 36 Feierſtunden. 1864. meine Habſeligkeiten befanden, daß eine Bootsmannſchaft in meinem Quartier übernachtet hatte. Es war klar, daß ſie Waſſer eingenommen, denn der Brunnen ſowohl als unſere beiden Bäder ſtanden faſt leer. So ſchlug ein Un⸗ glück das andere. Ich hatte durch meinen Gang nach der Sandſpitze den Zweck deſſelben völlig vereitelt. M— war augenſcheinlich von Haus abweſend, und ein Verſuch, die Küſtenſchiffer aufzufinden, hoffnungslos, obſchon ich dreig lange, erſchöpfende Tage dieſer unfruchtbaren Aufgabe opferte, und an allen Vorſprüngen meiner Inſel herumlief. Am vierten Morgen langte ich wieder an der Sandſpitze an. Es war Niemand da geweſen. Der Mehlvorrath, den ich mit mir geführt, hatte ſich auf ein paar Hände voll ver⸗ mindert; ich nahm davon ungefähr eine Unze, um das Fleiſch des Schwanes, den ich geſchoſſen, ſchmackhaft zu machen. So lange Pulver und Blei aushielt, fürchtete ich nicht, Hungers ſterben zu müſſen, da die Waſſervögel mir ſtets einen Braten lieferten; aber das Verlangen nach pflanz⸗ licher Nahrung ſteigerte ſich in dem Maße, in welchem die Mittel, ſie zu bereiten, zuſammen gingen; denn der einzige dürftige Erſatz, welchen die Inſel bot, war das Gummi einer Mimoſenart. Ich fertigte mir eben einen Waſſerbrei (man konnte ihn auch Buchbinderpappe nennen) an und Die Rirche Santa An der Weſtſeite der maleriſch und amphitheatraliſch, theils am Ufer einer prachtvollen Bai, theils auf und zwi⸗ ſchen drei großen und vier kleinen Hügeln gelegenen Haupt⸗ ſtadt Portugals, der größten und volkreichſten Stadt der ganzen Pyrenäen⸗Halbinſel, und durch eine Straßenreihe ——:———ͤ————— —————-—; machte mir Gedanken über das Schickſal des armen S—, als der gemeſſene Ton fernen Ruderſchlags mein Ohr traf. Ich eilte nach der anderen Seite der Sandſpitze und ſah zu meiner großen Freude ein Wallfiſchboot auf die Inſel zufahren. Ich feuerte mein Gewehr ab und ſchwenkte mei⸗ nen Bettteppich; das Signal wurde bemerkt und beantwor⸗ tet. Jetzt konnte ich meinem Appetit wieder ohne Einhalt den Lauf laſſen, und als das Boot anlegte, hatte ich über den letzten Reſt meines Mehls verfügt. Das Boot war richtig das, deſſen Mannſchaft vor einigen Tagen meine Hütte beſucht hatte. Man geſtattete mir bereitwillig eine Ueberfahrt und verſah mich freigebig mit Allem, was ich brauchte. Da ich M—s Siedler⸗ häuschen verlaſſen fand, ſo brach ich nach J—'s Station auf, nach welcher Freund S— der Verabredung gemäß ſich begeben hatte, wenn ihm et⸗ was zuſtieß. Durch einen von J— s Viehhirten erfuhr ich nun, daß das Boot nicht, wie ich geglaubt, umgeſtürzt war; doch hatte der Wind Maſt und Segel herausgeriſſen und das Fahrzeug leck gemacht. Ein leeres Faß in den Stern⸗ ſchoten half es flott erhalten. In dieſem Zuſtande war es zwei Tage umher getrieben und ſeltſamer Weiſe durch die Flut nach derſelben Stelle geführt worden, wo ich das Wrack geſehen hatte. Der Mann theilte mir noch wei⸗ ter mit, S— ſei am Tage zuvor, weil I— mit dem anderen Boote fort geweſen, weiter gegangen, um ander⸗ wärts eine Gelegenheit zur Rückkehr nach der Inſel aufzuſuchen, und werde wahrſcheinlich jetzt auf der⸗ ſelben wieder angelangt ſein. Ich brauche den Leſer nicht mit der Freude über unſer Wiederſehen zu behel⸗ ligen, ebenſowenig mit einer Schilderung unſeres weite⸗ eren Ringens um Reichthum, deſſen Träume nach zwei Monaten mit dem Qualm unſeres letzten Mangrovefeuers in Rauch aufgingen. Statt hunderttauſend Pfund unter uns zu theilen, fielen auf mich als Ertrag unſerer An⸗ ſtrengungen acht Pfund fünfzehn Schillinge und ſechs Pence, welche gerade ausreichten, eine Ueberlandsreiſe nach Gipps⸗ land zu beſtreiten, wo ein Abenteuerleben anderer Art ſeinen Anfang nahm. v. Maria zu Belem. von Häuſern und eine Brücke mit Liſſabon zuſammenhän⸗ gend, liegt an der Mündung des Tejo der beträchtliche Flecken Belem(ſprich Beleng), der gegenwärtig als eine Vorſtadt Liſſabons betrachtet werden kann. Der Ort hat ſein Entſtehen der prächtigen Hierony⸗ — Feierſtunden. 1864. 37 n 8-, Ohr traf und ſah ie Inſel kte mei⸗ antwor⸗ Einhalt ch über ot vor geſtonete freigebig Siedler⸗ Station näß ſich ihm et⸗ nen von fuhr ich cht, wie Nwar; d Maſt iſſen und gemacht. Stern⸗ rhalten. war es etrieben urch de Stelle ich das . Der och wei— m Tage nit dem geweſen, mander⸗ heit zur Inſel werde zuf der⸗ gt ſein. en Leſer ze über behel⸗ it einer weite⸗ c zwi vefeuers unter „ An⸗ Pence, Gippd⸗ t ſeinen —— 4 V. Knnunnnnn ls eine. 3 Portal von Santa Maria zu Belem⸗ 38 —————;; miter⸗Abtei zu verdanken, welche König Emanuel im Jahre 1491 ſtiftete, und ſein Sohn Johannes III. vollendete. Kirche und Kloſter, welch' letzteres gegenwärtig in ein Findel⸗ und Waiſenhaus umgewandelt iſt, ſind ſehr ſchön gebaut, und glücklicherweiſe hat das im vorigen Jahrhun⸗ derte(1755) Liſſabon heimſuchende Erdbeben dieſen Pracht⸗ gebäuden weiter keinen Schaden gethan, außer daß ein großer Bogen des Kloſters einen Stoß erhielt, und in Folge deſſelben im nächſten Jahre einſtürzte. In der mit Feierſtunden. 1864. -ſ-———- O —— prachtvollem Kreuzgange verſehenen, halb mauriſch⸗byzan⸗ tiniſch, halb normänniſch⸗gothiſch erbauten Kirche Santa Maria, in welcher Vasco de Gama im Jahre 1497, beim Antritt ſeiner Entdeckungsreiſe, des Himmels Segen für ſich und ſeine Gefährten erflehte und ſich der heiligen Jung⸗ frau verlobte, iſt die Gruft der königlichen Familie von Portugal. Das Portal dieſer Kirche, das unſer Holz⸗ ſchnitt zeigt, iſt eins der herrlichſten Denkmale mittelalter⸗ licher Baukunſt. 2 Die Uerſeumderinnen. Nach einem Gemälde von Bakkerkorf in Brüſſel. Mit humoriſtiſchem Text von C. f. X. Kolb. Man muß geſtehen, daß das Bakkerkorf'ſche Gemälde, das zu den bedeutenderen Erſcheinungen der neueren Genre⸗ malerei zu zählen iſt und nach welchem der anſtehende Holzſchnitt gefertigt wurde, ein zwar nicht gerade ſehr reizendes, aber nichtsdeſtoweniger intereſſantes Sujet behan⸗ delt, wie denn auch daſſelbe bei ſeiner öffentlichen Ausſtel⸗ lung nicht nur die Anerkennung aller Kenner fand, ſondern auch von einer hohen Perſon zu anſehnlichem Preiſe erwor⸗ ben wurde. Die ſpitznaſige läſternde Alte hat bereits ihre liebevollen Mittheilungen begonnen und ſcheint im Geiſte ganz in die Nähe der Unglücklichen entrückt, denen ſie das letzte gute Härchen auszuraufen befliſſen iſt, während die noch jüngere Frau vom Hauſe mit gefalteten Händen und einer Andacht, die des frömmſten Redners würdig wäre, den Expectorationen dieſer heilloſen Zunge mit boshaftem Behagen lauſcht. Wie die vulgären Weiſen der Bänkel⸗ ſänger ein tonloſes Hackbrett begleitet, ſo accompagnirt hier das Summen der Kaffeekanne den ziſchelnden Sermon der läſternden Kaffeeſchweſtern. Das liebliche Paar iſt ſo glück⸗ lich aus dem Leben gegriffen, daß ſich der Betrachter Glück wünſchen darf, in deſſen Bekanntſchaft ſich nicht mehrere Originale zu ganz ähnlichen Copien finden, und vielleicht hat gar eine unſerer nach Stand und Würden geehrten Leſerinnen den Künſtler im Verdacht, es könnte demſelben hiebei ihre eigene liebenswürdige Perſönlichkeit vorgeſchwebt haben. Welch' trauliches, unbelauſchtes Beiſammenſein! Nichts ſtört die behagliche Stille, nur die Zungen ſind in Bewegung. Dennoch geht es hier ſchlimmer zu, als in dem wildeſten, mörderiſchen Kampfe. Mit jeder Taſſe fällt ein guter Name, und mit jedem Zuckerſtückchen geht eine Ehre zu Grunde. Die gute Frau Baronin iſt nur en passant auf einen Moment und ohne nur ablegen zu können bei der Frau Hofräthin vorgekommen, wird ſich aber gleichwoh mit Paraplui und Neceſſaire beladen, nach mehreren Stun⸗ den noch hier befinden. Hofräthin gezogen, und es iſt ihr wie„vor“ geweſen, daß letztere allein noch nicht weiß, was ſich heute beinahe ſchon die ganze Stadt erzählt; ſie bedauert nur, ſich unmöglich aufhalten zu können, und nimmt nur, weil der Geruch des Es hat ſie heut' ordentlich zu der Doch hab' ich immer ſagen hören, daß Geberdenſpäher und Geſchichtenträger Des Uebels mehr auf dieſer Welt gethan, Als Gift und Dolch in Mörders Hand es konnten. Schiller’s Carlos. ſiedenden Kaffee's gar zu unwiderſtehlich iſt, auf ein paar kurze Minuten Platz, denn ſie hat noch von ganz andern Dingen„munkeln“ hören und muß nothwendig heute noch erfahren, wie viel davon zu glauben iſt.„Wir ſollten eben in einem Hauſe beiſammen wohnen,“ meint die Hof⸗ räthin,„um uns die Ergebniſſe unſerer philantropiſchen Beobachtungen zu jeder Zeit mittheilen zu können!“ „Ei mit nichten und im Gegentheil,“ widerſpricht die Baronin,„wir können weit mehr Beobachtungen anſtellen und mannigfaltigere Erkundigungen einziehen, wenn wir verſchiedene Quartiere bewohnen. Aber zur Sache! Was ſagen Sie, Frau von Firmin iſt ſeit geſtern verſchwun⸗ den, und obgleich der Gemahl verſichert, daß ſie in Fami⸗ lienangelegenheiten verreist ſei, ſo habe ich doch ſichere Nachricht, daß ſich die junge Frau bereits wieder bei ihren Eltern befindet. Sie wartete, bis der Gemahl die Wache zu beziehen hatte, und als der Hauptmann andern Tags nach Hauſe kam, war das niedliche Vöglein verſchwunden. Freilich Familienangelegenheiten, denn einen Geſandtſchafts⸗ poſten hat ſie ſchwerlich erhalten. Es gibt eine Scheidung, das muß ich wiſſen! Da iſt etwas vorgefallen, was ich Ihnen nur ganz sub rosa mittheilen kann. Es iſt zwar lediglich nur Combination, Hypotheſe, aber es iſt ganz ſicher, es kann gar nicht fehlen. Indeſſen möcht' ich ſo Etwas um Alles in der Welt nicht unter die Leute bringen; es wäre auch ganz gegen meinen Charakter.“ „Sie etwas unter die Leute!“ verſetzt die Hofräthin erſtaunt.„Wo denken Sie hin! Wie wäre Ihnen das nur möglich!“ „Apropos!“ fährt jetzt die edle Baronin fort,„haben Sie's ſchon gehört vom Commerzienrath, daß er inſolvent iſt? Ja wohl, es gibt einen radikalen Bankerut, ja frei⸗ lich; Sie können ſich darauf verlaſſen.“ „Was Sie ſagen, meine Gnädige! Das freut mich nur für die Frau. Da wird man alſo nicht mehr das Vergnü⸗ gen haben, dieſe blendende Schönheit in der neuſten Toi⸗ lette in ihrem eleganten Whisky mit den Apfelſchimmeln bewundern zu können! Es war auch gar zu deprimirend.“ „Bah, mit Ihrer Schönheit! Sie hätten alſo nie be⸗ † in paar andern te noch ſobded die Hof⸗ opiſchen ricſt die anſtelli mn wir Was ſchwun⸗ Fami⸗ ſichere ei ihren Wache Tags vunden. ſchafts⸗ ſeidung, das ich ſt zwar ſt g375 ich ſo eingen; pfräthin nen das haben fina jo frei⸗ Feierſtunden. 1864. nd 41 tll V W al nn” h Italia libe (Fortſetzung von S. 24.) Den Tag darauf kleide 8 f kleidete ſich Arthur Stauton ſo ſorgfältig als möglich an— f h ſod es rd eg 1 9 un T ſo ann als 5 5 „ zu uden b— 6 iche /— ¹ 9 wurde, in das D Dorf Lainate, neb un 3 en welchem ſich 8 d der Park des Herzogs befand, hinand⸗ 3 di u Feierſtunden. 1864. Er wä die ſſ . — ß in Stuttgart. Das alte Schlo —— ſpäter Abe abſichtl— ls. p ſt linde abſicht! lich, um nicht als Zudringling F 8 gert nämtli 9ſ ff del⸗ des baner nämlic ncoſt darauffolgeudem Ball, erſt ch vollkommenem Eintritt der Dunkelheit. So kam es 2 8 6 85. 5 — indem er ſich zugleich ehrerbietigſt verbeugte,„Madame, ich 42 denn, daß die meiſten Gäſte ſich bereits vor ihm eingefun⸗ den hatten, und wie er nun den wunderbar glänzenden Park betrat, ſah er ſich ſogleich inmitten verſchiedener Gruppen von Herren und Damen, welche ſich da in fröh⸗ lichſter Ungebundenheit herumtrieben. Die Einen hüpften und ſprangen in den Irrgängen, als wären ſie noch Kin⸗ der, während Andere ſtilleſtanden, um die Springbrunnen und Waſſerfälle zu bewundern, oder auch um mit einander zu ſcherzen und zu lachen. Dazwiſchen hinein ſah man wieder einzelne Paare, welche leiſe flüſternd zwiſchen den todten Statuen hin- und herpromenirten, ſowie auch ver⸗ ſchiedene kleinere Geſellſchaften von älteren Perſonen, die ſich auf weichen Kanapés zu ernſteren Geſprächen geſammelt hatten, und mitten durch ſie Alle hindurch ſchlüpften zahl⸗ reiche Diener in reichſter Livrée, welche nach rechts und links Erfriſchungen darboten. Arthur Stanton fühlte ſich etwas verlaſſen unter dieſer glänzenden Menge, deren Be⸗ ſtandtheile ihm gänzlich unbekannt waren, und bereits hatte er im Sinne, einen der Diener zu befragen, auf welchem Punkte des Parkes ſich der Herzog von Roalto befinde, um ſich demſelben vorzuſtellen, und ihm für ſeine unerwartete Güte zu danken, als er ſich plötzlich, während er in einem dunkeln Laubgang dahinſchritt, ſanft an der Seite angeſtoßen fühlte. „Folgen Sie mir, mein Herr,“ flüſterte es nun neben ihm,„Sie werden erwartet.“ Wer der Sprecher war, konnte er in der Dunkelheit nicht mehr ſehen, allein er folgte ohne Weiteres, und gar ſonderbare Gedanken durchkreuzten ſein Gehirn, welches Abentheuer ihn wohl erwarte. Der Weg führte in eine jener kühlen, mit Götterbildern aller Art ausgeſchmückten Grotten, wegen welcher die Parks in Italien ſo berühmt ſind, und gerade diejenige, in welche er geleitet wurde, war eine der kühlſten und zugleich einſamſten des ganzen Gar⸗ tens. Wie er jedoch den Ort betrat, verſchwand ſein Füh⸗ rer und er ſah ſich nun alsbald gänzlich allein, während der Lärm des Feſtes gleichſam in der Ferne erſtarb. Ver⸗ wundert ſchaute er ſich um, denn obwohl hier keine Fackeln brannten, ſo geſtattete ihm doch das hell hereinbrechende Sternenlicht eine ziemliche Ueberſicht; allein ſo ſehr er auch ſeine Augen anſtrengte— außer ihm ſelbſt befand ſich allem Anſchein nach keine Seele in der Grotte.„Sollte man mich abſichtlich irre geführt haben?“ dachte er bei ſich ſelbſt und war eben im Begriffe, den Platz wieder zu ver⸗ laſſen, als er dicht hinter ſich einen ſchweren Seufzer hörte. Der Seufzer kam aus einem Gebüſche, welches eine Raſen⸗ bank verdeckte, und wie er nun einen Schritt näher trat, ſtand er vor einer Dame, die ſich daſelbſt in nachläſſiger Stellung niedergelaſſen hatte. Es war eine Italienerin von großer ſtarker Figur, in deren ſchwarzen Haaren Bril⸗ lanten und Edelſteine blitzten, und obwohl ſie vielleicht nicht mehr als jugendlich ſchön gelten konnte, ſo glänzten doch ihre großen Augen in einem eigenthümlich herausfordernden Feuer, und das prunkvolle Gewand, ſo wie das ſchwere Goldgeſchmeide um Hals und Arme ſuchte die vorhandenen Reize nur noch mehr zu heben. „Gnädigſte Frau,“ ſagte Arthur Stanton, von der unerwarteten Erſcheinung etwas verblüfft,„ich bin untröſt⸗ lich, Ihre Einſamkeit geſtört zu haben.“ Ein abermaliger ſchwerer Seufzer hob die Bruſt der Unbekannten, aber Antwort gab ſie ihm keine. „Madame,“ ergriff nun Arthur abermals das Wort, bitte nochmals um Entſchuldigung; allein ich werde mich ſogleich entfernen.“ Feierſtunden. 1864. —————-—-:õ———————;V; In der That trat er auch einen Schritt zurück, um ſeinen Entſchluß in Ausführung zu bringen, allein die Un⸗ bekannte warf ihm einen ſo vorwurfsvollen Blick zu, daß eer unwillkührlich wieder ſtehen blieb. „Bleiben Sie,“ hauchte ſie jetzt;„bleiben Sie und verlaſſen Sie mich nicht. Ach wenn Sie wüßten, wie un⸗ endlich ich mich nach dem Augenblick ſehnte, wo ich endlich einmal eine Minute mit Ihnen allein ſein könnte.“ „Sie kennen mich, gnädige Frau?“ frug Arthur da⸗ gegen, dem das ſonderbare Benehmen der Dame nach und nach die volle Beſinnung wieder gab. „Sagt Ihnen Ihr Herz nicht, wer ich bin?“ entgeg⸗ nete die Unbekannte, ſtatt der Antwort eine Gegenfrage ſtellend.„Sehen Sie nicht, wie meine Pulſe fliegen in der Erwartung, endlich einmal von meinem theuren, theu⸗ ren Sohne Nachricht zu erhalten, deſſen Freund Sie in ſeinem Exile waren?“ Sie ſtreckte die Hand nach ihm aus, wie um ihn neben ſich auf die Bank zu ziehen, allein ſtatt deſſen trat er auf die Seite, um ſie beſſer im Lichte betrachten zu können, und wie ein Blitz durchzuckte es ihn nun, daß man ihn hier in einer Schlinge fangen wolle. Die Dame war nämlich zwar äußerſt reich und ſogar auffallend, aber durch⸗ aus nicht in dem Geſchmacke gekleidet, welcher die wirklich gebildete Ariſtokratie auszeichnet, und überdem benahm ſie ſich keineswegs in der zarten Weiſe einer bekümmerten Mut⸗ ter, die Nachricht von ihrem exilirten Sohne erwartet. „Madame, Sie ſind...“ fragte er jetzt in einem Tone, der eine beſtimmte Antwort verlangte.. „Gräfin Belgiojoſo,“ erwiederte die Dame mit einem abermaligen ſchweren Seufzer,„die Mutter Ihres jungen Freundes Alfred, den Sie in der Schweiz kennen lernten, und mit dem Sie noch ganz kurz vor Ihrer Hierherreiſe zuſammengeweſen ſind. mich nicht länger hin mit den Nachrichten und Briefen, die ich von Ihnen empfangen ſoll, denn Sie ſehen ja, daß ich faſt vor Ungeduld vergehe.“ eigenthümlich, jetzt ließ er ſich erfaſſen und ſetzte ſich neben ſie. Er wußte nämlich nunmehr mit Beſtimmtheit, daß er eine Betrügerin vor ſich habe, da er ja das Porträt der Gräfin oft genug bei ihrem Sohne geſehen und dieſe Per⸗ ſon hier mit jenem Bilde durchaus nichts gemein hatte, allein eben weil er dies wußte, wollte er ſie in ihren eige⸗ nen Schlingen fangen und ſie auf dem Glauben laſſen, daß er ſie nicht durchſchaue. „Sie ſind die Mutter des jungen Grafen Belgiojoſo, den ich zufällig in der Schweiz kennen lernte?“ rief er mit einem Blicke, der Zeugniß von ſeiner Bewunderung ihrer Schönheit geben ſollte.„Wahrhaftig, man könnte Sie eher für ſeine Schweſter halten! Aber was meinen Sie mit den Briefen und Nachrichten, die ich für Sie beſitzen ſoll? Ich habe den jungen Herrn Grafen, Ihren Sohn, aller⸗ dings ein paar Male geſprochen und ſogar eine Gebirgs⸗ fahrt mit ihm gemacht, aber er ſagte mir nie etwas da⸗ von, daß er noch eine Mutter beſitze und noch viel weniger vertraute er mir Briefe oder irgend etwas Anderes an.“ „Aber doch von ſeinen Freunden in Mailand wird er mit Ihnen geſprochen haben?“ meinte ſie nun, indem ſich ein Zug des Mißmuths in ihrem Geſichte lagerte.„An ſie gab er Ihnen doch gewiß Aufträge mit, denn ich weiß es, er iſt der Sache Italiens treu geblieben und ſein Wahl⸗ ſpruch lautet noch immer Italia liberata!“ „Wahrhaftig, da kennen Sie ihn beſſer als ich,“ er⸗ Oh, mein Theurer, halten Sie Abermals ſtreckte ſie die Hand nach ihm aus und— — ſine guten beſelſſchf meinem ve ftzer woh träger für „Di nen heral bar hatt gat ſich ton mer wohlfeil „T ſcheinende ich Ihrer iggen Feſ ſcaft die von Roa „R und ba⸗ F eben ſo Minute Gebüſche zu verſch Gebüſch doch ſp auf eine nicht ein rannte w Rn gefl entgegen, Plätzlich von He wohl he auf⸗ und Gruppe übrigens lier nich Male de ſäner G ngelad offenbar I ſehen „N WWone N wen H er Na reichen — ück, um die Un⸗ zu, daß Sie und wie un⸗ h endlich thur da⸗ dach und ¹ enig⸗ egenfrage liegen in en, theu— Sie in um ihn eſſen teat ichten zu daß man ame war ber durch⸗ ewirklich mnahm ſie ten Mut⸗ Mt. in einem iit einem s junden nlernten, terherreiſe alten Sie Briefen, n ja, daß und— ſich neben heit, daß Rirät der eſe Per⸗ rren eige⸗ n laſſen, giojoſo, qj er mf ng ihrer Sie eher Sie mit ven ſoll? n, alle⸗ Gebirgo⸗ ewos di⸗ el wenige „— wiederte Arthur lächelnd;„denn gegen mich ließ er auch nie ein Wort von Politik verlauten. Hiezu hatte er dber ſeine guten Gründe, da er mich in Zürich öfters in der p Feierſtunden. 1 864. 43 Ihnen ein unwillkommener Gaſt bin, ſo erlauben Sie mir, daß ich mich ſogleich entferne.“ Mit dieſen Worten zog er ſein Portefeuille heraus Geſellſchaft des Grafen von Königseck ſah, und aus dieſem und übergab dem Herzoge die Einladungskarte, die ihm meinem vertrauten Umgang mit einem öſterreichiſchen Of⸗ fizier wohl ſchließen konnte, daß ich zu keinem Dexeſchen⸗ träger für das zu revolutionirende Italien paſſe.“ „Diavolo,“ ziſchte jetzt die Dame zwiſchen ihren Zäh⸗ nen heraus und erhob ſich ſchnell von ihrem Sitze. Offen⸗ bar hatte ſie die Abſicht, die Unterredung abzubrechen oder gar ſich ohne Weiteres zu entfernen. ton merkte dies augenblicklich und gedachte ſie nicht ſo wohlfeilen Kaufs zu entlaſſen. „Madame,“ ſagte er ebenfalls aufſtehend, ſich voll an⸗ ſcheinender Ehrfurcht verbeugend,„Madame, gewiß verdanke ich Ihrer gütigen Fürſprache die Einladung zu dem heu⸗ tigen Feſte. Darum möchte ich Sie bitten, Ihrer Freund⸗ ſchaft die Krone aufzuſetzen und mich dem Herrn Herzog von Roalto vorzuſtellen.“ „Recht gerne,“ erwiederte ſie nach kurzem Beſinnen und bat ihn zugleich, ihr zu folgen. Flüchtigen Schrittes verließ ſie nun die Grotte und eben ſo haſtig eilte er ihr nach; allein kaum war ſie eine Minute weit gegangen, ſo wandte ſie ſich urplötzlich einem Gebüſche am Wege zu, um im Momente hinter demſelben zu verſchwinden. Der junge Engländer durchbrach das Gebüſch natürlich ebenfalls, um ſie wieder einzufangen; doch ſo ſchnell auch ſeine Bewegungen waren, ſo blieb ſie auf eine ihm faſt unerklärliche Weiſe unſichtbar und auch nicht eine Spur mehr ließ ſich von ihr auffinden. Er rannte wieder zurück zu der Grotte, ob ſie ſich vielleicht da⸗ hin geflüchtet habe;— ſie war nicht da! Er ſchlug einen entgegengeſetzten Weg ein;— ſie war abermals nicht da! Plötzlich jedoch glaubte er ihre Geſtalt in einer Gruppe von Herren und Damen zu erkennen, welche auf einem wohl heleuchteten freien Platze in vertraulichem Geſpräche auf⸗ und niedergingen, und natürlich eilte er nun dieſer Gruppe mit raſchem Schritte zu. Seine Augen hatten ihn übrigens abermals getäuſcht, denn die Geſuchte war auch hier nicht zu finden; dafür aber befand er ſich mit einem Male dem Herzoge von Roalto gegenüber, der hier mit ſeiner Gemahlin und Nichte, ſo wie mit einigen intimeren Eingeladenen verweilte. Seine raſche Erſcheinung erregte offenbar Aufſehen, und augenblicklich ging ihm der Herzog entgegen, ihn mit einem ſonderbaren Blicke meſſend. „Mein Herr,“ ſprach der Herzog, kurz und kalt, faſt verächtlich grüßend,„wen habe ich die Ehre hier vor mir zu ſehen?“ „Mein Name iſt Arthur Stanton,“ erwiederte der junge Mann, der ſich durch dieſe Form der Anſprache nicht wenig verletzt fühlte, aber es doch über ſich gewann, dem Herzoge in höflichſter Weiſe ſeine Adreßkarte zu über⸗ reichen.“(Siehe Bild S. 21.) „Arthur Stanton,“ verſetzte nun der Herzog,„nach— dem er die Karte geleſen hatte.„Gut, ich ſehe, daß Sie ein junger Engländer von ſehr guter Familie ſind, aber dies berechtigt Sie noch keineswegs, ſich in meinen Park zu einer Feſtlichkeit einzudrängen, zu welcher nur vertraute Freunde geladen worden ſind.“ „Mich einzudrängen?“ rief Arthur Stanton, einen Schritt zurücktretend und bis über die Schläfe hinauf er⸗ röthend.„Herr Herzog, hier iſt das Legitimationspapier, welches mich berechtigt, hier zu erſcheinen; allein da ich Tags zuvor zugeſchickt worden war; dann aber drehte er ſich ſtolz auf dem Abſatz herum, um den Park ſtehenden Fußes zu verlaſſen. So weit kam es jedoch nicht, ſondern im Gegentheil endete dieſe peinliche Scene viel angenehmer für unſern Helden, als ſie begonnen hatte. Kaum nämlich hatte der Herzog einen Blick auf das Papier geworfen, ſo Doch Arthur Stan⸗ wurde er ſehr ernſt und bat den jungen Engländer, noch einen Augenblick zu verweilen, da hier offenbar ein Miß⸗ verſtändniß zu Grunde liegen müſſe. Dann trat er einige Schritte zurück und flüſterte ein paar Worte mit ſeiner Gattin, ſo wie mit einem älteren, aber überaus ſtattlichen Herrn, der eine Hauptperſon der hier verſammelten Geſell⸗ ſchaft bildete.„Folgen Sie mir, wenn ich bitten darf,“ ſagte er darauf in leiſem, doch überaus höflichem Tone zu Arthur Stanton;„der offene Himmel, unter dem wir uns befinden, iſt nicht ganz paſſend zu der Unterredung, die ich gerne mit Ihnen haben möchte, und wir wollen uns daher lieber in's Haus verfügen. Uebrigens wird uns, wenn Sie nichts dagegen haben, mein Freund, der Graf Pepoli begleiten.“ So ſprechend ging er voran und der alte ſtattliche Herr nebſt Arthur Stanton folgte ihm auf dem Fuße; kaum aber hatten ſie den Platz verlaſſen, ſo ſchritt auch die Frau Herzogin mit ihrer Nichte am Arme dem Hauſe zu, und man konnte ſehen, wie das Geſicht der Letzteren bald von glühender Röthe überzogen, bald wieder von einer tödtlichen Bläſſe entſtellt wurde. In wenigen Minuten waren die drei Herren zur Stelle und der Herzog ſchloß ſein eigenes Geheimzimmer auf, um ja von keinem Unberufenen geſtört zu werden. „Herr Arthur Stanton,“ wandte er ſich ſofort an dieſen, ihm einen vollen Blick zuwerfend,„die Einladungskarte, mit der Sie ſich Einlaß verſchafft haben, iſt gefälſcht.“ „Gefälſcht?“ rief Arthur, der ſich vor Scham und Zorn kaum zu faſſen wußte. „Ja, gefälſcht,“ fuhr der Herzog fort,„denn die Un⸗ terſchrift rührt weder von mir, noch von der Herzogin her. Von ſelbſt verſteht es ſich übrigens, daß die Fälſchung nicht von Ihnen begangen wurde, ſondern von einem Dritten. Einmal wären Sie gar nicht im Stande, ſo geſchickt un⸗ ſere Schriftzüge nachzuahmen, da Sie dieſelben gar nicht kennen, und zum Zweiten ſehen Sie gar nicht ſo aus, als ob Sie ſich mit Fälſchungen abgeben würden. Sie ſind alſo ohne Zweifel hinter's Licht geführt worden; allein eben ſo gewiß iſt, daß derjenige, der dieſe Myſtifikation einleitete, einen guten Grund dafür hatte. Verſtehen Sie mich recht wohl: ich ſage einen guten Grund und keinen Spaß. Man wollte etwas dadurch erreichen und zwar ganz ſicherlich etwas für den Unternehmer ſehr Wich⸗ tiges! Um nun eben dieſen Unternehmer herausbringen zu können und überhaupt der Wahrheit auf die Spur zu kommen, möchten wir Sie bitten, uns alle Auskunft zu geben, die Sie nur irgend geben können.“ „Ich bin recht gerne bereit,“ erwiederte Arthur Stan⸗ ton,„alle Ihre Fragen zu beantworten. Doch glaube ich,“ ſetzte er nach einigem Beſinnen hinzu,„daß Sie am ſchnell⸗ ſten zum Ziele kommen würden, wenn Sie die Frau Grä⸗ fin von Belgiojoſo herbeiriefen. „Die Frau Gräfin von Belgiojoſo,“ rief der von Roalto erſtaunt,„die Schweſter meiner Gatti befindet ſich gar nicht auf dem Feſte, ſondern nur ihre „Aber es befindet ſich eine Dame hier, welche ſich für die Frau Gräfin ausgibt,“ entgegnete Arthur,„und eben dieſe Dame verſicherte mich vor noch nicht einer halben Stunde, daß ſie es geweſen ſei, welche mir durch ihren Einfluß auf ihren Herrn Schwager die bewußte Einla⸗ dungskarte verſchafft habe.“ 4 „Und welchen Grund nannte ſie für dieſe ihre Zu⸗ vorkommenheit?“ frug der Herzog faſt athemlos weiter. „Sie wird Ihnen doch geſagt haben, warum ſie ſo über⸗ aus gefällig gegen Sie geweſen ſei.“ „O gewiß that ſie das,“ erwiederte Arthur, der nun das ganze Spiel klar durchſah. meinte, ich werde ihr Nachrichten und Briefe von ihrem Sohne in der Schweiz zu überbringen haben, da ſie wußte, oder doch zu wiſſen vorgab, daß ich deſſen vertrauter Freund ſei, und ſie wählte dieſe Feſtnacht, um ohne Aufſehen zu erregen mit mir zu⸗ ſammenkommen zu können.“ „Und Sie hatten ſolche Briefe und gaben ſie an die Betrügerin ab?“ rief der Herzog, auf den jungen Mann zuſtürzend und ſich wie verzweiflungsvoll geberdend. „Ich hatte ſolche,“ entgegnete dieſer mit Nachdruck, „aber ich gab ſie nicht ab, weil ſie mir nicht wie eine Dame von Stande, ſondern wie eine Polizei⸗ ſpionin vorkam. „Sie (G T 8 8 ⁴☛ᷣ D X TX . 87 Wolfgang Amadeus Mozart, geb. zu Salzburg den 27. Jan. 1756, geſt. den 5. Dez. 1791 zu Wien. 1 Feierſtunden. 1864. Deßwegen ſtellte ich mich, als ob ich 1 —— mit dem jungen Grafen Belgiojoſo, meinem Freu⸗ ar ganz oberflächlich bekannt ſei, und ſie wird nun ganz cher⸗ lich höheren Orts in dieſem Sinne rapportiren, da es mir augenſcheinlich gelang, ſie von meinen Angaben zu über⸗ zeugen.“ Dieſe Worte brachten eine außerordentliche Verände⸗ rung auf dem Geſichte des Herzogs hervor, und wenn er ſoeben noch faſt verzweiflungsvoll die Hände rang, ſo ver⸗ klärten ſich jetzt ſeine Züge förmlich.„Gerettet,“ rief er, „aus entſetzlicher Gefahr gerettet! Junger Herr,“ ſetzte er dann mit großer Rührung hinzu, indem er unſerem Hel⸗ den beide Hände entgegenſtreckte,„ich bin Ihnen vorhin nicht ſo begegnet, wie ein geehrter Gaſt von mir erwarten konnte, wollen Sie mir dies zu Gute halten?“ Jetzt trat auch der alte, ſtattliche Herr, der bisher keine Silbe geſprochen hatte, hinzu und reichte dem jungen Engländer ſeine Rechte dar.„Sie ſind ein Mann,“ ſprach er, ihn wohlgefällig betrachtend.„Ja ein Mann ſind Sie, und wem Graf Pepoli das in's Geſicht ſagt, der darf wohl einiges Gewicht darauf legen.“ „Sie thun mir faſt allzu viel Ehre an,“ entgegnete Arthur beſcheiden;„aber nun laſſen Sie mich Ihnen die Betrügerin beſchreiben, damit Sie nach derſelben fahnden und ſie zur Strafe ziehen können.“ „Das ſoll nicht geſchehen,“ meinte dagegen Graf Pepoli mit großer Beſtimmtheit.„Wir würden dadurch nur unnützes Aufſehen erregen und die Gäſte in Allarm bringen. Laßt uns vielmehr jetzt zur Geſellſchaft zurückkehren, von der wir ſicherlich längſt vermißt worden ſind, und Sie, junger Freund, bleiben Sie in unſe⸗ rer Nähe, damit wir Sie mit den Unſrigen bekannt machen. „Zuvor jedoch möchte ich mich des Briefs meines Freundes an ſeine Mutter entledigen,“ ſagte jetzt Arthur Stanton.„Geben Sie mir eine Scheere, ſo will ich ihn bald aus meinem Rocke heraus getrennt haben.“ „Halt, nein,“ rief der Herzog von Roalta, „den Brief müſſen Sie meiner Schwägerin eigenhändig übergeben, denn wahrhaftig es wäre eine Sünde, Sie dieſes Vergnügens zu berau⸗ ben. Aber nicht im Palaſte Belgiojoſo ſoll’s geſchehen, ſondern hier in dieſem Landhauſe, wo ich morgen Mittag eine kleine gewählte Geſell⸗ ſchaft verſammeln werde, lauter nahe Verwandte und Freunde, eine Art von Familienrath. Alſo vergeſſen Sie's nicht, morgen Mittag mit dem Schlag fünf Uhr, und nun kommen Sie, daß ich Sie meiner Frau und meiner Nichte vor⸗ ſtelle, welche unendlich begierig ſein werden, den Freund meines Neffen kennen zu lernen. Nur müſſen Sie mir die Hand darauf geben, wenn Sie von ihm erzählen, nicht zu laut zu ſpre⸗ chen, denn wir wiſſen ja nun, daß die Polizei ihre Agenten überall hat, ſelbſt in unſeren ver⸗ trauteſten Kreiſen.“ 1 Mit dieſen Worten nahm er ihn unter den Arm, gerade wie er bei einem Sohn gethan haben würde, und führte ihn den beiden Damen entgegen, welche in einem Nebengemache des Ausgangs der Unterredung mit großer Span⸗ nung entgegenharrten. Wenige Worte erklärten den ganzen Sachverhalt, und wie unn Arthur — — nähtr unter funziſte J9 mit dung, und wo er auf Namen des ten lißß. dem Glan leuchtet, v ward, wi Signalen Hügels, gegeben. Höhle, Schöngeit beim Cind Um hangplät in Fran das Waſ und Zieg Bei einer aus den Von naſſouf andere zu obwohl d noch vor begünſtigt ken ſind dicen Sc dſſe übe Fahrzeu ds Küſt mn es; mung zu lächtſinn gut es uhäuften nache ge ſüön, ſich u d angen ſchmun Mit gi ur cher⸗ es mir zu über⸗ zerände⸗ venn er ſo ber⸗ rief er, ſetzte er w Hel⸗ vorhin rwarten bisher jungen ann,“ Mann t ſagt, Deonete hnen die fahnden dagegen „Wir erregen ſt uns en, von en ſind, in unſe⸗ Inſrigen Briefs ddigen, Sie mir zant tin. Roalta, wägerin es wäre berau⸗ ſolls iſe, wo Geſell⸗ wandte Alſo wüt Ddell k, daß e vor⸗ en, den Nur wenn zu fpre⸗ Polizen ten vel⸗ tter den gethon Dameln he ds Span rklärten Arthur Feierſtunden. 1864. 47 —ꝛ—ͦͦͦ-:———— „ näher unterſucht worden, als der Marquis de Nointel, franzöſiſcher Geſandter bei der hohen Pforte, im Jahre 1673 mit einer zahlreichen Dienerſchaft in ihr Inneres ein⸗ drang, und die drei Weihnachtsfeiertage in dem Saale blieb, wo er auf einem großen Steine, der noch immer unter dem Namen des Altars bekannt iſt und gezeigt wird, Meſſe hal⸗ ten ließ. Bei dieſer Gelegenheit hatte man die Höhle mit dem Glanze von vielen hundert Lampen und Fackeln er⸗ leuchtet, und in dem Augenblicke, wo die Hoſtie erhoben ward, wurde mit Hilfe einer ununterbrochenen Reihe von Signalen bis zur Mündung der Höhle, auf der Spitze des Hügels, welcher ſich über dieſelbe erhebt, eine Kanonenſalve gegeben.— Nach ihm beſuchten Tournefort und Andere die Höhle, und deren übertriebene Schilderungen von ihren Schönheiten und den entſetzlichen Gefahren, denen man ſich beim Eindringen in dieſelbe ausſetze, vergrößerte ihren Ruf, zog zahlreiche Beſucher, Freunde des Abenteuerlichen, herbei, hielt aber auch viele wiſſenſchaftliche Durchforſcher Grie⸗ chenlands und der Kykladen vom Beſuche der Höhle ab, beſonders da ein namhafter Reiſender, der einem Freunde umſtändliche Nachricht über die Wunder der Grotte gegeben, demſelben ſchrieb: er ſei darum ſo ausführlich geweſen, weil er es für unwahrſcheinlich halte, daß nach ihm Je⸗ mand in die Höhle hinabſteige, und ſein Bericht daher der letzte ſein werde, den Jemand aus eigener Anſchauung geben könne. Seine Vermuthung hat ſich nicht beſtätigt, denn abgeſehen davon, daß die Höhle immer von Griechen beſucht wird, vergeht ſelten ein Jahr, wo nicht Ausländer nur der Höhle wegen auf Antiparos landen. Die Abbil⸗ dung des Innern der Grotte haben wir dem Berichte des Herrn E. A. Spoll entnommen, der die Höhle im Juli 1859 beſuchte. 2. Kuſternfſiſcherei. Um den Auſtern entſprechende Brutplätze, d. h. An⸗ hängplätze für die junge Brut zu verſchaffen, verſenkt man in Frankreich eine Reihe Faſchinen(aus Baumzweigen) in das Waſſer, und ſetzt ſie auf einen künſtlichen, aus Stein⸗ und Ziegelfragmenten und Thonſcherben beſtehenden Grund. Bei einer damit gemachten Probe zählte man kürzlich an einem aus den Betten heraufgeholten Zweige nicht weniger als 20,000 kleine Auſtern. Nach offiziellen Berichten koſtet die Anlage einer Auſternbank 221 Fr., und wenn man die Zahl von 300 Faſchinen mit 20,000 multiplizirte, ſo käme eine Summe von 6,000,000 Auſtern heraus und ergäbe, das Tauſend zu 20 Fr. angeſchlagen, aus den urſprünglich verwendeten 221 Fr. einen Gewinn von 120,000 Fr. Dr. B. Der Sagnaſſoufluß in Braſilien. Von Rio aus führen zwei Wege nach dem Sag⸗ naſſoufluſſe, der eine zu Lande über Santa Cruz, der andere zu Waſſer; der letztere wird allgemein vorgezogen, obwohl er durchaus keine Annehmlichkeiten bietet. Man ſchifft ſich zu dieſem Behufe auf Barken ein, mwelche in der Bai der Mineiros liegen, und verläßt dieſe noch vor Anbruch des Tages, um, durch den Landwind begünſtigt, ſchneller in See gelangen zu können. Die Bar⸗ ken ſind ſchwerfällige Fahrzeuge, zur Hälfte mit einem dicken Schilfdache bedeckt und mit einem Segel verſehen, deſſen übermäßige Größe nicht ſelten dazu beiträgt, das Fahrzeug zum Kantern zu bringen, und nur dem Schutze des Küſtengebirges, das jeden heftigen Windſtoß abhält, hat man es zu danken, ohne Unglücksfall den Ort der Beſtim⸗ mung zu erreichen, beſonders da drei oder vier unwiſſende, leichtſinnige Neger die einzigen Leiter der Barke ſind. So gut es gehen will, ſuchen ſich die Reiſenden auf den auf⸗ gehäuften Waaren, welche die Ladung bilden, und über welche getrocknete Ochſenhäute gebreitet ſind, Plätze zu ver⸗ ſchaffen, freuen ſich des lieblich wechſelnden Geſtades, laben ſich an den mitgenommenen Lebensmitteln, ſind aber, ſo angenehm die Reiſe auch iſt, doch herzlich froh, die ſchmutzige Barke ſo bald als möglich verlaſſen zu können. Mit günſtigem Winde gelangt man nach etwa zwölf Stun— den vor der Mündung des Sagnaſſou an, die ſo breit und tief iſt, daß ſelbſt Schiffe von hundert Tonnen dieſelben befahren können. Strom aufwärts ein vierrudriges Boot zu erlangen, mit welchem man, oft ſelbſt mit arbeitend und rudernd, am nächſten Morgen die weitere Reiſe antritt. Rechts und links zeigt ſich nichts als angeſchwemmtes, dicht mit Mangle⸗ bäumen bedecktes Land, zwiſchen welchem ſich der Fluß im trägſten Laufe und unzähligen Krümmungen windet. Die Hier ſucht man zur weiteren Fahrt den Bäume, durch Lianen und andere Schlinggewächſe verbun⸗ den und mit ihren Aeſten in einander greifend, bilden einen Baldachin, durch den kaum die Strahlen der Sonne zu dringen vermögen. Kein Luftzug durchkräuſelt die Ober⸗ fläche der trägen Fluth, über welcher eine drückende und erſtickende Hitze ruht. Ungeziefer aller Art wirft ſich blut⸗ gierig auf die Reiſenden, die vor Ermattung kaum fähig ſind, die Ruder zu führen, und ſich wahrhaft glücklich preiſen, vor Anbruch der Nacht eine Lichtung, und unfern derſelben eine Obdach gewährende Pflanzung erreichen zu können. Iſt dies nicht möglich, ſo wird, ſo traurig es auch iſt, im Boot auf dem Fluſſe übernachtet, ein Loſungszeichen für Moskitos, Stomexes, Tempraneroes und wie die ver⸗ ſchiedenen Arten von Stechfliegen alle heißen mögen, die nun in dichten Schwärmen und ſich gleichſam ablöſend über Menſchen und Thiere herfallen, und ſie nur dann erſt ver⸗ laſſen, wenn ſie ſich mit ihrem Blute vollſtändig geſättigt haben. Alle Verſuche, ihre Angriffe abzuwehren, ſind ver⸗ gebens, und die Bemühungen, ſie mit Rauch und Umſich⸗ ſchlagen zu vertreiben, haben keinen andern Erfolg, als daß man in Schweiß verſetzt und beinahe erſtickt wird.— Die wunderherrlichen Tropennächte in den reizenden Urwäldern, die man in Europa ſich ſo ſüß geträumt, ſind in der Wirk— lichkeit unter ſolchen Umſtänden nichts weniger als ange⸗ nehm, und wenn der Mond ſeinen lieblichen Schimmer über dieſe höchſt romantiſchen Gegenden verbreitet und der Landwind die Luft angenehm kühlt, aber auch immer wie⸗ der neue Schaaren von Blutſaugern herbei weht, ſehnt man ſich die drückende Hitze des Tages zurück, und hegt kei⸗ nen andern Wunſch, als das mächtige Geſtirn des Tages recht bald wieder aufgehen zu ſehen, vor welchem dieſe Quälgeiſter allein entfliehen. 2.— C — vubv ao 9 Uno — un In Uvag —— A₰ W noch im datie er Geringh den und ſenden rum ab vohl bo An von Ro⸗ daſelbſt Rojoſo Austw natürl Freun Spion giojoj⸗ das Lau ten ein Grafen Mallan welchen regelmä meriſche Vergan hatte y dem C andere mabn⸗ Vchte gleichgi gehen. richt ſt iührer C allerdin füche dem A außerl ein G diger! Wa Waner en und wen lüfte Din nesn heftig konnte land Nom das der 7 N RERRR NM N Feierſtun ———— Italia 1 — ———⸗——⸗—⸗-:⸗—---—⸗—C—⸗—C—C—ꝛ—x—x—ꝰyy—ÿꝛ;ℳꝛꝛ—— — den. 1864. 49 ———;— iberata. (Fortſetzung von Seite 46.) Drittes Kapitel. Die Casa inglese- Wochen vergingen und Arthur Stanton befand ſich noch immer in Mailand. Die Merkwürdigkeiten der Stadt hatte er längſt alle geſehen, und doch dachte er nicht im Geringſten daran, dieſelbe zu verlaſſen, um anderen Gegen⸗ den und anderen Städten, ſo wie es die Pflicht einem Rei⸗ ſenden vorſchreibt, ſeine Aufmerkſamkeit zu widmen. Wa⸗ rum aber dies ſo kam,— ei nun, der Leſer wird es gar wohl von ſelbſt errathen. Am Tage nach dem Feſte auf der Villa des Herzogs von Roalta hatte die beſprochene Familienzuſammenkunft daſelbſt ſtattgefunden, bei welcher Arthur der Gräfin Bel⸗ giojoſo den Brief ihres Sohnes übergab und zugleich alle Auskunft ertheilte, die er nur irgend geben konnte. Die natürliche Folge hievon war, daß er von nun an als Freund der Familie galt, und wenn er es auch der vielen Spionenaugen wegen vermeiden mußte, im Palaſte Bel— giojoſo ſelbſt Beſuche abzuſtatten, ſo ſtand ihm dagegen das Landhaus des Herzogs, wohin dieſer oft ſeine Verwand⸗ ten einlud, ſtets offen, und eben ſo häufig wurde er vom Grafen Pepoli, ſowie von anderen vornehmen Familien Mallands zu kleinen Feſtlichkeiten oder Landparthien, an welchen die junge Gräfin Felicitas Belgiojoſo ebenfalls regelmäßig theilnahm, eingeladen. So lebte er in träu⸗ meriſcher Seligkeit dahin, ohne ſich weder um Zukunft noch Vergangenheit zu kümmern, und ſelbſt von der Gegenwart hatte nur dasjenige wirkliches Intereſſe für ihn, was mit dem Gegenſtande ſeiner Liebe in Verbindung ſtand. Alles andere aber, insbeſondere die politiſchen Ereigniſſe der da⸗ mabmm⸗Zeit ließen ihn vollkommen kalt, oder vielmehr er wuſhte gar nicht über ſie nach und ließ ſie als gänzlich gleichgültige, ihn nicht berührende Dinge an ſich vorüber⸗ gehen. 4 Inzwiſchen ſtand aber das Rad der Zeit natürlich doch nicht ſtill, ſondern die Ereigniſſe drängten im Gegentheil ihrer Entſcheidung mehr und mehr entgegen. In Mailand allerdings, ſowie in der ganzen Lombardei war die Ober⸗ fläche der See, wenn wir dieſes Bild gebrauchen dürfen, dem Anſcheine nach vollkommen glatt, d. h. es zeigte ſich äußerlich gar keine politiſche Aufregung und noch weniger ein Geiſt des Aufruhrs oder der Empörung. Ja ein we⸗ niger hell ſehender Beobachter konnte ſogar der Anſicht ſein, daß auch die Bevölkerung des übrigen Italiens in vollkom⸗ mener Zufriedenheit oder doch in ruhiger Ergebenheit dahin⸗ lebe, während die Regierungsbehörden ſelbſt des Gehorſams und der Treue der Unterthanen durchaus ſicher ſeien; allein wenn man den Schleier dieſer glatten Oberfläche ein wenig lüftete, ſo zeigte ſich bald ein ganz anderer Zuſtand der Dinge. In der Tiefe unten nämlich lagen die Waſſer kei⸗ neswegs glatt und eben, ſondern da bewegten ſie ſich ſo heftig, daß man den baldigen Sturm wohl vorausſehen konnte; die Behörden aber, und zwar ſowohl die zu Mai⸗ land und Venedig, als die zu Florenz, Modena, Parma, Rom und Neapel— ei nun, dieſe wußten ganz genau, was„unter der Hand“ vorgehe, und trafen ebenſo„unter der Hand“ ihre Gegenmaßregeln. Die Wiener Regierung hatte ihre Augen überall, und der wahre Grund, warum Feierſtunden. 1864. der junge Louis Napoleon die Grenzen Italiens überſchrit⸗ ten, und nun ſchon ſeit mehreren Monaten ſeinen Aufent⸗ halt in Rom genommen habe(angeblich war der Zweck dieſer Reiſe kein anderer, als ein Beſuch bei Madame Lätitia, der Großmutter, und bei Cardinal Feſch, dem Großonkel, ſowie eine Zuſammenkunft mit dem damals noch lebenden Vater und Bruder, die zu jener Zeit beide ebenfalls, ſtatt in Florenz, in Rom verweilten), konnte ihr natürlich nicht verborgen bleiben. Ebenſo eifrig überwachte ſie die geheimen Geſellſchaften, namentlich die der„Carbo⸗ nari“ oder„Köhler“, wie ſie ſich nannten, und wenn ſie vielleicht auch nicht im Stande war, in deren ſämmtliche Pläne gleich von Anfang an eingeweiht zu werden, ſo er⸗ fuhr ſie doch durch ihre gut bezahlten Spione wenigſtens das Wichtigſte. Kurz„in der Tiefe“ ſah es ganz anders aus, als„auf der Oberfläche“; nur war das, was„in der Tiefe“ vorging, äußerſt Wenigen bekannt, und nament⸗ lich gaben ſich die oberſten Behörden von Malland die un⸗ endlichſte Mühe, ihr beſſeres Wiſſen zu verbergen. Die Carbonari und ſonſtigen Verſchworenen, mit Louis Napo⸗ leon an der Spitze, ſollten gar nicht ahnen, daß man in Wien von allen ihren Machinationen unterrichtet ſei, denn dadurch hoffte man ſie ſo ſicher zu machen, daß ſie um ſo leichter in die Falle gingen! Freilich wenn es im Plan der⸗ ſelben gelegen geweſen wäre, auf öſtreichiſchem Gebiete loszuſchlagen, d. h. das Mailändiſche und Venetia⸗ niſche zu revolutioniren, dann würde die Wiener Regie⸗ rung wohl kurzen Prozeß gemacht und die kommende Em⸗ pörung ſofort durch Verhaftung der Rädelsführer ſchon im Keime unterdrückt haben; allein die Leiter der revolutionä⸗ ren Partei hüteten ſich für diesmal gar wohl vor einem ſolch' gewagten Unternehmen, und beſchränkten ihre Opera⸗ tionsbaſis auf die kleinen Mittelſtaaten Italiens, ſowie auf den Kirchenſtaat, mit deren„Tyrannen“ ſie bald fertig zu werden hofften. Das war alſo fremdes Gebiet, auf welchem einzuſchreiten Oeſtreich kein Recht hatte, ſo lange nicht irgend etwas geſchah, was als genügender Grund hiefür angegeben werden konnte. Ja es war ſogar zu be⸗ fürchten, Frankreich, das durch ſeine achtzehnhundertdreißiger Revolution aus den Reihen der abſoluten Staaten getreten war, würde einer jeden Intervention mit Gewalt entgegen⸗ treten, wenn nicht öſtreichiſcher Seits bewieſen werden könne, daß es„um ſeiner eigenen Sicherheit willen“ habe interveniren müſſen! Darum lag der Wiener Regierung unendlich viel daran, die Häupter der Verſchwörung ſo„ein⸗ zulullen“, daß dieſelben„keinen Gewaltſtreich“ begingen, und eben deßwegen ſtellte man ſich, als ob man von Allem, was in den heimlichen Kreiſen der Eingeweihten vor ſich ging, auch nicht die geringſte Kenntniß habe; zu gleicher Zeit aber unterhandelte man heimlich mit Louis Philipp in Paris, damit derſelbe Oeſtreich gewähren laſſe und— der Bürgerkönig war ſchlau genug, zu begreifen, welchen Nutzen es für ſeine Dynaſtie haben müſſe, wenn die letzten Sprößlinge der Napoleoniden als überwieſene Aufrührer gefaßt und für im nier „unſchädlich“ gemacht würden. Solches war der Stand der Dinge in Oberitalien am Ende des Jahres 1830, und man kann ſich daher wohl denkichtuncß die Geiſter der„beſſer Unterrichteten“, ſei's von 1 7 dieſer oder jener Partei, ſich in keiner geringen Aufregung und lebhaft. befanden, obwohl ſie der Welt gegenüber ſtets daſſelbe Ge⸗ um „mit welchen Arthur ter Stanton verkehrte, ſah es keineswegs anders aus, und man die wahren Geſin— ſicht zeigten. Auch in den Familien gab ſich ſogar nicht einmal die Mühe, nungen vor ihm zu verbergen, da man ſeit jenem Feſtaben das vollkommenſte Vertrauen in ihn ſetzte. Geringſte, und wenn er auch je etwas ſehen mußte merte es ihn wenigſtens nicht. des Monats Dezember auf einmal Glücke aufgeſchreckt werden. lich gewohnt, faſt jeden Morgen die Meſt einige Worte mit ihr zu wechſeln. Der ungeheure Temp hatte ja der Säulen und Pfeiler ſo viele und ſo mächtig daß man in ihrem Schatten verborgen gleichſam von all Welt abgeſchloſſen war Stelldichein, wenn ſie etwas ganz Heimliches zuſammer flüſtern wollten. Eines Morgens nun, als Arthur ſich ar ſeinem gewohnten Plätzchen aufgeſtellt hatte, fand gleich darauf Felicitas ein; daß er im Augenblicke merkte liches vorgegangen ſein und in der That verhielt ſich die auch ſo. „Meine Mutter hat Briefe vom Großoheim bekom- S men,“ flüſterte ſie ihm heiligen Vater, als Erlaubniß ausgewirkt, ſuchen dürfen.“ „Von Seiner Eminenz dem Kardinal Dorin?“ erwie derte Arthur, über den Eifer, in dem ſie ſprach, unwillkür lich lächelnd.„Ei nun, dies ließ ſich ja erwarten, da der Kardinal chiſchen Regierung bekannt iſt und der Pabſt ihm wo Beſuch ſeiner Nichte und Großnichte Aber, Theuerſte, gewährt dir denn ein Beſuch in ſo großes Vergnügen, ruhr kommt? daß ich faſt daran verzweifeln muß, ob Seligkeit erwartet?“ „Aber, Arthur,“ meinte ſie vorwurfsvoll. denn meinen Bruder vergeſſen? Hierher dar wagen, ohne ſein Leben auf's Spiel zu ſetzen; in Rom da⸗ gegen iſt er nicht ſo gefährdet, und überdies, Arthur,“ ſetzte ſie mit wichtigen Blicken hinzu,„es gehen große Dinge vor, Dinge, die Alles mit einem Schlage verändern können.“ „Hat dein Bruder davon geſchrieben?“ durch ihren Eifer ſelbſt aufgeregt. meiner dabei gar nicht gedachte!“ „Mein Bruder konnte nicht ſchreiben,“ erklärte ſie. „Denn ſeine Briefe wären alle aufgefangen und erbrochen worden; wir haben die Nachrichten vielmehr von Graf Pe⸗ poli und von ihm wiſſen wir auch, daß noch mehrere Fa⸗ milien und Herrn außer uns von hier nach Rom reiſen werden, nämlich einmal Graf Pepoli ſelbſt, dann die Pri⸗ molanos, die Segeſtas, die Cimitellis und der Marcheſe Cialdini.“ „Cialdini?“ rief Arthur, indem ſein Geſicht von einer tiefen Röthe bedeckt wurde.„In des Marcheſe Cialdini's Geſellſchaft ſoll die Reiſe vor ſich gehen? O Felicitas „Still, Arthur,“ unterbrach ihn die letzters zu,„und er hat richtig von den öſtreichiſchen Behörden di daß wir Rom auf längere Zeit⸗ be „Haſt du fragte er nun, „Sonderbar, daß er ——— Feierſtunden. 1864. Er ſelbſt jedoch ſah von allem dem, was um ihn her vorging, nicht das „ſo küm⸗ abzuſchütteln. Da ſollte er zu Anfang welcher meinte, es müßte der öſtreichiſche aus ſeinem träumeriſchen fallen Felicitas Belgiojoſo war näm⸗ nach er fragte jetzt Arthur ſcherzend. „und viele Liebende wählten jenes leicht ein Geheimniß bleiben, ſich auch ſonſt für Jedermann,“ allein ſie ſah ſo aufgeregt aus, Tone. es müſſe etwas Außergewöhn⸗ Rovigo, ſowohl vom der natürlich gar nicht anders als treuer Anhänger der öſtrei⸗ hl einen nicht abſchlagen kann. —— Alles in der Welt nicht. darauf, und ſie hätte gern eingewilligt, ſie umzuſtimmen; denn ſieh' Arthur,“ ſetzte lich hinzu,„ich haſſe ihn, den Marcheſe. nde Herzen haſſe ich ihn; nehmen wir zu einer Ueberdies kam uns Graf „wenn wir Alle zuſammen ſo zu ſagen in corpore Rom zögen zu einer andern Zeit von hier abgehen, „ſondern auch, daß jede eine andere Reiſeroute einſchlagen el„Und darf ich wiſſen, welche Route meine theure e, Felicitas einſchlagen, ſowie, wann ſie dieſelbe antreten wird? „Oder muß mir dies viel⸗ damit ich ja nicht in Ver⸗ den nämlichen Weg zu wandeln?“ „Nein gewiß, für dich iſt's kein Geheimniß, obwohl erwiederte Felicitas im gleichen „Wir machen nämlich einen großen Umweg über wo wir Verwandte beſitzen, und von da geht's s dann über den Po nach Ferrara und Bologna, woſelbſt uns der Großoheim abholen läßt; in Rom aber werden wir Sonnabend über acht Tage eintreffen, und daß mein Freund, bis dahin längſt in der Hauptſtadt der Welt eangelangt iſt, nicht lange auf eine Einladung zum Groß⸗ ohm warten darf, dafür wird Felicitas ſorgen. Dort haben wir ja die mailändiſche Polizei nicht mehr zu fürchten, und ⸗wir dürfen offen vor aller Welt mit einander umgehen. Biſt du nun zufriedengeſtellt, Carino?“ 5 Und er war zufriedengeſtellt und zwar um ſo mehr, als ſie ihm noch eine weitere Zuſammenkunft vor ihrer Ab⸗ reiſe zugeſtand. Wie ſie ſich nun aber endlich trennten, und Jedes von ihnen, in der ſichern Ueberzeugung, daß die i⸗ ſuchung komme, If Rom ein V leiſe geführte Uuterredung von Niemandem bekauſcht w den daß dein Herz deßhalb ganz in Auf⸗ Sind wir nicht hier ſo unendlich glücklich, uns dort dieſelbe ſei, voll froher Hoffnungen den alten Dom verließ, da tauchte neben der Säule, in deren Schatten Felicitas mit Arthur geſtanden hatte, eine Geſtalt auf, die durch ihr Ausſehen nothwendig Furcht, wenn nicht gar Entſetzen ein⸗ flößen mußte. Unter dieſem Ausſehen verſtehen wir aber f er ſich nicht nicht ſowohl die Geſtalt des Körpers, die an ſich nichts weniger als abſchreckend war, als vielmehr die Farbe des Geſichts, das grün von Wuth und ganz verzerrt drein ſchaute, ſowie den Ausdruck der Augen, die wie Baſilisken⸗ blicke funkelten. Und wem gehörten nun dieſe Augen und dieſes Geſicht an? Niemand Anderem, als dem Marcheſe Cialdini, welcher ſich offenbar hier verſteckt hatte, um das Geſpräch der beiden Liebenden zu belauſchen. „Alſo du haſſeſt mich,“ lachte er dämoniſch vor ſich hin;„ſo recht gründlich und von Herzen haſſeſt du mich? Ein recht ehrliches und naives Geſtändniß, meine theure Felicitas! Aber bei der Hölle, es ſoll dir bös zu ſtehen kommen, denn ich werde mich rächen, ſo wahr ich Cialdini heiße. Doch wie— wie? Ha,“ fuhr er nach einigem Nachdenken fort,„ich glaube, ich hab's gefunden. Oder ſagte ſie nicht, daß ſie über Rovigo und Ferrara reiſen würden, und müſſen ſie da nicht bei Ponte di Lago Seurd über den Po ſetzen? Eine beſſere Gelegenheit zu einem Ueberfall könnte es gar nicht geben, und ich will ſie be⸗ nützen, mag daraus entſtehen, was da wolle. Sie ſoll mein ſein, das theure Püppchen; mir ſoll ſie gehören, mir und ſo wurde dann beſchloſſen, daß nicht ſſe in dem großen blos jede Familie Dome zu hören, und natürlich verſäumte es Arthur nie ſie dort zu treffen, um vor ihrem Austritt aus der Kirche ſollte.“ „Nicht in ſeiner Geſellſchaft reiſen wir, nein Er drang bei meiner Mut⸗ aber ich wußte ſie leidenſchaft⸗ Ja recht von aber ich fürchte ihn auch, weil er rachgierig iſt und heimtückiſch und bösartig, und darum Liſt unſere Zuflucht, um ihn von uns Pepoli zu Hülfe, i Regierung auf⸗ 2 X△„ ₰ de ſie fült mi wenn i 6s mir ncch Be dingen ſich, u einen nen Lo den pe Poyte und! Schl kaun veſend bin. fallen dann „jetzt made So ewig dini kom⸗ ihn i Stun um a men ihm es ſic in w fein Belo begle Sta⸗ eälle Man abzuſ mit, zuſen duff es jo den der d. i. Dör — wir, nei mer Mut⸗ ich wußte denſchaft⸗ recht von weil er nd darum von uns u Hülfe ung auf⸗ COrore daß nicht abgehen, inſchlagen he theure en wird? jes viel⸗ in Ver⸗ „odwohyl gleichen weg über da geht's woſelbſt den wir Freund, er Welt Groß⸗ rt haben ten, und imgehen. 82 ₰ o mehr, hrer Ab⸗ trennten, daß die 1=Kuten gelebt. ieß, da tas mit urch ihr gen ein⸗ dir aber. h richts arbe des t drein ſtlisten⸗ he und hancſeſe „um or ſich nich? theure ſtehen Lialdini einigem Oder . reiſen Sulb einem ſie be⸗ e ſoll „ mit in welchem er Felicitas zu fangen gedachte, Feierſtun ——— von Herzen haßt! Aber halt, da Es iſt doch zu viel Gefahr dabei, wenn ich's ſelbſt thue, und im Falle des Mißglückens könnte es mir an den Kopf gehen. Wie aber, wenn ich jetzt gleich nach Bologna reiste und den Battiſta zu dem Stückchen dingen würde? Der Kerl hat immer eine kleine Bande um ſich, und um ein paar hundert Skudi fängt er mir ſelbſt einen Cardinal. So ſoll's gehen! Der Battiſta mit ſei⸗ nen Leuten überfällt die Frau Gräfin und Tochter, nebſt den paar Bedienten, die ihre Eskorte bilden, ſowie ſie bei Ponte di Lago Scuro auf päbſtliches Gebiet überſetzen, und bringt die geliebte Felicitas in einen ſeiner entlegenſten Schlupfwinkel; ich aber eile ſofort nach Rom voraus und kann beweiſen, daß ich während des Ueberfalls dort an⸗ weſend geweſen und folglich an demſelben ganz unſchuldig bin. Damit entkräfte ich jeden Verdacht, der etwa auf mich fallen ſollte, und wenn hernach der erſte Lärm vorüber, dann vorwärts zur Hochzeit! Hurrah,“ jubelte er laut auf, „jetzt bin ich auf der rechten Fährte und nun gute Nacht meine ſüße Felicitas, bis auf Wiederſehen; von deinem den ſie ſo gründlich und fällt mir Etwas ein. Signor Ingleſe aber kannſt du gleich jetzt auf immer und ewig Abſchied nehmen.“ Das war der Racheplan, den ſich der Marcheſe Cial— dini entwarf, und ſowie er einmal damit in's Reine ge⸗ kommen war, ſo zauderte er auch keinen Augenblick mehr, ihn in Ausführung zu bringen. Im Gegentheil ſchon eine Stunde darauf befand er ſich auf dem Wege nach Bologna, um allda Rückſprache mit dem Banditen Battiſta zu neh⸗ men und dann nach Rom weiter zu eilen; ihm doch nicht Alles und Jedes gerade ſo glücken, wie er es ſich vorgenommen hatte, obwohl die Fäden des Netzes, außerordentlich fein geſponnen waren. An demſelben Tage nämlich, an dem die Frau Gräfin Belgiojoſo mit ihrer Tochter von nur wenigen Domeſtiken begleitet die Reiſe nach Rom antrat, verließ auch Arthur Staatan die Stadt Mailand, in welcher er nun ſeit Mo⸗ Er ſchlug jedoch die viel weitere Route über Mantua ein, um dieſer berühmten Feſtung einen Beſuch abzuſtatten, und hatte die Abſicht, von da ſeinen Wagen mit einem Theil ſeiner Dienerſchaft nach Modena voraus⸗ zuſenden, Duffy auf Nebenwegen zu Pferde nachfolgen wollte. Gab —ꝛyͦ-õeaunyͤ,uͤͤ— allein es ſollte während er ſelbſt mit ſeinem vertrauten Diener den. 1864. 51 ———;—;——:::———— Arthur Stanton Mantua verlaſſen, als er in Begleitung ſeines treuen Duffy einen ziemlich ſteilen Pfad hinanritt, der nach einem etwa zwei Stunden entfernten kleinen Bade⸗ orte dicht an der modeneſiſchen Grenze führte. Auf der Station, auf welcher ſie ſo eben Halt gemacht, hatte man ſie gewarnt, für heute noch weiter zu reiſen, indem ein Unwetter im Anzuge ſei, das ſie leicht unterwegs über⸗ raſchen könne, und ein Unwetter in Italien iſt etwas ganz Anderes, als in einem gemäßigteren Klima. Ueberdies hatte man ihnen weiter geſagt, es gebe auf der ganzen Strecke kein einziges ſchützendes Obdach, als ein Pächterhaus, un⸗ gefähr in der Mitte des Wegs, das aber nicht unmittel⸗ bar an der Straße, ſondern vielmehr um ein Ziemliches abſeits liege und nicht leicht aufgefunden werden könne. Allein ſogar, wenn man es finde, ſei es eine große Frage, ob man nur aufgenommen werde, denn der Pächter gelte in der ganzen Umgegend als ein überaus verſchloſſener und abſtoßender Mann, der namentlich gegen Fremde einen im— menſen Haß hege und ſelbſt geborenen Italienern, nur wenn er ſie genau kenne, Zutritt in ſeinem Anweſen geſtatte. Sie alſo, als Engländer, kämen in keinem Falle hinein, ſon⸗ dern müßten im Freien dem Sturme Trotz bieten und könn⸗ ten nur zu leicht verunglücken. So ſprach man auf der Station und that mit Einem Worte Alles, um unſern Helden von der Weiterreiſe für dieſen Abend abzuhalten; aber gerade weil man ihm ſo außerordentlich dringend ab⸗ redete, traute er nicht, ſondern beſchloß vielmehr, allen Warnungen zum Trotz ſeinem eigenen Kopfe zu folgen. Doch hatte er dies nur allzu bald zu bereuen; denn kaum hatte er die Station etwa eine Stunde weit hinter ſich, ſo thürmten ſich dicke, ſchwarze Wolken am Himmel auf, welche den Abend ſchnellſtens in Nacht zu verwandeln droh⸗ ten, und zugleich erhob ſich ein ſo ſchneidender kalter Wind, daß Jeder, der ſich im Freien befand, gar gegründete Ur⸗ ſache hatte, ſich nach einem warmen Herde zu ſehnen. „Am Ende meinten es die Leute doch ehrlicher, als ich es ihnen zutraute,“ rief Arthur Stanton ſeinem Diener zu, als die erſten Tropfen zu fallen begannen;„alſo treibe dein Pferd raſcher an, Duffy, denn wenn es einmal hier zu Lande zu regnen anfängt, dann ſchüttet es gleich wie mit Eimern.“ Sie ritten nun in der That ſo ſchnell, als es der ziemlich ſteile Weg nur irgend erlaubte; allein ſchon nach es ja doch, wenn man einige Meilen über Mantua hinaus wenigen Minuten brach der Regenſturm in einer Gewalt den Po bei Oſtiglia auf einer Fähre überſchritten hatte, in los, wie man es nicht leicht großartiger erleben konnte, und der Richtung gegen den Apennin zu, der romantiſchen Punkte, nun d. i. der alten Burgen und Schlöſſer, ſowie der befeſtigten Ende. wohl und durch die in Dörfer, Städtlein und Abteien ſo viele, daß es ſich verlohnte, von der gebahnten Straße ein wenig abzuweichen. Plan rich⸗ die Reiſenden mußten ſich alſo entſchließen, abzuſitzen, um In ver That führte er nun auch dieſen ſeinen hatte es mit jeder ſchnellen Bewegung der Pferde ein Ja dieſe, durch die gräßlichen Windſtöße erſchreckt, Strömen dahinbrauſenden Waſſerrinnen gehemmt, verweigerten am Ende den Dienſt gänzlich und tig aus, kaufte ſich in Mantua ein paar treffliche Reit⸗ die Thiere am Zügel weiter zu führen! pferde und verließ, nachdem er den Po überſchritten und das päbſtliche Gebiet erreicht hatte, die gebahnte Straße, „Ich ſollte meinen,“ ſagte Duffy, als ſie ſich eine Viertelſtunde lang auf dieſe Weiſe abgequält hatten und vor um zuerſt Novi mit ſeinem grandioſen Schloſſe zu beſich⸗ Erſchöpfung kaum mehr weiter konnten,„ich ſollte meinen, tigen und dann weiter in die erſten Ausläufer des Gebirges nach der Beſchreibung, die uns die Leute von der Maierei hineinzureiten. Natürlich kann es jedoch nicht unſere Ab⸗ oder Pächterei gaben, müßte dieſe irgendwo in der Nähe ſicht ſein, dem Leſer eine Beſchreibung deſſen zu geben, herum liegen, und wenn daher mein gnädiger Herr die was unſer Held auf dieſer ſeiner Tonr Merkwürdiges zu Güte haben wollte, mein Pferd ein paar Minuten lang ſehen bekam, oder gar ſtatiſtiſche Notizen wiederzukäuen, neben dem ſeinigen zu halten, ſo würde ich dieſen Baum welche in jedem Reiſehandbuche über Italien zu leſen ſind, und ſomit übergehen wir denn alle dieſe Details, uns nur da beſteigen, um mich nach dem Hauſe umzuſehen. Ich hoffe nämlich, daß die Leute ſo vernünftig ſind, Licht zu allein an das haltend, was unmittelbar zu unſerer Geſchichte haben, ſo daß es mir leicht ſein wird, ſie zu entdecken; gehört. Es war alſo am Abend des dritten Tages, nachdem Richtung, und wenn wir erſt ſo weit haben wir aber einmal das Licht, dann haben wir auch die ſind, ſo ſoll uns 7* ———— 52 Feierſtunden. 1864. —-—;— kein Hinderniß abhalten, in die Maierei glücklich hineinzu⸗ kommen.“ Ohne ein Wort zu erwiedern, griff Arthur nach dem Zügel von Duffy's Pferde, und der treue Diener begann nun ſogleich, ſich nach dem Baume hin durch den Schlamm durchzuarbeiten. Glücklich gelangte er dahin, aber wie er den Stamm erklettern wollte, ſtieß ſein Fuß auf einen Gegenſtand, der ſich wie ein Menſch anfühlte, und in dem⸗ ſelben Augenblicke hörte er auch ein lautes Stöhnen. „Um Gottes willen,“ ſchrie er entſetzt,„hier liegt Einer, der wahrſcheinlich dem Sturm erlegen iſt; aber der Himmel ſei geprieſen,“ ſetzte er gleich darauf in einem ganz da, glänzt mir ein Licht entgegen, und dieſes gehört ohne Zweifel der geſuchten Pächterei an.“ Arthur Stanton arbeitete ſich nun ebenfalls zu dem Baume hin und fand es richtig ſo, wie ihm ſein Diener zugerufen hatte. Da unten in ganz kurzer Entfernung ſah man einen Lichtſtrahl, der zu ſtabil blieb, als daß er nicht eine Wohnſtätte bezeichnet hätte, und unmittelbar am Fuße des Baumſtammes lag ein Menſch, der wenn auch nicht ganz, doch wenigſtens halbtodt ſein mochte, denn er athmete zwar noch, gab aber auf alle Fragen keine Antwort. „Ich denke,“ ſagte nun Duffy,„wir ſchlagen uns zu der Maierei durch und machen ſo lange Lärm, bis man anderen Tone hinzu,„hier unten, keine fünf Minuten von 5 b uns einläßt. Dann kann man den Verunglückten hier abholen.“ hannme G- Ed (Zu Seite 58.) „Wir wollen lieber probiren,“ erwiederte Arthur,„ihn auf eines der Pferde zu laden und gleich mit uns zu neh— men. In dieſem gräßlichen Wetter könnte ihm ſchon die nächſte Viertelſtunde den Tod bringen.“ Der Verſuch wurde ſogleich gemacht und gelang auch in der That, obwohl mit der unſäglichſten Mühe. Wem ſie übrigens dieſen Liebesdienſt erwieſen, konnten ſie nicht erkennen, da es allzu dunkel war, um irgend etwas genau zu unterſcheiden; doch kam es ihnen beim Betaſten ſo vor, als ob der arme Burſche eine zerriſſene Livree trage und mehrere ſchwere Wunden davongetragen haben müſſe, denn ſowie man ihn an gewiſſen Theilen ſeines Körpers berührte, ſtöhnte er tief auf und krümmte ſich wie ein Wurm zu⸗ ſammen. Behutſam ſchritten ſie nun vorwärts, genau in der Richtung, welche das Licht ihnen angab, aber bei jedem Tritte verſanken ſie faſt mit ihren Pferden und überdies ſchlug ihnen der furchtbare Sturmregen mit ſolcher Gewalt in's Geſicht, daß ſie kaum von der Stelle kamen. Endlich jedoch glückte es ihnen, bis in die Nähe des Hauſes, das rings von einem feſten Zaune umgeben ſchien, vorzudrin⸗ gen’, und ſchon glaubten ſie ſich geborgen, als ſie plötzlich in ihrem Weiterſchreiten durch ein halb Dutzend Hunde, die ihnen mit furchtbarem Gebell entgegenſprangen, aufgehal⸗ ten wurden. Zu gleicher Zeit verſchwand das Licht im Hauſe und eine Minute darauf ſtand ein Mann vor ihnen, der in ein zottiges Ziegenfell gekleidet war und ihnen mit einer Laterne in's Geſicht leuchtete. 1. „Was wollt ihr hier auf meinem Eigenthum?“ rief — rt ohne zu dem Diener ung ſah er nicht 1 Fuße h nicht athmete un N is man holen.“ i jedem überdies Gewalt Endlich 8s, daß zudrin⸗ plöblic unde, die uigehal⸗ jcht in ihnen, nen mit 7 1 rief —— — ——. Feierſtunden. 1864. er mit rauher Stimme.„Der Weg in's nächſte Dörfchen die führt dort oben hin und hier unten ſuchen, da ich keine Herberge halte.“ habt ihr nichts zu und überdies habt ihr j „wir ſind nur zu Zwei, abgeſehen von dem ſeht 53 ——————O—O—— Thüre zu weiſen. Das wäre ja mehr als barbariſch, a gar nichts zu befürchten, denn ihr Verunglückten „Aber ihr werdet doch nicht ſo hartherzig ſein,“ ent⸗ hier, den ihr geradezu mordet, falls ihr uns nicht aufnehmt.“ gegnete Arthur Stanton,„uns in dieſem 1' W VGWGG G „Zurück,“ ſchrie er,„zurück auf der Stelle, oder ich hetze meine Hunde auf euch.“ „Und ich ſchlage dir deinen querköpfigen Hirnſchädel ein, du italieniſcher Lump du!“ brü furchtbaren Sturme llte jetzt Duffy auf biſt —=— , und vor ein paar ausgehungerten Scha Doch der im Ziegenfelle ließ ſich nicht bewegen. Feſt der Landleute nach D. Teniers engliſch; denn in der italieniſchen Sprache konnte er nicht ſo recht von Herzen fluchen. und ich fürchten uns vor einem Ziegenbock, fhunden?“. 54 Feierſtunden 1864. —— RRRBBRNBBVBÖAÖAQAE—ęꝑnęnGʒ—õ— 5—— ò Mit dieſen Worten griff er nach den Piſtolen in den Monaten geleiſtet haben, nochmals perſönlich zu danken. Sattelhalftern ſeines Roſſes, um ſie als Schlagwaffe zu Oder ſollten Sie ſich vielleicht unſeres Begegniſſes auf dem gebrauchen, und ohne Zweifel wäre es nun zu einem tüch- Splügen nicht mehr erinnern?“ tigen Kampfe gekommen, wenn nicht eine weitere Perſon Mit dieſen Worten warf er ſeinen Calabreſer eben⸗ auf dem Platze erſchienen wäre, die mit wenigen Worten falls von ſich, gerade wie vorhin Graf Pepoli gethan hatte, den Frieden herſtellte. Dieſe Perſon war durchaus in einen und nun wußte Arthur Stanton mit Einem Male, warum weiten Mantel eingehüllt, während ein breiter Calabreſer⸗ ihm die Perſönlichkeit dieſes Mannes ſo bekannt vorgekom⸗ hut ihr den Kopf ſo bedeckte, daß man die Geſichtszüge men war. Er hatte nämlich Niemanden anders vor ſich, ebenſowenig zu erkennen vermochte, als die Körperform; als den jungen Prinzen Louis Napoleon, dem er bei dem allein eigenthümlicher Weiſe glaubte Arthur Stanton doch Uebergang über den Splügen ſo gute Dienſte geleiſtet! einen ihm keineswegs ganz Unbekannten vor ſich zu haben,„Mein Prinz,“ erwiederte er,„wer Sie einmal geſehen hat, und in dieſem ſeinem Glauben wurde er noch beſtärkt, als wird Sie überall wieder erkennen, ſelbſt....“ er denſelben ſprechen hörte.„Selbſt wenn das Zuſammentreffen ein ſo vollſtändig „Ugolino,“ ſagte der Unbekannte in jenem ruhigen, unerwartetes und auffallendes wäre, wie das heutige,“ er⸗ kalten und beſtimmten Tone, welchen ſich nur ſolche Men⸗ gänzte der Prinz gelaſſen, obwohl nicht ohne einen Anflug ſchen anzueignen wiſſen, die daran gewöhnt ſind, daß man von Ironie.„Nun wohl,“ fuhr er gleich darauf in ſei⸗ ihren Befehlen augenblicklichen und unbedingten Gehorſam ner gewohnten kalten Weiſe fort,„auffallend mag es Ihnen leiſtet,„Ugolino, rufe deine Hunde zurück und laſſe den ſein, daß ich hier in dieſer verborgenen Einſamkeit mit mei⸗ Herrn mit ſeinem Diener in dein Gehöfte ein.“ nen Freunden aus Mailand und Venedig zuſammenkomme, „Er iſt ein Fremder und alſo ein Verräther,“ mur⸗- allein da ich nicht in's öſtreichiſche Gebiet hinüber darf, ſo melte der Mann im Ziegenfelle;„aber ich gehorche Euch, mußten die Herren ſich wohl auf päbſtlichen Grund und Hoheit, obwohl nur auf Eure eigene Gefahr hin.“ Boden herüberbemühen, wenn ſie mich ſprechen wollten, In der That lockte er auch alsbald ſeinen Hunden, und daß wir nicht gewillt ſind, dieſe unſere Zuſammen⸗ öffnete ſofort das Hofthor und geleitete Arthur Stanton kunft aller Welt kund zu thun, werden Sie wohl auch na⸗ nebſt deſſen Diener und den Pferden bis in den inneren Raum unter einen bedeckten Schuppen, wo die Thiere we⸗ auf Ihre Ehrenhaftigkeit, daß wir kein Verſprechen des nigſtens vor dem Regen geſchützt waren. Stillſchweigens von Ihnen verlangen, ſondern dieſes viel⸗ „Nun helft uns den armen verunglückten Menſchen mehr vorausſetzen; nun aber, mein Freund,“ ſetzte er in hier in's Haus hineintragen,“ bat Arthur Stanton,„da⸗ etwas herzlicherem Tone hinzu,„kommen Sie an's Feuer mit wir demſelben dort Hülfe angedeihen laſſen; aber faßt und trocknen Sie Ihre naſſen Kleider. Sie ſehen, man ihn nicht rauh an, denn er ſcheint verwundet zu ſein und hat Ihnen dort ſchon bereitwilligſt Platz gemacht.“ große Schmerzen zu fühlen.“ Auch hierin gehorchte der im Ziegenfelle, obwohl erſt, Bank am Kaminfeuer inne gehabt— Arthur erkannte in nachdem er den Mann im Mantel angeblickt und von die- ihnen, als ſie nunmehr ihre Einhüllung ebenfalls abwarfen, ſem durch ein Kopfnicken dazu ermächtigt worden war. lauter Männer von reiferem Alter, die zum größten Theil Man hob alſo den Verwundeten vom Pferde herab und den vornehmſten Adelsgeſchlechtern Oberitaliens angehörten trug ihn in's Haus hinein, in welches der im Mantel— ſofort aufgeſtanden, um dem ganz und gar Duuchnäß⸗ voranſchritt. Hier war Alles ſtill, wie ausgeſtorben, und es ſchien alſo, als ob Niemand da wohne, als der im Zie- ihrem Anerbieten keinen Gebrauch. Plötzlich nämlich erin⸗ genfelle und der im Mantel, welchen der Erſtere„Hoheit“ nerte er ſich des armen Menſchen, den er unterwegs auf⸗ titulirte. Um ſo mehr erſtaunte Arthur Stanton, als er geladen und deſſen er bisher in der großen Ueberraſchung in die Wohnſtube tretend eine Geſellſchaft von fünf oder ganz vergeſſen hatte, und nun natürlich konnte ihn nichts ſechs Herren vorfand, die ſämmtlich um ein mächtiges Ka⸗ mehr abhalten, ſich nach demſelben umzuſehen. Auch durfte minfeuer herumſaßen und ihn mit neugierigen Blicken er nicht weit ſuchen, denn Ugolino hatte den immer noch muſterten. Noch mehr aber erſtaunte er darüber, daß dieſe Bewußtloſen mit Hülfe Duffy's in die nächſtgelegene Kam⸗ Herren eben ſo dicht in weite Mäntel gewickelt waren, als mer getragen und ihn dort auf ein Bett gelegt. die„Hoheit“, und auch ihre Geſichter gerade auf dieſelbe„Wenn wir nur einen Arzt hier hätten,“ meinte Duffy, Weiſe mit breiten Calabreſerhüten beſchattet hatten, ſo daß als ſein Herr näher hinzutrat.„Ich habe den Armen ge⸗ es ganz unmöglich war, ihre Perſonen zu erkennen. nau unterſucht und nicht weniger als fünf Schuß⸗ und „Wir haben nichts zu befürchten,“ ſagte der als Ho⸗ Stichwunden an ihm gefunden.“. heit Betitelte beim Eintreten.„Es iſt nur ein einzelner„Ich verſtehe etwas von der Wundarzneikunde,“ ver⸗ verirrter engliſcher Reiſender mit ſeinem Diener.“— ſetzte Graf Pepoli, der dieſe Worte hörte,„und will meine „Und zwar Einer, für den ich in jeglicher Beziehung Kunſt an ihm probiren.“ gutſpreche,“ erklärte ſofort Einer der Vermummten, ſeinen Somit befahl er dem Ugolino, welcher nun auf ein⸗ Calabreſer abwerfend und mit ausgeſtreckter Hand auf un⸗ mal, da er ſah, daß er keine Verräther vor ſich habe, ſern Helden zugehend.„Welcher eigenthümliche Zufall, Sir äußerſt dienſtfertig geworden war, zu leuchten und ſchritt Arthur, führt Sie hierher?“ gegen das Bett zu; aber ſobald er nur den erſten Blick „Beim Himmel, der Graf Pepoli,“ rief Arthur nicht auf den Verwundeten geworfen hatte, prallte er furchtbar wenig verwundert.„Wahrhaftig, Sie hier zu treffen, wäre erſchrocken wieder zurück.„Um Gott,“ ſchrie er,„Sir 8 mir nicht im Traume eingefallen!“ Arthur, ſehen Sie doch dieſe Livree an? Gleicht ſie nicht „Auch wir ſind alte Bekannte, Herr Stanton,“ ſprach genau der der Gräfin Belgiojoſo?“. nun derjenige, der unſerem Helden Eingang in's Haus ver⸗ Ein Moment, und Arthur Stanton ſtand neben ihm; ſchafft hatte,„und ich ergreife mit Vergnügen dieſe Gele⸗ ein zweiter Moment und der Verwundete war erkannt! fanhbeit, Ihnen für den Dienſt, den Sie mir vor einigen„Es iſt Ludovico,“ ſtöhnte Arthur, die Worte nur müh⸗ — 9———— türlich finden. Wir verlaſſen uns übrigens ſo vollſtändig In der That waren die Herren, die bisher die große— ten ihren warmen Sitz zu überlaſſen, allein er mall do„ unid, d r Cochter Auch d lip ſich de aniſchied er wpvor Allem fier ins W wir, was wenn wir e. Ke Al man einſe ſogleich d waſchen, nützlich er. angelegt, durfte ma Hatten de valmehr der er d den, un an den ihn ſich Male,! gen auſſ mit noch thigſte, Zuſamme mit ihm Lager zur Eeffet ech Bid rchts Un ſie äͤnge ua, Bi erreicht, d 5 das Unh Chikanen ſchießlich nigt war tirlich m Leg nac ſii, ſond Zweifel dem, w⸗ ſereinbra d doch wlchem Vräan ſo ſ in dar gen wa — — — E —/ — u danken. dauf dem eſer kben⸗ han hatte „ warum orgekom⸗ vor ſich, bei dem Wceiſtet! ſehen het, olſſtindig tige,“ er⸗ Anflug f in ſei⸗ 3 Ihnen mit mei⸗ komme, darf, ſo. rund und wollten, ſammen⸗ auch na⸗ iſtändig hen des es viel⸗ e erin § Feuer n, man ie qufe unnk in warfen, en Theil gehörten uchnäß⸗ ih erin⸗ 98 auf⸗ nſchung nichts durfte r noch Kam⸗ Duffy, nen ge⸗ ⸗ Und u ver⸗ meine uf ein⸗ gua, Bianko und Poleſella wurden von ihnen ohne Unfall e des⸗Kirchenſtaates überſchritten, begann auch ſogleich Feierſtunden. 1864. 55 ——————V’ꝛꝛꝛꝛꝛͤ(-:o—————-————— ——— ſam zwiſchen den todtbleichen Lippen hervorſtoßend,„es iſt lich, wenn es ſich um einen Kampf mit den Waffen han⸗ Ludovico, der vertraute Diener der Gräfin, und ſie und delt, nicht hoch in Anſchlag zu bringen, und die zwei männ⸗ ihre Tochter ſind alſo ohne Zweifel ermordet.“ lichen Bedienten konnten natürlich für ſich allein nichts Auch der Prinz Louis Napoleon trat nun herzu und gegen die feindliche Uebermacht ausrichten. Die Räuber ließ ſich das Verhältniß auseinanderſetzen.„Vor Allem,“ hatten alſo ganz leichtes Spiel, und zwei von ihnen durch⸗ entſchied er ſofort mit ſeiner gewohnten entſchloſſenen Weiſe, ſtöberten ſofort alle Kiſten und Koffer, während die vier „vor Allem müſſen wir darauf denken, den Verwundeten andern den Reiſenden ſelbſt die Piſtolen auf die Bruſt ſetz— hier in's Leben zurückzurufen, denn nur dadurch erfahren ten und ſie dadurch vom Schreien abhielten. Merkwürdi— wir, was ſich in Wahrheit zugetragen hat, und erſt gerweiſe übrigens ſchien es den Böſewichtern nicht einzig wenn wir dies wiſſen, können wir weitere Maßregeln er- und allein oder vielmehr nicht hauptſächlich um Plünderung greifen.“ zu thun zu ſein, denn ſie nahmen es damit ganz oberfläch⸗ Alle ſahen ein, daß dies der einzige Weg ſei, den lich und ließen ſogar vieles Werthvolle zurück; dagegen aber man einſchlagen könne, und ſomit machte ſich Graf Pepoli führten ſie ein lediges Pferd mit einem Querſattel mit ſich, ſogleich daran, dem armen Ludovico die Wunden auszu⸗ auf das ſie ſofort die junge Gräfin Felicitas, nachdem ſie waſchen, während Andere Charpie bereiteten oder ſich ſonſt ihr einen Knebel in den Mund geſteckt, mit Stricken und nützlich erwieſen. Unmittelbar darauf wurde der Verband Riemen hinauf banden. Kaum war dies geſchehen, ſo ließ angelegt, und da nun das Bluten vollſtändig aufhörte, ſo ihr Anführer wieder einen Pfiff ertönen, und nun ging's durfte man hoffen, ihn mit dem Leben davonzubringen. fort, was die Roſſe laufen konnten, nicht der Landſtraße Hatten doch offenbar weniger die Verletzungen ſelbſt, als nach, ſondern querfeldein den Ausläufen des Apenningebir⸗ vielmehr die großen Blutungen die Schwäche erzeugt, an ges zu, während die armen Reiſenden mehr todt als leben⸗ der er darniederlag! Nach einiger Zeit verlangte er zu trin⸗ dig zurückblieben. Von dieſen hatte nur Ludovico den Kopf ken, und nun hielt man ihm einen Schwamm mit Wein nicht verloren, ſondern ſich vielmehr einen Plan zurecht⸗ an den Mund, den er gierig ausſog. Dies Mittel ſtärkte geſchmiedet, wie er die Räuber überliſten wolle, und ſowie ihn ſichtlich und man wiederholte es daher noch mehrere dieſe daher querfeldein fortſprengten, flüſterte er ſeinem Male, bis man es endlich ſo weit brachte, daß er die Au- Kameraden, dem andern Bedienten, zu, für die Gräfin und gen auſſchlug. Freilich zum vollen Bewußtſein kam er da⸗ die zwei Zofen Sorge zu tragen, während er ſelbſt den mit noch nicht; aber man erfuhr doch wenigſtens das Nö- Reitern ſo ſchnell er nur konnte nachrannte. Sein Plan thigſte, oder vielmehr gerade genug, um ſich den ganzen war nämlich, heimlicherweiſe auszukundſchaften, wohin man Zuſammenhang denken zu können, und ſowie man ſo weit die junge Gräfin bringe, und da er ein guter Läufer war, mit ihm war, bettete man ihn wieder weich auf ſeinem ſo hoffte er mit den Roſſen gleichen Schritt halten zu kön— Lager zurecht, damit er ſich in einem geſunden Schlafe noch nen, beſonders da der Weg bald bergan führte. In der geffes erhole. Was war es nun aber, was man erfuhr? That gelang ihm dies auch die ganze Nacht hindurch, ohne Bis nach Rovigo war der Gräfin nebſt den Ihrigen daß die Räuber auch nur ein einziges Mal auf ihn auf⸗ nichts Unangenehmes zugeſtoßen, und in Rovigo ſelbſt, wo merkſam geworden wären, denn er vermied natürlich jedes ſie einige Tage verweilten, noch viel weniger. Auch Ar- Geräuſch und ſehen konnte man ihn der Dunkelheit halber nicht wohl; allein als nun der Morgen hereinbrach, wurde erreicht, ſopie ſie aber in Porte di Lago Scuro die Gren⸗ er augenblicklich entdeckt, und nun ſtürzten ihrer Viere über ihn her, während die zwei Andern mit dem Fräulein fort⸗ das Unheil. Zuerſt kamen die Mauthbeamten mit ihren ritten. Schwer verwundet ſtürzte er nieder, um ſofort das Chikanen; dann gab's Mißhelligkeiten wegen der Päſſe, und Bewußtſein zu verlieren, und in dieſem Zuſtande blieb er ſchließlich, als endlich Alles durch ſchwere Geldopfer berei- ohne Zweifel auf einer und derſelben Stelle liegen, bis ihn nigt war, erklärten die Poſtillone— die Gräfin fuhr na- am Abend Arthur Stanton auffand. türlich mit Extrapoſt—, ſie könnten nicht den geraden Das war ungefähr der Bericht Ludovico's oder viel⸗ Weg nach Ferrara einſchlagen, weil derſelbe allzu ſchlecht mehr ſo viel konnte man aus ſeinen abgeriſſenen Sätzen ſei, ſonderu müßten über Francolino fahren. Ohne allen zuſammenreimen; allein was ſollte man nun beginnen? Zweifel hatten ſich die Burſche beſtechen laſſen, aber ſei Arthur Stanton ſtimmte dafür, daß man alſobald auf⸗ dem, wie ihm wolle, das Reſultat war, daß die Nacht brechen ſolle, um die Räuber zu verfolgen, und ſicherlich hereinbrach, als man Francolino kaum hinter ſich hatte, wäre er allein fortgeſtürmt, wenn ihn Lonis Napoleon nicht und doch führte der Weg nun durch ein dichtes Gehölz, in zurückgehalten hätte. welchem ſchon gar viele Mord⸗ und Raubthaten verübt„Halt, mein Freund, laſſen Sie uns vorher überlegen,“ worden waren. Die Gräfin befahl daher den Poſtillonen, ſagte dieſer,„denn Uebereilung führt nie zum Ziele. So ſo ſchnell als möglich zu fahren, und dieſe ſtellten ſich auch viel iſt ſicher, daß die Räuber ganz in der Nähe vorbei⸗ in der That, als ob ſie den Befehl in Ausführung brin⸗ gekommen ſein müſſen, aber die Frage, wohin ſie ſich von gen wollten; allein kaum waren ſie mitten im Walde, ſo hier aus gewandt haben, dürfte ſchwerer zu beantworten erſcholl ein gellendes Pfeifen, und im ſelben Momente um⸗ ſein.“ ringten fünf oder ſechs bis an die Zähne bewaffnete Rei⸗„Nach der Casa inglese,“ rief da eine Stimme im ter den Wagen, dieſen dadurch zum Stillehalten nöthigend. Hintergrunde, welche offenbar dem Manne im Ziegenfelle Augenblicklich ſchnitten nun die Poſtillone ihren Pferden die angehörte. Stränge ab und ritten ſpornſtreichs davon, indem ſie die„Wohin, ſagſt du?“ fragte Napoleon.„Nach der Reiſenden feige im Stiche ließen; dieſe aber ſahen ſich hie- Casa inglese?“ durch genöthigt, ſich ohne Weiteres in ihr Schickſal zu„Ja,“ wiederholte Ugolino mit größter Beſtimmtheit, fügen. Was hätten ſie auch machen ſollen? Sie waren„nach der Casa inglese ſind ſie geritten und dort werden allerdings zu ſechs, nämlich die Gräfin, ihre Tochter, zwei wir ſie ſo ſicher treffen, als zweimal zwei vier iſt. Habe Kammerzofen und zwei Bediente, aber Frauen ſind bekannt⸗ ich doch heute früh vor Sonnenaufgang den ganzen Trupp, ohne daß ich ahnte, wer es ſei, am rothen Kreuze oben vorbeireiten ſehen, und dieſer Weg führt nirgends hin, als „Aber was iſt dieſe Casa inglese?“ begehrte nun wie⸗ der der junge Prinz zu wiſſen. „Eine alte, halb in Trümmer zerfallene, keine Stunde von hier entfernte Ritterburg,“ erwiederte Ugolino,„welche vor etwa zwanzig Jahren ein närriſcher Engländer kaufte, um einige Zimmer nothdürftig herrichten zu laſſen und ſo von aller Welt abgeſchloſſen drin zu wohnen. Es muß ihm aber in die Länge doch nicht gefallen haben, denn eines Morgens war er verſchwunden und ſeit dieſer Zeit iſt die Burg wieder, was ſie vorher war, nämlich ein Aufent⸗ haltsort für Eulen, Räuber und Geſpenſter.“ „Sie liegt aber noch auf päbſtlichem Gebiet?“ Napoleon weiter. „Gewiß,“ entgegnete Ugolino, den Mund unwillkür⸗ lich verziehend,„denn im Mailändiſchen und Venetianiſchen haben die Oeſtreicher dem Räuberweſen längſt ein Ende gemacht; unter dem milden Regimente Seiner Heiligkeit aber florirt es noch immer in ungeſtörter Herrlichkeit.“ „Nun, meine Freunde,“ rief jetzt der junge Prinz, indem ſeine ſonſt ſo kalten Augen zu glänzen anfingen, „auf und zu Roſſe, denn Keiner von uns wird hoffentlich zurückbleiben, wo es ſich darum handelt, eine junge Dame aus der Gefangenſchaft von Räubern zu befreien!“ Im Nu war Alles in voller Thätigkeit, und während Arthur Stanton mit Duffy dem Schuppen zueilte, unter welchem ihren Roſſen in der Zwiſchenzeit etwas Heu vor⸗ geworfen worden war, verfügten ſich die alten Herren, an ihrer Spitze Louis Napoleon, in den Stall hinter dem Wohnhaus, um eigenhändig ihre Pferde zu ſatteln. Sie waren nämlich jeder einzeln, ohne Bediente, wie zu einem Spazierritt, an dieſen entlegenen Platz gekommen, damit das Geheimniß ihrer Zuſammenkunft ja nicht verrathen würde; jetzt aber kam ihnen ihr Berittenſein beſonders gut zu ſtatten. Weniger gut ſtand es um ihre Bewaffnung, doch führte Jeder ein paar Terzerole bei ſich, die er ver⸗ borgen in der Taſche trug. Arthur Stanton dagegen be⸗ ſaß zwei gute Reiterpiſtolen und konnte ſogar den jungen Prinzen mit ſolchen bewaffnen, indem Duffy, der beordert wurde, zur Pflege Ludovico'’s zurückzubleiben, die ſeinigen abtreten mußte. So waren ſie denn Alle in kurzer Zeit vollſtändig ausgerüſtet, und man ſetzte ſich ſofort auf das Kommando Napoleons zu Pferde, um den Feldzug gegen die Casa inglese zu beginnen, Ugolino aber, der das Ter⸗ rain vollſtändig kannte, machte den Führer und ging zu Fuße voran. Es mochte etwa neun Uhr Abends ſein, als ſie auf⸗ brachen, und da die Casa nur eine ſtarke Stunde entfernt lag, ſo konnten ſie mindeſtens um zehn Uhr dort ſein; allein die Wege waren durch den grandioſen Regen der letz⸗ ten paar Stunden faſt grundlos geworden, und überdies hinderte ſie der furchtbare Sturm, der immer noch gleich ſtark fortdauerte, an jeglichem ſchnellen Voraneilen. So widerwärtig ihnen nun dies aber auch in mancher Hinſicht ſein mochte, ſo mußten ſie ſich doch ſchließlich dazu gratu⸗ liren, denn vor dem Heulen des Windes konnte der Feind in der Casa inglese ihr Herannahen unmöglich hören, während die tieffinſtere Nacht das Geſehenwerden ohnehin nicht zuließ. Endlich nach einem Marſch von zwei langen Stunden erblickten ſie urplötzlich Licht vor ſich, und Ugo⸗ lino erklärte, daß ſie das Ziel ihrer Wanderung erreicht hätten. In der That lag auch ein großes Gebäude vor fragte Feierſtunden. 1864. ANLWUÜUWWiꝛVUVUUiäöuöMW nach der Casa inglese!“ V ihnen, das von zwei Flammen, deren eine im unteren, die andere im oberen Stockwerke brannte, wenigſtens inſoweit erhellt wurde, daß man es als eine mittelalterliche Burg zu erkennen vermochte, und überdies ſah man, daß es von einer hohen, mit Schießſcharten verſehenen Mauer umgeben ſei, in welche nur ein einziger, thurmartig aufgebauter Thorweg führte. „Ein feſtes Anweſen,“ murmelte Louis Napoleon, „und wenn das Thor, wie es den Anſchein hat, verſchloſ⸗ ſen iſt, ſo wird es ſchwer halten, hineinzukommen.“ „Nicht ſo ſehr, als Sie glauben,“ flüſterte Ugolino. „Ein Reiter allerdings muß, wenn er hineinwill, nothwen⸗ dig den Thorweg paſſiren; ein flinker Kletterer dagegen mag gar leicht über die Mauer hinüberkommen, denn ſie iſt nicht überall gut erhalten.“ Louis Napoleon erwiederte nichts, ſondern ſtieg alſo⸗ bald vom Pferde, das er dem Ugolino zum Halten gab, und näherte ſich furchtlos dem Kaſtelle. Der Thorweg war aber wirklich feſt verſchloſſen, und da die Planken aus dickem, hartem Holze beſtanden, ſo mußte es ohne Brechwerkzeuge als eine Unmöglichkeit erachtet werden, hineinzudringen. In's Innere hineinzuſehen vermochte er von hier aus eben⸗ falls nicht, dagegen aber hörte er einen wüſten Lärm, halb Geſang, halb Geſchrei, untermiſcht mit Becherklingen, wie wenn die drinnen ein tolles Gelage feierten. Kopfſchüttelnd kehrte er zurück, um mit ſeinen Genoſſen einen kurzen Kriegs⸗ rath zu halten; allein da dieſe des Terrains ebenfalls un⸗ kundig waren, ſo führte die Beſprechung zu keinem Reſul⸗ tate. Nur darüber blieb kein Zweifel, daß die Casa wilde Gäſte beherberge, und ſomit konnte man mit Beſtimmtheit vermuthen, daß die Räuber mit ihrem Fange ſich darin feſt⸗ geſetzt hätten. „Ich kenne das Neſt durch und durch,“ flüſterte jetzt wieder Ugolino,„denn ich habe es ſchon hundertmal in allen ſeinen Wendeltreppen und Schlupfwinkeln durchſtöbert. Alſo laſſen Sie mich recognosciren, wie es da drinnen aus⸗ ſieht, und ich will's bei allen Heiligen beſchwören, daß ich wiederkehren werde, ohne daß mich einer der Schurken ent⸗ deckt hätte.“ Dieſer Antrag ward nach einigem Beſinnen gut ge⸗ heißen, und alſobald ſchlüpfte der Mann im Ziegenfelle die Mauer entlang, um die Minute darauf ihren Augen zu entſchwinden. Eine bange Pauſe trat ein und mit klopfen⸗ dem Herzen horchten die Theilhaber an der Expedition, ob nicht vielleicht Waffengeklirr ertöne, zum Beweiſe, daß der wackere Ugolino entdeckt ſei. Allein man hörte nichts außer dem Geheul des Sturmwindes, mit welchem ſich das Ge⸗ ſchrei der Zechenden gar ſonderbar vermiſchte, und da ſo⸗ gar die beiden Lichter immer auf demſelben Punkte blieben, ſo durfte man wohl annehmen, daß der kühne Eindring⸗ ling ſich nicht verrathen habe. Doch horch, war das nicht das Wiehern eines Roſſes? Richtig, aber dann blieb Alles wieder ſtill, wie zuvor, und es vergingen abermals einige lange und bange Minuten. Endlich jedoch ließ ſich ein leiſer ſchleichender Tritt vernehmen, und einen Moment ſpäter ſtand der Kundſchafter heil und geſund neben ihnen. „ Wie ſteht's? Was haſt du entdeckt?“ flüſterte man ihm ungeduldig entgegen. „Es iſt Alles, wie ich mir's dachte,“ erwiederte er eben ſo leiſe,„und wir dürfen von Glück ſagen, daß ſie keine Hunde bei ſich führen, denn ſonſt wäre ich nothwen⸗ dig verrathen worden. Alſo um von vorn anzufangen, wie ich die Mauer an einer zerfallenen Stelle überſtieg, kam ich zuerſt in die Stallungen, und was traf ich da? Nicht E 2 — —— perihe db inm Que Di junge fils doch Shatten voher das lbgebroche können, um einer beſah m wegen d und ſich binieri, gehörten doch züh Pferden vont eine ich jetz, haben u d K Stayd ten, u ich kei Saal breite, die ſich ich kon ich nich als ich daß die ſei. N ein St inem Sual! ſer R halsbr iedoch e hinauf eingefa brannte ſah ich Schilde Hintern Geſicht den ve die ger nun a⸗ Nfange iichts wals 6 wit hat, ſſeener niede heral eren, die inſoweit he Burg es von umgeben gebauter ppoleon, erſchloſ⸗ Ugocno. nothwen⸗ gen mag iſt nicht g alſo⸗ en gab, deg war dickem, No deingen. us eben⸗ m, halb gen, wie hüttelnd Kriegs⸗ lis un⸗ Reſul⸗ a wilde mmtheit rin feſt erte jetzt tmal in hſtöbert. jen aus⸗ duß ich ken ent⸗ gut he⸗ felle die gen zu loopfen⸗ ion, ob duß der ts außer das Ge⸗ da ſo⸗ Nuben, ndring⸗ s wicht b Alles z einige ſich ein Moment daß ſie nicht entfliehe. Natürlich verließ ich nun meinen Feierſtunden. 1864. 57 —ea——““ß“——“ʒ8ʒ535—55—-——— weniger als ſieben geſattelte Pferde und darunter eines mit Plan mißbilligen, ſo ſoll Einer von uns in die nächſte einem Querſattel, wie ihn die Damen im Gebrauche haben. Stadt eilen und von dort Hülfe herbeiholen, während wir Die junge Gräfin iſt alſo da, dachte ich mir, oder jeden- uns hier am Thore poſtiren und das Entfliehen der Räu⸗ falls doch ein Frauenzimmer, und ſchlich mich ſofort im ber verhindern.“. Schatten der Mauer dem vorderen Theile der Casa zu,„Geht noch weniger,“ erklärte der Graf Pepoli mit woher das wüſte Geſchrei tön.e. Ich ſtellte mich auf einen Beſtimmtheit.„Auf dieſe Art erführen es ja die Behörden abgebrochenen Pfeiler, um in's Erdgeſchoß hineinſehen di Widian daß wir hier mit Seiner Hoheit zuſammengeweſen V können, und richtig, da ſaß die ganze ſaubere Geſellſchaft ſind und an Verhaftungen würde es dann ſicherlich nicht um einen mit Flaſchen und Speiſen bedeckten Tiſch. Ich fehlen. beſah mir die Burſche genau und fand in ihnen lauter ver⸗„Meine Freunde,“ entſchied jetzt Louis Napoleon, wel⸗ wegen ausſehende Kerls, die eine Art von Uniform trugen ſcher inzwiſchen mit Ugolino eine überaus belebte, obwohl und ſich mit Stutzen verſehen hatten, gerade wie die Cara⸗ ganz leiſe Unterredung geführt hatte;„meine Freunde, Ugo⸗ binieri, ohne Zweifel um ſich das Anſehen zu geben, als lino hat einen Plan, der zwar ſehr verwegen iſt, aber doch gehörten ſie zur päpſtlichen Militärmacht. Wie ich ſie je- vielleicht am ſicherſten zum Ziele führt. Er will nämlich doch zählte, brachte ich nur fünfe heraus, während es den die ſchöne Gefangene rauben oder vielmehr ſtehlen, allein Pferden nach ſechs ſein mußten, und überdies konnte ich er bedarf hiezu eines Gehülfen, welchen die Gröäfin genau von einem Fräulein nirgends etwas entdecken. Aha, dachte kennt, damit ſie nicht vor ihm aufſchreie und dadurch die ich jetzt, die Dame wird man in den oberen Saal gebracht Räuber in der Halle vornen in Allarm bringe. Leider bin haben und der ſechste Schurke muß neben ihr Wache halten, ich nun ſelbſt perſönlich gar nicht mit der Dame bekannt, denn ſonſt würde ich mir den Ruhm....“ Standpunkt, um auch dem Saal meinen Beſuch abzuſtat⸗„Ueberlaſſen Sie mir die Gehülfenſtelle, mein Prinz,“ ten, und dabei wäre ich ſicherlich nicht zurechtgekommen, wenn unterbrach ihn Arthur Stanton haſtig.„Fräulein Belgio⸗ ich keine ſo genaue Ortskenntniß gehabt hätte. In den joſo kennt mich genau, und ich werde glücklich ſein, mein Saal nämlich führen nur zwei Treppen hinauf, eine große, Leben für ſie zu wagen.“ breite, welche von der Halle ausgeht, und eine enge, ſchmale,„Es wird wohl das Beſte ſein,“ entgegnete Louis die ſich von einem Hinterzimmer aus hinaufwindet, allein Napoleon,„aber nun raſch an's Werk, denn es muß Alles ich konnte keine von beiden benützen, denn die Halle durfte zu Ende ſein, ehe der Mond aufſteigt, und du, Ugolino, ich nicht betreten, weil da die fünf Hallunken zechten, und vergiß das Zeichen nicht, damit wir uns zu rechter Zeit als ich die ſchmale Wendeltreppe hinaufſtieg, fand ich, am Thorweg aufſtellen.“ daß die Eingangsthür in den Saal von innen abgeſchloſſen Im Nu warf ſich Arthur Stanton vom Pferde, über⸗ ſei. Nun müſſen Sie aber wiſſen, daß über dem Saale gab dieſes dem Nächſtſtehenden, und folgte ſodann, nachdem ein Speicher oder eine Bühne hinläuft, von der man an er ſeine beiden Sattelpiſtolen zu ſich geſteckt hatte, mit raſchen einem Ende, wo die Decke eingeſtürzt iſt, bequem in den Schritten dem ihm voraneilenden Ugolino. Eine Zeit lang Saal hinabſehen, ja ſogar hinabſteigen kann, und zu die- ging's dicht an der Mauer hin, welche die alte Burg um⸗ ſer Bühne gibt es einen eigenen Zugang, freilich einen ſehr gab, und erſt, nachdem ſie dieſe halb umkreist hatten, machte halsbrechenden, beſonders in der Dunkelheit. Was blieb mir der Führer Halt. jedoch anders übrig? Flugs kletterte ich auf den Speicher„Hier müſſen wir hinauf,“ flüſterte er,„aber natür⸗ hinauf, ſchlich mich bis an den Punkt hin, wo die Decke lich gilt's, ſo wenig als möglich Geräuſch zu machen.“ eingefallen iſt, und nun hatte ich den Schatz gefunden. Hier Nun kletterte Ugolino an der halbzerfallenen Mauer brannte nämlich eine große Lampe, und bei ihrem Scheine empor. Oben angekommen wollte er ſeinem Genoſſen die ſah ich, wie ich vermuthet, den ſechsten Räuber, der als Hand reichen, um ihm nachzuhelfen, allein dieſer zeigte ſich Schildwache auf dem Poſten ſtand; dreißig Schritte im nicht minder gewandt und ſtand ihm nach wenigen Momen⸗ Hintergrund aber ſaß eine Dame an einem Tiſche, deren ten zur Seite. Nun krochen ſie einige zwanzig Schritte Geſicht ich zwar nicht ſehen konnte, weil ſieres in den Hän⸗ vorwärts, bis ſie an einen großen hölzernen Schuppen ka⸗ den verbarg, die jedoch ihrem Anzuge nach ohne Zweifel men, der ſich an die Mauer anlehnte, und wie ſich ſogleich die geraubte junge Gräfin iſt.“ herausſtellte, als Stallgebäude benützt wurde. Hiemit endete Ugolino ſeinen Bericht, allein wenn man„Hier müſſen wir hinabrutſchen,“ ſagte jetzt Ugolino, nun auch genau wußte, daß Felicitas in der Casa inglese„doch nehmen Sie ſich in Acht, denn das Bretterdach iſt gefangen gehalten werde, ſo war damit doch noch lediglich morſch und könnte leicht mit Ihnen einbrechen.“ nichts zu ihrer Befreiung geſchehen, und es fand alſo aber⸗ Eine Minute ſpäter ſtanden ſie im Hofe zwiſchen der mals eine eifrige Berathung ſtatt. Mauer und dem Hauptgebäude, unmittelbar vor den Stal⸗ „Ich ſtimme dafür,“ erklärte Arthur Stanton,„daß lungen. Sie betraten die letzteren, welche, weil die Thü⸗ wir alleſammt auf dem Wege, den Ugolino eingeſchlagen ren verfault, ganz offen ſtanden, und deutlich erkannten ſie hat, die Mauer überſteigen. Dann rücken wir in geſchloſ⸗ ſieben geſattelte Pferde, nachdem ſich ihre Augen in etwas ſenem Gliede auf die zechenden Räuber los, ſchießen ſie an die Dunkelheit gewöhnt hatten. nieder und holen uns ſofort die Gräfin Felicitas vom Saale„Auf einem dieſer Roſſe, nämlich auf dem, das den herab.“ Querſattel trägt,“ flüſterte Ugolino,„iſt die Dame hier⸗ „Dies geht nicht,“ erwiederte einer der ältern Herren her gebracht worden und auf dieſem muß ſie auch ihre kopfſchüttelnd,„denn geſetzt den Fall, wir würden ſiegreich Flucht bewerkſtelligen. Deßwegen müſſen wir es jetzt ver⸗ aus dem Gefechte hervorgehen, was übrigens noch keines⸗ ſuchen, die Riegel des großen Thores, das von innen ver⸗ wegs bewieſen iſt, ſo wäre der bei Felicitas wachehaltende ſchloſſen iſt, zurückzuſchieben, damit wir, wenn die Flucht Räuber im Stande, ihr eine Kugel durch's Herz zu jagen, beginnt, mit der Oeffnung deſſelben nicht aufgehalten ſind.“ ehe er ſie an uns übergäbe.“ Arthur Stanton nickte und folgte ſeinem Führer, der „Nun gut,“ eiferte Arthur Stanton,„wenn Sie dieſen ſofort leiſe, ſich dicht an die Mauer drückend, dem Thor⸗ 8 Feierſtunden. 1864. Feierſtunden. 1864. weg, von dem wir oben geſprochen, zuſchlich. kommen befanden ſie ſich unmittelbar der Halle in welcher die Räuber noch immer zechten, und Stanton konnte ſich nicht enthalten, denſelben Pfeiler, von ——— S— 4y————-é-—ℳ———O Hier ange⸗ winden. gegenüber, hier ziemlich zerfallen war, erreicht hatten, kamen ſie in ein Arthur aller Thüren und Fenſter aus eine ———-— Nachdem ſie nämlich die Hinterſeite der Caſa, die 1 beraubtes Zimmer, von welchem ſchmale Wendeltreppe aufwärts führte, allein Ugo⸗ dem aus Ugolino früher einen Blick in's Innere geworfen, lino ließ dieſe Treppe bei Seite liegen und kletterte durch zum nämlichen Zwecke zu beſteigen. Er wollte ſich näm⸗ lich die Räuber des Genaueren beſehen, ob nicht etwa Einer unter ihnen ſei, den er kenne, und in der That wurde es ihm bei dem hellen Feuer, das in der Halle brannte, ganz leicht, ihre Geſichter zu unterſcheiden, aber in ſeiner Erwar⸗ tung ſah er ſich doch getäuſcht. „Es ſind gewöhnliche er, nachdem er von ſeinem hohen Standpunkte wieder herab⸗ geklettert war,„und derjenige, dem ich dieſe freche That zugetraut hätte, befindet ſich nicht unter ihnen. Uebrigens ſcheinen ſie mir ſchon ziemlich betrunken zu ſein, und deß⸗ halb werden wir, ſelbſt wenn wir entdeckt werden, kein allzu ſchweres Spiel mit ihnen haben.“ Sdie fanden das ſtarke maſſive Thor richtig feſt ver⸗ ſchloſſen, denn, obwohl das früher daran befindliche eiſerne Schloß längſt ausgebrochen war, ſo hatte man daſſelbe mit ſchweren hölzernen Riegeln erſetzt, die wohl die Dicke eines Mannsarmes erreichten. Zum Glück aber ließen ſich dieſe leicht ſchieben, und ſo gelang es denn ihrer beiderſeitigen Anſtrengung, die Hebel zu entfernen, ohne ein auffallendes Geräuſch zu machen; an den Thorflügeln ſelbſt jedoch rüt⸗ telten ſie nicht, damit die Zecher innen nicht durch das Knarren aufmerkſam gemacht würden. „Die erſte Arbeit wäre gethan,“ ziſchte jetzt Ugolino, „nun zu den Ställen zurück, um uns mit Stricken und Strängen zu verſehen.“ Der kurze Weg war bald zurückgelegt und ſie fanden die Pferde noch ganz ſo, wie ſie ſie vorhin verlaſſen hatten. Alſobald zog nun Ugolino ſein Meſſer und ſchnitt die Gur⸗ ten unter den Sätteln durch, während er zugleich ſeinen Gefährten anwies, mit den Zügeln ebenſo zu verfahren und nur die Equipirung jenes Roſſes mit dem Querſattel unver⸗ ſehrt zu laſſen. „Wozu das?“ flüſterte Arthur Stanton. „Damit uns die Schufte nicht verfolgen können,“ lachte Ugolino.„Auf zügelloſen Pferden, deren Sättel nicht feſtſitzen, iſt nicht gut reiten.“ Kaum waren ſie hiemit fertig, ſo ergriff Ugolino die abgeſchnittenen Riemen nund flocht ſich damit eine Schlinge, die wohl ihre fünfundzwanzig Fuß in der Länge hatte. „Haben Sie ſchon geſehen,“ flüſterte er ſeinem erſtaunt zuſehenden Begleiter zu,„wie man bei uns auf den großen Ebenen der Lombardei die wilden Stiere einfängt?“ „Geſehen habe ich's noch nicht,“ erwiederte Arthur Stanton,„aber gehört habe. ich davon. Doch wen willſt du mit dieſem Laſſo einfangen?“ „Den Räuber oben, der bei der Dame Wache hält,“ entgegnete Ugolino;„aber nun kommen Sie, denn ich bin eben fertig geworden. Doch halt,“ ſetzte er ſich beſinnend hinzu,„dieſe wollene Pferdsdecke hier werden wir auch brauchen können.“ Mit dieſen Worten ergriff der Mann mit dem Zie⸗ genfell eine der über die Pferde gebreiteten Decken, zerſchnitt ſie haſtig in vier Theile, die er zu ſich ſteckte, und verließ dann die Stallungen, während Arthur Stanton ihm auf dem Fuße folgte. Dießmal war's übrigens ein ebenſo be⸗ ſchwerlicher als waghalſiger Weg, den ſie gingen, und es gehörte nicht wenig Gewandtheit und Kaltblütigkeit dazu, um alle die Hinderniſſe, die ihnen entgegenſtanden, zu über⸗ ———— ——-- eines der Fenſter in ein zweites Gemach, das gar keine Decke mehr hatte. Hier lagen verſchiedene Balken⸗ und Brettertrümmer über einander gehäuft, und auf dieſem Haufen ſtand eine hohe Leiter, die bis unter das Dach des Hauſes hinaufführte; an der Leiter jedoch fehlten zum Theil die Sproſſen, und man mußte alſo ein tüchtiger Kletterer Diebe und Räuber,“ murmelte ſein, um da hinaufzukommen. „Es war früher eine Treppe da,“ erklärte Ugolino, „welche zum Speicher hinaufführte, aber ſie iſt längſt zu- ſammengefallen, und der Engländer, der hier wohnte, er⸗ ſetzte ſie durch dieſe Leiter. Freilich hat dieſelbe bereits auch viel vom Sturm und Regen gelitten, aber ſie wird uns Beide doch hoffentlich dies eine Mal noch tragen.“ ſollen wir die Gräfin Belgiojoſo „Beim Himmel, dies iſt „Und da herunter bringen?“ rief Arthur Stanton. eine reine Unmöglichkeit!“ „Nein, nein, die Gräfin wird's bequemer haben, und die Wendeltreppe, die Sie vorhin bemerkten, herabſteigen,“ erwiederte Ugolino;„aber vorwärts jetzt, denn wir haben keine Zeit zu langen Erklärungen.“ Mit dieſen Worten ſchwang er ſich auf den Trümmer— haufen hinauf und beſtieg ſodann ohne Furcht die ſchwan⸗ kende, morſche Leiter, um wie eine Katze an ihr emporzu⸗ klimmen. In wenigen Augenblicken war er oben, und nun betrat Artur Stanton ebenfalls den gefährlichen Weg, denn Beide zumal hätte die Leiter nicht getragen. Auch ihm glückte es, ohne auszurutſchen, hinaufzukommen, und nun befand er ſich in einem Gange, der ſo dunkel war, daß er nicht einmal ſeinen Führer erkannte, trotzdem ſich dieſer dicht neben ihm befand. „Jetzt gilt es, ſo leiſe aufzutreten wie eine Kate.“ hauchte ihm derſelbe in's Ohr.„Da nehmen Sie umwickeln Sie damit Ihre Füße, denn wenn die Sc wache uns hörte, ſo könnte es uns und der Dame ſchlimm ergehen.“ So ſprechend überreichte Ugolino unſerem Helden zwei Theile der zerſchnittenen Pferdedecke, und dieſer befolgte den Rath natürlich ſogleich, während ſein Führer mit ſich ſelbſt die nämliche Procedur vornahm. Nun ſchlichen ſie vor⸗ wärts, leiſe wie auf Filzſohlen, und betraten gleich darauf den großen offenen Speicher; eine Sekunde ſpäter aber ſtan⸗ den ſie ſchon an deſſen Ende, wo der Boden eingeſtürzt war und das Balkenwerk über dem Saale bloslag. Da ſahen ſie gerade unter ſich den wacheſtehenden Räuber lang⸗ ſam auf- und niedergehen, während dreißig Schritte davon eine Dame den Kopf in die Hand geſtützt und matt wie ein gehetztes Reh ſich niedergelaſſen hatte, ihnen wie ihrem Wächter den Rücken bietend! Aber— das Auge der Liebe ſieht ſcharf, und ſomit erkannte Arthur Stanton in ihr vanllig die geraubte Gräfin Felicitas.(Siehe Bild S. 52. Was da in ſeinem Herzen vorging, kann man ſich denken, und nur mit äußerſter Anſtrengung unterdrückte er einen Schrei, der ihm bereits auf den Lippen ſaß. Im nächſten Momente jedoch hatte er bereits eine ſeiner Piſto⸗ len gezogen und auf den Räuber angelegt. Ja er würde denſelben ohne Zweifel ſofort erſchoſſen haben, wenn ihm nicht Ugolino bedeutſam den Arm niedergedrückt und zu⸗ Feierſtunden. 1864. 61 —ͦòõ—ꝛ—ꝛꝛꝛ—::—:—õr——y———y—nryy———ryr—õ—————————;—— r CNſg, die n ſie in ein on welchem allein Ugo⸗ terte durch gar keine lken⸗ und uf dieſem Dach des zum Theil r Klewerer Ugolino, üngſt zu⸗ Inte, er⸗ he bereits ſie wird agen.“ elgiojoſo d iſt EEIT aben, und bſteigen,“ wir haben rümmer⸗ ſchwan⸗ Emnporzuͦ⸗ ſifaifrnse 1 und nun lhüie 1 eg, denn l . Ja 2 uch ihin 1' V Tnſ Wlnng mees und nun , daß er ich dieſer Kate 1 Sil Se ſchlium ber ſtan⸗ ngeſtürzt m da davon att wie e ihrem der Liebe in ihr Seufzerbrücke in Venedig. 62 Feierſtunden. 1864. ——————:ͤ—————;———⅔ꝛꝛ:ÿꝛ—————-————— Napoleon,„ich habe den Splügen nicht vergeſſen, und eine der ſo friſch und munter, daß ſie im Stande war, den Weg Gefälligkeit iſt der andern werth. Wenn Sie mich übri- nach Bologna unter dem Schutze Arthur Stantons zu gens verbinden wollen, ſo ſprechen Sie von dem heutigen Pferde zurückzulegen; dort aber traf ſie ihre Mutter, welche Abenteuer wenigſtens für die nächſte Zeit gar nichts, denn die Sorge um ihre Tochter faſt auf's Krankenlager gewor⸗ es gibt Leute in der Welt, die meine zufällige Anweſenheit fen hätte. Und der Prinz Napoleon nebſt ſeinen Freunden? hier auffallend finden könnten; nun aber, meine Freunde, Sie alle verließen das Haus Ugolino's noch in derſelben wollen wir uns ſputen, um den wackern Ugolino mit der Nacht, in welcher der Angriff auf die Casa inglese ſo geretteten Gräfin einzuholen.“ glücklich durchgeführt worden war, allein ohne daß Einer Nach einer Stunde erreichten ſie das Gehöft Ugolino's, von ihnen in der Geſellſchaft des Andern geritten wäre. wo man der tiefermatteten Felicitas ein nothdürftiges Lager Im Gegentheil, Jeder zog einzeln ſeines Wegs, wie wenn bereitete. Doch fühlte ſich dieſelbe den andern Morgen wie⸗ er die Uebrigen nicht kenne. (Fortſetzung folgt.) 2 Die Wildkatze*). Lange Zeit hat die Wildkatze für die Stammart unſe⸗ verbreitet; ſie konnte bis jetzt nicht einmal in dem ſo raub⸗ rer Hauskatze gegolten, und auch gegenwärtig wird ſie von thierarmen Großbritannien ausgerottet werden. Gegenwär⸗ vielen Naturforſchern noch dafür gehalten, obwohl die ge⸗ tig bewohnt ſie übrigens blos noch waldreiche Gegenden, naueren Beobachtungen und Unterſuchungen dieſe Anſicht namentlich Gebirge, und ſtreift von da aus nur ſelten in nicht zu ſtützen vermögen. das Tiefland herab. In ausgedehnten Waldungen wird ſie Die Wildkatze iſt bedeutend größer und kräftiger, jedes Jahr wenigſtens geſpürt, wenn auch nicht erlegt. In als die Hauskatze. Ihr Kopf und Leib ſind kürzer und dem Thüringer Walde hat man aber in den letzten Jahren dicker, und ihr Schwanz namentlich iſt bedeutend ſtärker, immer noch zwölf Stück erwachſene und eine vierteljährige aber auch viel kürzer, als bei der Hauskatze; zudem unter⸗ Waldkatze erlegt, außerdem noch eine angeſchoſſen und drei ſcheiden ſich beider Schwänze noch dadurch, daß der eine von aus dem Neſte genommen, im Ganzen alſo ſechzehn Stück ſeiner Wurzel bis zum Ende gleichmäßig dick, der andere getödtet. Soweit bis jetzt mit Sicherheit feſtgeſtellt iſt, reicht aber von der Wurzel bis zur Spitze allmählich verdünnt iſt. ihr Verbreitungskreis nicht weit über die Grenze Curopa's Eine erwachſene Wildkatze erreicht ungefähr die Größe eines hinaus. Südlich vom Kaukaſus iſt ſie noch in Gruſien Fuchſes und iſt alſo um ein Drittheil größer, als die vorgekommen; aus anderen aſiatiſchen Ländern erhielt man Hauskatze. Von dieſer unterſcheidet ſie ſich auf den erſten ſie nicht. Merkwürdig iſt, daß ſie in Norwegen, Schweden Blick durch die ſtärkere Behaarung, den reichlichern Schnurr- und Rußland nicht vorkommt; dort wird ſie aber freilich bart, den wildern Blick und das ſtärkere und ſchärfere Ge⸗ durch den Vetter Luchs mehr als hinreichend erſetzt. Dichte, biß. Als beſonderes Kennzeichen gilt die ſchwarzgeringelte große, ausgedehnte Wälder, namentlich dunkle Nadelwälder, Ruthe und der gelblichweiße Fleck an der Kehle. Ihre Kör- bilden ihren Aufenthalt; und je einſamer ihr Gebiet iſt, um perlänge beträgt in der Regel 2 ½ Fuß, die Länge ihres ſo ſtändiger iſt ſie in ihm. Felsreiche Waldgegenden zieht Schwanzes gewöhnlich einen Fuß. Die Höhe am Wider⸗ ſie allen übrigen vor, weil die Felſen ihr die ſicherſten riſt erreicht oft 14, ja ſogar 16 Zoll, und ihr Gewicht Schlupfwinkel gewähren. Außerdem bezieht ſie auch Dachs⸗ 15 bis 18 Pfund. Einzelne Kater werden unter beſonders und Fuchsbauten und große Höhlungen in ſtarken Bäumen. günſtigen Umſtänden auch drei Fuß lang. Der Pelz iſt Sie lebt einzeln oder höchſtens paarweiſe und ſcheint dicht und lang, beim Männchen grau, bisweilen ſogar ihr Gebiet gegen andere ihrer Art zu behaupten. Ihre Lebens⸗ ſchwarzgrau gefärbt, bei dem Weibchen hingegen gelblich. weiſe iſt eine durchaus nächtliche; ſie ähnelt der des Luchſes Von der Stirn ziehen ſich vier gleichlaufende, ſchwarze ebenſo ſehr, wie der unſerer Hauskatze. Die Wildkatze iſt Streifen zwiſchen den Ohren hindurch, von denen die bei⸗ geſchickt im Klettern und erſteigt mit Leichtigkeit Bäume, den mittleren ſich auf dem Rücken fortſetzen und, nachdem auf deren ſtärkeren Aeſten ſie ausruht, wenn ſie ſich nicht ſie ſich vereinigt haben, einen mittleren Streifen bilden, der in einer Höhle verbergen kann. Hier drückt ſie ſich feſt auf längs des Rückgrates und über die Oberſeite des Schwan⸗ den ihrem Pelze gleichgefärbten Aſt und kann dann leicht zes läuft. Von ihm gehen auf beiden Seiten viele, aber überſehen werden. Erſt mit Einbruch der Nacht beginnt verwaſchene Querſtreifen aus, welche etwas dunkler, als die ſie ihre Jagdzüge, ganz nach Art ihrer zahmen Schweſter. anderen, ſind und nach dem Bauche hinabziehen. Letzterer Mit der allen Katzen eigenen Liſt beſchleicht ſie den Vogel iſt gelblich, mit einigen ſchwarzen Flecken betüpfelt, die Beine in ſeinem Neſte, den Haſen in ſeinem Lager und das ſind mit wenigen ſchwarzen Querſtreifen bezeichnet, gegen Kaninchen in ſeinem Baue, vielleicht auch das Eichhörn⸗ die Pfoten zu gelber, an der Innenſeite der Hinterbeine chen auf dem Baume. Größeren Thieren ſpringt ſie auf gelblich und ungefleckt. Der Schwanz iſt gleichmäßig ge⸗ den Rücken und zerbeißt ihnen die Schlagadern des Halſes. ringelt, die Ringe ſelbſt von der Wurzel nach der Spitze Nach einem Fehlſprunge verfolgt ſie das Thier nicht weiter, hin immer dunkler. Das Geſicht iſt rothgelb, das Ohr ſondern ſufcht ſich lieber eine neue⸗Beute auf; kurz, ſie iſt auf der Rückſeite roſtgrau, inwendig gelblichweiß. in jeder Hinſicht eine echte Katze. Zum Glück für die Jagd Noch heutzutage iſt die Wildkatze über faſt ganz Europa beſteht ihre gewöhnliche Nahrung in Mäuſen aller Art *) Aus Brehms illuſtrirtem Thierleben(Hildburghauſen, Bib⸗* ſrteeidenene he n brralr zuiirta nuche ſie u liographiſches Inſtitut), in 25 Lieferungen à 7 ½ Sgr. erſcheinend. und befchtulber und iſt für dieſe immer noch ſtark genug. Das Werk wird von den erſten Fachmännern und der allgemeinen 19 Ll! 1 3 Kritik ſehr empfohlen. An den Seen und Wildbächen lauert ſie auch Fiſchen und — daß du er erſtau ,1 ..U hartes und ein zum F. Aü ſtrono nach? leberp fen un ich abe das li ches nö mir di verſchaf du kom fen, de dich hien 2 der um „ Wie! ch an und befe gleich jammern des Ta beidet d naie etr Schwin unl ban di N ſa eines doppel — n Weg ns zu welche gewor⸗ unden? rſelben Se ſo Einer ware. wenn raub⸗ MR genden, lten in ird ſie zgt. In dahren ährige drei Stück reicht topos jruſien t man hweden freilich Dichte, välder, ſt, um t zieht herſten Dachs⸗ umen. ſcheint bens⸗ uchſes aze iſt zäume, icht yft nuf leicht ginnt veſter. Vogel d das hörn⸗ ſie auf Zalſes. weiter, ſie iſt Feierſtunden. 1864. 65 ———————— B— Eine Pfandhausſcene. Nach Charles Deslys. I. Mittheilung: ‚Seit geſtern werden die verfallenen Pfand⸗ objekte verſteigert, fügte der Beamte mit einer Ruhe hinzu, Steffen war wüthend und ſchritt, wie ein Heide fluchend, die mich empörte. ‚Aber noch gibt es eine Möglichkeit für in ſeinem Atelier auf und ab. Sie, Ihre Uhr zu retten.““ In dieſem Zuſtande wilder Aufregung traf ihn ſein„Welche... Freund Babylas, der bei ihm eintrat. V„Gehen Sie zu Herrn X...., vielleicht, obwohl es „Aber um des Himmels willen, was haſt du denn, kaum wahrſcheinlich iſt, hat er Ihre Uhr noch in ſeiner daß du dich ſo gegen das zweite Gebot verſündigſt?“ rief Verwahrung. Hat er ſie nicht mehr, ſo iſt ſie bereits im er erſtaunt. Auktionsſaale; da aber Pretioſen erſt morgen daran kom⸗ „Was ich habe? men, ſo können Sie Ein Stückchen- immerhin Ihre Uhr wieder an ſich bringen. Sie brauchen in die⸗ ſem Falle nichts zu thun, als ſelbſt darauf zu ſteigern.“ „Ich dankte für die gefällige Auskunft, und ſomit eile ich jetzt in's Leihhaus. Adien!...“ „Adieu!“ brummte Steffen mißvergnügt, „wie gerne hätte ich bei den trois frères pro- venceaux geſpeist!“ fügte er ſeufzend hinzu, indem er einen letzten Blick auf das Porte— monnaie ſeines Freun⸗ des warf, welches die⸗ ſer eben wieder ein⸗ ſteckte. „Mir wäre dies auch nicht unangenehm geweſen. Aber höre, vielleicht iſt, bis ich hinkomme, die Uhr ſchon des Teufels, dann hole ich dich ab, um mit dir der Da⸗ hingeſchiedenen einen hartes Kommisbrod und ein Glas Waſſer zum Frühſtück nebſt allen möglichen ga⸗ ſtronomiſchen Gelüſten nach Auſtern, Gänſe⸗ leberpaſteten, Schnep⸗ fen und Faſanen. Was ich aber nicht habe, iſt das liebe Geld, wel⸗ ches nöthig wäre, um mir dieſe Genüſſe zu verſchaffen.... Doch ull du kommſt wie geru⸗ fen, denn ich fordere dich hiemit im Namen unſerer Freundſchaft feierlichſt auf, mich zu einem feinen Reſtau⸗ rant zu führen.“ „Das iſt mir lei⸗ N der unmöglich.“ „Unmöglich?... Wie! wärſt du etwa auch auf dem Hund und befändeſt du dich gleich mir in der be⸗ jammernswerthen Lage des Tantalus? Leidet dein Portemon⸗ naie etwa auch an der Schwindſucht?“ Leichenſchmaus zu hal⸗ „Nein, im Gegen⸗——„ ten.“ theil;... da, über⸗„Iſt dies dein zeuge dich.“ Ernſt?“ Und Babylas ließ ſeinen Freund ſechs funkelnde Gold⸗„Alle Teufel, wenn ich einmal etwas ſage!.... ſtücke ſehen mit dem Porträte des großen Mannes.„Nimm dich in Acht, mir ſcheint, daß du dich auch .„Nun?“ entgegnete Steffen, bei dem alle Begierden gegen das zweite Gebot verſündigſt. Du fluchſt wie ein eines leckeren Gaumens und hungerigen Magens mit ver⸗ Dragoner; das wird uns Unglück bringen.“ doppelter Gewalt erwachten. Babylas lachte und verließ ſeinen Freund. Beſchleu⸗ 1„Dieſe Summe iſt zum Auslöſen meiner Uhr beſtimmt, nigten Schrittes eilte er in's Pfandhaus. ein Erbſtück in meiner Familie, wie du weißt, welches ſeit dem vorvorigen Carneval, alſo ſeit 13 Monaten und eini⸗ II. gen Tagen, im Leihhauſe ſchmachtet. Geſtern war ich beim Kaſſier, um den Pfandzettel umſchreiben zu laſſen. Aber„Haben Sie meine Uhr noch?“ rief er ganz außer ein kategoriſches„Zu ſpät' belehrte mich, daß ich den Ter⸗ Athem, indem er ſeinen Zettel einer Art Mumie von min verſäumt habe.... Ich machte einen Sprung, ſo Beamten überreichte, an den ihn der Kaſſier Tags zuvor hoch wie der Tiſch, ſo ſehr erſchrak ich über dieſe fatale gewieſen hatte. Feierſtunden. 1864. 9 66 Feierſtu „Sie kommen zu ſpät,“ lautete die Antwort,„Ihre Uhr iſt verfallen und wird verſteigert. Laufen Sie ſchnell in den Auktionsſaal.“ „Ach, meine arme Uhr,“ ſeufzte Babylas. „Und die meinige, mein Herr?“ rief in dieſem Augen⸗ blicke in höchſter Angſt ein kleiner Greis, der dem Beam⸗ ten ebenfalls einen vom Alter ganz vergelbten Zettel prä⸗ ſentirte. „Auch zu ſpät,“ entgegnete lakoniſch der Beamte. „Gehen Sie in den Auktionsſaal.“ „O, mein Gott!“ jammerte der Greis, der ohne ſich weiter aufzuhalten nach dem bezeichneten Saale eilte, wo⸗ hin ihm Babylas folgte. Aber Beide wurden unter der Thüre zurückgedrängt. Eine ungeheure Matratze kam zur Thüre heraus, die faſt für ſie zu ſchmal war. wieder! So biſt du wieder mein!“.. Und in wahrer Extaſe ſchlang ſie ihre Arme um dieſelbe und drückte ſie wie eine alte Freundin an ihr Herz. „Sie halten alſo große Stücke darauf?“ frug Baby— las theilnehmend. „Ob ich etwas darauf halte!“ rief das glückliche Weib. „Meine Mutter gab ſie mir an meinem Hochzeitstage, und auf ihr wurden meine zwei Kinder geboren.“ Babylas und der Greis traten zuſammen in den Saal, wo ſich ihr Schickſal entſcheiden ſollte. „Armes Weib,“ murmelte der Erſtere.„Ich begreife, daß ihr an dieſer alten Matratze ſo viel gelegen iſt. Iſt ſie nicht die verſchwiegene Vertraute aller Freuden und Lei⸗ den ihres ganzen Lebens?“ „Ja,“ murmelte der Greis, mehr mit ſich ſelbſt ſpre— chend, als dem jungen Künſtler antwortend,„es muß ihr allerdings viel daran gelegen ſein, aber doch bei Weitem nicht ſo viel als mir an meiner Uhr....“ Babylas hörte dieſe Worte des alten Mannes mit an und betrachtete ihn nun erſt etwas genauer. Es war ein kleiner, zitteriger Greis mit dünnen weißen Haaren, gutmüthigen, ſanften Augen und lächeln⸗ dem Munde. Seine Kleider erinnerten an den längſt ver⸗ loren gegangenen Schnitt einer uralten Mode, und ſelbſt erſter Spielkamerad, ſie mein erſtes Spielzeug, meine erſte ein kleiner Haarzopf hing ihm baumelnd hinten über den Kragen ſeines kornblauen Rockes herab. Er trug auch blaue Zwickelſtrümpfe und Schnallenſchuhe, ferner eine weiße Halsbinde und ein feingefältetes Jabot, mit einem Worte, es war vom Wirbel bis zur Zehe das lebendige Porträt unſerer guten alten Väter aus dem vorigen Jahrhundert. mußten viele Stürme über ihn hingezogen ſein, denn er hatte bereits ein hohes Alter erreicht, und doch trippelte er noch ganz friſch, munter und beweglich dahin. Der alte Mann machte auf Babylas einen ungemein guten Ein⸗ druck. „Meine arme Uhr, mein alter Freund!“ murmelte er, ſich auf die Zehen ſtellend, um über die Köpfe der dich⸗ ten Menſchenmenge hinüberſehen zu können.„O, ich ſehe ſie! Sie iſt dort auf dem Auktionstiſche, alſo noch nicht verkauft!... Gott ſei gelobt, ich komme noch recht!“ V Und vor Freude in ſeinen Knieen wankend, mußte der Greis ſich an die Wand lehnen. Er zitterte am ganzen Körper. Seine dünnen Beine, ſeine eingedrückte Bruſt, ſein vorgebeugter Nacken, ſein ſpitziges Kinn, ſein kahler Koff, ſeine herabhängenden Hände, Alles zitterte an ihm. nden. 1864. ——y—⸗———-'¶---õõÖA „Err wollte ſprechen, und konnte kein Wort hervor⸗ bringen.— ſie noch nicht anfaſſen, noch nicht an mein Herz drücken ten Momente verſüßen, die ich von ihr getrennt bin!....“ III. „Es iſt eine alte Uhr, mein Herr, groß, dickbauchig und längſt aus der Mode, mit ſchönen Ciſelirungen auf dem einen Deckel ihres goldenen Doppelgehäuſes und mit einem Emailbildchen auf dem anderen. „Das Emailbildchen ſtellt Vögel und Blumen dar, die Ciſelirarbeit das Urtheil des weiſen Salomo. V„Sie repetirt auch, mein Herr,... dazumal machte man faſt nur Repetiruhren. „Und ich kann von ihr ſagen, daß ſie mich mit ihrem Tik⸗Tak in der erſten Stunde weines Lebens freundlichſt— begrüßte, denn mein Vater trug ſie in ſeinem Uhrtäſchchen, als er mich aus den Armen meiner Mutter nahm, um mir ſeine erſten Küſſe zu geben. „Armer Vater... und arme Uhr! Er war mein Leidenſchaft, der erſte Gegenſtand, an dem ſich mein Herz erfreute. „Mein Vater ſetzte mich als Kind auf ſeine Kniee, und um mich zu beruhigen, wenn ich weinte, zog er ſeine um ſich ſelbſt drehen und wie einen Hampelmann vor mei⸗ nen entzückten Augen tanzen, die ſogleich vom Weinen in ein glückliches Lächeln übergingen. V„Dann ſchrie ich laut auf in meiner Luſt und griff mit beiden Händen darnach, die aber viel zu klein waren, um ſie faſſen zu können. „Natürlich wurde meinem gefährlichen Verlangen nicht nachgegeben, dafür aber ließ mich mein guter Vater die⸗ herrliche Ciſelirung in der Nähe beſehen und dann auch das Emailbildchen mit ſeinen bunten Vögeln und Blumen. Uhr aus der Taſche, ließ ſie an der goldenen Kette ſich V 4 „Beide entzückten mein kindliches Herz. Und nun aber erſt gar das Schlagwerk! Ich war ganz toll darauf und immer auf's Neue mußte mein guter Vater die Uhr an meinem Ohre repetiren laſſen und mich mit ihrem ſilbernen Klingkling entzücken. „Auch das leiſe, gleichmäßige Tik⸗Tak erfreute mich 2 wenie nict weni —c kaum ſüßen W und die vergißt. Tjierch „ und mi L mein Ve n die Br. langſe ¹ 6 dinrich Thrän wit ſe d erſ 5 ſehe meine nnenſt Revo Feierſtunden. 1864.. 67 ——— ⁴y————SVZcRBBVV t heuur nicht wenig, das dürfen Sie mir glauben, uber vielleicht ich auf die Uhr, läͤchelnd, wie mein Vater gelächelt hatte. doch kaum ſo ſehr, als es mich freuen wird, wenn ich es... Es war das Lächeln des Wahnſinns... das Lächeln jetzt wieder höre. de grimmigſten Erbitterung, o, es war ein ſündhaftes angen in„Die Greiſe ſind ja in der Regel alte Kinder!.... Lächeln, denn es lag in demſelben die Ironie des tödtlich⸗ inder ge⸗ Vater den goldenen Deckel, der für mich eine ganze Welt Herz gegen Gott und die ganze Welt erfüllt war. elcantate, Auch ich bin wieder ein Kind.— Dann öffnete mein ſten Haſſes, mit dem in jenem entſetzlichen Momente mein tig hatte von Zaubereien eingeſchloſſen hielt. V„Ich blickte in jenem Momente, wo meine Seele em— Sieh das kleine Thierchen,“ ſagte er zu mir in jener pört dem Himmel und der Erde fluchte, auf meine Uhr ahn be⸗ ſüßen Weiſe, in der man mit Kindern ſo gerne ſpricht,... auf meine Uhr!... merken Sie wohl, mein Herr, nl8 uhr und die ſich ſo tief im Herzen einprägt, daß man ſie nie denn nun war ſie mein, um den Preis des Lebens meines urch vergißt. Vaters.... Der Zeiger ſtand auf zehn Minuten vor „Ich konnte mich nie ſatt daran ſehen und wollte das zwölf Uhr....“ ich muß Thierchen’ mit meinen kleinen Fingern erhaſchen. wiil ich„Da gab es dann einen Krieg zwiſchen dem Vater In dieſem Augenblicke bot der Ausrufer mit lauter drüken und mir, und Thränen, die ein Kuß ſchnell wieder trocknete. Stimme einen neuen Gegenſtand zum Verſteigern aus. Der .A„Sei ein recht braves, folgſames Kind,“ ſagte mir Greis wandte lebhaft den Kopf nach ihm, aber es war ſeine dit let⸗ mein Vater, ‚und wenn du einmal groß, wenn du fünf⸗ Uhr noch nicht. Er fuhr alſo in ſeiner Erzählung fort. 4. 4 zehn Jahre alt biſt, dann gebe ich dir meine Uhr mit allem . ihrem Zugehör von Berloquen ſammt der ſchönen, golde⸗ IV wnmer nen Kette.— 3 unn an„S, wie reue ich wich darauf. ich hatie einen wah⸗„Einige Tage ſpäter ſtarb aus Gram meine Mutter, ren Heißhunger nach der Uhr. Ich ſehnte mich nach ihrem d ftand ich allei der Welt, allein als ei ihn beſe⸗ Beſitze,.. o, ich kann es ſagen, ſie war meine erſte Liebe! W eiun dan ich 3 ein ai 21 d* Allein Als eint vor ihm„Die Jahre kamen mir unerträglich lange vor. Waiſe, ohne Freunde, ohne Verwandte, mit dieſer Uhr, 3 ſ ährter Wünſ inzi „Nie, nie werde ich die Ah bekommen, mürmelte dnnergenſegnchel. nze Senieren hin e⸗ als einzigem 18 vftmabeluy ſ dich Ren etr, der mich unendlich„ Geſtehen Sie, mein Herr, daß die Kataſtrophe ent⸗ lieb hatte, einen ganzen Sonntag lang. elihed aſnn⸗ welche für mich die erſte Stunde ihres 6 3. ickbauchig„Dadurch wurde dieſer Sonntag für mich ein dop⸗ A— 3.. ngen auf pelter Feſttag. Wie war ich ſtolz, wie warf ich mich in. üſt aben wiene aier auch nie von einander und mit die Bruſt! Ich hielt mich für einen ganzen Mann und getrennt, ſo lange wir Beide allein waren. hätte an dieſem Tage mit keinem Könige getauſcht. V„Ich habe mit ihr viele ſchlimme Tage durchgemacht, dur, die„Aber ich wollte ſie ganz, ich wollte ſie für mich allein, ohne daß ſie je verſaumte, mir auf die Minute genau die und nicht blos auf einen einzigen Tag, ſondern auf immer. Stunde ußudoben, in der c dieſe oder jene neue Bitter⸗ al machte„Und dieſe abſcheulichen fünfzehn Jahre ſchlichen ſo L 5 re 5. 1— langſam dahin⸗.. ſiui u 4 belam die in vor der„Doch auch die frohen Stunden zeigte ſie mir an, nit ihrem abgelaufenen Friſt! 5 8 und unter dieſen frohen Stunden die froheſte und zugleich eundliclſt„Statt zum Geſchenke erhielt ich ſie als trauriges wichtigſte e de Fbdide gene Etunde, in der ich meine täſchchen, Vermächtniß. Man war damals in vollſter Revolution, Frau, Gute G ertende eülen Brad wſc ähte weder mei um mir es war zur Zeit der Schreckensherrſchaft. Da kamen eines„ ute Gertruder.... Sie verſchmähte weder memne Abends Männer von fürchterlichem Ausſehen in unſer Haus Niedrigkeit, uoch meine Armuth, denn ich war damals, was 8 4 1* 8 3 5ff 4-— 8 ur mein gedrungen, um meinen Vater zu arretiren.... Am anderen ich duch ſes Ki bin⸗ da A de iſlentticher Wchrdiber, äne erſte Tage ſchickten die Infamen ein Opfer mehr zur Guillotine.... l be chen ener iſt⸗ def. von er Fauf de liches Bnd ein Herz„Man geſtattete uns, ihn einen Augeublick vor der lhend ich nie mehr als knapp nur mein tägliches Bro Hinrichtung noch einmal zu ſehen....— Kniee„Ah, es war nur ein kurzer Augenblick, aber welche„Sie hingegen, Wmeinr gute Gertrude, ſie war reich, le Kd, Thränen koſtete er uns! o, ſehr reich, aber nicht an Geld und Gütern, ſondern e ſeine Chranen oſrn t. reich an Tugenden, an Liebenswürdigkeit und Schönheit! dette ſich—=.. jebte ſi je. in gneiges Nerdi Aber mir ſeine Uhr. Er ſagte nichts; der Schmerz des Abſchie⸗„Ich liebte ſie, dies war mein einziges Verdienſt. Aber durnm des üinen hri rſate cis; 1 hra ſch ich liebte ſie und liebe ſie noch mit der ganzen Hingebung, „Aber als er mir die Uhr gab, lächelte er. O, ich mit der ganzen Innigkeit meiner Seele, denn Gertrude nd grif ſehe dieſes Lächeln noch heute! Es hat ſich unauslöſchlich fand und findet ihr ganzes Glück nur darin, mich glück⸗ fwuum, meinem Gedächtniſſe eingeprägt. lich zu machen. e 2 „Ich verließ das Gefängniß gleichzeitig mit dem Ar⸗-„Seit fünfzig Jahren erheitert ſie mein Leben, ſeit fünf⸗ nich menſünderkarren, und hatte den Muth, ihm bis auf den zig Jahren Tag für Tag verſchönert ſie es durch die herr⸗ gen dt Revolutionsplatz zu folgen. lichen Eigenſchaften ihres Gemüthes und ihres Geiſtes, ſeit gui„Hier ſah ich den Kopf meines Vaters fallen...... fünfzig Jahren iſt ſie meine treue, angebetete Gertrude, ie.„Ja, mein Herr, ich hörte den Schlag der entſetzlichen meine friſche, lebhafte Griſette von ehedem, meine treue, 5 er. Maſchine, die meinen Vater vom Leben zum Tode brachte! zürtliche Gattin zur Sommerzeit, meine liebevolle, ſorgſame ug„Dann ſchloſſen ſich meine Augen und all' mein Blut Freundin im Spätherbſte meines Lebens. 3 n drängte ſich zum Herzen. Ich bebte wie vom Fieberfroſe„Unſere Hochzeit war einfach, ohne Prunk. — geſchüttelt und drückte krampfhaft die Uhr, die ich noch in„Wir gingen mit zwei Zeugen auf die Mairie und in ſil meiner geſchloſſenen Hand hielt. die Kirche und kehrten allein in unſere beſcheidene Manſarde Als ich die Augen und die Hand wieder öffnete, ſah zurück. Und auch keine Hochzeitsgeſchenke gab es unter uns. 68 Feierſtu ——:ͤ————;Y Wir waren zu arm. Viel ärmer als ſonſt Jemand und doch glücklicher als andere Menſchen der Welt. „Doch nein, ich hatte ein Geſchenk für ſie, ein koſt⸗ bares Geſchenk, mir werthvoller als alle Schätze der Erde. „Da, meine liebe Gertrude,“ ſtammelte ich mit zit⸗ ternder Stimme, als die vier Wände unſeres traulichen Stübchens uns umſchloſſen, da haſt du meine Uhr. Ich beſitze weiter nichts. Du weißt, wie viel und warum ich ſo viel darauf halte. Nimm ſie hin als Hochzeitsgeſchenk; ich gebe ſie dir, wie ich ſelbſt mich dir gebe.“ „Dank, tauſend Dank!“ erwiederte Gertrude, ihre kleine, arbeitſame, liebe Hand in die meinige legend. „Ich übergab ihr die Uhr. Der Zeiger, ſeltſamer Zufall! ſtand wieder auf zehn Minuten vor zwölf Uhr. Hier unter⸗ brach ſich der Greis, indem er ſich wieder nach dem Aus⸗ rufer wandte. Gleich darauf aber fügte er wieder freier auf⸗ athmend hinzu: „Sie iſt es noch nicht, und ſo kann ich Ihnen meine Geſchichte auserzählen.“ V. „Ein Monat ſpäter war mein Geburtstag. „„Sieh, mein Freund,“ ſagte Gertrude zu mir, sich habe nur dies, aber ich gebe es dir von ganzem Herzen. „Es war die Uhr, die ſie mir wieder ſchenkte. „Auch ihr Geburtstag kam drei Monate ſpäter, und nun wanderte die Uhr wieder aus meiner Hand in die ihrige. Dann ging ſie zum dritten Male auf mich über, und ſo an allen fünfzig Geburtstagen, die wir mit einan⸗ der erlebten, im ſteten Wechſel zwiſchen mir und ihr. Und glauben Sie mir, mein Herr, dieſes ewige Hin⸗ und Her⸗ geben, dieſer zweimalige Austauſch alle Jahre, dieſe ver⸗ ſchenkte und wieder empfangene Uhr wurde mit größerer Freude und innigerem Glücke gegeben und empfangen, als die reichſten Geſchenke unter den Großen der Erde je gege⸗ ben und empfangen worden ſind. Ermeſſen Sie daraus, was mir... was uns an dieſer Uhr gelegen iſt. Sie gehört uns Beiden, ſie gehört hundertmal mir und ihr.“ „Und doch iſt ſie nun hier?... „Dies wundert Sie, mein Herr?. mir noch zwei mehr wundern. „Eines Tages wurde Gertrude krank. Hören Sie Eind lange, . bares Pfand. nden. 1864. ·——————,— grauſame Krankheit, die bei der ſchnellen Erſchöpfung un⸗ ſerer Kaſſe bald die bitterſte Noth, das entſetzlichſte Elend in ihrem Gefolge hatte. So ſaß ich am Lager meiner ſterbenden Frau, voll Verzweiflung und ohne einen Sou zur Beſtreitung der Medicamente, die mein armes Weib vielleicht noch dem Tode entreißen konnten. „Die Uhr lag vor mir,... vor meinen in Thrä⸗ nen ſchlummernden Augen. „Ich zauderte lange, gerade meiner Gertrude. „Endlich nahm ich ſie und ging damit fort; aber drei⸗ mal kehrte ich an der Thüre des Leihhauſes wieder um. „Ach, es war ein zu harter Gang. Aber es mußte geſchehen.... Man lieh mir 40 Francs auf mein koſt⸗ denn damals gehörte die Uhr „Und Gertrude wurde gerettet. Aber welche Sce⸗ ne, als ich ihr nun nach hundert Ausreden und hundert Lügen endlich die trau⸗ rige Wahrheit geſtehen mußte! Sie wurde pur⸗ purroth vor Ent⸗ rüſtung. „„Ach, lieber wäre ich geſtor⸗ ben! rief ſie ganz außer ſich. „Und ich, Gertrude?... Was wäre ich ohne dich?‘ ar⸗ wiederte ich lich und 1 ſie an mein „Sie weinte lange an meiner Bruſt, und zu⸗ letzt weinte ich mit ihr. „Tröſte dich, meine Gute,— ſagte ich endlich ſo ſanft und innig, wie einſt mein Vater zu mir ſprach, wenn er mich tröſten wollte.„Nun biſt du wieder auf den Beinen, biſt wieder friſch und munter und ich kann wieder arbeiten Tag und Nacht, um dir deine Uhr zurückzugeben.“ 8.153 „Und für wie viel iſt ſie dort?“ frug ſie mich. „Für vierzig Francs,“ flüſterte ich, denn ich wußte, daß dieſe Summe die Aermſte entſetzen würde. „Und ſo war es auch. Gertrude erſchrak, bald aber rief ſie entſchloſſen: ‚Nun gut, wir müſſen Tag und Nacht, ohne Raſt und ohne Ruhe arbeiten und ſchaffen, bis wir das Geld beiſammen haben. 4 „Und wir hielten Wort, mein Herr, wir haben uns Beide bei Gott nicht geſchont.... Und doch iſt die Uhr noch hier!... Und ſeitdem ſind es fünfzehn Jahre!.... Minuten zu, und es wird Sie dann nicht Ja, mein Herr, fünfzehn Jahre, während welcher ich an Zinſen nahezu fünfmal die Summe bezahlte, die ich zur Rettung Gertrudens entlehnte. — „Da Fichkerlih vqht? eunoch iſ Immer! wir den gettel ue ben laſſe wir kor genug vringer ſere U löſen. „Dah ten wir Francd. reichten Erſparr nahe da aber W wieder zwiſch zwang, ger We welchem im Pre oder d bücklic barn, Darleh SJen! u. ab, die vorherg kommn immer varfen, loſen unſer miß Fad, dd dne Dam . Feierſtunden. 1864. 69 — —— f gſ dagee fung m„Das iſt V aan ‚Höre, Freund, Elend fürchterlich, nicht G wir werden alt 1. meiner wahr? Aber— und Eines von n Sou deunoch iſt es ſo. uns kann über des Weib wir den Pfand⸗ Immer mußten fün ſſſſſ fffglgſe kurz oder lang ſterben, ohne die n Thrä⸗ zettel umſchrei⸗ Uhr deines Va⸗ di ben laſſen, denn ters neben ſich ie Uhr wir konnten nie am Bette zu genug zuſammen haben. Das darf dder dri⸗ bringen, um un⸗ nicht ſein, die 8 uu ſdre i, wtnn mung rein koſt⸗„Dazu brauch⸗ noch bitterer. Es — ten wir fünfzig genügt nicht, daß Hertrude Francs. Oft wir arbeiten, wir gerettet. reichten unſere müſſen uns noch che Sce⸗ Erſparniſſe ganz mehr Entbeh⸗ ich ihr nahe daran hin, rungen auferle⸗ weodert aber immer kam gen... en und wieder etwas da⸗„Ach, und Lügen zwiſchen. Eine wenn Sie wüß⸗ die trau⸗ Krankheit, ein ten, mein Herr, Wahrheit plötzlicher Man⸗ welchen Entbeh⸗ nugie gel ui Arbeit, rungen wir uns de pur⸗ ein Umzug, zu bereits unter⸗ vor Ent⸗ dem man uns warfen!...Und 1 zwang, ein ſtren⸗ doch fanden wir „lieber ger Winter, in ſo Manches, was geſtor⸗ welchem Alles wir uns noch ſegan 8 Preiſe ſtieg, weiter verſagen h. oder auch un⸗ konnten. d ich, glückliche Nach⸗„Zuerſt den 60... barn, denen wir ein Tabak, 63 d äre ich Darlehen nicht ver⸗ Freude unſeres Alters! h r⸗„Jen konnten, welches Wir kamen überein, daß ic an uns nie zurück⸗ Jedes von uns nur / ad, dies waren die un⸗ noch dreimal des Tages in vorhergeſehenen Vor⸗ ſchnupfte: eine Priſe weinte kommniſſe, die uns des Morgens, eine meiner immer wieder zurück⸗ Priſe Mittags und eine ud zu⸗ warfen, wenn wir un⸗ des Abends. Dann nte ich ſer Biel ſchon erreinht der Kaffee, den wir zu haben glaubten. uns nur noch an ſt dich,.„Ich war oft recht Sonntagen erlaubten, ut,— böſe auf die gewiſſen⸗ um ſeinen Geſchmack Vater loſen Schuldner, die nicht ganz zu vergeſſen. aun biſt unſer Vertrauen ſo„Aber all' dieſer nuntet arg mißbrauchten, aber Opfer ungeachtet fehl⸗ deine heute, heute verzeihe ten uns noch fünf ich ihnen von ganzem Francs am Ende des . Peius. mnl 1 dreizouien Monats. te„Zweimal erreich⸗„Gertrude war in uußt⸗ ten wir das durch die Verzweiflung, und mir, d äba Zinſen ſchon ſo oft V mein Herr, mir er⸗ Nacht. adderwageng Kapital,= ging es nicht beſſer. jis wir duen lans daceheien V 3 M 25 8 ₰ 1 elher Gott 3 b 1 e N u allen guten Menſchen, „s. Betrag für eben dieſe RXSJYhM 7, W, A ſ die auf ihn vertrauen. e Uhr 1 Zinſen. 1 ſ Gott ſchickte uns eine 2„Im vorigen Jahre unerwartete Beſtellung d an endlich geriethen wir einträglicher Abſchrif⸗ ich ur Larauf's Trockene und Ufe ten. Ich verwandte drei ch nun date Gertrude: Nächte darauf, d. h. ich 70 ———;—B—::::::¶UÜ⁊õ⁊ y——————;;— ſchlief in dieſen drei Nächten nur immer vier Stunden; aber heute Morgen zählte Gertrude die zehn Fünffrancs⸗ ſtücke auf, die wir brauchten. Trotzdem hatte ich eine ge⸗ waltige Angſt, zu ſpät zu kommen, aber Sie ſehen es, der gute Gott ließ es nicht zu, die Uhr iſt noch hier!... „So werde ich ſie alſo wieder mein nennen können, dieſe arme Uhr, von der wir ſeit fünfzehn Jahren getrennt ſind! Wir werden ſie wieder beſitzen, dieſe theure, geliebte Uhr, von der Sie gewiß begreifen werden, warum uns ſo viel daran gelegen iſt. „Sie maß die Stunden unſeres Alters, wie ſie die Stunden meiner Kindheit und jene unſerer Liebe gemeſſen hatte. „Ich werde ſie wieder berühren, wieder öffnen, wie⸗ der aufziehen können, denn ach, ſie ſteht ſeit langer Zeit unbeweglich ſtill, und auch ihr ſilbernes Stimmchen, wel— ches mein kindliches Ohr ſo ſehr erfreute, ließ ſie nicht mehr vernehmen. „Doch freue dich, du wackere Uhr, du treue Freun⸗ din, die nun wieder zu mir zurückkehrt, freue dich! Bald ſoll deine ganze Thätigkeit wieder beginnen, bald ſoll dein munteres Tik⸗Tak wieder Tag und Nacht deine alte Rüh⸗ rigkeit verkünden. „Und wie freue ich mich auf dich! Und Gertrude, die gute Gertrude erſt! Wie will ich Sprünge machen, um ihr die frohe Botſchaft zu bringen, daß die Uhr gerettet iſt! „Und ſie wird nicht lange zu warten haben, die gute Gertrude, denn ſie iſt hier,.... nicht hier im Saale, ſondern hier in der Nähe. Straße. Ich wollte ſie nicht mit herein nehmen unter dieſe Menge Menſchen, und dann fürchtete ich für ſie die trau⸗ rigen Folgen des Schreckens, wenn die Uhr etwa für uns verloren geweſen wäre. „Ach wenn ſie bereits verkauft geweſen wäre! Großer Gott!... Doch nein, nein, es iſt keine Gefahr mehr. Dort liegt ſie ja, dort ſehe ich ſie, und bald werde ich ſie aus ihrer Gefangenſchaft erlöſen, bald im Triumphe mei⸗ Feierſtunden. 1 864. Sie wartet draußen auf der ———; als ein alter, ſchmutziger Schacherjude, eine jener abſcheu⸗ lichen, übelriechenden, eckelerregenden Harpyen mit den mar⸗ kirten Geſichtszügen, in denen ſich Gewinn- und Habſucht, Liſt und Trug ausſprechen, die Uhr mit gierigem Kenner⸗ auge betrachtete und mit ſeiner näſelnden, ſingenden Knob⸗ lauchſtimme, gleich einer Zauberformel, womit der Greis vernichtet wurde,„ſiebenundvierzig“ ausſprach. „Achtundvierzig....“ „Neunundvierzig.. „Aber ich habe nur fünfzig Francs!“ murmelte er mit einem matten Seufzer, als ſei es der letzte, den er aushauchte. 3.1 25 „Einundfünfzig Francs!.... Einundfünfzig Francs!“ wiederholte der Ausrufer. „Nun, was warten Sie noch, Herr Notar? Schla⸗ gen Sie zu, Herr Notar,“ ſagte der Jude.„Die Uhr iſt mein, ich habe ſie erſtanden um einundfünfzig Francs. Die goldene Uhr.“ 1M Nun fuhr der Greis, wie von einer Schlange gebiſ⸗ ſen, auf, und mit wahrer Wuth, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, rief er: „Zweiundfünfzig!...“ „Dreiundfünfzig!“ ſteigerte der rückſichtsloſe Hebräer. „Vierundfünfzig!“ erklärte der Greis mit einer gewiſ⸗ ſen Sicherheit, wobei er aber, ſich an Babylas wendend, leiſe hinzufügte:„Ich habe ſie nicht....“ Nach einer neuen Pauſe, die für den armen Greis eine wahre Höllenpein enthalten mußte, ließ ſein hartnäcki⸗ . ger Gegner abermals ſeine Stimme vernehmen. „Fünfundfünfzig!“ rief er.— „Nun ſo leb wohl, meine arme, arme Uhr! murmelte „Ja,“ fuhr der Greis fort, aber plötzlich ſeine Er⸗ zählung unterbrechend, deutete er auf den Auktionator, der in dieſem Augenblicke die Uhr von ihrem Platze nahm und zum Verkaufe ausbot.„Ja, ja!“ rief er in unbeſchreib⸗ licher Erregung, wobei er Babylas am Arme ergriff,„ja, ſie iſt es, ſie iſt es!... Nun gilts!...“(Siehe Bild Seite 68.) Babylas ſah in der That die alterthümliche, große, dickbauchige, goldene Repetiruhr, die der Ausrufer an der Kette hielt und dem kaufluſtigen Publikum zeigte, indem er vief: „Fünfundvierzig Francs!... Eine goldene Taſchen⸗ uhr, die die halben und ganzen Stunden repetirt!... Fünfundvierzig Francs. Hat Niemand Luſt?...“ „Sechsundvierzig““ ſtammelte der alte Greis, dem der Schweiß in dicken Perlen auf der Stirne ſtand. Es vergingen einige Sekunden. „Sechsundvierzig?... Niemand mehr?“ Anktionator. mit dem Hammer zuſchlagen, ſchon öffnete der Ausrufer die Lippen, um ſein„Zum dritten Mal“ hinzuzufügen, der Alte in einem Tone, der ein unnennbares Herzleid ausdrückte,„adieu, adieu!“ Und ohne Zweifel wollte er dieſen unſeligen Schau⸗ platz ſeiner jammervollen Niederlage fliehen, als ſich eine neue Stimme erhob. Es war Babgylas. „Sechzig!“ ſchrie er im entſchiedenen Tone eines Man⸗ nes, der ein Opfer zu bringen entſchloſſen iſt. Der Greis blieb erſchrocken ſtehen. Der Jude aber riß ſeinen breiten, bis zu den Ohren reichenden Mund mit den dicken, wulſtigen Lippen wie ein Scheunenthor auf, und rief, obwohl verblüfft, über den neuen Concurrenten: „Fünfundſechzig!....“ .„.. Sie, dem ich Alles vertraute.... Statt einer Antwort ergriff Babylas die Hand des ſes, der wie ein Kind Alles mit ſich machen ließ — dit hund. ſtutnn inam ſanf Dies der Greis als der ju Bab doch war könnten, iſt. Un an ein angeran errieth Er nächſt g ungeſehen Die dung fü diente T D Hand, abgeru ihrem Famil drlicken Freuden D. Lebhafti daß der richt ve U unwillk er es, 6 T 14, un nen P ſie Arn glücklich Uhr ga wonnetn ( ſind ſi⸗ — äbſcheu⸗ en mar⸗ äbſucht Kenner⸗ Knoh⸗ Greis inza. trudens, ich gehe enblicke kaum ernunft K er den er rancs!“ Schla⸗ ie Uhr Francs. gebiſ⸗ nüchtigt Fehräer. gewiſ⸗ dendend, Greis rtnäcki⸗ irmelte jerzleid Schau⸗ ic eine Mon⸗ aber nd mit f, und n: ntgegel⸗ „ 2. Feierſtun ———— dieſe Hand, legte die koſtbare, für den alten Mann un⸗ ſchätzbare Uhr hinein und machte die Hand ſodann mit einem ſanften, freundſchaftlichen Drucke wieder zu. Dies Alles kam ſo unerwartet, ſo überraſchend, daß der Greis ſich noch nicht beſonnen hatte, wie ihm geſchah, als der junge Künſtler bereits aus ſeinen Augen war. Babylas hatte ſich raſch aus dem Staube gemacht, doch war er nicht ſo weit gelaufen, als diejenigen glauben könnten, denen die Leiſtungsfähigkeit ſeiner Beine bekannt iſt. Unter dem Eingange des Leihhauſes wäre er beinahe an ein gutes, vom Alter gebeugtes, zitterndes Mütterchen angerannt, und ohne je im Leben Gertrude geſehen zu haben, errieth er inſtinktmäßig, daß ſie es ſei. Er verbarg ſich nun in einen Winkel hinter dem zu⸗ nächſt gelegenen Nebenpfeiler der gewölbten Thorhalle, um ungeſehen dem Glücke des guten alten Pärchens zuzuſehen. Dies war, meiner Treu, nur eine billige Entſchädi⸗ gung für den Verluſt ſeiner eigenen Uhr, eine wohlver⸗ diente Belohnung für ſeine edle Großmuth. Der Greis erſchien ſehr bald mit der Uhr in der Hand, die er wie eine Siegestrophäe, wie eine dem Feinde abgerungene Fahne hoch emporhielt. Gertrude lief, ſo gut dies ihre alten Beine erlaubten, ihrem Manne entgegen, um ſchneller das lange vermißte Familienkleinod, die theure, koſtbare Uhr, an ihr Herz drücken zu können, was ſie im nächſten Momente unter Freuden that.(Siehe Bild S. 69.) Dann begann ihr treuer Lebensgefährte mit großer den. 1864. 71 ——————————— und beſonders morgen, wenn ſie bei ihrem Erwachen die⸗ ſes ſo oft gewünſchte und ſo lange vermißte Andenken an ihre Freuden und Leiden neben ſich ſehen, dieſe alte Uhr, die einſt die letzte Stunde ihres Lebens verkünden wird, wie ſie die erſte verkündete. Noch lange in Gedanken bei dem alten Paare ver⸗ weilend, kehrte er zu ſeinem Freunde zurück. VII. „Nun?“ rief ihm Steffen ſchon von Weitem entgegen. „Biſt du noch recht gekommen?“ „Um ſo ſchlimmer.... Aber ich habe mir's gleich gedacht.... du ſollſt den Namen Gottes nicht eitel neu⸗ nen,.... nun haben wir aber heute Morgen Beide wie die Heiden geflucht, dies mußte uns Unglück bringen....“ So viel iſt gewiß, daß ich ohne Uhr zurückkomme.“ „Wie?... Ohne Uhr? Du bringſt deine Uhr nicht mit zurück?... Aber was haſt du denn mit deinem Gelde gemacht?“ „Erſtens habe ich mir damit die Vergebung meiner Sünde gegen das zweite Gebot erkauft, und zweitens eine recht innige Freude, eine ſchöne Erinnerung für mein Herz.“— „Und für meinen Magen? Für den wird wohl nichts gekauft, du Egoiſt?... Lebhaftigkeit ihr etwas zu erzählen. Babylas konnte nichts davon hören, aber er errieth, daß der Greis ihr einen genauen und enthuſiaſtiſchen Be⸗ richt von der Scene im Leihhausſaale erſtattete. Und nun fühlte der ſonderbare junge Mann, wie ihm unwillkürlich das Roth in's Geſicht ſtieg, und faſt bereute er es, ſich auf die Lauer gelegt zu haben. Glücklicherweiſe dauerte ſeine Verlegenheit nicht lange. Die beiden Alten ſahen ſich nach ihm um, ohne Zwei⸗ 6*0, um ihrem Wohlthäter danken zu können, aber um kei⸗ nen Preis hätte Babylas ſich ihnen gezeigt. So gingen ſie Arm in Arm, fröhlich, munter, aufgeräumt und mit glücklichem Herzen fort, wobei ſie ſich gegenſeitig die alte Uhr gaben, um gemeinſchaftlich zu gleichen Theilen ihre wonnetrunkene, irdiſche Seligkeit zu genießen. „Ihr armen, guten Leute,“ murmelte Babylas,„wie ſind ſie jetzt glücklich! Wie werden ſie es heute Abend ſein rende Geſchichte. „Doch, doch. Es bleiben 41 mir noch 30 Francs übrig, Als er ſie ſchloß, zitterte ſeine Stimme, und an ſei— nen Wimpern glänzte eine Thräne. Aber es war dies eine Thräne, mehr werth als ein Diamant, denn während ſie über ſeine Wange herabrann, erleuchtete ſie ſein Geſicht mit dem Glanze tief empfundenen Glückes. Es war die unausſprechliche Wonne, das himmliſche Entzücken höchſter Befriedigung, welches Gott aus ſeinem Paradieſe in die Herzen derjenigen träufeln läßt, die auf Erden ein wenig Gutes thun. Und Steffen?... O, Steffen fühlte ſich nie ſo innerlich froh, als in dem Momente, wo er mit Babylas das erſte Glas überſchäumenden Champagners auf die Ge⸗ ſundheit Gertrudens und ihres alten Freundes leerte. . gerichtsſcene. Vor ganz kurzer Zeit ſprach ein Herr bei einem der Richter in London vor. Er theilte demſelben mit, daß ſeine Frau eine große Liebhaberin von ausländiſchen Vögeln ſei und eine große Sammlung dieſer Thiere beſitze. Einige Tage vorher nun trat ein junger Mann in ſein Haus und zeigte der Dame zwei wunderſchöne Vögel, mit ſchönen, ungefähr ſechs Zoll langen Schweifen, von brillanter blauer Farbe; ſehr ſeltene Vögel, wie er ſagte, und mit großer Mühe von der Küſte von Südafrika gebracht. Die Dame wünſchte nicht, ſo viel zu zahlen, als verlangt wurde, aber nach einigem Hin⸗ und Herreden ließ ſich der Mann her⸗ bei, gegen einen hübſchen, ſingenden Canarienvogel und mehrere andere Vögel, dazu noch zehn Schillinge, die Vögel abzulaſſen; der Werth, den die Dame dafür bezahlte, war ungefähr dreißig Gulden. Als man am nächſten Morgen nach den Vögeln ſah, war der eine während der Nacht ge⸗ ſtorben, und es wurde offenbar, daß beide falſche Schwänze hatten, welche grauſamerweiſe mit Siegellack an die Hin⸗ tertheile der Vögel angefügt waren; die Federn waren ſo geſchickt eingefügt, daß es unmöglich zu erkennen war. Nach Allem zeigte es ſich, daß die Vögel gewöhnliche, blau ge⸗ färbte Grünfinken waren. Der Herr klagte nun bei dem Richter um Erſatz und Strafe des Schuldigen; es konnte aber, da der Verkäufer nicht beigebracht werden konnte, nichts für ihn gethan werden. 72 Feierſtunden. 1864. ——ÿÿᷣ—————:ͤ————————————NO;OJVYO;O Die Oſiven⸗Ernte. Die Ufer des mittelländiſchen Meeres ſind die bevor⸗ in Italien, in der Provence und dem Languedoc findet n zugte Heimath des Olivenbaums. Im Orient, in Afrika, man ihn am reichlichſten mit ſeinen kleinen Früchten bedeckt. Der Olivenbaum erfordert faſt keine Pflege, höchſtens Schalen und Kerne der Oliven, aus welchen das Oel ge⸗ wird er manchmal von abgeſtorbenen Aeſten geſäubert, wonnen iſt, geben ein herrliches Brennmaterial. Die Ernte welche dann im Winter munter im Kamine praſſeln. Auch der Oliven erfordert kaum mehr Sorgfalt, wie die Pflege auf andere Weiſe noch trägt er zur Heizung bei: die der Bäume. Nachdem die niedliche Frucht den ganzen Mal, mic und vera nit ſeinen ver Tritte „De fuhr er„ dem Mei daß ihm Felieitas er ließ, d geweſen falls ge „A „aber me Marcheſe des Uebe tung me Bepeehu wie fur Mittel nein, meiden geuden ſen Er Nachric in mein leiſe fl „weißt Bruder Jahren im erſt ald er men, Oeſtrei ſeine 2 faf, dies hät ſcheint, wenige iommer und nic aber in er ſich rer nun Oel ge⸗ e Ernte gfi uuhn Feierſtunden. 1864. 75 ——— ——— Mal, mich anzureden, da er wohl weiß, wie ich ihn haſſe und verachte; dagegen verfolgte er mich die ganze Zeit über mit ſeinen Augen, wie wenn er das Recht hätte, jeden mei⸗ ner Tritte und Schritte zu bewachen.“ „Der Elende,“ murmelte Arthur Stanton.„Aber,“ fuhr er wieder lauter fort,„warum verbieteſt du mir auch, dem Menſchen ein⸗ für allemal einen Denkzettel zu geben, daß ihm ſeine Zudringlichkeit für immer vergeht? Sieh' Felicitas, ich kann den Gedanken nicht los werden, daß nur er es war, welcher dich auf die Casa inglese ſchleppen ließ, denn wenn es blos auf Geld⸗Erpreſſung abgeſehen geweſen wäre, ſo würden die Räuber deine Mutter eben⸗ falls gefangen genommen haben.“ „Auch ich dachte immer, wie du,“ entgegnete Felicitas, „aber mein Großohm, der Kardinal, verſichert ja, daß der Marcheſe ſich damals in Rom befand und gerade am Tage des Ueberfalls durch die Räuber ihm ſelbſt ſeine Aufwar⸗ tung machte. Alſo werden wir ihm doch wohl in dieſer Beziehung unrecht thun. Außerdem aber wenn du wüßteſt, wie furchtbar rachgierig dieſer Menſch iſt und wie ihm kein Mittel zu ſchlecht ſein würde, um dich zu verderben nein, nein, Arthur, du mußt jeden Streit mit ihm ver⸗ meiden, um deinet⸗, um meinetwillen. Doch warum ver⸗ geuden wir auch die Zeit mit verlorenen Worten über die⸗ ſen Erbärmlichen, während ich dich aufſuchte, um dir eine Nachricht mitzutheilen, welche ich kaum dieſen langen Tag in meiner Bruſt verſchließen konnte. Weißt du,“ fuhr ſie leiſe flüſternd fort, indem ſie ſich näher an ihn ſchmiegte, „weißt du, wer ſeit geſtern hier angekommen iſt? Mein Bruder, mein theurer Bruder, den ich ſeit ſechs langen Jahren nicht geſehen!“ „Dein Bruder Alfred?“ rief Arthur Stanton, der im erſten Erſtaunen ſeine Stimme weit weniger mäßigte, als er hätte thun ſollen.„Er wagte es hierher zu kom⸗ men, trotzdem ein Preis auf ſeinen Kopf geſetzt iſt und die Oeſtreicher ſeine Auslieferung verlangen werden, ſowie ſie ſeine Ankunft erfahren?“ „Ja, trotzdem wagte er es,“ erwiederte Felicitas leb⸗ haft,„aber er kam unter einem anderen Namen und über⸗ dies hält er ſich hier tief verborgen, bis der Augenblick er⸗ ſcheint, wo er ſich wieder öffentlich zeigen darf. Nur wenige genaue Freunde und Vertraute, auf die er ſich voll⸗ kommen verlaſſen kann, wiſſen um ſeinen Aufenthaltsort, und nicht einmal in unſere Wohnuug, noch viel weniger aber in den Palaſt unſeres Großohms, des Kardinals, hat er ſich bis jetzt gewagt. Ja ich glaube kaum, daß Letzte⸗ rer nur etwas von ſeiner Anweſenheit weiß!“ „Aber mir,“ entgegnete Arthur,„mir, ſeinem künf⸗ tigen Bruder, wird es doch wohl geſtattet werden, ihn zu beſuchen?“ „Gewiß,“ verſetzte ſie, über dem Worte„Bruder“ tief erröthend,„gewiß, Arthur, und er ſelbſt wünſcht eine Zuſammenkunft ſehnlichſt. Geſtern Abend ſpät war ich bei ihm, natürlich in tiefer Verkleidung und von unſerem treuen Ludovico begleitet, und wenn du morgen Abend nach dem Angelus....“ „Wo ſoll ich dich treffen?“ unterbrach ſie Arthur eif⸗ rig.„Oder darf ich dich in deiner Wohnung abholen?“ „Nein, nein,“ entgegnete ſie,„das könnte zu ſehr auf⸗ fallen, denn es lauern ja auch hier überall Spione. Aber warte auf mich auf dem Corſo unter dem Portale der Kirche San Earlo; von dort haben wir nicht weit, denn der Ver⸗ ſteck Alfreds befindet ſich in dem alterthümlichen Hauſe in der Via Condotti, das dir gewiß auch ſchon aufgefallen iſt.“ In dieſem Augenblicke giug der Prinz Louis Napo⸗ leon mit dem Grafen Pepoli laut ſprechend an ihnen vor⸗ über die Terraſſe herauf, und wie er ganz nahe gekommen war, flüſterte er Arthur Stanton mit kaum vernehmlicher Stimme ein paar Worte in engliſcher Sprache zu, ohne jedoch deßwegen ſeine laute Unterhaltung mit dem Feſtgeber zu unterbrechen. „Was wollte er?“ fragte Felicitas, welche die Worte nicht verſtanden hatte. „Er ſagte mir,“ flüſterte Arthur zurück,„ich ſollte mich in Acht nehmen, denn wir würden belauſcht.“ „So laß uns jetzt ſcheiden,“ erwiederte Felicitas,„um uns morgen Abend wieder zu treffen.“ Sie gaben ſich die Hände und in der nächſten Mi⸗ nute befand ſich Felicitas Belgiojoſo wieder inmitten der großen Geſellſchaft, in welcher man ihre kurze Abweſenheit kaum bemerkt hatte; Arthur Stanton aber ſtürzte, ſo wie ihm Felicitas entſchwunden war, die Terraſſe hinab, um wo möglich den Lauſcher zu entdecken, vor welchem ihn Louis Napoleon gewarnt hatte. Er glaubte einen Schatten zu bemerken, der ſich zwiſchen den Irrgängen zu verlieren ſuchte, aber unausgeſetzt eilte er ihm nach, und ſo oft ſich auch der Mann vor ihm drehte und wandte, offenbar um ſeinen Verfolger irre zu führen, ſo verlor ihn dieſer doch nicht einen Augenblick lang aus dem Geſicht. Endlich nachdem die Jagd wohl eine halbe Stunde gedauert hatte, kamen ſie in einen etwas freien Raum des Gartens, der vom Mondeslicht klar beſchienen wurde und bis zu welchem der Lärm des Feſtes nur noch fern herübertönte. „Steh' Elender,“ rief jetzt Arthur Stanton,„oder, beim Himmel, ich behandle dich wie einen gemeinen Strauch⸗ dieb.“ Der Fliehende ſah nun wohl die Unmöglichkeit des Entkommens ein und hielt wirklich ſtill; allein wen er⸗ kannte Arthur Stanton, als ſich der Menſch umdrehte? Niemanden anders, als den Marcheſe Cialdini! „Ich weiß in der That nicht,“ verſetzte derſelbe, ſich die Miene eines tief Gekränkten gebend;„ich weiß in der That nicht, mit welchem Rechte Sie mich nun eine ganze halbe Stunde lang verfolgen, und wie Sie dazu kommen, mich mit ſolch' beleidigenden Worten anzureden? Ich ge⸗ höre ſo gut zu den Geladenen, wie Sie.“ „Warum ſind Sie denn geflohen, wenn Sie ein gutes Gewiſſen haben?“ entgegnete Arthur Stanton verächtlich. „Wollen Sie vielleicht läugnen, daß Sie den Horcher und Spion ſpielten?“ „Wie mögen Sie ſich erfrechen, eine ſolche Frage an mich zu ſtellen?“ erwiederte der Marcheſe hochmüthig.„Ihr Herren Engländer ſucht überall, wo ihr hinkommt, die Gewalthaber zu ſpielen, aber ich weiſe ſolche Anmuthungen mit Verachtung zurück.“ „Herr!“ rief Arthur Stanton, vor Zorn unwpillkür⸗ lich die Hand erhebend, wie wenn er ſeinem Gegnex einen Schlag geben wollte.„Doch nein,“ murmelte er, ſich ge⸗ waltſam bemeiſternd,„ich will mich zu keiner unehrenhaften Handlung hinreißen laſſen. Herr Marcheſe,“ fuhr er dann mit einer höflichen Verbeugung fort,„wir ſtehen einander beide als Feinde gegenüber und unter ſolchen Verhältniſſen gibt es nur Einen Weg, die Sache zu ſchlichten. Beſtim⸗ men Sie Zeit, Ort und Waffen, oder ſenden Sie mir, wenn Sie dieß vorziehen, Ihren Sekundanten.“ Der Marcheſe erbleichte ſichtlich, doch ſuchte er ſich ſogleich wieder zu faſſen.„Ich weiß in der That nicht,“ erwiederte er mit ziemlich ſtotternder Stimme, zugleich aber 10* ——— ———— es verſuchend, ſeine Angſt unter dem Gewande des Hoch⸗ muths zu verdecken;„ich weiß in der That nicht, ob ich Ihre Ausforderung annehmen darf. Ich bin der Mar⸗ cheſe Cialdini, von altem bewährtem Adel; Sie aber heißen einfach Arthur Stanton und wer birgt mir dafür, daß ich es nicht mit dem Sohne eines gewöhnlichen Handwerks⸗ manns oder Bürgers zu thun habe?“ Die Reihe des Erbleichens kam nun an Arthur Stan⸗ ton, allein bei ihm war der Beweggrund nicht Angſt, ſon⸗ dern Entrüſtung.„Beim Ewigen,“ rief er mit blitzenden Augen,„das geht zu weit und kein Mann von Ehre wird J. G. v. Herder, geboren den 25. Aug. 1744 in Morungen, geſtorben den 18. Dez. 1803 in Weimar. es mir nunmehr verübeln, wenn ich dieſen Menſchen hier züchtige, wie er es verdient.“ Feierſtunden. 1864. ———— „Herr Graf,“ entgegnete der Marcheſe, deſſen Geſicht kreideweiß wurde,„Sie wiſſen nicht, welche ehrenrührige weſchuldigung dieſer Engländer hier gegen mich geſchleudert hat.“. „Die Beſchuldigung iſt wahr,“ rief Graf Pepoli mit ſtarker Stimme,„und ich ſelbſt mit dem Prinzen Napo⸗ leon bin Zeuge davon geweſen, wie Sie den Spion und Lauſcher ſpielten. Weil Sie aber zu feige ſind, ſich zu ſöhlagen, ſo werden Sie Herrn Stanton ſofort Abbitte leiſten.“ Die Bruſt des Marcheſe arbeitete, als ob ſie zer⸗ ſpringen wollte, aber ſein Mund blieb ſtumm und ſeine Lippen beweg⸗ ten ſich nicht. „Marcheſe Cialdini,“ wiederholte nun Graf Pepoli in noch befehlende⸗ rem Tone denn zuvor,„Sie werden jetzt gleich auf der Stelle Herrn Arthur Stanton Abbitte leiſten.“ Noch heftiger arbeitete die Bruſt des Marcheſe und noch bleicher wurde ſein Geſicht, aber ſein Mund blieb noch immer ſtumm, wie zuvor. Nun trat Graf Pepoli hart vor ihn hin und ſeine Augen ſchienen ihn zu durchbohren.„Carlo Cialdini,“ ſprach er, und auf jedes ſeiner Worte legte er einen beſonderen Nachdruck, „Carlo Cialdini, ich befehle dir, zu thun, wie ich geſagt.“ „Ich gehorche,“ erwiederte jetzt der Marcheſe mit heiſerer, kaum ver⸗ nehmlicher Stimme, während ſeine Geſichtszüge ſich in's Fratzenhafte ver⸗ zerrten.„Herr Arthur Stanton, ich geſtehe meine Schuld ein und bitt⸗ Sie, mir dieſelbe zu verzeihen. Sim Sie nun zufrieden, Herr Graf Pe⸗ poli?“ „Ich bin's für jetzt,“ erwiederte der Letztere,„aber hüte dich, Carlo Cialdini, an Rache zu denken. Ich werde ein wachſames Auge auf dich haben, und du weißt, daß mir nichts entgeht.“ Mit dieſen Worten wandte er dem Marcheſe den Rücken und dieſer ſchlich ſich ſofort, ohne an's Abſchied⸗ nehmen zu denken, davon; allein auch Arthur Stanton fühlte ſich zu aufge⸗ regt, um noch länger zu bleiben, und ſomit verließ auch er, nachdem er dem Grafen Pepoli ſei⸗ nen herzlichſten Dank abgeſtattet hatte, die Villa, um ſich N „Halt, Herr Stanton,“ ſprach jetzt plötzlich eine tiefe nach Hauſe zu begeben.„Eigenthümlich iſt's doch,“ dachte Stimme hinter ihm und eine ſchwere Hand legte ſich auf er während der Heimfahrt, ſeine Achſel, um ihn von dem beabſichtigten Schlage ab⸗ eine Gewalt ausübt. zuhalten; „Halt, Herr Stanton, dieſem Feigling. Marcheſe Cialdini,“ fuhr er dann, fort,„Marcheſe Cialdini, ich ſchäme mich Ihrer!“ mit danken in ihm, und die Gewißheit, einem Blicke der tiefſten Verachtung gegen dieſen gewandt, beſitzen, „was dieſer Graf Pepoli für Sollte er vielleicht das Haupt einer wie er ſich aber umſchaute, blickte er in das jener geheimen Geſellſchaften oder gar der Carbonari's ſelbſt ernſte Geſicht des Grafen Pepoli, der unvermerkt von ihnen Beiden dem Auftritt faſt von Anfang an zugehört hatte. und vergreifen Sie ſich nicht an ſein, welchen der größte Theil der italieniſchen Jugend angehört?“ Bald übrigens verſcheuchte die Erinnerung an die letzte Zuſammenkunft mit Felicitas alle übrigen Ge⸗ ihre ganze Liebe zu erfüllte ihn mit unendlichem Glücke. Was lag ihm alſo an einem Marcheſe Cialdini und an Allem, was 77 4. ) Feierſtunden. 180 ——————— uazungnvaß u ocsnl on und ſich zu derholte ehlende werden Abbitte Arthur Re Btuſt hart vor enen ihn ldini,“ et Worte Kachdruck, befehle geſagt.“ 3 . 78 damit zuſammenhing? Ganz anders ſtand es dagegen bei dieſem Letzteren, und um die nachfolgenden Ereigniſſe ſchil⸗ dern zu können, ſind wir gknöthigt, für jetzt etwas känger bei ihm zu verweilen. Er hatte, wie wir ſo eben geſehen, die Villa Allieri in einem furchtbar aufgeregten Zuſtande verlaſſen und war von da unmittelbar nach dem Palaſte, in dem er ſich während ſeines Aufenthalts in Rom eingemiethet, geeilt; allein obwohl es ſchon ſpät in der Nacht war, ſo dachte er doch nicht im Geringſten daran, ſich niederzulegen. Im Gegentheil ging er mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und nieder, indem er zeitenweiſe wieder ganz ſtill ſtand oder heftig mit den Füßen ſtrampfte, und dabei arbeiteten ſeine Geſichtszüge ſo auffallend, daß man wohl ſah, wie er von den furchtbarſten Leidenſchaften verzehrt wurde. „Dieſe Schmach,“ murmelte er mehr als einmal mit bebenden Lippen,„dieſe grenzenloſe Schmach! Wie einen Hund hat er mich behandelt, nein, noch geringer als einen Hund! Ja, bei der Hölle, ein Wurm, den man mit Füßen tritt, ſcheint in ſeinen Augen ganz denſelben Werth zu haben, wie ich, der Sprößling von hundert Ahnen! Und weßwegen demüthigte er mich auf dieſe vernichtende Weiſe? Wegen dieſes erbärmlichen Ausländers, den Gott verdam— men möge! Wegen dieſes Schuftes, ohne deſſen Erſcheinung ich die Hand des ſchönſten und reichſten Mädchens von Malland längſt davongetragen haben würde! Es iſt gerade, als ob ſich die ganze Welt gegen mich verſchworen hätte. Nichts will mir mehr gelingen und ſelbſt meine beſt ange⸗ legten Pläne ſchlagen fehl. Der Tropf von einem Battiſta! Läßt ſich das Mädchen wieder rauben, das er bereits in ſeinen Händen hatte, und ſchießt nicht einmal einen der Hunde nieder, die in die Casa inglese einbrachen! Ha, wenn ich hieran denke, ſo könnte ich geradezu wahnſinnig werden, und doch muß ich mich ſtellen, als ob ich von der ganzen Affaire nichts wüßte!“ Mehrere Stunden vergingen ſo, ohne daß ſich ſeine Wuth vermindert hätte; im Gegentheil ſchien dieſelbe im ſteten Zunehmen begriffen zu ſein, und ſeine Flüche und Verwünſchungen wurden mit jeder Minute gräßlicher. End⸗ lich jedoch, als es bereits gegen Morgen ging, hatte er ſich ſo erſchöpft, daß er wie betäubt in einen Stuhl ſank, um ſtillſchweigend eine Zeit lang hinzubrüten, denn von Schlaf war natürlich auch jetzt noch nicht die Rede. Da fuhr plötzlich ein Gedanke durch ſein Gehirn, und dieſer erregte ihn ſo ſehr, daß er auf einmal wieder wie elektriſirt auf⸗ ſprang.„Ich will, ich will,“ rief er entſchloſſen,„und nichts ſoll mich abhalten, meinen Willen durchzuführen. Ha, wie ich ſie haſſe, ſie Alle, Alle zuſammen! Und Alle ſollen mir an's Meſſer, Alle, ohne Unterſchied, denn Alle ſind meiner Rache verfallen! Doch nein,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, indem ſeine Geſichtszüge ein häß⸗ liches Grinſen überzog,„nein, nicht Alle, ſondern eine Ausnahme will ich geſtatten. Ihr, der girrenden Taube, ſoll kein Haar gekrümmt werden, ſondern ich werde ihr die Ehre anthun, ſie zu meiner Gemahlin zu erheben, und an meiner Seite mag ſie dann den Tod ihres vielgeliebten Bruders und ihres noch viel geliebteren Engländers ver⸗ trauern. Ja, ſo ſoll es geſchehen, und das ganze Erbe der Belgiojoſo's, Doria's und Roalta's wird ſich in mei— ner Perſon concentriren!“ V Ein wilder Jubel bemächtigte ſich ſeiner, als er die⸗ ſen Gedanken weiter verfolgte, und ſein Gang wurde ſo ſtolz und aufrecht, wie wenn er bereits Feierſtunden. 1864. —; ſo furchtbar zuſammen? Warum erbleichte er ſo plötzlich bis in den Tod, und warum ſchlotterten ſeine Knie ſo heftig, daß er ſich an die Wand zu lehnen genöthigt ſah, um nicht umzuſinken? Sicherlich mußte es ein gräßliches Bild ſein, das im Stande war, einen Mann wie ihn ſo außer Faſſung zu bringen, und vielleicht können wir uns aus der Belauſchung ſeines Selbſtgeſprächs ein wenig über die Sache orientiren.„Wie lauteten doch ſeine letzten Worte?“ murmelte er kaum hörbar vor ſich hin.„Hüte dich, Carlo Cialdini, denn ich werde ein wachſames Auge Ja ſo ſagte er und— ſicherlich er wird Wort halten. Was aber wird dann meine Strafe ſein? Welchen Spruch wird man über mich fällen, wenn man meinen Verrath entdeckt? Ha,“ rief er ſchaudernd,„der furchtbare Eid⸗ ſchwur, und wie wird es erſt dem ergehen, der dieſen Eid bricht!“ Er zitterte an allen Gliedern, und dicke Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn; ſeine Augen aber blickten ſo er⸗ loſchen, wie wenn er dem Grabe bereits verfallen wäre. Doch nur kurze Zeit dauerte dieſer Zuſtand, dann belebte ſich ſein Geſicht von Neuem, und es gelang ihm, wieder Herr ſeiner Gliedmaßen zu werden.„Wer ſagt denn aber,“ ſprach er nun halblaut,„daß das, was ich thue, entdeckt werden muß? Ja kann es nur überhaupt entdeckt werden, wenn ich die Verſchweigung meines Namens zur erſten Be⸗ dingung mache? Und überdies, wo bleibt die Energie des Bundes, wenn ich dafür ſorge, daß die wichtigſten Glie⸗ der deſſelben noch in der morgenden Nacht verhaftet und in Sicherheit gebracht werden? Pah,“ ſetzte er verächtlich hinzu,„wenn ich auch die eigentlichen Oberhäupter nicht kenne, ſo vermögen ſie doch alleſammt nichts mehr, wenn ihm, dem Grafen Pepoli, die Arme gelähmt ſind, denn er iſt doch die Seele des Ganzen! Alſo friſch auf, Carlo Cialdini, friſch auf und mit Kraft an's Werk. Sie haben, dich getreten wie eine Schlange; darum zeige, daß du die Nieder mit der ganzen Cohorte deiner Feinde, denn ihr Untergang iſt dein Leben, ihr Leben aber deine Vernichtung!