4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literat T 4— 4 1 von 3 1, 3 4 Eduard Oktmann in Gießen, 3 8. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. FKeih- und Seſebedingunn. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſh pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens S) . Abr bis Aipends 8 lhr oſſeen. 7 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von J jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt 4 St 4 1 den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von m r zuruͤckerſtattet J m 1 2 Daſſelbe lmuß Ferss bezäl werden und bi iſen zu ſo b beſchmutzte ze lefelhtee b defecte Bücher(namentlich bei ſolc mit ſ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt P der Leſer zum Erſatz des 7. Ausleihezeit. Dieſe tzt und wird b 5 eiterverleihen welche die⸗ Feierſtunden. 1865. ———⅓::O:—————;— Des Bürſtenbinders Sohn. Novelle von A. Schiller. (Fortſetzung zu S. 257.) den Erinnerungen zehrt? Was dem, deſſen Leben im Ge⸗ leiſe der Alltäglichkeit und bürgerlichen Beſchränktheit hin⸗ fließt, der am Abend froh iſt, wieder einmal des Tages Laſt und die Sorge um das Nöthige hinter ſich zu haben Was aber ſind ſie dem, der in die Höhe ringt, der ſſ ſelbſt geſtaltet und eine Welt in ſich aufnimmt, der Alll was ihm begegnet, den Stempel der eigenen Bedeutang Drittes Kapitel. Acht Jahre waren ſeit Heinrichs Wanderung nach der wunderbaren alten Stadt Nürnberg, dieſer Wiege deutſcher Kunſt und Poeſie, dieſer ehemals mächtigen Handelsſtadt verfloſſen. Acht Jahre! was ſind ſie für den, der auf des Lebens Höhen angelangt iſt, und beim Abwärtsſteigen von aufdrückt, und vom Knaben zum Manne in dieſer Zeit ge⸗ vollſten Lehrzeugniſſen, nach dreijährigem Aufenthalte in reift iſt? Jenen ein Sandkorn mehr, das ſo gleichmäßig wie die andern von des Lebens Uhr herabgefallen iſt, die⸗ ſem ein Meer, auf dem er gerudert, oft von den ſtürmi⸗ ſchen Wellen der Leidenſchaft emporgeſchleudert, oft ein Irrlicht für den leitenden Pharus nehmend und dann ſei⸗ ner ganzen Kraft gebrauchend, um das rechte Fahrwaſſer wieder zu gewinnen; oft verzweifelnd, ob er je an das Ziel gelangen werde, wenn er nichts als Wogen und das uner⸗ Nürnberg ſich ſeinen Eltern als Maurer⸗ und Zimmer⸗ geſelle zeigen wollte. Dem alten Herkommen zum Trotz hatten ihm die Prüfungsmeiſter, auf Antrag ſeines Lehr⸗ herrn, des Baumeiſters S., das Zeugniß der Reife nach ſo kurzer Lehrzeit aus voller Ueberzeugung ertheilt. Mit dem Verſprechen der baldigen Wiederkehr ſchied er vom Meiſter und der ſchönen Klara, welche er wie einen Bruder liebte. Als der neunzehnjährige Jüngling das elterliche 2 Zreichbare Blau des Himmelsgewölbes erblickte, aber doch ber Ser mit dem friſchen Muth weiter ringend, den das i Wenian hoher Ziele gibt, bis er feſten Boden unter ſei⸗ Fizu verberfühlt, auf dem er das Werk beginnen kann, zu waren zu uebildet. über die gr hatte in dieſen acht Jahren ſeine Heimath machen; ny beſucht; zuerſt, als er, mit den ehren⸗ Haus betrat, waren es Hedwig und ſeine Mutter, die ihn zuerſt erkannten. Er war groß und kräftig geworden, der ſchöne Kopf hob ſich frei und die blauen Augen glänzten von dem Feuer, das in ihm wohnte; ſeine Geſichtsfarbe war etwas dunkler geworden, und ein Bärtchen begann auf der Oberlippe zu keimen. Als die Mutter nach dem erſten Willkommenjubel ihn beobachtete, ſah ſie in ſeinen Augen 37 N„ 1 Feierſtu 290 nden. 1865. ——— ¾--—⸗VðBᷣά⸗j⸗⸗-⸗-ꝛ⸗⸗⸗--⸗U-⸗⸗-O--OC—Y—YMℳ⸗ꝛxxxxxxxYFFäꝛ⸗—õ—õℳõͥõ-Aoo——örUrWäqéqꝑçęꝛꝛℳOO— trotz des fremden Feuers doch, daß er im Grunde des Her⸗ zens ihr alter Heinrich war. Nun ging es an ein Erzäh⸗ len, wobei ein Jedes etwas Anderes wiſſen wollte. Die Mutter frug nach der Tracht der Nürnbergerinnen und ihren Gebräuchen, alsdann nach ſeiner Wäſche; der Vater wollte die Beſchreibung der unvollendeten ſchönen Kirche des deutſchen Ordens haben; Frau Budenberg frug leiſe, ob er auch nichts vergeſſen aus der Heimath vom erſten Tage an, da ſie ihn ſah, worauf er ihr ſagte, daß jedes Wort, was er einſt gehört, feſt in ſeinem Gedächtniß ſtehe. Der Baron und der greiſe Muskulus ſprachen mit ihm über die Figuren Peter Viſcher's am Sebaldusdenkmal; Erſterer frug nach Beiträgen zu dem Stammbuch, welches ſich in der alten Veſte zu Albrecht Dürer's Andenken be⸗ findet, ſprach mit umgehendem Verſtändniß über die Wand⸗ gemälde im prächtigen Rathhaus von Albrecht Dürer und Gabriel Weiher, den Hautrelief und Stuck, an der Decke des Corridors das Geſellenſtechen von 1446 darſtellend. Ein Jeglicher erhielt eingehenden Beſcheid, und als Hed⸗ wig, die einer dunklen Roſenknoſpe glich, mit ihm allein war, frug ſie ihn mit ſtockender Stimme:„Heinrich, du haſt die kluge und gute Klara wohl nun viel lieber als mich armes unwiſſendes Mädchen?“ Heinrich nahm beide Hände des frühreifen, ſchon jetzt in knoſpender Schönheit prangenden Kindes in ſeine, und antwortete ihr mit dem innigen Tone, den er ſeiner Stimme immer gab, wenn er zu ihr ſprach:„Nein, mein Hedchen! So lieb als dich habe ich kein anderes Mädchen; Klara iſt eine ſeltene köſt⸗ liche Perle in voller Schönheit, ſie iſt ein ſanftes häus⸗ liches und verſtändiges Weib, wie ſie unſer Dürer ſo herr⸗ lich zeichnete, und wenn man ſie betrachtet, begreift man, warum die großen Meiſter die deutſchen Frauen ſo gern malten; aber du biſt meine Roſenknoſpe, die mit ihrem Duft meiner ganzen Kindheit die Poeſie brachte, du biſt wie eine Blüthe, die ſich im Dunkeln und Geheimen er⸗ ſchließt, um mit ihrem Wunderglanz dereinſt die Welt zu überraſchen; und ſo klug als du jetzt ſchon biſt, iſt Klara nicht; welch' Mädchen verſtände auch ſo ſchön Latein und Griechiſch wie du, welche hätte ſo tiefe Empfindung und Verſtändniß für die göttliche Kunſt, wie ſie dir durch den Unterricht deines gütigen Verwandten und das ſtete Ver⸗ kehren mit ſchönen und antiken Zeichnungen und Gegen⸗ ſtänden wird. Nur ein ſo eigenthümlich geſtaltetes Leben wie das deine, das losgetrennt von allem Kleinlichen und Gemeinen ſtets das Reine und Hohe ſieht, kann bei einer Begabung, wie ſie dir eigen iſt, ein ſo wunderbares Kind zeitigen.“ Hedwig begriff dieſe in halbem Vergeſſen wie zu ſich ſelbſt geſprochenen Worte nicht ganz, aber ſie fühlte doch mit unendlichem Glück das Eine heraus, daß Heinrich ſie noch immer lieb habe, wie vorher, Nur zu ſchnell waren die glücklichen Tage des Beiſammenſeins verfloſſen. Hein⸗ rich wanderte an den Rhein, kehrte dann nach Nürnberg zurück, von wo ihn nach zweijährigem Aufenthalt die Trauer⸗ kunde von der hoffnungsloſen Krankheit des Vaters aber⸗ mals nach Hauſe rief. Er kam noch zurecht, um dem Sterbenden das Glück zu gewähren, den geliebten Sohn, in dem er ſeine ganze Freude und Hoffnung beſeſſen, ſeg— nen zu können. Er verſchied nach den Worten:„Großer Meiſter der Welten, ſegne dieſen Anfänger und Lehrling in der Bauhütte, daß er treue Bruderliebe unter den Men⸗ ſchen finde, und mit Kraft und Ehre ſein Tagewerk voll⸗ bringe!“ Dann entſchlief er ſo ſanft und ruhig wie ſeine Tage geweſen waren. Linien des Geſichts, der kleine volle Mund ℳ 4 Niemand hätte geglaubt, daß der Tod des ſtillen, beſcheidenen Mannes eine ſo fühlbare Lücke machen werde; überall fehlte die ruhig waltende Geſchäftigkeit, mit der er ohne Geräuſch Alles angefaßt und gethan hatte, was zum Behagen der Hausbewohner und zur Aufrechthaltung der Ordnung nöthig war. Wie manch' Anderem, erging es auch ihm; nachdem er geſchieden, trat ſein Werth erſt in's hellſte Licht. Heinrich, der ihm am Nächſten geſtanden, an Sinnigkeit geglichen, ihn aber an Geiſt und Verſtand über⸗ ragt hatte, war tief erſchüttert von dem erſten Verluſt, der mit einem Male den roſigen Schleier zu zerreißen drohte, welcher ſich ihm um das Leben webte. Erlernte aber auch etwas Anderes kennen:„Die Süßigkeit des Schmerzes.“ Wenn das Leid an uns heran tritt, underſchuldet und in natürlicher Geſtalt, wenn wir betrauern aber hochhalten und in uns verklären können, was uns genommen ward, dann liegt Seligkeit im Schmerz, ſo daß ſich das Herz, welches ſich gebeugt und beraubt glaubt, doch mit Wonne dem Leid hingibt, daß es ihm den befruchtenden Thau, die ſtillen, ſanft fließenden Thränen entlockt, welche das innere Sein zeitigen und erſtarken laſſen. Heinrich zahlte reich⸗ lich den Tribut der Thränen an ſein Herz, und die Nebel zerriſſen ihm wieder; er nahm das Bild des ſtillen Man⸗ nes in ſich auf, und verklärte es da mit treuer Kindes⸗ liebe. Für Hedwig war das Ereigniß ernſter; ſie ſah zum erſten Male die Nichtigkeit des Lebens, das Zurückgehen der Menſchennatur, während ſie bisher nur von Fortſchrei⸗ tung und Veredlung gehört hatte. Sie konnte ſich am Langſamſten und Schwerſten darein finden, daß dieſer ſteife, kalte Körper, dieſe bei aller Aehnlichkeit, doch in unheim⸗ licher Starrheit befangenen Züge das Ende des Menſchen⸗ lebens ſein könne, das in ihrem eigenen Gemüth, mehr noch in Heinrich ſo reich und herrlich vor ihnlag. Wenn ſie auch den Schmerz der Trennung ſchon bei Heinrichs Scheiden erfahren, ſo lag doch eine ſo hoffnungsfreudige Poeſie darin, daß ſie ihn der Welt gab, aus welcher er jedes Mal ſchöner und reicher ausgeſtattet zurückkehrte. An dem Sarge des alten Mannes ſtand ſie aber ſtarr und der Gedanke peinigte ſie, daß der Leib der feuchten Erde über⸗ geben werde, ſtatt wie bei den Alten das Einzige, was vom Körper bleibt, die Aſche, in eine Urne zu ſammeln. Wäre ſie Katholikin geweſen, dann würde ſie leicht mit der blumenreichen Poeſie des Glaubens dieſe Schreck⸗ niſſe überkleidet haben; der Baron hatte ſie aber in ſtreng proteſtantiſcher Richtung erzogen, d. h. gelehrt, ſich Alles zu zerlegen, was unklar war, ehe ſie es in ſich aufnahm; er hatte ſtets darnach geſtrebt, daß ſie ihre religiöſen Stützen im Glauben an Tugend in der Ausübung und Erkenntniß des Rechten zu ſuchen habe. Ein junges ein⸗ ſames Mädchen bedarf jedoch der Blüthen und zeitigt dieſe am liebſten auf religiöſem Boden, was ihr über manch' unverſtandene Regung der erwachenden Jungfräulichkeit hin⸗ weghilft, bis ihre Neigung einen beſtimmten Charakter an⸗ genommen.— Nun war es Heinrich, den ſie im Innern ihres Herzens mit allem Zauber der Poeſie umkleidete, und ihm all' die treibenden Knoſpen ihrer Phantaſie darbrachte. Heinrich, der jetzt 21 Jahre alt, noch ſo rein und gut, aber auch ſo ſchön war, dem aus den intelligenten Augen der hohen weißen Stirn der Genius leuchtete, war e auch ein würdiger Gegenſtand ihrer Träume, an den die Poeſie ihres Herzens hinaufranken konnte, ſelbſt war faſt kein Kind mehr zu nennen; groß war trotz ihrer 12 Jahre ihre Geſtalt b ber 1 AI llen, rde: r er zum der S es derz, Seite bacchanaliſch roh, auf der andern raffinirt in ſeinen Genüſſen. Feierſtun meriſchen Augen verriethen ein vorzeitig gereiftes inneres Leben. Das war auch ſo natürlich; wenn andere Mäd⸗ chen kaum eine Stunde des Tages gewinnen, wo ſie die empfangenen Eindrücke in ſich vertiefen können, ja wenn t ſie bei oberflächlicher Richtung ihrer Erzieher, mehr noch ihrer Altersgefährten überhaupt ſelten einen Eindruck auf⸗ nehmen, der es werth iſt, feſtgehalten zu werden, war Hedwigs eigenes Naturell, und die ſo ganz eigenthümlichen Umgebungen, welche ſich mit ihrem Sein verwebten, völ lig dazu angethan, ihrem Geiſt eine contemplative Rich⸗ tung und undehühnliche Reife zu verleihen. Frau Chriſtiane war durch die mannigfachen Beſor⸗ gungen, welche ihr die Beerdigung des treuen Gatten auf⸗ erlegte, etwas von dem Sqpmerz abgezogen, den ſie nichts deſto weniger tiefer empfand, als man von der raſchen re ſoluten Frau geglaubt hätte; ſie beſaß nicht jene geiſtige Reife, welche ihr das Schwere gelindert, ſie erfaßte aber mit ihrer tüchtigen Natur das für ſie geeignetſte Heilmittel. Sie arbeitete. Daran erfriſchte ſich ihr Herz, und es erfüllte ſie mit Genugthuung, durch vermehrte Thätigkeit einen großen Theil der Pflichten auszufüllen, denen ſich Ehrenfried mit ſo vielem Eifer unterzog. V Wieder nahm Heinrich Abſchied, und diesmal auf längere Zeit, denn ſein Meiſter hatte ihm die Ausſicht er öffnet, nach Verlauf eines Jahres Italien bereiſen zu kön nen. Heinrich wußte freilich nicht, daß er, der ihn gleich einem Sohne liebte, heimlich das Reiſegeld für ihn, einem jungen Künſtler gezahlt hatte, welcher ihn als Begleiter mitnahm. In den drei Jahren ſeit Heinrichs letztem Abſchied hatte ſich ein fremdes Element in das„Kapitel“ einge ſchmuggelt. Leonhard Kruſel, welcher ſich bei der Beerdi gung desaalten Wendler, dem ehemaligen Schulgenoſſen mit gefliſſeittlicher Theilnahme genaht, und von Heinrich in ſeiner Unbefangenheit freundlich aufgenommen ward, hatte ſich beſcheiden beim Herrn Baron die Erlaubniß aus gebeten, einige alte Handſchriften aus deſſen Bibliothek durch⸗ ſehen zu dürfen. Geiersberg, der ſchon ſeit jenem Mor gen, wo zum erſten Mal das Köpfchen Hedwigs an ſeiner Bruſt lehnte, freundlicher und antheilvoller geworden, hatte es ihm gewährt, und Leonhard wußte ſich mit ſchlangen⸗ glatter Schmiegſamkeit in des Barons Anſchauungsweiſe bald ſo feſtzuſetzen, daß er anfangs zweimal wöchentlich, ſpäter täglich kam. Leonhard war mehr träge als unge⸗ lehrig geweſen, und hatte, da ſein Ehrgeiz durch Erfolge ſeiner Schulkameraden aufgeſtachelt ward, ſich mit Energier dem Studium hingegeben. Er wählte die Rechtswiſſenſchaft, da er einſt der Amtsnachfolger ſeines Vaters werden wollte. Nachdem er mit wirklich anerkennenswerthem Eifer ſeine Studien in kurzer Zeit beendete, aſſiſtirte er jetzt dem Va⸗ ter. Er that eben, was er als nothwendig anerkannte, aber nicht ein Atom mehr. So viel Zeit er ſeinen Arbeiten abringen konnte, verlebte er auf der Univerſität im tollen Treiben, wobei er es den Schlimmſten zuvorthat. Wenn die meiſten ſeiner Commilitonen das Vergnügen aufſuchten, ſich auch vor Ausſchreitungen Zeſſelben nicht hüteten, weil ſie theils durch jugendlichen Uebermuth, theils durch das Herkommen dazu getrieben wurden, war Leonhard auf einer Vor dem Baron wußte er ſeine Sinnesart gut 3u verbergen; auch die übrigen Bewohner des„Kapitels“ waren zu upefanden um ſich nicht im Stillen Vorwürfe über die grundloſe Abneigung gegen den jungen Mann⸗ zu machen; nur Frau Budenberg ſah tiefer und beſchloß ein achtſames Auge zu haben, deu. 1865. 291 da ihr die Beſuche Leonhards in dem ſtillen Haus nicht abſichtslos zu ſein ſchienen. Sie tthat nichts, um die inſtinktive Abneigung Hedwigs gegen den Beſucher, der gerade ihr die größte Zuvorkommenheit und Aufmerkſamkeit zeigte, zu vermindern, denn die liſtig unter der niedrigen Stirn hervorblickenden, ſpähenden, grün grauen Augen flößten ihr ſo wenig Zutrauen ein, wie es das ganze Betragen Leonhards vermochte, aus dem ſich gerade in der Geſellſchaft der durchweg offenen und unge künſtelten Bewohner des Hauſes das Gemachte herausfüht len ließ. Wenn Leonhard im Geſpräch mit Frau Wend⸗ ler den breiten Mund zu ſüßlichem Lächeln verzog, um ihr ſeine Theilnahme an den Erfolgen ihres Herrn Sohnes auszuſprechen, der in ſeinem dreiundzwanzigſten Jahre be⸗ reits den erſten Preis für ſeine Zeichnung eines Doms, der in Süddeutſchland ausgeführt werden ſollte, erworben hatte, ſo ſprach er zum Baron nie anders von Heinrich, als dem„Sohne des Bedienten“. Er fühlte die ſchwache Seite des alten Herrn ſehr gut heraus, und wenn er auch die Theilnahme an dem Vorwärtsſchreiten Heinrichs nicht hemmen konnte, ſo gewann ſie doch beim Baron Wr den fortwährenden Hinweis auf deſſen niedrige Geburt ſtatt des väterlichen Antheils eine Art von Protektormiene, die Hein⸗ rich, wenn er wſederkehrte, nothwendig wehe thun mußte. Und das wollte Leonhard. Der kindliche Haß gegen den geiſtig und körperlich Bevorzugten, der ſo leicht die Her⸗ zen ſeiner Umgebung gewann, war mit Leonhard gewach ſen. Er ſah ſich, den Patrizierſohn, vor der Bewunde⸗ rung des ſchönen, ſittlichen und talentvollen Jünglings, dem Sohne des Bedienten, in den Hintergrund gedrängt, deßhalb wollte er Heinrich da angreifen, wo er ihn am Empfindlichſten zu treffen wußte. Nebenbei war auch die Eitelkeit kleiner Seelen, die ſich nur dann in angemeſſener Umgebung glauben, wenn ſie ſich an den Schatten Hoch geborener heften, ein mächtiger Hebel ſeiner Handlungs⸗ weiſe. Der Baron v. Geiersberg galt trotz, oder vielleicht wegen ſeiner Zurückgezogenheit für die vornehmſte Perſon in und um X, und Leonhard ſtrebte deßhalb ſchon darnach, ſagen zu können, daß er in geſelliger Verbindung mit ihm ſtehe. Hedwig, die ſich immer herrlicher entwickelte, ent⸗ flammte ſeine Sinne, und er richtete ſein ganzes Streben darnach, ihr Intereſſe zu gewinnen, was ihm jedoch nicht zu gelingen ſchien, denn je mehr er ihr Vertrauen zu er werben ſuchte, deſto ſcheuer zog ſie ſich zurück. Wie die Mimoſe erbebte ſie bei ſeiner Annäherung, und konnte, ſo viel Mühe ſie ſich auch geben wollte, ſeine Freundlichkein zu erwidern, ihre Abneigung gegen dieſe Blicke, dieſes Lächeln, dieſe ganze, ihren Schönheitsſinn verletzende Er ſcheinung nicht überwinden. Auf ſie machte es keinen pein⸗ lichen Eindruck, wenn Leonhard ſprach:„Der Sohn Ihres Bedienten,“ weil ſie in dieſem Verhältniß, das ihr, ſo lange ſie zu denken wußte, ein natürliches geweſen, nichts fand, was den Freund herabſetzte, wenn aber Leonhard Vorkommniſſe ganz unſchuldiger Art aus Heinrichs Kinder⸗ jahren entſtellt wiedergab, fühlte ſie ſich tief verletzt; jedoch trug ſich dieſer Mißklang nicht auf das Bild des Freun des, das ſie immer tiefer in ihr Innerſtes barg, über, nur Leonhard erſchien ihr dabei widerwärtiger, denn ſie fühlte inſtinktartig, daß vor ſeinem Sinn nichts Reines beſtehe. Der Baron war zur Zeit, da Hedwig in vollendeter jung⸗ fräulicher Schönheit ihr fünfzehntes Jahr evreicht, und von Paſtor Muskulus konfirmirt wurde, öfter von Unwohlſein heimgeſucht, wobei ſich Leonhard dem alten Herrn unent 37* behrlich gemacht hatte. Eines Tages, da er beſonders hef⸗ tig an aſthmatiſchen Zufällen litt, ſchickte er nach dem ge⸗ ſchmeidigen Geſellſchafter, der natürlich ſofort kam, und ſich gefliſſentlich um den Kranken bemühte, was ihn in unmittelbare Berührung mit der reizenden Hedwig brachte. Der Baron gab, als er wieder etwas leichter athmen konnte, Leonhard einen Schlüſſel, und wies ihn an, aus einem Archiv, das bisher vor des jungen Mannes Blicken ver⸗ borgen war, weil es meiſt alte Familienpapiere enthielt, ein Bündel Zeichnungen zu holen, die dort aufbewahrt waren. Eilig ſuchte Leonhard dieſer Forderung zu entſpre⸗ chen, und ſeine Späherblicke überflogen raſch den Inhalt des Schrankes. Haſtig durchblätterte er mehrere Stellen, die nichts Intereſſantes für ihn enthielten, doch mit der Spürnaſe eines talentvollen Spions näherten ſich ſeine Finger einem Papier, das nur mit einem Streifchen aus der Ritze hervorkam, in die es ſich bei dem alten Schrank geſchoben. Er zog es heraus, und ein lebhafter Farben⸗ wechſel, die höchſte Ueberraſchung malte ſich in ſeinen Zügen. Das Dokument enthielt die Beſtimmung, wonach die Erben der Stötterfeld'ſchen Linie, beim Ausſterben der verwand⸗ ten Familie v. Str., welche in Sachſen große Beſitzungen hatte, dieſelben beanſpruchen konnten. Das Dokument war uralt, und vom Baron aus doppelten Gründen unbeachtet geblieben; wäre wohl auch, wenn es ihm zufällig zu Hän⸗ den gekommen, von ihm vernichtet worden, um bei dem thatſächlichen Erlöſchen der Stötterfeld'ſchen Familie jeden Mißbrauch zu hindern. Nun war es Leonhard bekannt, daß der alte Stammherr v. Str. ein geiſtig unbedeutender, körperlich durch Ausſchweifungen entnervter Menſch war, deſſen Ehe ohne Nachkommen blieb. Welcher Fund alſo; raſch ließ er das Papier in ſeine Bruſttaſche gleiten und knöpfte den Rock darüber. Zwar war er noch nicht klar über die Verwendung des wichtigen Aktenſtücks, daß er aber eine Macht in ſeinen Händen für oder gegen Hedwig da⸗ durch gewann, fühlte er, und mit der, Intriguanten eigenen Schnelligkeit im Kombiniren hatte er im nächſten Augen⸗ blick auch den Entſchluß gefaßt, das Dokument ſo lange geheim zu halten, bis es ihm gelungen, Hedwigs Neigung zu gewinnen, die ſeine Bewerbungen bei den Beſtimmun⸗ gen des Teſtaments für uneigennützig halten mußte. All' das ging ſo raſch vorüber, daß kein merklicher Verzug in der Ausführung ſeines ihm vom Baron ertheilten Auftrags entſtand. Mit höher gehobenem Kopf kehrte er in das Zimmer des Kranken zurück, und war ſo lebhaft in ſeiner Unterhaltung, daß ihn der Baron am Abend mit der Bitte entließ, des andern Tages, wenn es ſeine Zeit erlaube, wieder zu kommen.„Und wenn ich die Nacht zu meinen Arbeiten verwenden müßte, würde ich von der mich reich beglückenden Aufforderung ausgedehnten Gebrauch machen,“ ſagte er mit ſolch' ſprechendem Blick auf Hedwig, daß ſich deren Herz krampfhaft dabei zuſammenzog. Nach ſeinem Weggange nahm Hedwig an des Barons Bett Platz, um ihm mit ihrer weichen tiefen Stimme, die in den vollen runden Tönen der italieniſchen Sprache be⸗ ſonders muſikaliſch klang, aus Taſſo's Dichtungen vorzu— leſen. Nach kurzer Zeit unterbrach ſie jedoch der Baron, und ſprach, ihre feine ſchmale Hand faſſend:„Mein Kind, ich wünſchte, du wäreſt gegen den gebildeten und gefälligen jungen Kruſel etwas freundlicher, vielleicht wirſt du gar bald häufig auf ſeine Freundſchaft angewieſen ſein, denn ich habe ſeinen Vater zu deinem Vormund erwählt, weiß aber im Voraus, daß der Sohn in ſeiner Anhänglichkeit und Verehrung, die unſerem Geſchlecht ſo oft von niedri⸗ V Feierſtunden. 1865. ———ͦ§⏑———:¶t———t———————; ger Geborenen zu Theil wurde, die meiſte Mühewaltung dabei übernehmen wird, wie er mir auch perſönlich ver⸗ ſprach, über dich zu wachen, wenn ich die Augen ſchließe.“ „O Gotwt, nur das nicht, mein theurer geliebter Oheim, ſprich nicht ſo Schreckliches,“ rief Hedwig, und ſchloß des Alten Mund mit einem Kuß. Der Baron, welcher dieſen Ausruf lediglich auf die Andeutung ſeines Todes bezog, ſagte mild und ernſt:„Ich kann es dir nicht erſparen, mein Herzenskind; du darfſt nicht vergeſſen, daß ich ſiebenzig Jahre zähle, ſo viel er⸗ lebt und erfahren, ſo viel mit der Welt und mir gekämpft habe, um zu wiſſen, daß ich jetzt am Ende meiner Tage ſtehe. Du aber kannſt mich mit ruhigem Herzen in die Erde betten, denn du haſt meine letzten Lebensjahre ver⸗ ſchönt wie eine Lieblingsblüthe den kalten Winter, du haſt mir Glück, Intereſſe am Leben und Theilnahme an den hohen Gütern, welche es ſchmücken, geſchenkt, und biſt das Licht geweſen, das mein einſames gebrochenes Herz erleuchtete und wärmte.“ „Wie viel haſt du mir gegeben? mein Vater!“ erwie⸗ derte Hedwig mit bebender Stimme.„Bin ich nicht dein Geſchöpf, und du willſt von mir gehen, mich der Obhut eines kalten, fremden Menſchen überlaſſen, zu dem ich kein Vertrauen haben kann?“ „Die Dankbarkeit wird dein Herz denen öffnen, die es wohl mit dir meinen; laſſe mich aber jetzt ruhen, ich bin recht müde.“ Mit innigem Blick und Kuß entließ er Hedwig, welche der mütterlichen Freundin, Frau Budenberg, ihren Kum⸗ mer um den Oheim, wie die Furcht vor Kruſel's Annähe⸗ rung mittheilte. „Das Letztere müſſen wir zu verhindern ſuchen,“ ſagte Frau Budenberg entſchieden; ich werde morgen mein Mög⸗ lichſtes thun, um den Herrn Baron davon zurückzu⸗ bringen.“ Der Morgen kam, aber Baron v. Geiersberg ant⸗ wortete den Mahnungen der treuen Dienerin nicht, denn — er war ein todter Mann. „Wie ſoll ich dies dem Kinde beibringen, wie wird ſie es tragen?“ frug ſich Frau Budenberg, als ſie, nach⸗ dem die Stunde längſt vergangen war, zu welcher der Baron gewöhnlich nach friſchem Waſſer ſchellte, dies un⸗ aufgefordert hinauf trug, und da den alten Mann ſtill und ruhig, als ſchlummere er, aber mit jener eigenthümlichen Schlaffheit der Mundwinkel, und der Bleifarbe des Todes übergoſſen, auf immer entſchlafen fand.— Mit klopfen⸗ dem Herzen betrat ſie Hedwigs Zimmer, aber wer beſchreibt ihr Entſetzen, als ſie die blühende Jungfrau todtenbleich mit ſtarren Augen und keuchendem Athem im Seſſel leh⸗ nend fand. „O mein Gott, Sie wiſſen es alſo ſchon, mein lie— bes, liebes Fräulein!“ rief ſie weinend und eilte auf Hed⸗ wig zu, um ſie an ihrem treuen Herzen aus ihrer Erſtar⸗ rung erwachen zu laſſen. „Ja ich weiß es,“ ſagte Hedwig„onlos;„er hat mich verlaſſen!“ Es lag eine ſolche Gebe chenheit, ein ſolch' Uebermaß des Weh's in dieſen leiſen, ohne jede Betonung geſprochenen Worten, in der ganzen geknickten Haltung des jungen Mädchens, daß Frau Budenberg alle Troſtgründe aufbot, um ihr das Natürlis⸗ freigniſſes klar und weniger drückend zu machen. Si ſagte, der Herr Baron möge es wohl ſchon geſtern Abens gefühlt haben; da hob Hedwig den Kopf empor, ſah ſie angſtvoll an und ſagte: „Aber um Gott Hanna, wovon ſprichſt du denn eigentlich?“ ———— . —-—— „Herr Jeſus, das Kind iſt nicht mehr bei Sinnen,“ dachte Frau Budenberg bei dieſer eigenthümlichen Frage; laut ſagte ſie:„Liebes Fräulein, beſinnen Sie ſich doch auf das, was uns Alle betroffen hat, und faſſen Sie ſich bei dem Hinſcheiden des Herrn Baron, ich und die Wend⸗ ler werden ja unſer Möglichſtes thun, um Ihnen jede trübe Stunde zu ſparen.“ „Mein Oheim, mein Beſchützer, auch du biſt von mir gegangen? Du Vater da droben willſt mich armes, ein⸗ ſames Mädchen wohl noch ärmer machen?“ rief Hedwig in ſo tiefem Weh, wie es das Einſtürzen all' ihrer Stützen, all' deſſen, woran ſich ihr Geiſt und Herz geklammert, hervorrief; dann brach ſie zuſammen. Als Frau Budenberg ihren geliebten Pflegling auf's Bett trug und in's Bewußtſein zurückzurufen ſuchte, was ihr auch in kurzer Zeit gelang, fiel ein Brief zu Boden, den ſie bisher nicht bemerkt hatte. Als Hedwig, nachdem ſie endlich die Wohlthat der Thränen gefunden, in einen erquickenden Schlummer geſunken war, nahm ſie den Brief auf, um ihn zu leſen. Er war von Heinrich; ſeine Mut⸗ ter hatte einen kürzeren mit der an Hedwig zu gebenden Einlage am Morgen erhalten, und ihr dieſelbe ſogleich übergeben. Er war von Nizza datirt und lautete: Meine theure, innig geliebte Freundin! Der lieblichen Gefährtin meiner Jugend, dem treuen Herzen und reichen Geiſt der lieben Hedwig muß ich zu allernächſt ein Ereigniß in ſeinen Einzelnheiten darlegen, was ich meiner Mutter allgemein und in dem, was ſie zu⸗ meiſt intereſſirt, mittheile. Es iſt das Wichtigſte im Men⸗ ſchenleben, und ich hatte es mit in meiner kindlichen Phan⸗ tafie, ja ſelbſt vor Kurzem noch ganz anders vorgeſtellt, als es wirklich war. Mit einem Wort: ich bin ſeit drei Tagen vermählt mit der guten ſanften Tochter meines theuren Lehrers und Meiſters S. Schon immer habe ich Klara's ſtillem häuslichem Walten meine Bewunderung ge⸗ zollt, wenn auch meine Gedanken weit öfter zu der Freun⸗ din meiner Kinderjahre flogen, die ſo verſtändnißvoll an meinem Streben Theil nahm, wie es kein Weib von allen denen, die mir entgegentraten, vermocht hätte. Seit faſt zwei Jahren fern von Nürnberg, war jedoch das Bild Klara's faſt in den Hintergrund gedrängt, als ich vor zwei Feierſtunden. 1865. 293 Traurigkeit. Mein Vater, ſo nenne ich ihn jetzt mit Freude und Stolz, rief mich wenige Tage nach dieſer betrübenden Entdeckung auf ſein Zimmer, und frug mich, ob ich Klara lieb habe. „O gewiß, von ganzem Herzen! Ich möchte ſie vor allem Leid bewahren und wäre glücklich, wenn ich etwas für ihre Geneſung thun könnte!“ entgegnete ich mit voll⸗ ſter Ueberzeugung. „Nun ſo höre denn!“ ſprach der Vater ernſt und bewegt,„ſchon ſeit Jahren hegt Klara eine tiefe innige Liebe zu dir, die mir erſt vor Monden klar geworden iſt. Der Arzt ſagt mir ſelbſt, daß das Uebel, was ihr im Herzen zu ſitzen ſcheine, gehoben werden müſſe, wenn ſie geneſen ſoll. Hätte ich eine Tochter, die noch ungleich beſſer, als Klara iſt, was jedoch ſo leicht nicht möglich wäre, ich würde ſie ebenfalls gern und freudig an dein Herz legen, denn du biſt reicher als Jene, die mit Glücks⸗ gütern überhäuft ſind, du biſt ein reines treues Gemüth, ein ſtarker ſchaffender Geiſt. Ich wünſchte, Klara wäre etwas mehr als das häusliche, ſtill beſcheidene Weſen, ich wünſchte, ſie wäre geiſtig dir näher, aber ich habe ſelbſt, nur leider zu kurze Zeit, den Segen eines Hausweſens und einer Gefährtin kennen gelernt, die durch ihr ſtilles ord⸗ nendes Walten mir im Innern des Hauſes alle meine Wege ebnete, ſo daß ich mit ungetheilter Kraft nach außen wir⸗ ken konnte. So ſegne ich dich denn, mein Sohn, und ſage dir, daß du mich und mein Kind beglückſt, wenn du ſie als dein Weib heimführſt. Geh' und ſage ihr, daß du ſie lieb haſt, ich werde inzwiſchen Alles zu eurer baldigen Ver⸗ mählung anordnen, damit ihr als Eheleute in Nürnberg einzieht und das aufreibende Geräuſch einer Hochzeit inmit⸗ ten der ganzen Verwandtſchaft und Freundſchaft von Klara fern bleibt.“ Bei dieſen Worten ſchob er mich zur Thüre hinans, und ich war ſo betäubt, daß ich im erſten Augenblick nicht wußte, ob ich glücklich ſei oder nicht. Das Ereigniß ſelbſt ſtand jedoch feſt, und wenn mich auch zu Klara nicht jenes Gefühl zog, das die Dichter mit ſolchen Wonnen ſchildern, daß mein Herz ſtets ahnungsvoll erbebte, wenn ich es las, ſo iſt ſie doch ein ſo gutes Weib, unſer Vater ein ſolch' ausgezeichneter Mann, daß es nur die Ueberraſchung ſein Monaten einen Brief meines geliebten Lehrers erhielt, mit kann, welche mich bis jetzt noch nicht mit meinem Loos dem Beſcheide, ihn und Klara in Nizza zu erwarten, wo⸗ hin letztere ihrer geſchwächten Geſundheit halber kommen ſollte. Ich beſorgte natürlich alles Nöthige, und erwartete die Verehrten am beſtimmten Ort. Wie hatte ſich aber das liebe Mädchen verändert; ihre roſigen Wangen waren bleich geworden, nur bisweilen trat eine apfelrunde Röthe in ihr Geſicht, aber die Augen glänzten, als ſpiegle ſich das Licht des Himmels darin ab. Das Wiederſehen mei⸗ nes theuren Lehrherrn war natürlich eine große Freude für mich, er ſelbſt aber ſagte mir mit kummervollem Lächeln, daß er fürchte, auch ſein letztes Kind zu verlieren, dann bleibe ihm nichts mehr, was ihm theuer ſei, denn auch ich werde von ihm gehen, obgleich er mich wie einen Sohn liebe. Wie konnte ich anders, als ihm in meiner Freude über ſeine Zuneigung aus vollſter Ueberzeugung verſichern, daß es kein größeres Glück für mich gäbe, als mit ihm zu wirken. Klara erholte ſich ſichtlich; ich führte ſie in der 4 eizenden Umgebung ſpazieren, ſuchte ſie, da ſie meine Ge⸗ wmas mir bei ihrem ſanften, für das Geringſte dank⸗ Leſen nicht ſchwer ward. Vor vierzehn Tagen be⸗ vir an ihr wieder eine zunehmende Schwäche und caft allem Andern vorzog, auf jede Weiſe zu unter— h a „ d 8 1¹ 8 2 vertraut werden läßt. Klara ſagte mir ſchon hundertmal, daß ſie ſo ſelig iſt, und dankt mir für das Glück, das ich ihr gebe, daß ich wirklich beſchämt bin, eigentlich ſo wenig dabei gethan zu haben. Sie blüht ſichtlich auf, und der Vater tritt mir mit jedem Tage näher. O, welcher Reichthum liegt in ſeinem Geiſte, jede Idee, welche er ver⸗ körpert, iſt Kunſt, jedes Werk von ihm zeigt die reinſten, edelſten Formen. In wenigen Wochen übernehme ich ſtatt ſeiner den Bau der fürſtlichen Gemäldegallerie in B., wozu ich die Plane entworfen, welche die Billigung des kunſt⸗ verſtändigen Fürſten Alfred erwarben. Meine Bruſt dehnt ſich förmlich, wenn ich daran denke, und ich kann es nicht erwarten, endlich ſelbſtſtändig Hand an ein Werk zu legen, wie ich es ſeit meiner Kindheit ſchon träumte. Doch, dabei fällt es mir beinahe ſchwer auf's Herz, daß ich ja meiner theuren Freundin einſt verſprach, ein Haus zu bauen, ſo hoch und ſchlank, ſo luftig und leicht, als wäre es ewig Frühling darin; wird Hedwig wohl glauben, daß mich die⸗ ſer kindliche Wunſch ſeit unſerer erſten Trennung begleitet hat? Ja, daß ich faſt in Verlegenheit wäre, wollte mir Jemand einen Plan für eine Wohnung abfordern, die ich ſo ganz in Einklang mit dem unendlich lieblichen Bild 294 Feierſtunden. 1 865. ———’—M—ÿꝛꝛxͦyr——ͤ——:ͤ————y—y— ——;—-o—õry————————; meiner Freundin bringen müßte.— Jetzt vermag ich nichts ja keine Minute Ruhe; und ſo glücklich ich auch bin, den mehr zu ſchreiben, als die ehrfurchtsvollſten Grüße an den Heinrich und die liebe Schwiegertochter zu ſehen, ich würde Herrn Baron, und an Hedwig die Bitte, mir auch ferner mich doch nicht wo anders als im„Kapitel“ heimiſch füh⸗ geſtatten zu wollen, daß ich ſie an meinem Streben Theil len; der Ehrenfried hat's auch immer geſagt, daß wir hier nehmen laſſen darf. hinein gehören.“ Heinrich. Mit derſelben Umſicht, wie beim Tode Chrenfrieds, leitete Frau Chriſtiane auch jetzt die Beerdigungsfeierlich⸗ keiten, wobei ſich Leonhard noch außerordentlich thätig er⸗ Viertes Kapitel. wies. Er triumphirte, als er den Tod des Barons er⸗ fuhr, den er ſelbſt auf die Idee gebracht, die Vormund⸗ „O ihr armen Kinder! Heinrich liebt die Hedwig; ſchaft über Hedwig ſeinem Vater zu übertragen. Noch mehr mit allen Faſern ſeines Herzens wurzelt er in ihr; ohne paßte es zu ſeinen Plänen, daß Heinrich verheirathet war, es ſelbſt zu wiſſen, iſt ſie es, deren Bild ihn überall hin wenn gleich er ihm die glänzende Parthie in tiefſter Seele begleitet. Die Dankbarkeit gegen ſeinen verehrten Lehrer, beneidete, und ihn um deßwillen noch mehr haßte. So auf⸗ die Freundſchaft für Klara und die Ueberraſchung des Au⸗ merkſam er auch Hedwig beobachtete, wenn Heinrichs er⸗ genblicks haben ihn zu einem Schritt getrieben, der meinem wähnt ward, was er möglichſt oft veranlaßte, ſo konnte er armen Kinde das Herz brach, und ihn ſelbſt unſäglich un⸗ doch nicht das leiſeſte Zeichen von etwas Anderem, als der glücklich machen muß, wenn er das zur herrlichen Jung⸗ freundſchaftlichſten Theilnahme entdecken. frau erblühte Kind einſt wieder ſieht, und ſie nicht die Hedwig war durch die Ueberzeugung von Heinrichs Kraft hat, ihr Herz zu beherrſchen.“ Liebe vollſtändig gereift. Wie ſie die Nachricht ſeiner Ver⸗ Frau Budenberg ſprach ihrer Gewohnheit nach dieſe mählung über ihre eigenen Gefühle aufklärte, ſchärfte auch Worte halblaut vor ſich hin; als ſie ſich nach Hedwig um- die Liebe ihren Blick für die Beſtrebungen Leonhards. Sie wandte, ſaß dieſe aufgerichtet, hatte die Hände gefaltet verſtand jetzt ſeine Blicke, vor denen ſich ihr jungfräuliches und aus ihren thränenumſchleierten Augen ſprach Frieden. Gefühl inſtinktartig zurückgezogen, ſie verriethen ihr nun „Du glaubſt alſo, Hanna, daß er nur mich liebt, und ſeine Abſicht, und ließen ſie auf ihrer Hut ſein. Entſchie⸗ die Klara aus Dankbarkeit heirathete? Ja, ja,“ fuhr ſie, den lehnte ſie die dringende Einladung, im Hauſe ihres ſich erhebend, fort, und nahm den Brief nochmals zur Vormunds zu leben, wo ſich ihr mehr Zerſtreuung biete, Hand,„ja hier, wo er mit mir von ſeinen Arbeiten ſpricht, ab, und ſprach zum erſten Male mit dem Stolz ihrer Ge⸗ wird er wieder, er ſelbſt, fröhlich und muthvoll. O du burt:„Ich danke Ihnen, Herr Kruſel, aber ich denke es lieber einziger Freund, durch Hedwig ſollſt du nicht leiden, zu halten, wie es in meiner Familie Sitte iſt, nämlich ich will mein Herz bezwingen, wenn ich dich einſt wieder⸗ mich den Beſtimmungen des Oberhauptes zu fügen, wel⸗ ſehe, und lebenslang die treue Gefährtin deines Denkens cher mir meinen Wohnſitz in dieſem Hauſe anweist.“ Alle und Strebens bleiben! Doch komm, Hanna, wir wollen Anerbietungen zu Zerſtreuungen, mit denen ihr Leonhard nun zu dem zweiten Todten gehen, den ich neben meiner im Laufe der nächſten Wochen nahte, wies ſie entſchieden Liebe begraben werde.“ Still und ruhig ſchritten die Bei⸗ ab, und da er ſeine Beſuche deſſen ungeachtet fortſetzte, den neben einander durch die Räume, welche ihnen heute ſagte ſie ihm eines Tages:„Ich bin zwar ziemlich uner⸗ noch größer erſchienen, da ſie ſo entſetzlich leer waren. fahren in den Forderungen des geſelligen Lebens, jedoch „Schlaf wohl, du guter lieber Vater!“ ſprach Hedwig will es mir dünken, als ſei es nicht in der Ordnung, daß leiſe, und drückte einen Kuß auf die kalte Stirne des Sie nach dem Tode meines guten Oheims ſo oft mein Todten. Darauf bat ſie die Begleiterin, ſie allein zu laſ⸗ Haus beſuchen.“ ſen, und dieſe ging zu ihrer Freundin, Heinrichs Mutter,„Aber mein theures Fräulein, mein Herz treibt mich um ihr den Tod des Barons mitzutheilen. unwiderſtehlich, mich nach Ihrem Ergehen zu erkundigen, „Nun können Sie mich auch bald in die Erde betten gönnen Sie mir doch Ihren Anblick, von dem ich zehre, zu meinem CEhrenfried, nun habe ich nichts mehr zu thun bis ich wieder einmal des Glückes genieße, Sie zu ſehen. auf der Welt,“ ſprach die anhängliche Dienerin mit heißen Mein vormundſchaftliches Verhältniß gibt mir überdies die Thränen. Berechtigung zu ſolchen Beſuchen, und wenn Sie wüßten, „Wendlerin, vergeſſen Sie denn unſere Hedwig, wie unabläſſig ich bemüht bin, für Ihr Wohl zu wirken, die unſerer Liebe jetzt doppelt bedarf, und Ihren Hein⸗ würden Sie die Tiefe meines Intereſſes an Ihrem Geſchick rich? frug die Budenberg vorwurfsvoll.„Ach Gott ja, ermeſſen können, und mir gewiß die wenigen Lichtblicke das arme liebe Fräulein, wie nimmt ſie's denn auf? gönnen, welche ich nur in Ihrer Nähe genieße.“ Kann ich nicht zu ihr, um ſie zu tröſten, oder ihr etwas Leonhard ſagte dies mit funkelnden begehrlichen Blicken Gutes anzuthun?“ und eindringlichem Ton, ſo daß Hedwig einen Schritt zurück⸗ „Nein, Wendlerin, ſie will allein ſein. Sie hat ein trat und mit ſtolz erhobenem Haupte antwortete:„Iſt dies ſtarkes Herz, das nicht auf der Oberfläche erſcheinen läßt, die Sprache, welche in Ihren Kreiſen einer Dame gegen⸗ was es im Innerſten bewegt, und das Unglück trägt ſie über gebräuchlich iſt, die Anſpruch auf Ihren Schutz hat, wie eine Chriſtin, in der die Lehren des Meſſias lebendig dann danke ich meinem Entſchluß, daß er mich den Auf⸗ geworden ſind,“ ſagte Frau Budenberg. enthalt in Ihrem Hauſe vermeiden ließ. Im Uebrigen, „Und nun in all' dieſem Leid die Freude und Ueber⸗ mein Herr, iſt Ihr Vater mein Vormund, hat er etwas raſchung, denken Sie ſich, Frau Budenberg, der Heinrich hat die reiche, hochangeſehene einzige Tochter des Herrn kommen ſein, und in vier Jahren, wo ich nach meines, Baumeiſters geheirathet, und will mich in vier Wochen mit Oheims Wunſch majorenn werde, ſoll ſich gewiß Niemanht ſeiner jungen Frau nach B. holen, wo er das große fürſt⸗ der mir Dienſte geleiſtet, über Mangel an Erkenntlichkb liche Haus baut; aber ich gehe nicht mit, nein! Unſer beklagen dürfen.“ Dabei drehte ſie ihm den Rücken, ze: Fräulein kann ich doch jetzt nicht im Stiche laſſen, ich hätte ließ ihn, knirſchend vor Wuth, ſtehen. 62* mit mir zu verhandeln, dann ſoll er mir jederzeit will⸗ —— —O—— „Warte, hochmüthige Puppe,“ murmelte er,„ich werde dich einſt zu finden wiſſen.“ Rachebrütend ging er nach Hauſe, nur fand er zu ſeinem größten Bedauern nichts, wodurch er Hedwig ſchaden konnte. Ihr eingezogenes Leben, ihre Milde und Freundlichkeit zu Jedem, der mit ihr in Berührung kam; der nach des Barons Tode allmälig an⸗ gebahnte Verkehr mit einigen älteren Männerne mit denen ſie ihre wiſſenſchaftlichen Studien fortſetzte, und welche Alle von ihrem Geiſt wie ihrer holden Natürlichkeit be⸗ zaubert waren; dies zuſammen genommen ſtellte ſie ſo über jede Läſterung, daß Leonhards Bemühungen, ihr zu ſcha⸗ den, um ſo erfolgloſer blieben, als ſein Charakter ohnedies nicht von der beſten Seite bekannt war. Heinrichs Beſuch mit ſeiner Frau verzögerte ſich etwas, weil Klara wieder leidender geworden, und erſt ſechs Wochen nach des Barons Tode langten die Erwarteten an. Hed⸗ wig ſah ſie, von der Gardine verdeckt, aus dem Wagen ſteigen, und beim Anolick des in voller männlicher Schön⸗ heit prangenden Geliebten, der ſein bleiches ſchwaches Weib aus dem Wagen hob, mußte ſie beide Hände feſt auf ihr Herz preſſen, das zu zerſpringen drohte.„O mein Gott, Heinrich, wie konnteſt du dein volles reiches Leben an dies ſieche, gebrochene knüpfen. Du trägſt den Stempel der Kraft und des unaufhaltſamen Vorwärtsſtrebens an deiner Stirn, ſie den des Abſterbenden; du haſt die Schuld der Dankbarkeit zu theuer mit deinem und meinem Glück ge⸗ zahlt,“ flüſterte Hedwig, aber nach kurzem heißem Kampfe erhob ſich ihr Gemüth, und ſie faßte von Neuem den Ent⸗ ſchluß, Heinrich ſo gegenüber zu treten, daß er fort und fort nur die Jugendfreundin, die Genoſſin ſeines Geiſtes in ihr erblicke. Sie hatte jedoch dabei nicht bedacht, daß ſie ſeit ihrem letzten Beiſammenſein ein wunderbar ſchönes Weib geworden, das, wenn es Heinrich ſtatt des reizenden Kindes, welches ſie vor drei Jahren war, in ſeiner Erin⸗ nerung getragen, ihn ſicher ſchon damals über die Natur ſeiner Gefühle aufgeklärt hätte. Nachdem Frau Wendler im Triumph ihre lieben Gäſte in's Zimmer geführt, und ſie eilig mit allem Möglichen, was ihr zur Hand kam, bewirthet hatte, frug Klara: „Wo iſt denn die kleine Hedwig, von der mir Heinrich ſo oft und viel erzählte?“ „Mein Fräulein befindet ſich in ihren Zimmern, wenn Sie wünſchen, werde ich Sie bei ihr anmelden,“ ſagte Frau Budenberg, die trotz ihrer Theilnahme an der ſichtlich lei⸗ denden Frau pikirt über die Benennung„kleine Hedwig“ war. Heinrich ſah die alte Freundin befremdet an, die auch ſogleich ihre Regung des Aergers bereute, und raſch zu Heinrich gewandt hinzufügte:„Aus der kleinen Hedwig iſt, ſeit Sie ſie das letzte Mal ſahen, indeß eine junge Dame von beinahe ſechzehn Jahren geworden, die geiſtig durch die trüben Ereigniſſe der letzten Zeit, wie ihre un⸗ gewöhnlichen Kenntniſſe wohl noch älter erſcheint. Ihr Herz iſt jedoch das alte liebe Kindesherz geblieben, und ſie hat wohl die Ankunft der langerwarteten lieben Freunde nicht bemerkt, ſonſt wäre ſie bereits hier.“ „Nun ſo eile ich hinauf, und wenn du dich erholt haſt, meine gute Klara, folgſt du mir. Bleibe aber jetzt noch ein wenig ruhen, denn das Treppenſteigen greift dich nach den Anſtrengungen der Reiſe ſonſt allzu ſehr an.“ Bei dieſen Worten drückte Heinrich einen Kuß auf Klara's d htirn, und ging klopfenden Herzens, die Jugendfreundin uh begrüßen. Ein langer inniger Blick aus Klara's fieber⸗ aft glänzenden Augen folgte ihm. 9 Auf ſein leiſes Klopfen ging Hedwig ſelbſt, die Thüre Feierſtunden. 1865. —-——— 295 —— — zu öffnen, denn am Pochen ihres Herzens fühlte fie, wer zu ihr kam. Raſch trat er ein, aber die unbefangenen Begrüßungsworte erſtarben ihm auf den Lippen, als er ſich der hohen ſchönen Geſtalt gegenüber befand, welche ihn ſtatt des lieblichen Kindes begrüßte. Das zarte roſige Kinder⸗ geſichtchen war aus ſeiner Rundung in ein ſchönes Oval übergegangen, die hochgeſchwungenen dunkeln Augenbrauen beſchatteten ein Paar ſo köſtlicher ſchwarzer Augen, denen man anſah, daß ſie über das Gleichgültige hinwegſchweif⸗ ten, um in die Tiefe zu dringen; man würde ein minder reines Profil über dieſen Augen vergeſſen haben, denn wie ein Meer, welches auf ſeinem Grunde die köſtlichſten Per⸗ len birgt, die zu haben nur Auserwählten vergönnt iſt, ſo reich und geheimnißvoll ſchimmerten ſie, aber ihre Züge waren zu edel und klaſſiſch, um nicht bewundert zu werden. Die griechiſche Naſe, der volle kleine Mund mit ſeinem ſinnigen Lächeln, der zarte Teint und vor Allem das reiche ſchwarze Haar, welches in kurzen glatten Scheiteln hinter die Ohren gekämmt, um ſich am Hinterkopfe in einen vol⸗ len ſchweren Knoten zu vereinen, der ſo gelegt war, daß er von beiden Seiten des Geſichts geſehen, eine Lehne des ſchönen zarten Antlitzes zu ſein ſchien; die ſchlanke hohe Geſtalt, deren gerundete Formen ſich vollſtändig entwickelt, aber edel und zart zeigten, ward durch das einfache ſchwarze Kleid von feinſtem Wollenſtoff, das am Hals und den Handgelenken geſchloſſen und mit einer Spitzenkrauſe ver⸗ ziert war, gehoben, und dies vollendet ſchöne Ganze trat nun Heinrich, deſſen Auge für jede reine Form offen war, entgegen. G „Hedwi— Fräulein— ich komme, verzeihen Sie,“ ſtotterte er, geblendet von dieſem Anblick; dann ergriff er ihre Hände, legte ſie vor ſeine Augen, wie um ſich vor dieſem Zauber zu ſchützen, und rief:„Hedwig, wie ſind Sie ſchön! O Gott ja, nur du konnteſt ſo herrlich wer⸗ den! Doch, Verzeihung,“ ſetzte er mit bebender Stimme hinzu, wobei er ihre Hände losließ,„Verzeihung, Fräu⸗ lein Hedwig, wenn ich im erſten Augenblick die rechte Form nicht finden konnte, dies Wunder zu begrüßen, was mir in Ihnen gegenüber tritt, ich— ich— war ſo überraſcht.“ ig. hatte, während Heinrich mit ſeiner Verwir⸗ rung kämpfte, Zeit gefunden, ſich zu ſammeln. Mit rei⸗ zendem Lächeln reichte ſie ihm beide Hände und ſagte mit ihrer weichen, ſüßtönenden Stimme, die ſich wie Zauber⸗ fäden um Heinrichs Herz und Phantaſie ſpann:„Seien Sie mir tauſendmal willkommen in der Heimath, lieber, lieber Heinrich, und erholen Sie ſich von dem Erſtaunen, ſtatt der kleinen Hedwig ein erwachſenes Mädchen zu finden. Mir ſcheint, Sie haben weniger an mich, als ich an Sie gedacht, ſonſt würden Sie darauf vorbereitet geweſen ſein, daß ich in meiner Entwicklung keine Ausnahme vom Na⸗ turgeſetz gemacht. Ich habe Sie mir ſo ſtattlich und ge⸗ reift gedacht, wie Sie jetzt vor mir ſtehen, und ich bitte recht von Herzensgrund, daß auch Sie ſich mit der Ver⸗ änderung befreunden, die vielleicht in meiner äußeren Er⸗ ſcheinung vorgegangen iſt, damit Sie die alte treue Freun⸗ din, welche keine wärmere Theilnahme, als die an Ihrem Geſchick im Herzen trägt, erkennen, und ich Ihnen die „Hedwig', aber nicht Fräulein Hedwig' bleibe.“ Hein⸗ rich hörte nur halb ihre Worte, ſo war er im Anſchein des Mädchens verſunken, die von allem Schönen, das er bis jetzt geſehen, das Schönſte in ſich vereinte. Da er nicht antwortete, fuhr ſie fort:„Laſſen Sie mich Ihnen auch nochmals mündlich die innigſten Glückwünſche zu Ihrer Verbindung ausſprechen, wie ich aus ganzem Herzen ſchon ——õ-—ͤ——ͤ—; ſchriftlich that, und begleiten Sie mich zu Ihrer Klara, damit ich ſie ſchweſterlich begrüße.“ „Klara! o Gott ja, ſie iſt unten, und wollte herauf kommen, jetzt beſinne ich mich darauf;“ bei dieſen Worten drückte Heinrich die Hand auf's Herz, als habe er dort einen Schmerz empfunden;„das Erſteigen der Treppen fällt ihr ſchwer, ſie iſt ſo ſchwach, deßhalb iſt's gut, wenn Sie zu ihr gehen.“ „Nun ſo kommen Sie,“ ſprach Hedwig, und ſtieg an ſeiner Seite die Stufen hinab. Es wurde beiden Frauen nicht ſchwer, ſich mit ein⸗ ander zu befreunden; Hedwigs große Seele empfand bei Klara's Anblick keinen Groll, ſondern die innigſte Theil⸗ nahme für ihre körperlichen Leiden, und ihr war es, als müſſe ſie ihr mit doppelter Herzlichkeit vergelten, daß Hein⸗ richs Herz, wie es ihr bei ſeiner Verwirrung während des Wiederſehens mit unſäglicher Wonne klar geworden, nicht der Gattin, ſondern ihr gehöre. Klara's Sinn war zu beſcheiden, um nicht in Hedwig die an Geiſt und Schönheit weit überlegene Erſcheinung zu verehren. Heinrich entfernte ſich, kurze Zeit nachdem Hedwig ſeine Frau begrüßt, auf einige Minuten. Ohne beſtimm⸗ ten Willen lenkte er ſeine Schritte in's Refektorium, wo er mit Hedwig ſo oft geweilt, und ſetzte ſich dort auf einen der dunkeln Eichenholzſtühle, welche an der langen Tafel ſtanden. Das Haupt auf beide Hände geſtützt, flüſterte er „Hedwig“, und die gewölbte Halle ließ den Namen lauter erklingen.„O Gott, was habe ich gethan, wie blind bin ich geweſen, und muß nun die herrliche Offenbarung em⸗ pfangen, da es zu ſpät iſt.“„Zu ſpät iſt,“ ſchallte es wieder, und Heinrich, der ſich mit Hedwig in ſeinen Kin⸗ derjahren oft an dem Echo beluſtigte, ſprang auf und rief, beide Hände an die Stirne gedrückt:„ja wohl, zu ſpät, und ich muß es tragen, obgleich ich nicht weiß, wie es möglich iſt; um Klara's willen, wegen ihr, der Hohen, Reinen, wegen des Vaters, der mir ſein Liebſtes gab, muß es ſein.“ Wie peinigten ihn die liebevollen Fragen Klara's, die es mit dem Inſtinkt der Liebe herausfühlte, daß er leide, obgleich er alle Kraft aufwandte, um es zu verbergen; „ich bin überwältigt von den Erinnerungen, die mit Allem, was ich ſehe, in mir aufleben, und welche mir jetzt, da ich als Mann in die Räume zurückkehre, wo ich als Knabe von dem träumte, was ich jetzt erfaßt habe, mächtig ent⸗ gegentreten; laß mir alſo Zeit, mich damit zurechtzufinden, liebe Klara!“ ſagte er ihr, und ſie beruhigte ſich damit; hatte er ihr doch oft erzählt, wie eng alles Denken und Empfinden, all' ſein Träumen und Streben mit dem alten Hauſe verwachſen war. Der projektirte Aufenthalt von drei Tagen dehnte ſich zu eben ſo viel Wochen aus. Heinrich ließ die Mahnun⸗ gen ſeines Verſtandes gar zu gern von dem ſichtlichen Be⸗ hagen, das Klara, von der Freude, die ſeine Mutter em⸗ pfand, zum Schweigen bringen. Bald hatte er angefangen, mit Hedwig über ſeine geſammelten Erfahrungen und die Verwerthung derſelben bei ſeinen nächſten Arbeiten zu ſpre⸗ chen. Der alte Muskulus war oft der Dritte bei ihren Unterhaltungen, und Hedwig nahm bisweilen, wenn ihr Heinrich die Einzelnheiten wie Grundideen einer Zeichnung erläuterte, den Bleiſtift aus ſeiner Hand, um an der äuße⸗ ren Form eine ihr paſſend dünkende Veränderung zu bezeich⸗ nen. Stets traf ihr reiner Schönheitsſinn das Rechte, und ſie hatte ſich ſo in Heinrichs Ideen eingelebt, daß ihre Bemerkungen mur ſeine Gedanken in anſprechenderer Form 8 N Feierſtunden. 1865. —,—Q/—-O—;OO— — wiedergaben, worauf ſie der Geliebte dann mit hohem Ent⸗ zücken wie eine köſtliche Offenbarung anblickte. Gab ſie ihm den Bleiſtift zurück, den ſie nach Frauenart ſtets an die Lippen brachte, ehe ſie ihn gebrauchte, that er dies auch, und ſo verſtrickte ſich ſein Herz immer tiefer in den Zau⸗ ber ihres Weſens. Mitunter war auch Klara eine ſtumme Zuhörerin bei ihren Geſprächen über bildende Kunſt und klaſſiſche Literatur; neidlos bewunderte ſie die umfaſſende Bildung des ſchönen Mädchens, und wußte es ihr Dank, daß ſie Heinrich ſo ſichtlich anregte. Das alte wunderbare Haus, welches ſo ganz andere Räume, als die, in welchen ſich ſonſt das Familienleben entwickelt, bot, umſchloß ſie alle mit ſeinem Zauber, der ſie von der übrigen Welt iſo⸗ lirte; die prächtigen Bäume des großen, in ſeiner Natur⸗ wüchſigkeit ſo ſchönen Gartens neigten ſich mit dem bekann⸗ ten geheimnißvollen Flüſtern zu Heinrich und Hedwig, daß ſie oft in der Seligkeit des Augenblicks Alles vergaßen, was äußerlich zwiſchen ihnen ſtand. Schweigend gingen ſie in ſolchen Momenten neben einander in den dunklen Laub⸗ gängen, und Keines wagte dann durch ein Wort die Stim⸗ mung zu entweihen. Mitten in dieſem, Geiſt und Herz umſtrickenden Leben traf Heinrich ein Brief ſeines Schwie⸗ gervaters wie ein Blitzſtrahl; der väterliche Freund mahnte ihn, nicht aus übergroßer Rückſichtnahme auf Klara's Wünſche, welche ſich in X ſo wohl zu befinden ſcheine, ſeine Thätigkeit länger zu unterbrechen. Fürſt Alfred habe ihm den Wunſch ausgeſprochen, den jungen Baumeiſter recht bald in B. zu ſehen. Dieſe Mahnung zerriß mit einem Male den Schleier, mit dem Heinrich ſeine wahren Gefühle verhüllt hatte. Ihm wurde klar, daß ſein ferneres Leben farblos und öde ohne Hedwig ſei, von der er ſich nun trennen mußte. Klara's ſanftes bleiches Antlitz ſtand vor ſeiner Seele und mahnte ihn, das Bild der Geliebten zu verdrängen, was doch ſo ganz unmöglich war, da die Liebe zu Hedwig ſeit ſeinen Knabenjahren gekeimt und nun mit ſeinem ganzen Weſen verwachſen blieb. Sie hatte nicht nur ſein Herz gefangen genommen, ſie war mit ſeinem Geiſt, ſeinem Streben, mit Allem, was er Großes dachte und hoffte, mit allen Impulſen ſeines intellektuellen Lebens Eins geworden, er hätte ſelbſt aufhören müſſen zu ſein, wenn er aufhören ſollte, ſie zu lieben. Heinrich lehnte die Stirn an die runden bleigefaßten Scheiben des hohen Fenſters und ſtarrte, der gebieteriſchen Nothwendigkeit nachſinnend, in den Garten hinab, ohne daß ſein Geiſt bei dem war, was ſein Auge erblickte. Da be⸗ wegte ſich Hedwigs ſchlanke Geſtalt zwiſchen den Erdbeer⸗ beeten, um dieſe Früchte, wie ſie gerne that, für Klara zu pflücken und ihr zu bereiten. Bei ihrem Erblicken ging Heinrich, ſeinem Herzensdrange folgend, zu ihr hinab und ſprach, nachdem er ihre Hand gefaßt:„Hedwig, meine Pflicht ruft mich fort von hier; ich muß bald, das fühle ich, das Eden verlaſſen, in dem Sie weilen, ſonſt— ſonſt— Hedwig, was iſt Ihnen?“ ſchrie er auf, als ihren zitternden Händen das Körbchen entfiel, Leichenbläſſe ihr ſchönes Antlitz überzog, und er die herrliche Geſtalt mit ſeinen Armen umfing, weil ſie wankte. Einen Mo⸗ ment preßte er die Geliebte an ſein Herz und ſein ganzer Körper erbebte unter dieſer Berührung; dann drückte er einen Kuß auf ihre reine Stirne und ſagte ihr, die ſich wieder erholt hatte, und ſich mit den Worten:„Eine plö liche Schwäche, an der ich ſeit des Oheims Tod mitunten leide, übermannte mich,“ aus ſeinen Armen losmachte, mit leiſer bebender Stimme:„Du liebſt mich, Hedwig, wie ich 4 7 * 8 Feierſtunden. 1865. 297 —————ò—:::r—nnr—————— —;— 45 dich liebe; nein nicht, wie ich dich liebe, denn du biſt das ßes Herz lieben muß. O habe Dank für dieſe Ueberzeu⸗ Herrlichſte auf Erden, kein Geſchöpf Gottes gleicht dir und gung, ſie richtet mich auf und wird mein leuchtender Stern kann ſo geliebt werden; aber du liebſt mich, wie dein gro⸗ ſein, wenn ich in meines Herzens Weh den Pfad verlieren — d Die Schmiede, nach Wouvermans. Pffe; ſie wird mich zum Schaffen begeiſtern, weil ich weiß,„Heinrich, es iſt eine Sünde an Klara, was Sie fühlſt jeden Erfolg mit mir, und ſie macht mir die ſprechen,“ erwiederte Hedwig leiſe. krennung zwar unendlich viel ſchwerer, aber doch möglich. Dann rechte mit Gott, Mädchen, der uns Beide für c ſage dir nicht Lebewohl, denn ſo wie wir einander ge⸗ einander ſchuf und Eins im Andern den fehlenden Ton zum ſören dürfen, bleiben wir uns auch in der Ferne.“ harmoniſchen Akkord des eigenen Seins finden ließ. Rechte Feierſtunden. 1865. 3 38 4 7 4 ¹. Feierſtun 298 mit dem Geſchick, das uns grauſam trennt und nur das Glück des geiſtigen Verkehrs läßt, unter dem ſie keinen Abbruch leidet, da ſie nie in ſolchem mit mir ſtand. Was ich ihr von Anfang an gewidmet, bleibt ihr, und ſie wird wie bisher davon befriedigt ſein.— Kann ich meine Augen verſchließen für den herrlichen Prachtbau, der außen tadel⸗ los, im Innern alles Reiche und Große umſchließt, und meinen Geiſt in dem kleinen Häuschen feſſeln laſſen, das nett und friedlich, aber nur für die materiellen Bedürfniſſe geſchaffen iſt? Das wird Hedwig nicht wollen; ſie wird mir den Anker, an dem ſich meine Thatkraft und die Luſt zum Schaffen feſthält, nicht rauben, ſie wird mir geſtatten, den Verkehr mit ihr fortzuſetzen wie bisher. Heinrich ſah ſo flehend in ihre Augen, daß ſie die ihrigen zu ihm aufſchlug mit einem tiefen Blick, bei deſſen Ausdruck Heinrichs Herz höher ſchlug, und leiſen innigen Tons ſagte:„Wenn es Sie froh macht, dann ſoll es ſo ſein, Ihr Glück iſt ja mein höchſter Wunſch. Vielleicht ſollte ich es nicht zugeſtehen, was Sie in mein erzen geleſen, aber ich vermag ſo wenig mich den(. uchen Anderer anzuſchmiegen, und würde es für eine Sünde am Heiligſten gehalten haben, wenn ich das, was mein ganzes Sein mit Schmerz und Wonne erfüllt, abläugnen wollte. Eines jedoch glaube ich iſt unſere Pflicht, nämlich nie mehr von dem ſprechen, was uns jetzt und wohl für immer er⸗ füllt; wir müſſen einander werth bleiben.“—— „Ja du reines ſüßes Weib, das wollen und werden wir, die Gewißheit unſerer Liebe bleibt lebendig in uns, wenn uns auch weder Wort noch Blick daran erinnern.“ „Kommen Sie jetzt zu Klara,“ ſagte Hedwig, und bückte ſich, um friſche Beeren in das Körbchen zu pflücken, wobei ihr Heinrich behülflich war. Bei der großen Menge der vorhandenen Früchte nahm dies nur wenige Minuten hinweg, und ſtumm gingen Beide dem Haus zu, wo Klara's freundliches Lächeln ihnen von dem Fenſter des Zimmers aus, in dem Heinrich den erſten Schlummer Hed⸗ wigs im„Kapitel“ bewachte, entgegenwinkte. Heinrich theilte ihr, wie den alten Frauen mit, daß er ſchleunig ab⸗ reiſen werde, und bat ſie, wenn ſie das raſche Reiſen an⸗ griffe, hier zu bleiben, um ihm mit aller Bequemlichkeit nachzukommen.„Nein Heinrich, nimm mich nur r, ich kann nicht froh ſein, wenn du fern von mir aitda mir ſcheint die Luft leichter, wenn ich ſie in deiner Nähe athme. Du entbehrſt ja ohnedies genug, da du dich von der ſchönen und geiſtvollen Freundin trennſt, welche dich in Allem ſo richtig verſteht, und dir ſo viel Anregung bietet; du ſollſt alſo nicht auch noch die Gattin an deiner Seite vermiſſen, die doch ſonſt nichts thun kann, als dein Haus⸗ weſen traulich und behaglich zu machen, und dich über Al⸗ les lieb zu haben,“ ſagte Klara, und lehnte ſich an Hein⸗ rich, der ſie mit einem Arm umfaßte und antwortete: „Du gutes treues Weib, ich will ſicher nie deine Liebe und dein Herz unterſchätzen.“ „Das dürfen Sie auch nicht,“ ſprach Hedwig, und faßte beide Hände Klara's, die ſie mit innigem Blick ihrer wunderbaren Augen anſchaute;„denn Sie, theure Klara, haben mir durch Ihr freundliches Walten eine unſchätzbare Lehre gegeben: Sie habenmir gezeigt, daß die häus⸗ lichen Tugenden, das ordnende Wirken und die Schöpfung eines behaglichen Hausweſens uner⸗ läßlich für ein Weib ſind, wenn nicht in ihrem Leben die größte Lücke entſtehen ſoll. Bisher, bei der oft geräuſchvollen Geſchäftigkeit meiner beiden lieben den. 1865. Mütterchen hier, die mir wo möglich die Hände unterbrei⸗ ten möchten, damit ich mich an kein Steinchen ſtoße, habe ich mich gern von allen häuslichen Verrichtungen zurückge⸗ zogen. Ihr ſtilles Walten, meine theure Klara, die ſinnige Aufmerkſamkeit, mit der Sie den Wünſchen Ihrer Umge⸗ bung zuvorkommen, und Ihre ganze herzige Art zu ſein, die es Jedem in Ihrer Nähe wohl werden läßt, hatten mir zum erſten Male die häuslichen Pflichten des Weibes in ihrer anmuthigſten Geſtalt vorgeführt, und die hohe Be⸗ deutung derſelben klar gemacht; deßhalb habe ich Ihnen mehr zu danken, als Sie ſelbſt glauben.“ Heinrich thaten dieſe Worte Hedwigs, die, wie Alles, was ſie that und ſprach, der Ausfluß ihres innerſten Weſens waren, unend⸗ lich wohl. Klara wollte beſcheiden dieſe Anerkennung ab⸗ lehnen und hob ihre geiſtige Unbedeutenheit gegen Hedwig hervor, dieſe verſicherte ihr jedoch in warm überzeugenden Worten, für wie lückenhaft ſie ihre einſeitige Ausbildung erkannt habe, und durch Klara's liebliches Vorbild ange⸗ regt, jetzt erſt darnach ſtreben werde, in dem, was das Weib als ſolches ziert, dieſem nachzuſtreben. Einſamer als je war es nach einigen Tagen wieder im alten Hauſe; die jugendliche Beſitzerin deſſelben zehrte nur von den hellen Streiflichtern, die Heinrichs Genie in ihr Leben warf, von den Berichten über ſeine ſchöpferiſche Thätigkeit, an welcher kleinlicher Neid wohl mancherlei zu mäkeln fand, die aber von den wahren Kunſtverſtändigen, vor Allem von Fürſt Alfred in ihrer hohen künſtleriſchen Bedeutung anerkannt wurde. Sie fühlte ſich gehoben in dem Bewußtſein, durch den ſchriftlichen Gedankenaustauſch mit dem Geliebten Theil an deſſen Wirken zu haben, und ſtrebte mit all' der ihr innewohnenden Energie in der,Aus⸗ führung deſſen, was ſie für Recht erkannte, darnach, ſich auch die häuslichen Tugenden anzueignen, welche ſie mit richtigem Blick als nothwendig erkannte. Sie war ſich ſelbſt ein Tempel, dem Geliebten geweiht, und erſchien ſich ſtets zu unvollkommen, um ſeiner Liebe ganz würdig zu ſein.— Wer vermöchte wohl über die unabweisbaren Ge⸗ fühle der Beiden, welche ſie rein im Herzen trugen, und ſich an ihnen aufrankten, den Stab zu brechen?—— Wie über Nacht aus der Erde geſchoſſen, war wenig Wochen nach Heinrichs Abreiſe das Gerücht im Städtchen verbreitet, die ſchöne Baroneß v. Stötterfeld habe ein Lie⸗ besverhältniß mit dem verheiratheten Jugendfreund ange⸗ knüpft, den ſie ſelbſt als Gattin gewählt haben würde, wenn ſie nicht zu adelsſtolz wäre und durch eine Meſal⸗ liance der Rechte an ihr Haus wie Vermögen verluſtig ginge. Die Wenigen, welche Klara kannten, wieſen dergleichen Vermuthungen empört zurück, Viele, von denen die ſo gern jedem Makel Glauben ſchenken, mit dem eine hervorragende Perſönlichkeit in den Schmutz der Gemeinheit herabgezogen und ihnen näher gebracht wird, trugen das Gerücht weiter, und knüpften Betrachtungen über die Sittenloſigkeit, welche bei vornehmen Perſonen herrſcht, daran. Die Betheiligten wurden jedoch von den bösartigen Abſichten des Erfinders dieſer Anklagen nicht berührt, denn ſie blieben ihnen unbe⸗ kannt; ebenſo gewannen ſie nicht weiteren Boden, da ſie zu geringe Anhaltspunkte boten. Leonhard Kruſel hatte alſo nur die Genugthuung, Hedwig und Heinrich bei ſei⸗ nen Geſinnungsgenoſſen, an deren Urtheil ſo wenig liegt, herabgeſetzt zu ſehen. 8 terbrei⸗ , habe rückge⸗ ſinnige Umge⸗ u ſein, en mir bes in ſe Be⸗ Ihnen thaten at und unend⸗ ing ah⸗ Hedwig ngenden bildung ange⸗ as das wieder mzehrte enie in fferiſche erlei zu indigen, eriſchen bben in tauſch n, und er Aus⸗ üh, ſich ſie mit arr ſich ſen ſich rdig zu ren Ge⸗ n, und r wenig tädtchen ein Lie⸗ d ange⸗ würde, Mrſal⸗ g ginge⸗ leche ſo gern ruggende — . . 4 8 2 4 4 1 Fünftes Kapitel. Die Baronin v. Str. in Sachſen, eine ſtattliche Frau von vierzig Jahren, deren Körperfülle die Elaſticität ihrer Bewegungen nicht beeinträchtigte, und, durch ſehr vortheil⸗ hafte Toilette gehoben, ſie noch anmuthig und jünger, als ſie war, erſcheinen ließ, ſaß in einem mit rothem Sammt bezogenen Fauteuil, und unterhielt ſich mit einem jungen Manne, welcher in elegantem Viſitenanzug vor ihr ſtand. Ihre braunen Augen ruhten forſchend auf ſeinem Geſicht, als ſie ſprach:„Warum wenden Sie ſich an mich mit Ihrem Anſtellungsgeſuch, und nicht an den Baron, wie dies Sitte iſt?“ „Weil ich weiß, daß Sie, gnädige Frau, mit kluger und ſicherer Hand die Verwaltung Ihrer Beſitzungen lei⸗ ten, und es alſo für unerläßlich hielt, mich Ihrer Huld zu empfehlen.“ Ein raſches Lächeln der Befriedigung, welches dem Beobachter nicht unbemerkt blieb, überflog einen Moment die Züge der Baronin, welche wirklich die thatſächliche Be⸗ herrſcherin des Vermögens ihres Gatten war, der neben der friſchen energiſchen Frau völlig zur Null herabſank. Sie hatte einſt ihre blühende Jugend an das Leben des entnerv⸗ ten jungen Greiſes gekettet, weil er reich und ſie ein zwar ſchönes, aber armes Mädchen war, die mit ihrem altade⸗ ligen Namen nicht den Vorzug jedes Bürgerkindes genoß, für ihren Unterhalt arbeiten zu können, deßhalb glaubte ſie Leib und Seele dem Roué opfern, dem Manne, welchen ſie verachtete, Treue am Altar ſchwören zu müſſen, um anſtändig verſorgt zu ſein.»Noblesse oblige.« Bald bemächtigte ſie ſich der Verwaltung ihrer erheiratheten Gü⸗ ter, um dem Unweſen betrügeriſcher Beamten, welches ſie durchſchaute, zu ſteuern; mit der Zeit fand ſie ein ſolches Vergnügen am Herrſchen, während ſie früher den reicheren Verwandten gehorchen mußte, daß ſie gern den Mann in den Kauf nahm, durch den ſie zu ihrer gegenwärtigen Stel⸗ lung gelangt, und welcher völlig unfähig war, die Pflich⸗ ten des Gebieters zu erfüllen. Sie ließ ihm ſeine Kraft⸗ brühen ſchmackhaft bereiten, alle Einreibungen und Medi⸗ kamente kommen und regelrecht anwenden, von deren Gebrauch er die Wiedererlangung ſeiner verſchleuderten Jugendkraft hoffte, lud allabendlich einige der höheren Be⸗ amten oder den Prediger ein, um ihm die Unterhaltung des Spielens zu verſchaffen, im Uebrigen jedoch war ſie„der Baron“. Deßhalb befriedigte ſie auch die Anerkennung ihrer Herrſchaft Seitens des jungen Mannes, der ſich zu der erledigten Güteradminiſtratorſtelle gemeldet hatte. Die⸗ ſer Poſten war wichtig genug und forderte die gewiſſenhaf⸗ teſte Redlichkeit, als daß er ſo ohne Weiteres ertheilt wer⸗ den konnte; die Baronin frug demnach weiter:„Sie wol⸗ len alſo die Anwartſchaft auf das Amt eines Syndikus in X aufgeben der Adminiſtratur wegen, haben Sie auch er⸗ wogen, was es heißt, eine lebenslängliche Anſtellung einer vielleicht zeitweiſen zu opfern?“ „Ja, Frau Baronin, das that ich, und zwar aus folgenden Gründen: Erſtens und hauptſächlich macht es mich glücklich, einer Dame zu dienen, die ich ſo hoch über die Meszen Ihres Geſchlechts ſtelle, da ſie männlichen Ernſt mit ſiefſtem Verſtändniß vereint; zweitens kenne ich meinen Pfliſchteifer, wenn es ſich darum handelt, einen übernom⸗ en Wirkungskreis auszufüllen, und hege ein ſo großes Brrauen zu der richtigen Einſicht und dem Scharfblick der Baronin, daß ich gewiß bin, meines Amtes hier nicht Feierſtunden. 1 865. 299 —— „Sie ſind ſehr zuverſichtlich, mein Herr, und ich nehme dies vor der Hand als ein Zeichen Ihrer Tüchtigkeit auf. Ich werde mit dem Baron über Ihr Anerbieten berathen, und erſuche Sie, ſich zu ſetzen, um hier meine Rückkehr aus des Barons Zimmern abzuwarten. Mit einer Hand⸗ bewegung deutete die Baronin bei dieſen Worten nach einem Seſſel und verließ das Zimmer. „Gehe nur, du albernes eingebildetes Weib,“ mur⸗ melte der junge Mann, welcher zurückblieb;„ich denke, es wird nicht lange dauern, bis ich meine einträgliche Stel⸗ lung antrete, weil ich der Schwäche dieſer herrſchſüchtigen Thörin ſchmeicheln kann, und dann ſoll die Zeit kommen, wo wir unſere Rollen wechſeln.— Das Weib iſt wirklich noch hübſch genug, um den Wunſch ihres geſicherten Be⸗ ſitzes, natürlich mit dem Vermögen, zu erregen, und ich denke, daß ich dazu in meinem köſtlichen Dokument ein Zaubermittel beſitze.“ Ein höhniſches Lächeln überflog da⸗ bei ſeine Züge, verſchwand aber bei der Rückkehr der Ba⸗ ronin augenblicklich, um ſeiner halb demüthig bewundernden, halb zuverſichtlichen Miene Platz zu machen. „Der Baron iſt wie gewöhnlich mit meinen Inten⸗ tionen einverſtanden, und will gleich mir Ihnen vier Wochen Zeit laſſen, die Geſchäfte kennen zu lernen, ehe wir zu der definitiven Feſtſtellung unſeres gegenſeitigen Verhältniſſes ſchreiten. Zwar ſind Sie wohl kaum dreißig Jahre und deßhalb ziemlich jung zur Uebernahme eines ſo großen Pflichtenkreiſes, jedoch ziehe ich andererſeits Ihre mehrjäh⸗ rige Uebung im Verwaltungsfach, auch die langjährige un⸗ beſcholtene Amtsführung Ihres Vaters in Betracht, und denke, daß eine volle friſche Kraft zur Durchführung der übernommenen Pflichten eine gute Acquiſition zu nennen iſt,“ ſagte die Baronin mit der gutmüthigen Selbſtgefäl⸗ ligkeit, welche ſtets zum Vorſchein kam, wenn ſie geſchäft⸗ liche Dispoſitionen traf. „Ich nehme die Probezeit, denn etwas Anderes iſt doch die vierwöchentliche Friſt zur Kenntnißnahme meiner Obliegenheiten nicht, gern an, da ich weiß, in welcher Weiſe ich dieſe ausführen werde. Dabei geſtatten Sie mir, gnädige Frau, Ihnen den innigſten Dank, nicht für die Uebertragung der durch Ihre Munificenz ſo reich dotirten Stelle allein, mehr für das mich ſo hoch ehrende Vertrauen auszuſprechen. Ich fühle mit hohem Glück, daß dem Scharfblick der Frau Baronin meine aufrichtige Bewunde⸗ rung der Eigenſchaften, welche einer Frau ſo ſelten eigen ſind, noch ſeltener aber mit ſolch' echt weiblicher Würde gepaart auftreten, nicht entgangen iſt. Ich ſtelle mich von dieſem Augenblick an unter Ihre Befehle, und bitte, über mich zu verfügen. Einige Hülfeleiſtungen bei den Anord⸗ nungen zum Empfange des Erbprinzen v. B. mit ſeiner jungen Gemahlin, ſowie des erlauchten Oheims des Prin⸗ zen, werden mich bis zum Antritt meines Amtes in mei⸗ ner Vaterſtadt feſthalten. Sobald Sie jedoch meine Dienſte befehlen, werde ich mich ſofort hierher begeben.“ Die Baronin nahm ſichtlich befriedigt die etwas gro⸗ ben Weihrauchkörner auf, welche ihr der junge Mann, ihre Schwäche herausfindend, geſchickt zu ſtreuen wußte. Sie fand für gut, dieſelben als ſelbſtredend ruhig hinzunehmen, ohne darauf etwas zu erwiedern. Durch die letztere Be⸗ merkung angeregt, ſagte ſie:— „Ach ja, ich habe in den Hofnachrichten geleſen, daß das junge Paar und Seine Durchlaucht, der regierende Fürſt Alfred, X paſſiren werden, und dies intereſſirt mich beſonders Seiner Durchlaucht wegen, welchen kennen zu ⸗ſtig zu gehen.“ 4 lernen ich vor fünf Jahren in Karlsbad die Ehre hatte, 38* 300 Feierſtunden. 1865. ——ÿõ——-- — wo ich dem Fürſten ſeitdem alljährlich begegne, da ich den begleitete, wobei er auf's Neue Fachſtudien machen wollte. Baron dorthin begleite. Ich zolle ihm die aufrichtigſte Wiedergeſehen hatten ſich Hedwig und Heinrich nicht. Als Bewunderung, und hauptſächlich wünſche ich deßhalb eine Letzterer vor ſeiner Abreiſe mit Frau und Kind einige tüchtige Vertretung meiner Intereſſen, weil ich den Wunſch Wochen nach X. kam, war Hedwig zwei Tage vorher mit des Barons, den Winter in einer größeren Stadt zu ver⸗ Frau Budenberg in ein nahegelegenes, meiſt von Frauen⸗ leben, mit meinem eigenen, mitunter in der Geſellſchaft des beſuchtes Bad gereist, wo ſie bis nach ſeiner Abreiſe blieb. geiſtvollen, gelehrten und kunſtſinnigen Fürſten zu ſein, Sie hatte ihm auf ſeinen Wunſch, nochmals mit ihr zu⸗ vereinen, und ſchon nächſten Winter nach B. über⸗ ſammenzutreffen, ſchriftlich geantwortet:„Laſſen Sie uns ſiedeln will.“ nur ſo mit einander verkehren, wie wir es dürfen. Das „Dies wird zwar für die, welche dann die Nähe der geiſtige Zuſammengehen, der fortgeſetzte Gedankenaustauſch Frau Baronin entbehren müſſen, ein ſchwerer Verluſt ſein iſt unſer Theil, auf den wir uns um ſo eher beſchränken (bei dieſen Worten ſuchte Leonhard Kruſel ſeiner ſcharfen können, als er, für mich wenigſtens, eine unendlich reiche Stimme ein leiſes Beben, ſeinen liſtigen Augen einen weh- Quelle des reinſten Genuſſes bietet. Ich fürchte, das Herz müthigen Ausdruck zu geben), jedoch halte ich es für Pflicht iſt ein zu unzuverläſſiger Wächter der faſt unſichtbaren gegen Sie ſelbſt, wenn die gnädige Frau nach der aufrei⸗ Linie, welche wir nicht überſchreiten können, ohne uns ſelbſt benden, weil geiſtig nicht anregenden Geſchäftsthätigkeit, zu verlieren, deßhalb iſt es beſſer, wir führen es nicht in die Befriedigung höherer Intereſſen in geiſtesverwandten Verſuchung. Mir bleiben Ihre Gedanken, ein Theil von Kreiſen ſuchen.“ Ihnen ſelbſt, in Ihren Werken zurück, durch die Sie ſeit Mit ſolcher Geſchicklichkeit legte Leonhard Kruſel ſeine vier Jahren ſo mächtig geſprochen, ſo große Ideen in rei⸗ Schlingen, um die Frau, welche, da ſie beim beſten Wil⸗ nen Formen feſtgehalten haben; zu ihnen will ich wandern, len in ihrer Umgebung Niemand fand, den ſie bewundern wenn Sie im Süden ſind, und ich weiß, daß Ihr Geiſt konnte, ihre Befriedigung darin ſuchte, ſich für„groß“ zu mir dann nahe iſt. Gott gebe Ihrer Klara das Glück der halten, darin zu fangen. Seine Schmeichelei hatte nichts Geſundheit, und Sie werden, das weiß ich, der Guten Kriechendes, er ſtand aufgerichtet vor ihr, weil er ſehr gut durch verdoppelte liebevolle Fürſorge den Mangel dieſes wußte, daß, um ſeiner Bewunderung Werth zu verleihen, unſchätzbaren Gutes zu erſetzen ſuchen. Gott ſegne auch 1 er ſich nicht niedrig ſtellen, ſondern durchblicken laſſen durfte, Sie und Ihr Kind, was ich ſo gern an mein Herz ge⸗ 11 er ſelbſt ſei ihr geiſtig ebenbürtig, da er ihre hervorragen⸗ drückt hätte, und ſtehe uns Beiden bei, in unſerem Han⸗ den Eigenſchaften erkannte. deln ſtets das Rechte zu finden.“ Gütig ward er entlaſſen, und da er wieder im Wagen Man erkennt aus dieſen, wie nach ſtetem Kampfe ſaß, um der Heimath zuzueilen, ſagte er zu ſich:„Bravo, aphoriſtiſch hervorgeſtoßenen Sätzen, daß Hedwig in den das hat ſich gut gemacht. Jetzt, da die vornehme Puppe vier Jahren, ſeit ſie Heinrich zum letzten Male ſah, in— in X. neunzehn Jahre und deßhalb majorenn iſt, hört der nerlich vollſtändig klar und reif wurde. hübſche Nebenverdienſt, den die Verwaltung ihres Vermögens Hätte Heinrich die rothgeweinten Augen wie den abwarf, auf; der Vater iſt noch ſo rüſtig, daß ich wenig⸗ Schmerzenszug um ihren lieblichen Mund geſehen, als ſie 1 ſtens zehn Jahre auf das Syndikat warten könnte, woge⸗ ihm dieſe Zeilen ſchrieb, um den perſönlichen Abſchied zu gen mir die Adminiſtratorſtelle an baarem Gehalt ſchon verweigern, er würde nicht beim Durchleſen derſelben aus⸗ mehr als jenes einträgt, und ich müßte ſehr ungeſchickt gerufen haben:„Ihr Herz iſt größer, aber auch ruhiger, wirthſchaften, wenn ſie nicht nebenbei noch einmal ſo viel als das meine.“ Dennoch fühlte er, wie recht und gut ſie abwürfe. Daß ich die eitle Närrin nicht durch das Doku⸗ daran that, eine nochmalige Zuſammenkunft abzulehnen, ment zwingen durfte, mir den Poſten zu übertragen, iſt denn die Sehnſucht nach ihr drohte oft alle Vernunftgründe unbezahlbar, denn dieſer köſtliche Fund eröffnet mir die umzuſtoßen, und daß ſie nicht geſtillt, ſondern durch das weiteſten Ausſichten, die ich nach des Barons Tod, welcher Wiederſehen nur mehr noch angefeuert werde, das fühlte er nicht lange mehr auf ſich wird warten laſſen, realiſtren in ruhigeren Momenten gleichfalls. Weib und Kind ent⸗ werde. Freilich habe ich dann ſtatt der ſchönen Hedwig, behrten ſeiner zärtlichſten Sorgfalt nicht; er war von einem 1 um deren Beſitz ich Manches hingegeben hätte, eine ältere peinigenden Dualismus verzehrt, denn während er Hedwig 4*½ Frau, die, wenn auch noch recht friſch und hübſch, doch in Geiſt und Herz verſchwiſtert, all' ſein Streben mit ihr im Vergleich mit der ſtolzen Puppe zu einem Nichts herab⸗ theilte, während allgemach der Wunſch ihres Beſitzes im⸗ ſinkt, aber ich habe dafür an ihr eine von mir abhängige mer glühender in ihm erwachte, ſehnte er ſich doch nach Sklavin, während Hedwig ſtets von oben herab auf mich vollendetem Tagewerk in ſein Haus, wo ihn Klara's ſanft⸗ geblickt haben würde.“ Unter ſolch' hochfliegenden Kombi⸗ freundliches Weſen, ihre anmuthig ſorgende Geſchäftigkeit, nationen verbrachte Leonhard die Zeit, bis er die alten wie das Lächeln ſeiner kleinen Hedwig empfing. Wäre ſeine 1 Thürme ſeiner Vaterſtadt erblickte, welche noch gerade ſo, Zeit nicht durch eine ſo anregende, Geiſt und Phantaſie wie vor achtundzwanzig Jahren ausſahen, als Heinrich beſchäftigende Wirkſamkeit erfüllt geweſen, dann würde er Wendler zum erſten Mal die Wände des„Kapitels“ an⸗ in ſeinem Haus wohl ſchmerzlich den Mangel an eingehen⸗ ſchrie. Das„Kapitel“ ſelbſt war gleichfalls in ſeiner ern⸗ dem Verſtändniß für ſein Streben vermißt haben. So aber ſten Schönheit noch unverändert, und ſo wie auf ſeinem fand er dies im ſchriftlichen Gedankenaustauſch mit Hed⸗ Dach ſich nur etwas Moos mehr angeſammelt, waren auch wig, wie in der Anerkennung des kunſtverſtändigen Fürſten die Scheitel der beiden Frauen bleicher geworden, welche Alfred, und genoß demnach den Frieden ſeiner freundlichen die ſchöne Herrin des Hauſes behüteten, ſie ſelbſt aber noch Häuslichkeit mit Behagen. Ein großes Leid hatte ihn Vor friſch und rüſtig geblieben. einem Jahr, als er den Prachtbau in B. eben vollenddt, Frau Wendler hatte ein Enkeltöchterchen von drei Jah⸗ getroffen. Sein Schwiegervater war, nachdem er der Eit l⸗ 8* ren, die jetzt mit ihren Eltern nach dem Süden gereist weihung des Muſeums beigewohnt, und mit freudiger t war, wo ſich Klara ihrer immer mehr geſchwächten Ge⸗ Stolz den Sohn an ſein Herz gedrückt hatte, der in ſeinen 9 ſundheit wegen aufhalten mußte, und Heinrich ſeine Gattin Geiſt aber in individuelleren Formen den Prachtbau auß A ₰ — geführt, in ſeinem Haus entſchlafen. Heinrichs Schmerz bei dieſem Verluſt ging tiefer, als der Klara's; mit ſo inniger Liebe ſie auch am Vater hing, fehlte ihr doch die geiſtige Verwandtſchaft mit ihm, und ihr Herz fand Troſt wie Erſatz im Gatten und Kind. Heinrich hingegen hatte den Mann ganz erkannt, war anfangs in ſeinen Ideen aufgegangen, um ſpäter, als ſein Geiſt ſich freiere Bah⸗ nen ſchuf, auf ihnen fortzubauen, mit Stolz und neidlos hatte der Lehrer das überwiegende Genie ſeines Schülers gewürdigt, und ſich ihm willig untergeordnet; ihr Verhält⸗ niß war ein ſchönes geblieben. Im Städtchen war es ungewöhnlich lebhaft, da die Ankunft des Fürſten Alfred, wie ſeines Neffen und Thron⸗ folgers, welcher einer Verwandten der einheimiſchen Regen⸗ tenfamilie vermählt war, erwartet wurde. Syndikus Kruſel hatte die äußere Ausſtattung des Empfanges zu ordnen, da er den Ruf eines geſchickten Arrangeurs genoß. Der Maitag war köſtlich, die Rede des Bürgermeiſters wohl ſtudirt, ſeine ſtattliche Figur aus den Händen ſeiner Ge⸗ mahlin in untadelhaftem Putz hervorgegangen, und die weiß gekleideten Honoratioren⸗ wie Bürgertöchter in ſtreng gehand⸗ habter Rangordnung aufgeſtellt. Syndikus Kruſel, der gegen das Stadtoberhaupt gern eine kleine Malice unter der Maske der Freundlichkeit ausübte, worin ihm die gegen⸗ ſeitigen Familienglieder, dem herrſchenden Brauch gemäß, folgten, hatte es durchgeſetzt, daß nicht eine der Bürger⸗ meiſtertöchter dem jungen Fürſtenpaare den Willkommen⸗ gruß ausſprach, ſondern die Ehre in Ermanglung eigener Töchter ſeiner ehemaligen Mündel zugewandt. In der deß⸗ halb ſtattgefundenen, ziemlich ſtürmiſchen Sitzung machte er mit Erfolg geltend, daß Fräulein v. Stötterfeld nicht nur durch ihren Stand das Vorrecht genieße, daß es noch mehr Pflicht der Behörden ſei, die Erbin des Mannes zu ehren, welcher teſtamentariſch der Armenpflege ſo große Vortheile zugewandt habe. Hedwig ahnte von dieſen Kämpfen nichts, ſondern übernahm unbefangen die Pflicht, die Neuvermählten zu begrüßen. Es würde ihr ſogar peinlich geweſen ſein, in dieſer Weiſe ſich öffentlich zu zeigen, wenn es nicht mit ihren Herzenswünſchen übereingeſtimmt hätte, dem Fürſten, welcher Heinrich ſo wohl wollte, wie ſeinem Erben ein freudiges Wort des Willkommens zuzurufen. Als die Ueb⸗ rigen bereits verſammelt waren, kam Syndikus Kruſel nicht wie die Andern zu Fuß, ſondern im ſtattlichen Wagen mit Hedwig an, die er galant heraushob, und der Verſamm⸗ lung zuführte. Ein Laut der Bewunderung ließ ſich kaum unterdrücken, als die ſchöne Geſtalt im weißen, mit natür⸗ lichen Blumen garnirten Tüllkleid, das um die ſchlanke Taille durch einen in Filigran gearbeiteten feinen Goldgür⸗ tel zuſammengehalten ward, drei dunkle Roſen im Haar, ſonſt aber ohne jeden Schmuck, als den ihrer ſiegenden Schönheit, am Arme des alten Herrn erſchien, der ſie triumphirend an den erſten Platz geleitete. Die unbefangen freundlichen Worte, mit denen ſie die zunächſt ſtehenden jungen Damen begrüßte, vermochten dieſe nicht mit ihr auszuſöhnen, da ſie ſich herausnahm, ſo wunderbar ſchön zu ſein, und in der edlen Einfachheit ihrer Erſcheinung den dejcgten Putz der Andern zu beſchämen. Nur die Augen der Männer, gleichviel ob jung oder alt, ſowie mehrerer Bürgertöchter aus den hinteren Reihen der„Weißgekleide⸗ im“ hingen mit neidloſer Bewunderung an ihr. Frau undenberg und Heinrichs Mutter war durch Hedwigs Bitte —————— 301 Platz an den Fenſtern des Rathhauſes eingeräumt, wo ſie im beſten Schmuck, ſtrahlend vor Vergnügen über die Schön⸗ heit ihres Lieblings, ſaßen, und Alles wohl überſehen konn⸗ ten. Die erwarteten hohen Reiſenden ſpannten nicht, wie es ſo häufig geſchieht, die Geduld der ſie freudig Erwar⸗ tenden auf die Folter, ſondern erſchienen eine halbe Stunde nach der feſtgeſetzten Zeit, wo ihnen nach den herkömm⸗ lichen Böllerſchießen, Hurrahrufen, und der in anerkennens⸗ werther Kürze abgefaßten Rede des Stadtoberhauptes die jungen Mädchen zugeführt wurden. Mit dem vollen war⸗ men Ton ihrer weichen Stimme, und dem Anſtand einer geborenen Fürſtin ſprach Hedwig dem jungen Paar, wie dem Fürſten ihre Begrüßungsworte, wobei ſie ihnen Blu⸗ men überreichte. Als ſie bei den betreffenden Worten ihre großen dunk⸗ len Augen voll auf den Fürſten Alfred richtete, dem beim erſten Anblick ſchon ihr Herz gewonnen war, begegnete ſie ſeinen, mit geſpannteſter Theilnahme auf ſie gerichteten Blicken; ſeine Mienen drückten tiefe Bewegung, wie die äußerſte Ueberraſchung aus, welche er nur mit Mühe den forſchenden Beobachtungen der ihn umgebenden Perſonen verbergen konnte.— Die junge Erbprinzeſſin küßte Hed⸗ wig auf Stirn und Wange; der warme Ton ihrer Be⸗ grüßungsworte war zum Herzen der jungen Fürſtin gedrun⸗ gen, wie die ganze edle Erſcheinung Hedwigs ſympathiſche Empfindungen in ihr erweckte. Fürſt Alfred ließ ſich das ſchöne Mädchen vorſtellen, und frug nach ihren Angehöri⸗ gen, welche er gleichfalls vorgeſtellt haben wollte. Bei der Antwort Hedwigs:„Durchlaucht, ich habe meinen einzigen Verwandten, den Baron Geiersberg, welcher mich gleich einem Vater erzogen, bereits ſeit Jahren verloren, und be⸗ wohne mit meiner alten Pflegerin wie der Kaſtellanin das ehemalige Kapitelhaus des deutſchen Ordens ganz allein;“ rief einen lebhaften Ausdruck des Intereſſes in den Mie⸗ nen des Fürſten hervor; bei ſich murmelte er:„Alſo daher die merkwürdige Aehnlichkeit;“ laut erwiederte er:„Ah, ich habe von meinem verehrten Baumeiſter Wendler die archi⸗ tektoniſche Schönheit des„Kapitels“ rühmen hören, und bitte deßhalb die liebenswürdige Bewohnerin deſſelben, mir und dem Erbprinzen nebſt Gemahlin geſtatten zu wollen, daß wir ein einfaches Dejeuner darin einnehmen, und vor⸗ her die intereſſanten Räume betrachten dürfen.“ Hedwig verneigte ſich und ſprach, auf den alten Kru⸗ ſel deutend, der ſeelenvergnügt in ihrer Nähe ſtand:„Mein werther Vormund und Adminiſtrator des Hauſes, Herr Syndikus Kruſel, ſowie ich werden es uns zur höchſten Ehre ſchätzen, wenn Ew. Durchlaucht, ſowie Se. Durch⸗ laucht der Prinz mit Ihrer Hoheit der Frau Prinzeſſin die alten ehrwürdigen Räume meines Hauſes betreten wollen.“ Das volle rothe Geſicht des lebensluſtigen, aber gutmüthi⸗ gen Syndikus glänzte vor Freude, als er, durch Hedwigs Worte herbeigezogen, zu einer Hauptperſon gemacht ward. Schleunig gab er Befehl, das im Rathhausſaal angeord⸗ nete Dejeuner im Speiſeſaal des„Kapitels“ zu ſerviren, und Hedwig beurlaubte ſich, um die Pflichten der Wirthin übernehmen zu können. Ein langer ſinnender Blick des edlen Fürſten folgte ihr.— Zu den Frauen am Fenſter des Rathhauſes war die Kunde gleichfalls gedrungen, daß der Fürſt nebſt Gefolge das„Kapitel“ beehren werde, und Frau Budenberg, welche beim Anblick des Fürſten Alfred beinahe laut aufgeſchrieen hätte, und nur mit Mühe ihre Aufregung verbarg, war bei dieſer Nachricht zum erſten Male faſſungslos. Frau Wendlers praktiſchem Sinn und ihrer Umſicht war es allein zu danken, daß ſie nicht gleich ——ʒ;—; einer Bildſäule ſitzen blieb, ſondern nach Hauſe eilte, wo mit Beihülfe einiger Rathsdiener, welche der Syndikus den Frauen zur Verfügung geſtellt hatte, in kürzeſter Zeit der Saal mit Blumen und Orangerien aus dem Garten feſt⸗ lich dekorirt und die Tafel ſervirt ward. In dem prächtigen alten Saale, deſſen gothiſches Deckengewölbe ſich in den ſchönen welligen Formen der Spitzbogen erhob, deſſen dunkle Eichenholzmöbel, das Wand⸗ getäfel und die Ahnenbilder der Geiersberge ein eben ſo eigenthümliches wie harmoniſches Bild boten, war Hed⸗ wigs Erſcheinung in den rechten Rahmen gefaßt. Hier bewegte ſie ſich frei und ſicher, weil ihr Alles heimiſch und bekannt war; hier auf dem dunklen Grunde, dem Zeugen einer längſt entſchwundenen Zeit, hob ſich aber auch die helle jugendliche Geſtalt in dem Zauber ihrer wunderbaren Schönheit deſto vortheilhafter hervor, und verband in ihrer jugendlichen Unbefangenheit, gepaart mit jener unnachahm⸗ lichen Würde, welche Seelenadel, geiſtige Reife und die höchſte Sittenreinheit verleihen, die Vergangenheit auf's Lieblichſte mit der Gegenwart. Mit bezaubernder Freund⸗ lichkeit und angebornem Anſtand empfing ſie die hohen Gäſte, welche überraſcht waren, wie harmoniſch die alter⸗ thümliche Einrichtung den Bedürfniſſen eines jungen Mäd⸗ chens angepaßt war, und mit welchem Verſtändniß Hedwig die ihr unentbehrlichen Gegenſtände der urſprünglichen Phy⸗ ſiognomie des Hauſes entſprechend gewählt hatte. Die fürſtlichen Gäſte ließen ſich alle Räume, mit Ausnahme ihres Schlafzimmers, zeigen, und Fürſt Alfred verbarg das lebhafte Intereſſe nicht länger, welches ihm Hedwigs Schönheit nicht allein, ſondern auch ihre ungewöhnliche Bil⸗ dung, welche ohne jede Prätenſion aus all' ihren Bemer⸗ kungen leuchtete, einflößte. Der Fürſt zählte 46 Jahre, war eine ſtattliche, bedeutende Erſcheinung, mild freundlich blickten ſeine dunklen Augen; ſeine Stirn zeigte, nur ſtär⸗ ker entwickelt, dieſelbe Form wie die Hedwigs; um die feingeſchnittenen ſchmalen Lippen lagerte jener Zug von ſchmerzlicher Erfahrung, welche geiſtig bedeutenden Men— ſchen ſo ſelten erſpart wird, und womit ſie es meiſt bit⸗ ter bezahlen müſſen, ſich über das Niveau der Alltäglich⸗ keit erhoben zu haben.— Fürſt Alfred hatte ſich trotz aller Bemühungen ſeiner Familie nicht vermählt und ſeinen Neffen zum definitiven Nachfolger ernannt. Die Vermu⸗ thung, er liebe eine nicht Ebenbürtige, oder eine Dame, mit der er ſich unüberwindlicher Hinderniſſe halber nicht verbinden könne, erwies ſich als haltlos, denn ſo eifrig fürſtliche Perſonen auch allſeitig beobachtet werden, fand man doch nichts, was eine derartige Muthmaßung gerecht⸗ fertigt hätte. Der Fürſt war als Jüngling, da ſich zwi⸗ ſchen ihm und ſeiner herrſchſüchtigen Stiefmutter ernſte Kon⸗ flikte erhoben, mehrere Jahre außer Landes geweſen, um incognito ſeinen künſtleriſchen Neigungen zu leben. Die Hofparthei, welche ſeine Stiefmutter haßte und ihm wohl⸗ wollte, war die überwiegende, und benachrichtigte ihn ſofort, als der alte Fürſt krank wurde, um ihn ſchleunig an den Hof zu berufen, den die dem Regenten zu linker Hand an⸗ getraute herrſchſüchtige Frau tyranniſirte. Kurz nach dem Tode ſeines Vaters und ſeinem Regierungsantritt machte er in Begleitung ſeines Dieners eine Reiſe, deren Ziel Niemand kannte, und kehrte ohne letzteren zurück, von wel⸗ cher Zeit an ſich jener Zug der Trauer auf ſeinem intel⸗ ligenten Geſichte lagerte. Nach längerer Zeit langte auch der Diener an, war aber ebenſowenig fröhlich, wie er den Fürſten durch ſeine Nachrichten erheitern konnte. Mit der Zeit hatte ſich die fieberhafte Neugierde der Höflinge beru⸗ ———õ——ͤyͤ△— higen müſſen, da Alles, was in jene Periode fiel, in un⸗ durchdringliches Dunkel gehüllt blieb. So warm hatten des Fürſten Augen noch nie geblickt ſo weich ſeine Stimme nie geklungen, als heute, da er mit dem ſchönen Mädchen ſprach, das entging den Höflingen nicht, und es bot den reichſten Stoff zu Kombinationen, daß die Prinzeſſin auf ſeine Veranlaſſung, wie ſelbſt an⸗ gezogen von dem ſie geiſtig wie ſeeliſch anheimelnden Weſen Hedwigs, dieſer eine Stelle als Hofdame anbot, wobei ſie ihrer Perſon unmittelbar attachirt war. Hedwig erwiederte darauf, hingeriſſen durch den Zauber, welchen die Perſön⸗ lichkeit des Fürſten, wie die Anmuth und Güte der Prin⸗ zeſſin auf ſie ausübten:„Ich nehme dieſe Güte mit Dank an, und hätte nie für möglich gehalten, daß ich meine Selbſtſtändigkeit einmal ſo gern und leicht opfern würde.“ Es lag bei allem Freimuth in dieſer Antwort eine Herz⸗ lichkeit, daß die Prinzeſſin wie ihr Gemahl und vor allen der Fürſt die devote Redeweiſe, mit welcher ſonſt immer zu ihnen geſprochen ward, nicht vermißten. Mit Gewandtheit und Anmuth machte Hedwig wäh⸗ rend des Frühſtücks die Wirthin; man bemerkte, mit wel⸗ chem Erfolg ſie ihren Vorſatz, Klara in häuslichen Tugen⸗ den nachzuſtreben, ausgeführt hatte. Der Fürſt frug ſie, ob ihr Großohm ohne Familie geſtorben ſei, und ein Glück war es, daß ſein Geſicht der übrigen Geſellſchaft abge⸗ wandt war, als Hedwig antwortete:„Mein guter Oheim hatte ein einziges Kind, eine Tochter, die er in der Blüthe ihrer Jahre verlor. Er ſprach von dieſem traurigen Er⸗ eigniſſe faſt nie, und ich weiß nicht einmal, wo meine Tante begraben iſt; nur einmal, als ich noch ein Kind von etwa acht Jahren war, ſprach er wie in halbem Ver⸗ geſſen zu mir: ‚Wie gleichſt du meiner armen, ſo frühe gebrochenen Hildegard!' Mein Gott, Durchlaucht, ſind Sie unwohl?“ unterbrach ſie ſich, als ſie die Leichenbläſſe bemerkte, die ſein Geſicht bedeckte. „Still, ſprach er leiſe,„ſtill, mein theures Kind, es iſt nicht von Bedeutung;“ darnach frug er, ob Niemand von der Dienerſchaft ihres Oheims mehr am Leben ſei, worauf Hedwig erwiederte: „Ich habe, Gott ſei Dank, meine gute Budenberg noch, welche mich auferzogen.“ „Laſſen Sie ſie unbemerkt in die Bibliothek kommen, ich muß ſie ſprechen und werde die alten Bücher da drin⸗ nen durchſehen,“ flüſterte er leiſe mit ſichtlich lebhafteſtem Intereſſe; laut ſetzte er zur Geſellſchaft gewandt hinzu: „Sie Alle theilen wohl gleich mir das Bedürfniß der Ruhe, und unſer liebenswürdiges Burgfräulein wird daher erlau⸗ ben, daß wir die uns gütigſt zur Verfügung geſtellten Zim⸗ mer auf ein Stündchen aufſuchen, ehe wir aufbrechen, ich werde einſtweilen, wenn Sie es geſtatten, Fräulein Stötter⸗ feld, nochmals die intereſſante Bibliothek beſichtigen, wo mir die hochlehnigen Lederſeſſel gleichzeitig einladend zu einem kurzen Schlummer winken.“ Das große alte Haus bot genügend prächtige Räume, um die Gäſte in geeigneter Abſonderung aufzunehmen. Während ſich das junge Paar und die Uebrigen in die auf dem rechten Flügel befindlichen Gemächer zurückgezogen, Hedwig die Prinzeſſin in ihr eigenes Zimmer geleitete, be⸗ gab ſich Frau Budenberg der erhaltenen Weiſung gemiſ in die links an den Saal ſtoßende Bibliothek. Dem Fürſten gegenüber verlor Frau Budenberg wie⸗ derum ihre Faſſung; als dieſer ſie anredete:„Hanna, wo iſt Hildegard geblieben, warum hat man ſie vor mir ſo ſorgfältig verborgen, daß ich jahrelang trotz der eifrigſten e 1 und um ſeine Liebe bitten; da ſie dies nie that, ———; Nachforſchungen auch nicht die geringſte Spur von ihr fand, da ich kam, um ſie vor der Welt als meine Ge⸗ mahlin anzuerkennen?“ ſchlug ſie die Hände zuſammen und rief, während große Thränen über ihr Geſicht rannen: „Alſo haben mich meine alten Augen doch nicht getäuſcht und Ew. Durchlaucht ſind der Herr v. Rheinhauſen, den mein armes Fräulein ſo ſehr geliebt hat, bis ihr armes Herz gebrochen iſt. O Gott, ich danke dir, daß du mich das erleben ließeſt, nun kann ich ohne Sorge um mein Herzenskind, die Hedwig, meine Augen ſchließen, denn Sie werden Sie ſchützen.“ „Hedwig, was iſt mit ihr? Großer Gott, dürfte ich das wonnige Beben meines Herzens bei ihrem Anblick für ein Zeichen nehmen, daß ſie“— „O halten Sie ein, Durchlaucht, und machen Sie mich nicht ohne meine Schuld zur Meineidigen, denn ein Schwur bindet meine Zunge, ich darf nichts weiter ſagen, als daß mein armes Fräulein mit Ihrem Namen auf den Lippen entſchlafen iſt und mir ein heiliges Pfand hinter⸗ laſſen hat.— Aber ein Anderer darf ſprechen, der Jugend⸗ freund Hedwigs, der Baumeiſter Wendler, wird Ew. Durch⸗ laucht Aufklärung geben, wenn Sie ihn in meinem Namen auffordern, Alles zu erzählen, was er an dem erſten Abend, den Hedwig in dieſem Hauſe ſchlief, gehört hat. Bis er zurückkehrt, bewahren Sie das Kind wie Ihren Augapfel, ſie verdient es. Kein Fürſtenkind kann verſtändiger und beſſer ſein als ſie.“ „Sage mir eins, Hanna, ob ich meiner Ahnung glau⸗ ben darf, daß mir Hedwig ſo nahe ſteht, wie es mich mit höchſtem Glück erfüllen würde?“ „Ich kann und darf nicht, Durchlaucht, nur danken kann ich dem Allmächtigen, daß Er in Seiner Weisheit es ſo wunderbar gefügt und die Hinderniſſe überwunden hat, welche diejenigen trennten, welche zuſammengehören.— O, wenn Ew. Durchlaucht wüßten, was mein armes Fräulein gelitten hat, als Sie abgereist waren! Nachdem ſie dem Baron bekannt hatte, daß ſie mit Ihnen unauflöslich ver⸗ bunden ſei, wurde der Herr Baron ſo zornig, daß ich im anſtoßenden Zimmer zitterte vor Furcht, der Herr möchte ſich an ihr vergreifen. Sie blieb aber, ſo ſchüchtern ſie ſonſt war, feſt und ruhig; ſie ſetzte dem Vater mit völli⸗ ger Klarheit auseinander, daß ſie in ihrem Rechte ſei, da ſie dem Zuge ihres Herzens folgte. O, mir iſt, als hörte ich ihre volle ſanfte Stimme noch, als ſie ſprach: Jetzt bin ich das Weib deſſen, den ich über Alles liebe und der mich mit gleicher Liebe umfaßt; mich, die Ihnen doch ſo wenig gilt, daß ich mich nicht erinnern kann, einen liebe⸗ vollen Blick aus Ihren Augen erhalten zu haben, ſo ſehr mein Herz ſich auch darnach ſehnte; alſo iſt es wohl na⸗ türlich, daß ich mich dem zuneige, der mir armem Mädchen ſo lieb und herzig begegnete.— Bald wird er kommen, um mich als ſein rechtmäßig Weib von hier zu holen; hätten Sie einen andern Grund für Ihre Weigerung ge⸗ habt, als daß er eine Stufe in der Rangordnung unter Ihnen zu ſtehen ſcheint, denn in Wirklichkeit gleicht ſein Werth dies zehnfach aus, und daß er, ſtatt ſein Leben im Müſſiggang zu verbringen, ſich der Kunſt gewidmet hat, dann würde ich einen Vorwurf empfinden, aber da ein hloßes Vorurtheil unſre Herzen trennen ſollte, bin ich der Aleberzeugung, recht gehandelt zu haben. Der Baron liebte verbarg er dies in ſeinem ſtarren, ſtolzen Herzen. Er hatte gehofft, Hildegard werde ſich ſelbſt an ſeine Bruſt weſin weil ſie Feierſtunden. 1865. ——-:ͤ—————————; ein Kind, wie ich erſt ſpäter bemerkte, leidenſchaftlich, nur⸗ 303 ————; durch ſeine Kälte und den Ernſt, welchen er ihr zeigte, verſchüchtert war, glaubte er, ſie liebe ihn nicht. Er gönnte aber, glaube ich, Ihnen das Herz des Fräuleins nicht, und meinte ſie glücklicher zu machen, wenn er ſie an den alten reichen Grafen verheirathete, deßhalb hielt er wohl eine ge⸗ waltſame Trennung für das beſte Mittel, und ganz unvor⸗ bereitet wurden wir in einer der nächſten Nächte geweckt, mußten uns ankleiden und fuhren im geſchloſſenen Wagen mehrere Tage lang, bis wir an einem romantiſch gelegenen Gebirgsdorfe Halt machten, deſſen Namen ich nie erfahren habe, da Fräulein Hildegard und ich von allem Verkehr abgeſchloſſen waren. Die Leute, welche unſre Haushaltungs⸗ bedürfniſſe brachten, und die Diener, welche der Baron an⸗ nahm, ſprachen eine uns fremde Sprache. Wenn ich den Heinrich mit meinem Fräulein manchmal italieniſch ſprechen hörte, kam es mir vor, als wären dies die Laute geweſen, welche ich dort vernahm.— Nach dreiviertel Jahren ſtarb mein gutes liebes Fräulein in meinen Armen, nachdem ſie mir auftrug, wenn ich ihren Alfred einſt wiederſähe, ihm eine der dunkeln Locken zu geben, welche er ſo geliebt, und ihm zu ſagen, daß er ſie trotz allen Leids, das ſie erduldet, doch ſo unſäglich glücklich durch ſeine Liebe machte. Mehr kann ich nicht mittheilen, ohne meinen Schwur zu ver⸗ letzen.“ Der Fürſt war bei Frau Budenbergs Worten, welche dieſe mit bebender Stimme geſprochen, auf einen Seſſel geſunken, bedeckte ſein Geſicht, welches auf die Lehne ge⸗ beugt war, mit beiden Händen und ſeine Bruſt arbeitete krampfhaft, um die tiefe Erſchütterung nicht zum Ausbruch kommen zu laſſen. Leiſe ſchlich ſich Frau Budenberg davon und holte die dunkle Locke, welche Hildegard ſelbſt abgeſchnitten und ein⸗ gewickelt hatte. Als ſie dieſe auf den Tiſch legte, neben dem der Fürſt ſaß, richtete er ſein Haupt empor, und ſie bemerkte, daß ſeine Augenlider geröthet waren. Er reichte der alten treuen Dienerin die Hand und ſagte weichen To⸗ nes:„Dank für alle Liebe, welche Sie meinem Weibe— denn das war ſie— erwieſen haben; wenn ich auch noch durch Ungewißheit gequält werde, wage ich dennoch bei Hed⸗ wigs Anblick ein hohes Glück zu hoffen. Ich kann Ihnen Ihre Liebe und Treue nicht vergelten, oder haben Sie ir⸗ gend einen Wunſch, deſſen Erfüllung in den Grenzen der Möglichkeit liegt, ſo ſprechen Sie ihn aus.“ „Mein einziger Wunſch iſt, mit meinem Fräulein gehen zu dürfen, wenn ſie, wie ich höre, dies Haus ver⸗ läßt, um an den Hof nach B. zu kommen. In allem Uebrigen hat der ſelige Herr Baron mehr als zu reichlich für mich geſorgt.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt, ich will nicht die treue Pflegerin von der Herrin trennen. Fürſt Alfred bleibt alſo Ihr Schuldner und bekennt dies im Gefühl ſeines Unvermögens trotz aller Reichthümer und Macht ſolche Treue aufwiegen zu können.— In wenigen Wochen ſehen wir uns wieder, und ich bin überzeugt, daß Sie klug und verſchwiegen genug ſind, um das Geheimniß unſrer Be⸗ kanntſchaft der theuren Todten wegen zu bewahren, ſo viel Sie auch von der müſſigen Neugier befragt werden ſollten.“ / Nach dieſen Worten entließ der Fürſt die hochbeglückte Frau gütig, und benützte die Viertelſtunde, welche ihm noch blieb, um ſeinen Erinnerungen zu leben. Hedwigs Bild drängte ſich immer wieder in ſeine Träume, und er be⸗ ſchloß, ſobald er in B. angelangt ſei, ſelbſt an Heinrich zu ſchreiben, um ſeine baldige Rückkehr oder wenigſtens eine ausführliche ſchriftliche Mittheilung deſſen, was er von 304 ———;— den Verhältniſſen wußte, zu veranlaſſen. Leiſe trat er in den Saal zurück, wo an einem der hohen Fenſter Hedwig in Gedanken vertieft ſaß. Auch ſie ſchien geweint zu haben, und ein offener Brief in ihrer Hand ließ ſich mit ihren Thränen in Verbindung bringen. In ihrer etwas nach vorn gebeugten Haltung glich ſie der Geliebten des Fürſten noch weit auffallender als vorher, wo ſie hochaufgerichtet ihm gegenüber getreten war. Sein Herz pochte heftig bei ihrem Anblick und flüſterte ihm ſchmeichelnd zu: Sie ge⸗ hört dir. Er näherte ſich ihr und frug:„Warum ſind Sie traurig, mein liebes Kind? Sie haben mir heute durch Ihre Anmuth und Freundlichkeit einige ſo ſchöne Stunden bereitet, daß es mir weh thut, Sie leiden zu ſehen.“ Hedwig ſtand auf, gab mit einem Vertrauen, das ſie ſich ſelbſt nicht erklären konnte, den Brief in die Hand des Fürſten und ſagte:„Eben erhielt ich dieſe Trauerbotſchaft.“ Der Fürſt las: „Meine gute Klara iſt geſtern in meinen Armen, auf immer von ihren körperlichen Leiden erlöst, ſanft entſchlafen. Mein Kind laſſe ich unter der Obhut ihrer zuverläſſigen Wärterin zurückkehren zu Ihnen und mei⸗ ner Mutter, ich ſelbſt werde den Wanderſtab weiter ſetzen. Wenn Sie dieſen Brief erhalten, bin ich ſchon auf dem majeſtätiſchen Meer, dem Einzigen, deſſen Idee wir Archi⸗ tekten nicht in Raum und Form feſtzuhalten vermögen. Wohin ich mich wende, weiß ich jetzt noch nicht. Wenn ich wiederkehre, hoffe ich mein Kind unter Ihrer Obhut wiederzufinden. Bewahren Sie mir Ihr Andenken.“ Heinrich.“ „Dies hebt,“ ſprach Hedwig,„mein Verſprechen, an den Hof Ew. Durchlaucht zu kommen, wieder auf, denn ich kann das Kind nicht verlaſſen, welches mein Jugend⸗ freund mir anvertraut, ſo mächtig mich auch mein Herz in den wenigen Stunden, ſeit Ew. Durchlaucht und der Prinz nebſt Gemahlin hier anlangten, zu Ihnen zieht.“ „Ei, das läßt ſich ja ganz gut vereinigen; Sie er⸗ warten die Wärterin mit Ihrem Schützling, Beide, ſowie die Mutter Ihres Freundes, ziehen nach B., wo ich ihnen ein freundliches Gartenhaus in der Nähe des Schloſſes ein⸗ räume, und Sie können dann Ihre Pflegetochter täglich ſehen,“ ſagte der Fürſt, während ſeine Augen mit antheil⸗ vollem Blick auf Hedwig ruhten, die ſo offen und zutrau⸗ lich mit ihm ſprach. Ein frohes Lächeln glitt nach ſeinen Worten über ihre Züge, und die Hände zuſammenſchlagend rief ſie:„Ja, da haben Durchlaucht recht, das geht, und vereint alle meine Wünſche! Heinrichs Mutter kömmt wohl gern mit, ſo ſchwer ihr auch die Trennung vom„Kapitel“ wird, ich glaube, die von mir würde ihr auch nicht leicht, und wenn Durchlaucht ihr ſelbſt den Vorſchlag machen, willigt ſie ſicher ein. Aber,“ fuhr ſie mit merklichem Ton⸗ fall nach kurzem Beſinnen fort,„aber es geht doch nicht, denn wir wiſſen ja nicht, wo ſich Heinrich aufhält, daß wir ihm mittheilen könnten, was wir vorhaben, und dann erhalten wir auch wohl ſeine Briefe nicht.“ „Das Letztere würde ſich durch die Weiſung, welche ich gern ſelbſt den Poſtbeamten geben würde, Ihnen ſchleu⸗ nig alle für Sie oder Ihre Umgebung ankommenden Poſt⸗ ſachen nachzuſenden, als eine unbegründete Befürchtung er⸗ weiſen, aber daß Sie nicht wiſſen, wohin ſich Ihr Freund wendete, iſt auch mir ſtörender, als Sie ahnen, da ich ſelbſt einige Fragen von Wichtigkeit an ihn zu ſtellen habe. Doch hoffe ich, daß ſpätere Nachrichten uns darüber auf⸗ Feierſtunden. 1865. —--—-—— ——;——:::«————————— geringeres Intereſſe daran, dies zu wiſſen, als irgend Je⸗ mand, deßhalb bitte ich Sie auch, mein theures Kind, die Mutter Ihres Freundes zu mir zu ſenden, damit ich mein Fürwort einlege, da es mir ſelbſt daran liegt, den Flücht⸗ ling dadurch wieder an mich zu ziehen, daß ich ſeine näch⸗ ſten Angehörigen als Unterpfand behalte.“ Als die hohen Gäſte aufbrachen, war Alles zur Zu⸗ friedenheit der Betheiligten geordnet. Frau Wendler miſchte unter die Thränen, welche ſie dem Andenken der ſanften Klara widmete, oft die Ausrufe:„Wer hätte das gedacht, aus der freiherrlichen Wohnung in eine fürſtliche; mein Himmel, wenn das Ehrenfried erleht hätte!“ Dann unter⸗ brach ſie ſich wieder und ſagte:„Der arme Heinrich, muß er das gute Weib verlieren; wenn ſie auch immer krank war, iſt ſie ihm doch lieb und werth geweſen; Gott ſegne ihn, daß er uns das Kind ſchickt.“ Dieſe Ausſicht ſchien beſonders ihrem Schmerz die Waage zu halten, denn ſie war keine Ausnahme unter den Großmüttern. Klara's Scheiden rief im Ganzen bei den Bewohnern des„Kapitels“ jenes ſtille, wehmüthige Gefühl hervor, was man beim Scheiden eines friedvollen, klaren und ruhi⸗ gen Herbſttages empfindet. Die Trauer um ſie war ihres ſanften, liebevollen und anſpruchsloſen Lebens würdig.— Frau Budenberg erhob in der Nacht nach dieſem ereigniß⸗ vollen Tage ihre Hände zum Sternenhimmel und flüſterte: „Mein Gott, du ſandteſt meinem Herzenskind heute eine doppelte Morgenröthe; gib, daß ſie ihr nicht wieder durch Wolken verhüllt werde, ſondern einem heiteren glücklichen Tage vorangehe!“ Hechstes Knpitel. Waren die guten Bewohner von X. ſchon aufgeregt bei der Ankunft der fürſtlichen Gäſte nebſt Gefolge, ſo erreichte ihr Erſtaunen den Gipfelpunkt, als ſich nach deren Abreiſe das Gerücht verbreitete:„Hedwig v. Stötterfeld iſt an den Hof zu B., in die unmittelbare Nähe der Erbprin⸗ zeſſin berufen worden.“ Das war dem Städtchen ſeit Menſchengedenken nicht begegnet, daß es eine veritable, wirkliche lebendige Hofdame zu ſeinen Bewohnerinnen zählte. Hedwig wurde dadurch zu einer gar merkwürdigen Perſon, und Leute, welche ſie bereits hundertmal geſehen, eilten an die Fenſter, wenn ſie den alten Muskulus oder die drei bis vier Familien beſuchte, mit welchen ſie Umgang pflog; es lag doch eine Befriedigung darin, ſie noch einmal ge⸗ ſehen zu haben, damit man ſpäter ſagen könne:„Die Be⸗ ſitzerin des ‚Kapitels“, Fräulein v. St., jetzt Hofdame in B., habe ich gar ſehr gut gekannt, ſie iſt manch' liebes Mal unter meinen Fenſtern vorbeigegangen, und wir haben uns zugenickt.“ Wie jedes derartige Stadtgeſpräch ſich im Sande verläuft, beruhigten ſich die X— er auch mit dem fait accompli, der Abreiſe Hedwigs und ihrer Begleite⸗ rinnen, welche wenige Tage nach dem Eintreffen des klei⸗ nen Schützlings mit ſeiner Wärterin erfolgte. Mit wel⸗ cher Innigkeit die kleine blonde Hedwig, welche die große dunkellockige mit Heinrichs klaren Augen anſah, allſeitig empfangen ward, läßt ſich leichter errathen, als beſchreiben. Das Kind, welches wegen der Kränklichkeit ſeiner Mutte r größtentheils auf die Wärterin angewieſen war, hatte ⸗ „Reiſeeindrücke hatten überdies die Erinnerung ziemlich ver drängt, und da es vom Vater getrennt war, glaubte es, das klären, ſo lange muß ich mich gedulden, und ich habe kein (Scheiden der Mutter ſei auch nur ein zeitweiſes; unbefangen nen Begriff von dem Verluſt, welcher es betroffen. Die d ⸗ d, die mein lücht⸗ näch⸗ it Zu⸗ niſchte anften dacht, mein unter⸗ „muß krank ſegne ſchien nn ſie ohnern hervor, ruhi⸗ rihres ig.— eigniß⸗ üſterte: te eine durch Klichen feld iſt rbprin⸗ en ſeit ritable, zählte. Perſon, lten an je drei —:—;—:ᷣ——’ plauderte es und blühte in dem Meer von Liebe, welches ſeine kleine Perſon umgab, wie eine leicht ſchaukelnde Waſ⸗ ſerblume fröhlich und harmlos auf. Von Tante Hedwig war die Kleine nach kurzer Zeit unzertrennlich, denn dieſe bot bei all' ihrer ungewöhnlichen geiſtigen Bildung, dem eigenthümlichen Gemiſch von weiblicher Anmuth und tiefem Ernſt wie klaſſiſcher Ruhe, welches ſich durch die Gewohn⸗ heit, ohne Altersgenoſſinnen zu leben, jeden äußeren Ein⸗ druck in ſich zu vertiefen, und nach dem gediegenen Vor⸗ bilde der ernſten Männer, mit denen ſie verkehrte, erſt ein klares Bild des Gedankens zu haben, ehe ſie ihn in der lebendigen Form des Wortes wiedergab, gebildet hatte,— bei alledem alſo bot Hedwig die meiſten Anknüpfungspunkte für das Kind, weil ihr Sinn empfänglich und voll Ver⸗ ſtändniß für die Kinderſeele war, mit welcher ihre eigene Reinheit und Harmloſigkeit harmonirte. Hedwigs Auftreten bei Hofe glich einem Triumphzug. Die Kavaliere waren entzückt, endlich einmal eine ſo friſche, herrliche Erſcheinung den antiken Titularſchönheiten des glat⸗ ten Parkets beigeordnet zu ſehen. Sie ſelbſt war glücklich, von allen Seiten ſo vieler Liebe zu begegnen, hätte ſie je⸗ doch mitunter hinter die Couliſſen ſchauen können, ihr harm⸗ loſes Gemüth würde erſtarrt ſein über die Bosheit, von welcher die Lippen derer überfloſſen, welche ihr kurz zuvor die ſüßeſten Worte ſagten. Nicht genug, daß ſie ſo ſchön und lieblich war, es konnte ſich auch Niemand darüber täu⸗ ſchen, wie viel ſie der Erbprinzeſſin, dem Prinzen und be⸗ ſonders dem Fürſten galt. Die Oberhofmeiſterin, Gräfin Steckwitz, eine Couſine des Grafen Steckwitz, welchem einſt die ſchöne Hildegard Geiersberg ihre Hand reichen ſollte, war beſonders entrüſtet, mit welcher ignorance ſich dieſe Baroneß über die indispenſable Formen der Etikette hin⸗ wegſetzte, welche in entſprechender Grandezza aufrecht zu erhalten ihr bei dem einfachen Sinn des Fürſten ohnedies ſe vies Mühe machte. Es war am Nachmittage eines freundlichen Septem⸗ bertages; der Hof weilte in Alfredsburg noch bei B. und war in den reizenden Garten befohlen worden, wo fremde Künſtler im Verein mit der fürſtlichen Kapelle konzertiren ſollten.— Die Oberhofmeiſterin geleitete eben die Baro⸗ nin v. Str., welche ihrer Verwandtſchaft mit der Gräfin die Einladung zum Hofkonzert verdankte, bis an die Thür des Salons; ihre gelben, eingetrockneten Wangen würden ſich ſicher mit einem ſchwachen Roth der Freude überzogen haben, wenn das aufgelegte Rouge nicht beſcheiden jeden derartigen Zeugen einer menſchlichen Empfindung verhüllte; die grüngrauen Augen leuchteten jedoch vor Befriedigung, als ſie zu ihrem Beſuch ſprach:„Sie wiſſen alſo genau, chere cousine, daß die alte Frau, welcher Durchlaucht in ſeiner nubegreiflichen Güte den fürſtlichen Pavillon einge⸗ räumt habe, und bei welcher die Stötterfeld jede Stunde zubringt, in der ſie nicht an den Dienſt bei Ihrer Hoheit gefeſſelt wird, die Wittwe eines ‚Beſenbinders“, ſowie die Stötterfeld die Nichte deſſelben Geiersberg iſt, welcher einſt ſo ſpurlos mit ſeiner Tochter verſchwand, nachdem er dank⸗ bar die Ehre einer Familienverbindung mit meinem erlauch⸗ ten verſtorbenen Conſin angenommen?“ „ Ich habe dieſe Nachrichten aus ſicherer Quelle! Mein Güteradminiſtrator, ein junger Mann von den an⸗ geſehmſten Air's, kennt die Verhältniſſe der Stötterfeld gegau, weil er mit ihr aufgewachſen, und für ſeinen Vater dſ vormundſchaftlichen Befugyiſe über ſie ausübte, dem⸗ ſſich auch Einſicht in die Paach beemhielt. Er deutete mir ſprner an, die junge Dame und Ler Baumeiſter Wendler, Feierſtunden. 1865. Feierſtunden. 1865. 305 welchen Seine Durchlaucht beſonders protegirten, hegten eine tiefe Inclination für einander, welche in einem leb⸗ haften Briefwechſel auch während des Baumeiſters Verhei⸗ rathung Nahrung und Ausdruck erhielt. Wir ſelbſt ſind eigentlich etwas verwandt mit der Stötterfeld, ich habe je⸗ doch nie in Verbindung mit ihr geſtanden,“ ſagte die Ba⸗ ronin, und empfahl ſich darauf nochmals der ſie mit be⸗ ſonderer Freundlichkeit entlaſſenden Oberhofmeiſterin, welche ihrerſeits kombinirte, auf welche Weiſe ſie der gehaßten jungen Hofdame einen recht empfindlichen Schlag beibrin⸗ gen, und ſie erfolgreich in den Augen der höchſten Herr⸗ ſchaften herabſetzen könne. Der Gegenſtand dieſer Selbſtberathungen ſaß, nichts ahnend von Allem, was um ſie her vorging, im Garten vor der Wohnung, welche ſie auf ihren Wunſch mit Frau Wendler, Budenberg und der kleinen Hedwig nebſt Wärte⸗ rin theilte. Die Kleine flatterte wie eine Libelle um ſie her und brachte Blumen, welche Tante Hedwig zu einem Kranz vereinigen ſollte, wenn ſie Papa's Brief, auf den ihre Augen jetzt ſo geſpannt gerichtet waren, durchgeleſen. Ein liebevoller Blick, eine Zärtlichkeit und einige Worte, welche ihr die Theilnahme Hedwigs an ihren Spielen bewieſen, ward dem blondlockigen Mädchen jedes Mal, wenn ſie beim Herbeibringen eines friſchen Büſchels Blumen ihr Köpf⸗ chen an ſie lehnte, und die blauen Augen auf die„liebe gute Tante“ richtete. „Jetzt ſind's genug Blumen, mein Herzkind,“ ſagte Hedwig,„man muß die Blüthen nicht unnütz abpflücken, denn ſie weinen, wenn ſie, ohne Jemand Freude zu machen, verwelken müſſen, und der Erde, welche ſie mit Luſt her⸗ vorbringt, ſowie dem Stock, der ſie trägt, thut es auch wehe, wenn ſie ihnen entriſſen werden; mein Hedchen iſt aber ein ſo liebes gutes Kind, daß es Niemand, auch den Blumen nicht, Schmerz verurſacht.“ „Ich will ſie alle wieder hintragen, damit ſie nicht betrübt ſind wie ich, wenn Tante Hedwig fortgeht,“ rief die Kleine, und raffte die Blumen zuſammen, um ſie fort⸗ zuſchaffrer.. „Nein, das wäre unnütz, du haſt ſie gepflückt, um einen Kranz zu haben, der dir Freude macht, und Allen, die ihn ſehen, gut gefällt; der liebe Gott hat die Blumen dazu geſchaffen, daß ſie uns ein Schmuck und eine rechte Freude ſind; aber jetzt ſind genug hier zu dieſem Zweck, und wenn du das Kränzchen wirſt ſo lange getragen haben, bis es welkt, ſo iſt das ein Zeichen, daß die Blumen trau⸗ rig werden. Wir tragen ſie dann wieder dahin, wo ſie gepflückt wurden, legen ſie in die liebe gute Erde, welche ſie im nächſten Jahre noch ſchöner wiederbringt.“ „Ja, wie die kranke Mama, die ſie auch in die Erde getragen haben, wird die auch wieder aufblühn?“ „Wohl, mein Herz, wir Menſchen ſind die Blumen des lieben Gottes, welche oben in ſeinem lichten ſchönen Garten wieder erblühn, wenn wir hier Freude unter den Andern auszuſtreuen ſuchen, ſo wie dieſe Blumen uns durch ihren Duft ergötzen.“ So verkehrte Hedwig mit dem Kinde, welchem ſie mit der eigenen Sinnigkeit eine glänzende blüthenreiche Brücke über jeden dunklen Grund wob. Mitunter ſprang ſie auch mit ihr umher, ſelbſt ein Kind, ohne daß irgend etwas ihren Bewegungen die klaſſiſche Harmonie nehmen konnte. Heute war dieſe Scene nicht unbeachtet geblieben; eine Nichte der Oberhofmeiſterin, welche ſich auffallend zu Hedwig drängte, befand ſich hinter der verbergenden Fliederhecke, und hörte, wie Hedwig jetzt noch zu der Kleinen ſagte: 3 39 306 ———O;; „Papa läßt ſein artiges Kind recht ſchön grüßen, und wird ſich ſo recht herzinnig freuen, wenn Hedwig immer ein gutes folgſames Mädchen bleibt, das hat er mir hier ge⸗ ſchrieben.“ „O ſo ſchreib ihm doch auch, daß ich ihn ſo lieb habe, und daß er ſich über Hedwig gewiß freuen ſoll, wenn er wiederkommt.“ Jetzt trat die Lauſcherin unbefangen, als käme ſie geraden Weges daher, näher, und begrüßte Hedwig mit ganz beſonderer Zärtlichkeit, die dieſe förmlich drückte, weil fie das Gemachte dabei empfand. Raſch verbarg ſie den Brief Heinrichs, weil es ihr Gefühl verletzte, dieſe ſo lang und heiß erſehnte erſte Nachricht ſeit Antritt ſeiner unbeſtimmten Wanderung den Augen der Andern preisgege⸗ Hoheit, ſich nach einer Stunde in den Gemächern einzu⸗ finden, abgenommen, weil ich mir die Freude verſchaffen wollte, in Ihr Heiligthum hier einzudringen, was ich nur als Trägerin eines Befehls Ihrer Hoheit wagte, da unſere ſüße Stötterfeld ſonſt ſo hermetiſch die Pforten deſſelben vor uns Allen ſchließt. Sie erlauben mir wohl, daß ich Ihnen in Ihre Zimmer folge, um zu raſcherer Beendi⸗ gung der Toilette beitragen, und zugleich einen Blick in die Räume thun zu können, welche Sie, dem gewöhnlichen Brauch ganz entgegen, ſtatt Ihrer Wohnung in der Nähe der Zimmer Ihrer Hoheit zu Ihrem Aufenthalt wählten.“ Hedwig ließ die letzte Bemerkung unbeachtet, und er⸗ wiederte mit Nachdruck, aber in völliger Ruhe:„Es iſt wahr, ich lebe hier die Stunden, in welchen ich von mei⸗ ner fürſtlichen Freundin beurlaubt bin, in ſelbſtgewählter Entfernung von dem Treiben des Hofes.— Der Fürſt und die Prinzeſſin haben in ihrer herzlichen Fürſorge für mein Wohlbefinden gern dies Verlangen nach einem ſtillen Plätzchen, wo ich meinen alten treuen Freunden angehöre, und meinen Neigungen wie Studien leben kann, gewährt. Sie würden bei mir nichts Beſonderes finden; Muſikalien, Bücher, Zeichnungen, Handarbeiten u. dergl. iſt das Ein⸗ zige, welches der vorhandenen Einrichtung beigefügt ward; überdies iſt meine Toilette beendet, und ich ſehe meine gute Budenberg ſchon kommen, welche mein geliebtes Pflegetöch⸗ terchen holt und mir Enveloppe, Hut, Sonnenſchirm und Handſchuhe bringt.“ „Wie? Sie wollen in dieſem einfachen weißen Kleide dem Konzert beiwohnen? Davon rathe ich Ihnen aus Freundſchaft ab, denn es verſtößt gegen die Etikette, und dürfte von den höchſten Herrſchaften als Mangel an Ach⸗ tung ausgelegt werden,“ erwiederte das Fräulein, welche ſelbſt im ſchwarzſeidenen Kleide mit reichen Garnirungen prangte.. „Beruhigen Sie ſich darüber, mein Fräulein,“ gab Hedwig lächelnd zurück,„die Herrſchaften wiſſen, wie hoch ich ſie verehre, und ſind ſelbſt zu erhabenen Sinns, um den Grad der Achtung am Stoff des Gewandes abzumeſ⸗ ſen. Ich halte dies weiße Kleid für feſtlichen Schmuck, und würde, wenn ich auch reich genug wäre, in Kleider⸗ pracht mit den Hoffräulein rivalifiren zu können, dies den⸗ noch nicht thun, weil mir iſt, als müſſe mich ein ſo ſchwe⸗ res rauſchendes Kleid mit den vielen Schleifen, Borten, Gold⸗ und Edelſteinagraffen erdrücken. Uebrigens habe ich in dieſem Punkt eben ſolche Freiheit zu handeln, wie in der Wahl meiner Beſchäftigungen während der Zeit, wo die Prinzeſſin meiner Geſellſchaft nicht bedarf.“ Feierſtunden. 1865. ——õ⏑—————y;; Fräulein v. Wildegg biß ſich bei dieſer in freundlich⸗ ſtem Tone ertheilten Zurechtweiſung ſo heftig auf die Lip⸗ pen, daß dieſe einen Augenblick in der längſt entſchwunde⸗ nen friſchen Röthe der Jugend prangten. Sie ließ jedoch den Eindruck nicht merken, da ſie von der Tante Oberhof⸗ meiſterin beauftragt war, à tout prix das Vertrauen Hedwigs zu erwerben. Da ihr Verſuch, in Hedwigs Woh⸗ nung zu dringen, nicht nur heut, ſondern durch ihre Ab⸗ weiſung für längere Zeit geſcheitert war, ſo mußten andere Verſuche gemacht werden, ihr nahe zu treten, um die Achillesferſe dieſes gehaßten enfante cherie der fürſtlichen Familie zu entdecken.— Nach herzlichem Lebewohl von dem Kinde und der alten Freundin verließ Hedwig an der Seite des ſteifen Fräuleins den Garten, um ſich in die Gemächer der Prinzeſſin zu begeben. Mit einem Kuß auf die Stirn ward ſie von dieſer empfangen und begleitete ſie auf den Balkon, wo die Prinzeſſin ſprach:„So, mein friſches Alpenröschen, hier athmen Sie doch lieber, wie da innen, und fühlen den Unterſchied nicht allzu ſehr zwiſchen Ihrem Tuskulum und dem mitunter langweiligen Hofleben.“ „Sprechen Sie nicht ſo, Hoheit! Ihre wie Ihres Ge⸗ mahls und des Fürſten Güte macht mir den Aufenthalt hier zu einem Glück, das nur erweitert wird durch die Um⸗ gebung, welche mich in meiner ſchönen ſtillen Wohnung wieder empfängt, wo ich mich bereits ſo eingelebt habe, daß mir die großen Säle im„Kapitel“ im Vergleich zu den gefälligen Formen des Gartenhauſes, deſſen ſchlanke Säulen wie grüne Bäume das leichte und doch ſchützende Dach tragen, recht ernſt und düſter erſcheinen, wenn ich denke, meine beiden runden Zimmer mit ihnen vertauſchen zu müſſen,“ entgegnete Hedwig, und küßte die Hand der Prinzeſſin.. „Das ſollen Sie auch nicht, wir laſſen Sie ſo bald nicht entſchlüpfen. Mir ſind Sie wie eine prächtige natür⸗ liche Roſe, die die künſtliche und narkotiſch gewürzte, Luft, in der wir Fürſtenkinder athmen müſſen, erfriſcht. Ich drücke meine Augen in den Kelch der Roſe, und die Dor⸗ nen, welche nach der Meinung Anderer Ihre Herzensein⸗ fachheit und Natürlichkeit ſind, wende ich an, um mich vor denen zu ſchützen, die ſich daran verletzen. Ich freue mich ſchon darauf, was die Gräfin Steckwitz für ein Geſicht machen wird, wenn Sie nicht der von ihr ertheilten Wei⸗ ſung zu Folge»en grande parure« erſcheinen.“ Die Prinzeſſin ließ bei dieſen Worten ihr ſilberhelles Lachen er⸗ tönen, und Hedwig erwiederte gleichfalls lächelnd:„Fräu⸗ lein ve Wildegg hat mir ſchon ihr Erſtaunen über meine beſcheidene Toilette ausgeſprochen, ja ſogar gemeint, Ew. Hoheit würden ſie für Mangel an Reſpekt halten; aber nicht wahr, Hoheit! Sie wiſſen, wie hoch ich Sie verehre, und fühlen heraus, daß ich Ihnen nicht gefolgt wäre, wenn mich nicht bei dem erſten Begegnen mit Ihnen und Ihren erlauchten Verwandten, ein mir ſelbſt unerklärlicher Her⸗ zenszug, die plötzlich erwachte innigſte Zuneigung an Sie und den Fürſten gefeſſelt?“ „Ja, meine ſüße Freundin, daß weiß ich, Sie ſind ein ſo wahrhaft Gemüth, daß nicht nur jedes Wort, auch jeder Blick aus der Tiefe Ihres Herzens kommt, deßhalb iſt Ihre Liebe ein Kleinod für mich, und ich möchte ſie nicht miſſen. Sie haben ja uns Allen, zumeiſt meinenn theuren Oheim, das Herz geſtohlen, deßhalb müſſen wir Sie mit dem fremden Eigenthum hier feſthalten. Aber dt: Steckwitz werde ich ze dienwas auch ich unter feſtliche: Toilette verſtehe. Bi. z Vater c Sis meiner Kammerfrau. Als dieſe erſchien, ſeherie Prinzeſſin, ein einfaches N 1 undlich⸗ ie Lip⸗ wunde⸗ jedoch berhof⸗ ttrauen Woh⸗ re Ab⸗ andere m die tlichen on dem r Süte mächer Stirn uf den riche innen, Ihrem es Ge⸗ enthalt ie Um⸗ ohnung habe, eich zu ſchlanke ützende un ich auſchen nnd der ſo bald natür⸗ » Luft, . Jch Dor⸗ ensein⸗ ich vor ae wich Geſicht 1 Wei⸗ „Die hen er⸗ „Fräl⸗ meine , Ew. . aber verehre, wenn Ihren Her⸗ —— weißes Kleid für ſie zurechtzulegen, da ſie ſich nochmals um⸗ kleiden wolle. Auf die leiſe Einwendung der Kammerfrau: „Hoheit, in einer halben Stunde haben Seine Durchlaucht das Konzert befohlen, und die Zeit zu doppeltem Umkleiden wird bis dahin wohl ſehr kurz ſein,“ erwiederte die Prin⸗ zeſſin: „Ich will mich auch nicht zweimal ankleiden, thun Sie, was ich ſagte, und das Uebrige iſt meine Sache.“ Kopfſchüttelnd verließ die Kammerfrau das Balkon⸗ zimmer; draußen murmelte ſie:„Gewiß iſt dieſe Caprice wieder eine Eingebung des Bettelfräuleins, die ſich ſo ſchlau in das Vertrauen der fürſtlichen Familie gedrängt hat, daß ſie ungeſtraft gegen alles Herkommen verſtößt.“ Die Gräfin Steckwitz führte die Baronin v. Str., welche mit der Trauerkleidung, die ſie um ihren bereits ſeit drei Monaten verſtorbenen Gemahl trug, die größte Eleganz in den Stoffen vereinbart hatte, dem Hofkreiſe zu, welcher ſich um die fürſtliche Familie gebildet hatte. Fürſt Alfred ſaß zwiſchen der Prinzeſſin und Hedwig, an Seite der Erſteren ſaß der Erbprinz, der glücklich war, bei dem Landaufenthalt die ſtrenge Etikette verbannt zu wiſſen, um ohne Störung mit ſeiner aus Neigung gehei⸗ ratheten ſchönen und geiſtvollen Gemahlin plaudern und ſcherzen zu können. Der Fürſt empfing die Baronin mit der ihm eigenen herzgewinnenden Freundlichkeit, und ſagte, auf ſeine Nachbarin deutend:„Sie finden mich hier un⸗ gleich glücklicher ſituirt als in Karlsbad, wo ich mich nur mit der Najade der Quelle befreunden konnte, wogegen ich jetzt die Jugend und Anmuth in Perſon an meine Seite gefeſſelt habe.“ „Ich bin in der That hoch beglückt, unſere erhabene Prinzeſſin(denn ich zähle mich zu Ew. Durchlaucht Unter⸗ thanen) an der Seite meines Fürſten zu ſehen, und in der kleinen Stötterfeld glaube ich eine Verwandte begrüßen zu dürfen, da die Stötterfeld ein Seitenzweig der Str. ſind. Ich hoffe, meine kleine Couſine wird mich ein wenig lieb haben.“ Bei dieſen Worten reichte die Baronin Hedwig ihre Hand mit ſüßſaurem Lächeln, und einer Bewegung, als erwarte ſie von ihr einen Handkuß. In ihrem Innern war ſie empört, daß der Fürſt, zu welchem ſie in der That keine geringe Faible hegte, nicht ihr, ſondern der einfach gekleideten, an Fülle und Rundung ihr bei Weitem nicht gleichenden jungen Perſon, eine Artigkeit ſagte, die dieſe ſogar der Prinzeſſin gleich ſtellte. Hedwig nahm die dargereichte Hand, ohne ſie zu küſſen, und ſprach:„Ich werde mich freuen, wenn ich bei näherer Bekanntſchaft der Frau Baronin verwandtſchaftliche Zuneigung hege, jetzt, wo ich Sie zum erſten Male ſehe, und von unſern Familienbeziehungen nie etwas gehört habe, wäre es unwahr, wenn ich von dem Vorhandenſein eines ſolchen Gefühls reden wollte.“ „Bravo,“ dachte der Fürſt, nachdem Hedwig die ſüf⸗ fiſante Art der Baronin, ſich ihrer Verwandtſchaft zu er⸗ innern, mit der einfachen Wahrhaftigkeit ihres Weſens ſo völlig entwaffnet hatte. Die im Ganzen gutmüthige Frau, ſo lange ſie als die Erſte ihres Kreiſes gelten konnte, war jetzt, wo ſie von einer ſo unbedeutenden Perſon, der ſie durch ihr Benehmen eben in angemeſſener Weiſe ihre Stellung zeigen wollte, geſchlagen ſchien, vom lebhafteſten Unwillen gegen Hedwig erfüllt, die keine Ahnung davon hatte, wie ſich ihre Feinde mehrten, und bald bei den herr⸗ lichen Melodien, die ihre Seele gefangen nahmen, alles Porhergegangene vergaß. Nach beenzetem erſtem Theil des onzerts unterhielt ſich der Fürſt Und der ſehr muſikver⸗ * 4 1 Feierſtunden. 1865. 307 ſtändige Erbprinz mit den fremden Künſtlern wie den her⸗ vorragenden Mitgliedern der Hofkapelle; denn ſo ſehr der Fürſt auch jedes fremde Talent anerkannte, unterſchätzte er dennoch nie die einheimiſchen Künſtler, und erwies ihnen jederzeit die gebührende Würdigung. Als er ſich wieder dem größeren Theile der Geſellſchaft zuwandte, hörte er, wie die Oberhofmeiſterin zu Hedwig gewandt ſagte:„Den⸗ ken Sie, liebe Stötterfeld, heute wurde mir das unglaub⸗ liche Gerücht mitgetheilt, die Frau, welcher durch Ihre Fürbitte Wohnung im fürſtlichen Pavillon eingeräumt wurde, ſei die Wittwe eines ‚Bürſtenbinders“. Ich habe dieſe Nach⸗ richt jedoch mit Indignation zurückgewieſen, weil ich über⸗ zeugt bin, daß Sie weder Ihre Freundſchaft in ſo niede⸗ ren Kreiſen ſuchen werden, da Sie der beſonderen Affektion unſerer durchlauchtigſten Frau Erbprinzeſſin genießen, und es gegen die erhabene Fürſtin eine Bétiſe ſein würde, wenn Sie Ihr Herz zwiſchen der Frau Prinzeſſin und jener Andern theilten, noch daß Sie in dieſer Weiſe die Gnade unſeres allergnädigſten Fürſten mißbrauchen würden.“ Der Fürſt hielt ſeine Schritte an, um den Verlauf des Geſprächs zu hören. Bei Erwähnung des„Bürſtenbinders“ ließ ſich ein leiſes Kichern unter den Damen vernehmen; alle Blicke flogen zu Hedwig, auf deren Wangen eine plötzliche Röthe aufflammte, welche die Meiſten für ein Zeichen der Ver⸗ legenheit hielten. Die Erbprinzeſſin wollte die Oberhof⸗ meiſterin durch ein paar ſcherzhafte Worte abweiſen, Hed⸗ wig aber bat ihre fürſtliche Freundin, nachdem dieſe geſpro⸗ chen, der Frau Gräfin ſelbſt Aufklärung über den Sach⸗ verhalt zu geben. Triumphirend erwartete dieſe Hedwigs Antwort, die, wenn ſie zuſtimmend war, ſie nach der Ober⸗ hofmeiſterin Anſicht bei Hofe unmöglich machen, beſtritt ſie den Thatbeſtand, ſie in Kurzem als Lügnerin entlarven mußte. Hedwig ſprach zur Prinzeſſin gewandt:„Die Frau Gräfin Steckwitz iſt in der That recht berichtet; meine gute alte Wendler, welche gleich meiner treuen Budenberg als mütterlich ſorgende Freundin und Pflegerin mein Leben von den erſten Jahren bis jetzt behütete, iſt die Wittwe des redlichen Bürſtenmachers Ehrenfried Wendler, deſſen Her⸗ zensgüte und ſtill freundliches Walten im Hauſe meines Großonkels uns Allen, die ihn kannten, ſeinen Tod zu einem ſehr ſchmerzlichen Ereigniß machten.“ „Sie iſt auch die Mutter des von Sr. Durchlaucht, unſerem erhabenen Fürſten mit Recht hochgeſchätzten Bau⸗ meiſters Wendler, und die Frau Gräfin mögen aus dieſem Umſtande erſehen, daß der alte Ehrenfried Wendler und ſeine Wittwe wackere Menſchen ſind, denn der geniale und von allen Guten werthgehaltene Sohn trägt Liebe und kind⸗ lichſte Verehrung für ſeinen entſchlafenen Vater wie für die brave Mutter feſt in ſeinem Herzen!“ Alle waren bei dieſen mit feſter klangvoller Stimme geſprochenen Worten verſtummt, nur die Oberhofmeiſterin hatte ihre Pfeile noch nicht verſchoſſen. Sie entgegnete, an Hedwigs letzte Worte anknüpfend:„Er hegt wohl auch zu andern Perſonen noch ſehr innige Gefühle in ſeinem Her⸗ zen, denn ich wette, daß Fräulein v. Stötterfeld die ſchrift⸗ lichen Beweiſe davon bei ſich trägt. Uebrigens darf Sie meine Theilnahme an Ihnen nicht Wunder nehmen, denn Ihr Großonkel nahm einſt die Bewerbung meines Couſins, des verſtorbenen Grafen v. Steckwitz, um die Hand ſeiner Tochter ſehr bereitwillig auf. Leider war er mit dem jun⸗ gen Fräulein kurze Zeit vor der feſtgeſetzten Vermählung ſpurlos verſch'wunden, ſonſt würde auch ich Sie zu meinen Verwandten zählen.“ 39* Feierſtun Hedwig war zum erſten Male in ihrem Leben ent⸗ rüſtet durch die unzweideutige Hinweiſung auf Heinrichs Brief, und das ihr unterbreitete Verhältniß zu ihm, was ſie jetzt, nachdem ſein zarter Sinn, beſonders nach dem Scheiden Klara's, jede Andeutung auf ein anderes als gei⸗ ſtiges Zuſammengehen vermied, in tiefſter Seele verletzte, weil ihre treugehegteſten Empfindungen dadurch profanirt wurden. Ihre Augen blitzten und die Stimme bebte, als ſie erwiederte:„Frau Gräfin, Sie ſcheinen in der That ein ungewöhnliches Intereſſe an mir zu nehmen, ſonſt wür⸗ den Sie nicht heraus ſpionirt haben, daß ich heute einen Brief meines Jugendfreundes erhielt, den ich in der That hingegen die Andeutung auf die plötzliche Abreiſe meines Onkels mit ſeiner jungen ſchönen Tochter betrifft, ſo weiß ich aus Erzählungen meiner treuen Budenberg, die meine Tante wie mich auferzogen, daß Tante Hildegard eine un⸗ überwindliche Abne: ug gegen den dreimal ſo alten Freier hegte. Wahrſcheinn. at dies meinen Oheim veranlaßt, ſeinen Aufenthalt zu. In, um unangenehme Beziehun⸗ gen mit der Familie So zu vermeiden.“ „Was iſt Ihnen, u theures Kind?“ frug der Fürſt, und ſtrich liebkoſend Hedwigs Scheitel; die Andeutung der Gräfin auf die zung ihrer Verwand⸗ ten um die ſchöne Hildegard, dere,*in Hedwig ver⸗ vollkommnet wieder auflebte, hatte ih a mächtiger als je zu dem reizenden Mädchen gezogen, de. Nähe ihn ſtets mit einem ſo füß geheimnißvollen Zauber u.. daß alle —-O———-————— den. 1865. —— noch bei mir trage, da mich die unerwartete Ankunft Ihrer Nichte, Fräulein v. Wildegg, veranlaßte, denſelben zu mir zu ſtecken, um nicht vor einer mir fremd ſtehenden Perſon ein Ereigniß zu beſprechen, was mich allein betrifft. Nur die Worte, welche ich zu meinem geliebten Pflegekind ſprach, und welche das Fräulein gehört haben muß, konn⸗ ten ihr andeuten, von wem der Brief war, den ich übri⸗ gens hiermit Ew. Durchlaucht übergebe, da für Sie daſ⸗ ſelbe Intereſſe wie für mich die künſtleriſchen Schilderun⸗ gen deſſelben haben.“ Bei dieſen Worten zog Hedwig den Brief aus dem Buſen, wohin ſie ihn geborgen, und reichte ihn dem inzwiſchen hinzugetretenen Fürſten.„Was M ſ U' f TT M aeereias ee gendglücks wieder auflebten.„Sie ſcheinen ſchmerzlich be⸗ wegt zu ſein, und ich möchte doch, daß Sie, die uns wie ein heller Sonnenſtrahl umgibt, von Niemand betrübt werden.“ „Unſere geſtrenge Oberhofmeiſterin hat ein wenig Großinquiſitor geſpielt, und meine geliebte Hedwig durch Erwähnung von Todten, welche ihr lieb ſind, betrübt;“ nahm die Prinzeſſin ſtatt Hedwig das Wort. „Durchlaucht wollen nicht glauben, daß es im Ent⸗ fernteſten in meine arscicht lag, Fräulein v. Stötterfeld zu kränken, ich we.—e das Geſpräch dieſe Wendung nahm,“ ſprach die Ooc. meiſterin merklich ver⸗ legen, und machte eine tiefe Verb’ ung vor dem Fürſten bei dieſen Worten. „Ei, ei, liebe Steckitz, da lingt ziemlich proble⸗ lieblichen Bilder ſeines tiefbetrauerten entſchw nen Ju⸗ matiſch! Eine Dame, die wie 4 die Bedeutung eines WW be⸗ wie rübt enig urch bt;“ Ent⸗ rfed dieſe ver⸗ rſten 61 oble⸗ eines A 7„Ja Durchlaucht, von Herzen gern! jeden Wortes, ja jeder Geberde ſo genau abzuwägen weiß, ſollte unwiſſentlich das Geſpräch eine unpaſſende Wendung nehmen laſſen? Jedoch will ich, da wir Menſchen alleſammt unvollkommen ſind, dies auch einmal von Ihnen glauben, denn ich will nicht annehmen, daß es irgend Jemand ein⸗ fallen könnte, eine von mir wie von dem Prinzen nebſt Gemahlin mit Recht hochgeſchätzte Dame kränken zu wol⸗ len. Alſo, mein theures Kind, verzeihen auch Sie das Verſehen unſerer ſonſt ſo taktvollen Steckwitz;“ bei dieſen Worten reichte der Fürſt der Prinzeſſin den Arm, und bat den Prinzen, mit Hedwig zu folgen, da er wünſchte, einer der fremden Künſtler möge ſich mit Letzterer in einer vier⸗ händigen Sonate von Beethoven verſuchen, welche der Fürſt beſonders liebte. Hedwig ſpielte mit großer Fertigkeit und tiefem Gefühl; es war dem Fürſten und Prinzen jederzeit ein großer Genuß, ihr zuzuhören, und Erſterer ſprach ihr dieſen Wunſch jetzt beſonders noch um deßwillen aus, weil er bemerkt hatte, wie ſie jedesmal völlig in den klaſſiſchen Tondichtungen aufging; er wollte ihr aufgeregtes Gefühl durch die Macht der Töne wieder in die gewöhnte Harmonie verſetzen, welche faſt aus ihrem ganzen Weſen ſo lieblich rach. i e Alle waren mit gleicher Theilnahme von den vollen und reichen Tönen, welche unter Hedwigs und des fremden Virtuoſen Händen dem Klavier entſtrömten, ange⸗ zogen, ſo ſeelenvoll auch Beider Spiel erklang, da ſich Eines durch das tiefe Verſtändniß und die techniſche Fertig⸗ keit des Andern angeregt fühlte, und je länger, mit deſto erhöhter Luſt ſpielte, um einander würdig zu erſcheinen. Die alte Gräfin wollte berſten vor innerem Groll, ob⸗ wohl ſie ſich bei einiger Ueberlegung ſagen mußte, daß nur ſie ſelbſt die Urſache der Zurechtweiſung war, welche ſie vom Fürſten erhielt. Hedwig hatte dadurch, daß ſie ihrem hohen Freunde, zu welchem ſie ein ihr oft ſelbſt unerklär⸗ liches Vertrauen hegte, Heinrichs Brief übergab, all' ihren Pfeilen die Spitze abgebrochen. Nicht nur, daß darin der klarſte Beweis von der Reinheit ihres Verhältniſſes zu dem Jugendfreund lag; die Nebenabſicht, des Fürſten Eiferſucht zu erregen, deſſen Gefühlen für Hedwig ſie mit der Nied⸗ rigkeit gemeiner Seelen gleichfalls ſinnliches Wohlgefallen an der Schönheit des jungen Mädchens unterſchob, ſchien auch geſcheitert, wie der freundliche Blick bewies, mit wel⸗ chem der Fürſt Heinrichs Brief in Empfang genöommen hatte. Die Baronin Str. hingegen, Uche ſich bittere Vor⸗ würfe machte, das Vorrecht ihrer Verwandtſchaft nicht auf zartere Weiſe gegen das enfante cherie zur Geltung ge⸗ bracht, und dadurch ſich ſelbſt der fürſtlichen Familie mehr genähert zu haben, konnte auch nicht anders, als Hedwig grollen, da ſie zu ſehr daran gewühnt war, an ihre eigene Unfehlbarkeit zu glauben. So viel als möglich ſuchte ſie ihren Fehler wieder gut zu machen, ohne daß es ihr ge⸗ lang, durch ihre gefliſſentlich gezeigte Zärtlichkeit etwas anderes, als die ruhig höfliche Freundſchaft zu genießen, mit der Hedwig Jedem ohne Unterſchied des Standes be⸗ gegnete. Nachdem der größte Theil des Hofes ſeine aufrichtige Anerkennung für den Kunſtgenuß ausgeſprochen, welcher ihm durch Hedwig und den Virtuoſen verſchafft wurde, näherte ſich ihr der Fürſt nochmals, und ſprach:„Sie geſtatten mir alſo in der That, den Brief des Baumeiſters zu leſen?“ 1 Ich weiß, daß srem Kunſtſinn die lebendigen Schilderungen der herr⸗ her Baudenkmäler Griechenlands, welche Heinrich mit 8 Feierſtunden. 1865. 309 erläuternden Zeichnungen in ſeinem Briefe gibt, von be⸗ ſonderem Intereſſe ſind. Nur bitte ich, mir das Schreiben wieder zuſtellen zu wollen, wenn Sie es durchgeſehen!“ Die letzten Worte ſprach Hedwig mit beſonderer Innigkeit. „Sie ſtellen den jungen genialen Künſtler wohl ſehr hoch?“ frug der Fürſt.. „Er iſt mein einziger Freund in der Kindheit geweſen; nie hat er mir etwas anderes als die Sorgfalt des lieben⸗ den Bruders gezeigt. Durch ihn habe ich die Welt in ihrer lieblichſten Schöne geſehen, und ſein Genie zauberte mir das Große und Erhabene im unendlichen Raume in herr⸗ liche Formen, welche mit ſeinem Geiſt erfüllt waren. Und er iſt ein ſo ſeltener Menſch, Durchlaucht! ſein ganzes Weſen iſt Reinheit und Güte, ſeine Handlungen laſſen die Wahrhaftigkeit ſeiner großartig angelegten Natur durch⸗ ſchimmern; unter allen Männern, die mir außer Ew. Durch⸗ laucht begegneten, fand ich Keinen, der ihm an reiner Har⸗ monie ſeines ganzen Weſens gliche.“ Hedwigs Wangen waren geröthet, und ihre Augen leuchteten, als ſie ſo rückhaltlos vor dem Fürſten ihre Be⸗ wunderung des Geliebten ausſprach. Sein Brief hatte in dem innigen, aber von jeder Leidenſchaft, ja von jeder Zärt⸗ lichkeit freiem Ton, ihr Gefühl in allen Faſern verwandt berührt. Gerade jetzt, wo ſich äußere Hinderniſſe ihrer gänzlichen Vereinigung nicht mehr entgegenſtellten, hielt er ſich mit der zarten Scheu der reinen Liebe zurück, und ehrte das Andenken der Todten, welcher er ſeine Gattentreue noch angelobt glaubte. Freier als früher ſprach er ſich hingegen über Alles aus, was ſeinen Geiſt berührte. Er ſchilderte mit Begeiſterung die reinen Formen des Säulenbaues, welche noch in den Ruinen der Akropolis mit dem Parthe⸗ non und den Propyläen, dem Theſeion zu Athen, wie in denen des im altdoriſchen Styl errichteten Tempels im Thale von Nemea bei Korinth ſo laut von der hohen Blüthe zeugten, in welcher die Baukunſt im goldenen Zeit⸗ alter Griechenlands ſtand. Am Ende ſeines Briefes ſchrie⸗ er:„Es iſt tief zu beklagen, daß gerade in der Geſchichte der Baukunſt ſo wenig gethan iſt, da ſie doch das lauteſte Zeugniß von dem Entwicklungsgange wie zeitweiſem Rück⸗ ſchritt der Menſchheit iſt. Nichts ſpricht ſo die Phyſiog⸗ nomie eines Ortes aus, als ſeine Bauten; die Wohnhäuſer der Menſchen ſind mir immer die Zifferblätter geweſen, an denen ich zu erkennen ſuchte, ob das Uhrwerk auch richtig geht. Wir Bauleute müſſen nun wandern, um aus eigener Anſchauung zu lernen, daß wir ſeit Jahrtauſenden noch nichts im Ganzen Originales geſchaffen haben, was beſſer wäre, als das, worauf wir fortbauen. Ich denke jedoch, Sie ſehen aus meinem Muſeenbau, daß ich in den vielen Einzelheiten ein Jegliches individuell, aber mit der Grundidee des Ganzen organiſch ausführte. Was man mir zum Vorwurf macht, daß ich ſtatt Emblemen Thier⸗, und höher aufſteigend Menſchengeſtalten außen angebracht haben will, halte ich nach meiner Auffaſſung der Architektur für unerläßlich. Innen verbindet ſich mit der, dem jedesmali⸗ gen Zweck des Baues gewidmeten Form die Induſtrie in der Hervorbringung des eben dem Zweck Entſprechendem, entwickelt ſich im Schmuck des Innern zur Kunſt; in den Vorhallen oder über den Ausgangsthüren werden Reliefs angebracht, bis die Produktivität ſich nach außen hin bis⸗ zur Form des belebten und beſeelten Weſens ſteigert. halte ich es mit dem Schmuck der Architektur, die in ihrer äußeren Geſtaltung ſich mit ihrer Schweſter, der Sculp⸗ tur, vereinigt zeigen und, wie bei dem B.'ſchen Muſeum, durch die Gebilde des Pinſels gekrönt werden muß. Dies So — — — — — 310 ——— 1 — ſcheinen auch die Griechen empfunden zu haben, wie es aus ihren Werken hervorgeht. Hätten wir eine umfaſſende po⸗ puläre Geſchichte der Baukunſt in ihrer Geſammtheit ſchon von ihnen überkommen, die durch fortdauernde Beiträge angemeſſen vermehrt ward, wir würden heute nicht da an⸗ fangen müſſen, wo ſie ſchon hingelangt waren. Bei der Macht, welche jetzt Druck und Schrift gewonnen, bei der Kenntniß, welche durch ſie von Allem, was ſich im Ge⸗ biete des öffentlichen, geiſtig oder bildneriſch produktiven Lebens in jede Schicht der Geſellſchaft dringen wird, find wir jedenfalls vor den Griechen bevorzugt, denn unſere Werke werden ſich vervollkommnen, ſie werden nicht in ihren Ruinen, ſondern in Bild und Wort fortleben. Wenn dann ein gewaltiges Netz von Eiſenwegen Länder und Völker verbindet, wie ich es von der Zukunft erwarte, wenn die Anfänge, welche in Deutſchland mein geliebtes Nürnberg ſchon gemacht, auf Flügeln die Nationen zu einander tra⸗ gen, und das ſtöhnende Dampfroß die Miſſion eines großen Reformators und Humaniſten erfüllt, dann, Hedwig, möchte ich noch einmal ein Jüngling ſein, um mit voller Kraft Steine ſammeln zu helfen am großen Bau der alle Zweige des geiſtigen und ſtaatlichen Lebens durchdringenden Intel⸗ ligenz. Daß die Griechen auch ſchon den Werth der Eiſen⸗ wege geſchätzt, freilich ohne die treibende Kraft des Dam⸗ pfes zu kennen, erſah ich aus Ueberreſten von Schienen⸗ wegen im Thale von Eleus beim Tempel der Ceres, die allem Anſcheine nach befahren wurden. Wir fangen aber die Triebkraft des Waſſers auf und machen ſie uns dienſt⸗ bar. O, das heilige Waſſer! Wie der Gürtel der Venus ſchlingt es ſich um unſere ſchöne Erde, und ſtrömt vom Himmel herab, um Blumen und Früchte zu zeugen in ſei⸗ ner Vermählung mit ihr. Wie ein Atlas trägt es das Schiff auf ſeinem Rücken und führt uns in entfernte Pole; in ſeiner höchſten Schönheit dringt es aus dem Auge des Menſchen und befruchtet ſeine Seele. Schon die Indier verehrten die Majeſtät des Waſſers; ſie ſuchten im Innern ihrer Heiligthümer durch die Dragops die Geſtalt der Waſ⸗ ſerblaſe wiederzugeben.— Ja Hedwig, das Leben iſt reich Feierſtunden. 1865. und groß, ſchön ſelbſt in ſeinen Schmerzen; ich beklage nur, daß die Jugend nicht doppelt ſo lange währt, als das ——————-——-:õ————n————;— Naturgeſetz geſtattet; doch halten wir ſie in uns feſt, ich Tlaide⸗ wir vermögen ſie noch an unſer Greiſenalter zu feſſeln.“ Der Fürſt ließ nach flüchtiger Durchſicht des Briefs ſeine milden Augen lange auf Hedwig ruhen, die mit dem Vertrauen eines Kindes zu ihm emporblickte, dann berührte er leiſe ihren Scheitel mit der Hand, und ſprach: „Ich werde dieſe Zeilen noch einmal mit Ruhe durch⸗ leſen, denn ſie ſind der Text zu dem, was mich aus den Werken des ſchöpferiſchen jungen Meiſters anſpricht. Eines nur bedaure ich tief: er hat auch in dieſem Schreiben nicht angegeben, wann er wiederkehrt, und wo ihn eine Nachricht ſicher antrifft. Ich hoffe jedoch, er wird ſich nicht allzu lange von ſeinem Kinde und— Ihnen— trennen. Er ſcheint Sie feſt in ſeinem Herzen zu tragen.“ „Seine Freundſchaft und die geiſtige Gemeinſchaft mit ihm machen mich glücklich, Durchlaucht!“ entgegnete Hed⸗ wig leicht. „Das iſt recht, mein Kind! Ihr Beide ſind innen und außen ein paar ſo herrliche Geſchöpfe Gottes, der Ihnen das Verſtändniß für den Genius gab, welcher den jungen Meiſter auf die Höhen des Menſchthums trägt, daß ihr vereint erſt ein vollkommenes Ganze bildet.“ Nach dieſen Worten wandte ſich der Fürſt wieder der Geſellſchaft zu; Hedwig fühlte ſich durch die in ſeinen Worten ausgeſprochene Billigung ihrer Liebe ſo beglückt, wie ein Kind, deſſen Eltern ihren Segen zu dem geſchloſ⸗ ſenen Herzensbund deſſelben geben. Der Hof hingegen ſchöpfte immer kühnere Vermuthun⸗ gen aus den vertrauten Geſprächen, welche der Fürſt mit Hedwig pflog. Wie ein von unſichtbaren Händen geſchür⸗ tes Feuer verbreitete ſich in Kurzem das Gerücht bis über die Grenzen des Fürſtenthums hinaus, Hedwig ſei die er⸗ klärte Geliebte des Fürſten, welche er ſich wohl bald zu linker Hand antrauen laſſen werde. Die Betreffenden ſelbſt ahnten davon nichts, jedoch ſollte es Hedwig nur zu bald erfahren, daß die reinſten Verhältniſſe von der Gemeinheit, welche von ſich aus urtheilend edle Motive nicht gelten läßt, in den Schmutz getreten werden. (Fortſetzung folgt.) Der Skſavenhandel in Rian Obwohl in Europa faſt allgemein angenommen wird, die Ausführung von Sklaven aus Afrika ſei ganz ver⸗ Krankheiten verloren, ſo kann der Gewinn leicht über 200 Prozent betragen. Sklavenhändler und Theilnehmer boten, und der Sklavenhandel mit ſelbſtgezüchteten Farbigen am Sklavenhandel ſind daher ſämmtlich reiche Leute. Die nur noch ein in den ſüdlichen Staaten der nordamerikani⸗ Behandlung der Neger auf der Reiſe iſt gegenwärtig die ſchen Union graſſirendes Uebel, das den neueſten Krieg in beſtmöglichſte, die gedacht werden kann, und, wie Viele be⸗ Amerika hervorgerufen, iſt Rio de Janeiro noch immer einer haupten, nicht viel ſchlechter als die der armen Auswande⸗ der Hauptmärkte Braſiliens für den Neger⸗ oder Eboni⸗ rer auf engliſchen, deutſchen, franzöſiſchen, belgiſchen und (Ebenholz⸗) Handel. Die ſüdlichen und mittleren Provin⸗ holländiſchen Auswandererſchiffen. Die braſilianiſchen Schiffe zen des weſtlichen Kaiſerſtaates werden von hier aus mit beſuchen die portugieſiſch⸗afrikaniſchen Beſitzungen Angola, dieſer, dem inländiſchen Plantagenbaue unentbehrlichen Waare Ambris, Molombo, Rio⸗Zaire oder Congo, Cabinda, Ben⸗ verſehen, und im Durchſchnitte noch immer jährlich gegen guela, Quilliman und Mozambique, tauſchen ſo viel Neger zehntauſend Schwarze beiderlei Geſchlechts aus Afrika hier⸗ ein, als die Schiffe mit Bequemlichkeit faſſen können, und her zu Markte gebracht, abgeſehen von hier bereits heimi⸗ die ganze Mannſchaft, vom Kapitän abwärts, iſt bemüht, ſchen Sklaven, die wöchentlich in Menge unter den Ham⸗ die Neger bei guter Geſundheit zu erhalten, denn jeder Ein⸗ mer des Verſteigerers kommen. zelne von ihnen iſt an der Ladung betheiligt. Die männ⸗ Der eigentliche Neger⸗ oder Sklavenhandel mit Afrika, lichen erwachſenen Neger, beſonders wenn ſie einer kriege⸗ der mit braſilianiſchen oder portugieſiſchen Schiffen betrieben riſchen Nation angehörten, werden immer zu Zweien mit Neger auf der Reiſe, und ſpäter vor dem Verkaufe durch 4** wird, erfordert bedeutende Kapitalien, gehen aber nur wenige Ketten und Handſchellen an einander gefeſſelt; eine nun V wendige Vorſicht, um die moͤgſiche Gefahr eines Aufſtande 4 N , ich er zu diefs dem ührte urch⸗ den eines nicht gicht alhhu über ihmer Die die e be⸗ unde⸗ und hiffe pola, Ben⸗ leger und nüht, Ein⸗ aänn⸗ riege⸗ mit 1 Feierſtunden. 1865. ———:—————:'y—r—— zu verhindern. Weiber und Kinder erhalten einen beſtimm⸗ ten Platz im Schiffsraume, woſelbſt ſie ſo lange bleiben, bis das Schiff auf hoher See angekommen iſt.— Jetzt wendet man alles Mögliche an, ſie dem Trübſinne und der Gefühlloſigkeit zu entreißen, in welchen die meiſten die⸗ ſer Unglücklichen verfallen, die ſich oft die entſetzlichſten Vorſtellungen von ihrem künftigen Schickſale machen, und faſt immer dem Tod und der Aufopferung entgegen geführt zu werden fürchten. Erlaubt es die Witterung, ſo bleibt abwechſelnd immer eine Abtheilung der Neger auf dem Ver⸗ decke; Trommeln und Cymbalen werden herbei gebracht und verfehlen nur ſelten ihre Wirkung: Einzelne erheben ſich zum Tanze, Andere folgen, die Uebrigen widerſtehen nicht län⸗ ger, und bald tönen die Geſänge ihres Vaterlandes über die weite Fläche des Meeres hin, und alle Furcht, aller Kummer über die Gefangenſchaft iſt verflogen. Man er⸗ hält die Neger auf dieſe Art in beſtändiger Beſchäftigung, gibt ihnen ſo viel möglich die Nahrung, an die ſie gewöhnt ſind, räuchert und lüftet den Schiffsraum täglich aus, trägt für die höchſte Reinlichkeit Sorge, und ſchützt ſie beſonders gegen den ſchnellen Wechſel des Wetters. Strenge wird nur gegen die abſichtlich Widerſpenſtigen geübt, und beſon⸗ ders bei Nacht die Wachſamkeit verdoppelt, um ſie in ſteter Furcht zu erhalten. Tritt ſtürmiſche Witterung ein, und hält ſie einige Zeit an, ſo wird die Lage der armen Neger, die nun in einem engen, dicht verſchloſſenen Raume zuſam⸗ mengedrängt ſind, höchſt beſchwerlich, die verdorbene Luft erzeugt Krankheiten, und rafft Viele hinweg; iſt aber die Reiſe kurz und günſtig, ſteigt die Sterblichkeit nur ſelten über vier Prozent; dennoch langen die armen Neger, be⸗ ſonders die Kinder, mager wie Skelette am Ziele der Reiſe an. Sklavenhändler und reiche Pflanzer begeben ſich hier⸗ auf an die Schiffe, beſehen und unterſuchen die Ankömm⸗ linge, feilſchen um ſie, und bringen die Uebrigen nach dem Sklavenmarkte(Vallongo). Die Sklavenhändler haben in der Rue Vallongo und Aljuba ſchöne große Gebäude, die zur ebenen Erde eigens zur Aufnahme der Sklaven eingerichtet ſind; die friſche See⸗ luft hat allenthalben Zutritt, und der Boden der Höfe und der Säle wird jeden Tag mehrere Male gewaſchen. Die Neger ſelbſt werden, ehe man ſie zum Verkaufe ausſtellt, einer beſonderen Behandlung unterworfen, deren Zweckmäßig⸗ keit eine vieljährige Erfahrung beſtätigt hat. Faſt in ſammt ſind ſämmtliche neuankommenden Neger von eine ihnen eigenthümlichen Ausſchlage befallen, an welchem An⸗ ſteckung, der Genuß von Salzfleiſch, oder auch die See⸗ luft ſchuld ſein mögen. Derſelbe liegt wie Schuppen auf ihrem Körper, bedeckt ihn ganz und gibt der Haut ein widerlich graues Anſehen, ſoll aber ihrer Geſundheit eher nützlich als ſchädlich ſein, und benachtheiligt auch keines⸗ wegs ihren Verkauf. Im Magazine angekommen, werden ſie nun durch Neger ihrer Nation gewaſchen, gebadet, Kopf⸗ haare und Bart geſchoren, ihnen allmählig beſſere Nahrung und eine gewiſſe Dreſſur gegeben, um ſich dem Kaufluſtigen beſſer vorſtellen zu können; auch mancherlei Toilettenkünſte werden angewendet, beiderlei Geſchlechter zu verjüngen, zu verſchönern, und körperliche Fehler dem ungeübten Auge geſchickt zu verbergen. Dann werden ſie nach ihren ver⸗ ſchiedener Stämmen und Geſchlechtern in die geräumigen Säle des Hauſes geführt und dieſe dem Publikum geöffnet. Der Anblick, der ſich bei einem Beſuche des Vallongo 6 fttt, beſonders nach der Ankunft eines großen Neger⸗ xportes, iſt in ſeiner Art merkwürdig und unterſcheidet ſim Grunde durchaus nur dadurch von einem Pferde⸗ 74 311 — markte, daß er in Sälen betrieben wird, und man hier Geſchöpfe mit menſchlichem Aeußern und dort Thiere ver⸗ kauft, welche ſchon längere Zeit, unter der Hand eines ge⸗ ſchickten Meiſters befindlich, weit mehr Fähigkeiten zeigen, als die armen Afrikaner. Einheimiſche Sklaven, die durch Vergantungen zum Verkauf kommen, werden gleich den an⸗ dern zu verauktionirenden Gegenſtänden in beſonderen, meiſt geſchloſſenen Lokalen unter den Hammer gebracht, dort aber genau wie hier behandelt. Den Thüren gegenüber reihen ſich längs den Wänden des Saales niedere Bänke; dort ſitzen die männlichen, vor ihnen auf dem Boden und nach Landesſitte mit dem Leibe auf den Ferſen ruhend die weib⸗ lichen Neger, vor dieſen die Kinder beider Geſchlechter; der Kaufluſtige kann durch dieſe Eintheilung alle Anweſenden überſehen, und ſeine Wahl leichter treffen. Die Sklaven⸗ händler, welche aus Erfahrung wiſſen, welche Nationen in dieſen Gegenden Braſiliens beſonders geſucht ſind, bemühen ſich, in Afrika wo möglich nur von dieſen einzuhandeln. Sobald daher der Kaufluſtige die Nation nennt, von wel⸗ cher er Neger wünſcht, wird ihm eine Anzahl derſelben vor⸗ geführt, und nun beginnt die Prüfung ihrer körperlichen Eigenſchaften. Bei dieſer Prüfung wird ſo verfahren, als feilſchte man um ein Hausthier; die Käufer kennen eben ſo wenig, was Zartgefühl, als die Neger, was Scham⸗ haftigkeit iſt; man läßt ſie hin und her gehen, Arme und Beine mit Anſtrengung bewegen, um ſich von dem freien Gebrauche ihrer Glieder und ihrer Muskelkraft zu über⸗ gen, und erſt nach der ſorgfältigſten Unterſuchung beginnt der Handel, welcher nach Dobras(Dublonen, 15⸗Dollars⸗ ſtücken) geführt wird. Ein geſunder junger Neger wird nicht unter 15, eine junge Negerin um 12, Knaben und Mädchen um 9 Dobras verkauft, einheimiſche Neger da⸗ gegen oft um's Drei⸗ und Vierfache ausgeboten und noch höher geſteigert. Während dieſes Vorgangs bezeugen die Neger die größte Gleichgültigkeit, und folgen nach geſchloſ⸗ ſenem Handel mit demſelben Stumpffſinne ihrem neuen Herrn. Ihr Schickſal hängt gleich dem mancher Thiere von ihren körperlichen Vorzügen ab; ſind ſie ſchön und wohlgebaut, ſo werden ſie von wohlhabenden Stadtbewoh⸗ nern gekauft und mit ihnen die Zahl ihrer Dienerſchaft vermehrt oder ergänzt; ſind ſie häßlich oder unanſehnlich von Geſtalt, ſo werden ſie von armen Leuten oder Berg⸗ werksbeſitzern und Pflanzern gekauft, um ihr ganzes Leben hindurch ſchwer zu akbeiten.— Bei reichlicher Nahrung und ſchonender Behandlung erholen ſich die Neger unge⸗ mein ſchnell, und der Fremde erſtaunt mit Recht, Men⸗ ſchen, welche als wahre Skelette den Vallongo verließen, nach wenigen Wochen ſchon, von Körperfülle ſtrotzend, mit einer glänzend ſchwarzen, ſammtartigen Haut und lebhaf⸗ ten feurigen Augen wieder zu erkennen. Im Umgange mit ihren ſchwarzen Brüdern, die ſchon längere Zeit Sklaven ſind, überzeugen ſie ſich bald, daß ihr Loos keineswegs ſo unerträglich iſt, als ſie es ſich vorgeſtellt, als ſie gefürch⸗ tet; der ihnen beſonders eigene Frohſinn gewinnt die Ober⸗ hand; die Aehnlichkeit des Klima's, der Früchte und Lebens⸗ weiſe Braſiliens mit ihrem Vaterlande macht endlich, daß ſie ſich hier bald eingewöhnen und der Heimath nur noch in ihren Liedern gedenken. Die Negerſklaven werden auf ſehr verſchiedene Weiſe zum Erwerbe angehalten, und von ihrer größeren oder ge⸗ ringeren Thätigkeit hängt, mit nur wenigen Ausnahmen, die Verbeſſerung oder Verſchlimmerung ihrer Lage und ihres Schickſales ab. Dadurch, daß man ſich der Neger ausſchließlich bedient, Laſten aller Art fortzuſchaffen und 312 alle erdenklichen Bedürfniſſe der Einwohner in den Straßen der Stadt zum Verkaufe umhertragen zu laſſen, ſind dieſe beſtändig mit einer außerordentlichen Menge von Negern angefüllt, ſo daß die Lebhaftigkeit derſelben nicht einmal von der in den beſuchteſten Theilen Londons übertroffen wird; und die Gewohnheit dieſes Volks, manche Arbeiten nach dem Takte einer vaterländiſchen Melodie zu verrich⸗ ten; der Gebrauch, die feilgehaltenen Waaren mit ſtarker kreiſchender Stimme auszurufen, und die tobenden Aus⸗ brüche der Freude, welcher ſie ſich ohne Zwang überlaſſen, verurſachen einen Lärm, der den Framden in Rio, bis ſich ſein Ohr daran gewöhnt, völlig betäubt. Erſt ſpäter neh⸗ men die verſchiedenen Volksſtämme, denen die Neger ange⸗ — 1ſ' — hören, die Aufmerkſamkeit in verdienten Anſpruch, denn man findet hier eine wahre ethnographiſche Muſterkarte aller Nationen der äthiopiſchen Raſſe. Die Mehrzahl ſind An⸗ golas, Congos, Cabindas, Quillimanos, Benzuelas, Mo⸗ zambiques und Minas; ſeltener ſind Cabundas, Rebolos, Anjicos, Gabaos, Cajenges, Mombaſſas u. A.— Manche dieſer Nationen unterſcheiden ſich durch ihre Geſichtsbildung von einander; die Mehrzahl aber durch Einſchnitte oder eingebrannte Zeichen im Geſichte, die ſie mehr oder minder entſtellen. Einzelne tragen ſolche Abzeichen auch am Leibe, entweder als Urkunde ihres Volksſtammes oder einer höhe⸗ ren Würde, die ſie in ihrer Heimath bekleideten.— Die Geſichtszüge der Neger ſind im Allgemeinen nicht ſchön; Ein Sklavenmarkt in Rio. das wollige Haar, die breite platte Naſe, der große dick⸗ lippige Mund, überhaupt die Geſtalt des ganzen Kopfes, welcher bei manchen Stämmen das Mittel zwiſchen Menſch und Affe hält, mißfallen beſonders dem Europäer; es gibt aber auch viele Individuen, deren Geſichtsbildung ſehr an⸗ genehm, und einzelne Völkerſtämme, die ungemein wohl⸗ gebildet ſind. Solche abſchreckend häßliche Negergeſtalten, wie man oft in Europa ſieht, und mit welchen Perſonen von hohem Range gleichſam prunken, wenn ſie deren unter ihrer Dienerlchaft haben, würde man hier nicht einmal in dem Hauſe eines nur etwas bemittelten Bürgers dulden. — Die Farbe der Neger iſt übrigens nicht gleich; es gibt Nationen, welche ſchwarz wie polirtes Ebenholz, andere, die ſchwarzbraun ſind; kranke Neger werden auffallend hell⸗ farbig oder bekommen mehr eine grauſchwarze Farbe. Einige Stämme zeichnen ſich durch große, dunkle, feurige Augen aus; andere haben kleinere von ſchillernder Farbe; iße Zähne, auf deren Rein⸗ rwenden. Im Ganzen ge⸗ ttlerer Größe; ihr Körper⸗ Schultern breit, die Bruſt nd Füße klein. Es gibt gem, vollendet ſchönem ane große Menge dieſer und Fortſchaffen der *Neger zeichnen ſich an leichten, ſchwe⸗ Nwerſten Laſten menen Mei⸗ „ Nacken. alle aber geſunde und ſehr haltung ſie große Sorgfalt nommen ſind die Neger von bau iſt regelmäßig, ſchlank; d gewölbt und fleiſchig, Hände aber auch Männer von athle. Wuchſe; und in Rio ſieht man kräftigen Geſtalten, die zum Tro größten Laſten verwendet werden. durch eine ſchöne gerade Haltung und benden Gang aus, und die Gewohnheit, o auf dem Kopfe zu tragen, macht ſie zu vor ſtern ihres Körpers, und ſtärkt beſonders Einkn Neger zu ſehen, der mit einer Laſt von*Eent⸗ nern auf dem Kopfe, ſingend und leichten Schri von einem oft zwei Stunden entfernten Landgute nach der radt kommt, iſt in Rio eine gewöhnliche Erſcheinung. W vſrit⸗ Wohl Fam nicht und muß läſt St ich wol oben von men in d jagte nünf dräh Thi⸗ miſe war die der Schh Mer Abel mir So ſchl heru einen Aben frih die b Ferr chen ſoll trof der gehr ziem Fur Züg Feierſtunden. 1865. ——:—õ—ͤ—ͤͤy————ryryr———— 313 ——yy—RQQBBBOÖB;— In der Seiſtänzerbude. Frei nach dem Däniſchen von .... Ja natürlicher Weiſe, es geſchieht aus bloſem Wohlwollen gegen die Menſchheit, wenn Sie und Ihre Familie Cigarren machen. Warum zum Henker ſagen Sie nicht lieber gerade heraus, daß Sie Geld verdienen wollen, und daß ich, falls ich mich mit Ihnen einlaſſe, froh ſein muß, wenn ich nicht gar zu arg geprellt werde?“ Dies war der Schluß einer Replik, die ich an einen läſtigen Schacherjuden richtete, der mich ſeit einer halben Stunde geplagt hatte, doch mit ihm zu handeln, und den ich nicht hatte los werden können. Es war nämlich in der kleinen Stadt, die ich be⸗ wohnte, gerade Jahrmarkt, und das Unterſte war hier zu oberſt gekehrt. Ruhe und Frieden waren durch den Lärm von Drehorgeln und anderen ebenſo harmoniſchen Inſtru⸗ menten verſcheucht; es war ein Summen und Brummen in der Luft, das jeden vernünftigen Gedanken in die Flucht jagte; die Kinder waren wie närriſch, und die alten, ver⸗ nünftigen Leute machten es ihnen gleich; der Gongon er⸗ dröhnte, in der Menagerie brüllten und heulten die wilden Thiere, das durchdringende Geſchrei der Papageien ver⸗ miſchte ſich mit dem Geklingel im Wachskabinet, und Alles war in einer ſolchen Verwirrung, daß man wohl am Ende die Geduld verlieren mußte, wenn man noch obendrein in der eigenen Stube beläſtigt wurde. Hier zwar verſchaffte ich mir Ruhe, indem ich am Schluſſe meiner oben angeführten Rede den aufdringlichen Menſchen am Arme nahm und zur Thür hinaus führte. Aber ich war nun einmal geſtört worden, und es wollte mir nicht gelingen, meine Gedanken wieder zu ordnen. So beſchloß ich denn, einen Spaziergang zu machen. Ich ſchlug wie gewöhnlich den Weg ein, der um die Stadt herum führte, und der mir beſonders lieb war, weil er an einer langen Reihe von zierlich gehaltenen Gärten hinlief. Abends pflegte es hier ſehr belebt zu ſein; aber es war noch früh am Tage, kein Menſch zu ſehen, und ich hatte alſo die geſuchte Ruhe und Einſamkeit gefunden; nur in der Ferne ertönte das verworrene Geräuſch des Jahrmarkts. Ich gelangte an einen großen offenen Platz, auf wel⸗ chem die Bude der Seiltänzer ſtand. Die Vorſtellungen ſollten erſt am Nachmittag beginnen, jetzt herrſchte hier eine troſtloſe Leere. Nur ein einziger Mann ſtand dicht neben der Bude, dem man ſogleich anſah, daß er zur Truppe gehörte. Er war von mittlerem Alter und trug einen ziemlich ſchäbiger Anzug. Sein Geſicht war ſo ſehr von Furchen durchzogen, daß es faſt unmöglich wurde, ſeine Züger Zeit aufzufaſſen. Es war nicht das wettergebräunte hegte. Matroſen, das Derbheit und ſichere Ruhe aus⸗ ſchimmerht das verbindlich lächelnde Geſicht des alten Höf⸗ nd ebenſowenig das demuthsvolle des Duckmäuſers, weckt. Atte etwas von jedem, es mußte einem„Künſt⸗ mich vepen...... bigen Nwollte mich mit dem Manne in ein Geſpräch ein⸗ jetzt einber er war mürriſch und äußerſt zurückhaltend. Rin ſein) iſt nun einmal die menſchliche Natur: ſo eben te ich Ruhe haben, und jetzt, wo mich Niemand bünſchte ich wieder den Verkehr mit Menſchen, ja 5 wildfremden. Dies iſt bei mir eine Art von ie im Blute liegt; je mehr er mir auswich, deſto drang ich in ihn. ſunden. 1865. N⁸ gelt. Er war mittlerweile in die Bude gegangen, und ich war ihm gefolgt. Plötzlich wandte er ſich gegen mich um, machte ſich ganz klein, hob ſich ſchnell wieder aus ſeiner geduckten Stellung und machte einen ungeheuren salto mor⸗ tale, erſt vorwärts, dann rückwärts, blieb auf einem Bein ſtehen und ſtreckte das andere gegen mich aus, als ſei es eine Hand, die er mir reichen wolle. Lächelnd ſagte er: „Sind Sie jetzt zufrieden?“ Dieſe ganze, kaum einige Sekunden dauernde Scene kam mir ſo unerwartet, daß ich für einen Augenblick die Faſſung verlor. Einen Mann zu ſehen mit einem alten, geflickten Rock, ſchmierigen Beinkleidern, niedergetretenen Schuhen und einem ſchäbigen Hut, wie er dieſem einen Druck gibt, ſo daß er faſt über die Augen hinabſinkt, wie er dann einen halsbrechenden salto mortale macht und fragt, ob man jetzt zufrieden iſt— dies gehört doch gewiß nicht zu den alltäglichen Begebenheiten, und die Antwort auf die geſtellte Frage ſetzt einigermaßen in Verlegenheit. Und dazu kam, daß während des kurzen Moments meiner erſten Ueberraſchung in ſeinen Geſichtszügen eine erſchreckende Veränderung vorging. Wie ein tödtlicher Schmerz zuckte es darin, und es war mir, als ob ſich in der traurigen Geſtalt, die bebend vor phyſiſcher Schwäche und mit dem unheimlichen Leuchten des Wahnwitzes in den Augen vor mir ſtand, der Kummer und die bittere Täuſchung eines ganzen Lebens abſpiegle— ich wußte nicht, was ich ſagen ſollte, aber ich reichte ihm die Hand. Er ſah mich ver⸗ wundert an, gab mir aber doch mit ſichtbarer Bewegung die ſeinige, und ſuchte dann an mir vorbeizuſchlüpfen, um aus der Bude zu entwiſchen. Aber ich hatte mir feſt vor⸗ genommen, meine Neugierde zu befriedigen; er war nun einmal mein Opfer und ſollte mir die Geſchichte ſeines Lebens erzählen. Die Idee war gerade nicht neu, denn wer wüßte nicht, daß jedes Menſchenleben ein Roman und das eines Gauklers der nicht am wenigſten verwickelte iſt? Ich vertrat ihm den Weg und ſagte: „Warum wollen Sie mir nicht Rede ſtehen? Sie halten mich für neugierig. Nun wohl, das bin ich auch; aber ſollten Sie nicht ſelbſt den Drang in ſich fühlen, ein⸗ mal mit einem Menſchen zu ſprechen, dem Sie alle Ihre Gedanken ohne Rückhalt anvertrauen können? Auch Sie werden nicht immer Ihre Gedanken feſſeln und die Erin⸗ nerung an eine entſchwundene, vielleicht glücklichere Ver⸗ gangenheit hinwegſcheuchen können. Wohlan, denken Sie laut und laſſen Sie mich dabei zugegen ſein; Mittheilung erleichtert das Herz.“ Er war auf eine Bank niedergeſunken. Sein Kopf ruhte in ſeinen Händen, die er auf ſeine Kniee ſtützte. So ſaß er einige Augenblicke ſtill und unbeweglich, während ich erwartungsvoll vor ihm ſtand. Endlich hob er lang⸗ ſam den Kopf und ſah mich feſt an. Er murmelte etwas zwiſchen den Zähnen und gab mir durch ein Zeichen mit der Hand zu verſtehen, daß ich mich neben ihn auf die Bank ſetzen möge. Darauf hub er an: „Die Vergangenheit mit dem glücklichen Kindesalter, die Vergangenheit mit Licht und Sonnenſchein!— Ich ſehe große, weite Felder, wo Kühe weiden, und einen klei⸗ nen Bach, der ſich zwiſchen blumenreichen Wieſen hinſchlän⸗ Und weiter zurück liegt das Pfarrhaus inmitten des 40 314 Feierſtu — ſtillen Gärtchens. Der Apfelbaum neigt ſich über den Bretterzaun hin, der wilde Roſenſtrauch miſcht ſeinen hell⸗ rothen Farbenſchimmer mit den gelben Hollunderblüthen und hägt den friedlichen Fleck ein, der meine Wiege trug. Dort liefen wir ſpielend und lärmend umher, all' wir Kinder, die wir, eines nach dem anderen, ohne alle andere Leitung, als die wir uns ſelbſt geben konnten, in faſt gänz⸗ licher Verwahrloſung aufwuchſen. In ſeinem Studirzim⸗ mer ſaß mein Vater und ſuchte nach Weisheit in den Wor⸗ ten der heiligen Schrift; tiefſinnig und gelehrt mochten ſeine Forſchungen ſein, aber ſie führten ihn in eine Welt ein, die nicht die unſere war; denn an uns ſchien er nicht zu denken. Zwar lebte meine Mutter, doch ſie war kränklich und vor der Zeit gealtert. Der ewige Kampf für die Be⸗ dürfniſſe des täglichen Lebens hatte ſie erſchöpft. Einem glücklicheren Kreiſe entriſſen, einem einſamen Grübeln über⸗ laſſen, ſank ſie unter der Bürde einer kummervollen All⸗ täglichkeit, und mein Vater bemerkte es nicht. Das Ziel ſeines Strebens lag weit außerhalb des Kreiſes ſeiner Häus⸗ lichkeit und ſeiner Familie. Seine Liebe für meine Mutter war ein Strohfeuer geweſen, das bald, ach nur zu bald erloſch; was er nun für ſie fühlte, war kaum eine kühle Freundſchaft zu nennen; nichts war geblieben, als vielleicht eine hin und wieder auftauchende Erinnerung an das Ent⸗ ſchwundene. Jetzt ſchlummern ſie neben einander dort, wo ihr Leben in einer ſeltſamen, freudloſen Leere dahinrann. Meine Mutter welkte und ſank in ſich zuſammen wie eine Pflanze ohne Nahrung, und als ſie ſtarb, waren wir Kin⸗ der hülfloſer, verlaſſener als zuvor. Bald aber folgte ihr der Vater nach in's Jenſeits— wir hatten die letzte, ſchwache Stütze verloren!“ . Er hatte dies mit einer gleichförmigen Betonung ge⸗ ſprochen, faſt als leſe er es aus einem Buche vor. Mit gefalteten Händen ſaß er da und ſtarrte vor ſich hin; in ſeinem runzeligen Geſicht veränderte ſich keine Miene. Und daß er jetzt inne hielt, geſchah offenbar nicht, weil ihn die Erinnerung an jenen hülfloſen Zuſtand überwältigte— das bezeugten ſein gleichmäßiger, ruhiger Vortrag und ſein zerſtreuter Blick— nein, jene Periode ſeines Lebens war ſicherlich wie aus ſeinem Bewußtſein ausgelöſcht, eine Ge⸗ ſchichte, die er auswendig gelernt hatte. Jetzt ſprangen ſeine Gedanken auf die Hauptepoche ſeines Lebens über, und ſobald die Erinnerung daran wieder in ihm lebendig wurde, verwandelte er ſich auch plötzlich in einen ganz anderen Menſchen, und mit leidenſchaftlich bewegter Stimme, ja mit einem gewiſſen Pathos fuhr er fort: „Mein Herr, ich war ein braver Knabe. ben vielleicht nicht, daß eine ſo verwahrloste Pflanze gute und kräftige Triebe ſchießen kann; aber ich war eine ge⸗ ſunde Natur, zwar etwas wild und ſtürmiſch, aber allen guten Eindrücken offen. Ich war nicht groß, aber ſtark und geſchmeidig und von gutem Ausſehen; dies wußte ich Alles, denn ich hatte es von Anderen oft genug ſagen hören, um es mir zuletzt ſelbſt mit einiger Eitelkeit zu ſagen. Nun wohl, ich hatte das Alter erreicht, in welchem man ſeinen künftigen Beruf zu wählen pflegt. Ich dachte aber nicht daran, eine Entſcheidung zu treffen, die Welt ſtand mir ja offen. Was konnte, was verſtand ich? Von Allem ein wenig, nichts Rechtes. Aber ich hatte Luſt zur Arbeit, ich fühlte Kraft in mir, hatte ein ſorgloſes, heiteres Ge⸗ müth, war um eine raſche Antwort nie verlegen, was konnte man mehr verlangen? Um das Muſter eines jun⸗ gen Mannes zu ſein, fehlte mir weiter nichts, als eine Sie glau⸗ nden. 1865. — lich nicht. Ei, guter Rath kommt über Nacht, dachte ich — oder vielmehr ich dachte gar nicht, und wanderte guten Muthes in die weite Welt hinaus. „Ich hatte immer viel Talent gehabt. Kein Baum war ſo hoch, daß ich nicht ſeinen Gipfel erklommen hätte, und fiel ich auch bisweilen, wenn ich von Aſt zu Aſt die verwegenſten Sprünge machte, hin⸗ unter, ſo kam ich doch wie eine Katze jedesmal auf die Füße zu ſtehen. Mit der Flinte wußte ich vortrefflich um⸗ zugehen, denn mit den Jägern der Umgegend hatte ich ſchon frühzeitig Bekanntſchaft gemacht. So war ich denn zum Soldaten wie geſchaffen, meine Carrière war mir vorge⸗ zeichnet. Ganz recht, aber die Begriffe, die ſich ein jun⸗ ger Menſch von dem Soldatenſtand macht, ſtimmen ſehr wenig mit der Wirklichkeit. In der damaligen Zeit herrſchte auch überall der tiefſte Frieden. für gymnaſtiſche Künſte das Vaterland beherrſchte alle meine Gedanken. Die Ge⸗ ment, wo ſich der Muth glanzvoll bewähren ſollte, der Jubel über die vollbrachte Heldenthat— dies Alles ſtand wie ein lebenskräftiges Bild vor meiner Seele; jeden klein⸗ ſten Zug deſſelben malte mir meine erregte Phantaſie in prangenden Farben aus. „Dennoch wurde ich nicht Soldat. Ich trieb mich überall umher und wandte mich bald an Einen, bald an den An⸗ deren, doch gab mir Niemand den verlangten Aufſchluß darüber, wie ich das Ding anzugreifen habe. Ein wenig Geld beſaß ich auch noch, und da dachte ich denn, daß es mit meiner Beſchlußnahme eben keine Eile habe. Ich war nach der Hauptſtadt gekommen, und all' das Neue, was ich hier ſah, nahm mich ſo ſehr in Anſpruch, daß die Zeit dahin floh, ohne daß ich es merkte. „Bei dieſem müſſigen Umhertreiben traf ich mit einem jungen Menſchen zuſammen, der ein leidenſchaftliches In⸗ tereſſe für die Schauſpielkunſt hegte, oder richtiger geſagt für das freie Künſtlerleben, das Seiltänzer, Kunſtreiter und Gaukler führen. Ich ſchloß mich ihm an, und bald lebten wir faſt ausſchließlich draußen im Thiergarten, wo gerade eine große Truppe Vorſtellungen gab. Das war ſo recht nach meinem Geſchmack. Der äußere glänzende Schein blendete mich gänzlich, und ich hatte von nun an kein höheres Ziel, als das,„Künſtler“ zu werden. „Wie es eigentlich gekommen iſt, weiß ich ſelbſt nicht, genug, ich knüpfte mit einer der jungen Seiltänzerinnen eine Verbindung an, und ehe ich's mir verſah, war ich als Mitglied in die Geſellſchaft aufgenommen. Doch nun ver⸗ langte man auch von mir, daß ich mich nützleck, d mit meinem Gelde ging es ſtark auf diee Gar mehr es zuſammenſchwand, deſto kühler uch desffen der Verhältniß zu den Mitgliedern der Truppekr, wnen ſi . 0 ☛ ſo gen bringen werde. Hier, wo ich mir doch) n nit Summe von zehntauſend Thalern; nun, die hatte ich frei⸗ 4 S 4—— zurück vor— ja vor welchen Menſchen! Dai Abe a Es war eine lächerliche Idee, Soldat werden zu wollen, denn ein Soldat ohne Krieg iſt wie ein Bajaz ohne Publikum. Das leuchtete mir aber damals nicht ein; die Begierde nach Kampf für fahr, die ich keck überwinden wollte, der ſpannende Mo⸗ denn ge dieſen ⸗ — —₰ dachte ich rte guten e Künſte t ſeinen n, wenn ite, hin⸗ au f die ich um⸗ ch ſchon an zum r dar ge⸗ ein jan⸗ nen ſihr herrſchte ächerliche at ohne leuchtete. mpf für Die Ge⸗ de Mo⸗ te, der 8 ſtand en klein⸗ taſie in überall den An⸗ fſchlu wenig daß es Vch war , was die heit einem es In⸗ geſagt aſtreiter nd bald en, wo s war nzende run an 8 4 Feierſtunden. 1865. 315 ——õ—jy-——y—————:ͤ——;Y— 2 ——— ˖···˖·ꝑ˖··˖··q·q··(····(· ZWW—“ die ich gerathen war, dieſer Rohheit, dieſes erbärmlichen mit ihm zu Felde gegen die Vorurtheile der Welt. Er war Lebens!. mein Held geworden, daß Schoßkind meiner Phantaſie! „Doch die Gewohnheit ſtumpft ſelbſt die beſten Na⸗ Ich träumte mich reich und mächtig. Ich nahm ihn zu turen ab, wie viel leichter mußte alſo nicht die meinige mir, da ich ihn nun einmal auf meinem Wege gefunden erſchlaffen, die ohnehin ſo wenig Widerſtand leiſten konnte. hatte; ich kleidete und nährte ihn, machte aus ihm ein nütz⸗ Nie hatte ich ein beſtimmtes Ziel erreicht, nie ein Hinder⸗ liches Mitglied der Geſellſchaft, verſöhnte ihn mit der niß überwunden. Immer war ich ausgewichen, hatte mich Menſchheit und rief in ihm all' die guten Eigenſchaften willenlos dem Zufall überlaſſen. Jetzt erging es mir, wie hervor, die in einer Menſchenbruſt ſchlummern können... es Tauſenden ergangen iſt; ich ſank unmerklich, aber in aber ach, dies Alles war ja nur ein trügeriſches Traum⸗ kurzer Zeit hatte ich doch einen unglaublich tiefen Fall ge⸗ bild, das ſchnell entſchwand, als er mit ſchnarrender than. Ja, man verſinkt in einem ſolchen Moraſt ſo tief, Stimme alſo fortfuhr: daß man nicht im Stande iſt, ſich wieder emporzuarbeiten.„Etwas mußte ich jedoch thun, um mich des Hungers Ich weiß wohl, daß man behauptet, es komme nur auf zu erwehren, und ich verſuchte bald dies, bald das; aber den feſten Willen an, und nur der erſte Schritt ſei ſchwer. das Vagabundenleben hatte mich an Müſſiggang gewöhnt, Redensarten!— ich glaube nicht daran. Das Alles klingt ich war faul, hatte keine Luſt zur Arbeit.— Das iſt eigent⸗ ganz gut, aber wenn es im wirklichen Leben angewandt lich Alles, was ich Ihnen ſagen kann. Haben Sie etwa werden ſoll, kommt es nur wenigen Ausnahmen zu gut. geglaubt, in der Gauklerbude einen Roman zu finden? Gewiß iſt es, daß ich viele gewaltſame Anſtrengungen Nun, alsdann haben Sie ſich geirrt; es gibt da nichts als machte und doch im Moraſt ſtecken blieb— denn, ſehen Erbärmlichkeit. Ich trieb mich lange herum, war hier und Sie, mein Herr, das Mädchen hing nun einmal an mir, dort und überall, aber ich ſehnte mich immer nach dem ſie war nicht abzuſchütteln, wenn ſie auch äußerſt unzu⸗ Gauklerleben zurück. Es iſt unglaublich und doch wahr, frieden war, weil ſich der Goldvogel in einen ganz gewöhn⸗ wer ſein Gift einmal gekoſtet, muß den Becher bis zum lichen Gimpel verwandelt hatte. letzten Tropfen leeren. Ich ſchloß mich alſo wieder einer „Hätte ich noch wie die Leute, die mich umgaben, das Truppe an, und da ich zum Künſtler' nicht taugte, wurde Leben genoſſen, hätte ich mich gleich ihnen in einen Stru⸗ ich der Hanswurſt der Künſtler. Das bin ich bis zum del wilder, toller Freuden geſtürzt; aber ich war ein reflek⸗ heutigen Tage geweſen, und ich werde es fortan bleiben. tirender Vagabund, und das iſt das Allerſchlimmſte, was Nun haben Sie die Geſchichte meines Lebens gehört; war man nur ſein kann. Sie ſehen, daß ich zu gar nichts es der Mühe werth? Sind Sie jetzt klüger geworden? taugte, nicht einmal— lachen Sie nur— zum Tauge⸗ Haben Sie Ihre Erfahrungen im Mindeſten bereichert? nichts. Man ward meiner auch bald überdrüſſig; man Können Sie aus einem ſolchen Lebenslaufe den geringſten foppte und hänſelte mich, ich war die Zielſcheibe einer rohen Nutzen ziehen?— Ich hab' es nicht gekonnt, Adieu!“ Witzelei, die für mich einen furchtbar ſchmerzhaften Stachel Er ging, aber ich eilte ihm nach und drückte ihm einen hatte. Thaler in die Hand. „Es war nicht länger zum Ertragen, und ich ermannte„Das auch noch!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, niih e hiaund Hnfte nen Ertſaln⸗ davonzulaufen. Ich aber er nahm ihn doch und war verſchwunden. ätte dies viel früher thun ſollen, jetzt war es eigentlich will nicht verſuche en Eindr zu ſpät. Aber ich fuhlie mich doh endlic freiz ich pannte den deſ, Rine Wogooe ſuchennicen eindruc zu ſchidern, alle meine Kräfte an, um nur weit weg zu kommen, ſo Zeit von zwei Stunden hatten ſich vor meinem inneren weit wie möglich. Ich wanderte Tag und Nacht, raſtlos, Auge zwei Lebensbilder enthüllt, die meinen Geiſt mit unermüdlich, bis ich das Meer und weite Länder zwiſchen Schauder erfüllten. Der Schacherjude, dieſer feige Betrü⸗ meiner Vergangenheit und meiner Zukunft ſah. Mehrere ger, der kein Mittel unverſucht ließ ein paar Schillinge Jahre waren verloren; ſchlimmer als das, ſie waren übel zu erſchwindeln; dabei aber raſtlos, unermüdlich in deinent angewandt, aber ich dachte daran nicht. Zum erſten Mal Streben— und der Vagabunde, der elende Taugenichts ſeit langer Zeit fühlte ich mich wieder als Menſch.“ der von den Kräften und Fähigkeiten, die ihm die Natur Der Gaukker hielt einen Augenblick inne. Er ſtarrte in reichlichem Maße zugetheilt hatte, einen ſo üblen Ge⸗ mir in's Geſicht, und es war, als ob ſeine ganze Geſtalt brauch machte— Beide aber ſich an ihr jämmerliches Da⸗ ſich in einen Schleier hülle, und nur ſein Auge mir ſicht- ſein anklammernd! Ich fühlte einen inneren Ekel, den ich bar bliebe. Sein Blick war wie verjüngt und ſtrahlte nicht bewältigen konnte, ich haderte mit Gott und der ſtendg. Er ſbitgelte ſene Gedanken wieder, die für einen Welt! urzen Moment an einem luftigen und leichten Bilde aus Unter ſo bitteren Empfindunge einer Zeit hingen, wo er noch Hoffnungen für die Zukunft der Bude ireb und buud hatte ich Vatcgi wihe hegte. Doch es war nur ein ſchnell vorübergehender Glücks⸗ erreicht, welche die Stadt umgibt. Auf der einen Seite ſchimmer; ſein Auge verdüſterte ſich ſchon wieder. breiteten ſich vor meinem Blicke die wogenden Kornfelder Indeß war meine Sympathie für ihn nun einmal ge⸗ aus mit dem reichen Segen der Arbeit, auf der anderen weckt. Seine zuſammengeſunkene Jammergeſtalt war für rauſchte das endloſe Meer, auf welchem ſtolze Schiffe die mich verſchwunden, ich ſah nicht mehr den geflickten, ſchä⸗ weißen Segel ausſpannten und dem fernen, heiß erſehnten bigen Rock, die heiſere Stimme des Trunkenbolds hatte Ziele entgegeneilten—— O, ich Thor, der ich mit dem jetzt einen hellen Klang. Ich hatte ſeine Partei genommen Schöpfer hatte rechten wollen! iin ſeinem Kampfe gegen die Unbill des Schickſals, ich zog 40*† ——CQCOCOCO—————— Feierſtunden. 1865. ————òO——— ——;— Badiſche Volkstrachten. Die Bewohner Badens gehören verſchiedenen Volks⸗ ſtämmen an; nördlich von der Murg ſind ſie fränkiſchen, ſüdlich von der Murg alemanniſchen, auf der ſchwäbiſchen Hochebene ſchwäbiſchen Stammes, und unter ihnen leben ſeit lange ſchon die Nachkommen eingewanderter Piemon⸗ teſen, Franzoſen und Wallonen(Waldenſer und Hugenot⸗ ten), die ihr Vaterland wegen Religionsverfolgung verlaſſen mußten, hier Aufnahme fanden und längſt mit der Maſſe des Volkes verſchmolzen, und zu Deutſchen geworden ſind, wie denn überhaupt deutſcher Geiſt vorherrſchend in Baden iſt. Juden zählt man über 24,000 im Lande, mithin doppelt ſo viel als in Württemberg. Das Großherzogthum Baden, deſſen Umfang 278 Quadratmeilen mit nahe an 1,400,000 Bewohnern umfaßt, hinſichtlich der Größe und Einwohnerzahl mithin gegenwär⸗ tig mit deutſchen Königreichen wetteifert, war bis zu An⸗ fange dieſes Jahrhunderts eine Markgrafſchaft mit einem Flächeninhalt von nur 65 Ouadratmeilen und 220,000 Ein⸗ wohnern. Alles Uebrige iſt ſeit jener Zeit dazu gekommen und das Großherzogthum, wie es gegenwärtig beſteht, iſt aus Ländern gebildet, die ſonſt Beſtandtheile des öſterrei⸗ chiſchen, ſchwäbiſchen, ober⸗ und kurrheiniſchen und fränki⸗ ſchen Kreiſes des deutſchen Reiches waren, nämlich aus der eigentlichen Markgrafſchaft Baden, der Landgrafſchaft Klett⸗ gau, den Grafſchaften Eberſtein, Bondorf und Hohen⸗ geroldseck, dem größten Theile der Fürſtenbergiſchen Herr⸗ ſchaften(als den Landgrafſchaften Stüflingen und Baar, der Grafſchaft Heiligenberg, den Herrſchaften Hauſen, Möß⸗ kirch und Gundelfingen), dem Bisthume Konſtanz, den Reichsabteien Salmansweiler, Petershauſen und Gengen⸗ bach, und den Reichsſtädten Ueberlingen, Pfullendorf, Offen⸗ burg, Gengenbach und Zell am Harmersbach, ſämmtlich zum ehemaligen ſchwäbiſchen Kreiſe gerechnet, wozu noch einige von Württemberg abgetretene Bezirke und der größte Theil des ſogenannten, zum öſterreichiſchen Kreiſe ge⸗ rechneten Vorderöſterreichs, namentlich das Breisgau, die Ortenau, die Grafſchaft Nellenburg ꝛc. gekommen ſind. Ferner beſteht das jetzige Großherzogthum Baden aus den auf dem rechten Rheinufer gelegenen Theilen der Bisthümer Speyer, Baſel und Straßburg, dem Johannitermeiſterthum oder Fürſtenthum Heitersheim, der Reichsprobſtei Oden⸗ heim und den Herrſchaften Lahr und Hanau⸗Lichtenberg des oberrheiniſchen Kreiſes; Theilen der Pfalz am Rhein und des Kurfürſtenthums Mainz des kurrheiniſchen Kreiſes, und einem Theile der Grafſchaft Wertheim des vormaligen fränkiſchen Kreiſes.. Faſt jede dieſer Landſchaften hat noch bis auf den heu⸗ tigen Tag ihren eigenthümlichen Charakter, ihre eigenthüm⸗ liche Volkstracht, und nur im Oberrheinkreiſe wechſelt dieſe in den verſchiedenen Theilen des Schwarzwaldes. Die Mundarten ſind ungemein verſchieden: der alemanniſche Dialekt iſt etwas rauh und hart, aber nicht ohne Wohl⸗ laut; der ſchwäbiſche eine Abart deſſelben; milder wird der⸗ ſelbe, ſowie man die Ortenau paſſirt, verſchwindet aber erſt ganz da, wo der fränkiſche Dialekt, die Sprache der Pfül⸗ zer und Odenwälder erſcheint, der reicher und feiner tönt, aber auch ſchon viel Anklänge vom Plattdeutſchen hat. Die Bewohner Badens ſtehen im Allgemeinen auf einer hohen Stufe der geſellſchaftlichen Bildung, und ſind im Ganzen ein fleißiges, treues und offenes, redliches, frei⸗ heitsliebendes, mithin auch, bei ihrer geiſtigen Beweglich⸗ keit, politiſchen und religiöſen Extravaganzen und Meinungs⸗ vertheidigungen nicht abgeneigtes Volk. Der Schwarzwälder iſt ſehr verſtändig, nachdenkend, ausdauernd, ſparſam, be⸗ gnüglich und ſittſam, zwar religiös, aber eben ſo munter und lebensfroh. Der Odenwälder iſt arm, doch lebensfroh und genügſam, dabei gaſtfreundlich, freigeſinnt und gemüth⸗ voll. Die Bewohner des Rheinthales ſind wohlgebaut, verſtändig, arbeitſam und mäßig. Der Pfälzer ſteht aber dem Oberländer ſchroff entgegen, wie der Wäldner dem Flachländer. Die Bewohner der größeren Städte des Lan⸗ des unterſcheiden ſich von denen anderer größeren Städte Deutſchlands nicht, nur der eigentliche Kern des Volkes blieb bis jetzt ſeinen Eigenthümlichkeiten und Gewohnheiten treu. Verſchieden in Geſtalt und Tracht, an Bildung und Sprache ſind die Markgräfler, die Thalleute, die Märker, die Kaiſerſtuhler, die Hanauer, Hardwälder, Beuhrheiner. Da und dort erzeugt Wohlhabenheit Stolz und geſteigertes Selbſtgefühl; in den Weingegenden der launenhafte Wech⸗ ſel von fruchtbaren Jahren und Mißernten oft verderblichen Leichtſinn; hin und wieder herrſcht auch Rohheit oder eine zu weit getriebene Biderbheit, Streit⸗ und Raufſucht. Ge⸗ wandter als die Wäldner ſind die Rheinthäler, aber nicht ſo kräftig und genügſam und ernſt. Die Sitten auf dem Lande ſind einfach, nur in einzelnen Gegenden hat der Luxus in Kleidung, Nahrung und Lebensart in Folge der ſteigenden Induſtrie und des gedeihlichen Handels ſehr zu⸗ genommen, und äußere, wie geſellige Bildung iſt durch dieſelben Urſachen Gemeingut Aller geworden. Am meiſten frei von allen Neuerungen haben ſich bis jetzt die Bewohner des altöſterreichiſchen Breisgaues(des Rheinthals und Schwarzwalds bis zum Kaiſerſtuhl) und des Klettgaues, die des alten Markgrafenlandes und der geſegneten, altbadiſchen Markgrafſchaft Hochberg unterhalb des Kaiſerſtuhls, mithin die Bewohner des jetzigen Ober⸗ rheinkreiſes erhalten. Dieſe an den Gebirgsrändern über⸗ aus reizenden und fruchtbaren, im Gebirge rauh und oft großartigen anziehenden und höchſt maleriſchen Landſchaften nähren eine Bevölkerung, welche, mehr als irgend eine an⸗ dere des Landes, in Sitte und Tracht ſo mancherlei aus der alten deutſchen Zeit bewahrt hat. Am längſten haben die Hauenſteiner, im Altgau, das Alterthümliche werth und heilig gehalten. Unter dieſem kräftigen, rauf⸗ und prozeßluſtigen Volke beſtand im Anfange des 15. Jahr⸗ hunderts eine Einigung, wie die der Schweizer, und aus dieſer Zeit ſtammt ihre Tracht. Die Männer tragen ein weitärmliches Krös⸗ oder Mutſchenhemd, ein rothes langes Leible, gefältelte ſchwarze Pumphoſen ohne Träger, eir! ſchwarze, weite, lange Jacke(Schopen) ohne Kragen, weie, Strümpfe, ſchwarze Schuhe mit rothen Laſchen, einen breitt krämpigen Filzhut, und ehemals volle Bärte. Die jungen Burſche ein weißes, gefälteltes Kräglein oder Halskrös, und eine grüne Sammtkappe mit Goldborte und Marder⸗ fell. Knöpfe kennt man nicht, ſondern nur Haften und Neſteln. Die Frauen tragen Alles ſchwarz, bis auf die rothen Strümpfe; die Mädchen Alles bunt: blaue oder gelbe gefältelte Juppen mit ſchwarzen Unterröcken, rothe Leib⸗ chen mit ſchwarzem Sammt benäht, einen geſtickten Bruſt⸗ latz und ſammtene oder ſeidene Briſtneſteln, ſchwarze, grüne oder rothe Schopen, bunte Göller, grüne oder blaue Schür⸗ ten Böden, oder weiße Schnozhüte, die einem gothiſche zen oder Fürtücher, ſchwarze Plunderkappen mit uani Feierſtunden. 1865. 317 — 1 Säulen⸗Kapitäl ähnlich ſehen, breite, ſeidene Zopfbänder der Wieſe am Feldberge, welche mit Bürſten und Zunder über den Rücken, und einen ſilbernen oder meſſingenen weithin die Länder durchwandern, haben weniger Auszeich⸗ Gürtel um den Leib. Die Todtnauer, bei der Quelle nendes; bei den kräftigen Zartenthälern dagegen, zwi⸗ ungs⸗ älder 1, be⸗ runter sfroh nüth⸗ baut, aber t um § Lm⸗ Städee Volkes eheiten ig und kärker, geiner. ggertes Wech⸗ blichen er eine . Ge⸗ r nicht f dem at der ge der hr zü- durch ich bis 6(des —) und ad der terhalb Ober⸗ über⸗ nd oft haften ine an⸗ ſei aus haben werth ⸗ und Jüür nd aus gen ein langes eil wele, Ibreilt jungen lekrös, dorder⸗ en un 3 uf die . ſel Leit⸗ Bruſt⸗ „rin 24 4 deet 7 fion ttiſcha 3 S 3 1 8 unteren Breisgau iſt Tracht und Lebensweiſe be⸗ denheit unſer Holzſchnitt zeigt. d, ſ ſonders charakteriſtiſch, und reich in der Mark(einem von u einem der geſegnetſten Thäler Badens(das Him⸗ Wald umzogenen Bezirk mit 80 Ortſchaften zwiſchen Frei⸗ bem Höllenthale und Freiburg, da wo Tarodunum genannt), iſt die Tracht eine der ſchönſten im Ober⸗ burg und dem Kaiſerſtuhl), auf dem Kaiſerſtuhl ſelbſt, und noch farbenreicher als die der Hauenſteiner. Im in der Forchheimer Ebene, die ſämmtlich in ihrer Verſchie⸗ . * —ÿ;— — Die Pferdediebe. Feierſtunden. 1865. ———— Scenen aus dem Leben in Amerika. Jch I. Im entlegenſten Winkel des Staates Georgia ſtand vor einigen vierzig Jahren in einem dichten Fichtenwalde eine elende Hütte, welche allem Anſcheine nach ſeit Jahren von Niemandem bewohnt wurde. Der wurmſtichige Laden des einzigen Fenſters hing nur noch in der Angel, die kleine Thür war ausgehoben und lehnte an der Wand, das Ka⸗ min ſchien jeden Augenblick einſtürzen zu wollen, und die Hütte ſelbſt mußte ſeinem Beiſpiele baldigſt folgen. So vernachläſſigt und baufällig jedoch das Ganze er⸗ ſchien, zeigten doch einige kleine Reparaturen dem aufmerk⸗ ſamen Beobachter, daß die Hütte noch jetzt manchmal menſch⸗ lichen Weſen, wenn auch nur vorübergehend, zum Aufent⸗ halt diente. So waren auch am Ende eines ſchönen Tages im Oktober 18.. vor der Thür drei Perſonen verſammelt, von welchen wir zwei wenigſtens unſern Leſern näher be⸗ ſchreiben müſſen. Der Führer des kleinen Trupps, bereits in vorgerücktem Alter, ſchien eine jener eiſernen Naturen zu beſitzen, auf welche die Zeit faſt keinen Einfluß ausübt. In grobes Haustuch gekleidet, einen breitkrämpigen Hut keck aufgeſtülpt, qualmte er nach Kräften aus einer kleinen, ſchwarzgerauchten Pfeife, während er zugleich ſorgfältig das Schloß ſeines Rifle reinigte. Ein paar Schritte von ihm entfernt ſtand ein hoch⸗ gewachſener, kräftiger, junger Mann, welcher auf einem von dem Dritten der Anweſenden, einem Negerburſchen, gedrehten Schleifſteine ſeine Axt ſchliff. So oft er in der Arbeit innehielt, um zu ſehen, ob die Axt ſcharf genug geſchliffen ſei, warf er einen fragenden Blick auf die Straße und arbeitete dann weiter, mit ſchlecht verhehlter Ungeduld das Nationallied»Yankee doodle« pfeifend. Eine geraume Zeit hindurch beobachteten die Drei bei ihren verſchiedenen Beſchäftigungen das tiefſte Stillſchwei⸗ gen, bis endlich der Raucher, aufſtehend, ſeinen Rifle an die Wand lehnte und ausrief: „Du biſt wie dein Herr, mein alter Snap, du taugſt nicht mehr viel! Nun, ſo lange als ich wirſt du wohl noch zuſammenhalten! Wir waren mit einander jung und mit einander werden wir alt, denn meine Muskeln ſind ſo abgenutzt, wie deine Stahlfedern!“ Einen Augenblick hing er den unerfreulichen Gedanken nach, welche dieſe Betrachtung in ihm erweckte, dann wandte er ſich an ſeinen Gefährten mit den Worten: „Ich glaube, Tom kommt nicht mehr. Er hatte es dir doch verſprochen?“ „Gewiß, Onkel. Zuerſt rief er aus:„Sage Cooper, ich wolle mit dieſem albernen Unternehmen meine Zeit nicht länger verlieren,“ er wurde aber ſchnell andern Sin⸗ nes, denn er verſprach, zugleich mit mir hier einzutreffen.“ „Hol ihn der Teufel! Man weiß nie, woran man mit ihm iſt.“ G „Warum es nicht ohne ihn verſuchen?“ „Tom Corley iſt drei Andere werth, ohne ihn möchte ich nicht gehen.“ Nun ſo gehe ich,“ rief Frank.„Ich gehe mit Mop, Duß und den Andern, und du wirſt ſehen, ob wir den wankelmüthigen Faullenzer, der heute ja und morgen nein ſagt, nicht entbehren können.“ „Wen richteſt du denn da ſo hübſch zu?“ frug ein in kräftiger, mittelgroßer Mann mit tief gebräunten Geſichts⸗ zügen, welcher ſich unbemerkt genähert hatte. Der neue Ankömmling war in groben, rothbraunen Wollenſtoff gekleidet; eine Fuchspelzmütze, mit einem Eich⸗ do hörüchenſchwanz geziert, verbarg zum Theil ſeine langen, 1 rothen Haare, und ein dichter, ungepflegter Bart gab ſei⸗ nen Zügen einen harten rohen Ausdruck. Er ſtellte ſich ſe vor den jungen Mann, welchen ſeine unerwartete Ankunft offenbar etwas verblüfft hatte, und fuhr mit gerunzelten Augenbraunen fort: „Du haſt, ſcheint's, ſeit heute morgen kein Stück deiner Zunge verloren. Es iſt ſchade, mein Junge, denn kr wenn du dich nicht in Acht nimmſt, bringt ſie dich in Un⸗ gelegenheiten!“ 3 „Ja, ich ſprach von Euch,“ antwortete Frank mit b feſter Stimme,„und ich wiederhole, daß wir ein halb Jahr 1 gebrauchen würden, um uns zu verſammeln, wenn alle br Mitglieder des Poney⸗Klubs eben ſo pünktlich wie Ihr V ſi wären!“ Dieſer Vorwurf trieb dem Neuangekommenen das ha Blut in die Wangen, die Adern ſeiner Stirn ſchwollen an 1. und einen Augenblick ſchien er zu überlegen, wie er wohl 8 am Beſten dieſen wiederholten Tadel beantworten könne, 8 dann zuckte er die Achſeln und wandte ſich an Cooper, in⸗ dem er ihm die Hand reichte, und ſagte: „Dein Neffe iſt wie die Köter, welche ſchon kläffen, wenn ſie noch nicht beißen können.“ 1 „Nun, pünktlich biſt du trotz alledem nicht. Ich b ſchicke am frühen Morgen zu dir, und du kommſt Abends ü angehinkt wie ein Jäger, der einen dreitägigen Marſch hin⸗ 1 ter ſich hat!“ ſe „Ich bin auch müde,“ ſprach Corley niederſitzend und 3 die Büchſe neben die ſeines Genoſſen legend.„Ich habe böſe Träume gehabt und bin übler Laune. Außerdem habe 1 ich es ſatt, ein Wild zu verfolgen, welches der angewand⸗ ten Mühe nicht werth iſt.“— „Dieſes Mal handelt es ſich aber nicht um einige ſe Pferde, ich will dir Alles ſagen,“ und nachdem er Frank und den Neger bei Seite geſchickt hatte, fuhr Cooper fort: 1 „Wenn du mithalten willſt, biſt du ein gemachter Mann.“ „Und wie ſo das?“ „Erinnerſt du dich des Pferdehändlers, welcher im vorigen Sommer mit einem großen Trupp Pferde/ und 39 Mauleſel durch Clackesville zog?“ nges „Ich habe treffliche Gründe, mich ſeiner zu erinteif! al Ich bezahlte ihm 120 Dollars für eine ſchlechte Meeie, 3 welche keine 30 werth iſt, die aber ſo geſchickt aufgepeilt A war, daß ich noch dachte, einen guten Handel zu maſgen Kommt der Mann wieder hier durch?“ frug Corley, fös, ſen Augen plötzlich in unheimlichem Feuer glühten. der⸗ „Du wirſt Alles hören, laß mich nur beim rechnd Ende anfangen. Vorige Woche ging ich nach Auguſtazdie muß ein Jahrmarkt, eine Milizmuſterung oder etwas Aelb liches ſtattgefunden haben, denn die ganze Stadt war den Beinen. Nachdem ich meine Geſchäfte beendigt halſt ging ich in ein Wirthshaus, um ein Glas Mintjulep dur⸗ 2 trinken, und wen ſehe ich wohl da beim Eintreten? Jür⸗ Pferdehändler, an einem Tiſche ſitzend und vor ihm kick. Menge Leute, welche ihre Wechſel gegen baar Geld eirchen 4 = Antuuft unzelten Stück , denn in Un⸗ ik mit Jahr n alle ie Ihr en das len an wohl könne, r, in⸗ läffen, 8ch Abends ch hick⸗ nd und ch habe m habe ewand⸗ einige Frank fort: Lari.