“ So ſprechend ermunterte er ſich immer mehr und bald war ſein Gang wieder ſo ſtraff und ſtolz, wie nur je zu⸗ vor. Ja ſeine Augen glänzten in einem düſteren Feuer, und ſeine Lippen zuckten, als ob er die ganze übrige Welt verachtete! Offenbar hatte er einen feſten und beſtimmten Entſchluß gefaßt, und da es inzwiſchen vollkommen heller Tag geworden war, ſo ſchellte er ſeinem Kammerdiener, damit er ihn umkleide und ihm zugleich behülflich ſei, die Spuren der durchwachten Nacht zu entfernen. Gleich darauf verließ er ſeine Wohnung, ohne ſich von irgend einem ſei⸗ ner Leute begleiten zu laſſen, und wandte ſich ſofort dem Inneren der Stadt zu, ſich in deren Straßengewirr ver⸗ tiefend. Rom iſt eine ureigenthümliche Stadt, und nirgends in der Welt trifft man des Profanen ſo viel neben dem Heiligen, als gerade in ihr. Ja, Beides miſcht ſich 0 ſo ſehr mit einander, daß eines vom andern unzertrennlich ſcheint und mit demſelben gleichſam nur ein einziges Weſen bildet. So gibt es in jener Stadt bekanntlich mehr denn dreihundert Kirchen, aber welche dieſer Kirchen wäre nicht zugleich das Stelldichein für Liebende, ſowie der Zuſammen⸗ kunftsort für Bettler und Geſindel aller Art? Die Lieben⸗ den finden ſich im Innern hinter den Säulen und Altären; ſeinen ganzen Plan die Bettler aber, nebſt ihren Brüdern, den Banditen— 1 durchgeſetzt hätte. Allein— warum ſchrak er auf einmal Beide gehören in Rom zu einer und derſelben Familie— auf dich haben, und du weißt, daß mir nichts entgeht! des Oba 811 1. b„ d. e Ganin⸗ Liſt, den Muth und das Gift dieſes Thieres in dir haſt. ſteins und i ſchmied heire ehenſowenig ich vede, lie ich meine lungen ve hörichter ihren Gt Die Forn ſtaben auf nes Vater mich auf daß er ein ſetzter Ma⸗ gebräunten ſcht und ſchwarzem ewiſen ſ Nmaus der „Auch G 8 Schl ene M ugeGeſ und Somn ſigehabth finf leine Nlatten end ungefähr hen ger ſag aufge dan Hoſen arihre Wr Meiln Wirklic uuem n mittage, Unkraut irrip, Georgian plößlich Knie o thigt ſah, räßliches e ihn ſo wir uns nig über d letzten „Hüte nes Auge entgeht! t halten. n Spruch Verrath are Eid⸗ eſen Eid Ftropfen RNR⸗ len wäre. i belebte 1, wieder nn aber,“ „entdeckt werden, ſten Be⸗ rgie des u Glie⸗ ftet und rrächtlich ter nicht r, wenn denn er „Carlo zie haben iß du die di haſt⸗ denn ihr chtung!“ und bald ar je zu⸗ a Feuer, jge Welt ſtimmten en heller nerdiner, ſei, die darauf em ſei⸗ ort dem irr vel⸗ nirgendẽ diten milit— — große Erwartungen. Von Charles Dickens. Erſtes Kapitel. er Familienname meines Vaters war Pirrip, ſammenſtellung, deren Ausſprache meiner Kinder nannte und Pip genannt wurde. Ich gebe Pirrip als den Familiennamen meines Vaters auf das Zeugniß ſeines Grab⸗ ſteins und meiner Schweſter, Mrs. Joe Gargery, welche den Grob⸗ ſchmied heirathete. Da ich nie meinen Vater und meine Mutter, und ebenſowenig ein Porträt von ihnen geſehen hatte, denn die Zeit, von der ich rede, liegt lange vor der Erfindung der Photographie, ſo entnahm ich meine Vorſtel⸗ lungen von ihnen thörichter Weiſe von ihren Grabſteinen. Die Form der Buch⸗ ſtaben auf dem mei⸗ nes Vaters brachte mich auf die Idee, daß er ein unter⸗ ſetzter Mann mit gebräuntem Ge⸗ ſicht und krauſem, ſchwarzem Haar geweſen ſei, und aus der Inſchrift: „Auch Georgiana, des Obeugenannten Gattin,“ zog ich Schluß, daß aueine Mutter eine bleiche Geſichtsfarbe und Sommerſproſ⸗ ſen gehabt habe. Die fünf kleinen Stein⸗ platten endlich, von ungefähr anderthalb Fuß Länge und dem Andenken meiner fünf Brü⸗ derchen geweiht,— welche ſchon ſehr frühe den Kampf um die Exi⸗ ſtenz aufgegeben hatten,— leiteten mich zu dem feſten Glauben hin, daß ſie ſämmtlich auf dem Rücken liegend und mit den Händen in ihren Hoſentaſchen geboren worden ſeien, und letztere während der Dauer ihrer irdiſchen Exiſtenz nie herausgezogen hätten. Wir wohnten im Moorlande, am Fluſſe und ungefähr zwanzig Meilen von der See entfernt. Die erſten tieferen Eindrücke von der Wirklichkeit der Dinge empfing ich, ſo viel ich mich erinnere, an einem mir unvergeßlichen, rauhen Tage. Damals, es war am Nach⸗ mittage, gegen Abend, machte ich die Entdeckung, daß der öde, mit Unkraut überwachſene Platz der Kirchhof war, daß weiland Philip Pirrip, ehemals ein Mitglied dieſer Gemeinde, und deſſen Ehefrau Georgiana todt und begraben waren, daß Alexander, Bartholomäus, Abraham, Tobias und Roger, deren Kinder, gleichfalls todt und be⸗ graben waren, daß die düſtere, flache Wildniß, jenſeits des Kirchhofs, von Gräben, Dämmen und Schleuſen durchſchnitten und von zer⸗ ſtreuten Viehheerden bedeckt, das Moorland war, daß die dahinter lie⸗ gende, tiefere bleigraue Linie der Fluß war, daß die weite, wüſte Ebene in der Ferne, aus der der Wind ärüber ſauste, das Meer, Feierſtunden. 1864. zunge ſo ſchwer wurde, daß ſie daraus nur Pip machte. So kam es, daß ich mich ſelbſt bip Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. und daß das zitternde kleine Weſen, welches ſich vor allen dieſen Umgebungen zu fürchten und zu weinen begann, Pip war. „Ruhig!“ ſchrie eine furchtbare Stimme, während ein Mann 9 und mein eigener Vorname Philip, eine Zu⸗ zwiſchen den Gräbern neben der Kirchenpforte empor ſprang.„Ruhig, du kleiner Satan, oder ich ſchneide dir den Hals ab!“ ) Es war ein ſchrecklicher Mann, in grober, grauer Kleidung, mit einem ſchweren Eiſen am Fuße, ohne Kopfbedeckung, mit zerriſſenen Schuhen und einem alten Lumpen, den er um den Kopf gewickelt trug, ein Mann, der vom Waſſer durchnäßt zu ſein ſchien, von Schlamm bedeckt, von ſcharfen Steinen gelähmt und verwundet, von Neſſeln geſtochen und von Dornen zerriſſen, welcher hinkte und zitterte, mich anſtierte und brummte, und deſſen Zähne klapperten, während er mich am Kinn packte. „O, ſchneiden Sie mir nicht die Kehle ab!“ flehte ich erſchreckt. „Bitte, thun Sie es nicht!“ „Wie iſt dein Name?“ ſagte der Mann.„Schnell!“ „Pip iſt mein Name.“ „Noch einmal!“ wiederholte er, mich ſtarr anblickend. „Sprich!“ „Pip— Pip iſt mein Name.“ „Zeige mir, wo du wohnſt,“ fuhr er fort.„Zeige mir den Ort!“ Ich deutete auf die Gegend, wo unſer Dorf, un⸗ gefähr eine Meile entfernt, unter Er⸗ len und geköpften Weiden am Ufer lag. 3 Nachdem er mich einen Augenblick betrachtet hatte, ſtellte er mich auf den Kopf und leerte meine Taſchen aus. Es befand ſich nur ein Stück Brod darin. Als die Kirche wieder grade vor mir ſtand,— denn ſo ſchnell und kräftig waren ſeine Bewegungen, daß er ſie förm⸗ lich vor meinen Augen hatte tanzen laſſen, und daß ich die Thurm⸗ ſpitze unter meinen Beinen zu ſehen geglaubt,— als die Kirche, wie geſagt, wieder grade vor mir ſtand, ſaß ich zitternd auf einem hohen Grabſtein, während er gierig das Brod verſchlang. „Du junger Hund,“ ſagte der Mann darauf, mit den Lippen ſchmatzend,„was für fette Backen du haſt!“ Meine Backen mochten wohl fett ſein, obgleich ich klein für mein Alter und keineswegs kräftig war. „Der Henker ſoll mich holen,“ fuhr er drohend und mit dem Kopfe ſchüttelnd fort,„wenn ich ſie nicht eſſen könnte, und wenn ich nicht beinahe Luſt dazu hätte!“ Ich flehte ihn an, es nicht zu thun, und hielt mich feſter an dem Grabſtein, um nicht herunter zu fallen und um nicht zu weinen. „Jetzt höre mich an!“ ſagte er.„Wo iſt deine Mutter?“ „Dort!“ erwiderte ich. ſ 11 ———————— Er ſprang auf, lief einige Schritte, blieb ſtehen und blickte nach mir zurück. „Dort,“ erklärte ich furchtſam,„wo: ‚Auch Georgiana' auf dem Grabſteine ſteht,— das iſt meine Mutter.“ „So?“ ſagte er zurückkommend,„und iſt das dein Vater, der neben deiner Mutter liegt?“ „Ja, erwiderte ich;„er gehörte zu dieſem Kirchſpiel.“ „Hm,“ murmelte er ſinnend,—„bei wem wohnſt du denn, — vorausgeſetzt, daß ich ſo gnädig wäre, dich leben zu laſſen, was noch keineswegs ausgemacht iſt?“ „Bei meiner Schweſter, Mrs. Gargery, der Frau von Joe Gar⸗ gery, dem Hufſchmid.“ „Dem Hufſchmied— ſo?“ ſagte er und blickte auf ſein Fuß⸗ eiſen nieder.. Nachdem er längere Zeit abwechſelnd mich und ſein Bein betrach⸗ tet hatte, trat er näher an meinen Grabſtein, faßte mich bei beiden Armen und drückte mich ſo weit als möglich hinten über, während ſeine Augen furchtbar in die meinigen ſchauten, und meine ſehr hülf⸗ los in die ſeinigen. „Horch,“ ſagte er,„die Frage iſt, ob ich dich leben laſſen ſoll. Du weißt doch, was eine Feile iſt?“ „Ja. „Und du weißt auch, was Lebensmittel ſind? „Ja.“ Bei jeder Frage drückte er mich noch etwas weiter zurück, um mich meine Hülfloſigkeit und Gefahr um ſo deutlicher empfinden zu laſſen. „Du bringſt mir eine Feile,“ fuhr er fort, mich auf die ange⸗ gebene Weiſe zurück drückend,„und bringſt mir Lebensmittel!— Beides bringſt du mir, oder ich reiße dir Herz und Leber aus!“ Ich bebte vor Furcht und war ſo ſchwindelig, daß ich mich mit beiden Händen an ihm feſt hielt, indem ich flehend ſagte: „Ach, wenn Sie ſo gut ſein wollten, mich aufrecht ſitzen zu laſ⸗ ſen, würde mir nicht ſo übel werden, und ich könnte beſſer hören, was Sie ſagen.“ „Noch einen furchtbaren Stoß gab er mir, ſo daß ich glaubte, die Kirche ſpränge über ihren eigenen Wetterhahn, dann hielt er mich mit beiden Armen aufrecht und fuhr in den folgenden ſchrecklichen Ausdrücken fort: Feierſtunden. 1864. Ich ſagte es, und er ließ mich herab. Meille? „Jetzt,“ fuhr er fort,„vergiß nicht, was du übernommen haſt, und denke an den Helfershelfer, und laufe nach Hauſe!“ 1 „Gute Nacht!“ ſtotterte ich. 4 eie war ge „Ja, viel Ausſicht dazu!“ verſetzte er, über die naſſe, kalte Ebene Schürde 8— blickend.„Ich wollte, ich wäre ein Froſch, oder ein Aal!“ nülreiche S Dabei ſchlang er ſeine Arme um ſich, als wenn er ſeinen zit⸗ fabſt zum ternden Körper zuſammenhalten wollte, und hinkte der niedrigen Kirch⸗ würfe, daß hofmauer zu. lich keinen Während er ſeinen Weg durch die Neſſeln und Dornbüſche ſuchte, oder weßg welche die grünen Hügel bedeckten, ſchien es meinen jungen Augen, moße, n als ſei er ängſtlich bemüht, den Händen der Todten auszuweichen, Joes die ſich vorſichtig aus den Gräbern hervorſtreckten, um ihn zu faſſen meiſten in datte eine ſo bdiene ſich und hinabzuziehen. hofe nach Als er die niedrige Kirchenmauer erreichte, ſtieg er hinüber wie Joe ſaß al ein Mann, deſſen Beine ſteif und erſtarrt ſind, und wandte ſich dann und als ſo um und blickte mir nach. Als ich dieſe Bewegung ſah, drehte ich vertranliche mein Geſicht der Gegend unſeres Hauſes zu und lief davon, ſo ſchnell Kaminecke ich konnte. Nach einiger Zeit blickte ich jedoch noch einmal zurück„Mrs und ſah ihn mit verſchlungenen Armen an das Ufer des Fluſſes wu ſuchen gehen, indem er mit ſeinen wunden Füßen einen Weg durch die wacht.“ großen Steine ſuchte, welche zerſtreut auf das Moorland hingeworfen„S worden waren, um bei heftigen Regengüſſen, oder zur Zeit der Fluth,„3 als Schrittſteine zu dienen. lat den Das Moorland bildete, als ich ſtill ſtand und ihm nachſah, nichts ſ Bei als eine lange, ſchwarze, horizontale Linie; der Fluß eine eben ſolche Weſte un horizontale Linie, nur bei Weitem nicht ſo breit und ſo ſchwarz,— Der ſogen und am Himmel lag eine Reihe dunkelrother Streifen, in die ſich ſige Berü rabenſchwarze miſchten. Am Ufer des Fluſſes konnte ich noch ſchwach worden w die einzigen beiden Gegenſtände erkennen, welche in der ganzen vor„Sie mir liegenden Gegend aufrecht zu ſtehen ſchienen. Der eine war eine ach dem Baake, welche den Seeleuten als Zeichen diente und wie eine Tonne ſcherte J ohne Reifen, auf eine Stange geſteckt, ausſah, ein häßliches Ding, Fuarr au wenn man es in der Nähe betrachtete; der andere war ein Galgen ö„Iſ mit mehreren daran befeſtigten Ketten, in denen vor einiger Zeit ein ihn imm Seeräuber gehangen hatte. Der Mann hinkte dem Galgen zu, als„Je wenn er der Seeräuber geweſen, der, wieder lebendig geworden, vom letten M Galgen herab geſtiegen wäre und jetzt zurückkehrte, um ſich wüsſhe oum „Morgen früh, recht zeitig, bringſt du mir eine Feile und Lebens⸗ mittel. Beides bringſt du mir nach jenem alten Walle dort. Du thuſt es, und wagſt nicht, irgend einem Menſchen durch Wort oder Zeichen zu verrathen, daß du eine Perſon, wie mich, oder ſonſt Je⸗ manden geſehen haſt,— dann will ich dich leben laſſen. Thuſt du es aber nicht, oder weichſt du nur im Geringſten von meinen Worten ab, ſo ſollen dir das Herz und die Leber ausgeriſſen, gebraten und gegeſſen werden. Glaube nicht, daß ich allein bin. Ein Helfershel⸗ fer hält ſich bei mir verborgen, in Vergleich mit welchem ich ein Engel bin. Der Helfershelfer hört, was ich ſage; der Helfershelfer hat eine eigene Art und Weiſe, einem Buben beizukommen, ſeinem Herzen und ſeiner Leber. Vergeblich iſt es für einen Buben, ſich vor ihm verbergen zu wollen. Er mag die Thür verſchließen, mag im warmen Bett liegen, ſich noch ſo feſt einhüllen, die Decke über den Kopf ziehen und ſich ſicher glauben,— der Helfershelfer wird leiſe, ganz leiſe zu ihm heran kriechen und ihm den Leib aufreißen. Nur mit Mühe kann ich in dieſem Augenblicke den Helfershelfer ver⸗ hindern, dir ein Leid zu thun, nur mit großer Mühe; es wird mir ſehr ſchwer, ihn von deinen Eingeweiden zurückzuhalten. Nun, was ſagſt du?“. Ich ſagte, daß ich ihm die Feile und was ich an Lebensmit⸗ teln finden könnte, früh am nächſten Morgen nach dem alten Walle bringen wolle. „Sage, ‚der Herr zerſchmettere mich, wenn ich es nicht thue!““ befaher. aufzuhängen. Ein kalter Schauder überlief mich bei dieſem Gedanken, dir das g und ich wunderte mich im Stillen, als ich das Vieh die Köpfe auf Ich richten und ihm nachblicken ſah, daß es vielleicht denſelben Gedanken nuf, und hege. Ueberall ſah ich mich nach dem ſchrecklichen Helfershelfer um, ach, ſo und konnte doch keine Spur von ihm entdecken. Aber von neuem üüben. 5 Grauen ergriffen, rannte ich davon und eilte, ohne mich aufzuhalten, ches nach Hauſe.— Iu 1 .. 1 dct ſchob Zweites Kapitel. a zwanzi u Meine Schweſter, Mrs. Joe Gargery, war mehr denn zwanzig t dem .. w. Jahre älter als ich, und genoß bei ſich ſelbſt und den Nachbarn eines an nich großen Rufes, weil ſie mich„mit der Hand“ aufgezogen hatte. Da nam ich damals die Erklärung dieſes Ausdrucks ſelbſt zu finden hatte und 8 wußte, daß ihre Hand ziemlich ind ſchwer war, und daß ſie A ein wie auf mich legte, ſo kam meinem dieſelbe häufig ſowohl auf ihren ich zu dem Schluſſe, daß wir b Joe Gargery und ich, mitedet d 3 Hand aufgezogen worden ſeien. ſt Meine Schweſter war keine ſchöne Frau, und ich konnte mich ben. T nie des Gedankens erwehren, daß ſie auch ihren Gatten„mit der ö„D Hand“ vermocht habe, ſie zu heirathen. Joe dagegen war ein hüb-⸗„u ſcher Mann, mit flachsgelben Locken auf beiden Seiten ſeines glatten„Ja Geſichtes, und mit Augen von ſo zweifelhaftem Blau, daß es faſt„Ja. ſchien, als wenn das Weiß derſelben ſich darin gemiſcht habe. Er Aae vin war ein ſanfter, gutherziger, ſorgloſer, närriſcher Menſch,— eine wic 1 Art von Herkules, an e e ſowohl, wie an Schwäche. ih g” kommen haſt 1 kalte Ebene ll t ſeinen zit⸗ deigen Kirch⸗ ſche ſuchte, ingen Augen, auSzuweichen, ihn zu faſſen hinüber wie dte ſich dann drehte ich n, ſo ſchnell wmal zurück des Fuſſes ſeg durch dit Hhingeworfen eit der Fluth 1 achſah, nihts eeben ſolche ſchwarz,— de ſcch noch ſchwach r ganzen vot einne war eint eeine Tonnt ßliches Ding⸗ reein Galgen iger Zeit tin ugen zu, als eworden, vom n ſich 1en em Gedanken, ie Käft uufe ben Gedanken ershelfer un von neuem auſzuhaltem, — — ynn Huäns nchbarn eines hatte. DM en hatte und und af ſe ſo kam 687 ue n konm der legte, ich/ mi 11 1 meiner auf irgend eine Weiſe habhaft zu werden, mich in die Kamin⸗ mit dem Fuße ſtampfend. du ſchon längſt auf dem Kirchhofe und für immer dort geblie⸗ Feierſtun Meine Schweſter, Mrs. Joe, mit ſchwarzen Haaren und Augen, hatte eine ſo entſchieden rothe Haut, daß ich oft bei mir dachte, ſie bediene ſich zur Reinigung derſelben eines Reibeiſens ſtatt der Seife. Sie war groß und knochig gebaut und trug faſt immer eine große Schürze mit einem viereckigen, undurchdringlichen Bruſtlatz, auf dem ſtieg das Bild des Flüchtlings, zahlreiche Stecknadeln und Nähnadeln ſteckten. Sie machte es ſich ſelbſt zum großen Verdienſte und ihrem Gatten zum ſchweren Vor⸗ wurfe, daß ſie immerwährend dieſe Schürze trug, obgleich ich eigent⸗ lich keinen Grund finden konnte, weßhalb ſie dieſelbe überhaupt trug, oder weßhalb ſie die Schürze, wenn ſie dieſelbe überhaupt tragen mußte, nicht jeden Tag ablegen konnte. Joe's Schmiede ſtieß an unſer Haus, welches, wie damals die meiſten in unſerer Gegend, von Holz erbaut war. Als ich vom Kirch⸗ hofe nach Hauſe gerannt kam, war die Schmiede verſchloſſen, und Joe faß allein in der Küche. Da wir Beide Leidensgefährten waren und als ſolche Vertrauen zu einander hatten, ſo machte er mir eine vertrauliche Mittheilung, ſobald ich die Thür öffnete und nach der Kaminecke blickte, wo er der Thür gegenüber ſaß. „Mrs. Joe iſt mindeſtens zwölfmal hinaus gegangen, um dich zu ſuchen, und jetzt noch einmal, wodurch ſie das Bäckerdutzend voll macht.“ 3 „So?“ verſetzte ich. „Ja, Pip,“ fuhr er fort, hat den Tröſter mitgenommen.“ Bei dieſer betrübenden Nachricht drehte ich den Knopf an meiner Weſte um und um und blickte ſehr niedergeſchlagen in das Feuer. Der ſogenannte Tröſter war ein langes Rohr, welches durch die häu⸗ fige Berührung mit meinem Könpen ſchon ganz blank und glatt ge⸗ worden war. „Sie ſetzte ſich,“ ſagte Joe, hund ſtand wieder auf, und griff nach dem Tröſter, und polterte hinaus. Ja, ja, das that ſie,“ ver⸗ ſicherte Joe, während er durch die unteren Eiſenſtäbe des Roſtes das Feuer aufſtörte und ſtarr hinein blickte,—„ſie polterte hinaus.“ „Iſt ſie ſchon lange fort, Joe?“ fragte ich, denn ich behandelte ihn immer nur wie ein größeres Kind und wie meinesgleichen. „Je nun,“ antwortete Joe, nach der Wanduhr blickend,„zum letzten Male iſt ſie vor ungefähr fünf Minuten hinausgepoltert. Aber kommt, Pip! Stecke dich hinter die Thür, alter Junge, und halte dir das Handtuch vor.“ Ich folgte ſeinem Rathe. Meine Schweſter warf die Thür weit auf, und da ſie ein Hinderniß fand, deſſen Urſache ſie ſogleich er⸗ rieth, ſo bediente ſie ſich des Tröſters zur beſſeren Unterſuchung deſ⸗ ſelben. Sie endete damit, daß ſie mich— ich diente ihr häufig als eheliches Wurfgeſchoß— ihrem Ehemanne zuwarf, welcher, froh, ſie „und was das Schlimmſte iſt, ecke ſchob und ſein großes Bein als Schutzmauer vorſtellte. „Wo biſt du geweſen, du junges Affengeſicht?“ fragte Mrs. Joe, „Gleich ſage mir, was du gethan haſt, um mich wieder ſo zu ärgern und zu ängſtigen, oder ich will dich ſchon aus der Ecke hervor holen, und wenn fünfzig Pips da wären und fünfhundert Gargerys.“ „Ich bin nur auf dem Kirchhofe geweſen,“ erwiderte ich aus meinem Winkel weinend und mich ängſtlich reibend. „Auf dem Kirchhof?“ wiederholte meine Schweſter.„Ohne mich ben. Wer hat dich aufgezogen mit der Hand?“ „Du haſt es gethan,“ verſetzte ich. „Und weßhalb habe ich es gethan?— Das möchte ich wiſſen!“ „Sch weiß es nicht,“ wimmerte ich. „Ja, ich auch nicht!“ ſagte meine Schweſter.„Zum zweiten Maie würde ich es gewiß nicht thun. Ich kann in Wahrheit ſagen, daß ich nie dieſe ſe Schürze abgelegt habe, ſeitdem du geboren worden biſt. Es iſt ſchon ſchlimm genug, eine Schmiedsfrau zu ſein(mit „*— den. 1864. 83 einem ſolchen Gargery als Mann), ohne auch noch deine Mutter ſein zu müſſen.“ Meine Gedanken ſtreiften von dieſem Gegenſtande ab, während ich traurig in das Feuer blickte; denn aus der Gluth der Kohlen mit dem Eiſen am Fuße, vor mir auf, der geheimnißvolle Helfershelfer, und der Gedanke an die Feile, die Lebensmittel und das ſchreckliche Gelübde, welches ich geleiſtet hatte, in dieſen ſchützenden Mauern einen Diebſtahl zu begehen. „Ja!“ ſagte Mrs. Joe, den Tröſter wieder an ſeinen Ort ſtel⸗ lend,—„ja, ihr möget Beide wohl vom Kirchhof ſprechen!“(Einer von uns hatte, beiläufig bemerkt, gar nicht davon geſprochen.) werdet mich noch dahin bringen, ihr „Ihr Beide, und ein her—r— liches Paar werdet ihr ohne mich abgeben!“ Da ſie ſich hierauf mit dem Theggeſchirr beſchäftigte, ſo blickte Joe über ſein Bein auf mich herab, als wenn er darüber nachdächte, was für ein Paar wir unter den prophezeiten traurigen Umſtänden vorſtellen würden. Dann ſtrich er über ſeinen Bart und die blonden Locken ſeiner rechten Seite und folgte allen Bewegungen meiner Schweſter mit ſeinen blauen Augen, wie es in ſtürmiſchen Momen⸗ ten immer ſeine Gewohnheit war. Mrs. Joe hatte eine eigenthümliche Art und Weiſe, das Butter⸗ brod für uns zu ſchneiden, von der ſie nie abging. Zuerſt drückte ſie das Laib mit der linken Hand feſt gegen ihren Bruſtlatz, wo ſich zuweilen eine Stecknadel oder auch eine Nähnadel hinein ſchob, die wir nachher in den Mund bekamen; dann nahm ſie mit dem Meſſer etwas Butter,— nicht zu viel,— und ſtrich ſie über das Brod, un⸗ gefähr ſo wie ein Apotheker ein Pflaſter zu ſtreichen pflegt, wobei ſie ſich beider Flächen des Meſſers mit einer beſonderen Gewandtheit be⸗ diente und die Butter von der Rinde des Brodes ſorgſam abnahm. Endlich ſtrich ſie das Meſſer noch einmal feſt auf dem Rande des Pflaſters ab und ſägte eine dicke Scheibe von dem Laibe herunter, welche ſie, ehe dieſelbe vom Brode ganz getrennt wurde, in zwei Hälften theilte, deren eine Joe erhielt, und ich die andere. Obgleich hungrig, hatte ich bei dieſer Gelegenheit doch nicht den Muth, meine Scheibe zu eſſen. Ich wußte, daß ich für meinen ſchrecklichen Bekannten und den noch ſchrecklicheren Helfershelfer etwas aufbewahren mußte; denn ich kannte zu wohl die ſparſame Haushal⸗ tung meiner Schweſter und durfte erwarten, bei meinen diebiſchen Nachforſchungen nichts Brauchbares in der Speiſekammer zu finden. Aus dieſem Grunde beſchloß ich, mein Butterbrod in meine Beinklei⸗ der Jn ſchieben. Die Ausführung dieſes Vorhabens erforderte jedoch eine faſt überwäl tigende Anſtrengung. Mir war, als hätte ich mich zu ent⸗ ſchließen, einen Sprung von der Dachſpitze eines hohen Hauſes zu thun, oder mich in ein tiefes Waſſer zu ſtürzen. Dazu kam noch, daß Joe mir die Ausführung unbewußter Weiſe erſchwerte. In un⸗ ſerem bereits geſchilderten traulichen Verkehr als Leidensgefährten war es Abends unſere Gewohnheit, die Art und Weiſe zu vergleichen, in der wir unſer Butterbrod verzehrten, indem wir es von Zeit zu Zeit zu gegenſeitiger Bewunderung empor hielten, was uns zu neuen Anſtrengungen ermunterte. Auch an dieſem Abend lud mich Joe meh⸗ rere Male zu dem gewohnten freundſchaftlichen Wettſtreit dadurch ein, daß er mir ſein ſchnell abnehmendes Butterbrod zeigte; allein jedes⸗ mal fand er mich mit meiner gelben Theetaſſe auf dem einen Knie und dem Butterbrod auf dem anderen müßig ſitzen. Endlich kam ich verzweifelnd zu der Ueberzeugung, daß mein Vorhaben ausgeführt werden müſſe, und daß es am beſten ſei, es in ſo wenig als möglich auffallender Weiſe zu thun. Indem ich deßhalb einen Moment be⸗ nutzte, nachdem Joe mich grade angeſehen hatte, ſchob ich das But⸗ terbrod in meine Hoſentaſche hinab. Joe war augenſcheinlich unruhig über meinen ſcheinbaren Man⸗ gel an Appetit, und that einen nachdenklichen Biß in ſein Brod, der ihm jedoch nicht recht zu munden ſchien. Er drehte ihn länger als gewöhnlich im Munde umher, dachte lange nach, und. verſchluckte ihn 11* —————:õ————— endlich wie eine Pille. zu thun, fiel ſein Auge zufällig auf mich, und er fah, daß mein But⸗ terbrod verſchwunden war. Das Staunen, mit dem er, im Beißen begriffen, inne hielt und mich anſtarrte, war ſo auffallend, daß es meiner Schweſter nicht ent⸗ gehen konnte. „Was gibt es?“ fragte ſie in ſcharfem Tone, die ſetzend. „Aber Pip,“ murmelte Joe, den Kopf ſehr bedenklich ſchüttelnd, „alter Junge, du wirſt dir Schaden thun! Es kann irgendwo ſtecken bleiben,— denn gekaut haſt du es unmöglich, Pip.“ „Was gibt es wieder?“ fragte meine Schweſter abermals, und noch ſchärfer als vorher. „Wenn du etwas davon wieder heraus huſten kannſt, Pip,“ ſagte Joe mit beſorgter Miene,„ſo würde ich dir rathen, es zu thun. Jeder nach ſeiner Weiſe, aber Geſundheit iſt Geſundheit.“ Jetzt war meine Schweſter außer ſich geworden, und ſprang auf Joe zu, ergriff ihn beim Barte und ſtieß ſeinen Kopf mehrmals ge⸗ gen die hinter ihm befindliche Wand, während ich mit ſchuldbewußter Miene im Winkel ſaß. Taſſe nieder⸗ Fteſnaen 1864. ————ò::———————;— Als er im Begriffe war, einen zweiten Biß der Nothwendigkeit, immer eine meiner Hände auf dem Butterbrod halten zu müſſen, während ich auf dem Stuhle ſaß, oder Befehle mei⸗ ner Schweſter in der Küche ausführte, trieb mich faſt zur Verzweif⸗ lung. Wenn die vom Moorland wehenden Winde die Gluth des Feuers ſchärfer anfachten, glaubte ich außerhalb die Stimme des Mannes mit dem Eiſen am Beine zu hören, dem ich Verſchwiegen⸗ heit hatte geloben müſſen, und der nicht mehr bis morgen hungernd warten, ſondern ſogleich geſpeist werden wollte. In anderen Augen⸗ blicken dachte ich wieder:„Wie, wenn der Helfershelfer, welcher nur mit ſo großer Mühe hatte abgehalten werden können, ſeine Hände in mein Blut zu tauchen,— wie, wenn er ſeiner angeborenen Gier nach⸗ gäbe und ſchon an dieſem Abende, ſtatt an folgendem Morgen, An⸗ ſprüche auf mein Herz und meine Leber machte?“ Wenn je einem Menſchen vor Schrecken die Haare zu Berge ſtanden, ſo müſſen es meine in jenem Momente gethan haben. Aber vielleicht iſt es noch bei Niemand vorgekommen. Es war der Abend vor dem Weihnachtsfeſte, und ich hatte den Pudding für den nächſten Tag eine Stunde lang nach unſerer Wand⸗ uhr, von ſieben bis acht, zu rühren. Ich verſuchte es mit der Laſt an meinem Beine,— was mich wieder an den Mann mit der Laſt „Nun werde ich vielleicht endlich hören, was geſchehen iſt,“ ſagte an ſeinem Beine erinnerte,— und konnte kaum verhindern, daß meine Schweſter außer Athem,—„ſprich, und ſtarre mich nicht an das Butterbrod nicht durch die Bewegung am Knöchel hinaus glitt. wie ein geſtochenes Schwein!“ Joe blickte ſie mit hülfloſer Miene an, Brod und ſah dann wieder auf mich. Du weißt, Pip,“ ſagte Joe, noch den letzten Biſſen kauend, „ in feierlichem, aber vertraulichem Tone, als wenn wir beide allein „du und ich, wir waren immer Freunde, und aber ein ſol bei einander wären,— ich wäre gewiß der Letzte, der dir je etwas nachſagte; ches—“ er rückte ſeinen Stuhl, blickte zwiſchen uns auf den Boden und dann wieder auf mich, und fügte endlich hinzu:—„ein ſolches Stück zu verſchlucken!“ „So?“ Er hat ſein Brod verſchluckt?“ rief meine Schweſter. „Weißt du, alter Junge,“ fuhr Joe noch immer kauend fort, indem er nur mich, nicht ſeine Frau anſah,—„ich habe auch große Stücke verſchluckt, als ich in deinem Alter war,— o ja, oft,— und bin als Bube unter argen Schluckern geweſen; aber deinesglei⸗ chen habe ich im Schlucken noch nicht geſehen, Pip, und ein Wunder iſt's, daß du nicht erſtickt biſt.“ Meine Schweſter ſprang auf mich los, ſagte nur die ſchrecklichen Worte: „Du kommſt mit mir und mußt einnehmen!“ Irgend ein mediziniſches Ungeheuer hatte in jener Zeit das Theerwaſſer wieder als eine wohlthätige Arzenei eingeführt, und Mrs. Joe hielt immer einen guten Vorrath davon im Schranke, indem ſie es für eben ſo heilſam erachtete, als es widerlich war. Für gewöhn⸗ lich wurde mir von dieſem Elixir ſo viel eingeflößt, daß ich den Ge⸗ ruch eines neugefirnißten Stackets um mich verbreitete; aber an die⸗ ſem Abende erheiſchten die dringlichen Umſtände meines Falles ein ganzes Nößel dieſer Mixtur, welches mir der Bequemlichkeit halber in den Hals gegoſſen wurde, während Mrs. Joe meinen Kopf unter dem Armie hielt, ſo wie ein Stiefelknecht einen Stiefel zu halten pflegt. Joe kam mit einem halben Nößel davon, aber mußte dieſes nicht ohne großes Mißbehagen, während er kauend am Feuer ſaß, herunter ſchlucken, weil er angeblich einen Anfall gehabt hatte. Nach mir ſelbſt zu urtheilen, mußte er jedenfalls nachher einen Anfall haben, wenn er vorher keinen gehabt hatte. Schrecklich iſt es, wenn das Gewiſſen einen Mann oder einen Knaben anklagt; aber wenn bei einem Knaben zu dieſer geheimen Laſt noch eine andere geheime, in ſeiner Hoſentaſche verſteckte Laſt kömmt, ſo iſt die Strafe in der That furchtbar. Das ſchuldige Be⸗ wußtſein, daß ich Mrs. Joe berauben wollte,— denn es fiel mir nicht ein, ihn beſtehlen zu wollen, da ich die im Hauſe befindlichen Gegenſtände nie als ſein Eigenthum anſah,— in Verbindung mit packte mein Haar und dem Glücklicher Weiſe fand ich Gelegenheit, mich einen Augenblick zu ent⸗ that einen Biß in ſein fernen und jenen Theil meiner Gewiſſenslaſt in meiner Dachkammer zu verbergen. „Horch!“ ſagte ich, als das Rühren des Puddings beendigt war und ich mich noch am Kaminfeuer ein wenig wärmte, ehe ich zu Bett geſchickt wurde,—„war das ein Kanonenſchuß, Joe?“ V„Aha,“ verſetzte Joe,—„es iſt wieder ein Sträfling durchge⸗ gangen.“ „Was heißt das, Joe?“ fragte ich. Meine Schweſter, welche alle Erklärungen ſelbſt übernahm und dieſelben wie das Theerwaſſer zukommen ließ, ſagte in keifen⸗ Tone: „Entwiſcht, entwiſcht!“ Während Letztere den Kopf über ihre weibliche Arbeit beugte, bildete ich, an Joe gewendet, mit meinen Lippen die Worte:„»Was iſt ein Sträfling?“ worauf er jedoch mit ſeinen Lippen eine ſo gründ liche Antwort gab, daß ich nichts davon verſtand, als das Wort „„Pip“. „Geſtern Abend iſt ein Sträfling entwiſcht,“ ſagte Joe darauf laut,„nach Sonnenuntergang, und das Signal wurde gegeben; und jetzt, ſcheint es, wird das Signal für einen zweiten gegeben.“ „Wer ſchießt?“ fragte ich. „Zum Henker mit dem Buben!“ rief mir meine Schweſter, die Stirne runzelnd, zu;„was das für ewige Fragen ſind! Frage nicht ſo viel, und du wirſt keine Lügen hören!“— Sie war nicht ſehr höflich gegen ſich ſelbſt, indem ſie zu verſtehen gab, daß ich von ihr Lügen hören würde, wenn ich Fragen thäte; allein ſie war nie höflich, ausgenommen, wenn Gäſte da waren. In dieſem Augenblicke ſteigerte Joe meine Neugierde noch da⸗ durch, daß er mit großer Mühe den Mund ſehr weit öffnete und ein Wort zu bilden verſuchte, welches mir„Hund“ zu ſein ſchien. nicht verſtehend, fragte ich, auf meine Schweſter deutend, mit uns einmal deu Mund ſehr weit, um ein ſehr gewichtiges Wort hervor⸗ zubringen, das ich jedoch nicht verſtand. „Ach, Schweſter,“ ſagte ich endlich, zum letzten Hülfsmittel greia fend,„ich möchte gern wiſſen,— wenn du nicht böſe werden willſt, — wo das Schießen her kommt.“ „Gott ſei dem Buben gnädig!“ rief meine Schweſter, aber mit einem ſolchen Tone, als wenn ſie eigentlich d Begenthei gemeint hätte,—„von den Hulks!“ 2 * wie es mir ſchien, 1 Ih Lippen,„ſie?“ Aber Joe wollte nichts davon hören und öffnete noch — — ,Ä= hl Joe huſte Bn „Aber, b „So mac ſe mit der di den Loyfe ſo gt er glech finter dem „Ich undd weßhal Todesverach Das „Ich w niccht mit der ſollſ. E w woaccſ ſich in ſie gemordet, tigeten ver⸗ den zu dhyur Ich d im Dunken ſausten, d ihres Fing Schrecken mich auf d und war je 1 Sceit je daran gedac dan Kinder Hauünftig die iidtlicher F 8 maͤner Leb meinem ne ſelbſt, wä laſſen, un nich bei j hauder; gen Falls Venn träumen, d ben würde, gen vorübe büſtn, an Vain es lä wan ich) unung an kantt ich fu no ei agig E nes klein und gin knarrend uf, Mr Jrhresze an den L ich von Feierſtun ‿ utterbrod„Ah— h!“ ſagte ich, Joe anblickend,—„von den Hulks?“ Tehe mi⸗ Joe huſtete verdrießlich, als wollte er damit ausdrücken,„ich Derzweff habe es dir ja geſagt.“ Sluth des mme des ſchwiegen⸗ hungernd Augen⸗ dlcher nur Händt in „Aber, bitte, was ſind die Hulks?“ fragte ich weiter. „So macht es der Bube immer!“ rief meine Schweſter, indem ſie mit der eingefädelten Nähnadel auf mich deutete und drohend mit dem Kopfe ſchüttelte.„Wenn man ihm eine Frage beantwortet, ſo hat er gleich noch ein Dutzend. Hulks ſind die Sträflingsſchiffe, die hinter dem Moorland liegen.“ „Ich möchte wohl wiſſen, wer in dieſe Schiffe gebracht wird, Gier nach⸗ und weßhalb es geſchieht?“ fragte ich ruhig und mit einer gewiſſen rgen, An⸗ Todesverachtung weiter. je einem Das war zu viel für Mrs. Joe, welche augenblicklich aufſtand. müſſen es„Ich will dir etwas ſagen, du Schlingel,“ rief ſie;„ich habe dich ſt es noch nicht mit der Hand aufgebracht, damit du die Leute zu Tode quälen ſollſt. Es würde mir Schande machen, aber keine Ehre. Diejenigen, welche ſich in den Hulks befinden, ſind dahin gebracht worden, weil ſie gemordet, oder geſtohlen, oder Fälſchungen oder ſonſtige Schlech⸗ tigkeiten verübt haben, und Alle haben damit angefangen, viele Fra⸗ gen zu thun. Jetzt zu Bett mit dir!“ Ich durfte nie ein Licht mit mir nehmen, und als ich deßhalb im Dunkeln die Treppe hinauf ſtieg, während mir noch die Ohren ſausten, da meine Schweſter ihre letzten Worte mit einem Triller ihres Fingerhutes auf meinem Kopfe begleitet hatte, dachte ich mit Schrecken an die bequeme Nähe der Hulks. Es war klar, daß ich mich auf dem Wege dahin befand. Mit Fragen hatte ich angefangen, hatte den er Wand⸗ der Laſt t der Vſt dern, daß naus glitt. ich zu ent⸗ achkammer ndigt war hje ich zu und war jetzt im Begriffe, meine Schweſter zu beſtehlen. 20 Seit jener Zeit, die jetzt lange hinter mir liegt, habe ich oft durchge⸗⸗ daran gedacht, wie wenige Menſchen ahnen, welche Verſchloſſenheit bei den Kindern durch die Furcht erzeugt wird. Gleichviel, wie unver⸗ nünftig die Furcht ſein mag, wenn es nur Furcht iſt. Ich war in nahm und tödtlicher Furcht vor dem Helfershelfer, der nach meinem Herzen und in keifen⸗ meiner Leber Verlangen trug,— ich war in tödtlicher Furcht vor meinem neuen Bekannten, mit dem Eiſen am Beine,— vor mir ſelbſt, weil ich mich zu einem ſchrecklichen Gelübde hatte nöthigen laſſen, und durfte auch von meiner allmächtigen Schweſter, welche mich bei jeder Gelegenheit zurückſtieß, keine Hülfe erwarten. Mit e hauder denke ich daran, was ich in meiner heimlichen Furcht nöthi⸗ gen Falls zu thun im Stande geweſen wäre. 3 Wenn ich in der Nacht überhaupt ſchlief, ſo war es nur um zu eit beugte, te:„Was ſo gründe das Wort de daräuf träumen, daß ich von einer ſtarken Springfluth den Hulks zugetrie⸗ bben, und ben würde, und daß ein geſpenſtiger Seeräuber, als ich an dem Gal⸗ 1“ gen vorüber kam, mir durch ein Sprachrohr zurief, ich thäte am beſten, an das Ufer zu kommen und mich ſogleich hängen zu laſſen, ohnd es länger zu verſchieben. Ich ſcheute mich einzuſchlafen, ſelbſt wenn ich Neigung dazu empfunden hätte, weil ich, ſobald die Däm⸗ maerung anbrach, die Speiſekammer beſtehlen mußte. In der Nacht onnte ich es nicht thun, denn leicht entzündbare Streichhölzer gab es damals noch nicht, und ich hätte mir mit Hülfe von Stein und Stahl beſter„ dit aage nicht wir ſchien, e un ccht ſchaffen und einen Lärm machen müſſen, wie der Seeräuber am enn Galgen ihn mit ſeinen Ketten maͤchte. da⸗ Sobald ſich in die große ſchwarze Sammetdecke außerhalb mei⸗ nch ein nes kleinen Fenſters die erſten grauen Streifen miſchten, ſtand ich auf „ und und ging die Treppe hinab, während jede Diele, jede Stufe mir jier. 11 knarrend nachzurufen ſchien:„Haltet den Dieb!“ u„Stehen Sie mit p ſauf, Mrs. Joe!“ In der Speiſekammer, deren? ſe wegen der fhun 1 3 Jahreszeit viel größer als gewöhnlich waren, erſch h vor einem it ſen man den Läufen aufgehängten Haſen, welcher, während ich ihm halb den w’ Zeit, lange zu wählen, überhaupt keine Zeit zu irgend etwas, denn ich durſte keine Zeit verlieren. Ich nahm deßhalb ein Stück Brod, aber m 6 einige Käſereſte u en halb mit gehacktem Fleiſche gefüllten Topf i lenri den ich mit dem vom vorigen Abende aufgehobenen Butterbrode in — A 2 * ———;⅔;—⅓⅓ꝛꝛ::-ͤ——õr—õr————õͤry——õry———————— V den 1864. 85 ——òͦ§’B’::—;; mein Taſchentuch wickelte), etwas Branntwein aus einem Steinkruge (den ich in ein Fläſchchen goß, welches ich heimlich in meiner Kammer zur Bereitung des berauſchenden Getränkes, Lakritzenſaft, zu benutzen pflegte, worauf ich aus einem Waſſerkruge im Küchenſchranke die ent⸗ zogene Flüſſigkeit wieder ergänzte), einen Bratenknochen, mit ſehr wenig Fleiſch daran, und eine ſchöne, runde Fleiſchpaſtete. Letztere wäre mir beinahe entgangen, wenn nicht die Neugierde mich veran⸗ laßt hätte, auf ein Brett zu ſteigen und zu ſehen, was es ſei, das ſo ſorgfältig in einer verdeckten irdenen Schüſſel in der Ecke aufbe⸗ wahrt wurde. Ich fand die Paſtete und nahm ſie, in der Hoffnung, daß ſie nicht zum baldigen Gebrauche beſtimmt ſein und einige Tage lang nicht vermißt werden würde. Eine Thüre in der Küche führte zu der Schmiede. Ich ſchloß ſie auf, zog den Riegel zurück, und entnahm aus Joe's Handwerks⸗ zeug eine Feile, worauf ich in derſelben Weiſe wieder Alles verſchloß und die Thür öffnete, mittelſt deren ich am vorigen Abende gleich⸗ falls in das Haus gekominen war, dieſe gleichfalls hinter mir ver⸗ ſchloß und dann nach dem düſteren Moorlande lief. Drittes Kapitel. Es war ein nebeliger, feuchter Morgen, und ſtarker Reif war gefallen. Ich hatte ihn außerhalb meines kleinen Fenſters liegen ſehen, als wenn ein Kobold die ganze Nacht dort geweint und das Fenſter als Taſchentuch benutzt hätte. Jetzt ſah ich den Reif auf den kahlen Hecken und dem ſpärlichen Graſe liegen, über die er ſich wie ein gro⸗ bes Spinngewebe von Zweig zu Zweig und von Halm zu Halm ſpannte. Auf jedem Zaun, auf jeder Pforte lag die klebrige Feuch⸗ tigkeit, und der Nebel des Moorlandes war ſo dicht, daß ich die höl⸗ zerne Hand des Wegweiſers, welcher den Leuten die Straße nach un⸗ ſerem Dorfe wies,— eine Weiſung, welche ſelten befolgt wurde, weil faſt Niemand dahin kam,— nicht eher erkennen konnte, als bis ich dicht darunter ſtand. Als ich endlich zu der Hand aufblickte, von der die Feuchtigkeit auf mich herab tröpfelte, erſchien ſie meinem ſchuldi⸗ gen Gewiſſen wie ein Phantom, das mich den Hulks überwies. Der Nebel wurde aber noch ſtärker, ſobald ich das Moorland erreichte, und zwar in ſolchem Grade, daß Alles auf mich los zu laufen ſchien, ſtatt daß ich darauf zulief. Dies war für ein ſchuld⸗ bewußtes Gemüth ſehr unangenehm. Die Gräben, Schleuſen und Dämme kamen durch den Nebel auf mich zu geſtürzt, als ob ſie deut⸗ lich riefen:„Ein Bube mit einer geſtohlenen Paſtete! Haltet ihn!“ Die Rinder ſprangen mir entgegen und ſchienen mit ihren ſtierenden Augen und den dampfenden Nüſtern ſagen zu wollen:„Holla, ein junger Dieb!“ Ein ſchwarzer Ochs, mit einer weißen Halsbinde,— der für mein ſchuldiges Gewiſſen faſt den Anſtrich eines Geiſtlichen hatte,— ſtarrte mich ſo hartnäckig mit ſeinen Augen an und bewegte den dicken, runden Kopf auf ſo anklagende Weiſe, daß ich unwillkür⸗ lich ſtotterte:„Ach, ich konnte nicht anders,— ich habe es ja nicht für mich genommen!“ worauf er den Kopf ſinken ließ, eine Dampf⸗ wolke aus ſeiner Naſe blies und mit den Hinterfüßen ausſchlagend verſchwand.— Unterdeſſen kam ich dem Fluſſe näher; aber ſo ſehr ich auch eilte, wollten meine Füße nicht warm werden, an die ſich die kalte Näſſe zu hängen ſchien, wie das Eiſen an dem Beine des Mannes hing, den ich aufſuchte. Ich kannte den Weg nach dem alten Walle ziem⸗ lich genau, denn Joe war an einem Sonntage mit mir dort gewe⸗ ſen und hatte, auf einer Kanone ſitzend, geſagt, daß wir, wenn ich erſt regelmäßig bei ihm in der Lehre ſein würde, uns dort recht lu⸗ ſtig machen wollten; aber von dem Nebol verleitet war ich dennoch zu weit rechts gekommen und mußte am Flußufer entlang auf den loſen Steinen, welche über dem Schlamme lagen, und an den Pfäh⸗ len vorüber, welche zur Zeit der Fluth die Grenze bildeten, wieder zurückgehen. Dieſen Weg eiligſt verfolgend, ſerreichte ich einen Gra⸗ ben, welcher, wie mir bekannt war, in der Nähe des Walles lag, geſchmerzt haben, wenn ich gewußt hätte, artiger junger Hund, wenn du in deinem Alter ſchon helfen wollteſt, Feierſtun —A-ᷣᷣͦͤ-O—----—'y—-ͤ-——-———;— überſprang ihn und kletterte den jenſeitigen Hügel hinan, als ich plötzlich den Mann vor mir ſitzen ſah. Er hatte mir den Rücken zugekehrt, die Arme untergeſchlagen, und nickte, wie in feſtem Schlafe, nach vorwärts. Ich dachte, er würde ſich noch mehr freuen, wenn ich unerwartet mit dem Frühſtück vor ihn träte, und ſchlich deßhalb leiſe näher und berührte ſeine Schulter. Augenblicklich ſprang er auf,— aber es war nicht der Mann, es war ein Anderer. Dennoch trug dieſer Mann ebenfalls eine graue Kleidung, und hatte ein großes Eiſen am Bein, und war lahm, heiſer, erfroren, kurz Alles, was der Andere war, ausgenommen, daß er nicht daſſelbe Geſicht und einen flachen, breitkrampigen Hut auf dem Kopfe hatte. Alles dieſes bemerkte ich in einem Augenblicke, denn es blieb mir nicht länger Zeit. Er ſtieß einen Fluch gegen mich aus und hieb nach mir; aber es war ein ſchwacher Schlag, welcher mich nicht traf und ihn faſt ſelbſt umgeworfen hätte, denn er wankte, und rann dar⸗ auf, mehrmals ſtolpernd, im Nebel davon und verſchwand. V „Es iſt der Helfershelfer!“ dachte ich und fühlte mein Herz er⸗ beben, als ich ihn erkannte. Auch die Leber, glaube ich, würde mir wo ſie ſitzt. Bald darauf erreichte ich den alten Wall und fand dort den rechten Mann meiner wartend. Er ſchüttelte ſich, hinkte hin und her, und ſah aus, als wenn er die ganze Nacht nichts Anderes gethan hätte. Die Kälte ſchien ihn arg mitgenommen zu haben, und ich glaubte faſt, er werde vor mir niederſtürzen und vor Kälte ſterben. Auch ſahen ſeine Augen ſo hungrig aus, daß mir der Gedanke kam, als ich ihm die Feile reichte, er würde ſie zu eſſen verſucht haben, wenn er nicht mein Packet geſehen hätte. Dieſes Mal ſtellte er mich nicht auf den Kopf, um das zu erreichen, was ich bei mir hatte, ſon⸗ dern ließ mich aufrecht ſtehen, während ich das Bündel öffnete und meine Taſchen ausleerte. „Was iſt in der Flaſche, Bube?“ fragte er. „Branntwein,“ erwiderte ich. Er war bereits ſehr eifrig beſchäftigt, das gehackte Fleiſch ſeine Kehle hinunter gleiten zu laſſen, und zwar auf höchſt ſonderbare Weiſe, — mehr wie ein Mann, der eiligſt etwas bei Seite ſchaffen will, als wie Jemand, der Speiſe genießt,— aber hielt inne, um den Branni⸗ wein zu koſten. Er zitterte hierbei ſo ſehr vor Froſt, daß er kaum den Hals der Flaſche zwiſchen den Zähnen halten konnte, ohne ihn abzubeißen. „Ich glaube, Sie haben das Fieber,“ ſagte ich. „Ich glaube auch, mein Junge,“ verſetzte er. „Es iſt hier eine ungeſunde Gegend,“ fügte ich hinzu. haben die ganze Nacht auf dem Moorland zugebracht, leicht Fieber und Rheumatismus bekommen.“ „Ehe ich hier umkomme, will ich wenigſtens ein gutes Früh ſtück genießen,“ ſagte er.„Das will ich thun, und wenn ich gleich nach⸗ her an dem Galgen da aufgehängt werden ſollte. Ich will die Fieber⸗ ſchauer ſchon vertreiben!“ Er verſchlang das gehackte Fleiſch, den Bratenknochen, das Brod, den Käſe und die Paſtete, Alles faſt zu gleicher Zeit, und blickte da⸗ bei mißtrauiſch nach allen Seiten in den uns umgebenden Nebel, und hielt öfters ſogar mit Kauen inne, um zu horchen. Irgend ein wirk⸗ licher oder eingebildeter Schall, ein Geräuſch vom Fluſſe her oder das Schnaufen der Rinder auf dem Moorlande flößte ihm Furcht ein, und er ſagte plötzlich: „Ich hoffe, du biſt kein tückiſcher kleiner Satan? Niemand mitgebracht?“ „O nein!“ „Auch Niemandem den Auftrag gegeben, dir zu folgen?“ „Nein, auch das nicht.“ „Nun, ich glaube jir,“ verſetzte er. „Sie da kann man Du haſt doch „Du wärſt auch ein bös⸗ der ſich bei Ihnen verborgen hat.“ 1864. den —-— ein unglückliches Geſchöpf zu hetzen, das dem Töde haufen ſchon ſo nahe gebracht iſt, wie ich enne a V Es tickte Etwas in ſeiner Kehle, als wenn ein Uhrwerk darin wäre und ſchlagen wollte. Er nahm ſeinen groben, zerriſſenen Rock⸗ ärmel und fuhr damit über die Augen. und dem Miſt⸗ Von Mitleid für ſeine verlaſſene Lage erfüllt, beobachtete ich ihn, während er die Paſtete verzehrte, und erlaubte mir die Bemerkung: „Es freut mich, daß es Ihnen ſchmeckt.“ „Haſt du etwas geſagt?“ fragte er. „Ja, ich ſagte, es freue mich, daß es Danke dir, mein Junge,— ja, Ihnen ſchmecke.“ es ſchmeckt mir.“ Ich hatte öfters unſern großen Hofhund beim Verzehren ſeines Futters beobachtet, und fand jetzt eine entſchiedene Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen der Art und Weiſe ſeines Freſſens und dem Eſſen des Mannes. Grade wie der Hund, nahm auch der Mann ſchnelle, ſcharfe Biſſen. Er verſchlang ſie gierig, und blickte dabei rechts und links, als wenn er beſorgte, daß von irgend einer Seite Jemand kommen könne, um ihm die Paſtete zu nehmen. Er ſchien mir zu unruhig zu ſein, um eigentlichen Genuß bei ſeinem Mahle haben zu können, und ich glaube, wenn Jemand mit ihm geſpeist hätte, ſo würde er nach dem Gaſte gebiſſen haben. „Ich fürchte, Sie werden für ihn nichts übrig laſſen,“ ſagte ich zaghaft nach einer Pauſe, während deren ich zögernd überlegt hatte, ob die Bemerkung nicht zu unhöflich ſein würde.„Dort, wo das herkommt, iſt nichts mehr zu holen.“ Es war die Ueberzeugung von der Gewißheit dieſes Umſtandes, was mich drängte, ihm dieſen Wink zu geben. „Nichts für ihn übrig laſſen? Wen meinſt du damit?“ fragte mein Freund, indem er mit dem Zerkauen der Paſtete innehielt. „Den Helfershelfer, von dem Sie geſtern geſprochen haben,— „Ach ſo,“ verſetzte er mit etwas rohem Lachen. du? Ja, ja, der braucht keine Lebensmittel.“ „Er ſah mir aber doch ſo aus, hätte,“ bemerkte ich. Der Mann hielt inne mit Eſſen, und blicte forſchend an. „Sah ſo aus? Wann?“ „Eben jetzt.“ Vo?“ „Dort,“ ſagte ich, nach der fraglichen Gegend deutend,„dort, wo ich ihn ſchlafend fand und für Sie hielt.“ Er packte mich am Kragen und ſtarrte mich dergeſtalt an, daß ich im erſten Augenblicke dachte, er habe von Neuem Luſt bekommen, mir den Hals abzuſchneiden. „Auch grade ſo angezogen war er, wie Sie,— und— und“ erklärte ich bebend und bemüht, mich ſo ſchonend als möglich auszu⸗ drücken,—„hatte dieſelbe Veranlaſſung, eine Feile zu borgen. Haben Sie geſtern Abend nicht den Kanonenſchuß gehört?, 5 „Alſo hat es doch geſchoſſen!“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Es wundert mich, daß Sie darüber zweifelhaft ſein konnten,“ verſetzte ich;„denn wir hörten es in unſerer Wohnung, welche ent⸗ legener iſt und außerdem verſchloſſen.“ „Ja, ſie allein iſt, und Hunger umkommend, ſo hört er die ganze Nacht Schüſſe und Stimmen. Und hört nicht blos,— nein, er ſieht ſogar die Soldaten mit ihren rothen Röcken, im Scheine der vorgetragenen Fackeln, wie ſie ihn umzingeln,— hört ſeine Nummer rufen, ſeinen Namen ſogar,— hört das Raſſeln der Gewehre und das Commando: „Fertigt Präſentirt! Rücket an!“ fühlt ſich angepackt, und dann iſt es nichts! Nicht eine Patrouille habe ich die cht geſehen, mit ihrem verwünſchten Tramp, Tramp,— nei — * „Den meinſt 11 als wenn er ſie recht nöthi ℳ ſagte er,„wenn ein Menſch in dieſer Moorgegend windelndem Kopfe und leerem Magen, vor Kälte ndert. Und was — — das Schit ſießen b Rebel vom Kan Alles dieſer gegenwart gän „Aber der enommen?“ „Sein G dunkel erinner „Doch u linken Hand „Ja, g „Wo iſt Bruſttaſche ſ gangen iſt wünſchte Eiſ Bube!“ och deute 5 berſchwun dahin. Aber benn wie um wich, n ſchien und nicht mehr Furcht vor gearbeitet h entfernt zu aber er achte unbemerkt d zurückblickte, tett effrig a als ich aus den Nebel Ich e iche unſer sten atte auch: Schweſter n ſichen Tag ſächenſchwel ſu reten, n 1 unmrn, dlübodens „Wo i Siinachts Nrenem bäſ — — —— dem Miſe werk darinn ſenen Rock⸗ tete ich ihn, merkung: ehren ſeines lichkeit zwi⸗ es Mannes. erfe Biſſen. als wenn önne, um ſein, um Naube, dem Gaſhe a,“ ſagte ich erlegt hatte, ct, wo das Umſtandes, t?“ fragte nehielt. haben,— den meint recht nthin ſiaunt un end,„dort, ſt an, daß bekommen, d=— gich auszl⸗ geu Habe ex konnten,“ welche ent⸗ mur ndo dann* a 1 Feierſtunden. ——;:—:—⅓—⅓————— das Schießen betrifft, ſo habe ich ſelbſt bei hellem, lichten Tage den Nebel vom Kanonenſchuſſe zittern ſehen.“ Alles dieſes ſprach er wie mit ſich Gegenwart gänzlich vergeſſen hätte; dann jedoch fuhr er fort: „Aber der, Mann,— haſt du nichts Beſonderes an ihm wahr⸗ genommen?“ ſelbſt, und als wenn er meine füllten Hühnern beſtand. Schweinebraten mit grünem Gemüſe, 1864. 87 ——————— Wir ſollten ein prachtvolles Mittageſſen haben, welches aus und zwei geröſteten und ge⸗ Eine ſchöne Fleiſchpaſtete war am vorher⸗ gehenden Tage ſchon gemacht worden,— woraus ſich erklärte, daß meine Schweſter das entwendete gehackte Fleiſch bis jetzt noch nicht vermißt hatte,— und der Pudding kochte bereits. Dieſe großartigen „Sein Geſicht war ſehr zerkratzt,“ erwiederte ich, mich deſſen Vorbereitungen hatten jedoch zur Folge, daß wir beim Frühſtück ſehr dunkel erinnernd. ſpärlich abgefertigt wurden,„denn,“ ſagte Mrs. Joe,„mit dem, was „Doch nicht hier?“ rief der Mann, ſich erbarmungslos mit der ich vor mir habe, will ich nicht auch noch ein großes Frühſtück hal⸗ linken Hand auf die eigene Wange ſchlagend. „Ja, grade da.“ ten und viel Geſchirr aufwaſchen.“ Wir erhielten alſo unſere Butterſchnitte zugetheilt, als wenn wir, „Wo iſt er?“ ſchrie er, die noch vorhandenen Lebensmittel in die ſtatt eines Mannes und eines Knaben, zweitauſend Mann Truppen Bruſttaſche ſeiner grauen Jacke ſtopfend.„Zeige mir, wohin er ge⸗ gangen iſt. Ich will ihn niederreißen wie ein Bluthund! wünſchte Eiſen an meinem wunden Beine! Bube!“ auf einem Geſchwindmarſche geweſen wären, und tranken mit bitten⸗ Das ver⸗ der Miene dazu aus einem Kruge, welcher auf dem Nebentiſche ſtand Gib mir die Feile, und eine Miſchung von Milch und Waſſer enthielt. Inzwiſchen hing Mrs. Joe reine, weiße Gardinen auf, heftete eine neue geblümte Ich deutete ihm die Gegend an, wo der andere Mann im Ne⸗ Garnirung anſtatt der alten über den breiten Kamin und enthüllte bel verſchwunden war, und blickte cine Sekunde lang aufmerkſam das kleine Staatszimmer jenſeit des Hausganges, Aber im nächſten Augenblicke ſaß er auf dem naſſen Graſe, dahin. begann wie ein Wahnſinniger zu feilen, und kümmerte ſich weder zum mich, noch um ſein Bein, welches eine alte Wunde zu haben welches zu keiner anderen Zeit enthüllt wurde, ſondern den Reſt des Jahres unter einem kühlen Schleier von Silberpapier ruhte, der ſich ſogar auf die vier kleinen, den Kaminſims zierenden Porcellanpudel erſtreckte, deren ſchien und blutete, und ging ſo ſchonungslos damit um, als wenn es jeder eine ſchwarze Schnauze hatte und einen Blumenkorb im Maule nicht mehr Gefühl beſäße, als die Feile. antfernt zu bleiben. Ich ſagte ihm, daß ich nach Hauſe gehen müſſe, Jetzt ergriff mich wieder trug. Mrs. Joe war eine ſehr reinliche Haushälterin, aber beſaß die Furcht vor ihm, nachdem er ſich in dieſe wüthende Aufregung hinein ſeltene Kunſt, gearbeitet hatte, und ich wagte auch nicht, noch länger vom Hauſe ſelbſt Schmutz war. ihre Reinlichkeit noch unerträglicher zu machen, als Reinlichkeit kommt nach der Frömmigkeit, und manche Menſchen machen es mit ihrer Religion grade eben ſo. aber er achtete nicht darauf, und ich hielt es deßhalb für am beſten, Da meine Schweſter ſo ſehr viel zu thun hatte, ſo ließ ſie in unbemerkt davon zu ſchleichen. Als ich zum letzten Male nach ihm der Regel Andere für ſich in die Kirche gehen, nämlich Joe und mich. zurückblickte, war ſein Kopf noch auf das Knie gebückt, und er arbei⸗ In ſeinen Arbeitskleidern war Joe ein ächter, wohlgebauter Schmied; tete eifrig an ſeiner Feſſel, ärgerliche Verwünſchungen murmelnd, und in der Sonntagskleidung aber ſah er am meiſten einer geputzten Vo⸗ als ich aus einiger Entfernung noch einmal horchte, vernahm ich durch) gelſcheuche ähnlich. den Nebel noch immer das Kreiſchen der Feilt. Viertes Kapitel. Ich erwartete nichts Anderes, als einen Polizeidiener in der Küche unſeres Hauſes zu finden, der meiner wartete, um mich zu Gaften allein es war nicht nur kein Poltzeidiener da, ſondern es hatte auch noch keine Entdeckung des Diebſtahls ſtattgefunden. Meine Schweſter war außerordentlich geſchäftig, um das Haus für den feſt⸗ lichen Tag in Stand zu ſetzen, und Joe hatte ſeinen Platz auf der Küchenſchwelle angewieſen erhalten, um nicht in die Kehrichtſchaufel u treten, mit der es ſein Schickſal war faſt immer in Berührung zu kommen, wenn meine Schweſter eine gründliche Reinigung des SFußbodens vornahm. „Wo in aller Welt biſt du denn wieder geweſen?“ war der Weihnachtsgruß, mit dem mich Mrs. Joe empfing, als ich mich mit neinem böſen Gewiſſen zeigte. Lc erwiderte, ich ſei ausgegangen, um den Kirchengeſang zu hören. „Nun, du hätteſt freilich manches Schlimmere thun können,“ verſetzte meine Schweſter, und ich ſtimmte ihr in Gedanken bei. „Wenn ich nicht eine Schmiedsfrau wäre,“ fuhr ſie fort,„oder, was daſſelbe iſt, eine Sklavin, die nie ihre Schürze ablegen kann, ſo aen ich auch hingegangen ſ ſein, um den Kirchengeſang zu hören. Ich höre ihn gern, aber das iſt eben der Grund, weßhalb ich ihn nie zu hören bekomme. 2 Joe hatte ſich hinter mir in die Küche gewagt, nachdem die Keh⸗ chtſchaufel verſchwunden war, und ſtrich ſich, wenn ſeine Frau ihn anblickte, freundlich lächelnd über die Naſe, aber legte, ſobald ſie fort⸗ „ ſchaute, heimlich ſeine beiden Zeigefinger kreuzweiſe über einander, 1 was mir als Zeichen galt, daß ſie ſich wieder in übler Laune befinde. 8 Dieſe Stimmung war bei ihr ſo ſehr der normale Zuſtand, daß wir lans zuweilen wochenlang dieſes Zeichens bedienen mußten. Nichts, was er an Feſttagen trug, paßte ihm und ſchien ihm zu gehören; Alles klemmte und kniff ihn. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit kam er, als die Glocken läuteten, in ſei⸗ nen ſonntäglichen Bußkleidern zwie ein Jammerbild hervor. Was mich betrifft, ſo mußte meine Schweſter die Idee gehabt haben, daß ich ein junger Sünder ſei, den bei der Geburt ein Polizeidiener als Accoucheur in Empfang genommen und ihr überliefert habe, um die beleidigte Majeſtät des Geſetzes an mir zu rächen. Sie behandelte mich fortwährend ſo, als wenn ich den Geboten der Vernunft, Reli⸗ gion und Moral zuwider und gegen den abmahnenden Rath meiner beſten Freunde darauf beſtanden hätte, geboren zu werden. Selbſt wenn ich zum Schneider geſchickt wurde, um mir einen neuen Anzug machen zu laſſen, erhielt letzterer den Befehl, ihn ſo einzurichten, daß er gewiſſermaßen als Beſſerungsmittel diene und mir nie den freien Gebrauch meiner Glieder erlaube. Als wir, Joe und ich, daher zur Kirche gingen, mußten wir mitleidigen Seelen einen wahrhaft rührenden Anblick gewähren. Allein das, was ich äußerlich litt, war nichts im Vergleich mit mei⸗ nen inneren Qualen. Der Schrecken, der mich jedes Mal erfaßte, wenn meine Schweſter ſich der Speiſekammer näherte oder auch blos das Zimmer verließ, kam nur den Gewiſſensbiſſen gleich, mit denen ich an die That meiner Hände dachte. Von dem ſchrecklichen Ge⸗ heimniſſe gedrückt, überlegte ich, ob die Kirche nicht die Macht haben werde, mich gegen die 4 des entſetzlichen Helfershelfers zu ſchützen, wenn ich ihr beichtete. Ich faßte die Idee, daß der Moment, wenn die Aufgebote verleſen und die Anweſenden zur Abgabe etwaiger Ein⸗ wendungen aufgefordert würden, die paſſende Zeit ſei, um mir in der Sakriſtei ein Privatgehör von dem Geiſtlichen zu erbitten. Ohne Zweifel würde unſere kleine Gemeinde von einer ſo außerordentlichen Maßregel in Erſtaunen geſetzt worden ſein, wenn es nicht der Weih⸗ nachtstag und nur ein gewöhnlicher Sonntag geweſen wäre. Mr. Wopsle, der Küſter und Kirchendiener, ſollte mit uns ſpei⸗ ſen, ſowie auch Mr. Hubble, der Stellmacher, mit ſeiner Frau, und Onkel Pumblechook(Joe's Onkel, den jedoch meine Schweſter ſich an⸗ Feierſt Orte, welcher maßte), ein wohlhabender Kornhändler aus dem nächſten zwei einen eigenen Wagen beſaß. Das Mittageſſen ſollte um halb Uhr beginnen. Als ich mit Joe nach Hauſe kam, fanden wir den Tiſch bereits gedeckt und Mrs. Joe, in ihrem beſten Kleide, mit dem Anrichten der Speiſen beſchäftigt, ſowie auch die ſonſt immer ver⸗ ſchloſſene vordere Hausthür zum Eintritt für die Gäſte geöffnet, kurz Alles auf das Glänzendſte eingerichtet. Von dem Diebſtahle aber wurde noch immer kein Wort laut! Die Zeit des Mittageſſens kam, ohne mir Troſt zu bringen, und die Gäſte erſchienen. Mr. Wopsle, mit einer römiſchen Naſe und einer breiten, glänzenden und kahlen Stirn, hatte eine ſehr tiefe Stimme, auf die er ungemein ſtolz war; ja, unter ſeinen Bekannten hieß es ſogar, daß er, wenn er dürfte, den Pfarrer„in und aus dem Sack“ predigen würde, und er ſelbſt verſicherte, daß er, wenn die Kirche„offen“ wäre,— womit er ſagen wollte, für Concurrenz offen, — ſich noch darin auszeichnen würde. Da die Kirche jedoch nicht für ihn offen war, ſo blieb er, wie geſagt, unſer Küſter. Aber er ſprach das Amen mit um ſo mehr Nachdruck; und wenn er ein Lied zum Singen angab, wobei er jedes Mal den ganzen Vers ablas, blickte er ſich erſt in der Verſammlung um, als wollte er ſagen:„Ihr habet meinen über mir ſtehenden Freund gehört,— jetzt möchte ich wiſſen, was ihr zu dieſem Vortrage ſaget!“ Ich öffnete die Hausthür für die Gäſte, indem ich that, als wenn es bei uns Gewohnheit wäre, ſie immer offen zu halten, und empfing zuerſt Mr. Wopsle, dann Mr. Hubble, mit ſeiner Frau, und endlich Onkel Pumblechook, den ich ſelbſt jedoch, bei ſchwerer Strafe, nie Onkel nennen durfte. Joe,“ ſagte Letzterer, ein großer, langſamer, ſchwer ath⸗ id ſtieren Au— Mrs „. mender Mann, mit einem fiſchartigen Munde, trüben un gen und röthlichem Haar, welches kerzengrade in die Höhe ſtand, ſo daß er ausſah, als wenn er ſoeben beinahe erſtickt wäre und ſich in demſelben Augenblicke erſt wieder erholt hätte,—„Mrs. Joe, ich bringe Ihnen,— zu Ehren des Feſtes,— ich bringe Ihnen, Ma⸗ dam, eine Flaſche Sherrywein,— und bringe Ihnen auch eine Flaſche Portwein.“ 1 An jedem Weihnachtstage erſchien er, als wäre es etwas ganz Neues, mit denſelben Worten, und trug die beiden Flaſchen wie ein Paar ſchwere Gewichte in der Hand; und an jedem Weihnachtstage erwiederte Mrs. Joe, wie ſie auch jetzt that:„Oh, On— kel Pum—⸗ ble—chook,— das iſt außerordentlich gütig!“ An jedem Weihnachts⸗ tage verſetzte er darauf:„Es iſt nichts, als was Sie verdienen. Sind Sie alle wohl? Und was macht mein ‚Sechſer“?“ womit er mich meinte. S Vir ſpeisten bei ſolchen Gelegenheiten in der Küche, begaben uns aber mit dem Deſert, den Orangen, Nüſſen und Aepfeln, in das Wohnzimmer,— eine Veränderung, welche dem Wechſel von Joe's Arbeitskleidern zu ſeinen Sonntagskleidern ſehr ähnlich war. Meine Schweſter war an dieſem Tage außerordentlich lebhaft, und zeigte ſich überhaupt in Mrs. Hubble's Geſellſchaft immer gnädiger, als zu an⸗ deren Zeiten. Letztere, Mrs. Hubble, iſt mir erinnerlich als eine kleine lockige und eckige Frau, in einem himmelblauen Kleide, welche immer noch für jugendlich galt, weil ſie— ich weiß nicht, vor wie langer Zeit— ihren Gatten in einem bedeutend jüngeren Alter ge⸗ heirathet hatte, als das ſeinige war. Der Perſon des Mr. Hubble entſinne ich mich als eines dürren, hochſchulterigen alten Mannes, der einen Geruch wie Sägeſpäne um ſich verbreitete, und deſſen Beine ſehr weit auseinander ſtanden, ſo daß ich durch dieſelben immer einige Meilen offenes Land ſehen konnte, wenn ich ihm als kleiner Knabe auf der Straße begegnete. In dieſer guten Geſellſchaft würde ich mich nie am rechten Platze gefühlt haben, auch wenn ich nicht die Speiſekammer beraubt hätte. Nicht etwa deßhalb, weil ich an einer ſcharfen Ecke des Tiſches ein⸗ geklemmt ſaß, welche ſich mir in die Bruſt drückte, während Onkel Pumblechook mit ſeinem Elbogen mein Auge bedrohte,— auch nicht unden 1864. —————— deßhalb, weil ich kein Wort ſprechen durfte(denn ich mochte nicht ſprechen), und eben ſo wenig, weil ich nur die ſehnigſten Theile der Hühner und die ſchlechteſten Stücke des Schweinebratens zu eſſen be⸗ kam,— nein, alles das würde ich nicht beachtet haben, wenn man mich nur in Ruhe gelaſſen hätte. Allein in Ruhe wollten ſie mich nicht laſſen. Es ſchien, als wenn ſie abſichtlich jede Gelegenheit be⸗ nutzten, um mich zum Gegenſtande der Unterhaltung zu machen und mich deren Schärfe recht fühlen zu laſſen. Ich hätte nicht ſchlimmer daran ſein können, wenn ich ein unglücklicher kleiner Stier in einer ſpaniſchen Arena geweſen wäre, ſo unbarmherzig ſtießen ſie mit ihren moraliſchen Lanzen auf mich ein. Es fing an, ſobald wir uns zu ſprach das Tiſchgebet mit theatraliſchem Pathos, und ſchloß es mit der ſehr angemeſſenen Hoffnung, daß wir aufrichtig dankbar ſein möchten, worauf meine Schweſter ihren ſtrengen Blick auf mich rich⸗ tete und ſagte:„Hörſt du das? Dankbar ſollſt du ſein!“ „Namentlich,“ fügte Mr. Pumblechook hinzu,„mußt du gegen diejenigen dankbar ſein, mein Sohn, welche dich mit der Hand auf⸗ gezogen haben.“ Mrs. Hubble ſchüttelte den Kopf, und mich mit einem Vorge⸗ fühle betrachtend, als erwartete ſie, daß nie etwas Gutes aus mir werden würde, ſagte ſie: „Wie kommt es nur, daß die Jugend niemals dankbar iſt?“ Dieſes moraliſche Geheimniß ſchien zu tief für die Geſellſchaft zu ſein, bis Mr. Hubble es ganz kurz mit der Bemerkung löste:„Von Natur ſündhaft.“ Alle murmelten Beifall und richteten auf mich ſehr unangenehme, mißbilligende Blicke. Joe's Stellung und Einfluß waren bei der Anweſenheit von Gäſten wo möglich noch etwas ſchwächer als zu andern Zeiten; allein er ſtand mir immer bei und tröſtete mich, wie er konnte. Bei Mahl⸗ S S Tiſche ſetzten. Mr. Wopsle zeiten geſchah es namentlich dadurch, daß er mir Bratenſauce reichte, wenn welche da war. Da an dieſem Tage grade ein großer Vor⸗ rath davon vorhanden war, ſo ſchüttete er faſt ein halbes Nößel auf meinen Teller. Etwas ſpäter unterwarf Mr. Wopsle während des Eſſens die Predigt einer ſcharfen Kritik und gab zu verſtehen,— unter der er⸗ wähnten Vorausſetzung, daß die Kirche für ihn offen wäre,— für eine Predigt er gehalten haben würde. Nachdem er die Haupt⸗ punkte der Rede aufgezählt hatte, bemerkte er, daß der Gegenſtand derſelben überhaupt unpaſſend gewählt worden, was um ſo weniger zu entſchuldigen ſei, als es ſo viele, ſelbſt„wandelnde“ Gegenſtände gebe. „Sehr wahr,“ verſetzte Onkel Pumblechook,„Sie haben es ge⸗ ttroffen! Genug Gegenſtände, welche umherwandeln, für Diejenigen, die es verſtehen, ihnen Salz auf den Schwanz zu ſtreuen. Daran fehlt es nur. Ein Mann braucht nicht weit zu gehen, um einen Ge⸗ genſtand zu finden, wenn er nur das Salz in Bereitſchaft hat.“ Einige Augenblicke inne haltend, fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu:„Nehmen Sie, zum Beiſpiel, Schweinefleiſch! Iſt das nicht eein Gegenſtand? Nehmen Sie nur Schweinefleiſch, wenn Sie einen Gegenſtand brauchen!“ 1 1 „Vollkommen wahr; es ließe ſich manche Lehre für die Jugend daraus herleiten,“ ſagte Mr. Wopsle, dem ich es anſah, daß er mich in die Sache— ehe er ausgeſprochen hatte. „Höre wohl zu!“ ſagte meine Schweſter ſehr nachdrücklich. Joe gab mir noch etwas Sauce. t „Schweine,“ fuhr Mr. Wopsle in dem tiefſten Tone ſeiner Wangen ſo bezeichnend deutete, als wenn er meinen Namen genannt hätte,—„Schweine waren die Gefährten des verlorenen Sohnes. Die Gefräßigkeit der Schweine wird als ein abſchreckendes Beiſpiel für die Jugend angeführt.“(Mir ſchien dies ſehr paſſend von ſeiner Seite, da er ſoeben erſt das ihm vorgeſetzte Schweinefleiſch als fett F „— 4 4 e Stimme fort, während er mit ſeiner Gabel auf meine erröthenden — und aftig gel ſcheuen iſt, mu „Oder be „Allerdin ewas gereizte „Ueberdi wendend,„b kel geboren „Dos mäne Schr. 3 1 „Ja, chook fort. „Aber ie chook, welche ſich mit äbte dm, und i das gekonr fragte er, viele Schi⸗ ſein, und men ſein rechten ſeine dein Blut v du nicht mie Joe bo anzunehmen „Er h ſagte Mrs. „Müh alle Krank alle Nächt ich berabge dee urzähl mächte, un Ich g liſi gewor ſ unruhige timiſche R geialt, daß ahangen. Vergleich n ds die Pa d wã Ri war, 4 den Gu nochte nicht Theile der zu eſſen be⸗ wenn man en ſie mich genheit be⸗ nachen und t ſchämmer ier in einer ie mit ihren Nr. Wopsle loß es mit ankbar ſein f wich rich⸗ k du gegen Hand auf⸗ de Ddege tes aus mir bar iſt?“ eſellſchaft zu löste:„Von angenehme, eſenheit von Zeiten; allein 11 1 g . ½ ſauee reichte, ei M großer Vor⸗ 8 Nößel auf s Eſeens die Ker unter der er⸗ äre,= er die Haupt⸗ r Grgunſtnd n ſo weniger Gegtuſtände haben es ge⸗ T Drujenigen, euen. Daran un einen Ge⸗ tüſbaſt hat⸗ 1 wußt war, mit Abſcheu betrachtet hatten. Nachdenken dt das nicht mm Sit tinn augend die duuh Rnh Feierſtunden. 1864. ———ꝛõ:ͤyy——————— und ſaftig gelobt hatte.) ſcheuen iſt, muß es natürlich bei einem Knaben noch viel mehr ſein.“ „Oder bei einem Mädchen,“ fügte Mr. Hubble hinzu. „Allerdings auch bei einem Mädchen,“ verſetzte Mr. Wopsle in etwas gereiztem Tone,„allein hier iſt ja kein Mädchen anweſend.“ „Ueberdies,“ ſagte Mr. Pumblechook, ſich ſcharf nach mir um⸗ wendend,„bedenke, wofür du dankbar ſein mußt. Wenn du als Fer kel geboren worden wäreſt—“ „Das war er, wenn je ein Kind eins geweſen iſt,“ bemerkte meine Schweſter mit beſonderem Nachdrucke. Joe gab mir etwas mehr Sauce. „Ja, aber ich meine ein vierfüßiges Ferkel,“ fuhr Mr. Pumble⸗ chook fort. jetzt hier ſein? „Ausgenommen in jener Geſtalt dort vielleicht,“ bemerkte Mr. Wopsle, auf die Schüſſel deutend. „Aber ich meine dieſe Geſtalt nicht,“ entgegnete Mr. Pumble⸗ ſchook, welcher ſich nicht gern unterbrechen ließ. ſich mit älteren und weiſeren Leuten hätte unterhalten, dadurch bil⸗ den, und im Schooße des Wohlſtandes ſchwelgen können. Hätte er das gekonnt? Nein. Und was würde dein Loos geweſen ſein?“ fragte er, wieder an mich gewendet.„Du würdeſt für ſo und ſo Nein—“ viele Schillinge, nach Maßgabe des Marktpreiſes, verkauft worden ſein, und Dunſtable, der Metzger, würde an dein Strohlager gekom⸗ men ſein und dich unter ſeinen linken Arm geſchoben und mit dem rechten ſeinen Rock aufgenommen, ein Meſſer aus der Taſche geholt, dein Blut vergoſſen und dir das Leben geraubt haben. Dann wäreſt du nicht mit der Hand aufgebracht worden— gewiß nicht!“ Joe bot mir noch etwas Sauce an, allein ich ſcheute mich, ſie anzunehmen. „Er hat Ihnen ohne Zweifel viele Mühe verurſacht, Madam,“ ſagte Mrs. Hubble in bemitleidendem Tone zu meiner Schweſter. „Mühe? Mühe?“ wiederholte meine Schweſter, und begann dann alle Krankheiten aufzuzählen, deren ich mich ſchuldig gemacht hatte, alle Nächte, die ich ſchlaflos zugebracht, alle hohen Plätze, von denen ich herabgefallen, und alle tief unzählige Male ſie gewünſcht, daß ich in meinem Grabe liegen möchte, und wie hartnäckig ich mich geweigert hatte, dahin zu gehen. Ich glaube, die Römer müſſen ſich gegenſeitig mit ihren Naſen läſtig geworden ſein, an denen vielleicht auch die Schuld lag, daß ſie ſo unruhige Leute wurden. Mich wenigſtens ärgerte Mr. Wopsle's römiſche Naſe, während alle meine Unarten aufgezählt wurden, der⸗ geſtalt, daß ich ſie gern ſo lange gekniffen hätte, bis er zu heulen angefangen. Aber Alles, was ich bisher erduldet, war nichts im Vergleich mit den entſetzlichen Empfindungen, welche mich ergriffen, als die Pauſe nach der Erzählung meiner Schweſter unterbrochen wurde, während deren Alle mich, wie ich mir nicht ohne Pein be⸗ „Aber,“ ſagte Mr. Pumblechook, die Geſellſchaft unmerklich auf den Gegenſtand zurückführend, von dem er abgeſchweift war,— „Schweinefleiſch iſt in gekochtem Zuſtande doch etwas zu fett, nicht wahr?“ „Trinken Sie doch ein Gläschen Branntwein, Schwe 1 Onkel,“ ſagte meine eerechter Himmel, endlich war es gekommen! Er muß ihn ſchwach finden, dachte ich, er wird es ſagen, und ich bin verloren! Mich mit beiden Händen feſt an das Tiſchbein unter der Decke klam⸗ mernd, erwartete ich mein Schickſal. Meine Schweſter ging hinaus, um die Steinflaſche zu holen, lam mit derſelben zurück, und füllte ihm ein Glas, da kein Anderer trinken wollte. Der Unglückliche ſpielte mit dem Glaſe,— hob es auf, hielt. es gegen das Licht, ſetzte es wieder auf den Tiſch, und verlängerte anf dieſe Weiſe meine Qualen, während Joe, mit ſeiner Feierſtunden. 1864. 1 „Was aber in einem Schweine zu verab⸗ „Wäreſt du als ſolches geboren worden, würdeſt du dann „Ich meine, ob er en, in die ich hineingeſtolpert war,— 89 —————— Frau, eifrig beſchäftigt war, den Tiſch für den Pudding und die Paſtete abzuräumen. Ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden. Mich immer noch mit Händen und Füßen feſt an dem Tiſchbeine haltend, ſah ich den Beklagenswerthen wieder mit dem Glaſe ſpielen, es aufheben, lächeln, den Kopf zurückwerfen und den Branntwein hinunterſchlucken. Unmittelbar nachher jedoch ſprang er zum Entſetzen der ganzen Ge⸗ ſellſchaft plötzlich auf, drehte ſich mit fürchterlichem, krampfartigem Huſten mehrere Male im Kreiſe und ſtürzte aus dem Zimmer, wor⸗ auf wir ihn durch das Fenſter erblickten, wie er wüthend umherlief, ſich übergab, gräßliche Geſichter ſchnitt und, wie es ſchien, faſt den Verſtand verlor. Ich hielt mich immer noch am Tiſche feſt, während Joe und ſeine Frau hinaus eilten. Wie es geſchehen war, konnte ich mir nicht erklären, aber ich zweifelte nicht, daß ich ihn auf irgend eine Weiſe ermordet hatte. In dieſer ſchrecklichen Lage war es ein großer Troſt für mich, als er in das Zimmer zurückgeführt wurde und, die Geſellſchaft überblickend, als wenn ſie an ſeinem Anfalle ſchuld ge⸗ weſen wäre, mit dem inhaltſchweren Ausrufe:„Theer!“ auf einen Stuhl ſank. Ich hatte die Branntweinflaſche aus dem das Theerwaſſer ent⸗ haltenden Kruge wieder gefüllt. Meine eigene Erfahrung ſagte mir, daß er ſich bald noch ſchlimmer befinden werde, und der Tiſch be⸗ wegte ſich in dem unſichtbaren Griffe meiner bebenden Hand, als wenn ich ein magnetiſches Medium der jetzigen Zeit geweſen wäre. „Theer?“ rief meine Schweſter erſtaunt. iſt es möglich, daß Theer da hinein kommen konnte?“. Allein Onkel Pumblechook, welcher hier allmächtig war, wollte nichts mehr von der Sache hören, winkte gebieteriſch mit der Hand, darüber zu ſchweigen, und verlangte ein Glas Gin mit heißem Waſ ſer. Meine Schweſter, welche auf eine für mich ſehr beunruhigende Weiſe nachdenklich geworden war, mußte ſich jetzt mit dem Herbei⸗ holen des Gin, des heißen Waſſers, des Zuckers und der Citronen⸗ ſchale und mit dem Miſchen des Getränkes beſchäftigen. Für den Augenblick wurde ich dadurch gerettet, und hielt zwar noch das Tiſch⸗ bein feſt, aber jetzt mit der Inbrunſt der Dankbarkeit. Allmählich wurde ich ruhiger, und konnte meinen Griff loslaſſen und ein Stück Pudding eſſen. Mr. Pumblechook aß auch davon, Alle thaten es. Das Gericht war verzehrt, Mr. Pumblechook begann unter dem belebenden Einfluſſe ſeines Gingrogs zu ſtrahlen, und ich hoffte bereits, daß dieſer Tag glücklich für mich enden werde, als meine Schweſter zu Joe ſagte: „Reine Teller,— kalte!“ Sogleich packte ich wieder das Tiſchbein und drückte es an mei⸗ nen Buſen, als wenn es der Gefährte meiner Jugend, der Freund meiner Seele geweſen wäre. Was jetzt kommen mußte, ſah ich vor⸗ aus, und fühlte, daß ich nunmehr wirklich verloxen ſei. „Sie müſſen zum Schluß,“ ſagte meine Schheſter ſo freundlich, als ihr überhaupt möglich war, zu den Gäſten,—„Sie müſſen zum Schluſſe noch von einem vortrefflichen Geſchenke koſten, welches Onkel Pumblechook uns gemacht hat.“ So, müſſen es koſten? dachte ich. O, ſie mögen nur die Hoff⸗ nung aufgeben! 4 „Es iſt nämlich eine Paſtete,“ fügte meine Schweſter aufſtehend hinzu,„eine delikate Paſtete von Schweinefleiſch.“ Die Geſellſchaft murmelte Beifall, und Onkel Pumblechook, im Bewußtſein, ſich um ſeine Mitmenſchen verdient gemacht zu haben, Wie „D ſagte mit einer an ihm ungewöhnlichen Lebhaftigkeit: „Nun, Frau Joe, wir wollen unſer Beſtes thun; laſſen Sie uns einen Schnitt in die beſagte Paſtete thun.“ Meine Schweſter ging hinaus, um ſie zu holen. Ich hörte, wie ſich ihre Schritte der Speiſekammer näherten,— ſah Mr. Pumble⸗ chook das Meſſer ſchwingen,— erkannte den wiedererwachenden Ap⸗ petit an der römiſchen Naſe des Wopsle,— hörte Mr. Hubble be⸗ 12 G merken, daß ſich ein Stück Paſtete nach allem Vorhergegangenen ohne Schaden eſſen laſſe, und hörte Joe ſagen:„Du ſollſt auch ein Stück haben, Pip.“ Ob ich nur im Geiſte einen Schreckensſchrei ausſtieß, oder wirklich hörbar, weiß ich nicht; aber klar war mir, daß ich es nicht länger ertragen könne und davon laufen müſſe. Das loslaſſend, rannte ich hinaus. Allein ich gelangte nicht weiter, als bis an die Hausthür, denn dort ſtürzte ich in eine Abtheilung bewaffneter Soldaten, deren einer amnir ein Paar Handſchellen mit den Worten entgegenhielt: Aha, da biſt du ja, komm' ſchnell, ſchnell!“ „2 b Fünftes Kapitel. Das Erſcheinen einer Abtheilung Soldaten, welche die Kolben ührer geladenen Gewehre auf unſere Thürſchwelle ſetzten, verurſachte, daß die Tiſchgeſellſchaft in Verwirrung ihre Plätze verließ, und daß mneine Schweſter, welche mit leeren Händen in die Küche zurückkam, äͤhren ſtaunenden Klageruf:„Herr meines Lebens,— was iſt nur aus der Paſtete— 2“ plötzlich unterbrach. Der Sergeant war in der Küche mit mir, als meine Schweſter mehrere Sekunden lang vor ſich hinſtarrte, während deren ich mich von meinem Schreck einigermaßen erholte. Es war der Sergeant geweſen, welcher mich angeredet hatte. Jetzt ſah er ſich in der Ge⸗ ſellſchaft um und hielt ihr in der rechten Hand mit einer einladenden Bewegung die Feſſeln entgegen, während ſeine linke auf meiner Schulter ruhte. „Verzeihen Sie, meine Herren und Damen,“ ſagte der Sergeant, „wie ich habe(was er je nigs hier, um Jemanden zu verfolgen, und bedarf der ſchon an der Thüre zu dieſem munteren Bürſchchen geſagt doch nicht gethan hatte), bin ich im Namen des Kö⸗ Dienſte des Schmieds.“ „Wozu bedürfen Sie denn ſeiner?“ fragte meine Schweſter mit ſcharfem Tone, indem ſie es als eine Anmaßung anſah, daß über⸗ haupt nach ihm gefragt wurde. „Madam,“ erwiderte der höfliche Sergeant,„wenn ich für mich präche, ſo würde ich ſagen,— um die Ehre und das Vergnü⸗ ie Bekanntſchaft ſeiner hübſchen Frau machen zu dür⸗ zur Verrichtung allein ſ gen zu haben, d fen; für den König aber muß ich antworten,— eines kleinen Geſchäftes.“ Dieſe Erwiderung gefiel der Geſellſchaft als ſehr artig, ſo daß Onkel Pumblechook rief:„Nicht übel!“ 4 „Sehen Sie, Meiſter,“ fuhr der Sergeant fort, deſſen Auge in⸗ zwiſchen Joe herausgefunden hatte,„es iſt an dieſen Schellen etwas gebrochen; das Schloß an der einen iſt verdreht, und beide ſchließen nicht mehr recht. Da ſie aber jetzt gleich gebraucht werden ſollen, ſo wollte ich Sie darum erſuchen, einen Blick darauf zu thun.“ Joe beſichtigte ſie und erklärte, daß die Arbeit das Anzünden des Schmiedefeuers nothwendig mache und beinahe zwei Stunden S dauern werde. „Nun, ſo bitte ich Sie, Meiſter, augenblicklich an das gehen,“ ſagte der gewandte Sergeant,„da es im Dienſte Seiner Majeſtät geſchieht. Wenn meine Leute dabei hülfreiche Hand leiſten können, ſo werden ſie es thun.“ 1 Nach dieſen Worten rief er die Soldaten herein, welche, einer nach dem andern, in die Küche traten und ihre Gewehre in einer Ecke zuſammenſtellten. Dann blieben ſie ſtehen, wie Soldaten in der Regel zu ſtehen pflegen,— bald die Hände loſe vor ſich faltend, bald ein Knie oder eine Schulter ruhen laſſend, bald am Gürtel oder an der Patrontaſche rückend, bald die Thür öffnend, um mit ſteifem Nacken über ihren hohen Halskragen auf den Hof zu ſpeien. Alle dieſe Dinge ſah ich, ohne mich derſelben klar bewußt zu ſein, denn ich war in Todesangſt. Da ich jedoch bemerkte, daß die Handſchellen nicht für mich beſtimmt waren, und daß die Paſtete ————— Wie gefälligem Lachen. Werk zu ſchlagend,„ein Mann ſind, welcher weiß, was gut iſt!“ Feierſtunden 1864. —y————r—y———; durch das Erſcheinen der Soldaten in den Hintergrund getreten war, ſo begann ich etwas ruhiger zu werden. „Hätten Sie die Güte, mich wiſſen zu laſſen, wie viel Uhr es iſt?“ fragte der Sergeant, ſich an Mr. Pumblechook wendend, als Tiſchbein wenn er mit Gewißheit vorausſetzte, daß Letzterer ihm die Zeit genau angeben könne. „Es iſt grade halb drei Uhr,“ lautete die Antwort. „Das paßt,“ verſetzte der Sergeant ſinnend;„ſelbſt wenn ich. hier zwei Stunden warten müßte, würde es nicht zu ſpät werden. weit rechnet man von hier bis zu dem Moorlande? Wahrſchein⸗ eine ganze Meile?“ „Grade eine Meile,“ antwortete Mrs. Joe. „Das iſt gut. Wenn die Dämmerung anbricht, werden wir ſie ich k umzingeln; kurz vor der Dämmerung,— lautete meine Ordre. So wird es gehen!“ „Sträflinge, Sergeant?“ fragte Mr. Wopsle, als wenn es ſich von ſelbſt verſtehe. „Ja, zwei,“ erwiederte Erſterer. Wir wiſſen gewiß, daß ſie noch auf dem Moorlande ſtecken und ſich nicht vor der Dunkelheit heraus⸗ wagen werden. Hat irgend Jemand hier vielleicht ſolches Wild ge⸗ ſehen?“ Alle, mit Ausnahme von mir, verneinten zuverſichtlich. An mich dachte Niemand. „Nun,“ bemerkte der Sergeant,„ſie werden ſich früher, als ſie glauben, eingekreist ſehen. Jetzt, Meiſter Schmied, ſind Sie bereit? Se. Majeſtät der König iſt es!“ Joe hatte ſeinen Rock, ſeine Weſte und Halsbinde abgelegt und ledernen Schurz vorgebunden, und trat in die Schmiede. Einer der Soldaten öffnete die Fenſterläden, ein Anderer zündete das Feuer an, ein Dritter ſetzte den Blaſebalg in Bewegung, und die Uebrigen umſtanden die Glut, welche bald zu praſſeln begann. Dann fing Joe an zu hämmern, und wir ſchauten ſämmtlich zu. Das Intereſſe an der bevorſtehenden Verfolgung nahm nicht nur die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch, ſondern machte meine Schweſter ſogar freigebig. Sie zog einen Krug Bier aus dem Faſſe für die Soldaten, und lud den Sergeant zu einem Glaſe Brannt⸗ wein ein. Allein Mr. Pumblechook ſagte mit ſcharfer⸗Beton „Geben Sie ihm Wein, Madam, ich bürge dafür, daß kein T darin iſt,“ worauf der Sergeant ihm dankte und erklärte, daß er, da ihm ein Getränk ohne Theer lieber ſei, ein Glas Wein nehmen wolle, wenn ſie nichts dagegen habe. Als es ihm präſentirt wurde, trank er auf das Wohl Sr. Majeſtät, ſowie auf ein fröhliches Feſt, und verſchluckte den Inhalt mit einem Male, und ſchmatzte dann mit den Lippen. den — keit die Ehre und er ging f Flaſche verlan der erſten get Während Eſſe umſtande Feſte mein the die allgen zu der er V Halten; und Boöſewichter gen zu brüll folgen, Joe der Wand it Sterben der meinem kindl um der arme Endlich ſen horte ar er ſo d) die Soldat würde.] Vorwande Pfeife rau ebenfalls. men wolle, ie die Erla gierde gebre men werde. „Wenn erſchmetter ſo eewarte der ſchied von ſehr bezue Herrn in 19 euleſſenen ſobald wir in der raub ſahten füſ uden ſie lihe einen „Guter Stoff, Herr Sergeant, wie?“ ſagte Mr. Pumblechook. „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ erwiderte Erſterer,„wahrſchein⸗ lich iſt der Stoff von Ihnen geliefert worden.“ „Ja, ja,— aber warum?“ verſetzte Mr. Pumblechook mrit wobl⸗ W „W eil Sie,“ antwortete der Sergeant, ihm auf die Schulter 3„Glauben Sie?“ ſagte Pumblechook mit ſeinem vorigen Lachen. „Noch ein Glas!“ „Mit Ihnen? ſehr gern. Wir wollen anſtoßen!“ rief der Ser⸗ geant.„Der Rand des Ihrigen an dem Fuße des meinigen,— de Fuß des meinigen an dem Nande des Ihrigen,— ange. einmal, zweimal,— nichts geht über dieſe Muſik! Ihre Geſundheit! — und mögen Sie noch tauſend Jahre leben und ſtets die rechte Sorte ſo gut beurtheilen, wie in dieſem Augenblicke Ihres Daſeins!“ Er goß ſein Glas abermals hinunter, und ſchien vollkommen vorbereitet für ein drittes zu ſein. Inzwiſchen fiel es mir auf, daß Mr. Pumblechook in ſeiner Gaſtfreiheit völlig vergeſſen zu haben ſchien, daß er den Wein verſchenkt hatte’, denn er nahm Mrs. Joe die Flaſche aus der Hand und genoß in ſeiner aufwallenden Heiter⸗ diren, pü Keine“ te war kal Dullohi — treten war, viel Uhr es idend, als Zeit genau t wenn ich wat werden. Wahrſchein⸗ aden wir ſie Ordre. So venn es ſich daß ſie noch deit heraus⸗ Je W R⸗ lich. An mich rüher, uls ſet u0 SSie bereit? aäbgelegt und niede. Einer ete das Feuer die Uebrigen Dann fing ahm nicht nut machte meint nus dem Faſt Glaſe Brannte Retorernn. Peto 1” jer. aß kein Dec te, daß er, d nehmen woll, wurde, tee hes Feſt, u- dann mit Pumblechok. t,„wahrſchein⸗ coof yit wobl⸗ vorigen der Ser⸗ d 2 rief d ninigen, Feierſtunden 1864. ——, keit die Ehre der Vertheilung ganz allein. und er ging in ſeiner Freigebigkeit ſo weit, Flaſche verlangte und ſie ebenſo die Runde machen ließ, wie er mit der erſten gethan. Während ich ſie Alle betrachtete, wie ſie ſo heiter und fröhlich die Eſſe umſtanden, dachte ich, was für eine vortreffliche Würze zu einem Feſte mein flüchtiger Freund auf dem Moorland lieferte. Vorher, ehe die allgemeine Stimmung durch die Aufregung erhöht worden war, zu der er Veranlaſſung gegeben, hatten ſie ſich nicht halb ſo gut unter⸗ halten; und jetzt, während Alle geſpannt das Einfangen der„beiden Böſewichter“ erwarteten, während der Blaſebalg nach den Flüchtlin⸗ gen zu brüllen, das Feuer nach ihnen zu lecken, der Rauch ſie zu ver⸗ folgen, Joe nach ihnen zu hämmern, und die düſteren Schatten an der Wand im Steigen und Sinken der Gluth und im Sprühen und Sterben der Funken ihnen zu drohen ſchienen,— da war es mir in meinem kindlichen Mitleid, als wenn der trübe Nachmittag draußen um der armen Wichte willen noch trüber geworden wäre. Endlich war Joe's Arbeit beendigt, und das Hämmern und Bla ſen hörte auf. Als er ſeinen Rock wieder angezogen hatte, ſammelte er ſo viel Muth, um den Vorſchlag zu thun, daß Einige von uns die Soldaten begleiten und ſehen ſollten, was aus der Verfolgung würde. Mr. Pumblechook und Mr. Hubble lehnten es unter dem Vorwande ab, daß ſie die Damen nicht verlaſſen könnten und ihre Pfeife rauchen müßten; aber Mr. Wopsle wollte gehen, und Joe ebenfalls. Letzterer erklärte, daß er bereit ſei und auch mich mitneh⸗ men wolle, wenn meine Schweſter es geſtatte. nie die Erlaubniß dazu erhalten haben, wenn ſie nicht ſelbſt vor Neu⸗ gierde gebrannt hätte, zu erfahren, welchen Ausgang die Sache neh⸗ men werde. Unter dieſen Umſtänden ſagte ſie nur: „Wenn dem Buben vielleicht von einer Gewehrkugel der Kopf zerſchmettert wird und du bringſt ihn mir in dieſem Zuſtande heim, ſo erwarte nicht von mir, daß ich ihn wieder zuſammenflicke.“ Der Sergeant empfahl ſich ſehr höflich bei den Damen und ſchied von Mr. Pumblechook wie von einem Kameraden, obgleich ich ſehr bezweifle, daß er im trockenen Zuſtande die Verdienſte dieſes Herrn in demſelben Maße gewürdigt haben würde, wie bei einer frei⸗ agen Libation. Seine Leute ergriffen ihre Waffen und traten in ſe und Glied. Mr. Wopsle, Joe und ich, wir erhielten den eneſſenen Befehl, im Nachzuge zu bleiben und kein Wort zu ſprechen, ſobald wir das Moorland erreicht haben würden. Als wir uns Alle in der rauhen Luft befanden und ſcharfen Sch folgten, flüſterte ich Joe verrätheriſcher Weiſe zu:„Ich werden ſie nicht finden;“ worauf Joe eben ſo leiſe erwiderte: Wir wären, Pip.“ Keine Leute aus dem ter war kalt und drohend, Dunkelheit brach ſchon herein, während die Bewohner in ihren Häu⸗ ſern warme Kaminfeuer hatten und überdies das Feſt feierten. Einige Geſichter erſchienen zwar an den erleuchteten Fenſtern und blickten uns nach, aber Niemand kam heraus. Wir paſſirten den Wegweiſer und marſchirten geraden Weges nach dem Kirchhofe. Selbſt ich erhielt welchen, daß ich die daß er ſogar die zweite .. würden gewiß rittes unſer Ziel ver⸗ hoffe, Joe, wir „Ich gäbe einen Schilling, wenn ſie ſich davon gemacht hätten und fort 1 3 von der Sache nichts verſtand) ebenfalls. Dorfe ſchloſſen ſich uns an, denn das Wet⸗ ſchloſſener Mann, befahl, der Weg öde und beſchwerlich, und die eine andere Richtung eingeſchlagen und mit beſchleunigtem Dort blieben zwei Worten nannte, welche er in der ganzen Zeit ſprach. 91 habe. Er hatte mich gefragt, ob und mich einen boshaften jungen Verfolgung Theil nehmen könnte. Würde er jetzt glauben, daß ich wirklich ein Satan und ein Hund Soldaten dahin geführt ich ein falſcher kleiner Satan ſei, Hund genannt, wenn ich an ſeiner ſei und ihn verrathen habe? Es nützte jedoch nichts, mir dieſe Frage vorzulegen. Da ſaß ich auf Joe's Rücken, und Joe war unter mir, und ſetzte über die Gräben wie ein Jagdpferd, und warnte Mr. Wopsle, nicht auf ſeine römiſche Naſe zu fallen und hinter uns zurückzubleiben. Die Soldaten waren vor uns und breiteten ſich in eine ziemlich weite Linie aus, mit großen Zwiſchenräumen von Mann zu Mann. Wir ver⸗ folgten die Richtung, welche ich anfangs eingeſchlagen hatte und von der ich im Nebel abgewichen war. Entweder hatte ſich der Nebel noch⸗ nicht erhoben, oder der Wind hatte ihn ſchon zerſtreut. Unter der glühenden Abendröthe grenzten ſich die Feuerbocke, der Galgen, der alte Wall und das jenſeitige Ufer des Fluſſes in ſcharfen Umriſſen ab, obgleich Alles von einer wäſſerigen Bleifarbe überzogen war. Während mein Herz, an Joe's Schulter ruhend, wie ein Schmiede⸗ hammer pochte, blickte ich mich nach allen Seiten um, ob keine Spur von den Flüchtlingen zu entdecken ſei. Ich ſah aber nichts und hörte nichts. Mr. Wopsle hatte mich mehrmals durch ſein Schnaufen und⸗ Keuchen erſchreckt, allein jetzt war ich an dieſe Töne gewöhnt und⸗ konnte ſie von dem Gegenſtande unſerer Verfolgung unterſcheiden. Einmal ſchien es mir, als wenn ich noch die Feile kreiſchen hörte, und erſchrak furchtbar, doch es war nur eine Schafglocke. Die Thiere⸗ hielten in ihrem Freſſen inne und blickten uns furchtſam an, und die Rinder, deren Köpfe vom Winde, vom Schnee und Regen abgewen⸗ det waren, ſtarrten uns zornig nach, als wenn ſie uns die Schuld⸗ dieſer Unannehmlichkeiten zuſchrieben; aber abgeſehen von dieſen Er⸗ ſcheinungen und dem Schauer des ſinkenden Tages in jedem zittern⸗ den Grashalme, wurde die grauſige Stille des Moorlandes durch nichts unterbrochen. V Die Soldaten marſchirten in der Richtung nach dem alten Walle, und wir folgten ihnen in einiger Entfernung, als wir ſämmtlich mit einem Male ſtehen blieben; denn auf den Flügeln des Windes und des Regens drang ein langgedehnter Schrei zu uns. Er wiederholte ſich und kam aus einiger Entfernung von der öſtlichen Seite, aber war ſehr laut und hielt lange an. Es ſchien ſogar, um nach dem verworrenen Schalle zu urtheilen, als wenn zwei oder noch mehr Stimmen zu gleicher Zeit ſchrieen. Das war auch die Veranlaſſung, weßhalb der Sergeant mit dem ihm zunächſt ſtehenden Soldaten flüſterte, als wir, Joe und ich, zu ihnen kamen. Noch einige Augenblicke wurde gehorcht, dann ſtimmte Joe(welcher die Sache verſtand) ihnen bei, und Mr. Wopsle(welcher Der Sergeant, ein ent⸗ daß auf den Ruf nicht geantwortet, aber Schritte verfolgt werde. Wir bogen deßhalb rechts ab, nach der öſtlichen Seite, und Joe trabte mit ſo wunderbarer Behendigkeit davon, daß ich mich feſt an ihn klammern mußte, um meinen Sitz zu behalten. Es war eine„förmliche Jagd“, wie Joe es mit den einzigen Berg auf 4 kumen zurück, ohne etwas gefunden zu haben, worauf wir durch das Stimme herrührte. wir auf ein Zeichen von der Hand des Sergeant einige Minuten und Berg ab ging es, über Schleuſen, durch tiefe Gräben und dichte ſſehen, während zwei oder drei von ſeinen Leuten ſich unter die Grä⸗ Hecken; Niemand kümmerte ſich darum, wohin. Als wir dem Schreien her zerſtreuten und auch den Vorbau der Kirche unterſuchten. Sie näher kamen, wurde es uns immer klarer, daß es von mehr als einer Zuweilen ſchien es zu verſtummen,— dann Pförtchen an der einen Seite des Kirchhofs auf das offene Moorland ſtanden die Soldaten ſtill; allein ſobald es wieder anfing, eilten ſie hinaus ſchritten. Der Oſtwind trieb uns hier eiſigen Schnee und deſto eifriger weiter, und wir ihnen nach. Bald waren wir dem Kegen in das Geſicht, und Joe nahm mich auf ſeinen Rücken. Orte ſo nahe gekommen, daß wir eine Stimme deutlich:„Mörder!“ Als wir uns nunmehr in der ſchauerlichen Wildniß befanden, rufen hören konnten, und eine zweite:„Sträflinge! Ausreißer! it der ich, wie ſich gewiß Niemand träumen ließ, kaum acht oder Wache! Hier ſind ſie!“ Dann ſchienen beide Stimmen wie in einem neun Stunden vorher geweſen war und die beiden Flüchtlinge in Kampfe zu erſticken, aber ließen ſich im nächſten Momente von Neuem ihren Verſtecken geſehen hatte, dachte ich zum erſten Male daran, ob hören. Von dieſem Augenblicke an liefen die Soldaten wie Hirſche, mein beſonderer Sträfling, wenn wir ſie finden ſollten, glauben würde, und Joe ebenfalls. 12* —ᷣↄn-ͤ————————;— Als wir den Ort, von dem das Geſchrei kam, erreicht hatten, ſtürzte ſich der Sergeant zuerſt darauf los, während zwei ſeiner Leute dicht hinter ihm folgten. Ihre Gewehre waren geſpannt und ange⸗ legt, als wir gleichfalls hinzu kamen. „Hier ſind ſie beide!“ keuchte der Sergeant, in der Tiefe eines Grabens umher tappend.„Ergebet euch, und geberdet euch nicht wie ein Paar wilde Beſtien! Auseinander!“ Waſſer ſpritzte, Koth flog umher, Flüche wurden ausgeſtoßen und Schläge fielen, bis endlich noch einige von den Soldaten in den Graben hinabſprangen, um dem Sergeant zu helfen, und die Sträf⸗ linge, einen nach dem andern, hervorzogen. Beide bluteten, keuchten, fluchten und wehrten ſich, aber ich erkannte ſie dennoch augenblicklich. „Merket wohl!“ ſagte mein Sträfling, indem er ſich mit ſeinem zerlumpten Aermel das Blut aus dem Geſichte wiſchte und ausge⸗ riſſene Haare von ſeinen Händen ſchüttelte,—„merket wohl! Ich habe ihn gefangen und übergebe ihn euch! Vergeßt das nicht!“ „Es kommt nicht viel darauf an,“ ſagte der Sergeant,„und wird Euch wenig nützen, mein Freund, da Ihr in derſelben Lage ſeid. Die Handſchellen her!“ „Ich erwarte Feierſtunden 1864. ————— ———— daß er hier war. Ihn hätte ich frei laſſen,— ihn die Mittel be⸗ nutzen laſſen ſollen, die ich gefunden hatte? Ihn von Neuem ein Werkzeug aus mir machen laſſen? Nein, nein,— und wenn ich dort unten hätte umkommen müſſen!“ Er deutete mit ſeiner gefeſſel⸗ ten Hand auf den Graben.„Ich hätte ihn ſo feſt gehalten, daß Sie ſicher ihn in meinem Griffe finden mußten!“ „Er wollte mich ermorden,“ wiederholte der andere Flüchtling noch einmal, der augenſcheinlich namenloſe Furcht vor ſeinem Gefähr⸗ ten hatte.„Ich wäre des Todes geweſen, wenn Sie nicht gekommen wären.“ „Er lügt!“ rief mein Sträfling wüthend.„Er war ein Lügner von der Geburt an, und wird als Lügner ſterben. Geſicht an; ſteht es nicht darauf geſchrieben? mal in's Auge blicken,— er kann es nicht!“ Der Andere wollte verächtlich lächeln, aber konnte ſeinen beben⸗ den Lippen keinen feſten Ausdruck geben, und ſchaute auf die Solda⸗ ten, das Moorland und den Himmel, doch mit keinem Blicke auf den Sprechenden. „Sehen Sie ihn?“ fuhr mein Sträfling fort.„Sehen Sie, was für ein Schuft er Sehen Sie ſein Er ſoll mir nur ein⸗ nicht, daß es mir etwas nütze, und verlange keinen an⸗ dern Vortheil, als den dieſes Augen⸗ blicks,“ erwiderte mein Sträfling mit grimmigem Lachen. „Ich habe ihn ge⸗ fangen,— er weiß es,— das iſt mir genug!“ Der andere Sträfling war lei⸗ chenblaß und ſchien, abgeſehen von der älteren wunden Stelle auf der lin⸗ ken Seite ſeines Geſichts, am gan⸗ zen Körper zerriſſen und zerkratzt zu ſein. Er konnte nicht einmal genug Athem finden, um worden waren, und Soldaten ſtützen. „Seid Zeugen, ſeine erſten Worte. „Ihn ermorden?“ ſagte der Andere verächtlich.„Ich hätte ihn ermorden wollen und es doch nicht gethan? Gefangen habe ich ihn und überliefert,— das habe ich gethan! Abgehalten habe ich ihn, vom Moorland zu entwiſchen, und hierher zurückgeſchleppt. Er iſt ein vornehmer Herr, dieſer Schuft. Jetzt haben die Hulks ihren vor⸗ nehmen Herrn wieder, und durch mich. Ihn ermorden? Ja, es wäre der Mühe werth geweſen, ihn zu ermorden, da ich's ſchlimmer mit ihm machen und ihn hierher zurückſchleppen konnte!“ Der Andere ſtöhnte noch immer:„Er wollte— er wollte— mich ermorden! Sie— ſind Zeugen!“ „Sehen Sie!“ ſagte mein Sträfling zu dem Sergeant.„Ich bin ganz allein aus der Galeere entkommen; ich machte einen Satz, und war frei. Auch von hier, aus dieſer todkalten Wildniß hätte ich entkommen können,— ſchauen Sie mein Bein an, es iſt nicht mehr zu ſprechen, bis Beiden die Schellen angelegt mußte ſich, um nicht niederzuſinken, auf einen Wache,— er wollte mich ermorden!“ waren viel Eiſen daran,— wenn ich nicht die Entdeckung gemacht hätte, iſt? Sehen Sie die falſchen, un⸗ ſtäten Augen? So ſah er auch aus, als wir zuſammen vor Gericht ſtanden, nie blickte er mich an.“ Der Andere, deſſen trockene Lip⸗ pen fortwährend krampfhaft zuckten, richtete endlich ſeine unſtäten Augen eine dem er jagte: ſt nicht viel d. zu ſehen,“ gleichzeitig blick auf ſeine ge⸗ feſſelten Hände fal⸗ len ließ. Dadurch gerieth mein Sträfling in eine ſolche Wuth, daß er ſich auf ihn geſtürzt haben würde, wenn hätten. „Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß er mich morden würde, wenn er könnte?“ wiederholte der andere Sträfling, wobei ein Jeder ſehen konnte, daß er vor Furcht zitterte, während ſchneeflockenartige Schaum⸗ flecke auf ſeine Lippen traten. „Genug mit dem Geſchwätz!“ rief der Sergeant. Fackeln aun!“ Während einer der Soldaten, welcher einen Korb an Stelle eines Gewehres trug, niederkniete, um ihn zu öffnen, blickte mein Sträf⸗ ling zum erſten Mal um ſich und gewahrte mich. Ich war, als wir an den Graben kamen, von Joe's Rücken herab geſtiegen und hatte mich ſeitdem nicht gerührt. Als er mich anſah, blickte ich ihn auch ſcharf an, machte ein leiſes Zeichen mit der Hand und ſchüttelte den Kopf. Ich hatte darauf gewartet, von ihm bemerkt zu werden, um ihm zu verſtehen geben zu können, daß ich unſchuldig ſei. Es wurde mir jedoch nicht klar, ob er meine Abſicht erkannte, denn er warf einen Blick auf mich, den ich nicht perſtand, und die ganze Scene dauerte nur eine Sekunde. Aber wenn er mich auch eine ganze „Zündet die zunde oder e 4 ausdrucks Der Sold e vier Fak an an ſeine! miſen, alle ut völlige F mn Kreiſe ſte darauf ſäher Fackeln Jüh gen Ufer de „Alles Wir we ſchüſſe fielen, zerſprengen d „hr we aneinem Sträf gert, mein F Beide S beſonderen T gen, nach 5 zu Ende m erträglich u einen Bogen und einer ſe blickte, konn Fackeln, die len, welche uns dichte F um uns, A von Musket weil Beide machen mu ccher in der Sekunde lang auf den Sprecher, in⸗ einen höhniſchen Seiten⸗ die Soldaten es nicht verhindert dem eren rou) Fuuer bram ſanden an Keiſche, wel ſuaß genug dder vier de firten ſich Runs ſchl Kant machte 1 enau derje WAcan land genan an dd u M ſiicht an. Feuer ſelnd auf uyenn er yandte er Mittel be⸗ Neuem ein d wenn ich ner gefeſſel⸗ n, daß Sie Flüchtling em Gefähr⸗ i Kommen⸗ ein Lügner en Sit ſein nir nur ein⸗ einen beben⸗ die Solda⸗ ce auf den Sie, was Schot er Sehen Sie alſchen, un⸗ Augen? So auch das r zuſammen icht ſtanden, kte er mich Adere, trockent Lip⸗ fortwährend haft zuckten, endlich ſeint nAugeneeine de lang auf precher, de⸗ ſt tviel 14 hen,“ und eitig hen Scittn⸗ uf ſeine ge⸗ n Hände fal⸗ ß. Dadurch ich auf ihn t verhindert vürde, wenn geder ſe chen Schaum⸗ Zündet dit einen wworauf derjenige der beiden Sträflinge, Feierſtunden 1864. 2 ———————————— Stunde oder einen Tag lang angeſehen hätte, ſo würde ſein Blick nicht ausdrucksvoller haben ſein können. Der Soldat mit dem Korbe hatte bald Licht und zündete drei oder vier Fackeln an, von denen er ſelbſt eine nahm, die anderen aber an ſeine Kameraden vertheilte. Es war vorher ſchon faſt dunkel geweſen, allein jetzt wurde es ganz dunkel, und nach kurzer Zeit trat völlige Finſterniß ein. Ehe wir den Ort verließen, feuerten vier im Kreiſe ſtehende Soldaten ihre Gewehre in die Luft ab. Gleich darauf ſahen wir in einiger Entfernung hinter uns noch andere Fackeln glühen, und wieder andere anf dem Moorlande am jenſeiti⸗ gen Ufer des Fluſſes. „Alles in Ordnung!“ rief der Sergeant.„Vorwärts, marſch!“ Wir waren noch nicht weit gegangen, als vor uns drei Kanonen⸗ ſchüſſe fielen, deren Schall das Trommelfell meines Ohres faſt zu zerſprengen drohte. „Ihr werdet auf der Galeere erwartet,“ ſagre der Sergeant zu meinem Sträflinge;„man weiß, daß Ihr kommt. gert, mein Freund! Hier heran!“ Beide Sträflinge marſchirten getrennt, und jeder war von einer beſonderen Wache umgeben. Ich hatte jetzt Joe's Hand gefaßt, wel cher in der andern eine Fackel trug. Mr. Wopsle hatte vorgeſchla⸗ gen, nach Hauſe zu gehen, allein Joe war entſchloſſen, die Sache bis zu Ende mitzumachen, und wir folgten deßhalb. Der Weg war jetzt erträglich und lief meiſtens am Ufer entlang, nur dann und wann einen Bogen machend, wenn ein Damm mit einer kleinen Windmühle zund einer ſchlammigen Schleuſe ihn verſperrte. blickte, konnte ich ſehen, daß die anderen Lichter uns folgten, Die Fackeln, die wir trugen, ließen große Feuerballen auf den Weg fal⸗ len, welche dort flackerten und rauchten. uns dichte Finſterniß. Die Gluth unſerer Leuchten erwärmte die Luft um uns, was den Gefangenen ſehr zu behagen ſchien, von Musketen umgeben, fort hinkten. Der Marſch ging nicht ſchnell, weil Beide lahm und ſo ermattet waren, daß wir mehrmals Halt machen mußten, um ſie ruhen zu laſſen. Nachdem wir ungefähr eine Stunde lang auf dieſe Weiſe mar⸗ ſirt waren, gelangten wir an eine Holzhütte und an einen Landungs⸗ Ittte befand ſich eine Wache, die uns anrief und — 1e c * unt antwortete. Dann traten wir ein. Im In⸗ en Loch e„ehe ſtark nach Tabak und friſchem Kalk; ein helles Feuer brannte auf dem Herde, eine Lampe auf dem Tiſche, Gewehre ſtanden an den Wänden, und in einer Ecke befand ſich eine hölzerne Pritſche, welche einer rieſigen Waſchrolle ohne Maſchinerie ähnlich und groß genug war, um mindeſtens zwölf Soldaten aufzunehmen. oder vier derſelben lagen darauf, in ihre Mäntel gehüllt, aber küm⸗ iterten ſich wenig um uns, und erhoben nur einmal die Köpfe, ſtarr⸗ tin uns ſchläfrig an und legten ſie dann wieder nieder. geant machte eine Art von Bericht und trug etwas in ein Buch ein, welchen ich bisher„den an⸗ deren“ genannt habe, von ſeiner Wache fortgeführt wurde, um zuerſt n Bord zu gehen. Mein Sträfling ſah mich, jenes einzige Mal ausgenommen, ſicht an. Während wir uns in der Hütte befanden, ſtand er vor dem Feuer und ſchaute ſinnend hinein, oder ſetzte ſeine Füße abwech⸗ ſälnd auf den Kaminroſt und blickte nachdenklich darauf nieder, als wenn er ſie wegen ihrer jüngſten Erlebniſſe bemitlleidete. wandte er ſich nach dem Sergeant um und ſagte: „Ich habe in Betreff dieſer Flucht etwas zu bemerken, damit dicht etwa eine andere Perſon um meinetwillen in Verdacht gerathe. 1 „Ihr könnt ſagen, was Ihr wollt,“ erwiderte der Sergeant, atit unterſchlagenen Armen ihm gegenüber ſtehend und ihn kalt an— llickend,„aber Ihr habt keine Veranlaſſung, es hier zu thun. Ihr ſjerdet noch Gelegenheit genug haben, davon zu ſprechen und zu hö⸗ uin, ehe die Sache zu Ende iſt.“ „Das weiß ich, aber hier handelt ſich's um etwas Anderes. Ein —— Nur nicht gezö⸗ Wenn ich rückwärts Im Uebrigen aber umgab während ſie, Drei Der Ser⸗ Plötzlich (Menſch kann nicht verhungern; wenigſtens kann ich es nicht. Ich habe deßhalb einige Lebensmittel genommen,— dort drüben in jenem Dorfe, deſſen Kirche beinahe auf dem Moorlande ſteht.“ „Geſtohlen, wollet Ihr ſagen, nicht wahr?“ bemerkte der Ser⸗ geant. „Ja, und zwar aus dem Hauſe eines Hufſchmieds.“ „Halloh!“ rief der Sergeant, Joe anſtarrend. „Halloh, Pip!“ rief Joe, mich anſtarrend. „Es waren Ueberreſte,— weiter nichts,— ein Schluck Brannt⸗ wein und eine Paſtete.“ „Haben Sie dergleichen Dinge,— eine Paſtete, wie er ſagt vermißt?“ fragte der Sergeant vertraulich. „Ja, meine Frau, grade in dem Augenblicke, als Sie kamen. Nicht wahr, Pip?“ „So?“ verſetzte mein Sträfling, finſteren Blickes ſeine Augen auf Joe richtend, ohne mich jedoch anzuſehen,—„ſo, Ihr ſeid alſo der Hufſchmied? Nun, es thut mir leid, zu ſagen, daß ich Eure Paſtete gegeſſen habe.“ „Gott weiß, daß ich ſie Euch gönne,— ſo weit ſie mein war,“ l⸗ erwiederte Joe, ſich unwillkürlich an ſeine Frau erinnernd.„Wir wiſſen nicht, was Ihr verbrochen habt, aber möchten Euch darum doch nicht verhungern laſſen, armer Menſch!— Nicht wahr„ Pip?“ In dieſem Augenblicke ließ ſich wieder jener ſeltſame Laut in der Kehle des Mannes vernehmen, den ich ſchon früher gehört hatte, und er wandte ſich um. Inzwiſchen war das Boot zurückgekehrt und ſeine Wache bereit. Wir folgten ihm deßhalb bis an den aus rohen Pfäh⸗ len und Steinen errichteten Landungsplatz und ſahen ihn in das Boot ſchaffen, welches mit Sträflingen, gleich ihm bemannt war. Keiner derſelben war erſtaunt, oder froh, oder traurig, ihn wiederzuſehen, und Niemand ſprach ein Wort, außer daß eine brummende Stimme, als wenn ſie mit Hunden ſpräche, rief:„Angezogen!“ was das Zei⸗ chen zum Einſetzen der Ruder war. Beim Scheine der Fackeln ſahen wir die Galeere in geringer Entfernung vom Schlamme des Ufers wie eine verwünſchte Arche Noah’s liegen. Mit ſchweren, roſtigen Ketten befeſtigt und angeſchloſſen, ſchien es meinen jungen Augen, als wenn das Fahrzeug, gleich ſeinen Gefangenen, in Feſſeln läge. Wir ſahen das Boot beim Schiffe anlegen und den Sträfling hinauf⸗ ſteigen und verſchwinden. Dann wurden die Reſte der Fackeln in das Waſſer geſchleudert, wo ſie ziſchend erloſchen, als wenn nunmehr Alles mit ihm vorüber geweſen wäre. Sechstes Kapitel. Mein Gemüthszuſtand in Bezug auf die Veruntreuung, von der ich ſo unerwartet entbunden worden war, trieb mich an, ein offenes Geſtändniß abzulegen; aber dennoch glaube ich, daß dieſer Verſchloſ⸗ ſenheit etwas Gutes zu Grunde lag. In Bezug auf meine Schweſter erinnere ich mich nicht, die lei⸗ ſeſten Gewiſſensbiſſe empfunden zu haben, als mir die qualvolle Furcht vor Entdeckung abgenommen worden war. Joe aber hatte ich lieb, — in jenem jugendlichen Alter vielleicht aus keinem anderen Grunde, als weil der gutherzige Menſch mir erlaubte, ihn lieb zu haben,— und ihm gegenüber war deßhalb mein Inneres nicht ſo leicht beru⸗ higt. Als ich ihn zum erſten Mal nach ſeiner Feile ſuchen ſah, war ich nahe daran, Alles zu geſtehen; aber dennoch that ich es nicht, und zwar aus dem Grunde, weil ich beſorgte, daß er, wenn ich es that, mich noch für ſchlechter halten würde, als ich wirklich war. Furcht, Joe's Vertrauen zu verlieren und in Zukunft, wenn ich Abends in der Kaminecke ſaß, den für mich auf immer verlorenen Freund und Gefährten anſtarren zu müſſen, feſſelte meine Zunge. Mit ſchwerem Herzen dachte ich, daß, wenn Joe es wüßte, ich ihn nie wieder am Kaminfeuer mit ſeinem blonden Backenbarte würde ſpielen ſehen können, ohne glauben zu müſſen, daß er darüber grüble, Die —— 94 Feierſtunden. 1864. ——B;:O::-—:———————ðõ—õ- e————õB—Y—ℳ——¼⁰⁰⁰⁰ q y————-— — daß ich, wenn Joe es wüßte, ihn nie wieder, wenn auch nur zu- Sinn verſtand ich nicht richtig, denn, zum Beiſpiel, die Worte:„Ehe⸗ fällig, auf die vom vorigen Tage übrig gebliebenen und wieder auf frau des Obigen“, ſah ich als eine ſchmeichelhafte Hindeutung auf die den Tiſch gebrachten Speiſen, Fleiſch oder Pudding, blicken ſehen könne, Erhebung meines Vaters zu einer beſſeren Welt an; und wenn ir⸗ ohne zu denken, er überlege, ob ich wieder in der Speiſekammer ge⸗ gend einer meiner verſtorbenen Verwandten mit der Bezeichnung weſen ſei,— endlieh, daß, wenn Joe es wüßte und er in unſerem„unten“ erwähnt worden wäre, ſo würde ich mir ohne Zweifel eine häuslichen Beiſammenleben jemals die Bemerkung machen ſollte, ſein ſehr nachtheilige Vorſtellung von ihm gemacht haben. Auch meine Bier ſei dick oder ſchal, die Ueberzeugung, daß er Theerwaſſer darin Begriffe von den religiöſen Grundſätzen, welche der Katechismus mir vermuthe, mir alles Blut in das Geſicht treiben würde. Mit einem vorſchrieb, waren ſehr ungenau; denn ich erinnere mich deutlich, daß Worte, ich war zu feig, um das zu thun, was ich als recht erkannte, ich glaubte, das Gelübde,„dieſen Weg alle Tage meines Lebens zu ſowie ich auch zu feig geweſen war, um das zu vermeiden, was ich wandeln,“ mache es mir zur Pflicht, ſtets in einer beſtimmten Rich⸗ als unrecht erkannt hatte. Ich ſtand damals noch in keinem Verkehr tung von unſerem Hauſe durch das Dorf zu gehen und nie ſo weit mit der Welt und ahmte deßhalb keinem ihrer vielen Bewohner nach, davon abzuweichen, daß ich beim Stellmacher einbog oder an der welche auf ſolche Weiſe handeln, ſondern entdeckte dieſe Art des Han- Mühle vorüber kam. delns ohne alle fremde Hülfe und Anleitung.. Sobald ich das erforderliche Alter erreicht hatte, ſollte ich bei Da ich ſchläfrig wurde, ehe wir noch die Galeere weit hinter Joe in die Lehre treten, aber, bis mir dieſe Ehre zu Theil werden uns zurückgelaſſen hatten, ſo nahm mich Joe wieder auf ſeinen Rücken konnte, nicht, wie meine Schweſter ſich ausdrückte,„verhätſchelt“ wer⸗ und trug mich heim. Es muß keine ſehr angenehme Reiſe für ihn den. Ich war deßhalb nicht blos eine Art von Handlanger in der geweſen ſein, denn Mr. Wopsle, im höchſten Grade erſchöpft, befand Schmiede, ſondern wurde auch, wenn einer der Nachbarn eines Bu⸗ ſich in einer ſo übeln Laune, daß er, wenn die Kirche für ihn„offen“ ben bedurfte, um als Vogelſcheuche zu dienen, oder Steine zu ſam⸗ geweſen wäre, wahrſcheinlich die ganze Expedition in Bann gethan meln, oder ein anderes Geſchäft ähnlicher Art zu verrichten, mit die⸗ und mit Joe und mir den Anfang gemacht hätte. Als bloßer Laie ſen Aufträgen beehrt. Damit jedoch meine höhere Stellung darnnter jedoch beſtand er nur darauf, ſich in das feuchte Gras zu ſetzen, und nicht leide, ſtand auf dem Kaminſimſe der Küche eine Sparbüchſe, in zwar in ſo feuchtes, daß, als ihm ſpäter der Rock ausgezogen wurde, welche, wie ausdrücklich öffentlich bekannt gemacht worden war, Alles, um am Feuer getrocknet zu werden, ſeine Beinkleider einen unum⸗- was ich auf ſolche Weiſe verdiente, geworfen wurde. Ich vermuthe, ſtößlichen Beweis ſeines Thuns lieferten, der ihn ohne Zweifel an den daß mein Erwerb zur Tilgung der Nationalſchuld verwendet werden Galgen gebracht haben würde, wenn es ſich um ein Kapitalverbrechen ſollte, oder weiß mindeſtens ſo viel gewiß, daß ich keine Hoffnung gehandelt hätte. 3 hatte, jemals an dieſem Schatze perſönlich Theil zu nehmen. Während deſſen taumelte ich wie ein kleiner Trunkenbold in der Mr. Wopsle's Großtante hielt eine kleine Abendſchule, das heißt, Küche umher, nachdem ich, durch die Wärme des Zimmers, den hel⸗ ſie war eine lächerliche alte Frau, von ſehr geringen geiſtigen Mit⸗ len Schein und das laute Geſpräch aus dem Schlafe erwacht, wieder teln und vielen Gebrechen, die jeden Abend von ſechs bis ſieben Uhr auf meine Beine geſtellt worden war. Als ich, mit Hülfe eines der⸗ in Gegenwart der jungen Weſen einſchlief, welche wöchentlich zwei ben Stoßes zwiſchen die Schultern und der ermunternden Worte mei⸗ Pence dafür bezahlten, daß ſie dieſen belehrenden Anblick genießen ner Schweſter:„Habe ich je einen ſolchen Burſchen geſehen!“ zu mir durften. Sie hatte ein kleines Häuschen inne, deſſen obere Stube kam, hörte ich, daß Joe den Anweſenden die Bekenntniſſe des Sträf⸗ Mr. Wopsle bewohnte, wo wir Schüler ihn auf ſehr laute, würde⸗ lings erzählte, und daß alle Gäſte die verſchiedenartigſten Muth- volle und ſogar furchtbare Weiſe leſen und häufig auf den Fußboden maßungen darüber aufſtellten, auf welchem Wege er in die Speiſe- ſtampfen hörten. Es hieß, daß Mr. Wopsle die Schule vierteljähr⸗ kammer gelangt ſei. Mr. Pumblechook gelangte, nachdem er die Lo⸗ lich einmal examinire, allein es war nur eine Erſandnas Vn m — kalität in genauen Augenſchein genommen, zu der Anſicht, daß er Wirklichkeit that er bei dieſen Gelegenheiten nichts, als daß er ſeie⸗ zuerſt auf das Dach der Schmiede, von dort auf das Dach des Hau- Aermel hinauf ſtrich, ſich das Haar in die Höhe kämmte, und uns ſes geſtiegen ſein und ſich dann an einem aus ſeinem Bettzeuge ge⸗ die Rede des Marcus Antonius an Caltar's Leichname vortrug. Dann fertigten Stricke durch den Schornſtein hinabgelaſſen haben müſſe; folgte regelmäßig die Ode von Collins über die Leidenſchaften, in der und da Mr. Pumblechook immer ſehr beſtimmt in ſeinen Behaup⸗ ich ihn beſonders bewunderte. Es war damals mit mir noch nicht tungen war und in ſeinem eigenen Wagen fuhr, ſo wurde ihm von ſo, wie in ſpäteren Jahren, als ich ſelbſt in die Geſellſchaft der Lei⸗ allen Seiten Recht gegeben. Mr. Wopsle rief zwar mit der matten denſchaften gerathen war und ſie mit Collins und Wopsle verglich, Bosheit eines Ermüdeten wüthend„nein“; allein, da er weder Theorie zum Nachtheile der genannten beiden Herren. — ſzach jtder B luer Diebe, d at und Weiſe Gnlich aber f ſcherheit, etwa Eines Al nfel ſaß, ma Stande zu br nach unſerer und ſchon T mir auf den lang es mir werfen: qp, „Me Il H Offe Ich We SAm wOcten Beg dR JI LllStig maͤlch Es lag zu wenden, noch Ferga es als einer „Pip, Wend,„was „Jch n. Hand blicken Schrift doch „Wahrh in beſſeres O, Joe Ich ha hörtn, und macht, als grade dieſer Um deßhan ob ich bei 8 — Tabem aür ⸗ „a, „Das fſichend übe ſüri J und Ich leh 8 Zeigefi 1„Erſtau Aänerl⸗ noch Rock hatte und überdieß, mit dem Rücken vor dem Kaminfeuer Neben dieſer Erziehungsanſtalt betrieb Mr. Wopsle's Großtante ſtehend, um ſeine Bekleidung trocknen zu laſſen, furchtbar dampfte, in demſelben Zimmer auch noch ein kleines Krämergeſchäft. Sie hatte was keineswegs geeignet war, Zutranen zu erwecken,— ſo blieb er zwar keine Idee davon, was für Waaren bei ihr vorräthig waren, von Allen unbeachtet. und welchen Preis dieſelben hatten; allein ſie bewahrte in einem Kaſten Das war Alles, was ich an jenem Abende hörte, bis meine ſein kleines Notizenbuch auf, welches als Preiscourant diente, und Schweſter mich, da meine Schläfrigkeit ein beleidigender Anblick für nach deſſen Angaben Biddy*) die Handelsgeſchäfte verſah. Biddy war die Gäſte war, beim Arm packte und mit ſo kräftiger Hand in das die Enkelin von Mr. Wopsle's Großtante; in welchem Verwandt⸗ Bett brachte, daß es mir war, als wenn ich fünfzig Stiefeln an⸗ ſchaftsverhältniſſe ſie jedoch zu ihm ſelbſt ſtand, bin ich nicht befähigt hätte und mit ſämmtlichen gegen die Treppenſtufen ſchlüge. Mein anzugeben. Sie war, gleich mir, eine Waiſe, war auch mit der vorher geſchilderter Gemüthszuſtand begann, ehe ich am folgenden Hand aufgebracht worden und, wie es mir ſchien, beſonders bemer⸗ Morgen aufſtand, und währte noch lange, nachdem der Gegenſtand kenswerth in Bezug auf ihre Extremitäten; denn ihr Haar war ſtets ſchon vergeſſen war oder nur gelegentlich noch erwähnt wurde. ungekämmt, die Hände ungewaſchen, und die Schuhe zerriſſen und niedergetreten. Dieſe Schilderung beſchränkt ſich jedoch nur auf die. Wochentage; Sonntags ging ſie ſauber in die Kirche. Zum Theil durch meine eigenen Anſtrengungen, und mehr durch Biddy's Beiſtand als den ihrer Großmutter, arbeitete ich mich durch In jener Zeit, als ich auf dem Kirchhofe ſtand und die Inſchrif⸗ das Alphabet, als wenn es ein Dornbuſch geweſen wäre, wobei mich ten der Grabſteine las, reichte meine Gelehrſamkeit grade nur ſo weit,— um dieſelben nothdürftig buchſtabiren zu können. Selbſt ihrenn») Abtürzung für Bridget, Brigitta. Siebentes Kapitel. 1„Wie b un Prote R oer tach deſſe „Wir „Auf huch, a en,— t, ſich ſſant; iſt 1adc ſch 8 noch ſſind, d tuanf 11r vrte:„Ehe ing auf die d wenn ir Sezeichnung weifel eine luch meine smus mir utlich, daß nie ſo weit der an der lte ich bei heil werden ſchelt“ wer ger in der eines Bn⸗ A zu ſam. , WA die ing darunter parbüchſe, in war, Alles, ch vermathe. ndet werden e Hoffnung en. „das Raßt, aſtägen Mit s ſieben Uhr hentlich zus lcc genießen obere Stube zute, wuͤrdt⸗ en Fußbodin e vierteljähſ⸗ ug; daun in daß er ſeile te, und unns rtrug. Dann gaften, in der ir noch nicht haft der dir psle verglich Sie hattt cäthig waren⸗ einem Kaſten diente, und Biddy wal Bemnd nicht bifä hige auch 1. mit de nders bemer⸗ at war ſtet eriſ nnd nur ruf ft. n. zetet „Großtante durch durch — nich ——;—;—;ℳ;———————————; jedoch jeder Buchſtabe riß und kratzte. Dann fiel ich in die Hände jener Diebe, der neun Zahlen, welche ſich jeden Abend auf eine neue Art und Weiſe zu verſtellen ſchienen, um das Erkennen zu erſchweren. Endlich aber fing ich wirklich an, wenn auch noch mit großer Un ſicherheit, etwas zu leſen, zu ſchreiben und zu rechnen. Eines Abends, als ich in der Kaminecke mit meiner Schiefer⸗ tafel ſaß, machte Wich große Anſtrengungen, einen Brief an Joe zu Stande zu bringen. Es war meiner Rechnung nach ein volles Jahr nach unſerer Jagd auf dem Moorlande, denn es war lange nachher, und ſchon Winter, mit hartem Froſte. Während ein Alphabet vor mir auf dem Herde lag, um von Zeit zu Zeit hinein zu blicken, ge⸗ lang es mir in ein bis zwei Stunden, die folgende Epiſtel zu ent⸗ werfen: „MeIn lie BeR JO, Ich hOffe Du BIſt hOffe Ich We RDe dIr bAlD uNteRichT Ge BeN dAnn wOLten wIR uNS RechT fReuen Und WeNN Ich eRſt BeJ dIR In DeR LeHRe bIn, JIO, dAn wOLen wIR uNS muStig mAcheN. DeJN PIP.“ gANz wOhl— Ich kOe NeN IO uN D Es lag keine abſolute Nothwendigkeit vor, mich ſchriftlich an Joe§ zu wenden, denn er ſaß neben mir, und wir waren allein; aber den⸗ noch übergab ich ihm dieſes Schreiben, mit der Tafel, und er nahm es als einen wunderbaren Beweis von Gelehrſamkeit an. „Pip, alter Junge!“ rief Joe, ſeine blauen Augen weit aufrei ßend,„was für ein Gelehrter du biſt!“ „Ich möchte wohl einer ſein,“ ſagte ich, auf die Tafel in ſeiner Hand blickend, während mich die trübe Ahnung beſchlich, daß die Schrift doch etwas uneben ſei. 5 „Wahrhaftig, da iſt ein J und ein O,“ bemerkte Joe,„wie es kein beſſeres geben kann! Ja, da iſt ein J und ein O, Pip, und ein — O, Joe.“ Ich hatte Joe noch niemals mehr als dieſes einſylbige Wort leſen hören, und am vorigen Sonntage in der Kirche die Bemerkung ge⸗ macht, als ich zufällig unſer Gebetbuch verkehrt hielt, daß es ihm grade dieſelben Dienſte verſah, als wenn ich es richtig gehalten hätte. Um deßhalb dieſe Gelegenheit zu benutzen und mich zu überzeugen, ob ich bei meinem Unterricht ganz von vorn mit ihm anzufangen haben würde, ſagte ich: a, aber nun lies auch das Uebrige, Joe!“ „Das Uebrige, wie, Pip?“ erwiderte er, indem er langſam und ſiichend über die Schrift blickte.„Eins, zwei, drei. Ja, hier ſind drei J und drei O, und drei J— O, Joe's darin, Pip.“ Ich lehnte mich über ſeine nes Zeigefingers den ganzen Schulter und las ihm mit Hülfe mei⸗ Brief vor. „Erſtaunlich!“ ſagte Joe, als ich fertig war. lihrter!“ „Wie buchſtabirſt du Gargery, Joe?“ fragte ich mit einer beſchei— „Du biſt ein Ge⸗ denen Protektormiene. „Ich buchſtabire es gar nicht,“ entgegnete Joe. „Aber angenommen, du thäteſt es?“ „Es kann gar nicht angenommen werden,“ verſetzte er,„obgleich ich deſſen ungeachtet ſehr gerne leſe.“ „Wirklich, Joe?“ „Außerordentlih gern,“ wiederholte er.„Gib mir ein gutes Luch, oder eine gute Zeitung, und laß mich an einem guten Feuer zen,— dann verlange ich nichts weiter. Lieber Gott!“ fuhr er rt, ſ ſich die Knie etwas reibend,„wenn man dann an ein J und in O kommt und ſagt: Hier endlich iſt ein J— o, Joe,“ wie in aſſant iſt es, ſo etwas zu leſen!“ Ich ſchloß dargus, daß Joe's Ausbildung, gleich der der Dampf⸗ kaft, noch auf der Kinderſtufe ſtehe. Den Gegenſtand aber weiter ffolgend, fragte ich: Wiſt du jemals in die Schule gegangen, Joe, als du noch ſo hlin⸗ warſt, wie ich?“ Feierſtunden. die arme Seele, und hatte 1864. 9 „Nein, Pip.“ „Aber warum nicht, Joe?“ „Sieh, Pip,“ erwiderte Joe, indem er das Schüreiſen zur Hand nahm und, wie es in gedankenvollen Augenblicken ſeine Gewohnheit war, das Feuer langſam aufzuſtören begann,—„das will ich dir iagen. Mein Vater, Pip, war dem Trunke etwas ergeben, und wenn er zu viel hatte, hämmerte er unbarmherzig auf meine Mut⸗ ter. Es war faſt ſein einziges Hämmern, ausgenommen, daß er auch auf mich zuweilen hämmerte. Und er hämmerte mit einer Kraft, welche nur der gleich kam, mit der er an ſeinem Amboß nicht häm⸗ merte.— Hörſt du mich, und verſtehſt du, Pip?“ „Ja, Joe.“ „Die Folge war, daß wir, meine Mutter und ich, ihm mehrere Male entliefen; und dann ging meine Mutter auf Arbeit und pflegte zu ſagen:„Joe, jetzt ſollſt du mit Gottes Hülfe in die Schule gehen,“ und ſie brachte mich dahin. Aber mein Vater war von Herzen ſo gaut, daß er es nicht lange ohne uns aushalten konnte,— und dann kam er mit einem großen Haufen Menſchen, und machte vor dem Hauſe, wo wir wohnten, einen ſo furchtbaren Lärm, daß die Wirths⸗ leute gewöhnlich nichts mehr mit uns zu thun haben wollten und uns auslieferten. Dann nahm er uns nach Hauſe — und das war, ſiehſt du, und hämmerte auf uns, Pip,“ ſchloß er ſeine Rede, indem er mit der gedankenvollen Beſchäftigung des Feuerſchürens aufhörte,„das war für mein Lernen ſehr„Rachtheiligen „Gewiß, armer Joe!“ id reddi nicht, Pip,“ fügte er mit ein paar bedeutungsvol⸗ Schüreiſens auf den Kaminroſt hinzu,„um einem Jeden Beenhan widerfahren zu laſſen, mein Vater war doch ſehr 3 von Herzen, nicht wahr?“ Ich konnte das zwar nicht einſehen, aber ſagte es nicht. „Nun,“ fuhr Joe fort,„Einer muß den hal ten, Pip, ſonſt kocht er nicht,— habe ich Recht?“ as ſah ich ein, und ſagte es. „Al machte mein Vater keine Einwendung dagegen, daß ich Arbeit ſuchte, und ich ging auf Arbeit, in meinem jetzigen Handwerk, welches auch das ſeinige war, wenn er etwas hätte thun wollen, und iich verſichere dich, Pip, ich arbeitete hart. Mit der Zeit verdiente ich ſo viel, daß ich ihn ernähren konnte, und ich ernährte ihn, bis er vom Schlage getroffen wurde und ſtarb. Es war auch meine Abſicht, ihm einen Grabſtein zu ſetzen und darauf zu ſchreiben:„Wenn auch nicht ohne Fehler, ich ſag's mit großem Schmerz, ſo hatt' er doch, glaub's Leſer, ein grauſam gutes Herz.“ Dieſen Vers reritirte Joe mit einem ſolchen Stolze und mit einer ſo ſorgfältigen Betonung, daß ich fragte, ob er ihn ſelbſt gemacht habe. Topf im Kochen er⸗ „Ja, ich habe ihn ſelbſt gemacht,“ verſetzte Joe; in einem Augen⸗ blick war er fertig,— grade ſo, als wenn ich mit einem Schlage ein Hufeiſen gehämmert hätte. Nie in meinem Leben war ich ſo er⸗ ſtaunt,— ich mochte meinem eigenen Kopfe nicht trauen,— um die Wahrheit zu ſagen, ich konnte kaum glauben, daß der Vers aus mei⸗ nem eigenen Kopfe gekommen war. Wie geſagt, Pip, ich hatte die Abſicht, ihn auf einen Grabſtein ſetzen zu laſſen; allein Verſe, wenn ſie in Stein gehauen werden, koſten Geld, mögen ſie klein oder groß gehauen werden, und es unterblieb deßhalb. Abgeſehen von den Trä⸗ gern, mußte alles Geld, das wir entbehren konnten, auf meine Mut⸗ tter verwendet werden. ſammen. Sie war ſehr kränklich, und brach ganz zu Lange dauerte es auch nicht, dann folgte ſie meinem Vater, endlich auch Frieden.“ Joe's blaue Augen wurden etwas wäſſerig; er rieb erſt das eine, dann das andere, und zwar auf höchſt unbequeme Weiſe Knopf am oberen Ende des Schüreiſens. „Dann war es ſehr einſam hiex,“ fuhr zu leben, , mit dem Joe fort,„ſo ganz allein und ich wurde mit deiner Schweſter bekannt. Nun Pip,“ fügte er hinzu, mich feſt anblickend, als wüßte er, daß ich nicht ſei⸗ „Schon gut, Joe, denke nicht an mich.“ Feierſtunden. 1864. ——õ— —ͤ-----:--yr———-—————— ner Meinung ſein würde,„deine Schweſter iſt ein ſchönes Frauen⸗„Halt!“ rief er.„Ich weiß, was du ſagen willſt, Pip! Warte⸗ bild!“ einen Augenblick! Leugnen kann ich nicht, daß deine Schweſter zu⸗ Ich konnte nicht anders, als mit unverkennbaren, ſichtlichen Zwei⸗ weilen den Mogul über uns ſpielt,— uns Schlingen legt, und böſe feln in das Feuer blicken. über uns herfällt. In ſolchen Momenten, wenn ſie in dieſer Laune „Mag die Familie oder die Welt darüber fagen, was ſie will, iſt, Pip,“ fügte er flüſternd und mit einem ängſtlichen Blick auf die Pip,“ wiederholte er, nach jedem Worte mit dem Schüreiſen auf den Thür hinzu,„muß ich geſtehen, daß ſie ein„Dr— rache iſt.“ Kaminroſt ſchlagend,„deine Schweſter iſt— ein— ſchönes Frauens⸗ Dieſes Wort betonte er ſo, als wenn es mindeſtens zwölf D bild!“ am Anfang hätte. Ich wußte nichts Anderes zu erwidern, als:„Es freut mich,„Warum lehne ich mich nicht auf? Das wollteſt du fragen, als Joe, daß du dieſer Meinung biſt“. ich dich unterbrach,— nicht wahr, Pip?“ „Ja, mich freut es auch, daß ich dieſer Meinung bin, Pip,“„Ja, Joe.“ verſetzte er.„Hier oder da vielleicht etwas zu roth, oder etwas zu„Nun ſieh,“ ſagte er, das Schüreiſen von der rechten Hand in viel Knochen,— aber was frage ich danach?“ die linke legend, um ſich über den Backenbart zu ſtreichen,— eine „Wenn du nichts danach fragſt,“ bemerkte ich ſcharffinniger Weiſe, friedliche Beſchäftigung, bei deren Anblick mir jedes Mal alle Hoff— „wer hat dann danach zu fragen?“ nung ſank,—„deine Schweſter iſt ein großer Geiſt,— ein großer „Ganz richtig!“ beſtätigte Joe;„ſo iſt's! Du haſt vollkommen Geiſt!“ Recht, alter Junge. Als ich mit deiner Schweſter bekannt wurde,„Was iſt das?“ fragte ich in der Hoffnung, ihn zum Stehen zu ſprach man allgemein davon, wie ſie dich mit der Hand aufbringe. bringen. Allein Joe war ſchneller mit ſeiner Definition bei der Hand, Es ſei ſehr brav von ihr, ſagten alle Leute, und ich ſagte es mit als ich erwartet hatte, und brachte mich vollkommen zum Schweigen, ihnen. Und du,“ fuhr er mit einer Miene fort, als wenn er irgend indem er meiner Frage auswich und mit feſtem Blicke antwortete: kwas recht Häßliches und Widerwärtiges ſähe,„wenn du dir eine„Ja, ſie!— Ich aber bin kein großer Geiſt,“ fuhr er darau Worſi uim dadon machen köuntteſt⸗ uos Für Kim ſnnmerliühe kleine fort, nachdem er ſeinen Blick wieder von mir abgewendet hatte und Creatur du warſt, du würdeſt dich ſelbſt verachtet haben! mit der Hand zu ſeinem Backenbarte zurückgekehrt war.„Und end⸗ Nicht ſonderlich erbaut von dieſer Bemerkung, ſagte ich nur: lich, Pip,— und das ſage ich dir in vollem Ernſte, alter Junge,— d e d ene der Eder habe ich bei meiner armen Mutter ſo viel davon geſehen, wie ſich ein „Aber ich dachte an dich, Pip,“ erwiderte er mit ſeiner ſchlich⸗ Frauenzimmer plagt und ſchindet, ohne je Friede und Ruhe zu finden, ten Gutmüthigkeit.„Als ich deiner Schweſter meine Hand anbot, und bis ihr ehrliches Herz bricht, daß ich große Scheu habe, unrecht ge⸗ ſie bereit war, zu mir in die Schmiede zu kommen, ſagte ich zu ihr: gen eine Frau zu handeln, und lieber ſelbſt manches Unangenehme „Und bringe das arme kleine Weſen mit. Gott behüte es!e ſagte ich leiden will. Wollte Gott, ich wäre es allein, der es zu tragen hätte, zu deiner Schweſter, ‚für das wird auch noch Raum in der Schmiede Pip! Wollte Gott, daß es keinen, Tröſter' für dich gäbe, alter Junge, ſein!“ und daß Alles auf mich fiele! Aber ſo iſt es, und das wollte ich dir Ich begann zu weinen, bat Joe um Verzeihung und ſchlang mei⸗ ſagen, Pip, und ich hoffe, du wirſt Manches nachſehen.“ nen Arm um ſeinen Nacken, während er das Schüreiſen fallen ließ, 3.. mich gleichfalls umfaßte und flüſterte: 56 S zuic ich Roch war, ſo Aaichte doch in muir von jenen G—.. I Narne Abende au eine neue Bewunderung für Joe. Wir blieben, nach wie „Immer die beſten Freunde,— wir, nicht wahr, Pip? Weine 4 3. vor, auf gleichem Fuße ſtehen; aber wenn ich ruhigen Mo⸗ nur nicht, alter Junge!“ ten Ioe betrachtet d über ih chdach 4 Nachdem dieſe kleine Unterbrechung vorüber war, fuhr Joe fort: Gera Wof 1 3 g Wen feden a dr)— „Ja, ſiehſt du, Pip, nun ſind wir hier! Darauf kommt es un⸗ nunſe in mir, das Bewußtſein, daß ich e. gefähr hinaus,— hier ſind wir! Wenn du mich nun aber im Ler⸗ nen vornehmen willſt,— ich ſage dir vorher, daß ich einen ſehr ſchwa⸗ chen Kopf, einen ſchrecklich ſchwachen Kopf habe,— ſo darf meine Frau nicht zu viel von dem ſehen, was wir vor haben. Es muß ſo zu ſagen, verſtohlen geſchehen. Und weßhalb verſtohlen? Ich will es dir ſagen, Pip.“ Er ergriff wieder das Schüreiſen, ohne welches er, wie ich glaube, chool's Gaul nicht etwa auf Eis getreten und geſtürzt iſt.“ in ſeinen Erklärungen nicht hätte fortfahren können. „Deine Schweſter hat eine große Neigung für die Regierung. „Eine große Neigung für die Regierung, Joe?“ wiederholte ich 3 3 5 76 iti und ſtutzte, während eine dunkele Idee(ich möchte faſt ſagen Hoff⸗ ing, und Mrs. Joe befand ſich auf einer dieſer Erpeditionen. nung) in mir aufſtieg, daß Joe ſich zu Gunſten der Miniſter von ſei⸗ ner Frau wolle ſcheiden laſſen. Joe,„womit ich ſagen will, daß ſie gern dich und mich regiert.“ „Ja ſo, nun verſtehe ich!“ Rebell. Verſtehſt du?“ leid bei ihnen zu finden. „Ich wollte mit einer Frage antworten, und war bis zum erſten Worte„Warum“ gekommen, als Joe mich unterbrach. Glockenſpiel!“ (Fortſetzung folgt auf S. 129.) Hierh Maggiore ſelbe Fem tann mar deren Gr Grund?: kannten? fen zur; dem Inner nach dr4 „Uebrigens,“ ſagte Joe, indem er aufſtand, um friſche Kohlen auf das Feuer zu ſchütten,„unſere Wanduhr will ſchon acht ſchlagen, und ſie iſt immer noch nicht da! Ich hoffe nur, daß Onkel Pumble⸗ Mrs. Joe machte an Markttagen zuweilen Ausflüge mit Onkel Pumblechook, um ihm beim Einkaufe derjenigen häuslichen Bedürf⸗ niſſe behülflich zu ſein, welche das Urtheil und die Auswahl einer „ Frau erheiſchten; denn Onkel Pumblechook war unverheirathet und traute ſeiner Hausmagd nicht. Der erwähnte Tag war ein Markt⸗ Joe ſchürte das Feuer und kehrte den Herd ab, und dann traten G wir an die Hausthür, um auf den Wagen zu horchen. Das Wetter „Sie hat eine große Neigung für die Regierung,“ wiederholte war kalt und trocken an dieſem Abende, der Wind blies ſcharf, und ſtarker Reif lag. Ein Menſch, der dieſe Nacht auf dem Moorlande zubrächte, müßte umkommen, dachte ich, und ſchaute dann zu den „Und hat nicht gern Gelehrte im Hauſe,“ fuhr Joe fort;„und Sternen auf und malte mir im Geiſte die Idee aus, wie ſchrecklich würde es namentlich nicht gern ſehen, daß ich ein Gelehrter würde, es für Jemanden, der langſam erfror, ſein müſſe, ſein Geſicht zu den — aus Furcht, daß ich mich gegen ſie auflehnen könnte,— wie ein Myriaden von Geſtirnen empor zu richten und keine Hülfe, kein Mit⸗ „Jetzt kommt der Wagen,“ ſagte Joe,„und klingt wie ein Spanien,) ſteht und auf die an geebt, ve nicht gelo angeſproe am Tage ewigen, ihn daher tue ſtand. er ſich rec ſimmten nicht wen Hoffnung „D vor ſich hier neb hindert Krüppel auf's 96 Hallont lich nach No Miſſerie urob erf ſo ſch er di dort luch erke Pipl Parte Schweſter zu egt, und böſt dieſer Laum Blick auf die iſt.⸗ ens zwölf D ſragen, als cſten Hand in ichen,— eine Nal alle Hoff — ein großer im Stehen zu bei der Hand, a Schweigen, andworke: fuhr er daraui ndet hatte und ar.„Und end alter Junge,— n, wie ſich ein uhe zu finden d, Wcht ge⸗ Unangenehm u tragen hätt e, alter Junge wollte ich dt n.“ nr von jenen teben, nach wi higen No Feierſtunden. 1864. 97 —————B:B—:B————; Italia liberata. (Fortſetzung zu S. 79.) Hierher nun nach der beſagten Kirche Sancta Maria„Excellenza,“ erwiederte iſt r Maggiore wandte ſich der Marcheſe Cialdini, und da die⸗ Vettlererande war in der Lean an ennder Main de ſelbe ziemlich weit von ſeiner Wohnung entfernt lag, ſo uns wohl bekannte Räuber, der die Gräfin Felicitas 9 kann man ſich wohl denken, daß er ſie nicht ohne beſon⸗ führt und in der Casa inglese gefangen gehalten hatte) deren Grund aufſuchte. Welches war nun aber dieſer äußerſt ruhig,„ein Schuft verſpricht mehr als er k 5 Grund? Vielleicht ein Stelldichein mit irgend einem Unbe⸗ ich bin aber bereit, Ihnen von neuem meine Dienſte zu kannten? Kaum wahrſcheinlich, denn nachdem er die Stu⸗ widmen, vorausgeſetzt natürlich, daß Sie honett dafür de fen zur Hauptfagade erſtiegen hatte, ging er keineswegs zahlen und kein Mord an einem Prieſter von mir verl t nnn Sunerſ der Nuih zu ſ nn wandte ſich vielmehr rechts wird.“ anang nach der Bronze tatue König hilipps des Vierten von„Und wo kann ich dich allei Spanien, welche zur Seite der ſogenannten Porta sancta Jemand ſieht und zihen Hadi diheg ehidenem ſteht und von der aus dann wieder eine Reihe von Stufen bar die Möglichkeit, hier im Zwiegeſpräch mit einem ſo auf die andere Seite des Platzes, welcher die Kirche um- verrufenen Menſchen, als Battiſta war, getroffen zu wer⸗ giebt, hinabführt. Bis hieher konnte er aber natürlich den, nicht wenig genirte. 4 4 3 nicht gelangen, ohne mehr als zehnmal um ein Almoſen„Wo anders als hier?“ erwiederte Battiſta Treten angeſprochen worden zu ſein, denn ſo früh es auch noch Sie gefälligſt hinter die Statue, ſo können wir ſo heim⸗ am Tage war, ſo hatten ſich doch ſchon nicht wenige der lich plaudern, als wären wir in einem Beichtſtuhle u⸗ ewigen„Miſericordia⸗Rufer“ eingefunden, und es koſtete ſammen; denn ſehen Sie, der Beppo ſteht Wache und ibt ihn daher manchen halben Paolo, bis er oben an der Sta⸗ uns ſogleich ein Zeichen, ſobald ein Unberufener ſich naht 4 tue ſtand. Kaum jedoch war er hier angekommen, ſo ſah Ohne ein Wort zu erwiedern, ſtellte ſich Marcheſe er ſich rechts und links um, wie wenn er allda einen be⸗ Cialdini hinter die Statue, welche ſeine Perſon vollſtändi ſtimmten Jemand zu finden gehofft hätte, und es lag barg, und bald war er mit dem Banditen, der ihm di nicht wenig Enttäuſchung in ſeinem Geſichte, als er ſeine mittelbar nachfolgte, in einem geheimnißvollen Zuſammen⸗ Hoffnung nicht im Augenblicke erfüllt ſah. flüſtern begriffen, das, obwohl es ganz leiſe geführt wurde „Der Schuft von Battiſta,“ murmelte er halblaut beide Theile im höchſten Grade in Anſpruch zu nehmen vor ſich hin,„ſagte mir doch, daß er den ganzen Tag ſchien. Es dauerte übrigens nicht allzu lange denn ſchon hier neben der Statue zu finden ſei und wenn er je ver⸗ nach zehn Minuten ſtreckte Battiſta ſeine rechte Hand aus hindert wäre, ſo würde ich ſtatt ſeiner den Beppo, den um von dem Marcheſe eine, wie es ſchien, ziemlich gefüllte bie vhn Meine, teeffen⸗ dallehui meine Botſchaft Börſe in Empfang zu nehmen. 2 3 an getreueſte ausrichten werde; allein ſo wie man dieſer„Es gilt, Excellenza,“ ſagte r Räuber ziemli Hallunken benöthigt iſt, ſo darf man ſicher ſein, vergeb⸗ laut.„Hunderr Skudi zum 36 e bed anei lich nach ihnen zu fahnden.“ dert, wenn ich den engliſchen Ketzer abgefertigt habe.“ z friſche Kohſt n acht ſchlagtn Onkel Pumbee iſt.“ lüge mit Oult lölichen Bedüt Auswahl ein verkeirathet 1 wor ein Mo itionen⸗ nd dann trabe Das Wette tin? Hüͤlfe/ lng 1 wi it Noch hatte er kaum ausgeſprochen, ſo ertönte das„Ich hoffe, daß du deine S eſſer „Miſericordia, Signore“ ſo dicht neben ihm, daß er faſt als das Nehufföß daſ erwiederte he ieendi teſ gnacſß darob erſchrocken wäre, und wie er ſich nun umſchaute, allen Seiten umſchauend, ob ihn Niemand beobachte. ſo ſah er am Fuße der Statue zwei zerlumpte Geſtalten,„Sein Sie ganz ruhig, Excellenza,“ lachte Battiſta die dort im Schatten des Monuments verborgen lagen.„Wen ich treffen will, den treffe ich und Ihr Feind iſt Auch krouat 3 die 3— deſelden alſobald, da ihr beide ſchon ſo gut wie todt.“ eine gleich unter dem niegelenke abgenommen waren.„Ich verlaſſe mich auf dich,“ verſetzte der 8„Du biſt Beppo, der Krüppe ,“ rief nun Marcheſe„aber nimm oſtene m zu keich, ſehin er a heſ⸗ ialdini, dem Bettler erfreut einen ganzen Paolo zuwer⸗ Waffen bei ſich. Du wirſt alſo wohl daran thun, einige d„allein ich möchte nicht dich,“ ſetzte er gleich darauf Kameraden mit dir zu nehmen und den Zeitpunkt genau fiſeofliſten hinzu,„ſondern deinen Freund Battiſta abzupaſſen, wenn er unter dem Portale der Kirche San duchen annſt du mir ſagen, wo er ſich im Augenblicke Carlo hervortritt. Verwechſeln kannſt du ihn nicht, wenn 1 ta denn meine Sache hat Eile! 1 du dir meine Beſchreibung genau gemerkt haſt.“ 21 zernen einent Cchüisheiliden, lachte jetzt die zweite„Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich,“ verſicherte noch— veuian npden Heſta ten,„habe ich mich denn, ſeit ich mals der Bandit.„Die Dame, in deren Geſellſchaft er wriunvert en ha t von Bologna hierher verlegte, ſo ſehr ſich befindet, kenne ich ja gut genug, und wenn ſie auch iind deihe ndaenuch Excellenza nicht mehr erkennen? Es zehnmal in eine Kammerzofe verkleidet iſt, ſo habe ich mir Cnnnn eit wenig chen w. ihre Geſichtszüge doch allzu genau gemerkt, als daß ich mich che ha lihon no n er karcheſe heftig.„Ich je in ihrer Perſon täuſchen könnte. Alſo die Zeit nach dem ſot, heh du nitrot er Lumpen, die du auf dir liegen Angelus und der Platz der Porticus vor San Carlo, oder duſt, dir Gs ſchehte Batiiſt biſt; aber ſprich mir nicht wenn's dort nicht geht die Via Condotti,— bei meinem wwuuginn ſorden 1) kie der ldi dich ſo erbärmlich feig Schutzpatron, die hundert Skudi, welche ich noch zu bekom⸗ unn n 15 u 1 vie mehr Antwort, ob du bereit men habe, ſind ſchon ſo gut, als mein.“ ad 55 n e Unternehmen die Scharte wieder aus⸗ Sie trennten ſich. Der Räuber legte ſich wieder auf lun ben, die deinen Namen ſo ſehr mit Schande bedeckt ſeine alte Stelle neben den Krüppel Beggo und plauderte Felertunden. Sao mit dieſem ſo vergnüglich weiter, daß ein in das Banditen⸗ 98 weſen Roms Uneingeweihter unmöglich hätte glauben kön⸗ nen, der Burſche habe ſoeben einen Akkord über einen Mord abgeſchloſſen; der Marcheſe Cialdini aber ſprang leichten Trittes die Stufen von Sancta Maria Maggiore hinab und verlor ſich abermals in den Straßen der Welthaupt⸗ ſtadt. „Der Tag iſt ein glücklicher,“ murmelte er für ſich hin,„denn kein Menſch hat mich geſehen, wie ich mit dem Battiſta ſprach, und daß derſelbe ſeine, Schuldigkeit thut, darüber brauche ich nicht in Sorge zu ſein. Er alſo, Er, den ich ſo ſehr haſſe, wäre ſo gut wie beſeitigt, und wenn auch die theure Felicitas“, ſetzte er höhniſch lächelnd hinzu, „vor Schrecken umſinkt, weil man den Geliebten ihr zur Seite erdolcht, ſo wird ſie ſich doch in das Unvermeidliche niederhing; ſonſt aber deutete zu finden wiſſen. Ja, bei der Hölle,“ fuhr er darauf mit wildem Blicke fort,„ſie wird, und wenn ſie nicht will, ſo muß ſie, denn ſobald ſie erſt meine Gattin iſt, ſo werde ich ihr zeigen, daß ich der Herr bin. Aber— das Werk iſt nur erſt halb gethan, und ich darf wahrhaftig keine Zeit verlieren, um über alle meine Feinde zu trium⸗ phiren. Vorwärts Carlo Cialdini, vorwärts zu Seiner Eminenz, dem Kardinal Doria, dem Haupte der Familie Belgiojoſo! So frühe es auch noch am Tage, ſo wird er mir doch eine Audienz nicht verweigern, wenn er hört, um welch' Wichtiges es ſich handelt.“ Der Palazzo Doria iſt nicht blos jedem Rönier, ſon⸗ dern auch jedem Fremden, der Rom nur auf kurze Zeit beſucht hat, hinlänglich bekannt. Er zeichnet ſich nämlich nicht blos durch ſeine Lage am Corſo, alſo im belebteſten Theile der Weltſtadt, ſowie durch ſeine impoſante Größe und feſte Bauart, ſondern noch mehr durch die großartige und faſt unſchätzbare Gemäldeſammlung aus, welche ſeine weiten Räumlichkeiten füllt, und es verabſäumt es daher kein Kunſtfreund, ſich in die dortigen Gallerien führen zu laſſen. Gibt es doch da Portraits und Bilder von Titian, Feierſtunden. 1864. von Rubens, von Paul Veroneſe, von Albrecht Dürer, von Raphael und von Correggio, während die Maler zwei⸗ ten Rangs ohnehin in großer Anzahl vertreten ſind! Doch wir haben keine Zeit, uns mit derlei Schilderungen aufzu⸗ halten, ſondern müſſen unſere Geſchichte weiter verfolgen, und kehren daher zu dem Marcheſe Cialdini zurück. V Es mochte etwa Morgens neun Uhr ſein, als derſelbe vor dem Palazzo Doria anlangte, in welchem der Kardinal gleichen Namens einen Seitenflügel bewohnte. Offenbar übrigens war Cialdini mit den Lokalitäten ſchon von früher her bekannt, denn er wandte ſich, nach kurzem Zwiegeſpräch mit dem Portier, der das Erdgeſchoß neben dem Haupt⸗ portale bewohnte, fand hier im zweiten Stocke mit leichter Mühe das Zim⸗ mer des erſten Kammerdieners Seiner Eminenz. „Ich muß den Herrn Kardinal ſprechen,“ ſagte er zu dem vertrauten Lakaien, demſelben ein ſchweres Goldſtück in die Hand drückend. „Seine Eminenz empfängt noch nicht,“ erwiederte die⸗ ſer lächelnd,„aber ich will ſehen, ob mit Ihnen keine Ausnahme gemacht wird.“ „Warten Sie,“ verſetzte der Marcheſe.„Ich will ein paar Worte auf meine Karte ſchreiben, welche meiner Bitte ohne Zweifel ſehr zu Hülfe kommen werden.“ Er ergriff Tinte und Feder und notirte auf der Rück⸗ ſeite ſeiner Karte einiges Wenige in franzöſiſcher Sprache, welche, wie er wußte, dem Kammerdiener unbekannt war. Damit verfügte ſich der Letztere nach den Zimmern des eine ſchmale Treppe links hinauf, und Kardinals, kehrte aber ſchon nach wenigen Minuten wieder, — ———————;——ꝓ um dem Marcheſe zu bedeuten, daß ſein Beſuch willkom⸗ men ſei. Der Kardinal war ein ſchon ſehr alter Mann mit offenbar gebrechlichem Körper, denn wenn er ging, ſo mußte er ſich auf einen dicken Stock ſtützen, und ſeine Bruſt hatte unter einem immerwährenden kurzen Hüſteln, das ſeinen ganzen Leib erſchütterte, zu leiden. Deſſenungeachtet ſchien ſein Geiſt noch äußerſt friſch zu ſein, und wenn auch ſeine Geſichtszüge eingeſchrumpft waren, ſo leuchteten doch ſeine Augen in noch faſt jugendlichem Feuer. Er ſaß in einem hohen Lehnſeſſel, als der Marcheſe eintrat, und ſeinen mageren Leib umhüllte ein ſchlafrockartiger Pelz, von dem ein großes goldenes Kreuz, das Zeichen ſeiner Würde, her⸗ Nichts darauf hin, daß man in ihm einen der erſten Kirchenfürſten Italiens und der katholiſchen Welt vor ſich habe. „Sie haben,“ eröffnete der Kardinal nach der Entfer⸗ nung des Kammerdieners das Geſpräch, indem er dem Marcheſe einen Wink gab, ſich einen Stuhl neben ihm zu nehmen;„Sie haben mir äußerſt wichtige Eröffnungen zu machen, Eröffnungen, welche ſowohl den Staat und die Kirche, als auch meine eigene Familie betreffen.“ „Ja, Eminenz, das habe ich,“ erwiederte der Mar⸗ cheſe ehrerbietig.„Aber ehe ich zu dieſen Eröffnungen ſchreite, möchte ich Eure Eminenz mit einigen wenigen Worten über mich ſelbſt behelligen.“ „Sprechen Sie, Marcheſe,“ verſetzte der Kardinal in jenem überlegenen Tone, welcher die Mitte zwiſchen Herab⸗ laſſung und Wohlwollen hält.„Sprechen Sie ohne Scheu, wie es Ihnen um's Herz iſt.“ „Eure Eminenz kennen den Namen, den ich trage, ſowie auch die Verhältniſſe meiner Familie,“ fuhr der Mar⸗ cheſe fort,„und ich denke, daß ſich...“ „Daß ſich nichts gegen Beides einwenden läßt,“ er⸗ gänzte der Kardinal, als der Marcheſe hier ſtockte.„Ge⸗ wiß gehört der Name Cialdini zu den ehrenwertheſten in Italien.“ „Und was meine Beſitzthümer anbelangt,“ ſprach der Marcheſe weiter,„ſo dürften nicht viele junge Adelige die⸗ ſes Landes hierin mit mir concurriren können.“ „Auch dagegen wird ſich nichts einwenden laſſen,“ meinte der Kardinal kaltblütig, als ſein Beſuch hier aber⸗ mals inne hielt;„aber warum ſagen Sie mir dies Alles?“— „Eure Eminenz haben es noch nicht errathen?“ rief jetzt der Marcheſe eifrig.„Eure Eminenz ſollten nicht wiſ⸗ ſen, daß ich um Ihre Großnichte, die Gräfin Felicitas, werbe, deren Hand machen würde?“ 23 „Aber, Marcheſe,“ entgegnete der Kardinal noch kalt⸗ blütiger, als zuvor,„meinen Sie nicht, daß eine ſolche Werbung beſſer bei Felicitas ſelbſt oder doch wenigſtens bei ihrer Mutter angebracht wäre?“ „Gewiß, gewiß, Eminenz,“ rief der Marcheſe, nicht ohne tiefe Verlegenheit,„allein die beiden Gräfinnen ſchei⸗ nen eine vorgefaßte Meinung gegen mich zu haben, und da Eure Eminenz der älteſte männliche Verwandte oder vielmehr der Familienälteſte ſind, ſo— ſo...“ Hier ſtockte er abermals und ſeine Augen ſuchten den Boden, während der Kardinal ihm einen durchdringenden Blick zuwarf. „So ſoll ich Ihnen das Mädchen durch einen Macht⸗ ſpruch zur Gattin geben?“ ſprach nun nach einer Pauſe der Letztere, ohne ſeinen Ton auch nur im Geringſten zu mich zum Glücklichſten aller Sterblichen widerum gefälligſt El den Kopf erhob,„ unferer hei Vertrauen gen, daß aufrecht er das blabe „Ge indem er deutete. „N wichtigen ſein, daß ren hat, ſowohl, a ſetzen; är und Mo⸗ „5 kreuzigen müſſen! „L Marche und die um dan aber, iinen Th ich von d dung, de dvolutione nun der D„ Denunci kom⸗ mit nußte hatte einen chien ſeine ſeine wnem einen dem 5 0 Feierſtunden. 1864. 99 —.ꝛ—— ies iſ i 1 ⸗Kardinal ſo ſprechen hörte, denn man hätte faſt meinen andern. Lunih waht dies i Ihrr Meinnh Pen Di audin 6 5 deine gewiſſe Ironie in dieſen Mowen. eſe Eiaſdin, 4 1 1 allein als er nun dem alten Manne in's Geſicht ſah, konnte „d ſnill niht Leidden richerted Enne whn ar anch nicht die geringſte Veränderung in demſelben wahr⸗ funns dl inlgt,„is,ichp en de ſe wil erhühler Stimme nehmen, ſondern Seine Eminenz zeigte vielmehr ganz die⸗ nenz es angeben diee fult bun 119 rnen Ja verdie⸗ ſelbe ruhige Würde wie zuvor. Ueberdies war nicht der fort, ich win dieſen Machiſdauh Die ſte die 6 wohl Kardinal ſchon„als ſolcher“ über jeden Verdacht, als könnte nen wiil ich ihu⸗ nde dum c 2.n eer mit der revolutionären Partei ſympathiſiren, erhaben? ſo Rel wertn ſ Beeimetaahr ſe,“ meinte der Car⸗ Somit beruhigte ſich der Marcheſe alſobald wieder, in der „iih Verſnle Sie richiſonm Res ſein Beſuch hier feſten Ueberzeugung, daß Seine Eminenz es gerade ſo meine, dinal äußerſt ruhig und kaltblütig, vitte daß Sie ſich wie ſeine Worte lauteten.„Wenn ich,“ erwiederte er nun wiederum eine Paſe machte.„Ich bitte, 9 nach einigem Beſinnen,„wenn ich mich zum Beu Kar⸗ geräligſt wüßer e nan⸗ b rdinalſtaatsſekretär verfügte, um dieſem meine Anzeige zu „Cure Eminenz, ſprach n d Nerheſrud ruffir mahene in wände ich i Augenblicke verrathen ſein, denn dan Kopſ ſuſ uninien ſeiun Wdeui 5 hſten Würdeträger meine bisherigen Genoſſen belauern alle meine Schritte und erhode ende Emne ind un der hucft ſetzt das größte Tritte. Mein Beſuch bei Ihnen, Eminenz, dagegen erregt anſer heiligin Finche⸗ a Seinede c Alles daran lie⸗ keinen Verdacht, weil man glaubt, er gelte nicht dem Kar⸗ Verltaun Gine 8 mnihn der id ne in Italien dinal, ſondern dem Großohm von Felicitas Belgiojoſo. den, ban die deſtchund beßn b irchenſtaat I tte jedoch noch einen ganz beſonderen Grund, wa⸗ aufrecht erhalten mhere⸗ beſonders aber daß der Kichenint deh hhn ſu ahtn n Febeſne dhu md das bieite, wan aine Kardi it ernſter Würde, Eure Eminenz haben einen Großneffen, den Bruder von „Gewiß⸗ euigegnate der Kardittat muit kriſur Fade Turriſas enphe Der junge Mann iſt ebenfalls Mit— uidem er zugleich ai das Kreun wamndn* glied der Carbonaris, und ich habe Grund zu glauben, daß en 4 1 ſe in äußerſt er aus ſeiner Verbannung zurückkehrte, um ſich an der adud kann en 4—e, irhe 4 Weauaſaglun in arſ ieſnndn jener Verzweifelten zu betheiligen. Ja ich wichtidem Fone funt. Funten Feirt, Relche ſich verſchwo⸗ weiß ſogar gewiß, daß er zurückgekehrt iſt, und ſelbſt das den, baß win dhehme 5 Ktirn erfen und den Pabſt Geheimniß ſeiner verborgenen Wohnung kenne ich. Ein iuachai⸗ dusde hde ianinarumandehn Italiens abzu- Wort von mir alſo und die päbſtliche Gendarmerie faßt ſowohl, ale, dn anache Kichen i ihn den Oeſtreichern auszuliefern.“ ſebenz enns Pardienugfhe, ſuhn en jhenen Vnn. nit gin ihr⸗ unihdiden Lai Waua Sie ausſprechen, falls ich und Mord voranzugehen, ud niiht 5 Altür- in den Ihnen die Hand meiner Großnichte nicht zuſage?“ verſetzte 85 llis 1 ii vn Shpnen anih di 4 der Kardinal in demſelben ruhigen kalten Tone, wie 5 Lüüla wun netaipnce a ri r Kardi ſi ⸗ Doch mochte es in ſeinem Innern nicht ganz ſo kalt eHelig Mufte Gotadlt de Aande arſe un ln rihnhamnhen. denn ſeine Hände, mit denen er ſeinen keendiende znai ſolii riluces ſo Stock hielt, zitterten merklich, und unter ſeinen Augen üſſen?“ 5, e, T. Wile 1 ſt jeder See müſſ„So wird es unbezweifelt kommen,“ berüftſote di Lade ſohewenene rother Fleck, der ſich mit jede Morcheſeg whene der I Knrite du teien Jens aſ hraſe Ich weiß nicht,“ wie Eure Eminenz auf dieſen Ge⸗ nd dis Hünpin den Pe ſchwimwidnh imachen Ich danken kommen,“ ſtotterte der Marcheſe, abermals auf's unn damit dia mdt, donir den. de i§ Aeußerſte betroffen.„Ich wollte vielmehr etwas ganz An⸗ e⸗ Hher darinnt⸗ keue düner 1 eandi äne derzenſeelet Ohne Zweifel nämlich dürfte die päbſtliche ünen e hei derſilden⸗ 8 uin tun 1 der einzigen Bedin⸗ wie die Wiener Regierung Urſache haben, für meine Mit⸗ ih von de er uemn wa⸗ 5' Weib mcde theilungen über die Geſellſchaft der Carbonari äußerſt dank⸗ Sung, diß Jeliatae Beiceieſe ttglied jener eheimen Re⸗ bar zu ſein, und Eure Eminenz könnten ja die Begnadi⸗ l aöunt find lche Keleſt enitdni hibr?⸗ ſprach duun des jungen Alfred Belgiojoſo als Bedingung für die acht en andread lhem. rrückt auf 2 ng der Namen der Carbonarihäupter feſtſetzen.“ nun der Amdifal⸗ ſeine klugen Augen unverrückt auf den Raidun drr iind ang iumd dumhir eine rbrige⸗ Dennkirnten heſt uͤe ieder 9 rcheſe, in⸗ Blick zu, wie um das tiefſte Inneng ſeiner Seele zu ;25 win mi d 15 en ddicß ne Marheſende ernenndiut dann ſchloß er die Augen und verſank einen dun ſen i zunſllreüi bhen ſihan 5 derjenige ſein Augenblick lang in tiefes Nachſinnen.„Marcheſe Cial⸗ Bedi 3 5 85 debelna deſeaneden Geſellſchaft din, ſprach er darauf in der bisher gewohnten Weiſe, uen unſ deier ſtbaer Anuelte ie beſtehe ie Hand meiner Großnichte ſei Ihnen hiemit zugeſagt, verrüih Aber aus treuer Anhänglichkeit gegen die beſtehende minichens euuet en nch 3 deerfen tudeſadt r Dos hriß äußerſt r Ihr äußerſt wichti Mittheilungen betrifft, ſo ißt,“ rbr. zerſt aber Ihre ſo äußerſt wichtigen Mittheilung 5 heübte aalerüracleihns delg amſe e Hewine iſt 18 lir ſis Deil der Kirche und des Staats durchaus un llen 2 Hud bisherigen Genoffen! dem Strange nothwendig, daß ſie Seine Eminenz der Kardinalſtaats⸗ uberliefern. Eut, herr ſe, Si ein ſekretär in eigener Perſon aus Ihrem Munde in Empfang dune Leoha d Venr Muncheir⸗ lei ſardaneie Cn ſehna Van igſ rſen es ſich jedoch, daß Sie Seine lharr dn Sshin dern iſeheemn den ordinalſtaatsſetretär, Eminenz nur ganz insgeheim und im Verborgenen ipuchen wichem die iche Regi irchenſt übertra⸗ dürf ſonſt wäre Ihre Sicherheit, wie Sie vorhin welchen die Welkliche Regierung ds Kiß enſtnanenain ie düßlen addutelan, noiſmwerdig euhrdhe— Ich werde daher gen iſt. Alſo dülen 1is⸗ Bun Denuihiſs eeigneter Stelle, eine dritte Perſon beauftragen, eine Zuſammenkunft zwi⸗ dir Bie dern unn aedrinn woüüten 3 3 ſchen Ihnen und dem Herrn Kardinalſtatsſekretär zu ver⸗ was Sie ſoebe.) Main inalſ tär Der Marcheſe war nicht wenig betroffen, als er den mitteln, und dieſe dritte Perſon iſt ſo amerdüchtig⸗ daß „ ☛ 100 Feierſtunden. 1864. ——õ—⏑ℳÿℳõõ—————õr——y—————— Sie ſie ganz offen und ungenirt vor aller Welt aufſuchen ſofort das Nöthige mittheilen, damit er weiß, was Sie dürfen. Kennen Sie den berühmten Kanzelredner Pater von ihm wollen.“ Iſidoro, von dem gegenwärtig ganz Rom ſpricht?“„Und darf ich mich ihm vollkommen anvertrauen?“ „Ich kenne ihn nicht perſönlich,“ erwiederte der Mar⸗ fragte der Marcheſe. cheſe,„aber ich habe ſchon viel von ihm gehört. Es iſt„So vollkommen, wie mir ſelbſt,“ erwiederte der Kar⸗ doch derſelbe Kapuzinerpater, welcher das eine Mal da, das dinal mit einem eigenthümlichen Zucken ſeiner dünnen blut⸗ andere Mal dort öffentlich auftritt und durch ſeine feurigen loſen Lippen. Predigten überall das größte Aufſehen erregt?“ Damit hatte die Unterredung ein Ende und der Mar⸗ „Es iſt derſelbe,“ verſetzte der Cardinal.„Suchen cheſe Cialdini verabſchiedete ſich von dem Kardinal voll Sie ihn heute Mittag um zwölf Uhr im Kloſter des Or⸗ froher Hoffnungen. Hatte er doch einen Theil deſſen, was dens der Kapuziner auf, denn um dieſe Zeit iſt er gewöhn⸗ er zu erſtreben ſuchte, bereits erreicht, und ſchien es doch lich mit ſeiner Morgenpredigt zu Ende; ich aber werde ihm gewiß, daß auch der andere Theil nicht ausbleiben werde! n M d 29 — 2 Gdd rdelaheen M (Zu Seite 102.) Der Kardinal Doria aber ſetzte ſich ſofort an ſeinen Schreib⸗ tiſch, notirte dort ein paar Worte auf ein Blättchen Pa⸗ pier, verſiegelte dieſes ſorgfältig und beauftragte dann ſei⸗ nen vertrauteſten Diener, es dem Pater Iſidoro im Klo⸗ ſter der Kapuziner eigenhändig zu übergeben. Was er ſchrieb, wiſſen wir nicht, aber vielleicht lehrt es uns der Erfolg, oder können wir wenigſtens aus dem Gange der Ereigniſſe einen Schluß darauf ziehen. Die Kloſtergebäude des Ordens der Kapuziner in Rom mit der daran ſtoßenden großen Kirche nebſt dem Garten nehmen einen faſt mehr als bedeutenden Raum ein, und Einer, der mit den Lokalitäten nicht vertraut, ſich ohne Führer darinnen ergeht, kann leicht zu der Anſicht gelangen, er befinde ſich in einem Labyrinthe, aus dem es unmöglich ſei, einen Ausgang zu gewinnen. Das eigentliche Ordens⸗ gebäude mit ſeiner einfachen Facçade läßt allerdings eine ſolche Größe nicht vermuthen, allein kommt man erſt in's Innere mit ſeinen vielen Anbauten und Nebengelaſſen, ſo verirrt man ſich in Gänge, die gar kein Ende zu haben ſcheinen, und wer vollends die unteren Gewölbe, die ſich unter der Kirche und dem Garten hinziehen, betritt, der glaubt nicht anders, als er habe ſich in die berühmten Katakomben verloren, die bekanntlich in Rom eine eigene Stadt der Todten tief unter der Stadt der Lebenden bilden. Die beſagten Gewölbe dienen nämlich dem Kloſter als Be⸗ gräbnißſtätte, und ſeit Jahrhunderten ſind dort die Ordens⸗ mitglieder in ihrer vollen Mönchstracht beigeſetzt worden; eben deßhalb aber ſpukt es auch daſelbſt nach dem Glau⸗ ben des gemeinen Römers auf eine ſchaurige Weiſe, und ſogar unter den gebildeteren Bewohnern der Welthauptſtadt gehen viele Gerüchte von ſchreckbaren Erſcheinungen um, die alldort nächtlicher Weile geſehen worden ſein ſollen, ſo daß es mit dem Einbruch der Dunkelheit Niemandem mehr leicht einfällt, ſich in der Nähe des Kloſters herumzutreiben oder d doch verde! Feierſtunden. 1864. 101 ——ℳℳ—/—————ᷓ—C—QQ————q—-h———O Bacharach am Rhein. auch nur durch eine Straße zu gehen, die hart daran vor⸗ und vierfachen Maßſtabe. Machen es ſich ja doch die überführt. Am hellen Tage dagegen kann man nicht leicht Patres⸗Kapuziner zur Lebensaufgabe, das, was ſie durch irgendwo auf den vielen öffentlichen Plätzen Roms ein Almoſen gewinnen, mit ihren Brüdern, den Armen, wie⸗ größeres⸗Menſchengewühl ſehen, als gerade vor dem Kapu⸗ der zu theilen, und zwar nicht blos dadurch, daß ſie ihnen zinerkloſter, denn wenn gleich die große Corporation der hie und da eine Unterſtützung darreichen, ſondern beſonders Bettler überall in der Hauptſtadt der Chriſtenheit faſt über auch dadurch, daß ſie jeden Mittag eine große Tafel— die Maßen ſtark vertreten iſt, ſo iſt es hier im dreifachen natürlich aber eine ſehr einfache— für ſie anrichten! Feierſtunden. 1864. Selbſtverſtändlich erweiſen ſich die Bettler, ſowie ihre Stammesverwandten, die Banditen, äußerſt dankbar dafür, und opfern ihrerſeits, was ſie erſchwingen können, in der Kirche der Kapuziner, wie denn auch alle ihre Hochzeiten, Taufen und Leichenbegängniſſe nur allein in dieſer Kirche gefeiert werden. Ja ſie ſchwören nicht höher als auf die Brüderſchaft„von der braunen Kutte und der ſpitzen Ka⸗ putze“ und ſind derſelben ſo durch und durch ergeben, daß kein General je eine treuere Armee gehabt hat, als das Kapuzinerkloſter zu Rom in der Geſammtcorporation der daſigen Miſericordiarufer! Unter ſolchen Umſtänden wird man es ſehr natürlich finden, daß der Marcheſe Cialdini den Platz Barberini, an den das Kapuzinerkloſter grenzt, ziemlich voll mit Menſchen fand, als er ihn gegen zwölf Uhr Mittags überſchritt. Dieſe Menſchen gehörten übrigens faſt durchaus den nieder⸗ ſten Ständen an, und ſomit bekümmerte er ſich nur wenig um ſie, feſt überzeugt, daß ihn hier Niemand kennen würde. Ueberdies, wenn ihn auch Jemand kannte, was hatte es zu ſagen? Die Kapuziner ſtanden ja keineswegs in dem Geruche, ſich viel mit der Politik abzugeben, und wenn er daher deren Kirche oder Kloſter beſuchte, ſo konnte man es ihm nicht anſehen, daß er dorthin komme, um ſeine bis⸗ herigen Genoſſen zu verrathen. Feſten Schrittes näherte er ſich dem Portale und fragte den dortigen Pförtner, wo er den berühmten Prediger Iſidoro treffen könne. „Er befindet ſich um dieſe Zeit ſtets in den Kreuz⸗ Briefe überbracht hatte.„Ich erwartete Sie hier, Mar⸗ cheſe Cialdini.“ „Sie kennen mich?“ fragte der Marcheſe, dem Pater einen halb erſtaunten, halb mißtrauiſchen Blick zuwerfend. „Mein Beruf, erwiederte der Pater kalt,„bringt es mit ſich, daß ich alle hervorragenderen Perſönlichkeiten Roms und Italiens kennen muß, und überdies war ich benachrichtigt, daß ich Ihren Beſuch zu gewärtigen habe.“ „So, kennen Sie auch den Zweck deſſelben?“ fragte nun der Marcheſe haſtig, denn er fühlte ſich ſichtlich er⸗ leichtert, daß er dieſen Zweck nicht näher auseinander zu ſetzen habe. „Ich bin vollkommen genau damit vertraut,“ verſetzte der Pater mit noch größerer Kälte als zuvor.„Sie wol⸗ len, daß ich Ihnen eine geheime Zuſammenkunft mit Sei⸗ ner Eminenz dem Herrn Kardinalſtaatsſekretär verſchaffe, damit Sie eine Verſchwörung, die Sie entdeckt haben wol⸗ len, denunziren können. Doch— warum ſehen Sie ſich ſo mißtrauiſch um? Hier iſt Niemand, der uns belauſchte; wenn es Ihnen aber zur Beruhigung dient,“ fuhr er, als ſich die ängſtlichen Züge des Marcheſe nicht verlieren woll⸗ ten, mit etwas ſpottendem Tone fort,„ſo können wir uns auch der franzöſiſchen Sprache bedienen, und daß die Bett⸗ ler, welche unſer Kloſter beſuchen, dieſes Idioms nicht mächtig ſind, können Sie ſich wohl denken.(Siehe Bild S. 100.) „Der Gang, den ich gehe, iſt ein ſehr gefährlicher,“ gängen, um ſich mit den Armen zu unterhalten und ihnen ſagte der Marcheſe gleichſam zu ſeiner Entſchuldigung,„und Rath zu ertheilen,“ war die Antwort, indem man ihm wüßten diejenigen, deren ſchwarze Verbrechen ich aufzudecken zugleich die Richtung angab, die er einzuſchlagen habe. geſonnen bin, um meine Abſicht, ſo würde ſelbſt dieſes Der Marcheſe ſchritt den Kreuzgängen zu, von denen heilige Kloſter mich vor ihren Dolchſtößen nicht ſichern aus man auf die große Kloſterkirche hinſah, und fand es können.“ hier im Verhältniſſe zu dem Gedränge vor den Pforten „Und dennoch ſind Sie entſchloſſen, dieſe Enthüllungen leer; doch fehlte es ſelbſtverſtändlich ebenfalls nicht an Bett⸗ zu machen?“ fragte nun der Pater, den Marcheſe mit einem lern und andern Beſuchern, welche allda mit dem Einen Blicke der tiefſten Trauer betrachtend. Auf eine aber- Alles genau bedacht, mein Sohn? Die Reue kommt oft oder dem Andern der Mönche verkehrten. „Haben Sie auch malige Frage nach dem Pater Iſidoro wies man den WMarea ſpät, und einmal über den Rubicon, können Sie nie cheſe in einen Nebengang, in dem es ganz ſtill war, und als er nun ein paar Schritte darin voranging, ſah er plötz⸗ mehr zurückkehren.“ „Ich will auch nicht rückwärts, ſondern vorwärts,“ lich faſt unmittelbar vor ſich einen alten Mönch, welcher rief der Marcheſe, in welchem auf einmal ſein ganzes Rache⸗ der Beſchreibung nach kein anderer ſein konnte, als der, gefühl wieder erwachte.„Bis wann kö 2 mi Derſelbe trug die Kutte ſeines Ordens geheime Zuſammenkunft mit Seiner Eminenz verſchaffen?“ welchen er ſuchte. und hatte ſeinen Hinterkopf tief mit der Kapuzze verhüllt; den vorderen Theil des Geſichts aber beſchattete ein mäch „Bis wann können Sie mir die „Ich ſehe den Herrn Kardinalſtaatsſekretär noch heute,“ erwiederte der Pater mit demſelben melancholiſchen Blicke, tiger grauer Bart, der mit den lebhaften klugen Augen wie zuvor;„doch haben Sie auch bedacht, mein Sohn, ob einen merkwürdigen Kontraſt bildete. hielt er einen Roſenkranz und in der andern einen großen In der einen Hand Ihre Enthüllungen wirklich den Werth haben, von dem „Sie träumen? Seine Eminenz iſt ſtreng und läßt ſich nicht ſchweren, mit Eiſen beſchlagenen Stock, wie wenn er auf mit wenig bedeutenden Kleinigkeiten hinter's Licht führen.“ der Reiſe befindlich wäre; vor ihm aber, dem Marcheſ den Rücken bietend, ſtand ein in einen alten Mantel ge 5„Ich war, durch ſchlechte Menſchen verführt, bis jetzt ſelbſt Mitglied des Geheimbundes, über den ich Mitthei⸗ hüllter Mann, mit welchem er in ein eifriges Geſpräch lungen machen werde,“ erklärte der Marcheſe,„und kenne verwickelt ſchien. Ob dieſer Letztere ein Bettler oder ſonſt alſo wenn nicht alle, doch einen großen Theil ſeiner My⸗ wer ſei, konnte der Marcheſe nicht unterſcheiden, obgleich ſterien. So weiß ich mit Beſtimmtheit, daß ein Aufſtand das Erſtere— des alten zerriſſenen Mantels wegen— im Werke, ja daß ſchon in den nächſten Wochen die Revo⸗ als zweifellos angenommen werden konnte; allein da ſich lution losbrechen ſoll. der Menſch ſogleich entfernte, als der Marcheſe herankam um ſofort hinter einen der Pfeiler zu verſchwinden, ſo lag auch kein Grund vor, weiter darüber nachzudenken. Das Nähere hierüber iſt aller⸗ dings nur den Oberleitern des Bundes bekannt, welche ich leider nicht kenne, aber ich kann wenigſtens Einzelne derer, die man„Meiſter“ nennt, des Näheren bezeichnen, und „Pater Iſidoro, wenn ich nicht irre?“ ſagte der Mar⸗ wenn man dieſe zu gleicher Zeit in Sicherheit bringt, ſo cheſe, als er nahe genug gekommen war. „Derſelbe,“ entgegnete der Pater, in welchem der Leſe wird es bei Anwendung der geeigneten Torturmittel nicht r ſchwer fallen, von ihnen die geheimen Oberleiter ſelbſt zu ſchon den Mönch wieder erkannt haben wird, welcher ſei- erfahren.“ 1. ner Zeit dem Prinzen Louis Napoleon auf dem Arenenberg„Dieſe geheimen Oberleiter ſind Ihnen alſo wirklich — nicht bekan Ort, wo „Auch aber trot gen zu öf ſparen. „St meinte jet Audienz b daß ſich ligen läß ich die d keit weiß „Gl Tone.„ dieſer Nac Sclüſſel nehmen S len Weg dem hinte „8 ſel in C „S ter weite eine eng der Thür führt.“ „Ur „U gegnete D ſich mit lange n als Zoi aus den der hoh Geſtalt wir mei unmittel halten h „He Pater J bi unſer Mar⸗ Pater fend. gt es keiten r ich abe.“ ragte her⸗ er zu rſehte wol⸗ Sei⸗ haffe, wol⸗ ſich chte 0ls woll⸗ ir uns Bett⸗ nicht Bild her,“ „und decken dieſes ſihees lungen einem e auch nt oft ie nie ürts,“ Nache⸗ nir die ſr⸗ heute, Blicke hn, ob eu dem 1 nicht hren.“ jest ditthei⸗ d kenn My- Arbeit zu ſtärken. Aber Feierſtunden. 1864. —————¼—r-⸗—-—e—ce————ͤ———————O——— — —; nicht bekannt?“ fragte wieder der Pater.„Aber doch der Ort, wo ſie ihre Zuſammenkünfte zu halten pflegen?“ „Auch dieſen kenne ich nicht,“ erwiederte der Marcheſe, „aber trotzdem weiß ich genug, um der Regierung die Au⸗ gen zu öffnen und ihr den Sturz in den Abgrund zu er⸗ ſparen.“ „Sie ſind demnach noch immer feſt entſchloſſen,“ meinte jetzt der Pater, den Marcheſe ſcharf fixirend,„eine Audienz bei Seiner Eminenz zu erhalten?“ „Ich bin's,“ entgegnete der Marcheſe,„und ich hoffe, daß ſich dies in den allernächſten paar Stunden bewerkſtel⸗ ligen läßt, denn ich habe nun keine Ruhe mehr, als bis ich die Feinde unſerer Kirche in den Händen der Gerechtig⸗ keit weiß.“. „Gut,“ erklärte nun der Pater in total verändertem Tone.„Ihr Wille ſoll erfüllt werden, und zwar noch in dieſer Nacht. Hier,“ fuhr er fort, indem er einen kleinen Schlüſſel aus ſeiner großen Kuttentaſche hervorzog,„hier, nehmen Sie dieſen Schlüſſel. len Weg zwiſchen der hohen Mauer des Kloſtergartens und dem hinteren Theile des Palaſtes Barbarini?“ „Ich kenne ihn,“ erwiederte der Marcheſe, den Schlüſ⸗ ſel in Empfang nehmend. „Sie gehen alſo der Mauer entlang,“ ſprach der Pa⸗ ter weiter,„und etwa in der Mitte derſelben finden Sie eine enge Thür, welche dieſer Schlüſſel öffnet. Hinter der Thür finden Sie mich, der Sie zu Seiner Eminenz führt.“ „Um welche Zeit?“ fragte der Marcheſe. „Um Mitternacht, nicht früher und nicht ſpäter,“ ent⸗ gegnete der Pater. Der Marcheſe wußte uun Beſcheid und verabſchiedete ſich mit einer tiefen Verbeugung; der Pater aber ſah ihm lange nach, und in ſeinem Blick lag eben ſo viel Trauer, als Zorn und Verachtung. Kaum jedoch war der Marcheſe aus den Kreuzgängen verſchwunden, ſo trat hinter einem der hohen Pfeiler jener Mann wieder hervor, der ſeine ganze Geſtalt in einen alten zerlumpten Mantel gewickelt hatte, wir meinen jenen Mann, mit welchem ſich Pater Iſidoro unmittelbar vor der Ankunft des Marcheſe ſo eifrig unter⸗ halten hatte. „Haben Sie Alles gehört, Graf Pepoli?“ fragte leiſe Pater Iſidoro. „Ich habe,“ erwiederte dieſer,„und es bleibt ſomit bei unſerer weiteren Verabredung.“ Fünftes Kapitel. Der Verräther empfängt ſeinen Lohn. Noch nie, ſo lange er athmete, hatte der Marcheſe Cialdini einen Nachmittag erlebt, an welchem ihm die Stunden langſamer dahin ſchwanden, als gerade heute. Ja es kam ihm bald ſo vor, als ob die Sonne förmlich ſtille ſtände und ſich auch nicht um eine Linie weiter nach Weſten fortbewege! Unmittelbar nach ſeiner Unterredung mit dem Pater Iſidoro hatte er ſich in ſeine Wohnung zurückbegeben, um nunmehr, da ſein Hauptgeſchäft beendigt, auszuruhen und den durch langes Wachen faſt übermäßig angeſtrengten Körper durch einen geſunden Schlaf zu neuer ſchlafen! Heute ſchlafen! Heute, wo es ſich um ſeine ganze Lebensſtellung handelte! Von fieberhafter Unruhe getrieben fuhr er auf, warf ſeinen Man⸗ tel über und begab ſich abermals auf die Straßen. Sie kennen doch den ſchma⸗ ,„, 103 wollte im Gewühl derſelben Beruhigung finden und ſuchte deßhalb die belebteſten Theile Roms auf; doch mochte auch um ihn her vorgehen, was da wollte, ſeine Gedanken kehr⸗ ten immer wieder auf einen und denſelben Gegenſtand zu⸗ rück, nämlich auf das„Geſchäft“(ſo nannte er es, um ſein Gewiſſen zu beſchwichtigen), das er dem Battiſta über⸗ tragen, ſowie auf die Unterredung, welche er um Mitter⸗ nacht mit dem Kardinalſtaatsſekretär haben ſollte.„Wer doch der Zeit Flügel verleihen könnte,“ dachte er in ſeinem Innern; allein hätte er gewußt oder auch nur von fern geahnt, was dieſe Zeit ihm bringen würde, welch' unend⸗ liche Anſtrengungen würde er da nicht gemacht haben, um dieſelbe in ihrem Laufe aufzuhalten! Endlich fühlte er etwas wie Hunger und Durſt, und voll Freude darüber, daß er nun doch endlich eine Abwechs⸗ lung in dieſen gräßlich einförmigen Nachmittag bringen könne, betrat er die nächſte beſte Oſteria, ohne Rückſicht darauf zu nehmen, daß dieſelbe offenbar nur von Leuten der geringeren Klaſſe beſucht wurde. Er ſetzte ſich in den Hintergrund und ließ ſich das Beſte auftiſchen, das es gab, allein weder die Speiſen noch die Getränke wollten ihm munden, denn ſein Hunger und Durſt war nur eine mo⸗ mentane Regung geweſen. Schon ſtand er im Begriff, ſich wieder zu entfernen, da traten drei Perſonen in die Wirths⸗ ſtube, deren Erſcheinen ihn wieder an ſeinen Platz feſſelte. Freilich Standesperſonen waren es keine, und nicht einmal der Klaſſe der Handwerker gehörten ſie an, ſondern ihre Kleidung verrieth vielmehr, daß ſie ſich entweder vom Bet⸗ tel oder gar von einem noch ſchlimmeren Metier ernährten; aber in dem Einen von ihnen erkannte er Battiſta, und er mußte doch wiſſen, was dieſer hier zu thun habe! Natür⸗ lich konnte er ſchließen, daß die beiden anderen Burſche kei⸗ nen beſſeren Lebensgang verfolgten, als Battiſta ſelbſt, und als nicht minder wahrſcheinlich mußte es ihm erſcheinen, daß dieſe Zwei die Gehülfen ſeien, welche ſich der Bandit für das„Geſchäft“ von heute Abend auserleſen habe. Doch — ſollte derſelbe etwa ſo unvorſichtig ſein, und die Sache hier im öffentlichen Wirthshaus mit ſeinen Kameraden ver⸗ handeln? In dieſem Falle konnte ja ein Dritter die Ver⸗ handlung belauſchen, und dann war Er, der Auftraggeber, wenn nicht verloren, doch wenigſtens auf's Höchſte com⸗ promittirt. Er lauſchte alſo aufmerkſam, was die Dreig mit einander ſprachen, und da ſie ſehr laut converſirten, ſo entging ihm kein einziges ihrer Worte; allein mit kei⸗ ner Silbe ward auf das von Battiſta übernommene Atten⸗ tat angeſpielt, und der Marcheſe durfte alſo überzeugt ſein, daß ſein Dienſtbefohlener keine der Rückſichten verabſäume, welche man von einem„gewiegten“ Meuchelmörder erwar⸗ tete. Ohne Zweifel hatte derſelbe die nöthigen Verabredun⸗ gen längſt vorher getroffen, und der Trunk in der Oſteria war gleichſam nur die Beſiegelung des abgeſchloſſenen Kon⸗ trakts! Aber— wurde jetzt plötzlich eine Stimme in ihm laut— ſollte das anſcheinend zufällige Begegniß mit dem Battiſta nicht eine Fügung Gottes ſein? Sollte ihm das Schickſal den Banditen nicht vielleicht deßwegen in den Weg geworfen haben, damit er Gelegenheit finde, ſeinen Blut⸗ befehl zu widerrufen? Noch war es Zeit! Ein Wort an Battiſta und der Ueberfall des Engländers unterblieb! Doch— nein, nein und nochmals nein! Der Handel iſt abgeſchloſſen und der Mörder thue ſeine Schuldigkeit! Er blieb alſo ruhig in ſeinem unbeachteten Winkel ſitzen, bis ſich Battiſta mit ſeinen zwei Begleitern entfernt hatte, dann aber rief er den Wirth herbei, warf ihm als Bezahlung Er ſeinen halben Scudo hin, ohne ſich kleine Münze heraus⸗ —; geben zu laſſen, und fragte aufſtehend, mit der gleichgültig⸗ ſten Stimme von der Welt,„wie die drei Burſche heißen, welche ſoeben die Oſteria verlaſſen hätten.“„O Excellenza,“ erwiederte der Wirth, ſchlau mit den Augen blinzelnd;„es iſt nur der Battiſta mit dem Luizi und dem Gaſparo; aber,“ fügte er mit leiſer Flüſterſtimme hinzu,„wenn Ex⸗ cellenza einen wichtigen Auftrag haben, ſo können Sie keine entſchloſſenere Burſche in ganz Rom finden.“— Das Auge des Marcheſe glänzte, als er dieſe Worte hörte, denn wenn es ſich ſo verhielt, ſo durfte er ſicher ſein, daß der Mord begangen werden würde! J. G. v. Gluck, geboren 1714 in Weißenwangen(Oberpfalz), geſtorben 15. November 1787 in Wien. Abermals erging er ſich in den Straßen, und merk⸗ Feierſtunden. 1864. — wirklich gut mit ihm meinten. Ja einer derſelben hatte ihm erſt vor ganz Kurzem einen großen Dienſt erwieſen, für welchen dankbar zu ſein er alle Urſache gehabt hätte! „Ha,“ rief da plötzlich eine Stimme in ihm, als die bei⸗ den jungen Männer in eine andere Straße abgebogen wa⸗ ren,„Carlo Cialdini, was biſt du im Begriff, zu thun? Du willſt dem Kardinalſtaatsſekretär heute Nacht von Allem in Kenntniß ſetzen, was dir über den Geheimbund der Carbonaris bekannt iſt, und die Folge wird ſein, daß alle Mitglieder deſſelben mit den ſchwerſten Gefängnißſtrafen, wenn nicht gar mit der Strafe des Todes belegt werden. Elender, der du biſt, deinen beſten, deinen einzigen Freunden lohneſt du auf dieſe Weiſe!“ Alſo rief die Stimme laut und deutlich in ihm, und einen Augenblick lang blieb er verdutzt ſtehen, wie um zu überlegen; allein im nächſten Momente ſchon wußte er den inneren Warner zum Stillſchweigen zu bringen.„Einzelne,“ redete er ſich zu ſeiner Selbſtbeſchwich⸗ tigung vor,„müſſen immer darun⸗ ter leiden, wenn ein großer Zweck erreicht werden ſoll, und unter dieſe Einzelnen gehören natürlich auch die beiden Freunde, die mir gerade be⸗ gegneten. Wie unendlich groß iſt dagegen die Anzahl derjenigen Geheim⸗ bundsmitglieder, weſche gar keinen Anſpruch auf meine Freundſchafthaben oder welche mir gar feindſelig geſinnt ſind? Ueberdies habe ich nicht die gerechteſte Urſache, Rache zu fordern, und wo fände ich dieſe Rache, wenn ich nicht thäte, was ich zu thun ent⸗ ſchloſſen bin? Ja, wie könnte ich überhaupt mein Ziel erreichen, ohne dem Kardinal Doria mein Wort gelöst zu haben? Pfui alſo über mich, wenn eine ſolche Kleinigkeit, wie der Ruin der beiden Kameraden, die mich ſoeben grüßten, mich in meinem Wege aufhalten könnte! Pfui über mich und meine Feigheit, wenn ich die Unentſchloſſenheit nicht einmal für allemal über Bord würfe!“ Sein Entſchluß ſtand alſo feſter, denn je, und nichts konnte ihn mehr in demſelben wankend machen! Endlich ſenkten ſich die Fittiche der Nacht über Rom herab und mit dem erſten Eintreten der Dunkelheit ging ſer mit raſchen Schritten dem Corſo zu, um ſich in der würdig— ſeit dem Begegniß in der Oſteria hatte ſeine Nähe der Kirche San Carlo einen ſicheren Verſteck zu wäh⸗ Unruhe ſichtlich abgenommen. daß er das Schickſal Arthur Stantons, ſeines Nebenbuhlers, Arthur Stanton überwachen könnte. Kam dies vielleicht daher, len, von welchem aus er den Erfolg des Angriffs auf Im Anfang hatte er bereits beſiegelt glaubte? Einmal jedoch wurde er auf eine im Sinne gehabt, ſich, während Battiſta mit ſeinen Ge⸗ abermalige harte Probe geſtellt. Als er nämlich die Via hülfen„arbeite“, bei einigen Bekannten, die in einem ganz del Greco entlang ſchritt, begegneten ihm plötzlich zwei junge entlegenen Stadtviertel wohnten, zum Beſuche einzuſtellen, Männer, die offenbar von vornehmer Geburt waren, und ihn, nachdem ſie ein Geheimzeichen mit ihm ausgewechſelt natürlich aus keinem anderen Grunde, als um ſpäter, wenn je ein Verdacht auf ihn geworfen werden ſollte, ſein Alibi hatten, auf's Freundlichſte grüßten; dieſe beiden Jünglinge beweiſen zu können; allein ſo viel Verſtand auch in dieſem gehörten, wie er ſelbſt, den Carbonaris an und er hatte Vorſätz lag, ſo führte er ihn doch nicht aus, denn es hätte Grund, ſie zu den Wenigen rechnen zu dürfen, welche es ja dann möglicherweiſe eine Stunde oder länger angeſtanden, fiſter, mehr e der dem Feierſtunden. 1864. 105 —————;’ —; bis er beſtimmte Nachrichten über das Gelingen von Carlo geſehen zu werden. Letzteres war jedoch äußerſt un⸗ Battiſta's Unternehmen erhalten konnte. So lange aber wahrſcheinlich, denn der Thorweg des Hauſes gegenüber der in der Ungewißheit zu bleiben,— nein dies auszuhalten Kirche von San Carlo, in deſſen Schatten er ſich zurück⸗ wäre ihm unmöglich geweſen, und ſomit änderte er ſeinen Plan, ſelbſt auf die Gefahr hin von Jemand bei San 6 1 b b f 6 f — — —— G G G l U l S I udauulllllulIdd- ſes ſelbſt aus⸗ und eingehen ſollten. Allein daß dies nicht wandte er ſeinen Blick von dem Hauptportale der großen geſchehen werde, darauf durfte er zählen, dieweil im gan⸗ Kirche San Carlo ab. Ja ſogar mit einem kleinen Nacht⸗ zen Hauſe, wie er heute Mittag zufällig erfahren hatte, teleſcop hatte er ſich bewaffnet, um Alles genau beobachten keine Seele wohnte. So ſtand er denn hier von Sonnen⸗ zu können, da die nächtliche Beleuchtung der ewigen Stadt untergang an unverdroſſen, und nicht einen Augenblick lang damals(wie auch jetzt noch) eine ſehr mangelhafte genannt Feierſtunden. 1864. 14 106 werden mußte! Allzu lange wurde übrigens ſeine Geduld nicht auf die Probe geſtellt. Kaum nämlich war eine halbe Stunde vergangen, ſo lagerten ſich drei bettelhaft ausſehende Geſellen auf den Stufen, welche zum Portale hinauf führten, und mit Leichtigkeit erkannte er in ihnen die drei Banditen Bat⸗ tiſta, Luizi und Gaſparo, obwohl ſie ihre Toilette gegen die von heute früh um ein Ziemliches verändert hatten. Nicht lange nach ihnen erſchien Arthur Stanton auf dem Platze, und eilte, nachdem er ſich rings umgeſchaut, nur zwanzig Schritte von den Banditen entfernt die Stufen hinan, um alſobald in der Kirche zu verſchwinden.„Die Thoren,“ murmelte der Marcheſe vor ſich hin,„die eben ſo dummen als feigen Thoren! Hätten jetzt eben die beſte Gelegenheit gehabt, den Burſchen niederzuſtechen, und blei⸗ ben auf ihren Plätzen liegen, als ob ſie ſich nicht regen könnten; aber freilich,“ ſetzte er gleich darauf, ſich ſelbſt tröſtend, hinzu,„es iſt noch etwas zu hell und überdies haben ſie ihn vielleicht nicht einmal erkannt. Warten wir alſo bis Felicitas kommt, deren Perſon ihnen noch gut im Gedächtniß ſein wird!“ Abermals wappnete er ſich mit Geduld und betrachtete unverwandten Blickes das Kirchenportal, ſowie die vor dem⸗ ſelben lagernden drei Bettlergeſtalten; aber diesmal ſtand es weit länger an, bis ſein ſo heiß erſehnter Wunſch end⸗ lich erfüllt wurde. Viele, ſehr viele Menſchen gingen in der Zwiſchenzeit über den Platz oder auch in die Kirche hinein, und darunter nicht wenig Frauen und Mädchen; allein die leichte und anmuthige Geſtalt von Felicitas Bel⸗ giojoſo befand ſich nicht unter ihnen. Schon verzweifelte er an ihrem Kommen überhaupt, in der Meinung, das Stelldichein möchte vielleicht für heute ganz aufgegeben wor⸗ den ſein, und ſchon hatte er deßhalb im Sinne, ſeine drei gedungenen Mörder hievon zu unterrichten, da näherte ſich von einer ganz andern Seite her, als er erwartet hatte, abermals eine weibliche Perſon, und— richtig, diesmal konnte er ſich nicht täuſchen, es war Felicitas Belgiojoſo und keine andere! Zwar allerdings— als Gräfin erſchien ſie nicht, ſondern eher wie eine Kammerzofe, und überdies hatte ſie eine Kaputze über den Kopf geworfen; aber der Gang, die Haltung und die ganze Geſtalt—— beim Himmel ſie mußte es ſein! Und ſiehe da, auch unter den drei bettelhaften Geſellen gab's, als die Kaputzenträgerin die Kirchenſtufen hinantrippelte, eine Bewegung, freilich eine faſt unmerkliche; allein dem ſcharfen Auge des Marcheſe entging nichts, und er wußte nun gewiß, daß Battiſta mit ſeinen Gehülfen die Gräfin erkannt habe.„Jetzt, im näch⸗ ſten Augenblicke,“ flüſterte er in fieberhafter Aufregung vor ſich hin, indem er ſeine Geſtalt zu faſt doppelter Höhe auf⸗ richtete,„jetzt muß der Streich geführt werden, denn im Momente wird ſie mit ihm aus der Kirche kommen, um nach der Via Condotti zu eilen!“ Er hatte vollkommen recht. Im nächſten Momente ſchon kamen Arthur Stanton und Felicitas Belgiojoſo Arm in Arm aus der Kirche heraus und eilten die breiten Stu⸗ fen hinab, während zu gleicher Zeit die drei Banditen mit Blitzesſchnelligkeit aufſprangen, um dem Paare an die Seite zu kommen; aber in der nämlichen Sekunde drängten zehn oder zwölf Perſonen, welche offenbar weder zu den Ban⸗ diten, noch zu Arthur und Felicitas in irgend einer Be⸗ Feierſtunden. 1864. ——ò;⅔ꝛ⅔õ:——:ͤõy—:—õr———;—— blick nachher ſchon legte ſich ſein Grimm wieder in Etwas, als er ſah, wie die drei von ihm bezahlten Burſche dem nichts ahnenden Paare nachſchlichen, offenbar in der Ab⸗ ſicht, das Verſäumte in der Via Condotti nachzuholen. Eine Zeit lang überlegte er nun, ob er dieſen Weg eben⸗ falls einſchlagen, oder aber in ſeinem ſicheren Verſteck aus⸗ harren ſolle. Die Klugheit rieth zum Letzteren, die Unge⸗ duld zum Erſteren. Natürlich ſiegte ſchließlich die Ungeduld, und ſowie er einmal zum Nachgehen entſchloſſen war, eilte er ſo ſchnell als möglich, obwohl ſich im Schatten der Häuſer bergend, in die Via Condotti hinein. Noch hatte er übrigens keine fünfhundert Schritte zurückgelegt, ſo hörte er ein durchdringendes Geſchrei, das offenbar von einem Weibe ausgeſtoßen wurde, und zu gleicher Zeit gab es ein großes Rennen und Springen, als ob etwas Außerordent⸗ liches vorgegangen wäre.„Mord, Mord!“ riefen alsbald einzelne Stimmen, und denſelben Ruf wiederholten gleich darauf Dutzende. Es war alſo kein Zweifel, daß hier eines jener Verbrechen begangen worden ſei, welche in Rom ſo zu ſagen zur Tagesordnung gehörten, denn ohne drei bis vier Morde oder doch Mordanfälle innerhalb vierundzwan⸗ zig Stunden hätten die Bewohner der ewigen Stadt in einem Ausnahmezuſtande zu leben geglaubt. Wie an den Boden gewurzelt blieb der Marcheſe ſtehen und ſeine Kniee ſchlotterten förmlich, während ein Schau⸗ der des Entſetzens ſeinen ganzen Körper durchrieſelte. Schon hundertmal hatte er den Ruf„Mord“ erſchallen hören, ohne daß derſelbe nur den geringſten Eindruck auf ihn ge⸗ macht hätte; aber diesmal— ha diesmal! Er mußte ſich an der Mauer, neben der er ſtand, halten, um nicht um⸗ zuſinken, und dicke Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner todt⸗ blaſſen Stirne. Aber nur einige wenige Minuten dauerte dieſer Zuſtand, und dann bemächtigte ſich ſeiner eine wilde Freude.„Es iſt geſchehen,“ jubelte es laut in ihm auf; „ich habe keinen Nebenbuhler mehr.“ In dieſem Augenblicke gingen raſchen Schrittes einige Männer an ihm vorüber, welche offenbar von dem Schau⸗ platz des Verbrechens herkamen, denn ſie unterhielten ſich laut über daſſelbe.„Was iſt vorgefallen?“ fragte er ſie, ſich ſtellend, als ob er ſoeben erſt des Wegs daher gekom⸗ men ſei.„O nichts Beſonderes,“ erwiederte Einer der⸗ ſelben in einem äußerſt gleichgültigen Tone;„ein engliſcher Ketzer iſt über den Haufen geſtochen worden und hat dem Einen ſeiner Gegner auch einen Denkzettel gegeben; das iſt Alles.“—„Und iſt er todt?“ fragte der Marcheſe faſt athemlos weiter.„Wer?“ entgegnete der Andere.„Der Engländer oder der Brevo? Ich denke Beide haben genug.“ —„Und— und die Polizei?“ hob der Marcheſe wieder an.„Hat man Verhaftungen vorgenommen?“—„Pah, Herr,“ rief der Andere laut auflachend,„Sie müſſen fremd hier ſein, ſonſt wüßten Sie, daß die Polizei in Rom ſich nie in derlei Angelegenheiten miſcht. Ohne Zweifel beſich⸗ tigt ſie in ein paar Stunden den Platz und findet dann nichts, als etwa eine Lache Blut, ſowie einige Unbetheiligte, welche plaudernd herumſtehen.“ Mit dieſen Worten eilte er nebſt ſeinen Begleitern weiter und war bald aus den Augen des Marcheſe verſchwunden. Noch eine Weile blieb Letzterer im Schatten der Häu⸗ ſer verborgen ſtehen. Er war offenbar im Zweifel, ob er ziehung ſtanden, ſondern nur durch Zufall gerade jetzt hier⸗ ſich ſelbſt an Ort und Stelle, wo der Mord begangen her verſchlagen worden waren, die Kirchenſtufen hinauf, und worden, begeben ſolle, oder ob es rathſamer für ihn ſei⸗ hiedurch ſahen ſich die drei Mörder von ihrem Opfer ge⸗ ſich nunmehr zurückzuziehen. waltſam getrennt. Der Marcheſe ſtampfte vor Wuth mit Bald jedoch entſchied er ſich für das Letztere, denn ſo gerne er ſich auch an dem An⸗ den Füßen, als er ſich hievon überzeugte; doch einen Augen⸗ blick ſeines todten Feindes geweidet hätte, ſo blieb es doch immerhin zu müſſe Nihe geſt ſich gewir Zweffel d hatte, jet raſch um über den was ihm wenigen wär eine ſeine W D und ehe nach eil er die le berini zu Di Nach Himmel. Mondenſ das rohe nicht wi vorwärt wahren deßhalb ſem ſein dem Sch Kloſtergo worden aber— ausgaſte Pater Rubico U ſich ein vor die tiefer; öll, abe es ihm Paters. dusſetzt „ twas, 2 dem r Ab⸗ holen. eben⸗ aus⸗ Unge⸗ eduld, eilte a der hatte hörte einem 8 ein ldent⸗ lsbald gleich eines n ſo bis wan⸗ att in ſtehen Schau⸗ Schon hören, n ge⸗ e ſich um⸗ dodt auerte wilde mauf, einige Schau⸗ K ſich er ſie, gekom⸗ der⸗ Feierſtunden. 1864. 107 ——'——————:õrõy——õõ—:--ͤ——y————————————ytꝛꝛ-;êÖ immerhin ein Wagniß für ihn, ſich ſpäter nachſagen laſſen ſetzte er nach einer Weile überaus ernſt hinzu,„könnte nicht zu müſſen, daß er gleich nach vollbrachter That in der verſchwiegener ſein.“ Nähe geſtanden habe, und überdies— wie hätte er es über Ein eigenes Gefühl durchzuckte den Marcheſe, als er ſich gewinnen können, der Gräfin Felicitas, welche ohne dieſe Worte hörte, und Etwas, wie Mißtrauen, keimte in Zweifel den Leichnam ihres Geliebten noch nicht verlaſſen ihm auf. Aber— wie konnte er gegen einen Mann Miß⸗ hatte, jetzt unter die Augen zu treten? Er wandte ſich alſo trauen hegen, an welchen ihn ein Kirchenfürſt, wie der raſch um, ſchlug ſeinen Mantel feſt um ſich und ſchritt Kardinal Doria, gewieſen hatte, abſonderlich wenn dieſer über den Platz San Carlo dem Corſo zu, um über das, Mann ein Mönch war? Schweigend ſchritten ſie vorwärts, was ihm nun zunächſt zu thun oblag, nachzudenken. In mitten durch den Garten hindurch, gegen die hintere Seite wenigen Stunden ſollte er ja mit dem Kardinalſtaatsſekre⸗ der großen Kloſterkirche zu. Dort befand ſich eine niedere tär eine Zuſammenkänft haben, und da mußte er natürlich Thüre, welche aber nicht in die Kirche ſelbſt, ſondern in ſeine Worte wohl zu ſetzen verſtehen! die Gewölbe unter derſelben führte, und hier machte der Die Zeit verging ihm von nun an wunderbar ſchnell, Pater Halt, um eine kleine Laterne, die er ſofort anzün⸗ und ehe er ſich deſſen verſah, zeigte ſeine Uhr drei Viertel dete, aus den weiten Taſchen ſeiner Kutte zu ziehen. nach eilf Uhr. Er verließ alſo die Traitoria, in welcher„Wohin führen Sie mich?“ fragte der Marcheſe nicht er die letzte Stunde zugebracht, und ſchritt der Piazza Bar⸗ ohne daß ſeine Stimme merklich gezittert hätte.„Doch berini zu, hinter welcher das Kloſter der Kapuziner liegt. nicht in die Gewölbe Ihrer Kirche, von denen man ſich Die Nacht war wunderſchön und kein Wölkchen trübte den ſo viel Schreckhaftes in Rom erzählt?“ Himmel. Wie in lichter Unſchuld glänzte die Stadt im„Fürchten Sie ſich vor den Todten?“ erwiederte der Mondenſchein, und man hätte glauben ſollen, daß ſelbſt Pater.„Noch haben Sie Zeit umzukehren, wenn Sie das roheſte und verſtockteſte Gemüth einem ſolchen Eindruck Reue über Ihr Vorhaben empfinden.“ nicht widerſtehen könne. Doch der Marcheſe Cialdini ging Abermals durchzuckte den Marcheſe jenes Gefühl des vorwärts, ohne die Pracht des Himmels auch nur zu ge⸗ Mißtrauens, das ihn ſchon vorhin beſchlichen hatte, und wahren, und die erhebende Stille ringsum war ihm nur mit dem Mißtrauen verband ſich noch der Schauder über deßhalb lieb, weil er die Begegnung von Menſchen auf die⸗ den furchtbaren Inhalt der Todtengewölbe, die ſich unter ſem ſeinem verhängnißvollen Gang gefürchtet hätte. Mit der Kirche, wie er wußte, hinzogen. Aber mit Gewalt dem Schlag zwölf Uhr gelangte er an die kleine Pforte des unterdrückte er Schauder wie Mißtrauen, indem er gegen Kloſtergartens, welche ihm vom Pater Iſidoro bezeichnet ſie den Durſt nach Rache, welcher in ihm das ganze Un⸗ worden war. Er ſchaute ſich ſcheu nach allen Seiten um, ternehmen wach gerufen hatte, zu Hülfe rief. aber— kein Menſch weit und breit, allüberall Alles wie„Ich kenne keine Angſt,“ rief er entſchloſſen,„aber ausgeſtorben! Er zog den Schlüſſel hervor, welchen er von müſſen Sie es nicht ſelbſt ſonderbar finden, daß Seine Pater Iſidoro hatte, öffnete die Thüre und trat ein. Der Eminenz der Herr Kardinalſtaatsſekretär einen ſolch' geheim⸗ Rubicon war überſchritten, rückwärts konnte er nicht mehr. nißvollen, wenn nicht gar grauenhaften Ort zu unſerem Unmittelbar neben der kleinen Eingangspforte erhob Stelldichein gewählt hat? Und dann noch außerdem die ſich ein hohes Kreuz mit dem Bilde des Gekreuzigten, und Stunde der Mitternacht, in welcher alle Geiſter wach ſind, vor dieſem Kreuze lag Pater Iſidoro auf den Knieen in in der That ich muß es äußerſt ſonderbar finden!“ tiefer Andacht verſunken. Der Marcheſe ſchritt auf ihn„Wenn Sie,“ entgegnete der Mönch kalt,„dieſen Ort zu, aber er wagte es nicht, ihn zu ſtören. Endlich währte hier geheimnißvoll und grauenhaft finden, ſo werden Sie es ihm doch zu lang, und er berührte die Schulter des vielleicht beſſer daran thun, ſich morgen bei hellem Tage Paters. im Palaſte Seiner Eminenz einzufinden.“ „Verzeihung, Hochwürdigſter,“ ſagte er,„daß ich Sie„Um eine Stunde darauf von zehn Dolchen durch⸗ in Ihrer Andacht ſtöre, aber ich glaube die Zeit drängt.“ bohrt zu ſein,“ rief der Marcheſe.„Nein, nein; lieber „Ich betete für die Todten,“ erwiederte der Pater wie will ich zehnmal die Grabgewölbe dieſer Kirche durchſchrei⸗ zu ſeiner Entſchuldigung, jedoch in einem überaus ernſten ten, als mich der Rache der Verſchworenen ausſetzen. Vor⸗ und traurigen Tone,„ſowie für Einen, der im Begriffe wärts, Hochwürdigſter, führen Sie mich zu Seiner Emi⸗ ſteht, den Lohn ſeiner Verbrechen zu ernten und die Strafe nenz.“ des Todes dafür zu erleiden.“„Ich führe Sie dahin, wohin Sie zu führen ich beauf⸗ „Finden denn in Rom auch bei Nacht Hinrichtungen tragt bin,“ erwiederte der Pater mit einer Stimme, die ſtatt?“ meinte der Marcheſe etwas ſpöttiſch, denn die über⸗ aus den Gräbern wiederzuhallen ſchien. große Frömmigkeit des Paters um Mitternacht wollte ihm Er ging voran und der Marcheſe folgte; der Weg ein wenig heuchleriſch erſcheinen. aber, den er ſeinen Begleiter führte, hätte leicht auch das „Hie und da,“ entgegnete der Mönch trocken;„doch muthigſte Herz erſchüttern können. Nachdem ſie nämlich kommen Sie, Sie werden erwartet.“ etwa zehn Stufen hinabgeſtiegen waren, kamen ſie in einen „Werde ich Seine Eminenz den Herrn Kardinalſtaats⸗ niedrig gewölbten Gang, deſſen Wände durchaus wie zum ſekretär allein ſprechen?“ wollte nun der Marcheſe wiſſen, Schmucke mit menſchlichen Gebeinen und Todtenſchädeln indem er dem Pater auf dem Fuße folgte.„Ich hoffe behangen waren. Dieſe Gebeine und Schädel hatte man dies, da unſere ganze Unterredung die Geheimhaltung vor⸗ aber nicht etwa willkürlich und in Unordnung zu beiden ausſetzt.“ Seiten aufgepflanzt, ſondern es lag im Gegentheil eine „So weit geht meine Wiſſenſchaft nicht,“ verſetzte der gewiſſe Symmetrie darin, und ſie bildeten Figuren aller Mönch in demſelben trockenen Tone, wie vorhin;„jeden⸗ Art, wie Kreuze, Herzen, Sonnen, Sterne und andere falls aber werden nur ſolche Perſonen zur Audienz zuge⸗ Embleme. Dazwiſchen hinein ſah man kleine Niſchen, in laſſen werden, deren Gegenwart für durchaus nothwendig denen ein düſteres Lämpchen brannte, und zu Füßen einer gelten dürfte, und unter allen Umſtänden können Sie auf jeden Niſche befand ſich ein Grab mit ſteinernem Deckel vollkommenſte Verſchwiegenheit rechnen. Das Grab ſelbſt,“ darüber. Auf einmal öffnete ſich der ſchmale Gang in eine 14* — — — —— ÿ, — I V 6 108 —————;— große Halle, und nun wurde der Anblick noch ſchauriger, als zuvor. Man glaubte ſich nämlich urplötzlich in einen mächtigen gothiſchen Dom verſetzt, der mit den ausgeſuch⸗ teſten Bildhauerarbeiten verzinnt ſei; allein wenn man dieſe Bildhauerarbeiten, ſowie die mit einer Kuppel verſehene Decke des Näheren betrachtete, ſo fand man, daß auch hier Alles aus einzelnen Knochentheilen, als da ſind Rippen, Wirbelbeine, Zehen und Finger zuſammengeſetzt war. Ja ſogar Armleuchter von Knochen hingen von der Decke herab und über den Niſchen waren Cherubime mit Flügeln aus Schulterbeinen angebracht! Ganz ähnlich ausgeſchmückt war eine zweite und dritte Halle, in die ſie kamen, und in einer jeden derſelben befand ſich eine Menge von Gräbern. Zwi⸗ ſchen dieſen drei Hallen konnte aber ein aufmerkſamer Beo⸗ Feierſtunden. 1864. ————⅓—½—⅓—⅓—:—:õͤ—————ry—õhr—rrynyynrnyn—;O bachter doch einen ziemlichen Unterſchied finden, denn in der erſten gruppirten ſich alle Zierrathen um das Sinnbild der Zeit, d. h. um eine Figur mit der Sichel und dem Stun⸗ denglaſe, in der zweiten um die Gerechtigkeit mit dem Schwert und der Wagge, und in der dritten um den Welt⸗ richter, der als König der Könige auf einem Throne von Schädeln ſaß und ſeinen Stab über eine unabſehbare Menge von Verſtorbenen ausſtreckte. Stillſchweigend, ohne ein Wort gewechſelt zu haben, waren ſie bis in die dritte Halle gekommen. Auch hatten ſie bis hierher nicht das geringſte Geräuſch gehört, und noch weniger war ihnen ein lebendes Weſen in den Weg gekommen. Da aber, am Ausgange des dritten Saales, gewahrte der Marcheſe links und rechts eine Gruppe von (Zu Seite 112.) Menſchen, welche in lange Mäntel eingehüllt und mit über den Oberkopf gezogenen Kaputzen Statuen gleich daſtanden. „Wer ſind dieſe?“ fragte er leiſe ſeinen Führer, und zum dritten Male durchzuckte ihn jenes Gefühl des Miß⸗ trauens, das er nun ſchon zweimal unterdrückt hatte. Dies⸗ mal war es jedoch weit ſtärker, als zuvor, und unwillkür⸗ lich ſchaute er ſich um, ob es nicht möglich ſei, auf dem Wege, den er hergekommen, wieder zurückzukehren. Allein ſiehe da, eine Gruppe von ähnlich vermummten Geſtalten hielt bereits den Eingang in den zweiten Saal beſetzt und der Rückweg war ihm alſo abgeſchnitten. „Wer ſind dieſe Männer?“ wiederholte er nun drin⸗ gender,„und warum beſetzen Sie ſowohl den Eingang als den Ausgang dieſes Saales, gerade wie wenn ſie wache⸗ haltende Soldaten wären?“ „Es ſind meine Brüder,“ erwiederte kalt und ruhig Pater Iſidoro,„und Sie haben ganz recht, wenn Sie die⸗ ſelben mit wachehaltenden Perſonen vergleichen, denn ſie bilden die Leibgarde derer, zu denen Sie nun eintreten werden.“ „Alſo Mönche ſind es?“ murmelte der Marcheſe. „Nun von Mönchen werde ich nichts zu befürchten haben.“ Abermals ging es vorwärts in eine vierte Halle, dicht an den Kaputzen tragenden Männern vorbei. Dieſe vierte Halle übrigens unterſchied ſich weſentlich von den drei frühe⸗ ren. Ihre Wände und Mauern nänlich beſtanden ſozu⸗ ſagen aus lauter großen Niſchen, und eine jede dieſer Niſchen(mit Ausnahme von einigen wenigen, die noch leer ſtanden) enthielt den zur Mumie eingeſchrumpften Leichnam eines Kapuzinermönchs. Einzelne dieſer Mumien oder viel⸗ mehr Knochengerippe knieten, wie in Andacht verſunken, andere ſtanden aufrecht, als wären ſie Soldaten, und wieder 5 Feierſtunden. 1864. —ͤöää:t—-—ͤ—ͤ————————; 9 1 iehſwandhh 5 1 110 andere hatten eine tief gebeugte Stellung oder lagen gar auf der Erde wie Büßende; alle aber hielten ein kleines Kreuz zwiſchen ihren knöchernen Fingern und trugen den Strick des heiligen Franziskus als Gürtel um die Lenden. Das war das eigentliche Ordenstodesgewölbe, und einen ſchaurigeren Anblick konnte es nicht geben, beſonders da der Saal nur ſchwach von einigen wenigen halbverſteckten Lam⸗ pen beleuchtet wurde. Der Marcheſe Cialdini hatte aber keine Zeit, ſich länger den Schauereindrücken hinzugeben, welche ſich ſeiner beim Eintritt in das Gewölbe bemächtig⸗ ten, denn oben am Ende deſſelben ſah er drei Männer, deren Einer ohne Zweifel die hochgeſtellte Perſönlichkeit war, bei welcher er eine Audienz haben ſollte. Obgleich nämlich dieſe drei ganz auf gleiche Weiſe in weite Mäntel einge⸗ wickelt waren und— außerdem daß ſie Halbmasken tru— gen— ihre Geſichter mit breitrandigen Calabreſerhüten be⸗ ſchattet hatten, ſo zeigte doch der Mittlere von ihnen durch ſeine Haltung, daß er der Vornehmſte von ihnen ſei, und er war es auch, dem Pater Iſidoro eine viel tiefere Ver⸗ beugung machte, als den beiden andern. Was war alſo natürlicher, als daß der Marcheſe in dieſem Manne den Kardinalſtaatsſekretär vermuthen zu dürfen glaubte? Auf einmal jedoch, wie er näher hinſah, meinte er an dem be⸗ ſagten Herrn am unteren Ende ſeines dunkeln Mantels den Saum einer Scharlach⸗Sutane hervorſtechen zu ſehen, und da eine ſolche Sutane zu tragen nur ein Mitglied des hei⸗ Feierſtunden. 1864. befreien, ſich ſelbſt des Regiments zu bemächtigen. Das iſt aber noch das Geringſte, ſondern die Haupttendenz geht gegen die hochheilige Kirche, welche mitſammt ihrem hoch⸗ würdigſten Oberhaupte und all' den unantaſtbaren Stützen ſeines Thrones in den Pfuhl des Irdiſchen und Vergäng⸗ lichen herabgedrückt, wenn nicht gar durch Blut und Eiſen vertilgt werden ſoll. Ein fluchwürdiges Unternehmen, Emi⸗ nenz; ja ein Verrath an Gott ſelbſt, aber dieſe Menſchen achten den Teufel und die Hölle höher, als den Erlöſer und die ewige Seligkeit!“ Abermals trat eine kleine Pauſe ein, gerade wie wenn der Frager dem Gefragten Zeit laſſen wolle, alle ſeine Antworten vorher zu überlegen, ehe er ſie gebe. „Natürlich,“ nahm nach Verfluß von einigen Minuten die vermeintliche Eminenz abermals das Wort,„natürlich ſind Ihnen die Oberhäupter dieſer gräßlichen Verſchwörung bekannt, und Sie werden nicht anſtehen, dieſelben, ſowie überhaupt alle Mitglieder, die Sie kennen, zu unſerer Kenntniß zu bringen.“ „Ich ſelbſt, Eure Eminenz,“ verſicherte ſofort der Marcheſe, nahm keine hervorragende Stelle in der verruch⸗ ten Geſellſchaft ein, und deßwegen bin ich meines Wiſſens nie mit den eigentlichen Oberleitern in näherer Verbindung geſtanden; allein einige der Vornehmſten und Hervorragend⸗ ſten des Ordens ſind mir gar wohl bekannt, und auf dieſe Verräther möchte ich die Aufmerkſamkeit Eurer Eminenz ligen Collegiums berechtigt war, ſo ſchwand auf einmal hauptſächlich lenken.“ aufgedrängt, total in ein Nichts zuſammen. maßregeln ſind nur deßwegen getroffen, damit das hochwich⸗ tige Geheimniß, das ich zu entdecken habe, vor keinen un⸗ lauteren Ohren geoffenbart werde.“ Kühn richtete er ſich nun auf, dem er die Eminenz vermuthete, näher zu treten und ihm zugleich ſeine tiefſte Reverenz zu bezeugen. Dieſer jedoch nahm lediglich keine Notiz von der demüthigen Verbeugung des Marcheſe, ſondern ſchien ihn vielmehr durch ſeine Halb⸗ maske eine geraume Zeit lang äußerſt ernſthaft zu betrachten. „Ihr Name, mein Herr?“ fragte endlich die vermeint⸗ liche Eminenz in tiefem, hohlem Tone. „Carlo Cialdini, Marcheſe von Monaco,“ erwiederte der Angeredete. „Sie gehören dem Geheimbunde der Carbonaris an?“ fuhr die vermeintliche Eminenz fort. „Ich gehörte ihm bis jetzt an,“ entgegnete der Mar⸗ cheſe mit einer etwas unſicheren Stimme;„allein ich habe bereits dem Pater Iſidoro Hochwürden bekannt, welch' tiefe Reue ich über dieſe jugendliche Verirrung empfinde. Man hat meine Unerfahrenheit und mein feuriges Gemüth be⸗ nützt,“ fuhr er wieder etwas mehr Feſtigkeit gewinnend fort, „um mich zum Beitritt zu verleiten, denn wenn ich gleich von Anfang an gewußt hätte, um welche verbrecheriſche Abſichten es ſich handelte, ſo würde ich wohl nie die Sünde begangen haben, Mitglied einer ſolchen Rotte Korah gewor⸗ den zu ſein.“ „Es handelt ſich alſo bei dem Geheimbunde der Car⸗ bonaris um verbrecheriſche Abſichten?“ fuhr die vermeint⸗ liche Eminenz nach einer kleinen Pauſe abermals fort. „Wollen Sie mir wohl dieſe Abſichten näher bezeichnen?“ „Eminenz,“ rief nun der Marcheſe mit Pathos,„die Abſichten der Verſchwörer gehen dahin, alle Throne Ita⸗ liens umzuſtürzen, und unter dem Vorwande, das Volk zu all' das Mißtrauen, das ſich ihm in den letzten Minuten „Er kann kein anderer ſein, als der Kardinalſtaats⸗ ſekretär,“ murmelte er vor ſich hin,„und all' die Vorſichts⸗ Allem iſt es Graf Pepoli, dem Mailändiſchen, wo ſeine Güter liegen, hierher gezogen iſt und in der Villa Altieri ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen hat.“ um dem Manne, in brauchen ſich daher keine Mühe zu geben, ihn noch näher „Nennen Sie dieſelben,“ fuhr die vermeintliche Emi— nenz fort. „Vor Allem,“ entgegnete der Marcheſe eifrig, indem ſich ſein Mund zu einem häßlichen Lächeln verzog,„vor der ſeit einigen Wochen aus „Ich kenne ihn,“ verſetzte der Andere,„und Sie zu bezeichnen.“ V„Der Zweite,“ ſprach der Marcheſe weiter, iſt der Prinz Louis Napoleon Bonaparte, der Neffe des Kardinal Feſch Eminenz, und der Gaſt Seiner Heiligkeit des Pabſtes.“ „Schrecklich in der That,“ rief die vermeintliche Emi⸗ nenz,„die Gaſtfreundſchaft auf ſolche Weiſe zu mißbrau⸗ chen. Doch fahren Sie fort, Marcheſe, wer iſt der Dritte?“ „Als ſolchen bezeichne ich,“ ſprach der Marcheſe,„den Grafen Sercognani, General in den Dienſten Seiner Hei⸗ ligkeit, alſo einen doppelten und dreifachen Verräther. Ich habe mich übrigens vorgeſehen, Eminenz, und ein kleines Verzeichniß aller deren mitgebracht, von denen ich weiß, daß ſie dem Orden der Carbonaris je angehörten oder noch an⸗ gehören, und erlaube mir hiemit, Ihnen daſſelbe zu über⸗ reichen.“ Die tiefſte Stille herrſchte, während der Marcheſe dieſe gräßliche Anklage gegen die Carbonaris vorbrachte, und man hätte es gehört, wenn ein Blatt zu Boden ge⸗ fallen wäre; in demſelben Augenblicke jedoch, als er dem vermummten Manne, mit dem er ſprach, das Verzeichniß der Carbonaris überreichte, erſcholl ein lautes, obwohl eigen⸗ thümliches Klopfen an der Seite des Gemachs, in welchem die Unterredung ſtattfand, und wie der Marcheſe dieſes Klopfen hörte, wäre er vor Schrecken beinahe in die Kniee geſunken. Er hatte es nämlich früher ſchon oft gehört, da es das Geheimzeichen der Carbonaris war, wenn ein Mitglied in eine Verſammlung von Brüdern eintreten wollte; doch— täuſchte er ſich nicht etwa ſelbſt, und konnte es nicht auch den Kapu Himmel, welchen er rathen ha ſnatsſekre des Kardi mönche I Mann ſe ſich alſo Au hen nie trat im der verh Gewölbe der verme dem oleſe thüre, die mach führ „Jod vermeint der Ihne Stüllſchn Au neben de wölbe; a grund ot Zehn oder und alle dene Str hätten, merkte ſeine ga durch n „Wer n wartet Eid des dießer Beängſti allzu lan Minuten folgt von ſie nach 1 Grauſen wäͤmlich und Halb ten Anzu dr Eine nün Be Müͤang Feierſtun nicht auch unter anderen Brüderſchaften, wie z. B. unter den Kapuzinern, ganz ähnliche Geheimzeichen geben? Beim Himmel, es war doch rein unmöglich, daß der Mann, an welchen er ſoeben erſt das Geheimniß der Carbonaris ver⸗ rathen hatte, der Mann, der die Stelle eines Kardinal⸗ ſtaatsſekretärs bekleidete, der Mann, zu dem er auf Befehl des Kardinals Doria, von einem der berühmteſten Prediger⸗ mönche Italiens geleitet worden war,— daß ein ſolcher Mann ſelbſt zu den Carbonaris gehören konnte! Er mußte ſich alſo nothwendigerweiſe getäuſcht haben! 38 Aufmerkſam lauſchte er, ob ſich das ſondexbare Zei⸗ chen nicht wiederhole, aber es blieb Alles ſtill. Dagegen trat im ſelben Momente, wo das Klopfen aufhörte, eine der verhüllten Geſtalten, welchen der Marcheſe im dritten Gewölbe begegnet war, vor, flüſterte ein paar Worte mit der vermeintlichen Eminenz und verſchwand alſobald, nach⸗ dem dieſe genickt, durch eine bis jetzt unſichtbare Geheim— thüre, die nach außen oder wenigſtens in ein fünftes Ge⸗ mach führte. „Folgen Sie ihm, Pater Iſidoro,“ ſprach nun die vermeintliche Eminenz laut, und nehmen Sie demjenigen, der Ihnen außen näher bezeichnet werden wird, den Eid des Stillſchweigens und des Geheimhaltens ab.“ Augenblicklich verließ Pater Iſidoro, der ſich bisher neben dem Marcheſe Cialdini poſtirt gehabt hatte, das Ge— wölbe; aber in demſelben Momente füllte ſich der Hinter— grund oder vielmehr der Platz hinter dem Marcheſe mit Zehn oder Zwölf jener Vermummten aus dem dritten Saale, und alle dieſe Männer hielten merkwürdigerweiſe lange ſei— dene Stricke in den Händen, wie wenn ſie den Auftrag hätten, Jemanden zu knebeln und zu binden. Hievon be⸗ merkte jedoch Cialdini nichts, einfach deßwegen, weil er ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die Thüre cancentrirt hielt, durch welche der Pater Iſidoro ſoeben verſchwunden war. „Wer wird denn,“ ſo fragte er ſich ſelbſt,„nunmehr er⸗ wartet und warum nimmt man dem Neueintretenden den Eid des Stillſchweigens ab, während man mich ſelbſt mit dieſer Ceremonie verſchont hat?“ Seine mit nicht geringer Beängſtigung vermiſchte Neugierde wurde übrigens nicht allzu lange auf die Probe geſtellt, denn kaum waren einige Minuten vergangen, ſo trat Pater Iſidoro wieder ein, ge— folgt von zwei Männern, deren Anblick den Marcheſe, wie ſie nach und nach aus der Dunkelheit in's Licht traten, mit Grauſen und Entſetzen anfüllten. Dieſe zwei Männer nämlich waren weder in lange Mäntel, noch in Kaputzen und Halbmasken verhüllt, ſondern zeigten ſich im gewohn⸗ ten Anzuge, und hatten auch ſonſt, abgeſehen davon, daß der Eine von ihnen den Arm in einer Schlinge trug, gar nichts Beſonderes an ſich; aber daß ihr Anblick eine ſolche Wirkung auf den Marcheſe hervorbrachte, war deßwegen doch nicht zu verwundern, indem er in dem Einen von ihnen den Grafen Alfred Belgiojoſo, und in dem Andern den Engländer Arthur Stanton erkannte. Anfangs traute er ſeinen eigenen Augen nicht. Arthur Stanton war ja todt oder wenigſtens auf den Tod verwundet, wie konnte er alſo hier unter den Lebenden erſcheinen? Wie ein Blitz ſchoß es ihm jedoch durch den Sinn, daß Battiſta fehlge⸗ ſtoßen haben müſſe, und daß diejenigen, welche ihm in der Via Condotti begegnet, falſch berichtet geweſen ſeien. Allein, ſo fragte er ſich im nächſten Augenblicke weiter, was woll⸗ ten denn Arthur Stanton und Alfred Belgiojoſo hier von dem Kardinalſtaatsſekretär? Hatten ſie vielleicht die Abſicht, ihn des Mordsverſuchs zu zeihen? Doch wie konnten ſie wiſſen, daß Seine Eminenz hier ſei? Es wurde ihm ganz den. 1864. 111 wirr im Kopfe und ſeine Augen erweiterten ſich, als woll⸗ ten ſie aus ihren Höhlen treten. Ja wenn ſich jetzt ein Abgrund vor ihm geöffnet hätte, mit Freuden würde er ſich hineingeſtürzt haben, ſo unendlich war das Grauſen, das ſich ſeiner bemächtigte! Jetzt ſtellte ſich Alfred Belgiojofo mit ſeinem Gefähr— ten an der Hand vor die drei Vermummten, deren Mitt⸗ lerer der Kardinalſtaatsſekretär ſein ſollte.„Großmeiſter vom Stuhle,“ begann er,„ich habe Einlaß begehrt, um einen unſerer bisherigen Mitbrüder....“ Weiter konnte er nicht ſprechen, denn auf einmal fiel dem Marcheſe Cialdini die Binde von den Augen, und er ſah ein, daß derjenige, welchen er für eine Eminenz gehal⸗ ten, kein anderer ſein könne, als der Großmeiſter des Car⸗ bonariordens ſelbſt. Somit wußte er, daß er ein verlore⸗ ner Mann ſei, und mit dieſem Bewußtſein erwachte zugleich der Durſt nach Rache in einem faſt wahnſinnigen Grade in ihm.„Verräther, Betrüger,“ brüllte er und ſtürzte ſich, ein Stilet, das er in der linken Bruſttaſche verborgen hatte, hervorreißend, auf die Gruppe von Männeru, die vor ihm ſtanden. Auf wen ſeine Mordabſicht hauptſächlich gerichtet war, ob auf die vermeintliche Eminenz, oder auf Alfred Belgiojoſo, oder auf Arthur Stantor, oder endlich auf alle drei zuſammen, können wir nicht ſagen, und wahrſcheinlich wußte er es ſelbſt nicht; allein es iſt dies auch ziemlich gleichgiltig, denn ehe er noch einen Stoß führen konnte, hatten ihn die hinter ihm Stehenden bereits ergriffen und natürlich trotz ſeines heftigen Widerſtandes im Augenblicke entwaffnet. „Bindet ihn,“ befahl nun der, welchen Alfred Bel⸗ giojoſo den Großmeiſter genannt hatte. Es war im Augenblick geſchehen, Schnüre wanden ſich ſo feſt um die Unglücklichen, und die ſeidene Arme und Beine des daß er bald kein Glied mehr rühren konnte. Aber nun kam die Todesangſt über ihn. „Gnade, Gnade,“ heulte er, indem er ſich auf ſeine beiden Kniee niederwarf und auf ihnen gegen den Groß⸗ meiſter hinrutſchte. Dieſer jedoch nahm keine weitere Notiz von ihm, als daß er befahl, dem Elenden einen Knebel in den Mund zu ſtecken, ohne Zweifel, um durch ſein Geſchrei nicht länger geſtört zu werden. Natürlich wurde auch dieſer Befehl im Augenblick vollſtreckt, und der Marcheſe blieb von nun an zu Allem, was vorging, vollkommen ſtumm. V„Tritt jetzt abermals vor, Alfred Belgiojoſo,“ ſprach ſofort der Großmeiſter mit kaltem Ernſte,„und ſage, was dich hierher geführt hat. Doch bevor wir beginnen,— hat dein Begleiter den Eid des ewigen Stillſchweigens geleiſtet?“ „Pater Iſidoro hat ihm denſelben abgenommen,“ er⸗ wiederte Alfred Belgiojoſo;„allein auch ohne Eid würde ich für ihn gut geſtanden haben mit Seele und Leib, wie für einen Bruder.“ „Es iſt gut,“ entſchied der Großmeiſter;„nun fahre fort, Alfred Belgiojoſo.“ „Ich habe eine Anklage auf Leben und Tod gegen einen unſerer Mitbrüder,“ erklärte Alfred Belgiojoſo mit feierlicher Stimme.„Der Angeklagte ſteht hier in unſerer Mitte und ſein Name iſt Carlo Cialdini.“ „Weſſen klagſt du ihn an, Alfred Belgiojoſo?“ fragte der Großmeiſter. „Des dreifachen Verbrechens, des Raubs, des Mords und des Verraths,“ erwiederte der Graf Belgiojoſo,„und jedes dieſer drei Verbrechen werde ich beweiſen. Heute Abend ſollte mich, wie verabredet worden war, mein Freund Arthur 112 Stanton, geführt von meiner Schweſter, beſuchen, und ich harrte ihrer deßwegen in meinem Verſtecke hinter einem der unteren Fenſter verborgen. Nach dem Angelus ſollten ſie kommen, und richtig genau zur feſtgeſetzten Zeit ſah ich ſie die Bia Condotti heraufſchreiten; doch unmittelbar hinten ihnen drein folgten drei bettlermäßig gekleldete Burſche, deren Bewegungen mir äußerſt verdächtig vorkamen. Alſobald eilte ich vom Fenſter hinweg in den Hausgang, und wie ich die Hausthüre öffnete, um meinem Freunde nöthigenfalls beizuſtehen, fielen die drei Schufte uber Arthur Stanton her. Sie hatten ſich jedoch in ſeiner Perſon ſtark verrechnet, denn obwohl ihm der Gine von ihnen mit ſeinem Dolche den Arm durchſtach, ſo wäre er wohl allein mit ihnen allen Dreien fertig geworden, wenn nicht die Beſorgniß für meine Schweſter ſeine Bewegungen in Etwas gehemmt hätten. Naturlich übrigens war ich wie der Blitz an ſeiner Seite, und indem wir melne Schweſter mit dem Rücken deckten, bearbelteten wir die Banditen ſo, daß zwei von ihnen augen. vlicklich die Flucht ergriffen, während der dritte ſchwer ver wundet zu unſern Füſen. nieberſank. Ich hatte, wie ihr wißt, Grund, mit dem Sicherheitswächtern in keine nähere Berührung zu kommen, und ſomit ſchleppten wir den ſchwer Verwundeten ſtatt nach der Polizei in meine Behauſung, wo wir, nachdem ein ſchnell herbeigeruſener Wundarzt ſo wohl ſeine Verletzungen, als Arthurs Armwunde verbunden hatte, ſelbſt den Unterſuchungsrichter ſpielten. Was aber erfuhren wir nun? Einmal daß Carlo Cialdini die drei Mörder gebungen und das Leben Arthur Stantons für zwethundert Seudi verkauft habe; zum Zweiten, daß eben derſelbe Garlo Gialdint es geweſen ſei, welcher vor wenigen Wochen meine Schweſter rauben und in die Cuun ſchleppen ließ; zum Dritten endlich. „Halt,“ unterbrach ihn der Großmeiſter,„εs iſt ge uung, denn das dritte Verbrechen, das des Verraths, hat Garlo Gialdiut in einem viel großartigeren Maßſtabe be⸗ gangen, als du dir nur denken kannſt. Enthüllt eure⸗ Ge ſichter, „damit der Elende hier ſche, gefangen hat.“(Siehe Bild S. 108.) Augenblicklich warf er die Halbmaske weg und ſtand nun da als Graf Pepoli, der Großmeiſter des Garbonari ordens, die Täuſchung aber wegen der vermeintlichen Schar lachſutane war daher gekommen, daß er heute als Blutrich ter einen rothen Rock unter ſeinem Mantel trug. thaten natürlich auch die Uebrigen, daß der zu ſeiner Rechten kein anderer war, als Prinz vonis Napoleon, der zu ſeiner Linken dagegen General Graf Sercognani, alſo gerade die Beiden, welche der Marcheſe dem Kardinalſtaatsſekretär, nälhſt dem Grafen Il80 Pepolt, als beſonders gefährliche Verräther bezeichnet hatte. Uebrigens waren auch die ubrigen Anweſenden dem Mar cheſe alle bekannt, und deren Namen ſtanden ſämmtlich ohne Unterſchied in dem Verzeichniß, das von ihm der vermeint lichen Gminenz uberreicht worden war. „Carlo Gialdint,“ begann nun abermals Graf Pepoli, und ſeine Stimme klang ſo tief, wie die Poſaunen des Engels des letzten Gerichts;„Carlo Cialdint, ſie ſtehen alle vor dir, welche du durch deinen Verrath dem Stricke des Henkers überantworten wollteſt, kennſt du die Bedeutung dieſer Worte? Carlo Eialdint,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe mit noch feierlicherer Stimme ſort,„du haſt deinen Cidſchwur gebrochen und biſt ein Fälſcher geworden nicht blos an deinen Brüdern, ſondern auch am Höchſten, das es gibt auf Erden, an deinem Vaterlande und an dem Glücke Feierſtunden. meine Brüder,“ rief er darauf mit ſtarker Stimme, in welchen Schlingen er ſich! einander ſolgenden Wie er, und es zeigte ſich ſoſort, 1864. „ deſſelben. Du kennſt das Geſetz, welches wir uns ſelbſt gegeben haben, und dieſes Geſetz wird nun an dir vollzogen werden.“ Der Ungluckliche ſtöhnte hörbar, trotz des Knebels, der ſeinen Mund verſchloſſen hielt. Seine Glieder zuckten und wanden ſich, trotz der Bande, in welchen ſie wie in einen Schraubſtock eingepreßt waren. Er bot ein jammerwürdiges Bild dar! „Carlo Cialdini,“ ſprach der Blutrichter nach einer abermaligen Pauſe weiter,„über deine Seele hat nur Gott zu richten, dein Leib aber iſt dem Tode verfallen. Doch will ich die Brüder fragen, ob ſie ſtatt des Geſetzes die Gnade walten laſſen wollen. Sprecht, ihr Eingeweihten, Einer nach dem Andern, was ſoll mit Carlo Cialdini ge⸗ ſchehen? Den Anfang mache der Jüngſte, und ſo folge euer Spruch nach der Altersordnung, wie wir bei allen hoch⸗ wichtigen Angelegenheiten zu thum⸗ gewohnt ſind.“ Abermals war es ſo ſtill, daß man den Athemzug. der Umſtehenden hören konnte. Keiner flüſterte zum Andern, ſondern Jeder berieth. insgeheim mit ſeinem eigenen Innern. Da trat endlich Einer hervor, der Jüngſte, und ſprach laut und ſtreng:„er ſterbe!“ Oie Augen des Marcheſe überliefen ſich mit Blut und er machte eine ſolche Gewaltsanſtrengung, daß der Knebel in ſeinem Munde ſich verſchob. „Gnade, Gnade,“ heulte er in unartülulirten Tönen, „bedenkt meine Jugend und mein bisheriges fündhaftes Leben. Bedenkt die ewige Höllenpein, die meiner wartet, wenn ihr mich jetzt tödtet, und gebt mir wenigſtens Zeit zu Buße und Reue.“ „Er ſterbe,“ ſprach da der Zweite der Eingeweihten mit noch ſtärkerer Stimme, als der Erſte, und ſo ſprach nach ihm der Dritte, Vierte und Fünſte. „Er ſterbe,“ ſprachen endlich Alle zuſammen und der Blutrichter ſenkte ſeinen Stab zum Zeichen ſeiner Beiſtimmung. „Carlo Cialdint,“ ergriff nun wieder der Letztere das Wort,„dein Urtheil iſt beſiegelt und keine Macht der Erde iſt im Stande, daſſelbe zu ändern. ſterben, den unſer Geſetz für Verräther vorſchreibt. Damit aber deine Seele nicht mit dem Leibe verderbe, geben wir dir Zeit zu bereuen, und dreimal in den drei nächſt auf Tagen ſoll dich der hochwürdigſte Pater Iſidoro beſuchen, um dir die T röſtungen der Religion zu⸗ kommen zu laſſen. Doch mit dem Ablauf des dritten Tages ſchließt ſich dein lebendiges Grab hinter dir und öffuet ſich nicht früher wieder, als bis du vor dem naceerſuc deſſen ſtehſt, dem wir Alle einſt Rechenſchaft geben müſſen. Brü⸗ der vom Blutbann, thut mit ihm, wie es das Geſetz vorſchreibt.“ Im Momente ergriffen ſofort vier der im Hintergrunde ſtehenden Männer den Verurtheilten, ſchoben ihm einen zwei⸗ ten unverrückbaren Knebel in den Mund und zogen ſeine Bande noch feſter an. Dann nahmen ſie einen Mantel, ahnlich der Kutte, welche die Kapuziner tragen, und um⸗ wickelten ſeinen Körper damit. Ueberdem beſeſtigten ſie ein kleines Kreuz zwiſchen ſeinen Fingern und ſchlangen den Strick des heiligen Franziskus als Gurtel um ſeine Lenden. Nachdem ſte ihn ſo ausſtaffirt, ſchleppten ſie ihn zu einer der noch nicht ausgefüllten Niſchen, welche mit einer eiſer⸗ nen Thuͤr verſchließbar war, und banden ihn in ihr feſt, gerade wie die Knochengerippe und Mumien, von denen wir oben geſprochen, in den übrigen Niſchen befeſtigt waren. EGs war alſo klar, daß die ſteinerne Niſche das Todesgewölbe ſein ſollte, in welchem Carlo Du wirſt den Tod Cialdini Tagedee Kaun blboe Gr⸗ Haupt dun d. fleißigen der Alt und von Kyi L aufwa wrrlä Franke a dieſ ſur M. . D helerg alöſt ogen „der und einen diges einer Gott Doch 8 die ihten, ii ge⸗ eeher hoch g der dern, nern. Hlaut t und enebel önen, ehen. n ihr Buße dito ſprach nd der mung. re das r Erde 1 Tod Damit en wir ſt auf Pater on zli— Tages et ſich deſſen Brü⸗ ribt.“ grund n zwe⸗ in ſeine Nan, — Feierſtunden. 1864. 113 Cialdini, nachdem er langſam verſchmachtet, dem ithaten die Uebrigen, und zuletzt ließen ſich Alle auf die Kniee Tage des ewigen Gerichts entgegenharren mußtel! nieder, um Gott um Gnade für den Verräther anzuflehen. Kaum war das furchtbare Urtheil vollzogen, ſo ent⸗ Gleich darauf verließ Einer nach dem Andern das Gewölbe, blöste Graf Pepoli, der Großmeiſter und Blutrichter, ſein denn das Geſchäft, das ſie für dieſe Nacht hierher geführt, Haupt und faltete die Hände zum Gebet. Ganz daſſelbe war zu Ende. Nur Einer blieb zurück, der Pater Iſidoro! (Fortſetzung folgt.) Brunn im Aftmühlthal. Das Altmühlthal, ein fruchtbares, an gewerb⸗ verwirklichte, der ſchon im Jahre 793 die Altmühl zur fleißigen Ortſchaften reiches Thal der Oberpfalz, wird von Verbindung zwiſchen der Donau und dem Main benutzen der Altmühl, einem Nebenfluß der Donau, durchſtrömt, wollte. Der Kanal ſelbſt, der ſeit der Eröffnung des zund vom Ludwigs⸗Kanal durchſchnitten, durch deſſen Bau deutſchen Eiſenbahnnetzes viel von ſeiner Frequenz ver⸗ König Ludwig von Bayern den Gedanken Karls des Großen loren hat, folgt vom Main aus dem Thal der Regnitz aufwärts über Bamberg, Forchheim, Erlangen, Fürth, Riedenburg hinab und weiter, herrliche Scenerien, und auf verläßt weiter oberhalb das Regnitzthal und geht über den ſeinen theilweiſe hohen felſigen Thalwänden mannigfache Frankenjura in der Richtung auf Neumark zum Sulzthal, Ueberreſte alter Burgen und Schlöſſer, von denen Brunn, in dieſem abwärts zur Altmühl, die von Beilngries bis das unſer Holzſchnitt zeigt, von großer Ausdehnung und zur Mündung in die Donau bei Kelheim ſchiffbar gemacht ſtheilweiſe noch wohl erhalten iſt. iſt. Das Altmühlthal bietet von Dietfurth abwärts, bis! 2 Feierſtunden. 1864. 15 4 2 . Feierſtunden. 1864. —-—————;O Hohenſtaufenfrauen. Ein Kranz von hiſtoriſchen Charakterbildern. Von Luiſe Pichler. 2. Beatrice I., die Kaiſerin, Gemahlin des Barbaroſſa. Warum kann ich dich nicht vergeſſen, Du blondes, ſchönes Kaiſerhaupt? Warum hat keine Zeit indeſſen Dir deinen Lorbeerkranz entlaubt? Warum ſeh'n niemals wir erblaſſen Im Abendroth den Staufen fern, Daß wir es könnten unterlaſſen, Zu ſchauen dort nach deinem Stern? An ein Gefängniß müſſen wir treten. Nicht ein er⸗ grauter Verbrecher, nicht ein Mann iſt's, der dort nach dem Lichte, nach Freiheit ſchmachtet, ſondern ein weibliches We⸗ ſen von zarter Geſtalt, in der Altersſtufe, da aus dem Kinde die Jungfrau ſich entwickelt und die harmloſe Unſchuld des erſteren noch die Anmutheder zweiten umſchwebt. Sie war nicht für, Kerkernachtherzogen. Prunk und Glanz hatten ihre Kindheit umgeben« die zärtlichſte Mutter⸗ ſorge die Wiege dieſes ihres einzigeng Kindes behütet, eines edlen Vaters ſtolze Freude die Entwicklung ihres knoſpenden Geiſtes überwacht. Sie war nicht pur in all' den ſchönen Kunſtfertigkeiten unterrichtet worden x womit eine weibliche Hand ihre Umgebung erfreut, in Shitenſpiel und den Kün⸗ ſten der Nadel, auch ihr Geiſt war Areichert und gekräftigt worden durch Unterricht in ernſten Wiſſenſchaften, denn Bea⸗ trice war als einzige Erbin des ſfächtigen Grafen von Burgund einſt zur Regierung beſtummt. Schon breiteten die Minneſängor den Preis der lieb⸗ lichen Roſenknoſpe von Burgund auß,— da ſtarb, noch ehe ſie mündig geworden war, ihr Vatet Reinold, Graf von Burgund; die Mutter war ihr ſchon ſävor entriſſen worden. Ihr Vormund und leiblicher, Oheim, ein wilder, kriegeriſcher Mann, bemächtigte ſich des Landes und ſtieß die Verwaiste vom Fürſtenſtuhl in den Kerker, damit zſie dort hinwelke, ehe ihre Lieblichkeit ihr einen Gemahl gewonnen, der ihr Erbland dem thronräuberiſchen Verwandten entreißen könnte. Die Vaſallen, das ganze Burgundſſche Volk murrte über die Gewaltthat und klagte um die zuange Herrin, aber Graf Wilhelm, der⸗Ohenn der Veraubfe war ein kriege⸗ riſcher Mann, von zahlreichen wohlbelval fneten Söldner⸗ ſchaaren umgeben; gewaltſam hielt er das Land unterdrückt; „die Vorſtellungen und Dröhungen ſeines Oberlehensherrn, des Königs von Frankreich, verlachte er, und dieſer war zu ſchwach, um den trotzigen Grafen zum Gehorſam zu zwingen. So ſah denn die holde Verwaiste ſich in Kerkermauern begraben, aus denen es keine Rettung für ſie zu geben ſchien. Noch war ihr die Lebensſonne kaum aufgegangen und ſchon lagen Hoffnung und Freude hinter ihr. Wie hielt das junge zarte Weſen dieſen furchtbaren Wechſel aus? Die Geſchichts⸗ ſchreiber berichten nichts darüber, aber ſie erzählen aus Beatricens weiterem Leben, daß ſie von frommem, gott⸗ ergebenem Gemüthe geweſen ſei. Die Chriſtenheit war überhaupt damals ihres Glaubens, der aus der Nacht des Heidenthums wie ein helles Licht aufgegangen war, recht froh geworden, und eine innige Herzensfrömmigkeit galt als die Verklärung irdiſcher Bildung. So mochte auch die junge Beatrice aus dem Kerker, deſſen kahle Mauern und vergitterte Wände ihr die ſchöne Welt verdeckten, ihr Herz zum Himmel erhoben haben, wo ein unvergängliches Erbe derer harrt, die unſchuldig leiden und verfolgt ſind. Doch Gott der Herr hatte Beatrice noch für lange und glänzende Lebensbahnen aufbewahrt. Um dieſe Zeit hatte Friedrich der Erſte, der Rothbart, den deutſchen Thron beſtiegen, und zu ſeinem Ohre drang die Kunde von dem Unglück und der Holdſeligkeit der jungen Erbin von Bur⸗ gund. Der Kaiſer hieß„der Herr der Welt“ und„die Quelle des Rechtes auf Erden“. Darum wollte er ſolchen Frevel auch außerhalb ſeines Reiches nicht hingehen laſſen. Ritter⸗ und Kaiſerpflicht ſchien es ihm, für ſie einzutreten. Er ſuchte eben eine edle und würdige Genoſſin ſeines Thro⸗ nes. Raſch entſchloſſen ſchickte er Geſandte an den Grafen Wilhelm ab, befahl ihm, Beatrice frei und ihr Erbe heraus zu geben und warb für ſich um deren Hand. So groß war das Anſehen des jungen Kaiſers, daß der trotzige Burgunder, der die Befehle ſeines eigenen Königs verlacht hatte, ohne Widerſtand, ohne Schwertſtreich das Land übergab und demüthig um des Kaiſers Verzeihung für ſeinen Frevel nachſuchte. An der Seite der kaiſerlichen Geſandten trat er in den Thurm, der ſeine Nichte verſchloſ⸗ ſen hielt, um ihr nicht nur Leben und Freiheit zu verkün⸗ den, ſondern ſie auch zu dem Thron ihres erhabenen Ret⸗ ters, des Kaiſers, den alle Lande prieſen, zu berufen! Durch das frühe Unglück hatte Beatricens Herz für die hohe Bahn, die ihr beſtimmt war, gekräftigt werden müſſen; das Glück, das ſo plötzlich, ſo ſonnenhell in ihren Kerker drang, mußte ihre frühe Reife vollenden. Begleitet von ihren edeln Vaſallen, von dem Jubel des burgundiſchen Volkes, das nun Friedrich, den Kaiſer, ſeinen Herrn nennen durfte, verließ Beatrice das Land ihrer Verwaistheit und ihres Unglückes und zog dem deutſchen Reiche, fortan dem ihrigen, zu. Um Pfingſten 1156 erwartete ſie der Kaiſer zu Würz⸗ burg. Jubelnde Huldigungen emfingen die kaiſerliche Ver⸗ lobte überall längs ihres Weges; der Wonnemonat hatte das Land weithin zum Feſte geſchmückt. Noch aber hatten ſich die Verlobten nicht geſehen. Mit welchen Empfindun⸗ gen mußte Beatrice die Thürme von Würzburg aus der Ferne erblicken! Wie ward ihr, als bald darauf Trommeten⸗ (klang ertönte, als ihre Ritter ihr das Nahen des Kaiſers verkündigten! Noch wenige Augenblicke und der Zug des Kaiſers traf mit dem ihren zuſammen; er ſelbſt an der Spitze ſeiner Schaar ritt an ihre Seite. Es hätte nicht des goldenen Reifes bedurft, der ſeine Locken umſchlungen hielt, nicht der purpurnen Tunika und des juwelenbeſetzten Gürtels, um in Friedrich den Kaiſer zu erkennen. Den blitzenden Blick des blauen Auges, dieſe Herrſcherruhe der lichten Stirne, dieſe Majeſtät der Haltung und jeder Bewegung konnte nur der Einzige haben. Doch nicht nur überwäl⸗ tigende Ehrfurcht, auch hingebendes Vertrauen, wonnige Liebe mußte die Erſcheinung des Kaiſers mit dem edlen Schnitt der Züge, dem milden Lächeln der feinen Lippen, dem heiter gelockten blonden Haare erwecken.. Aber auch Friedrichs Blicke tranken Wonne und Glück im Anſchauen der holden Braut.„An Geſtalt und weib⸗ licher Anmuth bot ſie ein Bild von faſt überirdiſcher Schön⸗ heit,“ ſagt ein alter Chroniſt. Otto von Freiſingen, der Oheim Friedrichs, rühmt eingehender noch die ſchönen, den knoſpenden Mund, die überaus die hohe weibliche Anmuth, wonneſamen Augen, der zart und ſchön gebaute Geſtalt, — in der ſie brübliſe Wol genſtitiges ſie mit w in Würbt ihnen und das And Reihe de bunden ſem Be wo im erzbiſcht ertheilt Es das kaiſe ſchichte g Rothbarts ſchwerden ſäͤner Se führt ih da er i mit wei des Kai an Kenn der griec ſo hoch weiblich; noch ſind ihre Har M Alle zu die kaiſ ſelben, getragen . Ir ſers hat lag im Vaſalle, Hei ſtiner J Grzs Größe, Häinrichs ee konnte ſegen. g u deder te ll ungxn Feierſtun —x; in der ſie ſich zugleich züchtig, würdig und doch huldvoll herablaſſend zeigte. Wohl mochten Friedrich und Beatrice, als ſie, in ge— genſeitiges Anſchauen verloren, er Liebesworte flüſternd und ſie mit wonnigem Beben denſelben lauſchend, Seite an Seite in Würburg einzogen, vergeſſen haben, was noch außer ihnen und um ſie her lebte und war. Eines war ja für das Andere jetzt das Einzige auf Erden, Beide aus der Reihe der Lebenden emporgehoben und unzertrennlich ver⸗ bunden für Leid und Freud, für Tod und Leben. In die⸗ ſem Bewußtſein zogen ſie nach dem Dome zu Würzburg, wo im Beiſein der Fürſten und Völker Deutſchlands von erzbiſchöflichem Munde ihrem Bunde die Weihe der Kirche ertheilt wurde. Es iſt derſelbe ein Bund des Segens geworden für das kaiſerliche Paar und für das Reich. Beatricens Ge⸗ ſchichte geht fortan auf in der Geſchichte Friedrichs, des Rothbarts. Sie hat Theil an ſeinen Sorgen, ſeinen Be⸗ ſchwerden, wie an ſeinen Ehren und Freuden. Sie war an ſeiner Seite im Kriegslager und auf feindlichem Boden; ſie führt ihm einmal ein Heer zu, das ſie geſammelt hatte, da er in Noth iſt; ſie gibt ihm zu anderen Zeiten Rath mit weiblichem Takte. Ihre vielſeitige Bildung erheiterte des Kaiſers Geiſt in Stunden der Erholung, denn ſie war an Kenntniſſen reich und vertraut ſogar mit den Schriften der griechiſchen und römiſchen Klaſſiker, die auch Friedrich. ſo hoch ſchätzte. Und doch war ihr ganzes Weſen ſo ächt weiblich; ſie verſchmähte auch die Künſte der Nadel nicht; noch ſind Altartücher und Meßgewänder aufbewahrt, die ihre Hand gefertigt hat. Mutter von fünf Söhnen iſt ſie geworden. Sie ſind Alle zu Helden herangewachſen und ihrer Keinem mußten die kaiſerlichen Eltern in's Grab nachſchauen. Zwei der⸗ ſelben, der älteſte und der jüngſte, haben ſpäter die Krone getragen. In einer der ſchwerſten Stunden im Leben des Kai⸗ ſers hat ihr Wort ihn mit neuem Muthe beſeelt. Friedrich lag im Kriege mit den Mailändern, und ſein mächtigſter Vaſalle, Herzog Heinrich von Sachſen, hatte ihn ungetreuer Weiſe verlaſſen mit ſeinem ganzen Heere. Ohne ihn mußte der Kaiſer den Mailändern erliegen; darum berief er den Herzog nach Chiavenna am Komerſee, um ihn in perſön⸗ licher Beſprechung zur Rückkehr zu vermögen. Heinrich war des Kaiſers naher Verwandter, der Freund ſeiner Jugend; er hatte demſelben ſeine Macht und ſeine Größe, den ganzen Bau ſeines Glückes zu danken. Mit Heinrichs Macht war jedoch auch ſeine Herrſchſucht geſtiegen, er konnte es nicht mehr ertragen, den Kaiſer über ſich zu ſehen. In Italien hatte er denſelben verlaſſen, um ihn zu verderben, darum konnten Friedrichs Bitten und Vor⸗ ſtellungen nichts mehr über ihn vermögen. Friedrich aber, auf dem Punkte zu verlieren, wofür er ſein Leben durch geſtritten hatte, des Reiches Einheit und Größe,— er vergaß, daß er der Kaiſer war, er fiel als Freund vor dem Freunde auf die Kniee, ihn beſchwörend, daß Heinrich ihn nicht verlaſſe in ſeines Lebens höchſter Noth. Heinrich, genannt der Löwe, blieb auch jetzt unerſchüt⸗ tert. Verloren ſah Friedrich ſeine bisherigen Siege, zer⸗ trümmert ſein Reich— durch ſeinen Günſtling, ſeinen theuerſten Freund! Da war es dunkel geworden vor ſeinen Augen, vor ſeiner Seele. Noch lag er vor dem Abtrün⸗ nigen. Der Held hatte nicht mehr die Kraft, ſich zu er⸗ heben. Ehre, Liebe und Treue ſie lagen mit ihm im Staube. Da nahte ſich ihm Beatrice, legte die Hand ſanft auf den. 1864. 115 ——;——— ſeine Schulter und ſprach:„Stehet auf, mein hoher Herr! Gott wird dieſes Tages und des Hochmuths dieſes Man⸗ nes gedenken!“ Und dieſes Wort von ihrem Munde fand den Weg zu des Kaiſers Herzen. Er blickte in Beatricens treue Augen und ſtand auf. Er war wieder er ſelbſt, der Mann von felſenhaftem Muthe— denn noch war die Welt, die unter ihm gewankt hatte, nicht verlaſſen von Liebe und Treue. Er zog von Chiavenna hinweg, führte Gemahlin und Kinder nach Piſa unter die Obhut einer kleinen treuen Schaar. Nur er wollte ſich der drohenden Gefahr der ent⸗ ſcheidenden Schlacht entgegen ſtellen, die nicht vermieden werden konnte und doch kaum eine Hoffnung zum Siege zeigte. Ein banges Scheiden folgte. Beatrice war bisher vom reichſten Glücke geſegnet geweſen, ſie mochte ahnen, daß auch das bitterſte Leid ihr nun drohe. Wenige Tage ſpäter kam durch Flüchtlinge nach Piſa die Nachricht, daß die Schlacht verloren, das Heer aufge⸗ rieben, der Kaiſer ſelbſt— unter den Todten ſei! Der allgemeine Jammer in der dem Kaiſer treu er⸗ gebenen Stadt war ſo groß, ſo unbeſchreiblich, daß man an der Kaiſerin noch tieferen Schmerz kaum dachte. Das Reich müſſe in Trümmer gehen, meinte Jeder, und die Stadt hielt ſich ſchon des Schlimmſten, der Zerſtörung und Einäſcherung durch die übermüthigen Feinde, gewärtig. Das größte Leid aber gibt wieder Ruhe und Faſſung; darum war die Kaiſerin jetzt die Beſonnenſte. Für ſie ſelbſt gab es auf der Welt nichts mehr zu hoffen noch zu fürchten, ſie hatte das Schwerſte erlebt, was ſie je erfah⸗ ren konnte; aber für Friedrichs Reich, für Friedrichs Söhne konnte ſie noch ſorgen. In Trauerkleider gehüllt berief ſie die zagenden Räthe des verſtorbenen Kaiſers und die Erſten der Stadt zu ſich, um für das verwaiste Reich, für ihre unmündigen Söhne, für die bedrohte Stadt Vorſorge zu treffen. Sie ſaßen zuſammen, die troſtloſeſte Rathsverſamm⸗ lung, die es in der deutſchen Geſchichte gegeben haben mochte, eine Verſammlung, deren beſonnenſtes und muthig⸗ ſtes Mitglied ein Weib mit gebrochenem Herzen war! Da ward ein flüchtiger Ritter gemeldet, der vom Schlachtfelde kam. Die Kaiſerin hieß ihn einführen; ſie wollte mit ſchmerzlicher Feſtigkeit jeden Umſtand von Fried⸗ richs Tod vernehmen. Der Ritter trat ein; es war— der Kaiſer! Verwundet vom Pferde geriſſen war er unter einer Laſt von Leichen und Rüſtungen begraben worden. Erſt nach mehreren Stunden, als nächtliche Stille das große Todtenfeld deckte, war ihm Leben und Bewußtſein zurück⸗ gekehrt. Er arbeitete ſich unter den Leichen hervor. Beglei⸗ ttet von einem Reitknechte, der noch unter den Lebenden war, verließ er, nachdem ſie ſich gegenſeitig die Wunden ver— bunden, das Schlachtfeld. Auf Umwegen hatten ſie glück⸗ lich Piſa erreicht. Als die ſiegreichen Mailänder erfuhren, daß Friedrich noch lebe, er, deſſen Heer völlig aufgerieben war, da ſpra⸗ chen ſie entmuthigt:„wir haben nichts gewonnen, da er noch lebt!— Sie hatten recht. Ein Jahr ſpäter verließ Friedrich Italien mächtiger, als er dort eingezogen war. Er nahm den Rückweg nach Deutſchland über Bur⸗ gund, das er bisher durch Statthalter regieren ließ. Noch einmal durfte Beatrice die Heimath ihrer Jugend, die Gruft ihrer Eltern ſchauen— an der Seite des großen, aller Gefahr ſiegreich entronnenen. Gemahls. Als ſie dann aus Burgund in's Reich zurückgekehrt war, als der Kaiſer Heinrich den Löwen gebeugt, Ruhe 15* A 4 8 I 116 und Ordnung hergeſtellt hatte— da ließ er 1184 ein großes Feſt nach Mainz ausſchreiben, zu dem Ritter und Volk aus allen Landen geladen wurden. Hier breiteten ſich vor den geblendeten Blicken in wunderſamer Vereinigung die Gaben aller Länder und Stände aus. Alle europäiſchen Fürſten hatten ihre Geſandten mit Geſchenken geſchickt, die Könige von Frankreich und von England ſich in ihren Schreiben die Vaſallen des deutſchen Kaiſers ge⸗ nannt! Angeſichts der Völker ſah Beatrice ihre Söhne den Ritterſchlag empfangen von der Hand des kaiſerlichen Va⸗ ters, deſſen Reich ſie in Zukunft wahren und weiter bauen ſollten. Er ſelbſt aber, der alternde Kaiſer betheiligte ſich in jugendlichem Feuer an dem Wettkampfe der Sänger aus er Einzug in 2 9 Ä Gebrechen des Alters. Sie wurde von dem Gemahl begra⸗ ben in der Gruft ſeiner kaiſerlich ſaliſchen Ahnen zu Speyer, wo neben ſie ſpäter der jüngſte und wohl auch der gelieb⸗ teſte ihrer Söhne, Philipp der Gute, mit der Todeswunde im Herzen niedergelegt wurde. Als Beatrice heimgegangen war, 1185, da wurde auch Friedrich des Lebens müde, die Welt war ihm verödet. Er hatte Frieden geſchloſſen mit all' ſeinen Feinden; jetzt über⸗ gab er das Reich ſeinem älteften Sohne Heinrich und zog, begleitet von Friedrich, ſeinem zweiten Sohne, nach dem gelobten Lande, um ſeine letzten Heldenthaten der Ehre Gottes zu weihen und ſich zum weltlichen Lorbeer die Palme des Gottesſtreiters zu erringen.. Er iſt nicht wieder zurückgekehrt. Auf mühſeligen Wegen, ſtets umſchwärmt von feindlichen Seldſchuken hat der ſiebenzigjährige Kaiſer ſein Heer durch die ſyriſche Wüſte geführt, hat Hunger und Durſt mit dem gemeinſten Pilger Spartaner, Würzburg(ſiehe Feierſtunden. 1864. ———:ͤ———no———O allen Landen; noch iſt ein provencaliſches Lied erhalten, das er bei jenem Feſte gedichtet. Beatricens Schönheit, die lichte Hülle einer edeln, reinen Seele, hatte noch auf den Feſten zu Mainz aller Augen erfreut. Aber ſie war zur Ruhe reif; der Kaiſer bedurfte ihrer tröſtenden Nähe nicht mehr, denn auch das große Werk ſeines Lebens war erfüllt. In den Tagen ihrer Jugend und Kraft der lieblichſten Frühlingsblume, den ſchimmernden Sternen gleich, ſchwand ſie auch aus dem Leben, wie ein ſtrahlender Stern. Völkern ſollte ihr Bild bleiben, wie es vom Tage ihres erſten Erſcheinens an geweſen war, in ſeiner Lieblichkeit, nicht getrübt und verwiſcht durch die Dem Kaiſer und den die Herzen erfreuend — und ten, tn von di rit òꝑ — Produkt Menge, vorzu beſonders Cat früchte und L Kork⸗ u Vogelbeerbäut allen andern Menge vorhe und do Gerez heimi wetaliſche Hau⸗ und nen, dem? met. Lineweberei Hände, und Oporto ihren Der Nrovinzer Oport welchem ſtummen ſoll ſtrömten Th deren ntere und Gairos) g. ogen 6000 tr denen nur den Vo⸗ 3wei Bezirke Seite 114). Wochen die Rüſtung nicht vom die Hauptſtadt Nur Ritter zählte ſein Heer und ihn erwartete, vor der Stadt gelagert, ein Heer von 300,000 getragen und während ſechs Leibe gebracht. So erreichte er Ikonium, die des Seldſchukenlandes, die Pforte von Paläſtina. noch tauſend waffenfähige Seldſchuken. Nun galt es Sieg oder Tod. Es war am Vorabend vor Pfingſten. Der Kaiſer läßt die letzten Lebens⸗ mittel vertheilen. Während der Nacht gehen Prieſter und Mönche in eifrigem Dienſte im Lager umher; Jeder beich⸗ tet und empfängt das Sakrament zum Tode bereit. In der Frühe des Morgens, während im fernen Chriſtenlande die Glocken zur Feier des Feſtes rufen, theilt der Kaiſer ſeine Mannſchaft. Mit 500 Mann zieht ſein heldenmüthi⸗ ger Sohn hinweg, die wohlbefeſtigte Stadt zu ſtürmen; mit den andern 500 greift der alte Kaiſer das Seldſchuken⸗ heer an. Es war ein Kampf, wie ihn einſt Leonidas, der bei Thermopylä aufgenommen, fünfhundert lie tn dnd tinahe 250 und geht, ſ ebenfall ſeuſtadt( ifer des führt. Koſter la jeidigungs ſichert kifen iſt daſelben 1 ſalten, edeln, aller Kaiſer h das Tagen lume, dem d den ihres reuend ich die Feierſtunden. 1864. ———— Produkte aller Art liefert der fruchtbare Boden in Menge, vorzugsweiſe Waizen, Mais, Gerſte, Hülſenfrüchte, beſonders Cathangbohnen, Flachs und Hanf, Wein, Süd⸗ früchte und Obſt. Die Berge ſind mit Waldungen bedeckt, und Kork⸗ und Steineichen, Cypreſſen, Fichten, Birken, Vogelbeerbäume, Bergwachholder und Lorbeerbäume vor allen andern Holzarten vorherrſchend. Wild iſt noch in Menge vorhanden; Hirſche und Wildſchweine ſind nicht ſel— ten, und der Mufflon iſt immer noch in der Serra de Gerez heimiſch. Das Innere der Gebirge ſcheint reich an mineraliſchen Schätzen, doch nur Thon⸗ und Ziegelerde, Bau⸗ und Feuerſteine werden bis jetzt benutzt und gewon⸗ nen, dem Bergbaue ſelbſt noch keine Aufmerkſamkeit gewid⸗ met. Der Land⸗ und Weinbau, Viehzucht und Fiſcherei, Leineweberei und Handel beſchäftigen den größten Theil der Hände, und deren Erzeugniſſe finden größtentheils über Oporto ihren Weg in's Ausland oder nach den benachbar⸗ ien Provinzen. Oporto, am Hafen Cale(Portus Cale) der Alten, von welchem der Sage nach der Name des ganzen Landes ſtammen ſoll, liegt in einem fruchtbaren, vom Douro durch⸗ 4 ſtrömten Thale, zwiſchen hohen Bergen und Fichtenwäldern, die deren Höhen bedecken, und zerfällt in die obere und untere und in die neue Stadt. Sie iſt in füuf Bezirke (Bairos) geſchieden, iſt unregelmäßig gebaut, und zählt gegen 6000 eng zuſammengedrängte, maſſive Häuſer, un⸗ tr denen nur wenige hervorragende öffentliche Gebäude, und, nit den Vorſtädten, an 80,000 Einwohner. Die obere, zwei Bezirke umfaſſende, ummauerte Stadt, liegt auf zwei, beinahe 250 Fuß über den Fluß ſich hebenden Bergrücken und geht, ſich herabſenkend, in die untere, offene Stadt über, die ebenfalls zwei Bezirke bildet. Der fünfte Bezirk, die Neuſtadt(Villa Nova) liegt Oporto gegenüber am linken Ufer des Douro, über den eine prächtige Kettenbrücke da⸗ tin führt. Das oberhalb dieſes Bezirks gelegene befeſtigte Kloſter la Serra do Pilar beherrſcht die mit einer Ver⸗ teidigungslinie umgebene Stadt, und zugleich den Fluß, and ſichert dieſelbe vor allen feindlichen Angriffen. Der Hafen iſt ſehr geräumig und ſicher, und die Einfahrt in anſelben nur bei gewiſſen Winden, wegen der vielen Schee⸗ ren und Klippen nach der Südſeite hin und der hochgehen⸗ - du See, gefährlich. Durch das Kaſtell von S. Joäo de i ſchaften haben. .chen, welches ſich heraus nahm, dieſe Forderung zu ſtellen, ater das Recht dazu ſtand auf unſerer Seite, denn der Toz und ein dieſem gegenüber liegenden Fort wird er hin⸗ richend vertheidigt. Jährlich laufen gegen 1200 Handels⸗ ſhiffe in demſelben aus und ein.— Das Innere der Stadt bietet mit ſeinen engen Straßen und hohen ſteiner⸗ un, faſt ſämmtlich mit ſchweren Balkonen verſehenen Häu⸗ ſeen nur wenige Sehenswürdigkeiten. Kirchen, deren die Stadt 89, und Klöſter, deren ſie 17 zählt, ſind nebſt den zuhlreichen Hoſpitälern die hervorragendſten Gebäude, und außer dieſen zeichnen ſich der biſchöfliche Palaſt, das Ge⸗ 119 richts⸗ und Zollgebäude, die Börſe, das Zeughaus, das Muſeum, die Engliſche Faktorei und das Bibliothekgebäude, mehr durch Größe als Schönheit aus. Die elf öffentlichen, in verſchiedenen Theilen der Stadt gelegenen und mit Springbrunnen gezierten Plätze, die nebſt den am Fluſſe befindlichen Straßen die Hauptverkehrsplätze des bürgerlichen Treibens bilden, geben der Stadt einen freundlichen, leben⸗ digen Anſtrich. Thätigkeit iſt den Bewohnern von Oporto nicht abzuſprechen. Alles lebt hier vom Handel und den Gewerben, welch' letztere mit großer Emſigkeit betrie⸗ ben werden. Die Einwohner unterhalten zahlreiche Manu⸗ fakturen in Seiden- und Wollenzeugen, in Gold⸗ und Sil⸗ berdreſſen, in Spitzen, Leinwand, Hüten und Töpferwaaren; beträchtlicher aber als die Induſtrie iſt der Handel Oporto's, bei welchem auch die Gewerbtreibenden mehr oder minder betheiligt ſind, der aber, was den Handel mit Wein, den berühmten Portwein, betrifft, leider größtentheils in den Händen der britiſchen Faktorei iſt. Von jeher war der Handel Oporto's, der in der Einfuhr auf 600,000, in der Ausfuhr auf mehr als 800,000 Pfd. Sterl. geſchätzt wird, ſehr bedeutend, und nicht blos mit den vormaligen portu⸗ gieſiſchen Kolonien, mit Braſilien, ſondern auch mit Eng— land, Holland und andern Seeſtaaten. Die Ausfuhr be⸗ ſtand meiſt in braſilianiſchen Waaren, Weineſſig, Brannt⸗ wein und Weinen, in Landesprodukten und Manufaktur⸗ waaren aller Art.„Der Handel mit erſteren hat, ſeit Braſilien ſich unabhängig erklärte, zwar ziemlich abgenom⸗ men; alle andere Landesprodukte werden aber immer noch in gleicher Menge ausgeführt, und die berühmten Portweine machen noch immer einen bedeutenden Handelszweig aus, obgleich nicht die Hälfte der Weine, die man gewöhnlich ſo nennt, Oporto geſehen hat, und jährlich nur zwiſchen 25— 30,000 Pipen von hier ausgeführt werden. Die Bewohner Porto's, beſonders die der niederen Klaſſe, die Fiſcher und Arbeiter, ſind ein kräftiger Men⸗ ſchenſchlag, und zeichnen ſich durch Thätigkeit, Fleiß und Ausdauer vor allen andern Portugieſen vortheilhaft aus. Die Männer ſind meiſt nur mittlerer Größe, haben ſchwar⸗ zes Haar, einen ſtarken Bart, eine ſehr dunkle Geſichts⸗ farbe und feurige Augen, und ſind leicht erregbar und küh⸗ nen Charakters, geduldig, patriotiſch, leidenſchaftlich und, wie die meiſten Südländer, rachſüchtig, abergläubiſch im höchſten Grade, und eiferſüchtig. Das weibliche Geſchlecht hat mitunter eine ſehr angenehme offene Geſichtsbildung und meiſt eine heitere Miene; Wohlbeleibtheit gilt bei ihnen für Schönheit. Die Tracht der geringeren Klaſſe des Vol⸗ kes, namentlich der Fiſchhändlerinnen in Oporto, die dort eine Hauptrolle ſpielen, zeigt unſer, nach der Natur auf— genommener, Holzſchnitt des am Ufer des Douro gelegenen Fiſchmarktes(ſiehe S. 117). 2 Der Re Humoreske aus den Zeiten der Bür Auch wir wollten unſern Theil an den Märzerrungen⸗ Freilich war es nur ein kleines Landſtädt⸗ Landesherr hatte ja nicht für die Reſidenz und Hauptſtädte lein, ſondern für den ganzen Umfang ſeines Staates die berfalt gerwehr von Ewald Aug. König. Erlaubniß zur Errichtung der Bürgerwehr ertheilt. In jener Zeit brauchte eine Idee nur angezeigt zu werden, der Hitzköpfe fanden ſich genug, welche ſich derſelben ſofort be⸗ mächtigten und ohne Zögern zur Ausführung ſchritten mal wenn die( der Volksſ 3 gern führung„ zu⸗ ſe Idee eine Errungenſchaft, einen Beweis ouveränität betraf. So ward denn auch eines wir uns allabendlich verſammelten, die Idee angeregt, daß 1 wir wohl ebenſo gut, wie die 120 Feierſtunden. 1864. ——;— Abends in dem Hinterſtübchen der Weinſchenke, in welchem nächſtgelegene Kreisſtadt, 1 1lgg— N Teg —— n Ri 1 A ſſß FfT jjſſ p 1ln I 3 6 4 8— * I 4 4 i h A 84 IW e 4 * —— — W Der Tambour(zu S. 121). K 3 an die Organiſirung derſelben denken wollten. Das zün⸗ und in unerſchütterlicher dete, im Nu ward eine Liſte aller wehrhaften Männer des die Waffen führen werde. unſere Bürgerwehr haben könnten, wenn wir nur ernſtlich daß unſere Bürgerwehr nur für Städtchens entworfen, und wir fanden, daß wir ſtark ge⸗ nug waren, mit allen Waffengattungen, Cavallerie, Infan⸗ nrücken, wenn wir nur die nöthigen Waffen uns verſchaffen konnten. Der Apotheker, ein dürrer hagerer Mann mit rothem Barte, einer Habichtsnaſe und einer Stirne, die ſich bis zur Mitte des Schä⸗ dels erſtreckte, warf die Behauptung auf, die Bürgerwehr könne ſich jeder Hieb-, Stoß⸗ oder Schußwaffe be⸗ dienen, es ſei gerade nicht nöthig, daß ſie Mann für Mann Ge⸗ wehre beſitze, das habe man ja in den Frei⸗ heits⸗Kriegen geſehen. Heugabeln, Dreſch⸗ flegel, alte Jagdflinten und Senſen würden in dem Städtchen in ge⸗ nügender Anzahl auf⸗ zutreiben ſein. Das beſeitigte augenblicklich unſer Bedenken, der Bürgermeiſter, ein Pre⸗ mier⸗Lieutenant außer Dienſt, wurde unge⸗ achtet, wenn ich nicht behaupten möchte, ge⸗ rade wegen ſeiner er⸗ ſtaunlichen Corpulenz zum General über alle Waffengattungen ge⸗ wählt, der Apotheker ſollte das Kommando der Cavallerie, der För⸗ ſter, ein ſehr breit— ſchulteriger Mann, das der Infanterie, und ein gedienter Artilleriſt, der Kurzwaarenhändler Kortum, das der Ar⸗ tillerie übernehmen. Der Doktor lehnte mit einem Lächeln ſchlauer Zurückhaltung den Eh⸗ renpoſten eines Batail⸗ lons⸗Chefs der Infan⸗ terie ab, alle Uebrigen nahmen die Wahl an und leiſteten ſofort in die Hand des Chef⸗ V Generals den impro⸗ viſirten Huldigungseid, der ausdrücklich beſagte, das Wohl des Staates zu unſerem Landesherrn Noch an demſelben Abend ver⸗ 4 2 breitete ſi Lauffeuer gen der B weſcher d Feldzug hatte, die ſammenru Bild S. bereits d der(etzte doe Aype nige be herzige zogen lo⸗ zurüch, meiſter z tion der auffordert auf unſer zögern ein ben genuo Ausfühhre können. etklärlick bemächti aller Kö ſchaffung die Wahl und Unte der Wach Crereier) neben d der Ange ſich ſch Gedanke das Fa werk ſie die Thuͦ und es dem Sta einen Bec nen, Zeu der Thät der Umf — 1 ge⸗ ur die uns Der bürrer mit einer einer h bis Schü⸗ warf auf, könne Stoß⸗ fe be⸗ gerade iß ſie Ge⸗ habe Frei⸗ gſehen. Dreſch⸗ fflinten rden in in ge⸗ I auf⸗ Das licklich der n Pre⸗ taußer e unge⸗ ch nich hte, ge⸗ iner er⸗ orpulen iber all en N⸗ potheke nmando der För⸗ r breit ann, das e, und rilleriſt chändlet der Ar⸗ nehmen onte mi ſchlautn den Gh⸗ t Batob⸗ rInfan Uebrigen Wahl an ſet i 3 Chff impto zungstü hbeſagt; Staatti ndesherr bend vel ——éꝛͤͤ——ͤy—nuyͤͤr———;;’ breitete ſich die Kunde von unſerem Beſchluſſe gleich einem Lauffeuer in dem Städtchen, und als am nächſten Mor⸗ gen der Bürgermeiſter durch die Trommel eines Invaliden, welcher den ruſſiſchen Feldzug mitgefochten— hatte, die Bärger zu⸗ ſammenrufen ließ(ſiehe Bild S. 120), kannte bereits die Mehrzahl der letzteren den Zweck des Appells. Nur we⸗ nige beſonnene, eng⸗ herzige Familienväter zogen kopfſchüttelnd ſich zurück, als der Bürger⸗ meiſter zur Organiſa⸗ tion der Bürgerwehr aufforderte; derer, die auf unſere Idee ohne Zögern eingingen, blie⸗ ben genug, um ſie zur Ausführung bringen zu können. Eine leicht erklärliche Aufregung bemächtigte ſich jetzt aller Köpfe, die Be⸗ ſchaffung der Waffen, die Wahl der Offiziere und Unteroffiziere wie der Wachtſtube und des Exercierplatzes, und da⸗ neben die Beruhigung der Angehörigen, welche ſich ſchwer mit dem Gedanken vertraut machen konnten, das Familienhaupt dem Kriegshand⸗ werk ſich hingeben zu ſehen, nahmen die Thätigkeit eines Jeden in Anſpruch, und es herrſchte eine Rührigkeit in dem Städtchen, von der man, um ſich einen Begriff von ihr machen zu kön⸗ nen, Zeuge geweſen ſein muß. Dank der Thätigkeit des Generalchefs und der Umſicht des Förſters, ihres Ober⸗ ſten, konnte die Infanterie in einer Stärke von hundertundzwanzig Mann bereits nach Ablauf der erſten acht Tage zum Exerciren ausrücken. Frei⸗ lich ließ die Ausrüſtung dieſer Trup⸗ pengattung Manches zu wünſchen, nur wenige, vielleicht dreißig, beſaßen Büchſen oder Gewehre, die übrigen trugen Heugabeln und Senſen. Aus dieſem Grunde auch war das Bataillon in drei Compagnien eingetheilt. Die erſte, welche der Förſter befehligte, und bei der ich als Lieutenaut den Unter⸗ befehl führte, hieß die Schützencom⸗ pagnie, die zweite unter der Anfüh⸗ Die Schildwache(zu S. 122). rung eines ſpindeldürren Oekonomen, erhielt den etwas geſuchten Namen,„die Spießträger“, die hin; bis wir ſo reich waren, ein ſolches anſchaffen zu kön⸗ dritte Compagnie, welche einem muskulöſen Hufſchmid an⸗ nen, mußte ein Böller, ein ſogenannter Katzenkopf, der vertraut war, hieß ſchlechtweg„die Senſenmänner“. Die auf einem zweirädrigen Handkarren paradirte, die fehlende Cavallerie rekrutirte ſich aus den Söhnen uunſerer Oekono⸗ Kanone erſetzen. Die Uebungen, Patrouillen und Wachen Feierſtunden. 1864. 16 men; vor derjenigen der Kreisſtadt hatte ſie wenigſtens den Vorzug, daß ſie Pferde beſaß. Zur Artillerie meldeten ſich nur ſechs Leute, ſie reichten zur Bedienung eines Geſchützes Der Ausmarſch. 122 nahmen jetzt ihren Anfang; ehrlich'geſtanden wurden bei ——;:————— Feierſtunden. 1864. ——-::O:B:B—B:B:B::O—-:—y—ͤy—r—ͤ———; rend ich mit weiteren zwanzig Mann zu dem Meierhofe dieſen Excreitien mehr Allotria, als das ernſte Kriegshand⸗ abmarſchirte. Meine Wache beſtand zur Hälfte aus Schützen, werk getrieben. chen entfernt lag das Dorf Holzkirch, ſchon längſt mit heimlichem Aerger und Neid auf unſern wachſenden Wohlſtand geblickt hatten. unſere Bürgerwehr errichteten, war dieſer Groll in offene, unverholene Feindſchaft ausgeartet. Reibereien zwiſchen den ſchlechten Elementen der einen und den nicht beſſeren der anderen Partei, erhöhten die Erbitterung, welche nur die⸗ jenigen, die nichts zu verlieren hatten, kalt und unbeſorgt ließ. Da durchlief eines Tags das Gerücht unſeren Ort, die Herzkircher, durch einige verwegene Vagabunden aufge⸗ ſtachelt, ſeien entſchloſſen, uns zu überfallen, unſere Häu⸗ ſer zu plündern und unſern Wohlſtand zu vernichten. Es fand Glauben, excentriſche Köpfe ſchmückten es mit grauſen⸗ erregenden Einzelnheiten aus, bevor ſie es weiter verbreite⸗ ten, und die Verzagten erhöhten durch ihre Feigheit den paniſchen Schrecken, der ſich der Frauen und Greiſe bei dieſer Nachricht bemächtigte. Sofort ward der Kriegsrath, aus den Offizieren der Garniſon beſtehend, zuſammen be⸗ rufen und von dieſem beſchloſſen, eine abwartende Stellung einzunehmen, in der Stille aber alle Vorſichtsmaßregeln zur Abwehr eines Angriffs zu treffen. Dicht vor unſerem Orte, etwa zwanzig Schritte von der Landſtraße entfernt, welche nach Herzkirch führte, lag ein kleiner Hügel, und, es mag heute lächerlich erſcheinen, damals war es uns blu⸗ tiger Ernſt, auf dieſe Anhöhe pflanzten wir den Katzenkopf, dergeſtalt, daß nur die Mündung deſſelben durch eine in der Eile aufgeworfene Verſchanzung auf die Landſtraße ſchaute. Der Oberſt der Artillerie ſchlug vor, die Mün⸗ dung des Böllers mit einem breiten Meſſingrande zu um⸗ geben, wodurch ſie, aus einiger Entfernung geſehen, aller⸗ dings einige Aehnlichkeit mit der einer metallenen Kanone erhielt. Der Vorſchlag wurde angenommen und ein Blech⸗ ſchläger mit der Ausführung beauftragt. Ein Mann der Artillerie mit brennender Lunte ſollte bei dem Geſchütz auf Poſten ſtehen, außerdem ein Gut, welches auf halbem Wege zwiſchen unſerem Städtchen und Herzkirch an der Landſtraße lag und deſſen Beſitzer zu unſerer Gemeinde zählte, durch eine Abtheilung Infanterie beſetzt werden. Noch während wir hierüber beriethen, hörten wir plötzlich die Allarm⸗ trommel raſſeln; wir eilten hinaus und erfuhren, daß vor wenigen Minuten ein Bote mit der Nachricht eingetroffen ſei, die Herzkircher hätten einen unſerer Mitbürger auf offenem Markte mißhandelt und ſeien in hellen Haufen gus⸗ gezogen, uns zu überfallen. Darauf hatte der Invalide, Ungefähr eine Stunde von unſerem Städt⸗ zur Hälfte aus Senſenmännern, ich ſelbſt trug außer dem deſſen Bewohner Degen ein paar Doppelpiſtolen im Gürtel, und ein kleiner Handkarren, mit Proviant beladen, folgte uns. Zur Zeit, als wir ſchied der Familienväter von ihren Angehörigen war rüh⸗ Der Ab⸗ rend(ſiehe Bild S. 124), obſchon er mir heute in der Erinnerung eher lächerlich, denn erhaben ſcheinen will, und es koſtete mich nicht geringe Mühe, meine Mannſchaft bei⸗ ſammen zu halten und ſie zum Abmarſch zu bewegen. Wie ich vorausſah, wurden wir von dem Gutsbeſitzer mit offe⸗ nen Armen empfangen, ich ſchob in der Richtung nach Herz⸗ kirch einige Poſten vor, ſchärfte ihnen ein, ſobald ſie etwas Verdächtiges bemerkten, ſich unter allen Umſtänden Gewiß⸗ brit zu verſchaffen, ob wirklich eine bewaffnete Bande ge⸗ gen uns anrücke, und alsdann durch einen Schuß das Sig⸗ nal zu geben. Nachdem ich in dieſer Weiſe meiner Pflicht Genüge gethan hatte, nahm ich keinen Anſtand, der Ein⸗ ladung des Gutsbeſitzers zu folgen, auf deſſen Anordnung gleich nach unſerer Ankunft eine weder in Qualität noch Quantität zu verachtende Bowle gebraut worden war. Seine Familie beſtand aus ſeiner Gattin, einem Sohne und einer Tochter, und bald fühlte ich mich in dem klei⸗ nen Kreiſe ſo heimiſch, als ob ich ſchon ſeit Jahren Haus⸗ freund auf dem Gute geweſen ſei. Thereſe war ein hüb⸗ ſches, ſchlankes Mädchen, ſie mochte etwa einundzwanzig Jahre zählen, in ihren Zügen, ihrem ganzen Weſen zeigte ſich ein heiteres lebensluſtiges Temperament. Nur in ein⸗ zelnen Augenblicken, wenn ſie ſtill vor ſich hin ſah, glaubte ich in ihren großen, blauen Augen eine düſtere Melancholie zu entdecken, als deren Urſache ich geheimen Herzenskum⸗ mer vermuthete. Wir leerten Glas auf Glas, der gemüth⸗ V liche Gutsbeſitzer erfand bei jedem Glaſe einen neuen Toaſt, und ich mußte Beſcheid thun. Bald fühlte ich, daß der Wein mir zu Kopf ſtieg, es war von jeher mein Grund⸗ ſatz, in ſolchen Augenblicken dem weiteren Genuſſe zu ent⸗ ſagen, und ſo ging ich denn auch jetzt unter dem Vorwande, meinen Leuten einige Inſtruktionen ertheilen zu müſſen, hinunter in die Wachtſtube, in der meine Büchſenſchützen und Senſenmänner im Kreiſe um ein Faß Bier ſaßen. Der abgelöste Poſten hatte nichts Neues gemeldet; ein Fuhrmann aus Herzkirch dagegen, der vor dem Gute an⸗ gehalten worden war, wollte wiſſen, daß in dem Dorfe eine ungewöhnliche Rührigkeit herrſche, die auf einen baldigen Ausbruch der Feindſeligkeiten ſchließen laſſe. Auf dieſe Nachricht hin waren zwei meiner Leute nach Hauſe geeilt, und die Uebrigen bezeigten nicht übel Luſt, ihnen zu folgen. wie er ſagte, nur um die Verzagten zu beruhigen und zu Nur mein energiſches Auftreten, der gemeſſene Befehl, die ermuthigen, die Trommel umgehängt und Generalmarſch geſchlagen. und nahm ihn ſcharf in's Verhör. bürger mißhandelt Drohungen gefallen waren, welche auf einen Angriff ſchlie⸗ ßen ließen, an einen Ueberfall aber wenigſtens heute noch Noch an demſelben Nachmittage tra⸗ Es war ein heiterer, milder Sommerabend. nicht gedacht wurde. Der Kommandant war ein ruhiger, vernünf⸗ tiger Mann; er vermuthete ſofort, daß der Bote übertreibe, Es ſtellte ſich dann auch heraus, daß die Herzkircher zwar einen unſerer Mit⸗ gger hatten, und bei dieſer Gelegenheit vonzulaufen, veranlaßte meine Leute, einſtweilen von ihrem Deſerteure am nächſten Morgen unſerem Chef zur exem⸗ plariſchen Beſtrafung anzuzeigen, ſowie die Drohung, daß ich augenblicklich einen Knecht des Gutsbeſitzers in die Stadt ſchicken und dort die Feigheit der Wache austrommeln laſ⸗ ſen werde, wenm ſich nur noch ein Einziger unterſtehe, da⸗ „Vorhaben abzuſtehen. Ich ging hinaus in den Garten, um die heiße Stirne in der erfriſchenden Nachtluft zu kühlen. Der Mond fen wir die beſchloſſenen Sicherheitsmaßregeln. Der Katzen⸗ warf ſein volles Licht auf die tauſend Blüthen und Blu⸗ kopf, deſſen Mündung durch den Meſſingring einen reſpek⸗ men, welche einen erquickenden Duft ausſtrömten, und von tabeln Umfang erhielt, lugte Achtung gebietend durch die Zeit zu Zeit wehte der erfriſchende Abendwind durch das Schanze, hinter welcher der Artilleriſt mit gezogenem Säbel dichte Grün der Laube, in welcher ich mich auf eine Bank gravitätiſch auf und ab ſchritt(ſiehe Bild S. 121), im geſetzt hatte, 3 an welchem die Landſtraße nach lich ſchreckte ein Schuß mich aus meinen Träumen auf, Herzkirch vorbei führte, lagen zwanzig Mann Wache, wäh⸗ faſt gleichzeitig hörte ich hinter mir ein Geräuſch in der letzten Hauſe des Orts, um ſtill für mich hinzuträumen. Da plötz⸗ — Hete. J tend, einel ängſtlih zuſchlic. „ein verw Wache au ſeinen Na des!“ flü Piſtol a die Schle während daß das friſches, ich nicht überjellgt Burſchen Er fölgte gliten, ie Leuten, d einer unſ groͤßeres Schützen tig, nie zu ziehe ſchützen; auf dem fruchteter viel, daß die Urſac auf kein ſpähe Schneid Herzkir Waffen willige des Gu Beiſpie Minut- keit der marſchir machten rrtzüglit ſie bewe ſich ihre enen re düſes D emuthic durm ko ſage in, dn ſmer hatte w glauben trag übergel rücken trag f dung, Hitzkop meine, nich hi ſdigener düllicht an Au en mein — chofe tzen, dem einer Ab⸗ rüh⸗ der und bei⸗ Wie offe⸗ Her⸗ twas ewiß⸗ ſ ge⸗ Sig⸗ flicht Ein⸗ sung woch war. 5ohne klei⸗ Haus⸗ hüb⸗ anzig zeigte ein⸗ aubte cholie Kuw⸗ müth⸗ Toaſt, iß der rund⸗ un ent⸗ wande, üſſen hützen ſaßen. ; ein te an⸗ fe eine aldigen dieſe geeilt, olgen. , die exem⸗ , daß Stadt ln laſ he, der ihrem en, um kühlen. Mond Blu⸗ Feierſtunden. 1864. 123 ——ꝛʃ—-Of—————; —— ——-—⸗—-:——-———O— Hecke. Ich ſprang auf und bemerkte, aus der Laube tre⸗ als ich vermuthete, nur zwei erklärten, ſich von der Expe⸗ tend, einen Mann, der vorſichtig an der Hecke entlang und dition ausſchließen zu müſſen, weil ihr Leben, von dem ängſtlich ſich im Schatten derſelben haltend auf das Haus das Wohl einer zahlreichen Familie abhänge, unerſetzbar ſei. zuſchlich.„Ein Spion!“ dachte ich im erſten Augenblick, Ich drang nicht weiter in ſie, und die beiden Familienväter „ein verwegener Burſche, der Stellung und Stärke unſerer zogen ab, um ihr koſtbares Leben in Sicherheit zu bringen. Wache auskundſchaften will.“ Bun hutte bieine Panſt Schideigend zogen wir weiter, Niemand begegnete uns, in ſeinen Nacken umklammert.„Still, oder du biſt des To⸗ Herzkirch, als wir vor dem Dorfe anlangten, fanden wir des!“ flüſterte ich meinem Gefangenen zu, während ich ein Alles ſtill. Ich blieb ſtehen und wandte mich um. Auch Piſtol aus dem Gürtel zog und ihm das kalte Eiſen duder dritte Mann hatte mich inzwiſchen verlaſſen, er war die Khliie ſibte MSihe 8 S. 124) 8 hatte ihn, de dridtn Freuden deſolgi⸗ ich ſah mur nech die drei währ ich jene Worte ſprach, in den Garten gezogen, ſo Knechte de utsbeſitzers hinter mir. Sie erklärten ſi deß d Mondlicht jetzt 85 ſein Geſicht fiel. Es war' en bereit mich in üe zu degletten, un min nhe friſches, jugendliches Antlitz, in welches ich blickte; wäre den Weg zu der Schenke ein, in welcher, wie ich wußte, ich nht von 35 Kuübit zmeiſen di in duchi bis di iſon de Ferilrhe Donedeſe ſich zu Peſenneh überzeugt geweſen, die Angſt, welche ſich in den Zügen des pflegten. Wie ich vermuthet hatte, ſaßen ſie, trotzdem e Burſchen ſpiegelte, hätte mich eines Anderen belehren müſſen. V nahe an Mitternacht war, noch hinter der Flaſche; ich Er folgte mir willig, als ich ihn aufforderte, mich zu be⸗ klopfte an und trat ein. Die Herren, theils Oekonomen gleiten, ich führte ihn in die Wachtſtube und befahl meinen theils Krämer und Viehhändler, ſahen überraſcht auf, we⸗ Leuten, den Spion ſcharf zu bewachen. Der Schuß, den nige Worte genügten, ihnen den Zweck meines Beſuchs zu einer unſerer Vorpoſten abgefeuert haben mußte, hatte hier erklären. Ich fand meine Ahnung beſtätigt, die Herzkir⸗ größeres Unheil angerichtet, als ich erwarten konnte. Die cher dachten nicht im Entfernteſten daran, uns anzugreifen; Schützen wie die Senſenmänner ſtanden bereits marſchfer- allerdings hatten einige unruhige Subjekte, in deren Köpfen tig, vicht gegen den ſend ſondern wielinehi nuah Har dnns amanien ſie wenbechndüs 5— deraetien Vor⸗ zu ziehen, um, wie ſie ſagten, dort ihr Eigenthum zu be⸗ ſchlag gemacht, ſie waren aber von dem beſſer geſinnten ſchützen; ſie machten kein Hehl daraus, daß ſie mich bereits Theil der Bewohner Herzkirchs bald zur Ruhe gebracht auf dem Heimwege geglaubt hatten. Meine Drohungen worden. So hatte denn auch hier, wie ſo oft in jener Zeit, fruchteten nicht mehr; durch Bitten erlangte ich endlich ſo das Gerücht übertrieben und die Thatſachen entſtellt, und viel, daß die Mannſchaft ſo lange zu bleiben verſprach, bis ohne mein Durchgreifen würden meine Mitbürger vielleicht die Urſache des Schuſſes ermittelt ſei. Unſere Geduld wurde noch lange in beſtändiger Furcht und Aufregung geſchwebt auf keine allzulange Probe geſtellt, bereits wenige Minuten haben. Die Thatſache, daß einer meiner Mitbürger auf ſpuͤter ſtürzte einer der Vorpoſten, ein kleiner, magerer dem Markte in Herzkirch mißhandelt worden ſei, gaben die Schneider, in's Zimmer und berichtete faſt athemlos, die Herren zu, wenn man eine verdiente Züchtigung Mißhand⸗ Beſrhm zien dan ole hanſ bern 5 due Fün mi Mhihn nol g der aiſchandelte⸗ ein üel uhigt Waffen im Mondli itzen geſehen. orderte Frei⸗ tes, bereits mehrfach wegen Vagabundirens un iabſta willige zu einer Recognoscirungspatrouille auf, drei Knechte beſtraftes Subjekt, hatte ſich über unſern Landesherrn Aeu⸗ des Gutsbeſitzers erboten ſich ſofort, mich zu begleiten, ihr Beiſpiel wirkte, und ſo zog ich denn nach ungefähr fünf Minuten mit ſechs Mann ab, um mich von der Richtig— keit der Meldung zu überzeugen. Als wir eine kleine Strecke marſchirt waren, ſahen wir ebenfalls Waffen blitzen, ſchon machten einige meiner Begleiter Kehrt und ſie würden un⸗ verzüglich davongelaufen ſein, hätte nicht mein lautes Lachen ſie bewogen, ſich noch einmal umzuſchauen. Sie ſchämten ſich ihrer Furcht, als ſie jetzt in dem Gegenſtand derſelben einen reitenden Gensdarmen erkannten, und durch die Nähe dieſes Dieners der öffentlichen Macht in etwas beruhigt und ermuthigt, folgten ſie mir nun ohne Zögern. Der Gens⸗ darm konnte oder wollte uns keine Nachricht über die Sach⸗ lage in Herzkirch geben, er zuckte die Achſeln und ich glaubte in ſeinen Augen höhnenden Spott leuchten zu ſehen. Ich hatte von Anfang an nicht an einen ernſtlichen Ueberfall glauben können und deßhalb bereits im Kriegsrath den An⸗ trag geſtellt, man ſolle aus der Defenſive zur Offenſive übergehen, mit der geſammten Streitmacht vor Herzkirch ßerungen erlaubt, die ihn in's Zuchthaus gebracht haben würden, wenn er ihretwegen vor Gericht geſtellt worden wäre. Um unſere letzten Beſorgniſſe zu verſcheuchen, er⸗ klärten die Offiziere ſich bereit, mich zu begleiten, und die in der Schenke anweſenden Senſenmänner ſchloſſen ſich als Ehrenwache unſerem Zuge an. Ich erachtete jetzt meine Wache auf dem Gute für überflüſſig und ſaudte einen Knecht voraus, mit dem Befehl, die Poſten einziehen und Alles zum Abmarſch in Bereitſchaft ſetzen zu laſſen. Was aber ſollte ich mit dem Gefangenen beginnen? Ein Spion war er nicht, das ſtand feſt, redliche Abſichten aber hatte er auch nicht gehabt, als er ſo leiſe und verſtohlen ſich durch die Hecke ſchlich. Ich beſchloß, ihn mitzunehmen und an's Bürgermeiſteramt abzuliefern. Der junge Burſche bat mich inſtändigſt, ihn frei zu geben, da er aber den Zweck ſei⸗ nes Einbruchs nicht angeben wollte, der neben mir ſtehende Gutsbeſitzer auch erklärte, den Burſchen nicht zu kennen, ſo konnte ich ſeiner Bitte nicht willfahren. Meine Wache, verſtärkt durch die Offiziere und Senſenmänner aus Herz⸗ rücken und eine kategoriſche Erklärung fordern. Mein An⸗ kirch, denen der Gutsbeſitzer und deſſen Knechte ſich anſchloſſen, trag fand, wie dies zu erwarten ſtand, keine Berückſichti- bildete einen anſehnlichen Trupp; ich bedachte zu ſpät, daß gung, man verwarf ihn als unſinnig, als die Idee eines die Annäherung deſſelben unter meinen Mitbürgern neue Hitzkopfs. Jetzt trat jener Gedanke zum zweitenmale vor Aufregung und Beſorgniſſe erregen konnte. Kaum hatten meine Seele. An der Ausführung deſſelben konnte Niemand wir uns dem Städtchen auf Schußweite genähert, als plötz⸗ mich hindern, ich war als Kommandant der Wache mein lich ein Schuß aus dem Katzenkopf durch die Stille der eigener Herr und konnte durch einen entſchloſſenen Schritt Nacht donnerte; im nächſten Augenblick hörten wir in den vielleicht dem Städtchen die Ruhe zurückgeben und der Furcht Straßen Allarm ſchlagen, die ausgeſtellten Poſten feuerten und Aufregung ein Ende machen. Ich theilte meinen Leu⸗ ihre Gewehre ab, und noch ehe wir die erſten Häuſer er⸗ ten mein Vorhaben mit und fand geringeren Widerſpruch, reichten, ſtand ſchon der Oberſt der Infanterie mit zehn 16* Feierſtunden. 1864. Der Abſchied(zu S. 122). Mann ſchußfertig vor uns, während in unſerer unmittel- zeichen an meinem Hute. Der Oberſt der Infanterie hatte baren Nöhe der Katzenkopf zum zweitenmale losbrannte. mich inzwiſchen erkannt, ich machte ihn mit wenigen Wor⸗ Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen iſt nur ein Schritt! ten mit der augenblicklichen Sachlage vertraut, und wir Der Meſſingrand, der beim erſten Schuſſe ſich wahrſchein⸗- zogen jetzt im Triumph zur Schenke, wo die geſammte lich vor die Mündung geſchoben hatte, fiel mir jetzt vor Bürgerwehr, umringt von Frauen und halberwachſenen Kin⸗ die Füße; ich hob ihn auf und befeſtigte ihn als Sieges- dern, der Dinge harrte, die da kommen würden. Der Gefangene wurde in's Spritzenhaus gebracht, welches uns als Gefäng⸗ niß diente, der Schnei⸗ der, der ſo feig ſeinen Poſten verlaſſen hatte, und die beiden Deſer⸗ teure unter Trommel⸗ ſchlag aus der Bürger⸗ wehr ausgeſtoßen, und meiner Wache aus der Bürgerwehr⸗Kaſſe eine Ohm Bier bewilligt. Zur Feier unſerer Ver⸗ brüderung mit den Bewohnern Herzkirchs wurde die ganze Nacht hindurch getrunken, ge⸗ ſungen und geſcherzt, erſt beim Morgengrauen trennten wir uns. Aus dem tiefſten Schlafe wurde ich durch den Amtsdiener geweckt, der mich zum Bürgermeiſter beſchied; ich ſollte dem Verhör des Gefangenen beiwohnen. Der arme Burſche ſah bleich und angegriffen aus, er um ihnen ganze Küch ten Mlate l fuhten die war bald eben ſo ſah worauf wi die Küche und ſo Luft mi brachten, faſt alle dem Feuel treiben ſch „Nu Més. Is und duf Tücher und den Kopfe fend, de Bändern hängenb der Bube dankbar er es nie Ich ma ſo dankbar wie es ein den nur wor, der riliger l ihm erwan ,c Süweſter verſt f Si Augen d und mas dabei, heiten, d der Han⸗ „Nu ſle das „Es d temerf Ja wu nt 1 Kaute ih S Reierſt hatte, Deſer⸗ mmel⸗ ürger⸗ 1, und 16 der eine illigt. Vel⸗ den bürchs Nacht en, ge ſcherzt grauen . Ans Schlae 1 den f der neiſter e dem ngenen arme cj un 3, d Feierſtunden. 1864. Zroße Erwartungen. Von Charles Dickens. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. (Fortſetzung zu S. 96.) zyer Schall der mit Eiſen beſchlagenen Hufe “des Pferdes auf dem hartgefrorenen Boden „Miß Havisham oben in der Stadt?“ fragte Joe. llang faſt wie Muftt, während das Thier„Gibt es etwa eine Miß Havisham unten in der Stadt?“ er⸗ in ungewöhnlich ſchnellem Trabe miher kam widerte meine Schweſter.„Sie will, daß dieſer Bube in ihr Haus 3 5 fkomme und dort ſpiele. Natürlich wird er hin gehen und ſpielen,— Wir holten etrbt Stuhl duß dem Hauſe, ich rathe es ihm,“ fügte meine Schweſter hinzu und ſchüttelte drohend um meiner Schweſter das Abſteigen zu er⸗ 3 4 7 mit dem Kopf, um mir dadurch Luſt zu machen,—„oder ich will leichtern, ſchürten das Feuer noch einmal an, 4 8i 1, 5 3. 3— ihn aufmuntern!“ um ihnen ein recht helles Fenſter zu zeigen, und überſchauten die 4— ganze Küche noch einmal, um gewiß zu ſein, daß Alles ſich am rech⸗ Ich hatte von Miß Havisham in der oberen Stadt gehört,— ten Platze befinde. Als wir mit dieſen Vorbereitungen fertig waren, ſowie ein Jeder im Umkreiſe von vielen Meilen,— als von einer fuhren die Erwarteten vor, verhüllt bis an die Augen. Mrs. Joe unermeßlich reichen, mürriſchen, alten Dame, die ein großes, finſte⸗ war bald aus dem Wagen gehoben, und Onkel Pumblechook ſtieg res und gegen Diebe feſt verſchanztes Haus bewohnte und in tiefer eben ſo ſchnell ab, und warf eine wollene Decke über den Gaul, worauf wir uns in die Küche begaben und ſo viel kalte Luft mit hinein brachten, daß ſie faſt alle Hitze aus dem Feuer zu ver⸗ treiben ſchien. „Nun,“ ſagte ffſtanneggägcgneglgſhahram, Mrs. Joe, haſtig G d und aufgeregt ihre Tücher ablegend und den Hut vom Kopfe zurückwer⸗ fend, der an den Bändern im Nacken hängen blieb,„wenn der Bube heut nicht dankbar iſt, ſo wird er es nie ſein!“ Ich machte eine ſo dankbare Miene, wie es einem Kna⸗ ben nur möglich war, der ſich in völliger Unkenntniß darüber befand, aus welchem Grunde dies von ihm erwartet wurde. „Ich hoffe nur, daß er dort nicht verhätſchelt wird,“ fuhr meine Schweſter fort,„aber ich fürchte es ſehr.“ „O ſie iſt nicht von der Art,“ bemerkte Onkel Pumblechook;„ſie verſteht es beſſer.“ Sie? Ich ſah Joe an und verſuchte mit meinen Lippen und Augen das Wort„Sie?“ auszudrücken. Joe erwiderte meinen Blick und machte dieſelbe Bewegung. Allein meine Schweſter ertappte ihn dabei, und er machte deßhalb, wie gewöhnlich bei ſolchen Gelegen⸗ heiten, die ihm eigene begütigende Miene, ſtrich ſich mit der Kehrſeite der Hand über die Naſe und ſchaute ſie an. „Nun?“ fragte meine Schweſter in ihrem keifenden Tone,„was ſoll das Starren bedeuten? Brennt etwa das Haus?“ „Es wurde von einer ‚Sie’ geſprochen,“ wagte Joe nur höflich zu bemerken. „Ja, und es iſt eine ‚Sie“,“ verſetzte meine Schweſter,„wenn du nicht etwa Miß Havisham einen Er nennen willſt, was ſelbſt dir, glaube ich, nicht einfallen wird.“ Feierſtunden. 1864. Zurückgezogenheit lebte. „Wer hätte das gedacht!“ rief Joe faſt erſtaunt.„Ich möchte nur wiſſen, woher ſie Pip kennt!“ „Dummkopf!“ rief meine Schwe⸗ ſter,—„wer ſagt denn, daß ſie ihn kennt?“ „Weil ſo eben geſagt wurde,“ be⸗ merkte Joe aber⸗ mals höflich,„ſie X — b wolle, daß er hin komme und dort ſpiele.“ „Kann ſie denn nicht Onkel Pum⸗ blechook gefragt ha⸗ ben, ob er einen Knaben wiſſe, der hin kommen und . dort ſpielen könne? Iſt es nicht recht wohl möglich, daß Onkel Pumblechook ein Miethsmann von ihr ſei, und daß er,— ich will nicht ſagen vierteljährlich, oder halbjährlich, denn das hieße zu viel von dir verlangen, aber— zu⸗ weilen zu ihr komme, um ſeinen Zins zu bezahlen? Und kann ſie nicht bei einer ſolchen Gelegenheit Onkel Pumblechook gefragt haben, ob er einen Knaben wiſſe, der zu ihr kommen und ſpielen könne? und kann nicht Onkel Pumblechook, der immer ſo rückſichtsvoll an uns denkt,— obgleich du es vielleicht nicht glaubſt, Joſeph,“ fügte ſie im Tone ſchweren Vorwurfes hinzu, als wenn er der gefühlloſeſte aller Neffen wäre,—„den Buben vorgeſchlagen haben, der hier ſo hochmüthig ſteht,“— was keineswegs der Fall war, wie ich ver⸗ ſichere,—„und für den ich mich von jeher geplagt und geſchunden habe?“ „Gut gegeben!“ rief Onkel Pumblechook,„ſehr gut! Sehr hübſch ausgedrückt! Jetzt, Joſeph, weißt du, wie die Sache ſteht.“ — „Nein, Joſeph,“ fuhr meine Schweſter, noch immer in vorwurfs⸗ vollem Tone, fort, während Joe mit bittender Miene die Kehrſeite ſeiner Hand wieder und wieder über die Naſe zog,„du kennſt die Sache noch nicht recht, obgleich du es vielleicht nicht glaubſt. Du 17 4 —— 13³⁰ —— magſt dir einbilden, ſie zu kennen, aber, Joſeph, du kennſt ſie nicht. Du weißt nämlich nicht, daß das Glück dieſes Buben gemacht werden kann, wenn er zu Miß Havisham geht, ſich erboten hat, ihn heute Abend noch in ſeinem eigenen Wagen mit ſich nach der Stadt zu nehmen, die Nacht über bei ſich zu behalten und morgen früh mit eigenen Händen an Miß Havisham zu überliefern. Und Gott ſei mir gnädig!“ rief meine Schweſter, in plötzlicher Verzweiflung den Hut von ſich werfend,— „hier ſtehe ich und ſchwatze mit dieſen Mondkälbern, während Onkel Pumblechook wartet, der Gaul vor der Thür ſich vielleicht erkältet, und der Bube, vom Kopf bis zu den Füßen mit Schmutz bedeckt, vor mir ſteht!“ Nach dieſen Worten ſtürzte ſie auf mich, wie ein Raubvogel auf ein Lamm, zwängte mein Geſicht in eine hölzerne, auf dem Gußſteine ſtehende Schale, drückte meinen Kopf unter den Zapfen einer Waſſer⸗ tonne, und ſeiſte, rieb, ſcheuerte, trocknete, klopfte und puffte mich, bis ich faſt von Sinnen war,— wobei ich bemerken muß, daß iſh zugleich beſſere Gelegenheit hatte, mich von der unbehaglichen, kratzen⸗ den Wirkung eines über das Geſicht fahrenden Traurings zu über⸗ zeugen, als irgend ein anderes lebendes Weſen. Nachdem meine Abwaſchung vorüber war, wurde ich in reines, ſtockſteifes Leinen geſteckt, wie ein junger Büßender in Sackleinwand, und dann in meinen engſten und peinigendſten Anzug gezwängt, wo⸗ rauf Mr. Pumblechook mich mit aller Förmlichkeit in Empfang nahm, als wenn er der Sheriff wäre, und die Rede hielt, auf die er, wie ich ihm anſah, längſt mit Ungeduld gewartet hatte. „Knabe,“ ſagte er,„ſei dankbar gegen alle deine Freunde, na⸗ mentlich gegen diejenigen, welche dich mit der Hand aufgezogen haben!“ 1 „ Leb' wohl, Joe!“ rief ich. 4„Gott behüte dich, Pip, alter Junge!“ erwiderte er. Es war meine erſte Trennung von Joe, und meine Augen wa⸗ ren deßhalb, theils in Folge der Pupfindungen, theils durch die Ein⸗ wirkung der vielen Seife, ſo trübe, daß ich anfangs im Wagen keine Sterne ſehen konnte. Aber allmälig begannen ſie einer nach dem andern zu funkeln, ohne mir jedoch Licht darüber zu geben, weß⸗ halb ich eigentlich in Miß Havisham's Hauſe ſpielen, und was ich ſpielen ſollte. Achtes Kapitel. Mr. Pumblechooks Wohnung in der Hauptſtraße der Marktſtadt ſah nach Pfefferkorn und Mehl aus, wie es bei einem Korn⸗ und Samenhändler natürlich war. Ich dachte, er müſſe ein recht glück⸗ licher Mann ſein, da er ſo viele kleine Schubkaſten in ſeinem Laden hatte, und fragte mich ſtaunend, als ich in einen der unteren Reihen blickte und die zuſammengebundenen braunen Papierpackete darin lie⸗ gen ſah, ob die Zwiebeln und Blumenſamen nicht eines ſchönen Tages Luſt bekommen würden, ihre Bande zu ſprengen und aufzublühen. Es war früh am Morgen nach meiner Ankunft, als ich dieſer Betrachtungen machte. Am vorhergehenden Abendewar ich ſogleich zu Bett geſchickt worden, in eine Kammer des Speichers, deren Decke ſo abſchüſſig und niedrig an der Stelle war, wo mein Bett ſtand, daß die Ziegel, meiner Berechnung nach, keinen Fuß von meinem Geſichte entfernt ſein konnten. An demſelben Morgen entdeckte auch eine ſeltſame Verwandtſchaft zwiſchen Sämereien und Baumwolle. Mr. Pumblechook trug baumwollene Kleidung, ſowie auch ſein Ge⸗ hülfe, und dieſe baumwollene Kleidung roch ſo ſehr nach Sämereien, und die Sämereien ſo ſehr nach Baumwolle, daß ich kaum das Eine von dem Anderen unterſcheiden konnte. Bemerkung, daß Mr. Pumblechook's Geſchäftsführung darin zu be⸗ ſtehen ſchien, daß er über die Straße nach dem Sattler blickte, wel⸗ cher ſein Gewerbe dadurch zu betreiben ſchien, daß er den gegenüber wohnenden Wagenbauer beobachtete, der wiederum, die Hände in den ———— Gleichzeitig machte ich die Feierſtunden. 1864.. ——:::——:ͤ—r———;;—— Taſchen haltend, den Bäcker betrachtete, welcher ſeiner Seits, mit un⸗ daß Onkel Pumblechook, in der Vorausſicht, tergeſchlagenen Armen vor der Thüre ſtehend, den Apotheker angähnte. Der Uhrmacher, der, mit der Lupe vor dem Auge, fortwährend über ſeinen Arbeitstiſch gebeugt war und faſt beſtändig von Zuſchauern in groben Kitteln beobachtet wurde, welche durch ſein Ladenfenſter ſchau⸗ ten, ſchien die einzige Perſon in der Hauptſtraße zu ſein, deren per⸗ ſönliche Aufmerkſamkeit von ſeinem Geſchäfte in Anſpruch genommen wurde, Mr. Pumblechook frühſtückte mit mir um acht Uhr in dem Stüb⸗ chen hinter dem Laden, während der Gehülfe ſeine Taſſe Thee, mit dem Butterbrode, auf einem Erbſenſack ſitzend im Laden verzehrte. Mr. Pumblechook's Geſellſchaft war mir zuwider, denn abgeſehen da⸗ von, daß er, die Anſicht meiner Schweſter theilend, der Meinung war, meine Koſt müſſe die eines Büßenden ſein,— abgeſehen davon, daß er mir ſo viel Brodkrume, als möglich, mit ſehr wenig Butter gab, und meine Milch mit warmem Waſſer ſo ſehr verdünnte, daß es ehrlicher geweſen wäre, die Milch ganz fortzulaſſen,— drehte ſich auch ſeine Unterhaltung nur um Arithmetik. Als ich ihm höflich „guten Morgen“ wünſchte, fragte er mich mit pedantiſcher Miene: „Siebenmal neun, Bube?“ und wie konnte ich, auf ſolche Weiſe em⸗ pfangen, an einem fremden Orte und mit leerem Magen, darauf ant⸗ worten! Ich war hungrig, aber ehe ich einen Biſſen verſchluckt hatte, begann er ein Rechenexempel, welches ſo lange währte, wie das ganze Frühſtück.„Sieben und vier?“„Und acht?“„Und ſechs?“„Und zwei?“„Und zehn?“ und ſo weiter, mit einer ſolchen Schnelligkeit, daß ich, nachdem eine Zahl abgethan war, kaum einen Biſſen oder einen Schluck nehmen konnte, ehe die andere folgte, während er ſelbſt bequem im Lehnſtuhle ſaß, nichts rieth und Speck mit geröſteten Bröd⸗ ſchen auf eine— wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf— gie⸗ rige Weiſe verſchlang. K Aus dieſem Grunde war ich herzlich froh, als es zehn Uhr ſchlug und wir den Weg nach Miß Havisham's Hauſe einſchlugen, obgleich ich keineswegs ohne Sorgen darüber war, auf welche Weiſe ich meine Pflicht bei dieſer Dame erfüllen ſollte. In Zeir von einer Viertel⸗ ſtunde erreichten wir das Haus, ein altes, finſteres, ſteinernes Ge⸗ bäude, mit vielen Eiſengittern. Manche Fenſter waren zugemauert worden, und von denen, welche offen ecben, waren die unteren ſämmtlich mit roſtigen Eiſenſtäben verwahrt. Vor dem Hauſe lag ein gleichfalls verſchloſſener Hof, ſo daß wir, nachdem geſchellt worden, längere Zeit warten mußten, bis geöffnet wurde. Während wir an dem Thore ſtanden, und Mr. Pumblechook noch einmal fragte:„Und vierzehn?“ was ich jedoch nicht zu hören vor⸗ gab,— blickte ich hinein und gewahrte auf der einen Seite des Hau⸗ ſes eine große Brauerei, in der aber nicht gebraut wurde und ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr gebraut worden zu ſein ſchien. Endlich öffnete ſich ein Fenſter, und eine klare Stimme fragte: „Was für ein Name?“ worauf mein Begleiter antwortete:„Pumble⸗ chook.“„Ganz recht!“ erwiderte die Stimme, das Fenſter ſchloß ſich wieder, und eine junge Dame, mit Schlüſſeln in der Hand, kam über den Hof. 4— „Das,“ ſagte Mr. Pumblechook,„iſt Pip!“ „So, iſt das Pip?“ verſetzte die junge Dame, welche ſehr hübſch ſehr ſtolz war.„Komm herein, Pip.“. Mr. Pumblechook wollte auch eintreten, aber ſie hielt ihn mit der Thür zurück. 4 „Oh!“ ſagte ſie,„wünſchten Sie etwa Miß Havisham zu ſprechen?⸗ „Ja, wenn Miß Havisham mich zu ſprechen wünſcht,“ erwi⸗ derte Mr. Pumblechook nicht ohne Verlegenheit. Aber ſie wünſcht nicht Sie zu ſprechen,“ entgegnete „* und ſeiner Würde verletzt, nichts mehr einwenden konnte. Dagegen be⸗ trachtete er mich mit ſtrengem Blicke,— als wenn ich ihm etwas gethan hätte!— und ging mit den vorwurfsvoll geſprochenen Wor⸗ 2— das Mäd⸗ chen in ſo entſchiedenem Tone, daß Mr. Pumblechook, obgleich in ten fort: R madſſ, welc immer fürch vorlegen mö Meine V den Hof.( wuchs Gra ſchmalen G ſowie auch Der kalte Thored, aus, wie Das „Du jetzt gebra „3. „Es W ſauer werde „E ſ „Nicht fügte ſie b unbenutzt trifft, ſo darin zu „Iſt „Ja, „Hat „Noch oder latein alles äͤns „G. Miß!“ „J ausdrück welcher der dam nen. 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Er war gepflaſtert und reinlich, aber zwiſchen den Steinen wuchs Gras. Mit den Gebäuden der Brauerei ſtand er durch einen ſchmalen Gang in Verbindung, deſſen hölzerne Pforten offen waren, ſowie auch das ganze Brauhaus offen, leer und unbenutzt da ſtand. Der kalte Wind ſchien hier noch kälter zu blaſen, als außerhalb des Thores, und heulte durch die offenen Seiten der Brauerei ein und aus, wie in dem Takelwerk eines Schiffes auf offener See. Das Mädchen ſah mich dahin blicken und ſagte: „Du könnteſt ohne Schaden alles ſtarke Bier trinken, das dort jetzt gebraut wird, Knabe.“ „Ich glaube wohl, Miß,“ erwiderte ich in ſcheuem Tone. „Es wäre nicht gerathen, jetzt dort Bier zu brauen,— es würde ſauer werden; glaubſt du nicht?“ „Es ſieht ſo aus, Miß.“ „Nicht daß irgend Jemand es jemals wird verſuchen wollen,“ fügte ſie hinzu;„denn das iſt vorbei, und das Gebäude wird ſo lange unbenutzt ſtehen bleiben, bis es einſtürzt. Aber was ſtarkes Bier be⸗ trifft, ſo liegt ſchon genug in den Kellern, um das ganze Herrenhaus darin zu erſäufen.“ „Iſt das der Name dieſes Hauſes?“ „Ja, einer von ſeinen Namen.“ „Hat es denn mehr als einen Namen, Miß?“ „Noch einen. Der andere Name war Satis,— ein griechiſches oder lateiniſches oder hebräiſches Wort, oder alles drei,— aber mir alles eins,— für ‚genuge.“ „Genug⸗Haus?“ verſetzte ich;„das iſt ein ſonderbarer Name, Miß!“ „Ja,“ erwiderte ſie,„aber er hatte mehr zu bedeuten, als er ausdrückte. Er ſollte andeuten, als er gegeben wurde, daß derjenige⸗ welcher das Haus beſitze, nichts weitér bedürfe. Die Leute müffen in der damaligen Zeit leicht zu befriedigen geweſen ſein, ſollte ich mei⸗ nen. Aber gehe nicht ſo langſam, Junge!“ Obgleich ſie mich ſo oft„Knabe“ oder„Bube“ nannte, und mit einer Nachläſſigkeit, welche mir durchaus nicht ſchmeichelte, war ſie ziemlich von demſelben Alter, wie ich, oder nur ſehr wenig älter. Allein da ſie ein Mädchen und ſehr ſchön und geſetzt war, ſo ſchien ſie älter zu ſein, und drückte eine Verachtung gegen mich aus, als wenn ſie einundzwanzig Jahre alt und eine Königin geweſen wäre. Wir traten durch eine Seitenthür in das Haus,— denn der Haupteingang war durch zwei ſtarke, vor demſelben hängende Ketten verſchloſſen, und das Erſte, was mir auffiel, war der Umſtand, daß tiefe Finſterniß auf den Gängen herrſchte, und daß das Mädchen ein Licht daſelbſt hatte ſtehen laſſen. rend Dunkelheit umgab und nur der Schein des Lichtes unſere Schritte leitete. Endlich gelangten wir an die Thüre eines Zimmers, und das Mädchen ſagte: „Gehe hinein!“ N „Nach Ihnen, Miß,“ erwiderte ich mit mehr Furcht als Höf⸗ lichkeit, worauf ſie entgegnete:„Benimm dich nicht lächerlich, Bube, ich gehe nicht hinein!“ worauf ſte fort ging und— was das Schlimmſte war— das Licht mit ſich nahm. Das war ſehr unangenehm, und ich begann mich zu fürchten. Thür zu klopfen, ſo that ich es, und eine Stimme von innerhalb gebot mir, einzutreten. Ich trat deßhalb ein und ſah mich in einem hübſchen, großen und mit Wachslichtern erleuchteten Zimmer. von Tageslicht war ſichtbar. Sie nahm es und wir gingen durch verſchiedene Gallerien und eine Treppe hinauf, während uns fortwäh⸗ 1864. 131 ———;—:ͤ——— aus den Möbeln ſchloß, obgleich ſich viele darunter befanden, deren Formen und Zwecke mir damals ganz unbekannt waren. Am mei ſten fiel mir ein mit einer Decke bekleideter Tiſch auf, welcher einen vergoldeten Spiegel trug und ein ſchöner, für eine Dame beſtimmter Toilettentiſch zu ſein ſchien.(Siehe Bild S. 129.) Ob ich dieſe Entdeckung ſo ſchnell gemacht haben würde, wenn nicht eine Dame im Zimmer geſeſſen hätte, kann ich nicht ſagen. In einem Armſtuhle, den Ellenbogen auf dem Tiſche ruhen laſſend und den Kopf auf der Hand, ſaß die ſeltſamſte Dame, die ich jemals geſehen habe, und jemals ſehen werde. Sie war ſehr reich gekleidet,— in Seide und Spitzen,— aber Alles war von weißer Farbe. Selbſt ihre Schuhe waren weiß, und ein langer weißer Schleier hing aus ihrem Haar herab, das mit bräutlichen Blumen geſchmückt und ebenfalls weiß war. Mehrere Juwelen funkelten an ihrem Halſe und ihren Händen, und andere Juwelen lagen funkelnd auf dem Tiſche. Verſchiedene Kleider, weni⸗ ger prächtig jedoch als dasjenige, welches ſie trug, u mehrere halb⸗ gefüllte Koffer lagen und ſtanden im Zimmer umher. Ihre Tollette war noch nicht völlig beendet, denn ſie hatte nur einen Schuh an, während der andere neben ihr auf dem Tiſche ſtand; der Schleier war nur halb geordnet, Uhr und Kette waren noch nicht angethan, und ein feines Buſentuch lag bei den Juwelen, ſowie ihr Taſchentuch, Handſchuhe, Blumen und ein Gebetbuch in bunter Unordnung vor dem Spiegel. Nicht im erſten Augenblicke ſah ich alle dieſe Dinge, de iedh mehr von ihnen, als man hätte glauben ſollen; aber ich ſah, daß Alles vor meinen Augen, deſſen Farbe weiß hätte ſein nu vor langer Zeit weiß geweſen war, ſeinen Glanz verloren hatte und all⸗ mälig gelb geworden war. Ich ſah, daß die Braut im bräutlichen Kleide gewelkt war gleich dem Kleide, gleich den Blumen, und von ihrer früheren Schönheit nichts bewahrt hatte, als den Glanz der tief eingeſunkenen Augen. Ich ſah, daß das Kleid ehemals den runden, vollen Formen eines jungen Weibes gepaßt hatte, aber daß die Ge⸗ ſtalt, welche es jetzt loſe umhing, abgemagert und zu Haut und Knochen geworden war. Einſtmals hatte ich auf einem Jahrmarkte das geſpenſtige Wachsbild irgend einer, auf einem Paradebett liegen⸗ den Perſon geſehen,— und ein anderes Mal in einer unſerer alten Kirchen des Moorlandes ein Skelet in reicher, vermoderter Kleidung, welches im Gewölbe der Kirche gefunden worden war; jetzt glaubte ich beide wieder vor mir zu ſehen, mit dunkeln Augen, welche ſich bewegten und mich anſtarrten. Ich hätte weinen mögen, wenn ich gekonnt hätte. „Wer iſt da?“ fragte die „Pip, Madam.“ „Pip?“ „Mr. Pumblechook's Bube, Madam, Dame am CTiſche. der gekommen iſt,— um zu ſpielen.“ „Komme näher, und ſieh mich an,— komme näher!“ In dieſem Momente, als ich, ihren Augen ausweichend, vor ihr ſtand, ſah ich die umgebenden Dinge deutlicher, und bemerkte, daß Es war ein Ankleidezimmer, wie ich! ihre Uhr zwanzig Minuten vor neun ſtehen geblieben war, und daß die im Zimmer befindliche Wanduhr gleichfalls zwanzig Minuten vor neun ſtehen geblieben war. „Sieh mich an,“ ſagte M vor einem Weibe, das nie die ren worden biſt?“ Mit Bedauern muß ich geſtehen, daß ich mich nicht ſcheute, die arge Lüge auszuſprechen, welche in dem Worte„„Nein““ enthal⸗ ten war. „Weißt du, was ich hier berühre?“ fragte ſie, beide Hände über einander auf die linke Seite legend. „Ja, Madam.“(Ich mußte unwillkürlich an den Helfershelfer kiß Havisham. Sonne geſehen hat, „Fürchteſt du dich nicht ſeitdem du gebo⸗ Kein Schimmer denken.) „Was berühre ich?“ — 3 17 13² „Ihr Herz.“ „Mein gebrochenes Herz.“ Dieſe Worte ſprach ſie mit glühendem Blicke, mit beſonderem, Nachdrucke und mit einem geſpenſtigen Lächeln, in dem ein gewiſſer Stolz lag. Dann, nachdem ſie die Hände noch einige Zeit auf der Stelle feſt gehalten hatte, zog ſie dieſelben langſam, als ſeien ſie ſchwerer geworden, wieder zurück.— „Ich fühle Langeweile,“ ſagte Miß Havisham,„und brauche Zerſtreuung, aber bin mit Männern und Weibern fertig. Spiele!“ Selbſt der ſtreitſüchtigſte unter meinen Leſern wird zugeſtehen, daß ſie mir unter den obwaltenden Umſtänden nicht leicht eine ſchwie⸗ rigere Aufgabe hätte ertheilen können. „Zuweilen habe ich krankhafte Launen,“ fuhr ſie fort,„und jetzt habe ich die Laune, Jemanden ſpielen zu ſehen. Da da!“ rief ſie mit einer ungeduldigen Bewegung ihrer rechten Hand,„ſpiele, ſpiele, ſpiele!“ Während die Furcht vor meiner Schweſter erwachte, kam ich einen Augenblick lang auf die verzweifelte Idee, im Zimmer umher laufend Mr. Pumblechook's zweirädrigen Wagen nachzuahmen; allein ich fühlte mich ſo unfähig, daß ich den Gedanken aufgab und unbe⸗ weglich Miß Havisham mit einer finſteren Miene, wie ich glaube, anblickte, denn nachdem wir uns längere Zeit gegenſeitig betrachtet hatten, fragte ſie: „Biſt du eigenſinnig?“ Feierſtunden. 1864. —;————————— geblieben ſein. Ich bemerkte, daß Miß Havisham das Juwel genau auf dieſelbe Stelle wieder legte, von der ſie es aufgenommen hatte. Während Eſtella die Karten gab, blickte ich abermals auf den Toilet⸗ tentiſch und ſah, daß der darauf ſtehende Schuh, welcher ehemals weiß geweſen, nie getragen worden und jetzt gelb war. Ich ſchaute auf den Fuß, dem der Schuh fehlte, und ſah, daß der ehemals weiße, jetzt gelbe Seidenſtrumpf durchgetreten und zerriſſen war. Ohne das gänzliche Stillſtehen aller dieſer verblichenen, modernden Gegenſtände hätte ſelbſt das vergelbte Brautkleid, welches die eingeſunkene Geſtalt bedeckte, und der lange Schleier nicht Grabtüchern ſo ähnlich ſehen können. Da ſaß ſie, wie eine Leiche, und ſchaute unſerem Kartenſpiele zu, während die Beſätze an ihrem Brautkleide ausſahen, als wenn ſie von erſtorbenem Papier gemacht worden wären. Damals wußte ich noch nichts von den in alter Zeit beerdigten Leichnamen, welche zuweilen gefunden werden und augenblicklich in Staub zerfallen, ſobald ſie an das Tageslicht kommen; aber ich habe ſpäter oft daran gedacht, daß ſie ſo ausgeſehen haben müſſe, als wenn der erſte Lichtſtrahl ſie in Aſche verwandeln würde. „Er nennt die Buben Bauern,— dieſer Knabe!“ ſagte Eſtella verächtlich, als das erſte Spiel beendet war.„Und was für grobe Hände er hat, und was für dicke Stiefel!“ Ich hatte bis dahin noch nie daran gedacht, mich meiner Hände zu ſchämen; jetzt zum erſten Male erſchienen ſie mir in der That ſehr mittelmäßig. Ihre Verachtung war ſo ſtark, daß ich davon angeſteckt „Nein, Madam,“ entgegnete ich.„Ich bedaure Sie, und es thut wurde.. mir leid, daß ich grade jetzt nicht ſpielen kann. Wenn Sie ſich bei Sie gewann das Spiel, worauf ich die Karten gab. Ich vergab meiner Schweſter über mich beklagen, wird es mir ſchlecht ergehen, mich natürlich, denn es konnte nicht anders ſein, da ich ſah, wie ſie und ich würde deßhalb gern ſpielen, wenn ich könnte; aber es iſt hier nur darauf wartete, daß ich etwas verkehrt machte, um mich dann Alles ſo neu,— ſo fremd,— und ſo traurig—“ Ich hielt inne, aus Furcht, zu viel zu ſagen, oder ſchon geſagt zu haben, und wir blickten uns abermals einander an. Ehe ſie wieder ſprach, wandte ſie die Augen von mir ab, ſah auf ihr Kleid, auf den Toilettentiſch, und endlich in den Spiegel. „So neu für ihn,“ murmelte ſie,„und ſo alt für mich; ſo fremd für ihn, und mir ſo bekannt; ſo traurig für uns beide! Rufe Eſtella!“ Da ſie noch immer ihr Bild im Spiegel betrachtete, ſo glaubte ich, ſie rede mit ſich ſelbſt, und verhielt mich ruhig. „Rufe Eſtella!“ wiederholte ſie jedoch mit einem funkelnden Blicke auf mich.„Das kannſt du thun. Rufe Eſtella,— an der Thür.“ In dem finſteren, geheimnißvollen Gange eines unbekannten Hau⸗ ſes einer jungen Dame, die weder ſichtbar war, noch antworten wollte, laut ihren Namen Eſtella zuzuſchreien, erſchien mir als eine entſetz⸗ liche Dreiſtigkeit, und war faſt eben ſo ſchlimm, wie auf Befehl ſpie⸗ len zu müſſen. Aber die junge Dame antwortete endlich, und ihr Licht kam den dunkeln Corridor entlang, wie ein Stern. Miß Havisham winkte ihr, näher zu treten, nahm ein Juwel vom Tiſche, und hielt es an Eſtella's ſchönen jungen Hals und das hübſche braune Haar, um zu ſehen, wie es ſich ausnehme. „Es wird einſt dein Eigenthum ſein, und du wirſt einen guten Gebrauch davon machen,“ ſagte ſie.„Spiele Karten mit dieſem Kna⸗ ben, ich will zuſehen.“ Mit dieſem Knaben? Wie, es iſt ja ein gewöhnlicher Bauern⸗ „ bube!“ Es war mir, als wenn ich Miß Havisham antworten hörte,— obgleich es ſo unwahrſcheinlich klang. „Nun, du kannſt ihm ja das Herz brechen.“ „Welches Spiel verſtehſt du, Knabe?“ fragte mich Eſtella mit ſehr verächtlicher Miene. „Nichts, als ‚der arme Schlucker', Miß.“ „Mache ihn arm,“ ſagte Miß Havisham zu Eſtella, worauf wir uns zum Spiele niederſetzten. Jetzt erſt ſah ich deutlicher, daß Alles im Zimmer, wie die Taſchenuhr und die Wanduhr, ſeit langer Zeit unverrückt mußte ſtehen einen dummen, ungeſchickten Bauernbuben zu nennen. „Du ſagſt nichts von ihr,“ bemerkte Miß Havisham mich an⸗ blickend.„Obgleich ſie dich ſo ſchmäht, ſagſt du nichts von ihr. Was denkſt du von ihr?“ „Ich mag es nicht ſagen,“ ſtotterte ich. „Sage es mir in das Ohr,“ verſetzte Miß Havisham, ſich zu mir niederbeugend. „Ich glaube, ſie iſt ſehr ſtolz,“ erwiderte ich flüſternd. „Was noch?“ „Ich glaube auch, ſie iſt ſehr hübſch.“ „Und was noch? 8 „Und ſehr beleidigend,“ verſetzte ich, denn gerade in dieſem Au⸗ genblicke ſchaute ſie mich mit der tiefſten Verachtung an. „Und weiter denkſt du nichts?“, „Ich denke, daß ich heim gehen möchte.“ „Und ſie nie wiederſehen, obgleich ſie ſo hübſch iſt?“ „Ich weiß nicht gewiß, ob ich ſie nicht wiederſehen möchte, aber jetzt möchte ich nach Hauſe gehen.“ „Du ſollſt bald gehen,“ erwiderte Miß Havisham laut;„ſpiele das Spiel zu Ende.“ 4 Das geſpenſtiſche Lächeln, welches ich bei dieſen Worten zum erſten Mal in Miß Havisham's Zügen ſah, hätte ich ihr niemals zugetraut; ihr Geſicht bekam einen lauernden, ſinnenden Ausdruck und ſah aus, als wenn nichts in der Welt ſie je wieder aufrichten könnte. Ihre ihre Stimme war erloſchen, ſo daß ſie leiſe, wie im Grabestone ſprach. Ihre ganze Erſcheinung war von der Art, als wenn ſie kör⸗ perlich und geiſtig, innerlich und äußerlich, unter der Gewalt eines zerſchmetternden Schlages zuſammengebrochen wäre. Ich ſpielte das Spiel mit Eſtella zu Ende, und ſie beſiegte mich wieder. Dann warf ſie die Karten, nachdem ſie alle gewonnen hatte, auf den Tiſch, als verachtete ſie dieſelben deßhalb, weil ſie dieſelben von mir gewonnen hatte. „Wann ſoll ich dich wieder kommen laſſen?“ ſagte Miß Havis⸗ ham.„Laß mich ſehen.“ Ich wollte ſie daran erinnern, daß der Tag Mittwoch ſei, als Bruſt war eingeſunken, ſo daß ſie eine gebeugte Haltung hatte, und Krich mit nnr uchen „Still dck, nicht ader. He „Ja 1 „Eſtell aß ihn un bipl Wäh⸗ genheit, u Das Urt Bisher h ſehr geme zu fragen, Buben hei eine feinere geworden ſ Sie k ſetzte letzte Fleiſch, o wenn ich ſo gedem Bezeichnu mir Thra mich das Urſache de Kraſt, ſie darauf der ſchien, de wundune Als mein Ge renden) darauf, und mir ſo ſchnei Weiſe L. Die mich reizl — gleichv das ſo der kit. Es unterworf Aüt iſt Ins ein ig in mei gijührt, m adghlch ſi mic am üibung. den Da ich beſon wurde. lgenau thatte. Toilct⸗ s weiß ute auf weiße, ne das nſtände Geſtalt dönnen. diele zu, ſie von ich noch uweilen ſie an ht, daß ſie in Eſtella Nobe Hände lhat ſehr mgeſteckt verga⸗ b wie ſie ) dann lich an⸗ r. Was ſich zu ſem Au⸗ Jte aber „ ſpiele merſten gerraut; ſah aus, te. Ihre atte, und abtstont tſe k⸗ alt tints gt nich 1 hatte, dieſelben Havis⸗ ſäi⸗ 5 — gleichviel, von wem ſie erzogen werden mögen,— gibt es nichts, Feierſtunden. 1864. ——— ſie mich mit der ſchon vorher an ihr bemerkten unruhigen Bewegung ihrer rechten Hand unterbrach. „Still, ſtill!“ rief ſie.„Ich weiß nichts von den Tagen der Woche, nichts von den Wochen des Jahres. Komme nach ſechs Tagen wieder. Hörſt du?“ „Ja, Madam.“ „Eſtella, gehe mit ihm hinunter, gib ihm etwas zu eſſen, und laß ihn umherſpringen und ſich umſehen, während er ißt. Gehe, Pip!“ Während ich mich allein im Hofe befand, benutzte ich die Gele⸗ genheit, meine groben Hände und meine dicken Stiefeln zu betrachten. Das Urtheil, welches ich über ſie fällen mußte, war kein günſtiges. Bisher hatten ſie mich nie beunruhigt, aber jetzt machten ſie mir als ſehr gemeine Zugaben in der That Unruhe. Ich beſchloß auch, Joe zu fragen, weßhalb er mich gelehrt habe, jene Kartenbilder, welche Buben heißen, Bauern zu nennen, und wünſchte im Stillen, daß Joe eine feinere Erziehung erhalten hätte, weil ſie mir dann auch zu Theil geworden ſein würde. Sie kam mit etwas Brod, Fleiſch und einem Krug Bier zurück, ſetzte letzteren auf das Pflaſter, und reichte mir das Brod und das Fleiſch, ohne mich anzuſehen, mit einer ſo verächtlichen Miene, als wenn ich ein läſtiger Hund geweſen wäre. Ich fühlte mich dadurch ſo gedemüthigt, verletzt, aufgebracht, verwundet,— ich kann die rechte Bezeichnung für den Schmerz, den ich empfand, nicht finden,— daß mir Thränen in die Augen drangen. Sobald ſich dieſe zeigten, blickte mich das Mädchen mit einer gewiſſen Freude darüber an, daß ſie die Urſache derſelben war. Dieſe Wahrnehmung verlieh mir jedoch die Kraft, ſie zu unterdrücken und das Mädchen anzuſehen. Sie warf darauf den Kopf verächtlich zurück, aber verrieth dennoch, wie es mir ſchien, daß ſie ſich bewußt war, mit ihrer Freude über meine Ver⸗ wundung etwas zu ſchnell geweſen zu ſein, und verließ mich. Als ſie jedoch fort war, ſah ich mich nach einem Platze um, mein Geſicht zu bergen, trat hinter eins der nach der Brauerei füh⸗ renden Pförtchen, lehnte meinen Arm an die Wand und meinen Kopf darauf, und weinte, während ich mit dem Fuße gegen die Wand ſtieß und mir das Haar raufte. So bitter waren meine Empfindungen, ſo ſchneidend der namenloſe Schmerz, daß ich mir auf irgend eine Weiſe Luft machen mußte. Die Erziehung, welche ich von meiner Schweſter genoſſen, hatter mich reizbar gemacht. In der kleinen Welt, in welcher Kinder leben, das ſo deutlich von ihnen erkannt und gefühlt wird, als Ungerechtig⸗ keit. Es ſind vielleicht nur kleinere Ungerechtigkeiten, denen ein Kind unterworfen werden kann; allein das Kind iſt auch klein, und ſeine Welt iſt klein, und ſein Wiegenpferd erſcheint ihm eben ſo groß, wie uns ein ſtarkes Jagdpſerd. Von meiner früheſten Jugend an hatte ich in meinem Inneren einen ewigen Kampf mit der Ungerechtigkeit geführt, und immer die Ueberzeugung gehegt, daß meiner Schweſter, obgleich ſie mich mit der Hand auferzogen, nicht das Recht zuſtehe, mich zu mißhandeln. Unter allen Strafen, Schmähungen und Buß⸗ übungen hatte ich dieſe Ueberzeugung genährt, und dem fortwähren⸗ den Denken daran in meinem einſamen, ſchutzloſen Zuſtande ſchreibe ich beſonders den Umſtand zu, daß ich ſo furchtſam und reizbar wurde. Diesmal brachte ich das Gefühl der Kränkung dadurch zum Schweigen, daß ich mit dem Fuße gegen die Wand arbeitete und mein Haar zerzauste, und dann ſtrich ich mir mit dem Aermel über das Geſicht und trat hinter der Pforte hervor. Es war in der That ein öder Ort. Selbſt das Taubenhaus, im Hofe der Brauerei, war auf ſeiner hohen Säule von irgend einem ſtarken Winde in eine ſo ſchiefe Lage gebracht worden, daß die Tau⸗ ben, welche darin geweſen wären, hätten glauben müſſen, ſie befän⸗ den ſich auf der wildbewegten See. Allein es waren keine Tauben im Schlage, keine Pferde im Stalle, keine Schweine im Koben, kein Malz auf den Speichern, und kein Geruch von Korn oder Bier in den Keſſeln und Fäſſern. Aller Duft deſſelben war wahrſcheinlich mit der letzten Rauchſäule entflogen. In einem Nebenhofe zeigte ſich eine Wildniß von Tonnen, welche noch eine gewiſſe ſaure Erinnerung an beſſere Tage umſchwebte; allein ſie war zu ſauer, um noch als eine Probe des verſchwundenen Bieres zu gelten. In dieſer Bezie⸗ hung, glaube ich, hatten jene einſiedleriſchen Tonnen viel Aehnliches mit den meiſten Einſiedlern anderer Art. Hinter dem äußerſten Ende der Brauerei lag ein wüſter Garten, mit einer alten Mauer, die jedoch nicht ſo hoch war, daß ich ſie nicht hätte erklimmen und mich lange genug am oberen Rande feſthalten können, um hinüber zu blicken und zu ſehen, daß der wüſte Garten der Hausgarten und mit dichtem Unkraut überwachſen war, und daß ſich auf den gelbgrünen Pfaden eine Spur zeigte, als wenn irgend Jemand dort häufig wandelte, und daß Eſtella grade in demſelben Augenblicke, von mir abgewendet, daſelbſt wandelte. Allein ſie ſchien überall zu ſein; denn als ich der Verſuchung nachgab, welche die vor⸗ handenen Tonnen mir boten, und über dieſelben zu ſpazieren begann, ſah ich ſie am Ende des Hofes gleichfalls auf den Fäſſern umher⸗ gehen. Sie hatte mir den Rücken zugewendet, und hielt, ohne ſich umzuſehen, ihr ſchönes braunes Haar ausgebreitet in beiden Händen, und entſchwand ſogleich meinem Blicke. Ebenſo war es in der Brauerei, — womit ich das hohe, gepflaſterte Gebäude meine, in welchem früher Wer bereitet wurde, und welches noch die Geräthſchaften enthielt. Als ich es betrat und, von ſeiner Düſterheit beängſtigt, an der Thüre ſtehen blieb und mich darin umblickte, ſah ich ſie durch die erloſchenen Feuer gehen, eine leichte eiſerne Treppe erſteigen, und auf eine hoch oben befindliche Gallerie hinaus gehen, als wenn ſie zum Himmel hinauf gewollt hätte. An dieſem Orte und in dieſem Momente war es, als meiner Phantaſie etwas ſehr Seltſames begegnete. Es erſchien mir damals höchſt ſeltſam, und lange nachher noch mehr. Ich wandte zufällig meine Augen, die von dem heillen, froſtigen Lichte des Tages etwas geblendet waren, auf einen großen hölzernen Balken, welcher in einem niedrigen Winkel des Gebäudes, rechts von mir, angebracht war, und gewahrte daſelbſt eine Geſtalt am Halſe hängen. Es war eine Ge⸗ ſtalt in gelblich weißer Kleidung, mit nur einem Schuh an den Füßen, welche ſo hing, daß ich die erdfarbenen Beſätze des Kleides ſehen und erkennen konnte, daß ſie Miß Havisham's Geſicht hatte, in welchem eine Bewegung vorging, als wenn ſie bemüht wäre, mich zu rufen. In dem Schrecken, den mir dieſer Anblick verurſachte, und in der Ueberzeugung, daß ſie einen Augenblick vorher nicht dort geweſen war, rann ich zuerſt davon weg, und dann auf ſie zu, und war noch mehr entſetzt, als ich keine Geſtalt fand. Nur das froſtige Licht des klaren Himmels, der Anblick der hin⸗ ter dem Eiſengitter des Hofthores vorüber gehenden Leute, und die belebende Wirkung des noch übrigen Brodes, Fleiſches und Biers konnten mich wieder zu mir bringen. Aber ſelbſt mit dieſen Hülfs⸗ mittelu würde es nicht ſo ſchnell geſchehen ſein, wenn ſich nicht Eſtella mit ihren Schlüſſeln genaht hätte, um mich hinaus zu laſſen. So⸗ fern ſie Furcht an mir bemerkte, dachte ich, würde ſie wieder einen guten Grund haben, um verächtlich auf mich herab zu blicken, aber ich wollte ihr keinen Grund dazu geben. Mit einem triumphirenden Blicke an mir vorüber gehend, als freute ſie ſich darüber, daß meine Hände ſo grob und meine Stiefeln ſo dick waren, öffnete ſie die Pforte und hielt ſie in der Hand. Ohne ſie anzublicken, ging ich hinaus, als ſie mich höhniſch mit der Hand berührte. „Weßhalb weinſt du nicht?“ fragte ſie. „Weil ich nicht weinen mag,“ war meine Antwort. „Du möchteſt aber weinen,“ fuhr ſie fort,„du haſt dich ſchon halb blind geweint, und biſt nahe daran, jetzt von Neuem anzu⸗ fangen.“ Verächtlich lachend, ſtieß ſie mich hinaus und verſchloß die Pforte 134 ——;⏑::—————— hinter mir. Ich ging geraden Weges nach Mr. Pumblechook's Hauſe, und war ſehr erfreut, ihn nicht dort anzutreffen. Indem ich deßhalb dem Gehülfen nur auftrug, ihm zu ſagen, an welchem Tage ich mich bei Miß Havisham wieder einzufinden habe, trat ich den vier Mei⸗ len langen Weg nach unſerer Schmiede an, dachte während des Mar⸗ ſches an Alles, was ich geſehen, und überlegte mit kummervollem Gemüthe, daß ich nur ein gewöhnlicher Bauernbube ſei, mit groben Händen und dicken Stiefeln, daß ich die verächtliche Gewohnheit habe, die Kartenbuben Bauern zu nennen, daß ich viel unwiſſender ſei, als ich mir am vorhergehenden Abende eingebildet, und mich überhaupt in einem ſchlechten, niedrigen Zuſtande befinde. 7 Neuntes Kapitel. Als ich zu Hauſe anlangte, war meine Schweſter außerordent⸗ lich neugierig, Alles ganz genau über Miß Havisham zu erfahren, und legte mir deßhalb viele Fragen vor. Bald empfand ich auch ihre Püffe und Stöße in meinem Nacken, meinem Rücken, und mußte mir das Geſicht 3 ſchmachvolle Weiſe an der Küchenwand zerreiben laſ⸗ ſen, weil ich ihre Fragen nicht mit genügender Umſtändlichkeit beant⸗ wortete. Wenn die Furcht, nicht richtig verſtanden zu werden, in der Bruſt anderer Kinder in demſelben Maße vorhanden iſt, wie ſie in dem meinigen war,— was ich als wahrſcheinlich annehme, da durch⸗ aus kein Grund zu der Vermuthung exiſtirt, daß ich ein unnatür⸗ liches Kind geweſen ſei,— ſo iſt dies der Schlüſſel zu vielen Ent⸗ ſtellungen der Wahrheit. Ich war überzeugt, daß wenn ich Miß Havisham ſo beſchrieb, wie meine Augen ſie geſehen hatten, Niemand mich verſtehen würde. Aber nicht allein das, ich fühle mich außer⸗ dem überzeugt, daß auch Miß Havisham nicht verſtanden werden wuͤrde; und obgleich ſie mir ſelbſt durchaus unverſtändlich war, ſo ſagte mir doch eine innere Stimme, daß es niedrig und verrätheriſch ſein würde, wenn ich ſie ſo, wie ſie wirklich war(ohne Miß Eſtella zu erwähnen), den Betrachtungen meiner Schweſter preisgeben wollte. Feierſtunden. ———————— 1864. 8 Dann drehte mich Mr. Pumblechook zu ſich um, mir die Haare hätte ſchneiden wollen, und fuhr fort: als wenn er „Um erſt unſere Gedanken in Ordnung zu bringen, wie viel machen dreiundvierzig Pence?“ Ich berechnete die Folgen, welche es haben würde, wenn ich „Vierhundert Pfund“ antwortete, und da ich fand, daß ſie zu bedenk⸗ lich waren, ſo ging ich der richtigen Antwort ſo nahe als möglich — nämlich, bis auf eine Differenz von ungefähr acht Pence. Mr. Pumblechook ließ mich hierauf die ganze Tabelle von„Zwölf Pence machen einen Schilling“, bis„Vierzig Pence machen drei Schillinge und vier Pence“, durchgehen und fragte triumphirend, als ob er mich gefangen hätte:„Nun! Wie viel ſind dreiundvierzig Pence?“ worauf lich nach langer Ueberlegung antwortete:„Ich weiß es nicht!“ Denn ich war ſo erbittert, daß ich es in der That kaum wußte. Mr. Pumblechook arbeitete mit ſeinem Kopfe wie mit einem Boh⸗ rer, als wollte er es aus mir herausbohren, und fragte: „Sind dreiundvierzig Pence zum Beiſpiele ſieben Schillinge, ſechs Pence und drei Viertel?“ „Ja,“ erwiderte ich, und obgleich meine Schweſter mich augen⸗ blicklich ohrfeigte, ſo machte es mir dennoch viele Freude, zu ſehen, daß meine Antwort ihm den ganzen Spaß verdorben und ihn völlig verwirrt gemacht hatte. „Sage mir, Bube, wie ſieht Miß Havisham aus?“ fragte Mr. Pumblechook, als er ſich wieder geſammelt, während ſeine Arme auf der Bruſt gekreuzt lagen und er den Bohrer von Neuem anſetzte. „Sie iſt ſehr groß und hat ſehr ſchwarzes Haar,“ erwiderte ich. „„Iſt das wahr, Onkel?“ fragte meine Schweſter. Mr. Pumblechook nickte bejahend, woraus ich ſogleich erſah, daß er Miß Havisham nie geſehen hatte, da ihre Figur weder groß, noch ihr Haar ſchwarz war. „Gut,“ verſetzte Mr. Pumblechook mit eingebildeter Miene. „So muß man ihn fangen! Wir haben jetzt gewonnen, glaube ich, Madam?“ „Ach, Onkel,“ erwiderte Mrs. Joe,„wenn Sie ihn nur immer Ich ſagte alſo ſo wenig als möglich, und ließ mein Geſicht an der Küchenwand zerreiben.— Das Schlimmſte war aber, daß der alte Grobian, Pumblechook, von Neugierde verzehrt, Alles zu erfahren, was ich geſehen und ge⸗ hört hatte, in ſeinem Karren zur Theezeit herüber gefahren kam, um ſich über ſämmtliche Einzelheiten Licht zu verſchaffen; Anblick dieſes Peinigers, mit ſeinen fiſchartigen Augen, dem offenen Munde, den röthlichen, vor Neugierde zu Berge ſtehenden Haaren, und der von fader Arithmetik geſchwellten Weſte, machte mich boshaft und verſchloſſen.(Siehe Bild S. 137.) „Nun, Ehrenplatz am Kaminfeuer ſaß,„wie iſt's mit dir in der Stadt ge⸗ gangen?“ „Ganz gut,“ erwiderte ich, während meine der Fauſt drohte. „Ganz gut?“ wiederholte Mr. keine Antwort. Sage uns, Schweſter mir mit Pumplechook.„Ganz gut— iſt was du damit meinſt.“ Kalk, auf die Stirne gerieben, verhärtet vielleicht das Gehirn bis zur Hartnäckigkeit. Jedenfalls war meine Hartnäckigkeit, mit dem von der Küchenmauer auf meine Stirne geriebenem Kalke, feſt wie Diamant. Ich üderlegte einige Augenblicke und antwortete⸗dann, als wenn mir plötzlich eine neue Idee aufgegangen wäre: „Ich meine— ganz gut.“ Meine Schweſter war, einen ärgerlichen Schrei ausſtoßend, Begriffe, auf mich loszuſtürzen,— ohne daß mir der leiſeſte Schutz zur Seite ſtand, da in der Schmiede beſchäftigt war, als Mr Pumblechook ſich in’s Mittel legte und ſagte: „Nein, ereifern Sie ſich nicht! dame.“ im Joe Ueberlaſſen Sie ihn mir, Ma⸗ denn der bloße . 6. das Kutſchenfenſter hinein. Bube,“ be Onkel P. e 3 d er 1. 9 3 1 4 1 e,“ begann Onkel Pumblechook, ſobald er auf ſeinen auf goldenen Tellern,— und ich ſtieg hinten auf den Kutſchen⸗ unter ſich hätten! Sie wiſſen ſo gut mit ihm fertig zu werden.“ „Nun, Bube,“ fuhr er fort,„ſage mir, was Machte ſie, als du heut hinein kamſt?“ „Sie ſaß in einer ſchwarzen Sammetkutſche,“ antwortete ich. „In einer ſchwarzen Sammetkutſche?“ wiederholten Mr. Pumble⸗ chook und Mrs. Joe, erſtaunt einander anblickend,— wozu ſie wohl Urſache hatten. 4 „Ja,“ verſetzte ich,„und Miß Eſtella,— ihre Nichte, glaube ich,— reichte ihr auf einem goldenen Teller Kuchen und Wein in Und wir Alle bekamen Kuchen und Wein ſchlag, um meinen Theil dort zu verzehren, weil es mir befohlen wurde.“ „Ma noch Jemand dort?“ fragte Mr. Pumblechook. Vier Hunde,“ erwiderte ich. „Große oder kleine?“ „Ungeheuer große,— und ſie biſſen ſich um Cottelets, welche in einem ſilbernen Korbe lagen.“ Mr. Pumblechook und Mrs. Joe ſtarrten einander, außer ſich vor Erſtaunen, von Neuem an. Ich dagegen war förmlich raſend, nur Mögliche bekundet hätte. „Wo, in aller Welt, war denn aber dieſe Kutſche?“ fragte meine Schweſter. 8„In Miß Havisham's Zimmer,“ antwortete ich, während ſie ſich nochmals anſtarrten;„aber ohne Pferde.“ Dieſe letzte, beſchränkende Bemerkung fügte ich noch hinzu, als ich ſchon mit dem wilden Gedanken umging, vier reich bezäumte Roſſe vorzuſpannen, den ich jedoch ſchnell wieder aufgab. A Ntd Br „Ich nener A pannt,— iner Sän „Hab „Wie zwungen, „R ſprochen: „J drießlich, welche of nicht, dal — ein von der Tortur zum Aeußerſten getriebener Zeuge, der alles⸗ dort zu ſt „Lir Schauder erzählte.) „Mi „Ja Miß Ha⸗ über von Alle die „S denn die „Au darin bef kein Ta „D ngen J Do gab, ſo rechtes Hä ohne Ir zählen, gewagt Bären i Vundern der Gefal chen, als meine S Kafridig Als bſem Er — das h Anderen. h wir b und Wein 9 tkannd gewiß a nur noc nehmen Mr. N um mic Beiſpiel ingnade dunde b häten. .„We ſagt mei vexiicte Joe ᷣ wenn er wie viel venn ich bedenl⸗ möglich 2. Mr. Pence ſchillinge der mich worauf Denn 4 em Boh⸗ je, ſechs augen⸗ u ſchen, in völlig igte Mr. lrme auf ſetzte. erte ich. ah, daß 8, noch Miene. aube ich, ir immer den.“ e, als du te ich. Pumble⸗ ſi wohl glaube Wein in und Wein eutſchen⸗ befohlen Feierſtun „Iſt das möglich, Onkel?“ fragte Mrs. Joe.“„Was meint der Bube?“ „Ich will Ihnen ſagen, Madam,“ erklärte Mr. Pumblechook, „meiner Anſicht nach war es eine Sänfte. Die Dame iſt ſehr über⸗ ſpannt,— verſtehen Sie,— überſpannt genug, um ihr Leben in einer Sänfte zuzubringen.“ „Haben Sie die Dame jemals darin geſehen?“ fragte Mrs. Joe. „Wie konnte ich das,“ entgegnete er, zu dem Bekenntniſſe ge⸗ zwungen,„da meine Augen ſie überhaupt nie erblickt haben?“ „Iſt es möglich, Onkel! Und doch haben Sie mit ihr ge⸗ ſprochen?“. „Ja, wiſſen Sie denn nicht,“ verſetzte Mr. Pumblechook ver⸗ drießlich,„daß ich, als ich dort, außerhalb der Thüre ſtehen blieb, welche offen ſtand, und daß ſie ſo mit mir ſprach? O ſagen Sie doch nicht, daß Sie das nicht wiſſen! Indeſſen, der Bube ging hin, um dort zu ſpielen. Was haſt du geſpielt, Bube?“ „Wir haben mit Fahnen geſpielt,“ erwiderte ich.(Nicht ohne Schauder kann ich jetzt ſelbſt an die Lügen denken, welche ich damals erzählte.) „Mit Fahnen?“ wiederholte meine Schweſter. „Ja. Eſtella ſchwenkte eine blaue Fahne, ich eine rothe, und Miß Havisham wehte aus dem Kutſchenfenſter mit einer über und über von goldenen Sternen bedeckten Fahne. Und dann zogen wir Alle die Schwerter und riefen Hurrah!“ „Schwerter?“ wiederholte meine Schweſter. denn dieſe her?“ „Aus einem Schranke,“ erwiderte ich,„wo ſich auch Piſtolen darin befanden,— und eingemachte Früchte und— Pillen. Und kein Tageslicht war im Zimmer, ſondern nur Kerzen brannten.“ „Das iſt wahr, Madam,“ bemerkte Mr. Pumblechook mit wich⸗ tigem Nicken,„das iſt der Fall, denn ich habe es ſelbſt geſehen.“ f Dann ſtarrten mich Beide wieder an, während ich mir Mühe gab, ſo unbefangen als möglich zu ſcheinen, und mit der Hand mein rechtes Hoſenbein glatt ſtrich. Hätten ſie mir noch mehr Fragen vorgelegt, ſo würde ich mich ohne Zweifel verrathen haben, denn ich war ſchon im Begriffe zu er⸗ zählen, daß ein Luftballon auf dem Hofe geweſen ſei, und würde es gewagt haben, wenn ich nicht zwiſchen dieſem Phänomen und einem Bären in der Brauerei geſchwankt hätte. Sie waren jedoch mit den Wundern, die ich ihnen geſchildert hatte, ſo ſehr beſchäftigt, daß ich der Gefahr entging. Der Gegenſtand wurde noch von ihnen beſpro⸗ chen, als Joe herein kam, um eine Taſſe Thee zu trinken, worauf meine Schweſter ihm, mehr zu ihrer eigenen Erleichterung, als zur Befriedigung ſeiner Neugierde, meine Erlebniſſe erzählte. Als ich aber Joe ſeine blauen Augen öffnen und mit namen⸗ loſem Erſtaunen in der Küche umher rollen ſah, beſchlich mich Reue, — das heißt, nur in Bezug auf ihn, nicht in Bezug auf die beiden Anderen. Joe gegenüber,— aber auch nur ihm gegenüber,— kam „Wo nahmet ihr ich mir vor wie ein kleines Ungeheuer, während Mr. Pumblechook und meine Schweſter die Folgen beſprachen, welche Miß Havisham's Bekanntſchaft und Gunſt für mich haben könnten. Sie nahmen als gewiß an, daß die Dame„etwas“ für mich thun werde, und hegten nur noch Zweifel in Betreff der Form, welche dieſes„Etwas“ an⸗ nehmen werde. Meine Schweſter beſtand auf„Vermögen“, während Mr. Pumblechook ſich mehr für ein hübſches Sümmchen ausſpgach, um mich irgend ein anſtändiges Geſchäft erlernen zu laſſen,— zum Beiſpiel, den Korn⸗ und Samenhandel. Joe fiel bei Beiden in große Ungnade, als er den Wunſch ausſprach, daß ich nur mit einem der Hunde beſchenkt werden möchte, welche ſich um die Cottelets gebiſſen hatten. 4 V „Wenn ein Narr, wie du, nichts Beſſeres vorbringen kann,“ ſagte meine Schweſter,„und wenn du noch Arbeit haſt, ſo gehe und verrichte ſie!“ Joe ging. ———-—§—⅓—⅓—ꝛ—ᷣ:—:::y—y—ͤ-—— den. 1864. 135 —-———————— Nachdem Mr. Pumblechook fort gefahren war, und meine Schwe⸗ ſter das Aufwaſchen des Geſchixrres begonnen hatte, ſchlich ich mich in die Schmiede zu Joe, und blieb bei ihm, bis er mit ſeiner Arbeit fertig war. Dann ſagte ich: „Ehe das Feuer ganz ausgeht, Joe, möchte ich dir etwas mit theilen.“ 2 „So, Pip?“ verſetzte er, den Holzſchemel näher an das Feuer ziehend, deſſen er ſich zum Beſchlagen der Hufe bediente.„Sprich! Was iſt es, Pip?“ „Joe,“ begann ich, ſeinen zurückgeſchlagenen Hemdärmel faſſend und angſtvoll zwiſchen meinen Fingern reibend,„du erinnerſt dich, was ich von Miß Havisham erzählt habe?“ „Erinnere?“ erwiderte Joe.„Ja, ich wunderbar!“ „Es iſt, ſchrecklich, Joe,— es iſt nicht wahr.“ „Was ſagſt du, Pip?“ rief Joe, erſtaunt zurückprallend. meinſt doch nicht, daß es—“ „Ja, daß es Lügen ſind, Joe.“ 8 „Aber doch nicht Alles? Du willſſt doch nicht ſagen, daß keine ſchwarze Sammetkut— wie?“ fragte er, während ich den Kopf ſchüt⸗ telte.„Aber Hunde waren doch wenigſtens da, Pip?— Komm, Pip,“ fuhr er zutraulich fort,„wenn auch keine Coteletts da waren, ſo waren wenigſtens Hunde da, nicht wahr „Nein, Joe.“ „Ein Hund?“ rief Joe.„Nur ein ganz kleiner? „Nein, Joe, nichts von allem dem war da. Während ich hoffnungslos meine Blicke auf ſein Geſicht richtete, betrachtete er mich mit unverhehltem Schrecken. „Pip, alter Junge, das geht nicht!“ ſagte er;„wohin ſoll dich das führen?“ „Ja, es iſt ſchrecklich, Joe.“ „Schrecklich?“ rief er.„Gräßlich! Was iſt dir nur in den Sinn gekommen?“ „Ich weiß es nicht, Joe,“ erwiderte ich, ſeinen Aermel fahren laſſend und mich mit geſenktem Kopfe in die Kohlenaſche zu ſeinen Füßen ſetzend;„aber ich wollte, du hätteſt mir nicht gelehrt, die Buben im Kartenſpiel Bauern zu nennen, und ich wünſchte, daß meine Stiefeln nicht ſo dick und meine Hände nicht ſo grob wären.“ Dann erzählte ich ihm, daß ich mich unglücklich fühle, und daß ich außer Stande geweſen, mich meiner Schweſter und Pumblechook verſtändlich zu machen, die immer ſo roh gegen mich ſeien; und daß ſich in Miß Havisham's Hauſe eine ſchöne jnnge Dame befinde, welche ſchrecklich ſtolz ſei und geſagt habe, daß ich ein gemeiner Bube⸗ ſei, — und daß ich wiſſe, ich ſei gemein, und daß die Lügen auf irgend eine Weiſe davon herrührten, obgleich ich nicht wüßte, auf welche. Das war ein Fall, welcher in das Bereich der Pſychologie ge⸗ hörte, und deßhalb für Joe ebenſo ſchwer zu erklären war, wie für mich. Allein Joe nahm ihn ſogleich aus dieſem Bereiche heraus, und wurde dadurch ſeiner Herr. „Eins iſt wenigſtens ſicher, Pip,“ ſagte Joe nach einigem Sin⸗ nen,„nämlich, daß Lügen Lügen ſind. Wie ſie auch kommen mögen, ſie ſollten nicht kommen, und kommen vom Vater der Lügen und fah⸗ ren dahin. Sage du keine mehr, Pip. Das iſt nicht der rechte Weg, um das Gemeine los zu werden, alter Junge. Und was das Gemeine eigentlich ſein ſoll, iſt mir nicht klar. Du biſt in manchen Dingen nicht gemein, ſondern ungemein; du biſt ungemein klein und unge⸗ mein gelehrt.“ „Ach nein, ich bin ſehr unwiſſend und ſehr weit zurück.“ „Bedenke nur, was für einen Brief du geſtern geſchrieben haſt, glaube dir! Es iſt „Du Sprich!“ — ſogar in Druckſchrift! Ich habe Briefe geſehen,— ja, von vor⸗ nehmen Leuten!— und will ſchwören, daß ſie nicht in Druckſchrift waren!“ ſagte Joe. „Ich habe faſt gar nichts gelernt, Joe. Du haſt nur eine ſo große Meinung von mir,— das iſt Alles. 2* 5. 136 F Feierſtunden. 1864. —m————y „Nun, Pip,“ verſetzte Joe,„ſei dem wie ihm wolle, du mußt Biddy, das gefälligſte Weſen auf der Welt, erklärte ſich ſogleich be⸗ui die erſt ein gemeiner Gelehrter ſein, ehe du ein ungemeiner werden kannſt, reit, und begann ſchon in den nächſten fünf Minuten mit der Erfül⸗ wwon zul ſollte ich meinen! Der König auf ſeinem Throne, mit der Krone auf lung ihres Verſprechens. Da e dem Kopfe, kann nicht ſitzen und in Druckſchrift ſeine Geſetze ſchrei⸗ Das Erziehungsſyſtem bei Mr. Wopsle's Großtante war folgen⸗ dieſe Schl ben, ohne als einfacher Prinz mit dem Alphabet angefangen zu haben, der Art. Die Zöglinge aßen Aepfel und ſteckten ſich einander Stroh⸗ nicht mit — ja,“ fügte er mit einem bedeutungsvollen Kopfſchütteln hinzu, halme in die Rockkragen, bis die alte Frau alle ihre Kräfte ſammelte nur guten .„ohne mit dem A angefangen und ſich bis zu dem Z durchgearbeitet und mit der Ruthe in der Hand auf einen derſelben zuwankte. Nach⸗ legenen C 1 zu haben. Ich weiß, was das heißen will, wenn ich auch nicht grade dem dieſer Angriff mit allen Zeichen des Hohnes aufgenommen wor⸗ ſagen kann, daß ich es ſelbſt gethan habe.“ In dieſem weiſen Ausſpruche lag eine gewiſſe Hoffnung, welche mich ermuthigte. „Ob Gemeine, was den Beruf und den Erwerb anbetrifft,“ fuhr Joe ſinnend fort,„nicht beſſer thäten, in der Geſellſchaft der eme. nen zu bleiben, ſtatt auszugehen und mit Ungemeinen oder Vorneh⸗ men zu ſpielen,— was mich daran erinnert, daß ich hoffen darf, es war mindeſtens eine Fahne da?“ „Nein, Joe.“ „Es thut mir leid, daß auch keine Fahne da war, Pip. wie dem auch ſei, es iſt eine Sache, kann, ohne deine Schweſter in ihre polternde Laune zu verſetzen; und das abſichtlich zu thun,— daran dürfen wir nicht denken. Höre, Pip, was dir ein treuer Freund ſagt,— ein wirklich treuer Freund. Wenn du das Ungachne nicht auf geradem Wege erreichen kannſt, ſo wirſt. du es auf krummem Wege noch viel weniger können. Alſo keine Lügen mehr, Pip, ſondern lebe brav und ſterbe glücklich.“ „Du biſt doch nicht böſe mit mir, Joe?“ „Nein, alter Junge. Aber in Erwägung, daß die Lügen er⸗ ſchrecklich waren,— ich meine die von den Coteletts und den beißen⸗ den Hunden,— ſo würde ich dir als Einer, der es gut meint, rathen, Pip, daß du ihrer in deinem Gebete erwähnſt, wenn du zu Bett gehſt. Das iſt Alles, alter Junge, und thue es nie wieder.“ Als ich in mein kleines Dachſtübchen kam und mein Gebet ſprach, vergaß ich Joe's Rath nicht, und dennoch war mein Gemüth ſo un⸗ ruhig und zugleich ſo undankbar, daß ich noch lange, nachdem ich mich niedergelegt hatte, darüber nachdachte, wie gemein Eſtella Joe finden würde, einen bloßen Hufſchmied,— wie dick ſeine Stiefel, und wie grob ſeine Hände. Ich dachte daran, wie Joe und meine Schweſter jetzt in der Küche ſaßen, und wie ich aus der Küche herauf gekommen war, und wie Miß Havisham und Eſtella nie in der Küche ſaßen, ſondern über ſſolche gemeine Gewohnheiten erhaben waren. Endlich ſchlief ich ein, während mir die Erinnerung an das, was ich bei Miß Havisham gethan hatte, fortwährend vorſchwebte, als wenn ich Wochen oder Monate, nicht blos einige Stunden lang dort gewe⸗ ſen, und als wenn es eine alte, nicht eine ganz neue, erſt an dem⸗ ſelben Tage entſtandene Erinnerung wäre. Jener Tag war ein denkwürdiger für mich, denn er hatte große Aber Veränderungen in mir und meinen Schickſalen zur Folge. Daſſelbe findet aber auch in dem Leben eines jeden Menſchen ſtatt. Man denke ſich einen gewiſſen Tag aus ſeinem Leben geſtrichen,— wie verän⸗ dert würde dann der Lauf deſſelben ſein! Halte inne hier, Leſer, und denke einen Augenblick an die lange Kette von Gold oder Eiſen, von Blumen oder Dornen, die ich nie gefeſſelt haben würde, wenn nicht an einem denkwürdigen Tage ihr erſtes Glied gebildet worden wäre. Zehntes Kapitel. Wenige Tage nachher kam ich auf den glücklichen Gedanken, daß ich um„ungemein“ zu werden, nichts Beſſeres thun könne, als von Biddy Alles lernen, was ſie wußte. In Gemäßheit dieſes wei⸗ ſen Planes äußerte ich gegen Biddy, als ich am Abend zu Mr. Wopsle's Großtante ging, daß ich aus beſonderen Gründen wünſchte, im Leben vorwärts zu kommen und ihr deßhalb ſehr dankbar ſein würde, wenn ſie mir ihre geſammte Gelehrſamkeit mittheilen wollte. die nicht näher erörtert werden den war, traten die Schüler in eine Reihe und ließen murmelnd ein zerfetztes Buch von Hand zu Hand gehen. Das Buch enthielt ein Alphabet, mehrare Zahlen und Tabellen und einige Buchſtabirübungen,— das heißt, es hatte ehemals alles dieſes enthalten. Sobald dieſes Buch zu cirkuliren begann, ſank Mr. Wopsle's Großtante regelmäßig in einen Halbſchlummer, der entweder eine Folge von Müdigkeit oder von rheumatiſchen Anfällen war. Dann begannen die Zöglinge wett⸗ eifernd eine Unterſuchung der Stiefel, um zu ſehen, wer dem Ande⸗ ren am empfindlichſten auf die Zehen treten könne. Dieſe geiſtige Uebung dauerte ſo lange, bis Biddy auf ſie ſtürzte und drei von Al⸗ ter entſtellte Bibeln unter ſie vertheilte, welche ſo ausſahen, als wären ſie von ungeſchickter Hand aus einem Holzklotz gehauen worden, und unleſerlicher gedruckt waren, als irgend eine mir ſeitdem vor Augen gekommene literariſche Merkwürdigkeit. Außerdem waren ſie mit Stockflecken bedeckt, und zwiſchen den Blättern lagen zahlloſe zerquetſchte Inſekten. Dieſer Theil des Unterrichts wurde in der Regel durch einzelne Kämpfe zwiſchen Biddy und den widerſetzlichen Schülern be⸗ lebt. Nachdem dieſelben vorüber waren, bezeichnete Biddy eine Seite der Bibel, und dann begannen wir ſämmtlich in einem furchtbaren Chore Alles laut zu leſen, was wir konnten und was wir nicht konn⸗ ten, während Biddy mit gellender, eintöniger Stimme vorlas und wir Alle weder die geringſte Ahnung von dem, was wir laſen, noch die geringſte Ehrfurcht vor dem Inhalte deſſelben hatten. Wenn dieſes entſetzliche Getöſe einige Zeit gedauert hatte, pflegte Mr. Wopsle's Großtante zu erwachen, ſtolperte auf irgend einen Buben zu und zupfte ihm an den Ohren. Dieſe Handlung galt als ein Zeichen, daß der Unterricht für den Abend zu Ende ſei, worauf wir mit einem Sieges⸗ geſchrei in's Freie ſtürmten. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß es keinem Schüler verboten war, ſich mit der Schiefertafel oder mit Feder und Dinte— wenn dergleichen vorhanden waren— zu beſchäf⸗ tigen; allein dieſer Zweig des Studiums hatte im Winter ſeine be⸗ ſonderen Schwierigkeiten, da der kleine Kaufladen, in welchem der Unterricht ſtattfand, und der Mr. Wopsle's Großtante zugleich als Wohn⸗ und Schlafzimmer diente, nur ſehr dürftig von einem gewöhn⸗ lichen, dünnen Talglichte erleuchtet wurde. Es ſchien mir, daß ich unter dieſen Umſtänden ziemlich langer Zeit bedürfen würde, um„ungemein“ zu werden, aber dennoch war ich entſchloſſen, es mindeſtens zu verſuchen, und noch an dem⸗ ſelben Abende entſprach Biddy unſerem Uebereinkommen, indem ſie mir aus ihrem kleinen Preiskataloge einige Belehrung über den Zucker ertheilte und mir ein großes altmodiſches D, um es zu Hauſe zu kopi⸗ ren, lieh, welches ſie aus der Ueberſchrift einer Zeitung nachgemalt hatte, und das ich für das Muſter einer Schuhſchnalle hielt, bis ſie mir endlich ſagte, was es bedeutete. Sehr natürlich gab es im Dorfe ein Wirthshaus, welches Joe ebenſo natürlich von Zeit zu Zeit beſuchte, um ſeine Pfeife dort zu rauchen. Ich hatte an jenem Abend von meiner Schweſter die Wei⸗ ſung erhalten, ihn auf meinem Heimwege von der Schule aus den „Drei fröhlichen Schiffern“ abzuholen und, auf meine Gefahr, nach Hauſe zu bringen. Nach dieſem Wirthshauſe richtete ich deßhalb meine Schritte. Es war dort ein Schenktiſch, und an der Wand, neben der Thür, ſtanden entſetzlich lange Kreiderechnungen, welche, wie es mir ſchien, nie bezahlt wurden; denn ſo lange ich denken konnte, hatten ſie dort geſtanden, und waren faſt noch ſchneller gewachſen als ich. Allein es gab außerordentlich viel Kreide in unſerer Gegend, und möglich iſt, und ſobe und blie nicke und machen. ich bei me ſuchen a Orte ſt wohmt itw ich nur ich dank und nahn von Joe gegenüben Bant en Platz fremde er ſah, Aufmerl andere Anſpruch men m mir vo zu und ſein Bein wie es n häcſt j Liſe. „Si ein Schn „Ja „Wa irigens Ne mit an. „T zum Se .