“ rief der Wirth, meine Hand ergreifend. Feierſtunden. 1865. ——:ͤn; ten; ſein Hut füllte ſich raſch mit Banknoten, und einige hübſche Häufchen Dollars lagen vor ihm auf dem Tiſche. Ich ging zum Wirthe, um Näheres zu hören. „„Wer iſt wohl der Kaufmann, der das Geld nur ſo einſtreift?“ „Das iſt kein Kaufmann, es iſt Boon, der Pferde⸗ händler aus Kentucky. „Nun, wenn er oft ſolche Einnahmen hat, das Geſchäft bald aufgeben.“ „Er war voriges Jahr hier, zur Zeit, da das Geld ſelten war, und er wäre wohl mit allen ſeinen Pferden wieder abgezogen, wenn er nicht ſtatt des baaren Geldes gute Wechſel als Zahlung angenommen hätte; auf dieſe Weiſe hat er Alles verkauft und heute geht das Geld ein.: „Hat er noch viel Pferde? Bei mir zu Hauſe könnte er wohl einige verkaufen.“ „Woher ſeid Ihr?“ „Von Nankiſſee, zwiſchen Clackesville und dem Thale. Kennt Ihr Thomſon, welcher die Plantage bei Nan⸗ kiſſee hat?“ „„Ich weiß, daß er ein alter Fuchs iſt und die Zahl ſeiner Aecker ſelbſt nicht kennt, geſehen habe ich ihn nie.“ „Nun, ich bin dieſer alte Fuchs, welcher mehr Aecker hat, wie Ihr Ziegel auf dem Dache.“ „„Ich bin ſehr glücklich, Eure Bekanntſchaft zu machen,“ „Ich muß Euch Boon, kommt doch einen kann er dem Pferdehändler vorſtellen. Augenblick her.“ „Sogleich, laßt mich nur mein Geld aufheben.: „Ich fuhr fort, mit dem Wirthe zu plaudern, wäh⸗ rend ich zugleich beobachtete, wie Boon ſeine Banknoten ſorgfältig in einer alten Brieftaſche verwahrte. Sowie er damit zu Ende war, kam er auf uns zu. „Boon, ſprach der Wirth mit wichtiger Miene, ‚ich ſtelle Euch meinen Freund Thomſon von Nankiſſee vor, den reichſten Pflanzer in Georgia. „Habt Ihr noch einige gute Pferde, frug ich den Pferdehändler. „„Prachtthiere, welche zehn Meilen zurücklegen, ohne es nur zu ſpüren.... Doch kommt mit, Ihr ſollt ſie ſehen. „Kann nicht, ich reiſe in einer Viertelſtunde ab, aber in Nankiſſee braucht man Pferde, und Ihr würdet wohl⸗ thun, hinzukommen.: „Danke für den Rath, in acht Tagen bin ich dort. „Er ſchüttelte mir die Hand und entfernte ſich, ſehr zufrieden. Heute morgen nun, während Frank und ich oben auf dem Hügel Bäume fällten, ſahen wir ihn mit allen ſeinen Pferden und Maulthieren die Straße hinziehen. Ich ſandte ihm Frank nach, und richtig übernachtet Boon in Clackesville, um morgen nach Nankiſſee zu gelangen. *] hat blos zwei Männer bei ſich, und kurz, es bietet ſich eine ſchöne Gelegenheit, nur müſſen wir uns ſputen, 1 81 ſiehſt. Ich ließ deßhalb auch bereits deinen Bru⸗ 5 Dove, Shattlin und Mop benachrichtigen.“ ſind wir, deinen geſprächigen Neffen mitge⸗ ⁸ er ſieben. Das iſt mehr als hinreichend. gegn e wiſſen, ob Boon mit ſeiner ganzen Baar⸗ men, Sne s er wenigſtens 15,000 Dollars in igt.“ mehr wie 2000 für Jeden von uns!“ huung 6000 für mich, 6000 für 1. — 319 ——;——-————— „Was ſoll das heißen?“ „Es iſt doch einfach genug! Die Andern ahnen nicht, daß der Pferdehändler ein Vermögen mit ſich herumſchleppt, und wir brauchen es ihnen ja nicht zu ſagen. Wir geben einfach an, du habeſt einen alten Streit mit Boon auszu⸗ fechten, bringen die Brieftaſche bei Seite und die Andern werden ſich mit den Pferden begnügen.“ „Meinetwegen! Doch iſt es ein gewagtes Ding, denn nach den Geſetzen des Poney⸗Klubs verwirken wir unſer Leben; doch iſt die Sache ſchon der Mühe werth.“ „Die Kameraden können jetzt jeden Augenblick kommen, und da ſie nicht zu wiſſen brauchen, daß wir mit einander geſprochen haben, ſollteſt du, denke ich, dich wieder ent⸗ fernen, und erſt in einer Stunde etwa erſcheinen.“ „Abgemacht!“ II. Eine kurze Unterbrechung wird hier nothwendig, um unſern Leſern Einiges über die Verbindung, von welcher ſchon mehrfach die Rede war, mitzutheilen. Der Poney⸗Klub war eine Genoſſenſchaft von Miſſe⸗ thätern, welche die ganze Nachbarſchaft ausplünderten, wo⸗ bei ſie ſich beſonders an den Pferdediebſtahl hielten. Trotz ihrer häufigen Zuſammenkünfte und ihrer unzähligen Dieb⸗ ſtähle waren ſie bisher unentdeckt geblieben; Jeder von ihnen ſchien ſo ruhig und geregelt zu leben, wie die ehr⸗ barſten Farmer der Nachbarſchaft, und ſo war es ſogar ſchon vorgekommen, daß der Beraubte ſich an die Diebe gewandt hatte, um Auskunft über ſein verſchwundenes Vieh zu erhalten. Außerdem machten die weiten Entfernungen, welche in dieſem immer noch halbwilden Lande die eine Wohnung von der andern trennen, jede Nachforſchung ſehr ſchwierig. Kam es ja einmal vor, daß Mißtrauen gegen ein Mitglied des Poney⸗Klubs rege wurde, ging das Ge⸗ rücht, er habe zehnmal mehr Pferde verkauft, als er auf⸗ gezogen, ſo dauerte es nicht lange, und der Verdächtige wurde von den unbekannten Räubern heimgeſucht. Seine Umzäunungen wurden niedergeriſſen, ſein Vieh geſtohlen, und die böſen Zungen mußten geſtehen, daß ſie dem Ehren⸗ manne Unrecht gethan hätten. III. Die Mitglieder des Poney⸗Klubs ſind, der erhaltenen Einladung gemäß, in Coopers Blockhütte verſammelt und ſitzen um einen roh behauenen Tiſch herum, welcher Gläſer, Ta⸗ bak und einen tüchtigen Krug Pfirſichbranntwein trägt; ein helles Feuer im Kamin beleuchtet die ganze Gruppe. Cooper, der Anführer der Bande, hat ſeinen Plan vorge⸗ legt, und die Stunde des Aufbruchs wird unter behaglichem Plaudern erwartet. Während einiger Minuten hörte man nur die Gläſer klirren, bis endlich Tom Corley ausrief: „Nein und abermals nein, der Poney⸗Klub arbeitet nicht, wie er es ſollte!“ „Ich glaub' es wohl,“ entgegnete ſein Nachbar,„man verliert, um dich zu erwarten, mehr Zeit, als nöthig iſt, um alle andere Mitglieder des Klubs zu verſammeln!“ „Nie habt Ihr wahrer geſprochen, Dove,“ verſetzte Frank lachend,„daſſelbe habe ich meinem Onkel erſt heute morgen geſagt.“ Frank hatte kaum ausgeſprochen, als Corley einen Fauſtſchlag nach ihm führte, welcher ihn niedergeſchmettert hätte, wenn er ſich nicht noch zeitig gebückt hätte. — — — — — ———— 320 „Soll ich dich denn todtſchlagen, du Naſeweis,“ rief er aufſtehend. „Ich fürchte Euch nicht, trotz Eurer wilden Miene,“ entgegnete Frank in entſchloſſenem Tone. Dieſe Herausforderung brachte Corley außer ſich, und er ging mit ſo drohender Miene auf Frank los, daß Coo⸗ per auſſprang und ihn zurückhielt. „Tom, du darfſt meinen Neffen nicht ſchlagen, er iſt ja viel ſchwächer wie du.“ „Warum haſt du ihn nicht ſelbſt gezüchtigt? Es iſt das drittemal, daß er mich heute verhöhnt. Laß mich los, ich will ihn zur Beſinnung bringen.“ „Und du ſollſt ihn nicht ſchlagen,“ ſagte Cooper, in⸗ dem er mit eiſernem Griffe Corley feſthielt. „Ruhe da! Laßt doch die Händel,“ riefen die Andern dazwiſchen. Da riß ſich Tom plötzlich von Cooper los, und ehe ihm Jemand in den Weg treten konnte, ſprang er auf Frank zu und ſtreckte ihn mit einem einzigen Fauſtſchlage zu Boden. Cooper ſtürzte ihm nach, packte ihn bei der Kehle und ſchleuderte ihn mit furchtbarer Gewalt gegen die Wand. Einen Augenblick ſtanden ſich die beiden Männer wildblickend gegenüber, doch die Zuſchauer waren dazwiſchen getreten, und nach kurzem Schwanken bot Corley ſeinem Gegner die Hand. „Ihr habt Recht,“ ſagte er,„alte Freunde wie du und ich dürfen ſich einer Kinderei wegen nicht entzweien.“ Ohne ein Wort zu ſagen, ergriff Cooper die darge⸗ botene Hand, doch ſahen die Anweſenden wohl, daß er nicht verſöhnt ſei; Frank hatte ſich mit grollender Miene neben das Kamin geſetzt. Eine Viertelſtunde verſtrich in unheim⸗ lichem Schweigen; da ſprang der Führer auf und ſein Glas leerend rief er: „Die Zeit iſt da— vorwärts!“ Alle ſtanden auf, und erwarteten nur die letzten Wei⸗ ſungen des Führers, um aufzubrechen. „Du Dove, gehſt mit Shattlin und Robert Corley, ihr umſchleicht das Dorf Faloola und überzeugt euch, ob Alles dort ruhig iſt; ihr werdet wohl thun, die Hufe eurer Pferde zu umwickeln, um keinen unnöthigen Lärm zu machen. Tom, Frank, Mop und ich gehen durch den Wald und erwarten euch unter der großen Fichte.— Vorwärts, und keinen Lärm gemacht!“ Die Bande theilte ſich, und erſt gegen 2 Uhr Mor⸗ gens waren die verſchiedenen Mitglieder derſelben unter dem bezeichneten Baume verſammelt. Der Anführer nahm ſo⸗ gleich Tom Corley bei Seite, und nach einigen leiſe ge⸗ flüſterten Worten entfernte er ſich, um zu rekognosciren. Geräuſchlos kroch er längs einer Umzäunung hin, innerhalb welcher ſich etwa ſechzig Pferde, Boon's Eigen⸗ thum, befanden, und näherte ſich mit äußerſter Behutſam⸗ keit einer Blockhütte, deren verfallene Wände einzelne Licht⸗ ſtrahlen durchſchimmern ließen. Nahe genug gekommen er⸗ laubte ihm ein hellloderndes Feuer das Innere der Hütte genau zu überſchauen, und mit Befriedigung ſah. er, daß nur drei Männer in derſelben ſchliefen. Ravell und ſein Sohn hatten ſich wohl unter den nahen Schuppen zurück⸗ gezogen. Neben dem Einen der Schläfer lagen ein paar Piſtolen und eines jener gefährlichen Meſſer, welchen die Amerikaner den halb engliſchen, halb indianiſchen Namen bowie-knife beigelegt haben. Ebenſo vorſichtig, wie er ſich genähert hatte, entfernte ſich Cooper wieder von der Hütte, und theilte ſeinen Leu⸗ ten das Ergebniß ſeiner Nachforſchungen mit; dann ſtellte N⁸ 8 Feierſtunden. — „ 1865. ——ò—:—B———————— er ſie(mit Ausnahme Tom Corley's) links und rechts von der Thüre auf und verließ ſie wieder, nachdem er ſie kurz ermahnt hatte: „Wartet mit dem Angriffe, bis ſie zerſtreut ſind.“ Von Corley gefolgt begab er ſich dann wieder an die einige Schritte von der Hütte entfernte Umzäunung, ſtieg über das Gatter, packte das erſte Pferd, welches er fand, bei der Mähne, und führte es an den Zaun, wo Corley, welcher draußen geblieben war, einen Bündel trockenen Graſes an den Schweif des Thieres heftete. Cooper ent⸗ fernte ſich wieder, indem er ſeinem Gefährten empfahl, das Zeichen zu erwarten, bemächtigte ſich einer Stute, die er ebenfalls an den Zaun ſchleppte, und gab endlich das ver⸗ abredete Zeichen. Tom zündete den am Schwanze ſeines Pferdes befeſtigten Grasbüſchel an, und das Thier ſtürzte, vor Entſetzen und Schmerz wiehernd, unter ſeine Gefähr⸗ ten. Die Liſt hatte den gewünſchten Erfolg. Boon und ſeine Knechte eilten herbei, aber kaum waren ſie aus der Hütte getreten, als ſie niedergeriſſen und geknebelt wurden. „Führt die zwei Männer in die Hütte,“ befahl der Anführer,„ich will ihrem Herrn meine Schuld abtragen.“ Die Räuber, glaubend, daß es ſich um einen Cooper allein betreffenden Streit handle, entfernten ſich ohne Miß⸗ trauen, während Boon hülflos unter Toms Kniee ſich krümmte. „Das Geld her,“ rief dieſer, ſowie ſeine Gefährten verſchwunden waren. „Ich trage keinen Dollar bei mir, ich habe Alles in Clackesville gelaſſen.“ „Du lügſt.“ Und Tom begann ſachte ſeines Opfers Halsbinde zu löſen. „Tödtet mich nicht! Das Geld iſt in meiner Rock⸗ taſche, nehmt Alles, nur tödtet mich nicht.“ Cooper bückte ſich und bemächtigte ſich der Brieftaſche. „Kennt Ihr mich denn nicht mehr, Boon?“ frug Corley. „Ich kenne Euch nicht, habe Euch nie geſehen.“ „Wie, entſinnt Ihr Euch nicht eines gewiſſen Tom Corley, eines einfältigen Kerls, der Euch für eine Mähre, die keine fünf Dollars werth iſt, ein Sündengeld zahlte?“ „Ihr habt ja mein Geld, was wollt Ihr mehr? Be⸗ haltet es, ich werde Euch nie verrathen.“ „Dafür will ich ſchon ſorgen,“ erwiederte Corley, mit der einen Hand ſeinen Gefangenen feſthaltend, wäh⸗ rend er mit der andern nach ſeinem bowie-knife griff. „Ermordet mich nicht, Gnade um des Himmels, um meiner drei kleinen Kinder willen.“ Vergebliches Rufen! Die Klinge der bowie-knife glänzte im Mondlichte und das Blut des Unglücklichen ſtrömte aus einer klaffenden Wunde, während der Mötdr ſich hochaufathmend erhob; in demſelben Augenblicke jedo, krachte in unmittelbarer Nähe ein Flintenſchuß, und Cor⸗ ley, tödtlich getroffen, brach auf dem Leichnam ſeines Opftnd zuſammen. die Entſetzt ob dieſes plötzlichen Strafgerichts ſahleelbe Cooper haſtig um und erblickte den jungen Ravell, gr fib⸗ ſich eben haſtig in das Dickicht flüchtete. Er wußte hallſt⸗ ob Boon todt ſei, und fürchtete, ſeinen mit Couplep üne meinſchaftlich ausgeführten Streich verrathen zu ſü? a ſeine Gefährten in größter Haſt entfloh. 1 ür⸗) plötzliche Tod ſeines Spießgeſellen beraubte ihn j 1n. h kommen aller Beſinnung, daß er nach einem Aheeld eirſchenT 8 11 „ 8 von e kurz d.“ an die ſtieg fand, orley, cenen ent⸗ l, das die el 8 ver⸗ ſeines türzte, ſefähr⸗ t und s der urden. l der gen.“ Woper Miß⸗ ee ſich ährten les in nde zu Rock⸗ faſche frug 1 Tom Nähre, hlte?“ / Be⸗ 7 ℳ 4 alles Feierſtunden. 1865. —— Der gefallene Schuß hatte die letzteren ſchon aus der Hütte gerufen, und das klägliche Wiehern eines Pferdes, welches den Leichnam ſeines Herrn entdeckt hatte, brachte ſie ſogleich auf die richtige Fährte. Dove bückte ſich, um zu ſehen, was denn vorgegan⸗ gen ſei, und richtete ſich mit dem entſetzten Ausrufe raſch wieder auf: „Bei Gott, Tom hat den Händler ermordet und Cooper hat Tom erſchoſſen!“ „Unmöglich,“ unterbrach ihn Frank, der Schuß, den wir hörten, kam nicht aus Snape's Rohr. Ich kenne meines Onkels Flinte zu gut, um mich zu täuſchen.“ „Er hat meinen Bruder kaltblütig ermordet, um eine im Zorne zugefügte Beleidigung zu rächen,“ rief Robert Corley,„ſei ruhig, Tom, du ſollſt auch gerächt werden!“ Man trug den Leichnam Boon's in die Hütte, in welcher ſeine zwei Knechte geknebelt lagen; der Jüngere der Bei⸗ den konnte einen Schrei des Ent⸗ ſetzens nicht zurück⸗ halten: „Sie haben ihm die Kehle ab⸗ geſchnitten, um ihn zu berauben!“ „Trug er denn Geld bei ſich?“ frug Robert Corley haſtig. „Nahean fünf⸗ zehntauſend Dollars in Banknoten.“ Dove beeilte ſich, die Kleider des Ermordeten zu un⸗ terſuchen, aber ſo ſorgfältig er auch jede Taſche leerte, ſchwunden. „Jetzt ſehe ich, wie Alles zugegangen iſt,“ ſprach Shattlin, Cooper hat das Geld bei Seite gebracht. Hat er auch Tom nicht ermordet, ſo hat er ſich wider unſere Geſetze vergangen, und muß verfolgt und beſtraft werden.“ Während ſeine Gefährten auf ſolche Weiſe den That⸗ beſtand feſtſtellten, hatte ſich Frank unbemerkt davon ge⸗ ſchlichen, und eilte, ſeinen Onkel von der ihm drohenden Gefegr zu benachrichtigen. Beinahe zugleich mit ihm traf er d„Cocütte ein.— „uttelnd,ſt, Onkel, flieht, ſie beſchuldigen Euch, den PSpur hinſer beraubt und Tom ermordet zu haben.“ Dahabe Tom nicht getödtet; der kleine Ravell er⸗ prügle ihlwie er ſich eben wieder aufrichtete. ſch Bube einen ſolchen Mann tödten!“ wußte wohl, daß Ihr unſchuldig ſind, aber ſie mit ſich reden. Sie tödten Euch, wenn Ihr SS Ir erkannte nun, zu ſpät, wie unvorſichtig ſeine ⁸. Hütte er ſeine Gefährten ruhig erwartet, ſein ,( V S ſt der Ladung hätte unwiderlegbar bewieſen, daß ſionallem Mörder Corley's war. 7 Ein fünf⸗ der Schatz war und blieb ver⸗ V 321 —; —; „Aber wie fliehen? Mein Pferd iſt zu Schanden ge⸗ ritten, und das deinige hinkt. Frank,“ fuhr er fort, während des Redens haſtig ſeine Korbflaſche füllend und einigen Mundvorrath zu ſich ſteckend,„Frank, bleibe du hier, ſage ihnen, ich ſei fort, und ſuche mich auf, ſobald du Pferde bekommen kannſt. Sie werden wähnen, ich ſei entflohen, ohne dich zu benachrichtigen. Ich werde mich inzwiſchen in den Grotten von Faloola verborgen halten, und wenn du nur verſchwiegen biſt, wird Alles ein gutes Ende nehmen.“ „Seid ruhig, Onkel, von mir ſollen ſie nichts er— fahren.“ Die übrigen Mitglieder des Poney⸗Klubs, durch Franks Flucht in ihrem Verdachte beſtärkt, dachten wohl, daß Cooper, ehe er ſich in die Wildniß begäbe, nach ſeiner Hütte eilen würde, und daß ihn ſein Neffe dort treffen würde. Sie war⸗ fen Tom's Leiche auf eines der ge⸗ raubten Pferde und folgten im Galopp dem Entflohenen, hatten jedoch mit Streiten und Un⸗ terſuchen ſo viel Zeit verloren, daß, als ſie vor der Hütte ihres ehema⸗ ligen Anführers an⸗ langten, dieſer ſich bereits ſeit 2 Stun⸗ den entfernt hatte. Sie fanden nur Frank, ruhig ſeine Pfeife am Kamin⸗ feuer rauchend. „Wo iſt dein Onkel?“ fuhr ihn Dove an. „Ich weiß es nicht, denn ich erwarte ihn, ich habe ihn nicht geſehen.“ „Du lügſt,“ rief Robert Corley,„er hat meinen Bruder getödtet, und du wirſt mir ſagen, wo er ſich ver⸗ ſteckt hält.“ „Er hat Tom nicht ermordet, der junge Ravell hat ihn erſchoſſen, mein Onkel ſah ihn davonlaufen,“ geſtand Frank, durch den Grimm der Verfolger eingeſchüchtert. „Siehſt du wohl, daß du logſt! Wie könnteſt du das wiſſen, wenn du deinen Onkel nicht mehr geſehen hätteſt? Und wenn deine Ausſage wahr iſt, warum hat er uns nicht erwartet, warum hat er das Geld bei Seite ge⸗ bracht?“ „Genug des Redens,“ rief Robert Corley, mit dem Fuße ſtampfend.„Wo iſt dein Onkel?“ „Ich weiß es nicht, und wenn ich es wüßte, würde ich es nicht ſagen.“ „Das wollen wir gleich ſehen; willſt du ſprechen, ja oder nein.“ „Ich weiß nichts!“ „Du lügſt, fage ich. Wenn du nicht augenblick ent⸗ ich dich zu Tode.“„ande, in welchegrfe⸗ Frank erbleichte, erwiederte able Rüc Feierſtunden. 1865. „Haſt du ſchon geſehen, wie manſeinem unzähmbaren Onkel Tom nicht getödtet hat, hat er nichts von uns zu 1 PFPuerde die Nüſtern zuſammenbindet?... Ja... Nun fürchten, aber auffinden müſſen wir ihn.“ ſn wwoenn die aufgehende Sonne dies Fenſter berührt, und du Die ungewohnte Milde, welche ſich in Mop's Be⸗ pur nicht gebeichtet haſt, werde ich dich auf dieſelbe Weiſe be⸗ nehmen kund gab, bewegte Frank mehr, als die ausge⸗ haandeln.“ ſtandenen Martern, und mit Thränen in den Augen rief Get l Die Räuber ergriffen den jungen Mann, welcher ſich, er aus: 4. ih ohne einen vergeblichen Widerſtand zu verſuchen, ergab,.„Mop, mein Onkel hat mich aufgezogen, ich kann den und banden ihn an einen Pfeiler feſt, welcher das Dach ihn nicht verrathen!“ l ſtützte. Dann bat Dove einen ſeiner Gefährten, ihm ein Dove näherte ſich wieder Frank, allein Mop hielt ihn u Ende Bindfaden zu verſchaffen, und begann eifrig an einem mit den Worten zurück:. her Stückchen Holz herum zu ſchnitzen. Er war eben damit„Warte ein wenig, es kommt mir ein Gedanke, den far z u Ende, als man ihm mehrere Stücke brachte. Er un⸗ wir früher hätten haben ſollen.“ 1 5 terſuchte ſie ſorgfältig und wählte eines von mittlerer Und zur Hütte hinaustretend ging er gegen den Wald Stärke aus. zu, und rief mehrere Male den Namen Jupiter; nach eini⸗ fü „So,“ ſagte er,„das wird nicht zu tief ein⸗ gen Minuten tauchte auch richtig das verſtörte Geſicht des ſchneiden.“ Negers aus einem dichten Buſche auf. d Während Frank in düſterem Schweigen dieſe geheim⸗„Komm heraus,“ rief Mop. be nnißvollen Vorbereitungen beobachtete, hatte die aufgehende„„Ach, ſeid Ihr es, Maſſa Mop? Was hat man denn for Sonne den Nebel zerſtreut, und ſchien nun in all' ihrer meinem armen jungen Herrn gethan?“ G Pracht, von dem fröhlichen Geſang der Vögel begrüßt.„Komm nur her.... Du haſt gute Augen, nicht li Ddite ganze Natur ſchien ſich zu freuen, nur Frank zitterte, wahr?“ ſch NWmaals er das goldene Licht dem verhängnißvollen Fenſter„Freilich.“. 3 hm näher und näher kommen ſah, denn er kannte die Grau⸗„Siehſt du den Prügel?“ 9, ſamkeit ſeiner Gefährten nur zu gut.„Ha, Weoſſot ig in zie taurige Nothwendigke ſp jrſ a„Nun, ich werde mich in die traurige Nothwendigkei „Wirſt bn geſtehen, ſprach Dode⸗ näͤher krrtend. verſetzt ſehen, ihn auf deinen Schultern zu zerbrechen, R „Sag' uns, wo dein Onkel ſich verborgen hält, und wenn du nicht raſch und deutlich meine Fragen beantwor⸗ ſt ess ſoll dir kein Haar gekrümmt werden,“ fügte Mop eine Fra 4 m 1 teſt.... Warſt du wach, als dein Herr heute morgen hinzu. W 4„ ze nach Hauſe kam?“ n „Warum fragt Ihr mich nicht, wo der Hirſch iſt, Ich glaube, i 2 3 7,. glaube, ich war es. der heute morgen vorüberkam? Was ſagte er?“ 78 „Das iſt etwas ganz anderes, du weißt vollkommen„Er ſagte gar nichts.“ 3¹ gut, wo dein Onkel iſt.“„Nimm dich in Acht! mein Prügel wird unruhig.“ Und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, legte er„Gewiß, Maſſa; am Anfang ſagte er gar nichts. die bereit gehaltene Schlinge um Frank's Naſe und begann, Maſſa Frank kam und rief, man wolle ihn tödten, und J ſie vermittelſt des Stückchen Holzes immer enger zuſammen⸗ er müſſe fliehen.“ d zuziehen.„Weiter!“ G Nach einigen Augenblicken wurde Frank leichenblaß,„Weiter ſagte Maſſa Cooper, er habe Niemand ge⸗ ſ und ſchwere Thränen ſtrömten über ſeine Wangen. tödtet.“ 5 „Ich fahre fort, bis du geſtehſt.“„Und dann?“ ij Frank ſchwieg beharrlich, obgleich ſein von Schweiß„Dann ſteckte er Branntwein, gedörrtes Fleiſch, Pul⸗ n überſtrömtes Antlitz bewies, wie entſetzlich er litt. Das ver, Kugeln und Tabak zu ſich.... Ha, wit kalt es 1 Blut war aus ſeinen Wangen gewichen, während aus den hier iſt, Maſſa Mop.. ve Poren ſeiner Naſe einzelne rothe Tropfen drangen.„Aufgepaßt,“ rief Mop, ſeinen Prüidal ſchwingend, 1n „Willſt du geſtehen?“ frug Dove. und„Ja, ja, und dann nahm 85 Pulver und Kugeln d „Nein,“ erwiederte Frank, und ſeine Sinne ver⸗„Hol dich der Teufel!“ rief Mop, ihm einige tüchtge ließen ihn.. Streiche verſetzend,„willſt du mich zum Beſten haben?“ 9 . arterwerkzeug wurde ſogleich entfernt; eine„Genug, genug, Maſſa Mop,„ich will Alles ſagen.“ 1 züduiegdn chde it⸗ wo die Schnur in das Fleiſch ein⸗„Wohin ging Cooper?“ 3 . 9 3. 1 8 Die Narbe da wird er Zeit ſeines Lebens nicht ver⸗ Hahten eee deneſea von Faloolge An ſich dort ¹ lieren,“ bemerkte Dove. Bravo,“ rief in die Hütte ur Mehre; „ 3„Bravo,“ rief Mop, in die Hütte liehr⸗Mlhre; „Und er braucht ſich ihrer nicht zu ſchämen,“ erwie⸗„Ihr könnt Frank losbinden. Cooper hat fänd icke jeduß⸗ derte Mop, welcher, von Frank's Muth gerührt, ſich be⸗ len von Faloola geflüchtet.“ Ich und Car s mühte, ihn wieder in das Leben zurückzurufen, indem er„Wenn es nach meinem Sinne ginge, kch ihm Geſicht und Hände mit kaltem Waſſer wuſch;„laßt nicht ſo leichten Kaufs davon,“ brummte⸗ n⸗ 7 mich nur machen, ich will ihn ſchon zum Reden man Frank losband. Ich N bringen.“.„Gib mir die Hand, Frank,“ ſagte nicht ⸗ Frank ſchlug bald die Augen auf, doch ſchloß er ſie dein Onkel gegen uns verfahren, wie duflieht-⸗Wn Waleich wieder, als er dem Blicke ſeines Peinigers be⸗ wäre Alles gut gegangen.“ ſi ofulep ſüne h W bowie-kun„Wiährend all' dies vorging, war Lao ür⸗ dul 7a Ebeiſ⸗ vachegeach Weon, ln ſarſt Lündan un rauhen düle vus Faloola eeilt am Anfange ehr m ihm ſtick⸗ a .. un dein daher, doch mäßigte e i 3 ei MTn ten das Ergebniß ſeiner.' doch mäßigte er bald ſeine Elle, er deld einſche — eierſtund 4 3 1 1 4 N N 1 2 1 K V 1 — Feierſtunden. 1865. ——-:ͤyy————;; O— un 3n war er überzeugt, ſeinen Verfolgern einen bedeutenden Vor⸗ vs Be⸗ ſprung abgewonnen zu haben, und dann war er von den ausge⸗ vorhergegangenen Strapazen ermüdet. 3 gen rief„Ich habe eine Laſt auf dem Herzen, die mir das Gehen ſauer werden läßt,“ ſeufzte er.„Wie anders würde h kann ich einherſchreiten, wenn mein Gewiſſen über den Schatz, den ich bei mir trage, ruhig wäre!“ elt ihn Er ging von der Straße ab in das Dickicht, und am . Fuße eines Baumes niederſitzend zog er Boon's Brieftaſche ke, den hervor und begann die Banknoten zu zählen. Als er aber fand, daß die Summe über 30,000 Dollars betrug, konnte n Wald er ſich nicht enthalten, auszurufen: ch eini⸗„Weiß Gott, um ſo viel baares Geld bei ſich zu cht des führen, muß man wenig vom Leben halten!“ — Er ſteckte die koſtbare Brieftaſche wieder ein, und nach⸗ dem er etwas Speiſe und Trank zu ſich genommen hatte, n denn beſchloß er eine Stunde zu ſchlafen, ehe er ſeine Flucht fortſetzte. nich Als er erwachte, fuhr er erſchrocken auf, er hatte viel länger geſchlafen, als er gedachte, die Mittagsſtunde war ſchon vorbei. Er raffte ſeine Flinte auf und machte ſich haſtig auf den Weg; doch kaum war er wieder auf der Landſtraße angelangt, als er beim Anblick mehrerer Pferde⸗ digket ſpuren wieder ſtille hielt. Es war zu ſelten, daß ein Trupp rechen Reiter die abgelegene Straße benutzte, als daß dieſer Um⸗ hvor⸗ ſtand nicht Cooper's Argwohn hätte erregen ſollen, um ſo haen mehr, da er wahrnahm, daß die Schaar immer ſchneller rg geritten war, je näher ſie Faloola kam. „Sollte mich Frank verrathen haben,“ rief er aus, „Frank, meiner Schweſter Sohn! Unmöglich! Und doch .... habe ich nicht auch meine alten Freunde betrogen?“ 1„ Endlich entſchloß er ſich, ſeinen Weg fortzuſetzen, in⸗ hig. dem er ſich in einer gewiſſen Entfernung von der Straße nichts durch das Unterholz einen Pfad bahnte, und nach einer 7und mühſamen Wanderung erreichte er die Felſen, welche über den Fällen von Faloola emporragen. Dort fand er ſeinen ſchlimmſten Verdacht beſtätigt: er ſah die Pferde ſeiner d ge⸗ Feinde und konnte nicht mehr daran zweifeln, daß man ihnen ſeinen Zufluchtsort verrathen habe. . Raſch gefaßt beſchloß er, ohne Frank, der ihn ja ver⸗ pul⸗ rathen hatte, zu erwarten, den Fluß zu überſchreiten und alt es ſich in dem Felſenlabyrinth auf dem jenſeitigen Ufer zu verbergen: nach einigen vergeblichen Anſtrengungen gelang end. es ihm denn auch, unbeobachtet dieſen Zufluchtsort zu er⸗ ugeln reichen.... Dove und ſeine Gefährten waren ebenfalls erſt ſpät, üchtige gegen vier Uhr Nachmittags, angelangt, und ſie hatten ben?“ nichts Eiligeres zu thun gehabt, als ſich an den Eingang agen. der Höhlen zu begeben und Cooper zur Uebergabe aufzu⸗ fordern. Da ihr Rufen ohne Antwort blieb, näherte ſich n,fen Mop dem Eingang und beſchaute Alles auf das Genaueſte. .„Cooper kann nicht hier ſein,“ ſprach er endlich kopf⸗ lehre; ſchüttelnd,„eine Katze hätte ja in dieſem hohen Graſe eine edch⸗ Spur hinterlaſſen.“ Col„Dann hat uns der Neger belogen,“ rief Dove,„ich pfund prügle ihn zu Tode.“ die„Ich glaube kaum, daß er uns getäuſcht hat,“ ent⸗ lelbe gegnete Robert Corley.„Cooper wird wohl bald ankom⸗ jib⸗ men, er müßte denn ſeinen Sinn geändert und ſich nach dalſt Weſten gewandt haben.“ haum A˙ jedem Falle kann er uns ſchwerlich entgehen, i n lle e S 0%o die ganze Nacht durchmarſchirte, kann t dn hie V g rgen Mittag weder ein Obdach noch ein ien fltonallet ſſche 91 ——:ͤ——————; 323 ——————; „So laßt uns ihn verfolgen.“ „Beſſer wäre es, hier zu übernachten und ihn zu er⸗ warten, ſtatt in der Dunkelheit an ihm vorbeizureiten; hat er eine andere Richtung eingeſchlagen, ſo ſind wir gut be⸗ ritten und holen ihn morgen mit leichter Mühe ein.“ Mop's Vorſchlag fand allgemeinen Beifall, und die ehrenwerthe Geſellſchaft ſuchte den Ort wieder auf, an welchem ſie ihre Pferde gelaſſen hatte, um dort, im Walde, ihr Nachtquartier zu nehmen.... Sobald eine ſchwache Färbung des Himmels den An⸗ bruch des Tages verkündigte, erhoben ſie ſich, und nach einem kärglichen Mahle wollte ſich eben die ganze Bande in Bewegung ſetzen, als Dove ausrief: „Ich kann nicht umhin, zu glauben, daß wir Cooper überholt haben, denn beſtimmt iſt dies der Ort, wo er Frank erwarten wollte. Glaubt ihr ohne mich zahlreich genug zu ſein, ſo will ich am Eingang der Höhlen Wache halten.“ Der Vorſchlag wurde nach kurzer Berathung angenom⸗ men, man ließ Dove Mundvorrath für zwei Tage, und der Reſt des Trupps ſetzte ſich in Bewegung. Dove da⸗ gegen verbarg ſein Pferd im Dickicht und faßte hinter einem Felſen Poſto, um den Eingang zu den Höhlen zu über⸗ wachen. Zur nämlichen Zeit war Cooper aufgewacht, und auf einen vorſpringenden Felſen tretend überſchaute er ohne Be⸗ ſorgniß das ausgedehnte Panorama, welches zu ſeinen Füßen lag. Am fernen Horizont, nur durch bläuliche Hügelketten begrenzt, dehnte ſich der Urwald als ein Blättermeer vor ihm aus und unmittelbar unter ihm rauſchte und ſchäumte die wildſtrömende Faloola. In demſelben Augenblicke ritten die Verfolger, welche er weit entfernt glaubte, durch den Fluß. „Shattlin, wir haben ihn!“ rief Robert Corley, auf den Felſen deutend. Seine Gefährten ſahen auf und erblickten Cooper, welcher ſich ſchleunigſt zurückzog. „Er iſt es,“ beſtätigte Shattlin,„wir ſind nun ſei⸗ ner und des Geldes ſicher.“ Ihre Pferde anſpornend ritten ſie durch die Furth und den Berg hinauf, und als der Abhang zu ſteil wurde, ſtiegen ſie ab und eilten zu Fuß weiter, bis ſie die kleine Hochebene erreicht hatten, auf welcher die ſchon beſchriebene Felſenmaſſe, Cooper's Zufluchtsort, ſich befand. In einer gewiſſen Entfernung hielten ſie an, um mit ihrem Feinde zu unterhandeln, und feuerten einen Schuß ab, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen.. „Was wollt ihr?“ frug Cooper, welcher, ſorgfältig gedeckt, jede Bewegung ſeiner Feinde beobachtete. „Wir wollen wiſſen, warum du meinen Bruder er⸗ mordet haſt,“ rief Robert Corley. „Nicht ich, der junge Ravell hat ihn erſchoſſen.“ „Du lügſt,“ fiel Shattlin ein,„du haſt ihn ermor⸗ det, um das Geld ſtehlen zu können, es ſoll dir aber nicht zu gute kommen. Wenn wir auch wochenlang deßhalb hier liegen ſollten, du mußt ſterben.“ „Du gehſt aber vor mir, Hund,“ knirſchte Cooper, und dies war keine leere Drohung, denn in demſelben Au⸗ genblick brach Shattlin tödtlich getroffen zuſammen. „Zurück, zurück!“ rief Mop, ſich hinter einem Felſen verbergend, und ſeine Gefährten folgten ſeinem Beiſpiele. Auf dieſe Weiſe ſeiner Feinde für den Augenblick ent⸗ ledigt, näherte ſich Cooper dem Abgrunde, in welcherfe Faloola ſtrömt. Es war die einzige Rö en 4 324 ————:ͤO offen blieb; der Muth verließ ihn zwar, als er in den gähnenden Schlund hinabſah, doch bald war er wieder efaßt. 8f Fie hilft kein Zaudern,“ murmelte er.„Andere haben es ſchon gethan, warum nicht auch ich?“ Er leerte ſeine Feldflaſche und begann das verhäng⸗ nißvolle Unternehmen, welches jedoch, wie es ſich bald her⸗ ausſtellte, weniger gefährlich war, als es den Anſchein hatte. Nach einer Stunde befand er ſich kaum zwanzig Schuh über dem Fluſſe, und hielt ſich ſchon für gerettet, als ein zweiter Schuß krachte und er mit zerſchmettertem Haupte in das Bett des Fluſſes ſtürzte. „Und nunzur Furth,“ rief Dove, denn er war es, welcher den Flucht⸗ verſuch des unglücklichen Cooper vereitelt hatte, „dort muß der Leichnam ſtranden, und wir können uns des Geldes bemäch⸗ tigen.“ Die Flinte umhän⸗ gend, begann er die Fel⸗ ſenwand wieder hinaufzu⸗ klettern, und ſchon war er dem Gipfel nahe, als er ſich bei Namen rufen hörte, und aufſchauend erblickte er mit Entſetzen einige Schuh über ſich dasbleiche Geſicht Frank's; er hielt einen Felsblock zurück, deſſen Sturz Dove jeden Augenblick zerſchmet⸗ tern konnte. „Dove, wenn Ihr nur einen Finger rührt, ſeid Ihr des Todes!“ Dove, der ſich ganz in der Gewalt des jun⸗ gen Mannes ſah, ſuchte mit verzweifelter Anſtrengung ſich in ſeiner jetzigen Lage zu erhalten und einen Stützpunkt für ſeine Füße zu finden, denn die Grasbüſchel, an welche er ſich anklammerte, be⸗ gannen nachzugeben. Vergebens; er fühlte ſeine Kräfte Feierſtunden. 1865. — — ſchwinden, und doch, wenn er an die Qualen dachte, die er Frank zugefügt hatte, wagte er es kaum, ſein Mitlei⸗ den anzurufen. „Um's Himmelswillen, Frank, laß mich hinaufkom⸗ men,“ rief er endlich,„ich kann mich nicht mehr feſthalten.“ Frank antwortete nicht. „Rette mich, Frank; ich höre das Waſſer brauſen, welches mein Grab werden wird.“ „Es fließt über dem Leichnam meines Onkels,“ ſprach Zuunk⸗ ungerührt die verzweifelten Anſtrengungen ſeines Feindes beobachtend. Einen Augenblick noch kämpfte der Unglückliche und erhob dann das Haupt, um zum letzten Male das Mitleid des jungen Mannes anzurufen. Er vermochte kein Wort hervorzubringen, allein dieſe bleichen, verzerrten Züge ſprachen von ſo ent⸗ ſetzlicher Todesangſt, daß Frank gerührt wurde. „Komm herauf, Dove, komm herauf,“ rief er, „ich verzeihe dir.“ Zu ſpät! Dovemachte einen Verſuch, ſich höher zu ſchwingen, allein ſeine Finger ließen ihren Halt fahren, und mit einem gellenden Schrei ſtürzte er in den Abgrund.— Frank und die zwei übrigen Mitglieder des Poney⸗Klubs flohen die Gegend, die für ſie mit ſo blutigen Erinnerungen verknüpft war, und heute erwähnen die Anſiedler kaum noch der Räuberbande, deren Verſchwinden eben ſo geheimnißvoll war, wie ihr Beſtehen. Nach dem Franzöſiſchen von E. W. = n ndlhhn, Die Schnitterin. Es iſt ein hartes Stück Arbeit, den ganzen Tag bei glühender Sonnenhitze auf dem Felde zu arbeiten und in gebückter Stellung die Kornfelder abzuſchneiden; doppelt hart aber wird eine ſolche Mühe, wenn das Herz nicht von fröhlicher Luſt bewegt wird, ſondern vielmehr von herber Trauer und tiefem Gram darniedergebeugt iſt. Sie war früher jung und ſchön, die Schnitterin, deren Bild wir dem Leſer hier geben. Eines Landmanns Tochter wurde ſie auf dem Lande zu ländlichem, d. h. bäu⸗ riſchem Stande erzogen, und ihr ganzes Streben ging nicht weiter, als auf dem kleinen Dorfe, welches ſie ihre Ge⸗ ſih Eſtätte nannte, ihre Tage bis an deren Ende zu ver⸗ Oper 27 d 4. 1 en das Ergebniß huchte ihr Milchbruder, der Sohn einer Nachbarin, welchen ihre Mutter, weil die Nachbarin bei der Geburt geſtorben war, vom erſten Tage ſeines Daſeins an in ihr Haus aufgenommen und mit ihrem kaum ge⸗ bornen Kinde als gleichberechtigt auferzogen hatte. Dieſer Milchbruder zeigte vielmehr ſchon von Kindsbeinen an einen ungenügſamen Sinn, und ehe er noch der Schul⸗ pflicht entwachſen, dachte er ſchon daran, in die weite Ferne zu ſtreifen, um ſein Glück bei fremden Menſchen zu verſuchen. Er ſtrebte nach Höherem, als das Bauern⸗ thum ihm bieten konnte, und als er einmal einen reichen Kaufherrn mit ſeiner Karroſſe durch das Dorf fahren ſaten ſchwur er, daß er es ebenſonnit bringen müſſe, koeſtick⸗ was es wolle. Mit dieſem ehrgeizigen Trachten eirſchen — er i dern ren z el Geſit kiit; konn einen Ins ſ6 ſon ſie ihm er! eige che dieſ den zehr eine Prdaß 2 ſer 4 SIti 4 1 d D achte, die n Mitlei⸗ inaufkom⸗ ſthalten.“ brauſen, u ſprach den ſeines nblick noch nglückliche ann das m letzten tleid des nzurufen. in Wort nſo ent⸗ gſt, daß zurde. uf, Dove, rief er, hemachte ch höher ein ſeine en Halt t einem ſtürzte und.— die zwei der des hhen die ſie mit nerungen und heute Anſiedler cben ſo Arr 9 1 7 ren p Feierſtunden. 1865. —————— er übrigens keineswegs ein offenes, gerades Gemüth, ſon⸗ dern er benützte vielmehr ſchon als Knabe von zwölf Jah⸗ ren alle Mittel, die ſich ihm darboten, um ſeine Zwecke zu erreichen; doch verſtand er es zugleich, dieſe ſeine wahre Geſinnung unter dem Deckmantel einer ſüßen Freundlich⸗ keit zu verbergen, und wer ihn nur oberflächlich beobachtete, konnte leicht zu der Ueberzeugung gelangen, daß es nie einen gutmüthigeren und herzigeren Knaben gegeben habe. Insbeſondere wußte er das Herz ſeiner Milchſchweſter für ſich zu gewinnen, und da er ihr an Verſtand, ſowie an ſonſtigen Fähigkeiten überlegen war, ſo gelang es ihm leicht, ſie ſo ſehr für ſich einzunehmen, daß ſie gerne Alles mit ihm theilte und ihm ſogar ihr Leben geopfert hätte, wenn er es von ihr verlangt haben würde. zur Schule an und meinte, das Uebrige werde ſich ganz von ſelbſt geben, da ſie ja offenbar, weil ſie beide Tag⸗ löhners Kinder waren, keine andere Zukunft vor ſich hät⸗ ten, als in die Fußtapfen ihrer Eltern zu treten.„Sie werden einmal ein Paar,“ ſagte er oft zu ſich ſelbſt,„denn die Kleine hängt ja an ihm, wie wenn er ein Theil ihres eigenen Ichs wäre, und der Burſche darf ſich glücklich ſchätzen, ſie zu bekommen.“ Wie ſehr er ſich jedoch in dieſer ſeiner Vorausſetzung täuſchte, ſollte ſich bald zeigen, denn kaum waren die beiden Kinder nach erlangtem vier⸗ zehnten Jahre in jenes Stadium getreten, wo man ſich eine Lebenslaufbahn erwählt, ſo beſtand der Knabe darauf, daß man ihn zu irgend einem Kaufmann oder Krämer in der Stadt in die Lehre thue. Der Pflegevater ſtellte ihm Alles vor und bewies ihm namentlich auch, daß nicht ſo Vermögen da ſei, um das Lehrgeld für ihn zu bezah⸗ tomallein der Knabe blieb deßwegen doch auf ſeinem Ver⸗ à 325 ————y——OA-ͤ———;— So wuchſen die beiden Kinder mit einander auf, und als die Mutter des Mädchens— der Vater war längſt todt— ſchon frühzeitig ſtarb, ſtellte man beide Waiſen unter die Obhut eines und deſſelben Pflegevaters. Ver⸗ mögen gab es freilich wenig zu verwalten, denn ſowohl der Knabe als ſeine Milchſchweſter hatte nicht allzuviel von den dahingegangenen Eltern geerbt; doch konnte man das Mädchen gegenüber ihrem Milchbruder immerhin noch reich nennen, dieweil ihr wenigſtens einige Kleinodien, wie der Ring und das Halsband der Mutter, ſowie einige Mor⸗ gen Feldes zugefallen waren, während er ſo zu ſagen gar nichts hatte, was er ſein eigen nennen konnte. Deſſen⸗ ungeachtet machte der Pflegevater keinen Unterſchied zwiſchen beiden, ſondern hielt vielmehr jedes von ihnen gleichmäßig langen und erklärte feſt und beſtimmt, daß er unter keinen Umſtänden auf dem Dorfe bleibe, um bei irgend einem reicheren Bauern Viehhirten⸗ oder Knechtsdienſte zu thun. Die Milchſchweſter weinte erſchrecklich, als ſie ſah, mit welchem Eigenfinn der Bruder darauf beharrte, ſich von ihr zu trennen, aber deßwegen war ſie doch gutmüthig genug, ihm ebenfalls das Wort zu reden, und meinte, der Pflegevater ſolle nur immerhin ihre paar Morgen Feldes verkaufen, damit man wenigſtens das Lehrgeld erſchwingen könne. Zu letzterem verſtand ſich nun zwar der ehrliche Mann nicht, weil es gegen ſeine Pflichten geweſen wäre; dagegen aber begab er ſich in die Stadt und ſuchte, ob er nicht einen Meiſter finde, der den Jungen, ohne Lehrgeld aufnehme. Dies gelang auch wirklich; jedot ‚Zereinigung fein der Bedingung, daß der Knabe zwei Jahrlichwini an fen wöhnlich zu lernen habe, um auf dieſe A im ganzen Dorfe, der wett zu machen, und ſo wurden den —— ————— der zum erſten Mal in ihrem Leben getrennt. Bei dieſer Trennung zeigte es ſich aber bereits recht deutlich, wie ver⸗ ſchieden die Charaktere derſelben ſeien, denn während der Knabe ſein inneres Frohlocken kaum bemeiſtern konnte und offenbar nur mit größter Mühe die Abſchiedsthränen heraus⸗ preßte, zerfloß die Milchſchweſter beinahe in Wehmuth und ruhte nicht, als bis der Pfleger es erlaubte, daß ſie dem abgehenden Bruder den goldenen Ring und das Granaten⸗ halsband der Mutter als Andenken mitgebe.„Verwahre beide ſorgfältig,“ ſagte ſie zu ihm;„an den Sonntagen aber, wenn du freie Zeit haſt, nimm das Geſchmeide her⸗ vor und denke dann, während du es betrachteſt, an mich; ich ſelbſt brauche nichts, um an dich erinnert zu werden, denn es wird von nun an keine Stunde des Tages ver⸗ gehen, in der nicht dein Bild vor mir ſchwebte.“ Die nächſten ſechs Jahre vergingen, wie man ſagt, im Fluge. Das Mädchen wuchs heran und wurde zur Jungfrau. Und eine recht ſchmucke, ſowie auch eine recht fleißige und ehrbare Jungfrau wurde ſie; aber natürlich behielt ſie ihre bäuriſchen Sitten und Manieren bei, wie ſie ſich denn auch längſt daran gewöhnt hatte, als Tag⸗ löhnerin ihr Brod zu verdienen. Mehr als einer der jun⸗ gen Burſche des Dorfes richtete ſein Angenmerk auf ſie, und ſie hätte nur Ja ſagen dürfen, ſo wäre ſie zu ihrem Hausweſen gekommen; allein in ihrem Herzen lebte ein ganz anderes Bild, nämlich das Bild des Milchbruders, und dieſes erlaubte ihr nicht, an einen Dritten zu denken. Ganz entgegengeſetzt ſtand es bei dem Bruder. Kaum war er nämlich als Lehrling eingetreten und hatte die kleinen Kniffe und Schliche des Krämerhandwerkes begriffen, ſo warf er ſich mit Leib und Seele in ſein neues Geſchäft, und der Meiſter, dem er diente, konnte ihn nach kurzer Zeit ſchon wie einen Gehülfen benützen. Freilich in anderer Beziehung war nicht ſo viel Lobenswerthes von ihm zu ſagen, denn der Erwerbsſinn, der ihn ergriffen hatte, tödtete vollends alle beſſeren Gefühle in ihm, und ſein ganzes Dichten und Trachten ging nur dahin, ſich auf diejenige Stufe des Lebens zu erheben, welche die reicheren Kaufleute einnehmen. Ob der Weg, der zu dieſem Ziele führte, ein krummer oder gerader war, ob die Mittel, durch welche man zum Beſitz gelangte, ehrbare oder unehrbare ſeien, ſchien ihm ziemlich gleichgültig. Sah er doch mit jedem Tage mehr ein, daß auch ſein Lehrherr kein beſonderes Gewicht auf ſolche Nebendinge lege und nur höchſtens daran denke, äußerlich als ein rechtlicher Mann zu erſcheinen! Seine Lebensrichtung war ihm alſo vorgezeichnet, und dieſe ver⸗ folgte er mit einer Konſequenz, die einer beſſern Sache würdig geweſen wäre. Natürlich konnte er übrigens unter ſo bewandten Umſtänden keine Zeit mehr finden, viel an die alte Heimath zu denken, und wenn er es je that, ſo geſchah es mit einem gemiſchten Hohnlächeln, das nahe an Verachtung ſtreifte. Ja nicht einmal die Milchſchweſter kam ihm mehr in den Sinn, oder vielmehr er dachte wohl hie und da an ſie, aber auf eine Weiſe, welche dem Mäd⸗ chen, wenn es um ſeine Gedanken gewußt hätte, keineswegs wohlgethan haben würde. An einem Sonntage jedoch, als er einmal in ſeinem Stübchen allein war und über ſeine künftigen Lebenspläne nachgrübelte, fiel ihm plötzlich der goldene Ring und das Granatennuſter ein und wie der Blitz ſuchte er, die beiden Kleinodien hervor.„Sollen die Stünde elos im Schranke liegen?“ ſagte er zu ſich weiter„als auf peim Himmel, ich will ſie verwerthen und ſich Ftätte nannte ſeinen Nebenkram anlegen, der mir gol⸗ ten das Ergebniß da So that er augenblicklich, und nicht Feierſtunden. 1865. ——ò⏑:enun—— —— ein einziges Mal machte er ſich einen Scrupel darüber, daß er die geheiligten Andenken auf dieſe Art mißbrauche. Doch was wollen wir weiter ſagen? Die ſechs Lehrjahre vergingen und aus dem Knaben wurde ein erwachſener Jüngling, der ſein Geſchäft aus dem Fundamente verſtand, während zugleich ſein Herz ſo verhärtet war, daß er um einen blanken Thaler ſeinen eigenen Vater verläugnet hätte. Einen äußeren Anſtrich aber hatte er ſich zu bewahren ge⸗ wußt, und kein Menſch würde wohl hinter dieſem ewig whinden Geſichte ſeinen wirklichen Charakter vermuthet aben. Die Lehrzeit war um und der junge Mann mußte nun natürlich daran denken, in irgend ein Geſchäft als Commis einzutreten. Freilich wäre es ihm am liebſten geweſen, von jetzt an ſchon ſelbſtſtändig aufzutreten, allein es fehlte ihm am Nöthigſten, nämlich am Gelde, denn wenn er auch durch den angefangenen Nebenkram einiges Wenige verdient hatte, ſo reichte dies, wie ſich von ſelbſt verſteht, doch nicht im Geringſten zu, um ſich zu etabliren. Somit ergriff er eine ihm dargebotene Gelegenheit, in einer größe⸗ ren Stadt— der Hauptſtadt des Landes nämlich— bei einem ausgedehnteren Geſchäft unterzukommen, mit beiden Händen, und da ihn der Weg dahin durch den früheren Heimathort führte, ſo beſchloß er dort einen oder zwei Tage zu verweilen, damit man ſehe, was aus ihm geworden ſei. Sehnſucht, ſeine Milchſchweſter, ſowie die übrigen Bekann⸗ ten zu begrüßen, war es alſo keineswegs, was ihn zu die⸗ ſem kurzen Aufenthalte veranlaßte, ſondern nur der innere Hochmuth, ſowie der Gedanke, ſich an dem Staunen der Dorfbewohner zu ergötzen.„Die Bauernlümmel ſollen einmal Maul und Naſe aufſperren, wenn ich vor ſie hin⸗ trete,“ dachte er,„und mein liebes Schweſterchen, das jetzt eine recht dralle, unbeholfene, rohe Dirne geworden ſein wird, ſoll mich als ein höheres Weſen bewundern.“ Dies waren die Motive, welche ihn in ſein Heimathdorf trieben, und er verrechnete ſich auch gar nicht in der Vorausſicht, daß er dort großes Aufſehen erregen werde, ſondern im Ge⸗ gentheil hatte er dieſes Aufſehen noch viel zu gering ange⸗ ſchlagen. Er wurde nämlich in der That und Wahrheit der Held des Tages, und insbeſondere war es ſeine Milch⸗ ſchweſter, die ſich nicht ſatt an ihm ſehen konnte. Wie groß und ſtark war er nicht geworden! Wie ſehr hatte er ſich nicht in jeglichen Dingen zu ſeinem Vortheile verän⸗ dert! Wie ſah man ihm nicht in all' ſeinen Manieren, in ſeiner Haltung wie in ſeiner Miene an, daß er das Bauern⸗ thum vollſtändig überwunden habe und ein wirklicher Herr geworden ſei! Nur eines fiel an ihm auf, nämlich das, daß er ſo wenig Gemüth und Herzlichkeit zeigte, denn ob er ſich gleich alle Mühe gab, ſeine wirkliche Geſinnungs⸗ weiſe zu verbergen, ſo merkte man doch inſtinktmäßig, daß die Freundlichkeit und Liebe, die er äußerlich zeigte, nicht aus dem Herzen kam. Sogar der Milchſchweſter wollte es bedünken, als ob er ihr Entgegenkommen nur kalt und gezwungen erwiedere, aber ſie machte ſich alſobald ſelbſt Vorwürfe über dieſen aufkeimenden Gedanken und verthei⸗ digte ihn mit aller ihr zu Gebot ſtehenden Beredſamkeit gegen die Andern, welche es ſich etwa erlaubten, eine un⸗ günſtige Meinung über ihn zu äußern. Als daher die Trennungsſtunde ſchlug, zerfloß ſie beinahe in Thränen, gerade wie vor ſechs Jahren, und der junge Mann durf die Ueberzeugung mit ſich nehmen, daß ſie ihm noch imm 4 A mit Leib und Seele ergeben ſei. Auch ſchien es wirkla⸗ als ob ihm der Abſchied ebenfalls wehe thue, allein Sen er das Dorf im Rücken hatte, ſchüttelte er ſich v- 12 Lachen ſie na den 9 ander früher rath ders ſich w und r Schn. aus einm Gele Weif führe in je Man ſciñt nehm tauſer die z auch war, der unſe nähe und Toch treten Newi viel wiſſe auße und recht zu d für will wenn hehr — — darüber, brauche. Lehrjahre dachſener verſtand, zer um net hätte. ahren ge⸗ m ewig drmuthet an mußte ſchäft als t liebſten en, allein enn wenn Venige verſteht, Somit er größe⸗ — bei it beiden früheren zwei Tage voorden ſei. Bekann⸗ zu die⸗ r innere unen der l ſollen ſie hin⸗ das jetzt den ſein Di f trieben, vrausſicht, n im Ge⸗ ug ange⸗ Wahrheit ne Milch⸗ . Wie hatte er everän⸗ neren, in Bauern⸗ cher Hert alich das, dnn ob ſinnungs⸗ Feierſtunden. 1865. ——— Lachen und war herzlich froh, die Bauerntrampel, wie er ſie nannte, für immer los zu ſein. Wieder vergingen fünf Jahre, ohne daß mit den bei⸗ den Hauptperſonen dieſer kurzen Geſchichte eine große Ver⸗ änderung vorgegangen wäre. Sie die Schweſter, lebte wie früher als Taglöhnerin und wies jeden Antrag zur Hei⸗ rath mit Beſtimmtheit ab, denn das Bild ihres Milchbru⸗ ders war friſcher in ihrem Herzen denn je. Er aber trieb ſich während dieſer Zeit auf verſchiedenen Stellen herum, und wenn es ihm auch glückte, da oder dort einen kleinen Schnitt zu machen, ſo wollte es ihm doch nicht gelingen, aus der Dienſtbarkeitsſtellung herauszukommen. Da auf einmal nach Verfluß der fünf Jahre zeigte ſich ihm eine Gelegenheit, ſelbſtſtändig zu werden, und zwar auf eine Weiſe, die ihn faſt nothwendig dem Reichthum entgegen⸗ führen mußte. Er lernte nämlich einen Mann kennen, der in jeglicher Beziehung gerade ſo dachte wie er, und dieſer Mann trieb nicht nur für jetzt ſchon ein vortheilhaftes Ge⸗ ſchäft, ſondern war auch im Begriff, einen Akkord zu über⸗ nehmen, an welchem ſich vorausſichtlich Tauſende und Aber⸗ tauſende gewinnen ließen. Nun beſaß derſelbe eine Tochter, die zwar weder jung noch ſchön genannt werden konnte und auch ſonſt weder an leiblichen noch geiſtigen Vorzügen reich war, allein als einziges Kind mußte ſie nothwendig mit der Zeit den Vater vollſtändig beerben, und ſomit beſchloß unſer Held, um jeden Preis ihre Hand zu erlangen. Er näherte ſich alſo dem beſagten Kaufmanne immer mehr und rückte am Ende mit ſeinem Vorſchlage heraus, die Tochter zu heirathen und als Aſſocie in's Geſchäft einzu⸗ treten. Dieſer Vorſchlag ward nicht geradezu von der Hand gewieſen, allein vor Allem wollte der Vater wiſſen, wie viel der künftige Eidam einzulegen im Stande ſei.„Sie wiſſen,“ ſagte derſelbe,„wie ich im Begriffe bin, einen äußerſt vortheilhaften Akkord mit dem Staat abzuſchließen, und ich will Sie, wenn Sie meine Tochter heirathen, recht gerne daran Theil nehmen laſſen, allein es gehört Geld zu dem Akkord, recht viel Geld, ja ſo viel Geld, daß ich es für mich allein nicht wohl aufzubringen vermag. Nun will ich Ihnen zwar nicht zu viel zumuthen, aber Etwas wenigſtens müſſen Sie leiſten. Sagen Sie alſo, daß Sie Zehntauſend einſchießen, ſo ſind Sie mein Mann und zu⸗ gleich der Gatte meiner Tochter; unter einer andern Be⸗ dingung aber nie.“ Mit dieſem Beſcheid ward unſer Held entlaſſen, und man kann ſich nun wohl denken, wie es in ihm wurmte und gährte.„Zehntauſend,“ murmelte er für ſich hin,„nicht mehr als Zehntauſend, und mit dieſen könnten Hunderttauſend erworben werden! Aber woher ſoll ich ſie nehmen, dieſe Zehntauſend, ich, der ich nicht über Zweitauſend zu verfügen habe?“ So mit ſich ſelbſt be⸗ ſchäftigt, kam er nach Hauſe und alle ſeine Gedanken dreh⸗ ten ſich nur um die Zehntauſend. Allein je mehr er grü⸗ belte und grübelte, um ſo weniger wollte ihm ein Mittel beifallen, wie er ſich das Geld verſchaffen könne, und die ganze Nacht verging ihm ſchlaflos. Doch ſiehe da, am andern Morgen wußte er auf einmal, welchen Weg er ein⸗ zuſchlagen hätte, denn in aller Frühe brachte ihm der Poſt⸗ bote einen Brief, deſſen Inhalt ihn förmlich elektriſirte. Der Brief kam aus ſeinem früheren Heimathorte, und die Hand, die ihn geſchrieben, war die ſeiner Milchſchweſter. „Die dumme Dirne!“ rief er im erſten Augenblick, als er des Briefs anſichtig wurde.„Was braucht ſie mir zu ſchreiben? Ich habe ihr ja kaum einmal geantwortet, und ſie ſollte alſo wiſſen, daß mich ihre bäuriſchen Expektora⸗ tionen nicht intereſſiren!“ Maſchinenmäßig öffnete er je⸗ 327 ——————O—; doch das Schreiben und maſchinenmäßig las er daſſelbe durch. Aber wie flammten auf einmal ſeine Augen, als er kaum die Hälfte der etwas ſchwerfälligen Schriftzüge entziffert hatte! Wie höhniſch und triumphirend zugleich lachte ſein Mund, als er den ganzen Juhalt in ſich auf— geſogen hatte! Wie ſchnell griff er endlich nach ſeinem Hute, um abermals zu dem Manne zu eilen, von dem ihm geſtern der lakoniſche Beſcheid wegen der bewußten Zehn⸗ tauſend ertheilt worden war!„Ich werde das geforderte Geld einſchießen,“ rief er ihm zu, als er deſſen Geſchäfts⸗ lokal betreten hatte,„und ich betrachte mich alſo ſchon jetzt als Ihren Tochtermann und Aſſocgie, nur mache ich die Bedingung, daß Sie mir vierzehn Tage Zeit laſſen, das Geld zu erheben.“—„Gut,“ erwiederte der Andere,„ich gehe darauf ein und frage nicht einmal danach, woher Sie die große Summe bekommen, denn Geld iſt Geld, und man ſieht's ihm nicht an, wer der frühere Eigenthümer war.“—„O,“ rief unſer Held,„was das betrifft, ſo brauche ich mich nicht zu ſcheuen, Ihnen die Quelle zu nennen. Ich habe eine Erbſchaft gemacht und bin im Be⸗ griffe, die Aecker und Wieſen, aus denen dieſelbe beſteht, in klingende Münze umzuwandeln.“ Hatte er nun wirklich eine Erbſchaft gemacht? Nein ſicherlich, er nicht, wohl aber ſeine Milchſchweſter, und ge⸗ rade dieſe Nachricht war in dem Briefe geſtanden. Ein reicher Verwandter des Mädchens hatte nämlich das Zeit⸗ liche geſegnet, und dieſes wußte in der Freude ſeines Her⸗ zens nichts Eiligeres zu thun, als dem lieben Bruder das unerwartete Glück zu melden. Sie rechnete ohne Zweifel darauf, daß er großen Antheil an ihrem Geſchicke nehme, und dieſes ſchien auch wirklich der Fall zu ſein, denn eine Stunde nach Empfang des Briefes befand er ſich ſchon auf dem Wege zu ihr und am andern Morgen lag er in ihren Armen. Wie ungemein liebevoll zeigte er ſich jetzt gegen ſie! Welch' außerordentliche Zärtlichkeit lag in ſei⸗ nen Worten und Blicken! Wahrhaftig ſie konnte nicht daran zweifeln, daß er ihr auf's Innigſte zugethan ſei, und ſo ward denn das Verlöbniß noch am ſelbigen Tage ausge⸗ ſprochen. Natürlich beſtand er darauf, daß die ſämmt⸗ lichen ererbten Liegenſchaften ſofort verkauft werden müß⸗ ten, denn als Kaufmann konnte er nicht auf dem Lande leben, und warum hüätte ſie ihm auch nicht in die Stadt als Gattin folgen ſollen? Zum Glück ſtand dem Verkaufe kein Hinderniß entgegen, da ſie als volljährig ganz ſelbſt⸗ ſtändig über ihr Vermögen verfügen konnte, und ſomit gab ſie ihm ohne Bedenken Vollmacht, den Verkauf einzuleiten. Sie war ja überſelig, daß endlich doch die geheimen Wünſche ihres Herzens gekrönt werden ſollten, und noch ſeliger wurde ſie, als das ganze Dorf zuſammenſtrömte, um ihr zu der Brautſchaft Glück zu wünſchen! In wenigen acht Tagen hatte der Milchbruder oder vielmehr der Bräutigam das ganze Geſchäft zu Ende gebracht, und der Erlös reichte vollſtändig hin, um ihn zufrieden zu ſtellen.„Mit dem Gelde,“ erklärte er ſeiner Braut unter Begleitung eines herzlichen Händedruckes,„mit dem Gelde werde ich mich ſelbſtſtändig etabliren, und in vier Wochen kehre ich wie⸗ der, um Hochzeit mit dir zu halten.“ Sie war mit Allem einverſtanden, und als ſie ſich gleich darauf trennten, da⸗ mit er ſeinen Plan in Ausführung bringe, vergoß ſie zum erſten Mal keine Thränen oder wenigſtens keine Thränen des Schmerzes, ſondern der Abſchied wurde ihr vielmehr leicht, da er der Anfang ihrer ehelichen Vereinigung ſein ſollte. So trennten ſie ſich unter den Schwüren immer⸗ währender Treue, und nicht Einen gab es im ganzen Dorfe, 328 der nicht an dem großen Ereigniſſe mit frohem Herzen Theil genommen hätte. Die vier Wochen vergingen, aber der Bräutigam kam nicht wieder. Nicht einmal ein Brief kam, und die tief beklommene Braut verging beinahe in Angſt und Schmer⸗ zen. Schon dreimal hatte ſie geſchrieben, aber auf keines ihrer Schreiben eine Antwort erhalten, und ſchon war ſie überzeugt, daß irgend etwas Gräßliches vorgekommen ſein müſſe.„Er iſt beraubt und ermordet worden,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ſonſt wäre er wiedergekommen oder hätte mir wenigſtens Nachricht geſandt.“ Ganz ebenſo dachten auch die übrigen Dorfbewohner, denn keinem Menſchen wäre es eingefallen, von einer Treuloſigkeit des jungen Mannes auch nur zu träumen. Doch urplötzlich verbreitete ſich das Gerücht, derſelbe habe das Geld unterſchlagen und ſei mit einem andern Mädchen in der fernen Hauptſtadt in die Ehe getreten. Woher dieſes Gerücht kam, wußte Niemand zu ſagen, aber mit Blitzesſchnelle flog es durch das Dorf, und endlich konnte es auch der armen Braut nicht mehr verborgen bleiben. Wie ein Donnerſchlag aus hellem Him⸗ mel betäubte ſie der Schlag und ſie verfiel in eine tiefe Ohnmacht, aus der ſie kaum wieder zu erwecken war. Als ſie nun aber zur Beſinnung zurückkehrte, vermeinte ſie län⸗ gere Zeit in einem böſen Traume befangen zu ſein, und es war ganz unmöglich, ſie von der Wahrheit der Sache zu überzeugen. Doch jetzt erſchien ein wandernder Krämer im Dorfe, ein Mann, der ſchon ſeit vielen Jahren daſelbſt zu verkehren pflegte und deſſen Wahrheitstreue Niemand be⸗ zweifelte. Von ihm konnte ſie hoffen, genaue Auskunft zu erlangen, denn er hatte ja erſt vor wenigen Tagen die Hauptſtadt, in der er ſeine Einkäufe zu machen gewohnt war, beſucht und mußte, wenn etwas Wahres an der ſchreck⸗ lichen Kunde war, nothwendig davon erfahren haben. So⸗ mit ließ ſie ihn zu ſich an ihr Krankenbett rufen und bat ihn, ihr nichts zu verſchweigen. Aber was mußte ſie nun hören? Nicht blos wußte er mit Beſtimmtheit, daß die Heirath vor ſich gegangen ſei, ſondern er kannte auch die junge Frau und deren Vater perſönlich. Ja er hatte das neu verehelichte Paar geſehen, denn daſſelbe bewohnte das Landhaus des Vaters in der Nähe der Hauptſtadt, und fuhr alle Tage ein paar Mal hin und her, nämlich Morgens und Abends, wenn der junge Mann ſich auf das Comptoir begab oder von demſelben heimkehrte. Es blieb alſo nicht der geringſte Zweifel, aber— was nun thun? Die Nach⸗ barn und Nachbarinnen waren alle vor Wuth über eine ſolche Niederträchtigkeit außer ſich und ergingen ſich in den furchtbarſten Schimpfworten; die Beſonneneren aber mein⸗ ten, es bleibe nichts übrig, als einen Advokaten anzuneh⸗ men und den elenden Betrüger dem Geſetze zu überantwor⸗ ten, damit er ſofort zur Herausgabe des anvertrauten Gel⸗ des genöthigt und ſodann wo möglich auch noch für ſeine Falſchheit recht empfindlich geſtraft werde. So urtheilte man im Dorfe, aber was geſchah nun von Seiten der armen Verlaſſenen und Getäuſchten? Sie verhielt ſich ganz ſtill und ſagte weder Nein noch Ja zu all' den Vorſchlä⸗ gen, die man ihr machte. Theilnahmlos war ſie übrigens nicht; dies ſah man aus ihren glühenden Augen und aus der dunkeln Röthe, die ſich von Zeit zu Zeit über ihr ſonſt ſo blaſſes Geſicht ergoß! Endlich bat ſie die vielen Be⸗ ſuche, ſie für die Nacht zu verlaſſen und ihr die nöthige Ruhe zu gönnen.„Ich will allein ſein,“ ſagte ſie,„um darüber nachzudenken, was ich zu thun habe, und morgen früh werde ich euch dann meinen Entſchluß mittheilen.“ Feierſtunden. 1865. ſ·ꝑq·eꝛiqäöqſ˖ſqſoſſäqcio————ö—-— ——:rOA— ſchien nun, daß ſich die Aufregung der armen Verlaſſenen in etwas legen werde, denn ſie verhielt ſich ganz ſtill in ihrem Bette und ſchien ſogar ruhig zu ſchlafen. Die Ruhe war aber nur Schein. Kaum nämlich hatte die Nacht ihre Fittige über die Erde gebreitet und kaum waren die vielen geſchwätzigen Zungen des Dorfes durch den Gott des Schlafes zur Ruhe gebracht, ſo erhob ſich die Heldin dieſer Erzählung von ihrem Lager und warf ſich in die Kleider, welche ſie um dieſe Jahreszeit— es war nämlich Hochſommer und die Ernte hatte vor Kurzem begonnen— gewöhnlich zu tragen pflegte. Gleich darauf ergriff ſie Sichel und Gabel, d. h. jene beiden Werkzeuge, deren eine Schnitterin bedarf, ſchlich ſich ſofort die Treppe hinab, zum Hauſe hinaus, und begab ſich auf die Land⸗ ſtraße, welche nach der Hauptſtadt hinführte. Was ging ihr wohl durch den Sinn? Wollte ſie wirklich nach der Hauptſtadt eilen, um den Elenden, der ſie ſo ſchmählich betrogen, zur Rechenſchaft zu ziehen? Aber zu welchem Ende nahm ſie dann die Erntewerkzeuge mit und warum kleidete ſie ſich nicht ſo ſorgfältig an, als es zu einem der⸗ artigen Zwecke nothwendig ſchien? Um die Wahrheit zu ſagen, ſo wußte ſie ſelbſt nicht was ſie wollte, und wenn ſie das eine Mal in furchtbarer Wuth aufflammte und ſchwur, daß ſie nicht ruhen werde, als bis der Niederträch⸗ tige im Zuchthauſe ſitze, ſo brach ſie gleich darauf wieder in einen Strom von Thränen aus und gelobte ſich, ihn, den Milchbruder, welchem ſie jedes Opfer zu bringen ver⸗ pflichtet ſei, in dem Beſitz des geſtohlenen Geldes nicht zu ſtören, ſondern vielmehr ihr Leben wie bisher mit ihrer Hände Arbeit zu friſten. So ſchwankte ſie zwiſchen den beiden Scheidewegen hin und her, und nur zwei Dinge ſtanden in ihrem Kopfe feſt, nämlich einmal, daß ſie in dem Dorfe, welches ſie bisher ihre Heimath nannte, nicht mehr fortexiſtiren könne, weil man dort mit Fingern auf ſie deute, und ſodann, daß ſie„Ihn“, der ſie ſo ſchmäh⸗ lich hintergangen, nothwendig ſehen müſſe,—„Ihn“ und „ſie“, die er ihr vorgezogen. Es ſchien ihr ja noch immer unglaublich, daß er ein ſolches Verbrechen begangen haben könne, und ſie wollte ſich alſo durch den Augenſchein über⸗ zeugen! Was aber daraus folgen müßte, darüber war ſie mit ſich nicht im Klaren, ſondern überließ dies vielmehr dem Schickſal und der göttlichen Gerechtigkeit. Unter ſol⸗ chen Gedanken, halb bei Sinnen, halb phantaſirend, eilte ſie unaufhaltſam vorwärts, und machte auf dem ganzen weiten Wege, den ſie zurücklegte, kaum zweimal eine kurze Raſt, um ſich an dem mitgenommenen Brode und einem Schluck Waſſer, den ihr der nächſte beſte Brunnen bot, nothdürftig zu erquicken. Nach einem Marſch von ſechzehn Stunden erblickte ſie die Thürme der Hauptſtadt vor ſich, und nun fragte ſie ein Mädchen, das ihr begegnete, nach dem Landgute, auf welchem nach der Erzählung des hau⸗ ſirenden Krämers ihr ungetreuer Milchbruder wohnen ſollte. Das Mädchen gab ihr genaue Auskunft, denn merkwürdiger⸗ weiſe hatte ſie ſich mit der Liſt des Wahnſinns die ſämmt⸗ lichen näheren Umſtände ſo bis in's Kleinſte gemerkt, daß jeder Befragte im Augenblicke klar ſein mußte,„wel⸗ ches“ Landgut und„welches“ Landhaus ſie meine. Kaum wußte ſie nun, was ſie zu wiſſen begehrte, ſo lenkte ſie ihre Schritte der Wohnung zu, hinter welcher ſie ihren früheren Bräutigam vermuthete; in das Haus ſelbſt trat ſie abe⸗ gen. Wie nun dieſe Nacht vorüberging, und ob es ih So gingen denn die Nachbarn und Nachbarinnen, und es f — wir n inter 9 8 ob ſie finden man richt ihm nur ſ men, wo ſ weit daß Dir treul zu n die ⸗ ihr den! Jetzt ken, gekon ding, dater gewo helog unw. ſalb trach trlebt nahte Scho glötzl läher ſccheit ulter itte, lünge Sie nicht ein, ſondern verbarg ſich vielmehr unter einen Schu 4 pen, um allda die inzwiſchen eingebrochene Nacht zuzubri. möglich geweſen, einen Augenblick zu ſchlummern, könn 7½ Verlaſſenen nz ſtill in mlich hatte und kaum efes durch erhob ſich und warf eit— es Kurzem ic daranf Verkzeuge, die Treppe die Laud⸗ Was gang nach der ſchmählich welchem d warum inem der⸗ hrheit zu und wenn umte und liederträch⸗ auf wieder ſich, ihn, ngen ver⸗ nicht zu mit ihrer ſchen den ei Dinge aß ſie in nte, nicht ngern vuf d ſchmäh⸗ Ihn“ und och immer gen haben hein über⸗ t war ſie vielmehr Unter ſol⸗ ind, eilte n ganzen ine kurze —————— wir nicht ſagen; am frühen Morgen aber, als die Sonne hinter den Bergen heraufſtieg, ordnete ſie ihr Haar und ihre Kleider und fragte einige Leute, die auf's Feld gingen, ob ſie wohl auf dieſem Landgute als Schnitterin Arbeit finden könnte. Man wies ſie an den Verwalter, und da man ihr deſſen Behauſung genau bezeichnete, ſo fiel es ihr nicht ſchwer, denſelben aufzufinden. Sie präſentirte ſich ihm als fremde Schnitterin, und der Mann zeigte ſich nicht nur ſogleich bereit, ſie über die Erntezeit in Dienſt zu neh⸗ men, ſondern bezeichnete ihr auch ſofort ein Stück Feld, wo ſie ihr Tagewerk beginnen ſollte. Das Feld lag un⸗ weit eines fahrbaren Weges, deſſen Radſpuren bewieſen, daß er oft von Fuhrwerken benützt werde, und die arme Dirne war nun feſt überzeugt, daß ihr die Gelegenheit, den treuloſen Bräutigam zu ſehen und von ihm wieder geſehen zu werden, nicht entgehen könne. Mit großem Eifer, um die Augen des Verwalters zu täuſchen, machte ſie ſich an ihr Geſchäft, und natürlich wandte ihr ſofort der Aufſeher den Rücken, um nach ſeinen übrigen Bedienſteten zu ſehen. Jetzt war ſie allein, und ihr Herz jubelte bei dem Gedan⸗ ken, den niederträchtigen Schurken, wegen deſſen ſie hieher gekommen, zu entlarven. Doch Stunde um Stunde ver⸗ ging, ohne daß das Gefährt, in welchem er mit Schwieger⸗ vater und Frau in die Stadt zu fahren pflegte, ſichtbar geworden wäre. Hatte ſie wohl der wandernde Krämer belogen und erwies ſich vielleicht die ganze Geſchichte als unwahr? Hoffnung und Zweifel ſtritten in ihr, und halb mit Schauen, halb mit Schuneiden beſchäftigt, ver⸗ brachte ſie einen Tag der Aufregung, wie ſie noch keinen erlebt hatte. Mittag war längſt vorüber und der Abend Feierſtunden. 1865. nahte heran, ohne daß ſie eine Gewißheit erlangt hätte. Schon wuchs die Hoffnung rieſengroß in ihr; da ſah ſie plötzlich in der Ferne Staub aufwallen, und näher und näher kam ein Gefährt, deſſen Inſaſſen ſie bald zu unter⸗ ſcheiden vermochte. Vier Perſonen ſaßen im Wagen, ein alter Herr mit einer eben ſo alten Dame auf dem Rück⸗ ſitze, und auf dem Vorderſitze ein jüngerer Mann mit einer jüngeren Frau. Waren ſie es oder waren ſie es nicht? Sie konnte für den erſten Augenblick nicht in's Klare kom⸗ men, denn das jüngere Paar wandte ihr den Rücken, und vor Erwartung klopfte ihr Herz ſo ſtark, daß ſie ſich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. Der nächſte Augenblick je⸗ doch mußte ihr Gewißheit bringen, und ſomit richtete ſie ſich hoch auf, indem ſie ſich zugleich hart an den Weg ſtellte. Ein Moment und der Wagen flog in ſchnellem Roſſeslauf vorüber, aber in demſelben Augenblicke erſcholl ein furchtbarer Schrei und die arme Schnitterin lag wie vom Blitze getroffen zu Boden. Sie hatte ihn erkannt, ihn, den Betrüger, und der letzte Zweifel ſchwand aus ihrer Seele! Doch der Eindruck war ein zu erſchütternder ge⸗ weſen, als daß ſie ihm hätte widerſtehen können. In tiefer Ohnmacht lag ſie auf der Erde und der Wagen fuhr mit ſeinen Inſaſſen weiter, wie wenn ſie nicht auf der Welt geweſen wäre. Hatte er ſie vielleicht nicht ebenfalls erkannt? Sicher⸗ lich that er dies, aber nicht eine Muskel in ſeinem Geſichte zuckte, und weder die Schwiegereltern noch die Frau konn⸗ V jen ihm anſehen, daß die Schnitterin eine ihm bekannte LFeierſtunden. 1865. 329 ——-———— Perſon ſei. Auch kümmerte ſich von all' den vier Perſonen, die in dem Gefährte ſaßen, nicht eine einzige um das zu Boden gefallene Mädchen, und nur nebenbei in höchſter Gleichgültigkeit wurde die Aeußerung gemacht, daß das Mädchen ohne Zweifel in Folge der großen Hitze von einer Schwäche befallen worden ſei. Was lag aber an einem ſo geringfügigen Weſen, wie eine Schnitterin iſt? Es wäre wahrhaftig nicht der Mühe werth geweſen, ſich nur eine Minute lang mit ihr zu beſchäftigen! Freilich im Innern des elenden Betrügers ſah es nicht ſo ruhig und kalt aus; doch nicht etwa aus Mitleid für die Arme, welche er ſo niederträchtig belogen und beͤtrogen, ſondern vielmehr aus Furcht, das Bubenſtück möchte an den Tag kommen, ohne daß er die Entlarvung abwenden könnte. Allein was that er nun? Ganz im Stillen gab er dem Verwalter Befehl, das auf dem Felde umgeſunkene Mädchen auf ein Wägel⸗ chen laden und in ihre Heimath bringen zu laſſen.„Ihrer Kleidung nach,“ erklärte er mit einer Miene, die nicht beſſer ſtudirt hätte ſein können,„iſt die Dirne aus einem Orte, welches ich früher meine Heimath nannte, und wir thun daher beſſer daran, ſie wieder dahin zu ſenden, woher ſie gekommen iſt, damit ſie nicht am Ende dem Spital der Stadt verfalle oder gar uns ſelbſt zur Verpflegung aufge⸗ bürdet werde; aber wahrhaftig es wäre eine ſtarke Zumu⸗ thung, für ſolch' ſchwächliche Kreaturen, die beſſer zu Hauſe blieben, ſorgen zu müſſen!“ So ſprach er, und ſeinem Befehle gemäß handelte der Verwalter. „Und dabei blieb es?“ Dabei blieb es, wenigſtens vorderhand. Das arme Mädchen wurde über Nacht auf einem elenden offenen Karren in die Heimath zurücktrans⸗ portirt und verfiel ſofort in eine ſchwere Krankheit, die es faſt dem Tode überliefert hätte. Auf letzteres Reſultat hatte ohne Zweifel der elende Menſch, der den Befehl zum Rücktransport gab, gerechnet, aber ſo viel Glück ſollte er doch nicht haben, ſondern die ſchwer Geprüfte erholte ſich wieder, und wenn ſie auch nicht die alte Geſundheit zurück⸗ erlangte, ſo lebte ſie doch wenigſtens noch verſchiedene Jahre lang. Was war nun aber das Reſultat der ganzen Ge⸗ ſchichte? Wurde der Bubenſtreich wirklich ſo geſtraft, wie er hätte geſtraft werden ſollen? Ei nun, die Verwandten des Mädchens— denn dieſes hätte die Sache am liebſten ganz ruhen laſſen— leiteten einen Prozeß ein, und nach⸗ dem derſelbe verſchiedene Jahre lang herumgeſchleppt wor⸗ den war, erfolgte endlich der Spruch, daß der Betrüger das ihm anvertraut geweſene Geld mit Zinſen zurückzube⸗ zahlen habe. Das war aber auch Alles! So endet die Geſchichte der Schnitterin, und die jun⸗ gen Mädchen mögen ſich aus ihr die Lehre ziehen, daß man die Gerechtigkeit nicht umſonſt„blind“ gemalt hat. Freilich eine andere Frage iſt, ob jener Menſch, der durch ſeinen Schurkenſtreich ein reiches Weib erwarb, auch wirk⸗ lich glücklich wurde, oder ob ihn nicht vielmehr ſein Ge⸗ wiſſen, wenigſtens am Ende ſeiner Laufbahn, ſo ſehr pei⸗ nigte, daß er jedes Opfer gebracht hätte, wenn ihm dadurch ein Wiedergutmachen möglich geworden wäre. Allein wer ſieht einem Menſchen in's Herz? 42 Ein Weihnachtsabend in der Lootſenhütte. Erzählung von J. L. Runeberg. Eine Jagd in den Scheeren hatte uns bis gegen Abend aufgehalten, und als wir endlich die Heimfahrt antraten, erhob ſich ein ungünſtiger, äußerſt heftiger Wind. Wir mußten nun zu unſrem größten Leidweſen darauf verzich⸗ ten, den Weihnachtsabend bei den Unſrigen zuzubringen, und uns darauf gefaßt machen, die ganze Nacht hindurch auf dem offenen Meere umhergeworfen zu werden. Unſere Lage wäre gefährlich geweſen, wenn wir ein weniger gutes Boot gehabt hätten, und ſie hätte unerträglich langweilig werden müſſen, wenn nicht in unſrer Geſellſchaft ein Mann geweſen wäre, deſſen heitere Laune und die vielen Geſchich⸗ ten, die er zu erzählen wußte, die Stunden kürzten. Er war ein Ausländer und befehligte ein Schiff, das ihm ſelber gehörte und womit er in unſrem Hafen über⸗ wintern wollte. Es lag ihm nichts daran, den Weihnachts⸗ abend am Lande zu feiern, denn er hatte keine Angehörigen, die ihn bei der Reisgrütze und der gebratenen Gans ver⸗ miſſen würden; dazu war er, was wir Anderen keineswegs waren, gegen Alles vollkommen abgehärtet, was Wind, Waſſer und Kälte heißt. Auch war es ſein Boot, in welchem wir fuhren, und er ſelbſt führte das Steuerruder; ſomit fühlte er ſich ganz behaglich und in jeder Beziehung wie zu Hauſe. Wir lavirten und machten Schläge von zwei und drei Viertelmeilen, ohne recht vorwärts zu kommen, da die hef⸗ tige Bewegung des Meeres den Segeln unaufhörlich ent⸗ gegenwirkte. Endlich gaben wir ganz die Hoffnung auf, das Land zu erreichen, und faßten den Entſchluß, bei der Lootſeninſel, einem ſteilen, waldbewachſenen Felſen draußen im Meere, anzulegen und für den Reſt der Nacht bei den Lootſen, die dort eine Hütte haben, ein Unterkommen zu ſuchen. Wir ſahen ſchon in weiter Entfernung einen ſchwachen Lichtſchimmer von den Fenſtern, und der luſtige Kapitän ließ nun das Boot vor gutem Winde in der neuen Richtung durch die ſchäumenden Wellen ſtreichen. „Die Wahrheit zu ſagen, meine Herren,“ hub er an, nachdem er aus einer Flaſche mit kaltem Punſch einen tüch⸗ tigen Zug gethan hatte,„wir haben einen ganz reſpektablen Wind; und doch hab' ich, als ich erſt vier oder fünf Jahre zählte und noch obendrein mutterſeelenallein auf dem Meere war, einen eben ſo heftigen, wenn nicht noch ſchlimmeren erlebt. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß es mit mir eine ganz eigene Bewandtniß hat. Im Allgemeinen wiſſen die Men⸗ ſchenkinder mehr von der Vergangenheit als von der Zu⸗ kunft; ich dagegen kenne mein künftiges Schickſal weit beſſer als meinen Urſprung. Urtheilen Sie ſelbſt. Als ich un⸗ gefähr vier oder fünf Jahre alt war— es mögen ſeitdem wohl dreißig Jahre verfloſſen ſein, befand ich mich in einer Nacht wie dieſe auf dem offenen Meere; nur trieb ich da⸗ mals vor Topp und Takel, während ich jetzt zwei unge⸗ reffte Segel führe, auch war ich damals vor Kälte wie erſtarrt, während ich mich jetzt einer angenehmen Wärme erfreue. Die näheren Umſtände bei dieſer erſten Seefahrt ſind mir entfallen, nur weiß ich, daß ich allein auf einer Klippe im Meere war und denjenigen nachſegeln wollte, die mich dort zurückgelaſſen hatten. Es war, wie jetzt, ſtockfinſter, und als ich einen Verſuch machte, die Ruder zu gebrauchen, ſchlugen mir die Wellen dieſe aus der Hand. Wie lange ich unter ſo unerfreulichen Umſtänden umher⸗ geworfen wurde, kann ich Ihnen gleichfalls nicht ſagen, Feierſtunden. 1865. ——;—⅓—⅓⅓ꝛ::n-ͤy——õy——r———;—— Frei, nach dem Schwediſchen von B. doch ſo viel iſt gewiß, daß ich zuletzt von braven Leuten aufgenommen wurde. Sie ſehen alſo, meine Herren, daß ich ſo wenig weiß, ob ich Eltern gehabt habe oder nicht, wie weiland Adam davon wußte. Diejenigen, die mich auffiſchten und meine faſt ſchon erloſchene Lebensflamme wieder anfachten, waren ihres Zeichens Schmuggler, im Uebrigen aber recht wackere Leute. Ich wuchs unter ihnen auf und nahm an ihrer Induſtrie mit Vorliebe Theil, bis mir der Bart hervorzuſproſſen begann; da trieb es mich V in die Welt hinaus, ich ging mit einem Kauffahrteiſchiff in See und wurde ein ehrlicher Burſche.— Nun, da wären wir ja— aufgepaßt da vorn, den Bootshaken her⸗ aus, ſeht euch vor da luvwärts— ſo— ich glaube, es muß der Teufel ſein, der mir den Weg zwiſchen dieſen Klippen zeigt.“ Das Boot lag mit flatternden Segeln in einer von den vorſpringenden Klippen gebildeten Bucht; wir reckten die ſteifgefrorenen Glieder und ſchüttelten uns vor Kälte. Der Kapitän und zwei Matroſen blieben zurück, um das Boot in Sicherheit zu bringen, wir Anderen begaben uns in die warme Stube des Lootſen.. V Hier feierte man in ſehr anſpruchsloſer Weiſe die Weihnachten. terte auf dem geräumigen Herde und erhellte die Stube, in welcher zuckend auf dem Tiſche mehrere größere und kleinere Lichter brannten. Die Wände waren mit Netzen und andern Fiſchergeräthen behangen, und in einem Winkel hatten ſich einige weiße Ziegen mit ihren Jungen zuſammen⸗ geſchaart. Eine ſehr alte Frau ſaß am Tiſche und las in der Bibel, neben ihr ein Mann von mittleren Jahren mit ſei⸗ ner Frau und fünf Kindern, von denen vier auf Nachti⸗ gallen von Thon ein ſchauderhaftes Konzert aufführten, während der fünfte auf einer ſchnarrenden Holztrompete accompagnirte. Als wir eintraten, erhob ſich der Mann, ſtampfte tüch⸗ tig mit dem Fuß auf den Boden, um den Kindern Ruhe zu gebieten, und begrüßte uns dann freundlich und zwang⸗ los. Die greiſe Frau legte die Bibel bei Seite, nahm die Brille ab und muſterte uns ſcharf.„Woher kommt Ihr?“ fragte ſie.„Habt Ihr denn keine Heimath, wo ihr die Weihnachtsfeier begehen könnt, oder liegt euer Schiff und eure Habe auf dem Grunde des Meeres? Aber wenn ihr in Noth waret, warum habt ihr denn nicht den Lootſen⸗ ſchuß abgefeuert? Ihr habt es nicht gethan, nein, ſo wahr Gott lebt, ihr thatet es nicht!“ Nach dieſen Worten näßte ſie die Finger mit Speichel, entfernte die lange Schnuppe von einem der Lichter und hielt es uns, einem nach dem andern, dicht vor das Geſicht. „Oho!“ rief ſie, als ſie ſich überzeugt hatte, daß wir nicht das Ausſehen von Schiffbrüchigen hatten,„oho, rufe nicht Haſe, er liege denn im Garn.— Wenn ich nur wüßte, woher ich für euch Alle etwas zu eſſen nähme,“ fuhr ſie kopfſchüttelnd fort.„Na, Häringe ſind noch genug da, und an Ziegenmilch wird es wohl auch nicht fehlen; aber Grütze, das ſag' ich euch, kochen wir hier nicht mitten in der Nacht.“ Die alte Frau wurde auch in dieſer Beziehung voll⸗ kommen beruhigt, als wir uns der Pelze entledigt hatten 8 Ein mächtiger Stoß von Föhrenholz knit⸗ —— und ſen davo ware Stul ein Zwi von hatte gen, vri⸗ Fli Di ſtö in und geh mel Wo den See ſie! beb aven Leuten derren, daß oder nicht, ieb es mich ffahrteiſchiff — Nun, da tshaken her⸗ glaube, es ſchen dieſen einer von wir reckten vor Kälte. k, um das degaben uns iſe die z knit⸗ Stube, ere und mit Netzen nem Winkel zuſammen⸗ dos in der ren mit ſel⸗ auf Nachti⸗ aufführten, olztrompete pfte tüch⸗ rn Ruhe und zwang⸗ „nahm dit umt Ihr?“ vo ihr die Schiff und r wenn ihr en Lootſen⸗ in, ſo wahr m it Speicel Lichter und das Geſiht aß wir un Vhafe nit nur wüßte „ fohr fie — Feierſtunden. 1865. 331 —————— und einen ziemlichen Vorrath von kaltem Punſch und Spei⸗ nen Gaben, die wir ihnen beſcheert hatten. Der älteſte, der ſen zum Vorſchein brachten. Wir boten unſren Wirthen davon an, und ſie ließen es ſich gut ſchmecken. Bald waren wir wie zu Hauſe und fühlten uns in der warmen Stube äußerſt behaglich. Die Alte war eben im Begriff, ein Nachtlager für uns herzurichten, als ſie durch einen Zwiſchenfall davon abgehalten wurde, deſſen Folgen keiner von uns hatte ahnen können. Der Kapitän, der bei dem Boote zurückgeblieben war, hatte endlich Alles in Ordnung gebracht, die Segel beſchla⸗ gen, das Boot feſtgebunden und unſere Sachen in's Haus bringen laſſen. Ehe er dieſes ſelbſt betrat, ſchoß er ſeine Flinte ab, was wir Anderen zu thun vergeſſen hatten. Dieſer Schuß war es, der die alte Frau in ihrer Arbeit ſtörte. Sie warf ein großes Kopfkiſſen, welches ſie gerade in den Armen herbeitrug, ohne weiteres auf den Fußboden und ſagte mit bewegter Stimme:„Habt ihr den Schuß gehört? Nun, ſo möge ſich Gott über die Juno erbar⸗ men! Warum konnte ſie nicht in Norwegen überwintern? Wozu ſich der Gefahr ausſetzen, in ſolcher Jahreszeit an den blinden Klippen zu ſcheitern? Geh' mit dem Boot in See, Junge, halte brav die Luv in Nordweſt, daß du an ſie herankommſt; wir wollen ſchon nach den Kindern ſehen, bekümmere dich nicht um die; nur mach' ſchnell, ſchnell!“ Jüngeren Ohren als den ihrigen war es nicht ſchwer, den Grund ihres Irrthums zu entdecken. Der ſogenannte Junge, ihr vierzigjähriger Sohn, lächelte bei ihrer Auf⸗ forderung, in See zu gehen, und erwiederte halb mitleidig, halb ärgerlich:„Immer ſpukt es doch in Eurem Kopf, Mutter, und Ihr werdet Euch noch nach Eurem Tode ein⸗ bilden, Schüſſe zu hören, ſo oft eine Fliege über Euer Grab kriecht. Hab' ich recht gehört, ſo war, was wir ver⸗ nahmen, nicht der Knall von Juno's ſechspfündigen Kano⸗ nen, ſondern der von einer Jagdflinte, die einer von den fremden Herren unten am Strande abfeuerte.“ „Oho!“ eiferte die Alte,„will ſchon wieder das Ei klüger ſein als die Henne? Aber ich bin nicht toll, ſtamme auch nicht von tollen Eltern. Ach, Gott ſteh' mir bei, der Weihnachtsabend, der Anderen Freude bringt, hat für mich nur Kummer. Thu' übrigens, was dir gut dünkt, meine Sache iſt das nicht, und was könnte ich alte Frau auch ausrichten? Aber ſetzt euch an's Feuer, ihr Herren, ſo will ich euch erzählen, was einſt ein ſchwaches Weib ge⸗ than hat und was ihr Lohn war.“ Wir entſprachen ihrem Wunſche, und die Alte fuhr fort: „Es iſt lange her, länger, als ihr Alle, wenn mich eure Geſichter nicht täuſchen, zurückdenken könnt, da ſaß ich an einem Weihnachtsabend allein in dieſer Stube. Ich ſage allein, denn meine zwei Kinder, die um mich herum⸗ ſprangen, bedurften weit mehr meiner Hülfe, als daß ſie mir hätten helfen können. Das Meer war offen, wie jetzt, und wie ſchaurig auch heute Abend der Wind durch den Schornſtein pfeift, ſo iſt er doch wie ein Geiſterhauch, ver⸗ glichen mit dem Sturme, der damals tobte. Wir erwar⸗ teten kein heimkehrendes Schiff, und mein Mann war da⸗ her mit ſeinen Kameraden nach der Stadt hinübergeſegelt, um am Weihnachtsmorgen in die Kirche zu gehen und nebenbei auch den Abend luſtiger zu verleben, als es hier möglich geweſen wäre. Damals war ich noch jung und rothwangig, und ein Herz ſchlug mir im Buſen, ſo muthig wie das manches Mannes. Ich las eben in der Bibel, ggerade wie vorhin, als ihr eintratet, und die Knaben hat⸗ iien ſchon ihr Abendbrod erhalten und ſpielten mit den klei⸗ 6 zehn Jahre alt war, aber jetzt alt und verſtändig iſt, ließ ein Schiff aus Rinde gemacht auf dem Fußboden umher⸗ ſegeln; dem jüngſten hatte mein Mann aus einer Fiſch⸗ truhe ein Boot gemacht, er ſpielte mit demſelben und einer Schnur von Glasperlen, woran ein Goldherz hing und die mir mein Mann zum Geſchenk gemacht, die ich aber dem Knaben um den Hals gebunden hatte. Da hörte ich plötz⸗ lich vom Meere draußen einen Schuß. Gott wird mir verzeihen, wenn ich Unrecht that, denn ich glaubte das Rechte zu thun. Ich nahm den älteſten Knaben mit mir, damit er auf die Fockſchote Acht haben möchte, beſtieg eines der Boote und ging in See. Der jüngſte war uns bis an den Strand gefolgt; ich befahl ihm, wieder in's Haus zu gehen, aber er that es nicht und rief und weinte mir nach, bis ich im Brauſen des Sturmes und des Meeres ſein Geſchrei nicht mehr hörte. Als ich an die Scheeren herankam, ſah ich Licht auf dem Schiffe, das in der Dun⸗ kelheit gerade nordwärts auf die Brandung zuſteuerte, als wäre es mit dem Fahrwaſſer ganz unbekannt. Ich erreichte es aber noch bei Zeiten und brachte das Ruder leewärts, und das Schiff wandte ſo behende durch den Wind dicht vor den blinden Klippen und der ſchäumenden Brandung, daß es eine Luſt war; und ſo gelang es mir, einem Weibe, den ſtolzen Segler mit ſeiner koſtbaren Ladung wohlbehal⸗ ten in den Hafen zu führen. Und an dieſen Abend würde ich, ſo lange ich lebe, mit Stolz und Freude zurückdenken, wenn nur hier zu Hauſe Alles geweſen wäre, wie's hätte ſein ſollen. Es war vier Uhr Morgens, als ich hier in dieſe Stube zurückkehrte; ich dachte jetzt auszuruhen, aber die Ruhe war ſchlimmer als die harte Arbeit zuvor. Der jüngſte Knabe war verſchwunden. Ich ſuchte ihn die ganze Nacht hindurch mit der Laterne in der Hand auf den Klip⸗ pen, ich rief ihn, indem ich meine Stimme anſtrengte, das Heulen des Sturmes zu übertönen; aber es war, als ſuchte und riefe ich auf dem Grunde des Meeres. Als der Tag anbrach, ſah ich den Pfahl, an welchem unſer kleineres Boot angebunden geweſen war, aber das Boot war fort, und ich hab' es ſo wenig wie den Knaben je wieder ge⸗ ſehen. Das Boot war Goldes werth, aber das Kind war mir lieber als das Leben.“ Die Alte ſchwieg und brach in Thränen aus. Der Kapitän war während ihrer Erzählung eingetreten, aber er ſchien wenig auf ihre Worte zu achten. Dagegen betrach⸗ tete er die Wände, die Decke, Alles in der Stube, beſonders aufmerkſam aber ein aus einer alten Fiſchtruhe gefertigtes Boot, das neben dem Ofen an der Wand hing. Als die alte Frau ihre Erzählung beendigt hatte, ging er zu ihr hin, riß Rock und Weſte auf und nahm eine Scheuut von Glasperlen hervor, die er auf ihren Schoß egte. Die Frau betrachtete ſie eine Weile, erhob den thrä⸗ nenfeuchten Blick und ſah den Kapitän voller Erſtaunen an. Aber gleich darauf ſchlang ſie beide Arme um ſeinen Hals und ſchluchzte laut, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Als ſie dann von Neuem ihr tief gefurchtes Antlitz erhob, war es wie verklärt vor Freude und Rührung. „Ja, du biſt's,“ rief ſie,„und deinem Vater wie aus den Augen geſchnitten, nur ſchöner und ſtattlicher noch als er. Gott verzeih' es dir, Wildfang, wer hieß dich allein in See gehen? War das ein Wetter für dich? Aber ich ſelbſt trage die Schuld daran, ich hätte dich an den Bett⸗ pfoſten feſtbinden ſollen, dann wäreſt du mir hübſch zu Hauſe geblieben. Dem Himmel ſei Dank, nun werd' ich 42* ruhig ſterben können, denn Niemand wird an meinem Grabe fragen, wo ich mein Kind gelaſſen habe.“ 3 Unſere Ueberraſchung kann man ſich leicht vorſtellen; Feierſtunden. 1865. aber der Weihnachtsabend, der ſo unglücklich begonnen hatte, wurde nun ein ſo fröhlicher, wie ich ſpäter kaum einen erlebt habe. Der Rönigsſee. Das reizend gelegene Berchtesgaden, einſt Wohn⸗ ort der Pröbſte und Fürſten des Bisthums, deren Reſidenz jetzt ein königliches Jagdſchloß iſt, zieht durch ſeine berühm⸗ ten Salzwerke, deren Befahrung auf das Zuvorkom⸗ mendſte geſtattet wird, jährlich ganze Schaaren von Tou⸗ riſten herbei, und bietet mannigfache Gelegenheit zu den Fußweg führt bei den Sudhäuſern und dem freundlichen Landhauſe des Grafen Arco vorüber, über ſchöne Wieſen, auf denen haushohe Felſenblöcke zerſtreut liegen. Nachdem man einige einzeln ſtehende Häuſer erreicht, gelangt man an einen freien Platz, von welchem aus ſich der Königs⸗ ſee dem Auge darſtellt. Zwei Stunden lang und größten⸗ theils über eine Viertelſtunde breit dehnt ſich ſeine Spiegel⸗ fläche zwiſchen den Bergen, leicht beweglich und in den mannigfaltigſten Schattirungen von Blau und Grün wech⸗ ſelnd, aus. Das wahre Muſter eines Hochgebirgsſee's, hat er nirgends, als an der kleinen Landzunge von St. Bartholomä, auch nur den geringſten Uferrand, doch ſind die ihn umſchließenden Wände bis über die Mitte ihrer Höhe mit Laub⸗ und Nadelholz bewachſen, und von fern überragen ihn die Rieſenhäupter der weiteren Umgebung, vor allen ausgezeichnet im Weſten die Doppelgipfel des Watzmann.— Im Wirthshaus„am See“ ſind Schiffer bereit, zu feſtgeſetzten Preiſen Reiſende den See aufwärts zu bringen. Zuerſt kommt man in einen ſchmalen Kanal, der zur Rechten vom Grünſtein, zur Linken vom hohen romantiſchſten Ausflügen. Einer der beliebteſten iſt der nach dem nur 1 ½ Stunden entfernten Königs⸗ oder Bartholomä⸗See. An den Salinengebäuden vorüber gelangt man über eine ſchöne Brücke, und dann auf einer wohlgebauten Fahrſtraße durch eine ſchöne waldige Gegend mit maleriſchen Hügeln, Baumgruppen und Mühlen; ein heherrſcht wird, und an der kleinen Inſel er oder St. Johann, welche mit Denk⸗ Spaziergängen geſchmückt iſt, vorüber, von Jänne Chriſtli mälern un welcher an der See erweitert. Rechts erblickt man hier den Falken in, an deſſen Fuße, am Rande des See’, ein ſteinernes ereuz die Stelle bezeichnet, an der vor mehr als hundert Jahren ein großes Schiff mit Wallfahrern ſcheiterte. Links erſcheint der vom hohen Jänner herab kommende Königsbach, einer der bedeutendſten Waſſer⸗ fälle Europa's, der über ſchroffe Felſen in die Spiegel⸗ fläche des See's ſich hinabſtürzt. Weiterhin wird die ge⸗ brannte Wand erreicht, die nach einem früher ſtattge⸗ fundenen Waldbrande benannt wird, welche eine Höhle, die ſogenannte 2felsmühle, birgt, in welcher man ein immerwährend unterirdiſches Getöſe zu hören glaubt. Hier an der ge, uten Wand iſt die Stelle, wo ſich das berühmte Echor Königsſee's befindet, welches den Knall des Feuergewehres mit dem der Schiffer verſehen iſt, ſieben⸗, auch neunfa wie ein furchtbares C itter fortpraſſelt: außer an dieſer wiedergibt und an dem Kettengebirge Feierſtunden. 1865. 333 —————— ————; 5——— * hatte, Stelle darf nirgends auf dem See geſchoſſen werden. Bei durch die man gekommen, und die Berge ſchließen ihn wie im einen dem ſogenannten Mitterling, wo am linken Ufer eine in einer zuſammenhängenden Reihe keſſelförmig ein. Von kleine Heiligenkapelle angebracht iſt, zeigen die Schiffer eine hier aus beſucht man gewöhnlich, von einem Führer gelei⸗ Höhle in der Felſenwand:„Die Strömung zum Kuchler⸗ tet, zwiſchen der Hachelwand und den Felswänden des Bach“ genannt, durch welche angeblich ein Abfluß des Watzmanns hindurch, die berühmte, eine Stunde entfernte Königsſee's gehen, und jenſeits des Gebirges aus dem In⸗ Eiskapelle, einen Gletſcher, der, von den Schneelawi⸗ nern des hohen Göhls, als der berühmte Gollinger nen im Frühjahre gebildet, aus einem tiefen Eisgewölbe Waſſerfall wieder hervorbrechen ſoll. In einer bald beſteht, das nach den verſchiedenen Jahreszeiten bald höher, iſt der darauf folgenden Bucht, einer baumbewachſenen Landzunge, bald niedriger ausgehöhlt iſt. Da die Lage der Eiskapelle as⸗ oder„der Wallner Inſel“, kommt die Alpe Keſſel, wo ange⸗ nur 2000 Fuß Seehöhe erreicht, iſt ihr Vorkommen um vorüber halten wird, um über die in Stein gehauenen Stufen und ſo auffallender, und ſie ſelbſt die größte Merkwürdigkeit auf einer eine kleine Brücke, an einer früheren Einſiedelei vorüber, nicht nur des Königsſee's⸗Gebirges, ſondern der geſammten ge Gegend in die Felſenſchlucht zu gehen, in welche der Keſſelbach Kalkalpen Bayerns. hlen; ein in einem ſchönen Fall von ſteiler Höhe herabſtürzt. Eine Von St. Bartholomä gelangt man nach einer weite⸗ ſcheint eine Felswand, der„Burgſtall“, gleich einer großen in Stein gehauene Inſchrift:„Ewiger, dich ſpricht das Geſtein, dich das Brauſen des Gewäſſers; wann wird meine Seele dich ſchauen?“ iſt hier an paſſender Stelle angebracht. Weiter auf dem See fort erreicht man nach einer halben Stunde das zur Rechten liegende Jagdſchloß St. Bar⸗ tholomä, wo man beim königlichen Revierjäger eine länd⸗ liche Wirthſchaft und treffliche Salmlinge, den vorzüglich⸗ ſten Fiſch des Königsſee's, findet, der auch geräuchert un⸗ ter dem Namen„Schwarzreiter“ verſchickt wird. Hier gewinnt die Ausſicht einen ganz neuen Reiz: vorwärts er⸗ ren halben Stunde zum äußerſten Ende des See's, und an die Alpe Sallet und den Schrambach, der aus dem zur rechten Seite vom Hachelkopf und Simets⸗ berg gebildeten Thale herabſtürzt. Links erblickt man einen über die Kauner⸗ oder Regenwand in dünnen Waſſer⸗ fäden herabfallenden Staubbach. Hier erweitert ſich all⸗ mälig ein mit ſchroffen Gebirgen umgebenes zweites Thal, und in demſelben erreicht man in einer Viertelſtunde die zuſammenhängenden Mitter⸗ und Oberſeen, in deren Hintergrunde ſich von der Fiſchunkel der Rettenbach in einem prächtigen Waſſerfalle herabſtürzt. Bergveſte; rückwärts verſchwindet die Biegung des See's, 2 Ludwig Napoleon als Prinz und Raiſer. Aus den Erlebniſſen eines Amerikaners mitgetheilt von A. R. Ich war aus Geſundheitsrückſichten nach London ge⸗ kommen. Ein Empfehlungsbrief ſollte mich bei dem be⸗ rühmten Arzt Sir Benjamin Boodin einführen. Ich hatte bald nach meiner Ankunft bei demſelben vorgeſprochen und war auf den folgenden Morgen um 9 Uhr zu ihm einge⸗ laden worden. Pünktlich ſtellte ich mich in ſeinem Hauſe ein. Der Diener, der mir die Thür öffnete, ſagte mir, daß Sir Benjamin gerade mit mehreren Damen Geſchäfte habe, welche weither vom Lande gekommen ſeien, und daß ich deßhalb ſo lange warten möchte, bis ſie ihn verlaſſen hätten. Demzufolge wies man mich in die Bibliothek, wo ich ein freundliches Feuer und die Morgenblätter vorfand. Ich ſchob mir einen Armſtuhl an eine Ecke des Kamins, fältig ausſehender Mann zu ſein und ſeine halbgeſchloſſenen Augenlider gaben ſeinem Geſichte einen ganz beſondern Ausdruck. Ich bemerkte, daß ſeine Arme und Beine eine beſondere Stärke verriethen, er ſah aber nicht darnach aus, als ob er ein Freund von Thätigkeit wäre. Seine Arme waren ſehr lang und ſeine Beine ſehr kurz. Wenn er ſtand, erſchien er kurz von Statur, hochgewachſen dagegen, wenn er ſaß. Er hatte eine eigenthümliche Art, die eine Seite ſeiner Naſe mit ſeinem Zeigefinger zu reiben, eine Gewohnheit, die ich auch ſpäter wieder an derſelben Per⸗ ſönlichkeit bemerkte. Einige Minuten ſaßen wir ſo da wie zwei Narren, oder vielmehr wie zwei wohlgezogene Eng⸗ länder, indem wir uns den Anſchein gaben, als ob wir 7 deſ ſetzte mich, legte die Beine übereinander und war bald in in's Feuer ſchauten. Endlich eröffnete mein Gefährte das it Duon die Rieſenſpalten der Times vertieft. Geſpräch mit der Bemerkung, daß es ein ſchöner Tag ſei. über, her Ich hatte etwa zehn Minuten geleſen, als die Thür Seine Ausſprache, die ſehr markirt war, beſtärkte mich in 4 aufging und ein anderer Herr von dem Bedienten in's Zim⸗ meiner Meinung, daß er ein Deutſcher ſei. Ich ſtimmte des e. ir mer gewieſen wurde. Derſelbe war ein kurzer, unterſetz⸗ ſeiner Bemerkung bei und das Eis war gebrochen. Wir vor* ter Mann, offenbar ein Ausländer. Er trug einen Trauer⸗ waren bald in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, in⸗ alfalre anzug von untadeligem Schnitt. Ich ſchielte über meine dem er mich für einen Engländer und ich ihn für einen er hir⸗ Zeitung hinweg verſtohlen nach ihm hin, und war bald Deutſchen hielt. Von einem Gegenſtand gingen wir zu Waſſe, darüber mit mir im Reinen, daß er ein Deutſcher ſein einem andern über, und endlich brachte er die Chartiſten⸗ Spih, müſſe. Der engliſchen Sitte gemäß nahmen wir von ein⸗ Unruhen, welche gerade an der Tagesordnung waren, zur d die gi, ander nicht die geringſte Notiz. Er verweilte einen Augen⸗ Sprache. Er ließ ſich über dieſelben in einer Weiſe aus, er fut blick an dem Tiſche, an dem noch immer mehrere Zeitun⸗ daß dadurch mein Intereſſe lebhaft angeregt wurde. Er höhle, in gen lagen, wählte eine aus, ſetzte ſich an einer andern Ecke konnte die gute Geſinnung des engliſchen Volkes, beſonders man n des Kamins nieder und folgte meinem Beiſpiele, indem er aber der untern Mittelklaſſen, nämlich der Krämer und n glau 3 ſich in's Leſen vertiefte. Handwerker, nicht genug loben. Er pries ſich glücklich, daß o ſich 4 Nach einiger Zeit war ich dieſer Beſchäftigung müde er Gelegenheit gehabt habe, Zeuge dieſes Verhaltens zu ſein. den Knan und legte die Zeitung weg. Wenige Minuten darauf that„In England,“ ſagte er,„wird niemals eine gewaltſame ſſehen i. der Fremde daſſelbe. Ich hatte ſo Gelegenheit, ſein Aeußeres Revolution von Erfolg ſein, obſchon man hier mit den temgafe genauer zu betrachten. Er ſchien ein ſchwerfällig, faſt ein⸗ beſtehenden Inſtitutionen ſo zu ſagen in einem fortwährenden an deſe Feierſtun 334 — revolutionären Fortſchritt begriffen iſt. Es beſteht ein mäch⸗ tiger Unterſchied zwiſchen den erwähnten Volksklaſſen hier und auf dem Kontinente, beſonders in Frankreich. Alles bewegt ſich hier in alten und wohlgeglätteten Geleiſen. Der heutige Londoner Krämer treibt daſſelbe Geſchäft und an demſelben Orte, wie vor ihm ſein Vater und Großvater. Er kennt die Schwierigkeit, unter einer ſo dichten Bevölke⸗ rung ſich ſeinen Unterhalt zu ſichern, wenn er den betre⸗ tenen Weg verläßt. Mit einem Worte, er weiß, daß er bei einer allgemeinen Verwirrung mehr verlieren als ge⸗ winnen wird. Deßhalb wird er, abgeſehen von ſeiner tief⸗ gewurzelten Loyalität, ſtets auf Seite der Behörde ſtehen, wenn ein Verſuch gemacht werden ſollte, die Regierung zu ſtürzen. Ihre ländliche Bevölkerung iſt nur aus Inſtinkt loyal, nicht aus Ueberzeugung. Ich will mit all' dem, was ich geſagt habe, nicht behaupten, daß Ihre Krämer und Handwerker nicht mit vielen Dingen unzufrieden ſind und das Recht, zu murren, nicht in unbegrenzter Weiſe aus⸗ üben. Im Grunde genommen aber wiſſen ſie, daß ihre Coaſtitution eine ſich ſelbſt reinigende Maſchine iſt und daß ein niemals raſtendes Streben für Verbeſſerung ar⸗ beitet. Im Gegenſatz hievon iſt jeder Franzoſe ein Mann von unbegrenztem Ehrgeiz. Er treibt immer vorwärts und läßt ſich treiben, ſtets edlen Eingebungen zugänglich. Aber einer ſeiner größten Mißgriffe iſt es, daß er ſtets hofft, durch eine Veränderung zu gewinnen. Deßhalb iſt er ſtets zu Veränderungen bereit. Er kann nicht regiert werden wie Ihr Volk. Wer heute ſein Ab⸗ gott iſt, iſt morgen ſein böſer Dämon.“ Wir hatten etwa eine halbe Stunde mit einander ge⸗ plaudert, als Sir Benjamin die Thür öffnete, meinem Gefährten eine Verbeugung machte und mich in ſein Stu⸗ dierzimmer rief. Als ich mich niedergeſetzt hatte, fragte er mich, ob ich wiſſe, wer der Mann ſei, den wir in der Bibliothek gelaſſen. Ich verneinte es, fügte aber bei, daß ich ihn für einen Deutſchen halte, daß er jedenfalls ein ſehr geſcheidter Menſch ſei, wenn er auch nicht ſo ausſehe. „Nun wohl,“ ſagte Sir Benjamin lächelnd,„es iſt Prinz Ludwig Napoleon.“ Dies trug ſich wohl bemerkt nur wenige Wochen vor ſeiner Rückkehr nach Frankreich zu, wo er ſeinen Sitz in der geſetzgebenden Verſammlung einnahm. Ich fragte Sir Benjamin um den Grund ſeines Beſuches, und er ſagte mir, daß der Prinz an Herzbeſchwerden leide. Ob dieſel⸗ ben organiſcher Natur ſeien oder blos aus einer zufälli⸗ gen Funktionsſtörung beſtanden, habe ich nicht gefragt. Ich ſah Ludwig Napoleon erſt nach ſechs Jahren in Paris wie⸗ der, als er Kaiſer der Franzoſen war. Das erſte Mal war dies in den Tutlllerien bei einer jener allgemeinen Vorſtellungen der Amerikaner, welche ſtets von Zeit zu Zeit ſtattfinden und ſtets mehr oder weniger mit lächerlichen Zwiſchenfällen verknüpft ſind. Der dazu beſtimmte Tag war wie gewöhnlich ein Sonntag. Die Einladung dazu war am Samſtag Abends erlaſſen worden und den meiſten Betheiligten erſt am Sonntag früh zuge⸗ kommen. Die Herren ſollten„in Uniform“, die Damen „in Stadttoilette“, d. h. in vollem Beſuchsanzug erſcheinen. Man kann ſich die Verlegenheiten denken, welche durch dieſe verſpätete Einladung veranlaßt wurden. Die Männer ſtürm⸗ ten zu Woodmann, dieſem vollendeten Kleiderkünſtler, wel⸗ cher der Generallieferant von Hofkleidern für das Nankee⸗ doodeldum in Paris iſt, indem er ſtets eine Auswahl da⸗ von vorräthig hält und ſie wie Maskenkoſtüms ausleiht. Diejenigen, welche glücklich genug waren, noch am Samſtag den. 1865. Abend bei ihm vorzuſprechen, hatten nicht allein die Aus⸗ wahl, ſondern konnten auch ſolche Veränderungen vorneh⸗ men laſſen, daß ihnen der Anzug doch wenigſtens einiger⸗ maßen paßte. Dagegen mußten die Unglücklichen, die am Sonntag Morgens kamen, nehmen, was und wie ſie es fanden. Ein ſolches Corps, wie es ſich um neun Uhr im Pa⸗ laſte einfand, konnte nur mit Fallſtaff's Regiment ver⸗ glichen werden. Röcke zu weit und Röcke zu eng, Aermel zu lang und Aermel zu kurz, Hoſen, welche unter den Stiefelabſätzen nachgeſchleift wurden, und Hoſen, welche nicht bis an die Knöchel reichten, eine wahre Muſterkarte von Hüten und Degen, die ihren ungewohnten Trägern jeden Augenblick zwiſchen die Füße kamen. Man kann ſich denken, daß es unter dieſem uniformirten Bataillon nicht an Karikaturen fehlte, bei deren Anblick man ſich kaum des Lachens enthalten konnte. Die Damen waren in dieſer Beziehung weit beſſer daran, da ſie, weil nichts Ungewöhn⸗ liches von ihnen verlangt wurde, meiſt ohnehin mit den nothwendigen Toilettenartikeln verſehen waren. Wir waren in einem großen Saal in einer Reihe auf⸗ geſtellt, wie eine Compagnie Soldaten, wenn ſie zum Exer⸗ ziren antritt. Auf der andern Seite des Zimmers befand ſich eine Geſellſchaft Spanier, Mexikanur und Südameri⸗ kaner. In einem anſtoßenden Saale, deſſen Thüren geöffnet waren, hatten ſich die Deutſchen und Engländer aufgeſtellt. Der Kaiſer und die Kaiſerin mit einem Gefolge von Herren und Damen gingen durch die Reihen der Aufgeſtellten und ſagten jeder Perſon ein paar gleichgültige Worte. Der Kaiſer ſchien mich indeß wieder zu erkennen, denn als die Kaiſerin mich engliſch anredete, rief er ihr zu:„Reden Sie mit ihm franzöſiſch, denn er ſpricht es ſo gut wie wir.“ Die ganze Vorſtellung dauerte kaum 15 Minuten. Das zweite Mal ſprach ich mit dem Kaiſer in einer Soiree des Prinzen Napoleon. Der Kaiſer unterhielt ſich mit dem päpſtlichen Nuntius und ich hatte gerade meine ganze Aufmerkſamkeit der Kaiſerin zugewendet, als ich plötz⸗ lich von der Seite mit einem„Bonsoir“ angeredet wurde. Als ich mich umdrehte, ſtand der Kaiſer vor mir. Ich war überraſcht, daß er mich wieder erkannte, und noch mehr, daß er mich in einer ſolchen Geſellſchaft anredete. Er be⸗ merkte mein Erſtaunen und mit einem Lächeln ſagte er: „Ich war dieſen Abend in der Ausſtellung und habe Ihre (die amerikaniſche) Abtheilung überblickt, wo ich mancherlei Gegenſtände fand, die mich intereſſirten, darunter einen, den ich nicht recht verſtehe und der mir nun ſeit dieſer Zeit viel Denken verurſacht hat. In einer Ecke von Goodyears Ausſtellung ſah ich einen Haufen Kanonenkugeln von vul⸗ kaniſirtem Kautſchuk, welche wie in einem Artilleriehofe auf⸗ geſtellt waren. Wie man den Kautſchuk für offenſive Zwecke im Kriegsweſen verwenden kann, vermag ich nicht recht zu begreifen. Dagegen kann ich mir wohl denken, daß er ſich in Verbindung mit andern Materialien zu Verthei⸗ digungszwecken, z. B. bei Bruſtwehren, gebrauchen laſſe. Viel⸗ leicht können Sie mir einen Aufſchluß geben.(Der Verfaſſer war bei der pariſer Ausſtellung amerikaniſcher Commiſſär.) Ich muß hier erwähnen, daß ſich dies gerade am Abend vor der Eröffnung der Ausſtellung zutrug. Ich hatte aber noch nicht einmal die fraglichen Kanonenkugeln bemerkt und mußte deßhalb, ſo gut es ging, meine Unwiſſenheit ent⸗ ſchuldigen. Offenbar um mich nicht ſo abrupt zu ver⸗ laſſen, ſprach der Kaiſer noch einige Zeit über militä⸗ riſche Gegenſtände mit mir, verbeugte ſich dann und ent⸗ fernte ſich. die Aus⸗ 1 vorneh⸗ 3 einiger⸗ „die am ie ſie es im Pa⸗ nent ver⸗ Aermel unter den n, wiche Luſterkard Trägern kann ſich llon nicht kaum des in dieſer ngewöhn⸗ mit den Keihe auf⸗ um Exer⸗ os befand Südameri⸗ geöffnet aufgeſtellt. efolge von rte. Der a als die deden Sie vie wir.“ gich plötz⸗ eet wurde. Ich war och mehr, Er be⸗ ſagte er: e Ihre eer einen, dieſer Zeit Hoodyeard Feierſtun Am andern Morgen hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als nach dem Induſtriepalaſte zu gehen. Der erſte Gegen⸗ ſtand, der mir dort in der Ausſtellung des Herrn Goo⸗ dyear in die Augen fiel, waren die fraglichen Kanonen⸗ kugeln, ſo aufgeſtellt, wie ſie der Kaiſer beſchrieben hatte. Wenige Minuten darauf trat Herr Goodyear ein und ich erſuchte ihn angelegentlich um Aufklärung.„Sehr gern,“ ſagte er,„es ſind Kegelkugeln“. Ich hatte keine Ge⸗ legenheit, den Kaiſer darüber zu verſtändigen. Zu den vielen Talenten, die der Kaiſer beſitzt, gehört auch ſeine genaue Pferdekenntniß. Als Reiter ſah ich nie⸗ mals Seinesgleichen. Unanſehnlich zu Fuß nimmt er ſich ſehr gut zu Pferde aus. Wegen der Länge ſeines Körpers hält man ihn für einen hochgewachſenen Mann, wenn er zu Pferde ſitzt. Ihn bei einer Revue an der Spitze ſeiner Hundert⸗Garden daher galoppiren zu ſehen, iſt ein ſchönes Schauſpiel. Man ſieht ihn nicht oft im Wagen. Nur zuweilen wirft er ſich in glänzenden Staat und begleitet die Kaiſerin. Zuweilen begegnet man ihm auch in den Champs Elyſées, wie er mit ein paar ſtattlichen Braunen fährt, nur von einem einzigen Reitknechte, der hinter ihm ſitzt, begleitet. Meiſtens befindet er ſich zu Pferd. Zur Zeit, von der ich ſpreche, pflegte er, wenn er zum Vergnügen ausritt, einen alten blauen Frack, deſſen Näthe bereits weißlich waren, und ein paar alte baumwollene Handſchuhe zu tragen, für die er, wie es ſcheint, eine beſondere Liebhaberei hatte. Bei meiner Anweſenheit in London erzählte man ſich in den Klubs folgende Anekdote, deren Wahrheit ich übri⸗ gens nicht verbürgen kann. Ein vornehmer Pflaſtertreter den. 1865. 335 —ͤ——:rry—⸗—y—:yõy—õyyyy-:O—O— gere, ihn zu ſehen, und ſo die erhaltene Demüthigung ihm leichter zu machen. Wenn dieſer Vorgang wahr iſt, ſo iſt ihm dafür eine Genugthuung geworden, wie er ſie nicht beſſer wünſchen konnte. Er hat die Königin Viktoria nicht nur beſucht, ſondern auch bei ſich empfangen, nachdem er einer der mächtigſten Monarchen der Welt geworden iſt. Als die Königin in Paris war, zeigte ſich der Kai⸗ ſer ganz beſonders aufmerkſam gegen den Prinzen von Wales. Dies machte ſeiner Mutter viele Sorge, weil ſie fürchtete, daß ihr Sohn unter ſchlimmen Einfluß gerathen, daß er das Rauchen, oder noch Aergeres lernen möchte. Man erzählt ſich, daß eines Tages nach dem Frühſtück der Kaiſer plötzlich verſchwunden war und der Prinz von Wa⸗ les mit ihm. Die Königin gerieth deßhalb in die größte Unruhe, die ſie kaum zu verbergen wußte. Später wurde bekannt, daß Beide einen zweiſtündigen Spazierritt gemacht hatten. Der Kaiſer hat einen wundervollen Takt. Er beſitzt eine außerordentliche Kenntniß nicht nur der oberflächlichen Eigenthümlichkeiten des franzöſiſchen Volkes, ſondern auch ſeiner tiefer gehenden Charakterzüge. Mehr als ein Vor⸗ fall liefert den Beweis dafür. Während die Arbeiten zum Bau des Louvre im Gang waren, ging der Kaiſer, die Cigarre im Munde, häufig daſelbſt umher, um deren Fortgang zu überwachen. Bei einer ſolchen Gelegenheit bemerkte er eine Anzahl Stein⸗ hauer, welche beiſammen ſtanden und eifrig mit einander ſprachen. Bald darauf trat einer von ihnen mit der Kappe in der Hand zögernd und verwirrt auf ihn zu:„Mein Kaiſer,“ ſagte der Mann,„ich habe eine Wette von fünf hatte in Folge einer Wette eine nachgemachte Einladung Francs mit einem meiner Kameraden gemacht, daß Sie zum Diner bei der Königin in Windſor an den Prinzen mir erlauben werden, meine Pfeife an Ihrer Cigarre an⸗ Ludwig Napoleon gelangen laſſen. Es war gerade zu der zuzünden.“—„Du haſt die Wette verloren,“ antwortete Zeit, wo Ihre Majeſtät in ſehr intimen Beziehungen zu der Kaiſer lachend,„aber hier iſt Geld, um ſie zu bezah⸗ den Orleans ſtand, und deßhalb den Prinzen Ludwig Na⸗ len, und auch deine Freunde zu traktiren.“ Damit gab poleon gänzlich ignorirte, ja ihn nicht einmal empfangen er ihm zwei Zwanzigfrancsſtücke, und wußte auf dieſe nancherlei wollte. Obſchon ihn deßhalb die Einladung überraſchte, ſo kam er doch nicht auf den Gedanken, daß ſie gefälſcht ſein könnte. Sich in volle Uniform werfend und ſeinen Bedienten mit einer ſtattlichen Livree herausputzend, eilte er nach Windſor, wo es ſich herausſtellte, daß man ihn zum Beſten gehabt. Man fügt bei, daß die Königin, wel⸗ Weiſe nicht blos ſeine Würde, ſondern auch ſeine Popula⸗ rität zu bewahren. Der Verfaſſer ſagt, er habe Gründe anzunehmen, daß der Kaiſer Napoleon gegen die Vereinigten Staaten von Nordamerika nicht beſonders günſtig geſtimmt ſei, eine Ver⸗ muthung, die ſich bei mehr als einer Gelegenheit als rich⸗ cher die Sache hinterbracht wurde, auch diesmal ſich wei⸗ tig erwieſen hat. Etwas über Die Stahlfedern werden in den Fabriken, damit ſie nicht anlaufen, eingefettet. Deßhalb nehmen ſie, wenn ſie neu in Gebrauch genommen werden, die Tinte nicht an. Manche Perſonen haben die Gewohnheit, zur Entfernung des Fettes die Feder über ein brennendes Schwefelhölzchen zu halten. Dadurch wird allerdings der Zweck erreicht, aber die Feder verliert an Härte und Elaſticität. Dieſes Verfahren iſt deßhalb nicht zu empfehlen. Im Handel kommt jetzt eine Flüſſigkeit vor, welche nicht nur das Fett entfernt, ſondern auch dazu dienen ſoll, die Federn zu con⸗ ſerviren, wenn man ſie nach dem Schreiben in dieſelbe eintaucht und abwiſcht. Dieſe Flüſſigkeit, wovon das Gläschen zu 3 Silbergroſchen verkauft wird, beſteht in einer Auflöſung von Pottaſche in Waſſer, iſt alſo nichts weiter als Lauge, die ſich um ein paar Pfenninge, und, Stahlfedern. wenn man Aſche dazu nimmt, umſonſt herſtellen läßt. — Uebrigens iſt es bekannt, daß man abgeſchriebene Stahlfedern in vielen Fällen durch einige geſchickt geführte Striche aus einer recht feinen Feile, oder in Ermanglung derſelben durch Schaben mit der Schneide eines Meſſers wieder brauchbar machen kann. Es gehört nur eine Uebung dazu, die ſich von ſelbſt erlernt. Ein Mißſtand beim Schreiben mit Metallfedern iſt es auch, daß das Papier, wenn es nicht ganz frei von fetti⸗ gen Beſtandtheilen iſt, die Tinte nicht annimmt, oder fließt. Schon das bloße Auflegen der Hand beim Schreiben macht daſſelbe für den Gebrauch von Stahlfedern untauglich. Um dies zu verhüten, legt man da, wo die Hand aufruht, ein Stück Fließpapier auf das Schreibpapier. A. R. — 3 ———— Der Schatten des Reiters; nach Collins. Feierſtunden. 1865. ——————; ——-——— Beſohnte Spekuſation. „Der in Berlin erſcheinende Bazar, Berliner illu⸗ ſtrirte Damenzeitung, wird gegenwärtig in 5 verſchiedenen Sprachen in einer Geſammt⸗Auflage von 247,000 Exem⸗ plaren gedruckt, und zwar: 1 1) Die in Berlin unter dem Titel„Der Bazar“ n Tſcheinende deutſche Original⸗Ausgabe in 120,000 Exem⸗ plaren. 2) Die in Paris unter dem Titel»La Mode Illustrée« in franzöſiſcher Sprache erſcheinende Aus⸗ gabe in 42,000 Exemplaren. 3) Die in London unter dem Titel»The Eng- lishwomans Domestic Magazine« in engliſcher Sprache erſcheinende Ausgabe in 70,000 Exemplaren. 4) Die in Cadix unter dem Titel»La Moda Elegante« in ſpaniſcher Sprache erſcheinende Ausgabe in 8000 Exemplaren. 5) Die im letzten Jahre neu hinzugekommene, in Amſterdam unter dem Titel»De Gracieuses in uandiſcher Sprache erſcheinende Ausgabe in 7000 Exem⸗ plaren. 3 Der Bazar verdient aber auch dieſe außerordentliche Verbreitung— keine andere der in allen civilifirten Ländern erſcheinenden Damenzeitungen liefert für ſo geringen Preis eine ſolche Fülle intereſſanter und nütz⸗ licher Aufſätze, Muſter weiblicher Arbeiten, Coeffuren, Modeartikel jeder Art ꝛc. Siebentes Kapitel. Die Baronin Str. hatte ein glänzendes Quartier in der kleinen, aber reizend gelegenen und durch den regen Kunſtſinn des Fürſten Alfred mit Kapacitäten aller Zweige der Wiſſenſchaft und Kunſt belebten Reſidenz des Fürſten⸗ thums B.— Ihr Trauerjahr ging zu Ende, und es war ihr während der Dauer deſſelben klar geworden, daß es doch ganz angenehm ſein müſſe, zu den ihr durch das Teſtament des Barons, welchen ſie ſehr gern ſelig pries, ererbten Reichthümern noch den Beſitz eines jugendlichen Gatten aus guter Familie zu fügen. Eine geeignete Perſönlichkeit bot ſich in dem neunund⸗ dreißigjährigen Zwillingsbruder des Fräulein v. Wildegg, welcher in ſeiner Majorsuniform ein ſtattlicher und glän⸗ zender Cavalier war, bei dem es nicht ſchwer gehalten hätte, ein junges ſchönes Mädchen heimzuführen, wäre er nicht als ein Mann mit ſo vielen koſtbaren Liebhabereien bekannt geweſen, der dabei ſelbſt nichts, als ſeine elegante Erſchei⸗ nung, als Aequivalent bieten konnte, von derem äußeren Theil, der Uniform nämlich, Niemand zu behaupten wagte, daß ſie ſein bezahltes Eigenthum ſei. Er ſelbſt war nicht unempfindlich gegen den reichen Beſitz, welcher ihm mit der Baronin Hand zugeführt werden konnte, und hatte deßhalb ſeine weitläufige Verwandtſchaft benützt, um oft in ihrem Hauſe zu erſcheinen, oder bei der Tante Steckwitz mit ihr zuſammenzutreffen, welch' letztere, ſowie Aurelie v. Wil⸗ degg ihr Möglichſtes thaten, um dem anſpruchsvollen Ver⸗ wandten den Mitbeſitz des großen St.'ſchen Vermögens zu ſichern. Der Betreffende muſterte zwar mit der Kenner⸗ „miene eines Lords beim Pferdekauf die äußeren Mängel, welche trotz der wirklich noch friſchen und ſtattlichen Ge⸗ ſtalt der Baronin im Alter von 41 Jahren doch hervor⸗ traten, er bedeckte ſie aber mit dem Schimmer ihres Goldes. Die Baronin hingegen fühlte bei den beziehungsvollen Hul⸗ digungen, welche ihr von dem eleganten Reiter und Tän⸗ zer dargebracht wurden, ihre Jugend nochmals erwachen, und ungeachtet der langen Zeit, welche ſeit derſelben ver⸗ e Eng. cauſcht war, gefiel ſie ſich in der Rolle der zart Liebenden, engliſchte ſtürmiſch Verehrten; der Major liebte es nämlich, ſeine laren. Huldigungen häufig mit Betheurungen zu bekräftigen, welche Moda einem Soldatenfluch auf's Haar glichen, aber mit der Gluth d Ausgabe ſeiner Gefühle von der Baronin entſchuldigt wurden. So war Alles zur Zufriedenheit der Betheiligten weiter ge⸗ nmene, in diehen; die Baronin hatte mit mädchenhafter Beſcheidenheit use« i die paar Jährchen überſehen, welche ſie dem Major voraus 00 Erm⸗ war, und der Karnevalsball, welchen ſie als erſtes großes Feſt nach Ablauf der Trauerzeit geben wollte, ſollte zugleich die Verlobung offiziell verkünden. Gewaltige Vorbereitun⸗ gen wurden zu beſagtem Feſt getroffen.— Die Baronin, bei aller Eleganz eine gute Haushälterin, hatte ihren Ad⸗ miniſtrator brieflich beauftragt, alle jungen Gemüſe und Früchte, womit ſie die Gäſte regaliren wollte, aus ihren Gewächshäuſern nach der Stadt zu ſenden, damit man es ha nicht ſo theuer bezahlen dürfe. Der Adminiſtrator that er ſeinem Pflichteifer noch mehr, er packte die gewünſchten Zachen in ſeinen Jagdwagen, und fuhr ſelbſt mit. Als ihn beſtieg, murmelte er: Das ſoll dir durch die Nach⸗ Peierſtunden. 18657 5 Feierſtunden. 1865. Des Bürſtenbinders Sohn. Novelle von A. Schiller. (Fortſetzung zu S. 310.) 337 ———⅓—⅓⅓ꝛ:—n—r—n—r——uyy——õu—y——.—r—rõrõ—y——— richt, welche ich mitbringe, noch ganz beſonders gewürzt werden, eitle Närrin! Beim letzten Hauſe des Dorfes ließ er eine gemein ausſehende Frauensperſon einſteigen, der er mit dem Stiel der Peitſche einen Sitz hinter dem ſeinigen anwies. Vor der Stadt hieß er die Perſon wieder abſteigen und ſagte: „Sie geht alſo zu dem bezeichneten Hauſe in der Schloß⸗ ſtraße, und frägt nach dem Fräulein v. Stötterfeld, der kann ſie ihr Geſuch anbringen; wenn irgend Jemand etwas beim Fürſten vermag, iſt es dieſe.“ Mit kurzem Kopfnicken den Dank der Frau erwie⸗ dernd, fuhr er weiter bis zum Hauſe der Baronin, wo er einem Diener das Fuhrwerk ſammt deſſen Ladung über⸗ gab, und befahl, ihn ſofort der Baronin zu melden. Auf die Einwendung des Bedienten, daß die gnädige Frau eben in Geſellſchaft des Major v. Wildegg ſei und da keine Störung liebe, rief Leonhard Kruſel kurz und herriſch: „Mir gleich; wer außer der Frau Baronin und mir noch zugegen iſt, mag ſich entfernen, denn meine Mittheilung duldet keinen Aufſchub, thun Sie raſch, was ich wünſche.“ Der Diener, welcher von dem geſchmeidigen und ſtets höflich bittenden Adminiſtrator einen ſo herriſchen Ton nicht gewöhnt war, ſah ihn ſcheu an, eilte aber, um ſeinem Verlangen zu entſprechen. Wenige Minuten nachher ſtand Leonhard vor der Baronin und dem Major, welchem die Störung des téte à téte nur um deßwillen unwillkommen war, weil er die Unterſchrift der zärtlichen Freundin zu Bezahlung einer Wechſelſchuld heute erringen wollte. Er empfing den Ankömmling nicht eben mit freundlichen Blicken, ſondern betrachtete ihn, in den Seſſel nachläſſig gelehnt, mit dem Lorgnon von oben bis unten, ohne ſeine Ver⸗ beugung auch nur durch ein Kopfneigen zu erwiedern. „Nun, mein lieber Kruſel, was haben Sie mir ſo eilig mitzutheilen, ſprechen Sie raſch, denn mich erwar⸗ ten heute noch mancherlei Geſchäfte,“ ſagte die Baronin. „Sobald Sie die Gnade haben, mit mir in ein an⸗ deres Zimmer zu gehen, werde ich ſofort die Angelegen⸗ ben vortragen, welche nur Sie, gnädige Frau, be⸗ trifft.“ „Unverſchämter,“ murmelte der Major, die Baronin ſprach jedoch in begütigendem Tone:„Herr v. Wildegg wird mir bald ſo nahe ſtehen, daß ich ſchon jetzt kein Ge⸗ heimniß vor ihm habe, alſo reden Sie!“ „Dennoch muß ich darauf beſtehen, nur mit Ihnen, Frau Baronin, zu ſprechen, da das„Bald“ noch kein „Jetzt“ iſt, und ich es mit meinen Pflichten nicht verein⸗ baren kann, einer mir fremden Perſon Dinge anzuver⸗ trauen, die nur für meine Herrin gehören. Welchen Ge⸗ brauch Sie von meiner Mittheilung machen wollen, be⸗ rührt mich nicht, ich aber darf nur mit Ihnen berathen.“ Der Major ſprang nach dieſen, mit boshaftem Sei⸗ tenblick auf ihn geſprochenen Worten auf und ſprach: „Ich hoffe, daß Ihr Diener, meine theure Baronin, bald einen andern Ton gegen mich anſchlagen wird, ſonſt dürfte die Zeit nicht fern ſein, wo er ſeiner Funktionen ent⸗ hoben iſt.“ 1n „Ich thue nicht mehr, als meine Pflicht weuaf— k denke es während der neun Jahre, welche ich kontra 43 / 1- mein Amt noch ſicher habe, immer ſo zu halten,“ entgeg⸗ nete Leonhard, und verbeugte ſich dabei tief vor dem ab⸗ gehenden Major. „Nun zur Sache, warum handelt es ſich?“ frug die Baronin mit merklicher Ungeduld. Leonhard zog das entwendete Pergament aus der Bruſt⸗ taſche, und ſprach langſam, jedes Wort wie eine Spitze gegen das Herz der Baronin richtend:„Es handelt ſich um den Beweis, daß Ew. Gnaden eine Bettlerin ſind, wenn nicht die rechtmäßige Erbin Ihrer Güter, Fräulein v. Stöt⸗ terfeld, aus Mitleid Ihnen ein Almoſen in Form einer Jahresrente ſichert.“ Die Baronin ſtarrte ihn mit weitgeöffneten Augen an, ohne augenblicklich den Sinn ſeiner Worte faſſen zu kön⸗ nen; endlich ſprach ſie heiſern Tones:„Sind Sie bei Sin⸗ nen, was ſoll das Alles heißen?“ „Setzen Sie ſich, meine Gnädige, und hören Sie ruhig an, was ich zu ſagen habe.“ Wie von ſeinem Blick bezwungen, ſetzte ſich die Ba⸗ ronin und harrte der weiteren Eröffnungen. Mit grau⸗ ſamer Klarheit legte Leonhard das unantaſtbare verbriefte Recht der Stötterfeld'ſchen Linie an die Str./'ſchen Güter nach dem Ableben des letzten männlichen Str. dar. Jedes Wort klang wie ein Glockenton, welcher der eitlen, auf ihre durch den Reichthum erlangte Machtſtellung ſo eifer⸗ ſüchtigen Frau das lang erſtrebte Glück zu Grabe läutete. Leonhard ſagte nicht, wie er zu dem Dokument gekommen ſei, ſondern beantwortete die deßhalb an ihn geſtellte Frage dahin, daß er es beim Ordnen der Str.'ſchen Kauf⸗ und Beſitzkontrakte in einem geheimen Fach zufällig entdeckt. „Denken Sie ſich nun in meine Lage, gnädige Frau,“ ſchloß er ſeinen umſtändlichen Bericht,„an Sie feſſelt mich! mehr als das gewöhnliche Intereſſe eines treuen Beamten, ich glaube, Sie werden die Natur meiner Gefühle wohl längſt errathen haben;“ bei dieſen Worten, welche ſich Leonhard, von der jetzigen Lage der Dinge begünſtigt, ge⸗ gen die ſtolze Frau erlaubte, die ſeine ſchüchterne Vereh⸗ rung bisher mit Wohlwollen, aber Geringſchätzung als etwas Natürliches aufgenommen, wollte ſie zornig auffah⸗ ren, ein feſter Blick Leonhards bannte ſie aber und er fuhr gelaſſen fort:„Erwägen Sie andererſeits, daß es ſich nicht nur um das klare Recht einer andern Perſon handelt, ſon⸗ dern daß dieſe Perſon auch die Mündel meines Vaters war, welcher jetzt noch ihren Beſitz verwaltet. Ich habe gewiſ⸗ ſermaßen doppelte Pflichten, gerade dieſer Dame die gemachte Entdeckung keinen Augenblick vorzuenthalten.“ „Halt,“ ſprach die Baronin, ſich ermannend, als Leonhard das Dokument zuſammenlegte und ſich entfernen wollte,„bleiben Sie.“ In ihrem Kopfe kreuzten ſich die verſchiedenſten Pläne, ihre Entſchloſſenheit kehrte verdoppelt zurück, und ſie war in die Stimmung gerathen, ihren Beſitz zu vertheidigen, wie die Löwin ihr Junges. Vor allen Dingen galt es, in den Beſitz des Dokuments ſelbſt zu gelangen, ohne ſich allzu ſehr in Leonhards Hände zu geben. Auf die Huldigung des jungen Mannes ihren Plan ſtützend, ergriff ſie ihn beim Arm, und ſprach ſo ſanft als möglich: „Wie, Sie wollen mich jetzt, wo ich des Rathes eines er⸗ gebenen Freundes am meiſten bedarf, verlaſſen? Sagen Sie mir lieber, was ich thun ſoll, um mein natürliches Recht gegen dies verjährte zu wahren!“ Dabei zog ſie Leon⸗ hard, dem es mit dem Weggehen nichts weniger als ernſt geweſen, neben ſich auf's Sopha. Feierſtunden. 1865. — „Dabei kann ich Ihnen keinen andern Rath geben, als an die Großmuth der rechtmäßigen Erbin zu appelliren; ——::ʒ:⁊ã———⸗-õ———O Sie haben aus mehreren verwickelten Prozeſſen, welche ich, nachdem ſie jahrelang geſchwebt, während meiner kurzen Amtswirkſamkeit zu einem für Ihre Intereſſen befriedigen⸗ den Ausgang brachte, erſehen, daß ich kein ungewandter Juriſt bin, bitte Sie aber, dieſe Angelegenheit von Kapa⸗ citäten der Rechtswiſſenſchaft unterſuchen zu laſſen, und Sie werden mein Urtheil beſtätigt finden, daß nämlich der vorliegende Fall zu klar und begründet iſt, um ſelbſt dem gewandteſten Juriſten einen Anhalt zu bieten, daran etwas zu mäkeln. Ich werde Sie zum Juſtizrath B. und J. begleiten.“ Daß der Baronin vor Allem daran liegen mußte, das Dokument geheim zu halten, ſo wie er ſelbſt dies in ſei⸗ nem Intereſſe fand, wußte er, und wirklich antwortete ſie auch: „Nein, nein, werther Freund, das will ich nicht; ich habe mich überzeugt, daß Ihre Kenntniſſe denen der bekann⸗ ten Juriſten mindeſtens gleich ſind, und möchte deßhalb lediglich mit Ihnen berathen. Gibt es denn kein Mittel, meinen rechtmäßigen Beſitz zu ſichern? Denn nur mir ge⸗ hört er rechtmäßig, ich habe meine Jugend und Kraft dem Baron gewidmet, an deſſen Seite ich nichts als die Sorge einer Krankenwärterin und Geſchäftsführerin genoß. Durch meine unausgeſetzte Thätigkeit ſind die Güter geworden, was ſie jetzt ſind. Erſt ſeit der Zeit, wo ich in Ihnen einen ſo einſichtsvollen Vertreter meiner Intereſſen fand, habe ich angefangen, mich meines Beſitzes zu erfreuen, und nun, da ich die Früchte meiner jahrelangen Opfer und Ar⸗ beiten genießen will, ſoll ich ſie um ein verjährtes Perga⸗ ment hingeben, was bei all' ſeiner Rechtsform doch rechts⸗ widrig iſt, weil es gegen mein natürliches und erworbenes Recht kämpft? Das iſt nicht möglich.— Sprechen Sie ſelbſt, ob dem jungen, wenn auch nicht reichen, doch wohl⸗ verſorgten Mädchen, welches mir gänzlich fremd ſteht, ein Unrecht geſchieht, wenn ich das, was ich theuer erkaufte, nicht um ihretwillen hingeben kann? Sie iſt obendrein der Günſtling des Hofes, wer weiß, ob ſie nicht mit dem Für⸗ ſten in kurzer Zeit für immer verbunden ſein und dadurch zu einer Machtſtellung gelangen wird, welche die meinige weit übertrifft! O, ich habe es gleich gefühlt, daß dies hochmüthige Kind einſt ſtörend in mein Leben treten wird, denn nie habe ich Jemand gleich ihr beim erſten Anblick gehaßt.— Sagen Sie doch ein Wort, was ſoll ich thun, um mein Eigenthum zu wahren, kein Opfer iſt mir zu ſchwer.“ 4„Meine theure Herrin,“ entgegnete Leonhard, und ſuchte in ſeine ſcharfe Stimme ein leichtes Beben zu legen, „bis jetzt weiß außer uns Beiden noch kein lebendes Weſen von dem Vorhandenſein des Dokuments. Ich, das glau⸗ ben Sie ſicher, wollte lieber ſterben, als Ihnen ein Leid bereiten, hier handelt es ſich aber nicht darum, mein Leben, ſondern meine Ehre zu opfern, und die iſt mir ebenſo theuer, als wenn ſich der Glanz eines altadeligen Namens an meine Perſon knüpfte. Es gibt zwar einen Fall, wo ich vielleicht zu ſchwach ſein würde, um die Forderungen des Herzens denen des Gewiſſens unterzuordnen, aber, o ich flehe Sie darum an, führen Sie mich nicht in Ver⸗ ſuchung, gebrauchen Sie Ihre Macht über mich nicht, von deren Größe Sie ſelbſt keine Ahnung haben. Bedenken Sie, was ich ohnedies gelitten habe bei dem Gedanken, Ihnen, die ich als mein Höchſtes und Heiligſtes verehre aus deren Leben ich mit Aufopferung all' meiner Kra' jede Sorge entfernen möchte, dieſe Mittheilung machen müſſen.“ 8 1 7 din ein 1Sai 1 h velche ic, er kurzen friedigen⸗ gewandter on Kapa⸗ ſen, und mlich der elbſt dem tan etwas nd J. nußte, das jes in ſei⸗ untwortete nicht; ich r bekann⸗ deßhalb Mittel, worbenes chen Sie och wohl⸗ ſteht, ein werkaufte, nrein der dem Für⸗ d dadurch e meinige daß dies ten wird, m Anblick ch thun, mir zu ard, und zu legen, ds Weſen dus gliu⸗ in Leid in Leben, ir ebenſo Namens gall, wo derungen — aber, 0 in Ver⸗ icht, von Bedenken gedanken, z verehre ur Kr chen. —⸗——;—44 ↄℳ⸗⸗ꝛ——y—— Leonhard ſenkte bei dieſen Worten den Kopf und ſeufzte tief, bemerkte aber ſehr wohl das verächtliche Lächeln, wel⸗ ches einen Moment der Baronin Lippen umſpielte, und das er ſich ganz richtig mit den Worten überſetzte:„Dich verliebten Thoren werde ich leicht ködern.“ „Leonhard,“ ſagte die Baronin mit weicher Stimme, H wobei ſie ihren Kopf auf ſeine Schulter ſinken ließ, was ihn veranlaßte, unter dieſer Berührung zu erzittern;„Leon⸗ hard, ich glaube Ihnen, denn ich verſtehe Sie! Warum hat das Schickſal uns nicht äußerlich ſo gleich geſtellt, daß wir vereint das Leben durchwandern können? An weſſen Seite wäre ich wohl glücklicher geweſen, als an der eines Mannes, welcher meinem ganzen Denken und Empfinden ſo gleichartig iſt? Klagen wir das Geſchick an; glauben Sie aber, daß meine Gedanken nur zu oft bei Ihnen weil⸗ ten, als dem Einzigen, welchem ich mich von ganzer Seele hingeben könnte. Wenn wir aber auch äußerlich getrennt ſind, wiſſen wir doch, wie nahe wir uns ſtehen, und Sie, mein theurer geliebter Freund, Sie werden mir zeigen, daß Ihre Gefühle für mich mehr ſind, und die wenigen Jahre, welche mir noch bleiben, das ungerechte Abkommen geheim halten, nicht wahr Leonhard?“ „Laſſen Sie mich, machen Sie mich nicht wahnſinnig, damit ich nicht etwas thue, was mein ganzes Leben mit dem Stachel der Gewiſſensqual vergiften müßte; nur wenn Sie immer an meiner Seite weilten, auch vor der Welt als mein rechtmäßig Weib gelten würden, könnte ich das Unmögliche thun; die Trennung von Ihnen könnte ich mit der Ehrenſchuld auf meinem Herzen nicht ertragen.“ Die Baronin fuhr bei dieſen Worten, wie von einer Natter geſtochen, zuſammen, und biß ſich ihre vollen Lip⸗ pen faſt blutig, was Leonhard mit heimlichem Vergnügen bemerkte. Es hätte im äußerſten Falle möglich geſchienen, der großen Sache das Opfer einer verborgenen Gunſtbe⸗ zeugung zu bringen, aber dies Verlangen war zu unver⸗ ſchämt. Dennoch mußte ſie ihren Zorn unter der Maske der Freundlichkeit verbergen.„Sie verlangen das Unmög⸗ liche,“ ſagte ſie,„bedenken Sie, was man darüber ſpre⸗ chen würde; ich würde aus all' meinen geſelligen Verbin⸗ dungen herausgeriſſen, in eine fremde Sphäre eingeführt und müßte zuletzt noch das Urtheil erlangen, daß ich zu Ihnen während meiner Trauerzeit in intimen Beziehungen geſtanden. Obendrein iſt meine Verlobung mit dem Major v. Wildegg ſo gut wie offiziell, denn der ganze Hof und die gute Geſellſchaft kennt ſie. Wenn ich Ihnen wirklich theuer bin, können Sie mich nicht in ein ſo arges Dilemma bringen wollen.“ „Ja ich kann dies wünſchen, eben weil Sie mir theuer ſind; der Major iſt Ihrer nicht werth, und das Geſpräch über unſere Verbindung würde ſich bald wieder im Sande verlaufen, wenn eine andere Tagesneuigkeit daſſelbe ver⸗ drängt. Verſchieben Sie die Verlobung, werden Sie krank, denn ich ſage Ihnen, der Major kann bei der Maſſe ſei⸗ ner unbezahlten Verbindlichkeiten und ſeinen koſtbaren Lieb⸗ habereien eine Frau ohne Vermögen nicht gebrauchen. Stel⸗ len Sie ſeine vermeintliche Liebe auf die Probe, ob ſie nicht der meinen weichen wird. Wir können die Güter verkau⸗ fen, welche durch Ihre und meine Bemühungen in beſter Ordnung und auf hoher Kulturſtufe ſich befinden, und un— ſern Wohnſitz in jedem Ihnen beliebigen Orte aufſchlagen, wo Sie mit Allem, was der Reichthum und die treueſte Hingebung eines liebenden Herzens dem Leben Schönes ab⸗ ringen, umgeben ſind.— Ich gebe Ihnen vier Wochen Zeit zu bedenken, während deren Dauer bitte ich mich mei⸗ Feierſtunden. 1865. 339 —-—; ner Amtswirkſamkeit zu entheben, damit Sie durch nichts, als Ihr eigenes Herz beeinflußt werden. Heut über vier Wochen zu derſelben Stunde werde ich mich wieder hier einfinden, und Ihren Entſchluß vernehmen. Merken Sie aber, daß es für mich nur zwei Wege gibt: entweder mein erz erhält alle Rechte, welche mir Ihr Beſitz gibt, oder ich laſſe den Forderungen meines Gewiſſens freien Lauf, ein Drittes gibt es nicht.“ Bei dieſen Worten küßte er die Hand der Baronin, und war im nächſten Augenblick verſchwunden. Beim Heraustreten aus dem Hauſe murmelte er: „Jetzt an irgend einen verborgenen Ort, denn dem eitlen Weibe iſt alles Mögliche zuzutrauen, um ſich meiner Mit⸗ wiſſenſchaft zu entledigen.“— Ein boshafter Triumph leuch⸗ tete aus ſeinen Augen, als er an Hedwigs Wohnung vor⸗ über dem Stadtthor zuging. Während die Baronin von den peinlichſten Empfin⸗ dungen bewegt einen Plan nach dem andern faßte, und immer wieder als unausführbar verwerfen mußte, drehten ſich ihr)e Kombinationen um zwei Perſonen: Hedwig und Leonhard. Hätte ſie eine derſelben von der Erde vertilgen können, ſie würde in ihrer Erregung keinen Augenblick ge⸗ zögert haben, dies zu thun. Die Frau, welche ſonſt in ſelbſtgefälliger Eigenliebe, und ziemlich unſchädlicher Koket⸗ terie zufrieden geweſen, wenn ſie in ihrem Kreiſe ſich eini⸗ germaßen in den Vordergrund ſtellen konnte, aber bisher weder Jemand ſo recht geliebt, noch recht gehaßt hatte, war plötzlich zu einer Tigerin geworden, da es ſich darum han⸗ delte, ihr den Boden, auf dem ſie einzig ſtehen konnte, ihren Beſitz unter den Füßen wegzuziehen, und würde ohne Bedenken diejenigen verderbt haben, welche ſie als die theils ſchuldige, theils unſchuldige Urſache ihres Unglücks hielt, wenn dies ohne Nachtheil für ſich hätte bewerkſtelligt werden können. Wie die Hyäne in ihrem Käſig auf und nieder wandelt und mit grimmig ohnmächtiger Wuth an den Stä⸗ ben deſſelben rüttelt, ſo bewegte ſich ihr Denken in dem enggezogenen Kreiſe der ihr von Leonhard geſtellten Alter⸗ native, ohne einen andern Ausweg zu finden, als Erhal⸗ tung ihres Vermögens durch Aufopferung ihrer Stellung, oder Beibehaltung derſelben ohne Vermögen; Eines ſo un⸗ möglich in ihren Augen als das Andere. Hätte Jemand früher von der Baronin geſagt, ſie wäre im Stande, ein Verbrechen zu begehen, ſie würde bei der ſtrengſten Selbſt⸗ prüfung gewiß eine ſolche Möglichkeit mit Entrüſtung von ſich gewieſen haben, und doch verweilte ſie in dem Chaos von Gedanken, welches jetzt ihren Geiſt gefangen nahm, oft bei Plänen, welche wohl verbrecheriſch genannt werden konnten, und nur ihrer Unausführbarkeit halber, aber nicht aus ſittlichen Motiven von ihr verworfen wurden. So iſt es häufig mit der ungeprüften Tugend, welche ſchon vermeint ſich über Andere ſtellen zu dürfen glaubt, wenn kein offenes Unrecht ſie befleckt; ſo mit denen, die gut zu ſein glauben, weil ihnen die Gelegenheit zum Gegentheil fehlte, da ſie entweder durch äußere Glücksgüter, oder das innenwohnende Phlegma vor Ausſchreitungen behütet wur⸗ den. Jedenfalls iſt anzunehmen, daß in den ſelteneren Fällen eine Handlung aus innerſter freieſter Selbſtbeſtim⸗ mung geſchieht, ſondern öfter durch die Verkettung der Ver⸗ hältniſſe herbeigeführt wird; deßhalb iſt es beſonders die Aufgabe der Erziehung, in das junge Herz einen ſo guten Fond zu legen, den Boden, worein das Samenkorn ae Rechtsbewußtſeins geſenkt wird, ſo zu bearbeiten, deſcho feſte Wurzel faßt, und im Menſchen, wenn er ſelbsermäß⸗ delnd in den Vordergrund tritt, ſtark genug iſt, 43* 340 Feierſtunden. 1865. — — — Stürmen zu trotzen, welche es erſchüttern wollen. Vor Alle Seligkeit, welche Heinrich in dies letzte Schrei⸗ Ungli Allem iſt die Pflege des äſthetiſchen Gefühls, die Nahrung ben ausgeſtrömt, fand ſeinen Wiederhall in ihr, und um⸗ uſun des Schönheitsſinnes dazu geeignet, denn die höchſte Rein⸗ wob ſie mit immer reicherer Schöne.— Das Weib, wel⸗ Suu heit und Schönheit iſt Tugend; das Unrecht wird einem ches jetzt durch die Thüre trat, war einen Augenblick be⸗ onmt Gemüth, was jene verehren gelernt hat, häßlich erſcheinen. troffen von der hohen ſtrahlenden Erſcheinung im einfachen ſeg. Die Baronin war durch die Qualen der folgenden grauen Seidenkleid, die ihr freundlich winkte, näher zu aken, Tage und Wochen für ihre Schwachheiten bitter geſtraft, kommen, und mit dem glockenreichen Ton ihrer weichen tnn und ſie blieben ihr, als ſich ſpäter die undurchdringlich Stimme nach ihrem Begehren frug. Under düſter ſcheinenden Wolken zertheilten, eine heilſame Lehre,„Ach, das iſt eine lange Geſchichte, die ich zu erzäh⸗ leb, die ſie vor Uebermuth bewahrte. len habe,“ erwiederte die Fremde, welche ſich als Lene um u —— Trenkow aus S. vorſtellte. ingſt „Eine arme Frau bittet, Sie ſprechen zu dürfen,“„Nun, ſo ſetzen Sie ſich dahin, und beginnen Sie, väre ſagte Frau Budenberg, in Hedwigs Zimmer tretend, wo iich habe Zeit zuzuhören,“ ſagte Hedwig. nicht dieſe mit ihrem kleinen„Nun ſehen Sie, ſicch Schützling ſich befand. ich bin eine Waiſe, und daue „Nur herein mit ihr, auf dem Oberhof der aufe meine liebe Hanna,“ er⸗ Bauer iſt mein entfernter gott wiederte Hedwig heiter. Verwandter und Vormund, eine Sie war ſelbſt durch die der mich aufnahm, weil zul Gewißheit, Heinrich in die Leute ſonſt zu ſehr sg wenigen Wochen wieder⸗ geredet hätten, wenn er denn zuſehen, ſo glücklich, daß bei ſeinem mächtig vielen find ſie in höherem Maße als Gelde mich der Gemeinde ihn ſonſt gern Alle eben ſo aufgebürdet hätte. Ich den glücklich gewußt hätte. weiß das ſehr genau, denn aber Alles ſchwamm in Son⸗ es iſt wohl kein Tag ver⸗ duß nenſchein und Freude um gangen, wo es mir nicht gem ſie her; mit dem erwachen⸗ auf's Brod mitgegeben mir den Frühling draußen ju⸗ wurde, ſo daß mir manch⸗ ſch belte auch ihr Herz und mal der Biſſen im Hals u öffnete ſeine Blüthenknos⸗ ſtecken blieb. Ich habe nit pen, um den verheißenden anfangs nicht viel geſchafft, freie Sonnenſchein aufzuneh⸗ das iſt wahr, obgleich ich hue men. Heinrich hatte ihr wohl die Kraft und das mir geſchrieben:„Im April Geſchick dazu hatte, aber der komme ich wieder, ganz da ich's einmal immer ſo mit der Vergangenheit hören mußte, daß man ich abgefunden, und du wirſt Barmherzigkeit an mir Ba mein, hörſt du Hedwig, übte, ſo wollt ich's ihnen nic mein für immer! Mäd⸗ auch nicht durch meine lach chen, leg dann die Hand Arbeit doppelt bezahlen, mir auf mein Herz, daß die was ich bekam. Die Kin⸗ Seligkeit, welche in die⸗ der ſtießen mich von einer Fro ſem Gedanken liegt, die Stelle zur andern, und wi Bruſt nicht zerſprengt, nur als ich aller Strafen Li denn ich weiß nicht, wo(Zu Seite 341.) ungeachtet ſchlug und biß, W ſie Raum finden ſoll! wenn man mich ſchlecht ler Nun baue ich ein Haus für dich, ich habe mir an den behandelte, begnügten ſie ſich damit, mich zu ſchimpfen. der Ufern des Rheins ſchon den Platz dazu ausgeſucht, deſſen Nur der jüngſte Sohn, ein Jahr jünger als ich, aber viel ab Formen ſo rein wie du ſein ſollen. Da werden wir woh⸗ ſchwächlicher, war gut zu mir, und iſt es ſein Lebtag ge⸗ fer nen, wenn mich meine Pflicht nicht anderweitig feſthält, weſen. Ihm habe ich ſtets geholfen, wenn die Arbeit da dort wirſt du ſchönes ſüßes Weib in deiner Reinheit unſer ſchwer für ihn wurde, und ihm zu liebe habe ich ſelbſt ſie Paradies ſchaffen! Wie glücklich bin ich jetzt, daß du mir gearbeitet, meiſt doppelt ſo viel als die Andern, denn ſehen ſo tapfer beigeſtanden haſt, nicht vom rechten Wege abzu⸗ Sie Fräulein, was für ſtarke Knochen ich habe.“ Dabeinug weichen. Oft war ich nahe daran, bei deinem zauberiſchen ſtreifte Lene das Kleid von ihrem nervigen Arm zurück. aott Liebreiz meine Pflicht zu vergeſſen, aber vor deiner Hoheit„Was ſoll ich da noch viel ſagen, der Traugott und ich laſß beſtand kein Fehlen, und jetzt hätten wir uns ſelbſt das hatten uns bald lieber, als ihr vornehmen Leute euch den⸗ ſii winkende Paradies verſchloſſen, wenn wir uns nicht vor⸗ ken könnt, denn ihr habt ſo viel auf der Welt, daß euch iie wurfsfrei in die Augen bis tief in's Herz hinein ſchauen die Liebe wohl nur ein Vergnügen mehr iſt; uns iſt ſie aber das dürften. Wie wäre es auch möglich, daß an deinen Namen Alles, mir wenigſtens, denn die ganze übrige Welt könnte vei desPo, der geringſte Makel heften könnte, du wäreſt ja dann ich zu Grunde gehen ſehen, wenn mir der Traugott blieb. 2 6„ die Hedwig mehr, welche man rur erblicken darf,— Nun iſt es bei uns Mode, daß der jüngſte Sohn das ar Har eſen, wiſſen, daß nichts Unreines dir nahen kann, ohne Gut erbt, was bei dem Wilhelm, dem Aelteſten, ſchon a un d„Bollen, wie die Woge am hohen Fels———“ lange einen Haß gegen Traugott erregt hatte; da muß zum be⸗ an die d 4 — te Schrei und um⸗ geib, wel⸗ nblick be⸗ einfachen näher zu r weichen zu erzäh⸗ als Lene innen Sie, ehen Sie, gaiſe, und erhof der entfernter Vormund, hm, weil zu ſehr wenn er htig vielen Gemeinde ätte. Ich henau, denn n Tag ver⸗ mir nicht mitgegeben rir manch⸗ im Hals Ich habe (geſchafft, bgleich ich und dad gatte, aber nal immer daß man an mit ichs ihnen uch meine — bezahlen, Die Kin⸗ von einer ern, und er Strafen 3 und biß, ich ſchlech ſchimpfen abrr viel Cebtag ge⸗ die Arbilt die Kirchenbuße kann erlaſſen werden, aber es iſt einmal Feierſtunden. 1865. 341 ——————-—-—-——r-õö—ö—yO——j-——— —— Unglück der Wilhelm entdecken, daß ich mit dem Traugott zuſammen bin, und er mir verſpricht, mich zu heirathen. Schnurſtraks läuft er zum Bauern, und ſagt es ihm, der kommt herzu und ſchimpft und ſchlägt mich unbarm⸗ herzig. O, ich werd's ihm auf dem Todtenbett noch ge⸗ denken, und ihm fluchen. Der Traugott war ſtill und todtenblaß, er kann nun einmal nicht ſo muthig ſein wie Andere, ich nehm's ihm auch nicht übel, denn ich hab' ihn lieb, ſchwach wie er iſt, und möcht' ihn eben gern immer um mich haben, damit ich Alles ausfechten kann, was ihn ängſtigt. Der Alte hat mich vom Hof weggejagt, und ich wäre in's Elend gerathen, wenn mich der Adminiſtrator nicht in Arbeit genommen hätte, die andern Bauern fürchten ſich vor dem Oberhof⸗ bauern, da hat mich Keiner aufgenommen. Den Trau⸗ gott will er nun zwingen, eine reiche Bauerntochter zu heirathen, bei der er es gewiß böſe haben wird, denn ſie und der Wilhelm find ſich gut und ſie nimmt ihn blos nicht, weil er den Hof nicht erbt. Ich aber ſoll nun Kirchen⸗ buße nun, weil ſie's jetzt gemerkt haben, wie es mit mir ſteht, und da hab' ich mich aufgemacht, um zu Ihnen zu gehen, da⸗ mit Sie mich davon be⸗ freien; denn Kirchenbuße thue ich nicht, wenn ich mir auch aus dem Gerede der Leute nichts mache, ſo laſſe ich mir's doch nicht gefallen, daß der Bauer und der Wilhelm mich höhniſch dabei aus⸗ lachen, nein das laſſe ich mir nicht gefallen.“ „Aber liebe gute Frau,“ unterbrach ſie Hed⸗ wig, welche ſich von der Liebe, welche aus den Worten der Erzählenden leuchtete, angezogen, von der Rohheit und Wildheit ihrer Blicke und Geberden aber angewidert fühlte,„was kann ich Ihnen dabei hel⸗ fen? Iſt Ihnen mit Geld gedient, ſo will ich Ihnen geben, damit Sie in ein anderes Dorf gehen können, wo man ſie unbeläſtigt läßt.“ „Ach was Geld. Geld hat mir der Bauer ſchon ge⸗ nug anbieten laſſen, damit ich keinen Einſpruch gegen Trau⸗ gotts Heirath erheben und wo anders hinziehen ſoll, ich laß mir aber mein Recht nicht abkaufen. Ein heimlicher Feind vom Oberhofbauer hat ſich überall befragt, ob mir ” 0” das Geſetz und der Paſtor kann mich ohnedies nicht leiden, weil ich nicht demüthig thue. Nur der Fürſt kann durch ſeinen Befehl mich davon befreien, und das würde ſie alle ganz furcht⸗ bar ärgern, die ſchon darauf lauern, über mich zu triumphi⸗ ren; und da der Fürſt thut, was Sie wollen, hab' ich mich eben aufgemacht, um Sie zu bitten, ein gutes Wort einzulegen.“ „Sie irren, gute Frau,“ entgegnete Hedwig lächelnd. „Seine Durchlaucht ſind zwar ſehr gütig zu mir, aber ich habe mich noch nie veranlaßt gefunden, irgend eine Bitte auszuſprechen. Am wenigſten könnte ich, ſo gern ich Ihnen auch beiſtehen wollte, in einer ſo delikaten Sache mich an ihn wenden. Thun Sie dies ſelbſt, und ich ſage Ihnen nochmals, daß ich Ihnen mit dem, was ich bieten kann, mit Geld, Ihnen gern Hülfe leiſte.“ Hedwig ging an ihr Pult, um der Frau eine an⸗ ſtändige Summe einzuhändigen, da ihr bei ihren einfachen Bedürfniſſen nicht nur ein großer Theil des fürſtlichen Nadelgeldes, ſondern auch ihre Revenüen reſervirt blieben. Die Gegenwart der rohen Perſon wurde ihr nachgerade läſtig, und ſie wünſchte ſie zu entfernen. „Laſſen Sie das,“ rief jetzt Lene, und ihre Augen blickten finſter drohend auf Hedwig,„ich will nicht Ihr Geld, ſon⸗ dern Ihre Fürbitte, und Sie dürfen gar nicht ſo von delikaten Angelegen⸗ heiten ſprechen, denn wie Sie zum Fürſten ſtehen, weiß jedes Kind im Land, es wird zwiſchen Ihnen und dem Fürſten wohl noch manches Andere ge⸗ ſchehen ſein, als von ſo etwas blos zu ſprechen. Bei euch vornehmen Leu⸗ ten geht das halt ſo durch; Sie und der Fürſt könn⸗ ten ſich heirathen, und doch lebt ihr ſo mit ein⸗ ander, und Niemand denkt daran, ein ſolches feines Fräulein Kirchenbuße thun zu laſſen, obgleich Jedes weiß, wie es iſt. Ein armes Mädchen wie ich ſoll daran glauben, die nicht wegen Rang und Geld, ſondern aus Liebe gefehlt hat.— Behalten Sie ihr Geld, das iſt wohl gut genug für Sie, um Ihre Schande zu bezahlen, ich verlange mehr, ich will mein Recht haben, und nicht eine Strafe erleiden, die Ihnen viel eher zukäme, als mir.“ (Siehe Bild auf S. 340.) Nach dieſen Worten ſtürmte das Weib aus dem Zimmer, in welchem Hedwig ſtarr vor Schrecken, und das Gehörte noch nicht faſſend, leichenblaß zurückblieb. Sie fühlte es nicht, wie ſich die kleine Hed⸗ wig ängſtlich wegen ihres verſtörten Ausſehens an ſie ſchmiegte; die Kleine verließ das Zimmer und ging zu Frau Budenberg, der ſie ſagte:„Die böſe häßliche Frau hat ſo gezankt mit meiner lieben Tante, daß ſie ganz krank und betrübt iſt.“— Die treue Alte eilte ſofort zu ihr und blieb entſetzt einen Moment an der Thüre ſtehen, als ſie ihre vor einer Stunde noch ſo glückliche Herrin in jenem Zuſtande der Starrheit befangen fand, welcher ſie ſchon einmal bei Empfang der Nachricht von Heinrichs Vermäh⸗ lung erſchreckt hatte. 342 ——ꝛ—ꝛ—ÿ—ꝛͦᷣᷣꝛ—ꝛꝛꝛꝛꝛꝛꝛ—————— „Allmächtiger Gott, was iſt vorgefallen?“ rief ſie, aber Hedwig ſaß zurückgelehnt im Seſſel, eine Hand krampfhaft auf's Herz gepreßt, die Augen weit offen und ſtarr, und kein Wort kam über die feſtgeſchloſſenen Lippen. — Als es den Bemühungen der Alten endlich gelang, Hed⸗ wig zum Bewußtſein zu bringen, ſchlug dieſe mit dem Aus⸗ druck höchſten Schmerzes die Hände vor die Augen und rief: „Es iſt Alles vorbei, ich bin gebrandmarkt in den Augen der Welt, und Heinrich iſt für mich verloren. Ein krampf⸗ haftes Schluchzen folgte dieſen Worten, eine andere Erklä⸗ rung ließ ſich Hedwig nicht abringen; in ihrer Erinnerung lebten manche Ereigniſſe auf, welche beſtätigten, was die wilde Lene geſagt. Vor wenigen Wochen waren einige Kauf⸗ leute zu ihr gekommen, um ihre Fürſprache beim Fürſten behufs Ueberlaſſung von Lieferungen zu erbitten; manches Wort, was ſie damals in ihrer Unbefangenheit nicht ver⸗ ſtand, ward ihr fürchterlich klar; und Heinrich hatte ge⸗ geſchrieben:„Wie wäre es möglich, daß an deinen Namen ſich der geringſte Makel heften könnte, du wäreſt ja dann die Hedwig nicht,“ ſie konnte ſeine Hedwig nicht ſein, das war der Gedanke, welcher ſie jagte. Als ſie zu ruhigerer Ueberlegung kam, ſprach ſie zu ihrer treuen Dienerin: „Hanna, wir müſſen wieder fort, raſch und heimlich, da⸗ mit Niemand uns hindert; o Gott, hinausgeſtoßen in die fremde Welt jetzt, wo die Pforten des Paradieſes ſich vor mir öffneten! Aber es muß ſein, Hanna, denn ich darf weder den Fürſten noch Heinrich wiederſehen. Kannſt du es denn faſſen, daß ich— ich— des Fürſten Maitreſſe im ganzen Lande heiße?“ Entſetzt ſchlug die Budenberg die Hände zuſammen, und rief:„Das iſt ja die gemeinſte Verläumdung, wer wagt ſo etwas zu ſagen?“ „Es iſt eben in Aller Mund, ſogar das rohe Weib, das aus S. vorhin zu mir kam, hält ſich für beſſer als ich bin, weil man meint, ich ſei mit Geld erkauft!“ ent⸗ gegnete Hedwig tonlos. „O, beruhigen Sie ſich darüber, mein gutes liebes Fräulein, warten Sie nur des Baumeiſters Rückkehr ab, dann wird ſich alles Andere finden, und die böſen Men⸗ ſchen werden ſchweigen.“ Hedwig ſchüttelte traurig den Kopf und ſagte:„Nein, ich muß fort, heute Nacht noch; ſage kein Wort weiter dagegen, denn ich würde allein gehen, wenn du nicht mit⸗ kommſt. Niemand darf erfahren, wohin ich meine Schritte richte, denn fortan kann keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen mir und Heinrich ſein. Sein Weg geht in die Höhe, er ſteht rein und groß da, der Fluch, welcher an meinem Namen haftet, würde ſeine Bahn durchkreuzen und ſtellt ſich ewig zwiſchen uns!“ „Aber der Baumeiſter wird von alledem ebenſowenig ein Wort glauben, als Andere, die Sie beſſer kennen; warten Sie doch wenigſtens ſeine Rückkehr ab, das Andere löst ſich dann von ſelbſt.“ „Quäle mich nicht länger, mein Entſchluß ſteht un⸗ widerruflich feſt. Erzeige mir die Liebe, Alles zu unſerer Abreiſe vorzubereiten. Zum erſten Male bin ich froh, ge⸗ nug Geld da liegen zu haben, um für's Erſte unſern be⸗ ſcheidenen Anſprüchen angemeſſen eine Zeit lang leben zu können. Laß mich jetzt allein, ich will für Heinrich ein Abſchiedswort zurücklaſſen.“ Die Alte ging und ſeufzte tief; ſie beklagte eben ſo bitter die Schlechtigkeit der böſen Zungen, welche nicht ein⸗ mal ihr gutes unſchuldiges Fräulein unangetaſtet ließen, ſowie den Schwur, welcher ihre Lippen verſiegelte, wäh⸗ Feierſtunden. 1865. ——; rend ſie doch Alles zum günſtigen Ende führen konnte, wenn ſie durch dieſen nicht gebunden war. Während ſie hin und her rieth, was zu thun ſei, um Hedwig wenigſtens aus der Ferne noch ihre Beſchützer zu erhalten und ſie auffinden zu laſſen, ſchlug ſie ſich plötz⸗ ni uni der Hand gegen die Stirn und ſprach zu ſich elbſt: „Wie konnte ich auch nicht gleich darauf verfallen? Das Fräulein ſchreibt; gut, ich ſchreibe auch, wenn ich auch ſeit zwanzig Jahren keinen Federkiel in der Hand führte, ſchreibe ich doch an den Fürſten, und der wird's ſchon zu⸗ ſammenbringen!“ Einige Stunden ſpäter kam Hedwig in Frau Wend⸗ lers Zimmer und übergab ihr einen Brief, worein ſie ihre ganze Seele gehaucht und ihr Herz für immer dem Gelieb⸗ ten angelobte, aber entſchieden die Unmöglichkeit ausſprach, ihm als ſeine Gattin zu gehören, da, wenn auch gänzlich ohne Schuld, doch ein unauslöſchlicher Makel an ihrem Namen hafte. „Liebte ich dich nicht ſo, daß es mein Herz bricht, die beſeligenden Hoffnungen auf unſere Vereinigung zu Grabe tragen zu müſſen, ich hätte dann vielleicht ſelbſt ge⸗ glaubt, ein innigeres Gefühl als das der vertrauendſten Freundſchaft binde mich an den Fürſten, denn ich ſehne mich nach ſeiner Nähe, und bin ſo ruhig und froh, wenn ich mit ihm ſpreche, als ich es beim Großonkel war. Er übt einen Zauber auf mich aus, daß ich mein Herz wie ein offenes Buch ihm darlegen könnte. nicht mit der höchſten Liebe begnadet ſind, wie ſie für dich mein ganzes Sein erfüllt, urtheilten deßhalb vielleicht weni⸗ ger lieblos, als ich anfangs glaubte.“ Dies waren ungefähr die Schlußworte des Briefes, welchen Hedwig der Mutter des Geliebten mit der Bitte übergab, ihn Heinrich einzuhändigen, wenn ſie bei ſeiner Ankunft noch nicht von einer Reiſe zurückgekehrt ſei, die ſie plötzlich, und zwar ſo heimlich als möglich in ihren Angelegenheiten antreten müſſe. Die erſtaunten Fragen der alten Frau beantwortete ſie durch allgemeine Beruhigungs⸗ formeln, und verſprach bei ihrer Rückkehr Aufklärung. Frau Budenberg hatte ihren Brief nicht ſo raſch been⸗ det, ſie mußte mehrere Stunden der Nacht zu Hülfe neh⸗ men, da Hedwig endlich eingewilligt hatte, erſt die zweite Nacht zu reiſen. Die gute Alte ſtand zu der Orthographie in eigenthümlich geſpanntem Verhältniß. Die Worte, welche ihr gewöhnlich raſch und fließend von den Lippen gingen, zeigten ſich ungeberdig, da ſie in Sätze zuſammengefaßt werden ſollten, und kamen ihr auf dem Papier gar fremd⸗ artig vor. Nach langer heißer Arbeit ward der Brief den⸗ noch beendet, und ſie betrachtete das intereſſante Schrift⸗ ſtück mit ganz beſonderer Hochachtung, wobei ſie dachte: „Man ſoll doch nie in ſeinem Leben von einem Dinge ge⸗ ringſchätzig denken, ehe man weiß, wie viel Mühe es koſtet. Wenn ich ſo ein leichtes Briefchen zum Fräulein trug, habe ich manchmal gemeint, die vornehmen und geſcheidten Leute thun gar nichts, wenn ſie ſo ein Ding niederſchreiben. Ich will aber wahrhaftig lieber drei große Zuber Wäſche waſchen, als drei lange Seiten in einem Briefe vollſchrei⸗ ben.“ Frau Wendler wurde von ihr beauftragt, dieſen Brief, ohne Hedwig etwas davon zu ſagen, am Tagenach ihrer Abreiſe ſelbſt dem Fürſten zu geben, und die hute Alte erſtaunte nicht wenig, auf einmal ſo viele Schreiben abliefern zu ſollen, denn auch Hedwig hatte im Laufe des andern Tages noch einige Dankesworte für alle Liebe und Güte an den Fürſten und die Prinzeſſin gerichtet, in welchen Menſchen, welche — ſe d urbli ötmer zelde. ach de die La altmodi nte, wenn 1 ſei, um chützer zu ſich plötz⸗ zu ſich derfallen? nich auch d führte, ſchon zu⸗ fau Wend⸗ in ſie ihre eim Gelieb⸗ ausſprach, h gänzlich an ihrem erz bricht, igung zu ſelbſt ge⸗ rauendſten ich ſehne roh, wenn war. Er Herz wie n, welche für dich icht weni⸗ Briefes, der Bitte va ſener ſei, die in ihren Fragen der uhigungs⸗ arung. raſch been⸗ Hülfe neh⸗ die zweitt tographie te, welche ngingen, nengefaßt ar fremd⸗ Brief den⸗ Scrift⸗ ſe dachte: Dinge ge⸗ es koſtet. rug, habe dten Leul ſchreiben. er Wüſche volſſchrei⸗ Feierſtunden. 155. ohs ſie jedoch die Urſache ihrer fluchtähnlichen Abreiſe nicht zurchblicken ließ, ſondern nur verſicherte, wie ſie am Schmerzlichſten durch die Nothwendigkeit derſelben berührt werde. Zwei Tage nachher begab ſie ſich im beſten Staat nach dem Schloß, und verlangte den Fürſten zu ſprechen. Die Lakaien kicherten über die Erſcheinung, die ſich in der altmodigen Tracht präſentirte, welche ſie ſeit ihrem Hoch⸗ fittage wohl verwahrt hatte, und nur bei feſtlichen Gele⸗ genheiten anlegte. „Nu Musjeh, wird es vielleicht gefällig ſein, mich zum gnädigſten Herrn zu führen?“ frug ſie, da der Lakai keine Miene machte, ſie anzumelden. „Es iſt jetzt nicht die Stunde, in welcher Se. Durch⸗ laucht Bittſtellern Audienzen zu ertheilen geruhen; ich ſehe da Schriften in Ihrer Hand, laſſen Sie dieſe hier, ich werde ſie in das Kabinet Sr. Durchlaucht legen.“ „Ohe Musjeh, er iſt wohl ſelber neugierig zu wiſſen, was das für Schriften ſind. Wenn unſer gnädigſter Fürſt, jen uns Gott lange erhalten mag, ſo wäre wie Eures⸗ gleichen, dann würde er freilich nicht zu jeder Stunde die Beſchwerden auch des Geringſten anhören; ich will aber nichts bitten, ſondern ich muß dem gnädigſten Herrn dieſe Briefe ſelbſt übergeben, deßhalb führen Sie mich zu ihm.“ „Pöbelhaftes Weib,“ murmelte der Lakai; laut ſetzte er dann hinzu:„Entferne Sie ſich jetzt, denn die Räthe verden bald erſcheinen, und wenn Sie die Papiere nicht zalaſſen will, komme Sie ein ander Mal wieder.“(Siehe Bild auf S. 341.) „J, da denk ich gar nicht dran, ich werd's ſchon ſelbſt berſuchen, wo ich den Fürſten finde,“ rief ſie laut, und wollte am Lakaien vorbei durch eine Thüre treten, was dieſer hinderte; der Fürſt trat jedoch in dieſem Augenblick herein; das laute Sprechen war bis zu ſeinem Arbeits⸗ immer gedrungen, wo er die Ankunft ſeiner Räthe er⸗ wartete. „Was gibt es?“ frug er, und ſeine klaren mildblicken⸗ den Augen überflogen die Anweſenden. Die alte Frau trat ſ zu ihm, und mit den tiefſten Knixen überreichte ſie ihm ie Briefe, wobei ſie ſich vielmals entſchuldigte, ſo laut geweſen zu ſein,„aber,“ ſagte ſie auf den Lakaien zeigend, ‚der Musjeh wollte mich nicht zu Ew. Durchlaucht laſſen, und das gute liebe Fräulein Hedwig, die geſtern Abend hei der Abreiſe ſo traurig war, als wenn es in den Tod ginge, hat mir die Briefe an Ew. Durchlaucht und die znädigſte Frau Erbprinzeſſin gegeben, und die Budenberg hat mir auch auf die Seele gebunden, ihren Brief nur per⸗ ſönlich in die Hände des Fürſten zu legen.“ „Abgereist?“ frug der Fürſt erſtaunt; kommen Sie in mein Zimmer, gute Frau, und erzählen Sie, weßhalb das Fräulein abgereist iſt.— Ich wünſche allein zu bleiben, ſo lange dieſe Frau bei mir iſt,“ wandte er ſich an die Lakaien, und hieß die Alte ihm folgen. „Leſen Sie nur, Durchlaucht, vielleicht ſteht in dem Briefe ſelber mehr, als ich Ihnen ſagen kann, denn ich weiß nur von meinem Enkelkind, daß vorgeſtern eine Frauens⸗ perſon zu dem Fräulein gekommen iſt, die erſt eine Ge⸗ ſchichte erzählt hat, und da die Hedwig nicht bei Ihnen ſebeten hat, wie die Frau wollte, iſt ſie ſehr böſe gewor⸗ den und hat geſchimpft, worüber Hedwig ſo erſchrak, daß ſie ganz blaß und wie todt geworden iſt! Dann kam mit iinem Male die Abreiſe; wohin, weiß ich ſo wenig, wie warum.“ Der Fürſt hieß die alte Frau ſich ſetzen, entfaltete 343 ——ꝛꝛò;⅔ꝛ;ꝛ—:——ͤ————— zuerſt Hedwigs Abſchiedsworte an ihn, legte kopfſchüttelnd das Billet wieder bei Seite und öffnete den Brief der Budenberg. Nachdem er die erſten Zeilen geleſen, überflog Zornesröthe ſeine Stirne, und er ging heftig im Zimmer auf und nieder, ehe er das Schreiben wieder zur Hand nahm, um es unter den wechſelndſten Empfindungen zu Ende zu leſen. Es lautete: „Gnädigſter Herr und Euer Durchlaucht!“ Die ſchlächten behſen Menſchen haben mein guhtes liebes Freilein und mich wihder in die främde Weld hinn⸗ aus gejacht. Denn ſolde man es glauben, ſie ſchähmen ſich nicht zu ſahgen, daß Eier Durchlaucht mein armes Freilein führ Geliebde halten und bezalen. Das främde Weib, wo heid bei meinem Freilein war, und ihr bidden tath, daß ſie mechte bei Eirer Durchlaucht ein guhtes Word for ihr einlegen, hat es ihr dreiſte ins Geſicht geſahgt, daß jedes Kint ins ganſe Land weis, wie es mit Eirer Durch⸗ laucht und mein Freilein ſtet. Mein armes, armes Frei⸗ lein, was had eß ſchond gelihtten, und jetzo, wo ſie ſo gliglich werden konte, da der Heinerich ihr heirahden konte und ſie Eier Durchlaucht und der gnähdigſten Frau Prin⸗ zeſin ſo ſer lieben tath, jetze muß ſie ſich ſ reſolbihren und fordgen, wer weis wohin. Sie wil nicht, daß ihr der Heinrich heirahdet, weil ſie glaubt, daß ihr die Menſchen verachten, und ſie wil nicht, daß Eier Durchlaucht in dem Gerehte der Leite bleiben, derenwegen wil ſie ſich obfern und ales im Stich laſſen, und Eier Durchlaucht und der Heinrich ſolen nicht wüßen woh ſie iſt. Ich werde es aber dem Heinrich doch ſchreihben, wen es mir auch ſehre ſchwär fellt das Schreiben, denn wen er Eier Durchlaucht wird ales erzehllt haben, und Eier Durchlaucht kennen hernachern darüber nachforſchen, ſo wirt ſich das Herz des armen Freileins beruhigen, und wider glüglich werden und Eier Durchlaucht auch und die böſe Meiler werde alle geſtobft ſein und nicht mehr mugſen. Aber bevor Eier Durchlaucht nicht mid dem Heinrich geſprochen haben, laſſen Sie nur das Freilein ruhich; ich were ſchond ſchreiben, woh wir int. Sie hat ihren Kobf, und wen ſie ſchon einmahl was als richtich befunden hat, läßt ſie es ihr auch nicht ausge— ret ſein. Wen ich hätte reden dürfen, oder wen Eier Durch⸗ laucht, wie es in Ihren Kräften ſteht, das Freilein wider effendlich zu ehren bringen, hernachern wirt ales wider gut weren, jetzo muß das arme Kint freilich in Kummer und groſer Noht leben, jedennoch ich vertrau auf Got und mei⸗ nem genädigen Hern Fürſten, ſowie auf den Heinrich, den mein armes Herzenskint ebenſo liebt wie mein Freilein Hildegard einen gewiſſen jungen und ſchönen Mahler. Ich gedenke Eier Durchlaucht werden ſchond eine urſach angeben, warum das Freilein ſo plötzlich fort iſt, darum das die Leute ihre Meiler nicht wider in Bewegung kommen. Ich verbleibe Eier Hoheit allunterdehnichſte Dienerin Johanne Budenberg. Eine Weile nach Durchſicht dieſes Briefs, den der Fürſt wiederholt geleſen, um ſich durch die Willkür hin⸗ durchzuarbeiten, mit welcher die Schreiberin ihre Worte ge⸗ formt hatte, verblieb er ſchweigend, aber ſichtlich in ſchmerz⸗ liches Sinnen verſunken. Endlich ſagte er zu Frau Wend⸗ ler:„Ich danke Ihnen, liebe Frau, daß Sie mir dieſe Briefe bald und perſönlich übergeben haben. Sie enthalten Auskunft über den Grund von Hedwigs Abreiſe, welche um wichtiger Familienangelegenheiten halber geſchah, die ſich bald aufklären werden. Halten Sie des Fräuleins Woh⸗ nung ſo in Ordnung wie bisher, denn ich denke, ſie wird in wenig Wochen wieder zurückgekehrt ſein.“ Mit freund⸗ 344 licher Handbewegung entließ ſie der Fürſt, und nicht viel klüger als vorher begab ſie ſich wieder nach Hauſe, wobei ſie nicht unterlaſſen konnte, dem Lakaien im Vorzimmer einen nach ihrer Meinung ſehr imponirenden Blick zuzu⸗ werfen. Der Fürſt überbrachte der Erbprinzeſſin ſelbſt den Brief Hedwigs, bei welcher Gelegenheit er eine längere ge⸗ heime Unterredung mit ihr und dem Prinzen hatte. Die aufmerkſamen Hofleute wollten nach dieſem Geſpräch eine beſonders tiefe Bewegung am Fürſten und der Prinzeſſin bemerkt haben. Im Abendeirkel ſprach Letztere ihr Bedauern aus, ihre geliebte Hedwig eine Zeit lang entbehren zu müſſen, da eine Familienangelegenheit ihre Gegenwart auf einem Gut, welches ihr durch Erbſchaft zugefallen ſei, nöthig gemacht habe.— Da die höchſten Perſonen ſelbſt gut unterrichtet zu ſein ſchienen, mußten ſich die Uebrigen auch beruhigen. Es fehlte dabei nicht, daß eine Clique ſich nicht ſcheute, dieſer Abreiſe die gemeinſten Motive unterzulegen, jedoch wurde dergleichen ſo leiſe geflüſtert, daß es zu den Ohren der höchſten Herrſchaften nicht gelangte. Achtes Kapitel. Zwei Wochen nach den eben erzählten Ereigniſſen traf Heinrich Wendler in B. ein, nachdem er in X., wo er die Geliebte nebſt Mutter und Kind zu finden glaubte, ihre bereits vor Jahresfriſt erfolgte Ueberſiedelung nach B. er⸗ fahren. Er hatte es ſich nämlich verſagt, während ſeiner Abweſenheit Briefe von Hedwig zu empfangen, weil, wie er ſpäter einmal geſtand, er ſeinem eigenen Herzen nicht genug Kraft zutraute, ſeine beſchloſſene Wanderung zu vol⸗ lenden, wenn ihre ſeelenvollen Worte in den klaren feinen Schriftzügen zu ihm ſprachen. In X. hatte er manche Andeutung über die beſondere Gunſt, in der Hedwig beim Fürſten Alfred ſtehe, gehört; jedoch war dergleichen an ſei⸗ nem Hochſinn abgeglitten, ohne daß er die untergelegte Be⸗ deutung von derlei Bemerkungen errieth. Als er hochklopfen⸗ den Herzens dem Hauſe zuſchritt, welches ſein Alles barg, als ihm ſeine kleine Hedwig mit der Frage entgegenhüpfte, ob ihre liebe⸗Tante Hedwig nun auch wieder da ſei, wie die Großmutter geſagt habe, daß ſie mit dem Vater kom⸗ men werde; als er ihren Brief erhielt, war er wie vom Donner gerührt. Er hätte die ganze Welt zertrümmern können, in der ein ſo reines Weſen nicht vor den boshaf⸗ teſten Verläumdungen ſicher war, und der Hoflakai, wel⸗ cher ihn zum Fürſten beſcheiden ſollte, traf ihn bereits auf dem Wege nach dem Schloß. Einige kurze Zeilen von Frau Budenberg, welche ſchrieb:„Wir ſint in B. im Kan⸗ ton Graubinden, wenig Meilen von Hedwig Gebuhrtsort, ſagen Sie daß der Durchlaucht lieber Herr Baumeiſter in Eile. Johanne Budenberg,“ konnten Heinrich nur wenig beruhigen. Mit welcher Wonne hatte er ſich den Moment des Wiederſehens ausgemalt, mit welch' heißer Sehnſucht ihn herbeigewünſcht, und da alle Pulſe der Geliebten ent⸗ gegenflogen, war ſie fort, vertrieben von dem Neid und der Klatſchſucht, welche, da ſie über der Menge ſtand, ihr Gift zu ihr hinaufzuſpritzen, und den Boden, auf dem ſie ſtand, zu unterwühlen ſuchte. Sie litt, und hatte ſich mit gebrochenem Herzen losgeriſſen; wenn auch Heinrich die Mittel bei ſich trug, welche ihr Verhältniß zum Fürſten über jeden Verdacht erheben mußte, ſo war ihm doch jede Minute, welche ihr Leid länger währte, uner⸗ träglich. Feierſtunden. 1865. Einen Moment ſtanden ſich beide Männer ſchweigend gegenüber, dann trat der Fürſt Heinrich entgegen, reichte ihm die Hand und ſagte:„Gott ſei gelobt, daß Sie end⸗ lich da ſind. Wie lange habe ich nach dieſem Augenblick verlangt, um von Ihnen zu hören, ob Hedwig das Kind Hildegards iſt. Sagen Sie raſch, was Sie davon wiſſen, die Budenberg hat mich an Sie gewieſen.“ Heinrich erzählte nun naturgetreu das Geſpräch, was der Baron am Abend nach ſeiner Ankunft im„Kapitel“ mit der Budenberg hatte.„Dies genügt jedoch nicht,“ ſagte er,„Hedwig völlig zu beruhigen und ihren Ruf von jedem Makel zu reinigen, was ich nur um ihretwillen verlange, denn in meinem Herzen iſt ſie die unerreichbar hochſinnige Jungfrau, mögen niedrige Naturen noch ſo boshaft von ihr ſprechen. Glücklicherweiſe bin ich durch Zufall in den Beſitz der Beweiſe gelangt, welche keinen Zweifel laſſen, daß Ew. Durchlaucht der Vater dieſes ſchönen engelreinen Weſens ſind.“ „O ſprechen Sie,“ rief der Fürſt,„Sie machen mich unendlich glücklich durch die Möglichkeit, das holde Kind, das ſchon beim erſten Anblick mein Herz wunderbar bewegte, auch vor der Welt als meine Tochter anerkennen, und da⸗ durch wenigſtens an ihr das Leid ſühnen zu können, was ihre ſchöne unglückliche Mutter ihrer Liebe wegen trug.“ „Ich habe dieſen Entſchluß von Ew. Durchlaucht er⸗ wartet, kann Ihnen aber nicht verhehlen, daß ich ſelbſt ohne Ihre Zuſtimmung Hedwigs Gemüth durch Bekannt⸗ machung ihres Verhältniſſes zu Ihnen beruhigt haben würde. Hören Sie alſo, wie ich in den Beſitz der Doku⸗ mente gelangte, welche unzweifelhaft beweiſen, daß Hedwig das Kind der Hildegard v. Geiersberg iſt, und des Malers Alfred v. Rheinhauſen, welcher ſich dem Prieſter, der ihn getraut, ſelbſt als Prinz Alfred v. B. dokumentirte. Ich hatte den St. Lucius⸗Dom in Chur mit ſeiner Krypta, die Kapelle am biſchöflichen Schloß und den Römerthurm Marſoel beſichtigt, und wandte mich weiter ſüdlich. Ich darf Ihnen wohl den Ort im Addathale nicht beſchreiben, wo ich die erſten Entdeckungen machte. Das verfallene hoch⸗ gelegene ehemalige Herrenhaus ward ſchon ſeit länger als 40 Jahren zur Beherbergung Fremder benützt. Mich zog der alte Bau an, und ich ließ mir alle ſeine Gemächer zeigen. In einer verſteckten Kammer fand ich ein Bild, welches ich als das Euer Durchlaucht erkannte, ſo mußten Sie ausgeſehen haben als Jüngling; die einfache Tracht, die Palette in Ihrer Hand, welche Sie vor einer Staffelei ſitzend als Maler darſtellte, machte mich nicht irre. Ich habe ein gutes Auge für Phyſiognomien, und der Ausdruck ihrer Augen, welche auf eine Skizze geheftet waren, aus der ein Profil deutlich ſich abzeichnete, welches Züge wies, die mit Hedwig auffallende Aehnlichkeit hatten, ohne ſie ſelbſt zu ſein, war ſo, wie nur Sie geblickt haben konn⸗ ten, als Ihr Herz ganz beſeligt und von dem Bilde der Geliebten erfüllt war. Daß dieſer Ort derjenige war, wo Hedwigs Großvater mit der ſchönen Hildegard gelebt hatte, wußte ich aus Andeutungen der Budenberg, weiter konnte ich dort aber nichts erfahren. Ich wanderte weiter nach dem Kanton Teſſin, durch Airolo, wo ich den Trümmern des Thurmes von Deſiderius, dem alten Kaſtell und den Reſten der Longobarden⸗Thürme nur getheilte Aufmerkſam⸗ keit ſchenkte, weil meine Hauptabſicht war, die Spur zu verfolgen, welche meine Ahnung von der innigen Verbin⸗ dung, in welcher der Fürſt, welchen ich als Solchen wie als Menſchen ſo hoch verehre, zu dem Weſen ſteht, die mir das Theuerſte iſt, beſtätigen ſollte. Die belebteren überl mit Is King ihn würd Nög trät Verſ Betr Bew Kin, velch — ſchweigend en, reichte Sie end⸗ Augendlik das Kind on wiſſen, prich, wos „Kapitel“ ſicht,“ ſagte jvon jedem n verlange, hochſinnige doshaft von fall in den ifel laſſen, engelreinen achen mich olde Kind, ar bewegte, 1, und da⸗ unen, was en trug.“ rchlaucht er⸗ ß ich ſelbſt h Bekannt⸗ higt hahen der Doku⸗ aß Hedwig dess Malers e·, der ihn nirte. Ich ter Krypta, dömerthurm dlich. 3 beſchreiben, jallene hoch⸗ langer ald Mich zoh 3 Gemächel iin Bild⸗ ſo mußten Feierſtunden. 1865. — Gegenden boten meinen Forſchungen nicht den geringſten Anhalt; ich vermuthete auch, der alte Baron werde wohl ine einſame Gegend aufgeſucht haben, um ſeine ſchöne Tochter zu verbergen. Im Thale des Leventina, Verzas⸗ fathale war ich endlich ſo glücklich, das Gewünſchte zu inden. Eines Tages, als ich müde von dem Umherſtrei⸗ fen in der wild zerklüfteten Gegend von meinem Führer in lin einſames Häuschen geleitet wurde, deſſen Beſitzer, ein chemaliger proteſtantiſcher Geiſtlicher, hier ſtill und allein ſeine Tage verlebte, erblickte ich wiederum ein kleines Bild iber dem Bett des Alten, als deſſen Original ich ſofort Hedwigs Mutter vermuthete, was um ſo leichter war, da s, wenn auch ſichtlich die Arbeit einer Dilettantenhand und in ſeinen Einzelnheiten unausgeführt, doch ſprechende Aehnlichkeit mit dem Miniaturporträt zeigte, welches dieſer Ring enthielt, den mir die Budenberg übergeben, bis ich ihn einſt an Hedwig zurückgeben kann.“ Heinrich nahm bei dieſen Worten einen Ring aus der Bruſttaſche ſeines Rocks, den er dem Fürſten zeigte. „Hildegard zog ihn von meinem Finger, um noch eine Haarlocke hineinzulegen, als wir uns das letzte Mal ſahen. Die Locke habe ich erſt ſechzehn Jahre ſpäter erhalten,“ ſagte der Fürſt tief bewegt, und wehmüthig ruhten ſeine Blicke auf dem theuren Andenken, das ihm Heinrich überließ. Dieſer fuhr fort:„Ich entließ meinen Führer, um mit dem Beſitzer des Hauſes allein zu bleiben, und begann, als wir einander gegenüber ſaßen, mein Examen. Den Ring unbemerkt an den Finger ſteckend, deutete ich auf ihn und das Bild und ſagte: Ich finde da eine merk⸗ würdige Aehnlichkeit; wenn ich wüßte, wie ich mir die Möglichkeit erklären ſollte, würde ich behaupten, das Por⸗ trät hier und jenes an der Wand zeige ein und dieſelbe Perſon.“ Der Alte faßte haſtig nach dem Ring, und bei Betrachtung des kleinen Bildes bemerkte ich eine heftige Bewegung in ſeinen Zügen. ‚Wie kommen Sie zu dieſem Ringe, Sie können den Engel unmöglich gekannt haben, welchen dieſe Porträts nur unvollkommen wiedergeben! Der hat Ihnen von ihr geſagt; in welcher Verbindung ſtehen Sie zu ihr? ſo frug er in kurz abgeriſſenen Sätzen, und ſeine ganze Seele ſchien in die Augen getreten zu ſein, mit denen er die Antwort in meinen Zügen leſen wollte. „Ich erwiederte ruhig: ‚Das Bild ſtellt Hildegard * Geiersberg vor, die geſtorben iſt, nachdem ſie einer Toch⸗ ter das Leben gab, welche unter fremdem Namen erzogen wurde, ohne daß ſie von ihrer Mutter, noch von ihrem Pater, dem Maler Alfred v. Rheinhauſen, etwas weiß. Dieſe Tochter iſt das Ebenbild jener Hildegard, nur ſind die Züge, welche bei der Mutter kindliche Schüchternheit zeigen, bei ihr vergeiſtigt. Ich habe durch Zufall erfahren, daß ſie nicht Hedwig v. Stötterfeld, ſondern v. Rheinhau⸗ ſen heißt, und forſchte ſchon ſeit Jahren vergeblich nach ihrem Vater, um Hedwig, die ſeit des Großvaters Tode, welcher erfolgt iſt, ohne ihr Aufklärung zu bringen, dem Vater zuzuführen, da ſie ſonſt keine Verwandten hat. Lei⸗ der ſind keine Beweiſe über die Trauung des Malers mit Hildegard, ſowie über Hedwigs Geburt als Hildegard's und nicht der Majorin v. Stötterfeld Tochter aufzufinden, und ſo lange dies nicht gelingt, kann das arme Kind nichts von ihren Eltern erfahren.“ „Gelobt ſei der Allmächtige,“ rief jetzt der Alte, ‚der Sie in dieſes wilde unbeſuchte Thal führte, um Hildegard's Kind wenigſtens das Recht zu geben, für ihre arme Mut⸗ jer zu beten. Ich habe die Beweiſe, welche Sie verlangen, Feierſtunden. 1865. —ÿͦꝛꝛxꝛää:ieͤͤõy—⸗—ꝛ—ꝛ—:C—C——C—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—P—y’—— und werde ſie ſelbſt derjenigen einhändigen, welche Hilde⸗ gard's Züge trägt; wenn ich ihr Ebenbild noch einmal ſehe, will ich gern meine Augen ſchließen.— Hören Sie meine Geſchichte,“ ſagte er nach einer Pauſe, und begann dann: „Ich war proteſtantiſcher Prieſter im Addathale und lebte von meinem dürftigen Einkommen gut genug, um mit noch Aermeren theilen zu können. Weib und Kind hatte ich nicht, da die Ideale, welche ich im Herzen trug, ebenſowenig verwirklicht werden konnten, als ich mich entſchließen mochte, mein Phantaſieleben in den drückenden Grenzen zu tödten, welche das enge Zuſammenleben mit einem Weſen zieht, das nur phyſiſch mir nahe ſtünde. So arm mein Leben ſchien, war es doch unendlich reich. Konnte ich mir ein neues Buch anſchaffen, aus dem ich Belehrung ſchöpfte, dann war ich ein Kröſus. Da trat, es ſind nun ſechs⸗ undzwanzig Jahre, ein Ereigniß in mein Leben, welches es ganz anders geſtaltete. Ich zählte damals fünfund⸗ dreißig Jahre und bin, obgleich ich wie ein Greis von acht⸗ zig Jahren ausſehe, doch erſt fünfundſechzig.— Der Ba⸗ ron v. Geiersberg nahm mit ſeiner einzigen Tochter, einem engelſchönen Kinde von vierzehn Jahren, ſeinen Wohnſitz im alten Herrenhauſe des Orts, wo ich Prieſter war. Ich wurde berufen, den Religionsunterricht des holden Mäd⸗ chens zu leiten, da ſie im folgenden Jahre konfirmirt wer⸗ den ſollte. Welch' Leben ging mir in der Nähe dieſes hoch⸗ begabten unſchuldsvollen Engels auf! Der Herr Baron war finſter, und Hildegard wagte nicht, ſich ihm zärtlich zu nahen, dafür ſchüttete ſie den reichen Strom ihres liebe⸗ vollen Herzens auf die treue Pflegerin ihrer Kindheit und mich, daß ich oft zum Sternenhimmel meine Hände erhob und dem Urquell der Liebe dankte, daß er mir in Hilde⸗ gard die Offenbarung der menſchgewordenen Güte und Schönheit zugeführt. Ich liebte dies Kind bald mit all' meinem Denken und Sein. Auch mein Herz war ſo un⸗ berührt geblieben bis dahin, wie das ihrige; ich fühlte je⸗ doch mit dem Inſtinkt der Liebe, daß ſie in mir nur den Lehrer und älteren Freund erblickte, und es würde mir eine Entweihung des Allerheiligſten geweſen ſein, wenn ich ihre Unbefangenheit nur im Entfernteſten getrübt hätte, denn das Allerheiligſte iſt ein reines reiches Menſchenherz, und gegen dies zu fehlen iſt eine der Sünden gegen den heiligen Geiſt, von denen Chriſtus ſagt, daß ſie weder hier noch dort vergeben werden. Ich war vollkommen glücklich, ſie täglich ſehen zu dürfen, und wenn ich ihr von der Liebe Gottes und der Größe des unſterblichen Reformators Jeſus erzählte, wozu ich in meiner eigenen Liebe erſt die rechten Worte und die rechte Erkenntniß fand, dann hingen ihre großen dunkeln Augen an meinem Mund, und ſie ſprach wohl leiſe:„ich fühle es, daß die Liebe Gottes Alles ſo ſchön und gut ſchuf, daß die Liebe Gottes Alles erhält und in uns Menſchen wohnt, denn ich habe ja auch alle, die ich kenne, ſo ſehr lieb, und, ſetzte ſie manchmal ſeuf⸗ zend hinzu, ſehe, wie unglücklich mein armer Vater iſt, da er nicht ſo viel Liebe in ſich trägt und nach der meini⸗ gen ſich nicht ſehnt!“ Ihr ganzes Weſen war Reinheit und Güte. Unſer Verkehr dauerte auch nach ihrer Konfirmation fort, und meiſt begleitete ich ſie auf ihren Spaziergängen, ohne daß unſer Verhältniß ein anderes wurde. Das Glück ihrer Nähe war mir mit der Zeit ein ſolches Lebensbedürf⸗ niß geworden, daß ſich die Dauer des Tages in die Stunde konzentrirte, welche ich mit ihr verlebte.— Die ſchöne Jungfrau blieb nicht unbemerkt; ein Maler, welcher uns bei einem Spaziergange begegnete— Hildegard war da⸗ mals 17 ½ Jahre und jeder Tag machte ſie ſchöner—, 44 346 ward durch ihren Anblick ſo gefeſſelt, daß er am Ort blieb. Bald machte Hildegard ihre Spaziergänge ohne mich, und ich hätte ſie nicht ſo unſäglich lieben müſſen, wenn mir verborgen bleiben ſollte, was ihr und des Jünglings Herz bewegte. Welche Qualen mir anfänglich dieſe Entdeckung bereitete, vermag ich nicht zu ſchildern; ich überwand ſie, und meine Liebe ſtieg aus der Aſche der zu Grabe getra⸗ genen Wünſche reiner und unvergänglich empor. Ich ge⸗ langte bald dahin, mich des Liebesglücks der Beiden zu freuen und Gott zu danken, daß er ſein herrlichſtes Ge⸗ ſchöpf mit der Offenbarung der höchſten Seligkeit begnadete. Der Jüngling war Hildegard's werth; ſchön und edel wie ſie, hatte er einen reichen und ſtarken Geiſt, welcher ihn zum Führer dieſes ganz in Liebe aufgehenden Weſens be⸗ fähigte. Bald führte ihn ſein Talent dem Vater Hilde⸗ gard's zu, welcher ſeiner herzgewinnenden Anmuth nicht widerſtand und ihn oft bei ſich ſah. So ſchien ſich Alles zum Beſten der Liebenden geſtalten zu wollen, und ich wunderte mich im Stillen häufig, warum ſie zögerten, ihre Neigung dem Baron zu entdecken. Sie mochten eben das Geheimniß zu ſüß finden, um ihrem Beiſammenſein den Zauber zu nehmen, den es dadurch erhielt, und Hildegard hatte bisher durch des Vaters Ernſt und Kälte wohl allzu wenig Muth faſſen können, ihm das zu ſagen, was ihr Herz bewegte. Als der Baron aber, in der Abſicht, ſeine Tochter ſtandesgemäß zu verſorgen, ihr einen alten Mann als künftigen Gatten ankündigte, trat der Maler mit ſei⸗ nem Geſtändniß vor, wurde jedoch ſchnöde von dem Vater abgewieſen. Hildegard, unfähig, auf die Länge den rauhen Befehlen des Freiherrn zu widerſtehen ohne Nachtheil für ihre zartorganiſirte Natur, wenn ihr nicht ein feſter Halt geboten ward, willigte ein, da der Baron jede Annäherung des Malers rauh zurückwies, ſich heimlich mit dem Ge⸗ liebten zu vermählen; ich, der ich Alles ſchon längſt wußte, wurde von den Liebenden nun offiziell in's Vertrauen ge⸗ zogen, und traute ſie in aller Form, worüber ich die gül⸗ tigſten Dokumente nachweiſen kann. Der Maler entdeckte ſich mir als Prinz Alfred v. B. und nahm mir das Ver⸗ ſprechen ab, Hildegard bis nach ſeiner Rückkehr in die Hei⸗ math dies zu verſchweigen, da er ſich die Freude nicht ver⸗ ſagen wolle, ohne ihr Wiſſen mit den Beweiſen ſeines Ranges vor ſie und den Vater zu treten, der dann gewiß ſeinen Segen zu der Verbindung geben werde. Sich ihm bald zu entdecken hinderten ihn Familienverhältniſſe, die eben ſeine ſchleunige Abreiſe erforderten. In das Kirchen⸗ buch trug er ſich mit ſeinem vollen Namen und Stand ein, und ſeine Wiederkehr ſollte in möglichſt kurzer Zeit erfol⸗ gen. Ich überließ die Neuvermählten ihrem Glück und führte ſie in das einzige wohnliche Zimmer des Paſtorhau⸗ ſes, während ich ſelbſt die Nacht im Freien verbrachte.— Meinem Verſprechen, über Hildegard wie ein Bruder zu wachen, konnte ich leider nur ſehr unvollkommen genügen, denn die zweite Nacht nach der Trauung war der Baron mit Hildegard und ihrer Wärterin verſchwunden, die an⸗ dern Diener hatte er erſt eine Stunde vor der Abreiſe be⸗ zahlt und entlaſſen. Keiner wußte anzugeben, wohin er ſich gewandt. Ich verfolgte lange ſeine Spur, ließ Alles im Stich, nur das Bild Hildegard's, welches der Prinz für mich gemalt, nahm ich mit mir, und verbarg, von einer innern Stimme dazu getrieben, die Papiere, welche die rechtmäßige Ehe zwiſchen ihr und dem Prinzen bezeug⸗ ten, zwiſchen die Leinwand und den Holzrücken deſſelben. Nach wochenlangem Wandern und Umherſpähen verfiel ich in eine ſchwere Krankheit, die mich mehrere Monde an das Feierſtunden. 1865. ———;—::::-r————; —— Lager feſſelte und meiner Beſinnung beraubte. Mitleidige Menſchen nahmen ſich meiner an, und als ich wieder her⸗ geſtellt war, ſetzte ich den Wanderſtab weiter, bis ich hier endlich die gewünſchte Spur fand; aber bei der Strenge, mit welcher der Baron ſeine Tochter und ihre treue Die⸗ nerin von jedem Verkehr mit Andern abſchloß, war es mir lange nicht möglich, ein Zeichen zu Hildegard gelangen zu laſſen, daß ich in ihrer Nähe ſei. Ich konnte mir denken, daß ich am wenigſten Zutritt erhalten würde, da der Ba⸗ ron leicht erfahren haben konnte, welchen Antheil ich an dem Geſchick der jungen Herzen hatte; deßhalb benützte ich die Krankheit und weite Entfernung des Wohnſitzes des hieſigen Seelſorgers, um mir von ihm die Erlaubniß aus⸗ zuwirken, ohne Beſoldung ſeine Amtsgeſchäfte in der un⸗ wirthbaren Gegend ausüben zu dürfen. Aeußerlich unkennt⸗ lich theils durch die lange Krankheit, theils durch Verände⸗ rungen, welche ich ſelbſt an meinem Ausſehen hervorbrachte, und den Bart, welchen ich hatte wachſen laſſen, unter ange⸗ nommenem Namen hatte ich eher Ausſicht, mich Hildegard zu nähern. Der Baron hielt jedoch fortgeſetzt jeden Men⸗ ſchen fern, mit welchem ſich die Frauen hätten verſtändigen können, und nur Leute, welche das Patois der hieſigen Gegend ſprachen, hatten Zutritt in's Schloß. Ich erfuhr, daß Hildegard's Wärterin die Lebensmittel in Empfang nehme, welche die Einwohner herbeibrachten, deßhalb be⸗ ſorgte ich Pfirſiche von beſonderer Schönheit, welche für die Kranke, das war Hildegard, ſtets vom Baron beſtellt wurden, und höhlte kunſtvoll die eine aus, daß äußerlich nichts davon zu bemerken war. In dieſe barg ich einen Zettel mit den Worten:„Ein Freund von Alfred und Hildegard iſt in der Nähe, vertraut auf ihn!” Es war jedoch zu ſpät, denn Hildegard ſah die Frucht nicht, welche ihr ein Lebenszeichen von mir geben ſollte. Sie ſchloß den⸗ ſelben Tag, nachdem ſie einem Kind das Leben gegeben, ihre lieben ſchönen Augen für immer; Gott hatte einen Engel herniedergeſandt, damit einige ſeiner auserwählten Menſchenkinder des Zaubers theilhaftig wurden, den er ver⸗ breitete; der Herr rettete ihn wieder hinauf, dahin, wo Licht und Friede iſt, damit ihn das Erdenleid ferner nicht⸗ drücke.“ „Ich kann Ew. Durchlaucht nur in ſchwacher unzu⸗ länglicher Form wiederholen, was das treue Herz mir er⸗ zählte, noch weniger die Bewegung beſchreiben, welche ſich in ſeinen Zügen malte, wenn er von dem Ideal ſeines Lebens ſprach. Ich lernte aber an ihm wieder auf's Neue, daß wir Menſchen erſt durch die Liebe Gott ähnlich ſind; wie rein und heilig durchſtrömte ſie das Herz dieſes alten Mannes, der nur in dem Andenken an Hildegard lebte und ſein ganzes Weſen für geweiht hielt durch die Liebe. Doch ich will ſeine Erzählung vollends bis zum Ende wie⸗ derzugeben ſuchen; nachdem er bei Erwähnung des Todes der Dulderin ziemlich lange inne gehalten, fuhr er fort: „WMir ward nach mehreren Wochen die Taufe des Kindes übertragen; wenige Tage vor dieſer Handlung hatte ich auch eine Taufe abzuhalten; eine Verwandte des Barons war am Tage nach der Beerdigung eingetroffen, hatte nach vierzehntägigem Aufenthalt auch ein Mädchen geboren, was jedoch ſo ſchwächlich war, daß es zwei Tage nach der Ge⸗ burt ſtarb, und ſammt der Mutter, welche gleichfalls dem Wochenbett erlag, beerdigt wurde. Beide Mädchen wurden „Hedwig Antonie“ getauft, das Kind Hildegard's auf den Namen v. Gilbert(der Familiennamen der verſtorbenen Gattin des Freiherrn), das ſpäter Geborene als das des Major v. Stötterfeld. Der Baron, welcher mich nicht — ekannte vig A he m iſin, ſage f gener zemert fuin! Tochter ſiiner bar w todte ſäne cls S ober ſchehe ämtre den? tß i Ung⸗ iber än. Barc Stan en. und Käh dnn nden ſe g trenn Auge wöhr und rückg vig das mein Nam 1 Der n gelangen 1 mir denken, da der Ba⸗ heil ich ar benützte ich hnſitzes des nubniß aus⸗ in der un⸗ ich unkennt h Verände⸗ vvorbrachte, unter ange⸗ Hildegard jeden Men⸗ erſtändigen der hieſigen Ich erfuhr, n Empfang velche fü nron beſtel ß äußerlich rg ich einen Alfred und Es war cht, welche ſchloß den⸗ en Rogeben, te einen userwählten den er ver⸗ dahin, wo eruer ticht acher unzl— erz mir el welche ſic deal ſeinet nuf's Neut⸗ nlich ſind, Feierſtunden. 1865. ikannte, verlangte von mir nur das Taufzeugniß für Hed⸗ wig Antonie v. Stötterfeld, was ich ihm ausſtellen mußte, chne mich jedoch durch ſeine Verſprechungen bewegen zu laſſen, den Datum der Geburt des Kindes um vierzehn Tage früher anzuſetzen.— In's Kirchenbuch trug ich aus igener Machtvollkommenheit den Tod Hildegard's mit der Bemerkung ein: ‚Prinzeſſin Hildegard v. B., geb. Reichs⸗ frein v. Geiersberg. Ebenſo führte ich das Kind an als Tochter Sr. Durchlaucht des Erbprinzen Alfred v. B. und ſeiner Ehefrau Hildegard Reichsfreiin v. Geiersberg. Schein⸗ bar willfahrte ich dem Geſuch des Barons und trug das todte Kind der Majorin unter dem Namen v. Gilbert, ſeine Tochter als Frau v. Gilbert, und das lebende Kind ils Hedwig v. Stötterfeld ein. Als ſich der ſtolze Herr aber überzeugt hatte, daß dies nach ſeinen Wünſchen ge⸗ ſchehen war, entfernte er ſich eilig, ehe die Ortsobrigkeit entraf, der ich die mit dem Kirchenregiſter übereinſtimmen⸗ den Aufſchlüſſe geben ſollte; ſobald er die Thür geſchloſſen, iß ich das Blatt aus dem Buche, auf dem die falſchen Angaben ſtanden, und unter Beibringung der Dokumente über Hildegard's Trauung trug ich Alles wahrheitsgemäß in. Ich wollte durch mein ſcheinbares Eingehen auf des Barons Wünſche dieſen beruhigen, wäre aber nicht im Stande geweſen, an Hildegard's Namen eine Lüge zu hef⸗ ten. Seit ſie hier begraben liegt, bewache ich ihre Aſche und ſehne mich nach dem Augenblick, wo man mich in ihre Rähe betten wird. Den Prinzen habe ich nicht aufgeſucht, denn ich wartete, daß er es thun müſſe; ich dachte nicht unders, als er werde Hildegard's Spur verfolgen, bis er ſie gefunden, und von ihrem Grabe wollte ich mich nie trennen; jetzt thue ich es, um ihrem Kinde einmal in die Augen zu ſehen.“ „Wo iſt der treue Alte?“ rief jetzt der Fürſt, welcher während der letzten Minuten mit immer tieferer Bewegung und geſpannterem Intereſſe zugehört. „Er harrt meiner in X., wo ich ihn im ‚Kapitel' zu⸗ rückgelaſſen habe, und abzuholen gedenke, um mit ihm Hed⸗ wig aufzuſuchen, deren Hand ich von Ew. Durchlaucht als das höchſte Glück meines Lebens erbitte. Hedwigrſelbſt ſoll meine Werbung erſt beantworten, wenn ſie ihren wahren Namen kennt,“ entgegnete Heinrich. „Ich lege mein geliebtes Kind gern an Ihr Herz, denn ich kann nur ihr Glück wünſchen, was ſie einzig in der Vereinigung mit dem Manne findet, dem ihre Seele längſt zu eigen iſt, und der ihr gleich an Geiſt und Gemüth iſt,“ ſagte der Fürſt, und reichte bewegt beide Hände Heinrich entgegen, der ſie ergriff und mit voller Stimme und leuch⸗ tenden Augen erwiederte: „Ich will dieſes Juwel, das die höchſte Fürſtenkrone jieren würde, hoch halten, und ihr ein Glück bereiten, wie es keinem Weibe reicher geboten wird.“ Die Männer trennten ſich, nachdem ſie durch das Ge⸗ ſpräch der letzten Stunde einander näher als je gerückt waren. Der Fürſt unterließ nicht, während Heinrichs Abwe⸗ ſenheit, welcher nach X. gereist war, um von da weiter zu gehen und in Chur ſeine Ankunft abzuwarten, ehe er zu Hedwig eilte, alle Schritte zu thun, um ſeine Tochter öffentlich anzuerkennen. Als die Formalitäten alle zur Rechtskräftigkeit gediehen waren, kündete der Fürſt ſeinem Hof feierlich ſeine einſt mit Hedwigs Mutter geſchloſſene Ehe, die um ſo weniger anzufechten war, als er damals bereits großjährig und ſein Vater gerade an dem Trauungs⸗ jage verſchied, alſo ſeine mangelnde Einwilligung keinen 347 Anſtoß gab, und Hildegards Vater zu dem hohen Adel zählte. Die Oberhofmeiſterin Gräfin Steckwitz ward bei dieſem feierlichen Akt zum erſten Male in ihrem glorreichen Leben faſſungslos, und vermochte nur mit der mächtigſten Anſtrengung ihrer im Schnürleibe der Etikette und Kon⸗ venienz zuſammengeſchrumpften Seele die unumgänglich nöthigen Beglückwünſchungen zu ſtammeln. Als die Kur vorüber war, ließ ſie ſich augenblicklich zur Baronin Str. fahren, trotzdem ſie dieſer Dame wegen ihrer ſeit einigen Wochen gezeigten Unruhe und Zerſtreutheit ein wenig zürnte. Als der Bediente die Thüre im Zimmer der Baronin öff⸗ nete, um die Gräfin anzumelden, fuhr jene mit einem lei⸗ ſen Schreckensrufe von ihrem Sitz empor, da ſie aber den Namen der Gräfin hörte, ſtand ſie mit einem Seufzer der Erleichterung auf, um ihrer gnädigen Couſine entgegen zu gehen. Wäre die Gräfin nicht ſelbſt ſo außer Faſſung ge⸗ weſen, ſo würde ſie ſicher bemerkt haben, daß die Augen der Baronin geröthet waren.— Sie hatte in den letzten Stunden vor der Entſcheidung weinen gelernt, nachdem ihr Zorn über das Schickſal, welches ſie erwartete, gebrochen war.— Auch die fieberhafte Unruhe ihrer Wirthin entging den Blicken der geſtrengen Frau, die jedes äußere Zeigen deſſen, was im Innern vorgeht, für außerordentlich ple⸗ bejiſch hielt. Die Baronin hatte nach wochenlangen Käm⸗ pfen einen großen Sieg über ſich errungen. Nicht allein die erwachte Abneigung gegen ihren zudringlichen Bewerber und deſſen niedrige Denkungsart, welche ſie nun durch⸗ ſchaute, ebenſowenig die bürgerliche Geburt deſſelben hatte ſie bewogen, in einem eben beendeten Briefe die Entdeckung des Dokuments Hedwig mitzutheilen, aber offen hinzuzu⸗ fügen, daß ſie nicht gutwillig ihren Beſitz opfern, ſondern mit allen Rechtsmitteln darum kämpfen werde. Die eitle Frau hatte in den letzten Wochen über ſich nachdenken ge⸗ lernt; die Betrachtung, wie wenig ſie bisher wahres Ver⸗ gnügen bei dem, was ſie durch die beſten Jahre ihres Lebens erkauft, gehabt hatte, drängte ſich bei dem erneut anbrechen⸗ den Kampf um den Mammon unabweisbar auf und hatte manch' andere ebenſo heilſame im Gefolge. Der Major v. Wildegg, welchen ſie unter dem Vor⸗ wand fortgeſetzten Unwohlſeins nur immer auf wenige Minuten empfing, bot ihrem Gemüth, das nach einem feſten Halt ſuchte, in ſeiner Oberflächlichkeit keinen Troſt, und da ſie ſeine Andeutungen wegen Vorſtreckung namhafter Summen nicht verſtehen wollte, zog er ſich ſelbſt zurück, mit dem Entſchluß, trotz der Tante Oberhofmeiſterin ſeine Huldigungen einer reichen Erbin, der Tochter des Banquier Iſakſohn darzubringen, welche darnach ſtrebte, zu ihrem Geld einen altadeligen Namen zu fügen. Die Baronin be⸗ merkte das allmälige Erkalten der Bewerbungen des Ma⸗ jors, und es koſtete ihr weniger Schmerz, von der Verei⸗ nigung mit ihm abzuſtehen, als daß ſie ſich bei der Erin⸗ nerung an ihre noch vor Kurzem für ihr Alter hoch gehenden Gefühlswogen etwas ſchämte. Trotzdem ſie nun durch den feſten Entſchluß, welchen ſie wie geſagt nicht aus unedlen Gründen, ſondern in Folge des zum Durchbruch gekommenen Rechtsgefühls gefaßt, und durch den Brief an Hedwig ſchon angefangen hatte, auszuführen, bedeutend ruhiger geworden, erwartete ſie heute doch mit Zittern den Menſchen, welchen ſie in den letzten Wochen auf's Tiefſte haſſen gelernt hatte, weil ſie fühlte, welche Schmach er ihr angethan, indem er ihr zumuthete, ſich ihr Vermögen durch eine Heirath mit ihm und die in dieſem Falle erfolgende Unterſchlagung eines Dokuments zu erhalten. Sie zitterte beſonders deßhalb vor ſeinem Anblick, weil es ihr einmal 44* 348 ——————— trotz aller Ueberwindung dennoch das Fallen der Würfel däuchte, wenn ſie ihre Abſicht ausſprach, und weil ſie ſich auch ſagen mußte, daß ſie ſich durch ihr langes Kämpfen und Schwanken, ehe ſie den ihrer würdigen Entſchluß faßte, gewiſſermaßen zu ihm herabgewürdigt hatte. Daher das Gefühl der Erleichterung, als ſtatt des Gefürchteten die Gräfin angemeldet wurde, welche bald nach ihrem Eintritt in einen Seſſel ſank und rief:„Unerhört! Die Welt iſt eine andere geworden, und ich paſſe nicht mehr in dieſes formloſe Treiben! O, die hochſelige Fürſtin würde ſich in höchſt Ihrem Sarge umwenden, wenn ſie das wüßte!“ Auf die beſorgten Fragen der Baronin erzählte die Gräfin, was ſie ſo aufgeregt. Mit Befriedigung beobach⸗ tete ſie den Eindruck, welchen die Nachricht auf die Baronin hervorbrachte. Als dieſe aber in Thränen aus⸗ brechend an ihre Bruſt ſank und rief:„O Gott, nun iſt Alles gut; möge der Fürſt und ſein Kind, ſowie Alle, die zu ihrer Vereinigung helfen, geſeg⸗ net ſein, meine Prüfungs⸗ Feierſtunden. 1865. denn der Pöbel wird es durch die Zeitungen der nächſten Tage, welche die officiellen Ankündigungen enthalten, noch früh genug erfahren, und wenn es einmal die Dienerſchaft hört, ſpricht es ſich augenblicklich herum.“ Nach dieſen Worten trat der Bediente wieder ein, und meldete den Ad⸗ miniſtrator Kruſel, welcher, ohne abzuwarten, ob er an⸗ genommen werde, bald hinter dem Diener eintrat. Die Baronin erhob ſich ſtolz von ihrem Platz, und ſah in die⸗ ſem Augenblick, wo ihre Augen blitzten und ihre volle Ge⸗ ſtalt hoch aufgerichtet, die Wangen geröthet waren, wirk⸗ lich ſo hübſch aus, daß Leonhard ſie mit Wohlgefallen betrachtete. Dies angenehme Gefühl verminderte ſich aber bedeutend, als ſie mit heller Stimme frug:„Seit wenn iſt es denn Sitte, mein Herr, daß ein Beamter G h Wneannghſgeeiazeamreanmeꝗmęe nicht wartet, bis ihm der Beſcheid wird, ob er an⸗ genommen iſt, ehe er in das Zimmer ſeiner Herr⸗ ſchaft tritt?“ „Gnädige Frau, Sie wiſſen, daß ich Dinge von zeit iſt vorüber,“ da wand ſich die geſtrenge Dame entſetzt aus den Armen ihrer Verwandten, welche ſie für fieberkrank hielt. „Aber mon dieu, chère cousine! Was ficht Sie an, ein ſolches Ereigniß zu ſegnen? Hätte Seine Durchlaucht die Ehe ignorirt, und die junge Dame reich ausge⸗ ſtattet in eine hochadelige Familie verheirathet, ſo war dies richtig und dem Brauch angemeſſen gehan⸗ delt. Aber ſich jetzt, wo die Baroneß, mit der er ſich von einem obſcuren Prieſter trauen ließ, längſt todt iſt, hat es ja gar keinen Zweck. Ich ver⸗ muthe jedoch, dieſer Toch⸗ ter ſoll durch die Aner⸗ kennung ihrer Geburt die höchſter Wichtigkeit—“ „Für Sie vielleicht, für mich nicht,“ unter⸗ brach ihn die Baronin, „Sie werden jetzt die Güte haben, in meinem Ar⸗ beitszimmer zu warten, ſo lange ich noch das Vergnügen habe, meine gnädige Couſine bei mir zu ſehen.“ Bei dieſen Worten gab ſie dem Die⸗ ner einen Wink, Leon⸗ hard zu geleiten, und wandte ſich wieder zur Gräfin, welcher dieſe Scene erquickenden Thau in ihre von den letzten Ereigniſſen allzu ſehr er⸗ mattete Seele träufelte. Während der Zeit, welche die Baronin noch ihre Verwandte vom Auf⸗ bruch zurückzuhalten ſuchte, um mit völliger Ruhe Legitimitätserklärung vom Bund verſchafft, und ſie an dem Gehaßten entgegentreten zu können, ging dieſer im einen regierenden oder ſucceſſionsfähigen Fürſten verheirathet werden. Paſſen Sie auf, chère cousine, ich werde Recht behalten, denn mein Scharfblick trügt mich faſt nie!“ Arbeitszimmer ſeiner Gebieterin auf und nieder und ſprach zu ſich ſelbſt:„Warte, hochmüthiges Weib, dieſe Abwei⸗ — ſung ſollſt du mir bezahlen. „Das kann wohl ſein, gnädige Couſine; zürnen Sie Denn mein wirſt du doch, dein Herz hängt einzig und allein an deinen Gütern, und mir im Uebrigen wegen meiner augenblicklichen Schwäche es ſind die letzten Zuckungen deiner Hoffahrt, welche du von vorhin nicht, ich bin ſeit einiger Zeit ſehr nervös,“ in dieſer Stunde zu Grabe tragen mußt, die du noch an ſagte die Baronin mit ſo heiterer Stirne und klarer Stimme, als ob ihr nie eine Wolke gedroht hätte. mir ausließeſt.“ Bald verdrängte er die unangenehme Ner⸗ Erinnerung an das eben Erlebte, um ſich in erquicklichen vös ſein war eines der Uebel, welches die Gräfin ſtets gel⸗ Betrachtungen zu ergehen, wie er dies bereits ſeit längerer ten ließ, wenn es Perſonen von Stand betraf, die das Zeit liebte. Er fühlte ſich bereits ſo ſicher als den Be⸗ Vorrecht zarter Nerven, oder vielmehr Nerven überhaupt ſitzer der Str.'ſchen Güter und Tyrannen der Baronin, beſaßen; auch jetzt beruhigte ſie dieſe Antwort, und ſie er⸗ wiederte:„Ich vermuthe die Urſache, mein Wildfang von Neffe hat gewiß einen kleinen dépit mit Ihnen gehabt. Doch chère cousine, ſprechen Sie das eben Mitgetheilte daß ſeine Gedanken meiſt bei Veränderungen und einträg⸗ lichen Etabliſſements, wodurch er den Werth ſeiner Be⸗ ſitzungen erhöhen wollte, verweilten. den Adelſtand konnte ihm bei ſeiner Verbindung w von der neuen Familie Sr. Durchlaucht noch nicht weiter, Die Erhebung in ct weitr, ten, noch eenerſchaft ich dieſen e den A⸗ öb er an— rat. Die ah in die⸗ volle Ge⸗ ten, wirk⸗ ohlgefallen ſich aber Seit wenn fte, mein Beamter s ihm der ob er an⸗ ehe er in ner Herr⸗ Frau, Sie Dinge von keit—“ vielleicht ,* unter⸗ Baronin, t die Güte inem A⸗ warten, loch das meine bei mir A dieſen dem Die⸗ ik, Keon⸗ ten, und ieder zur r dieſe den Thaul ii —n letzten ſehr er⸗ aufelte. der Zeit, nin noc om Auf⸗ ten ſuchte, eer Rühe dieſer im Feierſtunden. 