„N bin nich riinken. „G dahmsw l ſage —₰ d ſogleich be⸗ der Erfül⸗ var folgen⸗ der Stroh⸗ ſammelte ſte. Nach⸗ men wor⸗ melnd ein⸗ Ahohabet, n,— das itſes Buch Amäßig in igkeit oder linge wett dem Ande⸗ ſe geiſtige von A⸗ ais wären eden und vor Augen n ſie mit zerquetſchte egel durch hhülern be⸗ eine Seite urchtbaren icht konn⸗ und wir mnoch die enn dieſes Wopsles und zupfte 7, daß der im Sieges⸗ eiben, daß oder mit zu beſchüf⸗ r ſeine be⸗ elchem der ggleich als n gewöhn⸗ lich langer r dennoch han dem⸗ indem ſie en Zucker e zu kopi⸗ rachgemalt lt, bis ſie elchts Jot fe dort zu die Vii⸗ t ous den faht, nach alb meine der Thür, nit ſchien, in ſit dutt Allein s naglih ſ Feierſtun daß die Leute keine Gelegenheit unbenutzt laſſen wollten, Gebrauch davon zu machen. Da es Samſtag Abend war, ſo blickte der Wirth, wie ich ſah, dieſe Schuldpoſten mit ziemlich grimmiger Miene an; doch da ich nicht mit ihm, ſondern mit Joe zu thun hatte, ſo wünſchte ich ihm nur guten Abend und ging nach dem am Ende des Hausganges ge⸗ legenen Gaſtzimmer, wo ein helles Feuer brannte, und wo Joe mit Mr. Wopsle und einem Frenden ſeine Pfeife rauchte. mich wie gewöhnlich mit den Worten:„Holla, Pip, alter Junge!“ und ſobald er das geſagt hatte, wandte der Fremde ſich nach mir um und blickte mich an. Es war ein mir unbekannter und geheimnißvoll ausſehender Mann. Sein Kopf lag ganz auf einer Seite, und das eine Auge war halb geſchloſſen, als wenn er mit einem unſichtbaren Gewehr nach irgend einem Gegenſtande zielen wollte. Er hatte eine Pfeife im Munde, aber nahm ſie heraus, blies allen Rauch fort, blickte mich feſt an, und nickte dann. Ich erwiderte ſein Nicken, worauf er abermals nickte und auf der Bank zur Seite rückte, um Platz für mich zu machen. Allein da ich bei meinen Be ſuchen an dieſem Orte ſtets neben Joe zu ſitzen ge⸗ wohnt war, ſo ſagte ich nur:„Nein, ich danke Ihnen,“ und nahm den mir von Joe auf der gegenüber ſtehenden Bank eingeräumten Joe begrüßte Platz ein. Der fremde Mann, als er ſah, daß Joe's Aufmerkſamkeit auf andere Weiſe in Anſpruch genom men war, nickte mir von Neuem zu und rieb dann ſein Bein auf eine, wie es mir ſchien, höchſt ſonderbare Weiſe. „Sie ſagten,“ begann der Fremde, an Joe gewendet,„daß Sie ein Schmied wären.“ 3 „Ja, das habe ich geſagt,“ verſetzte Joe. „Was wollen Sie trinken, Meiſter—? Oh, Sie haben mir übrigens Ihren Namen nicht genannt.“ Joe gab ihm ſeinen Namen, und der Fremde redete ihn da⸗ mit an. „Was wollen Sie trinken, Meiſter Gargery,— auf meine Koſten, zum Schluß?“ „Nun,“ erwiderte Joe,„um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich bin nicht grade gewohnt, auf andere Koſten als meine eigenen zu trinken.“ „Gewohnt? Nein,“ verſetzte der Fremde,„aber einmal, aus⸗ nahmsweiſe, und an einem Samſtag Abend können Sie es ſchon thun. Alſo ſagen Sie, was Sie trinken wollen, Meiſter Gargery!“ „Ich bin nicht gern ein ſteifer Gaſt,“ antwortete Joe;„alſo meinethalben— Rum!“ „Rum,“ wiederholte der Fremde,„und würde der andere Herr den. 1864. d9 137 „Drei Glas Rum!“ Gläſer her!“ rief der Fremde dem Wirthe zu. „Die „Dieſer Herr,“ bemerkte Joe, Mr. Wopsle vorſtellend,„iſt ein Herr, den Sie mit Vergnügen in der Kirche hören würden. Er iſt unſer Küſter.“ „Aha,“ verſetzte der Fremde ſchnell, indem er mir mit dem einen Auge einen Wink gab,—„Küſter an der allein ſtehenden Kirche, draußen auf dem Moorlande, mit den vielen Gräbern darum?“ „Ganz richtig,“ erwiderte Joe. Behaglich brummend zog der Fremde ſeine Beine auf die Bank, welche er allein inne hatte. Er trug einen breitkrempigen Reiſehut und darunter ein Tuch, welches wie eine Mütze über den Kopf ge⸗ bunden war, ſo daß man kein Haar ſehen konnte. Während er in das Feuer blickte, glaubte ich einen ſchlauen, von einem gewiſſen Lächeln begleiteten Ausdruck in ſeinem Geſichte wahrzunehmen. „Ich bin nicht bekakint in dieſer Gegend,“ ſagte er,„aber es ſcheint mir, als wenn ſie nach dem Fluſſe zu ſehr öde wäre.“ „Wiealle Moor⸗ länder,“ bemerkte Joe. „Ganz richtig, ganz richtig. Zei⸗ gen ſich hier auch zuweilen Zigeuner, ſiif dtſganh aaWnnlle oder Bettler und Landſtreicher?“ „Nein,“ er⸗ widerte Joe,„nur dann und wann ein entſprungener Sträfling. Und auch dieſe ſind nicht ſo leicht zu finden, — nicht wahr, Mr. Wopsle?“ An das aus⸗ geſtandene Unge⸗ mach denkend, nickte Mr. Wopsle mit ganz majeſtätiſcher Miene, aber nicht ſehr wohlgefällig. „Es ſcheint, Sie haben einmal Jagd auf ſolche Gäſte gemacht?“ fragte der Fremde. „Ja, einmal,“ antwortete Joe.„Es war jedoch nicht gerade un⸗ Abſicht, ſie zu fangen; wir waren eigentlich nur Zuſchauer,— Mr. Wopsle und Pip. Nicht wahr, Pip?“ „Ja, Joe.“ Der Fremde blickte mich wieder an, und zwar mit ſeinem halb⸗ geſchloſſenen Auge, als wenn er mit ſeinem unſichtbaren Gewehr nach ſere ich, mir zielen wollte, und ſagte: 9 „Das iſt kein übeler Bube,— wie nennen Sie ihn?“ „Pip,“ erwiderte Joe. „Pip, mit ſeinem Vornamen?“ „Nein, nicht mit ſeinem Vornamen.“ „Alſo mit ſeinem Familiennamen?“ „Auch das nicht,“ entgegnete Joe.„Es iſt ein Name, den er ſich als Kind ſelbſt gegeben hat, und bei dem er jetzt immer genannt wird.“ „Ihr Sohn?“ „Je nun,“ verſetzte Joe ſinnend,— natürlich nicht deßhalb, weil nicht auch ſo gut ſein, zu ſagen, was ihm gefällig iſt?“ ſeine Antwort Ueberlegung erforderte, ſondern weil es in der Schenke „Num,“ erwiderte Mr. Wopsle. zu„den drei fröhlichen Schiffern“ Sitte war, über Alles, was beim Feierſtunden. 1864. 18 138 Rauchen verhandelt wurde, mit ſcheinbar tiefem Nachdenken zu ſpre⸗ chen,—„je nun,— nein, nicht mein Sohn.“ „Oder Neffe?“ „Je nun,“ erwiderte Joe, wie vorher, mit gedankenvoller Miene, „um Sie nicht zu täuſchen,— nein, nicht mein Neffe.“ „Was, zum Henker, iſt er denn?“ fragte der Fremde mit einer Heftigkeit, die mir ſehr unnöthig erſchien. In dieſem Augenblicke legte ſich Mr. Wopsle in's Mittel, als ein Mann, der alle verwandtſchaftlichen Verhältniſſe kännte und ver⸗ möge ſeines Berufes wiſſen mußte, welche weiblichen Anverwandten ein Mann heirathen dürfe, und welche nicht, und erklärte das zwi⸗ ſchen mir und Joe beſtehende Band. Da er einmal das Wort er⸗ griffen hatte, ſo ſchloß er ſeine Rede in furchtbar ſchnarrendem Tone mit einer Stelle aus Richard dem Dritten, und glaubte zur Recht⸗ fertigung dieſes Citats genug gethan zu haben, indem er hinzufügte: Wie der Dichter ſagt!“ „ Ich kann bei dieſer Gelegenheit nicht unerwähnt laſſen, daß Mr. Wopsle, wenn er von mir ſprach, es ſtets als nothwendig erachtete, mein Haar zu zauſen und es mir in die Augen zu ſtreichen. Unbe⸗ greiflich iſt mir, weßhalb ein Jeder ſeines Standes, der unſer Haus beſuchte, mich in ſolchem Falle dieſer peinigenden Behandlung unter⸗ warf; aber gewiß iſt, daß ich nie der Gegenſtand von Bemerkungen in unſerem häuslichen Kreiſe war, ohne daß irgend eine Perſon mit großer Hand mich auf dieſe Weiſe protegirte. Inzwiſchen ſchaute mich der Fremde unverwandt an, und zwar ſo, als wenn er entſchloſſen wäre, endlich noch auf mich zu ſchießen und mich niederzuſtrecken. Doch er ſagte nichts mehr nach ſeiner letz⸗ ten Bemerkung, bis die drei mit Grog gefüllten Gläſer gebracht wur⸗ den; dann aber that er ſeinen Schuß, und zwar einen höchſt ſelt⸗ ſamen. Es war keine mündliche Bemerkung, ſondern eine ſtumme De monſtration, und ausſchließlich an mich gerichtet. Er rührte ſein Ge⸗ tränk um und koſtete es, während ſeine Augen unverwandt auf mich gerichtet waren; er rührte und koſtete es,— nicht mit dem ihm ge⸗ brachten Löffel, ſondern mit einer Feile. Er that es ſo, daß Nie⸗ mand die Feile ſah, als ich; und als er damit fertig war, trocknete er die Feile und ſteckte ſie in ſeine Bruſttaſche. Ich wußte, daß es Joe's Feile war, und wußte im Augenblick, als ich das Inſtrument ſah, daß er meinen Sträfling kennen mußte. Wie angewurzelt ſaß ich da und ſtarrte ihn an. Aber er lehnte ſich jetzt auf ſeinen Sitz zurück, beachtete mich nicht weiter, und ſprach nur vom Rübenbau. In unſerem Dorfe herrſchte die löbliche Sitte, am Samſtag Abend Feierſtunden. 1864. (halten, um den Geruch des Rums durch die friſche Luft ſo viel als möglich daraus verſchwinden zu laſſen. Allein ich war durch die un⸗ willkürliche Erinnerung an meine Miſſethat und meinen alten Bekann⸗ tten ſo betäubt, daß ich an nichts Anderes denken konnte. Meine Schweſter befand ſich nicht in ſehr übler Laune, als wir in der Küche erſchienen, und dieſer ungewöhnliche Umſtand gab Joe den Muth, ihr Alles in Betreff des blanken Schillings zu erzählen. „Ich wette, es iſt ein falſcher,“ ſagte ſie triumphirend,„ſonſt würde er ihn nicht dem Buben gegeben haben. Laß ihn ſehen!“ Ich zog das Papier hervor, und es ergab ſich, daß es ein guter Schilling war. „Aber was iſt das?“ rief Mrs. Joe, den Schilling auf den Tiſch werfend und das Papier aufnehmend.„Zwei Banknoten, jede zu einem Pfund?“ 9 In der That waren es zwei ſchmutzige, fettige Einpfundnoten die eine genaue Bekanntſchaft mit allen Viehmärkten der Grafſchaft, gemacht zu haben ſchienen. Joe ergriff ſeinen Hut und rannte mit den Noten nach der Schenke zurück, um ſie ihrem Eigenthümer zu erſtatten. Während ſeiner Abweſenheit ſaß ich auf meinem gewöhn⸗ lichen Schemel und ſtarrte meine Schweſter gedankenlos an, feſt über⸗ zeugt, daß der Mann nicht mehr dort ſein werde. Bald darauf kam Joe zurück und ſagte, daß der Fremde bereits fort geweſen ſei, aber daß er in der Schenke Beſcheid wegen der No⸗ ten gelaſſen habe. Dann ſiegelte ſie meine Schweſter in ein Stück Papier und legte ſie unter einige vertrocknete Roſenblätter in eine be⸗ malte Theekanne, welche auf dem Schranke in unſerem Putzzimmer ſtand. Dort blieben ſie, zu meiner Qual, viele Tage und Nächte liegen. Als ich zu Bette ging, war mein Schlaf ſehr unruhig, denn ich dachte fortwährend an den Fremden, der mit ſeinem unſichtbaren Ge⸗ wehr nach mir zielte, und daran, wie entehrend und gemein es ſei, mit einem Sträfling in ſo vertrautem Verhältniſſe zu ſtehen,— ein Zug in meiner niedrigen Exiſtenz, an den ich bis dahin noch nicht gedacht hatte. Auch die Feile plagte mich, denn die Furcht bemäch⸗ tigte ſich meiner, daß die Feile immer wieder erſcheinen würde, wenn ich es am wenigſten erwartete. Endlich lullte ich mich damit in den Schlaf, daß ich an meinen Beſuch bei Miß Havisham dachte, wel⸗ ccher am nächſten Mittwoch ſtattfinden ſollte, und ſah dann die Feile aus einer offenen Thür auf mich zukommen, ohne die Hand zu ſehen, von der ſie gehalten wurde, ſo daß ich ſchreiend erwachte. Elftes Kapitel. eine allgemeine Reinigung zu halten und gewiſſermaßen eine Pauſe— zu machen, ehe man im Leben weiter ging, und dieſe Sitte gab Joe Zur beſtimmten Zeit begab ich mich wieder nach Miß Havis⸗ den Muth, an dieſem Tage eine halbe Stunde länger auszubleiben, ham's Hauſe, wo mein zaghaftes Schellen abermals Eſtella erſcheinen als gewöhnlich. Als die halbe Stunde verſtrichen und der Grok ge⸗ ließ. Sie verſchloß, nachdem ich eingetreten war, die Pforte, wie beim noſſen war, ſtand Joe auf, um zu gehen, und nahm mich bei der Hand.. „Noch einen Augenblick, Meiſter Gargery,“ ſagte der Fremde. „Ich glaube, ich habe irgendwo in meiner Taſche einen blanken Schil⸗ ling; wenn er da iſt, ſo ſoll Ihr Bube ihn haben.“ Er ſuchte ihn aus einer Handvoll kleiner Münze hervor, wickelte ehn in ein zerknittertes Papier und gab es mir. „Das gehört dir!“ ſagte er.„Merke wohl, dir allein!“ Ich bedankte mich, während ich ihn auf eine faſt unanſtändige Weiſe anſtarrte und mich feſt an Joe hielt. Er ſagte zu Joe gute Nacht, und zu Mr. Wopsle, welcher mit uns fortging, und richtete auf mich nur einen Blick mit ſeinem zielenden Auge,— nein, nicht einmal einen Blick, denn er ſchloß es, allein es läßt ſich außerordent⸗ lich viel mit einem geſchloſſenen Auge ausdrücken. Wenn ich auf dem Heimwege Luſt zur Unterhaltung gehabt hätte, ſo würde ich ſie ganz allein haben führen müſſen, denn Mr. Wopsle verließ uns an der Thür der„Drei fröhlichen Schiffer“, und Joe that auf dem ganzen Wege nichts weiter, als den Mund weit offen vorigen Male, und ging wieder voran in den dunkeln Gang, wo ihr Licht ſtand. Bis dahin ſchien ſie mich gar nicht zu beachten, aber als ſie das Licht in der Hand hatte, blickte ſie mich von der Seite an und ſagte in verächtlichem Tone:„Du mußt heute dieſen Weg kom⸗ men,“ worauf ſie mich nach einem anderen Theile des Hauſes führte. Der Gang war ſehr lang und ſchien durch das ganze Erdgeſchoß des Herrenhauſes an allen vier Seiten deſſelben hinzulaufen. Wir gingen jedoch nur an einer Seite entlang, an deren Ende ſie ſtill⸗ ſtand, ihr Licht niederſetzte und eine Thür öffnete. Hier war wieder Tageslicht, und ich befand mich auf einem kleinen gepflaſterten Hofe, an deſſen gegenüberliegender Seite ein iſolirtes Wohnhaus ſtand, welches ſo ausſah, als wenn es ehemals dem Geſchäftsführer der ein⸗ gegangenen Brauerei gehört habe. In der äußeren Mauer dieſes Hauſes war eine Uhr angebracht, welche gleich der Wanduhr in Miß Havisham's Zimmer und ihrer Taſchenuhr auf zwanzig Minuten vor neun ſtehen geblieben war. Wir gingen durch die offen ſtehende Hausthür und traten in ein düſteres Zimmer mit niedriger Decke, welches im Hintertheile des gecoſe dem ſie „Gehe raucht.“ Da ſi p ging ich und ſchaut E g den Wink ſtauden u eines Pu neuen A Farbe, ſ der Pfan nigſtens betrachtete Wiſſens n kenffecs w in lleinen er mich de Ich unterbroe konnte v des Fen⸗ werden, Es ich noch ich weiß ſämmtlich ihnen dhr Jugeſtän Speichen Sie ten, we unter de zu unter wich ſet aäͤlter we merkte, nen lern daß ſie Geſiches. .„Do nier, wi Renſchen „Es Anderen „Ver d tnſer ſein ag M Gähnen 5 „2 N denn di Ernſt 9 S „ it wußt ſi ſo ſund nie Kider b ſagte 3 0 viel als ch die un⸗ n Bekann⸗ als wir gab Joe erzählen. d,„ſonſt hen!“ en guter Jauf den oten, jede fundnoten Graſſchaft aunte mit hümer zu gewöhn⸗ über⸗ ade bereits en der No⸗ ein Stück in eine be⸗ zutzzimmer nd Nächte denn ich baren Ge⸗ in& ſei⸗ e,— ein noch nicht ht bemäch⸗ irde, wenn mit in den achte, wel⸗ ndie Feile d zu ſehen, liß Havis⸗ eiſcheinen wie beim g, wo ihr aber als Seite an Weg komr Feierſtunden. Erdgeſchoßes belegen war. Hier befanden ſich Gäſte, und Eſtella ſagte, indem ſie ſich zu ihnen geſellte: „Gehe dort hin, Bube, und bleibe dort ſtehen, bis man dich braucht.“ Da ſich an der von ihr beézeichneten Stelle ein Fenſter befand, ſo ging ich dahin, blieb in ſehr unbehaglicher Stimmung dort ſtehen und ſchaute hinaus. Es ging in's Freie und gewährte eine Ausſicht auf einen elen den Winkel des vernachläſſigten Gartens, auf eine Wildniß von Kohl ſtauden und zeinen einzelnen Buchsbaum, der vor Jahren zu der Form eines Puddings beſchnitten worden war und an der Spitze einen neuen Anwuchs bekommen hatte, aber in abweichender Form und Farbe, ſo daß er ausſah, als wenn der Pudding an dieſer Stelle in der Pfanne feſtgeſeſſen hätte uud verbrannt wäre. So kam es we⸗ nigſtens meinem knabenhaften Sinne vor, als ich den Buchsbaum betrachtete. In der Nacht war etwas Schnee gefallen, der meines Wiſſens nirgends mehr lag; aber in dem kalten Schatten dieſes Gar tenflecks war er nicht geſchmolzen, und der Wind faßte und hob ihn in kleinen Wirbeln auf und trieb ihn gegen das Fenſter, als wollte er mich dafür züchtigen, daß ich dahin gekommen wäre. Ich errieth, daß mein Erſcheinen die Unterhaltung im Zimmer unterbrochen hatte und daß die Anweſenden mich betrachteten. Ich konnte von dem Zimmer nichts ſehen, als den Feuerſchein im Glaſe des Fenſters vor mir, aber das Bewußtſein, ſo ſcharf beobachtet zu werden, machte alle meine Glieder erſtarren. Es befanden ſich drei Damen und ein Herr im Zimmer. Ehe ich noch fünf Minuten lang am Fenſter geſtanden hatte, machten ſie, ich weiß nicht auf welche Weiſe, den Eindruck auf mich, daß ſie ſämmtlich Speichellecker und Schmeichler ſeien, aber daß Jeder von ihnen thue, als wenn er dieß von den Anderen nicht wiſſe, weil das Zugeſtändniß, es zu wiſſen, ſie oder ihn ſelbſt zum Schmeichler und Speichellecker geſtempelt haben würde. Sie hatten Alle die mißgeſtimmte, verdroſſene Miene von Leu ten, welche auf die Befehle Anderer warten, und die Geſchwätzigſte unter den Damen mußte mit Anſtrengung ſprechen, um ein Gähnen zu unterdrücken. Dieſe Dame, deren Name Camilla war, erinnerte mich ſehr an meine Schweſter, mit dem Unterſchiede jedoch, daß ſie älter war und gröbere und einfältigere Geſichtszüge hatte, wie ich be merkte, als ſie mir ſpäter zu Geſicht kam. Ja, als ich ſie näher ken nen lernte, ſchien es mir faſt, aͤls wenn es eine Gnade Gottes wäre, daß ſie überhaupt Züge habe, ſo leer war die todte Fläche ihres Geſichtes. „Das arme Weſen!“ ſagte die Dame in eben ſo barſcher Ma⸗ nier, wie ſie meiner Schweſter eigen war.„Er iſt keines anderen Menſchen Feind, als ſein eigener!“ „Es würde viel lobenswerther ſein, wenn er der Feind eines Anderen wäre,“ bemerkte der Herr,„viel natürlicher.“ „Vetter John,“ verſetzte eine andere von den Damen,„wir ſol⸗ len unſern Nächſten lieben.“ „Sara Pocket,“ erwiderte Vetter John,„wenn ein Mann nicht ſein eigener Nächſter iſt, wer iſt es dann?“ Miß Pocket lachte, und Camilla lachte und ſagte, indem ſie ein Gähnen unterdrückte: „Welche Idee!“ Mir aber ſchien es, als wenn ſie es für eine gute Idee hielten, denn die dritte Dame, welche noch nicht geſprochen hatte, rief mit Ernſt und Nachdruck: „Sehr wahr!“ „Das arme Weſen!“ fuhr Camilla gleich darauf fort(während ich wußte, daß ſie mich inzwiſchen unverwandt betrachtet hatten),„er iſt ſo ſonderbar! Sollte man glauben, daß er, als Tom's Frau ſtarb, nicht davon zu überzeugen war, wie wichtig es ſei, daß die Kinder breite Beſätze an ihren Trauerkleidern trügen?„Lieber Gott,“ ſen nur ſchwarze Kleider haben?“ 1864. 139 Grade wie Matthias! Welche Adoo Idee!“ „Er hat aber gute Seiten, ſehr gute Seiten,“ bemerkte Vetter John.„Gott verhüte, daß ich ſeine guten Seiten verkenne; aber einen richtigen Begriff von Schicklichkeit hat er nie gehabt und wird er nie haben.“ „Du weißt,“ ſagte Camilla,„ich war genöthigt, ich war ge⸗ zwungen, feſt zu ſein. Es verträgt ſich durchaus nicht mit der Bube!“ Ehre der Familie,“ ſagte ich, und bewies ihm, daß ohne breite Beſätze die Familie entehrt ſein würde. Ich vergoß deßhalb Thränen vom Frühſtück bis zum Mittageſſen. Endlich fuhr er in ſeiner hefti⸗ gen Weiſe heraus und ſagte mit einem Fluche: ‚Nun, ſo thue was du willſt!’ Und, bei Gott, das Bewußtſein wird immer eine Beru⸗ higung für mich ſein, daß ich augenblicklich, im wüthendſten Regen, ausging und die Sachen kaufte.“ „Er bezahlte ſie, nicht wahr?“ fragte Eſtella. „Das iſt nicht die Frage, mein liebes Kind, wer bezahlt hat,“ entgegnete Camilla,„ich kaufte ſie. Noch oft werde ich in der Nacht beim Erwachen mit Beruhigung daran denken.“ Das Schellen einer fernen Glocke, in Verbindung mit dem Echo einer lauten Stimme aus dem Gange, den ich paſſirt hatte, unter⸗ brach das Geſpräch und veranlaßte Eſtella, mir zuzurufen:„Jetzt, Als ich mich in Folge deſſen umwandte, ſah ich, daß Alle mich mit der tiefſten Verachtung betrachteten, und als ich hinausging, hörte ich Sara Pocket ſagen:„Meiner Treu, ich möchte wiſſen, was noch kommen wird!“ worauf Camilla entrüſtet hinzufügte:„Hat es jemals ſolchen Einfall gegeben! Welche Idee!“ Als wir mit unſerem Lichte den dunkeln Gang entlang gingen, blieb Eſtella plötzlich ſtehen, wandte ſich nach mir um und ſagte, in⸗ dem ſie ihr Geſicht dicht vor dem meinigen hielt, in ihrem hochmüthi⸗ gen Tone:. „Nun?⸗ „Nun, Miß?“ erwiderte ich, faſt über ſie ſtolpernd. Sie blieb ſtehen und ſah mich an, und ich ſah ſie natürlich an. „Bin ich hübſch?“ „Ja, ich glaube, daß Sie ſehr hübſch ſind.“ „Bin ich beleidigend?“ „Nicht ſo ſehr wie das vorige Mal,“ erwiderte ich. „Nicht ſo ſehr?“ „Nein.“ Bei der letzten Frage wurde ſie vor Zorn glühendroth und ſchlug als ich antwortete, mit all' ihrer Kraft in's Geſicht. „Nun,“ ſagte ſie,„du kleines rohes Ungehener, was von mir?“ „Ich werde es Ihnen nicht ſagen.“ „Weil du es oben ſagen willſt, nicht wahr?“ „Nein, nicht deßhalb,“ verſetzte ich. „Warum weinſt du nicht wieder, du elender Bube?“ „Weil ich um Ihretwillen nie wieder weinen will,“ erwiderte ich und ſagte dabei eine große Lüge, denn innerlich weinte ich in dem⸗ ſelben Augenblicke um ſie, und Gott weiß, wie viele Thränen ſie mich ſpäter gekoſtet hat. Nach dieſer Epiſode ſtiegen wir zuſammen die Treppe hinauf, und begegneten auf dem Wege einem Herrn, welcher im Dunkeln tappend herab kam. „Wer iſt das?“ fragte er, ſtehen bleibend und mich anblickend. „Ein Bube,“ antwortete Eſtella. Es war ein korpulenter Mann von außerordentlich dunkler Ge⸗ ſichtsfarbe, mit einem ſehr dicken Kopfe und einer verhältnißmäßig eben ſo großen Hand. Mich beim Kinn faſſend, hob er mein Geſicht in die Höhe, um beim Lichtſcheine hinein zu blicken. Sein Scheitel war vor der Zeit kahl und ſeine ſchwarzen, buſchigen Augenbrauen auch mir, denkſt du nun ſagte er, was kann darauf ankommen, wenn die armen kleinen Wai⸗ ſtanden wie Borſten in die Höhe, während ihm die Augen tief im 18* 7 140 Feierſtunden. 1864. Kopfe lagen und einen ſtechenden, argwöhniſchen Blick hatten. Er dunſenem Körper ſo eifrig darauf zu und daraus hervor eilen, als trug eine ſchwere Uhrkette, und an den Stellen ſeines Geſichtes, wo wenn ſich irgend ein Ereigniß von ſehr großer Wichtigkeit in der Ge⸗ der Bart geweſen ſein würde, wenn er ihn nicht abraſirt hätte, lagen meinde der Spinnen zugetragen hätte. große dunkle Flecke. Er war mir völlig fremd, und ich konnte da Auch die Mäuſe hörte ich hinter den Holzfächern der Wände mals noch keine Ahnung davon haben, daß er jemals in nähere Be⸗ raſcheln, als wenn daſſelbe Ereigniß auch für ſie von großer Bedeu⸗ ziehung zu mir treten würde, aber es bot ſich mir zuf fällig dieſe Ge- tung wäre. Nur die Schwaben ſchienen von der allgemeinen Be⸗ legenheit, ihn in genauen Augenſchein zu nehmen. wegung nicht berührt zu werden und krochen langſam und gewich⸗ „Ein Bube aus der Nachbarſchaft, he?“ fragte er. tig auf dem Herde umher, wie wenn ſie halb blind und halb taub „Ja,“ erwiderte ich. und nicht im beſten Einverſtändniſſe mit einander wären. „Wie kommſt du hierher?“ Dieſe kriechenden Weſen feſſelten meine Aufmerkſamkeit und ich „Miß Havisham hat mich rufen laſſen,“ erklärte ich. beobachtete ſie aus einiger Entfernung, als Miß Havisham ihre Hand „Nun, ſo betrage dich gut. Ich habe ziemliche Erfahrung mit auf meine Schulter legte. In der anderen Hand hielt ſie einen Krück⸗ Buben und weiß, daß es eine böſe Brut iſt. Alſo merke wohl, was ſtock, auf den ſie ſich ſtützte; ſie ſah aus, als wenn ſie die Hexe des ich ſage,“ fügte er hinzu, an ſeinem Zeigefinger nagend und mich Ortes wäre.. finſter anblickend,„und betrage dich gut!“„Hier,“ ſagte ſie, mit dem Stocke auf den Tiſch deutend,„hier Nach dieſen Worten ließ er mich los,— was mir ſehr lieb war, will ich hingelegt werden, wenn ich todt bin. Hier ſoll meine Leichen⸗ da ſeine Hand nach parfümirter Seife roch,— und verfolgte ſeinen ſchau ſtattfinden.“ Weg die Treppe hinab. Verwundert fragte ich mich, ob er wohl ein Von Furcht ergriffen, daß ſie ſogleich auf den Tiſch ſteigen und Arzt ſein könne; doch nein, dachte ich im nächſten Augenblicke, ein da ſterben möchte,— als eine Verwirklichung der geſpenſtigen Wachs⸗ Arzt konnte er nicht ſein, denn ſonſt würde er ein ruhigeres und über⸗ figur auf dem Jahrmarkte,— bebte ich unwillkürlich unter ihrer zeugenderes Weſen gehabt haben. Es blieb mir jedoch nicht viel eie, Berirung über dieſen Gegenſtand nachzudenken, denn wir traten bald in Miß„Was glaubſt du wohl, daß dieſes ſei?“ fragte ſie, abermals Havisham's Zimmer, wo ſich noch Alles in demſelben Zuſtande be mit ihrem Krückſtock vor ſich hin deutend,„dieſes hier, wo die vielen fand, in dem ich es verlaſſen hatte. Eſtella ließ mich an der Thür Spinnen ſind?“ zurück, und ich blieb dort ſtehen, bis Miß Havisham von ihrem„Ich kann es nicht errathen, Madam.“ Toilettentiſche aus die Blicke auf mich fallen ließ.„Ein großer Kuchen iſt es,— ein Hochzeitskuchen,— der „So,“ ſagte ſie, ohne die geringſte Ueberraſchung auszudrücken, meinige!“ „die Tage ſind alſo verſtrichen?“ Mit wilden Blicken ſchaute ſie ſich im ganzen Zimmer um und „Ja, Madam, heute iſt—“ ſagte dann, während ihre Hand meine Schulter kniff: „Schon gut, ſchon gut!“ rief ſie mit jener ungeduldigen Bewe⸗„Komm, komm! Führe mich, führe mich!“ gung ihrer Hand,„ich mag es nicht wiſſen! Biſt du bereit, zu Ich ſchloß daraus, daß meine Aufgabe darin beſtehe, Miß Ha⸗ ſpielen?“ visham fortwährend im Zimmer umher zu führen. Indem ich mich Ich war genöthigt, nicht ohne einige Verlegenheit zu antworten: deßhalb ſogleich in Bewegung ſetzte, während ſie ſich auf meine Schul⸗ „Ich glaube nicht, Madam.“ ter ſtützte, nahmen wir einen Schritt an, welcher— wie meine erſte „Du magſt nicht wieder Karten ſpielen?“ fragte ſie mit forſchen⸗ Idee in dieſem Hauſe war,— für eine Nachahmung von Mr. Pumble⸗ dem Blicke. ſchook's zweiräderigem Karren hätte gelten können. „Ja, Madam, das könnte ich thun, wenn es verlangt würde.“ Miß Havisham war nicht kräftig und ſagte dehi halb nach einiger „Da dir das Haus ſo alt und finſter erſcheint, Bube,“ ſagte Zeit:„Langſamer!“ Dennoch ſetzten wir unſern Marſch mit unre⸗ Miß Havisham verdrießlich,„und da du nicht ſpielen magſt, ſo ſage gelmäßiger Eile fort, während ihre Hand meine Schulter kniff, und mir, willſt du arbeiten?“ ſie mich faſt glauben ließ, daß wir wirklich ſchnell gingen, weil ihre Dieſe Frage konnte ich dreiſter beantworten, als die vorige, und Gedanken ſo ſchnell flogen. Nach einiger Zeit ſagte ſie:„Rufe erwiderte deßhalb, daß ich bereit ſei. Eſtella!“ worauf ich auf den Gang hinaus trat und den Namen „So gehe in das gegenüber liegende⸗Zimmer,“ ſagte ſie, mit rief, wie ich es bei der früheren Gelegenheit gethan hatte. Als ſich ihrer verwelkten Hand auf die hinter mir befindliche Thür deutend, das Licht des jungen Mädchens im Gange zeigte, kehrte ich zu Miß „und warte dort, bis ich komme.“ Havisham zurück, und wir ſetzten unſern Umgang von Neuem fort. Ich ging über den Hausgang und trat in das von ihr bezeich⸗ Wenn Eſtella allein gerufen worden wäre, um eine Zuſchauerin nete Zimmer. Auch aus dieſem Gemache war das Tageslicht ver⸗ deſſen zu ſein, was wir thaten, ſo wäre es mir ſchon ſehr unange⸗ bannt und ein dumpfer Geruch herrſchte darin. Ein Feuer war kurz nehm geweſen; aber da ſie auch die drei Damen und den Herrn mit⸗ vorher auf dem feuchten, altmodiſchen Kamin angezündet worden, brachte, welche ich unten geſehen hatte, ſo wußte ich in der That aber es ſchien ausgehen zu wollen, und der im Zimmer ſchwebende nicht, was ich thun ſollte. In meiner Höflichkeit kam mir der Ge⸗ Rauch war, ähnlich dem Nebel auf unſerem Moorlande, kälter als die danke, ſtillzuſtehen, allein Miß Havisham kniff meine Schulter, und reine Luft. Ein paar dürftige Talglichter, auf dem Kaminſimſe ſtehend, die Reiſe ging wieder weiter, während mich das beſchämende Gefühl erhellten matt das Zimmer, oder richtiger ausgedrückt, verdrängten plagte, daß die Gäſte glauben würden, dieſes ſeltſame Verfahren gehe ſchwach die Dunkelheit. Das Gemach war geräumig und mochte ehe⸗ von mir aus. mals ſchön und ſtattlich geweſen ſein, aber jeder erkennbare Gegen„Meine liebe Miß Havisham,“ ſagte Miß Sara Pocket,„wie ſtand darin war mit Staub und Moder bedeckt und zerfallen. Der am wohl Sie ausſehen!“. meiſten in die Augen ſpringende war ein langer Tiſch, auf dem ein„Ich ſehe nicht wohl aus,“ entgegnete Miß Havisham,„ich bin Decke lag, wie wenn zu der Zeit, als im Hauſe die Uhren, ſowie nichts als Haut und Knochen.“ alles Andere, ſtill zu ſtehen begannen, die Vorbereitungen zu einem Camilla's Geſicht erheiterte ſich, als Miß Sara Pocket auf dieſe Feſte getroffen worden wären. In der Mitte der Tiſchdecke ſtand eine Weiſe abgefertigt wurde, und murmelte, während ſie mitleidigen Art von Aufſatz, der von Spinngeweben ſo überzogen war, daß ſeine kes Miß Havisham betrachtete: Form ſich kaum noch erkennen ließ; und als ich über die gelbliche„Gute, liebe Seele! Freilich kann ſie nicht wohl ausſehen, das Fläche blickte, aus der er wie ein ſchwarzer Pilz hervorzuwachſen arme Weſen! Was für eine Idee!“ ſchien, ſah ich mehrere Spinnen mit geſprenkelten Beinen und aufgr⸗„Und was machen Sie?“ ſagte Miß Havisham zu Camilla. 3 Da l bfindin, gir trabte jn häcſſt „Ich d wohl, „Nuu außerorder „Nie Gefühle Nachts verträgt. „N Havisha „Le Schluchie nen über fllichtiges Zuckunger und Schl nigen de ich ane e wäre war, wi⸗ Gatte.( chelnder „M für dein den hat das and „3 ich erſt Perſon Mi Frauen, ches ſo wäre, un unterſtütz „Nei „De WMa nit ein. „O Bänen in 3c h gebe ich nam iſſer ſe ich h nich Leiden, einen g No Augenb unher bi ſtrei ihnen 3 mett“ 8 ſchen, n dem 8 ò en, als der Ge⸗ Wände Bedeu⸗ nen Be⸗ gewich⸗ lb taub und ich re Hand n Krück dexe des d,„hier Leichen hen und Wachs t ihrer bermals ie vielen — der m und ſiß Ha⸗ ich mich e Schul⸗ eine erſte Pumble⸗ heiniger nit unre⸗ iff, und geil ihre „Rufe Namen Als ſich zu Miß im fort. ſchauerin unange⸗ en mit⸗ er That der Ge⸗ ter, und eGefäll ran gehe tt,„wie ſich bin nuj ditſe lleidigel hen, das milla. “ Feierſtunden. 1864. 141 71. 8 jeſe 6 †o. ej er ſetztore z8te S. Iect 6; danf 5; e; 7 3 2 Da wir uns in dieſem Augenblicke ganz nahe bei der letzteren löstem Haar, während mein Kopf auf die Seite geſunken war und befanden, ſo wollte ich ſtillſtehen; allein Miß Havisham litt es nicht. meine Füße— ich weiß nicht wo— lagen.“ . 7.. ₰. e 8. 2. 5 4. Wir trabten alſo weiter, und ich fühlte, daß meine Perſon Camilla„Höher als dein Kopf, meine Liebe,“ bemerkte ihr Gatte. im höchſten Grade verhaßt war.„In dieſem Zuſtande habe ich ganze Stunden zugebracht, nur „Ich danke, Miß Havisham,“ erwiderte ſie,„ich befinde mich wegen des ſonderbaren, unerklärlichen Benehmens von Matthias, und ſo wohl, wie unter den Umſtänden möglich iſt.“ Niemand hat mir dafür gedankt.“ „Nun, was fehlt Ihnen denn?“ fragte Miß Havisham mit„Wahrſcheinlich nicht, glaube ich,“ ſchaltete die ernſte Dame ein. außerordentlich ſcharfer Betonung.„Sehen Sie, meine Liebe,“ fügte Miß Sara Pocket,— eine „Nichts von Erheblichkeit,“ verſetzte Camilla. Ich mag meine boshafte Perſon, mit freundlicher Miene,— hinzu,„die Frage, welche Gefühle nicht zur Schau tragen, aber kann nicht läugnen, daß ich Sie ſich ſelbſt hätten vorlegen ſollen, iſt die, von wem Sie Dank zu Nachts mehr an Sie gedacht habe, als ſich mit meiner Geſundheit erwarten hatten.“ verträgt.“.„Ohne Dank zu erwarten, oder irgend etwas Aehnliches,“ fuhr „Nun, ſo denken Sie nicht weiter an mich!“ entgegnete Miß Camilla fort,„bin ich viele Stunden lang in dieſem Zuſtande ge Havisham. blieben, und Raymund iſt Zeuge, was für ſchreckliche Anfälle ich ge „Leicht geſagt,“ bemerkte Camilla, mit ſchmerzlicher Miene ihr habt habe, wie wirkungslos ſelbſt der Ingwer auf mich geblieben iſt, Schluchzen unterdrückend, während die Lippen zuckten und die Thrä⸗ und wie ſogar der gegenüber wohnende Klavierſtimmer mich gehört nen überſtrömten.„Raymund kann bezeugen, wie viel Ingwer und hat, deſſen arme, unwiſſende Kinder wähnten, es wären Tauben, flüchtiges Salz ich des Nachts nehmen muß, und welche krankhaften welche in der Entfernung girrten,— und nun hören zu müſſen—“ Zuckungen ich in meinen Gliedern habe. Doch ſind mir Zuckungen Hier griff Camilla an ihren Hals, als wollte ſie eine chirurgi⸗ und Schluchzen nichts Ungewohntes, wenn ich mit Sorge an Dieje⸗ ſche Unterſuchung deſſelben vornehmen. nigen denke, welche ich liebe. Beſäße ich weniger Gefühl, ſo würde Als der Name Matthias erwähnt wurde, blieb Miß Havisham ich eine beſſere Verdauung und eiſerne Nerven haben. Wollte Gott, ſtehen und blickte die Sprecherin an. Dieſe Veränderung hatte die es wäre ſo! Aber in der Nacht nicht an Sie zu denken,— welche Wirkung, daß Camilla's chirurgiſche Studien ſchnell ein Ende Idee!“ nahmen. Sie ſchloß mit einer Fluth von Thränen.„Matthias wird endlich kommen und mich ſehen,“ ſagte ſie mit Die mit Raymund bezeichnete Perſon, auf die ſie ſich berief, ſtrengem Tone,„wenu ich auf dieſen Tiſch gelegt werde. Sein Platz war, wie ich annehmen mußte, der anweſende Herr und zugleich ihr wird dort ſein, fügte ſie, mit ihrem Stocke auf den Tiſch ſchlagend, Gatte. Er kam ihr jetzt zu Hülfe und ſagte mit tröſtender, ſchmei⸗ hinzu,—„dort, neben meinem Kopfe! Der Ihrige dort, Camilla! chelnder Stimme: der Ihres Gatten dort! Georgiana's dort! und Sara Pocket's dort! „Meine liebe Camilla, es iſt bekannt, daß das warme Gefühl Nun kennen Sie alle Ihre Plätze, wenn Sie hierher kommen, um für deine Familie bereits in dem Grade deine Geſundheit untergra⸗ ſich an dem Anblicke meines Leichnams zu weiden. Und nun gehen ben hat, daß ſogar das eine deiner Beine kürzer geworden iſt, als Sie!“ das andere.“ Bei Nennung eines jeden Namens hatte ſie mit ihrem Stocke „Ich habe nicht gewußt,“ bemerkte die ernſte Dame, deren Stimme ſauf eine beſondere Stelle des Tiſches geſchlagen. Dann rief ſie mir ich erſt einmal gehört hatte,„daß man dadurch Anſprüche an eine zu:„Führe mich! führe mich!“ und wir ſetzten unſeren Marſch von Perſon erlangt, wenn man an ſie denkt.“) Neuem fort. Miß Sara Pocket, ein kleines, trockenes, braunes und runzeliges„Ich glaube, es bleibt nichts übrig,“ ſagte Camilla,„als zu Frauenzimmer, wie ſie ſich mir jetzt zeigte, mit einem Geſichte, wel— gehorchen und zu gehen. Es gewährt wenigſtens einigen Troſt, den ches ſo ausſah, als wenn es aus Wallnußſchalen gemacht worden Gegenſtand unſerer Liebe und Pflicht geſehen zu haben, wenn auch wäre, und einem großen Munde, dem einer Katze ohne Bart ähnlich, nur für eine kurze Zeit. Ich werde mit wehmüthiger Genugthuung unterſtützte dieſe Behauptung, indem ſie ſagte: daran denken, wenn ich in der Nacht aufwache. Wollte Gott, Mat⸗ .... thias hätte dieſen Trnſt dn er Uerr 6t; 8 Ii⸗ „Nein, gewiß nicht, meine Liebe, Sie haben ganz Recht!“ thias hätte dieſen Troſt auch, aber er verachtet ihn. Ich mag meine 2 4*—. Gefü. S 9; t iſt es ören; üſſ „Denken iſt leicht genug,“ fügte die ernſte Dame hinzu. Gefühle nicht zur Schau tragen, allein hart iſt es, 1 n zu mi ſſen, daß man ſich— wie ein Ungeheuer— an ſeinen Verwandten wei „Natürlich, was wäre leichter?“ ſtimmte Miß Sara Pocket mit ein. „O ja, ja!“ rief Camilla, deren warme Empfindungen aus den Beinen in den Buſen zu ſteigen ſchienen,„das iſt Alles ſehr wahr! Ich gebe zu, es iſt eine Schwäche, ſo viel Gefühl zu beſitzen, aber ich kann nicht anders. Meine Geſundheit würde ohne Zweifel viel beſſer ſein, wenn ich weniger gefühlvoll wäre, aber dennoch möchte ich nicht ein anderes Gemüth haben. Es iſt die Urſache von vielen Leiden, aber das Bewußtſein, es zu beſitzen, gewährt mir dennoch inen Lewdiſſen Troſt, wenn ich in der Nacht aufwache⸗⸗ pelte mit einer ſolchen Gewandtheit um ihre Gegnerin herum, daß Nach dieſen Worten folgte eine neue Thränenfluth. Letztere ſich endlich genöthigt ſah, voran zu gehen, worauf ſie allein Während deſſen waren wir, Miß Havisham und ich, keinen einen rührenden Abſchied mit den Worten nahm:„Gott ſegne Sie, Augenblick ſtill geſtanden, ſondern hatten unſeren Marſch im Zimmer meine liebe Miß Havisham!“ die von einem vergebenden, mitleidigen den wolle, und fortgewieſen zu werden. Welche ſchreckliche Idee!“ Als Camilla ihre Hand auf den ſchwer keuchenden Buſen legte, trat ihr Gatte auf ſie zu, in Folge deſſen die Dame ſchnell eine faſt übernatürliche Feſtigkeit gewann, welche, wie mir ſchien, ſo viel aus drücken ſollte, daß es ihre Abſicht ſei, zu Boden zu ſinken und vor Schluchzen zu erſticken, ſobald ſie nicht mehr geſehen werde. Dann warf ſie Miß Havisham eine Kußhand zu und ließ ſich hinaus führ ren. Sara Pocket und Georgiana ſtritten darum, wer die Letzte ſein ſolle; allein Sara war zu ſchlau, um ſich beſiegen zu laſſen, und trip⸗ umher ununterbrochen fortgeſetzt, bald an den Kleidern der Gäſte vor⸗ Lächeln ihres Wallnußgeſichtes für die Schwächen der Uebrigen be⸗ bei ſtreifend, bald durch die ganze Länge des düſteren Zimmers von gleitet wurden. ihnen getrennt. Während Eſtella abweſend war und den Gäſten hinunter leuch⸗ „Da iſt Matthias zum Beiſpiel!“ fuhr Camilla fort.„Er lüm⸗ tele, ſchritt Miß Havisham, mit der Hand auf meiner Schulter, mert ſich nie um meine Blutsverwandten, kommt nie hierher, um zu weiter, aber langſamer und langſamer. Endlich ſtand ſie vor dem ſehen, wie ſich Miß Havisham befindet! Stundenlang habe ich duf Fener ſtill und ſagte, nachdem ſie einige Sekunden lang hinein ge⸗ dem Sopha gelegen, bewußtlos, mit zerſchnittenem Schürleib, aufge⸗ ſchaut und für ſich gemurmelt hatte. 8 142 „Heut iſt mein Geburtstag, Pip.“ Ich war im Begriffe, ihr eine häufige und glückliche deſſelben zu wünſchen, als ſie ihren Stock erhob. „Ich dulde nicht, daß davon geſprochen werde.„Weder denen, welche ſo eben hier waren, noch ſonſt Jemandem, iſt es erlaubt, da⸗ von zu ſprechen. Sie kommen an dieſem Tage hierher, aber dürfen ſeiner nicht erwähnen.“ Natürlich machte auch ich keinen weiteren Verſuch, davon reden. „An dieſem Tage des Jahres, lange vorher, ehe du geboren wur⸗ deſt,“ fuhr ſie fort, mit ihrem Krückſtocke auf den Haufen von Spinn⸗ geweben in der Mitte des Tiſches deutend, ohne ihn jedoch zu berüh⸗ ren,„wurde dieſe in Verweſung übergegangene Maſſe hierher gebracht. Sie iſt vermodert, und ich bin vermodert. Die Mäuſe haben daran genagt, und noch ſchärfere Zähne haben an mir genagt.“ Sie hielt den Griff des Stockes gegen das Herz gedrückt, wäh⸗ ie vor dem Tiſche ſtand und darauf hin ſchaute,— ſie, in Wiederkehr zu rend ſie ihrem einſt weißen, jetzt gelben und verblichenen Gewande, vor dem einſt weißen und nun eben ſo gelben und verblichenen Tiſchtuche, und umgeben von Gegenſtänden, die ſämmtlich bei der leiſeſten Berührung zu verfallen drohten. „Wenn der Ruin vollſtäudig iſt,“ ſagte ſie mit einem geſpenſti⸗ gen Blicke,„und wenn ich in meinem Hochzeitskleide auf den Hoch⸗ zeitstiſch gelegt werde,— wie es geſchehen wird, um den letzten Fluch auf ihn zu ſchleudern,— ſo iſt es um ſo beſſer, wenn es an dieſem Tage geſchieht!“ Sie ſtand vor dem Tiſche und ſchaute darauf hin, als wenn ſie ihre eigene darauf liegende Geſtalt betrachtet hätte. Ich verhielt mich ruhig. Eſtella kam zurück und verhielt ſich auch ruhig. Auf dieſe Weiſe brachten wir lange Zeit zu, wie es mir ſchien. In der dicken Luft des Zimmers und in der dichten Finſterniß, welche in ſeinen entfernteſten Winkeln herrſchte, begann mich ſogar die Furcht zu be⸗ ſchleichen, daß auch wir, Eſtella und ich, der Verweſung anheim fal len würden. Endlich ſagte Miß Havisham, nicht allmählig aus ihrem abwe⸗ ſenden Zuſtande erwachend, ſondern ganz plötzlich: „Laſſet mich ſehen, wie ihr Beide Karten ſpielt; weßhalb habet ihr noch nicht angefangen?“ Nach dieſen Worten begaben wir uns in ihr Zimmer zurück, und ſetzten uns nieder, wie beim vorigen Male. Ich wurde geſchlagen, wie damals, und ſo lange das Spiel dauerte, beobachtete uns Miß Havisham, wie damals, machte mich auf Eſtella's Schönheit aufmerk⸗ ſam und ſuchte ſie dadurch in meinen Augen noch mehr zu heben, daß ſie wieder ihre Juwelen an Eſtella's Hals und Haar hielt. Auch Eſtella behandelte mich wieder wie damals, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie ſich nicht herabließ, zu ſprechen. Nachdem wir ein halbes Dutzend Spiele gemacht hatten, wurde ein Tag für meine Rückkehr beſtimmt und ich abermals in den Hof hinab geführt, um dort wieder wie ein Hund gefüttert zu werden, und nach Belieben umher zu wandern. . D Es bedarf keiner Erklärung, ob eine Pforte in der Gartenmauer, welche ich beim vorigen Male erkletterte, um hinüber zu ſchauen, da⸗ mals offen oder verſchloſſen war; genug, ich ſah damals keine Pforte, aber ſah ſie jetzt. Da ſie offen war, und da ich wußte, daß Eſtella die Gäſte hinaus gelaſſen hatte,— denn ſie war mit den Schlüſſeln in der Hand zurückgekehrt,— trat ich in den Garten und ſchlenderte darin umher. Es war eine völlige Wildniß, in der ſich mehrere alte Melonen⸗ und Gurkenbeete befanden, welche in ihrem Verfalle einen Feierſtnnden. 1864. 3 (hegend, daß das Haus jetzt leer ſei, ſchaute ich in ein anderes Fen⸗ ſter und ſah mich, zu meinem nicht geringen Erſtaunen, einem blei⸗ chen jungen Manne, mit rothen Augenlidern und hellem Haar, ge⸗ genüber, der mich eben ſo anſtarrte, wie ich ihn. Der bleiche junge Mann verſchwand ſchnell, und erſchien gleich darauf an meiner Seite. Er war mit ſeinen Büchern beſchäftigt ge⸗ weſen, als ich zu ihm hinein ſchaute, und ich machte jetzt die Bemer⸗ kung, daß er von Dinte befleckt war. „Holla, Burſche!“ rief er. Da das Wort„Holla“ ein Anruf war, der ſich, wie ich immer gefunden, am beſten mit ſich ſelbſt beantworten ließ, ſo ſagte ich auch: „Holla!“ aber ließ höflicher Weiſe den„Burſchen“ weg. „Wer hat dich herein gelaſſen?“ fragte er. „Miß Eſtella.“ „Wer hat dir erlaubt, hier umher zu ſchleichen?“ „Miß Eſtella.“ „Komm und boxe mit mir,“ ſagte darauf der bleiche junge Mann.“ Was konnte ich Anderes thun, als ihm folgen? Ich habe mich ſpäter oft gefragt; aber was hätte ich Anderes thun können? Sein Weſen war ſo entſchieden, und ich ſo erſtaunt, daß ich ihm folgte, wohin er mich führte, als wenn ich bezaubert geweſen wäre. „Aber warte einen Augenblick!“ rief er, ſich plötzlich umdrehend, ehe wir noch viele Schritte gegangen waren.„Ich muß dir auch einen Grund angeben, weßhalb du mit mir boxen ſollſt!“ Nach dieſen Worten ſchlug er auf höchſt beleidigende Weiſe in die Hände, ſchleuderte eins ſeiner Beine ſehr gewandt nach hinten, zaͤuste mein Haar, ſchlug noch einmal in die Hände, bückte den Kopf und rannte damit gegen meinen Magen. „Dieſes letzte ſtierartige Verfahren war, abgeſehen davon, daß er ſich unbeſtreitbar eine große Freiheit erlaubte, unmittelbar nach dem Genuſſe von Brod und Fleiſch, beſonders unangenehm. Ich ſchlug deßhalb nach ihm, und wollte es wiederholen, als er ſagte:„Aha, iſt das deine Meinung?“ und darauf rückwärts und vorwärts in einer Weiſe zu tanzen begann, wie ich ſie in meiner beſchränkken Erfahrung noch nie geſehen hatte. „Die Geſetze des Spiels!“ rief er, und hüpfte von dem linken Beine auf das rechte.„Ordentliche Regeln!“ worauf er von dem rechten wieder auf das linke ſprang.„Komm heran und bereite dich vor!“ worauf er rückwärts und vorwärts hüpfte und allerhand Sprünge machte, während ich ihm hülflos zuſah. Im Geheimen fürchtete ich mich vor ihm, als ich ſeine Gewandt⸗ heit ſah, aber war deſſen ungeachtet moraliſch und phyſiſch überzeugt, daß ſein blonder Haarkopf mit meinem Magen nichts zu thun habe, und daß ich berechtigt ſei, es für unpaſſend zu erachten, wenn er ſich auf dieſe Weiſe meiner Aufmerkſamkeit aufdrängte. Ohne ein Wort zu ſagen, folgte ich ihm deßhalb nach einem entlegenen Winkel des Gartens, der durch das Zuſammenſtoßen zweier Mauern gebildet und durch einen Schutthaufen verdeckt wurde. Nachdem er mich gefragt, ob mir dieſer Platz recht ſei, und ich bejahend geantwortet hatte, pat er mich um Erlaubniß, ſich einen Augenblick entfernen zu dürfen, und kehrte gleich darauf mit einer Flaſche Waſſer und einem in Eſſig getauchten Schwamm zurück.„Zum Gebrauche für uns Beide,“ ſagte er, dieſe Gegenſtände an die Mauer ſtellend, und begann dann ſeine Kleidungsſtücke abzulegen, nicht blos die Jacke und die Weſte, ſondern auch das Hemd, und zwar in einer Weiſe, die eben ſo heiter und leichtherzig als zugleich blutdürſtig war. Obgleich er keineswegs ſehr wohl und kräftig ausſah,— denn ſchwachen Verſuch gemacht zu haben ſchienen, verſchiedene alte Hüte, er hatte Finnen im Geſicht und am Munde einen Ausſchlag,— ſo Stiefeln und ähnliche Dinge zu erzeugen. Nachdem ich den Garten durchwandert hatte und ein Gewächs⸗ haus, welches nichts enthielt, als einen zu Boden geſunkenen Wein⸗ ſtock und einige Flaſchen, gelangte ich in den öden Winkel, auf den gen. Im Uebrigen war er ein junger Mann in grauer Kleidung 2. ſetzten mich dieſe furchtbaren Vorbereitungen doch in großen Schrecken. Ich hielt ihn für ungefähr eben ſo alt, wie ich ſelbſt war, allein er war bedeutend größer und hatte eine ſehr elegante Art, ſich zu bewe⸗ ich vom Fenſter aus hinab geblickt hatte. Keinen Zweifel darüber(wenn er ſie nicht zum Kampfe abgelegt hatte), mit Ellenbogen, Knieen, Rie in m zanblicke, und bede r war ſ wandt ſeinen 2 lichen S münſſten? Schwame Neuem! dachte, verletzt, wit jed er end Mauer er auf wwiſſen, Kuice, wonnen .Er die Her wenig rend ic oder m an, tro ſagte: worauf „Gleic A Schlüſſ noch we glühte, Freude Gang 8 „K. nillſt.⸗ 3 dafür ge⸗ wi än, dolb din DA teuſpiel als ich der Lan 8 Daß Jo tes Fen em blei⸗ aar, ge⸗ en gleich ftigt ge⸗ Bemer⸗ h immer ich auch: e junge be mich 2 Sein m ſolgre, ndrehend, uch einen Weiſe in hinten, den Kopf daß er aach dem ſch ſchlug „Aha, iſ in einer Erfahrung em linken von dem reite dich Sprünge Gewandi⸗ überzeugt, hun habe, aun er ſich ein Wort zinkel des ildet und · gefragt, hatte,„ ai ud dürfen, u in Eſſ de ſagü zu aug Knieil, 1/ Feierſtun ——'—ßõ——-:'ßõ——————;— Handgelenken und Ferſen, deren Entwickelung den übrigen Theilen ſeines Körpers weit voraus war. Der Muth ſank mir, als ich ſah, mit welcher mechaniſchen Ge⸗ nauigkeit er mich in's Auge faßte und meinen ganzen Bau betrach⸗ tete, als wenn er ſich einen beſonderen Knochen herausſuchen wollte. Nie in meinem Leben war ich deßhalb ſo erſtaunt, wie in dem Au genblicke, als ich ihn nach meinem erſten Schlage mit blutender Naſe und bedeutend verkürztem Geſichte auf dem Rücken liegen ſah. Aber er war ſogleich wieder auf den Füßen, und nachdem er ſich ſehr ge⸗ wandt mit dem Schwamme das Geſicht gereinigt hatte, begann er ſeinen Angriff von Neuem. Die zweite größte Ueberraſchung, welche ich in meinem Leben gehabt, wurde mir, als ich ihn abermals auf dem Rücken liegen und mit einem geſchwollenen blauen Auge zu mir aufblicken ſah. Sein Muth flößte mir große Achtung ein. Er ſchien durchaus keine Kraft zu beſitzen, denn er verſetzte mir keinen einzigen empfind⸗ lichen Schlag, und wurde jedes Mal zu Boden geſtreckt; aber im nächſten Momente war er wieder auf, wuſch ſich das Geſicht mit dem Schwamme, oder trank aus der Waſſerflaſche, und kam dann von Neuem mit einer ſo drohenden Miene auf mich los, daß ich wirklich dachte, er werde mir endlich den Garaus machen. Er wurde ſchwer verletzt, denn zu meinem Leidweſen muß ich bemerken, daß ich ihn mit jedem Schlage härter traf; aber er ſprang immer wieder auf, bis er endlich einen unglücklichen Fall mit dem Hinterkopf gegen die Mauer that. Selbſt nach dieſer Entſcheidung unſeres Kampfes ſtand er auf und drehte ſich mehrere Male verwirrt im Kreiſe, ohne zu mwiſſen, wo ich war, ſank aber zuletzt bei ſeinem Schwamme auf die Kniee, warf ihn in die Höhe und ſagte keuchend:„Du haſt ge⸗ nvonnen!“ 2. Er ſchien mir ſo brav und unſchuldig zu ſein, daß ich, obgleich die Herausforderung zum Kampfe nicht von mir ausgegangen war, wenig Freude über meinen Sieg empfand. Ich kam mir ſogar, wäh⸗ wend ich meine Kleider wieder anulegte, wie ein wüthender junger Wolf oder wie ein anderes wildes Thier vor. Indeſſen kleidete ich mich „trocknete finſter von Zeit zu Zeit mein blutdürſtiges Geſicht und ſagte:„Kann ich Ihnen helfen?“ Er entgegnete:„Nein, ich danke,“ worauf ich:„Guten Abend!“ wünſchte, und er mir erwiderte: „Gleichfalls!“ Als ich auf den Hof zurückkam, fand ich dort Eſtella mit den Schlüſſeln warten. noch weßhalb ich ſie ſo lange habe warten laſſen, glühte, Freude machte. Statt nach der Pforte zu gehen, trat ſie in den Gang zurück und winkte mir. „Komm hierher,“ ſagte ſie; willſt.“ Ich küßte ihre W Aber ſie fragte mich weder, wo ich geweſen ſei, und ihr Geſicht „du magſt mich küſſen, wenn du Vange, die ſie mir reichte. Gern hätte ich Alles dafür gethan, ſie küſſen zu dürfen, allein ich fühlte, daß der Kuß nur, dem niedrigen Buben gegeben wurde und deß⸗ wie ein Stück Geld, halb keinen Werth hatte. Durch die zum Geburtstage gekommenen Gäſte, durch das Kar⸗ tenſpiel und den Kampf hatte ſich mein Aufenthalt ſo verlängert, daß, als ich mich unſerem Hauſe näherte, das Licht des Leuchtthurms auf der Landzunge ſchon gegen einen dunkeln Nachthimmel leuchtete, und daß Joe's Eſſe einen Feuerſtreifen über den Weg warf. — Zwölftes Kapitel. Ich empfand große Unruhe wegen des blaſſen jungen Mannes. Je mehr ich an den Kampf dachte und mich des jungen Mannes er⸗ ſem erſehnten Ziele ihren Beiſtand anbieten werde. es nicht, ennerte, wie er mit blutigem und geſchwollenem Geſichte auf dem Rücken lag, deſto feſter war ich überzeugt, daß mir irgend etwas ge⸗ blieb. als wenn ſich irgend etwas ereignet hätte, das ihr große 1864. den. Strafen zu haben, welche ich verwirkt hatte, darüber, daß es einem hegte ich keinen Zweifel Dorfbuben nicht geſtattet ſein könne, im Lande unhher zu ſtreifen, die Häuſer vornehmer Leute zu verwüſten und die ſtudirende Jugend Englands zu mißhandeln, ohne ſich ſchwerer Ahn⸗ dung auszuſetzen. Mehrere Tage lang verließ ich deßhalb das Haus nicht und blickte, wenn ich ausgeſchickt wurde, mit großer Vorſicht erſt zur Küchenthür hinaus, um mich zu überzeugen, ob nicht etwa die Häſcher des Strafgefängniſſes draußen meiner warteten, um mich zu fangen. Die blutende Naſe des bleichen jungen Mannes hatte meine Beinkleider gefärbt, und ich verſuchte daher, dieſen Beweis mei⸗ ner Schuld in der Stille der Nacht auszuwaſchen. Ich hatte mir an ſeinen Zähnen die Handknöchel verletzt, und quälte meine Einbildungs⸗ kraft ab, um irgend eine unglaubhafte Exklärung zu finden, mit der ich vor dem Richter den aus dieſem Umſtande entſpringenden Verdacht entkräften konnte. Als der Tag kam, an dem ich nach dem Schauplatze meiner Gewaltthätigkeit zurückkehren ſollte, erreichte meine Angſt den höchſten Grad. Konnten nicht die von London beſonders abgeſendeten Häſcher der Gerechtigkeit hinter der Pforte des Hauſes auf der Lauer liegen? Oder konnte nicht Miß Havisham, wenn ſie es vorzog, perſönliche Nache für die in ihrem Hauſe verübte Unthat zu nehmen, in ihren Sterbekleidern aufſtehen, ein Piſtol ergreifen und mich todt ſchießen? Oder konnte nicht eine Bande gedungener Buben in der Brauerei meiner warten und mich zu Tode prügeln? Es war ein großer Be⸗ weis meines Vertrauens zu der Ehrenhaftigkeit des bleichen Mannes, jungen daß ich ihn im Geiſte mit dieſen Racheplänen nie in Ver⸗ bindung brachte; ſie erſchienen mir immer als Handlungen unver⸗ ſtändiger Angehöriger, welche durch den Zuſtand ſeines Geſichtes und durch ihre Vorliebe für entſtellte Familienzüge dazu angereizt wurden. Allein es half Alles nichts, ich mußte zu Miß Havisham zurück⸗ kehren, und that es deßhalb. Und ſiehe da! Der Kampf hatte keine Folgen. Es wurde gar nicht davon geſprochen, und kein bleicher jun⸗ ger Mann wurde im Hauſe entdeckt. Ich fand dieſelbe Pforte wieder offen, durchwanderte den Garten, und ſchaute ſelbſt in die Fenſter des allein ſtehenden Hauſes; aber nichts begegnete meinen Blicken als die von innen verſchloſſenen Fenſterläden, und Alles war wie aus⸗ geſtorben. Nur in dem Winkel, wo der Kampf ſeattgefunden hatte, konnte ich einige Spuren von der Exiſtenz des jungen Mannes ent⸗ decken, nämlich Blut, welches er vergoſſen hatte, und das ich mit Gartenerde bedeckte, um es vor den Augen der Menſchen zu ver⸗ bergen. Auf dem breiten Gange zwiſchen Miß Havisham's Zimmer und dem anderen Gemache, in welchem der lange Tiſch aufgeſtellt war, ſah ich einen leichten Rollſtuhl ſtehen, welcher von hinten geſchoben wurde. Er war erſt nach meinem letzten Beſuche dahin geſtellt wor⸗ den, und ich begann an dieſem Tage die regelmäßige Beſchäftigung, Miß Havisham, wenn ſie des Gehens mit der auf meiner Schulter müde war, im Zimmer und über den Gang und durch das andere Gemach umher zu fahren. Dieſe Reiſen wurden unzählige Male gemacht und dauerten zuweilen zwei bis drei Stunden ohne Unterbrechung. Ich erwähne ihrer als zahlreich, weil es von Anfang an beſtimmt wurde, daß ich einen Tag um den andern zu dieſem Zwecke kommen ſolle, und weil ich jetzt eine Periode von acht bis zehn Monaten zuſammenfaſſen will. Nachdem wir uns allmälig mehr an einander gewöhnt hatten, ſprach Miß Havisham häufiger mit mir und befragte mich über das, was ich gelernt habe und was ich zu werden gedenke. Ich ſagte ihr, daß ich bei Joe in die Lehre treten ſolle und noch nichts gelernt habe, aber gern Alles lernen möchte, in der Hoffnung, daß ſie mir zu die⸗ Allein ſie that und ſchien es vielmehr gern zu ſehen, wenn ich unwiſſend Auch gab ſie mir niemals Geld oder etwas Anderes, als mein Hand ſchehen werde. Ich fühlte, daß ſein Blut über mich kam, und daß tägliches Eſſen, und verſprach nie, mich für meine Dienſte zu be⸗ das Geſetz es rächen werde. Ohne eine klare Vorſtellung von den zahlen. Feie 144 —— ꝛeüo————— Eſtella war immer gegenwärtig und ließ mich ſtets ein und aus, aber ſagte mir nie wieder, daß ich ſie küſſen ſolle. Zuweilen behan⸗ delte ſie mich nur mit Kälte, zuweilen mit Herablaſſung, zuweilen ſogar mit Vertraulichkeit, und zu anderen Zeiten ſagte ſie mir wie⸗ der, daß ſie mich gründlich haſſe. Miß Havisham fragte mich öfters flüſternd, oder wenn wir allein waren:„Wird ſie nicht immer hüb⸗ ſcher, Pip?“ und wenn ich bejahend antwortete(denn es war wirk⸗ lich der Fall), ſchien ſie im Geheimen große Freude zu empfinden. Auch wenn wir Karten ſpielten, pflegte ſie mit einem gierigen Wohl⸗ gefallen Eſtella's Launen zuzuſehen, von welcher Art dieſe auch ſein mochten; und zuweilen, wenn dieſe Launen ſo wechſelnd und wider⸗ ſprechend waren, daß ich nicht wußte, was ich ſagen oder thun ſollte, umarmte Miß Havisham ſie zärtlich und flüſterte ihr etwas in das Ohr, das ungefähr ſo klang wie:„Brich ihnen das Herz, mein Stolz und meine Hoffnung, brich ihnen das Herz und habe kein Erbarmen!“ Joe pflegte bei ſeinen Arbeiten in der Schmiede die Strophen eines Liedes zu ſingen, deren immer wiederkehrender Refrain„Alter Klem!“ war. Es war allerdings keine ſehr feierliche Art und Weiſe, dem Schutzheiligen Clemens Verehrung darzubringen, aber dennoch glaube ich, daß„der alte Klem“ in dieſer Beziehung zu den Grobſchmieden ſtand. Es war eine Melodie, welche den Takt des Hämmerns nachahmte und nur als lyriſche Entſchuldigung diente, um den geachteten Namen des „Alten Klem“ zu erwähnen. Das Lied lautet folgendermaßen: „Hämmert fröhlich, Burſchen,— Alter Klem! Mit Kling und Klang,— Alter Klem! Schlaget drauf und ſchlaget dran,— Alter Klem! Wie ſich's paßt für den Mann,— Alter Klem! Das Feuer blaſet an, blaſet an,— Alter Klem! Funken und Flammen ſprühen dann,— Alter Klem!“ Eines Tages nun, bald nachdem der Rollſtuhl erſchienen war, ſagte Miß Havisham mit der ungeduldigen Bewegung ihrer Hand plötzlich zu mir:„Da, da, ſinge etwas!“ Ich war ſo überraſcht, daß ich unwillkürlich dieſes Lied zu murmeln begann, während ich den Stuhl ſchob. Zufällig gefiel es ihr ſo, daß ſie mit leiſer Stimme, wie wenn ſie ſich in den Schlaf lullen wollte, mitzuſingen begann. Von jener Zeit an wurde es uns zur Gewohnheit, dieſes Lied beim Umherfahren zu ſingen, und Eſtella ſtimmte oft mit ein; aber obgleich zuweilen drei Stimmen ſich vereinigten, war der Geſang dennoch ſo leiſe, daß der ſchwächſte Luftſtrom in dem düſteren alten Hauſe mehr Geräuſch verurſachte. Was konnte in dieſer Umgebung aus mir werden? Konnte mein Gemüth unberührt davon bleiben? Uud war es nicht natürlich, daß meine Gedanken ebenſo, wie meine Augen, trübe wurden, wenn ich aus den dunſtigen gelben Zimmern in das Tageslicht trat? Vielleicht hätte ich Joe von dem blaſſen jungen Mann erzählt, wenn ich mich nicht ſchon vorher zu den argen Lügen hätte verleiten laſſen, welche ich bekannt habe. Unter dieſen Umſtänden aber fühlte ich, daß Joe in dem blaſſen jungen Manne keine andere Perſon hätte erkennen können, als einen geeigneten Paſſagier für die ſchwarze Sammetkutſche. Aus dieſem Grunde ſchwieg ich. die Scheu, Miß Havisham und Eſtella den Beurtheilungen Anderer preiszugeben, welche ich vom erſten Augenblicke an empfunden hatte, mit der Zeit immer mehr zu. Ich ſetzte in Niemand unbedingtes rſtunden. Ueberdies nahm 1864. Vertrauen, als in Biddy; ihr aber theilte ich Alles mit. Weßhalb ich keinen Anſtand nahm, ihr Alles zu ſagen, und weßhalb ſie ſo große Theilnahme für Alles hegte, was ich ihr erzählte, wußte ich damals nicht, aber weiß es jetzt, wie mich dünkt. Inzwiſchen wurden in der Küche unſeres Hauſes die Berathun⸗ gen fortgeſetzt, welche meinem gereizten Gemüthe ſo unerträgliche Pein bereiteten. Der einfältige Pumblechook kam häufig des Abends her⸗ über, um mit meiner Schweſter die Ausſichten zu beſprechen, welche ich hatte; und ich glaube in der That(ſelbſt ohne ſonderliche Reue bis auf dieſen Augenblick), daß ich, wenn meine Punde einen Achszapfen aus ſeinem Wagen hätten ziehen können, es ohne Bedenken gethan haben würde. Der Elende war ein Menſch von beſchränktem Geiſte, daß er nie meine Ausſichten beſprechen konnte, ohne mich vor ſich ſtehen zu haben, gleichſam, als müſſe er eine Operation an mir vor⸗ nehmen. Er zog mich dann von meinem Schemel auf(gewöhnlich beim Kragen), auf dem ich in der Ecke ſaß, ſtellte mich vor das Feuer, als wenn ich gekocht werden ſollte, und beganu:„Nun, Ma⸗ dam, hier iſt der Bube! Hier iſt der Bube, den ſie mit der Hand aufgezogen haben! Halte den Kopf in die Höhe, Bube, und ſei im⸗ mer denjenigen dankbar, die es gethan haben. Nun, Madam, was dieſen Buben betrifft!“ Dann pflegte er mein Haar nach der verkehr⸗ ten Seite zu ſtreichen,— wozu ich, wie bereits erwähnt, von mei⸗ ner früheſten Kindheit an einem Jeden das Recht abgeſprochen habe, — und hielt mich vor ſich am Aermel feſt, ein Bild der Einfalt, dem nichts gleich kam, als er ſelbſt. Nach dieſer Einleitung begannen er und meine Schweſter ſich in ſo unſinnnigen Muthmaßungen über Miß Havisham und das, was ſie mit mir und für mich thun würde, zu ergehen, daß ich mit bit⸗ terem Schmerz in Thränen der Wuth hätte ausbrechen, auf ihn los⸗ ſtürzen und am ganzen Körper mit der Fauſt zerſchlagen mögen. In dieſen Unterhaltungen pflegte meine Schweſter immer ſo von mir zu ſprechen, als wenn ſie mir bei jeder Erwähnung meiner geiſtig einen Zahn ausriſſe, während Pumblechook, mein ſelbſternannter Beſchützer, vor mir ſaß und mich mit verächtlichem Blicke betrachtete, als wenn er der Architekt meines Glückes geweſen wäre, aber innerlich gedacht hätte, daß er ein ſehr undankbares Geſchäft übernommen habe. Joe nahm an dieſen Geſprächen nie Theil, aber er mußte im Laufe derſelben manche bittere Bemerkung hören, weil meine Schwe⸗ ſter wahrgenommen hatte, daß er meine Entfernung aus der Schmiede nicht gern ſah. Ich war jetzt alt genug, un bei ihm in die Lehre zu treten; und wenn Joe zuweilen, mit dem Schüreiſen in der Hand, gedankenvoll da ſaß und die Aſche des Kamins forträumte, pflegte meine Schweſter dieſe unſchuldige Beſchäftigung ſo entſchieden als eine Widerſetzlichkeit von ſeiner Seite auszulegen, daß ſie auf ihn zuſprang, ihn ſchüttelte, das Schüreiſen ſeiner Hand entriß und es fortwarf. Jede der erwähnten Debatten nahm in der Regel ein höchſt wider⸗ wärtiges Ende. Ganz plötzlich und ohne alle Veranlaſſung unter⸗ drückte meine Schweſter ein anfliegendes Gähnen, richtete, wie durch Zufall, ihren Blick auf mich, und packte mich dann, indem ſie ſagte: „Komm, wir haben genug von dir gehabt! Marſch, zu Bett,— du haſt uns, dächte ich, für dieſen Abend genug Laſt gemacht!“ als wenn ich es mir als eine beſondere Gunſt erbeten hätte, von ihnen zu Tode gequält zu werden. (Fortſetzung folgt auf S. 177.) Go ſine M dheil d ſchen W lichen W den öſt bewalde Name Pracht manten wegs ſ conda taſte on Neierſt Weßhalb ſie ſo große ich damals Berathun⸗ igliche Pein lbends her⸗ den, welche liche Reue Achszapfen iten gethan ktem Geiſte, ch vor ſich in mir vor (gewwöhnlich, y vor das Nun, Ma der Hand od ſei im dam, Was der verkehr. ,von mei⸗ rochen habe, infalt, dem ſ ſer ſich in das, was S mit bit F ihn los möged. In von mir zu geiſtig einen Beſchützer, „als wenn lich gedacht habe. . myßte jm ine Schwe Schmiede die Lehre zder Hand, nte, pflegte den als eine in zuſprang, fortwarf ſchſt wider⸗ ng unter⸗ wie durch n ſie ſagte: Bett,— du „ als wente nen zu Tode 3 Feierſtunden. 1864. Die gräber der Nönige von goſconda. Golconda, einſt ein mächtiges, unabhängiges, durch ſeine Mineralienſchätze bekanntes Reich, bildet jetzt einen Theil der Beſitzungen des Nizam, und gehört zum briti⸗ ſchen Vaſallenſtaate Hyderabad, im Innern des nörd⸗ lichen Dekan, der, am Kiſtnah und Godavery gelegen, von den öſtlichen Gauts durchzogen wird. Zum Theil dicht bewaldet und größtentheils Hochebene, iſt das Land, deſſen Name früher identiſch mit orientaliſchem Ueberfluß, Größe, Pracht und Reichthum war, und deſſen Minen von Dia⸗ manten ſtrotzen ſollten, nach neueren Forſchungen keines⸗ wegs ſo reich, als man vermuthet und gefabelt, und Gol⸗ conda ſelbſt lieferte von all' den Schätzen, welche die Phan⸗ taſte an ſeinen Namen knüpfte, nicht das Geringſte, wohl aber war die gleichnamige Hauptſtadt des Reichs, von den früheſten Zeiten an bis zum Ausſterben ſeiner mohameda⸗ niſchen Herrſcher, die Hauptniederlage und der Hauptmarkt der in den Gruben des Nallamalla⸗(Neela⸗Hulla⸗) Gebir⸗ ges gefundenen Diamanten, die hier geſchliffen und zu Schmuck verarbeitet den Glanz des Namens Golconda er⸗ höhten.— Die durch ein Bergſchloß und einige Befeſti⸗ gungen geſchützte, auf einem Hügel gelegene Stadt Gol⸗ conda iſt etwas über eine Stunde Weges weſtlich von Hyderabad entfernt, gegenwärtig ungemein im Abnehmen, und deren einſt ſehr zahlreiche Einwohnerſchaft hat ſich neuerer Zeit nach Hyderabad, der jetzigen Reſidenz des Nizam, gezogen, die eine Bevölkerung von mehr als 200,000 Seelen zählt, und obwohl unregelmäßig ausgelegt, mit engen Straßen verſehen und ſchlecht gebaut, den präch⸗ tigen Palaſt des Nizam, viele öffentliche Gebäude und zahl⸗ reiche ſchöne Moſcheen enthält. Golconda ſelbſt iſt in neuerer Zeit nur noch als Staatsgefängniß des Nizam von Dekan berühmt. An der Nordſeite der Stadt befinden ſich die berühmten Königsgräber der Kutob⸗Schahi⸗(Kootub⸗ Schahee⸗) Dynaͤſtie und deren Verwandten. Das älteſte derſelben, das des Gründers, iſt vor ungefähr 300 Jah⸗ ren erbaut worden, die andern folgten ſich in Zwiſchen⸗ räumen bis vor 150 Jahren, wo nachweislich das letzte der Grabdenkmale errichtet wurde. Sie liegen auf einer weiten Ebene unweit des Forts zerſtreut, und erſcheinen als prachtvolle Proben des Sarazeniſchen Bauſtyls, der über die ganze civiliſirte Welt verbreitet, in Spanien, Portugal und in Italien noch herrliche Ueberbleibſel auf⸗ zuweiſen hat. Der Körper der Baudenkmale bildet ein Feierſtunden. 1864. Viereck, über welchem ſich ein Dom erhebt; der Grund ruht auf einer geräumigen Terraſſe, zu welcher breite Stufen führen, und iſt mit Arkaden umgeben, über deren Ecken ſich Minarets erheben. Die unteren Theile der Baudenkmale beſtehen aus grauem Granit und ſind unge⸗ mein fein ausgearbeitet; die oberen Theile ſind von Zie⸗ geln, mit Stuck, zum Theil auch mit Porzellanplatten moſaikartig belegt, und haben ihre brillanten Farben bis jetzt unverändert erhalten. An den Krarzleiſten(Kar⸗ nießen) ſind Sprüche aus dem Koran in weißen Buch⸗ ſtaben auf bläulichem Grunde angebracht, und auch dieſe ſind noch völlig unverändert. Die Leichen der in den Gräbern beigeſetzten Fürſten ſind in einer Krypte, unter einer Platte von ſchwarzem Granit, untergebracht, über welcher der das Innere des Bauwerks einnehmende Raum ſich befindet, deſſen polirte ſchwarze Wände mit Sprüchen aus dem Koran in erhabener Arbeit geziert ſind. Ein 19 146 Feierſtunden. 1864. —————— — ʒ—x prachtvoller Sarcophag bezeichnet in demſelben die Stelle, ſert wurde. Jetzt ſind dieſe Gärten verſchwunden und mit unter welcher der Leichnam beigeſetzt iſt. In einigen der ihnen auch die Teppiche, mit denen die Flur belegt, und Grabdenkmale bildet der Dom das Dach des inneren Rau- die weichen Drapperien, mit denen die Sarcophage bedeckt mes, in anderen iſt noch eine beſondere Decke dazwiſchen. waren.— Das große Grab links auf unſerer Zeichnung Neben jedem Grabdenkmale befindet ſich eine Moſchee, und iſt dem Andenken einer Fürſtin, Hyat Begum, gewidmet, früher wurde jedes von einem Garten umgeben, der mit deren Vater das Reich Golconda, da er ohne Sohn ſtarb, Bäumen und Blumen geziert, von Springbrunnen bewäf⸗ ſeinem Schwiegerſohne hinterließ. . Italia liberata. — (Fortſetzung zu S. 113.) Sechstes Kapitel. hielten, und dann nach kurzer Zeit ſchon auf demſelben Wege, den ſie ſoeben paſſirt, wieder zurückſprengten? Ge⸗ ſchah dies ebenfalls aus Privatliebhaberei, oder waren die Von dem Tage oder vielmehr von der Nacht an, in Reiter Depeſchenträger, die von daher oder dorther Nach⸗ welcher das Schickſal des Marcheſe Cialdini auf ſolch' gräß⸗ richten brachten und dahin oder dorthin Befehle mit zurück— liche Weiſe beſiegelt worden war, konnte ein aufmerkſamer nahmen? Woher kam es denn ſchließlich, daß nicht wenige Beobachter eine ganz auffallende Bewegung in Rom wahr⸗ hervorragende Perſönlichkeiten aus Modena, aus Florenz, nehmen. Zwar allerdings, das niedere Volk, unter welchem aus Neapel und anderen Städten— und zwar lauter Per⸗ die Bettler, Nichtsthuer und Banditen wie bekannt die ſönlichkeiten von nicht zu unterſchätzender politiſcher Bedeu⸗ Hauptrolle ſpielen, ging ſeinen gewohnten Gang fort, ohne tung, Perſönlichkeiten, welche die öffentliche Meinung als je einmal aus dem Geleiſe zu kommen; aber unter der ge⸗ die Häupter der mit der beſtehenden Ordnung der Dinge bildeteren Klaſſe, insbeſondere unter dem unabhängigen Adel, Unzufriedenen bezeichnete woher kam es, daß eine große ſowie unter den Beamten, welche nicht zu den Geiſtlichen Anzahl ſolcher Perſönlichkeiten in jenen Tagen wenigſtens Das Lager der Inſurgenten. gehörten, mußte nothwendigerweiſe etwas ganz Beſonderes vorgehen, denn wie hätte man ſich ſonſt dieſe außergewöhn⸗ lich ernſten Geſichter und dieſe geheimnißvolle Art, ſich zu grüßen, erklären können? Anfangs nun, in den erſten Tagen, meinte vielleicht der Eine oder der Andere, der dieſe Bemerkung machte, jene auffallende Bewegung komme von dem plötzlichen Verſchwinden des Marcheſe Cialdini her, welches ſich trotz dem eifrigen Nachforſchen der Polizei auf keine Weiſe erklären laſſen wollte; allein bald tauchte das Gerücht auf, der Marcheſe habe ſich, um verſchiedenen Widerwärtigkeiten zu entgehen, ſchnellſtens in's Ausland begeben, und dieſes Gerücht fand, obwohl kein Menſch etwas Genaueres über ſeine Entſtehung, ſowie über ſeinen Grund oder Ungrund angeben konnte, ſolch' allgemeinen Glauben, daß nach Verfluß von dreimal vierundzwanzig Stunden kein Menſch den Namen Cialdini auch nur noch vorübergehend in Rom geſehen wurde? Ja daß man ſo⸗ gar von ihnen wiſſen wollte, wie ſie insgeheim der Villa Altieri ebenfalls ihren Beſuch abgeſtattet, und außerdem noch längere Zuſammenkünfte mit den beiden Prinzen Bo⸗ naparte, ſowie mit dem General Sercognani, und dem nicht minder als Carbonaro verdächtigen Grafen Armandi gehabt hätten? Sicherlich ſo„rein von ungefähr“ kam die⸗ ſes Alles nicht, ſondern es lag vielmehr etwas in der Luft, das ein herannahendes Gewitter ankündigte, und deßwegen herrſchte eine gewiſſe, mit Neugierde gemiſchte Bangigkeit in den Gemüthern, welche ſich nicht näher beſchreiben läßt. Mit Einem Worte, man wußte in ganz Rom, daß„Etwas“ kommen werde, aber„was“ dieſes Etwas ſei und„wann“ es koumen werde, darüber war man in den meiſten Krei⸗ ſen im Unklaren. Natürlich nämlich hüteten ſich die beſſer Eingeweihten gar wohl, das Rähere darüber öffentlich kund in den Mund nahm. Deſſenungeachtet aber hörte die be⸗ zu thun, und ſo erſchien die bevorſtehende Kriſis gerade wußte geheimnißvolle Bewegung unter den höher geſtellten durch das Geheimniß, in welches ſie gehüllt war, für weltlichen Bewohnern Roms nicht nur nicht auf, ſondern Manche viel drohender und ſchreckhafter, als ſie vielleicht ſie ſteigerte ſich vielmehr faſt offenkundig mit jedem Tage. in der Wirklichkeit war, während Andere dieſelbe als einen Beim hellen Sonnenlicht freilich konnte man nicht allzu blinden Lärm betrachteten, welcher der Betrachtung kaum viel ſehen, außer wie ſchon bemerkt den ſonderbaren Ernſt werth ſei. in den Geſichtern, und die noch ſonderbarere Art der Be⸗ So ſtand es in Rom in den letzten paar Wochen des grüßung; aber— woher kam es denn, daß, ſowie die Sonne Januars 1831, und es verließen daher viele Fremde„nicht⸗ hinter dem Firmamente verſchwunden war, ſo viele Hun⸗ italieniſchen Bluts“, welche ſonſt den ganzen Winter da⸗ derte, nicht in Parthien, oder auch nur gruppenweiſe, ſon⸗ ſelbſt zuzubringen pflegten, die Stadt, weil ſie fürchteten, dern ganz vereinzelt, offenbar, damit die Sache nicht auf- in die entſtehenden Unruhen mit verwickelt zu werden. Daß falle, bis über die Ohren in ihre Mäntel gewickelt, die übrigens unter dieſe Arthur Stanton nicht gehörte, wird Via Felice hinabwandelten, um theils in den weitläufigen den Leſer nicht Wunder nehmen, denn Felicitas Belgiojoſo Gärten der Villa Altieri, theils im Gebäude ſelbſt zu ver⸗ verweilte ja noch immer innerhalb der Mauern der großen ſchwinden? Sollten dieſe etwa Alle rein zu ihrem Vergnügen Metropole der Chriſtenheit,— wie hätte es ihm alſo in derlei Nachtparthien unternehmen, oder war es nicht viel den Sinn kommen können, jenen Mauern den Rücken zu wahrſcheinlicher, daß dort bei dem Inhaber der Villa ge⸗ kehren? Allein ſelbſt wenn dieſer Magnet nicht vorhanden heime Zuſammenkünfte ſtattfanden, zu welchen nur beſon⸗ geweſen wäre, würde er ſich zum Dableiben, wenigſtens ders Eingeladene Zutritt fanden? Woher kam es denn fer-⸗ zum„einſtweiligen“ Dableiben haben entſchließen müſſen. ner, daß allmählich ſo viele einzelne Reiter, die offenbar indem er wegen der Stichwunde, die er im Kampfe mit von ziemlicher Ferne herkamen, da ihre Pferde oft von den Banditen erhalten hatte, mehrere Wochen lang das Staub und Schmutz überzogen waren, an derſelben Villa Zimmer nicht verlaſſen durfte. Am nämlichen Abend zwar, an dem uraus, gt wa un dien Kapuzir ſin Ze werfen; bar au daß di ſorgt Gefab nun! frühen Zeit eine! Zuſan geſebt mußte mit de ſchnutt nicht, wiſſe ſpon gab Mit dürſt für Aller die im S auf moch hüllt ſchli ihm und den Abex ten gewo begeh getreu einzut brach noch Einen ſem in ue ſct, Woner die Bel er Die lind au ſchen geht berei⸗ ‿‿ n und mit èegt, und age bedeckt Zeichnung gewidmet, ohn ſtarb, 2 2. demſelben ſten? Ge⸗ waren die her Nach⸗ t zurück⸗ t wenige Florenz, uter Per⸗ er Bedeu⸗ nung als er Dinge ine große enigſtens man ſo⸗ er Villa verdem zen Bo⸗ und dem Armandi kam die⸗ der Luſt, deßwegen zaangigkei iben läßt. „Etwas“ „wann“ ten Krei⸗ die beſſer ich kund s gerade var, für vielleicht als einen ug keum hen des „nicht⸗ nter da⸗ jrchteten, 1 te, wird gelgiojoſo großen alſo in ücen zu cfandell migſtens müſſen. gſe mi ing dae nd zwal, an dem er die Wunde erhielt, machte er ſich ſo wenig daraus, daß er, nachdem ein oberflächlicher Verband ange⸗ legt war, ſeinem Freunde und Bruder Alfred Belgiojoſo in die nächtliche Verſammlung in den Gewölben unter dem Kapuzinerkloſter folgte, um, wenn es noth that, ebenfalls ſein Zeugniß gegen Carlo Cialdini in die Wagſchale zu werfen; den andern Tag dagegen ſchwoll der Arm ſo furcht⸗ bar auf und es geſellte ſich ein ſo heftiges Fieber dazu, daß die Aerzte einige Tage lang ſogar für ſein Leben be⸗ ſorgt waren. Nach Verfluß einer Woche jedoch ging die ärgſte Gefahr vorüber, und die gelehrten Herren ertheilten ihm nun die Verſicherung, daß er, ehe ein Monat um ſei, ſeine frühere Geſundheit wieder erlangt haben werde. Solche Zeit erſchien ihm, wie man ſich wohl denken kann, als eine halbe Ewigkeit, insbeſondere deßwegen, weil nun ſeine Zuſammenkünfte mit der theuren Felicitas unmöglich fort⸗ geſetzt werden konnten; allein ſo ſchwer es ihn ankam, ſo mußte er ſich doch in das Unvermeidliche fügen und ſich mit der Hoffnung auf die Zukunft getröſten. Ganz abge⸗ ſchnitten war aber ſein Verkehr mit Felicitas deßwegen doch nicht, ſondern derſelbe nahm vielmehr nur andere Verhält⸗ niſſe an und verwandelte ſich in eine gegenſeitige Korre⸗ ſpondenz, die auf's Eifrigſte betrieben wurde. Ueberdies gab es nicht noch einen weiteren Weg, um ſich diejenigen Mittheilungen zu machen, nach welchen ihre Herzen ſo ſehr dürſteten? War nicht Alfred Belgiojoſo in Rom,— er, für den Arthur Stanton ſeine Wunde erhalten hatte? Allerdings lief der junge Mann nicht geringe Gefahr, wenn die Regierung ſeiner habhaft werden ſollte, denn ſie wäre im Stande geweſen, ihn an die Oeſtreicher, die einen Preis auf ſeinen Kopf geſetzt hatten, auszuliefern; allein wer mochte ihn denn erkennen, wenn er in ſeinen Mantel ver⸗ hüllt bei dunkler Nacht zu ſeinem verwundeten Freunde ſchlich, um ein paar Stunden in traulichem Geplauder mit ihm zu verkehren? So vergingen vierzehn Tage oder mehr, und Arthur ſah ſich bereits wieder im Stande, einige Stun⸗ den außerhalb des Bettes zuzubringen, da wurde eines Abends— es war in der Nacht vom zweiten auf den drit⸗ ten Februar— durch drei Schläge an die Hausthüre das gewohnte Zeichen gegeben, daß Alfred Belgiojoſo Einlaß begehre. Auf einen Wink Arthurs eilte alſo Duffy, der getreue Krankenwärter, hinab, um den Freund ſeines Herrn einzulaſſen; doch diesmal käm dieſer nicht allein, ſondern brachte noch einen Zweiten mit, welcher ſich den Hut faſt noch tiefer in's Geſicht, gedrückt hatte, als Alfred ſelbſt. Einen Augenblick zauderte der ehrliche Diener, ob er die⸗ ſem Zweiten ohne Weiteres Zutritt gewähren ſolle, aber im nächſten Momente ſchon überflog ein Lächeln ſein Ge⸗ ſicht, und er eilte den beiden Beſuchern voraus, um ſie ſeinem Herrn anzumelden. „Seine Hoheit der Prinz Louis Napoleon,“ ſagte er, Feierſtunden. 1864. —— 1* K 2 —————.— „Pah,“ entgegnete dieſer,„laſſen wir alle Ceremonien und empfangen Sie mich als Ihren guten Freund, der im höchſten Gvade Antheil an Ihnen nimmt. Im Uebrigen muß ich Ihnen jetzt ſchon bemerken, daß mein Beſuch nicht ſo ganz uneigennütziger Natur iſt, als er vielleicht ausſieht, und Sie werden dies aus dem Verlaufe unſerer Unterhal⸗ tung bald genug erſehen.“ Mit dieſen Worten nahm er ſich einen Stuhl und machte es ſich ſo bequem, als wäre er ſchon Jahre lang gewohnt, hier aus- und einzugehen. Auch Alfred Belgio⸗ joſo that deßgleichen und bald ſaßen die drei jungen Män⸗ ner traulich genug bei einander. „Theurer Arthur,“ begann Alfred Belgiojoſo nach einer Weile,„warum ſoll ich lange mit der Wahrheit hinter dem Berge halten? Ich bin mit dem Prinzen gekommen, von dir Abſchied zu nehmen, denn wir werden heute Nacht noch nach Bologna abreiſen.“ „Und dies iſt dein Ernſt, Alfred?“ rief Arthur ziem⸗ lich ungeſtüm, denn er gab ſich gar keine Mühe, ſein Er— ſtaunen zu verbergen.„Von dieſer ſchnellen Wendung der Dinge ließeſt du ja geſtern noch keine Silbe verlauten!“ „Wir Alle wußten geſtern noch nichts davon,“ entgeg⸗ nete Alfred;„allein nunmehr iſt die Erhebung auf den vierten feſtgeſetzt, und unſere Gegenwart in Bologna iſt alſo natürlich unumgänglich nothwendig.“ „Welche Uebereilung,“ rief Arthur noch ungeſtümer, als zuvor.„Eine Revolution dieſer Art macht man nicht über Nacht.“ „Mein junger Freund,“ nahm nun Louis Napoleon, der bisher ganz unbefangen und gleichgültig den Rauch ſei⸗ ner Cigarre in dichten Wolken von ſich geblaſen hatte, das Wort;„mein junger Freund, Sie erinnern ſich ohne Zwei⸗ fel noch eines gewiſſen Carlo Cialdini, der vor jetzt noch nicht ganz drei Wochen aus Rom verſchwunden iſt, man weiß nicht wohin?“ „Gewiß thue ich das,“ verſetzte Arthur Stanton, un⸗ willkürlich zuſammenſchaudernd. „Nun gut, mein Freund,“ fuhr der Prinz mit der größten Gelaſſenheit fort;„glauben Sie, daß es etwa nur Einen Carlo Cialdini in der Welt gebe? O nein, ſon⸗ dern es giht deren noch verſchiedene, und zwar ſowohl hier, als in Modena, in Florenz und anderswo. Warum auch nicht? Mit Gold in der Hand und Ehrenſtellen in Aus⸗ ſicht kann man die halbe Welt zum Verrath bringen. Alſo an Carlo Cialdini's mangelt es nicht unter uns, und dieſe haben geplaudert, das iſt Alles.“ „Du ſiehſt, wir müſſen den Maßregeln, welche die Regierung ergreifen wird, zuvorkommen,“ ſetzte Alfred Belgiojoſo hinzu. „Aber,“ meinte Arthur kopfſchüttelnd, denn er war durch dieſe Antworten keineswegs befriedigt,„woher wißt die Thüre weit aufreißend,„und der Herr Graf Alfred ihr denn, daß die Regierung von eurem Vorhaben unter⸗ Belgiojoſo.“ „Beim Himmel,“ rief nun Prinz Napoleon— denn er war es wirklich— indem er unmittelbar hinter dem Diener in's Zimmer trat,„Ihr Burſche hat gute ſchen, die wirr beſſer vor ihr verbergen ſollten. geht es Ihnen, Sir Arthur? bereits wieder das Krankenlager verlaſſen haben.“ „Mein Prinz,“ erwiederte Arthur, den jungen Napo⸗ richtet iſt? Es iſt vielleicht bloſe Vermuthung und....“ V„Pah,“ unterbrach ihn Louis Napoleon, Ciro Me⸗ notti, der Polizeipräfekt des Herzogs von Modena verließ er in Augen mich vor noch nicht zwei Stunden, und gab die genaueſten und ich bin froh, daß er nicht bei der hieſigen Hermandad angeſtellt iſt, denn ſonſt würde er manche Dinge ausfor⸗ Belege über Alles in meine Hände. Jeder Zweifel wäre alſo die vollkommenſte Thorheit, und wenn wir nicht los⸗ Doch wie ſchlagen, ei nun, dann thun dies die Andern, nämlich Wie ich ſehe gut, da Sie die Tyrannen dieſes Landes. Vorwärts heißt die Loſung, oder man faßt uns wie wehrloſe Schafe ab!“ „Sie mögen recht haben, mein Prinz, erwiederte Ar⸗ leon nicht ohnte einige Verwunderung betrachtend,„ich war thur nach einigem Ueberlegen;„aber hoffen Sie denn, un⸗ auf die EheraIhres Beſuchs nicht vorbereitet, ſonſt....“ vorbereitet, wie Sie ſind, den Sieg erringen zu können? 19* 148 Feierſtunden. 1864. ————;———————— ——;———— Die beſtehenden Regierungen haben Truppen und Geld. des Bürgerkönigs, betrifft, ſo möchte ich mich auf ſie am Sie beſitzen überdem Feſtungen und gebieten noch über eine allerwenigſten verlaſſen.“ Menge anderer Mittel. Was wollen Sie ihnen entgegen⸗„Ich weiß es, ich weiß es,“ rief Louis Napoleon, ſetzen?“ indem er abermals heftig aufſprang.„Seine Krämerſeele „Was ich ihnen entgegenſetzen will?“ rief Louis Na⸗ iſt unfähig, einen kühnen und großartigen Entſchluß zu poleon aufſpringend und mit langen Schritten das Zim- faſſen, und darum baue ich auch nicht auf ihn, ſondern mer meſſend.„Das Voll will ich ihnen entgegenſetzen, auf den Geiſt des franzöſiſchen Volkes, ſowie auf den und damit iſt Alles geſagt. Wen haben dieſe Duodez⸗ Mann, der gegenwärtig an der Spitze der Regierung ſteht. potentaten für ſich? Das feige Corps der Hofſchranzen Jaques Lafitte wird ſein Wort nimmermehr brechen, und und einige Regimenter gemietheter Soldaten. Wen haben mein Freund Ney, ſein Tochtermann, ſchreibt mir.. ſie gegen ſich? Die ganze große Klaſſe der Gebildeten Doch,“ unterbrach er ſich plötzlich, und ſeine Stimme wurde und eine Menge der beſſeren Bürger. Nicht zu rechnen iſt nun ſo weich, wie man es ihm kaum zugetraut hätte,„die der niedere Plebs, denn dieſer jubelt bald dieſem, bald Möglichkeit iſt immer vorhanden, daß die Würfel gegen jenem zu, je nachdem Einer den Ton angibt. Was wird uns fallen und— und ich habe eine Mutter, Sir Arthur alſo das Reſultat ſein? Ich ſage Ihnen kein ande⸗ Stanton, eine Mutter, die ich über Alles liebe. Wenn res, als daß die ſämmtlichen in Italien beſtehen⸗ nun aber das Geſchick ſich gegen uns entſchiede, Sir Ar⸗ den Regierungsgebäude beim erſten Trompeten-ſthur, darf ich dann auf Sie rechnen? Sie ſind ein Mann ſchall der Revolution zuſammenſtürzen, wie von hochangeſehener Familie, und ich weiß, daß der eng⸗ ein aus Kartenpapier ausgeführtes Haus.“ liſche Geſandte angewieſen iſt, in Allem und Jeglichem „Aber,“ warf Arthur ein,„warum konnten ſich, ſeinen ganzen Einfluß für Sie geltend zu machen. Wollen wenn ſich Alles ſo verhält, wie Sie ſagen, dieſe Regenten Sie mir nun verſprechen, im Fall eines Unglücks meiner ſo lange halten?“ Mutter beizuſtehen? Der Gedanke, ſie in mein Schickſal „Warum?“ entgegnete der Prinz in einem weit hef⸗ verflochten zu wiſſen, zerreißt mir das Herz, aber wenn tigeren Tone, als man an ihm ſonſt gewohnt war.„Wa⸗ ich weiß, daß durch Sie der ſtarke Arm Englands über rum? Nun darüber wird kein Politiker im Zweifel ſein. ihr wacht, dann gehe ich getroſt Allem entgegen. Sie All' dieſe Regenten mit ſammt Seiner Heiligkeit dem Pabſte ſehen,“ ſetzte er mit einem ſchwachen Lächeln hinzu,„daß ſtützten ſich auf die öſtreichiſchen Bajonette. Durch dieſe ich in der That nicht mit uneigennützigen Abſichten zu allein wurden ſie erhalten, denn beim geringſten Anlaß, Ihnen gekommen bin.“ ja wenn nur der Verdacht eines Grundes zur Furcht da„Mein Prinz,“ erwiederte Arthur Stanton, demſel⸗ war, ſandte Oeſtreich ſeine Regimenter zu Hülfe, und einer ben ſeine Rechte darreichend,„glauben Sie, ich habe die ſolchen Macht natürlich waren die Italiener nicht gewach⸗ Casa inglese vergeſſen?“ ſen. O wie ich es haſſe,“ fuhr er mit grenzenloſer Bit⸗ Sie drückten ſich die Hand, und kein Wort weiter terkeit fort,„wie gründlich ich es haſſe, dieſes Oeſtreich, wurde gewechſelt. Nun trat aber auch Alfred Belgiojoſo das ſchon der Untergang meines großen Oheims war! Bei hinzu. der Ewigkeit, zehn Jahre meines Lebens wollte ich darum„Mein Bruder,“ ſagte er, dem jungen Engländer geben, wenn ich es nur ein einziges Mal gedemüthigt ſehen ebenfalls die Hand bietend,„ſollte mir begegnen, was könnte! Doch,“ ſprach er gleich darauf, ſich gewaltſam zu⸗ jedem Sterblichen einmal begegnen muß, ſo weiß ich, daß ſammennehmend, in gemäßigterem Tone weiter,„diesmal Felicitas Belgiojoſo einen Beſchützer hat.“ darf ſich die ſchwarzgelbe Fahne nicht darein miſchen, und„Für's Leben,“ rief Arthur Stanton,„falls deine wir werden alſo ſchnell mit unſeren Fürſten fertig ſein. Mutter ihren Segen dazu gibt.“. Das ſtolze Albion hat das Wort„Nichtintervention“ aus⸗ So ſchieden ſie, und den andern Tag ſprach man in geſprochen und Frankreich hat es adoptirt. Lafitte, der ganz Rom von nichts Anderem, als daß ein großer Theil Premierminiſter Louis Philipps, ließ dem Grafen Pepoli des vornehmſten Adels, worunter Graf Pepoli und die durch einen geheimen Agenten zu wiſſen thun, daß dem beiden jungen Bonaparte, die„Stadt urplötzlich in der erſten öſtreichiſchen Soldaten, der in Mittelitalien einſchreite, Nacht verlaſſen habe. Wohin ſie Fegangen, wußte Niemand eine franzöſiſche Armee auf dem Fuße folgen würde, und ſzu ſagen, aber die Aufregung wax eine ungeheure, denn einen Krieg mit Frankreich, auf deſſen Seite England ſtände, man erwartete nun allgemein, daß jenes ſchon ſo lange vor⸗ wagt Fürſt Metternich nicht.“ hergeſehene„Etwas“, von dem wir oben geſprochen haben, „Noch mehr,“ ſetzte Alfred Belgiojoſo hinzu, als hier ſofort nothwendigerweiſe eintreten müſſſe.. Louis Napoleon plötzlich inne hielt,„noch mehr als dies Und es trat auch wirklich ein, dießes von Vielen ge⸗ Die franzöſiſche Regierung hindert nicht blos das denenin, fnan⸗ von weit Mehreren aber ſinlich herbeigewünſchte ten Oeſtreichs, ſondern ſie unterſtützt uns ſogar thatkräftig,„Etwas“, und zwar weit ſchneller, als mnan es nur für denn es ſind bereits zehntauſend Gewehre für uns in Mar⸗ möglich gehalten hätte! Am dritten Februfar 1831, d. i. ſeille eingeſchifft, und ſogar einige Batterien wurden uns am Morgen nach dem nüächtlichen Verſchwänden ſo vieler zugeſagt. Zweifelſt du nun noch an dem Gelingen unſerer hochanſehnlichen Herren aus Rom ließ deer Herzog von Sache?“. Modena, Franz IV., der ſo lange Zeit unit den Häup⸗ „Meine Wünſche ſind mit euch,“ erwiederte Arthur tern der Freiſinnigen unter einer Decke ge rielt hatte, um Stanton mit Wärme;„dies iſt dir längſt zur Genüge be⸗ von ihnen die Krone über Mittelitalien zu erhalten, plötz⸗ kannt, und wenn mein ſteifer Arm es zuließe, ſo follte lich, nachdem ihn Briefe aus Wien über doys Chimäriſche mich nichts abhalten, euch in den Kampf zu begleiten; aber ſeiner Träume aufgeklärt hatten, unter den zätalieniſch Ge⸗ glaube mir, und auch Ihnen, mein Prinz, wage ich dies ſinnten Verhaftungen vornehmen, und in daher Nacht vom entgegenzuhalten, meine eigene Regierung wird das Schwert dritten auf den vierten antwortete die liberalre Partei unter nicht ziehen, falls Oeſtreich das Nichtinterventionsprinzip Anführung Ciro Menottis mit einem Aufſtoande. Es wa⸗ nicht achtete, und was die Verſicherungen Louis Philipps, ren im höchſten Falle hundert Männer, die heerch gegen den F̃e. ꝑ hetzog nenter lucht ſch alle ſi u Mühele ſen O ſo übe Perſor floh a age die R ſten am t auf den ung ſteht. hen, und nir.. me wurde ätte,„die fel gegen n Mann der eng⸗ eglichem Wollen 8 mewer Schickſal er wenn ds über n. Sie u,„daß zten zu demſel⸗ habe die t weiter lgiojoſo ngländer , was ich, daß 6 deine nan in — Theil nd die in der tiemand , denn ge vor⸗ haben, Feierſtunden. 1864. ——:-—y——ry—————n—n—— ———————; Herzog zuſammenthaten, und der Letztere beſaß zwei Regi⸗ menter wohl exercirter Soldaten; aber das Reſultat war „Flucht des Herzogs auf öſtreichiſches Gebiet“, woſelbſt er ſich allein ſicher wußte. Ganz daſſelbe Reſultat hatte der faſt zu gleicher Zeit in Parma ausgebrochene Aufſtand. Mühelos entwaffnete man das Militär, und nachdem deſ⸗ ſen Oberkommandant, der bei der Herzogin Marie Luiſe ſo überaus wohl angeſchriebene Oberſt Werklein ſeine theure Perſon ebenfalls auf öſtreichiſches Gebtet ſalvirt hatte, ent⸗ floh auch die beſagte Regentin, ohne daß ſich nur eine ein⸗ Noch ſchneller faſt ſiegte zige Hand für ſie erhoben hätte. die Revolution in Bologna, nach Rom der größten, reich⸗ ſten und bedeutendſten Stadt des Kirchenſtaates. Schon am vierten Februar nämlich, als kaum der Tag graute, ſſſſſ 9 1 fehlshaber dieſer neuzubildenden Armee ernannt hatte, er⸗ klärte ſofort„die Regierung des Pabſtes über Bologna, Stadt und Provinz, für immer und ewig abgeſchafft“, und forderte zugleich die übrigen Provinzen des Kirchenſtaates zum ſchleunigſten Beitritt auf. Natürlich durchlief die Nachricht von dieſen Vorfällen mit Blitzesſchnelle ſowohl die Legationen, als die Marken und Umbrien, und all⸗ überall fiel das Kartenhaus der Prieſterherrſchaft zuſammen, als wäre es von den Poſaunen von Jericho umgeblaſen. Nirgends ſetzten die päbſtlichen Truppen dem Aufſtande ernſtlichen Widerſtand entgegen, und davon war noch viel weniger die Rede, daß aus dem Landvolk oder den ſtädti⸗ ſchen Bürgern auch nur Eine Stimme ſich für die be⸗ ſtehende Ordnung der Dinge erhoben hätte. Im Gegen⸗ theil— allüberall jubelte man über das endliche Aufhören ſch, dun 2 7 B44 a- (Zu Seite 152.) zogen bewaffnete Studenten,„angeführt von Männern, die aus Rom herbeigekommen waren,“ vor den Palaſt des Prolegaten, des regierenden Stellvertreters des Pabſtes, ihn auffordernd, ſeine Macht in die Hände der Bürger nieder⸗ zulegen, und am Mittag beſtand ſchon eine proviſoriſche Regierung, gebildet aus den hervorragenderen Liberalen, mit Giovanni Vicini an der Spitze. Nun riß man allüberall die päbſtlichen Wappen ab, und pflanzte die italieniſche Tricolore auf, die tauſend päbſtlichen Soldaten aber, die in der Stadt campirten, gingen mit ihren Offizieren zur revolutionären Partei über. Damit war es aber noch nicht genug, ſondern die proviſoriſche Regierung, nachdem ſie alle Männer vom achtzehnten bis fünfzigſten Jahre unter die Waffen gerufen und den Grafen Sercognani zum Be⸗ des ſo tief verhaßten päbſtlichen Regiments, ſo daß man eher hätte glauben können, es werde ein großes national⸗ patriotiſches Feſt begangen, als man mache eine Revolu⸗ tion, und die proviſoriſchen Regierungen, zuſammengeſetzt aus Adel, Advokaten, Aerzten, Beamten, entſtanden ſo zu ſagen über Nacht. Nur allein in den feſten Städten Pe⸗ rugia und Ancona, wo größere päbſtliche Beſatzungen lagen, ſchien im Anfang einiger Widerſtand ſtattfinden zu wollen, allein kaum rückte Sereognani mit ſeinem kleinen Heere heran, ſo übergaben die beiden Feſtungskommandanten die Schlüſſel, und auch hier wurde„die vollkommenſte Be⸗ freiung von der weltlichen Herrſchaft der Päbſte“ dekretirt. (Kurz Louis Napoleon Bonaparte hatte vollſtändig recht ge⸗ habt, als er erklärte, daß die ſämmtlichen in Mit⸗ telitalien beſtehenden Regierungsgebäude beim 8* 150 Feierſtunden. 1864. —————:õsn—-õry—nry————————:—§ℳ——ͤ——ͤ—; erſten Trompetenſchall der Revolution zuſam⸗ ſuch dem Hauſe der Gräfin Belgiojoſo, und ebenſo ſelbſt⸗ menſtürzen würden, wie ein aus Kartenpapier verſtändlich iſt, daß er von nun an alle Abende dort zu⸗ aufgeführtes Haus. brachte. Uebrigens müſſen wir, um der Wahrheit die Ehre Während dies in Mittelitalien und dem Kirchenſtaate zu geben, hinzuſetzen, daß er nicht ſo ſelbſtſüchtig dachte, vorging, verlebten die Bewohner Roms gar außerordentliche ſich an dieſen Abenden nur allein der Geliebten zu widmen, Tage der Aufregung. Dort war nämlich nach dem Tode ſondern daß er ſich vielmehr faſt mehr um die Mutter zu Pabſt Pius des Achten am 2. Febr. 1831 der Camaldu⸗ kümmern ſchien, als um die Tochter. Die arme Gräfin lenſergeneral Capellari, der ſofort den Titel Gregor XVI. Belgiojoſo, die ihren noch einzigen Sohn tagtäglich den annahm, zum Pabſte erwählt worden, und dieſer inſtallirte Gefahren des Todes ausgeſetzt ſah, bedurfte ja des Troſtes den klugen Kardinal Bernetti zu ſeinem Staatsſekretär oder ſo ſehr, und es fiel ihr jedesmal ein Stein vom Herzen, Premierminiſter. Sobald nun der Letztere über das, was wenn ſich Arthur Stanton, der ſich immer auf genaue in Bologna vorging, Nachricht erhalten hatte, befürchtete Kundſchaft von Allem, was in der Provinz vorging, legte, er natürlich alsbald auch einen Aufſtand in Rom, und melden ließ, um ihr die neueſten Nachrichten mitzutheilen. ſuchte ſofort dieſem unter allen Umſtänden zuvorzukommen. Waren ja doch dieſe Nachrichten meiſt nur erfreulicher Na⸗ Er ſetzte alſo augenblicklich die Zölle auf den möglichſt tur, weil, wie wir oben geſehen, Alles im Anfang zu niedrigen Fuß und ſchaffte die beim niederen Volk ſo über⸗ Gunſten der Rebellion ausfiel, und wer wird es nun einem aus verhaßte Salz- und Mehlſteuer ganz ab, um ſich we- Mutterherzen verargen können, wenn nach und nach die nigſtens bei dieſer Klaſſe der Einwohnerſchaft eine Partei Hoffnung in daſſelbe einzog, daß das Endreſultat nothwen⸗ zu ſchaffen, da die beſſeren Bürger, wie er wohl wußte, dig ein glückliches ſein müſſe? ja wenn ſie ſich ſogar ſelbſt unmöglich zu gewinnen waren. Dieſer jeſuitiſche Meiſter⸗ zu überreden ſuchte, Arthur Stanton könne unmöglich je ſtreich(wir nennen ihn ſo, weil nach Beſiegung der revo⸗ von einem Mißgeſchick zu berichten haben? Aber freilich— lutionären Bewegung alle Steuern und Zölle wieder in beim geringſten Anlaß kamen wieder die Zweifel, und dann der alten Weiſe hergeſtellt wurden) gelang vollkommen, und ſtellte ſie ſich gleich Alles weit ſchlimmer vor, als es in die beiden großen Stadtbezirke Traſtevera und Borgo, welche Wirklichkeit war. hauptſächlich von„Menſchen des geringſten Schlags“ bevöl⸗ kert ſind, enthuſiasmirten ſich förmlich für Gregor XVI. Bernetti ging nun noch weiter und warb zu dem hohen Solde von täglichen fünfundzwanzig Bajocchi(37 Kreu⸗ zern— für Rom etwas Unerhörtes) Freiwillige für die ſogenannte reguläre Armee, ein Korps von nur wenigen hundert Mann, das aber von dem energiſchen Bentivoglio befehligt wurde. Ja es bewaffnete ſogar den Plebs ſelbſt, um gegen alle Revolutionsluſtige die Schreckensherrſchaft des Pöbels geltend zu machen, und dachte nicht daran ein⸗ zuſchreiten, wenn fanatiſche Rotten irgend einen ihnen miß⸗ liebigen Reichen mißhandelten oder gar ſein Haus plünder⸗ ten. Auf dieſe Art gelang es ihm, den Plan der Inſur⸗ rektionsfreunde, während des Carnevals am 12. Februar ſich des Capitols und der Engelsburg zu bemächtigen, mit Waffengewalt zu nichte zu machen und Rom dem Pabſte wenigſtens für den nächſten Augenblick zu erhalten, aber über die ewige Stadt hinaus erſtreckte ſich ſeine Herrſchaft nicht(denn ſchon in Civita Caſtellana ſtanden die Vorpoſten des Inſurgentengenerals Sercognani), und noch weniger war daran zu denken, daß er je im Stande ſein werde, die abgefallenen neun Zehntheile des Kirchenſtaats mit eigener Kraft ſich wieder zu unterwerfen. Im Gegentheil konnte jeder Vernünftige vorausſehen, daß der Tag nicht ferne ſei, an welchem ſich die auf einander eiferſüchtigen Pöbelhaufen der Traſteveriner und Monticianer ſelbſt in die Haare ge⸗ rathen müßten, und dann natürlich gewannen die gebildeten Klaſſen die Oberhand oder, was daſſelbe war, dann hatte es mit der Herrſchaft des Pabſtes auch in Rom ein Ende. So ſtanden die Verhältniſſe in Rom während des gan⸗ zen Monats Februar, ſowie noch zu Anfang des Monats März, und da wir nun den Leſer wenigſtens inſoweit mit ihnen bekannt gemacht haben, daß er das Nachfolgende ver⸗ Eines Abends nun— es war am 5. März 1831— ſaßen beide Frauen, Mutter und Tochter, wie gewöhnlich in ihrem Arbeitszimmer, in welchem ſie nur die vertrau⸗ teſten Freunde und Freundinnen zu empfangen pflegten, und harrten des Beſuchs Arthur Stantons, der ſich um dieſe Zeit faſt regelmäßig einzuſtellen gewohnt war. Doch diesmal verging Viertelſtunde um Viertelſtunde, und der Erſehnte kam immer noch nicht. „Was ihn nur abgehalten haben mag?“ ſeufzte Feli⸗ citas, die ihre Unruhe kaum mehr zu bemeiſtern vermochte. „Sicherlich doch nichts Schlimmes!“ erwiederte die Mutter, deren feinem Gehör die Worte, ſo leiſe ſie auch geflüſtert wurden, doch nicht entgingen.„Oder meinſt du,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe mit ſichtlich zitternder Stimme hinzu,„er könnte eine Nachricht erhalten haben, die er uns nicht mittheilen wollte?“ In dieſem Augenblicke pochte es laut an der wohlver⸗ ſchloſſenen Eingangsthüre des Hauſes, und die beiden Frauen ſprangen erfreut auf. Nunmehr ſollte ja, wie ſie zuverſichtlich hofften, die Ungewißheit ein Ende nehmen, denn wer konnte der ſpäte Beſuch anderes ſein, als nur allein Arthur Stanton? Gleich darauf trat auch die Kam⸗ merfrau der Gräfin ein, um die übliche Meldung zu machen, allein nicht Er, der Erwartete, war es, den ſie anſagte, ſondern die Gräfin von St. Leu, oder die Königin Hor⸗ tenſe, wie ſie ſich lieber nennen ließ. „Die Gräfin von St. Leu?“ rief die Gräfin Bel⸗ giojoſo im höchſten Grade erſtaunt.„Was kann ſie zu ſo ungewöhnlicher Stunde in mein Haus führen? Doch gleichviel, geleite Ihre Majeſtät in den Empfangsſalon, und ſage ihr, daß ich ſogleich dort ſein werde.“. V Der Befehl wurde jedoch nicht ausgeführt, denn wäh⸗ rend ſie noch ſprach, öffnete ſich leiſe die Thüre, und ohne irgend welche Begleitung trat die genannte Dame ein. ſtehen kann, ſo kehren wir wieder zu dem faſt ſchon zu Verzeihen Sie mir,“ ſprach die erlauchte Frau, deren lange verlaſſenen Helden unſerer Erzählung, d. i. zu Ar⸗ außerordentlich blaſſe Wangen von einer tiefen Gemüths⸗ thur Stanton zurück. Er hatte ſich faſt gänzlich wieder bewegung zeugten,„verzeihen Sie mir, daß ich mich auf erholt, und außerdem, daß er den Arm noch in einer dieſe Art und zu dieſer Zeit bei Ihnen eindränge, aber ein Schlinge tragen mußte, waren alle Spuren ſeiner ſchweren ſchwer beſorgtes Mutterherz kennt keine der gewöhnlichen Verwundung verſchwunden. Natürlich galt ſein erſter Be⸗ Rückſichten.“ Sie lhne hal zeilte ſie ade jetzt lber ich inen M Sohnes länder, meiner 5 1. vorſicht ſchlimn Schrech meines erröthen und ſich Si einen ſe Arthur vollſtär wäre, der d diger Bekaun gelobt aur ale ohne; eifrige bild d jetzth einen — ſelbſt⸗ ort zu⸗ ie Chre dachte, vdidmen, ltter zu Grüfin ich den Troſtes Herzen, genaue legte, theilen. her Na⸗ ang zu einem ach die thwen⸗ ſelbſt dich je nch— d dann 3 es in 831— öhnlich ertrau⸗ legten, ch um Doch und der te Feli⸗ rmochte. erte die ſie auch nſt du,“ Stimme die er ohlver⸗ beiden wie ſie nehmen, als nur e Kam⸗ machen, nſagte, 1 Hor⸗ in Bel⸗ ie zu Do⸗ gsſalon, un wüh⸗ ind ohne ein. deren emüths⸗ iich auf aber ein hulichen — Sie war ſo erſchöpft, daß ſie ſich an einer Stuhl⸗ lehne halten mußte, um nicht umzuſinken, und Felicitas beeilte ſich, ſie zu einem Sitze zu führen. „O dieſe Schwäche,“ hauchte die Königin,„und ge⸗ rade jetzt, wo nur allein entſchiedenes Handeln helfen kann! Aber ich glaubte,“ fuhr ſie etwas gefaßter fort,„daß ich einen Mann hier treffen würde, einen Bekannten meines Sohnes, einen Freund Ihres Bruders, jenen jungen Eng⸗ länder, von dem man glaubt... o Gott, ich weiß in meiner Herzensangſt nicht, was ich ſage.“ „Majeſtät,“ flüſterte Felicitas,„ich flehe Sie an, vorſichtig in Ihren Aeußerungen zu ſein, denn wenn Sie ſchlimme Nachrichten von Bologna haben, ſo könnte der Schrecken meine Mutter tödten. Was aber den Freund meines Bruders, Sir Arthur Stanton, betrifft,“ ſetzte ſie erröthend hinzu,„ſo erwarten wir ihn ſelbſt ſehnſüchtig, und ſicherlich wird er keine Minute länger ausbleiben.“ Sie hatte wahr geſprochen, denn eben jetzt hörte man einen ſchnellen, elaſtiſchen Tritt, und gleich darauf trat Arthur Stanton ein. Eigenthümlicherweiſe jedoch kam er vollſtändig geſtiefelt und geſpornt, als ob er im Begriffe wäre, eine Reiſe zu unternehmen. „Sir Arthur Stanton,“ ſagte Felicitas, ihren Freund der Königin vorſtellend. „O wir kennen uns,“ rief dieſe eifrig, wie von freu⸗ diger Hoffnung beſeelt;„wir kennen uns, wenn unſere Bekanntſchaft auch nur eine vorübergehende war. Doch gelobt ſei Gott, daß Sie kommen, Herr Stanton, denn nur allein Ihretwegen bin ich hierher geeilt. Es iſt Ihnen ohne Zweifel bekannt, Herr Stanton,“ fuhr ſie immer eifriger fort,„daß kein Bewohner dieſer Stadt das Weich⸗ bild derſelben verlaſſen darf ohne einen Erlaubnißſchein der jetzt herrſchenden Partei. Ja daß ſogar diejenigen, welche einen ſolchen Schein haben, auf's Genaueſte unterſucht werden, ob ſie nichts Verdächtiges, insbeſondere keine Brief⸗ ſchaften, bei ſich tragen. Es geſchieht dies, um jeden Ver⸗ kehr mit der neuen Regierung, mit den Revolutionären, wie ſie hier ſagen, unmöglich zu machen.“ „Ich weiß es,“ entgegnete Arthur Stanton, als die Königin hier eine Pauſe machte. „Am ſcrupulöſeſten,“ fuhr dieſe, nachdem ſie ſich etwas geſammelt, fort,„am ſcrupulöſeſten werden meine Leute überwacht, und erſt heute wurde eine meiner Kammerfrauen, als ſie, um die Wachſamkeit der dort aufgeſtellten Mann⸗ ſchaft zu ſondiren, das Thor del Popolo paſſiren wollte, mit einer Brutalität behandelt, die unerhört iſt. Ja ich ſelbſt würde daſſelbe Schickſal erfahren, wenn ich es wagte, über die Mauern Roms hinauszugehen, und doch— und doch,“ ſetzte ſie mit bebender Stimme hinzu,„hängt Leben und Tod davon ab, daß ich meinen Söhnen Nachrichten, die ich heute empfangen, zukommen laſſe.“ Ein lauter Schrei antwortete ihr. Er kam von der Gräfin Belgiojoſo, welche über dieſe Worte wie geknickt in den Seſſel ſank. Sowohl Felicitas als Arthur Stanton ſprangen ihr hülfreich bei und ſuchten ſie wieder aufzu⸗ richten. „Ich war zu vorſchnell,“ ſagte jetzt die Königin Hor— tenſe, ebenfalls theilnahmsvoll herzutretend,„und gebe Ihnen die Verſicherung, daß von Gefahr für den Augen⸗ blick keine Rede iſt. Noch ſind die Waffen der Italiener ſiegreich und die ſämmtlichen aufgeſtandenen Provinzen haben ſich zu einem einzigen Staate, zu einer einzigen Regierung vereinigt. Aber aus einer Quelle, die ich zwar nicht nen⸗ nen darf, die jedoch vollkommen ſicher iſt, habe ich erfah⸗ Feierſtunden. 1864. 151 ren, daß eine große Heeresmacht der Oeſtreicher im An⸗ marſch gegen den Kirchenſtaat die modeneſiſchen Grenzen bereits überſchritten hat, und dieſer Gewalt kann das kleine Volksheer natürlich keinen ſiegreichen Widerſtand ent⸗ gegenſetzen.“ „Die Frau Gräfin von St. Leu,“ entgegnete Arthur Stanton, als erſtere einen Augenblick inne hielt, um ſich zu ſammeln,„die Frau Gräfin von St. Leu iſt vollkom⸗ men der Wahrheit gemäß berichtet worden. Oeſtreich läßt marſchiren und Frankreich legt die Hände in den Schooß.“ „Und meine Söhne ſind verloren,“ rief die Königin ſchluchzend, denn ſie konnte ihrer Thränen nicht mehr Herr werden.„Ja verloren ſind ſie, wenn ich keinen Boten an ſie bekomme. Entweder fallen ſie in der Schlacht oder werden ſie von den Oeſtreichern gefangen, und was dann ihr Loos iſt— ich ſchaudere, das Wort auszuſprechen. Mein Gott, mein Gott, wer wird mir in dieſer großen Noth beiſtehen?“ Sie bedeckte das Geſicht mit beiden Händen und weinte laut und heftig. „Madame,I“ ſagte jetzt Arthur Stanton in feierlichem Tone,„der Retter in dieſer Noth will ich ſein. Ich werde in's Lager der Aufſtändiſchen eilen und ſie benachrichtigen, daß die Oeſtreicher im Anzuge ſind.“ „Sie wollten dies thun?“ rief die Königin zu neuem Leben erwachend.„O dann iſt noch nicht Alles verloren, denn einem Engländer Ihres Ranges werden die päbſtlichen Behörden kein Hinderniß in den Weg legen. Hin, hin, Sir Arthur, nehmen Sie. Es ſind die Briefe, welche ich auf geheimem Wege empfangen habe, und in dieſen Brie⸗ fen ſind die Belege für den Einmarſch der Oeſtreicher ent⸗ halten. Und hier iſt noch einer, deſſen Inhalt ich nicht kenne, da er in Chiffernſchrift geſchrieben iſt; allein für meinen Sohn Louis wird er von beſonderer Wichtigkeit ſein, denn er kommt von Paris. Nehmen Sie und eilen Sie, damit Sie nicht zu ſpät kommen. Glauben Sie bis Mor⸗ gen Ihre Abreiſe möglich machen zu können, und— und werden Sie mir wohl erlauben, da Sie ſich dieſer außer⸗ ordentlichen Reiſe nur in meinem Auftrage und zu meinem und meiner Söhne Beſtem unterziehen....?“ Sie ſchwieg in tiefer Verlegenheit, denn offenbar hatte ſie die Abſicht, von Geldmitteln zu der Reiſe zu ſprechen. „Ob ich meine Abreiſe bis Morgen möglich machen könne, fragen Sie?“ entgegnete Arthur Stanton ſich ſtolz aufrichtend.„Mein Diener hält unten mit zwei Reitpfer⸗ den, und in fünf Minuten bin ich auf dem Wege. Glau⸗ ben Sie aber nicht, Madame, daß ich nur allein Ihret⸗ und Ihrer Söhne wegen dieſe Reiſe unternehme, denn dem iſt durchaus nicht ſo; ſondern als mich vor noch jetzt kei⸗ ner Stunde der Geſandte meiner Nation, der meine Ver⸗ hältniſſe und Neigungen genau kennt, davon benachrichtigte, daß der Aufſtand von Oeſtreich unterdrückt werden würde, ohne daß man auf die Proteſtation Frankreichs achtete, da war mein erſter Gedanke Alfred Belgiojoſo. Ihn mußt du retten um jeden Preis, ſagte ich zu mir ſelbſt, und ließ mir ſofapt von unſerem Geſandten einen Paß geben, den man hoffentlich reſpektiren wird. Zu gleicher Zeit ge⸗ dachte ich der vielen hundert edlen jungen Männer, welche ſich der Sache der Freiheit gewidmet haben, und auch Ihrer Söhne gedachte ich, Madame, ſowie des Schmerzes der vielen bekümmerten Mutterherzen. Darum eilte ich ſofort nach Hauſe, um mich alſobald reiſefertig zu machen, und ich wäre alſo abgereist auch ohne Ihre Dazwiſchenkunft, Frau Gräfin von St. Leu. Nun ich aber die mir von 152 ——;—;—::::¶ʒ⁊ͥ—ꝛt¶ä¶Um——————-— Ihnen übergebenen Briefe in der Taſche habe, hoffe ich mengewürfelten Maſſe das Feierſtunden. 1864. ———; Weite ſuchen müſſen; allein,“ um ſo zuverſichtlicher mit meiner Warnung durchzudringen.“ ſetzte er gleich darauf in ſeinem Innern hinzu,„wie wenig Er wandte ſich ab von der Königin und eilte auf die wird es dieſem Haufen möglich ſein, gegen die wohldisci⸗ Gräfin Belgiojoſo zu, welche von ihrer Tochter Felicitas plinirten Heere der Oeſtreicher aufzukommen!“ umſchlungen lautlos dem Geſpräche gelauſcht hatte. „Haben Sie beſondere Aufträge für mich?“ fragte er ein Knie vor der Gräfin beugend. Es wurde ihm nicht ſchwer, das Zelt aufzufinden, in „welchem der größere Theil der Offiziere, darunter der General Sercognani, der Graf Pepoli, die beiden Prinzen „Keine,“ erwiederte die Gräfin leiſe, denn der Schrecken Bonaparte und Alfred Belgiojoſo bei einander ſaßen, und hatte ihr die Zunge faſt gelähmt. „Keine,“ wiederholte ſie nach einer Pauſe, während welcher ihr Auge mit Be⸗ natürlich empfing man ihn daſelbſt mit dem größten Jubel. Seine Nachrichten jedoch ſtimmten bald die Freude bedeu⸗ wunderung und Liebe auf ihm ruhte,„denn ein Mann tend herab, und die oberſten Spitzen des Korps traten ſo⸗ wie Sie weiß Alles beſſer zu machen, als ein ſchwaches fort Gott ſegne Sie, Arthur Weib nur zu denken vermag. Stanton, Gott ſegne Sie!“ Zehn Minuten ſpäter hatte Arthur Stanton bereits war, die Thore Roms hinter ſich und befand ſich auf der großen dabei, zu einem Kriegsrath zuſammen. „Ich bleibe dabei,“ erklärte endlich Graf Pepoli, nach⸗ dem die Berathung längere Zeit hindurch geführt worden aber zu keinem Reſultate geführt hatte,„ich bleibe daß die überbrachten Nachrichten auf einem Irrthum Straße, welche nach Ancona und Bologna führt. Beſon- beruhen oder doch wenigſtens übertrieben ſind, denn Ange⸗ dere Schwierigkeiten wurden ihm beim Ueberſchreiten der Stadtgrenze nicht in den Weg gelegt, da man das große engliſche Siegel auf ſeinem Paß reſpektirte; dagegen unter⸗ ſuchte man das Gepäck, welches auf das Pferd ſeines Die⸗ ners geladen war, auf's Genaueſte, und würde dieſe Un⸗ terſuchung ſogar auf ſeine Perſon ausgedehnt haben, der ſeinem Leibe zu nahe trete. genten ſtanden, hinter ſich hatte, ſo war alle weitere Ge⸗ fahr verſchwunden. Dennoch brauchte er der Schlechtigkeit des Weges wegen faſt drei Tage, bis er endlich im Lager der Aufſtändiſchen in der nächſten Nähe von Bologna ein⸗ traf, aber— wie erſtaunte er, als er dieſes lang erſehnte Lager in Wirklichkeit vor ſich hatte? Schon unterwegs war es ihm aufgefallen, daß die verſchiedenen Truppenkörper, denen er begegnete— und einige derſelben, beſonders der bei Foligno, wo die Straße nach Bologna ſich von der nach Ancona abtrennt, waren von größerem Belang—, ein ſo ganz und gar unſoldati⸗ ſches Ausſehen hatten; allein er hatte ſolches dem Umſtande zugeſchrieben, daß dies lauter Neulinge ſeien, welche man erſt einexercire. Um ſo mehr rechnete er darauf, bei dem Gros der Armee eine beſſere Organiſation zu finden. Doch — welch' bittere Täuſchung! Ein Maler wäre wohl von ſolch' einem Anblick entzückt geweſen, und ein enthuſiaſti⸗ ſcher Romanheld oder Dichter vielleicht noch mehr, aber — ein Mann und Vaterlandsfreund! Da hatte ſich ein Haufe von Bauern gelagert, welche nur mit Sicheln oder Senſen bewaffnet waren; dort ſah man eine Gruppe von Künſtlern oder Kunſtjüngern, welche die zierliche Kleidung im Augenblicke verrieth; an einem anderen Punkte führten ältere Männer, die vielleicht ſchon Pulver gerochen hatten, ein ernſtes Geſpräch, und wieder anderswo rauchte eine Compagnie von Studenten, die an ihren Mützen, Bän⸗ dern und Schlägern kenntlich waren, mit wirklichen Vete⸗ ranen um die Wette. In der Mitte des Lagers aber, faſt unmittelbar unter den Ruinen eines früheren römiſchen Tempels, war gar eine Art von Kanzel errichtet, auf wel⸗ cher ein Mönch— Arthur Stanton erkannte in ihm augen⸗ blicklich den Kapuzinerprediger Iſidoro— eine Rede hielt, während ſich zu ſeinen Füßen ein applaudirendes, ſäbel⸗ ſchwingendes und jubilirendes Auditorium geſammelt hatte. (Siehe Bild S. 149.) „Wie erbärmlich iſt es doch um Deſpoten beſtellt,“ dachte Arthur Stanton,„wenn ſie vor ſolch' einer zuſam⸗ ſichts der ſolennen Erklärung Frankreichs, es als einen Kriegsfall zu betrachten, ſobald ein öſtreichiſcher Soldat die Grenzen des Kirchenſtaates überſchreite, wagt es die Wie⸗ iner Regierung nicht, eine Armee gegen uns zu ſenden.“ „Ihrem Räſonnement gegenüber ſteht die nackte Wahr⸗ . u, wenn heit der Thatſachen,“ entgegnete Arthur Stanton,„Oeſt⸗ er nicht ohne Weiteres gedroht hätte, Jeden niederzuſchießen, reich hat den Kabineten zu wiſſen gethan, daß es auf die So ließ man ihn endlich Gefahren eines Kriegs mit Frankreich hin interveniren werde paſſiren, und wie er ſodann nach einem Ritt von wenigen und die Stunden Civita Caſtellana, wo die Vorpoſten der Inſur⸗ V Proklamation des Herzogs Franz von Modena vom zweiten März, daß er inmitten ſeiner treuen Truppen in ſeine Lande zurückkehren werde, habe ich bei unſerem Geſandten mit eigenen Augen geſehen.“ „Sir Arthur hat Recht,“ ſprach jetzt Louis Napoleon, der dieſe ganze Zeit über eifrig in den ihm überbrachten Briefen ſtudirt hatte.„Oeſtreich läßt marſchiren und zwar im geheimen Einverſtändniſſe mit Frankreich. Doch nein, nicht mit Frankreich, ſondern nur mit deſſen Krämerkönige Lonis Philipp, denn hier meldet mir mein treu ergebener Freund Edgar Ney in einem Chiffernbriefe, daß der König im Begriffe ſtehe, den volksthümlichen Miniſter Lafitte mit dem öſtreichiſch geſinnten Périer zu erſetzen.“— „Dann wäre das Reſultat nicht zweifelhaft,“ meinte General Sercognani mit trübem Blicke,„und unſer Loos ſo gut als entſchieden.“ „Nein es iſt nicht entſchieden,“ rief Louis Napoleon, indem ſeine Wangen ſich mehr und mehr rötheten.„In der Minderzahl ſind wir allerdings und unſere Armee iſt noch dazuhin undisciplinirt; aber die Begeiſterung erſetzt viel, und wenn es uns nur erſt gelingt, den erſten Anprall der Oeſtreicher zu brechen, ſo können wir uns auf Rom wer⸗ ffen und uns dieſer Hauptſtadt der Chriſtenheit bemächtigen. Dann wollen wir ſehen, ob das franzöſiſche Volk ſeinen König nicht zwingt, eine andere Politik zu befolgen und ſtatt gegen uns für uns zu fechten.“ „Sie ſind alſo für Widerſtand und Kampf, mein Prinz?“ fragte Graf Pepoli. „Ich bin es,“ erwiederte Louis Napoleon in entſchie⸗ denem Tone. „Und wiſſen Sie auch,“ warf Arthur Stanton ein, „welches Schickſal Ihrer wartet, wenn das Unglück wollte, daß Sie in die Hände der Oeſtreicher fielen?“ „Hier ſchreibt man mir,“ entgegnete Louis Napoleon, der wieder ganz ruhig und kalt geworden war,„daß von dem Wiener Kabinet geheime Befehle an ſeine Generäle ergangen ſind, mich augenblicklich erſchießen zu laſſen, ſo⸗ bald man mich lebendig ergreift. Natürlich, ſie hätten den Neffen ihres ſo lange gefürchteten Feindes ſchon lange gerne beſeitig Stimm in der zurückt Männe ein a ſcheinli ſtamm, Curopc Theil Streck breite⸗ weichſ Unge benbi Engl wom. zahl a anſchl Anfan hunde land, Ital hund gekon deſto Geſch über in Ei immel Ohne terland herum, arm ohne d bräuch in keir mit de denen dan, deg wohn) bensn denſel abhän und i mer die — — — Ballein, wie weni vohldiset⸗ inden, in enter der Prinzen zen, und in Jubel. de bedeu⸗ raten ſo⸗ vli, nach⸗ t worden ch bleibe Irrthum n Ange⸗ s einen Adat die die Wie⸗ nden.“ te Wahr⸗ „Oeſt⸗ auf die en werde Modena ruppen nſerem apoleon, brachten nd zwar ch nein, erkönige rgebener r König fite mit meinte r Loos poleon, In rmee iſt tz viel, rall der M wer⸗ htigen. ſeinen n und in „ mein niſchie⸗ die gleichen Mittel zu Feierſtunden. 1864. 153 ——;—:———r———;—— ——;——-——— —— beſeitigt, und daß König Louis Philipp zur Sicherung ſei⸗ ziehen, nun ſo laßt uns ſterben für die Sache der Freiheit ner Dynaſtie mit einer ſolchen Maßregel ſympathiſirt, da⸗ und des Vaterlandes.“ ran bleibt wohl kein Zweifel übrig. Aber mögen die„Sieg oder Tod,“ rief Alfred Belgiojoſo und„Sieg Würfel fallen, wie ſie wollen,“ fuhr er mit gehobener oder Tod“, fielen alsbald begeiſtert die Uebrigen ein. Stimme fort,„ewige Verachtung trifft uns, falls wir jetzt„Es iſt der Entſchluß von Tapferen,“ erklärte nun in der Stunde der Gefahr aus Furcht für unſer Leben feige Arthur Stanton,„und ich werde bei euch ausharren bis zurücktreten; darum laßt uns kämpfen, wie es ſich für auf's Aeußerſte.“ Männer geziemt, und iſt es unſer Loos, den Kürzeren zu!(Fortſetzung folgt auf S. 165.) Die Zigeuner oder Czengaris. Die Zigeuner, ein aſiatiſcher, wahr⸗ ſcheinlich indiſcher Volks⸗ ſtamm, der über ganz Europa, den größten Theil Aſiens und einige Strecken Afrikas ver⸗ breitet iſt, und am zahl⸗ reichſten in der Türkei, Ungarn, Moldau, Sie⸗ benbürgen, Spanien und England gefunden wird, wo man deren Geſammt⸗ zahl auf 500,000 Köpfe. anſchlägt, ſcheinen im Anfange des 15. Jahr⸗ hunderts nach Deutſch⸗ land, Frankreich und Italien, im 16. Jahr⸗ hundert nach England gekommen zu ſein, nichts deſto weniger iſt deren Geſchichte, obwohl ſie über vier Jahrhunderte in Europa hauſen, noch immer in Dunkel gehüllt. Ohne Schutz, ohne Va⸗ terland, in Folge ihres herumziehenden Lebens arm und elend, faſt ohne alle religiöſen Ge⸗ bräuche und durchaus in keiner Gemeinſchaft mit den Völkern, unter denen ſie herum wan⸗ dern, haben ſie überall dieſelben Sitten und Ge⸗ wohnheiten, dieſelbe Le⸗ bensweiſe und Sprache, denſelben Geiſt der Un⸗ abhängigkeit behalten, und ihren Unterhalt im⸗ mer und überall durch erwerben geſucht. Faſt über alle Länder der alten Welt zerſtreut, hat weder Zeit noch Klima, weder Politik noch Bei⸗ ſpiel es vermocht, eine Aenderung bei ihnen Feierſtunden. 1864. 154 Feierſtunden. 1864. —;—————:——-:—-nnunnnnr—r—O hervorzubringen, und das iſraelitiſche Volk iſt das ein⸗ ſchließlich nehmen beide Geſchlechter bei ihren Herumzügen zige, das ſich gleich ihnen auf fremder Erde, aber mit zu Betteln, Wilddieberei und Diebſtahl ihre Zuflucht, ob⸗ weit weniger Reinheit ſeines urſprünglichen Charakters, wohl ſie hierin ſich mehr nach den Befehlen gewiſſer Häupt⸗ erhalten hat. Wo immer ſie erſcheinen, werden ſie mit linge zu richten ſcheinen, als nach dem eigenen Antrieb. verſchiedenen Namen bezeichnet; in Deutſchland nennt man In Deutſchland iſt ihr Herumziehen nicht mehr, oder ſie Zigeuner, in England, wo es noch viele Banden der- nur hie und da einzelnen Familien geſtattet; die wenigen, ſelben gibt, werden ſie Gypſies genannt, das verdorbene die in Württemberg, Baden und der Rheinpfalz hausten, Wort Aegypter; in Schottland Tinkler und im ſchotti- ſuchte man ſeßhaft zu machen, und erlaubt nur den Muſi⸗ ſchen Hochlande Caird, in Frankreich Bohemiens und kern unter ihnen, den Gewerbtreibenden und Kellnern, zeitwei⸗ Egyptiens, in Portugal Ciganos, in Spanien Gita⸗ lige Kunſt⸗ und Berufsreiſen; in Norddeutſchland befindet nos, in Dänemark und Norwegen Tartaren, in Schwe⸗ ſich eine Zigeunerkolonie in Friedrichslohe bei Nordhauſen. den Spakaring, in Italien Zingari, in Ungarn Cy⸗ In der öſtreichiſchen Monarchie wird ihre Geſammtzahl gani, Czygai oder Tzingani, auch Parao⸗Nepek, auf 95,000 Seelen geſchätzt. Volk des Pharao; in Rußland Tzinzani, in der Türkei Nach den ethnographiſchen Unterſuchungen des Herrn Tſchinani, in Syrien Kauli oder Kabuli, Einwoh⸗ Rienzi iſt das Land der Mahratten das Land ihres Ur⸗ ner von Kabul; in Perſien Luli oder Luri, aus dem in⸗- ſprungs, und ſeiner Meinung nach haben ſie von dort aus, diſchen Worte Lohari(Goldarbeiter), im Dialekt von Kho⸗ wo man ſie noch heute in ganzen Stämmen vereint antrifft, raſan Karaſchmar, in Aſſerbeidſchan Karachi, ein tür⸗ ihre erſte Auswanderung unternommen.— Seit den frühe⸗ kiſches Wort, das urſprünglich„dunkelbraun“ bedeutet; in ſten Zeiten waren die Hindu's, wie die Aethioper, Aegyp⸗ Hinduſtan Nat', Beria und Kangiar. Sie ſelbſt nen⸗ ter und Juden in Zats(Stämme oder Kaſten) eingetheilt, nen ſich in England Romnichal oder Rumna-Chal, und die Vedas erzählen, daß bereits Brahma, der Schöpfer ein mahrattiſches Wort, das„auf der Ebene herumirrende der Welt, die erſten Menſchen in vier Kaſten geſchieden: Menſchen“ bedeutet, in Deutſchland aber Pharaon oder Aus ſeinem Haupte entſtanden die Brahminen, aus ſeinen Sinte.. Schultern die Kſchatrias, aus ſeinem Bauche die Veiſſiahs, Ihre Sprache beweist am deutlichſten, daß ſie ur- und aus ſeinen Füßen die Sudras. Die Brahminen er⸗ ſprünglich Indien angehören; ihre Geſichtsbildung unter⸗ hielten den erſten Rang; einige von ihnen wurden Regenten ſcheidet ſie wenigſtens von den Europäern, ihr Körper zeigt und Fürſten, andere weihten ſich dem Prieſterthume. Die meiſt herrliches Ebenmaß, und unter dem weiblichen Ge⸗ Kſchatrias mußten ſich dem Waffendienſte unterziehen; die ſchlechte gelten viele, beſonders in den jüngeren Jahren, für Veiſſiahs wurden zum Ackerbau, Handel und den Gewerben reizend, wenn nicht für ſchön. Seit der Zeit ihres Ein⸗ angehalten, und mußten die Heerden zur Weide führen; dringens in den civiliſirten Theilen Europas wurden ver⸗ die Sudras endlich wurden Tagelöhner, Diener, Knechte, gebens die ſtrengſten Geſetze gegen ſie erlaſſen, und unge⸗ ja einige ſelbſt Sklaven.— Jede dieſer vier Hauptklaſſen achtet ihnen unter der Königin Marie und Eliſabeth von theilte ſich wieder in mehrere hundert andere ab, und ihre England bei Todesſtrafe geboten wurde, das Land zu räu⸗ Unterabtheilungen waren nach ihren Aufenthaltsorten ver⸗ men, findet man ſie dort noch bis zu dieſer Stunde, und ſchieden. Die zahlreichſte iſt die der Sudras, die den größ⸗ zwar in nicht geringer Zahl nomadiſch in Stämmen, unter ten Stamm von allen, den der Parias umfaßt, der ſich einem gemeinſchaftlichen Oberhaupte, dem ſogenannten Zi⸗ wieder in eine große Zahl anderer Stämme theilt, und neun geunerkönige. Kaiſer Joſeph und Maria Thereſia ſcheiter- Zehntheile des hinduſtaniſchen Volkes und aller Anbeter ten in ihren Verſuchen, ſie an ſtändige Niederlaſſungen zu Brahma's enthält.— Der Urſtamm der Tzengaris iſt gewöhnen. Sie zogen es vor, unter Zelten auf Matten eine Unterabtheilung des Stammes der Parias, der aus und Decken zu liegen, in Scheuern, verödetem Gemäuer der Vereinigung von Individuen entſtand, welche wegen oder Höhlen zu leben, und behielten bis jetzt ihren unüber- Verbrechen gegen die Religion und die Geſetze von den drei windlichen Widerwillen gegen Häuſer und Ackerbau. Der ſeerſten Kaſten ausgeſtoßen worden waren, und außer dem Geſchmack am herumziehenden Leben, ihre Gleichgültigkeit Stamm der Tzengaris, dem urſprünglichen Stamm unſerer gegen Religion, oder vielmehr ihre Verachtung alles deſſen, Zigeuner, und dem der Valluver, dem anſehnlichſten, die was gottesdienſtlichen Gebräuchen ähnlich ſieht, ſcheinen den Stämme der Schakilis(Schuhmacher), Mutſchiers(Ger⸗ Grundzug ihres Nationalcharakters zu bilden, und die ber), Kalla⸗bantrus(Diebe), Kuravers(Salzhändler), Ot⸗ ſtrengſten Maßregeln in Oeſterreich und Rußland haben nur ters(Nomaden), welche in den verſchiedenen Theilen In⸗ wenig in ihren Gewohnheiten ändern können. diens Brunnen und Kanäle zu graben verpflichtet waren, In den meiſten europäiſchen Ländern, die ſie bewohnen, und den Stamm der Dombarus(Bettler und Gaukler) beſchäftigen ſie ſich mit Korb-⸗ und Mattenflechten, Verfer⸗ umfaßte...— tigung von Nadeln, Pfriemen, Netzen, Beſen, Trögen, Der Stamm der Tzengaris, berichtet Rienzi, der hölzernen Tellern und Löffeln, mit Hafenbinden, Keſſel⸗ gründlichſte Forſcher des Urſprungs der Zigeuner, welche flicken, Mausfallen⸗ und Hechelmachen; verſtehen ſich meiſt an der Küſte von Concan Vangaris, an der von Mala⸗ Alle auf Thierarzneikunde, Pferdehandel, Hufbeſchlag ꝛc., bar Sukatir genannt werden, beſteht aus Nomaden. Im und laſſen ſich auch als Schnitter, Hopfenſammler, Hir- Allgemeinen haben alle hinduſtaniſche Tzengaris eine braun⸗ ten und Jäger gebrauchen. Kunſtſtücke, Ringen, Tanz, gelbe Farbe, was den Namen„ſchwarze Hindu's“ rechtfer⸗ Geſang, Muſik werden meiſtentheils von ihnen geübt. In tigt, den ihnen die Perſer geben. Die Mahratten ſelbſt Ungarn und Siebenbürgen ſind ſie die beliebteſten Muſiker, bezeichnen ſie mit dem Schimpfnamen Sudas(Spitzbuben). ihre Tänze ſind lebendig, feurig, anmuthig, ihre Melodien, Während des Kriegs plündern und rauben ſie, verſorgen namentlich auf der Geige, von einer wunderbaren tiefpoe⸗ die Heere mit Nahrungsmitteln und aus ſich ſelbſt mit tiſchen Melancholie. Die älteren Frauen verlegen ſich auf Spionen und Tänzerinnen(Kantſchinis). Zur Friedens⸗ Wahrſagerei, Aſtrologie und Geiſterbeſchwören, die jüngeren zeit verfertigen ſie grobe Leinwand, und handeln mit Reis, auf Tanzen, Geſang, Kartenſchlagen und Chiromantie, und Butter, Salz, geiſtigen Getränken, Opium. Sie ſind Hauſirer zum and meiſten ſinnig u nachher den Rak gen und beinahe Frauen res Gel an, du ſter zu Miene derlichſt tig den der Per ren, ern betreiben mit diee zeichnen auf di Ru die wie es Weiſe unaust Dandn Unter wandtſch der nad vereheli Trunke achten Geiſter Staate Morde ſeerte u ſaſſung, vohnt, chaft n rauatten ſeit, der ſu diener ſeinem hari, aſiſchen gleichſa nen la⸗ dleina Fars, — dunzügen ucht, ob⸗ r Häugt⸗ ntrieb. ehr, oder wenigen, hausten, n Muſi Keitwei iindet dhauſen. uumtzahl 8 Herrn hres Ur dort aus, antrifft, n frühe Aegyp⸗ aehzilt, Schöpfer ſſchieden: ſeinen Jeiſſiahs, inen er Negenten -. Die en; die Merben führen; Kuechte, pptklaſſen und ihre rten ver⸗ den gröͤß der ſich und neun Anboter rris iſt der aud wegen den drei ßer dem munſerer ſten, die 8(Ger⸗ ¹), Ot⸗ en In⸗ waren, Haukler) nzi, der welche „Mala⸗ den. Im braun⸗ rachtfer⸗ n ſelbſt buben)⸗ erſorgen bſt mit riedens⸗ t Reis, Zzie ſund Feierſtun Hauſirer, die ihre Waaren auf Ochſen von einem Orte zum andern führen. Ihre Weiber ſind hübſch und wie die meiſten Hindus wohl gebaut, dabei aber ungemein leicht⸗ ſinnig und lüderlich; ſie rauben junge Mädchen, die ſie nachher an Europäer verkaufen. Auch beſchuldigt man ſie den Rakchaſas oder böſen Geiſtern Menſchenopfer zu brin⸗ gen und Menſchenfleiſch zu eſſen. Die Tzengaris üben beinahe überall das Handwerk der Unterhändler aus; die Frauen verkünden denen, die ſie um Rath fragen, für baa⸗ res Geld die Zukunft. Dazu wenden ſie eine Trommel an, durch deren Schlag ſie vorgeben, die dienſtbaren Gei⸗ ſter zu erwecken; dann ſprechen ſie mit geheimnißvoller Miene und ſeltener Zungenfertigkeit eine Menge der wun⸗ derlichſten Worte aus, und enthüllen, nachdem ſie ſorgfäl tig den Stand der Sterne und die Lineamente der Hand der Perſonen betrachtet, welche von ihnen Auskunft begeh⸗ ren, ernſt und nachdrucksvoll Glück oder Unglück. Auch betreiben die Frauen das Geſchäft des Tatuirens und machen mit dieſem Talente die Frauen der Hindus vertraut; ſie zeichnen Namen, Thiere, Blumen und andere Verzierungen auf die Arme, ritzen die Umriſſe mit einer Nadel und rei⸗ ben die Nadelſtiche mit dem Safte von Pflanzen, gerade wie es die Indianer in Nordamerika machen; das auf dieſe Weiſe auf der Oberfläche der Haut entſtandene Bild iſt unauslöſchbar. Endlich ſind die Tzengaris bereit, jedes Handwerk zu treiben, wie es eben die Gelegenheit erfordert. Unter ſich leben ſie in Familien, achten keiner Blutsver wandtſchaft, und nicht ſelten ſind Väter und Töchter, Brü der und Schweſtern, Onkel und Nichten unter einander verehelicht. Sie ſpielen gerne, ſind mißtrauiſch, lügneriſch, Trunkenbolde, Feiglinge und ohne allen Unterricht; ſie ver⸗ achten die Religion und glauben an nichts als an böſe 3 In den mahrattiſchen Geiſter und an Vorherbeſtimmung. Staaten iſt vorzugsweiſe die Provinz Mahrat, ein Land ſtrich in den Gebirgen der weſtlichen Ghats, die Wiege der Tzengaris, die von hier aus ſich über ganz Hinduſtan ver⸗ breiteten. Es iſt ſchwer, die Zeit feſtzuſtellen, in welcher die Tzengaris beqgannen, ſich außerhalb ihres Heimathlandes zu zerſtreuen, doch ſcheint ihre Auswanderung eine Folge des Einfalls Timurs in ihr Land geweſen zu ſein. Timur, der ſeine Eroberung Delhi's(am 8. Jan. 1399) mit dem Morde von hunderttauſend Hindus befleckte, das Land ver⸗ heerte und die Bewohner zur Flucht zwang, wurde Veran laſſung, daß die Tzengaris ihr Heimathland verließen. Ge⸗ wohnt, in offenem Felde zu leben, und außer aller Gemein⸗ ſchaft mit den Hindus, von denen ſid verachtet wurden, benutzten ſie die ihnen größere Vortheile bietende Gelegen⸗ heit, den mongoliſchen Heeren als Spione und Lieferanten zu dienen, und ein Theil von ihnen begleitete Timur auf ſeinem langen Zuge durch Kandahar, Perſien und die Buk⸗ harei, und beſchloß, nachdem er ſo die kaspiſchen und kau⸗ kaſiſchen Länder durchwandert, und allenthalben hinter ſich gleichſam eine Kette von Familien zurückgelaſſen hatte, ſei⸗ nen langen Weg zum Theil in Rußland, zum Theil in Kleinaſien. Ein anderer Haufe wandte ſich gegen Kirman, Fars, Khuſiſtan, Irak⸗Arabi und Aldjezirah, und eine dritte Kolonne durchzog Syrien, Paläſtina und das ſtei⸗ nigte Arabien, und gelangte über die Landenge von Suez nach Aegypten, und von da nach Mauritanien. Durch Hülfe der Türken gelangten die unermüdeten Wanderer vom ſchwarzen Meere und aus Kleinaſien nach Europa, wo ſie in dem Kriege der Osmanen gegen das griechiſche Reich wiederum als Kundſchafter und Lebensmittelverkäufer dien⸗ den. 1864. 155 ten; ſiedelten ſich nach und nach in der europäiſchen Tür⸗ kei an, oder durchſtrichen dieſelbe vielmehr nach allen Rich⸗ tungen, und zogen von da in die Moldau und Walachei, die wie Ungarn, wohin ſie 1417 gelangten, ihren Anfor⸗ derungen am meiſten zu entſprechen ſchienen. Zu Ende deſſelben Jahres erſchienen ſie, wie Münſter in ſeiner Kosmographie berichtet, in Böhmen und in Deutſchland; 1418 findet man ſie, nach Stumpf und Gruler, in der Schweiz, und 1422, nach Muratori Annali, in Italien. In Frankreich traten ſie, nach Pasquier, ſchon 1417 auf, und gaben ſich daſelbſt für Chriſten aus, die von den Sa⸗ razenen aus Unter⸗Aegypten vertrieben, und aus Böhmen gekommen ſeien; von Frankreich zogen ſie nach Spanien und Portugal, wo ſie ſich ungemein ausbreiteten, gen ſpäter, unter der Regierung Heinrichs VIII., auch nach England. Ihre Horden waren gewöhnlich aus 2— 300 Menſchen, Männern und Frauen, gebildet. Faſt in allen Reichen Europas und in einem großen Theile der aſiatiſchen Staaten haben die Tzengaris Nieder⸗ laſſungen gebildet, in Afrika findet man ſie nur in Aegyp⸗ ten, Nubien, Abyſſinien, Sudan und der Berberei. In Amerika ſind ſie nie aufgetreten. Ungarn, Siebenbürgen, Slavonien, die Türkei, Moldau, die Walachei, Curland, Litthauen, die kaukaſiſchen Provinzen, Spanien, Schottland und Irland ſind diejenigen Theile Europas, wo man die größte Zahl der Tzengaris findet. In England ſind ſie wohl auch zahlreich, aber man trifft ſie nur in entlegenen Orten, und in die Städte kommen ſie nur in kleinen Ge⸗ ſellſchaften zu 3— 4 Perſonen. In Deutſchland, Schwe⸗ den und Dänemark ſind ſie ſelten geworden, ebenſo in der Schweiz und in den Niederlanden; noch weniger findet man gegenwärtig in Italien, und in Frankreich, wo⸗ ihre Zahl ſtets ſehr gering war, ſieht man jetzt höchſt ſelten einzelne und gin⸗ in den Dörfern und Wäldern von Lothringen, des Elſaßes und der Pyrenäen.— In Spanien wird die Zahl der Gitanos auf 60,000 geſchätzt, von denen der größte Theil in den Provinzen Jaen, Granada und Cordova zu finden iſt. In der Türkei beträgt ihre Zahl 250,000, im ruſſi⸗ ſchen Reiche über 100,000. In Afrika kann man die Tzengaris auf mehr als 300,000 Seelen anſchlagen, auf Indien kommen mehr als 1 ½ Millionen, und auf den übrigen Theil von Aſien vielleicht ebenſoviel, deun außer dem aſiatiſchen Rußland, China, Siam, An⸗nam und Ja⸗ pan ſind ſie überall und zwar in großer Zahl anzutreffen. In den drei Theilen der alten Welt dürften demnach wohl an vier Millionen Tzengaris leben.— Der Anblick eines ſo beträchtlichen Theiles des geſammten Menſchengeſchlechts bietet einen traurigen Stoff der Betrachtung. Abgeſehen von den 3 ½ Millionen, die in Aſien und Afrika ein ver⸗ achtetes Daſein führen und in Hinduſtan die niedrigſte Kaſte der Bewohner bilden, leben in Europa an 500,000 außerhalb aller Rechte und Bande der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft, ohne irgend ein Eigenthum, das ſie an die Scholle knüpft, meiſt auf freiem Felde, weit entfernt von den Städten und Wohnungen der übrigen Menſchen, meiſt von Betrug, Gaunerei und loſen Künſten, und, trotz der Ver⸗ achtung und zeitweiſen Verfolgung, gleich den Juden überall verbreitet, und ſuchen, Feinde des Ackerbaues und jedes nütz⸗ lichen Gewerbes, Faullenzer ohne Gleichen, als Hauſirer, Ausbeſſerer häuslicher Geräthſchaften, Schleichhändler, Wahr⸗ ſager, Unterhändler, Mäkler und Muſiker ihren Unterhalt zu erringen. 2. 20* —AM Feierſtunden. 1864. ———ͦ—:—ꝛꝛꝛx—:---auyͤy—y——————— Norwegens gebirge und Wäſſer. Norwegen iſt ein großes, faſt ganz aus Ur⸗ und Uebergangsgeſteinen beſtehendes Gebirgsland, und bildet einen von 12 bis 15 Meilen breiten Hochgebirgsrücken (Fjällrygg) von 3500 bis 4000 Fuß mittlerer Erhe⸗ bung, mit ſehr plötzlichem Abfall nach Weſten und einem um das Zwei⸗ und Dreifache gedehnten allmähligen Ab⸗ fall gegen Südoſten zum bottniſchen Meerbuſen, den ſchwediſchen Seen und dem Skagerrak.— Kahle Fel⸗ ſen, ſchroffe Thalgründe, wilde Schluchten und Spal⸗ ten, plötzliche und jähe Abſtürze, zerriſſene Felsgeſtalten bilden die Phyſiognomie der Oberfläche. Gleichmäßig⸗ keit in der Entwicklung der Gebirge iſt der vorherrſchende Charakter der Natur in Norwegen, und es iſt hier nicht die abſolute Höhe des nirgends über 8000 Fuß ſich er⸗ hebenden Gebirges, welche Bewunderung erregt, ſondern die plötzliche Aufſteigung der Felſen der Weſtküſte aus tiefen und engen Klüften und Waſſerbecken. Die Kette primärer Gebirge, welche Norwegen, und mithin der ganzen ſkandinaviſchen Halbinſel, die Form gegeben hat, beginnt am Kap Lindesnaes, dem ſüdlich⸗ ſten Punkte des Königreichs, und endet, nachdem ſie an 200 Meilen längs ſeiner Küſte in nordöſtlicher Richtung hingelaufen, am Kap Nord⸗Kyn im Polarmeere, der äußerſten Spitze Europas. Die höchſte Erhebung dieſer Kette, die man einer Welle oder Woge vergleichen kann, die von Oſten aus allmählig anſteigt und, nachdem ſie einen Kamm gebildet, im Weſten ſenkrecht in das Meer abfällt, beträgt nicht mehr als 7893 Fuß, gleichwohl liegen 174 Quadratmeilen dieſer Halbinſel über der Linie des ewigen Schnees.— Der ſüdliche Theil der Kette beſteht aus einzelnen Kämmen, welche der allge⸗ meinen Richtung des hier 33 Meilen breiten Gebirgs⸗ zugs folgen. In der Entfernung von etwa 75 Meilen von Kap Lindesnaes bilden die Berge eine einzelne hohe Maſſe, die ſich in ein Plateau endigt, welches auf 21 Meilen eine Höhe von 4200 Fuß behauptet, ſich gegen Oſten ſanft abſchrägt, nach Weſten aber mit einem Male in hohen jähen Abſätzen wieder in ein tiefes Meer taucht. Die Oberfläche iſt öde, ſtellenweiſe moraſtig und trägt einzelne aufgeſetzte Berggipfel; außerdem nehmen die Snae⸗Braen, die größten Maſſen ewigen Schnees und von Gletſchern, die es in Europa gibt, einen Flächen⸗ raum von 340 Quadratmeilen ein. Dann folgt eine hervorragende Gruppe von Bergen, die nord⸗ 82 — lindiſ und von Meilen rnuntert üren ſ nacken: ds Pol ten Be⸗ Gneiß⸗ ſrine, räͤchen ſeln, ausgeg Ar — ſer. lr⸗ und d bildet Zsrücken tErhe⸗ deinem ſen Ab⸗ n, den le Fel⸗ Spal⸗ heſtalten jmäßig⸗ rſchende er nicht ſich er⸗ ondern te aus en, und Form ſüdlich⸗ ſie an tichtung re, der dieſer A, dem ſie s Meer ichwohl ber der eil der allge⸗ jebirgs⸗ Meilen ne hohe es auf et, ſich teinem 8 Mer ig vnd nehmen Schnees glächen⸗ folgt nord⸗ Feierſtunden. 1864. ——;——— ländiſchen und nord⸗drontheimiſchen Gebirge, und von dieſen aus zieht ſich eine einzige Kette von fünf Meilen Breite, das finmärkiſche Gebirge, in einer ununterbrochenenen Linie nach der Inſel Mageroe, wo ſie ihren ſichtbaren Verlauf am Nordkap, einem ungeheuren nackten Felſen, nimmt, der fortwährend von der Brandung des Polarmeeres gepeitſcht wird. Die Kuppen dieſer letz⸗ ten Bergreihe haben 3— 4000 Fuß Höhe und liegen auf Gneiß⸗Terrain, nördlicher aber vom 70° ſind es Sand⸗ ſteine, Konglomerate und Thonſteine, in welche die zahl⸗ reichen Fjords der Küſte tief einſchneiden und, nicht In⸗ ſeln, ſondern vermittelſt der Eiden oder Iſthmen, große ausgezackte Halbinſeln bilden. 157 Das große Plateauland des ſüdlichen Norwegens dehnt ſich in wechſelnder Breite durch den weiten Weſtvor⸗ ſprung der Halbinſel als aufſteigende erhabene Bergland⸗ ſchaft aus, die wirklich mit weiten Hochebenen überzogen iſt, und hier und da von abgerundeten Kuppen und lang⸗ geſtreckten Bergzügen überdeckt wird, deren Baſis auf der gemeinſamen Erhebung ruht. In dieſer emporgehobenen Plateaugeſtalt, mit furchtbar zerriſſener Oberflächenbildung, fällt dieſer höchſte Theil der Halbinſel weſtwärts überall in ſchroffer Senkung gegen den Ozean herab, oſtwärts da⸗ gegen ſenkt er ſich in mehreren über einander ſtehenden Terraſſen zum baltiſchen Meere, behauptet jedoch auch in dieſen niedrigen Stufen immer noch die nämliche zerklüftete Die Piks von Horuntinderna(Norwegen). Form, wenn gleich die geringere Erhöhung und die mehr abgerundete Form der Berge hier die großartige Wildheit der weſtlichen Maſſe nicht hervortreten läßt. Die ſüdlichen Fjelde, das Hardanger⸗, Sogne⸗, Langfjeld und der weitläuficgge Gebirgskamm Dovrefjeld haben von oben( ein wildes, furchtbar ödes, zerriſſenes Anſehen. Ueber die⸗ ſes Hochland erheben ſich einzelne mehr oder weniger aus⸗ gedehnte Berge, die bis 6—7000 Fuß aufſteigen, meiſt abgerundete Kuppen oder langgeſtreckte Bergzüge bilden und oft weit über, der Grenze des ewigen Schnees in ungemeſ⸗ ſenen Gletſche rn und Eisfeldern endigen. Höhen drängenn ſich nach dem weſtlichen Ufer hin; hier ſtürzt ſich das Hoch land oft wie abgeſchnitten plötzlich in's Meer Die bedeutendſten hinab und ſchließt in gigantiſchen Formen die Fjorden ein. Die höchſten Spitzen ſind zum Theil noch nicht gemeſſen. Die bemerkenswertheſten ſind von Süden nach Norden: das Hekkefjeld, der Solfont Nut, Saelheefonden 4850⁰), Sad Nuden(5200*), Haartnigen(57009, Jikelen(5719“), Skavellen(5500), Loodals Kaabe(6790), Folgefondet(5590); das ungeheure Schneefeld Juſtedals Bräe, Tangefjeld(5885), Grüßer(5688); der Höhenzug Biefjeld mit dem Gouſtafjeld(51809, das Fjilefjeld, über das die Landſtraße von Chriſtiania nach Bergen führt, mit dem Suletind(5840), die Piks von Horuntinderna (welche unſer Holzſchnitt zeigt), Norwegens höchſte und 158 Feierſtunden. 1864. wildeſte Berggruppe mit mehreren pyramidaliſchen Eisſpitzen Gebirge faſt ganz vom Feſtlande. Vom 68. Grade an am Sognefjorden ſteil abſtürzend(wahrſcheinlich an 8000⸗ nimmt das Gebirge eine öſtliche Richtung, und indem es hoch); das Skageſtölstind(7877), Mugnafjeld (6770*°, das Sognefjeld(6739“), mit weitläufigen Schneefeldern, und rechts von dieſen das Dovrefjeld, nordöſtlich ziehend, über das die Straße von Chriſtiania nach Drontheim(4594“) führt*), mit den Sneehät⸗ tan, von 7619“ Höhe.— Prachtvoll iſt die Ausſicht auf dem von Steffens erſtiegenen Söndfjeldet. Gegen Südoſt erſcheint die Hochebene mit der Alpenvegetation, die ſich weit gegen Süden erſtreckt, gegen Norden in den finſte— ren Thälern verliert; tiefer ſieht man kleine Flüſſe, die ſich mit dem Dokke-Elf verbinden, und dunkle Wälder; über die wilden Berge im Oſten und Südoſten ſieht man in weiter Ferne die wilden Gegenden von Hedemarken und Oſterdalen. Weſtlich erſcheint ein Halbkreis von 30 Mei⸗ len im Durchmeſſer, eine kahle, feſte, zerriſſene Felsmaſſe, allenthalben von tiefen Thälern durchſchnitten. Ueber die⸗ ſes Hochland ragen die höheren Berge in die Schneeregion hinein.— Einen ſeltſamen Eindruck machen dieſe gewal— tigen Schneemaſſen, wie ſie, meiſt durch weite Strecken unterbrochen, gegen Weſten aber auf den dichter zuſammen⸗ gedrängten Klippen, Spitzen und Hörnern unter ſich näher gerückt, ſich über das todte, ſtille Hochland erheben. blendendſte Weiße rückt ſie, ſelbſt die am weiteſten entfern⸗ ten, in eine täuſchende Nähe. Die Sonne, die ſich zu ſenken anfing, ſagt Steffens in ſeinem Berichte, warf einen röthlichen Schein auf mehrere Schneeberge. Wir überſahen hier einen Halbkreis von vielleicht 60— 70 Meilen, und die ſtille Erhabenheit, die kalte, großartige Pracht des Ge— birges bewies uns, daß die einfache Gewalt unermeßlicher Maſſen einen zwar ſehr verſchiedenen, aber nicht weniger (in 2530) da zu ſein, Kjölen anſchließt, und die Nea nach Norden, der Glom⸗ Die ſich dem 70. Grade nähert, zieht es ſich mehr und mehr vom Meeresufer zurück. Zwiſchen den Fjorden von Fin⸗ marken und Svertholt, zwiſchen Parſanger und Laxefjord zerſplittert ſich der Kjölen und verſinkt in das Meer. In tauſend Adern und Verzweigungen laufen die Nor⸗ wegen durchziehenden Gebirgsrücken aus und bilden ſchmale Schluchten, die nur ſelten und gegen das Meer hin zu Thälern werden. Die Waſſerſcheide der ſkandinaviſchen Halbinſel zieht ſich von Südweſten nach Nordoſten, und das Dovrefjeld iſt der Hauptwaſſerbehälter der größeren Flüſſe Norwegens, die von hier nach entgegengeſetzten Rich⸗ tungen, auf der einen Seite dem nordatlantiſchen Meere, auf der anderen dem Buſen von Chriſtiania und dem Skagerrack zuſtrömen. Von den beiden Kulminationspunk⸗ ten der Waſſerzüge ſcheinen der Eine bei Leſſöe⸗Verk⸗ Vand(1950), wo die Romdal nördlich und der Lou⸗ gen ſüdlich ablaufen, der Andere nördlich von Oreſund wo das Dovrefjeld ſich an die men nach Süden eilt. Die Flüſſe Norwegens haben kei⸗ nen langen Lauf, aber ſie ſind ſehr reißend, tief und bil⸗ den oft die großartigſten Katarakte. Die anſehnlichſten Flüſſe ſind der Lougen, Drammen und Glommen, beſonders der letztere, der 120 Meilen lang und ſehr rei⸗ ßend iſt, und durch ſeine Ueberſchwemmungen oft ſchreck⸗ liche Verwüſtungen anrichtet. Er kommt aus einem Berg⸗ ſee im Stifte Drontheim, durchſtrömt mehrere Seen, bil⸗ det, durch Felſen eingeengt, den ſehenswerthen, 80 Fuß breiten und 60 Fuß hohen Sarpenfall(Sarpfoß), und mündet endlich in den Buſen von Chriſtiania. Nach Nor⸗ tiefen Eindruck als die lebendigſte Mannigfaltigkeit erweckt. den hinauf werden die Flüſſe immer wilder, rauſchender, Hier verſchwindet alles Leben, verbirgt ſich jede Zartpflanze, und in der Regel kürzer, und münden entweder in wilde der Himmel wölbt ſich, die Sonne ſcheint herab auf zer- Fjorden oder in Landſeen. riſſenes Gebirge und unermeßliche Schneefelder, wir fühlen An Seen hat Norwegen Ueberfluß: ſchon Oſſian uns von der kalten ſtarren Maſſe ergriffen, und dennoch nennt es das Land der Seen, und deren Zahl ſoll ſich auf tritt ſie uns nicht feindſelig entgegen, wir fühlen uns von 30,000 belaufen. ihr angezogen, gefeſſelt, als wäre ſie uns, fremd erſcheint, innerlich verwandt. Unter dem 63. Breitegrade ſetzt faſt unter einem rech⸗ ten Winkel das Kjölengebirge an das Dovrefjeld an, und einige bedeutende Seitenzüge deſſelben, wie derjenige, der zwiſchen Sälbo und Stördal bis in die Nähe von Drontheim reicht, laufen dem Meere zu; die ziemlich be— trächtliche Entfernung des Hauptgebirges vom Meere nimmt je weiter nach Norden immer mehr ab, und bereits in der Nähe des Polarkreiſes erreicht es ſelbſt die äußeren Inſeln. Von hier an beginnt das Gebirge ſich zu heben, um die hohen, mit mächtigen Gletſchern verſehenen Berge um Sulitelma zu bilden, erreicht aber dennoch nirgends die Höhe des ſüdlichen norwegiſchen Hochlandes, und Sulitel⸗ ma's höchſte Spitze beträgt nur 5796 Fuß. Zwiſchen dem 66. und 67. Grad drängen ſich die höchſten Berge der Kjölen ganz entſchieden dem Meere zu, und ſtürzen meiſt ſteil, oft in eintauſend Fuß hohen Abhängen hinab. Wei⸗ ter gegen Norden erſcheint die Küſte immer wilder zerriſſen, die Fjorden ſchneiden häufiger ein, ja das Meer trennt das obgleich ſie .) Fond iſt ein Schneefeld; Fjeld ein weit ausgebreitetes Ge⸗ birge von ſehr beträchtlicher Höhe und wilder Einſamkeit; Nut iſt eine Kuppe; Jökel und Bräe ſind Schneeberge mit Gleſchern; Hay eine weit ſichtbare, ſich über ein Fjeld erhebende Höhe; Tind eine Felsnadel oder Spitze; Elf ein Fluß; Foß ein Waſſerfall; ;;.„ 5;. Fjerd ein ſchmaler Meerbuſen oder Meereseinſchnitt. deutenderen Binnenſeen Schwedens. bildet werden. (13 Meilen lang Keiner aber erreicht die Größe der be⸗ Gewöhnlich nimmt man an, daß etwa der zwanzigſte Theil des norwegiſchen Areals mit Waſſer bedeckt iſt. Dazu kommen noch die zahlloſen Buchten, die durch die tiefen Küſteneinſchnitte ge⸗ Der größte Landſee iſt der Mjöſen und 3 Meilen breit) im Stifte Agger⸗ huus, den der Lougen, ein Nebenfluß des Glommen, durch⸗ ſtrömt, und der Fämundſee(9 M. lang und 2 M. breit) in demſelben Stift, aus dem der Klara⸗Elf abfließt. Auf dem Hochlande ſind die bedeutendſten Bergſeen: der Fyen(in 3360“ Höhe), der Dinſtern(3670) und Byg⸗ din(3650)); aber auch in den Thälern finden ſie ſich meiſt als erweiterte Flußbetten; einige anſehnliche ſind auch in den nördlichen Kjölen, und noch viel größer würde die Zahl derſelben ſein, wenn nicht die meiſten derſelben durch Zertrümmerung der Küſtengebirge zu Fjorden geworden wären.— Alle Theile des Landes enthalten, alle Flüſſe und Bäche bilden Waſſerfälle, und die an der Weſt⸗ küſte zeichnen ſich namentlich durch ihre unglauͤbliche Höhe aus. Von den Felswänden, welche die Fjorden einſchließen, ſtürzen bis zu 2000 Fuß hoch Bergſtröme und Bäche herab, die, von unten betrachtet, wie breite, glänzende, über die Felſen bogenförmig ſchwebende Bänder erſcheinen und ganz zerſtäuben, ehe ſie die Tiefe erreichen. Dier prächtigſte Fall iſt der Rjukandfoß in Ober⸗Tellemarrken(450), den die Maando im Hintergrunde eines romantieſchen Thales bildet; Biorei dangerf Leerfo lündig In der heim k an die Vorzu dem 4 Fuͤlle breit keit ſ tigem kümm Fuß und t Häuſer Abhan Schad ſchat Hum der und Aethe ſchwe iſt ei foß gerfo Fuß reize als in it ſten wände Gras ten T Dal detn haben ich 5000 der verkü ſchlei ra ſ ch größen Vald einer Sür ſlaterd din a weilen Lewäh bildet; dann der Böringfoß(900“), den die beiden Flüſſe Biorei und Leiro bald nach ihrer Vereinigung am Har⸗ dangerfjeld bilden, und der durch den Nid⸗Elf gebildete Leerfoß bei Drontheim. „kündigt ſich ſchon weither durch ein gewaltiges Getöſe an. In der Stille der Nacht kann man ihn ſelbſt in Dront⸗ heim hören. Man klettert durch das Gebüſch bis unten an die Mühle, um hier den vollſten Anblick zu haben. Vorzugsweiſe gegen die übrigen Fälle Norwegens kann man dem Leerfoß das Prädikat der Schönheit beilegen; Einheit, Fülle und ein glänzendes Weiß charakteriſiren ihn. Er iſt breit im Verhältniß zu ſeiner Höhe, heiter, ſoweit Heiter⸗ keit ſich mit Größe verträgt, und mit Ufern von ſo ſaf⸗ tigem Grün, als das Weiß ſeines Schaumes glänzt. Was kümmert einen maleriſchen Reiſenden die Berechnung nach Fuß und Ellen. Zwei Häuſer hoch— will ich es nennen, und thue vielleicht dem Falle dadurch noch Schaden— zwei Häuſer hoch ſtürzt ſich eine Lichtmaſſe herab den ſchroffen Abhang eines dunkeln Tannenberges in der lebendigſten Feierſtunden. 1864. „Der Foß,“ ſagt W. Alexis, 159 ———;—— in der Wolkenregion die ſchon breit ſchäumenden Gewäſſer auf der nackten röthlichen Felsabdachung zu einem breiten Schaumbette verſammeln, einen impoſanten Anblick. Eine eigenthümliche Erſcheinung an den Küſten Nor⸗ wegens, beſonders an der Weſtſeite, ſind die ſogenannten Fjorde, tiefe Schluchten und Thäler der ſteil abfallenden Felſenküſten, Meeresarme, die weit in das Land eindringen, die meiſt mit wunderbar klarem Waſſer erfüllt ſind, ſich nach Innen zu, den Drontheimer Fjord ausgenommen, nicht zu Buchten erweitern, ſondern mit ihren meiſt ſchma⸗ len Armen ſich in keilförmige Seitenzweige vertheilen, ähn⸗ lich einem Hauptfluſſe mit ſeinen Nebenflüſſen. Einige der letzteren ſind oft nur als meilenlange Felſenriſſe anzu⸗ ſehen, deren oft mehrere tauſend Fuß hohe Seitenwände faſt das Tageslicht abſperren. In der Regel ſenken ſich die Höhen dem Meere zu und zerſplittern zu Bergen und Fel⸗ ſen von 1000 bis 1500 Fuß Höhe; zuweilen bleiben auch die Wände ganz ſenkrecht und ſteigen bis 1000, bei Ber⸗ gen ſogar bis 2000 Fuß auf. Die Länge dieſer Fjorde Schattirung des weißen Schaumes, wenn Weiß durch Weiß iſt verſchieden; ſie ſind von 12 bis gegen 40 geographiſche ſchattirt werden kann. Es iſt ein großer Guß, der vom Meilen lang, von einer Stunde bis zu mehreren Meilen Himmel kommt; denn unten ſtehend ſieht man oben über breit und zuweilen von außerordentlicher Tiefe. In manche der ſcharfen, geraden Metalllinie, wo das Waſſer bricht, dringt die Fluth mit großer Gewalt ein, andere, vor deren und ſich ſogleich in Schaum aufzulöſen beginnt, den blauen Mündung zahlreiche Eilande die Wuth der Wellen brechen, Aether, und die weißen Lämmerwölkchen küſſen die Waſſer⸗ haben ruhiges Waſſer. In die meiſten münden Flüſſe, ſchwelle. Es iſt ein großes Gedicht, ohne Epiſoden; es welche in den herrlichſten Kaskaden aus der Höhe herab⸗ iſt ein großes Schauſpiel(1000 Fuß hoch). Der Keu⸗ fallen. Zwiſchen den ſteilen Wänden der Fjorde trifft man foß ſtürzt gegen 2000 Fuß hoch herab, und am Hardan⸗ zuweilen auf einem ſchmalen Uferrande freundliche Städte, gerfjorden iſt der Rembis und der Skittiefoß 900 hübſche Wälder von Eichen, Eſchen, Ellern, Ulmen, ſo⸗ Fuß hoch.“ wie Landhäuſer und Gehöfte; in anderen ſteigen die Felſen Die Thäler im Süden Norwegens ſind meiſt von reizender Schönheit und weit fruchtbarer und bevölkerter, als im Norden, wo ſie kurz, ſchmal und menſchenleer ſind; in ihnen ſieht man abwechſelnd die wildeſten, die erhaben⸗ ſten und lieblichſten Naturſcenen. Die Thäler Guldbrand, Halling, Walders, Hedemarken u. a. bieten überraſchende Anſichten; wenige Thäler aber haben für den Landſchafts⸗ maler ſo viele pittoreske Formen und Staffagen, als das Thal Veſtfjordal in Ober⸗Tellemarken. Der Mar⸗Elf durchzieht dieſen ſchönen Abgrund, der von der üppigſten Wieſenvegetation geſchmückt iſt. Die ſteilen und ſtarren Schneeberge, die in daſſelbe hereinragen, bilden den grell⸗ ſten Kontraſt. In dem engen Thalraume dringt fünf Monate lang kein Sonnenſchein über die hohen Seiten⸗ wände. Im Sommer iſt die Hitze ſo groß, daß oft das Gras verbrennt, der Winter dagegen ſo kalt, daß nicht ſel— ten Thiere erfrieren. Ein einziger ſteiler Pfad führt in das Thal hinab, das von Gehöften, Aeckern, Wieſen und Fel⸗ dern gefüllt iſt; im tiefſten Hintergrund rauſcht der er⸗ habene Rjukandfoß, und an der Siüddſeite erhebt ſich plötz⸗ lich aus der Tiefe ſteil und deßhalb um ſo impoſanter über 5000 Fuß hoch das Gouſtefjeld mit ſeinem kahlen Gipfel, der Wetterprophet der ganzen Umgegend, welcher Regen verkündet, wenn er ſich mit einem feſtſtehenden Wolken⸗ ſchleier umgibt, heiteres Wetter aber, wenn die Wolken raſch an ihm vorüberziehen.— Jedes Thal, faſt jeder größere Felſen im ſüdlichen Norwegen hat ſeine Waſſerfälle. Bald tobt und donnert hier einer, bald ſchlängelt ſich dort einer wie ein ſilbernes Band, wie ein Netz oder eine Schärpe, die ſich vom Gipfel ablöst und in den Lüften flattert; hier bedeckt einer eine ganze Felſenwand, dort rauſcht ein anderer mit einem Bogenſturz in's Thal hinab; zu⸗ weilen vereinigen ſich mehrere noch auf der Höhe, und dann gewährt der Herabſturz, wie beim Olafoß, wo ſich hoch ſchroff vom Waſſer an, ſo daß man nicht einmal landen kann. Die wichtigſten dieſer Fjorde ſind, vom Süden an: der Stavanger⸗ oder Bukke⸗Fjord, nördlich von Sta⸗ vanger, ein mit vielen Inſeln erfülltes Baſſin, vor deſſen Eingang die große, wohlangebaute Inſel Karmöe liegt, in deren Nähe im Frühlinge der reichſte Häringsfang be⸗ trieben wird. Nach Oſten greift von ihm der 5 ½ Mei⸗ len lange, von 2—6000 Fuß breite, und mit mehr als 3000 Fuß hohen Felswänden eingefaßte, wunderbare und einzige Lyſefjord in's Land; der Hardanger⸗Fjord, vor deſſen Eingang die großen Inſeln Asköe, Storöen und Bömelöe liegen; er iſt von Südweſt nach Nordoſt gerich⸗ tet, und von ſeinem innerſten Ende geht nach Süden der Sörfjord ab, der lang und ſchmal, überaus großartig und reizend iſt; er hat gegen 4000 Fuß hohe Seitenwände, dichte Laubwälder am Ufer, ſchräg hinabgehende Wieſen, üppige Obſtgärten und himmelhohe, mit Waſſerfällen be⸗ kleidete Felſen, im Hintergrunde mit glänzendem, ewigem Schnee; der anmuthige und großartige Sogne⸗Fjord, der am tiefſten einſchneidet, 17 Meilen weit in das Gebirge tritt und ſich hier in viele Arme zertheilt, deren innerſte Zweige 4000 Fuß hohe Wände haben; der Romsdals⸗ Fjord, vor welchem die Romsdals⸗Oerne liegen; Dront⸗ heims⸗Fjord(Tronthjems⸗Fjord), in welchen das Froha⸗ vet führt; er iſt 16 Meilen lang, erweitert ſich beckenartig, reicht weit nach Nordoſten, iſt bei Winden ſehr gefährlich und hat hohe Fluth, nach Norden geht er in den eben ſo langen Beilstal⸗Fjord über, und ſteht an ſeinem äußer⸗ ſten Ende mit dem langen Sneaſſen-See in Verbin⸗ dung ꝛc. Von Kap Lindesnaes bis Drontheim wird Norwegen häufig von Touriſten beſucht, und von Stavanger, Bergen, Romsdal und Drontheim aus in der Regel die Berg⸗ und Waſſerpartien unternommen. Die Bergypartien werden ſtets — 6 150 Feierſtunden. 1864. 1——::¶¶B¶Cũy—-———-õ———— —y— in Geſellſ f Ae, Reheee hsitheenene de geen, ei 2 erer un emein. ma behende, und die F 2„ ungemein ſicher und 8 die Führer derſelben, die ſämmtlich di den und * ieyihe atute tragen, die zuverläſſigſten L dierroth cjidene ſtets anreſtugen an f den beſuchteſten Stationen ſind en ſenden verſehen ſi ferde zu Ausflügen zu finden, die Rei⸗ Gerüiſe lns, ſei oh ſich mit großen Reitſtiefeln, Winter⸗Pale⸗ Gewalt 1 und, efüdt u9 im heißeſten Sommer, mit Lebensmitteln in Gei ud ho e uuturieſchen. überlaſſen ſich vertrauens⸗ vor die mit dun wie biaſchadeneh ührern und ihren Roſſen, die den I Stellen agenrachten er ei hienüihtit die an gejührlichen darac 8 1 eich auf- und abzuklim⸗ gerath. 1 men vermögen, und dabei kräftig von d 1üs zücht! allen Seiten unterſtützt werden n den Führern auf duh. . d immer k miächti dier Beſucher en nürwegiſchen 5 un noch kehrten 4 f er Plr landes von ihr„eder ſic flügen faſt befriedigter zurück rle von ihren Aus⸗ A zurück, als die Reiſenden dur Inſekte 4 dere Gebirgsländer; eine noch großartigere, wi dit durch an⸗ u ſehd . als irgend wo anders zu finden, v gere, wildere Seenerie, d1 ſen 3 3, voller Klippen, Sch Heftigk und Wälder, zu denen ſich di pen, Schluchten ſi ſi 19 13 t dene h die Pracht der Gletſcher und ſie ſich Keer venee ereeeerpen ee a V„mag wohl n wahren Freunde der Natur di velche V Bequemlichkeit confortabler Hotels in reichem Maße erſezen! igrem 5 nen 2. teſten Ein Abenteuer in Auſtralien*) d d 34 1. 1 e d Von einem engliſchen Schiff dl 4 I eng hiffe, welches bei der Mün⸗ anfi e niſch duuad iendiennedf vor Anker lag, ſtieß ein mit einem Mindfenndi dee ube Lehhaftigkeit geinen angliſchen— atroſen zwei 5. gehoff 1 V Boot ab. ſen und zwei Gentlemen bemanntes fo Tanzen Sie doch, um's Himmels willen, tanzen dhoff . uc. o Tu r.;„— es de ind Ader Küſte angelangt ſtiegen die beiden gelehrten Siterie de ihm dazwiſchen zu. ſolche ſ Pnge rif un Fienainie aus, um einige Beobach⸗ vamsdß Lins uhenht⸗ endlih, und wenn es ihm auch große ungen anzuſtellen. Sie wollten ihre Inſtr f„ zu ſingen und zu lachen, ſo tanzie und Si V gen kwinfn Hügelreihe aufſtellen, dhen duſrramdme gaf druadr doch nach Leibeskräften umher. ,1 da denſen n reden Kilus marnten die Magnetadel des Kom⸗ felfan Smie aren iche vit Unrecht über dieſes bis ſ 1 3, und ſie ſahen ſich genöthigt.. 1 rſtaunt. Nach und nach ſenkten ſie hatte 14 Hügel einen günſtigeren Plat nöthigt, am Fuße der ihre drohend geſchwungenen Waff enkten ſi hatte II jeſ atz aufzuſuchen. Nachdem ſi genen Waffen, und bald ſaßen ſie ner dirſene din d arbeitelen ſie einige Stunden dchdſ aadg dwegen Mei den, Juiin umher. Nas tön⸗ ihr not, hon brach die Nacht herein er Keys Sprü n Männer? weßhalb dieſe ſeltamen 1 aufſtand, um ſeine Inſtrumente dn Zals Herr Keys Sprünge? frugen ſich die Eingeborenen, bei welchen der ſs Kauin w er hundert Schritte weit gegangen als ſchffen 6 nin un hnoliſchr Bedeurund hat, ſurdauſi ann I gellendes Geſchrei erſchreckte; ſich umwendend ſin er geneigt ſind, auch bei Anderen eine ſolche zu vermuthen. ffoen Felſen, in deſſen Nähe ſich ſein Freund nd ſah er auf den Während dieſer Zeit verloren die unglücklichen er 1 3 3 ahlreichen Tr„ noch befand, einen ihre G f ni 3 cer hlreichen Trupp von Wilden, welche im Begriff zu ſein hre Geiſtesgegenwart nicht. ml e 6 ſuehen dann eaa ähen zi ermorden. Herr ds hätte„Daißig Schrit Bumun ſang Hr. Fitzmaurice. bwend D en, doch zöreerte er nicht er t 7 ritte nach links.“ i ; zögerte er nicht einen 1; 4 hren 8 zuſerden Gefährten zurückzukehren, 9 ihn zu Argenbtit,„Sn rßt, dus iſt ſchlimm!“ b iine ſi daas zu thlen Die Widen ſchvinhe dohend ih„Ean, hrſae en umher eard ten, lien d ie wuͤhiftng auf den Felſen der Stelle zu nähern; rdrt ſuchen ſein Cus unmerklich ſe län nher, un en Engländer fürchteten, j— 2.; ſo raſch, ſein Sie vorſichtig.“ veni 1 blis„l Whr en Wurfſpießen deeuh zu acn Anden denn Die Eingeborenen ſchienen ihre Abſicht zu errathen, ſet A„Nerhen edf kunsjei frug Hr. Keys raſch dee me ir ii ſich u ecrit ihren Inſtrumentei 3 1 72 in! tanzen„ ſu. r ſich unter Wi Ian 3 Hr. ſübmure zen und lachen Sie!“ antwortete Geichen 1 en Wilden ein drohendes u II r. Keys geſtand ſpäter, d r. Keys hielt es kaum noch aus udeh⸗ nem un lück 54 1. aß er geglaubt habe ei⸗„K zr.. zen b ſtand adundh Gefäh iſ hitt der Sechreen urdi. diefem Tog denten. vir davon konmen, werden wiß an dun — 4 rſah, daß derſelbe wirklich je 3 7 tblich 6 e e, egochhn de ih nun Gont ſt. Aber es hilft Alles nichts, ich kannmte in London herausgegebenen Waule ung, ſowwie dir Jnſtranton einem„Muth, 653 Muth! Haben Sie ni. en 1oddon hertseevnent, di ehs ddasd an in Austra- in New⸗holt? T. h! Haben Sie nicht eine Braut Wes Plorenn and surveyed during the an. rivars ex- für ud Ghu 2 Tanzen Sie für Ihre Braut, tanzen Sie Eiaſ eagle, by Lork Stokes, Commander..M. 8 d. ngland, wenn Sie es je wieder ſehen wollen... Nnhe a fiel in der Ferne ein Schuß, die Mannſchaft iſim onn — norwegi⸗ icher und die rothe leiter bei den ſind die Rei⸗ ter⸗Pale⸗ smitteln rtrauens⸗ ſſen, die fährlichen abzuklim⸗ ſrern auf kehrten ren Aus⸗ purch an⸗ Scenerie, hluchten her und Mares atur die erſetzen! 2 aöliſch 1, tanzen ihm auch anzte und ber dieſts enkten ſie ſaßen ſit Wus tha⸗ ſeltſamen ſchen der daß ſie ermuthen. en Tänzet uurice. nmerli orſichig. errathen, trumenten drohendes Feierſtun —————ʒ— in meinen Adern zum Erſtarren brachte. Ich machte aber⸗ mals einen Bewegungsverſuch und vernahm auf's Neue den unvergeßlichen Laut, der indeß jetzt von hundert ver⸗ ſchiedenen Stellen her ſich zu widerholen ſchien von oben, von den Seiten, überall her daſſelbe klare, ziſchende Geräuſch, das aus der Tiefe der Höhle mit verdoppelter Gewalt zurückechote.„Barmherziger Himmel!