1865. ——ò;⅔—ꝛ—ꝛ—⅓½—:——— ——ꝛ—ꝛ———:——y—— Baronin und dem ausgedehnten Grundeigenthum nicht feh⸗ len. Dann war er doch ein anderer Mann, als der Hein⸗ rich Wendler, wenn dieſer auch ein bedeutendes Vermögen von ſeinem Schwiegervater geerbt hatte. Er war eben da⸗ bei angekommen, Heinrich, den er zu ſich beſchieden hatte, um ihm den Bau eines neuen Schloſſes zu übertragen, in ſeinem Vorzimmer erſt eine Weile warten und dann durch und wie einen Bedienten in reicher Livree einführen zu laſſen, wo nen beſtürzt. er ihn im Negligé empfing und an ſeinen Plänen mancher⸗ lei zu mäkeln fand, als ſich die Thür öffnete, und die 349 „Ich habe nicht erwartet, daß Sie nach der unerhör⸗ ten Frechheit, welche Sie ſich heute vor vier Wochen ge⸗ gen Ihre Herrin erlaubten, ſo lange zögern würden, ehe Sie meine Verzeihung einzuholen verſuchten!“ „Gnädige Frau, wie verſtehe ich Sie? Haben Sie vergeſſen, was ich vor vier Wochen mit Ihnen beſprach, gütig Sie mich Ihre Uebereinſtimmung mit mei⸗ Herzenswünſchen errathen ließen?“ rief Leonhard „Ich wünſchte, ich könnte Ihr Betragen vergeſſen; Baronin eintrat, welche ſich in einen Seſſel ſetzte und be⸗ wäre ich nicht durch daſſelbe ſo beſtürzt und außer Faſſung gann: (Zu Seite 350.) wort erhalten haben. Damit ich jedoch der langen Aus⸗ einanderſetzung überhoben bin, ſo leſen Sie dieſen Brief, welcher ſofort abgeſandt werden ſollte, wenn ich nicht erſt vir! Sr. Durchlaucht die Angabe des jetzigen Aufenthaltes befinjungen Dame hätte nachſuchen müſſen.“ Unté Leonhard hing ſo zäh an ſeiner Meinung von dem nahengen ſeiner Plane, daß er während des Leſens dachte: Hedm, der Brief ſoll mir, von dem das ſchlaue Weib er⸗ ind,, daß ich die Bekanntmachung des Dokumentes eben Budeheue, wie ſie, einen billigeren Preis dafür abringen.“ hren entgegnete er:„Wenn dies Ihr ernſter Wille iſt, gn. Me Frau, dann rathe ich Ihnen wenigſtens, von jedem Prozeß abzuſtehen, deſſen Ausgang für Sie unzweifelhaft ungünſti iſt. Der Entſchluß hebt natürlich jede weitere Verhandtſing auf, und ich habe nichts weiter zu thun, gebracht worden, Sie würden ſchon damals die rechte Ant⸗ als meine Funktionen in Ihren Dienſten wieder anzu⸗ treten, ſo lange Sie im Beſitze Ihrer Güter bleiben.“ Leonhard, welcher nach dieſer Entgegnung erwartete, die Baronin werde wieder einlenken, war nicht wenig be⸗ ſtürzt, als ſie ihm erwiederte: „Ich habe weder Ihren Rath verlangt, noch Verhand⸗ lungen mit Ihnen fortſetzen, oder Ihre Dienſte für die Folge annehmen wollen. Bereits vor vier Tagen, gerade als ich dieſen Brief vollendet, habe ich meinen Anwalt beauftragt, einſtweilen einen rechtlichen Mann auf meine Güter zu ſenden, damit er ſie an Stelle des Adminiſtra⸗ tors inſpicire, deſſen Kontrakt durch die widerrechtliche vachen Bu Entfernung von ſeinem Poſten gelöst iſt.— Dieſen Brief habe ich übrigens vergeblich geſchrieben, denn was morgen die Zeitungen verkünden werden, iſt mir eben — ——— 9. ———— ———.—— 350 Feierſtu —-—————-———ênxÖ privatim mitgetheilt worden; Fräulein v. Stötterfeld trägt nämlich irrthümlich dieſen Namen, da die Familie Stöt⸗ terfeld ſeit einundzwanzig Jahren faktiſch ausgeſtorben iſt. Die liebenswürdige junge Dame iſt vielmehr die eheliche Tochter Sr. Durchlaucht des Fürſten Alfred und der ver⸗ ſtorbenen Reichsfreiin v. Geiersberg!“ Einen Moment wei⸗ dete ſich die Baronin an dem ſprachloſen Entſetzen Leon⸗ hards, welcher wie vom Donner gerührt bei dieſer Eröff⸗ nung daſtand; dann verließ ſie das Zimmer, und beauf⸗ tragte den Bedienten, ihrem entlaſſenen Adminiſtrator anzukündigen, daß er ſich entfernen möge.(Siehe Bild auf S. 348.) Mit der Hölle im Herzen ſtürzte er fort. Es gelang ihm in der Folge wirklich, ſich einen Namen zu machen. Er wurde nämlich ein beſonders brauchbarer Spion während der Demagogen⸗Verfolgungen in den drei⸗ ßiger Jahren. Manch' unbeſonnener Jüngling, der ſeinen Jugendmuth in phraſenreichen Freiheitshymnen ausſtrömte, hatte Leonhards Denunciation jahrelanger Haft zu danken. Er ſelbſt trug eine außerordentliche Frömmigkeit und De⸗ muth zur Schau, ſein Name war aber gebrandmarkt und er ſelbſt bürgerlich todt. Schluß. An einem köſtlichen Abend des Monat Mai ſaß vor einem Hauſe am Lago maggiore eine hohe Frauengeſtalt, die dunkeln Augen nur mit getheiltem Intereſſe auf die umgebende Schönheit gerichtet. Die Sonne ließ die letzten Strahlen ſchimmern, und wandte ſich mit jungfräulicher Gluth übergoſſen noch mit einem Blick zurück, ehe ſie in die Arme des Meergotts ſank. Das ſchöne, einſame junge Weib ſchien ihrer beſondern. Sympathie zu genießen, denn ſie umkleidete es vor ihrem Scheiden noch mit purpurner Glorie, gleich als wolle ſie ſich wie eine Braut vor der Umarmung des Vermählten noch einmal an die jungfräu⸗ liche Freundin ſchmiegen, und dieſe verſtand ſie, denn ſie ſprach leiſe:„Lebewohl ſchöne Segenſpendende, die du heut wieder der Glücklichen Luſt und Wonne erhöht, der Ein⸗ ſamen dunkle Stunden erhellt haſt. Der Tag iſt der Bru⸗ der der Hoffnung; das helle farbenreiche Licht nährt auch im Herzen des Hoffnungsärmſten die faſt erloſchene Flamme des Vertrauens auf beſſere Stunden; die dunkle Nacht je⸗ doch zeigt uns Alles trübe und farblos!“ Zwei klare Trop⸗ fen hingen bei dieſen Worten an den dunklen Wimpern der Einſamen und fielen auf das Buch, welches aufgeſchlagen in ihrem Schoß lag; da erſchienen von ihr unbemerkt in der Hausthüre drei Männer mit einer alten Frau, deren Geſicht gleichfalls noch in Thränen erglänzte, jedoch waren es nicht Tropfen ſchmerzlicher Reſignation, ſondern der freudigſten Rührung, welche ſich in ihrem höchſten Glück mit dem ernſten Bruder„Schmerz“ vereint, und von ihm den Schlüſſel zum heiligen Born der Freudenthräne erhält. Die alte Frau deutete ſtumm auf das mit geſenktem Haupt daſitzende junge Weib; einer der drei Männer trat leiſe vor und im nächſten Augenblick war ſie von ſeinen Armen um⸗ ſchloſſen. Mit einem leiſen Schrei fuhr ſie empor, lehnte aber, als ſie in das Geſicht des Fürſten blickte, ihr ſchö⸗ nes Haupt wie ein müdes Kind an ihn, dem Gefühl fol⸗ gend, was ſie ſchon mit kindlichem Vertrauen zum Fürſten zog, als ſie ihn das erſte Mal ſah. Sie frug nicht, was ihn hergeführt, ſie empfand keine Verwunderung bei ſeiner zärtlichen Begrüßung, und duldete die Küſſe, die er ihr auf rathen, und Hedwigs Bitten, ſowie der Verſicheung in nden. 1865. ruhen am treueſten Freundesherzen und ihr hoffnungsarmes Gemüth an ihn lehnen. Die Umarmung dauerte einige Minuten, dann traten auch die Andern herzu, Heinrich an der Hand eines Greiſes im einfachen Gewande eines armen Geiſtlichen der Gebirge, ihnen folgte die treue Hanna. Als Hedwig den Geliebten erblickte, rief ſie: „Heinrich, warum biſt du mir gefolgt, mir den ſchweren Kampf noch ſchwerer?“ „Weil ich dich fragen wollte, meine Hedwig, ob du dem Urtheil der blinden Maſſen deinen Frieden und mein Erdenglück opfern kannſt. Dies wollte ich dich fragen, als du noch allein ſtandeſt; jetzt aber, wo du am Herzen deines Vaters ruhſt, zu dem dein Gefühl dich lange ſchon führte, ehe du eine Ahnung von dem heiligen Band hat⸗ teſt, das dich an ihn bindet, jetzt frage ich, ob du, das Fürſtenkind, dem bürgerlichen Meiſter, welcher mit Kopf und Hand arbeiten wird, um ſich auf die Höhe der Kunſt zu heben, ob du dem Sohn des Bürſtenbinders Ehrenfried Wendler gehören willſt.“ Hedwig faßte ſich mit beiden Händen an die Stirn und machſt Heinrich an, bis der Fürſt ſie auf's Neue in die Arme ſchloß und, ihr den alten Prieſter zuführend, in Kürze die Geſchichte ſeiner und Hildegard's Jugend erzählte, welche er mit den Worten ſchloß:„Der alte brave Leonhard liebte deine Mutter mit der hingebendſten Freundestreue, und ihm danke ich es, die Beweiſe in Händen zu haben, welche meine Vaterrechte auch vor der Welt außer Zweifel ſtellen, und all' die boshaften Gerüchte, welche ſchmutzige Seelen ver⸗ breiteten, zu Schanden machen.“ Hedwig bedurfte längere Zeit, um Alles zu faſſen. Das Unglück hatte ſie raſch entſchloſſen gefunden, dem Glück wollte ſich ihr Herz nur zaghaft erſchließen. End⸗ lich, nachdem es trotz der untergegangenen Sonne immer heller und ſtrahlender um ſie wurde, faßte ſie des Fürſten Hände und ſagte:„Die erſten Worte, welche ich als dein Kind zu dir ſpreche, ſeien dem geweiht, was mein Herz am Tiefſten berührt, ich bitte dich,“ fuhr ſie, ihre durch „gib mir ihn!“ „Hedwig, mein Lieb, mein ſüßes ſchönes Weib,“ rief Heinrich, und ſchloß bei dieſen Worten die Geliebte in ſeine Arme, wobei ſie Auge in Auge geſenkt einen Moment ihre Umgebung, und ſelbſt die Erde, auf der ſie ſtanden, ver⸗ gaßen. Es war ein Augenblick der Seligkeit für Beide, welche ein ganzes Menſchenleben aufwiegt.(Siehe Bild auf S. 349.) „Ich muß wohl ja ſagen,“ ſprach der Fürſt mit einem ſchwachen Verſuch zu ſcherzen, obgleich ſeine Stimme vor Rührung zitterte,„denn mein junger Freund hält ſchon feſt in ſeinen Armen, was ich ihm geben ſollte. Was meinen Sie, alter Freund,“ wandte er ſich an den Geiſtlichen, deſſen Augen mit Innigkeit auf Hedwig ruhten,„nonnd Sie das Paar trauen? Ihre Wege ebnen ſich glücher du als es bei mir und Hildegard war, welche ich au ſan Fürſtenthron erheben wollte, und, da ich kam, um zelme mein Herz zu nehmen, die Geliebte nicht mehr fand Ahhen Das Landhaus am Lago maggiore hatte wohetherer nie ſo glückliche Menſchen umſchloſſen, als dieſe ſo Be⸗ während welcher ſie vereinigt blieben, weil Jedes vont Inin, fühlte, daß kein Schlaf ihre Augen ſchließen würdeön träg⸗ Es wurden die Schritte für die nächſte Zukueß Be⸗ Stirn und Haar gab; es war ihr, als müſſe ſie nun aus⸗ Fürſten, Hildegard's Aſche in der fürſtlichen Griſw und ſah wie im Traum befangen bald den Fürſten, bald Thränen glänzenden Blicke auf Heinrich richtend, fort, ſeten, dulit 1 firin b einem fonfus Proble hekomt platz Glück ſeinen einer chen und kirt, die „Hed eein mend Ufer 8 dieſe moch mah däch dein frug Arm Hau ung Wor Feierſtunden. 1865. ——ꝛ—ẽꝛ:O—:ͤyͤ——ry——r—ry——; 351 ———;— nungsarmes werte einig Heinrich an eines armen danna. Alt ſetzen, gelang es endlich, den alten Freund ihrer Mutter zu beſtimmen, bei ihnen zu bleiben. Daß der Fürſt alle Combinationen der Oberhofmei⸗ ſterin ſo umſtürzte, und nach Hedwigs Anerkennung dieſe einem„Handwerker“ zur Frau gab, machte ſie vollſtändig konfus, und bis an ihr Ende hat ſie die Löſung dieſes Problems nicht gefunden, aber jedesmal nervöſe Zufälle bekommen, wenn ſie„Frau Baumeiſter Wendler“ den Hauſe, das künftig dich und dein Liebſtes umſchließt, und welches du durch dein häusliches Walten zu einem Tempel weihen wirſt, darin die Hausgötter ſich niederlaſſen für immer, und ein blühendes und tüchtiges Geſchlecht gedeihen mag. Als wir deinen Gatten noch in Italien wähnten, hat er den Bau hier entworfen und begonnen, der dann in ſeinem Geiſt ausgeführt wurde. Er hat dir ein Tus⸗ kulum geſchaffen, und ſelbſt wenn das Geſchick mein theu⸗ und machſt dig, en. elcha b u d Platz neben der Erbprinzeſſin einnehmen ſah, was zum res Weib nicht ſo grauſam von mir getrennt hätte, ſo dih im in Glück für ſie nicht oft geſchah, da der Fürſt öfterer bei wäre ſie im Fürſtenpalaſt doch nicht ſo harmlos glücklich am p ſeinen Kindern weilte, als dieſe am Hofe erſchienen. geweſen, als du es hier ſein kannſt und wirſt, denn die Ä Die Baronin hat nicht geheirathet, ſondern das Kind einer verarmten Verwandten, welche ſie als armes Mäd⸗ chen einſt gepeinigt, als ſie noch im Beſitz ihres Vermögens und die Baronin die Geduldete in ihrem Hauſe war, adop⸗ Grundbedingungen eures Friedens tragt ihr in euch, und die ſchöne, harmoniſche Umgebung in ihrer reizenden Abge⸗ ſchloſſenheit iſt nur eine Erhöhung deſſelben.“ Jubelnd umſchlang Hedwig bald Heinrich, bald ihr lange ſchon Band hat⸗ bb du, das uit K tirt, welche ſie mit mütterlicher Zärtlichkeit erzieht. Töchterchen, bald ihren Vater und Frau Budenberg, und Ehreffnh Heinrich machte im Herbſt mit ſeiner jungen Frau machte mit unbeſchreiblicher Anmuth die Wirthin in ihrem die Hochzeitsreiſe. Als ſie den Rhein hinauffuhren, lehnte Hedwig an ihrem Gatten, und deutete mit der Hand auf ein ſich vom herbſtlich bunten Hintergrund prächtig abzeich⸗ nendes Haus, welches an einem der reizendſten Punkte der Ufer dieſes königlichen Fluſſes zu ſehen war. Sie ſagte: „Sieh doch, wie einzig ſchön dies Haus iſt, und gerade in dieſe Umgebung hineingewachſen zu ſein ſcheint. Es iſt noch neu, und ich könnte auf das Genie des Meiſters bei⸗ nahe eiferſüchtig werden, der es erbaut hat, wenn ich nicht dächte, er habe ſich nach dir gebildet, denn 660 Fanz in deinem Geiſte errichtet.“* Hauſe. Bei jedem neuen Raume, den ihr Heinrich zeigte, erkannte ſie ſeinen Zartſinn immer mehr. Er hatte ihre Natur vollſtändig begriffen, und es war kein Gemach, das nicht in ſeinen Einzelnheiten der Idee des Ganzen, und neben dem ihm eigenthümlichen Zweck der edlen Geſchmacks⸗ richtung Hedwigs entſprochen hätte. Dies fühlte ſie auch hergus und ſagte:„Heinrich, du haſt mir die innigſte Lie⸗ beserklärung und großartigſte Huldigung mit dieſem Haus dargebracht. Du ſchriebſt einmal, Häuſer wären ſteinerne Gedichte; dieſes iſt beſeelt vom Geiſt deiner Liebe, der dei⸗ nem Genie zur Seite ſtand, und gewiß will ich Alles thun, die Stirn rſten, bald die Arme n Kürze die ite, welche nhard liebte te, und ihm velche meine en, und S en, por⸗ Seelen ver⸗- u faſſen. „Möchteſt wohl darinnen wohnen, nicht, mein Lieb?“ frug Heinrich mit leuchtenden Augen, und ſchlang ſeinen Arm um Hedwig, welchg erwiederte: damit du jeden Tag das Leben in deiner Heimath der äußern Form und dem Geiſt, welcher aus der innern Ein⸗ richtung des Hauſes weht, entſprechend findeſt.“ den, dem„Mit dir überall, aber es muß ſchön ſein in dieſem Im Laufe des Abends, welcher die glückliche Familie en. End⸗ Haus.“ 1e im reizenden Wohnzimmer vereinte, kündigte der Fürſt ſei⸗ we immer„Ich kenne den Beſitzer, und wir werden, N ſetzt nen Kindern an, daß er die Regentſchaft dem Erbprinzen s Fürſten angelegt wird, ausſteigen und es uns näher betrachten.“ übertragen habe, und nur noch berathend daran Theil neh⸗ c als dein„Ach, da haſt auch nur du den Plan deſſelben ent⸗ men wolle. Er lud ſich auf mehrere Wochen bei Hedwig mein Her; worfen,„iſt's nicht ſo?“ frug Hedwig. ein, und verrieth auch, daß die Prinzeſſin ihr nächſtens ihre durch„Du haſt Recht! Als ich vor Jahresſriſt hier war, einen Beſuch zugedacht habe. Immer kehrte jedoch das Ge⸗ nd, fort. entwarf ich Plan und Zeichnung dieſes Hauſes, und die ſpräch wieder auf das Haus zurück, und Heinrich ſprach Ausführung wurde einem geſchickten Architekten übertragen. bei dieſer Gelegenheit: geib, rief Siehſt du, das breite Quergebäude umſchließt die Familien⸗„Da ich Hedwig als ein reizend kleines Engelchen zum te in ſeine zimmer und die Säle, welche zu Familienfeſtlichkeiten be- erſten Male ſah, gewannen meine bis dahin dunklen Träume oment ihre nützt werden, denn das häusliche Leben ſoll im Mittelpunkt plötzlich eine feſte Geſtalt; ein Haus zu bauen, um das neen, ver⸗ des Hauſes ſich entfalten. In den durch den doriſchen zarte kleine Mädchen darin zu bergen, ſchien mir das Beſte, ir Beide, Säulengang verbundenen Flügeln zu beiden Seiten des was ich ihr thun konnte. Damals freilich klammerte ſich iche Bid Hauſes ſind Fremdenzimmer. Die Säulen ſchmücken und meine Phantaſie nur an die zwar ſchönen, aber für das ſchützen zugleich das Quergebäude, damit das, was hinter Familienleben nicht traulichen großen Spitzbogengewölbe, mit einem den Fenſtern geſchieht, nicht dem Blick des Fremden preis⸗ welche in ihren himmelwärts ſteigenden Formen nur zum imme vor gegeben, und dem Leben da innen ein erhöhtes Gefühl der Kirchen⸗ und Denkmalbau 4 ſchönem Ausdruck ſind. tſchon feſt. Behaglichkeit verliehen ſei. Der grüne Platz mit dem Jetzt, als Mann, fühle ich, was damals dunkel in mei⸗ as meinen Springbrunnen und den umgebenden Orangebäumen iſt die ner Seele lebte, zur feſten Geſtalt gediehen, und ſelbſt der heiſtlichen, Zier, die dem Auge des Vorübergehenden geboten Traum, daß ich, ebenſo wie es in den ſchönen alten Mär⸗ „wnid wird. Trauliche Laubgänge und anmuthige Ruheplätzchen chen ſtand, einſt eine reizende Prinzeſſin heirathen werde, lücer du defindein ſich in dem parkartigen Garten hinter dem Haus.“ hat ſich verwirklicht, nur daß ich nicht ſelbſt ein Prinz au an Anter Pieſen erklärenden Worten waren ſie dem Gebäude geworden bin, ſondern ſogar mit Genehmigung deines theu⸗ m zelme nahe gekommen;— die Thür deſſelben öffnete ſich vor ren Vaters den Adel abgelehnt habe, welchen man mir in ndAlhen Hedwig, die kleine Hedwig ſprang ihr jubelnd entgegen Rückſicht auf ihn verleihen wollte, und du nun ſtatt der vohetherer und, ſtatt das Gedicht zu ſagen, welches ihr von Frau Prinzeſſin die Frau des Meiſters Wendler biſt.“ , ¶Bo⸗ Budenberg eingelernt war, ſchlang ſie die Aermchen um„Der durch ſein Genie den höchſten Adel, den ſelbſt⸗ voun nin, hren Hals und rief:„Biſt du nun endlich da, mein lie⸗ erworbenen, trägt,“ erwiederte Hedwig mit leuchtenden gue. Mamaichen!“ Vor den Blicken der Ueberraſchten däm⸗ Augen. ku⸗ Prozeleinen Ahnung des Zuſammenhanges, als jetzt auch ungünſti aus dem Hauſe trat, und ſein geliebtes Kind mit Verhandten ennpfing:„Willkommen meine Tochter in dem „Der Geiſt führt nicht nur auf die Höhen der Erde und erringt ſeinen Platz neben deren Fürſten, er führt zu noch erhabeneren Zielen, wenn er wie der deinige, mein 35²2 ———;—:——; Feierſtunden. 1865. ———————————————— Sohn, fruchtbar iſt, und mit jedem neuen Werk ſich ſelbſt webte ſich ſo weiter, wie es von ihren Naturen zu erwar⸗ ein neues Denkmal ſetzt, er führt zur Unſterblichkeit,“ ten war. Hedwig blieb eine begeiſterte Theilnehmerin an ſprach der Fürſt, und küßte ſeine Kinder auf die Stirn, des Gatten Wirken, das ihm für alle Zeiten einen Namen um ſich in ſeine Gemächer zu begeben, und ſie ſich ſelbſt unter denen ſicherte, welche dem Stein Odem einzuhauchen zu überlaſſen, damit ſie ſich mit ihrem Glück zurechtfanden. verſtehen. Heinrich ſchaffte in den glücklichen Umgebungen, Das ſchöne Haus am Rhein wird noch immer als das Muſterwerk eines Hauſes gerühmt, welches die gedie⸗ genſte Eleganz in ſeinen edlen äußern Formen mit der in⸗ nern Behaglichkeit verbindet. Frau Wendler und Buden⸗ berg beſchloſſen ihr Leben darin, nachdem ſie noch die bei⸗ den Knaben, Alfred und Heinrich, ſowie des Großvaters beſondern Liebling, die kleine ſchwarzlockige Hildegard, auf ihren Armen getragen und ihre erſten Schritte bewacht hatten. Das Leben der Hauptperſonen unſerer Geſchichte giftige D Die im Handel vorkommenden, mit Eſſig eingemach⸗ ten Gurken, Bohnen, Erbſen u. ſ. w., die ſogenannten green pickles, auch die mixed pickles enthalten nicht ſel⸗ ten eine bedeutende Quantität Grünſpan(Kupferoxyd), in⸗ dem entweder der zum Einmachen verwendete Eſſig in Kupfergeſchirren gekocht oder demſelben abſichtlich Kupfer zugeſetzt wurde, um dem Produkt eine ſchöne grüne Farbe zu geben. Das Grünſpangift iſt aber kaum weniger ge⸗ fährlich, als der Arſenik. Uns ſelbſt iſt ein Fall bekannt, wo eine ganze aus fünf Gliedern beſtehende Familie den Tod fand, weil ſie Speiſen gegeſſen, die mit Schmalz be⸗ reitet waren, welches einige Zeit in einem kupfernen Ge⸗ fäſſe geſtanden hatte. Die eingemachten Früchte, welche frei von Kupferoxyd ſind, haben ein blaßgrünes, in's Gelbliche ſpielendes Ausſehen, während ſie, wenn ſie Grünſpan ent⸗ halten, eine ſchöne dunkelgrüne Farbe zeigen. Man kann übrigens ſich auf eine ſehr einfache Weiſe in allen Fällen von der Anweſenheit dieſes Gifts durch wo er Genuß für Herz und Gemüth, wie Anregung für ſeinen Geiſt fand, mit Luſt und Glück, und des Bürſten⸗ binders Sohn hat dem Wunſch des alten Freimaurers in der Stunde ſeiner Geburt Ehre gemacht, das heilige Drei⸗ geſtirn„Weisheit, Schönheit und Stärke“ leuchtete ihm auf ſeinem Lebenswege. Seine Blicke hatten ſich empor in die reine Höhe gerichtet, ſeine Ziele ſtrebten aufwärts, deßhalb war er dem Fürſtenkind, welches gleich ihm ein höheres Leben in ſich trug, ebenbürtig, ja hob es noch mit ſich empor, hoch über die Wellen der Alltäglichkeit, deren nächſte die vorangegangene überſtürzt. elikateſſen. ein Glas mit Regenwaſſer, ſetze 10 bis 14 Tropfen ge⸗ wöhnliche Schwefelſäure zu und ſtelle die Klinge eines rei⸗ nen Meſſers oder einen andern Artikel von polirtem Stahl 24 Stunden lang in die Flüſſigkeit. Wenn die Frucht Kupferoxyd enthielt, ſo wird der Stahl eine Kupferfarbe annehmen, als ob ſie durch einen galvaniſchen Prozeß her⸗ vorgebracht wäre. Mit dem Eſſig, mit dem die Früchte eingemacht ſind, kann man ebenſo verfahren. Wenn die eingemachten Früchte, welche Grünſpan ent⸗ halten, auch nicht immer tödtliche Folgen herbeiführen, ſo find ſie doch der Geſundheit ſehr nachtheilig, beſonders wenn ſie bei leerem Magen genoſſen werden. Manche Menſchen ſind übrigens gegen die Einwirkung des Kupfers ſo em⸗ pfindlich, daß ſie ſchon unwohl werden, wenn ſie Speiſen eſſen, die in kupfernen Geſchirren gekocht ſind. Das Kochen von ſolchen Speiſen in Kupfer, welche als Zuſatz Eſſig enthalten, iſt auch deßhalb gefährlich, weil der meiſte im Handel vorkommende Eſſig mit Schwefelſäure gefälſcht iſt, folgendes Verfahren überzeugen: Man ſchneide eine der wodurch die Oxydation des Kupfers ſehr beſchleunigt wird⸗ Früchte, z. B. eine Gurke, in kleine Theile, werfe ſie in A. R. Das wärmſte und beſte Tuch. Die meiſten Perſonen ſind der Meinung, daß Tuch, welches von grober Wolle verfertigt iſt, das wärmſte und dauerhafteſte iſt. Dies iſt jedoch eine unbegründete Annahme. Wegen des niedrigen Preiſes der groben Wolle werden die daraus fabricirten Tuche gewöhnlich ſchwerer und dicker als die feinwolligen angefertigt, was zu der irrigen Mei⸗ nung in Bezug auf ihre Haltbarkeit und Wärme Veran⸗ laſſung gibt. In der Wolle ſelbſt iſt keine Wärme. Ihre wärmenden Eigenſchaften verdankt ſie vielmehr dem Um⸗ ſtande, daß ſie ein ſchlechter Wärmeleiter iſt. Wenn man an einem kalten Wintermorgen eine Eiſen⸗ ſtange mit bloſer Hand anfaßt, ſo verurſacht dies ein ſehr unangenehmes Gefühl von Kälte, weil das Eiſen ein guter Wärmeleiter iſt, welcher der Hand augenblicklich Wärme entzieht. Dagegen fühlt ſich ein Stück Wollentuch, beſon⸗ ders wenn es eine filzige Oberfläche hat, nicht kalt an, weil es ein guter Nichtleiter iſt, welcher das Ausſtrömen der Wärme von der Hand verhindert. Der wärmſte Stoff für Kleider aber iſt derjenige, welcher der beſte Nichtleiter iſt. Um dieſen aufzufinden, hat Graf Rumford eine Menge Verſuche angeſtellt. Nach ſeinen Beobachtungen ſteht ein Gewand von Eiderdaunen, wie es die Lappländer tragen, in dieſer Beziehung unübertroffen da, und je feiner ein Wollenzeug iſt, deſto weniger leitet es die Wärme vom Kör⸗ per ab. Ein feines wollenes Tuch iſt beſſer als ein von grober Wolle verfertigtes, weil es als ein Nichtleiter am beſten geeignet iſt, den Körper bei kalter Witterung warm zu halten. Es hat ſich auch durch Erfahrung fefſtgeſtellt, daß Tuch von feiner Wolle bei gleicher Dicke weit länger hält als das von grobem Material verfertigte. Das.e Wollentuch, obſchon beim Ankauf das theuerſte, onp an Ganzen doch das wohlfeilſte, weil es dauerhafter uer zwär⸗ mer iſt. Man darf aber hier nicht ſtarkes Tuch„ æ fei⸗ nem Tuch verwechſeln. Das letztere fühlt ſich qengenehm und weich an und beſitzt ein ſammtartiges Anſehern. Dieſe Bemerkungen dürften gegenwärtig um ſo mehr am Platze ſein, als ſich ſeit einiger Zeit eine Meenge wohl⸗ feile Tücher im Handel befinden, von denen Mie meiſten um ſo weniger Werth haben, als ſie zum große ul Theil aus Wolle von alten Lumpen beſtehen. Wer eiſesg warmen und dauerhaften Stoff haben will, muß ſich⸗ eine feinere Sorte kaufen. 7 A. R. Wet an Jah s gewc s Kon inen 9l8, ir Lanarie und do de Lu dr J 6 iſt dren Leich ampf ward, peang ſie g. een( wurde Hen ſ ſehöre ſenoſſ mnd kange viſch fin ticht! ſin f der L Friech leine namer dchtn Thatf erfol n zu erwar⸗ nehmerin an inen Namen einzuhauchen iggebungen, regung für e Bürſten⸗ maurers in deilige Drei⸗ uchtete ihm ſich empor n aufwärts, ich ihm ein es noch mit gkeit, deren Tropfen ge⸗ eines rei⸗ irtem Stahl die Frucht Kupferfarbe Prozeß het die Frücht nders wenn eMenſchen ers ſo em ſi Speiſtl Das Kochen zuſatz Eſf r meiſte in gefälſcht iſ ctigt We A. R. der tragen, feiner ein vom Kör⸗ es ein bol ctleiter am rung war fiigſtal weit lüngen „ubs le F.l „168 5 Das„ ir auch einen Beſuch bei Kanaris. agebuche über den Aufenthalt im Süden und im Orient, Feierſtunden. 1865. —-—qqçq-— ⁰————— Der griechiſche Branderführer Nanaris. Wer die Zeit des griechiſchen Unabhängigkeitskrieges iom Jahre 1821 erlebt hat, der weiß ſich wohl auch noch s gewaltigen Eindrucks zu erinnern, den die Großthaten ds Konſtantin Kanaris, des einfachen Matroſen von der leinen Inſel Pſara im Norden des griechiſchen Archipela⸗ zus, in Europa machten; er weiß dann auch, wie dieſer kanaris mit ſeinen kleinen Brandern zuerſt im Juni 1822 und dann mehrmals die größten Kriegsſchiffe der Feinde in die Luft ſprengte. Gleichwohl iſt wohl Vielen im Laufe der Jahre die Erinnerung daran ganz entſchwunden, und s iſt ihnen damit vielleicht eben ſo ergangen, wie Anderen, deren frühere, ſtets im rechten Maße ſich haltende und ſich lleich bleibende Theilnahme an dem griechiſchen Befreiungs⸗ uampfe ſpäter in eine gewiſſe Gleichgültigkeit abgeſchwächt ward, weil die Befreiung Griechenlands nicht den Fort⸗ ſang hatte und den Ausgang fand, wozu der Anfang und die großen Anſtrengungen berechtigen konnten, welche von ten Griechen ſelbſt auf die mannigfachſte Weiſe gemacht purden. Die Großthaten des Kanaris, die er damals ben ſo muthig und unerſchrocken, Als erfolgreich vollbrachte, ſehören gleichfalls zu dieſen Anſtrengungen. Spätere Zeit⸗ genoſſen, die früher kaum etwas von Kanaris gewußt haben, und denen nun in letzter Zeit eine Kunde von ihm zuge⸗ ſangen, als er— im Frühling 1863— mit zu der grie⸗ hiſchen Königsfahrt nach Kopenhagen berufen und dabei ſin Name vielfach genannt worden, haben ſich vielleicht nicht die Mühe genommen, umſtändlicher über ihn, über ſiin früheres Leben und ſeine Großthaten ſich zu belehren: der Befreiungskampf der Griechen hatte nun einmal durch Griechenland ſelbſt und durch die Ungunſt der großen und leinen Politik alle früheren Sympathien verloren, und namentlich in ſeinen Einzelnheiten war er aus dem Ge⸗ nächtniß der Menſchen ſo gut wie verſchwunden. Die Thatſache des Kampfes freilich gehört eben ſo gut wie ſein Erfolg der Geſchichte an, und es iſt noch immer zu hoffen, daß aus dem Kern dieſer Thatſache, wenn auch langſam und ſpät, doch alle diejenigen weiteren Erfolge ſich ent⸗ wickeln werden, die die chriſtliche Civiliſation und Kultur davon zu erwarten auch noch jetzt berechtigt iſt. Allein trotz der Gleichgültigkeit, in die ein früherer Philhellenismus der zwanziger Jahre umgeſchlagen iſt, könnte s doch auch jetzt noch manchem Anderen ähnlich ergehen, wie es der ſchwediſchen Reiſenden, Frederike Bremer, mit zem alten Seehelden Kanaris ergangen iſt. Bekanntlich hotte Frederike Bremer in den Jahren 1858 u. folg., nach⸗ dem ſie früher bereits England und Nordamerika bereist ſatte, vier Jahre im Süden Europa's und im aſiatiſchen Drient ſich aufgehalten, und ſie beſuchte dann, von Syrien und Konſtantinopel aus, auch Griechenland, wo ſie längere zeit, beſonders in Athen, verweilte. Hier machte ſie nun Sie bemerkt in ihrem das unter dem Titel:„Leben in der Alten Welt“, bei Brockhaus erſcheint und bereits bis zum dreizehnten Theile erſchienen iſt, daß, ſeitdem ſie in Zinkeiſens Geſchichte ihre Erinnerung an die Großthaten des Kanaris während des Befreiungskrieges aufgefriſcht gehabt, der Wunſch in ihr tege geworden, ihm— wie ſie offen ſagte—„ihre Huldi⸗ lung darbringen zu können“. Zugleich wollte ſie von ihm ſelbſt die Beſchreibung der Beſchaffenheit eines Branders und eine Erklärung darüber hören, auf welche Weiſe ein Feierſtunden. 1865. ſolcher an einem großen Orlogſchiff befeſtigt werden und daſſelbe in die Luft ſprengen kann, wie dies der Brander des Kanaris während des Kriegs bei mehr als einer Ge⸗ legenheit gethan habe. Auch derjenige, der ſich gerade nicht — wie die Bremer— zu einer ſolchen„Huldigung“, wenn auch nur im Geiſte, gedrungen fühlen ſollte, wird die Be⸗ ſchreibung ihres Beſuchs bei Kanaris mit Vergnügen leſen, wie wir ſie hier kurz zuſammenſtellen, und der wir dann noch einige weitere Mittheilungen über den alten Freiheits⸗ helden folgen laſſen wollen. An dem beſtimmten Tage(es war an einem Dezember⸗ tage 1859) ging die ſchwediſche Reiſende, unter Begleitung und Führung des Nordamerikaners Mr. Hill, der vor län⸗ ger als dreißig Jahren(im Jahre 1829) mit ſeiner Ehe⸗ frau die noch jetzt in Segen beſtehende erſte Schule im neuen freien Athen gegründet hatte, in die Wohnung des alten Helden. Sie waren, obgleich es im Dezember war, mit Sträußen von jungen Roſen verſehen. Der erſte Ein⸗ druck des ſonnigen Hofes ſeiner Wohnung mit ihren grünen Bäumen, mit der weißen Marmor⸗Fontaine und den an⸗ tiken Grabſteinen von weißem Marmor mit Basreliefs, auf denen Scenen und Symbole des Abſchieds zwiſchen Lebenden und Todten dargeſtellt waren, wie man ſie häufig auf griechiſchen und römiſchen Grabmälern ſieht, war ein ſehr freundlicher. Der alte Admiral(Kanaris hatte zwar vorlängſt dieſen Poſten unter König Otto erhalten, gab jedoch demſelben im Jahre 1861 den Titel eines Contre⸗ Admirals, ſowie aller Orden und Ehrenzeichen zurück, die er aus den Händen der Regierung empfangen hatte, weil er mit der Politik des Königs unzufrieden war) wußte von dem Beſuch und kam den Beſuchenden auf der Treppe ent⸗ gegen. Frederike Bremer war überraſcht, in ihm eine kleine, aber ſtark gebaute Geſtalt mit jugendlichem Leben in allen Bewegungen und mit jugendlicher Friſche auf den Wangen zu finden, die ſie äußerſt ungezwungen, aber ebenſo artig und freundlich bewillkommnete, und ſie hinein zur Frau des Hauſes führte. Letztere, eine ſchöne, ſtattliche, alte Dame, war bei dieſer Gelegenheit in die Tracht der heimathlichen Inſel Pſara gekleidet, die in einer Art von Helm oder Hahnenkamm ähnlichen Kopfputz, über welchen ein langer durchſichtiger weißer Schleier herabfiel, und in einem pelz⸗ verbrämten Spenzer, und einem ſchwarzen Rock beſtand. Kanaris ſelbſt trug europäiſche Kleidung. Frederike Bre⸗ mer gab ihm ihren Roſenſtrauß, und ſagte ihm in ſchwe⸗ diſcher Sprache, wie ſehr ſie erfreut ſei, den Mann zu ſehen, von welchem ſie in ihren Jugendjahren ſo viel ge⸗ hört habe, indem ihr Vater, wenn man ihm zur Zeit des griechiſchen Freiheitskampfes die Zeitungen brachte, vergnügt zu ſagen pflegte:„Die Griechen kommen!“ Und von ihm erhielt ſie dann Nachricht über Konſtantin Kanaris Helden⸗ thaten. Kanaris richtete— fährt die Bremer fort— ſeine hellen großen„bulldoggen-ähnlichen“ Augen feſt und un⸗ verwandt auf ſie, während ſie ſprach. Mr. Hill überſetzte ihm dann ihre Worte, und als dieſer geendigt hatte, ant⸗ wortete er mit großem Nachdruck in den langſam und deut⸗ lich geſprochenen Worten:„Er danke Gott, der es geſtattet habe, daß ein kleiner Matroſe von einer der kleinſten Inſeln Griechenlands für ſein Vaterland etwas habe thun können, was in ſo weit entlegenen Gegenden die Theil⸗ nahme für deſſen Befreiungskampf erregt und belebt habe.“ 45 1 3 1 ———— 354 ———;—— ——— Hierauf fragte die Bremer nach den Brandern. Ka⸗ naris brachte einige in Waſſerfarben gemalte Zeichnungen vor, welche ſeine beiden berühmten Brander darſtellten, den erſten mit dem Namen Eleutheria(Freiheit), der am 7.— 19. Juni 1822 bei Chios das Admiralſchiff des Ka⸗ pudan⸗Paſcha in die Luft ſprengte, und den zweiten, Na⸗ mens Hephäſtos, mit welchem er am 10.—22. November des nämlichen Jahres der bei Zenedas vor Anker liegenden türkiſchen Flotte mehrere Schiffe verbrannte. Er zeigte der Bremer, wie die kleinen doppelzähnigen eiſernen Haken, mit welchen die Maſten und das Bugſpriet des Branders an den Spitzen verſehen waren, in dem Tauwerk des feind⸗ lichen Schiffes ſich feſt einhaken ließen. Sowie dies ge⸗ ſchehen, wurden die brennbaren Stoffe angezündet, mit denen das Fahrzeug beladen war, und der dicke qualmende Rauch, der unmittelbar darauf emporſtieg, hüllte das feind⸗ liche Schiff dermaßen ein, daß deſſen Beſatzung nicht zu unterſcheiden vermochte, wo ſich die Haken feſtgehakt hatten, oder wo ſie ſich aus den Klauen des mörderiſchen Drachens hätte befreien können. Die entſetzliche Verwirrung, welcher dadurch entſtand, und die durch die gleich darauf erfolgen⸗ den Exploſionen noch vermehrt ward, gab gewöhnlich der Bemannung des Branders Zeit, ſich in kleine ſchnellſegelnde Boote zu werfen und ſich ſchnell von dem Schauplatz der Vernichtung zu entfernen. Mit einem Feuer,— ſagt die Bremer,— welches ſein ganzes Weſen bis zu den Fingerſpitzen durchdrang und ſeine Augen aus dem Kopfe ſprengen zu wollen ſchien, ſchilderte nun Kanaris den Auftritt während jener dunkeln Juninacht, als es ihm in der Mitternachtsſtunde gelang, ſeinen Brander feſt an das Admiralſchiff des Kapudan⸗ Paſcha anzuhängen und es in Brand zu ſtecken*). Der tür⸗ kiſche Großadmiral und ſeine Leute hatten eben das Ende der Faſten und den Beginn des Bairamsfeſtes mit einer bacchanaliſchen Mahlzeit gefeiert und lagen in tiefem Schlaf verſunken, als ſie durch den Brander des Kanaris, freilich zu ſpät für ſie, geweckt wurden. Der Brander hatte be⸗ reits das Schiff angezündet, und kurz darauf flog dieſes mit dem Admiral und mit 2000 Mann Beſatzung in die Luft. Dem Brander des Georg Pipinos, der mit dem des Kanaris für das nämliche Unternehmen ausgerüſtet worden war, gelang es zwar nicht, ſich am Schiffe des Viceadmirals feſtzuhaken, er ſchwamm aber brennend und explodirend um die Fahrzeuge der türkiſchen Flotte herum, und verbreitete überall Verderben und Vernichtung um ſich her. „Haben Sie bei dieſen Gelegenheiten niemals Furcht empfunden?“ fragte ihn die Bremer. „Furcht?“ wiederholte lächelnd der alte Held,„der⸗ gleichen kommt uns nicht in den Sinn; die Gefahr begei⸗ ſtert, und Schießen und Krachen ſind für uns Muſik. Jede Unternehmung mit meinem Brander war mir ein Feſt, und ich würde zu jeder Stunde bereit ſein, nochmals ein ſolches Unternehmen auszuführen.“. Aus ſeinem Blick und ganzen Weſen ſah man deut⸗ lich, daß dies keine Prahlerei war. Frau Kanaris ſtand ſchweigend dabei und hörte zu, jedoch unter offenbarer Theilnahme für die Unterhaltung. Die Bremer trat nun zu ihr und fragte ſie durch ihren Dolmetſcher, wie ihr daheim zu Muth geweſen ſei, wenn *) Kanaris und ſeine Gefährten hatten ſich damals durch den Genuß des heiligen Abendmahls zu dieſer Heldenthat wie zum Tode weihen laſſen; aber davon erzählte er der Bremer ſelbſt nichts. ————:—— Feierſtunden. 1865. ſie ihren Mann auswärts auf einer ſeiner lebensgefährlichen Unternehmungen gewußt habe. Sie erwiederte darauf, daß es ihr geweſen, als wolle ſie lieber mit ihrem Manne zu— ſammen auf einem Brander, als allein in der ſtillen Hei⸗ math ſein. Nur der Gedanke an das Wohl des Vaterlandes habe ſie aufrecht erhalten. In derſelben Nacht, in welcher ihr Mann das Admi⸗ ralſchiff des Kapudan⸗Paſcha in die Luft ſprengte, gebar ſie ihren älteſten Sohn, und als ſie hörte, daß das Volk unter Siegesjubel und Fackelbegleitung ihren Mann in die Kirche auf der Inſel Pſara geleitete, um Gott für das glücklich ausgeführte Unternehmen zu danken, fiel es ihr ſehr ſchwer auf's Herz, daß ſie nicht dabei ſein konnte. „Als er hernach“— fuhr ſie fort—„nach Hauſe kam, und ich ſein verbranntes Haar, ſeine verſengten Augen⸗ braunen und andere Zeichen der Lebensgefahr wahrnahm, in der er ſich befunden hatte, da liefen mir die Thränen über's Geſicht, und ich konnte kaum an der Freude Theil nehmen, mit der er ſeinen erſtgeborenen Sohn in ſeine Arme nahm.“ Dies Alles ſagte die ſchöne alte Frau mit einem rüh⸗ renden Ausdruck von Wahrheit und Innigkeit. Die Bremer bemerkt, daß ſie an dem Beſuch bei die⸗ ſem alten griechiſchen Heldenpaar auch um deßwillen großes Vergnügen gefunden habe, weil ſie dieſes Paar in ſeinem friedlichen Alter an jenes Paar im Alterthume, Philemon und Baucis— ein Muſterbild für alle Ehegatten“— erinnert habe, das ſich von den Göttern, als dieſe es beſuchten, die einzige Gunſt erbat, einſt an dem nämlichen Tage zuſammen ſterben zu dürfen. Ueber die Regierung äußerte Kanaris gegen die Bre⸗ mer im Allgemeinen ſein Mißvergnügen,„ob mit Recht oder Unrecht“— ſagt ſie—„weiß ich nicht.“ Er iſt Senator auf ſeine Lebenszeit— alſo ſchließt ſie ihre dies⸗ fallſigen Mittheilungen— und ſoll neuerlich das Anerbie⸗ ten eines höheren Gehalts und eines Miniſterportefeuille's ausgeſchlagen haben. Sein Mißvergnügen ſcheint alſo durch⸗ aus nicht gemeiner oder ſelbſtſüchtiger Art zu ſein. Was man auch von ihm als Politiker denken mag: ſein redlicher und fleckenloſer Charakter ſcheint allgemein anerkannt zu ſein. Dieſer Held und Patriot hat zwar den Admiralstitel empfangen, aber niemals hat er eine Flotte oder andere Fahrzeuge, als ſeine Brander führen wollen, indem er ſagt, daß er„für keinen andern Befehl tauge“. So weit Frederike Bremer über Kanaris. Zu der nämlichen Zeit, als die ſchwediſche Reiſende in Athen war, hielt ſich dort auch die den Leſern bekannte Gräfin Dora d'Iſtria auf, und ſie berichtet über ihr Begegnen mit Er⸗ ſterer in den von ihr herausgegebenen„Excursions en Roumélie et en Morée“, die in zwei Bänden in Zürich 1863 erſchienen. Auch Dora d'Iſtria traf während ihres Aufenthalts in Athen öfter mit Kanaris zuſammen, und ſie theilt darüber, ſowie über Letzteren ſelbſt manches In⸗ tereſſante mit. Unter Anderem war ſie einmal im Dorfe Patiſſia in der Nähe von Athen bei einer griechiſchen Fa⸗ milie, die dort während der ſchönen Jahreszeit ihr Land⸗ haus bewohnte, die Tiſchnachbarin des Kanaris. Sie be⸗ ſchreibt ihn(es war im Jahre 1860) als einen Mann von ſiebzig Jahren, mit ſchönen weißen Haaren, breiter und leicht gewölbter Stirn, etwas großem Mund, von unter⸗ ſetzter Geͤſtalt und ſtarkem Körperbau. Seine Haltung— ſagt ſie— drückt ebenſo Würde wie Beſcheidenheit aus. Seine Augen, die er beim Sprechen halb ſchließt, erglän⸗ zen auf Augenblicke von einem heroiſchen Feuer. In ſei⸗ V —————::————;— ker Pht und F nur do begrefft llebrig nen laſ druch⸗ o oft ten ſe er we Mil ker Gra ehre civil aus men ſchl ker dJ ſch ling ſeir riot fein war St. cfährliche — daß „— Nanne zu⸗ tillen Hei⸗ aterlandes das Admi⸗ zte, gebar das Volk ann in die t für das fiel es ihr ein konnte. dauſe kam, en Augen⸗ vahrnahm, Thränen ude Theil in ſeine inem rüh⸗ c bei die⸗ llen großes in ſeinem Philemon gatten.— 3 dieſe es nämlichen die Bre⸗ nit Recht Er iſt iore dies⸗ s Anerbi⸗⸗ zrtefeuille? alſo durch in. Wa cedbeche⸗ erfkannt z miralstitl der andere em er ſogt, Feierſtunden. 1865. —y— ner Phyſiognomie ſpricht ſich viel Offenheit, Gutmüthigkeit Gleichwohl ſchützte ihn dieſe zurückhaltende Klugheit nicht und Feſtigkeit aus, und ſie bemerkt ausdrücklich, daß man vor einem neuen Unglück. Schon am 10./22. November nur das„Löwenantlitz des Kanaris ſehen müſſe, um zu 1822 gelang es dem Kanaris und Kyriakos, das türkiſche begreifen, daß ihm jedes Gefühl der Furcht fremd iſt.“ Admiralſchiff im Hafen von Senedos zu verbrennen, und Uebrigens habe ſein ganzes Leben die Eigenſchaften erken- der Kapudan⸗Paſcha ſelbſt rettete ſich nur mit Mühe vom nen laſſen, die man in ſeinen Zügen liest, und deren Aus- Verderben, während er 1600 Menſchen in den Fluthen ver⸗ druck— ſagt Dora d'Iſtria—„mich ſtets überraſchte, lor. Allein in dem einzigen Jahres⸗Feldzuge von 1822 ſo oft ich mit ihm ſprach.“ Ueber die denkwürdigen Tha⸗ hatte Kanaris dem Feinde gegen 4000 Mann getödtet. ten ſeines Seühn äußerte er ſich mit aller Beſcheidenheit; Chios war gerächt! er war der einung, daß nichts gethan ſei, ſo lange noch Gleiche Rache wie für Chios nahm er 1824 für die Millionen von Stammgenoſſen unter dem Joch der Hen⸗ Kataſtrophe ſeiner hunafneren dnuthukaen, Veuun am ker von Chios und Pſara ſchmachten, und bis nicht die 17. Auguſt bei Samos, hart unter der Spitze von Mykale Grauſamkeiten gerächt ſeien, die die türkiſche Geſchichte ent⸗ am Kap Trogilion in Kleinaſien, eine große türkiſche Fre⸗ ehren, und die ſich im 19. Jahrhundert im Angeſichte des gatte nebſt mehreren Transportſchiffen und vielen hundert civiliſirten Europa erneuert haben, ohne daß dieſes dadurch Matroſen und türkiſchen Soldaten, welche nach Samos aus ſeiner Ruhe gebracht worden*). übergeſetzt werden ſollten, verbrannte. Kanaris rettete da⸗ 35⁵ ——————O Von dem ſchon im Vorſtehenden erwähnten Unterneh⸗ durch die Inſel Samos vor einem ähnlichen Schickſale, wie men des Kanaris, der mit dem Hydrioten Pipinos ent⸗ ſchloſſen war, Chios zu rächen und in die Flotte der Hen⸗ ker die Flammen der Rache zu ſchleudern, theilt Dora d'Iſtria noch einige Einzelnheiten mit. Beide waren mit ihren Gefährten übereingekommen, ſich lieber in die Luft zu ſprengen, als im Falle des Miß⸗ lingens den Feinden in die Hände zu fallen. „Ich will den Paſcha verbrennen,“ hatte Kanaris zu ſeinen Gefährten geſagt. Ganz Europa jauchzte dem pſa⸗ riotiſchen Kapitän Beifall zu, der ſich entſchloſſen an das feindliche Admiralſchiff anlegte. Dieſes ungeheure Fahrzeug war in jener Nacht glänzend erleuchtet und ſtrahlte von unzähligen bunten Lichtern. Man hielt ſich für das durch die türkiſchen Faſten(Ramaden) während des Tages vor⸗ geſchriebene Faſten durch nächtliche Orgien ſchadlos. Der Lärm barbariſcher Pauken miſchte ſich mit dem Tone der Trommeln und den hellklingenden Fanfaren der Trompeten. Indeſſen brachte die Bevölkerung von Pſara die Nacht mit andächtigen Gebeten hin, und ängſtlich waren die Blicke nach der Seite von Chios gerichtet.(Pſara liegt nicht weit im Weſten von der Inſel Chios.) Plötzlich erglänzt ein Feuer vor den Augen der trunkenen Türken, wie ein rächen⸗ der Blitzſtrahl, und das Geheul der Verzweiflung tritt an die Stelle der lärmenden wilden Freude, die vorher die Luft erfüllt hatte. Der Flammenſchein, der drei Viertel⸗ ſtunden lang die Finſterniß der Nacht erhellte, reichte bis nach Smyrna hin, und verkündete weit und breit, daß der Himmel die Mörder gezüchtigt habe. Endlich flog das Schiff mit 2280 Menſchen, die ſich auf ihm befanden, in die Luft; nur der Kapudan⸗Paſcha und 180 Matroſen ver⸗ mochten ſich nach der Küſte Kleinaſiens zu retten, aber Erſterer erlag dort bald darauf ſeinen Wunden. Der Brander des Kanaris ward ſeitdem ein Schreck⸗ bild für ſeine Feinde, und der neue Kapudan Paſcha wagte nichts Ernſtliches gegen Griechenland zu unternehmen. *) Aus der Geſchichte des griechiſchen Freiheitskampfes iſt be⸗ kannt, daß die Türken im Mai 1822 die Inſel Chios, ſowie im Juli 1824 die Inſel Pſara in barbariſcher Weiſe verwüſteten, und namentlich an den Einwohnern beider Inſeln die ſchändlichſten Grau⸗ ſamkeiten begingen. Der Ortler und Die höchſte fahrbare Straße Europas iſt die berühmte Stilfſerſtraße, welche über das Stilfſer⸗ oder Wormſerjoch vorher Chios und Pſara erfahren hatten. In den letzten Tagen des Juli 1825 faßte er den kühnen Entſchluß, im Hafen von Alexandrien die ägypti⸗ ſche Flotte, die zur Bekämpfung des griechiſchen Aufſtandes in der poloponneſiſchen Halbinſel Truppen dahin führen ſollte, zu verbrennen. Die Expedition, die der hydriotiſche Admiral Emmanuel Tombaſis befehligte, beſtand aus zwei Kriegsſchiffen unter Tombaſis und Anton Krieſis, und aus drei Brandern, von denen Kanaris den einen führte. Es war ihm bereits gelungen, nachdem er die ruſſiſche Flagge aufgezogen hatte, mit Hülfe eines arabiſchen Lootſen in den Hafen zu gelangen. Schon richtete er ſeinen Lauf geraden Weges auf fünf nahe bei einander liegende feindliche Fre⸗ gatten.... Unglücklicher Weiſe war ihm jedoch der Wind ungünſtig, und zwang ihn, nur gegen das Admiralſchiff ſich zu wenden. Allein auch hier kam ihm der Wind ent⸗ gegen,... zwecklos ſegelte Kanaris unter den feindlichen Schiffen umher, bis ihn endlich der Wind auf die vor den Paläſten des Vicekönigs liegenden Schiffe hintrieb. Schon hat er mit eigener Hand das Seil zerſchnitten, das die fremde Flagge hielt, und ſtolz ſtatt ihrer die Nationalflagge aufgezogen; ſchon ergreift er den Feuerbrand.. die Fun⸗ ken ſprühen.. Er ſelbſt, mit den Gefährten, ſteigt bereits in das Boot.... Aber zum erſten Male verläßt ihn heut das Glück: zum erſten Male verfehlt ſeine ſichere unerſchrockene Hand ihr Ziel... nutzlos verzehrt ſich ſein Brander, und Kanaris entkommt nur durch ein Wunder der Gefahr, in der er— nunmehr von den Feinden er⸗ kannt— ſich befindet. Eine Wiederholung des Wagſtücks, wozu Kanaris den folgenden Tag entſchloſſen war, unter⸗ blieb wider deſſen Willen. Seit dieſer Zeit haben die Brander des Kanaris keinen weiteren Erfolg für die Befreiung ſeines Vaterlandes ge⸗ habt; aber das, was er in den erſten Jahren des Freiheits⸗ kampfes dafür gethan hat, ſichert ſeinen Ruhm als Bran⸗ derführer und„kleiner Matroſe von der Inſel Pſara“ weit mehr, als Alles, was er in ſpäteren Jahren auf einem anderen Schauplatz— nämlich dem Gebiete der Politik— geleiſtet hat. das Stilfſerjoch. ſan den Comerſee führt, und das Etſchthal. mit dem der Adda, Tyrol mit dem Veltelin oder Oeſterreich mit Italien 45* 356 Feierſtunden. 1865. —————ℳ—ꝛ———— verbindet. Sie iſt 16 Fuß breit und bei ihrer durch zahl⸗ Bis zu dem Dorfe Prad, wo die Bergwaſſer über reiche Zickzackwindungen ſehr verminderten Steigung ohne die Gerölle des Urgebirges herabrauſchen, hat die Straße Vorſpann ſogar für Frachtwagen fahrbar. Keine andere nur eine geringe Steigung, von hier an aber waren acht⸗ Kunſtſtraße, weder die Simplon-, Gotthard-, Bernhardin⸗ undvierzig Windungen oder Serpentinen nöthig, um mit ſtraße, noch die über den Splügen erreichen die abſolute mäßiger Steigung zu dem Joche zu gelangen. Ueber den Schneegrenze, während die Stilfſerſtraße an ihrem Ueber⸗ Waldungen der benachbarten Bergabhänge ſieht rechts das gange 8610 Fuß erreicht, und dieſe Linie ſomit weit Dorf Stilfs(ital. Stelvio) mit ſeinen maſſiven Häuſern überſteigt. Nur ein gewöhnlicher Berppaß verband früher und ſteilen Gärten herab. Schon der alte Saumweg führte die Thalſchaften, bis die öſterreichiſche Regierung im Jahr an dieſem Dorfe vorüber, von dem auch die neue Paſſage ——;—;—;—⅓⅓ꝛ::eyru——y; 1821 das von Vielen für unausführbar gehaltene Unter⸗ nehmen begann und mit einem Koſtenaufwand von 1 ½ Mil⸗ lionen im Jahre 1824 vollendete. Am 1. Auguſt des fol⸗ genden Jahres verſah die Poſt zum erſtenmal den Dienſt auf dieſer Route. Der Ortler und die Gr ſicht auf die ſchroffen Felswände des Ortlers, der jedoch, der Nähe des Standpunkts wegen, noch nicht ſichtbar iſt. Nach 1 ½ Stunden erreicht man das Dorf Trafoi, die letzte Gemeinde auf dem deutſchen Abhange des Joches, bis hierher wird auch nur deutſch geſprochen. Trafoi iſt eine einſame Häuſergruppe mit einem Poſthauſe. Obgleich nur 4842 Fuß hoch gelegen, ſteht man doch der Heimath des ewigen Winters hier nahe genug. Die hinter dem Poſt⸗ hauſe liegende Wieſe lehnt ſich gegen Weſten hin an einen mächtigen Gletſcher. Seitwärts im Thal ſteht mitten auf der Heerſtraße der Lawinen am Fuße des Ortlers das Kirchlein der drei heil. Brunnen, von denen Trafoi(tres fontes) den Namen führt. Das Waſſer ergießt ſich durch eiſerne Röhren aus der Bruſt dreier Bildſäulen, welche Chriſtus, ſeine Mutter und den Johannes vorſtellen. Neben den unter einer Bedachung ſtehenden Brunnen befindet ſich ein Haus, das früher ein Klausner bewohnte, jetzt aber dem Pfarrer von Trafoi als Unterſtand dient. In der den Namen erhielt. Gabelförmig theilt ſich das Gebirge; links rauſcht der Suldenbach, rechts bei dem Weiler Go⸗ magoi(Bedwaſſer) der Trafoi herab. Nach einigen langen Windungen, rechts von dem brauſenden Bache, wird die Umgebung immer großartiger, und es eröffnet ſich die Aus⸗ enzgebirge des Veltelins. eentſetzlichen Einſamkeit dieſer Gebirgswüſte macht das im Schatten der Tannen ſtehende Kirchlein mit ſeinen drei Altären einen düſteren Eindruck. Hinter Trafoi, das durch einen Bannwald vor ver⸗ heerenden Lawinen geſchützt wird, erhebt ſich die Straße mit einigen raſchen Windungen hoch über den Geburtsort der Quellen und laufenden Waſſer. Unten weidet noch das Vieh auf der grünen Wieſe, und auch hier hat man noch einen Lärchenwald zur Seite, der aber zuſehends immer dünner und dünner wird, und ſich endlich in ein Legforen⸗ und Alpenroſengeſtrüppe verwandelt. Ehe die Kunſtſtraße durch die wilden zerriſſenen Felsmaſſen dieſer Gegend führte, in der noch Bären und andere Raubthiere hauſen, hieß die⸗ ſelbe bezeichnend„das Ende der Welt“. Die in den fel⸗ ſigen Berg eingeſchnittene Fahrbahn führt an einem tiefen Abgrunde über acht ſtufenförmig über einander liegenden Windungen hinan, und nun eröffnet ſich dem Reiſenden einer der großartigſten und wunderbarſten Ausſichtspunkte. er über Straße en acht⸗ im mit ber den ͤts das Düuſern g fuͤhrte Paſſage Jebirge; ler Go⸗ langen wird die die Aus⸗ Feierſtunden. 1865. Man ſieht den dreiſeitigen Gipfel des Ortlers ſo nahe, daß man ihn in einer Stunde erreichen zu können glaubt. Die unermeßlichen Eismaſſen des großen Madatſch⸗Gletſchers ſchieben ſich jenſeits einer tiefen Schlucht bis in die Nähe der Straße herab. Kaum vermag das Auge den Anblick der ſich nach oben noch weiter ausbreitenden und im vollen Sonnenſchein blendenden Flächen zu ertragen, deren Weiß in maleriſchem Farbenſpiel alle Nuancen von grauen und violetten Schatten, ſogar in grünen und roſenrothen Tinten zeigt. Ein prächtiger Eisberg, der Monte Criſtallo, und die majeſtätiſche Ortler⸗Gruppe, deren Spitze man jedoch erſt von der Station Franzenshöhe, 1 ½ Stunden von Trafoi und 6380 Fuß hoch gelegen, ganz überſieht. ein Kontraſt, die weite, von einem Kranze mächtiger Eis⸗ 357 ———— fürſten umgebene Schnee⸗ und Eiswüſte, deren Umriſſe am blauen Himmel oft kaum erkennbar ſind, und ein Blick in den ſchwarzen Schlund, der ſich neben der Straße hinab⸗ zieht, und deſſen aufſtarrenden ausgefreſſenen Wände nirgends den Grund erreichen! Die in den ſchieferartig zerklüfteten Bergabhang gebet⸗ tete Straße zieht ſich von hier in ſieben Windungen, und ſodann noch in ſechzehn, von gedeckten Holzgallerien oder Schutzlehnen vor den hier oben furchtbaren Schneeſtürmen geſchützten Schlangenwindungen die ſteile Gebirgsabdachung hinauf. Wie vor der Station Franzenshöhe führt die Straße an einem Zufluchtshauſe(cantoniera) vorüber zur Welch' ehemaligen Poſtſtation„Wandeln“, welche 1825 beide von einer Lawine zerſtört wurden. Im Winter des genannten Die dritte Gallerie im Vallone della neve. Jahres hatte der Poſtmeiſter lange auf die verſpätete Brief⸗ poſt von Bormio gewartet, und endlich, nachdem er ſeinen beiden Knechten zu wachen befohlen, ſich zu Bette gelegt. Wie erſtaunte und erſchrak aber der ankommende Poſtillon, als er an der Stelle des Poſthauſes nichts als eine Schnee⸗ wüſte fand. Er ſchaffte ſofort Mannſchaft herbei, welche in dem Abgrunde, in den die Lawine das Poſthaus ge⸗ ſchleudert hatte, nachgrub und den Poſtmeiſter zerquetſcht unter einem Felsblocke, die Knechte aber wohlbehalten unter einer Decke von ſchützenden Balken fand. Hat man noch weitere ſechzehn, ſich wie eine Rieſenſchlange am Gebirge hinaufziehende Windungen(Giravolten) hinter ſich, ſo iſt der 8610 Fuß hohe höchſte Punkt des Paſſes erreicht, bis zu welchem die Länge des Weges von der Brücke der Etſch bei Prad 72,000 Fuß oder drei geographiſche Meilen be⸗ trägt. Die Höhe des Stilfſerjochs iſt auch zugleich die Grenze Graubündtens und des Veltelins. Obgleich ſich die⸗ St. Bernhard erhebt, fühlt der Reiſende doch keinerlei Be⸗ ſchwerden, ſondern die Bergluft wirkt ſehr erquickend und wohlthätig. Die erſte Beſteigung des Ortlers wurde im Septem⸗ ber 1804 auf Veranlaſſung des Erzherzogs Johann von dem Gemsjäger Joſeph Pichler, vulgo Joſele, unternom⸗ men. Dieſer machte einen Weg ausfindig und erreichte glücklich die 12,348 Fuß hohe Spitze, auf welcher er es jedoch nur vier Minuten lang auszuhalten vermochte, die kaum zur Beobachtung des Barometers genügten. Im nächſten Jahre beſtieg der Bergoffizier Gebhard und 1826 der In⸗ genieur⸗Offizier Schebelka unter Anführung Joſele's den Berg. Es muß bei der mit den größten Gefahren und Beſchwerden verbundenen Beſteigung des Berges eine vom Ortler herab in das Trafoi⸗Thal ſtürzende Schneide benützt werden, um den oberen Theil des Ferners zu erreichen. Schebelka ward von Joſele und deſſen Gehülfen an Sei⸗ ſer Punkt noch tauſend Fuß höher als der Paß über den len die glätteſten und ſteilſten Stellen hinaufgezogen, und 358 ———-————— als mit dem ſchmelzenden Schnee zerbröckelndes Geſtein donnernd in die ſogenannten„Wandeln“ herab rollte, packte Joſele mit dem Ruf:„die Steine kommen!“ den Offizier auf den Rücken und rannte auf einer ſenkrecht abſchüſſigen Stelle 10 bis 12 Schritte mit ihm zur Seite, worauf im nächſten Augenblick die Steine krachend an ihnen vorüber⸗ rollten. Die herrliche Ausſicht gewährte reichen Erſatz für alle Mühſeligkeiten der Erſteigung. Auf dem kahlen Scheitel des Joches ſteht ein von einem Rottore bewohntes ſturmfeſtes Zufluchtshaus(Caſino), und das Poſthaus Gioco del Stelvio, wohl die höchſten beſtändigen Wohnungen in den Alpen. Der Grenzſtein hat mitten die Inſchrift Confine, auf deutſcher Seite: Territorio Tiroles, auf italieniſcher: Territorio Lombardo. Zwi⸗ ſchen großen Schneefeldern führt nun die Straße in ½ ⸗Stunden nach der Kantoniera und Poſtſtation Santa Maria, und ſpäter zu einer zweiten Kantoniera herab. Hat man nun abermal eine dammartig ſich zwiſchen den Thalwänden hinſchlängelnde Straße durchwandert, ſo hat man die ſieben Gallerien vor ſich, welche zum Schutze ge⸗ gen Lawinen und Waſſerfälle theils in die Felswand ge⸗ ſprengt, theils aufgemauert ſind. Dieſe Gallerien haben eine Länge von 2700 Fuß. Sie ſind ſämmtlich 13 ½ Fuß ———————— Feierſtunden. 1865. hoch, ebenſo breit und in Entfernungen von je fünf Klaf⸗ tern, der nöthigen Helle wegen mit halbrunden Oeffnungen verſehen. Unſere Abbildung zeigt die dritte Gallerie im Vallone della neve(S. 357). Rechts ſehen wir das In⸗ nere der ſich unter der hohen Felswand hinziehenden Gal⸗ lerie, und links eine der erwähnten thorähnlichen Oeffnungen mit der Ausſicht auf ſchwindlige Tiefen und ſteile Felsklüfte. Gegenüber tritt uns das Aeußere der bedeckten Gallerien entgegen, und tief im Thale ziehen ſich wieder in langen Linien zahlreiche Windungen(im Italieniſchen Giravolten) hinab. Dieſes öde und völlig baumloſe Felſen⸗Amphitheater macht einen troſtloſen Eindruck auf den Betrachter. Nur ein Waſſerfall, der ſich von einer 600 Fuß hohen Fels⸗ wand ſtürzt, und bisweilen der Donner einer Lawine un⸗ terbricht die tiefe Stille. Ueberraſchend iſt bei der Fort⸗ ſetzung unſerer Wanderung der Anblick der Adda⸗Quelle; mächtiger und waſſerreicher als irgend ein anderer Fluß in den Alpen ſtürzt ſie an einer Felswand ſchäumend aus einer weiten Oeffnung hervor. Vier Stunden von dem Joche (61,200 Pariſer Fuß) liegt Bormio oder Worms, noch 3848 Fuß über dem Meer, in dem Valle di Sotto, deſ⸗ ſen friſches Grün nun einen doppelt angenehmen Eindruck auf den Wanderer macht. E. K. Die Schreckensnacht zu Wimpfen a. N. am 12. Januar 1848. Von einem Augenzeugen. Der Reiſende, welcher in Heilbronn das Dampfſchiff beſteigt, ſei as, um Geſchäfte am untern Neckar oder am Rhein zu beſorgen, ſei es, um ſich von anſtrengenden Ar⸗ beiten zu erholen, und ſein Herz durch den Anblick der ſo reizenden Ufer des ſchwäbiſchen Stromes zu erheitern, be⸗ trachtet im Vorübergleiten ſtets mit Intereſſe das alte heſ⸗ ſiſche Bergſtädtchen Wimpfen, welches, einige Stunden un⸗ terhalb Heilbronn gelegen, von einem ſteilen Bergrücken hoch herabſchaut. Entzückend aber iſt die Ausſicht, wenn man die Anhöhe erſtiegen hat, und von oben herab das prachtvolle Panorama betrachtet. Es gibt wenige Orte in Deutſchland, welche einen ſo lieblichen Anblick gewähren, wie man ihn von der Terraſſe des Mathildenbades in Wimpfen aus genießt, und nach dem Urtheile competenter Richter darf dieſe Ausſicht ſich mit den ſchönſten Parthien des ſchönen Rheinſtromes meſſen. Der Neckar bildet unterhalb Jaxtfeld einen Bogen von der Länge einer Stunde, und an deſſen größter Aus⸗ biegung ſteigt unmittelbar aus ſeinen Fluthen der zweihun⸗ dert Fuß hohe Hügel empor, von deſſen Kamme herab die alten Mauern und Thürme Wimpfens in dem Strome ſich ſpiegeln. Auf der Badterraſſe ſtehend ſehen wir vor un⸗ ſern Füßen die Schiffe vorüber gleiten und können ſie mit den Blicken flußauf⸗ und abwärts ſtundenlang verfolgen. Zu unſerer Rechten erblicken wir dort oben in dem Winkel, welchen der Kocher bei ſeiner Einmündung in den Neckar bildet, das alterthümliche Kochendorf, und näher herunter, mur wenige hundert Schritte oberhalb das freundliche Jaxt⸗ feld— zwiſchen ihnen, beide faſt verbindend, die ſchönen meuen Gebäude der Saline Friedrichshall, welche in langen ſymmetriſchen Linien hart am Fluſſe ſich hinziehen, und einen überaus freundlichen Anblick gewähren. Rechts und dort für Wimpfen im Thale, deſſen berühmte gothiſche Kloſterkirche mit ihren ſchlanken Thürmen reizend aus einem Walde von Linden- und Kaſtanienbäumen hervorragt. Hin⸗ ter Wimpfen im Thale, hart an den Berg gelehnt, ſtehen in langer Linie finſter und grau die Salinen von Ludwigs⸗ hall, und bilden ein eigenes Dörfchen, welches ſich nach dem Berg heraufzieht und den äußerſten Häuſern des Städt⸗ chens nachbarlich anreiht. Ehe wir unſer Auge von dem maleriſchen Anblicke abwenden, bewundern wir noch die ehr⸗ würdigen Ruinen eines viereckigen Thurmes, welcher, von den Römern erbaut, ſchon zwanzig Jahrhunderte an ſich vorüberziehen ſah, und noch in ſeinen Reſten die faſt un⸗ zerſtörbare Feſtigkeit dieſer Bauwerke erkennen läßt. Gerade uns gegenüber, mitten zwiſchen blühenden Wie⸗ ſen und wallenden Kornfeldern liegt in einem Kranze von Obſtbäumen das liebliche Offenau mit der Saline Cle⸗ menshall, und weiter abwärts, hinter jenem Hügel, über welchen die ſtaubige Landſtraße weithin ſichtbar zieht, blicken die hellen Mauern von Schloß Hornek mit ihrem hohen runden Thurme herüber, zu deſſen Fuße das Städtchen Gundelsheim ſich gelagert hat, von welchem nur die Dächer der höher gelegenen Häuſer ſichtbar ſind. Ueber Offenau und Jaxtfeld weg ſchweift der Blick über eine weite Land⸗ ſchaft von Feld und Wald, die„deutſche Ebene“ hin, aus welcher zahlreiche Kirchthürme emporragen, und überall die Spuren der ſchaffenden Menſchenhand in den lang hin⸗ ziehenden Fluren der angebauten Felder ſichtbar werden. Wenden wir uns zur Linken, ſo erblicken wir über Heinsheim hinweg die dunklen Mauern der Veſte Ehren⸗ berg, deren mit Epheu überzogener Thurm noch lange„der Stürme Heer“ trotzen kann. Noch weiter entfernt, über die Höhen hinter Gundelsheim, ragt eine großartige Ruine links von uns entfernt ſich der Neckar von den Höhenzügen, zu uns herüber— es iſt der Hornberg, die Burg Gözens und läßt Raum hier für das badiſche Dorf Heinsheim, von Berlichingen, und auf dem vorderſten Höhepunkte, ———,—e—.—== — ————— ünf Kl⸗ jeffnungen illerie im das In⸗ den Gal⸗ effnungen lsküfte Gallerien in langen iravolten) nphitheater ter. Nur hen Fels⸗ awine un⸗ der Fort⸗ da⸗OQuelle; Fluß in aus einer m Joche ns, noch tto, deſ⸗ Eindruck 6 C. K. gothiſche aus einem agt. Hin⸗ int, ſtehen Ludwigs⸗ ſich nach des Städt⸗ von dem ch di ehr⸗ ſcher, von te an ſich e faſt un⸗ h— den Wie⸗ ranze von lne Gle⸗ ügel, über it, blicken rem hohen Städtchen zie Dächer Offenau eite Land— Feierſtun ———:———— welcher Schloß Hornek überragt, ſteht einſam, weithin in die Lande ſchauend, die St. Michaels⸗Kapelle, welche an ihrer Seitenmauer einen Altar von rothem Sandſtein be⸗ wahrt, der, der ſchwarzen Juno gewidmet, zum Beweiſe dient, daß ſchon die Römer auf dieſen Höhen zu ihren Göttern beteten. Ueber alle dieſe Burgen und Thürme, über alle dieſe Berge und Höhenzüge grüßt aber aus blauer Ferne der „Katzenbuckel“ herüber, welcher, bei Erbach im Odenwalde gelegen, ſeine regelmäßige Pyramide hoch und ſtolz in die Lüfte ſtreckt. Ueberall, wohin das Auge hier blickt, ſtellen ſich ihm heitere lachende Bilder dar, und ſelbſt die halbverfallenen Burgen, die zerſtörten Kreuzgänge ſind mit Epheu und andern Schlingpflanzen überzogen, und gewähren einen freundlichen lachenden Anblick. Die ganze ſchöne Gegend bietet, von oben herunter betrachtet, ein Bild heiterer Ruhe dar, nicht unangenehm geſtört durch die eintönigen Rufe der vorübergleitenden Schiffer, das Raſſeln der ziehenden Halfpferde, das Schnauben des ſ chwer arbeitenden Dampfers, deſſen Rauchſäule noch weithin ſichtbar bleibt, bis er ſich endlich in die Windungen des Gebirges verliert. Aber nicht immer gewährte dieſes auf die Erde gefal⸗ lene Stück Paradies einen ſo heitern lachenden Anblick.— In der Nacht des 12. Januar 1848 bildete Wimpfen eine Stätte des Grauſens, und das weite Panorama lag vor dem Blicke nicht da im heitern Lichte der Sonne, oder im milden Schimmer des Mondes, ſondern die ganze Gegend erglänzte grell im Widerſcheine eines ungeheuren Brandes, welcher die Flammen thurmhoch emporwirbelte, und eine grauſige Tageshelle über das weite Thal verbreitete. Tiefer Schnee hatte ſich über die Erde gelagert, eine kalte ſternvolle Nacht ſenkte ſich hernieder, und Schweigen des Todes herrſchte auf den Straßen, auch nicht unterbro⸗ chen von dem Knarren eines Fußtrittes oder dem Pfeifen eines Rades, denn Mitternacht nahte heran, und Alles, Menſch und Thier, lag im tiefen Schlummer, geſchützt vor der eiſigen Kälte draußen.— Da donnert vom„blauen Thurme“ der Schuß der Lärmkanone! Es brennt! Wo!? Hier oder auswärts? Horch! Bumm! Der zweite Schuß und— Bumm! Der dritte!— Es brennt im Städtchen! Alles eilt auf die Straße und in die obere Stadt, wo gegenüber dem„blauen Thurme“ in einem alten, drei Stock hohen Hauſe Feuer ausgebrochen iſt, man ſagt von ruch⸗ loſer Hand entzündet, obſchon der irdiſchen Gerechtigkeit kein Opfer wurde. Noch gewahrt man von außen keine Flamme, aber deſto mehr Fortſchritte macht dieſe im Innern des Gebäu⸗ des: ſchon brennen die Treppen, und es werden Leitern herbeigeſchleppt, um die Bewohner durch die Fenſter zu retten, was auch gelingt, ohne ein Menſchenleben zu ge⸗ fährden. Aber die große Kälte erſchwert im Anfange die Arbeit der Löſchenden; das Feuer greift im Innern des Hauſes um ſich, es theilt ſich durch die dünnen Wände den Nachbarshäuſern mit, und bald ſtehen 3— 4 Häuſer in vollen Flammen, und die Gluth züngelt hell und hoch in die Lüfte. Der„blaue Thurm“, der Stolz und das Wahrzeichen der Wimpfener Bürger, iſt ein hoher viereckiger Thurm mit 12 Schuh dicken Mauern, von deſſen Gallerie man eine prachtvolle Rundſicht genießt. Die Gallerie hat ein eiſernes Geländer, und auf den vier Ecken offene Erker mit auf hölzernen Pforten ruhenden hölzernen Dächern. Der oben wohnende Stadtmuſitus blickt mit Ruhe auf das * ⁵ den. 1865. 359 ——òꝛ;⅔;;—ꝛ:ꝛ—:—⅓—⅓::::—ͤy——— Feuermeer zu ſeinen Füßen, denn die 12 Schuh dicken Mauern gewähren ihm ſicheren Schutz gegen die um ihn her aufſchlagenden Flammen! Armer Heuerling! Du ver⸗ gißſt die vier Eckthürmchen mit ihrem Holzgerippe, die ſchwachen Seiten deiner Feſtung.— Plötzlich gewahrt man von unten an den Dachvorſprüngen dieſer Erker helle leuch⸗ tende Punkte, welche mit jeder Sekunde größer werden, und nach wenigen Minuten brennen zwei dieſer Erker lich⸗ terloh— der Todeskampf des„blauen Thurmes“ beginnt. Hier iſt das Löſchen unmöglich, denn da hinauf reicht keine Spritze, und der Stadtmuſikus muß ſich beeilen, ſeine Familie und ſeine Habſeligkeiten in Sicherheit zu bringen. Das Feuer hat inzwiſchen ſeinen Verderben bringen⸗ den Weg fortgeſetzt, acht Häuſer und vier Scheunen ſtehen in hellen Flammen, und die Anſtrengungen der Bewohner und der zur Hülfe herbei geeilten Württemberger und Ba⸗ dener richten ſich auf die Erhaltung der noch nicht ergriffe⸗ nen Häuſer, da an ein Löſchen des Feuerheerdes ſelbſt nicht zu denken iſt. Die Entzündung des„blauen Thurmes“ läßt noch größeres Unheil befürchten, denn nur wenige Schritte von ihm entfernt liegt das neue, erſt vor Kurzem mit ſchweren Koſten erbaute Rathhaus, und neben dieſem ein Gewimmel von alten, ſchwer zugänglichen Häuſern, welche dem verheerenden Elemente einen nur zu günſtigen Tummelplatz darbieten. Mittlerweile arbeitet die Flamme wacker an der Zer⸗ ſtörung des„blauen Thurmes“; die Glockengerüſte brechen zuſammen, die Glocken, halb geſchmolzen, ſtürzen herunter, durchſchlagen die Zwiſchenböden, und ſetzen das Treppen⸗ haus von unten in Brand, der jetzt losgelaſſen durch alle Stockwerke wüthet, und durch alle Oeffnungen und Schall⸗ löcher herausſchlägt. Von der Hitze gelöst ſpringen die Schieferplatten des Daches ab, und nun bietet der Thurm inmitten der allgemeinen Zerſtörung einen grauſig ſchönen Anblick. Die eichenen Sparren und Balken des Dachſtuh⸗ les brennen lichterloh, aber feſt und weithin leuchtend ſteht dieſer glühend da, und ragt, ein feuriges Gerippe, hoch in den dunklen Nachthimmel hinein, wohin die Gluthen der niederen Flammen nicht reichen. Ein wundervolles, ergrei⸗ fendes Nachtſtück! Endlich iſt der letzte Reſt Holz verkohlt, aller Halt entſchwunden, und nun ſinken auf einer Seite die Unter⸗ lagen, der ganze Dachſtuhl neigt ſich über, und praſſelnd und funkenſprühend ſtürzen die glühenden Trümmer auf eine Gruppe von zwei Häuſern und einer Scheune nieder, ſchlagen deren Dächer in Trümmer, und fünf Minuten nachher ſtehen auch dieſe Gebäude in hellem Feuer.— So tobt die Flamme mit nicht zu hemmender Wuth bis zum anbrechenden Morgen, wo es den vereinten Anſtrengungen der von nah und fern herbei geeilten Löſchmannſchaften end⸗ lich gelingt, der weiteren Ausbreitung des Feuers Einhalt zu thun, und daſſelbe auf den bis jetzt eroberten Raum zu beſchränken. Aber 11 Wohnhäuſer und 5 Scheunen liegen in Aſche, und der majeſtätiſche„blaue Thurm“, bisher ein weit ſichtbares Zeichen für die ganze Umgegend, ſteht jetzt. bis auf die Gallerie zerſtört und innen völlig ausgebrannt, trauernd und trübſelig inmitten der rauchenden Brandſtätte. Die aufgehende Sonne des 13. Januars 1848 blickte auf ein Bild unſäglichen Jammers: weinende. Menſchen irrten umher, und ſuchten ihre Habſeligkeiten, rauchende Aſchenhaufen bedeckten jetzt den ſchmutzigen Boden, der geſtern noch in ſeiner glänzenden Schneehülle munteren Knaben mit ihren Bergſchlitten zum Tummelplatze gedient hatte. Eine Wolke ſtinkenden Rauches lagerte über der 9* 360 Feierſtunden. 1865. ——————A—————r—ͤy————————’O Stadt, und verwehrte den Sonnenſtrahlen den Durchgang. ken Thürmen der nahen Stadtkirche etwas plump ausnimmt, Ueberall Klagen, Niedergeſchlagenheit, Elend! Auch ein da ihn ſein großer Umfang wohl niederer erſcheinen läßt, Menſchenleben hat es gekoſtet: ein zwölfjähriger Knabe als er wirklich iſt.— An die Stelle der abgebrannten, un⸗ wollte aus dem zuerſt in Brand gerathenen Hauſe noch ſchönen, ſchlechtgebauten Häuſer ſind hübſche, gefällige Neu⸗ ſeine vergeſſenen Kleider holen, er kehrte in die Irrgänge bauten getreten, die mit ihren hellen Fenſtern freundlich in deſſelben zurück, aber wohl vom Rauche erſtickt kam er das Thal hinabſchauen, und wie in der Natur das Alte nicht wieder zum Vorſchein, und nicht einmal ſeine Gebeine nur ſchwindet, um neuem und ſchönerem Leben Platz zu wurden aufgefunden, ſo vollſtändig hatte die Flamme ihr machen, ſo ging auch Wimpfen aus der Zerſtörungsnacht Zerſtörungswerk vollendet. freundlicher und ſchöner hervor, und wenn jetzt der Stea⸗ Jetzt ſind die Wunden vernarbt: mit Vergnügen er- mer vorüber dampft, ſo erinnert den Paſſagier nichts mehr blickt der Reiſende an der Stelle des einfachen„blauen an den grauſen Brand, als der Anblick der hübſchen mo⸗ Thurmes“ einen ſtattlichen gothiſchen Thurm mit vier ſtei⸗ dernen Gebäude, welche, ſehr zu ihrem Vortheile, mit ihrer nernen Eckthürmen, der ſich aber neben den beiden ſchlan⸗ damals verſchonten Umgebung kontraſtiren. W. B. Griechiſche Trachten in der Krim. —,—— znimmt, en läßt, ten, un⸗ ige Neu⸗ nolich in das Alte Plat zu ingsnacht er Stea⸗ hts mehr chen mo⸗ mit ihrer J. B . D. Feierſtunden. 1865. 361 ———————;—————:————— ————— Eau d'or. Eine wahre Geſchichte. ichzeiti trauter Freundſchaft mit Henriette Delatour. Die Damen waren Franzöſinnen un d 1 fchdendund neehahn am Fäan dicft mit Daarren als Katholiken nicht zu Lavaters geiſtlichen Pflege⸗ duer 3 8 nat dgenn uten Verhältniſſen lebend, iferslie, kindern. Madame Calas hielt für ihr Haus nur einen Buricher Faſeg lauch hhren drei Nichten Marie berden is einzigen Dienſtboten, Jeannette Lacroſſe, welche zur Zeit 46 Feierſtunden 1865. 362 — ——B—B———— 8 der Eröffnung dieſer Geſchichte ungefähr ſiebenunddreißig Jahre zählen mochte. An den Fremden haftete ein Geheim⸗ niß, das allerdings im Laufe der Zeit(ſiebenzehn sder acht⸗ zehn Jahre) faſt in Vergeſſenheit gekommen war; doch gab es in Zürich nochzeinige für dergleichen Dinge ein ſcharfes Gedächtniß beſitzende Perſonen, welche dir auf den Monat und auf den Tag hin hätten ſagen können, wann die Dili⸗ gence Madame Calas und ihre Nichten vor den„ſieben Cantonen“ abſetzte. Das älteſte von den Kindern zählte damals nicht über vier Jahre, und das jüngſte war noch ein Wickelkind, das von Jeanette Lacroſſe, einer angeb⸗ lichen jungen Wittwe, verpflegt wurde. Die Dame brachte keine andere Empfehlung mit ſich, als die mächtigſte von allen— Geld, das ſie in reichlichem Maße zu beſitzen ſchien. Dagegen wußte man, daß ſie während der acht⸗ zehn Jahre ihres Aufenthaltes in Zürich durch die Poſt nicht einen einzigen Brief erhalten hatte. Nachdem Madame Calas einige Monate in den„ſieben Cantonen“ gewohnt, kaufte ſie in kleiner Entfernung von der Stadt ein Häus⸗ chen mit einem hübſch angelegten Garten, in welchem ſie mit ihren verwaisten Nichten und Jeanette Lacroſſe ihren bleibenden Sitz nahm. Die Bekanntſchaft Lavaters mit der Familie ſchrieb ſich von der Zeit her, als er ſo glücklich war, die damals zwölfjährige Henriette Delatour vom Ertrinken zu retten. Der ſinnreiche Ausleger der Kunſt, aus den Linien des Geſichts auf die Charaktere zu ſchließen, nahm ein tiefes Intereſſe an den jungen Damen, während die Tante für ihn ein Gegenſtand der Verwirrung war. Nachſtehende Stelle aus einem ſeiner Briefe bezieht ſich auf Madame Calas und ihre Nichten: „Ein Mitglied aus einer Familie von vier Perſonen, drei Mädchen und ihrer Tante, verwirrte mich ſehr, ob⸗ ſchon ſich ſpäter herausſtellte, daß meine Muthmaßungen das Ziel nicht ſehr weit verfehlten. Ich meine Madame ——, die Tante, eine der frömmſten und wohlthätigſten Perſonen, die mir je vorgekommen ſind. Sie ſchien nie zu ermüden, Gutes zu ihun, die Gefallenen aufzurichten und die Betrübten zu tröſten. Für ihre Nichten— lieb⸗ liche Kinder von engelgleicher Schöne und offenem Sinn für alles Edle und Gute— war Madame—— der Schutz⸗ geiſt, deſſen ſorgſame Liebe ſie auf Schritten und Tritten bewachte. Als ſich der Zufall auf dem See zutrug und es eine Weile zweifelhaft ſchien, ob Henriette mit dem Leben davon kommen werde, machte der ſprachloſe, ſchau⸗ dernde Schmerz, mit welchem die Tante unſeren Bemühun⸗ gen zuſah, einen wahrhaft erſchütternden Eindruck; und wie ich endlich bei den erſten Anzeichen des Erfolges ausrief: „Sie iſt gerettet! Gott ſei Dank, ſie iſt gerettet!“ da löste ſich mit einemmale die heftige Spannung der Nerven, und mit einem krampfhaften Schrei der Freude, ſo gellend, daß er ſich faſt wie ein Schmerzensruf ausnahm, ſank ſie be⸗ wußtlos auf den Boden nieder. „Dieſe fromme, wohlthätige Chriſtin aber, dieſe zarte, ſorgfältige, liebevolle Verwandte, an deren aufrichtiger Frömmigkeit und ungeheuchelter Nächſtenliebe ich keinen Augenblick zweifelte, ſchien mir doch dieſe Werke der Barm⸗ herzigkeit gewiſſermaßen als Sühnopfer, als Genugthuung für irgend ein ſchweres Verbrechen zu üben. Ja, ſagte ich nach langer reiflicher Erwägung zu mir ſelbſt— dies muß die wahre Deutung ſein; denn warum ſonſt die Leichen⸗ bläſſe, das convulſiviſche Zuſammenfahren, der Schrecken, der ſie überlief, wenn in ihrer Anweſenheit eine von ihren Nichten hin und wieder eine Bemerkung fallen ließ, die Feierſtumden. 1865. —— ——:—; für mich durchaus nichts Auffälliges hatte? So entſinne ich mich zum Beiſpiel, daß Marie, die älteſte, bei Gele⸗ genheit der Betrachtung eines Marienbildes, vor dem ich ſie oft mit gedankenvoller Miene hatte ſtehen ſehen, in die Worte ausbrach: ‚Wiſſen Sie, liebe Tante, an wen mich dieſes Bild ſtets erinnert, oder wenigſtens eine ſchwache Erinnerung in mir wach ruft? ‚Nein Marie, an wen?“ „An das ſchöne liebevolle Geſicht meiner Mutter, das mir bisweilen im Traum erſcheint.: Die Worte ‚meiner Mut⸗ ter’ weckten daſſelbe krampfhafte Echo, wie ich es über Ma⸗ dame—— s Lippen brechen hörte, als ich ihr ankündigte, daß Henriette gerettet ſei; ſie fuhr, als ſei ſie vom Blitz⸗ ſtrahl getroffen, mit beiden Händen nach dem Kopf und wäre niedergeſunken, wenn nicht Marie ſie aufgefangen hätte. Durch eine gewaltige Anſtrengung gewann ſie in⸗ deß bald ihre Faſſung wieder, ſtieß Marie zurück und eilte, ohne uns einen Blick zuzuwenden, aus dem Zimmer. Da ich jedoch, wenn auch nur für einen Moment, geſpenſtiſch ihr Antlitz über die Fläche eines mir gegenüber hängenden Spiegels hinhuſchen ſah, ſo erkannte ich deutlich den un⸗ verkennbaren Ausdruck ſchmerzlicher Gewiſſensbiſſe, von dem für einen Augenblick der Schleier der gewohnten Selbſt⸗ beherrſchung gefallen war. Die Nichten ſahen zitternd ein⸗ ander an; dann aber eilten ſie unter dem Eindruck, daß ihre Tante ein plötzlicher Schmerz angewandelt habe, ihr nach, um ſie zu tröſten und ihr Handreichung zu thun. „In peinliche Gedanken vertieft verließ ich das Haus und war ſchon in der Nähe meiner Wohnung, als ich die Wahrnehmung machte, daß ich bei Madame—— ein Buch hatte auf dem Tiſch liegen laſſen. Es gehörte nicht mir, ſondern war mir von einem Freunde geborgt, und ich brauchte es eben. Ich kehrte daher wieder um und trat, wie ich häufig zu thun pflegte, da ich als Hausfreund galt, ohne die Ceremonie des Anklopfens in's Zimmer. Kaum hatte ich mein Buch zu mir geſteckt, als ich einen leichten haſtigen Tritt nahen hörte; eine Thüre wurde ungeſtüm aufgeriſſen, und Madame—— trat ein. Ohne eine Ahnung von meiner Gegenwart ſchritt ſie auf die Stelle zu, wo das Bild hing, ſtarrte es mit dem Ausdrucke des tödtlichſten Haſſes in ihren Augen einen Augenblick an, riß es herunter und eilte ebenſo, wie ſie gekommen, wieder fort. Dieſes dunkle Räthſel war nur zu löſen in dem Licht der vorausgegangenen Thatſachen; indeß traten die Linien um den feſt zuſammengepreßten Mund ſo kräftig in die Er⸗ ſcheinung, daß ich nicht länger zweifeln konnte, ihr Weſen werde, wenn zu rachſüchtiger Thätigkeit angeregt, ſich eben ſo entſchloſſen, erbarmungslos und unbeugſam erweiſen, als nach dem Vorüberbrauſen des Sturmes die edleren Ele⸗ mente ihres Charakters wieder mit Kraft hervortreten muß⸗ ten. Madame—— war noch eine ſehr ſchöne Frau, hatte aber weder im Geſicht, noch in Betreff der Farbe ihrer Haut und Haare die mindeſte Aehnlichkeit mit einer von ihren Nichten, welche eher dem Madonnenbilde glichen. Unſere Freundſchaft erlitt zwar keine Unterbrechung, doch brachte ich nach dem erwähnten Vorgang nie mehr ſo an⸗ genehme Stunden im Mon Séjour(Name des Landhauſes) zu, wie vorher. Ein Grund lag vielleicht mit in dem Umſtande, daß Madame—— von dieſer Zeit an zu kränkeln begann und Beſuche ihr oft ſehr zuwider wurden.“ So weit Lavater. Der Krankheit, welche Madame Calas noch in ihrem Alter befallen, konnte kein Einhalt gethan werden; Alles, was ſich erzielen ließ, beſtand in ein nausrücken des Todes und in einem Ebnen des 5„ Grabe. Die unglückliche Frau haftete mit — einer mehr der F naht. Arztes habe, vor de vaters ten A die R keit Kauf gens kran nehn wars und dam müſſ ſchre giöſ tägl mer Ru⸗ ſche dach To⸗ wel⸗ ſollt ſelbe Cal ein ihn ten als — entſinne bei Gele⸗ dem ich n/, in die wen mich ſchwache an wen?⸗ das mir ner Mut⸗ über Ma⸗ nkündigte, om Blit⸗ Kopf und ffgefangen in ſie in⸗ und eilte, mer. Da ſpenſtiſch ängenden den un⸗ von dem Selbſt⸗ tend ein⸗ ruck, daß habe, ihr u thun. das Haus ich die ein Buch icht mir, und ich und trat, und galt, Kaum leichten ungeſtüm Dhae eine die Stelle drucke des c an, riß idder fort. licht der inien um die Er⸗ hr Weſen ſich tben erweiſen, lerun Ele⸗ retm muß⸗ Feierſtunden. 1865. ——:————— einer peinlichen Liebe am Leben, und ſie fürchtete ſich weit mehr vor ihrer Auflöſung, als dies bei anderen Menſchen der Fall zu ſein pflegt, wenn ſich der König der Schrecken naht. Die möglichſt mildeſte Andeutung von Seite des Arztes, daß ein höherer Rathſchluß bereits über ſie verfügt habe, übte eine ſo erſchütternde Wirkung, daß ſie aus Angſt vor dem Tode faſt urplötzlich geſtorben wäre. Unter La⸗ vaters Zuſpruch faßte ſie ſich endlich und beſchloß, der letz⸗ ten Aufgabe, von deren pflichtlicher Erfüllung ſie allein ſich die Rettung ihrer Seele verſprach, ihre volle Aufmerkſam⸗ keit zuzuwenden. Mon Séjour wurde verkauft und der Kaufſchilling in der Bank niedergelegt, welche die Vermö⸗ gensverwaltung der Madame Calas beſorgte; auch ließ die kranke Frau ein Teſtament aufſetzen, in welchem dem Ver⸗ nehmen nach alle drei Nichten zu gleichen Theilen bedacht waren. Nach Erledigung ihrer weltlichen Angelegenheiten und nach Verſiegelung einer Schrift, deren Abfaſſung Ma⸗ dame Calas ſo viel Schmerz bereitet zu haben ſchien, als müſſe ſie jedes Wort mit ihrem eigenen Herzblut nieder⸗ ſchreiben, widmete ſie ſich ausſchließlich nur noch ihren reli⸗ giöſen Obliegenheiten. Ein katholiſcher Prieſter machte ihr täglich Beſuche(ſiehe Bild auf S. 364), und man be⸗ merkte mit Erſtaunen, daß das Marienbild, welches in die Rumpelkammer verwieſen worden war, über dem Bet⸗ ſchemel hing, auf welchem Madame Calas knieend ihre An⸗ dacht verrichtete. Die raſch herein brechenden Schatten des Todes ſchienen ihre heiße Liebe für die verwaisten Mädchen, welche ſo bald allein und freundlos in der Welt ſtehen ſollten, zu erhöhen, und Jeanette Lacroſſe, welche in dem⸗ ſelben Gemach mit ihnen ſchlief, bemerkte oft, daß Madame Calas Nachts, wenn ſie die Kinder im Schlaf wußte, her⸗ ein kam, mit leichter Berührung, um ſie ja nicht zu wecken, ihnen Stirn und Lippen küßte, und dann neben ihren Bet⸗ ten niederkniete, um ſtumm zu beten und ſtille zu weinen, als ob ihr das Herz brechen wolle. Das verſiegelte Schriftſtück, welches die Adreſſe „Mademoiſelle Eulalie Beauregard, Hotel Vörincourt, Faubourg Saint Germain, Paris“ trug, war dem Notar, welcher das Teſtament der Madame Calas abgefaßt hatte, mit der Weiſung anvertraut worden, es unmittelbar nach ihrem Ableben durch ſichere Hand an die in der Adreſſe bezeichnete Dame gelangen zu laſſen. Dieſer Auftrag fand pünktliche Vollſtreckung, und ſchon acht Tage nach der Beerdigung der Hingeſchiedenen wurde das Packet an Ma⸗ demoiſelle Eulalie Beauregard abgegeben. Um die Auf⸗ regung, mit welcher die genannte Dame dieſe Papiere las, in ihrer vollen Auslegung würdigen zu können, iſt es nöthig, einen Blick auf ihre Geſchichte während der letzten zwanzig Jahre und auf ihre gegenwärtige Stellung zu werfen. Die Beauregards waren eine alte Languedocſche Fa⸗ milie, die aber zur Zeit, als Eulalie ihre blitzenden ſchwar⸗ zen Augen dem Lichte öffnete, in kläglich herabgekommenen Verhältniſſen lebte. Ihr Vater, der bald nach der Geburt ſeines erſten Kindes Wittwer wurde, hatte ſeine geringe ererbte Habe durch ungeſchickte Spekulationen, durch die er ſeine Vermögensverhältniſſe zu verbeſſern hoffte, aufge⸗ braucht, ſo daß er als letzten Ausweg Languedoc für im⸗ mer zu verlaſſen beſchloß, um nach Paris zu ziehen und daſelbſt zu ſehen, ob ihm nicht der Einfluß hochgeſtellter Verwandten zu einem ehrenhaften und einträglichen Staats⸗ amte verhelfen könne. Er ſetzte dabei ſeine Hoffnung haupt⸗ ſächlich auf den Grafen von Vérincourt, der, obgleifferlur entfernt mit ihm verwandt, ein ſehr reicher undgerden wirin Paris aulangte. 4 363 — ————— reichenden Beziehungen ſtehender Mann war. Beauregard hatte in die Familie der Argenſons geheirathet, die in Be⸗ treff der Mittel nicht viel höher ſtand, als er, ſofern die beiden Töchter Eulalie und Clariſſe keine andere Mitgift beſaßen, als altadeliges Blut und hohe Schönheit. Eulalie hatte, inſofern ſie den Monſieur Beauregard heirathete, dieſe Vortheile ſchlecht zu benützen verſtanden; Clariſſe da⸗ gegen, die jüngſte, ſchönſte und ehrgeizigſte von den beiden Schweſtern, verließ bald nach Eulaliens Vermählung Lan⸗ guedoc, um mit dem feſten Entſchluß, den Mißgriff ihrer Schweſter nicht nachzuahmen, nach Paris zu ziehen. Sie war nämlich von einer Verwandten, Madame de Conflans, die zwar verhältnißmäßig nur geringe Mittel beſaß, aber Zutritt in die höchſte Geſellſchaft von Paris hatte, einge⸗ laden worden, ihren bleibenden Aufenthalt bei ihr zu neh⸗ men. Madame de Conflans, eine alte kinderloſe Wittwe, war ganz bezaubert von der auffallenden Schönheit ihrer Großnichte und ſtrengte ſich auf's Aeußerſte an, ihr Auf⸗ treten in den Kreiſen der beau monde ſo glänzend als möglich zu machen. Clariſſe's début erwies ſich auch als vollkommen erfolgreich; ganz Paris lag zu ihren Füßen, und es gewann den Anſchein, als könne ſie nach Willkür aus der Blüthe des franzöſiſchen Adels ſich einen Gatten wählen. Vielleicht hätte ſie auch einen Herzog oder Fürſten davon tragen mögen, wenn nähere Erkundigungen ergeben haben würden, daß ſie eine reiche Erbin ſei; ſo aber ver⸗ lor ihre Schönheit, die nicht gehoben wurde par les beaux yeux de sa cassette, ihren Zauber, und noch ehe die Saiſon um war, galt Mademoiſelle Argenſon bereits als passée; als verblichene Göttin, vor deren Altar es kaum mehr anzubeten lohnte. Nur ein Verehrer machte eine Ausnahme, obſchon er nie in leidenſchaftlichen Ergüſſen ſeine Bewunderung gegen den Stern von Languedoc kund gethan hatte. Dieſer war der junge, elegante und reiche Graf von Vérincourt. Er fehlte nie bei den Reunionen der Madame de Conflans und war der allein Treue unter den Treuloſen, die um die voll aufgeblühte Provinzblume herflatterten. Es iſt in den Memoires inédits, denen ich die Einzelnheiten dieſer Ge⸗ ſchichte entnehme, nicht ausgeſprochen, daß der artige, mun⸗ tere Graf von Vérincourt der Mademoiſelle d'Argenſon in ernſtlicher Abſicht den Hof machte. Ohne Zweifel fühlte er ſich wohl in ihrer Nähe und ließ dies merken; die vol⸗ len reichen Laute, das eindringliche Pathos ihrer Stimme, wenn ſie die Romanzen ihrer Heimath ſang, beſchworen vor ihm die Erinnerung ſeiner Knabenzeit herauf und er⸗ füllten ihn mit Entzücken. Ob dies wohl Alles war? Ja, Alles— weiter nicht. Wohl reichte es unter den Einflüſterungen der in ihre Großnichte vernarrten Ma⸗ dame de Conflans aus, in Clariſſe den Wahn hervorzu⸗ rufen, daß ſie von Adolph de Vérincourt wirklich geliebt ſei, und daß er nicht mehr lange zögern werde, ſich offen zu erklären. Die Wunde, die ihrer Citelkeit durch die Ent⸗ deckung des wahren Sachverhalts geſchlagen wurde, wäre ohne Zweifel bald zu verſchmerzen geweſen; aber leider weckte die vermeintliche Leidenſchaft des hochgeborenen Ver⸗ ehrers ein entſprechendes Gefühl in dem Herzen des Mäd⸗ chens. Sie liebte den Grafen, obſchon ich kaum zu ſagen brauche, daß ſie dieſe Wahrheit Niemand geſtand, als ſich ſelber. So hatten ſich die Dinge zwiſchen den Familien de Vérincourt, Argenſon und de Conflans geſtaltet, als der ruinirte Monſieur Beauregard mit ſeiner kleinen Eulalie Sie wurden von Clariſſe und Madame —6 46* 364 ——⅓ꝛõʃ:—õ————y; — de Conflans freundlich aufgenommen. Der Graf de Vörin⸗ court beſaß zwar keinen Einfluß bei der Regierung, dafür aber eine volle Börſe, welcher Monſieur Beauregard flei⸗ ßig zuſetzte, um, da er nichts Anderes zu thun hatte, das leicht Errungene ebenſo hurtig unter den habitués der Pa⸗ riſer Spielhölle wieder durchzujagen. Der Schluß dieſes Treibens war— die Morgue. Eulalie wurde nach der Kataſtrophe, welche ſie zur Waiſe machte, von Madame de Conflans und Clariſſe Argenſon noch zärtlicher gehätſchelt. Ebenſo mitleidig er⸗ wieſen ſich der Graf de Vérincourt und ſeine Mutter, der erſtere vielleicht hauptſächlich deßhalb, weil er die unmittel⸗ bare Urſache der Verzweiflung zu ſein glaubte, welche den S, 5 Sh ,, Feierſtunden. 1865. ———:———————— unglücklichen Mann zum Selbſtmord bewog, indem er ein⸗ mal ein ziemlich bedeutendes Anlehen, wie Monſieur Beau⸗ regard ſeine Attentate auf des Grafen Börſe nannte, etwas haſtig abſchlug, obſchon er einem zweiten Anlauf wahr⸗ ſcheinlich keinen Widerſtand zu leiſten vermocht hätte. Nachdem ſich der Jammer, welcher Beauregards Tode folgte, gelegt hatte, ſetzte de Vérincourt ſeine unbeſtimm⸗ ten Aufmerkſamkeiten(wie ich ſie nennen möchte) gegen Clariſſe Argenſon eifriger fort, als vielleicht je, und die junge Dame ſah nebſt ihrer ſanguiniſchen Verwandten Ma⸗ dame de Conflans von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde einer förmlichen Erklärung entgegen. So finde ich den Stand der Angelegenheiten, als (Zu Sei Madame Montauban mit ihrer Tochter Celeſte aus Lan⸗ guedoc anlangten, wo ſie nahe Nachbarn der Familie Ar⸗ genſon und Beauregard geweſen waren. Sie kamen nach Paris, um die Anſprüche des Generals Montauban(viel⸗ leicht eines Vorfahren des Montauban, welcher letztere Zeit die franzöſiſchen Truppen in China kommandirte) auf Ent⸗ ſchädigung für bedeutende Verluſte zu verfolgen, welche der⸗ ſelbe, als er zu Pondichery in franzöſiſchem Dienſt ſtand, um ſeiner dienſtlichen Eigenſchaft willen in Oſtindien er⸗ litten hatte. Die Rechtsgelehrten, bei welchen ſich Madame Montauban Raths erholte, ſprachen zweifelhaft von dem Reſultat. Madame de Conflans und Clariſſe nahmen war⸗ men Antheil an den Sorgen und der Bekümmerniß ihrer Bekannten, und namentlich ſympathiſirte Clariſſe mit Ce⸗ te 363.) leſte, der Geſpielin ihrer Kindheit, der Schulkameradin und der theuren Freundin, mit der ſie im Flügelkleid ſo manche wirre Idee über von der Mama verbotene Gegenſtände ausgetauſcht hatte. Mademoiſelle d'Argenſon, die in Paris ſchon eingewohnt war, beſtand darauf, den Neuling aus der Provinz unter ihren Schutz zu nehmen, und als Ma⸗ dame de Vérincourt ihre Abſicht ankündigte, in ihrem Hotel einen Ball zu geben, bewirkte Clariſſe nicht ohne Einſprache von Seiten der Madame de Conflans, daß auch Madame und Mademoiſelle Montauban eingeladen wurdenn Mademeiſelle d'Argenſon muß ſich ihrer Mächt über den Grafen de Vérincourt ſehr ſicher gefühlt haben, da mx ſonſt nicht erklären könnte, wie ſie mit dem jun⸗ 3 n Celeſte Montauban bekannt machen mochte, die d mn er ein⸗ ur Beau⸗ e, etwas if wahr⸗ tte. rds Tode abeſtimm⸗ te) gegen und die dten Ma⸗ au Stunde iten, als Feierſtunden. 1865. 365 —:ꝛ———y—y————ÿ—ÿ—ÿ—ꝛO—-———— Geiſt und die volle verführeriſche Anmuth einer feinen Bil⸗ ſie Gräfin de Vérincourt. dung verband; ihre Augen funkelten in lichter Klarheit, ihre Drei Wochen nach der Trauung verließ Clariſſe Ar⸗ Wangen ſtrahlten vor roſiger Gluth, und ihre Lippen zeig⸗ genſon Paris, angeblich um in ein berühmtes Kloſter der ten die thauige Friſche, welche in der Atmoſphäre der Städte Languedoc zu gehen. Einige Zeit nachher ſchrieb ſie ihrer ſo bald vertrocknet und hinwelkt. Freundin Madame de Conflans, daß ſie wirklich in den Madame de Conflans, die eine ſchlaue alte Dame Orden eingetreten; ſie ſei entſchloſſen, der Welt für immer war, machte wie geſagt Vorſtellungen, und zwar um ſo Lebewohl zu ſagen, und bitte daher ihre treue und erprobte ernſtlicher, nachdem ſie in ihrem Hauſe Zeuge geweſen, wie Freundin, ſie als todt zu betrachten, und ſelbſt nicht in der Graf de Vérincourt und Mademoiſelle Montauban ſich Briefen den Verſuch zu machen, einen Verkehr mit ihr bei ihrer erſten Begegnung benahmen. Doch man ließ die zu unterhalten. Jeder Brief würde unerbrochen zurück⸗ Alte nichts gelten. Clariſſe beſtand auf ihrem Sinn— gehen mit der Bemerkung, daß man in dem Kloſter mit der lieblichen Friſche der Landluft einen aufgeweckten Celeſte ging auf den Ball— und einen Monat ſpäter war (Zu Seite 368.) der Urſulinerinnen von B— keine Clariſſe Dalrgenſon arfahrrn, wenn wir einen Blick in die Papiere werfen, mit kenne. deren Lektüre wir bereits Mademoiſelle Eulalie Beauregard Und ſo war es auch. Zwei Schreiben, die Madame beſchäftigt geſehen haben.. de Conflans an ſie erließ, kamen, ohne im Kloſter erbrochen Der Graf und die Gräfin von Vérincourt müſſen in wonden zu ſein, mit der Aufſchrift zurück:„II wy a pas ſehr glücklicher Ehe mit einander gelebt haben. Es wur⸗ une] Mademoiselle Argenson ici(es gibt hier keine Ma⸗ den ihnen drei Kinder geboren, lauter Mädchen, die Celeſte, deztioiſelle Argenſon).“ Man hielt dies für eine bloſe Aus⸗ Adrienne und Julie hießen. Die alte Gräfin ſtarb unge⸗ fen cht, da in den katholiſchen Klöſtern die Nonnen den fähr zwei Jahre nach der Geburt des erſten Kindes, und N men, welchen ſie in der Welt trugen, abzulegen und Madame Montauban folgte ihr bald nach. Dieſe vorüber⸗ eil jen neuen anzunehmen pflegen; im vorliegenden Falle war gehenden Wolken trübten nur zeitweilig den heiteren Him⸗ jedhoch Erklärung der Mutter Superiorin in vollem mel, der den Eheſtand des gräflichen Paares beglückte. Fenſt meint, denn Clariſſe d'Argenſon hatte nie ihren Auch Madame de Conflans war geſtorben, und man ver⸗ Pes über die Schwelle des Kloſters geſetzt. Wo und wie muthete, die Trennung von ihrer geliebten Clariſſe habe fn die nächſten vier oder fünf Jahre nach ihrer Entfernung ihren Tod beſchleunigt. Da hiedurch Eulalie Beauregard acs dem Hauſe ihrer Großtante verbrachte, werden wir ſchutzlos geworden, ſo nahmen die Vérincourts ſie in ihr — — ——— 42— — 366 Haus auf. Sie war die Spielgefährtin der Kinder, und man wollte ihr die nämliche Erziehung zu Theil werden laſſen, wie dieſen, kurz Alles thun, was durch guten Wil— len und reichliche Mittel erzielt werden könnte, um ihr eine glückliche Zukunft zu bereiten. Julie Vérincourt war erſt fünf Monate alt, als aus dem klaren wolkenloſen Himmel ein Blitzſtrahl niederzückte und den ſtolzen Bau glücklicher Häuslichkeit in Trümmer legte. Im Hotel de Vérincourt brach ein Nervenfieber aus, von dem auch die Gräfin befallen wurde. Man ſchaffte daher in aller Eile die Kinder nach dem zwölf Stunden von Paris entlegenen Landſitz des Grafen,„Les Ormeaux“ genannt, und gab ihnen einen alten treuen Diener wie auch die Amme mit, welche die kleine Julie ſäugte. Eine Woche entſchwand; mit der Gräfin ging es beſſer, und der Graf, der nur in ſeinen Kindern zu leben ſchien, brach nach den Ormeaux auf. Hier angelangt, fand er das Haus und die ganze Umgegend in der größten Aufregung. Kinder waren in der letzten Nacht, ohne daß die Diener⸗ ſchaft etwas davon gehört hatte, aus ihren Betten geſtoh⸗ len und fortgeſchleppt worden. Am Haus ſelbſt bemerkte man nicht die mindeſte Gewalt; Thüren und Schlöſſer hatte man ganz ſo gefunden, wie ſie am Abend vorher verwahrt wurden. Die Amme lag in dem Bette, aus dem man ihren Pflegling geraubt, in einem ſo tiefen Betäubungs⸗ ſchlaf, daß ſie kaum geweckt werden konnte. Ohne Zwei⸗ fel hatte man ihr einen Schlaftrunk beigebracht— aber wie und wer? Sie war eine ſehr enthaltſame Perſon, die nichts zu Nacht gegeſſen, als etwas Brod, in Milch ge⸗ brockt, die ſie ſelbſt aus der Speiſekammer geholt hatte. Die Haushälterin und das übrige Geſinde erwachte gleich⸗ falls viel ſpäter als gewöhnlich, und der Jäger Philipp Le Brun, ein alter Soldat, der abwechſelnd mit einem Kameraden die Thorwache beſorgte, wurde am hellen Tag auf dem Hausflurboden in tiefem Schlaf gefunden. der Ankunft des Grafen waren bereits Gensdarmer ⸗ dem Platz; aber ihre gewohnte Sehlaaeit Lef 8 Fer vuif kommen im Stich, indem ſie nicht daß. fr ,, 4 was ihnen zu einem Ahetsdunteſe demig itde ded man den Grafen fragte, ob ανulte dieren können. Groll gegen ihn hege Niemand kenne, der einen weder er noch ſeine⸗ vortete er, daß ſeines Wiſſens — ein Beweie⸗ GHattin einen perſönlichen Feind habe weit einge⸗, daß er ſich mit Clariſſe Argenſon nie zu ahnt⸗ aſſen, wie denn auch die Gräfin nicht entfernt cc, daß ihre Verheirathung mit dem Grafen der Freun⸗ oin, die ſie mit demſelben bekannt gemacht, zu einer Tod⸗ feindſchaft Anlaß gegeben haben konnte. Die Verzweiflung des Grafen läßt ſich wohl denken, nicht aber beſchreiben. Hohe Belohnungen wurden ausgeboten, das Land in allen Richtungen durchſtreift— Alles vergeblich. Der troſtloſe Vater kam ſiebenzehn oder achtzehn Stunden nicht aus dem Sattel und gerieth in ein Gewitter, das ihn bis auf die Haut durchnäßte. Ein Folge davon war, daß er, nachdem er wieder in Les Ormeaux eingetroffen, von einem hitzigen Fieber befallen wurde, welches nach kurzem Krankenlager ihn dahin raffte..— Die Gräfin hatte es ihrer guten Konſtitution zu dan⸗ ken, daß ſie ſich allmälig, obſchon nur ſehr langſam, kör⸗ perlich wieder erholte; ihr Geiſt jedoch fand lange nicht die frühere Spannkraft wieder. Der Verluſt ihrer Kinder zehrte weit mehr an ihrem Herzen, als der Tod ihres Gat⸗ ten. Sie wußte, er hatte Ruhe gefunden und ſchlief nach des Lebens Fieberſchauern; aber Celeſte, Adrienne, Iulie, die Engel, welche Gott ihr anvertraut hatte— wo waren — Seine Feierſtunden. 1865. —-——— ſie? Welche Leiden mußten ſie wohl durchmachen, in wel⸗ ches Jammerleben ſich hineinfinden? Dieſer ſchreckliche Ge⸗ danke war der Fluch ihres Daſeins, obſchon ſie hin und wieder der träumeriſchen Hoffnung, ja ſelbſt nach Ablauf vieler Jahre noch faſt dem Glauben Raum gab, daß ſie eines Tages wieder zu ihr zurückkehren müßten. Zufälliger Weiſe waren alle drei mit eigenthümlichen Muttermalen verſehen. Aus dieſem Umſtande ſchöpfte die etwas aber⸗ gläubiſche Dame eine günſtige Vorbedeutung. Gott ſelbſt hatte ſie vorſorglich gezeichnet, damit die Mutter, wenn ſie die Langverlorenen wieder fand, dieſelben gut wieder erken⸗ nen konnte. Eulalie füllte durch ihre Lebhaftigkeit gewiſſermaßen die Lücke aus, welche durch den Verluſt der geliebten Kin⸗ der in dem Leben der Gräfin de Vérincourt eingetreten war, denn die letztere glaubte in der Entwicklung ihrer Pflege⸗ tochter alle die Stadien zu ſehen, die Celeſte, Adrienne und Julie in dem Fortſchreiten von kindlicher zu jungfräulicher Schönheit zurückgelegt haben würden. Mademoiſelle Eulalie, die inzwiſchen ihren zwanzigſten Geburtstag erreicht hatte, war, wie ein Bildhauer ſagen würde, ein Modell für jugendliche Schönheit; aber die reizende Hülle bekleidete einen ſo ehrgeizigen, kühnen und durch keine Gewiſſenhaftigkeit gebundenen Geiſt, daß ihre weiße Hand im Nothfalle beim Faſſen eines Dolches ſo ſicher zugegriffen hätte, wie bei dem Entgegennehmen eines Blumenſtraußes. Für ihre Er⸗ ziehung waren keine Koſten geſcheut worden; auch ſpielte ſie auf den de Vörincourt'ſchen Beſitzungen in der Stadt ſowohl als auf dem Lande unbedingt die Herrin, und die Gräfin hatte ſie für den Fall, daß ihre Kinder nicht wie⸗ der zum Vorſchein kämen, mehr denn einmal zur Erbin des ganzen Vérincourt'ſchen Vermögens erklärt. Jedermann ſagte, der Gedanke ach ſo langer Zeit die verlorenen Mädhen wieder aufzufinden, ſei eidIperrückter Wahn, und Bei/ Mademoiſelle Beauregard konnte daher zidarſicthii auf eine glänzende eheliche Verbindung rechnen; in der Thar waren auch zu der Zeit, als ſie von Zürich aus das bekannte ver⸗ ſiegelte Packet erhielt, Unterhandlungen im Werk, die auf eine Vermählung mit dem Erben eines herzoglichen Titels und bedeutender Güter abzielten.— Aus dem Mitgetheilten wird man ſich eine Vorſtellung machen können von den Gefühlen, mit welchen eine junge Dame eine Eröffnung leſen mochte, durch die ſie aus ihrer ſtolzen Höhe plötzlich in eine verhältnißmäßig tiefe Niedrig⸗ keit hinabgeſtürzt wurde. 4... Der Inhalt jener Mittheilung läßt ſich in wenige Worte zuſammenfaſſen. Die Schreiberin, Mademoiſelle Beauregard's Tante, ehedem Clariſſe d'Argenſon, hatte, durch die Heirath der Celeſte Montauban mit dem Grafen de Vérincourt in Wahnſinn geſetzt, dem Dämon ⸗Muche Eingang in ihr Herz geſtattet und ihr ganzes Sein und Denken ſeinem Einfluß untergeordnet. Während ſie ſich bei Madame de Conflans unter dem Vorwande einer lei⸗ 3 2* an ihrer verrätheriſchen Nebenbuhlerin ſann, erhielt ſie eicu, denden Geſundheit in ihrem Zimmer abſchloß und auf Razis, Brief von einem gewiſſen Alexis Féval, einem Herrn, ½ ſie mehrmals in Geſellſchaft getroffen und dem ſie eine ale⸗ richtige Zuneigung eingeflößt hatte. Er bot ihr ſeine Hahe an mit der Erklärung, daß ſein Vermögen nicht viel mirne als zweimalhunderttauſend Franken betrage, mit denen freilich nicht hoffen dürfe, ihr die Stellung zu ſichern, zy der ſie berechtigt ſei; doch habe er noch Ausſichten, auf di man freilich nicht mit Beſtimmtheit rechnen könne. Clariſſ— d'Argenſon nahm dieſen Antrag in Erwägung. Einer d — —2— 2 —,———X—y, ꝗ—,—— „in wel⸗ lliche Ge⸗ hin und Ablauf daß ſie ufälliger ttermalen was aber⸗ pott ſelbſt wenn ſie der erken⸗ ſeermaßen bten Kin⸗ ceten war, r Pflege⸗ ienne und fräulicher Eulalie, ht hatte, ddell für dte einen haftigkeit alle beim wie bei ihre Er⸗ ch ſpielte er Stadt und die icht wie⸗ ar Erbin dermann erlorenen ahn, und hauf eine u' waren. unte ver⸗ die auf m Titels rſtellung ne junge us ihrer Niedrig⸗ wenige emoſſelle 1, hatte, Grafen kanhe ein und ſe ſic iner lel, G 2!*£ uf Rais, ſie eiug, 3 rrn, eine ou ne Hiche jel mue denen Pern, r nuf d Clariſg Einet — ſchärfſten Sporne ihrer Rachſucht war der bittere Gedanke geweſen, fortan den Hohnreden der Pariſer Salons und ihrer habitués ausgeſetzt zu ſein, welche recht wohl wuß⸗ ten, wie ſcharf ſie nach der Beute geangelt hatte, die zu⸗ letzt doch ihrer bereits ausgeſtreckten Hand entwiſchte. Die⸗ ſer Demüthigung konnte ſie jetzt aus dem Wege gehen. Ihre beſſere Natur— es war ihr ſtets geweſen, als ſtehe ſie unter dem Einfluß eines geiſtigen Dualismus— ge⸗ wann die Oberhand, und ſie lud Alexis Féval zu einer Beſprechung ein. Die Zuſammenkunft fand ſtatt. Der feurige Liebhaber ging bereitwillig auf die Bedingung ein, die Ehe geheim zu halten, und unmittelbar nach Voll⸗ ziehung derſelben Paris zu verlaſſen, um nach ſeinem Landſitz bei Amiens in der Picardie zu ziehen. Wie ſie ihre Sti⸗ pulationen annehmbar machte, iſt nicht näher angegeben, und ſo muß uns genügen, daß ſich Alexis Féval darüber zufrieden gab. Herr und Frau Féval lebten ziemlich glück⸗ lich mit einander: der Gatte wenigſtens hielt ſich für den glücklichſten Mann von der Welt während der drei Jahre ſeiner Ehe mit Clariſſe, die ihm zwei Kinder, einen Kna⸗ ben und ein Mädchen, gebar. Ein Zufall, das Zerſprin⸗ gen einer Vogelflinte, wurde für Monſieur Féval verhäng⸗ nißvoll; der berſtende Lauf riß ihm die Finger weg, und er ſtarb an Wundſtarrkrampf. Er hatte die Nutznießung ſeiner geſammten Habe ſeiner Gattin zugeſchrieben, die, obſchon ſie ſich über ſeinen Verluſt ſehr grämte, doch einen Troſt und Frieden in dem Leben ihrer Kinder fand. Leider ſollte dies nicht lange währen. Der Knabe und das Mäd⸗ chen erkrankten, und im Laufe eines Monats mußte ſie beide begraben. Wieder gewann die böſe Natur in ihr die Oberhand, und auf's Neue bemächtigte ſich ihrer der Teu⸗ fel der Rachſucht. Sie hatte gehört, daß der Graf und die Gräfin von Vérincourt mit ſchönen, geſunden Kindern geſegnet waren. Warum ſollten die leben und die ihrigen ſterben? Madame Féval entäußerte ſich des liegenden Eigen⸗ thums, das ihr Gatte ihr hinterlaſſen, reiste in ſtrengem Geheim nach Paris, nach den Ormeaux, und ſättigte ihren hungrigen Haß durch den Anblick der Vérincourt'ſchen Kin⸗ der, wenn ſie, bisweilen von ihrer verabſcheuten Mutter begleitet, in den Gärten der Tuilerien oder in der Umge⸗ bung des Landhauſes ſpazieren geführt wurden. Endlich bot ſich eine Gelegenheit, die armen Kleinen zu entführen, und Madame Féval benützte ſie mit Begier. Der Jäger Le Brun, den man bei hellem Tage ſchlafend getroffen, hatte das Ganze gegen eine ſchwere Beſtechung eingeleitet und den Kindern ſowohl, als der Dienerſchaft einen Schlaf⸗ trunk beigebracht. Das älteſte Schwierigkeit, denn ſie konnte ſich nicht ſogleich darein fin⸗ den, daß ihr Vater und ihre Mutter geſtorben ſein ſollen, und namentlich begriff ſie nicht, warum ihre angebliche Tante darauf beſtand, ſie und ihre Geſchwiſter künftig Marie, Lucille und Henriette Delatour zu nennen. Das kindliche Gehirn gewöhnte ſich jedoch mit der Zeit an die aufgedrungenen Eindrücke, und von dieſer Seite her war keine Gefahr mehr zu beſorgen. Die Unſchuld und Schön⸗ heit der Mädchen entzündete in der Bruſt der Madame Féval oder Calas die innigſte Zuneigung. Sie konnte ſich nicht mehr von denſelben trennen, am allerwenigſten ſie ihrer verhaßten Mutter abtreten, und ſuchte daher die ſcharfen Pfeile des Gewiſſens dadurch abzuſtumpfen, daß ſiß ſich mit mehr als mütterlicher Sorglichkeit ihr Wohl 8 liehen ſein ließ. Es war, wenn auch eine ſchwache, den doch einige Sühne für die lange und grauſame Berau⸗ alſogg der Madame de Vérincourt, daß ihr die Kinder mit F 3A Kind Celeſte machte einige f 367 —õ—————y ſo reinem Herzen und ſo gebildetem Geiſt zurückgegeben werden konnten, als ſei das Verbrechen nie an ihnen ver⸗ übt worden— ein Verbrechen, für das die reuige Sün⸗ derin, vor der ſich die Pforten der Ewigkeit aufthaten und wieder geſchloſſen ſein mußten, eh' ihre Schrift die tiefge⸗ kränkte Mutter erreichte, demüthig um Verzeihung bat, wenn in einem ſolchen Falle menſchliche Verzeihung mög⸗ lich war. In einem bedeutungsvollen Zuſatz war angegeben, wenn Madame de Vérincourt ſich nicht ohne allen Zeit⸗ verluſt mit dem Notar benehme, der von dem Sachverhalt vollkommen unterrichtet ſei, ſo werde derſelbe der Gräfin perſönlich ſeine Aufwartung machen. Madame Féval habe gewünſcht, der Tochter ihrer Schweſter Eulalie eine Gele⸗ genheit zu bieten, ihrer Stellung im Hauſe der Gräfin, die ſich jetzt nothwendig ändern müſſe, eine möglichſt gün⸗ ſtige Wendung zu geben; wenn ſie die Schrift geleſen habe, ſolle ſie dieſen Zuſatz wegſchneiden und verbrennen. Man kann ſich denken, daß Eulalie, nachdem ſie die⸗ ſer grauſame Schlag des Schickſals getroffen, lange brauchte, bis ſie es über ſich gewonnen hatte, ihr Geſicht in ein Lächeln zu kleiden und in den Ton ihrer Stimme den Aus⸗ druck unbegrenzter Freude zu legen, als ſie mit zartfühlen⸗ dem Eifer die Gräfin de Vérincourt in Kenntniß ſetzte, daß die Kinder gefunden ſeien und ſich nach der Umarmung der Mutter ſehnten. Wie oft mag ſie Probe gehalten haben über dieſe Rührſcene, welche ſchließlich ſo gut aus⸗ fiel, daß Mademoiſelle Eulalie höher als je ſtand in der Achtung der Frau Gräfin. Jedermann erklärte eine ſolche Uneigennützigkeit für entſchieden erhaben; aber gleichwohl wurde von der beabſichtigten ehelichen Verbindung mit dem Herzogſohne nicht weiter geſprochen. Von Eulalie Beauregard begleitet, brach die Frau von Vérincourt ſchon am andern Morgen früh mit Extrapoſt nach Zürich auf. Die Kinder waren durch den Geiſtlichen und den Notar ſchon auf die Ankunft der Mutter vorbe⸗ reitet. Die Begegnung muß eine überglückliche geweſen ſein und für allen Jammer der Vergangenheit Erſatz ge⸗ leiſtet haben.— Die innige Freundſchaft, welche Mademoiſelle Beau⸗ regard für die drei Schweſtern de Vérincourt an den Tag legte, erſchien der Geſellſchaft als erhebendes Muſter, und nur Jeanette Lacroſſe, einer ſchlauen Picardin, welche die jungen Damen innig liebte, kam ſie unbegreiflich vor. Eulalie nahm die Toilette der Schweſtern und ihre An⸗ kleidetiſche in ihre beſondere Obhut. Die modiſchen Par⸗ ümerien, die Cosmetica, die wohlriechenden Waſſer, alles wurde von ihr beſorgt, da natürlich die Fräulein de Véri⸗ court in ſolchen Dingen Neulinge waren. Unter den duf⸗ tigen Eſſenzen gab Mademoiſelle Eulalie dem Eau d'or (Goldwaſſer) den Vorzug, das ebendamals in Paris be⸗ rühmt war und, wie heutzutage das cölniſche Waſſer, hin und wieder auch eingenommen wurde. Auf dem Toiletten⸗ tiſch einer jeden der Schweſtern, wie auch auf dem der Demoiſelle Beauregard, ſtanden ſtets fünf oder ſechs Fläſch⸗ chen mit Eau d'or. Darin lag gewiß nichts, was hätte Mißtrauen erregen können; Jeanette aber wurde gleichwohl argwöhniſch. Sie bemerkte nämlich, daß Mademoiſelle Eu⸗ lalie jedesmal ſorgfältig die Aufſchriften der Flacons las, ehe ſie dieſelben vertheilte, obſchon einer wie der andere ausſah. Was mochte dies zu bedeuten haben? Jeanette nahm ſich vor, ſcharf aufzupaſſen, um dahinter zu kommen. Im Hotel de Vérincourt wurde ein großer Ball ge⸗ geben. Der Erbe des herzoglichen Titels und ausgedehnter 368, Ländereien, der ſich früher um die Hand der Eulalie Beau⸗ regard bemüht, hatte ſeine Bewunderung Celeſte de Véri⸗ court zugewandt, mit welcher er ſo oft tanzte, als die Eti⸗ quette es geſtattete. Die junge Gräfin war augenſcheinlich ſehr erfreut über ſeine Aufmerkſamkeiten. Die Geſellſchaft ging ſehr ſpät auseinander, und es wurde Mittag, bis die Damen der Familie bei Frühſtück erſchienen. Da Celeſte nicht kam, ſo ſchickte die Frau Gräfin nach ihr. Es vergingen einige Minuten, dann aber erſcholl ein Schrei, dem die Klagerufe mehrerer Weiber⸗ ſtimmen folgten, durch das Haus. Mademoiſelle Celeſte war todt gefunden worden, ausgeſtreckt auf dem Boden ihres Schlafgemachs, im Nachtkleide und ganz ſo, wie ſie ihr Mädchen verlaſſen hatte. Sie war noch nicht im Bette geweſen, und auf dem Boden neben ihr lag ein leeres Eau d'or-Fläſchchen. Jeanette Lacroſſe fiel dies auf, und ſie nahm ſich den Umſtand zu Herzen, daß kein anderes ſolches Fläſchchen zu ſehen war, obſchon ſie ſonſt zu einem halben Dutzend auf dem Ankleidetiſch ſtanden. Die ſogleich herbeigerufenen Aerzte meinten, das Fräulein müſſe an einer nicht geahnten organiſchen Krankheit des Herzens geſtorben ſein, und gaben ihr Gutachten in dieſer Richtung ab. Von dieſer Zeit an verbreitete ſich das Gerücht, die drei Fräulein de Vérincourt ſeien ſchon ſeit Jahren mit organiſchen Herzleiden behaftet, hörten aber nicht gerne da⸗ von ſprechen. Auf Niemand, ſelbſt auf die Mutter und die Schweſtern nicht, machte Celeſte's plötzlicher Tod einen ſchmerzlicheren Eindruck, als auf Eulalie Beauregard. Ihre ängſtliche Sorge ſteigerte ſich nun in Betreff der beiden lebenden Schweſtern, und ſie lag zu allen Zeiten der Gräfin an, bald dieſen bald jenen berühmten Arzt zu berufen und von ihnen zu hören, welche Vorſichtsmaßregeln ſie bei Per⸗ ſonen für nöthig hielten, die einer organiſchen Herzkrankheit verdächtig ſeien. Wenn die Schweſtern lebhaft tanzten oder raſch die Treppe hinaufgingen, ſo verwies es ihnen die wachſame Eulalie mit mütterlichem Ernſt. Wer mochte auch ſo mit ſeinem koſtbaren Leben ſpielen? Jeanette Lacroſſe lauerte auf wie ein Luchs und wachte namentlich über die Sicherheit ihrer Nährtochter Julie, die ſie ſo lange unter dem Namen Henriette gekannt hatte. Wohl auch, aber nicht im gleichen Maße, war ſie um Adrienne bekümmert. Am drückendſten fiel ihr jedoch, daß ſie es nicht wagen durfte, ihren Argwohn anzudeuten— Eau d'or war ein vollkommen unſchädliches, viel gebrauch⸗ tes Gemiſch von pflanzlichen Riechſtoffen. Jeanette konnte nur wachen und beten. Monate entſchwanden, ohne daß die organiſche Herz⸗ krankheit ein anderes Fräulein de Vérincourt hingerafft hätte, und Jeanette begann zu vermuthen, ihr Argwohn ſei ungerecht geweſen. Indeß erlahmte ſie doch nicht in ihrer Sorglichkeit, indem ſie namentlich, wo es unbemerkt Feierſtunden. 1865. geſchehen konnte, keine Gelegenheit verſäumte, die Eau d'or- Pariſer Apotheker, Flacons auf dem Toilettentiſche Eulaliens nach dem ihres jungen Fräuleins und umgekehrt die auf Juliens Tiſch nach dem der Mademoiſelle Beauregard zu bringen. Es kam nichts mehr vor, und da Julie bald darauf ———j———— —————— wie die ſchlaue Picardin bei ſich ausrechnete, keine ſonder⸗ liche Gefahr, denn wenn nur eine einzige Tochter am Le⸗ ben blieb, ſo war Eulalie Beauregard von dem Erbe ſo wirkſam ausgeſchloſſen, wie wenn alle drei noch lebten. Aber Julie war noch nicht verheirathet, noch nicht aus dem mütterlichen Hauſe nach einem andern gezogen, in das ihr jedenfalls die Beauregard nicht folgen konnte. Wir müſſen hier noch bemerken, daß die Schweſtern einen in⸗ ſtinktartigen Widerwillen gegen Eulalie hatten und ihr möglichſt aus dem Wege gingen, trotzdem daß ſie bei der iſ Frau Gräfin ſo hoch in Gunſten ſtand. Der Abend des Tages kam heran, an welchem das förmliche Verlöbniß ſtattfinden ſollte; es waren viele Zeu⸗ gen geladen, welche der Unterzeichnung des Ehevertrags an⸗- wohnen ſollten, und nachher fand ein prächtiges Soupé im Hotel Vérincourt ſtatt. An dieſem Abend richtete Jeanette Lacroſſe ein beſonders ſcharfes Augenmerk auf die Ankleide⸗ und Schlafzimmer der Fräulein. Sie erklärte ſpäter, ſie habe geſehen, wie Mademoiſelle Beauregard ein Fläſchchen Eau d'or vorn auf den Toilettentiſch der Fräulein Julie hinſtellte, und nach der Entfernung der erſteren ſich die Freiheit genommen, beſagtes Fläſchchen gegen ein anderes, das in dem Schlafzimmer der Mademoiſelle Beauregard ſtand, auszutauſchen. Die Damen der Familie Vérincourt und Mademoi⸗ ſelle Beauregard zogen ſich Morgens gegen zwei Uhr nach ihren Schlafgemächern zurück. Die Letztere hatte ſich mit ihrem Kammermädchen kaum fünf Minuten auf dem ihri⸗ gen befunden, als man gleichzeitig einen ſchweren Fall und einen lauten Schrei aus dem Munde der Dienerin ver⸗ nahm.(Siehe Bild auf S. 365.) Eulalie lag auf dem Boden, beſinnungslos, todt. Man ſchickte nach ärztlicher Hülfe— vergebens. Eulalie blieb todt, und in ihrer ge⸗ ballten Hand fand man ein leeres Fläſchchen mit der Auf⸗ ſchrift Eau d'or. Die wohlweiſen Doktoren rochen daran und kamen überein, daß es nichts Schädliches, ſondern nur Eau d'or ſei. Herzkrankheit ohne Zweifel. In dieſer An⸗ ſicht wurden ſie auch nicht erſchüttert, als Jeanette Lacroſſe, welche ſich ſelbſt für die Urſache von Eulaliens Tod hielt, in großer Aufregung von einer Verwechslung der Fläſchchen ſprach und ſich bitterliche Vorwürfe machte, daß ſie den Giftflacon nicht lieber zum Fenſter hinausgeworfen hatte, ſtatt ihn auf das Nachttiſchchen der Demoiſelle Beauregard zu ſtellen.„Sois tranquille, bonne femme,“ ſagte der königliche Leibmedikus,„der Tod der Mademoiſelle Beau⸗ regard iſt nicht durch Gift, ſondern durch natürliche Ur⸗ ſachen herbeigeführt worden. Ueber den Geruch des Eau d'or kann man ſich nicht täuſchen.“ Im Gegenſatz zu dieſem zuverſichtlichen ärztlichen Aus⸗ ſpruch ſteht die gerichtlich verbürgte Thatſache, daß kaum ein Jahr nach Eulalie Beauregards plötzlichem Tode einem Namens Jean Mourtier, der Prozeß gemacht wurde. Man hatte bei ihm neun Fläſchchen mit der Etiquette Eau d'or gefunden, die ein ſchnell tödtliches Gift in Eſſenzenform, wahrſcheinlich Blauſäure, enthielten. Der Geruch des Giftes war ſo wirkſam maskirt, daß Je⸗ einen reichen und vornehmen Herrn heirathen ſollte, ſo dermann den Inhalt für ächtes und gerechtes Eau d' hatte ſpäter Jeanette nur noch über ein Leben, das der Auch drohte dieſer, Mademoiſelle Adrienne, zu wachen. erklärt haben würde. ine ſonder⸗ eer am Le⸗ n Erbe ſo och lebten. nicht aus en, in das inte. Wir einen in⸗ i und ihr ſie bei der elchem das viele Zeu⸗ ertrags an⸗ Soupé im te Jeanette e Ankleide⸗ päter, ſie Fläſchchen lein Julie n ſich die n anderes, Beauregard Mademoi⸗ i Uhr nach te ſich mit dem ihri⸗ en Fall und enerin ver⸗ g auf dem ärztlicher ihrer ge⸗ it der Auf⸗ ochen daran ſondern nur dieſer An⸗ te Lacroſſe, Tod hilh⸗ Fläſchhe daß ſie den orfen hatte, Beauregard 4 ſagte der elle Beau⸗ ürüiche ll⸗ ch des Pau Feierſtunden. 1865. ——— 369 Chineſiſche Eigenthümlichkeiten und Curioſitäten. Welch' ein eigenthümlicher Menſch der Chineſe iſt, haben wir aus früherer Mittheilung erfahren. Wir wol⸗ len zum Schluſſe derſelben aber auch noch einige wirkliche Kurioſitäten aus ſeiner Art zu leben, ſowie aus ſeiner Art zu arbeiten anführen, die bei dem Leſer gewiß Intereſſe erregen dürften. Nehmen wir nur an, wie ſie in China eſſen und trinken, wie ſie ſitzen und ſchlafen,— welch' ein Unterſchied zwiſchen ihnen und uns? Die Hauptnahrung des Chineſen iſt Reis und nichts als Reis. Morgens, Mittags und Abends Reis und aber⸗ mals Reis,— ein Europäer würde verzweifeln! Ein Chi⸗ neſe fühlt ſich aber wohl dabei, und wünſcht ſich nichts Beſſeres, d. h. er iſt zufrieden, weil er einſieht, daß er in ſeiner Stellung auf eine andere Mahlzeit keinen An⸗ ſpruch machen kann. Fleiſch wird in China überhaupt wenig gegeſſen, weil die Prieſter lehren, daß möglicherweiſe eine menſchliche Seele in dem zu tödtenden Thiere wohne und durch die Qualen, die man dem Thiere anthue, mit⸗ leiden müſſe. Somit iſt der Viehſtand kein allzu großer und höchſtens an Schweinen iſt ein großer Ueberfluß. Daraus folgt, daß nur der Reiche, der Vornehme ſich die Leckerei verſchiedener Fleiſchſpeiſen geſtatten kann,— eine Leckerei, die für uns keine wäre, denn man iſt in der Koch⸗ kunſt im Reich der Mitte noch ſo weit zurück, daß man das Fleiſch nur zu ſieden, nicht aber zu braten und zu röſten verſteht! Aber auch an Vegetabilien kann man ſich in China nicht erholen, denn wo wären Gemüſe nach unſerer Art zu finden? Hat man ja nicht einmal Brod! Allerdings wird außer Reis hie und da auch Hirſe und ſogar Weizen gepflanzt, allein wie weit man in der Benützung dieſer Fruchtgattungen und in deren Verwand⸗ lung in Mehl noch zurück iſt, das ſieht man daraus, daß es noch nicht einmal Mühlen, d. h. von Waſſerkraft ge⸗ triebene Mühlen in China gibt, ja nicht einmal Pferds⸗ mühlen, ſondern höchſtens Handmühlen! Wie kann man alſo erwarten, daß die Kocherei aus Mehl und das Backen des Mehles ein im Reich der Mitte allgemein eingeführter Brauch ſei? In der That wiſſen ſie dort mit dem Mehle nichts anzufangen, als— ohne Sauerteig— eine Art Kuchen daraus zu machen, der über einem Geſchirr mit ſiedendem Waſſer durch den Dampf(einen Backofen kennt man in China nicht) gebacken wird. Natürlich iſt aber dieſe Backerei keine ſolche, die„ausbäckt“ und eine„Rinde“ oder„Kruſte“ erzeugen kann. Die Kuchen ſind alſo„teigigt“ und nach europäiſchen Begriffen ungenießbar; in China aber werden ſie von den vornehmen Damen recht gerne verſpeist. Allein an den„gemeinen Mann“, an den Arbeiter, an den Bauern, an den Handwerker kommen derartige Speiſen nicht, er iſt zufrieden, wenn er alle Tage Reis hat, und hie und da, vielleicht einmal in der Woche oder auch im Monat, ein Stück Schweinefleiſch oder auch eine Portion Geflügel dazu bekommt. Werden ihm ja doch um ſo öfter Fiſche zu Theil, an denen China einen förmlichen Ueber⸗ Fuß hat! Der Arme aber,— ach der Arme! Ihm kom⸗ men nicht einmal Fiſche zu, ſondern höchſtens ein wenig ihnziges Oel, das er in ſeinen Reis miſcht, es müßte ſchn ſein, daß es ihm gelungen wäre, einen Froſch, eine ſiette, oder gar einen Hund zu erwiſchen, welche bei ihm das Schweinefleiſch erſetzen.— Mit der Kocherei ſteht es demnach in China auf ſehr primitivem Fuße. Man braucht alſo nichts, als ein irdenes oder eiſernes Geſchirr, in Feierſtunden. 1865. welches man Waſſer gießt und dann den Reis zuſetzt⸗ Dieſes Geſchirr ſtellt man auf einen eiſernen Roſt oder Firmiß, unter welchem die Kohlen brennen, und nach we⸗ nigen Minuten iſt das Eſſen fertig; denn der Reis iſt, wenn er nur wenig im Waſſer gekocht wurde, für einen Chineſen genießbar. Auch kocht man gleich eine größere Portion, damit man auf längere Zeit verſehen iſt, da ein genügſamer Zopfmann durchaus nicht darauf erpicht iſt, ſeine Mahlzeit warm zu eſſen. Wer in der Welt kann ſich nun rühmen, mit Wenigerem auszukommen, als ein Sohn des Reichs der Mitte? Auf freiem Felde, in der Straße, wo er geht und ſteht, macht er ſeine Mahlzeit fer⸗ tig und verzehrt ſie ohne Tiſch, ohne Stuhl, ja ſogar ohne Löffel, Meſſer und Gabel. Dieſe drei letzteren Artikel kennt er nämlich gar nicht, ſondern ſtatt ihrer hat er kleine Bambusſtäbchen, welche man ein Diminutiv der bei unſern ſüddeutſchen Hausfrauen gebräuchlichen hölzernen Rührlöffel nennen könnte. Sie haben eine Länge von drei bis vier Zoll, ſind rund und nur am Einen Ende ein wenig breit und flach geſchnitten. Der Chineſe nennt ſie Quaitſée und bedient ſich ihrer mit äußerſter Geſchicklich⸗ keit, um ſeinen Stampf von Reisſuppe damit in den Mund zu praktiziren. Natürlich geht es um ſo leichter, wenn man die Taſſe oder die Schüſſel, worin mian ſeinen Reis hat, bis an den Mund emporhebt und gegen die Unterlippe drückt.— Zu was braucht man Meſſer und Gabeln, wenn man kein Fleiſch zu tranchiren hat? Eben ſo einfach wie das Eſſen iſt auch das Trinken; doch darf ſich in dieſer Beziehung auch der gemeine Mann rühmen, wenigſtens etwas beſſer daran zu ſein, als mit dem Eſſen. Wein gibt es allerdings keinen, obgleich die Traube ſchon viele, viele Jahrhunderte vor Chriſti Geburt dort bekannt war. Ja der Kaiſer Ouenti, von der Dy⸗ naſtie Ouei, der etwa 600 Jahre vor Chriſtus lebte, be⸗ ſingt die Traube und den Weinmoſt in jetzt noch vorhan⸗ denen Verſen, als ein zweiter Anacreon auf eine höchſt begeiſterte Weiſe. Allein als der Buddhismus ſich mehr und mehr ausbreitete, welcher ſeinen Prieſtern und über⸗ haupt Allen, die ſich der Heiligkeit zu befleißigen beabſich⸗ tigen, den Genuß des Weins verbietet, kam der Weinſtock in Mißkredit, und man ging ſogar ſo weit, denſelben da, wo er bisher auf's Höchſte florirt hatte, gewaltſam aus⸗ zurotten. Bald bemächtigten ſich die Kaiſer der Sache und erließen ein förmliches Verbot, aus Trauben Wein zu bereiten, ſo daß durch ganze Jahrhunderte hindurch auch an den ſchönſt⸗- und beſtgelegenen Bergen die Weintraube ein⸗ ging und man ſpäter vom Traubenmoſt nur noch„vom Hörenſagen“ wußte. So blieb es, bis die aufgeklärtere Mantſchu⸗Dynaſtie an's Ruder kam; denn— obwohl ſie das Verbot der Weinbereitung nicht förmlich aufhoben,— ſo ließen doch die Kaiſer Kang⸗hi, Yong⸗-tſching und Kien⸗Long eine große Anzahl neuer Rebenſorten aus fremden Ländern einführen, um die Weintraube wieder zu kultiviren und in Ehren zu bringen. So hat man jetzt in China ſeit etwa zwei Jahrhunderten wieder die ſchönſten Trauben, welche die Tafeln der Großen und Reichen zie⸗ ren und als eine äußerſt ſchmackhafte Speiſe gelten;— Wein hat man aber noch immer nicht, obgleich die Zeit nicht fern ſein dürfte, wo man auch an ſeine Bereitung zu denken wagen wird.— Dennoch fehlt es nicht an einem geiſtigen Getränke, nämlich einem aus Reis gemachten 47 ——— 370 Liqueure, welchen man Zamfou nennt. Die Bereitung iſt ſehr einfach. Man ſetzt eine Portion Reis mit Waſſer an und läßt Beides etwa eine Woche lang ſtehen, bis der Reis recht weich iſt; dann kocht man die Brühe bis zur vollſtändigen Auflöſung des Reiſes und ſetzt dann den trü⸗ ben Saft der Sonne aus. Alsbald tritt eine Gährung ein und es zeigt ſich auf der Oberfläche ein leichter Schaum, wie bei unſerem neuen Wein, wenn er„federweiß“ iſt. Unter dem Schaum aber klärt ſich der Saft und wird von Stunde zu Stunde heller und heller. Nunmehr zieht man das Getränke in gut verſchloſſene Gefäße ab und hat einen leichten, angenehm ſchmeckenden Liqueur, der im ganzen Lande maſſenhaft getrunken wird. Den zurückbleibenden trüben Reſt oder die Hefe brennt man und bekommt davon einen ſehr ſtarken Branntwein, Chow⸗chou genannt, der den Rum an Qualität bedeutend übertrifft und ſo berau⸗ ſchend wirkt, daß nur Wenige einer Quantität von einer Viertelsquart(ein Schoppen) widerſtehen können.— Noch eine andere Sorte von Schnaps bereitet man aus vergoh⸗ renem, d. h. verfaultem Lamm⸗ und Hammelfleiſch, aber der Geſchmack iſt ſo beitzend und ſchlecht, daß ein guter Magen und viel thieriſche Trinkwuth dazu gehört, dieſes Getränk zu verſchlucken. Viel verbreiteter als der Zamfou und der Chow⸗chou und auch dem gemeinſten und ärmſten Manne zugänglich, ja das förmliche Nationalgetränke der Chineſen iſt der Thee, d. h. der Thee, den wir den„grünen Thee“ nennen, aber beſſer daran thäten, ihn chineſiſchen Thee zu nennen, da China ſein Vaterland, grün aber nicht ſeine Naturfarbe iſt. Die Chineſen ſelbſt nennen ihn Tchä, und wie hieraus das Wort Thee gebildet werden konnte, das wiſſen die Götter.— Der Thee iſt in China in jeder Fa⸗ milie ſo ſehr zu Hauſe, daß man ſich eine Chineſin ohne eine Theetaſſe gar nicht denken kann. Jedem Gaſte, er mag zu einer Tageszeit kommen, zu welcher er will, wird Thee offerirt, aber man trinkt ihn nicht heiß, wie bei uns, ſondern nur lau und ohne Rahm und Zucker, d. h. ohne irgend einen Zuſatz. Dagegen muß die Porzellan⸗ taſſe, aus der man ihn trinkt, einen gut ſchließenden Deckel haben, damit das Aroma nicht verfliegt. Die Theeſtaude iſt in ganz China dieſelbe; am meiſten geſchätzt iſt aber doch eine Sorte mit Namen Pou⸗yul, ſo genannt, weil ſie in der Gegend des großen Dorfs Pouyul in der Pro⸗ vinz Ynu⸗nan wächst. Durch den guten Boden, den dieſe Gegend hat, ſowie durch die außergewöhnlich ſorgfältige Kultur, der man ſich hier befleißigt, erhält die Theeſtaude in Pouyul viel ſaftigere und größere Blätter, als ſonſt gewöhnlich, und die Bewohner des Orts wiſſen dieſelben vermittelſt eines eigenen Klebſtoffes kugelförmig aufzurollen, ſo daß ſie ein wunderbar appetitliches Ausſehen bekommen. Dieſer Thee verkauft ſich ſehr theuer und kommt nur in die Hände der reichſten Perſonen und höchſten Würdeträger des Reichs. Der ſogenannte Kaiſerthee iſt noch koſt⸗ barer, denn man nimmt zu ihm blos die erſten und alſo auch feinſten und wohlſchmeckendſten Blätter der Thee⸗ ſtaude, und überdieß noch nur die, welche an den Spitzen der allerkleinſten Zweige wachſen, weil dieſe die kräftigſten ſind. Solcher Thee kommt gar nicht in den Handel und hat einen Werth, den kein Privatmann zahlen könnte. Der Thee, welcher zu uns kommt und„grüner Thee“ heißt, iſt der ſchlechteſte, denn er beſteht aus den Blättern, welche nicht ganz reif geworden ſind, oder die man abſichtlich un⸗ reif nahm, um ihnen die grüne Farbe zu erhalten, die wir Europäer nun einmal wollen.— Das Einernten und Feierſtunden. 1865. ——;⅓:—:—:—õyu——ry—rurͤrn—————— —:-——————— Frauenzimmern ob und iſt ein Geſchäft, das viel Geduld und Pünktlichkeit erfordert. Die älteſten Theeſtauden und an dieſen wieder die Blätter der unterſten und dickſten Zweige liefern den gröbſten Thee, welcher immer einen ge⸗ wiſſen herben Beigeſchmack hat, weßwegen wir Europäer ihn auch nicht ohne Zucker genießen können, denn— eine viel feinere Theeſorte liefern uns die Chineſen auch nicht über Kiachta, von wo aus wir den ſogenannten„ruſſiſchen“ oder Karawanenthee, d. h. den über Rußland auf dem Landwege transportirten Thee beziehen. Noch mehr als das Eſſen und Trinken kontraſtirt mit Sortiren der Theeblätter liegt in China hauptſächlich den unſeren Sitten das chineſiſche Sitzen und Schlafen. Zu dieſen beiden Verrichtungen müſſen wir Europäer Seſſel oder Stühle und jedenfalls Betten haben, während der Chi⸗ neſe dieſe beiden Artikel nicht einmal dem Namen nach kennt und noch viel weniger im Gebrauch hat. Die lan⸗ desübliche Art zu ſitzen iſt übrigens ſo unbequem, daß ſo⸗ gar recht ſtarke Männer nicht lange Zeit in einer und der⸗ ſelben Lage verbleiben können, ſondern genöthigt ſind, ent⸗ weder nach kurzer Zeit aufzuſtehen oder wenigſtens ihre Stellung zu verändern. Um ſich nämlich auf chineſiſche Art niederzulaſſen, beugt man die Kniee ſehr ſtark und ſetzt ſich ſofort auf ſeine eigenen Waden und Füße nieder; nicht ſelten ſogar bringt man den Fuß in eine ſolche Lage, daß man auf die Sohlen zu ſitzen kommt,— eine Stellung, welche zur Folge hat, daß nach wenigen Jahren ſchon die Kniegelenke unförmlich ausgedehnt werden und man dann nur noch ſchwerfällig einhergeht. Allein was kümmern den Chineſen von Rang ſolche Folgen? Es bleibt trotz aller geſchwollenen Kniee beim Alten, und ein vornehmer Mann würde eine große Unſchicklichkeit begehen, wenn er ſich nicht ſo ſetzte, daß er durch das Sitzen ſeine Füße total ver⸗ birgt, während allerdings ein chineſiſcher„gemeiner“ Mann wenigſtens einigermaßen mehr der Natur folgt.— Noch auffallender als der Mangel an Stühlen— denn wenn man ſich auf ſeine Unterfüße ſetzt, ſo hat man natürlich keine Seſſel nöthig— iſt der Mangel an Betten,— ein Mangel, der nicht blos bei dem Armen, ſondern eben⸗ ſogut bei dem Reichen und Vornehmen zu finden iſt. Man hat allerdings Schlafzimmer, aber ſtatt der Bettladen ſieht man in dieſen Gemächern an den Wänden herum bankartig geformte, von Backſteinen gemauerte Erhöhungen, die eine Breite von zwei bis drei Fuß haben. Auf dieſen ſteiner⸗ nen Bänken ſchläft man, nachdem man ſie mit Binſen⸗ matten belegt hat, ohne dabei daran zu denken, ſich gänz⸗ lich zu entkleiden. Iſt es kühl, ſo deckt man ſich mit den abgelegten Oberkleidern zu, denn von einer Decke oder auch nur von wollenen Teppichen, die ſogar die Indianer in Amerika kennen, weiß man in China nichts. Was würde eine bequeme deutſche Hausfrau dazu ſagen, wenn ſie ſich auf ſolche Art ohne ihr gutes Federbett behelfen müßte? Sie würde den andern Tag wie gerädert aufſtehen, denn auch die dickſten Binſenmatten, und wenn man deren(wie bei den Reichen geſchieht) drei, vier über einander häuft, geben nicht den Komfort, den man in Deutſchland und Europa überhaupt gewohnt iſt. Kein Wunder, daß die Chineſen, die ſo wenig„Angenehmes“ von der Nacht zu erwarten haben, ſich zu zwanzig und dreißig in Einem Saale niederlegen, während in Europa„gemeinſame Schlaf⸗ zimmer für ganze Dutzende“ nicht beliebt ſind! Gerade ſo ſonderbar, wie mit dem alltäglichen Leben, ſieht's in China auch mit der alltäglichen Arbeit aus, denn davon, daß der Handwerksmann dort eine bleibende R=== 8 -== G ſächlich den lel Geduld tauden und nd dickſten einen ge⸗ Curopüer un— eine auch nicht ruſſiſchen“ dauf dem traſtirt mit lafen. Zu däer Seſſel nd der Chi⸗ amen nach Die lan⸗ /, daß ſo⸗ r und der⸗ ſind, ent⸗ aſtens ihre chineſiſche t und ſetzt aeer; nicht e Lage, daß e Stellung, en ſchon die man dann mmern den trotz aller mer Mann ſich nict total ver⸗ ner“ Mann .— Noch denn wenn n natürlich etten, dern Kbeh⸗ iſt. Man tladen ſieht n bankartig n, die eine en ſteiner⸗ Binſen⸗ ſich grd⸗ 9 mit den Feierſtunden. —r-ꝛ-cuç——ʒ;— — Werkſtätte hätte, wo er mit ſeinen Geſellen handthierte, iſt ganz und gar keine Rede. Auch hier herrſcht noch der „Urzuſtand“ des Handwerkerthums vor, und jedes Gewerbe, es mag einen Namen haben was es für einen will, wird in China gerade ſo getrieben, wie es bei uns die Keſſel⸗ flicker oder Scheerenſchleifer treiben, d. h. jeder Handwerker reist im Lande herum und trägt ſeinen ganzen Apparat mit ſich. Nehmen wir z. B. einen Grobſchmied. Wie können wir uns dieſen als„vacirenden Burſchen à la Keſſel⸗ flicker“ denken? Braucht er doch bei uns eine Eſſe von fünf bis ſechs Fuß Dimenſionen, einen centnerſchweren Ambos, einen allmächtigen Blasbalg, einen Rauchfang, in welchen man ein Zimmer verbergen könnte, und einige handfeſte Geſellen, um ihm zu aſſiſtiren! Wie ganz an⸗ ders in China! Da ſieht man ihn, ein ſtarkes Bambus⸗ rohr über der Achſel tragend, an deſſen einem Ende der Ambos hängt, an dem andern aber der Korb, welcher Alles enthält, was ein Schmied nöthig hat, nämlich Hammer, Zange, Kohlenbecken und Blasbalg. Alles zuſammen wiegt keine fünfzig Pfund, und doch liefert ein chineſiſcher Schmied faſt dieſelbe Waare, die ein europäiſcher nur immer zu liefern vermag, und hat dabei den Vortheil, daß er ſein Geſchäft überall, im Freien wie unter Dach, auf der Straße wie in einem Schuppen, vornehmen kann. Wo man ihn braucht, da hält er an, ſetzt ſeine Kohlen in Brand und fängt an zu ſchmieden nach Herzensluſt. Iſt er mit der Arbeit fertig, ſo plazirt er ſeinen Handwerkszeug wieder in den Korb und marſchirt weiter, bis man ihn von Neuem anhält.— Gerade wie der Schmied, ſo machen es auch die übrigen Gewerbe. Sie haben ſämmtlich weder eine Werkſtätte, noch einen bleibenden Wohnſitz, und die Uten⸗ ſilien, die ſie brauchen, ſind ſo einfach, daß ſie Jeder ohne viel Mühe mit ſich tragen kann. So der Schuſter und wie ſie alle heißen mögen, der Schneider, der Zimmer⸗ mann, der Maurer, der Schreiner, der Weber, der Korbmacher, der Mezger, der Töpfer und ſogar der Müller, obgleich ſeine Handmühle nicht die leichteſte iſt. Alle ohne Unterſchied— ſogar die Handwerkerinnen, die Seideweberinnen, die Stickerinnen u. ſ. w.— arbeiten friſchweg im Freien unter den Strahlen der Sonne, gegen die ſie entweder ein breiter Strohhut oder ein Bambusſchirm ſchützt, immer da, wo man ihnen Halt zugerufen hat, um ihnen Arbeit zu geben. Einige derſelben, die in einem be⸗ ſonders ſchroffen Gegenſatz gegen unſere Gewohnheiteu ſtehen, müſſen wir aber doch beſonders hervorheben. Betrachten wir einmal einen chineſiſchen Raſirer, welch ungeheurer Gegenſatz gegen unſere Bartkünſtler! In China iſt es nämlich unter den Männern allgemein Sitte, ſich die Kopfhaare total abſcheeren und abraſiren zu laſſen bis auf einen Punkt auf dem Hinterkopfe, von etwa vier Zoll Durchmeſſer. Dort läßt man das Haar wachſen und flicht es in einen Zopf, der lang genug iſt, um bis auf die Waden hinabzubaumeln. Dieſer Zopf iſt der Stolz des Chineſen und er würde ihn um Alles in der Welt nicht hergeben, obgleich derſelbe ihn oft ſehr geniren muß, beſonders einen Arbeiter; allein der letztere trifft dann das Auskunftsmittel, den Zopf um den Kopf herumzuwickeln, wenigſtens ſo lange er beſchäftigt iſt, wodurch dem„Herum⸗ baumeln“ ein Ende gemacht wird. Vor einigen Jahrhun⸗ derten war dies noch anders, denn damals trugen die Chi⸗ neſen ihr volles Haar und ihren vollen Bart. Die jetzige Sitte kam erſt mit den Tartaren, als dieſe China er⸗ oberten, und es koſtete viel Blut, und Feuer und Schwert mußte in Anwendung gebracht werden, bis die Chineſen 1865. —;— 371 —— dazu gebracht werden konnten, ihre Köpfe raſiren zu laſſen. Peter der Große hatte mit ſeinen Ruſſen eine ſchwere Ar⸗ beit, bis ſie ſich raſiren ließen; aber ſie war nicht halb ſo groß, als die der Tartaren, und viele Chineſen zogen es vor, lieber auszuwandern oder ſich ſelbſt den Tod zu geben, ehe ſie ſich entſchloſſen, ihren Haarſchmuck zu verlieren, der ihr Stolz war. Jetzt aber iſt die Umwandlung in der Sitte total gelungen, denn in ganz China unter allen den vielen Millionen, vom Kaiſer bis auf den geringſten Arbeiter hinab, iſt nicht Einer, der vom Andern in Bezie⸗ hung auf ſeinen Haarſchmuck verſchieden wäre. Alle haben einen geſchorenen Kopf und einen langen Zopf,— den letzteren deßwegen, damit der gute Geiſt, der die Seele am Ende nach allen ihren Wanderungen in's Elyſium führt, doch eine Handhabe beſitze, an der er ſie faſſen kann!— Aus dieſer Art, das Haar zu tragen, ſieht man ſchon, daß der chineſiſche Barbier etwas ganz Anderes zu thun hat, als der unſrige. Seine Aufgabe iſt nämlich, nicht ſowohl zu raſiren, als die Haare ſorgfältig aus⸗ zuziehen. Ein Chineſe müßte ſich ja den Kopf alle paar Tage raſiren laſſen, um recht kahlköpfig zu erſcheinen, darum zieht er es vor, daß ihm der Barbier dieſelben mit der Zange auskneipe, ein Geſchäft, das ziemlich viel Zeit wegnimmt und große Geſchicklichkeit erfordert, wenn man dem Kunden nicht wehe thun will. Außer dieſer Arbeit hat der chineſiſche Barbier den Zopf des Raſirten zu flech⸗ ten, ihm Naſe und Ohren zu reinigen und an den Augen⸗ brauen alle Haare zu entfernen bis auf eine ſchwache bo⸗ genförmige Linie. Damit iſt es aber noch nicht genug, ſondern jetzt geht es an ein Renken und Ziehen der Glie⸗ der, der Arme wie der Füße, bis alle Gelenke am Leibe krachen; dazu muß jede Muskel geſtreckt und gerieben wer⸗ den, bis der Körper wie neu geboren iſt. Solcher Art iſt das Geſchäft des Raſirers in China, und er verſieht ſein Amt überall auf offener Straße, denn kein Chineſe genirt ſich, vor Jedermanns Augen ſich zwicken und kneipen zu laſſen! Sind an dieſem Platze keine Kunden mehr zu bedienen, ſo packt der Barbier ſeine Siebenſachen zuſammen, hängt ſie ſich über die Achſel und marſchirt weiter. Eine noch weit intereſſantere Perſönlichkeit iſt der chineſiſche Gärtner, der Miniaturpflanzen⸗Er⸗ finder, von deren Kultur man in Europa vor wenigen Jahren noch gar nichts wußte, und in deren Nachahmung man es auch jetzt noch nicht ſehr weit gebracht hat. In Pecking, ſowie in allen anderen größeren Städten, ſind die Straßen voll von Blumenverkäufern, und ſie tragen ihre Pflanzen, die ſämmtlich in porzellanenen Töpfen ſtehen, in offenen Körben, welche ſie an einem Bambusſtabe hän⸗ gen haben, gerade wie der Barbier ſeine Utenſilien, über der Achſel. Auch fehlt es ihnen nie an Käufern, denn jeder nur halbwegs vermögliche Chineſe iſt ein beſonderer Liebhaber von Pflanzen, und beſonders von Miniaturpflan⸗ zen, welche er in ſeinen Zimmern aufſtellt. Eine nähere Beſchreibung dieſer Pflanzen iſt wohl hier nicht am Platze, denn es weiß ja faſt Jeder, was darunter zu verſtehen iſt; es ſind wirkliche Bäume und Pflanzen, Citronenbäume, Pfirſichbäume, ſogar Tannen und Eichen, mit Blüthen oder Früchten, je nach der Jahreszeit, aber von ſolch' kleinen Dimenſionen, daß man es kaum für möglich hält, wie ein Menſch ſie in dieſer Diminutivform aufzie⸗ hen konnte. Oft ſind in einem einzigen Topfe vier, ſechs oder acht ſolcher winzigen Bäumchen verſammelt und bil⸗ den eine förmliche Baumgruppe in Miniatur, mit dem vollſtändigen Charakter der Bäume in ihrer natürlichen 47* 372 Größe. Kurz es iſt gerade, wie wenn wir eine Gruppe von Thieren im zwanzigfachen Maßſtabe verkleinert abge⸗ malt ſehen, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſe Thiere gemalt ſind, jene Bäumchen aber leben und dazuhin noch daſſelbe Ausſehen haben, als wären ſie uralte Waldpatriar⸗ chen und keine neugebornen Zwerge! Noch mehr„ächt chineſiſch“ iſt der Brauch, die Bäume und Pflanzen in Figuren von Drachen, Vögeln, Fiſchen und Thie⸗ ren aller Art zu verſchneiden, denn ein ſolcher Brauch iſt nirgends in der Welt bekannt. Es geht übrigens nicht ſo gar ſchnell mit dieſem„Verſchneiden“, denn es müſſen nicht blos die kleinen Zweige und Blätter geſchnitten und Feierſtunden. 1865. — geſtutzt werden, ſondern man muß auch den Stamm und die Hauptäſte ſo binden, daß ſie mit der Zeit die Form des darzuſtellenden Gegenſtandes bleibend annehmen. Auf dieſe Art werden nicht blos Baumgruppen, ſondern wahr⸗ hafte lebende Thiergruppen dargeſtellt, obgleich das Leben nur ein Pflanzenleben iſt. Die Nachahmung iſt aber ſo naturgetreu, daß man ſich leicht zum Glauben verleiten laſſen könnte, man habe lebende Thiere vor ſich; denn es werden den„Thierpflanzen“ ſogar Augen einge⸗ ſetzt, Augen von Porzellan oder gemaltem Holz. Hie und da kann man Pflanzen ſehen, die in kleine Schiffe, in Flußboote mit Gemächern und mit den gewöhnlich Frühlingsparthie. Ausfahrt. darin befindlichen Möbeln verſchnitten ſind. In dieſe ſtellt man dann kleine porzellanene Bootsleute, um die Täuſchung ganz vollkommen zu machen, allein— der Europäer wird eben hiedurch enttäuſcht, ob er gleich nicht umhin kann, dem Fleiße, der Ausdauer und der Geſchick⸗ lichkeit der chineſiſchen Gärtner alle Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen. Liegt doch ſchon darin der Beweis der größten Geſchicklichkeit, daß die der Zahl der Gegenſtände nach umfangreichſten Gruppen auf einen Raum beſchränkt ſind, der winzig genannt werden muß, denn die größten derſelben ſtehen in Porzellanvaſen von drei Fuß Länge und anderthalb Fuß Breite! Nutzen freilich kann man in die⸗ ſer Art von Gärtnerei keinen ſehen, aber die Chineſen ſind einmal Freunde davon, ihre Zimmer auf ſolche Art zu verzieren, ſomit kann man es den Gärtnern auch nicht verübeln, wenn ſie ihre Kunſt an„Künſteleien“ vergeuden, weil dieſe ihnen Unterhalt gewähren.. Eben ſo intereſſant als die chineſiſchen Gärtner ſind die chineſiſchen Fiſcher, denn dieſe bilden eigentlich ein ureigenes, amphibienartig lebendes Menſchengeſchlecht. Der Fiſchverkäufer macht ſeine Runde durch die Straßen wie jeder andere Handwerker. Wo man etwas braucht, hält er an und verkauft ſeine Waare, nachdem er ſie von den Schuppen gereinigt und zerhauen hat, was, wie bei allen andern Gewerben, auf offener Straße geſchieht. Die Gattungen der Fiſche, die er in ſeinen waſſerdichten Körben ——————— die Form men. Auf in wahr⸗ ggleich das achahmung Glauben e vor ſich; gen einge⸗ „ Hie und hiffe, in wöhnlich Feierſtunden. 1865. ———;— ——:——— herumträgt, ſind außerordentlich zahlreich, und es fehlt eben⸗ ſowenig an Süßwaſſerfiſchen als an Seefiſchen. Iſt ja doch der Fiſch faſt das einzige Fleiſch, 373 ———————;’O lichen Leber; aber— er hat keine Gräte und keinen Rück⸗ grat, ſondern iſt lauter ſaftiges Fleiſch. Er ſtirbt, ſowie das Millionen in man ihn unſanft anrührt, und man kann ihn, wenn er China zu Theil wird! Wir können uns übrigens mit der geſotten iſt, auf der Zunge verdrücken. Von andern Fiſchen Herzählung der Fiſcharten nicht aufhalten, ſondern führen iſt nur vielleicht noch der Kaiſerfiſch, der Hoang⸗You, blos an, daß es Eine Gattung— einen Süßwaſſerfiſch— anzuführen, weil er bis gegen dreihundert Pfund ſchwer gibt, den man ſonſt nirgends in der Welt findet, in China ſo beliebt iſt, daß er bei keiner, wegs ordentlich beſtellten Mahlzeit fehlen darf. Fiſch— ſein Name iſt Hai⸗Seng— iſt außergewöhnlich Art und Weiſe aber, Augen und ſechs eine ganz andere als die ſonſt übliche. Allerdings gibt es häßlich anzuſehen, denn er beſitzt vier der aber wird und doch ein äußerſt ſaftiges Fleiſch hat.— Der auch nur halb⸗ Fiſchverkäufer iſt meiſt Mitglied einer Fiſcherfamilie, welche Dieſer ihm das zum Handel nöthige Material beiſchafft. Die wie dieſe Beiſchaffung geſchieht, iſt Füße und ſein Körper hat gerade die Form einer menſch⸗ auch Fiſcher, die ihre Fiſche mit Netzen fangen, und wieder Frühlingsparthie. Heim Andere fangen ſie mit Angeln(obgleich ſolcher Brauch erſt durch die Europäer eingeführt ſcheint); die Hauptfangmethode iſt aber„das Fiſchen mit Seeraben oder Cormo⸗ rans“.— Ueberall, auf Seen im Innern des Landes, auf Flüſſen und Kanälen, ſie mögen ſeicht oder tief, reißend oder ſtilleſtehend, hell oder trübe ſein,— überall werden die Cormorans als Fiſchfänger verwendet. Es ſind dies entenartige Thiere, zur Gattung des Pelikans gehörig, aber ſo groß als bei uns eine zahme Gans. Man nennt ſie in China Leutze; ſie ſind aber nicht blos dort, ſondern faſt in allen und jeden Küſtenländern der Erde, ſogar in den nördlicheren Gegenden zu Hauſe, obgleich China das einzige bis jetzt bekannte Land iſt, in welchen ſie zum Fiſchfang abgerichtet werden. Schwer muß dieſe Abrichtung nicht ſein, denn man ſieht die Thiere nirgends gefeſſelt, ſondern ſie gehen frei und ungehindert auf den Fiſcherbooten einher, als wären ſie da von ihrer Geburt an zu Hauſe. Nur um den Hals tragen ſie hie und da einen eiſernen Ring, den man abſchnallen kann und der dazu dient, ſie am Eſſen und Verſchlingen der Fiſche, die ſie gefangen haben, zu verhindern. Sind ſie aber auch über dieſe„Ver⸗ ſuchung“ hinweg, ſo nimmt man ihnen den Ring ab und ſie ſtehen dann da, wie ſie die Natur erſchaffen hat.— Ein Fiſcher führt meiſt fünf bis acht ſolcher Cormorans mit ſich, und— ihrer ſind übrig genug, um die ganze Familie des Fiſchers zu ernähren und wäre dieſe auch ſehr 374 ———ͦ-:——; zahlreich. Mehr führt der Letztere deßwegen nicht, weil jeder Cormoran eine Abgabe und zwar keine ganz kleine an den Kaiſer zahlen muß; denn der Fiſchfang in China iſt ein Regal. Auch ſteckt ein ziemliches Kapital in dieſen Vögeln, indem ein gut abgerichtetes Exemplar ſehr theuer, bis zu fünfzig Gulden nach unſerem Gelde, bezahlt wird.— Der Fiſcher geht mit ſeinen Vögeln um, als wären es ſeine Kameraden oder Kinder; er ſtreichelt ſie, er liebkost ſie und ſpricht ihnen zu, wie verſtändigen Weſen. Zum Fiſchfang verwendet er ſie aber nicht alle zumal, ſondern immer einen nach dem andern. Sobald nämlich ein Leutze auf den Rand des Bootes geſtellt wird, ſo ſieht der Vogel mit ſeinen klugen Augen in das Waſſer hinab, es gleich⸗ ſam— und wenn es noch ſo trübe wäre— durchdringend. Plötzlich ſtürzt er ſich kopfüber in die Fluth und taucht tief unter. Nach dreißig bis fünfunddreißig Sekunden taucht er wieder auf, aber ſicherlich mit einem oft ſehr ſchweren Fiſche in ſeinem Schnabel. Sogleich ſchwimmt er nun auf den Fiſcher zu und übergibt dieſem den Fiſch, der als⸗ bald in den bereit gehaltenen Korb geworfen wird; der Cormoran macht ſich aber ſogleich wieder an einen neuen Fang. Solches Untertauchen wiederholt ſich fünf- bis ſechs⸗ mal hinter einander, bis der Herr ſieht, daß das Thier zu ermüden beginnt, dann läßt er ihm den letztgefangenen Fiſch zum ſelbſtverzehren und der Cormoran ſpaziert ſofort in die Mitte des Bootes, um mit viel Stolz und Zufrieden⸗ heit ſeine Mahlzeit zu halten. Gleich nachher nimmt der Bootsherr den zweiten Cormoran und läßt denſelben ganz auf dieſelbe Manier arbeiten, wie den erſten, und ebenſo auch den dritten, vierten, fünften. Iſt einer ungeſchickt und taucht wieder auf, ohne einen Fiſch gefangen zu haben, ſo bekommt er vom Fiſcher ein paar Schläge an den Kopf, die ihn ſehr beſchämen und zu größerem Eifer anſpornen; hie und da gibt man ihm auch einen zweiten Vogel als Gehülfen mit, wenn er möglicherweiſe auf einen Fiſch ge⸗ ſtoßen war, den er ſeiner Schwere wegen nicht faſſen konnte. Zu zweien aber geht es ſehr leicht, da dieſe Thiere in ihrem Schnabel ſowohl als in ihren Füßen, deren Klauen ſäge⸗ artig gezahnt ſind, eine große Kraft beſitzen. Haben nun die Fiſchfänger alle ihre Pflicht gethan und ſind ſämmtlich dafür mit einem Fiſche zum„eigenen Gebrauche“ belohnt worden, ſo muß der Fiſcher einige Zeit warten, bis er ſie wieder verwenden kann, denn ſie gehen nur auf den Fang aus, ſo lange ſie hungrig ſind; geſättigt bleiben ſie faul ſitzen und trocknen ihre Federn.— Die Boote, welche zum Fang verwendet werden, ſind oft kleine Fiſchernachen, die ſo leicht konſtruirt wurden, daß man ſie von einem Ge⸗ wäſſer zum andern tragen kann. Das Letztere geſchieht auch ſehr häufig und machen dann zwei Fiſcher zu dieſem Behufe Compagnie; allein im Allgemeinen ſind ſolche leichte Fiſchernachen nicht im Brauche, ſondern wo es nur irgend thunlich iſt, d. h. wo die Tiefe und Breite des Waſſers es nur immer erlaubt, nimmt der Fiſcher ſein eigentliches Fiſcherboot, welches für ihn und ſeine ganze Familie eine Heimath iſt. Daſſelbe hat Einen Maſt mit einem Matten⸗ ſegel und das Mitteldeck iſt von einem großen Strohdache bedeckt. Auf einem ſolchen Schiffchen leben in China oft zehn bis zwölf Perſonen, ja die zahlreichſte Familie mit Kind und Kindeskindern begnügt ſich mit dieſem Raume, und es gibt Hunderttauſende von Unterthanen des Kaiſers von Pecking, die noch gar nie an's Land gekommen ſind, ſondern, auf einem Fiſcherkahne geboren, Jahr aus Jahr ein jeden Tag auf demſelben zubrachten, bis endlich nach ihrem Tode ihr Körper an's Feſtland gebracht werden muß, um Feierſtunden. 1865. zu benützen, der nicht ganz konträr iſt. natürlich, wenn der Wind von vornen kommt, kann man das Segel nicht benützen und der„Segelſchubkarren“ muß eine Wetterveränderung abwarten, um„auslaufen“ zu kön⸗ nen; kommt aber der Wind von hinten oder von rechts oder links, ſo wird das Segel ſo geſtellt, daß ſich der Wind darin fängt, und nun hat der Karrenführer, auch bei der größten Laſt, im Ganzen genommen leichte Arbeit: —— der Mutter Erde übergeben zu werden. Um die Steuer für die Cormorane zu erheben, erſcheint ein Soldat auf dem Boote, denn die Soldaten werden in China zu Allem vrndendef, zum Polizeidienſt ſo gut als zum Steueraufſeher⸗ mt. Noch eines vierten Gewerbes, das ſich durch die ſon⸗ derbare Art ſeines Betriebs auszeichnet, müſſen wir erwäh⸗ nen, nämlich des Handels mit Lebensmitteln. Jede größere Stadt muß natürlich von ihrer Umgebung mit Le⸗ bensmitteln verſehen werden, und je größer die Stadt iſt, um ſo ausgedehnter iſt der Kreis, der ſich mit ihrem Un⸗ terhalt beſchäftigÄt. In China werden, wie wir ſchon wei⸗ ter oben bemerkten, die meiſten Lebensmittel nur zu Schiff auf den Kanälen beigeführt, allein ſo groß auch die Anzahl dieſer Kanäle iſt, ſo gibt es doch noch einzelne Diſtrikte, welche dieſes Verbindungsmittels ermangeln, und die Lie⸗ feranten dieſer Diſtrikte ſind natürlich auf den Landweg angewieſen. In Deutſchland und Europa überhaupt würde nun der Bauer oder Lieferant ſeine Pferde einſpannen, um die Waaren auf den Markt zu bringen; in China aber ſind derlei Fuhrwerke und noch weniger derlei Zugthiere wenig oder gar nicht bekannt, im Gegentheil, der Bauer iſt darauf angewieſen, ſich ſelbſt einzuſpannen. Allein wie viel könnte er führen? Wie klein wäre die Laſt, welche er durch eigene Kraft vorwärts ſchaffen könnte? Er iſt deßhalb auf ein Auskunftsmittel verfallen, das ſei⸗ nes Gleichen ſucht, und dieſes iſt ſeit undenklichen Zeiten im Reich der Mitte im Gebrauch. Dieſes Auskunftsmittel beſteht in nichts Anderem, als in einem Segel, mittelſt deſſen er ſeinem Fuhrwerke vorwärts hilft, d. h. er behan⸗ delt ſein Fuhrwerk, wie der Schiffer ſeine Barke, und be⸗ nützt den Wind, der ſich in dem aufgepflanzten Matten⸗ ſegel fängt. Das Fuhrwerk, deſſen er ſich dabei bedient, iſt kein Wagen nach unſerer, in Europa gewohnten Con⸗ ſtruktion, ſondern ein einräderiger Karren, ſo etwa wie unſere Schubkarren, nur in vergrößertem Maßſtabe. Der Karren iſt leicht und durchaus von Bambusholz mit hohen Seitenwänden gezimmert, ſo daß bedeutende Quantitäten darauf geladen werden können. Zu beiden Seiten des hohen Rades erheben ſich lange dünne Stangen, zwiſchen welchen ein großes Segel aufgehißt wird, gerade wie auf einem Schiffe. Das Segel kann gedreht werden, um jeden Wind In letzterem Falle „der Wind ſchiebt mehr, als drei Männer thun könnten“. — Daß ſolche Fuhrwerke ſchon vor mehreren Jahrhun⸗ derten in China gebraucht wurden, darüber iſt kein Zwei⸗ fel, denn es berichten die älteſten Reiſenden ſchon von die⸗ ſen„Segelſchubkarren“; merkwürdig iſt aber, daß man dieſe 7 Sitte noch nirgends ſonſt in der Welt nachgeahmt hat, denn ihr praktiſcher Werth, beſonders bei geraden und ebenen Straßen, läßt ſich nicht verkennen. Sollte man dieſe Erfindung blos deßwegen wegwerfend behandeln, weil ſie aus dem Reich der Zöpfe ſtammt?— Es bleibt uns nun nur noch übrig, deſſen kurz zu erwähnen, was der Victualienhändler auf ſeinen Karren geladen hat, weil wir aus dem Bisherigen wiſſen, daß die„Auswahl“ in China keine allzu bedeutende iſt. An Gemüſen beſonders fehlt es, —,==— 28B8eD⏑Aæ⏑—— ie Steuer ldat auf zu Allem raufſeher⸗ die ſon⸗ i ewwäh⸗ In. Idde i mit Le⸗ Stadt iſt hhrem Un⸗ ſchon wei⸗ zu Schiff die Anzahl Diſtrikte, d die Lie⸗ kandweg pt würde nnen, um hina aber Zugthiere der Bauer pannen. väre die fen könnten n, das ſci⸗ chen Zeitm enftsmittel „mittelſt er behan⸗ , und be⸗ Matten⸗ di bedient, jnten Con⸗ etwa wie tabe. Der mit hohen Auantitäten des hohen en welchen auf einem eden Wind erem Falle kann matt Feierſtunden. 1865. ——ò—::—:—ꝛ—ꝛ—⅓—½—:—ꝛ———— ———— doch kennt der Chineſe wenigſtens zwei Sorten, welche all⸗ gemein im Gebrauche ſind. Die eine wird Pet⸗Sai ge⸗ nannt und iſt eine Art Lattichſalat, der zum Reis gegeſſen oder mit dieſem vermiſcht wird, um dem faden Geſchmacke deſſelben eine Art Würze zu geben. Die andere Sorte iſt Teu⸗Feu, eine Rübe von fünf bis ſechs Zoll Länge, die wie unſere Möhren ſüßlich ſchmeckt und roh, im Waſſer abgeſotten oder auch getrocknet verſpeist wird. Dieſes Teu⸗ Feu iſt ſelbſt auf dem Tiſche des Kaiſers zu Hauſe, weil man— nichts Beſſeres hat. Außer dem Gemüſe ſehen wir auf dem Karren Bambusſtäbe aller Art, eine Büchſe mit Thee, einen Korb mit Früchten, als Pfirſiche, Citro⸗ nen, Orangen u. ſ. w., und beſonders eine große, durch Lehm feſtverſchloſſene Porzellanflaſche voll des bekannten chineſiſchen Liqueurs, Zamfou, oder des Reisbranntweins. — Das ſind die Artikel, welche der chineſiſche Landmann zu Markte bringt. Und er bringt ſie oft weither und ſieht ſich deßhalb wohl vor, um etwaige Unfälle, die ſeinem leichten Fuhrwerke paſſiren könnten, gleich ausbeſſern zu können. Deßwegen hängen an ſeinem Karren: Hammer, Beißzange, Bohrer und dergleichen, denn— man muß ſich ſelbſt helfen können, wenn man durch die Welt kom⸗ men will! Wenn es nun um die Handwerker ſo beſtellt iſt, wie wir geſehen haben, wie wird es erſt mit Kunſt und Wiſſenſchaft in China ſtehen? Von jener Wiſſenſchaft, die ſich mit übernatürlichen Dingen beſchäftigt, von der Theologie und Philoſophie wollen wir ſchweigen, dagegen können wir jene praktiſche Wiſſenſchaft, die ſo ſehr in's Leben eingreift, die Medizin nämlich, nicht ganz mit Stillſchweigen übergehen, und wäre es auch nur, um zu ſagen, daß ſie gar ſehr im Argen liegt. In China kann nämlich„praktiziren“, wer Luſt und Liebe dazu hat, und die Medizinerei iſt vollkommen freigegeben. So kann es nicht fehlen, daß es eine Unmaſſe von Charlatans und Quackſalbern gibt, welche die Namen und die Wirkſamkeit ihrer Univerſalmedikamente mit großen Buchſtaben über ihre Ladenthüre oder auf die Apothekerskiſten, mit denen ſie in den Straßen herumziehen, angeſchrieben haben. Ihre ganze Kunſt beſchränkt ſich aber darauf, den Puls zu füh⸗ len und einige Kräuter zu kennen, die in allen Formen und Doſen gegeben werden. Auch Schlangenpulver, d. h. zerſtoßene und zu Pulver zermalmte Vipern, ſpielen eine große Rolle. Doch, derlei Thorheiten hat China mit allen den Ländern gemein, in welchen der Arzt ſich nicht durch eine öffentliche Prüfung über ſeine Kenntniſſe in den Naturwiſſenſchaften auszuweiſen hat. Merkwürdig aber iſt die chineſiſche Medizin durch zweierlei Dinge; einmal da⸗ durch, daß ſie die ſogenannte„Acupunctur“ oder das Ritzen der Haut mit ſpitzigen Nadeln, eine Heilungsart, die ge⸗ genwärtig auch in Europa eine große Rolle ſpielt, ſchon ſeit einem Jahrtauſend kennt, und zweitens dadurch, daß die Kuhpockenimpfung ſchon vor Chriſti Geburt in China angewandt wurde. Was die letztere anbelangt, die Kuhpockenimpfung nämlich, ſo behaupten die Chineſen, die Pocken ſeien ſchon vor dreitauſend Jahren bei ihnen ein⸗ gedrungen und nicht viel ſpäter ſei das Heilmittel der In⸗ oculation von ihnen erfunden worden. In der That iſt das Impfen bewieſenermaßen ſchon ſeit undenklichen Zeiten bei ihnen zu Hauſe; ſie impfen aber nicht wie wir, ſon⸗ dern ſie nehmen das Impfgift mit einem Stäbchen, brin⸗ gen es in ein Stückchen Baumwolle und ſchieben dieſes dem Menſchen in die Naſe. Nach ſechs Stunden kommen die Blattern und haben den gewöhnlichen Verlauf von ſechs 375 bis ſieben Tagen, ohne jedoch, wie ſie ſelbſt zugeben, vor der Anſteckungsfähigkeit zu ſchützen, weßwegen auch von den Meiſten auf das Impfen kein großer Werth gelegt wird.— Um nun aber auf die Acupunctur zu kommen, ſo läßt ſich nicht läugnen, daß ſie damit ſchon die merk— würdigſten Kuren bewerkſtelligt haben. Sie nehmen näm⸗ lich goldene oder ſilberne Nadeln und ſtechen den Kranken damit an den verſchiedenen affizirten Theilen des Körpers ſo lange, bis Waſſertropfen erſcheinen. Blut wollen ſie nicht abzapfen und die Acupunctur iſt alſo kein Schröpfen; ſie behaupten dagegen, eine große Anzahl der menſchlichen Krankheiten ſtecke in der Haut und in ſchlechter Luft, welche ſich zwiſchen Haut und Fleiſch eingeſchlichen habe. Wenn man alſo die Haut durch feine Nadelſtiche reize und jenen ſchlechten Stoffen einen Abfluß möglich mache, ſo müſſe die Geſundheit nothwendig folgen, und— in der That, bei Bruſtkrankheiten aller Art, bei Entzündungen der verſchiedenſten Gattung hat die Acupunctur faſt außerordent⸗ liche Erfolge gehabt. Man wendet ſie daher neueſter Zeit auch in Deutſchland an, natürlich aber unter anderem Na⸗ men, weil der, welcher mit der Sache hervortrat, den An⸗ ſpruch der Erfindung macht, obgleich es ein tauſendjähri⸗ ges Remedium iſt! Noch mehr als in der Medizin haben wir in der Kunſt von den Chineſen gelernt; nämlich nicht in der Bildhauerkunſt, und auch nicht in der Malerkunſt, ebenſo⸗ wenig als in der Sing- oder auch Dichterkunſt, wohl aber in der Schauſpielkunſt. Wir haben nämlich von den Chineſen das Marionetten⸗Theater überkommen, wel⸗ ches in jenem Lande ſchon ſeit Jahrhunderten florirt und noch jetzt dort bei Weitem beſſer executirt wird, als bei uns. Dies iſt eine hiſtoriſche Thatſache, obſchon ein Ita⸗ liener Namens Brioché auf die Chre Anſpruch macht, der„europäiſche“ Erfinder zu ſein, gerade wie ein an⸗ derer Italiener, Namens Amalfi, den Ruhm, der Erfin⸗ der der Bouſſole oder Magnetnadel zu ſein, nicht fahren läßt, während die Chineſen dieſelbe ſchon ein halb' Jahr⸗ tauſend vorher beſaßen. Bei uns in Europa iſt man ge⸗ wohnt, unter Marionettentheater ſich einen großen Kaſten vorzuſtellen, mit einer Thüre, durch welche der Maſchiniſt oder Direktor aus⸗ und eingeht. Die oberſte Schublade des Kaſtens ſteht offen und hier ſpielen die Marionetten. Man kann dieſe alſo von vorn, aber nicht von hinten und ebenſowenig von der Seite ſehen, was nicht wenig genant iſt. Eben ſo plump wie der Kaſten iſt auch das Spiel. Die Hauptperſonen ſind immer eine fratzenhafte Figur in halbſpaniſcher Kleidung, welche den Teufel vorſtellt, und ein Bajazzo mit der Schellenkappe, der mit ſeiner Kar⸗ batſche Alles todtſchlägt, was ihm unter den Weg kommt. Dabei werden meiſt Witze gemacht, welche es rathſam machen, Kinder, die man nicht frühzeitig entwickelt und verdorben haben will, von dieſem„Kinderſchauſpielhauſe“ entfernt zu halten. Ganz anders iſt es in China, denn hier hat das Marionettentheater ſeinen kindlichen und un⸗ ſchuldigen Charakter beibehalten. Schon der bloße Anblick des Apparats muß ſeines komiſchen Aeußern wegen zum Lachen reizen. Der Direktor, Maſchiniſt und Inhaber des Theaters nämlich— alle drei Funktionen ſind natürlich in Einer Perſon vereinigt— ſteckt ſich in mächtige, ja rieſen⸗ hafte baumwollene Pumphoſen, welche ihm bis zu den Knö⸗ cheln hinab⸗ und bis über den Kopf hinaufgehen. Je wei⸗ ter hinauf, um ſo breiter und umfangreicher werden ſie, ſo daß die Bruſt, der Kopf und die Arme bequem darin Platz haben und ſich ganz ungenirt bewegen können. Auf . 8 376 Feierſtunden. 1865. ——————yyͤ;-;·—————————; den Achſeln ſteht— mit den Hoſen verbunden und an dieſe befeſtigt— das Theater,— ein zierliches Gebäude, mit Bühne, Couliſſen und Vorhängen. Natürlich kann der in den Hoſen ſteckende Direktor die Figuren oder Mario⸗ netten bewegen, wie er will, ohne daß ein Menſch auch nur ahnen, viel weniger ſehen könnte, wer die bewegende Kraft iſt. Er kann aber nicht nur die Marionetten bewe⸗ gen und ſpielen laſſen, ſondern er kann ſich auch mit ſei— nem Theater drehen und wenden nach welcher Seite er will, ſo daß keinem Zuſchauer etwas verloren geht. Wie ſich von ſelbſt verſteht, ſtellt er ſich auf einen Tiſch oder Stuhl, um beſſer von allen Seiten geſehen zu werden, und wenn er hier fertig iſt, ſo marſchirt er weiter, ohne einen Wa⸗ gen oder auch nur einen Menſchen zu brauchen, der ihm ſeinen Kaſten von der Stelle bewegt. Der Inhalt der Stücke iſt natürlich immer ein komiſcher, aber er iſt ſtets decent gehalten und keineswegs ſo plump, wie gewöhnlich in Deutſchland. Sogar die Figuren ſind viel feiner und zierlicher, und wenn auch faſt in jedem Stücke ein böſer Geiſt auftritt, ſo iſt das Reſultat immer, daß derſelbe be⸗ ſiegt wird, denn— die Tugend muß am Ende immer triumphiren! Wenn nun aber auch die Chineſen im Marionetten⸗ theater uns voraus ſind, ſo ſtehen ſie uns dagegen im eigentlichen Schauſpiel— von einer Oper wiſſen ſie ohnehin ja nichts— bei weitem nach. Das Schauſpiel oder überhaupt das Theater, in welchem Menſchen als Acteure auftreten, iſt nämlich in China, wenn nicht ſtreng verboten, doch verpönt. Vor wenigen Jahrhunderten noch wurde die Trauerzeit um einen Kaiſer abgekürzt, weil er das Theater zu ſehr geliebt und ſeine Schauſpieler ſo⸗ gar hie und da eines Wortes aus dem eigenen hohen Munde gewürdigt hatte. Ein anderer Kaiſer, Siuenti, von der Dynaſtie Tcheou, erhielt von den Oberprieſtern öffentliche Vorwürfe, weil er in ſeinem Palaſte einige Stücke ſpielen ließ, und wurde aufgefordert, ſein Theater zu ſchließen und die Schauſpieler zu entlaſſen, denn es ſei dieſer Brauch ein„ſittenverderberiſcher“ und vom Stand⸗ punkte der Moral und Religion aus durchweg zu verwer⸗ fen. Kein Wunder alſo, wenn die chineſiſchen Dichter und Schriftſteller ſich nicht mit dem Theater befaſſen, da keine Ehre dabei zu gewinnen iſt; kein Wunder, wenn Niemand von Talent und Erziehung ſich dem Schauſpielerſtande widmen will, weil dieſer Stand ein mißachteter, ja ein faſt mehr als mißachteter,— ein verachteter iſt! Geduldet werden allerdings trotz aller Prieſter die Schauſpieler, denn die Großen des Reichs haben eine zu große Freude am Theater, als daß ſie ſich deſſen Genuß verſagen möchten, aber— öffentliche Theater gibt es deßwegen doch keine, und in ganz China ſteht kein einziges Gebäude, das für den ſtabilen Gebrauch der Schauſpieler errichtet wäre, d. h. mit Einem Wort, es gibt bis jetzt kein Schauſpiel⸗ haus. Wenn ein Reicher oder Vornehmer ſich den Genuß eines Schauſpiels verſchaffen, oder wenn er einem Beſuch — beſonders einem Fremden, einem Nichtehineſen— ein Vergnügen bereiten will, ſo läßt er in aller Schnelligkeit in einem ſeiner Höfe von Bambusſtäben zu ebener Erde eine Bühne errichten, die mit Matten behangen und mit bunt bemaltem Papier verziert wird. Gegenüber, ebenfalls zu ebener Erde, ſtellt er mit ſeinen Gäſten ſich auf, oder er läßt ein Zelt errichten, das mit Stroh gedeckt und mit Matten belegt wird, um vor Wind und Wetter geſchützt zu ſein.— Das iſt das ganze Theater! Wollen Schau⸗ ſpieler für ſich auf eigene Rechnung gegen Entrée Theater ſpielen, ſo wird ihnen eine hohe Obrigkeit die Erlaubniß nicht verweigern, aber man verweist ſie in die Vorſtädte, dahin, wo die verrufenſten Häuſer ſtehen, und gibt ihnen die Erlaubniß nur auf einige Tage, nicht für immer oder auch nur für eine Saiſon. So ſind alle Theatergebäude nur ephemer, nur für den Augenblick berechnet, und eben aus demſelben Grunde gibt es keine„ſtehende Truppe“, nur„einzelne“ Schauſpieler, wenn man nämlich dieſen Ausdruck auf Perſonen, die auf dem niederen Standpunkte ſtehen wie die Theatermitglieder in China, anwenden darf. Was nämlich das Spiel ſelbſt anbelangt, ſo kann man ſich ſchon denken, wie es mit demſelben beſtellt iſt. Man kann es in den meiſten Fällen— es werden näm⸗ lich faſt immer Heldenſchauſpiele oder auch Tragödien auf⸗ geführt, äußerſt ſelten Luſtſpiele, an denen das Volk keine Freude hat— nicht anders nennen als„grotesk⸗tragiſch“ und eben deßhalb„an's Komiſche“ ſtreifend. Betrachten wir die Kleidung eines chineſiſchen Acteurs, welcher die erſte Lieblings⸗ und Heldenrolle ſpielt. Von etwas„Na⸗ türlichem“ iſt nicht die Rede, ſondern die ganze Perſon er⸗ ſcheint vielmehr„phantaſtiſch und verrückt herausgeputzt“, ſo daß es z. B. nicht mehr„Haare“ ſind, die wir ſehen, ſondern„Mähnen“, nicht mehr feurige Augen“, ſondern ein„furieus bemaltes Geſicht“, nicht mehr einen „kriegeriſchen Anzug“, ſondern eine„Sammlung aller Kriegsmaterialien in der Welt“. Durch die Ueber⸗ ladung wird die Karrikatur erzeugt! Gerade ſo iſt es auch mit den übrigen Rollen, von denen die weiblichen durch junge unbärtige Männer geſpielt werden, denn ſeit dem Kaiſer Kienlong darf kein Frauenzimmer mehr auf dem Theater auftreten. Auf einen Europäer macht eine ſolche Produktion einen äußerſt komiſchen Eindruck. Zuerſt verſammeln ſich die Schauſpieler auf der Bühne, verneigen ſich vor dem Publikum drei- oder viermal bis auf den Boden und verſchwinden dann. Nun beginnt die Muſik und was für eine? Eine wahre Höllenmuſik, hervorge⸗ bracht durch Inſtrumente aller Art, aus denen jedoch die Gongs, die Keſſel und die Pauken alles übertönend heraus⸗ ſchallen. Nachdem nun dieſe furchtbare Muſik eine Zeit⸗ lang gedauert, beginnt das Stück ſelbſt, und die phantaſtiſch aufgeputzten Schauſpieler bewegen ſich in großer Aufregung auf der Bühne herum, meiſt Monologe der zornigſten oder wehmüthigſten Art haltend und dazu geſtikulirend, daß man jeden Augenblick meint, es werde zu Thätlichkeiten kommen. Dazwiſchenhinein erſchallt wieder die bekannte infernaliſche Muſik, die um ſo gräßlicher tönt, weil die Muſikanten hinter der Bühne verborgen ſind und nur hie und da den Kopf hervorſtrecken. Das Stück endet ſtets mit einem furchtbaren Gongſchlag, worauf ſich die agirenden Perſonen ſämmtlich mit einer tiefen Verbeugung zurückziehen, um nach einigen Minuten auf Verlangen ein neues Stück zu beginnen.— Solcher Art iſt das chineſiſche Schauſpiel beſchaffen, und nicht wenig ſtörend wirkt es, daß die Auf⸗ führung eines ſolchen immer bei hellem Tage und ſo zu ſagen unter freiem Himmel ſtattfindet, denn die ephemeren Buden bilden blos das Gerüſte für die Bühne, die Zu⸗ ſchauer aber ſitzen oder ſtehen im Freien, die vornehmen Frauenzimmer ausgenommen, für welche vergitterte Logen, damit ſie nicht geſehen werden können, errichtet ſind. Sind nun aber auch die Chineſen hierin weit zurück, ſo übertreffen ſie uns dagegen als Jongleurs, Gaukler, Taſchenſpieler und beſonders als„Schlangenbezähmer“ und„Schlangeneſſer“, als welche ſie faſt unübertrefflich ſind.„Betteln“ iſt ſtreng verboten, aber mit einem —x Erlaubnij Vorſtäbte, gibt ihnen amer oder tergebäude und eben Truppe“, lich dieſen tandpunkte aden darf. „ſo kann beſtellt iſt erden näm⸗ gödien auf⸗ Volk keine k⸗tragiſch“ Betrachten velcher die was„Na⸗ Perſon er⸗ usgeputzt“, wir ſehen, u, ſondern mehr einen ung allet die Ueber⸗ de ſo iſt e vetblichen denn ſeit mehr auf macht eine ick. Zuerſt „verneigen is auf den die Muſit , herborge⸗ zjedoch di end herauk⸗ ene Zeir phantaſtiſh Aufregung nigſten oder daß man en kommen. nfernaliſche Muſikanten und da den mit einem zu Lyon befand, hat traurige Dinge Feierſtun Schlangenkaſten im Lande herumreiſen und die Zuſchauer in Contribution ſetzen, iſt erlaubt!— Auch in Puppen⸗ theatern ſind ſie erfinderiſch und die zierlichſten Porzellan⸗ figürchen bewegen ſich, in Drähten laufend, ganz nach dem Kommando, ſo daß ein ſolches Theater als beſonders un⸗ terhaltend in keinem Frauengemach eines reichen Chineſen fehlen darf. Nachdem wir nun Einiges über das Leben und Trei⸗ ben der Chineſen berichtet haben, müſſen wir zum Schluſſe doch auch noch ſehen, worin ihr Hauptvergnügen beſteht. Oder ſollte es bei dieſem ruhigen Zopfvolke keine National⸗ leidenſchaft geben? Gewiß gibt es eine, ja, wenn man will, ſogar zwei. Die eine iſt das Rauchen, die andere das Spielen. „China zählt eben ſo viele Raucher als Einwohner,“ iſt ein altes Sprüchwort. Weder Weiber, noch Männer, noch Kinder, noch Greiſe— keinen Menſchen gibt es in China, Säuglinge und Todkranke ausgenommen, der nicht rauchte, und immer rauchte, die Zeit des Schlafens und Eſſens abgerechnet. Aber— ſo leidenſchaftlich raucht der Chineſe oder die Chineſin, daß ſie lieber einen Tag lang Eſſen, Trinken und Schlafen entbehren würden, als die unentbehrliche Pfeife. Man raucht beim Spazierengehen und raucht beim Arbeiten, man raucht in der Gerichtsſitzung und raucht im Gefängniß, man raucht überall, ſogar in den Schulen, und wenn Buben von neun Jahren dieſelben verlaſſen, ſo verlaſſen ſie ſie nur mit der Pfeife im Munde. Jedermann hat daher ſeinen Tabaksbeutel an ſich hängen und hält die Pſeife in der Hand, während eine andere als Reſerve im Gürtel ſteckt. Alle Pfeifen ohne Unterſchied haben ein halblanges Bambusrohr und einen kleinen Kopf von Porzellan oder Kupfererde. Es geht nur ſehr wenig Tabak hinein und man muß daher alle Augenblicke friſch ſtopfen, allein der Chineſe liebt keine lange andauernde Pfei⸗ fen. Der Tabak iſt ſehr gut und wächst aller Orten im Lande. Ob er von Amerika dahin kam, wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen; möglich iſt auch, daß er von Aſien nach oder daß er in beiden Ländern Original⸗ pflanze war. Thatſache iſt wenigſtens, daß er ſeit unvor⸗ denklichen Zeiten in China zu Hauſe iſt und daß die Chi⸗ neſen ſchon vor zweitauſend Jahren gerade ſo ſtark rauch⸗ ten als jetzt.— Außer dem Tabak ſind die Chineſen noch große Liebhaber vom Opiumrauchen und vom Kauen ſtarker, ſinnebetäubender Narcotica, z. B. der Arecanuß (der Frucht eines Palmbaums), der Betelpflanze, die im ganzen Orient bekannt iſt, und des Chunammaſtix, d. i. einer aus Maſtix und verſchiedenem Muſchelkalk be⸗ reiteten Miſchung. Tabak, Betel und dergleichen kann man an allen Straßenecken kaufen, denn der Händler hierin gibt es Legion. Opium dagegen iſt wegen ſeiner ſchädlichen Wirkungen ſtrenge verboten; aber gerade um ſo mehr iſt der Chineſe darauf erpicht. Es iſt gewöhnlich„präparirt“ und ſieht dann einem dicken braunen Syrup nicht unähn⸗ Amerika kam, Ein gang zur g nach Joſeph Vi Maitagen des Jahres 1856 zu erleben gehabt. Die beiden Flüſſe Saone und Rhone waren fürchter⸗ lich angewachſen, ganze Quartiere ſtanden unter Waſſer, die Rhone überſchritt ihr linkes Ufer und demolirte ganze Feierſtunden. 1865. Wer ſich in den letzten ———yy——õ———::—jßõõ——y———-----—-ö'-ᷓ den. 1865. 377 (lich. Mittelſt einer Nadel nimmt man davon in der Größe einer Erbſe und bringt es in den Pfeifenkopf. Nach drei bis vier Zügen iſt die Pfeife leer und man fühlt ſich ſchwindlig davon: natürlich wiederholt man das Experi⸗ ment noch mehreremal, und zuletzt liegt der Raucher in einem total betäubten Zuſtande da, in welchem er ſich nach den höchſten Regionen des Glücks verſetzt glaubt. Dies iſt die Eine der chineſiſchen Liebhabereien, die Andere iſt das Spielen. Jeder Chineſe, vom Buben bis zum Greiſe, vom Mädchen bis zur Matrone, ſpielt; er ſpielt um's Geld und wettet dazu, und wäre er ſo arm wie Lazarus. Das Hauptſpiel iſt das Würfelſpiel, und zwar ſind es ganz dieſelben Würfel, die wir auch haben. Nur bedienen ſich die Chineſen keines Bechers dazu, um ſie zu ſchütteln, ſondern einfach der hohlen Hand. Wo der Chineſe geht und ſteht, hat er ſeine Würfel in der Taſche; wo ihrer Dreie oder Viere bei einander ſind, da laſſen ſie ſich auf den Erdboden nieder und— würfeln! Wir ſagten oben: China zähle ebenſoviele Raucher als Einwoh⸗ ner, mit demſelben Rechte kann geſagt werden:„China zählt ebenſoviele Spieler als Menſchen“, und der beſte Beweis hievon ſind die Chineſen, welche nach Californien in Amerika übergeſiedelt ſind, denn dieſe benützen jede Mi⸗ nute, in der ſie nicht arbeiten, um zu würfeln.— Außer den Würfeln kennt der Chineſe auch die Karten, die eben⸗. falls mit unſern Karten viele Aehnlichkeit haben, außer daß ganz andere Bilder und Zeichen darauf gemalt ſind. Nächſt den Karten kommen die„Wachtelkämpfe“, d. h. Kämpfe von dreſſirten Wachteln gegen einander, gerade wie in Eng⸗ land die Hahnenkämpfe und in Amerika die Hunds⸗ und Rattenkämpfe. Die Wachteln, die in China zum Zwei⸗ kampfe abgerichtet werden, find nicht ſehr groß, aber ſehr kriegsluſtig— natürlich nimmt man nur die Männchen, da die Weibchen wohl ſchreien, aber nicht anpacken,— und kämpfen ſo lange, bis ſie todt umfallen. Auf dieſe Art Spiel ſind beſonders die Großen des Reichs ſehr erpicht, obgleich daſſelbe ſtreng verboten iſt; aber je ſtrenger das Verbot, um ſo größer der Reiz! Es gibt daher eigene Wachteldreſſirer in China und der Preis für ein erprobtes Wachtelmännchen iſt kein kleiner. Bei jedem ſolchen Kampfe werden die eifrigſten Wetten eingegangen, und zwar ſo eifrige, daß Mancher nicht ſelten Weib und Kind verſpielt, wenn er nichts ſonſt mehr zu ſetzen hat. Hat ja doch ein Chineſe vollkommene Gewalt über die Seinigen und ſteht ihm das Recht, über Weib und Kind nach Belieben zu verfügen, im vollſten Maße zu!— Uebrigens dürfen wir wegen dieſer Spiel⸗ und Wettwuth der Chineſen nicht mit ſolcher Verachtung auf dieſelben herabſehen, denn nicht Wenige von uns ſind von derſelben Wuth befallen, und wenn wir auch Weib und Kind nicht verkaufen können, ſo iſt es uns doch geſtattet, ſie an den Bettelſtab und in's Elend zu bringen! Th. Gr. roßen Carthauſe, etor Scheffel. Straßen der Vorſtädte les Brotteaux und la Guillotière, Menſchenleben gingen zu Grunde, Stadt und Land waren im Nothſtand, der Kaiſer ſelbſt kam unerwartet von Paris herüber und durchritt die überſchwemmten Straßen, um Augenſchein von dem Elend zu nehmen. 48 In dieſer Zeit allgemeiner Kataſtrophe ward manches Reiſenden Plan durch die Macht der Umſtände durchkreuzt; jede Verbindung mit dem Süden war abgeſchnitten, die ausgetretenen Gewäſſer hatten die Eiſenbahn du Midi zer⸗ ſtört, die Dampfſchifffahrt auf der Rhone war unmöglich, Diligencen ſtanden keine zur Verfügung. Nur die Wege oſtwärts nach den Alpen, wo die breite Heerſtraße nach Turin hinüberführt, waren zum Theil noch praktikabel. Um den trüben Bildern dieſer Tage, wo der Menſch vergeblich wider die Macht der Elemente rang, zu entgehen, entſchloß ich mich mit zwei getreuen Reiſegefährten zu einem Ausflug in die von Touriſten und Bergfahrern ſehr wenig beſuchten und gekannten Alpen der Dauphiné, dem ich eine Reihe der eigenthümlichſten, für immer in der Erinnerung haftenden Eindrücke zu verdanken habe. Eine zehnſtündige Diligencefahrt führte uns durch die weite fruchtbare Ebene des linken Rhoneufers von Lyon dem Gebirge entgegen. Schon vom Obſervatorium bei der Kirche Fourviéres... in Lyon hatte ich ſehnſüchtig nach den fernen Alpen geſchaut, namentlich nach einigen ſchneebedeckten Häuptern direkt öſt⸗ lich von jenem Standpunkt. Dieſe hoben ſich jetzt, je län— ger die Fahrt auf luftiger Imperiale dauerte, immer deut⸗ licher vor den Blicken, und trotz der Nachläſſigkeit und Saumſeligkeit unſeres Kondukteurs, der ſich in Lyon einen jener wohlfeilen„Eiſenbahnbibliothekromane“, wie ſie in allen franzöſiſchen Bahnhofreſtaurationen in reichlicher Fülle aufliegen, für einen Frank gekauft hatte und vorzog, den Kataſtrophen zu folgen, die Graf Raouſſet⸗Baulbon, der Abenteurer von Sonora und Verfaſſer der„Converſion“ ſeiner Phantaſie vorführte, anſtatt auf Roſſe und Wagen Acht zu haben, kamen wir glücklich in Voreppe an. Voreppe iſt ein freundliches Gebirgsneſt, überragt von hohen Gipfeln, deren einer, der pic de Chalais, in ſei⸗ nen Abhängen das Dominikaner⸗Klöſterlein Notre Dame de Chalais birgt, das der Pater Lacordaire dort in luf⸗ tiger Höhe gegründet. Ein über mächtige Steinblöcke hinſchäumender Bach mit einer alten Brücke, zur Rechten auf einer Felsterraſſe das ſtattliche Pfarrhaus, deſſen Garten im reichſten Blu⸗ menſchmuck prangte, unweit davon der Kirchthurm, aus den Cypreſſen und Pappeln des Kirchhofs herüber ſchauend, — gewährten ein anmuthiges Landſchaftsbild. In Voreppe verließen wir den Eilwagen und gingen noch in kühler Abendſtunde durch ein Seitenthal nach dem Alpenſtädtchen Saint Laurent du pont unweit der ſavoyiſchen Grenze. Ich war angenehm überraſcht, in dieſen franzöſiſchen Alpen dieſelben Bergformen, dieſelbe Vegetation, denſelben Charakter vorzufinden, wie an den ſüdlichen Abhängen des Sankt Gotthard und am Comer⸗See: lang geſtreckte Kalk⸗ wände, von weichem, ſammtartigem Grün überwachſen, reicher Pflanzen⸗ und Baumwuchs, keine langweilig ein⸗ tönigen Tannenwälder, dagegen rauſchende, kühn überbrückte Gebirgsſtröme, Fernſichten in das überſchwemmte Thal der Iſéère, genannt la vallée de Graisivaudan, als Staffage patrouillirende Douaniers, die die Grenze nach Savoyen gegen den reichlich getriebenen Schmuggel behüten— über Allem aber eine würzig balſamiſche Alpenluft— das wa⸗ ren die unerwarteten Eindrücke des abendlichen Gangs nach Saint Laurent. Ein gutes Gebirgswirthshaus nahm uns dort auf und ſpendete köſtliche Forellen, ſavoyiſche Berghaſen und gute Betten. Andern Morgens in dämmernder Frühe ſtand ein Führer bereit und wir zogen in die Alpenwildniß ein, die ——; nach der Grande Chartreuſe führt. Dieſer Weg, dem tobenden Wildbach Guiers⸗mort entlang, gehört zu dem Großartigſten, was ich auf vielfachen Alpenwanderungen geſehen und kann ſich an landſchaftlicher Schönheit mit der Via mala und den Simplonpfaden meſſen. Furchtbar einſam und wild iſt's gleich Anfangs bei einem Punkt, Les Fourvoiries genannt: ein rauchſchwarzer Eiſenhammer mit tief in den Mauern liegenden vergitter⸗ ten Fenſtern ſteht finſter zur Rechten eines Wildbachs, aus deſſen brauſenden Fällen feuchter Duft zu den hundertjäh⸗ rigen Buchen und Tannen emporſprüht; eine aus einem einzigen Bogen beſtehende Brücke ſpannt ſich keck darüber, auf beiden Seiten ſteigen gewaltige ſenkrechte Felſen empor, ein alter Thorthurm, über deſſen Portal in Stein gehauen ein Kreuz auf der Erdkugel fußt, ſperrt die ſchmale in Fels gehauene Straße. Stat crux dum volvitur orbis! ſteht an dieſem Ein⸗ gang geſchrieben, den ehemals ein Kloſterwächter beſetzt hielt es iſt die„entrée du désert,“ der Weg zur Wild⸗ niß... Wer hinaufſteigt, um oben in der Carthauſe als Büßer ſein bleibend Quartier zu nehmen, mag zum letzten Mal hier halten und der Welt hinter ihm Valet winken; jenſeits dieſes Thores beginnt die Wüſte und irgend ein Touriſt oder einer der Landſchaftsmaler, von deren Anwe⸗ ſenheit hierorts mannigfache von der Palette abgeſtrichene und am Fels vertrocknete Farbenreſte Zeugniß geben, hat darum mit Bleiſtift die Dante'ſche Inſchrift des Höllen⸗ thores: per me si va nella città dolente u. ſ. w. an die Maner angemerkt. Weiter oben fällt dem Wandersmann ein Waſſerfall in die Augen, der durch darüber geſtürzte Felſen überbrückt iſt, ähnlich dem Gollinger im Salzburgiſchen... Dann, da wo die Straße auf einer Reihe von kühn gewölbten mittelalterlichen Mauerbogen längs des Abgrundes hinzieht, der wie eine Nadel ſenkrecht und iſolirt aufſteigende rocher de l'Oeillette, und die maleriſchen Reſte einer alten Be⸗ feſtigung,— Alles von üppigen, rieſenhaften Buchen, Tannen, Platanen überſchattet und allerhand Buſchwerk und Schlinggewächs, wilden Roſen und Cytiſus umrankt — eine Vegetation reich und kräftig wie in den amerika⸗ niſchen Wäldern. Eines Landſchafters Gemüth müßte hier warm werden und ſich Wochen und Monate wünſchen, um mit Malkaſten und Leinwand hier zu arbeiten; es möchte wohl ein flottes Bild werden, dieſer bergan ſich windende Felspfad auf ſeinen Brückenbogen, mit dem querdurchſchnei⸗ denden zinnengekrönten Mauerthor und der einſam aufſtei⸗ genden ſpitzen Felspyramide.. auf der ſonnenbeleuchteten gelblichten Bergwand im Hintergrund hebt ſich das dunkle Gemäuer des kleinen Befeſtigungswerks pittoresk ab, vorn im Halbſchatten, von einzelnen Streiflichtern der Morgen⸗ ſonne durchblitzt, das ſaftige Waldesgrün und die Tiefen des Abgrunds und als Staffage etwa ein Trupp calvini⸗ ſtiſcher Reitersmänner, ſo wie ſie im Jahr 1562 unter des Baron Des Adrets Führung wider das Kloſter ritten, oder die Kommiſſäre des Jahres 1792 in der tricoloren Schärpe, wie ſie mit ihren Sansculotten die Ordensmän⸗ ner gefangen aus der Einſamkeit abführten. Rach dreiſtündigem Marſch führte unſer enger Pfad in ein weites Wieſenthal; graue, ſeltſam geformte inein⸗ ander gebaute Schieferdächer wurden zwiſchen den Bäumen ſichtbar, lange Gebäude, Umfaſſungsmauern mit vorſprin⸗ genden Eckthürmen, der Thurm einer Kirche, eine Reihe einzelner wie Soldaten in Reih und Glied ſtehender Zellen⸗ häuslein... eine ſeltſam fremdartige Anſiedlung. Veg, dem t zu dem inderungen it mit der ffangs bei jſchwarzer vergitter⸗ bachs, aus hundertjäh⸗ aus anem ik darüber, lſen empor, in gehauen ſchmale in ieſem Ein⸗ geſetzt hielt zur Wild⸗ thauſe als um letzten t winken; irgend ein eren Anwe⸗ bgeſtrichene geben, hat es Höllen⸗ . ſ. w. All PWaſſerfall überbrückt . Dann, gewölbten hmzjeht, nde rochet alten Be⸗ en Buchen, Buſchwerk s umrankt en amerike müßte hier nſchen, um s möchte windende zurchſchnei⸗ am aufſtei⸗ beleuchteten das dunkle ——ꝛõ⏑ꝛꝛ—ꝛ—ꝛ—Yꝛy——ry—————— Wir ſtanden vor dem Thore der grande Chartreuse, der großen Carthauſe(ſiehe Bild auf S. 380), der Wiege des ſtrengen ſtillen Carthäuſer⸗Ordens, darin jetzt noch über vierzig Ordensmänner in unwandelbarem Schwei⸗ gen der Betrachtung göttlicher Dinge ein afketiſches Leben weihen.— Eine einſamere Wildniß war auch ſchwer aus⸗ zuſuchen, um von der Welt ungeſtört ein Aſyl der Kon⸗ templation zu gründen. Von allen Seiten ragen ſenkrecht die noch von vielem Schnee umhüllten Alpenwände empor, reicher gewaltiger Wald umſchließt das Kloſter und zieht ſich bis weit in die Berghöhen empor... und Alles ſchweigt, nur die Nachtigall in den Linden des Vorhofs iſt noch kein Carthäuſer worden und ſingt luſtig und klagend ihr ſchmelzendes Lied. Man muß ſich unbefangen in das Mittelalter mit ſei⸗ nen wild tobenden Leidenſchaften und ſeinen friedebedürftigen Gemüthern, in jene Welt voll Scholaſtik, Parteizank und Schisma zurückdenken, um die Motive zu verſtehen, die einen Mann der damaligen Kultur wie Sanct Bruno aus dem Strom der Weltlichkeit heraus in die Einſamkeit ſtießen. Er war ein ächter Sohn ſeiner Zeit, dieſer Bruno Har⸗ tenfauſt aus Köln, deſſen Name, wie einer ſeiner moder⸗ nen Lebensbeſchreiber ſagt, eine ſehr wenig romantiſche Phyſiognomie zu tragen ſcheint.. ein germaniſches Ge⸗ müth, das in die Tiefen der Wiſſenſchaft eintaucht, um ſeinen Gott darin zu finden und feſtzuhalten, das dann in den Wirren und Kämpfen des Lebens von Enttäuſchung zu Enttäuſchung vorwärts gejagt wird und ſich ſchließlich, abgehetzt und verbittert, ganz auf ſich ſelbſt und die ſtär⸗ kende Kraft einſamer Natur und einſamen Denkens zurück⸗ zieht, um aus ihr wenigſtens ein Stück des verlorenen Friedens wieder zu gewinnen. Es war im Jahre 1084, wie die Legende berichtet, da kam über Hugo, den Biſchof von Grenoble, ein wun⸗ derbar Traumgeſicht, das ihn aus ſeiner Biſchofsſtadt ent⸗ rückte in die Wildniß des Gebirgs Chartreuſe. Dort in der felsſtarren ſchneebedeckten Einöde vermeinte er einen prachtvollen Tempel zu erſchauen, und ſieben Sterne zogen am Himmel auf, und hielten über den Kuppeln des Got⸗ teshauſes und ſtrahlten in geheimnißvollem Schimmer dar⸗ auf nieder. Des andern Tages erſchienen ſieben Pilgers⸗ männer vor dem Biſchof, warfen ſich ihm zu Füßen und ſprachen: Nehmt Ihr uns in Eure Arme auf und führt uns an den Ort der Zurückgezogenheit, dem unſer Herz ſich entgegenſehnt. Es waren Lauduin von Toskana, Stefan von Bourg und Stefan von Die, ehedem Canonici zu Valence, Hugo der Kaplan; Andreas und Warin die Laienbrüder; an ihrer Spitze aber Bruno Hartenfauſt, der Kölner, müde des Skandals und der Verderbtheit des Jahrhunderts..... Und der Biſchof von Grenoble geleitete die Pilger ſelber in die weltabgeſchiedene Höhe ſeiner Alpen; die Axt klang oben im Tannwald, Holzhütten erhoben ſich um einen dem Fels entſpringenden Quell, eine Höhlung im Berg ward zum erſten Ort des Gebets geweiht.... Der Grund zur Carthauſe war gelegt und bald weiteten ſich die Block⸗ häuſer dieſer asketiſchen Pioniere der Alpenwälder zu klö⸗ ſterlicher Anſiedlung, die durch die Strenge ihrer Ordens⸗ vorſchrift ſchnell einen Ruf in der Chriſtenheit gewann. Es iſt ein eigen Verhängniß im Lebensroman des Stifters der Chartreuſe, daß ihm auch hier nicht vergönnt blieb, die Freuden der Einſamkeit bis zu ſeinem Ende durch⸗ zukoſten. Denn kaum waren vier Jahre verfloſſen, daß das einſiedleriſche Häuflein ſich in dieſem Revier der Stein⸗ 379 adler und Lämmergeier feſtgeſetzt, ſo beſtieg ein ehemaliger Schüler und ſpäterer Kollega Bruno's aus dem Rheimſer Domkapitel als Urban II. den päbſtlichen Stuhl. Schisma zerriß die Chriſtenheit, Gegenpäbſte erhoben ſich, er fühlte das Bedürfniß, treue Parteigänger um ſich zu ſchaaren und gedachte„der harten Fauſt“, die unver⸗ wendet im Dienſt der ſtreitbaren Kirche in unzugänglicher Alpenwildniß Ruhe hielt. Ein Bote erſchien in den Ber⸗ gen der Chartreuſe und brachte dem Stifter der geiſtlichen Anſiedlung den gemeſſenen Befehl des Oberhaupts der Chri⸗ ſtenheit, ſich unverzüglich nach Rom zu begeben. Es mag ein bewegter Abſchied geweſen ſein, da Sanct Bruno, die stella deserti, wie ihn ſeine Schüler nann⸗ ten, wiederum hinabſtieg durch die Engpäſſe der Berge, die ihn für immer von der Welt trennen ſollten. Und ſchwere Arbeit wartete dort ſeiner; es galt, die normanniſchen Eroberer Apuliens und Calabriens an den päbſtlichen Stuhl zu feſſeln... am üppig chevaleresken Hof des Herzogs Roger, auf einer von Griechen, Sara⸗ cenen und normanniſchen Abenteurern bunt durchſchüttelten politiſchen Schaubühne finden wir unſern Alpeneinſiedler wieder... vorgeſchlagen zum Erzbiſchof von Reggio,— als Stifter des Kloſters La Torre in Calabrien,— als päbſtlichen Delegaten auf verſchiedenen Concilien— im normanniſchen Feldlager vor dem von den Griechen ver⸗ theidigten Capua— und endlich, an einem Herbſtſonntag des Jahres 1101 in ſeinem ſüditaliſchen Rückzugsort San Stefano del Bosco ſein vielbewegtes ſtreitbares Leben be⸗ ſchließend.... Nachdem wir mit der ſchweren ehernen Klinke an's Thor um Einlaß geklopft, that ſich der Eingang der un⸗ heimlich ſchweigenden Kloſterhallen auf, ein dienender Bru⸗ der in brauner Kutte erſchien und geleitete uns in das dem Empfang der Pilgersmänner beſtimmte Hoſpitium. Die Fremden werden, nach der alten kirchlichen Pro⸗ vinzialeintheilung, je nach ihrer Nation in verſchiedenen Sälen empfangen, z. B. Burgunder und Aguitanier u. ſ. w. Da ſich deutſche Wanderer ſo ſelten in dieſe Höhe verlie⸗ ren, iſt für ſie nicht beſonders vorgeſehen, und wir wur⸗ den in den Saal der Franzoſen geführt, nach ehrwürdig alter Kloſtergaſtfreundſchaft ſofort ein Feuer im Kamin angezündet und ein wärmend feiner Liqueur zum Willkomm dargebracht. Nach Ruhe und Ausraſtung der müden Glieder erſchien der père Gérésime, dem die Sorge der Fremden obliegt, und brachte in einer verſchloſſenen Holzkiſte, ſo wie ſie jedem Ordensbruder mittäglich zum Schiebfenſter ſeiner Zelle hineingereicht wird, unſer Mittagmahl, ein reichlich klöſter⸗ liches diner maigre von Fiſchen, Mehlſpeiſen, Eiern, köſt⸗ lichen Südfrüchten und gutem Wein. Inzwiſchen zogen ſchwere Regenwolken über die Berge, die Nebel wallten und ſpielten um die vergitterten Fenſter; — für uns Weltkinder, die ſeither nach genommener Mahl⸗ zeit in einem menſchendurchwimmelten, gasflammenerleuch⸗ teten Café am Rhonequai zu Lyon zu ſitzen pflegten, war's ein düſterer Eindruck, jetzt im feuchten Kloſterſaal die Füße an's Kaminfeuer zu ſtrecken und das einförmige Plätſchern der Springbrunnen im Hofe zu belauſchen, das vom Schall dumpf auf die Dächer niederſchlagender Regentropfen me⸗ lancholiſch unterbrochen ward. Der freundliche Carthäuſer bot uns von freien Stücken Nachtquartier im Kloſter an und lud uns zu einem Rund⸗ gang durch die weiten Gebäude ein. Die Kloſterkirche hat über dem Eingang zum Chor 48*† 380 Feierſtunden. 1865. ————O——õ—⅔ꝛꝛ;:——— ——:————— eine ſchöne Gruppe einer Pietà;— an den Wänden eines die Superioren ſämmtlicher Klöſter des Ordens zu Be⸗ Korridors, der zum Kapitelſaal führt, waren die Bauriſſe rathung gemeinſamer Angelegenheiten einfinden, enthält eine und Abbildungen ſämmtlicher Carthauſen der Chriſtenheit bedeutende Statue des heiligen Bruno von der kunſtreichen zu ſehen. Der père Gérésime, der aus unſerer Sprache Hand Foyatier's, deſſen Spartacus wir ſchon im Muſeum die Heimath errieth, zeigte, daß auch Deutſchland mit einer zu Lyon geſehen;— um die Wände reihen ſich die Por⸗ Carthauſe verſehen ſei, denn unter der Rubrik Germania traits der fünfzig erſten Ordensgenerale, eine Sammlung fand ſich„Ittingen in pago Thurgowt conterfeyt; aber von Köpfen, bei deren ſcharfem Ausdruck ein Phyſiognomi⸗ wir bedauerten, ihm die Auskunft ertheilen zu müſſen, daß ker viel lehrreiche Betrachtungen über die Umprägung des der Kanton Thurgau ſeit einiger Zeit aufgehört habe, einen menſchlichen Antlitzes durch fortgeſetzte Askeſe anſtellen Beſtandtheil des heiligen römiſchen Reichs deutſcher Nation könnte. auszumachen, und daß nach der Behandlung, die den übri⸗ Der Hauptſchmuck des Saales aber ſind die Kopien gen Klöſtern im Land Helvetien neuerdings zu Theil ge⸗ von Euſtach Le Sueurs berühmten Bildern aus dem worden, wohl kaum anzunehmen ſei, daß die Carthauſe Leben des heiligen Bruno, deren Originalien in Paris Ittingen ſich noch im geiſtlichen Stand befinde. prangen. Der Kapitelſaal, in welchem ſich von Zeit zu Zeit Er hatte ſich's nicht gedacht, der Meiſter Euſtach, Die große Carthauſe. E Wubs ſenfndonn hnn Schüler, da er unker den darin den Ordensbrüdern ihre magere Mahlzeit deponirt Mauern der Carthauſe von Paris den Degen zog, um mit wird; über der Thüre iſt ein lateiniſcher Spr aus der einem übermüthigen Edelmann einen Waftenpang z thun, Bibel oder den Fhnbentte aneichſchern, ucj daß er ſelber ein Carthäuſer werden und ſeinen Pinſel Dröhnend hallten unſere Schritte durch den ſchweigen⸗ fortan zur Verherrlichung des Ordensſtifters führen werde erfüllten Gang, aus deſſen Mitte wir in den Kirchhof ... aber auch die Kunſt hat ihre gewieſenen Wege zur hinabſchauten— der tägliche Anblick der Ordensmänner, Einſanet vud Askeſis. 8 wenn ſie zur Kirche gehen. Ungeſchmückte Grabhügel decken De dn aritelſaal geht's in den großen Kreuzgang, in ihre ſterblichen Reſte, nur die Gräber der Ordensgenerale un ſhen di 6 he ſanndrzraf Glün in nnt Aiafachen te werenzenin Form eines zuſammen⸗ roße äu⸗ gefügten Baumſtamms geſchmückt. des, ſondern eine jede iſt ein ſelbſtſtändiger Anbau, en gDie Kapelle der Lodten, die Kapelle Ludwigs des Hüͤusſgin ſü ſch. Athaltend zwei Gelaſfe⸗ aren ein Raum Dreizehnten, das Refektorium, das an den Sonntagen die zum Gebet und ein Studirzimmer abgetheilt ſind; im un⸗ Brüder zu emeinſam ſchweigendem Mahle vereinigt, die tern Stockwerk aber, das 4 kleiner elheiet imn iin dine Bibliothe un a naſhi Andere wune uns geßrizt. Werkſtatt, um durch die Anſtrengungen der Handarbeit die Ein abendlicher Gang führte uns wieder aus dem be⸗ ſchädlichen Folgen ſitzender Lebensart fern zu halten. Eine engenden Kloſterbann hinaus in die wundervoll grünenden Niſche in der Mauer des Krenzgangs bezeichnet den Platz, Wälder der Umgebung mit ihren Steinbrüchen, Waſſer⸗ — zu Be⸗ thält eine nſtreichen Muſeum ammlung ſognomi⸗ gung des anſtellen ie Kopien aus dem in Paris Cuſtach, —ͤ—— it deporit ih aus der Feierſtunden. 1865. 381 —— ——ꝛò;::fr—————————⸗—x—x—— leitungen, Teichen, ſchattigen Zickzackwegen... zu der in abgeſchiedener Waldeinſamkeit gelegenen Kapelle Norre-dame de Gasalibus, und dem auf tannumſchattetem ſteilem Fel⸗ ſen gebauten Kirchlein des heiligen Bruno, dem Ort, wo⸗ hin er ſich, wenn es ihm beim Bau der Carthauſe unter ſeinen ſechs einſiedleriſchen Gefährten noch nicht einſam JHyy (Siehe S. 383.) Polen auf dem Wege in die Verbannung nach Sibirien. genug war, zurückzuziehen und beim Gemurmel einer nahen es ſein, wenn die ſämmtlichen Ordensbrüder, wie es im Quelle dem Gebet obzuliegen pflegte. Sonmer etlichemal zu geſchehen pflegt, in ihren wallenden Ein lebendes Bild von eigenthümlicher Wirkung mag weißen Gewändern paarweiſe den Fußſteig heraufgewandelt Feierſtu 382 —————— kommen, um ihrem Stifter eine Meſſe zu halten— ein langer, ſchweigender Zug durch den grünen Wald. Der Laienbruder hatte uns die Abſchrift eines Gedich⸗ tes gegeben, das Herr von Lamartine einſt hier oben im— proviſirt. Ich bin ſonſt kein ſchwärmender Verehrer jener auf hohem Cothurn ſchreitenden melancholiſchen Muſe, aber hier war ſie dem Ernſt und der rührend gewaltigen Natur des Orts homogen. ... paisibles habitants de ces saintes retraites, Comme au pied de ces monts, où priait Israel, Dans le calme des nuits, des hauteurs où vous ôtes, N'entendez-vous donc rien du ciel? Ne voyez-vous jamais les divines phalanges Sur vos dômes sacrés descendre et se percher? N'entendez vous jamais des doux concerts des Anges Rétentir l'ècho du rocher? Die Frage klang ſo einfach und natürlich, wenn das Auge ſich emporwandte zu den hoch über dem ſchweigenden Wald in den Aether ragenden Alpenkuppen, daß ich ſelber, trotz der ſchlimmen philoſophiſchen Impfung, die ein deut⸗ ſcher Organismus in ſeiner Jugend zu erdulden hat, nicht darüber erſtaunt wäre, wenn ich auf den felſigen Wänden ob meinem Haupt die himmliſchen Heerſchaaren auf⸗ und niederſteigend erſchaut und den verklingenden Wiederhall ihrer Geſänge vernommen hätte.... Ein reichliches Kloſtermahl verſammelte uns in ſpäter Abendſtunde wieder um das Kamin des Fremdenſaales. Ein feiner piemonteſiſcher Of⸗ fizier leiſtete uns Geſellſchaft; er war herübergereist, um einem Verwandten, der in's Kloſter eintreten wollte, das letzte Geleit zu geben, und deutete uns deſſen Geſchichte an: das Schickſal hatte es jenem zur Zeit jüngſten Novizen des Kloſters gefügt, daß er einem Freund und Waffengefährten erſt gegründete Urſache gab, an der Treue ſeiner Frau zu zweifeln, und ihn ſodann im Zweikampf tödtete... aller⸗ dings Grund genug, um reuig und ſchweigend ſich für den Lebensreſt in's Mönchgewand zu hüllen. Der leichte weltmänniſche Ton unſeres Erzählers, deſſen Wachstuchregenmantel, Firnißſtiefel und elegante Hand⸗ ſchuhe in ſcharfem Kontraſt zu den Kutten und Sandalen unſerer geiſtlichen Quartiergeber ſtanden, verſetzte uns aus der Kloſterſtille hinüber in das frivole Treiben der moder⸗ nen Salons.. das graciöſe Liedchen„la donna e mo- bile,“ das aus irgend einer Verdi'ſchen Oper dem Turiner Cavalier bis hieher gefolgt war, und das er unaufhörlich trällerte, klang wie ein Sirenenton an der Stätte des ewi⸗ gen Schweigens, von der ſich übrigens unſer piemonteſiſcher Gefährte auch ſehnlichſt hinüberwünſchte zu den ſchönen Frauen ſeiner Hauptſtadt. Zum Nachtlager wurde Jedem von uns eine Zelle angewieſen: vier kahle weiße Wände, ein rauhes Bett, ein Betpult mit Crucifix und kleinem Schrank— und Alles in ſtrengem Schweigen, das war das Nachtquartier der grande chartreuse. Um Mitternacht aber tönte die Glocke, der père Gé- résime erſchien, uns zu wecken; wir wurden in die Empor⸗ kirche geſührt, dem nächtlichen Gottesdienſte beizuwohnen. In ſchwarzer Finſterniß lag Alles, nur ein leiſer Schein der ewigen Lampe fiel auf die Marmorgruppe der Pieta, und eine Bewegung im Chor meldete die Anweſenheit der Ordensmänner. Dann hörte man eine rauhe Hand drei⸗ mal auf die Bank vor den Stühlen klopfen— und ein ſtrenger, ſchauerlicher Geſang hub in dem finſteren Chor an, als wäre die Unterwelt aufgethan und die Todten rede⸗ nden. 1 865. —-— dten von den Dingen der Vorzeit. Dann wurden die La⸗ ternen angezündet, und man ſah die weißen Kutten, von der Kaputze das Haupt verhüllt, in ihren Chorſtühlen ſitzen und aus den großen Pſalmbüchern ihre mitternächtlichen Antiphonien beginnen. Meiſt war es Einer, der vorſang, die Andern fielen im Chor ein; oft unterbrach ein viele Minuten andauerndes ſchreckliches Schweigen den Geſang, die Lichter erlöſchten, Finſterniß des Grabes und Todes deckte die Kirche, bis wieder eine klagende Stimme, wie die eines Rufers aus der Wüſte, die Liturgie fortſetzte. Es war ein gräßlich ernſter, faſt geſpenſtiger Eindruck; die ewige Lampe warf ihre Schatten an die weiße Wand der Emporkirche und zeichnete oft in koloſſaler Vergrößerung die Silhouette einer Mönchskaputze oder die Geſtalt eines Fortwandelnden, der das Kreuz ſchlug. Wir blieben über eine Stunde, dann ſuchten wir, faſt geängſtigt von dieſer Mitternachtfeier, mit leiſem Schritt unſere Zellen; noch lange ſchallte das monotone Pſalmo⸗ diren der weißen Kutten durch die ſtillen Kloſtergänge und ſcheuchte den Schlaf. In wachenden Traumbildern zogen die Eindrücke der letzten Tage an mir vorüber; vorgeſtern noch im Getüm⸗ mel von Lyon, oben in der Bergſtadt croix rousse, wo das Sauſen und Hämmern der Webſtühle aus allen Fen⸗ ſtern ſchallt, wo eine Bevölkerung von 40,000 Arbeitern ihre Lohn⸗ und Frohndienſte thut und mit freudloſem An⸗ tlitz die prächtigen Seidenſtoffe für Frankreichs elegante Damen ſchafft... und heute— in einer einſamen Klo⸗ ſterzelle unter büßenden, ſchweigenden Anachoreten, die nichts mehr wiſſen von dem, was draußen die Gemüther bewegt. Aber ob ſie ſo Unrecht haben, die Männer der grande Chartreuse, über deren Zellen geſchrieben ſteht: in silen- tio et spe erit fortitudo vestra?.. Ich gedachte der Kulturmenſchen draußen in ihrem Ameiſengewimmel, in ihrem vielgeſchäftigen Nichtsthun, in ihrem Abzappeln und Ringen um den Schaum von Sei⸗ fenblaſen, und gedachte der Anſtalten des unfreiwilligen Schweigens, welche die Geſellſchaft von heute baut und bauen muß, um fortbeſtehen zu können— jener hochum— wallten, eiſenvergitterten, unheimlichen Zwingburgen, die man Zellengefängniſſe heißt— und ich wandte mein Haupt auf dem harten Holzſchragen des Lagers und murmelte, als wäre ich ſelber bald reif für den weißen Carthäuſer⸗ habit, die Worte des Pſalms:„der Herr iſt nahe bei denen, die zerbrochenen Herzens ſind, und hilft denen, die ein zer⸗ ſchlagen Gemüth haben.“ Der folgende Tag führte uns wieder zu den Lebenden zurück. Im Reiſeplan ſtand zwar noch die Beſteigung des Grand⸗Som aufgezeichnet, jenes über der grande Char- treuse ſich erhebenden Gipfels, von welchem aus eine präch⸗ tige Fernſicht in die von der Rhone durchſchnittene Lyoner Ebene, bis weit zu den Bergen des Vivarais und der Au⸗ vergne, ſowie eines der gewaltigſten Alpenpanoramen den Emporklimmenden überraſcht. Der Gedanke war ſehr ver⸗ führeriſch, in dieſen cottiſchen Alpen eine rigi⸗artige Um⸗ ſchau zu halten, die ganze weite Kette vom Monte Viſo bis zu den Chamounybergen zu muſtern und dem Mont⸗ blanc der Dauphiné, dem rieſigen, in ewigen Schnee ge⸗ hüllten Mont Pelvoux, der dem wirklichen Montblanc an Höhe nur um 600 Fuß nachſteht, einen Gruß zuzu⸗ winken. Aber ein hartnäckiger Regen machte jeden Gedanken an weitere Bergerſteigung zu Waſſer. — die La⸗ ten, von len ſizen ächtlichen vorſang, ein viele Geſang, d Todes „wie die te. Eindruck iße Wand griͤßerung talt eines wir, faſt n Schritt Pſalmo⸗ inge und rücke der Getüm⸗ sse, wo llen Fen⸗ Acbeitern oſem An⸗ elegante men Fl⸗ die nichts bewegt. grande n silen- in ihrem tsthun, in von Sei⸗ eiwilligen baut und . hochum⸗ egen, die ein Haupt murmelte, rtthäuſer⸗ bei denen, e ein zel⸗ Lebenden Feierſtunden. 1865. ——⅓:'ͤ—-’—— Nach herzlichem Abſchiede von unſerem ſanften, gaſt⸗ freien Ordensmanne traten wir den Rückweg nach Grenoble an, der ein ſehr ſchwieriger zu werden drohte. Der Oeko⸗ nom des Kloſters gab uns eine Flaſche ihres trefflichen Liqueurs mit auf den Weg; dieſer Liqueur, ſowie das „Lebenselixir“ der grande Chartreuse, ſind ſeit Jahr⸗ hunderten berühmt in Frankreich und werden vielfach als Heilmittel gegen Krankheiten verwendet, die Zubereitung aus den aromatiſchen Kräutern dieſer Hochalpen iſt Ge⸗ heimniß der Carthäuſer, die, nach den großen Vorräthen zu ſchließen, einen nicht unbedeutenden Handel mit dieſem Specificum treiben. Ohne dieſe Herzſtärkung wäre der ſechsſtündige Marſch über le Sappey nach Grenoble hin⸗ unter ſehr bedenklich geworden. Ein wahrhaft ſündfluth⸗ licher Regen fiel unaufhörlich und machte es unmöglich, der großartigen Landſchaft an dem durch einen Thorthurm abgeſchloſſenen Engpaß le porte du Sappey, und jenſeits derſelben, wo eine Kapelle das„initium terminorum et privilegiorum domus Cartusiae“ bezeichnet, irgend eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Allmälig wurden Wege und Stege von brauſenden Wildbächen erfüllt... ſo ſtundenlang marſchirend oder vielmehr einherwatend, oft vom Waſſer fortgeriſſen oder tief in den Schlamm einſinkend, dann und wann in einer 383 (Sennhütte raſtend und die triefenden Gewänder auswindend, überzeugten wir uns auf's Klarſte, daß man auch durch einen Ausflug in die Alpen der Dauphiné der Ueberſchwem⸗ mung vergebens zu entfliehen ſucht. Aber der wärmende Liqueur der biederen Carthäuſer hielt den Muth aufrecht... als endlich nach langem Bergabſteigen unerwartet die Regenwolken ſich lüfteten und das herrliche Thal Graiſivaudan mit ſeinen Wäldern und Rebhügeln und reichen, landhausbeſetzten Gefilden zu un⸗ ſeren Füßen lag, und wir von der Höhe von Montfleury hinunterſchauten auf die breit daherſtrömende Iſère und die Mauern und Feſtungswerke von Grenoble und hinüber auf die ſich hoch in den Wolken verlierenden dunklen Häupter des Mont Aiguille und des Pic de l'Obion— da war alles Leid vergeſſen, fröhlich zogen wir durch die Thore der alten Hauptſtadt der Dauphiné und hatten noch Stimmung genug, im Vorübergehen den Ritter Bayard auszulachen, der ohne Furcht und Tadel, aber mit ſchlotternden Knieen, als hätte auch ihn ein Gebirgsmarſch und Wolkenbruch zu Grunde gerichtet, von der Place St. André als ſchmerz⸗ erweckend ſchöne Erzfigur in den Regenhimmel hinauf⸗ ſchaute. (Weſtermann's Monatshefte.) Polen auf dem Weg in die Verbannung nach Sibirien. (Mit Abbildung auf S. 381.) Man las in jüngſter Zeit beinahe täglich von armen Gefangenen, welche in die ſchaurigen Einöden Sibiriens transportirt wurden. Die zu dieſem ſchrecklichen lichen werden, wie tig mit Stroh eilt der traurige Zug die öden Steppen. Städte, Dörfer, überhaupt Spuren menſchlichen Da⸗ ſeins ſind ſelten in dieſen Gegenden, und werden immer dem Innern des Landes nähert. Hier verſchwindet Alles, verwiſcht ſich jeder Pfad, und Verbannten erblickt nichts mehr, als über den ſich ein bei— grauer Himmel wölbt. Einige Tannen⸗ Silhouetten manchmal am Horizonte was jene, ſonſt jeglichen Wachs⸗ Abwechslung ſeltener, je mehr man ſich das Auge des armen einen weiten, unermeßlichen Raum, nahe ewig düſterer, wälder, deren hagere auftauchen, ſind Alles, thums entbehrenden Flächen an Kultur und bieten. Das leichte Fuhrwerk, von den kleinen, aber kräftigen Pferden gezogen, fliegt unterdeſſen unaufhaltſam dahin. Looſe beſtimmten Unglück⸗ unſer Bild zeigt, auf kleinen, nothdürf⸗ bedeckten Wagen, die aus Vorſicht einige Koſaken eskortiren, nach der Heimath des Winters geſchafft. Raſch, ſo lange es Wege gibt, denſelben folgend, durch⸗ Zwiſchen den Gefangenen und ihren Führern wird kein Wort gewechſelt. Erſtere ſitzen unbeweglich und finſter vor ſich hinbrütend da, in ihren Geſichtern iſt Verzweiflung zu leſen; die der Letzteren drücken nichts als Ernſt und Theilnahmloſigkeit aus. Das Ziel der Reiſe iſt Tobolsk, und hier endlich be⸗ ginnt das eigentliche Sibirien. Hohe, vom Caſpiſchen Meere bis an den Ocean ſich ausbreitende Gebirgsketten halten die Nordwinde auf und verhindern das Vordringen der ſüdlichen Lüfte. Hier hat der Winter ſich ein ſtändiges Quartier errichtet, und ſelten iſt es, daß in dieſer Gegend der Schnee ſchmilzt. Von September bis Juni müſſen in dieſem Klima alle land⸗ wirthſchaftlichen Arbeiten eingeſtellt werden, und der Berg⸗ bau bildet dann die einzige Erwerbsquelle der Einwohner. Hier nun, fünfhundert Meilen vom Vaterlande weg, ſoll der Verbannte leben— leben im Lande des ewigen Winters, wohin nicht einmal eine Schwalbe kommt, um den neuen Frühling zu verkünden. Aug. W. Der unwürdige Rapuziner. Ein Wagen zerbricht auf einem Wege, in der Nähe Frankreich. Man muß aber es gibt viel daran merkte endlich in recht hübſcher Lage ein recht beſcheidenes, ge. Man wird ehrbares Haus, über das ſich ein noch beſcheideneres Thürm⸗ „prendre ſchen erhob, der kleinen Stadt Gondrecourt in ihn wieder zurecht machen laſſen; zu thun und der Arbeiter ſind nur wenige. alſo ſein Kreuz in Geduld tragen müſſen und le tems comme il vient.“ Der Reiſende, welchem das Unglück paſſirte, ließ ſich davon nicht anfechten, ſchaute rechts und links, und be⸗ das roth und grün angeſtrichen zugleich zum Taubenſchlag zu dienen ſchien. Ohne viel zu fragen, richtete * 384 Feierſtunden. 1865. er ſeine Schritte demſelben zu,— es war ein ehrbares, der ungeachtet ſeiner Beſcheidenheit doch einigermaßen das beſcheidenes Kapuzinerkloſter.— Er zieht die Glocke; man Anſehen hat, eine ziemlich gute Erziehung genoſſen zu haben, öffnet und erblickt ein mageres Männchen, ein wenig kränk⸗ lich, indeſſen gut gekleidet und höflich, das ſich um gaſt⸗ freundſchaftliche Aufnahme bewirbt.—„Die Kapuziner haben nichts, aber ſie geben Alles.“ Voila qui est dit. Der Reiſende wird in's Konvent geführt; man bietet ihm ein Glas Wein an. Nach den gebräuchlichen Höklichkeits⸗ bezeugungen von beiden Seiten ſpricht man von dieſem und von jenem, de ceci et de cela. Unſer Mann hört Alles mit an und redet ſelbſt nur wenig. Jetzt kommen die Patres zu den Fragen, und ein Kapuziner hat deren immer eine gute Pacotille. Man findet, daß der Fremde auf Alles ſo ziemlich vernünftig antwortet. Indeſſen wird das Angelus geläutet.—„Sagen Sie Ihr Angelus, hochgeehrter Herr?“ fragen die guten Väter. „Ich wollte mir ſoeben die Freiheit nehmen, es Ihnen vorzuſchlagen, ehrwürdige Patres.“ Darauf geht man zu Tiſche. Die Speiſen ſind mittelmäßig, ohne Zweifel, doch ein wenig beſſer als gewöhnlich. Man hatte Sorge getragen, nur geſunde Nahrungsmittel zu geben, der Kränk⸗ lichkeit des neuen Tiſchgenoſſen wegen. Während der Mahl⸗ zeit wird über Theologie geſprochen. Der Fremde verſteht davon beinahe ebenſoviel als die Patres, und zudem iſt er in Allem ihrer Meinung. Man ſpricht von den verſchie⸗ denen Kapuzinerklöſtern in Frankreich, Deutſchland, Italien, der Schweiz ꝛc., welche für die braven Wirthe des Reiſen⸗ den die eigentlichen Hauptſtädte aller Länder der Erde zu ſein ſchienen. intereſſanten Theil der Geographie mehr unterrichtet, als man hätte vermuthen ſollen. Er hebt das beſondere Ta⸗ lent der Kinder des heiligen Franziskus hervor, mit welchem ſie bei Gründung ihrer Klöſter immer hübſche Lagen aus⸗ zuwählen wiſſen. Man citirt einige Demuths⸗ und Fröm⸗ migkeitszüge des heiligen Franziskus von Aſſiſi. Der Rei⸗ ſende bewundert ſie, und erzählt ſeinerſeits einige(vielleicht von eigener Erfindung), die den Patres noch unbekannt waren. Ueber alles dieſes werden die Wirthe ganz leidenſchaft⸗ lich für den artigen und mit Allem bekannten Fremden eingenommen. Man wünſcht ſich Glück, ſo zuvorkommend, ſo höflich gegen einen Mann geweſen zu ſein, der der höch⸗ ſten Achtung in jeder Hinſicht ſo vollkommen würdig iſt, Aeber den Anter Was muß die Jugend nicht Alles lernen!— Was ihr am nächſten liegt aber, leider, am wenigſten. Wir ziehen, trotz der praktiſchen Richtung der Zeit, noch ſo viel theoretiſche Menſchen: Lateiner, welche ihre deutſche Mutterſprache radebrechen; Geographen, die in fremden Erdtheilen alle Städte und Flüſſe nennen, aber ohne Land⸗ karte ſich nicht von Stuttgart nach Frankfurt finden könn⸗ ten; Hiſtoriker, welche die Namen der römiſchen Kaiſer an den Fingern herzählen, aber nicht wiſſen, wann die be⸗ rühmteſten und wohlthätigſten Fürſten ihres eigenen Vater⸗ landes regierten und welche Ehrenmänner die Heimath ge⸗ zeugt; Rechner, welche die ſchwierigſten Exempel ausführen, aber im Handel, beim Verkauf von ein paar Pfund Kaffee Der Fremde iſt auch über dieſen ſo höchſt! dem man, vorzüglich was das Kapuzinerweſen anbelangt, einen gründlichen Unterricht nicht abſtreiten kann, der außer⸗ dem auch noch von dieſem und jenem zu ſprechen im Stande iſt, und der vielleicht gar ſtudirt hat, weil er ein oder zwei Citate des Pater Lectors faſt ebenſogut begriffen zu haben ſcheint, als der Pater Guardian, der doch ein ſehr gelehr⸗ ter Mann iſt; mit einem Worte, der im Stande wäre über alle den Orden betreffenden und denſelben intereſſiren⸗ den Gegenſtände mit ſeinen Koryphäen einen ganzen Tag lang zu converſiren, ohne ſie auch nur einen Augenblick zu langweilen. Darüber reifen die Dinge bis zu dem Punkte, daß man nicht undeutlich zu verſtehen gibt, wie werthvoll er dem Orden werden könnte, wie angenehm und wünſchens⸗ werth ſein Eintritt Allen ſein würde. Die Patres zeigen ihm in der Ferne die ſchönſten Dignitäten, wenn er ſich entſchließen wolle, die Kapuzinerkutte anzulegen. Der Rei⸗ ſende bittet ſich Bedenkzeit aus; er muß ſich zuvor erſt prüfen, ob er auch würdig ſei, in dieſen heiligen Orden einzutreten. Man dringt mehr und mehr in ihn, und Lec⸗ tor und Guardian ſagen ihm einmal über das andere: dignus es intrare in nostro.... corpore!— Er iſt darüber ganz gerührt. Er fühlt, wie er ſoll und muß, das ganze Chrenvolle dieſes herzlichen Erbietens; aber— er muß ſich zuvor prüfen, prüfen, prüfen, und— ohne auf eine poſitive Weiſe die freundlichen Vorſtellungen als baare Münze anzunehmen, dankt er auf's Höflichſte und Verbindlichſte für die ihm gedachte Ehre. Unterdeſſen iſt der Wagen wieder in Stand geſetzt worden, die Pferde ſind angeſpannt, und ein Kammerdiener kommt, um Herrn von— Voltaire zu benachrichtigen, daß Alles zur Abreiſe bereit ſei. Das Wort„Voltaire“ fährt wie ein Donnerſchlag durch Aller Herzen. Wie? er der Gottesläugner, der Atheiſt, der Heide, der... der... impossible!!!— Si fait, es war Voltaire, und kein An⸗ derer.— Seitdem unterzeichnete er ſeine vertrauten Briefe oft mit den Worten:„unwürdiger Kapuziner(capucin indigne)“, und das war der Urſprung dieſer Unterſchrift, die Unbewanderte und vielleicht auch im Geiſte Unbehülf⸗ liche lange Zeit als ein mauvais plastron betrachtet haben. 2 richt der Jugend. oder einiger Ellen Leinwand und Tuch erſt die Kreide zur Hand nehmen müſſen; Naturkundige, die alle Ungeheuer Amerika's und Südindiens kennen, aber kaum wiſſen, ob unſere Hühner Eier legen oder lebendige Junge gebären; und Chriſten, die Gott und Welt und Unſterblichkeit zu erklären ſich erküͤhnen, aber von Glaube, Liebe und Hoff⸗ nung keine Ahnung haben.— Ach, wie traurig wahr!— Lehrer, führt eure Zöglinge aus der Mitte ihrer Welt nach und nach, in ſich erweiternden Kreiſen, an die fernen Gren⸗ zen des Wiſſens; aber wagt es nicht, an den letztern an⸗ fangen zu wollen, denn es möchte nicht Zeit genug geben, glücklich in der Heimath anzulangen. Br Tr. Br. maßen das zu haben, anbelangt, der aufer⸗ im Standt oder zwei dzu haben ehr gelehr⸗ unde wärc, intereſſiren⸗ anzen Tag ugenblick zu unkte, daß erthvoll er wünſchens⸗ tres zeigen an er ſich Der Rei⸗ zuvor erſt gen Orden und Le⸗⸗ as andere: — Er iſt und muß, 8; aber— d— ohn Lungen als lichſte und and geſetzt nmerdiener nhrichtigen, „Voltaire Wie? d . der.. nd kein An— uten Britf (Capucm interſchriſt, Unbehülf⸗ htet haben. 2 gride zur Ungeheuet wiſſen, b e gebären; kblichkeit zu und Hoſſ⸗ wahr!— Welt nach rnen Gren⸗ letzern än⸗ enug geben, Tr. Br. Feierſtunden. 1865. 385 ꝑ————— Arabiſche Reiter. Wer den Araber in ſeinem Elemente, wer ihn da ſehen Strapazen gewöhnt. Menſch und Thier ſind geſchaffen für will, wo ſich ſein Charakter am deutlichſten ausprägt, muß das Leben in der Wüſte— und die Wüſte wiederum ſcheint ihn zu Pferde ſehen. für ſie geſchaffen zu ſein. Roß und Reiter bilden eins. Beide ſind mager, ner⸗ Der Araber, den unſer Bild zeigt, ſtellt den wahren vig, ſtolz. kübn und mäßig. Beide an Entbehrungen und Typus ſeiner Raſſe dar. Feſt ſitzt er in dem hohen Sattel Fe** 49 386 ———— die Füße in den breiten Steigbügeln und die lange Flinte auf dem Rücken. Sein Hund, ein feines Windſpiel, bringt eben einen Haaſen herbei, den ſein Herr getödtet. Derſelbe beugt ſich würdevoll herab, um das Wild in Empfang zu nehmen. Das Pferd mit den zierlichen ſchlanken Füßen ſteht unbeweglich da. Forſchend ſtreift der Blick des ſchönen Thieres in die Ferne und ſeine Ohren ſpitzen ſich beim leiſeſten Geräuſche. Heute hat der Araber, das ſtolze Kind dieſer Einöden, nur den armen furchtſamen Haaſen verfolgt und erlegt; morgen iſt es vielleicht die Karawane, welche ruhig und ſchweigſam durch die ſandige Wüſte hinzieht, die er angreift und plündert. In der Nähe dieſer Gruppe erblickt man einen zwei⸗ ten Reiter, der im Galopp auf ſeinem ſchwarzen Renner heranſprengt. Den Hintergrund bildet endlich eine Bergkette, welche den wilden und unwirthlichen Charakter der Gegend ver⸗ vollſtändigt. Arabien, welches zu Weſt⸗Aſien gehört, hat außer Jemen nur wenig Bergland. Der größte Theil beſteht Feierſtunden. 1865. ——;————— aus ungeheuren Sandwüſten und Einöden, welche beinahe immerwährend der verderbenbringende Samum durchweht. Die Araber gehören zur Familie Sem's. Von ihrer Gaſtfreundſchaft wird viel geſprochen; noch mehr jedoch von ihrer Vorliebe für's Plündern der Fremden und der Ka⸗ rawanen. Beinahe Alle, beſonders die Beduinen, führen ein No⸗ madenleben. Sie zerfallen unter ſich in verſchiedene Stämme, von denen jeder ſeine eigenen Häuptlinge, Scheik's genannt, an der Spitze hat. Einſt, als die Araber noch ein großes Reich bildeten, wurde Kunſt und Wiſſenſchaft, Philoſophie und Poeſie auf's Beſte von ihnen gepflegt. Doch jene Zeiten ſind hunderten wieder in die alte Unwiſſenheit zurückgefallen. beinahe unverändert erhalten hat, iſt ihre Sprache, welche in einem großen Theile Aſiens und ſelbſt Afrika's, wo Araber einen ſehr nennungswerthen Theil der Bevölkerung ausmachen, geſprochen wird. Aug. W. Weſche Luſt gew Glückliche Zeit, in der ſich die Sorgen der Menſchen nur auf Nahrung und Kleidung bezogen und dieſe Bedürf⸗ niſſe auf einfache Weiſe befriedigt werden konnten! Glück⸗ liche Zeit, als man ein Kleidungsſtück tragen durfte, bis es zerriß, und man nichts vom Wechſel der Mode wußte, als hundert Thaler für eine beſcheidene Miethwohnung ge⸗ nügten, als man das Brennholz noch nicht auf der Gold⸗ wage wog, als man im Lande blieb und ſich redlich nährte, als man nur in Nothfällen reiste und nur Kranke die Bä⸗ der beſuchten! Beſuchſt du Abends einen Privatzirkel oder ein Café, wo man ſich ſonſt mit dem unterhielt, was man geleſen hatte, ſo ſpricht man jetzt nur vom Selbſtgeſchauten und von eigenen Reiſen. Der Eine erzählt vom Boule⸗ vard Sebaſtopol, der Andere vom Londoner Glaspalaſt. Sprichſt du vom Bodenſee, was wil das heißen! Dein Nachbar hat den Ocean befahren, und auf eine Schilderung von Bremen und Hamburg folgt eine andere von der Ha⸗ vanna und New⸗York. Dein Schneider geht jahrlich zwei⸗ mal nach Paris, das Geheimniß der Pantalons zu ſtudi⸗ ren, und dein Friſeur holt vor jeder Saiſon die neueſten Parfüms daſelbſt. Der Ludimagiſter führt ſeine Jungen, noch ehe ſie buchſtabiren können, auf den Rigi, um ihnen den ferndigen Schnee zu zeigen, oder nach Straßburg, die rothen Hoſen zu bewundern, und die Vergnügungszühe führen die Alten von einer Weltſtadt zur andern. Duf wirſt alſo reiſen, dein Anſehen von Zeit zu Zeit neu her⸗ zuſtellen oder wenigſtens zu firnißen und vor deinen Jun⸗ gen in kosmopolitiſcher Kultur nicht zurückzubleiben; erhältſt du aber als Angeſtellter ſogar Sommerferien, ſo mußt du reiſen, wenn dir der moraliſche Heldenmuth fehlt, nach denſelben zu geſtehen, daß du im Lande geblieben und für das Wohl der Deinen befliſſen geweſen. Es gibt zwar, politiſche ausgenommen, keine neuen Sünden und Laſter, aber Krankheiten gibt es, welche unſere Väter nicht kannten. Die neueſte Krankheit, die Reiſeſucht, hat noch keiner der Aerzte beſchrieben, ſie leiſten ihr im Ge⸗ ährt das Reiſen! gender Berufsarbeit Ruhe empfahlen, gelten jetzt Reiſe⸗ bateſte Erholungsmittel. Das Reiſen, ſagt man, iſt jetzt gelbe Kutſche in drei Tagen von Leipzig nach Dresden rollte, und man ſein Teſtament machte, wenn man von Eilwagen und Extrapoſt, Eiſenbahnen und Eilzüge gibt, iſt es eine noch viel größere Kunſt und man hat fünfzig⸗ mal mehr Sorgen dabei als früher. Gleichwohl aber gilt das Reiſen für ein Hauptvergnügen, und Tauſende ſingen: Welche Luſt gewährt das Reiſen! Nota bene, ehe ſie den Poſtwagen beſteigen.—... Zum Reiſen bedarf es vor Allem einer diplomatiſchen, von den Geſandten aller Länder, die wir zu beſuchen ge⸗ denken, garantirten Bürgſchaft. Wir haben uns alſo zu⸗ vörderſt mit dem Ehrlichkeitszeugniß der Polizeibehörde der verſchiedenen Geſandten, Sekretären und Schreibern vorzu⸗ ſtellen. Wir finden die Bureau's derſelben entweder noch nicht geöffnet oder ſchon geſchloſſen, und haben beim drit⸗ ten Verſuch endlich das Glück, vorgelaſſen, bemerkt und ſogar expedirt zu werden. Nun beginnt das liebliche Ge⸗ ſchäft der Vorbereitung und des Einpackens. Sind endlich alle für eine Reiſe erforderlichen Dinge beiſammen, ſo werden Taſchen und Nachtſack mit dem angefüllt, was wir in jedem Augenblick nöthig haben, alles Uebrige aber in den Koffer gezwängt. Nun iſt er gepackt, aber der Deckel will nicht ſchließen und ſchnellt uns, ſo oft wir ſo weit zu ſein glauben, an die Naſe zurück. Aber die Zeit drängt, und nur den vereinten Kräften ſämmtlicher Hausbewohner gelingt es, den rebelliſchen Koffer zu beſiegen. Dcer erſte größere Ausflug des Süddeutſchen geht wohl naſch der Schweiz. Ich eile mit Paß, wohlgefüllter Börſe und dem unentbehrlichen Bädeker zum Poſthofe, und bald ſitze ich ganz gemüthlich mit dem Kondukteur im Kabriolet. Die ganze Gegend liegt vor mir, und ich werde von keinem gentheil noch Vorſchub. Während ſie ſonſt nach anſtren⸗ afndern Reiſenden beläſtigt. Das Klirren der Fenſterſcheiben 1 jetzt nicht mehr und die Völker Arabiens ſchon ſeit Jahr⸗ Das Einzige, was ſich ihnen aus ihrer Blüthezeit ganz und ſtrapazen, nach homöopathiſchen Grundſätzen, für das pro⸗ ja ſo leicht und keine Kunſt mehr, wie damals, als die Frankfurt nach Holland ging; jetzt aber, ſage ich, wo es ——————— — ⁹ lche beinahe durchweht. Von ihrer jedoch von nd der Ka⸗ ten ein No⸗ T Stämme, tes genannt, eich bildeten, und Poeſit Zeiten ſind jſeit Jahr⸗ rückgefallen. eit ganz und iche, welhe frika's, wo Bevölkerung Ang. W Aug. W. jezt Reiſe⸗ ir das pro⸗ un, iſt jetzt 8, als die ch Dresden a man don ich, wo d Eihlge git, hat fünfzig öhl aber gilt ſende ſingen: ehe ſie den lomatiſchen, beſuchen ge⸗ ns alſo zu⸗ behörde der bern vorzu⸗ Feierſtunden. 1865. ———ꝛÿꝛꝛꝛxxάꝛ—ꝛ⸗-⸗¾-—C-:,-—-———ꝛ—yO——e'ä:õͤ——DO in den hölzernen Rahmen, das Knirſchen des Kieſes unter den Rädern iſt nun freilich eine Muſik, die ſchlecht zu meinen Reiſephantaſien ſtimmt. Da hält der Wagen auf einer Station und der Kon⸗ dukteur ſteigt aus, den Pflichten ſeines Amtes zu genügen; nach einer Weile aber reißt der ſonſt ſo höfliche Mann die Thür wieder auf und nimmt fluchend ſeinen Mantel her⸗ aus, um zwei neuen Paſſagieren, zwei Damen, Platz zu machen. Die eine drängt ſich rechts, die andere links her⸗ ein, ehe ich's verhindern kann, bin ich zwiſchen zwei un⸗ geheure Krinolinen gebettet, und durch die aufgehängten, mir um die Schläfen gaukelnden Hüte iſt mir auch jede Ausſicht genommen. Nur ein heiteres Geſpräch könnte dieſe Lage erträglich machen, und mit den artigſten Worten ſuche ich es einzuleiten; aber der Ton, in welchem mir erwiedert wird, klingt wie ein Verweis für die Kühnheit, der ich mich ſchuldig gemacht. Die letzte Station iſt endlich erreicht, und es nehmen uns Droſchken⸗ und Omnibusführer, Gepäckträger und Gaſt⸗ hofskommiſſäre in Empfang. Froh, aus der Klemme des Kabriolets erlöst zu ſein, folge ich dem Nächſten Beſten, der ſich meines Gepäckes bemächtigt, zu dem Wagen, der raſch mit ſeiner Beute durch die Straßen raſſelt. Zum goldenen Hirſch! ſage ich dem Kutſcher, erhalte aber zur Antwort, daß ich ſchon im Preußiſchen Hof, d. h. in ſei⸗ nem Wagen ſäße und er nur dort halten dürfe. Neuer Aerger, dieſes Etabliſſement iſt gegenwärtig nicht das be⸗ liebteſte, und ich finde denn auch Alles gering daſelbſt bis auf die Rechnung. Des Eilwagens ſatt, beſteige ich des nächſten Mor⸗ gens die Eiſenbahn, um Abends die Schweiz zu erreichen. Die Locomotive dampft uns durch friſche Wieſenthäler und Wälder an mancher der jetzt penſionirten Landſtraßen vor⸗ über, aufwärts über die ſchwäbiſche Alb.„Dieſer Wagen bleibt hier ſtehen,“ ruft der Zugmeiſter auf einer Station in den Wagen,„und die Paſſagiere haben ſich in den an⸗ dern Zug zu begeben.“ Mit Lebensgefahr gelange ich über die Schienen, an den ſchnaubenden Dampfroſſen vorüber in den andern Wagen; aber kaum ſetzt ſich der Zug in Bewegung, ſo vermiſſe ich den Nachtſack, der in der Eile im vorigen Zuge liegen geblieben iſt. Was iſt zu thun? Ich habe das Vergnügen, in Friedrichshafen liegen zu blei⸗ ben, bis mein Nachtſack, nach dem ich telegraphiren laſſe, von Augsburg oder München zurückkommt. Nicht einmal ein Spaziergang und die Ausſicht über den See ſoll mich tröſten, denn ein ausbrechendes Gewitter jagt mich ſofort wieder in den Gaſthof zurück. Am nächſten Morgen friſches, dig erregt, berühmtes Panorama bewundern zu dürfen, laſſe ich mein Gepäck ſogleich auf das Dampfſchiff befördern, das mit uns den ſchönen neuen Hafen hinausfährt. Wie prächtig rauſchen die Wellen daher in der Morgenſonne! Der See, noch aufgeregt von der ſtürmiſchen Nacht, geht hoch. Das Schiff hebt und ſenkt ſich mit den Wellen, und ein nie⸗ gekanntes Gefühl durchzuckt den Körper hiebei. Das iſt ja herrlich, ſo ſchön hätt' ich mir's gar nicht gedacht! und ſonniges Wetter! Freu⸗ ohne alle Gefahr, denn die Maſchiniſten machen ja ganz Je weiter vom Lande, deſto höher die ich mit Jubel be⸗ daß ich mich triefend der Paſſagiere in einer Da unten aber iſt's dunſtigem Raume. langweilige Geſichter. gehen die Wellen, und die ſchönſte, grüße, durchnäßt mich ſo gründlich, und ſchnappend, unter dem Gelächter Zickzacklinie in die Kajüte retirire. fürchterlich! Viele Menſchen in engem, den größten deutſchen See befahren und ſein ſ 387 Ich gehe wieder hinauf, mich an den Radkaſten zu lehnen. Der Wind läßt uns nur langſam vorwärts kommen; die Fahrt verzögert ſich und den meiſten Paſſagieren wird's ganz jämmerlich zu Muthe. Es gibt ſchlottrige Kniee und todtbleiche Geſichter; der Magen geräth in kreiſende Bewe⸗ gung— wir ſind ſeekrank.— Mit dem ernſthafteſten Ge⸗ ſichte macht der Schiffsjunge, mit einem Waſſereimer das Verdeck abflößend, die Runde. Welch' anmuthige Fahrt, welch' liebliche Scenen!„Dieſe Kataſtrophe wird doch keine weitere üble Folgen haben?“ fragt ein zarter, etwas hart mitgenommener Herr den Kapitän.„Nur die eine,“ er⸗ wiedert dieſer,„daß Ihnen ein einfaches Diner heute ſchwer⸗ lich genügen dürfte, den koloſſalen Appetit zu ſtillen, den ich Ihnen in Ausſicht ſtelle.“ Die Eiſenbahn war noch unvollendet; ich nehme alſo einen Poſtſchein nach Zürich und höre mit Schrecken, daß wir ſogleich einſitzen müſſen, weil ſich das Dampfſchiff verſpätet habe. Paſſagiere genug, es wird eng hergehen, und nur das warnende Beiſpiel eines Engländers, der, um bequem zu ſitzen, zwei Plätze nahm, von welchen ſich der eine aber in der Beichaiſe befand, hielt mich ab, ein Glei⸗ ches zu thun. Die Geſellſchaft, welche der Zufall dießmal im Poſtwagen zuſammengeſchneit, wozu es nach dem Ge⸗ witter jetzt kalt genug war, beſtand aus ſechs Herren und zwei Damen, und zwar in specie einem jungen langbeini⸗ gen Engländer, einem alten klapperdürren Mäkler, einem wohlbeleibten Hofrath, einem jungen dunkellockigen Kauf⸗ mann, deſſen Anblick mich an Lenau erinnerte, einem Land⸗ wirth mit Lederhoſe und Zipfelmütze, einem Schneidergeſellen mit einer Putzmamſell, einem höchſt einſylbigen eleganten Fräulein, denn ſie ſprach gar nicht, und meiner eigenen malkontenten Wenigkeit. Das Befinden der Reiſenden, von welchen die Meiſten die luſtige Seefahrt mitgemacht hatten, beſſerte ſich zuſehends, nur klagte man über die troſtloſe Leere des Magens.„Wo werden wir denn endlich Mit⸗ tag halten, Herr Kondukteur?“ rief, der allgemeinen Stim⸗ mung Rechnung tragend, der Kaufmann.„Auf nächſter Station, meine Herrſchaften, genügender Aufenthalt, reine Weine und feine Küche!“ Bald ertönte das dießmal doppelt liebliche Poſthorn. Wir ſteigen aus, ſetzen den Wirth von dem Zuſtande un⸗ ſerer Mägen in Kenntniß und der Ehrenmann verheißt uns ein copiöſes Diner. „Und wir erhuben die Hände zum lecker bereiteten Mahle.“ „Der Riesling iſt vortrefflich, zurichten,“ verſetzte der Hofrath.„Er iſt gut, vermuthlich aber auch ſehr theuer,“ ſagte der filzige Mäkler.„Heute chmeckt Alles!“ ſetzte der Kaufmann hinzu. Noch ehe das ſaftige Roſtbeef in den unergründlichen Mägen verſchwun⸗ den war, erſchien der Kellner in der Thüre mit dem ſchön⸗ ſten Exemplar eines welſchen Hahnes— und ein langes, beifälliges„Ah!“ erſcholl bei dem vielverſprechenden An⸗ blick. Da pocht es an der Thüre gegenüber, und mit dem Donnerworte wird ſie aufgethan:„s iſt angeſpannt, wir fahren ſogleich ab!“ und aus dem entzückten Ah! wird plötzlich ein bedauerndes, proteſtirendes Oh!, das ſich bei der Wiederholung der Schreckensworte in ein Uh! des Ent⸗ ſetzens verwandelt. Wie Karls Helden im Schiff vor dem drohenden Untergange jeder ſeinen, den Mann bezeichnenden Ausſpruch that, alſo auch unſere Helden von der Tafelrunde.„Ich huwerde nicht reiſen, bis ich haben geſpeiſen,“ ſprach der Engländer mit britiſchem Phlegma.„Bezahlen und nichts 49* den Magen wieder ein⸗ 388 haben!“ kreiſchte der Geizhals,„nie!“„Ich gebe noch nichts verloren,“ verſetzte der Hofrath, zu gleicher Zeit ſich einen Schluck und einen Biſſen zu Gemüthe führend. „Vergeblich ringe ich nach einem Entſchluß,“ rief tragiſch der Kaufmann und tranchirte haſtig ſein Roſtbeef.'S iſt nicht möglich,“ rief der Bauer, die Gabel wie eine Waffe erhebend;„er ſoll's nicht zu weit treiben, oder—“ Was den Schneider betrifft, ſo war dieſer in eine Ohnmacht ge⸗ fallen, ſeine Mamſell aber verſicherte, daß ſie vor Schrecken ganz ſprachlos ſei. Ich ſelbſt ſaß mit ſtillem Ingrimm in der Sophaecke. Nur Eines aus der Geſellſchaft war ganz ruhig ge⸗ blieben, nämlich das junge Fräulein. Sie hatte nur eine Taſſe Kaffee beſtellt, und Zeit genug, dieſelbe behaglich auszuſchlürfen. In Gedanken verſunken rührte ſie den Zucker auf, hiebei wohl des Liebſten in der Ferne geden⸗ kend. Wie beneide ich ihn, dieſen Liebſten, wenn er näm⸗ lich ſo vernünftig war, zu Hauſe zu bleiben, und Gelegen⸗ heit findet, ſich ſatt zu eſſen. Feierſtunden. 1865. —y————†—yr————:ä:ä:—ꝛ—⁊—⁊—⁊—⁊¶’joy,õ—----—A——ͤ———; ——;—;—::———; Aber das Poſthorn bläst zum Aufbruch und der un⸗ erbittliche Kondukteur erſcheint zum letzten Mal. Wer mitfahren will, erklärt er, muß einſteigen! Da erhob ſich mit Pathos der Kaufmann:„Herkules am Scheidewege!“ rief er,„hier die Sinnlichkeit, der duftende Hahn mit dem lieben warmen Fleiſche, dort die Tugend in der Geſtalt des Kondukteurs. Auf, laßt uns ihr folgen!“ Soll ich dir den ferneren Verlauf meiner Schweizer⸗ reiſe noch ſchildern? Es kann mit wenigen Worten ge⸗ ſchehen. Endloſes Regenwetter und überfüllte Gaſthöfe, berühmte Ausſichtspunkte und dichter Nebel, lauter Ent⸗ täuſchungen, die mich gänzlich ernüchterten. Nach vierzehn Tagen bekam ich das Reiſen ſo ſatt, daß ich über Hals und Kopf in die Heimath zurückkehrte, um den mir geblie⸗ benen Reſt von Geld und Geſundheit zu retten, und den feſten Entſchluß faßte, hinfort zu Hauſe zu bleiben. C. F. A. K. Die zerbrochene Vaſe. (Hiezu die nebenſtehende Abbildung.) Das Drama, das uns hier bildlich dargeſtellt iſt, ſcheint einfach, ohne viele Verwicklung. Eine große ſchwere Vaſe, von zwei ungeſchickten Tag— löhnern ſoeben noch getragen, liegt zerbrochen am Boden, die Frau Commerzienräthin, die dadurch einen längſt ge⸗ hegten Wunſch zertrümmert ſieht, kreiſcht laut auf und macht Miene, in Ohnmacht zu fallen, ihr Gemahl, welcher durch das Geſchenk der Vaſe ſeiner Frau eine Geburtstags⸗ Ueberraſchung hatte bereiten wollen, erräth von ferne aus den Klagetönen das geſchehene Unheil und läuft ſo ſchnell als es ſeine Dicke erlaubt, zur Hülfe herbei, obgleich dieſe nimmer möglich, die Vaſe hat einen gar zu gründlichen Puff bekommen und hin bleibt hin; ſelbſt daß der Jakob, der offenbar an allem Unheil ſchuld iſt und ſie vergeblich auf den Michel abzuwälzen ſucht, von dem alten Bedienten an dem Ohre gezupft wird, kann das geſchehene Unglück nicht wieder gut machen, das Faktum iſt unabänderlich da, die Vaſe iſt zerbrochen, und daß Dienſtboten und gar Tag⸗ löhner oft ungeſchickt ſind und leicht etwas zerbrechen, iſt eine alte Geſchichte und ſomit hat die Sache ein Ende— Aber halt! ehe wir die Akten ſchließen und den Jakob un— widerruflich zu den ungeſchickten Tölpeln verdammen, müſſen wir doch aus Humanitätsrückſichten fragen:„Wie kam er dazu, die Vaſe zu zerbrechen? iſt ein Milderungsgrund die⸗ ſes ſeines auffallenden Verfahrens vorhanden?“ und da kann ich mit Beſtimmtheit ſagen: Ja! Hört, wie die Sache gekommen, und iſt Jakob auch ein Verbrecher oder vielmehr Zerbrecher, ſo muß man doch mild über ihn ur⸗ theilen. Der Jakob birgt, wie ſo häufig der Fall, unter einem rauhen Aeußern ein weiches Gemüth, er iſt wie eine Kokosnuß, außen rauher Baſt, beinharte Schale, innen ein ſüßer Kern und Milch frommer Denkungsaut. Es iſt nicht das erſte Mal, daß Jakob unter dieſem Mißverhältniß äußerer Ungeſchlachtheit und innerer Weichheit zu leiden gehabt hat, er ſucht daher, um die Püffe des Lebens beſſer ertragen zu können, immer mehr ſein Inneres zu umpan⸗ zern, ſein„viel zu viel G'fühl“ einzudämmen, aber doch, wenn er es am wenigſten will, dringt die warme Quelle der Seele durch den ſtarren Granit und er verfällt in ein träumeriſches Weſen, das zu ſeinem harten Berufe eben gar nicht paßt. So ſchritt er auch heute, der Michel vor⸗ aus, die Riemen der Tragbahre um die Achſeln, mit feſtem Tritte durch den Garten, und die Vaſe hätte noch ſechsmal ſchwerer ſein dürfen, ſein nerviger Arm hätte nicht gezit⸗ tert. Aber unglückſeligerweiſe ſtreiften ſeine Blicke um die Vaſe und er gewahrte auf ihr in halbgetriebener Arbeit kleine, dicke, in paradieſiſcher Unſchuld ſpielende Amorettchen. „Ach,“ dachte er,„wie gut haben's doch die Engel! im Himmel da iſt's warm, ſie brauchen nicht für Holz zu ſorgen, und Kleider, Schuhe und Strümpfe brauchen ſie auch nicht, und die Koſt muß auch gut ſein, ſie ſehen alle dick und wohlgenährt aus, wenn ich doch auch einmal ein Engel wäre! Nun ich bin ja brav und ſchaffe auf Erden wie ein Eſel, da kann es mir nicht fehlen! Aber— aber—“ dachte er weiter,„die Engel müſſen alle vornehmer Leute Kinder ſein, ſonſt wäre ihre Haut nicht ſo weich und fein, betrachte dich einmal, Jakob, was für ein wüſter Engel müßteſt du ſein und wie gewaltige Flügel müßteſt du haben, um mit deinem plumpen Leib fliegen zu können! Ach, ach, auch wenn ich je in den Himmel komme, kann man mich doch nicht als Engel brauchen, da werde ich höchſtens wie⸗ der ſo eine Art von Himmelshausknecht, muß auskehren und Waſſer tragen und muß wie auf Erden arbeiten und ſchanzen.“— Dieſer Gedanke ſtimmte ihn ſo wehmüthig, daß ihm eine Thräne in's Auge trat. Er fuhr mit der Hand hinauf, ſie ſich abzuwiſchen, dadurch aber kam die Tragbahre aus dem Gleichgewicht und die Vaſe fiel hinab, die Commerzienräthin kreiſchte, der Bediente faßte ihn am Ohr, von ferne wie eine Gewitterwolke rollte der Com⸗ merzienrath herbei, und der arme Jakob war jäh daran erinnert, daß er noch auf Erden und nicht einmal Himmels⸗ hausknecht ſei. Theobald Kerner. ́;ò ꝛd der un⸗ kal. Wer azod ſt eidewege!“ mit dem Heſtalt des Schweizer⸗ Porten ge⸗ „Gaſlhöfe lauter Ent— ih dierzehn über Hals mir gebli⸗ t, und den iben. A. K. aber doch, rme Quelle fällt in ein erufe eben kichel vor⸗ mit feſtem ch ſechsnal vicht gejit licke um die ener Arbeit morettchen. Engel! im ir Holz zu vrauchen ſie ſchen alle inmal ein auf Erden aber— W 1 9 7 6 9 MMen n 1M 7” Ab Wſh 11 Feierſtunden. 1865. — Vſfti Die zerbrochene Vaſe. Feierſtur nden. 1865. ———-————O——C—C—’—’—’———-:——D—’— Verkauft. Arabeske von W Haſtig wie ein Schattenſpiel drängte es ſich nach dem Takt der vollen, rauſchenden Muſik über die Zweige der alten Ulmenallee, die in ihrem Winterſchmuck faſt wie eine weiße Wand die Strahlen zurückwarf. „Sieh' nur die ſchöne Dame, Annchen. Ach, welche Pracht, welche Pracht! Wer da hinauf dürfte und durch die Thür zuſehen.“ „Ich rathe euch, laßt euch nicht mit Peitſchen weg⸗ jagen,“ brummte ein langbärtiger Mann, der neben den beiden Mädchen ſtand und mit finſtern Blicken ebenfalls nach dem Lichtmeer hinaufſtarrte, das aus dem erſten Stock⸗ werke des gräflichen Palais weit über den Reſidenzplatz hinausglänzte.„Man macht da droben wenig Umſtände mit der Kanaille,“ fügte er ingrimmig mit den Zähnen knirſchend hinzu,„und dengn's plötzlich in den Schooß fällt, ſind die ſchlimmſten Teufel. Er ſchien das mehr für ſich ſelbſt zu ſprechen; die kleinen Mädchen aber drängten ſich aneinander und blickten ihn betroffen an.„Richtig, da ſteht ſie ja,“ fuhr er, ohne ſeine Nachbarinnen zu beach⸗ ten, fort, indem er einen Blick voll Haß und Verachtung nach dem Fenſter warf, in das die Kleinen ebenvorher ſehn⸗ ſüchtig hinaufgeblickt—„nehmt euch in Acht, ihr dummen Geſchöpfe, daß ſie nicht die Scheiben entzweiſchlägt und ſie euch auf die Köpfe wirft——“ Drei Bediente in haͤnmelblauer Livree mit reichen ſilbernen Aufſchlägen ſtürztenin dieſem Augenblick aus Menge von der Einfahrt des Palais zurück. ilhelm Jenſen. Allee verſchwand; auch die beiden Mädchen drängten, nach⸗ dem ſie noch einen ſehnſüchtigen Blick hinaufgeſandt, furcht⸗ ſam mit ihr fort. Nun war es ganz einſam vor dem Palais. Nur auf die Ulmen hinaus fiel der faſt ſonnenhelle Glanz der Kron⸗ leuchter, den unzählige Spiegel blendend zurückwarfen. Da⸗ zwiſchen blitzten juwelenbedeckte Stirnbänder und Agraffen, aber auch die Bäume draußen ſtrahlten im Widerſchein der Gasflammen, als ob tauſend Hände ſie zum Feſte geſchmückt. Von oben bis unten ſchimmerten ſie mit ſchneeweißem Reif überſtreut, und von den Aeſten herab ſchienen lange, glitzernde Eiszapfen die Pracht der geſchliffenen Kryſtallkandelaber zu höhnen. Die Dame war wieder an's Fenſter getreten und blickte unbeweglich auf die Bäume hinaus. Es war ein wunderbar ſchönes, ſtolzes Antlitz, nur zu ſehr faſt von Perlen und Diamanten umrahmt. Die Spitzen, die den weitausgeſchnittenen Rand ihres weißen Atlaskleides um⸗ gaben, ſtachen kaum merklich von Hals und Nacken ab; die vollen modiſch entblößten Arme hingen ruhig an ihrer Seite herunter. Nur die dunkeln Augen hatten etwas Dä⸗ moniſches, wie ſie regungslos auf die bereiften Aeſte hin⸗ ausſtarrten. Ab und zu ſchien es faſt, als wollten die verächtlich aufgeworfenen Lippen ſich öffnen und ſagen: „Ihr lügt!“ Dann erweiterten ſich die ſchwarzen Augen und bohrten ſich drohender in das glitzernde Gezweig, und dem Erdgeſchoß und wieſen ungeſtüm die umhergaffende wieder glitt es um die Lippen, als murmelten ſie leiſe: „Ihr lügt— darunter ſeid ihr kalt und eiſig und todt!“ „Seht ihr, ich ſagt' es euch ja,“ ſchrie der Bärtige, während er mit den Uebrigen langſam in die Ulmenallee über die Straße wich,„ſie kann's nicht leiden, ſolche Krea⸗ turen zu ſehen, wie ſie es ſelbſt noch vor einem Jahr ge⸗ weſen, und um euretwillen müſſen wir Alle fort.“ V Die Mädchen hatten ſich ängſtlich umklammert und ſtanden rathlos im Gedränge. Ihr Nachbar ſchrie ſo laut, daß alle umher aufmerkſam wurden und zuhörten; ja die Stimme mußte ſogar bis in den Tanzſaal hinaufdringen, denn die Dame, welche in eine Niſche gelehnt regungslos zum Fenſter hinausblickte, zuckte leiſe zuſammen, dann aber warf ſie ſtolz den Kopf in die Höhe, daß die Strahlen ihres Diamantendiadems über die neugierigen Geſichter der Zuſchauer blitzten, und blieb ruhig auf ihrem Platze ſtehen. „Habt ihr denn nichts Beſſeres in der Sylveſternacht zu thun,“ fuhr der Redner von vorhin faſt noch lauter fort,„als da die Lichter und den Mammon anzugaffen, um deſſen willen vielleicht ein Dutzend von euren Pöbel⸗ brüdern heute verhungert?“ Die Menge fing an zu murren und Verwünſchungen nach den erleuchteten Scheiben auszuſtoßen; doch ſchien dies nicht in der Abſicht des Sprechers zu liegen, denn er über⸗ tönte noch einmal ihr Geſumme mit ſeiner tiefen Stimme und rief: „Es wird gleich zwölf ſchlagen; geht nach Hauſe, und wer noch ein Gewiſſen hat, der freue ſich, wenn es ſich mit der Jahresrechnung abfinden läßt. Nicht Jeder kann es.“ Die Worte waren mit ſolcher Entſchiedenheit nach oben gerichtet, daß die Dame unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Die Menge ſtand noch einen Augenblick, dann folgte ſie dem Langbärtigen, der im Schatten der Ulmen⸗ Ein elaſtiſcher Schritt näherte ſich der Niſche, dann tönte eine zierliche Stimme hinter ihr: „Wenn ich der Glückliche wäre, der die gnädige Frau zu dem Tanz, mit dem das Neue Jahr beginnen wird—“ Sie wandte ſich haſtig um und erwiederte die tiefe Verbeugung des jungen Offiziers, der ſie angeredet, mit einer leichten Bewegung. „Ich bedaure, Herr Baron; ich habe mich bereits ver⸗ ſagt,“ antwortete ſie nachläſſig. „So dürfte ich vielleicht die Ehre des jetzigen——“* „Sie ſehen, daß ich mich auf einen Augenblick geflüch⸗ tet,“ ſagte ſie;„es iſt kühler hier und ich bedarf der Er⸗ holung. Doch nein,“ fügte ſie lächelnd hinzu, als der An⸗ geredete näher zu ihr an's Fenſter trat,„es wäre ſehr unartig von mir als der Hausfrau gehandelt, Sie den Uebrigen zu entziehen.“ Sie ſprach das vornehm höflich, indem ſie ihre ſchöne Hand leicht nach dem Innern des Saales bewegte, in welchem grade die Paare ſich zu neuem Tanz ordneten. Der junge Mann murmelte verlegen etwas von„Krone des Feſtes“ und„ſpäterer Hoffnung“; dann zog er ſich mit abermaliger tiefer Verbeugung zurück und miſchte ſich unter die Reihen der Tanzenden. Sie blieb abgewendet ſtehen und folgte ihm mit den Augen, wie er zu einer alten, hochmüthig umherblickenden Dame trat und bald in eifrigem Geſpräch neben ihr ſtand. Ihre Blicke hafteten faſt wieder ſo durchbohrend auf ihm, als ſie vorhin in die Nacht hinausgeſtarrt, und obgleich ſie unbeweglich daſtand, ſah man, daß ſie geſpannt nach der Unterredung hinüberlauſchte. Aber ſie wurde leiſe ge⸗ führt und der Lärm übertönte ſie; nur zuweilen zuckte der Offizier mit höhniſchem Lächeln die Achſel und die alte Dam 392 ——;—ꝛ—ꝛꝛꝛ——:ͤ—ry—ru—————————— das vorhin den Mund des Offiziers und der alten Dame umſpielt— ſie achtete nicht darauf und ſchritt ruhig auf die Flügelthür zu. Wie ſie hindurch getreten, hielt ſie einen Augenblick an und athmete auf, dann eilte ſie durch dunkle Zimmer fort, in die kaum noch ſchwach das Geräuſch der Muſik hinüberdrang. Endlich verklang es ganz und ſie öffnete die Thür eines kleinen, rings mit Bildern und blü⸗ henden Stauden bedeckten Gemaches, das von einer einſamen Lampe erhellt war. Hier war es heimlich und wohlthuend; die glitzernde Pracht war verſchwunden, doch wie von Feen⸗ händen ſchien Alles lieblich durcheinandergewebt. Ein luſtig flackerndes Feuer brannte im Kamin in der Ecke und warf bunte Streiflichter über Wand und Fußteppich; davor ſtand ein hoher, alterthümlicher Seſſel. Nun ſaß ſie in demſel⸗ ben und ſtarrte gedankenvoll in die Flammen hinein. All⸗ mälig folgte ſie den Streifen, die ſie über die Wand war⸗ fen; dann erhob ſie ſich, blickte noch einmal rund um ſich her und drückte an eine Feder im Getäfel. Ein kleiner Schrank that ſich auf, haſtig nahm ſie ein Packet aus der Tiefe hervor und ſetzte ſich an den Tiſch. Es waren Blät⸗ ter und Briefe, halb vergilbte unter ihnen; hin und wie⸗ der lag eine vertrocknete Blume dazwiſchen. Sie bückte ſich auf ſie hin und las; doch es ſchien faſt mehr mit den Gedanken als mit den Augen, die mit Thränen gefüllt waren. Und wie ſie glänzend auf die gelben Blätter herab⸗ fielen, hätte ein Lauſcher kaum das ſtolze Geſicht wieder⸗ erkannt und die verächtlichen Lippen, wie ſie ſich zuckend öffneten und die welken Blumen an ſich drückten— dich⸗ ter, inniger, als wollten ſie ihren Duft zurückbeſchwören und die Tage ihrer Blüthe——. Seltſam— ſah ſie es, daß hinter ihrem Rücken die Tapetenthür ſich öffnete und eine hohe Männergeſtalt geräuſchlos zu ihr in's Zim⸗ mer trat? Ja ſie ſah es, ohne den Kopf zu wenden; es war ein kaltes, vornehmes Geſicht, die Bruſt mit blitzen⸗ den Sternen bedeckt, eine ſchwere goldene Kette umſchloß in weitem Bogen den ſtarr zurückgeworfenen Nacken, daran hing in der Mitte ein Demantkreuz und warf einen blen⸗ denden Strahlenkreis vor ihm auf. Es durchſchauerte ſie wieder, wie ſie die herriſchen Augen auf ſich ruhen fühlte, doch ſie raffte gewaltſam allen Muth zuſammen, blickte ſich um und ſah ihn ruhig an. Sie mochte etwas Anderes erwarten, denn ſie erſchrak faſt, als ſeine Lippen ſich ge⸗ laſſen öffneten und ſagten: „Sie irren ſich, meine Liebe; die Geſellſchaft iſt im anderen Flügel des Palais.“ Die Worte waren nachdrucklos, faſt ſcherzend geſpro⸗ chen; aber ſie fühlte, daß ſie, ſcharfem Meſſer gleich, alle Widerſtandskraft in ihr durchſchnitten. „Ich gehöre nicht in die Geſellſchaft,“ ſagte ſie leiſe. Er runzelte die Stirn, doch ſie fuhr entſchloſſen fort: „Laſſen Sie mich hier um meinetwillen und— um Ihretwillen.“ Ein wilder Blitz ſchoß aus ſeinen Augen. „Hat Jemand gewagt, dich zu beleidigen?“ rief er, daß ſie entſetzt aufflog und ihm ſprachlos in das wuth⸗ entſtellte Geſicht blickte.„Wer? Nenne ihn mir!“ Ihre Bruſt kämpfte und die Lippen wollten ſich öff⸗ nen; dann ſchloſſen ſie ſich verächtlich und entgegneten: „Niemand, mein Herr.“ „So komm', Diana; die Königin des Feſtes darf nicht länger fehlen.“ Es klang beinah' wie Schmeichelei, aber ſie verſtand es. Namen, Rang und Reichthum hatte er ſelbſt ja ge⸗ nug; nur Schönheit wollte er noch— ſie hatte es gewußt, Feierſtunden. 1865. ——————— ——:-:':——; wie ſie es jetzt wußte— und doch— nein, nicht wie jetzt — arme welke Blume. Es war ihr ja nichts geblieben als ſie. Glanz, Stolz und erträumte Hoheit, wie morſche Stützen brachen ſie unter der Armen zur Erde, mit denen ſie verzweifelnd ſich noch empor zu halten geſtrebt. Nein, nichts von allem Glück des Lebens blieb ihr, als Thränen und welke Erinnerung. Sie war machtlos vor dem Tiſch zuſammengebrochen und barg ſchluchzend die Stirn in den vergilbten Blättern, die ausgebreitet vor ihr lagen. Die Brauen des Grafen zogen ſich ungeduldig zuſammen.„Diana,“ ſagte er noch einmal ſtreng, doch ſie regte ſich nicht. Nun trat er auf ſie zu und richtete gebieteriſch ihren Kopf auf; dabei fielen ſeine Augen auf die eng beſchriebenen Papiere, die von heißen Thränen benetzt waren. Sein Geſicht färbte ſich dunkelroth, als er haſtig eins derſelben ergriff und mit den Blicken überlief; dann umzog ein gleichgültiges Lächeln ſeinen Mund. „Du verdirbſt dir die Augen mit der Lektüre,“ ſagte er kalt, indem er mit der Rechten die zerſtreuten Blätter zuſammenraffte;„ich ſagte es dir, glaube ich, ſchon ein⸗ mal; aber man muß dir wie einem Kinde das Schädliche fortnehmen.“ Doch ſchneller als ein Blitz flog ſie empor und faßte ſeine Hand.„Nur die Blumen, laß mir nur ſie,“ ſagte ſie athemlos;„ich gehe mit dir, wohin du willſt— nur ſie.“ Er machte ſanft, aber unwiderſtehlich ihre Hand los und nahm ruhig die Blumen vom Tiſch. „Du haſt ja weit beſſere hier,“ ſprach er gelaſſen, „und ich werde Sorge tragen, daß ſie durch neue erſetzt werden, ſobald ſie verblüht ſind. Verdorrt ſind ſie häßlich und gefallen mir nicht.“ Sie blickte ihn mit tödtlicher Angſt an, wie er einen Schritt zurück an den Kamin trat. Es lag ein ſo drohend verzweiflungsvoller Ausdruck in ihren ſtarr aufgeriſſenen Augen, daß er einen Mument innehielt und hinzufügte: „Außerdem, denke ich doch, haſt du ſie mir verkauft und hoch genug bezahlt erhalten“— ſein Blick ſtreifte flüchtig über die koſtbaren Spangen auf ihrer Stirn und Arm—„und ich handle mit meinem Eigenthum wie ich will.“ Ein geller Schrei antwortete der Handbewegung, mit der er die Blätter gleichgültig in die Flammen warf. Einen Augenblick ſah er in die Gluth hinab, wie die Papiere ſich krümmten und dunkel zuſammenrollten, bis die Buchſtaben weiß hervorſtachen und langſam in Aſche zerfielen. Dann wandte er ſich zu der Gräfin, die regungslos auf dem Tep⸗ pich zuſammengekauert lag, und ſagte mit ſcharfer Be⸗ tonung: „Ihr Haar iſt etwas derangirt, meine Liebe, laſſen Sie es ordnen. In fünf Minuten erwarte ich Sie im Ballſaal.“ Damit verneigte er ſich leicht und verließ das Zimmer. Still und friedlich wieder lag das einſame Gemach; die Streiflichter der Kaminflammen glitten über die Wand und über die todtbleichen Züge der Frau, die mit geſchloſ⸗ ſenen Augen wie vom Blitze getroffen am Ende des Sammt⸗ divans kniete. Endlich öffneten ſich ihre Lider; dann er⸗ hob ſie ſich und trat mit feſtem Schritt an den Kamin. Aber es lag etwas Unheimliches in den gläſernen Augen, wie ſie ſtarr und thränenlos in das Feuer hineinblickten. „Verkauft!“ ſagte ſie leiſe,„ich habe das Wort lange geſucht. Verkauft!“ Sie lippen zu nüchtiger iß ſie d de Flam ſie zu ns ſchw rreifte ſ pritzte ſondern ihrem ſtolz de iſt zur nem E glänzte genen: es übel nes Se durchlie ihr ent ſtand ſ auf der ſchauer verkau Es ri ſie ur enge das l Jentgege ein bit und ſt 8 nicht, nicht in die einer kehren verdog hinter entgeg Sie u Kraft ſie ſie ( einäl und rieſel weni ſdicht ſchm dort, zu lo ſchlie hinei überſ ſttuhl ein S Dar wie jett Stol, ee unter h noch Glück nerung. brochen lättern, Grafen er noch er auf 1 fielen die von bte ſich mit den Läücheln " ſagte Blätter on ein⸗ hädliche id faßte „ ſagte illt— ind los elaſſen, rſetzt rigi er einen 1 drohend eriſſenen ügte: verkauft ſtreift irn und wie ich ng, mit Einen iere ſich uchſtaben Dann demm Tep⸗ rfer Be⸗ laſſen Sie in rliß dus gemach; ie Wand geſcho Sanm. dnn d Kamin- Augen, blickten. ort lange 1 — ——— Sie wiederholte es einigemal tonlos, faſt ohne die Lippen zu bewegen. Aber allmälig ſchwoll ihre Bruſt, ein mächtiger Gedanke rang in ihr auf— mit heftigem Ruck riß ſie das Diadem aus den Haaren und ſchleuderte es in die Flammen. Eine wilde Luſt der Zerſtörung ſchien über ſie zu kommen, denn mit ſchneidendem Lachen zerriß ſie das ſchwere Atlasgewand und warf es zur Erde. Dabei ſtreifte ſie ſo haſtig die Ringe von den Fingern, daß die geritzte Haut ihre Hände färbte. Sie achtete nicht darauf, ſondern zerrte nur in immer tollerer Haſt die Kleider von ihrem Körper. Dann trat ſie an den Spiegel und warf ſtolz das gelöste Haar von der Stirn zurück.„Der Preis iſt zurückgezahlt,“ ſagte ſie dumpf;„ich handle mit mei⸗ nem Eigenthum wie ich will.“ Ein wahnfinniger Vorſatz glänzte in ihren Augen. Eilig zog ſie aus einem verbor⸗ genen Fach ein ſchlichtes, faſt ärmliches Kleid und warf es über den weißen Nacken; dann knüpfte ſie ein verbliche⸗ nes Seidentuch um den Hals und eilte davon. Fieberhaſtig durchlief ſie die dunkle Zimmerreihe; je näher die Muſik ihr entgegenſcholl, deſto raſcher wurden ihre Schritte. Jetzt ſtand ſie im halberleuchteten Vorzimmer und legte die Hand auf den Metalldrücker der Flügelthür. Aber plötzlich durch⸗ ſchauerte es ſie und ſie wich ängſtlich zurück.„Und doch verkauft— verkauft für die Ewigkeit!“ murmelte ſie dumpf. Es riß ſie mit namenloſer Angſt fort; furchtſam lauſchte ſie umher, dann ſchlüpfte ſie wie ein Schatten zurück, die enge Seitentreppe hinunter. Drunten in der Halle zog ſie das lange Haar über ihr Geſicht; ein Bedienter kam ihr entgegen und wies ſie mit Scheltworten hinaus. Sie ſchlug ein bitteres Gelächter auf, daß er verwundert ſtehen blieb, und ſtürzte in die Nacht hinein. Hier athmete ihre Bruſt hoch auf; ſie fühlte die Kälte nicht, denn ihre Schläfe brannten im Fieber. Sie wußte nicht wohin und wozu; gradeaus ging ſie, aus einer Straße in die andere, immer weiter. Ab und zu, wenn ſie unter einer hellen Gasflamme vorüber kam, blickte ein ſpät Heim⸗ kehrender ſie mitleidig an und zog ſeine Börſe. Dann verdoppelte ſie ihre Haſt, bis ſein erſtaunter Nachruf fern hinter ihr verklang. Am Thor zogen ihr ſingende Weiber entgegen, die ſich an der Hand gefaßt und ſie umtanzten. Sie wollten ſie halten, aber ſie riß ſich mit gewaltiger Kraft los und ſchrie:„Verkauft— verkauft!“ Da ließen ſie ſie frei und lachten jubelnd hinterdrein. So kam ſie an's Ende der Stadt, an den letzten ver⸗ einzelten Häuſern vorüber. Der Nachtwind ſtrich ſcharf und ſchneidend über das kahle Feld, daß es ſie eiſig über⸗ rieſelte. Ganz draußen in einem kleinen Häuschen, das ein wenig ſeitab vom Wege lag, brannte noch ein einſames Licht. Es zog ſie durch den Garten unwillkürlich an die ſchmalen Fenſter; vielleicht wohnten barmherzige Menſchen dort, ihr eine Decke oder ein altes Mäntelchen für die Nacht zu leihen. Leiſe ſtahl ſie ſich an die Scheiben, die mit ſchlichten weißen Vorhängen verhüllt waren, und blickte hinein. An einer Ecke war der Zipfel verſchoben und ſie überſah deutlich das kleine, behagliche Zimmer. Im Lehn⸗ ſtuhl, zunächſt dem Ofen, ſaß gebückt ein altes Mütterchen, ein Buch mit verblichenem Goldſchnitt lag auf ihren Knieen. Daraus las ſie, denn ihre Lippen bewegten ſich, aber der Wind pfiff um Dach und Wand, daß man draußen den Ton nicht vernahm. Ab und zu hielt ſie inne und blickte mit mütterlichen Augen auf das junge Paar, das auf einer niederen Holzbank ſtumm zu ihren Füßen ſaß. Es war Feierſtunden. 1865. 393 den Nacken ihres Gefährten ſchlang und ihn liebevoll an⸗ ſah. Es mochte ein ſchlichter Arbeiter ſein dem Aeußern nach; doch die Weiſe, mit der ſeine großen Hände ihre Liebkoſungen erwiederten, war ſo zart und fein, wie keine Bildung vornehmſter Art ſie zu lehren vermag. Dann horchten ſie aufmerkſam dem Leſen der Alten. Mit tödtlichem Weh überkam es die Lauſcherin. Die ſtarre, halb erhobene Hand war von der Scheibe herabge⸗ ſunken; um Nichts in der Welt hätte ſie zu pochen ver⸗ mocht. Noch einen faſt wahnſinnigen Blick warf ſie auf das friedliche Bild des Glückes, dann ging ſie weiter. Der Mond kämpfte mit Wolken, aber hin und wie⸗ der trat er glänzend hervor und erhellte Alles weithin. Nun ſuchte ſie mit den Augen am Horizont; ein lang⸗ gedehnter dunkler Strich ſtach vor ihr in der Ferne vom Himmel ab. Schnell glitt ihr Blick an ihm hinunter und heftete ſich unverwandt auf den Punkt, wo er mit leiſem ſenkrechten Einſchnitt zur Erde fiel. Sie war ſtehen ge⸗ blieben und ſchien zu überlegen; doch vor ihren Gedanken ſtand nur ein Ziel, das mußte ſie erreichen— ſo oder ſo. Sie ſchauderte und zog das dünne Kleid feſter um den Hals; dann bog ſie haſtig zur Rechten ab auf den dunkeln Punkt zu. Der Wind ſtand ihr jetzt im Rücken und beförderte ihre Schritte. Lange, lange ging ſie vorwärts; ihr war, als ob die Nacht immer milder würde und das Herz wie⸗ der lebendig zu ſchlagen anfinge. Endlich hatte ſie die An⸗ höhe erreicht, und ſie gewahrte deutlich vor ſich den Wald, der ihr vorhin wie ein Strich am Horizont erſchienen— wie ſie ſich umblickte, lag weit hinter ihr die Stadt mit verſchwimmenden Thürmen und Spitzen— ſie fühlte nicht, daß ihre Füße ermattet waren und faſt zuſammenbrachen— vor ihren Augen ſtand das niedere Häuschen unter den hohen Bäumen. Sie glaubte es geſehen zu haben, aber nun zogen dichtere Wolken über den Mond und verdunkel⸗ ten die Fernſicht. Es begann leiſe um ſie in den laubloſen Büſchen zu rieſeln; ſie gab nicht Acht darauf; ihr war ruhig um's Herz wie ſeit langer Zeit nicht mehr; alle Angſt und alles Weh des Lebens ſchlief langſam in ihr ein. Allmälig fielen die Flocken dichter und dichter und verſchleierten Alles um ſie her; hinter ihr verwehte ihre Spur; gleichmäßig dehnte die Schneefläche ſich ringshin aus. Sie fühlte, daß ſie vom Wege abgerathen war, doch es erſchreckte ſie nicht. Mechaniſch ſchritt ſie vorwärts, bis ſie tiefer und tiefer im Schnee verſank. Nun ſtieß ſie mit dem Fuß an eine Wurzel; noch einmal raffte ſie alle Kräfte ihrer Sinne zuſammen und ſchaute umher. Sie erkannte, daß ſie am Rande des Waldes ſtand, zur Seite tief ver⸗ ſchneit lag der Hohlweg, in dem ſie ihn zum erſten Mal geſehen. Noch einmal blitzſchnell flog es ihr vorüber— es war im Sommer und Blumenzeit— nun war es Win⸗ ter, eiſiger, todter Winter, und die Blumen verwelkt— auf immer wieder— zum Mindeſten hier, in dieſem Leben. Sie wußte es, das Haus lag kaum tauſend Schritte entfernt, aber ihre Glieder waren müde in den Tod wie ihre Seele. Allmälig verwirrten ſich ihre Sinne, ihr war als töne aus der Ferne verhallendes Schellengeläut zu ihr herüber; wie Silberſterne eines unendlich weiten, flattern⸗ den Schleiers wallten die Flocken um ihre Schläfe. Sie legte mit letzter Anſtrengung die Hände gefaltet über ihre einfach, faſt ärmlich gekleidet, aber es lag ein unendliches Glück in den Augen des Mädchens, wie ſie den Arm um Feierſtunden. 1865. Bruſt; dann wurde ihr Athem leiſer, nur ein ſtilles, fried⸗ liches Lächeln zog um die bleichen Lippen, und darüber 50 394 — ernſt und feierlich legte ſich, wie von Mutterhand über die Bruſt des Kindes gebreitet, die weiße, friedliche Decke.— Es begann faſt im Oſten zu grauen, als die letzten Equipagen die Ausfahrt des gräflichen Palais durchrollten. Der Graf ſtand lächelnd an der oberſten Stufe der hohen Freitreppe und nahm mit vornehmem Dank die Wünſche für das Befinden ſeiner Gemahlin entgegen, deren Zuſtand ſie verhindert, bei dem Feſte wieder zu erſcheinen. Dann ging er in den erleuchteten Saal zurück und blickte finſter vor ſich hin. Die Diener ſtanden in den Winkeln flüſternd zuſammengedrängt und ſahen ſcheu zu ihm hinüber. „Niemand?“ fragte er endlich plötzlich aufſchauend, daß ſie ängſtlich zuſammenfuhren. „Nein, Niemand, gnädiger Herr.“ Er ballte krampfhaft die Fauſt.„Beſchimpft,“ knirſchte er leiſe zwiſchen den Zähnen,„und von wem?“ Dann warf er ſtolz das Haupt zurück und ſagte:„Man gebe Feierſtunden. 1865. — mir ſogleich Nachricht, wenn die Gräfin zurückkommt.“ Damit durchſchritt er die zitternden Lakaien und ging hal⸗ lenden Trittes hinüber in den andern Flügel des Palaſtes. Drüben aber, fern am Horizont, wo der dunkle Wald⸗ rand dämmernd im Morgenlichte aus dem weißen Schnee⸗ gefilde aufſtieg, tönte faſt die ganze Nacht hindurch ein dumpfes, klagendes Geheul über die einſamen Felder hin. Raſtlos flog es wie ein ſchwarzer Schatten hin und wieder vom Saume des Waldes zu dem niedern Häuschen, das unter den hohen, laubloſen Linden ſtumm und ſchweigſam dalag. Dann ſprang es wie wüthend gegen die geſchloſſe⸗ nen Fenſterläden und bellte und winſelte. Umſonſt— und wieder fort in gewaltigen Sprüngen durch Schnee und Ge⸗ ſträuch, über Zäune und Gräben— hin und wieder— hin und wieder. Zuletzt verſtummte das Geheul; leiſe win⸗ ſelnd lag der ſchwarze Schatten drüben am Rande des Wal⸗ des, den zottigen Kopf auf die kalte Hand geſtreckt, die liebkoſend oft in Sommertagen auf ihm dort geruht. Eine Tigerjagd. In die dichten oſtindiſchen Waldwildniſſe(Jungles) einzudringen, um dort den Tiger in ſeinem Lager aufzu⸗ ſpüren, bleibt immer ein höchſt gefährliches Wagniß. Daher erklärt es ſich, daß ſelbſt die hohe Belohnung von 10 Ru⸗ pien(100 Thlr.), welche die engliſche Regierung für jeden erlegten Tiger ausgeſetzt hat, bis jetzt die Furcht der Ein⸗ geborenen vor ihrem erblichen Feinde noch nicht zu über⸗ winden vermochte. Nur in der heißen Jahreszeit, von Anfang März bis Ende Juni, läßt ſich die Tigerjagd mit einiger Hoffnung auf Erfolg unternehmen. Die heftigen Regengüſſe, welche Anfangs Juli beginnen und vier Monate andauern, ver⸗ wandeln das Land in einen vollſtändigen Sumpf, und das hierauf dicht hervorſprießende Gras und Geſtrüpp machen das Jungle faſt undurchdringlich. Dagegen wird in der heißen Jahreszeit die Jagd durch die Seltenheit des Waſ⸗ ſers, welche die wilden Thiere zwingt, die wenigen Quellen aufzuſuchen, und durch die verhältnißmäßige Offenheit des Landes weſentlich begünſtigt. Die nachfolgende Erzählung, welche wir den mündlichen Mittheilungen eines der Augen⸗ zeugen verdanken, mag dem Leſer einen Begriff geben von den Gefahren, mit denen eine ſolche Jagd verknüpft iſt, Gefahren, von denen ſich unſere bequemen Sonntagsjäger ſchwerlich etwas träumen laſſen. In der engliſchen Armee dienten unter Andern auch zwei Deutſche, Namens Salheim und Kerrfurt. Sie waren im Jahr 1849 wegen Theilnahme an einem Aufſtande nach England geflohen und hatten ſich dort wegen Mangel an Subſiſtenzmitteln in einem Regimente anwerben laſſen, welches kurz darauf nach Indien beordert wurde. Sie waren noch nicht lange dort eingetroffen, als ihnen in Folge der vielfachen Erzählungen über die Gefahren und Aufregungen der Tigerjagd die Luſt ankam, ſelbſt eine ſolche zu unternehmen. Sie verbanden ſich zu dieſem Zwecke mit einem engliſchen Kameraden, Namens Shubrick, und machten ſich, ſobald ſie den nöthigen Urlaub erhalten hat⸗ ten, nach dem nächſten großen Jungle auf den Weg. Nach⸗ dem ſie daſſelbe eine Zeitlang vergebens durchſtreift hatten und der Sache bereits überdrüſſig zu werden begannen, ſcheuchten ſie endlich einen ungeheuren Tiger auf, welcher bei ihrer Annäherung ſich erhob und langſamen Schrittes im Gebüſche verſchwand. Bei ſeinem Anblicke dämmerte dem leichtſinnigen Kleeblatte zum erſten Mal das volle Bewußtſein der großen Gefahr auf, in die es ſich begeben hatte. „Gott, welch' ein ſchreckliches Ungeheuer!“ rief Sal⸗ heim, welcher einige Schritte vorausging, als er erſchrocken zurückwich. Die zwei Anderen, welche in ſtummem Erſtaunen da⸗ ſtanden und dem verſchwindenden Tiger nachſchauten, ſtimm⸗ ten dem bei. „Wir müſſen auf unſerer Hut ſein,“ ſagte Kerrfurt, „denn der Rückzug iſt jetzt eben ſo gefährlich als das Vor⸗ gehen.“ h Kaum hatte er dieſe Worte geäußert, als ihre Auf⸗ merkſamkeit durch ein Raſcheln in den Büſchen erregt wurde. Einen Augenblick darauf erſchien der Tiger und ſchritt ge⸗ rade auf den Platz zu, wo die erſchreckten Jäger ſtanden. Obwohl ſie ſämmtlich muthige Männer waren, ſo konnten ſie doch dem augenblicklichen Eindrucke nicht widerſtehen, ſondern ergriffen eiligſt die Flucht. Sie mochten ſo, ver⸗ folgt von dem wüthenden Tiger, etwa zweihundert Schritte gelaufen ſein, als Kerrfurt plötzlich ſtilleſtand und faſt athemlos ausrief: „Wir müſſen ſtehen und kämpfen. ſchießt, ſobald ich geſchoſſen habe.“ Kerrfurt nahm nun alle ſeine Geiſtesgegenwart zu⸗ ſammen, kniete nieder, zielte einen Augenblick und ſchoß ſein Gewehr auf das herankommende Unthier ab. Die Kugel hatte zwar getoffen und der Beſtie eine ſchwere Wunde beigebracht, aber ſie ging ihr nicht an's Leben. „Jetzt, Salheim!“ rief Kerrfurt, indem er aufſprang und ſeinem nächſten Kameraden Platz machte. Salheim kniete ſogleich nieder und zielte, aber bevor er ſchießen konnte, verſchwand der Tiger mit einem wilden Gebrüll ſeitwärts im Gebüſche. Den Jägern fiel es wie ein Stein vom Herzen. Einige Augenblicke ſtanden ſie da und ſahen einander, ohne ein Wort zu ſprechen, an, wäh⸗ rend alle Nerven ihres Körpers vor Aufregung zitterten. „Ich glaube, ich habe genug von der Tigerjagd,“ ſagte Shubrick endlich. „Ich auch,“ erwiederte Salheim,„ich habe auch genug von Zielt gut und zeitig erblic mit! richte ehe ſi hatte das( wie „Kö erwi⸗ fahrr Dichi ungt eine brül rück ſeitn die und ſen, beirr Flu vern Kel ſtr dal ò ommt.“ ng hal⸗ alaſtes. Wal⸗ Schnee⸗ rch ein er hin. wieder n, das veigſam ſchloſſe⸗ — und und Ge⸗ eder— iſe win⸗ es Wal⸗ ict, die ſt. mmerte s volle begeben Sal⸗ ſchrocken ien da⸗ ſtimm⸗ terrfurt, as Vor⸗ re Auf⸗ wurde. ritt ge⸗ ſtanden. konnten erftehen, o, ver⸗ Schritte nd faſt ut und zart zu⸗ d ſchoß Feierſtun der Tigerjagd,“ ſagte Kerrfurt,„aber ich glaube, daß daran nur unſere Unerfahrenheit ſchuld iſt. Wenn wir mehr daran gewöhnt wären, ſo würden wir wahrſcheinlich die Sache mit anderen Augen anſehen.“ „Ich glaube, daß ich die Tigerjagd niemals nach mei⸗ nem Geſchmacke finden werde,“ entgegnete Salheim. „Ich auch nicht,“ fügte Shubrick bei.„Ich bin wahr⸗ haftig kein Feigling, aber ich will mich erſchießen laſſen, wenn ich nicht wünſche, mit heiler Haut aus dieſer Gegend fort zu ſein.“ In dieſem Augenblicke nahm man eine bedeutende Be⸗ wegung in den Büſchen wahr. Erſchrocken erhoben die Jäger ihre Gewehre. In athemloſer Angſt ſtanden ſie ſo einige Minuten da, dann entfuhr ihren Lippen ein gleich⸗ zeitiger Ausruf des Schreckens. Zwiſchen den Gebüſchen erblickten ſie den vorgeſtreckten Kopf des Tigers, der ſie mit wilden, drohenden Blicken betrachtete. Inſtinktmäßig richteten alle Drei ihre Gewehre auf die Beſtie. Aber noch ehe ſie ſchießen konnten, war der Tiger hervorgeſprungen, hatte Shubrick erfaßt und ihn mit gewaltigen Sätzen in das Gebüſch geſchleppt. Im erſten Augenblicke ſtanden Kerrfurt und Salheim wie vom Schrecken gelähmt da. „Mein Gott, das iſt ſchrecklich!“ rief der Letztere. „Können wir denn nichts für ihn thun?“ „Laß uns der verfluchten Beſtie folgen und ſehen,“ erwiederte Kerrfurt. Beide hatten jetzt jeden Gedanken an ihre eigene ge⸗ fahrvolle Lage verloren und ſtürzten ſich gleichzeitig in das Dickicht, um ihrem Kameraden Beiſtand zu leiſten. Der Pfad des Tigers war überall mit dem Blute ihres ———-'—— unglücklichen Gefährten bezeichnet. Nachdem ſie der Spur eine Zeitlang gefolgt waren, hemmte ein ſchreckliches Ge⸗ brüll hinter ihnen auf einmal ihre Schritte. Als ſie zu⸗ rück blickten, ſahen ſie den Tiger mit blutigem Rachen ſeitwärts aus dem Gebüſche hervorkommen. „Nieder, Salheim,“ ſchrie Kerrfurt,„und gieb ihm die Ladung.“ Beide Männer fielen gleichzeitig auf die Kniee nieder und feuerten auf die Beſtie. Beide Schüſſe hatten getrof⸗ fen, aber das Thier ließ ſich dadurch nicht im Geringſten beirren. Sogleich nach dem Schuſſe ergriffen die Schützen die Flucht. Es war eine ſchreckliche Jagd und keine Feder vermag die Gefühle dieſer beiden Männer zu beſchreiben. Keuchend und faſt erſchöpft von der übermenſchlichen An⸗ ſtrengung rannten ſie hoffnungslos und beinahe verzweifelnd dahin, während ihnen der Tiger jeden Augenblick näher den. 1865. 395 kam. Auf einmal verfing ſich Salheim, welcher der Hinterſte war, mit dem Fuße in einer Liane und fiel mit einem Angſtſchrei zu Boden. In demſelben Augenblicke hatte der Tiger, um ſein Opfer zu erfaſſen, zu einem ſo gewaltigen Sprung ausgeholt, daß er vier bis fünf Fuß über den Daliegenden hinwegſprang. Erſchreckt durch Salheims Aus⸗ ruf, hielt Kerrfurt an und ſchaute ſich um, gerade als der Tiger zwiſchen ihm und ſeinem Genoſſen niederſprang. Ohne weitere Zögerung ſetzte er jetzt ſeine Flucht fort, während ihm der Tiger auf den Ferſen folgte. Dagegen ſuchte Salheim ſo ſchnell als möglich ſein Gewehr wieder zu laden. Sobald er damit fertig war, eilte er dem Tiger nach, aber noch ehe er zur Rettung ſeines Kameraden etwas thun konnte, trat eine plötzliche und unerwartete Wen⸗ dung ein. Der fliehende Kerrfurt war nämlich, noch ehe ihn die Beſtie erreichen konnte, aus dem Gebüſche hervor auf einen verhältnißmäßig freien Platz gekommen. Hier, wo er nach wenigen Schritten unfehlbar eine Beute des Tigers gewor⸗ den wäre, ſtieß er auf eine größere Geſellſchaft von Jä⸗ gern, welche theils aus Engländern, theils aus Eingebor⸗ nen beſtand. Sprechen konnte er nicht, aber mit über⸗ menſchlicher Anſtrengung gelang es ihm, einen Angſtruf auszuſtoßen und dadurch die Aufmerkſamkeit der Fremden auf ſich zu lenken. In demſelben Augenblicke ſtürzte der Tiger aus dem Dickicht hervor, worauf die Jäger, welche in einer Linie vorgingen, Kerrfurt durchließen, auf die Kniee niederfielen und der Beſtie eine volle Salve gaben, die ihr ſofort das Garaus machte. Als Kerrfurt die Linie der Jäger hinter ſich hatte, fiel er keuchend und bewußtlos zu Boden. Die plötzliche Veränderung, welche in ſeiner Lage eintrat, war faſt zu viel für den armen Burſchen. Der Leſer kann ſich ſeine Freude denken, als er wieder zu ſich kam und ſich über⸗ zeugte, daß ſeine Befreiung kein bloßer Traum war. Kurz nach Erlegung des Tigers kam auch Salheim heran. Auch er zeigte die lebhafteſte Freude über die Rettung ſeines Ka⸗ meraden und Beide umarmten ſich auf's Zärtlichſte. Als die Jäger darauf die Ueberreſte Shubricks auf⸗ ſuchten, fanden ſie nur noch einige verſtümmelte Theile ſeines Körpers. Kerrfurt und Salheim kehrten darauf in ihre Gar⸗ niſon zurück, und nichts in der Welt konnte ſie ſpäter be⸗ ſtimmen, wieder auf die Tigerjagd zu gehen. Die Luſt nach dergleichen Abenteuern war ihnen für immer ver⸗ gangen. A. R. Der Singeſtreit Die Grönländer haben keine öffentlichen Gerichtshöfe wie andere Völker, und wenn auch däniſche Beamte dort eingeſetzt worden ſind, ſchlichten ſie ihre Streitigkeiten doch lieber auf folgende, alt hergebrachte, höchſt ſonderbare Weiſe. Wenn ein Grönländer von einem andern beleidigt zu ſein glaubt, ſo verfährt er darüber durchaus nicht mit Ver⸗ druß und Zorn, noch weniger mit körperlicher Rache gegen ihn; ſondern er dichtet nach ſeiner Art einen ſatyriſchen Geſang, den er in Gegenwart aller ſeiner Hausgenoſſen fingend und tanzend ſo lange wiederholt, bis ſie ihn alle auswendig können. Hierauf macht er in der ganzen Gegend der grönländer. bekannt, daß er wider ſeinen Beleidiger ſingen wolle. Dieſer findet ſich an dem beſtimmten Orte ein, ſtellt ſich in den Kreis, und der Kläger ſingt ihm, nach der Trommel tan⸗ zend, unter oft wiederholtem„Amna Ajah“ ſeiner Beiſteher, die auch einen jeden Satz im Chor wiederholen, ſo viel ſpöttiſche Wahrheiten vor, als er nur, um die Zuhörer zum Lachen zu veranlaſſen, aufzubringen weiß. Wenn er ausgeſungen hat, tritt der Beklagte hervor und antwortet unter Beiſtimmung ſeiner Leute auf eben dieſe Weiſe. Der Kläger widerlegt ihm, und wer das letzte Wort hat, der hat den Prozeß gewonnen und wird hernach ſehr hoch geachtet. 50* 396 Feierſtunden. 1865. ——;:————r—y——y——ry—y—r———— Nur darf keine grobe Beleidigung mit unterlaufen, denn und üble Nachreden abzulehnen, allerlei Uebervortheilungen die Zuhörer entſcheiden, wer geſiegt hat, und beide Parteien und Ungerechtigkeiten in ihrer Handthierung zu rächen; ſind nach dieſer Entſcheidung wieder die beſten Freunde. weil ſie durch nichts ſo ſehr in Ordnung zu erhalten ſind, So bedienen ſich die Grönländer dieſer Gelegenheit, als durch eine öffentliche Beſchämung, ſo verhindert ſie einander durch Vorhaltung der Schande zu beſſeren Sirren dir öffentliche Rache zugleich an einer geheimen, wie an 2 zu bewegen, die Schuldner zum Bezahlen zu mahnen, Lügen dem Morde. 2. ALCH2 K fFeldlager nach Wouwermann. Chenonceaup. Das Schloß Chenonceaux, eines der zierlichſten anmuthigſter Umgebung erbaut und verdankt ſeine Ver⸗ Denkmäler der Renaiſſanceperiode, welche ſich in Frank⸗ V theidigungsfähigkeit nur den hellen raſchen Wellen des Chev, reich erhalten, unterſcheidet ſich ſchon durch ſeine Lage vor⸗ welche es von allen Seiten umfließen. Die Lage, die zier⸗ theilhaft von manchen andern Prachtbauten, welche gleich liche Bauart der neueren Gebäude, welche ſich an die Reſte dieſem urſprünglich nichts als Raubritterſchlöſſer waren. der alten Burg anlehnen, geben dem Schloſſe einen ganz Statt auf einem ſteilen Felſen iſt es in der Ebene, in ſeigenthümlichen Reiz. ne Ver⸗ 6 Chev, die zier⸗ ſe Reſte en Han Feierſtunden. 1865. —-——— Die Zeit ſeiner Gründung iſt unbekannt, und auch ſeine Geſchichte bis zum Jahr 1515 bietet wenig Bemer⸗ kenswerthes, in welchem Jahre der damalige Beſitzer, der Finanzdirektor Thomas Bohier, beſchloß, einen neuen Pa⸗ laſt, in dem damals herrſchenden Renaiſſanceſtyle, den be⸗ reits beſtehenden Gebäuden hinzuzufügen. Der Bau wurde ſogleich in Angriff genommen, und da das Geld nicht fehlte, ſo ſchritten die Arbeiten raſch vorwärts; doch ſchien Bohier zu fürchten, daß das begonnene Unternehmen ſogar für ſeine Mittel zu bedeutend ſei, wenigſtens zeugt davon die in verſchiedenen Räumen des Schloſſes vorhandene Inſchrift: S'il vient a point, m'en souviendra. Er ſtarb, ehe das Schloß vollendet war, und kurz nach ſeinem Tode brach die gefürchtete Kataſtrophe aus. Eine ſtrenge Unterſuchung ſeiner Verwaltung bewies, daß er von Staatsgeldern bedeutende Summen unterſchlagen und zum Bau von Chenonceaux verwendet hatte. Sein Sohn vermochte die entwendeten Gelder nicht zurückzuzah⸗ 397 —yj——————— len, und die Krone entſchädigte ſich dafür durch Beſitznahme des Schloſſes. Franz I. beeilte ſich, Chenonceaux dem urſprünglichen Plane gemäß auszubauen, und verweilte dort öfters mit ſeiner Schwiegertochter Katharina von Medici, welche ſich beſonders zu dem lieblichen Aufenthaltsorte hingezogen fühlte. Dort war es auch, wo ſie ſpäter Taſſo empfing, welcher die Touraine in den bekannten zwei Verſen verherrlichte: La terra molle e lieta e dilettosa Simili a se gli abitator produce. Heinrich II. ſchenkte Chenonceaux der berühmten Diana de Poitiers, mit deren Tode die Geſchichte des Schloſſes wieder in die Dunkelheit zurückſinkt. Mehrere adlige Häu⸗ ſer, zuletzt auch reichgewordene Finanzmänner des achtzehn⸗ ten Jahrhunderts folgten ſich in ſeinem Beſitz, und aus⸗ nahmsweiſe iſt, trotz des häufigen Beſitzwechſels, dieſes reizende Denkmal der Renaiſſance⸗Zeit in ziemlich gutem Zuſtande erhalten geblieben. E. W. Schloß Chenonceaux. Die Röhrenbrücke über den St. Lawrence. Die kanadiſche Eiſenbahn, welche unter dem Namen Great Trunk Railway engliſch Amerika durchſchneidet, auf einer ununterbrochenen Strecke von 1200 Meilen, von dem atlantiſchen Weltmeere bis in die Prairien des fernen We⸗ ſtens, bietet während des ganzen Jahres eine offene Durch⸗ fahrt durch die fruchtbaren Ebenen Ober⸗Kanada's, die Thalfläche der großen See'n und ſteigt bis an das Meer herab, indem ſie das engliſche Gebiet mit den weiten Län⸗ weien der amerikaniſchen Union verbindet. Während des Sommers beſitzt Kanada die ſchönſte Stromfahrt der Welt durch ein Netz von Kanälen vervollſtändigt; aber während ſechs andern Monaten des Jahres iſt das breite Fahrwaſſer des St. Lawrence und ſeine Zuflüſſe unterbrochen oder ge⸗ hemmt durch das Eis, und bevor die Eiſenbahnlinie des Great Trunk beſchloſſen und ausgeführt war, gab es keir beſtändig offenen Weg für die Erzeugniſſe und der engliſchen Provinzen Nordamerikas. J⸗ dieſes großartige Werk noch u et 398 — man daſſelbe auf das nördliche Ufer des Stromes beſchränkt haben würde. Um daſſelbe mit Neu⸗Braunſchweig und den Häfen Neu⸗Schottlands zu verbinden, wie auch um eine unmittelbare Verbindung mit den Vereinigten Staaten her⸗ zuſtellen, war es unausweichlich, eine Brücke über den Strom zu ſchlagen, einen der breiteſten und reißendſten der Welt;— eine Brücke, fähig, die Laſt und ungeheure Er⸗ ſchütterung einer Eiſenbahn zu tragen. Dieſer Aufgabe von ungemeiner Schwierigkeit ſtellten ſich Hinderniſſe der verſchiedenſten Art entgegen. Vom Monat Januar bis zum April iſt der St. Lawrence eine ungeheure holperige Eisfläche, in den ſeltſamſten Geſtalten zuſammengefroren und durch den Druck des Waſſers bis zu 16 Fuß über dem Niveau des Stromes im Sommer erhöht. Die Temperatur fällt über 280⁰ Fahrenheit unter Null, ein Kältegrad, in welchem das Eiſen die nackte Hand verſengt und nicht an die Möglichkeit von Arbeit im Freien denken läßt. Im Sommer dagegen folgt auf dieſe unge⸗ heure Kälte unerträgliche Hitze. Zwiſchen den Monaten April und Juni ſteigt die Temperatur von 9 bis 900 Fah⸗ renheit(125— X✕ 320 Centig.). Die wackeren Werkleute, welche dieſe äußerſten Temperaturwechſel ertragen mußten, waren ebenſowohl den verderblichen Wirkungen größter Kälte wie der Wärme ausgeſetzt. Die Strömung brach ſich an den Verſchalungen der Pfeiler mit einer Geſchwindigkeit von 8 Meilen auf die Stunde und einer entſetzlichen Ge⸗ walt, welche jeden Augenblick Alles fortzureißen drohte. Zweimal im Jahre wechſelte der Schauplatz vollſtändig durch die Eisbildung im Herbſte und das Aufthauen im Frühling, wonach ſich auch die Art und Weiſe der Arbeit ändern mußte; ſo daß die Arbeiten in kurzen Perioden von drei zu vier Monaten ausgeführt werden mußten, nach welcher Zeit die unvollendeten Bauten und die Vorberei⸗ tungen zu deren Herſtellung nothwendig dieſen Umwälzun⸗ gen der Natur, wie man ſie ohne Uebertreibung nennen kann, ausgeſetzt blieben. Die größte Schwierigkeit, welche ſowohl der Plan als die Ausführung der Victoriabrücke zu bekämpfen hatte, beſtand in dieſem Schaffen der Natur, welches zweimal im Jahre vor ſich geht und in Nord⸗ Amerika als shoving of the ice(Eisgang) bekannt iſt. Das Eis beginnt in dieſem Strome ſich in den erſten — Decembertagen zu bilden; dann erſcheint längs den Ufern und in den Untiefen, wo die Strömung am ſchwächſten iſt, eine leichte Eiskruſte, welche allmälig ſich verdickt; bald beginnen Eisſchollen aus den ſtromaufwärts gelegenen See'n herabzutreiben, mit denen zugleich das Ufer⸗ oder an chor Eis in bedeutender Menge ſich in Bewegung zu ſetzen und das Waſſer des Fluſſes anzuſchwellen anfängt. Das An⸗ häufen des Eiſes dauert mehrere Wochen fort, bis das Flußbett ganz verſperrt iſt, die Strömung ſchwächer wird und eine allgemeine Ueberfluthung erfolgt. Die Eisſchollen, übereinander gethürmt, bilden ungeheure Maſſen, die ab⸗ wärts ſchwimmen und über früher gebildeten Bänken ſich Sobald heftiger Froſt eintritt, bedeckt ſich end⸗ lich der Fluß mit einem Eispanzer, der mehrere Quadrat⸗ Je mehr aber das Waſſer ſteigt, je weniger vermag die Eisbarre dem Drucke zu widerſtehen, welcher ſie zerſchellt und nun einen jener Eisgänge verur⸗ den Bewohnern Montréals ſo ſehr ge⸗ und am 14. Auguſt reichte das Mauerwerk des erſten Die ſcharfen Ränder der Eisbänke, unwider⸗ Pfeilers ſchon über das Niveau des Waſſers herauf. aufſtauen. meilen ſich ausdehnt. ſacht, welche von réüxchtet ſind. theillſäſt ſortgeriſſen, wühlen ſich in die Ufer ein und zer⸗ heililſt Vei was ihnen im Wege liegt. Mit dem Fort⸗ Zinters aber, wenn die Kälte zunimmt und dieſem urſprün Statt auf ei f einem mehr aus den See'n herabtreiben, welch Feierſtunden. 1865. —---e--———yõ———-ͤ—ärõ——;O zugefroren ſind, ſinkt das Waſſer zu ſeinem gewöhnlichen Niveau in der kalten Jahreszeit, das ungefähr 12 Fuß unter dem des Sommers ausmacht. Die Eisfläche bildet ſich alsdann für den ganzen Winter von ungefähr 3 Fuß Dicke, was in der erſten Hälfte des Januar ſtattfindet. Gegen Mitte März ſcheint die Sonne ſchon ſehr heiß, es fallen warme reichliche Regengüſſe, daß ſich das Eis er⸗ weicht und leicht durch Windſtöße gebrochen wird. Treibt das Eis in den See'n, bevor der Strom frei iſt, erfolgt abermals ein Eisgang, welcher das Niveau des Waſſers verhältnißmäßig ſteigen macht. Um den Gefahren und Schwierigkeiten auszuweichen, welche aus dieſen Naturereigniſſen hervorgehen, wurde be⸗ ſchloſſen, die Victoriabrücke auf ſteinernen Pfeilern anzu⸗ legen, die, in weiten Zwiſchenräumen aufgeführt, ſcharfe Ecken gegen die Strömung darbieten und als Eisbrecher dienen ſollten. Die Stelle, wo die Brücke am Ausfluß eines kleinen See's, das Baſſin der Prairie genannt, er⸗ baut wurde, liegt am weſtlichſten Ende des Hafens von Montréal, etwas unterhalb der Stadt. Oberhalb der⸗ ſelben iſt das Fahrwaſſer weit ſchmäler, aber durch die Stromſchnellen von Lachine und den raſchen Waſſerlauf nicht zu einer Bauſtelle geeignet. Montréäal gegenüber iſt das Flußbett durch eine weite Sandbank in zwei Haupt⸗ kanäle getheilt, die einen nutzbaren Stützpunkt für die Er⸗ bauung einer Brücke darbot, von welcher die ganze Strom⸗ breite überſpannt werden ſollte. Die Tiefe an dieſer Stelle wechſelt zwiſchen 3 und 15 Fuß, wenn der Waſſerſtand im Sommer angenommen wird, und das Flußbett beſteht aus Kalkfelſen, auf der Oberfläche mit Rollkieſeln bedeckt. Die Steinbrüche von Caughnaneaga, aus welchen das Baumaterial gewonnen wurde, liegen oberhalb der Strom⸗ ſchnellen von Lachine, deren Waſſergewalt Kähne mit Blöcken von 100 Tonnen Gewicht mit Leichtigkeit weiter förderte. Indem die Naturerſcheinungen, welche dieſer Strom perio⸗ diſch darbietet, geſchickt benützt wurden, hat man nicht allein die natürlichen Hinderniſſe, welche ſich der Ausführung des Werkes entgegenſetzten, überwunden, ſondern ſie buchſtäblich in Förderungsmittel verwandelt. Im Sommer, wenn die Schifffahrt frei war, trug die Strömung die ungeheuren Steinblöcke zum Aufmauern der Pfeiler herbei. Im Win⸗ ter, als die Schifffahrt unterbrochen und der Strom ein Eisbett war, eben ſo feſt als ſein Felſengrund, wurde eine Bahn tracirt und Gerüſte errichtet, wie auf trockenem Bo⸗ den. Im Januar 1854, als die Eisfläche über dem Strome ſich gebildet hatte, wurde die Pfeilerſtellung auf derſelben ausgeſteckt und die ganze Richtung der Brücke ausgehauen. Während des Winters wurden auch ſogenannte Cribworks, eine Art ungeheurer Kaſten mit Steinen gefüllt an den Punkten eingelaſſen, wo die Pfeiler aufgeführt wer⸗ den ſollten. Dieſe Kaſten waren ſo hoch, daß ſie um einen Fuß den Waſſerſtand im Sommer überragten. Auf dieſer Baſis wurde nun mit Beginn des Frühlings, ſobald der Strom frei war, mit der Errichtung der Verſchalungen begonnen, und als dieſe Umzäunung fertig war, das Waſſer mittelſt Pumpen entfernt, während der Grund ſorgfältig hergerichtet wurde. Gegen den 22. Juli wurde der erſte Stein gelegt, Die natürlichen Hinderniſſe, welche ſich einem ſo be⸗ trächtlichen und neuen Unternehmen entgegenſetzten, waren nicht die einzigen Schwierigkeiten, womit die Erbauer zu e kämpfen hatten. Das Bedürfniß von Arbeitskräften war in K ſtändi ſtattf derhol Ernte lich a Komp befall Augu des und fang ausz gang volll Tage Der fen ſchwe gehol Verſe geriſ von nen) See ten, keit ben, wiede den. daher inde nehn wer! wih Pfei das ande fünf ware zu be läng ſtellu folge den einz ſol jede ſtan Stü irren Auff ien Arbe unge mitt Dal — lichen 1 Tuß bildet duß det. heij, 8 er⸗ Treibt rfolgt daſſers eichen, de be⸗ anzu⸗ ſcharff brecher usfluß t, el⸗ 8 von b der⸗ ſcch die ſerlauf ber iſt Haupt⸗ die Er⸗ Strom⸗ Stelle rſtand beſteht dedeeckt. en das Strom⸗ Blöcken örderte. perio⸗ ſ allein ung des ſtäblich enn die eheuren n Win⸗ om ein nde eine Feierſtunden. 1865. ——⅓:————:—y————ʒ ——-—O— ʒ; in Kanada und den Vereinigten Staaten ſo groß, daß be⸗ ſtändige Steigerungen des Tagelohns unter den Werkleuten ſtattfanden, welche ſich regelmäßig zweimal im Jahre wie⸗ derholten; im Frühling, bei Ankunft der Flotten, und zur Erntezeit lösten ſich die Kompagnien von Arbeitern gänz⸗ lich auf. Zudem herrſchte die Cholera, ſo daß in einer Kompagnie von 200 Mann nicht weniger als 60 davon befallen wurden und mehrere ſtarben. Die Hitze war im Auguſt unerträglich; mehrere hundert Quadratmeilen Wal⸗ des gingen im Brand auf und die Luft wurde von Rauch⸗ und Aſchenwolken angefüllt. Ueberdieß hatten die ange⸗ fangenen Bauten den Anſtoß des herannahenden Winters auszuhalten, und es ſtand zu befürchten, daß der erſte Eis⸗ gang Alles zerſtören werde, was im Laufe des Sommers vollbracht worden war. Der Winter begann im November, und in den erſten Tagen des Januars ſchlug die verhängnißvolle Stunde. Der Fluß fuhr fort zu ſteigen und das Eis ſich anzuhäu⸗ fen bis zum 4. Januar. Dieſen Tag hatte die Ueber⸗ ſchwemmung das Eis auf den Sandbänken und den Bergen gehoben, was eine allgemeine Bewegung hervorbrachte. Die Verſchalungen des erſten und zweiten Pfeilers wurden weg⸗ geriſſen, ebenſo das Holzwerk der Widerlager. Der Anblick von zwanzig Quadratmeilen(mehr als 124 Millionen Ton⸗ nen) aufgethürmten Eiſes, welche noch kurz zuvor einem See von feſtem Geſtein glichen, die ſich in Bewegung ſetz⸗ ten, boten ein Schauſpiel von unbeſchreiblicher Großartig⸗ keit dar. Der aufgemauerte Pfeiler war unverſehrt geblie⸗ ben, aber erſt im Monat Auguſt konnten die Verſchalungen wieder hergeſtellt und mit dem Aufmauern begonnen wer⸗ den. Die Arbeitszeit für das Mauerwerk der Pfeiler war daher ungefähr im Ganzen auf ſechzehn Wochen beſchränkt; indeß ſo wundervoll war die Thätigkeit bei dieſem Unter⸗ nehmen, daß 1856 im September 8000 Kubikyards Mauer⸗ werk vollendet ſtanden, was 13 Kubikfuß auf die Minute während eines ganzen Monats ausmacht. Ein einſamer Pfeiler ſtreckte 1854 am nördlichen Ufer ſein Haupt über das Waſſer; 1855 waren deren zwei vollendet und zwei andere begonnen; 1856 hoben ſich ſieben über die Fluth, fünf auf der einen und zwei auf der andern Seite; 1857 waren dreizehn Pfeiler beinahe vollendet und die Widerlager zu beiden Seiten beendigt; 1858 waren alle Pfeiler hin⸗ länglich vorgerückt, um mit dem großen Werke der Auf⸗ ſtellung der Centralröhre beginnen zu können, ſobald im folgenden Winter die Eisbahn ſich hergeſtellt haben ſollte. Sämmtliches Eiſen für die Röhren war in den Schmie⸗ den(Canada Works) von Birkenhead vorbereitet und jedes einzelne Stück dem Plane entſprechend bezeichnet worden, ſo daß, wenn eine Ladung aus Kanada ankam, obgleich jede Röhre aus 4926 oder für zwei aus 9852 Theilen be⸗ ſtand, die Arbeiter nach dem Plane, der vor ihnen lag, Stück um Stück zuſammenfügen konnten, ohne ſich zu irren. Wie auf den kurzen Zwiſchenraum des Sommers die Aufführung des Mauerwerks der Pfeiler beſchränkt war, bildeten die Wintermonate mit ihrer Eisperiode die Be hinſusund Errichtung der nöthigen Gerüſte, um die und vier Dampfmaſchinen waren beſtändig zu dieſer Arbeit ungeheuren Röhren an Ort und Stelle zu ſchaffen, was mittelſt eines Schienengeleiſes und eines Krahnes, durch Dampf in Bewegung geſetzt, geſchah. Als man bis zu 399 —— der großen Centralröhre gelangt war, fragte es ſich, ob die Arbeit zur Zeit vollendet werden könnte. Ungeachtet der großen Kälte wurde am 10. Januar damit begonnen, und vierzig Kompagnien arbeiteten Tag und Nacht, um die Nietlöcher vorzubereiten. Am 28. Februar war der Boden der Röhre vollendet, 180 Fuß der Seitenwände waren aufgeſtellt und 100 Fuß des Daches belegt. Vier⸗ zehn Tage ſpäter riß ein furchtbarer Orkan einen Theil der Gerüſte ein und kündigte den Eisbruch an. Am 21. März war Alles eingedeckt und es fehlten nur noch 18,000 Nieten, um das Werk zu krönen; bevor die letzten 5000 angebracht waren, am 25. März, machte das erſte Bewegen des Eiſes ſich fühlbar,— ſchwarze Wellen⸗ kämme zeigten ſich oberhalb der Brücke, und es war augen⸗ ſcheinlich, daß die Eisbank aus dem See gegen dieſelbe heranſchwamm. Paniſcher Schrecken bemächtigte ſich der Arbeiter; aber da die Röhre eine Meile vom Lande ent⸗ fernt lag, war es unmöglich, ſich zu retten; glücklicher⸗ weiſe hörte aber die Bewegung des Eiſes für dieſen Tag nach einigen Minuten auf. Die folgende Nacht fror es wieder, und ſo konnten die letzten Vernietungen angelegt werden. Dann traf man Vorkehrungen, die künſtlichen Schlußſteine einzulaſſen und die Gerüſte zu entfernen. Als dieſes vollbracht war, blieb die Röhre feſt, ohne weitere Stütze über dem Fluſſe, mit einer leichten Einſenkung von 3 Zoll gegen die Mitte zu. Den folgenden Tag vollbrachte ſich der Eisgang mit ſchrecklicher Gewalt, indem er die zeitweiligen Gerüſte umwarf und mit ſich fortriß. Obgleich dieſe Operation den ſchwierigſten Theil des Unternehmens vollendete, brauchte es noch mehrere Monate, um die rieſenhaften Verſchalungen und anderes Material, das als Schutz des Mauerwerks diente, hinwegzuſchaffen. Der 17. December 1859 war der Tag, an welchem der erſte Wagenzug über die Brücke paſſiren ſollte. Eine Stunde zuvor ließ ſich ein furchtbares Krachen hören. Die Angſt war groß, aber bei näherer Unterſuchung zeigte es ſich, daß das Treibeis nur einige Ueberreſte der Rüſtungen zu den Vorarbeiten fortgeriſſen hatte und die Strömung nun von allem Hemmniß frei war. Die totale Länge der Victoriabrücke beträgt 9144 Fuß engliſches Maß; die Röhre allein mißt 6592 Fuß. Die Fahrbahn der Röhre liegt 60 Fuß über dem gewöhnlichen Waſſerſtande des St. Lawrence. Das Eiſen der Röhre wiegt 9044 Tonnen(ungefähr 3,180,000 Kilogr.) Alle Theile derſelben ſind durch 1,540,000 Vernietungen ver⸗ bunden, und die Oberfläche des Eiſens dieſer Brücke hat nicht weniger als 32 Acres Ausdehnung. Daſſelbe iſt mit einer vierfachen Lage von Anſtrich bedeckt. Die Brücke hat 24 Pfeiler und 25 Bogen, einen von 300 Fuß Weite, die übrigen haben 242— 247 Fuß. Zu dem Mauerwerk der Pfeiler und Widerlagen wurden 2,713,095 Kubikfuß Steine verwendet, und zu dem Rüſtwerk 2,280,000 Kubikfuß Holz. Mittelſt dieſes Materials wurde eine Eiſenbahnbrücke über einen der größten und reißendſten Ströme der Welt her⸗ geſtellt in der Zeit von fünf Jahren und fünf Monaten; 3000 Arbeiter, 6 Dampfſchiffe, 75 Boote, 144 Pferde verwendet. (Nach der Rev. bpritt. bearb v. Ph. v. H.) 400 ——————— Feierſtunden. 1865. ——— ———————————— Der Landſtreicher. „Hallo, alter Heinrich!“ rief der Kerkermeiſter, wäh⸗ rend er mit dem großen Schlüſſel die ſtarke Eichenholzthür der Gefängnißzelle öffnete;„ſteh' auf! es iſt Zeit; der Scharfrichter wartet bereits!“ „Was, jetzt ſchon?“ antwortete der in ſeiner Streu tief eingebettet liegende Mann, indem er die nervigen Glie⸗ der dehnte, die Fäuſte ſchloß und nach einem langen Gäh⸗ nen hinzuſetzte:„das iſt ſchade, ich ſchlief ſo gut.“ Er ſtand auf, brachte die Fetzen des grauen Ueber⸗ rocks, die um ihn hingen, ſo gut es gehen wollte, in Ord⸗ nung, reinigte Bart und Haare von Strohhalmen, drückte die Ueberbleibſel eines alten Filzhutes in die Stirn und ſagte gelaſſen:„Na, da wäre ich fertig!“ Der Scharfrichter wartete unten an der Ausgangs⸗ pforte. Er ſah den Verurtheilten von der Seite an und rief treibend:„Hurtig, Alter, wir müſſen eilen!“ „Heinrich, alter Burſche,“ ſagte der Kerkermeiſter, „jetzt iſt eine ſchlimme Viertelſtunde durchzumachen! Hier! trinkt das, um Euch aufrecht zu halten;“ und damit reichte er ihm ein großes Glas Branntwein, welches der ſechzig⸗ jährige Greis mit ſichtbarem Vergnügen auf Einen Zug leerte. Der Scharfrichter zog jetzt eine lange Schnur mit laufender Schlinge aus der Taſche und band die Hände des Gefangenen, welcher ihm maſchinenmäßig und ſtill⸗ ſchweigend zuſah, worauf beide ſich auf den Weg nach dem Richtplatz machten... Seit langer Zeit kennt man den alten Heinrich; aber wer er iſt, woher er kommt, wer ſeine Eltern ſind, weiß Niemand. Er war kaum 18 Jahre alt, als man ihn das erſte Mal die Gegend durchſtreifen ſah. Damals richtete er unbeſtimmte Fragen an die Leute, ſuchte ſich auf eine geheimnißvolle Art über dies und jenes zu unterrichten, kurz, war mit einer Nachforſchung beſchäftigt, welcher man nicht auf den Grund kommen konnte. Nach einiger Zeit ſchien er eine große Widerwärtigkeit erlitten zu haben und von tiefem Kummer ergriffen zu ſein. Von da an ſah man ihn viele Jahre nicht mehr, und er ſtand ſchon in ziemlich hohem Alter, als er plötzlich wieder zum Vorſchein kam. Das Schickſal hatte ſich ihm feindlich bewieſen: arm war er ausgegangen, als Bettler kehrte er zurück.— Was hatte er wohl während der Zeit ſeiner langen Abweſenheit gethan? wo ſich aufgehalten? Er ſagte es nicht.— Er mußte weit in der Welt herumgekommen ſein; denn wenn es ihm in kalten Regennächten ſo gut wurde, ſein Haupt unter dem Dache einer Scheune bergen zu dür⸗ fen, bezahlte er die Gaſtfreundſchaft der guten Landleute damit, daß er ihnen, ſo lange ſie in die Nacht hinein wach blieben, von fremden Ländern erzählte. Einmal hatte er die Gegend vergebens durchſtrichen: nirgends hatte er ein Almoſen erhalten können, der Schnapp⸗ ſack war leer. Ermattung und Noth zwingen ihn, gegen Abend an dem Thore eines Schloſſes um Unterkunft und einen Biſſen Brod zu bitten. Beides wird ihm abgeſchla⸗ gen; mit Rohheit jagt man ihn von dannen, und der Arme, auf ſeinen Stock geſtützt, ſchleicht traurig nach einem be⸗ nachbarten Gehölz, kriecht in das Gebüſch und legt ſich auf die Erde, um zu ſterben. Es war zu Ende des Herbſtes, ein Nebeltag. Der Wind pfiff, und es fing an, dichte Finſterniß zu werden. Durchdrungen von Kälte und Feuchtigkeit, fühlte er doppelt V die Qual des Hungers.... Könnte er nur ſchlafen! Der morgende Tag wird vielleicht weniger ſchlimm ſein; .... aber der Schlaf kommt nicht, und der unglückliche alte Bettler erleidet unerträgliche Schmerzen.— Er kann nicht länger widerſtehen. Er erhebt ſich, nimmt ſeinen Stock und kehrt nach dem Schloſſe zurück. Dort hat er einen Mauervorſprung bemerkt, der leicht zu erklimmen iſt; ein Fenſter, das ein wenig offen ſtand; es iſt ſehr ſpät; finſtere Nacht;— er will blos Nahrung; mit einiger Ge⸗ ſchicklichkeit und Kaltblütigkeit kann es ihm nicht fehlen, jene zu finden. Der Herr des Schloſſes war ein Greis von mehr als achtzig Jahren, ohne Familie, ohne Geſellſchaft, gräm⸗ lich, hart und geizig. Er hatte den Bettler an ſeinem Thore bemerkt, und ſein argwöhniſches Auge war ihm bis an das Gebüſch nachgefolgt. Auf ſeinen Befehl wacht die Dienerſchaft, und der arme alte Heinrich hat nicht ſo bald das Unglücksfenſter erſtiegen, als er ſich ergriffen, gekne⸗ belt und auf der Stelle nach der Stadt abgeführt ſieht, wo man ihn in's Gefängniß wirft. Dort findet er wenig⸗ ſtens ein Stück Brod, das ihm der Kerkermeiſter aus Mit⸗ leid anbietet. Wegen verſuchten Einbruchs, wie es hieß, wurde der Arme zur öffentlichen Ausſtellung, zur Brandmarkung und längerem Gefängniß verurtheilt.— ———— Von dem Schemel herab, auf welchen er inmitten des Marktplatzes auf einem erhöhten Gerüſte angebunden iſt, läßt der alte Bettler ſeine Blicke über die neugierige Menge umherſchweifen.— Er zuckt die Achſeln und lacht bitter.—„Was braucht ihr euch um mich zu drängen, als ob ich ein ſeltſames Thier wäre? Aber ihr habt Recht: macht nur die Augen weit auf, denn ihr wer⸗ det mich nicht wiederſehen.. Ich werde von dem Ort, Die Luft .. er ... Aber bin hier geboren, obwohl ich’s .. Und wozu ſoll ich's auch? Ich hatte weder Eltern, noch Zufluchtsort: ſie hatten mich .. Ja, ja! Vielleicht ſind Einige und mein argen Hunger.... V dehre geben“ die Br D zurück, oothglü enpor hülfe ſich, de ſamme Rauch ewig Krug, Schil damn darar da br ner de Luch Sie, lichen lieder im 5 haini Mitt Berl kerlic offen 4 Luge Geach müht tüchſ ttwa vorh dus vurd nebſt d F lafen! ſein; ſcliche kann ſeinen hot er dniſt; ſpdt; er Ge⸗ fehlen, mehr gräm⸗ ſeinem jm bis cht die o bald gekne⸗ ſieht, wenig⸗ 8 Mit⸗ edde der ing und velchen Herüſte ber die Achſeln mich zu lber ihr hr wer⸗ em Ort, die Luft ſo vie⸗ Feierſtunden. 1865. ——————— —— geben“.... Bei dieſen Worten ließ er ſeinen Kopf auf die Bruſt ſinken und fing bitterlich an zu weinen.... Da kommt der Scharfrichter mit ſeinem Gehülfen zurück, welcher eine Kohlenpfanne trägt, auf welcher das rothglühende Brenneiſen liegt. Sie ſteigen zum Gerüſt empor und ſtellen ſich neben den Verurtheilten. Der Ge⸗ hülfe entblößt ihm die Schulter; der Scharfrichter bückt ſich, das Eiſen aufzunehmen.... der Alte ſchaudert zu⸗ ſammen und ſtößt einen Schmerzensſchrei aus, ein leichter Rauch erhebt ſich und das Zeichen der Schmach iſt auf ewig eingedrückt!—— ——— Eine eiſerne, von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet nur ſchwach die Krankenſtube des Gefäng⸗ niſſes. Auf einer Strohmatratze, von einer alten geflick⸗ ten Wolldecke kärglich verhüllt, liegt ein alter Mann, von Schwäche und Krankheit niedergeworfen. Sein Geſicht iſt gegen die Mauer gewendet. Ein irdener, ausgebrochener Krug, ohne Henkel, ſteht auf einem hölzernen Stuhl neben dem Lager. „Der arme Teufel wird zu thun haben, um davon zu kommen,“ ſagte der Kerkermeiſter zu einem Prieſter, den er herein führte.„Sehen Sie, ſeit er auf dem Markte Schildwacht ſtehen mußte, Anfangs Winters.... das ver⸗ dammte Schloß, ich glaube, der Teufel ſelbſt könnte ſich He, Alter! herzhaft! da bring' ich dir einen Beſuch!“ Der Greis antwortete nicht. „Mein Freund,“ ſagte der Prieſter,„ich bin ein Die⸗ ner des barmherzigen Gottes. Hört mich an, ich bringe Euch Troſt.“ 1 Noch immer antwortete der Kranke nicht. „Er ſchläft,“ entgegnete der Kerkermeiſter;„warten Sie, ich will ihn wecken!“— Er rüttelt den Kranken ſanft und beugt ſich über ihn....„daß dich!“ ruft er,„er iſt todt!“ „Ohne gebeichtet zu haben,“ ſagte der Prieſter;„der Unglückliche!“ Es war ein Prieſter nach dem Evangelium. Er kniete auf das Steinpflaſter und betete für die Seele des hinge⸗ ſchiedenen Bettlers.—— —— In die Kiſſen eines Lehnſtuhls verſenkt, unter⸗ hielt ſich der Herr des Schloſſes mit ſeinem Arzt. „Mir iſt nicht wohl, Doktor; meine Füße werden ſchwach und ich fühle häufig Schwindel!“ „Mein theurer Herr, Sie müſſen ſich zerſtreuen. In Ihrem Alter taugt die Einſamkeit nicht, und es fehlt Ihnen an Pflege. Sie ſollten eine Ihnen ergebene Perſon aus Ihrer Familie zu ſich nehmen.“ „Ergeben? ja doch!“... mit einem ſchweren Seuf⸗ zer und düſterer Stirne:„meine Vettern ſind nichts weiter als Erben!“— Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Nun, Doktor, man ſagt ja, der alte Burſche, welcher mich er⸗ morden wollte, ſei todt? Hat er endlich eingeſtanden? weiß man etwas Näheres von ihm?“ „Nichts, als daß er ein Findelkind iſt, das ehemals im Stadthoſpital erzogen wurde.“ „Im Hoſpital unſerer Stadt?“ „Nun, mein Gott, warum denn nicht? Er hat mir geſtern morgen Alles erzählt. Er bewahrte ſorgfältig eine alte Karte, auf welcher eine Art Hieroglyphe gezogen iſt, und einen eiſernen Ring, den er mir einhändigte.... Hier, da habe ich Beides noch in meiner Brieftaſche!“— Der Achtzigjährige wirft einen Blick auf dieſe Gegen⸗ tände.... „Barmherziger Gott!“ ruft er, und der Schlag des Todes durchfährt ihn:„es war mein Sohn!“ 4. Beſiehl dem Herrn deine Wege. Unter der Regierung des Kurfürſten Friedrich Wil⸗ helm von Brandenburg(1640— 1688) lebte in Berlin ein evangeliſch⸗lutheriſcher Prediger, Namens Paul Ger⸗ hard, nach Luther unſtreitig einer der bedeutendſten geiſt⸗ lichen Liederdichter, deſſen herrliche(120)„Haus⸗ und Kirchen⸗ lieder“(zuerſt erſchienen 1666) zum größten Theil noch heute im Kirchengeſange fortleben. Geboren 1606 zu Gräfen⸗ hainichen, ſpäter nach Vollendung ſeiner Studien Probſt zu Mittenwalde in der Mark, und 1657 als Diakonus nach laſſen— mußte eine Kutſche beſteigen, und dieſe nahm den nächſten Weg zur Grenze, wo man den ſo plötzlich Aus⸗ gewieſenen ankündigte: ſich nie wieder in den kurbranden⸗ burgiſchen Landen betreten zu laſſen; ihre zurückgebliebenen Habſeligkeiten werde man ihnen ſpäter dahin ſenden, wo ſie ſich niedergelaſſen haben würden. Von der Geſchwindigkeit und Härte der geſchehenen Landesverweiſung noch betäubt, wanderten die beiden un⸗ ſchuldig Vertriebenen, ohne zu wiſſen wohin, eine Zeitlang Berlin berufen, zeichnete er ſich dort durch ſein unerſchüt⸗ ſchweigend fort. Endlich fragte die Gattin den Gatten um terliches Feſthalten am ſtrengen Lutherthume und durch die das Ziel ihrer Wallfahrt. offene Freimüthigkeit aus, mit welcher er, ohne Anſehen der Perſon, das Laſter zu ſtrafen und die vom Wege der Tugend Abgewichenen wieder auf denſelben zu bringen ſuchte. Jedermann, und jahrelang be⸗ ein Unterkommen finden könnten? Wir ſind doch recht un⸗ glücklich!“ Geachtet und geliebt von 3 müht, die ihm anvertraute Gemeinde zu heben, war ſeine rückſichtsloſe Offenheit doch Vielen ein Greuel, und die etwas derbe Wahrheit, die er einſt offen einem Großen ihr Schickſal, vorhielt, die Urſache, daß er mit ſeinem Weibe des Nachts ſie aus dem Bette geholt und ihm kaum ſo viel Zeit gegeben wurde, ſich anzukleiden und einige Thaler vorräthiges Geld liebe Mutter!“ „Kenn' ich es ſelbſt?“ antwortete er;„wir können hingehen, wohin es auch ſei.“ „Weißt du denn Niemand, gar keinen Ort, wo wir So klagte und jammerte die bekümmerte Frau über vergebens ſuchte der glaubensſtärkere Gatte zu tröſten. „Wir ſind nicht ganz ſo unglücklich, als du glaubſt, ſprach er mit Herzlichkeit;„wir haben frei⸗ nebſt dem wenigen Schmuck ſeiner Frau, ſowie die unent⸗ lich viel verloren, aber unſer beſter Schatz, ein reines Ge⸗ behrlichſte Wäſche einzupacken. „— die treue Gattin wollte den Gatten natürlich nicht ver⸗ Feierſtunden. 1865. Das erſchreckte Ehepaar wiſſen, iſt uns geblieben. machen. Uns vertrieb die kleinliche Rache eines laſterhaften 51 Ich darf mir keinen Vorwurf 402 Großen, aber der, der unendlich größer iſt und in deſſen Namen ich ſprach, ſieht und hört Alles, und der wird auch uns gewißlich nicht verlaſſen. Ja, Mutter, wir wollen ihm vertrauen und nicht murren, ſollte er uns auch auf rauhen Pfaden führen.— Wer weiß, wo er unſer Brod für die Zukunft aufgehoben hat. Doch laß mich jetzt nach⸗ denken, wohin wir uns etwa wenden könnten.“ Und nun wanderten ſie wieder eine Weile fort. Auf einmal ſtand der Vater Gerhard ſtill. „Nun kenne ich unſern künftigen Aufenthalt, wenig⸗ ſtens für einige Zeit,“ ſprach er ganz erheitert;„in Lüb⸗ ben iſt, wie mich dünkt, ein gewiſſer Gutmann als Stadtſchreiber angeſtellt. Er war mir ein treuer Freund auf der Hohenſchule und iſt ein redlicher und gefühlvoller Mann, der uns einige Wochen Unterhalt nicht verſagen wird.“ Geſagt, gethan. Gutmann empfing ſeinen Freund mit Herzlichkeit und inniger Theilnahme, und Gerhard benutzte nun während ſeines Aufenthalts in Lübben die Ge⸗ legenheit, ſich einigemal mit Predigen hören zu laſſen, und erntete den allgemeinſten Beifall. Faſt drei Monate verweilte der Vertriebene in Lübben, und ſein redlicher Freund würde in drei Jahren noch keine ſcheele Miene deßwegen gemacht haben, aber Gerhard ſah die Armuth ſeines Freundes, der während des dreißigjähri⸗ gen Krieges viel gelitten und ſich noch nicht wieder erholt hatte. Sein Zartgefühl hieß ihn deßhalb gehen, und er ging. Zwar wollte ihn der Freund nicht ſcheiden laſſen, aber er widerſtand ſeinen Bitten und zog wieder hinaus auf's Ungewiſſe, nur Gott vertrauend, zu einem zweiten Schulfreunde, welcher Pfarrer auf einem Dorfe in der Nähe von Merſeburg war.— Auch dieſer empfing den Verwieſenen und deſſen Gattin eben ſo herzlich, wie der biedere Stadtſchreiber. Aber auch hier ließ das Zartgefühl des treuen Liederſängers, aus gleichen Urſachen, ſie nur wenige Monate weilen. Der Pfarrer ſelbſt war ein un⸗ begüterter Mann: ein Blitzſtrahl entzündete deſſen Wohn⸗ haus, nur mit Mühe konnte Gerhards Gattin ihr und ihres Mannes kleines Beſitzthum den Flammen entreißen, während dieſer ſelbſt, alles Andere vergeſſend, den Bücher⸗ ſchatz des Freundes zu retten ſuchte. Ein Landmann nahm ſogleich den zum armen Mann gewordenen Pfarrer in ſein Gut auf, und auch Gerhard und deſſen Gattin fanden da⸗ ſelbſt ein Unterkommen, da ſie des ganzen Dorfes Liebe und Achtung ebenfalls erworben hatten. Dieſes war aber den Feinfühlenden zu drückend, und ſie ſetzten deßhalb ihren Stab abermals weiter; zuvor aber unternahm Gerhard den traurigen Gang nach dem nur wenige Stunden entfernten Merſeburg, um den noch übrigen Theil der Schmuckſachen ſeiner Gattin, für welche er zwölf Thaler erhielt, in's Geld zu ſetzen. Bei dieſer Gelegenheit erkundigte er ſich nach dem Herzoge Chriſtian von Sachſen⸗Merſeburg, auf den er im Herzen, ohne zu wiſſen warum, ein großes Vertrauen geſetzt hatte. Allein der Fürſt war nicht in ſeiner Reſidenz anweſend, ſondern befand ſich auf längere Zeit in der Nieder⸗Lauſitz, die einen Theil ſeiner Beſitzungen bildete.— Auch dieſe gehoffte Zuflucht war den armen Vertriebenen abgeſchnitten, und ſie beſchloſſen nun, den letzten Univerſitäts⸗ freund aufzuſuchen, welcher, ſo viel Gerhard wußte, in ſei⸗ nem Geburtsorte, nahe bei Oſtheim in Franken, die Pfarrer⸗ ſtelle ſeines Vaters erhalten hatte; vielleicht daß bei dieſem ſich eine Ausſicht zur Verſorgung für die Armen eröffnen würde. Feierſtunden. 1865. —ᷣ—--—--A—-——ͤͤ— ꝑ ——— Von Neuem trat das Ehepaar die traurige Reiſe an. Der Mann war von feſtem Vertrauen auf Gottes Vor⸗ ſehung erfüllt; das ſchwächere Weib aber wanderte mit thränenden Augen und bekümmertem Herzen aus. Auf dieſe Weiſe waren ſie etwa vier Stunden weit und ſuchten in einem Dorfe bei Naumburg ihr Nachtquartier. Das Dorf hatte keinen eigenen Pfarrer, bei welchem ſie Unterkommen hätten finden können, ſie waren daher genöthigt, im Wirths⸗ hauſe Einkehr zu nehmen, in welchem ſich außer ihnen keine weiteren Gäſte befanden.— Als ſie ſich nun am Abend ſpät auf ihr Strohlager niedergelegt hatten und der Schlaf ſie floh, konnte die arme tiefbekümmerte Frau die Thränen des Schmerzes über ihr gegenwärtiges Schickſal nicht länger zurückhalten, ſie mußte dem gepreßten Herzen Luft machen. Der glaubens⸗ ſtärkere Gatte ließ ſie ausweinen, dann verſuchte er durch die Tröſtungen, welche ein feſter kindlicher Glaube an Gott und ſeine väterliche Fürſorge immer verleiht, die Sinkende wieder aufzurichten, und ſeine Worte waren nicht vergebens. „Armes, ſchwaches Weib!“ rief er ihr aus voller Seele und mit der ganzen Kraft zu, die nur ein feſtbe⸗ gründeter Glaube zu verleihen vermag:„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen! Denn er hat Keinen je verlaſſen, der kindlich ſich auf ihn verließ!“— Es gelang ihm auch, die Zagende, Beküm⸗ merte zu tröſten, die Schwachgewordene wieder zu ſtärken. Ihre Seele erhob ſich zu Gott im Gebet, und die Ruhe der Glaubenskraft zog wieder in ihr Herz ein. Mit Freuden ſah der fromme Gatte die Wirkungen des geſpendeten Troſtes, und als ſein treues Weib ſanft in die Arme des Schlafes geſunken, wendete er ſich nun ſelbſt mit einem kindlich⸗herzlichen Gebet zum Allvater im Himmel und bat ihn um ferneren Muth und Kraft auf ſeinem kommenden Lebenswege, auch daß ſein inniges Ver⸗ trauen auf ihn, den allgütigen Vater aller ſeiner Geſchöpfe, nie aus ſeinem Herzen weichen möge.— Und es ſtieg dieſes Gebet auf zu Gottes Thron und wurde erhört; denn es war um dieſe Stunde ſchon die Hülfe Gottes näher, als die armen Wanderer es nur ahnen konnten. Gerhard entſchlief mit erleichtetem Herzen, und als der Sonne erſter Strahl durch die Scheiben drang, erwachte er und ging in den Garten am Hauſe, wo ſich ſeine Seele in einem herzlichen Morgengebete zu Gott erhob. Er be⸗ fahl dem Herrn ſeine Wege und Schickſale; denn er glaubte ja von ganzem Herzen, mit der innigſten und tiefſten Ueber⸗ zeugung, daß dieſer es nur väterlich mit ihm meinen könne. Und in dieſer frommen Begeiſterung entſtrömte ſeiner Seele das herrliche Lied: „Befiehl' du deine Wege Und was dein Herze kränkt, Der allertreuſten Pflege Deß, der den Himmel lenkt; Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.“ So wie dieſe Verſe entſtanden, wurden ſie in die Schreib⸗ tafel niedergeſchrieben, und ſie gaben ſich dem begeiſterten Sänger leicht.— Eben hatte er den elften Vers des herr⸗ lichen Geſanges vollendet:„Wohl dir, du Kind der Treue,“ und die erſte Strophe des letzten:„Mach' End', o Herr! mach' Ende, An aller unſrer Noth,“ war niedergeſchrieben, als er ſeiner Gattin Stimme ihn haſtig rufen hörte. Er antwortete ihr und ſie kam nun eilenden Schrittes herbei, ein verſiegeltes Schreiben in ihren Händen. von Liebet dieſes eiſe an. es Vor⸗ rte mit luf dieſe hten in s Dorf tommen Wirths⸗ ſen keine rohlager unte die zes über ten, ſie laubens⸗ er durch an Gott Sinkende rgebens. 8 voller t feſtbe⸗ n Herrn machen! auf ihn Beküm⸗ ſtärken. die Ruhe irkungen ib ſanft ſich nun datet im rraft auf iges Ver⸗ Heſchüpfe ds ſtieg ört; denn 8 näher, und als erwacht/ ine Seele Er be⸗ T glaubte en Ueber⸗ ten lönne. üt ſeinet hoch beglückte Gerhard auf die Kniee nieder und ergoß ſei⸗ —— „O, was mag dieſes bedeuten!“ rief ſie ihm ſchon von ferne zu:„der Knecht unſeres Freundes, des Pfarrers Liebetraut, kam ſoeben uns eilig nachgeritten und brachte dieſes an dich gerichtete Schreiben!“ Gerhard erbrach daſſelbe; in ihm lag ein zweites von Gutmanns Hand. Auch dieſes war ſchnell geöffnet, und er las: „ ‚Freund und Bruder!— Freue dich! deine Prüfung iſt zu Ende und die Hülfe Gottes dir nah'.— Deine Predigten, die du während deiner Anweſenheit hier hielteſt, haben zum Herzen geſprochen und dir Freunde erworben, die kräftig für dich gearbeitet haben. Geſtern ließ mich der Herzog zu ſich rufen und eröffnete mir, daß er ſich entſchloſſen habe, dich als Diakonus nach Lübben zu berufen. Er begehre deßhalb von mir zu wiſſen, ob du wohl dieſe Stelle anzunehmen geneigt ſein würdeſt. Ich erkannte Gottes helfende Hand in dieſem Anerbieten und habe es in deinem Namen zugeſagt. Eile daher, dich dem Fürſten, der dir ſo wohl will, baldigſt vorzuſtellen. Er hat bereits an ſeinen Geheimen⸗Rath in Merſeburg Befehl ertheilt, Anſtalten wegen deiner ſchnellen Reiſe zu treffen und dich mit Reiſegeld zu verſehen. Auch ich danke Gott, daß deiner ſchweren Prüfung Ende nahe iſt, und ſehne mich, dich bald wieder zu umarmen. Dein Gutmann.“ Mit tiefer Empfindung durchdrang dieſer neue Beweis der vorſorgenden Güte des himmliſchen Vaters das Herz unſres glaubensfeſten Dulders, und mit Thränen frommer Rührung that er ſeiner in ängſtlicher Erwartung harrenden Gattin dieſe Hülfe des Höchſten kund. „Siehſt du nun, Mutter,“ rief er ihr zu,„daß Gott Die nicht verläßt, die auf ihn trauen!— Als unſere Noth am größten war und wir nicht mehr wußten, wo aus noch ein, da erbarmte ſich Gott unſrer Noth und ſtellte ſich mit ſeiner Hülfe ein. Darum bitte ihm deinen Kleinmuth ab und zage nie wieder, ob auch Alles um und neben dir verginge. Jetzt geh' und bitte den Boten, zu warten; ich komme gleich.“ Und nun warf ſich der wieder ſo froh gewordene, nes Herzens Gefühle in einem innigen Dankgebete zu Gott. Dann erhob er ſich wieder und vollendete in dieſer from⸗ 40³ ————————————— „Mach' End', o Herr! mach' Ende Mit aller unſrer Noth; Stärk' unſre Füß' und Hände, Und laß bis in den Tod Uns allzeit deiner Pflege Und Treu' befohlen ſein. So gehen unſre Wege Gewiß zum Himmel ein.“ Nun begab er ſich in die Gaſtſtube, wo er mit dem Boten ſprach, und eine Stunde ſpäter waren ſie auf dem Rückwege nach dem Dorfe, von welchem ſie geſtern mit ganz andern Gefühlen gewandert waren.— Mit herzlicher Freude nahm Pfarrer Liebetraut ſeinen nunmehr wieder verſorgten und dadurch beglückten Freund auf, und noch am gleichen Tage ging derſelbe nach Merſeburg. Er fand dort die gemeſſenſten Befehle des Herzogs für die Reiſe nach Lübben, und ſie waren ſprechende Beweiſe von der gnädigen Geſinnung dieſes Fürſten gegen ihn. Daß er nun ſogleich nach Lübben reiste und ſein neues Amt antrat, verſteht ſich von ſelbſt, und es bedurfte nur kurze Zeit, um die vollkommene Gnade des Herzogs, ſowie die Herzen der Gemeinde durch ſeinen frommen Wan⸗ del und ſeine trefflichen Predigten zu gewinnen. Bald wurde er Oberpfarrer, verwaltete auch dieſes Amt mit der größten Berufstreue, und ſchlummerte endlich im Jahre 1676 ſanft zu Dem hinüber, dem er ſein ganzes Leben ge⸗ widmet hatte. Die Liebe ſeiner Gemeinde, der er ein treuer Seelenhirte war, folgte ihm durch ein forterhaltenes ſeg⸗ nendes Andenken nach, und noch jetzt iſt ſein Bildniß in der Kirche zu ſchauen, in welcher er während der acht letz⸗ ten Jahre ſeines Lebens mit Treue gewirkt.— Millionen haben ſeit jener Zeit das herrliche Kirchenlied:„Befiehl du deine Wege ꝛc.“ geſungen, und in Millionen Herzen iſt das innige und kindliche Vertrauen auf Gottes Schutz und Führung durch eben dieſes Lied geſtärkt worden. Mag auch die hier mitgetheilte Entſtehungsgeſchichte eines der beſten unſrer Kirchenlieder nicht in allen Worten ganz durch hiſto⸗ riſche Beweiſe dokumentirt werden können, ſo gibt doch das in ihr ausgeſprochene felſenfeſte Vertrauen auf einen Gott, der Alles lenkt und regiert, deſſen Führungen zwar zuwei⸗ len dunkel, aber immer wohlthätig und weiſe ſind, gewiß manchem unſerer Leſer, der mit banger Beſorgniß der kom⸗ menden Zeit erfüllt iſt, einen ſichern Halt, und das Lied men Begeiſterung den vorhin angefangenen letzten Vers ſeines Liedes: ſelbſt ihm neue Kraft, wenn Kleinmuth die Seele zu drücken ſucht.— 3. Das verurt Schriften, welche von den Regierungen für gefährlich oder ſchädlich gehalten wurden, hatten in früherer Zeit öfters das Schickſal, nicht nur verboten, ſondern gerichtlich verurtheilt und öffentlich verbrannt zu werden.— Nach⸗ ſtehend geben wir die einfache Erzählung eines Augenzeugen, der dem hochnothpeinlichen Gerichte, welches zu Wien im Jahre 1668 über ein Buch gehalten wurde, beiwohnte. Mathias Abele von und zu Lilienberg berichtet nämlich in ſeinem„Vivat, oder künſtliche Unordnung“(Nürnberg. 1670— 1675, 12⁰%ꝗ9 5 Bände) Bd. 1, S. 315, wie folgt: „Den 2. Maji des vergangenen 1668. Jahrs, all⸗ wohin ich abermal zur Fortſetz⸗ und endlicher Vollendung meiner hinterſtellig gelaſſener Amt⸗Geſchäffte, nach zeitlich angelangt bin, und alſo ſelbſt Zuſeher ſein können, wurde ein Büchl auf dem hohen Marck an dem Pranger, nach Wien heilte Buch. öffentlich verbrennet; vorhero aber nachfolgende Bereitſchaff⸗ ten und Ordnung hiezu gehalten. „Das rothe Tuch, als ein Kennzeichen der Hinrich⸗ tung einer Malafiz⸗Perſon, wurde auf der Kayſerlichen Schrannen ausgebreitet. Aus dem Amt⸗Haus ginge man aus, der Schörg mit einem Spießl, nach dieſem ritte der Unterrichter, deme folgte der Hutſtock oder Kerkermeiſter, truge das Büchl in der Hand, und in der Höhe, hernach kam der Scharfrichter, Schörgen, Hundſchlager, und der⸗ gleichen Geſindl; ſie gingen durch diejenigen Gaſſen, durch welche man ſonſten eine Malafiz⸗Perſon zu führen pflegte. „Als ſie nun zu der Schrannenſtiege angelangt, ſtiege der Unterrichter von dem Pferde ab, ginge ordentlich auf die Schrannen, allwo das Löbl. Kayſ. verſamlete Stadt⸗ (Gericht, mit bloßem Schwert ſaße. Das Verbrechen wurde 51*† — 404 —L—;õ;:-B:ä:B⅓⁊—⅔—⅓—:yõy———r——y——n-—— von dem Kayſ. Herrn Schrannen⸗Schreiber öffentlich abge⸗ Feierſtunden. 1865. — „Dieſer Titul iſt in vielen Papieren unter das Volk leſen, das Urtheil gefället, der Stab gebrochen, und das ausgeworffen worden, ſo überall voll war, weilen der⸗ Büchl, weilen man deſſen Urheber nicht haben konnte, dem gleichen Abbildungen ſelten zu Wien, oder wie etliche ſag⸗ Scharff⸗Richter zum Verbrennen übergeben. ten, über Mannsgedenken, wiewolen es in Frankreich nichts „Darauf ginge man mit der vorigen Ordnung mit neues iſt, gar nicht geſehen worden. dem Büchlein von der Schrannen herunter über den hohen „Doch muß gemeiniglich bei ſolchen ernſtlichen und Markt, dem Pranger zu, auf dieſem wurde an vier Theilen peinlichen Händeln etwas Lächerliches vorübergehen. Im der Titul des Büchels auf einem Bogen Papier groß ge⸗ ſchrieben angeſchlagen; von dem Scharff⸗Richter aber vor dem Pranger eine hohe Pün aufgerichtet, auf welche der Henker geſtiegen, das Feuer angezündt, und das Buch hineingeworffen, bis es verbrunnen. „Titulus libri war: Memoria belli Ungaro-Tur- cici, Authore Johanne Henrico Andler Argentoratensi. Massiliae 1665. „Zu teutſch: Gedächtnus des Ungariſchen Türkiſchen Kriegs, beſchrieben von Johann Heinrich Andler von Straß⸗ burg gebürtig, gedruckt zu Maslien, das iſt in Frankreich, 1665. Aus⸗ und Fortgang aus dem Amt⸗Haus gingen ein paar Ordens⸗Geiſtliche; ſie begegneten dem zulaufenden Volk, und fragten, was das bedeute? Die Antwort war: Man führe einen armen Sünder aus, der ſoll auf dem Scheitter⸗ haufen verbrennt werden, und wolle ſich nicht bekehren und unbußfertig ſterben. „Da ſie nun auch wirklich von weiten niemand vor⸗ betten hörten, drungen ſie aus heiligen Eyfer durch das Volk hindurch, und fragten endlich den Kerker⸗Meiſter, wo denn der arme Sünder ſeye; ſie wollten ihn von ſeiner Unbußfertigkeit bekehren. Da zeigte er ihnen das in Handen tragende Büchl, womit ſie ſchamroth davon gingen.“ 2. Die Teufelsbrücke auf dem St. otthard. Es gibt verſchiedene Brücken in der Welt, welche vom Volke den Namen„Teufelsbrücke“ erhalten haben, weil ihre Erbauung allzu viel Kühnheit erforderte, als daß man glauben könnte, es ſei dabei mit natürlichen Dingen zuge⸗ gangen; die berühmteſte von ihnen allen iſt und bleibt aber doch diejenige, welche in der halben Höhe des Sanct Gott⸗ hard über die wilde Reuß hinüberführt und ſo die Paſſage über dieſen Berg nach Italien ermöglicht. Merkwürdiger⸗ weiſe übrigens iſt dieſe Reußbrücke eine gedoppelte, eine ältere und eine jüngere, und beide liegen ſo nahe bei oder — 8 Volk en der⸗ he ſag⸗ nichts n und Im npaar Volk, Man cheitter⸗ ren und nd vor⸗ rch das ter, wo ſeiner Handen 4 Feierſtunden. 1865. 405 —::::ä:'õ————r————r——————ryrn— vielmehr über einander, daß man verſucht ſein könnte, die Frankreich und Deutſchland hinüberführen können, wenn ſie eine oder die andere für total überflüſſig zu halten; allein ſich nicht jener Päſſe bedient haben würden? Von dem daß ſie beide exiſtiren, hat doch ſeinen guten Grund, und Wege über den St. Gotthard dagegen wußten ſie nichts, es läßt ſich dies mit wenigen Worten erzählen. ſondern dieſer wurde erſt von einigen kühnen Bergſteigern Die meiſten Alpenübergänge waren ſchon den alten im dreizehnten Jahrhundert aufgefunden. Allein kaum hatte Römern bekannt, denn wie hätten ſie ihre Armeen nach man ihn entdeckt, ſo überzeugte man ſich auch von ſeiner , —— Die Teufelsbrücke auf dem St. Gotthard. großen Bedeutſamkeit, dieweil man über ihn von den großen Sache hatte übrigens ihre großen Schwierigkeiten, denn da Handelsſtädten Ulm, Augsburg und Nürnberg den Lago und dort mußte man mächtige Felſenparthien, welche den Maggiore und Mailand auf dem kürzeſten und bequemſten Weg verſperrten, entweder wegräumen oder mit vieler Mühe Wege erreichen könnte, und ſomit ruhten auch dieſe großen umgehen, und noch öfter begegnete man Abgründen, über Handelsemporien nicht, als bis der genannte Gebirgspaß die man ohne Brücken nicht kommen konnte. Das aller⸗ wenigſtens für Saumthiere gangbar hergeſtellt wurde. Die ſchlimmſte von allen Hinderniſſen aber bildete die Reuß, 406 Feierſtunden. 1865. — —————;— — welche hoch oben im Gotthard ihre Quellen ſammelt und Schon im Jahr 1778 war zwiſchen Nizza und Coni in furchtbaren Sprüngen den Berg herabeilt. Sie näm⸗ über den 5600 Fuß hohen Col⸗di⸗Tenda eine chauſſirte lich hat ſich zwiſchen ſteil und finſter emporragenden nack- Straße angelegt worden, und zweiundzwanzig Jahre ſpäter ten Felſen ein ſo tiefes Bette gegraben, daß es mit Lebens⸗ wurde auf Kaiſer Napoleons Befehl die prächtige Simplon⸗ gefahr verbunden iſt, ſich ihr nur zu nähern, wie viel ſtraße erbaut, welche in einer Höhe von 6100 Fuß von unmöglicher mußte es alſo erſcheinen, zu ihr hinabzuſteigen Wallis bei Briog durch die Thalengen der Toſa nach und einen ſteinernen Bogen über ſie hinüberzuführen? Dies Domo d'Oſſola und an den Lago Maggiore führt. Wie⸗ mußte aber unter allen Umſtänden geſchehen, wenn man der ein paar Jahre ſpäter ward— ebenfalls auf Napo⸗ den Gotthardpaß benützen wollte, und das Werk wurde leons Anordnung— die herrliche Kunſtſtraße über den auch richtig von einem kühnen Baumeiſter fertig gebracht, Mont⸗Cenis in einer Höhe von 6354 Fuß angelegt, und nachdem zwei Andere daran erlegen waren. Leider hat uns auf ſie folgte dann die großartige Chauſſee über den Bern⸗ die Geſchichte den Namen des geſchickten Mannes nicht auf- hardin in einer Höhe von 6580 Fuß, ſowie endlich die bewahrt: dagegen wiſſen wir, daß er die Brücke„die Stäu⸗ 6513 Fuß hohe Splügenſtraße, welche den Rhein mit der bende“ nannte, dieweil die Fluthen der Reuß bei ihrem Adda verbindet. Alle dieſe Straßen aber konnte man Win⸗ Anprallen an den Felſen unten ganze Staubwolken auf⸗- ters wie Sommers mit Fuhrwerken aller Art befahren, werfen. Dieſer Name drang jedoch nicht durch, ſondern und da nun der Waarentransport auf Wägen ein um's mit einem Mal verbreitete ſich das Gerücht, jener Bau⸗ Doppelte oder gar Dreifache wohlfeilerer iſt, als der auf meiſter habe das Unmögliche nur dadurch möglich zu machen Saumroſſen, ſo ließen die Kaufleute von nun an den Gott⸗ gewußt, daß er den Teufel dafür gewonnen, ihm bei dem hardspaß ſo viel möglich bei Seite liegen. Ja es lag die Bau beizuſtehen, und ſeither hieß man nun die Brücke: Gefahr nahe, daß ihn bald kein einziger Waarenzug mehr „die Teufelsbrücke“. benützen werde, und dann hätten die Cantone Uri und Im Jahr 1319 ward der Gotthardspaß dem Verkehr Teſſin eine ihrer beſten Lebensadern eingebüßt— was blieb übergeben, und man benützte ihn alsbald ſo ſtark, daß der alſo anderes übrig, als die vorangegangenen Beiſpiele, wenn größte Theil der Waaren, welche die ſüddeutſchen Kauf⸗ auch mit ungeheuern Koſten, ſo ſchnell als möglich nach⸗ herren aus Oberitalien und der Levante bezogen, auf Saum⸗ zuahmen? Darum beorderte man jetzt Techniker über Tech⸗ roſſen über ihn transportirt wurden. Man ſtieg vom Lago niker, um zu unterſuchen, ob ſich nicht der bisherige Gott⸗ Maggiore durch's Livinerthal nach Airolo hinauf und kam hards⸗Saumthierpaß in eine breite, ſichere, nicht allzu ſteile von da über das Urſerenthal an's obere Ende des Vier⸗ Chauſſee erweitern laſſe; und ſiehe da, deren Gutachten lau⸗ waldſtädterſee's, von wo aus die Weiterverſendung nach tete bejahend, jedoch mit dem Beiſatze, daß man an vielen Luzern zu Waſſer geſchah. Beſondere Gefahren, außer im Stellen von dem bisherigen Wege abweichen müſſe. Als Frühjahr durch Lawinen, waren damit nicht verbunden, eine ſolche Stelle aber ward namentlich auch die bisherige wohl aber koſtete eine ſolche Transportweiſe ſehr viel Geld Brücke über die Reuß bezeichnet, denn ſie lag, um durch's und nahm auch eine ziemliche Länge von Zeit in Anſpruch.„Urner Loch“ zu kommen, wenigſtens 160 Fuß zu tief, Weil man's übrigens nicht beſſer zu machen verſtand, ſo und es mußte alſo unter allen Umſtänden eine neue Brücke fuhr man verſchiedene Jahrhunderte hindurch fort, den Paß gebaut werden. auf dieſe Art, d. h. zu Fuß oder mit Saumroſſen zu be⸗ Nun natürlich da man dieſes wußte, ſtand man von gehen, ohne es nur für möglich zu halten, daß je eine der gründlichen Renovation der Teufelsbrücke von anno Hauptänderung damit vorgenommen werden könnte. Allein 1319 ab; dagegen aber begann man ſofort im Jahr 1820 am Schluß des vergangenen, ſowie im Anfang des jetzigen den Bau der Gotthardsſtraße und führte dieſen mit ſolcher Jahrhunderts traten Umſtände ein, welche der Sachlage Energie fort, daß man damit in einem Zeitraum von zehn mit einem Mal eine totale Wendung gaben. Während Jahren fertig wurde. Auch die neue Reußbrücke, die hart der Revolutionskriege nämlich wollten es die Franzoſen den oberhalb der alten in einer Höhe von 4344 Fuß über dem Oeſtreichern und Ruſſen wehren, über den Gotthard nach Meer und in einem Bogen von 55 Fuß im Licht über Italien einzudringen, und lösten alſo oberhalb der Teufels⸗ den tobenden Strom geſprengt wurde(die alte Brücke hat brücke große Felsſtücke, welche ſie auf dieſelbe hinabſtürzten. eine Bogenöffnung von 75 Fuß und iſt 4180 Fuß über Dadurch wurde der Bogen der Brücke zertrümmert und es dem Meere erhaben), konnte bis dahig dem Verkehr über⸗ blieben nur noch die beiden Pfeiler rechts und links ſtehen; geben werden, und da ſie ein zum milddeſten eben ſo ſtau⸗ allein deſſenungeachtet erreichten die Franzoſen ihren eigent⸗ nenswerthes Werk iſt, als die vom Jahr 1319, ſo hat lichen Zweck nicht. Der kühne Suwarow nämlich ließ als- man es für Ehrenſache gehalten, derſelben eben ſo gut wie bald mittelſt künſtlich zuſammengefügter großer Baum⸗ jener den Namen der„Teufelsbrücke“ zu geben. Sicherlich ſtämme, die man von Pfeiler zu Pfeiler legte, eine Noth⸗ wenigſtens iſt ihr Erbauer ein wahrer„Teufelskerl“— wie brücke herſtellen, über die er mit ſeiner ganzen Armee nebſt man ſich auf gut ſchwäbiſch auszudrücken pflegt— au Pferden und Kanonen hinüberſetzte, und die nachfolgenden Kühnheit Energie und Technik geweſen! Oeſtreicher ſtellten ſogar den ſteinernen Bogen wenigſtens 2 nothdürftig wieder her. Natürlich übrigens wäre eine ganz Das iſt die Geſchichte der zwei Gotthards⸗Teufels⸗ gründliche Renovation nöthig geweſen, wenn man die Brücke brücken über die Reuß. noch ferner hätte benützen wollen, und zu dieſer würde man Th. Gr auch nach beendigten Kriegen ohne weiteres geſchritten ſein, wenn nur— Eines nicht geweſen wäre. b V reiſen, namen unvor men er kö daher einen die F ſchlie⸗ 1 unrech ich bit den a biſt.“ Geſte daß Stä kaum wollt gehen ſeine fort Lüge wün und kann im einen zu e warf dir hinn den ob flie d Coni auſſirte ſpüter mplon⸗ uß von a nach Wie⸗ Napo⸗ ber den gt, und n Vern⸗ dlich die mit der an Win⸗ dcfahren, in um's der auf en Gott⸗ lag die ig mehr lri und as blieb e, wenn ich nach⸗ her Tech⸗ ge Gott⸗ ltzu ſteile zten lau⸗ mvielen 2. Als isherige durchs zu tief, Brücke man von on anno ir 1820 t ſolchet von zehn die hart Feierſtun den. 1865. 407 ———-———————-:¶:'üͤüoõ———-—--ͤ—— Der Zuhl. Ein perſiſches Mährchen. Die Bewohner Isphahans ſind zwar nicht tapfer, aber doch die liſtigſten und ſcharfſinnigſten Menſchen auf Erden, und erſetzen oft durch ihre Gewandtheit den Mangel an Muth.— Ein Mann aus jener Stadt mußte einſt zur Nachtzeit allein durch das furchtbare Thal des Todesengels reiſen, wo ſich Guhle, bösartige Weſen, von den Leich⸗ namen nähren, die der Todesengel entſeelt hat, und, um unvorſichtige Reiſende zu locken, allerlei Geſtalten anneh⸗ men können. Ahmin Beg, ſo hieß der Mann, meinte, er könne wohl einem ſolchen Guhl begegnen, und vergaß daher nicht, ſich darauf vorzubereiten, indem er ein Ei und einen Klumpen Salz zu ſich ſteckte.— Kaum war er über die Felſen hinaus, welche die Ebene von Isphahan ein⸗ ſchließen, als eine Stimme ihm zurief: „Holla, Ahmin Beg aus Isphahan, du biſt auf dem unrechten Wege und wirſt dich verirren. Komm' hierher! ich bin dein Freund Kerrim Beg, und kenne deinen Vater, den alten Kerbela Beg, und die Straße, wo du geboren biſt.“ Ahmin wußte recht wohl, daß ein Guhl jede beliebige Geſtalt annehmen kann, und es war ihm auch bekannt, daß dieſe Weſen ſich auf die Genealogie verſtehen und die Städte ſowohl als die Familien kennen. Er zweifelte kaum, daß ein ſolches Geſchöpf ihn in's Verderben locken wollte, und während er ſich entſchloß, ihm entgegen zu gehen, hoffte er durch Liſt ihm zu entkommen. „Bleibe ſtehen, Freund, bis ich bei dir bin!“ war ſeine Antwort, und als er dem Guhl nahe war, fuhr er fort:„Du biſt nicht mein Freund Kerrim, du biſt ein Lügengeiſt, aber gerade das Weſen, das ich zu finden wünſchte. Ich habe meine Kräfte gegen alle Menſchen und alle Thiere in der natürlichen Welt verſucht, und kann nun Niemand finden, der es mit mir aufzunehmen im Stande wäre. Ich ging daher in dieſes Thal, wo ich einen Guhl zu finden hoffte, um meine Tapferkeit an ihm zu erproben.“ Der Guhl war erſtaunt, ſich ſo anreden zu hören, warf einen durchdringenden Blick auf ihn und ſprach: „Sohn Adams, du ſiehſt nicht eben ſtark aus.“ „Der Schein trügt,“ ſprach Ahmin,„aber ich will dir eine Probe meiner Stärke geben. Dies,“ ſetzte er hinzu, indem er einen Kieſel aus dem Bache nahm, an dem ſie ſtanden,„enthält eine Flüſſigkeit. Verſuche es, ob du den Stein ſo zuſammenpreſſen kannſt, daß ſie aus⸗ fließt.“ Der Guhl nahm den Stein, aber nach einem kurzen Verſuche gab er ihn mit den Worten zurück: „Das iſt nicht möglich!“ „Nichts leichter!“ ſprach der Mann aus Ispahan und nahm den Kieſel in die Hand, in welche er vorher das Ei gelegt hotte.„Sieh' her!“ ſetzte er hinzu, und der erſtaunte Gehl, der ein Geräuſch hörte, das er für das Zerdrücken: Steines hielt, ſah eine Flüſſigkeit durch Ahmins Finger ießen, und zwar ohne eine Anſtrengung zu bemerken. Ahmin, dden legte den Steilſehn aufnahm.„D L ſehe, und du in it es finden, Fingern zerbröchu kannſt.“ die eintretende Dämmerung begünſtigte, uf die Erde, während er einen dunkleren „“ ſprach er,„enthält Salz, wie ich wenn du ihn zwiſchen den Man las in den Blicken des Guhl, daß er weder die Eigenſchaften des Steins zu entdecken wußte, noch ſtark genug war, ihn zerdrücken zu können. „Gieb ihn mir!“ ſprach der Mann aus Isphahan; und als er ihn in dieſelbe Hand gelegt hatte, in welcher er das Steinſalz hielt, gab er dieſes alsbald ganz zermalmt dem Guhl, der es koſtete und die Geſchicklichkeit und Stärke des wunderbaren Mannes mit einem dummen Erſtaunen betrachtete. Er war nicht ohne Beſorgniß, dieſe Stärke gegen ſich ſelbſt ausgeübt zu ſehen, und konnte ſich auch nicht ſchützen, wenn er ſich in ein Thier verwandelte, da Ahmin ihm gedroht hatte, ihn auf der Stelle zu erſchlagen, wenn er ſo unredliche Wege wählte; denn ein Guhl lebt zwar lange, iſt aber nicht unſterblich. Unter dieſen Umſtänden hielt er es für das Beſte, die Freundſchaft ſeines neuen Geſellſchafters zu gewinnen, bis ſich eine Gelegenheit fände, ihn zu vernichten. „Wunderbarſter aller Menſchen,“ ſprach er daher zu ihm,„willſt du meine Wohnung mit deiner Gegenwart beehren? ſie iſt ganz in der Nähe. Du wirſt da alle Er⸗ friſchungen finden, und wenn du eine erquickende Nachtruhe genoſſen haſt, kannſt du deine Reiſe fortſetzen.“ „Ich habe nichts dagegen, Freund Guhl, und nehme deine Einladung an. Aber merke wohl, ich bin für's Erſte ſehr zornig und darf nicht durch Ausdrücke gereizt werden, die im Mindeſten geringſchätzig ſind. Für's Zweite habe ich einen ſcharfen Blick und kann deine Abſichten ſo klar durchſchauen, als ich in jenen harten Stein ſah, worin ich das Salz entdeckte. Darum hüte dich, böſe Abſichten zu hegen, oder du ſollſt dafür büßen.“ Der Guhl erklärte, das Ohr ſeines Gaſtes ſollte durch keinen Ausdruck beleidigt weoden, den er nicht, ohne ſeiner Würde etwas zu vergeben, anhören könnte, und ſchwur bei dem Haupte ſeines Gebieters, des Todesengels, die Ge⸗ bräuche der Gaſtfreiheit und Freundſchaft treulich zu achten. Durch dieſe Verſicherungen beruhigt, folgte Ahmin dem Guhl über viele krumme Pfade, rauhe Klippen und durch tiefe Schluchten, bis ſie zu einer großen, matt erleuch⸗ teten Höhle kamen. „Hier wohne ich,“ ſprach der Guhl,„und hier wird mein Freund Alles finden, was er zur Erquickung und zur Ruhe bedarf.“ Mit dieſen Worten führte er ihn in verſchiedene Ge⸗ mächer, wo man Getreide aller Art und allerlei Waaren aufgehäuft ſah, eine Beute, unglücklichen Reiſenden abge⸗ nommen, die in dieſe Höhle gelockt worden waren, und deren Schickſal die Gebeine, über welche Ahmin zuweilen ſtrauchelte, oder die faulen Dünſte einiger halbverzehrten Leichname verriethen. „Dies wird genug zum Abendbrode ſein!“ ſprach der Guhl, indem er einen großen Sack mit Reis aufhob;„ein Mann von deiner Tapferkeit wird leidliche Eßluſt haben.“ „Allerdings,“ erwiederte Ahmin,„aber ich habe ein Schaf gegeſſen und ſo viel Reis, als du hier haſt, ehe ich meine Reiſe antrat. Ich bin folglich nicht hungrig, will aber doch etwas zu mir nehmen, um deine Gaſtfreundſchaft nicht zu beleidigen.“ „Ich muß es dir kochen,“ ſprach der Guhl;„du ver⸗ zehrſt das Getreide und Fleiſch nicht roh, wie wir. Hier iſt ein Keſſel,“ fuhr er fort und hob ein Gefäß auf, das 408 unter den geraubten Gütern lag.„Ich gehe und ſuche Holz zum Feuer. Hole du indeß Waſſer hierin!“ ſetzte er hinzu und zeigte auf einen Schlauch, der aus ſechs Ochſen⸗ häuten gemacht war. Ahmin wartete, bis ſein Wirrh die Höhle verlaſſen hatte, um Holz zu holen, und ſchleppte dann mit großer Mühe den ungeheuren Schlauch an das Ufer eines dunkeln Baches, der am andern Ende der Höhle aus dem Felſen hervorſprang und, nachdem er eine Strecke weit ſichtbar geworden war, ſich unter der Erde verlor. „Wie ſoll ich es verhüten, daß meine Schwäche ent⸗ deckt wird?“ dachte Ahmin.„Konnte ich doch dieſen Schlauch kaum handhaben, als er leer war, und wenn er voll iſt, werden zwanzig ſtarke Männer nöthig ſein, ihn fortzuſchaf⸗ fen. Was ſoll ich thun? der menſchenfreſſende Guhl wird mich verzehren. Nur der Glaube an meine große Stärke hält ihn bis jetzt im Zaume.“ Nach kurzer Ueberlegung fiel der Mann aus Ispha⸗ han auf einen Anſchlag, und grub einen kleinen Kanal von dem Bache bis zur Stelle, wo ſein Abendeſſen bereitet werden ſollte. „Was machſt du da?“ rief der bald darauf zurück⸗ kehrende Guhl.„Ich ſchickte dich weg, ein wenig Waſſer zum Kochen des Reiſes zu holen, und du biſt immer noch hier? Kannſt du den Schlauch nicht füllen und fort⸗ ſchaffen?“ „Allerdings kann ich's!“ antwortete Ahmin,„und wollte ich mich begnügen, dir nach ſo vielen Beweiſen dei⸗ ner Güte nur durch Proben thieriſcher Kraft meine Dank⸗ barkeit zu zeigen, ſo könnte ich deinen ganzen Bach hinweg⸗ ſchaffen, wenn du einen Schlauch hätteſt, groß genug, um ihn zu faſſen. Aber hier,“ fuhr er fort, auf den begon⸗ nenen Kanal zeigend,„hier iſt der Anfang eines Werkes, worin der Geiſt eines Menſchen ſich bemüht, die Arbeit ſeines Leibes zu vermindern. Dieſer Kanal, ſo klein er ausſieht, wird einen Bach an das andere Ende der Höhle bringen, wo ich einen Damm anlegen will, den du nach Belieben öffnen und ſchließen kannſt, um dir die unendliche Mühe des Waſſerholens zu erſparen.. Doch, laß mich allein, bis ich fertig bin!“ ſetzte Ahmin hinzu und grub unver⸗ droſſen weiter. „Unſinn!“ ſprach der Guhl, nahm den Schlauch und füllte ihn.„Ich will das Waſſer ſelber tragen und rathe dir, das Ding liegen zu laſſen, das du deinen Kanal nennſt. Folge mir, iß dein Abendbrod und lege dich zur Ruhe. Du kannſt dieſes ſchöne Werk morgen früh zu Ende bringen, wenn du Luſt haſt.“ Ahmin war ſroh, ſich ſo gut aus der Verlegenheit gezogen zu haben, und zögerte nicht, dem Rathe ſeines Wirthes zu folgen. Als er tüchtig gegeſſen hatte, legte er ſich auf ein Lager, das aus den koſtbarſten Decken und Kiſſen beſtand, welche die Beutevorräthe geliefert hatten. Der Guhl', deſſen Lagerſtätte auch in der Höhle war, hatte ſich kaum niedergelegt, als er in einen tiefen Schlaf fiel. Ahmins Gemüth war zu aufgeregt, dieſem Beiſpiele fol⸗ gen zu können. Er ſtand leiſe auf, und als er ein langes Kiſſen in der Mitte ſeines Bettes ausgeſtopft hatte, daß es ausſah, als wenn er ſelbſt darin wäre, begab er ſich in einen verborgenen Winkel der Höhle, um den Guhl zu Feierſtunden. 1865. beobachten. Kurz vor Anbruch des Tages erwachte der Guhl, ſtand auf und ging, ohne das mindeſte Geräuſch zu machen, nach Ahmins Lagerſtelle. Als er nicht die geringſte Bewegung bemerkte, war er überzeugt, daß ſein Gaſt noch in tiefem Schlafe lag, nahm einen ſeiner Wanderſtäbe, der einem Baumſtamme glich, und verſetzte dem vermeinten Kopfe Ahmins einen furchtbaren Schlag. Er lächelte, als er nicht ſtöhnen hörte, und glaubte, ihm das Leben genom⸗ men zu haben; aber um ſicher zu gehen, gab er ihm noch ſieben Schläge. Alsdann legte er ſich wieder zur Ruhe und wollte eben einſchlafen, als Ahmin, der wieder in das Bett gekrochen war, ſeinen Kopf aus der Decke hervorſtreckte und rief: „Freund Guhl, was für ein Inſekt mag es geweſen ſein, das mich durch ſein Pochen geſtört hat? Ich habe den Schlag ſeiner Flügel ſiebenmal auf der Decke gezählt. Dieſes Ungeziefer iſt ſehr läſtig, und wiewohl es uns nicht ſchaden kann, ſo ſtört es doch unſere Ruhe.“ Der Guhl war nicht wenig erſchrocken, als er Ahmin ſo ſprechen hörte, aber ſein Schrecken wurde zu wahrer Furcht, als ſein Gaſt ſieben Schläge, deren jeder einen Elephanten hätte tödten können, als ſieben Schläge eines Inſektenflügels beſchrieb. In der Nähe eines ſo wunder⸗ baren Menſchen hielt er ſich nicht ſicher, erhob ſich daher ſchnell von ſeinem Lager und floh aus der Höhle, die er dem Manne aus Isphahan überließ. Als Ahmin ſah, daß ſein Wirth ſich entfernt hatte, errieth er leicht die Urſache, muſterte ſodann die Schätze, die um ihn ausgebreitet lagen, und ſann auf Mittel, ſie in ſeine Heimath zu ſchaffen. Hierauf bewaffnete er ſich mit einer Luntenflinte, die einem der getödteten Opfer des Guhls gehört hatte, und ging dann hinaus, den Weg zu unterſuchen. Er war noch nicht weit gegangen, als er den Guhl erblickte, der mit einer großen Keule in der Hand und von einem Fuchſe begleitet zurückkehrte. Ahmin gerieth ſogleich auf den Argwohn, das Thier, deſſen Liſt er kannte, hätte ſeinen Feind aus dem Irrthume gebracht, aber ſeine Beſonnenheit verließ ihn nicht. „Das iſt für dich!“ ſprach er und legte ſein Gewehr an, deſſen Kugel durch den Kopf des Fuchſes ging,„weil du meinen Befehl nicht befolgt haſt. Dieſes Thier,“ rief er dem Guhle zu,„hat mir verſprochen, mir ſieben dei⸗ nes Gleichen zu bringen, die ich in Ketten nach Isphahan führen will, und es bringt nur dich, der du ſchon mein Sklave biſt.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich dem Guhle, der aber in dieſem Augenblicke die Flucht ergriff und mit Hülfe ſeiner Keule ſo ſchnell über die Felſen und Abgründe ſprang, daß er bald aus dem Geſichte war. Ahmin merkte ſich den Weg von der Höhle bis zur Landſtraße und ging in die nächſte Stadt, wo er Kameele und Maulthiere miethete, um die gewonnene Beute fortzuſchaffen. Als er allen Ueber⸗ lebenden, die ihr Eigenthum beweiſen konnten, Erſatz ge⸗ geben hatte, machten ihn die nicht in Anſpruch genommenen Güter zu einem reichen Manne, und Ir verdankte alles dieſes jenem Witze und jener Liſt, die jul er mehr vermö⸗ gen, als die Stärke und der Muth, des zer Menſch mit dem Thiere theilt. fl 2. en t a ieſe vir 3 achte der uſch zu geringſte aſt noch derſtäbe, rmeinten elte, als genom⸗ m noch e Ruhe er in das vorſtreckte geweſen Ich habe e gezählt. es uns r Ahmin wahrer er einen ige eines wunder⸗ ich daher e, die er ſah, daß Urſache, et lagen, ſchaffen. ie einem d ging och nicht it einer wegleitet rgwohn, eind aus t verließ Gewehr g,„pül jer,“ rlef hen dei⸗ aphahan on mein hle, d t Hülfe e ſprang, erkte ſic ging 1 miethete/ n Ueber⸗ Erſat ge⸗ ommenen kte alles r vermö⸗ enſch mit Feierſtunden. 1865. gaſtfreundſchaft im Norden. Nach Tidemann. 3 In Schweden und Norwegen genügt oft eine kalte Hunderte von Männern, Fraue Linder Nacht meni ſehnlich erwartete Ernte zu zerſtören, und Dalekarlien nach Luran een undoeſdaeneenehnds die unali ichen Landleute müſſen ihre unfruchtbaren Fel⸗ ſcheuen die ſchwerſte Arbeit nicht; die Frauen gehen eben⸗ der ver aſſen, um in den verſchont gebliebenen Landſtrichen falls rüſtig an's Werk: ſie ſind es, welche den größt 4 ihren Unterhalt zu ſuchen. Oft ſieht man ſo im Herbſte Theil der Kähne führen, die den Mälar eſoßren m 52 Feierſtunden. 1865. 410 —ʒ;; ———————-— Frühjahr kehren die Auswanderer alle in die Heimath zu⸗ rück, um von Neuem ihre Felder zu bebauen. Auch in Norwegen ziehen die Bewohner der nördlichen Provinzen oft nach Süden. Sie wandern von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, Jedem, der ſie gebrauchen könnte, ihre Dienſte anbietend, ohne andere Empfehlung als ihr ehrliches Geſicht und ihr Unglück, und mehr be⸗ gehrt man auch nicht von ihnen. Manchmal iſt es auch nicht eine ganze Familie, welche dieſe beſchwerliche Wanderung antritt, manchmal iſt es nur eine Frau mit ihrem Kinde, welcher der Tod den Gatten geraubt hat und die nun bei einem Verwandten Schutz und Obdach ſuchen will. Sie hat ihre traurige Reiſe allein angetreten, denn ſie weiß wohl, daß Jedermann ihr mit Achtung begegnen wird und daß jede blaue Rauchſäule ihr ein Obdach und eine freundliche Aufnahme ankündigt. Eine ſolche Scene hat der norwegiſche Maler Tide⸗ Feierſtunden. 1865. — mann in dem beigefügten Bilde wiedergegeben. Die arme Reiſende iſt in ein Haus eingetreten, in welchem Alles eine ländliche Wohlbehäbigkeit ankündigt. Müde und durchfroren iſt ſie angekommen, und ſogleich hat man ihr den beſten Platz beim Feuer eingeräumt. Sie trägt ein Kind auf dem Rücken, ihre Wirthin hält eines auf dem Arme, und die Mutterliebe erhöht noch das Mitleiden, das ſie für die Fremde empfindet; ihr kleines Mädchen aber hat den Wink der Mutter verſtanden und ſchon trägt ſie eine Schüſſel Milch, die ſie dem Gaſte anbietet. Die arme Frau wird ſo lange unter dem gaſtlichen Dache verweilen, als ſie Zeit gebraucht, um von den über⸗ ſtandenen Beſchwerden auszuruhen, und wenn ſie es ver⸗ läßt, werden ſie ihre Wirthe mit genügenden Vorräthen verſehen, um ihre Reiſe zu beendigen, während die Fremde die Freunde ſegnet, deren Herz und Haus dem Unglück⸗ lichen und Obdachloſen immer offen ſtehen. 3 Der Welzheimer Wald. Es iſt faſt zu befürchten, daß dieſe Ueberſchrift für die meiſten Leſer und Leſerinnen wenig Anlockendes haben wird. Denn die Mehrzahl derſelben hat wohl noch nie⸗ mals etwas von dieſem Welzheimer Walde gehört, weiß gar nicht, in welchem Winkel Deutſchlands derſelbe liegt, und denkt daher zum voraus, er könne in jedem Fall nicht unter die intereſſanten, romantiſchen Parthien unſeres Va⸗ terlandes gehören, von denen man doch immer etwas zu ſehen oder zu hören bekommt. Die verhältnißmäßig Weni⸗ gen aber, welche den Namen ſchon haben nennen hören, werden denken:„Was läßt ſich darüber viel Gutes ſagen?“ Gehört ja doch der Welzheimer Wald unter die verrufen⸗ ſten, übelberüchtigtſten Gegenden ſelbſt des Landes, deſſen Mittelpunkt er einnimmt, und wohl noch keinem Touriſten, die ſonſt Alles durchſtöbern, iſt es eingefallen, dorthin ſeine Schritte zu lenken, um Naturſchönheiten anzuſtaunen, Denk⸗ mäler der Kunſt zu betrachten oder geſchichtlich merkwür⸗ dige Punkte zu beſuchen. Und doch dürfte ſich, wer ſich zu einer ſolchen Tour entſchlöſſe, in keiner Beziehung unbefriedigt finden, und um dem geneigten Leſer hiezu Muth zu machen, laden wir ihn freundlich ein, mit uns einen Blick zu werfen auf den Welzheimer Wald. So heißt der größere Theil des württembergiſchen Oberamts Welzheim, welcher im Jagſtkreiſe und zwar im ſüdweſtlichen Theile deſſelben liegt, da wo dieſer Kreis an den Neckar⸗ und Donaukreis angrenzt.— Der Welz⸗ heimer Wald ſelbſt iſt eine Hochfläche von ungefähr 1600 Fuß Seehöhe, welche im Süden gegen das Remsthal, im Weſten gegen das untere Wieslaufthal ſteil abfällt, im Oſten durch das Thal der Noth von dem Limpurger Ober⸗ land, im Norden durch das Murrthal von den Mainhardter Bergen getrennt iſt. Er dehnt ſich von Kaiſersbach bis Alfdorf in einer Länge von etwa 5 Stunden, und die Hoch⸗ fläche ſelbſt ohne die Bergabhänge iſt durchſchnittlich 2 Stun⸗ den breit. Im Süden, jenſeits des Remsthals, erhebt ſich die Vorterraſſe der Alb mit ihren berühmten Bergen Hohen⸗ ſtaufen und Rechberg, und ſchon der Anblick, den dieſe Berge mit der hinter ihnen ſich weithin ausdehnenden Alb⸗ kette vom Welzheimer Walde aus gewähren, iſt reizend. Solche ſchöne Ausſichtspunkte, deren ſich unzählige darbieten, ſind vielfach durch alte Linden bezeichnet, ſo z. B. die Linde hinter Welzheim auf der ſogenannten Halde, die Colomannus⸗ Linde bei Wetzgau u. ſ. w. Eine der ſchönſten Fernſichten bietet der ebenfalls mit altehrwürdigen Linden geſchmückte, geſchmackvoll angelegte Garten des Schloſſes von Alfdorf, wo die edlen Freiherren vom Holtz reſidiren. Aber auch der Welzheimer Wald ſelbſt bietet, trotzdem daß ernſte Einförmigkeit der Hauptcharakter der Gegend iſt, viele Punkte dar, welche man in einem weniger mit Natur⸗ ſchönheiten geſegneten Lande, als Württemberg es iſt, gewiß hervorheben und anpreiſen würde. Vor Allem darf man ſich nicht von dem Namen abſchrecken laſſen. Denn der Welzheimer Wald iſt kein einförmiges Waldesdickicht und der, wenn ihn der Weg dorthin führte, mitten auf dem Welzheimer Walde fragen konnte:„Ja, wo iſt denn der Wald?“ Nur die Einſchnitte und Gehänge der Hochfläche ſind bewaldet und zwar meiſt mit dichtem Nadelholz; auf dem Plateau ſelbſt aber hat der Feldbau faſt überall den Wald verdrängt, und in jedem Falle wechſelt derſelbe allent⸗ halben ab mit fruchtbaren Berbabhängen, herrlichen Thal⸗ buchten und lieblichen Thälern mit ihren ſchlängelnden Bächen. So fehlt es dem Welzheimer Walde nicht an reicher Mannigfaltigkeit und Abwechslung, und wenn man freilich hier nichts Großartiges erwarten darf, ſo bieten doch beſonders einige Thaleinſchnitte, wie z. B. das Leinthal und das Wieslaufthal, auch romantiſche Parthien genug dar. Und wie die Gegend, ſo iſt auch die Geſchichte des Welzheimer Waldes nicht ohne mannigfaches Intereſſe. Einmal haben dort die Römer deutliche Spuren hinter⸗ laſſen, daß ſie dort lange Zeit ſich aufgehalten haben; über den ganzen Welzheimer Wald zieht ſich von Norden nach Süden der alte Grenzwall hin, welchen die Römer zum Schutz ihres Decumatlandes gegen die freien Germanen aufgeworfen hatten. Er iſt hier an vielen Stellen noch deutlich ſichtbar in ſeiner unſprünglichen Struktur als ein vollkommener Erdwall, an der ſteilen nach Oſten gerichte⸗ ten Außenſeite 10—12 Fuß, an der flach abgedachten Weſt⸗ ſeite 4 Fuß hoch. Oben hat er eine Breite von 4—5 und unten eine von 25— 30 Fuß; an der Außenſeite führt ein 25— 30 Fuß breiter Graben hin, der ſich gegen unten bis auf 2 Fuß verengt. Längs des Walls ſtanden nach 1 düſteres Waldesdunkel, wie Mancher ſchon gemeint hat, ämterr der A her 9 nicht noch habe als e⸗ geben er ha nach vor d und h men walls nann auf Wal ben, oder man Buro ſelbſt Altä fund auf dieſe Auge Kirch laute riſche ſchen von Grex einiW zu in Wel Her Wel an, fen dieſe der ie arme lles eim cffroren beſten ind auf ne, und für die n Wink Schüſſel aſtlichen een über⸗ es ver⸗ orräthen Fremde Unglück⸗ die Linde mannus⸗ enſichten chmückte Alfdorf, rotzdem end iſt, Natur⸗ „gewiß arf man denn der kicht und eint hat, auf dem denn der pychläch ; auf rall den allent⸗ n Thal⸗ ngelnden nicht an enn man eten doch Leinthal enug dar. ichte des Interiſt Feierſtunden. 1865. —ͤ—ò⅔;ꝛ—⅓—ꝛᷣ:::ꝛ-ͤy—ͤ————— der Innenſeite genau 20 Schritte hinter demſelben, unge⸗ fähr je 1000 Schritte auseinander, ſteinerne Vertheidigungs⸗ gebäude, Wachhäuschen, die im Munde des Volks gewöhn⸗ lich Kapellen oder auch Schilderhäuschen heißen. Der Graben ſelbſt heißt Pfahl, Pfahlgraben, auch Schweins⸗ graben. Die erſteren Bezeichnungen ſind der Sache ent⸗ ſprechend; die letztere Benennung, ſowie der Name Teufels⸗ mauer, wie die öſtliche Fortſetzung des limes in den Ober⸗ ämtern Gmünd, Aalen und Ellwangen genannt wird, hat der Aberglaube des Mittelalters hervorgerufen, der von je⸗ her geneigt war, jedes Werk, deſſen Urſprung man ſich nicht erklären konnte, dem böſen Geiſte zuzuſchreiben. Die noch jetzt allgemein verbreitete Volksſage erzählt, der Teufel habe ſich vom Herrn ein Stück Land ausgebeten, ſo groß als er in einer Nacht mit einer Mauer oder Graben um⸗ geben könne. Dieſe Bitte ſei ihm gewährt worden und er habe nun das Werk der Umfriedigung mit Hülfe oder nach Andern in Geſtalt eines Schweins begonnen, ſei aber vor der Vollendung deſſelben vom Tag überraſcht worden und habe dann im Aerger über dieſes mißglückte Unterneh⸗ men ſein Werk ſelbſt wieder zerſtört. Wenn übrigens dieſe Ueberreſte des römiſchen Grenz⸗ walls hier„Graben“, in andern Bezirken„Mauer“ ge⸗ nannt werden, ſo beruht dieſe verſchiedene Benennung auch auf einem ſachlichen Unterſchiede; denn auf dem Welzheimer Walde beſteht derſelbe in einem wirklichen Wall und Gra⸗ ben, ſeine öſtliche Fortſetzung dagegen iſt mehr eine Mauer, oder vielmehr eine gepflaſterte, dammartige Straße. Auch Spuren größerer römiſcher Niederlaſſungen hat man auf dem Welzheimer Walde entdeckt; eine römiſche Burg ſtand ohne Zweifel hart bei der Stadt Welzheim ſelbſt, wo neben andern römiſchen Alterthümern auch zwei Altäre und eine ſchön gearbeitete Lampe von Bronze ge⸗ funden wurden. Der Name der Stadt Welzheim deutet auf eine römiſche Niederlaſſung, denn ohne Zweifel iſt dieſer Name, der zuerſt in einer vom Biſchof Hartwig von Augsburg ausgeſtellten Urkunde über ein Privilegium der Kirche Welzheim vorkommt und urſprünglich„Wallenzin“ lautet, vom lateiniſchen vallum abzuleiten. Auch bei dem Orte Pfahlbronn war eine militä⸗ riſche Römerſtation; man ſucht dort die auf der Peutinger⸗ ſchen Tafel genannte Station ad lunam. Auf die Römer im vierten Jahrhundert dieſen Theil von Deutſchland verließen und die Alemannen über den Grenzwall hereindrangen, ſcheint der Welzheimer Wald einige Jahrhunderte lang größtentheils unbewohnt geblieben zu ſein, da kein Ort deſſelben vor dem elften Jahrhundert in der beurkundeten Geſchichte genannt wird. Auf dem Welzheimer Walde, am Nordende deſſelben, grenzten die Herzogthümer Franken und Schwaben an einander; der Welzheimer Wald ſelbſt gehörte großentheils dem letzteren an, und zwar dem vielgenannten Nibelgau, deſſen Gra⸗ fen ohne Zweifel die Herren von Beuren waren. Als dieſe dann den Namen Hohenſtaufen annahmen, kam der Welzheimer Wald nach dem Verfall der Gauverfaſſung in ihre Hände, und an hohenſtaufiſchen Erinnerungen iſt derſelbe immer noch reich. Nicht nur ſchaut man von allen Punkten des Welzheimer Waldes hinaus auf„Hohen⸗ ſtaufens ſchlanken Gipfel“, wohin der Ahnherr dieſes edeln Hauſes, Friedrich der Alte, im elften Jahrhundert ſeinen Sitz von dem am nördlichen Abhang des Berges gelegenen Wäſcherſchlößchen verlegte, ſondern auch ſonſt mahnt uns auf dem Welzheimer Walde Vieles an dieſes ruhmreiche Geſchlecht. Auf einem Ausläufer des Welzheimer Waldes 411 —— gegen das Remsthal hin, gegenüber vom Dorfe Waldhauſen, erhebt ſich über dem Vogelhof der Eliſabethenberg, auf welchem einſt eine Burg ſtand, von der man noch mit Moos bewachſene Trümmer findet. Dort ſoll Kaiſer Bar⸗ baroſſa geboren worden ſein, weßhalb der Berg heutzutage beim Volke noch die Kaiſerswiege genannt wird. Und wenn dieſe Kaiſerswiege auch blos der Sage an⸗ gehören ſollte, ſo ſind dagegen die Kaiſergräber ge⸗ ſchichtlich beurkundet. Eine Stunde oberhalb des Eliſa⸗ bethenbergs über dem Dorfe Lorch erhebt ſich ein anderer Berg, ebenfalls ein Vorberg des Welzheimer Waldes, ehe⸗ mals der„Liebfrauen⸗“ oder„Mariaberg“, jetzt der Klo⸗ ſterberg genannt. Der Weg dorthin führt an einer uralten mächtigen Linde vorüber, unter deren Blätterdache ſicher ſchon die edlen Herren von Hohenſtaufen hinritten, wenn ſie von ihrem Schloſſe aus dieſes Kloſter, ihre Stiftung, beſuchten. Oben auf dem Berge ſteht die Kloſterkirche mit den Gräbern der Hohenſtaufen. In der Mitte des Langhaufes ſteht ein ſchöngearbeiteter ſteinerner Sarkophag, 11 Fuß lang, 6 Fuß breit und eben ſo hoch. Auf dem Deckel des Sarkophags breitet ſich als feingearbeitetes Hautrelief das Wappen der Hohenſtaufen aus, wie ſie ſolches auch als Kaiſer beibehalten haben; ein prächtiger Aar ſchwingt ſeine Flügel über einem Wappenhelm, worunter auf einem Schild die drei ſchreitenden Löwen. Die Umſchrift, welche auf den vier Seiten des Deckels in Mönchsſchrift eingehauen iſt, lautet:„ano dni m. c. II jar ward diß Cloſter geſtift. Hir liegt begraben Herzog Fried. von ſchwaben— er und ſin kind diß Cloſters ſtiffter ſint— ſie nachkömmling ligent och hi by— Gott in allen gnädig ſy. gemacht in 1475.“ Dieſes Monument ließ Abt Nicolaus aus dem Hauſe der Schenken von Arberg fertigen. Unter demſelben ruhen in einer in den röthlichen Felſen gehauenen Gruft der Stifter des Kloſters, Friedrich I., Herzog von Schwaben, und ſeine Gemahlin Agnes, eine Tochter Heinrichs IV., und etwas weiter unten ſeine Brüder Ludwig und Walther, ſowie Ju⸗ dith, die Gemahlin Friedrichs des Einäugigen, Mutter Bar⸗ baroſſa's, und deren Bruder Konrad, Herzog von Bayern, ein Welfe, ſo daß hier Welfen und Ghibellinen friedlich bei einander ruhen. Im innern Chor ſelbſt, der in rein gothiſchem Styl erbaut iſt, während das Schiff der Kirche vorherrſchend romaniſche Formen hat, liegen noch in fünf in den Felſen gehauenen Gräbern 21 Glieder des hohen⸗ ſtaufiſchen Hauſes: in der Mitte König Heinrich, der Sohn Konrads III., der vor dem Vater in jugendlichem Alter ſtarb, und Herzog Friedrich, Kaiſer Friedrich Rothbarts zweiter Sohn, die Zierde und Hoffnung der deutſchen Rit⸗ terſchaft, welcher wie ſein Vater, auf dem dritten Kreuzzug vor Acre ſeinen Tod fand. Sodann zur rechten Seite Gertrude, die Gemahlin König Konrads III., ihr Sohn Herzog Konrad und fünf weitere in der Jugend geſtorbene Kinder derſelben: Reinbold, Friedrich, Wilhelm, Friedrich der jüngere und Beatrix. Auf der linken Seite liegt die vielbeſungene Tochter des griechiſchen Kaiſers Irene, oder wie ſie nach ihrem Uebertritt zur römiſchen Kirche hieß, Maria,„die Roſe ohne Stachel, die Taube ſonder Galle“, wie Walther von der Vogelweide ſie nennt, die Gemahlin König Philipps von Schwaben, welcher im Jahr 1208 von Otto von Wittelsbach ermordet wurde; zwei Monate nach dieſem traurigen Hingang des geliebten Gemahls ſtarb auch die„griechiſche Maria“ auf der Burg zu Hohenſtaufen, und ihr zur Seite ruht nun ihre Tochter Beatrix, welche Kaiſer Otto IV., der langjährige Gegner ihres Vaters, nach 52*† 412 ———ℳ—-——-—-ͤõ—:—ͤ—:——ryy—yyy—u——— der Ermordung deſſelben zur Verſöhnung der hohenſtaufi⸗ ſchen Parthei geheirathet hatte. Die jugendliche Kaiſerin ſtarb jedoch ſchon am vierten Tage nach der Vermählung im Auguſt des Jahres 1212. Sie hatte die Grabſchrift: Filia formosa, jam cinis, ante rosa. Endlich liegen hier an den Stufen zum äußern Chor: Reginold und Friedrich, König Philipps Söhne, und Friedrich und Wil⸗ helm, in der Jugend verſtorbene Söhne Kaiſer Friedrichs I. Dieſe Gräber, ſowie der Sarkophag im Langhaus, wurden früher alljährlich am Tage Aller Seelen und am Gedächt⸗ nißtage der Stifter, am Tage des heiligen Antonius, mit Leichentüchern behängt und in der Nacht Vigilien und Meſſen darüber gehalten. Später waren ſie, wie die ganze Kirche, der ſchnödeſten Verwahrloſung preisgegeben; erſt in neuerer Zeit ſind ſchwache Anfänge einer Art Reſtauration gemacht worden, damit dieſe Denkmale wenigſtens vor weiterer Beſchädigung geſchützt bleiben. Im Langhaus der Kirche ſind auch auf den acht Pfei⸗ lern deſſelben Freskogemälde der berühmteſten Glieder des hohenſtaufiſchen Hauſes angebracht, wahrſcheinlich aus der⸗ ſelben Zeit, aus welcher der die Gräber der Stifter deckende Sarkophag herrührt. Das Bild am erſten Pfeiler rechts vom Eingang ſtellt dieſen Stifter des Kloſters dar, Fried⸗ rich I., Herzog von Schwaben, und ſeine Gemahlin Agnes, dann folgt ihr Sohn Friedrich der Einäugige und deſſen Sohn Kaiſer Friedrich I. Rothbart, weiter Kaiſer Hein⸗ rich VI., Friedrich II., Konrad IV. und deſſen Sohn Kon⸗ radin, über deſſen Bild ſeine Hinrichtung in Neapel abge⸗ bildet iſt, welche, wie ganz deutlich zu ſehen iſt, durch die ſogenannte welſche Richtfalle, eine Art Gulllotine, geſchah. Den Schluß bildet König Philipp und ſeine Gemahlin Irene. Die Farben ſind matt geworden und manche Theile abgefallen, die Zeichnung aber iſt edel und lebendig. So fehlt es alſo auf und an dem Welzheimer Walde nicht an geſchichtlich denkwürdigen Erinnerungen, welche wohl einen Ausflug in dieſe durch die Eiſenbahn jetzt leicht erreichbare Gegend Württembergs werth ſind. Auch ethnographiſche oder kulturhiſtoriſche, ſoziale Stu⸗ dien à la Riehl ließen ſich dort machen; denn dort auf dem Welzheimer Walde findet man noch den Bauernſtand von altem Schrot und Korn. Der Bauer wohnt auf ſeinem Hof, der von dem dazu gehörigen Feld und Gärten umgeben iſt, meiſt ver⸗ einödet; denn außer der kleinen Stadt Welzheim finden ſich auf dem Welzheimer Walde ſonſt nur noch zwei Pfarr⸗ dörfer; alles Andere ſind kleine Weiler oder Höfe. Das Bauernhaus iſt ſtattlich, immer zweiſtockig, von Holz in Riegeln, mit hohem deutſchem Satteldach, das früher mit Stroh oder Schindeln, jetzt aber, Dank der hochlöblichen Polizei, meiſt mit Ziegelplatten bedeckt iſt. Die nördliche Giebelſeite, oft auch der ganze zweite Stock iſt zum Schutz gegen Wind und Wetter nach außen mit Brettern verklei⸗ det, welche wie die Balken hochroth angeſtrichen ſind. Den untern Stock bewohnt der junge Bauer, der obere enthält die Ausdingwohnung. Neben dem Wohnhauſe ſteht die Scheuer mit Stallung. Im Hofe erhebt ſich allenthalben und allezeit ein Berg von Nadelreis, welches hier als Unter⸗ ſtreu benützt und zu dieſem Zwecke klein gehackt wird. Man iſt damit nicht ſparſam und haut dazu junge Tannen maſſenhaft um. Hat ja doch jeder Bauer ſeinen Wald, und dieſer Waldbeſitz iſt ſein größter Stolz.„S reißt da Wald no net ei!“ Damit tröſtet er ſich über Alles, und im Hinblick auf dieſe Unerſchöpflichkeit ſeines Waldes thut er bei gewiſſen Gelegenheiten den Beutel weit auf, um ſich als„rechtſchaffenen“, d. h. wohlhabenden Bauern zu zeigen. Solche Gelegenheiten ſind beſonders Taufen, Hochzeiten und Leichenbegängniſſe. Der Waldbauer hat freilich meiſt ſehr weit in ſeine Kirche, oft zwei bis drei Stunden, und da mag man es ihm nicht verdenken, wenn ſich bei ihm auch das Bedürfniß nach Sättigung des Lei⸗ bes regt. Doch ſetzen die Leiſtungen, welche ein ſolcher Bauer auf ſeinem Kirchgang entwickelt, gewöhnliche Men⸗ ſchenkinder in Staunen und es darf uns nicht verwundern, wenn einmal eine Bäurin bei ihrem Seelſorger klagte, ſie könne mit ihrem Mann, einem Filialbauern, nicht mehr hauſen, ſeitdem er alle Sonn⸗ und Feiertage in die Kirche gehe; denn auch da kehrt der Bauer vor und nach dem Gottesdienſte ein und bleibt oft lange ſitzen. Daß er dies bei außerordentlichen Kirchgängen, bei Kindstaufen, Hoch⸗ zeiten, Leichenbegängniſſen thut, findet man ganz in der Ordnung. Wenn der Säugling, wo möglich am Tage der Geburt ſelbſt oder wenigſtens gleich den Tag nachher, ſelbſt mitten im Winter— und der dauert auf dem Welz⸗ heimer Wald lange und iſt meiſt ſehr hart,— vom fer⸗ nen Filial zur Taufe in die Mutterkirche getragen wird, ſo geht man unmittelbar aus der Kirche in's Wirthshaus, und von da kehrt die Taufbegleitung vor ſpätem Abend nicht nach Hauſe zurück; die Gevatterleute und die Heb⸗ amme müſſen ſich vorher ſatt gegeſſen und getrunken haben. Der Täufling bleibt inzwiſchen auf der Backmulde oder im Großvaterſtuhl neben dem glühendheißen Ofen liegen, und es ſollen auf dem ſpäten Heimweg ſchon Kindlein aus dem Kiſſen verloren, glücklicherweiſe aber auch wieder ge⸗ funden worden ſein.— Noch großartiger läßt der Bauer ſeine„Rechtſchaffenheit“ bei Hochzeiten leuchten. Dieſe ſind mehrere Tage fortdauernde Zechgelage. Zuerſt wird die Hochzeit mit dem Wirthe verabredet, wobei man ſich nur nach der„Freundſchaft“, nicht nach der Gewandtheit und Gefälligkeit des Wirths, nicht einmal nach der Qualität ſeiner Speiſen und Getränke richtet. Wenn er ein„Freund“, d. h. ein vielleicht im zwanzigſten Grad Verwandter iſt, ſo iſt man verpflichtet, ſein Kunde zu werden. Schon die Verabredung der Hochzeit, wobei die Weinprobe gehalten wird, gibt ein erſtes Zechgelag für die Nächſtbetheiligten; dann kommen zwei bis drei Hochzeitstage mit Tanz und Spiel. Es iſt auf dem Welzheimer Walde nicht eben etwas Uebertriebenes, hiebei ein Dutzend Maſtſchweine, etliche Kälber und Rinder als Wurſtzulagen, 10— 12 Eimer Wein und für 80— 90 fl.„Mütſchelen“ aufgehen zu ſehen. Denn was der Bauer von ſeinen 4— 6 Pfund Braten, die ihm nach„Voreſſen“ in ſaurer Brühe und nach Rindfleiſch zum Reis(Suppe) auf's Sauerkraut neben Blut⸗, Brat⸗ und Leberwürſten gelegt werden, übrig hat, nimmt die Bäuerin im Ridicül— in einer Art Kiſſen⸗ überzug— mit heim, weßhalb zu jedem Couvert einige Bogen Papier gelegt werden, und ſie kann's ordentlich zu⸗ rechtlegen auf dem Wägelchen, bis„ihr Bauer“, d. h. ihr Mann, die letzte Bouteille Ehrentrunk auf dem Sitz unter Muſik und Glückwunſch geleert hat. Dem Feſte ſelbſt folgt dann der Abrechnungstag mit dem Wirth, was wieder ein beſonderer Zechtag iſt. Freilich dieſe großen Hochzeiten hält nur der Bauer, aber für dieſen hält man dieſe Art von Oſtentation ſeines Vermögens, ſeiner Freundſchaft und ſeiner öffentlichen Gel⸗ tung für nothwendig. Je zahlreicher die Hochzeitgäſte ſind, je mehr darauf geht, deſto größer iſt die„Ehre“, und ſchon wenn der Bräutigam ſammt Hochzeitlader mit Degen und Blumenſtrauß kommt, iſt in dem in der ganzen Gegend Bauern Taufen, uer hat dis drei „ wenn des Lei⸗ ſolcher Men⸗ undern, agte, ſie ht mehr eKirche ach dem er dies „ Hoch⸗ in der n Tage nachher, n Welz⸗ om fer⸗ n wird, ihshaus, · Abend die Heb⸗ in haben. lde oder t lichen, ſein aus der ge⸗ Bauer eſe ſind vird die ſich nut theit und Qualität Feierſtunden. 1865. 413 —₰△—ê—ͤℳ——:————öä—:—ä—†—öyy—:'yõõõ—-yõͤ--————————— üblichen Einladungsſpruch auf dieſe Vergeltung von Glanz(Stern)— kommet in d' Kirch; im Steara werdet Ihr und Ehre hingedeutet:„Was auſer Begehr iſch, wurd Euch finda, was Euer Begehr iſch;'s ſoll Elles reacht werda, ſchau bekannt ſei. D'Hauzig iſch nächſte Deiſtig im Steara und mer wellet d' Ehr au ſchau wieder wett macha.“ In — Die Klingenmühle bei Welzheim. jedem Hauſe wird ihnen der Brodlalb dargeboten, von dem leute mit ihren Angehörigen verzehren. Im Wirthshauſe ſie un wißmai dihnannee und von den ſo geſammelten eſſen ſie mit neuen Löffeln, die von da an ihr Eigenthum Schnitten hernach eine Suppe bereiten, welche die Braut⸗ bleiben. Braut und Brautjungfern tragen überall hohe, 414 kronenartige Aufſätze auf dem Kopfe, und den Gäſten wer⸗ den Rosmarinſträuße gereicht. Im Zuge zur Kirche kommt zuerſt die Braut, welche auch zuerſt zum Altar tritt. So⸗ bald das Paar die Kirchenſtühle verlaſſen hat, tritt ein be⸗ freundetes ſogleich ganz genau an die Stelle, welche der Fuß der zum Altar Tretenden verlaſſen hat. Beide, die Braut zur Rechten, ſtellen ſich hier, um böſe Einflüſſe ab⸗ zuhalten, ſo nahe an einander, daß man nicht zwiſchen ihnen hindurch ſehen kann. Nach der Trauung folgt der Brauttanz, am Abend aber wird der Braut unter Muſik der Brautkranz abgenommen. Auch die Todten werden reichlich„beweine“; ein Leichen⸗ trunk kann einen Hofbauern hundert Gulden koſten. Auch die Märkte, die Nachkirchweihe, die Verſteigerungen, die großen Verkaufsverträge geben willkommenen Anlaß zu Zechgelagen. Zum Dank für Lob und Bewunderung ſei⸗ ner„Rechtſchaffenheit“, daß„er's könne“, daß„'s der Wald ertrage“, läßt da der Bauer an Nebentiſchen geringere Gäſte auf ſeine Koſten trinken; da„bringt's“ Einer dem Andern, und dieſes Zutrinken iſt meiſt die Ehrentaxation, die ſich der„Rechtſchaffene“, d. h. Wohlhabende, viel koſten läßt. Deßwegen iſt aber auch der Bauer auf dem Walde der eigentliche Herr, der Tonangeber, die Andern ſind ſeine Taglöhner; Handwerker und Wirthe flattiren dieſen Bauren⸗ Ariſtokraten, die öfters„ganze Wälder verſchlucken“. Dieſer Stolz hat aber auch ſeine guten Seiten; bei aller Genußſucht im Eſſen und Trinken ſind dieſe Leute ſonſt nicht ſittenlos, ſondern es iſt ein treuer, fleißiger Menſchenſchlag, und gutmüthig, wenn man ihn zu behan⸗ deln weiß. Er gehorcht der Obrigkeit, iſt ehrerbietig gegen Vorgeſetzte und ehrt ſeine Lehrer in Kirche und Schule. Der Waldbewohner wandert nicht leicht aus, weil ihm ſeine Wälder und Fluren ſo lieb ſind, wie ein alter Freund, und er überhaupt am Althergebrachten mit Zähigkeit hängt. Nur in der Kleidung hat wenigſtens das weibliche Ge⸗ ſchlecht dieſes Hängen am Alten leicht aufgegeben, und war auffallend nachgiebig gegen Moderniſirung der Kleidung. Feierſtunden. 1865. ———ꝛ——:õ--:—:õy—ͤr—————— Nur das kurze Mieder iſt meiſt geblieben, das aber die Taille ſo verlarvt, daß der Leib vom Kopf bis zum Fuß eine geradlinige Pyramide bildet. Dazu wird ein Bändel⸗ häubchen getragen, unter welchem die bebänderten Zöpfe herabwallen, ſo lange die Schöne noch ledig iſt. Uebrigens will man bemerkt haben, daß bei dieſen Schönen des Welz⸗ heimer Waldes, die ſich durch üppige Formen auszeichnen, die Jugendreize flüchtiger vergehen, als anderwärts. Das männliche Geſchlecht iſt kräftig und beweglich; der Bauern⸗ burſche in ſeinen kurzen ſchwarzen Lederhoſen, an welche ſich feſt die hohen Stiefel anſchließen, in ſeiner rothen Weſte mit großen ſilbernen Knöpfen, ſeinem blauen Wamms, aus deſſen Seitentaſche das Beſteck hervorſieht, ſeiner ſchräg aufgeſetzten grünen, pelzverbrämten Sammtmütze mit gol⸗ dener Troddel, ſeinem ſilberbeſchlagenen Ulmerkopf mit kurzem, krummem Rohr ſtellt in der That etwas vor, und nicht minder bildet der Bauer in langem blauem, roth⸗ gefüttertem Rock, unterem Dreiſpitz, deſſen Spitze hier nach vornen getragen wird, wenn er am langen Stock rüſtig ausſchreitet, eine paſſende Staffage zum Welzheimer Walde. Unſer Bild aus dem Welzheimer Wald ſtellt die Klingenmühle bei Welzheim dar; ſie liegt in einer tie⸗ fen, wilden Schlucht des Wieslaufthals, wo der Bach ſich rauſchend über Felſen herabſtürzt. Im Frühjahr wird derſelbe zum Flößen von Scheiterholz benützt. Das Holz wird zu dieſem Zweck im Winter auf Schlitten nach dem auf der Höhe des Welzheimer Waldes in einem von wal⸗ digen Gehängen umgebenen Thal gelegenen Ebniſee ge⸗ bracht, der ungefähr 42 Morgen groß iſt, im Sommer als Wieſe benützt und im Herbſte geſchwellt wird. Im Frühjahr wird dann nach Abgang des Schnees das geſam⸗ melte Holz, circa 4000— 5000 Klafter, in den See ge⸗ worfen, der Seedamm geöffnet, und nun ſtürzen hurtig mit Donnergepolter die Holzmaſſen hinab, bis ſie in die Rems gelangen, wo ſie an der Mündung derſelben in den Neckar, in der Nähe der alten Hohenſtaufenſtadt Waib⸗ lingen, wieder aufgefangen und aufgeſchichtet werden. Petroleum und Photogen. Schon den früheſten Bewohnern verſchiedener Welt⸗ . ulr. bituminöſem Mergelſchiefer flüchtige Oele theile waren natürliche Oelquellen bekannt, welche Steinöl durch Deſtilla⸗ tion gewonnen würden; gleiche Mittheilungen finden ſich (Petroleum), Naphta, Erdpech(Bitumen) ꝛc. lieferten, Sub⸗ in den älteſten Veröffentlichungen der Royal Society, und ſtanzen, die ſowohl zur Beleuchtung, als auch zu verſchie⸗ denen anderen Zwecken dienlich waren; ſo benützte man einen derartigen natürlichen Theer in Aegypten zum Einbalſami⸗ ren der Leichen, wie auch in einigen benachbarten Ländern mit Asphalt Dächer und Schiffe überzogen wurden. miſcht mit Fett dient noch heutigen Tags der Asphalt von Trinidad zum Ueberziehen größerer Schiffe, um die Bohr⸗ würmer abzuhalten; mit Kalk gemiſcht, benützt man den⸗ ſelben als desinficirendes Mittel. In Perſien, Burma und bei verſchiedenen Nationen gebraucht man das rohe Erdöl ſowohl zur Beleuchtung, wie auch als Heilmittel. Aehnliche Produkte, wie dies natürlich vorkommende Petroleum, erhielt man in mehr oder weniger reinem Zu⸗ ſtande ſchon lange durch trockene Deſtillation der Stein⸗ kohle und ähnlicher Mineralien. Schon 1694 erhielten in England Erle, Hancock und Portlock ein Patent auf die Darſtellung von Pech, Theer und Oel aus einer Art von Sandſtein, und in einem 1791 erſchienenen Werke von Le⸗ wis über Arzneimittellehre findet man die Angabe, daß aus Ge⸗ 1781 erwarb ſich Lord Dundonald ein Patent auf Dar⸗ ſtellung ähnlicher Produkte aus der Steinkohle, womit der⸗ ſelbe anſehnlichen Gewinn gefunden haben ſoll. Später beſchäftigten ſich namentlich franzöſiſche Che⸗ miker, beſonders Selliguier, mit der Reinigung der erhal⸗ tenen Deſtillationsprodukte mit gutem Erfolg, ſo daß die gereinigten Oele bald eine nicht unbedeutende Verbreitung in Europa fanden, ſowohl als Material zur Beleuchtung, wie auch zum Schmieren von Maſchinentheilen, obgleich die erhaltenen Produkte gegen die jetzigen weit zurück⸗ ſtanden. Die erſte praktiſche Anwendung des in England na⸗ türlich vorkommenden Petroleum machte Young, und zwar benützte derſelbe ein bei Riddings in Derbyſhire vorkom⸗ mendes, welches als dickflüſſige Maſſe aus der oberen Sand⸗ ſteinſchichte einer alten Kohlenmine hervortrat. Dieſe Quelle verſiegte jedoch bald, und Young ward auf die ähnlichen Produkte der trockenen Deſtillation von Steinkohle, Braun⸗ kohle und Torf, welche ſchon Reichenbach und Selliguier — unterſu Seitden iinen e Entdeck O ſtizula Re Su öben b und B ſchichte bekand Deſti und; ſultir verſch Kohle 3) 5 Qual ſehr Tem brikau gen, Prod die o Aus Ann ſchein der ü große bindy nicht Tem zerle Pro⸗ wird ſamt welch tem dem oder welch eigen ſtron welch mit cher gehe der keite farb Der Deſ den gem gem ſüͤu dur ſäu En⸗ dere per Wo übe — ber dit im Fuß Bünd Zöpfe brigens Welz⸗ richnen, . Das Bauern⸗ velche rothen Lamms, ſchräg nit gol⸗ pf mit or, und , roth⸗ ier nach rüſtig Walde. ellt die iner tie⸗ er Bach ihr wird Feierſtunden. 1865. —; unterſucht hatten, hingewieſen und zwar mit beſtem Erfolg. Seitdem hat die Verwendung derartiger Deſtillationsprodukte einen enormen Aufſchwung gefunden, namentlich ſeit der Entdeckung der neueſten Petroleum⸗Quellen in Amerika. Ohne uns hier auf weitläufige wiſſenſchaftliche Details einzulaſſen, wollen wir in Folgendem nur im Allgemeinen die Subſtanzen betrachten, welche bei der Deſtillation die oben bezeichneten Produkte liefern; hierher gehören: Stein⸗ und Braunkohle, Mergelſchiefer, Asphalt, bituminöſe Thon⸗ ſchichten, rohes Steinöl, Torf ꝛc. 1) Steinkohle. Wird Steinkohle, wie dies in der bekannten Weiſe behufs der Gasbereitung geſchieht, einer Deſtillation in geſchloſſenen eiſernen Retorten unterworfen, und zwar unter Anwendung ſehr hoher Hitzegrade, ſo re⸗ ſultiren beſonders 3 Produkte, nämlich 1) Leuchtgas von verſchiedener Zuſammenſetzung, meiſt aus gasförmigen Kohlenwaſſerſtoff⸗Verbindungen beſtehend, 2) Theer und 3) Koaks, welcher in den Retorten zurückbleibt. Die Quantität und Zuſammenſetzung dieſer Produkte iſt eine ſehr verſchiedene und einzig abhängig von der angewendeten Temperatur und der Natur der benützten Kohle. Der Fa⸗ brikant richtet ſich deßhalb in der Auswahl der Bedingun⸗ gen, unter welchen er die Deſtillation ausführt, nach den Produkten, welche er zu erhalten beabſichtigÄt. Je höher die angewendete Temperatur ſteigt, deſto größer wird die Ausbeute an gasförmigen Verbindungen ſein, weßhalb die Anwendung einer ſolchen in Gaswerken nothwendig er⸗ ſcheint, wo es ſich um möglichſt vollſtändige Zerſetzung der ölartigen condenſirbaren Produkte und um möglichſt großen Gewinn gasartiger handelt. Dieſe letzteren Ver⸗ bindungen wünſcht jedoch gerade der Photogen⸗Fabrikant nicht zu gewinnen und deſtillirt demnach die Kohle bei einer Temperatur, welche die flüſſigen Kohlenwaſſerſtoffe nicht zerlegt. Der Prozeß für die Darſtellung dieſer letzteren Produkte iſt deßhalb im Allgemeinen folgender: Die Kohle wird bei 700° F. deſtillirt und der entſtandene Theer ge⸗ ſammelt; letzteren bringt man in große eiſerne Retorten, welche mit dem Condenſor, einer Anzahl eiſerner, mit kal⸗ tem Waſſer umgebener Röhren, verbunden werden. Nach dem Erhitzen der Retorten geht zuerſt ein ſehr leichtes Oel oder Naphta(von einem ſpez. Gewichte von 0,830) über, welchem dann bald die ſchwereren Oele folgen, die die eigentlichen Lampenöle bilden. Leitet man nun einen Dampf⸗ ſtrom in die Retorte, ſo geht ein noch ſchwereres Oel über, welches als Schmieröl benützt wird, während ein dicker, mit kohligen Materien gemengter Theer zurückbleibt, wel⸗ cher als Heizmaterial zu verwenden iſt. Die zuerſt über⸗ gehenden Oele ſind noch ſehr unrein und die Entfernung der beigemengten fremden Körper iſt mit vielen Schwierig⸗ keiten und Koſten verbunden, wenn man ſelbe möglichſt farblos und frei von unangenehmem Geruch herſtellen will. Der Reinigungsprozeß beſteht in der Behandlung des rohen Deſtillats mit concentrirter Schwefelſäure, unf die riechen⸗ den und färbenden Materien zu beſeitigen, und in nachheri⸗ gem Waſchen mit einer alkaliſchen Flüſſigkeit, um die bei⸗ gemengte Carbolſäure ꝛc., wie guch anhängende Schwefel⸗ ſäure und ſchweflige Säure zu entfernen, welche letztere durch Einwirkung der kohligen Produkte auf die Schwefel⸗ ſäure erzeugt wurde. Ferner bewirkt das Alkali noch die Entfernung vorhandenen Schwefelwaſſerſtoffgaſes und an⸗ derer ſtinkender Schwefelverbindungen mit organiſchen Kör⸗ pern. Nach ſorgfältiger Behandlung erhält man auf dieſe Weiſe ein farbloſes Photogen, welches, wenn die zuerſt übergehende leichtere Parthie beſeitigt war, nicht mit einem 415 Fidibus anzündbar iſt und dann auch keine Exploſion beim Brennen befürchten läßt. Zeigt dieſes Photogen Erſchei⸗ nungen von Dichroismus, das heißt: ſchillert die Flüſſig⸗ keit bei auffallendem Lichte, ſo muß es noch einmal mit Säure behandelt und die leichtere Portion des Deſtillates entfernt werden. Aber nur wenige bituminöſe Kohlenarten können mit Vortheil zur Darſtellung ſolcher Leuchtöle benützt werden, weil die meiſten Deſtillate liefern, in welchen der Gehalt an Kreoſot, Carbolſäure ꝛc. zu groß und deren Reinigung zu umſtändlich und koſtſpielig iſt. Selten liefert eine der⸗ artige Kohle pr. Tonne über 100 Gallonen; einige Arten von Kannelkohle geben kaum 50, andere höchſtens 30 Gal⸗ lonen brauchbaren Photogens pr. Tonne. Ebenſo iſt die Qualität der erhaltenen rohen Oele ſehr verſchieden; mit⸗ unter enthalten dieſelben beträchtliche Mengen Paraffin und nur wenig Photogen, zuweilen zeigt ſich das umgekehrte Verhältniß. Die leichteren Kohlenarten liefern in der Regel die größten Mengen Photogen. 2) Boghead⸗Kohle iſt das Material, deſſen ſich die Firma Young in den berühmten Bathgate⸗Paraffin⸗ Work's in Linlithgawſhire zur Herſtellung enormer Quan⸗ titäten von Paraffin und Paraffin⸗Oel bedient; der Fund⸗ ort befindet ſich in nächſter Nähe dieſer Werke in Forbane⸗ Hill, in dem kohlenhaltigen Kalkſtein von Frith of Forth. Früher bildete die Boghead⸗Kohle einen wichtigen Export⸗ artikel nach Amerika, und noch 1859 importirte die ame⸗ rikaniſche Keroſene Light⸗Compagnie gegen 20,000 Tonnen à 18 Dollars; ſeit der Entdeckung neuer Lager von Kannel⸗ kohle und der Petroleum⸗Quellen in jenem Welttheile ren⸗ tirt der Export natürlich nicht mehr. Die Natur dieſer Boghead⸗Kohle iſt trotz mehrfacher Unterſuchungen noch nicht ermittelt; es iſt dieſelbe eine homogene, grauſchwarze, matte und dichte Maſſe, welche unter dem Mikroſkop die Struktur der Kohle darbietet, mit Flamme brennt und deſtillirt gegen 70 Procent flüch⸗ tige Subſtanzen liefert. Dieſelbe findet ſich auf einem Thonlager, welches zahlreiche Stigmarienſtämme eingebettet enthält, und iſt bedeckt von eine Schichte Schieferthon. Sei dieſe Kohle nun entſtanden wie ſie wolle, jedenfalls iſt die⸗ ſelbe ein vorzügliches Material zur Herſtellung von Leucht⸗ ölen, indem die Tonne 120 Gallonen rohen Oeles bei der Deſtillation liefert, wovon bei der Reinigung 65 Gallonen Photogen, 7 Gallonen Schmieröl und 12 Pfund Paraffin gewonnen werden. 3) Asphalt oder Erdpech. Lager bituminöſer Subſtanzen finden ſich in den verſchiedenſten Gegenden der Welt, und man hat dieſelben in neuerer Zeit häufiger für den Fabrikationszweig in Verwendung gezogen, den wir hier zu betrachten im Begriffe ſind. Die größte Menge dieſer Subſtanz bietet der Asphalt⸗ ſee auf Trinidad, welcher drei Meilen im Umfang mißt; das Erdpech in demſelben iſt zunächſt der Küſte feſt und kalt, es wird jedoch gegen die Mitte des See's zu allmä⸗ lig weicher und wärmer, bis es ganz innen kochend er⸗ ſcheint. Das feſte Erdpech ſcheint ſeinem Ausſehen nach in Form großer aus der Maſſe aufſteigender Blaſen ſich abgekühlt zu haben; der Weg vom Meere nach dem See, gegen ¹¾ engl. Meilen, iſt bedeckt mit erhärtetem Erdpech, aus welchem Bäume und andere Pflanzen hervorſproſſen, und in demſelben bemerkt man ſtellenweiſe kleine Waſſer⸗ tümpel mit hellem klaren Inhalt. Den Grund des See's bildet ein Kohlenlager. In den Proceedings of the Geo- logical Society of London, May 1860, gibt S. P. Wall einen ausführlichen Bericht über dieſen Asphaltſee, nach welchem derſelbe der Tertiär⸗Formation angehört. Der Asphalt findet ſich nicht allein in dem See, ſondern auch in eigenen Schichten in der Erde, welche früher Schiefer⸗ thon mit vegetabiliſchen Reſten enthielten, welche letztere in dieſe eigenthümliche bitüminöſe Maſſe umgewandelt wor⸗ den ſeien. Die Tonne Trinidad⸗Asphalt liefert 42 Gallonen Leuchtöl und 11 Gallonen Schmieröl; das Erdpech enthält Schwefel, weßhalb bei der Herausnahme der Maſſe aus dem Boden ſtets beträchtliche Schwefelwaſſerſtoffgas⸗Ent⸗ wicklung bemerklich wird. Das anfänglich übergehende De⸗ ſtillat enthält viel Unreinigkeiten, wie brenzlichen Holzgeiſt und andere Produkte der trocknen Deſtillation des Holzes, was ohne Zweifel den vegetabiliſchen Urſprung des Erd⸗ pechs dokumentirt. Die Naphta⸗Quellen Perſiens und anderer öſtlicher Länder waren ſeit undenklichen Zeiten bereits bekannt; man benutzte die Produkte derſelben jedoch nicht, bis ein Agent der berühmten Price's Candle Compagnie, welcher darauf ausging, eine Quelle zu finden, von welcher billiges Palmöl zu beziehen wäre, ein für ſeine Zwecke taugliches Material in dem Mineraltheer von Rangoon in Birma entdeckte. Er ließ eiſerne Trommeln anfertigen, welche an der Quelle mit rohem Theer gefüllt wurden, und letzterer lieferte nach der Behandlung in den Sherwood⸗Works anſehnliche Men⸗ gen von feſtem Paraffin, Schmieröl und Photogen oder Belmontine⸗Oel, wie ſolches die Firma zu nennen für gut fand. Dieſer Theer wird erhalten, indem man Gruben in den Thonboden gräbt, bis zu einer Tiefe von 60 Fuß; die theerartige Maſſe ſammelt ſich in derſelben und wird nun daraus entfernt; dieſelbe beſitzt die Conſiſtenz des Gänſe⸗ ſchmalzes, eine braungrüne Farbe, eigenthümlichen, nicht unangenehmen Geruch und enthält nicht mehr als 4 Pro⸗ cent feſte Materie. Man findet jetzt in Rangoon über 500 ſolche Gruben, welche jährlich 500,000 Oxhoft Theer lie⸗ fern, von welchem ca. 70 Procent Leuchtöl und 11 Pro⸗ cent Paraffin gewonnen werden. Kein anderes Material, ſei es Kannelkohle oder bituminöſer Schiefer, liefert De⸗ ſtillationsprodukte von gleicher Reinheit und frei von un⸗ angenehmem Geruch, wie der Rangon⸗Theer; der flüchtigere und deßhalb als Brennmaterial gefährlichere Theil des De⸗ ſtillats dient in England unter dem Namen„Sherwood⸗ Oel“ ſtatt Benzin zum Entfernen von Fettflecken, Reini⸗ gen von Handſchuhen ꝛc. Das daraus dargeſtellte Paraffin beſitzt einen höheren Handelswerth, als das aus der Bog⸗ head⸗Kohle gewonnene, indem ſein höherer Schmelzpunkt es zur Kerzenfabrikation geeigneter macht. Außerdem finden ſich noch Erdpech⸗-Gruben auf der Inſel Cuba; das Produkt derſelben liefert 100— 140, Gal⸗ lonen rohes Oel pr. Tonne; gereinigt eignet ſich dies Oel trefflich zur Beleuchtung, wo nicht der widerliche Geruch. deſſelben ein Hinderniß bildet. Auch in Central⸗ und Süd⸗ Amerika, wie bekanntlich am todten Meere, trifft man gleichfalls Erdpechlager. In der Nähe des kaſpiſchen Meeres befinden ſich Naphta⸗Quellen, welche ſehr ergiebig ſind und deren Erzeugniß im ganzen dortigen Gebiete zur Beleuch⸗ tung dient. Auch in Europa kennt man ſolche Quellen, wie z. B. auf den joniſchen Inſeln, in Tegernſee in Bayern, im Modeneſiſchen, in Frankreich, wie auch bei Amiano in Italien, wo man das rohe Oel zur Beleuchtung der Stadt Genua früher benutzte. Feierſtunden. —-⸗---—————u—ry-;ryy⸗-r——y————————————⸗———— 1865. 4) Torf wurde ſchon vielſeitig zur Herſtellung ähn⸗ licher Oele verwendet, aber bis jetzt ohne weſentlichen Er⸗ folg; man erhält bei der Deſtillation deſſelben ähnliche Produkte, wie bei gleicher Behandlung der Steinkohle; aber die Reinigung des Deſtillats iſt ſehr umſtändlich und kaum lohnend. Näheres darüber findet ſich im ſechsten Bande der Chemical News. 5) Amerikaniſches Petroleum. Dieſe Sub⸗ ſtanz hat in neuerer Zeit eine ſtets mehrende Nachfrage gefunden, und ſchon 1862 betrug der Export aus Amerika 10,625,568 Gallonen. Das Vorkommen von Petroleum in Amerika war ſchon lange bekannt, indem daſſelbe von den Seneca⸗Indianern geſammelt und als Heilmittel ver⸗ kauft wurde. 3 Die erſte Entdeckung des Reichthums dieſer Quellen datirt vom Jahre 1859, wo man eine Ader bei Gelegen⸗ heit des Bohrers nach einer Salzquelle öffnete; eine ein⸗ zige Quelle ſoll anfänglich im Tage 7000 Gallonen Pe⸗ troleum geliefert haben, eine andere 100 Gallonen; dabei gingen natürlich noch große Mengen verloren, indem keine Möglichkeit vorhanden war, hinreichende Gefäße zur Auf⸗ nahme des Reichthums zu beſchaffen, ſo daß die ganze Um⸗ gegend mit dem Oele durchtränkt und nichts weniger als parfümirt wurde. Die Petroleum⸗Region beſitzt eine bedeutende Ausdeh⸗ nung auf dem amerikaniſchen Kontinent; ſie erſtreckt ſich nämlich ſüdlich vom Ohio⸗Thale bis nördlich zur Georgien⸗ bai und öſtlich von den Alleghanies über Pennſylvanien bis zu den weſtlichen Grenzen der dortigen Kohlenminen; man findet Petroleum in Virginia, Maryland, Pennſyl⸗ vania, Newyork, Ohio, Michigan, Kentucky, Tenneſſee, Kanſas, Illinois, Texas und Californien. Man gewinnt dieſes Oel, indem man Löcher von 3 bis 4 Zoll Durchmeſſer in die Felſen bohrt; hat man das Oel erreicht, ſo fließt es einige Zeit freiwillig aus; hört der Ausfluß auf, ſo wird eine eiſerne Röhre eingefügt, welche mit einer Pumpe in Verbindung und durch Hände⸗ oder Dampfkraft in Bewegung geſetzt wird. Die mittlere Tiefe, in welcher man auf das Oel ſtößt, beträgt kaum über 250 Fuß, und die zu durchdringenden Schichten be⸗ ſtehen hauptſächlich aus Kalkſtein, Sandſtein und Mergel⸗ ſchiefer. Einige Quellen liefern pr. Tag 200 Barrels, eine in Pennſylvanien bei einer Tiefe von 170 Fuß ſogar 300 Barrels pr. Tag(1 Barrel= 32 Gallonen; 1 Gal⸗ lone= 160 Unzen). Gegenwärtig zählt man gegen 600 Quellen, welche durchſchnittlich eine tägliche Ausbeute von 30,000 Gallonen rohes Petroleum liefern. Es gibt haupt⸗ ſächlich zwei beſonders ergiebige Regionen, nämlich die eine in Pennſylvanien und im nordöſtlichen Theile von Ohio in dem kohlenführenden bituminöſen Sandſtein der Portage und Chemung⸗Gruppe; die andere liegt in Weſtvirginien und dem ſüdlichen Ohio und ſchließt einen Theil der Koh⸗ lenminen von Weſtpennſylvanien ein. Der Urſprung und die Bildung des Petrolenm iſt ſchwierig zu ermitteln und ſind in dieſer Beziehung ſchon die verſchiedenſten Anſichten geltend gemacht worden. Die eine Hypotheſe beſteht darin, daß man annimmt, daſſelbe entſtehe in Kohlenlagern, wo eine unterirdiſche Hitze⸗Ein⸗ wirkung Kohlenwaſſerſtoffe aus der Kohle austreibe, welche wieder in den kühleren Parthien des Geſteins verdichtet, ſich in unterirdiſchen Höhlungen anſammeln ſollen. Einen weſentlichen Einwand gegen dieſe Anſicht begründet die Thatſache, daß die Kohle aus jenen Gegenden die gewöhn⸗ liche Menge von Kohlenwaſſerſtoffgas und bituminöſer b — Keſtand lefert. Ei görpers Fiit ge Unlager lſchen ſtlion wäre: entſpre Dem nur in deckt dem waren von d ohne der 9 Schie ſäozoi pflanz nicht dern Seege unter ſagt, wonn gebile iiner ten ſe daß niſche zung als 185: 185 Oels Esl von ſich: zu v nöſen llſ Ziele geger wele ichen Er⸗ ähnliche hle; aber und kaum n Bande ſe Sub⸗ Nachfrage Arerika Betroleum ſelbe von nittel ver⸗ Quellen Gelegen⸗ eine ein⸗ onen Pe⸗ n; dabei dem keine zur Auf⸗ anze Um⸗ niger als e Ausdeh⸗ ſtreckt ſich Georgien⸗ ſylbonien minen; pennſyl⸗ enneſſee, er von 3 man das us; hört eingefügt, Hände⸗ e mittlere ägt kaum ichten be⸗ Mergel⸗ Barrels, Feierſtunden. 1865. 