“ rief ich im Geiſte, als mir die ſchreckliche Wahrheit auf einmal! vor die Seele drang. Ich begriff jetzt den Widerwillen, den meine feinriechenden Muſtangs vor der Höhle gehabt hatten; ich war in den Verſteck von Bergklapperſchlangen gerathen und nach allen Seiten hin von dem giftigen Ge⸗ zücht umgeben. Schon vornen am Eingang lagen zwei ſo mächtige Ungethüme, wie man ſie ſelbſt in dieſem Strich, der ſich mehr durch die Größe ſeiner giftigen Reptilien und Inſekten, als durch etwas Anderes auszeichnet, nur ſelten zu ſehen kriegt. Die Klapperſchlangen waren durch die Heftigkeit des Gewitters in dem Innern der Höhle, wo ſie ſich vielleicht Jahre lang aufgehalten, aufgeſchreckt und durch den warmen ſonnigen Tag hervorgelockt worden, bei welcher Gelegenheit ſie mich zuerſt als freiwilligen Gaſt in ihrem ecklen Loche fanden, ſpäter aber zu ihrem Gefange⸗ nen machten. Ich fürchtete mich jetzt ſelbſt vor der leich⸗ teſten Bewegung, um nicht eines von den vielen Unge⸗ heuern, die ich in meiner unmittelbaren Nachbarſchaft hörte, zu veranlaſſen, ſeinen giftigen Zahn durch die Decke und die dünnen Kleider, die ich trug, zu bohren und ſo meinem irdiſchen Daſein auf eine höchſt unangenehme Weiſe ein Ende zu machen. Aber was ſollte ich thun? Ich hatte gehofft, ſie würden die Höhle bald wieder verlaſſen; allein es vergingen Stunden, ohne daß meine Augen durch eine ſolche Veränderung erfreut worden wären. Die beiden — den. 1864. der Paradiesvogel hat, flatterten um mich her und fächel— ten mit ihren weichen Schwingen meine Wangen, während zugleich Blumen von wunderbarer Schönheit ihre Kelche aufſchloſſen, um vor mir allein ihre Herrlichkeit zu ent— falten. Aus dieſer glücklichen Verzückung wurde ich plötzlich zum Bewußtſein der ſchrecklichen Wirklichkeit zurückgerufen, denn von den inneren Winkeln der Höhle her ließ ſich auf's Neue der Wiederhall der unheimlichen Klapper vernehmen. Meine Muſtangs hatten ſich dem Eingang der Höhle ge⸗ nähert und, als ſie daran vorbeirannten, durch ihr Schnau⸗ ben die Aufmerkſamkeit der Schlangen von mir ab und ihrer eigenen Sicherheit zugelenkt. Ich war wieder frei— nicht frei aus der Höhle, ſondern nur frei von dem bezaubernden Blicke des Erz⸗ feindes, denn ich wußte jetzt, daß dieſer es war, welcher dem Ungethüm ſolche Gewalt über mich verliehen hatte, und ich war entſchloſſen, mich derſelben nicht wieder preis⸗ zugeben. Meine Augen zudrückend verſuchte ich, über die Möglichkeit des Entrinnens nachzudenken; aber es fiel mir nichts ein, was mich hätte ermuthigen können, eine Beſei⸗ tigung meiner Decke zu wagen, die jetzt mein einziges Schutzmittel war. Kein Ausweg— der Tod ſchien un— vermeidlich. Denn obgleich ein Plan den anderen drängte, überzeugte ich mich doch ebenſo ſchnell von ihrer Unaus⸗ führbarkeit. Ich war bereits im Begriff, die Decke abzu⸗ werfen und aus der Höhle hinauszuſtürzen, obſchon ich wußte, daß ich auf Hunderte von der Brut treten mußte, ehe ich den Eingang erreichte, als ich mich plötzlich meiner Zündhölzchensbüchſe, die ich ſtets in der Taſche meines Jagdhemds trug, erinnerte. Ein Hoffnungsſtrahl in der Nacht meiner Verzweiflung; aber ich zitterte bei dem Ge⸗ großen Beſtien, die ich zuerſt bemerkt hatte, lagen wie danken, daß auch dieſer ſich trügeriſch erweiſen könnte. Schildwachen, die einen Gefangenen hüten, an Unbeweg⸗ Wenn es mir gelang, die Büchſe herauszukriegen, ohne daß lichkeit dem Felſen über ihnen ähnlich, an dem Eingang, die Schlangen dadurch aufgeſtört würden, ſo wollte ich das bis ſie mit einemmale eine andere Lage annahmen. Ich dürre Laub um mich her in Brand ſtecken, der Hitze ſo hatte nämlich ſtetig durch die Oeffnung in den Falten mei⸗ lang als möglich Stand halten und dann auf den Eingang ner noch immer um mich hergeſchlungenen Decke geſehen; der Höhle zuſtürzen. In meiner Haſt machte ich eine etwas aber nun begegnete zufällig der Blick meiner Augen dem ungeſchickte Bewegung, und wieder erklang der Raum von euz größeren Schlange und wurde von demſelben ſo un⸗ dem entſetzlichen Geziſch und Geklapper, ſo daß ich in To⸗ Razerſtehich angezogen, daß ich ihn nicht mehr abzuwenden desängſten den Athem an mich hielt, jeden Augenblick ge⸗ Volkmochte. Jetzt ringelte ſich die Schlange plötzlich, hob wärtig, von dutzend Schlangenzähnen angefallen zu werden. den Kopf in die Höhe und heftete ihr glänzendes Auge mit Nach einer Weile hörte das Klappern wieder auf, und ich ſolchem Nachdruck auf mich, daß es mich ein⸗ ums andere- machte auf's Neue einen Verſuch, an meine Zündhölzchen mal eiskalt überlief; und doch konnte ich mein Auge nicht zu kommen. Da ich diesmal vorſichtiger zu Werke ging, abwenden von den ſcharfen, glänzenden Spitzen, die, ſchon ſo gelang es beſſer, und endlich hatte ich mit zitternder während ich danach hinſah, gluühheiß in mein Fleiſch zu Freude einige Hölzchen in der Hand. Ich ſtrich eines der⸗ dringen ſchienen. Ich fühlte, daß die Schlange wußte, ein ſelben an der Friktionsplatte und brannte damit langſam ein Feind ihres Geſchlechts liege eingehüllt in dieſer Decke, und Loch durch die Decke bis auf das dürre Laub hinunter, das je länger ich nach den beiden Feuerbällen hinſchaute, deſto ſchneller, als ich erwartet hatte, Feuer fing. Die Flam⸗ weniger gewann ich Luſt, den Bann, der mich gefangen men griffen raſch weiter, und ich nahm jetzt weniger An⸗ hielt, zu brechen. Ich ſah nichts, wollte nichts ſehen, als ſtand, mich zu bewegen, da die Klapperſchlangen nichts ſo die zwei funkelnden Flecke, welche, wie ich wußte, die Au- ſehr fürchten, als das Feuer. Aber Hitze und Rauch wur⸗ gen der Schlange waren und ſich zu vergrößern und aus⸗ den bald unerträglich. Das Feuer breitete ſich raſch über zudehnen ſchienen, bis ſich ihr Wiederſchein über den gan- die ganze Höhle aus, und da ich wenigſtens nicht ohne zen vorderen Theil der Höhle ausbreitete. Und nun kam Kampf untergehen wollte, ſo beſchloß ich, eine letzte An⸗ es mir vor, als höye ich aus der Ferne die Töne einer ſtrengung zu machen, um in reine Luft zu gelangen. Den lieblichen Muſik, ſauft und ſchmelzend wie die melodiſchen Mantel und die brennende Decke aufraffend, ſtürzte ich durch Laute einer Aeolsharfe. Sie kamen näher und näher aus Flammen und Rauch auf den Eingang zu und glaubte be⸗ dem innern Theile der Höhle wie aus dem Herzen des reits glücklich geborgen zu ſein, als ich auf einmal zu mei⸗ Berges heraus, und ich erwartete jeden Augenblick einen nem ſtarren Entſetzen der zwei großen Schlangen wieder Elfenſchwarm mit gyldenen Inſtrumenten in der Hand, der anſichtig wurde, die beharrlich an dem alten Flecke lagen, einherſchwebte, um inich in ſeinem Zauberlande zu bewill⸗ ſo daß ich nicht hinaus konnte, ohne über ſie hinwegzuſchrei⸗ kommnen. Vögel von viel prächtigerem Gefieder, als es ten. Meine Lage war noch immer im höchſten Grade 21* ¹ 164 Feierſnnder⸗ 1864 gefährlich. Ich hörte das warnende Gellapper dicht hinter ſicht eröffneten. Da kam mir ein plötzlicher Gedanke. Ich Explſi mir, denn das Feuer trieb die Schlangen auswärts, und näherte mich langſam und vorſichtig bis auf drei Schritte die Der jede Zögerung drohte mir mit ſicherem Tod, während die den beiden dicht neben einander liegenden Schlangen und iict 1 1n den Eingang hütenden Beſtien mir dieſelbe traurige Aus⸗ warf meinen ausgebreiteten Büffelhautmantel über ſie hin, Maſſen i dgt iiner S aaaagaaaaac ſiſgſſſſ)] H7ſſſſſſſſſ⸗) t ihr 6 G h 6 7 ,))))) nit ih 1 Gand 6 77, fM 9 1 M) ſſ hatten, „ Waw z« l V i ſ P)t und da 1 V äine vo zuckung zukome Schlau lichkeit — ſi — —— — —— ſüh 1 fühlen „n, Ph),)) Pecos y) b 1 ,,))) 3 ) 7(ſW b 7)), reiſen, 17) inzuho 1 Vullſh cc ſſh V ruhigt, M-ſ ſh nomme en, v die A aber Krifte er d dicht vara päbſtl iteuntey Mann Paltp Düccht heils d ologne in zwö uobuvpD aee . ſo daß ſie ganz von demſelben bedeckt wurden; dann machte Nach kurzem Suchen fand ich m eine Muſtangs, die mi ich, ehe ſie Zeit gewannen, ſich zu rühren, einen Satz über ſie weg, und ein zweiter brachte mich aus dieſem Höllen⸗ rachen hinaus in die freie Gottesluft, ohne daß ich weiter als durch einige Brandwunden zu Schaden gekommen wäre. in einer Entfernung von etlichen hunder jie Schritten weideten. Ich hatte ihnen ihre Geſchirre wieder an ggelegt und war eben im Begriffe, ſie vor mein Wägelchen gal⸗inaman, als in der Richtung meines früheren Gefäne, urchtbare — Feierſtunden. 1864. ——⅓—⅓—— X§4¼¼ ꝗ—ö————-ʒ——-— Exploſion ſtattfand. Neugierig eilte ich zurück, fand aber die Oertlichkeit gänzlich verändert; von meiner Höhle war nichts mehr vorhanden, ſtatt ihrer fand ich nur ungeheure Maſſen zerriſſenen Geſteins. Die Cedern, die noch vor einer Stunde über der Höhle geſtanden und gewiſſermaßen mit ihren niederhängenden Zweigen den Eingang maskirt hatten, lagen entwurzelt in verſchiedenen Abſtänden umher, und da und dort bemerkte ich unter den Felſentrümmern eine von meinen früheren Schildwachen, die ſich in Todes⸗ zuckungen krümmte. Ich beeilte mich, von dem Platz fort⸗ zukommen; denn obſchon ich mich nicht mehr vor den Schlangen fürchtete, ſchien mir doch über der ganzen Oert⸗ 165 angelangt, erfuhren ſie, daß ich noch nicht gekommen, weß⸗ halb ſie auf mich zu warten beſchloſſen. Die Urſache jener Exploſion habe ich erſt viele Jahre ſpäter kennen gelernt. Als ich einmal einem alten Jäger mein Abenteuer erzählte, erwiederte er mir, er habe viel⸗ leicht zehn Jahre vor dem fürchterlichen Tage, den ich in der Höhle zubrachte, ſich mit mehreren Anderen zum Beſuche der Jagd in jener Gegend umgetrieben; ihre Pferde ſeien ihnen von den Azachen geſtohlen worden, und da es ihnen ſomit an den Mitteln gebrach, die gemachte Beute fortzu⸗ ſchaffen, ſo hätten ſie in den Felſenklüften ihre Habſelig⸗ keiten, darunter auch einige Fäßchen Schießpulver, unter⸗ lichkeit ein Geheimniß zu brüten, das mich mit bangen Ge⸗ fühlen erfüllte. Es wurde ſpät Abend, bis ich die Route nach den Pecos wieder auffand, und ich mußte die ganze Nacht durch reiſen, um am anderen Morgen meine Geſellſchaft wieder einzuholen. Sie war durch meine Abweſenheit ſehr beun⸗ ruhigt, hatte aber von dem Unwetter keinen Schaden ge⸗ nommen, das ſchon vorüber war, als ſie die Stelle erreich⸗ ten, wo ich von der Hauptroute abwich. In den Pecos gebracht. Der Jagdgrund ſei damals ſtark von Indianern überlaufen worden, und dies habe ſie bewogen, ihre Sachen im Stich zu laſſen, die ſie nachher nicht wieder aufgeſucht hätten, weil ſie des feſten Glaubens geweſen, ſie ſeien den Rothhäuten in die Hände gefallen. Ob dort noch die Klapperſchlangen hauſen, weiß ich nicht, denn ich bin nicht wieder in dieſe Gegend gekommen, und trage auch kein Ver⸗ langen darnach, die Bekanntſchaft zu erneuern, da es mich ſchon bei der bloßen Rückerinnerung kalt überläuft. Dr. K. Italia liberata. (Fortſetzung zu S. 153.) Siebentes Kapitel. Feinde jeden Fuß breit Erde ſtreitig machte, und bis in die ſpäte Nacht hinein wurde fortgekämpft. Endlich jedoch ſiegte die Taktik, verbunden mit der Ueberzahl, und das Es war in der That ein hochherziger Entſchluß, den kleine Heer der Aufſtändiſchen löste ſich, nachdem es tüch die Aufſtändiſchen, wie wir ſoeben gehört, gefaßt hatten; tige Hiebe und Wunden ſowohl davongetragen als ausge⸗ aber mit dem tapferen Willen ſtimmten die ſchwachen theilt, in einzelne flüchtige Haufen auf, welche ſich theils Kräfte keineswegs überein. Schon am ſechsten März war nach Rimini und Ancona zuwandten, theils aber auch in der öſtreichiſche Feldmarſchall⸗Liententant Bentheim in die der nächſten Nachbarſchaft Schutz ſuchten. dicht an's Mailändiſche grenzende Stadt und Feſtung Fer⸗ Am Mittag des Tages, welcher auf die verhängniß rara eingerückt und hatte dort nach kurzem Kampf die volle Schlacht folgte, finden wir in einer Bergſchlucht, die päbſtliche Gewalt wieder hergeſtellt. Drei Tage ſpäter, am ſich von der Stadt Rimini gegen das uralte San Marino Königin Hortenſe und der öſtreichiſche General. unn neunten März, nahm General Geppart mit ſechstauſend hinzieht, etwa eine Stunde von der gebahnten Heerſtraße vier Mann die Stadt Modena ein, und der von der dortigen entfernt, einen kleinen Haufen von Flüchtigen, welche da ril Volkspartei zum Generaliſſimus ernannt geweſene Graf ein Bivouak aufgeſchlagen hatten. Die Lage war außer⸗ Zucchi mußte ſich mit ſeinen achthundert Mann, meiſten⸗- ordentlich gut gewählt, denn durch die Schlucht führte nur cheils aus der Blüthe der gebildeten Stände beſtehend, in's ein ſchmaler Saumweg, der höchſtens von einzelnen Fuß⸗ bologneſiſche Gebiet zurückziehen. Ganz ebenſo erging es gängern, Pferden und Maulthieren begangen werden konnte, um zwölften und dreizehnten den Städten Reggio, Piacenza und überdem kannte dieſen Weg Niemand als die benach⸗ und Parma, und jeglicher ernſtliche Widerſtand hätte ſich barten Ziegenhirten, oder auch Banditen und Schleichhänd⸗ der großen Uebermacht gegenüber als ein Wahnſinn erwie⸗ ler. Hätten aber die Feinde, von Verräthern unterrichtet, ſen. Nunmehr ſammelten die Oeſtreicher ihre Streitkräfte auch wirklich dieſen Schlupfwinkel aufgefunden, ſo wäre es und fünfundzwanzigtauſend Mann ſtark zog am neunzehn⸗ ihnen doch unmöglich geweſen, Artillerie heraufzubringen, ſen März Feldmarſchall Frimont gegen Bologna heran, und ohnehin konnten einige wenige entſchloſſene Männer unm dem Regiment der Aufſtändiſchen ein Ende zu machen. den Engpaß gegen ihrer Hunderte vertheidigen. So gün⸗ Bologna kapitulirte, nachdem die proviſoriſche Regierung ſtig nun aber auch in dieſer Beziehung der Platz gewählt ſch nach dem feſten Ancona zurückgezogen hatte, die Armee ſein mochte, ſo hatte ſeine außerordentliche Abgelegenheit ſer Aufſtändiſchen aber, obwohl nur aus ſiebentauſend größ⸗ auch wieder ihre großen Nachtheile, beſonders für arme entheils ſchlechtbewaffneten Leuten, von denen kaum der Flüchtige, die von Allem entblößt waren, und weder die zierte Theil ein ſoldatenmäßiges Anſehen hatte, beſtehend, Mittel beſaßen, ihren Hunger zu ſtillen, noch auch ihre leſchloß, hinter Forli Stand zu halten. Am fünfundzwan⸗ Wunden zu verbinden. Ja wenn hier nicht Rath geſchafft agſten kam es zur Schlacht. Vor Allem fehlte es den wurde, ſo mußten die Nachtheile am Ende die Vortheile die Inſurgenten an Kavallerie und Feldgeſchütz, denn ſtatt überwiegen, und ſie waren genöthigt, um nicht den Ent⸗ s, en Lononen beſaßen ſie nur einige wenige ſchlechte Karrenbüch⸗ behrungen zu erliegen, auf jede Gefahr hin ſich bis in die weidete ſin, und die paar Berittenen konnten ſich natürlich mit den bevölkerteren Diſtrikte vorzuwagen! vr in digariſchen Huſaren nicht meſſen. Dennoch ſchlugen ſich Sehen wir uns nun ein wenig unter den Verſpreng⸗ de Italiener mit einer Bravour, welche dem überlegenen ten um, ſo ſtoßen wir bald auf eine ziemliche Anzahl von 166 Feierſtunden 1864. Bekannten; aber ſie befinden ſich zum Theil wenigſtens in„Aber,“ wiederholte Louis Napoleon, nachdem er eine einem Zuſtande, der mehr als bejammernswürdig genannt kleine Weile hatte vergehen laſſen,„wenn er doch ausbliebe? werden muß, und beſonders auffallend erſcheint uns in die⸗ Sie könnten ſich möglicherweiſe ſeiner bemächtigt haben, ſer Beziehung eine Gruppe, die ſich unter einem mächtigen trotz ſeines Paſſes, oder aber hatte er es ſatt, ſich für Baume gelagert hat. Sie beſteht nur aus wenigen Män⸗ Unglückliche, wie wir ſind, noch länger aufzuopfern, und nern, worunter bis auf. Einen Alle von noch ſehr jugend- iſt ſeines Wegs weiter gereist.“ lichem Alter; doch ſcheinen ſie nicht zu den Geringſten zu„Pfui, Prinz,“ rief Arthur Belgiojoſo unwillig. gehören, denn ſie werden von den übrigen Flüchtlingen, die„Wie mögen Sie über einen Mann wie Arthur Stanton ſich in ehrerbietiger Ferne gelagert haben, mit beſonderer eine ſolche Verdächtigung ausſprechen? Ueber einen Mann, Auszeichnung behandelt, und offenbar haben ſie auch den der ſich von Anfang an als der edelſte, treueſte und bequemſten Platz des ganzen Bivouaks inne. In dem heroiſchſte aller Freunde erwieſen hat!“ Erſten derſelben, dem einzigen älteren Manne, erkennen„Sie haben Recht, Alfred,“ entgegnete darauf der wir den Grafen Pepoli, deſſen kräftiger, energiſcher Per⸗ Prinz;„vollkommen Recht haben Sie und ich bereue mein ſönlichkeit wir nun ſchon ſo oft begegnet ſind. Doch wie thörichtes Wort. Aber wenn Sie bedächten, welche gräß⸗ ſieht er jetzt aus? Matten Körpers, wie wenn all' ſeine liche Pein ich erdulde, nicht meinetwegen, ſondern wegen Kraft gebrochen wäre, lehnt er ſich gegen den Baum zu⸗ deſſen, der hier bewußtlos in meinen Schooße liegt, und rück und an ſeinem Vorderkopfe klafft eine tiefe Wunde, der nothwendig ſich verbluten muß, wenn nicht in der näch⸗ während Geſicht und Kleider von geronnenem Blut über⸗ ſten Zeit ärztliche Hülfe erſcheint, ſo würden Sie meine deckt ſind. Nur allein ſein Auge zeugt noch von dem furchtbare Aufregung natürlich finden!“ Geiſte, der in ihm wohnt, und der entſchloſſene Zug um„Selbſt im größten Unglück muß man ſich ſelbſt be— ſeine Lippen deutet an, daß ſeine Willensmacht noch nicht herrſchen können, mein Prinz,“ bemerkte Graf Pepoli in ganz gebeugt iſt. Dicht neben ihm, den Oberkörper eben⸗ ſeiner gewohnten entſchiedenen Weiſe.„Aber horch,“ ſetzte falls an den Baum anlehnend, ruht Alfred Belgiojoſo, er im Augenblicke hinzu,„tönte das nicht von der Anhöhe deſſen rechter Arm und Fuß tief mit Bandagen umwickelt herab wie das Wiehern eines Pferdes?“ ſind, zum Beweiſe, daß die Geſchoſſe des Feindes ihn nicht Sie lauſchten aufmerkſam, und richtig— das Wiehern verfehlt haben, und auf der andern Seite lagert Prinz wiederholte ſich. Es näherte ſich ihnen alſo jedenfalls ein Louis Napoleon, deſſen Hände und Oberkörper ebenfalls Reiter, aber war es ein Freund oder ein Feind? Doch die mit Blut beſpritzt ſind. Bei ihm jedoch ſcheint das Blut Ungewißheit legte ſich bald, indem die aufgeſtellten Schild⸗ nicht von eigenen Wunden herzurühren— und in der That wachen das Zeichen gaben, daß Alles in Ordnung ſei. kam er, einige wenige leichte Schrammen ausgenommen, Gleich darauf ſah man drei Männer den ſteilen Bergabhang ganz unverletzt davon, obwohl er im dichteſten Schlacht⸗ in die Schlucht herabklettern, und zwei von ihnen führten gewühle kämpfte, ſondern von den Verletzungen eines An⸗ Jeder ein Pferd am Zügel, deſſen Rücken mit Säcken und dern, der ſorgſam in ſeinem Schooße gebettet liegt, wie Fä zchen ſchwer beladen waren. ein Kind in dem ſeiner Mutter, und über welchen er mit„Er iſt's, er iſt's,“ rief Alfred Belgiojoſo, ſich müh⸗ ſorgſamem Auge wacht, als müßte er jeden ſeiner Athem⸗ ſam ein wenig aufrichtend.„Ich erkenne ihn deutlich von züge belauſchen. Aber— Herr Gott! wie todtesblaß mit hier aus, ſowohl ihn, als ſeinen wackern Diener Duffy. geſchloſſenen Augen liegt er da, dieſer Andere, als hätte Wer aber der Dritte iſt, kann ich nicht unterſcheiden, oder der Todesengel bereits ſeine Fittiche über ihn gebreitet! vielmehr er iſt mir ganz unbekannt.“ Wie lang geſtreckt und ſteif ſind ſeine Glieder, als wäre„Ohne Zweifel iſt es ein Arzt,“ verſetzte der Graf bereits längſt jeder Lebensnerv in ihnen getödtet worden! Pepoli,„denn ohne einen ſolchen wäre Arthur Stanton Doch todt iſt er noch nicht, denn die Lippen zucken noch nicht zurückgekehrt.“ convulſiviſch, wie von heftigem Schmerz bewegt, und aus Es erwies ſich ganz ſo, wie Graf Pepoli ſoeben ge⸗ der Bruſt quillt trotz des angelegten Verbandes ein breiter, ſagt hatte. Arthur Stanton hatte nämlich in der Nacht rother Blutſtrom, der ſich nicht hemmen laſſen will. Und nach dem Kampfe bei Forli mit Alfred Belgiojoſo, dem er wer iſt nun dieſer Andere? Kein Geringerer als Napoleon nicht von der Seite gegangen, ſowie mit den andern Flüch⸗ Louis Charles, der ältere Bruder Louis Napoleons, der tigen, die wir dem Leſer ſoeben vorgeführt, in der Berg⸗ in der Schlacht bei Forli die Todeswunde davontrug! Aus ſchlucht oberhalb Rimini eine Zuflucht gefunden, und war dieſen vier Männern beſteht die Gruppe, welche ſich unter am andern Morgen, trotz ſeiner furchtbaren Ermüdung dem mächtigen Baume in der Gebirgsſchlucht gelagert hat, und trotz einer nicht ganz unbedeutenden Wunde, die er und wir können es uns nun wohl denken, warum die an⸗ erhalten, mit ſeinem Diener nach San Marino hinauf⸗ dern Flüchtlinge mit einer Art von Ehrerbietung nach der⸗ geeilt, um dort Lebensmittel für die ſchwer erſchöpften ſelben hinüberſchauen. Kameraden einzukaufen und wo möglich auch einen Arzt Der Mittag war ſchon ziemlich weit vorgeſchritten für die Verwundeten mitzubringen. Er glaubte dies wohl und noch immer lagerten die vier Männer faſt unbeweglich wagen zu dürfen, da er ſeinen engliſchen Paß bei ſich führte unter dem Baume, ſelbſt ohne nur ein Wort mit einander und ſich, wenn man ihn je anhielt, für einen Reiſenden zu wechſeln; doch ſah man es nur zu deutlich, daß wenig⸗ ausgeben konnte, der mit ſeiner Geſellſchaft von herum⸗ ſtens Einen von Ihnen, nämlich den Prinzen Louis Napo⸗ ſtreifenden Morodeurs ausgeraubt worden ſei. Dieſe Er⸗ leon, die Ungeduld faſt verzehrte. zählung klang immerhin glaubhaft genug, und da San „Er kommt immer noch nicht,“ murmelte er endlich Marino eine zwar ſehr winzige aber dennoch unabhängigt halblaut vor ſich hin,„und die Sonne neigt ſich ſchon zum und ſehr frei geſinnte Republik war, welche jedenfalls nicht Scheiden. Wenn er am Ende ganz ausbliebe!“ mit den Oeſtreichern ſympathiſirte, ſo hoffte er vom Kapi⸗ „Der Weg nach San Marino iſt weit,“ erwiederte tän⸗Podeſta, dem oberſten Beamten des kleinen Freiſtaats, der Graf Pepoli,„und ohne Zweifel wird er Mühe haben, der noch zudem den Grafen Pepoli gut kannte, wenigſtens die Hülfe, die wir erwarten, aufzutreiben.“ das Nöthigſte, deſſen er bedurfte, zu erhalten. In der — — That g nur die dieſelber der ein bereitw Podefte die Be extra ſter? wie! Thei lang Arzt Verb waren unerh Wagit Pfleg ſein Koy Nag nen zwei lich, imm lichke wied gebe als der von Zeit arm kön⸗ Arzt auf; dieſen ben, nigen ſofort wäti „Jh brach Zun und auch tete ſchaf ſänen atan R v würd donn ner eine bliebe? t haben, ſich für ern, und unwillig. Stanton Mann, neſte und rauf der mein che gräß⸗ en wegen egt, und der näch⸗ je meine nfalls ein Doch di n Scu⸗ nung ſi ſich müß eutlich von der Dufft der eiden, odit der Graf r Stantol ſoeben R der Nach gſo, dem i dern Flüt er Beln 1 und wt dun Ermül de, die no hinau erſchöpfin einen An dies 10c9 ; ſich führ. 1 Reiſend van ben Dieſ d S . nubhängi “. u*;;::: .—„ That ging Alles nach Wunſch, und es gelang ihm, nicht nur die nöthigen Lebensmittel, ſowie zwei Pferde, auf denen dieſelben transportirt werden konnten, zu kaufen, ſondern der einzige Arzt, den San Marino beſaß, ſagte ihm auch bereitwilligſt ſeine Hülfe zu. Ja noch mehr, der Kapitän⸗ Podeſta theilte ihm das Neueſte mit, was er ſelbſt über die Bewegungen der Oeſtreicher wußte, und ſchob ihm noch extra all' die Proklamationen in die Taſche, welche in neue⸗ ſter Zeit gegen die Aufſtändiſchen verbreitet worden waren. Die Freude über die Ankunft Arthur Stantons war, wie man ſich wohl denken kann, eine allgemeine, und ein Theil der Flüchtigen zündete ſogleich ein Feuer an, um die lang entbehrten Speiſen zuzubereiten; der mitgekommene Arzt aber machte ſich ſofort an die Unterſuchung und den Verband der Verwundeten, deren es natürlich nicht wenige waren. Die meiſten Verletzungeu erklärte er übrigens als unerheblich oder doch ungefährlich, und ſelbſt von Alfred Belgiojoſo meinte er, daß derſelbe nach einer ſorgſamen Pflege von acht oder vierzehn Tagen wieder heil und geſund ſein werde. Nur bei dem Grafen Pepoli ſchüttelte er den Kopf weit bedenklicher, und wie er vollends den Prinzen Napoleon Charles Louis unterſuchte, zuckte er ſo bezeich⸗ nend mit den Achſeln, daß man über ſeine Meinung nicht zweifelhaft ſein konnte. „Halten Sie ſeine Verletzungen für beſonders gefähr⸗ lich, oder gar für tödtlich?“ fragte Louis Napoleon, den immer noch bewußtloſen Bruder mit der äußerſten Zärt⸗ lichkeit betrachtend. „So lange der Athem noch nicht entflohen iſt,“ er— wiederte der Arzt trocken,„darf man die Hoffnung nie auf⸗ geben; aber mein Prinz, denn ich will mich nicht ſtellen, als ob mir Ihre Perſon unbekannt wäre, wenn Ihr Bru⸗ der noch eine letztwillige Verfügung zu treffen hätte oder von ſeinen Eltern Abſchied nehmen wollte, ſo dürfte keine Zeit zu verlieren ſein.“ „O meine Mutter,“ ſeufzte Louis Napoleon,„meine arme, arme Mutter! Wenn ſie nur an ſeiner Seite ſein könnte!“ „Könnte man ſie nicht benachrichtigen?“ fragte der Arzt, ſein Auge auf Louis Napoleon heftend. Sonderbar übrigens, je länger der Arzt ſeinen Blick auf Louis Napoleon weilen ließ, um ſo prüfender dieſer Blick, und plötzlich griff er nach der Hand de ben, die er nun wohl eine Minute lang zwiſchen der ſei nigen hielt. „Fühlen Sie ein Brennen im Schlunde?“ fragte er ſofort, während er den Puls noch immer unterſuchte. „Kaum merklich,“ erwiederte der Prinz,„aber von mir iſt jetzt nicht die Rede, ſondern von meinem Bruder.“ „Ganz recht, ganz recht,“ verſetzte der Arzt trocken. „Ihr Bruder muß augenblicklich unter Dach und Fach ge— bracht werden, und Sie müſſen ihm Geſellſchaft leiſten. Zum Glück beſitze ich ein kleines Landhaus in der Nähe, und dahin werde ich ſowohl Sie und Ihren Bruder, als auch die beiden anderen Herren hier neben ihnen(er deu⸗ tete auf Alfred Belgiojoſo und den Grafen Pepoli) ſchaffen.“ Er war nun auf einmal voller Rührigkeit, und auf ſeinen Befehl mußte Alles, was geſunde Gliedmaßen hatte, daran gehen, Zweige abzuhauen, um einige rohe Tragbahren zu verfertigen. „Hurtig, meine Kinder,“ rief er.„Die Kranken da würden den Tod davon haben, falls ſie die Nacht im Bi⸗ = Feierſtunden. 1864. ——ò———O—O————— vouak unter freiem Himmel campiren müßten. Alſo friſch 167 an's Werk, und was euch ſelbſt betrifft, ſo könnt ihr eure Abendmahlzeit weit bequemer unter einem Schuppen meiner kleinen Villa verzehren, als hier im Schatten der Wald⸗ bäume.“ Das Geſchäft war bald gethan und nach einer halben Stunde hatte man die drei gefährlichſt Verwundeten auf die rohen Tragbahren gelegt, um ſie nach dem Landhauſe hin⸗ zutragen; die beiden Pferde aber belud man wieder mit den Lebensmitteln, welche Arthur Stanton mitgebracht hatte. Den Anführer des Zugs machte der Arzt, er allein kannte den Weg; nach wenigen Schritten jedoch winkte er den jungen Engländer zu ſich heran, um ſich insgeheim mit ihm zu beſprechen. „Sie ſind ein vertrauter Freund der Herren, wegen — welcher Sie mich von San Marino geholt haben,“ ſagte er in ſeiner gewohnten trockenen Weiſe. „Ich bin es,“ erwiederte Arthur Stanton,„und da— rum ſagen Sie mir ohne Umſchweife, wie ſteht es um die drei Verwundeten, die wir auf den Tragbahren transpor⸗ tiren. Ich meine um den Prinzen Napoleon, den Grafen Pepoli und Alfred Belgiojoſo.“ „Sie ſollen es wiſſen,“ verſetzte der Arzt.„Alfred Belgiojoſo kommt ſicher davon, wenn man ihn ſorgſam pflegt, und auch Graf Pepoli hat Hoffnung; doch nur Hoffnung, nicht mehr, nicht weniger. Der ältere Bona⸗ parte dagegen iſt ein Kind des Todes, ehe vierundzwanzig Stunden um ſind.“ „Sie ſagen das ſo kalt und beſtimmt,“ rief Arthur Stanton,„wie wenn Sie gar kein Mitgefühl mit ſeiner Jugend hätten.“ „Ich ſage, wie es iſt,“ entgegnete der Arzt, ohne ſei— nen Ton zu verändern;„aber daß ich ein Herz im Leibe habe, werden Sie gleich ſehen. Herr Engländer,“ fuhr er dann nach einigem Ueberlegen fort,„haſſen Sie die Bona⸗ partes?“ „Wie kommen Sie zu dieſer Frage?“ rief Arthur Stanton.„Sie ſollten doch aus meiner Handlungsweiſe das Gegentheil erſehen haben?“ „Mag ſein,“ verſetzte der Arzt,„doch man hat mir geſagt, daß alle Engländer die Bonapartes grundſätzlich haſſen. Allein ſei dem wie ihm wolle, einen weltberühm⸗ ten Namen häaben die Bonapartes jedenfalls, und überdem meine ich, es ſei ein Verbrechen, einer Mutter alle ihre Suhe auf einmal zu entreißen, wenn man es verhindern ann.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr,“ rief Stanton, den Arzt von oben bis unten betrachtend. „Sie ſollen mich gleich verſtehen,“ fuhr der Letztere äußerſt kaltblütig fort.„Ich ſagte Ihnen ſoeben, daß der ältere Bonaparte ſterben wird. Gut, dann iſt noch Einer da, Louis Napoleon, den Sie ſo gut kennen als ich; die⸗ ſer aber iſt ebenfalls ein Kind des Todes, wenn man nicht beſondere Vorſorge für ihn trifft. Unterbrechen Sie mich nicht, ſondern laſſen Sie mich Ihnen die Sache erklären, und dann thun Sie, was Ihr Herz Ihnen vorſchreibt. Dem Anſcheine nach iſt der Prinz ſo geſund, wie wir Beide, aber ſein Puls geht fieberhaft, ſeine Augen ſind entzündet und in ſeinem Schlunde brennt es wie Neſſeln. Eine Ent⸗ zündungskrankheit, wahrſcheinlich mit Ausſchlag, iſt alſo im Anzug, und wenn er ſich während des Verlaufs derſel⸗ ben auch nur der geringſten Erkältung ausſetzt, ſo gebe ich keinen Quattrino für ſein Leben. Wer wird aber im jetzigen Augenblick die Gewalt über ihn haben, ihn im Bett zu halten? Im jetzigen Augenblick der wahnſinnigſten Arthur —;—————ᷓ;ᷓ;’;’; Aufregung, wo ſein Bruder ſtirbt und die einrückenden Oeſtreicher einen Preis auf ſeinen Kopf geſetzt haben? Kein Menſch auf Erden iſt dies im Stande, einen Einzigen aus⸗ Feierſtunden. 1864. ————;— hielt ſich nämlich damals in Florenz auf, wo er in großer Zurückgezogenheit lebte), kann ich ihr wohl geben, und wenn ſie dann auf ihre Gefahr, ſtatt Florenz zu, nach San genommen, und dieſer Eine iſt ſeine Mutter, die Königin Marino reist, um von ihren Söhnen Abſchied zu nehmen, Hortenſia. Haben Sie mich nun begriffen?“ „Noch nicht ganz,“ erwiederte Arthur Stanton.„Sie 4 meinen.. „Ich meine nichts,“ erwiederte der Arzt, was ich weiß, weiß ich gewiß. „ſondern Louis Napoleon wird, ehe thun, denn mit Frauen führt man keinen Krieg.“ zwei Tage vergehen, von einer tödtlichen Krankheit ergriffen ſo wird dies ihr Niemand verargen. Im Gegentheil ſelbſt die öſtreichiſchen Generäle müßten die Gefühle eines Mut⸗ terherzens reſpektiren und könnten ſie ſelbſt im ſchlimmſten Falle weder gefangen nehmen, noch ihr ſonſt ein Leid an⸗ „Ich verſtehe Sie, mein Lord,“ entgegnete Arthur, ſein, und das einzige Weſen, das ihn retten kann, iſt ſeine„ich verſtehe Sie vollkommen und danke Ihnen von Her⸗ Mutter. Wer ſoll aber dieſe herbeiholen, wenn Sie es nicht thun? Sie allein, als Engländer, dürfen nach Rom hinein, uns Andere alle würde man feſtſetzen oder wenig⸗ ſtens nicht paſſiren laſſen, ſelbſt mich, einen Arzt, nicht ausgenommen.“ „Jetzt verſtehe ich Sie,“ rief Arthur Stanton,„und Sie werden ſogleich ſehen, was mir mein Herz gebietet. Aber eine Bedingung habe ich, Herr Doktor; während meiner Abweſenheit ſorgen Sie für Alfred Belgiojoſo....“ „Wie für einen leiblichen Sohn,“ betheuerte der Arzt. „Hier meine Hand darauf!“ Nach wenigen Minuten hatten ſie das Landhaus er⸗ reicht, und ſowie die Verwundeten in den paar Zimmern, die es da gab, leidlich untergebracht waren, befahl Arthur Stanton ſeinem Diener in aller Stille, die neuerkauften Pferde zu ſatteln; der Doktor aber wies den Sohn ſeines Hausverwalters an, ihn auf dem nächſten Wege über das Gebirge nach Foligno zu führen.„Es iſt kein Pfad für gewöhnliche Reiter,“ meinte der Doktor in ſeiner trockenen Weiſe, als er ſich von Arthur Stanton verabſchiedete; „aber ein Mann, der das Herz da trägt, wo Sie es tra⸗ gen, wird alle Hinderniſſe zu überwinden wiſſen, und wir haben ja hellen klaren Mondſchein.“ Der Doktor hatte Recht, es war in der That ein faſt mehr als gefährlicher Weg, denn oft und viel mußten Ar⸗ thur Stanton und ſein Diener ihre Roſſe am Zügel füh⸗ ren, weil's entweder zu abſchüſſig hinab oder zu ſteil hin⸗ auf ging, um ohne Gefahr, den Hals zu brechen, ſitzen bleiben zu können; dagegen aber wurden ſo bedeutende Um⸗ wege abgeſchnitten, daß ſie kurz nach Tagesanbruch nach Foligno kamen, von wo aus dann eine zute Heerſtraße nach Rom weiter führte. Hier alſo konnte Arthur Stan⸗ ton Poſtpferde nehmen, um auf etwas bequemere Weiſe vorwärts zu kommen, und da das ganze Land links und rechts noch der aufſtändiſchen Regierung huldigte, ohne von dem Einmarſch der Oeſtreicher ſelbſt nur etwas zu ahttn, ſo legte man ſeiner Reiſe natürlich nicht das geringſte Hin⸗ derniß in den Weg. Doch warum ſollten wir den Leſer mit einem Berichte über dieſe Töour ermüden? Genug, am frühen Morgen des achtundzwanzigſten März erreichte er Rom, und obwohl er von Staub und Straßenkoth voll⸗ ſtändig überdeckt war, ſo ließ er ſich doch ſogleich vor das Hotel des engliſchen Geſandten fahren. Auch wurde ihm die verlangte augenblickliche Audienz nicht verweigert, aber um ſo hartnäckiger wieg der Geſandte das Anſinnen zurück, welches Arthur Stanton an ihn ſtellte. „Es würde mich/ und unſere Regierung compromitti⸗ ren,“ erwiederte der Geſandte, als Arthur Stanton immer hitziger in ihn drang, mit unerſchütterlicher Entſchiedenheit, „wenn ich der Gräfin von St. Leu einen Paß mitten in's Heerlager der Aufſtändiſchen ausſtellen wollte. Aber,“ ſetzte er nach kurzer Ueberlegung hinzu,„einen Paß nach Flo⸗ renz zu ihrem Gatten, dem Exkönig von Holland(dieſer zen für Ihre Winke.“ V Der Paß nach Florenz wurde ſofort ausgefertigt und Arthur eilte nach dem Palaſte, den die Gräfin von St. Leu⸗ die frühere Königin von Holland, bewohnte. Es wurde ihm auch hier nicht ſchwer, Eintritt zu finden, denn die hohe Frau führte ein ziemlich beſcheidenes Hausweſen und hatte der Diener nur wenige; allein als er ſich nun an einen der Letzteren wandte, um ſich bei der Königin melden zu laſſen, erwiederte dieſer, Ihre Majeſtät ſei allzu unwohl, um einen Fremden zu empfangen. Dies hatte auch ſeine vollkommene Richtigkeit, denn ſeit dem Tage zuvor, wo die erſten Gerüchte von der verlorenen Schlacht bei Forli und von dem totalen Mißlingen des Aufſtandes nach Rom gelangt waren, mußte die Königin vom tiefſten Kummer darniedergedrückt das Bett hüten, und das ganze Haus war deßhalb in der größten Beſorgniß. Doch Arthur Stanton ließ ſich nicht abweiſen, ſondern beſtand darauf, die hohe Herrin ſprechen zu müſſen. In dieſem Augenblicke trat deren vertraute Kammerfrau Made⸗ moiſelle Cochelet— die Geſchichte hat ihren Namen auf⸗ bewahrt, da ſie in dem nun folgenden Drama keine un⸗ wichtige Rolle ſpielte— aus einem der inneren Gemächer, und dieſe, welche alle Verhältniſſe und Geheimniſſe der Familie kannte, führte ihn augenblicklich in das Vorzimmer des Schlafgemachs der Königin. „Sie bringen uns Nachrichten vom Schlachtfelde, Sir Arthur Stanton,“ flüſterte ſie ihm zu,„dies ſehe ich an Ihrem Anzuge. Aber ich flehe Sie an, ſchonend zu ver⸗ fahren, denn Ihre Majeſtät iſt ſo aufgeregt und ſo fiebe⸗ riſch, daß ſie den augenblicklichen Tod von der ganzen Ser haben könnte.“ Mit dieſen Worten verſchwand ſie im Schlafzimmer der Königin, erſchien aber gleich darauf wieder und winkte dem jungen Manne, ihr zu folgen. Die Königin lag in ein weites Morgenkleid eingehüllt auf einem Divan, und daß ſie bedeutend unwohl oder viel⸗ mehr wirklich krank ſei, konnte man auf den erſten Blick erkennen, denn auf ihren tief eingefallenen Wangen war auch nicht ein Tropfen Blut ſichtbar, und ihre Augen blick⸗ ten ſo erloſchen, wie wenn der Tod bereits mit dem Leben kämpfte. In dem Augenblicke jedoch, wie Arthur Stanton eintrat, richtete ſie ſich mit Blitzesſchnelle und ohne irgend eine Hülfe zur halben Höhe auf, und eine fieberiſche Gluth überflog ihr Geſicht. „Sie kommen von meinen Söhnen,“ rief ſie faſt athemlos.„Schnell, ſchnell, laſſen Sie mich den bitteren Kelch auf einmal leeren. Bin ich noch Mutter oder...“ Sie konnte den Satz vor Aufregung nicht vollenden, aber ihre Augen hefteten mit ſolch' einem Ausdrucke auf ihm, als wollten ſie ſein Innerſtes durchdringen. „Beruhigen Sie ſich, Madame,“ erwiederte Arthur Stanton,„Ihre beiden Söhne leben, oder vielmehr,“ ver⸗ beſſerte er ſich,„ſie lebten vorgeſtern Abend, als ich ſie verließ, äine Wu Hände Swigkeit Sie mi damit wieder geſterr det un Uebere meinte nothwe richt 3 jeſtät n hoch o ſein wird Arth für auch ſowie über ſind, und 7 weny könn gin. genal verſe nen, lich, ſogleit hat u vihre beden Sie k halten. 1 der t meine Arthr Juſa ankle — in großer und wenn nach San tnehmen, cheil ſelbſt nes Mut⸗ limmſten Leid an⸗ b Arthur, von Her⸗ ertigt und von St. jnte. Es den, denn ausweſen ſich nun Königin ſtär ſei n. Dies ſeit dem verlorenen ingen des Königin iten, und ſorgniß. Tordern ſen. In au Made men auf⸗ keine un⸗ Gemächer, nniſſe der orzimmer felde, Sir ihe ich an d zu ver⸗ ſo fiebe⸗ r ganzen afzimmel nd winkte iingehüll der viel⸗ en Blic gen wal gen blih⸗ em Lüben Stantolt ne irgend ſie fiſt bittren der. pllenden, nucke aul Arthut 224 ber⸗ hr, be 5 ih ſ ———————j Feierſtunden. 1864. 169 ——ꝛ—ꝛ—————tr———r——r—rny—rnyer————— verließ, und der Eine von ihnen hatte ſogar nicht einmal jedoch, als dies geſchehen, eilte er mit geflügelten Schritten eine Wunde im Kampfe davongetragen.“ in das wohl bekannte Haus, und ein Schrei des Entzückens „Gott ſei gedankt,“ flüſterte jetzt die Königin, ihre empfing ihn, als Felicitas ſeiner gewahr wurde. Faſt mit Hände wie zum Gebet faltend,„Gott ſei gedankt in alle derſelben Zärtlichkeit kam ihm deren Mutter entgegen, nur Ewigkeit! Aber,“ ſchrie ſie plötzlich laut auf,„täuſchen war natürlich ihre erſte Frage ihr Sohn Alfred. Und wel⸗ Sie mich nicht? Sir Arthur Stanton, können Sie mir ſches Glück nun, als ſie hörte, daß derſelbe zwar verwun⸗ Ihr Wort als Mann geben, daß das, was Sie mir ſag⸗ det, aber außer aller Gefahr und zugleich in einem ſo ſiche⸗ ten, die reine Wahrheit iſt?“ ren Verſteck untergebracht ſei, daß für den Augenblick we⸗ „Ich kann es,“ entgegnete Arthur Stanton;„allein nigſtens alle Beſorgniß verbannt werden dürfe! Voll Dank⸗ damit Sie mich nicht mißverſtehen, will ich meine Worte barkeit reichte ſie dem Ueberbringer dieſer Botſchaft die wiederholen. Ihre beiden Söhne lebten, als ich ſie vor⸗ Hand, und voll Liebe hing ihr Auge an ihm, denn ſie geſtern Nacht verließ, doch war der Aeltere ſchwer verwun⸗ fühlte es wohl, daß es ohne ſeine Dazwiſchenkunft ohne det und der Jüngere fühlte ſich ohne Zweifel in Folge der Zweifel ganz anders um Alfred ſtehen würde, als es nun⸗ Ueberanſtrengung unwohl. Der Arzt, der Beide behandelt, mehr ſtand. Konnte und durfte ſie nach ſolchen Beweiſen meinte daher, die Pflege der Mutter wäre unumgänglich ſeiner Aufopferung je noch daran denken, das Verhältniß nothwendig, und ſomit übernahm ich es, Ihnen dieſe Nach⸗ zwiſchen ihm und ihrer Tochter ſtören oder auch nur nicht richt zu überbringen. Leider finde ich nun aber Eure Ma⸗ gutheißen zu wollen? Schon war ſie im Begriffe, die Hände jeſtät erkrankt, und der Zweck meiner Reiſe....“ des jungen Liebespaares zu vereinigen, da fuhr ihr plötzlich „Erkrankt?“ unterbrach ihn die Königin, ſich abermals wieder der Gedanke an den Ohm-⸗Kardinal durch den Kopf, hoch aufrichtend.„Glauben Sie denn, das bischen Unwohl⸗ und der bereits gefaßt geweſene Entſchluß ward abermals ſein werde mich abhalten? Aber— o Gott, o Gott, man bei Seite geſetzt. Von dieſem inneren Seelenkampfe wur⸗ wird mir nicht geſtatten, Rom zu verlaſſen!“ den übrigens ſelbſtverſtändlich die beiden jungen Leute nichts „Ich habe dies vorhergeſehen, Majeſtät,“ erwiederte gewahr, denn dieſe ſaßen ſo im Glücke verloren neben ein⸗ Arthur Stanton,„und von meinem Geſandten einen Paß ander, daß ſie die ganze Außenwelt darüber vergaßen; allein für Sie nach Florenz ausgewirkt. Natürlich müßten Sie bald ſollten ſie aus ihrer Seligkeit aufgeſchreckt und zugleich auch für den Anfang die Route dorthin einſchlagen, allein die Mutter zu einem letzten und endgültigen Entſchluſſe ſowie Sie das drei Poſten von hier entfernte Monteroſi, gebracht werden. über das die Aufſtändiſchen für jetzt wenigſtens noch Herr Die Gräfin Belgiojoſo hatte nämlich ſogleich nach der ſind, erreicht haben, nehmen Sie die Straße nach Nepi Ankunft Arthur Stantons ihrem Ohm, dem Kardinal und Foligno, ſtatt der nach Roncipliona und Siena, und Doria, ein verſiegeltes Billet geſchickt, worin ſie ihm die wenn Sie Tag und Nacht mit Kurierpferden reiſen, ſo ſoeben empfangenen Nachrichten meldete. Sie hielt dies für können Sie bis Morgen früh an Ort und Stelle ſein.“ ihre Pflicht, weil ſie wußte, daß der Kirchenfürſt eine gar „Aber wo treffe ich meine Söhne?“ fragte die Köni⸗ tiefe Zuneigung zu ihrem Sohne Alfred hege und mit un⸗ gin.„Sie haben mir den Ort ihres Verſtecks noch nicht endlicher Begierde auf alle Nachrichten über ihn warte. genannt.“ 4 Plötzlich nun öffnete ſich die Thür und Seine Eminenz „Ich werde Eure Majeſtät in Monteroſi treffen,“ trat unangemeldet ein; ſein ſonſt ſo leutſeliges und wohl⸗ verſetzte Arthur Stanton,„und wenn Sie mir es vergön⸗ wollend lächelndes Geſicht aber war diesmal ungemein ernſt nen, von da an begleiten. Bis wann iſt es Ihnen mög⸗ und von tiefen Falten beſchattet. lich, von hier fortzukommen?“„Eure Eminenz in eigener Perſon?“ rief die Gräfin „Bis wann?“ rief die Königin.„In zehn Minuten, Belgiojoſo halb erfreut, halb erſchrocken, während Arthur ſogleich, d. h. ſo bald mich meine Kammerfrau angekleidet Stanton unelieitas unwillkürlich weiter auseinander hat und die Poſtpferde vor dem Hauſe ſtehen.“ rückten. 8 „Aber,“ verſetzte nun Mademoiſelle Cochelet,„Stille, meine Nichte,“ entgegnete der Kardinal kurz, während der ganzen Unterredung zugegen geweſen war,„und ſorge dafür, daß wir unter keinen Umſtänden geſtört „bedenken doch Eure Majeſtät Ihre ſchwache Geſundheit. werden. Sir Arthur Stanton,“ wandte er ſich dann an Sie können eine ſolch' anſtrengende Reiſe unmöglich aus⸗ dieſen,„ich bin froh, Sie noch zu treffen, denn ich habe halten.“ Sceig ids mit Ihnen zu reden. Haben Sie die neueſte „Stille, Cochelet,“ erklärte die Königin in einem Tone, Proklamation, die im Namen Seiner Heiligkeit erlaſſen der keinen Widerſpruch duldete,„meine Söhne bedürfen wurde, geleſen? Nicht?“ fuhr er fort, als Arthur mit dem meiner und folglich werde ich zu ihnen eilen.“ Kopfe ſchüttelte.„Hier iſt ſie!“ In der That ließ ſie ſich auch ſofort, nachdem ſie mit Er zog ein großes gedrucktes Plakat aus der Taſche Arthur Stanton noch genauere Rückſprache wegen ihres und überreichte es dem jungen Manne.„Sie mögen es Zuſammentreffens genommen hatte, von ihrer Kammerfrau ſpäter mit Muße leſen,“ ſprach er dann weiter,„aber für ankleiden, befahl ſodann, die nöthigſten Koffer zu packen, jetzt haben Sie keine Zeit dazu. Daſſelbe enthält übrigens und betrieb mit Einem Worte die Abreiſe ſo außerordent⸗ nichts Anderes denn die Verkündigung einer allgemeinen auf der Straße nach Florenz fortrollte. Ehe wir ſie jedoch Merken Sie wohl, für Alle Unterſchied, alſo für begleiten können, müſſen wir unſerem Helden Arthur Stan⸗ die Anführer ſo gut als für die Gemeinen, für die Höher⸗ ton folgen, der natürlich Rom nicht verließ, ohne zuvor geſtellten wie für die Geringeren. Es wird demnach ein die Gräfinnen Belgiojoſo aufgeſucht zu haben. Hätte er großer Jubel entſtehen, denn natürlich hat Niemand Ur⸗ es ſich erlaubt, blos ſeinen Gefühlen Rechnung zu tragen, ſache, an der Wahrheit der Amneſtie zu zweifeln, da ja ſo wäre er natürlich zu allererſt nach ſeiner Ankunft in der Kardinallegat Benvenuti, welchen der Pabſt beauftragte, Rom dorthin geeilt; aber er bezwang ſein Herz und voll⸗ mit den Rebellen zu unterhandeln, ſein heiliges Wort für führte zuerſt, was ihm die Pflicht vorſchrieb. Nuumehr deren genaue Einhaltung verpfändet hat. Dennoch aber, Feierſtunden. 1864. 22. lich, daß ſie ſchon nach einer Stunde im Wagen ſaß und Amneſtie für Alle, welche ſich ileuc betheiligten. 170 ſage ich Ihnen, wird die Amneſtie nicht gehalten werden, ſondern Gregor XVI. wird ſie, ſobald er der Rebellen habhaft iſt, für null und nich⸗ tig erklären, und wenn man auch vielleicht die minder Gravirten nicht weiter behelligt, ſo be⸗ mächtigt man ſich um ſo gewiſſer der Hervor⸗ ragenderen.“ „Aber dies wäre ja ein meineidiger Treubruch,“ rief Arthur Stanton voll tiefen Unwillens. „Ketzern und Rebellen braucht man kein Wort zu hal— ten,“ erwiederte die Eminenz mit einem faſt unmerklichen Zucken ſeiner farbloſen Lippen.„Genug, es iſt beſchloſſen, daß man den Verworfenen— dies iſt der Wortlaut des Beſchluſſes— den Verworfenen, welche mit tempelſchände⸗ riſchen Händen Verheerung und Jammer in das Gebiet des heiligen Vaters trugen, keine Gnade angedeihen laſſen will, ſondern daß man ſie entweder dem Scharfrichter überliefert oder doch zu immerwährendem Gefängniß verurtheilt.“ „Dann iſt Alfred verloren,“ kreiſchte die Gräfin Bel⸗ giojoſo, welche vor Entſetzen faſt in die Kniee ſank. „Er iſt es nicht,“ ſprach der Kardinal, indem er ſeine Augen durchdringend auf Arthur Stanton ruhen ließ;„er iſt es nicht, ſo wenig als die übrigen Führer des Aufſtan⸗ des, wenn es ihnen gelingt, über das Meer in ein anderes Land zu entfliehen. Noch iſt Ancona nicht von den Oeſt⸗ reichern beſetzt, und im großen Hafen dieſer Handelsſtadt liegen immer engliſche oder griechiſche Schiffe, auf welchen es leicht iſt, nach Korfu zu entkommen. Ich hoffe,“ ſetzte er mit einem abermaligen eigenthümlichen Blick auf Arthur Stanton hinzu,„mich deutlich genug ausgedrückt zu haben.“ „Eminenz,“ rief Arthur in ſeiner gewohnten entſchloſ⸗ ſenen Weiſe,„ich danke Ihnen im Namen der Patrioten, die, auf das heuchleriſche Amneſtiedekret ſich verlaſſend, dem Verderben in die Hände gelaufen wären. Mein Wort darauf, ich erreiche Ancona, ehe die Oeſtreicher dahin kom⸗ men, und eine Stunde nach meinem Eintreffen daſelbſt werden alle unſere Tapferen eingeſchifft ſein.“ „Aber Alfred iſt verwundet,“ ſchluchzte jetzt Felicitas in unausſprechlicher Angſt.„Er wird nicht zu Schiff ge⸗ bracht werden können.“ „Er wird doch gerettet Stanton, ſie zärtlich aufrichtend. nod meines Lebens.“ Er griff nach ſeinem Hute, um ſich ſchnellſtens zu verabſchieden; da trat der Kardinal an ſeine Seite und brei⸗ tete die Hände wie ſegnend über ihn aus. „Alfred Belgiojoſo,“ ſprach der greiſe Kirchenffſt mit vor Rührung zitternder Stimme.„Alfred Belgiojoſo, mein Großneffe, iſt der Letzte ſeines Stammes; rette ihn, Arthur Stanton, ich will dich mit Freuden meinen Sohn nennen!“ „Auch ich will Sie als ſolchen anerkennen,“ ſetzte die Gräfin Belgiojoſo mit neu erwachendem Muthe hinzu. „Felicitas iſt die Ihre, wenn Alfred dieſer Noth entkommt.“ Arthur Stanton erwiederte keine Silbe, aber ſtürmiſch umarmte er Felicitas undgeilte dann über Hals und Kopf ſeiner Wohnung zu, waßſein Diener Duffy bereits ſeit einiger Zeit mit den beſtellten Kurierpferden ſeiner wartete. Vorwärts gings nun, was die Pferde laufen konnten, denn die Poſtillone Italiens ſind reichen Trinkgeldern faſt noch zugänglicher, als die anderer Länder, und daß Arthur Stanton hierin nicht geizte, wird man ſich wohl denken können. In Monteroſi traf er mit der Gräfin von St. Leu, wie es abgemacht war, zuſammen, und ſie ſetzten äͤrte Arthur ich, du Klei⸗ werden,“ Baue au Feierſtunden. 1864. ————————O—; nun die faſt übermäßig eilfertige Reiſe gemeinſam fort. Nachts ſpät ward das Städtchen Foligno erreicht, und nun wurde die Route nach Foſſombrona eingeſchlagen, ohne daß ſie ſich nur einen Augenblick lang Ruhe gegönnt hätten. Wohl bat Mademoiſelle Cochelet ihre hohe Herrin mehr als einmal, ſich zu ſchonen, weil die zarte Conſtitution der Königin ſolch' furchtbaren Strapazen nothwendig erliegen müſſe; aber die einzige Antwort Hortenſias beſtand darin, daß ſie ihren Begleiter, den Helden unſerer Erzählung, bat, die Poſtillone zu noch größerer Eile anzutreiben. So kamen die Reiſenden endlich am Morgen des neunundzwanzigſten in aller Frühe in Foſſombrona an, aber hier dauerte es einige Zeit, bis ſie weiter befördert wurden. Es hatte ſich' nämlich das Gerücht verbreitet, daß die Oeſtreicher bereits bis Peſaro vorgerückt ſeien, und der Poſthalter weigerte ſich deßhalb, neue Pferde vorſpannen zu laſſen, da dieſelben möglicherweiſe von den Oeſtreichern confiscirt werden könn⸗ ten. Der engliſche Paß jedoch, den Arthur Stanton vor⸗ wies, imponirte ſchließlich dem furchſamen Italiener, und da man ihm noch überdies den doppelten Fuhrlohn bezahlte, ſo willigte er endlich ein, die Reiſenden weiter zu befördern. Fort ging's alſo von Neuem der nächſten Station Urbino zu, von wo aus man nur noch eine einzige Poſt nach San Marino hatte, allein in der Nähe von Urbino angelangt gab's neue Hinderniſſe. Ein haſtig Vorübergehender er⸗ zählte den Poſtillonen, wie ſie langſam einen Bergabhang hinauffuhren, daß die Kroaten ſchon ganz in der Nähe bei Fano herumſtreiften, und in der Angſt vor dieſer wilden Völkerſchaft weigerten ſich die Burſche geradezu weiter zu fahren. „Gibt's keinen näheren Weg nach San Marino, auf dem man Urbino gar nicht berühren muß?“ rief Arthur Stanton aus dem Wagen ſpringend. „Es gibt wohl einen,“ erwiederte einer der Poſtillone, „aber er iſt ſo ſchlecht, daß man ihn kaum befahren kann, und überdem ſind wir blos bis Urbino bezahlt.“ „Hundert Lire jedem von euch, wenn ihr uns dieſen Weg führt,“ fuhr Arthur entſchloſſen fort.„Weigert ihr euch deſſen, ſo jage ich euch eine Kugel durch den Kopf.“ Er zog ſeine Piſtole und ſein Diener Duffy that als⸗ bald das Gleiche. Dies Argument wirkte und den Augen⸗ rraf ging's auf dem unebenen Wege alsbald wieder alopp vorwärts. Eine Stunde darauf ſahen ſie San Marino auf der Anhöhe vor ſich liegen; doch fuhren ſie nicht hinein, ſon⸗ dern bogen rechts ab nach dem Landhauſe des Arztes, deſ⸗ ſen Lage Arthur Stanton ſich genau gemerkt hatte. Nur ſchwer verſtanden ſich die Poſtillone auch noch zu dieſer Routeänderung; aber ein Verſprechen von weiteren hundert Lire that Wunder. Endlich, endlich gegen Mittag erreichte man das erſehnte Ziel, aber welch' neue Schreckensbotſchaft eerwartete ſie hier? Alfred Belgiojoſo allerdings befand ſich⸗ auf dem Wege der Beſſerung und Arthur Stanton dankte Gott inbrünſtig für dieſe Gnade. Aber mit Graf Pepoli war es vor Kurzem zu Ende gegangen und der ältere Prinz Bonaparte lag ſchon ſeit geſtern in kühler Erde gebettet. Ja noch mehr, die Krankheit des jüngeren Bonaparte, welche der Arzt prophezeit hatte, machte ſich bereits in ſei— nem Geſichte bemerklich, obwohl derſelbe noch keineswegs⸗ die Gewalt über ſeine Glieder verloren hatte!. Der Eindruck, welchen all' dies auf die Königin Hor⸗ tenſe hervorbrachte, war ein erſchütternder, und Arthur Stanton fürchtete ſchon, daß ſie denſelben nicht überleben könnte; aber ſiehe da, mit einer mehr als ſtaunenswerthen. Energi von un Eiſen Ar lung denn ihrer ein euthe richt Rimi zn⸗ wic und ſore K gep ſche les ml nit Ge not ò am fort. und nun ohne daß t hätten. in mehr ution der erliegen d darin, una, bat, So kamen anzigſten auerte es hatte ſich er bereits gerte ſich dieſelben en könn⸗ ton vor⸗ eer, und bezahlte, efördern. n Urbino nach San angelangt ender er⸗ gabhang lähe bei wulden weiter zu eino, auf †Arthur doſtillone, ren kaun, ns dieſen ecgert ihr that a l⸗ Augef⸗ d wieder auf der ein, fon⸗ zte, deſ⸗ v. Nut uu dieſer hundert erreiche votſchaft fand ſic on dankte f Pepoli ere Prinö gebette onapuri, s in ſei⸗ ineswegs Energie gebot ſie urplötzlich ihren Thränen und entwickelte von nun an eine geiſtige Kraft, als ob ihre Nerven von Eiſen wären. „Ich habe einen Sohn verloren,“ ſagte ſie zu Arthur Stanton,„aber Gott wird mich ſtärken, daß ich den zwei⸗ ten erhalten kann.“ „Dann laſſen Sie uns ſogleich nach Ancona auf⸗ brechen,“ erwiederte Arthur Stanton,„damit wir es er⸗ reichen, ehe es zu ſpät iſt.“ Sie wußte, daß es ſo ſein mußte, denn Arthur hatte ihr während der Herreiſe die ganze verrätheriſche Hand⸗ lungsweiſe der römiſchen Regierung auseinandergeſetzt; aber dennoch zauderte ſie, denn ſie fürchtete, die Fahrt möchte ihrem Kranken Gefahr bringen. Allem Zureden jedoch wurde ein ſchnelles Ende gemacht, als nunmehr nach einem Auf⸗ euthalte von nur wenigen Viertelſtunden die ſichere Nach⸗ richt einlief, daß die Oeſtreicher im Begriffe ſeien, von Rimini aus San Marino zu beſetzen. „Es iſt möglich, daß die nahende Krankheit des Prin⸗ zen ſich durch die Reiſe nach Ancona um ſo ſchneller ent— wickelt,“ erklärte der zu Rathe gezogene Arzt,„und ebenſo iſt's möglich, daß die Wunden Alfred Belgiojoſo's wieder aufbrechen; aber immer beſſer, als dem Feinde in die Hände zu fallen, der mit unſeren Kranken nur kurzes Federnleſen machen würde. Damit jedoch für alle Zufälle gleich Hülfe bereit iſt, werde ich ſelbſt mit von der Parthie ſein und meine Patienten nicht verlaſſen, als bis ſie in Ancona ſicher untergebracht ſind.“ Es gelang, von San Marino Pferde herbeizuſchaffen, und nachdem man den Prinzen nebſt Alfred Belgiojoſo ſorgſam in den Wagen Arthur Stantons, in welchem die Königin mit ihrer Kammerfrau ebenfalls Platz nahmen, gepackt, trat man die Reiſe nach Ancona an. War aber ſchon die Fahrt von Rom bis nach dem Landhaus des Arz⸗ tes von ſchrecklichen Umſtänden begleitet geweſen, ſo war es dieſe Fahrt noch weit mehr! Die elendeſten Nebenwege mußten gewählt werden, um den Vorpoſten des Feindes nicht in die Hände zu fallen, und mehr als einmal lag die Gefahr, in einen Abgrund zu ſtürzen, in denen der Wagen nothwendig in Trümmer hätte gehen müſſen, äußerſt nahe. Dazuhin dann noch die furchtbare innere Aufregung! Wahr⸗ haftig es gehörte ein Heroismus ſondergleichen dazu, um derartigen Qualen nicht zu erliegen, und wer hätt 0 eine ſolche Kraft hinter einer ſchwachen Frau geſucht? Den⸗ noch aber verlor die Königin Hortenſe nicht ein einziges Mal die Gewalt über ſich ſelbſt, obwohl ſie ſo bleich drein ſchaute, wie der Engel des Todes ſelbſt! In Sinigaglia, einer kleinen Station unweit von Ancona, bog man auf die Landſtraße ein, und da die Oeſt⸗ reicher noch nicht bis hierher vorgedrungen waren, ſo konnte man ſich endlich einige Erholung gönnen. Menſchen ſo⸗ wohl als Thiere waren derſelben im höchſten Grade bedürf⸗ tig, und man mußte es daher als eine wahre Wohlthat anſehen, daß der Beſitzer des dortigen Poſthauſes ſich in Feierſtnnden. 1864. ———ꝛꝛ—ꝛ——:—————— 171 bei dem Andern, denn ſie hätten nothwendig den Tod davon getragen! Dieſem Schlage war ſelbſt der Heroismus der Köni⸗ gin Hortenſia nicht gewachſen. So nahe am Ziele, und den Sohn doch nicht retten können,— dies war zu viel! Todesmüde ſank ſie zuſammen und ein Thränenſtrom ent⸗ rann ihren Augen. Auch Arthur Stanton ſtand eine Zeit lang entmuthigt und eine tiefe Wehmuth wollte ſich ſeiner bemächtigen. Plötzlich aber ſchoß ein neuer Gedanke durch ſein Gehirn und blitzenden Auges trat er zur Königin. „Majeſtät,“ flüſterte er ihr zu,„ich denke Sie ſag⸗ ten mir, einer Ihrer Verwandten beſitze in Ancona ein Haus, welches Ihnen zur freien Verfügung ſtehe, und in welchem Sie vor neugierigen Blicken ſo ziemlich geſchützt ſeien?“ „So verhält es ſich in der That,“ erwiederte die Königin. „Und können Sie ſich auch auf Ihre Kammerfrau verlaſſen?“ fragte er leiſe weiter.„Ich meine nicht ſowohl auf ihre Treue, als auf ihren Verſtand, ihren Muth und ihre Entſchloſſenheit.“ „Sie iſt klüger und beſonnener als ich,“ entgegnete Hortenſia,„und würde für mich durch's Feuer gehen.“ „Dann wird Ihr Sohn gerettet werden,“ erklärte nun Arthur Stanton in entſchiedenem Tone. Erſtaunt fragend ſah ihn die Königin an, aber er gab ihr für jetzt keine weitere Auskunft.„Ich werde Ihnen auf der Fahrt nach Ancona Alles auseinanderſetzen,“ ſagte er, indem er ſich haſtig an einen Tiſch ſetzte, um einige Zeilen auf ein Blatt Papier zu ſchreiben. Dann beſtellte er Kurierpferde für ſeinen Diener Duffy, und inſtruirte denſelben, was er zu thun habe.„Duffy,“ ſprach er zu ihm,„du haſt mir ſchon Großes geleiſtet, aber einen Dienſt wie den jetzigen habe ich noch nie von dir verlangt, denn du mußt nunmehr für mich lügen. Hier nimm dieſen Zet⸗ tel und eile ſofort nach Ancona. Dort haben ſich Tauſende von flüchtigen Patrioten geſammelt, und nicht Weuige von ihnen, wie z. B. den Grafen Zucchi, den General Sercog⸗ nano, den Marcheſe Vicini und Andere kennſt du von Per⸗ ſon. Es wird dir nicht ſchwer werden, den Einen oder den Andern von ihnen aufzufinden, und ſobald du ihn gefun⸗ den haſt, gibſt du ihm dieſe Zeilen. Darin ſteht geſchrie⸗ ben, daß die Amneſtie nicht gehalten werde und daß deß⸗ halb Jeder, der nicht Gefängnißkoſt eſſen oder um einen Kopf kürzer werden wolle, ſchleunigſt die Flucht über's Waſſer auf eine der engliſchen Inſeln ergreifen müſſe. Dies hätten, ſo ſteht weiter in meinem Briefe, die beiden Prinzen Bonaparte nebſt dem Grafen Alfred Belgiojoſo und Anderen bereits gethan, d. h. ſie hätten ſich in Fano auf einer Barke nach Korfu eingeſchifft. Merke dies alſo: Alfred Belgiojoſo und die beiden Bonaparte, wohlverſtanden die beiden, haben ſich nach Korfu gerettet, und dies haſt-du mit eigenen Augen geſehen, denn du ſtandeſt hinter deinem Herrn, jeglicher Beziehung gefällig erwies. Wie man nun aber der ſie perſönlich über das ſchmale Brett auf die beiden Kranken des Näheren beſichtigte, hilf Himmel, welch' große Veränderung war mit ihnen vorgegangen? Der Arzt hatte recht gehabt, die Wunden Alfred Belgiojo⸗ ſo's waren von Neuem aufgebrochen und zeigten bereits den Aafang einer Entzündung, den Leib Louis Napoleons aber bbedeckten große rothe Flecken, und ſein Geſicht flammte, wie wenn ein mächtiges Feuer unter ſeiner Haut wüthete. Von Leiner Fortſchaffung derſelben zur See konnte alſo keine Rede ſein, weder bei dem Einen noch die Barke hinübergeleitete, nachdem ſie ſich von ihrer Mutter, der Frau Königin Hortenſia ver⸗ abſchiedet. Haſt du mich begriffen?“ „Denke, ich hab',“ erwiederte Duffy blinzelnd.„Ich werd's beſchwören, daß die beiden Prinzen nebſt dem Gra⸗ fen Alfred nach Korfu abgefahren ſind, und daß alſo die Herren Oeſtreicher das Nachſehen haben werden. Verlaſſen Sie ſich auf mich, Sir Arthur, in zwei Stunden ſoll die Nachricht in ganz Ancona verbreitet ſein.“ 22* 2 172 Feierſtunden. 1864. ———-₰ℳ-—-—:õrͤ——y———ͤr—y—ͤy—r———— Arthur Stanton winkte.„Noch eins, Duffy,“ ſetzte deren Zimmer ich von meinem Wohngemach aus überſehen er dann noch hinzu.„Wenn du deinen Brief abgeliefert will.“ Der Haushofmeiſter fügte ſich natürlich, und ſo⸗ haſt, ſo mietheſt du für mich im erſten Gaſthof eine Reihe wie er die Zimmer aufgeſchloſſen hatte, nahm ihn die Köni⸗ von Zimmern und bewilligſt dem Wirthe jeden Preis, den gin bei Seite, um ihm einige Aufträge zu geben; während er von dir fordern mag. Biſt du auch damit fertig, ſo dem aber trug Arthur Stanton mit Hülfe Duffy's den tief erwarteſt du mich am Thore, durch welches wir einpaſſiren in Decken und Teppiche eingehüllten Louis Napoleon hinauf müſſen.“ und placirte ihn in dem Lokale, welches ſeine Mutter für Kein Wort wurde weiter gewechſelt, und einige Minu- denſelben ſchon zum Voraus auserſehen hatte. Dies war ten ſpäter fuhr Duffy mit Kurierpferden nach Ancona ab. ein ungemein kleiner und dunkler Alkoven, welcher von einer Die übrige Geſellſchaft mit den Kranken folgte langſam nach ſchmalen Bettſtelle ganz ausgefüllt wurde und alſo kaum und nun natürlich zögerte Arthur Stanton nicht länger, die Luft genug enthielt, daß Jemand darin Athem ſchöpfen Königin Hortenſe nebſt dem Arzte in ſeine Pläne einzuweihen. konnte. Dagegen aber lag er hinter einer großen Himmel⸗ Beiden leuchtete der Gedanke augenblicklich ein und der Arzt bettſtelle, die im Nebengemache ſtand, ſo gut verſteckt, daß erklärte ſich zu ſeiner Beihülfe bereit, die Königin aber, ein Uneingeweihter ihn gar nicht zu entdecken vermochte, deren Augen wieder heiterer blickten, rief ſogleich ihre Kam⸗ und ſomit konnte er als ein wirklich ausgezeichnetes Verſteck merfrau zu ſich, um dieſelbe in der Rolle, die ihr dabei gelten. Wo wäre alſo Louis Napoleon ſicherer aufgehoben zugedacht war, zu inſtruiren. So wurde jede Kleinigkeit geweſen? Kaum übrigens hatte man ihn in ſein Verſteck ganz genau verabredet, und wie man endlich in der Dun⸗ gebracht, ſo legte ſich Mademoiſelle Cochelet in das große kelheit Ancona erreichte, zweifelten Alle nicht mehr daran, Himmelbett, von dem wir ſoeben geſprochen, und galt von daß das waghalſige Spiel von ihnen gewonnen werden würde. nun an als überaus ſchwer erkrankt, hiedurch dem vertrau⸗ Ja ſie waren deſſen ſogar gewiß, weil man bei ihrer Ein⸗ ten Arzte, der mit von San Marino hereingekommen war, fahrt durch das Thor weder von ihnen ſelbſt noch von dem Urſache gebend, tagtäglich ein paar Beſuche im Hotel der Wagen, auf dem die Kranken lagen, die geringſte Notiz Königin Hortenſia abzuſtatten. nahm, dem einzigen Duffy ausgenommen, der ihrer dort Der eine Theil des Planes, den Arthur Stanton ent⸗ ſchon längere Zeit wartete! worfen, war alſo gelungen, und nicht minder leicht ging Dies hatte jedoch ſeinen natürlichen Grund. Die ge⸗ es, den zweiten durchzuführen. Kaum nämlich hatte ſich ſchlagene Armee der Aufſtändiſchen nämlich war, wie wir der junge Engländer von der Gräfin von St. Leu verab⸗ oben ſchon geſehen haben, zum größeren Theile flüchtigen ſchiedet, ſo befahl er dem Gaſthofe zuzufahren, in welchem Fußes nach Ancona geeilt, und eben dahin hatte man auch Duffy Zimmer für ihn gemiethet hatte, und dieſer Gaſt⸗ den Sitz der proviſoriſchen Regierung verlegt, ſo daß ſich hof, de Grande Bretagne, lag ſo nahe, daß man im alſo hier der Reſt der Inſurrektion zuſammenfand. Unter Augenblicke vor ihm hielt. Alles ſchien übrigens in dem den vielen Flüchtlingen nun mußte natürlich die am ſieben⸗ großen Hauſe verödet, denn es zeigte ſich weder jene Menge undzwanzigſten März verkündigte Amneſtie einen großen von geſchwätzigen Kellnern, denen man ſonſt in Italien Jubel verbreiten, und an dieſem Jubel nahm die ganze begegnet, noch waren mehr als ein paar einzelne Zimmer Bevölkerung Antheil. Um ſo größer aber war der Rück- erleuchtet. Der Wirth dagegen erſchien ſogleich und ent⸗ ſchlag, als nun zwei Tage ſpäter, am neunundzwanzigſten ſchuldigte ſich bei der Excellenza mit dem allgemeinen Wirr⸗ Abends, ſich auf einmal die Nachricht verbreitete, die päbſt- warr, der in jedem Hauſe der Stadt herrſche. liche Regierung werde das vom Kardinallegaten Benvenuti„Alle Ecken meines Hotels hatte ich vollgepfropft,“ verpfändete Wort nicht einlöſen, ſondern wolle die Amneſtie ſagte er,„aber ſeit einer Stunde ſind die Gäſte ſämmtlich nur als Köder benützen, um die Häupter des Aufſtandes verſchwunden, und meine ganze Dienerſchaft hat vollauf und deſſen vorzüglichſte Theilnehmer deſto ſicherer zu fangen. damit zu thun, das Gepäck der Herren an den Hafen hinab⸗ Ein furchtbarer Schrecken ergriff die Meiſten, und da faſt zutragen. Excellenza ſoll aber deßwegen doch ausgezeichnet zu gleicher Zeit auch die Nachricht einlief, daß die Oeſt- bedient werden, ganz Ihrem hohen Range gemäß.“ reicher nicht mehr allzu ferne ſtänden, ſo ſteigerte ſich der„Sie haben alſo Revolutionäre beherbergt?“ meinte Schrecken faſt zur Verzweiflung. Viele Hunderte ſtürzten Arthur Stanton trocken.„Dieß dürfte Ihnen von den in zum Hafen hinab, um ſich auf eines der dort befindlichen ein paar Stunden einrückenden Oeſtreichern keine beſondere Schiffe zu retten, und das Geſchrei„nach Korfu oder nach Annehmlichkeiten zuziehen.“ Griechenland“ wurde allgemein. So kam nach und nach„O Excellenza,“ rief der Wirth, ſich bis zum Erd⸗ die ganze Stadt in Bewegung, und die ganze Nacht vom boden verneigend,„was konnte ich machen? Aber wenn 29. bis zum 30. März herrſchte eine Verwirrung, wie man Sie mir Ihren hohen Schutz angedeihen laſſen wollten— ſie ſich nicht toller denken kann. Begreift man es nun, vor Engländern haben die Oeſtreicher doch noch Reſpekt; warum kein Menſch von unſeren Neiſenden Notiz nahm, mit uns armen Italienern dagegen gehen ſie um, als wären als ſie durch's Thor hereinfuhren? wir zu ihren Fußſchemeln geboren.“ Uebrigens nicht blos unter dem Thore nahm man keine„Ich will mich Ihrer annehmen,“ erwiederte Arthur Notiz von ihnen, ſondern auch auf den Straßen rannte, Stanton vornehm;„dagegen aber merken Sie ſich eines. wer ihnen begegnete, mit größter Eile an ihnen vorüber. Ich laſſe mich nur von meinen eigenen Leuten bedienen So kamen ſie faſt unbemerkt vor das Haus, in welchem und verlange daher, daß Niemand meine Zimmer betritt, die Königin Hortenſia ihr Abſteigquartier nehmen wollte, als wem ich Erlaubniß dazu gebe. So, nun helfen Sie und voll Ehrerbietung empfing ſie daſelbſt der Haushofmei- meinem Burſchen, ſeinen verwundeten Kameraden die Treppe ſter. Er wollte ihr die beſten Zimmer in der erſten Etage hinauf zu führen. Wir ſind in die Hände von Räubern anweiſen, aber ſie nahm ſie nicht an, ſondern verlangte im gefallen, und dieſe haben uns bös mitgeſpielt.. zweiten Stocke einlogirt zu werden.„Die Lokalitäten wei⸗ Auf dieſe Art gelang es, Alfred Belgiojoſo in eines ter oben,“ ſagte ſie,„entſprechen meinem Zwecke für dies⸗ der oberen Gemächer, welche Arthur Stanton gemiethet mal beſſer, denn ich habe eine ſchwer kranke Kammerfrau, hatte, zu bringen, ohne daß man in ihm, da ſein Geſicht vorher inen? vornehn weit ge der frei ſeue S für die ſeiniger J am ar Lärm reicher ganze türlich — überſehen und ſo⸗ die Köni⸗ während den tief n hinauf itter für dies war on einer ſo kaum ſchöpfen Himmel⸗ eckt, daß ermochte, Verſteck fgehoben Verſteck 8 große At von vertrau⸗ nen war, votel der nton ent⸗ icht ging ntte ſich verab⸗ wer & Gaſt⸗ nan im in dem e Menge Italien Zimmer und ent⸗ en Wirr⸗ pfropft, ummtüich vollauf hinab⸗ zeichnet meinte ndan in beſondere mn Erd⸗ r wenn llten— Reſpett 3 wiren Feierſtun vorher über und über mit Pflaſtern bedeckt worden war, einen Andern vermuthet hätte, als einen der Diener des vornehmen engliſchen Herrn, und nunmehr, als er es ſo weit gebracht, wagte es der Letztere, zum erſten Male wie— der frei aufzuathmen. Doch der andere Tag ſchon brachte neue Sorgen und Aengſten, obwohl weniger für ihn, als für die Königin Hortenſia, deren Schickſal ſo eng mit dem ſeinigen verkettet war. Noch hatte ſich nämlich nicht das volle Sonnenlicht am andern Morgen eingeſtellt, als auf einmal kriegeriſcher Lärm ertönte und unter lautem Trommelgewirbel die Oeſt⸗ reicher ihren Einzug in die wehrloſe Stadt begannen. Die ganze Einwohnerſchaft kam ſofort in Allarm, und da na⸗ türlich in alle Häuſer ſchwere Einquartirung gelegt wurde, Rückſicht auf ihn nehmen. — den. 1864. 173 ſo kann man ſich wohl denken, wie viel Sorge und Noth dadurch entſtand. Auch der Wirth zu Grande Bretagne wurde überreichlich bedacht, allein weil außer dem vorneh⸗ men Engländer, welcher die beſten Zimmer in Beſchlag genommen hatte, auch noch zwei franzöſiſche Offiziere, welche ebenfalls ein gutes Quartier in Anſpruch nahmen, in der Nacht angekommen waren, ſo mußte man doch einige Die beiden Offiziere reisten zwar allerdings, wie ihr Paß beſagte, nur des Vergnügens wegen, allein man vermuthete deßhalb doch hinter ihrem Beſuche einen halboffiziellen Charakter, und hielt ſie für nichts Anderes, denn für Abgeſandte Louis Philipps, des Königs von Frankreich, beauftragt, die Fortſchritte der öſt⸗ reichiſchen Armee zu überwachen. Faſt in demſelben Lichte 1ree wmmmnunnuun 3 1 dnnna 6 rmntantwnrrnmrnumnenmn tumunalarummeuamnenrncfernun ——— ſummu 1n erſchien dem öſtreichiſchen Oberkommando der Engländer, und ſelbſt angenommen, daß dieſe Vorausſetzung falſch ſei, ſo mußte man ſich doch hüten, ihn offen zu beleidigen, da ja die engliſche Regierung das Recht Oeſtreichs, in den päbſtlichen Staaten zu interveniren, nicht anerkannt hatte und dieſe Nichtanerkennung leicht in einen Proteſt umwan⸗ deln konnte. So blieb alſo Arthur Stanton nebſt den beiden franzöſiſchen Offizieren ganz unbehelligt in ſeinem Hotel, obwohl man es natürlich an heimlicher Ueberwachung, ob er nicht unter der Hand mit den Inſurgenten und deren Freunden in Verbindung ſtehe oder ſie gar unterſtütze, nicht fehlen ließ. Ganz anders dagegen verfuhr man mit der Gräfin von St. Leu, denn wenn dieſelbe auch an der Re⸗ volution keinen unmittelbaren Antheil genommen oder ſich nicht(dies war der diplomatiſche Ausdruck)„perſönlich“ dabei betheiligt hatte, ſo waren ihre Söhne um ſo thätigere (Zu Seite 171.) Haupttheilnehmer geweſen, und man konnte die Mutter alſo mit vollkommenſtem, Rechte wenigſtens der„moraliſchen Mitſchuld“ zeihen. Das Oberkommando der öſtreichiſchen Streitkräfte dachte demgemäß alles Ernſtes daran, ſie in Verhaft zu nehmen, und unterließ dies nur in Rückſicht der Schmach, welche die Gefangenſchaft eines Weibes noth⸗ wendigerweiſe nach ſich gezogen hätte, ſowie weil von Wien aus vorderhand noch keine genauen Weiſungen hierüber vor⸗ lagen. Stand man aber auch von einer Verhaftnahme ab, ſo war man um ſo mehr darüber im Reinen, daß man ſie aus Ancona ausweiſen müſſe, denn ihr Paß lautete ja auf Florenz, und— was hatte ſie überhaupt in Ancona zu thun? Im nächſten Augenblicke übrigens ſchon ſtand man auch wieder von einer Ausweiſung ab, allein nicht wegen einer etwaigen Rückſichtnahme auf ihre Perſon, ſon⸗ dern weil man einen gewiſſen Zweck damit zu erreichen 174 hoſſte. Unmittelbar nämlich nach dem Einmarſche der Oeſtreicher wurden eine Menge von Verhaftungen vorge⸗ nommen, phäen des verunglückten Aufſtandes, alſo nach den beiden Bonaparte(denn man wußte damals noch nicht, daß der ältere bereits todt war), Feierſtunden und insbeſondere fahndete man nach den Kory⸗ nach den Generalen Sercognani und Zucchi, nach den Grafen Mamiani, Pepoli, Belgio⸗ joſo und Andern. Da zeigte es ſich nun aber— und da alle Nachrichten, die man einzog, hierüber einſtimmig wa⸗ ren, ſo ließ ſich an der Wahrheit derſelben durchaus nicht zweifeln—, daß dieſe Koryphäen ſämmtlich die Nacht zu⸗ mich vor auf verſchiedenen Schiffen das Weite geſucht hätten, und die Hoffnung, wenigſtens Einige derſelben zu fangen, wurde alſo dadurch total zu nichte gemacht. Daß nun hierüber die Oeſtreicher nicht gerade erfreut waren, wird man ſich wohl denken können, und vor Allem ihre Wuth, daß auch die Prinzen Napoleon, Beibringung man das äußerſte Gewicht ſollten. Allerdings beorderte nun der Oberkommandant, Feldmarſchall⸗Lieutenant Frimont, ſogleich einige in Ravenna liegende öſtreichiſche Kreuzer, auf die Schiffe, Anführer entflohen waren, zu fahnden, ſcheinlich war nicht der Erfolg?*) ſich plötzlich, hatte es nicht viel für ſich, anzunehmen, oder vielmehr war es nicht beinahe gewiß, daß die Mutter der beiden gefürchteten Prinzen noch immer in Verbindung mit ihnen ſtand, und daß man alſo durch deren genaue Ueber⸗ wachung möglicherweiſe herausbringen konnte, wohin ſich die Flüchtlinge gewendet? Hatte man aber einmal ihren Zufluchtsort erkundet, dann konnte es auch nicht allzu ſchwer fallen, ſie aus demſelben herauszulocken und ſich ihrer fießt ich doch noch zu bemächtigen! So dachte der öſtrei⸗ chiſche Obergeneral, und um nun die Ueberwachung der Kondgin recht conſequent durchzuführen, nahm er alsbald mit ſeinem ganzen Stabe Quartier in demſelben Hauſe, in deſſen oberem Stocke Hortenſia ihre Wohnung aufge⸗ ſchlagen hatte. Ja nicht genug damit— der Mann, deſ⸗ ſen ganzes Streben darnach ging, ihren Sohn ge fangen zu nehmen, machte ihr gleich a ſeinem Einzug in das Hotel ſeine Aufwartung, und ſie mußte ihn in ihrem Salon, wel⸗ cher unmittelbar an das Schlafgemach mit dem bewußten Alkoven ſtieß, empfangen; aber gerade die Nähe und Furcht⸗ barkeit der Gefahr ſtählte ihren Geiſt, und nie zeigte ſie einen größeren Heroismus und eine vollkommenere Selbſt⸗ beherrſchung, als an dieſem Tage!(Siehe Bild S. 173.) Der General fand ſie nämlich bei ſeinem Eintreten am Piano ſitzend und einen Vers aus dem Lied: Partant pour la Syrie ſingend. Sobald ſie aber des alten Krie⸗ gers anſichtig wurde, ſtand ſie höflich auf und ging ihm lächelnden Antlitzes entgegen. „Ich freue mich,“ eröffnete der General, der im Au⸗ genblicke begriffen hatte, warum die Königin gerade jenes Lied ſang, das Geſpräch,„ich freue mich, die Frau Gräfin von St. Leu in ſo munterer Stimmung zu finden.“ „Warum,I“ erwiederte ſie in der ungezwungenſten Weiſe von der Welt,„warum ſollte auch eine Mutter nicht fröh⸗ lich ſein, welche endlich der Angſt, die ſie für ihre Kinder haben mußte, entledigt iſt? Aber,“ fuhr ſie nicht ohne Spott auf deren allein wie unwahr⸗ Eines der Schiffe General Zucehi und verſchiedene wirklich aufgebracht, und Jahre ſchweren Kerker in Bleikammer nach V ſchmachten mußten. nämlich dasjenige, auf we Modeneſen befanden, wurde auch Zuechi erhielt durch Kriegsſpruch zwanzig ä Munkatſch; die Andern aber kamen in die enedig, wo ſie ebenfalls eine Reihe von Jahren lchem ſich der auf d dieſe Unterbrechung, ſondern fuhr Ihrer Söhne iſt nicht J erregte es 8„ legte, entkommen ſein in welchen die Doch, ſo fragte man 1864. ——;; fort,„ich berühre eine unangenehme Säͤite bei Ihnen, da ich weiß, daß durch die gelungene Flucht meiner beiden Söhne die Erfüllung eines der Lieblingswünſche der öſtrei⸗ chiſchen Regierung vereitelt worden iſt.“ „Madame,“ entgegnete der General,„die Heimath. „Mein Herr,“ unterbrach ihn Hortenſia, die es ohne Zweifel darauf abgeſehen hatte, den alten Feldmarſchall in Harniſch zu bringen.„Mein Herr, es gab eine Zeit, wo Ihr Herr und Kaiſer mit Majeſtät anredete, und ich hoffe, daß Sie ſich nicht rückſichtsloſer benehmen werden, als Ier Regent.“ Doch der Feldmarſchall⸗Lieutenant nahm keine Rückſicht ganz ruhig in ſeinem „Madame,“ ſagte er,„die Heimath Italien und noch weniger der Kir⸗ chenſtaat. Darum, wenn dieſelben es verſuchten, die be⸗ ſtehende Regierung umzuſtürzen, ſo gilt für ſie nicht ein⸗ mal der Milderungsgrund, den unzufriedene und ſich bedrückt glaubende Unterthanen für ſich anführen können, ſondern ſie ſind Hochverräther 3 ſtrengſten Sinne des Wortes. Von dieſem Geſichtspunkt geht meine Regierung aus und ich thue nur meine Pflicht, wenn ich ganz denſelben Grundſätzen huldige.“ „Um ſo mehr habe ich Grund, mich zu freuen,“ ver⸗ ſetzte ſofort Hortenſia, den General abermals ſpöttiſch fixirend, „daß meine Söhne längſt außer dem Bereiche ihrer Feinde ſind.“ „Zugegeben, Nendanie. verſetzte der alte Krieger kalt⸗ blütig;„aber,“ meinte dann plötzlich, der Königin voll in's Geſicht ſchauend, wenſ Ihre Söhne in Sicherheit ſind, welchen Zweck hat dann Ihre längere Anweſenheit hier in Ancona?“ „O,“ meinte die Königin lachend,„die Annehmlichkeit der öſtreichiſchen Beſatzung hält mich ſicherlich nicht zurück. Im Gegentheil wäre ich, nachdem ich von meinen Söhnen Abſchied genommen, ſogleich abgereist, wenn mich nicht die gefährliche Krankheit meiner Kammerfrau— ſie iſt mir übrigens weniger Kammerfrau als Freundin— nöthigte, deren Geneſung hier abzuwarten.“ In dieſem Momente ließ ſich vom Nebenzimmer her ein leiſes Stöhuen vernehmen, gerade wie wenn Jemand mit Gewalt einen lauteren Schmerzenston unterdrückte, und urplötzlich wurde nun die Königin ſo weiß wie die Wand, denn ſie wußte nur zu gut, von wem dieſes Stöhnen ausgehe. Doch nicht eine Sekunde lang dauerte es, ſo hatte ſie ſich ſchon wieder vollſtändig gefaßt. „Die arme Cochelet!“ rief ſie.„Ach ſie leidet furcht⸗ bar und die Aerzte kennen keine Linderung. Entſchuldigen Sie alſo für einen Augenblick, mein General, denn ich habe wenig Dienerſchaft und unterziehe mich deßhalb perſönlich ihrer Verpflegung.“ Mit dieſen Worten öffnete ſie die Thüre in das an⸗ ſtoßende Schlafgemach und ließ dieſelbe weit aufſtehen. Dann trat ſie an das große Himmelbett, in welchem die Kammerfrau lag, machte ihr die Kiſſen zurecht und gab ihr ſchließlich einen Löffel voll von der nebenan ſtehenden Arz⸗ nei, indem ſie ſich zugleich gütig nach deren Befinden er⸗ kundigte; der General aber trat bis unter die Thüre, welche in das Schlafgemach führte, und ſah ſofort mit eigenen Augen die krank im Bette liegende Demoiſelle Cochelet, denn daß der wirklich Kranke hinter dem Himmel⸗ bett in dem verborgenen Alkoven verſteckt ſei— wie hätte er dies ahnen können? Gleich darauf verabſchiedete er ſich, vollkommen über⸗ zeugt, daß die beiden Söhne Hortenſia's ganz ſicher aufge, früheren Tone fort. — hoben dieſem er vor 8 und ſ Staat kehrun Kaiſer das 2 Münd laufen und b. von a dde, Ae dor del ſtun verſe ihren durch unter Schn tes( zu ſe ſauft Sch imm den ihn „Me Hau er n Jlick de W angſt Leben ten di des T Richte ſeinen ud? erdig nes- diſſer ſuen, da er beiden eer üſtrei⸗ nath... ees ohne rſchall in Zeit, wo und ich 1 werden, Rüchſicht in ſeinem Heimath der Kir⸗ die be⸗ nicht ein⸗ bedrückt ſondern Wortes. 8 und ich rundſätzen en,“ ber⸗ h fixirend, nde ſind.“ ger kalt⸗ Sen voll rheit ſind, t hier in emlichkeit iſt zurüch n Söhnen ˖richt die iſt mir nöthigte, mmer her Jemand ickte, und e Wand Stöhnen e ks, ſo dt furch⸗ chuldigen ich habe 92 eerſönlich das all⸗ aufſtehen. lichem die d gab ihr nden Arz⸗ finden el⸗ re welche t eijenen Cochelet, immel⸗ tſei— nen übe⸗ ger aufgen —— Feierſtunden 1864. 175 hoben ſein müßten.„Ihre Mutter hätte ſonſt nicht in Noch am nämlichen Abende machte er einen Bericht dieſem ſpöttiſch⸗höhniſchen Tone ſprechen können,“ murmelte V nach Wien, worin er dieſe ſeine Anſicht klar auseinanderlegte. er vor ſich hin.(Schluß folgt.) Die Zrabſtätte Napoleons. Napoleons letzte Hoffnungsträume waren vernichtet ſeit der Uebertragung der Leiche verfloſſen, als die orlea⸗ und ſein Entſchluß, ſich in Rochefort nach den Vereinigten niſtiſche Dynaſtie geſtürzt wurde und der Neffe des großen Staaten Nordamerikas einzuſchiffen, ſtand feſt. Alle Vor- Napoleon den Thron beſtieg, unter deſſen Regierung der kehrungen zur Flucht waren von Seiten des unglücklichen Bau des Mauſoleums verhältnißmäßig raſch von Statten Kaiſers getroffen, aber auch ſeine Feinde verſäumten nicht, ging. Mit ſpannender Erwartung ſahen Aller Augen der das Ihrige zu thun: ein engliſches Geſchwader hielt die Vollendung des Monuments entgegen, deſſen Ausführung Mündung des Charente blokirt, und als Bonaparte aus- bis in alle Einzelnheiten edel zu nennen iſt, und hinreichend laufen wollte, bemächtigten ſich die Engländer ſeiner Brigg wäre, dem Baumeiſter Visconti einen unſterblichen Namen und brachten ihn nach St. Helena, auf dieſe 500 Meilen zu verleihen. Nach einundzwanzigjähriger Arbeit ward es von allem Lande entfernte Inſel. möglich, am 7. April 1861 die Grabſtätte in Gegenwart Sechs Jahre verbrachte Napoleon inmitten dieſer Ein- des Kaiſers Napoleon III., der Prinzen der kaiſerlichen öde, verlaſſen von allen ſeinen Freunden, verlaſſen von Familie, der Marſchälle, der Miniſter und der Großen des Allem, was ihm lieb und theuer geweſen, bis ihn endlich Reichs feierlich zu conſecriren, und die Einweihungs⸗Cere⸗ der Tod von ſeinen qualvollen Leiden erlöste. Seine Todes⸗ monie wurde von dem am 29. Dezember 1862 verſtorbe⸗ ſtunde war ruhig: er blieb von jenen furchtbaren Kämpfen nen Kardinal⸗Erzbiſchof von Paris, François Morlot, per⸗ verſchont, die eintreten, wenn eine geängſtigte Seele ſich von ſönlich vorgenommen. ihren irdiſchen Feſſeln losreißt, oder noch mehr zu ſagen, Die erſte Inſchrift, welche dem Kommenden in die durch die Gewalt einer höheren Hand losgeriſſen wird, um Augen fällt, und mit welcher die Beſtimmung und der unter den gräßlichſten Zuckungen— Ausbrüchen heftigen Zweck des Baues nicht beſſer bezeichnet werden könnte, ſind Schmerzes und einer Reue, die zu ſpät begreift, daß Got⸗z die eigenen Worte Napoleons:„Ich wünſche, daß meine tes Gerechtigkeit eine Sühnung verlangt— von dieſer Erde Aſche an den Ufern der Seine ruhe, inmitten des franzö⸗ zu ſcheiden. Der Geiſt des großen Mannes trennte ſich ſiſchen Volkes, das ich ſo ſehr geliebt.“ Dieſe Worte, ein ſanft von ſeiner ſterblichen Hülle, kein Anzeichen des rührender Beweis der Anhänglichkeit an Frankreich, der ſich Schmerzes war auf ſeinem Antlitz wahrzunehmen, das wie ſelbſt im letzten Willen des ſterbenden Kaiſers auf St. immer eine Todtenbläſſe bedeckte, keine Klage entſchlüpfte Helena noch ausſpricht, ſind auf einer ſchwarzen Marmor⸗ den erſterbenden Lippen— die einzigen Worte, welche ſeine tafel eingegraben, welche ſich am Giebelfeld des in Erz ihn umgebenden Freunde vernehmen konnten, waren: gegoſſenen Portals befindet, das ſich nach der großen weißen „Mein Gott!... mein Volk... mein Sohn... Marmortreppe öffnet, die zur Gruft führt, in welcher ſich Haupt... der Armee.. das Grab erhebt. Wenige Minuten vor ſechs Uhr des Abends öffnete Die Grabſtätte Napoleons nimmt zum größten Theil er noch einmal die brechenden Augen, und einen letzten den unterirdiſchen Raum zwiſchen den Gräbern Turenne's Blick auf die Büſte ſeines Sohnes werfend, die zu Füßen und Vauban's im Dome der Invaliden ein. Sie iſt auf des Bettes ſtand, hauchte er ohne jede Spur von Todes⸗ gleicher Höhe mit den Grundmauern gewölbt, nach oben angſt ſeinen Geiſt aus. Im ſelben Momente, wie das aber geöffnet und mit einer kreisförmigen Baluſtrade von Leben des großen Welteroberers von der Erde floh, berühr⸗ weißem Marmor umgeben, ſo daß der Beſchauer, nachdem ten die letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne den Spiegel ſer, die Blicke in die Gruft verſenkend, die glorreichen Er⸗ des Meeres, und von ihnen getragen ſchien er vor dem innerungen an Napoleon betrachtet hat, von dem Anblicke Richterſtuhle Gottes Rechenſchaft ablegen zu wollen von des glänzenden Werks Ludwig XIV. ergriffen wird, wenn ſeinen Thaten.— Napoleon war 51 Jahre, 8 Monate er ſie zum Himmel erhebt; zwei Namen, zwei Regierungen und 20 Tage alt geworden. ſind hier vereinigt und verherrlicht in einem Denkmale. Ohne alles Gepränge wurde er auf St. Helena be⸗ Treten wir nun durch die Marmortreppe, welche zur erdigt; ſein Leichenzug war nicht wie der eines großen Man⸗ Gruft hinabführt, in das Innere ein. Das erſte, was nes— nicht wie es dem Kaiſer der Franzoſen gebührt hätte, ſich nns hier in der Crypte darbietet, iſt eine rings umher deſſen Ruhm unſterblich iſt. Nach langwierigen Unterhand⸗ laufende Galerie, deren Seitenwände mit zehn in carari⸗ lungen gelang es endlich im Jahre 1840 dem Köuige Louis ſchem Marmor ausgeführten Bas⸗Reliefs geziert ſind, welche Philipp, von den Engländern die Bewilligung zu erlangen, die Hauptmomente aus dem Leben Napoleons als Geſetz⸗ daß die ſterblichen Ueberreſte Napoleons von ſeinen Feinden geber und Staatsmann darſtellen. Die Galerie wird durch an Frankreich ausgeliefert würden. Der Prinz von Join⸗ den matten Schein von mehreren Lampen erhellt, die von ville, drittgeborener Sohn des Königs, wurde von ſeinem dem Plafond herniederhängen. Zwölf Carhatiden von koloſ⸗ Vater mit der Miſſion betraut, dieſelben von St. Helena ſaler Größe und ebenfalls aus weißem Marmor erinnern nach Frankreich zu bringen. Gleichſam um die Gering⸗ an die zwölf bedeutendſten Siege des Kaiſers— Siege, ſchätzung wieder gut zu machen, wurde der Leichnam mit deren ruhmvolle Namen ſich zwar in den Herzen des fran⸗ großem Pomp bei den Invaliden beigeſetzt, obgleich das zöſiſchen Volkes von Generation zu Generation fortpflanzenn Grab, in welchem er ruht, erſt einundzwanzig Jahre ſpä⸗ aber auch auf der Baluſtrade der Galerie zwiſchen wahr, ter vollendet werden konnte. Noch kein Decennium war Kronen, die den Hintergrund ſchmücken, eingehauen — 176 Feierſtunden. 1864. um das Andenken an dieſelben in jedem Beſucher wachzu⸗ Der Sarkophag, welcher nicht weniger als vier Meter rufen. in der Länge, zwei Meter in der Breite und vier ein halb Aebſe Jolgen des Mondlichts. ſchmachte Meter in der Höhe mißt, iſt aus Porphyr gefertigt und er⸗ hebt ſich auf einem Piedeſtal von grünem Granit in der Mitte der Crypta, deren mit Marmor gepflaſterter Fuß⸗ boden einen ungeheuer großen, lichtgoldenen Heiligenſchein bil⸗ det, durch deſſen Strahlen ſich ein in Moſaik gearbeiteter Lorbeerkranz ſchlängelt.— Dies iſt in ſeinem erhabenen Gan⸗ zen die Grabſtätte des großen und unvergeßlichen Kaiſers, und es bleibt mir nur noch übrig, des Reliquienſchreins Erwähnung zu thun; der Bau⸗ meiſter gab nämlich dieſe Be⸗ nennung einer in der äußeren Wandung der Gruft einge⸗ hauenen Niſche. In dieſem düſter und geheimnißvoll ſchei⸗ nenden Ort, gerade dem Ein⸗ gange gegenüber, verwahrt man, umgeben von den erober⸗ ten Fahnen, den Hut Napo⸗ leons, ſeine Orden und Ehren— zeichen und den Degen, wel⸗ chen er bei Auſterlitz ge⸗ tragen. Im Hintergrunde dieſes, vom übrigen Raume getrenn⸗ ten, ſogenannten Reliquien⸗ ſchreins erhebt ſich die Statue des Kaiſers im Krönungsornat, in der rechten Hand das mit einem Adler geſchmückte Scep⸗ ter, in der linken den von einer Krone überragten Erdball haltend. Die Höhe dieſer in weißem Marmor ausgeführten Bildſäule beträgt zwei Meter achtzehn Centimeter, und da die Wände mit ſchwarzem Marmor beklleidet ſind, tritt ſie ungemein lebhaft aus dem, nur von einer Lampe wenig erhellten Dunkel hervor. Ein dreizehnjähriger Knabe wurde in der Nähe von beiter, die an ihr Geſchäft gingen, weckten ihn; er öffnete London von ſeiner etwas leidenſchaftlichen Mutter wegen ſeine Augen, erklärte aber, er könnte nicht das Geringſte ſehen. Unart Abends aus dem Hauſe geſtoßen. Er rannte in ein Er wurde nach Hauſe und von da in eine Augenheilanſtalt an das Haus gränzende Kornfeld und legte ſich in der gebracht, wo der Arzt beſtätigte, daß die Blindheit vom Schla⸗ freien Luft zum Schlafe nieder. Die Nacht war mondhell fen im Mondſchein ſich herſchreibe. Der Knabe iſt ganz blind Benn der Knabe ſchlief ruhig die ganze Nacht. Einige Ar⸗ und nur geringe Hoffnung zu ſeiner Geneſung vorhanden. und: für polter daß ſi ten, ſi wohlwe Fragen brach ſtets ei tin wi Kehren ſcheuert den. dann geheire mit ſe düchte — er Meter ein halb iißt, it und er⸗ Bisdeſtal in der ren mit Fuß⸗ Jroßen, hein bil⸗ hlen ſich arbeiteter .— Dies en Gan⸗ à großen Kaiſers, ur noch ſchreins der Bah⸗ deſe Be⸗ üußeren t einge⸗ dieſen oll ſchei— em Ein⸗ verwahrt erober⸗ Napo⸗ dEhren⸗ en, wel— litz ge⸗ de dieſes, getrenn⸗ ſeeliquien⸗ e Statue ngsornnt das mit te Scep⸗ hen von Erdball diſer i geführten ei Meter und da hwarzen 3 tritt ſie t dem, e wenig or. P. Feierſtunden. 1864. —; uf dieſe Weiſe ging es eine lange Zeit fort, und es ſchien ſehr wahrſcheinlich, daß es noch länger ſo fortgehen würde, als Miß Havisham eines Tages auf unſerem gemeinſamen Marſche ſtehen blieb, ſich feſter auf meine Schulter ſtützte, und mit etwas mißfälliger Miene zu mir ſagte: „Du fängſt an groß zu werden, Pip.“ Ich hielt es für am beſten, ihr nur durch einen ſinnenden Blick zu verſtehen zu geben, daß dies ein Umſtand ſei, der außerhalb meiner Macht liege. Sie ſagte bei dieſer Gelegenheit nichts weiter, aber blieb bald darauf von Neuem ſtehen, und blickte mich wieder an, und machte dann eine finſtere, mürriſche Miene. Am nächſten Tage meines Dort⸗ ſeins, als unſere gewohnte körperliche Bewegung vorüber war und ich ſie bei ihrem Toilettentiſch abgeſetzt hatte, gebot ſie mir mit jener ungeduldigen Handbewegung ſtehen zu bleiben, und ſagte: „Nenne mir den Namen deines Schmieds.“ „Joe Gargery, Madam.“ „Das iſt der Meiſter, bei dem du in die Lehre treten ſollſt?“ „Ja, Miß Havisham.“ „Es wäre am beſten, wenn du gleich einträteſt. Würde Gar⸗ gery mit dir hierher kommen wollen und deinen Lehrbrief mit⸗ bringen?“ Ich erwiederte, daß Joe es ſich ohne Zweifel zur Ehre anrech⸗ nen würde, dazu aufgefordert zu werden. „So laß ihn kommen,“ ſagte ſie. „Zu irgend einer beſtimmten Zeit, „Still! Ich weiß nichts von der Zeit. und nur mit dir.“ Als ich an jenem Abende nach Hauſe kam, und dieſe Beſtellung für Joe überbrachte, begann meine Schweſter noch fürchterlicher zu poltern, als je zuvor. Sie fragte mich und Joe, ob wir glaubten, daß ſie nur eine Fußdecke für uns ſei, und wie wir es wagen könn⸗ ten, ſie ſo zu behandeln, und für welche Geſellſchaft ſie nach unſerer wohlwollenden Meinung noch paßte? Nachdem ſie die Fluth ſolcher Fragen erſchöpft hatte, warf ſie Joe einen Leuchter an den Kopf, brach in lautes Schluchzen aus, holte die Kehrichtſchaufel herbei,— ſtets ein böſes Zeichen,— band ſich die Schürze vor, und begann ein wüthendes Reinigen. Aber nicht zufrieden mit einem trockenen Kehren, ergriff ſie einen Eimer Waſſer, mit der Scheuerbürſte, und ſcheuerte uns zum Hauſe hinaus, ſo daß wir frierend im Hofe ſtan⸗ den. Erſt um zehn Uhr wagten wir wieder hinein zu ſchleichen, und dann fragte ſie Joe, weßhalb er nicht lieber gleich eine Negerſkavin geheirathet habe. Der arme Joe gab keine Antwort, ſondern ſtand da, mit ſeinem Barte ſpielend,. blickte mich wehmüthig an, als wenn er dächte, daß cs vielleicht wirkeich 5 beſſere Spekulation geweſen wäre. „ Es war eine große Prüfung für meine Gefühle, als ich am zwei⸗ ten Tage darauf Joe für deu Beſuch bei Miß Havisham mit ſeinen Sonntagskleidern geſchmückt ſah. Da er jedoch ſeinen Galaanzug für dieſe Gelegenheit nothwendig hielt, ſo kam es mir nicht zu, ihm zu ſagen, er ſehe in ſeinen Arbeitskleidern weit beſſer aus; um ſo mehr, da ich wußte, daß er ſich ganz allein um meinetwillen ſolcher furcht⸗ baren Unbequemlichkeit unterwarf, und nur mir zu Liebe ſeinen Hemd⸗ Feierſtunden. 1864. Miß Havisham?“ Laß ihn bald kommen, — Kapitel. ——⅔:-:—; große Erwartungen. Von Charles Dickens. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. (Fortſetzung von S. 144.) kragen hinten ſo hoch hinaufzog, daß das Haar ſeines Hinterhauptes dadurch wie ein Federbuſch in die Höhe ſtand. Beim Frühſtück erklärte meine Schweſter ihre Abſicht, mit uns in die Stadt zu kommen und bei Onkel Pumblechook zu bleiben, bis wir ſie wieder abholen würden,„ſobald wir mit unſeren vornehmen Damen fertig wären“— eine Anſchauung der Sache, von der Joe das Schlimmſte zu ahnen ſchien. Die Schmiede wurde für den Tag geſchloſſen, und Joe ſchrieb (wie dies bei den ſeltenen Gelegenheiten, wo er nicht arbeitete, ſeine Gewohnheit war) mit Kreide das einſylbige Wort„Aus“ auf die Thür, begleitet von der Skizze eines Pfeiles, der muthmaßlicher Weiſe in die Richtung flog, in welcher er fortgegangen war. Wir gingen zu Fuße nach der Stadt, meine Schweſter in einem großen Filzhute voran. Sie trug einen Korb von geflochtenem Stroh, ſo groß, wie das große Siegel von England, ein Paar Holzſchuhe und einen Regenſchirm, obſchon es ein ſchöner, klarer Tag war. Ich bin mir nicht ganz klar darüber, ob ſie dieſe Gegenſtände als Büße⸗ rin oder aus Oſtentation trug; aber ich glaube faſt, ſie wurden nur zur Schau getragen, ziemlich wie Kleopatra oder irgend eine andere „klabaſterige“ hohe Dame bei einem Aufzuge oder einer Proceſſion ihren Reichthum zur Schau getragen haben würde. Als wir bei Pumblechooks Hauſe anlangten, ſtürzte meine Schwe⸗ ſter hinein und ließ uns draußen ſtehen. Da es beinahe um Mittag war, ſetzten Joe und ich ſogleich unſern Weg zu Miß Havisham fort. Eſtella öffnete das Thor, wie gewöhnlich, und ſowie Joe ſie erblickte, nahm er ſeinen Hut ab, hielt ihn mit beiden Händen am Rande feſt und wog ihn, als ob es ihm im innerſten Gemüth genau auf eine halbe Viertelunze ankomme. Eſtella nahm weder von dem Einen noch dem Andern von uns Notiz, ſondern führte uns den Weg, mit dem ich ſo vertraut war. Ich kam zunächſt nach ihr und Joe zuletzt. Als ich mich in dem lan⸗ gen Gange nach Joe umſchaute, wog er noch immer mit der größten Sorgfalt ſeinen Hut ab und kam uns mit langen Schritten und auf den äußerſten Fußſpitzen nachgegangen. Eſtella ſagte uns, daß wir ſofort hineingehen ſollten; darum faßte ich Joe beim Rockärmel und führte ihn in Miß Havishams Nähe. Sie ſaß an ihrem Toilettentiſche und wandte ſich augenblick⸗ lich nach uns um. „O!“ ſagte ſie zu Joe,„Sie ſind der Mann der Schweſter die⸗ ſes Knaben?⸗ Ich hätte mir kaum denken können, daß der liebe alte Joe ſich ſelbſt ſo unähnlich und irgend einer merkwürdigen Art von Vogel ſo ähnlich hätte ſehen können, wie er ſprachlos, mit geſträubtem Fe⸗ derbuſche und offenem Munde, als ob er auf einen Wurm lanere, daſtand. „Sie ſind alſo,“ wiederholte Miß Havisham,„der Mann der Schweſter dieſes Knaben?“ Es war ſehr ärgerlich, aber während der ganzen Unterredung beſtand Joe darauf, mich anſtatt Miß Havisham anzureden. „Was ich fagen will, Pip,“ bemerkte Joe auf eine Weiſe, die in gleichem Grade nachdrückliche Beweisführung, ſtrenges Geheimniß und große Höflichkeit ausdrückte,„daß ich hinging und geine Schwe⸗ ſter heirathete, und daß ich damals ein Junggeſell(wenn du es ſo nennen willſt) war.“ „Gut!“ ſagte Miß Havisham.„Und Sie haben den Knaben in der Abſicht, ihn in die Lehre zu nehmen, aufgezogen? nicht wahr, Mr. Gargery?“ 23 178 ———— „Du weißt, Pip,“ entgegnete Joe,„daß du und ich Freunde waren, und daß wir Beide es hofften, in dem Glauben, daß es zu allerlei Jux führen würde. Ich ſage nicht, Pip, falls du was gegen die Profeſſion einzuwenden hätteſt— wie zum Exempel, daß es viel Ruß und Schmutz, und dergleichen darin gibt— ich ſage nicht, daß ich da nicht darauf gehört hätte; verſtehſt du, Pip?“ „Hat der Knabe jemals etwas dagegen einzuwenden gehabt?“ fragte Miß Havisham. Oder gefällt ihm das Handwerk?“ „Denn du weißt es ja ſelbſt, Pip,“ ſagte Joe, ſeine vorherige Miſchung von Beweisführung, Vertraulichkeit und Höflichkeit bekräf⸗ tigend,„daß es der Wunſch deines Herzens war.“ Ich ſah, wie ihm plötzlich der Gedanke kam, das Epitaph der gegenwärtigen Situation anzupaſſen, ehe er noch fortfuhr: „Du weißt, Pip, das Handwerk war der Wunſch deines Her⸗ zens ganz und gar!“ Es war ganz vergebens, daß ich ihm begreiflich zu machen ver⸗ ſuchte, er müſſe mit Miß Havisham reden. Je mehr ich ihm mit dem Geſicht und den Händen Zeichen gab, deſto vertraulicher, erklä⸗ render und höflicher wurde er gegen mich. „Haben Sie ſeinen Contract mitgebracht?“ frug Miß Havisham. „Nun, Pip, du weißt ja,“ entgegnete Joe, als ob dieſe Frage ein wenig unverſtändig ſei,„daß du mich ihn ſelbſt in den Hut haſt legen ſehen, und weißt daher, daß er hier iſt.“ Mit dieſen Worten nahm er ihn heraus und gab ihn, nicht Miß Havisham, ſondern mir. Ich fürchte, ich ſchämte mich des gu⸗ ten, lieben Burſchen— ja, ich weiß, daß ich mich ſeiner ſchämte— als ich Eſtella lhinter Miß Havishams Stuhle ſtehen und in ihren Augen ein muthwilliges Lachen ſah. Ich empfing den Contract aus ſeiner Hand und überreichte ihn Miß Havisham. „Sie erwarten kein Lehrgeld für den Knaben?“ ſagte Miß Ha⸗ visham, den Contract mit den Augen durchlaufend. „Joe!“ ſagte ich vorwurfsvoll; denn er antwortete gar nichts. „Warum kannſt du nicht—“ „Pip,“ entgegnete Joe, mich unterbrechend, als ob er ſich gekränkt fühlte,„ich will damit geſagt haben, daß das eine Frage iſt, die zwi⸗ ſchen dir und mir gar keiner Antwort bedarf, und worauf die einzige Antwort, wie du ſehr wohl weißt: Nein iſt, und wozu ſollt ich es da noch erſt ſagen?“ Miß Havisham gab ihm einen Blick, wie wenn ſie— beſſer, als ich es nach ſeinem Benehmen hier für möglich gehalten— wohl ver⸗ ſtände, was er in Wirklichkeit ſei; und dann nahm ſie von dem Tiſche an ihrer Seite einen kleinen Beutel. „Pip hat ſich hier ein Lehrgeld verdient,“ ſagte ſie,„und hier iſt es. Es ſind in dieſem Beutel fünfundzwanzig Guineen. Gib ihn deinem Meiſter, Pip.“ Als ob er durch ſeine Verwunderung über ihre ſeltſame Geſtalt und über das ſeltſame Zimmer vollkommen den Verſtand verloren habe, beſtand Joe darauf, ſelbſt hier wieder nur zu mir zu reden. „Dies iſt ſehr großmüthig von dir, Pip,“ ſagte Joe,„und ſoll mir dankbar willkommen ſein, obgleich ich es niemals und nirgend und zu keiner Zeit nicht erwartet habe. Uud nun, alter Kerl,“ ſagte Joe, wodurch er mir ein Gefühl, erſt des Siedens und dann des Er⸗ frierens verurſachte, denn es war mir, als ob er dieſen familiären Ausdruck gegen Miß Havisham gebraucht hätte,—„und jetzt, alter Kerl, auf daß wir unſere Pflicht thun! Auf daß wir, du und ich, unſere Pflicht thun, Beide, Jeder Einer gegen den Andern und gegen diejenigen, welche dein großmüthiges Geſchenk— übermacht haben— um— zur Freude Derjenigen— von Denen— welche niemals—“ hier zeigte Joe, daß er fühlte, wie er in furchtbare Schwierigkeiten gerieth, bis er ſich ſchnell triumphirend mit den Worten:„Denn das ſei ferne von mir!“ rettete. Dieſe Worte hatten für ihn einen ſo vollen, überzeugenden Klang, daß er ſie zweimal ſagte. Feierſtunden. 1864. ————————õ—õ——́ „Lebewohl,„Laß ſie hinau Eſtella.“ „Soll ich wiederkommen, Miß Havisham?“ fragte ich. „Nein. Gargery iſt jetzt dein Herr. Gargery! Ein Wort m Ihnen!“ Als ſie Joe auf dieſe Weiſe zurückgerufen, hörte ich ſie, inden ich zur Thür hinausging, mit deutlicher, nachdrücklicher Stimme 1 ihm ſagen: „Der Knabe hat ſich hier gut betragen, und das Geld iſt ſe⸗ Lohn. Als ein ehrlicher Mann werden Sie natürlich nichts weit verlangen.“ Wie Joe aus dem Zimmer kam, habe ich nie erfahren könner aber ich weiß, daß er außerhalb die Treppe aufwärts ſtieg, ſtatt hina zu ſteigen, und auf kein Rufen hören wollte, bis ich ihm nachgin und ſeinen Arm ergriff. Eine Minute ſpäter ſtanden wir vor der Pforte, welche von Eſtella hinter uns verſchloſſen wurde. Als wir uns wieder allein und im Tageslicht befanden, lehnte ſich Joe gegen die Mauer und ſagte:„Erſtaunlich!“ Dieſen Ausruf von Zeit zu Zeit wiederholend, blieb er ſo lange ſo ſtehen, daß ich zu fürchten begann, er habe den Verſtand für immer verloren. End⸗ lich dehnte er ſeine Bemerkung etwas aus, indem er ſagte:„Pip, ich verſichere dich, das iſt erſtaun— lich!“ und erlangte auf dieſe Weiſe allmählig wieder die Fähigkeit zu ſprechen und weiter zu gehen. Ich habe Grund zu glauben, daß Joe's Verſtand durch das, was er ſoeben erlebt hatte, klarer geworden war, und daß er auf unſerem Wege nach Pumblechooks Wohnung einen ſchlauen Plan erſann. Mein Grund wird ſich aus den Vorgängen ergeben, welche gleich darauf in Mr. Pumblechooks Wohnzimmer ſtattfanden, wo wir, beim Ein⸗ treten, meine Schweſter und den mir verhaßten Samenhändler in eifriger Unterhaltung trafen. „Nun?“ rief meine Schweſter uns Beiden entgegen,„wie iſt es euch ergangen? Ich wundere mich in der That, daß ihr euch herab⸗ laſſet, zu ſo niedriger Geſellſchaft, wie die unſerige iſt, zurückzu⸗ ichrane Pip!“ ſagte Miß Havisham. wie wenn er ſein Gedächtniß anſtrengen müßte,„machte es uns zur Pflicht, daß wir ihre— wie ſagte ſie doch, Pip, Empfehlungen oder Grüße?— überbringen ſollten.“ „Empfehlungen,“ bemerkte ich. „Ja, ich glaube auch,“ verſetzte Joe,—„ihre Empfehlungen an Mrs. Gargery und—“ „Werden mir ſchwerlich viel nützen!“ warf meine Schweſter ein, aber nicht ohne ſich ſichtlich geſchmeichelt zu fühlen. „Und wünſchte,“ fuhr Joe fort, indem er abermals einen ſtar⸗ ren Blick auf mich richtete, als wenn er wiederum ſein Gedächtniß anſtrenge,—„daß ihre Geſundheit von der Art wäre,— daß ſie ihr geſtattete,— war es nicht ſo, Pip?“ „Das Vergnügen zu haben,“ fügte ich hinzu. „Damen bei ſich empfangen zu können,“ ſchloß Joe mit einem tiefen Athemzuge. „Nun,“ rief meine Schweſter mit einem verſöhnten Blicke auf Mr. Pumblechook,„ich dächte, ſie hätte ſo artig ſein können, mir dieſe Botſchaft gleich Anfangs zu ſchicken, allein ſpät iſt beſſer als nie. Und was hat ſie denn dem jungen Taugenichts da gegeben?“ „Sie hat ihm,“ erwiederte Joe,—„nichts gegeben.“ Meine Schweſter war im Begriffe heftig loszubrechen, allein Joe fuhr fort: „Was ſie gab,“ ſagte er,„gab ſie ſeinen Freunden. und unter ſeinen Freundent, erklärte ſie, verſtehe ich ſeine Schweſter, Mrs. J. Gargery⸗. Das waren ihre Worte, ‚Mrs. J. Gargerye. Vielleicht wußte ſie nicht, was das J bedeute,“ fügte er mit ſinnender Miene hinzu,„ob Joe oder Jörge.“ Miß Havisham,“ ſagte Joe mit einem feſten Blick auf mich, — Mein ſeins höl vollte er lchend, Wa „ fngte Ir „M ſcer M q; „ ss heit Wi „M 68. wän dom n, Feierſtunden. 1864. ——y —— ſe hi 1. 3 6 ge 4 Jee. ſi hinm Meine Schwer blickte Pumblechook an, welcher die Armlehne ſchen darſtellte, welche den Titel führte:„In meiner Zelle zu ſeines hölzernen Sels ſtrich und ihr und dem Feuer zunickte, als ſieien 3 wollte er damit zwerſtehen geben, daß er alles das ſchon vorher ge⸗ Der Gerichtsſaal war, wie es mir ſchien, ein ſeltſamer Ort, mit Sitzen, die höher als Kirchſtühle waren, mit Leuten, welche ſich auf Wort n wußt habe. ſee,„Und wie vi haſt du denn he, inde lachend,— ja, i der That, lachend! bekommen? fragte meine Schweſter die Sitze lehnten und zuſchauten, einer einen gepuderten Kopf hatte, Süimme;„Was würd die anweſende Geſellſchaft zu zehn Pfund ſagen?“ Armen auf ih Deld iſt ſe fragie We 4 2 elisder ale S.„ ſchlummerten, oder ſchrieben, oder Zeitungen laſen,— und mit glän⸗ icts wet der tan wif ſagen, erwiederte Vltätt hweſter mit ſchnippi⸗ zenden ſchwarzen Bildern an den⸗Wänden, die meinen unkünſtleriſchen ſcher Miene,„dlich!— nicht zu viel, aber leidlich!“ Augen wie große Stücke Heftpfluſter vorkamen. Hier, in einem Win⸗ dun fönt Dübnges i nehr 8 Sae 3 behierite Pne n kel, wurde mein Lehrbrief unterzeichnet und beglaubigt, und ich war „ſut him deL r abſchhili he f riher, umblechook nickte wieder und ſagte,„aufgedungen“, während Mr. Pumblechook mich unabläßlich ſo feſt zmm nahgin Lehne ſeinſs Seſſe 8 e Endis 3 hielt, als wenn wir uns auf dem Wege zum Schaffot befunden hät⸗ vir vor dei„Ja, Medam, es iſt mehr als das.. ten und hier nur einen Augenblick eingetreten wären, um die kleinen „Wie, Sie wollen doch nicht ſagen—“ begann meine Schweſter. Präliminarien in Ordnung zu bringen. aber warten Sie Als wir das Nathhaus wieder verlaſſen und uns von den Stra⸗ „Allerdings, Madam,“ verſetzte Pnmblechook;„ nur einen Augenblick. Weiter, Joſeph,— ſehr gut, weiter!“ ßenbuben losgemacht hatten, „Was würde die anweſende Geſellſchaft zu zwanzig Pfund ſagen?“ öffentlich gepeinigt zu ſehen, laut jubelten, fuhr Joe fort.—.— den, als ſie wahrnahmen, „Recht hübſch— würde ich ſagen„“ erwiederte meine Schweſter. kehrten wir nach Pumblechools Hauſe „Nun, es iſt aber mehr als zwanzig Pfund,“ bemerkte Joe. Schweſter durch die gewonnenen fünfundzwanzi . Der vexächtliche Heuchler, Pumblechook, nickte abermals und ſagte Aufregung, daß ſie durchaus darauf beſtand, mit Herabi iſendem Lücheln: 1 im„Blauen Eber“ zu halten, zu ldem ic dos, was Soſeysu⸗ ich, es iſ mehr als das, Madam. Sehr gut, nur weiter, und Mr. Wopsle in ſeinem Wagen abholen ſollte. euj ineien„Geut, um der Sache ein Ende zu machen,“ rief Joe, indem er Uiſen ug Knendeeih den, lehnte ſen Ausruj en, daß ich loren. End⸗ jagte:„Pip, te auf dicſe ter zu gehen. und mit mächtigen Richtern, deren und die ſich mit verſchlungenen ren Stühlen zurücklehnten und Tabak ſchnupften, oder welche in der frohen Erwartung, aber bitter getäuſcht wur⸗ daß nur meine Freunde mich umringten, zurück. Hier gerieth meine ig Guineen in eine ſolche ein gutes Mittagsmahl Pumblechook die Familie Hubble en, und ich verbrachte einen höchſt er Weiſe nämlich ſchienen alle Gäſte die ein Stein des Anſtoßes bei dem Feſte fragten ſie mich ann. Mein 24 „, Wraes meiner“? Schweſter ent ückt den Beutel überreichte,„es ſind fü d⸗ ich daas zwän'lig hun 2 3 x ichtn, find fünfund⸗ Idee gefaßt zu haben, daß ich beim Ein⸗, Ganz richtig fünfundzwanzi Pfund,“ wiederl olte der verwor⸗ ſei; und um die Sache noch ſchlimmer zu machen, 4 Rd, wanig 1 3 ſämmtlich von Zeit zu Zeit,— das heißt, wenn ſie nichts Anderes k d;, drückte ihr di. e ,. ſ utht Knear Wies ie inadi zu thun hatten,— weßhalb ich nicht fröhlich ſei. % iſt 7, 9- d. rto 4 früß 1 „wie iſtte dierch ait haben,— wie ich auch ſagte, als man mich um meine Mei⸗ wohl Adurde darani antworten, als daß ich ſröhlich euch hrrad nan ranſg fragte,— und ich wünſche Ihnen Glück zu dem Gelde!“ es wicht wahr war⸗ 7 zurücku⸗ 1 9 1 ſi- 8 ſ 8 t, zwrüchu 4 e Hätte der Böſewicht ſich hiermit begnügt, ſo würde ſein Beneh⸗; Allein ſte woren erwachſene Perſ I Beſten ſchon abſcheulich genug geweſen ſein; allein er vergrößerte ſeine ihnen beliebte, und dhaten es⸗ die Ehre beigelegt wurde, 4 4) ß 1„. ck auf mich, en Hav huld noch dadurch, daß er ſich meiner bemächtigte, und zwar mit Enflaſt die alle ſeine früheren Schand⸗ Peſt veran aßt zu ein; und als er in Bezug auf meine be rhändler in B fenſt Re aller Schwindler, Pumblechoo Hap'efid, und fügte hinzu:„und es i Was konnte ich ſei,— obgleich onen, und durften thun, was Pumblechook, der Schwindler, dem durch ſeine wohlwollende Vermittelung das zu haben, nahm wirklich den erſten Platz am Tiſche ginnende Lehrzeit eine Rede bie. ſ 3 es uns zur ſer anmaßenden Protektionsmiene, glungen oder denkaten weit übertraf.— 4. 7. oder. hielt, und den Gäſten boshafter Weiſe dazu gratulirte, „Jetzt ſehen Sie, Joſeph und Frau, ſagte er, mich beim Arm nun an einer Gefängnißſtrafe ausgeſetzt ſei, wenn ich Karten ſpielte, was ber dem Ellenbogen faſſend,„ hlungen an dennllem, was ſie begonnen haben, gr 1 daß uß ſogleich aufgedungen werden. Fallögleich aufgedungen!“ „Gott weiß, On s einn ſiar. es peld an ſich reißend,„ „Ach, denken Sie nich heit ſiſche Kornhändler.„Ein Vergnügen iſt au Aber dieſer Bube, wiſſen Sie,— dieſer Bube muß Um Ihnen die Wahrheit zu ſagen,— ich habe ich bin Einer von. denjenigen, die beioder geiſtige Getränke genöſſe, oder ade durch gehen. Dieſer Bube ſchlechten Umgang pflegte, oder mich ſon Das iſt meine Meinung,— machte, welche, nach der Faſſung meines 5 unvermeidlich angeſehen i chweſter ein, kel Pumblechook,“ ſagte meine Schweſter, das Stuhle ſtehen, um dadurch alle ſeine f der ganzen Welt ein keit erinnere, beſteht darin, daß ten und mich, ſobald ich zu ſchlummern begann, und mir ſagten, ich ſolle fröhlich Abend, uns Collin's Ode vortrug und ſ Gdüchtniß Bnu ſie ihr WirPergnügen. ufgedungen werden. mit einem„Mies verſprochen, dafür zu ſorgen.“ 88:9 Der Magiſtrat war grade in dem nahe liegenden Rathhauſe ver⸗ mit ſo donnerndem Effekte auf den Boden ſchleuderte, daß der Kell⸗ Blice auf wärtſammelt, und wir begaben uns deßhalb Sahin, um mich vor der ner herein kam und ſagte, die im unteren Stockwerke logirenden en, mir diſt Ortsbehörde als Joe's Lehrling aufdingen zu laſſen. Ich ſage, wir Handelsreiſenden ließen uns erſuchen, zu bedenken,„daß der Gaſthof 1ls nit. un begaben uns dahin, allein ich ſelbſt wurde eigentlich von Pumblechook kein Wirthshaus für Gaukler und Seiltänzer ſei;“ ferner, daß ſie dahin geſtoßen, grade ſo, als wenn ich ſo eben eine Taſche beraubt ſämmtlich auf dem Heimwege in der heiterſten Laune waren und das 4 oder einen Heuſchober in Brand geſteckt hätte. Ja, man glaubte in Lied:„O ſchöne Dame,“ ſangen, wobei Mr. Wopsle die Baßparthie als: der That im Gerichtsſaale allgemein, daß ich auf einer ſchlechten That übernahm und mit furchbar ſtarker Stimme verſicherte, daß er der ok mich durch die Menge Mann ſei,„deſſen weiße Locken wallen, und auch der ſchwächſte Pil⸗ Komnertappt worden ſei; denn während Pumblecho xvpoor ſich herſtieß, hörte ich Einen fragen: unter r. 4 lans 3 nnahr während Andere ſagten:„Er iſt noch jung, er, ili rſgenug aus,— wie?“ Einer der Anweſenden, . via„wohlwollendem Ausſehen, gab mir ſogar eine kleine Druckſchrift, mit ender„Linem Holzſchnitte, der einen mit Feſſeln überladenen jungen Men⸗ 23* n, olki Jot er von Allen.“ Endlich erinnere ich m 9 Was hat er gethan?“ meine kleine Schlafkammer betrat, mich wa aber ſieht ſchon ſchlecht ein Mann von mildem, überzeugt war, Ehemals hatte es mir zwar gefallen, aber e die Nacht durchſchwärmte, oder ſtiger Verirrungen ſchuldig ehrbriefes zu ſchließen, als wurden, mußte ich neben ihm auf einem Bemerkungen anſchaulicher zu wir ſind Ihnen tief verpflichtet.“ machen. t an mich, Madam,“ erwiederte der teuf⸗ Alles, deſſen ich mich außerdem noch von jener großen Feſtlich⸗ ſie mich nicht einſchlafen laſſen woll⸗ wieder aufweckten ſein; daß Mr. Wopsle, ſpät am ein blutgetränktes Schwert ich noch, daß ich, als ich hrhaft elend fühlte und feſt nie an Joe's Handwerk Gefallen finden zu können. hemals war nicht jetzt. —y 80 8 9 Feierſtunden. 1864. —— Vierzehntes Kapitel. Ruß mich bedeckten, die Augen aufſchlagen ungſtella gewahren möchte, die durch eines der hölzernen Fenſter dSchmiede hinein Es iſt ein höchſt trauriges Gefühl, wenn man ſich ſeiner Häus⸗ ſchaute. Unaufhörlich verfolgte mich die Beſorgniſdaß ſie, früher lichkeit ſchämt. Mag ihm auch ſchwarze Undankbarkeit zu Grunde ſoder ſpäter, eines Tages mich, mit ſchwarzem zht und rußigen liegen und die Strafe deßhalb wohl verdient ſein, ſo iſt es dennoch Händen, bei der gröbſten Arbeit finden und frohlogd dann verhöh⸗ ein ſehr trauriges Gefühl. nen werde. Oft, wenn ich in der Dunkelheit für J die Bälge trat, Meine Häuslichkeit war wegen der Leidenſchaftlichkeit meiner während wir Beide das Lied,„Alter Klemm,“ dazinngen, und die Schweſter nie ein ſehr angenehmer Aufenthalt für mich geweſen, aber Erinnerung daran, wie wir es bei Miß Havishamſeſungen hatten, Joe hatte ſie in meinen Augen zu einer heiligen Stätte gemacht. mir Eſtella's Geſicht, mit dem im Winde flatternde ſchönen Haar Unſer Putzſtübchen war mir als ein eleganter Salon erſchienen; die und den höhniſchen Augen, im Feuerſcheine zeigte,. oft blickte ich Vorderthür als die geheimnißvolle Pforte des Staatstempels, deſſen in ſolchen Momenten nach den ſchwarzen Fächern in de Wand, welche feierliches Oeffnen von einem aus gebratenen Hühnern beſtehenden damals unſere Fenſter bildeten, und wähnte, ſie ſeiendlich wirklich Brandopfer begleitet war; die Küche als ein ſauberes, wenn auch nicht gekommen und ziehe ſoeben ihr Geſicht zurück. prächtiges Gemach, und die Schmiede als der funkelnde Pfad zur Wenn wir darauf zum Nachteſſen in die Küche gingen, erſchien Männlichkeit und Unabhängigkeit. Aber im Laufe eines Jahres war mir das Gemach noch dürftiger als zuvor, und ich ſchämte mich in Alles verändert worden. Jetzt erſchien mir Alles grob und gemein, meinem gottloſen Gemüthe der Häuslichkeit noch mehr denn je. und um keinen Preis hätte ich es Miß Havisham und Eſtella ſehen laſſen mögen. 5 Wie viel von dieſen tadelnswerthen Empfindungen meine eigene Fünfzehntes Kapitel. V Schuld war, wie viel Miß Havisham's, und wie viel die meiner 2 25„ Schueſer, iſt jetzt weder für mich noch für Andere von Bedeutung. Da ich für das Schulzimmer bei Mr. Wopsle's Großtante Al. Die Veränderung hatte einmal in mir ſtattgefunden,— es war ein⸗ mählig zu groß wurde, ſo nahm der Unterricht bei dieſer einfältigen mal geſchehen, gleichviel, ob entſchuldbar oder nicht. alten Frau ein Ende. Aber che es geſchah, hatte mir Biddy Alles, Ehemals hatte ich gedacht, daß ich, wenn es mir endlich ver⸗ was ſie wußte, von dem kleinen Preiskataloge an bis zu et nem komi⸗ gönnt ſein würde, meine Hemdärmel außuſtreifen und als Joe's Lehr⸗ ſchen Liede, das ſie eines Tages für einen halben Penny ge kauft, 15 ling die Schmiede zu betreten, ausgezeichnet glücklich ſein würde; miſnaſe Wiigetheilt. Obgleich der allein zuſammeuhängen de Thei jetzt aber, nachdem die Wirklichkeit eingetreten war, fühlte ich nur, ieſes poetiſchen Werkes in den erſten Zeilen enthalten war, welche daß Kohlenſtaub mich bedeckte und daß meine täglichen Erinnerungen folgendermaßen lauteten: de— mich mit einer Laſt drückten, gegen die der Ambos leicht wie eine„Als ich nach London ging, ja, ja, Ein⸗ Feder war. In meinem ſpäteren Leben habe ich(ſowie wahrſcheinlich Tra⸗-lirum⸗la, er in die meiſten Menſchen) oft Momente gehabt, in denen es mir ſchien, Da wurde ich'mal Bannig nitldet, als wenn ſich vor alles das, was im Leben Intereſſe erweckend und Tra⸗lirum⸗la, ſt es poetiſch iſt, ein dichter Vorhang gezogen und mir nichts gelaſſen hätte, Tra-lirum⸗la,“ erab⸗ als ſtumpfes Dulden und Ertragen; aber niemals hing dieſer Vor⸗ ſo lernte ich es doch, in meinem eifrigen Wunſche, klüger zu werdickzu⸗ hang ſo dunkel und ſo ſchwer vor mir, wie damals, als mein Lebens⸗ gewiſſenhaft auswendig, und erinnere mich auch nicht, ſeinen Wer weg durch die neu betretene Bahn der Lehrzeit bei Joe grade und jemals in Zweifel gezogen zu haben, ausgenommen, daß mir daich, offen vor mir lag. oft wiederholte Tra⸗lirum⸗la im Verhältuiſſe zum Gedichte etwas übe zur Ich erinnere mich, daß ich in einer ſpäteren Periode meiner trieben ſchien(und noch jetzt erſcheint). In meinem Wiſſensduroder Lehrzeit öfters an Sonntagen, wenn die Nacht hereinbrach, auf dem machte ich Mr. Wopsle den Vorſchlag, mir einige Broſamen von ſe Kirchhofe zu ſtehen und meine Lebensausſichten mit der wilden, ſtür⸗ nen Kenntniſſen mitzutheilen, und er ließ ſich auch ſogleich bereitwif miſchen Ausſicht des Moorlandes zu vergleichen pflegte, wobei ſich lig finden; allein da es ſich ergab, daß er ſich meiner nur als ein“ mir Aehnlichkeiten zwiſchen beiden zeigten, indem ich bedachte, wie dramatiſchen Puppe bedienen wollte, der er widerſprechen, die er u flach und niedrig beide ſeien, wie ein unbekannter Weg zu beiden armen, beweinen, ſtoßen, erdolchen und auf jede mögliche Art us führe, und wie hinter beiden dunkler Nebel und endlich die See liege. Weiſe mißhandeln konnte, ſo gab ich dieſen Unterrichtskurſus balf ein, Schon am erſten Arbeitstage meiner Lehrzeit empfand ich dieſelbe Nie⸗ wieder auf, kam aber doch nicht ohne erhebliche Denkzeichen davon dergeſchlagenheit, wie ſpäter; aber angenehm iſt mir das Bewußtſein, die Mr. Wopsle mir in ſeiner poetiſchen Wuth zugefügt hatte.(ſtar⸗ daß Joe mich in der ganzen Dauer meiner Lehrzeit nie hat murren Alles, was ich lernte, ſuchte ich auch Joe beizubringen. Dien htniß hören. Es iſt dies ſo ziemlich das einzige angenehme Bewußtſein, Angabe klingt ſo gut, daß ich nicht umhin kann, ſie näher zu erkla le ihr das mir aus jenem Verhältniß geblieben; denn obgleich es das in ſich ren. Ich wünſchte ihn weniger unwiſſend und gewöhnlich zu macher ſchließt, was ich noch hinzuzufügen habe, ſo gebührt doch Joe allein damit er meiner Geſellſchaft würdiger ſein und nicht Eſtella's Tade das Verdienſt deſſen, was ich noch hinzufügen muß. Nicht weil ich, ſo ſehr zu fürchten haben möchte. inem in an geſunke noch we mit ihr an Mif ſchäger nen Hi Havish darin, bindur 8 ſich ſ Unter Kinn mel, Miß Geda tigt h Beſuc ver ſam Zu mac ſuche wan leicht fimſt von? Oa Joe din ſich ſondern weil Joe treu war, rannte ich nie davon, um Soldat oder Der alte Wall auf dem Moorlande war der Ort, an dem un Seemann zu werden. Nicht weil ich einen hohen Begriff von der ſere Studien vorgenommen wurden, und eine zerbrochene Tafel, mi e auf Tugend des Fleißes hatte, ſondern weil Joe ihn beſaß, arbeitete ich, einem kurzen Schieferſtift, Faren unſere Unterrichtswerkzeuge, zu dene dieſe obgleich gegen meine Neigung, doch mit leidlichem Eifer. Unmöglich Joe noch eine Pfeife und Tabak hinzufügte. Ich entſinne mich nicht Und iſt es zu wiſſen, wie weit der Einfluß eines gutmüthigen, redlichen daß er jemals irgend etwas von einem Sonntage bis zum anderen lich iſt, es zu fühlen, wenn er im Vorüberſtreifen uns ſelbſt berührt, allein er pflegte ſeine Pfeife auf dem alten Walle mit einer viel ver in Joe und ich weiß gewiß, daß alles Gute, was ſich vielleicht in meine ſtändigeren Miene, als an anderen Orten, ja, faſt mit einer gelehr Lehrzeit miſchte, nur von dem einfachen, zufriedenen Joe, nicht von ten Miene zu rauchen, als wenn er ungeheure Fortſchritte zu mach⸗ 5 unter mir, dem ſtets ruhelos ſtrebenden Unzufriedenen kam. glaubte. Der gute Menſch! Ich hoffe, er glaubte ſo. ſers. J. Was ich eigentlich wollte,— wer weiß es? Wie kann ich es Der Aufenthalt dort draußen war äußerſt angenehm, währe⸗ zielleicht ſagen, da ich es ſelbſt nie wußte? Was ich fürchtete, war, daß ich die Segel der Schiffe hinter den Dämmen auf dem Fluſſe dahin gl r Mient vielleicht in irgend einer unglücklichen Stunde, wenn Schmutz und(ten und zuweilen, wenu es Ebbe war, ſo ausſahen, als wenn gewahren de hinein e, früher rußigen verhöh⸗ älge trat, und die en hatten, men Haar bliche ich md, welche ich wirklich n, erſchien te mich in n je. Krante al⸗ einfältigen ziddy Allss, tnem kom gekauft, ge⸗ en de Theil -, welche A Ein⸗ r in ſt es erab⸗ ʒu werdic⸗ een Wel mir daich, was übe zur iſſeensdwoder n von ſe bereitwi⸗ als ein er u. Au oß Feierſtunden. 1864. ———;ℳ—————; —— geſunkenen Fahrzeugen angehörten, die auf dem Grunde des Waſſers noch weiter ſegelten. Wenn ich die dem Meere zufahrenden Schiffe, mit ihren weißen geſpannten Segeln beobachtete, mußte ich immer an Miß Havisham und Eſtella denken; und wenn in der Ferne ein ſchräger Lichtſtrahl auf eine Wolke, oder ein Segel, oder einen grü⸗ nen Hügel fiel, ſo erwachte jedesmal derſelbe Gedanke in mir. Miß Havisham und Eſtella, das ſeltſame Haus und das ſeltſame Leben darin, ſchienen mir mit Allem, was maleriſch war, in naher Ver⸗ bindung zu ſtehen An einem Sonntage, als Joe, ſeine Pfeife behaglich rauchend, ſich ſo ungelehrig bewieſen hatte, daß ich genöthigt worden war, den Unterricht für dieſen Tag aufzugeben, lag ich lange Zeit, mit dem Kinn in der Hand, auf dem Walle, und glaubte überall, am Him⸗ mel, auf dem Waſſer, in allen Theilen der Gegend, Spuren von Miß Havisham und Eſtella zu entdecken, bis ich endlich beſchloß, einen Gedanken in Betreff ihrer zu erwähnen, der mich ſchon lange beſchäf⸗ tigt hatte. „Joe,“ ſagte ich,„glaubſt du nicht, Beſuch machen ſollte?“ „Ja, Pip,“ verſetzte Joe lang⸗(o n ſam undüberlegend, f — wozu?“ „Wozu, Joe? Zu welchem Zwecke macht man Be⸗ ſuche?“ zwan,„Es gibt viel⸗ ſt manche Art fenſt: Beſuchen,“ fuhr Hapefort,„bei denen dierh die Frage nie nurantworten läßt; ber was einen m eſuch bei Miß Sdavisham betrifft, — ſo könnte ſie ja tbdenken, du wollteſt oder erwarteteſt et⸗ was von ihr.“ „Könnte ich denn nicht ſagen, daß das nicht der Fall ſei, Joe?“ „Allerdings könnteſt du das ſagen,“ erwiederte er,„und ſie möchte es vielleicht auch glauben,— aber vielleicht auch nicht.“ Joe fühlte, ſo gut wie ich, daß er mit dieſen Worten eine Wahr⸗ heit geſagt hatte, und rauchte mit doppelter Anſtrengung, um die Wirkung derſelben nicht durch eine Wiederholung zu ſchwächen. „Sieh, Pip,“ fuhr Joe fort, nachdem dieſe Gefahr vorüber war, „Miß Havisham hat dir ein hübſches Geſchenk gemacht; und als ſie es gemacht hatte, rief ſie mich zurück und ſagte mir, daß das Alles wäre.“ 4 „Ja, Joe, ich habe es gehört.“ „Alles,“ wiederholte Joe mit beſonderem Nachdrucke. „Ganz richtig, Joe; ich ſage dir ja, daß ich es gehört habe.“ „Womit ſie, nach meiner Meinung, Pip, ſagen wollte ſo viel als: ‚Abgemacht damit!— Ich nach Norden, du nach Süden!— Komme mir nicht wieder nahe!““ Ich hatte denſelben Gedanken gehabt, und fand wenig Troſt da⸗ rin, daß Joe auch darauf gekommen war, weil er dadurch um ſo wahrſcheinlicher wurde. „Aber, Joe,“ ſagte ich. daß ich 2 Havisham einen 9 ät „Ja, alter Junge,“ verſetzte er. 181 ——; „Ich bin nun ſchon beinahe ein Jahr in der Lehre, und habe ſeit dem Tage, an dem ich eintrat, Miß Havisham nie gedankt, mich nie nach ihr erkundigt und nie ein Zeichen gegeben, daß ich mich ihrer überhaupt noch erinnere.“ „Das iſt wahr, Pip, und wenn du ihr nicht etwa einen voll⸗ ſtändigen Beſchlag von vier Hufeiſen zum Geſchenk machen willſt, — obgleich ich bezweifle, daß ſie ſelbſt ein ſolches Geſchenk annehmen würde, da es ihr durchaus an Hufen fehlt—“ „Ich meine nicht dieſe Art der Erinnerung, Joe, ich meine kein Geſchenk.“ Allein Joe hatte einmal die Idee eines Geſchenkes in den Kopf bekommen und ließ ſich nicht ſo ſchnell davon abbringen. „Oder ſelbſt, wenn ich dir helfen wollte, eine neue Kette für die Vorderthür zu machen,— oder einige Dutzend Schrauben zum all⸗ gemeinen Gebrauche,— oder irgend einen kleinen Luxusartikel, zum Beiſpiel, eine Gabel, um das Brod zu röſten, oder einen hübſchen Bratroſt, um die Fiſche zu backen, oder—“ „Ich meine gar kein Geſchenk, Joe,“ unterbrach ich ihn. „Aber,“ fuhr Joe fort, als wenn ich beſonders darauf beſtanden hätte, ein Geſchenk zu machen,„an deiner Stelle, Pip, würde ich es nicht Ba hf thun. Nein, gewiß S nicht! Denn was nützt ihr eine Thür⸗ kette, wenn ſie ſchon eine hat? Und Schrauben könnten mißverſtanden wer⸗ den! Und wenn es eine Gabel zum Röſten wäre, ſo müßteſt du dich mit Meſſing be⸗ faſſen und würdeſt wenig Ehre ein⸗ legen! Und der beſte Handwerker könnte nichts Beſonderes aus einem Brat⸗ roſte machen,— denn ein Bratroſt iſt ein Bratroſt,“ rief Joe, und demonſtrirte dabei ſo, als wenn er mich durchaus von einer irrigen Anſicht abbringen wollte,—„und du magſt anſſtellen, was du willſt, es wird immer ein Roſt bleiben, du kannſt es nicht ändern—“ „Aber, lieber Joe,“ rief ich, verzweiflungsvoll ſeinen Rock er⸗ greifend,„höre damit auf. Es iſt mir ja nie eingefallen, Miß Ha⸗ visham ein Geſchenk machen zu wollen.“ „Nein, Pip,“ verſetzte Joe beiſtimmend, als wenn er von An⸗ fang an das behauptet hätte,„und ich ſage, du haſt Recht.“ „Ja, Joe; aber was ich ſagen wollte, war, daß ich, wenn du mir morgen einen halben Feiertag geben wollteſt,— da jetzt grade nicht viel bei uns zu thun iſt,— in die Stadt gehen und einen Be⸗ ſuch bei Miß Eſt— Havisham machen möchte.“ „Aber ihr Name iſt ja nicht Eſtavisham, Pip,“ bemerkte Joe mit ganz ernſter Miene,„ſofern ſie nicht umgetauft worden iſt.“ „Ich weiß es, Joe, ich weiß es,— ich habe mich nur verſpro⸗ Aber was meinſt du dazu?“ Joe, mit einem Worte, meinte, daß es, ſofern es mir gut dünkte, ihm ebenfalls gut dünke; aber er machte zur Bedingung, daß, wenn WW 1' chen. man mich nicht herzlich empfinge, oder wenn ich nicht aufgefordert 182 würde, den Beſuch zu wiederholen, der keinen andern Zweck hatte, als den, meine Dankbarkeit für eine empfangene Wohlthat an den Tag zu legen, kein zweiter gemacht werden ſolle, und ich unterwarf mich dieſer Bedingung. Joe hielt in ſeinem Geſchäfte einen Geſellen auf Wochenlohu, deſſen Name Orlick war. Derſelbe behauptete, daß ſein Vorname Dolge ſei,— eine Unmöglichkeit, wie Jedermann einſieht,— aber er war ein hartnäckiger Menſch, und ich bin feſt überzeugt, daß dieſe Angabe nicht auf einem bloßen Irrthume beruhte, ſondern daß er den Namen erfunden und ihn den Dorfbewohnern, zur Schmach für ihren Verſtand, vorgelogen hatte. Er war ein breitſchulteriger, ſchlot⸗ teriger Burſche, von dunkler Geſichtsfarbe und großer Kraft, der ſich aber bei der Arbeit niemals übereilte, ſondern immer ſehr langſam verfuhr. Selbſt wenn er zur Arbeit kam, ſchien es nie, als wenn er abſichtlich äme, ſondern mehr wie durch Zufall; und wenn er nach„den drei fröhlichen Schiffern“ ging, um ſein Mittagsbrod zu genießen, oder wenn er ſich Abends heim begab, pflegte er zum Hauſe hinaus zu ſchlendern, wie Cain oder der„ewige Jude“, als wenn er weder wüßte, wohin er gehen ſollte, noch die Abſicht hätte, jemals wieder zu kommen. Er wohnte bei einem Schleuſenwärter auf dem Moorlande und pflegte an Wochentagen, mit ſeinen Händen in den Taſchen und ſeinem Mittageſſen, loſe in ein Tuch gewickelt, das vom Halſe herab auf den Rücken hing, von ſeiner Einſiedelei her geſchlen⸗ dert zu kommen. Sonntags lag er meiſtens den ganzen Tag auf den Schleuſen, oder ſtand an den Getreidehaufen und Scheuern umher. Er ſchlich ſtets mit geſenkten Blicken einher, und wenn ihn Jemand anredete, oder wenn er auf andere Weiſe genöthigt wurde, die Augen aufzuſchlagen, ſo geſchah es immer mit verdrießlicher und verblüffter Miene, als wenn er keinen anderen Gedanken hätte als den, daß es höchſt ſonderbar und beleidigend ſei, daß man ihm nie Ruhe laſſen wolle, um nachdenken zu können. Dieſer mürriſche Geſelle hegte keine Neigung für mich. Als ich noch klein und furchtſam war, gab er mir zu verſtehen, daß der Teu⸗ fel in einem finſteren Winkel der Schmiede hauſe, und daß er recht wohl bekannt mit ihm ſei, ſowie auch, daß es nöthig ſei, das Feuer alle ſieben Jahre mit einem lebendigen Knaben zu ſpeiſen, weßhalb ich mich nur als Brennmaterial anſehen ſolle. Als ich bei Joe in die Lehre trat, mochte er zu fürchten anfangen, daß ich ihn aus ſeiner Stelle verdrängen werde, und wurde mir in Folge deſſen natürlich noch mehr abhold. Er äußerte zwar nie durch Wort oder That eine offene Feindſeligkeit gegen mich, aber ich bemerkte, daß die Funken ſeines Hämmerns immer in der Richtung nach mir flogen, und daß er, wenn ich„Alter Klem“ ſang, ſtets mit unrichtigem Takte einfiel. Dolge Orlick war am folgenden Tage anweſend und bei der Ar⸗ beit, als ich Joe an meinen halben Feiertag erinnerte. Er ſagter Anfangs nichts, denn Joe bearbeitete grade mit ihm ein Stück Eiſen, während ich am Blaſebalge ſtand, aber bald darauf ſagte er, auf ſei⸗ nen Hammer geſtützt: „Meiſter, Ihr werdet doch nicht Einem von uns einen Vorzug vor dem Andern geben? Wenn der junge Pip einen halben Feiertag bekommt, ſo gebet dem alten Orlick auch einen.“ Er mochte ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt ſein, aber ſprach in der Regel von ſich wie von einer hochbejahrten Perſon. „Was willſt du mit einem halben Feiertag anfangen, wenn ich dir einen gebe?“ fragte Joe. „Was ich damit anfangen will? Was will er denn damit thun? Ich will daſſelbe damit thun, das er thut,“ verſetzte Orlick. „Was Pip betrifft, ſo will er nach der Stadt gehen,“ ſagte Joe. „Nun, was Orlick betrifft, ſo will er auch nach der Stadt gehen,“ erwiederte der Ehrenmann.„Zwei können nach der Stadt gehen,— es iſt nicht blos Einer, der es kann.“ „Ereifere dich nicht!“ ſagte Joe. „Wenn mir's gefällt, warum nicht?“ brummte Orlick.„Kann nach der Stadt gehen, ſo gut wie ein Anderer! Alſo, Meiſter, Feierſtunden. 1864. —;— —; kein Vorzug für irgend Einen hier in der Werkſtatt! Seid ein Mann!“ Da der Meiſter ſich weigerte, weiter über die Sache zu ſprechen, bis der Geſelle ruhiger geworden ſei, ſo ſtürzte ſich Orlick auf die Eſſe los, zog einen rothglühenden Eiſenſtab hervor, kam damit auf mich zu gerannt, als wenn er ihn mir durch den Leib ſtoßen wollte, ſchwang ihn im Kreiſe über meinem Kopfe, legte ihn auf den Ambos, hämmerte darauf los,— während es mir faſt ſchien, als wenn ich es wäre, und als wenn die ſprühenden Funken mein Blut wären,— und nachdem er endlich ſich ſelbſt heiß und das Eiſen kalt gehämmert hatte, ſagte er, wieder auf den Hammer geſtützt: „Nun, Meiſter?“ „Biſt du jetzt bei Vernunft?“ fragte Joe „Ja wohl, vollkommen!“ brummte Orlick. 4 „Nun, da du im Allgemeinen deine Arbeit ebenſogut verrichteſt wie andere Leute,“ verſetzte Joe,„ſo mag es heut für Alle einen halben Feiertag geben.“ Meine Schweſter hatte bisher ſchweigend im Hofe geſtanden, doch ſo, daß ſie Alles hören könnte,— denn ſie war eine gewiſſenloſe Horcherin,— und blickte jetzt ſchnell durch eins der offenen Fenſter, in die Schmiede.(Siehe Bild ⁵ 181.) „Das ſieht dir ähnlich, em arr!“ ſagte ſie zu Joe;„ſo großen Faullenzern Feiertage zu geben! Natürlich, du biſt ja ein reicher Mann, und kannſt den Arbeitslohn auf ſolche Weiſe fortwerfen! Ich wollte, daß ich ſein Meiſter wäre!“ „Ja, Sie möchten Jedermanns Meiſter ſein, wenn Sie könn⸗ ten,“ entgegnete Orlick mit boshaftem Grinſen. „Laß ſie in Ruhe!“ ſagte Joe bei Seite. „Ich wollte mit allen Schelmen und allen Einfaltspinſeln fertig werden, fuhr meine Schweſter fort, ſich immer mehr und mehr er⸗ eifernd.„Und ich könnte mit den Einfaltspinſeln nicht fertig werden, wenn ich mit deinem Meiſter nicht fertig würde, dem größten aller Einfaltspinſel; und könnte mit den Schelmen nicht fertig werden, wenn ich mit dir nicht fertig würde, der du der ſchwärzeſte und ſchlimmſte Schelm und Schurke zwiſchen hier und Frankreich biſt. Da!“. „Sie ſind eine böſe Sieben, Mutter Gargery,“ brummte der Geſelle.„Wenn das genug iſt, um Schelme zu erkennen, ſo müſſen Sie eine genaue Kenntniß von ihnen haben.“ „Laß ſie in Ruhe!“ flüſterte Joe abermals. „Was haſt du geſagt?“ rief kreiſchend meine Schweſter.„Was haſt du geſagt? Was hat der Burſche geſagt, Pip? Wie hat er mich genannt, während mein Ehemann dabei ſteht? Ach! Ach! Ach!“ Jeder dieſer Ausrufe war von einem Schrei begleitet. Ich muß bei dieſer Gelegenheit in Betreff meiner Schweſter die Bemerkung machen, welche auf alle leidenſchaftliche Frauenzimmer paßt, die ich je geſehen habe, daß nämlich der Zorn keine Entſchuldigung für ſie war, weil es ſich nicht leugnen ließ, daß ſie, ſtatt plötzlich und unbewußt in Zorn zu gerathen, ſich planmäßig und mit großer Mühe hinein arbeitete, bis ſie, von Grad zu Grad ſteigend, blinde Wuth erreichte. „Wie hat er mich genannt,“ wiederholte meine Schweſter,„in Gegenwart des erbärmlichen Menſchen, der mich zu vertheidigen ge⸗ ſchworen hat? O, haltet mich, haltet mich!“ „Ah— h— h!“ brummte der Geſelle zwiſchen den Zähnen,„ich wollte ſie halten, wenn ſie mein Weib wäre! Unter die Pumpe wollte ich ſie ſtecken und ihr es austreiben!“ „Ich ſage dir, laß ſie in Ruhe!“ raunte ihm Joe von Neuem zu. „O, man höre ihn nur!“ rief meine Schweſter, indem ſie krei⸗ ſchend die Hände zuſammenſchlug, was der nächſte Grad bei ihr war, —„man höre nur, was für Schimpfnamen er mir gibt! Dieſer Orlick! In meinem Hauſe!— und mir, einer verheiratheten Frau, während mein Ehemann dabei ſteht! O! O!“ Bei dieſen Worten ſchlug ſich meine Schweſter, nach wiederhol⸗ — tem Kr ihre M dium a glückich ſtürzte von mi A gen ur Geſelle zwiſch ſich n übrig ſogleic abzule jedoch gegen ſicht g weſen ſtaub ſteher bewr vorl das aben lich Stil Folg⸗ ed S kamn ſc vore Naſe Ein fern⸗ den tung Str die t Pip, eiem lächen ner und ic ü es oh⸗ den J ᷣ Seid ein ezu ſprechen, drlick auf die in damit auf ſtoßen wollt den Ambos, wenn ich wären,— t gehämmert gut verrichteſt ir Alle einen ſtanden, doch gewiſſenloſe fenm Fenſter, e;„ſo großen m Sie könn⸗ Ich wollte, nſeln fertig d mehr er⸗ fertig werden, größten aller ig werden, hwärzeſte und rankreich biſt. trunmtt der en, ſo müſen eſter.„Was Hat er mich 9l Achl“ „3ch muß e Bemerkung paßt, die ich puldigung fur glöblich und gaher Nit tünde But zchweſter„il riheidigen ge⸗ G ollt Zähnen/ 2 Pumye w Feierſtunden. 1864. ————:fy———— tem Kreiſchen, mit den Fäuſten auf die Bruſt und auf die Knie, warf ihre Mütze ab und raufte ſich das Haar,— welches das letzte Sta⸗ dium auf dem Wege zur Raſerei war. Nachdem ſie dieſen Zuſtand glücklich erreicht und ſich zu einer vollſtändigen Furie gemacht hatte, ſtürzte ſie auf die Thür der Schmiede los, die jedoch vorher ſchon von mir verſchloſſen worden war. Was konnte der arme Joe, nachdem ſeine geflüſterten Vorſtellun⸗ gen unbeachtet geblieben waren, jetzt Anderes thun, als auf ſeinen Geſellen los gehen und ihn fragen, was er damit meine, daß er ſich zwiſchen ihn und ſeine Frau dränge, und ob er Mann's genug ſei, ſich mit ihm zu ſchlagen? Der alte Orlick ſah ein, daß ihm nichts übrig bleibe, als auf die Forderung einzugehen, und ſtand deßhalb ſogleich kampfbereit. Ohne ihre verſengten und verbrannten Schürzen abzulegen, gingen ſie wie zwei Rieſen auf einander los. Wenn es jedoch überhaupt in der Umgegend einen Mann gab, der ſich lange gegen Joe hätte halten können, ſo iſt er mir wenigſtens nie zu Ge⸗ ſicht gekommen. Orlick, wie wenn er nicht von mehr Bedeutung ge⸗ weſen wäre, als jener bleiche junge Mann, lag ſehr bald im Kohlen⸗ ſtaub und ſchien durchaus nicht geneigt zu ſein, ſchnell wieder aufzu⸗ ſtehen. Dann öffnete Joe die Thür, hob meine Schweſter auf, welche bewußtlos am Fenſter zu Boden„Erelen war(nachdem ſie jedoch vorher, wie ich glaube, den Kampffie ⸗ hhen hatte), und trug ſie in das Haus und legte ſie dort nieder, wo ſie bald wieder zu ſich kam, aber nichts that, als um ſich ſchlagen und Joe's Haar zauſen. End⸗ lich folgte, wie faſt nach jedem Aufruhre, eine ſeltſame Ruhe und Stille, und ich begab mich mit dem dunklen Gefühle, welches in Folge einer ſolchen Stille ſtets bei mir erwachte,— nämlich, daß es Sonntag, oder daß Jemand geſtorben ſſei,— in meine Schlaf⸗ kammer, um mich anzukleiden. Als ich wieder herunter kam, ſah ich Joe und Orlick damit be⸗ ſchäftigt, die Schmiede auszukehren, ohne daß ſich andere Spuren des vorangegangenen Streites zeigten, als eine Verletzung an Orlick's Naſe, die ſeinem Geſichte weder Ausdruck noch Schönheit verlieh. Ein Maas Bier war aus der Schenke zu„den drei fröhlichen Schif⸗ fern“ angelangt und wurde von Beiden fröhlich und in abwechſeln⸗ den Zügen genoſſen. Die Stille hatte eine beruhigende, zu Betrach⸗ tungen anregende Wirkung auf Joe; denn er begleitete mich auf die Straße hinaus, um zum Abſchiede noch eine Bemerkung zu machen, die von Nutzen für mich ſein konnte, indem er ſagte:„Bald poltert's, Pip, bald iſt's ſtill, Pip,— ſo geht's im Leben!“ Mit welchen wunderlichen Empfindungen(denn Gefühle, die bei einem Manne ganz ernſt ſind, erſcheinen in der Bruſt eines Knaben lächerlich), ich mich wieder zu Miß Havisham begab, bedarf hier kei⸗ ner Schilderung, und ebenſowenig, wie oft ich an der Pforte auf⸗ und abging, ehe ich mich entſchließen konnte, zu ſchellen, wie lange ich überlegte, ob es nicht beſſer ſei, wieder fortzugehen, und wie ich es ohne Zweifel gethan haben würde, wenn ich die Zeit gehabt hätte, den Weg noch einmal zu unternehmen. Miß Sara Pocket erſchien an der Pforte, nicht Eſtella. „Wie? Du wieder hier?“ ſagte ſie.„Was willſt du?“ Als ich erwiedert hatte, daß ich nur gekommen ſei, um zu ſehen, wie ſich Miß Havisham befinde, überlegte die Dame augenſcheinlich, ob ſie mich nicht wieder fortſchicken ſolle. Aber die Verantwortlichkeit mochte ihr zu bedenklich erſcheinen, denn ſie ließ mich eintreten und brachte in ſcharfem Tone den Befehl, daß ich„hinauf kommen“ ſolle. Alles war noch unverändert, und Miß Havisham befand ſich allein. „Nun,“ ſagte ſie, ihre Blicke auf mich richtend,„ich hoffe, du kommſt nicht, um etwas zu verlangen? Du würdeſt nichts be⸗ kommen.“ „Nein, gewiß nicht, Miß Havisham. Ich wollte Ihnen nur zu wiſſen thun, daß es mir in meiner Lehre recht gut geht, und daß ich Ihnen immer ſehr dankbar ſein werde. „Schon gut! ſchon gut!“ rief ſie mit der ihr eigenthümlichen 183 — Handbewegung.„Komme von Zeit zu Zeit her,— komme an dei⸗ nem Geburtstage.—„Ja!“ rief ſie plötzlich, ſich mit ihrem Stuhle nach mir umwendend,„du ſiehſt dich nach Eſtella um,— nicht wahr?“ Ich hatte ſie in der That geſucht, und ſtotterte hervor, ich hoffte, daß ſie ſich wohl befinde. „Im Auslande,“ verſetzte Miß Havisham,„wird zu einer vor⸗ nehmen Dame erzogen, weit weg, hübſcher denn je, wird von Allen bewundert, die ſie ſehen. Fühlſt du, daß du ſie verloren haſt?“ Bei den letzten Worten zeigte ſich in ihrem Geſichte eine ſo bos⸗ hafte Freude, und ſie brach in ein ſo widerliches Lachen aus, daß ich nicht wußte, was ich dazu ſagen ſollte. Sie überhob mich jedoch der Mühe, zu überlegen, indem ſie mir zu gehen gebot. Als Sarah, mit dem Wallnußgeſichte, die Pforte wieder hinter mir ſchloß, war ich unzufriedener denn je mit meiner Häuslichkeit, meinem Geſchäfte und Allem; und das war das Einzige, was ich bei dieſem Beſuche gewann. Während ich langſam die Hauptſtraße hinab ging, mißmuthig hier und dort in die Fenſter der Läden blickend und darüber nachden⸗ kend, was ich kaufen würde, wenn ich ein reicher und vornehmer Mann wäre, ſah ich plötzlich Mr. Wopsle aus einem Buchladen her⸗ vor treten. Er hatte jenes rührende Drama„Georg Barnwell“ in der Hand, wofür er ſoeben ſechs Pence angelegt, und zwar in der Abſicht, jedes Wort deſſelben auf Pumblechook's Kopf niederzudonnern, bei dem er jetzt Thee trinken wollte. Sobald er meiner anſichtig wurde, ſchien er es als eine beſondere Fügung der Vorſehung zu erachten, daß ihm ein Jünger in den Weg geführt wurde, dem er vorleſen konnte. Mich deßhalb beim Arme ergreifend, beſtand er darauf, daß ich ihn nach Pumblechool's Wohnung begleiten ſolle. Da ich wußte, daß es zu Hauſe nur ſehr unheimlich für mich ſein würde, da, ferner, die Nacht dunkel, die Straße ſehr einſam, und faſt jede Art von Geſellſchaft auf dem Wege beſſer war als gar keine, ſo weigerte ich mich nicht lange, und wir traten in Pumblechook's Haus gerade ein, als die Lampen in den Läden und auf den Straßen angezündet wurden. Da ich niemals einer anderen Vorſtellung von„Georg Barn⸗ well⸗ beigewohnt habe, ſo weiß ich nicht, wie lange ſie gewöhnlich dauern mag; aber ich weiß, daß ſie an dieſem Abende bis halb zehn Uhr währte, und daß ich, als Mr. Wopsle nach Newgate kam, glaubte, er werde nie bis zum Schaffot gelangen, ſo langſam ver⸗ fuhr er hier in ſeiner ſchmachvollen Laufbahn. Auch ſchien es mir etwas ſtark, daß er ſich beklagte, in ſeiner Blüthe abgeſchnitten zu werden, als wenn er nicht vom Anfang ſeiner Laufbahn an Blatt auf Blatt in Samen geſchoſſen wäre. Das war jedoch nur eine auf Länge und Langweiligkeit bezügliche Frage; was mich aber beſonders ver⸗ droß, war der Umſtand, daß die ganze Geſchichte des Drama's mit meiner harmloſen Perſönlichkeit identificirt wurde. Als Barnwell auf ſchlechte Wege zu gerathen begann, war mir's in der That, als müßte ich mich entſchuldigen, ſo vorwurfsvoll und unwillig ſtarrte mich Pumblechook an. Auch Wopsle gab ſich viel Mühe, mich in dem möglichſt ſchlechteſten Lichte darzuſtellen. Als ein trunkener, blut⸗ gieriger Böſewicht geſchildert, ließ man mich meinen Onkel ermorden, und zwar unter keinen mildernden Umſtänden; Millwood machte mich in jedem Wortſtreite zu Schanden; die Tochter meines Meiſters be⸗ kam die fixe Idee, ſich nicht um mich zu kümmern, und Alles, was ich zur Entſchuldigung meiner jammervollen Angſt am Morgen der Hinrichtung ſagen kann, iſt, daß ſie der Schwäche meines ganzen Charakters würdig war. Selbſt nachdem ich glücklich gehängt worden, und nachdem Wopsle das Buch zugemacht hatte, ſtarrte mich Pum⸗ blechook noch immer an, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Nimm dir's zur Warnung, Bube, nimm dir's zur Warnung!“ als wenn es all⸗ gemein von mir bekannt geweſen wäre, daß ich darauf ausginge, fiwk: nahen Verwandten zu ermorden, vorausgeſetzt, ich hätte Ein⸗ Schwachheit bewegen können, mein Wohlthäter zu werr — 4—— 184 ———— Als Alles zu Ende war und ich mit Mr. Wopsle den Heimweg antrat, herrſchte tiefe Finſterniß, und außerhalb der Stadt fanden wir einen ſtarken Nebel, der dick und feucht auf uns niederfiel. Das Lampenlicht am Weghauſe ſah nur wie ein Flecken aus, und die Strahlen deſſelben wie eine feſte Maſſe. Wir bemerkten dieſes und ſprachen davon, daß der Nebel mit dem veränderten Winde aus einer gewiſſen Richtung von dem Moorlande her komme, als wir plötzlich auf einen Mann ſtießen, der an der Seite des Weghauſes hin ſchlich. „Holla,“ riefen wir und blieben ſtehen,„iſt das Orlick?“ „Ach,“ erwiederte er, langſam näher kommend.„Ich wartete hier eine Minute, um Geſellſchaft zu finden.“ „Du kommſt ſpät,“ bemerkte ich. „Nun, du auch,“ erwiederte Orlick, wie es natürlich war. „Wir haben dieſen Abend einen geiſtigen Genuß gehabt, Mr. Orlick,“ ſagte Wopsle, noch begeiſtert von ſeiner Darſtellung. Der alte Orlick brummte nur, als wenn er nichts darauf zu erwiedern wüßte, und wir ſetzten unſeren Weg zuſammen fort. Nach einer kleinen Weile fragte ich ihn, ob er ſeinen halben Feiertag in der Stadt zugebracht habe. „Ja, die ganze Zeit,“ verſetzte er.„Ich kam nach dir hinein. Geſehen habe ich dich zwar nicht, aber ich muß dicht hinter dir ge⸗ weſen ſein. Uebrigens laſſen ſich die Kanonen wieder hören.“ „Auf den Hulks?“ fragte ich. „Ja. Es iſt wieder ein Vogel ausgeflogen. Seit es dunkel geworden, haben ſie unaufhörlich geſchoſſen. Du wirſt es gleich hören.“ In der That hatten wir kaum einige Schritte weiter gethan, als der wohlbekannte Schall uns entgegen kam, der durch den dichten Nebel noch dumpfer wurde, und dann über die Ebene am Fluſſe ent⸗ lang ſchwerfällig weiter rollte, als wollte er die Flüchtlinge verfolgen. „Eine gute Nacht, um durchzubrennen,“ bemerkte Orlick.„Heut würde es uns ſchwer werden, einen Galgenvogel einzufangen.“ Dieſer Gegenſtand erweckte Erinnerungen in mir, und ich dachte ſchweigend darüber nach. Mr. Wopsle begann, als der im Drama dieſes Abends mit Undank belohnte Onkel, ſich in ſeinem Garten zu Camberwell lauten Betrachtungen hinzugeben, während Orlick, mit den Händen in den Taſchen, ſich ſchwerfällig neben mir hinſchleppte. Es war ſehr finſter, ſehr naß und ſehr kothig, und mit jedem Schritte ſpritzte das Waſſer um uns. Von Zeit zu Zeit drang wie⸗ der ein Signalſchuß zu uns herüber und rollte dann mürriſch den Fluß entlang weiter. Ich verhielt mich ruhig und hing meinen Ge⸗ danken nach. Mr. Wopsle ſtarb ſehr liebenswürdig in Camberwell, auch ſehr tapfer auf dem Schlachtfelde von Bosworth, und unter den gräßlichſten Qualen in Glaſtonbury. Orlick brummte zuweilen: „Schlaget drauf und ſchlaget dran,— Alter Klem! Wie ſich's paßt für den Mann,— Alter Klem!“ Es ſchien mir, als wenn er getrunken hätte, aber er war nicht betrunken. So erreichten wir das Dorf. Der Weg führte uns an der Schenke„zu den drei fröhlichen Schiffern“ vorüber, und wir waren erſtaunt, das Haus noch ſo ſpät, um elf Uhr, in großer Aufregung zu finden, während die Straßenthür weit offen war und zahlreiche Lichter darin brannten. Mr. Wopsle ging hinein, um zu hören, was den Schif u haft gehört hatte, es gebe(in der Vermuthung, daß ein Sträfling eingefaugen worder ſei), aber kam gleich darauf wieder eiligſt heraus. „Es iſt irgend Etwas bei euch geſchehen, Pip,“ ſagte er, ohne ſtill zu ſtehen;„laufet nach Hauſe!“ „Was iſt geſchehen?“ fragte ich, neben ihm hin trabend, wäh⸗ rend Orlick an meiner Seite rannte. „Ich weiß es nicht recht. nach der ——:———:yõ———yny——— Feierſtunden. 1864. ——ℳ§—⅔—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛꝛ::--a:————õr———õry———y————— nicht eher an, als bis wir unſere Küche erreicht hatten. Sie war voll von Leuten, das ganze Dorf ſchien dort zu ſein, und ein Wundarzt ſtand da, und Joe war dort, und mitten in der Küche kniete auf dem Fußboden eine Gruppe von Weibern. Diejenigen von den Umſtehenden, welche nicht beſchäftigt waren, machten Platz, als ſie mich ſahen, und ich gewahrte meine Schweſter leblos auf den Dielen liegen, wohin ſie, während ihr Geſicht dem Feuer zugewendet geweſen war, eine unbekannte Hand mittelſt eines furchtbaren Schlages auf den Hinterkopf geſtreckt und ihrem Poltern, als Joe's Frau, für immer ein Ende gemacht hatte. Hechzehntes Kapitel. Da ich noch den Kopf voll von Georg Barnwell hatte, ſo war mir's anfangs, als wenn ich nothwendig mit dem an meiner Schwe⸗ ſter verübten Anfalle etwas zu thun gehabt haben müſſe, oder min⸗ deſtens, als wenn ich, als ein naher Verwandter derſelben, der ihr überdies, wie allgemein bekannt, große Verpflichtungen ſchuldig war, mit Recht ein Gegenſtand größeren Verdachtes ſei, denn irgend eine andere Perſon. Allein nachdem ich am folgenden Morgen die Sache ruhiger überlegt und ſie auf K&Nn Seiten hatte beſprechen hören, ge⸗ langte ich zu einer anderen und vernünftigeren Anſicht. Joe war in der Schenke zu den„drei fröhlichen Schiffern“ ge⸗ weſen und hatte dort von einem Viertel nach acht Uhr bis zu einem Viertel vor zehn ſeine Pfeife geraucht. Während er ſich dort befun⸗ den, war meine Schweſter in der Thür der Küche ſtehend geſehen worden, und hatte einem heimkehrenden Feldarbeiter gute Nacht ge⸗ wünſcht. Der Mann konnte die Zeit nicht genauer angeben, zu der er ſie ſah, als daß es vor neun Uhr geweſen ſein müſſe. Als Joe um fünf Minuten vor zehn Uhr nach Hauſe kam, fand er ſie auf dem Fußboden ausgeſtreckt liegen, und rief ſogleich Hülfe herbei. Das Kaminfeuer war noch nicht tief niedergebrannt, und der Docht des verlöſchten Lichtes war nicht ſehr lang. Aus keinem Theile des Hau⸗ ſes war irgend etwas entwendet worden, und das verlöſchte Licht aus genommen,— welches auf einem Tiſche zwiſchen der Thür und mei⸗ ner Schweſter, hinter ihr, befindlich geweſen, während ſie, mit dem Geſichte vor dem Feuer ſtehend, getroffen worden war,— zeigte ſich auch in der Küche überhaupt keine Unordnung, abgeſehen von der, welche ſie ſelbſt durch ihren Fall und das heftige Bluten verurſacht hatte. Aber ein merkwürdiges Beweisſtück fand ſich. Meine Schwe⸗ ſter war mit einem ſtumpfen, ſchweren Inſtrumente auf den Kopf und das Rückgrat getroffen worden, worauf, während ſie am Boden auf dem Geſichte lag, irgend ein ſchwerer Gegenſtand mit bedeuten⸗ der Gewalt auf ſie geworfen worden war, und neben ihr lag, als Joe ſie empor hob, das durchgefeilte Fußeiſen eines Sträflings. Joe betrachtete es mit ſachkundigen Augen und erklärte, es müſſe Eiſen zu beſichtigen. Es ſcheint, daß während Joe's Ab⸗ weſenheit irgend Jemand gewaltſam in das Haus gebrochen iſt,— muthlich Sträflinge. Es iſt auch Jemand angegriffen und verletzt klagen, daß er auch den letzten Gebrauch ſchon vor längerer Zeit durchgefeilt worden ſein. Dieſes Urtheil fand auch ſeine Beſtätigung, nachdem das Gerücht des Mordes bis zu den Hulks gedrungen war und die Leute von dort her kamen, um das Sie konnten jedoch nicht ſagen, wann es von fen entfremdet worden war, zu denen es früher unzweifel⸗ verſicherten aber, daß es von keinem der beiden in der vorhergehenden Nacht entſprungenen Sträflinge getragen worden, deren einer überdies bereits wieder eingefangen worden war, und zwar ohne ſich von ſeinem Fußeiſen befreit zu haben. Nach dem, was ich wußte, kam ich zu einem eigenen Schluß. Ich hielt das in unſerer Küche gefundene Eiſen für das meines Sträflings,— für das Eiſen, woran ich ihn auf dem Moorlande hatte feilen ſehen,— aber ich ging nicht ſo weit, ihn deſſen anzu⸗ davon gemacht habe. Ich hielt vielmehr für wahrſcheinlicher, daß eine oder zwei andere Per⸗ een zu ſchnell, um mehr ſprechen zu können, und hielten ſonen es in ihren Beſitz bekommen und ſich ſeiner zu jenem grau⸗ — ſamen Mann, d gegange fen, we nen W Mr. W dachtsg hatte! ſendm wofern Streit Rückg. haupt ſo pla ſie ver C die Wo men. jene” Mehe⸗ die! in? Geh es u daß Jot! mich glaub Hund recht ein dadu denn noch —l thate lichen mehre derkeh zupaſſ Ferne Scjif ganzen eine 9 wie g doch ö den Sehl und Ding ihre weit nen, — te war voll i Wundarzt ete auf dem tigt waren, e Schweſter Heſicht dem attelſt eines em Poltern, tte, ſo war iner Schwe⸗ oder min⸗ a, der ihr dig war, irgend eine in die Sache n hören, ge⸗ ſchiffern“ gt is zu einen dort befun gayeh d Nacht 9 eben, zu der ſt. Als Jh ſie auf den herbei. 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Was aber den Fremden betraf, ſo hatte, wofern er wegen ſeiner zwei Banknoten zurück gekommen war, kein Streit deßhalb haben ſtattfinden können, da meine Schweſter ſich der Rückgabe nicht geweigert haben würde. Ueberdies hatte auch über haupt kein Streit ſtattgefunden; denn der Angreifer war ſo ſtill und ſo plötzlich eingedrungen, daß er ſie zu Boden geſchlagen hatte, ehe ſie vermögend geweſen war, ſich nach ihm umzublicken. Es war ein ſchrecklicher Gedanke, daß ich, wenn auch abſichtlos, die Waffe geliefert hatte, und dennoch konnte ich kaum anders anneh⸗ men. Meine Unruhe war grenzenlos, während ich überlegte, ob ich jene Periode meiner Kindheit enthüllen und Joe Alles mittheilen ſolle. Mehrere Monate lang nach jenem Ereigniß entſchied ich jeden Tag die Frage verneinend bei mir, um ſie am folgenden Tage von Neuem in Betrachtung zu ziehen. Der Kampf endete jedoch endlich, da das Geheimniß ſo alt geworden und ſo mit mir verwachſen war, daß ich es unmöglich aus meiner Bruſt reißen konnte. Außer der Beſorgniß, daß ſeine Enthüllung, da es ſo viel Unheil angerichtet hatte, mir jetzt Joe mehr denn je entfremden würde, wenn er es glaubte, ließ ich mich auch durch die Furcht davon abhalten, daß er es vielleicht nicht glauben und für eine abgeſchmackte Erfindung, wie jene fabelhaften Hunde und Kalbscoteletts, halten möchte. Zwiſchen Recht und Un recht ſchwankend, wartete ich die Zeit ab, und beſchloß, nur dann ein offenes Bekenntniß abzulegen, wenn ſich die Möglichkeit zeigte, dadurch zur Entdeckung des Thäters beizutragen. Die Conſtabler und die Beamten der Bow⸗Street in London,— denn dieſe Begebenheiten ereigneten ſich in einer Zeit, als die Polizei noch jene rothen Weſten trug, welche man jetzt nicht mehr ſieht, — hielten ſich einige Wochen in und bei unſerem Hauſe auf und thaten ungefähr daſſelbe, was ich von ähnlichen Beamten unter ähn⸗ lichen Umſtänden geleſen und erzählen gehört habe. Sie verhafteten mehrere augenſcheinlich unſchuldige Perſonen, ſetzten ihren Kopf auf verkehrte Ideen, und beſtanden darauf, die Umſtände ihren Ideen an⸗ zupaſſen, ſtatt die richtigen Ideen aus den Umſtänden zu entnehmen. Ferner ſtanden ſie vor der Thür der Schenke zu„den drei fröhlichen Schiffern“ mit ſchlauen und zurückhaltenden Mienen, welche von der ganzen Nachbarſchaft bewundert wurden, und tranken ihr Bier auf eine geheimnißvolle Weiſe, welche zu ſagen ſchien, es ſei faſt ſo gut Allein es war doch nicht ganz ſo, denn er wurde nie von ihnen gefangen. Noch lange, nachdem dieſe amtlichen Gewalten wieder verſchwun⸗ den waren, lag meine Schweſter ſchwer krank auf ihrem Lager. Ihre Sehkraft war geſtört, ſo daß ſie alle Gegenſtände vervielfältigt ſah und nach eingebildeten Taſſen und Gläſern griff, ſtatt nach wirklichen Dingen. Auch ihr Gehör und Gedächtniß hatten ſehr gelitten, und ihre Sprache war unverſtändlich geworden. Als ſie endlich wieder ſo weit hergeſtellt war, um in die Küche hinab geführt werden zu kön⸗ nen, war es nöthig, daß ſie fortwährend meine Schiefertafel bei ſich hatte, um dasjenige ſchriftlich auszudrücken, was ſie mündlich nicht konnte. Da ſie, abgeſehen von ihrer undeutlichen Handſchrift, auch mit der Orthographie nicht ſehr vertraut war, und Joe nur ſehr rnangelhaft leſen konnte, ſo entſtanden häufig Mißverſtändniſſe zwiſchen ihnen, zu deren Löſung ich in der Regel herbeigerufen wurde. Daß ihr, zum Beiſpiel, Milch ſtatt Medizin gereicht, oder Joe's Name auf der Tafel mit dem Worte„Thee“, und„Buch“ mit„Brod“ ver⸗ Feierſtunden. 1864. Feierſtunden. 1864. ·—— 185 wechſelt wurde, waren Irrthümer, die ſelbſt ich nicht vermeiden konnte. Indeß war ſie bedeutend ſanfter und geduldiger geworden, denn ſie litt ſehr. Es zeigte ſich in allen Bewegungen ihrer Glieder ein gewiſſes Zittern, eine große Unſicherheit, und ſpäter trat bei ihr, in Zwiſchenräumen von zwei oder drei Monaten, faſt regelmäßig eine völlige Geiſtesabweſenheit ein, in der ſie, den Kopf in die Hände ge⸗ ſtützt, eine ganze Woche lang zubrachte. Wir konnten lange keine paſſende Wärterin finden, bis ſich ein Umſtand ereignete, der uns aus dieſer Verlegenheit gänzlich befreite. Mr. Wopsle's Großtante gab nämlich ihre ſo eingewurzelte Gewohnheit, zu leben, auf, und Biddy wurde ein Mitglied unſerer Familie. Es mochte ungefähr ein Monat ſeitdem verſtrichen ſein, daß meine Schweſter wieder in der Küche erſchienen war, als Biddy mit einem kleinen, buntfarbigen Kaſten, welcher ihre ganze weltliche Habe ent hielt, zu uns kam, um ein Segen für unſer Haus zu werden. Na mentlich wurde ſie ein Segen für Joe, denn der gute Menſch war durch den fortwährenden Anblick ſeiner verkrüppelten Frau tief nieder⸗ gebeugt, und pflegte ſich oft, wenn er Abends an ihrem Lager ſaß, zu mir zu neigen und, mit Thränen in ſeinen blauen Augen, zu flüſtern:„Was für eine ſchöne Frau ſie einſt war, Pip!“ Nachdem nun Biddy ihre Pflege übernommen hatte, und zwar mit einer ſol⸗ chen Gewandtheit, als wenn ſie von Jugend auf bei ihr geweſen wäre, konnte Joe mehr Ruhe und zuweilen auch in„den drei fröhlichen Schiffern“ eine Erholung genießen, welche ihm wohlthätig war. Als charakteriſtiſch für die Polizeibeamten konnte der Umſtand gelten, daß ſie ſämmtlich, mehr oder weniger, den armen Joe in Verdacht gehabt (was er jedoch nie erfuhr), und ihn einſtimmig für einen höchſt ver⸗ ſchlagenen Menſchen gehalten hatten. Biddy's erſter Triumph in ihrem neuen Amte war der, daß ſie eine Schwierigkeit löste, die meine Kräfte, aller Anſtrengungen un⸗ erachtet, völlig überſtiegen hatte. Die Sache verhielt ſich folgender⸗ maßen. Meine Schweſter hatte nämlich unzählige Male einen Buchſtaben auf die Tafel gemalt, der einem etwas ſonderbaren T ähnlich ſah, und dann mit beſonderem Eifer darauf hingedeutet, wie auf Etwas, nach dem ſie beſonders verlange. Vergebens hatte ich alle erdenklichen, mit T anfangenden Gegenſtände, von Tabak bis Thee und Tonne, her⸗ beigeholt, ihre Meinung ließ ſich nicht errathen. Endlich war mir eingefallen, daß das Schriftzeichen einem Hammer ähnlich ſehe, und als ich dieſes Wort in das Ohr meiner Schweſter gerufen, hatte ſie auf den Tiſch zu hämmern begonnen und ihr Bejahen unzweideutig ausgedrückt, worauf ſämmtliche in unſerer Schmiede befindliche Häm⸗ mer, einer nach dem anderen, von mir herbeigeholt und ihr gezeigt worden waren, aber wiederum vergebens. Dann hatte ich an eine Krücke gedacht, da ſie von ähnlicher Form war, und hatte eine im Dorfe erborgt, und zeigte ſie meiner Schweſter mit großer Zuverſicht, welche jedoch den Kopf ſo heftig dazu ſchüttelte, daß wir fürchteten, ſie möchte ſich in ihrem geſchwächten Zuſtande den Hals verdrehen. Als meine Schweſter ſpäter die Bemerkung machte, daß Biddy ſie leicht verſtehe, erſchien das geheimnißvolle Schriftzeichen wieder auf der Schiefertafel. Biddy betrachtete es ſinnend, hörte meine Erklä⸗ rung, blickte meine Schweſter gedankenvoll an, dann Joe eben ſo (welcher auf der Tafel ſtets durch ſeinen Anfangsbuchſtaben bezeichnet wurde), und rannte, von mir und Joe gefolgt, in die Schmiede. „Natürlich!“ rief Biddy mit frohlockendem Geſichte,—„ſeht ihr nicht, ſie meint ihn!“ Orlick, ja, es konnte kein Zweifel ſein! Sie hatte ſeinen Namen vergeſſen und konnte ihn nur durch Nachbildung ſeines Hammers an⸗ deuten. Wir ſagten ihm, weßhalb er in die Küche kommen ſolle, und eer legte ſeinen Hammer bei Seite, trocknete ſich erſt mit dem Arm den Schweiß von der Stirn, und dann noch einmal mit der Schürzeg. und kam endlich mit eigenthümlich gebogenen Knieen, wie ſeine G wohnheit war, heraus geſchlendert. 24 3 —— 186 —:————-⸗———j,-—————— Ich erwartete nichts Anderes, als daß meine Schweſter ihn der und war deßhalb durch ihr ganz entgegen⸗ lernſt, was ich lerne, und immer mit mir gleichen Schritt hältſt?“ Sie bezeigte nämlich den eifrigſten Wunſch, ihn zu verſöhnen, war augenſcheinlich ſehr erfreut, That beſchuldigen werde, geſetztes Benehmen nicht wenig überraſcht. Feierſtunden. 1864. ——;õ—-—õÿ——ä—— „Wie machſt du es, Biddy,“ wiederholte ich,„daß du Alles Ich fing nämlich an, etwas ſtolz auf meine Kenntniſſe zu wer⸗ den, denn ich verwendete meine Geburtstags⸗Guineen dazu, mir Bücher —— 5 2—. 2 daß er endlich erſchien, und gab zu verſtehen, daß wir ihm etwas zu zu kaufen, und erſparte überdies den größeren Theil meines Taſchen⸗ trinken reichen möchten. Dann beobachtete ſie ſein Geſicht, wie um ſich Gewißheit darüber zu verſchaffen, zufrieden ſei, und drückte in ihrem ganzen Weſen eine ſolche Demuth n Ge b geldes zu demſelben Zwecke, obgleich ich jetzt keinen Zweifel darüber daß er mit ſeiner Aufnahme hege, daß das Weuige, was ich lernte, ſehr theuer erkauft wurde. „Ich könnte dich mit demſelben Rechte fragen,“ erwiederte Biddy, und Unterwürfigkeit aus, wie man ſie nur an einem Kinde ſeinem„wie du es machſt.“ ſtrengen Lehrer gegenüber wahrzunehmen pflegt. Seitdem verging ſel⸗ ten ein Tag, ohne daß ſie den Hammer auf die Tafel zeichnete, und „Nein,“ verſetzte ich;„denn wenn ich Abends aus der Schmiede herein komme, kann ein Jeder ſehen, daß ich mich an die Bücher ſetze. ohne daß Orlick herein geſchlottert kam, und zwar mit ſo mürriſcher Aber du thuſt es nie.“ Miene, als wenn er nicht beſſer als ich wüßte, was er davon den⸗ ken ſolle. Siebzehntes Kapitel. Von jetzt an begann ich mich an den regelmäßigen Gang meines Lehrlingslebens zu gewöhnen, welches über die Grenzen des Dorfes und des Moorlandes hinaus keine andere bemerkenswerthe Abwechs⸗ lung erlitt, als durch das Eintreten meines Geburtstages und den damit verbundenen Beſuch bei Miß Havisham. Ich fand Miß Sarah Pocket noch immer auf ihrem Poſten als Pförtnerin, und Miß Ha⸗ visham ebenſo, wie ich ſie verlaſſen hatte, und hörte ſie von Eſtella in derſelben Weiſe, wenn nicht auch in denſelben Worten reden. Der Beſuch dauerte nur wenige Minuten, und ſie gab mir eine Guinee, als ich ging, und ſagte, ich ſolle an meinem nächſten Geburtstage wieder kommen, was, wie ich bei dieſer Gelegenheit ſogleich erwähnen kann, von da an eine alljährliche Gewohnheit wurde. Ich verſuchte, das Geſchenk abzulehnen, aber mit keinem anderen Erfolge, als daß ſie mich ſehr verdrießlich fragte, ob ich mehr verlange. Darauf nahm ich es an, und bei jedem ſpäteren Beſuche ebenfalls. So unverändert war das öde alte Haus, das gelbe Licht in dem verfinſterten Zimmer, das welke, geſpenſtige Weſen auf dem Stuhle am Toilettentiſche, daß es mir war, als wenn das Stillſtehen der Uhren auch den Lauf der Zeit an dieſem geheimnißvollen Orte auf⸗ gehalten haben müſſe, während ich, ſowie Alles außerhalb, älter ge⸗ worden war. Nie drang ein Lichtſtrahl in das Haus, und ſelbſt in meinen Gedanken und Erinnerungen ebenſo wenig, wie in Wirklich⸗ keit. Es verwirrte mich, und unter dieſem Einfluſſe fuhr ich fort, mein Handwerk zu haſſen und mich meiner Häuslichkeit zu ſchämen. Inzwiſchen nahm ich allmälig an Biddy eine weſentliche Verän⸗ derung wahr. Ihre Schuhe waren nicht mehr niedergetreten, das Haar glatt und geordnet, und ihre Hände ſtets ſauber. Sie war nicht ſchön,— vielmehr ſehr gewöhnlich und mit Eſtella nicht zu ver⸗ gleichen, aber angenehm, freundlich und ſanft. Es war nicht mehr als ein Jahr ſeit ihrem Eintritt in unſer Haus verſtrichen(denn ſie hatte erſt kürzlich die Trauerkleidung abgelegt), als ich eines Abends die Bemerkung machte, daß ſie ſehr gedankenvolle und wachſame Au⸗ gen habe, die zugleich ſehr hübſch waren und einen ſehr gutmüthigen Ausdruck hatten. Es geſchah, als ich von einer Arbeit aufblickte, über die ich ge⸗ beugt ſaß,— ich ſchrieb nämlich aus einem Buche etwas ab, um mich durch eine Art von Kriegsliſt auf doppelte Weiſe zugleich zu bil⸗ den,— und bemerkte, daß Biddy mich beobachtete. Ich legte meine Feder nieder, und Biddy hörte ebenfalls mit ihrer Näherei auf, ohne ſie jedoch fortzulegen. „Biddy,“ ſagte ich,„wie machſt du es nur? Entweder bin ich ſehr dumm, oder du biſt ſehr geſcheidt.“ „Was meinſt du? Ich weiß nicht, wovon du ſprichſt,“ erwiederte ſie lächelnd. Sie beſorgte unſer ganzes Hausweſen, und zwar mit der größ⸗ Ordnung und Pünktlichkeit; allein das war es nicht, was ich nach o, obgleich Letzteres eben deßhalb um ſo mehr zu bewundern war. „Ich glaube, es kommt von ſelbſt,— wie ein Huſten,“ ſagte Biddy ruhig, und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Während ich, auf dem hölzernen Stuhle zurück gelehnt, meine Gedanken verfolgte und Biddy beobachtete, wie ſie, den Kopf auf die Seite geneigt, eifrig weiter nähte, erſchien ſie mir als ein merkwür⸗ diges Mädchen. Ich erinnerte mich nämlich, daß ſie mit allen tech⸗ niſchen Ausdrücken unſeres Handwerks, mit den Bezeichnungen der verſchiedenartigen Arbeiten, und ſelbſt der Werkzeuge bekannt war, kurz, daß ſie Alles wußte, was ich wußte, und theoretiſch ein min⸗ deſtens ebenſo guter Hufſchmied war, wie ich. „Du biſt Eine von denjenigen, Biddy,“ ſagte ich,„die aus Allem Nutzen zu ziehen wiſſen. Ehe du hierher kamſt, hatteſt du nie Gelegenheit, etwas zu lernen, und ſieh nur, welche Fortſchritte du jetzt gemacht haſt!“ Biddy ſchaute einen Augenblick auf, und fuhr dann mit ihrer Arbeit fort, indem ſie ſagte: „Aber ich war deine erſte Lehrerin, nicht wahr?“ „Biddy!“ rief ich erſchrocken,„du weinſt ja!“ „Nein, ich weine nicht,“ erwiederte ſie und blickte mich lächelnd an.„Was brachte dich auf einen ſolchen Gedanken?“ Was hätte mich anders darauf bringen können, als eine ſchim⸗ mernde Thräne, die ich auf ihre Arbeit herab fallen ſah. Ich ſchwieg und dachte daran, was für ein mühſeliges Leben ſie geführt hatte, bis Mr. Wopsle's Großtante endlich die bei ihr ſo feſt gewurzelte, ſchlechte Gewohnheit des Lebens ablegte, was auch bei manchen anderen Men⸗ ſchen ſehr zu wünſchen wäre; ich gedachte ferner der troſtloſen Ver⸗ hältniſſe, unter denen ſie in dem elenden kleinen Kaufladen und der elenden, geräuſchvollen Schule gelebt hatte, und zwar fortwährend unter der Laſt des drückenden Bewußtſeius der Unfähigkeit. Es ſchien mir klar, daß ſchon in jener ungünſtigen Zeit das in ihr geſchlum⸗ mert haben müſſe, was ſich jetzt entwickelte; denn in meiner erſten Unzufriedenheit hatte ich mich, wie wenu es ſich von ſelbſt verſtanden, an ſie um Beiſtand gewendet. Biddy nähte indeß ruhig weiter und vergoß keine Thräne mehr; und während ich ſie ſo betrachtete und an alles dieſes dachte, fiel es mir ein, daß ich vielleicht nicht dankbar genug gegen ſie geweſen ſei. Ich hätte weniger zurückhaltend ſein und ſie mit meinem Vertrauen mehr beehren ſollen, dachte ich, ohne mich jedoch in meinen Betrachtungen des letzteren Ausdrucks zu bedienen. „Ja, Biddy,“ bemerkte ich, als dieſe Meditationen zu Ende waren,„du biſt meine erſte Lehrerin geweſen, und zwar in einer Zeit, als wir nicht daran dachten, daß wir jemals in dieſer Küche ſo beiſammen ſitzen würden.“ „Ach, das arme Weſen!“ erwiederte Biddy, mit der ihr eigen⸗ thümlichen Selbſtvergeſſenheit die Bemerkung auf meine Schweſter übertragend und ſogleich aufſtehend, um ihr irgend eine Erleichterung zu verſchaffen,—„das iſt leider wahr!“ „Nun,“ ſagte ich,„wir müſſen etwas mehr mit einander plau⸗ dern, als bisher geſchehen iſt, und ich muß dich mehr zu Rath ziehen. Laß uns nächſten Sonntag einen ungeſtörten Spaziergang nach dem Moorlande machen, um uns recht ausſprechen zu können.“ Meine Schweſter durfte nie allein bleiben, aber Joe übernahm an dem bewußten Sonntage mit großer Bereitwilligkeit ihre Pflege und wi Wetter. ten, un über fa lichen bindung Ufer n wodure ſen ſei ſeien, heit ſie;, Grün daß de „ glückl und die bra Alf den ander ganz ſchüt Inn in d gleich nen wiſſe kurz legen in di hätte ich ſ mich und in 3 werde lönne Bidde blich du Alles hältſt?