417 ————é——re:-—õ—-⁰⁰⁰yę—————rꝛꝛj———— Beſtandtheile, wie jede andere Kohle bei der Behandlung liefert. Eine andere Theorie der Bildung dieſes intereſſanten Körpers beſteht in der Annahme, daß derſelbe ſich zu der Zeit gebildet habe, wo überhaupt die zur Bildung der Koh⸗ lenlager Veranlaſſung bietenden vegetabiliſchen oder anima⸗ liſchen Stoffe dem urſprünglichen Prozeſſe der Bitumini⸗ ſation unterworfen worden ſeien. Wäre dies richtig, ſo wäre man berechtigt, in jedem Lager bituminöſer Kohle entſprechende Quantitäten von Petroleum zu erwarten. Dem iſt jedoch nicht ſo, ſondern man findet Petroleum nur in Felſenriſſen, welche von bituminöſen Schichten be⸗ deckt ſind, und jene Riſſe können erſt entſtanden ſein, nach⸗ dem die Kohlenlager bereits von Bitumen durchdrungen waren. Petroleum tritt auf in allerlei Gebirgsformationen, von den unteren ſiluriſchen bis zur tertiären; daſſelbe iſt ohne Zweifel organiſchen Urſprungs und durchdringt in der Regel mehr kalkige Formationen, als Sandſtein und Schieferthon. Das Auftreten deſſelben in den unteren pa⸗ läozoiſchen Schichten, welche noch keine Spuren von Binnen⸗ pflanzen enthalten, dürfte dafür ſprechen, daß das Petroleum nicht durchaus Landpflanzen ſeinen Urſprung verdankt, ſon⸗ dern vielleicht eher aus einem Deſtillationsprozeß, welchem Seegewächſe oder animaliſche Stoffe oder beide zugleich unterworfen waren, hervorgegangen ſein könnte. Logan ſagt, daß das canadiſche Erdöl aus einem Kalkſteine ge⸗ wonnen werde, welcher hauptſächlich aus foſſilen Korallen gebildet worden wäre und wahrſcheinlich als das Reſultat einer Zerſetzung der gallertartigen Thierſubſtanz zu betrach⸗ ten ſei(2', Wie dem nun ſei, ſo viel ſcheint feſtzuſtehen, daß jedenfalls das Petroleum aus einer Zerſetzung orga⸗ niſcher Materie abgeleitet werden muß, obgleich die Bedin⸗ gungen der Bildung deſſelben bis jetzt noch unbekannt ſind. Das Erdöl von Canada, obgleich längſt im Gebrauche als Leuchtmaterial und Maſchinenſchmiere, zog dennoch erſt 1853 ſpeziellere Aufmerkſamkeit auf ſich, wurde jedoch erſt 1859 nutzbringend verwendet, ſeit die Einführung dieſes Oels durch Young auf möglichen Gewinn ſchließen ließ. Es bildete ſich eine Geſellſchaft, welche ſich die Ländereien von Enniskillen ſicherte, wo ganz oberflächliche Aphaltlager ſich vorfanden, welche man zur Darſtellung derartiger Oele zu verwenden beabſichtigte. Als man aber dieſe bitumi⸗ nöſen Schichten durchbohrte, ſtieß man auf große Mengen „flüſſigen Erdöls und ſah ſich dadurch dem beabſichtigten Ziele über Erwartung näher gerückt. Es ſind nun dort gegen 9 Quellen von 100— 230 Fuß Tiefe in Thätigkeit, welche im Tage 3— 400 Barrels Petroleum liefern. Die durchbohrte Erdſchichte beſteht aus einem zähen Thon, wel⸗ cher, aus einer Verwitterung des unterliegenden Geſteins hervorgegangen, ſolche Foſſilien enthält, wie ſolche der Ha⸗ milton⸗Gruppe des Devon'ſchen Syſtems angehören. Das Erdöl iſt allenthalben durch die Thonſchichte verbreitet, dringt durch zahlreiche Spalten und Riſſe zu Tag, und zwar in ſolcher Menge, daß die Quellen den Anblick ſiedender Pech⸗ keſſel darbieten. Obgleich die ölführenden Geſteinſchichten in Canada oberflächlicher liegen, als in den Vereinigten Staaten, iſt dennoch der Verluſt beim Reinigen des ame⸗ rikaniſchen Petroleum geringer und der Geruch deſſelben weniger unangenehm, während das canadiſche Petroleum in Folge ſeiner mehr theerartigen Conſiſtenz beim Reinigen durch ſtarkes Schäumen viele Schwierigkeiten verurſacht. Das amerikaniſche Erdöl beſteht aus einer Reihe von Kohlenwaſſerſtoffverbindungen von verſchiedenem Siedpunkt und größerer oder geringerer Entzündbarkeit; ſein ſpezifiſches Gewicht variirt von 0,830— 0,890. Pelaire und Cahours zerlegten daſſelbe in 12 Verbindungen aus der Sumpfgas⸗ gruppe; Benzin oder Homologen deſſelben waren ſie nicht im Stande darin zu finden, weßhalb ſie die Anſicht aus⸗ ſprachen, es könnte dieſes Oel nicht von Kohle abſtammen, wenigſtens müßte dann eine Zerſetzung ſtattgefunden haben, welche weſentlich von derjenigen bei einer gewöhnlichen De⸗ ſtillation jener abweicht. Die aus dem Petroleum abge⸗ ſchiedenen Körper boten mehr Aehnlichkeit dar mit den Pro⸗ dukten der trockenen Deſtillation fetter Körper, deren korre⸗ ſpondirenden Alkoholen oder einer Anzahl organiſcher Körper, welche gleiche Aequivalente Kohlenſtoff und Waſſerſtoff ent⸗ halten. Dieſe Oele ſind wie bekannt gegenwärtig allenthalben in Gebrauch als Beleuchtungsmaterial; der Ausdruck„Pe⸗ troleum“ oder„Erdöl“ wird namentlich den Deſtillations⸗ produkten beigelegt, welche durch Reinigen natürlich vor⸗ kommender Oele gewonnen werden, während die bei der Deſtillation von Steinkohle, bituminöſen Mineralien ꝛc. gewonnenen reinen Oele die Namen„Photogen“,„Pa⸗ raffinöl“ ꝛc. führen. Unſtreitig gehören dieſe Stoffe zu den beſten Beleuchtungsmaterialen für häusliche Zwecke, indem ſie bei verhältnißmäßig geringer Entwicklung von Hitze den Lichteffekt geben. Zweckmäßig konſtruirte Lam⸗ pen und richtige Behandlung derſelben ſichern die immer größere Verbreitung derſelben, um ſo mehr, als durch die bekannten Unterſuchungen Dr. Hirzels die Grundloſigkeit der vielverbreiteten Befürchtung, als hätten dieſe Oele große Neigung zu explodiren, wenigſtens für gehörig gereinigte Sorten, bewieſen iſt. Warum findet man in der Oftſee keine Kuſtern? im atlantiſchen Ocean, im mittel⸗ ländiſchen Meere, in der Nordſee und in den nördlichen Theilen des Kattegat, aber nicht mehr in den ſüdlichen Theilen des letzteren, alſo weder an den Küſten der däni⸗ ſchen Inſeln, noch in der Oſtſee, ſelbſt nicht in deren weſtlichſten Bezirken. Die Auſtern, welche unter dem Na⸗ men„Flensburger Auſtern“ in Petersburg im Handel ſind, werden an den weſtlichen Küſten Schleswigs, demnach in der Nordſee gebrochen und verdienen den Namen von Flens⸗ burg nur inſoweit, als ſie von dieſem Hafen aus ver⸗ ſendet werden, nach welchem ſie zu Lande gebracht worden waren. Feierſtunden. 1865. Auſtern gibt es Da die Oſtſee mit dem Kattegat durch drei Straßen in Verbindung ſteht: dem Sund, dem großen und kleinen Belt, ſo muß in der phyſiſchen Beſchaffenheit der Oſtſee ſelbſt der Grund zu ſuchen ſein, weßhalb die Auſtern nicht dorthin gelangen. Es iſt bekannt, daß dieſelben ihre Eier in außerordent⸗ lich großer Menge abſetzen, und wenn auch die Strömung des Waſſers für gewöhnlich aus der Oſtſee nach dem Katte⸗ gat durch die drei genannten Straßen gerichtet iſt, ſo findet dieſelbe doch auch bisweilen in entgegengeſetzter Richtung ſtatt. Die Eier der Auſtern mußten folglich dann auch in die Oſtſee gelangen und ſich dort entwickeln, ſobald ſie 53 — — daſelbſt die zu ihrer Entwicklung und zu ihrem Beſtehen nothwendigen Bedingungen vorfänden. Die weſentlichſte Bedingung dazu iſt nun aber ein großer Salzgehalt des Waſſers, und dieſer iſt in der Oſt⸗ ſee höchſt gering, denn während das Waſſer des mittellän⸗ diſchen Meeres 3,7 Prozent, das des atlantiſchen Oceans und der Nordſee 3 bis 3,6 Proz., das der nördlichen Theile des Kattegat noch 1,8 bis 2 Proc. Salz enthält, ſo iſt das Maximum des Salzgehaltes in der Oſtſee 1,7 Pro⸗ zent, ja an den ruſſiſchen Küſten nicht einmal 0,8 Pro⸗ zent. Die ſalzärmſten Gewäſſer, in denen die Auſtern, freilich ſehr kümmerlich, noch ihr Daſein friſten kön⸗ nen, ſind die bei Theodoſia in der Krim, wo ſich der Salzgehalt des Waſſers aber auch noch bis zu 2,7 Prozent erhebt. Der äußerſt ſchwache Salzgehalt der Oſtſee rührt jedenfalls daher, daß die vielen, ſich in dieſelbe ergießenden Flüſſe mehr Waſſer hinzuführen, als ſie durch die Ver⸗ dunſtung verliert, und daß demnach aus der Oſtſee mehr! Feierſtunden. 1865. —;— Waſſer durch das Kattegat in die Nordſee ſtrömt, als ſie von dort zurück erhält. Alle die vielen und mannigfaltigen Verſuche, welche man zur Anlegung von Auſternbänken in der Oſtſee bis⸗ her gemacht hat, ſind gänzlich fehlgeſchlagen. Das erſte derartige Projekt ſollte unter der ruſſiſchen Kaiſerin Eliſa⸗ beth zur Ausführung gebracht werden, und wurden zu die⸗ ſem Behufe Schiffe nach Flensburg geſchickt; man ſtand aber ſogleich von dem ganzen Unternehmen ab, als man ſah, daß die Auſtern nur an der entgegengeſetzten Küſte von Schleswig gedeihen. Ein neuer Verſuch wurde vor ungefähr 25 Jahren bei der Inſel Rügen gemacht, aber, wie geſagt, vollſtändig erfolglos. Auch der Feldmarſchall Blücher ſoll ähnliche vergebliche Bemühungen an der meck⸗ lenburgiſchen Küſte angeſtellt haben, und was noch bedeut⸗ ſamer und für alle etwaigen ferneren Verſuche von über⸗ zeugender Beweiskraft ſein muß: ganz reſultatloſe Verſuche ſind zu verſchiedenen Malen an der Nordküſte Seelands, alſo in dem ſüdlichen Theile des Kattegat, gemacht worden. großmütterchens letzter Rirchgang. Sie wird nicht oft mehr hinziehen können, die gute Grozßmutter, denn ſie iſt ſehr alt und fängt an gar ge⸗ brechlich zu werden. Aber ſie ſehnte ſich ſo ſehr darnach, nur noch einmal den Prediger zu hören, und darum, als am nächſten Sonntag Morgen die Sonne ſo klar und freundlich auf die Erde herabſchien, beſchloß ſie, den Gang zu wagen.„Recht ſo, Großmutter,“ ſagte Anna, ihre Enkelin,„Ihr könnt Euch getroſt auf mich ſtützen, und wir wollen etwas frühe gehen, damit Ihr, wenn Ihr müde werdet, Zeit habt, unterwegs ein wenig auszuruhen. Auch werde ich Euer Geſangbuch tragen, und wenn wir einmal in der Kirche ſind, Eure Krücke feſt halten.“ Lächelnd nickte die Großmutter, und nun beeilte ſich Anna, derſelben beim Ankleiden behülflich zu ſein. Bald war die alte Frau fix und fertig, und die Enkelin hatte ihr ſogar, trotzdem es ein warmer Frühlingstag war, den ſchwarzen Tuchmantel über die Schultern gehängt, damit ſie ſich ja nicht erkälte. So beſorgt war die gute Anna um die Großmutter! „Du biſt ein gutes Kind, Anna,“ ſagte die Groß⸗ mutter, als ſie nun endlich zum Hauſe heraus traten und Schritt für Schritt den Weg zur Kirche hinauf gingen; „doch du kannſt wohl etwas ſchneller gehen, ich werde es ſchon aushalten.“ „Ei warum denn?“ erwiederte Anna.„Wir haben ja Zeit genug vor uns und Ihr dürft mir nicht zu frühe müd werden.“ Viele Bekannte gingen an ihnen vorüber und alle grüß⸗ ten die Großmutter freundlich.„Wagt Ihr's auch noch einmal zur Kirche zu gehen?“ ſagten ſie, und ſetzten dann immer noch ein Wort des Lobes für die Enkelin bei, weil dieſe ihrer Großmutter ſo ſorgſam und liebreich beiſtehe. So ging es vorwärts, aber freilich ſehr langſam. Doch endlich erreichten ſie die Kirche. Großmütterchen war ſo erſchöpft, daß es ſich am Gitter der Kirchhofthüre halten mußte, um einige Augenblicke Athem zu ſchöpfen.„Es iſt noch ein weiter Weg,“ meinte ſie nun,„und ich bin dir gewiß recht beſchwerlich gefallen, Anna.“ „Ei Großmutter, wo denkt Ihr hin?“ erwiederte lächelnd die Enkelin;„ich bin ja ſchon ſiebenzehn Jahre alt und wahrhaftig kräftig genug, Euch zu halten. Darum ſtützt Euch nur recht feſt auf mich, denn Ihr wißt ja, wie viel Freude es mir macht, wenn ich Euch einen Gefallen thun kann.“ So gingen ſie abermals weiter, und wie ſie nun in den finſteren Thorgang traten, der in die Kirche hinein⸗ führte, da war es wirklich eine Freude, auf das Paar hin⸗ zuſehen, denn plötzlich guckte die Sonne durch einen hohen Fenſterrahmen in den dunklen Gang herein und erleuchtete zu gleicher Zeit die Köpfe der Großmutter und der Anna, ſie gleichſam in einen Glorienſchein hüllend. Uebrigens durfte das Köpfchen Anna's gar wohl beleuchtet werden, denn daſſelbe nahm ſich unter der einfachen Haube gar wunderbar und lieblich aus. Auch paßten die freundlichen, blauen Augen, das ſchöne blonde Haar und das friſche herzliche Geſicht ſo gut zu einander, daß Jedermann eine Freude haben mußte, wenn er dem Mädchen begegnete. Ein ähnlicher Gedanke mußte wohl eben auch durch das Herz der Großmutter gehen, denn ſie ließ ihre Augen mit Wohlgefallen auf der Enkelin ruhen, und wurde nicht müde, ſie anzublicken. „Du biſt doch wirklich ein gutes und liebes Kind,“ ſagte ſie dann, indem eine Thräne in ihr Auge trat.„Der liebe Gott wird dir vergelten, was du für deine alte Groß⸗ mutter thuſt. Aber nun laß uns nach unſerem Stuhle gehen,— ich will für dich beten.“ In dieſem Augenblicke kam Peter Flink, der Ober⸗ geſelle des Grobſchmieds im Orte, an ihnen vorüber, allein wie er die Anna und ihre Großmutter erblickte, blieb er augenblicklich ſtehen. Bemerken müſſen wir übrigens hie⸗ bei, daß Peter ſo, wie er jetzt ausſah, keinem Schmiede glich, denn er hatte gar nichts von Ruß oder Schwärze an ſich, ſondern ſah vielmehr recht ſauber und reinlich aus. Auch hatte er ſeine ſchönſten Kleider angezogen und ſpielte darin eine wirklich recht anſehnliche Figur. Doch meinte Anna in ihrem Innern, er gefalle ihr wohl eben ſo gut, wenn nicht beſſer, wenn er in Hemdärmeln und die leichte Kappe auf dem Kopfe am Ambos ſtehe und mit dem kräf⸗ Görtlei er eine nehr f ſein tr mſicht in die lich b werth Bein ſen, und „Eur reit, liches ſetzte über ſtocke einen röthe flüſte Jung kund Enk auf hina Gro mög „Und Mo⸗ aufg wol — als ſie . welche ſee bis⸗ as erſte 1 Eliſa⸗ zu die⸗ n ſtand ls man en Küſte urde vor jt, aber, marſchall der meck⸗ j bedeut⸗ on über⸗ Verſuche Seelands, worden. Jahre alt Darum ja, wie gefallen 3 5 nun in hinein⸗ aar hin⸗ ten hohen erleuchtete 8 r Anna, Uebrigens werden, aube gar undlichen, 3 friſche unn eine egegnekte urch das Feierſtunden. 1865. tigen Arme den ſchweren Hammer führe. Der Peter blieb alſo ſtehen, denn da die Schmiede ſeines Meiſters dem Hauſe der Großmutter gegenüber lag, ſo kannte er natür⸗ lich die letztere gar gut, und auch mit der Anne, die ja immer bei der Großmutter ſteckte, hatte er ſchon manches Wörtlein verbrochen. Ja wir ſollten ſogar meinen, daß er eine recht innige Freundſchaft oder vielleicht auch etwas mehr für ſie fühle, dieweil ſeine Augen hell aufblitzten und ſein treuherziges Geſicht ſich hochroth färbte, als er ihrer anſichtig wurde. Doch wandte er ſich nicht an ſie, ſondern an die Großmutter. „Wie Großmutter?“ ſagte er.„Habt Ihr es wirk⸗ lich bis hieher gebracht? Das iſt wohl eines Glückwunſches werth, wenn man bei Eurem Alter noch ſo gut auf den Beinen iſt.“ „Ohne Hülfe wäre es mir wohl nicht möglich gewe⸗ ſen, Peter,“ erwiederte die Alte mit einem Blicke auf Anna und ihre Krücke. „Ja gewiß,“ ſprach nun Flink mit „Eure Enkelin iſt raſch auf den Beinen, und immer be⸗ reit, Euch beizuſtehen, wo es noth thut. Es iſt ein herr⸗ liches Mädchen, auf das ihr ſtolz ſein dürft, Großmutter,“ ſetzte er dann noch eifriger hinzu. Aber wie er ſo ſprach, übergoß ihn eine helle Gluth, und voll tiefer Verlegenheit ſtockend meinte er, er wolle nun vorangehen, um ihnen einen guten Platz zu ſichern. Anna erwiederte keine Silbe, röthend an ihrem Umſchlagtuche; die Großmutter aber flüſterte leiſe der Anna zu, daß der Peter ein herrlicher Junge ſei, der das Herz auf dem rechten Fleck habe. „Meinſt du nicht auch, Anna?“ ſagte ſie eine Se⸗ kunde ſpäter, als ſie dem voranſchreitenden Flink mit ihrer Enkelin folgte. Anna fühlte wohl, daß der Blick ihrer Großmutter auf ihr ruhe. Darum erröthete ſie auch bis über die Stirne hinauf, aber eine Antwort blieb ſie doch ſchuldig. „Ich glaube, er iſt flink bei der Arbeit,“ fuhr die Großmutter fort, indem ſie ſo piel Gleichgültigkeit als möglich in ihre Stimme ſetzte. „Ja gewiß, das iſt er,“ erwiederte nun Anna ſchnell, „und deßwegen hat ihm auch ſein Meiſter ſeit vorigem Monat von freien Stücken um einen Gulden für die Woche aufgeſchlagen.“. „Wirklich?“ fragte die Alte,„und das hat er dir wohl ſelbſt erzählt?“ Anna zuckte zuſammen vor Schrecken, weil ſie ſich ſo ſelbſt verrathen hatte, und ſchaute ſchamergriffen zu Boden; zum Glücke aber kamen ſie gerade an dem Kirchenſtuhle an, welchen der vorangehende Peter für ſie ausgeleſen hatte. „So, Großmutter,“ ſagte Peter, indem er ſich gegen dieſe umwandte,„dies iſt der breiteſte Stuhl in der gan⸗ zen Kirche; und nun erlaubt, daß ich euch beim Nieder⸗ ſitzen behülflich bin.“ Mit dieſen Worten faßte er die Großmutter kräftig unter die Arme, brauchte aber dabei ſo viel Sorgfalt, daß die Alte meinte, noch nie ſo behaglich auf ihren Sitz nie⸗ dergekommen zu ſein. Drauf grüßte er die Anna, welche ſich ohne aufzuſehen neben ihrer Großmutter niederließ, freundlich und zog ſich dann weiter rückwärts in den Gang zurück, von wo aus er die ganze Kirche und alſo auch den Stuhl, in welchem Anna ſaß, überſchauen konnte. Gleich nachher begann der Geſang und die Predigt, und Alle horchten aufmerkſam, wie es guten Cheiſten ge⸗ ziemt. Ja die Großmutter meinte ſogar nachher, daß der großem Eifer, ſondern zupfte nur er⸗ Geſang ſehr ſchön und die Predigt ſehr herzerhebend gewe⸗ ſen ſei, allein deſſen ungeachtet möchten wir doch faſt be⸗ zweifeln, daß ſie ſich während der ganzen Predigt nur allein mit den Worten des Pfarrers beſchäftigt habe, denn mehr als einmal ſah ſie entweder links auf die andächtige Anna hinab oder ſchweiften ihre Augen nach rechts hinüber, näm⸗ lich dahin, wo der Peter Flink ſtand. Als jedoch der Prediger das letzte Gebet für die Gemeinde ſprach, da legte auch ſie ihre Hände zuſammen, und ihre bebenden Lippen flüſterten leiſe aber deutlich:„Lieber Herr, laß meine alten Augen, ehe ich von dannen gehe, das Glück meiner Kin⸗ der erſchauen.“ Gleich darauf ſprach der Pfarrer das Amen und dann ſchaute auch ſie auf und warf einen feſten Blick auf die Anna hinab, und einen andern zum Peter hinüber, gleichſam um das, was ſie ſich im Gebete vorgenommen, noch einmal in ihrem Innern zu bekräftigen. Der Gottesdienſt war zu Ende und die Leute ſtanden auf, um heimzugehen; doch Anna flüſterte der Großmutter zu, noch ein wenig ſitzen zu bleiben, bis es etwas leerer würde, damit ſie nicht in das ärgſte Gewühl hineinkämen. Die Großmutter nickte, denn ſie fand dies ganz verſtändig und blieb alſo ruhig ſitzen. Plötzlich jedoch und ganz un⸗ erwartet hörte ſie eine freundliche Stimme neben ſich, welche fragte, ob die Großmutter nicht erlaube, daß man ſie beim Aufſtehen und Nachhauſegehen ein klein wenig unterſtütze. Die Stimme kam wie geſagt ganz unerwartet, aber den⸗ noch erſchrak die Großmutter nicht, ſondern ſie nickte viel⸗ mehr gar freundlich mit dem Haupte, ohne Zweifel, weil ihr die Stimme bekannt war. „Ja, mein Junge,“ ſagte ſie;„ich nehme deine Un⸗ terſtützung an, denn wenn ich etwas lange geſeſſen habe, ſo werden meine Glieder etwas ſteif, und möglicherweiſe könnte auch meine Krücke auf den glatten Kirchenplatten ausrutſchen.“ „Aber ich werde nicht rutſchen,“ meinte Peter, der ſich ſeiner Kraft bewußt war.„Doch ich denke,“ fuhr er gleich darauf fort,„wir könnten noch ein paar Minuten verplaudern, bis ſich die Kirche noch mehr entleert hat. Was meint Ihr, Großmutter, zu der Predigt des Pfar⸗ rers? War ſie nicht ſchön?““ „Köſtlich, köſtlich,“ erwiederte die Großmutter. „Er hat ein wahres Wort geſprochen,“ fuhr Peter fort,„als er ſagte, daß ein Menſch ſich doppelt ſtark fühle, wenn er ſeine Pflicht thue. Die Wahrheit dieſes Satzes habe ich an mir ſelbſt erprobt, denn ſeht, als meine Mutter letzthin ſo krank darnieder lag und ich alle Nacht bei ihr wachte, während ich doch zugleich von Morgens früh bis Abends ſpät in der Werkſtatt arbeiten mußte, da dachte ich bei mir ſelbſt: es wird nicht gehen, Peter. Aber dann ſagte ich mir wieder, du mußt wenigſtens dein mög⸗ lichſtes thun, denn es iſt deine Pflicht, und ſo habe ich es denn auch wirklich zu Stande gebracht, eine ganze Woche lang zum Erſtaunen meines Meiſters, der mich von der Arbeit entbinden wollte. Ich habe jedoch das Schlafen wieder hereingebracht, denn als es gleich darauf mit meiner Mutter beſſer wurde, wachte ich vom Samſtag Abend bis Montag in der Frühe gar nicht auf und ſchlief alſo 36 Stunden lang in einer Tour fort,— wollt Ihr mir das glauben?“ „Ich glaub's, ich glaub's,“ erwiederte die Großmut⸗ ter,„denn die Natur will am Ende doch ihr Recht haben.“ Zugleich murmelte ſie leiſe:„er iſt ein guter Sohn und wird ein guter Ehemann werden.“ 53* Auch Anna faßte ſich jetzt ein Herz und ſah dem Peter bewundernd in's Antlitz.„Ein Jeder,“ ſagte ſie, „hätte das nicht durchzuführen vermocht, was Ihr thatet. Man hat Euch aber auch die Ueberanſtrengung wohl an⸗ geſehen, denn Ihr wurdet ganz blaß und hager“. „O,“ erwiederte Peter,„ſo etwas vergeht wieder. Uebrigens habe ich der Sache nicht deßwegen erwähnt, um mich damit groß zu machen, ſondern nur allein deßwegen, um zu zeigen, daß man immer etwas leiſten kann, wenn man nur den rechten Willen dazu hat. Doch ſeht, es iſt nun ziemlich leer geworden in der Kirche, wollen wir alſo nicht jetzt an's Aufbrechen denken, Großmutter?“ „Mir iſt's recht,“ erwiederte die Alte;„aber greift mich etwas ſachte an, Peter.“ Großmütterchens letzter Kirchgang. Und merkwürdig, von der kräftigen Hand des Peter unterſtützt ſtand die alte Frau in einem Augenblick auf den Beinen, ſo daß ſie meinte, es ſei ihr dies ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit nicht mehr ſo leicht geworden. Peter hielt ſie un⸗ ter dem rechten Arme feſt und unter den linken hatte Anna ihre Hand geſchoben. Auf dieſe Art kam die Groß⸗ mutter äußerſt bequem zur Kirche hinaus, viel bequemer, als wenn ſie ſich hätte ihrer Krücke bedienen müſſen; allein auch außerhalb der Kirche ließ Peter ihren Arm nicht los, ſondern fuhr auf dem ganzen Wege in's Dorf hinab fort, ſie zu unterſtützen. Das ließ ſich die Frau auch gar wohl gefallen, und ſie dachte in ihrem Innern:„Mit dem Bur⸗ ſchen ſteht's recht, denn er ſchämt ſich doch nicht, einer alten Frau vor allen Leuten ſeinen Arm zu geben.“ Feierſtunden. 1865. ——— Nachdem ſie eine Weile gegangen, ergriff die Groß⸗ mutter wieder das Wort.„Ei, Peter,“ ſagte ſie,„ich habe gehört, Euer Meiſter habe Euch von freien Stücken im Lohne aufgeſchlagen. Da müßt Ihr wohl ein ſchönes Stück Geld in der Woche verdienen.“ „Das wohl, Mütterchen,“ erwiederte Peter,„allein 5 iſt doch nicht ſo viel, als ich gern verdienen möchte, enn....“ Bei dieſen Worten ſtockte er, aber die Großmutter wußte ihm die Zunge zu lüpfen.„Nun, Peter,“ meinte ſie,„was wolltet Ihr ſagen? Ich denke, einer alten Frau, wie mir, könntet Ihr wohl Euer Vertrauen ſchenken.“ „Ja ſeht, Großmutter,“ entgegnete Peter,„ein Menſch kann doch nicht immer allein bleiben, und überdem will mir der Meiſter, weil er anfängt, alt zu werden, das Geſchäft abtreten. Alſo....“. „Wolltet Ihr heirathen,“ ergänzte die Großmutter. „Ihr habt's getroffen,“ flüſterte der Schmied,„d. h. wenn diejenige, die ich meine, einen ſo ſchwarzen Geſellen wie mich haben möchte.“ Die Großmutter fühlte, wie Anna's Arm unter dem ihrigen bebte, aber ſie nahm anſcheinend keine Rückſicht darauf.„Unter ſolchen Umſtänden,“ erklärte ſie,„müßt Ihr natürlich darauf ſehen, daß Ihr etwas Geld er⸗ heirathet.“ „Ich Geld erheirathen?“ rief Peter.„Ich kenne nur Ein Mädchen, das ich haben möchte, und ob die Geld be⸗ ſitzt, weiß ich nicht; dagegen aber das weiß ich, wenn ich die nicht kriege, ſo nehme ich keine.“ Anna's Arm bebte noch heftiger, ſo heftig, daß die Großmutter unwillkürlich lächeln mußte.„Da wär' ich doch begierig,“ meinte ſie,„welches Mädchen Ihr eigent⸗ lich meint; aber ſiehe da, wir ſind bereits vor meinem Hauſe angekommen, viel ſchneller als ich es nur für mög⸗ lich gehalten hätte; und nun Anna gehe hinein und ſieh,' nach dem Mittageſſen, indeſſen ich noch ein Wörtchen mit dem Peter plaudere.„So,“ fuhr ſie dann leiſe flüſternd fort, indem ſie ihren Mund zum Ohr des Peter hinreichte, „jetzt will ich Euch auch etwas anvertrauen, nämlich das, daß die, welche Ihr liebt, nicht ganz ohne Geld iſt. Oder meint Ihr, ich werde der Anna nichts hinterlaſſen?“ „Großmutter, Großmutter,“ rief Peter mit ſtrahlen⸗ den Augen,„ſo kennt Ihr alſo mein Geheimniß?“ „Geh' zu meinem Sohne, dem Vater der Anna, hinab,“ lächelte die Alte.„Sprich offenherzig mit ihm, und wenn der ja ſagt, ſo komm am Abend herauf zum Kaffee. Dann wollen wir vertraulich mit einander ſchwatzen, und Anna ſoll auch dabei ſein. Verſtehſt du mich, Peter?“ Peters Wangen glühten, und nachdem er die Alte bis an ihre Stubenthüre geleitet, eilte er wie mit Windesflügeln die Straße hinab, um ſich das Jawort von Anna’'s Vater zu holen; die Großmutter aber rief Anna in die Stube herein, damit ſie ihr das große Umſchlagetuch abnehme. „Das war ein herrlicher Kirchgang, Kind,“ ſagte ſie,„ja ein ganz herrlicher Kirchgang! Es iſt wohl mög⸗ lich, daß es mein letzter war, aber ich denke, Gottes Segen hat auf ihm geruht.“ Th. Gr. Feierſtunden. 1865. 421 — ———; die Groj e ſie,„it en Etüt in ſchöne ———————ͤ——y————— t,„allei en möchtt Sroßmutte 1,“ weint alten Frau jenken.“ ein Menſc m will mit as Geſchäft mutter. ſed,„d. h— n Geſelle unter dem Rückſich ſie,„müßf Geld er kenne nut j Gelo be⸗ wenn ich „ daß die wär' ich Ihr eigent or meinen r für mi n und ſich örtchen wi ſe flüſtern hinreichte imlich das iſt. Ode en?“ t ſtrahlen 574 der Anna mit ihm herauf zin Peter? le Alte bi desfligel na's Patet die Sb bnehme. nd,“ agt wohl mög⸗ ttes Segu Terminirende Brüder. Th. Gr 422 —ꝛ—ꝛP4———y—OO Feierſtunden. 1865. ——:——— Terminirende Brüder. (Mit Abbildung auf S. 421.) Im Königreiche beider Sizilien zeigte ſich, bis zur Vertreibung des Königs Franz, die Kirche im höchſten Glanze und in der tiefſten Verehrung von Seiten des Vol⸗ kes, das im Ganzen genommen hier mehr im Aeußerlichen, als im Herzen, vorzüglich aber aus Unwiſſenheit, Gewohn⸗ heit und Vorliebe für alles Pomphafte und Sinnenerregende, ſehr religiös iſt. Der Klerus, deſſen Immunitäten jetzt abgeſchafft ſind, der aber bedeutende Einkünfte und anſehn⸗ lichen Grundbeſitz hat, zählt gegenwärtig 3 Kardinal⸗Erz⸗ biſchöfe, 20 Erzbiſchöfe, 77 Biſchöfe, 35,302 Weltgeiſt⸗ liche, 13,113 Ordensgeiſtliche, 10,943 Nonnen und eine Anzahl von Laienbrüdern und Laienſchweſtern, ſo daß die Geſammtzahl derer, die mehr oder weniger mit der Kirche in Berührung ſtehen, wohl auf 80,000 Köpfe geſchätzt werden kann. Die Einkünfte des Klerus in Neapel wur⸗ den 1849 auf 10,307,000 Dukati berechnet; auf Sizilien dient ein Einkommen von mehr als 3 Millionen Dukati nur zum Unterhalte von 7600 Geiſtlichen; dagegen iſt aber faſt ein Drittel der Bewohner des Landes nicht viel mehr als Bettler. Obwohl die Zahl der Weltgeiſtlichen die der Ordensgeiſtlichen um mehr als das Doppelte überſchreitet, haben doch die letzteren hier ihren Thron, den Sitz ihres Reiches mehr noch aufgeſchlagen, als in Rom; hier len⸗ ken ſie nach Gefallen Köpfe und Herzen und beherrſchen die Familien; beſchützen die, welche ihnen willig und un⸗ terthänig ſind, und zertreten, was ihnen widerſteht. Die niederen Weltgeiſtlichen behandeln ſie, ihrer Macht ſich be⸗ wußt, mit geringer Achtung, und dieſe ſind auch im Allge⸗ meinen bei Weitem nicht ſo reich, als die Ordensgeiſtlichen. Drei Viertel der Weltgeiſtlichen iſt ohne Dienſt und muß ſich kümmerlich von dem Meſſeleſen erhalten. Die Or⸗ densgeiſtlichen werden allgemein für unterrichteter gehal⸗ ten; ſie ſind es auch, die am häufigſten predigen, zur Beichte ſitzen, Kranke und Sterbende tröſten, und die Rolle der Beſchützer und Freunde von Familien übernehmen; ihnen vertraut man ſich in allen Leibes⸗ und Geiſtesnöthen an, Vera⸗ Vera⸗Cruz iſt der einzige erträgliche oder bedeutende Landungsplatz an der Oſtküſte von Mexiko. Seine Nähe verkündet der prachtvolle Pico de Orizaba(in aztekiſcher Sprache„Citlalhepetl“ oder Sternberg, der ſeine nahe an 18,000 Fuß hohe Pyramide mit glänzendem Schneemantel in die Lüfte hebt, und bei halbwegem Winde wirft man, 5 bis 6 Stunden nach Erblicken der rieſigen Kuppe, hin⸗ ter dem Hafenſchloſſe San Juan de Ulua Anker, das auf einer kleinen, der Stadt nahe gegenüber liegenden Inſel, mit einem Aufwande von nahe an 40 Millionen Piaſtern gebaut wurde. Die Schiffe liegen hier ſehr unſicher, der Ankergrund iſt ſchlecht, ein eigentlicher Hafen exiſtirt nicht, und die Tiefe des Meeres erlaubt keine Hafenbauten. Bei eintretendem Norte müſſen daher ſchleunigſt die Anker ge⸗ lichtet und das offene Meer gewonnen werden. Die Küſte bildet an der Stelle, einen vorſpringenden Bogen, hinter welchem ſie ſich wieder nach S. und N. zurückzieht. Alvamado zu, heißt die Pampanos⸗Bai, in die ein kleines wo Vera⸗Cruz liegt, Galleguilla, Die Einbiegung nach Süden, und wo ſie einmal feſten Fuß gefaßt, beugt ſich Alles ihrem Willen. Die jungen Mönche ſtehen in der Regel in ge⸗ ringerem Anſehen, werden auch nur ſelten in vornehmere Häuſer aufgenommen, etwa vorkommende Unbeſonnenheiten aber ſtets mit Nachſicht auf Rechnung ihrer Jugend ge⸗ ſchrieben; wenn ſie einmal das vierzigſte Jahr überſchritten haben, ſind ſie ſchon geſetzter, und werden dann auch hoch geſchätzt. Eine gravitätiſche Würde, eine Ernſthaftigkeit ohne Strenge, eine gewiſſe Art, abgewogene Worte ohne Affektation zu ſprechen, ein imponirendes Benehmen ohne Uebermuth iſt bei allen Ordensgeiſtlichen vorherrſchend. Sie zeigen Demuth und Beſcheidenheit, ſind dienſtfertig, gefällig, überredend, und wiſſen überall Vertrauen zu er⸗ wecken, ſo daß ſie auch in allen Häuſern gut aufgenom⸗ men und mit gerechter Achtung behandelt werden. Daher auch ihr bis jetzt ſo feſt gegründeter allgemeiner Kredit; daher ihr ſo mächtiger Einfluß, ſelbſt auf Staatsgeſchäfte. Sie ſind aber nicht mit Unrecht auch eiferſüchtig auf ihre Macht, bieten alle Kräfte auf, um ſie zu behaupten, und ſind es, die am meiſten den Weltgeiſtlichen entgegen wir⸗ ken, die lieber vom Staate geſchützt und beſoldet, als von Rom abhängig ſein wollen. Zahlreiche Bettlerorden, die auf jedes Eigenthum ver⸗ zichteten, Armuth gelobten, und ihren Unterhalt durch Ein⸗ ſammeln freiwilliger Geſchenke erwerben, ſchicken ihre ter⸗ minirenden Brüder nach allen Richtungen aus, finden überall offene Herzen und Hände, und ſelbſt die neuen politiſchen Verhältniſſe in Italien, die ſcheinbar eine proteſtantiſche Richtung annehmen, haben noch nicht vermocht, die Ein⸗ nahmen der auf freiwillige Gaben angewieſenen Mönche, die gleich mit Karren ausziehen, um die Gaben bergen zu können, zu ſchmälern. Ein Schwarm von Laienbrüdern durchzieht das Land, die Theilnahme der Gläubigen rege zu erhalten, und Schaaren von Mönchen und Nonnen ziehen zu allen Stunden durch die Straßen Neapels, per le anime del purgatorio Almoſen zu ſammeln. 2. Cruz. Flüßchen mündet; etwas ſüdlicher, an einer zweiten Bucht, liegt die Punta de Mocambo. Die Einbiegung nach Nor⸗ den heißt die Vergara⸗Bai, die das Flüßchen gleichen Na⸗ mens aufnimmt. Weiterhin tritt das Ufer wieder mehr in die See hervor, und endet in der Bluff⸗Point, und etwas nördlich davon in der Punta gorda. Fünfhundert bis achthundert Fuß von der Küſte iſt das Meer überall ſeicht; unmittelbar vor der Stadt lagert ſich eine Reihe von Sandbänken(shoals), und weiter ſeewärts ſind links und rechts Felſen, zwiſchen denen nur der Mitte der Stadt und dem Molo gegenüber ein Durchgang mit Sandboden frei bleibt. Noch mehr öſtlich der Stadt gerade gegenüber, etwas breiter als ſie, liegt die große Bank Gallega, auf deren nordweſtlicher Ecke das Fort San Juan de Ulua ſich erhebt. Weſtlich von der großen Bank folgt die Bank und ſüdweſtlich von ihr die nur wenig über dem Waſſer ſichtbare Bank Blanquilla; in gerader Linie mit dem Weſtende der Gallega nach Süden die Bank La Lavandera, und ſüdweſtlich von dieſer die Hornos⸗Spitze. — Geht n ſo folge dineben medio, Anegade jen U S'iffe mannter un ſo gerade men, Nolo 1 bar g karzer von d Kano ſenſac obwo⸗ nur! zuneh⸗ feuer ſält heros Die Fern jaft ten Den von d ein ſpru klein der 8 Lei un veige ner eine ſtün es ihrem l in ge⸗ rnehmere nenheiten dend ge⸗ richritten auch hoch thaftigkeit orte ohne nen ohne errſchend. enſtfertig, en zu er⸗ ufgenom⸗ Daher Kredit; geſchäfte. auf ihre ten, und egen wir⸗ „als von thum ver⸗ urch Ein⸗ ihre ter⸗ müberall blitiſchen ſtantiſche die Ei⸗ Münche, bergen zu jenbrüdern bigen rege nen ziehen le anlIe Feierſtunden. 1865. —— 11 Geht man von der Punta Mocambo gerade nach Oſten, ſo folgen auf einander die Bank und Inſel Sacriſicios, daneben nach Norden eine Untiefe, die Bank Arecife del medio, die Bank und Inſel Isla verde, und die Bank Anegada de dentro. Der beſte Ankerplatz befindet ſich zwi⸗ ſchen Ulua, der Stadt und der Lavandera, wo auch alle Schiffe beiſammen liegen. Das Einlaufen in dieſen ſoge⸗ nannten Hafen muß mit großer Behutſamkeit geſchehen, um ſo mehr, als die Lootſen, deren hier nur zwei ſind, gerade bei ſtürmiſchem Wetter ſich der Schiffe nicht anneh⸗ men, ſondern ſich gern damit begnügen, ihren Lauf vom Molo aus mit dem Fernrohre zu beobachten. Für den Hafen und die Stadt iſt das für uneinnehm⸗ bar gehaltene Schloß San Juan, das gleichwohl 1838 nach kurzem Bombardement von den Franzoſen genommen wurde, von der größten Wichtigkeit. Es iſt geräumig, führt 366 Kanonen und Mörſer, enthält ein Zeughaus, einen Waf⸗ fenſaal, ſchöne Wohnungen für tauſend Mann Beſatzung, obwohl ſelten mehr als die Hälfte präſent iſt, vermag aber nur Lebensmittel für 1200 Mann auf zwei Monate ein⸗ zunehmen, und ſeine Ciſternen ſollen bei ſtarkem Kanonen⸗ feuer ihr Waſſer durch Spalten verlieren. Außerdem ent⸗ hält es Hütten für Handwerker und die ſogenannten Van⸗ cheros del Caſtillo, die hier ihre Buden aufgeſchlagen haben. Die quadratförmigen Feſtungswerke nehmen ſich in der Ferne als ein hübſches, regelmäßiges Ganzes ſehr vortheil⸗ haft aus, weniger in der Nähe, wo die Spuren der älte⸗ ren Beſchießungen immer wieder zum Vorſchein kommen. Den Mittelpunkt bildet eine Sternſchlange; rings herum, von dem Innern durch einen Kanal ohne Brücke getrennt, läuft ein Wall mit zwei Eingängen von N. und S. Die Oſtflanke hat eine beſondere Vormauer mit Thor. Am weſtlichen Ende der nördlichen Flanke, auf einem viereckig⸗ ten Aufſatz, ſteht der grüne Leuchtthurm, auf dem aber nur ſelten ein Feuer unterhalten wird. Auf der Weſtſeite und etwas nach Norden ſind unten an der äußerſten Mauer große eiſerne Ringe angebracht, deren ſich manchmal die Schiffe bedienen, um nicht von Anker getrieben zu werden; und am ſüdlichen Ende dieſer weſtlichen Flanke erhebt ſich über die äußere Mauer eine innere mit Baſtei und Thurm. Die ſüdliche Flanke ſchließt eine Palliſadenreihe, über die ein Haus emporragt. Der Name Ulua iſt aztekiſchen Ur⸗ ſprungs. Als Grijalva am Johannistage 1518 auf der kleinen, oft vom Meere überſchwemmten Sandinſel landete, der er den Namen des Heiligen und zugleich ſeinen eigenen, San Juan, gab, fand er daſelbſt zwei friſch geopferte Leichname, und als er durch Zeichen die Indianer nach der Urſache des Opfers fragte, antworteten ſie, nach Weſten zeigend, mit dem Worte„Acolhua“(der Name der Bewoh⸗ ner des mexikaniſchen Thales), um anzudeuten, daß es auf einen Befehl von dorther geſchehen ſei. Dies Wort ver⸗ ſtümmelten die Spanier in Ulua(es darf daher weder Ulloa noch Uloa geſchrieben werden) und nannten die Inſel zum daher der Name Sandhügel von einer halben eng⸗ Inſel. vi hen Meile Länge, teeren von Indiänern, ngeen aus dem Alterthume und. Die durch das Fort geſchützte Stadt Vera⸗Cruz, die rößte der Oſtküſte, betritt man, vom Molo aus, an dem 423 man landet, und der von Kaufleuten, Indianern und Sol⸗ daten wimmelt, durch das Waſſerthor. Obwohl ſie für gewöhnlich eine Garniſon von 1500 Mann enthält, iſt ſie ſo gut wie gar nicht befeſtigt. Eine 10 Fuß hohe und 3 Fuß dicke Mauer aus Madreporen⸗Kalkſteinen, die dem Meere entnommen ſind, umgibt dieſelbe, und ſtatt eines Außenwerkes oder wenigſtens guter Gräben, iſt dieſe mit einer dichten, 10—12 Fuß hohen Hecke von Nopal⸗Cactus und Mimoſen eingefaßt, die höchſtens gut iſt, das Vieh abzuhalten oder Deſertionen über die Mauer zu verhindern. Unmittelbar an der Küſte, an der Stelle des alten Chalchiuhuncan, welches zu der Provinz Cuntlachtlan ge⸗ hörte, gelegen, iſt das jetzige Vera⸗Cruz die dritte Stadt ihres Namens, denn Cortez baute 3 Leguas von Cem⸗ poallan die Stadt Villa Rica de le Vera⸗Cruz; dieſe wurde ſchon nach drei Jahren wegen der ungeſunden Lage ver⸗ laſſen, und ſüdlich von ihr die Villa Antigua de le Vera⸗ Cruz(auch blos Antigua genannt) gegründet; aber auch dieſe wurde wegen der Verheerungen des gelben Fiebers auf⸗ gegeben, worauf im Jahre 1580 der Vicekönig Monterey die jetzige Stadt erbaute und ſie, zum Unterſchied von der verlaſſenen, Villa nueva de le Vera⸗Cruz nannte. Von Philipp 1615 zur Stadt erhoben, iſt ſie ſchön und regel— mäßig gebaut, ihre Länge von Norden nach Süden, längs dem Meere, bedeutend gegen die geringe Breite von Oſten nach Weſten, daher die mit der Küſte gleichlaufenden Straßen lang, die dieſelben rechtwinklich durchſchneidenden Straßen aber ziemlich kurz. Die Straßen ſind breit, gut gepflaſtert, zum großen Theil mit Trottoirs verſehen und ſo lange reinlich, als die Zopilotti ihre Schuldigkeit thun, die in bedeutender Anzahl in allen Straßen ſitzen, um die dort liegenden Cadaver gefallener Thiere mit Heißhunger zu verſchlingen. Die Häuſer ſind meiſt nur zweiſtockig, in ſpaniſchem Style, und da es in der Umgegend keine Steine gibt, von den aus dem Meere genommenen Modreporſtei⸗ nen oder aus Lava erbaut; große dreiſtockige Häuſer ſieht man blos in der Hauptſtraße(calle principal), die größ⸗ tentheils von fremden Kaufleuten bewohnt wird. Die Dächer ſind flach, die Farbe der Häuſer meiſt weiß, außer weni— gen, die, wie das große Franziskanerkloſter, roth ange⸗ ſtrichen ſind; die Fenſter ſind zum Theil ohne Glas und haben ſtatt deſſen im unteren Stock hölzerne Gitter; im oberen Stock gehen ſie gewöhnlich auf einen Balkon, und alle werden durch innere Läden geſchloſſen. Durch die mit Schießſcharten verſehene Stadtmauer führen, außer dem Waſſerthore, drei Landthore, im Norden eins auf die Straße nach Mexiko(zunächſt nach Santa Fé), das ſüdliche nach Alvarado, und das mittlere nach Orizaba, die ſämmtlich um 10 Uhr geſchloſſen werden. Acht Bollwerke ſchützen, außer dem Schloß San Juan, die Stadt; die bedeutend⸗ ſten derſelben ſind, am Nordende der Stadt das Fort San Carlos, am Südende das Fort Santiago, beide an der See, und Santa Catalina.. In der Stadt befinden ſich zwei freie Plätze, die Plaza mayor, auf die man unmittelbar durch das Waſ⸗ ſerthor eintritt, ein großer viereckiger Platz zwiſchen der öſtlichen Mauer und der erſten ihr gleichlaufenden Häuſer⸗ reihe, der als Ladungsplatz für die ein⸗ und abgehenden Waaren und als Sammelplatz für die in's Innere gehen⸗ den Arriero's wichtig iſt, und die Plaza de mercado, ſchlechtweg Plaza genannt, ein ſchönes Quadrat in der Mitte der Stadt, von anſehnlichen Gebäuden, worunter das Gouvernementshaus und die Domkirche, und plumpen Bogengängen(portales) umſchloſſen, in denen man —— —— 424 — Abends und zu jeder Zeit vor der Witterung geſchützt, an⸗ genehm auf⸗ und abwandeln kann. Kirchen zählt man ſieben, darunter die Domkirche Parroann), welche weniger reich ausgeſtattet als andere Kirchen des Landes iſt. Mönchs⸗ klöſter ſind vier vorhanden, von denen das von San Fran⸗ cisco das größte und ſtattlichſte iſt. Frauenklöſter gibt es nicht. Die Kirchen und Klöſter gewähren durch ihre brei⸗ ten Kuppeln einen impoſanten Anblick. Die Stadt hat ein Theater, das aber, wie man leicht denken kann, von kei⸗ nem Belang iſt, und an öffentlichen Inſtituten zwei Hoſpi⸗ täler und fünf Schulen, in denen aber nur Leſen, Schrei⸗ ben, Rechnen und Religion gelehrt wird; für weitere Bil⸗ dung muß Gaſthöfen fehlt es nicht, doch nur man zur Noth zufrieden ſein kann. Sociedad, auf der Seelen geſchätzt, rend der Fieberzeit Viele nach Fälapa wandern, Feierſtunden. 1865. ————ö man nach Puebla oder Mexiko gehen. An wenige ſind, mit denen Die Einwohnerzahl von Vera⸗Cruz wird auf 10,000 i*ſt aber durchaus nicht konſtant, da wäh⸗ und viele 4'' = A 1 1r 1 1 A analf Die Plaza de mercado in Vera⸗Cruz. Fremde, Arrieros ꝛc. nur einen unbeſtimmten Aufenthalt hier haben. In den Straßen ſieht man eine Bevölkerung, deren Hautfarbe durch alle Abſchattungen vom tiefſten Schwarz bis zum Porzellan⸗Teint einer Engländerin ver⸗ ſchwimmt; Indianer halb nackt, doch meiſt immer beſchäf⸗ tigt und thätig; mexikaniſche Criollos(Creolen) in ihre Serapes(bunte, handgewebte Wolldecken) gehüllt, die Papier⸗ Cigarre im Munde, einzeln oder in Gruppen, ſchweigſam und mißtrauiſch herumſtehend. Hin und wieder kommt ein langer Zug Maulthiere oder Eſel die Straße her, mitunter auch wohl Reiter, bewaffnet, mexikaniſchen Pferden, den obligaten Lazo am Sattel und die Bügel mit langen herabhängenden Lederlappen verſehen, zum Schutze gegen die gefährlichen Sandflöhe und Fußläuſe. Ungeſund im höchſten Grade, vervollſtändigt die Um⸗ gebung der Stadt, eine reine Sandwüſte, in der die Winde ſogar die Spur der Wege augenblicklich verwehen, jenes Bild des Todes, das in dieſem Orte Einem in mehrfacher Geſtalt entgegenblickt; wäre nicht der impoſante Anblick der See und tauchte nicht dann und wann, wenn die Luft rein iſt, die reicheres Leben verſprechende Kordillerenkette dg, dem mißmuthigen Blicke auf, ſo wäre Vera⸗Cruz mitötf auf kleinen, aber trefflichen nem gelben Fieber der unglückſeligſte Aufenthalt zu nenah den es geben könnte. 2. † Das beſte iſt die Gran Plaza mayor, ein ſtattliches Gebäude, das ſich durch freie Ausſicht auf das Meer, den Hafen und das Schloß auszeichnet, und eine andere empfehlenswerthe Poſada iſt der Meſon del Coſio, dem nördlichen Ausgange ſi der Calle principal gegenüber, zu gleicher Zeit ein Parage de arrieros. — deſelben ſcchsſ ſegen L ih an rum o as ſch lhen. à mit denen die Gra Gebäud, dafen un enswerthe Ausgang in Parage Feierſtunden. 1865. — 425⁵ —————ͤ ——— Das germaniſche Muſeum in Nürnberg. Im Jahre 1852 wurde auf den Antrag des Freiherrn won Aufſeß auf der zu Dresden abgehaltenen Verſammlung dutſcher Geſchichts⸗ und Alterthumsforſcher die Gründung änes allgemeinen deutſchen Muſeums beſchloſſen. Als Zweck dſſelben wurde feſtgeſetzt: die Förderung der deutſchen Ge⸗ wurde von dem„deutſchen Bunde“ das germaniſche Mu⸗ ſeum, zu deſſen Sitze vorläufig Nürnberg beſtimmt worden war, als ein für die vaterländiſche Geſchichte wichtiges nationales Unternehmen, der ſchützenden Theilnahme und wohlwollenden Unterſtützung der höchſten und hohen Regie⸗ rungen empfohlen. Der Herzog von Koburg⸗Gotha bot ichtsſchreibung, namentlich die Herausgabe aller vorhan⸗ hute 3 dem Muſeum die Veſte Koburg zum Sitze an, ebenſo der denen Quellenſchriften, einen Geſammtüberblick über das d ſch anſammelnde Material zu gewinnen und ein Reperto⸗ Herzog von Sachſen⸗Weimar die Wartburg. Es fand ſich tum aller Quellen und Hülfsmittel, ſowohl der bildlichen indeſſen Gelegenheit, in Nürnberg ſelbſt ein geeignetes als ſchriftlichen, aufzuſtellen. Schon im folgenden Jahre Lokal zu erwerben. Dies war die ſogenannte Karthauſe, uf 10000 da wiß⸗ und viele uprmnch T Mh ſ 8- rf fiffr ſſ fi fff in im Jahr 1380 von dem Nürnberger Altbürger Wen⸗ dl unter dem Namen Mariazell geſtiftetes Kloſter, deſſen Prior und Konvent 1525 zur Reformation übertraten, „worauf der Grundbeſitz der Stadt zufiel. Im Jahr 1857 gurde die Karthauſe dem Muſeum gegen einen Kaufpreis von 15,000 fl. überlaſſen, woran ein Drittheil ſofort er⸗ legt wurde. Als jedoch 1861 die bayeriſche Regierung einen zuſchuß von 20,000 fl. bewilligte, wurde der Grundbeſitz ds Muſeums frei und ſämmtliche zum Kloſter gehörigen en Freuzgänge nebſt den von denſelben umſchloſſenen Gärten (er Anſtalt von der Stadt als Geſchenk überlaſſen. Viele detſche Regierungen, Städte, Perſonen regierender Häu⸗ li und Privaten ließen dem Muſeum werthvolle Geſchenke ter Art zugehen, und bewilligten demſelben jährliche Bei⸗ nge, 000 fl. belaufen mögen. Auch der weitere Ausbau und e Reſtauration der Karthauſe fand lebhafte Feierſtunden. 1865. Unſere Abbildung zeigt denjenigen Theil der weitläu⸗ figen Gebäulichkeiten der Karthauſe, der beim Eintritt durch das Thor in den Vorhof ſichtbar wird, nämlich die Kloſter⸗ kirche und einige Nebengebäude derſelben. Die Beſucher, denen das germaniſche Muſeum unentgeldlich geöffnet iſt, werden zuerſt in den großen gewölbten Kreuzgang, die Grab⸗ ſteinhalle, geführt, in welchem Grabmäler und Ornamente, theilweiſe in Gypsabgüſſen, aufbewahrt werden. Von hier betritt man die große Kunſthalle, die ehemalige Karthäuſer⸗ kirche, welche Gemälde, Skulpturen, Schnitzwerke, Teppiche enthält. Die Sakriſtei weist in Originalſtücken Alles auf, was zu gottesdienſtlichen Handlungen früher erfordert wurde. Hier ſteht auch der koſtbare Schrein der ſogenannten Reichs⸗ ſo daß ſich ſeine jährlichen Einkünfte auf mindeſtens Unterſtützung. tet zum innern Kreuzgang, der Waffenhalle reliquien. Die der Sakriſtei gegenüberliegende Kapelle iſt mit Altären, Meßpulten ꝛc. ganz nach altem römiſch⸗katho⸗ liſchem Ritus eingerichtet. Die Hauptthüre derſelben lei⸗ des Muſeums. 54 426 ——ꝛ———— Der Hofraum zeigt die Wappenſchilde der deutſchen Bun⸗ desſtaaten, in der Waffenhalle ſelbſt hängen die der übri⸗ gen germaniſchen Stammesgenoſſen. Aus einer gegen Oſten ſich öffnenden Seitenthüre erblickt man einen altdeutſchen Blumengarten. In einem gewölbten Anbau der Waffen⸗ halle befindet ſich das Antiquarium, eine Sammlung von Ausgrabungen, und in einem angrenzenden Gemache eine Sammlung von Folterwerkzeugen. In der„Frauenhalle“, dem früheren Refektorium der Karthäuſer, iſt in ſinniger Zuſammenſtellung eine der intereſſanteſten Sammlungen des Muſeums vereint: ſämmtliche Gegenſtände derſelben gehören nämlich dem Hausweſen der Vorzeit an. Eine Treppe höher befindet ſich der Kunſtſaal, zu welchem man durch Geſchäfts⸗ und Repertorienzimmer, das Münz⸗ und Siegelkabinet gelangt. Hier erfreut ſich der Beſucher zahl⸗ reicher kleinerer Kunſtwerke, Skulpturen, Schnitzwerke, der ſehr bedeutenden Kupferſtich⸗ und Holzſchnittſammlung ꝛc. Auch euthält dieſer Saal eine Anzahl Münzen und Siegel. Am Ausgange des Kunſtſaals führt eine Thüre zu der Empore, dem ſogenannten Mufikchor, wo eine Sammlung alter muſikaliſcher Inſtrumente aufbewahrt wird. Am Ende des Bibliothekſaals iſt das Handſchriftenzimmer gelegen, wo zugleich Incunabeln und Muſikalien aufbewahrt werden. Die ſämmtlichen Sammlungen zeichnen ſich durch eine vor⸗ zügliche, nach feſten Grundſätzen durchgeführte Ordnung aus. Andere Lokale ſind das auch zum Konferenzlokal die⸗ Die Schlacht Die alte Kaiſerſtraße, ſo genannt von den vielen Heer⸗ zügen, welche Deutſchlands Kaiſer von Mailand über Bres⸗ cia und Mantua nach Mittelitalien ausführten, bildet in ihrem Mittelſtück zwiſchen den Flüſſen Chieſe und Mincio die Südgränze eines Hügellandes, das vom Gardaſee und dem Minciothale ſanft aufſteigend gegen Südweſten ſich er⸗ hebt und in dem halbkreisförmigen Bogen von Volta über Cavriana, Solferino, le Grole, Eſenta bis Lonato in ſchroffen, bis zu 400 Fuß hohen Hängen und Terraſſen gegen die Poebene abfällt. Jenes Hügelland iſt von viel⸗ fach verworrenen Höhenzügen durchſetzt, vom Thal des Redone und deſſen Nebenbächen bewäſſert, die Höhen mit Dörfern, Weilern und zahlloſen Cascinen gekrönt, alle Hänge mit Reben dicht bepflanzt und von Weinbergmauern durchſchnitten. Den Kernpunkt des Außenwalles bildet die Rocca von Solferino mit einem uralten viereckigen Wart⸗ thurme— der Spia d'Italia—, welche weithin ſichtbar iſt und einen großen Theil der oberitalieniſchen Ebene be⸗ herrſcht. Von hier aus ziehen vielfach gewundene Schluch⸗ ten nördlich an den Redonebach, weſtlich gegen le Grole, ſüdlich nach der Kaiſerſtraße und dem Orte Caſſiano, von woher der Punkt Solferino am eheſten zu erſteigen iſt. Das Dorf ſelbſt wie die meiſten italieniſchen Ortſchaften aus Stein erbaut, ſteigt aus der engen Schlucht terraſſen⸗ förmig aufwärts und trägt auf der Höhe außer jener Rocca nördlich derſelben das feſtumſchloſſene Kaſtell, wo früher die Herren von Solferino hausten, mit Park(er heißt in den franzöſiſchen Schlachtberichten der„Cypreſſenhain“), den Feierſtunden. 1865. nende Generalrepertorium, das alterthümlich ausgeſtattete Zimmer der Vorſtände, das Archiv, die Kanzlei, die Lokale der Bibliothekare, die Ateliers, die literariſch⸗artiſtiſche An⸗ ſtalt, die Buchbinderei u. a. Häufiger als Archiv und Bibliothek wird von den Beſuchern, zumal nach der langen erſchöpfenden Wanderung durch die verſchiedenen Abtheilungen des Muſeums, die alterthümliche, originell ausgeſtattete Trinkhalle betreten, welche einen Theil der Wohnung des Hausmeiſters bildet. Jeder, der auf irgend eine Weiſe zur Förderung des Un⸗ ternehmens beigetragen, wird in der Herrentrinkſtube mit einem friſchen Trunk und einem frugalen Imbiß bewirthet. Die Bibliothek des Muſeums enthält mehr als 50,000 Bände, von welchen in den letzten Jahren ein großer Theil benützt und auch zum Gebrauche nach aus⸗ wärts abgegeben wurde. Das für wiſſenſchaftliche Anfra⸗ gen im Muſeum errichtete Bureau gibt auf die zahlreich einlaufenden geſchichtswiſſenſchaftlichen Fragen in den mei⸗ ſten Fällen befriedigende Antwort. Eine beſondere Thätig⸗ keit bethätigt und bewährt dieſes Nationalmuſeum in ſeiner Eigenſchaft als Zufluchtsſtätte und Rettungshaus obdach⸗ los gewordener Denkmäler deutſcher Vorzeit. Manches Dokument, Denkmal oder Kunſtwerk, das vielleicht ver⸗ loren oder zu Grunde gegangen wäre, erfreut und belehrt hier den Forſcher. C. K. bei Sofferino. werth außer den genannten ſind die Ortſchaften Caſtiglione, Guidizzolo, Guito an der Hauptſtraße, Medole, Caſtel Goffredo ſüdwärts derſelben.. Es war nicht das erſtemal, daß beſagter Landſtrich die Kämpfe größerer Armeen mit angeſehen hatte. Schon Na⸗ poleon I. hatte in ſeinem Erſtlingsfeldzuge 1796 bei Caſtig⸗ lione und Valeggio Siege gegen Oeſtreichs Heere erfochten; ſeinem Neffen war es 1859 beſchieden, auf dieſem Schlacht⸗ felde den eigentlich entſcheidenden Sieg von Solferino gegen Kaiſer Franz Joſeph zu erringen. Nachdem das tapfere öſtreichiſche Heer unter des unfähigen Giulay Leitung im Anfange des Feldzugs nur Schlappen wie die von Mon⸗ tebello, Paleſtro, Magenta, Melegnano davongetragen, nach⸗ dem es die Lombardei verloren hatte und hinter den Mincio retirirt war, hatte Kaiſer Franz Joſeph ſelbſt den Ober⸗ befehl übernommen. Statt wie die Franzoſen vermutheten, den Feind in dem berühmten Feſtungsviereck als Verthei⸗ diger zu erwarten, hatte er im vollen Vertrauen auf den ſchloſſen, den Gegner jenſeits des Mincio anzugreifen. Demgemäß war daſſelbe am 23. Juni über den Fluß ge⸗ dieſe Theilung war ein Nachtheil, denn ſie beeinträchtigte die Einheit der Leitung, wie denn im Verlaufe der Schlacht ſelbſt von einer Oberleitung des Ganzen kaum die Rede war. Die erſte Armee als linken Flügel des Heeres kom⸗ mandirte Feldzeugmeiſter Graf Wimpffen; ſie zöhlte das ummauerten Kirchhof und den ganz geſchloſſenen Weiler San Martino. Auch die Ebene am Fuße dieſer Hügel⸗ reihen bietet mit ihren Obſtwäldern, Maulbeerhecken, Grä⸗ ben und Waſſerläufen, wie mit ihren zahlloſen Höfen und Landhäuſern ein ächtes Bild italieniſcher Kultur; nennens⸗ III. Armeekorps(Fürſt Schwarzenberg), das IX.(Graf eaaidatiche)⸗ das XI.(Weigl), das II.(Fürſt Lichten⸗ ſtein) und die Reſervkavallerie⸗Diviſion Zedtwiz. Die zweite Armee mit dem VIII. Armeekorps(Benedek), dem V.(Gr Stadion), dem I.(Graf Clam Gallas), dem II. Kriegsmuth und die Kampfluſt ſeines trefflichen Heeres be⸗ gangen und hatte 2—3 Meilen weſtlich davon ſein Lager bezogen. Eingetheilt war es in zwei Armeen, und ſchon der hatte probt reichi terie men Maꝛ 188 —-————2e ————,—- ⸗ —x usgeſtattete die kakal ſtiſche An⸗ von den Vanderung eums, die betreten, ers bildet. 9 ds Un⸗ niſtube mit bewirthet. mehr als Jahren ein nach aus⸗ iche Anfra⸗ ie zahlreich n den mei⸗ re Thätig⸗ n in ſeiner us obdach⸗ Manches lleicht ver⸗ und belehrt C. K. LCoſtiglione, dle, Caſtel andſttich die Schon Na⸗ ͤbei Caſtig⸗ e erfochten; m Schlacht⸗ erino gegen das tapfere Leitung im von Mol⸗ agen, nach⸗ den Mincio den Ober⸗ Feierſtunden. 1865. —————— —— der ſich als Jägerobriſt anno 1848 ſo ſehr ausgezeichnet hatte) und der Reiter⸗Diviſion Mensdorf befehligte der er⸗ probte Graf Schlick, der Sieger von Kaſchau. Ein öſt⸗ reichiſches Armeekorps beſteht durchſchnittlich aus 2 Infan⸗ teriediviſionen mit den erforderlichen Hülfswaffen, zuſam⸗ men aus 24 Bat., 16 Schwadr., 11 Batterien= 28,000 Mann. Das geſammte Heer zählte 170 Bat., 88 Schw., 188,344 Mann mit 17,796 Pferden und 810 Geſchützen, von denen aber in der Schlacht nur 360 zur Verwendung kamen. Daß eine ſo gewaltige Armee nicht auf einem Raume beiſammen lagern kann, wird unſeren Leſern ſo⸗ gleich einleuchten, wenn ſie bedenken, daß das Herbeiſchaf⸗ fen der voluminöſen Lagerbedürfniſſe an Trinkwaſſer, Feue⸗ rung, Stroh und Viehfutter für ſo Viele eine Unmöglich⸗ keit wäre. So lagerten denn auch die öſtreichiſchen Korps geſondert von einander auf einer Linie, welche von Pozzo⸗ lengo über Solferino, Guidizzolo bis Goffredo 3 M. maß; jedes derſelben ſicherte ſeine Nachtruhe durch Ausſtellung von Vorpoſten, welche eine ſo ziemlich zuſammenhängende Linie von Schildwachen und Vedetten(Reiterpoſten) bilde⸗ ten. Am folgenden Tage, dem 24., ſollte der Weiter⸗ marſch gegen die Chieſe fortgeſetzt werden. Auch die franzöſiſche Armee wurde von Kaiſer Napo⸗ leon III. in eigener Perſon befehligt, welcher hier zum erſtenmal in ſeinem Leben im Felde kommandirte. Sie zer⸗ fiel in vier Armeekorps, deren erſtes Marſchall Baraguay d'Hilliers, der Sieger von Bomarſund, befehligte; das zweite kommandirte Mac Mahon, der Erſtürmer des Ma⸗ lakoff, für ſein glückliches Eingreifen in die Schlacht von Magenta zum Marſchall ernannt; das dritte Canrobert, der ſich in der Krim den Marſchallsſtab geholt; das vierte Marſchall Niel, der die Belagerung von Sebaſtopol als Geniedirektor geleitet hatte. Im Ganzen zählten die Fran⸗ zoſen in Italien gegen 130,000 Mann, von denen aber in vorliegender Schlacht nur ⅛ zur Verwendung kamen. Ihre Armee beſtand meiſt aus lauter Kerntruppen, die ſich im Felde oder durch langes Lagerleben abgehärtet hatten; ihre Generale waren faſt alle aus der Zahl jener entnom⸗ men, die ſich in Algier emporgeſchwungen und ſchon in der Krim ſelbſtſtändige Kommando's bekleidet hatten. Dieſer große Vorzug war der ſonſt ſo trefflichen öſtreichiſchen Armee, welche auf dieſem Kriegsſchauplatze meiſt aus jun⸗ gen Truppen beſtand, viel weniger gemein. Noch weniger der ſardiniſchen Armee, welche in der Stärke von 60,000 Mann und 180 Geſchützen unter König Viktor Emmanuel in's Feld gerückt war und ſich an Qualität mit keiner der beiden obigen meſſen konnte. Franzoſen und Sardinier waren nach der Magentaſchlacht in langſamen Märſchen durch die Lombardei vorgerückt, wo nur noch das Nachhuts⸗ gefecht von Melegnano gegen die retirirenden Oeſtreicher geliefert wurde; am 23. waren ſie an und über die Chieſe gerückt und hatten am Abend dieſes Tages folgende Poſi⸗ tionen inne. Die Piemonteſen auf dem äußerſten linken Flügel bei Lonato an der Brescianer Eiſenbahn, das I. franzöſiſche Korps bei Eſenta, das II. bei Caſtiglione, das IV. bei Carpenedolo— dieſe alle ſchon jenſeits der Chieſe nebſt dem Hauptquartier und den Garden, welche in Montechiaro ſtanden; nur Canrobert mit dem III. ſtand noch dieſſeits des Fluſſes. Napoleon war weit entfernt, am folgenden Tage eine Schlacht zu erwarten; er dachte die Oeſtreicher erſt jenſeits des Mincio in ihren befeſtigten Stellungen zu treffen, und en den 24. Juni hatte er zum Vorrücken an den Mincio „mt. Dieſes Vorrücken ſollte mit verſammelter Kraft 427 derart geſchehen, daß Canrobert zuäußerſt rechts über die Chieſe und bis Medole gehen, Niel links neben ihm von Carpenedolo auf Guidizzolo, Mac Mahon in der Mitte von Caſtiglione auf Cavriana, Baraguay links von Eſenta auf Solferino, die Piemonteſen endlich als linkes Flügel⸗ korps gegen Pozzolengo und Peschiera rücken ſollten. Nur den Franzoſen, deren Nachläſſigkeit im Vorpoſtendienſt in allen ihren Feldzügen ſprüchwörtlich geworden, konnte es paſſiren, daß ſie nicht wußten, wie die öſtreichiſchen Vor⸗ poſten theilweiſe nur 1 ½ Stunden von ihnen entfernt ſtan⸗ den; bei dieſer Unkenntniß war es ein Glück, daß Napo⸗ leon ſeine Korps ſo nahe beiſammen hielt, denn ſo konnte er auch beim Zuſammenſtoßen mit dem Gegner ſich um ſo raſcher zum Kampf entwickeln. Und zum Zuſammenſtoße mußte es kommen, ob er nun allein oder ob beide Gegner gemeinſam vorrückten; hieraus mußte ſich das entwickeln, was man ein Rencontre nennt, d. h. den Kampf zweier Gegner, welche unverſehens auf einander platzen. Solche Kämpfe geben dem Feldherrn die beſte Gelegenheit, Geiſtes⸗ gegenwart, Beſonnenheit und raſchen Entſchluß zu bethäti⸗ gen; auch kamen dieſe Eigenſchaften auf franzöſiſcher Seite allerdings, weniger aber auf öſtreichiſcher zum Vorſchein. Wegen der großen Hitze, welche den ganzen Sommer 1859 herrſchte, ſollten die Franzoſen ſchon Morgens 2 Uhr aufbrechen; auch hieraus ergab ſich ein für die Oeſtreicher nachtheiliger Umſtand. Bei den Franzoſen herrſcht die prak⸗ tiſche Sitte, vor jedem Marſche warmen Kaffee zu genießen; den Reſt der Tagesportion füllt ſich der Mann in die Feld⸗ flaſche. Die Oeſtreicher hatten ſchon unter Radetzky die Gewohnheit angenommen, im Feld am frühen Morgen ab⸗ zukochen und das Mahl des Tages zum Voraus zu genießen, um dann ohne Unterbrechung marſchiren oder fechten zu können. Dieſe bei kinem nicht ſehr thätigen Gegner ganz gute Angewöhnung wurde ihnen diesmal zum Verderben. Sie hatten Befehl, nach dem Abkochen um 9 Uhr Morgens aufzubrechen; da aber das Schießen ſchon um 5 Uhr begann, ſo kam es gar nicht zum Abkochen, und ihre tapferen Sol⸗ daten hatten nicht nur gegen einen rührigen Feind, ſie hat⸗ ten auch den lieben langen Tag gegen Hunger und— was bei der enormen Hitze noch ärger— gegen Durſt anzu⸗ kämpfen, ſo daß manche Abtheilungen trotz des bewunderns⸗ wertheſten Muthes der puren körperlichen Erſchöpfung er⸗ lagen— es ging ihnen wie den Römern an der Trebia gegen Hannibal. Wie jede Rencontre, überhaupt jede Schlacht zerfällt auch die vorliegende in mehrere deutlich geſonderte Akte. Die Franzoſen ſind diesmal die erſten, welche zum Aufbruch kommen; ſie ſtoßen gegen 5 Uhr in der Frühe auf die ſtehenden Vorpoſten der Oeſtreicher; bis gegen 7 Uhr ent⸗ wickelt ſich auf der ganzen Linie eine Anzahl von Vorpoſten⸗ gefechten; die Vortruppen der Oeſtreicher weichen an einzel⸗ nen Punkten auf's Gros, an andern werden ſie verſtärkt, ganze Brigaden und Diviſionen engagiren ſich gegen ein⸗ ander in Lokalgefechten um den Beſitz dieſer Höhe, jenes Waldes, dort einer Brücke, da eines Dorfes. Manche Schlachten beſtehen blos aus der Summe ſolcher Einzel⸗ kämpfe; im vorliegenden Falle bilden ſie zuſammen den erſten Akt bis zu dem Beginn der eigentlichen Schlacht, nämlich jenem Moment, wo der Oberbefehlshaber die Lei⸗ tung der bis dahin vereinzelt kämpfenden Korps übernimmt und vereinigte Maſſen gegen den entſcheidenden Punkt heran⸗ führt. Napoleon war auf die Meldungen ſeiner Vortrup⸗ pen ſchon um 7 Uhr auf dem Schlachtfelde eingetroffen, hatte mit richtigem Blicke erkannt, daß der Höhenzug von 54* Solferino den Schlüſſel der feindlichen Stellung bilde, und hatte Befehl an ſämmtliche Korpskommandanten abge⸗ ſchickt, von rechts und links Verſtärkungen gegen die Mitte heranzuſenden, wo die Entſcheidung fallen mußte. Das Heranziehen der noch ziemlich entfernten Truppen braucht aber Zeit, und ſo kann man die Mittagszeit als den Be⸗ ginn der eigentlichen Schlacht bezeichnen, welche gegen 4 Uhr ausgekämpft war. Dieſes überſichtliche Bild einer moder⸗ nen Schlacht iſt bei den meiſten neueren Kämpfen zutreffend. Wenden wir uns jetzt zu der Schilderung der Einzel⸗ heiten. Um 2 Uhr Morgens bricht das franzöſiſche Korps Baraguay von Eſenta auf, um in 3 Kolonnen gegen das Hügelland von Solferino zu marſchiren. Noch herrſcht das Dunkel der Nacht; nur die ſchwarze Thurmmaſſe der Rocca iſt an dem dämmernden Horizonte zu unterſcheiden und dient den Kolonnen als Richtpunkt ihres Marſches. Die Diviſion Ladmirault ſchlägt die Bergſtraße links, Forey und hinter ihm Bazaine folgen der Thalſtraße rechts. Vorwärts Valscura ſtößt Forey's Vorhut auf die öſtreichi⸗ ſchen Feldwachen der Brigade Bils, welche ſelbſt rückwärts bei le Grole lagert. Die Feldwachen retiriren vor der Uebermacht auf das Gros, die Brigade Bils nimmt mit ihren 5 Bataillonen Stellung auf dem Monte Fenile, wäh⸗ rend ein ſechsfach überlegener Feind ſich ihr gegenüber in Schlachtlinie entwickelt. Die Geſchütze eröffnen von beiden Seiten den Kampf; die Oeſtreicher ſtreiten mannhaft und werden links von der Brigade Puchner, gleichfalls vom V. Korps Stadion unterſtützt, das als erſtes in dieſem Feldzug die Feuertaufe bei Montebello erhalten hatte. Erſt gegen 10 Uhr gelingt es der Ueberzahl der Franzoſen, dieſe beiden Brigaden vom Monte Fenile zu verdrängen; ſie poſtiren ſich neuerdings auf den Höhen vor Solferino, wel⸗ cher Ort von Stadion beſetzt war, der noch die Brigaden Gaal und Koller auf den rückwärtigen Höhen in Reſerve hatte. Faſt gleichzeitig mit dieſem Kampf auf den Höhen war auch das Geplänkel in der Ebene entbrannt. Dort war Mac Mahon zur ſelben Stunde wie Baraguay von Caſtig⸗ lione aufgebrochen; die Vorhut ſeines in einer Kolonne auf der großen Straße marſchirenden Korps war auf die Vorpoſten des Korps Schwarzenberg geſtoßen, und als Mac Mahon auf den Monte Medolano, einen Hügel an der Straße, hinaufſprengte, ſah er das ganze III. Korps der Oeſtreicher zwiſchen Medole und Cavriana ſich entwickeln. Er läßt ſofort ſeine Diviſionen rechts und links der Straße aufmarſchiren, um 8 Uhr die Meierei Ca Marino ſtür⸗ men; um 9 Uhr trifft der Kaiſer auf dem Kampfplatze ein und wird von den Truppen mit Jubel begrüßt. Seiner Weiſung zufolge ſoll Mac Mahon den Kampf im Centrum ſo lange hinhalten, bis Niel rechts in ſeiner Höhe einge⸗ troffen und Baraguay links in Verfaſſung ſei, den Sturm auf Solferino zu beginnen. Zum Feſthalten der Lücke zwi⸗ ſchen beiden Flügeln ſtellt ihm der Kaiſer die beiden Kadal lerie-Diviſionen Desvaux und Partounaux zur Verfügung, denn gerade hier, auf der Campo di Medole genannten Heide, war die einzige Terrainſtrecke, wo Reitergeſchwader zur Verwendung kommen konnten. Hier folgen denn auch mehrere Kavallerieattaken, in welchen die Diviſion Mens⸗ dorf mit ihren 20 Schwadronen den 56 franzöſiſchen Schwadronen den ganzen Vormittag über ſiegreichen Wider⸗ ſtand leiſtet. Links von Schwarzenberg hatte das IX. Korps Schaaf⸗ gotſche gelagert; ſeine eine Diviſion Zedtwiz hatte mit der Brigade Lauingen das Dorf Medole beſetzt, die andere Feierſtunden. 1865. ———r————— Brigade dahinter aufgeſtellt und das Gros bei Guidizzolo belaſſen. Um 7 Uhr war Niel auf dieſem Punkte einge⸗ troffen, hatte das Dorf um ½ 8 Uhr in ſeinen Händen und rückte gegen Rebecco, wo nun aber das ganze IX. Korps der Oeſtreicher ihm entgegentrat. Sehnſüchtig wartete er auf Unterſtützung von Canrobert, der nach 9 Uhr bei Caſtel Goffredo eingetreten war, aber nur wenige Truppentheile abzugeben wagte, da er benachrichtigt war, daß den Tag zuvor ein öſtreichiſches Korps(das II.) aus Mantua ab⸗ marſchirt ſei und ihn in der Flanke bedrohe. So ſtand der Kampf in der Ebene bis Mittag keineswegs zu Gun⸗ ſten der Franzoſen; ihre Gegner hatten auch das XI. Korps Weigl herangezogen und machten wiederholt Miene, zum Angriffe überzugehen, ſo daß zu fürchten ſtand, Napoleons Centrum könne links und rechts überflügelt werden. Nur das ſchmähliche Zurückweichen der Kavalleriebrigade Lauingen, welche ganz vom Schlachtfelde verſchwand, hinderte die Oeſt⸗ reicher, von ihren überlegenen Reitermaſſen entſcheidenderen Gebrauch zu machen. So iſt der erſte Akt der Schlacht eher zum Vortheil der Oeſtreicher verlaufen, als endlich nach 11 Uhr die bei⸗ den Infanterie⸗Diviſionen der franzöſiſchen Garde auf dem Monte Fenile eintreffen, während die Gardekavallerie ſich Niel anſchließt. Jetzt gibt Napoleon, vom Fenile aus den Gang des Kampfes beobachtend, den Befehl zum Sturm auf Solferino, wo bis zum Mittag ein heftiger Geſchütz⸗ kampf gewüthet hatte. Forey ſtürmt mit der Brigade d'Alton voran; von dem furchtbaren Feuer der Oeſtreicher zerſchmettert ſtocken Forey's Truppen und weichen zurück; ein zweiter Angriff der Garde, ein dritter Baraguay's iſt nicht glücklicher— unbezwungen halten die Oeſtreicher Stand in ihren ſtarken Stellungen. Da räumt Stadion freiwillig mit dem Gros die ſieggekrönten Höhen, weil auch Clam Gallas links neben ihm den Punkt Caſſiano aufgibt; nur die Hauptpunkte des Kirchhofs, des Kaſtells und der Rocca bleiben mit dem Regimente Reiſchach und dem 6. Jäger⸗ bataillon beſetzt, der Reſt des Korps nimmt auf der rück⸗ wärtigen Höhe des Montefontana Stellung neben dem VII. Korps(Zobel), an welches Clam Gallas in Cavriana ſich anreiht. Aber auch die ſo ſehr geſchwächte öſtreichiſche Beſatzung fährt fort in ihrem heldenmüthigen Widerſtand; ein neuer Angriff Bazaine's ſcheitert an ihrer Tapferkeit, und erſt nachdem das franzöſiſche Geſchütz in die Kirchhof⸗ mauer förmlich Breſche gelegt, und als Forey, Bazaine und die Garde gemeinſam anſetzen, geht der wichtige Punkt Solferino um 2 ½ Uhr für die Oeſtreicher verloren. Mit dieſem Erfolg beginnt das Zünglein der Wage zum Vortheil der Franzoſen ſich zu neigen, denn nun kann auch Mac Mahon von der Rechten eingreifen und um 4 Uhr das Dorf Cavriana erſtürmen, womit die Franzoſen in den vollſtändigen Beſitz des ganzen Höhenzugs gelangen. Während ſo blutig und hartnäckig auf den Höhen ge⸗ ſtritten wurde, tobte der Kampf nicht minder heftig, nur in anderer Geſtalt— mit concentrirteren Maſſen— in der Ebene. Niel, von drei öſtreichiſchen Korps, dem III., IX. und XI., vorwärts Guidizzolo gedrängt, war in Gefahr, zu unterliegen, als der glückliche Stoß bei Solferino ihm einige Luft ſchaffte. zweiten Armee von Cavriana zu erleichtern, ſendet Franz Joſeph dem Kommandanten der erſten, Graf Wimffen, den Befehl, einen Offenſivſtoß in der Ebene zu verſuchen, und ſeine Korps ſtürmen neuerdings gegen Ca Nova, Baiſe und Rebecco mit wechſelndem Erfolg— da macht ein plötz⸗ liches Naturereigniß dem Kampf ein Ende. Den ganzen Aber jetzt eben um den Rückzug ſeiner Feierſtunden. 1865. 429 ———— —O; ———:———————— ——õ§⅔--——— uüdhun Tag über hatte die Sonne mit unerhörter Gluth das ſchat⸗ ſem ließ Benedek nicht von ſeinen verſchüchterten Gegnern Häne tenloſe Schlachtfeld ausgebrannt; da erhoben ſich gegen ab und raufte ſich noch bis Abends 10 Uhr, nur ſchwer 4 en 4 Uhr finſtere Wetterwolken, und eine halbe Stunde ſpäter und widerwillig von dem errungenen Siege ablaſſend. Im r orpo kam hinter mächtigen Staubwirbeln mit Blitz und Donner Centrum der Schlachtlinie trat ſchon um ½ 7 Uhr Ruhe rtete er ein furchtbarer Gewitterſturm daher gezogen, der bald in ein; das Donnerwetter hatte beide Armeen aus einander i Caſtel ſtrömendem Regen ſich entlud und mit überwältigender Ge⸗ gebracht; die erſchöpften Franzoſen hatten ihre Gegner aus hentheilt walt die Streitenden trennte. Dadurch endlich kam der den Augen verloren und ließen ſie unverfolgt in aller Ord⸗ den Tag heiße Kampf zum Stillſtand, in welchem nahe an 400,000 nung gegen den Mincio ziehen; auch auf dem linken öſtrei⸗ tun ab⸗ Streiter ſeit zehn Stunden gegen einander rangen. chiſchen Flügel verſtummte das Gefecht allmählig; Niel, 9o ſtand Auf dem rechten Flügel der Oeſtreicher hatte Benedek kaum der Vernichtung entgangen, war außer Stand, den zu Gun⸗ mit dem VIII. Armeekorps den ganzen Tag entſchieden ſieg- Feind mit ſeinen erſchöpften Truppen zu verfolgen. I Korps reich gegen die Piemonteſen gefochten. Dieſe waren viel So endete die Schlacht von Solferino, welche die ne, zum ſpäter wie die Franzoſen aufgebrochen, waren erſt gegen Oeſtreicher 22,000 Mann, 900 Pferde und 30 Geſchütze, apoleons 9 Uhr vor Benedek's Stellungen bei San Martino und die Franzoſen und Sardinier gegen 18,000 Mann koſtete. n. Nur Madonna della Scoperta angelangt, und alle ihre allerdings Sie entſchied über das Schickſal Italiens, denn ſchon am auingen, nur ſchwach und vereinzelt unternommenen Angriffe waren 12. Juli wurde der Präliminarfriede zu Villafranca und die Oeſt⸗ an Benedek' eiſerner Feſtigkeit geſcheitert. Sie waren hie⸗ in deſſen Folge der definitive Frieden zu Zürich abgeſchloſ⸗ denderen durch ſo entmuthigt, daß ſie von 1 Uhr an eine faſt drei⸗ ſen, in welchem Oeſtreich den Beſitz der Lombardei aufgab ſtündige Pauſe machten; ihre erneuerten Angriffe wurden und thatſächlich ſeinem ſeitherigen Einfluſſe in Italien ent⸗ Vortheil durch den Gewitterſturm unterbrochen, aber auch nach die⸗ ſagte. MO—h. die bei⸗ auf dem 7 lerie ſich* ans de Stirling Caſtle. Sturm Geſchüt⸗„Hauptſtadt, die mit Recht das Neapel des Nordens genannt Brinade wird, beſehen, ſo erwartet ihn hier ein neuer Genuß. Der ſtreicher V Zug führt an Bulithgon vorüber, deſſen ruhiger ſtiller See zurück;(Loch) und zerfallenes Schloß wehmüthige Erinnerungen an ayys iſt vielfach vergoſſenes Blut in uns hervorrufen. Der Her⸗ rStand zog von Cumberland ließ im Jahre 1745 das herrliche reiwillig Gebäude in echt vandaliſcher Weiſe niederbrennen. Nur ch Clam die äußeren Mauern ſtehen noch, und die ſchöne Kirche, die zibt; nur dem presbyterianiſchen Gottesdienſte geweiht iſt. Es gibt er Rocca wenig Merkwürdiges darinnen zu ſehen, ausgenommen einen . Jäger⸗ hohen ſchlanken Strebepfeiler, auf den der Führer mit ehr⸗ der rüc⸗ furchtsvollen Blicken deutet. Dicht neben demſelben ſoll ben den nämlich ein Geiſt dem Könige Jakob dem IV. beim Ge⸗ Govriant bete erſchienen ſein, um ihn vor der verhängnißvollen richiſche Schlacht bei Flodden zu warnen. Die Sage geht, die erſtand; Erſcheinung habe auf's Feierlichſte dem Könige ſeine Nie⸗ vſerkeit derlage vorhergeſagt. dchtr⸗ Die Umgebungen von Stirling ſind ſehr ſchön und 3 zune romantiſch; die Zahl der Einwohner beläuft ſich auf 45 nt 10— 11,000 Seelen. Zum Schloß hinauf führt ein ſtei— ge Punkt ler, aber bequemer Weg. Die Ausſicht von der Höhe be⸗ un, lohnt reichlich die Mühe des Hinaufſteigens. Man erblickt der Bun den Firth of Forth mit ſeinen graziöſen, ſchlangenhaften nun kan Windungen durch die grünen Wieſen, und zwiſchen den und um Hügeln hindurch, dann die fernen berühmten Felſen von hranzoſel Ochils⸗Abbeybraig, ſowie das äußerſt maleriſch daliegende gelange Oertchen Bridge of Allan, in ganz Schottland durch ſeine höhen R ſtarken Mineralquellen bekannt und berühmt. Die ganze ftig, nur Natur des Bodens mit ſeinen tiefen Schluchten und ſanft — in de ſich erhebenden Hügeln, deuten mit ziemlicher Sicherheit auf III, W vulkaniſchen Urſprung.— Von unten auf geſehen, gleicht Gefahr, das Schloß, auf der äußerſten Krone des zackigen Felſens rino ihm thronend, dem Adler, der von ſeinem kühnen, feſten Horſte 1 ſeinel herab mit majeſtätiſchem Selbſtgefühle auf die Welt zu det uun Von Edinburg aus macht man den Weg nach dem ſeinen Füßen herab ſchaut. Könnten dieſe alten grauen nffen/ 3 DOOertchen Stirling entweder auf der Eiſenbahn, oder auf Felſen reden! Wie viel wüßten ſie uns zu erzählen von chen, um dem Firth of Forth. Das Städtchen liegt ungefähr den blutigen, in ihrer Nähe gekämpften Schlachten, von g, baiſ 36 engliſche Meilen von Edinburg entfernt, und hat der der langen Reihe gekrönter Häupter, die darin geweilt! ein— Reiſende ſich ruhig alle Schönheiten der intereſſanten alten In Bezug auf die Architektur nimmt Stirling Schloß den re 4³⁰ erſten Platz vor allen andern alten Gebäuden Schottlands ein; es iſt noch ſehr gut erhalten, ohne daß die Hand des Renovators ſich daran gewagt. Die eigentliche Entſtehungs⸗ epoche des Gebäudes iſt nicht bekannt; es wird indeſſen ziemlich allgemein angenommen, daß Agricola der Gründer deſſelben geweſen. Jedenfalls ſind Beweiſe von einer römi⸗ ſchen Niederlaſſung hier vorhanden, und es läßt ſich den⸗ ken, daß die klugen Kriegsherren einen ſolchen wichtigen Punkt benutzten, um von dieſer Höhe herab die Gegend gegen die Einbrüche der nordiſchen Piraten zu bewachen, und zugleich den Firth of Forth zu ihrer Verfügung zu be⸗ halten. Im 9.— 10. Jahrhundert war es ein einfaches Gränzſchloß, welches abwechſelnd in den Beſitz verſchiedener Mächte kam. Aber erſt unter den Stuarts gewann es ſeine architektoniſche Schönheit, und es wurden in demſelben Parlamente abgehalten und königliche Feſte gefeiert. Trau⸗ rige Erinnerungen fehlen auch hier nicht; in dieſen ernſten Mauern wurde von Jakob II. der ſchmähliche Mord an dem edlen Earl of Douglas verübt, ein Verbrechen, wel⸗ ches auf ewige Zeiten hin den Namen dieſes Monarchen Feierſtunden. 1865. ——;—⅓—————:——ry—y—ry——r—————r————— ſpäter erblickte ſein Sohn in dieſem Schloſſe das Licht der Welt. Nach deſſen Beſteigung des engliſchen Throns hörte Stirling Caſtle auf, eine königliche Reſidenz zu ſein. Nichts deſto weniger ward es der Streitapfel der zwei feindlichen Parthien, und gerieth abwechſelnd in die Hände der„Che⸗ valiers“ und der Jacobiter. Im Jahre 1842 beſuchte die Königin Viktoria in Begleitung ihres Gemahls und der Prinzen das alte ehrwürdige Gebäude. Das verſchloſſene Douglas⸗Gemach, in dem man noch die Blutflecken zeigt, ſowie die intereſſante Waffenſammlung vieler Jahrhunderte erregte die größte Theilnahme bei den erlauchten Gäſten und verdiente dieſelbe in hohem Grade.— In der Stadt Stirling ſelbſt ladet die alte Franziskaner⸗Kirche zum Be⸗ ſuche ein; dieſelbe iſt in galiſchem Style erbaut. Die Straße, welche in gerader Linie von dem Schloſſe mitten durch den Ort führt, bietet intereſſante Modelle des alten Bauſtyls Schottlands dar. Dicht unter dem Felſen, auf dem das Schloß thront, befindet ſich der„Knott“ oder Knoten, ein Hügelchen in Form eines runden Tiſches, mit befleckt hat. Vergebens brachte er nachher Tage, Wochen und Monate in düſterer Schwermuth und Reue hier zu, vergebens hoffte er durch herbe Kaſteiungen, unausgeſetzte Gebete ſein Gewiſſen zu beſchwichtigen! Eben ſo wenig ver⸗ mochte Jakob IV. Ruhe zu gewinnen, nachdem er ſtill⸗ ſchweigend Andere zu der Ermordung ſeines Vaters ermun⸗ tert hatte. Den Flecken des vergoſſenen Blutes konnte nur die göttliche Gnade— kein Ablaß verwiſchen. Jakob V. ward in dieſen Mauern feierlich mit großem Gepränge ge⸗ krönt, ſowie auch die bekannte unglückliche Königin Marie Stuart. Sie war erſt acht Monate alt, als die Stände⸗ verſammlung die ſchwere Krone auf das junge Haupt ſetzte und dem Kinde Schloß Stirling zum Wohnorte beſtimmte. Allein Marie verließ es bald und betrat es nie mehr, bis ſie im Jahre 1561 als trauernde Wittwe von Frankreich nach Schottland heimkehrte. Ihr Sohn Jakob VI. hin⸗ gegen brachte ſeine Jugendjahre hier zu, und zwar unter der trefflichen Leitung des berühmten Georg Buchanan; Bänken von alten, ſchwarzen Steinen umgeben. Hier in den weitläufigen Anlagen pflegte der ſchottiſche Hof in ſei⸗ nen Glanztagen ſeine fétes champetres zu feiern, und von hier aus ſtammen die Erzählungen der berühmten Spiele und Gelage der„Ritter des runden Tiſches!“(Knights of the round table.) Ungefähr zwei Meilen von Stirling entfernt führt die Eiſenbahn an dem Dorfe Bannockburn vorüber, deſſen Erinnerungen jedem ſchottiſchen Patrioten theuer ſind. Auf dem hart davor liegenden Felde nämlich fand die berühmte Schlacht von Bannockburn ſtatt am 24. Juni 1314. Die ſchottiſche Armee ward von Robert Bruce, die engliſche von Eduard II. in Perſon angeführt. Bruce hatte ſeine Fahne auf einem großen Steine befeſtigt, in den man zu dieſem Zwecke ein kleines rundes Loch gebohrt hatte. Ein Theil des Steins, genannt»Bore hull«, iſt noch vorhanden, und mit einem eiſernen Geländer umgeben, damit die ſtei⸗ nerne Reliquie nicht Gefahr laufe, entweder geſtohlen oder zerſtört zu werden. L. v. Robiano. Siam, ſeine Bewohner und Cempel. Das Königreich Siam, auch Schan oder T'hai genannt, das mittelſte der drei großen Reiche Hinterindiens, iſt, obwohl ſeit dem Jahre 1511 die Portugieſen, ſpäter die Holländer, Franzoſen und Britten bis zum heutigen Tage in fortwährender Verbindung mit demſelben ſtanden, immer noch ein faſt unbekanntes Land, deſſen Geſchichte nur wenig über die Zeit der erſten Bekanntſchaft mit den Europäern hinaufreicht.— Im Norden von Birma und Yün⸗nan, im Oſten von An⸗nam, im Süden vom Golf von Siam, und im Weſten vom Bengaliſchen Meerbuſen, von Tenaſſerim und Pegu und dem Saluenfluſſe begrenzt, umfaßt das reiche, vom Menam und dem Menam⸗Kong durchſtrömte Land einen Flächenraum von nahe an 12,000 Quadratmeilen, und eine Einwohnerzahl von faſt 3 Mil⸗ lionen Seelen, die zum größten Theil aus Siameſen und Laoeſen, zum dritten Theil aus Peguanern, Kambedjaern, Malayen, Chineſen, Birmanen und Portugieſen beſtehen. Die eigentlichen Siameſen, die regierende Partei im Lande, nennen ſich ſelbſt T'hai, d. h. Freie. Sie ſind nicht ganz ohne wiſſenſchaftliche Bildung, haben Buchſtaben⸗ * ſchrift, treiben Landbau und Viehzucht, verfertigen baum⸗ wollene Gewebe, Töpfergeſchirr, Metallwaaren ꝛc., bauen Schiffe und unterhalten einen nicht unbedeutenden Handel mit Landesprodukten nach Vorderindien und dem indiſchen Archipel, von woher ſie europäiſche Baumwoll⸗, Woll⸗ und Seidenzeuge, Gewehre, Glas⸗ und Luxuswaaren ꝛc. beziehen. — In der Größe ſtehen die TD'hai zwiſchen den Europäern, Chineſen und kleineren Malayen; meiſt ſind ſie 5 ⅛ Fuß hoch, unterſetzt, aber mit weicheren Gliedern, langarmig, wohlgebaut, ſtark, aber weit minder ſchmiegſam, als die Hindu. Lichtbraun und heller als die Malayen, ſind ſie dunkler als die Chineſen, nie aber ſchwarz, mit einer Fülle ſchwarzer rauher Haare, die aber, außer auf dem Haupte, ſelten ſind, und am Munde ſogar ausgeriſſen werden. Das Hinterhaupt iſt größtentheils flach, und nur wenige haben ſtark markirte Geſichtszüge. Eine nicht platte aber kleine und ſtumpfe Naſe mit aus einander gekehrten Nüſtern, großer Mund, dicke Lippen, kleine ſchwarze, in gelblichem Weiß abſtehende Augen, ſchief geſtellte, ſehr breite und hohe Backenknochen, die das Geſicht eckig machen, eine düſtere, fübe M gang, cropüiſc hhoren, grück; 0 ir ſich zeiſtens hwarz, in und ſche K ur bei ziſch ie Mi teſchla lehmen kering jefeſti Stand Der ſchmal ſern g vung dunkel Temy Farbe Hofe drage die 4 wvenig Ohr⸗ nehme deckt Bezu tals ſchri flüge ohne Hauf Bral Tabe im das Woh Vorn mer! ſind gebe rop. reich Ta⸗ For ertr leuc im und ſ ſie Licht der ons hörte . Nichts eindlichen er„Che⸗ uchte die und der ſchloſſene den zeigt, ſrhunderte n Gäſten der Stadt zum Be⸗ azut. Die ſe mitten des alten ſen, auf tt“ oder ches, mit Hier in f in ſei⸗ und von n Spiele (Knights führt die „ vyſſen nd. Auf erühmte 4. Die iſche von ne Fahne zu dieſem kin Thil orhanden, die ſtei⸗ hlen oder biano, das Kauen von Betel und Areka, aber ohne Katechu. Die Vornehmen aus mern, errichtet; Tapeten, Laternen ꝛc. ſtreift, die für jedes Haus Feierſtunden. 1865. ———;—:;————r——— rrübe Miene, verbunden mit einem trägen und widerlichen Gang, nehmen ihnen allen Anſpruch auf Schönheit nach uuropäiſchem Maßſtab. Die Haare tragen ſie meiſt ge⸗ ſhoren, nur ein Büſchel laſſen ſie vorn, und kämmen es gurück; auch auf dem Scheitel bleibt oft ein Haarkreis ſtehen, zer ſich gerade aufſträubt. Die Frauen reißen die Haare meiſtens aus, ſtatt ſie zu ſcheeren; die Zähne färben ſie ſhwarz, den Mund roth; die Nägel laſſen ſie lang wach⸗ ſen und ſind im Allgemeinen höchſt unreinlich.— Eigent⸗ lche Kleider werden in Siam nur wenig getragen, und nur bei der Leibwache des Herrſchers, die klein, aber euro⸗ päiſch uniformirt iſt, wird eine Ausnahme geſtattet. Nur die Mitte des Leibes iſt von den Lenden an mit einem um⸗ geſchlagenen Tuche, das vorn zugeknüpft iſt, und bei Vor⸗ nehmeren über die Kniee in Falten herabwallt, bedeckt; die geringere Klaſſe zieht es zwiſchen den Beinen durch und befeſtigt es hinten, und zwar geſchieht dies nach ſtrengem Standesgeſetz und genauer Vorſchrift bei hoher Strafe. Der Stoff des Gewandes iſt meiſt Seide; ebenſo die ſchmale Schärpe, die um die Bruſt oder über die Schul⸗ jern geht. Frauen tragen noch überdies eine leichte Beklei⸗ dung des Oberkörpers. Die Farbe der Kleidung iſt meiſt dunkel, nur bei Trauer werden helle Farben getragen, und Tempeldiener, Prieſter und Bettelnonnen bedienen ſich heller Farben. Kopfbedeckungen ſind nicht gebräuchlich, außer bei Hofceremonien, wo die dabei Betheiligten Kegelmützen zu tragen haben; Pantoffeln findet man nur bei Vornehmen, die Mehrheit des Volks geht barfuß. Auf Putz wird wenig gehalten, doch trifft man Armbänder, Halsbänder, Ohr⸗ und Fingerringe von Gold, und die Kinder der Vor⸗ nehmen werden oft mit Edelſteinen und Schmuck ganz be⸗ deckt und tragen kleine Krönchen auf dem Scheitel.— In Bezug auf Nahrungsmittel ſind die T'hais wähleriſcher, als die Alles verzehrenden Chineſen; aber die religiöſe Vor⸗ ſchrift, keine Thiere zu tödten, halten ſie nicht: Fiſche, Ge⸗ flügel, Schweine⸗ und Rindfleiſch, Wildpret verzehren ſie ohne Bedenken; eher enthalten ſie ſich des Weins; ihre Hauptnahrung aber iſt und bleibt der Reis. Konfekt und Branntwein lieben ſie ſehr, und Alle kauen und rauchen Tabak, ſelten ſieht man einen Siameſen ohne die Cigarre im Munde oder hinter dem Ohre. Eben ſo allgemein iſt Wohnungen werden meiſt aus Bambus, und nur bei ſehr Backſteinen, einſtöckig mit mehreren Zim⸗ der häufigen Ueberſchwemmungen wegen Regel 12 und mehr Fuß über der Erde gebaut. Die Geräthe, wenn ſie nicht aus China oder Eu⸗ ropa kommen, verdienen kaum dieſen Namen. Nur ſehr teiche Beamte behängen ihre Gemächer mit buntem Schmuck, Der zu Bankok(Bancaſey oder Fon) reſidirende König hat in den Sälen ſeines Schloſſes erträglich bemalte Wände, hölzerne Pfeiler, Spiegel, Kron⸗ leuchter, prächtige Fußteppiche und Vorhänge. Aber auch im höchſten Schmuck bietet der Hof wenig koſtbare Kleider und Zierrathen.— Viele T'hais wohnen ſtets in ihren ſchwimmenden Häuſern, den Balonen(Gondeln), auf die ſie bedeutendere Koſten verwenden, als auf ihre Landhäuſer. Dieſelben ſind oft ſehr groß(für hundert und mehr Men⸗ ſchen), und die Kajüten nicht ſelten vergoldet. Flüſſe und Seen des Landes werden ſtets von unzähligen Booten durch⸗ ſo unentbehrlich ſind, wie für den Reiſenden der Palankin(das Tragnetz oder die Trag⸗ ſänfte), der an Stangen von zwei Männern getragen wird. ſind ſie in der hat den gemeinſamen Charakter oſtaſiatiſcher Architektur, die das Großartige und Harmoniſche durch die Ausdehnung zu erſetzen ſucht. Ungeheure Vierecke von Mauern oder Säulengängen, welche kleinere Tempel verbinden, umgeben das Hauptgebäude mit ſeinen zahlloſen Anhängen. Die Koſtbarkeit der Bauſtoffe und Verzierungen läßt die einfache Würfelgeſtalt der Gebäude vergeſſen. Gänge und Wände ſind meiſt mit Spiegeln, Porträts und mythologiſchen Ge⸗ mälden auf chineſiſchem Papier bedeckt. Gothiſch ausſehende, meiſt pyramidaliſche Kapellen(Pagoden) mit vier hohen Bogenfronten(wie Biſchofsmützen), in der Mitte mit ſchneckenartigen Spitzthürmen umgeben, ein Gebäude mit reich verzierten Fronteſpizen, vor welchem meiſt ein Buddha⸗ bild aus Stein oder Metall auf dem freien Vorplatz ſich findet(denn alle T'hais huldigen dem Buddhismus), ein⸗ fache Säulen, reich geſchmückte Geſimſe an den Fenſtern, die mit einer Art von Vordach überbaut ſind, ſeltſam gear⸗ beitete Karnieße, von denen mehrere über einander vortre⸗ ten, endlich ein mit Arabesken bedeckter Giebel, am Rand durchbrochen oder gezackt, in der Mitte mit einer Statue, ſo ſtellen ſich die meiſten Tempel(Wata) in Siam dar. Um ſie herum befinden ſich in doppelter oder dreifacher Reihe die Wohnungen der Prieſter oder Talapoinen, deren Geſammtzahl auf 100,000 geſchätzt wird, und Teiche mit Fiſchen und Alligators(Gaviale) dürfen in ihrer Nähe nicht fehlen. Die Zellen der Talapoinen ſind einfach aus Holz erbaut; die Tempel aus Backſteinen mit Mörtel, das Dach aus Holz und mit Ziegeln oder Fließen gedeckt. Vergol⸗ dungen, Schnitzwerk, Malereien und Firniß decken die Ge⸗ bäude. Größe, Maſſe und Erhabenheit vermißt man durch⸗ gängig. Im Innern des Haupttempels ſteht meiſtens eine Art von Bundeslade mit Schreckengipfel, welch' letztere überhaupt, wie die Minarets der Moslems, bei keinem buddhiſtiſchen Tempel fehlen dürfen. Gigantiſche Statuen ſtehen an den Eingängen und im Innern; überall erblickt man zahlreiche Inſchriften und kleine Götzenbilder, oft bis 1500 in einem einzigen Tempel. Armſelig ſtehen neben dieſen Prachtgebäuden der Buddhiſten die ſchmuckloſen Tem⸗ pel der hier angeſiedelten Hindu, die bei Weitem nicht die Größe der auf nächſter Seite abgebildeten Prah⸗tſchi⸗di, kleinerer buddhiſtiſchen Tempel erreichen, die auf einer mit Kolonaden umgebenen Terraſſe, vieleckig, mit zierlichen Ge⸗ ſimſen, in manchen Abſchnitten und Stufen bis zu der ge⸗ wundenen Spitze aufſteigen, oder auch als gothiſch gleiche Spitzbogen aus vielen Säulen und gräßlichen Götzengeſtal⸗ ten terraſſenförmig ſich zuſpitzen. Die Kuppelform fehlt ganz. Das Scharfe, Phantaſtiſche, Unwahrſcheinliche und Monſtröſe zieht der Siameſe überhaupt in ſeiner Architek⸗ tur dem Weichen, Großartigen und Majeſtätiſchen vor, und fällt gern in's Geſchmackloſe. Oeffentliche Gebäude und Anlagen zum Nutzen des gemeinen Wohls kennt man in Siam nicht; ſelbſt Brücken, wo ſolche je beſtehen, ſind bloſe Balken oder Planken; Gaſthöfe und Straßen fehlen gänzlich. Faſt alle Reiſen geſchehen hier zu Waſſer; nur zwiſchen den beiden Hauptſtädten des Landes, Bankok und Puthia, ſowie zwiſchen Chantabrun und Tungyai, gibt es Landſtraßen, auf denen Elephanten als Laſtthiere verwendet werden. Die Regierungsform in Siam iſt völlig despotiſch. Der Titel des Monarchen, der von den Europäern König genannt wird, iſt Konluang, d. i.„Herr über Alles“, und Alles iſt(bei Anreden)„golden“ an ihm, z. B. ſeine Füße, ſeine Ohren ꝛc. Kein Siameſe darf des Königs — Die Baukunſt der Siameſen, vorzüglich die religiöſe, Namen nennen oder ſchreiben, ſo heilig wird er gehalten. 432 Feierſtunden. 1865. — ——òBB:r—————;— Nur leiſe redet man von ihm, und Hochverrath iſt es, an des Lebens, der Eigenthümer des Alls, der Untrügliche, end⸗ Krankheit oder Tod bei ihm zu denken.— Reitet der König, los Mächtige“, wie er abwechſelnd angeredet wird, tritt der zugleich geiſt⸗ liches Oberhaupt iſt, auf ſeinem weißen Elephanten, von einer Leibwache zu Pferd umgeben, aus, ſo wirft ſich Jeder⸗ mann nieder. Nur kriechend naht man ihm; in Todesſtille ruht der Palaſt (Wang) und ſeine Umgegend, durch Waſſergräben abge⸗ ſondert. Täglich zweimal, Morgens und Abends, em⸗ pfängt er Berichte von ſeinen Mini⸗ ſtern und gibt Be⸗ fehle, ſonſt theilt er ſeine Zeit zwi⸗ ſchen ſeinen Frauen und den Talapoinen. Audienz gibt er in einer Prachthalle mit vergoldeten Säulen, bemalten und mit Sternen beſetzten Wänden, und Kron⸗ leuchtern, auf einem vergoldeten Thron, in einem weiten Mantel aus Gold⸗ ſtoff, ohne Kopf⸗ putz, den goldenen Stab in der Hand, um ihn der zahl⸗ reiche Hofſtaat un⸗ ter dem Okya Wang (Palaſtaufſeher), die Pagen, der Adel und die Leibwache. — Der„Herr über Alles“ oder Kon⸗ luang, der„heilige Herr der Häupter, auf die Häupter ſeiner Sklaven, die glücklich ſind, den Staub des„golde⸗ nen Herrn“(Phra) Fußes aufzunehmen. Vom 21. Jahre an muß jeder Unter⸗ than ein Drittel des Jahres dem Könige entweder als Soldat, Ackerbauer, Diener ꝛc. Frohne leiſten. Ausgenom⸗ men ſind die Tala⸗ poinen, Sklaven, Chineſen(die dafür zahlen), Familien⸗ väter, von denen bereits die Söhne dienen, und die Beamten, die in neun Nangſtufen geſchieden werden. Dieſe Frohndienſte werden im jähr⸗ lichen Werthe auf 16 Millionen, die baaren Einkünfte auf etwa 4 Mil⸗ lionen Thaler ge⸗ ſchätzt. Die ſiame⸗ ſiſche Kriegsmacht wird auf 30,000 Mann angegeben, ſoll aber auf mehr als das Doppelte gebracht werden kön⸗ nen.— Der Name des jetzt regierenden Königs von Siam, der nach dem Tode Kram Tſchiats 1853 auf den Thron gelangte, iſt Tſchaufonoi. 2. glacéhandſchuhe zu reinigen. Nicht blos weiße Handſchuhe bedürfen das Reinigen, Rühren langſam zugeſetzt. Darauf gießt man das Ganze ſondern auch gelbe, grüne, blaue, braune und hellfarbige, in eine Büchſe und läßt es erkalten. Mit dieſer Seife da ſie meiſt eher beſchmutzt als abgetragen werden. Solche werden die Handſchuhe an der Hand mittelſt eines reinen Handſchuhe laſſen ſich auf folgende Weiſe reinigen. Man Flanelllappens abgerieben. Wenn der Schmutz verſchwin⸗ nehme 4 Loth weiße Seife, ½¼ Loth Pottaſche, 8 Loth det, nimmt man ein anderes Stück Flanell, um ſie vol⸗ Waſſer und 1 Quentchen kohlenſaures Ammoniak. Die lends rein zu machen. Wenn die Seife hart wird, ſo weicht Seife wird fein geſchnitten und langſam mit dem Waſſer man ſie mit etwas heißem Waſſer auf. Man kann die⸗ gekocht, dann das Ammoniak und die Pottaſche unter ſtetem ſelbe auch zum Fleckenausmachen gebrauchen. hlice, a dird, trit Häupte laven, u ſind, da 8„golde “(Phr zunehmen, Jahre on et Unter⸗ n Dritte ghres den tweder ale Ackerbauer c. Frohn lusgenom die Tala⸗ Sklaven, (die dafft Familien⸗ on denen ie Söhne und die , die u Rangſtufe werden rohndienſt im fäht⸗ erthe auf nen, die Einkünfte 4 Mil⸗ haler ge Die ſiame riegsmac f 300] mgegebn auf men. Doppult werden kin Feierſtunden. 1865. Rlein Sternenlicht. er ſich wahrſcheinlich einen Sternenlicht voriges Früh⸗ ſchönes Ideal des jungen Es war bald nach der erſten jener furchtbaren Schlach⸗ ten in der Wildniß, als Klein jahr zum erſtenmal unter uns auftauchte. Was mag ſich wohl der Leſer unter Klein licht vorſtellen? Feierſtunden. 1865. kopf, blühendem Geſicht und dem Sternen⸗ Geſtalt und Zügen. Nach ſeinem romantiſchen Namen denkt nenlicht war ein Negerjunge, Nichts von all' dem. 4³³ — — recht hübſchen Knaben— ein Amerikas mit dunklem Locken⸗ frühreifen Ausdruck in Unſer Ster⸗ ausnehmend klein für ſein 55 — ———— — Alter von etlichen Fünfzehn, ſo ſchwarz wie das Pigunaß, wenn dieſes nämlich noch ganz beſonders ſchwarz und glän⸗ zend iſt. Woher er kam, wohin er gehörte, wie er zu uns ge⸗ langte— wir haben es nie genau erfahren. Wahrſchein⸗ lich war er irgendwo in der Nachbarſchaft unſeres Bivouaks aufgewachſen. Am Morgen nach einer Schlacht hatte man ihn innerhalb unſerer Vorpoſten angetroffen, wie er ganz unbekümmert im Lager herumſchlenderte und mit lebhaftem Blick Alles, was ſein Auge ſah, beobachtete. Seine Er⸗ ſcheinung war im höchſten Grade komiſch. Auf ſeinem ſchwarzen Wollenkopfe baumelte eine nagelneue Artillerie⸗ mütze, viel zu groß trotz ſeines merkwürdigen Haarwuchſes; wahrſcheinlich hatte er ſie irgendwo auf dem Schlachtfelde aufgeleſen. Auf der rechten Schulter ſeines abgeriſſenen Schwalbenſchwanzes— eines Fracks von unbekanntem Alter⸗ thum— war eine ungeheure Epaulette, vermuthlich das Beuteſtück aus der Bagage eines Rebellenoffiziers, befeſtigt, während ein ſeidenes Foulard vom ſchreiendſten Roth in ebenſo auffallender wie barbariſcher Weiſe um ſeine Hüfte geſchlungen war, ſo daß ein langer Schweif wie der luſtige Schwanz eines bunten Tropenvogels hinten nachſchleppte. Seine Beinkleider— die wollen wir verſchweigen; es ge⸗ nüge zu ſagen, daß ſie im alleräußerſten Grade unerwähn⸗ bar waren. Niemand wußte anzugeben, wie der kleine Junge in unſer Lager gekommen war, und er ſelbſt wollte es nicht ſagen. Schildwachen und Pickete ſchworen Stein und Bein, an ihnen ſei er nicht vorüber gekommen, ſo daß wir das Räthſel ſeines Erſcheinens ungelöst laſſen mußten. Es war kurz nach Sonnenaufgang, da kam der wach⸗ habende Korporal und brachte mir den Burſchen. „Hier iſt ein Gefangener,'ne Contreband oder etwas der Art. Eben habe ich ihn aufgegabelt und weiß nichts mit ihm anzufangen.“ Faſt platzte ich in lautes Lachen aus beim Anblick des fraglichen Individuums; doch ſetzte ich mich ſogleich auf einen Baumſtumpf und begann ihn auszuforſchen. Kapi⸗ tän Allen kam gleichzeitig herüber und gleich darauf ſtellte ſich auch der Major ein. So bildeten wir ein förmliches Kriegsgericht um den Gegenſtand unſerer Aufmerkſamkeit in der Abſicht, während der hungrigen halben Stunde, die noch bis zum Frühſtück verſtreichen mußte, uns ein Bis⸗ chen mit ihm zu amüſiren. Die Keckheit des Bürſchchens war zum Staunen, denn er verzog keine Miene während der ganzen Ceremonie, die wir in Wort und Blick ſo im⸗ poſant wie möglich zu machen ſuchten. Aller Augen waren erwartungsvoll auf mich gerichtet— ſo eröffnete ich denn das Verfahren. „Wie heißſt du, mein Junge?“ „Weiß nit, Maſt'r. Hab' kein' Nam', glaub' ich,“ lautete die Antwort; dabei grinste ſein Mund in ſeiner ganzen erſtaunlichen Breite, wie wenn dieſer anonyme Zu⸗ ſtand ihm zu ganz beſonderer Genugthuung gereiche. „Ach was, du mußt doch einen Namen haben,“ fuhr ich fort.„Wie hat man dich denn zu Hauſe gerufen?“ „Kam allweil ungerufen. Ging ich aber zu langſam, da ſchrieen ſie zuweilen ‚Nickel“! oft auch ‚kleiner Nickel“, und dann wieder ‚Hierher, du verdammter Nickel!'’ Ich wette, ſo thaten ſie, Maſt'r! Jaa, jaa, war ein arger Schlingel— das war ich!“ fuhr er fort, ſeine Arme luſtig emporreckend und mit den nackten Füßen ſtampfend. „Stille!“ donnerte der Major als Vorſitzender des Feierſtunden. 1865. —;— ————— Gerichts mit wüthendem Stirnrunzeln, wodurch er das opf zu Lachen unterdrücken wollte, das ihn faſt erſtickte. Etwas beſtürzt über dieſes heftige Anfahren ſchwieg der kleine Burſche und nahm die Mütze ab, indem er ſich höchſt ernſthaft über die Wollenhaare ſtrich, was ſich noch viel komiſcher ausnahm wie vorhin ſein luſtiger Ausbruch. „So ſag' mir, mein Freund,“ nahm ich das Verhör wieder auf,„woher kommſt du?“ „Nirgends her, Maſt'r. Hab' eben ausgeſchlafen. Wißt Ihr, ich war ein arger Schlingel— das war ich. Jaa, jaa! war— „Stille!“ mahnte der Oberrichter. „Särr wohl, ſärr wohl, Maſt'r! Jaa! jaa!“ „Wem gehörſt du? wer iſt dein Herr?“ fragte ich weiter. „Jaa, jaa! Hab' Keinen. Ihr ſeht, er iſt fort— das iſt er.“ „Wie hieß aber dein Herr?“ „Cunnel Billy.“ „Billy was?“ „Weiß nit. Ihr ſeht, die Hühner blieben alle zurück mit der alten Miſſöß und den Madeln, während Maſt'r Billy in den Krieg zog auf dem Wege nach Richmon’. Die alte Miſſöß gab dem Nickel einen Puff, und ſo, wißt Ihr, ſchlüpf' ich bei Nacht hinaus, klettere in's Hühner⸗ haus, ſtehl' alle Tauben und mach' mich auf nach Virgi⸗ nien. Jaa, jaa! War ein arger Schlingel— das war ich.“ „Tauben! Was thateſt du mit den Tauben?“ frug ich, denn meine Neugier lenkte mich diesmal ab von der Sache. „Behalten um ſie zu freſſ', Maſt'r. Futter, beſſer als die harte Arbeit. Jaa, jaa! noch eine übrig.“ Sind zartes Und in der That— bei dieſen Worten zog er aus einer der geräumigen Fracktaſchen eine noch lebende, aber trübſelig ausſehende Taube, die er ſich anſchickte, in höchſt ſummariſcher Weiſe abzuthun, noch ehe wir ſeine Abſicht errathen konnten. Er faßte nämlich den Kopf des Thier⸗ chens zwiſchen Zeigefinger und Daumen und drehte ihren Leib blitzſchnell in der Luft, bis er förmlich geköpft zu Boden fiel. „Wozu thuſt du das?“ rief ich, über dieſe Prozedur etwas erſchrocken, und ich ſah, daß es den übrigen Glie⸗ dern des Kriegsgerichts ebenſo ergangen war. Das Bürſchchen warf den Taubenkopf ohne Antwort von ſich, hob den Körper auf und legte ihn mit einem „Jaa, jaa!“ zu meinen Füßen, woraus ich ſchloß, daß er ihn zu einem Präſent für mein Frühſtück beſtimme. „Nun, wie lautet der Spruch des Gerichts?“ fragte ich lachend, zu dem Major gewendet. „Weiß in der That nicht,“ lautete die Antwort. „Fragt den Affen, ob er fechten will, und welche Seite er vorzieht.“ Ich ſtellte die Frage. „Die Union für immer— natürlich!“ war ſeine be⸗ geiſterte Antwort. „Was kannſt du?“ fragte ich weiter. Der kleine Burſche warf einen verſtändigen Blick nach allen Seiten, wie wenn er Alles und Jedes unter der Sonne verſtünde und nur in Verlegenheit darüber wäre, was er zuerſt auftiſchen ſolle. Endlich fiel ſein Auge auf eine Trommel, welche nicht fern am Boden lag, und mit einem Jubelruf rannte er darauf los. Mit Gedankenſchnelle hatte er den Riemen über der Schulter, die Trommelſchle⸗ gel in der Hand, und mit einer Miene des Stolzes den b ſchkeit 91 leriere verda an d in de Witz Tron viel dann er n. ſprie Hat nur —— S=S= A rch er da k. ten ſchwi s ſich nah Ausbruc das Verhu giſchlafen à war ich jaa!“ t ich weitn iſt fort—- alle zurüt end Maſtt Richmon, d ſo, wij *s Hühne nach Virg as war ich. ben?“ fru. ab von der ind zartes Had Vlt og er au ende, abe e, in höhſ eine Abſi des Thjie dehte ihln geköpft u ſe Prozedun rigen Gli⸗ e Antwol mit einem loß, dj 1 mme. 8?“ fragt 3 Antwott elche Seil mn ſeinen Vorzügen weit überwogen wurden, Feierſtunden. 1865. ——————-—-:ͤ:——————-'—-—— —— Kopf zurückwerfend wirbelte er die Reveille mit der Geſchick⸗ lichkeit und Vollendung eines Meiſters. „Bravo!“ rief Kapitän Allen.„Du biſt der Mann, den ich brauche. Warum ihn nicht für unſere Kompagnie trommeln laſſen?“ fuhr er gegen mich ſich kehrend fort. „Johany liegt ſeit vorgeſtern im Spital und ſeitdem haben wir nur wenig Muſik gehabt.“ „Ein vortrefflicher Gedanke,“ beſtätigte ich. Auch der Major war einverſtanden und Sternenlicht wurde zu ſeiner unbeſchreiblichen Freude als zweiter Tam⸗ bour in der Kompagnie(des— ten New⸗Yorker Infan⸗ terieregiments) inſtallirt. Seinen Namen, unter dem er allgemein bekannt war, verdankte er dem Einfall eines unſerer Offiziere, der uns an den wunderbaren Sternenhimmel erinnerte, welcher uns in der Nacht vor ſeiner Gefangennahme aufgefallen war. Er blieb der Liebling der Kompagnie und der ſtehende Witz für das ganze Regiment. Keiner vermochte ihn im Trommeln zu übertreffen und er beklagte ſich nie über ällzu viel Arbeit. Er mußte ſich vollſtändig im Fluſſe baden; dann ſchenkten wir ihm eine nagelneue Uniform, über die er nicht weniger ſtolz ſchien wie ein Pfau über ſeinen auf⸗ ſprießenden Schweif. Klein Sternenlicht weilte nicht lange unter uns; wollte ich aber nur die Hälfte ſeiner merkwürdigen Geſchichten er⸗ zählen— die Sonne würde über der unbeendigten Erzäh⸗ lung zur Ruhe gehen. Niemals verlor er ſeine gute Laune, war nie übermäßig hungrig und ſeine ſchmächtige Geſtalt ſchien wie aus Stahl gebildet. Ohne Murren oder An⸗ zeichen von Ermüdung ertrug er Märſche, welche die eiſer⸗ nen Kräfte unſerer abgehärteten Veteranen auf's Aeußerſte erſchöpften, und nach dem Marſche war er immer der Erſte, der zur Beluſtigung des ermüdeten Regiments ſeine Poſſen, ſeine Sprünge und Kapriolen aufführte. Nie ſah ich ihn zwinkern im Feuer, und ich habe ihn im heiſteſten Gefecht beobachtet. Er hatte eine Vorliebe für Trophäen vom Schlachtfeld, und trug ſo viele Meſſer und Piſtolen an ſeinem Leibe herum, daß er wie ein wandelndes Arſenal ausſah. Mehr als einmal ſah man ihn ein Gewehr ab⸗ feuern, und traf er auch nicht immer, ſo hatte er es jeden⸗ falls gut gemeint. Er hatte freilich auch ſeine Schwächen und zwar keine kleinen: er war nämlich ein geborener Dieb, und auch meine eindringlichſten Predigten vermochten ihn von der Schwere dieſes Fehlers nicht zu überzeugen. Er ſchien ſie als von Natur depravirt zu betrachten; mit philoſophiſcher Gelaſſen⸗ heit überließ er ſich ſeiner Sünde, indem er meine Ermah⸗ nungen immer nur mit ſeinem„War ein arger Schlingel, Maſt'r— das war ich“ erwiederte. So viel ich auch in meinem Herzen überlegte, ich konnte nicht ſowohl Tadel als Mitleid für ihn finden, wenn ich der grauſamen Ver⸗ 4³⁵ Eines war es vor Allem, was ihn in meinen Augen faſt völlig rechtfertigte, und das war ſeine leidenſchaftliche Freiheitsliebe, ſeine begeiſterte Hingebung für die Sache, unter deren Banner er diente. Meine Kaplanspflichten waren an jenen blutigen Schlachttagen ſchwer in Anſpruch genommen, wo der Dienſt bei den Sterbenden und das Todtenamt für die Geſtorbenen mich alltäglich beſchäftigte; gleichwohl fand ſich immer noch Gelegenheit, meinem Ster⸗ nenlicht noch einige Zeit zu widmen. Der kleine Heide hörte mit tiefſtem Ernſt auf Alles, was ich ſagte, aber auch mit affenkundiger Bornirtheit, die mich oft entmuthigte. Nur wenn ich von der Zukunft ſeiner Raſſe, von ihren Ausſichten auf Freiheit und Verbeſſerung ſprach, dann wurde er ein Anderer; dann leuchteten ſeine Augen und ſeine ausdrucksvollen Züge glühten vor Begeiſterung. „Jaa, Maſt'r,“ rief er eines Tages,„ich fühl’s in meinen Knochen;'s wird einmal kommen, ſei's heute, ſei's morgen. Ich weiß, ich werde frei ſein.“ „Das biſt du ſchon jetzt,“ erklärte ich ihm.„Des Präſidenten Proklamation hat dich frei gemacht. Du haſt nichts zu fürchten.“ „Freilich, Maſt'r,“ verſetzte er.„Der Präſident iſt ein netter Mann— jaa das iſt er. Aber ich ſpür's noch nit in den Knochen, werd's nit eher ſpüren, bis ich ihn kriege, wißt Ihr. Laßt mich nur ihn kriegen— nur einmal.“ „Wen meinſt du?“ fragte ich verwundert. „Den Alten— Cunnel Billy. Laßt mich nur ihn kriegen, dann werd' ich frei.“ „Du wirſt doch deinen ehemaligen Herrn nicht tödten wollen?“ „Ob ich will? Jaa! Jaa!“ und Sternenlicht begann in nichts weniger als verſöhnlicher Weiſe unter den ver⸗ ſchiedenen Meſſern und Piſtolen, die ſeine Perſon ſchmück⸗ ten, herum zu ſuchen.„Das glaubt mir, bin ich auch ein Hähnchen,“ fuhr er fort.„In jedem Gefecht ſchau' ich nach ihm aus. Ich ſah ihn meine alte Mutter peitſchen, bis das Blut von ihr floß. Laßt mich nur den kriegen, Maſt'r, und Ihr ſollt ſehen, wie ſein Blut fließt. Jaa, jaa, ich war ein arger Schlingel, das war ich.“ Wäre ich erſt kurz mit Sternenlicht bekannt geweſen, ſo würde ich über die ernſtkomiſche Weiſe, wie er ſeine Gefühle äußerte, gelächelt haben; ſo aber ſchauderte ich über die Tiefe einer Leidenſchaft, welche in ſeinem Tone lauerte. Bei all' den furchtbaren Schlachten, den raſchen Mär⸗ ſchen und Gegenmärſchen, womit General Grant die Re⸗ bellen ſchreckte und verwirrte, vom Rapidan bis unter die Mauern von Richmond erwarb ſich Sternenlicht den beſten Ruf, gewann ſich die goldenen Meinungen Aller und bei einer Veranlaſſung ein herzliches Handſchütteln von un⸗ ſerem Diviſionsgeneral. Erſt bei den ſcharfen Scharmützeln auf unſerer Linken unmittelbar nach unſerer Hauptnieder⸗ nachläſſigung gedachte, mit welcher ſeine wie ſeines ganzen unglücklichen und mißhandelten Stammes Erziehung betrie⸗ hen worden. Ueberdies war der Schaden, den er durch Line Diebsgelüſte anrichtete, nicht beträchtlich. Erſtlich gab dz nicht viel zu ſtehlen, und vermißte einmal Einer etwas Gn Werth, ſo brauchte er Sternenlicht nur am Kragen zWf faſſen und ihn zu bedrohen, und alsbald gab er den vekeinißten Artikel heraus, wenn er in ſeinem Beſitze war. uſan ſchien auch allgemein zuzugeben, daß ſeine Schwächen denn ſeine arand war ebenſo bereit, einen Verwundeten nach der Am⸗ lage vor den Rebellenwerken und kurz vor dem Uebergang unſerer Armee auf das Südufer des Jamesfluſſes ſollte die Rolle, welche Sternenlicht in dem großen Drama ge⸗ ſpielt hatte, in eine wirklich tragiſche Phaſe eintreten. Die beiderſeitigen Plänklertruppen waren hitzig an einander, und es hatte allen Anſchein, als ob der Kampf kurz, aber blutig werden würde. Ich befand mich unmit⸗ bar hinter dem in Reſerve ſtehenden Theil unſeres Regi⸗ ments, mit den Verwundeten beſchäftigt; Sternenlicht hüpfte in der Nähe umher und leiſtete Beiſtand, ſo viel er konnte, immer wieder von Zeit zu Zeit ausſchauend und neugierige lance zu tragen, wie ſie flink dabei war, wenn es galt, im gefallenen Feinde die Taſchen umzukehren. Blicke nach dem nicht fernen Gefechte werfend. 55* 436 Plötzlich höre ich ſeinen Ruf, und wie ich mich um⸗ blicke, ſehe ich ihn mit tiefer Spannung gradaus ſtarren, während er mit der Hand nach der Richtung deutete, in welcher die Plänkler vorrückten. „Hurrah! Hurrahl dort iſt er! dort iſt er!“ jubelte der Kleine. Er lenkte meine Aufmerkſamkeit auf einen fein aus⸗ ſehenden Rebellenoffizier, der ſeine Leute bei einem Angriff ermunterte, welchen ſie eben gegen unſere Stellung machten. „Der iſt's! der iſt's!“ ſchrie Sternenlicht, ſeine Trommel von ſich werfend, während wilder Jubel aus ſeiner eigenthümlichen Stimme heraus klang. Und noch ehe ich ihn aufhalten oder ſeine Abſicht über⸗ haupt errathen konnte, hob er eine Muskete mit Bajonnet vom Boden und rannte wie der Wind hinter unſerer Ko⸗ lonne her, welche eben vorrückte, um den drohenden Sturm abzuweiſen. Von meiner Stellung aus konnte ich den ganzen Vor⸗ gang mit anſehen. Der Pulverdampf wurde durch den Weſtwind gehoben, und die feindlichen Kolonnen waren ganz deutlich zu unterſcheiden. Plötzlich hörte das Feuern auf und ich ſah, wie ſie mit dem Bajonnet auf einander losgingen. Die Reihen der Rebellen wurden durchbrochen und ſie wichen in Haufen nach ihren Verhauen und dem Feierſtunden. 1865. ———;— „Klein Sternenlicht liegt im Sterben, Herr,“ ſo lau⸗ tete ſein Gruß;„er wünſcht ſehr, Sie zu ſprechen.“ V„Sternenlicht im Sterben! Unmöglich!“ rief ich, gleichzeitig nach der bezeichneten Stelle rennend. Es war nur allzu wahr. Sternenlicht lag am Rande der feindlichen Werke mit einer furchtbaren Wunde am Hinterkopf— ſie rührte von einer Kanonenkugel; mehr als zwanzig brave Burſche ſtanden mit theilnehmenden Blicken und thränenvollen Augen um ihn her. Der Leſer glaubt es vielleicht nicht; aber doch ſpreche ich die Wahr⸗ heit, wenn ich ſage, daß der brave Junge bei meinem An⸗ blick freudig grinste. „Jaa, jaa! Maſt'r Kaplan,“ rief er, während ich an ſeiner Seite niederkniete und ſeine Hand faßte,„hat Nickel nichts gethan. Habt Ihr mich fechten ſehen, Maſt'r? Saht Ihr, wie ich den alten Spitzbuben, den Cunnel Billy niederſtieß? Jaa, jaa! Endlich hab' ich's erreicht, Maſter! War aber ein arger Schlingel— aber endlich hab' ich's erreicht.“ „Was erreicht, mein armer Junge?“ flüſterte ich mit zitternder Stimme. „Freiheit!“ ſchrie Sternenlicht aufſpringend. Ich ſah jenen wilden befremdenden Ausdruck der Lei⸗ Dickicht zu ihrer Rechten; ihre Offiziere hielten aber Stand denſchaft ſeine rauhen Züge überfliegen; dann ſank er zu⸗ und ſuchten die Leute durch ihr Beiſpiel zu tapferem Wider⸗ rü ajchaf ülein Iause Züg fliegen; ſ 3 ſtande anzufeuern. auf den früher bezeichneten Offizier losftürzen und ich hörte ſeinen ſchrillen Ruf, vom Wind zu mir herüber getragen. Er ſchien nur halb ſo groß wie ſein Gegner; dennoch prall⸗ ten ſie mit einer Gewalt wider einander, welche auf bei⸗ den Seiten gleich ſtark ſchien. Der Offizier wich dem Bajonnet ſeines winzigen Feindes aus und hieb ſcharf mit dem Säbel nach ihm; ich ſah, wie das Blut aus des Negers Halſe hoch aufſpritzte. Allein im nächſten Augen⸗ blicke waren ſie dicht an einander; das Bajonnet durch⸗ bohrte die Bruſt des Offiziers und dieſer ſtürzte zu Boden. Zwei⸗ bis dreimal ſah ich das Bajonnet hoch in der Luft blitzen und in dem Mann am Boden ſich einbohren; dann eilte Sternenlicht mit noch lauterem Kriegsrufe wie zuvor nach einer anderen Seite des Getümmels. Der nieder⸗ ſinkende Rauch verhüllte mir endlich die ganze Scene, denn die ſeitherige Briſe war erſtorben. Das Gefecht war vorüber: die Rebellen waren weit in die Wälder zurückgetrieben, ihre Verhaue genommen, wir ſtanden im Beſitze des Schlachtfeldes. Mein Intereſſe an dem Geſehenen war ſo mächtig, daß ich alsbald zur Stelle eilte. Unſer Verluſt war unbedeutend, der des Feindes war aber ſehr groß geweſen— nach allen Seiten lagen ſeine Todten und Verwundeten. Ich fand den Offizier, mit welchem unſer Sternenlicht gekämpft hatte. Er trug die ¹ Ich ſah Klein Sternenlicht ſchnurſtracks Abzeichen eines Rebellenkapitäns und war todt und ſteif, die Bruſt von vielen Bajonnetſtichen durchbohrt. Wie ich neben ſeiner Leiche ſtand, kam Sergeant K. von C.s Kom⸗ pagnie mit verſtörter Miene auf mich zu. Maria Monaco. Die Frau des Banditen. Wer würde wohl beim Anblick des ſchönen Weibes mit dem freien, zarten Geſichte und dem dunklen, aus⸗ drucksvollen Auge glauben, daß dieſelbe Frau noch vor Maria Oliverio iſt die Tochter ehrlicher Lan „Lieblicher Tag heute, Maſt'r,“ fuhr er fort, wäh⸗ rend das Sprechen ihm ſchon ſehr ſchwer wurde.'s iſt Abend und die Sonne am Sinken, Maſt'r. Ich höre aber die große Trommel am Himmel oben, wie ſie dem Herrn von den Rebellen erzählt. Der Tag bricht an für unſer Volk, Maſt'r, denn ich hab's endlich erreicht!. Seine Stimme ſtockte; er bewegte noch die Lippen, doch gleich darauf ſtanden ſie für immer ſtill. Er war todt. Ich legte ihn ſanft auf das Gras nieder. „Kommt,“ ſagte der Major, welcher auch dabei ge⸗ ſtanden hatte, mich am Arme faſſend,„kommt, laßt uns gehen.“ Im Fortgehen ſah ich, wie ſein Schnurrbart merk⸗ bar zitterte. Drei Mitglieder der Kompagnie C. hatten in jenem Scharmützel den Tod gefunden; ich glaube aber kaum, daß eines derſelben mit tieferem aufrichtigerem Kummer bedauert wurde, als Klein Sternenlicht. Einer von den Sergean⸗ ten, ein rauher Volksdichter in ſeiner Art, verfertigte ihm eine kurze Grabſchrift. Andere Leute der Kompagnie lei⸗ ſteten ihm noch die wenigen guten Dienſte, welche übrig blieben; der Oberſt erkundigte ſich insbeſondere nach den näheren Umſtänden ſeines Todes, die gefallenen Unioniſten — es waren ſo wenige— wurden agpart beerdigt; auch Sternenlicht bekam ſein eigenes Grab. Endlich war frei und gelangte in den Beſitz von fünf Fuß jener Er welche ihm keine ſehr zärtliche Mutter geweſen war. 7 v. M—ch. es nach der kzüre, Af blit lle ihre Gruusdſ⸗ Inden kaum zwei Jahren ein ganzes Land durch keit und Mordgier mit Entſetzen erfüllte. — 6 ſo lau⸗ en.“ rief ic m Rande unde am t mehr hmenden der Leſer ie Wahr⸗ inem An⸗ nd ich an hat Nickel Maſtr? Cunnel erreicht, r endlich wich mt d. der Lei⸗ ink er zu⸗ rt, wäh⸗ . s iſt öre aber n Heren ar unſer t! e Lpppen, war todt. dabei ge⸗ laßt und art merk⸗ in jenen aum, daß rbedauert Sergean⸗ rtigte ihm agnie lei lche übrig nach den nioriſten igt; 1 h war ener C var. ſind kahle Felſen ohne Erde, ohne Pflanzen. Feierſtun ————ò———O—;— tung neuer, größtentheils noch unbezahlter Wohnhäuſer zu gewinnen. Zwei Häuſer ſind von den Eigenthümern ohne Beihülfe erbauet; für den Dienſt des Leuchtthurms und der Zollkontrole hat der Staat vier Gebäude, auch iſt die Pa⸗ ſtorei auf Staatskoſten verſetzt und wird in dieſer auch den. 1865. ——;———;— 439 —;— Schule und Gottesdienſt gehalten; für die Erbauung einer kleinen Kirche wird geſammelt. Ein einziges Frachtſchiff befährt noch die hohe See, ein Fährſchiff beſorgt die Ver⸗ bindung mit dem feſten Lande, ein Rettungsboot wird von dem Bremer Rettungsverein unterhalten. Der Ra Der Kaukaſus, der rieſenhafte Gebirgszug, der den Landſtrich zwiſchen dem ſchwarzen Meere und Kaspi⸗See füllt, ward im Alterthum für das höchſte Gebirge der Erde gehalten; hierher verlegte die Mythe den Felſen des Pro⸗ metheus, und bis zu den finſteren Schluchten deſſelben, aus denen wilde Gebirgsſtröme hervorbrauſen, ſoll einſt der ägyptiſche Eroberer Seſoſtris vorgedrungen ſein.— Die Länge des Kaukaſus, der ſich von Südoſten nach Nord⸗ weſten zieht und in ſeinem eigentlichen Alpengebirge aus drei Parallelketten beſteht, deren mittlere im Durchſchnitt 10,000, die äußere 8000 Fuß Höhe haben, wird beiläufig auf 120 deutſche Meilen geſchätzt. Die Breite iſt ſehr ver⸗ ſchieden, zwiſchen 16, 30, 40 bis 56 Meilen. Nördlich hat der Kaukaſus den Terek⸗ und Kubanfluß, ſüdlich den Kur, Rion und Tſcharuk, öſtlich das kaſpiſche, weſtlich aber das ſchwarze Meer zur Grenze. An den Küſten der beiden Meere und in den fruchtbaren Thälern iſt die Temperatur wie in Italien, und dem Reifen der ſchönſten Südfrüchte günſtig. Die höheren Gebirgsflächen ſind kalt, die Gipfel mit ewigem Schnee und Eis bedeckt; in andern Strichen Der Winter vergeht nirgends ohne Eis und Schnee, beſonders iſt in den nordweſtlichen Theilen des Gebirges die Kälte empfind⸗ lich, anhaltend und ſtreng, der Sommer kurz, aber ſehr heiß. An herrlichen Ausſichten, reizenden, üppigen, roman⸗ tiſchen Parthien, an wild erhabenen Landſchaften iſt der ganze Kaukaſus reich. In wunderbarem Gemiſche findet man hier paradieſiſche, bezaubernde, maleriſche Thäler, und wieder hohe, nackte, rohe Steinmaſſen, wo ſich das Wilde, Gigantiſche, das Schauerlicherhabene, das Majeſtätiſchgroße mit dem Sanften, Lieblichen, Anmuthigen, Entzückenden ſeltſam paart. Die freigebige Natur hat für dieſe an ſich rauhen Gegenden Alles gethan, was man nur wünſchen kann, und nur wenige andere Länder von gleicher Größe können ſich an Reichthum des Thier⸗, Pflanzen⸗ und Mineralreichs mit den kaukaſiſchen Provinzen meſſen. Die fetten Weiden be⸗ günſtigen die Vieh⸗, beſonders Pferde⸗ und Schafzucht, auch Kameele und Ziegen treiben in den Thälern und am Fuße der Gebirge, und Wild aller Art iſt in ganzen Heerden beiſammen, Rehe, Hirſche, Gemſen, Bezoarziegen und Stein⸗ böcke, und von Vögeln beſonders Faſanen der ſchönſten Art; auch finden ſich Raub⸗ und Pelzthiere, unter ihnen häufig Schakale. Der Kaukaſus trägt vortrefflichen Wei⸗ zen, die feinſten Obſtſorten, kultivirte und wilde Reben, die an Gebüſch und Bäumen hinanranken, Maulbeer⸗, (Granat⸗, Oliven⸗, Feigen⸗, Kaſtanien⸗, Mandel⸗ und zufirſichbäume und andere Südfrüchte, Melonen, Arbuſen, veteis, Hirſe, Hanf, Flachs, Baumwolle, Tabak, Safran And vieles Andere.— Die Wälder in den unteren und mittleren Gegenden ſind an den mannigfaltigſten Baum⸗ arten reich und geben vortreffliches Bau⸗ und Schiffsbau⸗ Das Gebirge hat viele heiße Mineral⸗, Bergpech⸗ ukaſus. Thon, Schiefer, Steinkohlen, Kalk⸗ und Sandſtein, Gra⸗ nit, Jaspis, Achat, Gyps, Marmor, Porphyr, Eiſen, Kupfer und andere Erze, auch etwas Silber und Gold. Ordentlicher Bergbau aber wird bis jetzt noch nicht betrie⸗ ben; Jeder kann ſuchen, was und wo er will. Das merk⸗ würdige Urgebirge der mittleren Kette ſteigt im Oſten jäh empor, fällt im Weſten ſanfter ab, verflacht ſich nach allen Seiten und ſendet mehrere hochaufſtrebende Zweige nach Nordoſten und Süden aus. Das nördliche Vorgebirge iſt niedrig, hat ausgedehnte Hochebenen und wenig Wald; dann folgt das hohe Kalk⸗ und das noch höhere Schiefer⸗ gebirge, beide mehr bewaldet, und das letztere mit tiefen Schluchten und engen Thälern. Der etwas über eine Meile breite Hauptrücken beſteht aus Granit, kahlen Felſen, wil⸗ den, unwirthbaren und ſchrecklichen Bergſpitzen, Schnee⸗ und Eisalpen, die in die Wolken ragen und niemals aufthauen. Das ſüdliche, an den Hauptrücken gelehnte Schiefergebirge iſt anfangs hoch und rauh, dann aber zeigen ſich mehr offene und bewaldete Flächen. Das ſüdliche Kalkgebirge iſt noch ſanfter, hat wenig Holz, viel gutes Land, dacht ſich in eine niedrige, theils magere, theils fruchtbare Fläche ab, welche von zwei Ouerrücken durchſchnitten wird. Die ſüd⸗ lichen Vorberge ſind nicht ſo ſteil, als die nördlichen, und haben wenige, aber gute Waldungen. An die Verflachun⸗ gen derſelben ſchließen ſich die Vorberge des hohen armeni⸗ ſchen Ararat. Der öſtlichſte Theil des Kaukaſus iſt der niedrigſte, fruchtbarſte, und mehr bevölkert, als die übrigen Seiten. Je weiter nach Weſten, deſto mehr wächst ſeine Höhe, bis er in der mittleren Kette ſeinen höchſten Punkt erreicht, und in dem Grade nehmen Fruchtbarkeit und Be⸗ völkerung ab. Der Kaukaſus ſtellt den Augen eines jeden ihn Be⸗ reiſenden ein wundervolles, maleriſch ſchönes, großes Pa⸗ norama vor, dergleichen, die Alpen in Italien und in der Schweiz etwa ausgenommen, wohl nirgends auf der Erde gefunden wird. Von Georgiewsk, der jetzigen Hauptſtadt Kaukaſiens aus kann man die ganze Kette des Kaukaſus bis zu den lesgiſchen Gebirgen hin mit einem Blick über⸗ ſchauen. Nach der Anſicht von hier aus bildet der Kau⸗ kaſus nur zwei große parallel laufende Bergreihen, wovon die höhere nördliche das Schneegebirge(tatariſch: Ekhar Daglar), die niedrigere ſüdliche aber das ſchwarze Ge⸗ birge(ruſſiſch: Tſchornoi⸗Gori) heißt. Auf jener ragt der höchſte Gipfel, der Elbrus, noch unerſtiegen, 16,800 Fuß über dem Meeresſpiegel, empor. Er iſt nur von der Süd⸗ ſeite zugänglich, aber die Umgegend wegen der blutdürſtigen und räuberiſchen Gebirgsvölker, der Oſſeten, Lesghier u. a. ſehr gefährlich. Die Höhe des Kasbek beträgt 14,400 Fuß. — Nach den neueſten Eroberungen und Siegen der Ruſſen liegt gegenwärtig der ganze Kaukaſus innerhalb der Gren⸗ zen des ruſſiſchen Reiches, und alle denſelben bewohnenden kräftigen Völkerſtämme haben ſich freiwillig unter ruſſiſchen Schutz begeben, oder ſich gezwungen der Gewalt der Waf⸗ daphtaquellen, Salz, Salpeter, Schwefel, Mergel, fen gefügt. Trotz der Unterwerfung der zahlreichen Völ⸗ Feierſtunden. 1865. —— 440 kerſchaften iſt es gefährlich und beſchwerlich, den Kaukaſus Ruſſen bewohntes Neſt, von welchem aus man, aber nur zu bereiſen, und kann auf den meiſten Punkten nur im bei heiterem Wetter, eine herrliche Anſicht der ganzen Kau⸗ Sommer, wenn Eis und Schnee zum Theil geſchmolzen kaſuskette hat. Von hier bis an das Vorgebirge des Kau⸗ ſind, und dann nur in größeren, gut bewaffneten Geſell⸗ kaſus iſt rauhe Stepppe, das Vorgebirge ſelbſt, von den ſchaften unternommen werden. Von Rußland aus tritt Römern Porta Caucasia genannt, der einzige hier in das man die Reiſe nach dem Kaukaſus meiſt von Georgiewsk Gebirge führende Paß. Das eigentliche Gebirge, deſſen über Mosdock an, wo ſich die Reiſenden in der Regel in mit ewigem Schnee bedeckte Häupter dem Reiſenden von Karawanen ſammeln, alle ihre Sachen auf Pferde packen, Mosdock aus immer vor Augen ſtehen, betritt man erſt und nie ohne Bedeckung von oft mehreren hundert Mann beim Dorfe Palta, und bald gelangt man zwiſchen den ſich wohl bewaffnet auf den Weg machen. Mosdock, obwohl ſchauerlichſten Felſen in das fürchterliche Terekthal, eine befeſtigte Grenzſtadt Kaukaſiens, iſt ein erbärmliches, von lange und ſehr enge Schlucht, die von unbeſchreiblich hohen Armeniern, Tſcherkeſſen, Oſſeten, Tataren, Kalmücken und Felſen eingeſchloſſen iſt, deren Gipfel größtentheils in den 91 Worte, rachens Zellen Liſer! ſtändic ſters ermiß zigen meßl Him gr ün gem tauſe tauſe Ocec mehr in d Scht zu unſe lung Sie men einen che zeich groß Gebirge und Thäler im Koukaſus. Weg durch das häufig von Schneelawinen heimgeſuchte, er abgebildete Teufelsthal(Tſchortowaja⸗Dolina) zu nen, von welchem aus man den gefährlichſten Theil des Itthales umgeht, denn der Weg über die gefährlichen n, die den Verkehr über den Bergſtrom vermitteln, im zu rathen, der etwas ſchwindelnd iſt, denn theils die elenden, oft nur aus einigen rohen Baum⸗ bbildeten Brücken unter den Füßen, theils braust mit donnerähnlichem Getöſe, und mit weißem f ſeiner ganzen Oberfläche bedeckt, unter den ſo daß auch den unerſchrockenſten Mann Zit⸗ n anwandelt. 2. Wolken liegen und mit Schnee bedeckt ſind. Das oft kau. tauſend Schritt breite Thal wird von dem äußerſt wüthen⸗ den Bergſtrom Terek durchſtrömt, der von den Schneegebir⸗ gen kommend über faſt unüberſteigliche Felſen einen immer⸗ währenden Waſſerfall bildet. In einer Strecke von noch B. nicht ganz ſieben Meilen müſſen die Karawanen den eigen⸗ iſt? ſinnigen Strom, über den bei allen Kreuzwegen Brücken ſchwe geſchlagen ſind, nicht weniger als 28mal überſetzen; da ſtämm aber die Sommerwaſſer der Gebirge den Strom meiſt ſo der Str anſchwellen, daß er alle Brücken mit ſich fortreißt, iſt oft Schaume das Thal gar nicht zu paſſiren, und die Reiſenden ſind Füßen him genöthigt, über die hohen Felſen hinwegzuklettern und den tern und 2 aber nur inzen Kau. des Kau⸗ von den ſeer in das ge, deſſen enden von man erſt diſchen den thal, eine blich hohen eils in den ———y— 441 —y——;; Feierſtunden. 1865. —— Dante. »Lasciate ogni speranza«*), dieſe inhaltsſchweron Dante, oder eigentlich Durante Alighieri iſt geboren Worte, welche Dante an die Pforten des dunkeln Höllen⸗ zu Florenz im Jahre 1265. Seine edle Mutter Bella rachens ſchreibt, dürften füglich als Motto nachfolgender trug Sorge, daß er in jeder Wiſſenſchaft und Kunſt und Zeilen daſtehen, Leſer mit der Hoffnung an ſie herantreten ſollte, wenn irgend einer unſerer verehrlichen in mehreren alten und neuen Sprachen Unterricht erhielt. Wenig wiſſen wir von ſeiner Bildungsgeſchichte, als was hier voll⸗ ſtändige Belehrung über Leben und Werke des großen Mei⸗ er uns von ſeinem Lehrer Brunetto Latini im fünf⸗ ſters zu finden. Wer ermißt mit einem ein⸗ zigen Blicke die uner⸗ meßliche Bläue des Himmels, wer er⸗ gründet in einmali⸗ gem Niedertauchen die tauſend und aber tauſend Wunder des Oceans? Und auf mehr, als ein Blick in das Leben und die Schöpfungen Dante's zu ſein, macht dieſe unſere kleine Abhand⸗ lung nicht Anſpruch. Sie iſt nur ein Kom⸗ mentar zu dem nach einem ächt italieni⸗ ſchen Original ge⸗ zeichneten Bilde des großen Florentiners, und wer nicht ſchon von dieſen Zügen, aus denen der ewige Kampf des Lichtes mit dem Reich der Unterwelt in unver⸗ kennbarer Flammen⸗ ſchrift leuchtet, auf's Lebhafteſte ergriffen wird, kann auch durch tauſend Worte das ächte Verſtändniß des Dichters niemals ge⸗ winnen. Alſo nur ein Blick, wie ihn der Wanderer von einer Alpenhöhe in einem glücklichen Momente thut, wo eben die Nebelſchleier zerreißen und ſein Auge blenden, ſchließen muß, nur ein ſolcher flüchtiger Blick wird uns vergönnt; doch lohnt auch er die Mühe des Bergſteigens und verlockt vielleicht Manchen, das Studium der Werke eines Mannes, deſſen kühner Geiſt bereits die Mittagshöhe erreicht hatte, während kaum die Morgenröthe der Künſte und Wiſſenſchaften in Europa an⸗ gebrochen war. Feierſtunden. 1865. im magiſchen Mondlichte Wälder, Thäler, *) Laßt fahren jede Hoffnung. zehnten Geſang der Hölle berichtet, wo er Alles aufbietet, um Ehrfurcht und Dankbarkeit auszu⸗ drücken. Sein theuer⸗ ſter Mitſchüler war der große philoſophi⸗ ſche Dichter Guido Cavalcanti, dem er den Preis des poetiſchen Ausdrucks (la gloria della lingua) vor allen An⸗ dern zuerkennt. Den Virgil nannte er ſei⸗ nen Lehrer und gei⸗ ſtigen Vater, den er lange und viel mit Liebe geleſen habe (con luongo studio e grand' amore). Auch die damals auf⸗ blühende Malerkunſt der Neueren ſchätzte Dante wichtig und ehrte ſie in dem Maler Giotto. Eif⸗ rig ſtudirte er nach⸗ her den Ariſtoteles und die ſcholaſtiſche Theologie; dadurch, ſagt er, erhob ich mich über alle von Liebe faſelnden Dichter(per essa usci della vol- gare schiera). Er zeigte ſich vor ſeiner Verbannung in ſeiner Vaterſtadt und ſpäter in Schriften als vortrefflicher Staats⸗ mann und Rechts⸗ gelehrter; Aſtrono⸗ Seen und feenhafte Schlöſſer mie, Geographie, Mythologie, alte und neue Geſchichte kannte er, wie er in ſeinem großen Gedichte beweist, ſehr gründlich; Anatomie und Phyſiologie beſſer, als man für ſeine Zeiten vorausſetzen dürfte. Gleich im Anfang ſeines Gedichtes deutet er auf Puls und Pulsadern(le vene edi polsi) hin, eine damals noch unbekannte Theorie dieſſeits der Alpen. Auf dieſelbe Weiſe gedenkt er lange vor Co⸗ lumbus der Antipoden. Da Dante's Werke und Leben ſo innig verflochten ſind, daß die erſteren ohne eine Kenntniß des letzteren un⸗ verſtändlich bleiben, müſſen wir in gedrängten Worten die 56 X Dante. daß er es entzückt und bewundernd ſich tiefer zu verſenken in —— 442 Schickſale des großen Dichters darſtellen, der ſich den Lor⸗ beer nicht wie andere ſeines Standes in behaglicher Stille des Studirzimmers erſchrieben hat, ſondern ihn in den Wogen einer ſtürmiſchen Zeit, wo das Individuum ſo leicht untergehen konnte in den rieſenhaften Parteikämpfen der Ghibellinen und der Guelfen, mit kühnem Griffe erfaßt und auf das blutende Haupt ſich gedrückt hat. Die Blumenſtadt war damals in die Faktionen der Bianchi und Neri(Weißen und Schwarzen) getheilt; Dante, dem Rath dei Priori der Republik angehörend, ſtand im Verdacht, den„Weißen“ mit ſeinen Sympathien anzuhan⸗ gen. Als er daher im Jahre 1302 in Geſchäften der Republik an Papſt Bonifacius VIII. nach Rom geſandt wurde, wurde er durch Kabalen in das Schickſal der Weißen verwickelt, um 3000 Lire geſtraft und, da er ſie nicht zahlen konnte, auf zwei Jahre verbannt. Erbittert über den Papſt, der ſeine Feinde ſchützte und ſeine Vater⸗ ſtadt in die Hände der Franzoſen ſpielen wollte, deren König ſeinen Bruder dahin ſchickte, ſchloß ſich Dante in der Verbannung an die Weißen und an die Ghibellinen an, welche vereinigt mit Gewalt in Florenz eindringen wollten. Sie erlitten aber 1304 eine blutige Niederlage. Dante ward auf immer verbannt und ſeiner Güter verluſtig er⸗ klärt; er fand jedoch bei den herrſchenden ghibelliniſchen Familien Oberitaliens Schutz und Aufnahme. Die Scala in Verona, die Papafavi in Padua, die Fogginolo im arbinatiſchen Gebirge, die Boſoni in Zubbio, die Malas⸗ pina, die Salvatici bewirtheten ihn gaſtlich. Ganz zuletzt war er bei den Polenta in Ravenna, und ſtarb, als er eine ehrenvolle Geſandtſchaft übernommen gehabt hatte, um 1321.— Er liegt daſelbſt begraben in der Kirche der Minoriten, wo ihm der venetianiſche Patricier, Bernardo Bembo, Vater des bekannten Kardinals, im Jahre 1483 ein prächtiges Denkmal errichten ließ.— Allen den Fami⸗ lien, die ſich ihm freundlich erwieſen, hat Dante in ſeinem Werke ein ewiges Gedächtniß geſichert. Er war verheirathet geweſen mit Gemma, Tochter des Manetto Donati, welche ihm mehrere Kinder gebar. Doch war dieſe Ehe nicht glücklich, ſo daß ſich Gemma von ihm trennte. Seine wiſſenſchaftliche Thätigkeit in lateiniſcher Sprache knüpft ſich an ſeine Geſchäftsthätigkeit für das wiederher⸗ zuſtellende Anſehen des Kaiſers, ſein poetiſcher Ruhm an ſeine erſte Liebe, deren Gegenſtand er, wie alle provenza⸗ liſchen Dichter, idealiſirt hat. Dante's Beatrice(Por⸗ tinari, ſtarb 1290) iſt wie Petrarcas Laura oder Boccaccios Fiametta gleichſam ein ſinnliches Ideal, um den Geſang von himmliſcher Liebe nicht auf bloſe Dichtung, ſondern auf die Wirklichkeit und auf einen beſtimmten Körper zu beziehen, ohne daß dabei der einzelne Gegenſtand eine beſon⸗ dere Bedeutung hätte. Aus ſeinem Buche von der Monarchie weht dem Leſer ein von der Geſchichte der Menſchheit geläuterter Hauch entgegen, und obwohl Vertheidiger des Kaiſerthums, ver⸗ wirft Dante doch jede orientaliſche Auffaſſung deſſelben, wenn er ſagt: Non enim gens propter regem, sed e converso rex est propter gentem, d. h.: Nicht das Volk iſt um des Fürſten willen da, ſondern umgekehrt, dieſer um des Volkes willen. Die poetiſche und theologiſch⸗philoſophiſche Wirkſam⸗ keit Dante’s knüpft ſich ganz an die Geſchichte ſeines Ueber⸗ gangs von einer ſinnlichen Liebe zur himmliſchen, oder des Uebergangs vom Entzücken am Bilde der Gottheit der menſchlichen Antlitze zum reinſten inneren Schauen des Feierſtunden. 1865. göttlichen Weſens. Dies iſt für unſere Zeit hart und ſchwer und wird ganzen Menſchenklaſſen lächerlich oder bis zur Verrücktheit ungereimt erſcheinen; zu Dante’s Zeit war es anders. Wer die Theoſophie des tiefen Denkers Bona⸗ ventura, die unvergleichlich philoſophiſchen Gedichte eines Guinicelli oder eines Cavalcanti kennt, wird die Allegorie und Myſtik, Symbolik und Contemplation zu würdigen wiſſen, die überall in Dante's comedia— denn nur ſo nannte er ſein Werk, den Zuſatz divina gab ihm die ſtau⸗ nende Mit⸗ und Nachwelt— zu Tage tritt. Durch die Vita nuova wie durch die Divina Comedia geht ein mit unerreichbarer Kunſt ineinander gewebtes Spiel mit der Geſchichte des Chriſtenthums und der der alten Welt und ſeiner Zeit, mit der Religionsphiloſophie, mit Luft und Nebel, und endlich ſogar blos mit reinem Licht und mit farbigem im Paradieſe, das ſtufenweiſe Fortſchreiten vom Schauen des Menſchlichen im Göttlichen zur Auflöſung alles menſchlichen Schauens im reinen Gottſchauen endlich darſtellend. In drei Theilen ruht das ganze Gedicht,„die göttliche Komödie“ betitelt: der Hölle, dem Fegfeuer, und dem Paradies, von denen man richtig den erſten plaſtiſch, den zweiten maleriſch und den dritten muſi⸗ kaliſch genannt hat. Denn wie in der Hölle alle Geſtal⸗ ten mit unerſchöpflicher, ſelbſt das Aeußerſte nicht ſcheuen⸗ der Kühnheit ausgebildet und gerundet ſind, ſo daß nur des Dichters ordnende Seele durch das Dunkel hinzieht, ſo ſchließt ſich im Fegfeuer das Reich der Farben auf, bis im Paradieſe Alles in reinem Lichte ſtrahlt. An das Ir⸗ diſche hingegeben, ja angebannt, der Erdſcholle ſich nicht entwindend liegt die menſchliche Natur in dem erſten; ihr freier Trieb und ihre Schöpferkraft erſchüttert eine Welt im zweiten, und im dritten Theile genießt ſie der ruhigen Vollendung wie die homeriſchen Götter im Olymp. Es iſt ein wunderbares Gedicht, in dem die mittel⸗ alterliche Scholaſtik und Myſtik vermählt auftritt, das letzte große europäiſche Volksepos, in welchem ſich dieſes ſchon in Lyrik, in Allegorie und Viſionen auflöst, Schauſpiel nur deßhalb zu nennen, weil der Wechſel der poetiſchen Farben, der darinnen ſpielt, der Elegie, Satyre, Idyllle, des Epiſchen, Lyriſchen und Didaktiſchen, die bunte Varia⸗ tion der Scenen mit nichts beſſerem als einem Schauſpiel konnte verglichen werden. Auch in den lyriſchen Ergüſſen der vita nuova iſt Dante ein nie erreichtes Vorbild, indem er uns hier mit wahrer und kräftiger Empfindung zuerſt durch alle Grade der Wirkung rein ſinnlicher Liebe, durch alle Abwechslung von Furcht und Hoffnung, über alle Stufen des Schmer⸗ zes langer Trennung und der Unmöglichkeit des Beſitzes des geliebten Gegenſtandes führt; dann haucht er bei der voreiligen Nachricht vom Tode der Beatrix noch einmal tiefen Schmerz aus, bereitet aber die, welche ſeinem Ge⸗ ſange horchen, auf einen Troſt vor, der ihm vom Himmel kommt. Er ſchaut im inneren Geſichte der Engel Chor, und als ſeine Geliebte wirklich ſtirbt, iſt ſeine Liebe des ſterblichen Mädchens im Schmerz, den er ausgehaucht hat, zur Liebe der Seele, nicht des Leibes geworden; er ſieht alſo bei ihrem Scheiden vom Leibe nur den verklärten Engel mehr in ihr, und er erhält eben nun in der divina comedia durch ſchwere Geneſung von Leidenſchaft die Feuer⸗ taufe des Geiſtes. Seine verklärte Beatrice, das Symbol! göttlicher Liebe, ewiger Gnade und wahrer Gotteserkennt⸗ niß, führt ihn daher von einer himmliſchen Sphäre zur andern in die Gegenwart Gottes, wo kein Kreiſen der — geder llicken Mytho nſtoß ungeden chen K Dichte legen Möndh . punkt das( daß Phau in d tn g. Kom verfa fahre nern ande Sphären mehr iſt. Wer dies Alles liest und blos Poeſiet ſucht, wird nur Geſtalten, Geſchichten und Bilder ſehen. J — ₰△‿ ch oder h s Zeit va kers Bonn ichte eines e Alleghri würdigen nn nur ſu n die ſtau Durh de a geht ein piel mit der Welt und t Luft und ſt und mi eiten wen Auflöſung uen endlich ꝛdicht,„de fegfeuer, den erſten ten muſi⸗ alle Geſtal⸗ ct ſcheuen⸗ d daß nun el hinzieht, en auf, bit n das Ir⸗ ſich nict erſten; ihr eine Welt er wNkgen mp. die mittel t, das letze dieſes ſchon Schauſpit r pottiſche jre, Joylle unte Varih⸗ Sthauſpil nuova iſ s hier mi alle Grade Feierſtunden. 1865. —————;— —:õ——ͤy—y———— Jeder aber, der tiefer ſchaut, wird leicht durch den Schleier blicken, und als denkender Geiſt weder an der chriſtlichen Mythologie, noch an der Menſchengeſtalt des Göttlichen Anſtoß nehmend, wird er die durchgeführte, oft nur leiſe angedeutete Allegorie nicht blos auf die Entartung der römi⸗ ſchen Kirche oder auf die Zeitgeſchichte beziehen, obwohl der Dichter an manchen Stellen faſt eben ſo ſtark als Luther gegen die Art von Chriſtenthum eifert, welche von den Mönchen damals gelehrt ward. Ugolinos ſchauerliche Darſtellung iſt wohl der Glanz⸗ punkt im Inferno. Hier wie vielleicht nirgends ſonſt iſt das Grauſenhafte mit den gewaltigſten Zügen ſo gezeichnet, daß der ſchwächere Geiſt des Leſers kaum vermag, der Phantaſie des Dichterrieſen zu folgen. Die Bemerkungen in der Aeſthetik von Moriz Carrière beleuchten dieſe Stelle in gebührender Weiſe, und es wäre zu wünſchen, daß alle Kommentatoren Dante's ſo gründlich und zugleich genial verfahren wären wie Carrieére. So aber hat der Dichter verſchiedene Auslegungen er⸗ fahren müſſen, deren einige der Haß ſeinen kirchlichen Geg⸗ nern diktirte, andere politiſche Meinungsverſchiedenheit, noch andere die Sucht, eigene Gedanken hinein zu tragen. Als verdienſtvolle Werke ſind zu empfehlen: Mein hardt(Ver⸗ ſuche über den Charakter der italieniſchen Dichter, 1. Band), Schlegel(in den Horen von Schiller), während dagegen Bouterweckk(Geſchichte der ſchönen Wiſſenſchaften, 1. Band, S. 66 u. ff.) von einer gewiſſen eigenſinnigen Parteilichkeit gegen das Gedicht eingenommen iſt, indem er ſich auf höchſt proſaiſche Weiſe durch ſeine Seltſamkeit imponiren läßt, aber zu keinem rechten Verſtändniß zu kom⸗ men vermag. Der Co 443 —————y—JOA Dante's lyriſche Gedichte(rime) athmen denſelben Geiſt, wie ſein Hauptwerk. Die neun Gedichte, die er in ſeinem ſonderbaren Buche, Gaſtmahl(Conorto) genannt, pedantiſch, dunkel und verworren weitſchweifig erklärt hat, würden jedem Anderen, auch wenn er ſonſt nichts gedichtet hätte, die Unſterblichkeit geſichert haben; man muß ſie aber vom proſaiſchen Text trennen, denn dieſer iſt ganz unge⸗ nießbar. So überragt Dante nicht nur bei Weitem ſeine Zeit⸗ genoſſen, ſondern auch alle die Dichter, welche vom Gött⸗ lichen und Himmliſchen nach ihm geſungen haben, Milton ſowohl als Klopſtock. Er hat es allein zu vermeiden ge⸗ wußt, Gott auf ärgerliche Weiſe zum Menſchen zu machen, ihm allein iſt es gelungen, das Menſchliche und Irdiſche im Göttlichen und Himmliſchen aufzulöſen, ohne das Gött⸗ liche zum Menſchlichen herabzuziehen. Hier haben wir nicht ein Epos im Oratorienſtyle, eine Transponirung muſika⸗ liſcher Lyrik in die epiſche Tonart vor uns, wie in Klop⸗ ſtocks Meſſiade, jener Choralſtyl der Empfindung, jenes ermüdende Schwelgen in hochtrabender nebelhafte Geſtaltloſigkeit, Einförmigkeit und Gewaltfam⸗ keit der Gefühle brauchen wir hier nicht zu fürchten, ſon⸗ dern da ſteht er vor uns, der göttliche Dante, ein Schöp⸗ fer und Meiſter der Sprache, die er aus dem froſtigen Pedantenton erlöst und zu den kühnſten Flügen führt. Wenn auf irgend einen Sterblichen und deſſen Werke, läßt ſich auf Dante der göthiſche Vers im himmliſchen Prolog zum Fauſt anwenden: Dein Anblick gibt den Engeln Stärke, Da keiner dich ergründen mag, Und alle deine hohen Werke Sind herrlich wie am erſten Tag. rricoſo. (Hiezu die Abbildung auf Seite 444.) Neapels Straßen und Plätze wimmeln von Wagen aller Art; wer nicht zum Volke gehört, benutzt, ſollte es auch nur von einem Stadtviertel in's andere, von einer Straße zur andern ſein, irgend eins der zahlloſen Vehikel, die unter den verſchiedenſten Namen die Straßen durchrollen. Außer Lazaroni's, Facchini's, Geſchäftsleuten, Mönchen, Soldaten und Fremden ſieht man ſelten Jemanden, an⸗ ſtändige Damen aber faſt nie zu Fuße die Straßen durch⸗ wandern, höchſtens müßte es von einem Modewaarenladen zum andern ſein.— Die Mehrheit der Wagen, ſeien es nun Fiaker, Tilbury, Corricolo, oder wie ſie genannt wer⸗ den mögen, ſeien ſie auch noch ſo elegant, ſind auf dem Stehbrett ſtets von Lazaroni's belagert, die behülflich ſind, den ein⸗ und ausſteigenden Fahrgäſten ſich nützlich zu er⸗ weiſen, und mit Zudringlichkeit und bewundernswürdiger Mundfertigkeit ihre Dienſte anbieten.— Neapel eigenthüm⸗ bringen, deſſen Manne am meiſten in rüſt überragt, ein offenes, zweiſitziges um deſſen edlen lich iſt der antike, vom gemeinen Anſpruch genommene Corricolo, Fahrzeug mit hohen Rädern, das von einem dürren Gaul gezogen in wunderbarer Schnelligkeit dahin rollt, und wegen ſeiner Ueberladung und des fröhlichen Lärmens ſeiner Paſſa⸗ giere die Aufmerkſamkeit aller Fremden auf ſich zieht, die ſich wohl hüten, von einer ſolchen Beförderungsanſtalt Ge⸗ brauch zu machen.— Obwohl nur zweiſitzig, drängen ſich doch ſtets wenigſtens drei Perſonen in denſelben zuſammen, unter denen Damen und Mönche nie fehlen; das Stehbrett hinter ihnen nehmen oft fünf und mehr Lazaroni, Facchini und Soldaten ein, die froh ſind, wenigſtens noch mit einem Fuße Poſto faſſen zu können, während das Sitzbrett des Wagenlenkers und der Raum vor den Innenpaſſagieren noch außerdem von zwei oder drei Fahrluſtigen in Beſchlag genommen, oder der Kutſcher genöthigt wird, auf der Deich⸗ ſel zu balanciren, um von dort aus mit luſtigem Peit⸗ ſchenknall und lautem Zuruf ſeinen Renner in Galopp zu Kummt ein mit Schellen geſchmücktes Ge⸗ und von deſſen Haupte Pfauenfedern nicken, Stamm zu bezeichnen. 1 2. Dithyrambik, jene —MH—:n-ͤ—-——— 9 8 S ₰ A . 8 8 = S 5 Feierſtunden. 1865. 445 ——:-—————õõ—r——ʒ————————— 4 Der Schlangentempel zu Whydah. Die Bewohner Guinea's ſind noch immer dem gröb⸗ von jenen Völkern als Gottheiten verehrt werden.— Zu ſten Fetiſchdienſte ergeben. Whydah nun, einer Stadt, in der die Franzoſen zum Mit dieſem Ausdruck bezeichnet man die alberne An⸗ Schutze ihres Handels ein Fort angelegt haben, beten die betung von belebten und unbelebten Gegenſtänden, welche Einwohner eine beſondere Schlangenart an, und haben eem Kite einen eigenen Tempel errichtet. Dieſer Tem⸗ deſſen Wände wie die Hütten der Einwohner, aus Lehm Piſt nit weit von den franzöſiſchen Verſchanzungen ent⸗ gebaut ſind befinden ſich Thüren, durch welche die kriechen⸗ han einem etwas iſolirten Orte gelegen und wird den Goteiten ungehindert ein und aus ſpazieren. Die iner Hruppe prächtiger Bäume beſchattet. Decke es Gebäudes bilden ineinander geflochtene Baum⸗ Das nerkwürdige Gebäude beſteht aus einer Art Ro⸗ zwei⸗, welche ein Dach von üppigen Pflanzen und Gewäch⸗ von 30— 40 Fuß Durchmeſſer und iſt ungefähr ſerzu tragen haben, auf dem die Schlangen ſich zu ſon⸗ Fuß hoch. Auf beiden Seiten des Heiligthums, ne und am liebſten aufzuhalten pflegen. 446 Fererſtunden. 1865. —— ———— —; Alle dieſe Schlangen gehören ungefährlichen Gattungen nach allen Seiten hin blinzeln, und ſie ihre geſpalteten an, denn ſie beſitzen jene rinnigen Hakenzähne nicht, deren Zungen drohend von Zeit zu Zeit herumwerfen. Noch Vorhandenſein die giftige Schlange charakteriſirt. Sie er— Andere endlich liegen zuſammengerollt und ſchlafend auf reichen eine Länge von 3— 9 Fuß. Ihr Körper iſt wal⸗ den Pflanzen des Daches. zenförmig, gegen die Mitte ein wenig aufgequollen und Ungeachtet der Eigenthümlichkeit des Anblicks und des endigt ſich in einem Schwanze, der ein Drittel der Länge Nichtvorhandenſeins irgend welcher Gefahr wird ſich der des ganzen Thieres ausmacht. Ihr Kopf iſt breit und Europäer, welcher dieſen Tempel beſucht, höchſt unheimlich bildet ein an den Enden abgerundetes Dreieck. Der Hals in Mitten des klebrichen Gewürms zu Muthe fühlen, und iſt weniger dick, als der übrige Körper. beim Austritt aus dem Gebäude wird er gewiß nicht einen Die Farbe dieſer Geſchöpfe iſt theils hellgelb, theils kleinen Seufzer der Erleichterung, ſo wie man ihn beim grünlich gelb. Die meiſten tragen zwei braune Streifen Erwachen von einem böſen Traume ausſtößt, unterdrücken auf dem Rücken, welche über denſelben der Länge nach lau⸗ können. fen. Andere dagegen ſind mit einer Menge brauner, un⸗ Es iſt nicht ſelten, ſelbſt auf den Straßen der Stadt regelmäßig ausgetheilter Flecken bedeckt und geſchmückt. ſolche heilige Thiere, welche ſich vom Tempel entfernt haben, Die Zahl dieſer heiligen Thiere im Tempel zu Why⸗ herumkriechen zu ſehen. Sobald dann die Neger ihre Gott⸗ dah mag ſich auf mehr als 100 belaufen. Die Einen be⸗ heiten erblicken, nähern ſie ſich ihnen mit den Zeichen der wegen ſich an eigens zu dieſem Zwecke an den Mauern tiefſten Ehrfurcht, nehmen ſie mit der größten Vorſicht in angebrachten Baumſtämmen auf⸗ und abwärts. Die An⸗ die Arme und tragen ſie, damit den theuren Geſchöpfen deren, mit dem Schwanze ſich feſtklammernd, ſchaukeln träge doch ja nichts Böſes zuſtoße, ſchleunigſt in den Tempel hin und her, während ihre kleinen, halbgeſchloſſenen Augen zurück. Aug. W. Die kürkiſchen Friedhöfe. Conſtantinopel iſt nach allen Seiten hin von einem an meiner Seite Platz genommen, ergreife eine unter den ungeheuren Gürtel von Cypreſſen eingeſchloſſen. Auf einem Blumen verborgene Schlange, verwandle ſie in einen Zau⸗ Raum von mehreren Meilen umlagern ſie die Stadt vom berſtab und gebiete, ſie über Skutari ſchwingend, den Tod⸗ Marmora⸗Meer und dem Kaſtell der Sieben Thürme bis ten, aufzuſtehen und vor unſeren Augen vorüberzuziehen; zur Bucht des Goldenen Horns, und jenſeits des blauen und unter den unzähligen bleichen Geſpenſtern begegnete ich Meeresſpiegels an der Küſte von Scutari ſteigen ſie wieder dann all' den Männern, welche ſeit Mahomet II. und zu Tauſenden auf, gleich einem Walde von ſchwarzen Lan⸗ Soliman dem Prächtigen eine mehr oder minder hervor⸗ zen. Hier iſt der große Friedhof der Hauptſtadt, denn die ragende Rolle in der Geſchichte des osmaniſchen Reiches Türken haben eine beſondere Vorliebe für den aſiatiſchen geſpielt hatten. Boden, und wer es vermag, läßt ſich dort ſeine Ruheſtätte Doch laſſen wir die Muſelmänner ſchlafen am Fuße bereiten. Aber auch dieſſeits, über Galata, beſchattet das dieſer Bäume, für die es keinen Frühling gibt, und ver⸗ düſtere Grün der Cypreſſen den Großen und den Kleinen ſuchen wir es, eine Vorſtellung von dem unermeßlichen Friedhof, wohin die Griechen zu Oſtern den Schauplatz Todtenfelde zu Skutari zu geben. Verbannen wir zuerſt ihrer Musketenſalven und anderer lärmender Freudenbezeu- Alles, was an einen ländlichen Kirchhof bei uns erinnert; gungen verlegen. Daſſelbe Düſter ſchwebt über den Tie⸗ da gibt es keine Trauerweide oder Eibe, keine bemooste fen des Thales und erſtreckt ſich bis zu der Gegend, wo Kapelle mit ihren im Mondenſchein erglänzenden gothiſchen Mahmud, der Vater des jetzigen Sultans, ſich in Geſell⸗ Fenſtern und den marmornen Rittern, die mit gefalteten ſchaft ſeiner circaſſiſchen Favoritin mit Bogenſchießen un⸗ Händen über ihren Särgen ausgeſtreckt ruhen, keinen alten terhielt. Terebinthen und Platanen bezeichnen die Stellen, Thurm, wo einſt die Glocke der Mönche ertönte, keine wo die Derwiſche ihre Narren, d. h. ihre Mitbrüder be⸗ Roſenhügel, auf welchen die Dorfkinder ſpielen: Alles trägt ſtatten, und wo die Armenier am Ziele ihrer Spitzbübe⸗ einen ausſchließlich muſelmänniſchen Charakter. reien anlangen. Die Türken glauben, nicht nach dem Koran, ſondern Die muſelmänniſchen Familien hatten zur Zeit ihres nach zahlreichen älteren Traditionen, daß der furchtbare leydigen Glaubens und ihres Eifers für den Propheten Azrael, der Todesengel, ſich dem Bette der Sterbenden die Gꝛohnheit, an dem Tage, wo ihnen ein Kind geſchenkt mit dem Schwerte in der Hand nähert; an der Spiitze die⸗ wurde, ine Cypreſſe zu pflanzen, und ſpäter, wenn die ſes Schwertes hängen drei Tropfen Galle, welche dem Kinder ihre Nater.everloren, pflanzten ſie ihrerſeits eine Sterbenden in den Mund fallen: der erſte gibt iſ p Cypreſſe auf ſein Grab. Dieſe Gewohnheit hat etwas Bläſſe des Todes, der zweite tödtet ihn, und der dr Poetiſches und erklärt zugleiadie großen Cypreſſenwälder, wirkt die Zerſetzung des Körpers. Die Mollahs wovon Stambul umgeben iſt. eutzutage pflanzen dieſe ſter) ſagen, daß wenn ein Türke in das Grab git traditionellen Bäume ſich von ſelbſt ft, und die Cypreſſen⸗ und einige Bretter über ihm eine Art Gewölbe bilde wälder dehnen ſich aus, wie die Erobungen der Türken Augen ſich öffnen und an die Dunkelheit rings him ſich einſt ausdehnten, und wie vielleichten Kurzem das wöhnen, und ein Engel ihm dann gebiete, ſich auecht dü — —2 ͤ— ͤ——, Chriſtenthum ſich über den Muhamedanisus ausdehnen ſetzen und einer Glaubensprüfung zu unterwerfen ziternd wird, von dem es ſeit 1453 gemißhandelt wden iſt. gehorcht er; die beiden Prüfungsengel, Monker nd Naßr Oft ſaß ich bei der Mittagshitze im Schten dieſer kir, bewaffnet mit ungeheuren Keulen, ähnlich deun, welche Leichenbäume, auf welchen die Turteltauben girr, und die DOſchins bei ihren Kämpfen gebrauchen, nelmen, ds träumte, an den ausgehauenen Turban über dem Grabe Eine an ſeinem Haupte, der Andere zu ſeinen Faßen, Plc eines Effendi gelehnt, irgend ein arabiſcher Magier abe und fragen ihn über die Einheit Gottes, die 5 „ Seudund 1 ᷣ̊ᷓ geſpalteten fen. Noch lafend auf is und des d ſich der unheimlich füſlen, und richt einen n ihn beim unterdrucen n der Stadt ffernt haben, r ihre Gott⸗ Zeichen der Vorſicht in Geſchöpfen den Tempel Aug. W. ne unter den einen Zau⸗ , den Tod⸗ berzuziehen; egegnete ich net M. und nder hervor⸗ chen Reihhe fen am Fußt ʒt, und ver⸗ unermeßlichen m wir zuer uns erinnert, ne bemooste en gothiſchen nit gefaltetan „keinen alten rtönte, bein a: Alls trig r. onden nrn, üm Sterbender c derte 8 . 11 Feierſtunden. 1865. ——:ͤ——————r——— Mahomeds und die Wahrheit des Koran. ſtorbene gut antwortet, ſo verfällt er in einen köſtlichen Schlaf und wird von den Lüften des Paradieſes gewiegt; hat er aber im Mindeſten etwas von dem Glauben der Juden oder Chriſten angenommen, ſo ſchlagen die Engel ihn mit ihren eiſernen Keulen, ſeine groben Sünden ver⸗ wandeln ſich in ſiebenköpfige Drachen, ſeine kleinen in Skorpionen, und dieſe Ungeheuer ſtechen, beißen, zerreißen und quälen ihn bis zum Tage der Auferſtehung. Allerdings finden dieſe Legenden manchen Skeptiker unter den Osmanen ſelbſt, und ſehr verſchieden ſind die Anſichten über den Zuſtand der Seele nach ihrer Trennung vom Körper. Die Einen glauben, ſie irren um die Grä⸗ ber herum, eine Idee, welche in Europa ſo vielen Geiſter⸗ geſchichten den Urſprung gegeben hat; die Andern ſagen, die Seelen der Frommen werden in den Himmelsgärten zu Vögeln mit grünem Gefieder; wieder Andere, ſie baden ſich in den Brunnen Edens, die Seelen der Gottloſen nehmen aber ihren Sitz unter der unteren Kinnlade des Teufels; doch darin ſtimmen alle überein, daß eines der Gebeine des Menſchen, das os coccyx, allein unzerſtörbar ſei und die Hauptrolle vor der Auferſtehung ſpiele, indem aus dieſem os coccyx am Tage des Gerichts nach zweimonatlichem anhaltendem Regen der ganze Körper, wie die Blume aus dem Samenkorn, hervorgehen werde. Damit alſo der Verſtorbene ſich zu ſeiner Gewiſſens⸗ prüfung aufrecht ſetzen kann, wird der Leichnam ohne Sarg begraben und unter ein Gewölbe geſetzt, das nicht ſelten einſtürzt und dadurch Vorübergehende ebenſo erſchreckt, als den herrenloſen Hunden eine Zufluchtsſtätte gewährt. Da⸗ her geſchieht es auch, daß die Türken, ſonſt ſo ernſt und langſam, bei Leichenbegängniſſen, um der Seele die jener Prüfung vorangehenden Ungewißheiten und Leiden abzu⸗ kürzen, im Geſchwindſchritt marſchiren. Ein anderer Grund, warum die Gräber der Türken einſtürzen, liegt in dem Gebrauche, eine Oeffnung in dem Gewölbe zu laſſen, da⸗ mit die Verſtorbenen, wenn ſie etwa Verlangen darnach haben, noch Mittheilungen machen können— ein gefähr⸗ licher Gebrauch, der Ausdünſtungen Raum gibt, welche den Lebenden tödtlich werden könnten, wenn nicht die Cypreſſen wären, welche durch ihren aromatiſchen Geruch die verderb⸗ lichen Miasmen zerſtören. Das Leichengefolge eines Türken beſteht nicht aus be⸗ zahlten Leidträgern; iſt er geſtorben, ſo nehmen ſeine Freunde ihn ſchnell und heiter auf die Schultern: ſchnell, um die vorgenannten Qualen ihm zu erſparen, heiter, weil der Koran die Verſicherung gibt, daß wer die Leiche eines wahren Gläubigen zum Grabe trägt, und wäre es auch nur vierzig Schritte weit, zahlreiche Sünden damit abbüßt. Entſchiedene Fataliſten, beſeufzen ſie den Tod nicht, nennen ihn keinen Verluſt, kein Uebel, zeigen ſich nicht untröſtlich, ſondern ſprechen:„Es war geſchrieben, es iſt Gottes Wille und Alles gut.“ Sie beſchränken ſich darauf, einige Verſe des Korans zu ſingen und rufen den Segen des Himmels auf das Haupt deſſen herab, welcher den Leichenzug führt. Die Begräbniſſe erfolgen zur Stuude des Gebets, um Mittag oder bei Sonnenuntergang. Der Leichnam wird in die Moſchee gebracht und von da durch das Gefolge oder einen Theil deſſelben zum Grabe geleitet. Am Frei⸗ tag, dem Sonntag der Türken, machen die Frauen ihre frommen Beſuche auf den Friedhöfen. Da ſieht man die Trauernden verſchleiert an den Gräben ſitzen und Jasmin mund Roſen in die Schaalen ausblättern, welche zur Auf⸗ —— 447 ———ͦ———————:ͤy—————————————— Wenn der Ver⸗ nahme dieſer ſymboliſchen Spende in die Grabſteine einge⸗ hauen ſind. Kehren wir nach Skutari und zu deſſen Cypreſſen, die von Käuzchen und Turteltauben bevölkert ſind, zurück. Wir ſteigen für's Erſte vom Hotel Miſſeri nach Tophana, zum Arſenalthor hinab und nehmen ein Fahrzeug. Einmal in dem Kaik ſitzend, wird mir die Fahrt über den Bospo⸗ rus nicht lang, und in Kurzem befinde ich mich zu Sku⸗ tari, am Fuße des von Miß Nightingale gegründeten Ho⸗ ſpitals. Ich zahle den Bootsmann und klettere die ſteilen Hänge der Straße von Skutari hinauf, und an der Thüre eines Obſtladens, wo ich prächtige Trauben kaufe, ſehe ich einige Türken mit unterſchlagenen Beinen und in einen Halbſchlummer verſunken im Schatten einer Platane ſitzen; ſie genießen ſo das lebhafteſte Vergnügen der Türken, ſeit⸗ dem ſie dem Opium etwas entſagt haben: der Geiſt iſt eingeſchlafen und die Augen ſtehen offen, das nennen ſie ihren Kief machen. Der Kief iſt ihr Lieblingszeitvertreib, wie der unſrige, etwa hinter einem Haſen herzulaufen, zu reiten, den Kut⸗ ſcher oder Bootführer u. dgl. zu machen.... Alles zu unſerem Vergnügen. Ich wende mich rechts an einigen roth angeſtrichenen, mit vorſpringenden Fenſtern, deren Gitterläden wahren Käfigen gleichen, geſchmückten Landhäu⸗ ſern vorüber, ich überſchreite den Grasplatz, wo ich die Bajonnete und gelben Standarten eines exercirenden türki⸗ ſchen Regiments blinken ſehe, und verſenke mich endlich unter die rieſigen Cypreſſen; ihre Stämme ſind ſo dick, daß es mehrerer Menſchen bedarf, ſie zu umſpannen. Ich ſehe kein Käuzchen, aber man ſagt mir, daß ſie Abends dieſe Trauerhaine mit ihrem Krächzen und Seufzen erfül⸗ len, wie wir dergleichen im Freiſchütz in der Scene der Teufelsbeſchwörung zu hören bekommen. Was die azur⸗ blauen Tauben betrifft, ſo flattern ſie auf dieſen ſchwar⸗ zen Zweigen, wie auf den vergoldeten Baluſtraden der Minarets herum. Hier iſt das ungeheure Gebiet des Todes; die Grab⸗ ſtätten drängen ſich hier dicht an einander, und von drei Gräbern iſt mindeſtens eines mit einem ſteinernen Turban gekrönt, was auf jeden Muſelmann etwa zwei Frauen gibt, weil nur die Gräber von Männern einen ſolchen Turban tragen, der Leichenſtein der Frauen ohne Verzierung iſt, höchſtens eine ausgehauene Roſe zeigt. Meilenweit ziehen ſich dieſe Monumente hin, und die meiſten tragen die Spur von den Verheerungen der Zeit; es ſind nicht auf den Boden gelegte Steine, ſondern aufrecht ſtehende Pfei⸗ ler, und erſt die Wirkung der Jahre, oder das Einſenken des Erdreichs hat ſie zum Fall gebracht. Verſe aus dem Koran in Blau und Gold ſieht man hin und wieder unter den Turbanen oder den rothen und blauen Fez, und die durch das Dickicht der Cypreſſen dringende Sonne wirft auf dieſe ganze Scene ein Helldunkel, würdig des Pinſels eines Rembrandt. Dieſer Wald von Bäumen und Grabſteinen hat eine ſolche Ausdehnung, daß ein Geächteter ſich hier Tage lang verbergen könnte, ohne in ſeinem Aſyl entdeckt zu werden; er iſt jedoch in rechten Winkeln von einigen einſamen, mit Steinfragmenten gepflaſterten Pfaden durchſchnitten. Da und dort, an den Enden der langen Alleen ſtößt man auf einen Kiosk, wo man Café verkauft, oder auf einen Tür⸗ ken, der ernſt ein Grab aufwirft, oder einen Derwiſch, der betet, einen ſchwarzen Sklaven, der auf ſeinem Eſel eingeſchlafen iſt, müßige Soldaten und Landleute, die ſich auf den Markt begeben; mit Ausnahme dieſer Individuen Feierſtun 448 iſt Alles öde, Alles ſtumm, Alles todt, obwohl man nicht eine halbe Stunde vom Centrum Stambuls ent⸗ fernt iſt. Die Begräbniſſe im Innern der Stadt ſind nicht ſehr ſelten. In vielen Straßen Conſtantinopels folgt plötzlich auf eine Reihe von Buden eine von Gittern durchbrochene Mauer, hinter welcher von Platanen beſchattete Gräber zu ſehen ſind. Es gibt auch Todtenkapellen der Sultane, wo man die kaiſerlichen Särge zeigt, bedeckt mit reichen per⸗ ſiſchen Chales und geſchmückt mit Turbanen, woran noch Diamant⸗Agraffen ſchimmern. Auch in Galata, auf halber Höhe des Hügels, den man erſteigen muß, um in das Hotel Miſſeri zu gelangen, befindet ſich ein Friedhof von Derwiſchen, mit Inſchriften in goldenen Buchſtaben, welche dem Wanderer Stoff zum Nachdenken geben. Hinter dem Walde und dem Grasplatz von Skutari dehnt ſich eine große Strecke aus, parallel mit den Wäl⸗ —-———— den. 1 865. —; len, von den Sieben Thürmen an der Propantis bis zum Goldenen Horn. Man durchſchneidet zuerſt die Gärten der Gemüſehändler von Conſtantinopel, und ſieht bald nichts als von Turbanen überragte Leichenſteine; ſie begrenzen die Hauptſtraße, wie einſt die Gräber der Römer die Via Appia. Dieſer melancholiſche Gürtel läuft in langen Um⸗ riſſen bis auf die Straßen aus, welche ſich nach der Moſchee Eyub's(Hiob's) hinunterziehen, des tapferen Kämpfers des Propheten, deſſen Grab die Töpfervorſtadt zu einem gefeierten Heiligthum gemacht hat. Das Leben zu Stambul mag Europäern nicht gefal⸗ len, welche an der Herrſchaft eines brutalen und verdum⸗ menden Deſpotismus keinen Geſchmack finden; aber warum ſollten ſie ſich weigern, dort zur Erde beſtattet zu werden? Die türkiſchen Friedhöfe tragen ein ausnehmend maleriſches Gepräge und haben die entzückendſte Lage auf der Scheide von Europa und Aſien. Dr. B. Eine Schreckensbahnfahrt. Nach einer wahren Begebenheit von Max Roſen. Wir hatten, fünf Perſonen an Zahl, uns verſpätet und der Perſonenzug war bereits nach Philadelphia abge⸗ gangen. Nur durch die große Gefälligkeit des Führers eines Gepäckzuges gelang es uns, noch in einem Packwagen Platz zu finden, obgleich die Gefälligkeit der Dienſtinſtruk⸗ tion ganz entgegen war. Ungefähr drei Stunden mochten wir gefahren ſein, als der Zug, um eine Ecke biegend, einen großen Urwald zu paſſiren hatte. In weiter Entfernung noch ſahen wir gewaltige Rauchwolken den Wald verfinſtern, aber auch hohe Flammen aufſchlagen. „Der Wald brennt!“ rief der Ingenieur, und ohne von dem Umfange dieſes Brandes auch nur eine Ahnung zu haben, war der Zug ſchon inmitten der durch das hohe trockene Gras reißend ſchnell und nach allen Seiten hin ſich verbreitenden Flammen angelangt. Unſer Schrecken war groß, ſteigerte ſich aber bis zum Entſetzen, als wir vor uns eine brennende Sykomore, einen Baum von vielleicht 180 Fuß Höhe, langſam umſtürzen und ſich wie ein Schlagbaum ſchräg über die Bahn legen ſahen, wo eine große Eiche den fallenden Rieſen auf Augen⸗ blicke aufhielt. Jede Sekunde ſank er, die gewaltigen Aeſte der Eiche brechend, mehr hernieder, und kaum hatte mit Blitzesſchnelle der Zug die Stelle paſſirt, als mit furcht⸗ barem Gepraſſel der gewaltige Stamm quer über die Bahn ſtürzte. Eine Sekunde früher und der ganze Zug wäre ein Aſchenhaufen geworden. Es war kein Ende des Flammenmeeres abzuſehen, von Jahrhunderten getrotzt, brechen krachend übereinander zuſammen und vermehren die untere Gluth. Das dürre Gras, zugleich an tauſend Ecken angezündet, bildet eine getrieben, ſich weiter wälzen, nackte Felſen und Bäche über⸗ ſpringend, bis ein breiter Fluß oder ein tiefer Sumpf ſie aufhält. Und der Lenker des eiſernen Roſſes ſteht ruhig da, mit bleichen Wangen, das Höllenſchauſpiel betrachtend. Die koloſſale Größe des Brandes war ihm nicht denkbar, ſonſt hätte er ſich nicht hineingewagt, doch jetzt iſt es zu ſpät; er muß und kann nur vorwärts; wollte er zurück auf dem blanken Geleiſe, ſo müßte er erſt anhalten, und in demſelben Moment wäre auch der ganze Zug in Flam⸗ men aufgegangen. meer! Wolkenhoch ſprühen die Funken empor und umhülle den Zug. Selbſt die Luft iſt ſchon ſo erhitzt, daß ma Feuer einzuathmen glaubt. ter, immer weiter dehnt ſich auch die Feuerfläche aus. Dem Ingenieur ſelbſt iſt bereits das Haar verbrannt; die Haut ſengt unter der gewaltigen Gluth. Es bleibt ihm nur Eines noch übrig. Die Locomotive ſich ſelbſt überlaſſend und ihr die vollſte Dampfkraft gebend, zieht eer ſich in den nächſten Poſtwagen zurück. Vorn und hinten, von allen Seiten ſtarrt ihm nur der Tod entgegen. Er verläßt ſich allein noch auf ſein gutes Glück, das ihm in Gefahren ſchon oft beigeſtanden, und er rechnet auch dies⸗ mal nicht vergebens; denn diesmal noch führt ihn ſein und nur der durch die furchtbare Schnelligkeit der Loco⸗ motive hervorgebrachte Luftzug ſchützte die Güterwagen vor dem hellen Brande. Denke man ſich das eiſerne Roß, wie es, ſelbſt Flammen und Funken ſpeiend, in das hellflam⸗ Roß in raſender Haſt durch die furchtbaren Gluthen und läßt ihn endlich, nach fünfſtündiger Todesangſt, den Zug wohlbehalten in den Bahnhof von Philadelphia ein⸗ führen.(Inn⸗Zeitung.) mende Element ſich hineinſtürzt; Bäume, die den Stürmen unüberſehbare Fläche praſſelnder Flammen, die, vom Winde Alſo vorwärts durch das Flammen⸗ Der Zug braust dahin, wei⸗ — — dr einig ſie o beſte Har beſe gen So —— ————— lis bis zun Gärtein bald nichts egrenzen die el die Vi langen Um⸗ mnach der § tapferen giervorſtadt richt gefal⸗ und verdum⸗ aber warum zu werden? maleriſches der Scheide Dr. B. Feierſtun den. 1865. 449 z———:———————õ———————— ——————— Die Menſchenjagd. Hrenen aus dem Indianerleben. Frei nach dem Franzöſiſchen von Aug. W. So oft ich in Amerika von der Güte und Sanftmuth der Indianer ſprach, antwortete man mir mit Anführung einiger ſchrecklichen Beiſpiele von ihrer Grauſamkeit, die ſie oft ſelbſt an Perſonen ausüben, mit denen ſie in den beſten Beziehungen zu ſtehen ſcheinen. Den größten Haß hatten ſie von jeher auf die weißen Handelsleute, welche ſich an den Flüſſen mit Pelzhandel beſchäftigen, und die ausgeſuchteſten Martern waren dem gewiß, der das Unglück hatte, ihnen in die Hände zu fallen. Solche Fälle kamen leider ziemlich oft vor, und das be⸗ ſonders in der Umgegend von Saint⸗Louis, welches einer der Haupthandels⸗ und Verkehrsplätze iſt. Auch von der ſo oft gerühmten Treuherzigkeit und Aufrichtigkeit der Indianer konnte ich nichts Rühmliches erfahren. Im Gegentheil! Ich hörte von weißen Jägern, daß ſie bei Geſchäften mit ihnen die äußerſte Vorſicht an⸗ zuwenden, das größte Mißtrauen zu beobachten pflegten, indem die Wilden mit ungewöhnlicher Liſt und affengleicher den Stürmen übereinander Das dürre bildet eine vow. Willbe Bäche über⸗ Sumpf ſie ſteht ruhig lbetrachtend. ichtt denkbar, ezt iſt es gu te er zurich nhalten, und zug in Flam⸗ Flammen⸗ id umhülln “/ daß man dahin, wei⸗ Haupthandelsplätze, Tabak, umzutauſchen. Abraunen Nachbarn zu verſchaffen. 4 Geſchwindigkeit Alles zu entwenden wiſſen, was in Be⸗ reich ihrer langen Finger kommt. Wenn ich endlich meinen Bekannten von dem präch⸗ tigen Körperbau und den ſchönen Formen der Indianer ſprach, baten ſie mich, einen Gang mit ihnen durch die Straßen der Stadt zu machen, wobei mir dann eine nicht gerr ge Anzahl brauner Geſellen zu Geſichte kam, die man als Muſter von Häßlichkeit, Schmutz und Gemeinheit hätte aufſtellen können. Und anſtatt jener originellen, kriegeriſchen Koſtüme, mit denen ſie meine Einbildungskraft bekleidete, ſah ich nichts an ihnen als ſchmutzige, mich aneckelnde Lappen. Nur bei den Stämmen, welche ſo viel als möglich jede Berührung mit den Europäern vermieden haben, und abgeſchloſſen in ihren Wäldern und Steppen leben, finden ſich auch heute noch Spuren jener von Cooper ſo meiſter⸗ haft geſchilderten Originalität und phyſiſchen Schönheit. Jedenfalls glaube ich behaupten zu dürfen, daß die den Indianern Amerika's beigelegte urſprüngliche Einfalt heutzutage nicht mehr vorhanden iſt, wenn ſie überhaupt je in dem Maße, als man uns davon erzählt, vorhanden war. Jetzt ſind jene wilden Krieger größtentheils erbärm⸗ liche Schnaps⸗ und Whiskytrinker, die durch die Gewohn⸗ heit übermäßigen Trinkens tief herabgeſunken ſind. Was ihre Wildheit betrifft, ſo werde ich dem geneig⸗ ten Leſer ein Stückchen davon erzählen, welches zu der Zeit, als ich mich in Amerika befand, in Jedermanns Munde war. Saint⸗Louis, wie ich ſchon oben ſagte, iſt einer der beſonders für die Pelzhändler der Ver⸗ einigten Staaten. Die Indianer pflegen beinahe ausſchließ⸗ lich dorthin ihre Felle zu Markte zu bringen, um dieſelben gegen andere Gegenſtände, hauptſächlich Spirituoſen und Da aber die Indianer wohl ein⸗ daß gerade der Pelzhandel die eigentliche Quelle ihrer Reichthümer iſt, ſo haben ſie ein eigenes Douane⸗Ueber⸗ wachungsſyſtem gegen die Bleichgeſichter eingeführt, die es wagen, ſich die Waare direkt aus den Jagdgründen ihrer Dieſes Syſtem beſteht 9 unz einfach darin, denjenigen unbarmherzig umzubringen, Feierſtunden. 1865. ſehen, der ſich an den Privilegien vergreift, welche die Rothhäute ſich ganz allein zuerkennen. Wie groß jedoch auch immer die Gefahren ſind, welche ein ſolches Unternehmen bietet, ſo gibt es doch eine kleine Anzahl kühner Jäger, die ſich dadurch nicht abſchrecken laſſen. So ging es auch zwei Freunden Daniel und David⸗ ſon, welche ſich ſeit etwa acht Tagen an den Ufern des Arkanſas befanden, eines jener zahlreichen Flüſſe, die, nach⸗ dem ſie das ganze, im Weſten des Staates Miſſouri lie⸗ gende Indianergebiet beſpült, ſich in den Strom gleichen Namens ergießen. Eines Morgens nun fuhren die beiden Freunde lang⸗ ſam in einem Nachen den Fluß hinab, um nach den Tags zuvor von ihnen geſtellten Fallen zu ſehen. Der Fluß war auf der ganzen Strecke ziemlich ſchmal und die Ufer bei⸗ der Seiten mit dichten Geſträuchen und gigantiſchen Bäu⸗ men bedeckt, ſo daß eine ganze Armee Indianer ſich mit Leichtigkeit daſelbſt hätte verbergen können, ohne daß ein menſchliches Auge ſie hinter dieſen Verſchanzungen von Ge⸗ büſchen, Baumſtämmen und Laubwerk erblickt haben würde. Auch gehörte ein ſo geübtes Ohr, wie das der beiden Jägersleute, dazu, um unter den verſchiedenen Tönen, die von Zeit zu Zeit von den Ufern herüber drangen, menſch⸗ liche Schritte von dem durch andere Geſchöpfe verurſachten Geräuſch zu unterſcheiden. Seit ungefähr dreiviertel Stunden folgten ſie ſchon dem Laufe des Fluſſes, ohne daß das Geringſte, was ſie hätte beunruhigen können, ihnen aufgefallen wäre. Dem Ziel ihrer Fahrt waren ſie dadurch ſo nahe gekommen, daß Beide ſich der Hoffnung hingaben, auch diesmal wieder der Wachſamkeit der Indianer entſchlüpft zu ſein, als Daniel plötzlich mit Rudern inne hielt und ſich aufmerkſam hor⸗ chend über den Rand des Nachens vorbeugte. „Was iſt das?“ fragte Davidſon erſtaunt ſeinen Gefährten. „Dort unten,“ antwortete Daniel, indem er mit dem Finger an's linke Ufer nach einem Orte wies, an welchem die Büſche am dichteſten waren,„dort habe ich Schritte vernommen und deutlich das Laubwerk ſich bewegen ſehen.“ Zugleich fiel er mit kräftiger Fauſt in die Ruder, um das Fahrzeug möglichſt von dem gefährlichen Ufer zu ent⸗ fernen. „Unſinn!“ brummte Davidſon.„Freund, du biſt noch zu ſehr Neuling im Handwerk, um das, was du da behaupteſt, mit Beſtimmtheit ſagen zu können. Ich mei⸗ nerſeits wollte wetten, daß der dich ſo ſehr beängſtigende Gegenſtand nichts als ein armſeliger Hirſch, oder ſonſtiges Wildpret iſt, das gerne mit meiner Büchſe Bekanntſchaft machen möchte.“ Bei dieſen Worten griff der Jäger nach ſeiner auf dem Boden des Kahns liegenden Waffe und ſetzte ſie in Bereitſchaft. „Indianer ſind's, ſage ich dir,“ wiederholte Daniel, der den Nachen in die Mitte des Fluſſes zu bringen ſuchte. In demſelben Augenblicke erhob ſich ein wildes Gehenl in der Richtung, die Daniel angedeutet hatte, und minde⸗ deſtens 30 bis 40 ſcheußlich bemalte Geſtalten ſprangen 57 450 — mit geſpanntem Bogen und auf unſere beiden Jäger ge⸗ richteten Pfeilen aus den Büſchen.(Siehe Bild auf S. 452.) „Nun, hatte ich nicht recht?“ rief Daniel bleich und zitternd, was iſt jetzt zu thun?“ „An's Ufer fahren,“ erwiederte Davidſon ruhig, „denn beim geringſten Fluchtverſuch würden die Indianer auf uns ſchießen, wie nach der Scheibe, ſo daß wir bald ſo viel Pfeile im Leibe ſtecken hätten, als Stecknadeln im Nähkiſſen einer guten Hausfrau zu finden ſind.“ „Aber wenn wir landen,“ verſetzte Daniel,„werden ſie uns ſicherlich umbringen! Und meiner Treu, zwiſchen dieſen beiden Todesarten....“ „Es ſind Leute vom Stamme der ‚Schwarzfüße“ und kehren wahrſcheinlich von Saint⸗Louis zurück,“ unterbrach Davidſon,„ich ſpreche ihre Sprache, und will verſuchen, eine Verſtändigung mit ihnen herbeizuführen— ich hoffe es wenigſtens, und dieſe Hoffnung, Daniel, iſt die ein⸗ zige, die uns bleibt.“ Während die beiden Unglücklichen dieſe Worte wechſel⸗ ten, luden die Indianer ſie durch Zeichen zum Landen ein, und da Daniel, trotz den Rathſchlägen ſeines Freundes, ihrer liebenswürdigen Einladung nicht Folge leiſten wollte, ſondern auf Flucht beſtand, ſo wurde er vom Ufer aus mit einigen Pfeilen begrüßt, von denen einer ihm hart am Ohr vorüber ziſchte, und ein anderer tief in die Schul⸗ ter fuhr. Daniel ſtieß einen Schmerzensſchrei aus, und brach zuſammen. Davidſon aber ergriff die Ruder und ſteuerte das leichte Fahrzeug langſam dem Ufer zu. Die Indianer bemächtigten ſich hier ſeiner ſofort und banden ihm, trotz ſeinen wiederholten Verſicherungen der beſten Freundſchaft, Hände und Füße. Den armen Daniel aber, der blutend auf dem Boden des Kahnes ausgeſtreckt lag, ergriffen ſie, und warfen ihn in den Fluß, woſelbſt er, nach einigen vergeblichen Verſuchen, das Ufer zu ge⸗ winnen, den Tod fand. Davidſon, der Zeuge dieſes Akts der Grauſamkeit war, glaubte davon auf das ihn ſelbſt erwartende traurige Loos ſchließen zu können. Es war dem Jäger aber nicht entgangen, daß die Rothhäute den Zuſtand der Wunde ſeines unglücklichen Gefährten, ehe ſie ihn über Bord warfen, auf's Aufmerk⸗ ſamſte unterſucht hatten. Er ſchloß daraus, daß die Wilden ſich ſeines armen Freundes nur deßhalb auf ſo raſche Weiſe entledigt, um ſich keine beſchwerliche Laſt während des weiten Weges, den ſie vielleicht noch zu machen hatten, aufzubürden. Zwei der indianiſchen Krieger luden Davidſon auf ihre Schultern und ſchleppten ihn 200— 300 Schritte weit in's Innere des Gehölzes, wo ſie an einem ziemlich großen, lichten Platze ihr Lager aufgeſchlagen hatten. Hier ange⸗ kommen wurde der Gefangene vor die Füße des Häuptlings Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks niedergelegt. Derſelbe ſaß, mit der Ruhe und Würde eines Orientalen ſeine Pfeife rauchend, neben ſeinem Wigwam. Ohne ſich im Geringſten ſtören zu laſſen, hörte er den Bericht an, welchen ihm ſeine Krie⸗ ger von der Gefangennahme Davidſon's abſtatteten. Dann erhob er ſich, legte ſeine Pfeife bei Seite, und betrachtete mit ſeinem dunklen, feurigen Auge prüfend den Gefange⸗ nen, dem bei dieſem Blicke ein eiſiger Schauer durch den ganzen Körper lief. Davidſon, der wohl mit den Sitten der Rothhäute bekannt war, faßte jedoch einige Hoffnung bei dieſem Em⸗ Feierſtunden. 1865. — pfang des Häuptlings, welchem es zugeſtanden hätte, ihm ohne Weiteres den Schädel mit ſeinem Tomahawk zu ſpalten. „Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. Ich gewinne wenigſtens Zeit dadurch und das iſt in meiner Lage die Hauptſache,“ ſagte ſich der Jäger. Sodann gab er dem Häuptling von Neuem, mit mög⸗ lichſt feſter Stimme, die Verſicherung ſeiner freundſchaft⸗ lichen Geſinnungen. Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks ſah ihn nochmals mit großer Aufmerkſamkeit an und trat hierauf in ſein Wigwam ein, wohin ihm ungefähr ein Dutzend ſeiner Krieger folgten. Die Uebrigen ließen ſich auf den Boden nieder und bilde⸗ ten einen Kreis um den Gefangenen. Nach Verlauf einer Viertelſtunde erſchien der Häupt⸗ ling wieder. Er trug ſein Ceremonienkoſtüm, mit dem er ſich nur bei feſtlichen oder feierlichen Gelegenheiten zu be⸗ kleiden pflegte. Dieſes Koſtüm beſtand aus einer Art Leib⸗ rock, der aus zwei Hirſchfellen zuſammengeſetzt war. Die Naht bedeckten lange vergoldete Borden, an denen, gleich Franſen, eine Garnitur ſchwarzer Haare, die einſtens die Schädel der Feinde Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks geſchmückt hatten, herabhing. Ueber dem Leibrock trug er einen Mantel von Büffelfell, auf welchen mit den bunteſten Farben die Hel⸗ denthaten ſeines Lebens plump gemalt waren. Seine Moccaſins(Halbſtiefel) waren gleichfalls aus Hirſchleder und wie der Leibrock mit feindlichen Haaren geſchmückt. Sein Haupt bedeckte ein prächtiger Hermelinpelz, aus dem zwei Büffelhörner hervorragten. Es war dies eine Auszeichnung, die nur denen zu Theil wurde, welche ſich den Beinamen „Tapferſter der Tapferen“ erworben hatten. Außer den Haarbüſcheln, die beinahe den ganzen Anzug des Haüpt⸗ kings bedeckten, trug derſelbe auch ein halbes Dutzend gänz⸗ lich entblößter Schädel um den Leib. Dieſe Trophäen rühr⸗ ten von ſeinen nach dem Siege ſcalpirten Feinden her. In ſeiner rechten Hand hielt Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks eine wenigſtens 10— 12 Fuß hohe Lanze, an der zwei aus Thierfellen gefertigte Säckchen hingen. Dies waren ſeine „Geheimniß⸗ oder Medizinſäckchen“, welche im Leben der Indianer eine ſo große Rolle ſpielen. Ihr ganzer Glaube und Aberglaube hängt daran. Denn das„Geheimniß“ iſt ihr Talisman in Gefahren, der Drehpunkt ihrer Exiſtenz, das erſte und letzte Wort ihrer Religion. Jeder Indianer trägt ſein„Geheimniß“ mit ſich. Dieſes iſt bald aus der Haut einer Schlange oder eines Vogels, bald aus dem Felle eines vierfüßigen Thieres gemacht und mit tauſend wilden und fanatiſchen Zeichnungen geſchmückt. Die Ver⸗ ehrung der Rothhäute für dieſes Stückchen Haut oder Fell geht ſo weit, daß beſondere Feſte zu Ehren deſſelben abge⸗ halten werden, bei welchen ſich die Indianer, wenn ſie ihr „Geheimniß“ beleidigt glauben, die härteſten Entbeh⸗ rungen auferlegen. Die Annahme des Sacks iſt einer der wichtigſten Akte im Leben eines Indianers. Sobald die Kinder das Alter von 13 Jahren erreicht haben, pflegen ſie das elterliche Wigwam zu verlaſſen, um ſich an einen abgelegenen Ort für einige Tage zu begeben, woſelbſt ſie den„Großen Geiſt“ anrufen. Sie enthalten ſich Speiſe und Tranks während dieſer Zurückgezogenheit, die ſo lange fortdauert, bis der Große Geiſt ſo gnädig iſt, ihnen im Traume irgend welches Thier erſcheinen zu laſſen. Dieſes iſt nun unfehl⸗ bar beſtimmt, der Beſchützer ihrer Tage, der Geiſt zu ſein, welcher ihnen Kraft und Muth im Kampfe zu geben und ſie einſt nach ihrem Tode in die großen Jagdgründe der anderen Welt einzuführen vermag. Bei ſeinem Erwacher 1 & ᷓ hätte, ihn zu ſpalten. gewinne r Lage die eundſ caft⸗ mit großer igvin ein ger folgten. und bilde⸗ der Häupt⸗ mit dem er eiten zu be⸗ er Art Leib⸗ war. Die nen, gleich einſtens die ückt hatten, Mantel von en die Hel⸗ en. Seine xſchleder und üick. Sein s dem zwei szeichnung, Beinamen Außer den es Hälht⸗ utzend gänz⸗ phäen rühr⸗ en her. „Sucks eine r zwei ads waren ſeine n Leben der rzet Glaub heimniß“ iſt nr Eriſtenz, r Indianer ald aus der Saus dem mit tauſend Die Ver⸗ ut oder Fgel ſeua nn ſie in 99 Entbe ttigftr Alt r das Alle terlich —— greift dann der Jüngling zu den Waffen, um ſich in Beſitz des betreffenden Thieres zu ſetzen. Da aber die Annahme des Sackes nur einmal im Leben ſtattfinden kann, ſo vertheidigt der Indianer im Kampfe ſein„Geheimniß“ mit derſelben wüthenden Ver⸗ zweiflung, mit der ſich unſere Soldaten um ihre Fahne ſchlagen. Denn geräth je ſein Talisman in feindliche Hände, ſo iſt, ſo tapfer er auch gekämpft haben mag, ſein Ruf dahin, und die entehrende Bezeichnung„Mann ohne Geheimniß“ verfolgt ihn ſo lange, bis es ihm gelingt, den Sack eines ſeiner Feinde zu erbeuten. In ſeiner Rechten trug alſo, wie wir oben erzählten, Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks ſeine Lanze mit den zwei Säckchen, von denen das eine einſt dem Häuptling eines feindlichen Stammes angehört, den er im Kampfe erſchlagen hatte. Seine linke Hand hielt eine ungeheuer lange Pfeife, deren Rohr mit buntgewirkter Seide umhüllt und mit präch⸗ tigen Federn jeglicher Farbe geziert war. Der Pfeifenkopf, aus rother Erde gebildet, ſtellte einen knieenden Menſchen vor, in deſſen Schädel man den Tabak ſtopfte. Dieſe Pfeife, welche der Häuptling ſelbſt gefertigt hatte, wurde bei jeder beſonderen Gelegenheit hervorgeholt. Als Davidſon Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks ſich in dieſem im⸗ poſanten Aufzuge und gefolgt von denen ſeiner Leute, die mit ihm in's Wigwam getreten waren, nähern ſah, begriff er, daß jetzt der entſcheidende Moment für ihn kommen und in einer jener raſch endenden Berathungen über ſein Schick⸗ ſal beſchloſſen werden dürfte. Der Häuptling ſetzte ſich mit ſtoiſcher Ruhe auf einen in der Nähe liegenden Baumſtamm nieder und zündete majeſtätiſch ſeine lange Pfeife an. Sodann nahm er einen tiefen Zug aus derſelben und blies den eingeathmeten Rauch langſam gen Himmel. Hierauf wandte er ſein Haupt den vier Himmelsgegenden zu und begrüßte jede derſelben mit einer gleichen Rauchwolke. Dieſe Ceremonie hatte keinen anderen Zweck, als dem„Großen Geiſt“, von welcher Seite her er auch gerade den Wind blaſen ließ, ſeine Ehrfurcht zu bezeugen. Nach Beendigung dieſes feierlichen Aktes lud der Häuptling ſeine Krieger durch ein Zeichen mit der Hand ein, neben ihm Platz zu nehmen, befahl Davidſon zu ſei⸗ nen Füßen niederzulegen, und nun nahm die Berathung ihren Anfang.(Siehe Bild auf S. 453.) 3 Die meiſten der Krieger ſprachen ſich für den Tod des„Bleichgeſichts“ aus, und der arme Jäger ſah bald ein, daß ſein Tod ſo gut wie gewiß ſei, und es ſich nur noch um die Art und Weiſe deſſelben handle. Da erhob ſich plötzlich Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks, der Alle angehört, ſelbſt aber noch nicht geſprochen hatte. Mit einigen raſchen Schnitten löste er die Banden des Gefangenen, und befahl demſelben, aufzuſtehen. „Dein Leben iſt in meiner Gewalt!“ ſprach er,„da du aber meinen Kriegern, als ſie dir zu landen befahlen, gehorchteſt, ſo will ich dir eine Hoffnung, dein Leben zu retten, laſſen.“ 9.—. „Möge es dir der Große Geiſt lohnen,“ erwiederte Davidſon.. „Den Gebräuchen unſeres Stammes gemäß,“ fuhr der Häuptling fort,„wirſt du zur Aufnahme unter uns vorgeſchlagen werden. Findet ſich nun eine Familie, die dich annehmen will, oder ſollte eine unſerer Frauen Ge⸗ fallen an dir finden und dich zum Manne begehren, ſo wirſt du leben.“ 1 „Es ſei! es ſei!“ unterbrach Davidſon. „Die Krieger und Frauen, welche du hier verſammelt Feierſtunden. 1865. ————————————— ſiehſt,“ ſprach Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks weiter,„ſind nur ein kleiner Theil unſeres Stammes. Die Meiſten ſind zu Hauſe, im Dorfe, wohin wir zurückkehren, und dort, Bleichgeſicht, mußt du die Probe beſtehen.“ Der Jäger, glücklich, ſo gut für den Augenblick weg⸗ gekommen zu ſein und voll Hoffunng in die Zukunft, ver⸗ neigte ſich nach indianiſcher Sitte zum Zeichen des Ge⸗ horſams. Eine Stunde darauf war das Lager abgebrochen und die ganze, aus ungefähr 50 Mann beſtehende Truppe marſch⸗ bereit. Sie bot einen bunten, maleriſchen Anblick dar. An den Seiten vieler Pferde hatte man mit dem Tuche und den Stangen der abgebrochenen Zelte eine Art von Sänften angebracht, in die ſich die Weiber und Kinder kauerten. Andere Pferde folgten, mit Lebensmitteln, Fellen und Beute beladen, dieſen nach und wurden von einer Meute Hunde eskortirt. Die Krieger ſelbſt mit ihren wild bemalten Geſichtern, ihren wallenden Büſchen und phan⸗ taſtiſchen Koſtümen bildeten den Vor⸗ und Nachtrab der Karawane, die in muſterhafter Ordnung und Ruhe ſich vor⸗ wärts bewegte. Was Davidſon anbelangt, ſo hatte man Sorge ge⸗ tragen, ihn in die Mitte der Truppe zu bringen und übri⸗ gens ſeine Schultern ſo belaſtet, daß jeder Fluchtverſuch unmöglich war. Des Abends, wenn der Zug hielt, wur⸗ den ihm bis zum andern Morgen Hände und Füße gebun⸗ den. So verſtrichen mehrere Tage. Bald hatte die Kara⸗ wane weite Ebenen, bald dunkle Wälder zu durchziehen, bisweilen auch ſtundenweit dem raſchen Laufe des Miſſouri zu folgen, bis ſie endlich an der Höhe anlangten, auf wel⸗ cher ſich das Grab des„ſchwarzen Vogels“ befindet. Da⸗ vidſon, der noch nie ſo weit in dem berühmten„Far Weſt“ vorgedrungen war, fiel von einem Erſtaunen in's andere und konnte nicht umhin, einen Ruf der Bewunderung aus⸗ zuſtoßen, als ſie auf der Höhe des Grabhügels angekom⸗ men waren. Wäre der Gedanke an das ihn im Dorfe erwartende Loos nicht geweſen, ſo hätte ihm dieſe Reiſe das größte Vergnügen gemacht. Alle in dieſer Gegend Wandernde, ſowohl Weiße, als Indianer, verfehlen niemals, hier Halt zu machen. Die Einen, um die herrliche Ausſicht zu genießen, die ſich nach allen Richtungen hin dem Auge bietet; die Anderen, um den Ueberreſten des großen Todten, der hier ruht, ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Auf der Spitze dieſes Hügels iſt nämlich der berühmte Häuptling der O⸗Ma⸗Haws, der„Schwarze Vogel“, be⸗ graben. Seine Grabſtätte, die heute noch zu ſehen, iſt ſchon vor mehr als 30 Jahren errichtet worden. Dieſer Häuptling wurde bei ſeiner Rückkehr von Washington hier von den Blattern befallen und auf ſeinen beſonderen Wunſch hin, obgleich das Dorf der O⸗Ma⸗Haws keine 60 Meilen weit entfernt war, an dieſem Orte begraben. Seinen letz⸗ ten Befehlen und Verordnungen zufolge wurde er, auf ſei⸗ nem Lieblingsroſſe ſitzend, mit ſeinen beſten Waffen, ſeinen prächtigſten Gewändern und all' den von ihm erbeuteten Scalpen und ſonſtigen Trophäen geſchmückt, in's Grab geſenkt. Daß auch ſein„Geheimnißſäckchen“, das den Tapferen im Leben nie verlaſſen, ihm in die Wohnung des Todes mitgegeben wurde, brauche ich kaum zu erwähnen. Das Grabmal ſelbſt iſt auf einem Hügel errichtet, und ſchon in einer Entfernung von 15 Meilen ſichtbar. Kurz nach Tagesanbruch ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung und befand ſich bald in einer jener Prairien, welche mit ſo hohen Gräſern und Geſträuchen bewachſen 57* 45²2 Feierſt ſind, daß ſie einen Menſchen, ſelbſt zu Pferde, vollſtändig überragen. Langſam folgte die kleine Karawane den bald nach rechts, bald nach links laufenden Pfaden, welche die zahlreichen Büffelheerden oder die ſcheuen Haufen zierlicher Antilopen durch dieſe geheimnißvollen Einöden angebahnt hatten. Plötzlich machten die fünf oder ſechs Krieger, die dem Zug als Kundſchafter voranritten, Halt, und kamen im —-— unden. 1865. Galopp auf Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks zurück. Was ſie dem Häuptling berichteten, konnte der Jäger nicht verſtehen, jedoch mußten es, nach der Lebhaftigkeit, mit der ſie ſpra⸗ chen, Dinge von höchſter Wichtigkeit ſein. Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks ſtieg raſch vom Pferde und hef⸗ tete ſein Ohr aufmerkſam lauſchend auf den Boden. „Das Geräuſch der Hufe unſerer Roſſe hat den „Feuergeiſt’ erzürnt,“ ſprach er ſich erhebend. Auf dem Miſſouri von den Indianern überraſcht(zu Seite 450). Augenblicklich wandten ſich die Blicke der ganzen Truppe finſter und drohend gegen Davidſon, und einer der Krieger rief ihm, ſein Tomahawk ſchwingend, mit wilder Stimme zu: „Elendes Bleichgeſicht! Du biſt es, der den Feuer⸗ geiſt geweckt!“ Ddiie Anweſenheit Davidſon's in der Karawane war nie mit günſtigem Auge angeſehen, und die Milde, welche der Häuptling für den Unglücklichen zeigte, nichts weniger als gut aufgenommen worden. gen Worte des Kriegers, um ner Gefährten wieder wach zu rufen, giſchſten Einſprache von Seiten Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks be⸗ Folglich genügten die weni⸗ die blutdürſtigen Gelüſte ſei⸗ ſo daß es der ener⸗ durfte, um den Jäger vom Tode zu retten. „Halt!“ rief der Häuptling.„Wir haben immer noch Zeit, ihn zu ſtrafen, wenn uns das Feuer einmal erreicht — was ich nicht hoffe, da der Große Geiſt uns ſicherlich in Schutz nehmen wird.“ an — 3 ſie dem derſtehen, r ſie ſpra— e und hef⸗ dden. hat den » & — Feierſtunden. ————; — Sodann ſprang er auf ſein Roß, und die ganze Ka⸗ rawane ſchickte ſich, ſeinem Beiſpiele folgend, an, ſo raſch es nur den vor Schrecken zitternden Pferden möglich war, über die Ebene hinzugaloppiren. Wie vom Winde getra⸗ gen brauste der Zug über die Prairie dahin, welche er bald ihrer ganzen Länge nach durcheilt hatte, und hielt endlich am Fuße eines ſchroff abfallenden Hügels an. 1865. ————— Während die Rothhäute damit beſchäftigt waren, in der größten Eile ihre Weiber, Kinder und Thiere auf den Hügel zu ſchaffen, blieb Davidſon, dem man aus Vorſicht die Hände gebunden hatte, allein noch mit dem Häuptling unten zurück. Dieſer warf ſich von Zeit zu Zeit auf den Boden, um einem fernen, unheimlichen Geräuſche zu lauſchen. 453 —;— Davidſon vor dem Gericht(zu Seite 451). 4 9„Weißer Mann!“ ſagte er hierauf, ſich zu dem Ge⸗ 4 5 inn ohne Zweifel, der den Feuer⸗ du jene kleine Wolke, s tief unten am Hortzonte auftaucht, ſich mit Blitzes⸗ 88 ſchon über die Prairie aufſteigt? kommt der Geiſt, den du er⸗ Nüſtern bläst, treibt Doch der ‚Gute Geiſt' Gefahr, glück⸗ dem genen wendend,„du biſt es ol zueregeNleidigt hat— ſieh! erblickſt Gergrößert und jetzt 8 Bleichgeſicht! da Ger Wind, der aus ſeinen he Verderben vor ſich her! Sädig und wir ſind hier außer licherweiſe für dich, der du das geringſte Unheil, das uns zugeſtoßen wäre, mit deinem Leben hätteſt büßen müſſen.“ Nach dieſen Worten machte der Häuptling dem Jäger ein Zeichen, ihm zu folgen, und Beide ſtiegen den kleinen Hügel hinauf. 8 Zu gleicher Zeit ließ ſich ein dem Rauſchen eines Waſſerfalls ähnliches Geräuſch vernehmen, das an Stärke von Minute zu Minute zunahm. Die Winde ſchienen l⸗ entfeſſelt zu ſein und blieſen mit ungewöhnlicher Hef⸗ 454 Dichte Schwärme erſchreckter Vögel flogen ängſtlich krei⸗ ſchend durch die Lüfte, und große Haufen vom Feuer halb zu Tode gehetzter Vierfüßler jagten in raſendſtem Laufe vorüber. Unterdeſſen kam das wüthende Element immer und immer näher, und bald konnte Davidſon deutlich die ſich nach allen Richtungen hin ergießenden Feuerſtröme ſehen, über denen eine ungeheure Rauchwolke, welche von einem Ende der Prairie bis an's andere reichte, majeſtätiſch hin⸗ ſchwebte. Zum erſten Male in ſeinem Leben hatte nun Davidſon das ſchrecklich ſchöne Schauſpiel eines jener „Prairiebrände“, die Fenimore Coopers Feder ſo herrlich zu ſchildern verſtand, vor Augen. Dieſe Prairiebrände entſtehen aus verſchiedenen Ur⸗ ſachen. Bald iſt dabei die Hand der Weißen, bald die der Indianer, noch öfters aber die des Zufalls im Spiele. Die Flamme, wenn ihr noch der Wind zu Hülfe kommt, greift auf einer ſolchen Prairie, wo ſie natürlich den ſchönſten Stoff in Hülle und Fülle findet, mit unbe⸗ ſchreiblicher Gefräßigkeit und ſo furchtbarer Schnelle um ſich, daß oft ſchon Flüchtlinge auf den beſten und raſche⸗ ſten Pferden von ihr eingeholt wurden: nicht, daß die Flamme wirklich die Schnelligkeit eines galoppirenden Pfer⸗ des hätte, ſondern, weil der Reiter oft durch die Höhe und Undurchdringlichkeit des Geſträuches in ſeinem Laufe auf⸗ gehalten und zu Umwegen genöthigt iſt. Iſt Jemand unglücklich genug, unterwegs von einer jener dicken Rauchwolken, welche dem Feuer bei dieſen Brän⸗ den immer vorangehen, eingeholt zu werden, ſo iſt er ſchon ſo gut als verloren; denn dem Rauche auf dem Fuße folgt die Flamme ſelbſt, die ihn bald von allen Seiten umgeben und ſicher verſchlingen wird. Wenn man nach einem ſolchen Brande den Indianer fragt, ob es wohl der„Große Geiſt“, dem alle Elemente dienſtbar ſind, war, welcher dieſe Alles verheerenden Feuer⸗ maſſen gegen ihn entfeſſelt, ob es der Blitz geweſen, der dieſen furchtbaren Feind geweckt, welcher ihn an Schnellig⸗ keit und vernichtender Wirkung noch übertrifft; oder wer ſonſt wohl der Urheber, ſonſt wohl die Veranlaſſung ſein könne? ſo wird der rothe Mann ruhig und überzeugend er⸗ wiedern:„Es iſt ein Geheimniß.“ Unter dieſem„Geheimniß“ oder„Geiſte“, an den der Indianer dabei denkt, ſtellt er ſich ein rieſiges Geſpenſt vor, das mit einem Bogen bewaffnet iſt, von dem es feurige Pfeile abſchießt, welche dann jene Brände hervorrufen. Nachdem die Gefahr des Brandes glücklich überſtanden, ſetzte ſich der Zug von Neuem in Bewegung und langte nach einer weiten und beſchwerlichen Reiſe endlich am Ziele an. Das Dorf der Schwarzfüße lag inmitten einer wei⸗ ten Ebene auf einem 40—50 Fuß hohen Felſen, welcher ſchroff in einen Fluß abfiel, der das Dorf auf drei Sei⸗ ten umfloß. Auf der vierten war es durch eine hohe Mauer ſtarker Paliſſaden gegen jeglichen Angriff hinlänglich ge⸗ ſchützt. Das Dorf ſelbſt bot einen eigenthümlichen Anblick dar. Die Hütten, welche ſehr nahe an einander ſtanden, waren aus Exde und Holzwerk gebaut und liefen oben kup⸗ pelförmig zu. Der Eingang jedes dieſer Wigwams war mit einer Menge feindlicher Schädel geſchmückt und durch ein großes Büffelfell abgeſperrt. Das Innere der Hütten, im Allgemeinen ſehr einfach, enthielt eben nur das Nöthigſte und zum Leben Unentbehr⸗ 4 der Hauls einzige Zierde hingen ſchöne Waffen und Pfei⸗ wd ſu Feierſtunden. 1865. fen hier und dort an den Wänden, die auch manchmal ein Stück ſeltenes Pelzwerk ſchmückte. 1 Die Konſtruktion dieſer Behauſungen war unſerem Davidſon übrigens neu, da die Wohnungen der Stämme, mit denen er zu verkehren pflegte, ein mehr zelt⸗ als hüt⸗ tenartiges Ausſehen hatten und nur aus Thierfellen und Stangen errichtet waren. Bei ſeiner Ankunft im Dorfe konnte der Jäger gleich einem höchſt unterhaltenden Stückchen Gaukelei beiwohnen, das jedoch für ihn, wie die Folge zeigen wird, ſehr ſchlimm hätte ausfallen können. Es herrſchte nämlich ſchon ſeit längerer Zeit eille große Trockenheit, welche die aanze Mais⸗ und Kornernte auf dem Gebiete des Stammes zu verderben drohte. In Folge deſſen hatten ſich die„Medizinmänner“ ver⸗ ſammelt, um Regen herbeizurufen, und auch die jun⸗ gen Leute, welche ſich um den ehrenden und wichtigen Titel eines Medizinmannes bewarben, erhielten den Auftrag, ihren Einfluß zu verſuchen. Es war dies für ſie eine herrliche Gelegenheit, ihre Fähigkeiten an den Tag zu legen. Dieſe Ceremonie geht folgendermaßen vor ſich. Jeder der Kandidaten ſteigt auf die Spitze eines Wigwams, wo⸗ ſelbſt er ſich die größte Mühe gibt, mit Stimme und Ge⸗ berden, durch Bitten und Drohungen eine Wolke hervor⸗ zulocken, welche der lechzenden Gegend den wohlthuenden und erquickenden Regen ſpenden ſoll. Erhört jedoch der große Geiſt ſeine Bitte binnen eines Zeitraums von vier⸗ undzwanzig Stunden nicht, ſo muß er mit Schimpf und Schande abtreten und ſeinen Platz einem Anderen einräu⸗ men, der vielleicht glücklicher iſt. Dies wird ſo lange fort⸗ geſetzt, bis endlich der ſo heiß erſehnte Regen ſich einſteut Die Heimkehr des Häuptlings mit den Kriegern und Davidſon unterbrach einen Augenblick dieſe Gaukeleien, in⸗ dem nun eine andere wichtige Sache, die Entſcheidung über das Loos des Gefangenen, plötzlich das allgemeine Intereſſe in Anſpruch nahm. Davidſon war ein hübſcher, wohlgebauter junger Mann mit breiter Bruſt und kräftigen Schultern, und es war deß⸗ halb nicht zu verwundern, daß unter den Indianerinnen, welchen er vorgeführt wurde, ſich bald eine fand, die ſich bereit erklärte, ihn als Mann anzunehmen.. So ſah ſich der Gefangene, für den Augenblick wenig⸗ ſtens, gerettet, und glaubte ruhig und ohne Beſorgniß der nächſten Zukunft entgegen ſehen zu dürfen. 4 Vollkommene Freiheit verſprach man ihm erſt vom Tage ſeiner Verheirathung an, welche ſofort nach Eintreffen des Regens vollzogen werden ſollte. Einſtweilen band man ihn wieder an Händen und Füßen und ließ ihn ruhig vor einem der Wigwams liegen. Zehn Minuten darauf war die Ceremonie der Anru⸗ V die Minn in k größe nan fung des Großen Geiſtes um Regen wieder in vollem Gange. Doch der Himmel ſchien diesmal, ſowohl gegen Bitten als Drohungen, taub zu ſein, und trug fortwährend die ſchönſte blaue Farbe zur Schau.. Nach Verfluß von ungefähr acht Tagen beſtieg endlich Wak⸗A⸗Da⸗Ha⸗Hu(weiße Büffelmähne) die Kuppeſ u8 heiligen Wigwam und verſicherte der unten begierig htz⸗ ſei⸗ den Menge nach indianiſcher Sitte in einer Rede voß ener⸗ Eigenlobs, daß er allein im Stande ſei, den großencks be⸗ zur Sendung des gewünſchten Regens zu bewegen. ſchoß er einige Pfeile, welche nach ſeiner Ausſage baner noch waren, gegen Oſten ab, und Alles wartete in der erreicht Spannung auf den Erfolg ſeiner Verſuche.(Sie ſicherlich auf S. 457.) — ‿ anchmal ein ar unſerem r Stümme, ſt⸗ als hüt⸗ rfellen und Jäger gleic beiwohnen, ſehr ſchlimm it eitt große tnte auf dem tänner“ ver⸗ uch die jun⸗ ſichtigen Titel ftrag, ihren ne herrliche egen. ſich. Jeder wams, wo⸗ me und Ge⸗ oolke hervor⸗ vohlthuenden t jedoch der s von vier⸗ Schimpf und ren einräu⸗ lange fort⸗ ich enſtelll.“ riegern und ukeleien, in⸗ heidung über ine Intereſſe unger Mann es war deß⸗ dianerinnen, nd, die ſi blick weni⸗ eſorgniß der m erſt vom- Eintreffen rrit d ſchal den C Feierſtunden. 1865. ————ꝛ—ꝛ—⅓—⅓⅓—:j————— Der Zufall ſchien ihm günſtig zu ſein; denn wenige Minuten darauf wurde am klaren, wolkenloſen Horizonte ein kleiner nebeliger Punkt ſichtbar, der ſich langſam ver⸗ größerte, und beinahe unmerklich näher kam. Bald wurde die Wolke dichter und dadurch deutlicher, und ſchon vernahm man in der Ferne ein Geräuſch, das dem des herannahen⸗ den Donners glich. Begeiſtert klatſchte die gaffende Menge in die Hände. — Doch die Erſcheinung verſchwand ſo raſch wieder, als ſie aufgetaucht! Denn die Wolke war nichts anderes gewe⸗ ſen, als der Rauch eines Dampfboots, welches einen der benachbarten Flußarme hinabfuhr, und das vermeintliche Grollen des Donners ſtellte ſich ganz einfach als das durch die Räder der Maſchine verurſachte Getöſe heraus. Den zukünftigen„Medizinmann“ brachte dieſer Zwi⸗ ſchenfall nicht im Geringſten außer Faſſung; im Gegen⸗ theil, er benützte ihn ſofort zum Beweis für die Vorzüg⸗ lichkeit ſeiner Kunſt, vermittelſt der er allerdings keinen Regen, aber doch ein Donnerboot(der Name, den die In⸗ dianer den Dampfſchiffen gegeben) herbeigezaubert habe. Uebrigens trug Wak⸗A⸗Da⸗Ha⸗Hu noch denſelben Tag einen vollſtändigen Sieg davon, indem gegen Abend ein ſchweres Gewitter heranzog, das ſich unter heftigem Blitzen und fürchterlichen Donnerſchlägen, gefolgt von wahrhaft ſündfluthlichen Regengüſſen, über der Gegend entlud. Das tückiſche Schickſal wollte nun, daß einer der Blitze in's Dorf der Schwarzfüße einſchlug, wobei David⸗ ſons junge Braut Ra⸗Sti⸗Va⸗Na(Sonnenſchein) unglück⸗ licherweiſe das Leben verlor. Die ganze Bevölkerung des Dorfes klagte einſtimmig und öffentlich Wak⸗A⸗Da⸗Ha⸗Hu an, die Veranlaſſung zu dieſem Unglück zu ſein, und ſchon war dieſer im Begriff, zur Sühne des ihm zugedachten Verbrechens dem Vater des getödteten Mädchens drei herrliche Pferde als Schadenerſatz für ſeine Tochter zu überſenden, als ihm plötzlich der glück⸗ liche Gedanke kam, die ganze Schuld auf das„Bleichgeſicht“ zu wälzen. „Ich!“ ſprach er zu ſeinen Landsleuten,„ich bin es, der euch den Regen herbeigezaubert hat, folglich iſt mir der Große Geiſt günſtig geſinnt; und ihr glaubt nun, daß derſelbe Große Geiſt, welcher mich eben erſt durch einen Beweis ſeiner Gunſt und ſeines Wohlwollens auszeichnete, zugegeben haben könne, daß ich die Veranlaſſung eines ſo großen Unglücks ſei?“ Dieſe Logik ſchien den naiven Zuhörern vollkommen richtig und voller Sinn zu ſein, um ſo mehr, als ſie Alle Augenzeugen ſeiner Macht über die Wolken und ſeiner ge⸗ heimnißvollen Verbindungen mit dem Großen Geiſte gewe⸗ ſen waren. „Der wirklich Schuldige,“ fuhr der ſchlaue Indianer fort,„weilt in unſerer Mitte; es iſt das verruchte Bleich⸗ geſicht, das ihr hieher geführt! Schon in den Prairien hat der duſrch des Weißen Anweſenheit unter uns erzürnte Feuer⸗ geiſt ſſeine Flamme gegen euch losgelaſſen, und jetzt war es dos bleichen Mannes Verlobte, welche ſein Blitzſtrahl exichlug, um euch nochmals und noch deutlicher zu zeigen, . er Mann nicht geſchaffen iſt, um in unſerer Mitte zu leben.“— „ Den Schluß der Rede Wak⸗A⸗Da⸗Ha⸗Hu's fand ſein und während Auditz zum eben ſo logiſch, als den Anfang, Aller pen ſich überzeugt und drohend auf den armen „Gefan ſen richteten, entfernte ſich der Redner, ſtolz auf Ehlg ſeiner Worte, und glücklich, ſich ſeine drei beſten 455 ————::::ꝛ—⁊—⁊ꝛõꝑõͤõyͤ————— Jetzt brach ein allgemeiner Sturm von Verwünſchun⸗ gen und Drohungen gegen Davidſon, der ſein letztes Stünd⸗ chen gekommen glaubte, los. Denn der Unglückliche ſah wohl ein, daß er diesmal von keiner Seite Gnade zu er⸗ warten habe, ſelbſt nicht von Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks, der ſchon daran war, mit ſeinen Kriegern über die Art und Weiſe des Todes zu berathen, welcher über den weißen Ge⸗ fangenen verhängt werden ſollte. Und ſelbſt die Frauen, welche noch kurz vorher, als ihnen Davidſon vorgeführt worden, ihm ein freundliches Geſicht gezeigt hatten, bezeug⸗ ten jetzt dem Armen durch Fußtritte und alle möglichen Beſchimpfungen ihre Wuth und ihren Haß. Denn der Mann, welcher den Tod unter ſie gebracht, war in ihren Augen keines Mitleids würdig. Davidſon, gebunden am Boden liegend, hörte mit Gefühlen, die man ſich denken kann, jedes Wort der Be⸗ rathung. Die Einen fanden am praktiſchſten, den Gefan⸗ genen durch einen Hieb mit dem Tomahawk ohne weitere Umſtände in die ewigen Jagdgründe zu ſenden; die Ande⸗ ren ſchlugen vor, den Jäger langſam zu Tode zu braten; und wieder Andere endlich ſtimmten für Verwendung des Unglücklichen zur Zielſcheibe für ihre Gewandtheit im Bogen⸗ ſchießen und Schleudern der Tomahawk's; eine Unterhal⸗ tung, für welche die Indianer von jeher große Vorliebe gezeigt haben, weßhalb dieſer Vorſchlag zuletzt einſtimmig angenommen wurde. Nur Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks hatte ſeine Zuſtimmung noch nicht gegeben. Schweigſam und in tiefes Nachſinnen verſunken ſaß der Häuptling da. Aller Blicke hefteten erwartungsvoll auf ihm. Plötzlich erhob er ſich, ſchritt, ohne ein Wort zu ſprechen, auf den am Boden Liegenden zu, und zerſchnitt die ſeine Füße feſſelnde Bande. „Erhebe dich,“ ſagte er finſter. Schlimmes ahnend gehorchte Davidſon. Der Häuptling begann ſodann den ganzen Körper des armen Gefangenen mit einer gewiſſenhaften Sorgfalt zu beſichtigen. Er unterſuchte auf's Genaueſte die Beſchaffen⸗ heit ſeiner Gelenke, und befühlte und drückte jede Muskel ſeiner Arme und Beine. Nach Beendigung dieſer Unterſuchung nickte er zum Zeichen der Zufriedenheit mit dem Haupte und lächelte. „Du biſt gewiß ein guter Läufer?“ ſagte er. Davidſon errieth bei dieſer Frage ſofort die Abſicht des Häuptlings. Er war zu gut mit den indianiſchen Ge⸗ bräuchen bekannt, um nicht zu verſtehen, daß es ſich hier einfach um eine Hetzjagd handle, bei welcher er die Rolle des Wildes zu ſpielen habe. Der Jäger war von Natur aus kaltblütig, und mit jenem ruhigen Verſtande begabt, den die Größe einer Ge⸗ fahr nicht verwirrt, ſondern noch verſchärft. Er zögerte deßhalb keine Sekunde mit der Antwort. „Nein!“ erwiederte er auf die Frage des Häuptlings, „du irreſt, ich bin ein ſehr ſchlechter Läufer.“ „Du biſt jedoch ſtark gebaut, haſt gelenkige Knie und eine breite Bruſt,“ bemerkte Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks. „Das iſt möglich,“ entgegnete Davidſon,„doch dies, Häuptling,“ fügte er ruhig hinzu,„hat mich ſeit langer Zeit um die von dir gerühmten Vorzüge gebracht,“ und ſeine Hand wies auf ein Loch in der linken Wade, das ihm einſtens eine feindliche Kugel geriſſen hatte. „Gut!“ ſagte der Häuptling gelaſſen,„man wird dir einigen Vorſprung geben; und ſollten deine Beine mehr werth ſein, als du glaubſt, ſollte es dir gelingen, zu ent⸗ Pferdoß Arhalten zu haben. A 1 wiſchen— dann um ſo beſſer für dich.“. ——— Hierauf befahl er Davidſon, ihm zu folgen, und führte ihn 300— 400 Schritte weit von der mordgierigen Bande weg. Dann löste er die letzten Feſſeln des Ge⸗ fangenen und gab das Zeichen zum Anfang der Jagd. Sobald Davidſon ſich frei fühlte, begann er mit aller ihm zuſtehenden Kraft den Lauf um ſein Leben. Ein wüthendes Geheul vom Dorfe her bewies ihm, daß die Wilden ſich zu ſeiner Verfolgung anſchickten. Der Jäger flog mehr, als er rannte. Raſchheit ſeiner Beine überraſchte ihn ſelbſt. Der nächſt⸗ gelegene Flußarm des Miſſouri befand ſich in einer Ent⸗ fernung von ungefähr einer Meile. Dieſen hoffte der Un⸗ glückliche zu erreichen, ſchwimmend zu paſſiren, und damit zwiſchen ſich und ſeine Feinde ein Hinderniß zu bringen, das, wie er glaubte, eine gute Anzahl von ihnen aufzu⸗ halten im Stande wäre. Doch waren ſeine Kräfte wohl ausreichend, ſeine Aus⸗ dauer wohl groß genug, dieſe bedeutende Strecke mit ſol⸗ cher Schnelligkeit zu durcheilen? Der Gedanke an die Wahrſcheinlichkeit des Gegentheils ſpannte ihn zu noch raſen⸗ derem Laufe an und die Verzweiflung gab ihm Flügel. Zum Unglück war die Prairie mit Diſteln, deren ſpitzige Stacheln ihm Hände und Füße blutig riſſen, reich⸗ lich bewachſen, und manchmal nöthigte ihn die Undurch⸗ dringlichkeit des Geſtränchs zu Umwegen. Jeden Augenblick glaubte er das Ziſchen eines Pfeiles zu vernehmen; jeden Augenblick ſchon die Schritte ſeiner Verfolger in der Nähe zu unterſcheiden. Den Kopf um⸗ zuwenden wagte er nicht, aus Furcht, nur eine Sekunde von dem Vorſprung zu verlieren, den er ſo liſtig errungen und von welchem nun ſein Leben abhing. Da jedoch das Geheul der Indianer immer entfernter und entfernter klang, ſo nahm er ſich endlich den Muth, einige ſcheue Blicke rückwärts zu werfen. Der größte Theil der Wilden war in ganz beträcht⸗ licher Entfernung. Einige gewandte Läufer aber, die ihre Gefährten weit überholt hatten, waren ihm auf ungefähr hundert Schritte nahe gekommen. Unter denſelben erkannte Davidſon den Häuptling, welcher ſeine lange Lanze ſchwin⸗ gend Allen voraneilte. Der Unglückliche verdoppelte ſeine Anſtrengungen, die ſo heftig waren, daß ihm das Blut aus Mund und Naſe hervordrang und über die Bruſt rieſelte. Je näher er dem Fluſſe kam, deſto deutlicher vernahm er das Geräuſch der Schritte des hinter ihm herjagenden Häuptlings. Ein zweiter Blick rückwärts zeigte dem Jäger, daß der Zwiſchenraum zwiſchen ihm und ſeinem unermüdlichen Feinde höchſtens noch fünfzig Schritte betrug, und von Minute zu Minute kleiner wurde. Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks ſchien von Eiſen zu ſein. David⸗ ſon aber, der fühlte, daß ſeine auf's Aeußerſte angeſpannte Kraft zu Ende ging, hielt plötzlich an und wandte ſich ge⸗ gen den Häuptling, feſt entſchloſſen, ſein Leben gegen die⸗ ſen einzigen Gegner ſo theuer als möglich zu verkaufen. Der Indianer, erſtaunt über dieſe unerwartete Bewe⸗ gung, hielt auch und ſchwang ſeine zum Wurf bereite Lanze. In demſelben Momente jedoch verwickelte ſich ſein Fuß in eine der zahlreichen Schlingpflanzen, und er fiel zu Boden. Davidſon, dem die Verzweiflung neue Kräfte und Energie gab, ſtürzte ſich wie ein Löwe auf ſeinen Feind und durchbohrte denſelben, ehe er ſich wieder erheben konnte, mit einem wüthenden Stoße ſeiner eigenen Lanze. Feierſtunden. Die Kraft und 1865. Dann rannte er von Neuem, ſo raſch ihn ſeine mat⸗ ten Beine tragen konnten, in der Richtung des Fluſſes ähe davon. Als die Wilden bei ihrem todt in ſeinem Blute ſchwimmenden Häuptlinge ankamen, hielten ſie einen Augen⸗ blick ihren Lauf an, und ein wildes anhaltendes Schmer⸗ zensgeſchrei erfüllte die Luft. Dem armen Verfolgten kam dieſer Aufenthalt natür⸗ lich herrlich zu Statten. Es gelang ihm dadurch, ein klei⸗ nes, hart am Fluſſe liegendes Wäldchen zu erreichen. Raſch durcheilte er daſſelbe und warf ſich voll freudiger Hoffnung, ſein Leben zu retten, in die Wellen des Miſſouri. Bald langte er ſchwimmend an einer kleinen Inſel an, deren äußerſte Enden zahlreiche Baumſtämme und Strauchwerke bildeten, welche der Fluß angeſchwemmt hatte, und die an den bis in's Waſſer herabreichenden Gebüſchen am Rande der Inſel hängen geblieben waren. Zwiſchen zwei ſolche Stämme, die von dichten Sträu⸗ chern und ſtruppigen Büſchen gänzlich überdeckt waren, ge⸗ lang es Davidſon, hineinzuſchwimmen und ſich feſt zu klammern. Kaum hatte er ſich in dieſem ſicheren und für ein menſchliches Auge beinahe undurchdringlichen Verſtecke ver⸗ borgen, als die Indianer am Ufer anlangten. Von ſeinem Schlupfwinkel aus war es dem Jäger möglich, ſie zu ſehen. Einige der Rothhäute ſprangen ſo⸗ fort in's Waſſer und ſchwammen zu Davidſon's nicht ge⸗ ringem Schrecken direkt auf das Inſelchen zu. Doch diesmal hatte er ſich umſonſt geängſtigt. Denn ihn da zu ſuchen, wo er war, fiel keinem der Wilden ein, die nach einigem nutzloſen Hin⸗ und Herrennen auf der Inſel wieder an's Land zurückſchwammen. Dort hatte ſich unterdeſſen der Reſt ihrer Gefährten um den Leichnam Stu⸗Micks⸗O⸗Sucks, den ſie mitgeſchleppt, gelagert und den üblichen Todesgeſang um den Heimgegangenen ange⸗ ſtimmt. Schauerlich drangen dieſe Töne in das naſſe Ver⸗ ſteck des Jägers, deſſen Lage natürlich nicht die ange⸗ nehmſte war. Todesmüde von dem fürchterlichen Rennen, aus Dutzenden von kleinen Wunden blutend, die ihm die Dor⸗ nen geriſſen, hing er unter dem dichten Laubwerk bis an den Hals im Waſſer, während ſeine Arme krampfhaft die beiden nächſten Baumſtämme umſchlungen hielten. Denn würde er nur einen Augenblick losgelaſſen haben, ſo hätte ihn die Strömung unfehlbar mitgerifſen, und ſomit ſeinen Feinden zu Geſichte geführt. In dieſem ſchrecklichen Zuſtande mußte der Arme den ganzen Tag verweilen, indem die Indiauer ruhig am Ufer lagern blieben. Doch er wußte wohl, daß von ſeiner Ausdauer und Energie allein ſeine Rettung abhing, und dies ließ ihn Müdigkeit, Schmerz und Hunger vergeſſen.— Als endlich die Nacht hereinbrach und er die Feuer der Indianer eins nach dem andern erlöſchen ſah, wagte er es, ſeinen Schlupfwinkel zu verlaſſen. Mit der äußerſten Vorſicht jedes Geräuſch vermeidend, ntdeih ſchwamm er in die Mitte des Fluſſes und ließ ſich von der Strömung deſſelben ein weites Stück hinabtragenl. Dann erſt glaubte er mit vollkommener Sicherheit landen zu dürfen. † or Am Ufer angekommen, gönnte er ſich einige ne Air⸗ blicke Raſt; hierauf ſetzte er ſeine Flucht weiter fl eigend marſchirte ohne Aufenthalt, ſo raſch es ſeine wund ſicrfſße geſtatteten, die ganze Nacht hindurch. Se /. a —— Feierſtunden. 1865. 457 ——————————⅛⅛⅓ n ſeine mat⸗ Am anderen Morgen langte er, mehr todt als leben⸗ Daß Davidſon von dieſem Tage an für immer auf des Fluſts dig, an einem Lager weißer Jäger an, welche den Unglück⸗ ſein gefahrvolles Handwerk verzichtete, glaube ich dem Leſer . lichen theilnahmsvoll aufnahmen, und ihm alle Pflege an⸗ nicht erſt ſagen zu müſſen. inem Blute gedeihen ließen, die ſein Zuſtand erforderte.—— inen Augen⸗ des Schmer⸗ rhalt natür⸗ 9. iin klei⸗ eichen. Ra er dafra duri. kleinen Inſil ſtämme und wemmt hatte, en Gebüſchen — — chten Sträu⸗ t waren, ge⸗ ſich feſt zu und für ein Verſtecke vet⸗ . dem Jäger ſprangen ſt⸗ ns nicht ge⸗ ſtigt. Denn Wilden ein nen auf der ort hatte ſih den Leichnan gelagert und ngenen ange⸗ as naſſe Ver⸗ ct die ange⸗ dennen, al im die Dor⸗ jwerk bis a ampfhaft d ſten. Dem en, ſo hütt ſomit ſeine kan Ä Indianer, Regen erhittend(zu Seite 454). ies lie 1— 1... 4 1 Obenexzählte Geſchichte, welche hunderte ihres Gleichen wandle, indem ſie den rothen Menſchen die Aufklärung er die Feua en hat, iſt weder übertrieben, noch erfunden. Sie durch unendlich moraliſchere Mittel bringt, als jene ſich ſch, wagt wahres Bild von den Sitten jener Indianer, beinahe täglich wiederholenden Akte der empörendſten Grau⸗ iges Geſchick unſere Philanthropen in müßi⸗ ſamkeit, welche man mit den ſchönen Worten:„Vertheidi⸗ Stunden klagen, wie wenn die un⸗ gung des heimathlichen Bodens und der Nationalität,“ zu nde Civiliſation auf falſchen Wegen entſchuldigen und zu heiligen pflegt. K T 3 6 i uun ſteſß ſe e m St erſtunden. 1865. 1 4 4 b I 458 Erzählung von Erſtes Kapitel. Eine Bürgersfamilie. In der geräumigen Stube eines Hinterhauſes der Spandauer Straße zu Berlin ſaß der Eigenthümer des Hauſes, Tiſchlermeiſter Hein, mit ſeiner Frau, einer er⸗ wachſenen Tochter und einem jungen Mann beim Abend⸗ brod, wobei nach alter Sitte die große braune Kaffeekanne nicht fehlte, obgleich vor jedem der Männer ein Glas Weiß⸗ bier ſtand. Man ſah es dem Gemach an, daß ein wirk⸗ liches Familienleben ſich darin entwickeln konnte, und nicht, wie bei ſo vielen andern Handwerker⸗ und Arbeiter⸗ familien der Großſtadt durch die theuren Miethen veran⸗ laßt, eine Häuslichkeit nicht exiſtirte, ſondern die Kinder ſchon frühzeitig die Straße als Heimath kennen lernten, und in ihr ſpäteres Leben keine der ſüßen Kindheitserinne⸗ rungen mitnehmen konnten, welche wie erfriſchender Thau auch das dürrſte Blatt mit Diamantſchimmer ſchmücken. Aber auch der Dünkel und die Prunkſucht, welche leider ſo häufig dem wohlhabenden Berliner Handwerker eigen ſind, und es ihm als höchſtes Vergnügen erſcheinen laſſen, des Sonntags, nachdem die Arbeitsſchürze weggelegt, mit ſei⸗ ner Familie wie vornehme Leute aufzutreten, war beim Tiſchlermeiſter Hein nicht zu finden. Man ſah das an dem altväteriſchen, aber äußerſt gediegenen Mobiliar, an den ſauberen, aber höchſt einfachen Kattunkleidern der Mutter und Tochter, an dem großen Himmelbett, welches mit gro 3 blumigen Gardinen umzogen in der Stube ſtand, und 3 meiſt an dem ſchlichten Manne ſelbſt, der den Vonſitz bei der kleinen Tiſchgeſellſchaft führte. Meiſter Hein lounte wohl 60 Jahre zählen, ſein graues Haar undſder erwas gebeugte Nacken waren jedoch die einzigen Zeugen des Al⸗ ters und anhaltender Arbeit. Seine grauen Augen blick⸗ ten noch ſcharf und klug um ſich, und das wohlwollende Lächeln, welches bei harmloſem Geſpräch ſeinen Mund um⸗ ſpielte, war nicht im Stande, die Feſtigkeit und Willens⸗ kraft zu verbergen, die aus ſeinen Zügen ſprach. Frau Hein, eine noch hübſche Frau von 50 Jahren, war ein rechtes Hausmütterchen mit einem unverſiegbaren Schatz von Herzensgüte und Wohlwollen für ihre Umgebung. „Nun Vater,“ wandte ſie ſich an ihren Mann,„nun wird ſich der Andreas wohl ſchon auf die Wanderſchaft ge⸗ macht haben, denn er fährt doch nicht, ſondern läuft ſich lieber auf Umwegen die Stiefelſohlen ab, um nur in Feld und Wald ſpazieren gehen zu können.“ „Es wird ihm von Gießen bis Berlin doch wohl ein wenig zu weit werden, und die luſtige Walddroſſel wird ſich ſchon müſſen in den Käfig eines Eiſenbahnwagens ſper⸗ ren laſſen, denn ſeine Ungeduld, nach Hauſe zu kommen, hält ſicher mit ſeiner Wanderluſt gleichen Schritt,“ ſprach die braunäugige Ottilie, da der Vater auf der Mutter Be⸗ merkung nichts entgegnete, ſondern ſinnend mit dem Meſſer leiſe auf den Tiſch klopfte, wobei man ihm anſah, daß ſeine Gedanken weit ab von ſeinen Händen waren. Ein beſorgter Blick ſeiner Frau wurde von ihm mit leiſem Nei⸗ gen des Kopfes und ruhigem Auge beantwortet, was dieſer auch völlig zu genügen ſchien. Der junge Mann, deſſen innige, auf ſeine junge hübſche Nachbarin oft gerichtete Blicke errathen ließen, was ihn von den Unterhaltungen der Feierſtunden. 1865. ——::¶ℳúʒ·fͦͦ————r————r—ry————r—n——ͤ— Rechter ———;:—;ʒy;; Stolz. A. Schiller. ſich jetzt an die Eltern und ſprach:„Wenn ich nicht dächte, daß der Sohn ſolcher Eltern gewiß ebenſo gut geartet iſt, als die Tochter, möchte mir faſt bangen, daß der weitge⸗ reiste junge Mann, welcher das Glück hatte, ſich ſo viel Kenntniſſe anzueignen, und mit Leuten höherer Stände zu verkehren, am Ende ſcheel zu den Beſuchen eines armen Zimmergeſellen ſehen wird.“ Ein bang fragender Blick begleitete dieſe Worte. Zu der Antwort des Meiſters:„Ach was reden Sie da, Wilhelm, wer den Eltern willkommen iſt, muß es auch dem Sohn ſein, und wäre er gleich ein hochmüthiger Burſch, was unſer Andreas nie geweſen, und hoffentlich auch nicht geworden ſein wird,“ nickte die Meiſterin bei⸗ fällig, und Ottilie ſagte: „Der Vater hat Recht; Niemand weiß das Gute an einem Menſchen beſſer zu würdigen und herauszufinden, als mein Bruder Andreas, in deſſen gutes aufrichtiges Herz gewiß keine Spur von Dünkel gekommen.“ Inzwiſchen war die des warmen Septembertages wegen nur angelehnte Thür geräuſchlos geöffnet worden, und ein reizender blonder Lockenkopf erſchien darin, Ottilien und ihrem Nachbar Schweigen winkend. Die Meiſterin hatte ſich eben das letzte Stückchen Kartoffel auf ihrem Teller reichlich mit Butter und Häring belegt, um es zum Munde zu führen, als im Rücken der beiden Alten die Trägerin 5 sborbiegend den Biſſen von der Gabel nahm. Das ver⸗ blüffte Geſicht der Meiſterin, mit welchem ſie bald auf die leere, noch immer erhobene Gabel, bald auf das reizende Kind ſah, entlockte ſelbſt dem ernſten Meiſter ein lautes Lachen, in welches Alle, auch die Beraubte, herzlich ein⸗ ſtimmten.. „Ach Mutter Hein, das hat gut geſchmeckt,“ rief das junge Mädchen, und ſchlang dabei beide Arme um die Matrone, welche ſie auf die Wange küßte, und mit dem Finger drohend lächelnd ſagte:„Klärchen, was ſind Sie noch für ein Kind, und der Herr Vater verwendet doch ſo viel auf Ihre Erziehung, läßt Sie in den vornehmſten Inſtituten und in der feinſten Geſellſchaft aufwachſen.“ „Die ihr, Gott ſei Dank, wie wir eben geſehen haben, nichts ſchadet. Es wäre ſchlimm, wenn ein Mädchen von 15 Jahren ſchon eine Dame ſein müßte, oder wenn höhe⸗ rer Stand Natürlichkeit ausſchlöße,“ entgegnete Meiſter ein. 4„Den ganzen Tag habe ich mich darnach geſehnt, ein⸗ mal herüber ſchlüpfen zu können,“ begann Klärchen ihr munteres Geplauder,„aber erſt dauerte das Examen bis zwei Uhr, und dann war fortwährend Beſuch bei der Tante, und ich, als bereits ſeit acht Tagen konfirmirte Jungfrau, mußte Stich halten. Nun bin ich den letzten Tagg in der Schule geweſen, Gott ſei Dank, das Lernen iſt grind nicht meine Leidenſchaft, und ich will euch nur erzählen daß Mathilde, die heut auch ausgetreten, wieder den erſten Pvorei⸗ und öffentliche Lobſprüche empfangen hat; aber ihr häfeat. nur ſehen ſollen, mit welchem Stolz ſie das hinnahlnden nicht ein Bischen Freude war bei ihr zu ſehen, wie eori Königin nahm ſie Alles an, und als ich ihr nachtd Ai⸗ Examen meine Glückwünſche ausſprach, ſagte ſie ruhig ungend kalt: ‚Wenn nur ſonſt eine der vornehmen Beamtentöckt rfſße Großſtadt ab in dieſen ſtillen Familienkreis zog, wandte oder adeligen Fräulein im Stande geweſen wäre, e des Lockenkopfes lautlos herangeſchlichen war, und raſch ſich artet iſt, veitge⸗ ſo viel dände zu à atmen der Blick reden Sie muß es hmüthiger hoffentlich terin be⸗ Gute an nden, als ges Her V zes wegen „und ein ilien und rin hattt en Telle n Munde, Trägerin raſch ſich Oas ver⸗ d auf die reizende in lautes Ziich ein kt,“ rij te um die mit dem ind Sit tdoch ſo nehmſten ſſen. en haben, zchen vo enn höhe Meiſi — — ₰ = 3 na dAu⸗ d für zwanzig Thaler miethete, uhit geid tento fe irt, Feierſtunden. 1865. ———————————:—J’—-———;— einigermaßen gleich zu kommen im Lernen, würde die Vor⸗ ſteherin gewiß nicht mir den Preis gelaſſen haben; die Lehrer wiſſen's aber Alle zu gut, daß mir werden muß, was mir gebührt.“ Als die junge öſtreichiſche Gräfin E... ihren muſikaliſchen Vortrag unter allgemeinem Beifall been⸗ det hatte, davon auch ein wenig für mich abfiel, da wir zuſammen ſpielten, erſchrak ich wirklich, als zufällig meine Blicke auf Mathilde fielen, welche merkwürdiger Weiſe zur Muſik kein Talent hat. Ihre Augen warfen förmlich Blitze auf die junge Gräfin, welche ſie faſt zu haſſen ſcheint, wo⸗ gegen wir Andern ſämmtlich die junge E. ihrer Munter⸗ keit, ihres Witzes und der tollen Streiche wegen lieben, die Keine ſo luſtig anzuzetteln und auszuführen weiß, als ſie. Auch mit mir hat Mathilde ſchon oft geſcholten, daß ich die E. liebe und viel mit ihr verkehre. Geſtern noch ſagte ſie mir, ich würde auch von dem Schimmer des hochade⸗ ligen Namens verblendet, und fände jede Albernheit ſchön, weil ſie von einer Gräfin ausgehe, dabei bemerke ich nicht, wie die E. nur rückſichtslos ſich Alles erlaube, weil ſie meine, über unſerem Urtheil zu ſtehen. Wir wären eben Alle Sklaven eingeroſteter Vorurtheile, und beugten uns weit lieber vor dem wurmſtichigen alten Stammbaum, deſ⸗ ſen Wurzel in Wegelagerung und Mord ruhe, ſtatt vor der Macht des Geiſtes. Sie weiß eben nicht, wie Unrecht ſie mir und Andern mit ſolch' thörichten Reden thut. Aber was ich beinahe vergeſſen hätte, Papa läßt den Meiſter bit⸗ ten, um 8 Uhr, wo er allein iſt, zu ihm zu kommen; es muß wohl ganz was Apartes ſein, was er Ihnen ſagen will, Vater Hein, denn ſonſt beſpricht Papa Abends keine Geſchäfte mehr.“ „Gott bewahre,“ ſprach der Alte, als Klärchen nun inne hielt,„das war eine lange Vorrede und ein kurzer Inhalt; möcht' nur wiſſen, was der Herr Vater, der ſo wenig Worte macht, zu dieſer Sprachverſchwendung ſagt, wenn ſie ihn auch einmal ſo überfluthet wie uns.“ „Er macht's grad wie Sie, Vater Hein, er hört ſehr vergnügt zu; wenn ich fertig zu ſein ſcheine, ſchüttelt er ſcheinbar ernſt über mein Geplauder den Kopf, wartet aber ſchon darauf, daß es bald wieder losgeht.“ Lächelnd drohte der Alte dem ſchönen Kind, welches der Liebling der ganzen Familie war, mit dem Finger, und Ottilie ſprach das Tiſchgebet, worauf Meiſter Hein einen Rock aus dem großen Kleiderſchrank nahm, der die Garde⸗ robe der ganzen Familie enthielt, um zum Geheimen Juſtiz⸗ rath v. Heller zu gehen, deſſen Töchterchen indeß bei der Familie blieb. Als ſich die Thür hinter dem Alten ge⸗ ſchloſſen, nahm Frau Hein, die ſich mit einem Strick⸗ ſtrumpf in ihre gewöhnliche Fenſterecke, Ottiliens Nähtiſch gegenüber, geſetzt, das Geſpräch wieder auf, da ſie der Gegenſtand deſſelben ſichtlich intereſſirt. Ottilie hatte ſich gleichfalls mit Stricken beſchäftigt an ihren Platz geſetzt, Wilhelm neben ſie, und Klärchen zu den Füßen der Mei⸗ ſterin einen kleinen Schemel gerückt.„Ja Kinderchen,“ ſagte Frau Hein kopfſchüttelnd,„ich weiß nicht, was ich mir von der Hoffarth bei der Boſe'n denken ſoll; wenn der Vater da iſt, darf ich freilich nicht drüber ſprechen, denn der wird gleich ärgerlich, und meint, wenn die Frau ihre Miethe richtig zahlt, und ſich ordentlich beträgt, hätte ſich kein Menſch um ſie zu kümmern. Unerklärlich bleibt mir's aber, wenn ich bedenke, wie ſie armſelig vor acht Jahren hier ankam und das Giebelſtübchen im Hinterhaus wo ſie mit dem Zins immer im Rückſtand blieb, und jetzt wohnt ſie vorn im zweiten Stock, gibt 400, und thut doch auch nichts, als daß ſie allerhand Beſuche von vornehmen Damen bekömmt; denn vornehm ſind die Beſuche, das erkennt man, obgleich ſie Abends und in Droſchken ankommen. Dabei hat ſie der Mathilde, die's als kleines Mädchen grad nicht gut um ſie hatte, eine Erziehung gegeben, als wär's eine Prinzeſſin, und hat ſie nun bis ſechzehn Jahr in die Schule gehen laſſen, daß ſie ſo viel gelernt hat, um ſelbſt Unterricht geben zu können.“. „Vielleicht will das die Mutter auch,“ warf Wil⸗ helm ein. „Gott bewahre, ich dacht's auch, und frug die Boſe'n, als ſie am Quartal die Miethe zahlte:„Nun, wird Ihre Mathilde wohl ſelbſt Lehrerin werden? Da ſah ſie mich mit ihren Katzenaugen ſchön an und ſagte:„Das wäre ein kärgliches und ſchlimmes Brod für ein ſo ſchönes Mäd⸗ chen, wie meine Mathilde. Sie hat es nicht nöthig, ſich von ihrer Mutter zu trennen und in irgend eine Dienſt⸗ barkeit zu treten.. Manchmal will es mir faſt ſcheinen, als wenn es beſſer für das ſchöne ſtolze Mädchen wäre, ſie bliebe nicht bei der Mutter, denn obwohl wir Haus⸗ genoſſen ſelbſt nichts thatſächlich Unrechtes von ihr ſagen können, ſo kann ich doch zu der Frau kein Zutrauen aſſen.“ inſ„Aber Mathilde ſelbſt iſt gut und brav, wenn ſie auch ſtolz iſt,“ ſprach Ottilie; Klärchen nickte zuſtimmend, und ſagte:„Ja, das iſt ſo, und ein warmes Herz hat ſie auch, das hab' ich tauſendmal ſchon erfahren und geſehen; mich hat ſie lieb, und dich auch, Ottilie, wenn ſie mit uns ſpielt, hat ſie oft hintenher geſagt:„Ach wenn mir eine von euch doch ein ganzes volles Herz entgegenbrächte, ich wollte ſo glücklich ſein, aber ihr ſeid mir nur ebenſo oberflächlich gut, wie hundert anderen Perſonen und Sachen; und Gott weiß, ich liebe Mathilden innig, ich kann mich in ihre ſchwarzen Augen nicht genug verſenken, und ihre Stimme iſt ſo wunderbar tief und ſchön, ich möchte mich manchmal ſo recht innig an ſie ſchmiegen, aber ſie ſtößt mich ſelbſt durch ihre Launen zurück. Nun muß ich aber wieder hin⸗ über, Papa ſagte, ich möchte nicht lange ausbleiben,“ mit einem Kuß nahm Klärchen von der Meiſterin, einem Hand⸗ ſchlag von dem jungen Zimmergeſellen Abſchied, und ward von Ottilie begleitet. „Ein liebes ſchönes Kind,“ ſprach Wilhelm, als die Mädchen verſchwunden waren,„ſo gut und einfach, und dabei ohne eine Spur von ſogenannter Herablaſſung.“ „Sie iſt ja eigentlich bei mir aufgezogen; als ihre ſanfte und ſchöne Mutter, nachdem ſie ſchon durch den Tod ihrer älteſten Kinder ſehr gebeugt war, bei der Geburt die⸗ ſes Mädchens ſelbſt ſtarb, habe ich ſie gepflegt, das Neu⸗ geborene mit ſeiner Amme in unſere Wohnung genommen und beaufſichtigt, denn der Herr Juſtizrath war durch den Verluſt ſeiner geliebten Gattin ganz darniedergedrückt. Bis Klärchen in die Schule kam, iſt ſie außer der Eſſens⸗ und Schlafenszeit immer hier geweſen, und hat ihre Anhäng⸗ lichkeit zu uns behalten; doch ich ſehe Ihnen an, Wilhelm, Sie haben was auf dem Herzen, Sie ſehen ſo tiefſinnis auf den Fußboden, als wollten ſie die Nägel darauf zäh⸗ len, nun heraus damit!“ „Ja meine liebe Frau Mutter, wenn ich Sie ſo nen⸗ nen darf, ich hab' etwas, und zwar recht viel auf dem Herzen. Sie ſind ſo gut, und haben gewiß ſchon gemerkt, was mich außer dem ſchönen Familienleben ſo mächtig hier feſſelt. Ich habe zwar noch nicht gewagt, Ottilie eine An⸗ deutung davon zu machen, denn Sie ſind ſehr wohlhabende Leute, und ich habe nichts, als meine Axt, und davon noch 58* eine alte Mutter zu nähren. Ich habe aber auch noch eine Eigenſchaft, die in meinen Verhältniſſen eigentlich ein Feh⸗ ler iſt. Ich beſitze Ehrgeiz und möchte nicht auf der Stufe bleiben, wo ich jetzt ſtehe. Seit geſtern bin ich Zimmer⸗ palier beim Meiſter, der mir ſehr wohl will, geworden. Seit ich das Glück habe, bei Ihnen aus⸗ und einzugehen, habe ich mir von meinem guten Verdienſt ſchon etwas ge⸗ ſpart, ohne meiner Mutter deßhalb die gewöhnliche Unter⸗ ſtützung zu ſchmälern, denn ich verbrauche in Wirthshäu⸗ ſern, wohin ein junger Menſch ohne Anhalt doch hie und da geht, nichts mehr, und dann hat mir der Gedanke an Ottilie das Ziel, welches mir immer vorſchwebte, noch viel begehrenswerther gemacht. Ich will nämlich ſo lange ſpa⸗ ren, bis ich das Meiſterexamen machen kann, befähigt fühle ich mich dazu, nur koſtet es für meine Verhältniſſe eine ſehr langſam zu erſchwingende Summe. Ich erwerbe mit Anfertigung von Zeichnungen wohl manch' ſchönes Stück Geld, und bei meinem jetzigen Meiſter werde ich auch im Winter dauernd beſchäftigt, aber, liebe Mutter, darf ich bei ſo beſchränkten Ausſichten wohl wagen, um Ottilie, die meines Herzens liebſtes Kleinod iſt, zu werben? Jahrelang muß ſie vielleicht noch warten, denn Unterſtütznng kann ich von keiner Seite dabei annehmen, was ich erſtrebe, will ich aus eigener Kraft erreichen.“ Das offene Geſicht und die blauen Augen bang fra⸗ gend auf die Mutter geheftet, deren Blicke von Rührungs⸗ thränen verdunkelt waren, hatte er nicht bemerkt, daß Ottilie in der Thür ſtehend den größten Theil ſeiner Worte gehört. Die Hände auf ihr Herz gepreßt, die braunen Au⸗ gen mit innigem Ausdruck auf den Sprechenden geheftet, die friſchen Lippen von lieblichem Lächeln umſpielt, war ihre ſchlanke und doch kräftige Geſtalt in dem einfach ſaubern Kleide ſo recht in den Rahmen dieſer patriarchaliſchen Haus⸗ haltung paſſend, und gab dem ganzen Bilde Friſche und Anmuth. Ehe die Mutter antworten konnte, trat ſie vor, legte Wilhelm die Hand auf die Schulter und ſagte leiſe, mit niedergeſchlagenen Augen und hocherröthend: „Ich habe gehört, was Sie ſo eben ſprachen!“ Blitzſchnell wandte ſich Wilhelm zu ihr, faßte ihre Hände und ſah ihr ſo innig in die Augen, daß ſie vor der zwingenden Gewalt ſeiner Blicke, deren Ausdruck ſie fühlte, die ihrigen erhob, und auf ſeine bange Frage: „Zürnen Sie mir?“ glücklich lächelnd mit dem Kopfe ſchüt⸗ telte. Jubelnd faßte der Jüngling nun der Mutter Hände, die mit drohend erhobenem Finger, den aber ihre von Rüh⸗ rungsthränen verſchleierten Augen Lügen ſtraften, ſagte: „Na, was braucht ihr junges Volk mich nun noch, ihr ſeid ja allein ſchon einig! Doch, Gott ſegne euch, meine Kinder! Jetzt gehen Sie aber, Wilhelm, es iſt halb zehn Uhr, und Sie müſſen morgen wieder zeitig an die Arbeit; ich werde mit dem Vater ſprechen, und morgen iſt dann auch noch ein Tag!“ Auf Wilhelms Einwand, daß er heute Nacht doch nicht ſchlafen könne, entgegnete ſie:„Ei ſo ruhen ſie wenigſtens, es hilft nichts, Ottilie geht auch in ihr Stübchen, und ſo ſagt euch nun gute Nacht.“ Zweites Kapitel. Ingendfreunde. Das ſchmuckloſe, aber ſolid gebaute zweiſtockige Vor⸗ derhaus des Tiſchlermeiſters war nur von dem Juſtizrath v. Helberg und, wie der Porzellanſchild neben dem Klingel⸗ griff in der zweiten Etage beſagte, der Frau Rentier Boſe X Feierſtunden. 1865. ———— bewohnt. In den Parterreräumen befand ſich das Bureau des vielbeſchäftigten Juriſten, das erſte Stockwerk bewohnte er mit ſeiner Tochter und einer alten Verwandten, welche nach dem Tode ſeiner Gattin ſeinem Haushalt vorſtand. Wir folgen dem jungen Mann, welcher raſch die erſte Treppe hinaufeilt, dann aber, ſchon im Begriff, die Klin⸗ gel zu des Juſtizraths Wohnung zu ziehen, ſich zur zwei⸗ ten Treppe wendet, und nun ohne Beſinnen klingelt. Die Dienerin, welche ihn anmelden will, ſchiebt er raſch bei Seite, und beruhigt ſie mit den Worten:„Ich bin Andreas Hein, Mathildens Jugendfreund,“ und ſchreitet auf eine Thür zu, die, wie er von früher wußte, zu Mathildens Zimmer führte. Da auf ſein Klopfen keine Aufforderung zum Eintreten folgte, öffnete er die Thür, blieb aber er⸗ ſtaunt am Eingange ſtehen. Dies war Mathildens ſchmuck⸗ loſes Stübchen nicht mehr, in welchem er ihr als Gym⸗ naſiaſt Unterricht ertheilte. Da jener kunſtvoll geſchnitzte Schreibtiſch mit dem eleganten Schreibgeräth, die Tüllgar⸗ dinen, welche auf blauem Seidengrunde vom Fenſter herab wallten, die koſtbaren Seſſel, die Statuetten, die ſchönen Blumen und guten Gemälde, das Alles aber ſo ſinnig und edel arrangirt, daß nicht Prunkſucht, ſondern nur der reinſte Schönheitsſinn daraus ſprach, kam dem Eintretenden fremd, und doch auch wieder heimiſch vor. Er ſelbſt war eine edle, kräftige Erſcheinung; ſeine ſchwarzen Augen, die etwas ge⸗ bogene Naſe, die kühne Stirn von reichem dunklem Haar umrahmt, die gebräunte Farbe und die ganze hohe geſchmei⸗ dige Geſtalt machten mehr den Eindruck eines Südländers, als daß man den Sohn des Tiſchlermeiſters Hein in ihm deutſchen Typus repräſentirte. Die Portiere, aus gleichen Stoffen wie die Gardinen gebildet, bewegte ſich jetzt, und die Bewohnerin des Zim⸗ mers erſchien, deren Anblick den jungen Mann jedoch noch mehr betroffen machte, als die koſtbaren Möbel. Mit heißem Blick überflog er einen Moment die wunderbar ſchöne Er⸗ ſcheinung, dann trat er vor und ſagte, dem Mädchen die Hand reichend: „Mathilde! biſt— ſind Sie innerlich auch ſo ver⸗ ändert, wie alles Aeußere an Ihnen und Ihrer Umgebung?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete die Angeredete, und ihre weiche tiefe Stimme vervollſtändigte den ſiegenden Zau⸗ ber ihrer Geſtalt,„ich weiß nur, daß die Freundſchaft für meinen Beſchützer, Lehrer und Jugendfreund Andreas die alte geblieben, und ich ihn mit Freuden begrüße.“ Dabei hob ſie die langen Wimpern, welche ſie gleichſam um ihrer Augen Macht zu verhüllen meiſt ſenkte, und ſah ihn mit vollem Blick an. Betroffen von dem, was ſie Beide in ihren Augen laſen, ſchlugen fie ſie nieder, Mathilde ent⸗ zog dem jungen Mann die Hand, und lud ihn zum Sitzen ein. Immer glänzender hingen die Blicke des Jünglings an ihr; jede Bewegung war ſchön und hoheitsvoll, und doch dieſem Mädchen ſo natürlich. Ihr blauſchwarzes Haar trug ſie in einfachen Flechten, das herrliche Oval des Geſichts umrahmend, und am Hinterkopf von Elfenbeinnadeln ge⸗ halten. Ihre Geſichtsfarbe war mattweiß ohne eine Spur von Röthe, was bei ihrer Jugend und der zwar ſchlanken, aber vollen Form ihrer Geſtalt befremden mußte; aber dieſe Haut hatte einen ſo ſammtigen Schimmer, die wunderbare Tiefe, der Glanz ihrer mandelförmigen ſchwarzen Augen und die Feinheit der geſchwungenen Augenbraunen zeichneten ſich auf der mattweißen Farbe ſo köſtlich ab, dabei hatte die griechiſche Naſe und alle Züge des Geſichts eine ſo klaſſiſche Form, daß es ſchien, als habe die Natur deßhalb vermuthet hätte, der mit Frau und Tochter den echten nord⸗ 1 — ———— 461 und lehrte ſie Manches von dem, was er wußte. Eines Tages hatte Mathilde zu dem ſechzehnjährigen Freund ge⸗ ſagt:„Weißt du, Andreas, ich möchte mit dir in einer Sprache reden, die die Andern nicht verſtehen, lehre mich eine ſolche.“ Halb geringſchätzend hatte der Sekundaner dem zehn⸗ jährigen Kinde geantwortet:„Nun da müßteſt du zwiſchen Latein und Griechiſch wählen, denn das Arabiſche will mir ſelbſt nicht in den Kopf!“ Sie hatte ſich aber ſehr ernſt⸗ haft für Latein entſchieden, und die Unterweiſungen, welche ihr Andreas anfangs ſcherzweiſe gab, feſſelten ihn durch die überraſchend ſchnelle Faſſungskraft, ſowie den Lerneifer ſei⸗ ner Schülerin bald derart, daß er ſelbſt dieſe Stunde her⸗ beiſehnte. Es war aber wie auf ſtillſchweigende Ueberein⸗ kunft ein Geheimniß geblieben. Andreas gab dem Kinde Herren⸗Chiemſee. Dura eine Ausnahme gemacht, und ihr bei blühender Geſundheit ewohnte doch die Farbe derſelben entzogen, um dies Mädchen, welche „velche in ihrer Erſcheinung an das Schönheitsideal der griechiſchen vorſtand. Göttergeſtalten erinnerte, auch mit den Farben des plaſti⸗ di erte ſchen Marmors zu ſchmücken. ie Klin⸗ Auch ihre Blicke ruhten mit Bewunderung auf dem ur zwei⸗ Freunde, dem in Eleganz der Bewegungen und Schönheit lt. Die der Erſcheinung kein Mann von all' denen, die ſie bisher riſ bi geſehen, glich. Andreas hatte, obgleich ſechs Jahre älter Tuineas als Mathilde, ſich ihrer ſchon angenommen, als das ſcheue auf ene eigenthümliche Kind von den andern nicht verſtanden ward. dathidan Er, der ſelbſt mit größtem Eifer und Ehrgeiz ſeine Schul⸗ forderrn zeit benützte, wurde von der Schnelligkeit, womit Mathilde aber e⸗: Alles auffaßte, und durch ihr Urtheil bewies, wie ſie blitz⸗ dmus ſchnell in das Weſen des Gelernten eindrang, angezogen, hm⸗ geſchnitzte Tüllgar⸗ ter herab ſchönen anig und er reinſte en fremd, eine edle, etwas ge⸗ im Haar geſchmei⸗ dländers, in ihm en notd⸗ Gardinen des Zim⸗ doch noch it hißem chönt Er⸗ uhen die ſo ver⸗ gbung?“ ete, und den Zau⸗ chaft für dreas die Dabei um ihrer uin nit Beidein—“ cild in. ſeines väterlichen Freundes des Juſtizraths, wie Mathilden, um Sibes Nachhülfeſtunden, weil er, da ihm zur Tiſchlerei jede Nei⸗ Jünglinns gung fehlte, das Opfer der Erziehungskoſten vom Vater und in einem Alter nicht verlangte, wo er ihm ſchon hätte zur hunht Seite ſtehen können, wenn er das väterliche Gewerbe er⸗ Geft wählte. nadeln ge⸗ u h Daran erinnerte er Mathilden jetzt, und der Zauber ine Spur derg Erinnerung an jene Stunden, in welchen ſie den ſczlanti deund wie ein höheres Weſen verehrte, ihm alle Liebe, über diſt abegr auch alle Eiferſucht ihres heißen Herzens entgegen⸗ unde trarſchte, bue einen Moment ihre Wangen mit einem roſi⸗ zen Aug„ Hauch. lnabneun hie b8 habe nicht, wie Sie vorausſetzen, meine Stu⸗ dei hatte tien dgergeſſen,“ entgegnete ſie auf eine Frage des Jüng⸗ 1 tine ſings, h„ſie find mir im Gegentheil eine immer liebe Be⸗ ar vejhal ſ 4 2 ſchäftigung geblieben, nur daß ich nicht mehr Unterricht darin nahm, ſondern ſie allein fortſetzte. Wollen Sie mich prüfen? Aber erzählen Sie lieber von ſich. Sie waren zu⸗ letzt in Gießen?“ „Als ich die Forſtakademie verließ, ging ich dahin, und betrieb das Studium der Landwirthſchaft; da ich nun einmal zu der Beſchäftigung in Feld und Wald die größte Neigung hege, ſah ich ein, daß ein wenig Kenntniß der Chemie zur Landwirthſchaft auch gehöre, und dieſe ſuchte ich mir in Gießen anzueignen. Meine ſchönſten Träume waren es ja ſtets, auf einem ſtiefmütterlich behandelten Fleck Erde blühende Fluren, freundliche Dörfer und ſchat⸗ tige Laubgänge hervorzurufen. Die Wiſſenſchaft gibt uns Mittel dazu, und welche Thätigkeit iſt wohl ſchöner, als die Natur zu ſchmücken, da wo ſie ſchmucklos ſcheint, und 462 Feierſtunden. 1865. ———— ———————— Menſchen dann zu ihren reichen Lebensquellen zu rufen, da⸗ blieben und habe, trotzdem ich erſt wenige Wochen die ſch mit ſie ſie nützen? So wie Sie mich hier ſehen, fehlt mir Schule verlaſſen, doch ganz etwas Anderes gelernt, als lot eigentlich nichts als eine Million, um, die kühnen Träume Sie auf Ihren Reiſen. Während Sie über der Natur die geſ in ihrem vollen Umfang verwirklichend, mit den Elemen⸗ Geſellſchaft mit all' ihrer entſetzlichen Macht, die alle mi ten kämpfen zu können; denn man muß der Erde, wenn Lebenskreiſe durchdringt mit Sklaverei und Unnatur, ver⸗ for man da zu ihrem ſegenſpendenden Herzen dringen will, wo gaßen, während Sie das Leben aus Ihrem Innern ſchmücken, üb es mit einer dürren ſtarren Rinde umgeben iſt, den Götzen glaubend, daß das Antlitz deſſelben, was doch nur ein jin unſerer Zeit, das Gold opfern,— nur wer mit dieſem Spiegelbild der Ihnen eigenen Harmonie iſt, ſein wahres mi Zauberſchlüſſel an ihre Pforten klopft, erhält Eingang. ſei, habe ich die Menſchen im Einzelnen beobachtet und Fa Da ich aber nicht im Stande bin, durch Gold tauſend kennen gelernt. Ja wären nur Wenige wie Sie voll war⸗ G Menſchenhände meine Ideen ausführen zu laſſen, werde ich men treuen Sinnes, der bei Ihnen aus wirklicher Tugend, ſſt 1 mich auf realen bürgerlichen Boden beſchränken, und hof⸗ und nicht wie bei den Meiſten, die man gut nennt, aus an 1 fentlich durch die mannigfachen Empfehlungen meiner Leh⸗ Schwäche hervorgeht, dann lohnte es ſich der Mühe, mit⸗ rer zu einer Stellung gelangen, die mir vor der Hand Er⸗ ten unter ihnen zu leben. Aber die Menſchen ſind hoch⸗ 1 h werb und tüchtige Arbeit verſchafft.“ müthig, falſch und gleißneriſch gegen die, welche ihnen de Ein faſt ſpöttiſches Lächeln begleitete Mathildens Er⸗ gleich geboren ſind, aber infam gegen jene, die ſich aus S wiederung:„Ich hätte Sie für ehrgeiziger gehalten; was niedereren Kreiſen durch geiſtige Macht neben und über ſie ſt i kann es Ihnen für Genuß bieten, wie kann es das Ziel erheben.“— Ihr Blick glitt während dem zur Portiere, ne Ihres Geiſtes, Ihrer reichen Kraft ſein, den Boden zu die ſich trotz der geſchloſſenen Fenſter leiſe bewegte. Eine bebauen, und im beſten Falle über rohe Menſchenkräfte zu düſtere Wolke lagerte auf ihrer Stirne, als ſie fortfuhr: er herrſchen, denen Unterordnung ohnedies geboten und ge⸗„Eigennutz und Spionage vergiften nicht nur die Geſell⸗ a wöhnt iſt?“ ſchaft, ſondern auch die Familie, wovon Sie freilich Gott⸗ n „Ja, herrſchen, und immer wieder herrſchen, das war lob bei Ihren braven Eltern und Ottilien nichts erfuhren. m es, was Sie als Kind ſchon verlangten, was das Ziel all' Ich ſage Ihnen aber, Andreas, die Menſchen ſind nur Ihres Strebens war,“ ſagte Andreas mit ernſtem, aber werth, daß man ſie beherrſcht, wenn man ſich nicht von 2 warmem Ton, und ſchaute das ſchöne Mädchen beſorgt und ihnen erdrücken laſſen will.“ Nach dieſen Worten, denen innig an.„Auch meinem Leben geben Sie dies Eine nur Andreas mit immer geſteigertem ſchmerzlichem Staunen er als Endpunkt, denken nicht daran, daß des rechten Man⸗ angehört, lachte ſie kalt und kurz auf. Als ſie bemerkte, ſc nes Hauptaufgabe iſt, zu ſchaffen, etwas Rechtes und daß Andreas ſie widerlegen wollte, unterbrach ſie ihn mit u Tüchtiges in ſeinem Beruf zu ſein, gleichviel ob er uns den Worten:„Laſſen Sie es für jetzt genug ſein, und glau⸗ an die Hobelbank führt, ob er uns die Feder, ob den Pin⸗ ben Sie, daß ich Ihre Freundſchaft auch ferner für das ſel oder den Meißel in die Hand drückt, um unvergäng⸗ beſte Geſchenk meines Lebens halte, wie ich es bisher that. liche Schönheitswerke zu ſchaffen; ob wir im Dienſte der Ich danke Ihnen innig für die treue Anhänglichkeit, welche Arbeit, ob der hülfsbedürftigen, oder kunſtſinnigen Menſch⸗ Sie dem dreizehnjährigen Kinde, als welches Sie mich ver⸗ heit, mit dem Kopf, dem Spaten oder belehrenden Wort ließen, bewährten; es hat mich recht glücklich gemacht, daß kultiviren, im Dienſte der Menſchheit find wir immer. Sie meiner vor Ihrem väterlichen Freund und Klara's Nur wenn wir es recht und tüchtig ſind, können wir uns gedachten, ich ſah Sie das Haus betreten, und war freu⸗ über die, welchen der Müſſiggang ihre beſten Menſchen⸗ dig von Ihrem erſten Beſuch überraſcht.“ d rechte raubt, erheben, und den Wackern jeder Berufsklaſſe„Man muß Ihnen ſehr weh gethan haben, Mathilde, gleich fühlen. Herrſchſucht iſt eine phantaſtiſche Ausgeburt daß Sie, ein junges, von Wohlſtand umgebenes Mädchen der menſchlichen Natur, die den ſchönen, jeglichem Men⸗ von ſechzehn Jahren ſo bittere Worte ſprechen, ſo düſtere ſchenkind innenwohnenden Stolz fühlt, ohne ihn in die Anſichten vom Leben gewonnen haben, die doch nun und Bahnen verweiſen zu können, wo er allein Berechtigung nimmermehr die rechten ſind. Vertrauen Sie mir an, was hat. Nur Verkennen unſerer Pflichten, Hochmuth und Ihnen Schmerz bereitete, verſuchen Sie es mit der Liebe Eitelkeit können Herrſchſucht erzeugen.— Ein Weſen wie zu den Menſchen, und vor Allem mit gedeihlicher Arbeit, Sie, Mathilde! herrſcht durch Schönheit und Geiſt ja ſchon dann werden die dunklen Schleier zerreißen, und Sie wer⸗ übergenug in dem Reich, was euch holden Frauen zugewie⸗ den Welt und Menſchen in beſſerer und beglückenderer Ge⸗ ſen, und wohl dem Manne, der nach vollbrachter Arbeit ſtalt ſehen.“ von einem Weibe wie Sie an den Pforten des Hauſes be⸗ Mathildens Antwort ward durch den Eintritt ihrer b grüßt wird, das ſie ihm zu einem Tempel weiht, in wel⸗ Mutter verhindert, welche Andreas begrüßte. Die Erſchei⸗ chem ein ewiger Kultus des Schönen gefeiert wird.“ Er nung dieſer Frau drängte unwillkürlich jedes Wort zurück, hatte die letzten Worte, wie von unbewußtem Drange ge⸗ welches aus der Tiefe des Gemüths ſtammte. Vor ihren trieben, leiſe und innig geſprochen, und forſchte mit be⸗ unruhig forſchenden grüngrauen Augen, die Gegenſtände und redten Blicken auf ihrem ſchönen wachsbleichen Geſichte nach Menſchen nur blitzſchnell ſtreiften, zog ſich die Hülle, mit dem Eindruck, welchen dieſe auf ſie machten. Ihre Wim⸗ welcher die eigenſten Gefühle profanen Blicken verhüllt wer⸗ I pern waren geſenkt, und nur dem ſchärfſten Beobachter den, dicht zuſammen. Die noch deutlichen Spuren ehema⸗ ward eine größere Weichheit in den marmorkalten Zügen liger Schönheit, das volle braune Haar der achtunddreißig der 1 bemerkbar. Nach minutenlangem Schweigen erhob ſie die jährigen Frau, ſowie ihre gewählte Toilette, vermochte n Augenlider und blickte Andreas freundlich, aber klar, an, den unbehaglichen Eindruck nicht zu verwiſchen, welchen ſe 6 indem ſie ſagte:„Sie ſind ein Idealiſt, dem ich, das ſechs machte, denn ihre Züge zeigten nur die Herrſchaft des b 8 Jahre jüngere Mädchen, zurufe: Möchten Sie aus Ihren rechnenden Verſtandes und der Sinne ohne jegliche Spf ſen philanthropiſchen Träumen nicht zu früh geriſſen werden! von der des Herzens. f Sie glauben die Welt geſehen und ſich eine richtige Anſicht Ihre überaus freundliche Begrüßung verſtimmte ſo aus eigenem Schauen gebildet zu haben. Ich bin hier ge⸗ dreas ebenſo, wie lihre vielen Fragen nach ſeinen halb 4 1 72 — — dchen die rnt, als katur die die alle ur, ver⸗ hmücken, nur ein wahres hut und voll war⸗ r Tugnnd, ennt, aus ühe, mit⸗ ſind hoch⸗ iche ihnen ſich aus über ſie Portiere, te. Eine fortfuhr: ie Geſell⸗ lich Gott⸗ etfuhren. ſind nur nicht von en, denen Staunen hemerkte, ihn mit und glau⸗ t für das zsher that. at, welche mich ver⸗ nacht, daß d Klara's war freu⸗ Mathilde, Mädchen ſo düſtere nun und an, was der Liebe er Arbeit⸗ S ſchließungen für die Zukunft.„Haſt du den künftigen Ver⸗ lobten deiner Schulgenoſſin, der Gräfin Hedwig E., ſchon geſehen? wandte ſie ſich plötzlich zu Mathilde. Als dieſe mit finſter zuſammengezogenen Brauen verneinte, fuhr ſie fort:„Das iſt ſchade, du würdeſt ſonſt gleich mir erſtaunt über die Aehnlichkeit ſein, welche der Herr Andreas mit dem jungen Fürſten M. hat. Ich ſah ihn geſtern mit der Fa⸗ milie der Gräfin, neben Hedwig ſitzend, ausfahren. Die Familie E. wünſcht die Verbindung lebhaft, und die junge Gräfin liebt den Fürſten ſchon ſeit ihren Kinderjahren. Er iſt wohl einige Jahre älter als ſie, aber ſie gleichen ein⸗ ander merkwürdig.“ „Nun vielleicht habe ich ſelbſt einmal Gelegenheit, mein hochgeborenes Ebenbild zu ſehen, wenn er mir beſchei⸗ denem Fußgänger einſt durch ſeines Roſſes Hufen den Staub in's Geſicht weht, an welchem meine liebe Vater⸗ ſtadt noch eben ſo reich iſt, als vor drei Jahren,“ entgeg⸗ nete Andreas lachend. „Das kann wohl ſein, denn die Baronin Dammor erzählte mir, daß ſich der Fürſt einige Zeit hier am Hofe aufhalten wird, weil durch Ausſterben einer Seitenlinie ſei⸗ ner Familie bedeutender Grundbeſitz in der Provinz Poſen an ihn fällt, wodurch er preußiſcher Unterthan wird.“ Frau Boſe liebte es, mit vornehmen Namen und Bekanntſchaften zu prahlen, wobei ſie jetzt jedoch noch eine Nebenabſicht verband, wie ihre öftere Seitenblicke auf das ernſte Geſicht ihrer Tochter verriethen. Da Mathilde ſchweigſam blieb, empfahl ſich Andreas, um den Juſtizrath und Klara zu beſuchen. Drittes Kapitel. Giftige Saat. Schweigend war Mathilde an das Fenſter getreten, als Andreas das Zimmer verlaſſen; die Mutter beobachtete ſie mit liſtigen Augen, und bemerkte die Erregung, welche die Erſcheinung des theuren Jugendfreundes, ſowie das mit ihm geführte Geſpräch hervorgebracht, obgleich ſie das Ge⸗ ſicht von ihr ab nach der Straße wandte. Die ſchlaue Frau kannte ihre Tochter genügend, um zu wiſſen, daß die Unterhaltung, welche ſie belauſchte, einen heftigen Zwie⸗ ſpalt in Mathildens Anſichten und Wünſchen hervorgerufen, der einen mächtigen Bundesgenoſſen in dem Eindruck er⸗ hielt, welchen Andreas ſo herrlich entwickeltes äußeres wie inneres Weſen auf das Mädchen machte, welches ihm ſchon als Kind ihr ganzes Herz zugewandt. Dennoch blieb ihr Lächeln ſiegesgewiß, ſie hatte zu ſyſtematiſch Mathildens Stolz, ihre Herrſchſucht und das Streben, ſich aus engen bürgerlichen Verhältniſſen zu befreien, genährt, um einen Feind ihrer, auf dieſe Eigenſchaften gebauten Pläne, zu fürchten. Sie kannte den Weg gut genug, auf welchem ſie ihm erfolgreich entgegenarbeiten konnte. Sie ſelbſt hatte einſt hochfliegende Wünſche genährt, als ſie, die Tochter eines alten Förſters, durch ihre Schön⸗ 1 hie heit den Erben der Gutsherrſchaft derart bezauberte, daß er derſich beharrlich weigerte, eine von den Eltern eingeleitete, Frvon ihm vor Marie Boſe's Bekanntſchaft ſelbſt gebilligte abVerbindung einzugehen. 1 braeung jeder Zärtlichkeit noch feſtere Bande anzulegen, er⸗ gen eichte jedoch das Gegentheil davon. Marie meinte ihm durch Gewäh⸗ Sie war nicht geiſt⸗ ad kenntnißreich, ſondern nur ſchlau, beſaß aber auch nicht ien ¹ Zauber weiblicher Sanftmuth und häuslicher Tugenden, üngs, he den Mangel an Geiſtesſchärfe und Kenntniſſen be⸗ —* 1 ——õö— — 463 ſonders in den Augen der Liebe mit dem verklärenden Schleier echter Weiblichkeit verhüllen; deßhalb ſchwand die Zärtlichkeit des jungen Grafen bald dahin, und als Ma⸗ thilde das dritte Jahr erreicht, wurden ſeine Beſuche immer ſeltener in dem kleinen Häuschen Mariens, welches ſie, ſeitdem der Vater ſie verſtoßen, bewohnte. Eines Tages hatte er in das Bettchen des Kindes eine, für Mariens Verhältniſſe bedeutende Summe Geld gelegt, und war am nächſten Morgen verſchwunden. Auf der Reiſe, welche er angetreten, verlobte er ſich mit einem ſchönen ſanften Mäd⸗ chen, von welcher ihn kein Standesunterſchied trennte; ſeine verlaſſene Geliebte verfolgte fruchtlos ſeine Spur, und als der größte Theil ſeines Geldgeſchenks faſt aufgezehrt war, ließ ſie ſich endlich in Berlin nieder. Das Scheitern ihrer Pläne hatte ihren ohnedies geringen Fond von Güte völlig zerſtört. Durch die ausgedehnten Familienverbindungen des⸗ gräflichen Hauſes, deſſen Mitglied ſie einſt hatte werden ſollen, war ihr die geheime Chronik ſo mancher vornehmen Familie bekannt, und wenn ſie nur den kleinſten Anhalt beſaß, erforſchte ihre Schlauheit und ſcharfe Beobachtungs⸗ gabe das Uebrige. Ein Zufall führte einſt eine junge Dame, deren Familienverhältniſſe ſie kannte, in ihre Wohnung, welche jene mit der einer in der Nähe wohnenden Karten⸗ ſchlägerin verwechſelte. Marie ließ den Irrthum gelten, weiſſagte ihr aus den Karten das, was nach ihrer Kennt⸗ niß der Angelegenheiten folgerichtig geſchehen mußte, und entwickelte dabei eine ſo wunderbare Kunde geheimer Ver⸗ hältniſſe, daß die junge Dame ganz überraſcht von dieſer übernatürlichen Wiſſenſchaft, der ihr fremden Perſon ein reiches Geſchenk zurückließ, und bald unter dem Siegel ſtrengen Geheimniſſes den intimſten Freundinnen von der Wundergabe der Kartenſchlägerin erzählte. Der Beſuch und demnach die Einnahmen Mariens ſteigerten ſich in kur⸗ zer Zeit bedeutend, und der Glaube an ihre Orakelſprüche beſtätigte ſich immer mehr. Einer ſo ſcharfſinnigen Per⸗ ſon wurde es natürlich leicht, die Quellen ihres Wiſſens immer mehr zu bereichern, da die Beſucherinnen ſelbſt den Stoff dazu unwiſſentlich hergaben. Leider ward ihrer Freude am Unglück Anderer auch manches Opfer gebracht; Zwie⸗ ſpalt in Herzensverhältniſſen wußte ſie oft unheilbar zu machen, ohne dabei die äußerſte Vorſicht zu vergeſſen. Spä⸗ ter dehnte ſie ihre Wirkſamkeit nicht nur auf Ertheilung von Weiſſagungen, ſondern im Nothfall auf Gewährung wirklicher Hülfe aus, und die Vorſchüſſe, welche ſie gele⸗ gentlich gegen hohe Zinſen gab, waren nicht der einzige und gewinnbringendſte Theil ihrer Spekulationen. Manche Verirrung kannte ſie, manches Opfer des von ihr genähr⸗ ten Leichtſinns, welcher, eine Folge des Müſſiggangs und ſorgloſen Reichthums, von ihr unterſtützt ward, lag in ihren Händen, und mußte reichlich ihr Schweigen mit Gold aufwiegen.— Als Mathilde heranwuchs und ſich geiſtig wie körperlich ſo reich begabt zeigte, erblickte ſie in ihr ein werthvolles Kapital für die Zukunft, welches ihre nie auf⸗ gegebenen Pläne einſtigen Glanzes, aber auch einſtiger Rache verwirklichen ſollte. Die Gattin eines höheren Staats⸗ beamten mußte ihr das Opfer bringen, Mathildens Auf⸗ nahme in das Penſionat zu bewirken, welches ſonſt aus⸗ ſchließlich nur die Töchter des Adels, höherer Beamten und Geldariſtokraten zu Schülerinnen zählte. Nicht, daß ſie dem Kinde nicht anderweitig eben ſo guten Unterricht hätte können zukommen laſſen, es war ihr einmal darum zu thun, die vornehmen Familien zu demüthigen, indem ſie die Toch⸗ ter der Frau, welche ſich von Wucher und noch ſchlimme⸗ ren Dingen nährte, neben ihren Töchtern dulden mußten. —.„—— —— Bei dem empfindlichen Stolz Mathildens, der ſich ſchon in früher Kindheit offenbarte, lag der Mutter haupt⸗ ſächlich noch daran, ſie durch Zurückſetzungen, welche ihr bei dem exkluſiv ariſtokratiſchen Charakter des Penſionats von den Mitſchülerinnen vorausſichtlich zu Theil wurden, zu Haß und Rachſucht anzufeuern. Mathilde ahnte wohl, daß der Erwerb ihrer Mutter nicht aus ganz lauteren Quellen fließe, aber ſie wußte es nicht, und ſcheute ſich, darüber nachzudenken. Sie ließ es ſich gern gefallen, durch den Einfluß der Mutter Einladungen zu den geſelligen Ver⸗ gnügungen ihrer Mitſchülerinnen zu erhalten, wobei man ſie anfangs übergangen. Ihre hervorragend geiſtige Be⸗ fähigung, ihr Stolz und die Würde, womit ſie jeder Be⸗ leidigung die Spitze abzubrechen gewußt, hatten ihr bald ein gewiſſes Uebergewicht in der Schule verſchafft. Da ward die junge Gräfin E., deren Mutter ſich eines Augen⸗ leidens wegen in Berlin aufhielt, in die Penſion aufgenom⸗ men. Von allen Vorrechten ungeheuren Reichthums und des älteſten Adels umgeben, war die junge Gräfin Hedwig fern von den Verhältniſſen bürgerlichen Lebens aufgewach⸗ ſen. Mit dem Stolze ihres Geſchlechts genährt, kannte ſie nur die großen Eigenſchaften ihrer Ahnen, welche immer, wenn ſie geneigt waren, ihre Güter zu verlaſſen, den Generalſtab oder das Staatsruder geführt hatten. Ritter⸗ liche Tapferkeit, höhere Staatsklugheit und Feinheit der Formen war ihr gelehrt worden, nur in ihrer Familie, oder bei ihresgleichen vorauszuſetzen. Dabei war ſie von Natur gutmüthig, heiter, voll toller Einfälle und liebens⸗ würdiger Schelmerei, eine friſche jugendliche Erſcheinung mit jenem zarten Teint, der die ſorgfältige Pflege verrieth, welche dieſem Attribut ariſtokratiſcher Erſcheinung von Kind⸗ heit an gewidmet wird. Durch die ablehnende Gleichgül⸗ tigkeit, mit der Gräfin Hedwig Mathilde behandelte, welche ihr von den Schülerinnen als Eindringling bezeichnet war, reizte ſie deren Stolz, und zwar in je höherem Grade, als faſt ſämmtliche junge Mädchen, in phantaſtiſcher Ueberſpan⸗ nung ſich ein Ideal zu ſchaffen, und blind zu verehren, die bizarre und hochgeborene Mitſchülerin„ganz einzig fanden“ und nach ihrer Freundſchaft geizten. Nur Klara v. Hel⸗ berg blieb kindlich und unbefangen in ihrer alten Freund⸗ ſchaft zu Mathilde ſich gleich, und hatte Hedwig ebenfalls liebgewonnen. Wenige Wochen vorher, am Tage der Entlaſſung der älteren Schülerinnen, war bei der wieder hergeſtellten Gräfin E. ein glänzendes Feſt für die jungen Mädchen, von welchem Mathilde ausgeſchloſſen blieb, da ihrer Mut⸗ ter Einfluß bei der in jeder Beziehung nobeln Familie auf⸗ hörte. Seitdem konnte Mathilde, die ſich ihrem eigenen Naturell gemäß wie durch den jahrelangen Verkehr mit Mädchen höherer Stände in beſchränkten Umgebungen nicht bewegen mochte, ihr tief verletztes Gefühl kaum mehr ver⸗ bergen. Jeder Gedanke an Hedwig E. empörte ſie auf's Neue, und ihre Mutter ſuchte dieſe Empfindungen abſicht⸗ lich zu nähren, da die Gräfin E. die Schweſter von Ma⸗ thildens Vater war, und ſie ihrem Einfluß auf den ſie hoch⸗ verehrenden Bruder einen großen Theil ſeiner Untreue zu⸗ ſchrieb. Trotzdem ſie das ſchmerzhafte Gefühl beleidigter Eitelkeit bei Erwähnung der E. ſchen Familie bei Mathilde wohl bemerkt hatte, leitete ſie, nachdem Andreas weggegan⸗ gen, dennoch das Geſpräch wieder auf dieſen Punkt. Sie begann von Andreas zu ſprechen, rühmte ſeine Ausbildung, that dies jedoch in einer Weiſe, welche die im beſten Fall immer abhängige Stellung ſeiner Zukunft ſcharf beleuchtete, aber hervorhob, daß er dies bei dem durch Erziehung und Feierſtunden. 1865. —ſ=Aqſ———————— —; Charakteranlage ihm eigenen beſcheidenen Sinn nicht füh⸗ len werde. „Und doch iſt er ein tüchtiger und glücklicher Menſch, der es ſich und Andern wohl ſein läßt, denn ſeine Er⸗ ziehung lehrte ihn nicht Wünſche oder Forderungen an das Srjcit. die außer ſeiner Sphäre liegen,“ ſprach Mathilde ernſt. „Du ſchreibſt der Erziehung einen Einfluß zu, den ſie nicht beſitzt. Der Andreas iſt ein genügſamer Menſch, welcher ſeine Felder beſtellen, die ihm anvertrauten Forſten kultiviren, und mit den wenigen hundert Thalern, wie mit der ſtets abhängigen Stellung zufrieden ſein wird, welche ihm ſogar vorſchreibt, ob er verheirathet ſein darf, ob ſeine Frau die Milchwirthſchaft oder dergleichen mit übernehmen muß, wie man es ja täglich in den Zeitungsannoncen liest. Er wird ſeiner Natur nach mit alledem eben ſo zufrieden ſein und ſich beſchränken, wie er trotz aller bewegenden Ver⸗ hältniſſe ſich hohe Ziele ſtecken und mit kühnem Muth ſie zu erreichen ſuchen würde, wenn er— deinen Geiſt hätte. Doch um wieder auf den Fürſten M., an welchen mich Andreas erinnert, zu kommen—“ „Laſſen wir doch dies Thema, ich will von der hoch⸗ müthigen Familie nichts hören,“ unterbrach Mathilde die Mutter, welche entgegnete: „Ich dachte nur, es würde dir Spaß machen, wenn du etwas von den Künſten erführeſt, mit welchen man den, Hedwig wie ihren Eltern gleich willkommenen Freier zu fangen ſucht, obgleich er ſich nicht beſonders bemüht, da ihm die von den beiderſeitigen Eltern ſchon längſt getrof⸗ fene Vereinbarung einer Verbindung als eine Beſchränkung ſeines freien Willens läſtig iſt. So iſt es ihm ſehr übel vermerkt worden, daß er ſich geſtern, als er neben der E.'ſchen Equipage reitend dich unter den Linden erblickte, mit ſichtlichem Intereſſe nach dir erkundigte.“— Als die Mutter den Ausdruck der Genugthuung in Mathildens Zügen wahrnahm, fuhr ſie fort:„In den nächſten Wochen geht die E.'ſche Familie nach Paris, weil der Fürſt auch dort ſein wird.“ Um ſich zu einem Ausgang zu kleiden, verließ ſie darauf Mathildens Zimmer, zufrieden mit der ausgeſtreu⸗ ten Saat, welche jetzt in der Einſamkeit wurzeln und wir⸗ ken konnte.— Wenn auch des jungen Mädchens Gedanken von ihren ſtolzen Träumen ab ſich zu Bildern wandten, in denen des geliebten Jugendfreundes Geſtalt an ihrer Seite weilte, und ihr dieſe Gedanken augenblicklich eine ſo tiefinnige Befriedigung gewährten, wie ſie vorher nie em⸗ pfunden, ſo ſtrich ſie doch mit der feinen Hand über die Stirn und ſagte leiſe, aber traurig zu ſich ſelbſt:„Weg damit, das paßt für mich nicht, ich würde weder befriedigt ſein, noch Glück geben, ich kann mich nicht zur Dienerin erniedrigen und in gemeiner Arbeit die Kräfte verſchwenden, die mich in die Höhe führen ſollten. Mathildens Herz und ihre Sitten waren völlig rein, ohne Makel. Was ſie gehört und geleſen von klugen ſchönen Frauen, die einen hohen Platz in der Geſellſchaft, ja ſelbſt in der Geſchichte einnahmen, erſchien auch ihr erreichbar. Daß der Kauf⸗ preis für eine ſolche Stellung meiſt die Reinheit der Seele war, lag ihr fern, und die Mutter hatte ſich wohl gehütet, jemals etwas Derartiges durchſcheinen zu laſſen, wenn ſie darüber philoſophirte, wie der ernſte Wille mit den dazu nöthigen geiſtigen und körperlichen Eigenſchaften genüge, um den Einzelnen zum Gebieter der ihm ehemals Gleichgeſtell⸗ ten zu machen. Die Reiſe der E. ſchen Familie nach Paris, deren die Mutter Erwähnung gethan, warf einen Funken it r Menſh, eine Er- an das Nthilde zu, den Manſch, en Forſten wie wit d, welche „ob ſeine dernehmen neen liest. zufrieden nden Ver⸗ Muth ſie eiſt hätte. hen mich der hoch⸗ childe die Feierſtunden. 1865. ——⅓—ẽ—ꝛ:ꝛꝛäꝛ⁊äö:õy—————;—— —————;—::——— in ihr Herz. Berlin war ihr längſt zu eng erſchienen, Paris mit ſeinen hoch gehenden Wogen des politiſchen wie geſelligen Lebens war eine andere Welt. Dazu kam noch das lebhafte Intereſſe, welches ſie für den Kaiſer empfand, und welchem ſie unverholen Ausdruck lieh. Es war gerade zwei Jahre nach dem Staatsſtreich, und in ihrem eigenen Ehrgeiz fand ſie die Berechtigung wie das Verſtändniß für des franzöſiſchen Herrſchers Handlungen. Auch jetzt ailten ihre Gedanken wieder bis zum franzöſiſchen Thron, und blitzenden Auges flüſterte ſie:„Das wäre eines Menſchen⸗ lebens werth, den zu beherrſchen, welchen der halbe Erd⸗ kreis fürchtet.“ Welch' gefährliche Bahn die Phantaſie die⸗ ſes reichbegabten ſchönen Mädchens einſchlug, ſah man an den immer kühner blitzenden Augen und dem ſtolzen Lächeln der feinen Lippen. Armes Kind, du glaubſt aufwärts zu klimmen, und doch führt dich der Weg, auf welchen dich Hochmuth und gewiſſenloſe Erziehung brachten, dem Ab⸗ grund zu. Du haſt die holden Blüthen der Einfachheit, Arbeit, all' der häuslichen Tugenden des Weibes, die un⸗ vergänglich in ihrer duftigen Lieblichkeit ſind, nicht kennen gelernt, und ſtrebſt einem ſchimmernden Phantom nach, das dir wie Moder in den Händen zerfällt, wenn du es erreichſt. Wehe über die, welche die ſchlimmſte aller Sün⸗ den, die Sünde gegen den heiligen Geiſt, an dir begehen, des reinſten Menſchen Wort donnert ihnen ewige Strafe en, wenn— man den, dafür entgegen! Freier zu müht, da 4. ſt getrof⸗ Viertes Kapitel. Grinhu—— Enthüllungen. ehr Pen der Es war ein Jahr nach den eben erzählten Ereigniſſen erblicke, vergangen. Das zweite Stockwerk des Vorderhauſes be⸗ Als die wohnte ſeit ſechs Monaten eine andere Familie, da Frau dens Zügen Boſe, welche vor Jahresfriſt mit Mathilde eine Badereiſe vochen giht angetreten, von Karlsbad aus die halbjährige Miethe zu⸗ dauch dor gleich mit der Nachricht ihrer Nimmerwiederkehr ſandte. Dieſe Nachricht hatte Andreas, welcher bei einem Klienten erließ ſie des Juſtizraths in der Nähe von Berlin als Gutsinſpektor 1 eſtreu⸗ angeſtellt war, wie ein Donnerſchlag getroffen, beſonders, 9 15 wir⸗ da über den künftigen Aufenthalt Mathildens aus der un⸗ „Geanke beſtimmten Aeußerung ihrer Mutter,„aus Geſundheits⸗ ndten, rückſichten ein ſüdliches Klima aufzuſuchen,“ kein Anhalt rut üirn zu finden war. 4 dnn ſo Wie ſchon Millionen vor ihm ihre ganze Seligkeit ich 1 m⸗ von dem liebeſpendenden Blick eines ſchönen Mädchens ab⸗ er r die hängig glaubten, meinte auch er Alles, was dem Leben d übe Deg Duft und Glanz verleiht, mit Mathilden verloren zu haben. ſt adi Er hatte ſein Herz an ſie gekettet; ob er mit dem Inſtinkt erſiam der Liebe auch herausfühlte, daß in ihrem Weſen feindliche ur Die den, Dämonen gegen ſein Glück ſchlummerten, wußte er wie⸗ aſc en derum doch, wie tüchtig und groß der innerſte Kern ihres iidens ſie Weſens war, und dachte in der eigenen Herzenslauterkeit 1. We lnen nicht daran, daß dieſe Dämonen durch den gleißenden Schim⸗ , die liht mer äußern Glanzes übermächtig genährt werden, und die er beſtin⸗ guten Engel ſtürzen könnten. Seinem Drang in die Ferne, ʒß der Suel um die ſe aufzuſuchen, legte die durch das einfach eit der religiös bernünftig häusliche Leben der Eltern ihm wohl 7 ſi anerzog bſamkeit in gebotene Verhältniſſe Feſſeln an, , wand und tro warmen Gefühls, mit welchem er bei ſeinen nit dm dm iftern, Geſchäfte gebotenen Beſuchen in der Stadt Püle, ſteets d e Vaterhaus begrüßte, umflorte ſich ſein Blick glihget doch, ſer nach den Fenſtern des zweiten Stockwerks 4 ui luin eufſah. überſah dann häufig den ſchönen blonden Kopf n 1. 1865. 465 ——— an dem Fenſter der erſten Etage, deſſen durchſichtige Wan⸗ gen ſich mit der Röthe der Freude bei ſeinem Anblick färb⸗ ten, die die großen graublauen Kinderaugen heller aufleuch⸗ ten ließ. Wohl umgab ihn Klara's liebliche Geſtalt mit all' der wohlthuenden Wärme, deren ſich kein Herz in der Nähe ſolcher reinen gottbegnadeten Weſen entziehen kann, die lauter Licht und Anmuth mit dem unbewußten Zauber der echten Weiblichkeit, die da heilig iſt, Alles an ſich ket⸗ ten, während ſie doch nur ſich zu geben ſcheinen; die Sehn⸗ ſucht in die Ferne trübte ihm eben den klaren Blick für die nächſte Umgebung. Es war ein wunderklarer Junimorgen des Jahres 1855, die Roſen lachten aus allen Gärten mit ihren königlichen Blumenaugen den eleganten Reiter an, welcher ſich der Stadt näherte. Die Kornähren neigten ſich ein wenig vor dem frühen Gaſt, der ſie mit kundigen Blicken prüfte, und obwohl er als tüchtiger Landwirth eigentlich ein Feind der blaugekrönten Cyanen hätte ſein müſſen, die die Einförmig⸗ keit der ſchlanken Aehren mit ſüßem Getändel unterbrachen und ihnen einen Theil ihrer fruchtbringenden Kraft raub⸗ ten, ſo freute ſich ſein Auge doch ihrer ſeltenen Pracht. Die frühe Morgenſtunde und der Ritt hatten das ſchöne Geſicht des Reiters geröthet, ſeine dunklen Augen blickten erwartungsvoll auf die ſich vor ihm breitende Häu⸗ ſermaſſe, als wolle er ſie fragen, was wohl den Vater veranlaßt habe, ihn geſtern Abend durch einen Eilboten auf⸗ fordern zu laſſen, bald nach Berlin zu kommen. Vor wenigen Tagen hatte er erſt glückliche Stunden bei den Eltern verlebt, welche ſeine Schweſter mit dem jungen Zimmermeiſter Wilhelm Bauer verlobten; in dem fried⸗ vollen Liebesglück des tüchtigen, von rechtem Stolz beſeel⸗ ten Handwerkers und ſeiner hold fittſamen Braut war ihm eine Ahnung aufgegangen, daß die rechte Liebe wohl doch etwas Anderes als ſtürmiſche Gefühle im Gefolge haben könne. Mit brüderlichſter Zuneigung ſchloß er Klara's duftige Erſcheinung mit in die Reihe ſeiner Lieben; bei der Erinnerung an das innige Behagen, welches er in ihrer Geſellſchaft und der ſeiner Familie genoſſen, ſtieg ein war⸗ mes Dankgefühl in ihm auf, daß er ein geliebtes Glied einer Familie war, deren Haupt ſeine kindlichſte Ehrerbie⸗ tung in ſo vollem Maß verdiente, und in deren Schooß ſich all' die menſchlich ſchönen Tugenden entwickelten, welche die Familie zum Grundpfeiler des ſtaatlichen Gedeihens machen. Tiefe Blicke in die ſittliche Verkommenheit, welche ſich aus zerrüttetem Familienleben peſtartig in das öffent⸗ liche Leben der Großſtadt drängte, hatten ihm den Werth der eigenen Heimath recht lebendig fühlbar gemacht, wie ihn ſein reines Empfinden ſtets wieder aus den Mauern der Stadt zu Feld und Wald zog, die ſeiner Pflege das ſchönſte Feierkleid verdankten. Nachdem er abgeſtiegen und ſein Pferd in den Stall, wo des Juſtizraths Pferde ſtan⸗ den, geführt hatte, trat er zu den Eltern in’s Zimmer, die ihn mit einer befremdenden Feierlichkeit, aber faſt inni⸗ ger noch als ſonſt, begrüßten. Die Mutter und Ottilie hatten rothgeweinte Augen, doch ruhten ihre Blicke nicht ſchmerzlich, ſondern nur forſchend auf ihm. Der Vater war beſonders ernſt, doch weicher als ſonſt. Auf Andregs Befragen, weßhalb er herbeigerufen, und ob ein bauzim des Ereigniß eingetreten, ſagte der Vater: u frühſtückt haſt, magſt du zum Iuſt merwohnung gehen, er erwarte, ſtunde hierher kommt, dort wi Nachdem ſich die Thün ſprach die Mutter mit gefaltz 466 Feierſtunden. 1865. — —ℳ—B—B—— —— — „Wird er ſo gut und einfach zurückkehren, wie er von uns kehrte, und viele ſogenannte vortheilhafte Anerbietungen zu auf geht? Das Glück iſt ein gar ſchlimmer Verſucher.“ ſeiner Wiederverheirathung damit beantwortete, daß er jeden ließ „Wir haben das Unſere gethan, um ihm einen guten ferneren Umgang mit den Perſonen mied, welche ihm die⸗ den Grund zu legen, das Uebrige müſſen wir mit Geduld er⸗ ſelben gemacht, überhaupt weil er ein ernſter, pflichttreuer, ger warten, aber ich glaube, wir dürfen ihm vertrauen, er jede Unnatur ſchonungslos verachtender Charakter war. eine wird ſich bewähren, und das, was du Glück nennſt, wird Wer ihn aber mit der echten Freundlichkeit, welche ebenſo⸗ ſich er ohne Ueberſchätzung in ſeinem wahren Gehalt erkennen,“ wenig eine Spur der Abſichtlichkeit als der Herablaſſung Hr ſprach der alte Meiſter. zeigle, die Handwerkerfamilie begrüßen ſah, mußte ſich wohl er „O gewiß,“ bekräftigte Ottilie,„ich kenne den An⸗ ſagen, daß in ihm nicht der Hochmuth wohnte, welchen tre dreas, und die Mittheilung, welche ihr, liebe Eltern, mir der große Haufen ſo falſch„Stolz“ nennt, ſondern daß Bi geſtern machtet, hat mich wohl erſchüttert, aber keinen er von dem wahren Stolz beſeelt war, welcher nur das Ko Augenblick zweifle ich daran, daß uns der Andreas bleibt, menſchlich Gute und Schöne ſich ebenbürtig hält. de was er immer war.“„Ich habe,“ begann der Rath, nachdem er in dem ni Der Meiſter ging heut nicht, wie er es alle Tage, braunen Lederſopha Platz genommen,„ich habe dem ſtür⸗ ru ſelbſt an Sonn⸗ und Feſttagen wenigſtens eine halbe Stunde miſchen Jüngling dort nur das Geſchäftliche mitgetheilt, vie lang that, in die Werkſtelle, ſondern blieb in der Wohn⸗ und bin eine halbe Stunde vor meiner Arbeitszeit mit ihm än ſtube. Als nach zwei Stunden das wohlbekannte Rollen hier eingetroffen, damit wir insgeſammt unſere Mitthei⸗ 9. von des Juſtizraths Wagen hörbar wurde, und die Thrä⸗ lungen anbringen und uns gegenſeitig ergänzen. Der Mut⸗ üt nen der Frauen wieder zu fließen begannen, ſtrafte die zit- ter, welche ſeine erſten Lebensjahre behütete, gebührt der be ternde Stimme des Alten, womit er ihnen Faſſung gebot, Anfang.“ 66 ſeine ſcheinbare Feſtigkeit Lügen. Die Meiſterin, welche neben dem Rath im Sopha ſaß, i Haſtige Schritte nahten, die Thüre ward ſtürmiſch blickte bald den vor ihr ſtehenden Jüngling an, welchen ſie 6 geöffnet, und Andreas flog bleich, mit allen Zeichen höch⸗ immer mit Stolz und Liebe ihren Sohn genannt, bald auf d ſter Aufregung in die Arme der Eltern, die, nach Faſſung die ihr gegenüberſitzenden Mädchen, welche an einander ge⸗ n ringend, ſich ſetzen mußten. Vor ihnen knieend, die Hand ſchmiegt erwartungsvoll der Mittheilungen harrten. Es ſi des Alten feſthaltend und den Kopf in den Schooß der ward ihr ſchwer, den Anfang zu finden; doch als der Alte n Meiſterin gebeugt, ſprach Andreas mit leiſer Stimme: von ſeinem Lehnſtuhl aus ihr zunickend ſagte:„Na, fang „Ihr bleibt mir doch, was ihr bisher geweſen, ihr ſtoßt nur immer mit dem Anfange an, Mutter, der Herr Juſtiz⸗ a den Armen, der euch für eure Liebe nichts als ſein ewig rath weiß ja Alles, und vor den Kindern dürfen wir uns o dankglühendes Herz darbringt, nicht von euch? Was ſoll auch wahrlich nicht ſchämen,“ begann ſie:„Es war anno te alles Geld für mich, wenn ich eure Liebe nicht habe?“ zweiunddreißig, wir hatten, der Vater und ich, in der it Der alte Meiſter legte ſeine rechte Hand auf Andreas Kloſterſtraße nahe am neuen Markt unſer einfaches Stüb⸗ e dunkles Lockenhaupt und ſprach:„So wie ich vor dreiund⸗ chen mit Werkſtadt, und fühlten uns, obwohl der Herr zwanzig Jahren mir ſchwor, dir ein rechter Vater zu ſein, uns ſchon zwei Kinder genommen, doch in unſerem Inne⸗ und dich, je nachdem ſich dein Loos geſtalte, zu einem tüch⸗ ren zufrieden und wohl, denn wir haben allezeit gedacht, d tigen Menſchen zu bilden, ſo bleibe ich es auch bis zu mei⸗ des Herrn Wille iſt unſer Heile. Das heißt, ich habe das nem Ende, und in dieſer Stunde kann ich dir vor Gott nicht immer gedacht, denn mir wollte ob dem Verluſt der und dem treuen Schützer deiner Intereſſen(bei dieſen Wor⸗ Kinder ſchier das Herz brechen, aber der Vater hat mit 1 ten deutete er auf den mit Klara in der Thür erſcheinen⸗ Ernſt und Verſtand ſtets die rechten Worte gefunden, mir den Juſtizrath v. Helberg) bezeugen, daß wir tauſendfache meine ſündhafte Verzweiflung als Unrecht darzuſtellen. Ich Freude an dir gehabt haben, daß ich und die Mutter mit hatte die Wohnung trotz der vielen Thränen, die ich darin frohem Bewußtſein des jenſeitigen Wiederſehens deiner un⸗ geweint, recht lieb, und war ſehr traurig, als wir aus⸗ glücklichen Eltern gedenken, denn wir können ihnen ſagen, ziehen mußten, denn es hatte nebenan gebrannt, und der daß wir ihr Kind nicht verloren haben.“ Das war mehr, Beſitzer kaufte die Brandſtelle, ließ ſein altes Haus nieder⸗ als der Alte ſeit Jahren in einem Athem geſprochen, er reißen und baute ein großes neues, was ihr jo Alle kennt. hielt auch erſchöpft inne; während Andreas von dem Her⸗ Während wir, es war im September und be n. ſchon ſehr zen der Mutter an das der Schweſter eilte, zog er ſein zu dunkeln, mit dem Ausräumen beinahe fe ſind, nur Käppchen ab, um dem Rath und Klara entgegenzugehen, dort das große Bett und der Schrank ſollten i dem Va⸗ welche in die Stube traten. ter und dem Geſellen noch fortgetragen werde ſtürzt ein Der geheime Juſtizrath v. Helberg war eine große Mann mit einer ſchönen todtblaſſen Frau zu ir in die hagere Figur, mit ſcharf gezeichneten intelligenten Zügen. Stube, die Dame wirft ſich vor mir auf di niee und Das Haar war bereits gebleicht, doch die Augen blickten ruft: ‚„Retten Sie uns vor den Verfolgern, ind uns hell und durchdringend, ſie waren graublau, wie die ſeiner auf den Ferſen! Verbergen Sie meinen unglüg, n Gat⸗ Tochter, aber doch ſo ganz anders, denn während die ihren ten, wir ſind polniſche Flüchtlinge! Mein Sch n war von der Seele erleuchtet wurden, hatte in den ſeinigen der nicht gering, aber das engelſchöne bleiche Weib, d Mann, Forſchertrieb des Denkers, das ſcharf zutreffende Urtheil des deſſen Worte ich zwar nicht verſtand, aber doch e ſeinen Menſchenkenners ſeinen Sitz aufgeſchlagen. Nur wenn ſein Bemerkungen ſah, daß er nur für ſeine Kor wäh⸗ die holde zarte Mädchenblume an ſeiner Seite rend ſie allein für ihn zitterte, bewegten d daß e man die Aehnlichkeit von Beider Augen, aber ich augenblicklich entſchloſſen war, ihne v v Man a. von Liebe, wie er da aus den hörte damals viel von den Verfolgunge des und ſtrahlte, der in dem Kinde all' da ich mich mein Lebtag nicht um So Arch iten nicht in den klaren forſchen⸗ gekümmert habe, ſah ich in ihnen nu. hen, allgemein für ſtolz gehalten, denen ich helfen mußte. Ich ſah mich 08 8 ube on verdientem Ruf ver⸗um, die ſo gar kein Verſteck mehr bot, 88 ige 6 1 1 tungen zu Fer jeden ihm die⸗ ichttreuer, ter war. bbenſo⸗ nuͤlaſſung rſich vohl e, welchen ndern daß nur das . er in dem dem ſtür⸗ mitgetheilt, it mit ihm e Mitthei⸗ Der Mut⸗ ebührt der Sopha ſaß, welchen ſie t, bald auf inander ge⸗ erten. Es as der Alte „Na, fang jerr Juſtiz⸗ n wir uns war anno d, in der aches Stüb⸗ der Herr ſerem Inne⸗ geit gedacht, ich habe das Verluſt der es iſt dieſelbe, wo Ottilie jetzt ſchläft, ———— auf das Bett. Raſch riß ich die obern Bettſtücke herunter, ließ die Verfolgten ſich hineinlegen, deckte dann mit zittern⸗ den Händen, aber ordentlich Alles wieder darauf, und war gerade fertig, als der Vater eintrat, der den Geſellen nach einem Gehülfen zum Herausſchaffen des Bettes, welches er ſich mit ihm nicht allein fortzubringen getraute, geſchickt. Haſtig theilte ich ihm das Vorgefallene mit, und obwohl er den Kopf bedenklich ſchüttelte, ſchärfte er doch den ein⸗ tretenden Männern ein, recht vorſichtig anzufaſſen, weil Bilder nnd Porzellan zwiſchen die Betten gepackt ſei. Kaum war es hinausgeſchafft und um die Ecke verſchwun⸗ den, als Gerichtsdiener bei mir eintraten, mich zu exami⸗ niren, ob ich Jemand hier verborgen hielt. Ich konnte ruhig mit Nein antworten, und hab ihnen überhaupt nicht viel erwiedert. Sie mochten aber doch merken, daß ich ängſtlich war, und verlangten, daß ich den Schrank öffne. Ich ſtellte, um ſie aufzuhalten, ihnen vor, daß ich unſere übrigen Betten, Decken und Wäſche hineingepackt, um es beſſer fortzubringen, daß mir dies herausfallen würde, und es überdies ſchon ſo ſpät ſei, daß ich froh wäre, nun end⸗ lich in die neue Wohnung zu kommen. Es half nichts. Scheinbar lange ſuchte ich nach dem Schlüſſel, bis endlich der Vater wieder kam mit den Leuten, die gleichfalls ver⸗ nommen wurden, aber natürlich nichts geſehen hatten. Da ſich im Schrank auch nichts fand, entfernten ſie ſich brum⸗ mend, ohne ſich zu entſchuldigen, denn die Polizei war da⸗ zumal lange nicht ſo höflich wie heutzutage, wo ſie es zwar auch nicht allzu ſehr iſt. Als ich nun glücklich hier war, der Geſell ſchlief und die Armen ſich wieder bewegen konn⸗ ten, erſchrak ich heftig über den Ausdruck des Schmerzes in den Mienen der ſchönen Frau. Ich merkte wohl, woran es fehlte, holte die Krauſe'n, eine wackere verſchwiegene Frau, und nach Mitternacht legten wir dich, mein Sohn, in die Arme deiner Mutter, die aber zu ſchwach waren, dich zu halten. Dein Vater, welcher bei den Schmerzen und Kämpfen ſeines heißgeliebten Weibes wohl mehr gelit⸗ ten, als ſie ſelbſt, kniete am Bett, nahm dich in ſeine Arme, ſegnete dich, und übergab dich wieder mir, weil er mit faſt wahnſinnigem Schmerz die Lebenskraft der Gattin immer mehr ſchwinden ſah. Gegen Morgen verſchied ſie an ſeinem Herzen, nachdem ſie den Namen„Andreas“ ge⸗ lispelt. Der Vater, welcher ziemlich gut franzöſiſch ver⸗ ſtand, und auch ſprach, ermahnte den Flüchtling, welchem mit dem Verluſt des geliebten Weibes Alles gleichgültig geworden, zur Vorſicht. Umſonſt. Er ſprach nichts Ande⸗ res, als daß er ſie getödtet habe, und nun auch nicht län⸗ ger leben wolle. So lange die Leiche in der Kammer ſtand, blieb der Un⸗ glückliche dort, und kam nur zuweilen an das Lager ſeines Kindes, welches für das meinige galt, und auch dafür ge⸗ halten ward, da ich während der Tage nicht zum Vorſchein kam. Als die Beerdigung ſtill vor ſich gegangen, blieb der trauernde Gatte auf dem Grabhügel, und dort haben ſie ihn auch gefangen.— Geſtanden hat er nicht, was er bisher geweſen; außer dem Herrn Paſtor, jetzt Konſiſtorial⸗ rath B., und der Krauſe'n wußte Niemand etwas von ihm. Du bliebſt, auch nachdem dann unſere Ottilie geboren war, unſer geliebtes Kind. In deinem Bettchen fand ich eine Brieftaſche, welche deines Vaters Papiere, den Trauſchein mit ſeiner Gattin, einer geborenen Gräfin M., mit dem öſtreichiſchen fürſtlichen Haus M. verwandt, ſowie zehn⸗ tauſend Thaler Papiergeld enthielt. Das veranlaßte den Vater, den Herrn v. Helberg, welcher gerade hier in's Vorderhaus zog, um Rath zu fragen, und das Weitere Feierſtunden. 1865. ———òͦ—:;:B——— mag dir der Vater nun ſelber erzählen.“— Während der erſchütternden Mittheilungen über das unglückliche Ende ſei⸗ ner Eltern, denn daß ſich der Vater durch Selbſtmord der Einkerkerung entzogen, wußte er bereits vom Juſtizrath, hatte Andreas mit beiden Händen das Geſicht bedeckt, und große Thränen rannen über ſeine Wangen. Auch Ottilie weinte, Klara aber, die großen Augen angſtvoll auf An⸗ dreas geheftet, war immer bleicher geworden, und ihre Hand ruhte kalt in der Ottiliens, welche die zarte Geſtalt behü⸗ tend umfing. Alle ſchwiegen, und der Meiſter ſetzte die Mittheilung fort:„Der Herr Juſtizrath rieth mir zum Kauf dieſes Hauſes, welchen ich damals unter beſonders vortheilhaften Bedingungen abſchließen konnte; wir ließen die Nachbarn bei dem Glauben, daß auch von ihm die An⸗ zahlung herrühre. Ich hatte ſehr glücklich gekauft, denn das Haus trug ſo viel ein, daß ich die landesüblichen Zin⸗ ſen für die zehntauſend Thaler, welche ich von dir geliehen, nicht nur leicht entrichten, ſondern bei dem ſteigenden Werth der Grundſtücke durch den Verkauf des halben Gartens, welcher, am Durchbruch der Straße gelegen, zu Bauſtellen benützt ward, in einigen Jahren dem Herrn Juſtizrath das Kapital nebſt Zinſen wieder zur Verwaltung einhändigen konnte. Meine Profeſſion ging gut, und es war, wie die Mutter immer behauptete, Glück und Segen mit dir in unſer Haus gekommen. Du und Ottilie gediehen präch⸗ tig; ihr habt in der ganzen Nachbarſchaft immer als Muſter geſchwiſterlicher Liebe gegolten. Die Mutter hatte nun doch etwas zu hätſcheln, und war nicht wenig ſtolz auf den dunk⸗ len Krauskopf, der nicht von ihrer Schürze wich, wenn wir Sonntags mal nach Pankow oder Schönhauſen gingen. Sie hätte gar gern ein wenig Luxus in Allem getrieben, was dich anging, und ſagte mir immer entſchuldigend, wenn ich ihr dies verwies, du wärſt doch nicht unſersgleichen, ſondern der Graf Po— ky. Ich war aber anderer Anſicht, und ſie hat ſich als verſtändiges Weib gefügt. Als mit dem Regierungsantritt unſeres edlen Königs ein großer Theil der politiſchen Gefangenen Begnadigung erhielt und ſich auch herausgeſtellt hatte, daß dein Vater, dem ſeine eigenen Landsleute wegen ſeiner Verbindung mit einer Deut⸗ ſchen nicht trauten, mehr von dieſen gedrängt, als aus eige⸗ nem Willen ſich in die Verſchwörung verwickelt hatte, ſchrieb der Herr v. Helberg an die Perſonen, welche die Güter deines Vaters nach der Amneſtie erhielten, theilte ihnen Alles mit, fand aber kein Gehör. Deine Verwandten wollten an den deutſchen Erben nicht glauben, und wenn wir dein Recht aus deines Vaters Papieren, wie durch unſer, des Predigers und der Hebamme Zeugniß auch dar⸗ thun konnten, ſo erwieſen ſich doch bei der Rechnungslegung die Güter ſo verſchuldet, daß wir kein Heil darin ſahen, dich, den achtjährigen Knaben, in eine Familie zu bringen, die dich nicht anerkennen wollte, nicht lieben, aber doch mit Anſprüchen erziehen würde, die du ſpäter nie befriedigen konnteſt. Ich erklärte mich alſo gegen die hochfliegenden Ideen der Mutter ganz entſchieden dahin, daß es für dich beſſer ſei, du würdeſt ein tüchtiger und wackerer Bürger, der es verſteht, ſich ſelbſt ſeinen Herd zu bauen, wozu du an dem Kapital eine, in unſern Verhältniſſen bedeutende Hülfe beſaßeſt, als wenn du einſt ein hochgeborener— Bettler wärſt, denn das, was dir bei einfachen Lebens⸗ gewohnheiten ein Vermögen galt, wurde in andern Verhält⸗ niſſen nur ein Bettel. Ich habe mir nun immer gedacht, daß ich, wenn ich in meinem Stand ehrkar und recht allezeit meine Pflicht thue, daſſelbe bin, was ein anderer achtbarer Mann in höheren Verhältniſſen iſt; ſiehſt du, ſo haben 59* —— 8 ————n˙ä:—B—-— 468 ——;—:—:—r———nnn——— wir dich als unſer Kind auch erzogen, und ich habe keinen vornweg beſtimmten. Daß es, als ich Sie vor einem Jahre Feierſtunden. 1865. —; ——ℳ—BB:B::————————— Augenblick gefürchtet, du könnteſt einſt, wenn dir ein un⸗ zu mir rufen ließ, um Ihnen das Ausſterben der nächſten verhoffter Zufall zu allen Vorrechten deiner Geburt ver⸗ hülfe, in den Augen der vernünftigen Leute als nicht ſtan⸗ desgemäß erzogen gelten. Der Neigung zum Landbau, welche du zeigteſt, habe ich kein Hinderniß in den Weg ge⸗ legt, weil ich meine, jeder Menſch müſſe das, wozu er Luſt hat, ausbilden, und es nährt ja jeder ehrliche Beruf den, der tüchtig ſeine Schuldigkeit thut.“ „Vergeſſen Sie nur nicht zu erwähnen, lieber Mei⸗ ſter,“ unterbrach der Juſtizrath den Alten,„daß Sie in meinen Händen das Kapital des Kindes Zins auf Zins vermehren ließen, und in Ihrer Anſicht, volle Vaterpflich⸗ ten erfüllen zu wollen, ſogar gegen Ihr eigenes Kind ſo parteiiſch waren, dem Andreas urkundlich die baaren 36,000 Thaler, bis zu welcher Höhe durch glückliche Spe⸗ kulationen die Summe vor Jahresfriſt angewachſen war, Verwandten von Andreas Großoheim mitzutheilen, wonach die reiche Erbſchaft, wenn wir nicht Schritte dagegen tha⸗ ten, an die Seitenlinie des Hauſes, dem jungen Fürſten M. in Wien, zufiel, ja daß es damals meiner ganzen Ent⸗ ſchiedenheit bedurfte, um Sie abzuhalten, die bedeutenden Koſten des Prozeſſes aus Ihren Mitteln zu beſtreiten. Ich ſehe es Ihnen an, alter Freund, wie ſchwer es Ihrem Stolz fällt, jetzt dem jungen Mann zu ſagen, daß der Prozeß neun Zehntheil des Geldes verſchlang; aber laſſen Sie den falſchen Stolz, und betrachten Sie Ihre Hand⸗ lungsweiſe als das, was ſie vor Gott und rechtlichen Meſchen iſt, als pflichtgetreu und bieder von Anfang bis zu Ende.“ (Fortſetzung auf S. 470.) Die Inſektenweſt Braſiliens. Die Zahl und Verſchiedenheit der Inſekten in Bra⸗ ſilien geht in's Unglaubliche, und in Uebereinſtimmung mit der Vegetationsfülle und der Feuchtigkeit iſt die der pflan⸗ zenfreſſenden neunmal ſo groß, als in ganz Europa; auch gehören die hier vorkommenden Kerfthiere zu den größten der Erde. Die Zahl und Größe der fleiſchfreſſenden iſt geringer als in der alten Welt; am zahlreichſten von allen Inſekten ſind aber die Käfer vertreten, deren man gegen 8000 Arten zählt, die zu 1200 Geſchlechtern gehören. Chryſomelinen hat man bereits 1800, Curculioniden 1600, Longicornen 950, Lamellicornen 900 Arten gefunden. Die Caraben, die in Europa ein Sechstel aller Käfer aus⸗ machen, bilden hier nur den ſechzehnten Theil, und die Brachelytra oder Kurzflügler, in Europa ein Zehntel des Ganzen, bilden hier nur ein Achtzigſtel. Beide werden durch zahlreiche Arachniden und gefräßige Hemynopteren erſetzt. 4 — Zu den prachtvollſten gehören der Brillantkäfer(Entimus imperialis), Goliathus micans und die Buprestis-Arten. Die Orthopteren ſind reich an Arten; außer Phasma, Spectrum und Proscopia gibt es zahlreiche Locuſten, die aber nie in ſolchen Schwärmen erſcheinen, wie in Afrika. Auch die Hemynopteren ſind reich an Formen; lärmende Cycaden, Wanzen mit Blattfüßen und der Laternenträger ſind darunter. Ganz beſonders zahlreich ſind die Ameiſen, welche in großen Heeresmaſſen durch die Wälder ziehen und ſelbſt Anſtedler vertreiben. Auch Wespen ſind überaus häufig. Unter den Neuropteren ſind die Termiten die wich⸗ tigſten. Von Tagſchmetterlingen hat Braſilien gegen 700 Ar⸗ ten; von Hesperiden gibt es 200, von Thecliden 120 Arten in den Urwäldern. Die Papilioniden tragen einen eigenen Charakter an ſich; Papilio feronia iſt ein ſehr beſonderer Typus, da er lange Strecken auf dem Boden hinläuft und beim Fluge ein Geräuſch macht. Unter den Nachtfaltern ſind die größten Schmetterlinge; Noctua atlas ähnelt faſt einer Fledermaus; Cornis und Castnia ſind Sphinxe.— Die Dipteren ſind nicht mannigfaltig, aber zahlreich, namentlich die Moskitos(Simulium, Culex) u. a., die in ungeheuren Schaaren zur Landplage werden und den Zeich⸗ ner, der wie M. Biard beſeelt iſt, die Wunder der Tro⸗ penwaldungen aufzunehmen(ſiehe nebenſtehendes Bild), oft zur Verzweiflung bringen, denn kaum vermag der dichteſte Rauch die blutgierigen Geſchöpfe wenigſtens auf Augenblicke zu vertreiben. k Von den Raubfliegen(Asilus), die in Braſilien zahl⸗ reich ſind, erreichen einige die Größe von zwei Zoll; und von flügelloſen Inſekten iſt der Sandfloh(Pulex pene- trans), der unter die Fußnägel der Menſchen ſeine Eier legt, überall im Lande mehr als zu häufig. Die ſchlan⸗ genförmigen Julus und Polydesmus ſind unter den Tau⸗ ſendfüßern zahlreich. Arachniden gibt es in Menge, nament⸗ lich Sprungſpinnen(Saltici), von denen man über ein⸗ hundert Arten zählt. Kreuzſpinnen, mit langen Stacheln auf dem Leibe oder an den Beinen, durchziehen in Menge die Wälder mit ihren ſtarken, gelben Geſpinnſten, und die ſchwarzhaarige Vogelſpinne(Mygale avicularia), deren Verwandte in ganz Südamerika, auf den Antillen und in Oſtindien vorkommen, lauert überall in hohlen Bäumen. 7) — em Jahre nächſten „ wonach egen tha⸗ Fürſten zen Ent⸗ dutenden Aden. 8 Ihrem daß der tber laſſen hre Hard⸗ rechtlichen jnfang bis (Entimus tis⸗Arten. Phasma, euſten, die in Afrika. lärmende nenträger Ameiſen, jehen und überaus die vic⸗ 700 Ar⸗ 120 Arten en eigenen beſonderer üuuſm achtfalter 3 faſt * ☛ = — S — = — .* 1SyS8SS8A 8* 1 Feierſtunden. 1865. —ᷓ́ᷓ́—́—O——————y— — ℳ—-—————————— Scorpio americanus, viele Phrynus und Thelyphonus ſter des braſiliſchen Thierlebens, berichtet über die Ameiſen, Proscorpio ſind läſtige Geſchöpfe; eine Hauptplage der daß ſelbige um Rio herum ungemein zahlreich ſeien. Vor⸗ Wälder aber die vielen Zecken oder Waldläuſe, oder Holz⸗ züglich zogen mich, ſagt er, die Wohnungen dieſer Thiere böcke, namentlich die Nigua(Ixodes). an, die aus kegelförmigen Hügeln von zehn bis zwölf Fuß Außer von Moskitos hat der in Braſiliens Waldun⸗ Höhe beſtehen; ich ritt an mehrere derſelben dicht hinan, gen Reiſende wohl am meiſten von Ameiſen zu leiden; und fand dann, daß ſie mich, obgleich zu Pferde, noch einige(Lunchiron) erreichen die Länge eines Zolles, und weit überragten und neun bis zehn Fuß im Umfange hat⸗ die großen Wander⸗Ameiſen, die in Schaaren von Millio⸗ ten. Die äußere Decke dieſer Erdaufwürfe beſteht aus einem nen in gerader Richtung durch die Wälder ziehen, ſind, gelben, harten Lehm. Macht man der Länge nach Ein⸗ obwohl einerſeits zeitweiſe eine wahre Landplage, anderer⸗ ſchnitte in denſelben, ſo findet man das Innere durch eine ſeits die Vertilger zahlloſer ſchädlicher Thiere, die vergebens Menge horizontal laufender Stockwerke getrennt, die aus vor ihnen flüchten, und ſomit wieder Nutzen bringend. dünnen Platten einer ſchwarzen harten Erde, die manchmal Mr. Biard hat in unſerem zweiten untenſtehenden Bilde wie Porzellan glänzt, erbaut ſind. Dieſe Hügel ſind von die ihn beim Zeichnen überraſchenden fliehenden Vorläufer Myriaden großer brauner Ameiſen bedeckt, welche einen kleb⸗ der Ameiſenzüge trefflich ſkizzirt. Walſh, ein guter Beobach⸗ rigen Saft von ſich geben können, der die Eigenſchaft be⸗ dem Thone die zur Verarbeitung nöthige Feuchtigkeit trägers, Herrn Veſtin, ein, der, wie er Mr. Walſh mit⸗ zu verleihen. Einige dieſer Ameiſenarten bauen auch ver⸗ theilte, mitten in der Nacht durch ein furchtbar ſchmerz⸗ deckte Gänge, und Walſh ſah Röhren von beträchtlicher liches Gefühl aufgeweckt wurde; er ſprang aus dem Bette Länge, in denen dieſe Thiere von einem Hügel zu dem an⸗ und fand, daß er über und über mit Ameiſen bedeckt war, deren und auf große Entfernungen ungeſehen hin und her deren Biſſe ihn aus dem Schlafe geweckt hatten. Das wandern können. Periodiſch wandern ſie aus, wobei ſie ganze Haus war von ihnen überfüllt. Von ihrem ſonder⸗ immer in gerader Richtung vorwärts rücken und wie ein baren Inſtinkte und ihrer Wanderluſt getrieben, verließen Heuſchreckenſchwarm Alles aufzehren, was ihnen im Wege ſie es aber bald darauf insgeſammt, ſo daß am andern ſteht. Ein Garten in der Nähe von Rio de Janeiro, der Morgen nicht ein einziges dieſer Thiere mehr zu ſehen war. von Waſſer umgeben war, hielt ihren Zug auf; allein ſie Sie hatten alle übrigen Inſekten, die ſehr zahlreich im fanden eine Stange, die zufällig über den Waſſergraben zu Hauſe waren, aufgefreſſen; Spinnen, Tauſendfüße, Flie⸗ liegen gekommen war, und bedienten ſich ihrer als Brücke. gen, alle Thiere dieſer Art waren ihre Beute geworden, In einigen Stunden war der ganze Garten von ihnen über⸗ und keine Eidechſe, die ſonſt in großer Menge an allen ſchwemmt, und Alles, was grün war, verſchwunden. Wänden herumkrochen, war mehr zu ſehen. Hierauf rückten ſie in das Haus des ſchwediſchen Geſchäfts⸗ 2. ſitzt, 470 ——ò⅔—ꝛ⅔ꝛℳ-——B—B—B—ꝛ—ꝛ—————;— Rechter Erzählung von Feierſtunden. 1865. —— Stoſz. A. Schiller. (Fortſetzung zu Seite 468.) Der Rath hatte den Alten richtig beurtheilt; bei aller Einfachheit hatte er ſeinen Stolz ſo gut und vielleicht eben ſo unbeugſam wie jener, der ſich auf das älteſte Wappen⸗ ſchild ſtützt. Verlegen räusperte er ſich, und wollte dem Sohn auch darüber umſtändlich Aufſchluß geben, als dieſer ihn in ſeine Arme ſchloß, dann der Pflegemutter zueilte und mit tiefer Bewegung ſprach:„Ihr habt mir in eurer Liebe tauſendfach mehr gegeben, als mir jetzt durch das Recht der Verwandtſchaft zufällt. Danken kann ich euch nicht dafür, ihr wolltet denn mein Herz, das ſtets in kind⸗ licher Liebe an euch gehangen hat, jetzt aber von der Schuld der Dankbarkeit faſt erdrückt wird, als Dank annehmen. Ich werde durch dieſe Ereigniſſe in neue Verhältniſſe ge⸗ drängt, vor denen mir bangt. Haltet mir bei euch immer den Platz offen, an welchem ich mit dem alten glückſeligen Gefühl des Daheimſeins ruhen kann.“ Dem Rath ſprach Andreas gleichfalls ſeinen innigſten Dank für die Freundes⸗Fürſorge aus, mit welcher er ihn ſeit ſeiner Kindheit umgeben. Ottilie bat er, immer ſo wie bisher ſein liebes Schweſterchen zu bleiben, und ihm nicht zu zürnen, wenn er ihr den Bräutigam, der ihn auf ſeine Güter begleiten ſollte, um die Gebäude einer Prü⸗ fung, reſp. Verbeſſerung zu unterwerfen, eine Zeit lang entführe. „Und Sie, theure Klara,“ wandte er ſich an dieſe, nachdem ihn Ottilie in ihrer anmuthig natürlichen Weiſe beruhigt,„Sie haben mir noch kein Wort heut geſagt; hat Ihr liebevolles Herz, das Allen in Ihrer Umgebung zu gute kommt, für den Jugendfreund keine Silbe, die ihm ſagt, daß die veränderten Verhältniſſe ihm bei Ihnen nichts anhaben?“ Er hatte ihre Hand gefaßt, und blickte forſchend in das liebliche bleiche Geſicht. Das leiſe Zit⸗ tern der feinen Hand, die kalt in der ſeinen ruhte, drang bis zu ſeinem Herzen und machte ſeine Blicke plötzlich ſehend für die holdſelige Erſcheinung des Mädchens, die er bisher ſtets nur als Kind betrachtete, nun aber mit ſeltſam war⸗ mem Herzſchlag ſah, wie liebreizend ſich die Mädchenfnoſpe entfaltet hatte. Klara ſchlug die Augen zu ihm auf und feuchter Thränenglanz überzog die blonden Sterne mit thauigem Schleier. Leiſe ſprach ſie:„Gott ſegne Sie— Herr— lieber Andreas; Sie gehen jetzt der Verwirklichung Ihrer Träume entgegen, wie Sie ſie als Knabe und Jüng⸗ ling oft vor unſern Blicken entrollten. Ihre Zukunft iſt vor Ihnen ein farbenreiches Bild alles deſſen, was Sie ſchaffen und erbauen werden.— Gott ſegne Sie, ich ſage es nochmals, und laſſe Sie unſerer nicht vergeſſen.“ Im⸗ mer leiſer waren ihre letzten Worte geworden, Andreas ver⸗ ſtand ſie aber, und ihre Hand an ſeine Lippen führend, was ihre Wangen mit plötzlicher Gluth übergoß, frug er leiſen innigen Tons:„Darf ich wiederkommen, Klara, um Ihnen zu zeigen, wie hold und treu mich Ihr Bild gelei⸗ tete, um zu hören, ob auch Sie meiner gedachten?“ Ein leuchtender Blick ward ſeine Antwort, und genügte, ſein Herz mit ſo tiefem glücklichem Frieden zu erfüllen, wie er ihn bei ſeinem leidenſchaftlichen Denken und Hoffen um Mathilde nie empfunden. Inzwiſchen hatte der Juſtizrath mit den Pflegeeltern unſeres Helden über deſſen bevor⸗ ſtehende Reiſe geſprochen, ſeinem ſcharfen Blicke war indeß die kurze Unterredung ſeines Kindes mit dem ſcheidenden Freunde nicht entgangen, aber ein zufriedenes Lächeln um⸗ ſpielte dabei ſeine feinen Lippen. Er hatte längſt die kei⸗ mende Neigung Klara's entdeckt, und würde unweigerlich ihre Hand Andreas gewährt haben, auch wenn er in der aner⸗ zogenen Sphäre geblieben wäre. Er kannte und ſchätzte die tüchtigen Charakter⸗ und Geiſtes⸗Eigenſchaften des Jüng⸗ lings, ſie waren ihm Bürge für das Glück ſeines Kindes, das er durch eigenes Vermögen auch äußerlich ſicher ſtellen konnte. Jetzt jedoch, wo alles das, was die Welt als höchſte Güter zu ſchätzen geneigt iſt: hoher Rang und außer⸗ gewöhnlicher Reichthum, den Jüngling überſchüttete, jetzt mußte ſich dieſer erſt gegen ſo ſchlimme Verſucher bewäh⸗ ren, ehe Helberg ihm ſein höchſtes Gut anvertrauen konnte. Deßhalb ſollte er reiſen, erſt ſeine Güter, dann die Welt ſehen, aber nicht wie bisher als Arbeiter, der ſich jede Stunde zu Nutz macht, ſondern als Einer von jenen, die vorweg das Privilegium zu haben meinen, ausſchließlich „die Welt“ zu heißen. Fünftes Kapitel. Eine Pariſer Löwin. Es war der Tag, an welchem ganz Paris auf den Füßen iſt, die„ganze“ Welt wie die„halbe“, denn es war der denkwürdige Tag, an welchem der Charakter der Mode für die kommende Saiſon feſtgeſtellt wird. Equipage an Equipage mit echten und falſchen Wappenſchildern geſchmückt, der Hochgeborene, der mit dem Kaiſerreich emporgekommene Marquis, Graf oder Herzog, ſowie der Ritter von der Elle, welcher den Gehalt eines ganzen Monats daran ſetzte, um an dem einen Tag faſſhionable zu erſcheinen, ritten und fuhren den champs elisée zu. Etwas abwärts von der großen Menge, welche den Hauptalleen zueilte, ritten zwei junge Männer, die, um ſich beſſer unterhalten zu können, ihre prächtigen Vollbluthengſte langſam gehen ließen. „Nun Graf Po— ky,“ ſprach der Aeltere von Beiden, deſſen äußere Erſcheinung ihn als Glied der exkluſiv vor⸗ nehmen Geſellſchaft kennzeichnete, deren Wogen er nicht immer unverletzt umſchifft haben mochte, wie die unruhig blickenden dunklen Augen, ſowie die bei ſeiner Jugend(er zählte dreißig Jahre) ungewöhnlich tiefen Linien auf der Stirn und um den Mund verriethen, welche in ihren Lapidarzeichen lange Geſchichten von Stürmen und Leiden⸗ ſchaften erzählten;„nun Graf Po— ky, habe ich Sie bei unſerer heutigen Zuſammenkunft in den Salons der Frau v. Marlewska angemeldet, und Sie können, ohne Ihre doppelte Landsmännin zu beleidigen, nicht zurücktreten.“ „Ich weiß Ihnen für dieſe Dispoſitionen, welche Sie über meine Zeit zu treffen belieben, wenig Dank, Graf Sikrensky, und würde es Ihnen ſicher überlaſſen, Ihre Löwin über die ihr von mir angethane Beleidigung zu trö⸗ ſten, wenn Sie nicht Alle zu glauben ſchienen, ich fürchté mich vor dem Einfluß dieſer Frau, die euch Alle beherrſcht,“ obgleich ihr glaubt, ſie zu eu In Zwecken zu benützen. Si kokettirt mit dem Fürſten M. den ſie zu ihren eifrigſt⸗ Bewunderern zählt, ebenſo wie mit euch; wer ſagt euch. 1 ſeidenden ein um⸗ de kei⸗ veigerlch der ane⸗ ſchätzte 8 Jüng⸗ Kindes, er ſtellen Welt als id außer⸗ V ete, jetzt bewäh⸗ mkonnte. die Welt ſich jde enen, die V ſchließlich auf den n es war der Mode ipage an iſchmück, ekommene von der ran ſetzte, itten und von der tten zwei können, AR —= — = — SSG ——ęͤſ———ÿ—äeooye— auf welcher Seite ihre wahre Herzensmeinung ſei?— Ich habe ſie noch nicht geſehen, und trotzdem Alles voll von Bewunderung ihres Geiſtes und ihrer eigenthümlichen Schön⸗ heit iſt, auch noch nicht ſehen wollen, denn für mich hat ein Weib, welches von Jedermann bewundert, bekrittelt, geſchmäht oder vertheidigt wird, den höchſten Reiz eingebüßt, ſie iſt mir nicht mehr— Weib. Hätte ſie etwas Großes gethan, wäre ſie Künſtlerin oder Dichterin, ſo würde ihr Heraustreten aus dem ihr gezogenen Kreiſe Berechtigung haben; aber ſie iſt nur— ſchön und ſchlau, ſie opfert Leib und Seele dem armſeligen Zweck, eine Zeit lang ſich i amen von ſehr zweifelhafter Berühmtheit zu ver⸗ ſchaffch, der mit ihrer Schönheit untergehen wird.— Ich werdelljedoch kommen, um euch Allen zu zeigen, daß mich dieſetlperführeriſche Werkzeug eurer Pläne ebenſowenig die⸗ ſe igt macht, wie es andere Mittel vermochten. Ich r Frau v. Marlewska übrigens ſehr wenig dank⸗ üir, daß die Pariſer in ihrer Perſönlichkeit eine ärung für unſern Esprit, den ſie ſonſt in Abrede ſtellen,Ränden. Ich tröſte mich jedoch damit, daß es den Pariſern ebenſowenig Ehre macht, das zu bewundern, was wir verdammen, wie es uns Deutſchen hoch angerechnet werden kann, wenn ſo verdorbene Zweige unſeres Stam⸗ mes bei uns nicht gedeihen.“ „Haben Sie Ihre wahre Meinung damit ausgeſpro⸗ chen, Graf Po— ky, daß ſie ſich ſpeziell als Deutſchen betrachten, und von Ihren Landsleuten, die zwar jetzt un⸗ terdrückt ſind, aber den weißen Adler wieder ſiegend ent⸗ falten werden, gänzlich ſcheiden? Wenn ſolche Kräfte dem Vaterland entriſſen ſind, die Geiſt und Mittel an unſere großen Zwecke ſetzen könnten, dann iſt dies wohl ſchmerz⸗ lich, aber ich kann nicht glauben, daß ein Sohn der heili⸗ gen Mutter Polonia ſo entartet ſein kann, ſich von der mißhandelten Mutter loszureißen, und denen zu dienen, die das Blut ſeiner Eltern verſpritzten,“ ſagte Graf Sikrenski leidenſchaftlich, und würde wohl noch mehr hinzu gefügt haben, wenn er nicht bei ſeinen zerrütteten Verhältniſſen ſo häufig die Kaſſe des Begleiters in Anſpruch hätte neh⸗ men müſſen. „Gehen Sie nicht zu weit, Herr,“ entgegnete Andreas Po— ky,„mäßigen Sie Ihre Zunge und hören Sie ein für allemal meine Meinung, die nicht auf bloßen Anſich⸗ ten, ſondern auf der, durch Studium der Geſchichte wie hauptſächlich nach eigener Anſchauung gewonnenen unum⸗ ſtößlichen Ueberzeugung beruht. Für die Erhebung Polens rühre ich keinen Finger, denn Polen kann ſich nie erhe⸗ ben; es iſt ein Vulkan, das Volk iſt Schlacke, ihr Edel⸗ leute ſeid verheerende Lava. Welches ſind eure Zwecke? Eigner Ehrgeiz, in welchem ihr, zur Herrſchaft gelangt, nur wie die ſturmbewegten Wellen einer den Andern über⸗ ſtürztet. Das, was den Kern eines Stammes ausmacht, beſitzt ihr nicht, ihr habt kein mäßiges, betriebſames Volk, keinen intelligenten Bürgerſtand. Ihr habt nichts gethan, die Maſſen zu erheben und zu veredeln. Statt ſie durch Humanität und gutes Beiſpiel zu Zucht und Ordnungs⸗ liebe zu führen, habt ihr die Kraft des Volkes ausgeſogen, habt es als Zug⸗ und Laſtthier betrachtet, und geglaubt, es immer in Armuth und Dienſtbarkeit darniederhalten zu müſſen, damit es aus ſeiner hundiſchen Aardtillt zum Menſchen⸗ und Bürgerth kein begeiſterungsfähiges Volk, tifiren durch Die, welche vo wie ihr an ſeiner Veredlung der auf euren Kartoffelfelder 6 Feierſtunden. 1865. —;— trägt den Keim der Vernichtung unheilbar in ſich. Ich habe alles Mögliche mit meinen polniſchen Arbeitern ver⸗ ſucht, habe ihren Lohn erhöht, ihre Laſten verringert, da⸗ mit ſie bei fleißiger Arbeit ſich und den Ihrigen eine Selbſtſtändigkeit erringen könnten, ich habe Schulen gegrün⸗ det, habe den Bedürftigſten Land ohne Pacht gegeben, da⸗ mit ſie es bebauen und durch Ausſicht auf Beſitz deſſen Werth ſchätzen lernen. Was war das Reſultat?— Hün⸗ diſch kriechender Dank und des Sonntags nach der Kirche die ganze Familie in thieriſchem Rauſch Alles, was die Woche brachte, vertrinkend. Ich mußte deutſche Arbeiter nehmen, um mein Werk zu fördern. Mit ihrer Hülfe habe ich in zwei Jahren den Ertrag meiner Güter ver⸗ doppelt, habe wüſte Stellen in blühende Fluren verwandelt, aber mir iſt nicht wohl auf meinen Gütern geworden, weil ich mit meinen Untergebenen nicht das ihnen und mir er⸗ ſprießliche Verhältniß gegenſeitiger Theilnahme herſtellen kann. Ich habe meinen väterlichen Freund, Juſtizrath v. Helberg, beauftragt, meine Beſitzungen zu verkaufen, und werde einen andern Fleck Erde erwerben, mit deſſen Bewohnern ich eine Familie bilden kann. Fürſt M., mein Vetter, iſt geneigt, mein Beſitzthum an ſich zu bringeu, da es das ſeinige arrondirt und er ohne mich ja ohnedies deſſen Eigenthümer geworden wäre.“ Das Geſicht des Andern war bei dieſen Worten noch gelber geworden, als es ohnedies ſchon erſchien. Wie von einer Natter geſtochen, ſtieß er die Worte heraus: „Wie, ein ſo ſchönes Stück Polen ſoll in die Hände eines Feindes übergehen, ein Theil nach dem andern den Deutſchen zufallen? Das iſt Verrath am Vaterlande.“ „Mein Vaterland iſt Deutſchland,“ entgegnete Andreas ruhig;„gn dem geheiligten Herd deutſchen Bürgerthums habe ich meinen Platz gehabt, die Blüthen deutſcher Bür⸗ gertugend haben meine Jugend umgeben und ihren unver⸗ gänglichen Duft in mein Herz geſenkt, die herrlichen Ge⸗ ſtalten der deutſchen Mutter, Pflegemutter, Schweſter und Freundin haben ihre Macht in meiner Erinnerung trotz aller glänzenden Erſcheinungen, die die Fremde brachte, be⸗ währt, und ich freue mich auf die Heimath, welche ich in Kurzem nach 2 ½jähriger Abweſenheit wiederſehen ſoll, von ganzem Herzen. Meines Vaters Geſchick beklage ich tief, weiß aber auch, daß nur euer Drängen ihn in's Un⸗ glück führte, und glaube im Geiſte meiner armen Eltern zu handeln, wenn ich Gut und Blut an etwas zu Schaf⸗ fendes, etwas Gutes, aber nicht an eine verlorne Sache ſetze. Doch laſſen wir das Alles jetzt, ich ſehe dort die Gräfin E., und ihr Geſicht glänzt vor Glück, weil mein Vetter an ihrer Seite iſt. Ich wünſche von Herzen, daß er aus den Netzen der Circe, welche ich heute kennen lernen werde, entrinnen und in die Arme Hedwigs, welche ihn von Herzen liebt, zurückkehren möge. Kommen Sie mit, Graf Sikrensky, zu meinen Verwandten?“ „Danke, Herr Graf,“ entgegnete dieſer finſter und ritt allein weiter, während Andreas in die Allee einbog, wo der E.'ſche Wagen dahinrollte. „Grüß Gott, lieber Vetter,“ rief ihm Gräfin Hedwig entgegen,„ich habe Grüße aus der Heimath; Clärchen chrieb mir in ihrem heutigen Brief, daß im Hauſe Ihrer egeeltern Alle Ihrer Rückkunft mit Freude entgegen⸗ z Aitten ſechs Mo⸗ 472 —ͦ—:———— neuen Verhältniſſen überlaſſen, und bedachten nicht, daß mir die liebe Heimath ganz in's Herz hineingewachſen iſt.“ „Ja, es iſt wahr, Vetter,“ rief Fürſt M.,„Sie ſind einer der Wenigen, die in dem Alles mit ſich fortreißenden Paris ganz unbeſchreiblich deutſch blieben; ich. begreife das nicht.“ „Aber ich bewundere und achte es,“ ſprach Hedwig, „wie es jederzeit Achtung verdient, wenn man ſein eigen⸗ ſtes Weſen nicht nach zufälligen Einflüſſen modelt, ſondern auf ſich ſelbſt vertraut und nach eigner Einſicht handelt.“ „Sie haben an Gräfin Hedwig ſtets eine eifrige Lob⸗ rednerin,“ ſprach Fürſt M. mit leichtem Stirnrunzeln, welches der jungen Dame verrieth, daß ihm ihre Neigung doch noch werth ſei und ſie zu einer heitern Entgegnung veranlaßte. Eine ihnen entgegenkommende Kavalkade, eine hohe weibliche Geſtalt graziös zu Pferde, von einer Menge Ka⸗ valiere umſchwärmt, nöthigte ſie, langſamer vorwärts zu dringen. Auch die Dame hatte aus ihrem Gefolge ſie er⸗ blickt und ihren Schleier geſenkt, als ſie vorüberritt.— Andreas betrachtete die elegante Erſcheinung, welche ſo leicht und gewandt das ſchöne Pferd lenkte, mit Intereſſe, und bedauerte, ihre Züge nicht geſehen zu haben. Als er ſich mit der Frage, wer die Dame ſei, zu ſeinen Beglei⸗ tern wenden wollte, bemerkte er Trauer in Hedwigs, Ver⸗ legenheit in des Fürſten Geſicht. Frau v. Marlewska machte zuerſt vor etwa drei Jah⸗ ren viel Aufſehen in Paris. Auf einem Spaziergang von einem Zudringlichen beleidigt, hatte ſich ein polniſcher Stu⸗ dent, der mit ihr in einem Hauſe wohnte und, von ihrer Schönheit bezaubert, ſeit Wochen ſchon ihre Spur verfolgte, zu ihrem Schützer aufgeworfen. Eine Forderung folgte, und aus Dankbarkeit nahm das junge Mädchen die Hand des Studenten an, mit welchem ſie an demſelben Tage den Heirathskontrakt abſchloß. Der junge Ehemann fiel im Duell, die Geſchichte der jungfräulichen Wittwe ward be⸗ kannt, ſie trat an der Seite ihrer Mutter unter dem Frei⸗ brief der Wittwenſchaft in die Oeffentlichkeit; ihre Schön⸗ heit, ihr Geiſt und die ſtolze Würde ihrer Erſcheinung riſſen die leicht entzündliche Phantaſie der Franzoſen fort. Es ward nicht Vielen vergönnt, in ihre Salons zu gelan⸗ gen, wer aber einmal Zutritt hatte, blieb auch gefeſſelt. Längere Zeit nannte man Fürſt M. als Begünſtigten, und dies die Urſache, weßhalb ſich ſeine Verbindung mit der wegen ihrer Schönheit und witzigen Einfälle gefeierten Gräfin Hedwig E. hinausſchob. In neuerer Zeit ſprach man je⸗ doch viel von den Begünſtigungen, welche die ſchöne Wittwe von ſehr hoher Seite erfahre, und die polniſche Emigration, unter deren beſonderem Schutz die Wittwe des Landsman⸗ nes ſtand, ſchöpfte aus dieſem Umſtand große Hoffnungen. Das war die Frau, deren glänzende Salons Andreas am Abend betrat. Ueberraſcht blieb er ſtehen, als er an der offnen Portiere die Geſtalt der Wirthin am Ende des Sa⸗ lons halb von ihm abgewandt erblickte. Solch' vollendet ſchöne Formen, dies blauſchwarze Haar und den edlen Kopf ſah er nicht zum erſten Mal. Außer Mathilden hatte kein Weib ſo den Höhepunkt der Schönheit des Wuchſes erreicht. Dieſe war aber vollendeter als Mathilde, hier war das was an dem jungen Mädchen xaizende Knoſpe geweieg vollen Blüthe entfaltet. Wangen, unde Feierſtunden. 1865. Geiſt und vor Allem der Wille der Frau v. Marlewska, den Fremden einzunehmen, von welchem ſie gehört, daß er ſich ihrem Einfluſſe entziehen wolle, ihn zu ihrem Sklaven machen werde. Er hütete ſich wohl, mit einem Wort ſeine Wahrnehmung zu verrathen, und führte Andreas ein, um ihn der Wirthin vorzuſtellen, welche lächelnd abgewandt ſtehen blieb, um den Fremden, welcher ihr gemeldet war, plötzlich durch den vollen Anblick ihrer Schönheit zu blen⸗ den. Traumhaft berührten die tiefen weichen Klänge ihrer Stimme, als ſie mit andern Gäſten ſprach, Andreas' Ohr, und das ganze ſinn⸗ und geiſtbeſtrickende Arrangeme des Zimmers kam ihm bekannt vor. 1 Als Graf Sikrensky mit den Worten: Sie, gnädige Frau, daß ich Ihnen Graf Pr— ky v⸗ ſie veranlaßte, ſich zu ihnen zu wenden, ſtarrt⸗s wie vom Blitz getroffen Mathilde an, die auch gen ihre Bewegung nicht bemeiſtern konnte. Andre ole⸗ doch nicht umſonſt eine Zeitlang in der großen Sa er beherrſchte ſich zuerſt. Die Erfahrung, daß er⸗ von ihm im tiefſten Herzen noch immer heißgeli thilde die Frau ſei, deren Treiben ſie in den Augen jedes Ehrenmannes brandmarkte, hatte wie mit einem einzigen Wetterſtrahl die ganze Vergangenheit, ſoweit ſie ſich an ihr Bild knüpfte, zerſtört, und aus dem Aſchenhaufen, unter dem das herabgeſtürzte Bild des ſchönen Weibes begraben lag, ſtieg die lichte Geſtalt der reizenden blonden Klara empor, wie ſie mit ihren thaubeglänzten ſchönen Augen ihm ihr reiches ſchönes Herz entgegenbrachte. Eine unend⸗ liche Sehnſucht nach dem holden Kinde erfaßte ihn, wäh⸗ rend er Mathilden gegenüberſtand, deren Anblick ihm weh that. Ihre beiderſeitige Bewegung war raſch genug vor⸗ übergegangen, die Anweſenden außer Sikrensky hatten ſie nicht bemerkt. Mathilde erwartete vergeblich ein Wort von Andreas, das ſich auf ihre Jugendfreundſchaft bezog. Sie hatte ihn in allen Stürmen ihres Lebens im Herzen ge⸗ tragen, aber ſeine niedrige geſellſchaftliche Stellung ließ ſie die Unmöglichkeit einer Verbindung einſehen. Mit den täglich ſich mehrenden Reichthümern, welche von ihren hoch⸗ geſtellten Bewunderern in ihrer Mutter Hände floſſen, hatte ſie oft eine ferne friedvolle Zukunft an ſeiner Seite ſich möglich gedacht; nun ſtand er vor ihr, ſchöner als je, er, der Erbe des koloſſalen Reichthums, von dem ſie ſchon häufig gehört, er, der Tiſchlersſohn, der Träger eines alten edlen Namens; und er hatte kein Wort des Erkennens für ſie, um deren Gunſt die Hohen aller Nationen buhlten, weil Einer zu ihren Füßen lag, den ſie Alle fürchteten. Graf Sikrensky kam ihr zu Hülfe, indem er zu Andreas ſagte:„Sie blickten unſere ſchöne Wirthin bei der Vorſtel⸗ lung ſo überraſcht an, als ob Sie eine Bekannte zu ſehen meinten?“* „Sie irren,“ entgegnete Andreas mit feſtem kaltem Blick auf ihn und Mathilde, der ihr Herz zittern machte; „die Ueberraſchung beim Anblick der Frau v. Marlewska iſt wohl ſo erklärlich, daß es überflüſſig und taktlos wäre, den Eindruck, den Sie, gnädige Frau, hervorbringen müſ⸗ ſen, noch in Worten in Ihrer Gegenwart zu zergliedern. Allerdings berührte mich auch die Aehnlichkeit mit einer einſt hochgehaltenen Jugendfreundin ſchmerzlich, die, wie i ich verloren iſt; es iſt jedoch v. Marlewska iſt der, die iner cermoniöſen Verbeugung Vorten zurück, und vereitelte allein zu ſprechen, welche er Verachtung deſſen, der ihr Feierſtunden. 1865. 473 Larlewok rt, daß er Sklaven Vort ſeine ein, um gewandt udet war, t u blen⸗ lugen jedes m einzigen ſich an ihr fen, unter s begraben den Klara nen Augen ine unend⸗ ihn, wäh⸗ kihm weh genug vor⸗ hatten ſie Wort von bezog. Sie Herzen ge⸗ uch litß ſi Mit den ihren ſoc⸗ de floſſen, einet Seit zner als ſe, im ſieſchon tines alten ennens für n buhlten, Die Raucher; nach David Teniers. “ en T rindheit ſchon der Theuerſte geweſen, Kutſche, in welcher zwei Damen ſaßen, von denen die eine de geul wefir cho ſcene. Der folgende e. aut in den Polſtern lehnte, die andere, ältere, mit In⸗ Andreas bertits auf dem Wege nach Berlin. tereſſe die Umgebungen betrachtete.„Dieſe Sandwüſte iſt F ja ein wahres Paradies geworden, und wüßte ich nicht, daß wir keine zehn Meilen von Berlin ſind, ich glaubte, wir Sechstes Kapitel. befänden uns an den blühenden Ufern der Loire. Hier, Ein todtkrankes, und geſunde Herzen. wo dürres Heideland gelbbraun ſchimmerte, lachende Flu⸗ Auf einer gut gehaltenen Landſtraße der Niederlaufitz ren, blühende, ſchwer beladene Obſtbäume vor den neuen, Ur im Herbſt des Jahres 1861 eine feſtgeſchloſſene hellglänzenden Häuſern. Die Leute grüßen mit freundlichen, ierſtunden. 1865. 5 . 1 ſ — ——— — —r— — ———ʒ—ʃꝛ——. ꝛ————— — ——-— .——Q,Q—ę—:—:;˖—ᷣͦEp—— 474 — zufriedenen Geſichtern, und ſieh' doch, wie ſtattlich ſich das elegante Schloß hinter dem Raſen ausnimmt, der ausſieht, als ob wir im Mai wären.“ „Laß mich, ich will nichts ſehen, ich will ruhen, ſtöre mich nicht,“ entgegnete die andere mit matter Stimme. Verdrießlich wandte ſich die ältere ab, machte das Wagen⸗ fenſter auf, und wollte es eben wieder ſchließen, da die Kranke ſagte:„Mir wird ſo kalt, wenn das Fenſter offen iſt,“ aber ſie mußte ihrer Neugier recht genügen, und frug ein junges Weib, welches vom Feld kam, wem Dorf und Schloß gehöre. „Allens, wat Sie hier ſeh'n, drei Meilen um und um, jehört unſerm Irafen Po-—ky, aber bei uns hier wohnt er mit ſeine ſchöne junge Gemahlin un die klenen niedlichen Puſſelken von Kindern,“ antwortete die Frau. Wie elektriſirt ſprang die Kranke auf und rief: „Laß hier am Wirthshaus halten, ich bleibe hier.“ „Hier? wahrſcheinlich wieder eine halbe Woche, um dann weiter zu reiſen, wie du mich nun ſchon ſeit Mona⸗ ten umhergejagt haſt,“ entgegnete die Aeltere verdrießlich. „Du beklagſt dich nun ſchon das hundertſte Mal darüber, daß ich dich aus deinem Sybaritenleben in Paris geriſſen, aber du vergißſt, wie du meiner Seele Ruhe ge⸗ mordet haſt, wie du mich elend, erbärmlich, halb wahn⸗ ſinnig machteſt.— Ich will hier bleiben und hier ſter⸗ ben, verſteh'ſt du mich, und du wirſt für das Nöthige ſor⸗ gen.“— Murrend gab die alte Frau die nöthigen Befehle, die Kranke ward aus dem Wagen in das beſte Zimmer des Wirthshauſes gebracht, denn die ſeidenen Kleider, goldenen Ketten und Armſpangen, ſowie die roth bebänderte Spitzen⸗ haube der Frau flößten den Leuten großen Reſpekt ein. Die Aufregung verurſachte der Kranken einen ſo heftigen Bluthuſten, daß der Arzt, welcher gerade im Schloß war, geholt wurde. Dieſer, ein alter wackerer Mann, hatte mit der Kranken eine längere Unterredung, nach welcher er nochmals in's Schloß ging, und in das Balkonzimmer eilte, wo Andreas mit ſeinem jungen Weibe, die wie die ältere Schweſter unter ihren aufblühenden Kindern ſaß, ver⸗ weilte. „Verzeihen Sie,“ ſagte er,„wenn ich in Ihr glück⸗ ſeliges Beiſammenſein eine ernſte Kunde bringe, ich komme von einer Kranken, die in wenigen Tagen ihre Laufbahn vollendet haben wird. Von einer doppelt Kranken, deren Seele mehr als der Körper leidet. Mathilde Boſe bittet Sie, Herr Graf, um eine Unterredung. Betroffen blickte Andreas den Arzt, dann Klara an, über deren blühendes Geſicht augenblicklich ein Schatten flog. Raſch trat ſie jedoch zu ihm, da ſie ſeinen fragenden Blick bemerkte, ſchlang die Arme um ihn und ſagte:„Geh', geh' Andreas, geh' bald zu der Unglücklichen, und wenn ſie will, mag ſie bei uns bleiben, damit nicht Fremde ihre letzten Augen⸗ blicke verbittern.“— „Mein ſüßes reines Weib, komm mit zu ihr; wo du biſt, da kehrt ja Friede und Glück ein,“ ſprach Andreas bewegt, und ſchloß Klara an ſein Herz. Der alte Dok⸗ tor ſagte:„Ja, ja, gehen Sie nur mit, gnädige Frau, ich weiß ja aus Erfahrung, welch' hülfreicher Engel Sie am Krankenbett ſind, hab' ja faſt jedesmal die größte Hälfte des Danks an Sie abtreten müſſen, wenn ein Kranker ge⸗ nas. Bei der Armen, zu welcher Sie gehen, iſt es aber mit menſchlicher Hülfe vorüber. Der Organismus iſt von innen aus zerrüttet, das unruhige Herz hat ſo lange ſtür⸗ miſch gepocht, daß es die dünne Wand, die es vom Grabe Feierſtunden. 1865. ——————— —— ſcheidet, bald ausgehöhlt hat. Geh'n Sie, bringen Sie Frieden, der ſich an Ihre Tritte heftet.“ Und wie herrlich gelang es dem milden Engel, das arme Herz zu ſänftigen, welches ſich beim Anblick ihres Glücks an Andreas Seite in wildem Schmerz aufbäumte. Die eine ſtürmiſche Bitte wiederholte ſie nur immer:„Be⸗ freit mich von der Frau, die ſich meine Mutter nennt, ent⸗ fernt dieſen Dämon meines Lebens von mir, damit meine letzten Stunden nicht noch vergiftet find, o ihr wißt nicht, wie ſie mir das Gift tropfenweiſe von Kindheit an einge⸗ flößt hat, bis mein ganzes Weſen davon ergriffen war. Sie hat meine Seele getödtet, ſie hat nur eines genährt, meinen Hochmuth, der ihrer Habſucht diente; laßt ihr all' das Geld, was ich mir erworben, nur befreit mich von ihr.“ Nach einer kurzen, aber ernſten Unterredung mit An⸗ dreas fuhr Mathildens Mutter ab, ohne ihrer ſterbenden Tochter Lebewohl geſagt zu haben.— Klara gab Anwei⸗ ſung, die Kranke in's Schloß zu bringen, wo ſie in ein helles freundliches Zimmer gebettet ward, mit der Ausſicht auf die anmuthigen Baumgruppen, kleinen Seen und Cottagen des hinter dem Schloß ſich hinziehenden Parkes. „Ach wie unendlich ſchön und friedlich iſt es hier,“ ſprach ſie, als ſie auf dem Ruhebett lag;„dank euch, daß ihr meinen ſterbenden Augen dieſen Anblick, meiner kran⸗ ken Bruſt dieſen balſamiſchen Duft noch gönnt. Dank euch, daß ihr mich hier ſterben laßt und in dieſer, durch euch zum Paradies umgeſchaffenen Erde mir ein Grab gönnt.“ Sodann erleichterte ſie ihre reubelaſtete Seele durch ein Geſtändniß all' ihrer Fehler. Sie entrollte ein düſteres Bild ihres Lebens von ihrer Kindheit an, wie es immer dunkler und unerquicklicher wurde, je mehr ſie von den finſtern Einflüſſen der Erziehung, der lockenden Welt und ihres eigenen Hochmuths in den Strudel der Verderbniß geriſſen ward. Befriedigung hatte ſie bei keinem ihrer Triumphe empfunden. Als ſie ihre Rache an Gräfin Hed⸗ wig E. durch die Verlockung des Fürſten M. befriedigt zu haben glaubte, dachte die Mutter ihren Triumph zu er⸗ höhen, indem ſie ihr ihre Geſchichte mittheilte, woraus ſie erſah, daß Hedwig E. ihre Couſine ſei. Ein raſender Schmerz erfaßte ſie nach dieſem Geſtändniß. Sie verſchloß dem Fürſten fortan ihre Thür, und er kehrte reuig zu Hed⸗ wig, welche jetzt ſeine vielbewunderte Gemahlin war, zu⸗ rück. Als ſie Andreas wieder ſah, war ſie noch ſtolz in ihrer veſtaliſchen Würde. Andreas Verachtung trieb ſie dazu, das zu werden, was ſie nach ihrem Benehmen ſchon allgemein galt. Erſchöpft ſchwieg Mathilde, nachdem ſie ſchonungslos alle Hohlheit, allen Schein und Schatten ihres Lebens ent⸗ rollt. Acht Tage ſpäter ward ſie zur ewigen Ruhe beſtat⸗ tet, nachdem ſie ihre letzten Stunden friedvoller als je ver⸗ lebt.„Ich ſehe, wie Moſes, noch vor meimem Ende bei euch das gelobte Land des Friedens, des Glückes in Tu⸗ gend, Thätigkeit und rechtzeitiger Beſchränkung, aur habe ich nicht, wie er, zugleich einen befriedigenden Rückbli üſauf eigene gute Thaten. Aber dein Gebet, Klara, du lin. r Engel, wird mir eine Brücke über die dunkle Pforte † Grabes bauen.“ Das waren ihre letzten Worte. 1 Am Abend nach ihrer Beerdigung ſaß die ganze T milie im Balkonzimmer. Der Juſtizrath, Vater und M ter Hein, der ſtattliche Zimmermeiſter Bauer mit Fß Ottilie und zwei kräftigen Knaben waren von Berlin kommen, und nachdem die Kinder zu Bett geſchickt war beſprachen ſie das ernſte Ereigniß des Tages. 5 igen Sie gel, das ick ihres fbäumte. t:„Be⸗ unt, ent⸗ ait meine icg richt, an ünge⸗ ffen wan. z genährt, ͤt ihr all reit mich mit An⸗ ſterbenden b Anwei⸗ ſie in ein Ausſicht been und n Parkes. es hier, euch, daß ner kran⸗ t. Dank durch euch gönnt.“ uurch ein düſteres ss immer V von den Welt und gerderbniß nem ihrer räfin Hed⸗ friedigt zu ph zu er— voraus ſie raſender verſchloß zu Hed- war, zu⸗ ſtolz in trieb ſie men ſchol ——————— „Ja ja, der leidige Stolz, den ihr Männer auch im⸗ mer im Munde führt, wenn ihr etwas nicht thun zu kön⸗ nen glaubt, wozu euer Herz euch treibt, hat da ein recht großes Opfer gehabt,“ ſprach die freundliche Matrone kopf⸗ ſchüttelnd. „Schelten Sie mir den Stolz nicht, Frau Mutter,“ ſprach der Juſtizrath,„er iſt ein Theil von uns, und nicht der ſchlechteſte. Freund Hein hat in ſeinem berechtigten Stolz auf Bürgerehre allzeit den rechten Weg gefunden, und in gut erzogenen Kindern ſich ein ewig Denkmal ge⸗ ſetzt; bei ſeinen Mitbürgern, bei ſeinen Kunden und allen die ihn kennen, findet ſein Stolz Rechtfertigung, er iſt ein rechtes Vorbild kernhaften Bürgerthums, dem unſer Freund Wilhelm nachſtrebt, der auch ſtolz genug war, aus eigener Kraft, durch Talent und wackere Arbeit ſich ſelbſt den Weg zum wohlhabenden und geachteten Bürger zu bahnen. Un⸗ ſer Sohn Andreas hat ſeinen Stolz darein geſetzt, in die Schöpfung zu pfuſchen, und aus wüſten Flächen fruchtbare Felder zu zaubern, blühende Dörfer, einträgliche Fabriken und anwachſende Wälder zu gründen, zufriedene Geſichter fleißiger Menſchen, die ihm ihre Habe danken, um ſich zu ſehen; ich meine, er hat nicht das Schlechteſte erwählt. Ich ſelbſt, nun ich habe ſo auch meinen Stolz; wenn Andreas ſtatt eines Grafen auch ein Fürſt oder Herzog, aber nicht der Andreas, der er eben iſt, geweſen wäre, er hätte nimmer mein Klärchen erhalten. Alſo ſcheltet mir den Stolz nicht, er muß nur verdient und mit guten Eigen⸗ ſchaften gepaart an der rechten Stelle angewandt ſein, dann iſt er ebenſo gedeihlich zu unſerem Heil, wie Dünkel, fal— ſcher Ehrgeiz und Hochmuth uns dem Abgrund entgegen⸗ führen.“ Feierſtunden. 1865. „Nun, und wir Frauen, wer ſpricht von unſerem Die Expedition zur Auſſuchung des El Keine Schilderung des 16. Jahrhunderts unterläßt die Erwähnung der merkwürdigen Abenteuer, welche die Spa⸗ nier beim Suchen nach den wunderbaren Schätzen des ame⸗ rikaniſchen Feſtlandes beſtanden haben. Nirgends ſonſt aber finden wir eine ſo ſeltſame Miſchung von Leichtgläubigkeit, Aberglauben, Habſucht, Ritterlichkeit und Mordluſt, als bei den verſchiedenen Trupps von Glücksrittern, Marddeu⸗ ren und auch unternehmenden Männern— unter dieſen letzteren war auch Philipp von Hutten(1541)—, welche bemüht waren, das El Dorado, d. h. das goldene Land, das eingebildete Land unerſchöpflicher Reichthümer, das Ideal eines heiß erſehnten glücklichen Aufenthaltes, das zweite Schlaraffenland, aufzufinden. Nach der Plünderung der blühenden Staaten Mexiko, Bogota und Peru war ja die Gewinnſucht bei Weitem noch nicht geſtillt, ſondern nur noch größer geworden, und ſo kam es, daß die Europäer, ſtatt ſich nun auf Gewerbefleiß und Induſtrie zu legen, als auf die einzigen nachhal⸗ tigen Quellen des Reichthums, mit ihrer Sucht nach Abenteuern nur darauf ſannen, immer weiter in das In⸗ nere des neuen Welttheiles einzudringen, wo ſie von golde⸗ nen Städten und Ländern träumten, die ihren Blicken noch durch die gewaltigen Urwälder entzogen wurden. Zu dem Glauben an ein ſolches El Dorado hatten die Sagen der Peruaner und Indianer hauptſächlich beige⸗ Das Oberhaupt von Gua⸗ tragen, wie z. B. die folgende: a L tavita ſollte jedes Jahr ein großes Opferfeſt veranſtenten, wobei er ſich ſelbſt zu der wichtigſten Ceremonie„8ab. 475 ———————¶:¶:ö———ℳ—ℳ— ⸗:— Stolz, dürfen wir keinen haben neben der Portion Eitel⸗ keit, die uns doch Allen eigen?“ frug Ottilie lächelnd. „Ihr Frauen, ſo wie du, die Mutter und Klärchen ſeid, ihr müßt euren Stolz darein ſetzen, den unſrigen im Hinblick auf unſere edelſten Güter, unſere tugendhaften, echt weiblichen Gattinnen, zu erhöhen,“ ſprach Andreas, und ſchloß Klara an ſein Herz, die mit glückſtrahlenden Blicken zu ihm aufſah, während der Juſtizrath dem alten Hein lächelnd zunickte. „Ei, wir haben doch noch einen anderen, ſchöneren, und mindeſtens eben ſo berechtigten Stolz,“ ſprach Klara, und ihre Blicke richteten ſich mit Innigkeit nach der Thür, die zum Schlafzimmer der Kinder führte,„wir ſind Müt⸗ ter! Holde Menſchenblumen nennen wir unſer und das beſte Theil ihrer Pflege iſt unſer Beruf. Daß wir die Men⸗ ſchenknoſpe hüten, ſie vor ſchädlichen Einflüſſen bewahren und die etwa vorhandenen Auswüchſe des Hochmuths, des Neides und der Selbſtüberſchätzung frühzeitig entfernen, Milde, Gottesfurcht und den rechten Ehrgeiz dem jungen Leben einzuflößen ſuchen, wie der Gärtner ein Reis ver⸗ edelt, das iſt, denk ich, doch etwas, worauf wir mit Recht ebenſo ſtolz ſein dürfen, wie mein herzlieber Papa es darf, der mir ja Vater und Mutter zugleich war, wie Vater Hein es iſt, welcher der Mutter ſo treu in der glücklichen Herzensbildung ſeiner Kinder beiſtand. „Ja wohl, Gott ſegne dich, du herziges Weib, und bewahre einen Jeden vor der ſchwerſten aller Sünden, einen reichen Geiſt verführt, ein Herz gemordet zu haben, wie ſie die gewiſſenloſe Mutter, deren unglück⸗ liches Kind wir heute zur Ruhe beſtattet haben, auf ihr Haupt lud,“ ſprach der alte Hein, und ſah ernſt vor ſich nieder. Dorado unter Aguirre. Der Häuptling rieb ſeinen Körper nämlich mit Terpentin ein, rollte ſich dann in Goldſtaub herum, begab ſich hier⸗ auf mit ſeinem Hofſtaate auf einem Floße nach der Mitte eines See's(Guatavita) und badete ſich in demſelben, nach⸗ dem er noch eine Menge koſtbarer Steine hineingeworfen hatte. Dies Alles ſollte dazu dienen, die Waſſergottheit des Landes— die wunderbare Cacica— zu verſöhnen, welche, von einem zankſüchtigen Gatten in den See geſtürzt, es vorgezogen hatte, unter deſſen Waſſer mit ihrer Tochter, deren Gunſt gleichfalls angerufen wurde, wohnen zu bleiben. Durch dergleichen Fabeln ließ ſich denn auch unter Anderen Pedro de Urſua dazu verleiten, Peru zu verlaſſen, um gewiſſe Gegenden, von denen ihm braſilianiſche India⸗ ner ganz beſonders eine verlockende und reizende Beſchreibung gemacht hatten, aufzuſuchen. Nach den mannigfaltigſten Schwierigkeiten und Gefahren gelang es ihm, von Lima bis in die Nähe der Mündung des gewaltigen Amazonen⸗ ſtromes porzudringen, und es ſcheint, als wenn dieſer junge Offizier, in deſſen Begleitung ſich übrigens auch eine ſchöne Dame, die Donna Juez de Atienza, befand, bei dieſer Ex⸗ pedition mit viel Verſtand und großer Umſicht verfahren wäre. Aber er war für die ihm folgenden Leute aller Art viel zu ſchwach und energielos. Eine ſolche Expedition konnte, zumal bei der unvollkommenen Ausrüſtung, unmög⸗ lich ohne große Mühſeligkeiten abgehen, und in Folge deſſen brach ſchließlich eine Meuterei aus, in der am 1. Januar Darauf 1561 Urſua und ſein Lieutenant getödtet wurde. wählten die Meuterer einen Don Fernando zu ihrem Führer 60* Feierſtunden. 1865. ——;—;;—;—;ℳ':———- und Aguirre zu ihrem„Lagermeiſter“. Der neue Führer Anſehen zu verſchaffen wußte. Don Fernando konnte ſeinem begann ſein Amt damit, daß er einen Kriegsrath hielt, in ſo gefährlichen Rivalen nicht entfliehen, und ſelbſt die Schön⸗ dem er vorſchlug, daß alle Offiziere ein Dokument unter⸗ heit und der Schmerz der Donna Juez zeichnen ſollten, durch welches Urſua der Art angeklagt nicht vor dem mordluſtigen Aguirre ſicher zu ſtellen. wurde, daß ſeine Ermordung als ein Akt der Nothwendig⸗ Wir ſind nicht geſonnen, die natürlich vergebliche Ex⸗ keit und des Gehorſams gegen den König von Spanien er⸗ pedition weiter zu verfolgen; es lag nur in unſerer Abſicht, ſcheinen mußte. Durch dieſe Liſt hoffte Fernando der Ex⸗ unſeren Leſern einen Begriff von derartigen Unternehmun⸗ pedition nicht allein die ſpezielle Gunſt ſeines Königs, ſon⸗ gen zu geben und unſere eingehenden Worte durch ein Bei⸗ dern auch den Löwenantheil von den Schätzen der noch zu ſpiel zu bewahrheiten. Das Ende der Sache war, daß dieſe entdeckenden goldenen Länder zu ſichern. Solch ein Plan Räuberbande ſchließlich laut eines königlichen Befehls ver⸗ konnte wohl mit Schurken gewöhnlichen Schlages gelingen, folgt und aufgehoben wurde. aber der neue„Lagermeiſter“ war ein anders geartetes Un⸗ Obſchon nun gegen das Ende des 16. Jahrhunderts geheuer, und indem er ſich ſelbſt mit der höchſten Gleich- ein Engländer ſelbſt eine Beſchreibung und Karte des El gültigkeit und Vermeſſenheit als der„Verräther Aguirre“ Dorado erſcheinen ließ, ſo mußte doch daſſelbe ſehr bald in bezeichnete, lachte er über den von Fernando vorgeſchlagenen das Reich des Mährchens verwieſen werden, was indeß den Betrug. Von dieſem Momente an wurde er der wirkliche Spanier Antonio Santos nicht abhielt, noch 1780 auf eine Leiter der Expedition, wobei er ſich von Zeit zu Zeit durch Entdeckung dieſes Goldlandes auszugehen. eine Reihe empörender Morde und Grauſamkeiten neues Dr -. Schr. 1) Der Abſchied. Eine außergewöhnliche Saczquelle. Nach dem»Courier des Etats-Unis« iſt im vergan⸗ Bohrinſtrumente fortſchleuderte, und mit dieſen ein Rohr genen Jahre bei Welleville im Kreiſe Columbania in Ohio von über 200 Fuß Länge, welches ſchon vorher in das eine Salzquelle neuer Art entdeckt worden. Man hatte Bohrloch eingeſetzt worden war. einen Brunnen in der Abſicht gebohrt, Oel zu fördern. Das Bohrloch hatte eine mächtige Salzwaſſerader er⸗ Als man nun bis zu einer Tiefe von 480 Fuß gekommen reicht und das Gas trieb anhaltend eine Säule von kaltem war, ſo entſprang plötzlich dem Bohrloche eine Gasſäule. 2 tigtem Salzwaſſer von der Stärke des Durchmeſſers welche mit ſo großer Heftigkeit hervorbrach, daß ſie d⸗ Somiohrloches bis zu einer Höhe von 150 ve beſpr 4 vermochte deren Leben — dieſer man en Gewinne Tumiß ds G glltet ruung d ines a iine ſel ante ſeinem Dieſer Ausbruch hatte ſchon ein halbes Jahr gedauert, als — Schür⸗ man endlich auf die Idee kam, die unerwartete Gabe zur len Eehen Gewinnung von Salz auszubeuten. Man machte ſich dem⸗ bli gemäß an's Werk und traf zweckentſprechende Vorrichtungen. — iche Er⸗ Das Gas wurde durch Röhren in einen paſſenden Ofen er Abſicht, geleitet und dort verbrannt, wodurch man die zur Verdam⸗ ernehmun⸗ pfung der Soole genügende Wärme erhielt, ohne noch irgend in Bei⸗ eines anderen Brennſtoffes zu bedürfen. Der Ofen läßt lan tiſe eine ſehr hohe Temperatur erzielen, die Flamme entweicht der⸗ Feierſtunden. 1865. an der Spitze des hohen Schornſteins und iſt auf mehrere Meilen weit zu bemerken. Dieſe Soolquelle liefert etwa 6 Gallons in der Minute und gibt in der Stunde ein Faß Salz. Das Gas ſtrömt unter einem Drucke von 186 Pfund auf den Quadratzoll aus, ein Druck, welcher den der Loko⸗ motiven auf der Eiſenbahn um 80— 90 Pfund übertrifft. Dieſe Salzquelle iſt eines der größten Wunder, welches man kennt. Dr. Schr. ahrhunderte 1 nn 6 Ein Lebensbild. Dafir e dhlll 2 I 9 ſſ S — 3 — 4 S 4 1 hrün 3 — 5 — 3. 2— 2 2) Das Wiederſehen. 1f— 5 Volksfeſte Kein Volk in Europa beſitzt größeren Scharfſinn, um H Vorwände zu öffentlichen Luſtbarkeiten und zu abſonderlichen Aufzügen, welche davon unzertrennlich zu ſein ſcheinen, aus⸗ findig zu machen, als die Belgier, und wenn die Feſtlich⸗ keiten auch nicht mehr ſo großartig ausgeführt werden, wie in früheren Zeiten, fällt doch nicht ein einziges Ereigniß avon einiger Bedeutung in der Familie, der Stadt oder dem Staate vor, für das nicht eine beſondere Feierlichkeit angeord⸗ Net wird. Bei ſolchen Gelegenheiten vergißt dann Jedermann ein Roſ auf wenige Stunden die ſchmerzliche Bedingung des irdi⸗ in du ſchen Schickſals der Menſchen, die ihn zu einem Leben voll Mühe und Arbeit verurtheilt hat. Die Straßen werden rader el⸗ mit Guirlanden und Feſtons behangen, und in Flandern zn kalten aſ in der Regel noch ungeheueren Draperien von unge⸗ chmiſſe bleichter Leinwand, die quer über die Straße von eir— in Belgien. auſe zum andern ausgebreitet werden und einen ſehr male⸗ riſchen Anblick gewähren; an anderen Orten werden in der Mitte lange, wallende Fahnen aufgepflanzt, die oft ver⸗ ſchiedenen Nationen und verſchiedenen, zum Theil längſt entſchwundenen, zum Theil ganz vergeſſenen Zeiträumen angehören, und oft flattert bei ſolchen Gelegenheiten vom hohen Giebeldache manches veralteten Hauſes noch immer der kaiſerliche Adler des Hauſes Oeſterreich herab, und er⸗ innert an die glückſeligen Tage der Kaiſerin Maria The⸗ reſia, in denen, der Sage nach, die Belgier keine Steuern zu zahlen hatten, und alle öffentlichen Werke auf Koſten des Staates ausgeführt und erhalten wurden, an jene Tage, in denen die Oeſterreicher Belgiens Schlachten ſchlugen, Alles für Belgien thaten, was die Sorgen des Lebens zu erleichtern und den Verlauf deſſelben eben und angenehm ͤͤͤſͤſͤſͤ— — —— zu machen im Stande war, die aber doch Niemand zurück⸗ wünſcht, ſondern glücklich iſt, unter Vater Leopold der wah⸗ ren Freiheit ungehindert entgegen ſtreben zu können. In wie weit die utopiſchen Berichte über die früheren Zuſtände Belgiens auf hiſtoriſcher Grundlage beruhen, maßen wir uns nicht an zu erforſchen, geſtatten Jedermann, ſich die Vergangenheit nach eigenem Gutdünken zu idealiſiren, müſ⸗ ſen aber eingeſtehen, daß bei aller noch jetzt herrſchenden Vorliebe der Belgier für Volksfeſte dieſelben in früheren Zeiten in großartigerem Style eingerichtet waren, als es gegenwärtig der Fall iſt, obwohl zu den alten Feſten noch viele neuere dazu gekommen ſind, und alle mehr oder weni⸗ ger aufrecht erhalten werden. Der Urſprung dieſer Beſonderheit in den Sitten und Gewohnheiten des belgiſchen Volkes ſcheint hauptſächlich zwei allgemeinen Urſachen zugeſchrieben werden zu müſſen. Zu⸗ nächſt der frühen Entwicklung volksthümlicher Einrichtun⸗ gen und dem allgemeinen Aſſociationsgeiſte, welcher ſelbſt nach der Aufhebung der alten Zünfte und Korporationen noch in bedeutendem Maße fortbeſteht. Dazu kommt die verhältnißmäßig bedeutende Wohlhäbigkeit der geringen und mittleren Klaſſe, und ihre natürliche Vorliebe für ſchuld⸗ loſe Vergnügungen, eines der ſicherſten Zeichen geſunder Moralität des Volkes; und dann darf hier der natürliche Einfluß des äußeren Glanzes der Religion nicht außer Acht gelaſſen werden, welche in der Mannigfaltigkeit ihrer Sym⸗ bole und der Pracht ihres Gottesdienſtes Alles in ſich faßt, was die Einbildungskraft zu ergreifen und die Sinne zu bezaubern vermag. Nirgends in der Welt, Rom ausge⸗ nommen, werden die Ceremonien der katholiſchen Religion mit größerer Pracht begangen, als in Belgien, und beſon⸗ ders in Flandern. In früheren Zeiten müſſen die zahl⸗ reichen feierlichen Prozeſſionen, zu welchen ſich die höchſten Würdenträger des Staates und der Kirche, ſowie die welt⸗ liche Geiſtlichkeit und die verſchiedenen religiöſen Orden ver⸗ ſammelten, ein Schauſpiel noch größeren Glanzes darge⸗ boten haben. Ihnen ſchloſſen ſich die Korporationen und die Zunftgenoſſenſchaften an, welche bei dieſen Gelegenhei⸗ ten zu erſcheinen berechtigt waren und unter ihren eigen⸗ thümlichen Bannern einherzogen. In der Gemäldegallerie zu Brüſſel befindet ſich eine Reihe von Gemälden, welche eine dieſer Prozeſſionen darſtellt. Sehr intereſſant in hiſto⸗ riſcher Hinſicht und auch nicht ohne künſtleriſchen Werth kann man aus ihnen einen deutlicheren Begriff von dieſen glänzenden Aufzügen ſchöpfen, als ſelbſt aus den genaueſten Beſchreibungen, insbeſondere ſo weit die große Verſchieden⸗ heit und Eleganz der Koſtüme dabei mit in Betracht kommt. Die Feſte ſelbſt waren zweierlei Art, weltliche und religiöſe, und um den Leſer in den Stand zu ſetzen, eini⸗ germaßen über den Geiſt und das Weſen dieſer alten Ord⸗ nung der Dinge zu urtheilen, wollen wir ihm eine kurz gefaßte Beſchreibung zweier Prozeſſionen von je einer der beiden erwähnten Arten vorlegen, wie ſolche zu verſchiede⸗ nen Zeitpunkten in der alten Stadt Brügge, einer der glänzendſten Städte des Nordens, dem Mittelpunkte des Handels, der Wiſſenſchaften und Künſte, und damals dem glänzenden Hofe der Herzoge von Burgund gehalten wor⸗ den ſind. Verſetzen wir uns in's fünfzehnte Jahrhundert. Es war am 21. März 1462, als der Herzog Philipp von Burgund in Begleitung ſeiner Schweſter, Madame de Bourbon, ſeinen feierlichen Einzug in die alte und ſehr loyale Stadt Brügge hielt.— Bei Tagesanbruch hotten die Bürger und Einwohner zwei Boten oder Herolde, Ar⸗ Feierſtunden. 1865. ———O dent⸗Döſir und Bonvoulair, dem Fürſten nach Damme, dem Hafen, in welchem er landete, etwa zwei Stunden von Brügge entfernt, entgegen geſchickt. Da der erſte Theil dieſes berühmten Aufzuges zu Waſſer vor ſich gehen ſollte, ſo wurden die Herolde in einer Barke eingeſchifft, die einen Garten darſtellte, mit Gebüſchen und Blumen aller Art verziert, Roſen, Veilchen, Rosmarin und anderen Pflan⸗ zen, welche, wie eine alte Chronik ſagt, den Blick erfreuen. Eine bedeutende Anzahl Fremder und alle Reprüſentanten der fremden Mächte, die damals in Brügge reſidirten, geben den Herolden in ihren Barken, die ebenfalls reich dekorirt waren und ein glänzendes Schauſpiel darboten, das Geleite. Wir wählen aus ihnen nur folgende aus, um darzuthun, wie angeſehen damals der Hof zu Brügge ge⸗ weſen ſein mußte. Voran zogen: Die Florentiner in zwei mit Goldtuch bedeckten Bar⸗ ken, auf welchen ihre Wappen reich blaſonnirt waren, und von denen herab ihre Banner wehten. Ihnen folgten: Die Oſterlinge oder Bewohner des öſtlichen Theiles von Deutſchland, in zwei mit ſcharlachenem Tuche bedeck⸗ ten Barken, welche ebenfalls mit ihren Wappenzeichen und Bannern geziert waren. Die Portugieſen in zwei Barken mit Fahnen von fei⸗ nem Tuch, grün und violett, auf denen das ſpaniſche Wappen blaſonirt war. Die Schotten in einer mit reichen Teppichen bedeckten Barke, auf welcher das Wappen von Schottland ſich an⸗ gebracht fand, und von der ihr Banner wehte. Die Genueſer in einer Barke, bedeckt mit einem weißen Tuche, auf dem ein rothes Kreuz angebracht war, mit einem Ritter in voller Rüſtung, der den heiligen Georg vorſtellte, in der Mitte. Die Prozeſſion wurde durch zwei Barken geſchloſſen, für die ſtädtiſchen Behörden und die erſten Bewohner der Stadt reſervirt und mit den feinſten Teppichen bedeckt, auf welchen der flanderſche Löwe blaſonirt war. In jeder Barke ſaßen zwölf bis ſechzehn Ruderer in den reichen, phantaſtiſchen Livreen ihrer reſpektiven Natio⸗ nen, alle für dieſe Gelegenheit neu und in Uebereinſtim⸗ mung mit den übrigen Verzierungen verfertigt; außerdem befanden ſich in denſelben Trompeter, Hornbläſer und Pau⸗ kenſchläger, welche in beſtimmten Zwiſchenräumen ihre In⸗ ſtrumente erſchallen und ſie mit dem dumpfen Gebrüll der Artillerie, wie der Chronikenſchreiber berichtigt, rivaliſiren ließen. Von dem Herzog ſehr gnädig empfangen, begleiteten ſie denſelben nach Brügge, wo er an's Land ſtieg, und von wo ſich die Prozeſſion zu Fuße weiter fort bewegte. Am Stadtthor kam ihm die Geiſtlichkeit, ſowohl die weltliche als klöſterliche entgegen, welche nicht weniger als achtzig Kreuze von maſſivem Silber und zum Theil reich verziert und ciſelirt mit ſich führte. Die ganze Strecke, welche die Prozeſſion nach ihrem Eintritt in die Stadt durchzog, war mit ausgezeichneter Pracht geſchmückt. Die erſte, dem Stadtthore nahe gelegene Brücke war vollkommen mit fei⸗ nem Tuche bedeckt, auf dem ſich das Wappen von Brügge nebſt dem des Herzogs geſtickt fand; und da es Abend ge⸗ leuchtet. Nicht ferne von dort befand ſich auf einer großen Tri⸗ büne ein Schiff aufgeſtellt, auf welchem ſieben der ſchön⸗ ſten Jungfrauen dieſer der Schönheit ihrer Frauen wegen berühmten Stadt, in Gold⸗ und ten. det, die ſieben Kardinaltugenden darſte worden, war die Brücke ſelbſt glänzend mit Fackeln er- rbrokat reich geklei⸗ M. underes Thuem, icher G stünſt unges , au iſſer d dhnen, gedeu indig Anfäl geweſ Waſſe ſchnel gelche tug, meine folge in die I Fünig ſianie uur) d 4 A 2 h Damme tunden du erſte Thell then ſollt die einen aller Art um Pflan⸗ iä afreuen. präſcnanten e rifdeun, nfalls vch arboten, da e aus, um Brügge gee deckten Bar⸗ waren, und folgten: V hen Theilts uche bedec⸗ geichen und en von ftie as ſpaniſche en bedeckten nd ſich an⸗ tem weißen mit einew Jvorſtellte, geſchloſſen, wohner der bedeckt, auf Ruderer in iven Nutio⸗ ebereinſtim⸗ ; außerdem rund Pau⸗ en ihre In⸗ Hebrüll der rivaliſirn begleiteten g, und vun vegte. An ie wellliht ”ls ach tich verzie welche die Feierſtunden. 1865. ———————— Nahe dabei, aber auf dem Fluſſe ſelbſt, ſtellte ein anderes Schiff den„Garten der Liebe“ dar, einen hohen Thurm in der Mitte, aus deſſen Fenſtern eine Menge lieb⸗ licher Geſichter hervorſchauten, und von deſſen Gipfel die Schönſte von Allen, in prachtvollem Gewande, ihres hohen Ranges als untreue Gemahlin des alten Vater Vulkan wür⸗ dig, auf die ſtaunende Menge herabblickte; der würdige Ver⸗ faſſer der alten Chronik, welcher wir dieſe Schilderung ent⸗ lehnen, hat es dem Scharfſinne der Leſer überlaſſen, die Bedeutung der anderen hervorlugenden Schönheiten aus⸗ findig zu machen, und bemerkt nur, daß ſie fortwährenden Anfällen einer ganzen Schaar kleiner Liebesgötter ausgeſetzt geweſen ſeien, welche Letztere häufig von dem Schiffe in's Waſſer fielen, aber von den mitleidigen Zuſchauern immer ſchnell wieder herausgefiſcht wurden. Als die Staatsbarke, welche den Herzog und die Vornehmſten ſeiner Hofleute trug, dem Liebesgarten gegenüber erſchien, hörte der allge⸗ meine Angriff auf, und Venus, von ihrem glänzenden Ge⸗ folge umgeben, ſtieg von dem Thurme herab, und wurde in die Barke des Herzogs aufgenommen, welcher letztere zur größten Unterhaltung der bewundernden Menge der Königin der Liebe ſeine Huldigungen darbrachte. Es würde zu weit führen, wollten wir alle die ſcharf⸗ ſinnigen Witzſpiele detailliren, welche bei dieſer Gelegenheit zur Ausführung kamen, und von denen das Vorſtehende als Beiſpiel dienen kann; einige waren der griechiſchen Mythologie, andere der heiligen Schrift entlehnt. Wir er⸗ wähnen nur noch, daß die Fiſchhändler bei dieſer Gelegen⸗ heit ihr Zunftgebäude, das auf dem Hauptplatze lag, mit ungeheuren Fackeln bis zum Dache erleuchten und die Fackeln von Menſchen halten ließen, welche dieſelben beim Vorüberzuge des Herzogs ſchwingen mußten, und daß der Börſe gegenüber mit großen Koſten ein koloſſaler Löwe, das Wappenbild des Herzogs, errichtet worden war. —— 4 9 — 4 ren glänzenden religiöſen Prozeſſionen gleich käme, von denen wir eine jetzt ſchildern wollen. Um die Veranlaſſung zu dieſem religiöſen Feſte zu verſtehen, ſind wir genöthigt, voraus zu ſchicken, daß in Brügge eine berühmte Reliquie(das heilige Blut) exiſtirt, welche im zwölften Jahrhundert von Dieterich vom Elſaß bei ſeiner Rückkehr von den Kreuzzügen aus dem gelobten Lande mitgebracht worden iſt. Sie war ein Geſchenk des Patriarchen von Jeruſalem, und zu jener Zeit mehr ge⸗ ſchätzt, als die höchſten irdiſchen Würden und alle Schätze, welche die Welt zu bieten vermag. Graf Montalembert hat bei ſeinen Nachforſchungen behufs ſeiner Lebensbeſchrei⸗ bung der heiligen Eliſabeth in einem alten Manuſcripte eine auf dieſe Reliquie bezügliche, nicht unintereſſante und für die Sitten jenes Zeitalters ſehr charakteriſtiſche Anek⸗ dote entdeckt. Der Graf von Flandern, Dieterich vom Elſaß, wurde auf ſeinem Zuge in den heiligen Krieg von ſeiner jugendlichen Gemahlin begleitet. Weniger feſt als die fromme Landgräfin von Thüringen bei ähnlicher Gele⸗ genheit hatte ſie nicht Gottvertrauen genug, ſich auf Jahre von ihrem Gemahle zu trennen, und war endlich, nach ver⸗ ſchiedenen vergeblichen Verſuchen, ſich loszureißen, und nach zahlreich vergoſſenen Thränen über ihre Schwäche in Jeru⸗ ſalem angekommen. Dort aber machte der unruhige Zu⸗ ſtand des Landes jede fernere Begleitung der Gräfin un⸗ möglich, und Dieterich vom Elſaß zog allein an der Spitze ſeines Heerhaufens weiter. Während ſeiner Abweſenheit im Felde erwachte ein neues Gefühl in dem Herzen ſeiner Gemahlin, das bis dahin nichts Mächtigeres empfunden hatte, als den Zauber menſchlicher Liebe. Am Grab des Erlöſers knieend war ihr plötzlich das Verſtändniß eröffnet worden, und ſie lernte das Weſen und die ganze Ausdeh⸗ nung des Opfers begreifen, welches den Sohn Gottes vom Himmel zur Erde herabgeführt hatte. Von dem Augen⸗ Auf beiden Seiten des herzoglichen Palaſtes waren Gerüſte errichtet und in verſchiedene Abtheilungen getheilt, in welchen die dem Geſchmacke der Zeit zuſagenden Myſte⸗ rien aufgeführt werden ſollten; auch mehrere Tribünen zur Aufnahme der Zuſchauer. In allen Straßen, von dem Stadtthore bis zu dem Punkte, wo der Herzog landete, waren die Häuſer ſo ſehr mit Zuſchauern angefüllt, wie man früher noch niemals geſehen hatte; überall erblickte man reiche Teppiche, Guirlanden, Blumen⸗Feſtons und unzählbare Laternen mitten darin, was eine magiſche Wir⸗ kung durch den Reflex im Kanal, längs dem die Prozeſ⸗ ſion einherzog, hervorbrachte. Obgleich der Herzog zwiſchen fünf und ſechs Uhr Abends bei dem Stadtthore ankam, ſo wurde es doch acht Uhr, ehe er ſeinen Palaſt erreichte, und die Chronik behauptet, daß nicht weniger als zweimalhun⸗ derttauſend Menſchen zugegen geweſen ſeien. Das kann dem früheren Glanze dieſes nordiſchen Venedigs, welches tzt auf 45,000 Seelen herabgekommen iſt, zum Zeugniß ienen. Um nun auch noch die Schilderung eines Volksfeſtes erzöſer Art zu geben, wählen wir eins derſelben aus der Zeirurz vor der franzöſiſchen Revolution, die, wie ſich 1 lgneu läßt, nicht nur die politiſchen Inſtitutionen es Vr ſondern ſelbſt die Gebräuche und den Geſchmack ees Wike umgeſtaltete. Und hier, wo in Folge derſelben, eben d wi in Frankreich, zuvörderſt die Kirchen geſchloſ⸗ ſen od ſpad zum Theil im Aufſtreich an die Meiſtbie⸗ ende derlanſewurden, würden wir lange hr bis faſt zum tturze des erſten franzöſiſchen aiſerreiches, vergeb⸗ lich das fucheſſe auch im Mindeſten nur jenen frühe⸗ blicke an ſuchte ſie, von göttlicher Liebe entflammt, ihrer irdiſchen Laufbahn einen Abglanz heiligen Wirkens zu geben, das fortan ihre Seele feſſeln ſollte. Alle Zeit, welche ſie nicht in den Hoſpitälern der Stadt zubrachte, widmete ſie religiöſen Betrachtungen und Gebeten, und als ihr Gemahl zurückkehrte, war es ihm nicht mehr möglich, diejenige, welche er ſo kurz zuvor in dem Stolze der Schönheit, Ju⸗ gend und Lebensluſt verlaſſen hatte, in ihrer ſich ſelbſt er⸗ niedrigenden Demuth und Frömmigkeit wieder zu erkennen. Von dem Patriarchen von Jeruſalem unterſtützt, bat ſie, daß ihr geſtattet werden möge, die Lebensweiſe, die ſie er⸗ griffen, fortſetzen zu dürfen. Der Graf verweigerte aber ſeine Zuſtimmung auf das Entſchiedenſte. Als nun der ehrwürdige Patriarch jedes Ueberredungsmittel erſchöpft hatte, ſich aber überzeugt hielt, daß in dieſem Falle der Wille der Vorſehung ſich auf das Beſtimmteſte ausgeſprochen habe, ſchlug er dem Grafen vor, ihn für den Verluſt der von ihm ſo zärtlich geliebten Gattin durch die erwähnte Reli⸗ quie zu entſchädigen; dieſelbe beſtand in einigen Tropfen des Blutes des Heilandes, die von denjenigen geſammelt und aufbewahrt worden waren, deren fromme Sorge ihm den letzten traurigen Dienſt geleiſtet hatte, ſeinen Körper vom Kreuze zu nehmen, um ihn, der jüdiſchen Sitte ge⸗ mäß, zum Begräbniß vorzubereiten. Die Chronik fügt hinzu, dieſer Vorſchlag habe den erwarteten Erfolg ge⸗ habt. Der bis dahin ſo heftig widerſtrebende Graf ſei ſanft wie ein Lamm geworden, habe ſich ehrfurchtsvoll vor dem greiſen Prieſter niedergeworfen und ihn dringend gebeten, ubn ſofort in den Beſitz des reichen Schatzes zu ſetzen, den er zetzt über alle anderen werth hielt. Nachdem er die —;— Reliquie empfangen hatte, hing er dieſelbe, an eine goldene derſelben Dimenſion, Kette befeſtigt, um den Hals, und legte ſie bis zu dem Schickſale dargeſtellt Augenblicke ſeiner Ankunft in Brügge niemals wieder ab, um ſie dort einem der Prieſter zu übergeben, die er eigens dazu angeſtellt hatte, dieſelbe in einer zu dieſem Zwecke erbauten Kirche der Verehrung auszuſetzen und ſich ihrem Dienſte zu weihen. Es läßt ſich leicht ermeſſen, welche Berühmtheit ein ſolcher Schatz in einer Stadt erlangen mußte, die ſich ohne⸗ hin durch den Enthuſiasmus ihrer Bewohner auszeichnete. — Die Feſtlichkeit, die wir zu ſchildern verſuchen, fand zur Feier des ſechsten Jubiläums der Translation der Re⸗ liquie des heiligen Blutes, wie ſie allgemein genannt wird, am 3. Mai 1749 ſtatt, und ſtellte ein bemerkenswerthes Beiſpiel der Macht des Aſſoziationsgeiſtes dar, durch wel⸗ chen wir oft Individuen der niedrigſten Volksklaſſe, wie einſt die Damen der Halle in Paris, welche das leider nicht mehr vorhandene berühmte Fenſter von gemaltem Glaſe in der Kathedrale von Nôtre Dame auf ihre Koſten ſtifteten, zu wirkſamen Förderern der Künſte werden ſehen. Die Prozeſſion des heiligen Blutes hatte einen zwei⸗ fachen Charakter. Der Theil derſelben, welcher der Reli⸗ quie voranzog und dieſelbe in unmittelbarer Nähe umgab, beſtand aus Bußfertigen, alles Uebrige war freiwillig An⸗ theil nehmender Volksaufzug, der das Feſt der Kirche zu einem Volksfeſt machte.— Der erſte Theil des Aufzuges ordnete ſich nach folgenden Klaſſen, wobei bemerkenswerth iſt, daß man dem bibliſchen Spruche die Ehre gab: Die Letzten ſollen die Erſten ſein, denn der Ehrenpoſten war ganz hinten dicht bei der Reliquie. Voran zogen die beiden Waiſenſchulen von Mädchen und Knaben, dann die Gewerke und Korporationen in fol⸗ gender Ordnung: Vogelfänger, Gaſtwirthe, Tabakshändler, ſieben verſchiedene Zünfte von Arbeits⸗ und Quartiersleu⸗ ten, nach ihren Stationen bei den Brücken oder Landungs⸗ plätzen geordnet, Brauer, Gärtner, Krahnzieher, Wein⸗ küper, Maurerhandlanger, Maurer, Zimmerleute, Schiffs⸗ zimmerleute, Ziegeldecker, Bleigießer, Säger, Steinmetzen, Böttcher, Rademacher, Drechsler, Tiſchler, Bogenmacher, Seiler, Töpfer, Schmiede, Goldſchmiede, Waffenſchmiede, Zinngießer, Wollenweber, Walkmüller, Leinenweber, Fär⸗ ber, Schlachter, Tuchſcheerer, Fiſchhändler, Schuſter, Schwarz⸗ gerber, Lohgerber, Weißgerber, Handſchuhmacher, Strumpf⸗ weber, Schneider, Trödler, Bäcker, Kornträger, Kornmeſ⸗ ſer, Müller, Hutmacher, Korbflechter, Barchentweber, Blei⸗ cher, Chirurgen(vulgo Barbiere), Zinnhändler, Frucht⸗ händler, Seeleute, Kaufleute. Nach ihnen kam die Geiſtlichkeit in folgender Ordnung: Kapuziner, Franziskaner, Karmeliter, Auguſtiner, Domi⸗ nikaner, die Mönche der Abtei Exckhoule, der Dekan und das Kapitel von St. Sauveur, der Dekan und das Ka⸗ pitel von St. Marie, der Dekan und das Kapitel der Kathedrale, der Biſchof von Brügge, die Reliquie der So⸗ dalität des heiligen Blutes, die Civil⸗ und Militärbehörden, die Juſtizbeamten und die ſtädtiſchen Behörden. Der darauf folgende Aufzug beſtand aus vierſpännigen Triumphwagen, auf denen ſich eine Menge grotesker Figu⸗ ren mit den Attributen der verſchiedenen Perſonen befanden, welche ſie darzuſtellen beſtimmt waren. Auf dem erſten Wagen ſtanden, neben der Figur der Fama und des Schutz⸗ heiligen der Stadt, Joſeph von Arimathia und Nikodemus, deren frommer Sorge die Erhaltung der Reliquie zugeſchrie⸗ ben wird. Dieſem erſten Wagen folgten fünf andere von Feierſtunden. 1865. ——ò—;ℳꝑ; durch deren Inſaſſen die verſchiedenen Verlaufe ihrer Geſchichte zugeſtoßen ſind. Der ſiebente Wagen, ein viel zu künſtliches Gebilde für unſere ſchwache Schilderungsfähigkeit, war ein Geſchenk der Studirenden des Jeſuiten⸗Kollegiums. Er wurde von ſechs Pferden ge⸗ zogen, durch einen Zug von Reitern und Fußgängern in reichem ſpaniſchem Koſtüme eingeführt, und ſcheint bildliche Darſtellungen aller Künſte und Wiſſenſchaften, ſowie eine Menge von Figuren enthalten zu haben, welche dem regie⸗ renden Monarchen zur beſonderen Ehrenbezeugung aufgeſtellt waren. Der groteskere Theil des Aufzuges blieb vor Allem aber der, welchen die Gewerke und Korporationen bildeten. An der Spitze deſſelben erſchien das Haus des Zachäus, ein Geſchenk der Gaſtwirthe, und ihm folgte die Figur des heiligen Lukas, der ganz bequem zwiſchen den Hörnern eines Ochſen von Pappe, eines Geſchenkes der zu dieſem Zwecke vereinigten Buchhändler und Schullehrer, aufgepflanzt war. Dann kam der heilige Victor zu Pferde in voller Rüſtung, ein Geſchenk der Müller; ein Pelikan, von den Bäckern dargebracht; ein Adler, das Geſchenk der Maurer; ein Schwan, von den Trödlern geſtellt; ein Phönix, die Wid⸗ mung der Maler; ein Strauß, auf dem ein Chineſe ritt, und welchen die Schmiede geſchenkt hatten; eine Nachtigall mit einem Uhrwerk, welche ſehr melodiſchen Geſang ertönen ließ, das Geſchenk der Bleicher; ein Ochſe, die Gabe der Gerber; ein Kameel, auf welchem ein ernſter chineſiſcher Mandarin ſaß, von den Zimmerleuten dargebracht; ein Hirſch, das Geſchenk der Schuſter; ein ſilberner Löwe, von den Silberſchmiedemgeſtellt; ein ſchwarzer Löwe, den Schlach⸗ tern gehörend; ein Tiger, von den Chirurgen dargebracht; ein Elephant, von den Bleigießern gegeben; ein Rhinozeros, das Geſchenk der Handelskammer; ein Krokodil, das die Ziegeldecker dargebracht hatten; ein Wallfiſch, von den Fiſch⸗ händlern geſchenkt; ein Einhorn auf einem Berge von Pappe, das Geſchenk der Fruchthändler; ein Karren, der einen mit Fruchtbäumen angefüllten Garten darſtellte und von den Gärtnern herrührte; ein anderer von den Tabakshändlern, der eine Tabakspflanzung darſtellen ſollte; Bacchus, auf einem Weinfaſſe reitend, von den Weinküpern, und ein Schiff, von den Seeleuten dargebracht.— Den Schluß des Aufzuges bildete die nie fehlende Giganten⸗Familie, ohne welche noch heutzutage in Belgien kein Aufzug ſtattfindet; ein Gebrauch, der ſich ſelbſt bis in die nördlichen Provin⸗ zen Frankreichs, wofelbſt der berühmte Rieſe von Douay dem Gerichtsrath Quenſon Veranlaſſung zu einer ſehr ſorg⸗ fältig ausgearbeiteten und mit Kupferſtichen geſchmückten Diſſertation gegeben hat. Der Kopf des Rieſen reichte bis in das zweite Stockwerk der höchſten Häuſer, wo er vor⸗ beizog, flüchteten Ammen und Kinder vor ſeinem gefürch⸗ teten Anblicke; den Damen in den erſten Stockwerken reicht⸗ er traulich die Hand, und der Federbuſch auf ſeinem Helre warf den Schatten in die höchſt gelegenen Giebelkamren. Die Gigantenfamilie beſtand aus drei Perſonen; Gella⸗ nus, den die Brauer, Fidelia, ſein Weib, das diß eiden⸗ händler, und ihre Tochter Floriana, welche die„ler ge⸗ ſtiftet hatten. Dieſe drei Perſonen hielten* der ganzen Dauer der Prozeſſion von Zeit zu Z⸗ Whache in Verſen mit einander, deren Haubtgegenſt d das zubi⸗ läum war, und in welches gelegentliche Nsfülle f die Zeitverhältniſſe mit eingeflochten wurden. werden ſollten, welche der Reliquie im unnter nägend ult er Feierſtunden. 1865. 481 ——— Vrſchidem Serra dos Orgaos. eliquie im 4 ſiebent Der Gebirgszug dieſes Namens erhebt ſich in Braſi⸗ den Hitze, welche in den tiefer gelegenen Küſtenſtrichen 5 ſchwach lien, 10— 12 Stunden von Rio de Janeiro, und verdankt herrſcht, zu entfliehen.. Studirenden ſeinen Namen der Aehnlichkeit mehrerer der Berge mit Durch die niedrigere Temperatur, welche durchgängig gferden ge Orgelpfeifen. auf der Serra herrſcht, iſt auch die Vegetation modificirt, gängern in Die Serra dos Orgaos iſt in Südamerika weit be⸗ und man findet dort die meiſten Früchte und Gewächſe dantbildliche kannter wie andere großartigere Gebirgsketten, da die ver⸗ Süd⸗Europas zugleich mit dem Pflanzenreichthum der tro⸗ „ſorie eine mögenden Einwohner von Rio ſie zu ihrem Sommeraufent⸗ piſchen Zone. ruene halt erkoren haben und jährlich hinpilgern, um der drücken⸗* gäſellt vor Allen nen bildeten. des ZZachäus, ie Figur des örnern eines eſem Zwete pflanzt war. er Rüſtung, den Bäckern kaurer; ein at, die W⸗ Chineſe ritt, e Nachtigall ſang ertönen ie Gahe der chineſiſcher gracht; ein Löwe, von den Schlach⸗ 1 dargebracht; Rhinozeros, il, das die n den Fiſh⸗ von Pappe, er einen mit nd von den akshändlern, urchus, auf . und ein Schluß des nilie, ohne ſtattfindet hen Provin⸗ von Dounh ſehr ſ⸗ iſchmüͤcten Serra dos Orgaos. Die Wahrſagerin. belkunſnn vSe Eine Novelle vou L. Dubois. — 3 4— 2, 1. Ihrigen genannt wird, keine andere, als die ſchöne, bezau⸗ dille g Sata Stun Gie werden ſich alſo nächſtens verheirathen, bernde Lady Woodfield.“ efep der Tyl Kacwie ich höre?“.„Und wo haben Sie dieſe hübſche Geſchichte gehört, Gerüche ſſ enIch?“ Hm! Wer ſoll denn die ſchöne Dame ſein, Sir Georg, wenn ich fragen darf?“ erwiederte Weſton, wich ihr Glück von mir erwartet?“ ſtolz die Lippe rümpfend. d Eine ſonderbare Frage aus Ihrem Munde, in der„Ueberall, die ganze Welt ſpricht davon.“ Th Den umlaufenden Gerüchten zufolge— meiner ein⸗„Ich wünſchte, die Welt bekümmerte ſich um ihre ziger[Quelle— iſt die Dame, deren Name mit dem eigenen Geſchäfte.“ * Pflunden. 1865. 61 —-:-ᷣ—ðõO—C———-ͤY-— „Das thut ſie, denn gerade das ſind ihre Geſchäfte und werden es bis in alle Ewigkeit bleiben. Aber ich will Ihnen etwas ſagen, Freund Weſton. Solche Gerüchte ent⸗ ſtehen ſelten ohne allen Grund und können einen Mann in recht fatale Verlegenheit bringen, wenn ſie unwahr ſind. Deßhalb möchte ich Ihnen rathen, auf Ihrer Hut zu ſein.“ „Meine beſte Hut beſteht darin, daß Jedermann weiß, wie fern mir jeder Gedanke an das Heirathen iſt.“ „Im Gegentheil, Jedermann weiß, daß Sie daran denken, oder mit Ihrem fürſtlichen Vermögen wenigſtens daran denken ſollten. Ein armer Teufel, wie ich, mag ledig bleiben, denn er hat kein Recht, ſich zu verheirathen; aber ein reicher Mann, wie Sie, ſollte grundſätzlich eine Frau nehmen. Es iſt eine Pflicht, welche er gegen die menſchliche Geſellſchaft hat.“ „Möglich, und ſobald die menſchliche Geſellſchaft ſich die Mühe nimmt, alle ihre Pflichten gegen mich zu erfül⸗ len, werde ich vielleicht auch dieſe Rückſicht in Betracht ziehen. Vorläufig habe ich jedoch noch keine derartigen Ab⸗ ſichten. Wenn ich ſie aber auch hätte, ſo wüßte ich wirk⸗ lich nicht, ob meine Wahl auf Lady Woodfield fallen würde.“ Sir George Grey war, wie er ſagte, ein armer Mann, das heißt, nach der in dieſer Standesklaſſe üblichen Bedeutung des Wortes, indem er von ſeinem Vater die Baronetswürde und ein ſo weit verſchuldetes Gut ererbt hatte, daß ſein Einkommen ihm nur erlaubte, ſich anſtän⸗ dig zu kleiden, ein Pferd zu halten, und in ſeinem Klub zu leben. Er war klug und gewandt, aber zu träge, um ſeine Talente zur Beſſerung ſeiner Vermögensverhältniſſe anzuwenden. Es gab zwar Momente, in denen er ſeinen Mangel an Thatkraft ſelbſt einſah, ſich Vorwürfe darüber machte und verſicherte, daß er ſich ſeiner zweckloſen Lebens⸗ Feierſtunden. 1865. —y—-—----ↄä———B daß auch Weſton nicht ganz frei von dem Einfluſſe dieſer geheimnißvollen Kraft geblieben war, und ſeine Betrach⸗ tungen über dieſen Gegenſtand kamen immer zu dem Schluſſe, daß ſie kein für ſeinen Freund geeignetes Weib ſei. Den⸗ noch hatte er, wie geſagt, keinen eigentlichen Grund für eine ſolche Meinung, wenigſtens keinen anderen, als den allgemeinen Eindruck, daß ihr anziehendes Weſen mehr äußeren Glanz als inneren Werth habe. Ihr verſtorbener Gemahl war ein Mann von großem Grundbeſitze geweſen, bedeutend älter als ſie, und ohne ſolche Eigenſchaften, welche dieſe Verſchiedenheit der Jahre hätten aufwiegen können, denn er hatte nie für etwas Anderes Sinn gehabt, als für ſeine Hunde, ſeine Pferde und ſein Eſſen. Dieſer Umſtand hatte ihr jedoch nie Unruhe verurſacht. Der einzige Einwand, den ſie gemacht hatte, als ſie von ihrer Mutter gedrängt weſen, daß ſie befürchtet hatte, fortwährend von ſeiner Ge⸗ ſellſchaft geplagt zu werden. Gern hatte ſie ihn deßhalb ſeinen Neigungen folgen laſſen, wogegen ſie die Freiheit genoß, ſo viel Geld, als ſie wollte, auszugeben, ohne daß er Klage darüber äußerte oder ihr Vorwürfe machte. Auf dieſe Weiſe hatten ſie zwölf bis vierzehn Jahre ruhig nit einander gelebt, als er ſtarb und ihr nur ein anſtändigs Witthum hinterließ. Eitel, leichtſinnig und verſchwenderiſch lebte die juge Wittwe weit über ihre Mittel hinaus, wodurch ſie ſyr bald in Verlegenheiten verwickelt wurde, welche ſie nötlg⸗ ten, ihre Zuflucht zu dem verderblichen Mittel zu nehmn, Geld gegen hohe Zinſen zu borgen. Sie mußte ſogar zen Händen eines berüchtigten Geldverleihers die koſtbaren Ji⸗ welen als Unterpfand übergeben, welche ſie von ihrem vfr⸗ ſtorbenen Gemahl zum Brautgeſchenk erhalten hatte. Diſſe demüthigenden Umſtände wurden jedoch der Welt nicht he⸗ kannt, und da ſie ſich wohl hütete, ihre zerrütteten Vr⸗ weiſe ſchäme; allein es fehlte ihm die moraliſche Kraft, einen anderen Weg zu betreten. Er füllte ſeine Zeit ſo angenehm als möglich aus, kümmerte ſich wenig um ſeine Vermögensverwaltung und wurde nie durch irgend eine Herzensangelegenheit beunruhigt, welche die Stunde ihrer Geburt überlebte. Auch ſein Freund Weſton war bisher von Cupido's Pfeilen unberührt geblieben und ſtolz auf ſeine Freiheit, welche er jedoch eigentlich nur dem Umſtande verdankte, daß er acht Jahre ſeines Lebens, vom Zeitpunkte ſeiner Voll⸗ jährigkeit an bis zum jetzt erreichten dreißigſten Jahre, im Orient zugebracht hatte, um dort die Ruinen und Ueber⸗ reſte einer verſunkenen Größe zu beſuchen und zu bewun⸗ dern. Erſt ſeit wenigen Monaten war er nach England zurückgekehrt, wo er ſich auf ſeinem Landgute Archdown niederzulaſſen gedachte. Für den Augenblick befand er ſich jedoch noch in London, um dort mehrere ſeiner Jugend⸗ freunde aufzuſuchen, zu denen auch Sir Georg Grey ge⸗ hörte. Obgleich verſchieden in Geſchmack und Neigungen, hatte dennoch immer eine große Vertraulichkeit zwiſchen Beiden beſtanden, ſo daß Weſton's Rückkehr aus dem Orient von Georg Grey mit großer Freude begrüßt wurde. Das Ge⸗ rücht von der beabſichtigten Verbindung ſeines Freundes mit Lady Woodfield mißfiel ihm zwar, allein er wußte eigentlich nicht, weßhalb; denn ſie war eine äußerſt anziehende Perſönlichkeit, eins von jenen Frauenzimmern, die gleich— ſam eine magnetiſche Kraft zu beſitzen ſcheinen, mittelſt deren ſie die Aufmerkſamkeit des anderen Geſchlechtes unwider⸗ hältniſſe durch das leiſeſte äußere Zeichen zu verrathen, ſo blieb ſie nach wie vor der glänzende Stern in den Kreiſen ihrer Geſellſchaft. Sie war unzweifelhaft eine ſehr hübſche Frau; niht gerade klaſſiſch ſchön, aber mit jener Art von Reizen he⸗ gabt, die beſonders verführeriſch ſind. Ihr Alter war nach eigener Angabe ſiebenundzwanzig; allein da Jedermenn wußte, daß ſiebenundzwanzig bei einer Wittwe nichts vei⸗ ter als eine Redefigur iſt, ſo konnte deren Angabe an Stelle der richtigeren, dreiunddreißig, nicht gerade als ein Betrug⸗ angeſehen werden. Von den vielen Anträgen, welche ihr während des Wittwenſtandes gemacht worden waren, hutte ihr kein einziger der Beachtung würdig geſchienen. Anders verhielt es ſich jedoch, als Weſton in die Reihe der Be⸗ werber treten zu wollen ſchien. Alle Menſchen ſind für Schmeichelei empfänglich; es iſt ein Fehler, der mit Aham in die Welt gekommen iſt und wahrſcheinlich erſt mit dem letzten Menſchen daraus verſchwinden wird. Niemand mußte dies beſſer, als Lady Woodfield, und Niemand verſtand es beſſer als ſie, Nutzen aus dieſer Kenntniß zu ziehen. Weſton mußte ſich ſchmeicheln laſſen, er mochte wollen oder vicht; und während er behauptete, keinen Gedanken an Heirath zu hegen, befand er ſich auf dem Wege zu Hymenls Kemvel ſchon viel weiter, als er glaubte. Sicher tren der gleichgültig und die über ihn umgehenden Gerücht Verachtung an, indem er zu ſich ſelbſt ſagte:„E allerdings ſehr intereſſant, aber das letzte Weſen Welt, das ich mir zur Frau wählen würde.“ ſtehlich an ſich ziehen. Er hatte die Bemerkung gemacht, Eines Tages ging er langſam eine von Can worden war, ſeine Bewerbungen anzunehmen, war der ge⸗ ſeiner eigenen Kraft, hörte er Georg Grey's ahe 4. Feierſtunden. 1865. —] aiuſe dieſe Square auslaufende Straße hinab und dachte über die Ab⸗ enr Dtah, geſchmacktheit der in Betreff ſeiner cirkulirenden Gerüchte m Schluſſe nach, als er plötzlich ein lautes Schreien aus einem Laden ſei. Den⸗ erſchallen hörte, an dem er ſoeben vorüber gegangen war. Grund für Schnell dahin zurückkehrend, ſah er beim erſten Blicke, daß n, als den ſchleunige Hülfe geleiſtet werden mußte. Er ſprang in das eiſen mehr bokal hinein, riß ſeinen Rock ab und warf ihn um eine derſtorbener Dame, deren leichtes Muſſelinkleid in hellen Flammen ſite geweſen, ſtand, während der Verkäufer beſinnungslos vor Schrecken eſin, welche hn und her rannte und nicht wußte, was er thun ſollte. knnn denn Durch große Anſtrengung und Geiſtesgegenwart gelang es ais für ſine Peſton, die Flammen zu erſticken, ehe ſie der Dame eigent— mſtand hatten ge Einwand, tter gedringt lihen Schaden hatten thun können. Das ſehr hübſche junge Mädchen befand ſich natürlich in heftiger Aufregung durch dieſen ſchrecklichen Zufall, der, wie ſich ergab, durch die 483 ——————————d Gefühl war die Ruhe eines denkenden Geiſtes. Beim erſten Anblicke wurde ihre Schönheit von Wenigen beachtet, weil ſie nicht von jener blendenden Art war, die das Auge ſo⸗ gleich mit vollem Glanze trifft; aber ſowie der Tag nur allmählig herauf dämmert und mit jedem Augenblicke heller und heller wird, ſo ſtrahlte ihr liebliches Geſicht einen im⸗ mer zunehmenden Glanz aus, je länger man es betrachtete. Das tiefblaue Auge war in Gegenwart von Fremden ge⸗ wöhnlich niedergeſchlagen und durch lange ſeidene Wimpern verſchleiert, aber ſein ſanfter Ausdruck verrieth ein warmes und tieffühlendes Herz. Die Häuslichkeit war ihre eigent⸗ liche Sphäre. An anderen Orten wurde ſie oft von unter⸗ geordneten Sternen verdunkelt, dort jedoch ſtrahlte ſie und verbreitete Licht und Glanz nach allen Seiten. Da ihr Vater im Rufe großen Reichthums ſtand, ſo fehlte es ihr nicht an zahlreiche angeblichen Anbetern; allein die Schmei⸗ cheleien derſelben wurden mit einer ſolchen Kälte aufgenom⸗ men, daß es unter ihnen allgemein hieß, Roſina Angelo ſei zwar ein recht hübſches Mädchen, aber ein höchſt be⸗ ſchränktes und unempfindliches Weſen. Sie ahnten nicht, welche reiche Mine häuslicher Tugenden und warmen Ge— fühls unter dieſer Eisdecke verborgen lag. Allein dieſer Gleichgiltigkeit ungeachtet gab es ein männliches Weſen, deſſen Blicke und Worte ihr ein mehr als gewöhnliches Intereſſe abgewonnen hatten, und dies war Mr. Weſton. Sie hatte ihn öfters in den Geſellſchaften einer Verwand⸗ ten, Mrs. Armſtrong, geſehen, wo Lady Woodfield die herrſchende Schönheit war, und zuweilen im Stillen ge⸗ wünſcht, einen ebenſo glänzenden Verſtand und ein ebenſo leichtes Benehmen wie dieſe Dame zu beſitzen, deren Eigen⸗ ſchaften augenſcheinlich einen großen Reiz für ihn hatten. Zu anderen Zeiten wunderte ſie ſich jedoch darüber, wie ſie überhaupt ſo oft an einen Mann denken konnte, der ihr nie die geringſte Aufmerkſamkeit bewieſen hatte. Es war nicht ſein Aeußeres, ſeine Perſönlichkeit, was ſie anzog, ſondern es waren die hochherzigen Geſinnungen, welche ſie ihn im Geſpräche mit Anderen in wohlklingen⸗ der, beredter Sprache hatte äußern hören, und die ſie un⸗ willkürlich mit dem faden oder frivolen Geſchwätz anderer Männer verglich. Kein Wunder alſo, daß nach jener Hand⸗ lung, welche ihm einen Anſpruch auf ihre Dankbarkeit gab, ein noch wärmeres Gefühl in ihrer Bruſt zu keimen be⸗ gann. Sie wurde tiefſinnig, zu Zeiten faſt melancholiſch, machte gern einſame Spaziergänge und fand einen beſon⸗ deren Genuß darin, ſich jenes ſchreckliche Ereigniß mit allen einzelnen Umſtänden in das Gedächtniß zurückzurufen, wel⸗ ches ihr das Recht verliehen hatte, ihn ihren Retter zu nennen— ein Recht, das ſie nicht fur alle Schätze In⸗ diens aufgegeben hätte. Als ſie ſich eines Morgens mit ihrem Vater beim Frühſtücke befand, ſagte Letzterer, ohne zu ahnen, welches Intereſſe der von ihm berührte Gegen⸗ ſtand für ſeine Tochter hatte: „Es iſt doch jammerſchade, daß ein Mann wie Weſton ſich an eine ſo herzloſe Kokette wegwirft, wie dieſe Lady Wooßfield iſt.“ „Woher weißt du, daß das ſeine Abſicht iſt, lieber Vater?“ fragte Roſina, während ſie ihm mit etwas zit⸗ ternder Hand den Kaffee reichte. „Je nun, man ſpricht ja ſchon ſeit längerer Zeit ganz allgemein davon, ſo daß ich es für eine abgemachte Sache halte. Es thut mir leid um ihn, denn er wird dieſen Handel theurer bezahlen müſſen, als er glaubt. Allein wenn ein Mann ſich durchaus ſeinen Verſtand will weg⸗ war der g⸗ Nachläſſigkeit eines Knaben veranlaßt worden war, welcher n ſeiner e ein ſich entzündendes Streichhölzchen hatte fallen laſſen; ihn defaih allein bald erholte ſie ſich genügend, um ihrem Retter dan⸗ die Friſeit ken zu können. n, ohne daß„Wenn ich nicht irre,“ ſagte ſie im ſüßeſten Tore, nchte, Af„iſt es Mr. Weſton, dem ich dieſe rechtzeitige Hülfe ver⸗ ruhig rit danke?“ anſtändies„Mein Name iſt allerdings Weſton,“ erwiederte er erſtaunt,„allein ich muß zu meiner Schande geſtehen, daß ie die jig ich mich nicht erinnern kann—“ ch ſie ſh„Er kann ſich meiner nicht mehr erinnern,“ wieder⸗ eſie nöthg⸗ holte ſie innerlich mit Betrübniß; aber ſchnell ſich ſam⸗ zu nehmm mulnd ſagte ſie laut:„Mein Name iſt Angelo. Ich glaube ſoor ia Se im Hauſe der Mrs. Armſtrong geſehen zu haben.“ tbaren Jo⸗„Ganz richtig, jetzt erinnere ich mich vollkommen. ihrem vr⸗ Ihr Herr Vater iſt Mr. Leonhard Angelo in Highgate. zatr. Diſe Ich habe die Ehre, ihm nicht unbekannt zu ſein, und Sie lt niht wirden mir deßhalb erlauben, Miß Angelo, daß ich Sie itteten Vr⸗ ſicer bis zu Ihrer Wohnung begleite. Nach einem ſolchen rrathen,„ Sthrecken dürfen Sie nicht allein gehen.“ den Kreſſe Die junge Dame lehnte jedoch ſeine Begleitung mit dilem Dank ab und ſagte, während er ſie in den ihrer Frau; niſt wirtenden Wagen hob: Neien Nd.„Mein Vater wird Ihnen ſeine Aufwartung machen er war nh und den ſchuldigen Dank für das, was Sie für mich ge⸗ Jebermam ihan haben, beſſer ausdrücken, als ich es vermochte. nichts wei⸗ Weſton lehnte höflich allen Anſpruch auf Dankbarkeit ran Stelle ab, ſprach ſeine Hoffnung aus, daß der unglückliche Zu⸗ ein Betug fall keine nachtheiligen Folgen haben werde, empfahl ſich welche ihr und ſetzte ſeinen Weg fort, ohne weiter viel an das Ereig⸗ aren, halt niß zu denken. Allein nicht ſo die junge Dame, welche er Anders viel icht von einem ſchrecklichen Tode errettet hatte. Jder Be Roſina Angelo war die Tochter eines Diamanten⸗ ie ind füir hänlers, welcher in Highgate, einer Vorſtadt von London, 1 Aham wonte, aber ſein Geſchäftslokal in Bedford Square hatte. I it em Er er zwar in England geboren, doch von ausländiſcher f mu A und Wittwer, weßhalb ſeine Tochter Roſina als nand n es Aud im Hausweſen gebot. Sie war jedoch nicht vrrſtin ſein s Kind; außer ihr hatte er zwei Söhne, von ene ocht dene zer Eine in der Armee, der Andere bei einer dd 65 aust u eßeren(efand, und die Tochter konnte Heir nbel deßh ße Erbin gelten, obgleich der 6 DTatd te ein Har. Roſina war ein ſtilles, p der d hl e. öhſt anſpruchslos und ſo zurück⸗ Me er ennen,“ ſie von denjenigen, welche ſie rrüch wich in d It und unempfindlich gehalten : 7 1d geſchich eſten zu ſein. Ihre ſcheinbare ſen Th/ ſe Was ue nachgeſing, welche aus Mangel an Wiger ſt aea ge Einſund ihr angeblicher Mangel an Cal — ſchmeicheln laſſen, ſo muß er auch die Folgen tragen. 61* 8— —₰ —-GAeeF ———y 484 ——⅓—⅓—⅓ꝛ:—ͤ—y—————ͤ—————————n——— — Feierſtun Roſina verſtand nicht die volle Bedeutung dieſer Be⸗ merkungen, welche ſich auf Mittheilungen bezogen, die ihm in ſeinen Geſchäftsverbindungen als Diamantenhändler ge⸗ macht worden waren und vermöge deren er in Erfahrung gebracht hatte, daß Lady Woodfield, nachdem bereits alle ihre Juwelen für eine hohe Summe verpfändet worden waren, jetzt noch ein neues Darlehen unter dem Vorgeben erheben wollte, daß ſie mit dem reichen Beſitzer von Arch⸗ down verlobt ſei. Wenn er ein vertrauter Freund von Weſton geweſen wäre, ſo würde er keinen Anſtand genom⸗ men haben, ihm über dieſe Dinge die Augen zu öffnen; allein ſeine Bekanntſchaft mit ihm war nicht intim genug, um eine Einmiſchung in ein ſo delikates Verhältniß zu rechtfertigen. Die einzige Perſon, der er deßhalb dieſe zu⸗ fällig erlangte Kenntniß von den Verhältniſſen der lebens⸗ luſtigen jungen Wittwe mittheilte, war Fine Schwägerin, eine unverheirathete Dame, welche in ſeiner Nähe wohnte und faſt täglich ſein Haus beſuchte. Miß Somerſet war eins jener gutherzigen weiblichen Weſen, die, wenn ſie den Meridian des Lebens überſchrei⸗ ten, die warmen und heiteren Empfindungen der Jugend nicht hinter ſich zurück laſſen und vergeſſen; und obgleich ſie ſelbſt nur wenig Erfahrungen in der Liebe hatte, ſo wurde es ihr doch nicht ſchwer, das Vorhandenſein dieſer Leidenſchaft bei Anderen zu erkennen. Sie hegte deßhalb keinen Zweifel, daß dies auch mit ihrer Nichte der Fall ſei, und ſagte oft zu ſich ſelbſt:„Schade, daß er ſie nicht beſſer kennt! Das Mädchen iſt mehr werth, als hundert ſolche Weiber wie Lady Woodfield!“ 2. Lady Woodfield hatte im Stillen Alles gethan, was in ihrer Macht ſtand, um im Publikum den Glauben zu verbreiten, daß ſie auf dem Punkte ſtehe, ſich mit Mr. Weſton zu vermählen, deſſen Zögern mit der ſicher erwar⸗ teten Erklärung ihr bereits einige Unruhe zu verurſachen begann. Sie hegte zwar keineswegs Zweifel über ſeine Abſichten, aber hatte gewiſſe beſondere Gründe, die Schritte des Bewerbers möglichſt zu beſchleunigen. Nachdem ſie zu dieſem Zwecke mehrere Pläne entworfen und wieder ver⸗ worfen hatte, entſchloß ſie ſich endlich, eine Landparthie zu arrangiren, in der Hoffnung, bei dieſer Gelegenheit— vielleicht durch einen einſamen Spaziergang mit dem Er⸗ wählten— die Sache zur Entſcheidung zu bringen. Als ſie Gewißheit darüber hatte, daß Weſton bereit war, daran Theil zu nehmen, traf ſie eiligſt die nöthigen Vorbereitun⸗ gen. Unter den Eingeladenen befanden ſich auch Roſina Angelo und Miß Somerſet; die Tante lehnte jedoch die Theilnahme an der Parthie unter dem Vorwande eines leichten Unwohlſeins ab. Roſina ſollte ſich deßhalb der Armſtrong'ſchen Familie anſchließen, welche ihr einen Platz im Wagen anbot. Sie hatte Mr. Weſton ſeit jenem denkwürdigen Tage nicht geſehen, an dem ſie ihm ihre Rettung vom Feuertode verdankte, und freute ſich darauf, wieder mit ihm zuſam⸗ men zu kommen, obgleich ihr das Gerücht von ſeiner be⸗ vorſtehenden Verlobung mit Lady Woodfield bekannt war, und obgleich ſie die Ueberzeugung hatte, daß er ungeachtet jenes ihr geleiſteten Dienſtes nicht das geringſte Intereſſe für ſie hegte; denn ihr Vater hatte ihn auf die freundlichſte Weiſe zu einem Beſuche in ſeinem Hauſe eingeladen, allein er war dieſer Einladung nicht gefolgt. den. 1865. —— ſo weit das Auge reichte, ſpannte ſich ein azurblauer, uſ getrübter Himmel. Der erwählte Ort war ein leineln, ungefähr zwei Stunden von London entlegenes Gehölz, wi i hin mehrere Dienſtboten mit wohlgefüllten Körben, Pof ſterkiſſen für die Damen und allen anderen Erforderriſſt zu einem ländlichen Banket vorausgeſchickt worden wiret ſi Drei offene Wagen, welche an verſchiedenen Stellen 81 Weges zuſammentrafen, enthielten die Damen und dielt ⸗ ren Herren der Geſellſchaft, während die jüngeren Mänen ihre eigenen Pferde benutzten. Unter ihnen befandm ſid⸗ auch Sir Georg Grey und Mr. Weſton, welcher(ettenn ſich dicht an der Seite von Lady Woodfield's Wagen hit ſc und eine ſehr lebhafte Unterhaltung mit ihr führte. „Sie hat ihn feſt, das iſt klar,“ ſagte Mr. Armn ſtrong, welcher mit ſeiner Frau und Roſina Angelo i d nächſtfolgenden Wagen ſaß.. 4 „Es ſieht in der That ſo aus,“ erwiederte die Kan⸗ „aber ich hätte doch geglaubt, daß er ſich eine ander ör* wählen würde. Lady Woodfield iſt in der Geſellſchaft w br ganz angenehm, allein—“ 3 „Still, ſtill, meine Liebe, nichts davon! Wem ei Mann durchaus die ihm geſtellten Schlingen und Fill 4 nicht ſehen will, ſo muß er ſich darauf gefaßt machen, d rin gefangen zu werden.“ Gedankenvoll hörte Roſina dieſen Bemerkungn z welche mit den neulichen Anſpielungen ihres Vaters in V treff dieſer Dame ſo genau übereinſtimmten, und konnt 1 umhin, den eleganten Reiter mit ängſtlichem Intert. 5 beobachten, während er neben dem Wa ritt und ſeinen Kopf zu ihr niederbeugte, keine Silbe aus ihrem Munde zu verlieren. ſcheinlich Alles auf, ihm zu gefallen, und ihre Bemüzullt gen ſchienen nicht vergeblich zu ſein, denn ſein herzlichi Lachen bewies, daß er von ihren Geſprächen, wenn aff nicht ſonderlich erbaut, mindeſtens amüſirt wurde, mnat ſolchen Fällen häufig ſchon ein großer Vortheil iſt. Laſſt Woodfield war in vortrefflicher Laune, weil ſie ſich qt ſicherem Boden zu ſehen glaubte und nicht zt. te, d in wenigen Stunden ihr Triumph vollendet ſein wede Kurz nach Mittag erreichten die Wagen das Geßi einen wirklich reizenden Ort, der ganz geeignet war, ein zaudernden Liebhaber zum entſcheidenden Schritte zu bring! l Die Wagen und Pferde wurden verlaſſen und der Oitet der Dienſtboten übergeben, worauf die Geſellſchaft der heiterſten Stimmung dorthin begab, wo die a Raſen ausgebreiteten Erfriſchungen ihrer warteten. nahm ein leichtes Frühmahl ein, und Lady Woodf 1 anerkannte Leiterin des Ganzen, machte ſodann 1 ſchlag, daß die Geſellſchaft ſich zwei Stunden ſtreuen und in einzelnen Gruppen umherwandern une zu dem inzwiſchen unter dem Schatten prächtiger Ka t. bäume zu ſervirenden Mittagsmahle zurückkehren ſollen. ſer Vorſchlag wurde einſtimmig angenommen, wor a Dame Weſton's Arm ergriff, einen kleinen Fußß ſi ihm einſchlug und ſehr bald im Gehüſche verſchwa: d rend die Anderen in kleineren oder grf Heiralh zu 1 rückblieben. en.s Kenvel „Das nenne ich kaltblütig,“ bemeren der indem er den Verſchwindenden nachblicks che „Ich würde es eher heißblüthig berücht Anderer;„aber hüten wir uns, ihnef:„ kommen.“ ſeſen Das Paar, dem dieſe Spötteleien —— Der für den Ausflug beſtimmte Tag war hell und klar; den, ſetzte ſeinen Weg durch die wald 5 anmuthsvoller Ausdruck u unter ihrem kalten Aeußere „Wäre ich ein Mann, der heirathen kann, dachte er am Schluſſe der Unterhaltung,„ſo würde ſicherlich dieſen ſtillen kleinen Stern, mit ſeinem ſanften Lichte, jedem glühenden Kometen vorziehen. Aber ein Jeder nach ſeinem Geſchmacke!“ i nie vermuthet haben würde. wie Weſton, 3. Nichts gewährt ein ſchöneres Bild von Freude und Heiterkeit, als ein ländliches Mahl im Freien, unter dem Schatten der Bäume, an einem milden Junitage, wenn Wohlgerüche und der Geſang der Vögel die Luft erfüllen. Das Vergeſſen jeder Förmlichkeit, die reine Atmoſphäre, der dadurch geſtärkte Appetit und die bei ſolchen Gelegen⸗ en reiche Auswahl deſſen, was den Gaumen reizen und Herz beleben kann— Alles trägt dazu bei, der Scene n fröhlichen Anſtrich zu geben. Allein könnte man in Gemüther derjenigen blicken, welche dieſe heitere Gruppe en, ſo würde man ſelbſt hier oft Mißvergnügen, Eifer⸗ t und Unzufriedenheit, geheimen Kummer und den merz getäuſchter Hoffnungen finden. Sir Georg Grey, der ein ziemlich ſcharfes Auge be⸗ „bemerkte bald, daß mit Lady Woodfield nicht Alles tig war. Auch fiel es ihm auf, daß Roſina, welche her während des Spazierganges mit ihm die Unterhal⸗ g ziemlich lebhaft geführt hatte, plötzlich ſchweigſam und hdenkend wurde. Ihre Gedanken waren augenſcheinlich einem beſonderen Gegenſtande beſchäftigt, denn mehr einmal gab ſie ihm ganz verkehrte Antworten auf ſeine gen und ſchien nur Ohren für das zu haben, was ſton ſagte, obgleich Letzterer nicht mit ihr, ſondern mit ſeren ſprach und ihr überhaupt an dieſem Tage keine ere Aufmertſamkeit bewieſen hatte, als eine freundliche skugung im Vorübergehen. Nach dieſer Wahrnehmung h er deßhalb die Unterhaltung mit ihr ab. „So, ſo!“ dachte er.„Wirft mein hübſcher kleiner en ſeine Strahlen nach der Richtung? Vielleicht wäre wenn ich ihm einen Wink gäbe, klug genug, ſeine nwärtigen Abſichten zu ändern,— das heißt, wenn er Thorheit nicht ſchon begangen und eine Erklärung ab⸗ eben hat, was ich, nach den Blicken der Dame zu ließen, bezweifeln möchte. Irgendwo iſt eine Schraube „denn ich bin überzeugt, daß dieſe ganze Partie in der zlich freuen ſoll es mich, wenn dieſer Plan fehlſchlägt.“ es Baumes niederſetzte. dy Woodfield.„Wahrſ Ueberreſte des Eſſens.“ „Um des Himmels willen, ſie ſoll haben, der Zigeunerin Fleiſch, Brod und Bier mit der Weiſung „ bewerkſtelligen ſei, ich übrigen Geſellſchaft den Lebensmitteln und der Antwor daß ſie weder Speiſe noch denjenigen in der Geſellſchaf welche es zu hören wünſchten und einzeln zu ihr kommen bns d wollten. 4 flüſtern und verrie lich den Wunſch, den Muth hatte, die Erſte zu ſein. dem Scherze fand, daß er wolle und die Wahrſagerin in indem er ihr ſage, daß er ſeit und ſie auffordere, Feierſtunden. 1865. —p —— Während er darüber nachdachte, ohne ſich dem Spott und Gelächter der auszuſetzen, kam der Dienſtbote mit t der Zigeunerin zurück, Trank bedürfe, aber bereit ſei, t ihr Schickſal zu verkünden, 9 di Die jüngeren Damen begannen jetzt unter einander zu Pur then durch ihr Lachen und Erröthen deut⸗ ihr Glück zu verſuchen, ohne daß eine 5 Grey, welcher Vergnügen an Allen ein gutes Beiſpiel geben Verlegenheit zu ſetzen hoffe, kurzer Zeit verheirathet ſei ihm ſeine junge Frau zu bezeichnen. igen Abſicht ſchlenderte er langſam dem Orte zu, wo ſie ſaß, während die Blicke Aller ihm nei⸗ gierig folgten. Die Unterredung dauerte ziemlich lang und mit nicht geringem Erſtaunen nahmnen die Zuſcha wahr, daß ſeine anfangs leichtfertige und ſpöttelnde Mie immer ernſter wurde und endlich geſpannte Aufmerkſamke ausdrückte, als wenn die Beſtimmungen des Schickſals ſh nem Auge wirklich enthüllt würden. ic Bei ſeiner Rückkehr lag noch Erſtaunen auf 5 Endlich erklärte Georg In dieſer muthwill 3 6 3 Geſichte, und er verſicherte, daß es kein ſterbliches Weſe ſein könne, mit dem er geſprochen habe. Alle Andere fuhren zwar fort, die Sache als einen Scherz zu behande aber waren deſſen ungeachtet gleichfalls bemüht, in 3 Myſterien der Zukunft zu dringen, und kehrten ſämr mit verwunderten Blicken zurück. Lady Woodfield beobachtete dieſe Vorgänge mit ſ barer Verachtung und war froh, daß ihr vermutheter a⸗ beter keine Abſicht äußerte, ferner daran Theil zu ne n. Um ſo größer war ihr Schrecken, als er mit einem ſür⸗ baren Lächeln aufſtand und ganz ruhig ſagte: „Ich werde mir auch mein Schickſal proph laſſen.“ ſicht arrangirt worden iſt, um ihn feſt zu machen, und dieſen Morgen Das Mahl war dem Ende nahe, als die Zigeunerin rmals erſchien und ſich in geringer Entfernung am Fuße „Dort iſt wieder unſere Sybille,“ ſagte Weſton zu cheinlich hat ſie ein Auge auf den mich nicht fü was ſie aber gewiß iſt, daß jene inſcht, aber nur ſchnell wieder fortgehen!“ erwiederte die ame und rief einen Dienſtboten herbei, dem ſie auftrug, wie dies am beſten zu h 1 5 24 649¹ ahr? K. heſchränkten Weſen zubringen ſolle, aber bald die Entdeckung V 1 Fleiſch gemacht, daß der ſtill fließende Strom tiefer iſt als der zu bringen, ſich ſogleich wieder zu entfernen. in* geſchwätzige Bach, und bei ſich gedacht:„Sie iſt doch nicht Die auffallende Unruhe, welche Lady Woodfield bei ie ſoo übel, wie ich geglaubt habe!“ dem Erſcheinen dieſer Perſon verrieth, erweckte bei Weſton. Allmählig gewann er immer mehr Intereſſe für ſie die Vermuthung, daß dieſelbe eine beſondere Urſache habe, unrd fühlte ſich endlich faſt hingeriſſen; denn in Allem, was und ließ den Wunſch entſtehen, mit der Prophetin ſelbſt d ſie ſagte, lag eine ſolche Reinheit der Gedanken, ein ſo zu ſprechen, um zu hören, ob die ihm am Morgen zuge⸗ in nd ein ſo tiefes Gefühl, wie er flüſterten Worte wirklich eine Bedeutung hatten. 1 0 9 d 1 „ wügen 1 eann al „Nun wahrlich,“ rief Lady Woodfield, mit er⸗ rothem Geſichte empor ſpringend,„wenn auch Sie zu ſolchen Albernheiten herablaſſen, ſo wäre es Ann ung von mir, darüber erhaben ſein zu wollen. Auch i vil hingehen, denn es fällt mir ein, daß ich iie E lä⸗ rung der lächerlichen Albernheiten haben welche ir geſagt worden ſind.“ beugte ſich und blieb zurum ih den Weſton ver Vortritt zu geſtatten. Dann den Arm es Fre Georg Grey ergreifend, ſchritt er mit hn eifrig terhaltung lange Zeit auf und ab. „Mein lieber Weſton,“ ſagte 0 Letz,„S r einen ſolchen Nyren ten, künſtlern und Betigern auben Perſon fi manem? chaft r weiß als derartigen Schwarz unſerer ehrenwerthen Geſellſ treff nden lieb ſein möchte.“ „Sie meinen wahrſcheinlich Lady Woodfield, nicht gahr?“ „Ganz richtig. Verlaſſen Sie ſich darauf, bei dieſer hame iſt irgend etwas nicht in Ordnung. Sie thäten ſohl zu hören, was die Zigeunerin Ihnen zu ſagen hat, ad es nicht zu leicht zu nehmen. Wenn Sie ſich übrigens on dieſer unglücklichen Leidenſchaft losmachen könnten, nein lieber Weſton, der Weiſung Woodfield be ie bei Weſton Urſache habe, rophein ſelbſt Morgmn zuge⸗ ten. 4 Weſt ſo würde ſich, glaube ich, leicht ein a am beſtn zu ndere⸗ Weſen finden laſſen, das Sie wegen dieſer Täu⸗ Gelächte 4. hung zu tröſten vermöchte.“. dienſbote nit Wirtlih, und wer wäre das? 4 eunern und Ein reizendes junges Mädchen,— Miß Angelo.“ dher urnn ei Bah, eine Marmorſtatue, ohne Seele und Leben! Wie kmmen Sie auf eine ſolche Idee?