“ ezu wer⸗ Bücher 3 Taſchen⸗ l darüber w' urde. tte Biddy, ten,“ ſagte nt, meine Tpf auf die merkwür⸗ nich lächelnd eine ſchim⸗ Ich ſchwieg rt hattt, bis ſte, ſchlechte nderen Men⸗ oſtloſen Ver⸗ den und der fortwährend . Es ſchien ar geſchlunt neintt erſti F verſtandtn, g weiter und htete und al nicht dankbat nd ſein und ohne mic zu bediene en. au Ende einet nen 3 war in ei ſer Küche ſt er ihr tigen⸗ Zchwtſtr 4 ichter erung Feierſtunden. und wir gingen zuſammen aus. Wetter. Als wir das Dorf, die Kirche und den Kirchhof paſſirt hat⸗ ten, und uns auf dem Moorlande befanden, und die Segel der vor⸗ über fahrenden Schiffe ſahen, begann ich wieder, nach meiner gewöhn⸗ V lichen Weiſe, Miß Havisham und Eſtella mit dieſer Ausſicht in Ver⸗ bindung zu bringen; und als wir an den Fluß kamen und uns am Ufer niederſetzten, während das Waſſer zu unſeren Füßen rieſelte, wodurch die Stille noch tiefer wurde, als ſie ohne dieſen Laut gewe⸗ ſen ſein würde, faßte ich den Gedanken, daß Ort und Zeit geeignet ſeien, um Biddy in mein innerſtes Vertrauen zu ziehen. „Biddy,“ ſagte ich deßhalb, nachdem ſie mir hatte Verſchwiegen⸗ heit Leloben müſſen,„ich möchte ein Gentleman werden.“ „O, ich würde es an deiner Stelle nicht wüünſchene erwiederte ſie;„ich glaube nicht, daß es gut für dich wäre.“ „Biddy,“ verſetzte ich in ſchärferem Tone,„ich habe beſondere Gründe, es zu wünſchen.“ „Nun, du mußt es am beſten wiſſen, Pip; aber glaubſt du nicht, daß du in deinem jetzigen Stande glücklicher biſt?“. „Biddy,“ rief ich ungeduldig,„ich bin jetzt nichts weniger als glücklich. Mein Geſchäft und meine Lebensweiſe ſind mir zuwider, und ich habe an keinem von beiden Gefallen gefunden, ſeitdem ich in die Lehre getreten bin. Sei nicht albern!“ „Habe ich etwas Albernes geſagt?“ fragte ſie, ruhig die Augen⸗ braunen höher ziehend.„Es thut mir leid, und war nicht meine Abſicht. Ich wünſche nur, daß es dir gut gehe, und daß du zufrie⸗ den ſeieſt.“ „Nun, ſo wiſſe ein für alle Mal, daß ich nie zufrieden,— nie anders als elend ſein werde,— ja, Biddy!— wenn ich nicht ein ganz anderes Leben führen kann, als ich jetzt führe.“ „Das iſt ſchlimm!“ erwiederte Biddy, kummervoll den Kopf ſchüttelnd.. Ich ſelbſt hatte während des ſeltſamen Kampfes, der in meinem Inneren fortwährend ſtattfand, ſo oft gedacht, es ſei ſchlimm, daß ich in dieſem Augenblicke, als Biddy ihre Gefühle und die meinigen zu⸗ gleich ausdrückte, nahe daran war, vor Aerger und Kummer Thrä⸗ nen zu vergießen. Ich erwiederte ihr, ſie habe Recht, und ich ſelbſt wiſſe, daß es ſchlimm ſei, aber es laſſe ſich nicht ändern. „Wenn ich mich hätte fügen können,“ ſagte ich, indem ich das kurze Gras neben mir ausriß,— ſo wie ich bei einer früheren Ge⸗ legenheit meine Gefühle aus den Haaren geriſſen und mit dem Fuße in die Mauer der alten Brauerei geſtoßen hatte,—„wenn ich mich hätte fügen und die Schmiede nur halb ſo gern haben können, wie ich ſie als Kind gehabt hatte, ſo würde es allerdings viel beſſer für mich geweſen ſein. Dir und mir und Joe würde nichts gefehlt haben, und ich wäre vielleicht nach Beendigung meiner Lehrzeit Theilhaber in Joe's Geſchäft geworden, und wir hätten Braut und Bräutigam werden und an ſchönen Sonntagen hier als ganz andere Leute ſitzen können. Für dich wäre ich doch gut genug geweſen, nicht wahr, Biddy?“ Biddy ſeufzte, während ſie den vorüber ſegelnden Schiffen nach⸗ blickte, und antwortete: „Ja, ich mache keine großen Anſprüche.“ Es klang nicht ſehr ſchmeichelhaft, aber ich wußte, daß ſie es gut meinte. „Statt deſſen,“ fuhr ich fort, noch mehr Gras ausreißend und ein paar Halme in den Mund ſteckend,„ſieh, wie ich lebe! Unzu⸗ frieden und unglücklich bin ich, und— Was würde ich danach fra⸗ gen, gemein und gewöhnlich zu ſein, wenn es mir Niemand geſagt hätte!“ Biddy wandte plötzlich ihr Geſicht dem meinigen zu, und blickte mich viel aufmerkſamer an, als die vorüber ſegelnden Schiffe. „Es war weder ganz wahr, noch ſehr höflich, dir das zu ſagen,“ bemerkte ſie, die Augen wieder auf die Schiffe richtend.„Wer hat es geſagt?“ Es war im Sommer und ſchönes! 1864. 187 —————; Ich war verlegen, denn die Worte wareu mir unüberlegt her⸗ ausgefahren; allein ich konnte ſie nicht mehr zurücknehmen, und ant⸗ wortete deßhalb: „Die ſchöne junge Dame bei Miß Havisham, die ſchönſte, die ich je geſehen habe. Ich bewundere ſie erſchrecklich, und möchte um ihretwillen gern ein Gentleman ſein.“ Nachdem dieſes blödſinnige Bekenntniß abgelegt war, begann ich das ausgeriſſene Gras mit ſolcher Heftigkeit in den Fluß zu werfen, als wenn ich große Luſt hätte, ihm nachzuſpringen. „Möchteſt du ein Gentleman werden, um ſie zu ärgern, oder um ſie zu gewinnen?“ fragte Biddy nach einer Pauſe ganz ruhig. „Ich weiß es nicht,“ antwortete ich mürriſch. „Denn wäre es deßhalb, um ſie zu ärgern,“ fuhr Biddy fort, „ſo würdeſt du es, ſollte ich meinen,— doch du ſelbſt mußt das am beſten wiſſen,— auf beſſere und unabhängigere Weiſe erreichen, wenn du dich um ihre Worte gar nicht kümmerteſt; und wäre es, um ſie zu gewinnen, ſo ſollte ich meinen,— doch du mußt auch das am beſten wiſſen,— ſo dürfte ſie des Gewinnens nicht werth ſein.“ Sie ſagte gerade daſſelbe, was ich oft ſelbſt gedacht hatte, und was mir in dieſem Augenblicke klar war. Aber wie konnte ich, ein armer, beſchränkter Bauernbube, jene wunderbare Inconſequenz ver⸗ meiden, deren ſich ſelbſt die weiſeſten Menſchen täglich ſchuldig machen? „Es mag Alles wahr ſein,“ ſagte ich zu Biddy,„allein ich be⸗ wundere ſie doch erſchrecklich.“ Kurz, ich legte mich nach dieſen Worten auf das Geſicht, griff mit beiden Händen in mein Haar, und zauste es weidlich, während ich mir deſſen bewußt war, wie wahnſinnig und übel angebracht die Leidenſchaft meines Herzens ſei, und daß meinem Geſichte recht ge⸗ ſchehen würde, wenn ich es beim Haare aufhöbe und zur Strafe da⸗ für, daß es einem ſo blödſinnigen Narren, wie mir, gehörte, auf den ſteinigen Boden niederſtieße. Biddy war ein ſehr verſtändiges Mädchen, und machte keinen ferneren Verſuch, mich durch Gründe zu überzeugen. Sie legte ihre Hand, die von der harten Arbeit zwar rauh, aber doch ſanft war auf meine Hände, eine nach der anderen, und nahm ſie aus den Haaren weg. Dann klopfte ſie tröſteud meine Schulter während ich, das Geſicht auf den Aermel gelegt, bitterlich weinte,— gerade ſo, wie ich auf dem Hofe der Brauerei gethan, und das dunkle, unbe⸗ ſtimmte Gefühl hatte, daß ich von irgend Jemand, oder von Jeder⸗ mann,— ich weiß nicht, von wem,— arg mißhandelt werde. „Eins freut mich,“ ſagte Biddy,„das nämlich, daß du mir dein Vertrauen haſt ſchenken können; und noch Eins— ich meine das, daß du natürlich weißt, du kannſt dich auf mich und meine Verſchwie⸗ genheit verlaſſen. Wenn deine erſte Lehrerin(eine ſo unwiſſende und der Unterweiſung ſelbſt ſo ſehr bedürftige) es noch jetzt wäre, ſo wüßte ſie, welche Aufgabe ſie dir zu geben hätte. Es würde eine ſchwere ſein, aber du biſt jetzt aus ihren Händen, und es nützt da⸗ her nichts mehr.“ Mit einem ſtillen, bemitleidenden Seufzer erhob ſich Biddy vom und fragte in verändertem, plötzlich munterem und wohlklingen⸗ Tone: „Sollen wir noch etwas weiter gehen, oder heimkehren?“ „Biddy,“ rief ich emporſpringend, indem ich meinen Arm um ihren Nacken ſchlang und ſie küßte,„ich werde dir immer Alles mittheilen.“ „Bis du ein vornehmer Mann biſt,“ verſetzte Biddy. „Ach, du weißt, ich werde nie einer werden, alſo wird es im⸗ mer ſein, wenn gleich ſich vielleicht nie eine Gelegenheit bietet, dir etwas zu vertrauen, da du Alles weißt, was ich weiß,— wie ich dir neulich Abends zu Hauſe ſchon geſagt habe.“ Ufer dem „Ach!“ flüſterte Biddy leiſe, indem ſie den Schiffen nachblickte, und wiederholte dann, wie vorher, in verändertem, froherem Tone: „Sollen wir noch etwas weiter gehen, oder heimkehren?“ 24* * rede?“ ————— Ich ſchlug vor, noch etwas weiter zu gehen, und wir thaten es, bis der Sommernachmittag ſich allmälig zum Abend hinab ſenkte, der ſehr ſchön war. Ich begann darüber nachzudenken, ob ich in meinen gegenwärtigen Verhältniſſen nicht beſſer daran ſei, als wenn ich in jenem Zimmer, mit den ſtill ſtehenden Uhren, beim Scheine von Wachslichtern Karten ſpielte und von Eſtella verhöhnt werde, und kam zu der Anſicht, daß es gut für mich ſein würde, wenn ich ſie, mit allen den übrigen Erinnerungen und Phantaſien, aus meinem Kopfe gänzlich verdrängen, und ſtatt deſſen mit Luſt und Liebe an meine Arbeit gehen und ihr alle meine Kräfte widmen könnte. Ich fragte mich ſelbſt, ob ich nicht deſſen gewiß ſei, daß Eſtella, wenn ſie in dieſem Augenblicke ſtatt Biddy's an meiner Seite wäre, mich elend machen würde,— mußte es als unzweifelhaft zugeſtehen, und ſagte dann zu mir ſelbſt:„Pip, was für ein Narr biſt du!“ Wir ſprachen noch viel auf dem Spaziergange, und Alles, was Biddy ſagte, ſchien vollkommen richtig zu ſein. Biddy war nie be⸗ leidigend, oder auch nur launiſch, nicht heut ſo und morgen ſo; es würde ihr nur Schmerz, nicht Freude, bereitet haben, Anderen wehe zu thun, und lieber würde ſie ihre eigene Bruſt verwundet haben, als die meinige. Wie war es daher nur möglich, daß ich ſie nicht lieber hatte, als Eſtella? „Biddy,“ ſagte ich, während wir heim gingen,„ich wollte, du könnteſt mich wieder auf den rechten Weg bringen.“ „Ich wollte es auch!“ erwiderte ſie. „Wenn ich mich nur in dich verlieben könnte,— nicht wahr, du nimmſt es nicht übel, daß ich mit einer alten Frenndin ſo offen „O, keineswegs!“ verſetzte Biddy;„ſcheue dich vor mir nicht!“ „Wenn ich mich nur dazu bringen könnte, das wäre das Beſte für mich.“ „Ja, aber du wirſt es nicht dahin bringen.“ In jenem Momente, am Abende, ſchien es mir durchaus nicht ſo unwahrſcheinlich, wie es mir ohne Zweifel wenige Stunden vor⸗ her erſchienen ſein würde. Ich bemerkte deßhalb, daß ich deſſen nicht ſo ganz gewiß ſei; allein Biddy erwiderte, daß ſie deſſen gewiß ſei, und ſprach es mit voller Entſchiedenheit aus. Im Herzen gab ich ihr Recht, aber nahm es doch gewiſſermaßen übel, daß ſie in dieſem Punkte ſo ſicher war. Als wir in die Nähe des Kirchhofs kamen, mußten wir einen Feierſtunden. 1864. —-—— Damm paſſiren und bei einer Schleuſe über einen Zauntritt ſteigen. Während Letzteres geſchah, ſprang plötzlich der alte Orlick hinter dem Schleuſenthore, oder aus dem Gebüſche, oder gar aus dem Schlamme (der viel Aehnlichkeit mit ihm hatte), hervor. „Holla!“ brummte er,„wohin geht ihr Beide denn?“ „Wohin anders, als nach Hauſe!“ erwiderte ich. „So? Nun, ſo will ich geſpießt werden, wenn ich nicht mit gehe!“ Dieſe Strafe, geſpießt zu werden, war ein Lieblingsausdruck von ihm. Er verband, ſo viel ich weiß, keine beſtimmte Bedeutung mit dem Worte, aber bediente ſich deſſelben wie ſeines angeblichen Vor⸗ namens, um die Leute zu ärgern und einen recht rohen Eindruck zu machen. Als jüngerer Knabe hatte ich den Glauben, daß er, wenn er mich perſönlich geſpießt hätte, dies mit einem ſpitzen, gebogenen Haken gethan haben würde. Biddy wollte nicht, daß er mit uns gehe, und flüſterte mir zu: „Laß ihn nicht mit uns gehen, ich mag ihn nicht!“ Da er mir auch zuwider war, ſo nahm ich mir die Freiheit, ihm zu ſagen, daß wir ihm dankten und ſeiner Begleitung nicht bedürften. Er nahm dieſe Erklärung mit einem gellenden Gelächter auf, aber blieb dennoch zu⸗ rück, und ſchlich uns nur in einiger Entfernung nach. Neugierig zu wiſſen, ob Biddy vielleicht den Verdacht hege, daß er bei dem mörderiſchen, noch immer unerklärten Angriffe auf meine Schweſter betheiligt geweſen ſei, fragte ich ſie, weßhalb ſie ihn nicht leiden möge. ——;; „Ach,“ verſetzte ſie, über die Schulter nach ihm zurück blickend, während er uns nachgeſchlottert kam,—„weil ich— glaube, daß er— mich gern hat.“ „Hat er dir das jemals geſagt?“ fragte ich empört. „Nein,“ entgegnete Biddy, abermals zurückblickend„er hat es mir nie geſagt, aber er tanzt immer auf mich zu, ſobald ich ihn zu⸗ fällig anblicke.“ So neu und ſeltſam dieſe Art und Weiſe, eine Zuneigung aus⸗ zudrücken, auch ſein mochte, ſo zog ich doch die Richtigkeit ihrer Aus⸗ legung nicht in Zweifel. Ich war empört darüber, daß der alte Orlick es wagte, ihr ſeine Bewunderung zu beweiſen, in demſelben Grade empört, als wenn es eine perſönliche Beleidigung für mich geweſen wäre. „Aber es kann dir ja ganz gleichgültig ſein,“ ſagte Biddy ruhig. „Allerdings, Biddy, es kann mir gleichgültig ſein, aber es miß⸗ fällt mir, ich kann es nicht billigen.“ „Ich auch nicht,“ verſetzte Biddy,„obgleich dir auch das gleich⸗ gültig ſein kann.“ „Ganz richtig,“ erwiderte ich;„allein ich kann dir nicht verheh⸗ len, daß ich keine gute Meinung von dir hegen würde, wenn er mit deiner Bewilligung auf dich zutanzte.“ Von jenem Abende an richtete ich ein wachſames Auge auf Or⸗ lick, und ſobald ſich ihm eine Gelegenheit bot, auf Biddy loszutan⸗ zen, ſo trat ich dazwiſchen, um dieſe Kundgebung zu verhindern. Er hatte durch die plötzliche Vorliebe meiner Schweſter für ihn feſteren Fuß in Joe's Hauſe gefaßt, ſonſt würde ich Letzteren zu beſtimmen verſucht haben, ihn zu entlaſſen. Er erkannte und erwiderte auch meine wohlmeinenden Abſichten, wie ich ſpäter zu erfahren Gelegen⸗ heit hatte. Da gegenwärtig mein Gemüth noch nicht in genügender Ver⸗ wirrung war, ſo vergrößerte ich ſie noch um das Zehnfache dadurch, daß ich von Zeit zu Zeit Zuſtände hatte, in denen es mir klar ſchien, daß Biddy nnendlich viel beſſer als Eſtella ſei, und daß in dem ein⸗ fachen, ehrlichen Handwerkerleben, zu dem ich geboren worden, nichts liege, deſſen ich mich zu ſchämen habe, ſondern daß es mir genug biete, um glücklich ſein und mich ſelbſt achten zu können. In ſolchen Zeiten nahm ich dann mit Gewißheit an, daß meine Abneigung ge⸗ gen den guten, alten Joe und ſeine Schmiede völlig geſchwunden ſei, und daß ich mich auf dem beſten Wege befinde, ſein Geſchäftstheil⸗ haber und Biddy's Bräutigam zu werden,— als plötzlich irgend eine Erinnerung an den Aufenthalt bei Miß Havisham wie ein zerſtören⸗ des Geſchoß auf mich fiel und mir alle Gemüthsruhe wieder raubte. Dann währte es lange, bis ich ſie völlig wieder fand, und oft, ehe es mir gelang, erwachte urplötzlich der Gedanke, daß Miß Havisham vielleicht dennoch nach Beendigung meiner Lehrzeit mein Glück zu machen beabſichtige, und raubte ſie mir von Neuem. Wäre meine Lehrzeit ganz abgelaufen, ſo würde meine innere Unruhe wahrſcheinlich damit nicht aufgehört haben; allein ſie lief nicht ab, ſondern wurde vor der Zeit unterbrochen, wie ich erzählen werde. Achtzehntes Kapitel. Es war im vierten Jahre meiner Lehrzeit bei Joe, und an einem Samſtag Abend, als eine Gruppe von Gäſten in der Schenke zu „den drei fröhlichen Schiffern“ um das Feuer verſammelt war und Mr. Wopsle ſehr aufmerkſam zuhörte, welcher den Inhalt einer Zei⸗ tung vorlas. Ich gehörte auch zu dieſer Gruppe. Es war ein großes Aufſehen erregender Mord verübt worden, und Mr. Wopsle watete bis an die Augenbraunen im Blut. Er ſchwelgte in den entſetzlichen Ausdrücken der Beſchreibung und ſpielte die Rolle eines jeden Zeugen bei der Todtenſchau. Das Opfer dar⸗ ſtellend, ſtöhnte er matt:„Ich bin verloren!“ und brüllte wüthend als Mörder:„Ich will dir's geben!“ Er trug das Gutachten des — Arztes keuchte ¹ nehött h iihigkeit rurde i büttel 3. alle hat In dieſe migen? übt hal 8 Herrn, ſchaute. an der ſichter „ vorübe entſchie A dawid Beka ſämn Mur / her, Allein wiſſen unſchr Engl nagen Sie Fall ſein, ſitorn tet,— nagte. / 2 lleich er hin ein A Zeuge ihn p Nein fort: daß 1 in T J uge A 1 Iwer Sie rück blicktnd, laaube, daß „er hat es Hich ihn zu⸗ ggung aus⸗ ihrer Aus⸗ aß der alte n demſelben u für mich Büdy ruhig. ber es miß⸗ das gleich⸗ cit verheh⸗ wew dt wüt uge auf Or⸗ iy loszutan⸗ m feſteren beſtimmen idderte auch ihe dadurch, rklar ſchien, in dem ein⸗ rden, nichts mir genug In ſolchen neigung ge⸗ , 3 der raubte⸗ nd oft, che 5 Havisham in Glück in neine imnerk ſie lief nicht len werde. Feierſtunden. 1864. ——⅓—⅓::ꝛꝛ—ꝛꝛͤ—:õy——ry—r——;— Arztes mit treffender Nachahmung unſeres Dorfdoktors vor, und keuchte und zitterte als der alte Hüter des Weghauſes, welcher Schläge gehört hatte, auf ſo furchtbare Weiſe, daß man über die Zurechnungs⸗ fähigkeit dieſes Zeugen zweifelhaft werden mußte. Der Leichenbeſchauer wurde in ſeiner Darſtellung zu einem Timon den Pher⸗ und der Büttel zu einem Coriolan. Er ſelbſt hatte großen Genuß, und wir Alle hatten großen Genuß, und fühlten uns außerordentlich behaglich. In dieſer traulichen Stimmung gelangten wir endlich zu dem einſtim⸗ migen Wahrſpruche, daß der Thäter einen„überlegten Mord“ ver⸗ übt habe. In dieſem Augenblicke, nicht früher, bemerkte ich einen fremden Herrn, der, auf die Lehne eines Stuhles mir gegenüber gelehnt, zu⸗ ſchaute. In ſeinen Zügen lag ein verächtlicher Ausdruck, und er nagte an der Seite ſeines Zeigefingers, während er die verſchiedenen Ge⸗ ſichter beobachtete. „Nun,“ ſagte der Fremde zu Mr. Wopsle, als das Leſen vorüber war,„es ſcheint, Sie haben Alles zu Ihrer Zufriedenheit entſchieden?“ Alle Anweſenden ſtutzten und blickten zu ihm auf, als wenn er der Mörder wäre. Er dagegen ſchaute Alle kalt und höhniſch an. „Natürlich ‚Schuldig!““ ſagte er,—„nicht wahr? Nur heraus damit!“ „Mein Herr,“ erwiderte Mr. Wopsle,„ohne die Ehre Ihrer Bekanntſchaft zu haben, ſage ich allerdings ‚Schuldig!’ worauf wir ſämmtlich Muth faßten und den Ausſpruch durch ein allgemeines Murmeln beſtätigten. „Ich weiß das,“ fuhr der Fremde fort,„ich wußte ſchon vor⸗ her, daß Sie dieſen Ausſpruch thun würden, und ſagte es Ihnen. Allein jetzt will ich Ihnen eine Frage vorlegen. Wiſſen Sie, oder wiſſen Sie nicht, daß das engliſche Geſetz einen Jeden ſo lange als unſchuldig anſieht, bis— ſeine Schuld bewieſen iſt?“ „Mein Herr,“ wollte Mr. Wopsle antworten,„da ich ſelbſt ein Engländer bin—“ „Halt!“ unterbrach ihn der Fremde, an ſeinem Zeigefinger nagend,„weichen Sie meiner Frage nicht aus. Entweder wiſſen Sie es, oder Sie wiſſen es nicht. Welches von Beidem iſt der Fall?“ Er ſtand mit dem Kopfe auf die eine Seite geneigt, während ſein Körper ſich nach der anderen neigte, mit einer drohenden Inqui⸗ ſitormiene da, und hielt ſeinen Zeigefinger auf Mr. Wopsle gerich⸗ tet,— wie um ihn beſonders zu bezeichnen,— ehe er weiter daran nagte. „Nun?“ rief er.„Wiſſen Sie es, oder wiſſen Sie es nicht?“ „Allerdings weiß ich es,“ erwiderte Mr. Wopsle. „Allerdings wiſſen Sie es. Aber weßhalb haben Sie es nicht gleich geſagt? Ich will Ihnen jetzt eine andere Frage vorlegen,“ fügte er hinzu, indem er von Mr. Wopsle ſo Beſitz nahm, als wenn er ein Anrecht an ihn habe.„Wiſſen Sie auch, daß keiner von dieſen Zeugen einem Kreuzverhör unterworfen worden iſt?“ „Ich kann nur ſagen—“ begann Mr. Wopsle, als der Fremde ihn wieder unterbrach. „Was?“ rief er.„Sie wollen die Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten? Ich werde es noch einmal verſuchen.“ Dann ſeinen Zeigefinger wieder nach ihm ausſtreckend, fuhr er fort: 1 „Hören Sie mich an! Iſt Ihnen bekannt, oder nicht bekannt, daß noch kein Zeuge einem Kreuzverhör unterworfen worden iſt? Nur ein Wort will ich von Ihnen hören,— Ja oder Nein?“ Mr. Wopsle zauderte, und wir Alle begannen eine ſehr dürf⸗ tige Meinung von ihm zu faſſen.“ „Nun,“ rief der Fremde,„ich will Ihnen helfen. Sie verdienen zwar meine Hülfe nicht, aber ich will Ihnen dennoch helfen. Schauen Sie auf das Papier in Ihrer Hand. Was iſt es?“ „Was es iſt?“ wiederholte Mr. Wopsle, es verlegen betrachtend. 189 ——òꝛ⅔õ————— „Iſt es,“ fuhr der Fremde mit höhniſcher und verdächtiger Miene fort,„die Zeitung, aus der Sie ſoeben vorgeleſen haben?“ „Unzweifelhaft.“ „Unzweifelhaft. Gut, ſo wenden Sie das Blatt um und ſagen Sie mir, ob nicht ausdrücklich darin erwähnt iſt, daß der Rechtsbei⸗ ſtand des Gefangenen ihn angewieſen hat zu erklären, daß er ſich ſeine ganze Vertheidigung für ſpäter vorbehalten wolle.“ „Ich habe das ſoeben erſt geleſen,“ wandte Mr. Wopsle ein. „Gleichviel, ob Sie es ſoeben erſt geleſen haben; ich frage nicht, was Sie leſen. Sie mögen das Vaterunſer rückwärts leſen, wenn Sie wollen,— wie Sie vielleicht ſchon oft gethan haben. Wenden Sie das Blatt um. Nein, nein, mein Freund, nicht dort oben; Sie wiſſen beſſer, wo es ſteht, unten in der Spalte, unten!“ Wir begannen Alle zu glauben, daß Mr. Wopsle Ausflüchte machen wolle. „Nun, haben Sie es gefunden?“ „Hier iſt es,“ verſetzte Mr. Wopsle. „Gut, ſo leſen Sie dieſe Stelle für ſich noch einmal und ſagen Sie mir, ob darin nicht erwähnt iſt, daß der Gefangene ausdrücklich erklärte, er ſei von ſeinen Rechtsbeiſtänden angewieſen worden, ſeine ganze Vertheidigung zu reſerviren. Wie? Finden Sie das?“ „Es ſind nicht genau dieſelben Worte,“ entgegnete Mr. Wopsle. „Nicht genau dieſelben Worte!“ wiederholte der Fremde mit höh⸗ niſchem Tone.„Iſt es aber genau der Sinn?“ „Ja,“ erwiderte Mr. Wopsle. „Ja!“ wiederholte der Fremde, die Anweſenden nach der Reihe anblickend, während ſeine rechte Hand auf Wopsle deutete.„Und nun frage ich Sie Alle, was Sie zu dem Gewiſſen dieſes Mannes ſagen, der, mit jener Stelle vor den Augen, ſeinen Kopf ruhig auf das Kiſſen niederlegen kann, nachdem er einen Mitmenſchen ungehört für„ſchuldig“ erklärt hat?“ Wir begannen ſämmtlich zu vermuthen, daß Mr. Wopsle nicht der Mann ſei, für den wir ihn gehalten hatten, und daß ſeine wirk⸗ liche Beſchaffenheit jetzt erſt an den Tag komme. „Und bedenken Sie,“ fuhr der Fremde fort, mit dem Finger wieder auf Wopsle deutend,„eben dieſer Mann kann als Geſchwo⸗ rener zu dieſem Unterſuchungsverfahren geladen werden, nachdem er ſich ſo ſchwer vergangen hat, um dann zu ſeiner Familie zurückzu⸗ kehren und den Kopf ruhig auf das Kiſſen zu legen, obgleich er feier⸗ lich geſchworen hat, den Streitpunkt zwiſchen unſerem Herrn und Gebieter, dem Könige, und dem Gefangenen gewiſſenhaft zu erwägen und nach Maßgabe der vorliegenden Beweiſe einen gerechten Spruch zu thun, ſo wahr ihm Gott helfe!“ Wir waren Alle feſt überzeugt, daß der unglückliche Wopsle zu weit gegangen ſei und wohl thun würde, auf ſeiner gewiſſenloſen Bahn inne zu halten, ehe es zu ſpät werde. Mit einer Autorität, die keinen Widerſpruch zuließ, und mit einer Miene, als wolle er ſagen, daß er von jedem der Anweſenden gewiſſe geheime Dinge wiſſe, die genügend ſein würden, um ihn in's Verderben zu bringen, wenn er ſie veröffentlichen wollte, verließ jetzt der Fremde die Stuhllehne und trat in den Raum zwiſchen den bei⸗ den Bänken, vor das Feuer, wo er ſtehen blieb und wieder am Zeigefinger der rechten Hand nagte, während die linke in der Taſche ruhte. „Einer Mittheilung zufolge,“ ſagte er, die ſcheu vor ihm zurück⸗ weichenden Gäſte der Reihe nach anblickend,„habe ich Urſache anzu⸗ nehmen, daß ſich unter Ihnen ein Hufſchmied, Namens Joſeph,— oder Joe— Gargery befindet. Wo iſt der Mann?“ „Hier iſt er!“ erwiderte Joe. Der Fremde winkte ihm, von ſeinem Platze hervorzukommen, und Joe kam. „Sie haben einen Lehrling,“ fuhr er darauf fort,„der gewöhn⸗ lich Pip genannt wird? Iſt er hier?“ „Ja, ich bin hier!“ rief ich. — y— 190 Feierſtun Der Fremde erkannte mich nicht, allein ich erkannte in ihm ſo gleich denienigen Herrn, der mir bei meinem zweiten Beſuche in Miß Havisham's Hauſe auf der Treppe begegnet war. Seine ganze Er ſcheinung war zu auffallend, als daß ich ſie hätte vergeſſen können. Ich hatte ihn im erſten Augenblicke erkannt, als ich ihn auf die Stuhllehne geſtützt ſtehen ſah, und jetzt, während ich ihm gerade ge⸗ genüber ſtand und ſeine Hand auf meiner Schulter ruhte, konnte ich einzeln wieder ſeinen großen Kopf, die dunkle Geſichtsfarbe, die tief liegenden Augen, die buſchigen Augenbraunen, ſeine große Uhrkette und die ſtarken, ſchwarzen Bartflecken ſeines Geſichtes betrachten und ſelbſt den Duft parfümirter Seife an ſeiner großen Hand riechen. „Ich wünſche mit Ihnen beiden allein zu ſprechen,“ ſagte er, nachdem er mich mit Muße betrachtet hatte.„Es wird einige Zeit währen, und wir thäten deßhalb vielleicht beſſer, nach Ihrem Hauſe zu gehen. Ich möchte meine Mittheilungen nicht gern hier machen. Ihren Augehörigen mögen Sie nachher ſo viel davon ſagen, als Ihnen beliebt; das geht mich nichts an.“ Erſtaunt und ſchweigend verließen wir die Schenke und gingen mit dem Fremden nach unſerer Wohnung. Auf dem Wege betrach tete mich Letzterer von Zeit zu Zeit, und nagte dabei an der Seite ſeines Fingers. Als wir uns dem Hauſe näherten, ging Joe, von einer dunklen Vorſtellung erfüllt, daß es ſich hier um eine feierliche, bedeutungsvolle Gelegenheit handle, voran und öffnete die große Vor derthür. Unſere Berathung fand im Staatszimmer ſtatt, welches von einem Talglichte ſchwach erleuchtet wurde. Sie begann damit, daß der fremde Herr ſich am Tiſche nieder ſetzte, das Licht näher zog und den Inhalt eines Taſchenbuches über dlickte. Letzteres machte er darauf wieder zu und ſchob das Licht et⸗ was auf die Seite, nachdem er um daſſelbe herum in die Dunkelheit des Zimmers hinein geblickt hatte, um ſich zu überzeugen, wo Jeder von uns Beiden, Joe und ich, ſaß. „Mein Name,“ begann er,„iſt Jaggers; ich bin Advokat in London und dort wohl bekannt. Ich habe ein Geſchäft beſonderer Art mit Ihnen abzumachen, und ſchicke deßhalb die Erklärung vor aus, daß es nicht von mir ausgeht. Wäre mein Rath verlangt wor den, ſo würde ich jetzt nicht hier ſein; er iſt aber nicht verlangt wor den und Sie ſehen mich hier. Was ich im Auftrage eines Anderen zu thun habe, thue ich,— nicht mehr, und nicht weniger.“ Da er fand, daß er uns von ſeinem Sitze aus nicht gut ſehen konnte, ſo ſtand er auf, und warf ein Bein über die Lehne eines Stuhles und ſtützte ſich darauf, ſo daß auf dieſe Weiſe der eine Fuß auf dem Sitze des Stuhles ruhte und der andere auf dem Boden ſtand. „Alſo, Joſeph Gargery, ich bin beauftragt, Ihnen das Aner bieten zu machen, Sie von dieſem jungen Menſchen, Ihrem Lehr linge, zu befreien. Würden Sie ſich bereit finden laſſen, auf ſeinen Wunſch und zu ſeinem Beſten das Lehrverhältniß aufzuheben?— und würden Sie keine Entſchädigung dafür beanſpruchen?“ „Gott verhüte, daß ich etwas dafür verlangen ſollte, Pip nicht hinderlich zu ſein!“ erwiderte Joe mit erſtaunten Blicken. „Gott verhüte— iſt zwar fromm, aber gehört nicht hierher,“ verſetzte Mr. Faggers.„Die Frage iſt: dafür?“ „Die Antwort iſt,“ entgegnete Joe in ſcharfem Tone:„Nein!“ Verlangen Sie etwas Es ſchien mir, als wenn Mr. Jaggers einen Blick auf Joe warf, welcher ſagen wollte, daß er ihn wegen ſeiner Uneigennützigkeit für einen Narren halte; allein ich war von Staunen und athemloſer Neu⸗ gierde zu ſehr erfüllt, um genau darauf achten zu können. „Sehr wohl,“ verſetzte Mr. Jaggers.„Vergeſſen Sie dieſes Zugeſtändniß nicht, und verſuchen Sie ſpäter nicht davon abzugehen.“ „Wer denkt daran, das zu thun?“ fragte Joe. „Ich ſage nicht, daß Jemand daran denkt. Halten Sie einen Hund?* 1 den. 1864. ————ꝛ:-——————————; „Ja, ich halte einen Hund.“ 1 „Gut, ſo merken Sie ſich, daß Prahlen ein guter Hund iſt, Haltfeſt aber ein noch beſſerer. Merken Sie ſich das! wiederholte Mr. J Jaggers, indem er die Augen ſchloß und Joe zunickte, als vergäbe er ihm etwas.„Um nun wieder auf dieſen jungen Menſchen zu kommen, ſo habe ich Ihnen anzuzeigen, daß er große Erwartun⸗ gen hat.“ Joe und ich, wir ſchnappten Beide nach Luft und blickten ein⸗ ander an. „Ich bin beauftragt, ihm mitzutheilen,“ fuhr Mr. Jaggers fort, indem er von der Seite mit ſeinem Finger auf mich deutete,„daß er in den Beſitz eines ſchönen Vermögens gelangen wird; ferner, daß es der Wunſch des gegenwärtigen Beſitzers dieſes Vermögens iſt, daß er ſogleich dieſen Ort und ſeine jetzige Lebensweiſe verlaſſe, um zu einem Gentleman erzogen zu werden,— mit einem Worte, als ein junger Mann, der große Erwartungen hat.“ Mein Traum ging in Erfüllung; meine wilden Phantaſien wur⸗ den von der nüchternen Wirklichkeit noch übertroffen, und Miß Ha⸗ visham war im Begriffe mein Glück in großem Maßſtabe zu machen „Nun, Mr. Pip,“ fuhr der Advokat fort,„was ich noch zu ſa⸗ gen habe, will ich direkt an Sie richten. Erſtens merken Sie ſich, daß es der Wunſch derjenigen Perſon iſt, in deren Auftrage ich handle, daß Sie den Namen Pip ſtets beibehalten. Sie werden wahrſchein lich nichts dagegen einzuwenden haben, daß Ihre großen Erwartun gen mit dieſer leichten Bedingung belaſtet werden. Sollte es aber dennoch der Fall ſein, ſo müſſen Sie es jetzt ſagen.“ Mein Herz ſchlug ſo heftig, und meine Ohren ſausten ſo ſtark, daß ich kaum die Antwort hervor ſtottern konnte, ich habe nichts da⸗ gen einzuwenden. „Ich dachte es wohl!“ ſagte Mr. Jaggers.„Zweitens, Mr. Pip, müſſen Sie wiſſen, daß der Name derijenigen Perſon, welche dieſe Wohlthaten auf Sie häuft, ſo lange ein tiefes Geheimniß blei⸗ ben muß, bis ſie ſelbſt es zu enthüllen für gut befindet. Ich bin ermächtigt zu erwähnen, daß es die Abſicht dieſer Perſon iſt, es Ihnen ſelbſt zu ſagen. Wenn dieſe Abſicht ausgeführt werden wird, weiß ich nicht,— weiß Niemand. Es kann ſein, daß es erſt nach Jahren geſchieht. Sie haben ſich ferner zu merken, daß Sie ſich nicht erlau⸗ ben dürfen, Nachforſchungen in dieſer Beziehung zu verſuchen, oder auch nur entfernte Anſpielungen auf dieſe Perſon gegen irgend Jemand zu machen. Wenn Sie Vermuthungen hegen, ſo behalten Sie dieſe für ſich. Es kommt hier nicht darauf an, aus welchen Gründen die⸗ ſes Verbot erfolgt; gleichviel, ob es Gründe von Wichtigkeit ſind, oder bloſe Laune. Sie haben nichts danach zu fragen. Die Bedin⸗ gung iſt geſtellt. Daß ſie ſich derſelben unterwerfen und ſie gewiſſen⸗ haft halten, iſt das Einzige, was ich Ihnen im Auftrage jener Per⸗ ſon noch zur Pflicht zu machen habe, für die ich im Uebrigen nicht verantwortlich bin. Dieſe Perſon iſt dieſelbe, der Sie Ihre großen Erwartungen zu verdanken haben, und das Geheimniß iſt nur ihr und mir bekannt. Auch dieſes iſt keine ſehr läſtige Bedingung für Jemanden, dem ein ſolches Glück zufällt; aber wenn Sie irgend eine Einwendung dagegen zu machen haben, ſo iſt es jetzt Zeit, es zu ſagen. Sprechen Sie!“ Mühſam ſtotterte ich noch einmal hervor, daß ich keine Einwen⸗ dung dagegen zu machen habe. „Ich dachte es wohl,“ ſagte Mr. Jaggers wieder;„und nun, Mr. Pip, bin ich mit meinen Bedingungen fertig.“ Obgleich er mich Mr. Pip nannte und in achtbarem Tone mit mir zu reden begann, ſo konnte er doch nicht eine gewiſſe drohende und zugleich argwöhniſche Miene unterdrücken; und ſelbſt jetzt noch ſchloß er zuweilen die Augen und deutete beim Sprechen mit ſeinem Finger auf mich, als wenn er damit ſagen wolle, daß ihm allerhand nachtheilige Dinge in Betreff meiner bekannt ſeien, die er veröffent⸗ lichen konnte, wenn es ihm gefiele. in mein und auſ 8 Ihr wollte, bezahlt uöthig Hund iſ, erholte M. als vergäbe Renſchen zu Erwartun⸗ s iſt, daß „ um zu rte, als ein iſt, es Ihnen wird, wiiß nach Jahren wnicht erlaut ſuchen, oder d Zemand ie dieſ ztre großen ij nur ihr dingung ſu . irgend eine es z Zeit, eine Einwan⸗ Feierſtunden. 1864. ——;—:—:—::rͤ————õ—õõ————— — „Wir kommen jetzt,“ fuhr er fort,„zu den beſonderen Umſtän⸗ den und Einzelheiten unſeres Arrangements. Obgleich ich wiederholt das Wort„Erwartungen“ gebraucht habe, ſo ſind Sie doch nicht blos auf„Erwartungen“ angewieſen; vielmehr befindet ſich bereits in meinen Händen eine Summe Geldes, welche zu Ihrer Ausbildung und anſtändigen Erhaltung genügend iſt. Ich bitte Sie deßhalb, mich als Ihren Vormund anzuſehen. Oh!“ rief er, als ich ihm danken wollte,„ich ſage Ihnen ein für alle Mal, daß ich für meine Dienſte bezahlt werde, denn ſonſt würde ich ſie nicht leiſten. Es wird für nöthig erachtet, daß Sie eine beſſere, Ihrer veränderten Stellung entſprechende Erziehung genießen, und man erwartet, daß Sie ein⸗ ſehen werden, wie wichtig und nothwendig es für Sie iſt, von die⸗ ſem Vortheile ſogleich Gebrauch zu machen.“ Ich erwiderte, daß ich nie etwas ſehnlicher gewünſcht habe. „Ob Sie nie etwas ſehnlicher gewünſcht haben, iſt gleichgültig, Mr. Pip,“ entgegnete er;„bleiben Sie bei der Sache. Es genügt, wenn Sie es wünſchen. Soll ich Ihre Antwort ſo verſtehen, daß Sie bereit ſind, ſich ſogleich einem geeigneten Lehrer übergeben zu laſſen? Meinen Sie das?“ Ich ſtotterte eine Bejahung. „Gut,“ fuhr er fort;„jetzt müſſen wir Ihre Neigungen zu Rath ziehen. Ich halte es zwar nicht für klug gehandelt, verſtehen Sie wohl, allein mein Auftrag lautet ſo. Haben Sie jemals von einem Lehrer gehört, den Sie beſonders vorziehen würden?“ Ich hatte nie von anderen Lehrern gehört, als Biddy und Mr. Wopsle's Großtante, und antwortete deßhalb verneinend. „Ich kenne einigermaßen einen gewiſſen Lehrer, der vielleicht paſſend ſein würde,“ bemerkte Mr. Jaggers.„Doch will ich ihn nicht empfehlen, denn ich empfehle niemals irgend Jemanden. Der Herr, von dem ich ſpreche, iſt ein gewiſſer Matthias Pocket.“ Ach, ich erinnerte mich ſogleich des Namens. Es mußte Miß Havisham's Verwandter ſein,— der Matthias, von dem Mr. und Mrs. Camilla geſprochen hatten; der Matthias, welcher den Platz an Miß Havisham's Kopf einnehmen ſollte, wenn ſie in ihrem Braut⸗ kleide todt auf dem Hochzeitstiſche liegen würde. „Sie kennen den Namen?“ fragte Mr. Jaggers, indem er mich mit ſchlauer Miene anblickte und dann, meine Antwort erwartend, die Augen ſchloß. Ich erwiderte, daß ich den Namen gehört habe. „Oh,“ verſetzte er,„Sie haben den Namen gehört. Frage iſt, was Sie dazu ſagen?“ Ich ſagte, oder verſuchte zu ſagen, daß ich ihm ſehr dankbar ſei für ſeine Empfehlung und— „Nein, nein, mein junger Freund!“ unterbrach er mich, ſeinen großen Kopf ſehr langſam ſchüttelnd.„Beſinnen Sie ſich!“ Ohne mich jedoch zu beſinnen, begann ich von Neuem, daß ich ihm ſehr dankbar ſei für ſeine Empfehlung— „Nein, mein junger Freund,“ unterbrach er mich abermals, den Kopf mit einer finſteren Miene ſchüttelnd und zugleich lachend,„nein, nein, nein! Es iſt zwar recht gut angefangen, aber es geht nicht; Sie ſind zu jung, um mich damit zu fangen. Empfehlung iſt nicht das rechte Wort, Mr. Pip. Verſuchen Sie ein anderes.“ Mich verbeſſernd, ſagte ich, daß ich ihm ſehr dankbar dafür ſei, Matthias Pocket erwähnt zu haben— „Das iſt ſchon beſſer!“ rief Mr. Jaggers. und, fügte ich hinzu, ich wolle es mit dem Herrn verſuchen. „Gut,“ ſagte er,„verſuchen Sie es lieber mit ihm in ſeinem eigenen Hauſe. Der Weg dahin ſoll Ihnen eröffnet werden, und Sie mögen erſt ſeinen Sohn in London beſuchen. Wann wollen Sie nach London kommen?“ Joe anblickend, welcher regungslos da ſtand, erwiderte ich, daß ich glaubte, ſogleich dahin gehen zu können. Aber die Mr. — —,— 191 „Vorher aber,“ bemerkte Mr. Jaggers,„müſſen Sie neue Klei⸗ der haben, um ſich darin ſehen laſſen zu können, und es dürfen keine Arbeitskleider ſein. Wir wollen ſagen, heute über acht Tage. Sie werden Geld brauchen. Soll ich Ihnen zwanzig Guineen hier laſſen?“ Er zog eine lange Börſe mit der größten Kaltblütigkeit hervor, zählte das Geld auf den Tiſch, und ſchob es mir zu. Erſt in dieſem Augenblicke nahm er ſein Bein vom Stuhle herunter. Er ſaß jetzt quer auf dem Stuhle, während er mir das Geld zuſchob, und blickte darauf Joe an, die Börſe in ſeiner Hand ſchwingend. „Nun, Joſeph Gargery,“ ſagte er,„Sie ſcheinen ſehr erſtaunt zu ſein?“ „Ich bin es!“ erwiderte Joe mit beſonderem Nachdrucke. „Erinnern Sie ſich, es war ausgemacht worden, daß Sie nichts für ſich ſelbſt zu beanſpruchen hätten.“ „Freilich war das ausgemacht worden,“ verſetzte Joe,„und iſt noch jetzt ausgemacht,— und ſoll immer ausgemacht bleiben.“ „Aber wie,“ fuhr Mr. Jaggers, die Börſe noch immer ſchwin⸗ gend, fort,„wie, wenn mein Auftrag dahin lautete, Ihnen als Ent⸗ ſchädigung ein Geſchenk zu machen?“ „Als Entſchädigung,— wofür?“ fragte Joe. „Dafür, daß Sie ſeine Dienſtleiſtungen verlieren.“ Joe legte ſeine Hand auf meine Schulter, mit ſo leiſer Berüh⸗ rung, wie von der Hand einer Frau. Ich habe ſeitdem oft gedacht, daß er dem Hammer einer Dampfmaſchine ähnlich war, der, in der Vereinigung ſeiner Kraft und Sanftheit, einen Menſchen zermalmen und ein Ei ſtreicheln kann. „Es freut mich von Herzen,“ ſagte er,„wenn Pip zu Glück und Ehre geht, ſo ſehr, daß keine Worte es ausdrücken können. Aber wenn Sie glauben, daß Geld mich entſchädigen kann für den Verluſt des kleinen Kindes,— das in die Schmiede kam— und immer mein beſter Freund war—!“ O mein guter, theurer Joe, den ich ſo bereitwillig verlaſſen wollte, gegen den ich ſo undankbar war, ich ſehe dich noch jetzt, mit dem nervigen Schmiedsarm vor den Augen, mit der wogenden Bruſt, und höre deine verſagende Stimme! O mein guter, treuer, weichher⸗ ziger Joe, ich fühle noch heute das zärtliche Beben deiner Hand auf meinem Arm mit ſo feierlicher Empfindung, als wenn es das Rau⸗ ſchen eines Engelsfittichs geweſen wäre! Ich ſuchte Joe zu tröſten. Verirrt in dem Labyrinthe meines zukünftigen Glückes, vermochte ich die Nebenwege nicht wieder zu finden, auf denen wir zuſammen gewandelt waren. Ich bat ihn, ſich zu beruhigen, denn wir waren(wie er geſagt hatte) immer die beſten Freunde geweſen, und wollten es auch immer bleiben(wie ich ihn verſicherte). Joe arbeitete mit ſeinem freien Handgelenke in die Augen hinein, als wollte er ſie gewaltſam ausdrücken, aber ſagte kein Wort mehr. Mr. Jaggers hatte uns inzwiſchen betrachtet, wie wenn ihm Joe wie ein Blödſinniger vorkäme, und ich wie ſein Wärter. Als es vorüber war, ſagte er, die Börſe, welche er vorher geſchwungen, jetzt in der Hand wiegend: „Nun, Joſeph Gargery, ich biete Ihnen die letzte Gelegenheit. Keine halben Maßregeln mit mir! Wenn Sie das Geſchenk annehmen wollen, mit dem ich beauftragt bin, ſo ſprechen Sie, und Sie ſollen es haben. Wenn Sie dagegen meinen— Hier wurde er zu ſeinem großen Erſtaunen von Joe unterbrochen, welcher ihn plötzlich ſo zu umkreiſen begann, als wenn er die Abſicht habe, einen blutigen Fauſtkampf auszuführen. 3 „Ich meine,“ rief er dabei,„daß wenn Sie in mein Haus ge⸗ kommen ſind, um mir zu drohen und mich zu narren, ſo kommen Sie heran! Ich meine, wenn Sie ein Mann ſind, ſo kommen Sie —— —————— heran! Und was ich ſage, das meine ich, mag ich ſtehen oder fallen!“ Ich zog ihn zurück, worauf er ſogleich ruhig wurde und mir nur auf verbindliche Weiſe und als eine höfliche Erklärung für einen Jeden, den es angehe,— wie er ſich ausdrückte,— ſagte, daß er nicht geſonnen ſei, ſich in ſeinem eigenen Hauſe drohen und heucheln zu laſſen. Mr. Jaggers war aufgeſtanden, als Joe ſeine Demonſtra⸗ tion begann, und hatte ſich nach der Thür zurückgezogen. Ohne die leiſeſte Neigung zu verrathen, wieder in das Zimmer kommen zu wollen, machte er von dort aus ſeine Abſchiedsbemerkungen, welche alſo lauteten: „Nun, Mr. Pip, je eher Sie dieſes Haus verlaſſen, glaube ich, — da Sie ein Gentleman werden wollen,— deſto beſſer wird es ſein. Laſſen Sie es bei heut über acht Tage bleiben, und ich werde Ihnen inzwiſchen meine Adreſſe ſchicken. Bei dem Poſtkutſchen⸗ bureau in London können Sie einen Wagen nehmen und direkt nach meiner Wohnung fahren. Merken Sie ſich, daß ich in Bezug auf den übernommenen Auftrag in keiner Beziehung eine Meinung aus⸗ drücke. Ich werde dafür bezahlt, und führe ihn aus. Merken Sie ſich das ſchließlich. Merken Sie es wohl!“ Er ſtreckte lwieder ſeinen Finger nach uns Beiden aus, und würde, glaube ich, noch länger fortgefahren ſein, wenn er nicht Joe für gefährlich gehalten hätte und aus dieſem Grunde gegangen wäre. Plötzlich fiel mir etwas ein, was mich veranlaßte, ihm nachzu⸗ eilen, da er nach der Schenke zu„den drei fröhlichen Schiffern“ ging, wo er ſeinen Miethswagen zurückgelaſſen hatte. „Ich bitte um Verzeihung, Mr. Jaggers,“ ſagte ich. „Holla!“ rief er, ſich umdrehend,„was gibt es?“ „Ich möchte keinen Verſtoß begehen, Mr. Jaggers, und mich ganz nach Ihren Anweiſungen richten, und hielt es daher für am beſten, Sie noch um etwas zu fragen. Würde es nicht unzuläſſig ſein, daß ich von meinen Bekannten hier Abſchied nehme, ehe ich den Ort verlaſſe?“ „Nein,“ erwiederte er mit einer Miene, als verſtehe er mich kaum. „Ich meine, nicht blos im Dorfe, ſondern auch in der Stadt?“ „Nein,“ verſetzte er,„durchaus nicht.“ Ich dankte ihm und rannte wieder nach Hauſe, wo ich fand, daß Joe bereits die Vorderthür wieder verſchloſſen, das Staatszimmer ver⸗ laſſen hatte, und jetzt am Küchenfeuer ſaß und, mit den Händen auf den Knieen, in die glühenden Kohlen ſtarrte. Auch ich ſetzte mich vor das Feuer, und blickte in die Kohlen, ohne daß lange Zeit ein Wort von uns geſprochen wurde. Meine Schweſter ſaß in ihrem gepolſterten Stuhle in der Ecke des Kamins, und Biddy, mit ihrer Handarbeit beſchäftigt, vor dem Feuer, Joe neben ihr, und ich neben Joe, meiner Schweſter gegen⸗ über. Je mehr ich in die glühenden Kohlen ſchaute, deſto unfähiger fühlte ich mich, Joe anzublicken; und je länger das Schweigen dauerte, deſto weniger Neigung empfand ich, zu ſprechen. Endlich jedoch brach ich es und ſagte: „Joe, haſt du es Biddy mitgetheilt?“ Feierſtunden. 1864. „Nein, Pip,“ erwiderte er, noch immer in Feuer blickend und ſeine Knie feſt haltend, als habe er die geheime Nachricht erhal⸗ ten, daß ſie ihm durchzugehen beabſichtigten;„ich wollte es dir über⸗ laſſen, Pip.“ „Es wäre mir lieber, wenn du es ihr ſagteſt, Joe.“ „Nun denn,“ rief er,„Joe iſt ein Gentleman mit Vermögen geworden, und Gott gebe ihm ſeinen Segen dazu!“ 3 Biddy ließ ihre Arbeit ſinken und blickte mich an. Joe hielt ſeine Knie noch immer feſt, während ich Beide anſchaute. Nach einer Pauſe gratulirten ſie mir herzlich, aber es lag eine gewiſſe Trauer in ihren Glückwünſchungen, die mich faſt verletzte. Ich übernahm es, Biddy die ernſte Pflicht an's Herz zu legen (und durch Biddy zugleich auch Joe), nichts über den Gründer mei⸗ nes Glückes wiſfen zu wollen und zu ſagen. Es werde mit der Zeit bekannt werden, bemerkte ich, und inzwiſchen müſſe nichts weiter darüber geſprochen werden, als daß mir durch einen unbekannten Gön⸗ ner große Ausſichten eröffnet worden ſeien. Biddy nickte gedankenvoll dem Feuer zu, während ſie ihre Arbeit wieder aufnahm, und äußerte, ſie wolle ſich ſehr in Acht nehmen, und Joe, ſeine Knie noch immer haltend, ſagte:„ich will mich ebenfalls in Acht nehmen,“ und dann beglückwünſchten mich Beide von Neuem und waren ſo erſtaunt über meine Erhebung zu einem Gentleman, daß es mir durchaus nicht gefiel. Biddy gab ſich hierauf die erdenklichſte Mühe, meiner Schweſter eine Vorſtellung von dem beizubringen, was geſchehen war. So viel ich ſehen konnte, blieben alle Bemühungen vergeblich. Sie larchte und nickte mehrere Male, und wiederholte ſelbſt Biddy's Worte,„Pip“ und„Vermögen“, aber ich glaube nicht, daß mehr Sinn darin lag, als in einem Wahlgeſchrei, und vermag kein dunkleres Bild von ihrem Geiſteszuſtande zu geben. Hätte ich nicht an mir ſelbſt die Erfahrung gemacht, ſo würde ich es für unmöglich gehalten haben, aber gewiß iſt, daß ich, wäh⸗ rend Joe und Biddy allmählig ihre heitere Ruhe wieder erlangten, völlig mürriſch wurde. Mit meinem Glücke konnte ich natürlich nicht unzufrieden ſein, allein möglich iſt, daß ich vielleicht unbewußt mit mir ſelbſt unzufrieden war.. Mag dem ſein, wie ihm wolle, ich ſaß mit den Ellenbogen auß die Knie geſtützt und das Geſicht auf die Hände, und ſchaute in das Feuer, während Beide von meiner Abreiſe ſprachen und darüber, was ſie ohne mich thun ſollten, und dergleichen; und ſobald ich bemerkte, daß er oder ſie mich anſah, wenn auch noch ſo freundlich(und ſie thaten es oft, namentlich Biddy), fühlte ich mich beleidigt und glaubte ein gewiſſes Mißtrauen an ihnen zu entdecken, obgleich ſie es— der Himmel weiß!— weder durch Worte noch Zeichen ausdrückten. In ſolchen Momenten ſtand ich auf und blickte zur Thür hinaus; denn die Thür unſerer Küche führte in das nächtliche Freie hinaus, und blieb gewöhnlich Abends offen, um friſche Luft einzulaſſen. Selbſt die Sterne, zu denen ich meine Augen dann erhob, ſchienen nur ärm⸗ liche und dürftige Sterne zu ſein, weil ſie auf die bäuerlichen Gegen⸗ ſtände herab leuchteten, unter denen ich mein bisheriges Leben zuge⸗ (Fortſetzung folgt auf S. 225.) bracht hatte. —r ereee „ A Feierſtunden. 1864. r blickend erhal⸗ über⸗ Ber. t Dermögen K e hinaus, rm. Selbſt waͤrn. hen Gegel Feierſtunden. 1864. Eine Straße im Innern von Madagaskax. Feierſtunden. 1864. Die Inſet Madagasſar. Die Inſel Madagaskar, die früher von den Por⸗ tugieſen San Lorenzo, von den Franzoſen Ile Dauphine genannt wurde, jetzt aber ihren urſprünglichen Namen wie⸗ der führt, gehört zu Afrika, an deſſen Oſtſeite ſie 60 Mei len vom Feſtlande entfernt liegt, und iſt, da ſie mehr als 10,500 Quadratmeilen umfaßt, eine der größten Inſeln der Erde. Sie zieht ſich gegen 220 deutſche Meilen vom Norden nach Süden, hat im Mittel eine Breite von 50 und im Ganzen einen Küſtenumfang von 550 Meilen. Obwohl bereits im Jahre 1506 entdeckt, iſt die Inſel, trotz der ſeit 1665 wiederholten Verſuche der Franzoſen, ſich derſelben zu bemächtigen und Niederlaſſungen auf ihr anzulegen, nur erſt unvollkommen bekannt. Ein ziemlich ebenes, vielfach von Buchten zerſchnittenes Küſtenland, das im Oſten 2 bis 7, im Weſten 12 bis 20 Meilen breit iſt, umgibt die Inſel, deren Inneres, vom Kap Marie im Süden, bis Kap d'Ambre im Norden, von zahlreichen Gebirgsketten durchzogen wird, die im Süden als Ambo⸗ hitsmena⸗, im Norden Anquiripo⸗Gebirge bezeichnet werden, in der Mitte der Inſel als„Rothe Berge“ ſich mannig⸗ fach verzweigen, in ihrer Hauptkette den Namen Bongon Lava führen, und hier in Adragintra, Angavo und Anka⸗ ratra bis über 10,000 Fuß aufſteigen. Nur durch hoch⸗ gelegene ſteile Päſſe ſtehen die beiden Küſten mit einander in Verbindung. Im Innern ſelbſt ſind zwiſchen den Ge⸗ birgsketten ausgedehnte fruchtbare Hochthäler, nach dem Südoſten zu plateauartige, theils ſandige, theils ſteil ab⸗ fallende Stufenländer, und zwiſchen dem Gebirgsgrat, der die ganze Inſel der Länge nach durchzieht, und den Küſten wechſeln nach beiden Seiten zu dichte Urwälder mit ſum⸗ pfigen Thalebenen, ſandige Hochflächen mit fruchtbaren Weidebezirken und Kulturländern ab, und die niederen, meiſt ſumpfigen, mit Dſchungeln bedeckten Küſten werden nur ſelten durch hohe vorſpringende Kaps, die Endpunkte hoher, vom Hauptſtamme auslaufender Gebirgsäſte unter⸗ brochen. Zahlreiche Flüſſe entquellen dem hohen Gebirgs⸗ ſtock und ſtürzen brauſend in das tiefe Land hinab, beſon⸗ ders nach Oſten. Der bedeutendſte Strom iſt der Ikupa, an deſſen Ufern, außer Tananarivo, die in der Mitte gelegene Hauptſtadt, die meiſten bedeutenden Städte der Inſel gelegen ſind. Er wird durch mehrere Quellflüſſe gebildet, die im Gebirge Ankaratra entſpringen, ſtrömt nach Norden, und mündet auf der Nordweſtküſte, unter⸗ halb Kazamba, in die Bai von Bombetok. Liebliche Ge⸗ birgsſeen breiten ſich im Hochlande in Menge aus, und auch in den Niederungen der Weſtſeite ſind mehrere nicht unbedeutende Seen. Das Klima iſt nicht, wie man nach der Lage erwarten ſollte, übermäßig heiß, ſondern wird durch die hohen Gebirge des Innern, ſowie durch Seewinde abgekühlt, und der ſüdlichſte Theil der Inſel gehört über⸗ dies ſchon der ſüdlichen gemäßigten Zone an. Die Mon⸗ ſuns hat die Inſel durch ihre lange Erſtreckung und ihre innere Scheidung auf lokal ſehr verſchiedene Weiſe. An der Oſtküſte, der von fremden Schiffern beſuchteſten der Inſel, herrſcht, wie im Kaplande, während unſeres Som⸗ mers der Südoſt⸗, im Winter der Nordweſt⸗Monſun, von denen jener die trockene, dieſer die naſſe Jahreszeit her⸗ beiführt. die Thalſchluchten und Bergabhänge des Innern bieten eine Menge vorher nicht gekannter Bäume und Pflanzen, und neben den wichtigſten indiſchen Erzeugniſſen: Reis, Pfeffer, Kardamom, Areka, Betel, Tabak, Gewürznelken, Zucker⸗ rohr, Palmen, Baumwolle, Bambus, Drachenblut ꝛc. gedeihen auch alle ſüdafrikaniſchen Produkte, ja auch etliche Gewächſe des nördlichen Afrika(Gummibäume) und ſelbſt Weinſtöcke. Außer vielen reißenden Thieren des Feſtlandes und dem Wild der ſüdafrikaniſchen Hochebenen hat die Inſel die meiſten Thiere des nahen Kontinents, beſonders aber eine Menge von Land⸗ und Waſſervögeln, Krokodile, Schlangen, Schildkröten, Fiſche, Scorpione, Heuſchrecken ꝛc. und zahlloſe Arten von Inſekten ꝛc. An mineraliſchen Schätzen iſt die Inſel reich, und Gold, Silber, Kupfer, Eiſen, Blei, Zinn, Steinkohlen, Salz und Sdelſteine wer⸗ den in Menge gefunden. Die Bewohner von Madagaskar, die Madagaſſen oder Malgachen, wie ſie im Allgemeinen genannt werden, deren Zahl auf vier Millionen geſchätzt wird, ſcheinen zu verſchiedenen Stämmen zu gehören, die ſich aber völlig mit einander vermiſcht haben, und Neger, Araber und Malayen die urſprünglichen Bewohner der Inſel geweſen zu ſein. Keine jetzt auf Madagaskar lebende Völkerſchaft iſt neger⸗ artig, wenn gleich namentlich die Küſtenbewohner dunkel⸗ farbig, zum Theil ſelbſt ſchwarz ſind und Wollhaar haben. Die Oras im Innern ſind hell olivenfarbig mit völlig europäiſchen Zügen und langem, gekräuſeltem Haar. Die verſchiedenen Völkernamen, mit denen die Madagaſſen ſich gegenſeitig ſelbſt bezeichnen, ſind von der Natur des Wohn⸗ platzes beſtimmt, und deuten keineswegs auf eine Verſchie⸗ denheit des Stammes. Von einem Zwergvolk im Innern, den Quimos, das durch die Eroberer in die Urwälder zurückgedrängt wäre, hat man⸗ einige Spuren, aber keine eigentliche Kunde. Auf der ganzen Inſel gibt es nur eine Sprache, die aber in viele Mundarten zerfällt, und mit der malayiſchen und arabiſchen verwandt und vermiſcht zu ſein ſcheint. Die Madagaſſen ſind kein völlig rohes Volk; ſie treiben Ackerbau, Viehzucht, Jagd, Fiſcherei, Handel, Bergbau, bearbeiten Metalle, weben, färben, bereiten Zucker, bauen anſehnliche Häuſer und kennen die Schreibkunſt. Die Religion iſt, ſo viel man ſie kennt, ein zuſammenhangs⸗ loſer Dualismus, worin die Sonne das Abbild des guten Weſens(Jankar) iſt, das böſe heißt Aguthic. Man ver⸗ ehrt Götter, hat Götzenbilder, Prieſter und Wahrſager, bringt den Geiſtern der Vorfahren Opfer, hat aber keine Tempel; allgemein iſt der Glaube an Zauberei, Todte wer⸗ den verbrannt, in manchen Gegenden auch beerdigt. Der Islam und das Chriſtenthum haben bis jetzt nur wenig Fortſchritte gemacht.— Das Volk iſt außerordentlich ge⸗ nügſam und fühlt noch nicht das Bedürfniß, den rings um ihn aufgeſtapelten Reichthum zur Vermehrung ſeiner Genüſſe auszubeuten. In meiſt geräumigen Palmhütten wohnend, nur halb gekleidet mit einem umgeworfenen Tuch, mit Korallen und Metallketten ſeltſam an Hals, Armen, Beinen und Ohren geſchmückt, die Frauen mit geflochtenen und geölten Haaren, Alle mit Amuletten verſehen, ſind die Madagaſſen in ihren Geräthen, Bequemlichkeiten und in ihrer Nahrung ungemein einfach und genügſam. Zur Träg⸗ Die Pflanzenwelt entfaltet auf Madagaskar die ganze heit geneigt und Feinde anſtrengender Arbeit lieben ſie ſinn⸗ Pracht und Fülle, die eine ſo günſtige Lage erwarten läßt: die majeſtätiſchen, dicht bewachſenen Urwaldungen, ſowie liche Vergnügungen; ihr höchſter Genuß iſt, ſich an der Muſik ihrer einfachen Inſtrumente zu ergötzen, deren Weiſen auch in das hei um die einzigen lich al ſchwöre komme verbrü⸗ ſeſt ge ihren bieter Gewo wenig Titel Inſel talent der de durch Lu IAc unt wil in Se Zö ſch ihr ut Innern, Urwälder ber keine nur eine und mit Man ver⸗ Gahrſager, zhet keine odte wer⸗ at Der gt. We zur werdh entlich R⸗ den rings ung ſtiner almhütten ver Tuch, „ Armu, ejuctnen „ ſind die 2 und in aur Tüög⸗ 1 ſit ſinn⸗ an der ) Weiſen ——A—x—ꝛx—————a— auch in der Ferne auf ſie wirken, wie auf den Schweizer das heimiſche Alpenlied; oder ſie ſchlendern, unbekümmert um die Zukunft, mit Mantel, Flinte und Lanze, ihrem einzigen Reichthum, im Lande umher, wo ſie überall gaſt⸗ lich aufgenommen werden. Geſellig im höchſten Grade ſchwören ſie ſich, wo immer einzelne Stämme zuſammen kommen, unter ſeltſamen Gebräuchen und vor Zeugen un⸗ verbrüchliche Freundſchaft, eine Art Blutbund, der auch feſt gehalten wird. ihren Feſten die Hauptſache. Die Inſel iſt in 28 Provinzen geſchieden, deren Ge— bieter durch geſetzliches Herkommen in ihrer deſpotiſchen Gewalt in etwas beſchränkt werden; alle ſind mehr oder weniger Lehensträger eines Häuptlings der Ovas, der den Titel König führt, und deſſen Reſidenz die im Innern der Inſel, in Ankova gelegene Stadt Tananarivo iſt. Der talentvolle RKadama, der Häuptling der Ovas und Grün⸗ der der jetzigen malagaſchen Dynaſtie, ein Mann, der ſich durch Sinn für europäiſche Kultur weit über ſeine Lands⸗ leute erhob, und ſich durch Klugheit und Waffengewalt im Jahre 1816 die ganze Inſel, mit Ausnahme des Süden, unterwarf, faßte den kühnen Entſchluß, ſein Volk zu ent⸗ wildern, und trat aus eigenem Antrieb mit den Engländern in Verbindung. Chriſtliche Miſſionäre waren unter ſeinem Schutze in voller Thätigkeit; er gründete Schulen, ſchickte Zöglinge auf die Inſel Bourton, nach Paris und London, ſchaffte gegen eine jährliche Rente von 200,000 Fres., die ihm das engliſche Gouvernement von Ile de France zahlte, den Sklavenhandel ab, und bildete ſich eine tüchtige, euro⸗ päiſch geübte Armee von mehr als 24,000 Mann, wozu noch etwa 30,000 ohne Feuergewehr, blos mit Lanzen und Haſſagaien, kamen, eine Artillerie, und ließ Pferde ein⸗ führen, die ſeine Offiziere ritten. In wenigen Jahren waren in ſeinem Reiche über hundert Schulen, Feierſtunden. 1864. 195 wurde der Hauptſeehandelsplatz des madagaſſiſchen Reiches. Kultur und Civiliſation nahmen überhand; die Inſel hatte unter Radama eine große Zukunft vor ſich, aber mitten in ſeinen Entwürfen ſtarb der, das Beſte ſeines Volkes erſtrebende König 1828 an Gift, das ihm die mit einem jungen Afrikaner verbündete Königin Ranavala⸗Manjoka beibrachte. Nach ihm ſtarben ſeine Verwandten eines ge⸗ waltſamen Todes, Empörung gegen die Giftmiſcherin brach Tänze, Schmäuſe und Gelage ſind bei aus und Bürgerkrieg tobte lange Jahre im neugegründeten Reiche. Das Chriſtenthum wurde mit der größten Strenge völlig wieder ausgerottet und 1835 ganz verboten, der europäiſche Einfluß gänzlich vernichtet und 1845 alle Euro⸗ päer verbannt und ausgewieſen. Später gelang es fran⸗ zöſiſchen Miſſionären, wiederum feſten Fuß auf Madagas— kar zu faſſen, und wurden dieſe durch den Fürſten Rakoto, wenn auch nur heimlich, unterſtützt. Die grauſame Köni⸗ gin Ranavala ſtarb am 18. Auguſt 1861, und ihr folgte, nach langem Kampfe, der mit der Vernichtung des Fürſten Ramboaſalama, des Hauptrepräſentanten der alten mala⸗ gaſſiſchen Grauſamkeit, endigte, Rakoto als König der In⸗ ſel unter dem Namen Rakotond⸗Radama.— Die herrlich reiche, in ihrer Halbkultur ſchon ſo prachtvolle Inſel ſieht einer ſchönen Zukunft entgegen, die auch ſicher unter europäiſcher Einwirkung und unter dem ſegenbringen⸗ den Einfluß des jetzt wiederum mit jedem Jahre ſich wei⸗ ter verbreitenden Chriſtenthums nicht ausbleiben wird. Werden die einzelnen Bezirke einander durch Eröffnung regelmäßiger Straßen näher gebracht, ſind Verbindungs— wege im Innern, wie der auf unſerem Holzſchnitt darge⸗ ſtellte, nicht mehr die einzige Vermittlung zwiſchen einzel⸗ nen Landestheilen, können die reichen Produkte des bisher faſt unzugänglichen Binnenlandes der Küſte näher und ſo⸗ mit dem Handel überliefert werden, dann wird ſicher in denen Madagaskar eine Wichtigkeit erlangen, die das reiche Java über 5000 Kinder unterrichtet wurden, in den bedeutend⸗ um Vieles übertreffen wird. ſten Städten waren Kirchen gegründet, und Tamatave 2. Die Cathedrale von Bayeup in der Normandie. Es macht immer einen eigenthümlichen Eindruck auf einen beobachtenden Reiſenden, wenn er ſich einem Baudenk⸗ mal aus längſt vergangenen Zeiten nähert. Man ſieht da nicht blos die ſchönen Umriſſe und die architektoniſchen Zier⸗ rathen, man bewundert nicht blos die Kühnheit oder Zart⸗ heit des Banes, ſondern man iſt vielmehr mit Nothwendig⸗ keit darauf hingewieſen, zugleich der Zeiten zu gedenken, in welchen das Bauweſen entſtanden iſt. Bei neueren Schlöſ⸗ ſern und Baukunſtwerken iſt es nur die Zeichnung und die Art und Weiſe, wie dieſelbe ausgeführt wurde, mit der man ſich beſchäftigt; bei allen Monumenten dagegen, ins⸗ beſondere bei Kirchen und Gotteshäuſern, muß die Gegen⸗ wart vor der Vergangenheit verſchwinden, und man träumt unwillkürlich von den vergangenen Geſchlechtern, durch welche ſie dereinſtens in's Leben gerufen wurden. Nehmen wir nur die vor uns liegende Eathedrale von Bayeux an. Es iſt ein wunderbar herrlicher Bau, und beſonders der Hauptthurm mit ſeinen gothiſchen Fenſtern und Pfeilern feſſelt unſer ſtaunendes Auge; aber müſſen wir uns nicht ſogleich fragen, wer hat dieſen mächtigen Koloß errichtet? Muß uns nicht im Augenblicke der Gegen⸗ ſatz zwiſchen der Jetztzeit und dem Mittelalter vor's Ge⸗ dächtniß treten? Ja müſſen wir uns nicht mit ſchwerem (Herzen geſtehen, daß die Kraft, Ausdauer und Aufopferung, mit welcher eine Stadt damals oft durch mehrere Jahr⸗ hunderte hindurch an ihrem Gotteshauſe fortbaute, bis ſie endlich das unſchätzbare Monument zu Ende brachte, jetzt nirgends in der Welt mehr zu finden iſt? Ueberdies ſteht nicht die Geſchichte der ganzen Gegend ringsum im innig⸗ ſten Zuſammenhang mit einem ſolchen Baudenkmale, und müſſen wir nicht unwillkürlich der ritterlichen Geſtalten gedenken, welche einſt hierinnen ihre Andacht verrichteten? Der erſte Anfang zum Bau der Cathedrale wurde ſchon im zwölften Jahrhundert gemacht, und das mächtige Grabgewölbe, über welchem der Hauptthurm errichtet wurde, rührt eben von jener Zeit her; vollendet aber wurde Thurm und Kirche erſt im Jahre 1497, nachdem Biſchof Louis de Harcourt, welcher den Titel eines Patriarchen von Jeru⸗ ſalem führte, durch einen vom Pabſt erhaltenen Ablaß Hunderttauſende erſammelt und darauf verwandt hatte. Zwei Jahrhunderte ſpäter ſchlug der Blitz in den Thurm und das Feuer verzehrte ſein Inneres ſo ſehr, daß er bis auf den Glockenſtuhl abgenommen werden mußte. Doch gelang ſein Wiederaufbau im alten Style vollkommen, und im Jahre 1715 erlebten die Einwohner von Bayeux die Freude, den Stolz ihrer Stadt wieder in ſeiner alten Schön⸗ 25* 196 Feierſtunden. 1864. 7 3—— heit prangen zu ſehen. Abermals gingen hundertundvierzig nicht nur total unmöglich, ſondern es müſſe ſogar der ganze einer ” Jahre vorüber, ohne daß Kirche und Thurm gewankt hät⸗ Thurm, wenn nicht das größte Unglück entſtehen ſolle, ab⸗ gewid * ten; aber ſiehe da, plötzlich wurde eine Mauer, die ſich un⸗ gebrochen werden. ger vo mittelbar über der Grundmauer erhob, ſchadhaft, und ein Der Schrecken der Bürger von Bayeux war grenzen⸗ ſtellten zu Rathe gezogener Architekt erklärte, eine Reperatur ſei los. Sechshundert Jahre lang hatte der Dom allen ſolchen ' 3 4.“ auf d b— Sie — ſie, 4——— '— ᷣ 5 .— Lbe 9 Oſten I M vomn 4 M reichſt voller 3 dner und 1 1 1 1 9 3 4 48 — 5 von 4 3 mit 4 ſes S A mit ALN— mige Die Cathedrale von Bayeux. d . 1 1 3 4 1— Dan 17 Stürmen getrotzt und bis auf den kleinen Unfall vom Jahr daß der ſchwarze Prinz, der berühmte Sohn Eduards III., der d 1676 hatte ihm weder Sturm, noch Blitz, noch Wolken⸗ von England, vor deſſen Namen ſchon die Franzoſen flohen, bruch etwas anhaben können. Alle die furchtbaren Kämpfe in eigener Perſon an ſeinem Hochaltare gekniet hatte. Ja den zwiſchen den Engländern und Franzoſen, welche ſich beide ſogar die Schrecken der Revolution waren an ihm vorüber derg A durch faſt vier Jahrhunderte hindurch die Normandie ſtrei⸗ gegangen, ohne daß Jemand es gewagt hätte, ſich an ſei⸗ 14 tig machten, hatte er geſehen, und er durfte ſich rühmen, ner ehrwürdigen Geſtalt zu vergreifen, und nun ſollte er 1 3 der ganze ſolle, ah⸗ 1 grenzen⸗ M allen II. „ llohen, Ja —————ò§ò§B—:——õ—————— einer ſchadhaften Mauer wegen dem ewigen Untergange gewidmet werden! Einen ſolchen Gedanken konnten die Bür⸗ ger von Bayeux nicht faſſen. Sie eilten nach Paris und ſtellten dem betreffenden Miniſter das Barkariſche einer ſolchen Handlungsweiſe vor. Doch der Miniſter berief ſich auf den Ausſpruch der Architekten und blieb unerbittlich. Sie eilten alſo zum Kaiſer.„In ganz Europa,“ ſagten ſie,„erhält man die Denkmale gothiſcher Baukunſt, und Uueenston, Der Diſtrikt Niagara, der kleinſte der Provinz Ober⸗Canada, der im Norden vom Ontario⸗See, im —; ſtellt ſie ſogar mit den größten Koſten wieder her, bei uns aber in Frankreich ſollte man ſie mit Gewalt demoliren?“ Eine ſolche Sprache wirkte. Der Kaiſer ſchickte ſeine beſten Baumeiſter nach Bayeux, und dieſe fanden aus, daß die Grundgewölbe, wenn unterfangen, wohl fähig ſeien, den Thurm zu tragen. So blieb am Ende den Bürgern von Bayeux der Sieg und die alte Cathedrale wird, wenn reſtau⸗ rirt, noch Jahrhunderte lang der Stolz jener Stadt ſein. Th. Gr. am Niagara. Acres Land umfaſſen, iſt er, obwohl er kaum 80,000 Ein⸗ wohner zählt, bereits beſſer angebaut, als alle übrigen Oſten vom Niagarafluſſe und deſſen Fällen und im Süden Diſtrikte des Landes, wird auf's Herrlichſte vom Grand vom Erie⸗See begrenzt wird, gehört zu den ſchönſten und River, dem Wellandfluß und Kanal, dem Warney River reichſten Gegenden der Welt und liegt zwiſchen den pracht⸗ und zahlloſen Creeks und Bächen bewäſſert, und im Oſten vollen Waſſerflächen der beiden genannten Seen wie in vom Niagara beſpült, der daſelbſt ſeine berühmten Fälle einer Bucht eingeſchloſſen. In zwei Kantone, Lincoln und Haldimand, geſchieden, die gegen eine Million S Da L 1 von ungemeiner Großartigkeit, und das Städtchen Niagara, mit dem Fort Miſſiſſaga, hart an der Mündung des Fluſ⸗ ſes in den Ontarioſee, der Seehafen des Diſtrikts, gewährt mit ſeinen freundlichen Backſteinhäuſern, ſeinen hochthür⸗ migen Kirchen und den fortwährenden ab⸗ und zugehenden Dampfbooten, Sloops und andern Schiffen ein reges Bild der Thätigkeit. Den Fluß aufwärts, den brauſenden Fällen zu, ſtei— gen deſſen Ufer zu bedeutender Höhe, und gewähren beſon⸗ ders bei dem blühenden Dorfe Queenston, das am Fuße bildet. Die Scenerie der ganzen Landſchaft iſt außerordent⸗ lich maleriſch, namentlich ſind die Ufer des Niagarafluſſes der Höhen(Queenston Hights) liegt, deren Gipfel ein Denkmal krönt, einen lieblichen Proſpekt, der an die wild⸗ romantiſchen Felſenparthien des Rheinthales erinnert, nur daß die Umgegend von Queenston keinen Wein produzirt, und von den ſteilen Höhen keine Burgruinen herabſchauen. Queenston zählt etwa 150 Häuſer, aber kaum 1200 Ein⸗ wohner, die nicht unbedeutenden Handel und Verkehr trei⸗ ben, denn hier müſſen, um den Niagarafall zu umgehen, alle Schiffe ausgeladen, und deren Güter auf Wagen nach Laviston gebracht werden. 2 Italia liberata. (Schluß zu S. 175.) Achtes Kapitel. Die Errettung Louis Napoleons. Wir ſind nun nahezu am Schluſſe unſerer Erzählung angelangt und können das Ende derſelben mit verhältniß⸗ mäßig wenigen Sätzen geben. Volle drei Wochen bedurfte es, bis die Entzündungs⸗ krankheit Louis Napoleons ſich gelegt hatte, und während dieſer ganzen Zeit durfte er den engen, ſchmalen und dun⸗ keln Alkoven nicht verlaſſen. Während dieſer ganzen Zeit raste das Fieber durch ſeine Adern, und er lag in einem Raume, der ihm kaum Athem zu holen geſtattete. Wäh⸗ rend dieſer ganzen Zeit durfte er kein lautes Wort reden und mußte ſogar den Reiz zum Huſten mit Gewalt unter⸗ drücken, aus Angſt, gehört und verrathen zu werden. Ja während dieſer ganzen Zeit ſah er nie Sonne oder Mond, nie Licht oder Sterne, und es nahm ſich gerade ſo aus, als ob ſein winziges Kloſet durch das mächtige Bett, in welchem Mademoiſelle Cochelet die Kranke ſpielte, in ein finſteres Grabgewölbe verwandelt worden wäre. So furcht⸗ bar er nun aber auch unter dieſen Entbehrungen litt, ſo erſchienen doch ſeine Leiden als eine wahre Kleinigkeit gegen die ſeiner Mutter. Ihr Herz war vom Schmerz über den Tod ihres Aelteſten zerriſſen, und doch mußte ſie äußerlich Glück und Zufriedenheit über die Rettung ihrer Söhne heu⸗ cheln. Tag und Nacht wurde ſie von der Angſt für die Sicherheit ihres Jüngſtgeborenen gemartert, da die geringſte Unvorſichtigkeit ihn in's Verderben ſtürzen konnte, und in Miene und Wort durfte ſie nichts als Heiterkeit zeigen. Eine ſolche Aufgabe zu löſen— wem wäre es möglich geweſen, als nur allein einer Mutter, und zwar einer Mutter, wie ſich Hortenſia eine zu ſein rühmen durfte? Oft und viel glaubte ſie, der gräßlichen Prüfung nicht mehr gewachſen zu ſein, aber immer wieder raffte ſie ſich auf, und die alte Standhaftigkeit, der alte Muth ſtellte ſich wieder ein. Faſt die ganze Zeit brachte ſie im Kranken⸗ zimmer der Cochelet oder vielmehr ihres Sohnes zu, und wenn ſeine Schmerzen ſich durch das geringſte Geräuſch Luft machten, ſo wußte ſie daſſelbe augenblicklich dadurch zu übertönen, daß ſie ſofort eines jener franzöſiſchen Lieder anſtimmte, welche ſie ſeit dem Sturze der napoleoniſchen Dynaſtie nicht mehr geſungen hatte. Nicht ſelten jedoch mußte ſie auch Beſuche empfangen, Beſuche von Menſchen, die, wie ſie wohl wußte, nur kamen, um ſie zu beobachten, und dann ſpielte ſie die liebenswürdige Wirthin, welche von keiner Sorge, keiner Angſt, keiner Qual etwas wußte, ſon⸗ dern ſich mit weiblicher Neugierde nach den neueſten Alltäg⸗ lichkeiten erkundigte. Kurz ſie leiſtete in jenen drei Wochen faſt Uebermenſchliches und wußte durch ihr ſicheres Auf⸗ treten die öſtreichiſchen Offiziere, die das erſte Stockwerk ihres Palais eingenommen hatten, vollkommen zu täuſchen; am allerevidenteſten aber zeigte ſie ihre Geiſtesgegenwart dadurch, daß ſie während jener ganzen Zeit in ſteter Cor⸗ reſpondenz mit ihrem Gemahle blieb und demſelben, im Bewußtſein, daß alle ihre Briefe aufgebrochen und geleſen würden, voller Triumph meldete, wie ihre beiden Söhne ſich glücklich gerettet und ohne Zweifel längſt auf neutra⸗ lem Boden angekommen ſeien. Und alles dies that ſie ohne irgend eine Unterſtützung und Beihülfe von außen. Ja nicht einmal Troſt und gei⸗ ſtige Aufrichtung wurde ihr von irgend einer Seite zu Theil, den Arzt allein ausgenommen, welcher unter dem Vorwande, der kranken Cochelet ſeine Dienſte zu widmen, ihren Sohn behandelte und ihr zugleich die Wahrheit über das berich⸗ tete, was in der Außenwelt vorging. Er war es auch, der, weil er„den ſchwer verwundeten Diener des engliſchen Lords“(unter dieſem Namen figurirte Alfred Belgiojoſo im Gaſthof zur Grande Bretagne) ebenfalls behandelte, als Vermittler zwiſchen ihr und Arthur Stanton auftrat, da dieſer, um ja recht vorſichtig zu verfahren, das Hotel der Königin nicht ein einziges Mal beſuchte, ſondern ſich viel⸗ mehr den Anſchein gab, als gehöre die Gräfin von St. Leu unter diejenigen Weſen in der Welt, welche ihn am wenigſten intereſſiren, und wiederum von ihm, dem Arzte, der natürlich keinen Verdacht erregen konnte, erfuhr ſie ſchließlich, welchen Plan ihr junger engliſcher Freund ent⸗ worfen habe, um dem Rettungswerke der beiden Kranken, wenn dieſelben erſt wieder geſund ſeien, die Krone aufzu⸗ ſetzen. Allein wenn ſie auch dieſen Einen oder vielmehr dieſe beiden Freunde beſaß, iſt ihr eigenes Verdienſt deß⸗ wegen geringer anzuſchlagen? Weit weniger peinlich war die Lage Arthur Stantons während dieſer für die Gräfin von St. Leu ſo qualvollen drei Wochen. Zwar allerdings lag es ihm gleichermaßen, wie ihr, ob, die Anweſenheit ſeines Kranken, nämlich die Alfred Belgiojoſo's zu verbergen und zugleich denſelben zu pflegen; allein die gegenwärtigen Beherrſcher Ancona's, die Oeſtreicher, glaubten, wie ſchon oben angedeutet, Grund zu haben, gegen den vornehmen Engländer mit einiger Rückſicht verfahren zu müſſen, und ſomit konnte dieſer im Innern ſeiner Wohnung ſo ziemlich ungenirt thun, was er wollte. Ueberdies kam es Niemandem in den Sinn, in dem Verwundeten, der in einem kleinen Nebengemach dieſer Wohnung verpflegt wurde, einen Andern als einen eng⸗ liſchen Diener zu vermuthen, da der Arzt, der ihn behan⸗ delte, ſich oft und viel laut darüber beklagte, wie ſchwer ihm dieſe Behandlung wegen der Unmöglichkeit, ſich mit dem nur engliſch redenden Burſchen in's Einvernehmen zu ſetzen, werde, und da außerdem der Hotelbeſitzer mit großer Zungenfertigkeit allüberall erzählte, wie ſein vornehmer Gaſt nur mit Mühe einem räuberiſchen Anfall, wobei einer der Diener eine ſchwere Wunde davongetragen, ent⸗ gangen ſei! Von Seiten der öſtreichiſchen Invaſionstruppen hatte alſo Arthur Stanton nicht viel zu befürchten, um ſo mehr jedoch von der Neugierde der Hausangehörigen. Dieſe konnten oder wollten es nämlich durchaus nicht begreifen, wie„ein Lord“ ſich nur allein mit ſeinem einzigen Kam⸗ merdiener begnügen könne, und verſuchten es alſo mehr als oft, dem Anſcheine nach um ſich dienſtfertig zu erweiſen, in Wahrheit aber, um ihre Neugierde zu befriedigen, in die Zimmer Arthurs einzudringen. Allein als Duffy, wel⸗ cher Tag und Nacht Wache hielt, einmal einen ſolchen Eindringling ohne Weiteres ſo derb die Treppe hinabwarf, daß derſelbe beinahe Hals und Bein gebrochen hätte, kühlte ſich der Feuereifer des Hausdienſtperſonals bedeutend ab. Daſſelbe begnügte ſich von nun an, den Engländer für einen Sonderling oder vielmehr für einen Halbnarren und Geizhals zu erklären, dem man am beſten thue in ſeinem nt antb dem L. zudrän irgend ten ſi beſſer ſtatt, Leu redun ihr e et, Grund iit einiger dieſer im hhun, was Sinn, in nach dieſer inen eng⸗ on behan⸗ wie ſchwer ſich mit nehmen zu t großer vornehmer l, wobei gen, ent⸗ nstruppen Feierſtunden. 1864. —--——y—ry—y—y————;; Spleen nicht weiter zu ſtören. Natürlich aber blieb Duffy nur ganz kurze Zeit der„einzige“ Diener, denn Arthur Stanton hatte gleich nach ſeiner Ankunft in Ancona ſeine noch in Rom verweilenden beiden andern Burſche nebſt ſeiner Garderobe und ſonſtigen Requiſiten per Staffette verſchrieben, und es war nun kein Grund mehr vorhanden, dem Lord als einem dienerloſen Herrn ſeine Dienſte auf⸗ zudrängen. So gingen vierzehn Tage herum, ohne daß ſich irgend etwas Nennenswerthes ereignet hätte; dagegen zeig⸗ ten ſich die Wunden Alfred Belgiojoſo's mit jedem Tage beſſer, und ſeine vollkommene Geneſung konnte als ganz nahe bevorſtehend bezeichnet werden. Auf einmal nun trat Arthur Stanton ganz allein, jedoch mit unterlegten Pfer⸗ den, eine kleine Reiſe in der Richtung nach Rom zu an, und ſowie er nach wenigen Tagen heiteren Antlitzes von dieſer Reiſe zurückkehrte, hatte er eine lange Unterredung mit dem Arzte, der ſofort noch am ſelbigen Abend im Krankenzimmer bei der Gräfin von St. Leu ſich ebenfalls übergewöhnlich lange aufhielt. Was nun da beſprochen und verhandelt wurde, können wir nicht ſagen, da die betreffen⸗ den Perſonen den Schleier des tiefſten Geheimniſſes darüber herzogen; allein der Leſer wird aus den nun folgenden Ereigniſſen den Inhalt doch zu errathen wiſſen. Am andern Morgen nämlich, alſo den Tag nach der ſtattgehabten langen Beſprechung, ließ die Gräfin von St. Leu den öſtreichiſchen Obergeneral um eine kurze Unter⸗ redung bitten, und dieſer ſtellte ſich auch alsbald bei ihr ein. „Herr Feldmarſchalllieutenant,“ ſagte ſofort die Gräfin ohne alle weiteren Umſchweife,„ich habe Grund zu glau⸗ ben, daß meine Gegenwart hier Ihnen und Ihrer Regie⸗ rung nicht gerade angenehm iſt, und ich hoffe mir daher Ihr Wohlwollen zu erwerben, wenn ich Ihnen die Anzeige mache, daß ich, da meine Kammerfrau bereits wieder im Stande iſt, das Bett zu verlaſſen, entſchloſſen bin, An— cona in den nächſten Tagen den Rücken zu kehren, oder mit andern Worten, Sie von der läſtigen Aufſicht über meine Perſon zu befreien.“ „Und wohin gedenkt die Frau Gräfin von St. Leu zu reiſen?“ erwiederte der alte Soldat, in deſſen Mienen eine ſichtliche Befriedigung lag, denn die Pflicht, eine Frau zu bewachen, war ihm wohl ſchon längſt zum Ueberdruß geworden. „Ich denke, es ſollte mir freiſtehen, mich dahin zu begeben, wo ich hin will,“ entgegnete die Gräfin, indem ſich ihre Lippen unmerklich verzogen.„Oder ſind Ihnen darüber beſondere Vorſchriften gemacht worden?“ „Frau Gräfin, ſprach nun der alte Soldat,„es wird wohl das Beſte ſein, wenn wir offen und ohne Rückhalt gegen einander reden. Nach Oeſtreich, Spanien und Frank⸗ reich iſt Ihnen der Weg längſt abgeſchnitten; in der Schweiz aber, ſowie in den kleineren Ländern Deutſchlands möch⸗ ten wir Sie ebenſowenig gerne ſehen. Dieſe Gebiete lie— gen alle zwiſchen Frankreich und Oeſtreich mitten inne, und Ihre Gegenwart daſelbſt, vollends aber die Ihrer Söhne, könnte nur aufregend wirken.“ „Mein Gemahl lebt in Florenz,“ verſetzte darauf die Gräfin, dem General einen forſchenden Blick zuwerfend. „Ihr Herr Gemahl beſchäftigt ſich nicht mit der Po— litik,“ erwiederte der Feldmarſchalllieutenant kaltblütig, „ſondern iſt zufrieden, wenn er ſich im Theater oder auf der Jagd erluſtiren kann. Man wird ihn daher in Flo⸗ renz nie beläſtigen, und ſogar wenn er in eine andere Stadt Italiens überſiedeln wollte, hätte man ohne Zwei⸗ 199 fel nichts dagegen; allein bei Ihnen, Madame, fürchte ich, wäre es etwas Anderes, und Sie werden ſich daher wohl einen andern Aufenthaltsort ausleſen müſſen.“ „Aber mein Gott,“ rief jetzt die Gräfin,„Sie wer⸗ den mir doch nicht zumuthen, nach den kalten Steppen Rußlands überzuſiedeln? Oder verlangt Ihre Regierung gar, daß ich in Amerika eine Zuflucht ſuche?“ „Keines von beiden, Madame,“ entgegnete der Gene⸗ ral;„allein es gibt noch ein Land, deſſen Gaſtfreundſchaft in ſolchen Fällen, wie der Ihrige iſt, gewöhnlich in An⸗ ſpruch genommen wird, und meiner Meinung nach....“ „Ah,“ unterbrach ihn die Gräfin,„Sie meinen Eng⸗ land. Es iſt dies zwar kein Reich, wo es einem Fran⸗ zoſen und beſonders einem Mitgliede der napoleoniſchen Familie beſonders wohl ſein könnte; doch wenn mir jeder andere Ausweg abgeſchnitten iſt, ſo muß ich mich wohl dazu bequemen. Ich werde mich alſo an Seine Lordſchaft, den engliſchen Geſandten in Rom, wenden, um mir einen Paß nach London auszuwirken, und ſowie ich das Papier in Händen habe, reiſe ich auf dem nächſten Wege dahin ab. Oder haben Sie vielleicht Befehl, mir eine beſondere Reiſeroute vorzuſchreiben?“ „Nein, Madame,“ erklärte der alte Krieger,„die Vorſchrift einer Reiſeroute habe ich Ihnen nicht zu geben; dagegen kann ich Ihnen die angenehme Nachricht mittheilen, daß, falls Ihnen der lange Seeweg durch das mittelländiſche Meer und den atlantiſchen Ocean nach der britiſchen Inſel allzu beſchwerlich fiele, die Erlaubniß einer Fahrt quer durch Frankreich hindurch von Seiner Majeſtät, dem Könige Louis Philipp, leicht erlangt werden könnte. Ueberdies, wenn Ihnen etwas daran liegt, ſich recht ſchnell mit dem engliſchen Geſandten zu verſtändigen, lade ich Sie ein, den Kurier, den ich heute Mittag nach Rom ſende, zu benützen, ſowie überhaupt über meine Dienſte zu ver⸗ fügen.“ Mit dieſen Worten verabſchiedete er ſich, und, eigen⸗ thümlich, Beide, ſowohl er als die Gräfin von St. Leu, waren diesmal äußerſt zufrieden mit einander. Ja, die Letztere hatte Mühe, eine laute Freudensäußerung zu unter⸗ drücken, oowohl ſie ſich dem General gegenüber den An⸗ ſchein gegeben hatte, als ob ihr die Reiſe nach England wie eine Art Verweiſung in's Exil vorkomme! Eine Stunde darauf war der Brief an den engliſchen Geſandten in Rom bereits fertig, und natürlich übergab ſie ihn ſofort dem Kurier, von dem der öſtreichiſche Oberkommandant geſpro⸗ chen hatte, denn ſeit der bewußten langen Unterredung lag ihr an nichts mehr, als an der ſchnellſten Abreiſe von Ancona. Vor Abfluß von zwei Tagen konnte übrigens die er⸗ wünſchte Antwort nicht eintreffen, und natürlich benützte die Gräfin dieſe Zeit, um ganz oſtenſibel die nöthigen Vor⸗ bereitungen zu ihrer Abreiſe ines Werk zu ſetzen; in der Grande Bretagne dagegen, wo Arthur Stanton immer noch ſein Quartier hatte, ging Alles ſeinen gewöhnlichen Gang, und kein dort lebender Menſch hatte es ſich auch nur träu⸗ men laſſen, daß hier ebenfalls eine Abreiſe bevorſtehe. Im Gegentheil ſprach Arthur Stanton laut genug davon, welche Annehmlichkeiten der Aufenthalt in Ancona biete, und man ſchloß daraus, daß er noch lange daſelbſt zu ver⸗ weilen gedenke. Am dritten Tage jedoch, nachdem es be⸗ kannt geworden, daß die Gräfin von St. Leu Italien ver⸗ laſſen werde, gerade drei Wochen nach deren Ankunft in Ancona, hielt eine von der engliſchen Geſandtſchaft in Rom expedirte Staffete vor der Grande Bretagne, und überbrachte dem dort reſidirenden Arthur Stanton eine Depeſche, welche dem längeren Aufenthalte des letzteren in Ancona auf ein⸗ mal ein Ende machte. Sobald derſelbe nämlich die De⸗ peſche geleſen hatte, gab er urplötzlich ſeiner Dienerſchaft Befehl, Alles zur ſchleunigſten Abreiſe fertig zu machen, und er ſelbſt verfügte ſich ſofort in das Hotel, welches die Gräfin von St. Leu bewohnte. Ehe er jedoch zu den obe⸗ ren Apartements hinanſtieg, ließ er ſich beim Oberkomman⸗ danten der öſtreichiſchen Armee melden und wurde, da ſein Beſuch dienſtliche Angelegenheiten betraf, angenblicklich vor⸗ gelaſſen. „Herr Feldmarſchalllieutenant,“ ſprach er nach der Feierſtun 1 den. 1864. —————————— Stanton in gehobenem Tone,„meine Regierung hat ihrer Zeit den Kaiſer Napoleon ſo lange bekämpft, bis ſie deſſen Sturz bewerkſtelligt hatte, aber ſie ehrt das Unglück ſelbſt in ihren Feinden. Auch wird ſie nie außer Acht laſſen, daß Madame de St. Leu einſt eine Krone trug und mit vielen jetzt noch regierenden Machthabern, worunter auch Seine Majeſtät der Kaiſer von Oeſtreich, in nahen Ver⸗ wandtſchaftsbeziehungen ſteht.“ Der Feldmarſchalllieutenant biß ſich auf die Lippen vor Verdruß und heftete ſeine Augen auf den Boden.„Wir wollen uns hierüber nicht erhitzen,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe,„denn es ſteht Ihrer Regierung natürlich üblichen Begrüßung,„die Frau Gräfin von St. Leu hat, frei, nach ihrem eigenen Geſchmacke zu handeln; allein was Der Maler Antonio Allegri, gen. Correggio, geboren zu Correggio im J. 1494, geſtorben 1534. wie Ihnen ſicherlich bekannt iſt, bei dem Geſandten unſe⸗ res Königs um einen ſichern Geleitſchein nach Großbritannien gebeten, und der Geſandte übermacht mir hier die nöthigen Papiere, mich zugleich anweiſend, die Frau Gräfin bis in den Seehafen zu begleiten, in welchem ſie ſich einſchiffen wird.“ verſchafft mir die Ehre Ihres Be⸗ ſuchs?“ „Mein Geſandter hat mich an⸗ gewieſen,“ entgegnete Arthur Stan⸗ ton,„Sie zu erſuchen, unter dieſen Paß Ihr Viſum zu ſetzen, damit wir auf der Reiſe nicht unnöthigen Chika⸗ nen und Verzögerungen ausgeſetzt ſind.“ Er übergab dem Feldmarſchall die betreffenden Papiere, und dieſer las ſie aufmerkſam durch.„Der Tag der Abreiſe iſt hier nicht feſtge⸗ ſetzt,“ ſagte er nach genauer Prüfung, „und ebenſowenig Beſtimmtes kann ich über die Reiſeroute finden.“ „Dieſe zwei Dinge hat mein Geſandter dem beſſeren Ermeſſen der Frau Gräfin von St. Leu anheim⸗ gegeben,“ erwiederte Arthur Stanton, „aber wenn Sie die Güte hätten, mich zu der Dame, der ich ſoeben meine Aufwartung zu machen im Begriffe bin, hinauf zu geleiten, ſo könnten die offen gelaſſenen Rubriken ſogleich definitiv ausgefüllt werden.“ „Sie haben vollkommen recht,“ verſetzte der Oberkommandant, und erklärte ſich ſofort bereit, den Eng⸗ länder zu begleiten. Sie ſtiegen die Treppe hinan und ſtanden bald vor der Gräfin; doch verrieth weder dieſe, noch Arthur Scanton durch irgend Etwas, nicht einmal durch einen Blick, daß ſie früher ſchon mit einander bekannt ge⸗ weſen oder gar in näheren Beziehun⸗ gen geſtanden ſeien. „Madame,“ eröffnete der Obergeneral das Geſpräch, „Seine Lordſchaft der britiſche Geſandte hat Ihrem Wunſche entſprochen und iſt ſogar ſo weit gegangen, Ihnen in Sir Arthur Stanton hier einen Reiſemarſchall zu ſenden.“ „In der That,“ erwiederte der General, der ſeine Betroffenheit nicht ganz bergen konnte,„eine äußerſt ſchmei⸗ chelhafte Aufmerkſamkeit für die Gräfin von St. Leu, be⸗ ſonders in Anbetracht von deren nahen Verwandtſchaft mit der ehemaligen napoleoniſchen Dynaſtie, mit welcher Eng⸗ land, wie mir däucht, früher keineswegs auf beſonders freundſchaftlichem Fuße ſtand.“ „Herr Feldmarſchalllieutenant,“ entgegnete Arthur „Natürlich,“ ſetzte Arthur Stanton hinzu,„natürlich nur für den Fall, daß meine Perſon der gnädigſten Frau nicht mißfällig ſei.“ So ſprechend überreichte er der Gräfin einen Brief des Geſandten, welchen dieſe ſchnell überflog, um ſich dann mit ungemeiner Freundlichkeit an Sir Arthur zu wenden. „Seine Lordſchaft ſchlägt die Route über Civitavecchia als die kürzeſte und bequemſte vor,“ ſagte ſie,„was iſt Ihre Meinung, mein junger Herr Reiſemarſchall?“ „Ich ſtimme Seiner Lordſchaft ganz bei,“ entgegnete t ihrer deſſen t ſelbſt laſſen, nd mit r auch n Ver⸗ Lippen Wir „Wir h einer atürlich in was aß ſie int ge⸗ ziehun⸗ ziehu enden. cchia iſt l dn Feierſtunden. V 5 G Rcn 1864. 3 1A 4 V — 1 St. Maria zum Sonnenberg auf Seelisberg. 1 „ 4 8 82 2—* Feierſtun 202 Arthur Stanton,„und zwar um ſo mehr, als dort, wie der Geſandte ebenfalls meldet, Gelegenheit vorhanden iſt, augenblicklich nach Cannes in Frankreich abzufahren.“ „Und was ſagen Sie dazu, Herr Feldmarſchalllieute⸗ nant?“ fuhr die Gräfin fort, ſich an den Oberkommandan⸗ ten wendend. „Auch ich bin für dieſe Route,“ meinte derſelbe,„vor⸗ ausgeſetzt, daß Rom auf dem Wege dahin nicht berührt wird.“ „Ihre Vorausſetzung iſt natürlich Befehl für mich,“ lächelte die Gräſin.„Nun wir aber hierüber im Reinen ſind, bleibt uns nur noch übrig, den Tag und die Stunde der Abreiſe zu beſtimmen. Ich ſelbſt bin mit meinen Vor⸗ bereitungen längſt fertig, denn,“ ſetzte ſie nicht ohne einige Bitterkeit hinzu,„die paar Koffer für mich und meine Kammerfrau waren bald gepackt, außer dieſer aber beſitze ich derzeit kein Gefolge. Auch habe ich in der That keine Luſt, hier in der Geſchwindigkeit noch ein paar Bediente zu miethen, da dieſe bei ihrer Unkenntniß der engliſchen Sprache doch für mich in London werthlos ſein würden.“ „Gnädigſte Frau,“ entgegnete Arthur Stanton,„auch in dieſer Beziehung hat mein Geſandter Vorſorge getroffen, denn er hat mich beauftragt, Ihnen wo möglich für einige Lakaien, welche außer der engliſchen auch noch der franzö⸗ ſiſchen Sprache mächtig ſeien, zu ſorgen, und da mir nun von meinen eigenen Leuten zwei, bei denen jene Voraus⸗ ſetzung eintrifft, entbehrlich ſind, ſo werde ich ſie Ihnen mit größtem Vergnügen abtreten. Doch— die gnädige Frau haben den Tag ihrer Abreiſe noch nicht beſtimmt.“ V „In der That,“ verſetzte nun die Gräfin,„es drängt mich, von hier fortzukommen, denn obwohl ich mich über nichts beklagen will, ſo bin ich doch lieber in einer Lage, wo ich mich als meinen eigenen Herrn betrachten darf. Wenn Sie es daher möglich machen können, ſo möchte ich am liebſten ſchon morgen aufbrechen.“ „Die Stunde, Frau Gräfin?“ fragte Arthur Stan⸗ ton.„Brechen wir ſehr frühe auf, ſo erreichen wir viel⸗ leicht bis morgen Mittag Civitavecchia.“ „Gut alſo, wir reiſen mit Tagesanbruch,“ entſchied die Gräfin. Mit einer freundlichen Handbewegung entließ ſie die Herren, und dieſe ſtiegen zuſammen die Treppe herab; doch trennten ſie ſich nicht eher, als bis der Oberkommandant ſein Viſum unter den Paß geſetzt und die genaue Reiſe⸗ route darauf verzeichnet hatte. Uebrigens auch jetzt noch nahmen ſie keinen Abſchied von einander, indem der alte General meinte, ſeine Pflicht gebiete es ihm, der Abfahrt der Gräfin von St. Leu anzuwohnen. „Ich hätte ihm dieſe Pflicht geſchenkt,“ murmelte Ar⸗ thur Stanton vor ſich hin, während er langſam ſeinem Gaſthofe zuſchritt,„denn ſo alt er auch iſt, ſo hat er doch gute Augen im Kopfe, und wir müſſen alſo doppelt vor⸗ ſichtig ſein; doch dem Muthigen gehört die Welt, und ich hoffe, Gott wird das kühne Wagniß, das er bis jetzt ſichtbarlich geſegnet, nicht im letzten Augenblicke noch ſchei⸗ tern laſſen.“ Wie die Gräfin von St. Leu dieſe letzte Nacht, die ſie in Ancona verlebte, zubrachte, ob ruhig ſchlafend im Bette oder leiſe mit den Ihrigen berathſchlagend, können wir nicht ſagen. Dagegen wiſſen wir, daß in ihren ſämmt⸗ lichen Zimmern ſchon lange vor Mitternacht kein Licht mehr brannte, und daß die unter ihr wohnenden Offiziere den. 1864. eines Fußtrittes hörten. Etwas weniger ſtill ging es in der Grande Bretagne zu, wo die franzöſiſchen Offiziere, deren wir oben erwähnt haben, es ſich nicht nehmen ließen, dem ſcheidenden Mitbewohner einen kleinen Abſchied zu geben; doch auch Arthur Stanton riß ſich bald los, um, wie er ſagte, im Schlafe Stärkung auf die morgigen Stra⸗ pazen zu ſuchen. Allzu lange übrigens dauerte dieſer Schlaf nicht; denn ſchon um drei Uhr in der Frühe wurde es in ſeinem Zimmer lebendig(obwohl ſich die dort hin und wieder gehenden Perſonen alle Mühe gaben, ſo wenig laut als möglich aufzutreten), und da es den Leſer intereſſiren dürfte, dem Thun und Treiben dieſer Perſonen anzuwoh⸗ nen, ſo bitten wir ihn, uns in die Zimmer Arthur Stan⸗ tons zu begleiten. Schon gleich der Umſtand, daß alle in's Innere die⸗ ſer Zimmer führenden Thüren feſt verſchloſſen ſind, fällt uns auf, und unwillkürlich ſagen wir uns, es könne dies aus keinem andern Grunde geſchehen ſein, als um alle neugierigen Blicke der übrigen Hausbewohner auszuſchließen. Es gab alſo hier jedenfalls ein Geheimniß, und dieſe un⸗ ſere Vermuthung findet ſich dadurch beſtätigt, daß alle Ge⸗ mächer, bis auf das kleine, nach hinten hinaus gehende, in welchem bisher der kranke Diener verpflegt wurde, in vollkommenes Dunkel gehüllt waren. Ja ſogar in dieſem Zimmerchen hatte man noch Vorſichtsmaßregeln ergriffen, denn das einzige Fenſter war dicht mit Vorhängen verhüllt und vor der ebenfalls einzigen Thüre, die in daſſelbe führte, ſtand einer der Diener Arthur Stantons Wache! Noch ſonderbarer übrigens als alles dies erſcheint uns das Ge⸗ bahren und Ausſehen der in dieſem Gemache Anweſenden, und wenn wir nicht den Ernſt in ihren Geſichtern ſehen würden, ſo wären wir verſucht zu glauben, es handle ſich um eine luſtige Maskerade. Wir erblicken nämlich hier zuerſt Arthur Stanton, der bereits ganz reiſefertig gekleidet iſt; dann haben wir vor uns deſſen Kammerdiener Duffy nebſt noch einem weiteren Diener, welche ebenfalls bereits fix und fertig in ihrer Livre ſtecken; endlich haftet unſer Auge auf einer vierten Perſon, die uns zwar ziemlich be⸗ kannt vorkommt, die wir aber doch längere Zeit äußerſt genau betrachten müſſen, ehe wir mit Beſtimmtheit ſagen können, wer es iſt. Als wen jedoch weist ſich dieſe vierte Perſon ſchließlich aus? Als Niemanden anders, denn als den uns ſo wohlbekannten Alfred Belgiojoſo, den Bruder von Felicitas Belgiojoſo! Ja er iſt es, darüber kann gar kein Zweifel ſein, und wir überzeugen uns ſogar davon, daß er ſeine völlige frühere Geſundheit wieder erlangt hat; allein wie merkwürdig hat ſich derſelbe dennoch verändert? Schon ſein eigenthümlicher Anzug macht ihn für uns faſt unkenntlich, denn er trägt einen roth bordirten Rock, kurze Hoſen mit Schnallen und Strümpfe nebſt Schuhen, gerade wie Duffy und der andere Diener Arthur Stantons. Neben⸗ dem iſt ſein Geſicht bemalt, offenbar in der Abſicht, um einen brünetten Italiener in einen blonden Sohn Albions zu verwandeln, und eben jetzt macht ſich Duffy daran, ihm das dichte ſchwarze Kopfhaar wie den Bart glatt vom Kopfe weg zu raſiren. Was kann nun dies Alles zu bedeuten haben, wenn nicht eine Maskerade oder ſonſt einen luſtigen Schwank? Doch belauſchen wir das leiſe Geſpräch, das ſie führen, ſo werden wir vielleicht in's Klare kommen. „Wenn dich Felicitas in dieſem Koſtüme ſehen würde!“ ſagte Arthur Stanton mit trübem Lächeln, indem er ſich vor ſeinen Freund hinſtellte.„Aber wahrhaftig, Duffy des öſtreichiſchen Generalſtabs auch nicht einmal während der ganzen Nacht bis gegen den Morgen hin das Geräuſch verwandelt dich nach und nach in einen ſo vollkommenen engliſchen Livrée⸗Bedienten, daß dich ſelbſt deine Mutter — „E. „und ſich „M ſchnell a ergriff it Seite zu Vo der ſeine tem kon zuerſt h heit an So, ne wir bal ſetzte er bemerit Feierſtun „Es iſt der öſtreichiſche Oberkommandant,“ hauchte ſie, „und ſicherlich erkennt er meinen Sohn auf den erſten Blick.“ „Muth, meine Mutter,“ flüſterte Louis Napoleon, ſchnell an ihre Seite ſpringend; aber mit kräftiger Hand ergriff ihn Arthur Stanton und ſchob ihn auf die andere Seite zu Duffy und dem zweiten Bedienten hin. 3 Vorwärts Charley, hurtig Joé,“ ſchrie jetzt Duffy, der ſeinen Herrn im Momente begriff, auf engliſch in lau⸗ tem kommandirendem Tone.„Da, der Koffer hier muß zuerſt hinab, und ſtoßt ihn mir nicht nach eurer Gewohn⸗ heit an allen Ecken an, daß am Ende der Deckel aufſpringt. So, nun raſch voran und kehrt gleich wieder zurück, daß wir bald fertig werden.“ den. 1864. 205 Natürlich gehorchten die beiden Burſche, der wirkliche und der verkleidete Bediente ohne irgend eine Widerrede, und wie der alte General in's Zimmer trat, hoben ſie den ſchweren Koffer, um die Sekunde darauf durch die Thüre zu verſchwinden; hinter ihnen drein aber eilte Duffy mit einem leichteren Gepäckſtück, ohne Zweifel, weil er unten beim Aufladen noch weitere Befehle zu ertheilen hatte. „Eure Excellenz halten wirklich Wort?“ rief Arthur Stanton, dem Feldmarſchalllieuntenant ein paar Schritte entgegengehend.„Wahrhaftig zu ſo früher Stunde hätten Sie ſich eine ſolche Aufmerkſamkeit nicht zumuthen ſollen.“ „Ich weiß, was meine Pflicht iſt,“ erwiederte der alte Soldat, ſich der Gräfin von St. Leu nähernd,„aber,“ (Zu Seite 206.) ſetzte er ſofort, als er die außerordentliche Bläſſe derſelben Andern, d. h. durch einen wirklichen Lakaien erſetzt. bemerkte, hinzu,„ſollten Sie ſich etwa unwohl fühlen?“ „Eine Kleinigkeit,“ entgegnete die Gräfin, die ſich, als ſie ſah, wie der General den arbeitenden Bedienten gar keine Aufmerkſamkeit ſchenkte, ſchnell wieder erholte.„Ich kann das frühe Aufſtehen nicht gut ertragen, aber der An⸗ fall wird hoffentlich im Augenblicke vorüber ſein.“ Sie bot dem General einen Stuhl und er nahm ihn an; Arthur Stanton aber, der wohl fühlte, welche unend⸗ liche Qual dieſe Lage für ein Mutterherz haben müßte, er⸗ hob ſich alſobald, um, wie er ſagte, zu ſehen, ob unten Alles richtig geordnet werde, in Wahrheit aber, um eine Wiederkehr Louis Napoleons zu verhindern. Hiefür hatte übrigens Duffy bereits geſorgt, wie ſich Arthur, ehe er noch die Thüre erreichte, ſogleich überzeugen konnte, denn ſoeben kehrten die Diener zurück, um weitere Effekten zu holen, aber die Stelle Louis Napoleons war durch einen Nach zehn Minuten waren die letzten Koffer auf die Wägen gepackt, und Arthur Stanton beeilte ſich ſofort, die Gräfin von St. Leu zu benachrichtigen, daß Alles zur Ab⸗ fahrt bereit ſei. Sie ſtand haſtig auf, aber plötzlich drang zum zweitenmale all' ihr Blut zum Herzen zurück, und bleich wie der Tod ſank ſie auf den Seſſel nieder.„Wenn jetzt im letzten entſcheidenden Momente der General doch noch entdeckte, wer in der Lakaienkleidung verborgen ſei!“ Dieſer Gedanke flog mit Blitzesſchnelle durch ihr Gehirn und ein förmliches Entſetzen erfaßte ſie. „Sie ſind ernſtlich unwohl und ſollten Ihre Abreiſe wenigſtens um einen Tag verſchieben,“ ſagte jetzt der Feld⸗ marſchalllieutenant, die Gräfin halb mitleidig, halb miß— trauiſch betrachtend. 206 Die Gräfin fühlte dieſen Blick, ſah, und mit einer unglaublichen Anſtrengung ward ſie plötzlich wieder Herrin ihrer Gefühle.„Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme,“ erwiederte ſie mit feſter Stimme, „aber ich kenne meine Natur zu genau, um nicht zu wiſ⸗ ſen, daß dieſes mein Unwohlſein von ganz und gar keiner Bedeutung iſt.“ Sie erhob ſich abermals, doch diesmal ohne zu wan⸗ ken oder auch nur zu zittern, und der General bot ihr den Arm, um ſie an den Wagen zu führen. Der Weg die Treppe herab hatte kaum die Länge von hundert Schritten, aber es war ihr, als könnte ſie deſſen Ende gar nicht erleben. Doch endlich— endlich erreichte ſie die Hausflur, und der nächſte Augenblick mußte ſie an's erſehnte Ziel bringen. Aber— Herr Gott im Himmel, wenn doch dieſer Augenblick ſchon überſtanden wäre! Am Arme des Feldmarſchalllieutenants betrat ſie den Vorplatz des Palais, wo die Wägen hielten, und jetzt— jetzt mußte es ſich entſcheiden, ob der kühne Wurf gelingen ſollte oder nicht. Feſt drückte ſie die Hand auf's Herz, um deſſen lautes Pochen zu hemmen, und mit Gewalt zwang ſie ſich — zum erſtenmale, ſeitdem ſie ihren Salon verlaſſen— die Augen aufzuſchlagen! 3 Es herrſchte noch ziemliche Dunkelheit, denn die Sonne war noch nicht aufgegangen, und es brannten deßhalb etliche Laternen, bei deren Schein man die Wägen bepackt hatte; aber ihr Licht blendete eher, als daß es erhellte, und ſomit mußte ſich die Gräfin doppelt anſtrengen, um einen genauen Ueberblick zu gewinnen. Was ſah ſie nun aber, als ihr Auge endlich die Finſterniß durchdrang? Rechts vom Por⸗ tale einige Soldaten— ohne Zweifel Offiziersbediente, welche ihr Dienſt ſchon ſo frühe wach gerufen hatte; links die Frau des Haushofmeiſters mit ihren beiden Knaben, welche es ſich nicht hatte nehmen laſſen, bei der Abfahrt der hohen Herrin zugegen zu ſein, und unmittelbar vor ſich hart am Wagenſchlage fünf Männer in der Livrée des Sir Arthur Stanton. Natürlich war Einer dieſer Män⸗ ner ihr Sohn und ein Anderer derſelben Graf Alfred Bel⸗ giojoſo, allein ſie ſtanden alle Fünfe ſo gleichförmig in Reih und Glied und unterſchieden ſich ſo wenig von ein— ander, daß Einer, der nicht um das Geheimniß wußte, unmöglich auch nur ein⸗Mißtrauen faſſen konnte. Dennoch fing ihr Herz wieder an zu pochen, als müßte es zerſprin⸗ gen, und unwillkürlich ſuchte ihr Blick den des Generals, ob ſich nichts Gefahrdrohendes in demſelben zeige. Doch dem Himmel ſei Dank, ſein Auge ſchweifte ſo kalt und gleichgültig über den Hof hin, daß man wohl ſah, wie ihm aller Verdacht fern liege! So erholte ſie ſich im Augen⸗ blicke wieder, und gewann ſogar ſo viel Gewalt über ſich, der Frau des Hausmeiſters die Hand zum Abſchied zu rei⸗ chen, ſowie mit den beiden Knaben einige freundliche Worte zu wechſeln. Jetzt wurde die Wagenthüre vor ihr geöffnet und der General hob ſie hinein. Im nächſten Augenblicke nahm Arthur Stanton an ihrer linken Seite Platz und faſt zu gleicher Zeit ſprangen zwei Lakaien auf den hinteren Bock hinauf. Wer waren aber dieſe beiden Lakaien? Weder die Gräfin von St. Leu noch Arthur Stanton konnten es ſehen, obwohl ſie ihn nicht von. Feierſtunden. 1864. — Noch ein Knall, und unmittelbar hinter ihnen folgte ein zweites Gefährt, in welchem die Kammerfrau Cochelet nebſt dem Kammerdiener Duffy und den zwei anderen La⸗ kaien ſaß. So verließen ſie Ancona, und kein einziger Menſch in der ganzen Stadt hatte nur eine Ahnung davon, welch' wichtige Perſönlichkeit ſoeben dem Arme ſeiner Feinde entronnen ſei. Der kühne Wurf war gelungen, und Louis Napoleon mit ſeinem Parteigenoſ⸗ ſen war gerettet!(Siehe Bild S. 205.) Wir könnten nun unſere Erzählung mit Einem Male hier abbrechen, da ſie in Wahrheit mit dem Entkommen Louis Napoleons zu Ende iſt, allein wir halten es doch für unſere Pflicht, den Leſer noch kurz von dem Verlaufe der Flucht Louis Napoleons aus Italien, ſowie von dem weiteren Schickſale der in unſerer Geſchichte aufgetretenen Hauptperſonen zu unterrichten. Ganz geſichert nämlich war das Schickſal Napoleons und ſeines Genoſſen Belgiojoſo's mit dem Entkommen aus Ancona noch nicht, denn es konn⸗ ten ja Zwiſchenfälle eintreten, welche ihre Gefangennehmung veranlaßten, lange ehe ſie Civitavecchia, den von ihnen er⸗ wählten Einſchiffungshafen, erreichten. Namentlich befürch⸗ tete die Königin Hortenſe, ihr Sohn Louis, deſſen Per⸗ ſönlichkeit nur faſt Allzuviele getreu im Gedächtniſſe hatten, möchte auf einer der vielen Stationen, auf denen man Pferde wechſeln mußte, erkannt werden, und dieſe Furcht erwies ſich als eine nicht nur keineswegs ganz eitle, ſon⸗ dern vielmehr als eine nur zu wahre. Einen Vorſchmack hievon bekamen unſere Reiſenden ſchon in Oſimo, der erſten Station von Ancona aus gerechnet, allein dieſer Vorſchmack lief noch gut genug ab. Die beiden franzöſiſchen Offiziere nämlich, welche mit Arthur Stanton in der Grande Bre⸗ tagne logirt hatten, wollten dieſem eine letzte Ehre erwei⸗ ſen und waren in aller Frühe, während die Wagen vor dem Palais der Gräfin von St. Leu gepackt wurden, nach Oſimo vorausgeritten, um ihrem Freunde noch einmal die Hand zu reichen, vielleicht auch um der Königin Hortenſe aus Pietät gegen den Kaiſer Napoleon ihre Verehrung zu bezeugen. Natürlich ging dies Alles in größter Eile ab, denn man hielt in Oſimo nur ſo lange, bis die Pferde gewechſelt waren; doch ſo kurz auch die Augenblicke bemeſ⸗ ſen waren, ſo genügten ſie hinlänglich, um den Einen der Offiziere eine Entdeckung machen zu laſſen, welche, als er ſie ſeinem Freunde Stanton zuflüſterte, die Wangen des Letzteren mit hoher Röthe bedeckten. Was flüſterte er ihm nämlich zu? Nichts Anderes, als„es werde gut ſein, wenn der Eine der beiden Lakaien hinten auf dem Bocke das ſchwarze Haar beſſer mit der blonden Perücke bedecke, die⸗ weil es ſonſt leicht wäre, daß irgend ein Begegnender in ihm einen verkleideten Flüchtling vermuthe.“ Dieſe Bemer⸗ kung galt dem Prinzen Napoleon, dem man in der Eile die Perücke nicht ganz kunſtgerecht aufgeſetzt hatte; von einer ſchlimmen Folge begleitet aber waren die Worte nicht, ein⸗ mal weil der Offizier zum Zeichen, daß er nie den Ver⸗ räther machen werde, der Fehler, ſobald man Oſimo im Rücken hatte, ſogleich beſtens reparirt wurde. Weit gefährlicher ſtanden die Dinge in Macerata, der fünften Station von Ancona aus, denn denn ſie wandten den Kopf nicht um, allein ſie wußten es hier hielt vor dem Poſthauſe eine kleine Abtheilung Oeſt⸗ doch Beide, dieweil ihr Herz es ihnen ſagte. Der Eine derſelben war Prinz Louis Napoleon, der jetzige Kaiſer der Franzoſen, und der Andere Graf Alfred Belgiojoſo, der Großneffe des Kardi⸗ nals Dorial! Ein Knall mit der Peitſche und der Poſtillon fuhr da⸗ reicher, welche einen gefangenen Italiener transportirten, und dieſer Gefangene, ein jünger Römer von edlem Ge⸗ ſchlecht, erkannte den Prinzen auf den erſten Blick. Ohne Zweifel nun hätte ſich derſelbe durch Angabe ſeiner Ent⸗ deckung die Freiheit erkaufen können, aber— er zog Ge⸗ fangenſchaft dem Verrathe vor, und unſere Reiſenden kamen vertraut nickte, und zum Andern weil — abermals ſah es in nämlich Oeſtreiche Gefangen. mandiren ſei. Der vorweiſer daß er darum e unterſuch auseinan die Reiſ an, was meinte e und zum hinter ſie Menge v ſchließüch geſetzten Civitave konnten halten, vielmehn denn ob unter kei geren Au werde, ſe er ihnen gat kin Grunde nach Ca kamen geſund, dem G ſoglel e Dinge ennt s, d lg 9 eſt⸗ . rirten, „ Ge⸗ Ohnue r Enl⸗ 31 a09 Ge⸗ 3 tamee Feierſtunden. 1864. 207 abermals unbehelligt davon. Am allergefährlichſten übrigens jetzt durfte ſich Arth ur Stanton ſagen, daß er ſah es in der nächſten Station, in Tolentino, aus. Hier tekn dem Kardinal Doria und der Gräfin Feli⸗ nämlich begegnete man wiederum Gefangenen, welche von citas gegebenes Wort in ſeinem vollſten Um⸗ Oeſtreichern transportirt wurden, und ſobald Einer dieſer fange gelöst habel! Gefangenen die Reiſewägen anfahren ſah, rief er dem kom⸗ Wie glühend ihm die Gräfin von St. Leu dankte, mandirenden Offiziere zu, daß hier ein Fang zu machen und wie ſelbſt Louis Napoleon tief ergriffen war, darüber ſei. Der Offizier ließ ſich ſofort die Päſſe der Reiſenden ein Mehreres zu ſagen möchte wohl überflüſſig ſein. Das vorweiſen, allein man ſah es ſeinem ehrlichen Geſichte an, aber dürfen wir nicht verſchweigen, daß Arthur Stanton daß er kein Freund von Angebern und Spionen ſei, und nach einem Aufenthalte von nur wenigen Stunden Cannes darum erklärte er auch, nachdem er die Papiere ſorgfältig wieder verließ, um über Marſeille ſo ſchnell als möglich unterſucht, und nachdem ihm Arthur Stanton das Nöthige nach Civitavecchia zurückzukehren. Es zog ihn nach Rom, auseinandergeſetzt hatte, daß Alles in der Ordnung ſei, und um den Lohn einzuernten, der ihm daſelbſt zugeſagt wor⸗ die Reiſenden weiter fahren könnten.„Was geht es mich den war. Und er ward ihm nicht vorenthalten, dieſer an, was der engliſche Lord für Diener zu halten beliebt?“ Lohn, ſondern als er nun die Hand der geliebten Felicitas meinte er, dem Angeber einen verächtlichen Blick zuwerfend, begehrte, um dieſelbe als ſein Weib nach England heimzu⸗ und zum drittenmale hatte man die Gefahr der Entdeckung führen, wo Alfred bereits ihrer warte, da ſegnete ihn der hinter ſich. Auch ſpäter noch hatten die Reiſenden eine alte Kardinal als ſeinen Sohn und die Gräfin Belgiojoſo Menge von Fährlichkeiten und Abenteuern zu beſtehen, aber küßte ihn als ſeine Mutter. ſchließlich erreichten ſie doch nach einer Tag und Nacht fort⸗„Du haſt dich als Märtyrer der Freundſchaft erwie— geſetzten Fahrt von ſechsunddreißig Stunden den Hafen von ſeu,“ ſagte der greiſe Kirchenfürſt,„ſomit ſoll dir auch die Civitavecchia, wo ſie ſich ſchon mehr in Sicherheit fühlen Krone der ewigen Liebe nicht fehlen.“ konnten. Ganz geborgen jedoch durften ſie ſich nicht eher Die Einſegnung der Ehe„ganz im Stillen“ fand ſtatt halten, als bis ſie die italieniſche Küſte hinter ſich, oder in einer Nebenkapelle der Kirche zum Kapuzinerkloſter in vielmehr bis ſie den franzöſiſchen Boden unter ſich hatten, Rom, und der Einſegnende war kein Anderer, als der denn obwohl ſie wußten, daß ihnen König Louis Philipp Pater Iſidoro. Ihn, den Liebling des Volkes, zu ver⸗ unter keiner Bedingung einen bleibenden oder auch nur län⸗ folgen, wagte die Regierung nicht, und überdies ſchützte ihn geren Aufenthalt in den Gränzen ſeines Reichs geſtatten nicht ſchon ſein heiliger Stand? Einen Monat ſpäter tra⸗ werde, ſo war es dagegen umgekehrt eben ſo evident, daß fen die Neuvermählten in England ein, und das Jahr er ihnen die Durchreiſe nach England geſtatte und ſie in darauf nach dem Tode des Kardinals Doria folgte ihnen gar keinem Falle an Oeſtreich ausliefere. Aus dieſem dahin auch die Gräfin Belgiojoſo, um wieder mit ihren Grunde ſchifften ſie ſich gleich nach ihrer Ankunft auf einem Kindern vereinigt zu ſein. nach Cannes in Frankreich adcehenden Packetboote ein und Was geſchah aber mit dem Arzte von San Marino? kamen da nach einer ziemlich ſtürmiſchen Fahrt heil und Er lebte noch vor Kurzem in Paris, wohin ihn Kaiſer geſund an. Jetzt alſo war Louis Napoleon nebſt Napoleon im Jahre 1853 als ſeinen Leibarzt berufen hatte. dem Grafen Belgiojoſo wirklich gerettet, und Th. Grieſinger. Die Moſchee Suſeiman's in Ronſtantinopel. Die nahe beim alten Serail, ſüdlich vom Holzthore der am öſtlichen Ende des Gebäudes ſtehende Hochaltar, der Hafenſ ſeite befindliche Moſchee Suleimanijé iſt un⸗ der in goldenen Buchſtaben die Namen Gottes und der ſtreitig eine der zierlichſten Moſcheen Konſtantinopels. Die Propheten enthält. An der Seite des Hochaltars ſtehen Kuppel derſelben wird von vier gefälligen Säulen getragen gewaltige Wachslichter, die jeden Abend angezündet werden, und ruht ſo leicht auf den zarten Kapitälern, daß das wenn der dienſtthuende Kiatib aus dem Koran vorliest, und ganze ſchöne Bauwerk dadurch einen ganz eigenthümlichen das ganze Schiff der Moſchee iſt von Tauſenden kleiner, Charakter erhält. Das Innere entſpricht dem Aeußern an gemalter Lampen erleuchtet, welche, verſchiedene Formen Pracht und Reichthum. Die Hauptzierde ſind vier, mit bildend, an dünnen eiſernen Reifen von der Deckenwöl⸗ großem Fleiße bearbeitete Porphyrſäulen in den Winkeln bung herabhängen. Die herrlichen gemalten Glasfenſter des Gebäudes, koſtbare Ueberreſte eines heidniſchen Tem- ſollen in der Welt nicht ihres Gleichen haben; ſie wurden pels, die urſprünglich als Fußgeſtelle antiker Bildſäulen durch Suleiman von den Perſern erbeutet und zum Schmuck gedient haben ſollen. Schwebende Bogen in dem zarteſten ſeiner Moſchee beſtimmt. Die Lichtſtrahlen, welche durch rahefäßen Bauſtyl zieren die Baſis der Kuppel, und das ihre kunſtreich verſchmolzenen Farben auf die Marmor⸗ Karnieß der Eſtrade, auf welcher der Muezin ſich zum wände des Innern fallen, machen eine überraſchende Gebet niederwirft und den Gottesdienſt leitet, iſt ungemein Wirkung. zart mit dem Meißel ausgearbeitet, und gleicht einem Kranze Was der Suleimanijé ein höheres Intereſſe gibt, als von ſägeartig gezähnten Lotusblättern. Die aus feinem irgend eine andere Moſchee in Konſtantinopel beanſpruchen weißen Marmor gearbeitete Kanzel hat die Geſtalt einer kann, und ihr vor Allem zu beſonderer Ch re gereicht, und rieſenhaften Arumblüthe, die großen Eingangsthore ſind höher zu ſchätzen iſt, als all' ihre Pracht und Schönheit, koſtbar bearbeitet und ſind mit Perlenmutter eingelegt; der iſ daß ſie zugleich die unbewachte allgemeine Schatzkam⸗ Marmorboden des Inneren iſt durchaus mit herrlichen mer für Privatperſonen, gleichſam eine unter Allah's be⸗ Teppichen bedeckt. Die Wände ſind mit vielen Verſen aus ſonderem Schutze ſtehende Depoſitenbank iſt.— Eine koſt⸗ dem Koran, nach orientaliſcher Art, reich verziert, ebenſo bar verzierte Galerie längs der ganzen Nordſeite des 5 4 3 Feierſtun Gebäudes iſt voll von Koffern von verſchiedener Größe und Form, von der einfachen Lade des Kleinhändlers, aus Cypreſſenholz, bis zu der ſchweren eiſernen Geldkiſte eines verwieſenen Beamten oder eines auf Reiſen befindlichen Bankiers. Sie ſtehen hier bis unter das Dach aufgeſchich— tet und mit einer Marke verſehen, die nur dem abweſen⸗ den Eigenthümer und dem zeitweiligen Aufſeher bekannt iſt. Die der Moſchee Suleiman's anvertrauten Güter werden beim Empfang von dazu beſtellten Beamten ſorgfältig in ein Buch eingetragen mit beigefügter, näherer Beſchreibung, inRe M Schätze an Gold, Silber und Koſtbarkeiten ſollen von un⸗ ermeßlichem Werthe ſein, und viele Kiſten und Koffer fünf⸗ zig, ja hundert Jahre in der Galerie geſtanden haben. Wenn ſie aber auch noch länger hier geweſen wären, un⸗ verſehrt würden ſie geblieben ſein, denn in der Sulei⸗ manijé wird kein Schloß, kein Siegel erbrochen. Unter allen Umſtänden bleibt die Galerie heilig, und wird weder bei Volksempörungen, noch bei Aenderungen in den An⸗ Schild Die grüne Schildkröte der Europäer(Chelonia vir- gata) kommt ſehr häufig in dem warmen Waſſer des Golfſtroms, im Oſten von Florida, vor. Die Fiſcher dort betrachten ſie mit großer Ehrfurcht als ein Emblem langen Lebens. Wenn eine ſolche Schildkröte zufällig in einem Netze gefangen wird, wird ſie in die nächſte größere Stadt gebracht und einige Zeit zur Schau geſtellt. Gewöhn⸗ o 4 M 7 —— Die Moſchee Suleiman's den. 1864. und was einmal ſo deponirt iſt, bleibt unverſehrt, Nie⸗ mand rührt es an, gleichviel, wie lange es dauert, bis der Eigenthümer es zurückfordert, oder welche Veränderungen mittlerweile in der Regierung und Verfaſſung des Landes eintreten. Die Heiligkeit des Depoſitums iſt anerkannt und wird geachtet. Perſonen aus allen Nationen, Bekenner aller Religionen dürfen ihr Gut hier niederlegen, und ver⸗ ſichert ſein, daß es ihnen unverſehrt zurück erſtattet wird, ſobald ſie es zurückfordern. Die in der Galerie der Suleimanijé aufgeſtapelten M Konſtantinopel. in ſtalten des Landes angetaſtet. Hier übt die türkiſche Regierung keinen Deſpotismus, wie ihr ſo oft zum Vor⸗ wurf gemacht wird, verlangt kein Lagergeld noch ſonſtige Abgaben; oft fehlte es ihr an Geld, oft war der Staat bedrängt, aber immer zeigte ſich hier der türkiſche Hof redlich, was nicht ſo allgemein bekannt zu ſein ſcheint, als es zu ſein verdient. 2 —. kröten. lich wird dann das Thier von ſeinen Beſitzern durch einen wohlhabenden Eingeborenen erkauft, der einige„Gute Worte“ mit ſeinem Namen und Datum auf die Stirn des Thieres ein⸗ graviren läßt und die Schrift mit Zinnober färbt. Das Thier wird dann, mit Bändern geſchmückt, in ein Boot gebracht und ſehr ceremoniös in die See hinausgefahren, wo es ſeinem natürlichen Elemente wieder zurückgegeben wird. — päern als 3 gutart katholi Sklave Väter nares Fraue und 6 in 1 aus de lers D der au G nach Mini dem? als T zum( denn- Sie 3l der Tü ließ m eine S und d ten, I 1 ſtadt vor 170 heiligen zu bau Reichs da die auf 30 Bevölk Lalen ich gro N Feierſtunden. 1864. päern beſtehen. Die Schwarzen, die, obwohl irrthümlich, als„Neger“ bezeichnet werden, ſind ein wohlgewachſener, gutartiger Menſchenſchlag, theils Muhamedaner, theils katholiſche Chriſten, viele derſelben aber, Freie ſowohl als Sklaven, noch immer dem harmloſen Aberglauben ihrer Väter zugethan.— Die Farbigen, die ſich ſelbſt Sig⸗ nares nennen, ſind die Nachkommen der mit einzelnen Frauen verheirathet geweſenen Europäer, und meiſt, ſchöner und kräftiger, als ihre Eltern; unter den Damen, die ſich in St. Louis ſtets in der ausgewählteſten Toilette, nie 211 aber ohne ſchwarze Dienerin zeigen(ſiehe Bild S. 209), findet man die intereſſanteſten Phyſiognomien, und oftmals Schönheiten, die trotz ihrer etwas gebräunten Wangen in europäiſchen Salons Aufſehen erregen würden. Sie bilden den angeſehenſten und wohlhabendſten Theil der Bevölkerung von St. Louis, ſetzen einen Stolz auf ihre Abſtammung und halten ſich, wenn auch nicht für beſſer, doch wenig— ſtens den eingewanderten angeſehenen Franzoſen gleich. 2. Anekdote aus dem Leben von Delacroip's Vater. Der„Progrès“ von Lyon erzählt folgende Anekdote aus dem Leben des Vaters des kürzlich verſtorbenen Künſt⸗ lers Delacroix, welcher unter dem Direktorium Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten geweſen war. Ein Geſandter der hohen Pforte, auf dem Punkt, nach Conſtantinopel zurückzukehren, kam, um von dem Miniſter Abſchied zu nehmen. Während der Audienz wurde dem Miniſter ein Brief übergeben, welcher ſeine Entlaſſung als Miniſter enthielt.„Es freut mich,“ ſprach er, ſich zum Geſandten wendend,„daß Sie heute gekommen ſind, denn morgen hätte ich nicht mehr die Ehre haben können, Sie zu empfangen. Ich bin entlaſſen!“„Allah!“ rief der Türke, kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt und ver⸗ ließ mit traurigem Geſicht den Geſandten.— Ungefähr eine Stunde nachher verließ Herr Delacroix ſein Kabinet und erſtaunte höchlich, als er im Vorzimmer den Geſand⸗ ten, nach Art ſeines Landes, mit untergeſchlagenen Beinen, mit träumeriſchem Ausdruck im Geſicht auf der Erde ſitzen ſah. Der Miniſter trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er wohl etwas zu ſagen vergeſſen habe, weil er noch hier ſei.„Oh, nein, aber ich will warten!“„Darf ich wohl fragen, auf was?“ ſagte Delacroix.„Auf das Ende,“ antwortete der Türke feierlich und mit zum Himmel gerich⸗ teten Blick.„Welches Ende?“—„Die Ankunft der Schnur, mit der Sie erdroſſelt werden. Ich will ſehen, wie ein Vezier des Weſtens ſterben kann!“ Herr Delacroix mußte herzlich lachen, ſo ſehr, daß der Tuͤrke alle Hoff⸗ nung auf das kommende Drama aufgab. Er ſtand mit der Miene der Enttäuſchung auf und ſagte:„In Con⸗ ſtantinopel wird jeder entlaſſene Vezier erdroſſelt, damit er die Geheimniſſe des Staats nicht verrathe. Es iſt dies eine ganz ausgezeichnete Vorſicht, und es thut mir leid, zu ſehen, daß Frankreich hierin noch ſo weit zurück iſt.“ Rirchen in Moskau oder Moskwa, gegenwärtig die Haupt⸗ ſtadt der gleichnamigen Statthalterſchaft Groß⸗Rußlands, vor 1703 aber, wo Peter der Große die nach ſeinem Schutz⸗ heiligen benannte neue Reſidenz an der Newa⸗Mündung zu bauen begann, die Hauptſtadt des ganzen ruſſiſchen Reichs, zählt gegenwärtig 273 Kirchen, mithin kommen, da die Zahl der Wohnhäuſer auf 9904 ſich beläuft, ſchon auf 36 Häuſer eine Kirche.— Auch in Beziehung auf die Bevölkerung, die nach dem letzten Cenſus auf 386,370 Seelen ſich belief, ſcheint die Zahl der Kirchen ungewöhn— lich groß zu ſein; allein ſämmtliche Kirchen, nicht blos in Moskau, ſondern auch im übrigen Rußland, ſind meiſt von nur kleinem Umfange, und ſelbſt viele, die als Kathe⸗ drale bezeichnet werden, umfaſſen kaum mehr als 5— 600 Menſchen. Der Grund davon iſt die Strenge des Klima's, welche zur Winterszeit die Heizung der Kirchen nöthig macht; Gebäude aber von der Größe, wie ſie anderwärts in Europa angetroffen werden, würden gar nicht zu erwär⸗ men ſein. Daher findet man auch ſelbſt in den größten Städten Rußlands, und in Gegenden, wo es keineswegs an Steinen fehlt, eine Menge von Holz erbaute Kirchen, weil dieſe ſich leichter heizen laſſen, als ſteinerne. Die größte der Moskauer Kirchen würde, mit der Peterskirche in Rom oder mit der Stephanskirche in Wien verglichen, zu ihr findet. nur wie eine Kapelle erſcheinen. Was aber bei ihnen auf das Auge des Fremden einen beſonders angenehmen Ein⸗ Moskau. druck macht, iſt die ganz eigenthümliche, halb byzantiniſche, halb aſiatiſche Bauart und Verzierung derſelben. Das Hauptgebäude iſt gewöhnlich vierſeitig und hat ein beinahe flaches Dach. Ueber daſſelbe erheben ſich fünf Thürme, vier kleinere an jeder Ecke und ein größerer in der Mitte; jeder endigt ſich in eine gewölbte, nach oben ſpitz zulaufende Kuppel, welche ganz mit Gold oder Silber überzogen iſt. Ganz oben prangt ein griechiſches Kreuz. Für die Glocken iſt gewöhnlich ein beſonderer, mit der Kirche ſelbſt nicht unmittelbar zuſammenhängender Thurm erbaut. Die Menge der Glocken bei einer einzigen Kirche iſt oft ſo groß, daß man bei uns ganze Städte damit verſehen könnte. So hat z. B. der Iwans⸗Thurm 22 Glocken. Das Innere der Kirchen iſt meiſtens mit verſchwen⸗ deriſcher Pracht ausgeſchmückt; nur erinnern dieſe Verzie⸗ rungen nur allzu häufig an die geringe Stufe von Aus⸗ bildung, auf welcher zur Zeit der Erbauung die ſchönen Künſte geſtanden haben. Im Allgemeinen ſind die Kirchen, was die Auswahl der Verzierangen und die äußeren For— men betrifft, wenig von einander verſchieden. Nur eine einzige in Moskau, die Kirche zum heil. Baſilius(Waſili Blagennoi) iſt ſo abweichend von dem gewöhnlichen Bau⸗ ſtyl, daß man vielleicht in ganz Rußland kein Seitenſtück Der Platz, auf welchem ſie ſteht, iſt ziem⸗ lich beſchränkt; aber der Baumeiſter hat auf dieſem kleinen Raume die größte Menge von Arkaden, Gallerien, Thürmen 27* — 212 Feierſtunden. 1864. —ꝛÿ——ͤ——ꝛ———-————————————— ———————; iſt auch die Baſiliuskirche nicht gänzlich von aller Schön⸗ Die Wand, welche das Allerheiligſte am Hochaltar ver⸗ heit entblößt, und man weiß bei genauer Betrachtung der⸗ ſchließt(Iconaſtas), iſt mit Heiligenbildern bedeckt, deren⸗ ſelben nicht eigentlich, welchem Gefühl man Raum geben Rahmen ganz aus maſſivem Gold beſtehen. Unter den ſoll. Bewunderung wäre hier nicht am rechten Orte, eben⸗ Gemälden, die der Verehrung der Gläubigen ausgeſtellt ſowenig aber auch verächtlicher Tadel. Man iſt überraſcht ſind, iſt ein Bildniß der heiligen Jungfrau, w einer und erſtaunt, fühlt ſich abgeſtoßen, und empfindet doch zu uralten Ueberlief gleicher Zeit für das außerordentliche Bauwerk eine gewiſſe haben ſoll. Auch die gewaltige Krone darf h Art von Zuneigung. Die verſchiedenen Stockwerke des ſehen werden, welche zwiſchen den Hauptpfeilern der Innern umſchließen zwanzig verſchiedene Kapellen, und alle Kirche aufgehängt und von 48 Kandelabern umgeben iſt. ſind ſo gebaut, daß 3 Alles zuſammen iſt zu gleicher Zeit in jeder von maſſivem Silber Gottesdienſt gehalten und hat ein Gewicht werden kann. Die von mehr als 2800 Kirche wurde unter der Pfund.— Der Grund Regierung Iwans des zur Kirche der Him— Schrecklichen, 1534 bis melfahrt wurde ſchon 1548, erbaut, und die 1325, unter Iwan I., Sage erzählt, daß der gelegt, aber das jetzige Zar aus Eiferſucht, Gebäude beſteht erſt ſeiner Hauptſtadt den ſeit 1475, wo es auf alleinigen Beſitz eines Befehl Iwans III. ſolchen Meiſterwerks durch einen aus Bo⸗ zu ſichern, den Bau⸗ logna berufenen grie⸗ meiſter, damit er nicht chiſchen Baumeiſter auch auderwärts von aufgeführt wurde. ſeinen Talenten Ge⸗ Der Himmelfahrts⸗ brauch machen möge, kirche gegenüber erhebt an der höchſten Kup⸗ ſich auf der großen pel des Gebäudes habe Esplanade des Kreml aufhängen laſſen. die Kathedrale zum Die Kathedrale Erzengel Michael zur Himmelfahrt(Archangela Michaila), Maria, die unſere eines der älteſten Bau⸗ Abbildung zeigt, iſt werke der Stadt, und die eigentliche Haupt⸗ ſchon unter Iwan I. kirche von Moskau. errichtet. Seit jener Sie enthält die Grab⸗ Zeit hat es zum Be⸗ ſtätten von elf Patriar⸗ gräbniß der ruſſiſchen chen, welche nach ein⸗ Zare gedient: eine lange ander den heiligen Reihe von Grabſtätten, Stuhl beſtiegen hatten, 4 3 die mit großer Regel⸗ ehe Peter der Große,—— E iaßäg it im Schiff 1702, um jeden Ein⸗ Rimmeſfahris⸗Kirche in Moskau. der Kirche neben ein⸗ fluß der Kirche auf den. Humnmaliahrts; Kihe in Moskan ander geſtellt ſind, um— Staat zu vernichten, ſich ſelbſt zum oberſten Haupt der ſchließen die Reſte von vierzehn Herrſchergenerationen. Ueber griechiſchen Kirche innerhalb ſeines Reichs erklärte und die jeder Gruft iſt eine kleine Erhöhung mit einer Decke von Sam⸗ höchſte Verwaltung aller geiſtlichen Angelegenheiten, die met oder Goldſtoff, und unten liest man auf einer ſilber⸗ früher dem Patriarchen überlaſſen war, dem von ihm er⸗ nen Platte den Namen desjenigen, deſſen Gebeine hier richteten„heiligen Synod“ übertrug. In dieſer Kirche, ruhen. Jedesmal nach einer Krönung begibt ſich die kai⸗ welche kaum vier⸗ oder fünfhundert Perſonen faſſen kann, ſerliche Familie in feierlichem Zuge mit dem ganzen Hof⸗ wird die Krönung der ruſſiſchen Kaiſer und ihrer Gemah⸗ ſtaate in die Kirche, um an den Gräbern der hohen Ver⸗ linnen vollzogen. Im Innern des Gebäudes fällt der ſtorbenen ihre Andacht zu verrichten. Blick überall auf Perlen, Edelſteine und koſtbare getriebene 2. Der Schwertſiſch⸗fang. Der Schwertfiſch, welcher ſich durch die ſchwert- Name verräth, darf wohl unter allen andern Fiſchen als förmige Verlängerung ſeines Oberkiefers auszeichnet, wie der Monitor der ganzen Gattung angeſehen werden. In auch ſchon ſein in allen Sprachen Aehnliches bedeutender ſeiner äußeren Geſtaltung hat er, abgeſehen von der merk⸗ — würdi Aehnli blauer Feierſtunden. 1864. 213 ———::ͤ——————— würdigen Form ſeiner Schnauze, mit dem Thunfiſch große floſſe iſt halbmondförmig und die Bruſtfloſſen ſind ſichel⸗ Aehnlichkeit. Sein ſpindelförmiger Rumpf iſt oben von förmig geſtaltet. Im reiferen Alter beſitzt er nur noch den blauer, unten von ſilberweißer Färbung, die große Schwanz⸗ vorderen und hinterſten Theil der Rückenfloſſe, welche bei Der Schwertfiſch⸗Fang. den jungen Thieren über den ganzen Rücken fortläuft. haft und ungemein ſchmackhaft, ſo daß man es in Genua, Völlig ausgewachſen mißt der Schwertfiſch 15— 18, ja Nizza und in vielen anderen Seeſtädten des Mittelmeeres ſelbſt bis zu 20 Fuß und erreicht öfters eine Schwere von in Menge verzehrt, und geſalzen als Delikateſſe an ver⸗ über 400 Pfund. Das Fleiſch iſt bei den alten Thieren ſchiedene Orte der Welt verſendet. Im Mittelmeer ſcheint nicht eßbar, bei den jüngeren dagegen weiß, zart, ſehr nahr- der Schwertfiſch ſeine Heimath zu haben, denn er fehlt: —— 214 Feierſtunden. 1864. ——————— hier nirgends und verbreitet ſich vielmehr von hier aus in wird er aber auch verfolgt, weil man glaubt, er ſei ein den atlantiſchen Ocean, von wo er, ſtatt ſeinen Weg direkt gefährlicher Feind der Thunfiſche und Wale, mit denen er nach Weſten fortzuſetzen, bis in die Nord⸗ und Oſtſee und in beſtändigem Kriege leben und viele derſelben vertilgen bis an die ſüdlichen Spitzen Afrikas vordringt. Den Alten ſolle. Neuerer Zeit hat ſich jedoch dieſe Angabe als ſehr war daher der Schwertfiſch ſchon wohl bekannt, und Pli⸗ übertrieben erwieſen, denn der Schwertfiſch, welcher aller⸗ nius erzählt namentlich von den Gefahren, in die er leicht- dings bisweilen mit anderen großen Fiſchen in Kampf ge⸗ gebaute Fahrzeuge bringe, durch das heftige Anrennen ſei- räth, wird einen ſolchen doch niemals aus Hunger veran⸗ nes Schwerts, und fürchtet dieſe noch mehr, als ſie eigent- laſſen, da er vermöge des Baues ſeiner Kiefern Fleiſch⸗ lich verdienen. Uebrigens geſchieht es ſehr häufig, daß der ſtücke nicht abzureißen vermag, und, wie Unterſuchungen Schwertfiſch, durch paraſitiſche Thiere in Verzweiflung ge⸗ ſeines Magens bewieſen haben, verſchlingt er nur kleinere bracht, von blinder Wuth getrieben, alle ſich bewegenden Fiſche und zumal Calmare unzertheilt. Gegenſtände angreift, und ſogar an Schiffen nicht ſelten Beim Fange des Schwertfiſches bedient man ſich weder die Gewalt und Furchtbarkeit ſeiner Waffe verſucht. In der Netze, wie bei dem des Thunfiſches, noch der Angeln, vielen Sammlungen werden einzelne Schiffstheile aufbewahrt, wie beim Kabliau⸗ und Haifiſchfang, ſondern derſelbe gleicht die, wie der abgebrochene und ſtecken gebliebene Theil des im ſehr verkleinertem Maßſtabe demjenigen der Wallfiſche Oberkiefers beweist, von dem Schwertfiſch durchbohrt wur⸗ und geſchieht durch Harpuniren. An den Küſten von Sici⸗ den. So entdeckte man zu Plymouth in den Vereinigten lien, wo die Schwertfiſche in bedeutendſter Anzahl gefangen Staaten in der Seite eines vom Südſeewallfiſchfang heim- werden, geht ihr Fang auf folgende Art vor ſich Sieben kehrenden Schiffes ein abgebrochenes Schwert, welches nicht Männer beſteigen eine Barke und, indem ſich fünf derſel⸗ allein durch die Verſchaalung und einen dreizölligen, eichenen ben an die Ruder begeben, ſtoßen ſie vom Ufer ab; der Pfoſten, ſondern auch durch ein zwölf Zoll dickes Schiffs- ſechste, welcher die„Wache“ heißt, klettert an einem Maſt knie gedrungen und endlich noch den Boden eines Thranfaſſes empor und hält ſich, ſo gut er kann, an deſſen Spitze durchbohrt hatte; dies iſt gewiß ein überraſchender Beweis feſt, um, ſobald ein Fiſch ſich nähert, es den anderen an⸗ der ungeheuren Stärke des Stoßes. Glücklicherweiſe bricht zukündigen. Im Vordertheile des Nachens wartet der Har⸗ der Knochen durch die Heftigkeit des Stoßes entweder ab, punier, bis die Beute in den Bereich ſeiner Waffe kommt; oder, da durch die gewaltige Erſchütterung der Fiſch ver⸗ tritt nun der günſtige Augenblick ein, ſo ſchleudert er mit muthlich getödtet wird, kann ihn dieſer nicht mehr heraus⸗ aller Kraft den Wurfſpieß nach ſeinem Opfer, in deſſen ziehen, und die Oeffnung bleibt mithin genau verſchloſſen; Rücken das dreizackige, mörderiſche Eiſen tief eindringt, und ein Leck von ſolcher Größe würde aber ſicherlich den Un⸗ obgleich der Schwertfiſch ſich auf's Muthigſte vertheidigt, tergang des Schiffes herbeiführen, zumal wenn dieſer ſich wird er doch unbarmherzig in das Boot gezogen, wo die an einer unzugänglichen Stelle befände. kühnen Fiſcher über ihren glücklichen Fang nicht wenig hoch In manchen Gegenden wird der Schwertfiſch mehr erfreut ſind. des Jagdvergnügens, als des Fleiſches wegen gefangen, theils P. Der Miſſouri. einer Reihe einander folgender Stürze eine Höhe von 357 Fuß überwindet. Der größte dieſer Fälle hat eine ſenkrechte Höhe von 87, der nächſte von 47 Fuß. Die Breite des Fluſſes beträgt hier gegen 350 Yards(1050 Fuß), und die Fälle ſelbſt ſind, nach denen des Niagara, die bedeutendſten der weſtlichen Hemiſphäre. Unterhalb der Fälle, bis zu denen der Miſſourl von beiden Seiten eine Menge kleinerer Ströme in ſich aufgenommen, mündet vom Südweſten der gegen 100 geographiſche Meilen lange Yellow⸗Stone oder Gelbe⸗Steinfluß, deſſen Mündung eine Breite von 800 Yards hat, und etwas weiter abwärts, ebenfalls von Südweſt, der kleine Miſſouri, von deſ⸗ ſen Vereinigung an der Hauptſtrom ſeine Richtung ändert, und vom alten Fort Mandan an ſich plötzlich nach Süden wendet. Bis zur Grenze des nach ihm benannten Staats nimmt er an großen Strömen den Chienne, den White, den 1800 Fuß breiten Platte oder Nebraska, und den Kanſas, alle von Weſten, von Nordoſten dagegen, außer vielen kleinen Zuflüſſen, den James und Big Sioux in ſich auf, und empfängt im Staate Miſſouri ſelbſt, an größeren Strömen, den La Mine, Oſage und Gas⸗ conade. Mit dem Miſſiſſippi vereinigt er ſich unterhalb Der Miſſouri, der größte Zufluß des Miſſiſſippi, des„Vaters der Ströme“, wie ihn die Indianer nennen, entſpringt in den Felſengebirgen des fernen Weſtens von Nordamerika, und erhält ſeinen Namen nach der Vereini⸗ gung ſeiner drei Hauptzweige, des Jefferſon, Galla— tin und Madiſon, unter dem 47. 5 10 n. Br.— Seine Hauptquellen ſind kaum eine Stunde weit von den Quellen des nach Weſten ſtrömenden Columbia entfernt, der dem großen Ozeane zueilt.— Anfangs nach Norden ſtrömend, in welcher Richtung er ſich vom Weſten her durch den Gooſe, Prior und Ordway, Dearborn und Skishaquaw verſtärkt, von Oſten den Smith in ſich auf— nimmt, ändert er von hier ſeinen Lauf nach Nordoſt, und bricht, 82 Meilen oberhalb des höchſten Punktes ſeiner Schifffahrt, durch eine die„Gates“ genannte Schlucht des Felſengebirges, die eine der großartigſten Anſichten gewährt, denn auf einer Strecke von nahe an drei Stunden erheben ſich die ſeine Ufer bildenden Felſenwände perpendikular ge⸗ gen 1200 Fuß hoch über dem Spiegel des Waſſers, und dieſes ſelbſt drängt ſich wogend und rauſchend durch den kaum 150 Yards breiten Felſenkanal dem niedriger gelege⸗ nen Lande zu. Zweiundzwanzig Meilen weiter abwärts und 104 Meilen von der Vereinigung der drei Quellen⸗ St. Charles, und hat bis dahin, von ſeinen Quellenflüſ⸗ flüſſe entfernt, beginnen die großen Fälle des Miſſouri, ſen an, eine Länge von 659 deutſchen Meilen. Unterhalb in denen der Strom in einer Diſtanz von vier Meilen in ſeiner Mündung theilt er durch ſeine erdreiche Waſſermaſſe 3 dem Mi ner helle dieſer eig werden k oſten kor ſo den J kennen li In der Miſ wenn m allein n beängſtie Miſſiſſi mung d zu ſeinen trüben 3 Meilen, fleißige2 kaum eir Boot. ihn beg ſer ting demſelbe M wärts Stellen d werk ang dem ſie w Wurzeln Wipfeln Rt ſehr Sandba ſchwimm ſerſtande den Felſ des Miſ daß es Strom nichts w ſchönem Waldung Ufer herc zu ſtürze größere ders nas Srums len aus Frütjahre und in d denſten? wiederzu Feierſkunden. 1864. 215 dem Miſſiſſippi, der in ſeinem oberen Laufe ein mie ſſen hat, deſſen Breite von einer halben bis zu vier deut⸗ ner heller Strom iſt, ganz ſeinen Charakter mit, ſo daß ſchen Meilen wechſelt. Augenſcheinlich iſt daſſelbe durch dieſer eigentlich mehr als ein Zufluß von ihm betrachtet werden könnte, wenn nicht der weiter abwärts von Nord⸗ oſten kommende Ohio ihm das Gegengewicht hielt, und die Gewalt der Strömung gebildet worden, welche deſſen Trümmer dem Miſſiſſippi zuführte. Die ungeheuren Waſ⸗ ſermaſſen, die dem Felſengebirge entſtrömen, und die durch ſo den Miſſiſſippi als wirklichen„Vater der Ströme“ er⸗ ſie erzeugten Ueberſchwemmungen haben im Laufe der Zeit kennen ließ. durch Abſetzung ihrer Schlamm⸗ und Erdmaſſen den reichen In ſeinem Ausſehen und Charakter unterſcheidet ſich Alluvialboden in's Daſein gerufen, durch welchen der Rie⸗ der Miſſouri von allen Flüſſen der Welt, und kann nur, ſenſtrom ſich im Schlangenlaufe hindurch indet, und von wenn man den Miſſiſſippi als ſeine Fortſetzung betrachtet, einer Hügelwand(Bluff) zur anderen ſtößt. Dieſe Bluffs allein mit dem Nil verglichen werden. Man fühlt ſich oder Hügelwände, die das Thalbett des Fluſſes begrenzen, beängſtigt, ſobald man aus dem hellen Waſſer des oberen und demſelben in ſeinem ganzen Laufe folgen, zeigen ſich Miſſiſſippi in ſeine von erdigen Theilen gefärbte Strö⸗ mung gelanat. Vom Einfluß des Yellow⸗Stone an bis zu ſeiner Mündung durchſtrömen ſeine brauſenden, ſtets trüben Fluthen eine Strecke von mehr als 400 deutſchen Meilen, und auf dieſer ganzen Entfernung iſt, wo nicht fleißige Anſiedler durch Waſſerbauten Vorkehrungen trafen, kaum ein einziger ſicherer und bleibender Ankerplatz für ein Boot. Der reißende Strom unterwäſcht fortwährend die ihn begrenzenden Alluvial⸗Ufer, und das Herabſtürzen die⸗ ſer tingirt deſſen Waſſer zu allen Jahreszeiten, und gibt demſelben ein chokoladefarbiges Anſehen. Mehr als zweihundert Meilen von der Mündung auf⸗ wärts iſt der Fluß an beiden Ufern, und an manchen Stellen das ganze Bett deſſelben mit Bäumen und Buſch⸗ werk angefüllt, die mit dem unterwaſchenen Boden, auf dem ſie wuchſen, in den Strom geſtürzt ſind, dort mit den Wurzeln feſtſitzen, mit ihren ſtromabwärts gerichteten Wipfeln im Waſſer auf- und abwiegen und den Schiffern oft ſehr gefährlich werden.— Faſt auf jeder Inſel und Sandbank des Rieſenſtromes finden ſich Maſſen dieſer ſchwimmenden und wogenden Bäume, und bei hohem Waſ⸗ ſerſtande, beſonders im Frühjahre, wenn der Schnee in den Felſengebirgen zu ſchmelzen beginnt, iſt die Oberfläche des Miſſouri mit ſolchen Maſſen von Treibholz bedeckt, daß es oft ſogar den Dampfbooten unmöglich wird, den Strom hinaufzufahren.— Die Ufer⸗Scenerie iſt übrigens nichts weniger als einförmig; überall ſind die Ufer mit ſchönem grünen Raſen bedeckt; an vielen Punkten treten Waldungen ſtattlicher Baumwoll⸗Bäume bis dicht an's Ufer heran, um unterwaſchen nach und nach in den Strom zu ſtürzen und neues Treibholz dem Ozean zu liefern; der größere Theil der Uferländer jedoch iſt ohne Wald, beſon⸗ ders nach den erſten 200 Meilen, im Mittellaufe des Stromes. Zu beiden Seiten dehnen ſich hier endloſe Prai⸗ rien aus, die ſanft ſich gegen den Fluß zu ſenken, im Frühjahre mit Raſen von üppigſtem Grün bedeckt ſind, und in den Sommer⸗ und Herbſtmonaten, in den verſchie⸗ denſten Tinten prangend, Reize entwickeln, die kein Pinſel wiederzugeben vermag. Vom Miſſiſſippi an bis zu den großen Fällen des Miſſouri, eine Strecke von mehr als 550 deutſche Meilen, iſt das Land, das vom Fluſſe durchſchnitten wird, eine einzige zuſammenhängende Prairie, die nur an wenigen Stellen längs der Ufer des Stromes, und ſeiner Zu⸗ und Nebenflüſſe durch üppige, verhältnißmäßig aber kleine ſtäm⸗ mige Waldungen unterbrochen wird, die wie Inſeln aus dem wellenförmigen Gras⸗ und Steppenmeere emportauchen. Die größte Erhebung dieſer Prairie, die ſich von der Grenze des Staats Miſſouri an öſtlich und weſtlich in faſt end⸗ loſe Ferne erſtreckt, ſteigt 2— 300 Fuß über den Spiegel des Stromes, der ſich für ſeinen Lauf ein Thalbett geſchaf⸗ in den maleriſchſten Formen und in den ſchönſten Farben. Einige derſelben ſenken ſich mit ihren grünen Abhängen in lieblichen Hügelgruppen bis an den Rand des Waſſers herab, während andere, jeden Graswuchſes beraubt, ſich als ungeheure Thonmaſſen in den verſchiedenſten Farben und in den groteskeſten Formen zeigen. Regen, Froſt und Anſchwellungen des Stromes verändern unausgeſetzt die Geſtalt dieſer kahlen Hügel, die bei Hochwaſſer an ihren Abhängen ausgewaſchen und von der reißenden Strömung unterwühlt in den Fluß ſtürzen und deſſen Schlammmaſſe mehren. Eine Dampfbootfahrt den Miſſouri aufwärts iſt in Wahrheit eine Reiſe durch ein Feenland. Nicht müde wird das Auge, durch Hunderte von Meilen die zahlloſen Berge, Hügel, Thäler und Schluchten zu betrachten, wo Heerden von erſchreckten Biſons, von Elens, Antilopen und ſchlei⸗ chender Wölfe in größtmöglichſter Eile ſich dem Anblicke und dem Geräuſche des heraufkeuchenden Dampfbootes durch die Flucht zu entziehen ſuchen. Die Bluffs, die nur in einzelnen Punkten über 300 Fuß Höhe ſteigen, bieten tau⸗ ſend verſchiedene maleriſche Formen: an einigen Stellen glaubt man, während das Boot vorüber fährt, vor und hinter ſich meilenweit die endloſen Ruinen einer akten Stadt zu ſehen; dem Auge erſcheinen Wälle, Terraſſen, Dome, Thürme, Schlöſſer und Citadellen, Kuppeln, ſchöne Portiken, hier und da einzelne Säulen, zerfallene Piedeſtale und einzeln ſtehende Obelisken von Thonſtein— und das Alles glänzt in der Ferne, wenn das Sonnenlicht von Tauſenden von Gypskryſtallen reflektirt wird, die in den Thon eingelagert ſind, in zauberiſcher Pracht, und gewährt, beſonders im Morgen⸗ oder Abendlichte, einen Anblick, den nur der ſich in voller Klarheit vorſtellen kann, der das ſchöne und maleriſche Prairieland auf den Wogen des Miſ⸗ ſouri beſucht hat. Eine der überraſchendſten Anſichten ge⸗ währen die auf unſerem Bilde(ſiehe S. 216) dargeſtellten „drei Dome“, wenige Meilen von dem„großen Bogen“ entfernt, den der Miſſouri nach Aufnahme des Yellow⸗ Stone nach Süden beſchreibt. Auch ſie beſtehen, wie faſt alle Bluffs des Miſſouri und Yellow⸗Stone, aus einer großen Anzahl horizontaler Thonſchichten von verſchiedener Farbe, aus Granitſand und Geſchieben, in welchen ſchöne Stücke Achat, Jaspis und Karneole eingebettet ſind, und enthalten in den Schluchten ihrer Abhänge große Maſſen von Bimsſtein, die faſt vermuthen laſſen, daß man ſich hier mitten unter den Ruinen eines erloſchenen Vulkans befindet, den die Durchbrüche und Auswaſchungen des Miſſouri einſt zerſtört. Von der Höhe der Bluffs oder Hügelwände genießt man die beſte Ueberſicht des eingeeng⸗ ten Stromes und der ſich über ihn erhebenden Dome, deren größter nicht über 250 Fuß Höhe hat und in den bunteſten Farben ſpiegelt.— In dieſen maleriſchen, aber wilden Schlupfwinkeln lebt in großen Heerden das Berg⸗ —,—,.“, ————— ——— 216 4 Feierſtunden. 1864. ſchaf und die ſchnelle Antilope des Felſeugebirges ſicher vor ſche ier aus ſj lhren Feinden, denen die Abhänge dieſer Biaffs faf der ſüuchie on Kerunen den Ahgründen herum ſchleichend, 8 zugänglich ſind, und auch der ſchreckliche Bär hat ſich die ſtreitig macht 7 nicht ſelten die Beute fin mnöJ Schluchten der Dome zum Aufenthalte gewählt, und ver⸗ 1 2 th f 2 Schweif? kam ein V Ellen vor beim Fei es doch V etwas u ten in d ter entde Sorgfäl Fferd in V Pferd u ſchritt d aufhielten fähr M den Stier indem ich V Boden r die And und ihr ich nich Auf ſe ich ſal heraus Vn S danaawedans nſh. wih Die drei Dome am Miſſouri in erdanſteuika. en V Lihe 3 a. ſenkte der S fehlte. 2 nach! Die Macaronihändler in Neapel. laun 2 Unter allen Eßwaaren⸗Verkäufern machen die Maca⸗ fertig werden, als er ſelbſt mit Herumgebe färe onihä. N 7; 2 7 8 7 n ¹ er fanhä dſe in Rerher ſicher die beſten Geſchäfte. Man Speiſe. Der is aurienem kede Taller der ie inn u er ſiien 3 en Straßen den ganzen Tag über in voller Hand, und mit der natürlichen Gabel der andern ergreift 63 3 g ii un fortwäͤhrend von einer zahlreichen, immer⸗ er einige Finger voll ſeiner Lieblingsſpeiſe, zieht dieſe ſo ende ſort Aahſe nden Kundſchaft umgeben. Meiſt haben ſie lang und hoch er kann, legt den Kopf zurück und richtet wand gan 3 8 hen 3 offener Straße, nur höchſt ſelten im Ein⸗ ſeine Augen gen Himmel, als wenn er mit Wonne die Suj dunde ürer Hiuſer auſoeiegüncn, zeichnen ſich meiſt durch über ihm ſchwebende Portion betrachtete. Er öffnet den Ba üditim örperfülle aus, und werden in ihren Mund, um keinen Tropfen des Saftes der Tomates, mit erfes d en unermüdlich von ihren faſt immer mit denen ſie gekocht ſind, kein Tröpfchen der Butter, mit Feoe die Aie deſtgurbn Ehehälften unterſtützt, die anzu⸗ denen ſie, wenn auch nur ſpärlich, geſchmälzt wurden, ver⸗ ſounen Bide der Rubens erfreuen würden. Fork⸗ loren gehen zu laſſen; koſtet mit wahrem Genuſſe den Vor⸗ wuiei ertünt des dinladende, verlockende Ruf des Maca⸗ geſchmack der vollen, ihm bevorſtehenden Freuden, und läßt 3 liche Ueberfegung⸗ Hotte de li vierdil« deſſen wört⸗ zuletzt die verführeriſchen, die Hauptnahrung des Straßen⸗ ſebenz 1 luchen,, dem“ wo Unzeitige(oder Grüne!) publikums bildenden Teigröhren mit weniger Anſtrengung Pron eä des mn ſde ebenſo unverſtändlich bleiben wird, hinabgleiten, als es uns koſten würde, ein Glas Wein odin 1 di die 3— d neapolitaniſchen Volksdialekts. Dieſe hinunter zu ſtürzen. Ein Lazarone läßt mit Leichtigkeit ein dnd 1 michin halb d. unen in nämlich nur halb gekochte, Kilogramm Gwei Pfund) Macaroni in einer Zeit von drei bei d lubſten ißt Wen 4 Voeif ſie der Neapolitaner am Minuten auf dieſe Art verſchwinden, und würde ohne große 9 un erehwſ ele 1 tichi erlichem Gleichmuth und be⸗ Ueberwindung eine zweite, gleich große Portion in gleicher vuh 4 nn Swür ider. usdauer und Fertigkeit erſchallt des Zeit nachfolgen laſſen, wenn irgend Jemand aus Freund⸗ Lhals 3 1 etru Ankündigung, und mit gleicher Ausdauer lichkeit für ihn die Bezahlung übernähme. Mede dn ht ſein, Schöpflöffel oder auch ſeine Hand in den Keſ⸗ Kein Fremder, der Neapel beſucht, verſäumt es, das Felſe ſel, um die Macaronis bei Zeiten heraus zu nehmen, da⸗ Lieblingsgericht des neapolitaniſchen Volks auf offener worf mit ſie auch in Wahrheit»verdi verdis bleiben, und zieht Straße zu verſuchen; doch Alles will erlernt ſein; und Thal 4 A eine Fauſt voll der langen halbgekochten Teigröhren heraus, wer ſeine Macaroni zierlich aus freier Hand auf gut nea⸗ diale 43 um ſie auf zwanzig Teller zu vertheilen, und ohne geri⸗ politaniſch verzehren will, muß ebenfalls in die Schule asS benen cario-cavallo(eine Käſeart), wie ſie von Gut⸗ gehen. Man kann freilich auch dieſes Gericht, wie all Ader anderen, Stück für Stück verzehren, aber es iſt eine Eigen die Lazaroni, u — — ſchmeckern genoſſen werden, an zwanzig verſchiedene Ver⸗ zehrungsluſtige herum zu geben, die ſchneller mit denſelben thümlichkeit der Macaroni, daß ſie, wie Brechen der Zweige gegen meinen Standpunkt hin. Die ſtarken Holzſtämmchen des Dickichts krachten und bogen ſich wie Weizenſtroh, und jetzt, mit geſenktem Kopfe, den Schweif gerade hinausſtellend in einer Linie mit dem Rücken, kam ein mächtiger Stier dahergedonnert, ungefähr zwölf Feierſtunden. 1864. — ——õ 219 ———:::————— hervorſtanden, ich fiel, und als ich lag, fühlte ich das eine Horn des Ochſen durch meine leichte Jagdblouſe dringen, die er beinahe ganz abriß. Glücklicherweiſe trug ihn die Gewalt des Stoßes noch zwanzig bis dreißig Schritte wei⸗ ter, und meine tapferen Hunde kamen zu meiner Hülfe, Ellen vor meinem Aufenthaltsorte. Obgleich mein Pferd ſo daß ich einige kurze Sekunden hatte, um den Baum zu beim Feuern ſo ruhig war wie nur irgend eines, machten erklimmen. Zeit zum Laden hatte ich nicht, noch konnte es doch das Rauſchen und das wilde Bellen der Hunde ich mein Gewehr aufnehmen, denn kaum war ich außer etwas unruhig, ſo daß meine beiden Kugeln zu weit hin⸗ dem Bereich des Ochſen, ſo war er ſchon unter mir, den ten in den Stier eindrangen; die eine drang, wie ich ſpä- Boden mit den Füßen ſtampfend, heiſer brüllend, mit ter entdeckte, in die Gedärme, die andere in den Magen. blutunterlaufenen Augen, während der blutige Schaum Sorgfältig lud ich mein Gewehr wieder und verbarg mein Kopf, Nacken und Bruſt bedeckte— ein Bild getäuſchter Pferd in das Dickicht, wohl wiſſend, daß der Stier mein Wuth. Ob ſein Horn oder Kopf mich getroffen, weiß ich Pferd und mich mit ihm zuſammenreißen würde. Ich nicht, Alles ging ſo ungemein raſch vor ſich, aber die ſchritt demnach zu Fuß an den Ort, wo die Hunde ihn nächſten Tage war ich ſteif und aufgerieben. Als ich mei⸗ aufhielten. Ich fand ſie in einem Palmenſumpf, unge⸗ nen Athem wieder erlangt hatte, und der Schrecken meines fähr 200 Schritte von der Stelle, von wo ich zuerſt auf Falls vorüber war, dachte ich darüber nach, wie ich mich den Stier geſchoſſen, und ich verſuchte, ihn zu beſchleichen, von meinem wilden Verfolger befreien könnte. Bald fand indem ich unter den Palmblättern hinſchlüpfte. Aber der ich ein Auskunftsmittel; ich beſchloß, höher hinauf zu klet⸗ Boden war ſo weich, daß ich bei jedem Schritt bis über tern, einen paſſenden Aſt zu brechen und an deſſen unteres die Knöchel einſank; auch waren die Palmſtengel ſo dick, Ende mein Jagdmeſſer mit den Reſten meiner Blouſe ſenk— und ihre harten, ſtarken Blätter raſchelten ſo ſtark, daß recht zu befeſtigen, und ihn mit dieſer Waffe zu treffen, ich nicht nahe genug zum ſicheren Schuß kommen konnte. wo ſich der Kopf dem Halſe anſchließt, was leicht war, Auf ſolch' ungünſtigem Terrain konnte ich nichts thun, und da er oft gerade unter mir umherlief. Kaum hatte ich ich ſah zu meiner Befriedigung, daß die Hunde den Stier einen paſſenden Aſt abgeſchnitten, als ich nicht mißzuver⸗ heraus trieben. Ich benützte meinen Vortheil und ſtellte ſtehende Zeichen von Taumel an meinem zottigen Feinde mich hinter eine große Lebenseiche, bis er ungefähr dreißig Schritte entfernt war; dann feuerte ich. Unglücklicherweiſe ſenkte das Thier, als ich eben losdrückte, ſeinen Kopf nach der Seite, um nach einem der Hunde zu ſtoßen, und ich fehlte. Im ſelben Moment ſtürzte der Stier blitzesſchnell nach dem Ort, von dem der Schall gekommen. Ich blieb ſtehen und wartete ruhig, bis er ungefähr ſechs Schritte von der Oeffnung meines Gewehrs entfernt war, und feuerte dann wieder, aber zu meinem Entſetzen ſtürzte er nicht, wie ich erwartet hatte, zu meinen Füßen zuſammen. Jetzt fühlte ich ſeinen heißen Athem in meinem Geſicht, ſeine rothen Augen waren den meinigen gegenüber, und ich wandte mich, um hinter den Baum zu ſtürzen, aber mein Fuß fing ſich in einer der Wurzeln, die über der Erde entdeckte; er ſenkte ſeinen Kopf und ſtolperte von einer Seite zur andern ein leicht zu löſendes Räthſel: ſein Ende nahte, da er an meinen beiden erſten Schüſſen inner⸗ lich verblutete, obgleich er manchen Verſuch machte, die ihn anwandelnde Schwäche zu beſiegen. Endlich ſtürzte er zu⸗ ſammen. Einen Augenblick glaubte ich, er ſpiele„Opoſ⸗ ſum“, d. i. er ſtelle ſich todt; aber da er von den Hun⸗ den, die ſein Blut leckten, keine Notiz nahm, ſah ich, daß es aus mit ihm ſei.— Ich ſtieg, dankbar für die Ret⸗ tung meines Lebens, ab, belohnte meine Hunde mit den Eingeweiden und ritt dann heim, um Neger und Maul⸗ thiere herauszuſchicken, welche das Thier häuten und ver⸗ ſtüeilen ſollten. Der Tſeih-Sing⸗Ven. n, ver⸗ 3 läf In der maleriſch⸗romantiſchen Region der zweiund⸗ Kalkſteinfelſen, welche durch Regengüſſe, Waſſerfluthen und raßen ſiebenzig Hügelkuppen, welche den weſtlichen Theil der Auswaſchungen die ſeltſamſten Formen erhalten und an⸗ Provinz Queng⸗tong, in China, einnimmt, iſt die Um⸗ gegend der„Siebenſtern⸗Berge,“„Tſeih⸗Sing⸗Yen,“ keine der unintereſſanteſten, ſowohl in Beziehung auf die Schön⸗ heit ihrer landſchaftlichen Scenerien, als auf die üppige Fruchtbarkeit ihres Bodens. Die geologiſche Bildung des Thales iſt überraſchend; im Laufe der Zeiten ſcheinen die Niederungen, die gegenwärtig ſich um die Inſelgleichen Felſenhügel ausbreiten, mannigfachen Aenderungen unter⸗ worfen geweſen zu ſein, uranfänglich ein großer See das Thal bedeckt zu haben, denn noch heute beweist der allu⸗ viale Charakter des Bodens, daß er nur Durchbrüchen, die genommen haben. Den Hintergrund der Landſchaft bildet „Woo⸗fung⸗ſchei“ oder der„Fünf⸗Kuppen⸗Berg“, der in ſeiner höchſten Spitze bis 5000 Fuß aufſteigt und durch⸗ aus der granitiſchen Formation angehört.— Jeder Vor⸗ ſprung, jede Felſen⸗Terraſſe, ſowie die Gipfel der Berg⸗ inſeln ſind durch den Fleiß ihrer Bewohner in Kultur ge⸗ ſetzt, und die einſt ſo ſterilen Felſen ſind gegenwärtig mir fruchtbarem Boden bedeckt, der die darauf verwandte Mühe reichlich lohnt. An einigen Stellen hat der verwitterte Felſen einen für die Kultur des Theeſtrauchs ungemein günſtigen Boden geliefert, während an anderen Plätzen erſt * das Waſſer des See's abführten, ſowie Auswaſchungen und Erdreich aus dem Thale heraufgeſchafft werden mußte, um Schu Niederſchlägen ſein Entſtehen zu verdanken hat. auf den kahlen Felſen wenigſtens einige Kultur betreiben 1 Die abgeſonderten Maſſen, die ſich Burgen gleich in zu können. Nirgends in China findet man ſprechendere wie der Mitte unſeres Bildes erheben und dem Thale Namen Beyeiſe thätigen Fleißes, als auf den„Sieben⸗Sternen⸗ ne Eiß und Eigenthümlichkeit verleihen, beſtehen aus zerklüfteten Hügeln“, längs deren ſteilen Wänden und Abhängen ſich Laßh 28* 220 Feierſtu freundliche Landhäuſer hinziehen, die ringsum mit blühen⸗ 5 den Maulbeer⸗ und Theepflanzungen umgeben ſind, und nirgends findet man den Raum beſſer benutzt, als hier. Der ärmſte, dem Verhungern nahe Theil der dicht gedräng⸗ ten Bevölkerung der Ebene, ſuchte auf den kahlen, vege⸗ tationsloſen Felſen Schutz und Unterkommen, und der un⸗ ermüdliche Fleiß, ein Erbtheil ihrer Vorfahren, den ſie hier in Anwendung brachten, ſchuf ihnen im Laufe der Zeit auf dürren, kahlen, ſcheinbar unbenutzbaren Klippen beneidenswerthe und glückliche Wohnſtätten. hörnern umgeben und überhangen wird, die bis an ihre äußerſten Spitzen mit dichtem Wald und Buſchwerk bedeckt ſind. Ein anderer eigenthümlicher Katarakt, der durch den furchtbaren Ton ſeines Sturzes die ganze Umgebung in Schrecken ſetzt und drei Abtheilungen bildet, rauſcht an der Frontſeite des„Wolkenberges“ herab, ſcheint mitten Der Finger Die Autoren der manchmal ganz unglaublich ſcheinen⸗ den Novellen mögen zu ihrer Beruhignug verſichert ſein, daß ſie die Wirklichkeit doch immer noch nicht überbieten, wie aus folgender Thatſache erhellen mag. In der Graf⸗ ſchaft Antrim, in Irland, mißhandelte ein Mann, Namens Hagan, ſeine Frau auf's Grauſamſte— warum? Weil ſie den Finger eines Todten weggewoörfen hatte. Dieſer nden. 1864. ——A:˖-'—:———;— Die koniſchen Berge, die ſo majeſtätiſch über die reiche Ebene Tſeih⸗Sing⸗Yen emporſteigen, umſchließen Landſchaftsbilder, die ſelbſt in China ihrer Schönheit und Erhabenheit wegen ſich eines großen Rufes zu erfreuen haben. Von dem Fünf⸗Kuppen⸗Berge ſtürzt eine der pracht⸗ vollſten Kaskaden herab, die in der Entfernung von einer halben Stunde einem ungeheuren kryſtallenen Vorhange gleicht, und deren donnerähnliches Getöſe ſtundenweit ge⸗ hört wird. Der Urſprung dieſer maleriſchen Strömung iſt eine kreisrunde Höhle, die von vier mächtigen Felſen⸗ ina. aus den dichten Nebeln hervor zu ſtürzen, die fortwährend den Gipfel des Berges einhüllen, theilt ſich am zweiten Falle in drei geſonderte Streifen von bedeutender Breite, und vereinigt ſich zuletzt wieder, um in einer einzigen Waſſermaſſe mit furchtbarem Brauſen in den Jasper⸗See herabzuſtürzen. 2. des Todten. entſetzliche Finger war als ein Talisman von Hagan ſehr hoch gehalten, da er ihn unſichtbar machte. Da die Frau indeß herausgefunden hatte, daß er ſich mit dem Diebs⸗ handwerk abgebe, hatte ſie den Finger entwandt, um durch den Verluſt einer ſolchen magiſchen Macht die Sicherheit ſeines eigentlichen Berufs zu befeſtigen. Vol ken Ufer begrenzen engen d Moldo in reiße erſt bei in Serb gefanger Feierſtunden 1864. ———— Cricula, Swinitza an der Donau. Von Poſchenchena oder Alt⸗Moldowa am lin⸗ ken Ufer der Donau, wo ſich der Nava in dieſelbe ergießt, begrenzen ſteile Felſen beide Seiten des Hauptſtroms, und engen durch die Balakai⸗Klippe, unterhalb der Inſel Moldowa, den Fluß noch mehr ein, der von hier aus in reißenden Wirbeln durch den Engpaß hinabſtrömt und erſt bei den Trümmern des alten Schloſſes Kolumbacz in Serbien, in welchem einſt die griechiſche Kaiſerin Helena gefangen gehalten wurde, ſich wieder etwas erweitert. In A. Lr Helw SAEAlgt R Unterhalb Kolumbacz bleibt die Gegend ebenſo wild und erhaben, wie oberhalb; ſteile Klippen ragen überall hoch empor, dichte dunkle Wälder bedecken Felſen und Schlünde, Waſſerfälle ſtürzen brauſend hinab, und überall erblickt das Auge eine faſt urwaldliche Vegation.— Bei Drenkowa, dem Landungsplatze der Dampfboote, beginnen die beträchtlichſten Fälle der untern Donau. Sie bilden ſich durch eine Aufeinanderfolge dreier Schnellen, der Jz⸗ las, Taktalia und Greben, und in der Mitte auf einem hervorſtehenden Felſen bezeichnet ein kleines eiſernes Kreuz! dem Felſen, der die alte Feſte trägt, befindet ſich die be⸗ rühmte Kolumbaczer Höhle, in welcher der Sage nach St. Georg einſt den Drachen getödtet haben ſoll, aus deſſen giftgeſchwollenem Haupte die furchtbaren Kolumbaczer Mücken, dieſe ſchreckliche Landplage der unteren Donau⸗ länder, entſtanden, die im April und Mai in dichten Schaaren wie Rauchwolken herausfliegen, ſich über ganz Serbien und den Banat ausbreiten, und namentlich unter den Viehherden großes Unheil anrichten. den gefährlichen Engpaß. Unterhalb der Fälle wird der Strom plöͤtzlich wieder breit und dehnt ſich bis 4800 Fuß aus. Serbiſche Dörfer ſieht man am Ufer hier und da zerſtreut, die einiges Leben in die Landſchaft bringen, und hier zeigen ſich zu Swinitza oder Tricula, auf dem ſerbi⸗ ſchen Ufer, die Ueberreſte dreier Thürme, welche unſer Holzſchnitt zeigt, die ohne Zweifel aus den Zeiten Trajans herrühren, da unter ihnen die Römerſtraße ihren Anfang nimmt, die längs dem Ufer der Donau hinabzieht. 2 2. Feierſtunden 1864. 2 ———:õ———————— ——ͦℳ⏑——:————;O Eingefroren. Ich bin beinahe mein ganzes Leben Walfiſch⸗ und Robbenjäger geweſen, manchmal in Grönland, manchmal im Weſteis; aber die Reiſe, welche beinahe meine letzte geweſen, war erſt meine zweite, als ich, im Jahre 1836, noch ein Junge war. Ich war im Frühling dieſes Jah— res an Bord der Harmonie von Hull, und wir ſegelten nach der Davis⸗Straße. Es war ein ſchlechtes Walfiſch⸗ jahr, und gegen Ende Auguſt oder Anfang September ver⸗ ſuchten wir nach der Oſtſeite von Baffins-Bay zurückzu⸗ kommen, und von dort, längs der däniſchen Niederlaſſun⸗ gen, herunter und heim zu ſegeln. Es war ſehr ſchwie⸗ rig, durch das Eis zu kommen, das loſe und dick um uns her ſchwamm, ſo daß wir das Schiff um jede Elle vor— wärts zu ſchieben und zu ſtoßen hatten. Am 11. Sep⸗ tember fanden ſich noch zwei Schiffe zu uns: der„Wil⸗ liam Torr“ und der„Schwan“. Wir drei hielten zuſam⸗ men, da wir nach derſelben Richtung hin wollten, und es wußte ja Keiner von uns, was ihm jede Minute zuſtoßen konnte, ſo daß es gut war, wo möglich in Rufweite mit einander zu bleiben. Nun, da die Nacht ſich herabſenkte — das Eis wurde immer mühſeliger zu durchfahren— dachten wir daran, uns bis zum Tagesanbruch an Eis⸗ blöcken zu befeſtigen und dann weiter zu ſehen, wie die Sachen ſtanden. Wir lagen eben längs des William Torr — beide das Eis durchſchaufelnd— als ſein Kapitän uns anrief und uns anempfahl, an einem großen, etwas zur Seite geneigten, gebogenen Eisblocke uns zu befeſtigen, der ganz nahe an beiden Schiffen lag; aber unſer Alter, dem die Geſchichte nicht ſicher ſchien und der der Feſtigkeit miß⸗ traute, entſchloß ſich, ein wenig weiter zu gehen. So ließen wir das Schiff hinter uns.— Der William Torr legte an dem Block an, und ſchickte ſich an, die Nacht ſo zuzubringen. Wir kamen an eine Spalte im Eis, die uns feſt und ſicher ſchien, und da vollkommen Raum genug da war, ſo bot ſie uns eine Art Hafen, der uns gegen die überall um uns wogenden Eismaſſen ſchützte. Wir machten uns behaglich für die Nacht und legten feſt in der Spalte an. Um Mitternacht jedoch ſchloß das Eis immer näher um das Schiff und um zwei Uhr ſaßen wir feſt im Eiſe. Von der Weſtſpitze konnten wir bei Tagesanbruch nur noch Eis rings um uns erblicken; die Maſten des „Schwans“ waren in der Ferne ſichtbar, und noch weiter weg, ſo viel man mit einem guten Glas unterſcheiden konnte, die Maſtſpitzen des William Torr. Das war je⸗ doch das letztemal, daß ein menſchliches Auge von ihm wieder etwas ſah: den nächſten Tag war das Schiff ver⸗ ſchwunden; wir wußten jetzt, daß unſer Herr recht gehabt hatte, daß das Schiff an einen lockeren Eisblock befeſtigt und jetzt durch den Strom in die Tiefe gezogen war. Als wir jetzt einſahen, daß ein Entkommen beinahe unmöglich ſei— wenigſtens bis nächſten Frühling oder Sommer, wurde eine Liſte aller eßbaren Gegenſtände auf⸗ genommen und mit unſerer Zahl verglichen. Wir fanden heraus, daß, wenn der Mann täglich einen Schiſſszwieback bekäme, würde unſer Vorrath bis zum 14. März aushal⸗ ten. Wir hatten auch etwas weniges Erbſen, einigen Kaffee und etwas Schweinefleiſch; da aber unſere Kohlen ausge⸗ gangen waren, konnten wir hierauf nicht rechnen. Von dieſem Tage an wurde ſomit dieſe Station feſtgehalten. Montag Morgens bekam Jeder ſieben Zwiebäcke— dieſe hatten ihn für die Woche zu ernähren; an drei Tagen der Woche wurde noch ein wenig Schweinefleiſch gegeben, un⸗ gefähr ſo viel, als man auf einmal in den Mund ſtecken konnte, und bisweilen erhielten wir etwas Kaffee. Das Eis lieferte uns gutes Waſſer, und als Feuerung be⸗ nützten wir Alles, was wir ohne Gefahr im Innern des 3 Schiffes abhauen konnten. Jeder Mann bekam einige Splitter Holz zugetheilt, ſo daß ſich zwei oder drei zuſam⸗ men thun und ihre Sachen zugleich kochen konnten; ſo be⸗ kamen wir hie und da einen Schluck Kaffee, der uns im⸗ mer köſtlich mundete. Unſer Kapitän war ein guter Mann und ſehr beliebt bei der Mannſchaft; als die Vorräthe ausgerechnet wur⸗ den, brachte er ſeine Schlüſſel und übergab alle ſeine eige⸗ nen Kajütenvorräthe, um ſich mit den Uebrigen auf dieſelbe Ration zu ſtellen. Natürlich, da er ſo bereitwillig war, mochten die Leute nicht ſo genau mit ihm ſein, und einige Sachen, wie Käſe und dergleichen, blieben ausſchließlich zu ſeiner Verfügung; dies war mir perſönlich beſonders an⸗ genehm, denn in mancher Nacht rief mich der Kapitän von meinem Poſten und ſteckte mir ein Stückchen von ſeinem eigenen Mundvorrath zu. Für einen ſo jungen Burſchen, wie ich damals war, war es eine ſchwere Aufgabe, wenn er Montags ſeine ſieben Brode erhielt, mit ſeinem kräftigen Appetit ſich zu⸗ rückzuhalten und nur eines jeden Tag zu verzehren; ich wandte mich deßhalb an einen der Gehülfen, gab ihm Montags meine Biscuits und bat ihn, mir täglich eines, und nicht mehr, wenn ich auch noch ſo ſehr bitten ſollte, auszuliefern. So floß die Zeit dahin; der September ging zu Ende. Wir waren jetzt in der Zeit der immerwährenden Nacht: kein Tageslicht war wahrzunehmen, außer einem düſteren Schimmer zur Mittagszeit, tief unten am ſüdlichen Hori⸗ zont. Sonſt war kein Unterſchied zwiſchen Tag und Nacht, ganz dunkel aber war es doch nicht, da die klaren Sterne beſtändig auf dem glänzenden Eis und Schnee widerſtrahl⸗ ten, was ſo hell machte, wie bei uns eine ſchöne Mond⸗ nacht. Wochen lang war auch nicht der leiſeſte Wind⸗ hauch, und das Schiff blieb ſo unbeweglich wie ein Fels. Nach und nach wurden unfere Leute ſtumpf und trüb⸗ ſinnig; ſie weigerten ſich, auf's Deck zu kommen, und hörten weder auf Kapitän noch Vorgeſetzte. Der Kapitän ſelbſt war äußerſt niedergeſchlagen, und ich ſah ihn, wenn er ſich unbeachtet glaubte, wohl Thränen abwiſchen. Ich ſelbſt konnte manchmal vor Hunger nicht ſchlafen, und war froh, wenn ich zur Abwechslung Wache halten mußte.— So verſtrich der Oktober, und keine Aenderung trat ein; auch der November kam und ging, und die Leute wurden immer untauglicher. Einige waren ſo ſchwach, daß ſie ihre Hängematten nicht mehr verlaſſen konnten, ſie ſahen aus wie Skelete. Ende November fühlten wir, daß die, welche übrig blieben, nächſten Monat doppelte Ration bekommen würden, wenn die Andern geſtorben wären. Am zehnten Dezember— ich erinnere mich wohl des Datums— ſchien einige Aenderung in das Wetter kom⸗ men zu wollen. Eine Wolke hob ſich im Nordweſten, ſo⸗ gar eine leichte Briſe erhob ſich. Wie der Tag vorſchritt, bewegte ſich das Eis— das Schiff kam in eine Art ſtoßende, auf und nieder gehende Bewegung. Das dauerte den ganzen Nachmittag, aber die Meiſten waren zu matt, um es auch nur zu bemerken. „Id nächſſen beſtellen, würde, un blechoo wenn ich „A Staate ſeiner li rend er warf, ten zu fröhlich 4 =5 könnte. ( * könnteſt Hi und der und der ſehen d fügte w Abende in ein bald d Kamm darin für in ſich a Augen ſes un welche ham, 1 n, un⸗ ſtecken Das ng be⸗ ern des dinige zuſam⸗ ſo be⸗ ns im⸗ beliebt t wur⸗ ne eige⸗ dieſelbe j war, einige dich zu ers an⸗ tän von ſeinem s war, 3 ſeim ich zu⸗ n; ich b ihm eines, ſollte, u Ende. Nacht: düſteren Hori⸗ Nacht, Sterne erſtrahl⸗ Mond Wind⸗ a Fels. ad trüb⸗ n, und Kapitän 1 wenn „ Ich nd war zte.— at ein; wurden ſie ilſl hen dus nlcht fommen pohl de hn m, ſo⸗ ſchritt e Alt dauertt matt, Feierſtunden. 1864. ——:—C—C—C—⸗—xxꝛ--:n———:'ͤ—-õ———uAõ—:—õõ——- VZV— — Von Charles Dickens. m Samſtag Abend!“ ſagte ich, als wir bei unſerem aus Käſe, Brod und Bier beſtehen⸗ den Nachteſſen ſaßen.„Noch fünf Tage, und dann iſt der letzte Tag da! Sie werden ſchnell 3 2 vergehen.“ „Ja, Pip,“ bemerkte Joe, deſſen Stimme im Bierkruge hohl klang,„ſie werden ſchnell vergehen.“ „Sehr, ſehr ſchnell,“ fügte Biddy hinzu. „Ich habe gedacht, Joe,“ bemerkte ich weiter,„daß wenn ich nächſten Montag nach der Stadt gehe, um meine neuen Kleider zu beſtellen, ſo will ich dem Schneider ſagen, daß ich zu ihm kommen würde, um ſie dort anzupaſſen, oder daß er ſie mir nach Mr. Pum⸗ blechook's Hauſe ſchicken ſolle; denn es wäre doch gar zu unangenehm, wenn ich mich hier von allen Leuten müßte anſtarren laſſen.“ „Aber Mr. und Mrs. Hubble würden dich in deinem neuen Staate wahrſcheinlich auch gern ſehen,“ bemerkte Joe, das Brod in ſeiner linken Hand, auf dem der Käſe lag, ſehr eifrig ſchneidend, wäh⸗ rend er zugleich einen Blick auf mein noch unberührtes Nachteſſen warf, als wenn er an die Zeit dächte, in der wir unſere Butterſchnit⸗ ten zu vergleichen pflegten.„Und Wopsle auch,— und die drei fröhlichen Schiffere würden es gewiß als ein Compliment aufnehmen.“ „Gerade das mag ich nicht, Joe. Sie würden ſolches Aufſehen, — ſo gemeines Aufſehen davon machen, daß ich es nicht ertragen könnte.“ „Ja ſo, Pip,“ verſetzte Joe,„wenn du es nicht ertragen könnteſt—“ Hier fragte mich Biddy, während ſie vor meiner Schweſter ſaß und den Teller derſelben hielt: „Haſt du denn ſchon daran gedacht, wann du dich Mr. Gargery und deiner Schweſter und mir zeigen willſt? Wir werden dich doch ſehen dürfen,— nicht wahr, Pip?“ „Biddy,“ erwiderte ich ziemlich empfindlich,„du biſt ſo unbe⸗ ſchreiblich ſchnell, daß es ſchwer iſt, Schritt mit dir zu halten.“ „Ja, ſie war immer ſehr ſchnell,“ bemerkte Joe. „Wenn du nur noch einen Augeublick gewartet hätteſt, Biddy,“ fügte ich hinzu,„ſo würdeſt du von mir gehört haben, daß ich eines Abends,— wahrſcheinlich an dem vor der Abreiſe,— meine Kleider in einem Bündel hierher bringen werde.“ Biddy ſagte nichts mehr. Gnädig ihr vergebend, wünſchte ich bald darauf ihr und Joe herzlich gute Nacht, und ſtieg zu meiner Kammer hinauf. Als ich das kleine Gemach betrat, blickte ich mich darin um und dachte ſinnend, daß ich nun bald dieſen elenden Raum für immer verlaſſen und darüber erhoben ſein würde. Es knüpften ſich auch junge und friſche Erinnerungen daran, und ſelbſt in dieſem Augenblicke verſiel ich in dieſelbe geiſtige Verwirrung in Vergleich die⸗ ſes und der beſſeren Zimmer, in die ich von nun an kommen ſollte, welche ich früher ſo oft in Bezug auf die Schmiede und Miß Havis⸗ ham, ſowie in Bezug auf Biddy und Eſtella empfunden hatte. Die Sonne hatte den ganzen Tag auf das Dach meiner Kam⸗ mer geſchienen, und es war daher ſehr warm darin. Als ich das Fenſter öffnete und hinaus blickte, ſah ich Joe langſam aus der dunk⸗ len Thür unterhalb hervor kommen und ein paar Mal in der fri⸗ ſchen Luft auf⸗ und abgehen; und dann ſah ich Biddy kommen, welche ihm eine Pfeife brachte und für ihn anzündete. Er hatte ſonſt nie ſo ſpät geraucht, und es galt mir als ein Beweis, daß er aus irgend einem Grunde aufgeregt war und ruhiger werden wollte. Er ſtellte ſich an die unter mir befindliche Thür, ſeine Pfeife Feierſtunden. 