“ „Ich urtheile aus eigener Erfahrung und weiß, daß, vas 3 angeblichen Mangel an Leben und Seele betrifft, her einandet zr fur af Irrthum beruhen kann.“. ir einan d ſr ſann ſprach er mit Wärme von ihren geiſtigen Vor⸗ u iu n. lun akee Verſtande, ihrer Einfachheit und den tauſend zu verkünden, u ihr kommen nameloſen Reizen, die er unerwartet da gefunden, wo er n.e nur faltſinn und Beſchränktheit vermuthet hatte. Weſton's Vergnügen an fluf erkſamkeit und Intereſſe wurden rege, und er beſchloß, Beipiel galet he⸗ ſichſte Einladung in das Angelo'ſche Haus nicht un⸗ zw ſeten huft at zu laſſen. Inzwiſchen war Lady Woodfield zur verheralhtt ſ oſchaft zurückgekehrt, und ihrer erzwungenen Heiterkeit 31 bexichne ſichtet ließ ſich leicht erkennen, daß ſie äußerſt ver⸗ rlanzſam den zaaiit war. Aler iſm ne Irgend einen Haken muß die Sache haben,“ dachte iemlich lang als er ſich langſam dem Baume näherte, an deſ⸗ die Zuſcha 1 Wie nerin regungslos ſaß. Sie hatte die öttelnde Mit. ff der Bruſt gekreuzt, und das lange Aufmerkſamkzut äner unter dem turbanartig um den Kopf Süjichls ſſches kele ehe hervor und bis auf den Gürtel herab, 6 eder'n auf die fernen Gruppen der Geſell⸗ als ren. ter, was habt Ihr mir zu ſagen?“ fragte nen ui l teebliches Weſſaſ Alle Ander„ Alle A 19 er zu behon berr⸗ 4 Sohn. Vor allen Dingen muß ich meine bemüht, i fewyrholen, keinen Schritt weiter auf jenem ge⸗ tren ſäm aimh age zu thun, weil er großes Unheil bringen hnn. 7 (Alich! Wenn ich in einen Abgrund ſtürze, ſo jhr mir den Hals zu brechen. Das iſt ein⸗ Sr der Sturz könnte auch das Herz brechen, was ch te: mer wäre,“ erwiederte die Shbille. al puſh er nne Zweifel, gute Mutter. Aber aus welchem fun fhließet Ihr auf einen ſo übeln Erfolg?“ eld, uit ß dem muthmaßlich vergeudeten Vermögen und S 5¹ 1 36 ſrten Seelenfrieden.“ unn, unn uf pechet etwas deutlicher. Ich verſchließe mein Ohr Auch i 4 tgegen Vernunft und Wahrheit, aber ich bin ein ein⸗ n e 6 uche Mann und liebe keine Räthſel.“ nicht t„Ih kann nicht deutlicher reden; auch iſt es nicht er⸗ nalh Pren wenn 8 verſtehen wollen. Man ſtrebt nach 9 den gühr Jolde⸗ um Schulden zu bezahlen, Juwelen einzu⸗ 1 r ged einen ruinirten Kredit wieder herzuſtellen. Der 9. diceines reichen Mannes hat unter gewiſſen Umſtänden da„Linfluß auf die Geldverleiher.“. Lollet Ihr damit ſagen, daß der meinige als eine ngm Bürgſchaft für erborgtes Geld benützt worden (ichgagte er erſtaunt. 1' Feierſtunden. 1865. ——+——— —————õͤ—B—:——B—— „Aber wie ſoll ich in's Klare darüber kommen? Was ſoll ich zu dieſem Zwecke thun?“ „Sie haben ſich nur aus der bisher eingenommenen gefährlichen Stellung zurückzuziehen. Eine ſolche Bewegung von Ihrer Seite wird bald die Gefahren an das Licht bringen, denen Sie dadurch entgehen.“ zen, die er vermeiden kann,“ ſagte Weſton ſinnend.„Ihr habt mich überraſcht. Wenn aber dieſe Mittheilungen über⸗ haupt irgend einen Werth haben, ſo ſind ſie unſchätzbar, und ich würde dann zu einem Danke verpflichtet ſein, den ich ſpäter noch beſſer abſtatten werde, als durch dieſes kleine Zeichen, welches ich Euch bitte vorläufig anzunehmen.“ Er zog ein Goldſtück aus ſeiner Börſe und reichte es der Zigeunerin. „Ich verlange keinen ſolchen Lohn,“ antwortete ſie, „weder jetzt noch ſpäter. Der Dienſt, den ich Ihnen ge⸗ leiſtet habe, darf nicht durch Gold vergütet werden. Aber wenn Sie keinen Werth auf dieſe Börſe, ohne ihren In⸗ halt, legen, ſo mögen Sie mir fie geben.“ „Sie iſt kaum der Bitte werth,“ erwiederte er lachend. „Nehmen Sie in Gottes Namen, und möge ſie nie leer ſein, ſo lange ſie in Eurem Beſitze iſt 1⸗ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte ſie aufſtehend.„Sie wird mir wenigſtens dazu dienen, die Silberſtücke darin aufzu⸗ bewahren, mit denen ich von Ihren Freunden beſchenkt worden bin; denn gewöhnlichen Menſchen verkünde ich ihr Schickſal nicht umſonſt. Leben Sie wohl!“ Mit dieſen Worten verſchwand ſie hinter den Bäu⸗ men. Weſton ertrug ruhig die Neckereien, mit denen er von allen Seiten angegriffen wurde, und erwiederte auf Lady Woodfield's etwas dringende Fragen nur, daß er von der Zigeunerin nichts als das gewöhnliche Geſchwätz gehört, aber zu wenig Aufmerkſamkeit darauf verwendet habe, um jetzt klarer in ſeine Zukunft blicken zu können, als vorher. Inzwiſchen war es Zeit geworden, nach der Stadt zurückzukehren. Die Wagen wurden aus den benachbarten Gaſthöfen herbei geholt, und die ganze Geſellſchaft trat den Rückweg an. Der Plan der Unternehmerin war vollſtän⸗ dig geſcheitert; aber für manchen Anderen war der Tag von großem Nutzen geweſen, und Roſina Angelo kehrte mit frohem Herzen heim. Weſton hatte ihr ſeinen Arm gebo⸗ ten, um ſie zum Wagen zu begleiten, und beim Abſchiede mit ſanftem Tone geſagt: „Miß Angelo, wollen Sie mir die Gunſt erweiſen, mich Ihrem Vater zu empfehlen und ihm anzuzeigen, daß ich mir in einigen Tagen die Freiheit nehmen würde, ihm einen Beſuch zu machen?“ „Mit Vergnügen, er wird ſich gewiß ſehr freuen,“ hatte ſie geantwortet, während ihre leuchtenden Blicke und glühenden Wangen den Beweis lieferten, daß auch noch eine andere Perſon ſich ſehr darüber freuen würde. Während der Fahrt äußerte Mr. Armſtrong ſcherz⸗ weiſe zu ihr: „Ich hoffe, Roſina, Sie werden Lady Woodfield nicht verdrängen wollen?“ „Ach nein,“ entgegnete ſie,„ich bin nicht ſo eitel, um das für möglich zu halten.“ „Nun, ich weiß nicht, meine Liebe,“ verſetzte er,„der Wind ſcheint ſich doch ſeit dieſem Morgen gedreht zu haben. Wir werden ja ſehen!“ Roſina's Träume waren in der folgenden Nacht roſig, uube ch will nichts weiter ſagen, ſondern warne Sie nur, e 1* 8 I 1 und mit leichtem, frohem Herzen ſtand ſie am anderen Morgen auf. „Kein Menſch wird ſich abſichtlich in eine Gefahr ſtür⸗ — — „Nun, mein Kind,“ fragte die Tante, Miß Somer⸗ ſet, als ſie bald nach dem Frühſtücke kam,„wie haſt du dich geſtern amüſirt? Papa ſagt mir, daß die Landparthie recht hübſch ausgefallen ſei.“ „Ach ja, liebe Tante. Tag verlebt, wie geſtern, es war reizend. wärſt auch dort geweſen.“ „Und was machte ihn denn ſo reizend, mein Kind?“ „Alles, das ſchöne Wetter, die herrliche Gegend und die heitere Laune der ganzen Geſellſchaft. Auch eine Zigeu⸗ nerin war da, die uns wahrſagte.“ „Und die dir wahrſcheinlich prophezeiht hat, daß du dich bald verheirathen würdeſt, nicht wahr?“ „Ach nein, Tante, das that ſie nicht. Was ſie mir eigentlich ſagte, habe ich ganz vergeſſen; nur ſo viel weiß ich noch, daß kein wahres Wort daran war. Aber ich habe dir etwas Anderes mitzutheilen, was dir Freude machen wird. Mr. Weſton wird uns in einigen Tagen einen Be⸗ ſuch machen.“ „Das habe ich gehört, mein Kind. Es würde mich auch ſehr freuen, wenn ich nicht befürchtete, daß dieſes ge⸗ rade der Umſtand iſt, welcher den geſtrigen Tag für dich ſo reizend gemacht hat.“ „Ach nein, ich wußte es ja nicht eher, als bis wir den Rückweg antraten. Iſt es denn nicht natürlich, daß ich mich freue, ihn zu ſehen? Er hat mir ja das Leben gerettet.“ „Allerdings hat er das, und ich finde es auch ganz natürlich, daß du ihn gern ſiehſt. Allein du mußt dich in Acht nehmen, mein liebes Kind, ſonſt kann dieſes Gefühl der Dankbarkeit leicht zu einem anderen werden, wenn du dieſen Herrn öfter ſiehſt, der bereits verlobt iſt, wie wir Alle wiſſen.“ Roſina lachte und verſicherte die gutherzige Tante, daß nicht die geringſte Gefahr vorhanden ſei. Im Stillen jedoch dachte ſie an die Möglichkeit, daß Mr. Armſtrong mit ſei⸗ nen Vermuthungen vielleicht nicht Unrecht gehabt habe. Am dritten Tage nach dem Ausfluge machte Weſton ſeinen Beſuch im Angelo'ſchen Hauſe, und fand ſo großes Gefallen daran, daß er ihn faſt täglich wiederholte, bis ſich endlich das Gerücht ganz allgemein verbreitete, daß er um die Hand der ſchönen Tochter des Diamantenhändlers an⸗ gehalten und ſie erhalten habe. Sobald dieſes bekannt wurde, kamen Lady Woodfield's Angelegenheiten zu einer ſchnellen Kriſis. Die Gläubiger wollten nicht länger war⸗ ten, wiederholte Auspfändungen fanden ſtatt, und das leicht⸗ ſinnige Weib war endlich genöthigt, bei Verwandten in Frankreich Zuflucht zu ſuchen. Nie habe ich einen ſo ſchönen Ich wollte, du Ungefähr fünf Jahre nach dieſen Begebenheiten gin⸗ gen eines Tages zwei Damen und ein Herr auf einem Feierſtunden. 1865. V ſchönen Raſenplatze vor einem herrſchaftlichen Gebäude ſe zieren, welches von einem weiten Park umgeben war, we rend in einiger Entfernung zwei hübſche Kinder mit zahn Rehen ſpielten, und ein drittes von einer Wärterin gett gen wurde. 12 „Weißt du, liebe Roſina,“ ſagte der Herr,„daß hel ein denkwürdiger Tag in unſerer Geſchichte iſt?“ „Wie ſo, Charles? Es iſt weder unſer Hocheitst noch der Geburtstag eines unſerer Kinder.“ „Nein, aber es iſt derſelbe Junitag, an dem vir langer Zeit eine Landparthie machten. nicht?“ „O ja, ich erinnere mich recht wohl daran. 28 w. jener Tag, an dem du mit genauer Noth einem groß Thorenſtreiche entgingſt. Nicht wahr, liebe Tante“ „Ja, du haſt Recht, Rofina,“ bemerkte di älte Dame, welche keine andere war, als Miß Somerſt. „Aber nur, um vom Regen in die Traufe zi ko men,“ verſetzte Weſton lachend;„dem Heirathen komte doch nicht entgehen.“ „Weſſen Schuld war das?“ fragte die junge Fau eben ſo ſcherzendem Tone. „Die meinige gewiß nicht,“ erwiederte er.„Ich la wahrhaftig, daß ich damals das Opfer eines Koml zwiſchen Georg Grey und der alten Sybille wu während dieſe Alles that, um mich von inem Streiche abzuhalten, that Georg Gr alles Mi mich zu einem anderen zu verleiten.“ „Sie werden hoffentlich bekennen ſuͤgte Sen ſet,„daß Sie Beiden ſehr dankbar ſ.⸗ de! Erinnerſt du und ſollte ich die alte Zigeunerin jemals w ſo will ich ſie für ihre Dienſte beſſer belohne mals that.“ R „Das haben Sie bereits gethan, mein I les,“ erwiederte die Tante.„Sie fühlt ſich iha durch belohnt, daß ſie das Glück ſehen darf, m i ihre Einmiſchung begründet worden iſt. Kenneſui Börſe?“ Weſton betrachtete ſie und rief erſtaunt: „Beim Himmel, es iſt die Börſe, welch Zigeunerin gegeben habe! Wie in aller Welt ko⸗ dazu?“ f 3„Ich empfing ſie aus Ihren eigenen Hund les. Ich kannte den herzloſen Charakter jents das Sie im Begriffe ſtanden, ſich wegzuwerfeh, daß ſie nur nach Ihrem Gelde trachtete, aber Eigenſchaft beſaß, um Ihnen eine glückliche? zu ſchaffen. Deßhalb beſchloß ich, Sie von ds lichen Elende zu erretten. Ich war die Wahr Die Rieſentanne. Unter den hochſtämmigen Gewächſen, die in den nörd⸗ lichen gemäßigten Zonen mehr als andere Pflanzenformen die Phyſiognomie ungeheurer Länderſtrecken beſtimmen, iſt die Form der Nadelhölzer oder Coniferen ſicher die⸗ jenige, welche die weiteſte geographiſche Verbreitung gefun⸗ den hat; trotz dieſer Verbreitung iſt aber die Zahl ihrer Arten verhältnißmäßig, obwohl bereits 411(254 auf der öſtlichen und 157 auf der weſtlichen Halbkugel. ſind, immer nur gering, und wird von der did deren Verbreitungsbezirk bei Weitem beſchränkt mehr als das Doppelte übertroffen.— Von kennt man 134, von Abietineen 172, von T von Gnetaceen 38 Arten auf der nördlichen die 56 Podocarpeen⸗Arten, die man bis jetzt ker = 2 ſen Gebäude eben war, w nder mit zahm Värterin get dm, uß he t iſ nie dacheitst an dan wir Lrinnert du d daran, Fs y h einen groß de Tandd“ nerkte d ält Somerft. Traufe zi ko rathen kolnte e junge Fau er.„Jo lo eines Konyle ille v igem Mi t: welch elt ko⸗ 6* 3 ens, , aber lich on d3 V 3 Waht ————— Feierſtunden. 1865. —ᷣ—ͦ—:::-—ä——— Die Rieſentanne. 490 Feierſtu ——— ſämmtlich der ſüdlichen Hemiſphäre an.— Die Gattungen Pinus, Abies, Larix und Taxus der nördlichen Hemi⸗ ſphäre bilden rings um den Erdball einen bis weit nach dem Pol ſich hinauf erſtreckenden Gürtel, gehen nebſt der Birke am weiteſten nach Norden, und bilden auf den Ge⸗ birgen meiſt die obere Baumgrenze. Einige Arten des Pinus-Geſchlechts enthalten die höch⸗ ſten Bäume der Erde, und gehören faſt ſämmtlich der weſt⸗ lichen Halbkugel an. Am verbreiteſten von dieſen Rieſen iſt die Weymouthskiefer, Pinus Strobus, ein ſehr ſchlanker, 150 bis 250 Fuß hoher Baum Nordamerikas und Oſtaſiens, der mächtige Wälder bildet und in Nord⸗ amerika faſt allein das Holz zum Häuſerbau liefert. An⸗ dere Arten, welche 200 und mehr Fuß erreichen, ſind in Californien, die Pinus grandis und Pinus Fremontiana, beide bis 210 Fuß hoch; dann, ebenfalls im nordweſtlichen Amerika, Pinus Lambertiana, bis 220 Fuß; in den Thälern der Felſengebirge und am Columbiafluß Gwiſchen 42° und 52° N. Br.) die Pinus Douglasii, welche 230 Fuß Höhe erreicht und 3 Fuß über dem Boden einen Um⸗ fang von 54 Fuß hat, und am weſtlichen Abhange der Felſengebirge die Pinus trigona, die bis 260 Fuß auf⸗ nden. 1865. ſteigt, die erſten 180 Fuß ohne Verzweigung iſt und 6 Fuf über dem Boden oft 36— 42 Fuß im Umfange meſſen ſol, und die ſogenannte, auf Seite 489 abgebildete Rieſen⸗ tanne, Sequoia gigantea(Taxotium giganteum), der Stolz Neu⸗Californiens und der Sierra Nevada, die übel 280 Fuß emporſtrebt. Man hat dieſe Bäume Mammouth⸗ bäume genannt, und einige Berichte geben ihnen ſogar die fabelhafte Höhe von 400 12 bis 31 Fuß. Die Rinde derſelben ſoll eine Dicke von 12 bis 18 Zoll haben, und aus den Jahresringen ſich ein Alter des Baumes von 3000 Jahren ergeben; dabei ſollm die Zapfen dieſer Bäume nur 2 ½ Zoll groß ſein. Die bis jetzt über dieſe Rieſenbäume in Umlauf gekommena Nachrichten müſſen mit großer Vorſicht aufgenommen wer⸗ Stande waren. So ſoll man in einen umgeſtürzten hoh⸗ len Stamm einer Sequoia gigantea, welcher die„Reit⸗ ſchule“ genannt wird, nach franzöſiſch⸗amerikaniſchen Be⸗ richten, an 78 Fuß weit hineinreiten und dort bequem um⸗ wenden können!? 2. Der Rampf der Fregatte Schwarzenberg vor Helgoland. Es war im Frühling vorigen Jahres, daß deutſche Seemänner zum erſtenmale wieder mit däniſchen Schiffen im Kampfe ſich maßen. Seit den Zeiten der Hanſa, deren Kriegsflotten im däniſchen Archipel gefürchtet waren— wir erinnern nur an die Thaten des Lübecker Bürgermeiſters und Seehelden Jörg Wullenweber vor Kopenhagen— war Deutſchlands Heeren in den Kriegen auf der jütiſchen Halbinſel gegen den ſeemächtigen Dänen immer nur die ſchwere und undankbare Rolle des Elephanten im Kampfe gegen den Haifiſch zugefallen, und gerade in den Kriegen des Jahres 1848— 1850 war der Mangel einer deutſchen Flotte ſo ſchwer in's Gewicht gefallen, daß die Patrioten aller Stämme ſich in dem Streben nach Schaffung einer ſolchen vereinigten. Das ſchmähliche Schickſal, welches den damals geſchaffenen Keim einer deutſchen Flotte ereilte, iſt in Jedermanns Gedächtniß, und treibt uns noch heute die Schamröthe auf die Wangen. Um ſo freudiger war in dem deutſch⸗däniſchen Kriege von 1864 das Vorhandenſein einer öſtreichiſch⸗preußiſchen Flottenabtheilung in der Nord⸗ Kanonenboote ihren ſtark zuſammengeſchmolzenen Kohlen⸗ vorrath erneuern zu laſſen. Dies geſchah Montag den 9. Mai in aller Frühe. Da kam den Schiffen auf ihrem Wege nach Cuxhafen der öſtreichiſche Konſul auf einem Dampfer entgegen und über⸗ brachte dem Admiral ein Telegramm aus Helgoland, wel⸗ ches die Anweſenheit dreier anſcheinend däniſcher Fregatten in jenen Gewäſſern meldete. Alsbald ließ Tegetthof wen⸗ den und neuerdings in See ſtechen. Es wurde Nachmittags 1 Uhr, bis endlich drei Kriegs⸗ ſchiffe in Sicht kamen, welche ſich bald als däniſche, und zwar als zwei ſchwere Fregatten und eine Korvette erwie⸗ ſen. Es waren die däniſchen Fregatten Niels Juel mit 42, Iylland mit 44 und die Korvette Heimdal mit 16 zum Theil gezogenen Geſchützen. Die Dänen ſteuerten in Kolonne in der oben bezeichneten Reihenfolge mit dem Kurs W. N. W.; die Deutſchen dampften ihnen gleichfalls in Kolonne in nordweſtlicher Richtung entgegen, voran die Fregatte Schwarzenberg, dann Radetzky, dann die preußi⸗ ſee zu begrüßen; ihr Kampf vor Helgoland gegen einen Theil der däniſchen Flotte iſt es, den wir hier mit patrio⸗ tiſcher Befriedigung unſeren Leſern vorführen wollen. Die deutſche Eskadre beſtand aus den öſtreichiſchen Schraubenfregatten Schwarzenberg von 50, Radetzky von 37 Geſchützen, meiſt 24 pfündigen gezogenen und 60pfündigen Bombenkanonen; ferner aus dem preußiſchen Raddampfer Adler von 4, den Kanonenbooten Baſilisk und Bliz mit je 2 Vierundzwanzigpfündern. Sie ſtand unter dem Kommando des öſtreichiſchen Contreadmirals v. Tegetthof und hatte anfangs Mai vor der Elbemün⸗ dung gekreuzt, um die in den früheren Kämpfen ſo ſehr gefürchteten däniſchen Kaperſchiffe von der deutſchen Han⸗ delsflotte fern zu halten. das Reſultat ergeben, Alle Nachforſchungen hatten nur daß ſeit vierzehn Tagen keine däni⸗ ſchen Schiffe vor der Elbe geſehen worden, und ſo ließ theil ihr Feuer. Tegetthof nach der Elbe umkehren, um die preußiſchen(2400 Schr.) ſich in Bereitſchaft geſetzt. ſchen Schiffe. Nach einer halben Stunde vierten die Dänen mit ſüdöſtlichem Kurs, alſo dem deutſchen Geſchwader ge⸗ rade entgegen. Tegetthof läßt ſeinen Schiffen ſignaliſiren: „Unſere Armeen haben Siege erfochten, thun wir das Gleiche!“ Dann folgt das Signal:„Klarſchiff zum Gefecht!“ Rühriges Leben entfaltet ſich jetzt in allen Räumen; die Mannſchaft wird auf Maſten und Decken vertheilt, alle Segel beſchlagen, die Batterieen klar gemacht, d. h. die Zwiſchenwände der drei Verdecke weggeſchafft, um Raum zum Feuern zu haben; die Bedienungsmannſchaft häuft die Munition zur Seite ihrer Geſchütze; ein Verbandplatz für die Verwundeten wird etablirt, die Waſſerpumpen werden So geht's dem Feinde entgegen, bis man dieſem auf 18 ½ Kabeln(etwa 4500 Schritte) nahe gekommen; jetzt eröffnen die Pivotgeſchütze im Vorder⸗ Sobald die Entfernung auf 10 Kabel vermindert, donnern auch die Breitſeiten Fuß bei einem Durchmeſſer von —— 4 1———ℳ——õB—-———ö— den, da manche derſelben alle Vorſtellungen zu nichte machen, die wir uns bis jetzt von großen Bäumen zu bilden in den erwi Heft t, n nmer nande Mant narſ dem den Beil Feue kam derb nach — ſt und 6 A emeſſen ſa te Rieſen lteum), de da, die übt Mammouc en ſogar h thmeſſer v in Dicke v ingen ſich, z daba ſoll ß ſein. D gekommen rommen we lichte mache zu bilden i ſtürzten h r die„Ra. aniſchen G.— bequem mu 2 2. ien Kohle aller Früt uxhafend n und übe poland, w er Fregat getthof we drei Kriett e jniſche, un wette erwi Juel n mdal ul en ſteuert ge mit x 1 gleicfu „voran; die preli veutſche Admiral beobachtete deſſen Wirkung beim Gegner, Feierſtunden. 1865. ——ÿ—ꝛẽ⏑ꝛꝛ—ꝛꝛꝛꝛꝛꝛꝛ⅓Ü-˖—:———; den Dänen ihre Grüße entgegen, welche von dieſen lebhaft erwidert werden. So donnert der Geſchützkampf mit großer Heftigkeit wohl eine Stunde; die Geſchoſſe, meiſt Grana⸗ ten, ſchlagen in Maſte und Stängen, in die Batterieen und Seitenborde der Schiffe, bis jetzt ohne zu zünden, und immer näher rücken ſich die Gegner. Dem deutſchen Kom⸗ mandanten dauerts zu lange: er ſucht die Entſcheidung Mann gegen Mann und läßt ſein Geſchwader im Contre⸗ marſche oſtwärts wenden. So ſteuert er, convergirend mit dem Kurſe des Feindes, bis auf anderthalb Kabellängen an den Dänen heran, der ſeinen kecken Gegner, der ſchon die Beile und Enterhaken bereit hält, mit einem wüthenden Feuer überſchüttet. Drei Viertelſtunden dauert der Geſchütz⸗ kampf in nächſter Nähe; aus allen Lucken bricht das Ver⸗ derben. Zweimal bricht Feuer auf dem Schwarzenberg aus; das einemal über der vorderen Pulverkammer, wo das Segeldepot in Brand geräth. Das Feuer wird gelöſcht, ohne daß das Gefecht unterbrochen wurde. In der Bat⸗ terie des Schiffes explodirt eine däniſche Granate und reißt faſt die ganze Bemannung eines Geſchützes zu Boden— friſche Mannſchaft tritt an die Stelle. Ein däniſches Hohl⸗ geſchoß zerſchmettert eine 24pfündige und eine 60 pfündige Granate, welche zum Laden bereit am Boden liegen— der Kampf dauert ununterbrochen fort. Man muß ſich die Wirkung vorſtellen, wenn ſo ein Rieſenungethüm von einer Granate in die Kanonenlucke hereinfährt, gegen Laffete oder Decke mit furchtbarer Wucht anpoltert und zerſpringt, daß die fauſtgroßen Eiſenſtücke nach allen Richtungen geſchleudert werden. Die Wirkung iſt ſo furchtbar, die Wunden und Verſtümmelungen ſind ſo gräßlich, daß es bei der Beſchießung von Sebaſtopol auf einem engliſchen Linienſchiffe, wo drei Granaten in der Batterie platzten, vorkam, daß die Mannſchaft voller Entſetzen über Bord ſprang, ſich auf einen benachbarten Dampfer flüchtete und nur mit Gewalt der Waffen auf ihren Poſten zurückgeſcheucht werden konnte. Und das waren wettergebräunte, abgehärtete engliſche Seehunde; die Bemannung des Schwarzenberg beſtand aber aus jungen unverſuchten Matroſen! Es war 4 Uhr Nachmittags; ſeit zwei Stunden hatte er wüthende Geſchützkampf nicht nachgelaſſen, und der um den rechten Moment zum Entern zu erhaſchen. Da fuhr auf dem Schwarzenberg eine däniſche Hohlkugel durch den Bauch des Vormarsſegels und ſteckte dieſes in Brand. Der Schwarzenberg ſtand mit dem Gallion nach S. O., woher eben eine friſche Briſe entgegenwehte, welche den mit raſender Schnelligkeit ſich ausbreitenden Brand nach Achter trieb. Die Schläuche der Feuerſpritzen reichten nicht bis in die Höhe der Vormarsraa, der Schlauch der Ma⸗ ſchinenpumpe war durch eine Kugel durchlöchert worden— an ein Löſchen des Brandes, ſo lange er in ſolcher Höhe fortdauerte, war ſomit nicht zu denken. Man mußte vom 491 —ℳͦò§:’B::—’B:———— Winde abfallen und in deſſen Richtung fortſteuern, ſo daß die Briſe ſelbſt, indem ſie das Feuer nach vorn trieb, der Ausbreitung des Brandes entgegentrat. Damit aber mußte auch der Kampf aufgegeben werden. Auf der deutſchen Flotille wurde ſignaliſirt:„Vom Wind abfallen,“ ſodann:„Die Frontlinie in natürlicher Ordnung bilden.“ Dies hätte den Schwarzenberg den Schüſſen der Dänen preisgegeben; darum legte ſich entge⸗ gen dem Befehl der Radetzky in's Kielwaſſer des erſteren, um ſeinem kampfunfähigen Kameraden als Kugelfang zu dienen, und erſt nach Wiederholung des Befehls ſteuerte er nach der ihm zukommenden Stelle. Den däniſchen Schif⸗ fen hatten die öſtreichiſchen Kugeln ſo ſchwer zugeſetzt, daß ſie nicht an Verfolgung dachten; der Iylland hatte ſo ſtarke Havarien erlitten, daß der Niels Juel ihn in's Schlepptau nehmen mußte. Der Brand auf dem Schwarzenberg dauerte den gan⸗ zen Abend fort. Er hielt ſeinen Kurs auf Helgoland und mußte fortwährend vor dem Wind bleiben, bis man end⸗ lich gegen 11 Uhr Nachts des Feuers Meiſter wurde. Ein ſolcher Schiffsbrand, vollends im Dunkeln, iſt ein Schau⸗ ſpiel von grauſiger Schönheit und mit einem Feuer am Land nicht zu vergleichen; auch die Gefahr und die Mühe des Löſchens iſt dort ungleich größer. Fortwährend ſtürzen die abgebrannten Trümmer, glühende Maſtenringe, bren⸗ nende Stücke der Mars⸗ und Querſchlingen, des Eſels⸗ hauptes aus der Höhe auf das Deck nieder und machen den Aufenthalt daſelbſt faſt unleidlich. So auch auf dem Schwarzenberg: zuerſt ſtürzte die Vormarsraa, dann Fock⸗ raa, endlich die Vormarsſtänge mit dem ſtehenden Gut des Fockmaſtes auf's Deck, der Klüverbaum ging über Bord, und erſt als man unter unendlicher Mühe mit dem Ab⸗ ſägen der Vormarsſtänge, die ſich in's Deck eingebohrt und ſchließlich mit dem Kappen des immer noch brennenden Fockmaſtes zu Stande gekommen, war das ſchöne treffliche Schiff als gerettet zu betrachten. So verlief der erſte deutſche Seekampf gegen feindliche Schiffe zur hohen Ehre für die öſtreichiſche Marine. Er iſt auch inſofern intereſſant, als das in neuerer Zeit auf⸗ gekommene Vorurtheil gegen Holzſchiffe durch ihn widerlegt wird. Die Anſicht der Marineoffiziere, daß bei den gegen⸗ wärtigen Waffen ein Gefecht zwiſchen nichtgepanzerten Schif⸗ fen in höchſtens 15— 20 Minuten entſchieden ſein müſſe, hat ſich hier nicht beſtätigt. Die beiden Flotillen beſchoſſen ſich zwei Stunden lang in ausgiebigſter Weiſe, anfangs auf ½ Stunde, ſpäter auf blos 500 Schritte Entfernung, und ſo viele Kugeln auch die Seitenborde ſogar in der Waſſerlinie trafen, ſo kam doch keines zum Sinken. An⸗ ders geſtaltete ſich's beim Kampf des Kearſage gegen die Alabama auf der Höhe von Cherbourg; beide waren Panzerſchiffe, aber mit Armſtrong'ſchen 110⸗Pfündern be⸗ waffnet; dort dauerte es keine halbe Stunde, und die Ala⸗ bama, tödtlich getroffen, verſank in die Tiefe. v. M. ferguſon's Liſt. Als Robert Ferguſon, Privatſekretär des Herzogs Meonmouth, auf ſeiner Flucht in Edinburg erkannt wurde, ließ man ſogleich die Thore ſchließen und die ſorgfältigſte Hausſuchung anſtellen, um ihn zu fangen. Ferguſon wußte, daß ein Bekannter von ihm Schulden halber in dem großen Stadtgefängniß ſaß. Dieſen Freund beſuchte er und blieb ganz ruhig ſo lange bei ihm, bis die Stadt⸗ unterſuchung beendigt war und man ſich überzeugt hielt, daß er dennoch Mittel und Wege gefunden habe, zu ent⸗ kommen. Ihn im Gefängniß, wohin man ihn ſo gerne 62* bringen wollte, zu ſuchen, fiel Keinem ein. Feierſtunden. 1865. durch die Gefahr gedrungen, die Liſt ſo weit, daß er in nachſpürte, in eine H Geſellſchaft und als Freund des Polizeivorſtehers, der ihn nach Holland entkam. Wie die mei⸗ ſten größeren Städte in dem Lande an der Loire, welches lange der Lieblings⸗ aufenthalt der fran⸗ zöͤſiſchen Königewar, beſitzt Blois eine Burg, welche ſpä⸗ ter in ein könig⸗ liches Reſidenzſchloß verwandelt wurde. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde das Schloß von Blois oft von den regierenden Kö⸗ nigen bewohnt und war Zeuge mancher wichtigen Begeben⸗ heiten, die aber alle vor der einen zurück⸗ treten, welche auf die ganze Geſchichte Frankreichs einen dauernden Einfluß ausübte. Im Jahre 1588 hatte Heinrich III. die Generalſtaaten nach Blois zuſam⸗ menberufen, und mit dem Anführer der katholiſchen Partei, dem Herzog von Guiſe, Frieden ge⸗ ſchloſſen, mit ihm das heil. Abendmahl genoſſen und ge⸗ ſchworen, das Ver⸗ gangene zu vergeſ⸗ Blois. ſen, wie der Herzog Blois. ſchwur, in Zukunft ein treuer Unterthan zu ſein.— Einige Tage ſpäter, am 18. Dezember 1588, berief der König einige ſei⸗ ner Vertrauten in ſein Kabinet, um über eine Angelegen⸗ „Mein Ehrgeiz richtet ſich auf Höheres— auf einen Platz in der Weltgeſchichte!“ mit den Worten lehnte der Kardinal Richelieu das Geſchenk von zwei reichen Abteien geweſen waren. Rardinal Richelieu. Hiſtoriſche Studie von Thaddäus Lau. ab, welche der König ſeinem Miniſter aus dem Nachlaß eines Gegners überweiſen wollte. füllung gegangen. Richelieu gehört, das Urtheil beruht 1 Ja er trieb, aufſuchen ſollte, und ihm auch wirklich ſehr angelegentlich afenſtadt reiste und glücklich von da 2 2. heit von der höch⸗ ſten Wichtigkeit zu berathen. Der erſte der Edelleute, wel⸗ chem der König ſein Vorhaben eröffnete, antwortete:„Sire, ich bin ein getreuer Diener des Königs, aber mich zum Hen⸗ ker und Mörder her⸗ zugeben, iſt unter meiner Würde als Soldat und Edel⸗ mann.“ Der König hatte ihm vorgeſchlagen, den Herzog von Guiſe welchem er Ujurre,——— den. Leider aber fanden ſich Leute ge⸗ nug, um die Schand⸗ that zu vollbringen, und am 23. Dezem⸗ ber wurde der Her⸗ zog in dem Vorzim⸗ mer des Königs nie⸗ dergeſtochen. Sein Bruder, der Kardi⸗ nal von Guiſe, wurde den folgenden Tag ebenfalls er⸗ mordet, ehe aber ein Jahr vergangen war(2. Auguſt 1589) fiel auch der König Heinrich III. unter dem Dolche Jacquai Clements, eines fanatiſchen An⸗ hängers der katholiſchen Partei, deren Häupter die Guiſe E W Der Wunſch iſt in Er⸗ —,& ₰—— .„—.,— — gelegentlih ich von d 2 adr höch⸗ ſichtakeit j e. Do erſte Aleute, wel König ſtin en eröffnete dte:„Sire ein getreuer des König, h zum Han⸗ Mörder her⸗ iſt unte Würde als und Edel⸗ König hatt ergeſchlagen derſog vor welchem .. Leider abn ich Leute he⸗ die Schand⸗ vollbringen 23. Dezen⸗ de der Her⸗ en Vorzin Königs ne hen. Sä der Karde in Guuiſ nfolgenben enfalls d⸗ ehe aber verganze 2. Auguſ iel auch R Heinrich 2 d Dolh b Eleman atiſchen Al⸗ 193n FN Feierſtunden. 1865. ——⅓—½—½—::———:ͤ—y——rny—rnnnrur—— nicht etwa auf Uebertreibung, ſondern läßt ſich ſtreng und genau nachweiſen, zu den größten Staatsmännern, von denen die Geſchichte überhaupt berichtet. Als ein dritter Sohn ohne Ausſicht auf ein Erbe war Armand Jean de Pleſſis von ſeinen Eltern zum Kriegs⸗ dienſte beſtimmt worden. Kaum aber hatte König Hein⸗ rich IV. auf ihn die Anwartſchaft auf das Bisthum von Lugon übertragen, welche Anwartſchaft urſprünglich ſeinem älteren Bruder verliehen war, der es jedoch vorzog, in ein Kloſter zu gehen, als Armand der erſtgewählten Laufbahn entſagte und ſich mit dem nämlichen Eifer, mit welchem er bis dahin die Kriegswiſſenſchaften betrieben hatte, auf die theologiſchen Studien warf. Nach der ſorgfältigſten Vor⸗ bereitung zum geiſtlichen Stande ward er Doktor der Theo⸗ logie und erhielt 1607 die Weihen in Rom. Nach Paris zurückgekehrt predigte er in Hofkreiſen mit vielem Beifall und verſah gleichzeitig ſein biſchöfliches Amt zu Lucon. Der Verſuch, gleich nach der Ermordung Heinrichs IV. am 14. Mai 1610 eine Anſtellung im Staatsrath durch den Einfluß der Königin Maria von Medici zu erlangen, welche ſeine Predigten häufig und mit Anerkennung beſucht hatte, ſcheiterte zwar, aber Concini, bekannter als Mar⸗ ſchall und Marquis d'Ancre, dem Richelieu ſich genähert hatte, erkannte und benutzte ſeine Fähigkeiten, indem er ihn 1615 zum Staatsrath und 1616 zum Staatsſekretär er⸗ nannte. Die jähe Kataſtrophe, welche über den allmäch⸗ tigen Günſtling der Königin Mutter am 24. April 1617 1 cechreuzte auch Richelieu's Laufbahn; der be⸗ gé des ermordeten Marſchalls hatte von i, daß er der Haft und Anklage entging. Luines, welcher den Sturz des verhaßten Italieners bewirkt hatte, begnügte ſich, dem Biſchof von Lugon die Stelle als Staatsſekretär zu nehmen und ihn von Blois, wohin er der Königin Mutter gefolgt war, zuerſt in ſein Bisthum und dann nach Avignon zu verweiſen. Hier beſchäftigte ſich der gefallene Politiker mit ſchriftſtelleriſchen Arbeiten, und zwar ſchrieb er zwei theologiſche Bücher, einen Unter⸗ richt für die Chriſten und eine Vertheidigung der Glaubens⸗ artikel. Gleichzeitig aber knüpfte er insgeheim auf's Neue die abgeriſſenen Fäden an, die ihn nach Paris, an das Heft der Gewalt zurückführen ſollten. Die frühere Bekannt⸗ ſchaft mit der Königin Mutter wurde das Mittel zu ſeiner Erhebung. Maria von Medici nämlich brannte nicht nur in dem Verlangen, Rache für den Mord Ancre's zu neh⸗ men, noch bitterer empfand die herrſchſüchtige Frau den Verluſt der ihr entriſſenen Gewalt. Sie warb Truppen mit den aus den königlichen Kaſſen entnommenen Geldern, und der Ausbruch des Krieges zwiſchen Mutter und Sohn ſtand drohend vor der Thür. In dieſer Situation empfahl ſich Richelieu als geeigneter Unterhändler mit der Königin Mutter. Die von ihm unter Beiſtimmung des Königs übernommenen Verhandlungen führten in der That zu dem befriedigendſten Reſultate, und Maria lohnte dem geſchick⸗ natarhändler, indem ſie demſelben 1622 den Kardinals⸗ auswirkte. Seinem Eintritt aber in lchen die Königin gleichfalls dringend bei ihrem=orn.— fürwortete, widerſetzten ſich nur nicht die anderen Miniſter, welche ſeinen Ehrgeiz und ſeine gei⸗ ſtige Ueberlegenheit fürchteten, ſondern auch der König ſelbſt, welcher äußerte:„Dieſer Menſch möchte gerne Zutritt zu einem Staatsrath haben. Aber nach Allem, was er gegen mich gethan, kann ich mich nicht dazu entſchließen.“ Zu⸗ letzt aber mußte Ludwig ſeinen Widerſtand aufgeben; es war eben Niemand unter den Höflingen da, der Kraft und Geſchick genug beſaß, unter den damaligen ſchwierigen Ver⸗ hältniſſen die Staatsangelegenheiten mit Erfolg zu leiten. Der bisherige Miniſter Vieuville erhielt ſeine Entlaſſung, „weil er nicht fähig ſei, ſtatt des Königs mit Verſtand und Nachdruck zu herrſchen,“ und Richelieu ward am 29. April 1624 in den Staatsrath eingeführt.„Als ich die Geſchäfte übernahm,“ ſchrieb er nachmals in ſeinen Denkwürdigkeiten,„benahmen ſich die Großen, als wären ſie keine Unterthanen, und die Befehlshaber in den Land⸗ ſchaften, als wären ſie unabhängige Herren. Jeder maß ſein Verdienſt nach ſeiner Kühnheit, Niemand begnügte ſich mit dem, was ihm zukam. Auswärtige Verhältniſſe und Bündniſſe wurden vernachläſſigt, das öffentliche Wohl überall dem perſönlichen Vortheil nachgeſetzt und die königliche Ge⸗ walt verachtet.“ Bereits nach wenigen Monaten war die Situation eine vollkommen veränderte; der neue Premier löste ſeine Aufgabe mit einer ſolchen Kraft, daß der Mar⸗ ſchall Gaſſion ihm nachrühmte:„Dieſem großen Manne gebührt das höchſte Lob. Der Kardinal machte Alles; ohne ihn verordneten die Behörden nichts; ohne ſeine Be⸗ ſtimmung athmeten König und Königin nicht.“ Buckle meint von Richelieu, dieſer große Staatsmann iſt in der Kenntniß der Kunſt der Politik wahrſcheinlich niemals übertroffen worden, ausgenommen von dem wun⸗ derbaren Genie, welches zu unſerer Zeit das Schickſal Eu⸗ ropas beunruhigte. Aber in einem wichtigen Punkte war Richelieu Napoleon überlegen. Napoleons Leben war eine ununterbrochene Anſtrengung, die Freiheiten der Menſchheit zu unterdrücken, und mit unvergleichlichem Talente erſchöpfte er alle ſeine Hülfsquellen im Kampfe gegen die Richtungen einer großen Zeit. Auch Richelieu war ein Deſpot, aber ſein Deſpotismus nahm eine edlere Wendung. Er zeigte, was Napoleon nie vermochte, ein richtiges Verſtändniß des Geiſtes ſeiner Zeit. Der engliſche Hiſtoriker trifft mit dem Urtheil das Richtige; ſcharf und beſtimmt bezeichnet er mit dem Urtheil den Mittelpunkt, den Kern in der Wirkſam⸗ keit des Kardinals. Die Macht der Hierarchie und des Feudalweſens ſind im 17. Jahrhundert erſchüttert, zum Theil ſchon weſentlich gebrochen; der Geiſt der Epoche ringt energiſch gegen die ausſchließliche Vorherrſchaft, welche im Staate von jenen privilegirten Ständen lange Jahrhunderte hindurch ausgeübt worden ſind. Darin eben liegt die ſtaats⸗ männiſche Größe Richelieu's, daß er, obſchon ſelber Kar⸗ dinal und Kirchenfürſt, niemals die Anſprüche ſeines Stan⸗ des die höheren Anſprüche des Vaterlandes überwiegen läßt. Nicht die Intereſſen der Kirche, das iſt der leitende rothe Faden in ſeiner Politik, gehen den Intereſſen des Staates voran, ſondern umgekehrt ſtellte er den Grundſatz auf, „daß der Vortheil und der Ruhm des Staates die höchſte Rückſicht ſei, welche in letzter Inſtanz den alleinigen Aus⸗ ſchlag geben müßte.“ Während ſeiner Regierung genoß die Welt das bis dahin unerhörte, wunderbare Schauſpiel, die höchſte Gewalt in den Händen eines Prieſters zu ſehen, der durchaus nichts dafür that, die Macht des geiſtlichen Standes zu erhöhen. Im GEegentheil, er ließ keine Gele⸗ genheit unbenutzt, den letzteren zurückzudrängen und zu demüthigen, wo die allgemeinen Staatsintereſſen eine ſolche Haltung geboten. Zahlreiche Thatſachen illuſtriren dieſe Politik Richelieu's. Die königlichen Beichtväter waren wegen der Wichtigkeit ihres Amtes, wegen des ſchwerwiegenden Einfluſſes, den ſie vermöge ihrer Stellung zu entwickeln vermochten, am franzöſiſchen wie an jedem anderen Hofe von den mächtigſten Großen und Günſtlingen mit der zar⸗ teſten Rückſicht, der höchſten Ehrerbietung behandelt worden. — Richelieu ſprang mit den Gewiſſensräthen des Königs um, wie es nie Jemand vor ihm gewagt. Sobald er erfuhr, daß Cauſſin, der Beichtvater Ludwigs XIII., dem Beiſpiel ſeiner Vorgänger gefolgt war und die eigenen politiſchen Anſichten ſeinem königlichen Beichtkinde einzuflößen gewagt hatte, nahm ihm der Kardinal nicht nur das Amt, ſondern er ſchickte ihn auch in die Verbannung, indem er verächt— lich ſagte:„Der kleine Vater Cauſſin ſollte ſich nicht in die Regierungsangelegenheiten miſchen, weil er Einer von denen iſt, die gänzlich in der Naivetät eines religiöſen Lebens aufgewachſen ſind.“ Der Nachfolger des Verbann⸗ ten, der berühmte Jeſuit Sirmond, durfte ſein Amt nicht früher antreten, bevor er nicht dem Kardinal feierlich und bindend verſprochen hatte, ſich nie in Staatsſachen zu miſchen. Nicht beſſer als Cauſſin erging es Sourdis, dem Erzbiſchof von Bordeaux. Derſelbe war zweimal öffentlich durchge⸗ prügelt worden, einmal von dem Duc d'Epernon und nach⸗ her von dem Marächal de Vitry. Richelieu, der ſonſt prin⸗ cipiell jede Ausſchreitung des Adels mit Strenge ſtrafte, ignorirte jene gröbliche Gewaltthätigkeit, ja als der Erz⸗ biſchof ihn mit wiederholten Klagen anging, erhielt er ſtatt der gewünſchten Genugthuung den Befehl, ſich vom Hofe in ſeine Diöceſe zurückzuziehen. Ganz ſummariſchen Pro⸗ zeß machte der Miniſter mit den Biſchöfen von Languedoc. Als in jener Provinz 1632 ernſtliche Unruhen ausgebrochen waren, ſcheute ſich Richelieu nicht, der Schwierigkeit da⸗ durch zu begegnen, daß er zwei Biſchöfe abſetzte und den andern ihre weltliche Macht nahm. Vergebens beklagte ſich der päpſtliche Nuntius mit Unwillen über die Feindſeligkeit, welche die franzöſiſchen Richter gegen die Geiſtlichen zeig— ten; es wären viele Geiſtliche gehängt worden, ohne daß man ſie vorher ihrer geiſtlichen Würde entkleidet hätte. Der Nuntius ſollte gar bald ungleich wichtigere Gravamina nach Rom zu melden haben. Der franzöſiſche Klerus be⸗ ſaß ungeheure Reichthümer, namentlich Grundeigenthum, mit dem Recht der Selbſtbeſteuerung. Zum Kriege gegen die Proteſtanten hätte die Geiſtlichkeit wohl Geld hergege⸗ ben, denn zur Ausrottung der Ketzerei mitzuwirken, erach⸗ tete ſie für ihre Pflicht, aber auch zur Erreichung blos weltlicher Staatszwecke Steuern und Abgaben auf ſich zu nehmen, von dem Gedanken war die Kirche weit entfernt. Richelieu berief eine große Verſammlung von Geiſtlichen nach Nantes und zwang ſie, der Regierung eine Beiſteuer von ſechs Millionen Franken zu leiſten. Und als er fand, daß mehrere von den höchſten Würdenträgern ihre Unzu⸗ friedenheit über einen ſo außergewöhnlichen Schritt aus⸗ drückten, legte er Hand an ſie und ſandte zum Schrecken der Kirche nicht nur vier Biſchöfe, ſondern auch noch die beiden Erzbiſchöfe von Toulouſe und Sens, die Häupter der Oppoſition, in die Verbannung. Es konnte nicht fehlen, daß der Miniſter durch der⸗ artige Maßregeln den Unwillen und Zorn der Geiſtlichkeit in hohem Grade auf ſich lud, in einem um ſo höheren Grade, als die Schläge, welche jene als herbe Unbill em⸗ pfand, ihr von einem Geiſtlichen ſelber zugefügt wurden. Ein Biſchof griff das Bisthum an, ein Kardinal die Kirche. Eine offene Empörung gegen Frankreichs allmächtigen Ge⸗ bieter wagten die Entrüſteten jedoch eben ſo wenig, als der von dem Kardinal nicht minder ſtreng gezügelte Adel, wohl aber rächte ſich der Klerus durch die gehäſſigſten Schmäh⸗ ſchriften und Verleumdungen, welche er über Richelieu ver⸗ breitete. Von dieſen Kreiſen aus wurde er beſchuldigt, er führe ein ausſchweifendes Leben, er hätte keine Religion, wäre nur dem Namen nach Katholik, ſie nannten ihn den Feierſtunden. 1865. — „Hohenprieſter der Hugenotten“, den„Patriarchen der Atheiſten“, und klagten ihn an, er wolle ein Schisma in die franzöſiſche Kirche bringen. Vollends die auswärtige Politik des Kardinals jagte den Klerus in Harniſch. Denn zeigte ſchon die Haltung ſeiner inneren Politik die ſyſtema⸗ tiſche Geringſchätzung der geiſtlichen Intereſſen, ſo wurde ſeine auswärtige Politik noch entſchiedener nicht gelegentlich, ſondern ausſchließlich und unwandelbar von weltlichen Rück⸗ ſichten geleitet. Seine Verträge, ſeine Diplomatie, ſeine Pläne auf auswärtige Bündniſſe waren alle nicht gegen die Feinde der Kirche, ſondern gegen die Feinde Frankreichs gerichtet. Um die Tragweite der Neuerung zu würdigen, dieſe konſequente Emanzipation der Politik von den Feſſeln der Kirche, dieſe Verweltlichung des ganzen Syſtems der europäiſchen Politik, muß man ſich eben daran erinnern, daß vor Richelieu das ſtrikte Gegentheil wie ein Dogma, wie ein oberſter Glaubensſatz für alle Staatsmänner feſt⸗ ſtand. Vor Richelieu hatten die Herrſcher von Frankreich keinen Anſtand genommen, zur Niederwerfung ihrer prote⸗ ſtantiſchen Unterthanen den Beiſtand katholiſcher Truppen aus Spanien anzurufen, und hatten damit nur nach der alten Anſicht gehandelt, es ſei die Hauptpflicht der Regie⸗ rung, die Ketzerei zu unterdrücken. Richelien dagegen ſtellte ſchon 1617, alſo ſchon damals, als ſeine Macht noch nicht dauernd befeſtigt war, in der Inſtruktion eines Geſandten, die noch exiſtirt, den Grundſatz auf, daß in Staatsange⸗ legenheiten kein Katholik einen Spanier einem franzöſiſchen Proteſtanten vorziehen dürfte. Ein Schrei des Entſetzens ging durch das ganze klerikale Lager, als der Kardinal die traditionellen Ueberlieferungen, die Politik, welche dem Ge⸗ danken entſprang, daß die Intereſſen der katholiſchen Kirche mit denen des Hauſes Habsburg eng verknüpft wären, über den Haufen warf, und es während ſeiner ganzen Regie⸗ rung ſeine angelegentlichſte Sorge ſein ließ, gerade die habs⸗ burg⸗ſpaniſche Macht bei jeder Gelegenheit zu demüthigen. In der bewußten und folgerichtigen Durchführung dieſer allerdings im Vortheil von Frankreich liegenden Politik ſchreckte er, der Kirchenfürſt— und gerade dieſe Thatſache beweist ſchlagend die Freiheit und Weite ſeines ſtaatsmän⸗ niſchen Blicks— nicht davor zurück, die bitterſten Feinde ſeiner Religion öffentlich und nachdrücklich zu unterſtützen. „Obwohl,“ ſagt Ranke, dieſen Punkt mit vollem Accent betonend,„obwohl Kardinal der römiſchen Kirche, trug Richelieu kein Bedenken, mit den Proteſtanten ſelbſt unver⸗ holen in Bund zu treten.“ Er machte gemeinſame Sache gegen Spanien mit den niederländiſchen Proteſtanten, in⸗ dem er den letzteren große Summen vorſchoß, und Lud⸗ wig XIII. bewog, einen engen Allianzvertrag mit Leuten abzuſchließen, die er nach Anſicht der Kirche als aufrühre⸗ riſche Ketzer hätte züchtigen ſollen. Im dreißigjährigen Kriege arbeitete er an der Wiederherſtellung des Pfalzgrafen, und als der Verſuch ſcheiterte, ſchloß er ein Bündniß mit Guſtav Adolf. Nach dem Tode des Schwedenkönigs machte er die kräftigſten Anſtrengungen für die deutſchen Prote⸗ ſtanten. Er intriguirte für ſie an fremden Höfen, er er⸗ öffnete Unterhandlungen zu ihren Gunſten und drachte end⸗ lich zu ihrem Schutz ein Bündniß zu Stande, das allen geiſtlichen Rückſichten Trotz bot. Dieſe Verbindung, die in der internationalen Politik Europas ein bedeutendes Bei⸗ ſpiel gab, wurde von Richelieu nicht nur mit den zwei mächtigſten Feinden ſeiner eigenen Kirche geſchloſſen, ſon⸗ dern war auch ihrem ganzen Inhalte nach, wie Sismondi mit Nachdruck hervorhebt,„ein proteſtantiſches Bündniß“ zwiſchen Frankreich, England und Holland. — ‿ jarchen der Schisma in auswärtig iſch. Denn de ſyſtema⸗ ſo wurde glegenti, lichen Rück matje, ſeine üt gegen die Franteichs u würdggen, den Feſſeln Syſtems der an erinnern, ein Dogma, nänner feſt⸗ Frankreich ihrer prot⸗ er Truppen ir nach der der Regie⸗ gegen ſtellte t noch nicht Geſandten Staatsange ranzöſiſchen Entſetzen rardinal d he dem Ge⸗ ſchen Kirch vrären, über cen Regie⸗ de die habe⸗ demüthigen. rung dieſe den Politt ſe Thatſace ſtaatsmäl⸗ ſen Feinde unterſtützen. em Accenl rche, tru lbſt unver⸗ ame Sate tanten, i Feierſtunden. 1865. —————; —— War die auswärtige Politik Richelieu's, wie erhellt, von den Vorurtheilen der kirchlichen Ueberlieferung frei, ſo bildet auch gleichfalls eine ſehr ehrenwerthe Seite ſeines Syſtems die Behandlung, welche er den Proteſtanten in Frankreich ſelbſt angedeihen ließ. Ganz falſch, völlig ver⸗ kehrt iſt die ziemlich verbreitete Vorſtellung, daß der Kar⸗ dinal ſich zwar lax im Punkte des Glaubens gezeigt habe, wenn es ſich darum gehandelt, politiſche Erfolge gegen Oeſtreich durch Unterſtützung der Proteſtanten im Auslande zu erringen, daß er dagegen mit blutiger Strenge und Un⸗ duldſamkeit die Reformirten in Frankreich ſelbſt verfolgt habe. Die Thatſache der Religionskriege wider die Huge⸗ notten auch unter ſeiner Verwaltung ſteht allerdings feſt, allein eine genauere Prüfung der einſchlagenden Verhältniſſe ergibt, daß dieſe Bürgerkriege auf nichts weniger als auf die Intoleranz des leitenden Miniſters zurückzuführen ſind. Die Intoleranz, welche den Krieg veranlaßte, lag vielmehr H auf Seiten der Hugenotten, auf Seiten ihrer geiſtlichen Häupter und Anführer. Das iſt eine nicht hinwegzuleug⸗ nende Thatſache. Die aufgeklärte und liberale Politik Hein⸗ richs IV. hatte im Edikt von Nantes beſtimmt, daß die Proteſtanten völlig freie Religionsübung genießen ſollten. Dieſes Recht war ihnen in keiner Weiſe weder unter der Regentſchaft der Königin Mutter, noch ſpäter unter Riche⸗ lieu irgend verkümmert worden. Aber damit waren die Hugenotten nicht zufrieden; die Forderungen, welche ſie er⸗ hoben, bezeugten, daß eine fanatiſche Unduldſamkeit auf ihrer Seite war. Gleich nach der Ermordung Heinrichs IV. hielten ſie ein großes Concil zu Saumur ab, auf dem förmlich beſchloſſen wurde, es ſollten keine katholiſchen Pro⸗ zeſſionen in irgend einer Stadt, an einem Orte oder auf einem Schloſſe, die von Proteſtanten bewohnt wurden, ge⸗ halten werden dürfen. Als die Regierung die Forderung zurückwies, erlaubten ſich die Hugenotten, aufgeſtachelt durch ihre Geiſtlichen, die gröbſten Ausſchreitungen. Nicht nur griffen ſie die katholiſchen Prozeſſionen überall an, wo ſie dieſelben trafen, ſondern ſie fügten auch den Prieſtern per⸗ ſönliche Beſchimpfungen zu, und ſuchten ihnen ſogar zu verwehren, den Kranken das Sakrament auszuthetlen. Wenn ein katholiſcher Prieſter eine Leiche begrub, waren die Proteſtanten ſicher dabei, unterbrachen das Begräbniß, machten die Ceremonien lächerlich und verſuchten durch ihr Geſchrei die Stimme des Prieſters zu übertäuben, daß man den Gottesdienſt in der Kirche nicht ſollte hören können. Es iſt ein unverdächtiger, weil proteſtantiſcher Hiſtoriker, es iſt Benoiſt in ſeiner Geſchichte des Edikts von Nantes, der dieſe und die folgenden Thatſachen bezeugt. Im Jahre 1619 erließen ſie in ihrer Generalverſammlung zu Louden die Verordnung, daß in keiner proteſtantiſchen Stadt ein Jeſuit oder auch nur irgend ein Geiſtlicher, den der Bi⸗ ſchof angeſtellt hätte, ſollte predigen dürfen. Zugleich wurde den Proteſtanten verboten, zugegen zu ſein„bei einer Taufe, einer Heirath oder einem Begräbniß, wo ein katholiſcher Prieſter fungirte.“ Als Ludwig XIII. Pau im Jahre 1620 Aefuchte, wurde er nicht nur als ketzeriſcher Fürſt unwür⸗ dig behandelt, ſondern er fand auch, daß ihm die Prote⸗ ſtanten nicht eine einzige Kirche, nicht einen einzigen Ort freigelaſſen hatten, wo er als König von Frankreich in ſeinem eigenen Lande die Andacht verrichten konnte, welche er zur ewigen Seligkeit für nothwendig hielt. Man ſieht, die franzöſiſchen Hugenotten wollten ein Staat im Staate ſein, es wollte die Minderheit der großen Mehrheit die Rechte der Duldung nicht zugeſtehen, die ſie ſelbſt genoß. Man ſtaunt über die Anmaßung und Kühn⸗ „ 495 — —; — — heit, mit welcher eine Hand voll Fanatiker ſich herausnahm, die Regierung des Staats zu kontroliren und ihr katego⸗ riſche Vorſchriften zu machen. In der ſchon erwähnten Verſammlung zu Saumur beſtanden ſie darauf, daß Sully in gewiſſe Aemter, aus denen er nach ihrer Meinung un⸗ gerecht entfernt war, wieder eingeſetzt werden ſollte. Auf einer Verſammlung zu Grenoble verlangten ſie, die Re⸗ gierung ſolle das Tridentiniſche Concilium nicht anerken⸗ nen, und eine andere Verſammlung der Hugenotten zu Nimes in demſelben Jahre ordnete an, die Proteſtanten ſollten die Heirath Ludwigs XIII. mit einer ſpaniſchen Prinzeſſin hintertreiben. Zu London erklärten ſie im Jahre 1619, einer der proteſtantiſchen Räthe des Pariſer Parla⸗ ments müſſe entlaſſen werden, weil er katholiſch geworden ſei, und aus demſelben Grunde, daß Fontrailles das Gou⸗ vernement von Lectoure genommen werden ſolle. Hand in and mit dieſer anmaßenden Ueberhebung ging ein böſer Geiſt der Unduldſamkeit der reformirten Prediger gegen die eigenen Gemeindemitglieder, die ſich ihren herriſchen Ver⸗ fügungen nicht unbedingt unterwerfen mochten. Im Jahre 1613 wurde in der Kirche zu Nimes ein gewiſſer Ferrier öffentlich excommunicirt, deſſen Verbrechen darin beſtand, daß er von den geiſtlichen Concilien mit Spott geſprochen hatte. Dieſes ſchreckliche und gottloſe Dokument iſt uns erhalten; es liefert einen ſignifikanten Beleg von der lieb⸗ loſen Intoleranz der damaligen proteſtantiſchen Geiſtlich⸗ keit. Das Urtheil erklärt Ferrier für einen unlenkſamen und unbußfertigen Sünder.„Deßwegen,“ heißt es,„haben wir im Namen und mit der Gewalt unſeres Herrn Jeſus Chriſtus, unter der Führung des heiligen Geiſtes und der Autorität der Kirche ihn aus der Gemeinſchaft der Kirche ausgeſtoßen und ſtoßen ihn hiemit aus, damit er dem Sa⸗ tan überliefert werde.“ Mit puritaniſcher Strenge über⸗ wachte und meiſterte die Geiſtlichkeit die alltäglichſten Vor⸗ fälle des Lebens. Um einige Beiſpiele anzuführen, es ver⸗ boten die proteſtantiſchen Prediger allen Leuten, in's Thea⸗ ter zu gehen, ja ſelbſt Aufführungen in Privathäuſern mit anzuſehen. Das Tanzen war als gottloſes Vergnügen nicht nur ſtreng verboten, ſondern nach einem Synodalbeſchluß ſollten auch alle Tanzmeiſter von der geiſtlichen Behörde ermahnt und aufgefordert werden, eine ſo unchriſtliche Be⸗ ſchäftigung aufzugeben. Die Tanzmeiſter aber, welche ver⸗ härtet blieben und der Ermahnung nicht Folge leiſteten, ſollten in den Kirchenbann gethan werden. Mit derſelben Sorgfalt überwachten die Geiſtlichen andere Gegenſtände von derſelben Wichtigkeit. Sie verfügten, Niemand ſolle auf den Ball oder auf die Maskerade gehen, noch dürfe ein Chriſt den Künſten der Gaukler oder dem Becherſpiel oder dem Puppenſpiel zuſchauen; alle ſolche Vergnügungen ſollten durch die Obrigkeit unterdrückt werden, weil ſie zur Neugier reizten, Ausgaben verurſachten und Zeit koſteten. Zwei Vornamen in der Taufe wurden dem Täufling ge⸗ ſtattet, einer jedoch ſei beſſer. Kein Kind aber dürfe einen Namen erhalten, der früher bei den Heiden im Gebrauch geweſen. Das Erlernen der hebräiſchen als einer bibliſchen Sprache war erlaubt, dagegen das Griechiſche ſtreng ver⸗ pönt. Die Geiſtlichen erklärten, die Gläubigen dürften ja ihr Haar nicht lang wachſen laſſen, ſie könnten dadurch zu dem Luxus„leichtfertiger Locken“ verführt werden. Ebenſo unterlag jedes einzelne Kleidungsſtück der peinlich⸗ ſten Cenſur. Keine Troddeln, hieß die Ordre, ja keine weiten Aermel, keine ſeidenen Bänder und Handſchuhe, kein Aufputz. Die mitgetheilten Zeugniſſe werden zum Beweiſe deſſen 496 — genügen, was vorhin behauptet wurde, daß nämlich Riche⸗ lieu nicht ſowohl einen Religionskrieg gegen die Hugenotten führte, ſondern daß er bei demſelben nur weltliche Zwecke hatte, daß in dieſem Kriege nicht die Katholiken, ſondern die Proteſtanten der angreifende Theil waren. Es war der Krieg nicht ein Krieg zwiſchen feindlichen Glaubensgeuoſſen, ſondern es war ein Krieg zwiſchen rivaliſirenden Ständen; es war nicht ſowohl ein Streit der katholiſchen und der proteſtantiſchen Religion, als der weltlichen Katholiken mit der proteſtantiſchen Prieſterſchaft. Uebrigens fand der Kar⸗ Hinal den Krieg bereits als ein Erbtheil vor; drei Jahre vor dem er die Zügel der Regierung ergriff, war der Kampf ſchon ausgebrochen. In Bearn, wo die Hugenot⸗ ten beſonders zahlreich waren, hatten ſie 1618 das Eigen⸗ thum der katholiſchen Kirchen mit Gewalt fortgenommen und es für ihre eigenen Kirchen verwendet. Als die Re⸗ gierung den Befehl erließ, den Raub zurückzugeben, wurde die reformirte Geiſtlichkeit durch dieſe„kirchenſchänderiſche Zumuthung“ in Aufruhr verſetzt, ſie regte das Volk zum Widerſtand auf und zwang den königlichen Kommiſſär von Pau zu flüchten. Die Empörung wurde zwar bald unter⸗ drückt, aber das Feuer brannte unter der Aſche fort, und auf einer großen Verſammlung, welche die geiſtlichen Chefs im Dezember 1620 zu Rochelle abhielten, wurden Be⸗ ſchlüſſe gefaßt, welche den Bürgerkrieg unvermeidlich mach⸗ ten. Zuerſt erließen ſie ein Edikt, wodurch ſie auf einmal alles Eigenthum der katholiſchen Kirchen confiscirten. Dann ließen ſie ein großes Siegel prägen und verordneten unter Beidruck deſſelben, das Volk ſolle bewaffnet und Abgaben ſollten von ihm eingezogen werden, um ſeine Religion zu vertheidigen. Endlich ſetzten ſie Statuten auf und organi⸗ ſirten, wie ſie ſich ausdrückten, die reformirten Kirchen von Frankreich und Bearn, und um ſich ihre geiſtliche Gerichts⸗ barkeit zu erleichtern, theilten ſie ganz Frankreich in acht Kreiſe, und gaben jedem von ihnen einen eigenen General, der jedoch immer von einem Geiſtlichen begleitet werden ſollte, denn die Verwaltung blieb in allen Theilen der geiſt⸗ lichen Verſammlung verantwortlich, der ſie ihren Urſprung verdankte. Es iſt vollkommen richtig, Angeſichts dieſer auf⸗ rühreriſchen Anmaßungen hatte die franzöſiſche Regierung keine andere Wahl, als entweder ſelbſt abzudanken, oder zu ihrer Vertheidigung die Waffen zu ergreifen. Der Krieg, welcher jetzt ausbrach, dauerte ſieben Jahre ununterbrochen fort, nur mit Ausnahme des kurzen Friedens zuerſt von Montpellier, und dann von Rochelle. Richelieu ſuchte dem Kampfe das Gehäſſige und Verbitternde eines Religions⸗ krieges zu nehmen; er war feſt entſchloſſen, die Aufrührer zu züchtigen, aber die Ketzerei wollte er nicht beſtrafen. Unbekümmert um das eifrige Andrängen der Geiſtlichkeit der eigenen Partei, welche von ihm die Ausrottung der Ketzer verlangte, beſtätigte der Miniſter öffentlich trotz des Krieges das Edikt von Nantes,„obgleich er ſehr wohl wiſſe,“ ſagte er,„daß er ſich dadurch bei denen in Ver⸗ dacht bringe, die ſo ſehr nach dem Namen eifriger Katho⸗ liken geizten.“ Auch ſonſt trachtete er dahin, die Prote⸗ ſtanten auf alle Weiſe zu verſöhnen. Nichts kann in die⸗ ſer Hinſicht bezeichnender ſein, als die ernſtlichen Vorſtel⸗ lungen, welche die päpſtliche Kurie bei der franzöſiſchen Regierung über die offenbare Ungebührlichkeit erhob, deren dieſelbe ſchuldig ſei, indem ſie einen Krieg gegen Ketzer führe, nicht zu dem Zweck, die Ketzerei zu unterdrücken, ſondern blos in der Abſicht, dem Staate weltliche Vortheile zu verſchaffen. Sein Ende erreichte der Krieg durch die berühmte Belagerung von La Rochelle. Richelieu ließ quer Feierſtunden. 1865. — ———:;:B:—; —— durch den 740 Toiſen breiten Kanal, der von der Stadt nach dem Hafen führte, einen feſten Damm ziehen, der als Meiſterſtück der Waſſerbaukunſt bewundert und vor ſeiner Vollendung für unmöglich gehalten wurde. Die Stadt hielt ſich indeß noch ſieben Monate. Die Predigten der Geiſt⸗ lichkeit hatten die Einwohner zu einem Enthuſiasmus auf⸗ gereizt, zu einem Fanatismus, der vor nichts zuruckſchreckte. Die größte Energie und Ausdauer bewies ein Bürger Gui⸗ ton, ein Mann von kleinem Körper, aber entſchloſſener Seele. Man bat ihn in der Noth, nachdem die Belage⸗ rung ſchon ein halbes Jahr gedauert hatte, das Amt eines Maire zu übernehmen. Er ſträubte ſich lange, endlich aber ſagte er:„Weil ihr es denn haben wollt, will ich Maire ſein, aber mit dem Beding, daß es mir erlaubt ſei, dem Erſten, der von Uebergabe ſpricht, den Dolch in die Bruſt zu ſtoßen. geneigt ſein ſollte.“ Er behielt dieſe zähe Standhaftigkeit bis an's Ende. Als der Mangel ſchon ſehr hoch geſtiegen war, zeigte ihm Jemand einen matt vorüber ſchleichenden, vom Hunger ganz abgezehrten Menſchen. Er antwortete: „Und das befremdet Sie? Es wird uns Beiden ebenſo gehen, wenn wir keine Hülfe bekommen.“ Ein Anderer ſagte ihm, es ſtürben ſo viele Leute Hungers, daß bald Niemand mehr da ſein würde.„Nur immerhin,“ ſagte Guiton,„wenn nur Einer zur Thorſperre übrig bleibt.“ Als endlich alle Hoffnungen auf Entſatz fehlſchlugen, ſchick⸗ ten die Bürger Abgeordnete in das königliche Lager, wel⸗ ches ebenfalls von Krankheiten und Seuchen heimgeſucht wurde, und auf Richelieu's Verſprechemn— Lebens und Eigenthums und freier Rel ben ſich endlich die wenigen Menſchen, di.„auger nuc einer vierzehnmonatlichen Belagerung noch übrig gelaſſen hatte. Fünfzehntauſend Menſchen, nach Anderen noch weit mehr, waren dem Hunger erlegen; nur noch aus 65 Fran⸗ zoſen und 90 Engländern beſtand die ſich ergebende Be⸗ ſatzung. Sie erhielt freien Abzug, die Offiziere mit den Waffen, die Soldaten mit weißen Stäben. Wie Schatten wankten ſie kraftlos zum Thore hinaus. Am 30. Oktober 1628 zog die franzöſiſche Leibwache ein. Am Thore über⸗ reichte Guiton die Schlüſſel. Die Einwohner fielen die einziehenden Soldaten an, um ihnen das an ihren Bande⸗ lieren hängende Brod zu entreißen, und dieſe, durch den traurigen Anblick gerührt, wehrten nicht, ſondern gaben es freiwillig dahin. Die Stadt war ſo voll Peſtluft und Unreinigkeit, daß man einige Tage brauchte, um ſie zu ſäubern. Wenn Angeſichts der angeführten Thatſachen noch ein Zweifel über die Motion Richelieu's in dem Kriege wider die Hugenotten möglich wäre, dieſer Zweifel müßte ſchwin⸗ den, wenn man auf die Behandlung ſieht, welche jener gegen die Reformirten nach ihrer Niederlage beobachtete. Er geſtand ihnen ohne Weiteres den nachgeſuchten Frieden zu, das Edikt von Nantes ward abermals beſtätigt und den Anführern des Aufſtandes Amneſtie gemäbet— Befeſtigungen der ſogenannten Sicherhein ſtört, ſonſt aber erfolgte keine Beſtrafung hatte ſeinen Zweck erreicht: Als ein eigener politiſcher Kör⸗ per ſollten die Reformirten nicht länger beſtehen, dagegen ſollten ihnen alle früher eingeräumten religiöſen Rechte ge⸗ laſſen werden. Von einem Nachtragen der Vergangenheit konnte bei einem Staatsmanne, der in Wahrheit auf ſei⸗ nem Sterbebette dem Beichtiger antworten konnte, der ihn ermahnte, in der letzten Stunde ſeinen Feinden r⸗ zeihen:„Ich habe niemals andere Feinde gehabt Mir ſelbſt ſoll man das thun, ſobald ich dazu Fände d dibäi wurde b und einf ropo al ricch un Ghattilo de ber hatte, gere au berg, Verw geden Grof Kard der 9 Gebu Das Verſ ſchät ken und cloſſene Belage mt einen dlich aber ch Main ſei, dem die Bruft mich dazn dhaftigket geſtiege eichenden, twortete. n ebenſ Andern daß bal ,“ ſag bleibt n, ſchi er, Wl imgeſuct uger lul gelaſſe noch vit 65 Frau nde Be wit do Schatten „Oktodr ore übn jelen d Bande urch Wr gaben luft un m fie i n och di ie wie t ſhnn chumn m Iriede dtigt un ſcher Kör⸗ ſagn Rechte e⸗ anguhi auf ſer „ del h Feierſtunden. 1865. —— Feinde des Staats“— von einem Nachtragen konnte bei Richelieu nicht die Rede ſein. Eine Menge von Hugenotten wurde von ihm nach Beendigung des Bürgerkrieges in hohe wenn man ann zu leſen, den Einfluß des fr und einflußreiche Civil⸗ und Militärämter angeſtellt. Eu⸗ ropa ſah mit Staunen die Armeen des Königs von Frank⸗ reich unter dem Befehle ketzeriſcher Generäle. Lesdiquidres, Chattilon, La Force, der Herzog von Rohan gehörten zu den berühmteſten Anführern, die Ludwig XIII. im Dienſt hatte, und alle waren Proteſtanteu, ebenſo wie einige jün⸗ gere ausgezeichnete Offiziere, wie Gaſſion, Rantzau, Schom⸗ berg, Turenne. Man kann nicht über Richelieu ſchreiben, ohne ſeiner Verwickelungen und Kämpfe mit dem franzöſiſchen Adel zu gedenken. Die Prinzen von Geblüt und mit ihnen die Großen des Landes empfanden das kraftvolle Regiment des Kardinals um ſo bitterer, als ſie ſelber einen Antheil an der Regierung für eine Sache hielten, die ihnen nach ihrer Geburt und ſozialen Stellung ſelbſtverſtändlich gebührte. H Das Mißvergnügen dieſer Kreiſe machte ſich wiederholt in Verſchwörungen und offenen Aufſtänden Luft. Die uner⸗ ſchütterliche Feſtigkeit des Miniſters indeß, der kein Beden⸗ ken trug, einen Montmorency auf das Blutgerüſt zu ſchicken und des Königs eigenen Bruder Gaſton als Rebell zu be⸗ handeln, beſeitigte die Gefahren, welche der geordneten Ent⸗ wicklung des Staates von jenen Unternehmungen drohten. Allerdings mehrte dieſe Strenge den Haß, den der Kardi⸗ nal ſich ſchon, wie wir geſehen haben, von anderer Seite nd namentlich die Hinrichtung Mont⸗ ihm der Adel nie vergeben. Richelieu Jerh hene e ce Zeit geſchwankt, ob er den Schritt wagen dürfe.„Ich bin,“ ſoll er mit Beziehung auf den Fall zu Vieuville geſagt haben,„von Natur furchtſam und wage nichts zu unternehmen, was ich nicht mehrere Male durchdacht habe; aber nach gefaßtem Entſchluß handle ich kühn, dringe zu meinem Ziele, werfe Alles zu Boden, mache Alles nieder und bedecke dann Jegliches mit einem rothen Mantel.“ Die giftigen Anfeindungen und Ver⸗ leumdungen, mit welchen ihn der Adel überſchüttete, ertrug er mit Gleichmuth.„Auf Verleumdungen,“ ſchrieb er dem Großſiegelbewahrer,„auf Verleumdungen ohne Grund muß man kein Gewicht legen. Sie üben denjenigen, wider welchen ſie gerichtet ſind, und dienen zum Ruhme deſſen, dem man ſchaden will.“ Und an einer andern Stelle in ſeinen Memoiren ſpricht er das vollkommen richtige Ur⸗ theil aus:„Man haßte mich, weil der König mich liebte, weil mir gegen fremde Rathſchläge und Anſichten ſo Vie⸗ les gelang, weil ich Wünſche, die dem allgemeinen Beſten zuwider liefen, nirgends berückſichtigte, und vor Allem weil ich die königliche Macht beſtärkte, Alle zu Ordnung und Gehorſam zwang und der alten Willkür ein Ende machte.“ lichkeit ſeines Charakters zuzugeben. So bezeugt u. A —— Wontenille, eine eifrige Gegnerin des Kardinals, diente den öffentlichen Haß nicht, der Keid hervorging, vielmehr war er der erſte Wcaun ſerure Zeit, und die vergangenen Jahrhunderte zeigen nichts, was ihn überträfe. Er hatte den Grundſatz berühmter Tyrannen, ſeine Pläne, Gedanken und Entſchlüſſe den Staatszwecken und dem öffentlichen Wohle gemäß ein⸗ zurichten. Leben und Tod intereſſirte ihn nur in Beziehung ———————-—;;ᷓò auf ſeine Größe und auf ſein Gl des Staates abhängig glaubte.“ immt, daß Richelieu, anzöſiſ ————— 497 — ück, wovon er das Wohl Doch iſt es ein Irrthum, wie in vielen Büchern chen Adels wirklich ge⸗ brochen und zerſtört habe. Einſchränken und zügeln konnte der Kardinal den Adel, ein jedoch unmöglich. Je der politiſche Einfluß wird. Was man po⸗ bemerkt mit zutreffender blos Symptom und Aus es führt zu nichts, di auch die zweite ſchwächen kann. Adels war eine ſoziale, u fochten bis zur telligenz Frankreichs ſich aufen warf Wege brachte. Wahrhaft unermüdlich dinals. Er arbeitete im eigen weil er nur drei bis v dem Erwachen arbeiten begann. Kraft des Charak allen Seiten gerichtete Thäti lichen, hinfälligen Körper. anſtrengenden ſtehe Sie.“ Ich empfehle ſchlug dann 3 2 te.“ griffen war, hieß e Seine Feinde ſelbſt konnten nicht umhin, die Größe ſeines macht mich weich, Geiſtes, den Scharfſinn ſeines Urtheils, die Unerſchütter⸗ ſtunde Schwäche zu zeigen, habe.“ Als der König ſich entfernt hatte, Abendmahl, vor deſſen Genuß der Sterbende betheuerte:„Möge Gott mich richten, wenn ich je etwas Anderes gewollt habe, als das Wohl des Staates.“ b am 4. Dezember 1642 im achtund⸗ Euſtache das Feierſtunden. 1865. Körpers eher verſagten, verfiel im Jahre 1642 Aerzte ihm nach einem er noch zu leben habe, Gipfel des Ruhmes, Richelieu ſtar fünfzigſten Jahre ſeines Lebens. als man ihm die Nachricht von dem Todesfall überbrachte: „Es iſt ein großer Staatsmann geſtorben.“ ner Irrthum entſpring nicht von dem ſozialen unterſchieden litiſche Macht eines Standes nennt, Schärfe der treffliche Buckle, iſt druck ſeiner wirklichen Macht, und e erſtere anzugreifen, wenn man nicht Mehr zu erreichen war ihm t daraus, daß Die wirkliche Macht des von Richelieu noch von Ludwig XIV. verkürzt werden; ſie blieb unange⸗ Mitte des 18. Jahrhunderts, wo die In⸗ nd konnte weder gegen ſie empörte, ſie über den und endlich die franzöſiſche Revolution zu mit ſeinen Sekretären ſogleich wiede Und dieſe Fülle der Arbeitskraft, dieſe Verſtandes, dieſe nach chwäch⸗ ters, dieſe Tiefe des gkeit wohnte in einem ſ Es begreift ſich, daß bei ſeiner war die Arbeitskraft des Kar⸗ tlichen Sinne Tag und Nacht, ier Stunden ſchlief und ſogleich nach r zu und aufreibenden Thätigkeit die Kräfte des eden. bü ich von Ihnen nehme. als die Kräfte ſeines Geiſtes. Er in eine ſchwere Krankheit. Als die Blutſturz auf die Frage, wie lange nach Art höſiſcher Schmeichler ant⸗ worteten:„Zum Heile Frankreichs werde Gott etwas Außer⸗ ordentliches thun,“ ließ er, Chicot, den Leibarzt des Königs, ru Freund offen und wahr zu r ten erklärte der Arzt:„In vierundzwanzig Stunden ſind Ew. Eminenz geheilt oder todt.“ ſagte Richelieu,„wie es ſich ge Als der König erſ zu nehmen, dankte er für die Ehre und ſagte:„ iſt der letzte Abſchied, den dabei den Troſt, daß ich Ihr Königreich auf dem höchſten auf dem es je geſtanden, zurücklaſſe. erzürnt über die Kriecherei, fen, und bat ihn, als Nach einigen Ausflüch⸗ —„Das iſt geſprochen,“ hrt; es iſt genug, ich ver⸗ chien, um Abſchied von ihm Sire, dies Ich habe Ihnen meine Verwandten unter der Bedin⸗ gung, daß ſie in Treue und den Kardinal Mazarin, Dienſten in franzöſiſche getreten war, zu ſeinem Nachfolger vor. Den Marſchall von Grammont, welcher zu ſehr er⸗ r mit den Worten gehen:„Ihr Schmerz und es gebührt ſich nicht, in der Todes⸗ die ich im Leben nicht gekannt reichte ihm Pater Tüchtigkeit beharren.“ der aus päpſtlichen Er König Ludwig XIII. rief, 63 498 Feierſtunden. 1865. ——ꝛ—;òÿ—;—:—ÿ———————; Bilder aus Rußland. 1) Wölfe in Rußland. lich erreichten wir mehrere Holzſchläger, die beim Fällen der Bäume einen Bären aus ſeinem Lager getrieben hatten. Ich hatte mich mehrere Wochen bei meinem Freunde Da ſtand Petz jetzt auf den Hinterbeinen vor ſeinem bis⸗ Murajen, in der Nähe von Kaſan, aufgehalten, als er in herigen Winterquartiere, einer tiefen Höhlung unter der dringenden Geſchäften nach dem ungefähr fünfzig Werſte ſoeben umgehauenen Eiche, lehnte den Rücken gegen den entfernten Dorfe Potosk gerufen wurde, wo ihm die Ober⸗ Stamm derſelben und faſt mit den Vorderfüßen in der aufſicht über eine Korn- und Sägemühle oblag. Der nächſte Luft, während die Leute ſich an ſeinen Poſſen und Gri⸗ und beſchwerlichere Weg führte durch einen dichten Wald, maſſen ergötzten. Da es ſchien, als wollte er etwas um⸗ und wurde, obgleich wir einen offenen und bequemeren hät⸗ armen, ſo gingen ſie dicht an ihn heran und legten einen ten nehmen können, dennoch von uns erwählt, weil er uns mit Matten bedeckten Holzklotz zwiſchen ſeine Füße. Brum⸗ Gelegenheit bot, während der Fahrt manches Stück Wild mend ſchloß er ſie ſogleich darüber, drückte den Klotz an zu erlegen. In den zwei vorhergehenden Nächten hatte es ſich und riß die Matten in Stücke. Ich wunderte mich, ſtark gefroren, ſo daß der Schnee eine harte Rinde und die Leute ſo dicht zu ihm herangehen und ihn necken zu durch den Wald nach allen Richtungen hin eine glatte Bahn ſehen; allein es war keine Gefahr für ſie vorhanden, denn ohne Gleis bildete. Statt uns vor den Wölfen zu ſcheuen, der arme Petz hatte noch nicht völliges Bewußtſein erlangt. welche im Walde ſehr zahlreich vorhanden waren, beſchloſ⸗ Er war blind und ſehr abgemagert; die Haut hing ſen wir, ihre Geſellſchaft aufzuſuchen, und nahmen zu die⸗ ſchlaff, wie ein weites Kleidungsſtück an ihm herab, und ſem Zwecke ein junges Ferkel als Lockſpeiſe mit, welches ſein Fell war dem eines räudigen Hundes ähnlich. Beim in einem leinenen Sacke ſorgfältig verſchloſſen war. Nach⸗ Anfange des Winters hatte er ſich ſeine Höhle gegraben, dem wir unſere Schlitten mit Eßwaaren und Branntwein⸗ ſein Lager darin genommen und an den Klauen ſaugend flaſchen gehörig verproviantirt, und uns ſelbſt mit Jagd⸗ geſchlummert, bis das Unglück ſeine Feinde dahin führte, meſſern, Büchſen und Munition verſehen hatten, fuhren die ihn aus dem tiefen Winterſchlafe erweckten. Um das wir ab, erreichten den Wald, und befanden uns bald in arme Thier nicht von den Arbeitern zu Tode martern zu ſeinem Labyrinthe. Unſer Kutſcher war der Sohn des laſſen, ſchoſſen wir ihm eine Kugel durch den Kopf, und Staroſten, der meinem Freunde auf allen ſeinen Geſchäfts⸗ kehrten dann zu unſerem Schlitten zurück. Die Kugel er⸗ reiſen in dieſer Eigenſchaft diente. Zwei ihm zugehörige ſparte ihm jedenfalls ein grauſames Ende, was allein un⸗ Wolfshunde und ein großer Neufundländer lagen zu unſe⸗ ſere Handlung, den armen, blinden, noch halb ſchlummern⸗ ren Füßen und ſchienen mit Ungeduld das Erſcheinen des den Petz zu tödten, rechtfertigen konnte. Wildes zu erwarten. Eine prachtvolle, nicht zu beſchreibende Scene umgab Schlittenfahren iſt ein Vergnügen, das man nirgends uns, während wir von Neuem über den hart gefrorenen in dem Maße genießen kann, wie in Rußland. Nichts Schnee durch den Wald flogen. An der Theilung der geht über eine wilde Fahrt über den hart gefrorenen Schnee Bäume ließ ſich erkennen, daß wir uns auf einem befah⸗ in einem guten Schlitten und in warme Pelze gehüllt. renen Wege befanden; allein er wurde an vielen Stellen Auf einem weichen Bärenfell ſitzend, von einem zweiten ſo eng, daß wir oft in Gefahr waren, mit den Stämmen bedeckt, welches die Beine warm erhält, die Füße in Pelz⸗ und Zweigen der alten Eichen in unangenehme Berührung ſtiefeln ſteckend und auf vier doppelt zuſammengelegten zu kommen. Von Zeit zu Zeit gelangten wir dagegen in Schaffellen ruhend, auf dem Kopfe eine Pelzmütze, hoch und weite, offene Lichtungen von zwei⸗ bis dreihundert Acker ſteif wie ein Filzhut ohne Krempe, die Hände ſechs Zoll Land, auf denen nur hie und da ein Baum mit ſeinem eis⸗ tief in den warmen Zobelärmeln bergend, und behaglich grauen Laubwerke in einſamer Pracht ſtand. Unſer Kut⸗ zurückgelegt, während die Pferde mit ihrem glänzenden Ge⸗ ſcher war aber nie in Verlegenheit. ſchirr dahin ſauſen, und der Kutſcher mit ſeiner hohen„Ich kenne das Gehölz, Herr Baron,“ ſagte er. Wolfsmütze und dem hübſchen, blauen Kaftan, der von„Mit ſolchen Pferden iſt keine Gefahr für uns da. Nein, einem buntfarbigen Gürtel zuſammen gehalten wird, drei nein, ſteigen Sie nur aus, meine Herren. Mich dünkt, feurige Thiere ruhig und mit ſicherer Hand lenkt, deren ich ſehe die Spuren der Wölfe ſchon.“ kräftige Hufe einen feinen, faſt blendenden Staubregen von„Sollen wir das Ferkel als Köder hinaus hängen?“ Schnee verbreiten,— mit allen dieſen Requiſiten empfin⸗ fragte ich meinen Freund. det man, welche Luſt eine Schlittenfahrt gewährt. Natür⸗„Auf jeden Fall laſſen Sie uns nur auf eine Kreatur lich ſpreche ich nicht von einer Fahrt durch die Straßen ſchießen, die nicht blind und hülflos iſt,“ erwiederte er; einer Hauptſtadt, wie Petersburg und Moskau, ſondern„ich kann noch immer nicht den armen Bären vergeſſen.“ von einer fünfzig oder ſechzig Werſte weiten Reiſe durch Das Ferkel wurde unter dem Sitze hervor gezogen, den Wald und über unbetretenen, jungfräulichen Schnee, wo es bis dahin ruhig gelegen hatte, und durch eine etwas wenn die Bäume in ihrem phantaſtiſchen Eisſchmucke pran⸗ unſanfte Berührung ſeiner hinteren Extremitäten verag gen und die ſcharfe, reine Luft das Blut ſchneller durch ein Solo mit Variationen nach ſeiner Art hören zu luſſen, die Adern laufen läßt. das Meilen weit durch den ſtillen Wald ſchallte. Lange Noch ehe wir weit vorgedrungen waren, ſchlugen die Zeit konnten wir keine Wölfe entdecken, aber endlich wur⸗ Laute und das Lachen menſchlicher Stimmen an unſer Ohr. den zwei ſichtbar, welche in dem niederen Gebüſche, para⸗ Entſchloſſen, uns zu überzeugen, was die Veranlaſſung ſei, lell mit unſerer Richtung, doch in ehrerbietiger Entfernung, ſtiegen wir aus, nahmen unſere Gewehre und ſchritten nach fort ſchlichen. Obgleich wir dafür ſorgten, daß die Muſik der Gegend zu, aus der das Geräuſch kam. In reiner, nicht aufhörte, kamen ſie doch nicht auf Schußweite nahe. kalter Luft fliegt der Schall weit durch den Wald, und der Wir nahmen hierauf ein langes, weißes Seil, befeſtigten Weg war deßhalb länger, als wir erwartet hatten. End⸗ das eine Ende an den Sack, das andere an den hinteren Fällen hatten. iem bis⸗ ater der ſegen den n in der und Gri⸗ was um⸗ ten einen Brum⸗ Klotz an erte mich, necken zu en, denn erlangt. aut hing ab, und . Beim gegraben, ſaugend n führte, Um das rrtern zu ppf, und Kugel er⸗ illein un⸗ ſummern⸗ e umgah efrorenen lung det m befah⸗ Stellen Stämmen eerührund ggegen in rt Acker nem eib⸗ ſer Kas⸗ agnr g. Nein, c dünkt, hungen? Kreatur Feierſtund Theil des Schlittens, und ließen bei einer Biegung des Weges den Sack hinaus auf den Schnee fallen. Dann fuhren wir langſam weiter, und während das Seil ablief, lag das Ferkel natürlich ruhig. Als es ganz abgelaufen war, hielten wir an, ſtiegen aus, und nahmen unſeren Stand ungefähr zweihundert Schritte von dem Sacke ent⸗ fernt, hinter einem Baume, von wo aus wir die Stelle im Gebüſche beobachteten, an der die Wölfe zuletzt ſichtbar geweſen waren. Inzwiſchen begann das Ferkel, in dieſe neue Lage verſetzt, die Muſik mit verdoppeltem Eifer. Die Wölfe kamen ſpringend aus dem Gebüſche hervor und näher⸗ ten ſich dem armen Thiere, das jedoch in keiner größeren Gefahr war, als wir ſelbſt. Sobald ſie nahe genug wa⸗ ren, um darauf los zu ſpringen, trieb der Kutſcher auff ein Zeichen von uns die Pferde an, entzog ihnen dadurch die Beute, und ließ ſie verwundert, was das zu bedeuten habe, zurück. Ihr Staunen währte jedoch nicht lange, denn ſie hatten Schweinefleiſch gerochen und ſchienen entſchloſſen zu ſein, ihr Mahl daran zu halten. Abermals näherten ſie ſich dem Sacke, und wiederum wich derſelbe vor ihnen zurück, während das gellendſte Ge⸗ ſchrei daraus erklang. Die Wölfe machten einen wüthen⸗ den Sprung, aber von Neuem trieb der Kutſcher die Pferde an, bis der Sack, dem die Wölfe mit hängender Zunge und funkelnden Augen folgten, uns bis auf Schußweite nahe war. Dann feuerten wir beide unſere Gewehre ab, doch nur ein Wolf fiel, da wir auf einen und denſelben gezielt hatten. Der andere wollte in das Gebüſch entwiſchen, allein die drei Hunde packten und fertigten ihn ſchnell ab, wofür ſie einige Biſſe ſeiner ſcharfen Zähne erhielten. Dieſe Methode, die Wölfe zu locken, iſt in jener Ge⸗ gend allgemein, aber nicht ohne Gefahr, weil, wenn eine große Menge dadurch angezogen wird, nur ſehr ſchnelle Pferde die Jäger retten können. Wir hatten dieſen Vor⸗ theil, abgeſehen von Büchſen und Hunden, und waren deß⸗ halb auf jede beliebige Anzahl vorbereitet. „Hören Sie das?“ ſagte mein Freund, als der Wind uns den Schall eines uuverkennbar von Wölfen herrühren⸗ den Geheuls zuführte.„Wir haben nur die Vorpoſten ge⸗ tödtet; das Rudel folgt uns. Laſſen Sie uns ſchnell das Ferkel herein nehmen und die Wölfe an den Schlitten binden.“ Wir zogen einen Strick um den Hals der erlegten Thiere und banden ſie an den Schlitten, koppelten die Hunde zuſammen und ſtiegen mit ihnen hinein. Dann ging es in vollem Laufe davon, während ſich auf beiden Seiten und hinter uns bereits neue Wölfe zeigten. Wir überzeugten uns jedoch bald, daß unſere Schnelligkeit um ein Drittel größer war, als die ihrige, weßhalb wir keine Gefahr fürch⸗ teten. Alles, was uns zu thun blieb, war, zu verhindern, daß ſie uns voraus kamen.(Siehe Abbild. auf S. 501.) Nachdem unſere Büchſen wieder geladen und die Ci⸗ garren angeſteckt worden waren, beobachteten wir aufmerk⸗ ſam Jeder eine Seite, um wo möglich zu einem guten Schluſſe zu kommen; allein dies iſt in einem laufenden Schlitten außerordentlich ſchwierig, wenn nicht der Gegen⸗ ſtand groß, nahe und feſtſtehend iſt.“ „Mattvic!“ rief mein Freund,„fahre langſamer, halte die Pferde im Auge und ziehe allmählig an, wenn ich ‚halt' rufe.“ „Ich höre,“ war, Kutſchers. Hinter uns kam heran. wie gewöhnlich, die Antwort des jetzt ein Rudel in vollem Laufe ſicht den herankommenden d Zahl, zugewendet, und legten unſere Gewehre auf die ehne. rend ich einen von der rechten nehme, Zähne ſehen, feuern Sie.“ 499 ————— en. 1865. —— „Langſamer, Mattvic!“ „Ich höre.“ Wir knieten auf dem Sitze des Schlittens, das Ge⸗ ölfen, ungefähr fünfzehn an Als ſie nahe genug waren, ſagte mein Freund: „Jetzt nehmen Sie einen auf der linken Seite, wäh⸗ und ſobald Sie die „Halt, Mattvic!“ „Ich höre.“ Allmählig hielt der Schlitten an. Die Wölfe waren nur noch zwanzig Schritte entfernt, und wir konnten ihr ſcharfes, fletſchendes Gebiß, die hängenden Zungen und das wilde Funkeln ihrer Augen ſehen. „Sind Sie fertig?“ flüſterte mein Freund.„Feuer!“ Zwei Wölfe fielen. „Noch einmal mit dem anderen Laufe. Fertig? Feuer!“ Wieder zwei fielen. „Fahre zu, Mattvic, aber langſam; denn ſie werden Zeit brauchen, um ſich zu beſinnen.“ Sämmtliche Wölfe blieben ſtehen und ſchienen ſich um ihre gefallenen Freunde zu verſammeln. Eine Biegung des Weges entzog ſie unſeren Blicken. Selbſt unſere Feinde auf der rechten und linken Seite blieben in Folge der uner warteten Schüſſe zurück und ließen uns unbeläſtigt weiter fahren. Die Pferde gingen immer langſamer und lang⸗ ſamer, und endlich ſtand der Schlitten ganz ſtill, aber keine Wölfe kamen uns mehr nach. „Ich fürchte, unſere Jagd iſt für heute vorüber,“ ſagte Murajew.„Fahre zu, Mattvic, es läßt ſich nicht ändern.“ „Hören Sie, gnädiger Herr,“ verſetzte der Kutſcher, „wir können ſie alle fangen. Ich will das Ferkel ſein.“ „Alle fangen? Wie das?“ „Es iſt ganz leicht. Ungefähr drei Werſte von hier liegt die Hütte des Förſters Thimofey Evannofage. Sie brauchen ſich nur rechts zu wenden und dann grade aus zu fahren, ſo iſt ſie nicht zu verfehlen. Er hat eine Wolfs⸗ falle. Halten Sie dort Alles bereit, und ich will die Wölfe bringen. Fürchten Sie nichts; nur erlauben Sie mir, das kleine Pferd zu nehmen. Es iſt ſchnell und ſicher, und ſchon oft habe ich mit ihm Wölfe gelockt.“ Nach Beſeitigung einiger Bedenken in Betreff der Sicherheit des Mannes, die er ſelbſt für ganz ungefährdet erklärte, gingen wir auf den Plan ein. Das kleine Pferd wurde ausgeſpannt und an Mattvic übergeben, worauf Murajew den Bock beſtieg und davon fuhr. Inzwiſchen ritt unſer Kutſcher, wie ein Ferkel ſchreiend, zurück, um dadurch die Wölfe einzuladen, ihm nach Thimofey's Falle zu folgen. Das Haus des Letzteren war von einem ſtar⸗ ken Pfahlwerk oder Palliſaden umgeben, mit nur einer Thür, welche ſich nach innen öffnete und vermöge eines daran hängenden Kolben wieder ſchloß, nachdem ſie geöffnet worden war, ſo daß ſie, wenn ein Wolf durch dieſelbe ein⸗ gedrungen war, ihn in dem Raume zwiſchen dem Hauſe und den Palliſaden abſperrte. Dieſer Raum war wiederum durch ſtarke Scheidewände abgetheilt, in deren jeder ſich ein bewegliches Fach befand, das vom Hauſe aus geöffnet und verſchloſſen werden konnte. Auf dieſe Weiſe war es den Bewohnern möglich, die eindringenden Wölfe zu trennen und mit Hunden, Beilen und Büchſen beliebig zu tödten. Ein Mann ſoll, wie mir erzählt wurde, im Laufe eines 63* — mm .—— 300 ———-:õ———; Winters, abgeſehen von anderem Wilde, mehr als fünfzig Wölfe ſo erlegt haben, deren Felle ihm gegen zweihundert Rubel einbrachten. Als wir uns der Hütte näherten, fanden wir ſie wider Erwarten groß und die Palliſaden von weiterem Umfange, als ein ſolches Gebäude zu erfordern ſchien. Wir riefen, ſchrieen, aber Niemand antwortete, Alles war ruhig und ſtill, als wenn der Ort unbewohnt wäre. Endlich traten wir durch die Thür in die Palliſaden ein, welche mit einem lauten Schlage hinter uns zufiel, und ſahen uns in einem engen Raume, und vor uns einen Thorweg, der in den hinteren Theil des Gebäudes führte. Nachdem wir mehrere Minuten lang geklopft hatten, öffnete ſich endlich eine kleine Pforte im Thorwege, und mit großer Vorſicht erſchien die Figur eines Mannes, der ſich die Augen rieb und uns ganz erſtaunt anſtarrte. Unwillkürlich mußte ich an den blinden Bären denken. Er trug einen zerlumpten grauen Kittel, und unter demſelben ein Hemd und Beinkleider von grober Baumwolle mit hohen Filzſtiefeln. Unter vielen Entſchul⸗ digungen bat er um Verzeihung, uns ſo lange haben war⸗ ten zu laſſen, aber machte keine Anſtalt, uns den Eintritt zu gewähren, bis wir ihm ſagten, daß ein Rudel Wölfe eintreffen werde, und daß unſer Schlitten mit dem Pferde in Sicherheit gebracht werden müſſe. Dieſe Nachricht wirkte auf ihn wie ein elektriſcher Schlag, und mit einem Sprunge verſchwand er durch eine Seitenthür. Gebückt folgten wir ihm und gelangten in das Haus. Der innere Raum war nichts als ein Stall von zwanzig bis dreißig Fuß Länge und Breite, mit einem großen Ofen in der Mitte, um den zwanzig Hunde und mehrere Männer hingeſtreckt lagen und ſchliefen. Die Hitze war erſtickend und der Geſtank unerträglich. Thimofey erweckte die Schläfer, indem er ſie an den Beinen zog, Waſſer über ſie ſchüttete, und Hunde und Männer mit den Füßen ſtieß. „Wölfe! Wölfe!“ rief er,„und ihr Schweine ſchlafet noch! Ruhig, Beſtien, kein Bellen! Evan, führe die Pferde und Hunde der gnädigen Herren nach der Scheuer. Andrea, ſtelle dich an den Thorweg und verſchließe ihn, ſobald Mattvie herein gekommen iſt. Schnell! Bringe die Hunde in die dritte Abtheilung und hole die Gewehre! Ach, Gott ſei Dank, daß die gnädigen Herren uns Wölfe bringen!“ Wir empfanden keine Luſt, während dieſer Unruhe in der Hütte eingeſperrt zu ſein, und nahmen deßhalb unſeren Stand neben dem Manne am Thorwege, welcher jetzt noch offen war, um Mattvic und ſein kleines Pferd einzulaſſen. Bald war Alles ruhig und jede nöthige Vorkehrung getrof⸗ fen. Dann ließ ſich das Geheul von Wölfen hören, das Schreien eines Schweines, der Galopp eines Pferdes über harten Schnee und das Trampeln vieler Füße. Die äußere Thür in der Palliſade wurde aufgeſtoßen, und Mattvic ſprengte herein, dem eine halbe Minute ſpäter das ganze Rudel Wölfe folgte. Dieſe halbe Minute war jedoch ge⸗ rade genügend, um den Erſteren in Sicherheit gelangen zu laſſen. Als hierauf der letzte Druck an die äußere Thür aufgehört, das heißt, als der letzte Wolf ſich eingedrängt hatte, fiel ſie mit lautem Schlage zu, und fünfundzwanzig dieſer Thiere waren in einem kaum zwanzig Fuß langen und zwölf Fuß breiten Raume gefangen. Wir ſchloſſen nicht ſogleich den Thorweg, ſondern ſandten erſt zwei Ladungen unſerer Gewehre unter die ſich jetzt furchtſam in eine Ecke drängenden Wölfe, und ſchloſſen ihn dann, um von Neuem zu laden. Der Uebergang von der blutgierig⸗ ſten Verwegenheit, welche die Thiere in der Verfolgung ———;§——· Feierſtunden. 1865. ——;— eines einzelnen Reiters an den Tag gelegt hatten, zu der namenloſeſten Furcht war augenblicklich. Wie Schafe in einer Hürde krochen ſie über einander, legten ſich nieder und bebten vor Angſt. Die Arbeit des Abſchlachtens währte nicht lange. Wir öffneten die beweglichen Fächer in der Scheidewand und ließen zwei oder drei Wölfe in die nächſte Abtheilung ſchlüpfen, wo ſie von den dort eingeführten Hunden erwürgt wurden; und endlich, als nur noch ſechs oder ſieben übrig waren, traten drei Männer in den Raum, gingen dicht auf dieſelben zu und tödteten ſie ohne alle Mühe. Man pflegt zu ſagen, ein Wurm wehre ſich gegen den Fuß, der ihn tritt; allein Wölfe, welche in einer Falle gefangen worden ſind, aus der kein Entkommen möglich iſt, haben weniger Muth, als ein Wurm. Sie kriechen, zittern und ſterben, ohne den geringſten Verſuch einer Gegenwehr zu machen. 2) Das Drama des weißen Dorfes. Erſt im Laufe des jetzigen Jahres, nachdem das Ge⸗ ſetz in volle Kraft getreten ſein wird, kann man ſehen, welche Folgen die Emanzipation von dreißig Millionen Leibeigenen in Rußland haben wird. Während ich mich, zur Zeit, als die erſten Verordnungen des Kaiſers zu die⸗ ſem Zwecke erlaſſen worden waren, unter den Bauern be⸗ fand und von einem Theile des Landesun ene iaen ſuchte ich mich davon zu überzeugen, Bauern ſelbſt auf das ihnen verheißene heit legten, aber vermochte bei der unte.„rrſchenoen Stumpfheit und Unwiſſenheit keine ſehr klare Vorſtellungen davon zu gewinnen. Eines Tages hatte ich die folgende Unterhaltung mit einem Leibeigenen, welcher mir eine Bot⸗ ſchaft überbrachte. 219 Name iſt Evan Vaſilowitch? Wem gehört Ihr 7 „Ich bin ein Leibeigener des Karmoritch.“ „Wie viele ſeid Ihr Eurer?“ „Zwei tauſend Seelen.“ „Bald werdet Ihr ſämmtlich frei ſein.“ Er blickte mich von der Seite an und murmelte:„Ja, wenn Gott und unſer Vater es will.“ „Dann wird es beſſer für Euch ſein, nicht wahr, Evan?“ „Gott weiß es, Baron!— Wie kann ich es wiſſen?“ „Wie viel Obrok habet Ihr zu bezahlen? „Dreißig Rubel jährlich.“ „Bezahlet Ihr dieſe Summe baar, oder durch Arbeit?“ „Ich arbeite vier Tage wöchentlich in der Zucker⸗ mühle für den Obrok, die Steuern und die Koſten meines Paſſes.“.— „Wie viel betragen die Steuern und die Paßkoſten?“ „Drei und einen halben Rubel.“ „Alſo habet Ihr im Ganzen dreiu halben Rubel zu bezahlen, und für dieſ Ihr vier Tage wöchentlich in der Zuckermühle?“ „Ja, Herr Baron, und es iſt recht ſchwere Arbeit.“ „Wenn Ihr Eure Freiheit erlangt habt, werdet Ihr keinen Obrok mehr bezahlen oder dafür arbeiten müſſen, ſondern alle Zeit auf die Bebauung Eures Grundes und Bodens verwenden können. Wird das nicht beſſer ſein?“ „Gott gebe es! Ich weiß es nicht. Aber ich bin der Arbeit müde.“ è — n, zu de Schafe n nieder um is währt er in de ie nächſte geführten noch ſechs en Raum, ohne alle ſch gegen einer Falle en mäglich e kriechen, ſuch einer das Ge⸗ an ſehen, Millionen ich mich es zu di auern be A T ſuhellden ſtellunge folgende eine Bo n gehört worden, Feierſtunden. 1865. ah 3 V — 50² ———:::⸗nnn—————; „Wie viel Land habt Ihr?“ „Fünfunddreißig Acker.“ Feierſtu „Nun, das iſt vollkommen genug, um Eure Familie zu erhalten, wenn Ihr alle Eure Zeit darauf verwenden könnet.“ „Ich weiß es nicht, Herr Baron, aber in der Fabrik mag ich nicht mehr arbeiten.“ „Gut, Evan, ſaget mir, was gedenket Ihr nach er⸗ langter Freiheit zu thun? Werdet Ihr hier bleiben und Euer Feld bearbeiten, oder Euer Brod anderswo ſuchen?“ Er richtete die Augen nach oben, dann nach unten, dann nach beiden Seiten, als wollte er gern einer Ant⸗ wort ausweichen, zuckte nach Art der dortigen Bauern mit den Achſeln und murmelte endlich: „Ich werde ſchlafen.“ „Aber nachdem Ihr geſchlafen habet, Evan?“ „Werde ich eſſen.“ „Und nachdem Ihr gegeſſen habet?“ „Werde ich wieder ſchlafen, Herr Baron.“ „Und wenn alles Brod gegeſſen iſt, das Schwein, das Federvieh, der Kohl, die Kartoffeln und Rüben ver⸗ zehrt ſind und weder Brennholz noch Wieſenfutter mehr da iſt,— was werdet Ihr dann thun?“ „Wenn es ſo weit iſt, will ich es Ihnen ſagen, Herr Baron. Gott gebe Ihnen Geſundheit und vielen Segen für das Trinkgeld, das Sie mir ſchenken werden. Adieu, Herr Baron!“ Eine ähnliche Bewandtniß wird es wahrſcheinlich mit vielen Leibeigenen haben. Der Zuſtand, in welchem ſich die meiſten dieſer Leute befinden, läßt ſich aus dem folgen⸗ den Berichte entnehmen, den mir ein Bauer über ſich gab, welcher in einer Baumwollenmühle arbeitete. „Ich verdiene,“ ſagte er,„monatlich vier Rubel, und bringe den ganzen Tag, von Morgens fünf Uhr bis Abends acht Uhr, in der Mühle zu. Meine Frau und zwei Töch⸗ ter müſſen die Aecker unſeres Gutsherrn bearbeiten, fünf Tage wöchentlich, bekommen aber keinen Lohn. Im Win⸗ ter müſſen ſie Arbeiten anderer Art verrichten, die ihnen der Verwalter aufträgt. Mein Sohn, welcher ſiebenzehn Jahre alt iſt, arbeitet auch in der Mühle und verdient monatlich zwei Rubel. Wir haben dreißig Acker Land, aber können nichts als etwas Kohl, Kartoffeln und Rüben bauen, und halten ein Schwein und einige Enten, die gegeſſen werden. Der Verwaltey liefert uns Mehl, deſſen Preis von unſerem Lohne in Abzug gebracht wird. Obrok und Steuern bezahlen wir nicht; unſere Arbeit wird dafür ge⸗ rechnet. Der Verwalter beſorgt Alles. Wie es kommk, weiß ich nicht, aber ich bin immer bei ihm in Schulden, obgleich ich zehn Jahre in der Mühlg gearbeitekhabe und gut zu ſpinnen verſtehe. Was aus uns werden ſoll, wenn wir unſere Freiheit erlangen, mag Gott wiſſen. Ich glaube, wir werden dann nicht mehr arbeiten, ſondern bet⸗ teln; es iſt bequemer. Auf dem Felde kann ich nicht mehr arbeiten, ich bin zu alt; aber mein Sohn kann es, er mag das Land bebauen. Wir ſind unſerer ungefähr dreitauſend auf dem Gute. Gegen tauſend Leibeigene ſind abweſend und müſſen jährlich vierzig Rubel Obrok und außerdem die Steuern und Paßkoſten bezahlen.“ Es iſt ein trauriges Bild, und doch nur zu wahr und gewöhnlich. Siebenzig Rubel hat dieſer Mann, um mit ſeiner ganzen Familie davon zu leben; und für dieſe ———::::oyy———;O nden. 1865. ——:———; ſind etwas beſſer daran, andere noch ſchlimmer. Die früher der Krone gehörigen, die Kronbauern, ſind jetzt frei, und die der alten, reichen Adelsfamilien pflegten jährlich fünf Rubel Obrok zu bezahlen, und konnten dann thun und treiben, was ſie wollten. Manche von ihnen ſind unermeß⸗ lich reich geworden, und könnten ihre Freiheit mit enormen Summen erkaufen; allein die Edelleute verweigern dieſes häufig, entweder, um für unvorhergeſehene Fälle der Noth einen Rückhalt zu haben, oder aus dem thörichten Stolze, der Herr eines Leibeigenen zu ſein, der mehr als eine halbe Million Rubel beſitzt. Eines Tages verbreitete ſich das Gerücht, daß ſehr er⸗ hebliche Unruhen unter den Leibeigenen eines Ortes ausge⸗ brochen ſeien, welcher ungefähr zwanzig Werſte von unſe⸗ rem Wohnorte entlegen war und„das weiße Dorf“ ge⸗ nannt wurde. Mein Freund Murajew eilte ſogleich dahin, und ich begleitete ihn. Es war ein großes Dorf, deſſen Häuſer früher von beſſerer Beſchaffenheit geweſen ſein muß⸗ ten, als man gewöhnlich findet; allein jetzt gewährte der Ort ein Bild des ſchrecklichſten Elends. Jede Hütte war mit Soldaten beſetzt, und Koſacken patrouillirten durch die Straßen und umliegenden Wege, ſo daß wir ohne den Ein⸗ fluß eines Freundes gar nicht hinein gelaſſen worden wären. Das Haus des Verwalters, mit allen darin befindlichen Vorräthen, war niedergebrannt, er ſelbſt aber ermordet worden. Seine Familie, aus der Frau, einem Sohne und zwei Töchtern beſtehend, wurde vermißt und war nirgends zu finden. Zehn bis zwölf Bauern waren getödtet, viele verwundet worden. Ein Trupp derſelben, theils mit Ket⸗ ten beladen, theils mit Stricken gebunden, und von ſchreien⸗ den Weibern und Kindern gefolgt, verließ den Ort unter Begleitung einer Abtheilung Koſacken, welche die Unglück⸗ lichen mit ihren Lanzenſpitzen antrieben, um ſie nach dem nächſten Gefängniſſe zu bringen, von wo aus ſie ſpäter ohne Zweifel in die ſibiriſchen Minen abgeführt wurden. Die Veranlaſſung und der Verlauf des Aufſtandes waren folgender Art. Ein General Obraſſoff war geſtorben und hatte zwei Güter hinterlaſſen, deren eines das des„weißen Dorfes“ und das andere in einiger Entfernung belegen war. Die Wittwe, eine Dame von ſehr weichem, zartem Gemüthe und hoher Bildung, hatte nach dem Tode ihres Gemahls die Hauptſtadt Moskau verlaſſen, um ſich ganz der Er⸗ ziehung ihrer Tochter zu widmen, und zu dieſem Zwecke eine vortreffliche Gouvernante und ein junges Mädchen, eine Engländerin, mit ſich genommen, welches ihrer Toch⸗ ter als Gefährtin und zugleich als engliſche Lehrerin diente. Lucy Murray war eine vaterloſe Waiſe, deren Mutter ihr keine Erziehung geben konnte und froh ſein mußte, daß ihre Tochter von der guten Dame aufgenommen wurde, die ſie nicht nur freundlich behandelte, ſondern auch in Spra⸗ chen und Muſik unterrichten ließen. Im„weißen Dorfe“ angelangt, welches die Generalin nie vorher geſehen hatte, beſchloß ſie, hier längere Zeit zu wohnen. Während das alte Schloß deßhalb zu ihrer Aufnahme in Stand geſetzt wurde, bezog ſie das Haus einer Freundin in der nächſten Stadt. Der frühere Beſitzer des„weißen Dorfes“ war ſehr reich und nachſichtig gegen ſeine Bauern geweſen. Er hatte viele und bedeutende Güter in verſchiedenen Theilen des Landes beſeſſen, deren er mehrere nie geſehen. Auch von dem„weißen Dorfe“ hatte er nicht viel mehr gewußt, Summe müſſen Vater und Sohn ihre ganze Zeit in der Spinnerei verwenden, während die Töchter jede Woche fünf Tage lang andere Arbeit verrichten. Manche Leibeigene ———— als daß es ſein Eigenthum war, und daß der Verwalter ihm alljährlich wenig Geld, aber deſto mehr Entſchuldigun⸗ gen wegen nicht bezahlter Steuern brachte. Als nachher das Gut beim W melte E wit ich fibtſt ge neht ar vrmoch werde. loch o Gouve durch bedeut walter geſend räthe auf d daß Vollj baͤude das ten ſen, Reſ⸗ groß ruſſi Als „Se mer Aus bem Ga ihe moͤ Er zw de er ül de S ch. 9 W ————— en dieſes dr Noth en Sulze, eine halbe ß ſehr er⸗ tes ausge⸗ von unſe⸗ Dorf“ ge⸗ ich dahin, rf, deſſen ſein muß— ährte der ütte war durch die den Ein⸗ en wären. findlichen ermordet vohne un nirgend⸗ tet, viele mit Ke dſchrein⸗ Ort unter Unglück nach dem ſie ſpäte vurden. ufſtande atte zuei Dorfes ar. Die Gemüthe Hemahls der El⸗ Zwech Mädchen, rer Toc⸗ in diente⸗ utter ihr daß ihre Ide, di n Spri Feierſtunden. 1865. ——B——:——— —— das Gut, mit ſämmtlichen Bauern, am Kartentiſche oder beim Würfelbecher auf General Obraſſoff überging, küm⸗ merte Erſterer ſich wenig darum, und bemerkte nur,— wie ich ſpäter aus dem Munde der Madame Obraſſoff ſelbſt gehört,— daß die Beſitzung, wenn der General nicht mehr aus den Schweinen herauszubringen verſtehe, als er vermocht, auch für ihn von keinem großen Nutzen ſein werde. Allein der General war entſchloſſen, das Gut ſo hoch als möglich zu verwerthen. Es lag in demſelben Gouvernement, wie ſeine übrigen Beſitzungen, und konnte durch eine ordnungsmäßige Verwaltung ſeine Einnahme bedeutend erhöhen. Bald jedoch, nachdem er den alten Ver⸗ walter entlaſſen und einen neuen mit dem Auftrage dahin geſendet hatte, das Schloß in Stand zu ſetzen, neue Vor⸗ räthe zu kaufen und den bisher gezahlten Obrok von zehn auf dreißig Rubel zu erhöhen, ſtarb er. So geſchah es, daß Madame Obraſſoff die Verwaltung des Gutes bis zur Volljährigkeit ihrer Tochter übernehmen mußte. Am Morgen, nachdem ſie von dem großen Holzge⸗ bäude, das Schloß genannt, Beſitz genommen und kaum das Bett verlaſſen hatte, verſammelten ſich auf dem wei⸗ ten Grasplatze vor demſelben ein Haufen menſchlicher We⸗ ſen, welche, in Lumpen gehüllt, der neuen Beſitzerin ihren Reſpekt beweiſen wollten und vom Staroſt mit Stolz und großer Wohlgefälligkeit angeführt wurden. Nichts geht über ruſſiſche Lumpen; ſie übertreffen die aller anderen Länder. Als die Dame vor dem Hauſe erſchien und ſich ihren „Seelen“ oder Unterthanen nahte, erſchrak ſie vor dem jäm⸗ merlichen Anblick derſelben; und der ſchlaue Staroſt, den Ausdruck des Mitleids in ihren Zügen mit geheimer Freude bemerkend, trat hervor und legte als Geſchenk eine magere Gans zu ihren Füßen nieder. Dann küßte er den Saum ihres Gewandes, ſowie das der Tochter, und flehte alle möglichen Segnungen auf ihre erhabenen Häupter herab. Er ſagte hierauf, daß das Geſchenk, welches er bringe, zwar nicht würdig ſei, einer Gutsherrin angeboten zu wer⸗ den, aber in Allem beſtehe, was ihm geblieben, und daß er zu arm ſei. Seinem Beiſpiele folgend, nahten ſich die übrigen zerlumpten Geſtalten und reichten jede etwas dar: der Eine ein Ei, der Andere einige Beeren, Dieſer ein Stück Schwarzbrod und Jener ein halb verhungertes Kanin⸗ chen, eine alte, lahme Henne, oder etwas Salz und einige Rüben, während die Gaben aus dem Munde der älteren Bauern von Reden begleitet wurden, welche der des Sta⸗ roſten ſehr ähnlich waren.. „Hochgeborene Frau,“ ſagten ſie,„wir ſind Deine ergebenen Sklaven. Verzeihe, daß wir Dir nichts Beſſeres bieten können; wir ſind zu arm. Blicke gnädig mit Dei⸗ nen goldenen Augen auf uns herab und habe Mitleid. Wir ſind arm, aber gehorſam, und wollen gern für Dich ſterben. Gott kennt die Wahrheit!“ Viele der Leute vergoßen reichliche Thränen. Die gut⸗ herzige Frau weinte mit ihnen und bedauerte die armen, geſunkenen Weſen aus dem Grunde ihres Herzens. Wie ie von ſo armen Menſchen dreißig Rubel jährlich erpreſſen? Wie konnte ſie einen ſtrengen Verwalter über ſie ſetzen, um die Unglücklichen noch mehr zu drücken? War nicht überhaupt ſchon zu weit gegen ſie gegangen worden? „Staroſt,“ ſagte ſie,„höre mich. Mein Gemahl gab vor ſeinem Tode den Befehl, daß jeder Bauer dreißig Rubel zahlen ſolle. Hat der Verwalter Euch das geſagt, und ſeid Ihr bereit, die Zahlung zu leiſten?“ „Hohe Frau, es iſt Wahrheit. Es iſt uns geſagt worden, aber Gott weiß, wir können eine ſolche Summe 9 nlle —— 503 ——ͤ-— ͤ- nicht zahlen. Alles, was wir beſitzen, iſt keine dreißig Rubel werth. Sei barmherzig, ſei ein Engel, und laß den Obrok wieder zehn Rubel ſein, wie früher.“ „Verwalter,“ verſetzte die Dame,„was iſt Eure Meinung?“ „Gnädige Frau,“ erwiederte Letzterer,„ich bin der Meinung, daß Alles nur ein Poſſenſpiel, eine Verſtellung iſt, um Sie zu täuſchen. Glauben Sie ihnen nicht. Die Leute geben ſich den Schein, arm zu ſein, allein ich ver⸗ muthe, daß ſie im Gegentheil wohlhabend ſind. Noch kann ich es jedoch nicht beweiſen. Gehen Sie von den Maß⸗ regeln Ihres Herrn Gemahls nicht ab, und ich mache mich verbindlich, den Obrok herauszubringen. Weiter kann ich nichts ſagen.“ Nach dieſen Worten warf ſich der ganze Haufen auf ein geheimes Zeichen des Staroſten auf die Kniee und be⸗ gann zu heulen und zu ſchreien. „Meine Kinder,“ ſagte die Generalin,„ihr thuet mir leid, denn euer Anblick iſt jämmerlich. Ich will nicht for⸗ dern, was ihr nicht bezahlen könnet, und will mit zehn Rubel zufrieden ſein, wenn ſie bereitwillig und ohne Um⸗ ſtände gezahlt werden. Gern möchte ich nachſichtig ſein und lange glücklich unter euch leben.“ Der Staroſt, ſowie alle Anderen, bekreuzten ſich, dank⸗ ten der Dame und gelobten unter endloſen Verbeugungen, daß dieſe Summe bezahlt werden ſolle, wenn ſie auch Alles verkaufen müßten, was ſie noch beſäßen. Dann entfernten ſich die Bauern, und die Dame genoß das angenehme Ge⸗ fühl, eine wohlthätige Handlung verrichtet zu haben, wäh⸗ rend der Staroſt ſich im Geheim ſeiner gelungenen Liſt freute. Der Verwalter aber ſuchte um ſeine Entlaſſung nach, welche ihm auch ohnedies ertheilt worden wäre, da es nichts mehr für ihn zu thun gab. Am folgenden Tage, als die Generalin in dem neuen Hauſe ihre Befehle ertheilte und die Gouvernante mit der Tochter und Lucy Murray die erſten Unterrichtsſtunden be⸗ gann, führten der ſchlaue alte Staroſt und zwanzig andere Bauern, ſämmtlich in bequeme und warme Kleider gehüllt und munter und wohl ausſehend, dreißig bis vierzig junge Pferde, welche ſie aufgezogen hatten, aus einem Verſteck hervor, und befanden ſich bald mit ihnen auf dem Wege nach der Marktſtadt des Gouvernements, wo ſie die Thiere für tauſend bis zwölfhundert Rubel verkauften und das gelöste Geld unter ſich vertheilten, um es an geheimen Plätzen zu verbergen. Die Bewohner dieſes Dorfes waren faſt ſämmtlich Pferdezüchter und Händler, beſuchten alle Märkte auf viele hundert Werſte weit, und benutzten ihre Ländereien nur als Weideplätze. Statt arm zu ſein, wie ſie vorgaben, waren ſie die reichſten Bauern im ganzen Diſtrikte, und hätten den höchſten Obrok bezahlen können. Allein ſie hatten unter dem früheren Beſitzer nicht viel be⸗ zahlt und wollten es auch jetzt nicht thun, wenn ſie ſich durch Liſt dagegen ſchützen konnten. Ein ganzes Jahr lang blieb die Dame in dem Wahne. Als die Zeit zur Zahlung des Obrok kam, fand wiederum eine Scene ſtatt, wie jene erſte geweſen war. Der Win⸗ ter, hieß es, ſei ſo ſtrenge geweſen, die Sommerregen ſeien ausgeblieben, Seuchen unter den Schweinen und dem Ge⸗ flügel ausgebrochen, die Ernten mißrathen, und alle Bauern dem Hungertode nahe und unfähig, den geringſten Theil der geforderten zehn Rubel zu entrichten. Die hohe Dame, flehten ſie, möchte nur ſelbſt kommen und ſehen und Alles nehmen, was ſie noch beſäßen; aber unmöglich ſei es ihnen, 54 den Obrok in baarem Gelde zu zahlen. Von den Pferden wurde natürlich kein Wort erwähnt. Die Liſt gelang abermals. Da das andere Gut der Generalin hinreichende Subſiſtenzmittel gewährte, ſo wollte ſie dieſen Ort noch einige Zeit ſchonen, um ihn Kräfte gewinnen zu laſſen. Die gutherzige Frau erließ nicht nur den ganzen Obrok dieſes Jahres, ſondern ſetzte auch den für das folgende auf fünf Rubel herab. „Aber, Staroſt,“ fügte ſie hinzu,„vergiß nicht, daß dies meine letzte Nachſicht iſt. Wenn auch dieſe fünf Rubel nicht zur rechten Zeit bezahlt werden, und die Leute von Neuem mit leeren Händen zu mir kommen, ſo verkaufe ich das Gut und verlaſſe euch. Ich will nicht ſtreiten und kämpfen um mein Geld. Gern möchte ich in Frieden mit euch leben, aber ich muß exiſtiren; und eine Schande iſt es eigentlich, daß ihr mich nöthigt, meine Unterhaltsmittel von anderen Leibeigenen zu beziehen, die vielleicht eben ſo arm ſind, wie ihr.“ Man gebe dem ruſſiſchen Leibeigenen einen Zoll, und er wird eine Elle verlangen. Das nächſte Jahr kam, aber die fünf Rubel wurden nicht gezahlt, und dagegen das Ar⸗ muthslied wieder angeſtimmt. Dieſes Mal jedoch ſchickte die Dame die Bauern mit Unwillen fort und verkaufte das Gut, wie ſie gedroht hatte. Sämmtliche Bauern, mit Weibern, Kindern, Pferden, Vieh, und was ſie ſonſt be⸗ ſaßen, gingen in das Eigenthum eines Mannes, Namens Goſpodin Popoff, über, welcher den größeren Theil ſeines Lebens in einer amtlichen Stellung, mit fünfzig bis ſech⸗ zig Rubeln monatlichem Gehalte, verlebt und daraus ſo viel erübrigt hatte, daß er das„weiße Dorf“ für zwanzigtau⸗ ſend Rubel kaufen konnte. Andrey, der ehemalige Verwalter der Generalin Ob⸗ raſſoff, war von dem neuen Beſitzer zu dieſer Stelle wie⸗ der ernannt worden. Er hatte ſeit ſeiner früheren Ent⸗ laſſung ein wachſames Auge auf das Gut gerichtet, in Folge deſſen er jetzt die Verhältniſſe und Ergiebigkeit deſ⸗ ſelben beſſer kannte, und empfand überdies einen geheimen Aerger, daß er von dem ſchlauen Staroſten überliſtet und verdrängt worden war. Seine erſte Handlung ließ auch ſogleich erkennen, was von ihm zu erwarten war. Der alte Staroſt und zwan⸗ zig der erſten Bauern wurden, als ſie die Armuthspoſſe wiederholen wollten, ergriffen und empfingen eine reichliche Baſtonade, während der Verwalter wohlgefällig lächelnd zuſah. Das war jedoch nur der Anfang; es kam noch beſſer. An jeden Leibeigenen erging die Forderung, drei⸗ jährige Rückſtände an Obrok und Steuern zu bezahlen, und im Falle der Nichtentrichtung würden ſeine verſteckten Pferde und ſonſtigen Habſeligkeiten augenblicklich und ohne Erbar⸗ men öffentlich verkauft. Kein Bauer durfte das Dorf ver⸗ laſſen, und alle wurden auf die Felder zur Arbeit getrie⸗ ben. Die Alten und Gebrechlichen mußten für den Ver⸗ walter Holz hacken, und die Kinder für ſeine Kühe und Schweine Gras ſchneiden unb Eicheln in den Wäldern ſam⸗ meln. Der Verwalter wurde reich und fett, während die Bauern immer ärmer und magerer wurden. Eine dem Betrage des Kaufgeldes gleiche Summe war bereits erpreßt worden, allein das war nach der Meinung des Verwalters und ſeines Prinzipals noch nicht genügend. Man hatte noch kein baares Geld gefunden, obgleich es irgendwo verſteckt liegen mußte. Es waren deßhalb Haus⸗ ſuchungen vorgenommen, die Fußböden der Hütten aufge⸗ brochen, und jeder Ort, an dem es ſich möglicher Weiſe Feterſtunden. 1865. befinden konnte, unterſucht worden, allein vergebens. End⸗ — 3—— lich kam ein Jude,— einer jener verſchlagenen, um⸗ her ſchleichenden Leute, welche werthloſe Zierrathen, Flit⸗ terwerk und bunte Tücher gegen Korn, Flachs, Federn und andere Erzeugniſſe der Bauern an Letztere mit einem Ge⸗ winn von ſechs⸗ bis achthundert Prozent zu vertauſchen pflegen,— und gab dem Verwalter, gegen die Zuſicherung eines Antheils an dem zu findenden Gelde, einen Wink. Die geeigneten Maßregeln wurden getroffen, und eines Tages ſahen ſich die bereits von allen anderen Beſitzthü⸗ mern entblößten Bauern auch ihres verborgenen baaren Schatzes beraubt. Wo er gefunden wurde und wie hoch er ſich belief, habe ich nicht erfahren, aber eine bedeutende Summe Geldes wurde in den eiſernen Kaſten des Verwal⸗ ters übertragen. Die Bauern waren jetzt in der That viel ärmer, als es früher jemals ihre Abſicht geweſen war zu ſcheinen. Den nunmehr folgenden Theil der Erzählung habe ich theils aus dem Munde des alten Staroſten, als er, von einem Schuſſe tödtlich verwundet, auf dem Sterbebette lag, theils von Lucy Murray gehört. Eines Abends ſtanden vier Männer an der Ecke einer Hütte, welche in einem Filzhut irgend etwas ſchüttelten. Einer derſelben ſteckte die Hand hinein, zog etwas heraus und gab das Reſultat an, worauf die Operation wieder⸗ holt wurde. Dann trennten ſie ſich und ſchlugen verſchie⸗ dene Wege durch das Dorf ein, wo ſie an jeder Hausthüre etwas hineinflüſterten. Es war ein kalter. heller Abend, kurz nach der Dämmerung, und der einem faſt wolkenloſen Himmel. Gerc an dem Hauſe des Verwalters vorüben der kleinen Lucy Murray, welche hinein gehen wollle. „Guten Abend, Staroſt,“ ſagte ſie.„Wie geht es? Ihr ſeid doch wohl? Nein, haltet mich nicht auf,— ich muß in das Haus eilen.“ „Warte, Mädchen mit dem goldenen Haar und den freundlichen Augen, und ſage mir, wer ſich jetzt außer dem Verwalter und ſeiner Familie in dem Hauſe aufhält.“ „Die Generalin und ihre Tochter ſchlafen dieſe Nacht dort. Wir kamen geſtern hierher, um die letzte Zahlung des Kaufgeldes in Empfang zu nehmen.“ „Wann reiſet ihr wieder ab?“ „Morgen früh. Wir würden dieſen Abend ſchon ab⸗ gereist ſein, allein es war ſchon zu ſpät, als die Geſchäfte beendigt waren. Aber weßhalb fraget Ihr, Staroſt?“ „Höre, mein Kind, und laß meine Worte in dein Herz dringen und bewahre ſie. Sage der Frau Generalin von dem alten Staroſt, der ſie und die ihrigen liebt, ob⸗ gleich er ſie hintergangen hat, daß ſie in längſtens einer Stunde jenes Haus— hörſt du?— verlaſſen müſſe. Gott hat es mit Allem, was darin iſt, dem Untergange geweiht. Sage ihr das ſchnell und geheim; aber, ſo lieb dir dein Leben iſt, hüte dich, es einem Anderen zu ſagen. Gehe und merke meine Worte. Lebe wohl, Kind,— möge Gott dich glücklich machen!“ 3 Sich bekreuzend eilte der Ruſſe da Stunde ſpäter verſammelten ſich me Männern in geräuſchloſen Filzſtiefeln vor der Kirche. Ein jeder derſelben trug nur eine Waffe, aber es war eine tödt⸗ liche,— das kurze ruſſiſche Beil, tapore genannt. Mit ihm kann der dortige Bauer Bäume fällen, Häuſer bauen, Tiſche und Stühle machen, einen Wolf oder Bären tödten, und dem Feinde den Kopf ſpalten. Während ſie ſich ein⸗ zeln nahten, war ihr Geſicht demjenigen Theile der Kirche zugewendet, in welchem, wie ihnen bekannt war, die Bilder — Feierſtunden. 1865. 505 —⸗—-----—ͤh-——ͤ— ien, um⸗ en, Flit edern und nem Ge⸗ ertauſchen ſſicherung in Wink. und eines Beſtgchü⸗ en baaren die hoch er bedeutende 3 Verwal⸗ der That veſen war e 2 uu d —mm g habe ich er, von bette lag, —— —— Ecke einer chüttelten. as heraut mn wieder⸗ n verſchie Hausthüt er Abend, Das Schickſal des weißen Dorfes 1 fl⸗ W 8 ſich in 8 Feierſtunden. 1865. 64 ——— 506 ——ò—;:B:B::——————— der Heiligen hingen, und mit tiefer Andacht verbeugten und bekreuzten ſie ſich. Endlich erhob der Staroſt ſeine Stimme und rief: „Brüder, viele Thaten, wenig Worte! Seid ihr Alle bereit und willig?“ „Bereit und willig!“ antwortete Jeder der Anweſen⸗ den, das Beil aus dem Gürtel ziehend und über dem Kopfe ſchwingend. „Wohl!“ fuhr der Staroſt fort.„Wir zogen das Loos, ob es dieſen Abend vor ſich gehen ſolle, und die Antwort war ‚ja! Wir zogen es noch einmal, und die zweite Ant⸗ wort war ‚Alle! Folget mir alſo!“ Schweigend und geräuſchlos wie Schattenbilder ver⸗ ließen ſie den Ort. Auf dem Wege von der Kirche nach dem Hauſe des Verwalters begegnete ihnen eine Kutſche. Sie traten zur Seite, um den Wagen paſſiren zu laſſen, und blickten hinein. Die Generalin, ihre Tochter und Lucy ſaßen bleich und zitternd darin. Jeder Mann dieſer Mordbande entblößte den Kopf und verbeugte ſich. Der Staroſt aber ſagte: „Gehet, der Himmel beſchütze euch, gute Frau und unſchuldige Mädchen! Gott ſei Dank, ſie haben meine Worte beachtet!“ Der Mann ahnte aber nicht, daß auch die Frau und die beiden Töchter des Verwalters in dem weiten und tie⸗ fen Boden der Kutſche verborgen lagen. Lucy hatte nicht nur Madame Obroſſoff, ſondern auch den Verwalter und deſſen Familie gewarnt. Der Sohn des Letzteren, ein jun⸗ ger Mann von achtzehn Jahren, hatte ſogleich ein ſchnelles Pferd beſtiegen und war nach dem nächſten Garniſonsorte geſprengt, um Militär zu holen. So kam es, daß der Verwalter dem von ihm ſelbſt erzeugten Sturme allein begegnen mußte. Die meiſten Tyrannen ſind Feiglinge, und auch Andrey ſtrafte dieſen Satz nicht Lügen. Als die Beile an ſeine Pforte zu häm— mern begannen, überzeugte er ſich endlich von dem, was er bisher verlacht hatte, nämlich, daß er einen Teufel her⸗ Feierſtunden. 1865. ———:y—ͤy——õy———õy——õ——äyõõ——O— —— auf beſchworen hatte, den er nicht wieder bannen konnte. Er floh und ſuchte ſich zu verſtecken, als wenn er in irgend einem Theile des Hauſes Schutz gegen diejenigen hätte fin⸗ den können, die jetzt kamen, um ſein Blut zu ſuchen. Die Dienſtboten des Hauſes, ſämmtlich eingeborene Leibeigene des Dorfes, welche ſich den Angreifern anſchloſſen, zogen ihn aus ſeinem Schlupfwinkel hervor. Die Bauern befah⸗ len ihm, das Geld heraus zu geben, welches er ihnen ge⸗ raubt hatte. Bleich und zitternd gehorchte er, überlieferte die Schlüſſel und flehte um Gnade. In feiger Verzweif⸗ lung bot er ihnen ſein geſammtes Beſitzthum an, und ge⸗ lobte, ihnen Verzeihung zu verſchaffen und den Obrok herab zu ſetzen, wenn ſie ihm das Leben laſſen wollten. Allein er hatte ihnen nie Barmherzigkeit gezeigt, und ſollte auch jetzt keine finden. Die erhobenen Beile von fünfzig Män⸗ nern blitzten im Mondlichte und fielen auf den Kopf des Verwalters herab. Nachdem er in Stücke gehauen worden war, begann das Werk der Vernichtung. Der im Hauſe befindliche Wein und Branntwein erhöhte durch Trunken⸗ heit den Wahnſinn der nach Rache ſchnaubenden Leibeigenen, und als der Morgen dämmerte, umtanzten ſie noch in wil⸗ den Sprüngen den verglimmenden Kohlenhaufen deſſen, was einſt des Verwalters Haus mit ſeinen Zubehörungen geweſen war. Kein Gedanke an die Folgen hatte bis jetzt ihre betäubten Sinne beunruhigt. Das ihnen geraubte Geld war wieder erlangt worden, und noch viel mehr; ſie hatten ſich geſättigt an den reichen Vorräthen des Verwal⸗ ters und ihren Feind wie einen Wolf erlegt. Allein die Vergeltung blieb nicht lange aus. Plötzlich erſcholl der Ruf:„Soldaten!“ und erſchreckt und beſtürzt rannen die Unglücklichen nach der einen Seite, um von einem Kugel⸗ regen empfangen zu werden, und dann nach der anderen, um einem zweiten zu begegnen. Todt oder verwundet ſtürz⸗ ten Viele zu Boden. Die Beile wurden fort geworfen, und die jetzt nüchternen Leibeigenen ſanken Gnade erflehend auf die Kniee und ergaben ſich, um gehängt oder auf Lebens⸗ zeit nach den ſibiriſchen Steppen transportirt zu werden. (Siehe Abbildung auf S. 505.) d— s. Bagdad. Bagdad, der Schauplatz der meiſten Mährchen der 1001 Nacht, deren Held, Harun al Raſchid, der fünfte abbaſidiſche Khalif(786— 809) den Frieden und das Glück ſeiner Regierung durch Pracht und Begünſtigung der Künſte und Wiſſenſchaften verherrlichte, jetzt Hauptſtadt des gleich⸗ namigen Ejalets, das Babylon und Meſopotamien umfaßt, und eines beſondern Paſchaliks, liegt auf einer ebenen Fläche dicht am nordöſtlichen Ufer des Tigris oder Chatt (wie ihn die Araber nennen), deſſen Ufer eine 6— 700 Fuß lange Schiffbrücke verbindet, und gehört, obwohl die Ein⸗ wohnerzahl bis auf 85,000 Seelen herabgeſunken iſt, doch immer noch zu den betriebſamſten Städten der aſiatiſchen Türkei, und iſt der Handelsmittelpunkt des ſüdöſtlichſten Theiles des osmaniſchen Reiches mit Perſien, Turkeſtan, Arabien und Indien. Noch immer ſind ſeine Seiden⸗, Baumwoll⸗, Teppich⸗ und Saffianfabriken ausgezeichnet, und den Austauſch aſiatiſcher, indiſcher und europäiſcher Produkte befördern immer noch, wie in früheren Zeiten, theils zahlreiche Karawanen, theils Schiffsverbindungen auf dem Tigris, dem Nahr Iſah und Euphrat, wie denn auch! neuerer Zeit ein engliſches Poſtdampfſchiff zwiſchen Bag⸗ dad und Baſſora(Basrah) fährt. Im Jahre 765 vom Khalifen Manſſur gegründet, hatte Bagdad im 9. Jahrhundert mehr als eine deutſche Meile im Umfange, und ſoll zwei Millionen Einwohner gehabt haben. Den Glanz der alten Khalifenſtadt zerſtör⸗ ten die Eroberungen und Verwüſtungen, die ſie in den Jahren 1259, 1416 und 1436 durch die Mongolen, 1537 und 1616 durch die Perſer, 1554 und 1638 durch die Türken zu beſtehen hatte, ſo daß es noch jetzt zum Theil in Trümmern liegt. Die Mauer, welche gegenwärtig Bagdad umgikt, trägt deutliche Merkmale an ſich, daß ſie zu verſchiedenen Zeiten erbaut und erneuert worden iſt, und wie bei den meiſten Bauwerken der Muhamedaner ſind die älteren Theile die beſten, die neueren die ſchlechteſten. Die Mauer iſt gänzlich aus Backſteinen gebaut, welche, je nach dem Alter, verſchiedene Beſchaffenheit haben. An den vor⸗ ſpringendſten Ecken befinden ſich große runde Thürme, und zwiſchen denſelben, in angemeſſenen Entfernungen, wieder kleinere. Auf den größeren ſtehen zuſammen an 50 Kanonen ,5== SD=, ———ͤ——— ————— n konnt. in irgend hätte fin⸗ hen. Die Leibeigene n, zogen a befah⸗ ihne ge⸗ überlifente Verzwif⸗ 1, und g⸗ brok herut a. Allen ſollte auc zig Män⸗ Kopf des en worden im Hauſe Trunken⸗ ibeigenen, ſch in wil⸗ en deſſen, ehörungen te bis jetz geraubte mehr; ſi 3 Vertl Allein d rannen die m Kugel⸗ canderen, mdet ſtüry Feierſtunden. 1865. ——ͦᷣᷣꝛO——r:¶:¶:‧/—õyry——urõ———————ͤ———— — von verſchiedenem Kaliber, aber ſchlecht montirt, welche die ganze Vertheidigung des Platzes nach der Landſeite hin aus⸗ machen. Bagdad hat drei große Thore, eines im Südoſten, das zweite im Nordoſten, das dritte im Nordweſten. Das letzte iſt das vornehmſte, indem ſich an daſſelbe die Haupt⸗ Karawanenſtraße, von Moſſul her, anſchließt. Auch iſt der an daſſelbe ſtoßende Theil der Stadt der volkreichſte und geſchäftigſte. Es befindet ſich hier der Exerzierplatz der Truppen, der große Markt, und unweit davon der Palaſt des Paſcha. Rings um die ganze Stadtmauer läuft ein beträchtlich tiefer, ſonſt aber ſehr unregelmäßiger Graben. — Das ganze Land nach Norden und Oſten hin, ſo weit man daſſelbe von der Mauer aus überſehen kann, iſt eine flache Wüſte, in der nur äußerſt ſparſam ein Baum oder ein Dorf zu erblicken iſt. Da jedoch die aus dem Inne⸗ ren des Landes nach Bagdad führenden Straßen dieſelbe durchſchneiden, ſo iſt ſie zu allen Stunden des Tages ſehr belebt. Die Stadt bietet ſelbſt weniger Anziehendes dar, als man dem Rufe nach, den ſich der Name Bagdad als Sammelplatz morgenländiſchen Reichthums und Luxus er⸗ worben hat, zu erwarten berechtigt wäre. Ein großer Raum innerhalb der Mauer, beſonders nach Nordoſten hin, iſt ganz unbebaut, und ſelbſt da, wo die meiſten Gebäude ge⸗ funden werden, nämlich in der Nähe des Fluſſes, erblickt man eine große Anzahl Bäume, ſo daß die Stadt, wenn man ſie von irgend einer Dachterrraſſe überſieht, ſich mit⸗ ten aus einem Palmenwalde zu erheben ſcheint. Die freund⸗ lichſte und intereſſanteſte Anſicht der Stadt hat man von der offenen Gallerie des Kaffeehauſes aus, das am andern Ufer des Fluſſes, am Ende der Schiffbrücke gelegen, den ganzen Tag mit Beſuchern gefüllt iſt, die auf die rundum laufenden Divans hingeſtreckt den Dampf ihrer eleganten Narghilefs genießen und ächten Mokka dazu ſchlürfen.— Alle Gebäude ohne Unterſchied ſind aus kleinen gebrannten Ziegeln von gelblich rother Farbe errichtet, deren abgerun⸗ dete Ecken beweiſen, daß die meiſten ſchon in früherer Zeit Beſtandtheile eines alten Mauerwerks geweſen ſein müſſen, welches vielleicht wieder aus den Trümmern eines noch älte⸗ ren erbaut worden war.— Die Straßen von Bagdad ſind, wie in allen Städten des Morgenlandes, ſchmal und ungepflaſtert, und man erblickt zu beiden Seiten gewöhn⸗ lich nur zwei kahle Wände, indem nur hier und da bei der Durchfahrt der Häuſer Fenſter nach der Straße zu ange⸗ bracht ſind. Die Thüren ſind ſchmal und niedrig. Die Krümmung und Verflechtung der Straßen iſt in Bagdad weit größer, als in den meiſten andern türkiſchen Städten, und mit Ausnahme einiger ziemlich geraden Bazarreihen und einiger wenigen offenen Plätze bietet das geſammte Innere Bagdads den Anblick eines ungeheuren Labyrinths dar. Der Serai, oder der Palaſt des Paſcha's, iſt mehr ein weitläufiges als ein großartiges Gebäude zu nennen. Es ſteht im nordweſtlichen Stadtviertel, nicht weit vom Ufer des Chatt, und enthält außer den Wohngemächern des Paſcha's und ſeiner zahlreichen Dienerſchaft die Stallungen, die öͤſſentlichen Aemter ꝛc. Obwohl es ein verhältnißmäßig neues Gebäude iſt, ſo bietet es doch, da im Laufe der Zeit verſchiedene Anbaue ganz plan⸗ und geſchmacklos daran gefügt worden find, nicht die mindeſte architektoniſche Merk⸗ würdigkeit dar.— Die Moſcheen, in allen muhameda⸗ niſchen Städten die vornehmſten Gebäude, weichen hier in Hinſicht auf ihre Bauart von denen ab, welche man in andern Theilen des osmaniſchen Reichs antrifft. Für die 507 —-—— älteſte hält man diejenige, welche den Namen„Dſchamah el Suk el Gaſel“, d. h. Moſchee auf dem Baumwollen⸗ garn⸗Markt, führt. Sie hat kein beſonderes Aeußere, trägt viele Spuren erlittener gewaltſamer Beſchädigungen an ſich und iſt, einer Inſchrift zufolge, vom Khalifen Moſtanſer im Jahre der Hedſchira 633, oder 1235 der chriſtlichen Zeitrechnung, erbaut worden. Nächſt dieſer Moſchee ver⸗ dienen noch die„Dſchamah el Merdſchamiah“, die„Dſcha⸗ mah el Kaſſakey“, die„Dſchamah el Vezier“, die große Moſchee auf dem Platze el Maidan, die Moſchee des Paſcha, und die„Dſchamah el Abaß el Kaddr“, die größte unter allen, angeführt zu werden. Aber keine zeichnet ſich durch ihre Bauart vor denen anderer türkiſchen Städte aus. Die Dome oder Kuppeln derſelben ſind in perſiſchem Ge⸗ ſchmacke erbaut, reich mit glaſirten Ziegeln, Malereien und Inſchriften verziert, im Verhältniß zu ihrer anſehn⸗ lichen Höhe aber viel zu ſchmal; gewähren deßhalb keinen erhabenen Anblick, und ſtehen den Kuppeln der egyptiſchen Moſcheen weit nach. Daſſelbe gilt von den Minarets, welche an Würde weder mit denen zu Diarbekr, Aleppo und Damaskus, noch an Zierlichkeit mit den egyptiſchen zu vergleichen ſind.— Die Anzahl aller Moſcheen in Bagdad beläuft ſich auf hundert; aber nur dreißig haben Kuppeln und Minarets; die übrigen ſind kleine Kapellen und andere geheiligte, zum Gebete für die geringere Volks⸗ klaſſe beſtimmte Gebäude. Auch im Innern halten die größten Moſcheen keine Vergleichung mit den pracht⸗ und geſchmackvollen Bauwerken dieſer Art in Jeruſalem, Aleppo ꝛc. aus. Oeffentliche Kans oder Karawanſerais gibt es dreißig in Bagdad, aber auch ſie ſtehen in Rückſicht der Bauart unter denen von Diarbekr und Orfah. Der beſte iſt noch der von Urthweh.— Suks oder Bazars ſind ſehr zahlreich. Die beſten und angeſehenſten haben oben ein Gewölbe von Ziegelſteinen, die meiſten aber nur ein Dach von Balken, mit Stroh, dürren Blättern oder Zwei⸗ gen gedeckt. Die Kaufläden ſind wohl verſehen, aber kein einziger Bazar ſoll mit dem zu Orfah, welcher an den „Kan el Gumruk“ daſelbſt ſtößt, bezüglich der Pracht und des Reichthums, verglichen werden können.— Bäder ſollen mehr als fünfzig vorhanden ſein, aber ebenfalls denen in anderen großen Städten Meſopotamiens nachſtehen. Auffallend iſt der Mangel an gewölbten oder bogen⸗ förmigen Thorwegen an Privathäuſern, deren innere Ein⸗ richtung wie in allen anderen Städten des wärmeren Mor⸗ genlandes iſt. Den Tag über bringt man, während der Sommerhitze, im ſchattigen Innern, und den Abend, ſowie die Nacht auf der Dachterraſſe zu, wo das Nachtmahl ein⸗ genommen und geſchlafen wird.— Die Bewohner Bag⸗ dads gehören den verſchiedenſten Stämmen und Völkerſchaf⸗ ten an. Die vornehmſten Civil⸗ und Militärbeamten ſtam⸗ men, obwohl größtentheils hier geboren, aus Familien des Osmanlis in Konſtantinopel, die Kauf⸗ und Handelsleute ſind meiſt von arabiſcher Abkunft; die niederen Volksklaſſen ſind ein Gemiſch von türkiſchem, arabiſchem und indiſchem Blut. Auch gibt es hier einige, doch nur wenige jüdiſche und chriſtliche Familien, welche ihre Eigenthümlichkeiten ſtreng bewahren. Die Fremden beſtehen meiſt aus Kurden, Perſern und Arabern der Wüſte, und ſind ſehr zahlreich. Die Tracht der Bagdader Türken weicht von der ihrer nördlicheren Landsleute ab, und iſt weniger lebhaft und prächtig, als bei jenen; auch ihre Waffen, Pferde ꝛc. ſtehen denen der andern großen Städte des osmaniſchen Reiches nach. Die ſogenannte egyptiſche Mamelukenkleidung, die 64* ſo gemein unter der türkiſchen Reiterei iſt, ſieht man hier nicht, und ebenſowenig tragen die hieſigen Türken Turbane, ſondern bedecken den Kopf mit einer Tuchkappe oder Kauk, welche höher und ſchmaler iſt als die zu Konſtantinopel gebräuchliche, und mit goldblumigem Muſſelin umwunden wird. Die Ober⸗ und Beinkleider der türkiſchen Einwoh⸗ ner beſtehen im Sommer aus Raſch von Kameelhaaren; im Winter trägt man Oberkleider von Tuch. Die Tracht der Kaufleute iſt rein arabiſch; im Ganzen von beſſerer Beſchaffenheit, als man ſie bei den Handelsleuten der Wüſte findet, und allgemein werden von ihnen weiße Turbane ge⸗ tragen. Die Juden und Chriſten kleiden ſich, wie überall Feierſtunden. 1865. ———-:—————— ———-:———;; im türkiſchen Reiche, in dunkelfarbige Röcke, und bedecken den Kopf mit Kaſchemir⸗Shawls oder blauem Muſſelin. Die Perſer bleiben bei ihrer Nationaltracht, ſo daß man ſie augenblicklich von den übrigen Klaſſen unterſcheiden kann, und die Araber der Wüſte erkennt man an ihrem Kiffiah, einer aus Seide und Baumwolle beſtehenden Kopfbedeckung, an dem Abba, einem weiten ſchafwollenen Mantel, und an dem krummen Nambiah oder Dolch.— Die Kleidung der Frauen in Bagdad iſt ſo ärmlich, als nur irgendwo in dem elendeſten meſopotamiſchen Dorfe. Alle Klaſſen ſind in ein blaues Gewand eingehüllt und haben den Kopf mit einem ſchwarzen Gazeſchleier bedeckt. Die Weiber der um⸗ Café in Bagdad. liegenden Gegend, welche die Märkte von Bagdad mit Lebensmitteln verſorgen, tragen keine ſolche Schleier, ſon⸗ dern haben um den Kopf ein rothes oder gelbes gewürfeltes Tuch; das Geſicht iſt frei, und nur der Mund zuweilen bedeckt. Wie unter den Beduinen der Wüſte, haben dieſer Weiber blaugefleckte Lippen und an verſchiedenen Stellen des Geſichts farbige Striche und andere Zeichnungen; auch tragen ſie ſchwere Arm- und Knöchelbänder, und in der Naſe entweder einen großen Ring oder ein flaches rundes Goldſtück. Die Regierung von Bagdad liegt ganz in den Hän⸗ den des Paſcha's, welchem eine Rathsverſammlung zur Seite ſteht. Obſchon vom Großſultan zu Stambul ein⸗ geſetzt, bedarf er doch im Allgemeinen der Zuſtimmung des Volkes, welches ſeine Meinung öffentlich ſtets mit großem Lärm und Geſchrei zu erkennen gibt. Der Rath beſteht! aus mehreren hohen Staatsbeamten und den Vorſtehern der verſchiedenen Departements, die ſich allwöchentlich am Freitage zu einem öffentlichen Divan verſammeln, und die ihnen vorgelegten Fragen in Erwägung ziehen.— Das Gebiet des Paſcha erſtreckt ſich zwar nomin ganze Ejalet, von Basrah im Süden bis Me den, in Wirklichkeit aber iſt ſeine Macht, Oſten und Weſten hin, durch die unabhängibrn oegeren ter der Kurden und Araber ſehr eingeſchränkt.— Als Haupt⸗Grenzfeſtung des türkiſchen Reichs gegen Perſien hat Bagdad, ſo ärmlich auch ſeine Feſtungsvierecke ſind, allen bisherigen Angriffen der Perſer von dieſer Seite her den erfolgreichſten Widerſtand entgegengeſetzt, und eben ſo tapfer auch den mannigfaltigſten Anfällen der Araber widerſtanden. Die zur Vertheidigung des Platzes erforderliche Kriegsmacht des Paſcha's wird, im Falle eines feindlichen Angriffs, — innerh jedem aus K virklie d bedectn Muſſelin daß man den kann, Kiffiah bedeckung, und an aͤdeng der gendw in laſſen ſind Kopf nit r der in⸗ —;— Feierſtunden. 1865. innerhalb der Stadt ſelbſt ausgehoben; er erhält, ſowie in gewöhnlichen Truppen beſtehen aus ungefähr 2000 verſchie⸗ jedem anderen Zweige ſeiner Verwaltung, keinen Beiſtand den ausgerüſteten Reitern, einem kleinen, aus 10 Stücken aus Konſtantinopel, und iſt mithin, dem Weſen nach, als beſtehenden Park von Feldgeſchützen und 1000 Mann In⸗ wirklich unabhängig vom Großſultan zu betrachten. Seine fanterie, die ſeine Leibwache bilden. 2. Die Induſtrie der Schiefertafeln und die Schiefertafeln überhaupt. Die älteſten Verſuche, die fliehenden Gedanken für die Nachwelt zu fixiren, beſtanden darin, daß man ſelbe in Steine oder Metall eingrub, und ſo blieben uns aus den entfernteſten Perioden Nachrichten früherer Ereigniſſe auf⸗ bewahrt. Längſt ſind die Nationen dahingeſchwunden, welche zuerſt den Pfad der Civiliſation betraten und ſich zu Macht und Wohlſtand aufſchwangen; während aber kaum Reſte derſelben mehr vorhanden ſind, ſo erzählen uns doch von jenen Zeiten Felſen und Steine, und was in dieſe mit Hammer und Meißel eingegraben wurde, wird noch zu ſpäteren Geſchlechtern lange nach uns ſprechen, obgleich die Aufzeichnungen, großen Theils dunkel und geheimnißvoll, den angeſtrengten Scharfſinn des Forſchers in Anſpruch nahmen. So zeigen die Obelisken, die ihre Spitzen hoch aus den Ruinen und Pyramiden Egyptens erheben, in Hieroglyphen eine Geſchichte untergegangener Völker; wan⸗ dern wir unter den rieſenhaften Ruinen von Perſepolis, der Stadt der alten Perſerkönige, ſo weilt das Auge mit auf den Inſchriften der zerbröckelnden waren dieſe keilförmigen Charaktere ein der Wiſſenſchaft iſt es gelungen, daſſelbe zu woſen, und vie Inſchriften ſprechen nun zu uns als Zeugen einer Zeit, auf welcher trotz aller ehemaligen Größe und Pracht das Schweigen des Grabes tauſende von Jah⸗ ren hindurch laſtete. Auch die neue Welt hat ihre in Fel⸗ ſen geſchnittene Inſchriften, welche uns Berichte über die Herrlichkeit, den Wohlſtand und die hohe Kultur überlie⸗ fern, die dereinſt im goldenen Reiche der Inka's unter dem milden Scepter der Söhne der Sonne herrſchten. So bewahrten uns Felſen und Ruinen die Geſchichte des öffentlichen Lebens der Nationen und die wichtigſten Ereigniſſe vergangener Zeiten; doch heiſchte allmählig auch das alltägliche ſociale Leben das Bedürfniß einer wenn auch nur vergänglichen Mittheilung, wofür die Anwendung der Hieroglyphen nicht genügte; es entſtanden nach und nach die Buchſtaben, deren Erfindung auch zur Beſchaffung geeig⸗ neten Materials für deren Fixirung führen mußte. Keile und Meißel waren die Inſtrumente, deren man ſich in Babylon und China, den älteſten Kulturländern, ſo weit unſere Geſchichte reicht, bediente, um auf gebrannte Thon⸗ tafeln oder ſchieferartige Steinplatten zu ſchreiben; ſpäter kamen ſpitze Steine, dann metallene Griffel in Gebrauch; die Steintafeln machten endlich metallenen Tafeln Platz welche die Buchſtaben mit beinernen eingegraben wurden. Eine darauf ten die mit Wachs überzogenen Ta⸗ fein, in welche oie Enharaktere mit hornenen oder ſilbernen Griffeln eingravirt wurden; dieſelben ſtanden beſonders bei den alten Griechen und Römern in täglichem Gebrauche, und waren ſchon deßhalb ſehr beliebt, weil man ſie, nach⸗ dem ſie vollgeſchrieben waren, lt durch Glätten mit dem ſtumpfen Ende des Griffels zu ernerem Gebrauche wieder herſtellen konnte. Ungefähr in dieſelbe Periode fällt der Verſuch, die Thierhäute und Blätter von Palmen ꝛc. ſtatt Schreibtafeln zu verwenden; letzterer bedienten ſich ehemals die Egyptier, und noch gegenwärtig die Tamulen, welche aus den Blät⸗ tern der Palmyrapalme(Borassus flabelliformis) ganze Bücher anfertigen, auf welche ſie ihre Geſetze, Gebete ꝛc. mit feinen Griffeln eingraben. Dieſe Blätter wurden bald verdrängt durch den präparirten Baſt gewiſſer Bäume, wie der Linde, Birke, Ulme und des Ahorn, in welchen man die Buchſtaben mit Nadeln oder ſpitzen Griffeln eingrub; namentlich ſollen die alten Deutſchen auf Birkenrinde ge⸗ ſchrieben haben. Von letzterem Material war nur noch ein Schritt zu leinenen und baumwollenen Geweben, und Pin⸗ ſel und Tinte erſetzte den Griffel. Ungefähr zur Zeit Alexanders des Großen(336— 323) v. Chr.) kam die Papyruspflanze, welche dem Papier den Namen gab, in Gebrauch; dieſelbe wuchs reichlich an den Flußufern von Kalabrien und Sizilien, beſonders aber an denen des Nils, wo ſie gleich unſerem Schilf undurchdring⸗ liche Dickichte bildete, der Aufenthalt zahlreicher Amphi⸗ bien und Waſſervögel. Man verfertigte das Schreibmate⸗ rial aus dem innerſten Theile der friſchen Stengel, den man von der friſchen Pflanze mit Nadeln oder geſchärften Muſcheln ablöste, die einzelnen Streifen mit Nilwaſſer befeuchtet zuſammenklebte, trocknete und mit Thierzähnen ittene der ſo zubereitete Stoff hieß im Alterthume „»Biblus«. Beiläufig 200 Jahre v. Chr. erfand man das Per⸗ gament, welches ſeinen Namen von der Stadt Pergamus trägt und in ſo fern eine neue Aera einleitete, als mit Beſeitigung des Griffels die Gänſekiele in Aufnahme kamen, welche noch jetzt neben den Stahlfedern theilweiſe ihre alte Reputation aufrecht halten, während des Mittelalters aber das gewöhnliche Schreibematerial bildeten. Die Alten ſchrie⸗ ben die unſterblichen Erzeugniſſe ihres Genius auf Perga⸗ ment, und ſpäter noch diente daſſelbe dem fleißigen Mönche in ſeiner einſamen Zelle zum Abſchreiben jener Schriften, um ſie vor Vernichtung und Vergeſſenheit zu bewahren. Der Gebrauch des Papyrus erhielt ſich bis in das eilfte Jahrhundert, wo er durch die Erfindung aus Baum⸗ wolle gefertigten Papiers, welches durch die Araber nach Europa eingeführt wurde, verdrängt wurde. Gegen das Jahr 1270 verſuchte man in Deutſchland Flachs und Hanf zur Herſtellung des Papiers zu verwenden, und ſo entſtand eine neue Induſtrie, als deren Ausgangspunkt man gemein⸗ hin die Errichtung der erſten Papiermühle 1330 in Nürn⸗ berg betrachtet, wobei man leinene Abfälle als Material benützte. Die ſtetig zunehmende Bildung mit der Erfin⸗ dung der Buchdruckerkunſt hat viel zur Bemühung beige⸗ tragen, Verbeſſerung in der Fabrikation des Papiers her⸗ beizuführen, indem mit dem erhöhten Bedarf zugleich die Anforderung an beſſere Qualität ſtieg, und noch wird ſich Jeder leicht überzeugen, wie ſehr die Einführung von Ma⸗ ſchinen ꝛc. die Papierfabrikation hob, wenn er nur die älte⸗ ſten Ausgaben der deutſchen Klaſſiker mit den neueſten ver⸗ gleicht; zugleich wollen wir hier noch beiläufig bemerken, —— —y—— 510 daß man den jährlichen Bedarf an Papier auf 500,000,000 Pfund(jedenfalls nicht zu hoch) anſchlägt. Mit dem Gebrauche des Papiers wurde, wie bereits erwähnt, auch die Methode des Schreibens eine andere; bei Benützung derberen Materials, namentlich metallener oder ſteinerner Tafeln, war mehr Graviren, als einfaches Aufzeichnen erforderlich; ſolche mit Wachs überzogene gra⸗ virte Tafeln fand man nebſt den nöthigen Griffeln in Herculanum und Pompeji; die nach ihrer Herkunft etwas räthſelhaften Juden von Malabar beſitzen noch uralte kupferne Platten mit der eingravirten Geſchichte ihres Volks; metallene Tafeln oder maſſive bleierne Platten waren nicht allein das ſchwerfälligſte, ſondern auch das koſtbarſte Schreib⸗ material der Alten, wie auch die von Moſes auf dem Sinai empfangenen Geſetztafeln beweiſen. Beſonderes Auf⸗ ſehen machte vor einiger Zeit ein Brief, der in Birming⸗ ham von den bei Pittsburg in Pennſylvanien liegenden Stigo⸗Eiſenwerken einlief und auf gewalztes dünnes, ſehr biegſames Eiſenblech geſchrieben war; der Brief wog nur doppelt ſo viel, als ein gewöhnlicher, und der Verfertiger des Materials forderte ganz England auf, es ihm nachzu⸗ thun. Doch iſt dieſe Erfindung nichts Neues, indem Ba⸗ ron Kleiſt von Neudeck in Böhmen auf der Ausſtellung in London 1851 für ſein Eiſenpapier bereits eine Medaille erhielt. Dennoch gab jener Brief Veranlaſſung zu ausge⸗ dehnten Verſuchen Seitens der engliſchen Eiſenwerkbeſitzer, welche nach kurzer Zeit zu einem glänzenden Reſultat führ⸗ ten. Die Beſitzer der Upper Foreſt Tinworks bei Swan⸗ ſea— M. Hallam u. Comp.— liefern jetzt ein Eiſen⸗ papier von unglaublicher Feinheit, wovon 4800 auf ein⸗ ander gelegte Bogen erſt einen Zoll Dicke ausmachen, während von feinem Poſtpapier ſchon 1200 Bogen zu glei⸗ cher Dicke genügen; ein Bogen dieſes Eiſenpapiers von 55 Zoll Oberfläche(10“ lang und 5 ½“ breit) wiegt nur 20 Gran; gegen das Licht gehalten erſcheint daſſelbe fein porös, doch läßt ſich ganz gut auf demſelben ſchreiben; ob jedoch dieſes Material zu einem billigen Preis zu liefern iſt, ſo daß es einer ausgedehnteren Verbreitung fähig wird, iſt bis jetzt nicht zu entſcheiden, und wir müſſen uns einſt⸗ weilen damit begnügen, die Möglichkeit konſtatirt zu ſehen, aus Eiſen ein dauerhaftes, papierdünnes Schreibmaterial herzuſtellen. Ein faſt unentbehrliches Material ſowohl für unſere Schüler, welches von keinem anderen an Brauchbarkeit und Billigkeit übertroffen wird, iſt der bekannte Schiefer, der wegen ſeiner allgemeinen Verbreitung einen nicht un⸗ wichtigen Handelsartikel bildet. Der Thonſchiefer, welcher ſcheinbar eine gleichartige Geſteinsmaſſe darſtellt, iſt ein Gemenge von Glimmer, Talk und Quarz, welchem auch oft noch Feldſpath zuge⸗ treten iſt, jedoch ſo innig vereinigt, daß die einzelnen Be⸗ ſtandtheile nicht mehr zu erkennen ſind. Wahrſcheinlich ging derſelbe aus einer Zermalmung und Zerreibung theil⸗ weiſe zerſetzter Felsmaſſen hervor, der Niederſchlag erfolgte ruhig, anfänglich in flüſſiger Form, und ſetzte ſich nach und nach zu Schichten ab, welche die Grundlage für ſpä⸗ tere ſekundäre Geſteinsbildungen lieferten. Die größten Lager des Thonſchiefers finden ſich im Voigtlande, dem Fichtelgebirge, in einigen Gegenden Böhmens, dem Rieſen⸗ und Erzgebirge, in Thüringen, namentlich bei Leheſten, zwiſchen Rhein und Moſel ꝛc.; ferner findet er ſich in mehreren Departements Frankreichs, in England, beſonders bei Bangor in Nordwales, in Nordamerika, hauptſächlich im Staate Pennſylvanien ꝛc. Die Verwendung des Schie⸗ — Feierſtunden. 1865. 2 fers iſt eine äußerſt mannigfaltige; geringere Sorten die⸗ nen zum Dachdecken, zu Tiſchplatten, andere, z. B. der Eiſce ſogenannte Wetzſchiefer, namentlich der vorzügliche aus den, e eh Ardennen, zu Schleifſteinen; außerdem dienen beſonders die 4 dunkler gefärbten Arten zu Kunſtarbeiten, wie Moſaiktiſch⸗“ elninhr platten, Kaminſimſe, Statuetten ꝛc. Die wichtigſte Ver⸗ in Ddi wendung findet aber der Schiefer zu Schreibtafeln, wozu die aber nur ſolcher benützt wird, der leicht und eben ſpaltet, nnt G frei iſt von fremden Körpern, nicht zu hart und von dunk⸗ ler Farbe. Man ſchneidet die Tafeln nach dem Spalten in beliebiger Größe, polirt ſie mit Hülfe einer Glatt⸗ maſchine und faßt ſie ſchließlich in die bekannten Rahmen. Der Gebrauch des Schiefers zu dieſem Zwecke iſt kaum hundert Jahre alt, indem erſt in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts derartige Schreibtafeln aufkamen, ohne welche es jetzt einem Schulmeiſter ſchwer halten dürfte, die erſten Anfangsgründe der Schreibkunſt zu lehren. Da⸗ noch herrſchen noch verſchiedene Vorurtheile gegen den Ge⸗ brauch der Schiefertafeln, da vielſeitig angenommen wird daß durch den anfänglichen Gebrauch des Griffels und Schiefers die Hand ſchwer werde; dies mag wohl für hartenn rauhe Tafeln gelten, während zarte weiche Griffel aufan geeigneten Tafeln ſicherlich dieſen Uebelſtand nicht mit ſich! bringen. Es handelt ſich alſo wohl um die Qualität die⸗ ſes Schreibmaterials, welche bisher nicht immer gebührend berückſichtigt wurde, wie in der That die Manufaktur der Schiefertafeln bisher keine Fortſchritte machte, ſondern ſoani zu ſagen noch in der Kindheit begriffen iſt. Dieſe Noth⸗ wendigkeit mit richtigem Blick anffaſſend kann es nur als ein verdienſtliches Unternehmen der durch ihre weltberuym⸗ ten, bis jetzt unübertroffenen Bleiſtifte bekannten Firma A. W. Faber in Stein bei Nürnberg betrachtet werden, daß dieſe ihre Thätigkeit neuerdings auch dieſem ſo wich⸗ tigen, jedoch bisher wenigſtens in Bezug auf mögliche Ver⸗ beſſerung vernachläſſigten Material— der Schiefertafel nebſt dazu gehörigem Griffel— zugewendet hat. Das zu dieſem Zweck auserſehene Etabliſſement bietet alle nur zu erwartende Vorzüge, indem bei vorzüglichem Material Ar⸗ beitskräfte leicht zu erlangen ſind und den armen Bewoh⸗ nern der betreffenden Gegend zugleich eine ſorgenfreie Exi⸗ ſtenz geboten wird. Ein neuerer Beſucher des fraglichen Etabliſſements berichtet darüber wie folgt: Verläßt man die von Mün⸗ chen nach Norden gegen Leipzig führende Eiſenbahn bei dem Städtchen Kronach in Oberfranken(Bayern), ſo führt eine Chauſſee in das immer enger werdende Rodachthal, deſſen ſteile Abhänge dicht bewaldet ſind; allmählig verſchwindet das angebaute Land, und man erblickt an dem Ufer der kleinen Rodach eine Sägemühle neben der anderen. Ver⸗ folgt man den Weg bis zum Badeort Steben, ſo durch⸗ ſchneidet man eine traurig ſtille, dicht bewaldete Gebirgs⸗ gegend, und ſteigt dann in einem grünen Thale, das durch einen Bach bewäſſert wird, etwas aufwärts durch dichte Buchen und Nadelholzwälder, ohne ſtundenlang auf irgend eine menſchliche Wohnung zu ſtoßen. Endlich tritt dem Wanderer eine freundliche, im Schweizer Style gebaute tſt pie . eer i mnnung s Thal igende alcher o 80 eir nem ſe⸗ er in uchdem ſſirt! hſten Fihen Ver i treff iſchiede ichen: unt, in gegeſtel de ſcen C ftägt m vm ver entgegen knden, Gru Le fihlte! dn Wi miſſch nirte ei giit ſei digung tr ne tlt, men ſder( und i raglie undvier 2 ☛ᷣ ᷣó —ä-—õö—— oorten di⸗ 4 k 43 der Eiſabahn, mit welcher letzteren ſie ein guter Fahrweg onders di rbindt. Eine arme, aber betriebſame Bevölkerung be⸗ oſaiktiſch vohnt die Gegend, und beſchäftigte ſich früher, beſonders jgſte Ver⸗ den Ginter hindurch, mit der Herſtellung von Schiefer⸗ a, wozu ifen. Die nun entſtandene Fabrik hat bereits beträchtlich de ſalte, eir Verdienſt erhöht und größere Lebhaftigkeit in die ſonſt uſame Gegend gebracht. Die dortigen Wälder liefern ſichlich Holz, welches z2u Tafelrahmen ſowohl für die neue nbrik, als für die benachbarte von Leheſten verarbeitet urd. Die Jfeaghater die der neuen Fabrik angehören, nm. ind äußerſt iß ereſſant, ſo daß ein Beſuch derſelben die rauf verwen eete Mühe reichlich lohnt; ſie liegen in dem fane öſt pieroresken Thale von Dürrenweid, eine kleine Stunde auftane, 1er Fabrik, und der bedeutendſte Bruch führt die Be⸗ lten dütt unnung„Lothars Heil“. Auf der einen Seite begränzen ſren. 14⸗ les Thal dichte Waldungen, während die andere ſteil auf⸗ n den Ge igende Grünſteinfelſen bilden; Alexander von Humboldt, men win ſpelcher als Bergmann im Diſtrikt von Steben im Jahre ffels d 1807 einige Zeit ſtationirt war, erwähnt dieſes Thal in für hart inem ſeiner Werke als eines der intereſſanteſten und ſchön⸗ Briffel auiſen in ganz Europa unter dem Namen„Höllengrund“. ͤt mit ſch ſachdem man den ſchönſten Theil des Dürrenweider Thals uolität de uſſirt hat, beginnt der Weg zu ſteigen, bis er an ſeinem gbühren ſichſten Punkte die Schiefergrube erreicht und man die von ufaktur d rrlichen Buchen, Tannen und Fichten umgebenen Gruben⸗ ſondern gbäude erblickt. dieſe Nh Die offenen Gruben erregen zuerſt die Aufmerkſam⸗ es nur als it des Beſuchers, denn dort zeigt ſich das Schieferlager veltceruhn h ſeinem ganzen Reichthum, völlig frei von Erz und ſon⸗ en Fiem üigen Verunreinigungen. Dieſer Schiefer bildet nicht allein et werden, in treffliches Material zu Dachplatten, ſondern auch zu m ſo wihe drſchiedenen Geräthen, wie Spiel⸗, Waſchtiſchen, Conſol⸗ öglihe Ver iſchen ꝛc., welche, oft mit Perlmutter und Mectall einge⸗ ciifertfel ligt, in reicher Auswahl in dem genannten Etabliſſement Das zu Prgeſtellt werden. alle nur zu Den intereſſanteſten Theil bilden jedoch die unterirdi⸗ aterial Ie ſchen Gruben, welche eine Tiefe bis zu 120“ erreichen; en Bewohe ſeigt man in die dunklen Schachte hinab, ſo blicken bald nfret Er don verſchiedenen Punkten die Grubenlichter der Arbeiter entgegen, und nach Zurücklegen eines ſchief hinab ſich ſen⸗ n Feierſtund en. 1865. ——;—õ;—B—C—⸗——⸗—⸗—C—C—C—C—P——-ͤ—--:u 511 —— Hallen nach Norden und Weſten, und man erblickt die zahlreichen Grubenleute in emſiger Beſchäftigung; während die monotonen Hammerſchläge unſer Ohr erreichen, ſieht man Arbeiter auf⸗ und abſteigen und Karren mit abgelös⸗ ten Schieferplatten der Mündung des Aufzugs zuführen, von wo ſie raſch auf einem Schienenwege nach oben beför⸗ dert werden. Man erblickt dort immenſe Schieferplatten bis zu 40“ Höhe blos gelegt und zur Ablöſung vorbereitet, das Material aber iſt ein ganz tadelloſes. Bald athmet man freier, wenn man wieder zur Oberfläche der Erde zurückkehrt, die Fabrik ſelbſt beſichtigt, wo neue und eigen⸗ thümliche Maſchinen das Auge des Beſchauers feſſeln. Die Einrichtung der Fabrik hatte manche Schwierigkeiten zu überwinden, indem man keine Anhaltspunkte für die zweck⸗ mäßigſte Wahl einer ſolchen vor ſich hatte; es waren deß⸗ halb manche Verſuche nöthig, ehe man den Weg fand, wie Alles am praktiſchſten herzuſtellen wäre, um den Abſich⸗ ten, die man im Auge hatte, am ſicherſten Genüge zu lei⸗ ſten. Eine Dampfmaſchine ſetzt ſämmtliche Vorrichtungen zum Sägen, Poliren ꝛc. in Bewegung, und die raſch auf⸗ blühende Fabrik liefert bereits Gegenſtände aus Schiefer, die man nie aus dieſem Material zu ſehen hoffte, und Alles in größter Vollendung, wie bei näherer Betrachtung jeder aufmerkſame Beobachter ſofort bemerkt. Die Zart⸗ heit der Oberfläche der Schiefertafeln läßt nichts zu wün⸗ ſchen übrig, während die gleichmäßig dunkle Farbe die Schrift deutlich hervortreten läßt; die Zartheit der Schie⸗ fermaſſe geſtattet dabei die Ausführung der feinſten, wie der gröbſten Striche, gleich als ob man mit Bleiſtiften auf Papier ſchreibe. Die Rahmen von weichem Holz, wie auch zum Theil von hartem, ſind dauerhaft und dicht an einander gefügt, wodurch die Gefahr eines Bruches ſehr vermindert wird. Bei beſſeren Tafeln bedeckt ein glänzen⸗ der Firniß noch den Rahmen, welche auch überdies mit zierlichen Arabesken verziert, ein ſehr gefälliges Anſehen beſitzen. So iſt es wieder deutſcher Strebſamkeit beſchieden, einen bisher kaum beachteten Induſtriezweig zu höherer Gel⸗ tung zu bringen, und man kann ein derartiges Unternehmen nur freudig begrüßen, welches vollkommen geeignet erſcheint, dem deutſchen Gewerbefleiß auch in fernen Ländern ehrende bliſſements kenden, gegen 400 langen Wegs erreicht man den Grund von Mün⸗ der Gruben ſelbſt; dieſe erſtrecken ſich als große domartige Lope de Vega, geboren im Jahre 1562 zu Madrid, Kindheit an eine lebhafte Neigung zu und vor Allem zur Bühne, zur dra⸗ z duchh matiſchen Literatur; in ſeinem elften Jahre ſchon kompo⸗ zucch dicſt nirte er kleine Theaterſtücke. Die Ereigniſſe, welche die dur irgend geit ſeiner Jugend bewegten, ſeine Studien zu Alcala, ſeine ui dem Mißgeſchicke und Reiſen(er war einige Zeit Sekretär des baule Herzogs von Alba und des Grafen von Lemos, und diente l Arfunt n der Armada), hielten ihn anfangs von dieſer Jugend⸗ on Waähr neigung ab. Nach ſeiner im Jahre 1580 erfolgten Rück⸗ eint libich thr nach Madrid aber überließ er ſich derſelben ohne Rück⸗ lürt di unlt, und brachte in ununterbrochener Reihenfolge bis an t füj uen feinen Tod jene unglaubliche Menge poetiſcher Schöpfungen „eine nun der Gattung, beſonders Dramen hervor, die nur ihm, ggede und ihm allein unter allen Sterblichen hervorzubringen möglich war. Im Jahre 1604, mithin in ſeinem zwei⸗ undvierzigſten Lebensjahre, hatte er bereits 23,000 Bogen eeren. Ve⸗ 4 4 ſo durc fühlte von früheſter 1 Gebigs⸗ zen Wiſſenſchaften, und Anerkennung zu verſchaffen. Prof. H. Lope de Vega. mit Verſen für das Theater beſchrieben. Im Jahre 1618 betrug ſeiner eigenen Angabe nach die Zahl ſeiner Komö⸗ dien achthundert; im Jahre 1620 neunhundert; im Jahre 1629, wo der zwanzigſte Theil ſeiner Sammlung erſchien, ſiebenzehnhundert. Im Jahre 1635, um die Zeit ſeines Todes, hatte er nach dem Zeugniß ſeines Freundes Mon⸗ talban und des gelehrten Nicolas Antonio achtzehnhundert Komödien vollendet. Alle kamen auf's Theater, und wenig⸗ ſtens die Hälfte ward gedruckt. Mehr als hundert derſel⸗ ben gingen innerhalb„vierundzwanzig Stunden“, wie er— ſelbſt ſagt,„aus den Händen der Muſen auf das Thea⸗ 3 ter.“— Um die unermeßliche Liſte der Werke Lope dehe⸗ Vega's zu vervollſtändigen, fügen wir zu dieſen achtzehn⸗ d hundert Komödien noch ungefähr vierhundert Autos sacra- mentales(geiſtliche Dramen), eine große Anzahl Zwiſchen⸗ ſpiele, epiſche, didaktiſche, burleske Gedichte, Epiſteln, Sa⸗ tyren, Gelegenheitsgedichte, Sonette. Jeder Tag brachte A 1 4 1. alten Procuratien und die Marcuskirche bilden. 51² —— ein Gedicht, jede Woche ein Schauſpiel.— Man hat be⸗ rechnet, daß Lope von der Stunde ſeiner Geburt bis zu der ſeines Todes, obſchon ſeine Jugend für die Wiſſenſchaft verloren ging, jeden Tag acht ganze Seiten ſchreiben mußte. Die Geſammtzahl ſeiner Schriften wurde zu 133,000 Sei⸗ ten und 21 Millionen Verſe geſchätzt. Die ganze Literatur⸗ geſchichte hat nichts aufzuſtellen, was dieſer wahrhaft mähr⸗ chenhaften Fruchtbarkeit des Geiſtes auch nur von Weitem zu vergleichen wäre; und hätte Lope de Vega auch ſonſt kein anderes Verdienſt, ſo müßte er in dem Gedächtniß der Menſchen als eines jener Phänomene fortleben, welche die Natur nicht zum zweiten Male erzeugt. Lope war zweimal verheirathet. Nach dem Tode ſei⸗ ner zweiten Frau ward er Ehrenmitglied des Franziskaner⸗ Ordens, ohne deßhalb der Poeſie zu entſagen. Er ſtarb 1635, religiös ſtreng geworden und in Melancholie ver⸗ ſunken. Sein Leichenbegängniß dauerte neun Tage. Nie ward ein Dichter, und noch dazu ein dramatiſcher, von ſeiner Zeit ſo bewundert und geehrt: alle Kanzeln in Spa⸗ nien erklangen von ſeinem Lobe. Obgleich unumſchränkter Gebieter des Theaters und der Literatur ſeines Volks entſprach Lope doch ſeinem hohen Berufe nicht. Er konnte den Geſchmack des Publikums bilden, veredeln, fand es aber bequemer, ihm zu huldigen. Der Beifall der Menge ließ ihn Fehler begehen, die er kannte, die er aber nicht vermeiden wollte, und denen er ſomit die Autorität ſeines Vorgangs und ſeines Talents gab.„Ich weiß wohl,“ ſagt er in einer Vorrede,„daß die Ausländer an der ſpaniſchen Komödie tadeln, daß ſie ſich nicht an die Regeln der Kunſt hält. Ich habe ſie ſo gelaſſen, wie ich ſie vorgefunden, ſonſt hätte man ſie nicht angehört.“—„Nicht,“ ſagt er ferner in ſeinem Arte nueva de hacer comedias,„that ich es, weil ich die Regeln der Kunſt nicht kannte; ſondern in der Ueberzeu⸗ gung, daß, wer ſie befolge, ohne Ruhm und Vortheil in's Grab ſteigen würde. Wenn ich alſo eine Komödie ſchrei⸗ ben ſoll, lege ich die Kunſtregeln unter ſechs Schlöſſer, und werfe meinen Plautus und Terenz bei Seite, weil ſie wider mich ſprechen könnten. Ich mache Stücke für's Publikum, und weil es ſie bezahlt, iſt es nicht mehr als billig, ſie auch ſeinem Geſchmacke recht zu machen.“— Lope ſchließt ſeine Abhandlung mit dem Geſtändniß, daß er mehr Barbar ſei als diejenigen, denen er Lehren gebe, und daß er ſich in allen ſeinen Komödien, ſechs ausgenommen, ſtark gegen die anerkannten Regeln der Kunſt verſündigt habe. Lope, geſättigt von Ehren und Reichthümern, der Gegen⸗ ſtand des Ruhms für ſeine Landsleute, und des Neides für die Fremden, deſſen Name ſchon die perſonifizirte Vortreff⸗ lichkeit war, ſcheint wirklich ſtreng gegen ſich ſelbſt, wenn Feierſtunden. 1865. ———:————; ſer von der Menge, die er geſchrieben, nur ſechs ausnimn und doch war die Nachwelt noch ſtrenger ich unterſchre auch dieſes Urtheil nicht. Keines ſeiner Werke vudie als Muſter aufgeſtellt zu werden. man ſie als Beweis V Talent ſind.— Dieſe unerſchöpfliche Einbildungskraft, d ſeine Grazie und Feinhen in ſo hohem Grade vereinigte, erſticken bis Luf einen wiſſen Grad in ihrem eigenen Uebermaß. Dur haus 1 mißt man gewiſſenhafte Bearbeitung, gereinigten Grchn 4 ub Muſter, welche Nebenbuhler hatte er, um ſein Talent leiten und anzuſpornen? Niemand in Spanien trat in d von ihm geöffnete Laufbahn, ohne ihm nachzutreten, i bis auf ſeine Extravaganzen nachzuahmen. ja das Muſter Aller. Nichts in dem übrigen Europ konnte ihn über ſeine Mängel aufklären. In Frankrei war die Bühne noch einem Jodelle, einem Hardy heim gegeben; Italien hatte noch n — Ein einzig großer Geiſt trc. nee aur Lope Vega auf, der gleich ihm das Theater ſeiner Nation ind Leben rief, und auch beinahe dieſelben Vorzüge und Män gel mit ihm theilte. Aber eine noch breitere Scheidewan zwiſchen den Sprachen des Nordens und des Südens, alt in unſeren Tagen, trennte die berühmten Nebenbuhler Shakeſpeare und Lope de Vega waren Zeitgenoſſen, ohn ſich zu kennen, ohne je von einander gehört zu haben, konn ten ſich daher weder nacheifern noch belehren. Beide ſtan den allein und einzig in der ſelbſt geſchaffenen Sphärt Gleich Shakeſpeare und mit dieſem bleibt Lope die Ehre die moderne Bühne geſchaffen zu haben; aber mehr als Shakeſpeare wirkte ſein Einfluß nach außen, und die Fran zoſen, denen er am meiſten geborgt, müſſen das gerecht Lob Lord Hollands wiederholen:„Wenn Lope de Vega nicht geſchrieben hätte, ſo würden die Meiſterwerke eines Cor⸗ neille und Moliere nicht exiſtiren; und wenn uns deren Werke nicht bekannt wären, würde Lope immer noch füt — einen der größten Dichter in Europa gelten.“ Globe. San Marco. Die erſte Merkwürdigkeit Venedigs iſt der Marcus⸗ platz mit der Ausſicht auf das Meer und von Gebäuden in allen Stylen umgeben, welche die prachtvollſten Denk⸗ mäler der Stadt ſind. Der Marcusplatz iſt nicht durch ſeine Größe, ſondern durch ſeine Schönheit einer der aus⸗ * gezeichnetſten der Erde. Das Pflaſter von Marmorplatten, das ſeinen Boden bedeckt, macht ihn gleichſam zu einem großen Saale, deſſen Wände der kaiſerliche Palaſt, die — Die Marcuskirche iſt die wenigſt ſchöne und zugleich die intereſſanteſte Kirche in der Welt. unvergeßlichen Eindruck. Dem Fremdel.,„cun er auch die ſchönſten Kirchen Italiens geſehen, wif eichwohl San Marco mit ſeiner orientaliſchen Kuppel als ein Wun⸗ der erſcheinen. Die Geſchichte dieſes Domes iſt n weniger dunkel, als die der meiſten andern aus alter 5 ammenden Kir⸗ arco wurde im raktere und Leidenſchaften zu malen, dieſe Gewandtheit die? 19N, alle die an V glän in, und die bra chen. Die Regia Baſilika di Sar Jahre 829, nach der Entführung der eine des Apoſtels aus Alexandrien, neben der Kirche des auteren Schutzpatrons, — 1 1 ——— G eer a 976 fli Feierſtunden. 1865. 513 —— San Teodoro, erbaut. In einem Aufſtande im Jahre Ländern zuſammen, ihren Dom damit zu ſchmücken, die ſechs augnimn 976 flüchtete ſich der Doge Pietro Candiano, nachdem ſein und unteſſchee Palaſt eingeäſchert worden, Verke vrdie und wurde in derſelben ermordet. Die um ſich greifende ſchen Kreuzen über deren Feuersbrunſt ergriff auch dieſe Kirche und verzehrte ſie kau's, dem herzoglichen Palaſte und ſteht Candianos Nachfolger, Pietro alle begann den gegenwärtigen Prachtbau, den der ſchmückung. dagegen ſü 8 iha 9 Klippe für h dreihundert dungstraft, d Orſeolo, ſe Kunſt, Ch nächſte Doge, Domenico Seleo, beendigte. Gewandtheit die Mauern mit Marmor aus Griechenland, jes— alehz fand die Einweihung des Domes ſtatt. ſammt der neuen Baſilika, Wohnhäuſern. Er bekleidete Anordnung des Ganzen in die Kirche San Teodoro der Bau mit ſeinen fünf weißen Bleikuppeln und griechi⸗ und 1085 Dache der mittleren Die Venetier Marcusplatze zugewendete Vorderſeite hat fünf große, aus fiel aber ſo orientaliſch aus, daß Laternen weit mehr denen Mos⸗ als anderen Kirchen Italiens gleicht. Die Kirche an Größe ſpäteren Domen nach, übertrifft ſie aber an Reichthum und hiſtoriſchem Werth der Aus⸗ Die Marcuskirche iſt 235 Fuß lang und bis zum Kuppel 118 Fuß hoch. Die dem 1n. un di brachten eine Menge antiker Säulen und Steine aus allen zwei über einander ſtehenden Säulengruppen gebildete Hallen Dauf einen 19 iten Geus 96 vor dem 81 welche es kii urtheilen, m die Gewißhe lgs ihn lei en ließ, wel ſein Talent nien trat in nczutreten, i Er ſelbſt we brigen Euno In Franktes n Hardy bei⸗ — „ auut Lopk er Nation in üge und Nä re Scheidewan 3 Südens, d Nebenbuhle genoſſen, oh zu haben, lon . Beide ta fenen Sphäl ope die Ehn ber mehr al und die Fra das gerch „de Vega lit dke eines Coh enn und der zmer noch fiü 0 mit ſchönen Moſaiken. h⸗ zu ebenſo vielen ehernen Thüren, von welchen eine von der Sophienkirche in Konſtantinopel genommen ſein ſoll. Auf den Seiten vefinden ſich ähnliche Hallen, welche einen brei⸗ zgen, aber ohne Thüren ſind. In dem mitt⸗ » Vorderſeite iſt ein großes Fenſter, die vier mittleren ſind mit großen Moſaiken ausgefüllt. Die Thürm⸗ 1 d chen und Giebel über dieſen Bogen wurden erſt im vier⸗ un et dl ler zehnten Jahrhundert aufgeſetzt. iihwoſl 1 Am Haupteingange bezeichnen rothe Marmorplatten als ein Wi die Stelle, wo ſich Friedrich Barbaroſſa und Alexander III. kel verſöhnten. Das reiche bunte Marmorpflaſter iſt durch veniger 9 Einſinken der Grabgewölbe etwas wellenförmig, nach der mmenden in Volksſage aber abſichtlich ſo gebaut, um anzudeuten, daß rco nurdg die Stadt im Meere ſtehe. Alle Wände ſind bis zu den t des— Feierſtunden. 1865. [Schutzpa Man gelangt durch dieſe Hallen ziehen, und den fünf Kuppeln ſieht man Engel und Heilige in wir die beiden gewund San Marco. Emporen für die Frauen, welche ſich um die drei Hallen mit Marmor bekleidet, an den mächtigen Gewölben Moſaik auf Goldgrund, im Hintergrunde Jeſus als Welt⸗ richter rieſengroß. Die den Chor von dem Schiffe tren⸗ nende Querwand iſt mit den Marmorbildſäulen der Ma⸗ donna, San Marco's, und der Apoſtel verziert. Am Hauptaltare ſtehen vier Säulen aus griechiſchem Marmor mit byzantiniſchen Reliefs. Hinter dem Hauptaltarblatte, das wie eine Thüre geöffnet werden kann, erblickt man die 976 in Konſtantinopel vollendete Pala d'oro, Darſtellun⸗ gen bibliſcher Scenen aus buntem Schmelz auf Gold und Silber mit Kameen, Edel teinen und Perlen verziert. Un⸗ ter den vielen koſtbare- werthvollen Säulen führen haſterſäulen an, welche vom 65 514 Feierſtu Volke bewundert werden, weil das Kerzenlicht durchſchim⸗ mert. Die Schilderung aller Sehenswürdigkeiten des Do⸗ mes würde jedoch viele Bogen erfordern. Einen unvergleichlich poetiſchen und erhabenen Anblick bietet ein in San Marco celebrirtes Hochamt dar. Nicht weniger ergreifend iſt ein in dieſem alten Tempel geſunge⸗ nes Todtenamt, wenn lange Züge von alten, frommen Ge⸗ noſſenſchaften angehörigen Männern und Frauen mit weißen, um Kopf und Oberleib geſchlungenen Mantillen durch die Hallen ſchreiten und unter Anführung mehrerer Pedellen in weißen Chorhemden, grünen Pilgermänteln und weißen Kaputzen ſich um den Katafalk gruppiren. In den Kapel⸗ len und an den faſt unzähligen Altären werden während dieſer Todtenfeier unter unabläſſigem Geklingel überall Meſſen geleſen, Kirchendiener reichen Opferbüchſen mit Reliquienkapſeln zum Küſſen und Einſammeln frommer Gaben umher, und bei dem De profundis kommt die Geiſtlichkeit, Wachsfackeln in den Händen, aus dem erhöh⸗ ten Chore herab. Ohne Anſtoß zu erregen, wandern in⸗ deſſen Fremde mit ihren Führern, das Reiſehandbuch in der Hand, um die Altäre. Iſt der Gottesdienſt beendigt, hat ſich die Menge mit Waſſer aus den Weihgefäſſen, meiſt antiken Opferſchalen, beſprengt und allmählig ver⸗ laufen, ſo macht die Stille in dem heiligen Raume, der von den hohen Kuppelwölbungen nur ſpärlich erleuchtet wird, nden. 1865. ——:::u—;; ——;:;—;— einen wunderbaren Eindruck. Duftende Weihrauchwolken hängen um die mächtigen Säulengruppen und verſchleiern den Goldgrund, von dem die Muſikbilder ſich abheben. Es müthiges Gefühl über den Zerfall irdiſcher Größe, wenn unſere Phantaſie dieſe Marmorhallen mit den ſtolzen Vene⸗ tianern früherer Tage bevölkert. Da der orientaliſche Styl des Domes keinen Glocken⸗ thurm duldete, wurde dieſer freiſtehend auf dem Marcus⸗ platze 304 Fuß hoch aufgeführt. Er ſtellt gleichſam zwei Thürme in einander vor, zwiſchen welchen ein gepflaſterter Weg ſo bequem aufwärts führt, daß ihn, der Sage nach, Friedrich Barbaroſſa zu Pferde erſtiegen haben ſoll. Ein⸗ zig in ſeiner Art iſt die 140 Meilen umfaſſende Ausſicht von den Bogenfenſtern dieſes Glockenthurmes, welcher das Vorbild für viele andere geworden iſt. Das auf unſerer Abbildung S. 513 links ſichtbare Gebäude iſt 1496 für die Uhr errichtet worden. Das große Zifferblatt hat nach altitalieniſcher Sitte 24 Stun⸗ den. Unter derſelben ſieht man die Madonna, vor wel⸗ cher an gewiſſen Tagen die drei Könige ſich verneigend vor⸗ überziehen. Höher oben ſteht der geflügelte Löwe und auf dem flachen Dache ſchlagen zwei eherne Männer auf der großen Glocke die Stunden an. C. K. Der verheirathete Doktor. Erzählung von Friedrich Gerſtäcker. Kap. 1. Zum Lindenbaum. Schon im Jahre 39 war Pittsburg, im Staate Pennſylvanien, eine größere Stadt, die ſich beſonders durch ihre Fabriken, Eiſenwerke, wie überhaupt eine außerordent⸗ liche Gewerbsthätigkeit auszeichnete, und in der That ſeit⸗ dem ſo an Einwohnerzahl und Reichthum gewonnen hat, daß ſie jetzt zu den Hauptplätzen der Union gerechnet wer⸗ den darf. Von allem Anfang an hatten ſich eine Menge Deutſche dorthin gezogen, wie denn ja auch ganz Pennſylvanien vor⸗ zugsweiſe von unſeren Landsleuten bevölkert iſt. Haben ſie ſich doch ſogar in ihrem Uebergang zur engliſchen Rede⸗ weiſe eine ganz eigene und merkwürdige Sprache gebildet: das ſogenannte Pennſylvaniſch⸗Deutſch, das ſie freilich nur unter einander reden können, denn Amerikanern, wie der engliſchen Sprache nicht mächtigen Deutſchen bleibt ſie gleich unverſtändlich. Urſprünglich ließ ſich auch in dieſem Staat eine große Zahl jener armen Teufel nieder, die im Befreiungskrieg der Union von deutſchen Fürſten an die Engländer verkauft wurden, aber in der Mehrzahl viel zu klug waren, irgend welchen Heldenmuth gegen das für ſeine Unabhängigkeit kämpfende Volk zu entwickeln. Sie deſertirten oder ließen ſich gefangen nehmen, wonach ſie dann mit Vergnügen das Verſprechen abgaben: in dieſem Kriege nicht mehr gegen die Amerikaner zu dienen, und bald im Werde drin ihre So leicht unn auch die Deutſchen in den vereinigten Staaten die engliſche Sprache erlernen und mit den Ame⸗ rikanern ſelber auf freundſchaftlichem Fuße leben, ſo finden ſie es doch— mit wenigen Ausnahmen— ſtets gemüth⸗ licher, für ihre Geſelligkeit die eigene Landsmannſchaft auf⸗ zuſuchen, und beſonders ihre Abende unter Deutſchen zu⸗ zubringen. Das amerikaniſche und deutſche Leben läßt ſich in der That nicht gut vereinigen, denn Beider Neigungen liegen zu weit aus einander, und ſchon die entſprechenden Wirths⸗ häuſer kennzeichnen Beide auf das Entſchiedenſte. Der Amerikaner iſt raſtlos in ſeinen Genüſſen wie in ſeinem Geſchäft, und kennt in beiden keine Ruhe. Er arbeitet raſch, aber ebenſo ißt er auch, und verſchlingt Mittags die Speiſen weit eher, als daß er ſie ordentlich verzehrt. Eben ſo wenig hält er ſich beim Trinken auf, und ſo oft er auch über Tag einen Schenkſtand beſuchen mag, er ſetzt ſich nie dazu, läßt ſich ſein Glas ein⸗ ſchenken, ſtürzt es hinab und geht weiter. Das verträgt der Deutſche nicht, weder daheim noch in Amerika, denn er will ſeinen Stuhl und ſeinen Tiſch haben, um was er genießt, auch in aller Ruhe und Ge⸗ müthlichkeit zu verzehren, und ſich dabei gehörig auszu⸗ ſprechen. Sehr natürlich fühlt er ſich— mit dieſen Neigungen— in amerikaniſchen Wirthshäuſern, in denen er auch meiſtens ſein gewohntes Bier vermißt, nie recht wohl, und nur die ächt amerikaniſirten Deutſchen(beiläufig geſagt der widerlichſte Menſchenſchlag von Renegaten, der kleine, freundliche Heimath gründeten. Abkömmlinge von ihnen findet man noch überall, beſonders in Pennſylvanien, und ſie ſind ſogar ſtolz darauf zu erzählen, daß ihre Vor⸗ väter zu den Freiheitskämpfen übergingen. ſich auf der Welt nur denken läßt) affektiren die amerika⸗ niſche Sitte und halten es für unter ihrer Würde, ſich in ein deutſches Bierhaus zu ſetzen, in dem ſie ſich doch ſonſt wohl genug fühlten. ergreift uns hier und in dem nahen Dogenpalaſt ein weh⸗ auchwolken verſchleiern heben. Es ein weh⸗ ße, wenn Nen Vene⸗ en Gacken⸗ n Mauus⸗ ichſam zwei gepflaſteter Sage nat, ſoll. En⸗ de Ausſich welcher das s ſichtbare den. Das 24 Stun⸗ vor wel⸗ eigend vor⸗ de und auf er auf der C. K. vereinigten den Ame⸗ ,ſo finden 8 gemüth⸗ ſchaft ouf⸗ ulſchen zu⸗ ſich in der gen liegen n Wirths⸗ üſſen wi Ruhe. Er verſchingt ordentlich „— gäſten, die ſich allabendlich dort Feierſtunden. 1865. — In Pittsburg gab es nun ſchon damals verſchiedene derartige deutſche Lokale; den beſten Ruf hatte aber jeden⸗ falls der„Lindenbaum“, und verdiente ihn auch, obgleich er von keinem Wirth, ſondern nur von einer Wirthin gehalten wurde. Die„Wittwe Reuter“ war nämlich eine Frau noch in ihren beſten Jahren, und verſtand vollkommen, einer ſolchen Wirthſchaft vorzuſtehen. Vor einem halben Jahr⸗ zehnt nach Amerika, eben verheirathet, ausgewandert, hatt⸗ ſie ihren Mann, wie ſie kaum Fuß auf amerikaniſchen Boden geſetzt, an einem hitzigen Fieber verloren. Sie war damals erſt 22 Jahre alt, aber von feſtem, entſchloſſenem Charakter, und außerdem nicht gewohnt, die Hände in den Schooß zu legen. Sie verzagte auch deßhalb in dieſer ſchweren Lebensſorge nicht, ſondern griff rüſtig zu, um ſich ihren Unterhalt ſelber und allein zu erwerben. An⸗ fangs wuſch und nähte ſie für fremde Leute, dann trat ſie als Wirthſchafterin in ein ſogenanntes Koſt⸗ oder Boar⸗ dingshaus, und verdiente ſich, mit raſtloſem Fleiß und eiſerner Sparſamkeit, endlich ſo viel, um ſelber ein ähn⸗ liches kleines Hotel, das gerade zum Verkauf ausgeboten wurde, übernehmen zu können. Dort ging es ihr gut. Der Ruf, wie vortrefflich und reinlich bei ihr gekocht würde, verbreitete ſich bald in Pittsburg, und da ſie außerdem die beſten Getränke zu ver⸗ hältnißmäßig billigen Preiſen ausſchenkte, ſo konnte es nicht fehlen, daß ſich ihr Geſchäft hob, und ſie hübſches Geld dabei verdiente. Beſonders hatte ſie in ihrem Haus eine Anzahl von gebildeten Landsleüten zu Gäſten, die hier, aus ſich ſelbſt heraus und ohne Statuten oder Beiträge, eine Art von Klub bildeten, und jeden fremden Landsmann ebenfalls dorthin zogen. Gemiſcht war die Geſellſchaft übrigens, das ließ ſich nicht leugnen, aber nur in der Art, wie es in Amerika„gemiſchte Geſellſchaften“ gibt. An Bildung, Sitte und Intelligenz paßten ſie Alle zuſammen, nur in ihren Beſchäftigungen unterſchieden ſie ſich allerdings bedeu⸗ tender. So beſtand denn auch die kleine Zahl von Stamm⸗ zuſammenfand, aus ein paar Aerzten, einem Apotheker, einem Advokaten, einem Bankbeamten und einem Geiſtlichen, auch ein Baron war dabei, der aber freilich das beſcheidene Amt eines Zeitungs⸗ trägers bekleidete. Außerdem gehörten zwei Kohlenarbeiter dazu— daheim waren ſie Dr. philosophiae geweſen, dann ein Schmied— der frühere Stallmeiſter eines Herzogs von—, der Redakteur des Pittsburger Beobachters mit zwei Setzern, wie noch ein paar junge Kaufleute— und der Klub wurde noch außerdem durch zeitweilige Fremde verſtärkt. So kamen dann und wann, wenn ihr Boot Pitts⸗ burg anlief, zwei Feuerleute eines der Ohio⸗Dampfer in den Klub, die ihr ſaures Brod zwiſchen Negern, Mulatten und Irländern hart genug verdienen mußten und in ihren blauen Matroſenhemden und ſchottiſchen Mützen— was wenigſtens das Aeußere betraf— kaum recht in die Geſell⸗ ſchaft zu paſſen ſchienen. Aber es waren prächtige junge Leute— der Eine aus einer altadeligen deutſchen Familie ſtammend, der Andere ein junger Advokat, und der eng⸗ liſchen Sprache noch nicht mächtig genug, um hier ſchon zu plaidiren.— Und was that es dabei, daß ſie in der ſchwerſten und niedrigſten Arbeit ihren zeitweiligen Beruf geſucht? Sie verdienten ſich ihr Brod ehrlich, und waren hier willkommener, als es mancher befrackte Herr mit Stern und Ordensband geweſen wäre. 515 ——-———-————õ—————— Und luſtige Abende wurden da verlebt, das iſt gewiß, denn keine Etikette galt, kein ſteif gezwungener Ton konnte aufkommen, und doch herrſchte Anſtand und Sitte, und es wäre Keinem zu rathen geweſen, die zu verletzen— die Thüre des„Lindenbaums“ würde ſich ihm nie wieder geöff⸗ net haben. Zu den fleißigſten und älteſten Beſuchern dieſes wacke⸗ ren deutſchen Wirthshauſes gehörte übrigens Dr. Peters, und die übrigen Gäſte behaupteten auch, die Wittwe Reu⸗ ter habe ihn mit als Inventar von dem früheren Eigen⸗ thümer überliefert bekommen. Peters war überhaupt in Pittsburg eine ſehr bekannte Perſönlichkeit, und ſeines trockenen Humors wegen überall gern geſehen— nur als Arzt ſchien er nicht beſonders zu reuſſiren— er war nie ſehr glücklich in ſeinen Kuren und hatte dabei eine etwas rauhe Manier, mit ſeinen Kranken umzugehen, ſo daß ihm in der That ſehr viele freie Zeit blieb, und ſeine Bekann⸗ ten behaupten wollten, er habe die„Nachtklingel“ an ſei⸗ ner Thür nur für eigenen Bedarf anbringen laſſen, um nicht ausgeſchloſſen zu werden, wenn er Abends ſpät aus ſeinem Wirthshaus käme. Er lachte übrigens ſelber darüber, und konnte es auch recht gut mit anſehen, denn wenn ihm ſeine Praxis wenig einbrachte, ſo beſaß er doch nicht allein ein kleines Kapital an baarem Gelde, ſondern auch noch außerdem einen ſehr vortheilhaften Antheil an verſchiedenen benachbarten Kohlen⸗ minen. Das ſetzte ihn in den Stand, ſorgenfrei zu leben, und er lebte auch in der That ſo, und daß er das Wirths⸗ haus zum Lindenbaum ſo oft beſuchte, war außer dem kein Zeichen einer Neigung zur Unmäßigkeit, oder zur Schwel⸗ gerei. Er lebte im Gegentheil gewöhnlich mäßig, und nur in fröhlicher Geſellſchaft ließ er ſich manchmal ſo weit hin⸗ reißen, mit einem kleinen„Spitz“ nach Hauſe zu gehen. Eigentlich betrunken hatte ihn noch Niemand geſehen. Der Doktor war dabei ein ſeelenguter Menſch, und wer ihn näher kennen lernte, gewann ihn auch lieb; außer⸗ dem ging er gern und immer auf einen Scherz ein, ſelbſt wenn er auf ſeine Koſten ausgeführt wurde, und konnte dann auf das Herzlichſte mitlachen. Uebrigens hatte er manche Eigenheiten— keine aber, die einem ſeiner Freunde je läſtig werden durfte. So war er z. B. entſetzlich abergläubiſch, und ließ manchen Spott deßhalb über ſich ergehen, änderte ſich aber nicht und nickte dabei nur immer geheimnißvoll mit dem Kopf, als ob er es doch beſſer wiſſe, als alle die Anderen. So hätte er ſich nie zu dreizehn an einen Tiſch geſetzt, nie an einem Freitag irgend eine wichtige Handlung begonnen; er ſtieg gewiſſenhaft jeden Morgen mit dem rechten Fuß zuerſt aus ſeinem Bette, und was alte würdige Frauen mit Nägel⸗ abſchneiden, Salat eſſen an gewiſſen Tagen, Eierſchaalen zerdrücken und anderen dem ähnlichen Dingen vorſchrieben, beobachtete er auf das Peinlichſte. Trotzdem hatte ihn ein Jeder lieb und ſeine Freunde beſonders, die bald herausfühlten, daß er den„Linden⸗ baum“ nicht allein ſeiner guten Getränke, ſondern mehr noch der hübſchen Wirthin wegen frequentire, hegten die ſtille Hoffnung, daß er die doch undankbare ärztliche Be⸗ ſchäftigung bald an den Nagel hängen und dafür den„Lin⸗ denbaum“ mit der Frau Reuter übernehmen werde. Grund genug hatten ſie dafür, denn Peters war ein regelmäßiger Gaſt im Hauſe— ja mehr als das, er ver⸗ plauderte auch manche müßige Stunde mit der jungen Wittwe, und wurde zuletzt ſogar zu einer Art von Facto⸗ tum im Hauſe. Die Frau hatte ihm nämlich oft geklagt, 65* welche Noth ſie mit ihren Büchern und beſonders mit dem Einkauf ihrer verſchiedenen Proviſionen habe— wozu eine Frau auch eigentlich nicht recht paßt— und er nahm ſich von da ab bereitwillig ihrer an. Nicht allein brachte er ihre Bücher in Ordnung und machte faſt täglich die lau⸗ fenden Einträge, ſondern er zeigte ihr auch noch manche Verbeſſerung in ihrer Wirthſchaft und gab ihr überdies durch ſeine große Bekanntſchaft gute Quellen an, von wo ſie ihre Proviſionen und Getränke in beſter Qualität und zu billigen Preiſen bekommen konnte, ja verſchaffte ihr ſo⸗ gar in mehreren Häuſern einen neuen und höchſt vortheil⸗ haften Kredit. Er ſchien überhaupt— wie die böſe Welt wiſſen wollte— viel mehr Talent zu einer culinariſchen wie mediciniſchen Thätigkeit zu haben, und daß die Leute deßhalb eine Verbindung des Doktors mit der Wirthin prophezeihten, war wohl natürlich— und trotzdem fand ſie nicht ſtatt. Aber weßhalb nicht? Er hatte ſie ſo gern; das leug⸗ nete er nicht einmal, und ſeinen ärztlichen Beruf aufgehen und eine Wirthſchaft übernehmen? lieber Gott, da waren ganz andere Veränderungen in Situationen hier in Ame⸗ rika vorgekommen, und kamen noch jeden Tag vor. Die Frau Reuter war ihm außerdem von Herzen gut, das konnte ein Kind ſehen, und der Doktor— als rechtſchaf⸗ fener Mann in der ganzen Stadt bekannt— eine Parthie, wie ſie ſich dieſelbe nicht beſſer wünſchen konnte und wahr⸗ ſcheinlich auch nicht beſſer haben wollte, und trotzdem machte ihr der Doktor keinen Antrag und Jahr nach Jahr ver⸗ ging. Dr. Peters ſchien ſich aber ſelber nicht behaglich in dieſer Lage zu fühlen; er gab allerdings den Beſuch des Lindenbaums nicht auf und beſorgte nach wie vor die Ge⸗ ſchäfte der Wittwe auf das Pünktlichſte, ſo daß er jetzt ſchon als regelmäßiger Buchhalter und Korreſpondent der⸗ ſelben angeſehen werden konnte, aber in ſeiner ſonſtigen Stellung zu ihr hatte ſich nichts verändert, und nur ſein eigenes Ausſehen war nicht mehr ſo gut wie früher. Sonſt der behäbigſte Mann in ganz Pittsburg, wurde er jetzt, ohne daß er es hätte an leiblicher Nahrung fehlen laſſen, auffallend magerer, und das Schlimmſte von Allem war, daß ihn auch ſeine frühere Jovialität— eine eigene Fertigkeit, ſich über ſich ſelber luſtig zu machen— verließ. Er fing an melancholiſch zu werden, und da er als Nord⸗ deutſcher am allerliebſten plattdeutſch ſprach, ſo paßte das gar nicht zu ſeinem ganzen übrigen Weſen. Etwas lag ihm auf dem Herzen, und die übrigen Gäſte, denen er anfing langweilig zu werden, fingen ſchon an, gemeinſam zu berathen, wie ſie ihm ſeine alte fröh— liche Laune zurückgeben könnten. Kap. 2. Des Doktors Bekenntniß. Die Seele der Geſellſchift war der Apotheker, ein noch ziemlich junger, aber gewandter Deutſcher, der es in wenig Jahren möglich gemacht, hier ein ganz bedeutendes Geſchäft zu etabliren. Er ſtak voller Witz und Laune, und hatte dabei bis jetzt den Doktor Peters zum treuen Ver⸗ bündeten gehabt. Der aber ſchien ihm vollſtändig abhan⸗ den zu kommen, und den mußte er wiedergewinnen, koſte es was es wolle. Lange ſchon hatte er auch verſucht, den Doktor zu Feierſtunden. 1865. ——;——————; einem Geſtändniß zu bringen. So ſehr dieſer aber das Herz ſonſt immer auf der Zunge trug, in dieſer Angelegen⸗ heit hielt er es verſchloſſen, und Ohlers brachte trotz allen An'pielungen, ja ſelbſt direkten Fragen nichts aus ihm heraus. Da kam eines Morgens Peters zu ihm in die Apotheke, wo er ausnahmsweiſe einmal ein Rezept ver⸗ ſchreiben mußte, grüßte, trat an den Pult, rezeptirte, nahm dann ſeinen Hut und wollte die Apotheke wieder verlaſſen. — Es war Zeit geworden, daß er nach dem Lindenbaum hinüber ging. „Hör einmal, Doktor,“ ſagte der Ohlers, der ihn ſchweigend beobachtet hatte, und einen anderen, als den bis⸗ herigen Weg mit ihm einzuſchlagen beſchloß,„du kannſt mir einen Gefallen thun.“ „So? was iſt es?“ ſagte der Doktor ruhig. „Du verſtehſt doch was vom Wein?“ „Nur ein Bischen— willſt du Wein kaufen?“ „Ich habe da eine Probe von Ungarwein geſchickt bekommen,“ ſagte Ohlers,„und möchte deine Meinung darüber hören. Haſt du einen Augenblick Zeit?“ Der Doktor ſah nach der Uhr. „Eine Viertelſtunde vielleicht— wo iſt er?“ „Oh gleich bei der Hand— du Carl, bring doch ein⸗ mal eine Flaſche von dem Rothwein herauf, den ich geſtern bekommen habe— kannſt auch gleich den Limburger Käſe mitbringen, er ſteht vorn links im Keller— du riechſt ihn ſchon.“ „Donnerwetter Ohlers, haſt du Limberaer Gäſe du „Und was für welchen,“ ſagte d „direkt von Deutſchland importirt— u durch's Blech durch.“ „Kannſt du nichts davon ablaſſen?“ „Für die Wittwe?— hm, ich denke wohl; für mich allein iſt's doch zu viel— nun wir wollen einmal ſehen, komm' jetzt herein, dein Rezept wird indeſſen gemacht.“ Der Doktor folgte, und Ohlers führte ihn in ſein kleines Privatzimmer, das er ſich ſehr bequem und nett hergerichtet hatte. Ein Sopha ſtand darin mit zwei Lehn⸗ ſtühlen, ein kleines Regal mit verſchiedenen feinen Liqueu⸗ ren befand ſich in der Ecke, und auf einem Seitentiſch fehlte auch nicht eine Kiſte mit guten Cigarren, auf die Ohlers überhaupt etwas hielt. Der Doktor kannte das Plätzchen auch gut genug, und hatte in früheren Zeiten manche Stunde hier mit dem Apotheker verplaudert— aber jetzt ſchon lange nicht mehr, denn ſeine Morgenſtunden waren ausſchließlich dem Lindenbaum gewidmet geweſen. Trotzdem heimelte es ihn an, als er hinein trat, und wie er nun gar behaglich in der Sophaecke lehnte, mit dem ächten Limburger und einem Glas delikaten funkelnden Ungarwein vor ſich, überkam ihn ordentlich ein Gefühl wie Heimweh, und er wurde ganz wehmüthig geſtimmt.— Aber der Wein brachte ihn wieder zu ſich. „Junge, Junge,“ rief er, als er ihn erſt vorſ und dann ſchon dreiſter gekoſtet hatte,„das iſt ja er delikater Wein—„wo haſt du den her?? „Direkt von Peſth verſchrieben, koſtet auc„hh nes Geld, bis er hierher kommt— aber nicht wayr br ſchmeckt?“ Der Doktor antwortete nicht— er that einen langen Zug und ſchob das Glas dem Freunde nur mit dem einen Worte wieder zu:„famos“. Und jetzt der Limburger Käſe— der Doktor thaute ordentlich auf, und war lange nicht ſo heiter geweſen. Den Augenblick mußte der Apotheker benützen. Wie ſein Frel Feu wied aber d fagel ſine wie aher das trotz allen aus ihm m in die gept ver⸗ ad, nahm welaſſen. indendum , der ihn is den bis⸗ du kannſt g. en?“ geſchict Meinung doch ein⸗ ich geſtern arger Käſe riechſt ihn 5oD1 für wich nal ſehen, macht.“ n in ſein und nett wei dehſ⸗ en Liqueu⸗ Seitentiſch auf die unte das en Zeiten t— abet ——õ———— Freund nur eben ein paar Gläſer getrunken hatte und das Feuer in den Adern ſpürte, ſagte er treuherzig: „Nun höre einmal Peters— jetzt beträgſt du dich wieder wie ein anderer vernünftiger Menſch auch, was aber hat dir die ganze Zeit über in den Knochen geſteckt, daß du herum gegangen biſt, als ob dir die Peterfilie ver⸗ hagelt wäre.“ „Ach mein Junge,“ ſtöhnte der Doktor, und machte ſeinem Herzen durch einen ſchweren Seufzer Luft. „Nanu?“ ſagte Ohlers,„du ſchneidſt ja ein Geſicht wie ein Laubfroſch, wenn's blitzt.“ „Ach Ohlers,“ ſeufzte der Doktor wieder, laß uns von was Anderem reden— ich möchte gern auch einmal vergnügt ſein.“ „Ja das iſt ja gerade die Sache,“ rief Ohlers,„weil ich dich gern wieder vergnügt haben möchte, muß ich mit dir reden, und dir die Geſchichte wie einen Zahn heraus⸗ holen. Dir liegt was auf dem Herzen! herunter damit! wir find jetzt allein, und daß ich es gut mit dir meine, weißſt du.“ Der Doktor antwortete nicht— er trank und ſeufzte nur, aber Ohlers ließ ihn ſtill zufrieden. Er war„an⸗ gebohrt“ und die Doſis mußte jetzt erſt arbeiten, ehe ſie wirken konnte. Peters ſchien indeſſen nicht in geſprächiger Laune, der Limburger Käſe mit dem kräftigen Schwarz⸗ brod nahm ſeine Kinnladen außerdem in Anſpruch. Ohlers mußte einen neuen Anlauf nehmen und beſchloß dieſes Mal „laich mitten hinein zu ſpringen. heſt du nicht,“ ſagte er plötzlich, und tarr an, ja brachte das ſchon gehobene Gluas Sein eune mal zum Munde. „Ja du heiratheſt ja auch nicht,“ ſagte er endlich. „Das iſt was Anderes,“ rief Ohlers entſchieden— „ich bin achtundzwanzig, du biſt achtunddreißig Jahre alt — ich habe eine beſtimmte Beſchäftigung— du haſt keine—“ „Danke dir, bin ich nicht Arzt?“ „Bah, ſo viel für deine ganze Praxis,“ ſagte Ohlers mit dem Kopfe ſchüttelnd,„du haſt ja nicht einmal Freude ran.“ dara„Das weiß Gott,“ ſtöhnte der Doktor wieder. dant ſei auch vernünftig,“ nickte ihm Ohlers zu, und ſchenkte ihm ſein Glas wieder voll,„und mache der Geſchichte einmal ein Ende. Du biſt bis über die Ohren in die Wittwe Reuter verſchoſſen; ſie iſt dir eben⸗ falls gut und wartet ſchon ſeit ein paar Jahren darauf, daß du um ſie anhalten ſollſt, weßhalb alſo nicht zugrei⸗ fen? Du gäbeſt einen famoſen Wirth und ihr würdet Geld Hand über Hand verdienen.“ Wieder ſeufzte der Doktor, aber er trank doch dies⸗ mal wenigſten dazu, und ſah dann eine ganze Weile ſtier vor ſich nie daß Ohlers endlich unruhig wurde. ¹ ſagte er nach einer Weile,„die Sache denklich vor, und ich fange an zu glau⸗ onde etwas an dem Gerücht iſt, von 4, un dem Gerücht? an welchem Gerücht?“ frug Peters. 3„Daß du nur deßhalb nicht um die Wittwe anhielteſt, weil du— ſchon verheirathet wärſt.“ „Unſinn,“ brummte der Doktor, mit dem Kopf ſchüt⸗ telnd, wer ſagt denn das?“ „Wer ſagt es nicht,“ meinte Ohlers,„denn ſonſt könnte man ſich keinen Frund denken, der dich abhielte, Feierſtunden. 1865. —————— der Quälerei ein Ende zu machen. Wenn du aber in Deutſchland drüben ſchon eine Frau ſitzen hätteſt, wäre das freilich was Anderes.“ „Ihr ſeid Alle mit einander nicht recht bei Troſt,“ rief der Doktor, ſich ganz in Gedanken ſelber wieder ein⸗ ſchenkend, während er dabei die dichten Rauchwolken von ſich blies,„ich verheirathet— ich wollte ich wär’s, dann führte ich nicht mehr ſo ein Hundeleben wie jetzt— aber s'geht nicht— es geht wahrhaftig nicht.“ „Was geht nicht? Menſch, ſo rück endlich einmal heraus,“ drängte aber jetzt Ohlers.„Dir liegt was auf dem Herzen, das iſt gewiß, und je eher du's herunter ſchüttelſt, deſto beſſer. Iſt dir dann zu helfen, ſo—“ „Mir iſt nicht zu helfen,“ ſagte der Doktor finſter, „aber— wenn ich's dir auch erzählen wollte—„du lach⸗ teſt mich einfach aus.“ „Ich lache dich aus? Iſt es denn ſo was Komiſches?“ frug Ohlers geſpannt. „Komiſch? Nein,“ ſagte der Doktor,„aber— es iſt etwas, was ihr nicht Alle begreift, was auch kein Zwei⸗ ter und Dritter eigentlich begreifen kann, denn es ſteht mit jenem unbekannten Etwas in Verbindung, das uns umgibt, und das wir trotzdem mit unſeren groben Sinnen nicht im Stande ſind zu erfaſſen.“ „Ich verſtehe kein Wort davon,“ ſagte der Apotheker kopfſchüttelnd. „Na gut, Ohlers, du ſollſt es wiſſen,“ nickte Peters endlich, zum Aeußerſten entſchloſſen,„aber thu⸗ mir die einzige Liebe und lach nicht, denn die Sache iſt wirklich nicht komiſch, da. ſie mich elend und unglücklich macht mein ganzes Leben lang— glaubſt du an Ahnungen?“ „Ne,“ ſagte Ohlers entſchieden mit dem Kopf ſchüt⸗ telnd,„nur an Congeſtionen nach dem Kopf. Glaubſt du dran?“ „Ja, Ohlers,“ ſagte der Doktor feierlich,„und— ich habe alle Urſache dazu. Mein Großvater war ein Sonntagskind und verkehrte mit jener Welt, die uns ande⸗ ren armen Sterblichen meiſt immer verſchloſſen bleibt. Du weißt aber, daß in der Natur nur zu oft Eigenſchaften vom Großvater auf den Enkel theilweiſe übererben, und einen kleinen Theil der ihm verliehenen Gaben ſcheine auch ich von ihm bekommen zu haben.“ Ohlers wollte etwas erwiedern. Es lag ihm ſchon auf der Zunge, aber der Doktor war einmal im Gang— er durfte ihn jetzt nicht böſe machen oder auch nur ſtören, und trommelte nur, um doch irgend eine Beſchäftigung zu haben, mit den Fingern auf den Tiſch. „Nun ſiehſt du, Ohlers,“ fuhr Peters zutraulich fort, „ſo hat er den ſchwächſten Theil ſeiner Kraft auch auf mich vererbt— das Ahnungsvermögen.— Ich ſehe nichts wirk⸗ lich, wie er es gethan hat; ich kann mit jenen überirdiſchen Weſen und Kräften nicht ſelber in Verbindung treten, aber ich ahne ſie, und ohne daß ich ſelber weiß, woher es kommt, erhalte ich oft Verkündigungen kommender Dinge, die in mein eigenes Leben eingreifen, und mich entweder vor einem Unglück warnen, oder mir auch im anderen Fall ein Glück erſchließen.“ „Aber guter Peters.“ „Unterbrich mich nicht, Ohlers,“ ſagte der Doktor, und keerte langſam ſein Glas—„ich habe die Beweiſe dafür. Ohne einen Cent Geld kam ich nach Amerika, ein armer Teufel, wie ſie ſich hier zu Tauſenden herumtreiben; engliſch verſtand ich faſt ggr nicht und die Deutſchen woll⸗ ten nicht krank werden, oder wenn ich einmal einen 1 1 518 Patienten bekam, ſtarb er mir unter den Händen weg. Es ging mir damals hundeſchlecht, und ich hatte oft das Salz nicht zum Brod und noch weniger das Brod ſelber. Da wurden hier in der Nähe Kohlenbergwerke entdeckt, und was verſtand ich von ſolchen Dingen, wie ich mich überhaupt nie um die Geologie bekümmert habe. Da war es mir eines Tages, als ob mir Jemand den Rock anzog, den Hut aufſetzte und den Stock in die Hand drückte— ich mußte hinaus in die Berge, ich mochte wollen oder nicht, und dort— ging ich direkt zu dem Platze, dem ich Alles verdanke, was ich auf der Welt habe. Ohne, wie geſagt, die Spur davon zu verſtehen, wußte ich, hier liegen Koh⸗ len, ein reicher Grundbeſitzer in der Nachbarſchaft, der mir als deutſchem Doktor Alles zutraute, ging darauf ein, das Land, das ich ihm zeigen würde, gemeinſchaftlich mit mir anzugreifen und das Geld zum erſten Betrieb herzu⸗ geben, und der Erfolg übertraf in der That unſere kühn⸗ ſten Erwartungen.“ „Aber was hat das Alles mit der Wittwe Reuter zu thun?“ rief der ungeduldig werdende Apotheker. „Es ſollte dir nur einen Beweis liefern,“ ſagte Pe⸗ ters, daß ich wußte, wo die Kohlen lagen, oder daß mich vielmehr mein Ahnungsvermögen dorthin trieb, und ebenſo weiß ich, was mir bevorſteht, wenn ich— der Wittwe Reuter meine Hand reiche.“ Ohlers ſchüttelte mit dem Kopf. „Ich bin noch ſo dumm wie zuvor,“ ſagte er,„mir klingt Alles vor den Ohren herum— du weißt, was dir bevorſteht, wenn du die Wittwe heiratheſt? Und iſt denn das gar ſo was Entſetzliches?“ „In dem Augenblick,“ ſagte Peters feierlich,„wo ich mit ihr vor dem Friedensrichter ſtehe, trifft mich der Schlag!“ „Na nu ſetz mich mal an Land!“ rief Ohlers, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend,„und das iſt die ein⸗ zige Urſache, weßhalb du ſie nicht heiratheſt?“ „Weil ich damit mein eigenes Todesurtheil unterſchrei⸗ ben würde,“ verſicherte ruhig der Doktor. Ohlers war aufgeſprungen und lief eine Weile in dem engen Raum auf und ab. Er kannte ja auch den Doktor ſo genau, und wußte recht gut, wie entſetzlich ſchwer es war, ihn von einer ſeiner fixen Ideen abzubringen. Trotz⸗ dem verſuchte er jetzt, den unglückſeligen Gedanken durch alle nur erdenklichen Vernunftgründe zu bannen, aber ganz natürlich ohne den geringſten Erfolg. Der Doktor hörte ihn ruhig und lächelnd an, erwiederte aber auf Alles, was ihm Ohlers einwerfen konnte, mit der größten Unbe⸗ weglichkeit: „Was hilft es, lieber Freund; es iſt einmal Beſtim⸗ mung, und wir können nicht dagegen ankämpfen.“ „Und daß du die arme Frau ſelber damit unglücklich machſt, genirt dich auch nicht?“ rief Ohlers endlich, als letztes, verzweifeltes Mittel. „Die arme Frau?“ frug der Doktor verwundert. „Nun daß ſie dich liebt,“ fuhr aber Ohlers fort, „kann doch ein Blinder ſehen; die ganze Stadt weiß es außerdem, und du bringſt ſie, oder haſt ſie vielmehr ſchon in das Gerede der Leute gebracht, die natürlich nie an ein anſtändiges Verhältniß, ſondern immer nur gleich am Lieb⸗ ſten das Allerſchlimmſte glauben. Aber was kümmert das dich; du, mit deiner fixen Idee im Kopf, daß dich der Feierſtunden. 1865. —————————— ——4———— nach Tag, ſitzeſt Stunden, ja ganze Morgen lang allein bei ihr, und machſt die Sache nur noch immer ſchlimmer.“ „Du haſt Recht,“ ſagte der Doktor plötzlich, und jetzt ebenfalls von ſeinem Sitz aufſtehend,„das muß ein Ende nehmen. Ich— ſehe ein, ich bin es der Frau ſchuldig — ſie kann es von mir verlangen.“ „Was denn?“ frug Ohlers neugierig, denn er glaubte jetzt wirklich, daß ſein letztes Argument über Peters Be⸗ denklichkeiten geſiegt hätte. „Laß mich nur machen,“ ſagte aber der Doktor, ſei⸗ nen Hut nehmend,„du ſollſt mit mir zufrieden ſein. Ich bin ein ehrlicher Mann, und will wie ein ehrlicher Mann handeln.“ „Und wohin gehſt du jetzt?“ „Zur Wittwe Reuter,“ ſagte der Doktor, drückte ſich den Hut in die Stirn und verließ die Apotheke. Kap. 3. Ein Plan zur Rettung. Ohlers hatte noch in ſeiner Apotheke zu thun, mußte dem Doktor auch Zeit laſſen, um ſeinen Entſchluß auszu⸗ führen, war aber doch ganz entſetzlich neugierig geworden zu hören, wie die Sache abgelaufen, und konnte es kaum erwarten, bis er ſich ſelber an Ort und Stelle überzeugen durfte. Gegen Mittag lief er dann auch nach dem Lindenbaum hinüber— angeblich um dort zu eſſen, in Wirllichreit aber, um von der Wittwe zu hören, wie Alles abgelaufen. Peters war nicht da— ſein Serviettenring, mit der Serviette drin, lag auf dem leeren Teller, und die Wittwe Reuter ließ ſich ebenſowenig ſehen. Er frug das aufwar⸗ tende Mädchen:„Die Frau’ ſei oben auf ihrem Zimmer,“ lautete die Antwort—„nicht recht wohl“ wie ſie hin⸗ zuſetzte. Ohlers ſtutzte. Das war keinenfalls ein gutes Zei⸗ chen, er ſelber aber viel zu wenig blöde, um ſich mit ſolch' dürftiger Nachricht zu begnügen. Er verzehrte ſein Mit⸗ tagbrod und trank ſein Quart Bier dazu, wie gewöhnlich, dann ließ er ſich Kaffee geben und las die Zeitung, bis die Gäſte das Zimmer verlaſſen hatten, und ſagte dann ohne Weiteres dem Mädchen, ſie möchte ihn bei„der Frau“ einmal melden: er habe ihr etwas Wichtiges mitzutheilen.“ Das Mädchen wollte erſt nicht; ſie behauptete, die Frau liege auf dem Bett und könne jetzt Niemanden ſpre⸗ chen; Ohlers ließ ſich aber nicht abweiſen, und verlangte, daß ſie ihr wenigſtens ſeinen Auftrag ausrichte und hinzu ſetze:„es ſei des Doktors wegen.“ Das half. Das Mädchen ging hinauf und kam nach kaum zehn Minuten mit der Antwort zurück, Frau Reuter würde es angenehm ſein, ihn zu ſprechen. Angenehm— die arme Frau hatte, als Ohlers hin⸗ auf kam, dicke, rothgeweinte Augen. Ohlers trieb übri⸗ gens nie„Gefühlspolitik“. Er war— ſo jung er ſein mochte— durchaus praktiſcher Natur, und ohne ſich deß⸗ halb auch bei irgend welcher unnöthigen Sentimentalität aufzuhalten, ſagte er gleich, ſowie er nun in's Zimmer trat: „Entſchuldigen Sie, Frau Reuter, daß ich mit der brennenden Cigarre zu Ihnen komme, aber ich wußte nicht, Schlag rühren würde,— und der Kerl iſt in den lettten ob Sie Schwefelhölzchen oben hatten, und möchte gern Jahren hager geworden wie eine Latte,— beſuchſt ſie Tag etwas Wichtiges mit Ihnen beſp'Khen. War der Doktor da?“ ——.—— —— ☛‿—— ——,— eine — △— — lang allein limmer. , und jett ein Ende u ſchuldig uin glaubte Peuts Be⸗ Doktor ſei⸗ ſein. 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Daß ich es gut mit Ihnen allen Beiden meine, davon ſind Sie doch hof⸗ fentlich überzeugt.“ „Ich glaub es, Herr Ohlers— ich glaub es,“ ſeufzte die arme Frau,„aber trotzdem kann ich Ihnen nicht viel erzählen. Er kam vor etwa anderthalb Stunden in einer ſehr erregten Stimmung zu mir. Es ſchien mir faſt, als ob er Wein getrunken hätte, und—“ „Und? Frau Reuter.“ „Und hat mir eine Menge von Dingen vorgeſprochen, die ich gar nicht verſtanden.“ „Das ſieht ihm ähnlich— aber das Ende vom Liede?“ „Das Ende vom Lied war, daß er mir ſagte, wie er mir von Herzen gut wäre, und wüßte, daß er Zeitlebens unglücklich bleiben müſſe, aber— er könne mich nicht hei⸗ rathen— das Schickſal wolle es nicht, und um mir nicht 24 ſchaden. werde er mein Haus nicht mehr betreten.“ „Puffbohnen,“ ſagte Ohlers erſtaunt— ein Ausdruck, den er nur bei der größten Ueberraſchung gebrauchte,„er will den Lindenbaum nicht mehr betreten? Unſinn, da müßte er verrückter ſein, als wofür ich ihn bis jetzt ſelber gehalten.“ „Das waren ſeine eigenen Worte, Herr Ohlers.“ „Er iſt wirklich übergeſchnappt.“ „Und können Sie mir in nes wunderlichen Benehmens nennen?