1864. 225 große Erwartungen. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. (Fortſetzung von S. 192.) rauchend, und Biddy ſtand neben ihm, ruhig mit ihm plaudernd, und ich wußte, daß ſie von mir ſprachen, denn mehr als einmal hörte ich Beide in liebevollem Tone meinen Namen nennen. Ich mochte nicht länger horchen, wenn ich auch noch mehr hätte hören können, und trat deßhalb vom Fenſter zurück, ſetzte mich auf den einzigen, vor dem Bett ſtehenden Stuhl, und dachte mit Kummer, wie ſonder⸗ bar es ſei, daß gerade dieſer erſte Abend meines neuen Glückes der einſamſte ſein müſſe, den ich je erlebt. Nach dem offenen Fenſter blickend, ſah ich die leichten Rauch⸗ kränze aus Joe's Pfeife vorüber ſchweben, und ſie kamen mir vor wie Segen von Joe,— ein Segen, der mir nicht aufgedrungen und nicht vor mir zur Schau getragen wurde, ſondern der die Luft durch⸗ zog, welche wir Beide athmeten. Ich löſchte das Licht aus und kroch in's Bett, das mir jetzt unbequem war, und in dem ich nie mehr den alten geſunden Schlaf genießen ſollte. Neunzehntes Kapitel. Der helle Morgen ließ mich meine Lebensausſichten in einem anderen Lichte betrachten, ſie erſchienen mir ſo bedeutend glänzender, als wenn es nicht mehr dieſelben wären. Was mich am meiſten drückte, war der Gedanke, daß noch ſechs Tage bis zu meiner Abreiſe verſtreichen mußten, denn die Furcht plagte mich fortwährend, daß ſich in der Zwiſchenzeit irgend etwas mit London ereignen, und daß es, wenn ich hin käme, entweder in bedeutenden Verfall gerathen oder ganz verſchwunden ſein möchte. Joe und Biddy waren ſehr theilnehmend und liebevoll, wenn ich von unſerer nahe bevorſtehenden Trennung ſprach, aber ſie äußerten ſich darüber nur, wenn ich ihrer erwähnt hatte. Nach dem Früh⸗ ſtücke holte Joe meinen Lehrbrief aus dem Schranke in dem Putzzim⸗ mer hervor und warf ihn in das Feuer, worauf ich wußte, daß ich frei war. Erfüllt von dem neuen Gefühle meiner Emancipation ging ich mit Joe nach der Kirche und dachte dort, daß der Geiſtliche viel⸗ leicht das Kapitel von dem reichen Manne und dem Himmelreiche nicht geleſen haben würde, wenn er gewußt hätte, was mit mir vorgegan⸗ gen war. Nach dem Mittageſſen, welches bei uns immer früh genoſſen wurde, ſchlenderte ich allein in das Freie hinaus, mit der Abſicht, von dem Moorlande ein für alle Mal Abſchied zu nehmen. Als ich auf dem Wege dahin an der Kirche vorüber kam, empfand ich(wie ich es auch ſchon am Morgen während des Gottesdienſtes empfunden hatte), ein tiefes Mitleid mit den armen Weſen, deren Loos darin beſtand, ihr ganzes Leben lang einen Sonntag nach dem andern da⸗ hin zu gehen und endlich einen dunklen, unbekannten Ruheplatz un⸗ ter dieſen niedrigen grünen Hügeln zu finden. Ich nahm mir vor, eines Tages etwas für ſie zu thun und jedem der Einwohner ein Mittageſſen, beſtehend aus Roſtbeef, Plumpudding, einem Maas Ale und einer Gallone Herablaſſung, vorſetzen zu laſſen. Wenn ich ſchon früher ſtets mit Scham an meinen Verkehr mit dem Flüchtlinge gedacht, den ich unter dieſen Gräbern hatte umher hinken ſehen, ſo kann man ſich denken, was meine Gefühle an dieſem Sonntage waren, als der Ort die Erinnerung an jenen zerlumpten, zitternden Verbrecher, mit dem Fußeiſen und dem Brandmale, wach rief! Mein einziger Troſt beſtand darin, daß ſeitdem ſchon lange Zeit verfloſſen, und daß er für mich todt, vielleicht auch in Wirklichkeit todt war. 29 226 Keine flachen und feuchten Gründe ſollte es nun mehr für mich geben, keine Dämme und Schleuſen, keine weidenden Rinder,— die jedoch jetzt eine ehrerbietigere Miene zu haben ſchienen und ſich nach mir umblickten, als wollten ſie, wie ich dachte, den Beſitzer ſo großer Erwartungen ſo lange als möglich betrachten! Lebet wohl, ihr ein⸗ förmigen Bekanntſchaften meiner Jugend, jetzt hatte ich nichts mehr mit Schmiedearbeit und euch, ſondern nur mit London und meiner kommenden Größe zu thun! Jubelnd ſchlug ich den Weg nach dem alten Walle ein, und mich dort niederlegend, um zu erwägen, ob Miß Havisham mich wirklich für Eſtella beſtimmt habe, ſchlief ich ein. Als ich erwachte, ſaß, zu meinem nicht geringen Erſtaunen, Joe neben mir und rauchte ſeine Pfeife. Freundlich lächelnd ſchaute er mich an und ſagte: „Da es das letzte Mal iſt, Pip, ſo dachte ich, ich wollte dir folgen.“ „Recht, Joe, es freut mich, daß du es gethan haſt.“ „Danke ſchön, Pip,“ verſetzte Joe. „Du kannſt dich ſicher darauf verlaſſen, mein lieber Joe,“ fuhr ich fort, nachdem wir uns die Hände gedrückt hatten,„daß ich dich nie vergeſſen werde.“ „Nein, nein, Pip,“ erwiderte Joe in ganz ruhigem und zuver⸗ ſichtlichem Tone,„das weiß ich gewiß. Ja, mein alter Junge, es war nur nöthig, ſich erſt an den Gedanken zu gewöhnen, daß es wirklich ſo ſei, und es dauerte einige Zeit, bis ich mich daran ge⸗ wöhnen konnte, denn es kam gar zu ſchnell,— nicht wahr?“ Eigentlich war es mir nicht ganz recht, daß Joe es mit ſolcher Gewißheit annahm, nicht von mir vergeſſen zu werden. Lieber hätter ich es geſehen, wenn er einige innere Bewegung verrathen und:„Es macht dir Ehre, Pip,“ oder etwas Aehnliches geſagt hätte. Ich be⸗ merkte deßhalb nichts über den erſten Punkt, und erwiderte in Be⸗ zug auf den zweiten nur, daß die Nachricht allerdings ſehr ſchnell gekommen ſei, aber daß ich immer darnach getrachtet, ein vornehmer Mann zu werden, und oft darüber nachgedacht habe, was ich thun würde, wenn ich einer wäre. „Wirklich?“ verſetzte Joe.„Es iſt wunderbar!“ „Recht ſchade iſt es jetzt, Joe,“ ſagte ich,„daß du nicht mehr Fortſchritte gemacht haſt, als wir hier unſere Stunden zuſammen hiel⸗ ten, nicht wahr?“ „Je nun, ich weiß nicht,“ erwiderte Joe.„Das Lernen wird mir ſo ſchwer, ich verſtehe nichts recht, als mein eigenes Handwerk. Freilich war es immer ſchade, daß ich ſo ſchwer lernte und ſo un⸗ wiſſend blieb, aber jetzt nicht mehr als früher,— als vor Jahr und Tag. Meinſt du nicht?“ Was ich hatte ſagen wollen, war, daß es, wenn ich in den Beſitz meines Vermögens gelangt und im Stande war, etwas für Joe zu thun, beſſer geweſen ſein würde, wenn er mehr gelernt hätte, um ſich aus ſeinem Stande empor heben zu können; allein er ver⸗ ſtand mich ſo wenig, daß ich es für gerathener hielt, mit Biddy darüber zu ſprechen. Als wir deßhalb nach Hauſe zurückgekehrt waren und Thee ge⸗ trunken hatten, führte ich Biddy in unſeren kleinen, an der Straße belegenen Garten, gab ihr, um ſie günſtig zu ſtimmen, zunächſt die Verſicherung, daß ich ſie nie vergeſſen würde, und fügte dann hinzu, daß ich ſie um eine Gefälligkeit bitten müſſe. „Sie beſteht darin, Biddy,“ ſagte ich,„daß du keine Gelegen⸗ heit vorübergehen läſſeſt, Joe ein wenig fortzuhelfen.“ „Ihm forthelfen? Auf welche Weiſe?“ fragte Biddy mit offenem, feſtem Blicke. „Nun, Joe iſt ein guter, lieber Menſch,— der beſte, glaube ich, der je gelebt hat,— aber in manchen Dingen etwas zurück; zum Beiſpiel, Biddy, im Wiſſen und in ſeinen Manieren.“ Obgleich ich Biddy während dieſer Worte anblickte, und obgleich ſie ſehr große Augen machte, als ich ausgeſprochen hatte, ſah ſie mich ——————;;— doch nicht an. Feierſtunden. 1864. —y——;———y— „Oh, ſeine Manieren! Sind ſie nicht gut genug?“ fragte Biddy, ein Blatt von einem Brombeerſtrauche pflückend. „Meine liebe Biddy, für hier ſind ſie wohl gut genug—“ „Für hier ſind ſie gut genug?“ unterbrach ſie mich, ſtarr auf das Blatt in ihrer Hand blickend. „Laß mich ausreden! Ja, hier ſind ſie gut genug; aber wenn ich Joe zu einer höheren Stellung erhöbe, wie es meine Abſicht iſt, nachdem ich in den unbeſchränkten Beſitz meines Vermögens gelangt ſein werde, ſo würden ſie ihm keine ſonderliche Ehre machen.“ „Glaubſt du denn aber nicht, daß er das weiß?“ ſagte ſie. Dieſe Frage ärgerte mich ſo,— denn ſie war mir noch nie in den Sinn gekommen,— daß ich gereizt erwiederten „Was ſoll das heißen, Biddy?“ Biddy hatte das Blatt des Brombeerſtrauches— deſſen Geruch mich bis auf den heutigen Tag ſtets an jenen Abend in dem kleinen Garten erinnert hat,— in der Hand zerrieben und ſagte: „Haſt du nie für möglich gehalten, daß er ſtolz ſein könne?“ „Stolz?“ wiederholte ich mit verächtlichem Nachdrucke. „Oh, es gibt verſchiedene Arten von Stolz,“ verſetzte ſie und blickte mir dabei kopfſchüttelnd grade in das Geſicht;„Stolz iſt nicht immer von derſelben Art und—“ „Nun, weßhalb hältſt du inne?“ fragte ich. „Nicht immer von derſelben Art,“ wiederholte Biddy.„Er iſt, zum Beiſpiel, vielleicht zu ſtolz, um ſich durch irgend Jemand aus einer Stellung entfernen zu laſſen, die er auszufüllen im Stande iſt, die er ſogar gut ausfüllt, und in der er Achtung genießt. Um dir die Wahrheit zu ſagen, ich glaube, er hat dieſen Stolz, obgleich es verwegen von mir klingen mag, ſo etwas zu behaupten, da du ihn viel beſſer kennen mußt als ich.“ „Biddy,“ entgegnete ich,„es thut mir in der That ſehr leid dieſe Wahrnehmung an dir zu machen; ich hatte es nicht erwartet. Du biſt neidiſch, Biddy, du mißgönnſt mir meine Erhebung, und kannſt es nicht verbergen.“ „Wenn du das Herz haſt, das zu glauben,“ erwiderte Biddy, „ſo ſage es. Sage es wieder und wieder, wenn du wirklich das Herz haſt, das zu glauben.“ „Wenn du das Herz haſt, ſo zu ſein, meinſt du wohl, Biddy,“ ſagte ich im Tone tugendhafter Entrüſtung und Ueberlegenheit;„wälze es nicht auf mich. Es thut mir ſehr leid, dies zu ſehen, und— es iſt eine böſe Seite der menſchlichen Natur. Ich wollte dich bitten, jede kleine Gelegenheit, die ſich nach meiner Entfernung bieten wird, zu benutzen, um dem guten Joe etwas fortzuhelfen; allein jetzt bitte ich dich um nichts mehr. Es thut mir ſehr leid, dies an dir zu ſehen, Biddy,“ wiederholte ich;„es iſt— es iſt eine böſe Seite der menſchlichen Natur.“ „Magſt du mich ſchelten, oder mich loben,“ antwortete das arme Mädchen,„ſo kannſt du doch verſichert ſein, daß ich hier zu jeder Zeit Alles thun werde, was in meinen Kräften ſteht; und von wel⸗ cher Art auch die Meinung ſei, welche du über mich mitnimmſt, ſo wird ſie an den Empfindungen doch nichts ändern, mit denen ich deiner gedenken werde. Aber ein Gentleman ſollte nicht ungerecht ſein,“ fügte ſie, den Kopf abwendend, hinzu. Ich wiederholte noch einmal mit beſonderer Wärme, daß es eine böſe Seite der menſchlichen Natur ſei(was ich, abgeſehen von der Anwendung auf Biddy, ſpäter Gelegenheit hatte als richtig zu erken⸗ nen), und ging, während Biddy in das Haus zurückkehrte, den klei⸗ nen Pfad zum Gartenpförtchen hinunter, und ſchlenderte bis zum Nachteſſen umher, von dem ſeltſamen und traurigen Gefühle erfüllt, daß dieſer zweite Abend meines neuen Glückes wieder ebenſo einſam und trübe war, wie der erſte. Aber der folgende Morgen ließ mich Alles wieder in hellerem Lichte ſehen; ich war ſo gnädig, Biddy zu verzeihen, und wir ſprachen nicht mehr über den Gegenſtand. Meine beſten Kleider anziehend, ging. ich ſo früh, als die Kaufläden geöffnet zu werden pflegten, in die — Stadt, ul dem Zimm der Mühe zu ſich hine „Nun wünſchen, Mr. ben zerſch war ein a ſter gewäl in der Wo Geldkaſten teln verſch „Mr. wähnen zu den Beſitz Sogle vergaß ſein Tiſchtuche „Leb „Ich fort, wie und ſie b zuges. 2 aus Furch nicht ausf „Mei tig verbeug an beiden, ſolche Aew wünſchen⸗ treten?“ Mr. Gegend. ſchäftigt, mit verſü mit Mr. ſtieß mit wie es n ſchmiede „Höt Tone,„o ligten, 4 fort, ein ausbreite hägen,, len, wei nen noch er dem fahr vor⸗ oder irg nicht ei bezeichn ſicherer Numm nl hinzu, N mir der Weigne. dem A denute ſo nen 1I arr auf r wenn icht iſt, gelangt ſie. nie in Geruch kleinen ie und ſ nicht Biddy,“ „wälze und— h bittel II wird, tzt bitte dir zu zeite der as arme zu jeder on wel⸗ mſt, ſo nen ich mgerecht es eint von der u erlelk n llii⸗ Feierſtundeu. 1864. —:ͤ——y————— Stadt, und begab mich zu dem Schneider, Mr. Trabb, welcher in dem Zimmer hinter ſeinem Laden beim Frühſtücke ſaß und es nicht der Mühe werth erachtete, zu mir herans zu kommen, ſondern mich zu ſich hinein rief. „Nun,“ ſagte er in vertraulichem Tone,„wie geht es, und was wünſchen Sie?“ Mr. Trabb hatte ſein warmes rundes Brödchen in drei Schei⸗ ben zerſchnitten, die er mit Butter beſtrich und dann bedeckte. Er war ein alter Junggeſell in guten Umſtänden, und ſein offenes Fen⸗ ſter gewährte eine Ausſicht in einen wohl gehaltenen Garten, und in der Wand ſeines Zimmers, neben dem Kamine, ſtand ein eiſerner Geldkaſten, in dem ohne Zweifel ſeine erworbenen Schätze, in Beu⸗ teln verſchloſſen, aufbewahrt wurden. „Mr. Trabb,“ ſagte ich, es iſt eine unangenehme Sache, es er⸗ wähnen zu müſſen, weil es wie Prahlerei klingt; allein ich bin in den Beſitz eines ſchönen Vermögens gelangt.“ Sogleich zeigte ſich bei Mr. Trabb eine große Veränderung. Er vergaß ſeine Brodſchnitte, zſtand auf und wiſchte ſich die Finger am Tiſchtuche ab, indem er rief: „Lieber Gott, iſt es möglich!“ „Ich gehe jetzt zu meinem Vormunde nach London,“ fuhr ich fort, wie durch Zufall einige Goldſtücke aus meiner Taſche nehmend und ſie betrachtend,„und bedarf zu dieſem Zwecke eines feinen An⸗ zuges. Ich möchte auch gleich baar dafür bezahlen,“ fügte ich hinzu, aus Furcht, daß er ſonſt den Auftrag nur ſcheinbar übernehmen, aber nicht ausführen möchte. „Mein lieber Herr,“ ſagte Mr. Trabb, indem er ſich ehrerbie⸗ tig verbeugte, ſeine Arme öffnete und ſich die Freiheit nahm, mich an beiden Ellenbogen zu berühren.„Thun Sie mir nicht weh durch ſolche Aeußerungen. Darf ich wagen, Ihnen von Herzen Glück zu wünſchen? Wollten Sie die Güte haben, in meinen Laden zu treten?“ Mr. Trabb's Lehrling war der unnützeſte Bube in der ganzen Gegend. Als ich zuerſt den Laden betreten hatte, war er damit be⸗ ſchäftigt geweſen, das Lokal zu kehren, und hatte ſich ſeine Arbeit da⸗ mit verſüßt, daß er auch über mich hinweg kehrte. Als ich darauf mit Mr. Trabb in den Laden zurückkam, war er noch dabei, und ſtieß mit dem Beſen an alle möglichen Ecken und Gegenſtände, um, wie es mir ſchien, dadurch auszudrücken, daß er ſich jedem Grob⸗ ſchmiede gleichſtelle. „Höre auf mit dem Lärm,“ ſagte Mr. Trabb in ſehr ſtrengem Tone,„oder ich gebe dir Eins an den Kopf! Haben Sie die Gefäl⸗ ligkeit, Platz zu nehmen, mein Herr. Hier, zum Beiſpiel,“ fuhr er fort, ein Stück Tuch herunter nehmend und es auf dem Ladentiſch ausbreitend, ehe er die Hand darunter legte, um ſeinen Glanz zu zeigen,„iſt ein vortrefflicher Stoff. Ich kann ihn beſonders empfeh⸗ len, weil er in der That von ſeltener Qualität iſt. Aber Sie kön⸗ nen noch andere ſehen. Gib mir Nummer Vier,— hörſt du?“ rief er dem Lehrlinge mit furchtbar ſtrengem Blicke zu, weil er die Ge⸗ fahr vorausſah, daß der böſe Bube mich mit dem Stücke Tuch ſtoßen oder irgend eine andere Familiarität begehen würde. Er wendete auch nicht eher ſeine Augen von dem Lehrlinge ab, als bis derſelbe das bezeichnete Stück auf den Ladentiſch gelegt hatte und ſich wieder in ſicherer Entfernung befand. Dann befahl er ihm, Nummer Fünf und Nummer Acht zu bringen. „Und laß mich hier keine von deinen Streichen ſehen,“ fügte er hinzu,„oder du ſollſt es bereuen, du Schlingel, ſo lange du lebſt.“ Mr. Trabb beugte ſich hierauf über Nummer Vier und empfahl mir den Artikel im Tone ehrerbietiger Vertraulichkeit als beſonders geeignet zu einer leichten Sommertracht, als einen Stoff, der von dem Adel und der vornehmen Welt ſehr geſucht werde, und deſſen Benutzung durch einen ſo ausgezeichneten Mitbürger(wenn er mich ſo nennen dürfe) ihm ſtets eine angenehme Erxinnerung ſein würde. „Bringſt du endlich Nummer Fünf und Acht, du Hallunke,“ 227 — rief er darauf dem Lehrlinge zu,„oder ſoll ich dich zum Laden hin⸗ auswerfen und ſie ſelbſt holen?“ Von Mr. Trabb's Urtheil geleitet, wählte ich das Material zu einem vollſtändigen Anzuge aus, und trat dann wieder in das hin⸗ tere Zimmer, um mir das Maß nehmen zu laſſen. Er beſaß daſ⸗ ſelbe zwar bereits, und war bisher damit zufrieden geweſen, aber äußerte doch entſchuldigend, daß es„unter jetzigen Umſtänden“ auf keinen Fall genügend ſein würde. Der Mann unterwarf mich deß⸗ halb in ſeiner Wohnſtube einer Meſſung und Berechnung, als wenn ich ein Landgut und er der geſchickteſte Feldmeſſer geweſen wäre, und gab ſich ſo viel Mühe, daß ihn, meiner Meinung nach, die Anfer⸗ tigung eines Anzugs unmöglich dafür belohnen konnte. Als er end⸗ lich damit fertig war und verſprochen hatte, die Kleider am Donner⸗ ſtag Abend zu Mr. Pumblechook zu ſchicken, ſagte er, mit der Hand am Thürſchloſſe: „Ich weiß recht wohl, mein Herr, daß ein Handwerker in der Provinz nicht auf die Gönnerſchaft der großen Herren in London rech⸗ nen darf; aber wenn Sie, als ein Mitbürger, mir dann und wann einen Auftrag geben wollten, ſo würde ich mich ſehr geehrt fühlen. Guteu Morgen, mein Herr,— ich bin Ihnen ſehr verbunden.— Thür!“ Das letzte Wort wurde dem Lehrlinge zugerufen, der jedoch keine Ahnung von der Bedeutung deſſelben hatte. Aber ich ſah ihn faſt zuſammenſinken, als ſein Herr mich, die Hände reibend, hinaus be⸗ gleitete, und meine erſte deutliche Erfahrung von der ungeheuren Macht des Geldes war die, daß ſie Trabb's Lehrling, ſo zu ſagen, zu Boden geworfen hatte. Nach dieſem wichtigen Ereigniſſe ging ich zu dem Hutmacher, dem Schuhmacher, dem Strumpfwirker, und kam mir faſt wie Mut⸗ ter Hubbard's Hund vor, deſſen Ausſtattung die Dienſte ſo vieler Handwerker erforderte. Auch nach dem Poſtbüreau begab ich mich und nahm einen Platz für Samſtag Morgen um ſieben Uhr. Es war nicht überall nöthig zu erklären, daß mir ein bedeutendes Ver⸗ mögen zugefallen ſei; aber ſo oft ich mich darüber äußerte, hatte es jedes Mal die Folge, daß der betreffende Handwerker nicht mehr durch das Fenſter auf die Hauptſtraße blickte, ſondern ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit auf mich richtete. Nachdem alle erforderlichen Beſtellungen gemacht worden waren, ſchlug ich den Weg nach Pumblechook's Woh⸗ nung ein und fand den Herrn, als ich in die Nähe kam, vor der Hausthür ſtehen. Er wartete meiner mit großer Ungeduld, denn er war ſchon früh am Morgen mit ſeinem Karren ausgefahren, hatte die Neuigkeit in der Schmiede gehört, und war dadurch beſtimmt worden, einen In⸗ biß für mich in dem Zimmer in Bereitſchaft zu halten, wo wir das Trauerſpiel von Georg Barnwell gehört hatten. Wie Mr. Trapp, befahl auch er ſeinem Ladendiener,„aus dem Wege zu gehen,“ als meine geheiligte Perſon erſchien. „Mein lieber Freund,“ ſagte Mr. Pumblechook, meine beiden Hände in die ſeinigen nehmend, als wir bei dem Frühſtück allein wa⸗ ren,„ich gratulire Ihnen von ganzem Herzen zu Ihrem Glücke. Wohlverdient! wohlverdient!“ Das hieß deutlich reden, und ich war der Meinung, daß er ſich ſehr verſtändig ausdrückte. „Der Gedanke,“ fuhr Mr. Pumblechook fort, nachdem er mich mehrere Sekunden lang ſchnaufend und bewundernd angeſchaut hatte, „daß ich das beſcheidene Werkzeug dazu geweſen bin, iſt eine reich⸗ liche Belohnung.“ Ich bat Mr. Pumblechook, nicht zu vergeſſen, daß über dieſen Punkt nie etwas geſagt oder auch nur angedeutet werden dürfe. „Mein lieber junger Freund,“ erwiderte er,„wenn Sie mir erlauben wollen, Sie ſo zu nennen—“ „Ich murmelte:„Ganz gewiß!“ worauf Mr. Pumblechook von Neuem meine beiden Hände ergriff und mit ſeiner Weſte eine Bewe⸗ gung machte, die für den Ausdruck eines warmen Gefühles hätte 29* 228 gelten können, wenn ſie nicht etwas zu tief nach unten geweſen wäre, und ſagte dann: „Mein lieber junger Freund, verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich in Ihrer Abweſenheit Alles thun werde, was ich kann, um Joſeph dieſe Rückſicht nicht vergeſſen zu laſſen. Joſeph!“ fügte er in mitlei⸗ digem Tone hinzu,„Joſeph! Joſeph!“ ſchüttelte den Kopf und klopfte daran, um anzudeuten, daß er recht wohl wiſſe, von welcher geiſtigen Schwäche der Genannte ſei. „Aber mein junger Freund,“ fuhr darauf Mr. Pumblechook fort, „Sie müſſen hungrig und angegriffen ſein. Setzen Sie ſich. Hier iſt ein Huhn, welches aus dem„Wilden Schwein“ geholt worden, hier iſt Zunge aus dem„Wilden Schwein“, und hier ſind einige Kleinigkeiten aus dem„Wilden Schwein,“ die Sie hoffentlich nicht verſchmähen werden. Aber,“ rief er, im nächſten Augenblicke wieder aufſpringend,„ſehe ich wirklich den vor mir, mit dem ich in den glücklichen Tagen ſeiner Kindheit geſpielt habe. Und darf ich— darf ich— 2“ Dieſes„Darf ich“ ſollte heißen, ob er mir die Hand drücken dürfe. Ich willigte ein, er drückte ſie ſehr warm, und ſetzte ſich dann wieder. „Hier iſt Wein,“ ſagte darauf Mr. Pumblechook.„Laſſen Sie uns mit dieſem Glaſe der Glücksgöttin danken, und möge ſie immer ihre Günſtlinge ſo richtig wählen! Aber ich kann nicht,“ rief er, von Neuem aufſtehend,„denjenigen vor mir ſehen— und auf ſein Wohl trinken— ohne noch einmal— Darf ich?— darf ich— 2 Ich erwiderte, daß er dürfe, und wir drückten uns abermals die Hände, worauf er ſein Glas leerte und es umſtülpte. Ich that daſ⸗ ſelbe, und wenn ich vor dem Trinken mich ſelbſt auf den Kopf ge⸗ ſtellt hätte, ſo hätte der Wein mir nicht ſchneller hinein ſteigen kön⸗ nen, als es geſchah. Mr. Pumblechook legte mir die Bruſt des Huhns und die beſten Stücke der Zunge vor, und ſchien vergleichsweiſe an ſich ſelbſt faſt gar nicht zu denken. „Ach, mein Hühnchen, mein Hühnchen!“ rief er, das gebratene Huhn apoſtrophirend.„Das haſt du dir gewiß nicht träumen laſſen, als du noch ein Küchlein warſt, was deiner wartete,— daß du un⸗ ter dieſem beſcheidenen Dache demjenigen als Erfriſchung dienen wer⸗ deſt, der— Nennen Sie es Schwäche, wenn Sie wollen,“ unter⸗ brach er ſich plötzlich, von Neuem aufſtehend,„aber darf ich— darf ich— 2“ Die Wiederholung deſſen, daß er dürfe, fing an unnöthig zu werden, und er drückte mir deßhalb abermals die Hand, ohne darauf zu warten. Wie es ihm aber möglich war, dieſe Handlung ſo oft zu wiederholen und ſich nicht an meinem Meſſer zu verwunden, iſt mir unbegreiflich. „Und Ihre Schweſter,“ fuhr er fort, nachdem er einige Zeit anhaltend gegeſſen hatte,„welche die Ehre genießt, Sie mit der Hand aufgebracht zu haben! Es iſt traurig, wenn man bedenkt, daß ſie nicht mehr im Stande iſt, den ganzen Werth dieſer Ehre zu verſtehen. Darf—“ Ich ſah, daß er von Neuem auf mich loskommen wollte, und unterbrach ihn deßhalb. „Wir wollen auf ihre Geſundheit trinken!“ ſagte ich. „Ach,“ rief Pumblechook, ſich auf dem Stuhle zurücklehnend, ganz ſtarr vor Bewunderung,„daran erkennt man ſeine Leute, mein Herr!“ Wen er mit„mein Herr“ meinte, weiß ich nicht; denn ich konnte es nicht ſein, und eine dritte Perſon war nicht anweſend. „Daran erkennt man die Edelſinnigen, mein Herr! Immer be⸗ reit, zu vergeben und zu vergeſſen. Einem gewöhnlichen Menſchen,“ fügte er kriechend hinzu, indem er ſein unberührtes Glas ſchnell nie⸗ derſetzte und von Neuem aufſtand,„könnte es als eine Wiederholung erſcheinen,— aber darf ich—?“ Feierſtunden. 1864. ———-:—--:ͤͤ———ä::'——'——'o——-ä:—:—yy— ————:———;—— — Nachdem er es gethan hatte, nahm er ſeinen Platz wieder ein und trank auf die Geſundheit meiner Schweſter. „Wir dürfen nicht blind ſein gegen die Fehler ihres Tempera⸗ ments,“ ſagte Mr. Pumblechook,„aber gewiß hat ſie es gut ge⸗ meint.“ In dieſem Augenblicke begann ich zu bemerken, daß ſein Geſicht ſehr roth wurde. Was mich betraf, ſo war mir, als wenn mein ganzer Kopf in Wein getaucht worden wäre, ſo glühte und brannte er. Ich erwähnte gegen Mr. Pumblechook, daß ich meine neuen Kleider nach ſeinem Hauſe zu ſchicken wünſchte, und er war entzückt über dieſe Auszeichnung. Als Grund führte ich an, daß ich alles Aufſehen im Dorfe vermeiden wolle, und er erhob mich dafür bis in den Himmel. Außer ihm, gab er mir zu verſtehen, ſei Niemand meines Vertrauens würdig, und kurz,— dürfe er? Dann fragte er mich in zärtlichſtem Tone, ob ich mich noch der knabenhaften Spiele und Rechnungen erinnerte, die er mit mir gehabt, und jenes Tages, an dem er mit mir gegangen war, um mich als Lehrling aufdingen zu laſſen, und wie er überhaupt von jeher mein auserwählter Freund geweſen ſei. Hätte ich an jenem Tage auch zehnmal mehr Wein ge⸗ trunken gehabt, ſo würde ich doch gewußt haben, daß er nie in einer ſolchen Beziehung zu mir geſtanden hatte, und im Innerſten meines Herzens mich gegen dieſe Idee geſträubt haben. Aber deſſenungeachtet drängte ſich mir die Ueberzeugung auf, daß ich mich in ihm geirrt haben müſſe, und daß er ein ganz vernünftiger, praktiſcher, gutmüthiger und vortrefflicher Mann ſei. Allmälig begann er ſo großes Vertrauen in mich zu ſetzen, daß er mich ſogar in Bezug auf ſeine eigenen Angelegenheiten um Rath fragte. Er erwähnte, daß ſich eine ſehr günſtige Gelegenheit,— eine beſſere, als je da geweſen,— zur Erweiterung und Ausdehnung des Korn⸗ und Samenhandels in ſeinem Hauſe biete, wenn daſſelbe aus⸗ gebaut und vergrößert werden könne. Was ihm allein fehle, um mit Sicherheit ein großes Vermögen zu gewinnen, ſei etwas„mehr Ka⸗ pital“. Dieſe zwei kleinen Worte drückten Alles aus. Er war nun aber der Meinung, daß, wenn dieſes Kapital von einem„ſtillen Theil⸗ haber“ eingezahlt würde,— welcher natürlich nichts weiter zu thun hätte, als in Perſon oder durch einen Stellvertreter ein⸗ und auszu⸗ gehen, weun es ihm beliebte, die Bücher einzuſehen, und alljährlich zweimal ſeinen mit fünfzig Procent zu berechnenden Gewinn einzu⸗ ſtreichen,— ſo wäre dies, ſeiner Meinung nach, für einen jungen Mann von Unternehmungsgeiſt und Vermögen eine ſehr günſtige Ge⸗ legenheit, welche wohl beachtet zu werden verdiente. „Was iſt Ihre Meinung? Ich habe beſonderes Vertrauen zu Ihnen, bitte, ſagkh Sie mir, was iſt Ihre Meinung von der Sache?“ fragte er. Ich gab ſie ihm mit den Worten: „Warten Sie!“ Die Klarheit und das Umfaſſende dieſer Antwort überraſchten ihn dergeſtalt, daß er jetzt nicht mehr um Erlaubniß bat, mir die Hand drücken zu dürfen, ſondern erklärte, er müſſe es thun, und es that. Wir tranken allen vorhandenen Wein, und Pumblechook gelobte wiederholt, Joſeph in Grenzen zu halten lich weiß nicht, in welchen Grenzen,) und mir zu jeder Zeit wirkſame Dienſte zu leiſten,— ich weiß aber nicht, welche Dienſte. Er theilte mir auch zum erſten Male in meinem Leben mit, nachdem er das Geheimniß in der That wunderbar lange bewahrt hatte, daß er ſtets von mir geſagt habe: „Dieſer Knabe iſt kein gewöhnlicher Knabe, und glaubet mir, auch ſein Glück wird kein gewöhnliches Glück ſein.“ Mit einem wehmüthi⸗ gen Lächeln fügte er hinzu, es ſei ſeltſam, wenn man jetzt daran denke, und ich ſagte daſſelbe. Endlich ging ich in die Luft, wo es mir ſchien, als wenn das Sonnenlicht etwas Ungewöhnliches und Fremdartiges an ſich habe, und wo ich ſchlaftrunken das Chauſſee⸗ haus erreichte, ohne auf den Weg geachtet zu haben. Hier kam ich dadurch zu mir, daß ich Mr. Pumblechook laut —— nimm hõ Ind win ſam ather „Nei konnte,— darf nicht übergehen darf ich' Min und er b mir aus an und von dem meine neu demſelben Gegenſtän ich am Morgen indem i bildete, Augenb lieren ſ S. Dienſta woch, und a begab i⸗ Mr. P. Hauſe, neuen 5 zuziehen Miß einen machen. blechooke Zimmer angewieſ meine T machen, zu dieſen reinen neuen A ſcheinlich den iſt, Perſon eine hal lungen! und verg beſſer zu an dieſen nicht mu ich abzur Geſit Feierſtunden. 1864. Er ſtand ziemlich entfernt auf der ſonnenhellen Straße Ich blieb ſtehen, und er rufen hörte. und winkte mir ſehr eifrig, zu warten. kam athemlos heran. Nein, mein lieber Freund,“ ſagte er, als er wieder ſprechen „* konnte,—„nicht, wenn ich es verhindern kann. Dieſe Gelegenheit darf nicht ohne jenes Zeichen Ihrer wohlwollenden Geſinnungen vor⸗ übergehen.— Darf ich, als ein alter und anfrichtiger Freund,— darf ich?“ Mindeſtens zum hundertſten Male drückten wir uns die Hand, und er befahl einem jungen Fuhrmanne mit der größten Entrüſtung, mir aus dem Wege zu fahren. Dann rief er Gottes Segen für mich an und blieb, mit der Hand winkend, ſtehen, pis ich an eine Biegung des Weges kam. Sobald er nicht mehr ſichtbar war, ging ich in ein Feld, legte mich unter einer Hecke nieder und genoß einen langen Schlaf, ehe ich meinen Heimweg fortſetzte. Ich hatte nur wenig Gepäck mit nach London zu nehmen, denn von dem Wenigen, was ich überhaupt beſaß, war nur wenig für meine neue Stellung geeignet. Deſſenungeachtet begann ich ſchon an demſelben Nachmittage einzupacken, und verpackte in meinem Eifer Gegenſtände, welche ich am nächſten Morgen brauchte, indem ich mir ein⸗ bildete, daß kein Augenblick zu ver⸗ lieren ſei. So verſtrichen Dienſtag, Mitt⸗ woch, Donnerſtag, und am Freitage begab ich mich nach Mr. Pumblechooks Hauſe, um meine neuen Kleider an⸗ zuziehen und bei Miß Havisham einen Beſuch zu machen. Mr. Pum⸗ blechooks eigenes Zimmer wurde mir angewieſen, um meine Toilette zu machen, und war zu dieſem Zweckemit reinen Handtüchern dekorirt worden. Meine Erwartungen in Betreff des neuen Anzuges wurden natürlich etwas getäuſcht, ſowie überhaupt wahr⸗ ſcheinlich kein einziges neues Kleidungsſtück, ſeitdem es Sitte gewor⸗ den iſt, Kleider zu tragen, jemals den Erwartungen der bezijolichen Perſon ganz entſprochen hat. Nachdem ich jedoch den neuen Anzug eine halbe Stunde lang getragen und die verſchiedenartigſten Stel⸗ lungen vor Mr. Pumblechooks allzu kleinem Spiegel durchgemacht und vergebens verſucht hatte, meine Beine beſſer zu paſſen. Da in einer etwa zehn Meilen entlegenen Stadt an dieſem Tage Markt gehalten wurde, ſo war Mr. Pumblechook nicht zu Hauſe. Ich hatte ihm nicht mit Beſtimmtheit geſagt, wann ich abzureiſen gedachte, und brauchte deßhalb nicht zu fürchten, daß er mir vorher noch einmal die Hand drücken werde. So war Alles gut, und ich ging in meinem neuen Schmucke aus, ſchämte mich aber entſetzlich, an dem Ladendiener vorübergehen zu müſſen, und konnte die Furcht nicht unterdrücken, daß ich mich ungünſtig ausnehme, ſo ungefähr, wie Joe in ſeinen Sonntagskleidern. Auf großen Umwegen durch alle Nebenſtraßen ſchleichend, er⸗ geichte ich Miß Havishams Haus und ſchellte, was mir jedoch wegen der langen und ſteifen Finger meiner Handſchuhe ſehr ſchwer wurde. zu ſehen, ſchien er mir 229 —ᷣ§§-ꝛééòAeäe:ryy——:———y————————————nʒY;; Sarah Pocket öffnete die Pforte und prallte erſtaunt zurück, als ſie mich ſo verändert ſah, während ihr Wallnußgeſicht vom Braun in Grün und Gelb überging. „Du?“ ſagte ſie.„Herr meines Lebens! Was willſt du?“ „Ich gehe nach London, Miß Pocket,“ erwiderte ich,„und möchte von Miß Havisham Abſchied nehmen.“ Man hatte mich nicht erwartet, denn ſie ließ mich auf dem Hofe ſtehen und ging hinein, um zu fragen, ob ich eingelaſſen werden ſolle. Nach kurzer Zeit kam ſie zurück und führte mich hinauf, wobei ſie mich fortwährend erſtaunt anſtarrte. Miß Havisham machte ſich, auf ihren Krückſtock geſtützt, etwas körperliche Bewegung in dem Zimmer, wo der lange, bedeckte Tiſch ſtand. Das Gemach war ſo beleuchtet wie früher, und bei dem Ge⸗ räuſche meines Eintretens blieb ſie ſtehen und blickte ſich um. Sie ſtand grade vor dem vermoderten Hochzeitskuchen. „Gehe nicht fort, Sarah,“ ſagte ſie.„Nun, Pip?“ „Ich reiſe morgen nach London ab, Miß Havisham,“ begann ich, mit großer Vorſicht meine Woate wählend,„und dachte, Sie würden es vielleicht nicht übel nehmen, wenn ich Ihnen Lebewohl ſagte.“ „Du ſpielſt eine hübſche Figur, Pip,“ verſetzte ſie, ihren Krückſtock um mich ſchwingend, als wollte ſie, die wohlthätige welche mich ſo ver⸗ ändert hatte, mir jetzt ihre letzte Gabe ertheilen. „Ich bin zu einem großen Glück gekommen, Miß Havisham, ſeitdem ich Sie zum letzten Malegeſehen habe,“ murmelte ich,*„und ich bin unendlich dankbar dafür, Miß Havisham.“ „Ja, ja!“ verſetzte ſie, die neidiſche und ſtaunende Sarah mit unverkennbarem Frohlocken anblickend.„Ich habe Mr. Jaggers ge⸗ ſprochen und davon gehört. Alſo morgen reiſeſt du ab.?“ „Ja, Miß Havisham.“ „Und biſt von einer reichen Perſon adoptirt worden?“ „Ja, Miß Havisham.“ „Kennſt aber ihren Namen nicht?“ „Nein, Miß Havisham.“ „Und Mr. Jaggers iſt dein Vormund?“ „Ja, Miß Havisham.“ Sie ſchwelgte förmlich in dieſen Fragen und Antworten, ſo groß war ihre Freude über Sarah Pockets Neid und Aerger. „Nun,“ fuhr ſie fort,„du haſt jetzt eine ſchöne Laufbahn vor dir. Sei alſo brav,— zeige dich ihrer würdig, und befolge Mr. Jaggers' Anweiſungen.“ Sie ſchaute mich an, und dann Sarah, bei deren Anblick ſich ihr Geſicht zu einem grauſamen Lächeln verzog. „Adieu, Pip!— Du wirſt immer den Namen Pip beibehalten. Verſtehſt du?“ „Ja, Miß Havisham.“ Fer, —— „Alſo, Adieu, Pip!“ Sie ſtreckte ihre Hand aus, und ich ſank auf die Kniee und drückte meine Lippen darauf. Auf welche Weiſe ich von ihr Abſchied nehmen ſollte, hatte ich vorher nicht überlegt, und that es daher in dieſem Augenblicke unwillkürlich. Ich verließ meine gute Fee, wäh⸗ rend ſie noch Sarah triumphirend mit ihren geſpenſtigen Augen an⸗ ſchaute und, mit beiden Händen auf den Krückſtock geſtützt, in der Mitte des ſchwach erleuchteten Zimmers vor dem vermoderten und mit Spinngeweben bedeckten Hochzeitskuchen ſtand. Sarah Pocket führte mich hinunter, als wenn ich ein Geſpenſt geweſen wäre, das man vertreiben müſſe. Sie konnte ſich über mein Ausſehen nicht beruhigen und hatte alle Faſſung verloren. Ich ſagte: „Leben Sie wohl, Miß Pocket,“ aber ſie ſtarrte mich nur an uud ſchien kaum gehört zu haben, daß ich geſprochen hatte. Sobald ich im Freien war, eilte ich nach Mr. Pumblechooks Hauſe, legte meinen neuen Anzug ab, band ihn zuſammen, und ging in meinen alten Kleidern heim, viel leichter, um die Wahrheit zu ſagen, als vorher, obgleich ich das Bündel zu tragen hatte. Jetzt waren dieſe ſechs Tage, von denen ich gefürchtet hatte, daß ſie ſo langſam ablaufen würden, ſchnell verſtrichen, und der morgende Tag blickte mir feſter in's Geſicht, als ich ihm entgegenſehen konnte. Während dieſe ſechs Tage ſich zu fünf, vier, drei und zwei vermin⸗ dert hatten, war mir Joe's und Biddy's Geſellſchaft immer werth⸗ voller geworden. An dieſem letzten Abende zog ich, um ihnen eine Freude zu machen, meine neuen Kleider an und blieb darin ſitzen, bis wir zu Bett gingen. Zur Feier des Abſchieds hatten wir ein warmes Nachteſſen, bei dem das unvermeidliche gebratene Huhn nicht fehlte, und beſchloſſen es mit einem Glaſe Punſch. Wir waren alle ſehr niedergeſchlagen, obgleich wir uns die größte Mühe gaben, heiter zu ſcheinen. Ich mußte um fünf Uhr unſer Dorf verlaſſen, wollte meine kleine Reiſetaſche ſelbſt tragen, und hatte Joe geſagt, daß ich allein zu gehen wünſchte. Wie ich leider geſtehen muß, entſprang dieſer Wunſch nur aus der Befürchtung, daß Joe's Erſcheinung, wenn wir zuſammen nach der Poſtkutſche gingen, gegen die meinige zu ſehr ab⸗ ſtechen würde. Ich ſuchte mir zwar einzureden, daß es nicht dieſer wenig ehrenhafte Beweggrund ſei, was mich leitete; allein als ich an dieſem letzten Abende in meine kleine Dachkammer kam, mußte ich mir dennoch eingeſtehen, daß es ſo ſei, und war nahe daran, wieder hinunter zu gehen und Joe zu bitten, mich am folgenden Morgen zu begleiten. Ich that es jedoch nicht. Die ganze Nacht hindurch ſah ich in meinem unruhigen Schlafe Kutſchen, welche, ſtatt nach London, nach anderen und unrichtigen Ortſchaften gingen und bald von Hunden, bald von Katzen, Schwei⸗ nen und Menſchen, nie aber von Pferden gezogen wurden. Solche verkehrte Reiſen beſchäftigten mich, bis endlich der Morgen dämmerte und die Vögel zu ſingen begannen. Dann ſtand ich auf, kleidete mich theilweiſe an und nahm am Fenſter Platz, um einen letzten Blick hinaus zu werfen, ſchlief aber dabei ein. Biddy war, um mein Frühſtück zu bereiten, ſo zeitig in Bewe⸗ gung, daß ich, obgleich mein Schlaf am Fenſter kaum eine Stunde währte, den Rauch des Küchenfeuers roch, davon erwachte und mit dem ſchrecklichen Gedanken aufſprang, daß es ſchon ſpät am Tage ſein müſſe. Allein noch lange, nachdem ich das Klirren der Taſſen gehört hatte und ganz fertig war, fehlte mir der Muth, hinunter zu gehen. Ich blieb oben, ſchloß wiederholt meine Reiſetaſche auf und ſchloß ſie wieder zu, bis endlich Biddy mir zurief, daß es ſchon ſpät ſei. Das Frühſtück wurde in Eile und ohne daß es uns ſchmeckte genoſſen. Sch ſtand auf und ſagte mit affektirter Gleichgültigkeit, als wenn es mir ſoeben erſt eingefallen wäre:„Nun, ich muß wohl aufbrechen!“ küßte meine Schweſter, die lachend, nickend und zitternd in ihrem ge⸗ wöhnlichen Stuhle ſaß, küßte Biddy, und ſchlang meinen Hals um Joe's Nacken. Dann nahm ich meine Reiſetaſche und ging hinaus. Den letzten Blick warf ich auf ſie, als ich bald darauf ein Geräuſch Feierſtunden. 1864. ————————————————————————— hinter mir hörte und, mich umſchauend, Joe gewahrte, welcher mir einen alten Schuh nachwarf, und Biddy, die daſſelbe that. Ich blieb ſtehen, um meinen Hut zu ſchwenken, und der gute, alte Joe ſchwenkte ſeinen ſtarken rechten Arm über dem Kopfe und rief mit heiſerer Stimme:„Hurrah!“ während Biddy ihre Schürze vor das Geſicht drückte.(Siehe Bild S. 229.) Raſchen Schrittes ging ich davon, und dachte dabei, daß(das Gehen mir leichter werde, als ich vermuthet hatte, und wie unpaſſend es geweſen ſein würde, wenn mir, während ich in der Poſtkutſche ſaß, Angeſichts der ganzen Hauptſtraße ein alter Schuh nachgeworfen wor⸗ den wäre. Ich pfiff ein Liedchen und war guten Muthes. Allein das Dorf war ſo ruhigs ſo ſtill, und die leichten Nebel erhoben ſich ſo feierlich, als wollten ſie mir die Welt zeigen, und ich war hier ſo unſchuldig, ſo klein geweſen, und draußen war Alles ſo unbekannt und ſo groß, daß ſich plötzlich meine Bruſt hob und ich in Thränen ausbrach. Es geſchah, als ich dicht bei dem Wegweiſer, am Ende des Dorfes, ſtand. Ich legte meine Hand darauf und ſagte:„Lebe wohl, o mein lieber, lieber Freund!“ Der Himmel weiß, wir brauchen uns unſerer Thränen nie zu ſchämen, denn es ſind Regentropfen, welche auf den erblindenden Erd⸗ ſtaub fallen, der unſere harten Herzen bedeckt. Nachdem ich mich aus⸗ geweint hatte, fühlte ich mich wohler,— war niedergeſchlagener, mei⸗ ner Undankbarkeit mehr bewußt, und überhaupt ſanfter. Hätte ich vorher geweint, ſo würde jetzt Joe bei mir geweſen ſein. Dieſe Thränen, welche während des langſamen Marſches noch einmal ausbrachen, machten mich ſo weich, daß ich, als endlich die Poſtkutſche erreicht war und die Stadt bereits hinter uns lag, dar⸗ über nachdachte, ob ich nicht beim nächſten Pferdewechſel ausſteigen, zurückkehren, noch einen Abend in der alten Heimath zubringen und dann einen beſſeren Abſchied nehmen ſollte. Wir wechſelten die Pferde, aber ich hatte noch keinen Entſchluß gefaßt, und dachte zu meiner Be⸗ ruhigung nur, daß ich auch noch beim nächſten Wechſel ausſteigen und zurückkehren könne; und während ich dieſen Betrachtungen nach⸗ hing, glaubte ich in einem Manne, der uns auf der Straße entge⸗ gen kam, das treueſte Abbild von Joe zu ſehen, ſo daß mein Herz laut zu klopfen begann.— Als wenn es möglich geweſen wäre, daß er hätte dort ſein können! Wir wechſelten die Pferde wieder und wieder, und endlich wurde es zu ſpät und zu weit, um noch umzukehren, und ſo blieb ich im Wagen ſitzen. Alle Nebel hatten ſich jetzt feierlich erhoben, und die Welt lag offen vor mir ausgebreitet. Hier endet das erſte Stadium in Pips Erwartungen. Zwanzigſtes Kapitel. Die Reiſe von unſerer Stadt bis nach London dauerte ungefähr fünf Stunden. Es war daher kurze Zeit nach Mittag, als die vier⸗ ſpännige Poſtkutſche, in der ich einen Platz inne hatte, das Gewühl erreichte, welches die Croß⸗Keys, in Woodſtreet, Cheapſide, London, fortwährend umgibt. Wir Engländer ſahen es namentlich in jener Zeit als ausgemacht an, daß es Verrath ſei, daran zu zweifeln, daß wir in jeder Beziehung das Beſte hätten und die beſte Nation ſeien; ſonſt würde ich in jenem Momente, von der Unendlichkeit Londons betäubt, vielleicht geneigt geweſen ſein, es für etwas häßlich, unregel⸗ mäßig, eng und ſchmutzig zu halten. Mr. Jaggers hatte mir verſprochener Maßen ſeine Karte ge⸗ ſchickt. Sie gab die Straße Little Britain an, wobei von ſeiner Hand bemerkt war:„dicht bei Smithfield, neben dem Poſthofe“. Deſſen⸗ ungeachtet packte mich ein Lohnkutſcher, der eben ſo viele Kragen auf ſeinem ſchmutzigen Mantel zu haben ſchien, als er Jahre alt war, in ſeinen Wagen und verſchloß mich darin mit einem ſolchen Geraſſel des Kutſchenſchlages, als wenn er mich fünfzig Meilen weit hätte fahren wollen. Sein Erſteigen des Bocks, der, wie ich mich erinnere, — von ein ter geſch erfordert nit ſch zerfetzte 9 in herab twaige S Ich freuen, Bauerho darüber als ich r und alſo düſteren auf welc „W. „Ein geben wol Iche ſei, worar „Da Ungeleger Bei Jaggers' Nach vwollenoet, in der Ha ib Mr. J. „Nein Spreche ie Ich „Mr. in ſeinem ſt ungewi elbſt verſt nöthig, w Mit nich in e dier fand Nancheſte md ſich d em Lien „Gel Ich 4 Störu nde zun nich dann Nr. deck veße ſer trug, eer, und ſe ſich al nich betr vie iche ort, we Feiſpiel ackete, dern, di welcher mit IoG blieh de ſchwentt nit heiſern das Geſch „ daß ſas unpaſſend Ktuſſche ſaß, fen wor⸗ ſes. Allein erhoben ſich war hier ſo Hunbekannt n Thränen am Ende Pferde, ungen nach⸗ ße entge⸗ mein Herz wäre, daß wurde lieb ich im und dit tungen. te ungefäht z die vier⸗ 15 Gewühl . London, ch in jener veifeln, da ation ſeien; it London ch, unregel⸗ „Karte ſ r und ersgell 9 lt war, in n Geraſſe weit hätt nc 1 erinn Feierſtunden. 1864. 231 ——————-'¶————-——————-äöõ—eo—ä:'——ͤ'ͤ—— ¼——————:———— von einer alten, urſprünglich erbſengrünen, aber von Wind und Wet⸗ ter geſchwärzten und von Motten zerfreſſenen Decke überzogen war, erforderte längere Zeit. Es war überhaupt eine ſeltſame Equipage, rnit ſechs Kronen außerhalb, während an der Hinterſeite verſchiedene zerfetzte Riemen als Anhalt für eine unbeſtimmte Zahl von Bedien⸗ ten herabhingen, unter denen eine eiſerne Egge angebracht war, um etwaige Liebhaber ſolcher Ehrenſtellen von der Verſuchung abzuhalten. Ich hatte kaum Zeit gehabt, mich des Sitzes in der Kutſche zu freuen, und die Bemerkung zu machen, wie ſehr das Innere einem Bauerhofe und zugleich einem Lumpenladen ähnlich war, und mich darüber zu wundern, weßhalb die Futterbeutel der Pferde darin lagen, als ich wahrnahm, daß der Kutſcher ſich bereits anſchickte, abzuſteigen, und alſo bald halten mußte. Es geſchah auch, und zwar in einer düſteren Straße, vor einem Geſchäftslokal mit einer offenen Thür, auf welcher der Name„Mr. Jaggers“ ſtand. „Wie viel?“ fragte ich den Fuhrmaun. „Ein Schilling,“ antwortete er,„wenn Sie nicht vielleicht mehr geben wollen.“ Ich entgegnete natürlich, daß dies durchaus nicht meine Abſicht ſei, worauf er ſagte: „Dann muß es bei einem Schilling bleiben. Ich mag keine Ungelegenheiten haben. Ich kenne ihn!“ Bei dem letzten Worte warf er einen finſtern Blick auf Mr. Jaggers' Namen an der Thür und ſchüttelte mit dem Kopfe. Nachdem er ſeinen Schilling eingeſteckt, das Erſteigen des Bocks vollendet hatte und abgefahren war, trat ich, mit meiner Reiſetaſche in der Hand, in das vordere Zimmer des Geſchäftslokals und fragte, ob Mr. Jaggers zu Hauſe ſei. „Nein,“ entgegnete der Schreiber. Spreche ich mit Mr. Pip?“ Ich erwiderte bejahend. „Mr. Jaggers hat mich beauftragt, Ihnen zu ſagen, daß Sie in ſeinem Zimmer warten möchten. Wie lange er ausbleiben wird, iſt ungewiß, da er in einem Prozeſſe zu verhandeln hat, aber von ſelbſt verſteht ſich, daß er nicht länger verweilen wird, als durchaus nöthig, weil ſeine Zeit koſtbar iſt.“ Mit dieſen Worten öffnete der Schreiber eine Thür und führte mich in ein inneres, im Hintertheile des Hauſes gelegenes Zimmer. Hier fanden wir einen einäugigen Herrn, welcher einen Anzug von Mancheſter trug, mit kurzen, bis an die Kniee gehenden Beinkleidern, und ſich die Naſe mit dem Rockärmel putzte, als er durch uns bei dem Leſen einer Zeitung unterbrochen wurde. „Gehet hinaus und wartet draußen, Mike,“ ſagte der Schreiber. Ich war im Begriffe, eine Entſchuldigung vorzubringen wegen der Störung, als der Schreiber den Herrn ohne die geringſten Um⸗ ſtände zum Zimmer hinausſchob, ihm ſeine Pelzmütze nachwarf, und mich dann allein ließ. Mr. Jaggers' Zimmer empfing das Licht nur durch ein in der Decke befindliches Fenſter und war außerordentlich düſter. Das Fen⸗ ſter trug, wie ein zerſchlagener Kopf, an verſchiedenen Stellen Pfla⸗ ſter, und die anſtoßenden Häuſer ſahen ſo verzerrt aus, als hätten ſie ſich abſichtlich ſo verdreht, um durch das Fenſter hereinblicken und mich betrachten zu können. Es lagen nicht ſo viele Papiere umher, wie ich erwartet hatte, aber andere ſeltſame Gegenſtände befanden ſich dort, welche ich nicht erwartet hatte,— eine alte roſtige Piſtole, zum Beiſpiel, ein Säbel nebſt Scheide, mehrere ſonderbare Kiſten und Packete, und auf einem Bücherbrett zwei Gypsabdrücke von Geſich⸗ tern, die auf eigenthümliche Weiſe geſchwollen und um die Naſe be⸗ ſonders verzerrt waren. Der hohe Lehnſtuhl des Anwalts war von rebenſchwarzem Roßhaar und mit ſeinen langen Reihen metallener Nägel einem Sarge nicht unähnlich. Ich glaubte Mr. Jaggers ſehen zu können, wie er ſich darin zurücklehnte und, am Finger kauend, „Er iſt auf dem Gerichte. mit ſeinen Clienten verhandelte. Das Zimmer war nur klein, und die Clienten ſchienen die Gewohnheit gehabt zu haben, längs der Wand zu ſtehen; denn die Wand war, namentlich an der Mr. Jag⸗ gers' Stuhle gegenüber befindlichen Stelle noch ſchmutzig von den Schultern derſelben. Ich erinnerte mich auch, daß der einäugige Herr ſich an der Wand entlang geſchoben hatte, als ich die unſchul⸗ dige Urſache ſeiner Entfernung wurde. 3 Ich ließ mich auf dem Clientenſtuhl nieder, welcher dem Lehn⸗ ſeſſel des Anwalts grade gegenüber ſtand, und fühlte mich wie be⸗ zaubert von der düſtern Atmoſphäre des Gemaches. Es fiel mir ein, daß der Schreiber dieſelbe geheimnißvolle Miene, wie ſein Herr, hatte, als wüßte er auch von Jedermann etwas Schlimmes, und dachte dar⸗ über nach, wie viele Schreiber außer ihm noch in den oberen Zim⸗ mern beſchäftigt ſein möchten, und ob ſie ſämmtlich dieſelbe nachthei⸗ lige Herrſchaft über ihre Mitgeſchöpfe übten. Ich ſann darüber nach, wie alle die ſeltſamen Gegenſtände in dieſes Zimmer gekommen ſein konnten, und fragte mich verwundert, ob wohl die beiden geſchwolle⸗ nen Geſichter zu Mr. Jaggers' Familie gehörten, und ob er ſo un⸗ glücklich ſei, zwei ſo häßliche Verwandte zu haben, ſowie, weßhalb er ſie auf jenem ſtaubigen Bücherbrett den Fliegen preisgebe, ſtatt ihnen einen Platz in ſeiner Privatwohnung anzuweiſen. Ich hatte natür⸗ lich keine Vorſtellung davon, was ein Sommertag in London iſt, und mochte wohl von der Hitze und dem Einathmen des Staubes, der auf allen Dingen lag, abgeſpannt ſein; aber ich ſaß da in Mr. Jag⸗ gers' engem Zimmer, wartend und mich wundernd, bis ich endlich die beiden Gypsabdrücke auf dem Bücherbrett nicht mehr vor mir ſehen konnte, und deßhalb aufſtand und hinausging. Als ich dem Schreiber ſagte, daß ich, um zu warten, im Freien auf und ab gehen wolle, rieth er mir, den Weg um die nächſte Ecke zu nehmen, der mich nach dem Smithfield⸗Markte bringen würde. Ich kam dahin, aber der widerliche, mit Koth, Fett, Blut und Schaum angefüllte Platz ſchien mir an den Ferſen hängen zu bleiben, und ich verließ ihn deßhalb ſchleunigſt wieder, indem ich mich in eine Seiten⸗ ſtraße wandte, wo ich den großen, ſchwarzen Dom von St. Paul über einem finſteren Steingebäude emporragen ſah, welches ein Vor⸗ übergehender mir als das Gefängniß Newgate bezeichnete. An der Mauer deſſelben entlang gehend, bemerkte ich, daß die Straße mit Stroh belegt war, um das Raſſeln der vorüber rollenden Fuhrwerke zu dämpfen, was mich, in Verbindung mit der großen Menge um⸗ her ſtehender und nach Bier und Branntwein ſehr ſtark riechender Leute, auf die Vermuthung brachte, daß die Aſſiſen verſammelt ſeien. Während ich dieſem Treiben zuſchaute, fragte mich ein außer⸗ ordentlich ſchmutziger und halb betrunkener Diener der Gerechtigkeit, ob ich Luſt habe, hinein zu gehen und die Verhandlungen mit anzu⸗ hören, und bemerkte dabei, daß er mir für eine halbe Krone einen Platz in der vorderſten Reihe anweiſen könne, von wo aus ich den Lord⸗Oberrichter in ſeiner Perrücke und Amtskleidung deutlich ſehen würde. Er ſprach von dieſer Ehrfurcht gebietenden Perſon in einem ſolchen Tone, als wenn er mir eine Wachsfigur hätte zeigen wollen, und bot ſie mir im nächſten Augenblicke zu dem herabgeſetzten Preiſe von anderthalb Schillingen an. Da ich ſeinen Antrag unter dem Vorwande von Geſchäften ablehnte, ſo war er ſo gut, mich in den Hof des Gefängniſſes zu führen und mir den Ort zu zeigen, an dem der Galgen aufbewahrt und die Verbrecher öffentlich gepeitſcht wur⸗ den, worauf er mir auch das ſogenannte„Schuldnerthor“ zeigte, wel⸗ ches die Verurtheilten auf ihrem Wege zur Hinrichtung paſſiren muß⸗ ten. Er wußte das Intereſſe für dieſes grauenvolle Portal noch da⸗ durch zu erhöhen, daß er mir zu verſtehen gab, es würden am zweit⸗ folgenden Tage„vier Solche“ daraus hervor kommen, um früh um acht Uhr in einer Reihe gehängt zu werden. Das war zu ſchrecklich und brachte mir eine entſetzliche Idee von London bei, und zwar um ſo mehr, als dieſer Beiſitzer des Lord⸗Oberrichters vom Kopf bis zu den Füßen herab verſchimmelte Kleider trug, welche augenſcheinlich ihm urſprünglich nicht gehört hatten und, wie ich feſt annahm, dem Henker um einen billigen Preis abgekauft worden waren. Unter die⸗ 232 —-ↄ-——————y-—— ſen Umſtänden ſchätzte ich mich glücklich, mit dem Opfer eines Schil⸗ lings ſeiner los zu werden. Ich kehrte in die Schreibſtube zurück, um zu fragen, ob Mr. Jaggers gekommen ſei, aber hörte, daß er noch nicht dort war, und ſchlenderte deßhalb von Neuem hinaus. Dieſes Mal nahm ich mei⸗ nen Weg durch Little Britain und wandte mich dann in Bartholo⸗ mew Cloſe, wo ich gewahr wurde, daß außer mir noch andere Leute auf Mr. Jaggers warteten. Ich ſah nämlich zwei Männer von geheim⸗ nißvollem Ausſehen auf⸗ und abgehen und gedankenvoll ihre Füße in die Höhlungen des Steinpflaſters drücken, während ſie mit einander ſprachen. Als ſie an mir vorüber kamen, hörte ich Einen von ihnen ſagen, daß„Jaggers es gewiß ausführen werde, wenn es möglich ſei.“ An einer Ecke ſtand eine Gruppe von drei Männern und zwei Frauenzimmern, von denen die Eine in ihren ſchmutzigen Shawl hinein weinte, während die Andere, ihren eigenen Shawl über die Schultern ziehend, ſie mit den Worten zu tröſten ſuchte:„Jaggers i*ſt ja für ihn, Amalie, du könnteſt ja keinen Beſſeren haben.“ Außer⸗ dem kam, während ich dort umher ſchlenderte, ein rothäugiger kleiner Jude in die Straße, in Begleitung eines anderen kleinen Juden, den er jedoch mit einem Auftrage fortſchickte; und als Letzterer ver⸗ ſchwunden war, ſah ich dieſen kleinen Juden, der außerordentlich reiz⸗ bar zu ſein ſchien, in ſichtbarer Angſt unter einer Laterne eine Art von Tanz beginnen, den er mit den Worten begleitete:„O Jaggerſch, Jaggerſch, Jaggerſch! Ganz anders iſt Cag⸗Maggerſch,— gib mir Jaggerſch!“ Dieſes Zeugniß für die Popularität meines Vormundes machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich ſtaunte und wunderte mich mehr denn je. Endlich, als ich durch die eiſerne Pforte blickte, welche von Bar⸗ tholomew Cloſe nach Little Britain führt, ſah ich Mr. Jaggers über die Straße auf mich zukommen. Alle Anderen, die ſeiner warteten, bemerkten ihn ebenfalls und drängten ſich ihm entgegen. Seine Hand auf meine Schulter legend und mich mit ſich fort führend, ohne ein Wort mit mir zu ſprechen, wandte er ſich nun an die Uebrigen, welche uns folgten. Zuerſt redete er die beiden geheimnißvollen Männer an. „Mit Euch,“ ſagte er, ſeinen Zeigefinger nach ihnen ausſtreckend, „habe ich nichts mehr zu ſprechen. Ich will nicht mehr wiſſen, als ich weiß. Was den Erfolg betriſſt, ſo iſt er ganz ungewiß. Ich habe euch das von Anfang an geſagt, daß er ungewiß ſei. Habet ihr Wemmick bezahlt?“ „Wir haben dieſen Morgen das Geld zuſammengeſchoſſen,“ er⸗ widerte der Eine ſehr demüthig, während der Andere im Geſichte des Anwalts zu leſen ſuchte. „Ich frage nicht, ob ihr es zuſammen geſchoſſen habet, oder wo und wann es geſchehen iſt. Hat Wemmick das Geld erhalten?“ „Ja,“ erwiderten beide Männer. „Gut, ſo möget ihr gehen. Wie geſagt, ich will das nicht haben!“ rief er, ihnen mit der Hand winkend, daß ſie zurückbleiben ſollten. „Wenn ihr noch ein Wort ſprechet, ſo gebe ich die Sache auf.“ „Wir dachten, Mr. Jaggers,“— begann der Eine, ſeinen Hut abziehend. „Gerade das ſollet ihr nicht, wie ich ench geſagt habe,“ entgeg⸗ nete Mr. Jaggers.„Ihr dachtet! Ich denke für euch; das iſt ge⸗ nug. Wenn ich eurer bedarf, ſo weiß ich, wo ich euch zu finden habe. Aber ihr ſollet mich nicht finden! Ich will es nicht. Nur kein Wort mehr!“ Die beiden Männer ſahen ſich einander an, als Mr. Jaggers ihnen abermals mit der Hand bedeutete, zurückzubleiben, blieben de⸗ müthig ſtehen und verſchwanden gleich darauf. „Und nun Ihr?“ ſagte Mr. Jaggers, plötzlich vor den beiden Frauenzimmern, mit den Shawlen, ſtill ſtehend, von denen die drei Männer ſcheu zurückgewichen waren.„Oh, Amalie iſt es?“ „Ja, Mr. Jaggers.“ Feierſtunden. 1864. ——;——:õ—y—————— —— „Wiſſet ihr nicht,“ verſetzte er,„daß ihr ohne mich nicht hier ſein würdet und nicht hier ſein könntet?“ „O ja,“ riefen beide Weiber zugleich,„das wiſſen wir recht wohl, der Herr ſegne Sie dafür!“ „Nun denn, weßhalb kommt ihr hierher?“ fragte er. „Mein William!“ flehte die weinende Frau. „Ich will euch etwas ſagen,— ein für alle Mal!“ erwiderte Mr. Jaggers.„Wenn ihr nicht wiſſet, daß euer William in guten Händen iſt, ſo weiß ich es; und wenn ihr hierher kommet, um mich mit eurem William zu quälen, ſo will ich an euch und ihm ein Beiſpiel ſtatuiren und ihn durch meine Finger ſchlüpfen laſſen. Habet ihr Wemmick bezahlt?“ „O ja, jeden Pfennig!“ „Gut, dann habet ihr Alles gethan, was euch obliegt. Aber noch ein Wort, ein einziges Wort, und Wemmick ſoll euch das Geld zurückgeben!“ Dieſe entſetzliche Drohung bewog die Frauen, augenblicklich zu⸗ rückzubleiben. Niemand war jetzt mehr da, als der reizbare Jude, welcher bereits mehrere Male Mr. Jaggers Rockſchooß empor gehoben und an ſeine Lippen gedrückt hatte. „Ich kenne dieſen Menſchen nicht!“ ſagte Mr. Jaggers in dem⸗ ſelben vernichtenden Tone, wie vorhin.„Was will der Mann von mir?“ 5 „Mein lieber Miſchter Jaggerſch,— bin der Bruder von Ab⸗ raham Lazarus.“ „Wer iſt das?“ rief Mr. Jaggers.„Laßt meinen Rock los!“ Ehe der Bittſteller den Rock losließ, küßte er den Saum noch einmal, und erwiderte dann: „Abraham Lazarus, der wegen des Silberzeugs in Verdacht iſt.“ „Ihr kommt zu ſpät,“ entgegnete der Anwalt,„ich bin auf der anderen Seite.“* „Heiliger Vater, Miſchter Jaggerſch!“ rief mein reizbarer Be⸗ kannter,—„ſagen Sie nicht, daß Sie gegen Abraham Lazarus ſind!“ „Ich bin gegen ihn,“ verſetzte Mr. Jaggers,„und damit iſt's Gehet aus dem Wege!“ „Miſchter Jaggerſch, nur eine Sekunde! Mein eigener Vetter iſt ſo eben— dieſen Augenblick gegangen zu Miſchter Wemmick, um ihm zu bieten, was er verlangt. Miſchter Jaggerſch, nur eine halbe Sekunde! Wenn Sie die Gnade haben wollten, ſich kaufen zu laſſen für die andere Seite,— um jeden Preis,— gleichviel, Miſchter Jaggerſch,— Miſchter—“ Mit der verächtlichſten Gleichgültigkeit wies mein Vormund den Supplikanten ab und ließ ihn ſtehen, während derſelbe auf dem Pfla⸗ ſter ſprang und tanzte, als wenn es glühend heiß wäre. Ohne wei⸗ tere Unterbrechung erreichten wir das vordere Zimmer der Schreib⸗ ſtube, wo ſich der Schreiber und der Mann in der Mancheſterklei⸗ dung und mit der Pelzmütze befanden. „Hier iſt Mike,“ ſagte der Schreiber, von ſeinem hohen Stuhl herab ſteigend und ſich Mr. Jaggers vertraulich nähernd. „Oh,“ ſagte Mr. Jaggers, ſich nach dem Manne umwendend, der an einer Locke über der Stirn wie an einer Klingelſchnur zog, „Euer Mann wird dieſen Nachmittag an die Reihe kommen. Nun?“ „Nun, Mr. Jaggers,“ verſetzte Mike mit der Stimme eines Menſchen, der an fortwährendem Schnupfen leidet,„nach vieler Mühe habe ich endlich Einen gefunden, der paſſend ſein wird.“ „Was iſt er bereit zu beſchwören?“ 3 „Nun, Mr. Jaggers,“ erwiderte Mike, ſich dieſes Mal die Naſe mit der Pelzmütze putzend,„ſo im Allgemeinen— Alles.“ Mr. Jaggers wurde plötzlich ſehr zornig. „Ich habe Euch ſchon einmal geſagt,“ rief er, ſeinen Zeigefinger nach dem erſchreckten Clienten ausſtreckend,„daß ich an Euch ein Bei⸗ ſpiel ſtatuiren werde, wenn Ihr Euch beigehen laſſet, auf dieſe Weiſe mit mir zu rede Ihr nichtswürdiger Schurke, wie könnet Ihr es wagen, mir ſo crwas zu ſagen?“ aus. ¹ — D ir nicht „O. Stoß mi „I in ſehr kann der Mi nach der dann la „C geweſen ſen hat. „N Mann Mi Dadr, a zaghafter mein Vo „W wollt do lich?“ „D raunte ber wie ihmabem Stoß Ellenbo N unruhig nen kli lich Mi auf, un „C ein anſta ſtetenbä⸗ det,— Art von fragte mund. . einer an der Eck,“ Mike.] „Fi Da⸗ al d d Clienten Manne piermut war kei auf de wie bem „ ſchaffer du,„u ſeche, 5 und w ten Fl er mir Ich ſo Fei Der Client machte eine erſchreckte und beſtürzte Miene, als wenn er nicht wüßte, was er gethan hatte. „Dummkopf,“ raunte ihm der Schreiber zu, und gab ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen,„müßt Ihr ihm das in's Geſicht ſagen?“ „Jetzt frage ich Euch, Ihr Einfaltspinſel,“ fuhr mein Vormund in ſehr ſtrengem Tone fort,„noch einmal und zum letzten Male, was kann der Mann beſchwören, den Ihr gebracht habt?“ Mike blickte den Anwalt forſchend an, als wenn er die Antwort nach dem Ausdrucke ſeiner Geſichtszüge einrichten wollte, und ſagte dann langſam: „Entweder ſeinen guten Ruf, oder daß er in ſeiner Geſellſchaft geweſen und ihn in der fraglichen Nacht keinen Augenblick verlaſ⸗ ſen hat.“ 2 „Nun nehmt Euch in Acht. Mann an?“ Mike ſchaute auf ſeine Mütze, auf den Fußboden, nach der Decke, auf den Schreiber, ſelbſt auf mich, und begann endlich mit zaghafter Stimme:„Wir haben ihn ausgeputzt wie einen—“ als mein Vormund, ihn unterbrechend, herausfuhr: „Was? Ihr wollt doch? Wirl⸗ Welchem Stande gehört dieſer lich?“ „Dummkopf!“ g raunte der Schrei⸗Wnwn W ber wieder und gab ihm abermals einen Stoß mit dem Ellenbogen. Nach einigem unruhigen Beſin⸗ nen klaͤrte ſich end⸗ lich Mike's Geſicht auf, und er ſagte: „Er iſt wie ein anſtändiger Pa⸗ ſtetenbäcker geklei⸗ det,— wie eine Art von Koch.“ „Iſt er hier 2⸗ fragte mein Vor⸗ mund. „Er ſitzt auf einer Thürtreppe, an der nächſten Ecke,“ erwiederte Mike.) Ich will ihn ſehen.“ Das bezeichnete Fenſter war das der Schreibſtube. Wir traten alle drei an das Drahtgitter deſſelben und ſahen gleich darauf den Clienten, wie durch Zufall, mit einem mörderiſch ausſehendeu großen Manne, der eine kurze Kleidung von weißer Leinwand und eine Pa⸗ „Führt ihn an dieſem Fenſte vorbei. piermütze trug, daran vorüber gehen. Dieſer argloſe Zuckerbäcker war keineswegs nüchtern, und hatte ein blaues Auge, deſſen Farbe, auf ‚dem Wege der Heilung begriffen, in Grün übergegangen und wie bemalt war. „Sagen Sie ihm, er ſolle ſeinen Zeugen auf der Stelle fort⸗ ſchaffen,“ rief mein Vormund dem Schreiber in äußerſter Entrüſtung zu,„und fragen Sie ihn, was das bedeuten ſolle, daß er ſich unter⸗ ſtehe, einen ſolchen Kerl hierher zu bringen.“ Hierauf führte mich mein Vormund in ſein eigenes Zimmer, und während er ſtehend ſein Frühſtück genoß, welches in mitgebrach⸗ ten Fleiſchbrödchen und einigen Gläſern Sherrywein beſtand, theilte er mir mit, welche Anſtalten er in Betreff meiner getroffen habe. Ich ſollte nach dem„Hotel Barnard“ gehen, wo der junge Mr. Pocket Feierſtunden. 1864. —-—;— 233 ———:ͤ—:————— einige Zimmer bewohnte, in denen ein Bett für mich hergerichtet worden war, und ſollte dort bis zum folgenden Montage bleiben, um dann mit dem jungen Manne einen Beſuch im Hauſe ſeines Vaters zu machen und zu ſehen, wie es mir dort gefiele. Er ſagte mir auch, welche Summe zu meiner Erhaltung ausgeſetzt worden war,— eine nicht unbedeutende,— und übergab mir dann verſchie⸗ dene Karten von Kaufleuten und Handwerkern, bei denen ich alle meine vernünftigen Bedürfniſſe an Kleidern oder ſonſtigen Gegenſtän⸗ den entnehmen konnte. „Sie ſehen, Mr. Pip, daß Ihnen ein guter Kredit eröffnet wor⸗ den iſt,“ ſagte mein Vormund, deſſen Flaſche mit Sherrywein, wäh⸗ rend er ſich daraus erfriſchte, ſo kräftig duftete, als wenn es ein ganzes Faß geweſen wäre,„allein ich kann auf dieſe Weiſe Ihren Rechnungen eine Schranke ſetzen und Sie im Zaume halten, ſobald ich ſehe, daß Sie zu weit gehen. Natürlich werden Sie dumme Streiche machen, aber das iſt dann nicht meine Schuld.“ Nachdem ich über dieſe ermuthigenden Anſichten einige Zeit nach⸗ gedacht hatte, fragte ich Mr. Jaggers, ob ich mir einen Wagen dürfe kommen laſſen, worauf er erwiderte, daß es nicht der Mühe werth ſei, da der Gaſt⸗ hof in geringer Entfernung liege, und daß Wemmick mich dahin beglei⸗ ten ſolle, wenn ich es wünſchte. Ich ſah nun, daß Wemmick der Schreiber war, wel⸗ cher im anſtoßen⸗ den Zimmer ſaß. Zu ſeiner Vertre⸗ tung während der Abweſenheit wurde ein anderer Schrei⸗ ber aus dem obe⸗ ren Stockwerke her⸗ unter gerufen, und nachdem ich hier⸗ auf meinem Vor⸗ munde die Hand gedrückt hatte, ging er mit mir auf die Straße hinaus. Dort fanden wir eine neue Gruppe von Leuten ſtehen, welche darauf warteten, vorgeladen zu werden, allein Wemmick brach ſich Bahn durch ſie, indem er trocken ſagte: „Es iſt ganz vergeblich, er will mit Keinem von euch ein Wort ſprechen,“ worauf wir ſie bald los wurden und neben einander wei⸗ ter gingen. Einundzwanzigſtes Kapitel. Als ich, während des Weges, meine Blicke auf Mr. Wemmick richtete, um zu ſehen, wie er ſich im Tageslichte ausnehme, fand ich, daß er ein magerer Mann, von mittlerer Größe, mit einem breiten, hölzernen Geſichte war, welches einen ſolchen Ausdruck hatte, als wenn es mit einem ſtumpfen Meißel ausgeſchnitten worden wäre. Es waren Stellen darin, welche für Grübchen hätten gelten können, wenn das Material feiner und das Inſtrument ſchärfer geweſen wäre, die ſo aber nur häßliche Male waren. Ueber der Naſe hatte der Meißel drei oder vier Verſuche gemacht, Verſchönerungen anzubringen, aber ſie aufgegeben, ohne ſich die Mühe zu nehmen, die Spuren wie⸗ 30⁰ 234 —-———ͤ—————õ— der auszuglätten. Der ſchadhafte Zuſtand ſeiner Leibwäſche ließ mich vermuthen, daß er unverheirathet ſei, und er ſchien viele Verluſte er⸗ litten zu haben, denn an ſeinen Fingern ſah ich mindeſtens vier Trau⸗ ringe ſtecken, und auf ſeiner Bruſt eine Buſennadel, deren Schild ein Grab mit einer Urne und einer Trauerweide darſtellte, an dem eine Dame ſtand. Auch ſah ich mehrere Ringe und Siegel an ſeiner Uhr⸗ kette hängen, als wenn er überladen wäre mit Erinnerungen an ab⸗ geſchiedene Freunde. Er hatte funkelnde Augen, welche klein, ſcharf und ſchwarz waren, und breite, bläuliche Lippen, die er meiner An⸗ ſicht nach ſchon vierzig bis fünfzig Jahre beſeſſen haben mußte. „Alſo waren Sie noch nie in London?“ fragte mich Mr. Wemmick. „Nein,“ erwiderte ich. „Es gab eine Zeit, als ich hier auch noch fremd war,“ verſetzte Wemmick.„Seltſam, wenn ich daran denke!“ „Jetzt ſind Sie wohl genau bekannt damit?“ „Nun ja,“ erwiederte Wemmick,„ich weiß, wie es darin zu⸗ geht.“ „Iſt es eine ſehr gottloſe Stadt?“ fragte ich, mehr um etwas zu ſagen, als aus Neugierde. „Sie können hier betrogen, beraubt und ermordet werden,— aber es gibt überall genug Menſchen, welche das thun.“ „In der Hitze und im Zorne, meinen Sie,— nicht wahr?“ bemerkte ich, um ſeine Aeußerung etwas zu mildern. „Daß ich nicht wüßte,“ ſagte Mr. Wemmick;„von Hitze und Zorn hört man nicht viel,— aber wenn etwas dabei zu gewin⸗ nen iſt.“ „Das macht die Sache noch ſchlimmer.“ „Glauben Sie?“ verſetzte Mr. Wemmick.„Es macht nicht viel Unterſchied, glaube ich.“ Er trug ſeinen Hut auf dem Hinterkopfe, und ging, gerade vor ſich hin blickend und nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt, durch die Straße, als wenn es dort nichts gäbe, das ſeine Aufmerkſamkeit anzuziehen vermöchte. Sein Mund ſtand offen wie ein Briefkaſten und ſchien fortwährend zu lächeln. Wir hatten bereits das obere Ende von Holborn Hill erreicht, als ich mich erſt überzeugte, daß es nur ein ſcheinbares Lächeln war, und daß er in Wirklichkeit nicht lächelte. „Wiſſen Sie, wo Mr. Matthias Pocket wohnt?“ fragte ich⸗ „Ja,“ antwortete Mr. Wemmick, durch ein Kopfnicken die Rich⸗ tung andeutend.„In Hammersmille, weſtlich von London.“ „Iſt das entfernt?“ „Ungefähr fünf Meilen.“ „Kennen Sie ihn?“ „Ei, Sie ſind ja ein förmlicher Inquirent,“ verſetzte Mr. Wem⸗ mit beifälliger Miene.„Ja, ich kenne ihn,— ich kenne ihn!“ In dem Tone, mit dem er dieſe Worte ſprach, lag eine gewiſſe demüthigende Herablaſſung, die mich verſtimmte. Ich blickte noch von der Seite auf ſein holzartiges Geſicht, um zur Fortſetzung der Unterhaltung irgend einen ermuthigenden Zug darin zu entdecken, als er ſtehen blieb und ſagte, daß wir das Hotel Barnard erreicht hät— ten. Meine Verſtimmung ſchwand nicht bei dieſer Nachricht; denn ich hatte darunter einen eleganten Gaſthof verſtanden, deſſen Beſitzer Barnard hieß, aber fand jetzt, daß Barnard nur ein entkörperter Geiſt, eine Fiktion, und daß ſein Hotel nichts als eine Gruppe der elendeſten und ſchmutzigſten Gebäude war, die, in einen Winkel zu⸗ ſammen gedrängt, jemals den Katzen als Klub gedient haben. Wir traten in dieſen Hafen durch eine kleine Pforte und gelang⸗ ten mittelſt eines Ganges auf einen traurigen kleinen Platz, der wie ein Kirchhof ausſah. Die Bäume, welche hier ſtanden, die Sperlinge, die Katzen und die Häuſer hier,— ungefähr ſechs an der Zahl,— ſchienen mir die trübſeligſten zu ſein, die ich je geſehen hatte. Die Fenſter in den verſchiedenen Wohnungen dieſer Häuſer hatten völlig zerfetzte Gardinen und Vorhänge, zerbrochene Scheiben und Blumen⸗ Mr. mick Feierſtunden. 1864. —————;;—— töpfe; Staub und Zerfall und trauriger Nothbehelf zeigte ſich überall, während die Worte:„Zu vermiethen! Zu vermiethen! Zu vermie⸗ then!“ mir aus den leeren Gemächern entgegen ſtarrten, als wenn kein neuer Unglücklicher dahin kommen wollte, und als wenn die Rachſucht des abgeſchiedenen Barnard ſich nur langſam durch den all⸗ mähligen Selbſtmord der gegenwärtigen Bewohner und ihre Beſtat⸗ tung unter dem ungeweihten Kiesboden beſänftigen laſſe. Ein ſchmutzi⸗ ges Trauergewand von Ruß und Rauch umgab dieſe öde Schöpfung Barnard's; ſie trug Aſche auf ihrem Haupte, und that Buße als ein bloßes Kehrichtloch. Das war der Eindruck, welchen mein Geſichts⸗ organ empfing, während trockene Fäulniß und feuchte Fäulniß und alle Arten von Fäulniß, die in verlaſſenen Kellern und Speichern zu finden ſind,— Fäulniß von Ratten und Mäuſen und Wanzen und den nahe befindlichen Ställen,— ſich meinem Geruche aufdräng⸗ ten und ſtöhnten:„Verſuche Barnard's Mixtur!“ So mangelhaft war dieſe erſte Verwirklichung meiner großen Erwartungen, daß ich muthlos Mr. Wemmick anblickte, welcher, mich mißverſtehend, ſagte: „Aha,- dieſer ſtille und abgelegene Ort erinnert Sie an das Land. Ja, ja, mich auch.“ 1 Er führte mich in einen Winkel und dann eine Treppe hinauf, welche ſo wankend war, daß ich glaubte, ſie zerfalle langſam in Säge⸗ ſpäne und müſſe nothwendig eines Tages die oberen Bewohner, wenn ſie ihre Thüren öffneten, die Entdeckung machen laſſen, daß ſie nicht wieder hinunter kommen konnten, worauf wir zu einer Wohnung im oberſten Stockwerke gelangten. An der Thür derſelben ſtand mit großen Buchſtaben geſchrieben:„Mr. Pocket, jun.“, und an dem Briefkaſten hing ein Zettel, mit den Worten:„Bald wieder zu Hauſe!“ „Er hat nicht geglaubt, daß Sie ſo zeitig kommen würden,“ er⸗ klärte Mr. Wemmick, und fügte darauf hinzu:„Jetzt werden Sie mich nicht mehr nöthig haben.“ „Nein, ich danke Ihnen,“ erwiderte ich. „Da ich die Kaſſe führe,“ bemerkte Mr. Wemmick noch,„ſo werden wir uns wahrſcheinlich öfter ſehen. Adieu!“ „Adieu!“ Ich ſtreckte meine Hand aus, aber Mr. Wemmick betrachtete ſie anfangs, als wenn er dächte, ich wollte etwäs von ihm haben. Dann jedoch blickte er mich an und ſagte, ſich verbeſſernd: „O gewiß, ja, ja! Sie ſind gewohnt, die Hand zu reichen?“ Ich war etwas verlegen, weil ich glaubte, es ſei in London nicht Sitte, aber antwortete bejahend. 4 „Ich bin ſo ganz aus der Gewohnheit gekommen,“ verſetzte Mr. Wemmick,—„ausgenommen zuletzt. Aber gewiß, es freut mich ſehr, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Adieu!“ Nachdem wir uns die Hand gedrückt hatten und er fort gegan⸗ gen war, hob ich das Treppenfenſter auf, und hätte mich beinahe ſelbſt enthauptet; deun die Stricke, welche es halten ſollten, waren verfault; und es fuhr, wie eine Guillotine, wieder herunter. Glücklicherweiſe geſchah dies ſo ſchnell, daß ich den Kopf noch nicht hinaus geſtreckt hatte. Nachdem ich auf dieſe Weiſe entkommen war, begnügte ich mich damit, die äußeren Theile des Gebäudes durch die von Schmutz bedeckten trüben Glasſcheiben zu betrachten und wehmüthig dem Ge⸗ danken nachzuhängen, daß London jedenfalls nicht ſo ſchön ſei, wie es geſchildert werde. Die Idee, welche Mr. Pocket iun. von„bald“ hatte, war nicht die meinige, denn nachdem ich eine halbe Stunde lang vergeblich hin⸗ aus geſchaut und meinen Namen zehnmal auf die mit Staub und Schmutz bedeckten Scheiben gemalt hatte, war ich vor Ungeduld dem Wahnſinn nahe, als ſich endlich Fußtritte nahten. Allmählig erhoben ſich vor mir der Hut, der Kopf, die Halsbinde, die Weſte, die Bein⸗ kleider und Stiefel eines Mitgliedes der menſchlichen Geſellſchaft, wel⸗ ches ungefähr von demſelben Stande war, wie ich. Er trug unter jedem? eine Sch „M „M. „Me wußte, de und glau Wahrheit keine En Lande ke ſein wür recht gut Aus aus dem keit mit für einen „. gellemmt! Da das in de ſchen, ſo lächelnd der Thüd nach, d rückfiel, imwer und als vorange allein ie fen köm den Tag vielleicht es mir t unſeren hoffe ich fert werd da Mr. dagegen ſelbſt ver und würn zimmer. piche u. Das Ti rechnen, gebracht düſter un und dum gewiethet Sie noch Wohnun uns gew Sie halt der nehr BN pierpack ſtaunen er, zur „ 75 ch überall u vermit⸗ als wenn wenn die h den all⸗ re Beſtat— ſchmutzi höpfung ge als ein eer großen her, mich das Land. pe hinauf, in Säge⸗ ner, wenn andon vicht ſetzte Mr. 1 freut mich jverfault; tlicherweiſt Feierſtunden. 1864. ———ääääB:—ʒ☛—50V————äääoo———————õ——-———————— jedem Arme ein in Papier gewickeltes Packet und in der einen Hand eine Schale mit Erdbeeren, und war außer Athem. „Mr. Pip?“ ſagte er. „Mr. Pocket?“ erwiderte ich. „Mein Gott,“ rief er,„es thut mir unendlich leid, allein ich wußte, daß um Mittag eine Landkutſche aus Ihrer Gegend anlangte, und glaubte, daß Sie mit ihr kommen würden. Ich bin, um die Wahrheit zu ſagen, nur Ihretwegen ausgegangen,— was freilich keine Entſchuldigung iſt;— denn ich dachte, daß Ihnen, da Sie vom Lande kommen, etwas Obſt nach dem Mittageſſen nicht unwillkommen ſein würde, und ging deßhalb nach dem Coventgarden⸗Markt, um recht gutes zu kaufen.“ Aus einem ungewiſſen Grunde war mir ſo, als ob mir die Augen aus dem Kopfe ſpringen müßten. Ich dankte für ſeine Aufmerkſam⸗ keit mit einigen unzuſammenhängenden Worten, und fing an, Alles für einen Traum zu halten. „O Himmel!“ rief Mr. Pocket, jun.,„dieſe geklemmt!“ Da er während der Bemühung, ſie zu öffnen, nahe daran war, das in dem Papier unter ſeinen Armen befindliche Obſt zu zerquet⸗ ſchen, ſo bat ich um die Erlaubniß, es ihm abzunehmen. Freundlich lächelnd überließ er es mir nun, und begann dann einen Kampf mit der Thür, wie mit einem wilden Thiere. Endlich gab ſie ſo plötzlich nach, daß er auf mich, und ich auf die gegenüberliegende Thür zu rückfiel, worauf wir Beide lachten. Deſſen ungeachtet war mir noch immer ſo, als ob mir die Augen aus dem Kopfe ſpringen müßten, und als ob Alles nur ein Traum wäre. „Bitte, treten Sie ein,“ ſagte Mr. Pocket, jun. Ich werde vorangehen, wenn Sie erlauben. Es ſieht hier zwar etwas kahl aus, allein ich hoffe, daß Sie ſich doch bis nächſten Montag werden behel⸗ fen können. Mein Vater war der Meinung, daß Sie den morgen⸗ den Tag lieber bei mir als bei ihm zubringen würden, und auch vielleicht Luſt hätten, ſich London ein wenig anzuſehen. Gewiß wird es mir viel Vergnügen machen, Ihnen die Stadt zu zeigen. Was unſeren Mittagstiſch betrifft, ſo werden Sie ihn nicht ſchlecht finden, hoffe ich, denn er wird uns aus der hieſigen Speiſewirthſchaft gelie⸗ fert werden, und zwar, wie ich hinzufügen muß, auf Ihre Koſten, da Mr. Jaggers es ſo ausdrücklich angeordnet hat. Unſere Wohnung dagegen iſt nichts weniger als prachtvoll, denn ich muß mein Brod ſelbſt verdienen, kann keinen Beiſtand von meinem Vater erhalten, und würde ihn auch nicht annehmen. Dieſes Gemach iſt unſer Wohn⸗ zimmer. Es enthält, wie Sie ſehen, nur ſolche Stühle, Tiſche, Tep⸗ piche u. ſ. w., die meine Eltern zu Hauſe haben entbehren können. Das Tiſchtuch, die Löffel und Karaffinen dürfen Sie mir nicht an⸗ rechnen, denn dieſe Dinge ſind aus der Reſtauration für Sie hierher gebracht worden. Dieſes iſt meine kleine Schlafkammer,— etwas düſter und dumpfig zwar, allein das ganze Hotel Barnard iſt düſter und dumpfig. Hier iſt Ihre Schlafſtube. Die Möbel ſind beſonders gemiethet worden und werden hoffentlich entſprechend ſein. Sollten Sie noch irgend etwas brauchen, ſo will ich es herbeiſchaffen. Die Wohnung iſt abgelegen, und wir werden Beide hier allein ſein, doch uns gewiß nicht ſtreiten. Aber, mein Gott, ich bitte um Verzeihung Sie halten ja noch immer das Obſt. Bitte, laſſen Sie es mich wie⸗ der nehmen; ich bin ganz beſchämt.“ Während ich ihm grade gegenüber ſtand und ihm die beiden Pa⸗ pierpackete reichte, ſah ich, daß ſeine Augen plötzlich einen eben ſo ſtaunenden Ausdruck annahmen, wie ihn die meinigen hatten, worauf er, zurücktretend, ſagte: „Herr meines Lebens, Sie ſind der umherſchleichende Bube!“ „Ja, und Sie ſind der bleiche junge Mann!“ erwiderte ich. Thür iſt ſo feſt ein— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der bleiche junge Mann und ich, wir ſtanden in Barnard's Hotel einander gegenüber und betrachteten uns gegenſeitig, bis wir —— 235 endlich Beide in lautes Lachen ausbrachen.„Wer hätte gedacht, daß Sie es ſein könnten!“ riefen wir zugleich, betrachteten uns dann wieder und lachten von Neuem. „Nun, ſagte der bleiche junge Mann hierauf, indem er mir gut⸗ müthig ſeine Hand entgegen ſtreckte,„jetzt iſt hoffentlich Alles vorbei, und es wird ſehr edelmüthig von Ihnen ſein, wenn Sie es mir ver⸗ zeihen wollen, daß ich Sie ſo übel zugerichtet habe.“ Aus dieſen Worten ſchloß ich, daß Mr. Herbert Pocket(denn Herbert war der Vorname des bleichen jungen Mannes), noch immer ſeine Abſicht mit der Ausführung verwechſelte. Allein ich antwortete ſehr beſcheiden, und wir drückten uns herzlich die Hände. „Damals hatten Sie noch nicht das große Glück gemacht?“ fragte er. „Nein,“ erwiderte ich. „Nein,“ wiederholte er beſtätigend;„es wurde mir geſagt, daß es erſt vor ganz kurzer Zeit geſchehen iſt. Ich war damals eigentlich auch darnach aus, das Glück zu ſuchen.“ „In der That?“ Miß Havisham hatte mich kommen laſſen, um zu ſehen, ob ſie Gefallen an mir finden könne. Allein ſie konnte keins finden, oder mindeſtens,— ſie fand keins.“ Ich erachtete es der Höflichkeit angemeſſen, zu bemerken, daß es mich ſehr wundere, dies zu hören. „Freilich, ſchlechter Geſchmack,“ verſetzte Herbert lachend,„aber es iſt wahr. Ja, ſie hatte mich zu einem Probebeſuche rufen laſſen, und wenn es mir geglückt wäre, ihren Beifall zu erlangen, ſo würde ſie wahrſcheinlich auch für mich geſorgt haben. Vielleicht wäre ich dann für Eſtella geworden, was— gleichviel, wie Sie es nennen. mögen!“ „Was iſt das?“ fragte ich mit plötzlichem Ernſte. Er war damit beſchäftigt, das gekaufte Obſt auf den Tellern zu ordnen, was ſeine Aufmerkſamkeit theilte und die Veranlaſſung gab, daß er nicht gleich den richtigen Ausdruck finden konnte. „Verſprochen,— verlobt,“ erklärte er,„oder dergleichen.“ „Wie ertrugen Sie dieſe getäuſchte Hoffnung?“ fragte ich weiter. „Bah,“ entgegnete er,„ich kümmerte mich wenig darum. Sie iſt ein Satan.“ „Miß Havisham?“ „Ich will nicht nein dazu ſagen, aber ich meinte Eſtella. Dieſes Mädchen iſt hartherzig, ſtolz und eigenſinnig im höchſten Grade, und von Miß Havisham dazu auferzogen worden, an dem ganzen männ⸗ lichen Geſchlechte Rache zu üben.“ „Auf welche Weiſe iſt ſie mit Miß Havisham verwandt?“ „Gar nicht,“ erwiderte er,„nur angenommen.“ „Aber weßhalb ſoll ſie an dem ganzen männlichen Geſchlechte Rache üben, und welche Rache?“ „Mein Gott, Pip,“ verſetzte er,„wiſſen Sie denn das nicht?“ „Nein,“ entgegnete ich. „Ei, das iſt eine lange Geſchichte, die wir bis zum Eſſen auf⸗ heben wollen. Erlauben Sie mir jetzt, Ihnen eine Frage vorzulegen. Wie kamen Sie an jenem Tage dorthin?“ Ich erzählte es ihm, und er hörte aufmerkſam zu, bis mein Be⸗ richt beendet war; dann aber brach er von Neuem in Lachen aus und fragte mich, ob ich nach unſerem Kampfe viele Schmerzen gehabt habe. Ich fragte ihn nicht dagegen, ob auch er viele Schmerzen gehabt habe, denn in dieſer Beziehung ſtand meine Ueberzeugung feſt. „Mr. Jaggers iſt Ihr Vormund, wie ich höre?“ fuhr er fort. „Ja.“ „Wie Sie wiſſen, iſt er auch Miß Havisham's Geſchäftsführer und rechtlicher Beiſtand, und genießt ihr Vertrauen im höchſten Grade.“ Dieſe Bemerkung brachte mich auf einen gefährlichen Boden, wie ich fühlte. Mit unverhehlter Zurückhaltung antwortete ich deßhalb nur, daß ich Mr. Jaggers an jenem Tage, an dem unſer Kampf 30* — „Ja. 236 — —òℳ—B—B——O— ſtattgehabt, in Miß Havisham's Hauſe geſehen habe, aber ſeitdem nicht wieder, und eben ſo wenig vorher, und daß er nach meinem Dafürhalten ſich nicht erinnere, mich jemals dort geſehen zu haben. „Er war ſo gefällig, meinen Vater als Lehrer für Sie in Vor⸗ ſchlag zu bringen, und beſuchte ihn zu dieſem Zwecke. Natürlich kannte er meinen Vater durch ſein Geſchäftsverhältniß zu Miß Havis⸗ ham. Mein Vater iſt ihr Vetter, ohne jedoch in vertraulichem Ver⸗ kehr mit ihr zu ſtehen; denn er iſt kein ſonderlicher Höfling, und mag nichts thun, um ihre Gunſt zu erwerben.“ Herbert Pocket beſaß ein offenes, leichtes Weſen, welches ſehr einnehmend war. Nie hatte ich vorher, und eben ſo wenig habe ich nachher Jemanden geſehen, der ſo deutlich, wie er, in jedem Tone und jeder Miene ſeine natürliche Unfähigkeit ausdrückte, irgend eine heimliche oder niedrige Handlung zu begehen. In ſeiner ganzen äuße⸗ ren Erſcheinung lag etwas unbeſchreiblich Hoffnungsvolles, zugleich aber auch ein gewiſſes Etwas, das mir ſagte, er werde nie ſehr glück⸗ lich und reich werden. Worin dieſes Etwas beſtand, weiß ich nicht. Der Gedanke drängte ſich mir auf, ehe wir uns zu Tiſche ſetzten; was ihn aber erzeugt hatte, kann ich nicht ſagen. Er war noch immer ein bleicher junger Mann, und ließ bei aller ſeiner Heiterkeit und Munterkeit eine gewiſſe Erſchöpfung erkennen die er nicht zu verbergen vermochte, und die kein Zeichen von großer Kraft war. Sein Geſicht konnte nicht für hübſch gelten, aber es war beſſer als hübſch, das heißt, außerordentlich heiter und liebreich. Seine Geſtalt war, wie damals, als meine Fäuſte ſich ſo große Freiheiten gegen ſie erlaubten, nicht wohl gebaut und etwas linkiſch; aber ſie ſah ſo aus, als wenn ſie immer leicht und jung bleiben würde. Ob Mr. Trabb's Kunſtwerk ihm beſſer geſtanden hätte, als mir, möge dahin geſtellt bleiben; doch weiß ich gewiß, daß er ſeine alten Kleider mit viel mehr Anſtand trug, als ich meine neuen. Da er ſehr geſprächig und mittheilend war, ſo dachte ich, daß Zurückhaltung von meiner Seite eine ſchlechte und für unſer Alter nicht paſſende Erwiderung darauf ſein würde, und erzählte ihm deß⸗ halb meine kurze Geſchichte, indem ich mit beſonderem Nachdrucke des mir ertheilten Verbotes erwähnte, die Entdeckung meines Wohlthäters zu verſuchen. Ich bemerkte ferner, daß ich, da ich als ein Schmiede⸗ lehrling auf dem Lande aufgewachſen ſei und ſehr wenig vön den Sitten und Gebräuchen der feinen Welt kenne, es als eine große Gefälligkeit von ihm anſehen würde, wenn er mir bei jedem Verſtoße einen Wink geben wolle. „Mit Vergnügen,“ erwiderte er,„obgleich ich glaube vorherſagen zu können, daß Sie weniger Winke bedürfen werden. Vermuthlich werden wir oft beiſammen ſein, und angenehm wäre es mir deßhalb, wenn aller Zwang zwiſchen uns aufhörte. Wollen Sie mir den Ge⸗ fallen erzeigen, mich von jetzt an immer„du“ und bei meinem Vor⸗ namen Herbert zu nennen?“ Ich erklärte mich bereit und ſagte ihm, daß mein Vorname Phi⸗ lip ſei. „Philip iſt kein hübſcher Name,“ erwiderte er lächelnd; denn er klingt wie der eines Buben aus der Fibel, der ſo faul war, daß er in einen Teich fiel, oder ſo fett, daß er nicht aus den Augen ſehen konnte, oder ſo geizig, daß er ſeinen Kuchen aufhob und einſchloß, bis ihn die Mäuſe verzehrten, oder ſo verſeſſen darauf, Vogelneſter auszunehmen, daß er von Bären gefreſſen wurde, die in bequemer Nachbarſchaft wohnten. Ich will dir ſagen, was ich möchte. Wir harmoniren ſo gut, und du biſt ein Schmied geweſen,— würde es dir nicht unangenehm ſein?“ „Nichts würde mir unangenehm ſein, was du vorſchlägſt,“ er⸗ widerte ich;„allein ich verſtehe dich nicht.“ „Würdeſt du dich Händel nennen laſſen? Es gibt ein ſehr ſchö⸗ nes Muſikſtück des berühmten Componiſten Händel, welches den Titel führt: ‚Der harmoniſche Grobſchmied.““ „Es würde mir ſehr angenehm ſein.“ „Dann, mein lieber Händel,“ ſagte er, ſich umwendend, da die Feierſtunden. 1864. Thür geöffnet wurde,„habe ich dir anzuzeigen, daß hier unſer Mit⸗ tageſſen bereit iſt, und ich muß dich erſuchen, den erſten Platz am Tiſche einzunehmen, weil du der Gaſtgeber biſt.“ Davon wollte ich jedoch nichts hören, worauf er den erſten Platz einnahm und ich mich ihm gegenüber ſetzte. Es war ein hübſches kleines Mahl,— ein Lord⸗Mayors⸗Banket, wie es mir damals er⸗ ſchien,— und erhielt noch eine beſondere Würze dadurch, daß es unter ſo unabhängigen Verhältniſſen genoſſen wurde, ohne Anweſen⸗ heit alter Leute und umgeben von dem weiten London. Außerdem hatte es noch einen eigenthümlichen Anſtrich, den ich zigeunerhaft nen⸗ nen möchte; denn während auf dem Tiſche, der von der Reſtauration mit Allem verſehen worden war, überſchwenglicher Luxus herrſchte, — wie Mr. Pumblechook ſich ausgedrückt haben würde,— war die umliegende Region des Wohnzimmers verhältnißmäßig ſteril, indem ſie den aufwartenden Kellner nöthigte, die Deckel der verſchiedenen Schüſſeln auf den Fußboden zu ſtellen(wo er über ſie ſtolperte), die geſchmolzene Butter auf den Lehnſtuhl zu ſetzen, das Brod auf die Bücherbretter, den Käſe in den Kohlenkaſten, und das gekochte Huhn auf mein nächſtſtehendes Bett, wo ich, als ich mich am Abend nieder⸗ legen wollte, eine nicht unbedeutende Quantität geronnener Peter⸗ ſilienſauce vorfand. Alles dies trug dazu bei, den Genuß des Mah⸗ les zu erhöhen; und wenn der Kellner abweſend war und mich nicht beobachten konnte, ſo ſtörte nichts mein Vergnügen. Wir waren mit dem Eſſen ſchon ziemlich weit gediehen, als ich Herbert an ſein Verſprechen erinnerte, mir Miß Havisham's Geſchichte zu erzählen. „Du haſt Recht,“ ſagte er,„ich will es ſogleich löſen. Laß mich mit der Bemerkung anfangen, Händel, daß es in London nicht Sitte iſt, das Meſſer in den Mund zu ſtecken,— weil es verletzen kann, — und daß auch die Gabel, deren man ſich zu dieſem Zwecke be⸗ dient, nicht weiter eindringen darf, als nöthig iſt. Obgleich kaum des Erwähnens werth, iſt es doch gut, wenn man es ſo macht, wie an⸗ dere Leute. Ebenſo laß nicht unbeachtet, daß man den Löffel nicht von oben, ſondern von unten angreift Es gewährt zwei Vortheile. Erſtlich kömmt man dadurch beſſer an den Mund(was die Hauptſache iſt), und zweitens vermeidet man die beim Oeffnen der Auſtern ge⸗ wöhnliche Stellung des rechten Ellenbogens.“ Dieſe freundſchaftlichen Andeutungen theilte er mir in einem ſo heiteren Tone mit, daß wir Beide lachten und ich nur wenig er⸗ röthete. „Nun zu Miß Havisham!“ fuhr er fort.„Sie war, wie du wiſſen mußt, ein verzogenes Kind. Ihre Mutter ſtarb, als ſie noch ganz jung war, und der Vater verſagte ihr nichts. Er war ein Brauer und wohnte auf dem Lande, dort in eurer Gegend. Ich weiß nicht, welche eigenthümliche Bewandtniß es mit dem Brauer hat; aber gewiß iſt, daß man als Bäcker ſich nicht zur vornehmeren Klaſſe zählen kann, während es der Brauer unzweifelhaft darf, wie die täg⸗ liche Erfahrung lehrt.“ „Ein Gentleman darf aber kein Bierhaus halten, nicht wahr?“ fragte ich. „Unter keiner Bedingung,“ erwiderte Herbert;„aber ein Bier⸗ haus kann einen Gentleman erhalten. Alſo, Mr. Havisham war ſehr reich und ſehr ſtolz, und ſeine Tochter nicht minder.“ „War ſie denn ſein einziges Kind?“ wagte ich einzuſchalten. „Warte nur, ich komme jetzt darauf. Nein, ſie war nicht ſein einziges Kind, ſie hatte einen Halbbruder. Ihr Vater ſchloß nämlich eine zweite und heimliche Ehe,— mit ſeiner Köchin, wenn ich nicht irre.“ „Ich dachte, er ſei ſtolz geweſen?“ bemerkte ich. „Mein guter Händel, das war er auch. Er heirathete ſeine zweite Frau heimlich, weil er eben ſtolz war, und im Laufe der Zeit ſtarb ſie auch. Erſt nach ihrem Tode theilte er ſeiner Tochter mit, was er gethan hatte, und nahm dann den Sohn in ſeine Familie und in das Haus auf, welches du kennſt. Als Letzterer heranwuchs, wurde — er un Taug hett t aber Glas Allgen haft zu Naſe C zuhört deßha nur e 1 wie d Halbl ſie ab und in dem J er eine für die komm nur e Serve G zu zu ich, d dabei Sache um ſi wieder ſten 2 1 Wettr heit g mache ſich Händ impo zu d verſic der v vade we Ae u —=ZVS*——— —— ten Platz hübſches mals er⸗ daß es Anweſen⸗ war die indem edenen auf die e Huhn nieder⸗ Peter⸗ 8 Mah⸗ ch nicht als ich eſchichte aß mich ht Sitte n kann, vortheile. nuptſache ſtern ge⸗ em ſo eenig er⸗ wie du ie noch war ein Ich weiß ter hat; n Klaſſe die täg⸗ wahr?“ in Bitr⸗ am war ſten. licht ſein nämlich enn ich —;;— er ungehorſam, verſchwenderiſch, ausſchweifend, mit einem Worte, ein Taugenichts. Der Vater enterbte ihn endlich; aber auf dem Sterbe⸗ bett that es ihm leid, und er hinterließ ihm eine hübſche Summe, aber bei Weitem nicht ſo viel wie ſeiner Tochter. Trinke noch ein Glas Wein und erlaube mir zu bemerken, daß die Geſellſchaft im Allgemeinen es Niemand zur Pflicht macht, ſein Glas ſo gewiſſen⸗ haft zu leeren, daß er es umkehre und den oberen Rand mit der Naſe berühre.“ Ich hatte mich in der Spannung, mit der ich ſeiner Erzählung zuhörte, dieſes Verſtoßes in der That ſchuldig gemacht, dankte ihm deßhalb für die Belehrung, und bat um Entſchuldigung, worauf er nur erwiderte:„Nicht nöthig!“ und dann fortfuhr. „Miß Havisham war jetzt eine reiche Erbin, und wurde daher, wie du leicht denken kannſt, als eine gute Parthie ſehr geſucht. Ihr Halbbruder hatte wieder reichliche Mittel erlangt, aber verſchwendete ſie abermals auf die leichtſinnigſte Weiſe. Es fanden zwiſchen ihr und ihm noch größere Zwiſtigkeiten ſtatt, als früher ſelbſt zwiſchen dem Vater und ihm ſtattgefunden hatten, und man vermuthet, daß er einen tiefgewurzelten, tödtlichen Haß gegen ſie hegte, indem er ſie für die Urſache des auf ihn gefallenen väterlichen Zornes hielt. Jetzt komme ich zu dem ſchmerzlichen Theile ihrer Geſchichte, welche ich hier nur einen Augenblick unterbrechen will, um zu bemerken, daß eine Serviette nicht in ein Waſſerglas hinein geht.“ Aus welchem Grunde ich bemüht war, die meinige in ein Glas zu zwängen, kann ich in der That nicht ſagen. Ich weiß nur, daß ich, durch dieſe Bemerkung aufmerkſam gemacht, mich in der That dabei ertappte, wie ich mit einer Beharrlichkeit, welche einer beſſeren Sache würdig geweſen wäre, die unglaublichſten Anſtrengungen machte, um ſie in jene engen Grenzen hinein zu ſtopfen. Ich dankte ihm wieder und bat um Entſchuldigung, worauf er abermals im heiter⸗ ſten Tone antwortete:„Nicht nöthig!“ und dann fortfuhr. „Nunmehr trat,— wir wollen annehmen, daß es auf einem Wettrennen, oder einem Balle, oder einer anderen ähnlichen Gelegen⸗ heit geſchah,— ein Mann auf, welcher Miß Havisham den Hof zu machen begann. Ich ſelbſt habe ihn nie geſehen, denn es ereignete ſich vor fünfundzwanzig Jahren(ehe wir Beide auf der Welt waren, Händel), aber ich habe von meinem Vater gehört, daß er ein ſehr imponirendes Aeußere beſaß und überhaupt ein Mann war, der ſich zu dem beabſichtigten Vorhaben ganz beſonders eignete. Gleichzeitig verſichert jedoch mein Vater, daß Niemand, der nicht ganz unwiſſend der von W orurtheilen befangen geweſen, ihn für einen Gentleman habe halten können; denn er behauptet, daß, ſo lange die Welt ſteht, nie ein Mann, der nicht im Herzen ein ächter Gentleman ſei, im Aeußeren als ein ſolcher habe erſcheinen können. Kein Firniß, ſagt er, könne die Fibern des Holzes verdecken, und je mehr Firniß auf⸗ getragen werde, deſto deutlicher würden ſie hervor treten. Dieſer Menſch alſo verfolgte Miß Havisham unaufhörlich und gab ſich den Schein, große Anhänglichkeit für ſie zu beſitzen. Bis dahin hatte ſie, glaube ich, noch keine große Empfänglichkeit für Aufmerkſamkeiten von Seiten des anderen Geſchlechts verrathen; aber jetzt trat ſie mit aller Macht bei ihr hervor, und ſie wurde von einer leidenſchaftlichen Liebe zu ihm ergriffen. Es herrſcht kein Zweifel darüber, daß ſie ihn wahrhaft anbetete. Er wußte ihre Zuneigung ſo ſyſtematiſch zu be⸗ nutzen, daß ihm bedeutende Summen aus ihrem Vermögen zufloſſen, und er beredete ſie, ihrem Bruder einen Antheil an der Brauerei, den ihm der ſchwache Vater hinterlaſſen, für einen ungeheuren Preis abzukaufen, und zwar unter dem Vorwande, daß ihm, ſobald er ſie geheirathet habe, die Leitung des ganzen Geſchäfts allein zuſtehen müſſe. Dein Vormund wurde damals von Miß Havisham noch nicht zu Rath gezogen, und ſie war überhaupt zu ſtolz und von der Liebe zu ſehr geblendet, um ſich von irgend Jemandem rathen zu laſſen. Ihre Verwandten waren arm und hegten gewinnſüchtige Pläne, mit Ausnahme meines Vaters, welcher zwar auch arm, aber weder nei⸗ diſch noch kriechend war. Als der allein Unabhängige unter ihnen ——õ⅔⏑ꝛꝛꝛꝛꝛάꝛ—:ͤy—ͤy—r——y——ry——ry——————; —————* 237 ——— ſagte er ihr warnend, daß ſie zu viel für dieſen Mann thue und ſich ihm zu rückhaltslos in die Hände gebe. Dagegen benutzte ſie die erſte Gelegenheit, um meinen Vater in ſeiner Gegenwart mit zornigen Worten aus dem Hauſe zu verweiſen. Seitdem hat mein Vater ſie nicht wieder geſehen.“ Ich erinnerte mich, daß ſie geſagt hatte:„Matthias wird kom⸗ men und mich ſehen, wenn ich todt auf dieſem Tiſche liege,“ und fragte Herbert, ob ſein Vater ſo ſehr erbittert gegen ſie ſei. „Nein, das nicht,“ erwiderte er;„allein ſie hatte ihn im Bei⸗ ſein ihres Verlobten beſchuldigt, daß er ſie zu ſeinem eigenen Vor⸗ theile durch Schmeicheleien zu gewinnen gehofft und ſich darin getäuſcht habe, und wenn er daher jetzt zu ihr ginge, ſo würde es— ſelbſt ihm und ihr— als wahr erſcheinen. Um ſchließlich auf den Mann zurückzukommen, habe ich zu ſagen, daß der Hochzeitstag feſtgeſetzt, die Brautkleider gekauft, die Hochzeitsreiſe beſprochen und die Gäſte geladen wurden. Der Tag kam, aber nicht der Bräutigam. An ſei⸗ ner Stelle lief ein Brief ein—“ „Der ihr gebracht wurde,“ unterbrach ich ihn,„als ſie ſich grade zur Hochzeit ankleidete? Um zwanzig Minuten vor neun Uhr?“ „Ganz richtig!“ evwiderte Herbert nickend.„Das waren die Stunde und die Minute, in der ſie ſpäter alle Uhren ſtill ſtehen ließ. Was das Schreiben, außer dem herzloſen Abbrechen des Verhältniſſes, noch weiter enthielt, kann ich nicht ſagen, weil ich es nicht weiß. Als ſie endlich von einer ſchweren Krankheit geneſen war, ließ ſie das Gebäude öde und wüſt werden, wie du es geſehen haſt, und hat ſeit⸗ dem nie wieder das Tageslicht geſchaut.“ „Iſt das die ganze Geſchichte?“ fragte ich nach einigem Bedenken. „Alles, was ich davon weiß, und ſelbſt dieſes habe ich mir nur ſtückweiſe zuſammengebracht; denn mein Vater vermied es ſtets, da⸗ rüber zu ſprechen und ſagte mir, ſelbſt dann, wenn ich zu Miß Ha⸗ visham eingeladen wurde, nie mehr, als ich nothwendig wiſſen mußte Aber einen Umſtand muß ich noch erwähnen. Es entſtand nämlich die Vermuthung, daß der Mann, dem ſie unglücklicher Weiſe ihr Vertrauen geſchenkt hatte, von Anfang an im Einverſtändniſſe mit ihrem Halbbruder gehandelt, und daß Beide den daraus gezogenen Gewinn getheilt haben. „Ich wundere mich, daß er ſie nicht heirathete, um das ganze Vermögen in die Hände zu bekommen,“ bemerkte ich. „Muthmaßlich war er ſchon verheirathet, und ihre bittere Demü⸗ thigung war ohne Zweifel von ihrem Halbbruder planmäßig beabſich⸗ tigt worden,“ verſetzte Herbert;„allein, merke wohl, Gewißheit habe ich hierüber nicht.“ „Was wurde aus Beiden?“ fragte ich, nach abermaligem kur⸗ zem Nachſinnen. „Sie verſanken immer tiefer in Schande und Erniedrigung,— ſo weit es noch möglich war,— und endlich in’'s Verderben.“ „Leben ſie noch?“ „Ich weiß es nicht.“ „Du ſagteſt mir ſoeben, daß Eſtella keine Verwandte von Miß Havisham, ſondern nur von ihr angenommen worden ſei. Wann wurde ſie adoptirt?“ Herbert zuckte die Achſeln. „So lange ich von einer Miß Havisham gehört habe, hat es auch immer eine Eſtella gegeben,“ erwiderte Herbert.„Weiter weiß ich nichts. Und nun, mein lieber Händel,“ fügte er, um der Ge⸗ ſchichte ein Ende zu machen, hinzu,„iſt ein vollkommenes und offe⸗ nes Verſtändniß zwiſchen uns. Alles, was ich über Miß Havisham weiß, weißt du jetzt auch.“ „Und Alles, was ich weiß,“ war meine Antwort,„iſt auch dir bekannt.“ „Ich bin davon überzeugt; es können keine Mißverſtändniſſe, keine Eiferſüchteleien zwiſchen uns ſtattfinden. Und was die Bedingung betrifft, welche deiner Erhebung im Leben beigefügt worden,— die, —— —õ 238 daß du niemals darüber ſprichſt oder zu ergründen verſuchſt, wem du ſie verdankſt,— ſo magſt du deſſen gewiß ſein, daß dieſer Gegen⸗ ſtand weder von mir noch einem meiner Angehörigen jemals berührt werden wird.“ Er ſagte dies mit ſo wahrem Zartgefühl, daß ich überzeugt war, ſeiner Verſicherung trauen zu können, ſelbſt wenn ich Jahre lang in ſeines Vaters Hauſe leben ſollte; aber dieſe Worte wurden auch mit einem beſonderen Nachdruck von ihm geſprochen, welcher mir keinen Zweifel darüber ließ, daß er eben ſo wohl wie ich wußte, daß Miß Havisham meine Wohlthäterin ſei. Es war mir bisher nicht eingefallen, daß er die Sache abſichtlich zur Sprache gebracht habe, um ſie ein⸗ für allemal zu beſeitigen; aber wir fühlten uns Beide, nachdem es geſchehen war, ſo bedeutend erleichtert, daß ich es jetzt deutlich erkannte. Wir waren heiter und vertraulich, und ich fragte ihn im Laufe der Unterhaltung, was er ſei, worauf er erwiderte:„Ein Kapitaliſt— ein Schiffsaſſekurant.“ Wahrſcheinlich ſah er mich im Zimmer nach Waaren oder ſonſtigen Anzeigen, die ſich auf das Schiffsweſen bezogen, umherblicken, denn er fügte hinzu:„In der City.“ Ich hatte eine ſehr große Vorſtellung von dem Reichthume und der Bedeutung eines Schiffsaſſekuranten in der City, und dachte deß⸗ halb mit Schrecken daran, daß ich einen jungen Aſſekuranten auf den Rücken geſtreckt, ſein unternehmendes Auge blau gefärbt und ſeinen Kopf, der ſo verantwortlich war, zerſchlagen habe; allein im nächſten Augenblicke drängte ſich mir, zu meiner Beruhigung, unwillkürlich wieder der ſonderbare Gedanke auf, daß Herbert Pocket nie ſehr großer Erfolge haben und ſehr reich werden werde. „Ich werde mich nicht damit begnügen,“ fuhr er fort,„mein Kapital nur in der Verſicherung von Schiffen anzulegen, ſondern werde auch die Aktien einer guten Lebensverſicherung aufkaufen und mir Eingang in die Direktion verſchaffen. Das wird mich ferner nicht hindern, einige tauſend Tonnen für eigene Rechnung zu verfrachten,“ fügte er, ſich auf den Stuhl zurücklehnend, hinzu,„und ich gedenke von Oſtindien Seidenwaaren, Shawle, Spezereien, Farbeſtoffe und koſtbare Holzarten zu beziehen. Es iſt ein ſehr intereſſanter Handel.“ „Und bringt großen Gewinn?“ fragte ich. „Ungeheuren Gewinn!“ verſetzte er. Ich wurde wieder irre in meiner Meinung und begann zu den⸗ ken, daß ſeine Erwartungen noch größer ſeien als die meinigen. „Auch mit Weſtindien,“ ſagte er, ſeine Daumen in die Weſten⸗ taſchen ſteckend,„beabſichtige ich Handel in Zucker, Tabak und Rum zu treiben, und mit Ceylon namentlich in Elephantenzähnen.“ „Da wirſt du eine große Anzahl von Schiffen nöthig haben,“ bemerkte ich. „Eine vollſtändige Flotte,“ erwiderte er. Völlig betäubt von der Großartigkeit dieſer Geſchäfte, fragte ich, nach welchen Gegenden die von ihm verſicherten Schiffe gegenwärtig hauptſächlich Handel trieben.“ „Ich habe noch nicht angefangen zu verſichern,“ antwortete er; „ich ſehe mich erſt um.“ Dieſe Beſchäftigung ſchien mir etwas mehr im Einklange mit dem Hotel Barnard zu ſtehen, als ſeine übrigen Pläne, und ich ſagte deßhalb im Tone voller Ueberzeugung„Ah— h!“ „Ja, ich bin auf einem Comptoire, und ſehe mich um.“ „Iſt ein Comptoir einträglich?“ fragte ich. „Für— meinſt du, für den jungen Mann, der darin arbeitet?“ fragte er dagegen. „Ja, für dich.“ „Nun,— für mich— icht,“ entgegnete er mit einer Miene, als wenn er ſorgfältig zuſammenrechnete und einen Abſchluß machte, „für mich iſt es nicht gerade einträglich. Das heißt, ich bekomme gar nichts und— muß mich ſelbſt erhalten.“ Das ſah allerdings nicht ſehr profitabel aus, und ich ſchüttelte den Kopf, wie um ihm zu verſtehen zu geben, daß es ſchwierig ſein Feierſtunden. 1864. —;——y—ÿ⅔ÿ———:::⁊4.ͤy—r———; werde, von einem ſolchen Einkommen ein großes Kapital zu er⸗ übrigen. „Aber die Sache iſt die,“ fügte Herbert Pocket hinzu,„daß mam ſich umſchauen kann. Das iſt der große Vortheil. Man iſt in einem Comptoir und— ſchaut ſich um!“ Ich hielt es im Stillen für eine ſeltſame Folgerung, daß man wie er ſagen zu wollen ſchien, nicht auch außerhalb eines Comptoirs um ſich ſchauen könne, aber ſchwieg aus Achtung vor ſeiner größeren Erfahrung. „Dann kommt die Zeit,“ fuhr Herbert fort,„wenn man eine günſtige Gelegenheit ſieht. Man geht darauf los, ergreift ſie, gewinnt ein großes Kapital und— iſt ein gemachter Mann! Hat man ein⸗ mal ein großes Kapital, ſo braucht man nichts mehr zu thun, als es arbeiten zu laſſen.“ Dies ſah ſeinem Benehmen bei der Begegnung im Garten außer⸗ ordentlich ähnlich. Er trug gegenwärtig ſeine Armuth grade eben ſo, wie er damals ſeine Niederlage ertragen hatte, und er ſchien mir jetzt alle Stöße des Schickſals eben ſo geduldig hinzunehmen, wie er die meinigen hingenommen; denn es war in die Augen fallend, daß er nichts beſaß, als die allernothwendigſten häuslichen Gegenſtände, da faſt Alles, was ich bemerkte, aus der Reſtauration oder von anderer⸗ Seite her für meinen Gebrauch dahin geſchickt worden war. Dabei zeigte er ſich jedoch, obgleich er ſein Glück bereits gemacht zu haben glaubte, ſo anſpruchslos, daß ich ihm für ſeine Beſcheidenheit förm⸗ lich Dank wiſſen mußte. Es war eine freundliche Zugabe zu ſeinem übrigens von Natur ſo freundlichen Weſen, und wir wurden ganz vortrefflich mit einander fertig. Gegen Abend machten wir einen Spaziergang durch die Straßen und beſuchten das Theater für den halben Preis; und am folgenden Tage gingen wir nach der Weſt⸗ minſter⸗Abtei zum Gottesdienſt und ſpazierten durch die Parks, wo ich mich darüber wunderte, wer alle die Pferde, welche dort zu ſehen waren, beſchlagen könne, und im Stillen wünſchte, daß Joe es thun möchte. Gering angeſchlagen ſchienen es mir an dieſem Sonntage ſchon mehrere Monate zu ſein, ſeitdem ich Joe und Biddy verlaſſen hatte. Der zwiſchen mir und ihnen liegende Raum nahm dieſe Ausdehnung an, und das Moorland war in weiter Ferne. Daß ich am vorher⸗ gehenden Sonntag in meinen alten Sonntagskleidern nach der Kirche unſeres Dorfes habe gehen können, erſchien mir in geographiſcher und ſocialer Beziehung als eine Unmöglichkeit. Dennoch fühlte ich in den von Menſchen wimmelnden und Abends ſo hell erleuchteten Straßen Londons einen leiſen Vorwurf in mir rege werden, daß mir unſere arme alte Küche daheim ſchon ſo fremd geworden war, und der Fuß⸗ tritt eines unfähigen und betrügeriſchen Thürſtehers, welcher in Bar⸗ nard's Hotel unter dem Vorwande, das Gebäude zu bewachen, um⸗ her ſchlich, fiel in der Stille der Nacht ſchwer auf mein Herz. Am Montag früh, kurz vor neun Uhr, ging Herbert nach dem Comptoir, um ſich zu melden,— wahrſcheinlich auch, um ſich um⸗ zuſchauen,— und ich begleitete ihn. Nach ein oder zwei Stunden wollte er wieder heraus kommen, um mich nach Hammersmith zu bringen, und ich, ſo lange umher ſpazierend, auf ihn warten. Es ſchien mir, als wenn die Eier, aus denen junge Aſſekuranten gebrütet wer⸗ den, in Staub und Hitze lägen, wie die Straußeneier, ſofern ich nach⸗ den Lokalitäten ſchließen durfte, in die ſich dieſe junge Handelsriefen am Montag Morgen begaben. Auch konnte das Comptoir, in wel⸗ chem Herbert beſchäftigt wurde, meiner Anſicht nach, für kein gutes Obſervatorium gelten, da es im zweiten Stocke eines Hintergebändes lag, in jeder Beziehung ſehr ſchmutzig ausſah, und keine andere Ausſicht hatte, als in das zweite Stockwerk eines anderen Gebäudes. Ich wartete auf dieſe Weiſe bis gegen Mittag, ging nach der Börſe und in die Säulengänge derſelben, wo ich rußige Männer un⸗ ter den Anſchlägen, welche ſich auf die Schifffahrt bezogen, ſitzen ſah und ſie für große Kaufleute hielt, obgleich ich nicht begreifen konnte, weßhalb ſie ſämmtlich ſo niedergeſchlagen waren. Als Herbert end⸗ — lich l einem elegant lichſte konute den Kle Speiſen dem der genoſſen nen lle⸗ ſwith g Rachm Pocket in än der ſ jeden Beziel den, (ad, Wär und Mr ſehen —:—⸗—ꝛ—xxy—öͤyͤ———ͤ lich kam, begaben wir uns, um ein Frühſtück zu genießen, nach teinem berühmten Speiſehauſe, welches mir damals außerordentlich elegant erſchien, aber von dem ich jetzt glaube, daß es die abſcheu⸗ lichſte Spelunke in ganz Europa war, und wo ich felbſt nicht umhin konnte zu bemerken, daß ſich auf dem Tiſchtuch, den Meſſern und den Kleidern der Aufwärter viel mehr Sauce befand, als auf den Speiſen. Nachdem wir das Mahl zu einem mäßigen Preiſe,— bei dem der erwähnte Schmutz nicht in Anrechnung gebracht wurde,— genoſſen hatten, kehrten wir nach Barnard's Hotel zurück, wo ich mei⸗ nen kleinen Reiſeſack holte, und beſtiegen dann eine nach Hammer⸗ ſmith gehende Kutſche. Wir langten dort zwiſchen zwei und drei Uhr Nachmittags an und hatten nur noch einen kurzen Weg nach Mr. Pocket’s Hauſe zu Fuß zu machen. Eine Pforte öffuend, traten wir in einen kleinen, am Fluſſe belegenen Garten, wo Mr. Pocket's Kin⸗ der ſpielten; und wenn ich mich in einem Punkte nicht täuſchte, der jedenfalls zu meinem Intereſſe und meinen Vorurtheilen in keiner Beziehung ſtand, ſo ſah ich, daß dieſe Kinder nicht auferzogen wur⸗ den, ſondern eher wie Rangen aufwuchſen. Mrs. Pocket ſaß auf einem Strohſeſſel unter einem Baume und las, während ihre Beine auf einem anderen Seſſel ruhten, und zwei Wärterinnen ſtanden in der Nähe, welche ſich im Garten umſchauten und die Kinder ſpielen ließen. „Mama,“ ſagte Herbert,„dies iſt der junge Mr. Pip, worauf Mrs. Pocket mich mit einer gewiſſen herablaſſenden Würde begrüßte. „Maſter Alick und Miß Jane,“ rief eine der Wärterinnen,„wenn Sie ſo arg gegen die Büſche ſpringen, ſo werden Sie in das Waſſer fallen und ertrinken, und was wird dann Papa ſagen!“ In demſelben Augenblicke nahm dieſe Wärterin Mrs. Pocket's Taſchentuch vom Erdboden auf und ſagte:„Das iſt das ſechste Mal, Madame, daß Sie es haben fallen laſſen!“ worauf Mrs. Pocket lachte und ſagte:„Ich danke dir, Flopſon,“ und ſich dann auf einem Stuhle zurecht ſetzend das Buch wieder zur Hand nahm. Ihr Ge⸗ ſicht nahm ſogleich einen ernſten, ſinnenden Ausdruck an, als wenn ſie ſchon ſeit acht Tagen mit dieſer Lektüre beſchäftigt geweſen wäre; allein ehe ſie noch fünf oder ſechs Zeilen geleſen haben konnte, richtete ſie den Blick auf mich und ſagte:„Ich hoffe, Ihre Frau Mutter iſt ganz wohl?“ Dieſe unerwartete Frage verſetzte mich in eine ſolche Verlegenheit, daß ich auf die albernſte Weiſe hervor ſtotterte, daß dieſe Perſon, wenn eine ſolche überhaupt exiſtirte, ſich ohne Zweifel ganz wohl befinden und für die Erkundigung ſehr dankbar ſein würde, als glücklicher Weiſe die Wärterin mir zur Hülfe kam. „Nun wahrhaftig,“ rief ſie, das Taſchentuch aufhebend,„wenn das nicht das ſiebente Mal iſt! Was machen Sie denn heut, Madam?“ Mrs. Pocket nahm ihr Eigenthum im erſten Augenblicke mit einer höchſt erſtaunten Miene in Empfang, aber es dann erkennend, ſagte ſie lächelnd:„Danke ſchön, Flopſon!“ vergaß mich und fuhr fort zu leſen. Da ich nunmehr Muße hatte zu zählen, ſo überzeugte ich mich, daß ſechs kleine Pockets von verſchiedenem Alter vorhanden waren. Kaum aber war ich zu dieſem Reſultate gekommen, als die Stimme eines Siebenten ſich aus einer höheren Luftſchicht kläglich wimmernd vernehmen ließ. „Das iſt ja das Kleine!“ ſagte Flopſon, ſehr erſtaunt darüber, wie es ſchien.„Schnell hinauf, Millers, ſchnell!“ Millers, die andere Wärterin, begab ſich in das Haus, und all⸗ mählich wurde das Wimmern ſchwächer und dumpfer, als wenn es ein junger Bauchredner, mit irgend Etwas im Munde, geweſen wäre. Inzwiſchen las Mr. Pocket immer fort, und ich wunderte mich, was das Buch enthalten ſollte. Wir warteten, wie ich vermuthete, darauf, daß Mr. Pocket rraus käme; auf jeden Fall aber warteten wir, und ich hatte deßhalb Muße, einen ſeltſamen Familienzug zu beobachten, welcher darin be⸗ ſtand, daß die Kinder, ſobald ſie beim Spielen in Mrs. Pocket's Nähe Feierſtunden. —— 1864. ——::——————; Mal ein momentanes Staunen bei der Dame und ein länger anhal⸗ tendes Klagegeſchrei von Seiten der Kleinen zur Folge hatte. Ich konnte mir dieſen ſeltſamen Umſtand nicht erklären, und mußte un⸗ willkürlich darüber nachſinnen, bis Millers mit dem jüngſten Kinde herab kam und es Flopſon übergab, welche es Mrs. Pocket reichen wollte, aber auch mit dem Kinde über ſie hin ſtürzte und von mir und Herbert aufgefangen wurde. „Mein Gott, Flopſon!“ ſagte Mrs. Pocket, einen Augenblick von ihrem Buche aufſchauend,„ein Jeder ſtolpert ja über mich!“ „Mein Gott, Madam!“ erwiderte Flopſon, mit feuerrothem Ge⸗ ſichte,„was haben Sie denn da?“ „Was ich habe, Flopſon?“ fragte Mrs. Pocket. „Ihre Fußbank, wahrhaftig!“ rief Flopſon.„Ja, wenn Sie die unter Ihren Kleidern verſtecken, wer ſoll denn da nicht ſtolpern? Da, nehmen Sie das Kind, Madam, und geben Sie mir Ihr Buch!“ Mrs. Pocket folgte der Weiſung und ließ, ziemlich ungeſchickt, das Kleine auf ihrem Schooße ein wenig tanzen, während die ande⸗ ren Kinder es umſpielten. Dieſer Zeitvertreib dauerte nur kurze Zeit, worauf Mrs. Pocket den Befehl erließ, ſämmtliche Kinder zu einem Nachmittagsſchlafe in das Haus zu führen. Auf dieſe Weiſe machte ich an jenem erſten Tage ſchon die zweite Entdeckung, daß die Er⸗ ziehung der kleinen Pockets in einem abwechſelnden Stolpern und Niederlegen beſtand. Unter dieſen Umſtänden war ich, nachdem Flopſon und Millers die Kinder wie eine kleine Schafheerde in das Haus getrieben hatten, und Mr. Pocket herausgekommen war, um mich kennen zu lernen, nicht ſehr erſtaunt zu ſehen, daß er ein Mann mit etwas verlegenem Geſichtsausdrucke war, deſſen eisgraues Haar ſeinen Kopf in ſolcher Unordnung bedeckte, als wenn es ihm überhaupt ſchwer würde, irgend etwas in Ordnung zu halten. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Mr. Pocket ſagte, er freue ſich, mich zu ſehen, und hoffe, daß es mir nicht unangenehm ſein werde, ſeine Bekanntſchaft zu machen. „Denn,“ fügte er mit einem Lächeln hinzn, das dem ſeines Sohnes ſehr ähnlich war,„ich bin wirklich keine gefährliche Perſon.“ Unge⸗ achtet des ängſtlichen, verlegenen Ausdrucks in ſeinen Zügen und des grauen Haares ſah er noch jugendlich aus, und ſein ganzes Weſen ſchien mir durchaus natürlich zu ſein. Ich bediene mich hier des Wortes„natürlich“ in der Bedeutung von„nicht affektirt.“ In ſei⸗ ner verſtörten Erſcheinung lag etwas Komiſches, das geradezu lächer⸗ lich geweſen ſein würde, wenn er nicht ſelbſt gewußt hätte, daß es dem ſehr dhe kam. Nachdem er kurze Zeit mit mir geſprochen hatte, ſagte er zu Mrs. Pocket, indem ſich ſeine hübſchen und ſchwarzen Augenbraunen etwas ängſtlich zuſammenzogen:„Belinda, ich hoffe, du haſt Mr. Pip begrüßt?“ worauf die Dame von ihrem Buche auf⸗ blickte und„Ja“ ſagte. Dann lächelte ſie mich zerſtreut an und fragte, ob ich den Geſchmack von Orangeblüthenwaſſer liebe. Da dieſe Frage nicht die entfernteſte Beziehung auf irgend Etwas hatte, das voran⸗ gegangen war oder noch folgen konnte, ſo muß ich glauben, daß ſie dieſelbe, wie ihre früheren Bemerkungen, nur hinwarf, um mir ihre Herablaſſung zu bezeigen. Innerhalb weniger Stunden brachte ich in Erfahrung,— was ich hier ſogleich erwähnen kann,— daß Mrs. Pocket die einzige Toch⸗ ter eines Mannes, der zufällig die Ritterwürde erhalten und da⸗ bei die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ſein Vater zur Baronets⸗ würde erhoben worden wäre, wenn nicht irgend Jemand,— ich weiß nicht mehr, ob der König, oder der Premier⸗Miniſter, oder der Erz⸗ biſchof von Canterbury, oder wer ſonſt,— ſich aus rein perſönlichen Beweggründen entſchieden dagegen opponirt hätte, und der ſich auf Grund dieſer ganz willkürlichen Vorausſetzung zum Adel des Landes zählte. Er ſelbſt war, wie ich glaube, zum Ritter dafür geſchlagen worden, daß er in einer verzweifelten, auf Velinpapier geſchriebenen kamen, einander ein Bein ſtellten und über ſie ſtolperten, was jedes 240 Feierſtunden. 1864. —— ——;õõÿ—ꝛ;—ꝛ——ꝛä-õy—õy————— — Rede, bei Gelegenheit einer Grundſteinlegung, die engliſche Gramma⸗ tik mit der Federſpitze erſtürmt, und dabei irgend einer königlichen Perſon die Mauerkelle oder den Mörtel gereicht hatte. Sei dem wie ihm wolle, er hatte ſeine Tochter, Mrs. Pocket, von der Wiege an wie ein Weſen erziehen laſſen, das nach dem natürlichen Laufe der Dinge einen Titel erheirathen und deßhalb vor der Erlernung plebe⸗ jiſcher Kenntniſſt bewahrt werden müſſe. Es war dieſem verſtändigen Vater auch gelungen, die junge Dame ſo ſorgfältig zu überwachen, daß ſie zu einem äußerlich ſehr eleganten, aber durchaus hülfloſen und nutzloſen Weſen aufgewachſen war. Nachdem ihr Charakter auf dieſe Weiſe gebildet worden, lernte ſie, in der erſten Jugendblüthe ſtehend, Mr. Pocket kennen, welcher auch in der erſten Jugendblüthe ſtand und noch unentſchloſſen war, ob er den Wollſack*) erſteigen oder ſein Haupt mit einer Biſchofsmütze ſchmücken ſolle. Sowie ſeine Entſchließung zu dem Einen oder Anderen nur eine Sache der Zeit war, ſo hatten er und Mrs. Pocket auch die Zeit beim Schopf er⸗ griffen und ſich ohne Wiſſen des verſtändigen Vaters verheirathet. Da Letzterer nichts zu geben oder zu verweigern hatte, als ſeinen Segen, ſo fühlte er ſich nach kurzem Kampfe bewogen, ihnen dieſe Mitgift nicht länger vorzuenthalten, und belehrte Mr. Pocket darüber, daß ſeine Frau„ein Schatz für einen Fürſten“ ſei. Mr. Pocket legte dieſen fürſtlichen Schatz ſo an, wie es von jeher in der Welt üblich geweſen iſt, allein man vermuthete, daß ihm derſelbe nur mäßige Zinſen eingebracht habe. Deſſen ungeachtet war Mes. Pocket im All⸗ gemeinen der Gegenſtand eines ehrerbietigen Mitleids von ſeiner Seite, weil ſie keinen adeligen Titel erheirathet hatte, während Mr. Pocket der Gegenſtand eines von Vergebung begleiteten Vorwurfs deßhalb war, weil er nie einen erlangt hatte. Mr. Pocket führte mich in das Haus und zeigte mir mein Zim⸗ mer, welches hübſch eingerichtet und ſo möblirt war, daß ich es recht wohl als Wohngemach benützen konnte. Dann klopfte er an die Thü⸗ ren von zwei anderen ähnlichen Gemächern und machte mich mit den Bewohnern derſelben bekannt, welche ſich Drummle und Starlop nannten. Erſterer, ein alt ausſehender, aber noch junger Mann von ſchwerfälligem Bau, pfiff ſich zur Unterhaltung ein Liedchen; Letzte⸗ rer, der an Jahren und von Anſehen jünger war, ſtudirte und hielt ſich den Kopf, als ob er die Gefahr fürchtete, ihn durch eine zu ſtarke Ladung von Wiſſenſchaft zu ſprengen. Mr. Pocket ſowohl als ſeine Frau hatten ſo auffallend das Aus⸗ ſehen, als ob ſie in den Händen eines Anderen wären, daß ich verwundert darüber nachdachte, wer eigentlich im Beſitze des Hauſes ſei und ihnen erlaube, dort zu wohnen, bis ich dahinter kam, daß dieſe unbekannte Macht von den Dienſtboten geübt wurde. Es war vielleicht eine bequeme Art, die Haushaltung zu führen, da viele Un⸗ ruhe dadurch erſpart wurde, allein es ſchien mir auch, daß ſie koſt⸗ ſpielig ſei, denn die Dienſtboten hielten es für eine Pflicht gegen ſich ſelbſt, im Eſſen und Trinken ſehr eigen zu ſein und viel Geſellſchaft in dem unteren Geſchoß zu verſammeln. Sie lieferten der Herrſchaft zwar eine wohlbeſetzte Tafel, aber deſſen ungeachtet ſchien es mir immer, als wenn derjenige Theil des Hauſes, in welchem die beſte Koſt zu haben war, die Küche geweſen wäre,— vorausgeſetzt, daß der Koſtgänger im Stande war, ſich dieſelbe zu verſchaffen; denn ehe ich —yy—ꝛʃ⏑:—::Bꝛ—— acht Tage im Hauſe gewohnt hatte, lief von einer in der Nähe woh⸗ nenden Dame, mit der die Familie nicht perſönlich bekannt war, ein Schreiben ein, um derſelben anzuzeigen, daß ſie die Wärterin Millers das jüngſte Kind habe ſchlagen ſehen. Dieſe Mittheilung machte einen ſehr betrübenden Eindruck auf Mr. Pocket; ſie brach in Thränen aus und ſagte, es ſei doch höchſt ſonderbar, daß die Nachbaren ſich nicht um ihre eigenen Angelegenheiten bekümmerten. Allmählig brachte ich in Erfahrung,— hauptſächlich von Her⸗ bert,— daß Mr. Pocket ſeine Erziehung und Ausbildung in Harrow und Cambridge genoſſen und ſich dort ausgezeichnet habe; aber daß er, da er ſo glücklich geweſen, ſich in ſehr jugendlichem Alter mit Mrs. Pocket zu verheirathen, ſeine Lebensausſichten dadurch geſchmä⸗ lert und deßhalb zu dem Berufe gegriffen habe, junge Männer zu den Staatsprüfungen vorzubereiten. Nachdem er mehrere beſchränkte Candidaten dieſer Art zugeſtutzt hatte,— deren Väter, merkwürdiger Weiſe, wenn ſie Einfluß beſaßen, ihm ſtets ihren Beiſtand zu ſeiner Beförderung verſprachen, aber es auch ſtets vergaßen, ſobald ihre⸗ Söhne ihn verlaſſen hatten,— war er dieſes wenig einträglichen Geſchäftes müde geworden und nach London gegangen. Da die mit⸗ gebrachten größeren Hoffnungen auch hier allmählig geſchwunden wa⸗ ren, ſo hatte er verſchiedenen jungen Leuten, denen es an Gelegenheit zur Ausbildung gefehlt, oder die dieſelbe vernachläſſigt hatten, Unter⸗ richt ertheilt, ferner ſeine Kenntniſſe zu literariſchen Compoſitionen und Korrekturen verwendet, und von dem daraus gezogenen Gewinn, in Verbindung mit einem dürftigen Privateinkommen, ſeinen Haus⸗ halt in der bisherigen Weiſe erhalten. Mr. und Mrs. Pocket hatten eine ſchmeichleriſche Nachbarin, eine verwittwete Dame von ſo theilnehmendem, mitfühlendem Gemüthe, daß ſie Jedermann Recht gab, Jedermann ſegnete, und Jedermann Lächeln oder Thränen, je nach Umſtänden, ſpendete. Dieſe Dame hieß Mrs. Coiler, und ich hatte die Ehre, ſie am Tage meiner Ein⸗ führung zur Tafel zu geleiten. Auf der Treppe gab ſie mir zu ver⸗ ſtehen, daß es ſehr demüthigend für die liebe Mrs. Pocket ſei, daß Mr. Pocket Zöglinge bei ſich aufnehmen müſſe. Das beziehe ſich na⸗ türlich nicht auf mich, fügte ſie im Erguſſe von Liebe und Vertrauen hinzu,— obgleich ich ſie in jenem Momente kaum ſeit fünf Minuteu kannte,— da es überhaupt ganz anders ſein würde, wenn alle dieſe Zöglinge ſo wären wie ich. „Aber die gute Mrs. Pocket,“ fuhr ſie fort,„nachdem ſie ſo früh ſchon eine bittere Täuſchung erfahren(wegen deren der gute Mr. Pocket natürlich nicht zu tadeln iſt), hat ſo viel Luxus und Eleganz nöthig—“ „Ja, Madam,“ ſagte ich, um ſie zu unterbrechen, da ich fürch⸗ tete, daß ſie in Thränen ausbrechen würde. „Und hat dabei einen ſo ariſtokratiſchen Sinn—“ „Ja, Madam,“ ſagte ich abermals und zu demſelben Zwecke. „Daß es in der That hart für ſie iſt, des guten Mr. Pocket's Zeit und Aufmerkſamkeit in ſo großem Maße von ihr abgezogen zu ſehen.“ Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß es noch här⸗ ter geweſen ſein würde, wenn des Metzgers Zeit und Aufmerkſamkeit von der guten Mrs. Pocket abgezogen worden wären; aber ich ſagte *) Der Sitz des Lord⸗Kanzlers im Oberhauſe. (Fortſetzung folgt auf S. 273.) nichts, da ich genug zu thun hatte, meine Manieren in der Geſell⸗ ſchaft zu überwachen, um keine Verſtöße zu begehen. ————y—4ꝑ¼·ÿ½—/ —,— 4..——è —————.——— Feierſtunden. 1864. 263 Sſſenwaarenfabrikation ſind ihre Hauptbeſchaftigungen. arommage de sassenage; Oer Kultur treten die häufigen Ueberſchwemmungen der die Pferde ſeno tie, um ſo ſchöner die Mauleſel, deren Gewäſſer ſehr ſtörend entgegen, doch baut man alle Getreide⸗ Zucht mit Eifer betrieben wird; die Schafzucht veredelt ſich arten, beſonders Roggen und Weizen, Buchweizen, Mais, immer mehr und von Wichtigkeit iſt die Zucht des Geflügels. Kartoffeln ꝛc. Kaſtanien⸗, Wallnuß⸗, Maulbeer⸗ und Man⸗— Von Jagdwild findet man nur Haſen und Kaninchen; delbäume ſieht man in Menge in geeigneten Lagen ange⸗ in den Hochgebirgen dagegen hauſen noch Wölfe, Bären pflanzt, und die beliebten„Lyoner Maronen“ kommen alle und Luchſe, wenn auch in geringer Menge, vor Allem aber von hier. Der Weinbau iſt im Nordweſten des Landes Murmelthiere. Der Bergbau der betriebſamen Bewohner von großer Bedeutung und ſehr ausgebreitet; der Wein fördert Kupfer, Blei, Eiſen und Steinkohlen und etwas (Sayſſual) gut und feurig. Die Viehzucht wird durch treff⸗Silber.— Die bedeutendſten Städte des Departements liche Weiden und Wieſen ungemein unterſtützt. Anſehnliche ſind Grenoble und Vienne. Simon Verde. Nach dem Spaniſchen des Fernan Caballero*) von L. Du Bois. 1 Verbindungsweg zwiſchen Puebla, Coria und Sevilla dient 8 und, nachdem er die Wieſe verlaſſen hat, an einem ganz Die Aufmerkſamkeit des Reiſenden, welcher den Lauf einſam ſtehenden ländlichen Wirthshauſe vorüberführt, wel⸗ des Guadalquivir in der Richtung nach Sevilla verfolgt, ches nur mit einem Strohdache bedeckt, aber von zahlreichen wird durch mehrere kleine Dörfer angezogen, welche ſich Orangenbäumen und Melonenbeeten umgeben iſt. gleichſam als Vorläufer der edeln und alten Stadt auf Die Zeit, mit der dieſe einfache Erzählung beginnt, dem linken Ufer des Fluſſes zeigen. La Puebla, das erſte, iſt jene Abendſtunde, in der das Tageslicht noch nicht ganz dem er begegnet, iſt groß, eng gebaut und faſt baumlos. verſchwunden iſt und eigentliche Dämmerung noch nicht Es ſcheint mehr der weiten, von ihm beherrſchten Ebene herrſcht. Die Sonne hatte ſich geſenkt und hinter den anzugehören, als dem Fluſſe und der Schifffahrt. Die Olivenbäumen verborgen, deren zarte Schattenriſſe ſich auf Einwohner ſind Ackerleute, tragen Gamaſchen, und nehmen den Boden zeichneten, ehe die Königin des Tages ihren ihre breitkrempigen Hüte weder vor Grafen, noch Fürſten Purpurmantel ausbreitete. Der Fluß hauchte eine ange⸗ und Königen ab. Das zweite Dorf, Coria, eleganter als nehme Kühlung aus, welche die menſchliche Bruſt wie einen ſein Nachbar, iſt mit Gärten umgeben, hegt eine beſondere wohlthuenden Balſam einathmete, und drängte ſeine ſanf⸗ Vorliebe für ſein Nebenflüßchen Betis, zu deſſen Befahrung ten Wellen bis an die Wurzeln der Gebüſche und Weiden es ſogar ein beſonderes Dampfboot erbaut hat, beſitzt eine und in die Furchen und Riſſe des Ufers, als weigere er große Zuckerfabrik, deren Material der Boden liefert, und ſich, dem Meere zuzufließen und ſeine Wogen in die weite iſt ein heiteres Oerkchen, das namentlich ſeine Stiere liebt. Oede deſſelben zu ergießen. Eine Barke mit weißen Se⸗ Gelves, das dritte dieſer kleinen Dorfſchaften, liegt in eini⸗ geln glitt geräuſchlos über den glatten Waſſerſpiegel und ger Entfernung vom Fluſſe und breitet ſich anſpruchslos würde für ein Phantom haben gelten können, wenn nicht am Abhange eines Hügels aus, auf deſſen Höhe das Schloß eine hell ſingende Stimme auf dem Fahrzeuge an die Wirk⸗ und die Kirche des Grafen de Gelves ſtehen, welche jetzt lichkeit erinnert hätte. Der Landmann kehrte frohen Mu⸗ im Beſitze der fürſtlichen Familie Alba ſind. Nur die thes vom Felde an ſeinen Herd zurück, und in der Entfer⸗ Kinder, wenn ſie zur Weihnachtszeit ihre heiligen Dörfer nung hörte man das Bellen der Hofhunde, das Zeichen erbauen, können die Häuſer mit ſo wenig Symmetrie und treuer Wächter bei einbrechender Nacht. Alle von Natur in ſo maleriſcher Weiſe ſtellen, wie die Hütten dieſes Dörf⸗ ſcheuen und furchtſamen Weſen wurden lebendig, die Sterne chens, des ſchönſten unter den vieren, ſtehen. Das letzte, bezogen ihre erhabenen Poſten, und Tauſende von Inſekten, San Juan d'Alfaraca, verdankt den Vorzug, deſſen es ſich die Blicke der ſie bei Tage ſuchenden Feinde nicht mehr erfreut, ohne Zweifel ſeiner ſchöneren Bauart und der Nach⸗ fürchtend, ſagten ſich:„Dieſe Stunde gehört uns!“ Die barſchaft von Sevilla; aber was Ausſicht, Lage und Um⸗ Heimchen zirpten, die Fledermäuſe, den heimathloſen Armen gebung betrifft, ſo ſteht es weit hinter dem beſcheidenen gleich, durchflogen ſuchend die Luft in ihrem dürftigen Ge⸗ Gelves zurück. Zwiſchen dem ebengenannten Dorfe und wande, die Nachteulen zündeten ihre Leuchten an, und die dem Fluſſe erſtreckt ſich eine breite Wieſe, und zwiſchen Nachtigall, in dichtem Laube verborgen, ließ nur einzelne, letzterer und dem Hügel, auf deſſen Spitze die Kirche und kurze Noten hören, als wollte ſie erſt ihre wohlklingende das Schloß ſtehen, liegen baumreiche Gärten, über denen Stimme prüfen, während die Orangeblüthen einen balſa⸗ ſich am Abhange das Dorf erhebt. Den ſtolzen Titel miſchen Duft verbreiteten und, in Verbindung mit den be⸗ Schloß führt das erwähnte Gebäude wohl nur deßhalb, zaubernden Tönen der Nachtigall, der milden Abendluft und weil es adelige Wappen trägt und ſich von den beſcheide⸗ dem ſanften Mondlichte, die einfache ländliche Gegend zu neren Häuſern des Dorfes durch ſeine Größe weſentlich einem vollendeten Eden machten. In der Höhe aber, hoch unterſcheidet. Die Wieſe, welche das Ufer des Fluſſes be⸗ erhaben über dem irdiſchen Concerte, drangen aus der Spitze rührt, wird von einem Fußpfade durchſchnitten, der als des Kirchthurms die feierlichen Klänge der Abendglocke durch d duſt und mahnten den frommen Landmann, der ſeinen — Glauben ſo rein bewahrt, wie die Luft iſt, welche er ein⸗ *) Die S 6 cte Schr 5. lche 6 4 Jſenenndt uhenennan Sacelt Schitleinn, wache ſch athmet, das Haupt zu enſlößen und ein Gebet zu ſprechen hohem Range und intime Freundin der in Sevilla reſidirenden Her⸗ Den vorher erwähnten Pfad kam ein Mann, auf zogin von Montpenſier. ſeinem Eſel ſitzend, entlang geritten. Er ließ das Thier 4 12☛‿ — —* — ö Feierſtund —-ꝛ— ——⅓—ẽ::——:———r—rn——,— ſeinen gewohnten Schrie. gain 5 rhnhce ze daß er ihm von Zeit zu Zeit Laung, die en liſcheo ren apa. lina! Du gehſt heute wie auf Eiern; Aguedilla wird ſchel⸗ ten, wenn wir zu ſpät kommen.“ Der Mann mochte ungefähr vierzig Jahre alt ſein und trug das andaluſiſche Koſtüm. Sein Geſicht war ſchön und regelmäßig, und die Augen drückten große Einfachheit des Herzens und einen frohen Sinn aus, während ein offe⸗ nes, heiteres Lächeln ſeine Lippe umſpielte. Seit vielen Jahren Wittwer, lebte er mit ſeiner Mutter und einer ihm aus jener Ehe gebliebenen Tochter. So zwiſchen dem Alter und der Kindheit ſtehend, ſtützte er Beide und weihte ihnen, mit völliger Selbſtverleugnung, ſein Leben und alle Gefühle ſeines Herzens. Er war in einer dicht beim Dorfe belegenen Meierei geboren, welche ſein Vater beſeſſen hatte, und hieß Simon Verde. Sein Brod verdiente er damit, daß er täglich Feld⸗ und Gartenfrüchte aller Arten nach Sevilla trug, um ſie dort in den Straßen zu verkaufen, und zugleich Botendienſte zwiſchen Gelves und Sevilla ver⸗ richtete. Dieſe Lebensweiſe, in Verbindung mit dem hei⸗ teren, wohlwollenden Charakter des Mannes, ſeiner gut⸗ müthigen Geſchwätzigkeit und unermüdlichen Dienſtfertigkeit, machte ihn zu einem Lieblinge der ganzen Gegend, und Jedermann im Dorfe redete ihn freundlich an, wenn er ihm begegnete. „Heda, Simon Verde!“ rief die Stimme des Alcalde, welcher mit dem Landmeſſer vor der Thür des einſamen Wirthshauſes ſaß,„ſind die Orangen deines Gartens, die du heute verkauft haſt, von Gibraléon?“*) „Allerdings,“ verſetzte der Gefragte.„Weßhalb ſollte ich etwas Anderes ſagen? Wenn ich Orangen von Gelves ausriefe, ſo würde ſie Niemand kaufen. Ich will Euch den Beweis liefern. Im vorigen Jahre hatte ich eine Ladung Eicheln gekauft, die, ehrlich geſtanden, Sennor Alcalde, herzlich ſchlecht waren.“ „Alſo hatte man dich betrogen?“ „Nein, Sennor; ich hatte ſie aus Gefälligkeit einem Manne vom Gebirge abgekauft, der gern nach Hauſe zu⸗ rückkehren wollte.“ „Du denkſt an nichts, als Anderen Gefälligkeiten er⸗ zeigen,“ bemerkte der Landmeſſer. „Was ſoll ich thun?“ verſetzte Simon Verde.„Ich kann Niemand in Noth und Verlegenheit ſehen. Wenn Jemand klagt, wird mir das Herz enge, und wenn er gar weint, ſo verliere ich den Kopf. Aber um auf meine Ge⸗ en. 1864. — —— „Wie kann es gut ſtehen? Ich habe es nicht zur„ ten Zeit ſäen können. Der Herbſt allein iſt die richtit Saatzeit.“ „Das iſt freilich wahr, und das Sprüchwort ſagt: Wer im April ſäet, den hätte ſeine Mutter nicht auf die Welt ſetzen ſollen; und wer im Mai ſäet, der hätte weder geboren noch erzogen werden ſollen.“ Aber mache dir keine Sorgen, Simon, du wirſt ernten. Das Jahr iſt gut, und die Witterung für das Getreide günſtig, wenn es auch nicht ſehr ſchnell wächst und vom Gewicht der Aehren um⸗ gelegt wird. Der Februar war ein vortrefflicher Monat.“ „Das iſt richtig, aber der Mai hat wieder ſeinen heißen Wind geblaſen. Wenn ich nur wüßte, wo das Loch iſt, aus dem er hervor ſtrömt, ich wollte es mit Kitt und Pech für immer verſchließen.“ „Simon, ich ſage dir, wir werden ein gutes Jahr haben, wie jenes der fetten Kühe des Königs Pharao war; es wird kein Hungerjahr ſein, und das Brod wird nicht vier Realen koſten.“ „Gott gebe es!“ ſeufzte Simon Verde. „Simon,“ begann der Alcalde,„ich will dir dein Feld mit dem Getreide abkaufen, und gebe dir zweitauſend Realen.“ „Sennor, es koſtet mich mehr,“ erwiederte Verde. Nach längerem Streiten, wobei der Landmeſſer aus Artigkeit die Partei des Alcalde nahm, wurde endlich der Handel für dreitauſend Realen abgeſchloſſen. Es war für Simon Verde ein ſehr nachtheiliges Geſchäft. „Siehe da, jetzt iſt Eure Ernte in Sicherheit; nun könnt Ihr lachen, wenn auch der Oſtwind einen Theil da⸗ von mitnimmt,“ ſagte der Schenkwirth, eine Art von jugend⸗ lichem Goliath, aber gutmüthig, den ſeine Mutter, welche verhältnißmäßig von derſelben Größe war, ſeit der Geburt „mein Kleiner“ genannt hatte, in Folge deſſen ihm dieſer Spitzname geblieben war.„Onkel Simon,“ fuhr er fort, „Ihr könnet Waſſer finden, wo es keine Quelle gibt, und wiſſet mehr, als mancher alte, erfahrene Mann.“ „Ich bin keine lebloſe Maſſe wie du, Joachim, mein Kleiner,“ erwiederte Simon,„und ein Windſpiel läuft natürlich ſchneller als ein Mezgerhund; aber ich weiß nicht, woran es liegt, mein Geld iſt grade wie das eines Meß⸗ ners; ſingend kommt es, und ſingend geht es.“ „Das iſt deine Schuld, Simon Verde,“ bemerkte der Alcalde;„du erwirbſt es ehrlich und könnteſt beſſer leben als ein Staatspferd; aber dein verteufelt gutes Herz ruinirt ſchichte zurückzukommen, muß ich bemerken, daß ich, wie geſagt, meine Eicheln ausſchrie und den ganzen Tag keine einzige verkaufte. Der Abend kam, und ich hatte noch die ganze Ladung, ohne zu wiſſen, was ich damit machen ſollte, als mir der Gedanke in den Kopf kam, ſie als Eicheln von Cadix auszurufen.“ Beide Zuhörer brachen in ein lautes Gelächter aus. „Heiliger Chriſt!“ rief der Alcalde,„weißt du nicht, daß es in und um Cadix nichts als Steine und Felſen gibt?“ „Allerdings weiß ich es, ſowie auch, daß dort nicht mehr Bäume und Gebüſche wachſen, als Nelken auf Thon⸗ ſcherben; aber eben aus dieſem Grunde that ich es und hatte ſo guten Erfolg, daß, ehe man ein Vaterunſer beten konnte, keine einzige Eichel mehr in meinen Händen war.“ „Aber dein Getreide, Simon,“ fragte der Landmeſſer, „wie ſieht es damit aus? Steht es gut?“ *) In Sevilla rufen die Verkäufer nur Orangen von Gibraléon aus, weil ſie für die beſten des Landes gelten. dich. Du kannſt keinen Kummer ſehen und niemals„nein“ ſagen. Ein Glück für dich, daß du keine Frau geworden biſt! Du haſt einen guten Glauben, der aber nicht mehr Mode iſt, und kein Spott kann dich beſſern.“ „Sennor, wenn wir uns in der Welt nicht mehr ge⸗ genſeitig helfen wollten, was ſollte dann aus den Menſchen werden?“ Simon, wie es recht gut iſt. Du haſt dem Fuhrmann Nicolas Geld gegeben, um ſich einen Ochſen zu kaufen; hat er es dir erſtattet?“ „Der Ochſe iſt geſtorben; konnte mir der arme Mann das zahlen, was er nicht mehr hatte?“ „Du haſt auch dem Matthias Vorſchüſſe gemacht, um ſein eingefallenes Dach wieder herſtellen zu laſſen; hat er es dir bezahlt?“ „Ich gab ihm das Geld ohne Bedingung.“ „So magſt du es mit dem todten Ochſen auf ein Conto ſchreiben.“ „Jeder würde ſich mit ſeinen eigenen Nägeln kratzen, —— — — nmf —-——& —— 7 Feierſtunden. 1864. 265 „Jeſus, Sennor, Ihr findet ein beſonderes Gefallen daran, das Unglück wie eine Trauerglocke zu verkünden! Ich bedarf jenes Geldes nicht, um mich ſatt zu eſſen, denn — Gott ſei Dank!— das tägliche Brod hat uns noch nie gemangelt.“ „Aber du haſt eine Tochter, mein guter Mann.“ „Ja, und ich liebe ſie mehr, als mich ſelbſt, denn ſie verdient es. Die Kleine iſt ſo hübſch, daß ſelbſt die Sonne eiferſüchtig werden möchte, und hat ſo viel Ver⸗ ſtand, daß man glauben ſollte, eine alte Frau ſteckte in ihrem Körper. Aber ich will mir weder Sorge noch Kum mer um ſie bereiten; gerade das macht die Kinder habſüch tig und geizig. Ich kenne Viele, die immer ihre Kinder im Munde führen, wenn es ſich darum handelt, einen Real auszugeben, und deſſen ungeachtet Alles verthun, was ſie beſitzen, und jenen kein anderes Crbötheil hinterlaſſen, Wolltet Ihr nicht als den Anblick des weiten Himmels. eben zu dem Wächter Juan Martin gehen, um ihn wegen ſeiner Steuern auszupfänden? Er begegnete mir, und zwar in einem ſo unglücklichen Zu⸗ ſtande, daß ich ihm Alles gab, was ich für meine Orangen eingenommen hatte. Es kann ſein, daß ich dieſe dreißig Realen nie wieder ſehen werde, aber Niemand ſoll mir den Glauben neh⸗ men, daß mir heute, nach⸗ dem ich dem Ungliücklichen geholfen habe, meine Suppe beſſer ſchmecken wird als ein Huhn.“ „Verthue, verſchleudere deine Habe, Simon Verde,“ rief der Alcalde ärgerlich und höhniſch, weil er glaubte, daß die Worte des ehrlichen, arg⸗ loſen Mannes eine Anſpie⸗ lung auf ſeine Liſt und Ver ſchlagenheit enthielten,— „ſei ein Verſchwender! Du biſt ja ſo glücklich, große Güter zu beſitzen.“ „Ich? Nein, Sennor, die beſitze ich nicht; aber ich bin auch weder Euch, noch ſonſt Jemandem etwas ſchul⸗ dig,“ entgegnete Simon. „Du wirſt nie aus deiner der Landmeſſer,„und nie einen langen.“ „Ich habe auch nie danach 2 II. Von der Terraſſe vor dem Schloſſe aus ſenkt ſich der Boden ziemlich ſteil und bildet einen Abhang. Am Fuße deſſelben lag Simon Verde's Haus. Obgleich bequem ein gerichtet, war es nur klein und hatte nicht einmal eine Vorhalle. Da jedoch ein luftiger Raum für den Andaluſier ein unentbehrliches Bedürfniß iſt, ſo war ein vor dem Hauſe befindlicher ebener Platz dazu benützt worden. Dieſer Raum war vorn und auf beiden Seiten von einer Mauer um⸗ ſchloſſen, welche ein großes Weingeländer trug. Hier, an dieſem, von Reben beſchatteten Orte, genießt der Arme ſeine ſchönſten Stunden,— unter einem prächtigen Dache von grünen und beweglichen Ziegeln, welche ſo wohl be⸗ feſtigt ſind, daß nur Gewalt oder gänzliches Abſterben ſie entfernen kann! Es iſt das väterliche Dach, welches ſich (Zu Seite 267.) mit jedem Frühling erneuert und die Beſtimmung hat, das Licht zu mildern, ohne es abzuhalten, den Sonnenſtrahlen Noth kommen,“ bemerkte die Gluth zu nehmen, die Luft wie mit tauſend Fächern behaglichen Wohlſtand er⸗ zu erfriſchen, und durch das vorhergehende Geräuſch den 3 e„o 53 136 kommenden Regen anzuzeigen und ſeine Fluthen ſo lange getrachtet, denn beſſer iſt abzuhalten, bis die Familie einen anderen Zufluchtsort ge⸗ es, nichts zu wünſchen, als viel zu beſitzen. Reich iſt Der⸗ funden hat. Wenn endlich der Herbſt kommt, ſo reicht jenige, welcher viel beſitzt, glücklich aber nur Der, welcher dieſer treue Beſchützer den Kindern, die ihn während des nichts zu wünſchen hat. Sennores, Gott behüte Ench! Sommers mit ihren Spielen und Geſängen erheitert haben, man erwartet mich zu Hauſe.“ Mit dieſen Worten ſprang Simon auf ſeine Eſelin und trabte, ein fröhliches Liedchen ſingend, über die Wieſe, zum Abſchiede große Trauben dar, und dann ſeine Blätter, als ferner nutzlos, den Winden übergebend, entſchlummert †* à 3 1 4 1 241 er, und Niemand kann ihm während ſeines wohlthätigen während ihm der Alcalde noch ein höhniſches Lachen zum Lebens einen andern Vorwurf machen, als vielleicht den Abſchied nachſandte. V V Feierſtunden. 1864. einer zu großen Befreundung mit den Weſpen. Im Garten des Häuschens ſtanden viele Fruchtbäume, unter denen die Orangenbäume mit Recht den Vorrang 1 hatten. Die Gemüſepflanzen, welche hier nach Gottes Willen 34 Laube fielen, verwechſelte ſie die jungen Mädchen mit den wuchſen, waren weder fein noch delikat, aber kräftig und in großer Menge vorhanden, denn es gab dort rieſengroße Kohlköpfe, Rüben und Bohnen. Am Morgen des Tages, an dem der Leſer Simon Verde's Bekanntſchaft gemacht hat, war eine große Anzahl kleiner Mädchen unter dem Weindache ſeines Hauſes ver⸗ ſammelt. Alle plauderten, viele Blumen, welche an den Seiten der Weinhalle wachſend ſie umgaben, waren in voller Blüthe, und die Vögel, die im dichten Laube ihre Heimath. hatten, ſangen mit vereinten Kehlen. Wer die Kindergruppe betrachtete, glaubte eines jener flamändiſchen Bilder zu ſehen, in denen ein Chor von Engeln, mit Blumenketten umwun⸗ den, abgebildet iſt. An der Thüre des Hauſes ſaß eine alte, wohlgekleidete Frau mit milder, ernſter Miene. Ob⸗ gleich Lange Jahre ſie von ihrer Umgebung trennten, be⸗ ſtand dennoch ein inniges Band der Liebe und Dankbarkeit zwiſchen ihr und den jugendlichen Weſen; denn ſie war die Ahnfrau der kleinen Mädchen, die Mutter der Blumen, welche von ihr gepflanzt worden waren, und die Verſor⸗ gerin der Vögel, die aus ihrer Hand das Futter empfingen. Sie hatte ihre geiſtigen Kräfte ungeſchwächt bewahrt, aber micht die des Körpers; denn ſie hörte nur wenig und ſah faſt nichts mehr. Wenn ihre Blicke in die Mitte der Blumen, und wenn ihr Ohr horchen wollte, vermochte es kaum das fröhliche Zwitſchern der Vögel von dem unbe⸗ fangenen Plaudern der Kinder zu unterſcheiden. Plötzlich reganuen letztere einſtimmig einen Geſang. „Kinder!“ rief die alte Frau,„ihr betänbt mich, ob⸗ gleich ich nur ſchwer höre. Agueda, meine Tochter, du biſt die Aelteſte; ſorge dafür, daß eure Unterhaltung weniger geräuſchvoll ſei. Spielet etwas oder erzählet euch Ge⸗ ſſchichten!“ Agueda, gehorſam dem Befehle, brachte die kleine Armee ſogleich zur Ruhe. Dieſes junge Mädchen war keineswegs eine Schönheit, wofür der Vater es hielt, aber gefiel dennoch⸗allgemein, wie es das Vorrecht vieler Töchter Evens, beſonders im Frühlinge des Lebens, iſt. Sie war brünett, hatte ein kleines, rundes Geſicht, ein vorſpringen⸗ des Kinn, und eine niedrige Stirn, weshalb ſie die Haare zurückgeſtrichen trug. Das Lachen ſtand ihr herrlich, weil die ſchönen Zähne dadurch ſichtbar wurden und ſich auf den Wangen zwei Grübchen bildeten. Sie war von mittlerer Größe und beſaß in ihrer Haltung viel Anmuth. Als der Tag ſich neigte, rief eines der Kinder: „Sehet, die Sonne geht ſchon unter!“ „Ja, und ich gehe, auch, weil mein Vater mich er⸗ wartet,“ ſagte ein anderes Mädchen. „Ich auch!“ fügte ein drittes hinzu. „Ich auch,— ich auch! Adieu, Mutter Anna!“ rie⸗ fen ſie ſämmtlich, worauf der fröhliche Trupp ſich ſingend entfernte. „Gott ſei gedankt!“ rief Simon, von ſeiner ruhigen Feierſtunden. 1864. ————B—;—;ꝛ::orõr——.————; —— „Ich habe es dem Wächter der nächſten Meierei ge⸗ geben. Er begegnete mir in tiefſter Betrübniß, weil der Alcalde, jener Judas, ihn wegen der Steuern verfolgt. Iſt es nicht eine himmelſchreiende Sünde, einem Unglück⸗ lichen Steuern auszupreſſen, der kein Brod hat, um ſeinen Hunger zu ſtillen?“ . dnuder haſt du vergeſſen, daß wir dem Bäcker ſchuldig ſind?“ „Das darf uns nicht beunruhigen, Mutter; er weiß, daß ihm ſein Geld ſicher iſt. Guter Gott, warum drückt Euch die Angſt ſo, Mutter, als wolltet Ihr erſticken?“ „Du weißt, mein Sohn, daß Juan Martin's Elend groß iſt und daß du dein Geld daher nie wieder ſehen wirſt.“ „Allerdings weiß ich das, Mutter, aber was ſollte ich thun? Er wird dankbar ſein und unſer Feld deſto beſſer bewachen; und man ſagt ja, daß ein Real, der hundert einbringt oder erhält, gut angelegt ſei.“ „Der böſe Alcalde!“ ſagte die alte Frau;„nie haben wir einen ſo ſchlimmen und hartherzigen gehabt. Iſt es denkbar! Den Vetter ſeiner verſtorbenen Frau verfolgt er ſo grauſam!“ „Dem Alcalde fehlt es hier,“ erwiederte Simon, auf das Herz deutend;„denn ſeitdem er den Stab trägt, iſt er ein Don Pedro vom allerhärteſten Holze geworden. Hörte ich ihn doch vor einigen Tagen von ſeinem Sohne Julian ſagen: ‚Der Junge macht ſich aus dem Gelde nichts; das iſt das größte Unglück, welches ihm begegnen könnte!““ „Iſt es möglich, Simon,“ rief die Alte empört,„daß er wirklich etwas ſo Abſcheuliches geſagt hat?“ „Mit dieſem Ohre habe ich es gehört!“ verſetzte Si⸗ mon, ſich im Feuer ſeines Unwillens heftig am Läppchen zerrend. „Ja, ja, je reicher er geworden iſt, deſto mehr haben auch ſein Geiz und ſeine Habſucht zugenommen,“ ſagte die alte Frau.„Dieſes Laſter iſt ſchlimmer als jedes andere, weil es das Herz verdirbt und wie ein Krebs um ſich frißt. Mein Vater erzählte einſt von einem reichen Manne, der vier Töchter verheirathet und jeder eine große Summe Gel⸗ des mitgegeben hatte. Am Schluſſe des erſten Jahres be⸗ ſuchte er ſie. ‚Wie geht es dir? fragte er die Erſte. Mein Vater,“ erwiederte die Tochter, ſeitdem ich jenes Geld von dir empfangen habe, iſt mein Gatte ein Spieler geworden, kümmert ſich nicht mehr um mich, und verſpielt Alles, was er beſitzt.— Mache dir keinen Kummer,“ ver⸗ ſetzte der Vater, wenn das Geld zu Ende iſt, wird er nicht mehr ſpielen, ſondern arbeiten, und du wirſt glücklich ſein.“ Darauf ging er zur zweiten Tochter, welche ihm weinend erzählte, daß ihr Gatte all' ſein Geld an andere Frauen⸗ zimmer verſchwende. Mache dir keinen Kummer,“ erwie⸗ derte der Vater, ‚wenn das Geld zu Ende iſt, wird er ſich nicht mehr um Andere kümmern, ſondern dir anhängen, Papalina abſteigend, welche ſich, ſobald ihr der Sattel ab⸗ genommen worden war, nach dem Stalle begab, ohne ihren Schritt zu verändern.„Euren Segen, Mutter,“ fügte er hinzu, ſich der alten Frau nähernd. „Mit dem des guten Gottes, mein Sohn!— Haſt du deine Orangen verkauft?“ „Alle, ſammt und ſonders, und hätte noch mehr ver⸗ kaufen können, wenn ich ſie gehabt hätte. Aber keinen Maravedi bringe ich mit nach Hauſe.“ und du wirſt glücklich ſein.. Die Dritte ſagte ihm, daß ihr Mann ein Trinker geworden ſei und den ganzen Tag in den Schenkſtuben zubringe.„Mache dir keinen Kummer, tröſtete ſie der Vater,„wenn das Geld zu Ende iſt, wird ter nicht mehr trinken ſondern arbeiten, und du wirſt glück⸗ lich ſein. Die Vierte endlich beklagte ſich bitter über den Geiz ihres Gatten, der ihr keinen Maravedi zukommen und ſie faſt verhungern ließ. ‚Unglückliches Weſen, rief der Vater, die Tochter umarmend und an ſein Herz drückend, „Gott verzeihe mir! Was haſt du mit deinem Gelde ‚für deinen Kummer ſehe ich kein Ende! gemacht?“ — „Das Beiſpiel ſoll ſo viel ſagen,“ fuhr die alte Frau verfolg rolihs gllich n ſeinen ſchulNin Wuldig. r weſß, N ⁶⁸ rfolgt er auf gt, iſt vemorden geworden. — Sohne n Gelde begegney ſetzte Si L appchen ehr haben ſagte die s andere, ſich frißt. nne, der ume Gel⸗ ahres be⸗ ie Erſte. ich jenes n Spielet * verſpielt ner, ver er nicht lcch ſein. weinend Frauxn⸗ 4 erwie⸗ dd er ſich anhängen, ihm, daß unzen dad Aummer, iſt, vid rief del rrückend, alte Feal fort,„daß der Geiz das ſchlimmſte aller Laſter iſt, weil es im Herzen ſeinen Sitz hat. Du haſt wohl gethan, dem Unglücklichen zu helfen, mein Sohn; und wenn du dein Geld hier verlierſt, wirſt du es dort oben wiederfinden. Es iſt beſſer, für die Ewigkeit zu ſammeln, als für die kurzen Tage unſeres irdiſchen Lebens.“ „Dieſer räuberiſche Alcalde verdient den Sohn nicht, welchen er hat,“ ſagte Simon Verde.„Julian iſt einer der beſten jungen Männer in der ganzen Umgegend, ſo geſetzt, ruhig und geſittet!“ „Er iſt ſeiner Mutter ähnlich,“ bemerkte die Alte, „welche auch eine gute Seele war und ſich den Himmel durch die Geduld verdient hat, mit der ſie die üble Be handlung ihres Gatten ertrug.“ Seitdem Simon gekommen war, hatte er unaufhörlich den Kopf nach allen Seiten gedreht, als wenn er etwas ſuchte. „Mutter,“ ſagte er endlich,„wo iſt denn die Kleine, ich habe ſie noch nicht geſehen?“ „Sie näht für dich ein Hemd mit geſticktem Buſen ſtreif, aber will nicht, daß du es wiſſeſt, ehe ſie damit fer tig iſt.“ „Agueda! Agueda!“ rief der Vater,„wo haſt du dich verſteckt? Warum ſehe ich dich nicht?“ Jetzt kam das junge Mädchen aus den Blumen her vor und hüpfte ihrem Vater wie ein Eichhörnchen entgegen. In demſelben Augenblicke erſchien Julian, der Sohn des Alcalde, und brachte einen mit Geld gefüllten Sack. Er war ein hübſcher junger Mann von achtzehn Jahren, an genehmem Weſen, ſchöner Geſtalt und ſanftem, ruhigem, aber feſtem Blicke.(Siehe die Abbildung auf S. 265.) „Hier,“ ſagte er zu Simon Verde,„ſind die dreitau ſend Realen für Euer Getreide.“ „Mein Sohn,“ rief die alte Frau beſtürzt,„haſt du das Getreide verkauft?“ „Ich wollte nicht, daß Ihr es erführet, Mutter,“ er wiederte Simon,„aber es iſt einmal geſchehen; und nun Ihr es wiſſet, kann ich nur ſagen, daß ich es deßhalb ge than habe, weil ich dachte, ein Sperling in der Hand ſei beſſer als zehn auf dem Dache.“ „Ihr habt Unrecht gethan, es zu verkaufen, Onkel⸗ Simon,“ bemerkte der junge Mann,„weil es mehr werth⸗ iſt, als man Euch gegeben hat, und das Jahr gut zu wer den verſpricht. Ich habe es auch meinem Vater geſagt. Als ich es erfuhr, war es mir unangenehmer, als wenn ich ſelbſt den Verluſt erlitten hätte.“ „Guter Gott, mein Sohn,“ klagte die betrübte alte Frau,„es war unſer Brodkorn für das ganze Jahr!“ „Aber es läßt ſich nicht ändern. Was einmal ge⸗ ſchehen iſt, iſt geſchehen. Nehmet die dreitauſend Realen, wir wollen nach der Ernte Mehl dafür kaufen. Dein Vater hat mich verleitet, Julian, und mit ihm der Land meſſer, der, wie der Wein, dem Teufel hilft. Aber, Gott ſei Dank! es iſt immer noch beſſer, betrogen zu werden, als zu betrügen.“ Die alte Frau nahm das Geld. „Zählet es,“ ſagte Julian zu Simon, welcher bis jetzt noch nicht daran gedacht hatte.„Wenn ein Handel geſchloſſen worden iſt, nützt das Streiten nichts mehr.“ Simon folgte ſeiner Mutter.— „Agueda, gib mir dieſe Nelke,“ bat Julian das junge Mädchen, als Beide allein waren. „Nein,“ verſetzte ſie. Feierſtunden. 1864. „Um ſie anzuſtecken, ſieh' nur!“ „Wem willſt du denn gefallen?“ „Meinem lieben Vater.“ „Und mir?“ Agueda machte eine anmuthige Bewegung ſpöttiſcher Gleichgültigkeit, in der die reifere Jungfrau das Kind verdrängte, ſo wie eine ſich öffnende Roſe die Knoſpe ver ſchwinden läßt. „Willſt du ſie mir nicht geben?“ wiederholte Julian. „Die Nelke? ſie iſt die ſchönſte am ganzen Stocke,“ rief Agueda;„gewiß nicht, lieber mein Herz!“ „Gut, ſo gib es mir und behalte die Nelke.“ „Weder das Eine noch das Andere.“ „Nun, und dann? Willſt du etwa Nonne werden?“* „Ich denke nicht daran! Aber jetzt will ich weder vom Kloſter hören, noch mich länger necken laſſen.“ „Was willſt du denn?“ „Die Nelke behalten!“ rief ſie lachend und ſprang in das Haus. III. Am folgenden Morgen machte ſich Simon Verde mit ſeiner unzertrennlichen Begleiterin, der guten Papalina, wie der auf den Weg und ſchlug die Richtung nach dem näch ſten Meierhofe ein, wo er Oliven kaufen wollte, um ſie in Sevilla zu verkaufen. Der Himmel war bedeckt und die Wolken ſandten als Vorläufer ſchwere Regentropfen auf die Erde, welche ſie begierig einſog. Die Vögel im Gebüſche riefen ſich ängſt⸗ lich zu, als fragten ſie einander, ob ſie Schutz gegen den drohenden Regen ſuchen ſollten, und die Fröſche im Waſſer tanzten und ſangen vor Freude, wie es Trunkenbolde in den Schenkſtuben thun. „Wenn ich meine Ernte nicht verkauft hätte,“ mur melte Simon, ſo würde ſich heut' der Oſtwind noch nicht eingeſtellt haben. Sie iſt fort, und nun kömmt der Re gen. Wer kein Glück hat, geht in den Wald, um Holz zu ſuchen, und findet ein Kaninchen; und findet Holz, wenn er ein Kaninchen ſucht.“ Er hatte ſeinen Weg durch die Olivenbäume genom men, welche ſich hinter dem Dorfe weit erſtreckten, und ging jetzt im Thale am Rande eines dichten Gebüſches ent lang, deſſen Fuß von einem ſeichten Bache beſpült wurde. Sorgenvoll und wegen jenes Handels unzufrieden mit ſich ſelbſt, ſchritt er weiter und redete zuweilen laut. „Was ſoll ich thun? Es gibt kein Mittel! Einer muß in dieſer Welt immer lachen, während der Andere weint. Welche Bosheit dieſer Alcalde beſitzt! Maria sane- tissima! Seine Habſucht iſt eben ſo groß wie die Barm herzigkeit Gottes.“ So vertieft war er in ſeine Gedanken, daß nur etwas Außerordentliches ihn davon ablenken konnte. Plötzlich ſpitzte Papalina, ohne jedoch ihren Schritt zu mäßigen, die Ohren und blickte nach dem Gebüſche. Simon that daſſelbe, und ſah und hörte Bewegungen darin. Wie alle Landleute, die an jede Art von Gefahren gewöhnt ſind, kannte er die Furcht nicht, war aber überraſcht und ſetzte ſeine Beobach⸗ tungen ſchärfer fort. „Es iſt kein Stier,“ dachte er,„denn ein ſolches Thier würde mehr Lärm machen; auch kein Wolf oder Fuchs, welche weniger Geräuſch verurſachen würden. Es mus, „Weshalb willſt du ſie behalten?“ alſo ein zweibeiniges Geſchöpf ſein, wie ich, und wenn 34% 268 Feierſtunden 1864. ——⸗—PP—ꝛÿyy—-y——— ſich dort verbirgt, ſo wird es ſeine Gründe haben, die mich wenig kümmern. Wahrſcheinlich iſt es ein Zigeuner, der Weidenruthen ſtehlen will.“ Kaum war er zu dieſem Schluſſe gekommen, als ein Menſch von wildem Ausſehen hervortrat und ſich ihm näherte. „Ich habe weder meine Stutzbüchſe, noch ſonſt eine Vertheidigungswaffe,“ dachte Simon, ruhig ſtehenbleibend. „Gott behüte Euch, braver Mann!“ redete der Fremde ihn an. „Euch gleichfalls, Freund!“ war Simons Antwort. „Was gibt es? Womit kann ich Euch dienen?“ „Ihr könnet mich retten.“ „Ich? Wie meinet Ihr das?“ „Weil ich verfolgt werde, und weil man mich er⸗ ſchießen wird, wenn ich meinen Feinden in die Hände falle.“ „Caramba! Gevatter, Ihr ſcheinet ſchlechte Papiere zu haben.“ „Ich trage nur meine Verdienſte mit mir; denn mein Verbrechen beſteht lediglich darin, für den rechtmäßigen König Carl V. gefochten zu haben.“ „Alſo ſeid Ihr ein Aufrührer?“ „So nennen mich die Verräther.“ „Meiner Treu, Freund,“ erwiederte Simon, einen forſchenden Blick auf den Fremden werfend,„ich glaube, daß Don Carlos keine Urſache hat, einem Jeden ſehr dank⸗ Har zu ſein, der nach Belieben ſeinen Namen zur Fahne wählt. Warum begebet Ihr Euch nicht in die Provinzen, um dort, wie die andern Anhänger Eurer Partei, offen der Fremde ein. gegen den Feind zu kämpfen?“ —-——ℳꝛꝛℳꝛꝛ’——————:—ℳ⁶³——õ———— Der Verfolgte trat eiligſt hervor und warf ſich mit Gier auf das Brod, indem er ſagte: „Gott lohne es Euch! Ihr habt ein barmherziges Werk an mir gethan.“ „Ei was, Mann,“ verſetzte Simon,„wer würde denn einem hungernden Menſchen nicht zu eſſen geben? Zwei Dinge hat der Sohn meines Vaters nie gekannt,— die Furcht und den Hunger. Aber was ich aus Eurer Sache machen ſoll, weiß ich nicht!“ „Verſetzet Euch nur in die Lage eines Mannes, der wie ein wildes Thier gejagt wird, nicht weiß, wohin er ſeinen Kopf legen ſoll, ſich in einer unbekannten Gegend befindet, und fortwährend von der Furcht gequält wird, daß vier Kugeln ſeiner warten, ſobald er den Verfolgern in die Hände fällt.“ „Ja, ja, ich kann mir Eure Lage denken,“ verſetzte Simon, der, wie jede mitleidige, ein gutes Werk verrich⸗ tende Seele, das daraus entſpringende Vergnügen wie Wohl⸗ geruch einſog. Er wollte dem Fremden gern helfen, aber ſah kein Mittel vor Augen. „Wenn ich einige Tage warten könnte,“ ſagte der Unbekannte,„ſo wäre ich gerettet; allein in dieſem Au⸗ genblicke verfolgt man mich, und die Wege ſind ſo gut be⸗ wacht, daß kein Vogel durchzuſchlüpfen vermöchte.“ „Gut, ſo verberget Euch noch länger an dieſem Orte, wo Ihr ſchon zwei Tage geweſen ſeid,“ meinte Simon; 110 duile Euch Brod bringen, wie der Rabe dem heiligen aul.“ „Glaubet Ihr denn, daß ich hier ſicher ſei?“ wandte „Dieſes Gebüſch wird durchſucht werden, und ich ſitze dann darin wie in einem Käfig. Könntet Ihr „Weil ich hierher gekommen bin, um Rekruten zu mich nur wenige Tage in Eurem Hauſe verbergen, ſo wäre werben.“ „Und vielleicht auch um Pferde und Geld zu holen. ich gerettet, denn dort würde man mich nicht ſuchen.“ „Aber wenn das bekannt wird, Mann, ſo nennt man Verzeihet mir, ich bin ein ruhiger und friedliebender Mann mich einen Hehler, und ich habe dafür zu büßen.“ 44 und miſche mich nicht gern in ſolche Angelegenheiten. „Wie ſollte das bekannt werden? Es iſt doch bei „So gebet mir wenigſtens ein Stück Brod,“ bat der anderen mitleidigen Seelen nicht bekannt geworden, die mich Fremde mit Zügen, die vom Hunger verzerrt waren;„denn aufgenommen haben. Wäre ich nur im Gebirge! Dort 5 zwei Tagen liege ich in dieſem Gebüſche verſteckt und machen die Leute nicht ſo viele Schwierigkeiten, wenn es abe keine Nahrung genoſſen.“ ſich darum handelt, einen Vertheidiger des legitimen Königs Augenblicklich veränderte ſich Simons Miene und drückte zu retten.“ das lebhafteſte Mitleid aus. „Laſſet mich mit Eurem legitimen König in Frieden! 3 ich!“ j. 3 ir „Gott bewahre michl“ rief er;„warum habt Jhr Ku Darum handelt es ſich hier nicht, ſondern nur, einen Mit⸗ das nicht gleich geſagt? Und nun habe ich kein Brod hier Aber wartet nur einen Augenblick, ich komme ſogleich zu rück!“ Ehe der Fremde es verhindern konnte, war Simon menſchen zu retten. Ich will es thun, ich will es thun, weil ein Wurm mir für den Reſt meiner Tage am Her⸗ zen nagen würde, wenn ſie Euch ergriffen und in die an⸗ dere Welt ſchickten. Hier könnet Ihr nicht bleiben, das verſchwunden, ihn bei Papalina zurücklaſſend, die, mit. 3. ; ür Politi;; ſehe ich ein; denn bei dem jetzigen Wetter, mit dem Waſſer wenig Geſchmack für Politik begabt, weder ein freundliches, von oben und unten, müßtet Ihr endli 3 ein Froſch wer⸗ noch ein böſes Geſicht machte. den. Findet Euch dieſen Abend, nach dem Gebete zur hei⸗ Der Unbekannte ſtampfte heftig mit dem Fuße, blieb pligen Jungfrau, hinter der Kirche des Dorfes ein, da, wo einen Augenblick regungslos ſtehen und murmelte: „Sollte er entflohen ſein, um mich anzuzeigen? Wo⸗ ſie an das Olivengehölz ſtößt. Um dieſe Zeit ſind die Straßen leer, und nur die Hähne und die Liebenden wachen hin ſoll ich mich wenden, wenn alle Wege mit Reitern 2. 7 4 38 u ichadee nein,“ fügte er nac kurzer Ueber⸗ noch. Dann könnet Ihr ungeſchen in mein Haus ſchleichen. legung hinzu,„die Landleute zeigen Niemand an; er wird dendenie zwei Tagen müßt Ihr es wieder verlaſſen! nur geflohen ſein. in der nächſten Nacht einen andern Zufluchtsort ſuchen.“ Ich will mich wieder verbergen und „Ich ſchwöre es!“ erwiederte der Fremde, ſich be⸗ Kaum hatte er ſich wieder in das dichte Gebüſch zu⸗ kreuzigend. rückgezogen, als Schritte hörbar wurden. ſichtig durch die Zweige und gewahrte Simon, welcher eine Laib Brod trug und am Gebüſche entlang lief. Er blickte vor⸗ „Alſo ſind wir einig,“ ſagte Simon.„Gehabet Euch n wohl!“ Papalina rufend, welche ſich aus Diskretion entfernt „He, Freund!“ rief der gutherzige Mann leiſe,„wo, gehalten und inzwiſchen eine große Anzahl Diſteln enthauptet gena Teufel, ſteckt Ihr denn? Hier iſt Brod! He, Freund, he! "hatte, trat Simon wieder ſeinen Weg an, ſuchte aber der Gegend wird, Feierſtunden. 1864. 269 ———ͤ————————;———ℳℳ-::ä:-—— — Meierei auszuweichen, wo ihm das Brod auf ſeine Bitte Er erreichte den Ort, welchen er dem Fremden bezeich⸗ gereicht worden war. net hatte, und fand letzteren bereits ſeiner wartend. Er kehrte nach Hauſe zurück, leerte einen Hühnerſtall„Kommet,“ ſagte er,„und folget mir, wie der Hund aus, welcher an ſein Haus ſtieß, reinigte ihn und ſetzte ſich des heiligen Rochus. Verlieret mich nicht aus den Augen dann an die Seite ſeiner Mutter, zu der er mit lächelnder und bleibet in einiger Entfernung. Wer zu dreiſt iſt, ſetzet Miene ſagte: „Mutter, wir werden dieſe Nacht einen Gaſt be⸗ kommen.“ „Einen Gaſt?“ rief die alte Frau erſtaunt.„Wer iſt es? Ein Freund von dir?“ „Nein, Mutter, es iſt kein Freund. Gott verhüte! Es iſt ein Aufrührer von der ſchlechteſten Art. Aber man V dumpfer Stimme. ſich der Gefahr aus, gehängt zu werden.“ „Ich vertraue Euch,“ erwiederte der Verfolgte mit „Ihr ſehet, daß ich mich ohne Beden⸗ ken in Eure Hände gebe. Thue ich nicht recht?“ „Meiner Treu, Mann,“ rief Simon,„ich möchte Euch wohl mißtrauiſch ſehen! Habe ich das Geſicht eines Verräthers? Wenn ich nicht dächte, daß die Furcht Euch verfolgt ihn, und er würde ohne Beichte und Abſolution den Verſtand verrückt hat, ſo würde ich nicht lange Euer expedirt werden, wenn er ſeinen Feinden in die Hände fiele, und das wäre eine Grauſamkeit.“ .„Ach, mein Sohn, Gott ſtehe uns bei! Wenn ſie ihn bei uns entdecken, ſo wird es eine böſe Sache werden, die vielleicht dein ganzes Hab und Gut verſchlingt.“ „Das iſt freilich wahr, Mutter; allein, als ich ihn fand, war er halbtodt vor Hunger und ſagte mir, er habe keinen Zufluchtsort. Das dauerte mich. Was konnte ich thun? Es iſt allerdings eine böſe Sache, aber Gott hat es gewollt. Muß ich etwas bereuen, ſo mag es lieber das ſein, daß ich einem verfolgten Unglück⸗ lichen Hülfe geleiſtet, als daß ich ihm den Rücken gewendet habe, ohne das gethan zu haben, was Gott uns für unſern Nächſten zu thun ge⸗ bietet.“ „Du haſt Recht, mein Sohn, du haſt Recht. Thue das Gute, und frage nicht, wem dn es thueſt!“ Als die Angelus⸗Glocke erſcholl, trat Simon aus dem Hauſe. Bei ſeinem Anblicke verbarg ſich ein junger Mann hinter einem Orangenbaume, und als Si⸗ mon ſeinen Garten verließ, zog ſich ein Anderer hinter das Freund bleiben. Bei der heiligen Jungfrau von Cagar! man ſieht, daß Ihr Simon Verde nicht kennet. Kommet und laſſet Eure ſchlechten Gedanken aus meinem Hauſe, wo kein Platz für ſie iſt!“ A 5 S 2 2 88 X Vhi T2 Simon kehrte in ſeine Wohnung zurück, und wenige nächſte Haus zurück. Aber Simon bemerkte Keinen von Augenblicke nach ihm langte auch der Fremde an. Beiden. Der junge Mann war Julian, welcher nach dem jungen Mädchen oder der Nelke Verlangen trug; und der „Wer iſt es?“ fragte ſich Julian;„es ſchien mir der Sohn des Aufſehers von Parſuna zu ſein,“ und nach kur⸗ Andere war der Alcalde, welcher den Ausflug ſeines Soh⸗ zem Ueberlegen fügte er hinzu:„Agueda iſt noch zu jung, nes bemerkt hatte und ihm nachſchlich. „Was macht Agueda's Vater hier zu dieſer Stunde?“ dachte Julian.„Sollte ihm ein Unfall begegnet ſein?“ „Wo, zum Henker, geht Simon Verde noch ſo ſpät hin?“ dachte der Alcalde;„das kann nichts Gutes zum Zweck haben!“ Inzwiſchen ſtieg Simon zu der Kirche und dem Schloſſe empor, welche einſam und ſchweigend im trüben Mondlichte noch größer und majeſtätiſcher als gewöhnlich erſchienen. Er ging an der Kirchthüre vorbei, nahm ſeinen Hut ab und ſagte:„Das iſt eine Pforte, die ſich Denjenigen nie verſchließt, welche eintreten wollen!“ daß die Eltern ſchon daran denken ſollten, ſie zu ver⸗ heirathen.“ „Ich kenne dieſen Menſchen nicht,“ dachte der Alcalde; „hier ſteckt etwas dahinter.“ Simon führte ſeinen Gaſt nach dem für ihn bereite⸗ ten Schuppen, ließ ihn dort und kehrte in der nächſten Minute mit einem Brode, einer Fleiſchwurſt, mehreren Orangen und einem Kruge Waſſer zurück. „Hier müßt Ihr jetzt bleiben und Euch ruhig ver⸗ halten,“ ſagte er.„Ausruhen müßt Ihr, denn Ihr wer⸗ det deſſen bedürfen, und ſchlafen wie der heilige Johannes, ſo lange Ihr wollt.“ 270 „Ich hoffe, Euch einſt für dieſen Dienſt dankbar ſein Feierſtunden. 1864. ———————— „Ich ſah mir einen Mann an, den mein Vater dort zu können,“ erwiederte der Andere;„und ſollten wir ſiegen, hin geführt hat.“ wie es ſchon früher der Fall geweſen ſein würde, wenn mehr ſolche Leute wie ich im Heere geweſen wären, ſo rech⸗ net darauf, daß—“. „Bleibet mir mit Euren Aufſchneidereien vom Leibe,“ unterbrach ihn Simon.„Ich verlange keinen Dank, Ge⸗ vatter. Alles, was ich wünſche, iſt, Euch aus der Ver⸗ legenheit zu ziehen, und dann— Adieu! Ich bin arm, aber habe nie in meinem Leben irgend Etwas aus Eigen⸗ nutz gethan.“ „Ihr ſeid arm?“ fragte der Fremde.„Ich hielt Euch für wohlhabend und glaubte, daß Ihr Geld hättet.“ „Dann habet Ihr Euch getäuſcht, mein Freund; ich beſitze nichts als dieſen Garten. Außerdem gehörte mir zwar noch ein Stück Feld, auf das ich allen Fleiß verwen⸗ det hatte, allein geſtern hat mich der Teufel verführt, es zu verkaufen. Mit dem Alcalde, dem Blutigel unſerer Gegend, iſt der Handel abgeſchloſſen worden, und er hat mir elende dreitauſend Realen gegeben, die jetzt mein gan⸗ zes Vermögen ausmachen. Aber Ihr müßt wiſſen, daß mich die ganze Welt auszieht. Ich habe dieſe Schwäche, ſeitdem ich auf der Welt bin, und werde ſie auch behalten, ſo lange ich lebe, Was mit der Wiege kömmt, bleibt in der Regel bis zum Grabe. Aber es macht mir keinen Kummer. Wer nichts wünſcht, iſt reich, und wenn ich auch kein Geld beſitze, ſo habe ich doch eine Mutter, die mehr werth iſt als Peru, und eine Tochter, wie ſie kein König hat.“ Während dieſes Geſpräches war Agueda, jung und neugierig, auf den Zehenſpitzen bis an den Hühnerſtall ge⸗ ſchlichen, blickte durch eine Spalte, um den Fremden zu ſehen, und kehrte dann, beſorgt, daß der Vater herauskom⸗ men möchte, ebenſo nach dem Hauſe zurück. Plötzlich ſtieß ſie erſchreckt einen Schrei aus, denn eine dunkle Geſtalt trat hinter einem naheſtehenden Orangen⸗ baume hervor. „Still, Agueda! ich bin es!“ flüſterte eine wohlbe⸗ kannte Stimme.. „Jeſus! wie haſt du mich erſchreckt, Julian!“ erwie— derte das junge Mädchen;„was machſt du denn hier?“ „Ich wollte die Nelke holen.“ „Die Nelke iſt auf meinem Kopfe beſſer aufgehoben, als in deinen Händen.“ „Ich ſtelle das nicht in Abrede, wenn ſie als Schmuck dienen ſoll. Aber ſage mir doch, woher kamſt du eben jetzt?“ „Kümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts an⸗ gehen.“ „Bitte, ſage mir, woher du kamſt, und wie du wuß⸗ teſt, daß ich hier ſei.“ „Ich wußte nichts davon, und kam nur von jenem Hühnerſtall, was du recht wohl geſehen haſt.“ „Und was haſt du dort gemacht?“ „Einen Mann? Kennſt du ihn, und geht er dich et⸗ was an?“ „Er geht mich nichts an, Gott ſei Dank!“ „Iſt er jung?“ „Keineswegs, er iſt älter als du.“ „Sieht er hübſch aus?“ „Es ſcheint ein wilder, trotziger Menſch zu ſein, der ein Paar Augen hat wie ein verfolgter Hund, eine große Naſe, Lippen wie dicke Würſte, und eine Haut ſo braun, daß man glauben ſollte, ſie wäre mit Chokolade gefärbt worden.“ „Wer iſt es denn?“ „Irgend ein Zigeuner, der wahrſcheinlich unſer Schwein kaufen will.“. „Das iſt möglich! Willſt du mir die Nelke geben?“ „Ich glaube, du haſt den Kopf verloren. Siehſt du denn nicht, daß ich ſie nicht bei mir habe?“ „Willſt du mir ſie morgen geben?“ „Eben ſo wenig, wie heut'. Aber gehe deiner Wege, dort kömmt mein Vater.“ „Wenn du verſprichſt, ſie mir morgen zu geben, will ich gehen,“ ſagte der junge Mann, Agueda am Kleide feſthaltend. „Nein,“ entgegnete ſie,„und wenn ich nein ſage, ſo iſt es ſo gut, als hätte ein König es geſagt. Mache dich fort, langweiliger Menſch, mein Vater kömmt.“ „Willſt du mir die Nelke morgen geben?“ „Nein.“ „Wann denn?“ Simon Verde nahte ſich. „Am Himmelfahrtstage!“ rief das junge Mädchen und flog wie ein Schmetterling durch die Bäume. „Am Himmelfahrtstage?“ wiederholte Simon, welcher die Worte gehört hatte.„Hier werden Verſprechungen für den Himmelfahrtstag gemacht. Was haſt du hier zu thun, Julian? Sprich!“ „Onkel Simon— ich kam— ich kam, um Euch zu bitten,— mir morgen von Sevilla etwas mitzu⸗ bringen.“ „Was denn? Rede!“ „Einen— Kalender.“ „Um den Himmelfahrtstag nicht zu vergeſſen, nicht wahr? Was ich von Sevilla mitbringen will, iſt ein Vorhängeſchloß für meine Thür, hörſt du? Dein Vater hat einen ſtolzen Sinn und wird es nie billigen, daß du hierher kommeſt, um meiner Tochter den Hof zu machen; und da Agueda's Ruf durch Niemand leiden ſoll, ſo werde ich deinem Vater zuvorkommen. Alſo, Julian, bei aller Achtung, die ich für dich hege, überlaſſe ich dir, zu gehen wohin du willſt, aber bitte dich, nie wieder den Fuß über ſiniii Schwelle zu ſetzen. Adieu, mein Sohn!“ (Fortſetzung folgt.) Ein geiſter⸗Club. Unter den Sonderbarkeiten des Tages iſt in England die Errichtung eines„Geiſterclubs“— nicht, wie wohl anzunehmen wäre, ein Club zur Vereinigung ſchöner Gei⸗ ſter, aber eine Inſtitution für organiſirte Unterſuchung, ob die irdiſchen Wanderer wohl von jenen Grenzen zurück⸗ Die Antworten auf die Anzeige werden wohl zahlreich kkehren könnten, nach welchen wir Alle mit ſolchem Intereſſe blicken. Der Club meint es ganz ernſtlich, wie wohl aus der Thatſache erhellt, daß das Comité öffentlich nach einem Geiſterhauſe— aber einem wirklichen— ſich erkundigt. ₰ ein die die der ſein läch Mel unſ hab gro Feierſtunden. 1864. einlaufen; und wenn, nach längeker, genauer Nachforſchung, nern— die Sache ſich als unbegründet erweiſen ſollte,— der Club Ruine: ein Geiſterhaus. Zwar lacht der alte Haushalter die Reſpektabilität des ſogenannten Geiſterhauſes alſo wie⸗ über die Idee, aber nimmt doch gern das Trinkgeld, das derherſtellen würde,— möchte er wohl von großem Nutzen der gläubige Geiſterhausbeſeher ihm gibt. Das Haus hat ſein. Die Zahl ſolcher Häuſer in und um London iſt zwar das Intereſſe, das der Haushalter hauptſächlich her⸗ lächerlich groß— gute, wohnliche Häuſer, in die aber vorhebt, daß darin eine unglückliche Frau zwei Jahre lang Niemand ziehen will und die demnach verfallen. Sollten eingemauert geweſen, ohne einen Strahl Licht oder einen unſere Leſer„die Frau in Weiß“ von Collins geleſen Menſchen zu ſehen, doch dürfte dies wohl nicht rechtfer⸗ haben, werden ſie ſich einer Straßenbiegung in Finchle⸗ tigen, daß ſie nach ihrem Tode darin umginge. grood, wo die Heldin des Romans zuerſt erſcheint, erin⸗ gerade dort liegt, zwiſchen Bäumen gebettet, eine Schwein Wirkung ſtrenger Nälte auf die Metalle. Als Beweis für die erſtaunliche Wirkung, welche ſtrenge bei dem Verſuch, ihn aufzulüpfen, plötzlich, um die Worte Kälte auf die Metalle ausübt, erzählt man aus England: des Wärters zu gebrauchen, wie eine thönerne Tabakspfeifen⸗ Einer der Bahnwärter auf der London⸗Dover⸗Eiſenbahn, röhre mitten entzweibrach. Die Stange war von Schmiede⸗ Station Chatham, war in einer der kälteſten Nächte des eiſen, 2 ½ Zoll dick und beinahe einen Centner ſchwer, und dohon) geben? jehſt du en, 8 dchen und gntereſſe wohl aus ach einem riundigt zohlri 1 Januar im Begriff, das Signal beim Eintritt in den Tun⸗ nel zu geben, als der hiezu dienende gewaltige eiſerne Heber, vollkommen guter Qualität. Eiſen von B— e. an der Stelle des Bruchs ſelbſt zeigte ſich das . Die Tarenteſſa. (Siehe die Abbildung auf der nächſten Seite.) Unter allen neueren italieniſchen Tänzen iſt die Ta⸗ rentella(nicht Tarantella), die, gleich der„Sicilienne“, viel Aehnlichkeit mit dem Fandango hat, der lebhafteſte und mannigfaltigſte. Beide ſind eine Miſchung von ſpaniſchem und italieniſchem Tanz, und ſcheinen zu einer Zeit entſtan⸗ den zu ſein, wo ſpaniſche Sitten in Italien herrſchten. Sie iſt der Lieblingstanz der Neapolitaner, wird überall im Königreiche getanzt, beſteht in wilden Bewegungen und Gliederverdrehungen, die immer ſchneller und ſchneller wer— den und zuletzt in ein krampfhaftes Beben auszittern, und gab, obwohl urſprünglich in Tarent heimiſch und von dort ſtammend, zur Fabel von dem Tarantelſtich Anlaß, deſſen Gift, wie man behauptete, nur durch Transſpiration un⸗ wirkſam gemacht werden könnte. Wer das Unglück hatte, von einer Tarantel, einer bekannten, in ganz Italien ver⸗ breiteten, irrthümlich für giftig gehaltenen Spinnengattung, gebiſſen oder geſtochen zu werden, mußte um jeden Preis zum Schwitzen kommen, und durch was konnte der Schweiß ſchneller hervorgerufen, das Gift durch alle Poren des Kör⸗ pers herausgetrieben werden, als durch gewaltſame Bewe⸗ gung, hervorgebracht durch wilde, faſt melodiſche Muſik, die, aus wenigen Noten beſtehend, in immer ſchneller wer⸗ dendem Takte das einzige Reizmittel zu bleiben ſchien, um die Leidenden zur Anſtrengung aller ihrer Kräfte zu ver⸗ mögen. Die Muſik allein beſaß, bei den überhaupt tanz⸗ luſtigen Neapolitanern, die Kraft, die vermeintlich von Taranteln Geſtochenen, in Wahrheit aber nur von klima⸗ tiſchen Nervenzufällen Geplagten zum Umherſpringen zu vermögen, bis die äußerſte Erſchöpfung ihren Anſtrengun⸗ gen ein Ende machte, die Leidenden zu Boden ſtürzten und die auf dieſe Weiſe erzwungene Transſpiration nur ſelten den glücklichſten Erfolg verfehlte. Nach der Annahme der Neapolitaner, die ſich das gemeine Volk wenigſtens nicht ausreden läßt, iſt die Tarentella das ſpezifiſchſte Mittel. gegen die Wirkungen des Spinnenbiſſes, und hat man nach ihnen dem letzteren allein den Urſprung des Tanzes zu verdanken; ſeien ſie auch noch ſo vernünftig, alle Gegen⸗ einwendungen ſind bei ihnen vergebens. Die Muſik der Tarentella iſt außerordentlich lebhaft; dieſe wiederholten Trioletts im% Takt, der auf das Stärkſte markirt wird, ſind, mit der Lebendigkeit der Bewegung, im Stande, die ärgſten Stoiker zu elektriſiren. Liebe und Vergnügen ſind der ganze Inhalt des Tanzes. Jede Be⸗ wegung, jede Geberde wird mit der zierlichſten Anmuth ausgeführt. Durch die begleitenden Mandolinen, Tambou⸗ rins und Caſtagnetten erregt, ſucht die Tänzerin durch Leb⸗ haftigkeit und Anmuth das Intereſſe ihres Tänzers zu er— wecken, während dieſer ſeinerſeits ſich bemüht, ſie durch Gewandtheit, Zierlichkeit, Blicke und Beweiſe von Zärtlich⸗ keit zu gewinnen. Die beiden Tanzenden vereinigen und trennen ſich, kehren zu einander zurück, fliegen einander in die Arme, ſpringen auf's Neue davon, und zeigen in ihren (Geberden abwechſelnd Innigkeit, Liebe, Sprödigkeit und Un⸗ beſtändigkeit. Es kann unmöglich ein anmuthigeres Schau⸗ ſpiel geben, als dieſe eben ſo maleriſchen als ausdrucksvollen Gruppirungen. Bald faſſen ſie einander bei den Händen, der Mann knieet nieder, indeß die Dame um ihn herum tanzt; dann erhebt er ſich wieder, ſie flieht wieder von ihm und er verfolgt ſie mit eifriger Begierde. So iſt der Tanz nichts als Angriff und Vertheidigung, und Sieg oder Nie⸗ derlage ſcheint gleichmäßig ſein Zweck.— 2. a2g Luvebungee ee 1 aouvdvo ſʒ,, 5 M)), ſ 19 6 6 7 2 ſ M 3 ſi 1 dersldä Feierſtunden. — 1 S) 5 welch einer welche logiſch Datun wenn vicht ner b kannt als ſt rieth gar p als en kündig hatk. Male, terung Ander mir b. ſchneid war, ſich m Nachde zu ziel 2 mir E daran, gen ba mir zu nen fr ſie dan au Beide beneide N Coiler gewiß bilden dem j von J üf D terofff angen Adel geſehe ihnen „ das K Sie Art, mitte 8 8 N „——-——r—Q-ꝑQꝑꝑᷓʒQ—-— —————— Feierſtunden. 1864. Von Charles Dickens. (Fortſetzung «urch das, was zwiſchen Mrs. Pocket und 5 Drummle vorging, gelangte, während ich meine Aufmerkſamkeit auf die Handha bung des Meſſers, der Gabel, des Löffels,⸗ der Gläſer und anderer töͤdtlicher Werkzeuge richtete, zu meiner Kenntniß, daß Drummle, welcher den Vornamen Bentley führte, wirklich der zweitnächſte Erbe einer Baronetswürde war. Ferner ergab ſich daraus, daß jenes Buch, welches Mrs. Pocket im Garten ſo eifrig ſtudirt hatte, nur ein genea logiſcher Kalender war, und daß ſie genau wußte, unter welchem Datum ihr Großpapa in dem Buche würde verzeichnet worden ſein, wenn er überhaupt darin aufgenommen worden wäre. Drummle ſagte nicht viel(er ſchien ein ſehr mürriſcher Menſch zu ſein), aber in ſei⸗ ner beſchränkten Weiſe ſprach er wie einer der Auserwählten, und er⸗ kannte Mrs. Pocket als eine Frau und eine Schweſter an. Niemand, als ſie Beide und Mrs. Coiler, die ſchmeichleriſche Nachbarin, ver⸗ rieth Intereſſe für dieſe Unterhaltung, und für Herbert ſchien ſie ſo— gar peinlich zu ſein. Deſſen ungeachtet wollte ſie kein Ende nehmen, als endlich der Bediente eintrat, um ein häusliches Mißgeſchick anzu⸗ kündigen. Es beſtand darin, daß die Köchin das Ochſenfleiſch verlegt hatte. Zu meinem unbeſchreiblichen Erſtaunen ſah ich jetzt zum erſten Male, wie Mr. Pocket ſeinem Gemüthe durch eine Procedur Erleich⸗ terung verſchaffte, die mir höchſt ſonderbar vorkam, aber auf keinen Anderen der Anweſenden den geringſten Eindruck machte, und die auch mir bald ebenſowenig auffiel, wie den Uebrigen. Er legte das Vor⸗ ſchneidemeſſer und die Gabel, mit denen er ſoeben beſchäftigt geweſen war, nieder, griff mit beiden Händen in ſein wirres Haar, und ſchien ſich mit aller Gewalt mittelſt deſſelben in die Höhe ziehen zu wollen. Nachdem er dies gethan, ohne ſich jedoch im Geringſten in die Höhe zu ziehen, fuhr er mit ſeiner früheren Beſchäftigung fort. Mrs. Coiler ging hierauf von ihrer Unterhaltung ab und begann mir Schmeicheleien zu ſagen. Eine kurze Zeit lang fand ich Gefallen daran, allein ſie ſchmeichelte auf ſo plumpe Weiſe, daß mein Vergnü⸗ gen bald aufhörte. Wie eine doppelzüngige Schlange pflegte ſie ſich mir zu nähern, indem ſie vorgab, für meine Verwandten und mei⸗ nen früheren Wohnort großes Intereſſe zu hegen, ſo daß ich, wenn ſie dann und wann auf Starlop, welcher wenig mit ihr ſprach, oder auf Drummle, welcher noch weniger ſagte, einen Angriff machte, Beide um ihre Sitze auf der entgegengeſetzten Seite des Tiſches ſehr beneidete. Nach dem Eſſen wurden die Kinder herein geführt, und Mrs. Coiler bewunderte die Schönheit ihrer Augen, Naſen und Beine,— gewiß eine ſehr verſtändige Art und Weiſe, den Geiſt der Kinder zu bilden. Es waren vier kleine Mädchen da und zwei Buben, außer dem jüngſten Kinde und ſeinem erwarteten Nachfolger. Sie wurden von Millers und Flopſon herein gebracht, als wenn dieſe beiden Un⸗ teroffiziere aus geweſen wären, um Kinder zu rekrutiren, und dieſe angeworben hätten; während Mrs. Pocket auf die jungen, um ihren Adel gekommenen Weſen hinab ſah, als ob ſie dieſelben ſchon einmal geſehen zu haben glaubte, ohne jedoch recht zu wiſſen, was ſie aus ihnen machen ſolle. „Hier, Madame, geben Sie mir Ihre Gabel und nehmen Sie das Kind,“ ſagte Flopſon.„Nicht ſo müſſen Sie es anfaſſen, oder Sie werden ſeinen Kopf unter den Tiſch ſtecken.“. Der Weiſung folgend, griff Mrs. Pocket das Kind auf andere Art an und brachte ſeinen Kopf auf den Tiſch, was den Anweſenden mittelſt eines heftigen Krachens verkündet wurde. Feierſtunden. 1864. 3 —— große Erwartungen. Aus dem Engliſchen übertragen von L. Dubois. von S. 240.) „Oh, oh, geben Sie es mir zurück, Madame,“ ſagte Flopſon, „und Miß Jance, bitte, kommen Sie und tanzen Sie ihm etwas vor.“ Eins von den kleinen Mädchen,— ein wahres Würmchen, das vor der Zeit eine gewiſſe Aufſicht über die Anderen übernommen zu haben ſchien,— trat aus ihrem Platze neben mir hervor und tanzte vor dem Kinde hin und her, bis es aufhörte zu weinen, und zu lachen begann. Dann lachten ſämmtliche Kinder mit, und Mr. Pocket (welcher in der Zwiſchenzeit wieder zweimal verſucht hatte, ſich an den Haaren in die Höhe zu ziehen), lachte, und wir lachten Alle und waren fröhlich.— Flopſon gelang es endlich, das Kleine, indem ſie es wie eine Gliederpuppe zuſammen klappte, auf Mrs. Pocket'’s Schoos zu ſetzen, und gab ihm einen Nußknacker zum Spielen in die Hand, wobei ſie jedoch Mrs. Pocket aufmerkſam darauf machte, daß die Griffe dieſes Inſtruments den Augen des Kindes gefährlich werden könnten, und Miß Jane anwies, darauf zu achten. Dann verließen beide Wär terinnen das Zimmer und hatten auf der Treppe einen lebhaften Streit mit dem liederlichen Bedienten, welcher bei Tiſche aufgewartet und offenbar die Hälfte loren hatte. der Knöpfe an ſeiner Jacke im Spiel ver⸗ Große Unruhe ergriff mich, als ich ſah, daß Mrs. Pocket ſich mit Drummle in ein ſehr eifriges Geſpräch über zwei Baronetswür⸗ den einließ, während ſie ein Orangenſchnittchen, in Zucker und Wein getaucht, aß, und das Kind auf ihrem Schooße gänzlich vergaß, wel⸗ ches die tollſten Streiche mit dem Nußknacker trieb. Endlich bemerkte jedoch die kleine Jane die dem Gehirn des Kindes drohende Gefahr, und verließ deßhalb leiſe ihren Platz, und wußte ihm durch allerhand Kunſtgriffe und Schmeicheleien die gefährliche Waffe abzunehmen. Mrs. Pocket aber, welche gerade in dieſem Augenblicke mit der Orange fertig war und die Handlung des kleinen Mädchens nicht billigte, ſagte zu Jane: „Du unartiges Kind, wie kannſt du dir das unterſtehen? Au genblicklich gehe und ſetze dich nieder!“. „Liebe Mama,“ flüſterte das Mädchen,„das Kleine würde ſich die Augen ausgeſtoßen haben.“ „Wie kannſt du mir ſo etwas ſagen?“ entgegnete Mrs. Pocket. „Gehe und ſetze dich wieder auf deinen Platz!“ 7 Mrs. Pocket hatte in dieſem Momente eine ſo niederſchmetternde Würde, daß ich ſelbſt ganz ängſtlich wurde, als wenn ich Veranlaſ⸗ ſung zu ihrem Zorne gegeben hätte.— „Belinda,“ ſagte dagegen Mr. Pocket vom anderen Ende des Tiſches,„wie kannſt du ſo ungerecht ſein? Jane that es ja nur zum Schutze des Kindes.“ „Ich werde Niemandem ſo etwas erlauben,“ erwiederte Mrs, Pocket.„Es wundert mich, Matthias, daß du mich einer ſolchen Schmach ausſetzen kannſt.“ „Guter Gott!“ rief Mr. Pocket in völliger Verzweiflung.„Sol⸗ len Kinder ſich mit einem Nußknacker umbringen dürfen, ohne daß Jemand es verhindert?“ „Ich will nicht dulden, daß Jane ſich ſo etwas gegen mich er⸗ laubt,“ verſetzte Mrs. Pocket, indem ſie einen majeſtätiſchen Blick auf die kleine Frevlerin warf,„und weiß, was ich der Stellung meines armen Großvaters ſchuldig bin. Jane,— in der That!“ Mr. Pocket fuhr ſich mit beiden Händen in die Haare und zog ſich dieſes Mal wirklich einige Zoll von ſeinem Stuhle empor. „Höret nur!“ rief er verzweifelnd den Elementen zu.„Kinder . 35 274 —-————— müſſen mit Nußknackern umgebracht werden um der terlicher Großväter willen!“ Dann ließ er ſich wieder nieder und ſchwieg. Stellung müt⸗ Während dieſer Scene ſchauten wir Alle verlegen auf das Tiſch⸗ tuch. Eine Pauſe folgte, in der das ehrliche Kleine, ohne ſich ſtören zu laſſen, krähend und lachend verſchiedene Sprünge nach Jane machte, welche, außer den Dienſtboten, das einzige Mitglied der Familie zu ſein ſchien, mit dem es wirkliche Bekanntſchaft hatte. „Mr. Drummle,“ ſagte Mrs. Pocket,„wollen Sie die Güte haben zu ſchellen, damit Flopſon komme? Jane, du unartiges Ding, gehe und lege dich zu Bett. Jetzt, mein liebes Kleines, komme mit Mama!“ 1 Das Kleine aber war die Ehrlichkeit ſelbſt und proteſtirte mit aller Macht. Sich rückwärts über Mrs. Pocket's Arm werfend, zeigte es der Geſellſchaft an Stelle ſeines weichen Geſichtchens ein Paar kleine geſtrickte Schuhe und fette Beinchen, und wurde in höchſt re⸗ belliſchem Zuſtande hinaus getragen. Dennoch behielt es ſeinen Wil⸗ len, denn wenige Minuten ſpäter ſah ich durch das Fenſter, daß es von der kleinen Jane gewartet wurde. Es geſchah, daß die anderen fünf Kinder am Eßtiſche zurück⸗ blieben, da Flopſon gewiſſe Privatgeſchäfte hatte und außer ihr ſich Niemand um ſie kümmerte. Auf dieſe Weiſe lernte ich das zwiſchen ihnen und Mr. Pocket beſtehende Verhältniß kennen, welches ſich mir in folgendem Lichte zeigte. Mr. Pocket betrachtete ſie mit mehr als gewöhnlicher Zerſtreutheit und verworren in die Höhe ſtehendem Haar mehrere Minuten lang, als wenn er ſich nicht zu erklären vermöchte, wie es komme, daß ſie gerade in dieſem Hauſe Koſt und Wohnung genöſſen, und weßhalb ſie nicht anderswo einquartirt worden ſeien. Dann legte er ihnen in kaltem und fremdem Schulmeiſtertone meh⸗ rere Fragen vor,— zum Beiſpiel, wie es komme, daß der kleine Joe ein Loch in ſeinem Halskragen habe, worauf Letzterer antwor⸗ tete, daß Flopſon es zu ſtopfen verſprochen, wenn ſie Zeit habe, oder, — wie die kleine Fanny zu ihrem Nagelgeſchwüre komme, worauf das Kind erwiederte, daß Millers verſprochen habe, ein Pflaſter dar⸗ auf zu legen, wenn ſie es nicht vergeſſe. Alsdann ſchmolz ſein Herz zu väterlicher Zärtlichkeit, und er gab jedem der Kinder einen Schil⸗ ling und gebot ihnen zu gehen und zu ſpielen, worauf er, nach einer letzten gewaltſamen Anſtrengung, ſich an dem Haar in die Luft zu ziehen, den hoffnungsloſen Gegenſtand aufgab. Am Abend ſollte auf dem Fluſſe gerudert werden. Da Drummle ein Boot beſaß und Starton auch, ſo beſchloß ich, mir ebenfalls ein Boot anzuſchaffen und Beide auszuſtechen. Ich beſaß eine ziemliche Gewandtheit in allen körperlichen Uebungen, in denen die Knaben auf dem Lande erfahren ſind; aber da ich fühlte, daß es mir an Eleganz in der Handhabung des Ruders für die Themſe— ohne anderer Flüſſe zu erwähnen— fehlte, ſo trat ich ſofort bei dem Gewinner eines Preisbootes in die Lehre, welcher an unſerer Waſſertreppe ſei⸗ nen Stand hatte, und mit dem meine neuen Verbündeten mich be⸗ kannt machten. Dieſe Perſon von praktiſcher Autorität ſetzte mich durch die Aeußerung in große Verlegenheit, daß ich den Arm eines Schmieds habe. Hätte der Mann ahnen können, wie nahe er daran war, durch dieſes Kompliment ſeinen Schüler zu verlieren, ſo würde er es ſchwerlich gemacht haben. Nach unſerer Heimkunft am Abend wurde ein kaltes Nachteſſen ſervirt, welches uns ohne Zweifel vortrefflich geſchmeckt haben würde, wenn ſich nicht ein unangenehmer häuslicher Vorfall ereignet hätte. Mr. Pocket war in der beſten Laune, als plötzlich eine Magd eintrat und zu ihm ſagte: „Verzeihen Sie, ich möchte gern mit Ihnen ſprechen.“ „Mit dem Herrn ſprechen?“ rief Mrs. Pocket, welche ſich da⸗ durch wieder in ihrer Würde verletzt fühlte.„Wie kannſt du dir ſo etwas einfallen laſſen? Geh und ſprich mit Flopſon. Oder ſprich mit mir— zu einer anderen Zeit.“ ——————Q́ᷓ’— Feierſtunden. 1864. ————ℳ—;—O-——; — „Verzeihen Sie, Madame,“ entgegnete das Hausmädchen,„ich möchte gern gleich ſprechen, und mit dem Herrn.“ Mr. Pocket verließ hierauf das Zimmer, und wir unterhielten uns während ſeiner Abweſenheit ſo gut es ging. „Das iſt etwas Schönes, Belinda!“ ſagte er, als er zurückkam, mit Kummer und Verzweiflung im Geſichte.„Die Köchin liegt völlig betrunken und bewußtlos in der Küche am Boden, und im Schranke ſteht ein großer Haufe friſcher Butter, die ſie eingeſchlagen hat, um ſie als altes Fett zu verkaufen.“ Mes. Pocket verrieth ſogleich eine ſtarke und ſehr liebenswürdige Gemüthsbewegung, indem ſie ſagte: „Das hat wieder die abſcheuliche Sophie gethan!“ „Was meinſt du, Belinda?“ fragte Mr. Pocket. „Sophie hat es dir geſagt,“ verſetzte die Frau.„Habe ich nicht mit meinen eigenen Augen und Ohren wahrgenommen, wie ſie ſo eben in das Zimmer kam und mit dir zu ſprechen verlangte?“ „Aber hat ſie mich nicht auch hinab geführt, Belinda,“ erwie⸗ derte Mr. Pocket,„und mir die Betrunkene und den Haufen Butter gezeigt?“ „Willſt du es noch vertheidigen, Matthias,“ rief Mrs. Pocket, „daß ſie ſolches Unheil ſtiftet?“ Mr. Pocket ſtöhnte aus tiefſter Bruſt. „Bin ich die Enkelin meines Großvaters, um hier im Hauſe nichts zu ſein?“ fuhr ſie fort.„Ueberdies war die Köchin immer eine anſtändige, ehrerbietige Perſon und ſagte, als ſie kam, um ſich bei mir zu vermiethen, daß ich, ihrer Meinung nach, zu einer Für⸗ ſtin geboren ſei.“ An der Stelle, wo Mr. Pocket ſich befand, ſtand ein Sopha, auf das er in der Stellung eines ſterbenden Gladiators niederſank. Aber ſelbſt in dieſer Stellung ſagte er noch:„Gute Nacht, Mr. Pip,“ worauf ich es für gerathen hielt, ihn zu verlaſſen und zu Bett zu gehen.— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Wenige Tage ſpäter, nachdem ich mich in meinem Zimmer ein⸗ gerichtet hatte, und mehrere Male nach London hin und zurück ge⸗ gegangen war, um bei meinen Handwerkern Alles zu beſtellen, deſſen ich bedurfte, hatte ich mit Mr. Pocket eine lange Unterredung. Er wußte über die mir beſtimmte Laufbahn mehr als ich ſelbſt, denn er erwähnte, von Mr. Jaggers gehört zu haben, daß ich für keinen be⸗ ſonderen Beruf beſtimmt ſei, und daß es für mich genügend ſein würde, diejenige Bildung zu erlangen, welche mich befähigte, eine feſte und paſſende Stellung unter jungen Leuten der höheren Stände einzunehmen. Ich unterwarf mich natürlich dieſer Anordnung, da ich nichts dagegen einzuwenden wußte. Er rieth mir, zur Erlernung der nöthigen Vorkenntniſſe gewiſſe Anſtalten in London zu beſuchen und ihm die Leitung und Erläute⸗ rung meiner geſammten Studien zu übertragen, und ſprach dabei die Hoffnung aus, daß ich unter einem verſtändigen Beiſtande auf keine Schwierigkeiten ſtoßen würde, die mich zu entmuthigen geeignet wä⸗ ren, ſowie, daß ich bald jeder anderen Hülfe, als der ſeinigen, würde entbehren können. Durch die Art und Weiſe, in der er mir dieſes und manches Andere mittheilte, ſtellte er ſich merkwürdig ſchnell auf einen vertrauten Fuß mit mir, wobei ich nicht unerwähnt laſſen kann, daß er in der Erfüllung der von ihm übernommenen Verpflichtungen einen Eifer und eine Gewiſſenhaftigkeit an den Tag legte, die mich nöthigte, ebenſo eifrig und gewiſſenhaft in der Erfüllung der meini⸗ gen zu ſein. Hätte er als mein Lehrer Gleichgültigkeit verrathen, ſo würde ich als Schüler ohne Zweifel das Kompliment erwiedert haben; allein er gab mir nie eine ſolche Veranlaſſung, und ein Jeder von uns that deßhalb ſeine Schuldigkeit. Auch fiel mir an ihm, in ſei⸗ ner Stellung als mein Lehrer, nie etwas Lächerliches auf, ich ſah ihn immer nur ernſt, redlich und gut. ſwar, mir beibel haben bert z nichts ehe ei gung dieſe dieſes und l gers! gemie würde „Ich l Nun, Pfun⸗ „ 1 wieden „ Hände die Bl wort „ „Zwei mal fi 0 ſein i „ die S ich la⸗ ſetzte den J machen nend, und z T einen nehme knarre geſenk ließ e Stiefe ſem 2 immer aud J nehm daß t völlg hranke mhat, um ſin immer ;, um ſich einer Für⸗ u Sophn, wederſank. acht, Mr. nd zu Bett mmer ein⸗ zurück ge⸗ len, deſſen dung. Er —, denn er keinen be⸗ ngend ſein e, eint en Stände dnung, da ſſ gewiſſt Erläute⸗ dabei dit auf keint tignet wä⸗ en, würde nit ditſts ſchnell auf aſſen kann, üchtungel die mich „ ntini⸗ . Ihen, ſo haben; „der von „in ſei⸗ ith ſot Feierſtunden. 1864. Nachdem alles dieſes beſprochen und ſo weit ausgeführt worden war, daß ich meine Studien mit Eifer hatte beginnen können, kam mir der Gedanke, daß, wenn ich das Zimmer im Hotel Barnard beibehalten könnte, meine Lebensweiſe manche angenehme Abwechslung haben würde, während meine Manieren durch den Umgang mit Her⸗ bert zugleich gewinnen müßten. Mr. Pocket hatte gegen dieſen Plan⸗ nichts einzuwenden, aber machte mich aufmerkſam darauf, daß ich ehe ein Schritt zu ſeiner Ausführung geſchehen könne, die Genehmi⸗ gung meines Vormundes einzuholen habe. Ich ſah deutlich, daß er dieſe Bedingung lediglich deßhalb ſtellte, weil durch die Ausführung dieſes Planes ſeinem Sohne Herbert manche Koſten erſpart würden, und begab mich deßhalb ſogleich nach Little Britain, um Mr. Jag gers meine Wünſche vorzutragen. „Wenn ich das Mobiliar kaufen könnte, welches jetzt für mich gemiethet iſt,“ ſagte ich,„und noch einige andere kleine Dinge, ſo würde ich dort ganz gut eingerichtet ſein.“ „Recht ſo!“ verſetzte Mr. Jaggers mit einem kurzen Lachen. „Ich habe ja vorher geſagt, daß Sie Fortſchritte machen würden. Nun, wie viel brauchen Sie denn?“ Ich erwiederte, daß ich es nicht wüßte. „Ach, was!“ entgegnete Mr. Jaggers.„Wie viel? Pfund?“ „Oh, bei Weitem nicht ſo viel!“ „Fünf Pfund?“ fragte Mr. Jaggers. Das war ein ſo großer Unterſchied, daß ich ganz verwirrt er⸗ wiederte:„Nein, mehr als das.“ Fünfßzig „Mehr als das, wie?“ verſetzte Mr. Jaggers, indem er, die Hände in den Taſchen haltend, den Kopf auf die Seite geneigt, und die Blicke auf die hinter mir befindliche Wand gerichtet, meiner Ant⸗ wort wartete.„Wie viel mehr?“ „Es iſt ſchwer, eine Summe zu beſtimmen,“ ſagte ich zaudernd. „Nun, wir wollen es verſuchen!“ fuhr Mr. Jaggers fort. „Zweimal fünf,— iſt das genug? Oder dreimal fünf? Oder vier⸗ mal fünf? Wird das genügen?“ Ich erwiederte, daß das meiner Anſicht nach vollkommen genug ſein würde.. „Viermal fünf wird vollkommen genug ſein?“ wiederholte er, die Stirne runzelnd.„Nun, was machen Sie aus viermal fünf?“ „Was ich daraus mache?“ „Ja, wie viel?“ „Ich glaube, Sie machen auch zwanzig Pfund daraus,“ bemerkte ich lächelnd. „O, was ich daraus mache, iſt gleichgültig, mein Freund,“ ver ſetzte Mr. Jaggers, indem er den Kopf mit einer ſchlauen, verneinen⸗ den Miene in die Höhe warf.„Ich will wiſſen, was Sie daraus machen.“ „Zwanzig Pfund, natürlich.“ „Wemmick!“ rief Mr. Jaggers,„die Thür der Schreibſtube öff nend,„laſſen Sie ſich von Mr. Pip eine ſchriftliche Anweiſung geben, und zahlen Sie ihm zwanzig Pfund aus.“ Dieſe eigenthümliche Art, Geſchäfte zu betreiben, machte auch einen eigenthümlichen Eindruck auf mich, und zwar keinen von ange⸗ nehmer Art. Mr. Jaggers lachte nie; aber er trug große, blanke, knarrende Stiefeln, und wenn er ſich, eine Antwort erwartend, mit geſenktem Kopfe und gerunzelter Stirne auf ihnen hin und her wiegte, ließ er ſie zuweilen ſo laut knarren, daß es faſt klang, als wenn die Stiefeln auf eine trockene, argwöhniſche Weiſe lachten. Da er in die⸗ ſem Augenblicke gerade hinaus ging, ſo ſagte ich zu Wemmick, der immer aufgereimt und geſprächig war, daß ich kaum wiſſe, was ich aus Mr. Jagger’s Benehmen machen ſolle. „Sagen Sie ihm das, und er wird es als ein Kompliment an⸗ nehmen,“ erwiederte Wemmick;„es iſt auch gar nicht ſeine Abſicht, daß Sie wiſſen ſollen, was daraus zu machen ſei. Oh!“ fügte er 275 hinzu, als ich ihn erſtaunt anblickte,„das hat keine perſönliche Be⸗ ziehung; es iſt geſchäftsmäßig,— nur geſchäftsmäßig.“ Wemmick ſtand an ſeinem Pulte und genoß ſein Frühſtück,— das heißt, er kaute einen harten Zwieback, von dem er kleine Stücke abbrach und in ſeinen ſchmalen Mund ſteckte, wie wenn er Briefe in einen Poſtkaſten ſchöbe. „Es kommt mir immer ſo vor, als ob er eine Menſcheufalle auf⸗ geſtellt hätte, und ſie beobachtete. Mit einem Male macht es— ſchnapp!— und man iſt gefangen!“ Ohne zu erwähnen, daß Menſchenfallen nicht zu den Annehm lichkeiten des Lebens gehören, ſagte ich nur, es ſcheine mir, daß er ſehr geſchickt ſei. „Tief, wie Auſtralien,“ verſetzte Wemmick, indem er mit ſeiner Feder auf den Fußboden der Schreibſtube deutete, um zu verſtehen zu geben, daß Auſtralien zum Zwecke ſeiner Redefigur als auf der entgegengeſetzten Seite des Erdballs liegend betrachtet werden müſſe. „Wenn es noch etwas Tieferes gäbe,“ fügte er, die Feder wieder auf das Papier bringend, hinzu,„ſo würde er auch das ſein.“ „Alſo hat er wohl ein gutes Geſchäft?“ ſagte ich, und Wemmick antwortete:„Ka— pi— tal!“ Dann fragte ich, ob viele Schreiber beſchäftigt würden, worauf er erwiederte: „Wir halten keine große Zahl, denn es gibt nur einen Jaggers, und die Clienten wollen keinen Stellvertreter für ihn haben. Wir ſind nur unſerer vier. Wünſchen Sie ſie vielleicht kennen zu lernen? Sie ſind ja, ſo zu ſagen, einer von uns.“ Ich nahm das Anerbieten an. Nachdem Mr. Wemmick den Reſt des Zwiebacks in ſeinen Briefkaſten geſchoben und mir das Geld aus einer eiſernen Kiſte gezahlt hatte, deren Schlüſſel er irgendwo auf ſeinem Rücken trug und wie einen Zopf unter dem Rockkragen her⸗ vorzog, ſtiegen wir die Treppe hinauf. Das Haus war dunkel und unſauber, und die ſchmutzigen Schultern, die ihre Merkmale in Mr. Jaggers Zimmer zurückgelaſſen hatten, ſchienen ſich auch Jahre lang auf der Treppe hinauf und hinunter geſchoben zu haben. Im Vor⸗ derzimmer des erſten Stockwerks war ein Schreiber, der wie ein Mittelding zwiſchen einem Bierwirthe und einem Rattenfänger aus⸗ ſah, ein dicker, bleicher, aufgedunſener Mann, mit mehreren Leuten von dürftigem Aeußern ſehr eifrig beſchäftigt, die er ebenſo unhöflich behandelte, wie hier ein Jeder behandelt zu werden ſchien, der dazu beitrug, Mr. Jaggers Geldkiſten zu füllen. „Er ſammelt Beweiſe für ein Verfahren in der Bailey,“ ſagte Mr. Wemmick, als wir das Zimmer wieder verlaſſen hatten. In dem über dem letzteren belegenen Gemache des zweiten Stock⸗ werks fanden wir einen Schreiber, welcher einem kleinen Dachshunde nicht unähnlich war, mit lang herunter hängendem Haare, der mit einem Manne auf ähnliche Weiſe beſchäftigt war, der ſehr ſchwache Augen zu haben ſchien. Mr. Wemmick ſchilderte mir den Letzteren als einen Schmelzer, bei dem der Tiegel fortwährend thätig war, der Alles ſchmolz, was ihm gebracht wurde, und der ſich in einer ſo weißglühenden Hitze befand, als wenn er ſeine Kunſt an ſich ſelbſt verſucht hätte. In einem hinteren Zimmer befand ſich ein hochſchul⸗ teriger Mann, der an Geſichtsſchmerzen litt und ſich deßhalb den Kopf mit einem ſchmutzigen Stück Flanell verbunden hatte, und deſ⸗ ſen ſchwarze Kleider ſo ausſahen, als wenn ſie gewichst worden wä⸗ ren. Er ſaß über ſeine Arbeit gebeugt und machte Abſchriften von denjenigen Vermerken, welche die beiden Anderen für Mr. Jaggers Gebrauch geſammelt hatten. Das war das ganze Perſonal. Als wir die Treppe wieder hinab ſtiegen, führte mich Wemmick in das Zimmer meines Vormundes und ſagte: „Dies haben Sie ſchon geſehen.“ „Bitte,“ erwiederte ich, als die zwei widrigen Büſten mit den verzerrten Geſichtern mir wieder in das Auge fielen,„weſſen Bild⸗ niſſe ſind dieſe?“ 35* indem er ſeine weide und das Grab mit der Urne zu ſehen waren, und hinzufügte: 276 „Dieſe?“ verſetzte Wemmick, indem er auf einen Stuhl ſtieg und den Staub von den gräßlichen Köpfen abblies, ehe er ſie herunter nahm.„Das ſind zwei ſehr berühmte Perſönlichkeiten. Ausgezeich⸗ nete Clienten von uns, die uns viel Ehre eingetragen haben. Dieſer Burſche hier,— ei, Patron, du mußt in der Nacht herab geſtiegen ſein und in das Dintenfaß geguckt haben, da du einen ſo ſchwarzen Fleck auf deine Augenbraunen bekommen haſt, du alter Schurke,— dieſer ermordete ſeinen Herrn, und hatte ſich die Sache nicht ſchlecht ausgedacht, wenn man bedenkt, daß der Beweis eigentlich nicht voll⸗ ſtändig gegen ihn geführt wurde.“ „Iſt die Büſte ihm ähnlich?“ fragte ich, vor dem Ungeheuer zurückweichend, während Wemmick auf die Augenbraunen ſpie und ſie mit dem Aermel abrieb. „Aehnlich? Er ſelbſt iſt es! Der Gypsabdruck wurde in New⸗ gate genommen, ſobald er herunter geſchnitten worden war. Du hat⸗ teſt eine beſondere Vorliebe für mich, du alter Schlaukopf,— nicht wahr?“ ſagte Wemmick, und erklärte ſodann dieſe zärtliche Anrede, Buſennadel berührte, auf der die Dame, die Trauer⸗ „Er ließ ſie beſonders für mich machen!“ „Stellt die Dame eine beſtimmte Perſon vor?“ fragte ich. „Nein,“ entgegnete Wemmick,„nur ein Spaß von ihm.(Hat⸗ teſt gern deinen Spaß, nicht wahr?) Nein, es kam keine Dame in der Sache vor, außer einer,— die aber nicht ſo ſchlank und elegant war, wie dieſe, und ſich um keine Urne gekümmert haben würde, wenn nichts zu trinken darin war.“ Da Wemmick's Aufmerkſamkeit auf dieſe Weiſe der Buſennadel zugewendet worden war, ſo ſetzte er die Gypsbüſte nieder und putzte erſtere mit dem Taſchentuche. „Hat jenes andere Weſen daſſelbe Ende genommen?“ fragte ich. „Das Geſicht ſieht gerade ebenſo verzerrt aus.“ „Sie haben Recht,“ verſetzte Wemmick,„es ſieht ebenſo aus,— faſt ſo, als wenn der eine Naſenflügel mit einem Pferdehaar und einem kleinen Angelhaken in die Höhe gezogen worden wäre. Ja, er nahm daſſelbe Ende,— hier ein ganz natürliches Ende, wie ich Sie verſichern kann. Der Burſche fälſchte Inſtrumente,— wenn er nicht gar auch die Teſtatoren zur ewigen Ruhe gebracht hat. Aber du warſt ein feiner Kamerad,“— fügte Mr. Wemmick, wieder an die Büſte gerichtet, hinzu,—„und ſagteſt, du könnteſt Griechiſch ſchrei⸗ ben. Bah, Prahler, was für ein Lügner du warſt,— ich habe nie einen größeren geſehen!“ Ehe er ſeinen abgeſchiedenen Freund wieder auf den Bücherſchrank ſtellte, berührte er den größten ſeiner Trauerringe und ſagte:„Noch am letzten Tage ließ er dieſen für mich kaufen!“ Während er die zweite Büſte ebenfalls auf ihren Platz ſtellte und dann vom Stuhle herab ſtieg, kam ich auf den Gedanken, daß wahr⸗ ſcheinlich alle an ſeiner Perſon befindliche Koſtbarkeiten aus ähnlichen Quellen herrührten; und da er bisher in Betreff des Gegenſtandes durchaus nicht zurückhaltend geweſen war, ſo nahm ich mir die Frei⸗ heit, ihn darüber zu befragen, als er wieder vor mir ſtand und ſich die Hände abſtäubte. „Allerdings,“ erwiederte er,„es ſind lauter Geſchenke dieſer Art. Das Eine bringt das Andere; ſo geht es. Ich nehme ſie ſtets an; denn es ſind Kurioſitäten, und zugleich Eigenthum. Sie mögen kei⸗ nen großen Werth haben, aber laſſen ſich leicht tragen. Für Sie, mit Ihren glänzenden Ausſichten, würden ſie nichts ſein, allein was mich betrifft, ſo ging mein Streben immer dahin, dergleichen trag⸗ bares Eigenthum zu erlangen.“ Nachdem ich dieſem weiſen Prinzipe meine Huldigung gezollt hatte, fuhr er in freundſchaftlichem Tone fort: „Wenn Sie zu irgend einer Zeit, in der Sie nichts Beſſeres zu thun haben, nach Walworth kommen und mich beſuchen wollten, ſo könnte ich Ihnen ein Bett anbieten und würde mich ſehr geehrt füh⸗ len. Viel habe ich Ihnen nicht zu zeigen, aber einige Kurioſitäten Feierſtunden. 1864. —— —; würden Ihnen doch vielleicht gefallen. Auch beſitze ich ein hübſches Gärtchen mit einem kleinen Luſthauſe.“ Ich erwiederte, daß ich mit großem Vergnügen von ſeiner Gaſt⸗ freundſchaft Gebrauch machen würde. „Ich danke Ihnen,“ verſetzte er;„wir wollen alſo annehmen, daß es geſchehen wird, ſobald es Ihnen gelegen iſt. Haben Sie ſchon bei Mr. Jaggers zu Mittag geſpeist?“ „Noch nicht.“ „Nun,“ ſagte Wemmick,„er wird Ihnen Wein vorſetzen, und zwar guten Wein,— Punſch, und gewiß keinen ſchlechten Punſch. Eins aber will ich Ihnen ſagen: Wenn Sie bei ihm ſpeiſen, ſo ſehen Sie ſich ſeine Haushälterin an.“ „Iſt etwas ſehr Ungewöhnliches an ihr zu ſehen?“ „Je nun,“ erwiederte Wemmick,„Sie werden da ein wildes Thier ſehen, das gezähmt worden iſt. Nicht ſehr ungewöhnlich, wer⸗ den Sie ſagen; allein ich entgegne, daß das von dem Grade der ur⸗ ſprünglichen Wildheit und der angewendeten Zähmung abhängt. Es wird Ihnen keine geringere Meinung von Mr. Jaggers Macht geben. Geben Sie nur darauf Acht!“ Ich ſagte, daß ich es thun würde, und zwar mit der vollen Spannung und Aufmerkſamkeit, die er durch ſeine Andeutungen in mir erweckt hätte. Als ich im Begriffe war zu gehen, fragte er mich, ob ich fünf Minuten daran wenden wolle, um Mr. Jaggers„bei der Arbeit“ zu ſehen. Aus verſchiedenen Gründen, und namentlich dem, daß mir nicht recht klar war, bei welcher Art von Arbeit Mr. Jaggers zu finden ſein werde, antwortete ich bejahend. Wir tauchten in die City hinab und kamen in einem von Menſchen voll gedrängten Gerichtshofe wie⸗ der empor, wo(in mörderiſchem Sinne des Wortes) ein Blutsver⸗ wandter jenes Verſtorbenen mit dem ſeltſamen Geſchmacke für Buſen⸗ nadeln, vor den Schranken ſtand und auf ſehr unbehagliche Weiſe etwas kaute, während mein Vormund eine Frau im Verhör, oder Kreuzverhör,— ich weiß nicht was,— hatte, und ſie und die Rich⸗ ter und alle Anweſenden mit Schrecken erfüllte. Sobald irgend Je⸗ mand, von welchem Stande er auch ſein mochte, etwas ſagte, das ihm nicht gefiel, ſo bat er augenblicklich darum, daß es„niederge⸗ ſchrieben“ werde. Wenn irgend Jemand mit der Sprache nicht her⸗ „O, ich will es ſchon aus Ihnen heraus be⸗ kommen!“ und wenn Jemand etwas einräumte, ſo ſagte er:„Jetzt habe ich Sie!“ Die Richter überlief ein Schauder, ſobald er nur an ſeinem Finger nagte. Diebe zund Diebsfänger horchten mit Beben und Entzücken auf ſeine Worte, und zitterten, ſobald ein Haar ſei⸗ ner Augenbraunen ſich nach ihnen wandte. Auf welcher Seite er war, vermochte ich nicht zu entdecken, denn er ſchien mit allen An⸗ weſenden auf gleichmäßiger Weiſe zu verfahren; aber ſo viel weiß ich, daß er, als ich mich auf den Zehenſpitzen wieder hinausſchlich, nicht auf der Seite der Richter war; denn er ließ die Beine des alten Herrn, welcher den Vorſitz hatte, unter dem Tiſche förmlich krampf⸗ haft zucken, indem er ihn als Repräſentant der britiſchen Geſetze und Gerechtigkeit wegen ſeines Verfahrens an dieſem Tage auf das Hef⸗ tigſte angriff. aus wollte, ſo rief er: Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Bentley Drummle, welcher ein ſo mürriſcher Menſch war, daß er ſelbſt ein Buch ſo aufnahm, als wenn der Verfaſſer deſſelben ihm damit eine Beleidigung zugefügt hätte, zeigte ſich auch einem neuen Bekannten gegenüber nicht anders. Schwerfällig von Figur, Bewe⸗ gung und Faſſungskraft, mit einem trägen Geſichtsausdrucke und einer großen ungeſchickten Zunge, die ſich in ſeinem Munde umher zu wälzen ſchien, wie er ſelbſt ſich im Zimmer umherwälzte, war er zugleich ſtolz, geizig, zurückhaltend und mißtrauiſch. Er gehörte einer rreichen Familie in Somerſetſhire an, welche ihn, den Beſitzer dieſer Sigenſchaften, auferzogen hatte, bis es ſich ergab, daß er volljährig —— und lich als ſten geha eine ware orde „obe ich in d rude rend kam zu habe. Emo⸗ wush war Mr. Hau war zimn nan⸗ war ſchn geg⸗ eige ſchor acht in ma h übſches eine Geſt ß mir nicht finden City hinab shofe wie Biutsver⸗ für Buſen⸗ 1 Maiſ. — Weiſe ör, oder raus be⸗ r:„Jebzt r nur an rit Beben r Seite er allen An⸗ el w iß ich, — em ————————————— Feierſtunden. 1864. 277 ———:-n—rorrryy—nrryuyͤuurrn—r——————— und ein Dummkopf geworden war. So war Bentley Drummle end⸗„Iſt es Ihre Abſicht, zu Fuße nach Walworth hinunter zu lich zu Mr. Pocket gekommen, als er bereits einen Kopf größer war gehen?“ fragte er. als der Letztere, und um ein halbes Dutzend Köpfe dicker als die mei⸗„Allerdings,“ erwiederte ich,„wenn es Ihnen recht iſt.“ ſten Männer.„Vollkommen,“ war ſeine Antwort,„denn ich habe meine Beine Startop war von einer ſchwachen Mutter verzogen und zu Hauſe den ganzen Tag unter dem Tiſche gehabt und werde froh ſein, ihnen gehalten worden, wenn er in die Schule hätte gehen ſollen, aber hegte ſeine kleine Bewegung geben zu können. Jetzt will ich Ihnen ſagen, eine innige Liebe und unbegrenzte Bewunderung für ſie. Seine Züge Mr. Pip, was wir zum Nachteſſen haben werden. Ein Stück Schmor⸗ waren von faſt weiblicher Zartheit, und denen ſeiner Mutter außer⸗ fleiſch,— welches in meinem Hauſe bereitet worden iſt,— und ein ordentlich ähnlich,—„wie du ſehen kannſt,“ ſagte Herbert zu mir, kaltes gebratenes Huhn aus dem Speiſehauſe. Ich glaube, es wird „obgleich du ſie nie geſehen haſt.“ Es war deßhalb natürlich, daß zart ſein, denn der Beſitzer des Speiſeladens war vor kurzer Zeit ich mich an ihn mehr anſchloß, als an Drummle, und daß wir ſchon V Geſchworener in mehreren von unſeren Sachen, und wir machten es in den erſten Tagen unſerer Waſſerfahrten neben einander heimwärts V gelinde mit ihm. Ich erinnerte ihn daran, als ich das Huhn kaufte, ruderten und uns aus unſeren Booten mit einander unterhielten, wäh⸗ und ſagte:„Suchen Sie nur ein gutes heraus, alter Freund; denn rend Drummle hinter uns, am Ufer entlang, allein nachgerudert wenn wir Sie ein paar Tage länger hätten feſthalten wollen, ſo wäre kam. Er pflegte immer wie eine furchtſame Amphibie längs dem Ufer es uns leicht geweſen.“ Er erwiederte darauf:„Erlauben Sie mir, zu ſchleichen, ſelbſt dann, wenn die Fluth ihn ſchnell fortgetrieben Ihnen mit dem beſten Huhn in meinem Laden ein Geſchenk zu haben würde, und ich ſehe ihn immer noch, wie er im Dunkeln hin⸗ machen.“ Natürlich erlaubte ich es ihm. So weit es reicht, iſt es ter uns zu kommen pflegte, während unſere beiden Boote, von den immer Eigenthum, und zwar tragbares. Sie haben doch nichts ge⸗ Strahlen der untergehenden Sonne oder vom Monde beſchienen, mit⸗ gen einen alten Vater einzuwenden, wie?“ ten im Strome trieben. Ich dachte in der That, er ſpräche noch von dem Huhn, bis er Herbert war mein vertrauter Freund und Gefährte. Ich nahm hinzufügte: ihn als Miteigenthümer meines Bootes auf, was dazu Veranlaſſung„Denn ich habe einen alten Vater in meinem Hauſe.“ gab, ldaß er häufig nach Hammerſmith kam, ſowie mein Mitbeſitz Ich antwortete darauf, was die Höflichkeit erheiſchte. an ſeiner Wohnung mich oft nach London führte. Wir pflegten zwi⸗„Alſo haben Sie bei Mr. Jaggers noch nicht geſpeist?“ fuhr er ſchen dieſen beiden Wohnungen zu allen Tageszeiten hin und her zu fort, während wir unſeren Weg verfolgten. gehen. Noch jetzt,— obgleich der Weg nicht mehr ſo ſchön iſt, wie„Nein, noch nicht.“ damals,— habe ich eine beſondexe Vorliebe für ihn, welche in der„Er ſagte es mir dieſen Nachmittag, als er hörte, daß Sie Empfänglichkeit einer noch nicht geprüften Tugend und Hoffnung er⸗ kämen. Wahrſcheinlich werden Sie morgen eine Einladung bekommen. wuchs. Er will zugleich Ihre Kollegen mit einladen. Es ſind ja wohl drei, Als ich ungefähr einen Monat in Mr. Pocket's Familie geweſen nicht wahr?“ war, erſchienen eines Tages Mr. und Mrs. Camilla. Letztere war Obgleich ich Drummle nicht zu meinen näheren Bekannten zu Mr. Pocket's Schweſter. Georgiana, die ich in Miß Havisham's zählen pflegte, ſo antwortete ich doch mit„Ja“. Hauſe bei derſelben Gelegenheit geſehen hatte, erſchien gleichfalls. Sie„Nun, er will die ganze Sippſchaft einladen,“— ein Ausdruck, war eine Couſine,— ein unangenehmes, unverheirathetes Frauen⸗ durch den ich mich nicht beſonders geſchmeichelt fühlte,—„und was zimmer, das ihre Bitterkeit— Religion, und ihre Leber— Liebe er Ihnen vorſetzen wird, das wird gut ſein. Erwarten Sie nicht nannte. Dieſe Leute haßten mich aus Habgier, und weil ihre Er⸗ ſehr zahlreiche Gerichte, aber vortreffliche. Auch noch eine andere wartungen getäuſcht worden waren; aber jetzt, in meinem Glücke, Eigenthümlichkeit iſt in ſeinem Hauſe,“ fuhr Wemmick nach einer ſchmeichelten ſie mir natürlich auf die niedrigſte Weiſe. Mr. Pocket kurzen Pauſe fort, als wenn dieſe Bemerkung ſich ſelbſtverſtändlich gegenüber, einem aufgewachſenen Kinde, das keine Idee von ſeinem auf das beziehe, was er früher in Betreff der Haushälterin geſagt eigenen Intereſſe hatte, zeigten ſie jene gefällige Nachſicht, die ich ſie hatte;„er läßt bei Nacht nie eine Thür oder ein Fenſter ver⸗ ſchon früher hatte ausdrücken hören. Seine Frau, Mrs. Pocket, ver⸗ ſchließen.“ achteten ſie, aber gaben zu, daß die arme Seele eine bittere Täuſchung„Iſt er nie beſtohlen worden?“ in ihrem Leben erfahren habe, weil dadurch zugleich auf ſie ſelbſt ein„Das iſt es!“ verſetzte Wemmick.„Er erklärt ganz öffentlich: mattes Licht reflektirt wurde.„Ich will den Mann ſehen, der mich beſtiehlt!: Mein Gott, hundert⸗ Das waren die Umgebungen, unter denen ich mich hier nieder⸗ mal habe ich ihn zu den ärgſten Spitzbuben in ſeinem Geſchäftszim⸗ ließ und meinen Studien oblag. Ich nahm bald koſtſpielige Gewohn⸗ mer ſagen hören: ‚Ihr wiſſet, wo ich wohne; kein Riegel wird bei heiten an und gab ſo viel Geld aus, wie ich noch wenige Monate mir zugeſchoben,— warum verſuchet ihr eure Kunſt nicht einmal bei vorher für fabelhaft gehalten hätte, aber vernachläſſigte nie, weder mir?. Wollt ihr euch nicht verführen laſſen?: Kein Einziger von im Guten noch im Böſen, meine Bücher. Es lag hierin kein ande⸗ Allen würde je ſo verwegen ſein, es für Geld oder gute Worte zu res Verdienſt, als daß ich Einſicht genug hatte, um meine Mängel verſuchen.“ zu erkennen. Mit Hülfe von Mr. Pocket und Herbert machte ich„So ſehr fürchten ſie ihn?“ ſagte ich. ſchnelle Fortſchritte; und da der Eine oder der Andere immer an.„Fürchten ihn,“ verſetzte Wemmick.„Ja wohl fürchten ſie ihn! meiner Seite war, um mir fortzuhelfen, oder Schwierigkeiten aus Aber zugleich iſt er auch ſchlau, indem er ihnen Trotz bietet. Kein meinem Wege zu räumen, ſo hätte ich in der That ein ebenſo großer Silber iſt im Hauſe,— nichts als Britania⸗Metall.“ Dummkopf wie Drummle ſein müſſen, wenn ich weniger geleiſtet„Dann würden ſie allerdings nicht viel bekommen,“ bemerkte ich, hätte.„ſelbſt wenn ſie—“ 8 Seit mehreren Wochen hatte ich Mr. Wemmick nicht geſehen, als„Ja, aber er würde viel bekommen,“ erwiederte Wemmick, mich ich eines Tages auf den Gedanken kam, ihm ein Briefchen zu ſchrei⸗ unterbrechend,„und ſie wiſſen es. Er würde ihnen das Leben neh⸗ ben und den Vorſchlag zu machen, an einem beſtimmten Abende mit men; mehr als zwanzig müßten es laſſen. Allen würde er es neh⸗ ihm nach ſeiner Wohnung zu gehen. Er antwortete darauf, daß es men, die er bekommen könnte. Und es iſt unmöglich zu ſagen, was ihm viel Vergnügen machen werde, und daß er mich um ſechs Uhr ſer nicht bekommen könnte, wenn es ihm darum zu thun iſt.“ in ſeiner Schreibſtube erwarten wolle. Ich begab mich dahin, und Ich dachte über die Größe meines Vormundes nach, als Wem⸗ fand ihn, als die Uhr ſchlug, gerade damit beſchäftigt, den Schlüſſel mick bemerkte:. ſeines Geldkaſtens in den Rücken hinab zu ſtecken.„Was den Mangel von Silbergeſchirr im Hauſe betrifft, ſo hat ————— — — ſtern, von denen die meiſten blind waren, und einer gothiſchen Thür, 4 ddie faſt zu klein war, um den Eintritt zu geſtatten. Feierſtunden. 1864. ——— —————— er nur in der natürlichen Tiefe von Mr. Jaggers ſeinen Grund. mit ſo außerordentlicher Kraft ſpielte, daß Einem davon die Hand Ein Fluß hat ſeine natürliche Tiefe, und er hat die ſeinige. Sie nur ſeine Uhrkette an; die iſt gewiß echt genug.“ „Sie iſt ſehr ſchwer,“ ſagte ich.“ „Schwer?“ wiederholte Wemmick,„ja, ich — Sehen ganz naß wurde. „Ich bin ſelbſt Ingenieur, Zimmermann, Klempner, Gärtner, und mache überhaupt Alles,“ ſagte Wemmick in Erwiederung auf glaube es. Und ſeine meine Komplimente.„Es thut Einem keinen Schaden, es kehrt die Uhr, eine goldene Repetiruhr, die mindeſtens hundert Pfund werth Spinngewebe von Newgate aus, und macht überdies dem Alten Ver⸗ iſt. Mr. Pip, es gibt ungefähr ſiebenhundert Diebe in dieſer Stadt, gnügen. Würden Sie nichts dagegen haben, wenn ich Sie ſogleich welche alle dieſe Uhr kennen. Kein Mann, kein Weib, kein Kind iſt mit dem Alten bekannt machte? Würde es Ihnen nicht unangenehm unter ihnen, denen nicht das kleinſte Glied jener Kette bekannt iſt, ſein?“ und die es wie rothglühendes Eiſen fallen laſſen würden, wenn ſie in Verſuchung geriethen, es zu berühren.“ Mit ſolchen Geſprächen, die ſich ſpäter ü ſtände verbreiteten, verkürzten wir die Zeit und den Weg, bis end⸗ lich Mr. Wemmick mir anzeigte, daß wir den Diſtrikt von Walworth erreicht hätten. Dieſer Stadttheil beſtand aus vielen Gäßchen, Gräben und klei⸗ Gärten, und gewährte einen traurigen, öden Anblick. Wemmichs us war ein kleines Holzgebäude, das in der Mitte eines Gartens kand, und deſſen Giebel ſo ausgeſchnitten und bemalt war, als wenn es eine mit Kanonen beſetzte Batterie wäre. „Mein eigenes Werk,“ ſagte Wemmick.„Es ſieht hübſch aus, nicht wahr?“ Natürlich lobte ich es außerordentlich. Uebrigens war es das kleinſte Haus, das ich je geſehen hatte, mit ſeltſamen gothiſchen Fen⸗ „Sehen Sie, das iſt eine richtige Flaggenſtange,“ ſagte Wem⸗ mick,„und Sonntags ſtecke ich eine wirkliche Flagge auf. Nun ſchen Sie hier! Wenn ich über die Brücke gegangen bin, ziehe ich ſie auf, — ſo,— und ſchneide die Kommunikation ab.“ Die Brücke beſtand in einem Brett, das über einem ungefähr zwei Fuß tiefen und vier Fuß breiten Graben lag. Aber es war amuſant, zu ſehen, mit welchem Stolze er ſie aufzeg, und dabei nicht mechaniſch, ſondern mit wahrer Freude lächelte. „Jeden Abend um neun Uhr,“ fuhr Wemmick fort,„wird die Kanone abgefeuert. Dort ſteht ſie,— ſehen Sie? ſie hören, werden Sie gewiß ſagen, daß ſie einen guten Schuß thut.“ Das Geſchütz, von dem er ſprach, ſtand in einer beſonderen, von Latten errichteten Feſtung, welche durch eine ſinnreich erdachte Wachs tuchbedeckung, in der Form eines Regenſchirms, gegen das Wette⸗ geſchützt wurde. „Dann befinden ſich dahinter, ſo daß man es nicht ſehen kann, und daß der Eindruck der Feſtung nicht geſchwächt wird,— denn es iſt mein Grundſatz, eine Idee, die ich einmal gefaßt habe, auch aus⸗ zuführen; ich weiß nicht, ob es Ihr Prinzip auch iſt—“ Ich bemerkte, daß es ganz entſchieden bei mir auch Grund⸗ ſatz ſei. „Dahinter befinden ſich ein Schwein, mehrere Hühner und Ka⸗ ninchen. Auch mache ich ſelbſt die nöthigen Rahmen zu Miſtbeeten und ziehe Gurken; und Sie werden heute beim Eſſen ſehen, was für Salat ich herſtellen kann. So, lieber Herr,“ ſagte Wemmick, aber⸗ mals lächelnd, aber zugleich ernſt den Kopf ſchüttelnd,„wenn Sie annehmen, daß die kleine Feſtung belagert wäre, würde ſie ſich mit ihrem Proviant verteufelt lange halten können.“ Hierauf führte er mich in eine Laube, welche kaum zwölf Schritte entfernt, aber nur auf ſo gewundenen Wegen zu erreichen war, daß es verhältnißmäßig lange dauerte, bis man dahin gelangen konnte. Hier, an dieſem abgelegenen Orte, waren unſere Gläſer ſchon bereit. Der Punſch ſtand zur Abkühlung in einem kleinen See, an deſſen Ufer die Laube errichtet war. Dieſes Waſſer, in deſſen Mitte ſich eine kleine Inſel befand, war von runder Form, und Wemmick hatte einen Springbrunnen darin angelegt, der, wenn man eine kleine Mühle in Bewegung ſetzte und den Pfropfen aus einer Röhre zog, Ich drückte meine Bereitwilligkeit aus, wie ich ſie wirklich em⸗ vfand, und wir traten in das ſchloßartige Gebände. Dort ſaß ein ber allgemeinere Gegen⸗ alter Mann, in einem Flanellrock, am Feuer. Er war ſehr ſauber, heiter und wohl gepflegt, aber, wie es ſchien, ſehr taub. „Nun, alter Papa,“ ſagte Wemmick, ihm herzlich die Hand ſchüt⸗ telnd,„wie geht es?“ „Ganz gut, John, ganz gut,“ erwiederte der alte Mann. „Hier iſt Mr. Pip, Papa,“ ſagte Wemmick;„ich wollte, du könn⸗ teſt ſeinen Namen hören. Nicken Sie ihm zu, Mr. Pip, das hat er gern. Bitte, nicken Sie ihm zu!“ „Dieſe Beſitzung meines Sohnes i*ſt recht ſchön,“ ſchrie der alte Mann, während ich ihm mit allen Kräften zunickte,—„hübſche An⸗ lagen! Wenn mein Sohn einmal nicht mehr da iſt, ſollte die Nation ſie ankaufen und zur Beluſtigung des Volkes in Stand erhalten.“ „Du biſt ſtolz darauf wie Punch, nicht wahr, Papa?“ rief Wemmick, den Alten betrachtend, während ſeine ſonſt ſo harten Züge weicher wurden, und nickte ihm wiederholt zu, indem er ſagte:„So haſt du es gern, Alter, nicht wahr? Wenn es nicht zu ermüdend für Sie iſt, Mr. Pip,— ich weiß, es iſt ſo für Fremde,— ſo bitte ich Sie, nicken Sie ihm noch einmal zu. Sie glauben nicht, wie große Freude es ihm macht.“ Ich nickte ihm noch mehrere Male zu, und er war ſehr erfreut. Dann verließen wir ihn, indem er ſich anſchickte, die Hühner zu füt⸗ tern, und wir ſetzten uns bei dem Punſch in der Laube nieder, wo mir Wemmick, ſeine Pfeife rauchend, erzählte, daß es ihn viele Jahre gekoſtet habe, um ſein kleines Beſitzthum zu der jetzt erreichten Voll⸗ Und wenn Sie kommenheit zu erheben. „Iſt es Ihr freies Eigenthum, Mr. Wemmick?“ fragte ich. „Allerdings,“ verſetzte er.„Ich habe es nach und nach ange⸗ kauft; es iſt ein Freigut, bei Georg!“ „Wirklich? Ohne Zweifel hat es Mr. Jaggers auch gefallen?“ „Er hat es nie geſehen,“ entgegnete Wemmick,—„nie davon gehört; hat auch nie den Alten geſehen, nie von ihm gehört. Nein, die Schreibſtube iſt Eins, und das Privatleben iſt ein Anderes. Wenn ich in unſere Schreibſtube gehe, ſo laſſe ich das Schloß hinter mir zurück, und wenn ich wieder in mein Schloß komme, ſo bleibt die Schreibſtube hinter mir zurück. Sofern es Ihnen nicht unangenehm iſt, ſo wird es mir lieb ſein, wenn Sie es eben ſo machen. Ich höre nicht gern im Geſchäfte davon ſprechen.“ Ich erachtete es natürlich für meine Pflicht, dieſen Wunſch zu erfüllen. Da der Punſch ſehr gut war, ſo blieben wir trinkend und plaudernd ſitzen, bis es beinahe neun Uhr war. „Es wird bald Zeit ſein, die Kanone abzufeuern,“ ſagte Wem⸗ mick, indemper ſeine Pfeife niederlegte;„dem Alten macht es die größte Freude.“ Als wir in das Schloß zurückkehrten, fanden wir den Alten da⸗ mit beſchäftigt, ein Schüreiſen glühend zu machen, was er mit er⸗ wartungsvollen Augen als eine Vorbereitung zu der großen Cere⸗ monie that, die jeden Abend ſtattfand. Wemmick hielt die Uhr in der Hand, bis der Augenblick gekommen war, um dem Alten das rothglühende Schüreiſen aus der Hand zu nehmen und nach der Bat⸗ terie zu gehen. Er ergriff es, ging hinaus, und im nächſten Augen⸗ blicke ging das Geſchütz mit einem Knalle los, der das ſchwache kleine Holzgebäude dergeſtalt erſchütterte, daß ich glaubte, es müſſe zuſam⸗ menfallen, und daß alle Gläſer und Taſſen raſſelten. Dann rief der wort Sin mir den! bezog ause verſ Ver um hiel Gla ſitze ten dem ten Küch und die hän den leg zu jallen?“ davon Nein, Wemn —————444 Feierſtunden. 1864. ——òͦ⅔—;ꝛ⅔ℳ—::-—C—C——ͤy———— Alte,— der aus ſeinem Seſſel, glaube ich, empor geſchleudert wor⸗ Laus der ihm eigenen Abneigung, irgend ein Zugeſtändniß zu den wäre, wenn er ſich nicht an der Lehne gehalten hätte,— mit triumphirender Stimme:„Es iſt abgefeuert! Ich habe es gehört!“ worauf ich ihm ſo lange zunickte, bis ich ihn, im ganz eigentlichſten Sinne des Wortes, nicht mehr ſehen konnte. Die Zwiſchenzeit bis zum Nachteſſen verwendete Wemmick dazu, mir ſeine Sammlung von Merkwürdigkeiten zu zeigen. Sie beſtan⸗ den meiſtens aus Gegenſtänden, welche ſich auf verübte Verbrechen. bezogen; unter Anderen eine Feder, mit der eine berühmte Fälſchung ausgeführt worden war, einige Raſirmeſſer, mehrere Haarlocken und verſchiedene Manuſcripte, angeblich Bekenntniſſe von verurtheilten Verbrechern, auf die Mr. Wemmick beſonderen Werth legte, da ſie, um mich ſeiner eigenen Worte zu bedienen,„nichts als Lügen ent⸗ hielten.“ Dieſe Dinge lagen anmuthig zerſtreut unter verſchiedenen Glas⸗ und Porzellanwaaren, mannigfachen Kleinigkeiten, die der Be⸗ ſitzer der Sammlung ſelbſt angefertigt hatte, und mehreren vom Al⸗ ten aus Holz geſchnitzten Pfeifenſtopfern. Sie waren ſämmtlich in demjenigen Zimmer des Schloſſes ausgelegt, welches ich zuerſt betre⸗ ten hatte, und das nicht nur als Wohngemach, ſondern auch als Küche diente, wenn ich nach einer Pfanne, die an der Wand hing, und nach einer metallenen Schraube über dem Kamine urtheilen durfte, die jedenfalls dazu beſtimmt war, den Bratenwender daran aufzu⸗ hängen. Zur Bedienung war ein ſauberes kleines Mädchen da, welches den Tag über für den Alten ſorgte. Nachdem ſie das Tiſchtuch ge⸗ legt hatte, wurde die Brücke hinunter gelaſſen, um ihr den Ausweg zu öffnen, und ſie ging heim für die Nacht. Das Eſſen war vor⸗ trefflich; und obgleich im Schloſſe eine trockene Fäulniß herrſchte, die ihm den Geruch einer ſchlechten Nuß gab, und obgleich das Schwein etwas entfernter hätte ſein können, ſo ließ doch die Bewirthung im Allgemeinen nichts zu wünſchen übrig. Selbſt mein kleines Schlaf zimmer im Thurme war leidlich, abgeſehen von der Decke, welche ſo dünn war, daß es mir, als ich im Bett auf dem Rücken lag, ſchien, als müſſe ich die oberhalb befindliche Flaggenſtange die ganze Nacht hindurch auf meiner Stirne balanciren. Wemmick war am Morgen frühzeitig auf, und wenn ich mich nicht täuſchte, ſo hörte ich ihn meine Stiefel putzen. Dann begann er im Garten zu arbeiten und beſchäftigte ſich mit dem Alten, dem er, wie ich von meinem gothiſchen Fenſter aus ſah, auf ſehr herzliche Weiſe zunickte. Unſer Frühſtück war eben ſo gut, wie das Nachteſſen geweſen war, und um halb neun Uhr traten wir den Weg nach Little Britain an. Während wir dahin gingen, wurde Wemmick all⸗ mählig immer trockener und härter, und ſein Mund nahm wieder die Form der Oeffnung eines Briefkaſtens an. Als wir endlich das Ge⸗ ſchäftslokal erreicht hatten, und er den Schlüſſel aus dem Rockkragen hervor zog, ſchien er ſeine Beſitzung in Walworth ſo gänzlich ver⸗ geſſen zu haben, als wenn das Schloß und die Zugbrücke, und die Laube, und der See, mit dem Springbrunnen, und der Alte von dem letzten Kanonenſchuſſe in die Luft geſprengt worden wären. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Es kam ſo, wie Wemmick mir prophezeit hatte, und ich erhielt bald Gelegenheit, die häusliche Einrichtung meines Vormundes mit der ſeines Schreibers und Kaſſirers zu vergleichen. Mein Vormund befand ſich in ſeinem Zimmer und wuſch ſich die Hände mit der wohlriechenden Seife, als ich in das Geſchäftslokal trat, und er rief mich zu ſich und gab mir für mich und meine Freunde die Ein⸗ ladung, auf die Wemmick mich vorbereitet hatte. „Keine Uuiſtände,“ machte er zur Bedingung,„keine beſondere Kleidung, nnd morgen.“ Ich fragte, wo wir ihn treffen ſollten(denn ich wußte nicht, wo ſeine Privatwohnung lag), worauf er erwiederte,— wahrſcheinlich —O——; ——ᷓ́ʒnʒn-— 279 ———————————— machen: „Kommen Sie hierher, und ich werde Sie mit mir nach Hauſe führen.“ Bei dieſer Gelegenheit will ich bemerken, daß er, wie ein Zahn⸗ arzt oder Chirurg, die Gewohnheit hatte, ſich ſtets zu waſchen, ſobald ſeine Klienten von ihm abgefertigt worden waren. Zu dieſem Zwecke hatte er neben ſeinem Zimmer ein mit den nöthigen Erforderniſſen verſehenes Kabinet, welches nach der wohlriechenden Seife ſo ſtark roch, wie ein Parfümerieladen. Ein ungewöhnlich großes Handtuch hing an der Thür, und jedesmal, wenn er von einem Gerichtshofe heim kam oder einen Klienten aus ſeinem Zimmer entlaſſen hatte, wuſch er ſich die Hände und trocknete ſie mit dem ganzen Handtuche ab. Als wir, meine Freunde und ich, ihn am folgenden Tage um ſechs Uhr dort aufſuchten, ſchien er mit einem ungewöhnlich ſchwar⸗ zen Verbrechen zu thun gehabt zu haben, denn wir fanden ihn da⸗— mit beſchäftigt, ſich nicht blos die Hände, ſondern auch das Geſichtng zu waſchen und ſich den Mund zu reinigen. Und nachdem er alles dieſes gethan und das Handtuch von einem Ende bis zum andern be⸗ nutzt hatte, zog er noch das Federmeſſer hervor, um den böſen Fall auch unter den Nägeln hervor zu kratzen, ehe er ſeinen Rock anzog.. Als wir auf die Straße hinaustraten, ſchlichen, wie gewöhnlich, mehrere Leute umher, die ihn augenſcheinlich gern ſprechen wollten; allein in dem Geruch von wohlriechender Seife, der ihn umgab, lag 4 etwas ſo Entſcheidendes, daß ſie den Verſuch für dieſen Tag aufgaben. Während wir unſeren Weg weſtwärts verfolgten, wurde er häufig von einzelnen Perſonen im Straßengedränge erkannt, und ſo oft dies geſchah, ſprach er lauter mit mir; aber nie beachtete er ſelbſt eine ſolche Pekſon, oder verrieth auf andere Weiſe, La er erkannt wor⸗ den war. Er führte uns nach Gerard Street, Soho Square, und in ein Haus, welches auf der ſüdlichen Seite dieſer Straße lag. Es war ein ſtattliches Gebäude in ſeiner Art, aber ſah äußerlich ſehr vernach⸗ läſſigt aus und hatte ſehr ſchmutzige Fenſter. Er zog ſeinen Schlüſ⸗ ſel hervor und öffnete die Thür, worauf wir ſämmtlich in einen öden, ſteinernen Hausflur traten, und von hier aus eine finſtere Treppe empor ſtiegen, welche zu drei neben einander belegenen dunkeln Zim⸗ mern des erſten Stockwerks führte. An den mit Holz bekleideten Wänden waren geſchnitzte Guirlanden angebracht, deren Anblick mich, als er unter ihnen ſtand, um uns zu bewillkommnen, unwill⸗ kürlich an gewiſſe Schlingen anderer Art erinnerte. In dem beſten dieſer Zimmer ſtand der gedeckte Tiſch; das zweite war ſein Ankleidezimmer, und das dritte ſein Schlafgemach. Er ſagte aus, daß er das ganze Haus inne habe, aber ſelten mehr da⸗ von benütze, als diejenigen Räume, welche wir ſahen. Der Tiſch war reichlich verſehen,— aber natürlich ohne Silbergeſchirr,— und neben ſeinem Stuhle ſtand ein geräumiger Seitentiſch, mit verſchie⸗ denen Flaſchen und Karaffinen und vier mit Obſt gefüllten Schüſſeln zum Deſſert. Ich machte am ganzen Abend die Bemerkung, daß er Alles unter eigener Kontrole hatte und ſelbſt vertheilte. In demſelben Zimmer ſtand ein Schrank, mit Büchern gefüllt, deren Rückſeiten mir ſagten, daß ſich ihr Inhalt auf Kriminalgeſetz⸗ gebung, kriminaliſtiſche Biographien, gerichtliche Unterſuchungen und dergleichen bezog. Das Mobiliar des Zimmers war ſolid und gut, wie die Uhrkette des Beſitzers; aber es hatte ein geſchäftsmäßiges Ausſehen und enthielt nicht ein einziges Stück, das nur als Zierrath⸗ hätte dienen können. In einer Ecke ſtand ein kleiner, mit Papieren bedeckter Tiſch, und auf demſelben eine Schirmlampe, ſo daß es ſchien, als wenn Mr. Jaggers ſeine Schreibſtube mit nach Hauſe brächte, ſie Abends dahin rollte, und dann von Neuem an die Ar⸗ beit ginge. Da er meine drei Gefährten bis jetzt kaum geſehen hatte,— denn er war den ganzen Weg nur mit mir gegangen,— ſo ſtellte 280 er ſich, nachdem er geſchellt hatte, vor das Kamin und warf einen prüfenden Blick auf ſie. Zu meinem Erſtaunen ſchien er vom erſten Augenblicke an hauptſächlich für Drummle, oder vielmehr nur für ihn, Intereſſe zu nehmen. „Pip,“ ſagte er, ſeine große Hand auf meine Schulter legend und mich an das Fenſter führend,„ich kenne ſie nicht. Wer iſt die Spinne?“ „Die Spinne?“ erwiederte ich. „Das aufgedunſene, anmaßende, mürriſche Geſicht.“ „Das iſt Bentley Drummle,“ antwortete ich;„der mit dem zarten Geſichte iſt Startop.“ Ohne den Letzteren,„mit dem zarten Geſichte“, im Geringſten zu beachten, verſetzte er: „Bentley Drummle iſt ſein Name? Der Burſche gefällt mir.“ Sogleich begann er eine Unterhaltung mit Drummle, ohne ſich durch deſſen zurückhaltendes Weſen abweiſen zu laſſen, und eher, wie und ſie trat, und das erſte Gericht auf den Tiſch ſetzte. Sie war ein Frauenzimmer von ungefähr vierzig Jahren, wie es mir ſchien; allein ich mochte ſie, wie die Jugend es gewöhnlich thut, für älter gehalten haben, als ſie wirklich war. Im Uebrigen hatte ſie eine ſchlanke Geſtalt, ein ſehr bleiches Geſicht, mit großen, blaßblauen Augen, und ein üppiges, wallendes Haar. Ich weiß nicht, ob es vielleicht von einem Herzleiden herrührte, daß ihre Lip⸗ pen ſo geöffnet waren, als ob ſie fortwährend keuchte, und daß ihr Geſicht einen ſeltſamen, ängſtlichen Ausdruck trug; allein ich hatte wenige Tage vorher Macbeth auf dem Theater geſehen, und ihr Ge⸗ Keſſel der Hexen hatte aufſteigen ſehen. Sie ſetzte das Gericht auf den Tiſch, berührte den Arm mei⸗ nes Vormundes leiſe mit dem Finger, um ihm anzuzeigen, daß das Eſſen aufgetragen ſei, und verſchwand wieder. Wir nahmen unſere Sitze an dem runden Tiſche ein, und mein Vormund ließ Drummle auf der einen Seite neben ſich ſitzen, während Startop auf der an⸗ dern ſaß. Es war ein vortreffliches Gericht Fiſche, das die Haus⸗ hälterin aufgetragen hatte, und nach demſelben folgte ein eben ſo guter Hammelsbraten und ausgezeichnetes Geflügel. Saucen, Wein und ſonſtige Nebendinge reichte uns der Wirth von ſeinem Neben⸗ tiſche, und nachdem ſie herumgegeben worden waren, ſtellte er ſie jedesmal wieder dahin. Ebenſo reichte er uns auch zu jedem Gerichte reine Teller, Meſſer und Gabeln, und ſchob die gebrauchten in zwei Körbe, welche neben ſeinem Stuhle anf dem Fußboden ſtanden. Keine andere Bedienung erſchien, als die Haushälterin; ſie trug jedes Ge⸗ richt auf, und jedesmal glaubte ich ihr Geſicht aus jenem Keſſel auf⸗ ſteigen zu ſehen. Mehrere Jahre ſpäter brachte ich eine grauenhafte Aehnlichkeit dieſes Geſichtes dadurch hervor, daß ich ein anderes Ge⸗ ſicht, welches mit dem Letzteren keine andere Aehnlichkeit, als die des wallenden Haares hatte, in einem dunkeln Zimmer hinter einer Bowle mit brennendem Spiritus vorüber gehen ließ. Da ich zu einer genaueren Beobachtung der Haushälterin ſowohl durch ihre Erſcheinung wie durch die vorangegangenen Bemerkungen von Seiten Wemmick's veranlaßt worden war, ſo bemerkte ich, daß ſie ihre Augen ſtets aufmerkſam auf meinen Vormund gerichtet hielt, und daß ſie von jedem aufgetragenen Gerichte ihre Hände nur zögernd abzog, als wenn ſie fürchtete, von ihm zurückgerufen zu werden, und wünſchte, alles Nöthige von ihm zu hören, ſo lange ſie ſich in ſeiner Nähe befand. Ich glaubte an ſeinem Weſen erkennen zu können, daß er deſſen bewußt ſei und ſie abſichtlich ſo lange als möglich in Span⸗ nung erhalte. Das Mahl ging fröhlich von Statten, und obgleich mein Vor⸗ mund der Unterhaltung mehr zu folgen, als ſie anzuregen ſchien, ſo ſah ich doch, daß er jedem von uns ſeine ſchwächeren Seiten abzu⸗ locken wußte. Was mich betraf, ſo hatte ich, ehe ich mir noch recht 4 Feierſtunden. 1864. ——-:————————trurͤͤͤ—y—unur——————— —-——;; bewußt war, die Lippen geöffnet zu haben, meine Neigung verrathen, verſchwenderiſch zu leben, Herbert zu protegiren und mit meinen großen Erwartungen zu prahlen. So war es mit uns Allen, aber mit keinem mehr, als mit Drummle, deſſen Hang, die Anderen auf hämiſche und verdächtigende Weiſe zu verhöhnen, aus ihm heraus gelockt wurde, ehe wir noch das erſte Gericht beendigt hatten. Es war aber nicht dann, ſondern erſt ſpäter, beim Nachtiſch, daß die Unterhaltung auf unſere Fertigkeiten als Ruderer gelenkt und Drummle damit geneckt wurde, daß er Abends ſo langſam und allein hinter uns her zu ſchleichen pflegte. Drummle bemerkte hierauf ge⸗ gen unſeren Gaſtgeber, daß er lieber allein ſei, als in unſerer Geſell⸗ ſchaft,— daß er, was das Rudern betreffe, uns weit überlegen, und was Kraft anbelange, im Stande ſet, uns wie Spreu zerſtieben könne. Mittelſt irgend einer geheimen Macht wußte mein Vormund ihn bei dieſem ſo gleichgültigen Gegenſtande faſt bis zur Wuth zu treiben, worauf er anfing, ſeinen Arm zu ſpannen, um die Muskeln deſſel⸗ ben zu zeigen, und wir, lächerlicher Weiſe, ſämmtlich daſſelbe thaten. Gerade in dieſem Augenblicke war die Haushälterin beſchäftigt, den Tiſch abzuräumen, während mein Vormund, ohne ſie zu beach⸗ ten und mit abgewendetem Geſichte, auf ſeinem Stuhle zurückgelehnt ſaß, und, an ſeinem Finger nagend, Drummle mit jenem Intereſſe beobachtete, das mir ganz unerklärlich war. Plötzlich legte er ſeine große Hand auf den Arm der Haushälterin, welcher gerade über den Tiſch geſtreckt war. Dieſes geſchah ſo ſchnell und unerwartet, daß wir Alle mit unſerem thörichten Streite inne hielten. „Da Sie von Kraft ſprechen,“ ſagte Mr. Jaggers,„ſo will ich Ihnen doch einen Arm zeigen. Molly, laß deinen Arm ſehen!“ Die von ihm ergriffene Hand lag auf dem Tiſche, aber die an⸗ dere hatte ſie hinter ſich, auf dem Rücken, verſteckt. „Herr!“ ſagte ſie mit leiſer Stimme und bittendem Blicke, „thuen Sie es nicht!“ „Ich will Ihnen einen Arm zeigen,“ wiederholte Mr. Jaggers mit unerſchütterlicher Feſtigkeit.„Molly, laß deinen Arm ſehen.“ „Herr,“ murmelte ſie noch einmal,„bitte!“ „Molly,“ erwiederte Mr. Jaggers, nicht auf ſie, ſondern auf die entgegengeſetzte Seite des Zimmers blickend,„zeige deine beiden Arme,— ſchnell!“ Er nahm ſeine Hand von der ihrigen ab und ſtrich den Aermel ihres Kleides zurück, worauf ſie den bisher verſteckten Arm neben den anderen auf den Tiſch legte. Der eine war ſehr entſtellt und trug die Narben vieler Schnittwunden. Als ſie die beiden Arme aus⸗ ſtreckte, wandte ſie die Blicke von Mr. Jaggers ab und richtete ſie auf uns, Einen nach dem Andern aufmerkſam betrachtend. „Das iſt Kraft,“ ſagte Mr. Jaggers, indem er mit ſeinem Zei⸗ gefinger kaltblütig auf die Muskeln der Arme deutete.„Wenige Männer haben die Armkraft, welche dieſes Frauenzimmer beſitzt. Wunderbar iſt es, welchen gewaltigen Griff dieſe Hände haben. Ich habe Gelegenheit gehabt, viele Hände zu ſehen, aber keine, weder bei Männern noch bei Weibern, die kräftiger waren als dieſe.“ Während er dies in nachläſſigem, kritiſirendem Tone ſagte, fuhr ſie fort, uns ſämmtlich, Einen nach dem Anderen, zu betrachten. Sobald er aber aufhörte zu ſprechen, blickte ſie ihn wieder an. „Nun iſt es genug, Molly,“ ſagte darauf Mr. Jaggers mit einem leichten Kopfnicken;„du biſt bewundert worden, und kannſt nun gehen.“ Sie zog die Hände vom Tiſche zurück und verließ das Zimmer, worauf Mr. Jaggers die auf dem Nebentiſche ſtehende Weinflaſche er⸗ griff, ſein Glas füllte und ſie dann bei uns herum gehen ließ. „Um halb zehn Uhr, meine Herren, müſſen wir aufbrechen,“ ſagte er.„Benützen Sie alſo die Zeit. Ich freue mich, Sie Alle zu ſehen. Mr. Drummle, ich trinke Ihnen zu!“ Wenn es bei dieſer Auszeichnung Drummle's ſeine Abſicht war, ihn noch ſchärfer hervortreten zu laſſen, ſo gelang es ihm vollkommen. — Mit acht une acht Int ſeine lich Naw Dru Mit verle als Gel wor leiſe geg wiſſ ſehr daß verrau then, it meinen len, aber en auf hm heraus tten. Nachtiſch, gelenkt und ſondern auf ne beiden und trug mer beſibt haben. Ich weder bli ſagte, fuhr rachten⸗ z mit nagers I l, Abſicht w 89 ect- wollfontnte —— Feierſtunden. 1864. ————:fy———————; ——ℳ——:;::::::ͤyry—y—— Mit mürriſcher und triumphirender Miene drückte Letzterer ſeine Ver⸗ achtung gegen uns Alle auf ſo beleidigende Weiſe aus, daß es zuletzt unerträglich wurde. Durch alle Abſtufungen ſeines Betragens beob⸗ achtete ihn Mr. Jaggers mit dem ſchon vorher bemerkten ſeltſamen Intereſſe. Drummle ſchien in der That eine beſondere Würze für ſeinen Wein zu ſein. In unſerer knabenhaften Unbedachtſamkeit tranken wir wahrſchein⸗ lich zu viel Wein, denn es wurde außerordentlich viel geſprochen. Namentlich reizte uns eine plumpe, höhniſche Aeußerung von Seiten Drummle's, daß wir zu leichtſinnig mit unſerem Gelde umgingen. Mit mehr Eifer als Klugheit ließ ich mich dadurch zu der Antwort verleiten, daß die Bemerkung aus ſeinem Munde um ſo übler klinge, als er erſt vor wenigen Tagen in meiner Gegenwart von Startop Geld erborgt habe. „Nun,“ verſetzte Drummle,„es wird bezahlt werden.“ „Ich will das nicht in Zweifel ziehen,“ entgegnete ich,„aber ich dächte, jener Umſtand ſollte dich bewegen, den Mund über uns und unſer Geld zu halten.“ „Du dächteſt ſo?“ erwiederte Drummle,„oh mein Gott!“ „Ich glaube,“ fuhr ich fort, in der Meinung, etwas ſehr Stren⸗ ges zu ſagen,„du würdeſt Keinem von uns Geld leihen, wenn wir deſſen bedürften.“ „Du haſt Recht,“ verſetzte Drummle,„keinen Schilling würde ich Einem von euch leihen,— Niemandem.“ „Dann iſt es um ſo ſchmutziger, unter dieſen Umſtänden zu er⸗ borgen, dünkt mich.“ „Dünkt dich?“ ſagte Drummle,„ach Gott!“ Dieſes Benehmen war für mich ſo empörend,— namentlich da ich gegen ſeine mürriſche Dummheit nichts auszurichten vermochte, — daß ich Herbert's Bemühungen, mich zu beruhigen, zurückwies und ſagte: „Höre, Drummle, da wir einmal von dem Gegenſtande reden, ſo will ich dir ſagen, was zwiſchen mir und Herbert geſprochen wurde, als du jenes Geld erborgteſt.“ „Ich mag nicht wiſſen, was zwiſchen dir und Herbert geſprochen worden iſt,“ brummte Drummle;„und ich glaube,“ fügte er noch leiſer hinzu,„wir könnten alle Beide zum Teufel gehen und uns gegenſeitig ſchütteln.“ „Aber ich will es dir dennoch ſagen,“ erwiederte ich,„ob du es wiſſen willſt, oder nicht. Wir ſagten, daß du, als du das Geld ſehr vergnügt in die Taſche ſteckteſt, innerlich darüber zu lachen ſchienſt, daß Startop. ſo ſchwach war, es dir zu leihen.“ Jetzt lachte Drummle, die Hände in den Taſchen haltend und die Schultern in die Höhe ziehend, uns gerade in das Geſicht, und gab damit deutlich zu verſtehen, daß meine Behauptung wahr ſei und daß er uns Alle für Eſel halte. Nunmehr wandte ſich Startop an ihn, aber freundlicher, als ich es gethan hatte, und ermahnte ihn, nicht ſo unartig zu ſein. Da jedoch Startop ein lebhafter, einnehmender junger Mann war, und Drummle gerade das Gegentheil, ſo zeigte ſich Letzterer ſtets geneigt, jede Anſprache von ihm als eine perſönliche Beleidigung anzuſehen. Auf rohe, plumpe Weiſe antwortete er jetzt, und Startop verſuchte, dem Streite mit einer ſcherzhaften Bemerkung, über die wir Alle lachen mußten, ein Ende zu machen. Allein Drummle, der dieſe glückliche Wendung mehr als alles Andere übel nahm, zog, ohne eine Drohung zu äußern, die Hände aus der Taſche, fluchte, hob ein ſchweres Glas auf, und würde es unfehlbar ſeinem Gegner an den Kopf geworfen haben, wenn nicht Mr. Jaggers es ihm gerade im rechten Augenblicke aus der Hand geriſſen hätte. „Meine Herren,“ ſagte Letzterer darauf, ruhig das Glas auf den Tiſch ſtellend und ſeine goldene Repetiruhr, mit der ſchweren Kette, aus der Taſche ziehend,„ich bedaure, Ihnen anzeigen zu müſſen, daß es halb zehn Uhr iſt.“ In Folge dieſes Winkes erhoben wir uns ſämmtlich, um zu Feierſtunden. 1864. —eö————- A— 281 ——ꝛò⅔B⅔B:B:B:⁊⁊äy———— gehen. Ehe wir die Hausthür erreichten, wandte ſich Startop freund⸗ lich an Drummle und nannte ihn„alter Junge“; allein der alte Junge war ſo wenig geneigt, darauf einzugehen, daß er nicht ein⸗ mal auf dem Heimwege nach Hammerſmith mit Startop auf derſel⸗ ben Seite gehen wollte. Herbert und ich, die in der Stadt blieben, ſahen ſie deßhalb auf verſchiedenen Seiten der Straße fortgehen, wäh⸗ rend Startop voran ſchritt und Drummle im Schatten der Häu⸗ ſer ebenſo hinter ihm nachſchlich, wie er in ſeinem Boote zu thun pflegte. Da die Hausthüre noch nicht verſchloſſen war, ſo ließ ich Her⸗ bert dort einen Augenblick ſtehen, um noch einmal hinauf zu laufen und mit meinem Vormunde ein paar Worte zu ſprechen. Ich fand ihn in ſeinem Ankleidezimmer, von ſeinen Stiefeln umgeben, und ſchon damit beſchäftigt, ſich nach unſerem Beſuche zu waſchen. Ich ſagte ihm, daß ich nur deßhalb noch einmal hinauf gekom⸗ men ſei, um mein Bedauern über den unangenehmen Vorfall aus⸗ zudrücken und ihn zu bitten, mir nicht die Schuld beizulegen.. „Bah!“ erwiederte er, ſein Geſicht badend und durch die Waſ⸗ ſertropfen ſprechend,„es iſt nichts, Pip. Ich mag die Spinne doch gern leiden.“ Er hatte ſich inzwiſchen mir zugewendet, blies die Wangen auf und trocknete ſich. „Es freut mich, daß Sie ihn gern leiden mögen,“ erwiederte ich,„aber ich mag ihn nicht.“ „Nein, nein,“ bemerkte mein Vormund beiſtimmend,„laſſen Sie ſich nicht zu viel mit ihm ein. Bleiben Sie ihm ſo fern als möglich. Aber ich mag den Burſchen gern, Pip; er iſt einer von der rechten Art. Wenn ich ein Wahrſager wäre,—“ Plötzlich ſchaute er aus dem Handtuche hervor, und begegnete meinem Blicke. „Doch ich bin kein Wahrſager,“ fuhr er fort, den Kopf wieder in das Handtuch ſteckend und ſich die Ohren reibend.„Sie wiſſen ja, was ich bin. Gute Nacht, Pip!“ „Gute Nacht.“ Ungefähr einen Monat ſpäter war die Zeit der Spinne bei Mr Pocket um, und zur Freude Aller im Hauſe, mit alleiniger Aus⸗ nahme von Mrs. Pocket, kehrte Drummle zu ſeiner Familie zurück. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Mein lieber Mr. Pip!“ „Ich ſchreibe dieſe Zeilen auf Mr. Gargery's Wunſch, um Ihnen „anzuzeigen, daß er in Begleitung von Mr. Wopsle nach London „reiſen wird und ſich freuen würde, Sie ſprechen zu können. Er „wird ſich am nächſten Dienſtag, früh um neun Uhr, in Barnard's „Hotel einfinden, und wenn es Ihnen nicht gelegen ſein ſollte, ihn „zu ſehen, ſo läßt er Sie bitten, es ihn wiſſen zu laſſen. Ihre arme „Schweſter iſt noch immer in demſelben Zuſtande wie damals, als „Sie abreisten. Jeden Abend ſprechen wir von Ihnen in der Küche, „ſowie von dem, was Sie muthmaßlich thun und ſagen. Sollte „ich mir zu viel Freiheit herausgenommen haben, ſo entſchuldigen „Sie es um vergangener Zeiten willen. Nichts weiter, lieber Mr. „Pip, von Ihrer treu ergebenen Dienerin Biddy.“ „P. S. Er bittet mich, beſonders noch zu fragen, welche „Späſſe, und ſagt, Sie würden es ſchon verſtehen. Ich hoffe, es „wird Ihnen nicht unangenehm ſein, ihn zu ſehen, obgleich Sie jetzt „ein Gentleman ſind, denn Sie hatten ja immer ein gutes Herz, und „er iſt ein braver Mann. Ich habe ihm Alles vorgeleſen, mit allei⸗ „niger Ausnahme des letzten kleinen Satzes, und er bittet mich, noch „einmal zu fragen,— welche Späſſe?“ Ich erhielt dieſes Schreiben am Montag früh durch die Poſt, 36 — 4 282 5 Feierſtunden. 1864. 0= und der Beſuch ſollte am nächſten Tage ſtattfinden. Ich will offen⸗ zwiſchen uns auf den Fußboden ſtellte, ergriff er meine beiden Hände herzig bekennen, mit welchen Empfindungen ich ihm entgegenſah. und arbeitete mit ihnen auf und nieder, als wenn ich eine Pumpe Nicht mit Freude, obgleich mich an Joe ſo vielfache Bande wäre. knüpften, ſondern mit großer Unruhe, vielem Mißbehagen und der„Ich freue mich, dich zu ſehen, Joe. Gib mir deinen Hut,“ feſten Idee, daß der Beſuch unpaſſend ſei. Wenn ich Joe durch ein ſagte ich. Opfer an Geld hätte abhalten können, ſo würde ich es ganz gewiß Allein Joe hob ihn mit beiden Händen auf, als wenn es ein gethan haben. Mein einziger Troſt war der, daß er nach dem Hotel Vogelneſt mit Eiern wäre, und wollte ſich von ſeinem Eigenthum 2.—... 3 Barnard, nicht nach Hammerſmith, kam und deßhalb mit Drummle nicht trennen, ſondern ließ den Hut ſtehen und ſprach auf höchſt un⸗ in keine Berührung kommen konnte. Sein Zuſammentreffen mit behagliche Weiſe darüber hin. Herbert oder deſſen Vater fürchtete ich nicht, weil ich für Beide Ach⸗„Wie Sie gewachſen ſind,“ ſagte Joe,„und ſtark geworden und ung hegte; aber der Gedanke, daß Drummle, den ich verachtete, ihn b— vornehm!“ zu Geſicht bekommen könne, war für mich ſehr peinigend. So iſt Ehe er das letzte Wort fand, beſann er ſich einen Augenblick es mit dem Menſchen; ſeine größten Schwächen, ſeine niedrigſten und fügte dann hinzu: Haͤndlungen begeht er in der Regel um ſolcher Leute willen, die er„Und machen dem Könige und dem Lande Ehre.“ verachtet.„Aber du, Joe, ſiehſt auch außerordentlich wohl aus.“ Ich hatte angefangen, meine Zimmer im Hotel Barnard fort⸗„Gott ſei Dank,“ verſetzte er,„ich bin immer wohl. Ihre während mit neuen, ganz unnützen und unpaſſenden Verzierungen zu Schweſter iſt auch nicht ſchlimmer, als ſie war. Und Biddy iſt im⸗ ſchmücken, die ſich zugleich als ſehr koſtſpielig erwieſen. Die Ge⸗ mer munter und auf den Beinen. Und allen Bekannten geht's nicht mächer ſahen jetzt ganz anders aus, als zur Zeit meines Einzuges, und ſſchlechter, wenn nicht beſſer,— ausgenommen Wopsle; er hat einen ich genoß dafür die Ehre, einige bedeutende Seiten in dem Contobuche Fall gethan.“ eines benachbarten Tapezierers zu füllen. Meine Fortſchritte in der Während er ſprach, noch immer das Vogelneſt mit beiden Hän⸗ Verſchwendungskunſt waren überhaupt ſeit einiger Zeit in ſo raſchem den ſorgfältig haltend, rollte er ſeine Augen im Zimmer umher und Zunehmen geweſen, daß ich ſogar einen Knaben mit Stulpen⸗ über das blumige Muſter meines Schlafrocks. ſtiefeln in Dienſt genommen hatte, in deſſen Knechtſchaft ich ſo zu„Hat einen Fa ſagen mein Leben zubrachte; denn nachdem ich das Ungeheuer—„Ja,“ erwiederte Joe mit leiſerer Stimme.„Er hat die Kirche einen ſehr entbehrlichen Sprößling aus der Familie meiner Wäſche⸗ verlaſſen und iſt zum Schauſpiel übergegangen; und das hat ihn auch rin— erwählt und mit einem blauen Rocke, einer gelben Weſte, mit mir nach London gebracht. Sein Wunſch iſt,“ fügte er hinzu, weißen Halsbinde, röthlichen Hoſen und den bereits erwähnten Stie⸗ mit dem rechten Arm in das Vogelneſt greifend, als wollte er ein Ei feln bekleidet hatte, mußte ich ſuchen, ihm etwas Arbeit und ſehr hervorziehen, viel zu eſſen zu geben,— zwei ſchreckliche Bedürfniſſe, die mir zur men wird.“ Plan wurden. ll gethan, Joe?“ „daß ich Ihnen dieſes gebe, wenn es nicht übelgenom⸗ Ich nahm, was Joe mir reichte, und fand, daß es ein zerknit⸗ Dieſes rächende Phantom erhielt Befehl, am Dienſtag früh um V terter Theaterzettel eines kleinen Londoner Theaters war, welcher für acht nhr im Vorſaale— welcher einen Flächeninhalt von ungefähr dieſe Woche das erſte Auftreten„des ſchon berühmten Dilettanten aus zwei Quadratfuß beſaß, nach welchem Maaße der Tapezierer mir die der Provinz“ ankündigte,„deſſen unnachahmliche Leiſtungen in den Decke des Fußbodens angerechnet hatte,— auf dem Poſten zu ſein, höchſten tragiſchen Rollen unſeres heimiſchen Barden vor Kurzem auf und Herbert ſchlug gewiſſe gute Sachen zum Frühſtück vor, welche Privatbühnen ſo großes Aufſehen erregt haben.“ Joe, ſeiner Meinung nach, ſchmecken würden. Während ich ihm im„Warſt du bei ſeinem Auftreten gegenwärtig, Joe?“ fragte ich. Herzen aufrichtig dankbar dafür war, daß er ſich ſo rückſichtsvoll und„Ja, ich war gegenwärtig,“ erwiederte er in feierlichem Tone theilnehmend zeigte, konnte ich doch den Verdacht nicht unterdrücken, und mit beſonderem Nachdrucke. daß er, wenn Joe gekommen wäre, um ihn zu beſuchen, ſchwerlich —„Machte er großes Aufſehen?“ ſo viel Eifer an den Tag gelegt haben würde. „Nun ja,“ verſetzte Joe,„allerdings. Es flogen viel Orangen⸗ ſchalen; namentlich in der Scene, als er den Geiſt ſah. Aber ich frage Sie, ob ein Mann mit gutem Muthe etwas leiſten kann, wenn ſein Geſpräch mit dem Geiſte fortwährend durch das Rufen von „Amen! unterbrochen wird. Ein Mann mag in der Kirche geweſen ſein und Unglück gehabt haben,“ fuhr Joe leiſer und mit gefühlvollem, demonſtrirendem Tone fort;„allein das iſt kein Grund, um ihn bei Nla die oeit kor.— 4 einer ſolchen Gelegenheit aus der Faſſung zu bringen. Ich meine, entbne Mehhen ndlchaichea heaeat, eirdeaadeu. wenn nicht einmal der Geiſt des eigenen Vaters eines Mannes jeine dem Borſaale, und bald hörte ich auch Joe die Treppe heraufkommen. Aufnierkſamkeit in Auſpruch nehmen darf,— wer darf es dann Ich erkannte ihn an ſeinen ſchwerfälligen Tritten— denn ſeine Sonn⸗ Ramenllich wenn ſem Trauerhmt unglücklicherweiſe jo eng iſt, daß tagsſtiefeln waren ihm zu groß— und an der langen Zeit, die es das Gewicht der ſchwarzen Hedeln ihn fortwährend Poin Kopfe zieht, 5. 5.— mag der Mann thun was er will, um ihn feſtzuhalten.“ ihn beim Heraufſteigen koſtete, die Namen an den Thüren des unteren ee: Stockwerks zu leſen. Als er endlich vor unſerer Thüre ſtand, wie er Ein Ausdruck in Joe's Geſicht, als wenn er ſelbſt plötzlich einen die gemalten Buchſtaben meines Namens mit dem Finger verfolgte, Geiſt ſähe, verrieth mir, daß Herbert in das Zimmer getreten war⸗ konnte ich ihn durch das Schlüſſelloch keuchen hören. Endlich klopfte Ich ſtellte deßhalb Joe meinem Freunde Herbert vor, und letzterer er leiſe und nur einmal, worauf Pepper— ſo hieß der rächende ſtreckte ihm die Hand entgegen; allein Joe trat zurück und hielt ſich Am Montag Abend kam ich nach der Stadt, um für Joe bereit zu ſein, ſtand am folgenden Morgen früh auf und ließ das Wohn⸗ zimmer mit dem Früßhſtückstiſche ſo elegant als möglich herrichten. Unglücklicherweiſe fiel an dieſem Morgen ein feiner Regen, und kein Engel wäre deßhalb vermögend geweſen, den Umſtand zu verbergen, daß Barnard vor den Fenſtern— einem rieſenhaften, aber ſchwachen Kaminfeger ähnlich— rußige Thränen vergoß. Bube—„Mr. Gargery“ anmeldete. Ich dachte, daß er mit dem an ſeinem Vogelneſtt feſt. Abputzen der Füße nie zu Ende kommen, und daß ich ihn von der„Ihr Diener, mein Herr,“ ſagte Joe,„ich hoffe, daß Sie und Strohdecke würde wegheben müſſen, aber endlich kam er herein. Pip—“ „Joe, mein lieber Joe, wie geht es?“ Bei dieſem Worte fiel ſein Auge auf den ‚Rächer', welcher ge⸗ „Pip, lieber Pip, wie geht es?“ rade geröſtetes Brod auf den Tiſch ſtellte, und gab ſo deutlich ſeine Während ſein gutes, ehrliches Geſicht leuchtete und er ſeinen Hut Abſicht zu erkennen, dieſen jungen Mann auch in die Familie hinein⸗ vollen, n bei meine, nes ſeilte —y——) Feierſtunden. zuziehen, daß ich ihm einen finſtern, verweiſenden Blick zuwerfen mußte, der ihn noch mehr verwirrte. „Ich wollte ſagen,“ fuhr er fort,„mein Wunſch iſt, daß Sie Beide, meine Herren, in dieſer engen Wohnung geſund bleiben. Es mag ein ſehr gutes Hotel ſein, nach Londoner Begriffen, ich zweifle nicht daran; aber ich ſelbſt möchte kein Schwein darin hal ten, wenn ich es fett machen wollte, um gutes Fleiſch zu eſſen.“ Nachdem er den Vorzügen unſerer Wohnung dieſes ſchmeichel hafte Lob geſpendet und im Laufe des Geſprächs ſeine Abſicht an den Tag gelegt hatte, wir ihn ein, am Tiſche Platz zu nehmen, worauf Joe ſich im gan zen Zimmer nach einem paſſenden Ort umſchaute, um ſeinen Hut als wenn in der ganzen Natur nur ſehr wenige mich„Sie“ und„mein Herr“ zu nennen, luden dahin zu ſtellen, dazu geeignet geweſen wären,— und ihn Ecke des Kaminſimſes deponirte, von der er ſpäter unzählige Male endlich auf die äußerſte herunter fiel. „Wünſchen Sie Thee oder Kaffee, Mr. Gargery?“ fragte Her bert, der Morgens beim Frühſtück immer den Vorſitz führte. „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ verſetzte Joe, ſteif vom Kopf bis zu den Füßen,„was Ihnen gefällig iſt.“ „Was meinen Sie zu Kaffee?“ „Danke Ihnen,“ erwiederte Joe, augenſcheinlich etwas niederge ſchlagen;„da Sie ſo gütig ſind, Kaffee zu wählen, ſo will ich Ihnen nicht entgegen ſein. Aber finden Sie ihn nicht etwas erhitzend?“ „Gut, ſo wollen wir Thee nehmen,“ ſagte Herbert und ſchenkte ihm ein. In dieſem Augenblicke fiel Joe's Hut vom Kaminſimſe herab. Er ſprang vom Stuhle empor, hob ihn auf und ſtellte ihn wieder auf den alten Platz, als wenn es ein Erforderniß der feinen Lebens art wäre, daß er nach wenigen Minuten wieder herunter fallen müſſe. „Wann ſind Sie nach der Stadt gekommen, Mr. Gargery?“ fragte Herbert. V „War es geſtern Nachmittag?“ verſetzte Joe, nachdem er hinter der Hand mehrere Male gehuſtet, als wenn er ſeit ſeiner Ankunft den Keuchhuſten bekommen hätte.„Nein, doch ja, es war geſtern Nachmittag,“ ſagte er, mit einer Miene, in der eine Miſchung von Weisheit, Zuverſicht und ſtrenger Unparteilichkeit lag. „Haben Sie ſchon etwas von London geſehen?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Joe.„Wopsle und ich, wir gin gen geraden Wegs nach der großen Niederlage von Stiefelwichſe. Aber wir fanden nicht, daß ſie den Abbildungen auf den rothen Zet teln, welche an den Ladenthüxen hängen, gleichkam; wahrſcheinlich,“ fügte er erklärend hinzu,„weil ſie zu arch⸗ itektoniſch gezeichnet ſind.“ Ich glaube, Joe würde dieſes Wort noch bedeutend verlängerte haben, wenn ſeine Aufmerkſamkeit nicht durch eine glückliche Fügung auf den Hut gelenkt worden wäre, welcher von Neuem herunter fiel. Derſelbe erforderte in der That eine fortwährende Aufmerkſamkeit und eine beſondere Schnelligkeit des Auges und der Hand. Joe trieb ein wunderbares Spiel mit ihm und zeigte dabei außerordent⸗ lich viel Geſchicklichkeit. Bald ſtürzte er auf ihn los und fing ihn gewandt, bald hielt er ſeinen Fall nur auf, ſchleuderte ihn wieder empor, gegen die Wand und nach verſchiedenen Richtungen im Zim mer umher, ehe es ihm gelang, ihn feſtzuhalten; und endlich ſchleu derte er ihn in den Spülnapf, wo ich ſo frei war, mich ſeiner zu bemächtigen. Was Joe's Rockkragen und Hemdkragen betraf, ſo gewährten ſie in der That einen unerklärlichen Anblick, es waven unauflösliche Räthſel. Weßhalb muß ein Menſch ſich ſo ſchinden, um ſeinen An zug für vollendet halten zu können? Weßhalb muß er es als noth⸗ wendig erachten, ſich nur mit körperlichen Leiden denmn Gebrauche der Sonntagskleider zu unterziehen? Dann verfiel er in ſo unerklärliches Sinnen, hielt ſeine Gabel in der Mitte zwiſchen Teller und Mund, erwähnen, was mir die gegenwärtige Ehre verſchafft hat. Tagen befand ich mich Abends in der Schenke, Pip,“ wieder höflich wurde, Pip, „zu Miß H. 1864. 283 ließ ſeine Augen auf ſo ſeltſame Weiſe umherwandern, huſtete ſo ſonderbar, ſaß ſo weit vom Tiſche entfernt, und ließ mehr Speiſen fallen, als er genoß, wobei er ſich den Anſchein gab, es nicht zu bemerken, daß ich herzlich froh war, als Herbert uns verließ, um nach der City zu gehen. Ich beſaß weder Verſtand noch Herz genug, um einzuſehen, daß alles dieſes nur meine eigene Schuld war, und daß Joe natürlicher und ungezwungener gegen mich geweſen ſein würde, wenn ich weni ger gezwungen gegen ihn geweſen wäre. Ich ärgerte mich über ihn, und während deſſen ſammelte er feurige Kohlen auf mein Haupt. „Da wir jetzt beide allein ſind, mein Herr“ begann Joe. „Joe,“ unterbrach ich ihn verdrießlich,„wie kannſt du mich Sie und mein Herr““ nennen?“ Joe vichtete einen Blick auf mich, in dem ein leiſer Vorwurf lag. So unbeſchreiblich lächerlich auch ſein Halstuch und ſein Kra⸗ gen waren, ſo konnte ich mir doch nicht verhehlen, daß dieſer Blick eine gewiſſe Würde an ſich trug. „Da wir jetzt beide allein ſind,“ begann er wieder,„und da icht⸗ weder die Abſicht habe, noch im Stande bin, länger zu bleiben, ſo will ich jetzt damit ſchließen, oder vielmehr beginnen, das zu Denn wäͤre es nicht mein einziger Wunſch geweſen, ſein,“ ſagte er mit der ihm eigenen Miene, wenn er Etwas klar auseinan⸗ Ihnen nützlich zu verſetzen wollte,„ſo würde ich nicht die Ehre gehabt haben, in der Wohnung und Geſellſchaft von vornehmen Herrn zu ſpeiſen.“ Es war mir ſo zuwider, dieſe Miene noch einmal zu ſehen, daß ich gegen dieſe Ausdrucksweiſe nichts einwendete. „Nun, die Sache verhält ſich ſo,“ fuhr er fort.„Vor einigen (ſobald bei ihm das warme Gefühl erwachte, nannte er mich Pip, und wenn er „als plötzlich bemerkte er, nannte er mich mein Herr), Pumblechook angefahren kam. Derſelbe Pumblechook,“ einen Seitenweg in ſeiner Rede verfolgend,„der mir zuweilen die Haare zu Berge ſtehen ließ, indem er im ganzen Orte verbreitete, daß er es ſei, welcher der Gefährte Ihrer Iugend geweſen und von Ihnen als Buſenfreund angeſehen werde.“ „Unſinn, das warſt du, Joe.“ „Ich glaube es auch, Pip,“ verſetzte Joe, den Kopf etwas in die Höhe werfend,„obgleich es jetzt wenig mehr zu ſagen hat. Nun, prahleriſchen Weſen, kam in der⸗ Schenke zu mir, wiſſen mein Herr, eine Pfeife und ein Maaß Bier erquicken einen Mann, der ſchwer arbeiten muß, und und ſagte: ‚Joſeph, Miß Havisham dieſer Menſch, mit ſeinem Sie, ſind nicht zu berauſchend, wünſcht mit Euch zu ſprechen.““ „Miß Havisham, Joe?“ „Sie wünſcht,“ waren Pumblechooks Worte, ‚mit Euch zu ſpre chen,“ verſetzte Joe, und ließ ſeine Augen über die Decke des Zim mers rollen. „Wirklich, Joe? Bitte, fahre fort.“ „Am folgenden Tage, mein Herr,“ ſagte er darauf, indem er mich aublickte, als wenn ich weit entfernt von ihm wäre,„machte ich mich ſauber, und ging zu Miß H.“ „Zu wem, Joe? Zu Miß Havisham?“ „Wie ich ſage, mein Herr,“ erwiederte Joe mit einer ſo wichti⸗ gen Miene, als wenn er im Begriffe wäre, ſein Teſtament zu machen, ,oder Miß Havisham. Was ſie mir dann ſagte, war Folgendes: ‚Mr. Gargery, Sie ſtehen mit Mr. Pip in Briefwechſele (Daaich wirklich einen Brief von Ihnen empfangen hatte, ſo konnter ich ‚Jas antworten.)„Wollen Sie ſo gut ſein,“ fuhr ſie ſort, zihm mitzutheilen, daß Eſtella heimgekommen ſei und ſich freuen würde, ihn zu ſehen?* Ich fühlte mein Geſicht glühen, als ich Joe aublickte. Es mag ſein, daß eine entferntere Urſache dieſes Erröthens in dem Bewußt 36 —ISͤͤ 284 Feierſtunden. 1864. ——:õ————ʒ;; ———;:::ͤ——————;; ——; ſein lag, daß ich Joe freundlicher empfangen haben würde, wenn ich Geld zuzähle? Ein gefälliger Fremder ſtiehlt mir unter dem Vor⸗ den Zweck ſeines Beſuches gekannt hätte. wande, meine Banknoten ſorgſam in Papier einſchlagen zu wollen, „Biddy,“ fuhr Joe fort,„hatte keine rechte Luſt, als ich heim die Noten und thut ſtatt derſelben Nußſchalen hinein; allein was iſt kam und ſie bat, es Ihnen zu ſchreiben. Sie ſagte:„Ich bin über⸗ dieſes Kunſtſtück im Vergleich mit dem meinigen, wenn ich ſelbſt Nuß⸗ zeugt, daß er ſich freuen wird, die Nachricht mündlich zu hören; es ſchalen hineinlege und ſie für Banknoten annehme? ſind jetzt Feiertage, und Sie möchten ihn gern ſehen,— reiſen Sie Nachdem ich mit mir einig darüber geworden war, im„Blauen alſo hin! Jetzt bin ich fertig,“ ſagte Joe hierauf, vom Stuhle auf⸗ Eber“ abſteigen zu müſſen, begann mich ein neuer Zweifel zu pla⸗ ſtehend,„und wünſche Ihnen, Pip, daß es Ihnen immer gut gehe, gen, nämlich der, ob ich den„Rächer“ mit mir nehmen ſolle, oder und daß Sie immer größer und größer werden mögen.“ nicht. Der Gedanke war ſehr lockend, wie dieſer koſtſpielige Diener „Aber du wirſt doch nicht ſchon gehen, Joe?“ ſeine Stiefeln in dem Thorwege des„Blauen Ebers“ ſonnen werde, „Ja, ich gehe,“ verſetzte er. und wie er, wenn ich ihn in dem Laden des Schneiders Trabb ſehen „Aber du kommſt zum Mittageſſen wieder, Joe?“ ließe, den naſeweiſen Lehrling deſſelben in Verwirrung bringen werde; „Nein, ich komme nicht wieder,“ entgegnete er. allein auf der andern Seite hatte ich zu befürchten, daß letzterer ſich Unſere Blicke begegneten ſich, und während er mir ſeine Hand in ſein Vertrauen einſchleichen und mancherlei Dinge verrathen, oder reichte, wurde ſein braves, männliches Herz weich, und alle Steifheit daß der verwegene Bube ihn auf der Hauptſtraße verhöhnen könne. ſchwand. Auch konnte meine Gönnerin von ihm hören und es mißbilligen, daß „Pip, mein lieber, alter Junge,“ ſagte er,„das Leben iſt ſo zu ich mir einen ſolchen Begleiter hielt. Aus dieſen Gründen beſchloß ſagen aus lauter Trennungen zuſammengeſchmiedet, und der Eine iſt ich endlich, den„Rächer“ zurückzulaſſen. ein Groſchmied, der Andere ein Goldſchmied, und der Dritte ein Es war die Nachmittagskutſche, auf der ich meinen Platz genom⸗ Kupferſchmied. Unterſchiede müſſen beſtehen, und müſſen ertragen men hatte, und da der Winter bereits angebrochen war, ſo konnte ich werden. Wenn heut' ein Fehler begangen worden iſt, ſo habe ich meinen Beſtimmungsort erſt zwei bis drei Stunden nach dem Ein⸗ ihn begangen. Du und ich, wir paſſen in London nicht zuſammen, treten der Dunkelheit erreichen. Die Abfahrt von Croß Keys ſollte und überhaupt nirgend, ausgenommen da, wo wir allein ſind, oder um zwei Uhr ſtattfinden. Eine Viertelſtunde vorher langte ich dort unter⸗Freunden, die uns verſtehen. Ich bin nicht ſtolz, aber ich an, begleitet von meinem Diener, dem„Rächer“,— wenn ich den wünſche recht zu handeln, und du ſollſt mich in dieſen Kleidern nie Ausdruck„Diener“ überhaupt auf eine Perſon anwenden kann, die wieder ſehen. Sie paſſen nicht für mich, und ich paſſe nirgend hin mich nie bediente, ſofern es irgendwie zu vermeiden war. als in die Schmiede, die Küche und auf das Moorland. Du wirſt In jener Zeit war es üblich, Sträflinge mit den Landkutſchen nicht halb ſo viel an mir auszuſetzen haben, wenn du an mich denkſt, nach den Strafplätzen zu befördern. Da ich oft gehört hatte, daß ſie wie ich in meinen Arbeitskleidern bin, mit dem Hammer oder der die äußeren Sitze der Kutſchen einnehmen, und auch oft auf der Land⸗ Pfeife in der Hand. Du wirſt nicht halb ſo viel an mir zu tadeln ſtraße ihre gefeſſelten Beine vom Kutſchendach hatte herabhängen ſehen, finden, wenn du jemals den Wunſch empfinden ſollteſt, mich wieder ſo überraſchte es mich nicht, als Herbert, den ich auf dem Poſthofe zu ſehen, und kämeſt, und ſteckteſt den Kopf in das Fenſter der traf, mir ſagte, daß zwei Sträflinge die Reiſe mit mir machen wür⸗ Schmiede, und ſäheſt dann Joe, den Grobſchmied, mit dem ver⸗ den. Allein ich hatte einen beſondern, aus früherer Zeit herrühren⸗ brannten Schurz, am Ambos ſtehen und arbeiten. Ich bin dumm den Grund, um ſtets zu erbeben, wenn ich das Wort„Sträfling“ und unwiſſend, aber habe doch vielleicht nicht Unrecht mit dem, was V hörte. ich eben geſagt habe. Und nun, mein lieber, alter Pip, lebe wohl und Gott behüte dich!“ Ich hatte mich nicht getäuſcht, als es mir ſchien, daß in ſeinem„Es ſchien mir ſo, als wenn du es nicht gern ſäheſt.“ Weſen eine einfache Würde liege, die, als er dieſe Worte ſprach, durch Ich k ichr gerade ſfagen, daß ich es gern ſehr f. den altmodigen Schnitt ſeiner Kleidung eben ſo wenig verlieren„Jch kann nicht gerad ſag 11,4 raß ich es gern ſehe, ſo wenig konnte, wie ſie im Himmel dadurch verlieren konnte. Er berührte wie du es gern ſehen würdeſt, aber ich frage nichts danach. mich leiſe an der Stirn und verließ das Zimmer. Sobald ich mich„Sieh' nur, dort ſind ſie!“ rief Herbert;„ſie kommen aus der wieder genug geſammelt hatte, eilte ich hinaus und blickte ihm nach Schenke. Was für entmenſchte Geſichter es ſind!“ in die nächſten Straßen; aber er war verſchwunden. Sie hatten wahrſcheinlich ihren Wärter, der ſich bei ihnen be⸗ fand, regalirt, denn alle Drei wiſchten ſich den Mund mit den Hän⸗ den, als ſie heraustraten. Die beiden Sträflinge waren durch Hand⸗ ſ „Es iſt dir doch nicht unangenehm, Händel?“ ſagte Herbert. „Oh nein!“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. 1 ſchellen an einander gefeſſelt und trugen an den Beinen Fußeiſen, deren Muſter mir ſehr wohl bekannt war. Auch ihre Kleidung hatte Es war klar, daß ich am nächſten Tage nach unſerem Orte rei⸗ ich früher ſchon geſehen. Der Wärter führte ein Paar Piſtolen und ſen mußte, und in der erſten Aufwallung meiner Reue ſchien es mir einen ſchweren Knüttel unter dem Arme; aber er ſchien auf gutem eben ſo klar, daß ich bei Joe logiren müſſe; allein nachdem ich mir V Fuße mit ihnen zu ſein, und ſah, während beide Sträflinge neben einen Bockſitz auf der am folgenden Tage fahrenden Kutſche genom⸗ ihm ſtanden, dem Anſpannen der Pferde zu, mit einer Miene, als men hatte und nach Mr. Pocket's Hauſe gegangen und von dort zu⸗ wenn Jene intereſſante Merkwürdigkeiten wären, die für den Augen⸗ rückgekommen war, hegte ich keine ſo feſte Ueberzeugung mehr in Be⸗ V blick nicht öffentlich gezeigt würden, und er der Aufſeher derſelben. treff des letzten Punktes, und begann Gründe und Entſchuldigungen Der Eine war größer und ſtärker als der Andere, und ſchien, als zu ſuchen, um im Gaſthofe zum„Blauen Eber“ abſteigen zu können. wenn es ſich nach dem geheimnißvollen Laufe der Welt,— bei Sträf⸗ Joe würde dadurch viele Umſtände haben, ſagte ich mir, man wird lingen ſowohl wie bei freien Menſchen,— ſo von ſelbſt verſtände, mich nicht erwarten, mein Bett wird nicht in Bereitſchaft ſein, und mit dem kleinſten Anzuge verſehen worden zu ſein. Seine Arme und ich würde dort zu weit von Miß Havisham wohnen, welche ſehr Beine ſahen wie große Nadelkiſſen aus, und ſeine Kleidung entſtellte eigen iſt und es nicht gern ſehen möchte. Der ärgſte Schwindler iſt V ihn auf lächerliche Weiſe; aber deſſenungeachtet erkannte ich ihn ſo⸗ nichts im Vergleiche mit Dem, welcher ſich ſelbſt hintergeht, wie ich gleich an ſeinem halbgeſchloſſenen Auge. Es war der Mann, den es that. Es iſte ſeltſam. Wenn ich ein ſchlechtes Geldſtück annehme, ich an einem Samſtag⸗Abend auf der Bank in der Schenke zu den welches ein Anderer gefälſcht hat, ſo iſt es erklärlich; wie aber, wenn„Drei fröhlichen Schiffern“ geſehen, und der mich mit ſeinem un⸗ ich eine falſche Münze, die ich ſelbſt gefertigt habe, mir als gutes ſichtbaren Gewehr niedergeſtrech hatte. —I— Feierſtun Ich überzeugte mich leicht, daß er mich bis jetzt ſo wenig er kannt hatte, als wenn er mich nie in ſeinem Leben geſehen hätte. Er⸗ bliclte nach mir hinüber, während ſein Auge meine Uhrkette abzu ſchätzen ſchien, ſpie dann beiläufig aus, und ſagte etwas zu dem an dern Sträfling, worauf Beide lachten, und ſich mit einem Raſſeln. der ſie verbindenden Handſchellen umwandten. und nach anderen Ge⸗ genſtänden ſchauten. Die auf ihren Rücken befindlichen Zahlen, ſo groß wie Hausthüren, ihr rohes, unſauberes, unbehülfliches Aeußere, das ſie Thieren einer untergeordneten Klaſſe ähnlich machte, ihre mit Feſſeln beſchlagenen Beine, die mit Taſchentüchern bekränzt waren, um das Eiſen zu verbergen, und die Art und Weiſe, in der alle Anweſenden ſie betrachteten und ſich von ihnen entſernt hielten, alles dieſes gewährte ein widerliches Bild der tieſſten Geſunkenheit. Allein es war noch nicht das Schlimmſte an der Sache. Es er gab ſich, daß alle hinteren Sitze der Kutſche von einer Familie in Anſpruch genommen. worden waren, welche ihren Wohnſitz in London aufgegeben hatte, und daß für die beiden Sträflinge keine anderen. Plätze vorhanden waren, als auf dem Sitze hinter dem Kutſcher. Hierüber wurde ein choleriſcher Herr, welcher den vierten Platz auf dieſem Sitze genommen hatte, außerordentlich heftig, und ſagte, daß es eine Contraltsverletzung ſei, ihn mit ſolcher Geſellſchaft zuſammen. zu bringen, und daß es ſchändlich und abſcheulich und ich weiß nicht was noch ſei. Inzwiſchen war die Kutſche zur Abfahrt fertig gewor den, und der Kutſcher wartete ungeduldig. Wir ſchickten uns ſämmt lich an, unſere Plätze einzunehmen, und die Sträflinge kamen mit ihrem Wärter und brachten jenen unangenehmen Geruch von Pfla ſtern, ſtinkendem Wollenzeuge und Kabelgarn. mit, der überall herrſcht, wo ſich Sträflinge befinden. „Seien Sie nicht ſo ſehr erzürnt darüber,“ ſagte eutſchuldigend der Wärter zu dem ſetzen, und Jene ſollen am Ende der Bank ſitzen. ie werden in entrüſteten Herrn;„ich will mich neben Sie⸗ keine Berührung mit ihnen beachten.“ „Und geben. ling, den ich erkannt hatte. ich mitfahre; ich bleibe recht gern zurück und will gern jedem Andern. kommen und brauchen ſie gar nicht zu Sie auch mir keine Schuld,“ brummte der Sträſ „Mir iſt es nicht darum zu thun, daß meinen Platz einräumen.“ „Ich auch,“ fügte der Andere mürriſch hinzu.„Ich würde Nie mand beläſtigt haben, wenn es von mir abgehangen hätte.“ Dann lachten Beide und begannen Nüſſe zu knacken und die Schalen umher zu werfen, wie ich es ſelbſt gethan haben würde, glaube ich, wenn ich an ihrer Stelle und einer ſolchen Verachtung ausgeſetzt geweſen wäre. Endlich wurde entſchieden, daß dem entrüſteten Herrn nicht zu helfen ſei, und daß er entweder in dieſer ihm vom Zufalle zugeführ ten Geſellſchaft reiſen oder zurlckbleiben müſſe. Derſelbe nahm alſo ſeinen Platz ein, und der Wärter ſetzte ſich neben ihn, und die Sträf linge ſtiegen hinauf, ſo gut ſie konnten; derjenige, welchen ich erkannt hatte, ſaß hinter mir, und zwar ſo, daß ich ſeinen Athem in meinem Kopfhaar fühlte. „Adien, Händel!“ rief Herbert, als wir abfuhren, und ich dankte Gott, daß er den glücklichen Einfall gehabt hatte, mir einen anderen. Namen, als Pip, zu geben. Es iſt unmöglich zu beſchreiben, wie ſcharf ich den Athem des Sträflings nicht blos an meinem Hinterkopfe, ſondern auf meinem ganzen Rücken empfand. Mir war, als wenn das Mark meines Rückgrats mit einer ätzenden, freſſenden Säure berührt würde, ſo daß ich die Zähne zuſammenbiß. Er ſchien mehr. athmen zu müſſen, als andere Meuſchen, und machte zugleich mehr Lärm dabei; und während ich mich bemühte, ihn abzuwehren, war mir, als wenn meine eine Schulter höher würde. Das Wetter war ſehr rauh, und die Sträflinge fluchten über die Kälte. Sie machte uns ſämmtlich ſchläferig, che wir weit gefah⸗ ren waren, und als die Hälfte desn Weges hinter uns lag, ſchlum — den. 1864. 285 merten alle Paſſagiere, oder ſchwiegen, von Froſt geſchüttelt. Ich ſelbſt ſchlief ein, indem ich darüber nachdachte, ob ich dieſem Men ſchen jene zwei Pfund Sterling zurückgeben ſolle, che ich ihn aus den Augen verlöre, und wie dies zu bewerkſtelligen ſei. Während ich mich jedoch im Schlummer vorwärts beugte, als wollte ich zwiſchen die Pferde ſtürzen, erwachte ich und ſetzte meine Betrachtungen. über dieſen Gegenſtand fort. Allein ich mußte ihn länger haben fallen laſſen, als ich⸗ glaubte, da ich, obgleich in der Dunkelheit und bei dem wechſeluden Lichte der Laternen nichts deutlich zu ſehen war, an dem kalten, feuchten Winde, der uns entgegenblies, doch erkannte, daß wir in der Nähe des Moon landes waren. Die Sträflinge, welche ſich vorwärts beugten, um ſich hiuter mir gegen den Wind zu ſchützen und etwas Waͤrme zu verſchaffen, kamen mir dadurch noch näher. ich ſie wechſeln hörte, als ich wach⸗ wurde, waren dieſelben, welche Die erſten Worte, die meine Gedanken beſchäftigt hatten:„Zwei Einpſund⸗Noten.“ „Wo hatte er ſte her?“ fragte der mir unbekannte Sträfling. „Wie ſoll ich das wiſſen!“ verſetzte der Andere.„Er hatte ſie auf irgend eine Weiſe verſteckt, und wahrſcheinlich von Freunden be⸗ „„ kommen.“ „Ich wollte,“ ſagte der Grſtere, mit einem Fluche Uber die Kälte, „ich hätte ſie hier.“ „Zwei Einpfund⸗Noten, oder Freunde!“ „Zwei Einpfund⸗Noten! Ich würde alle Freunde, die ich je ge⸗ habt habe, für eine derſelben verkanſen und es für einen guten Hau⸗ del halten. Nun? Er ſagte alſo 4 „Er ſagte,“ fuhr der mir bekannte Sträfling fort,„es wurde Alles in einer halben Minute abgemacht, hinter einem Holzſtoße im Hofe Du wirſt entlaſſen werden?’ Ich erwiederte ‚jat Dann. fragte er mich, ob ich den Buben aufſuchen wolle, der ihm Eſſen. gebracht und ſein Geheimniß bewahrt habe, und ihm die zwei Ein pfund Noten geben. Ich ſagte, daß ich es thum wolle, und habe es gethan.“ „Und biſt ein brummte der Andere. ſchluck dafür Grüner’ geweſen ſein, Hat großer Narrx geweſen,“ „Ich würde mir eine gute. Mahlzeit und einen guten e verſchafft haben. Es muß ein rechten dich wahrſcheinlich nicht gekannt?“ „Natürlich nicht. Wir gehörten zu verſchiedenen Abtheilungen Schiſſen. Ausbrechens, und bekam dann. und verſchiedenen. Erx kam noch einmal voy Gericht wegen Lebenszeit.“ „Und war das das einzige arbeitet haſt?“ Oas einzige Mal.“ Mal, daß du in dieſer Gegend ge⸗ „„ 99ℳ „Wie gefiel ſie dir denn? „Eine abſcheuliche Gegend! Nichts als Schlamm, Nebel, Moraſt und Arbeit!“ Beide fluchten über die Gegend in heftigen Ausbrücken, brumm ten ſich allmälig aus, und hatten dann nichts mehr zu ſagen. Nachdem ich dieſes Zwiegeſpräch angehört hatte, würde ich gewiß augenblicklich abgeſtiegen und auf der ſinſtern und einſamen Land ſtraße zurückgeblieben ſein, wenn ich nicht überzeugt geweſen wäre, daß der Mann keine Ahnung davon hatte, wer ich ſei. Ich war in der That nicht nur auf natürlichem Wege durch die Zeit ſehr ver⸗ andert worden, ſondern jetzt auch ſo ganz verſchieden gekleidet und in ſo ganz anderen Verhältniſſen, daß er mich unmöglich von ſelbſt erkennen konnte. Deſſenungeachtet war unſer zufälliges Zuſammen⸗ treffen auf der Kutſche ſeltſam genng, um die Beforguiß zu erwecken, daß jeden Augenblick ein neuer Zufall ihm meinen Namen verrathen. könne. Aus dieſem Grunde beſchloß ich abzuſteigen, ſobald wir n. Stadt berührten, und mich dadurch dem Bereiche ſeines. Gehörs zu entziehen. Dieſen Plan führte ich auch glücklich aus. Mein kleiner Mantelſack lag unter meinen Füßen; ich zog ihn hervor, warf ihn vor mir hinunter, ſtieg dann ab, und blieb bei der erſten Lampe am die Aufange der Straße zurſck. Die Sträflinge dagegen fuhren mit der Feierſtunden. 1864. ——§:ʒ; ——————;:ꝛ⏑—⏑—:—ꝛ—ꝛꝛy—;—;— Kutſche weiter, bis zu der mir bekannten Stelle, wo ſie nach dem Uhren wieder in Gang zu bringen und in den erkalteten Kaminen Fluſſe abgeführt zu werden pflegten. In Gedanken ſah ich das Boot wieder Feuer anzuzünden, die Spinngewebe herabzureißen, das Un⸗ mit ſeiner aus Sträflingen beſtehenden Bemannung an der ſchlam⸗ migen Ufertreppe ihrer warten,— hörte wieder den barſchen Ruf: „Platz gemacht!“ der wie ein Befehl an Hunde klang,— und er⸗ blickte wieder die, gottloſe Noah's⸗Arche, welche auf dem ſchwarzen Waſſer lag. Ich konnte nicht ſagen, was ich eigentlich fürchtete, denn meine Furcht war nur dunkel und unbeſtimmt, aber deſſenungeachtet groß. Während ich nach dem Gaſthofe ging, empfand ich eine Bangigkeit, die nicht blos in der Scheu vor einem peinlichen Wiedererkennen ihren Grund hatte. Sie bezog ſich auf nichts Beſtimmtes, und konnte deßhalb nur, wie ich überzeugt bin, das wenige Minuten dauernde Wiedererwachen jener Furcht ſein, die mich als Kind ſtets erfüllt hatte. Das Gaſtzimmer im„Blauen Eber“ war leer. Ich beſtellte Mittageſſen und hatte bereits daran Platz genommen, ehe der Kellner mich erkannte. Nachdem er ſich wegen ſeiner Vergeſſenheit entſchul⸗ digt hatte, fragte er, ob er Mr. Pumblechook durch den Hausknecht ſolle rufen laſſen. „Nein,“ entgegnete ich,„ganz gewiß nicht.“ Der Kellner(derſelbe, welcher an jenem Tage, an dem ich als Lehrling aufgedungen wurde, das Compliment von dem Handlungs⸗ reiſenden überbracht hatte,) ſchien erſtaunt zu ſein, und benutzte die erſte Gelegenheit, eine alte ſchmutzige Zeitung des Ortes dergeſtalt in meine Nähe zu bringen, daß ich nicht umhin konnte, ſie in die Hand zu nehmen, und folgende Anzeige darin las: „Unſeren Leſern wird es, mit Bezug auf das ungewöhnliche Glück, welches einem jungen Eiſenarbeiter aus hieſigem Orte zu Theil geworden iſt,(ein ſehr geeignetes Thema, beiläufig geſagt, für die zauberiſche Feder unſeres noch nicht genügend gewürdigten Mitbür⸗ gers und Dichters Tooley,) nicht unintereſſant ſein, zu erfahren, daß der frühſte Gönner, Freund und Gefährte jenes Glückskindes ein höchſt geachteter Mann iſt, der in naher Verbindung mit dem Korn und Samenhandel ſteht, und deſſen geräumiges Geſchäftslokal keine hundert Meilen von unſerer Hauptſtraße entlegen iſt. Wir können nach unſerem perſönlichen Gefühle nicht umhin, ihn den Mentor un⸗ ſeres Telemachs zu nennen, denn es iſt nicht ohne Intereſſe, zu wiſſen, daß unſere Stadt den Mann erzeugt hat, dem der Letztere ſein Glück verdankt. Fragt die gedankenvolle Stirn der Väter un⸗ ſeres Ortes, oder das leuchtende Auge der Schönen unſeres Ortes, — weſſen Glück? Wir glauben, daß Quentin Meſſys der Grob⸗ ſchmied von Antwerpen war. Sapienti sat.“ Ich hege die Ueberzeugung, auf vielfache Erfahrung gegründet, daß ich, wenn ich in den Tagen meines Glückes nach dem Nordpol gegangen wäre, auch dort Jemandem begegnet ſein würde— möchte es ein wandernder Eskimo oder ein civiliſirter Menſch geweſen ſein, — der mir geſagt hätte, daß Pumblechook mein früheſter Gönner und Gründer meines Glückes ſei. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Am folgenden Morgen ſtand ich zeitig auf und ging aus. Es war noch zu früh, um ſchon Miß Havisham beſuchen zu können. Ich ſchlenderte deshalb in der Nähe ihrer Wohnung umher, welche außerhalb der Stadt und entfernt von Joe's Hauſe lag, und dachte an meine Gönnerin, und malte mir glänzende Bilder von den Plänen aus, die ſie in Betreff meiner hatte. Zu Joe konnte ich ja am folgenden Tage gehen. Sie hatte Eſtella adoptirt, und mich ſo gut wie adoptirt; und es mußte daher ihre Abſicht ſein, ein Paar aus uns zu machen. Ich war von ihr beſtimmt, das ode Haus wieder in Stand zu ſetzen, das Sonnenlicht wieder in die finſteren Zimmer einzulaſſen, die geziefer zu vertilgen— mit einem Worte, alle die glänzenden Tha⸗ ten des jungen Ritters zu vollbringen, wie ſie in der Romanze ge⸗ ſchildert werden, und endlich die Prinzeſſin zu heirathen. Als ich am Hauſe vorüber ging, ſtand ich ſtill, um es zu betrachten. Die verwitterten, rothen Wände, die verhüllten Fenſter und die ſtarken Epheuranken, welche wie mit ſehnigen Armen ſelbſt die Schornſteine umſchlangen, ſchufen ein anziehendes Myſterium, deſſen Held ich war. Eſtella, natürlich, erſchien mir dabei als das Herz und das begeiſternde Element deſſelben. Allein obgleich ſie eine ſo große Macht über mich übte, obgleich ſie der Gegenſtand meiner Phantaſie und meiner Hoffnungen war und obgleich ihr Einfluß auf mein Leben und meinen Charakter im Knabenalter ſo unwiderſtehlich ge⸗ weſen war, ſo legte ich ihr doch ſelbſt an jenem romantiſchen Mor⸗ gen keine Eigenſchaften bei, die ſie nicht wirklich beſaß. Ich erwähne dies hier abſichtlich, weil es der Faden iſt, an dem man mir in meinem traurigen Labyrinthe wird folgen müſſen. Nach meiner Er⸗ fahrung kann der conventionelle Begriff eines Liebhabers nicht immer richtig ſein. Die reine Wahrheit iſt, daß ich, als die Liebe des Mannes meine Bruſt für Eſtella erfüllte, ſie deshalb liebte, weil ich ſie unwiderſtehlich fand. Mit einem Worte, ich konnte mir zu mei⸗ nem Kummer oft, oder vielmehr immer, nicht verhehlen, daß ich ſie gegen alle Vernunft, gegen alle Ausſichten, gegen meinen Seelen⸗ frieden, gegen Hoffnung und Glück, und aller denkbaren Entmuthi⸗ gungen ungeachtet liebte, und daß alles dieſes meine Leidenſchaft ſo wenig zu bezähmen vermochte, als wenn ich ſie aus innerſter Ueber⸗ zeugung für den Inbegriff aller menſchlichen Vollkommenheiten ge⸗ halten hätte. Ich richtete meinen Spaziergang ſo ein, daß ich zur gewohnten Zeit an der Pforte des Hauſes war. Nachdem ich mit unſicherer Hand geſchellt hatte, wandte ich dem Thore den Rücken zu und be⸗ mühte mich, ruhiger zu athmen und das Pochen meines Herzens zu ſtillen. Ich hörte die Seitenthür öffnen und Schritte über den Hof kommen, aber ſtellte mich, als wenn ich nichts hörte, ſelbſt dann, als das Thor ſich ſchon in ſeinen roſtigen Angeln drehte: Als endlich meine Schulter berührt wurde, erſchrak ich ſchein⸗ bar und wandte mich um. Allein mein Schrecken wurde natürlich, indem ich einen Mann in einer ſchlichten grauen Kleidung vor mir ſtehen ſah, den ich am allerwenigſten als Portier an Miß Havis⸗ hams Thür zu finden erwartet hätte. „Orlick!“ rief ich. „Ja, ja, junger Herr,“ erwiederte er,„es gibt auch in dem Leben anderer Leute Wechſel, nicht blos in dem Ihrigen. Aber treten Sie ein, ich darf die Pforte nicht ſo lange offen halten.“ Ich trat ein, worauf er ſie zuſchlug, verſchloß und den Schlüſſel auszog. „Ja,“ ſagte er, nachdem er einige Schritte nach dem Haufe zu voran gegangen war,„hier bin ich.“ „Wie ſeid Ihr hierher gekommen?“ „Je nun,“ verſetzte er,„auf den Beinen. Meine Kiſte ließ ich auf einem Schubkarren mitbringen.“ „Seid Ihr hier wirklich in Dienſt?“ „Nun, zu was denn ſonſt, junger Herr? Doch nicht zum Schaden?“ Ich war deſſen nicht ganz gewiß. Während er mich mit ſeinem ſchwerfälligen Blicke von den Füßen bis zum Kopfe muſterte, hatte ich Zeit, darüber nachzudenken. „Alſo habet Ihr die Schmiede verlaſſen?“ ſagte ich. „Sieht dieſes Haus wie eine Schmiede aus?“ erwiederte er, indem er ſich mit beleidigter Miene umſchaute.„Wie? Sieht es ſo aus?“ 1 Ich fragte ihn, ſeit wie lange er Gargery's Schmiede verlaſſen . habe. Feierſtun „Ein Tag iſt hier ſo genau wie der andere,“ antwortete er, „daß ich es nicht ſagen kann, ohne nachzurechnen. Allein ich kam hierher, kurze Zeit, nachdem Sie abreisten.“ „Ich hätte Euch das vorherſagen können, Orlick.“ „Ja,“ verſetzte er trocken,„Sie ſind aber auch ein Gelehrter geworden.“ Inzwiſchen hatten wir das Haus erreicht, wo ich ſah, daß er dicht neben der Seitenpforte ein Zimmer mit einem kleinen Fenſter inne hatte, welches auf den Hof ging. Es war den kleinen Gemä⸗ chern nicht unähnlich, welche die Paris zu bewohnen pflegen. An den Wänden hingen verſchiedene Schlüſſel, zu denen er jetzt auch den Thorſchlüſſel hing, und ſein Bett, mit bunter Decke, ſtand in einer Vertiefung der Wand. Der ganze Raum des engen Zimmers hatte ein vernachläſſigtes, ſchläfriges Pförtner, oder concierges, in Ausſehen und kam mir wie der Käfig eines menſchlichen Murmel thieres vor, während er ſelbſt, finſter und ſchwerfällig im Schatten eines Winkels am Fenſter ſtehend, das menſchliche Murmelthier zu ſein ſchien, für das es hergerichtet worden— wie er es auch wirk lich war. „Ich habe dieſes Zimmer früher nie geſehen,“ bemerkte ich; aber es war allerdings auch kein Portier hier.“ „Nein,“ verſetzte er,„bis endlich davon geſprochen wurde, daß das Haus keinen Schutz habe und daß es gefährlich ſei, hier zu wohnen, wo die Sträflinge in der Nähe ſind und ſich ſo viel Pöbel herum treibt. Dann wurde ich hierher empfohlen, als ein Mann, der einem Jeden Alles zurückgeben kann, was er bringt, und ich⸗ nahm die Stelle an. Sie iſt leichter, als den ganzen Tag hämmern und den Blaſebalg treten.— Das Ding da iſt geladen!“ Mein Auge war auf ein Gewehr mit meſſingbeſchlagenem Schafter gefallen, welches über dem Kamine hing, und ſein ⸗Blick war dem meinigen gefolgt. „Nun,“ ſagte ich, um keine längere Unterhaltung zu führen, „kaun ich zu Miß Havisham hinauf gehen?“ „Der Henker ſoll mich holen, wenn ich es weiß!“ erwiederte er erſt ſich ſtreckend und dann ſchüttelnd.„Meine Inſtruktion hört hier auf, junger Herr. Ich werde mit dem Hammer an dieſe Glocke ſchlagen und dann mögen Sie den Gang hinab gehen, bis Ihnen Jemand begegnet.“ „Ich glaube, man erwartet mich?“ „Zum Henker nochmals, was weiß ich davon!“ ſagte er. Ich trat hierauf in den langen Gang hinaus, auf dem ich früher mit meinen ſchweren Stiefeln gewandelt war, und er ſchlug an die Glocke. Am Ende des Ganges, während der Schall noch forttönte, fand ich Sarah Pocket, welche jetzt durch den Aerger über mich am ganzen Körper grün und gelb geworden zu ſein ſchien. „Oh,“ ſagte ſie,„ſind Sie es, Mr. Pip?“ „Ja, ich bin es, Miß Pocket. Es freut mich, Ihnen ſagen zu können, daß Mr. Pocket und deſſen Familie wohl ſind.“ „Sind ſie auch klüger geworden?“ erwiederte Sarah mit trau rigem Kopfſchütteln;„beſſer, wenn ſie klüger wären, als wohl. Ach, Matthias, Matthias! Sie kennen doch den Weg?“ Ich kannte ihn ziemlich genau, denn ich war oft genug die Treppe im Dunkeln hinauf geſtiegen. Jetzt betrat ich ſie in leichteren Stiefeln als früher und klopfte auf die gewohnte Weiſe an Miß Havishams Thür. „Pip klopft,“ hörte ich ſie gleich darauf ſagen.„Komm herein, Pip!“ Sie ſaß auf ihrem Stuhle an dem alten Tiſche, in der alten Kleidung, während ihre beiden Hände auf dem Stocke ruhten, das Kinn ſtützend, und ihre Augen auf das Feuer gerichtet waren. Neben ihr ſaß eine elegante Dame, die ich nie geſehen hatte, und welche den nie getragenen Schuh in der Hand hiekt und mit geſenktem Kopfe darauf hinab ſchaute. „Komme herein, Pip,“ murmelte Miß Havisham fort, ohne ſich 7 den. 1864. 287 ————:—:—-:——r————;— umzuſchauen oder aufzublicken.„Komme herein, Pip! Wie geht es, Pip? So, Du küſſeſt meine Hand, als wenn ich eine Königin wäre? — Nun?“ Plötzlich blickte ſie auf, nur die Augen bewegend, und wieder⸗ holte in grimmig ſcherzhaftem Tone: „Nun?“ „Ich hörte, Miß Havisham,“ ſagte ich etwas verlegen,„daß Sie den Wunſch ausgeſprochen haben, mich zu ſehen und bin des⸗ halb augenblicklich gekommen.“ „Nun?“ In dieſem Momente ſchlug ihre Begleiterin, welche ich nie vorher geſehen zu haben glaubte, ihre Augen auf und blickte mich ſchalkhaft an, und erſt jetzt ſah ich, daß es Eſtella's Augen waren. Aber ſie war ſo ſehr verändert, ſo viel ſchöner und weiblicher geworden und hatte in Allem was Bewunderung erringt, ſolche Fortſchritte ge macht, daß ich ſelbſt im Vergleich mit ihr gar keine gemacht zu haben glaubte. Während ich ſie betrachtete, kam es mir vor, als wenn ich hoffnungslos wieder zu dem groben, gemeinen Knaben hinab ſänke, der ich früher geweſen. O wie fremd und unähnlich ich ihr gegenüber mir erſchien und wie unerreichbar ſie! Sie gab mir die Hand. Ich ſtotterte hervor, um zu ſagen, daß es mir großes Vergnügen mache, ſie wieder zu ſehen, und daß ich mich ſchon lange darnach geſehnt habe. „Findeſt Du ſie ſehr verändert, Pip?“ fragte Miß Havisham mit begierigen Blicken, indem ſie mit ihrem Stocke auf einen zwi ſchen uns ſtehenden Stuhl ſchlug, um mir zu verſtehen daß ich mich darauf niederſetzen ſolle. „Als ich eintrat, Miß Havisham, erkannte ich weder im Ge⸗ ſichte, noch in der Figur, irgend eine Aehnlichkeit mit Eſtella; aber jetzt fängt Alles, jeder Zug, auf ſo merkwürdige Weiſe an, wieder zu der alten—“ etwas zu geben, D „Wie? Du willſt doch nicht ſagen, zu der alten Eſtella zu wer den,“ unterbrach mich Miß Havisham.„Sie war früher ſtolz und beleidigend, ſo daß Du nicht bei ihr bleiben mochteſt. Erinnerſt Du Dich nicht?“ Verwirrt erwiederte ich, daß das lange her ſei und daß ich es damals nicht beſſer verſtanden habe, und dergleichen. Eſtella lächelte ganz unbefangen und ſagte, daß ich ohne Zweifel Recht gehabt habe und daß ſie ſehr unartig geweſen ſei. „Iſt er verändert?“ fragte darauf Miß Havisham. „Sehr,“ antwortete Eſtella, mich anblickend. „Nicht mehr ſo grob und gemein?“ meinte Miß Havisham, indem ſie mit Eſtella's Haar ſpielte. Eſtella lachte und betrachtete den Schuh in ihrer Hand, lachte nochmals, blickte mich an und legte dann den Schuh nieder. Sie behandelte mich noch immer wie einen Knaben, aber lockte mich an. Wir ſaßen in dem düſteren, traumartigen Zimmer, das früher einen ſo ſeltſamen Eindruck auf mich gemacht hatte, und ich erfuhr, daß Eſtella ſoeben von Frankreich zurückgekehrt ſei und jetzt nach London gehe. Obgleich noch eben ſo ſtolz und eigenſinnig, wie ehedem, hatte ſie dieſe Eigenſchaften doch ihrer Schönheit ſo unterzu⸗ ordnen gewußt, daß es mir unmöglich und naturwidrig ſchien, ſie von ihrer Schönheit zu trennen. Es war in der That unmöglich, ihre Gegenwart von jenem erbärmlichen Streben nach Geld und Rang zu trennen, das meine Knabenjahre ſo elend gemacht hatte— von jenen ſündlichen Wünſchen, welche die erſte Urſache geworden waren, daß ich mich Joe's und meiner Familienverhältniſſe geſchämt hatte— und von allen jenen Viſionen, die mir ihr Geſicht in der Gluth des Feuers gezeigt, aus dem Eiſen des Ambos heraus ge⸗ ſchlagen und aus der nächtlichen Dunkelheit hervorgezogen hatte, um“ es in das Schmiedefenſter ſchauen und dann verſchwinden zu laſſen. Mit einem Worte, es war mir unmöglich, ſie in der Vergangenheit oder in der Gegenwart von dem innerſten Leben meines Lebens zu trennen. SSͤ— 288 Feierſtunden. 1864. ————õ——— Es wurde verabredet, daß ich den ganzen Tag dort bleiben, am Abend nach dem Gaſthofe gehen und am folgenden Tage nach Lon⸗ don zurückkehren ſolle. Nach einer kurzen Unterhaltung ſchickte Miß Havisham uns beide hinaus, um einen Spaziergang in dem ver⸗ wilderten Garten zu machen, und ſagte, daß ich ſie, wenn wir wie⸗ der herein gekommen ſein würden, wie ehedem, ein wenig in ihrem Rollſtuhle umher fahren ſolle. Wir gingen alſo hinaus in den Garten und zwar durch dieſelbe Pforte, durch die ich an jenem Tage gewandert war, als ich das Zuſammentreffen mit dem bleichen jungen Manne, jetzt Herbert, ge⸗ habt hatte. Während ich bebte und im Geiſte den Saum ihres Kleides verehrte, war ſie ganz unbefangen und verehrte ganz ent⸗ ſchieden nicht den Saum des meinigen. Als wir uns dem Platze des früheren Kampfes näherten, blieb ſie ſtehen und ſagte: „Ich muß ein ſonderbares kleines Geſchöpf geweſen ſein, daß ich mich an ſijenem Tage verbarg, um den Kampf mit anzuſehen; aber ich that es und freute mich ſehr darüber.“ „Sie haben mich dafür ſehr belohnt.“ „So?“ erwiederte ſie nachläſſig.„Ich erinnere mich, daß ich gegen Ihren Gegner eine große Abneigung hatte, weil es mir un⸗ angenehm war, daß man ihn hierher gebracht hatte, um mich mit ſeiner Geſellſchaft zu quälen.“ „Er und ich wir ſind jetzt große Freunde,“ bemerkte ich. „Wirklich? Ach ja, ich erinnere mich, daß Sie von ſeinem Va⸗ ter unterrichtet werden,— nicht wahr?“ „Ja.“ Ich machte dieſes Zugeſtändniß nicht ohne einiges Widerſtreben, denn dieſes Verhältniß erſchien mir etwas knabenhaft und ſie behan⸗ delte mich ſchon hinlänglich wie einen Knaben. „Seitdem die Veränderung in Ihren Verhältniſſen und Aus⸗ ſichten eingetreten iſt, haben Sie auch Ihren Umgang geändert,“ ſagte Eſtella „Es war ſehr natürlich,“ erwiederte ich. „Und auch ſehr nothwendig,“ fügte ſie in ſtolzem Tone hinzu, „denn der Umgang, der früher für ſie geeignet war, würde jetzt nicht mehr paſſen.“ Wenn ich überhaupt noch, was ich faſt bezweifle, die entfernte Abſicht hatte, Joe zu beſuchen, ſo wurde ſie durch die Bemerkung völlig unterdrückt. „Sie hatten damals keine Ahnung von dem Glücke, welches Ihnen bevor ſtand?“ fragte Eſtella weiter mit einer leichten Hand⸗ bewegung, um dadurch die Zeit jenes Kampfes anzudeuten. „Nicht die leiſeſte,“ antwortete ich. Die Miene ſelbſtbewußter Reife und Ueberlegenheit, mit der ſie an meiner Seite ging, und die der Jugendlichkeit und Unterwürfig⸗ keit, mit der ich neben ihr hinſchritt, bildeten einen Kontraſt, den ich deutlich empfand. Dieſe Wahrnehmung würde noch empfindlicher für mich geweſen ſein, wenn ich nicht gedacht hätte, daß der Unter⸗ ſchied namentlich dadurch beſonders hervortrete, daß ich für ſie be⸗ ſtimmt ſei. Der Garten war von Unkraut zu ſehr überwachſen, um bequem darin gehen zu können; nachdem wir deshalb zwei oder dreimal darin herum gegangen waren, traten wir wieder auf den Hof der Brauerei hinaus. Ich zeigte ihr die Stelle, wo ich ſie an jenem erſten kalten Tage auf den Fäſſern hatte umher gehen ſehen, worauf ſie mit gleichgiltiger Miene nach der Gegend hinblickend erwiederte: „Wirklich?“ Ich erinnerte ſie daran, wie ſie damals aus dem Hauſe herans gekommen ſei und mir Speiſe und Trank gereicht habe, a 6 ſie antwortete nur: „Ich entſinne mich nicht.“ „Sie entſinnen ſich nicht, daß Sie mich zum Weinen brachten?“ meiner Erinnerung nicht theurer ſein können, als es ſo war. ſagte ich. nichts konnte ich nicht auf Miß Havisham zurückführen. Ich blickte ſteſ ſagt haben,“ erwiederte ich, um von einem anderen Gegenſtande zu (Fortſetzung folgt auf S. 321.) — „Nein,“ entgegnete ſie, den Kopf ſchüttelnd und un ſich blickend. Ueber dieſe Vergeſſenheit und Gleichgiltgkeit war ich nahe darang von Neuem Thränen zu vergießen, wenigſtens innerlich— und 1 ſind die bitterſten Thränen. „Sie müſſen wiſſen,“ ſagte Eſtella, mit der herablaſ ſſinden Miene eines glänzenden, ſchönen Weibes,„daß ich kein Herz habe, — ſofern das mit meinem Gedächtniſſe etwas zu thun hat.“ Ich murmelte einige alberne Worte, um zu ſagen, daß ich mir die Freiheit nehme, dies zu bezweifeln,— daß ich es beſſer wiſſe und daß es keine ſolche Schönheit ohne ein Herz geben könne. „Oh, ich habe natürlich ein Herz, das man durch hhohren oder durchſchießen kann,“ ſagte Eſtella,„und ſobald es aufhörte zu ſchla⸗ gen, würde ich auch aufhören zu leben; aber Sie wiſſen, was ich meine. Ich habe keine ſanften Empfindungen,— keine weichen Ge⸗ fühle und ähnlichen Unſinn.“ Was war es, was mir vor den Geiſt trat, als ſie ſtill ſand und mich aufmerkſam betrachtete? War es etwas, das ich an DNiß Havisham wahrgenommen hatte? Nein. In manchen Mienen und Bewegungen lag bei ihr jene entfernte Aehnlichkeit mir Miß Havis⸗ ham, welche Kinder häufig von erwachſenen Perſonen annehmen, nit denen ſie in langem und einſamem Verkehr geſtanden haben, und die, wenn die Kindheit verſchwunden iſt, zuweilen eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen Geſichtern erzeugt, welche in anderer Beziehung! Aehnliches mit einander haben. Allein das, was ich hier ſah, wieder an und obgleich ſie auch mich noch anſchaute, ſo war dich das, was ich ſoeben geſehen, verſchwunden. Was war es? „Ich rede ernſthaft,“ ſagte Eſtella, nicht gerade die Stirn rur⸗ zelnd, aber doch mit einem etwas finſteren Ausdrucke.„Für dar Fall, daß wir viel mit einander verkehren, iſt es beſſer, daß Ste es gleich erfahren. Nein,“ unterbrach ſie mich in gebieteriſchem Tond, ich habe nie mein Herz vergeben,— ich habe nie eins beſeſſen.“ Im nächſten Augenblicke befanden wir uns in der ſo lange un⸗ benutzt gebliebenen Brauerei und ſie deutete auf die hohn Galliit, d von der ich ſie an jenem erſten Tage hatte hinaus gehen ſehen, ud ſagte, daß ſie ſich erinnere, dort geweſen zu ſein und mich mit ee⸗ ſchrockenem Geſichte unten ſtehen geſehen zu haben. Während mäne Augen ihrer weißen Hand folgten, ſchwebte mir wieder jene duntee Ael onlichkeit vor, die ich mir nicht zu erklären vermochte. Mein un willlkürliches Zucken bewog ſie, ihre Hand auf meinen Arm zu legene A lugenblicklich ſchwebte das Geſpenſt noch einmal an mir vorübch und verſchwand. Was war es? „Was iſt Ihnen?“ fragte Eſtella.„Sind Sie wieder eichructns „Ich würde es ſein, wenn ich das glaubte, was Sie ſoeben ge⸗ ſprechen. 2 hanlſ glauben Sie es nicht? Gut. Auf jeden Fall habe ich es geſagt. Miß Havisham wird Sie bald auf Ihrem alten Poſten erwarten, obgleich ich der Meinung bin, daß der jetzt auch mitt manchen anderen Dingen bei Seite gelegt werden könnte. Vin wollen noch einmal im Garten herum und dann in das Haus gehm. Kommen Sie! Heut ſoll Ihnen meine Grauſamkeit keine Thrint auspreſſen; Sie ſollen mein Page ſein und mir Ihre Schulter leihen.“ Ihr ſchönes Kleid hatte auf der Erde geſchleppt. Sie hielt es jetzt mit der einen Hand und legte die andere leicht auf meine Schul⸗ ter, während wir weiter gingen. Zwei oder dreimdll gingen wir noch durch den Garten, der jetzt für mich in voller Blüthe ſtand. Wenn das grüne und gelbe Unkraut, das in den Ritzen der altme Mauern wuchs, der koſtbarſte Blumenflor geweſen wäre, ſo hätte 8 t „..— 1 Feierſtunden. 1864. 5 44 eit war ich nahe darg) innalih— und da t der heublaſſcnder ch kein Hur; habe⸗ thun hat.“ ſagen, daß ich mit ich es biſſer wiſſ 2e auf 1 zu ſchla Sie wi ſſen was id — keine weichen Ge⸗ t, als ſie ſtill ſtend das ich an Miß Münen und Miß Habis haben, und ne auffallende. rer Beziehung was ich hier ſah, „ Jch blicke ſie ute, ſo war doch edie Stirn vn⸗ .„Für den. beſſer, daß Ett riſchem Tont, s beſeſſen.“ Kin der ſo langt Il⸗ 1 nuf die hoh Galleit 28 n ſchen, ud mich mit ne Während rette tr wiede jent dant . Miin un⸗ m zu Ugn. 9 f Ihrer er ſibt 1 4 —“ 1 b 1 1 3 4 3 4 4 nus n 1— W e 4 5 ſleißigen Maurer. ſt 1 ingen n w. 3 Simon Verde. 1 Blüthe ſan Kitzen N 3-(Fortſetzung zu S. 270.) tr, ſ hütte 8 IV. kehrte, ſchon getröſtet über ſeinen unglücklichen Getreide⸗ war. Am folgenden Morgen begab ſich Simon Verde mit handel, wie immer heiter ſingend nach Hauſe. Allein er eeiner Ladung Oliven nach Sevilla, verkaufte ſie gut und durfte nicht eintreten, denn an der Thüre Melt man ühn Feierſtunden. 1864. ————— die Abſicht hatte, den Seinigen Nachricht von der bevor⸗ . 290 feſt und führte ihn zum Alcalde. Der arme Mann war beſtürzt. „Jetzt wird es gut gehen,“ dachte er;„man wird den Rebellen finden, und ich bin verloren! Meine arme Tochter!— meine Mutter! Guter Gott, was werde ich bei ihren Thränen ausſtehen.“ „Simon,“ ſagte der Alcalde, als unſer guter Mann vor ihm ſtand,„ich habe den Auftrag erhalten, Nachfor⸗ ſchungen zur Entdeckung eines Aufrührers anzuſtellen, wel⸗ cher ſich in der hieſigen Gegend umhertreiben ſoll. In der vorigen Nacht haſt du einen Mann in deinem Hauſe verborgen; wer war es?“ „Ich habe Niemand in meinem Hauſe verborgen,“ entgegnete Simon und ſprach die Wahrheit. 3 4 „Gib wohl Acht,“ fuhr der Alcalde fort,„ich werde Hausſuchung bei dir anſtellen, und wenn du bei deinem Läugnen beharrſt und man findet Jemand, ſo wirſt du als Hehler und Mitſchuldiger beſtraft werden.“ Angſtvoll ſchaute ſich Simon nach allen Seiten um und wußte nicht, was er antworten ſollte, als er Julians Blicken begegnete, welcher ihm beruhigend zulächelte und ſich gleich darauf entfernte. Er kannte die edeln Geſin⸗ nungen des jungen Mannes und errieth deshalb, daß er ſtehenden Hausſuchung zu geben und den verborgenen Re⸗ bellen heimlich entfliehen zu laſſen. Unter dieſen Umſtän⸗ den war es wichtig, Zeit zu gewinnen. Eine ruhige Miene deshalb annehmend, ſagte Simon zu dem Alcalde: „Ich bin in der That ganz betäubt, denn es iſt, wie Ihr wiſſet, das erſte Mal, daß ich mich in den Händen der Gerechtigkeit befinde. Seid Ihr auch jemals in Haft geweſen, Sennor Alcalde?“ „Was ſoll dieſe Frage bedeunten, Simon?“ erwiederte letzterer zornig.„Glaubſt du, daß ein Mann wie ich ſich eines Vergehens ſchuldig machen könnte, welches eine Ver⸗ haftung verdiente?“ „Aergert Euch nicht! Es gibt heutzutage Manchen, der ſtolz einhergeht und doch ſchon im Zuchthauſe geweſen iſt. Man könnte Euch ja aus Verſehen eingeſteckt haben, wie jetzt zum Beiſpiel mich, Euren gehorſamen Diener.“ „Simon,“ rief der Alcalde noch zorniger,„höre mit deinen Spöttereien auf, denn ſie paſſen hierher, wie ein Fandango bei einem Begräbniſſe. Laß uns zur Sache kommen! In der vorigen Nacht iſt ein Mann in dein Haus getreten,— du kannſt es nicht läugnen.“ „Kein anderer Mann iſt in mein Haus getreten, als ich ſelbſt, Sennor Alcalde.“ „Läugne nicht,“ drohte Letzterer erbittert,„ich habe ihn geſehen.“— „Ah, Ihr ſeid alſo Richter und Zeuge zugleich?“ be⸗ merkte Simon mit verächtlichem Lächeln.„Nun, dann will ich nicht länger in Abrede ſtellen, daß Jemand in Feierſtunden. 1864. —————õͤõr-r—ä⸗-ͤ———— ruhiger wurde, je mehr Zeit er gewann,„iſt der Umſtand, daß meine Mutter nichts von der uns zugedachten Ehre weiß. Sie würde das Haus geſäubert und zu Eurem Empfange paſſender hergerichtet haben.“ Wüthend erhob ſich der Alcalde und trat, vom Amts⸗ ſchreiber und einem Gerichtsdiener begleitet, den Weg an. Alles, was der gutmüthige Simon Verde nur in der Ab⸗ ſicht geſagt hatte, Zeit zu gewinnen, wurde von dem Al⸗ calde anders ausgelegt, welcher nur abſichtlichen Hohn und Trotz darin erkannte, was ſeine Rachſucht noch höher ſtei⸗ gerte. Mitwirkend war auch die am vorhergehenden Abend gemachte Bemerkung, daß ſein Sohn der Tochter Simon Verde's Aufmerkſamkeit bewies; und endlich war es ihm gleichfalls zu Ohren gekommen, daß das ganze Dorf über den von ihm, dem reichen Ackerbeſitzer, mit dem armen Simon geſchloſſenen und für Letzteren ſo nachtheiligen Kauf empört war. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Julian die Mutter Simons benachrichtigt hatte, und daß der Fremde, als die alte Frau ihn entfernen wollte, bereits verſchwun⸗ den war, als wenn er eine Ahnung von der drohenden Gefahr gehabt hätte. Alle Nachforſchungen im Hauſe und deſſen Zubehörungen waren natürlich vergeblich; keine Spur des Verfolgten ließ ſich entdecken. Die Erbitterung des Alcalde über dieſes Fehlſchlagen war um ſo größer, als die Hausſuchung in den Augen Aller für einen Akt deſpo⸗ tiſcher Willkür galt. ſagte er,„der jetzt nicht zu finden iſt. Es geht daraus daher beſſer aufgeklärt iſt, wirſt du mein Gefangener blei⸗ ben, Simon Verde.“ „Mein Gott, Sennor,“ rief der arme Mann erſchreckt, „wer wird morgen für mich und die Meinigen das Brod verdienen? Wer wird die Früchte auf den Markt tragen, welche bereits dieſen Morgen gepflückt worden ſind?“ Die alte Mutter fing an zu weinen, und alle Anwe⸗ ſenden baten für Simon. „Wenn er auf freiem Fuße bleiben ſoll, ſo muß er wenigſtens eine Caution in baarem Gelde bei mir nieder⸗ legen.“ 4„Wenn es weiter nichts iſt, ſo ſollet Ihr nicht lange warten,“ erwiederte Simon.„Mutter, holet die dreitau⸗ ſend Realen aus Eurem Schranke und gebet ſie dem Sen⸗ nor Alcalde.“ Die alte Frau ſtand ſchnell auf, öffnete den Schrank und ſtieß einen Schrei aus, denn das Geld war ver⸗ ſchwunden. „Mutter,“ fragte Simon,„was gibt es? warum er⸗ ſchreckt Ihr ſo?“ „Mein Sohn,“ rief die arge Alte,„man hat uns beſtohlen!“ meinen Garten getreten iſt. Dieſer Jemand, Sennor Al⸗ calde, war Euer Sohn, dem ich geſagt habe, daß er beſſer thäte,— zu Bett zu gehen.“ Die Anweſenden waren unfähig, ein leiſes Lachen zu unterdrücken, was dazu beitrug, die Erbitterung des Al⸗ calde noch zu ſteigern. Stolze verletzt, beſchloß er, ſich zu rächen, und ſagte mit hochmüthigem Tone: „Ich werde dafür ſorgen, daß mein leichtſinniger einen Beſuch abſtatten wollen. „Was ich nur bedaure,“ bemerkte Simon, der immer Haus aufgenommen haſt?“ fragte der Alcalde erfreut. Dieſes Unglück war zu groß und unerwartet, und Simon, ſowie die Mutter, zu wenig der Verſtellung fähig, als 2* Urſprung deſſelben länger hätten verhehlen können . unn's kein Anderer gethan haben, als jener Durch Simons Worte in ſeinem Mann!“ rief die alte Frau, von Schmerz überwältigt. „Ich Thor!“ fügte Simon hinzu, ſich mit der Fauſt vor den Kopf ſchlagend,„ich mußte ihm auch noch aus⸗ . drücklich ſagen, daß ich das Geld beſitze! O, wie thöricht Sohn nicht wieder dein Haus betrete, wo wir jetzt ſogleich iſt das Schaf, das zum Wolf geht, um zu beichten 14 „Es iſt alſo erwieſen, daß du einen Fremden in dein „Ich habe geſtern einen Mann hier eintreten ſehen,“ nur hervor, daß er ſich wieder entfernt hat. Bis die Sacht r Umſtand, en Ehr; u Eurem vom Amts⸗ m armen iligen Kauf Julian die Fremde, —Pxꝛ——C—C—P—Y—x—x———ꝛ——ͤõ——— „Ja, und ſchlecht iſt mir's bekommen!“ verſetzte Si⸗ mon.„Ich fand den Unglücklichen,— dieſe Schlange, ſollte ich vielmehr ſagen,— halb verhungert und in Ge⸗ fahr, erſchoſſen zu werden, hatte Erbarmen mit ihm,— ja, Sennor,— gewährte ihm Schutz und verbarg ihn! Und das war ein gutes Werk,— ja, Sennor,— wenn Ihr auch nein ſagt. Aber wie hat er mir dafür gelohnt? — Wie ein ſchlechter, nichtswürdiger Menſch,— ja, Sennor!“ „Du kannteſt ihn doch?“ „Ich? Nicht mehr, als Ihr!“ „Aber du wußteſt doch, daß er ein Rebell war?“ „Natürlich wußte ich es, denn man braucht nicht zu fürchten, erſchoſſen zu werden, wenn man nichts gethan hat, als den Roſenkranz beten.“ Alſo wußteſt du, daß er ein Rebell war?“ „Noch einmal!— Wozu dieſe Frage von Neuem?“ „Weil Connivenz vorhanden ſein kann, und meine Pflicht iſt—⸗ „Connivenz?— Was wollet Ihr damit ſagen?“ unterbrach Simon den Alcalde. „Connivenz,“ erklärte Letzterer,—„das heißt, wenn Jemand im Einverſtändniß mit der rebelliſchen Partei iſt, oder ihr Beiſtand und Hülfe leiſtet.“ „Nichts von allem dem habe ich gethan, Sennor; das wiſſet Ihr ſo gut wie ich. Einem Unglücklichen habe ich meine Hand gereicht, und bin dafür beſtohlen worden. Wenn Ihr deshalb eine Anklage gegen mich erheben woll⸗ tet, ſo hieße es ſiedendes Waſſer auf eine Brandwunde gießen.“ „Ich muß meine Pflicht erfüllen,“ verſetzte der Al⸗ calde in hochtrabendem Tone;„denn wenn ich es nicht thäte, könnte man mich ſelbſt für mitſchuldig halten.“ „Um Gottes willen, Sennor,“ rief der arme Simon in Todesangſt,„Ihr werdet doch einen Freund nicht zu Grunde richten wollen?“ „Man begleitet einen Freund bis an die Pforte der Hölle,“ erwiederte der Alcalde,„und verläßt ihn dort.“ Es wäre traurig, dem Prozeſſe Schritt für Schritt zu folgen, der gegen den armen Simon eingeleitet wurde, und die Abſcheulichkeiten zu ſchildern, deren ſich die Rechts⸗ gelehrten ſchuldig machten, um Geld von ihm zu erpreſſen und ihn völlig zu ruiniren. Es war einer von jenen häufigen Fällen, die ſich jetzt noch täglich auf dem Lande in Spanien ereignen, in denen die Armen auf eine oder die andere Weiſe den geheimen Verfolgungen zum Opfer fallen, die Gerechtigkeit mit Füßen getreten, die Unſchuld hintergangen und das Recht mit einem ſolchen Netze von Spitzfindigkeiten umhüllt wird, daß die Intereſſenten, gleich den Fliegen, welche in die Gewebe der Spinnen fallen, den Muth verlieren, und daß Denjenigen die Hände ge⸗ bunden ſind, die ihnen gern helfen möchten. Simon erſchöpfte alle ſeine Hülfsquellen, die Gläu— biger drängten ihn, und er wurde wegen der bedeutenden 6 Feierſtunden. 1864. ꝭ—B——————-—:-—B—-ͤͤ--õ‧—————— —— Noch ſchlimmer aber war es, als er wahrnahm, wie es auf barbariſche Weiſe von den Kindern des neuen Beſitzers gemißhandelt wurde, und es, ſeinen alten Herrn ſuchend, den Kopf nach ihm umwendete. Agueda weinte bitter⸗ lich, und Simon entfernte ſich, um ungeſehen daſſelbe zu thun. Auch der gefühlloſeſte Menſch würde Mitleid beim Anblicke der armen alten Frau empfunden haben, als ſie troſtlos weinend den verkauften Garten verließ. „Grämet Euch nicht, Mutter,“ ſagte Simon, ſeinen eigenen Schmerz gewaltſam unterdrückend, um nicht den der guten Alten noch mehr zu vermehren,„Matthias, dem ich das Geld zur Bedachung ſeines Hauſes geliehen habe, das er mir bis jetzt noch nicht zurückgeben konnte, hat mir geſagt, daß wir, ſo lange ſein Haus ſtehe, bei ihm Zuflucht finden ſollten. Ihr ſehet alſo, daß wir weder ohne Ob⸗ dach, noch ohne Freunde ſind.“ „Gott meiner Seele!“ rief die alte Frau,„der Gar⸗ ten, der ſeit ſo langen Jahren in unſerer Familie vom Bater auf den Sohn übergegangen iſt,— in dem ihr Alle geboren worden ſeid, und wo ich um die Abgeſchiedenen getrauert habe, die früher zur Zahl der Unſerigen gehörten, der Garten, deſſen Orangenbäume ſich mit ſo ſchönen weißen Blüthen ſchmückten, und deſſen Weinlaube uns im Sommer ſo ſüßen Schatten gewährte!— O mein Gott, wer wird jetzt die Pflanzen wäſſern, die ich geſetzt habe, und den Vögeln Futter geben, die furchtlos meiner Stimme folgten?“ „Mutter,“ tröſtete Simon,„bekümmert Euch nicht! Wir nehmen das Beſte mit uns, ein gutes Gewiſſen. Ueberall, wohin wir gehen, wird es uns ein weiches La⸗ ger bereiten.“ Im Geiſte aber fügte er hinzu: „Elender Dieb! Schlange, die uns als Belohnung für unſere Wohlthaten zu Grunde gerichtet hat! Und die⸗ ſer ſchuftige Alcalde, der ſich durch den Fall ſeines Opfers bereichert! Einer iſt ſo viel werth wie der Andere! Gott ſtehe ihnen bei!“ „Mutter,“ fuhr er dann mit lauter Stimme fort, als die Thränen der alten Frau nicht aufhören wollten, „Gott verläßt Niemand. Ihr, die Ihr die heilige Ge⸗ ſchichte ſo wohl kennet, denket nur an die Gnade Gottes, die dem armen Hiob zu Theil wurde, und an die Qualen des reichen Geizhalſes!“ „Ja, deine Qualen, du herzloſer Alcalde, der ſelbſt mit meinen weißen Haaren kein Erbarmen gehabt hat, müſſen eben ſo ſchrecklich ſein!“ rief jammernd die alte Frau. „Ihr zerreißet mir das Herz, Mutter,“ unterbrach ſie Simon, da ihr Schmerz nicht zu lindern war;„man ſollte faſt glauben, daß Euch die ganze Welt verlaſſen hätte! Aber bin ich nicht da, der Stab Eures Alters? Und iſt meine Tochter nicht da, um Euch Freude zu machen?— überall wird Aqueda Euch durch Geſang und 291 Koſten dieſer ſchweren Anklage verfolgt, ſo daß der arme Liebe zu erheitern ſuchen, und wohin wir ö⸗ Mann ſich endlich genöthigt ſah, ſeinen Garten zu ver⸗ gen überall wiſd ner mit un ſein!“ inh ahhe i kaufen, den der Alcalde für ein Drittel des eigentlichen Werthes erwarb. Da jedoch der Erlös nicht hinreichte, um alle Schulden zu decken, ſo mußte er auch das letzte Beſitz 3 thumn⸗ hi feu⸗ ſeinee trene alte Gefährtin, verkauſen. V. nmöglich iſt es, den Schmerz zu ſchildern, welcher ſein Mehrere Jahre waren verfloſſen. Gleich eine 8 Herz zerriß, als er das arme Thier in die Hände des ſeinem urſorünalicgen Boden mieſiingten Biüme ilt Amtsſchreibers fallen und aus dem Stalle fortführen ſah, Familie gelitten und getrauert; allein unter dem Einfluſſe in dem es ſo lange die Stunden der Ruhe genoſſen hatte. des großen menſchlichen Tröſters, der Zeit, und ſeiner ſanften 372* —-——ꝛWü —— — —— — —— 4 1S 8 SW 292 Tochter, der Gewohnheit, hatte der Baum dennoch endlich wieder neue Wurzeln geſchlagen. Bewäſſert vom Schweiße der Arbeit, war er wieder grün geworden und hatte ſogar einige Blüthen getrieben. Mit einem Worte, Zufriedenheit herrſchte wieder in Simons Hauſe. Sehr mitwirkend war dabei der Umſtand geweſen, daß der Fuhrmann Nicolas eine kleine Erbſchaft gemacht und ſich beeilt hatte, dem armen Simon das Geld für den todten Ochſen zu erſtat⸗ ten, wodurch Letzterer in den Stand geſetzt worden war, Papalina für den doppelten Preis deſſen zurückzukaufen, was er vom Amtsſchreiber dafür erhalten hatte. Er konnte jetzt wieder ſeinen früheren Erwerbszweig betreiben, und Papalina drückte ihre Freude darüber, daß ſie ſich wieder an der Seite ihres alten Herrn befand, auf die lebhafteſte, wenn gleich nicht auf die wohlklingendſte Weiſe aus. Die fſſ F ädaem NA Gl- alte Großmutter begoß wieder die Blumen, fütterte die Vögel, ſpann und betete, und Agueda ſchmückte ſich wie früher mit Nelken und ſang. Ihre Liebe zu Julian, unter dem Zeichen einer Nelke erwacht, war im Schatten des Ge⸗ heimniſſes gewachſen; denn Beide wußten, daß ihre Väter, Feierſtunden. 1864. „Wir denken an nichts, als an unſere Liebe, Groß⸗ mutter,“ erwiederte das Mädchen. „Wohin ſoll das führen, meine Tochter? Habt Ihr noch gar nicht an die Zukunft gedacht?“ „Wir denken nur an die Gegenwart, liebe Groß⸗ mutter.“ „Ich ſehe es wohl; die Jugend überlegt nicht. Siehſt du denn nicht, daß du dir mehr Thränen bereiteſt, als das Meer Perlen hat?“ V„Wenn ich doch einmal weinen muß, gute Großmut⸗ ter, ſo iſt es, je ſpäter, deſto beſſer.“ „Nun, ſo geſchehe Gottes Wille!“ ſagte die alte Frau ſeufzend. „Der wird auch ganz gewiß geſchehen; nicht aber das, was der Alcalde will,“ verſetzte Agueda.„Um glücklich zu ſein, muß man ſchöne Hoffnungen hegen!“— In dieſer Zeit geſchah es, daß die Einwohner von Gelves Mund und Naſe er⸗ ſtaunt aufſperrten, weil eines Tages, als man es am we⸗ nigſten erwartete, das große, einſame Schloß Lebenszeichen von ſich gab. Die Fenſter und Läden öffneten ſich wie erwachende Augen, die große Pforte that ſich auf wie ein gähnender Mund, und wohn⸗ liche Reinlichkeit mit ihrem weißen, fleckenloſen Gewande und zahlreichen, aus Beſen, Bürſten und Seife beſtehen⸗ den Hülfstruppen, nahm von den verlaſſenen Räumen Beſitz. Vor dieſer feindlichen Armee entflohen die Keller⸗ würmer, wurden aber von den Beſen eingeholt und er⸗ litten eine ſchreckliche Nieder⸗ lage; die Spinnen ſetzten ihre langen Beine in Bewe⸗ gung und verließen die ſtillen Winkel und hre feinen Netze, — die Fledermäuſe, wüthend über den hellen Glanz der Fackeln und Lampen, flüchteten ſich in den Kirchthurm und nahmen die Gaſtfreundſchan der.e in Anſpruch, welche ſie nur ſehr mürriſch empfing,— die Mäuſe flohen vor dem Lärm, und der Staub, genöthigt, ſein hundertjähriges der eine aus Stolz und der andere aus Ehrgefühl, nie die Lager aufzuheben, entſchwebte mit einem Sonnenſtrahle durch Einwilligung zu ihrer Verbindung geben würden. Alcalde wollte ſeinen Sohn mit der Tochter eines reichen Der das offene Fenſter. „Was mag nur im Schloſſe vorgehen?“ fragten ſich Gutsbeſitzers in Puebla verheirathen, und hegte uverdies neugierig die Leute im Dorfe;„kommt vielleicht die In⸗ gegen Simon Verde jenen Groll, den ein böſer Menſch fantin?“ immer gegen ſein Opfer empfindet. Dieſer Haß iſt viel Gegen Abend langte auf dem Fluſſe ein Boot an, tiefer und dauernder als der des Gekränkten, wofür der welches verſchiedene Effekten und Möbel, ſowie einen Herrn Umſtand einen genügenden Beweis liefert, daß Simon in und eine Dame brachte. ſeinem vortrefflichen Herzen durchaus keinen Groll gegen ſeinen Verfolger hegte. Der Herr war ungefähr vierzig Jahre alt, groß und ſtark, trug einen breiten ungariſchen Hut und einen bunt⸗ Das Liebesverhältniß der Beiden war jedoch der guten farbigen Mantel von ſehr originellem Schnitte. Er hatte alten Großmutter nicht entgangen, welche zu ihrer Enkelin den Blick eines römiſchen Kaiſers und den Gang eines ſagte: germaniſchen Eroberers, „Agueda, mein Kind, haſt du reiflich überlegt?“ hielt eine rieſige Cigarre unter einem ſtarken Schnurrbart, ſprach ſehr laut, nannte it geſchah hner von as große, 9) 8 ichen eFenſter ſich wie die große wie ein Id wohn⸗ it ihrem Gewande Beſen, beſtehen⸗ nahm Räumen indlichen Keller⸗ ber von Feierſtunden. 1864. Jedermann„mein Kleiner“, und ſchien freigebiger mit heilige Eliſabeth von Ungarn und die heilige Clotilde von Prahlereien als mit Geld zu ſein, was ſich aus einem Frankreich waren.“ Streite entnehmen ließ, den er mit dem Bootsmann wegen eines Real hatte. Die Dame, obgleich leidend, wie man an ihrem Schweſter des Schenkwirths, welche war lebhaft, aufgeben wollte, daß die ſoeben an's Land geſtiegene Dame bleichen, abgemagerten Geſichte ſehen konnte, „Aber wenn du die Infantin nicht kennſt, Joſé, wo⸗ her weißt du denn, daß dieſe es nicht iſt?“ fragte die den Gedanken nicht muthwillig, und lächelte fortwährend. Sie trug eine roſa⸗ die Infantin ſei. farbene Haube auf der äußerſten Spitze des Hinterkopfes „,„Weil ſie kein Gefolge hat,“ lautete die Antwort. ein hellgrünes Mäntelchen mit vieler Stickerei und langen „Gefolge?— was iſt denn das?“ fragte das junge Franſen, und in buntkarrirtes ſeidenes Kleid, nebſt Stie⸗ Mädchen. felchen von derſelben Farbe; aber Alles, was ſie trug, ob⸗ Sie hatte Joachim. eine glänzende Buſennadel, funkelnde Armbänder, einen gleich neu, war in vernachläſſigtem Zuſtande. Fächer, welcher Blitze kleinen Hund. Vor dem Wirthshauſe befanden ſich mehrere Be⸗ 4 wohner des Dorfes, nebſt aiſſ ihren Weibern, welche bei i der Landung und Ausſchif⸗ fung Hülfe leiſteten und ſämmtlich von dem unge⸗ wohnten Luxus und Glanze geblendet waren. „Habe ich nicht geſagt, daß die Infantin kommen würde? Das iſt ſie!“ ließ ſich die Mutter des Schenk⸗ wirths Jolchim vernehmen. „Unmöglich iſt es die, welche den Hut ſo weit zu⸗ rück ſetzt,“ bemerkte ein da⸗ bei ſtehender Mann.„Ihre Hoheit trägt immer nur eine Mantille wie eine ächte Spa⸗ nierin.“ „Gott ſegne ſie!“ riefen alle Weiber. „Und ihr werdet wiſ⸗ ſen,“ fügte der Mann hinzu, „daß ſie nur vier Gedanken hat.“ „Nur vier?— Iſt cs möglich?“ rief die Schenk— wirthin. „Zählet ſie!— einen mißr und keinen weniger.“ „Kennſt du denn dieſe Gehnken, Joſé?“ „Ach, wie ſollte der Infantin kennen?“ ſtimme. „Allerdings kenne ich ſie, und ganz Spanien, Frank⸗ reich und England kennen ſie ſo gut wie ich,“ erwiederte Joſé;„du aber biſt der Dummkopf allein, wenn du ſie nicht kennſt.“ „So nennet ſie doch!“ wiederholten alle Frauen meh⸗ rere Male.. „Dieſe Gedanken,“ fuhr der Mann fort,„ſind Gott, ihr Gemahl, ihre Kinder und die Armen; und das Beſte, ſ Agg e ech ſagte der Schenkwirth mit ſeiner Baß⸗ Dummkopf die Gedanken der „Nun, das ſind die Wagen,“ belehrte ſie ihr Bruder Der Herr und die Dame, welche mit dem Boote an— ſchleuderte, und einen laut bellenden gekommen waren, ſtiegen zum Schloſſe hinauf und ließen ſich darin nieder, indem er ſich in einen Lehnſeſſel warf, 6g 9 M 7- (Zu Seite 298.) ſund ſie auf alle Balkone nach der Reihe hinaustrat, Bruch⸗ ſtücke aus modernen Opern ſang, und einmal über das andere mit italieniſchem Accente„Bello, bellissimo!« rief. Es gibt ohne Zweifel keine ſchönere Ausſicht, als die, welche ſich dem Auge von den Balkonen des Schloſſes de Gelves aus bietet, denn das Schöne vereinigt ſich hier mit den ⸗Großartigen. Am Fuße des Schloſſes ſenkt ſich, der mit Gärten und Bäumen bepflanzte Boden und läuft dann eben fort, um eine ſchöne, mit Heerden bedeckte Weide zu bilden. Auf der anderen Seite des Fluſſes, deſſen Ufer mit Baumgruppen und Gebüſchen beſetzt ſind, theilt ſich, die Flur in bebaute Felder, Orangenhaine und Wieſen, welche von grünen Hecken umſchloſſen werden. Zwiſchen was ihr Alle thun könnet, iſt, dem Beiſpiele der Inſantin den beiden Ufern fließt der Strom ſo ruhig und würde⸗ zu folgen.“ „Und der Infant?“ „Der Infant hat natürlich dieſelben Gedanken, denn er ſoll der Sohn einer ſo frommen Königin ſein, wie die voll, daß man ſeine Waſſer für ſtillſtehend halten könnte, wenn nicht ein Dampfboot von Zeit zu Zeit die Fluthen heftiger bewegte und ihre Klarheit trübte. Gleich einem ſchwindenden Traume verliert ſich allmälig die Ausſicht, * 2*⸗ 6* 8—— F v„ ☛☚ . bis das Auge die fernen Berge der Ronda erreicht, die man für Wolken halten könnte, wenn hier im Frühjahre jemals Wolken am Himmel ſtänden. Links, am Fuße von la Giralda, gewahrt man Sevilla, deſſen Anblick, an ſich ſchon ſo großartig, durch die feierliche Ruhe der Umgebung noch mehr gehoben wird. „Singe nicht, Fornarina!“ rief der Cavalier aus der Tiefe ſeines Lehnſeſſels hervor.„Du weißt, die Aerzte haben es dir verboten.“ „Gibſt du denn etwas darauf, was die Aerzte ſagen?“ erwiederte die Dame mit italieniſchem Accente. Der Cavalier nannte ſich Obriſt Titan, allein Nie⸗ mand hatte das Diplom ſeines Ranges geſehen, welches ſelbſt bei der Schatzkammer nicht bekannt war, da er keine Beſoldung bezog. Es iſt nicht zu unſerer Kenntniß gelangt, welcher Mittel ſich die hohen Herrſchaften bedient hatten, um die Erlaubniß zu erlangen, das Schloß an Stelle des bisher dort reſidirenden Ungeziefers beziehen zu dürfen. Es küm⸗ mert uns auch nicht; gewiß aber iſt, daß die reine Luft und die vortrefflichen Mineralwaſſer von Gelves der Dame Fornarina außerordentlich gut bekamen, wenn man nach dem Fortſchritt ihres Geſanges, dem Schall ihres Lachens und ihrem gellenden Geſchrei im Streite mit dem wichtigen Obriſt urtheilen durfte. Die Bewohner von Andaluſien haben die angeborene Gabe, Perſonen, namentlich die eines höheren Ranges als ihres eigenen, ziemlich richtig abzuſchätzen. Kaum hatten deshalb die Gäſte einige Tage im Schloſſe gewohnt, als ſich die Weiber bereits in die Lippen zu beißen und die Männer zu lachen begannen. „Es ſcheint,“ ſagte einer derſelben,„als wenn ſie gern die Rolle großer Herrſchaften ſpielen möchten.“ „Dieſer Don Orlando, mit dem großen Schnurr⸗ bart,“ fügte eine Frau hinzn,„hat ein Geſicht wie ein Ketzer, das mich immer an die Henkersknechte in den Paſ⸗ ſionsſpielen erinnert. Ich begreife nicht, wie Simon Verde erlauben kann, daß ſeine Tochter ſich den ganzen Tag bei ihnen aufhält.“ „Ja, für Simon Verde ſind das vortreffliche Men⸗ ſchen,“ bemerkte ein Anderex;„er denkt nie an etwas Böſes.“ 2 „Weil ſein eigenes Herz ſo rein iſt wie der Morgen⸗ wind,“ ſagte dieran. „Das iſt r,“ verſetzte der Mann;„allein in die⸗— ſer verderbten Wält darf man nicht ſo arglos ſein.“ In der That ſtieg Simon, in ſeiner Eigenſchaft als Bote von Sevilla, jeden Tag hinauf zu dem Obriſt Titan, um ihm die Delikateſſen zu bringen, welche in Gelves nicht zu haben waren. „Es iſt hier im ganzen Dorfe nichts zu bekommen,“ ſagte der Obriſt zu ihm,„Du mußt mir Alles von Se⸗ villa bringen, Kleiner.“ Außerdem hatte Simon das Geſchäft, die ſehr leb— hafte Correſpondenz des Obriſten mit einem im höchſten Grade anmaßenden und aufgeblaſenen jungen Manne aus⸗ zutauſchen, welcher ſich Kapitän Bull nannte, allen Par⸗ teien gedient hatte, die ganze Welt kennen wollte, Karten und Weiberröcke leidenſchaftlich liebte, und ſpäter ſeine Laufbahn damit endete, daß er ſich den Piraten anſchloß, welche einen Angriff auf die Inſel Cuba zu machen ver⸗ ſuchten. Simons gutmüthige, heitere Phyſiognomie gefiel der Dame Fornarina, welche ſich gern mit ihm unterhielt und 4 . Feierſtunden. 1864. den Schilderungen ſeines Lebens und Treibens aufmerkſam zuhörte.. „Freund Simon,“ ſagte ſie eines Abends zu ihm, als er die Aufträge für den folgenden Tag holte,„wie viel verdienet Ihr täglich?“— „Ich habe keinen gewiſſen Verdienſt,“ erwiederte er, „aber durchſchnittlich gerechnet mache ich mir täglich zwei bis drei Realen.“ „Zwei bis drei Realen? Nicht mehr?“ rief Fornarina erſtaunt.„Armer Vater Simon, welche elßnde Exiſtenz! Ihr müßt ja beinahe verhungern, braver Mann!“ „Nichts weniger, Sennora; ich lebe zufrieden, Gott ſei Dank!“ „Mit zwei bis drei Realen?“ „Ja, mit zwei bis drei Realen, die mir nie fehlen.“ „Aber das reicht doch nicht aus, um Eure Bedürf⸗ zu beſtreiten?“ „Vollkommen, und ch zu manchen anderen Dingen.“ „Zu welchen? o bin neugierig!“ „Sehet, Senno a, mit dieſen zwei bis drei Realen genüge ich meinen Verpflichtungen, zahle eine Schuld ab, leihe auf Zinſen aus, und lege noch bei Seite.“ „Ihr wollt Euch einen Spaß mit mir machen! Wire wäre das möglich?“ „Ew. Gnaden mögen ſelbſt urtheilen. Ich erhalte mich und mein Haus, das ſind meine Verpflichtungen; ich ernähre meine Mutter und trage dadurch eine Schuld ab; ich erziehe meine Tochter und leihe dadurch aus, denn ſie niſſe wird es mir einſt, wenn ich alt din und nicht mehr arbei⸗ n⸗ ten kann, erſtatten, und endlich lege ich bei Seite, denn nie verſagt meine Hand dem Armen ein Almoſen, wäre es auch nur ein Theil des Brodes, das ich eſſe.“ Fornarina ſchwieg einige Augenblicke ſinnend, und ſich dann an den Obriſt wendend, ſagte ſie: „Er ſpricht wahr und gut. Wie manches große Ein⸗ kommen wird verſchwendet, ohne damit zu bewirken, was dieſer Mann mit drei Realen zu leiſten vermag.“ „Du biſt eine Phantaſtin,“ erwiederte der Obriſt, in ein lautes Gelächter ausbrechend;„ſchreibe ein idylliſches Gedicht darüber, ſetze es ſtung der Amints und Mirtils; aber mich laſſe mit dieſen Albernheiten in Frieden.“ „Du biſt kein Menſch, du biſt nichts als eine Ka⸗ none!“ verſetzte Fornarina zornig. „Ja, ein Vierundzwanzigpfünder,“ fügte Simon in Gedanken hinzu. „Höre, diva donna,“ rief der Obriſt, dem dieſe Ver⸗ gleichung ſchmeichelte, mit einem Lächeln,„du weißt, daß mir Alles an dir gefällt,— der Hirtenſtab ſowohl wie die Königskrone,— du biſt immer reizend und liebens⸗ würdig!“ „Mag ſein,“ dir hat dieſelbe Wirkung bei mir; mente, welche nach Tabak riechen,. der einen ewigen Moſchusgeruch an Simon wendend, fragte ſie: h dein Schnurrbart, Tages, eine Tochter, diene. Wenn Ew. Gnaden ſie ſähen, würdet Ihr daſſelbe ſagen.“ „Ja, ich will ſie ſehen!“ rief Fornarina lebhaft. „Kann ſie nähen?“ in Muſik und ſinge es zur Trö⸗ entgegnete die Dame,„aber nichts an weber deine Compli⸗ verbreitet;“ und ſich dann „Ihr habt eine Tochter?“ „Ja, Sennora, eine Tochter wie die Blumen des deren Vater ich kaum zu ſein ver⸗ aufmeriſam zu ihm, als „wie viel rwiedert⸗ rwiederte er, täglich zwei ef Fornarina Exiſtenz! u nz drei Realen Schuld ab,. 1 en! Wi Ich erhalte chtungen; ich Schuld ab; 4 denn ſie. G arb⸗ b0 end, und ſich 8 große Ein⸗ wirken, was ag.“ 1 Obriſt, in in dyliſches ds zut Tö „mit dieſen 3 3 5 2 z ſ als eine Kg⸗ Simon in b 8 em dieſe Ver⸗ u wiltt, daß t ſowohl wit wand litkens⸗. zer ichts an d, Compli⸗ — hart