“ frug die Frau, die von Herzen betrübt ſchien—„ich weiß es mir nicht zu erklären, denn böſe iſt er nicht auf mich— er war ſo gerührt, daß ihm die Thränen in den Augen ſtanden.“ „Böſe— weßhalb ſollte er böſe ſein,“ brummte Ohlers;„nein, ſetzen Sie ſich einmal dahin, Frau Reu⸗ ter, und dann will ich Ihnen die ganze Mordgeſchichte er⸗ zäühlen. Nachher können wir berathen, was jetzt mit dem Doktor anzufangen iſt.“ Die Frau ſetzte ſich in ängſtlicher Spannung ihm gegenüber, und Ohlers erzählte ihr jetzt Alles ausführlich, was er heute Morgen mit dem Doktor verhandelt, und welchen Grund ihm dieſer ſelber gegen ſeine Verheirathung angegeben habe. Daß er einfach an einer fixen Idee leide, blieb natürlich außer aller Frage; aber wie die jetzt heben, denn wirkliche Irrthümer kann man durch Thatſachen wider⸗ legen, eine bloße Phantaſie aber bietet nirgends einen feſten Halt, bei dem man ſie faſſen könnte, und weicht jedem Griff elaſtiſch aus. Ohlers zerbrach ſich den Kopf herüber und hinüber, aber ſie kamen zu keinem Reſultat, bis der kleine Apotheker Sie ſich nicht; dazu iſt jetzt gar keine Gelegenheit und Veranlaſſung.“ ſo gerade heraus.“ ſagte die Frau, die über und über roth geworden war. mit der Hand durch die Haare,„iſt ſo eine Wittwe lang⸗ weilig. Hier ſteht Jemand, der helfen will, denn der ſchaft geſtellt werden. werden oder nicht? der That einen Grund ſei⸗ das Meſſer ſo auf die Bruſt ſetzen. en. 1865. 519 — „Was für eine Frage, Herr Ohlers.“ „Wollen Sie den Doktor heirathen?“ „Aber Herr Ohlers.“ „Thun Sie mir den einzigen Gefallen und zieren „Aber Herr Ohlers, man ſagt doch ſo etwas nicht „Gut, dann ſagen Sie's drum herum,“ meinte der „Und nachher machen Sie ſich unten über mich luſtig,“ „Herr du meine Güte,“ rief Ohlers, und fuhr ſich Ihnen und dem Doktor muß vor der Hand unter Vormund⸗ Wollen Sie alſo Frau Doktorin „Und Sie haben mich nicht zum Beſten?“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.“ „Gut denn,“ ſagte Frau Reuter entſchloſſen,„ich will Ihnen glauben und bedaure ſelber, daß Herr Peters eine ſo traurige— wie ſoll ich denn gleich ſagen—“ „Zurückhaltung?“ ergänzte Ohlers. „Nein,“ erröthete die Wittwe—„eine ſo traurige Idee gefaßt hat, die ihm vielleicht ſein ganzes Lebensglück ver⸗ giftet. Was ich dazu beitragen kann, ihn zu heilen, will ich von Herzen gern thun.“ „Davon iſt ja aber gar nicht die Rede,“ „wollen Sie ihn heirathen?“ „Sie ſind ein ſchrecklicher Menſch, Herr Ohlers,“ ſeufzte die Wittwe—„von Zartgefühl haben Sie keine ſagte Ohlers, v. „Alſo nicht?“ ſagte Ohlers, und nahm ſeinen Hut. „Ja denn, in des Himmels Namen, wenn Sie mir Aber wie wollen Sie ihn von der unglücklichen Idee heilen?“ „Das weiß ich ſelber noch nicht,“ erwiederte Ohlers, „die Hauptſache iſt, daß wir auf Ihre Unterſtützung rech⸗ nen können, aber das Geſeufze und Geſtöhne hab ich ſatt, und wir wollen jetzt ſehen, ob wir nicht wieder einen fidelen Menſchen aus dieſem Peter machen können.“ Ohlers entwickelte von dieſer Zeit an eine ungemeine Geſchäftigkeit, und hatte verſchiedene geheime Unterredungen, beſonders mit dem Advokaten Dulzig und dem Paſtor Um⸗ breit. Auch der Feuermann des Ohio⸗Dampfers, der junge Degmar, war in dieſen Tagen nach Pittsburg gekommen. Er hatte ſein Boot, auf dem er ſich mit eiſernem Fleiß ein paar hundert Dollar geſpart, verlaſſen, und rüſtete ſich jetzt zu einem Jagdzug nach Miſſouri, wohnte und aß aber indeſſen, da ſeine Vorbereitungen jedenfalls ein paar Wochen in Anſpruch nahmen, und er ſich von ſeinen gehegten Stra⸗ pazen und der ſchweren Arbeit doch auch erſt einmal ordent⸗ lich ausruhen wollte, in der Zeit im Lindenbaum, und war von Ohlers bald in die ganzen Verhältniſſe einge⸗ endlich in die Höhe ſprang und ausrief: „Das hilft uns jetzt nichts, Frau Reuter, ſo viel ſeh' ich ein, wir Beide werden mit der Geſchichte nicht allein fertig, aber eine Fraße müſſen Sie mir vorher beant⸗ worten, damit ich wenigſtens weiß, woran ich bin, und nachher verlaſſen Sie ſich auf mich.“ weiht. Erleichtert wurde ihnen die Sache allerdings dadurch, daß Dr. Peters in der That ſein Wort hielt, und das Haus der Wittwe Reuter nicht mehr betrat. Er war über⸗ haupt ein ganz anderer Menſch geworden: trübe, in ſich gebrochen, ging er umher, keine Spur mehr von der N 1 1 520 —ʒ———;êY Feierſtu früheren Laune und dem oft ſprudelnden Humor; er ſah dabei bleich und elend aus, und es war augenſcheinlich, daß ihm ein geheimer Kummer am Herzen nage. Auch die Frau Reuter hatte jetzt oft verweinte Augen, wenn ſie ihrem Geſchäft auch wacker, wie bisher, vorſtand, und alle Verſuche des Paſtor Umbreit, dem Doktor einmal zum Herzen zu reden, blieben erfolglos. Er ſprach ſogar davon, daß er Pittsburg ganz verlaſſen wolle, um ſich in der Nähe ſeiner Kohlenminen anzuſiedeln, da ſeine Gegen⸗ wart dorten von Zeit zu Zeit nöthig ſei— aber es dachte Niemand daran, ihn dort zu gebrauchen, und es war das nur eine Ausrede, um von Pittsburg— vom Lindenbaum fortzukommen.— Ging er freilich, ſo war die ganze Sache verdorben, und das mußte deßhalb unter jeder Bedingung verhindert werden. Die vier Verbündeten, die ſich übrigens das Wort gegeben hatten, keine Silbe des ganzen Verhältniſſes gegen irgend Jemanden zu äußern, um weder ihren Freund, den Doktor, noch die wackere Frau zu compromittiren, hielten jetzt Konferenzen bei verſchloſſener Thüre, und Degmar, ein junger tollköpfiger Burſche und zu Allem fähig, machte da einen Vorſchlag, über den ſelbſt Ohlers ſtutzig wurde, und den Paſtor Umbreit— ſonſt auch nicht der Letzte, wo es einen Scherz auszuführen galt— im erſten Augenblick auf das Entſchiedenſte verwarf. Der Plan war allerdings kühn genug und beſtand darin, den Doktor, der ſich ja nur vor dem Moment der Trauung fürchtete, weil er die feſte Idee hatte, der Schlag würde ihn in dem Augenblick rühren, zu verheirathen, ohne daß er ſelber etwas davon erführe, während er gegen das fait accompli nachher nicht das Geringſte würde einzu⸗ wenden haben. Das ging auf keinen Fall; die Trauung war eine zu heilige Sache, um damit irgend einen Scherz zu treiben, und außerdem nicht giltig, wenn die Betheiligten nicht bei vollem Bewußtſein ihr Jawort deutlich ſprachen. Der Gedanke ſchon ſei wahnſinnig, und ſie brauchten keine wei⸗ tere Zeit damit zu verlieren. Degmar gab aber nicht nach. „Es iſt ja gar nicht nöthig,“ rief er aus,„daß wir ihn wirklich trauen; wir machen ihm nur weiß, daß er von einem Friedensrichter zuſammengegeben ſei, und die Frau beſteht dann darauf, daß der Geiſtliche auch noch ſeinen Segen darüber ſprechen müſſe.“ „Dann müſſen wir ihn erſt verrückt machen, ehe er etwas Derartiges glauben würde,“ ſagte Ohlers. „Verrückt nicht, nur betrunken,“ lachte Degmar;„ich wette meinen Hals darauf, daß es ausführbar iſt.“ „Thorheit,“ ſagte Umbreit,„ſelbſt die Frau Reuter würde dazu nie ihre Zuſtimmung geben, wollten wir ſelbſt auf einen ſolchen tollköpfigen Gedanken eingehen.“ Ohlers war nachdenkend geworden. Gerade das Tolle dieſes Planes ſagte ihm zu, und er überlegte ſich im Geiſt die mögliche Ausführung. Dulzig, der Advokat, war übri⸗ gens auch vollſtändig dagegen, da er keine Möglichkeit eines günſtigen Erfolges ſah, wie auch ebenfalls an Frau Reu⸗ ters Zuſtimmung zweifelte. Die Verhandlung wurde zu⸗ letzt abgebrochen, und Umbreit erklärte noch einmal einen Verſuch zu machen, durch Vernunftgründe auf den Doktor einzuwirken— er hätte ſeine Vernunftgründe ebenſogut einem Tiſch vorpredigen können. Nach der Berathung nahm Ohlers, ohne ein Wort zu ſagen, Degmars Arm und führte ihn in das nämliche nden. 1865. ——-ℳ-—-———-————; geſeſſen hatte. Ungarwein und Limburger Käſe wurden auch heute wieder wie an jenem Tag herauf beſchworen, und die beiden jungen Leute waren dabei ſo in ihre Unter⸗ redung vertieft, daß ſie ſogar das Mittageſſen darüber ver⸗ ſäumten— aber ſie kamen zu einem Entſchluß, da ihnen Niemand opponirte, und alle ihnen noch entgegen ſtehenden Schwierigkeiten hofften ſie mit leichter Mühe zu beſiegen. Allerdings wollte Degmar nicht den„Paſtor“ dabei haben, der ihnen, wie er fürchtete, noch einen Querſtrich durch das Ganze machen könne. Ohlers aber, der ſeine Leute beſſer kannte, behauptete, ohne den nicht fertig wer⸗ den zu können, und da er es ſelber übernahm, die Wittwe ſowohl als den Geiſtlichen für ihren Plan zu gewinnen, fügte ſich Degmar endlich auch in dieſer Hinſicht. Kap. 4. Das Abſchieds-Houper. Ohlers hatte ſich übrigens, mit ein paar Gläſern Ungarwein im Kopf, die Sache viel leichter gedacht, als ſie ſich wirklich herausſtellte. Wie er, noch an dem näm⸗ lichen Nachmittag, zur Frau Reuter hinüber ging, fühlte er doch, daß er zu einer ſolchen Aufgabe bei vollkommen klarem Verſtande ſein müſſe, und verſchob deßhalb den erſten Sturmlauf auf den nächſten Vormittag— Iſt da wurde er abgeſchlagen. Die Frau hörte ka⸗ es ſich handelte, als ſie ſich auf das Entſchiet dazu ihre Hand zu bieten. Sie ſei, wie ſie ohne Scheu geſtand, dem Doktor recht von He. gur und würde ſich glücklich fühlen, ſeine Frau zu werden, aber— ſie könne, um das zu erreichen, nie zu einem ſolchen Mit⸗ tel ihre Zuflucht nehmen, das ſie ſpäter ja, wenn er es einmal erfahre, in der Achtung ihres Gatten herabſetzen, ja ihr ſeine Liebe ganz entziehen müſſe. Ohlers kratzte ſich verlegen hinter den Ohren. Der Einwurf war ſo vernünftig und ehrlich dabei, daß all' ſeine Spitzfindigkeiten ſcheel und nichtig dagegen erſchienen, und nach einer Stunde vergeblichen Redens mußte er es in Verzweiflung aufgeben, die Hauptperſon ſelber ihrem Plan zu gewinnen. Seine letzte Zuflucht blieb jetzt der Paſtor, aber mit kaum beſſerem Erfolg. Umbreit geſtand ihm allerdings zu, daß— wie er ſich Alles ausgedacht— nichts Unrechtes oder Unehrenhaftes an der Handlung ſei, da es ja überhaupt nur galt, einen unglückſeligen Wahn zu beſiegen, und beide betreffende Theile, aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach, durch das Gelingen der Liſt glücklich gemacht würden, aber er ſelber werde ſich nie dazu verſtehen, der Wittwe zuzureden. Früge ſie ihn darum, gut, ſo werde er ihr das Nämliche ſagen, was er jetzt Ohlers geſagt habe— aber weiter nichts— und dabei blieb es. Degmar war außer ſich und Ohlers hatte die größte Mühe, ihn von einem tollen Streich abzuhalten——.— ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, der V Mann zu verſchaffen. Er wollte auch abſolut gum Dol⸗ tor gehen und dieſem die Wahl laſſen, augenblicklich um die Hand der Frau Reuter anzuhalten, oder ſich mit ihm zu ſchießen, und konnte nur mit der größten Mühe über⸗ zeugt werden, daß er dadurch, wenn er den beabſichtigten Bräutigam todtſchieße, unmöglich ſeinen Zweck erreichen würde. Der Doktor ſelber nahm aber ihre Aufmerkſamkei⸗ Hinterſtübchen hinüber, wo er damals mit dem Doktor bald auf ſehr ernſte Weiſe in Anſpruch, denn er wur' ſchw das Pfle Prit tung, rein nicht Seite ſaß wie Lind die Ar ſeit tige ſe wurde 1 1 beſchworen ihre Unter⸗ rrüber ver⸗ da ihnen ſtehenden u beſiegen. ſtor“ dabei Querſrich 1 der ſaine fertig wer⸗ die Wittwe t gewinnen, ht. r Gläſern dacht, als dem näm⸗ ng, fühlte vollkommen den erſten ſt do „ gul und aber— lchen Mi enn er el herabſetzen, ren. Der , daß all erſchienen, ßte er es der ihrem jetzt der it geſtand gedacht— dlung ſei gen Wahl ahrſchin gemach tehen, der ſo were rs geſoh 3. die gtüßle 4- zunt Vol⸗ itlich um mit ihm ü über⸗ bſichigen ſänhe erlſoni r vul Feierſtunden. 186⁵. ——ꝛ—ꝛꝛꝛy—;——— ſchwer krank und verfiel in ein nervöſes hitziges Fieber, das ihn an den Rand des Grabes brachte. Erbärmliche Pflege hatte er außerdem gehabt, denn er wohnte in einem Privatlogis mit einer alten halbtauben Magd zur Aufwar⸗ tung, die kaum dazu gebracht werden konnte, ſein Zimmer rein zu halten, und ſich um den Kranken wenig oder gar nicht bekümmerte. Degmar wich in der Zeit faſt nicht von des Doktors Seite. Er ließ ſich ſeine Matratze hinüber ſchaffen und ſaß ganze Nächte bei ihm auf, und Ohlers und Dölzig, wie auch zu Zeiten Einer der übrigen Stammgäſte aus dem Lindenbaum wechſelten mit ihm ab, daß er ſich manchmal die nöthigſte und unentbehrlichſte Ruhe gönnen konnte. Der Arzt, der ihn behandelte, zweifelte auch eine lange Zeit an ſeinem Wiederaufkommen; endlich aber ſiegte ſeine urkräf⸗ tige Natur doch, und er erholte ſich langſam. Ohlers hatte ebenfalls manche Nacht an ſeinem Bett gewacht, und ſeinen tollen Phantaſien gelauſcht. Alles aber, was er in ſeinem beſinnungsloſen Zuſtand ſprach, bezog ſich nur immer auf den Lindenbaum und auf jenen böſen Feind, der ſeines Schickſals Fäden in der Hand hielt und mit ſeiner Keule bereit ſtand, um ihn— ſowie er nur den Arm nach dem erhofften Glück ausſtrecke— erbar⸗ mungslos damit zu Boden zu ſchlagen. Der arme Teufel fühlte ſich, all' ſeinen Reden nach, namenlos unglücklich, und oft in ruhigen Stunden liefen ihm die hellen Thränen an den Backen nieder. Frau Reuter verbrachte indeſſen eine kaum min⸗ Zeit. Wie gern hätte ſie ihn gepflegt, aber denn hätte ſie ein Recht dazu? Hundertmal ſtand ſie auf dem Sprung, zu ihm zu eilen, aber eben ſo oft verwarf ſie auch den Entſchluß, und ſaß ſo eines Abends auch wieder, ſtill weinend, in ihrer Kammer, als Ohlers zu ihr in's Zimmer trat und ruhig ſagte: „Bitte, Frau Reuter, ſetzen Sie einmal Ihr Bonnet auf und kommen Sie mit mir.“ „Mit Ihnen, Herr Ohlers? wohin?“ „Wohin, zum Doktor natürlich— wollen Sie ihn nicht noch einmal ſehen?“ „Oh du großer Gott, iſt er denn wirklich ſo krank,“ rief die Frau, die Hände faltend. „Wenn er's überlebt, iſt's ein Wunder,“ ſagte Oh⸗ lers,„ich glaub' aber nicht, daß er's noch bis morgen früh macht.“ „Aber was Verzweiflung. „Jetzt gar nichts mehr,“ ſagte der Apotheker, als ihm vielleicht noch einmal die Hand drücken. Wären Sie früher meinem Rath gefolgt, hätten Sie ſich und ihm das erſpart.“ „Ach mein guter Herr Ohlers— „Setzen Sie Ihr Bonnet auf und kommen Sie; es i*ſt keine Schande, daß Sie einen alten Freund, der ſo treu 85„die langen Jahre ausgehalten, auf ſeinem Sterbe⸗ en. „Ich gehe mit Ihnen, Herr Ohlers— ich gehe mit kann ich thun?“ rief die arme Frau in Ihnen,“ rief die Wittwe, aufgelöst in Thränen, und ohne h. weiter eine Silbe zu äußern, ſetzte ſie ihr Bonnet auf, warf ihren Mantel um und ſchritt der Wohnung des Dok⸗ tors zu. Sie fanden Peters wirklich noch ſehr leidend, aber doch nicht mehr beſinnungslos, und als er die Frau er⸗ kannte, flog ein mattes Lächeln über ſeine bleichen Züge. uhpf konnte er nicht, aber er drückte ihr ſtill die Hand, ſtunden. 1865. 521 —-———————— O und ſchloß dann die Augen, als ob er ſchlafen wolle.— Sie mußten ihn auch in Ruhe laſſen und durften ihn be⸗ ſonders nicht aufregen. Als Ohlers aber die Wittwe nach Hauſe zurückbegleitete, erzählte er ihr, mit was ſich des Kranken Phantaſien die ganze Zeit beſchäftigt, wie er ſich elend und verlaſſen fühle, und doch nicht die alte Furcht vor einem eingebildeten Schreckbild bewältigen könne, bis er ſie endlich ſo weit hatte, daß ſie weinte, als ob ihr das Herz brechen müſſe— dann empfahl er ſich und ging wie⸗ der nach Hauſe. Und der Doktor erholte ſich wirklich. Degmar hatte — als das Schlimmſte mit ihm überſtanden war— Briefe aus New⸗York bekommen, die ſeine Anweſenheit dort nöthig machten. Er hielt ſich aber nicht lange da auf, und als er zurückkehrte, fand er den Doktor wieder auf und mun⸗ ter, und außer einer etwas bleichen Geſichtsfarbe wohl aus⸗ ſehend. Aber er hatte den„Lindenbaum“ noch nicht wie⸗ der betreten— die Wittwe ſeit jenem Abende, an dem ſie ihn beſuchte, nicht wieder geſehen, und traf jetzt alles Ernſtes ſeine Vorbereitungen, nicht allein Pittsburg, ſon⸗ dern auch überhaupt Pennſylvanien zu verlaſſen. Der An⸗ theil an den Kohlenminen blieb ihm, und war in ſicheren Händen, ſo daß er keine Uebervortheilung zu fürchten brauchte, und er ſelber hatte, wie er ſagte, die Abſicht, nach Arkanſas überzuſiedeln, und ſich dort eine kleine Farm zu kaufen. Seine Abreiſe war auf Montag in acht Tagen feſt— geſtellt, und Degmar, der jetzt wieder mehrere Konferenzen mit Ohlers hatte, zu denen zuletzt auch Paſtor Umbreit gezogen wurde, ſchien ſeine Abreiſe nach Miſſouri auf den nämlichen Tag verlegt zu haben. Zu dem Zwecke hatte er ſich auch mit dem Doktor Peters verabredet, am Sonntag Abend vorher ihren gemein⸗ ſchaftlichen Freunden einen Abſchiedsſchmaus zu geben, und der Doktor war damit vollkommen einverſtanden. Es han⸗ delte ſich nur noch darum: in welchem Lokal, denn an⸗ fangs weigerte er ſich entſchieden, dieſen„Lebensabſchnitt“ im Lindenbaum zu feiern. Ohlers aber und Alle, die er darüber ſprach, erklärten ihm auf das Beſtimmteſte, daß er gar keinen anderen Ort wählen könne, als den, wo ſie ſchon ſo viele vergnügte Abende mitſammen verlebt, daß wenigſtens Keiner von ihnen Allen einen anderen be⸗ ſuchen würde, da ſie nicht Willens wären, die Frau Reu⸗ ter bis auf's Blut zu kränken. Degmar ſelber entſchied ſich ebenfalls für den Linden⸗ baum; er habe, wie er meinte, noch kein anderes Wirths⸗ haus hier in Pittsburg betreten, und wolle damit nicht den letzten Abend anfangen; es ſei auch ſchon Alles dort beſtellt, und wolle der Doktor abſolut keinen Theil daran nehmen — und er begriffe nicht, was er gegen den Lindenbaum habe— ſo möge er es auch ſelber dort abſagen. Der Doktor ſah ſich überſtimmt— und ließ ſich viel⸗ leicht gern überſtimmen— zog es ihn doch ſelber noch ein⸗ mal zum alten Platz, und Abſchied von der Frau Reuter hätte er ja überdies nehmen müſſen. Er konnte doch die Siaht nicht verlaſſen, ohne ſie noch einmal geſehen zu aben. Dabei blieb es alſo. Sonntag Abend um ſieben Uhr ſollten ſie dort zuſammen kommen— Montag Mittag ging der Dagton, ein kleiner guter Dampfer, den Strom hinab bis Cairo, an der Mündung des Ohio in den Miſſiſſippi, und auf dem wollten dann Beide zuſammen Paſſage neh⸗ men. In Cairo fanden ſie nachher jeden Tag Gelegenheit, mit einem der Miſſiſſippidampfer entweder nach St. Louis 66 — 4 — gen Norden, oder nach Arkanſas gen Süden weiter zu ahren. fu Der Sonntag kam, und in dem Hauſe der Frau Reuter herrſchte eine ganz ungewöhnliche Thätigkeit, denn nicht allein wurde hergerichtet, was Speiſekammer und Küche vermochten, ſondern die Wirthin ſelber ſchien außer⸗ ordentlich erregt und kam den ganzen Tag nicht von den Füßen. Erſt hatte ſie dabei mit dem Herrn Ohlers eine lange Zuſammenkunft, dann, nach der Kirche, mit dem Paſtor Umbreit, der endlich auch einer günſtigeren Auffaſſung der Sache gewonnen ſchien. Hatte er doch den Doktor ſelber ein paar Mal in ſeiner Krankheit beſucht, auch einmal eine Nacht bei ihm gewacht und ſich dabei wohl überzeugen kön⸗ nen, wie ſchwer der unglückſelige Wahn auf ſeinem Geiſt lag, und wie unmöglich es ſein würde, ihn auf gewöhn⸗ lichem Wege zu bannen. Er ſelber weigerte ſich allerdings auf das Entſchiedenſte, mit dem eigentlichen Plan irgend etwas zu thun zu haben— wenn auch nichts weniger als bigott, durfte er das ſchon ſeiner Stellung wegen nicht, der Gemeinde gegenüber, wie aber jetzt Alles modificirt worden, hatte er wenigſtens nichts mehr dagegen einzuwen⸗ den, und glaubte ſelber, daß es zum Guten ausſchlagen könne, noch dazu, da ihm die Frau erklärte, ſie ſei dem Doktor wirklich von Herzen gut, und wolle ſelbſt der Ge⸗ fahr trotzen, ihren guten Ruf zu gefährden, nur um ihn wieder geſund und vielleicht glücklich zu machen. So rückte der Abend heran, und eine der Hinterſtuben des Hauſes war für die heutige kleine Geſellſchaft herge⸗ richtet, damit ſie nicht im gewöhnlichen Gaſtzimmer durch zufällig eintreffende Fremde vielleicht geſtört würden. Die Geſellſchaft hatte es ſich aber ausbedungen, daß Frau Reu⸗ ter heute Abend ſelber an ihrem Tiſche präſidiren müſſe, die beiden ſcheidenden Gäſte ſaßen dann— der Doktor an ihrer Rechten und Degmar an ihrer Linken— Ohlers hatte ſeinen Platz neben dem des Doktors belegt, Paſtor Umbreit ſaß der Wittwe gegenüber, am anderen Ende der Tafel. Ohlers hatte die Zettel geſchrieben und die Plätze ge⸗ ordnet. Er war mit Degmar noch allein im Zimmer. „Hören Sie einmal, Degmar,“ ſagte er, als das Mädchen, das eben eine Anzahl Gläſer herein geſtellt hatte, wieder hinaus gegangen war,„wiſſen Sie wohl, daß ich jetzt verfluchtes Herzklopfen kriege? Es iſt doch eigentlich eine verwünſchte Geſchichte, und wenn es ſchief geht, kann ich nur meine Apotheke verkaufen und auswandern, denn hier im Lindenbaum dürft' ich mich nicht wieder blicken laſſen.“ „Ach was ſchief gehen,“ lachte Degmar—„einen Hauptſpaß gibt's, und das Einzige, was mir leid thut, iſt, daß ich morgen früh nicht die erſte Scene mit erleben kann.“ „Ja,“ ſagte Ohlers,„Sie haben gut lachen, Sie ſcheeren ſich den Henker darum. Wenn hier was paſſirt, ſchultern Sie Ihr altes Schießeiſen und verſchwinden im Urwald, aber wir ſitzen in der Falle drin, und nachher wär' der Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.“ „Haben Sie Furcht?“ lachte Degmar. „Furcht,“ ſagte Ohlers verächtlich—„was heißt Furcht? Wenn ich mich fürchtete, käm' ich heute dem Lin⸗ denbaum nicht zu nahe, und da liegt mein Couvert. Das Einzige, wovor ich mich wirklich fürchte, iſt, daß ich mich blamire, und das wäre eine ganz nichtswürdige Paſtete— ich würde hier in Pittsburg meines Lebens wahrhaftig nicht Feierſtunden. 1865. wieder froh.— Aber es kann jetzt nichts mehr helfen,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu—„der Stein rollt, und wir müſſen ihn eben laufen laſſen.“ Der Stein rollte wirklich, denn in dieſem Augenblick kam der Doktor ſelber, etwas verlegen zwar, da er ſich hier ſo lange nicht hatte blickan laſſen, aber doch vollkom⸗ men entſchloſſen, heute, am letzten Abend, noch ein fröh⸗ liches Geſicht zu zeigen, und Niemanden merken zu laſſen, wie weh und unbehaglich ihm eigentlich zu Muthe ſei. In Wirklichkeit war ihm aber ebenſo zu Sinne, wie dem „Peter in der Fremde“ beim Auswandern, und er fürch⸗ tete ſich ſelber vor einem Kreuzweg; aber es half jetzt ein⸗ mal nichts: er hatte ſeinen Entſchluß gegen alle ſeine Freunde ausgeſprochen, die Vorkehrungen waren getroffen worden, und nach dem heutigen Abſchiedseſſen hätte er doch überdies nicht länger in Pittsburg bleiben können, ohne ſich lächerlich zu machen.— Nur ein wenig raſch war es ihm ſelber vorgekommen— etwas zu raſch. Ein paar Tage würde er vielleicht noch zugegeben haben, aber der ver⸗ wünſchte Degmar trieb ja ſo und ſchien ſo entſetzliche Eile zu haben, daß er ſich ſelber verleiten ließ, ihm die Zuſage ſeines Mitgehens zu geben. Jetzt war es geſchehen, an der Sache nichts mehr zu ändern— und es auch vielleicht das Beſte ſo, denn was hätte längeres Zögern überhaupt noch genützt. Am Peinlichſten war ihm das erſte Begegnen mit der Frau Reuter, denn er fürchtete, daß ſie ihm Vorwürfe ſei⸗ nes langen Ausbleibens wegen machen werde— aber nichts derartiges geſchoah. Sie war freundlich ja hexzlich gece und ob er ſich jetzt wohl und kräftig genug fühle, eine ſo weite Reiſe anzutreten. Bald kamen auch die übrigen Gäſte hinzu, und Pe⸗ ters, der die ganzen letzten Wochen ein wahres Einſiedler⸗ leben geführt, ſchien etwas aufzuthauen, als er ſich in dem alten befreundeten Kreiſe fand, und von Allen ſo herzlich begrüßt wurde. Aber Niemand von Allen ſpielte auch nur auf die baldige und beabſichtigte Trennung an. als ob ſie nur einfach einmal hier, wie vor alten Zeiten, wieder zuſammen gekommen wären, und keinen weiteren Zweck hätten, als ſich zu amüſiren— wer dachte da an Abſchiednehmen oder ſonſt etwas Trauriges. Und jetzt wurde die Mahlzeit aufgetragen, und die Köchin hatte ſich heute wirklich ſelber übertroffen, denn Alles, was Wald, Feld oder Strom bot, und ſonſt käuf⸗ lich in der Stadt geweſen war, prangte auf der unter ihrer Laſt faſt brechenden Tafel. Trotzdem blieb die Unterhal⸗ tung im Anfang ſehr einſilbig, denn alle die Hauptper⸗ ſonen, die ſonſt Leben und Bewegung in das Ganze ge⸗ bracht, ſaßen heute ſtill und mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, und mußten ordentlich geweckt werden, um nur eine an ſie gerichtete Frage zu beantworten. Der junge Degmar ſchien wirklich noch der Einzige, dem man eine innere Aufregung nicht anmerken konnte, und wenigſtens gewaltſam zuſammen nahm. War es doch den anderen Tiſchgäſten ſchon aufgefallen, denn daß der Ab⸗ ſchied des Doktors ihn nicht ſo niedergedrückt haben konnte, lag auf der Hand. Der Doktor war der Stillſte von Allen und augen⸗ ſcheinlich gerührt. Seine Nachbarin hatte ihn nach dem Verlauf ſeiner letzten Krankheit, nach ſeinen nächſten Plä⸗ nen und Hoffnungen gefragt, und die Augen wurden ihm feucht, wenn er daran dachte, wie er ja all' ſeren ☛ 1 ihn wie immer, und frug ihn nur nach ſeiner Geſundheit, Es war, er wußte auch Ohlers zuletzt ſo aufzurütteln, daß er ſich — 'r helfen, ſtein rollt uganit a er ſi j routaih hiin fröh⸗ a zu laſſen, the ſa In „ wie dm der fürc⸗ uf jett ein⸗ alle ſeine en getroffen ätte er doch n, ohne ſich var es ihm paar Tage eder ver⸗ etzliche Eile die Zuſage ſchehen, an ich vielleict überhauyt nen mit det orwürfe ſa⸗ aber nichts eralich dec Geſundheit gle, eine ſo 1, und Pe⸗ Einſiedler⸗ ſich in dem i ſo herzlich te auch nur .Es war, — lten Zeiten, en weiteren ichte da an n, und di offen, denn ſun fäuj⸗ . unter ihrer ie Unterhal⸗ e Hauptpe- Ganze ge⸗ en bedantn e,, um nal konnte, n — — — Niemand ———y müſſe, nur des einen entſetz⸗ das ſich drohend zwiſchen ihn nungen und Plänen entſagen lichen Schreckbildes wegen, und ſein Glück ſtellte. Jetzt endlich wurde aber auch Ohlers wieder warm. Er hatte das erſte, unbehagliche Gefühl abgeſchüttelt, und nur einmal in Gang gebracht, und er fühlte ſich wieder er ſelber. Selbſt den Doktor brachte er zuletzt mit ſeinen Späſſen und Erzählungen zum Lachen, und je mehr der Wein den Gäſten in die Köpfe ſtieg, deſto lauter und luſtiger wurden ſie, und fingen zuletzt an, ſich vortrefflich zu amüſiren. Der Doktor ſelber hatte anfangs keinen Wein trinken wollen. Dagegen wurde aber augenblicklich Proteſt einge⸗ legt, ja ſein anweſender Arzt, Doktor Becker, erklärte ſo⸗ gar, daß er jetzt tüchtig guten und ſtarken Wein trinken müſſe, um wieder zu Kräften zu kommen und die letzten Nachwehen ſeiner Krankheit los zu werden. Und der Wein ſchmeckte ihm— Ohlers trank ihm wacker zu, und ſorgte dafür, daß ſein Glas nie leer wurde — ein Toaſt nach dem anderen wurde ausgebracht, und das Unglaubliche geſchah: der Doktor fühlte ſich ſo ange⸗ regt, daß er ſang. Jetzt hielt es aber Frau Reuter an der Zeit, ſich zu⸗ rückzuziehen; ſie ſtand geräuſchlos auf und verließ das Zim⸗ mer; die Mädchen wurden ebenfalls abgerufen und einem der Kellner oder barkeeper die Bedienung der Herren überlaſſen, und nun begann das eigentliche Gelage, das etwa bis z„n Mitternacht dauerte, und eine eigene Wirkung auszuüben ſchien. war er ganz ausgelaſſen und lachte und er⸗ ſang, Alles durcheinander— zuletzt fing ihm die uge an ſchwer zu werden. Ohlers miſchte ihm ein Glas Limonade, die er auf einen Zug leerte; aber er wurde bald ſehr ſchläfrig. Er ſetzte ſich von der Tafel ab auf das Sopha, und ſchlug noch eine Weile mit dem rechten Fuß den Takt zu dem Geſang der Uebrigen— dann lag er ganz ſtill, und zuletzt war er tief und feſt eingeſchlafen. bekümmerte ſich auch die erſte halbe Stunde um ihn, ſobald aber Ohlers ſah, daß der Kellner beſchäftigt war, neuen Weinvorrath herbeizuſchaffen— und er ſelber gab ihm dazu noch verſchiedene Aufträge— winkte er Deg⸗ mar und Dölzig, und die drei faßten den Schlafenden auf — allerdings kein leichtes Stück Arbeit, und trugen ihn hinaus. „Hallo, wo wollt ihr mit dem Doktor hin?“ lachte Einer der Zechenden. „Ihn zu Bett bringen— er liegt hier ſchlecht,“ ſagte Ohlers, wir ſind gleich wieder da, und durch die Thür verſchwanden ſie mit dem Bewußtloſen. Kap. 5. Der nächſte Morgen. n und darauf ſah, bracht und gelüftet wurde. Gabeln und Löffel revidirte ſie, kramt war, und ließ die Weinreſte vom letzten Abend dann hoſüber in ein beſonderes Zimmer ſtellen. Noch war ſie damit beſchäftigt, als Ohlers hereintrat, 5²23 mer betrat, frug der Apotheker raſch und leiſe: „Schläft er noch?“ „Feſt und gut,“ lautete die Antwort,„aber ich ſage Ihnen, Herr Ohlers, mir iſt zu Muthe, als ob ich ſter⸗ ben ſollte.“ „Unſinn,“ ſagte der Apotheker.„Sie ſollen jetzt erſt anfangen zu leben— aber weiß Ihr Mädchen darum?“ „Natürlich; ſie mußte es wiſſen— aber ich kann mich auf ſie verlaſſen.“ „Deſto beſſer: die kann uns alſo gleich helfen.“ „Helfen? mit was?“ „Sollen es gleich erfahren.— Aber da kommt der Kaffes— gehen Sie nur langſam voran; ich folge gleich nach.“ Ohlers ließ nicht lange auf ſich warten; ſobald er die Dienſtleute unten wieder beſchäftigt ſah, ſtieg er die Treppe hinauf und öffnete leiſe die Thür des Zimmers, in wel⸗ chem der Doktor lag. Es war ein netter, freundlicher Raum— der Wirthin eigenes Schlafgemach, aber der Doktor war noch nicht er⸗ wacht. Er ſchnarchte leiſe, und Ohlers winkte der Frau, ihn nicht zu ſtören. Dann ging er in eines der nächſten Zimmer— hatte er ſich doch geſtern ſchon vortrefflich orien⸗ tirt— und bat das auf dem Gang ſchon wartende Mäd⸗ chen, das dort ſtehende Bett mit anzufaſſen und in das Schlafzimmer des Doktors zu tragen. „Aber ich bitte Sie um Gotteswillen,“ rief Frau Reuter. „Bſt,“ flüſterte Ohlers wieder mit ſeinem alten Ueber⸗ muth,„verderben Sie uns nicht die ganze Geſchichte— es muß ſein, um die Täuſchung zu vollenden. Nur leiſe und vorſichtig, denn wenn er aufwacht, iſt Alles verdorben.“ Die Beiden trugen jetzt ſchnell und geräuſchlos das Bett in die andere Kammer— aber der Doktor ſchlief noch feſt; er athmete ſchwer und ſchien zu träumen, denn er hob einmal den Arm empor, ließ ihn aber wieder ſinken, und Ohlers drückte ſich raſch der Thüre zu. Der Schlä⸗ fer erwachte aber noch nicht, und einen flüchtigen Blick im Zimmer umherwerfend ging der Apotheker noch einmal zu dem eben herein geſchafften Bett, preßte und ſchob Decken und Kopfkiſſen durch einander, als ob Jemand die Nacht darin geſchlafen hätte, und der Frau Reuter dann zuwin⸗ kend verließ er auf den Zehen das Gemach. „Und was jetzt?“ frug die Frau, die ihm dort hinaus gefolgt war. „Jetzt ſetzen Sie ſich ganz ruhig vor Ihre Toilette,“ ſagte Ohlers, und warten, bis er aufwacht. Lange kann's nicht mehr dauern, denn er wird ſchon unruhig— das Uebrige wiſſen Sie. Iſt er vollkommen munter, ſo klin⸗ geln Sie nur, wir kommen dann herauf, um Sie zu un⸗ terſtützen.“ „Oh, wenn das gut abläuft,“ ſeufzte die Frau. „Verlaſſen Sie ſich nur ganz auf uns,“ lachte der Apotheker. Jetzt bin ich in meinem Element, denn das Einzige, wovor ich wirklich Angſt hatte, war, daß ihm das geſtrige— das viele Trinken ſchaden könne. Das iſt nicht geſchehen; er ſieht wohl und munter und ſchläft ſanft— alles Uebrige iſt Nebenſache.“ „Und Paſtor Umbreit?“ uch eine Taſſe Kaffee beſtellte. „Kommt um zehn Uhr, machen Sie ſich nur keine 66* 524 ———————;—— Sorge, beſte Frau Reuter, wir Alle ſtehen ihnen bei, und Sie haben nicht das Geringſte für ſich zu fürchten.“ „Wenn es nur erſt vorüber wäre— oh hütte ich Ihnen doch nicht gefolgt, mich nicht überreden laſſen.“ „Fort auf Ihren Poſten,“ rief aber Ohlers, ſie der Thür zuſchiebend.„Sie verderben ſonſt Alles und haben ſich dann die Folgen ſelber zuzuſchreiben.“— Damit glitt er die Treppe hinunter und die Frau ging mit ſchwerem Herzen in das Schlafzimmer zurück, ſetzte ſich dort auf den Stuhl vor ihrem kleinen Toilettſpiegel, und löste ſich die Haare auf, die ſie dann kämmte und wieder an zu flechten fing. Erſt wie ſie ſo weit war, warf ſie eine kleine Por⸗ zellan⸗Pomadenbüchſe auf den Boden nieder, rückte ihren Stuhl etwas laut zur Seite, hob ſie auf und fuhr dann, ohne ſich umzuſehen, in ihrer Beſchäftigung fort. Und wie ſanft ſchlief Peters indeſſen— er rührte ſich nicht, und nur das tiefe, regelmäßige Athmen ſeiner Bruſt verrieth, daß er lebe. Jetzt fiel die Pomadenbüchſe auf die Erde, und er öffnete, wie erſchreckt, die Augen, ſchloß ſie aber gleich wieder, noch halb im Schlafe.— Jetzt wurde der Stuhl gerückt, und nach einer Weile hörte er, wie Jemand leiſe, aber deutlich ſeufzte. Doktor Peters war munter geworden, aber er hielt die Augen noch geſchloſſen, und überlegte ſich nur im Stil⸗ len, wer denn in ſeinem Zimmer ſein könne. Die Gedan⸗ ken gingen ihm auch noch bunt und wirr durch den Kopf, denn mit der Erinnerung an ſeine letzte Krankheit und der damals genoſſenen Pflege verſchwamm in dieſem Moment der letztverfloſſene Abend, deſſen Folgen er noch in ſeinen matten Gliedern fühlte. Er beſann ſich auch jetzt verge⸗ bens darauf, wie er nur möglicher Weiſe geſtern Abend nach Hauſe gekommen ſein könne, und mußte ſich geſtehen, daß er auch nicht die Spur mehr davon wußte.— Er war doch nicht etwa betrunken geweſen? Wieder hörte er einen leiſen Seufzer und öffnete jetzt entſchloſſen die Augen, denn er mußte doch wiſſen, wer hier in ſeinem Zimmer zu ſeufzen hatte. Wie er aber den Kopf drehte, ſah er eine Frau vor einem ihm fremden Spiegel ſitzen und ſich die Haare machen— und das Zim⸗ mer— wo, um des Himmels willen, war er denn eigentlich? Wieder ſchloß er die Augen und fing an ſich ernſtlich zu beſinnen. Wohin konnte er denn nur gerathen ſein? war er ſchon auf dem Dampfboote, das ihn nach Arkan⸗ ſas bringen ſollte?— unmöglich, die Damenkajüte blieb dort vollkommen abgeſchloſſen, aber— er mußte jedenfalls geträumt haben. Wo wäre er in Wirklichkeit jemals auf⸗ gewacht und hätte eine Dame ſich die Haare machen ſehen. Wieder der Seufzer. Ordentlich erſchreckt fuhr er von ſeinem Lager empor und ſah ſich um— ein Bett mit Gardinen und dieſe halb zurückgeſchlagen? Da drüben die Frau, die ihm den Rücken zudrehte, und ganz unbekümmert ihre Toilette machte— dazu vollkommen fremde, bunte Gardinen— an der Wand an verſchiedenen Haken Frauen⸗ kleider— dem Doktor ſchwindelte es ordentlich, denn plötz⸗ lich kam ihm der furchtbare Gedanke, daß er wahnſin⸗ nig geworden wäre, und jetzt eine Menge von Dingen ſähe, die gar nicht exiſtirten, und möglicher Weiſe nicht einmal exiſtiren konnten. Zugleich aber erwachte der Gedanke in ihm, daß dies möglicher Weiſe eine Viſion ſein könne— ein Truggebild ſeiner Sinne, das ſchwinden würde, ſobald er ordentlich erwache— oder wenn er wirklich ſchon jetzt wach wäre, Feierſtunden. 1865. —§õͦᷣᷣᷣõpn--—ͤõ————; das doch einem ruhigen Ueberlegen weichen müſſe, und er beſchloß deßhalb, die ihn umgebenden Bilder feſt und ge⸗ nau ſeinem Geiſt einzuprägen, damit er ſpäter wenigſtens, wenn Alles wieder verſchwunden wäre, die Erinnerung daran bewahre. Dort drüben waren zwei Fenſter mit heruntergelaſſe⸗ nen Gardinen, die wohl das Sonnenlicht hereinließen, aber b das Zimmer von außen jedem neugierigen Blick abſchloſſen. Neben der Thüre ſtand ein Waſchtiſch mit einem Handtuch daneben, an der Wand hingen zwei Bilder, das eine ein Herr mit einem grünen Frack, der einen auffallend ſchma⸗ len Kragen hatte, während das weiße Jabot weit vorſtand — der Herr war auch ſonderbar ſpitz friſirt, und in der hochgehobenen Hand hielt er einen Blumenſtrauß. Die Dame, ein ſehr hübſches jugendliches Geſicht, hatte eine Haube mit Spitzen auf, trug aber auch ſehr altmodiſche Kleidung, wie man ſie nur auf alten Familienbildern findet. Und das war noch nicht Alles— dort an der Wand ſtand noch ein anderes Bett, in dem augenſcheinlich Jemand die Nacht geſchlafen hatte. Die Decken waren noch Alle ver⸗ ſchoben— wunderbar. Rechts an der Wand ſtand eine Kommode mit einer Anzahl vergoldeter Taſſen und zwei großen hübſchen Vaſen— der Doktor rieb ſich die Augen — das waren genau zwei ſolche Vaſen, wie er ſie einmal zum Geburtstag der Frau Reuter geſchenkt hatte— und die Frau— war denn das nicht die Frau Reuter ſelber? — Er konnte ihr Geſicht von dort, wo er lag, nicht ſehen, nicht einmal im Spiegel, vor dem ſie ſaß, aber die ganze Geſtalt paßte zu ihr— auch das volle, kaſtanienbraune Haar, das ſie jetzt eben, zuſammengefloncen auf ihrem Kopf, mit genau einer ſolchen Nadel befeſtigte, wie die Wirthin im Lindenbaum zu tragen pflegte. „Merkwürdig,“ dachte der Doktor, fiel wieder zurück auf ſein Kiſſen und ſtarrte in die über dem Bett zuſam⸗ mengeſteckten Gardinen hinauf. Wie der Blitz fuhr er aber auf's Neue in die Höhe, denn noch einmal hörte er den Seufzer, und zwar ſo klar und deutlich, daß eine Täu⸗ ſchung ſeiner Sinne nicht mehr möglich ſchien. „Oh du mein Gott,“ ſagte er leiſe vor ſich hin, aber die Töne waren zu dem Ohr der Frau gedrungen, und ſich raſch umwendend— ſie hatte ihre Friſur gerade been⸗ det— ſprang ſie von ihrem Stuhl auf und rief: „Dem Himmel ſei Dank— du biſt wieder erwacht, Eduard?“ Eduard? du?— Das war die Wittwe, wie er nun ihr Geſicht ſah— aber die Anrede, der Ausruf? Er ſchloß wieder die Augen, denn er mußte träumen. „Ach Eduard, welche Angſt haben wir um dich aus⸗ geſtanden,“ ſagte da die Stimme wieder, und der Doktor fuhr in die Höhe, als ob er einen Schuß bekommen hätte. Er richtete ſich auf ſeinen Ellenbogen auf, und ſah ſich wild und verſtört um. „Ja, aber um Gottes willen,“ rief er—„Frau Reuter! Wie kommen Sie denn?“ „Oh Gott ſei geprieſen! er kommt wieder zu Ver ſtand,“ ſagte die Frau mit gefalteten Händen—„er kennt mich,“ und raſch trat ſie zu dem Glockenzug und läutete daran.. Der Doktor ſchüttelte mit dem Kopf.„Er kommt wieder zu Verſtand!“ hatte ſie geſagt, ſollte er denn der ſchon einmal verloren gehabt haben? Unwahrſcheinlich kan ihm das gar nicht vor, wenn er ſich ſeine jetzige Situatin überlegte, und er würde ſogar weit eher geglaubt hahm daß er ihn noch gar nicht wiedergefunden. Aber jetzt w — — 1 ſſe, und a feſt und gt⸗ wenigſtens, rinnerung nergelſt ließen, aber — aüſchloſſen. en Handtuch das eine ein allend ſchma⸗ veit vorſtand und in der ſtrauß. Die t, hatte eine altmodiſche ldern findet. Wand ſtand Jemand die h Alle ver⸗ ſtand eine n und zwii h die Augey t ſie einmal atte— und euter ſelber? nicht ſehen, et de ganze ſtanienbraun⸗ ohrem Kop, die Wirthin deder zurück Beit zuſam⸗ fuhr er abt börte er den jeine Tüu⸗ ih hin, v ungen, und gerade been⸗ rief: der erwacht wie er nun „ Er ſchl Feierſtunden. 1865. ——————— den Schritte draußen laut: es klopfte an, und ehe er ſel⸗ ber nur einen Entſchluß faſſen konnte, hatte die Frau ſchon die Thür geöffnet, und Ohlers, Degmar und Dölzig tra⸗ ten in's Zimmer. „Hurrah!“ rief Ohlers aus, wie er nun den Doktor ſah—„wieder friſch und geſund: hab' ich denn nicht recht gehabt? Ich wußte, daß es ihm nicht ſchaden würde, denn es war nur ein kalter Schlag.“ „Ein kalter Schlag?“ wiederholte der Doktor verdutzt, und ſah nur noch, wie die Frau Reuter hinter den Herren das Zimmer verließ. „Vor allen Dingen, Peters,“ ſagte aber Ohlers feier⸗ lich,„haben wir dir Abbitte zu thun, daß wir damals das, was du eine Ahnung nannteſt, beſpöttelten und mißachteten. „Abbitte? Ahnung?“ rief der Doktor,„wollt ihr mich wirklich verrückt machen, oder bin ich es ſchon?“ „Und ſollteſt du dich wirklich nicht mehr auf die Vor⸗ gänge des geſtrigen Abends beſinnen?“ ſagte Ohlers. „Beſter Ohlers,“ warf Degmar dazwiſchen,„das war genau ſo mit meinem Bruder, von dem ich Ihnen heute Morgen erzählt habe, und den ein ganz ähnlicher Anfall traf. Er erlangte nach kurzer Zeit ſeine vollſtändige Be⸗ ſinnung wieder, aber was unmittelbar dem Anfall voraus⸗ gegangen, die letzten drei oder vier Stunden waren ſeinem Gzedächtniß vollſtändig entſchlüpft, und keine Spur davon iner Erinnerung zurückgeblieben. seIo“ rief Peters. nend,“ ſagte Ohlers ruhig,„wie du echt reiſen würdeſt, und der Wittwe Reutel die o hreſt— gerade wie euch der Friedens⸗ richter als Mann und Frau zuſammengab—“ „Als Mann und Frau?“ ſchrie Peters, und fuhr mit beiden Beinen aus dem Bett, ebenſo raſch aber auch wie⸗ der einen ſcheuen Blick im Zimmer umher werfend, zurück und ſah die Freunde erſtaunt, ja ordentlich verſtört an. Plötzlich aber glitt ein Lächeln über ſeine gutmüthigen Züge, und dem Avpotheker verſchmitzt mit dem Finger drohend, ſagte er: „Ohlers, du Schwerenöther, du willſt dir gewiß einen Jux mit mir machen.“ Degmar rade heraus, rief aber dabei: „Nein, das iſt zu mal, daß er verheirathet iſt.“ „Hören Sie, keine Zeit verſäumen. will gleich nach dem fall könnte doch ſonſt am Ende ernſtere Folgen haben.“ „Thun Sie das, Ohlers, ſagte Dölzig, tor indeſſen ernſt und aud ich bleiben indeſſen bei ihm.“ noktor ſch 7? und weßhalb?“ rief aber Pe⸗ 1 nach ſeinen Kleidern umſah,„ich bin g weſen, und will aufſtehen. Wenn hl wie h Femand zum Doktor gehen muß, kann ich's ſelber thun ibrigens, wenn ihr mich nicht verrückt machen wollt, ſo was vorgegangen iſt, und überlaß erzählt mir jetzt ruhig, 4¼ Sie Dölzig ſind der Vernünf dann das Andere mir.— ügſte von den Beiden, was ſſchehen, und wo bin ich hier?“ „Ich könnte Ihnen die letzte Frage gleich zuerſt beant N 1 konnte ſich nicht mehr halten, er platzte ge⸗ komiſch, jetzt weiß der nicht ein⸗ Degmar,“ ſagte Ohlers ernſt,„da iſt gar nicht viel Komiſches dabei, und wir wollen wahrhaftig Bleib nur noch im Bett liegen, Peters, deck dich warm zu und warte einen Augenblick, ich Doktor Becker ſchicken, denn der An⸗ der den Dok⸗ faſt traurig betrachtet hatte,„Deg⸗ iſt mit mir ſeit geſtern Abend 4 1. worten,“ ſagte Dölzig ruhig,„aber laſſen Sie uns lieber von vornen beginnen, denn ich fange jetzt an, ſelber zu glauben, daß jener merkwürdige Zufall Ihre Erinnerung für den Augenblick geſtört oder doch umflort hat. „Merkowürdiger Zufall? welcher?“ ſagte Peters. „Erinnern Sie ſich nicht mehr, geſtern Ihren Ent⸗ ſchluß geändert zu haben, nach Arkanſas zu gehen?“ „Keine Silbe,“ rief Peters raſch. „Auch nicht, daß Sie der Wittwe Reuter einen Hei⸗ rathsantrag gemacht, als wir, Ohlers, Degmar und ich, mit Ihnen im anderen Zimmer waren, wohinein Sie uns ſelber riefen?“ „Ich?“ rief Peters erſchreckt. „Und daß wir dann meinen Nachbar, den Friedens⸗ richter Buttler, holen ließen, und der Sie zuſammengab?“ „Mich und die Wittwe? ſchrie Peters wieder in äußer⸗ ſtem Erſtaunen. „Und daß, wie er die Worte geſprochen, und Sie der früheren Frau Reuter, jetzigen Frau Doktor Peters die Hand reichten, ein plötzlicher Blutandrang nach dem Kopfe, oder Gott weiß was ſonſt, Sie erfaßt haben muß, denn Sie brachen zuſammen, als ob Sie vom Blitz erſchlagen geweſen wären.“ Der Doktor ſah den Redenden ſtier an. „Bei Gott!“ rief er, und— ich glaube Sie haben Recht— ich fange wirklich an, mich zu beſinnen.“— Im Geiſt hatte er ſich nämlich dieſen immer gefürchteten Augen⸗ blick ſo oft herauf beſchworen, und in ſeine Träume hinein verwebt, daß ihn die Erzählung deſſelben als Wirklich⸗ keit gar nicht mehr ſo ſehr überraſchte.—„Merkwürdig! merkwürdig! Oh meine Ahnung! Siehſt du, Ohlers, habe ich damals nicht Recht gehabt— und du lachteſt?“ Ohlers mußte jetzt mit aller Gewalt, deren er fähig war, zurückhalten, daß er nicht in dieſem Moment wirk⸗ lich herausbrach, aber Dölzig kam ihm zu Hülfe und fiel raſch ein: „Sie können ſich unſeren Schrecken denken. Von den übrigen Gäſten waren noch einzelne da, die wir doch nichts wollten merken laſſen, wir trugen Sie deßhalb raſch in Frau Reuters Schlaſzimmer.“— Der Doktor warf ſtill und hochaufathmend den Blick umher—„und die Angſt der armen Frau kann ich Ihnen gar nicht beſchreiben,“ fuhr Dölzig fort— aber Gott ſei Dank, daß jetzt und⸗ ſo gut vorübergegangen iſt. Sie ſind wirklich m VLöwen⸗ blauen Auge davon gekommen, Peters.“ verwun⸗ „Merkwürdig, merkwürdig,“ ſagte immer n und ihn vor ſich hin mit dem Kopf ſchüttelnd, der DoktVater zu ſo wäre ich eigentlich verheirathet, ohne daß ich ſe davon wüßte.“ Chinon „Aber Sie ſagken ja eben, daß Sie ſich daommen, ſinnen.“ Ludwig „Ja, aber nur dunkel, ganz dunkel, und wo auch Frau Reu— wo iſt meine Frau?“ iſchen „Draußen,“ ſagte Ohlers,„und in Todesangſt der Anfall böſe Folgen für dich haben könnte.“ ſten, „Gute Frau,“ murmelte der Doktor leiſe vor ſich iere „aber Kinder— thut mir den Gefallen und geht aich ich aufſtehe und mich ankle den kann, mir ſchwindelt der Kopf noch; ich muß mich erſt t mit kaltem Waſſer waſchen, daß ich wieder ordentlich zur ⸗Beſinnung komme. Sowie ich fertig bin, ruf ich euc in Die Verbündeten waren froh, jetzt fortzukommen bend Degmar beſonders konnte ſich kaum länger ernſthaf Rittern ⸗ Der Doktor aber ſtand auf, wuſch ſich und zoge Nacht ;einen Augenblick hinaus, daß — 7 4 —;— und wollte dann eben an der Klingel ziehen, als es wieder an die Thür klopfte. „Herein.“ Es war Ohlers. „Hör einmal, Peters,“ ſagte der Apotheker, und legte dem Doktor ſeine Hand auf die Schulter,„ich habe eben mit deiner Frau geſprochen.“ „Mit meiner Frau, Ohlers?“ flüſterte Peters, und ein leiſes Lächeln flog über ſeine Züge,„ich kann dir gar nicht ſagen, wie ſonderbar das klingt.“ „Na natürlich iſt dir der Eheſtand noch neu,“ meinte der Apotheker, aber— du kennſt ja die Frauen. Mit der Civilehe iſt es eine recht ſchöne Sache, aber wenn ſie den Pfaffen nicht doch noch dabei haben, glauben ſie, daß die Geſchichte nicht ordentlich geleimt und verkittet wäre. Außerdem mit dem Zufall geſtern Abend— wenn auch Alles in Ordnung iſt— und ſo läßt ſie dich fragen, ob du etwas dagegen hätteſt, wenn wir heute Morgen— nach⸗ dem ihr doch nun vor dem Friedensrichter geſtanden und die Sache eigentlich abgemacht iſt— noch einmal die kirch⸗ liche Trauung vornähmen. Wir Alle wiſſen ja recht gut, daß es nicht nöthig iſt, aber lieber Gott, die Frau be⸗ ruhigt's.“ „Ich habe auch nichts dagegen, Ohlers,“ ſagte Pe⸗ ters freundlich,„ja ich will dir aufrichtig geſtehen, daß ich, während ihr unten waret, ſchon ſelber daran gedacht habe, und Frau— und meine Frau darum bitten wollte. Das Verhängniß iſt geſühnt— ich wußte, welcher Gefahr ich ausgeſetzt war, und glaubte nie, daß ſie ſo leicht an mir vorübergehen würde. Jetzt iſt es geſchehen, und es würde mir ſelber zur Beruhigung gereichen, nicht blos die dunk⸗ len, unbeſtimmten Umriſſe meiner Trauung im Gedächt⸗ niß zu bewahren, ſondern die feierliche Handlung auch bei vollem Bewußtſein noch einmal durchzumachen.“ „Bravo,“ ſagte Ohlers, vergnügt in die Hände ſchla⸗ gend.„Umbreit iſt ſchon unten, in einer halben Stunde kann Alles abgemacht ſein, und weißt du, was ihr dann thut? Dann ſetzt ihr euch auf den Dampfer Dayton und macht eine kleine Vergnügungstour nach Cincinnati oder St. Louis, oder wo ihr ſonſt hin wollt, wir werden in⸗ de W. ſchon hier zu Rechtens ſehen, daß im Lindenbaum zu beſinneninen ruhigen Gang geht. Wie? hab' ich Recht?“ war er ſchonter Ohlers,“ ſagte Peters, der tief gerührt ſchien, ſas bringen id ordne du Alles an, wie du es willſt, ich füge dort vollkomganz, denn ich weiß, daß du es gut mit mir geträumt hal gewacht unddch einmal Bravo,“ ſagte der Apotheker, dem Dok⸗ Wiede Hand reichend,„und darauf kannſt du dich ver⸗ ſeinem La'mein alter Junge, denn gerade weil wir es gut Gardinenr meinen, haben wir dir ja auch ſo zugeredet. Jetzt Frau, diß nur Alles mir— bleibe noch einen Augenblick hier ihre Toſ aber komm mit in das andere Zimmer herüber, denn Gardine Frau muß ſich auch ein wenig anziehen, und bis zum kleider ahſtück ſoll Alles abgemacht ſein.“ lih. Ohlers hatte nicht zu viel verſprochen; er trieb nach ſu⸗ ein.. Feierſtunden. 1865. —--——————— allen Seiten, und während die Frau ihre Toilette machte, richtete er in einem der Gaſtzimmer einen kleinen Altar her, an dem die heilige Handlung ohne Schwierigkeit und mit Anſtand vollzogen werden konnte. Degmar beſorgte indeſſen Blumen und ſonſtige Ausſchmückung, Dölzig ging durh 1d nach Haus, um ſeine Frau und Schwägerin, die eine zur Zeugin, die andere zur Brautjungfer abzuholen, und um halb elf Uhr führte er den kleinen Zug in feierlicher Pro⸗ zeſſion in das wirklich feſtlich hergerichtete Gemach hin⸗ über. Paſtor Umbreit war dabei ebenfalls ein durchaus praktiſcher Mann, der ſich nie lange bei der Vorrede auf⸗ hielt. Die Trauungsrede, die er hielt, dauerte nicht län⸗ ger, als jede Trauungsrede eigentlich dauern ſollte, etwa zehn Minuten, denn was ihnen der Geiſtliche ſagen könnte, wiſſen die Brautleute ſchon außerdem, und haben es ſich ſelber oft genug geſagt, und jetzt zum erſten Mal, nach⸗ dem ſie die von Umbreit ſelber mitgebrachten Ringe gewech⸗ ſelt und der Segen über ſie geſprochen worden, umfaßte Peters ſeine erröthende Frau, drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn und flüſterte ihr zu, daß er ſich recht— recht glücklich fühle, und ſein ganzes Leben daran wenden wolle, ſie ebenſo glücklich zu machen, und ihr für ihre Liebe zu danken. Nach der Trauung wurde ein gemeinſchaftliches Früh⸗ ſtück eingenommen, dann ging Peters nach Hauſe, packte einen kleinen Koffer und ſchickte ihn auf den Dampfer Dayton. Vom Lindenbaum aus geſchah ein Gleiches, und um ein Uhr Mittags, während doe Gerücht der⸗. Pittsburg in Erſtaunen ſetzte, uns eye noch irgend ein neugieriger Bekannter oder Stammgaſt anfragen und die Neuverlobten ſtören konnte, fuhren ſie, nur von Degmar begleitet, den„ſchönen Strom“ hinab der„Königin des Weſtens“ Cincinnati zu. Stan n Drei Wochen blieben ſie auf Reiſen, und als Peters endlich mit ſeiner jungen Frau zurückkehrte, war er ein ganz anderer Menſch geworden. Er ſah wirklich um zehn Jahre jünger aus, und mit der Geſundheit ſchien auch ſein fröhlicher heiterer Sinn zurückgekehrt. Von da an übernahm er die Wirthſchaft, die ſich bald zu einer der bedeutendſten in ganz Pittsburg hob, denn in dem Geſchäft befand er ſich wirklich in ſeinem Element. Auch ſeine abergläubiſchen Neigungen— wenn ſie auch nicht ſchwächer wurden, nahmen doch nie wieder einen ſei⸗ ner Ruhe gefährlichen Charakter an. Aber er erfuhr auch nie, wie er damals von den Freunden überliſtet worden — ſchon ſeiner wackeren Frau zu liebe beobachteten dieſe unverbrüchliches Stillſchweigen.— Jetzt ſind Beide todt. Die„Frau Doktorin“, wie ſie immer in der Stadt ge⸗ nannt wurde, ſtarb vor etwa drei Jahren, und Peters überlebte ſie nur um etwa zehn Monate, nachdem er ihr Andenken oft und oft geſegnet. Dadurch wurden auch die damaligen Verbündeten ihres Wortes entbunden, ſie haben aber nie die gebrauchte Liſt zu bereuen gehabt. Tenll ee glücklichere Ehe als ſie Peters mit ſeiner Frau die lang Jahre führte— hat es wohl kaum je gegeben. A 5 möglicher ſeiner Sim erwache— — Gegen ſie ni erſten icht tags fran die meh⸗ laſſ aus Bei Ein werg zieh Un. des die hör hei Eu der als ——;— voilette ma 1 kleinen u vierigkeit un mar beſorgte— Dölzig gim Die Gewohnheit, dem Redner oder Sänger Beifall die eine zu durch Klatſchen und Rufen, Mißfallen durch Murren und ſn, und un Stampfen mit den Füßen zu erkennen zu geben, finden wir üulicher Pro⸗ gegenwärtig nicht nur im Theater, wo dieſe Sitte, wenn Gemach hin⸗ ſie nicht, wie es leider oft geſchieht, ausartet, noch am erſten zu ertragen wäre, ſondern auch an Orten, wo ſie ein durtrus nicht geduldet werden ſollte, in Sitzungsſälen deutſcher Land⸗ Vortde alf tagsabgeordneter, im britiſchen Parlamente und in den ert nicht lin franzöſiſchen Kammern, in denen doch Jeder das Recht und ſollte dimn die Pflicht hat, ohne auf Gunſt oder Ungunſt Rückſicht zu efagen kännte nehmen, oder ſich durch dieſe beſtechen oder abhalten zu haben 66 ſt laſſen, ſeine Herzensmeinung nach Pflicht und Gewiſſen Mal 4 auszuſprechen. Wer aber möchte wohl glauben, daß dieſes Niuge auch Beifallrufen einſtmals auch in der chriſtlichen Kirche habe den— Eingang finden können, daß Geiſtliche ihrße Würde ſo ſehr langen vergeſſen konnten, eine Ehre darin zu ſuchen, gleich herum⸗ ſc 5 üt— ziehenden Schauſpielern und Gauklern beklatſcht zu werden? 4 9— Und doch war dieſe Sitte, obgleich weder die Philoſophen aran wenden des Alterthums, noch die Gründer der chriſtlichen Kirche ihr für ihen die lauten Ausdrücke des Beifalls ihrer Schüler und Zu⸗ hörer duldeten, ſchon frühzeitig in der chriſtlichen Kirche ein⸗ aftlichs Früß heimiſch geworden. So erzählt uns der Kirchenſchriftſteller Hauſe, pack Euſebius(† 340) im 7. Buche ſeiner Kirchengeſchichte, daß den Dampfet der Biſchof zu Antiochien, Paulus von Samoſata, welcher Gleiches, und als Irrlehrer im Jahre 269 ſeines Amtes entſetzt ward, . de ee willig aeweſen ſei, wenn ſeine Zuhörer ihm nicht ch irgend ein applaudirten. Und nur der Biſchof von Konſtantinopel, ragen und die Johannes(geb. 347, † 407), der Mann mit dem Gold⸗ von Deymar munde(Chryſoſtomus), wie er ſpäter wegen ſeiner hin⸗ Feierſtunden. 1865. ————————————— 527 Aeber das Beifallklatſchen in der Rirche. dem größten unter allen Rednern des chriſtlichen Alterthums, konnte es nicht entgehen, welche Unordnungen herbeigeführt wurden, wenn die verſammelte Menge ihre Bewunderung durch verworrenes Geſchrei, Klatſchen, Hüpfen, Wehen mit den Schnupftüchern ꝛc. zu erkennen gab. Ihm, der die Handlungsweiſe der Menſchen in ihrem ganzen Umfange durchſchaute, mußte es klar ſein, daß durch dieſes geräuſch⸗ volle, oft unſinnige Benehmen der Zuhörer, aller Eindruck, welchen ſeine herzerhebenden Reden hervorbringen konnten, verloren ging. Deßhalb redete er in einer ſeiner Predig⸗ ten(30. Homilie über die Apoſtelgeſchichte) die um ihn zahlreich verſammelte Menge ſo an;„Glaubt es mir! Wenn meine Rede mit Zurufen aufgenommen wird, ſo widerfährt mir zu derſelben Zeit etwas Menſchliches; denn — warunm ſollte ich es nicht ſagen— ich freue mich und zerfließe in Luſt. Wenn ich aber nach Hauſe gekommen bin, und bedenke, daß die Zurufenden keinen Nutzen erhal⸗ ten haben, und daß, wenn auch einiger erhalten werden konnte, derſelbe durch die Zurufungen und Lobſprüche ver⸗ loren gegangen ſei, ſo ſchmerzt mich das, ich ſeufze und weine. Es iſt mir nicht anders zu Muthe, als wenn ich Alles vergeblich geredet hätte, und ich ſage zu mir ſelbſt: Was hilft mein Schweiß, wenn meine Zuhörer aus mei⸗ nen Reden keine Früchte ziehen wollen?“— Und ſiehe, kaum hatte er ſeine Rede geendet, ſo brach die ganze Ver⸗ ſammlung in ein allgemeines Rufen und Klatſchen aus. Allein dieſer rauſchende Beifall ſollte diesmal nur dem Redner verkünden, wie zufrieden ſie Alle mit dem Vorſchlag ſeien, ſeinen Reden in Zukunft nur im Stillen ihre Be⸗ wunderung zu weihen. Königin ds reißenden Beredtſamkeit genannt wurde, vermochte dieſe un⸗ 4 edle und gemeine Sitte aus der Kirche zu verbannen. Ihm, nd als Peters „war er i 3 rllich um zhn.. ſcien auchſen Chi Der Anblick von Chinon kann nicht verfehlen, auf dieſich bal den Reiſenden, welcher ſich von Süden oder Weſten nähert, hob, denn in den großartigſten Eindruck zu machen; er kann ahnen, was tem Elemen. die rieſige Burg zur Zeit ihrer Pracht geweſen ſein muß. venn ſie auh Das Schloß, im Mittelpunkte der Nieder⸗Touraine eder einen ſer gelegen, beherrſcht dieſen ganzen Landſtrich, und lange er erfuhr auc wurde deßhalb auch von den Römern, den Weſtgothen, den Frranken, welche das Land überzogen, um ihren Beſitz ge⸗ ⁰ kämpft. 9 Beide bd Im Anfange des 11. Jahrhunderts kam Chinon in d Ftadt den Beſitz des Hauſes Anjou, und bald darauf, in Folge de d Pett der Heirath von Henri Plantagenet mit einer Tochter die⸗ , In dr ihr ſes mächtigen Fürſtenhauſes, an die Krone von England. uchden d Heinrich II. von England liebte die Burg vor allen urden ie hiba Pshnderen, und bewohnte ſie ſo oft als möglich; er fügte zu den, ſt agf beſtehenden weitläufigen Gebäulichkeiten ein neues feſtes 3 k. Belan H hloß hinzu, ausſchließlich zur Wohnung des Königs, tau die laatenener Vertrauten und ſeiner Leibwache beſtimmt. Durch gen. Meine Heirath mit Eleonore von Guyenne, der verſtoßenen emahlin Ludwigs VII. von Frankreich, weit mächtiger 7 s ſein Lehensherr geworden, trachtete Heinrich nach nichts niger, wie nach der Eroberung von ganz Frankreich, 4 d nur Zwieſpalt mit ſeinen eigenen Söhnen hielt ihn ge n der Vollziehung ſeiner ehrgeizigen Pläne ab. Sein uhn Richard, der Löwenherzige, bekriegte ſeinen Vater 1 2. non. offener Fehde, und im Jahre 1189 ſtarb der ſtolze König in Chinon gebrochenen Herzens. In der Abtei Fontevrault wurde er begraben, und zehn Jahre ſpäter legte man ſeinen Sohn Richard Löwen⸗ herz in die nämliche Gruft; tödtlich vor Chalus verwun⸗ det hatte er befohlen, ihn nach Chinon zu tragen und ihn nach ſeinem Tode in Fontevrault neben ſeinem Vater zu begraben. Unter Richards ſchwachem Nachfolger wurde Chinon von Philipp Auguſt nach langer Belagerung eingenommen, und durch dieſen König, ſowie durch den heiligen Ludwig abermals bedeutend vergrößert und befeſtigt, ſowie es auch von da an einer der Hauptwaffenplätze des franzöſiſchen Königthums wurde. Obwohl die Könige öfters im Schloſſe Hof hielten, und es längere Zeit bewohnten, ſo iſt doch deſſen innere Einrichtung nicht beſonders luxuriös oder auch nur nach heutigen Begriffen bequem zu nennen. Für den König, die Königin und die Fürſten waren einige mit mehr Pracht wie Geſchmack oder Comfort eingerichtete Räume vorhan⸗ den, im Uebrigen enthielt das Schloß geräumige Säle, in welchen, erzählt ein alter Chronikſchreiber,„jeden Abend friſches Stroh gelegt wurde, und wo es dann den Rittern ber R Herrn vom Hofe überlaſſen blieb, ſich für die Nacht Schlafſtätte zu ſuchen.“ — yℳ—— merkwürdige Gäſte in ſeinen Mauern: Jacques von Molay, der Großmeiſter der und die Commaudeurs mandie; in Chinon erwarteten ſie drei Kardinäle, welche den Prozeß einleiteten, deſſen blutiges Ende, der Untergang des Ordens der Templer, Namen Philipps des Schönen und des Papſtes Clemens V. wirft. ſiehn folgenden Jahrhunderte bewohnte Karl VII. Chi⸗ non zur Zeit, als der Untergang ſeines Reiches unabwend⸗ bar ſchien, und in Chinon war es, wo die Jungfrau von Orleans den König aufſuchte und ihm eröffnete, ſie ſei von Tempelritter, Der Schalttag hat als Zeittheil in der Ordnung der Natur vor allen andern Tagen nichts voraus; er iſt ein Tag wie alle anderen, aber in Abſicht auf die Zeitrech⸗ 1 nung, auf die bürgerliche Zeiteintheilung gehört er unter die außerordentlichen, denn er macht jedes vierte Jahr um einen Tag länger. Bei der Gründung des römiſchen Reichs rechnete man das Jahr nur zu 304, und ſpäterhin nur zu 355 Tagen. Dies verurſachte im Kalenderweſen große Verwirrungen.— Es iſt mit dem Kalender, wie mit einer Uhr; wenn ſie zu geſchwind oder zu langſam geht, ſo zeigt ſie auch die wahre Mittagszeit nicht an. Julius Cäſar ſetzte das Jahr auf — 1 4 ünd ſeine V ——— Während die Könige Chinon bewohnten, ſah es manche Gott geſandt, ihn von Cypern, Aquitanien und Nor⸗ zu bekannt, ſie aus, Orleans zu befreien, und ihrem Schwure gemäf ruhte ſie nicht, einen dunkeln Schatten auf den Feinde beſetzte Chinon. Der Schalttag. Feierſtunden. 1865. ——————————— und das Vaterland zu retten. Die Ein⸗ 1308 waren es zelnheiten ihres Empfangs, die Art, wie ſie die, welche an ſe ihrer„Sendung“ zweifelten, zum Schweigen brachte, ſind um hier erzählt zu werden. Von Chinon zog bis ſie den König mitten durch das vom Land nach Reims zur Krönung geführt hatte. Von dieſer Zeit an bleibt wenig über Chinon zu beo⸗ richten; in die verſchiedenſten Hände übergehend, litt die ſtolze Burg ſo viel Menſchenhände, daß, ſie nur noch wenig zu von dem Zahn der Zeit und durch als die allzerſtörende Revolution kam, vernichten übrig fand. E. W. 365 Tage und 6 Stunden feſt, und gab dem jedesmaligen vierten Jahre 366 Tage, alſo einen Schalttag. Aber der alte Julianiſche Kalender war noch nicht ganz richtign denn genau berechnet dauert das Jahr 365 Tage 5 den 48 Minuten und 43 Sekunden; d Jahren ſchon 7 Tage 19 Stunden aus. Im Jahre 1582 verbeſſerte dieſen Fehler und brachte Alles in. Proteſtanten nahmen den Gregorianiſchen Kalenver nichr 6l. Erſt 1700 wurde er von ihnen anerkannt, und erſt ſet 1778 feiern auch Proteſtanten und Katholiken zugleich daß 2. Oſterfeſt. ᷓò —; ten. Die En⸗ die, welhe m geeignet brachte, ſid indeß n Chinon zag der y ſchwure gemiß urch das vom Nführt hatte Ohmon zu be⸗ gehend, ltt de Zeit und durch Revolution um, d. E. W. Feierſtunden. 1865. 4 Feierſtu ———-:õ———————; Auf der (Siehe Seite Ich hatte in Wahrheit den Schlaf des Gerechten ge⸗ ſchlafen, denn die Sonne leuchtete ſchon hell in's Gemach, als ich durch ein tüchtiges Rütteln erweckt wurde, und der vor mir ſtehende Haiduk verſicherte, er ſei bereits eine Vier⸗ telſtunde lang mit dieſer Arbeit beſchäftigt. Schnell fuhr ich in die Kleider, um beim Früſhſtücktiſch nicht zu fehlen, denn Großmama verſtand in dieſer Beziehung keinen Spaß, und wie leicht wäre es um meinen Kaffee geſchehen gewe⸗ ſen. Auch war heute Chriſttag und Alles rüſtete ſich zum Kirchgang— oder zur Kirchfahrt wollte ich ſagen— ge— gangen wird nicht ſo leicht, wo es Pferde gibt. Und ſie waren heute faſt alle in Bewegung, ganze Züge von klei⸗ nen Leiterwagen und Neutitſcheinern raſſelten bereits an den Fenſtern vorüber, vollbepackt mit den Knechten und Bedienſteten der Herrſchaft nebſt Weib und Kindern— vor der Hausthüre aber ſcharrten des Verwalters vier prächtige Braunen, und Miska, der vielbebänderte Roſſelenker, hatte gute Mühe, die Muthigen zu halten. Wir ſtiegen ein, das liebenswürdige Ehepaar, Viktoria und ich an der Seite des ſchönen Kindes, und fort gings. Bald waren ſie alle überholt die vielartigen raſſelnden Karren, und wir näher⸗ ten uns den freundlichen, jetzt mit blendendem Schnee be⸗ deckten Hügeln, hinter denen der Wald ſeine nun kahlen Arme emporſtreckt. Die Ebene hat hier ein Ende, nun geht's Berg an Berg, das iſt die Gegend, welche die Leute „die ſchwäbiſche Derkei“ benamſen, wo die Welt mit Bret⸗ tern verſchlache is. Wohl iſt es nur Hügelland, aber wer nie einen Großglockner oder auch nur eine Raxalpe geſehen, wie die Schwaben und Ungarn der dortigen Gegend, dem dünkt das ſchon ein gar erſchreckliches„Gebirge“, und ich habe oft gelacht, wenn ich beim Anblick eines Abgrundes von einigen Klaftern Tiefe den Ausruf hörte:„Jas', des is aber e ſchauerliches Gebärch!“ Ich war einſt viel herum⸗ gewandert in dieſen Bergen, in den Preßhäuſern, die— eine lange Reihe— hinziehen am Fuße, und in der Mitte derſelben hatte ich viele hunderte Eimer des Rebenſafts „als Bergrecht und Zehnt der Herrſchaft“ verſiegelt, in den Wäldern dem edlen Waidwerk obgelegen, und manch' Jägerlied in der Einſamkeit erdacht. Viele der alten Recken des Eichwaldes ſind nun längſt verſchwunden und haben einer jungen Generation Platz ge⸗ macht, welche, alleenweiſe gepflanzt, daſteht wie die Krie⸗ ger in der Schlacht, hier die ſchlanke Tanne, dann die weißrindige Birke, die kräftige Eiche und Rüſter— überall auf Pflöcken der Taufſchein jeder einzelnen Generation er⸗ ſichtlich— vom reiferen Jünglingsalter bis zu den Tagen der Kindheit, wo noch der Mais wuchert zwiſchen den blu⸗ menſtängelartigen Pflänzchen der Bäume, bis endlich der aufſtrebende Forſt zur Geltung bringt die alleinige Herr⸗ ſchaft!— Doch— habe ich denn vergeſſen, daß ich an der Seite eines reizenden Kindes ſitze? O nein! Dieſes Kind iſt ja auch ein ſchöner Baum im Forſte des Lebens iid ſelber aufgewachſen mit allen Tugenden des Waldes. Kur die eigene Geſchichte habe ich ihm ja erzählt— jetzt uber ſind wir angelangt am Fuße des koniſchen Hügels, auf welchem weithinausragend das freundliche Kirchlein ſteht mit den weißen ſchlichten Mauern, und fröhliches Glocken⸗ Febinmne zur Andacht ladet die Waller von nah und erne!. Vor dem Gotteshauſe waren ſchon die De flente alle nden. 1865. 1 Ei 53 puszta ¹ dheg 10, Jahrg. 1864.) ſind 0 verſammelt, ſo manches bekannte Geſicht entdeckte ich u3a den großen Hüten und Pelzkappen der Männer— die Wei⸗ ber ſind nicht ſo leicht zu erkennen, denn kaum mehr als die Naſe ragt ja hervor aus den häßlichen Tüchern. Ab⸗ ſpringen und meine ſchöne Nachbarin vom Sitze heben, war Eins(ſiehe Bild auf S. 529), dann trat ich unter die Menge und ſchüttelte einem alten Manne die Hand! Wie er daſtand, der kräftige Alte, dem der ſchlichte Flaus⸗ rock und die langen Strümpfe und die Schnallenſchuhe an den kräftigen Beinen ſo wohl anſtanden. gerade dem Manne ſo viele Freundſchaft zollte, hatte ſeinen Grund darin, daß er für's Erſte einer der biederſten Män⸗ liche Städtchen,„draußen im Reich“ war ja ſeine Hei⸗ math, die er als Kind verlaſſen— Marbach, wo Schiller das Licht der Welt erblickte! „Seid Ihr's, Harr, oder ſeid Ihr's nich?“ zauderte der Alte, mich ſcharf anſehend. „Wohl bin ich's, alter Vater,“ entgegnete ich ſchnell, „wohl bin ich's, der einſt hier ſo wohl bekannte Schreiber Sändor, aber ein hübſches Stück Zeit iſt an uns vorüber gegangen, und wenn auch Ihr noch daſteht, wie eine alte kräftige Eiche, ſo hat nun doch mein Stämmchen dem alten Baume tüchtig nachgeſtrebt und iſt auch zum tüchtigen Stamme geworden!“ Eben wollte ich mich des Weiteren mit dem Alten einlaſſen, da ertönte drinnen die Orgel, und wohl oder übel mußte ich in die Kirche, wo wir den Ehrenſtuhl zu⸗ nächſt der Kanzel einnahmen. Mir wäre ein verſteckteres Plätzchen lieber geweſen. Warum? werden meine geehrten Leſer bald errathen.— Nicht lange währte es, da ſtand er ſelber droben auf dem Platze, von welchem aus ſonn⸗ täglich die Bußpredigt an die verirrten Schäflein gerichtet wurde. Und er that es redlich, der gute Seelenhirt, wie ein Lawinengerölle donnerten ſeine geflügelten Worte her⸗ nieder auf die arme Heerde, und waren die Worte nicht gewichtig genug, ſo krachte doch das ſchuldloſe Getäfel der Kanzel von den Schlägen ſeiner Hände. Zu hundertmalen hatte ich das bereits erfahren, und immer entdeckte mein luſtiger Sinn neue Schönheiten an dem ſuper⸗äſthetiſchen Vortrage, der meine Lachmuskeln und nicht minder die un⸗ ſerer Damen arg in Anſpruch nahm. Gehört es nun zu den unangenehmſten Empfindungen, heftige Lachausbrüche zu unterdrücken, ſo war dies doch hier oft ganz unmöglich. Dann aber zog es uns ohne Rückſicht auf den„Ehrenplatz, auf dem wir ſaßen,“ einen ſtrafenden Blick des Donne⸗ rers zu, und ohne alle Verbindung mit dem Context ſei⸗ ner Rede begann er voll Salbung:„O es gibt unter euch auch ſolche, welche das Wort des Herrn nicht hören wollen, wenn es ihnen durch den Mund ſeines Stellvertreters ver⸗ kündet wird an heiliger Stätte, aber es wird die Zeit. kommen“... weiter ſprach er nimmer, der alte Herr, denn einem überkräftigen Schlage ſeiner Hand war ein Theil des Betpultes zum Opfer geworden, und kollerte geräuſchvoll nieder auf die Köpfe der Gläubigen, welche unter Zetergeſchrei, als hätte ſie ſchon der leibhaftige Gott⸗ ſeibeiuns beim Kragen gefaßt, auseinander ſtoben.— Ich muß geſtehen, daß dieſer Vorfall eh — Warum ich b ner war, die ich je noch gekannt, dann aber, weil mich ſeine Herkunft an einen Liebling meiner Nation, an die Zierde des deutſchen Volkes erinnert! Marbach, das freund⸗ Die Ei⸗ ſche i ſind Bt ihden — die Wei in mehr als Lüchern. Ab Site heben, trat ich mter ne die Hand. hlichte Flaus⸗ allenſchuhe m Warum ih hatte ſeinen derſten Män⸗ , weil mich ion, an die das freund⸗ ſeine Hei⸗ wo Schiller c?“ zauderte t ich ſchnell, nte Schreiber uns borüber wie eine alte hen dem alten um tüchtigen dem Alten woll oder hrenſtuhl zu⸗ verſteckteres eine geehrten , da ſtand n aus ſonn⸗ ſeinn gerihtet enhirt, nie Worte hel⸗ Worte nich Getäfel der undertmalen tdeckte mein wäſthetiſhen nder die un⸗ es nun zu achaukbrüche unmöglich Ehrenplat, des Donne⸗ Context ſm t unter uern woll ttreters vel rd die 9 ültt Herl, d war ein 1 und kollerte 4 ſche gen, Wf tt cjüge G ben. 440 ch geeignet war, 2 ———— meinen Hang zum Lachen zu vermindern, — extremé& se tangunt— erlangte ich doch wie⸗ der meine gewöhnliche Ruhe, um das Ende der Rede ge⸗ duldig mit anzuhören, und ſodann unſere Damen voll des Anſtands aus der Kirche zu geleiten. Bald ſaßen wir wieder unſerer Vier beiſammen in der Karoſſe, und heim ging's unter fröhlichem Gelächter und gemüthlichem Schelten des Verwalters, welches aber dem ſeelenguten phlegmatiſchen Manne ganz und gar nicht von Herzen ging, weil er bald ſelber mit uns einſtimmen mußte in unſere Kritik der heutigen Predigt. Und als wir heim kamen, hatte ich kaum noch Zeit, meine Nachbarin, deren freundliches, von der Kälte leicht geröthetes Antlitz mich immer mehr elektriſirte, aus dem Wagen zu heben, ſo er⸗ tönte auch ſchon Großmutters Stimme, und die Kleinen, offenbar ſehr hungrig, wie Kinder gewöhnlich, zogen mich an Armen und Beinen in's Speiſezimmer, ſtürmiſch rufend: „Sändor bacsi, gyere enni(Vetter Sändor komm eſſen).“ indeß In die Oekonomie. Die Freuden der Tafel kennt Jeder, dem nur einiger Comfort im Leben beſchieden— der Eine bei Kraut und Würſten, als höchſtem Ideale, der Andere bei Auſtern und Champagner; mancher arme Teufel freilich nur bei trocke⸗ nem Brode— und das darf er netzen mit einer Thräne. Nun Gottlob, Großmutter traktirte uns ganz artig, und mir war ungeheuer gemüthlich unter dieſen guten Men⸗ ſchen und Speiſen. Auch Herr Jänos war da und rich⸗ tete dann und wann eine beſcheidene Frage an die Groß⸗ mutter über das werthe Befinden ihrer Truthühner. Ob⸗ wohl täglicher Gaſt des Hauſes konnte er eine großartige Steifheit und Schüchternheit nicht unterdrücken, und nie hätte er ſich zu reden unterſtanden, ſo lange einem Mit⸗ glied der Familie noch ein Wort auf der Zunge ſchwebte, wie er denn auch überhaupt mit gleicher Beſcheidenheit jeden ſeiner Sätze mit einem Megkérem alàzsan(bitte unter⸗ thänigſt)“ begann. So wäre ich denn in meiner glücklichen Ruhe gewiß noch lange ſitzen geblieben, ſelbſt, als bereits„der Schwarze“ ſeine Runde vollendet hatte, zudem konnte ich mir als ver⸗ liebt„werdender“— oder, wird manche ſchöne Leſerin ſagen, bereits bis über die Ohren Verliebter, kein angeneh⸗ meres Plätzchen denken, als an Viktorig's Seite, deren ſinniges, heiteres Geſpräch mich immer mehr in die Tie⸗ fen eines herrlichen Gemüthes und Herzens dringen ließ, und welche— ſelber wohl unbewußt— mit Hand anlegte an den Bau der ſchönen Luftſchlöſſer, ſo meine Phantaſie ſeit Kurzem mit Dampfeskraft erbaute.— Dem Haus⸗ herrn aber merkte ich's an, daß eine gewiſſe Unruhe ſeinen Geiſt quälte, er rückte auf ſeinem Fauteuil umher und ſah mich ordentlich mitleidig an, gleich als bedauerte er meine arme Perſon, welche er ſich zu irgend einem Opfer erkoren. Und ſo war es— fort wollte er mich reißen von ihr! „Freunderl,“ platzte er endlich los,„nun mußt du meine neuen Ställe beſehen,'s iſt juſt noch eine Stunde Zeit, bis zur Dunkelheit.“ Und ich ging mit einem herzbrechen⸗ den Blicke auf mein ſchönes Plätzchen, der Leſer aber muß mit in die Ställe, und ich werde es nicht fehlen laſſen, ſeine rein auf dem Stadtpflaſter erworbenen Kenntniſſe mit „diverſer ländlicher Weisheit gründlich zu bereichern. Es war freilich ein ganz anderes Bild, welches jetzt vor meine Augen trat, als es zu einer Zeit geweſen, in Der ich noch ſelber hier lebte und wirkte. Feierſtunden. 1865. Auä—ðBOℳłVℳn ———e—— Das Alte fällt, es ändert ſich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen! Das Alte war gefallen, weg alle die alten, ſtrohge⸗ deckten Pusztahütten, und ſtolze, den Reichthum des Be⸗ ſitzers kundgebende Oekonomie⸗Gebäude im freundlichen Schweizerſtyle— Alles im Glanze muſterhafter Ordnung und Reinlichkeit— erhoben ſich vor dem Blick des Be⸗ ſchauers. Ein wohlgefälliges Lächeln meines Freundes ebenſo beantwortend traten wir zuerſt in die heiligen Hallen des Kuhſtalles! Bei meinem Bart— eine ſtattliche Ver⸗ ſammlung, ein wahres Herrenhaus aus den edelſten Ge⸗ ſchlechtern der Rinderwelt. Hie Welf— hie Waiblingen — hier die Allgäuer, dort die Bernerraſſe— hüben Ab⸗ kömmlinge aus dem nordiſchen Oſtfriesland und drüben die ſtolzen Landeskinder ſelber mit den ſchlanken Gliedern und Hälſen und den weitausgreifenden Hörnern am Schei⸗ tel. Welch' ein Unterſchied im Körperbaue und auch im Temperamente der einzelnen Stämme! Juſt wie bei den Völkern! Man ſehe ſie nur an die ſchweren, kräftigen Lei⸗ ber der Kinder des Allgäus, an Farbe einem klaſſiſchen Kuchen, der nur leicht gebacken wurde, vergleichbar, ruhig wie Bildſäulen ſtehen ſie da, wie mancher Abgeordnete der Landbevölkerung— dann und wann wiederkäuend die alten Erinnerungen. Und es ſind ſchöne, frohe Erinnerungen an das herrliche Alpenland, aus dem ſie gekommen; aus den friſchen grünen Thälern nun in die heiße ungariſche Ebene, wo ſie ewig gefeſſelt ſind an den poeſieloſen Bar⸗ ren. Dann und wann läutet die Glocke, welche um den Hals der erſten und ſchönſten der Genoſſinnen hängt, und da horchen ſie dann Alle auf— aber nur für einen Mo⸗ ment—'s war eben eine getäuſchte Regung des Heim⸗ wehs! Der Stier brummt leiſe und brummt wieder, ihn ärgert wohl die ſtarke Kette am meiſten, an die er gebun⸗ den— und iſt überhaupt die ganze Geſchichte wenig nach ſeinem Geſchmack. Dem Schweſtervolke der Berneralpen geht's eben auch nicht beſſer, iſt's doch Ein Blut, das ſie Alle durchſtrömt, und ſchon ſo manches der edlen Thiere liegt draußen auf dem wüſten Anger, weil es der Heimath Wechſel nimmer ertragen. Ungleich munterer zeigt ſich unſere norddeutſche Raſſe. Sie iſt ein Volk der Ebene und darum dem neuen Vater⸗ lande verwandt. Prächtige Thiere für den Kenner, dünne lange Hälſe, ein kleiner Kopf, faſt gekrümmter Rücken und breite Hintertheile werden freilich dem Laien nicht gefallen, möglich, daß die ſchöne ſchwarzgefleckte Farbe ihn anzieht und die immenſe Größe des Stiers ihm Erſtaunen ab⸗ nöthigt; ſähe er aber die Menge der Milch und die ſafti⸗ gen Braten, welche ſolchen Thieren entſtammen, ſo würde er zweifelsohne den Hut ziehen und nicht weiter ſchmähen auf die ihm ungewöhnlich und unſchön dünkende Geſtalt. Die drüben auf der Linken ſind, wie überall, ein unruhi⸗ ges Volk. Wild ſehen ſie umher und ſchütteln gegen den Nähertretenden das geweihähnliche Horn. Wer hat es auch gewagt, ſie hereinzuholen aus der weiten Steppe, wo ſie noch vor wenigen Jahren die letzten Gräſer verzehrt und das Wort„Kette“,„Organiſation“,„Stallordnung“ auch dem Namen nach nicht gekannt. Lieber ſcheinen ſie ver⸗ hungern zu wollen draußen auf den ſchneebedeckten Gefilden, als hier ſich zu fügen in eiſerne Normen. Alle ſehen ſie auf den Führer ihres Stammes, den Stier, als erwarte⸗ ten ſie von ihm Hülfe und das Zeichen zum Losbrechg⸗ Ein„ſakriſcher Jodel das“ würden meine Wiener Lar leute ſagen. Und er iſt's in der That! Ein ſolches St 67* 3 hier„im Aufſtellſtalle“ (geflecht, der ſogenannten engliſchen Streu, iſt eines jeden der Thiere eingefaßt, und die Rößleins alle freudig ſcharren mit den Hufen, da ——————— bild der Kraft und des Trotzes, den gekrausten Kopf voll des Ingrimms hinabgeſenkt ſteht er vor uns, und läßt Bei ſeinem Naſenring, welche man dem Armen um die Au⸗ gen bindet beim Spaziergange, er fieht dann wohl einem ſeinen breiten, mächtigen Nacken bewundern. Stande hängt ein Brett am Riemen und ein dieß ſind die Brillen, Stutzer ähnlich, welcher ſeine Naſe unnützerweiſe einklemm in einen faſhionablen Stecher, ohne aber darum ein Bild der Kraft, wie unſer Jodel, zu zeigen. Kaum waren wir eingetreten, ſo kam der Schweizer Sein da eben Fütterungsſtunde war, eröffnete die Interpellationen punkto Futter wurden geſtellt, hoch und höher erklangen die während der Brummbaß leiſe auf zu uns, ein leibhaftiger Erſcheinen, Sitzung. Schweizer aus Interlaken. Unruhig ward es im Saale. Stimmen der Linken, der rechten Seite ertönte. Dazwiſchen blökte die Jugend. den Stalle verſammelt. gierde betrachten und an deinem Rockzipfel ſaugen, wähnend, ſie ſtänden am milchſtrotzen⸗ den Euter der Mutter. Doch genug für den Weiſen. Wir beabſichtigen ja keine Abhandlung über Rindviehzucht zu ſchreiben, nur Streifzüge, Bilder aus dem Thierleben, darum möge der werthe Leſer mit uns wandern vorüber an der ſinnreich ein⸗ gerichteten Wohnung des von zarten Naturen mißachteten Schweinegeſchlechtes, wo das langgeſtreckte Kind Albions ſeinen weißen Leib pflegt neben dem grimmen Eber des Bakonyer Waldes— an dieſen alſo vorüber in's Eldorado des Junkers und Sportsmans„in das Geſtüt!“ Das iſt jedenfalls die Poeſie der Viehzucht— Vieh⸗ zucht iſt eigentlich gar ein unrichtig Wort hier— denn ein Pferd iſt in unſeren Augen kein Vieh, es iſt ein Halb⸗ menſch, wie der Hund, unſer Begleiter in Mühen und Gefahren, der Kampfgenoſſe im Wüthen der Schlacht! Und mit gehobenem Gefühl treten wir ein in die hohen luftigen Säle, wo der Stallmeiſter, ein früherer Huſar reinſten Waſſers mit untadelhaft gewichstem, beiderſeits ſechs Zolle entragendem Schnurrbarte, ſeine militäriſchen Honneurs macht, und die ſchönen ſchlanken Fohlen, welche verſammelt ſind, um den erſten Lehrkurs auf der Reitſchule zu beginnen, ſich freundlich wiehernd umſchauen nach dem Beſucher! Und wie wohnlich iſt's da im Stalle. Mit Stroh⸗ der Stand marmorne Krippen und eiſerne Raufen, Alles ſo hell und rein, daß mancher Menſch ſo ein Thier ordentlich beneiden könnte. Zudem wenn jetzt das Futterwägelchen in den Stall rollt und der Hafer raſchelt, den der Futtermeiſter austheilt den Stallwärtern, möchte mancher arme Teufel denken:„Hätt' ich's ſo gut zuund könnte da Hafer eſſen und Heu, und ein Pferd ſein, att daß ich als Menſch mir kaum das ſchlechte Brod ver⸗ jenen kann, welches mir der Bäcker verabreicht, täglich leiner und winziger! Wir aber zogen nach ſolcher Betrachtung weiter, um das ſich täglich wiederholende Stück„Mutter und Kind“ u beſuchen. Mutter und Kind, dort ſind ſie in vielen gremplaren, ſchwarze und braune, auch weiße, jede in ihrem feriſonderten Kämmerlein, die Mama naſchend vom duf⸗ n Heu der Krippe und das friſche Füllen beleckend, Feierſtunden. Sie iſt im anſtoßen⸗ Hübſche buntfarbige Kinder mit großen glänzenden Augen, welche dich mit ungemeiner Neu⸗ hingehaltenen Finger oder 1865. —----— du näher, ſo blickt das Auge der edlen Stute feuriger, Sorge und eine gewiſſe Entſchloſſenheit, ihr Junges gegen einen indiskreten Fremdling zu vertheidigen, laſſen Blitze daraus ſtrahlen, und die Nüſtern heben ſich drohend. An⸗ dere wieder, deren Abkömmlinge bereits in reiferem Alter ſich befinden, haben den rückwärts von ihrer Klauſe geöff⸗ t neten Auslauf benützt und ergehen ſich fröhlich, die Mut⸗ ter im Schritt oder Trab, das Kleine in luſtigen Sprün⸗ gen, die ſeine Glieder gelenk machen, und zu Stahl wan⸗ deln die Sehnen. Freilich die rieſige Ausdauer, welche die Ureltern dieſer Thiere in der Wüſte Arabiens hatten, er⸗ zielen zu wollen, wäre Chimäre, denn die Art der Er⸗ ziehung, welche der Araber ſeinem Roſſe gibt, die Sorge, welche er bei allen Entbehrungen und Anſtrengungen, die er demſelben auferlegt, darauf verwendet, iſt himmelweit verſchieden von unſeren Verhältniſſen, dem Araber iſt ſein Roß das zweite Ich— er kennt keinen größeren Kummer, als wenn dieſem Ich etwas fehlet— für uns iſt das Pferd eine Nothwendigkeit— ein Induſtriezweig— höch⸗ ſtens eine ſehr lobenswerthe Paſſion, die ihren Platz in unſerem Geiſte mit vielen anderen Paſſionen— mit vie⸗ len ſehr verſchiedenen Sorgen um ein Heer von Dampf⸗ maſchinen, Webeſtühlen, um unſere Gewerbe, Oekono⸗ mien, Finanzen und die Staatspolitik theilen muß. „Und wenn Ew. Hoheit alle unſere Pferde nach Eu⸗ ropa hinüber nähmen,“ hatte einſt ein arabiſcher Würden⸗ träger zu einem unſerer Machthaber geſagt,„Sie würden doch keine ‚arabiſchen Pferde erziehen.“ Und der uen hatte Recht! Dem arabiſchen Pferde am ähnlichſten kanntlich das ungariſche. Staunen würde Mancher, er, welche Laſten dieſe meiſt kleinen, unanſehnlichen, mit Feuer, Blut und Stahlſehnen begabten Thiere; wie ſie tagelang Dienſt machen, ohne kraftlos unter rem Reiter niederzubrechen, ohne andere Nahrung als eine Hand voll Hafer oder ein Stück Brod mit Wein genetzt! Eine Folge der abhärtenden Erziehung, im Winter und Sommer auf der Weide!— Leider, daß dieſe naturgemäße Erziehung durch gedankenloſe Paarung und ſelbſt für normale Zeit allzu elende Ernährung paraliſirt wird. Doch ſollen wir noch weiter die Geduld des werthen Leſers ermüden, ihn im Geiſte vorüberführen am Virgil und Broadwod, Achilles, Majeſtoſo, und wie ſie alle heißen die ſchönen ſchlanken Hengſte, welche mit ihrem Gluthange auf uns Beſchauer herauslugen aus dem Holzgitter ihrer Gemächer und mit der Zunge ſpielend die herrlichen Köpfe nach uns ſtrecken, gleich als forderten ſie einen Preis, allen⸗ falls ein Stück Zucker für ihre Schönheit! Der wird ihnen freilich oft genug zu Theil, und ich habe mir oft das kleine Vergnügen gemacht, zuzuſehen, mit welch' äſthetiſchem Ge⸗ ſchmacke eine ſolche Süßigkeit von dieſen Thieren verzehrt wird, und ſie nicht müde werden, eine Wiederholung der Doſis zu verlangen. 1 Willſt du die Novara ſehen, lieber Leſer? Aber nicht die Fregatte Navara, ſondern das edle Thier gleichen Na⸗ mens, das ſeinen Herrn, einen unſerer Prinzen, in jener für uns Oeſtreicher ſo denkwürdigen Schlacht g. Die immenſe Anſtrengung damals hat dem treuei die Geſundheit der Füße gekoſtet, nun genießt es hier im Magyarenlande der wohlverdienten Ruhe, und man kann den kräftigen alten Generalsſchimmel täglich noch ſeine Promenade machen ſehen, um die Verdauung zu fördern. Glückliches Roß, glücklicher als ſo viele deiner— noſſen, welche, ſind ſie einmal unbrauchbar geword es ſeinen Durſt ſtillt am ſchwellenden Euter. Trittſt dem Glanze hoher Herren zu dienen, Stufe für 6 * ——;——— Feierſtunden. 1865. 533 unges Nun aber war's Zeit heimzukehren. Großmutter hatte aſſen 89 bis ſie endlich, hinkend und todtmüde am Karren zerrend, ohne Zweifel ſchon lange das Abendbrod bereitet und eines ohend li zuſammenbrechen im Staube der Landſtraße. zürnenden Blicks konnten wir wohl gewärtig ſein. Ich deud ga Gehen wir jetzt nach dieſer trübſeligen Betrachtung freilich war der Allerunſchuldigſte an unſerem langen Aus⸗ lun Alte noch für einen Augenblick in jene luftige Stallhalle, aus bleiben, denn, wär's nach meinem Sinn gegangen, ſo hätte . geüff deren Thüren, weit geöffnet, uns eine Menge jugendlicher ich längſt wieder in dem ſchönen blauen Zimmer geſeſſen .Wi Pferdegeſichter entgegen ſehen. Hier in Csiké istalö(Foh⸗ und würde meine Studien über Viktorias ſchöne Augen, St Ehrün⸗ lenſtalle) herrſcht noch ein wenig Freiheit, die lieben ſchlan⸗ welche mir nun ſchon einmal alle Ruhe aus dem Herzen r 3 wan⸗ ken Thiere dürfen ſich noch ungebunden ergehen, kein Strie⸗ verſcheucht, fortgeſetzt haben. Wie die Fluth immer mehr 3 „welch de gel, keine Bürſte berührt noch das jungfräuliche Haar, um und mehr über das Geſtade braust, ſo war es anfangs ute feurz fanige immer tiefer wandern in den Schichten ihrer Genoſſenſchaft, hatten, er⸗ die Haut nicht zu verweichlichen. Trittſt du hinein in die allmählig, zuletzt mit Rieſenſchritten über mein armes Herz An der E⸗ Mitte der harmloſen Kinder, ſo nimm deine Rockſchöße gekommen, und der Gedanke, daß ich morgen Abend ſchon die Sorge oder dein Sacktuch gar wohl in Acht, denn Alles wird be⸗ wieder heim ſollte in mein großes geräumiges Haus, wel⸗ gZungen, die ſchnuppert und gezerrt, und nur ſchwer kannſt du dich des ches— mit allem Junggeſellen⸗Comfort eingerichtet— mir himmelweit neugierigen Kreiſes, der ſich um dich bildet, erwehren. Da nun entſetzlich öde vorkommen würde, hatte etwas Uner⸗ ber it ſin ſind ſie zu finden die feingliedrigen ſchlanken Thiere, auf trägliches für mich! n Kumma, deren Stirne jetzt ſchon die künftigen Siege auf dem Ren⸗„Daß ihr euch gar nicht trennen könnt von euren is iſt do nen zu Peſth oder in der Freudenau zu leſen— oder welche Pferden und Ställen,“ ſchmollte Großmama, indem ſie 1 a höl⸗ nach wenigen Jahren eine Zierde der Praterfahrt ſein wer⸗ mir eine rieſige Portion Krautſtrudel vorſetzte, deren Be⸗ Nlat in den— freilich ſteht daneben oft ein mehr mißrathener wältigung mich mit geheimem Grauen erfüllte; auch meine — mit vie Junge, welcher höchſtens als einfacher Ackergaul oder Om⸗ liebliche Tiſchnachbarin ſah mich mit etwas ſchmollenden un Dampf⸗ nibusführer eine Carriére zu machen verſpricht und ſchon Blicken an, indem ſie ein„So lange auszubleiben“ Oamnoe jetzt ſeine ordinäre Geſinnung dadurch verräth, daß er ſich fluſterte. Nun kriegte ich erſt rechten Appetit, denn die auß. ſoeben draußen bei der Schwemme im allerſaftigſten Wahrſcheinlichkeit, daß es Viktoria weit lieber geſehen hätte, à nach E⸗ Schlamme gewälzt und nun einem Hausſchweine ähnlicher wären wir daheim geblieben, übte auf mich ſo freudigen er Würden⸗ ſieht, als einem Thiere ſo edlen Geſchlechtes. Aber im Eindruck, daß auch— entſchuldigen Sie dieſe Proſa, liebe 1 Sie würden Kindesalter iſt noch die Kluft ausgefüllt, welche die einzel⸗ Leſerinnen 1 meines Magens Kräften fehrgin Auf⸗ — ande im Leben ſo mächtig ſcheidet— Kinder ſind ſchwung dadurch erwuchs. Und als die vacsöra(Abend⸗ der alen F ha- iſten 1 Keres der und Spielgenoſſen eines dem andern. Doch mahl) beendet und— wie in Ungarn ſehr üblich— der bhe buld begiuni ienerourdaſe Un den und fin inn V Theekeſſel im blauen Zimmer brodelte und dampfe, jere 1. Glücke!„da ſaßen wir fröhlich beiſammen, inter vem Jetzt, Freunderl, will ich dir noch was Prächtiges und hatten einander ſo lieb. eine Hand eigen, begann der Verwalter meine Wenigkeit nach einem* 3 tzt! dn Pmagen, im Schweizerſtyle gehaltenen Gebäude ziehend. Und die Fetor Vädenhune iheni in me⸗ Dunaahen nut dSommer worin beſteht dieſe Pracht? wird der Leſer fragen. In Freulzen, mein eigenſtes Werk“ erkannte, und ſo hielt ich Erzichung Ochſen, lauter Ochſen, Prachtkerlen ſo fett und gemäſtet, denn wieder poetiſche Vorleſung, wie einſt. Mildes Licht rmale Zeit daß man meint, der Sattler habe die reſpektiven Hinter⸗ ſtrahlte die große Lampe über all' die freundlichen Geſich⸗ theile künſtlich gepolſtert. Freuet euch, ihr Gourmands, ter, aus dem Nebenzimmer hörte man das ruhige Athmen 4 o ſaftige Roaſtbeefs, wie man da erzeugt, dürften eurem e. 3 4 5 9 a velſn ſe ſaiten ſo daſ ſicht wieder zu Theil werden. Und es der ſchlummernden Kernen draußen aber im weiten am Virg— Alles im Werden, noch liegen ſie da, gemächlich ſchweigenden Feld wallte der Schnee vom grauen Himmel iſt noch es i 3 und die weißen Flocken rieſelten an's Fenſter, als möchten alle heißen b genl i äuend und noch ſtets bereit, neuen Stoff in ſich auf-. 9 Gusnn udenen Aur eRen ihres Fettes! So ein Ochſe hat's ſih e dnutaun en und theilnehmen an unſerem gemüth⸗ n Käpfe wahrlich beſſer, denn das Pferd, wird er untauglich zum. 1 che len-. Dienſte, ſo lebt er in Saus und Braus ein gemüthliches„Gute Nacht, gute Nacht,“ hieß es endlich auf vieles reis, hute Scllaraffenleben dank ſeiner ochſigen Unwiſſenheit, welche Drängen der ſorglichen Hausfrau, und nachdem ich meine vit hr ihn nicht ahnen läßt, daß jedes Pfund Nahrung, das er Vorleſung beendet und einen verſtohlenen Händedruck em⸗ dus e ſo begierig frißt, ein Bret mehr wird zu ſeinem Sarge! pfangen, ſtieg ich in Gottes Namen hinauf in's Gaſtzim⸗ iſchem Iſt's aber doch, als hätten einige der in langen Reihen mer des erſten Stockes. Wohl ſuchte ich mein Lager, aber 1 unehr Daſtehenden Ahnung davon! Unruhig, wild blicken ſie um- mit dem Schlummer ging's nicht ſo leicht, als ſonſt— folung de her und ſchütteln das langgehörnte Haupt, nur mit Wider⸗ einmal ſchauten mir die Schneefelder zu licht in's Gemach, villen nehmen ſie von der friſch aus der Branntweinbren⸗ dann wallte mir das Blut zum Kopfe, als hätte ich Cham⸗ Aber nicht 59. r N Aerger pagner getrunken; endlich mußte ick mich wirklich mit aller r,n Na⸗ nerei ihnen zuſtrömenden duftigen ahrung, zum Aerger pagner g; h mußte ich mit aller ichen No 4—. ihnen zuſin Béres(Ochſenknecht), welcher täglich die Mühe überzeugen, daß ich die kleine ſchöne Hand des lie⸗ „in jee abzählt auf ihrem Leibe und dem flune crudor ben Kindes nicht mehr in der meinigen hielte— kurz,'s „ atſch„teufliſches Vieh“) eine Tracht Stöße verab⸗ waren ein paar qualvolle Stunden, bis ich in Morpheus et ein reicht, dieweilen es ſich nicht bequemen will, gleich den Armen zu entſchlummern vermochte. Wehe den Verliebten! . hiim Anderen im gemüthlichen Halbdunkel ſich zu mäſten und Alexander Hutſchenreiter. nn ſin ſeinen Verwalter zu entzücken! 1 1 8 Ifbrdere 5 einer rd ür Feierſtunden. 1865. ———;::n— Chriſtine von Schweden. Von Wilhelm Müller. Die Audienz war vorüber. Zwei jüngere Männer, welche ſich für italieniſche Edelleute ausgaben und, wie ſie ſagten, zu ihrer Ausbildung Europa durchreisten, hatten ſich der Königin Chriſtine vorſtellen laſſen. Gefeſſelt von dem Ruhme, welchen ſie als Beſchützerin der Künſte und Wiſſenſchaften beſitze, ſeien ſie nach Schweden gekommen, um die Gelehrſamkeit auf dem Throne zu ſehen. Chriſtine Geiſt erfüllt erſchienen, daß ihnen ſelbſt ketzeriſche Gedan⸗ war artig genug, ſie ſofort zur Tafel zu ziehen, und man ken aufgeſtiegen ſeien, die ſie nur mit Gewalt hätten wie⸗ war eben im Begriff, ſich in den Speiſeſaal zu begeben. der niederdrücken können. Die zwei Italiener liefen unmittelbar vor der Königin, darauf hinaus, daß unter allen Religionen die ka Unſterblichkeit der Seele, und verſetzte ſie in Schrecken durch die Erklärung, daß es vielleicht das Räthlichſte ſein werde, wenn ſie äußerlich der Landesreligion folge und im Uebri⸗ gen ſich an die Geſetze der Vernunft halte. Die Jeſuiten erklärten nachher, daß ſie mehrmals in die größte Verlegen⸗ heit gekommen, daß ihnen die Königin wie vom göttlichen Ihre Haupt⸗Argumentation lief liſche und wenn dieſe die ſtraffe mönchiſche Disciplin, die aus die vernünftigſte ſei, daß die Grundſätze derſelben„über die ihrem ganzen Benehmen hervorſah, bedachte und die ſtramm Vernunft erhaben, aber keineswegs ihr entgegen ſeien.“ herabhängenden Arme der Fremden betrachtete, ſo war ſie Auch bei der Frage über die Anrufung der Heiligen, die keinen Augenblick im Zweifel, wen ſie eigentlich vor ſich Verehrung der Bilder und Reliquien ließ ſich Chriſtine habe. Sie hatte es mit ihren feinen weiblichen Fühlhör⸗ gläubig herbei, und ihre Informatoren verſicherten, daß nern gleich los, daß dies keine Edelleute, oder, wenn je,„Ihre Majeſtät mit eindringendem Geiſte die ganze Kraft daß ſie noch etwas ganz anderes ſeien. bedurfte die größte Vorſicht. verſtand das ſchwediſche Volk keinen Spaß. Aber die Sache der Gründe, die ſie ihr vorhielten, aufgefaßt habe; ſonſt Denn gerade in dieſer Sache hätten ſie lange Zeit gebraucht.“ So konnten die Herren Patres mit dem Erfolg ihrer Sie flüſterte daher den Italienern, welche ſo gravi⸗ Bemühungen vollſtändig zufrieden ſein. Etwas fehlte noch, tätiſch vor ihr hergingen, ganz leiſe zu, ob ſie vielleicht Briefe an ſie hätten. Dieſe, welche auf ſolch' geheimniß⸗ volle Proceduren auf's Trefflichſte eingeſchult waren, ver⸗ riethen ſich mit keinem Wort, mit keinem Blick, mit keiner Bewegung. Unbekümmert um Mit⸗ und Nachwelt, wie bei einer die Macht der Kirche entfaltenden Proceſſion, katholiſchen Kirche übertrete. und dies war für den Glanz des Katholicismus gerade die Hauptſache: daß ſie nicht blos von den Vorzügen deſſelben überzeugt ſei, ſondern auch öffentlich vor aller Welt zur Dies ging nicht ſo leicht; denn Chriſtine ſah ſich hier vor die Alternative geſtellt, marſchirten ſie weiter, ſahen weder rechts noch links, und nur unvermerkt, wie zufällig, nickte einer mit dem Kopfe. Hoch ſchlug das Herz Chriſtinens. Sie war an ihrem Rubikon angelangt.„Sprecht mit Niemand!“ flüſterte ſie, und ſetzte ſich in der aufgeregteſten Stimmung zu Tiſche. Von der ſprudelnden Unterhaltung, welche ſonſt von ihr geführt wurde, von einem mit Geiſt und Witz reich geſpick⸗ ten Sympoſion war diesmal wenig zu merken: unter gleich⸗ giltigen Fragen, unter raſchen, kurzen Antworten verlief die Mahlzeit, und die Geſellſchaft ging aus einander. Kaum war Chriſtine in ihrem Kabinet angelangt, ſo ließ ſie ihren vertrauteſten Diener, Johann Holm, zu ſich kommen, und befahl ihm, mit möglichſter Vorſicht zu den italieniſchen Edelleuten zu gehen. Dieſelben werden ihm Briefe an ſie g abgeben; er ſolle dieſe ſorgfältig verwahren, und ohne daß e bringen. Der gute Holm führte ſeinen Auftrag auf's Beſte ſJaus und legte nach einem halben Stündchen die erſehnten d Briefe in die Hand Chriſtinens. Raſch erbrach ſie dieſel⸗ röben und konnte nicht ohne einiges Schaudern die Sprache undes Jeſuitengenerals leſen. rgend Jemand eine Ahnung davon bekomme, ſie ihr über⸗ Sofort wurden die Italiener, mepelche ſich nun zu Mitgliedern des Ordens Jeſu entpuppt unatten, auf den andern Morgen beſtellt, wo Holm ſie ſo aherſtohlen wie eine Schmugglerwaare in das Kabinet der le dönigin zu geleiten hatte. entweder als Proteſtantin den ſchwediſchen Thron zu behal⸗ ten, oder als Katholikin von ihm herabzuſteigen. Es gab kein Drittes; das ſchwediſche Volk duldete, wie ſie recht wohl wußte, keinen andersgläubigen König, fügte ſich in den Konfeſſionswechſel der Fürſten nicht mit jener Geſchmei⸗ digkeit, welche im vorigen Jahrhundert die Bewohner eini⸗ ger kleiner Staaten Deutſchlands bewieſen haben. Dieſe Entſcheidung koſtete Chriſtine manche Kämpfe, und ſie ſagte endlich zu den Jeſuiten, die ihre Beſuche bei ihr fortſetzten, ſie halte das Unternehmen für unausführ⸗ bar, ganz von Herzen katholiſch könne ſie doch nicht wer⸗ den, und ſo werde wohl das Beſte ſein, wenn ſie wieder nach Hauſe zurückkehren. Wie erſchraken dieſe Menſchen⸗ fiſcher! Sie hatten doch eben die königliche Seele in ihrem Netze zappeln geſehen, und nun hatte ſie ſich wieder mit proteſtantiſcher Kraft emporgeſchnellt. Wie lag ihr ganzer Plan wieder zertrümmert da! Hatten ſie ja in begeiſterten Viſionen nicht nur die Königin, ſondern ganz Schweden wieder unter das ſanfte Joch des Krummſtabes ſich beugen ſehen. Und nun? Ganz andere Saiten mußten ſie auf⸗ ziehen: ſie ſtellten ſich in Poſitur, machten einen Front⸗ angriff und ſetzten ihr mit Gott, Ewigkeit, Fegfeuer, Teu⸗ fel ſo kräftig zu, daß ſie ihnen auf einmal ſagte:„Was würdet ihr ſprechen, wenn ich näher daran wäre, katholiſch zu werden, als ihr glaubt?“ Auf dies hin wurde es den le Die beiden Jeſuiten erſchienen und gedachten eine förm⸗ liche Katechiſation mit der Königin vorzunehmen, um ſie das Abendmahl alle Jahre einmal nach lutheriſchem Ge⸗ darbon ihrer Ketzerei zu heilen und ſie in den weiten Schoß u der„alleinſeligmachenden“ katholiſchen Kirche zurückzuführen. grenllein Chriſtine war weit entfernt, ſich von den nächſten ferul. Hl 9. cöir ‚mehr legte ſie ihnen Fragen vor, an die ſie ſelbſt noch ſcht vief gedacht hatten. Sie fragte die Patres nach dem ſden Ordensgeiſtlichen auf die Schulbank ſetzen zu laſſen, brauch zu nehmen. Patres wieder gemüthlicher, und ſie fanden die Temperatur des Kabinets höchſt angenehm. Zuletzt fragte die Königin noch, ob der Papſt ihr nicht die Erlaubniß geben lönne, Die Jeſuiten kamen in ein neues Ent⸗ ſetzen und verneinten es unter den höchſten Betheurungen. „Dann iſt keine Hülfe, ich muß die Krone aufgeben,“ ver⸗ ſetzte Chriſtine. So war es allerdings. Was ſie hier im Februar nterſchied von Gut und Böſe, nach den Beweifen für die 1652 ausgeſprochen hatte, ging raſch in Erfüllung. Die nreen durch ſin werde, in lübri⸗ die Irſulen dte Verlegen⸗ 'm gdöttlichen iſche Gedan⸗ hätten wie⸗ entation lief ie kacholiſche en„ihber die egen ſeien.“ heiligen, die ch Chriſtine der 9 C..,, 6; F derten, a von den Reichsſtänden einſtimmig als Königin und Erb⸗ unze Kraſt ube; ſonſt Efolg ihrer zfehlte noch, s gerade die gen deſſelben et Welt zur ht ſo leicht; tide geſtelt, on zu behal n. Es gab de ſie recht fügte ſich in e Geſchmt⸗ wohner eini⸗ den.. iche Kämpft, Beſuche bii unausführ⸗ nicht wer⸗ n ſie widder Mernſchen⸗ ele in ihrem wieder mit ihr ganzer tbegeiſterten Schweden zſich beugen ten fie auf — Front⸗ n us Hofprediger Johannes Urſchrift, ſprach franzöſiſch und italieniſch wie ihre Mut⸗ Feierſtun —————— Tochter Guſtav Adolfs, der zwanzig Jahre vorher im Kampfe für die proteſtantiſche Freiheit und gegen die Suprematie des Hauſes Habsburg bei Lützen den Helden⸗ tod gefunden hatte, ſtand eben im Begriff, in der Blüthe ihrer Jahre die glorreiche Krone ihres Vaters ſich ſelbſt vom Haupt zu nehmen und als reuige Sünderin ſich dem Papſt zu Füßen zu werfen. Nicht als ob dieſer Konfeſ⸗ ſionswechſel der einzige Grund zu ihrem Rücktritt vom politiſchen Schauplatz geweſen wäre; deren gab es ſicherlich noch mehrere; aber er gab jedenfalls den Ausſchlag. Da⸗ mit haben wir die Kehrſeite jenes lieblichen Bildes, als Guſtav Adolf im Mai 1630 vor ſeinem Abgang nach Deutſchland von den verſammelten Reichsſtänden in Stock⸗ holm Abſchied nahm, ſein dreijähriges Töchterchen Chriſtine an der Hand haltend. Todesahnungen durchzuckten ſeine Worte, und voll trüber Empfindungen ſtellte er ihnen das Kind als Erbin des Reiches vor, empfahl es ihrer Treue und umarmte es zum letztenmal. Nach des Vaters Tod wurde die ſechsjährige Chriſtine fürſtin Schwedens anerkannt.„Wer iſt dieſe Chriſtine?“ ſagte ein Bauer zu Anfang des Reichstags. Als man ſie ihm vorſtellte, betrachtete er ſie lange und ſagte:„Sie iſt es; es iſt Guſtav Adolfs Naſe, Auge und Stirne; ſie ſei unſere Königin!“ Bis zu ihrer Volljährigkeit wurde ein Vormundſchaftsrath, aus den fünf höchſten Kronbeamten beſtehend, gewählt, welcher zugleich die Reichsgeſchäfte be⸗ ſorgte. Der berühmte Kanzler Axel Oxenſtierna war die Seele des Ganzen: er entfaltete jene ſtaunenswerthe Thä⸗ tigkeit, welche wohl den Feldherrn, aber nicht den Staats⸗ niann Guſtav Adolf vermiſſen ließ. Chriſtinens Mutter, Marie Eleonore, eine Prinzeſſin von Brandenburg, bekam keinen Antheil an der Erziehung ihrer Tochter. Ueber den Tod ihres Gemahls war ſie in ſie für ihre Pflichten als Mutter kein helles Auge mehr behielt. Daher konnte auch Chriſtine den Augenblick kaum erwarten, wo ſie aus dieſer trauervollen Einſamkeit, die in den Gemächern ihrer Mutter herrſchte, in ihre Lehr⸗ ſtunden gehen konnte. Den größten Einfluß bei ihrer Er⸗ ziehung hatte Guſtav Adolfs Schweſter, die Pfalzgräfin Katharina von Zweibrücken, welche ſich mit den ihrigen in Schweden aufhielt. Sie wird uns zwar als eine achtungs— würdige Prinzeſſin geſchildert, ſcheint aber doch bei Chri⸗ ſtine, die bis zum Jahre 1639 ihr anvertraut war, es hauptſächlich darauf abgeſehen zu haben, daß ſie ihre Gunſt und Liebe gewinne. Sie wußte nichts Geſcheidteres zu thun, als ihren Sohn Karl Guſtav und die junge Königin zu einem Liebſchäftchen zu veranlaſſen und dieſer das ſchwär⸗ meriſche Verſprechen abzulocken, daß ſie ſpäter ihren Vetter heirathen werde. Karl Guſtav machte ſpäter Ernſt aus der Sache und berief ſich darauf, daß ſie in ihrer Kindheit ver⸗ lobt geweſen ſeien; Chriſtine nahm zwar alle Rückſicht auf ihn, wollte aber doch von dieſen Kindereien nichts mehr wiſſen. 1 Sie ſelbſt erzählt, ihr Vater habe befohlen, ihr eine männliche Erziehung zu geben. Er hatte ihr den Profeſſor Matthiä zum Lehrer beſtimmt, welcher von jener milden, verſöhnlichen Geſinnung war, die auch die verſchiedenſten Religionsbekenntniſſe zu einem harmoniſchen Hymnus vereinigen zu können hoffte. Mit einem guten Gedächtniß, mit klarer, raſcher Auffaſſung begabt machte ſie bald erſtaunliche Fortſchritte. In ihrem achtzehnten Jahre las ſie Thucydides und Polybius in der ——ò——ò;—;’O:::—— ſolche Trauer verſenkt, daß . 4 535 ———— den. 1865. ——— terſprache, redete lateiniſch und deutſch ziemlich korrekt. Sie ſtudirte Tacitus und Plato und zeigte dabei manchmal mehr Scharfſinn als Philologen von Profeſſion. Dabei erzählt ſie ſelbſt, daß ſie, nachdem ſie in ihren Sprach⸗ ſtudien einmal einen ſoliden Grund gelegt, die meiſten Sprachen eigentlich ohne Lehrer gelernt habe. Wie ſie hier weit über das einer Jungfrau geſteckte Ziel hinausging, ſo zeigte ſie auch in andern Dingen einen durchaus männlichen Geiſt. Der franzöſiſche Geſandte am ſchwediſchen Hof, Chaunt, entwirft folgende Schilderung von ihr:„Ihre Stimme iſt gewöhnlich mild wie die eines Mädchens, doch kann ſie ihr eine Stärke geben, die über ihr Geſchlecht iſt. Ihr Wuchs iſt unter dem Mittelmaß, was weniger auffiele, wenn ſie Frauenſchuhe trüge; allein um bequemer zu gehen und zu reiten, braucht ſie nur Schuhe ohne Abſätze wie die Männer. Sie iſt unermüd⸗ lich in ritterlichen Uebungen. Ich habe ſie zehn Stunden zu Pferd jagen geſehen. Kein Jäger in Schweden trifft ſicherer ſeinen Haſen im Lauf, kein Reiter tummelt beſſer ſein Pferd, und doch macht ſie kein Aufhebens davon. Ihre Tafel iſt höchſt einfach und ohne alle Leckereien. Sie ſpricht ſelten mit ihren Hofdamen. Wenn dieſe bei einer öffentlichen Aufwartung ſich einfinden, verläßt ſie dieſelben nach den erſten Höflichkeitsbezeugungen und wendet ſich zu den Männern. Sie iſt gütig gegen ihre Bedienung und freigebiger als ihre Mittel es erlauben. Sie ſcherzt gern. Es wäre vielleicht beſſer, daß ſie dem entſagte. Sie geizt mit ihrer Zeit und ſchläft nur fünf Stunden; des Som⸗ mers ſchläft ſie eine Stunde Nachmittags. Sie kümmert ſich wenig um ihre Toilette; in einer Viertelſtunde iſt ſie angekleidet, und mit Ausnahme großer Feierlichkeiten machen ein Kamm und ein Stück Band ihren ganzen Kopfputz aus. Gleichwohl ſtehen die nachläßig fallenden Haare ihrem An⸗ geſicht nicht übel, welches ſie übrigens weder vor der Sonne noch gegen Wind und Regen ſchützt. Keiner hat ſie mit einer Haube geſehen, und wenn ſie zu Pferde iſt, deckt blos ein Hut mit Federn ihr Haupt. Ohne Zweifel übertreibt ſie dieſe Nachläſſigkeit ihrer Perſon.(Schrieb doch der Beichtvater des ſpaniſchen Geſandten von ihr: ‚Sie kämmt ſich blos einmal in der Woche, und ich habe ſie mit gro⸗ bem, zerriſſenem Weißzeug, voll von Dintenflecken, ge⸗ ſehen.“) Allein nichts hat für ſie größeren Werth, als die brennende Liebe für Tugend und Ehre; nicht durch Erobe⸗ rungen, ſondern durch eigenes außerordentliches Verdienſt ſoll ihr Name leuchten. Ihren Ruhm will ſie ſich ſelbſt, nicht der Tapferkeit ihrer Unterthanen verdanken.“ Obgleich in dieſem Gemälde gar wenig Schattenſeiten zu bemerken ſind, ſo erkennt man doch leicht die Stellen, aus welchen, wie aus den Schluchten der Gebirge, leichte Nebel ſich bilden, um mit der Schwere eines Gewitters bald darauf niederzufallen. In ihrem vierzehnten Jahre — ſie war 1626 geboren— ſing ſie an, den Staats⸗ angelegenheiten einige Zeit zu widmen. Zwei Jahre dar⸗ auf wurde ſie von Oxenſtierna in die Sitzungen des Reichs⸗ raths eingeführt, und von da an wurde nichts mehr ent⸗ ſchieden, ohne daß man vorher ihre Anſicht eingeholt hätte. Am ſiebenten Dezember 1644, den Tag vor ihrem Geburts⸗ tag, hielt in Gegenwart eines Ausſchuſſes der Stände der Reichskanzler eine Rede an ſie, worin er ſie bat, nun, da ſie achtzehn Jahre alt ſei, die Regierung ſelbſt zu über⸗ nehmen. Darauf dankte ſie ihm und den übrigen Mit⸗ gliedern der Regentſchaft für die Treue und Umſicht, wo⸗ mit ſie in dieſen ſtürmiſchen Zeiten das Ruder des Staats geführt haben, und leiſtete den Eid als Königin von Schweden. . 5³⁶ Sie wollte nicht blos Königin heißen, ſondern es auch ſein, und dies war gerade damals eine ſchwierige Sache. Noch wüthete der dreißigjährige Krieg, und Schwe⸗ dens Söhne bluteten auf den Schlachtfeldern Deutſchlands; der ganze ſo großartig angelegte Krieg, die mächtige Stel⸗ lung, welche Schweden unter den Staaten Europas bean⸗ ſpruchte und damals noch einnahm, ſtand in keinem Ver⸗ hältniß zu den Kräften des Landes; im Innern herrſchte Mangel und bei dem Uebergewicht des Adels große Unzu⸗ friedenheit unter dem Bürger⸗ und Bauernſtand. Der Adel war frei von Abgaben, betrachtete alle hohen Aemter als ſeine Privatdomäne, drückte die gutshörigen Bauern mit den härteſten Frohnen und war nahe daran, den freien Bauernſtand in ein Helotenthum umzuwandeln. Statt die ungeheuren Summen, welche der Krieg verſchlang, durch gleichere Vertheilung der Abgaben aufzubringen, veräußerte man die Hauptquelle der Staatseinkünfte, die Krongüter, wobei die Beſtimmung war, daß ſie nur an Adelige ver⸗ kauft werden durften. Ebenſo war es mit den Kron⸗Ren⸗ ten, welche gleichfalls an den Adel veräußert wurden, wo⸗ durch die Bauern nicht mehr dem König, ſondern dem Adel ſteuerpflichtig, aus unmittelbaren Unterthanen zu mittel⸗ baren wurden. Dies erzeugte böſes Blut, und Unruhen konnten nicht ausbleiben. Die Kluft zwiſchen dem Adel und den übrigen Ständen dachte und machte man ſo groß, daß ein Adeliger, der eine Frau aus dem Bürger⸗ oder Bauernſtand nahm, eben dadurch ſeinen Adel verlor. Zwiſchen dieſen ſcharfen Gegenſätzen mit Glück zu manöveriren, ging faſt über die Kräfte einer achtzehnjähri⸗ gen Jungfrau. Sie nahm es freilich nicht immer ſo ge⸗ nau und verſchleuderte die Krongüter ohne Maß und Ziel. Doch war ſie nicht gemeint, die Macht des Adels zu heben, und ſagte ſogar einmal im Reichsrath:„Ich bemerke wohl, man wünſcht hier, daß Schweden ein Wahlreich oder eine Ariſtokratie werde.“ Um nach dem langen Interregnum die königliche Gewalt wieder feſt zu begründen, vermehrte ſie den Reichsrath durch ihr ergebene Männer, verlieh auch Leuten von geringerem Stande Staatsämter und machte gegen fünfhundert Bürgerliche zu Edelleuten. Auch hier wurde zuweilen ohne alle Rückſicht auf Verdienſt und Schick⸗ lichkeit verfahren. Denn unter den Geadelten befand ſich auch ihr Hofſchneider Jan Holm, welcher den prächtigen Namen Leijoucrona(Löwenkrone) annahm und Hofinten⸗ dant wurde. Am eiferſüchtigſten war ſie auf den Reichskanzler Oxenſtierna. Nicht als ob dieſer eine Partei hätte gegen ſie bilden, den Glanz ihrer Krone hätte verdunkeln wollen; aber gerade der Umſtand, daß er mit ſeiner ungemeinen Geſchäftsgewandtheit, mit ſeinen detaillirten Kenntniſſen in den einheimiſchen und auswärtigen Angelegenheiten für jeden ſchwediſchen Monarchen ein unentbehrlicher Rathgeber war, konnte ſie ihm nicht verzeihen. Hatte ſie ihm vor— her, ehe ſie die Regierung übernahm, eine faſt kindliche Verehrung bewieſen, ſo hätte ſie ihn von dieſem Zeitpunkt an gerne bei Seite geſchoben, um vor aller Welt zu zeigen, daß ſie keinen Premier⸗Miniſter brauche, daß Alles, was geſchehe, nur„in ihrem Kopf gewachſen“ ſei. Es ging ihr mit dem Kanzler, wie es in manchen Familien der Tochter des Hauſes geht, welche, ſo lange ſie nicht Herrin des Hauſes iſt, mit der alten Köchin, einer Art Familien⸗ ſtück, auf einem recht guten, faſt vertrauten Fuße ſteht. Wenn ſich aber die Tochter auf's Haus verheirathet und den Hauptſchlüſſel ſelbſt in die Hand nimmt, will ſich's K Feierſtunden. 1865. ————————OAx abgehen und ſoll nun bei jeder Kleinigkeit fragen; dir Junge will in ihrem Unverſtand Alles beſſer wiſſen und erklärt, jetzt müſſe es nach ihrem Kopf gehen. Ganz verderben freilich durfte Chriſtine es nicht mit ihm. Seine Vorzüge, ſeine Verdienſte, auch ſein Anhang waren zu groß. Und wie ruhig und nüchtern ſah er alle Verhältniſſe an, er, der von ſich ſagte, daß er beim Bett⸗ gehen alle ſeine Sorgen mit ſeinen Kleidern ablege und bis zum nächſten Morgen liegen laſſe, daß in ſeinem ganzen Leben nichts ihn am Schlafen gehindert habe außer den beiden Unglücksfällen, dem Tode Guſtav Adolfs und der Niederlage bei Nördlingen. So lange der Krieg dauerte, konnte ſie nicht daran denken, ohne ihn zu regieren. Eben deßwegen aber betrieb ſie den Abſchluß des weſtphäliſchen Friedens, während Oxenſtierna, um für Schweden größere Vortheile zu erringen, den Krieg noch hinausziehen wollte. Des Kanzlers Sohn war Geſandter bei dem Friedenskon⸗ greß zu Osnabrück, und um ein Gegengewicht zu haben, machte ſie den kenntnißreichen und gewandten Johann Sal⸗ vius, den Sohn eines Bürgers zu Strengnäs, zu ihrem zweiten Geſandten. Dazwiſchen hinein ſchmeichelte ſie wie⸗ der dem alten Normannen. Nach glücklicher Beendigung des däniſchen Krieges erhob ſie ihn im Jahre 1645 unter rühmender Werkennung ſeiner Verdienſte in den Grafen⸗ ſtand. Endlich aber brach das Gewitter los. Er konnte es nicht mit ruhigen. Blute anſehen, wie die Königin den ſchönen, jungen Grafen Magnus Gabriel de la Gardie, deſſen Vater aus Frankreich abſtammte und als ichs⸗ marſchall einer ihrer Vormünder war, zu ihrem Günſtling machte und mit Ehren und Reichthümen häufte. Nach einem heftigen Wortwechſel erbat er der Königin die Erlaubniß, auf ſeine Güter zu geh erhielt ſie. Es macht einen eigenthümlichen Eindri, Mann, welcher nebſt Richelieu eine Zeit lang die Fäden der europäiſchen Angelegenheiten in ſeiner Hand gehalten hatte, plötzlich den Staatsmann ſo gänzlich wie ſeine Sor⸗ gen ablegen und nur mit der Landwirthſchaft beſchäftigt zu ſehen. Wenn er an ſeinen Sohn ſchreibt:„Bei uns auf dem Lande ſteht Alles gut und ein herrliches Fruchtjahr vor Augen; Gott ſegne! Ich reiſe nach zwei Tagen nach ſelbſt habe ich heuer eine Schar Dalburſche gehabt, die be⸗ reits ein großes Stück gereutet haben, ſo daß ich hoffe, Fiholm mit Platz und Wieſen verſehen zu haben,“ wer erkennt noch den Mann, der nach dem Tage von Lützen die Leitung des großen Krieges übernahm? wer erinnert ſich nicht des Römers Cincinnatus? Allein die Günſtlinge wechſeln bekanntlich bei den Kö⸗ niginnen, und ſo übernahm Oxenſtierna im Jahre 1653, als Gardie in Ungnade gefallen war, wieder die Regie⸗ rungsgeſchäfte. Es war dies die Zeit, wo Chriſtine den⸗ ſelben bereits nicht mehr ſo eifrig oblag und jeden Augen⸗ blick daran war, die Welt mit ihrem Entſchluß zu über⸗ raſchen. Zu Anfang ihrer Regierung war es anders. Mit unermüdlichem Eifer nahm ſie an den Rathsſitzungen Theil und ſuchte ſich durch Anhörung der verſchiedenen Meinun⸗ gen und Durchleſung der Akten bei jedem einzelnen San ein ſelbſtſtändiges Urtheil zu bilden. Selbſt wenn ſu Ader gelaſſen hatte oder einiges Fieber in ihrem jungfrau⸗ lichen Blute ſpürte, verſäumte ſie nicht die Sitzung, auf welche ſie ſich durch Studium der Akten und durch Nach⸗ denken wohl präparirt hatte, legte, ohne ihre eigene An⸗ nimmer recht thun. Die Alte will nicht von ihrem Syſtem Meinung äußern und ſprach zuletzt die ihrige mit einer Fiholm, das Haus und meine Neuroden zu beſehen. Da⸗ — Sie konn tig Ma eine lebh af ceer Rut ſehe rop. mer De und kam ſch übe übe die den ent ſie und übe ſch in ſicht zu verrathen, die Frage vor, ließ alle Mitglieder ihre —2 t fragen; er 5*. wiſſen un en. es nich mi ſein Anhau Rſſah er al tr beim Bet. dülage und bi ſeinem ganzen öe auſtr de dolfs und der Krieg daurt gieren. Eben weſtphäliſchen weden größere giehen wollt Friedenskon⸗ ht zu haben, Johann Sal⸗ z, zu ihrem helte ſie wie⸗ Beendigung 1645 unter den Grafen⸗ .. Er konnte Königin der e la(Gardie, als ieng⸗ ihrem hümen ter gel eindrla, g die Füden und gehalten ij ſeine Sor⸗ beſchäftigt zu Bü uns auf s Fruchtlihr Tagen lach ſehen. Da⸗ ſabt, die be⸗ F ih pft aben,“ wer von Lüten wer erinnert bei den K⸗ Jahre 1653, Pie Ragi⸗ griſtine den⸗ eden Au uß zu übel⸗ nhis Mit zungen Theil en Meinun⸗ Feierſtunden. 1865. ——ͤ—ℳℳ——:õ——-—eo——— ——ꝛ——— Sicherheit aus, der die alten Senatoren ſelten widerſtehen konnten.„Es iſt unglaublich,“ ſagt Chaunt,„wie mäch⸗ tig ſie in ihrem Rath iſt; denn ſie verbindet mit ihrer Macht als Königin Anmuth und Ueberredungskunſt.“ So ſehr auch das Bewußtſein der Selbſtregierung ſie eine Zeit lang befriedigte, ſo konnte doch auch dies ihrem lebhaften Geiſt auf die Länge nicht genügen. Künſte und Wiſſenſchaften waren es, was ſie feſſelte, und wie ſo man⸗ cher Monarch neuerer Zeit, ſo ſtrebte auch ſie nach dem Ruhme, in ihrer Hauptſtadt ein zweites Athen erſtehen zu ſehen. Sie ſetzte ſich mit den vorzüglichſten Gelehrten Eu⸗ ropas in Verbindung, lud ſie ein, nach Stockholm zu kom⸗ men oder ihr doch Nachrichten von ihren Werken zu geben. Deutſche Philologen und Hiſtoriker, franzöſiſche Philoſophen und Mediziner, holländiſche und italieniſche Notabilitäten kamen mit ihren gelehrten Guckkäſten herbei, gaben am ſchwediſchen Hofe über wiſſenswerthe und gleichgiltige Dinge, über ſonnenklare und myſteriöſe Gegenſtände Vorſtellungen, überboten ſich in lateiniſchen Lobreden und Gedichten auf die Königin, dedicirten ihr ein Buch um das andere, wur⸗ den belohnt und gefüttert, gelobt und verhöhnt und zuletzt entlaſſen. Ging es doch über die witzigſte Komödie, als ſie ig Anweſenheit ihres Hofes dem Philologen Meibom und dem franzöſiſchen Arzt Naude, von denen der Eine über die W ak, der Andere über den Tanz der Alten ge⸗ ſchrieben„befahl, daß ſie nun ihre gelehrten Theorien ins überſetzen und in antiker Weiſe ſingen und , was ſie denn auch unter dem ſchallenden r Hofleute ſeltſam genug ausführten. Selbſt tn Philoſoph Carteſius ließ ſich zu einem Be⸗ und kam zwei Monate lang jeden Tag Mor⸗ r in der Bibliothek der Königin mit ihr zu⸗ Wie eine Biene flog ſie von einem zum andern, entlehnte von jedem, was ſie brauchen konnte, und legte ihre eigenen Ideen dar. Die gelehrten Herren waren ganz er⸗ ſtaunt, dieſe Fülle von Kenntniſſen, dieſe leichte Auffaſſung, dieſen Scharfſinn in der Beurtheilung in ihr zu finden. Ganz verwundert ſchreibt der antike Tanzmeiſter Naude: „Ihr Geiſt iſt höchſt außerordentlich, ſie hat Alles geſehen, Alles geleſen, ſie weiß Alles.“ Aber die Sache hatte auch ihre Kehrſeite. Dadurch, daß ſich Chriſtine zur Wunderblume von Europa machen wollte, entfremdete ſie ſich ihrem Geburtslande immer mehr, verachtete die niedrige Bildung ihrer Unterthanen und ließ ihren Blick in die weite Ferne ſchweifen. Der Schwede haßte einen Hof, welcher ſich vom Lande ernähren ließ und doch täglich über ſeine Ernährer die Naſe rümpfte, welcher an fremde Stubengelehrte, Schmarotzer und Abenteurer große Summen verſchwendete und ſich dabei der Schmach ausſetzte, daß aus Mangel an Geld zweimal die Hofküche geſchloſſen werden mußte. Und fand ſie denn ſelbſt in die⸗ ſer Schmetterlings⸗Exiſtenz dauernde Befriedigung? Sehen wir nicht, wie ſie nach wenigen Jahren den größten Theil der Gelehrten wieder entließ und auf den Rath ihres fran⸗ zöſiſchen Arztes Bourdelot eine fröhlichere Lebensweiſe an⸗ ahm und den Genüſſen der Welt nachging? Mythologiſche ifführungen, voll unwürdiger Schmeicheleien, Bälle, —heater lösten nun einander ab, aus Italien kam ein gan⸗ zer Schub von Sängern und Komödianten, und eine Günſt⸗ lingswirthſchaft blühte, wie je an einem Frauenhofe. b Kaum war Gabriel de la Gardie in Ungnade gefallen, ſo Don Antonio Pimentelli, der der mit ſeinen liebenswürdigen faſt unzertrennlich von ihr war der ſpaniſche Geſandte, offizielle Anbeter der Königin, Manieren ſie ſo einnahm, daß er Feierſtunden. 1865. —— 5³⁷ ———— war, in ihrem Palaſt wohnte und dort manchmal bis drei und vier Uhr nach Mitternacht ſich mit ihr unterhielt. Von was? iſt nicht bekannt geworden; es iſt aber ſchwer⸗ lich anzunehmen, daß ſie mit einander die Pſalmen in Muſik geſetzt haben. So ging einſt Chriſtine unter dem Namen Amaranthe nach einer neu angelegten Schäferei und brachte dort in der Geſellſchaft Pimentelli's mehrere Wochen zu. Bald darauf ſtiftete ſie für fünfzehn Perſonen beiderlei Ge⸗ ſchlechts den Amaranthen⸗Orden und machte Pimentelli zum erſten Ritter deſſelben. Nach den Statuten, die jeder be⸗ ſchwören mußte, verpflichteten ſich die ledigen Mitglieder, ledig zu bleiben, die verheiratheten, nach dem Tode ihrer Frauen nicht mehr zu heirathen. Mit glänzenden Ordens⸗ zeichen ſtolzirten dieſe Prieſter und Prieſterinnen des Cöli⸗ bats einher und erfüllten ihr Gelübde um ſo gewiſſenhaf⸗ ter, je weniger ſie ſich um die Gebote der Sittlichkeit küm⸗ merten. Neben Pimentelli fand Chriſtine den Grafen Tott, der als 23jähriger Jüngling ſchön wie ein Apollo von ſei⸗ nen Reiſen zurückkehrte, ſo reizend und intereſſant, daß ſie faſt nicht ohne ihn leben zu können meinte, und ihn ohne Oxenſtierna’s Einſprache zum Herzog erhoben hätte. Von anderen vorübergehenden Leidenſchaften gar nicht zu reden. Wie in ihren Studien, in den Staatsgeſchäften, ſo zeigt ſie ſich auch in der Liebe. Raſch, ohne zu überlegen, ohne nach den Folgen zu fragen, hängt ſie ſich an einen neuen Gegenſtand, der ſeinen blendenden Glanz in ihren Geſichtskreis wirft, hängt ſich an ihn mit fieberhafter Un⸗ geduld, zeigt in ſeiner Ausnutzung einen unauslöſchlichen Durſt und wirft ihn, einer neuen Metamorphoſe entgegen gehend, wie eine ausgedrückte Citrone weg. Nirgends Ruhe, nirgends Beſonnenheit, nirgends etwas Feſtes, überall eitle Selbſtberäucherung, planloſes Herumtaſten und zuletzt die pure Blaſirtheit. Sie hätte dieſen Klippen entgehen können, wenn ſie den Wünſchen des Landes nachgegeben und ſich bei Zeiten vermählt hätte. Gleich bei ihrem Regierungs⸗ antritt legte der Reichsrath ihr dieſe Bitte vor. An Be⸗ werbern fehlte es nicht, und ihr Vetter, der Pfalzgraf von Zweibrücken, wartete ja ſeit ſeiner Kindheit darauf, daß ſie den Amaranthen⸗Orden mit einem anſtändigen Häub⸗ chen vertauſche und ſich von ihm durch's Leben geleiten laſſe. Er war der Neffe Guſtav Adolfs, in Schweden geboren, in der Religion, den Sitten und Geſetzen des Landes auf⸗ erzogen, kannte ſeine Sprache, war überall geliebt und geachtet, hatte ſich unter dem kriegstüchtigen Torſtensſon in den letzten Jahren des dreißigjährigen Krieges rühmlich ausgezeichnet und eignete ſich daher nach der faſt einſtimmi⸗ gen Anſicht des Landes mehr als jeder andere zum Gemahl der Königin. Als er endlich im Jahre 1648 eine beſtimmte Antwort von ihr begehrte, ſagte ſie ihm in Gegenwart ihres lieben Grafen Gardie und des zum Biſchof avancirten Dr. Johannes Matthiä, daß ſie, wenn ſie je heirathe, keinem anderen Manne als ihm ihre Hand gebe, daß ſie aber, falls ſie ſich zur Heirath nicht entſchließen könne, ſich be⸗ mühen werde, ihn zu ihrem Nachfolger erklären zu laſſen. Schmachtend, wie wenn„Werthers Leiden“ ſchon geſchrie⸗ ben geweſen wären, erwiederte er ihr, daß er ohne ſie nichts vom Throne wolle, daß er, wenn ſie ihn nicht heirathe, lieber mit einem Stück Brod ſich begnügen und Schweden nie mehr ſehen wolle, worauf ſie ihm entgegnete, das ſei ein übertriebenes Weſen und ein Kapitel aus einem Roman. Wie gleichen ſich doch dieſe beiden Königinnen, die engliſche Eliſabeth und Chriſtine von Schweden in ſo man⸗ chen Beziehungen! Beide haben ausgezeichnete Verſtandes⸗ kräfte, einen ſtarken, männlichen Willen, den Wunſch, über 68 Feierſtu —; ihr Land großen hiſtoriſchen Ruhm zu verbreiten, den Stolz, als jungfräuliche Königinnen zu leben und zu ſterben, und ſetzen auch trotz des heftigſten Andrängens der fürſtlichen Bewerber und des Landes ihren Willen durch, obgleich beide keineswegs für die Liebenswürdigkeit der Männer unempfäng⸗ lich ſind und hiefür auch vollgiltige Beweiſe ablegen. Aber damit hört auch die Vergleichung auf; denn Eliſabeth war keine ſchöngeiſtige Phantaſtin, ſondern eine dem Realen zugewandte Perſon und hing an ihrem Throne wie der drei⸗ jährige Knabe an ſeinem Wiegenpferd. Das ungebundene Leben, welches ſie führte, wollte Chriſtine um keinen Preis aufgeben, nie einem Manne ein dauerndes Recht auf ihre Perſon geben, jeder Zeit die Macht haben, ihren Geliebten nach Belieben zu prüfen oder zu entlaſſen. Lieber wolle ſie ſterben, als ſich vermählen, er⸗ klärte ſie zuletzt geradezu. Sie äußert ſich in den Denk⸗ ſprüchen, welche ſpäter von ihr veröffentlicht wurden, ſon⸗ derbar genug über die Ehe:„Die Mannsperſonen heirathen, weil ſie nicht wiſſen, was ſie thun, die Frauenzimmer, um unter eines Mannes Schutz in Freiheit zu kommen,“„die Nonnen und die Eheweiber ſind auf verſchiedene Art un⸗ glücklich,“„zum Heirathen gehört mehr Herz als zum Krieg,“„man muß die Herzhaftigkeit derer bewundern, die zur Ehe ſchreiten.“ Wenn ſie dagegen auch ſagt:„Das Herz iſt zur Liebe gemacht, es muß alſo lieben,“ ſo wird man dies jeder Jungfrau glauben, und wenn ſie hinzuſetzt: „ſo wie wir ſelbſt beſchaffen ſind, ſo iſt auch unſere Liebe beſchaffen,“ ſo hat ſie dieſen Satz durch ihr ganzes Leben gehörig bewieſen. Im Jahre 1649 erneuerten die Stände ihre Bitte, daß ſie ſich einen Gemahl erwählen möchte, und deuteten mit klaren Worten auf ihren Vetter Karl Guſtav hin. Ihre Antwort war der Vorſchlag, daß ſie dieſen Prinzen zu ihrem Thronfolger erklären ſollten. Es gab einen heftigen Wort⸗ wechſel: die Stände drangen auf die Heirath, Chriſtine lehnte dies entſchieden ab und verlangte im Intereſſe der Sicherheit des Reiches die Wahl eines Nachfolgers. Wenn jene ihr vorwarfen, daß ſie durch ihren Eigenſinn die Ruhe des Landes auf's Spiel ſetze, und merken ließen, daß ihrem Entſchluſſe irgend eine geheime Abſicht zu Grunde liege, ſo erwiederte ſie ihnen, daß ja gerade durch ihren Vorſchlag für die Dauer der Monarchie und die Beruhigung des Staates geſorgt werde, daß ſie die auf eine ariſtokratiſche Republik abzielenden Plane des hohen Adels recht wohl kenne, und ſchloß mit den Worten:„Erklärt Karl Guſtav ſogleich zu meinem Nachfolger! Sterbe ich, ohne daß es geſchehen, ſo wette ich meine beiden Ohren, daß er niemals auf den Thron kommt!“ Den Einwand Torſtenſon's, daß der Prinz, wenn er nicht ihre Hand bekomme, ſich wohl niemals ver⸗ mählen werde und eben deßwegen zum Thronfolger weniger tauge, widerlegte ſie— und die nächſten Jahre gaben ihr hierin Recht— mit den Worten:„Hat keine Gefahr, die Liebe brennt nicht nothwendig für eine Einzige; eine Krone iſt ein ſchönes Mädchen.“ Die Männer, welche am Ruder des Staates ergraut waren, oder als Feldherren Europa in Angſt und Zittern verſetzt hatten, vermochten der 23 jäh⸗ rigen Chriſtine nicht zu imponiren, auch kein noch ſo lei⸗ ſes Abweichen von der vorgeſteckten Linie abzuringen, ſahen ſich vielmehr ſelbſt von ihr angeklagt und ſchwiegen lieber. So ſehr der Adel Karl Guſtav als Gemahl der Königin ſehen wollte, ſo wenig wollte er ihn nach dem Tode oder der Abdankung Chriſtinens als König. Denn ſie fürch⸗ teten, daß er die Mißbräuche, welche ſich mit Guſtav Adolfs nden. 1865. — geſprochenen Berlangen der drei unteren Stände, der Geiſt⸗ lichkeit, Bürger und Bauern, welche auf Rückgabe der ge— ſetzlich unveräußerlichen Krongüter an den Fiskus drangen, willfahren und dem Widerſtand des habſüchtigen und herrſch⸗ ſüchtigen Adels mit einer militäriſchen Diktatur begegnen werde. Doch mußten ſie dem Anſehen der Königin, noch von dem Ruhme und der Verehrung etwas zu genießen hatte, welche ihres Vaters weichen und den Pfalzgrafen zum Thronfolger erklären. Nur mit Widerſtreben unterſchrieb Oxenſtierna, welchem die Königin die Schrift in's Haus geſchickt hatte, dieſen Beſchluß. Er war ſicherlich überzeugt, daß Chriſtine nur deßwegen die Wahl ihres Thronfolgers betreibe, um bei der nächſten Gelegenheit ſelbſt vom Throne zu ſteigen. Und wenn ihm auch weder ihr Privatleben noch ihre Regierungsgrundſätze immer gefielen, ſo war er doch zu ſehr mit der militäriſch⸗politiſchen Stellung Guſtav Adolfs verwachſen, als daß er nicht die Pietät gegen dieſen auch auf jene übergetragen hätte, wie er dann auch, als er kurz nach ihrer Abdankung dem Tode nahe war, noch in den letzten Augenblicken ausrief:„Sie iſt doch des großen Guſtav Tochter!“ Und ſo ſagte er, als ihm der Hofkanz⸗ ler Tungel den Thronfolge⸗Beſchluß zur Unterſchrift brachte: „Ich bekenne ernſtlich, daß, wenn mein Grab mir zu die⸗ ſer Stunde offen und es in meiner Willkür ſtände, mich in's Grab zu legen oder das Inſtrument über die Thron⸗ folge zu unterzeichnen, ſo hole mich der Teufel, wenn ich nicht lieber mich in's Grab legte als es unterſchriebe.“ Nachdem Karl Guſtav zum Nachfolger deſignirt war, hatte übrigens Chriſtine durchaus nicht im Sinn, von ihren königlichen Rechten und Funktionen auch nur das Geringſte ihm abzutreten. Vielmehr hielt ſie ihn, der an ihrem Hof gar wenig Geſchmack fand, fern von jeder Theilnahme an den Reichsgeſchäften, und zeigte ſich im Oktober 1650, wo ſie ſich, obgleich zur Abdankung ſchon entſchloſſen, mit un⸗ gewöhnlicher Pracht zu Stockholm krönen ließ, in dem vol⸗ len Glanz ihrer irdiſchen Herrlichkeit, mit Krone und Pur⸗ purkleid geſchmückt, die Großen des Reichs um ſich ver⸗ ſammelt, die Reichsſtände zu ihren Füßen, Gelage und ſon⸗ ſtige Feſtlichkeiten an allen Enden und Ecken. Gerade ein Jahr nachher, im Oktober 1651, theilte ſie dem Reichs⸗ rath ihre Abſicht mit, die Krone niederzulegen, und nur den eindringlichen Vorſtellungen des alten Reichskanzlers Oxenſtierna gelang es, ſie von ihrem Entſchluſſe abzubrin⸗ gen. Wie lange mochte es aber anſtehen, bis dieſe Zurück⸗ nahme ſelbſt wieder zurückgenommen wurde! Die finanziel⸗ len Verlegenheiten wuchſen allerdings der immer in idealen Sphären ſchwebenden Königin nach und nach über den Kopf. Und wenn auch Oxenſtierna ihr ſagte, ſie ſolle ſich durch dieſelben nicht beſtimmen laſſen, man werde ſchon dafür ſorgen, daß der Glanz der Krone nicht leide, ſo war es doch Jedermann klar, daß die bisherige Wirthſchaft nicht lange mehr fortgeführt werden könne. Während ſie mit vollen Händen austheilte, ihrem geliebten Grafen Gabriel hunderttauſend Thaler franzöſiſche Subſidiengelder ſchenkte, um als ihr Geſandter in Paris„den Flotten ſpielen“ zu können, und mit Krongütern ihn ſo reichlich beſchenkte, daß er ein jährliches Einkommen von achtzigtauſend Thalern hatte, ſiechte ihre eigene Kaſſe an galoppirender Schwind⸗ ſucht. Um ſich vor einem förmlichen Bankerott zu retten, mußte ſie zu ſehr unköniglichen Mitteln greifen. Das Sil⸗ bergeſchirr wurde verſetzt, von ihrem Statthalter in Pom⸗ mern nahm ſie ein Geſchenk von 50,000 Thalern an, Tod eingeſchlichen hatten, aufheben und dem wiederholt aus⸗ ihrem Geſandten Salvius war ſie 146,000 Thaler ſchuldig, — nde, der Gei ickgabe 84 skus drange, n und herrſt atur begegne onigin, welch ihres Vaterg falzgrafen zun e unterſchies rift in's Hau rlich rdin „ Thronfolget ſt vom Thron r Privatleben i, ſo war el ellung Guſtar gegen dieſen un auch, als ſe war, noch ih des großen der Hofkan⸗ ſchrift brachte: mir zu die ſtände, mich er die Thron⸗ fel, wenn ich rſchriebe.“ deſignirt war⸗ i,, von ihrn das Geringſt n ihrem Hof heilnahme an er 1650, wo ſen, mit un⸗ in dem vol⸗ ene und Pur⸗ um ſich vir— age und ſol— Gerade ein dem Reih⸗ 1, und nul eichkanzlers ſe ajubri⸗ dieſe Zuric⸗ die finanzi⸗ er in idealen ger den Kopf Feierſtunden. 1865. und dazu entlehnte ſie nach ſeinem Tode bei ſeiner Wittwe noch 50,000, die niemals bezahlt wurden. Ihre Diener⸗ ſchaft war freilich auch zu einer ganzen Legion von Köpfen angewachſen, und die jungfräuliche Königin unterhielt nicht blos zwei Barbiere und fünf Doktores, ſondern auch eine Menge von deutſchen, franzöſiſchen und italieniſchen Muſi⸗ kanten. Sie lebte in den Tag hinein wie ein Gaſthof⸗ beſitzer, deſſen beſter Kunde er ſelbſt iſt, und der, wenn alle Mittel verſiegt ſind, ſeinen Wirthsſchild einzieht und ſich unſichtbar macht. Es gab eine Partei im Lande, welche ihr den Ent⸗ ſchluß zur Abdankung ſehr erleichtern wollte. Kaum hatte ſie denſelben zurückgenommen, ſo erſchien eine anonyme Schrift, in welcher die Königin, ihre früheren Vormünder, ihr Günſtling Gabriel de la Gardie auf's Heftigſte ange⸗ griffen und der Erbprinz Karl Guſtav aufgefordert wurde, ſich der Regierung zu bemächtigen, wobei er auf den jün⸗ geren Adel und die Unterſtützung der nichtadeligen Stände zählen könne. Aber der Letztere war klug genug, ſein legi⸗ times Recht nicht in ein revolutionäres umzuwandeln und ſich Chriſtine gegenüber nicht als einen ungeduldigen Seelen⸗ wärter zu gebärden. Der Verfaſſer, Meſſenius, wurde entdeckt und mußte ſeine unvorſichtige und zu ſpitzige Schreib⸗ art nebſt ſeinem Vater mit dem Blute büßen. In Schrecken kam durch dieſen offenen Mahner, daß in dem Staate Schweden etwas faul ſei, Chriſtine nicht, denn ſie beſaß außerordentlichen Muth; aber die Ausſicht für die Zukunft hatte doch um ſo weniger Verlockendes für ſie, je mehr ſich dieſe ihr enthüllte. War es doch ſo weit gekommen, daß die drei nichtadeligen Stände der Königin einen förm⸗ lichen Proteſt gegen den Adel, welcher die Krongüter nicht heraus Zeben wollte, überreichten, daß überall die größte Unruhe herrſchte, die Reichen ihre Koſtbarkeiten in Sicher⸗ heit brachten und an Flucht dachten, Oxenſtierna mit dem fataliſtiſchen Glauben in ſeiner Kammer ſaß, als ob, wann die Thür ſich öffne, Einer hereinkomme, um ihn umzu⸗ bringen, und daß ein Bauer, welcher zugleich Reichstags⸗ deputirter war, offen bei einem Gelage erklärte, die Bauern wollen alle Adelige todtſchlagen. Chriſtine hielt es mit der unterdrückten Partei und ſagte zu einem ihrer Wortführer das bezeichnende Wort:„Jetzt oder niemals!“ Aber wenn ſie dem übermächtigen Adel den Fehdehandſchuh hinwarf, ſo durfte ſie ſicher ſein, daß dieſer ihn aufhob und weit eher über die Trümmer ihres Thrones hinſchritt, als ſich den Forderungen einer neuen Zeit fügte. Chriſtine war zwar eine männlich geſinnte Jungfran, aber ein Mann war ſie doch nicht, und die ſchwediſchen Verhältniſſe bedurf⸗ ten damals die volle Kraft und Einſicht eines militäriſch auftretenden Fürſten. Dies geſtand ſie ſpäter ſelbſt zu, wenn ſie in ihren Denkſprüchen den Satz aufſtellte:„Das ſchöne Geſchlecht iſt einer guten Regierung ſehr hinderlich. Das ſaliſche Geſetz, welches die Weiber vom Throne aus⸗ ſchließt, iſt gerecht.“ Und wenn ſie hinzuſetzt,„wenn gleich vordem einige Königinnen geweſen ſind, welche löblich re⸗ giert haben, wie Semiramis, Nitokris, Zenobia, ſo ſind doch dieſe Beiſpiele ſo ſelten, daß man ſich von dieſen Wundern gar keine Rechnung auf andere machen darf,“ ſo hätte ſie beſſer daran gethan, ihre Beiſpiele, ſtatt bei mythologiſchen Figuren zu ſuchen und dabei ihre Gelehr⸗ ſamkeit zu zeigen, mehr aus der nächſten Nähe herzuholen, wozu England und Schottland ihr einiges Material hätte geben können. 539 bemerkt wurde, noch die religiöſe Frage. Ein Geiſt wie der ihrige konnte ſich mit dem ſtarren Lutherthum, wie es ſich in Schweden eingebürgert hatte, nicht befreunden. Die langen Predigten, zu deren Anhörung ſie verurtheilt war, waren ihr eine Qual; aber wenn ſie auch auf jede mög⸗ liche Art den Wunſch der Abkürzung zu verſtehen gab, mit ihrem Stuhle hin und her rückte, mit ihrem Hündchen ſpielte, ſo machte doch der eifrige Redner unbarmherzig fort, ja fühlte ſich verpflichtet, auch noch dieſe Ungeduld ſeiner Zuhörerin in den Kreis ſeiner Polemik zu verflechten. Da⸗ gegen zog ſie Alles, was ſie von der katholiſchen Religion hörte, ungemein an. Es war ja wieder etwas Neues, etwas Fremdes, äußerlich Blendendes, wie hätte alſo Chri⸗ ſtine dem widerſtehen können! Nicht als ob ſie für ihr glau⸗ bensbedürftiges Herz hier ein ſtilles Aſyl hätte ſuchen wol⸗ len, ſie huldigte vielmehr bei ihrer philoſophiſchen Viel⸗ wiſſerei einem hochmüthigen Indifferentismus, wie er an ihrem Hofe beſonders ſeit der Zeit zur Mode kam, wo der katholiſche, aber indifferente Arzt Bourdelot, der ſie aus Vertrauen beſaß. Aber es gibt bekanntlich viele Beiſpiele, daß religiöſer Indifferentismus, zumal im Bund mit Ueber⸗ ſättigung an den weltlichen Genüſſen, mit ſtagnirender Blaſirtheit, die ſicherſten Vorboten des Apoſtatenlebens ſind. Schon im neunten Jahre rief ſie, als man ihr ſagte, daß die katholiſche Religion an den eheloſen Stand als ein Verdienſt anſtehe, freudig aus:„Ah, wie ſchön iſt dies! Dieſe Religion will ich annehmen.“ Je ſtrenger man die⸗ ſem entgegenarbeitete, deſto mehr hielt ſie es feſt.„Wenn man katholiſch iſt,“ ſagte ſie,„ſo hat man den Troſt, zu glauben, was ſo viele edle Geiſter ſechzehn Jahrhunderte lang geglaubt, einer Religion anzugehören, welche durch Millionen Wunder, Millionen Märtyrer beſtätigt iſt, die endlich ſo viele wunderbare Jungfrauen hervorgebracht hat, welche die Schwachheiten ihres Geſchlechts überwunden und ſich Gott geopfert haben.“ Das war es alſo: dieſe tau⸗ ſendjährige Pyramide, deſſen Grundlage Millionen Mär⸗ tyrer, deſſen Spitze der untrügliche Papſt iſt, imponirte ihr, wie man an einem alten großartigen Palaſt verwun⸗ dert aufſieht, und da ſie denſelben von ſchönen Jungfrauen bewohnt ſah, welche dort eben ſo ſehr Verehrung genoſſen als zollten, ſo miethete ſie ſich gleich auch ein paar Stübchen. Außer Bourdelot waren es noch zwei Perſonen, welche um ihre Neigung zum Katholicismus wußten und ſie darin beſtärkten. Der Eine war der Jeſuit Antonio Macedo, Beichtvater und Dolmetſcher des portugieſiſchen Geſandten Pernira. Wann letzterer bei ihr in der Audienz war, war ſie Schalk genug, mit ſeinem Dolmetſcher ein religiöſes Geſpräch anzufangen und ihn dadurch zu nöthigen, ſeinem Herrn über das, was die Königin ſagte, ganz falſche An⸗ gaben zu machen. Eben dieſer Macedo war es, den ſie nach Rom zum Jeſuitengeneral ſchickte, um ihm ihre Ab⸗ ſicht mitzutheilen und ihn zu erſuchen, ihr ein paar ver⸗ traute Mitglieder ſeines Ordens zu ſenden. Da man ſein plötzliches Verſchwinden nicht erklären konnte und irgend ein Unglück vermuthete, ſo that Chriſtine, als ob ſie ihn eifrig aufſuchen laſſe, ſuchte aber in Wahrheit ſeine Spur zu verwiſchen. Die andere Perſon war der ſchon angeführte ſpaniſche Geſandte Pimentelli, einer ihrer Günſtlinge, der ſie Tag und Nacht nicht verließ. Auf ſeinen Antrag lud ſie der König von Spanien ein, ihren Aufenthalt in ſei⸗ nem Lande zu nehmen. Und doch ſchrieb ſie im Jahre Zu den finanziellen Mißſtänden der Gegenwart und zu der revolutionären Zukunft kam nun, wie am Eingang 1652, als eben jene beiden Jeſuiten an ihrer Bekehrung 68* einer gefährlichen Krankheit errettet haben ſoll, ihr ganzes Feierſtu arbeiteten, einen Brief an den Landgrafen Friedrich von Heſſen, um ihn vom Uebertritt zur römiſch⸗katholiſchen Kirche abzuhalten.„Kann es Ihnen unbekannt ſein, wie ſehr diejenigen, welche ihre Religion verändern, von denen gehaßt werden, deren Meinungen ſie verlaſſen, und wiſſen Sie nicht aus ſo vielen berühmten Beiſpielen, daß ſie ſelbſt von denen verachtet werden, zu denen ſie übergehen? Er⸗ wägen Sie wohl, wie ſehr die Ehre eines Fürſten davon abhängt, daß man ihn für ſtandhaft hält, und ſeien Sie gewiß, daß Sie der Ihrigen ſehr ſchaden werden, wenn Sie einen ſolchen Fehler begehen!“ Zwei Jahre nach dieſem ſo verſtändig geſchriebenen Briefe war ſie entſchloſſen, das Gegentheil von dem zu ſein, was ſie dem Landgrafen gerathen hatte. Damit war aber die Nothwendigkeit ihrer Abdankung ſchon entſchieden. Denn die Reichsgeſetze duldeten keinen katholiſchen Fürſten. So gab die religiöſe Frage den Ausſchlag, nachdem Anderes den Anſtoß gegeben hatte. Die Finanzen waren zerrüttet, ein Bürgerkrieg ſchien vor der Thüre zu ſein, die Reichs⸗ geſchäfte waren ihr ſo zur Laſt, daß ſie ſagte, wenn der Staatsſekretär mit Akten zur Unterſchrift komme, glaube ſie, den Teufel zu ſehen; auf die Bildung ihres Vater⸗ landes ſah ſie mit Verachtung herab, der Proteſtantismus war ihr etwas Aufgedrungenes, von dem ſie ſich vielfach wie von einer kalten Hand angefaßt fühlte: ſo that ſie denn den Schritt, wozu ſie von ihrer Kindheit an einen geheimen Zug hatte. Das Auffallende, das Entgegengeſetzte, das Unbekannte war es ja, wornach ſie immer mit haſtiger Gier griff. Wenn ſich ihr Vater in ſeiner Herrſchergröße ge⸗ fiel und durch ſeinen Kampf für den Proteſtantismus groß und berühmt wurde, ſo ſchlug die Tochter den gerade ent⸗ gegengeſetzten Weg ein, begab ſich freiwillig ihrer Herrſcher⸗ größe und kehrte dem Proteſtantismus den Rücken. Im Februar 1654 theilte ſie dem Reichsrath ihren unwiderruflichen Entſchluß mit, die Krone niederzulegen und dem Erbprinzen zu übergeben. Man ſah bald, daß Vor⸗ ſtellungen nichts mehr halfen. Oxenſtierna ſagte:„Muß es ſein, dann je eher je lieber!“ Die Hauptſache war ihr nun, daß ſie eine ſichere jährliche Rente herausſchlug. Sie erhielt Stadt und Schloß Norköping, einige Inſeln und Beſitzungen in Pommern, deren Einkünfte zu 240,000 Tha⸗ lern angeſchlagen waren. In dieſen Orten durfte ſie die Beamten, aber nur proteſtantiſche Schweden, anſtellen, und über ihre Hausbeamten behielt ſie ſich die Gerichtsbarkeit vor. Nachdem dies Alles zugeſtanden war, erfolgte am 16. Juni 1654 vor den verſammelten Reichsſtänden in Upſala die Ceremonie der Abdankung. Die Krone auf dem Haupt, Scepter und Apfel in der Hand, im weißen Altar⸗ kleid hielt Chriſtine vom Throne aus ihre Abſchiedsrede, ſtieg herab und forderte den alten Grafen Brahe auf, ihr die Krone vom Haupt zu nehmen. Dieſer, das Band zwiſchen Fürſt und Unterthan für unauflöslich haltend, weigerte ſich, daher ſie ſich die Krone ſelbſt abnehmen mußte, worauf Brahe ſie aus ihren Händen empfing.„Schön wie ein Engel ſtand ſie da,“ ſagt ein Augenzeuge. Alles war von ihrer herrlichen Rede, noch mehr von der Gewalt des lugenblicks, wo der letzte Sproß der Waſa den Thron ver⸗ ließ, tief ergriffen, und nicht blos die Frauen, auch manch' hartes Männerherz wurde zu Thränen gerührt. Nach Nie⸗ derlegung der Reichsinſignien empfing ſie die Abſchiedshul⸗ digung der Stände. Der Sprecher des Bauernſtandes er⸗ ſchien zuletzt. Er kniete vor ihr nieder, ergriff und ſchüt⸗ telte ihr die Hand, küßte ſie mehreremal, wiſchte ſich die ——————————————;;; nden. 1865. —————; Wort ſagen zu können, an ſeinen Platz zurück. Nachmit⸗ tags wurde Karl Guſtav als König gekrönt. Am folgenden Tage reiste Chriſtine von Upſala ab, hielt ſich nur wenige Tage in Stockholm auf, ging nicht nach Galmar, wo zwölf Kriegsſchiffe warteten, um ſie nach Deutſchland zu bringen, ſondern begab ſich in Männer⸗ kleidung mit wenigen Vertrauten über Halmſtadt nach dem Sund. Als ſie an ein Bächlein kam, welches damals die Grenze zwiſchen Schweden und Dänemark bildete, ſprang ſie aus dem Wagen, hüpfte über den Bach und rief aus: „Endlich bin ich frei und aus Schweden, wohin ich hoffe niemals wieder zurückzukehren.“ Nun begann ihr abenteuerlicher Zug durch Europa. Von Hamburg begab ſie ſich nach Brüſſel, wo ſie am 24. Dezember 1654 in Gegenwart des Erzherzogs Albrecht und einiger vornehmen Spanier ihr katholiſches Glaubensbekenntniß vor einem Dominikaner ablegte. Im . nächſten Jahre zog ſie von da at einem prächtigen Gefolge über Augsburg nach dentns den hier wurde am 3. No⸗ vember 1655 ihr Uebertritt mit drößter Feierlichkeit öffent⸗ lich vollzogen. Aber es ließ ſie nicht lange hier. Denn Rom war ihr Ziel. Ihre Reiſe durch die italieniſchen Städte war ein Triumphzug. Von den Bürgern feſtlich empfangen fuhr ſie durch Ehrenpforten, durch illuminirte und bekränzte Straßen und nahm an Gaſtmählern und Schauſpielen theil. Endlich kam ſie vor Rom an. Papſt Alexander VII. fühlte ſich hoch beglückt, daß die Bekehruͤng der Tochter Guſtav Adolfs gerade in ſein Pontifikat ge⸗ fallen ſei, und griff die apoſtoliſche Kaſſe herzhafter an, als ſie bei ihrer bekannten Schwäche ertragen kor te.. höchſte Pracht wurde aufgeboten, um Chriſtine ſurah heimkehrende Siegerin zu empfangen. In einem 2 naz kleid, nach Männerart zu Pferde ſitzend, von dreihunde⸗ prachtvoll gekleideten Reitern umgeben, hielt ſie am 21. De⸗ zember 1655 ihren Einzug in Rom. Beim Anblick des Papſtes fiel ſie auf die Kniee, küßte ihm den Fuß und empfing ſeinen Segen. Er lud ſie zu Tiſche und erlaubte ihr, mit ihm in einem Zimmer, aber nicht an einer Tafel zu ſpeiſen. Voll Entzücken über ſeine Liebenswürdig⸗ keit nannte ſie ſich ſeitdem ihm zu Ehren Chriſtine Ale⸗ xandra. Darauf bezog ſie den Palaſt Farneſe und lebte in einem Kreis von Künſtlern und Gelehrten. Doch auch hier konnte ihr unruhiger Geiſt nicht lange feſtgehalten werden: ſie wünſchte Frankreich und ſeinen Hof zu ſehen. Ihre Kaſſe war zwar durch die fortwährenden Reiſen und Feſtlichkeiten ſehr erſchöpft und erlaubte einen Pariſer Aufenthalt nicht. Aber ſolche Kleinigkeiten konn⸗ ten ihren Entſchluß nicht ändern, ſie verpfändete ihre Ju⸗ welen und reiste im Sommer 1656 ab. Damals war Ludwig der Vierzehnte erſt achtzehn Jahre alt, König und Mazarin ſein erſter Miniſter. :,F2222 ehrenvollen Empfang zu bereiten. Ludwig, welcher ſeiner Lebtag nichts gelernt hatte, nichts verſtand, als den Sul⸗ tan zu ſpielen und mit Weibern umzugehen, hatte ei überwindliche Scheu vor dieſem Beſuch. So keck er bei Damen war, ſo konnte er doch nur mit Mühe da⸗ gebracht werden, dieſer gelehrten Jungfrau ſich vorſtellen zu laſſen. Um ſo neugieriger waren die Hofdamen, welche das, was ihnen an Gelehrſamkeit abging, durch höfiſche Gewandtheit erſetzen zu können hofften. Sie nahm ſich freilich auf dieſem platten Boden, wo Alles nach ſpaniſchem Thränen mit dem Tuche ab und ging, ohne auch nur ein Muſter zugeſchnitten war, ſchlecht genug aus. Wenn man f . Nachmi Upſala h * nich um ſien in Männa R rach den damals die dete ſprang nd rif as: ſin ich hoff uch Curopa ſel, wo ſit Erzherzogs katholiſches blegte. Im gen Gefolge am 3. No⸗ ſer. Denn italieniſchen gern feſtlich illuminirte tählern und an. Papſt e Bekehrüng entifikat ge⸗ rzhafter an, for te. 7 IeIuc dreihunde. am 21. De⸗ Anblick des n Fuß und nd erlaubte an einer henswürdig⸗ riſtine Ale⸗ und lebte nicht lange ſeinen hof twährenden aubte einen eiten konn⸗ te ihre Ju⸗ amals war König und ar gewan Kriege eine war, einen ſcher ſeiner 2 ui⸗ Feierſtunden. 8⁸ dieſe kleine Figur, die auf die Franzoſen den Eindruck eines thei übſ 4 theilte man, daß ſie in j„ „hübſchen Knaben uadia mit knühs hoher Schulter, in ſei, in ren dn üriſin kderf Behichung huukerdedenidch it ihrem ärmlichen Gefolge kommen Anſtand. Dabei war ſie aber klug genug, vor dens daſ⸗ duhſſder Kleidung m ah, und wenn man ſie vollends im Schauſpiel beohachtete damen und. 3 55n 1 ed 1 nicht die Gelehrte ſpi 1 wo ſie ſich auf's Bequemſte in ihren Seſſel hineinlegte, niedrigere d derehen ſaee augualene auhſ ihnt zur Abwechslung ein Bein über das andere legte, m Schmeichelei , manch⸗ Schmeicheleien wie di Ki j 5 mal laut auflachte oder laute Bemerkungen machte, ſo ur⸗ Um ſo heller ließ ſe dider r des Arentnte Pn. 542 ——y———————--q́y—õUö—õ—— ſenſchaft und der ſtaatsmänniſchen Bildung leuchten und ſetzte ebenſo durch den Umfang ihres Wiſſens als durch die Schärfe ihrer Auffaſſung und die Klarheit und Eleganz ihrer Darſtellung in Erſtaunen. . Es gefiel ihr in Frankreich ſo gut, daß ſie im folgen⸗ den Jahre, nachdem ſie einſtweilen verſchiedene Städte Ita⸗ liens kurz beſucht hatte, wieder dahin ging. Die Neugier der Franzoſen war freilich bereits ſo ziemlich geſtillt, und die neue Eigenſchaft, welche ſie diesmal an ihr kennen lern⸗ ten, erhöhte ihre Zuneigung nicht. Im Schloß zu Fon⸗ tainebleau, wo ſich Chriſtine am Ende des Jahres 1657 aufhielt, wurde ihr von einem ihrer Beamten gemeldet und durch aufgefangene Briefe, wie es ſcheint, bewieſen, daß ihr Oberſtallmeiſter, der Marquis Monaldeschi, im Be⸗ Feierſtunden. 1865. ——⸗—⸗——————B—B—————— den Kardinälen durch —;— ihre beharrliche Einmiſchung in die Berathungen und Streitigkeiten der Kurie und durch ewige Geldverlegenheiten ſehr zur Laſt fiel. Der ſchwediſche Staatsſchatz war nicht ſo zum Ueberlaufen voll, daß er eine ſo ſtarke Ableitung, wie ſie ihre jährlichen Einkünfte erheiſchten, ohne Gefahr ertragen konnte; daher blieben die Revenüen eine Zeit lang aus, und der Pabſt mußte die Ehre dieſer Seelenrettung dadurch bezahlen, daß er ihr eine Summe von 12,000 Scudi jährlich ausſetzte. Da hörte ſie, daß ihr Nachfolger Karl Guſtav, welcher ſich indeſſen mit den Polen und Dänen heldenmüthig geſchlagen hatte, im Februar 1660 geſtorben ſei und ein vierjähriges Söhn⸗ lein hinterlaſſen habe. Schnell verließ ſie Rom und lan⸗ dete, trotz jenes vergnügten Sprunges über das Grenzbäch⸗ griffe ſtehe, offenen Verrath an ihr auszuüben. Er war lein, in Schweden. Unbekümmert um die ſehr deutlichen 1652 als Glücksritter nach Stockholm gekommen, hatte Abmahnungen reiste ſie nach Stockholm, richtete in dem ſich durch ſeine Gewandtheit in körperlichen und anderen dortigen Schloſſe eine katholiſche Kapelle ein und ließ bei Dingen bei ihr empfohlen, wurde von ihr zu diplomatiſchen Sendungen nach kleineren Höfen benützt, und galt für einen ihrer entſchiedenen Günſtlinge. Sei es nun, daß er die ihm anvertrauten Geheimniſſe an Mazarin verrieth rdir bem Bürger⸗ und Bauernſtand es durchſetzte, den verwegenen Plan faßte, an der Nordküſte von Frank⸗ reich ſie auf ein Schiff zu locken und wider ihren Willen nach Schweden zurückzubringen: ſein Benehmen galt ihr als Hochverrath, und da ſie ſich die Gerichtsbarkeit über ihre Hausbeamten vorbehalten hatte, ſo hielt ſie ſich für berechtigt, das Verbrechen mit der härteſten Strafe zu ahn⸗ den. Sie ließ ihn in die ſogenannte Hirſchgalerie bringen, kündigte ihm dort die Todesſtrafe an und gab ihm nur eine Stunde Zeit zur Vorbereitung. So ſehr auch der Pater, der ihm die Beichte abnahm, um Aufſchub und um genauere Unterſuchung bat, ſo ſehr auch ihre Freunde ſie darauf aufmerkſam machten, daß ſie in Frankreich nicht ſouverän ſei, ſondern unter den Geſetzen des Landes ſtehe, ſo verſchmähte ſie doch alle dieſe Vorſtellungen, und mit dem Ausruf:„Niemand über ſich zu erkennen, iſt mehr werth, als die ganze Erde zu beherrſchen,“ gab ſie dem⸗ jenigen ihrer Beamten, welcher Monaldeschi's Todfeind war und ihn angeklagt hatte, Befehl, das Todesurtheil ſogleich zu vollſtrecken. Von zwei Soldaten begleitet begab ſich die⸗ ſer in die Galerie und überwältigte nach einem wüthenden Kampfe den Unglücklichen, an deſſen Leichnam man 26 Wun⸗ den zählte. Auf die Meldung dieſer Hinrichtung, die eher den Namen eines Mords verdient, ließ ſie, nach der from⸗ men Weiſe ihres neuen Glaubens, für Monaldeschi See⸗ lenmeſſen leſen. Mazarin aber war über dieſen neuen Ge⸗ richtshof zu Fontainebleau nicht ſehr entzückt: er hintertrieb ihren Beſuch in Paris und war froh, als ſie nach einem halben Jahr wieder abzog. Sie ging wieder nach Rom, wo ſie dem Papſte und offenen Thüren die Meſſe leſen. Die Geiſtlichkeit ſchickte ihr deßhalb eine Deputation zu, welche ihr wegen ihres Uebertritts die bitterſten Worte ſagte und im Verein mit daß ſie ihre Kapelle ſchließen und ihren Prieſter nebſt einem Theil ihrer italieniſchen Hofleute fortſchicken mußte. Als ſie vollends erklärte, daß ſie, wenn man ihr ihre vertragsmäßigen Ein⸗ künfte nicht regelmäßig zuſchicke oder wenn der unmündige König mit Tod abgehen ſollte, ihr Erbrecht ſich vorbehalte, ſo erwiederte man ihr, daß ſie nach ihrer Abdankungs⸗ Urkunde nicht das geringſte Recht mehr auf die Krone von Schweden habe, möge es mit dem Prinzen gehen wie es wolle. Sie mußte ihren Proteſt zurücknehmen und ihre „völlige Entſagung“ geloben. Da ihr aber die Aſtrologen geſagt hatten, daß der junge König bald ſterben werde, ſo begab ſie ſich, in der Ueberzeugung, daß dies nächſtens ein⸗ treffen und dann ganz Schweden ſeine Blicke auf ſie rich⸗ ten und ihr die niedergelegte Krone wieder aufzwingen werde, im Jahre 1667 noch einmal nach Schweden. Die Regie⸗ rung wollte ſie um jeden Preis von Stockholm fern halten und ſchickte ihr daher einen Reichsrath entgegen mit der Erklärung, daß ſie nur unter der Bedingung in Schweden ſich aufhalten dürfe, wenn ſie der Ausübung des katholiſchen Kultus ſich gänzlich enthalte; falls ſie ihren Prieſter nicht fortſchicke, hatte er den Befehl, ſich ihrer Perſon zu ver⸗ ſichern und ſie aus dem Reiche zu führen. Dieſe Sprache verſtand ſie, reiste raſch von Norköping wieder ab und ſegelte nach Hamburg, von wo ſie im folgenden Jahre wie⸗ der nach Rom ging. Dort ſtarb ſie am 19. April 1689 mit der Einſicht, daß mit einer Krone nicht gut zu ſpielen, und daß zwiſche“ einer regierenden und einer penſionirten Königin ein ſehr großer Unterſchied ſei. In der Peters⸗ kirche liegt ſie begraben. Die Mineralſchätze Englands. Der Wohlſtand und die Größe Großbritanniens als Weltmacht beruht bekanntlich nicht allein auf den ausgedehn⸗ ten Handelsverbindungen, welche dieſe ſeefahrende Nation bis in die fernſten Gegenden der Welt angeknüpftn hat, um die Produkte anderer Welttheile den Märkten eiviliſirter Nationen zuzuführen und zugleich den Produkten ihrer In⸗ duſtrie den weiteſten Abſatz zu ſichern, ſondern auch zum großen Theile auf dem Reichthum an werthvollen Mine⸗ ralien, mit welchen namentlich England mehr begünſtigt iſt, als irgend ein anderer Theil der Erde. Die Art und Weiſe, wie die Schätze der engliſchen Minen ausgebeutet werden, gibt zugleich einen Beweis, wie groß die Herr⸗ ſchaft der menſchlichen Intelligenz über die phyſiſche Welt geworden, und die große Ausdehnung dortiger Minen läßt klar erkennen, wie innig die pekuniären Intereſſen Eng⸗ lands mit dieſem Zweige der Induſtrie verknüpft ſind. In der That beſitzt England an ſolchen Metallen, welche dem täglichen Gebrauche des Menſchen dienen, wie ſchung n r ſchweͤſct voll, dau er en Einkünſt e blieben d ſt nußte die d er ihr eine e. Da ſärte ſich indeſſen lagen ſatt, üriges Söhn⸗ om und lan⸗ 1s Grenzbüch⸗ hr dautlichen htete in dem und ließ bei ckeit ſchikte wegen ihres Verein mit daß ſie ihre Theil ihrer ſie vollends näßigen Ein⸗ runmündige jvorbehalte, Abdankungs⸗ e Krone von hehen wie es en und ihre ſe Aſtrologen en werde, ſo ächſtens ein⸗ auf ſie rich⸗ ingen werde, Die Regie⸗ fern halten gen mit der n Schweden katholiſchen rieſter nicht ſon zu ver⸗ eſe Sprache der ab und Jahre wie⸗ 3 1689 t zu ſpielen, penſionirten der peters⸗ je Art und Feierſtunden. 1865. 543 ————ͤr———r—r——nr—O———õ———-'u——-öͤ Eiſen, Kupfer, Blei, Zinn, Zink, wie auch an Mi⸗ neralien, die unentbehrlich im menſchlichen Haushalte ſind, namentlich an Steinkohle und Salz, eine für einen ſo verhältnißmäßig kleinen Theil der Erde wirklich ſtaunen⸗ erregende Fülle. Bedenkt man dabei, daß ohne dieſen Reich⸗ thum an Steinkohlen die engliſche Induſtrie unmöglich auf ihren hohen Standpunkt hätte gelangen können, ſo wird man zugeſtehen, daß dieſes Reich als ein in dieſer Beziehung beſonders bevorzugtes daſteht. Wenn wir hier nur die oben bezeichneten Mineralien ſpezieller berückſichtigen, ſo darf den⸗ noch nicht unerwähnt bleiben, daß auch Gold und Sil⸗ ber in nennenswerther Menge in England gefunden wird. Die Quarzadern bei Dolgetly in Wales haben in manchen Jahren gegen 5000 Unzen Gold geliefert, und man fand ſchon in einer Tonne Quarz bis zu 12—14 Unzen dieſes werthvollen Metalls; in kleineren, nicht die Ausbeutung lohnenden Mengen traf man bereits in mehr als dreißig Grafſchaften von England und Irland Gold. Was das Silber betrifft, ſo gewinnt man durch verbeſſerte metal⸗ lurgiſche Operationen neuerer Zeit aus den zahlreichen Blei⸗ gruben jährlich über 600,000 Unzen Silber, welche Menge immerhin in Betracht kommt. Wir können hier allerdings nur in curſoriſcher Weiſe und in runden Zahlen den öko⸗ nomiſchen Werth der größeren engliſchen Minen betrachten, indem der dafür geſtattete Raum ein ſpezielleres Eingehen nicht zuläßt; doch entnehmen wir offiziellen Berichten, daß der Geſammtwerth aller in den verſchiedenen Bergwerken geförderten Mineralien 1863 auf 36 Millionen Pfund Sterling geſchätzt wurde. Aus den auf 6000 Quadrat⸗ meilen Fläche geſchätzten Kohlenlagern und den gegen 3000 betragenden Kohlengruben werden jährlich 90 Millionen Tonnen Steinkohlen zu Tag gefördert, welche theils den Bedarf Englands, theils den anderer Länder decken, wäh⸗ rend der Verbrauch jährlich ſteigt, indem die Anwendung des Dampfes in den verſchiedenſten Induſtriezweigen in ſteter Zunahme begriffen iſt. Der wachſende Verbrauch dieſes werthvollen Brennſtoffs hat auch ſchon wiederholt die Frage hervorgerufen, wie lange die engliſchen Kohlenminen überhaupt noch ausreichendes Material zu liefern im Stande ſeien, und die auf Berechnung geſtützten Antworten lauten, wenn auch nicht übereinſtimmend, dennoch in ſo ferne be⸗ ruhigend, als mindeſtens 500 Jahre erforderlich ſind, die Gruben zu erſchöpfen; Andere geben als den dazu noth⸗ wendigen Zeitraum ſogar 1000 Jahre an, wie z. B. Edward Hall, welcher ſeine Angabe auf die ſtatiſtiſchen Vergleiche der einzelnen Kohlenlager ſtützt. Ueberhaupt dürfte die letztere Annahme ſchon aus dem Grunde als die wahrſcheinlichere erſcheinen, als man bei der Berechnung jene Kohlenſchichten unberückſichtigt ließ, welche bis vor Kurzem wegen zu geringer Mächtigkeit unbenutzt blieben, weil die Arbeit bei der Förderung nicht rentirte. Neuer⸗ dings hat man aber Dampfmaſchinen erfunden, welche bil⸗ liger, als Menſchenhände durch Sägevorrichtungen die Kohle der Erde entreißen und ſo auch ärmere Kohlenſchichten nutz⸗ bar machen. Dieſe Maſchinen können auch durch compri⸗ mirte Luft getrieben werden und finden immer weitere Ver⸗ breitung. So iſt denn auf lange Zeit hinaus dieſer wich⸗ tige Faktor induſtrieller Thätigkeit dem Menſchen geſichert und zwar um ſo mehr, als die in Nordamerika befindlichen drei Kohlenlager, welche an Ausdehnung manche europäiſche Königreiche übertreffen, eine unermeßliche Ausbeute verſpre⸗ chen und bisher nur ſtellenweiſe in Betrieb genommen ſind. Gehen wir über zu dem Eiſen, dieſem wunderbaren Metalle, welches ein Element in der Lichtſphäre der Sonne e und wahrſcheinlich auch anderer Himmelskörper bildet und auf unſerem Planeten den Zwecken und der Macht des Menſchen mehr, als jedes andere Metall dient. Während das Gold und das Silber mehr als Tauſchmittel den Werth der menſchlichen Bedürfniſſe repräſentirt, bildet das Eiſen das Mittel, jene Bedürfniſſe zu beſchaffen und den Ge⸗ brauch derſelben zu erleichtern und zu vervollkommnen. Gewiß wäre es überflüſſig, den Werth des Eiſens anſchau⸗ lich zu machen, indem die ausgedehnte Verwendung deſſel⸗ ben allgemein bekannt iſt; den beſten Beweis für die ſtei⸗ gende Eiſeninduſtrie Englands liefern folgende ſtatiſtiſche Angaben. Im Jahre 1740 producirte England gegen 17,000 Tonnen Eiſen mit Hülfe von 60 Hochöfen; 1808 gegen 200,000 Tonnen, 1820 ſchon 400,000 und 1827 — 690,000 Tonnen auf 284 Hochöfen. Im Jahre 1848 ſtieg die Produktion auf 2 Millionen Tonnen, zu welchen Südwales faſt ein Viertel des Erzes lieferte. Dieſe Stei⸗ gerung, hier und da durch unbedeutende Schwankungen un⸗ terbrochen, hielt an bis auf die neueſte Zeit, und man kann ſicher die gegenwärtige Menge des in England producirten Eiſens auf mehr als 4 ½ Millionen Tonnen im Jahre ſchätzen, wodurch ein Werth von 10—12 Millionen Pfund Sterling repräſentirt wird. Daß der Aufſchwung der Eiſeninduſtrie in England, wie anderwärts in ſteter Pro⸗ greſſion begriffen iſt, beweist die Erfindung des Gußſtahls, die Verbeſſerung an den Hochöfen, welche das Heizmaterial um ⅛ nutzbringender macht ꝛc. Zu den alten Eiſenminen von Südwales, Staffordſhire, Yorkſhire, und in Schott⸗ land kamen in jüngerer Zeit noch neue Lagerſtätten in Lincolnſhire, Somerſetſhire, Northamptonſhire ꝛc., welche den Bedarf Englands auf ferne Zeiten hin zu decken im Stande ſind. Weniger wichtig, wenn gleich immer noch von Bedeu⸗ tung für England, ſind die übrigen Bergwerke, welche Kupfer, Blei, Zinn ec. liefern. Beſonders aber iſt es die Gewinnung des letzteren Metalls, welche genauere Würdigung verdient. Das Zinn bildet ein verhältnißmäßig ziemlich ſelte⸗ nes Metall unſeres Erdkörpers; in Europa findet es ſich außer in Cornwall noch im Harz und in Böhmen; am reichlichſten ſind noch die Gruben in Cornwall und Devon⸗ ſhire damit verſehen, wo 1861 der Ertrag ſich auf 11,640 Tonnen belief im Werthe von 725,560 Pfund Sterling. Die Entdeckung der Zinngruben von England fällt in die älteſten Zeiten, und die Caſſiteriden oder Zinninſeln figu⸗ riren bereits in den Mythen und Geſängen der Alten. Ohne Zweifel bezog ſich dieſe Benennung auf das weſtliche Vorgebirge Englands ſelbſt, und es war beſonders die Ge⸗ gend weſtlich von Helſtone und die Umgebung von St. Auſtle, welche die alte Welt mit Zinn verſorgte, obgleich es nicht unwahrſcheinlich iſt, daß auch die Inſeln des in⸗ diſchen Archipels, namentlich die Banca⸗Gruppe, nördlich von Celebes, einen Theil des damals verwendeten Zinns lieferten. Noch heute bezieht England von dort, ferner von Singapore, von China, Peru und Braſilien gegen 2700 Tonnen Zinn. In England ſelbſt wurde die Gewinnung des Zinns erſt nach dem Einfalle der Römer eigentlich berg⸗ männiſch betrieben; die alten Britonen gewannen das Me⸗ tall durch Auswaſchen der Bach⸗ und Flußniederſchläge; ſpäter errichteten die Römer an verſchiedenen Stellen Gru⸗ ben, wo ſie nach Zinn ſuchten, und man findet noch heute häufig alte römiſche Münzen in denſelben. Aber ſchon die alten Phönizier zog das Zinn und auch der Bernſtein nach England, von wo ſie das Metall in verſchiedene Länder 544 —— brachten. Im 14. Jahrhundert waren die Zinngruben in England beſonders produktiv, und Richard, Earl von Corn⸗ wall, damals Herr jener Gegenden, erwarb ſich große Reich⸗ thümer durch den Verkauf des gewonnenen Metalls. Der große Verbrauch dieſes Metalls zur Darſtellung der Bronze, nicht allein für Kunſtgegenſtände der Römer und Griechen, ſondern auch zu Geräthſchaften im Gebrauche vorgeſchicht⸗ licher menſchlicher Raſſen, denen wir nicht einmal Namen zu geben im Stande ſind, hat ſchon in früher Zeit die nicht ſehr nachhaltigen Zinnlager erſchöpft. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach erhielten ſchon die rohen Stämme in den Zeiten des Bronzealters das Zinn von England her, und man weiß, daß daſſelbe von England aus durch Gallien auf Laſtpferden nach Italien gebracht wurde. Bezüglich der Kupfer⸗ und Bleigruben wollen wir Feierſtunden. 1865. ———:n—r———— —— die Bedürfniſſe des Landes ausreicht, daß der Werth beider Metalle zuſammen aber ungefähr jährlich 2,500,000 Pfund Sterling beträgt. Die engliſchen Salzwerke verdienen dagegen mehr Berückſichtigung, indem ſie zwar hinſichtlich der Schönheit von denen von Wielitzka und dem Salzkammergute über⸗ troffen werden, aber jährlich gegen eine Million Tonnen Salz liefern. Steinſalz wird bis jetzt nur in Cheshire gereinigt; doch haben neuere Bohrverſuche in Northumber⸗ land ein über 100“ mächtiges Salzlager entdeckt, welches wohl nicht lange mehr ungenützt liegen wird. Dieſe kurzen Andeutungen werden genügen, um zu beweiſen, daß England hinſichtlich ſeiner Mineralſchätze kei⸗ nem anderen Lande nachſteht, und daß gerade dieſer Reich⸗ thum von großem Einfluß auf die induſtrielle Entwicklung hier nur bemerken, daß die Ausbeute bei Weitem nicht für Englands geweſen iſt. Die Quelle der Loire am Mont Gerbier des Jones. 5 Vor ungefähr vierzig Jahren begegnete dem armen Jakob Jones ein großes Unglück, welches darin beſtand, daß er— geboren wurde. Er ahnte das Unglück damals nicht, aber lernte es bald kennen. Seine Kindheit war traurig, denn die Mutter„trank“, und der Vater, welcher eigentlich ein Hufſchmid war, betrieb kein anderes Geſchäft, als das der nächtlichen Wilddieberei. Das Geſetzwidrige dieſes Vergnügens konnte Jones dem Aelteren nie einleuch⸗ tend gemacht werden. Knüttel und Gewehrkolben waren pewendet worden, um dem Begriffe Eingang in ſeinen zu verſchaffen, allein ſein Schädel war außerordent⸗ — Ein Wahrſpruch. lich dick und vereitelte jeden derartigen Verſuch. Vorſtel⸗ lungen und Strafen der Richter hatten eben ſo wenig Wir⸗ kung. Er ertrug die ihm auferlegte Haft als eine ſich von ſelbſt verſtehende Sache, allein ſobald er wieder in Frei⸗ heit war, kehrte er zu ſeinen alten Gewohnheiten zurück. „Wild“ ſei Wild“, war ſein unerſchütterlicher Wahlſpruch, „und der Eine habe eben ſo viel Recht daran, wie der Andere!“ Man ſagte ihm, er werde gehängt oder deportirt werden, und er ſetzte keinen Zweifel darein, aber erklärte den feſten Entſchluß, deſſen ungeachtet ſein Vergnügen haben und dann und wann ein Stück„öffentlichen Braten“ eſſen erth beide 00 Pfund en mar Schönheit zute über⸗ Tonnen Cheshire orthamber⸗ —, welches un n ſſchäite ke⸗ eſer Reih⸗ antwicklnng Feierſtunden. 1865. ——,-—ͤ—ͤ————;— —;— zu wollen, ehe er ſterbe; denn nichts vermochte ihn zu über⸗ zeugen, daß Wild etwas Anderes ſei, als„öffentlicher, für einen Jeden beſtimmter Braten.“ Es iſt kaum nöthig zu erwähnen, daß die ihm ſo oft gemachte Prophezeihung bald in Erfüllung ging, und daß an Jones dem Aelteren, der durchaus„öffentlichen Braten“ eſſen wollte, ein öffentliches Exempel ſtatuirt wurde. In einer mondhellen Nacht näm⸗ lich gerieth der fröhliche Hufſchmied mit den Waldhütern des nachbarlichen Grundbeſitzers, Mr. Noman, in unan⸗ genehme Berührung, und einer derſelben wurde von ihm getödtet. Die Folge davon war, daß Jones der Aeltere auf Koſten des Staates nach einem entfernten Erdtheil transportirt wurde, wo er für Lebenszeit Wohnung, Koſt und Arbeit erhalten ſollte. Seine zurückbleibende Frau wurde genöthigt, eine unbequeme Wohnung im Armenhauſe zu beziehen; und da ihr hier die gewohnte Quantität Brannt⸗ wein nicht gereicht werden konnte, ſo wurde ſie nach kur⸗ zer Zeit ein Opfer ihrer Leiden und ſtarb im fünfund⸗ dreißigſten Jahre ihres Alters und im dritten ihrer Ehe in Folge von erzwungener Nüchternheit. Jakob Jones wuchs als ein Kind des Armenhauſes auf und erhielt die dort übliche Erziehung. In dieſer öf⸗ fentlichen Anſtalt hatte er das Unglück, mit einem anderen Knaben in Streit zu gerathen, als Beide gerade Gabeln in den Händen hatten. Der Kamerad ſtieß damit nach ihm, aber verfehlte ihn, worauf Jakob Jones das Kompliment eemt erte und, leider ſicherer zielend, dem Letzteren eine de beibrachte. Natürlich wurde er als der gge angeſehen, hart geſtraft und galt von nun n jugendlichen Verbrecher“. Meiſtens iſt es des Arbeitshauſes, auch wenn ſie nicht die zines deportirten Vaters und einer in Folge b. at geſtorbenen Mutter find und ſelbſt ſchon beinahe einen Menſchen getödtet haben, ſehr ſchwer, Be⸗ ſchäftigung irgend einer Art zu erlangen; und kein Wun⸗ der war es daher, daß Jakob Jones, als er endlich im Hauſe des Pfarrers Mr. Fitzroy aus Mitleid ein Unter⸗ kommen gefunden, mit ſolchen Antecedentien keine ſehr freundliche Behandlung genoß. Kein Wunder war es, daß er bei ſeinem von Natur reizbaren Temperamente, welches nur durch eine milde Behandlung hätte beſſer werden kön⸗ nen, in heftige Ausbrüche gerieth, wenn er von dem Koch Thomas mit den Worten angeredet wurde:„Nun, du Schlingel, wo ſind die Stiefel?“ Oder wenn die Köchin zu ihm ſagte:„Marſch, aus dem Wege, du Armenhaus⸗ bube!“ Oder wenn die Kammerzofe ſich ſeine Annäherung mit der Aeußerung verbat:„Komme mir nicht nahe, du kleiner Mörder!“ Durch ſolche Behandlung wurde er endlich ſo weit getrieben, daß er eines Tages einen Keſſel mit kochendem Waſſer über die Beine des Kochs ſchüttete, der Köchin mit einem heißen Löffel in das Geſicht ſchlug, und dem einen Auge der Kammerzofe einen Schlag verſetzte, der es mit einem dunklen Scheine umgab. Die Folge davon war, daß Jakob Jones nach dem Armenhauſe zurückgeſchickt wurde, deſſen Vorſteher dadurch in nicht geringe Verlegeuheit ge⸗ riethen, weil ſie ſich vor der Heftigkeit des Knaben fürchteten. Gerade in dieſer Zeit ereignete ſich eine jener wunder⸗ baren Begebenheiten, die ſo häufig entſcheidend in das Leben der Menſchen eingreifen. Der Gutsherr, Mr. Noman, der Jakobs Vater zur Deportation verholfen hatte, war zu der Einſicht gekommen, daß man ſelten ſeine Rechte bis zur äußerſten Grenze verfolgen könne, ohne zugleich Un⸗ Feierſtunden. 1865. 545 ——yqyäͤ———ê ſchuldigen Schaden zu thun. Die Sache mit dem alten Jones ſchien ihm ein ſolcher Fall zu ſein. Der Menſch war zwar ein unverbeſſerlicher Wilddieb geweſen, aber nicht ſein Sohn, der damals noch im Kindesalter geſtanden hatte. Mr. Noman kannte den Pfarrer Fitzroy und hörte von ihm das ſchlechte Betragen des jungen Jakob. Er geſtand Letzterem deßhalb durchaus keine Anſprüche an ſich zu, aber er bemitleidete ihn. Ueberdies war er ſelbſt von heftigem Temperamente und hegte um ſo mehr Nachſicht für die Ausbrüche des Knaben. Auch konnte er ſich nicht verheh⸗ len, daß er zu der unglücklichen Lage deſſelben viel beige⸗ tragen hatte, und beſchloß deßhalb, ſie ſo erträglich als möglich zu machen. Jakob Jones wurde alſo auf Mr. Noman's Gute als ein allgemeiner Diener angenommen, das heißt, um dem Stallknecht bei ſeinen Geſchäften zu hel⸗ fen, dem Kutſcher, dem Bedienten und überhaupt einem Jeden, der ſeiner bedurfte. Es war wunderbar, welche Veränderung unter der milderen Behandlung mit ihm vor⸗ ging, die er hier genoß. Zuweilen kamen zwar noch hef⸗ tige Ausbrüche vor, ſelbſt gegen Mr. Noman, der ſich häufig einer ſehr barſchen Sprache bediente, allein im Laufe der Zeit, und ehe er das zwanzigſte Jahr erreichte, hatten Nach⸗ ſicht, freundliche Behandlung und das Gewöhnen an eine ordnungsmäßige Lebensweiſe den„jungen Mörder“, wie er von der Kammerzofe genannt worden war, zu einem ver⸗ ſtändigen und fügſamen Weſen gemacht. Dazu kam, daß Jakob allmählig zum vertrauten Diener Mr. Noman's er⸗ hoben wurde, nachdem ſein Vorgänger wegen Veruntreuun⸗ gen entlaſſen worden war. Er begleitete ihn ſtets auf Spazierritten, beſorgte ſeine Aufträge und arbeitete gewöhn⸗ lich im Garten, wenn er nichts Anderes zu thun hatte. Es läßt ſich leicht denken, daß er in einer Welt, die zur Mittheilung unangenehmer Nachrichten ſtets ſo bereitwillig iſt, wie die jetzige, nicht in Unkenntniß über die Laufbahn und die Schickſale ſeines Vaters bleiben konnte. Viele und widerſprechende Erdichtungen wurden ihm zwar erzählt, bei denen er nicht wußte, was er davon halten ſollte, aber der eine wahre Umſtand befand ſich darunter, daß ſein Vater auf Grund des Zeugniſſes von Mr. Noman und deſſen Waldhütern zur Deportation verurtheilt worden war. Eines Tages arbeitete Jakob in demjenigen Theile des Gartens, wo er von einer nur niedrigen Mauer begrenzt war, über die man hinweg und auf die daran vorüber⸗ laufende Landſtraße blicken konnte, als er ein ſonnverbrann⸗ tes Geſicht, mit einem zerriſſenen Strohhut auf dem grau⸗ haarigen Kopfe, von außen in den Garten ſchauen ſah. Das Kinn des Fremden ruhte auf einer Hand, welche von den Strahlen einer heißen Sonne mit ſtarken Sommer⸗ ſproſſen bedeckt worden war. Jakob hielt mit ſeiner Ar⸗ beit an, ließ den rechten Fuß auf dem Spaten ruhen und betrachtete ſtaunend das ſonnverbrannte Geſicht. Er hatte es ſeines Wiſſens nie geſehen, und dennoch ſchien es ihm bekannt zu ſein; es kam ihm vor wie ſein eigenes, nur älter und— verwildert. Die Augen des Fremden funkel⸗ ten, ſein Mund öffnete ſich und er rief: „Heda, junger Mann!“ „Nun?“ fragte Jakob. „Kennet Ihr vielleicht hier einen jungen Burſchen, deſſen Name Jakob Jones iſt?“ fuhr der Fremde fort. „Er ſoll hier in der Gegend in Dienſt ſtehen.“ „Das bin ich,“ erwiederte Jakob. 1„Nun, ſo reiche mir die Hand!“ fügte der Fremde hinzn, indem er ſeine ſonnverbrannte Extremität aus⸗ vVe . je 69 546 Jakob zauderte einen Augenblick, aber reichte ihm die Hand endlich und fragte: „Wer ſeid Ihr?“ „Ich— ich bin Georg Jones,“ verſetzte der Andere. „Dein Vater war hier früher Hufſchmied und hatte Un⸗ glück,— er wurde fortgeſchickt, und— das bin ich.“ Jakob zitterte heftig, denn die Aehnlichkeit ließ ihm keinen Zweifel darüber, daß es wirklich ſein Vater ſei. „Ich ſollte zwar auf Lebenszeit dort bleiben,“ fuhr der Aeltere fort,„aber es gelang mir zu entkommen; und wenn du nur ein halb ſo tüchtiger Burſche biſt, wie mein Sohn ſein ſollte, ſo wirſt du mir helfen, daß ich weiter komme. Was iſt aus deiner Mutter geworden?“ „Sie ſtarb,“ erwiederte Jakob,„bald nachdem Ihr — Ihr— dieſe Gegend verließet.“ „Wo ſtarb ſie denn?“ fragte der Vater gleichgiltig. „Wahrſcheinlich im Armenhauſe?“ Jakob nickte bejahend und hörte darauf den Alten un⸗ verſtändlich murmeln und fluchen, wobei ihm nur der Name Noman vernehmbar wurde. Endlich begann der Letztere heftiger zu werden. „Du wirſt doch keinem Menſchen ſagen, daß du mich geſehen haſt?“ rief er.„Ein ſolcher Hund wirſt du nicht ſein, das zu thun, wenn du mir auch nicht helfen kannſt?“ „Ach nein, nein!“ verſicherte der arme Jakob.„Aber was kann ich thun?“ „Nun, du haſt jedenfalls ein Paar beſſere Stiefel, als dieſe hier ſind,“ erwiederte der Vater, indem er ſeinen Fuß auf die Mauer legte und die zerriſſene Bekleidung deſſelben zeigte,„und ein Paar Hoſen, die nicht ſo zer⸗ lumpt find, wie die meinigen?“ „Dafür will ich ſorgen,“ verſetzte Jakob;„ich will ſie ſogleich holen. Wartet nur hier, denn es kommt heut Niemand mehr in den Garten.“ Der beruhigenden Verſicherung ungeachtet drückte ſich der Alte hinter der Mauer nieder und erwartete ſo das Wiedererſcheinen des Sohnes mit den gewünſchten Artikeln. Letzterer kehrte ſchnell zurück, reichte ſie dem Vater über die Mauer nnd ſagte mit ſanfter Stimme: „Ihr werdet in den Taſchen auch etwas Geld finden, — es iſt ehrlich erſpartes Geld, denn ich habe oft daran gedacht, daß Ihr vielleicht einmal zurückkommen könntet.“ „Biſt ein braver Burſche,“ verſetzte der Vater mit einem Fluche.„Aber was für eine Stelle haſt du denn hier bei dem Schufte?“ „Still, Vater! Gegen mich iſt er ſehr gut, was er Euch auch zu Leid gethan haben möge.“ „Der Teufel ſoll ihn holen! Iſt er jetzt zu Hauſe?“ „Nein,“ entgegnete Jakob,„er iſt nach Windham ge⸗ gangen, um ſeine Pachtzinſen einzukaſſiren, und in Alling⸗ ham ſoll ich ihn morgen treffen.“ „Wie, in Allingham, auf dem wüſten Moor, das halbwegs zwiſchen hier und Windham liegt?“ „Ja.“ „Wo logirt er denn da?“ „Bei Joſeph Snow.“ „In der ſchwarzen Tanne?“ „Ja. Kennt Ihr das Haus?“ „Freilich, ich kenne das Haus und die ganze Gegend. Alſo lebt der alte Snow noch! Aber es iſt ein unheim⸗ liches Wirthshaus für Reiſende.“ „Das iſt es allerdings,“ verſetzte der Sohn ſinnend, „allein ich ſchlafe bei ihm im Vorzimmer—“ „Und der alte Snow iſt eine ehrliche Haut,“ fügte u Feierſtunden. 1865. ——§ͤf———————y;’ der Vater hinzu. dort ſein?“ „Ja, vor fieben Uhr.“ „Es iſt ſonderbar, daß ein ſo reicher Mann ſeine Pachtzinſen ſelbſt einzieht. Und du glaubſt nicht, daß er ſie in Windham auf die Bank thun wird?“ „Nein, Mr. Noman hat eigene Gewohnheiten. Aber woher wißt Ihr denn, daß er früher an die Bank in Windham zu zahlen pflegte, Vater?“ „Ich höre es erſt jetzt, wo du es mir ſagſt,“ verſetzte lachend der Alte.„Doch was geht es mich an, wohin er ſein Geld zahlt! Gib mir die Hand, Bube. Gute Nacht!“ Er nickte zum Abſchiede und ſchlenderte fort, während ſein Sohn zurückblieb, um über die Ereigniſſe dieſes Abends nachzudenken. Wie ſollte er ſich gegen Mr. Noman ver⸗ halten? Er hatte ſeinem Vater verſprochen, keinem Men⸗ ſchen etwas von der Rückkehr deſſelben zu ſagen; aber es war unbedacht und ohne Ueberlegung geſchehen. Leicht konnter Mr. Noman es aus einer andern Quelle erfahren, da ſein Vater vielleicht auch von manchem Einwohner des Orts geſehen worden war. Mr. Noman war aber ein ſtrenger Mann und würde in dieſem Falle unzweifelhaft den Be⸗ hörden Anzeige machen; und wenn ſein Vater dann gefan⸗ gen wurde, ſo wurde er auch gehängt, denn der Tod ſtand damals noch auf dem Entfliehen eines deportirten Verbrechers. Der arme Jakob befand ſich in großer Verlegenheit. Er wollte das Blut ſeines Vaters nicht auf ſich laden und ſah gleichwohl, daß Letzterer einen tiefen Groll gegen Mr. No⸗ man hegte und wahrſcheinlich die Abſicht hatte, ſich an ihm zu rächen. War es nicht ſeine Pflicht, Mr. Noman zu warnen? Er konnte nicht ſogleich zu einem Entſchluſſe kom⸗ men, nahm ſich aber vor, am folgenden Tage auf dem Wege nach Allingham die Frage reiflich zu erwägen. Welchen Entſchluß er endlich faßte, iſt nicht bekannt geworden. Zur beſtimmten Zeit langte er in Allingham an, verrichtete die ihm obliegenden Geſchäfte, ſpeiste mit dem alten Snow im Wirthszimmer zu Nacht, wo er, wie Letzterer ſich ſpäter erinnerte und ausſagte, große Unruhe verrieth, rauchte ſeine Pfeife und ging endlich, als oben geſchellt wurde, in ſeine kleine, neben Mr. Noman's Zim⸗ mer belegene Kammer hinauf. Der alte Snow blieb im Wirthszimmer zurück, rauchte ſeine Pfeife weiter und war, da er Mr. Noman's Temperament kannte, keineswegs ſehr verwundert, als er etwa eine halbe Stunde ſpäter zwei Stimmen vernahm, welche in einem heftigen Wortwechſel begriffen waren. Er horchte und hörte Mr. Noman deut⸗ lich ſagen:„Morgen alſo wirſt du meinen Dienſt verlaſ⸗ ſen,“ worauf mürriſch geantwortet wurde:„Ganz gut, aber es wird Sie gereuen!“ Der alte Snow lachte, als oben zwei Thüren heftig zugeſchlagen wurden, und erwartete am folgenden Morgen eine Scene, wie er ſie zwiſchen denſelben Perſonen ſchon öfter mit angeſehen oder gehört hatte, nämlich, daß Jakob zeitig herunter kam, um heißes Waſſer zum Raſiren für ſeinen Herrn zu holen, dann an die Thür deſſelben klopfte und mit den Worten eintrat:„Heißes Waſſer, gnädiger Herr! Bitte um Verzeihung wegen geſtern Abend!“ worauf eine freundliche Stimme zu antworten pflegte:„Schon gut, Jakob. Bringe mir meine Meſſer!“. Allein der folgende Morgen kam, und Jakob erſchien nicht, wie ſonſt, um ſieben Uhr, auch nicht um acht Ühr, und eben ſo wenig um neun Uhr, und wunderbarer Weiſe ſchellte auch Mr. Noman nicht. Endlich ſtieg deßhalb der „Alſo morgen um dieſe Zeit mußt du — Wirtl an un fand mand und a in der feln e Jakob Hitzt Thür mer antw um Allei gen Mr. oder mer furch Bett mſ Gaſ rone aus. nur des des Feierſtunden. 1865. 547 ——————iqWn————́ — —.ꝛjꝛ———;é nußt d Wirth zu Jakobs Kammer hinauf, klopfte mehrere Male ren habe, aus denen die Todesſtrafe nicht über ihn ver⸗ an und öffnete die Thür, als nicht geantwortet wurde, aber hängt werden dürfe. un ſe fand das Gemach leer. Das Bett war unberührt, Nie⸗ Da ſprang er empor und erwiederte, daß er keinen 1 unn ſein. mand hatte darin geſchlafen. Das Fenſter war geöffnet, anderen Grund habe als den, daß er unſchuldig ſei. Aner⸗ „daß e und auf dem feuchten Kiesſande des Hofes— denn es hatte kennen müſſe er zwar, daß ſein früheres Leben dieſe Ver⸗ in der Nacht geregnet— ließen ſich die Eindrücke von Stie⸗ ſicherung nicht unterſtütze, allein das Sachverhältniß ſei en. Aber feln erkennen, welche mit ſtarken Nägeln beſchlagen waren. einfach folgendes. Er habe mit Mr. Noman Streit ge⸗ dunk in Jakob hatte ſich augenſcheinlich davon gemacht.„Ein arger habt über einen Gegenſtand, den er nicht erwähnen wolle, . Hitzkopf!“ murmelte der alte Mann kopfſchüttelnd. Die und ſei von ihm entlaſſen worden. In den Beſitz der ver⸗ deiſezte Thür, welche in das von Mr. Noman benutzte Nebenzim⸗ wechſelten Banknote ſei er dadurch gekommen, daß ſein wohin er mer führte, ſtand offen. Er klopfte an, und da Niemand Herr ihm ſogleich den rückſtändigen Lohn ausbezahlt habe. e. Gute antwortete, ſo ſchaute er hinein und begann:„Ich bitte Er ſei außer Stande geweſen zu ſchlafen, und deßhalb zum um Verzeihung, gnädiger Herr, es iſt ſchon ſpät—“ Fenſter hinaus geſtiegen, um ſogleich aus der Nähe ſeines wiährend Allein die Worte erſtarben auf ſeinen Lippen, ſeine Wan⸗ bisherigen Herrn fort zu kommen. Die Stiefeleindrücke es Abends gen wurden bleich, und zitternd ſtarrte er vor ſich hin. könnten nicht von ihm herrühren, da er ſeine Stiefel aus⸗ man ver⸗ Mr. Noman kümmerte ſich nicht mehr darum, wie ſpät gezogen habe, um nicht von Mr. Noman gehört zu wer⸗ em Men⸗ oder wie früh es war. Sein Kopf lag wie im Schlum⸗ den, und überdies habe der Regen erſt angefangen, nachdem aber es mer auf den Kiſſen, aber an ſeinem Halſe zeigte ſich eine er das Haus bereits verlaſſen, und ſei ſtark genug geweſen, ht konnte furchtbare Wunde. Die Arme lagen auf der Decke des um etwaige frühere Eindrücke zu verwiſchen. Das Blut „da ſein Bettes, und die rechte Hand hielt ein großes Taſchen⸗ auf ſeinem Hemd rühre lediglich von einem Naſenbluten des Orts meſſer. her, welches bei ihm im Zuſtande der Aufregung ſtets ein⸗ ſtrenger Dieſe Entdeckung verurſachte große Beſtürzung im trete. Uebrigens würde er gern Mr. Noman's Leben mit den Be⸗ Gaſthofe. Die Todtenſchau wurde gehalten, und der Co⸗ Aufopferung ſeines eigenen gerettet haben, und nichts ſchmerze nn gefan⸗ roner ſprach die Anklage des Mordes gegen Jakob Jones ihn mehr als die Beſchuldigung der Undankbarkeit gegen Tod ſtand aus. Die Lage des Meſſers in der Hand der Leiche wurde ſeinen Wohlthäter. erbrechers. nur für einen verfehlten Verſuch erklärt, die Vermuthung Der vorſitzende Richter ſchien von dieſen Erklärungen heit. Er des Selbſtmordes entſtehen zu laſſen, denn auf der Schale zwar ſehr bewegt zu ſein, allein Jakobs Verſicherungen ver⸗ n und ſah des Meſſers ſtand der Name Jones. Der alte Snow hatte mochten nichts gegen die ſtarken, wider ihn ſprechenden Mr. M⸗ den Streit gehört, ſowie auch Jakobs Drohung, und es Beweiſe, und das Todesurtheil wurde über ihn verhängt. ch an ihm konnte deßhalb kein Zweifel über die Perſon des Thäters Als die Hinrichtung vorüber war, trat ein unterſetz⸗ oman zu herrſchen. Jakob wurde verhaftet und vor Gericht geſtellt. ter, ſonnverbrannter Mann, deſſen Hände ſtark mit Som⸗ luſſe l⸗ Der überzeugendſte Beweis in der Sache war der Umſtand, merſproſſen bedeckt waren, aus dem Gedränge der Zu⸗ auf den daß der Thäter, obgleich er alles Gold und Silber geraubt, ſchauer hervor, wandte ſich ſchnell in die nächſte Seitengaſſe gen. nur eine Banknote mitgenommen hatte, und daß gerade und murmelte, während er ſich mit der einen Hand über t bekant dieſe geſtohlene Banknote am Tage nach dem Morde von das Geſicht fuhr: llinghan Jakob Jones verwechſelt worden war.„Bei Gott, ein feſter Burſche! Er hätte die Sache dite mit Außerdem ſprachen auch die Stiefelabdrücke im Kies⸗ ſchlimm machen können, wenn er die Geſchichte mit den c et, wit ſande, in welche Jakobs Stiefel genau hinein paßten, ſo⸗ Stiefeln erzählt hätte, und der alte Snow würde beſchwo⸗ 5 Unnih wie das auf dem Vordertheile ſeines Hemdes befindliche ren haben, daß außer ihm und mir Niemand die Fallthür als düts Blut ſehr ſtark gegen ihn. Man bemerkte, daß, als der unter dem Bett kannte.“ 5 zim⸗ Beweis der Stiefelabdrücke erörtert wurde, Leichenbläſſe das War der Wahrſpruch gerecht geweſen? ues u Geſicht des Angeklagten überzog, und daß er ſich plötzlich Mehrere Jahre ſpäter, als der ſonnverbrannte Mann dwar, an etwas zu erinnern ſchien, dann aber, das Geſicht in auf dem Sterbebette lag, bekannte er in der letzten Beichte, un ſhr den Händen bergend, den Verhandlungen keine Aufmerkſam⸗ daß der Wahrſpruch gegen Jakob Jones„Nicht ſchuldig“ weg dn keit mehr ſchenkte, bis am Schluſſe derſelben die Lewehe. hüte lauten ſollen. ugſt liche Frage an ihn gerichtet wurde, ob er Gründe anzufüh⸗ L. Dubois. man deut⸗— iſt urii nz gü.. zu Der Bazar in Rertſchinsk. ſeftih mat 1 Nertſchinsk in Sibirien iſt der Hauptort des gleich⸗ Heerden durchzogen wird, und nur die jährlich ſich mehren⸗ ren ſch namigen Bezirks in Translafkalien, der als einer der här⸗ den Ruſſen und die zahlreichen Verbannten betreiben Land⸗ daß Jalt teſten Verbannungsplätze in Rußland bekannt iſt. Der Be⸗ wirthſchaft, Jagd und Bergbau, und in Neerrtſchinsk nicht iren ft zirk umfaßt das öſtliche Alpenland Da⸗urien, von Jablonoi⸗ unbeträchtlichen Handel mit dem benachbarten China und iſ kloyft Stannowoi und dem nertſchinskiſchen Erzgebirge im Weſten der Mandſchurei. en nidir und Norden bis an den Argun im Oſten und die chineſiſche Die faſt eintauſend Meilen von Petersburg, an der 4 voruſ Grenzlinie im Süden, und beſteht zum größten Theil aus Mündung der Nertſcha in die Schilka gelegene, ſchlecht ge⸗ on g kalten Hochſteppen, hohen erzreichen, mit Wald bedeckten baute Stadt Nertſchinsk hat außer 589 meiſt von Holz 7 Gebirgen, rauhen Felſenthälern und ausgedehnten Moräſten, errichteten Privatgebäuden eine ſteinerne Kathedrale und aſhr zwiſchen denen kleine Seen ſich ausbreiten. Die Quellen⸗ eine ſteinerne Pfarrkirche, ein ſteinernes und fünf hölzerne 6 Klu⸗ flüſſe des Amur, die ſämmtlich in die Schilka fallen, durch⸗-Krongebäude, einen großen von Stein errichteten Bazar 1 Tlſe ſchneiden und wäſſern das rauhe Land, das von nomadi⸗ mit 23 Kaufbuden, ein Obſervatorium, eine Bergſchule, pu d ſirenden Burjäten, Mongolen und Tunguſen und deren ſine geiſtliche und eine bürgerliche Lehranſtalt, und gegen 69* 548 6000 Einwohner beiderlei Geſchlechts. Faſt die Hälfte der Einwohner beſteht aus Verwieſenen(nicht immer Verbrechern), die entweder in den benachbarten Bergwerken arbeiten oder zur Jagd der Pelzthiere verwendet werden, und denen das Gouvernement jedem ein Pud Mehl und 8 Franken monat⸗ lich zu ihrem Unterhalt verwilligt. Die Hauptbeſchäftigung der Bewohner der Stadt beſteht im Anbau von Tabak, wo⸗ von jährlich in der Stadt und im Nertſchinskiſchen Kreiſe gegen 4000 Pud verkauft werden, in Viehzucht und in Handel. Das Vieh, ſoweit es nicht zum eigenen Bedarf geſchlachtet wird, wird größtentheils fremden Kaufleuten und Händlern überlaſſen, die es nach Kiachta zum Tauſch⸗ Feierſtunden. 1865. handel mit den Chineſen bringen. Die Kaufmannſchaft von Nertſchinsk, die den Bazar unterhält, iſt vorzugsweiſe im Pelzhandel thätig und kauft alles Rauchwerk auf, das durch Unterhändler im Lande geſammelt, durch Jäger und Verwieſene ſelbſt hereingebracht, oder gelegentlich durch die den Bazar beſuchenden Tunguſen, Jakuten, Burjäten und herumziehenden Mongolenſtämme angeboten wird. Das Rauchwerk wird von der hieſigen Kaufmannſchaft, deren Geſammtumſatz im innern Handel auf nahe an eine Mil⸗ lion Rubel geſchätzt wird, gleichfalls nach Kiachte und nach dem Niſchnegorodſchen und Irbitſchen Jahrmarkt gebracht. An Rauchwerk wird im Durchſchnitt jährlich geſammelt Der Bazar in Nertſchinsk. und bis zur Verſendung im Bazar gelagert: 300,000 bis 350,000 Eichhörnchen, 45— 50 Zimmer Zobel, 80— 100 Stück Fiſchottern, 100— 150 Luchſe, 500— 600 Füchſe, 40— 50 Vielfraße, 140— 150 Bärenfelle, 700— 800 Wolfs⸗ häute, 3000— 4000 Iltisfelle, und von Hausthieren: 45 bis 50,000 ſchwarze und 30— 35,000 weiße Lämmerfelle. — Der Bazar von Nertſchinsk wird von allen Theilen des öſtlichen Sibirien aus beſucht, und faſt wöchentlich im Sommer kommen größere oder kleinere Karawanen hier an, um ihre Erzeugniſſe umzuſetzen. 2. Die Pilgrime. Ein ſchöner Brauch war's in vergangenen Tagen, nach der Stätte zu wallfahrten, wo einſtens der Erlöſer der Menſchheit gewandelt, um allda niederzuknieen, ſeine Sünden zu bekennen und Gott um die Ertheilung ſeines Geiſtes, des Geiſtes der Liebe und der Demuth anzuflehen. Man wallfahrtete alſo nach Jeruſalem, ſowie an alle die heiligen Orte des gelobten Landes, und ſpäter auch nach Rom, weil allda die heiligen Apoſtel Peter und Paul den Märtyrertod erlitten haben ſollten; allein man wall⸗ fahrtete nicht dahin in der Ueberzeugung, durch die Wall⸗ fahrt ſelbſt Vergebung der Sünden zu erlangen, ſondern vielmehr in dem feſten Glauben, daß ſolches nur möglich ſei, wenn man ein gebeſſerter Menſch geworden. Dagegen hoffte und wußte man, daß Einer, der jedwedes weltliche Dichten und Trachten auf die Seite geworfen hat, um ſeine Gedanken einzig und allein der Ewigkeit zuzuwenden, um ſo fähiger ſei, ſein bisheriges ſündhaftes Leben zu erkennen, und deßwegen unternahm man jene großen und ſchwierigen Reiſen nach Rom und Jeruſalem. Schon an ihrer Kleidung erkannte man die Pilgrime oder die»Peregrini«, d. h. die Fremden, denn aus dieſem lateiniſchen Worte iſt der Name Pilgrim entſtanden. Sie trugen nämlich beinahe durchgängig ein langes braunes oder graues Gewand, das ihnen bis über die Knöchel hinab⸗ reichte, und hielten einen noch längeren Pilgerſtab in der Hand, den ſie mit allerlei Zierrathen aus dem Pflanzen⸗ und Mineralreich, wie ſie ſie in den fernen Landen vor⸗ fanden, ſchmückten. Die Füße waren bloß oder ſteckten höchſtens in leichten Sandalen, und den Kopf beſchattete (falls nämlich die Pilgrime Männer waren) ein mit Mee⸗ resmuſcheln gezierter, überaus breitrandiger Hut, während die Wallfahrerinnen ihre Haare haubenartig mit einem über den R Keinem weſen, einem hing re ſie ſie ſo wit ten nnſchaft igsweiſe f, das ſer und rch die en und Das „dren ne Ml⸗ nd nach gebracht. ſammelt erkennen, wierigen Feierſtunden. 1865. 549 den Rücken hinabfallenden weißen Tuche bedeckt hielten. Kürbis, oft aber auch ein aus Horn gefertigtes Trink⸗ Keinem Pilgrime aber, er ſei nun Mann oder Weib ge⸗ gefäß. 3 weſen, fehlte ein Medaillon auf der Bruſt, beſtehend in So ſchritten ſie einher, fromme Gebete murmelnd oder einem Crucifixe oder in einer Reliquie, und an der Seite auch heilige Lieder ſingend, und grüßten Jeden, der ihnen hing regelmäßig die Pilgerflaſche, lmeiſt ein ausgehöhlter begegnete, mit einem frommen Spruche. Anſprüche machten Die Pilgrime. lg 1 1 ſie keine, weder auf Nahrung noch auf Nachtlager, aber ihnen im Stall oder auf dem Heuboden eine Stätte zum ſie mochten in eine Gegend kommen, in welche ſie wollten, Schlafen an. Deßwegen hatten ſie aber doch der Müh⸗ ſo gab es Niemanden, der ſie nicht auf's Freundlichſte be⸗ ſeligkeiten gar viele zu überwinden, und es gehörte ein ſtar⸗ willkommt hätte, und ſelbſt unter den roheſten Völkerſchaf⸗ ker geiſtiger Muth, ſowie eine große körperliche Energie ten lud man ſie ein, mit an den Tiſch zu ſitzen und wies dazu, wenn man das Ziel der Reiſe glücklich erreichen wollte. 550 ——;:⅓:ꝛ:-——u:fyͤ——————; Man mußte der Kälte ebenſogut Trotz bieten, als der Hitze, und durfte ſich weder vor Regen noch vor Sturm ſcheuen. Bedenkt man dann noch die ſchlimmen Wege durch Länder, in denen noch gar keine Straßen exiſtirten, ſowie die noch ſchlimmeren Uebergänge über Sümpfe und Bäche oder über Felſen und Gebirge, ſo wird man wohl zugeben müſſen, daß eine ſolche Pilgrimſchaft keine Luſtfahrt war. Allein ſie ſollte auch keine ſein, ſondern vielmehr ein Opfer, das man dem Herrn brachte! Man wollte ja durch ſie zeigen, daß man bereit wäre, ſelbſt über Dornen und haarſcharfe Steine hinwegzuſchreiten, um ſeine tief unterwürfige Gott⸗ ergebenheit zu beweiſen! Man wollte ja dem Erlöſer nach⸗ ahmen, der die größten Qualen für die Menſchheit ausge⸗ ſtanden, obwohl keine Sünde je in ihm gewohnt hatte! Das Bild auf S. 549 zeigt eine ſolche Pilgrimfamilie. Sie beſteht aus einem Manne, der uns gleich durch ſeinen Pilgerſtab, ſeinen Pilgerhut, ſowie ſein Pilgerkleid auffällt; ferner aus einem noch ziemlich jungen Mädchen, wahrſchein⸗ lich ſeinem Töchterlein, das ſich an ihn geſchmiegt hat, und endlich aus zwei erwachſenen Frauen, deren eine ihrem Al⸗ ter und Benehmen nach die Mutter der andern zu ſein ſcheint. Drei dieſer Pilgrime, der Mann, das Töchterlein und die alte Mutter haben alle Mühſeligkeiten mit großer Ausdauer überſtanden, und ſie freuten ſich ohne Zweifel tiefinnerlichſt, als ſie endlich nach langer, langer Wande⸗ rung die Thürme der ewigen Stadt vor ſich blinken ſahen. Das Ziel ihrer großen Reiſe lag ja nun vor ihnen und nach wenigen Schritten ſtanden ſie inmitten Roms! Aber ſiehe da, das vierte Glied ihrer Geſellſchaft, die Tochter der alten Frau, ſah ſich nicht im Stande, den letzten Schritt zu thun. Im Angeſichte der ewigen Stadt, hart vor der Schwelle des erſten kirchlichen Heiligthums, deren Rom ſo viele Hunderte zählt, ſank ſie nieder, weil ihre wunden Füße ſie nicht weiter trugen! Füße waren krank, nein ihr ganzes Weſen und Sein erlag den übermenſchlichen Strapazen, welche ſie zu überſtehen gehabt, und wie ſie niederſank, ſchloſſen ſich die todtmüden Augen, wie zum ewigen Schlafe! Doch— Hülfe war nicht fern! Als die erſte, welche neben ihr niederkniete, um fie zu unterſtützen, müſſen wir natürlich ihre alte Mutter nennen, denn Mutterliebe verläugnet ſich nie; aber zu glei⸗ cher Zeit eilten auch aus dem Kloſter daneben zwei Mönche herbei, um ſofort werkthätig einzugreifen. Ihre Pflicht war es ja, der hülfebedürftigen Menſchheit bei jeder Ge⸗ legenheit beizuſpringen, wie viel mehr mußten ſie ſich ver⸗ pflichtet fühlen, ſich einer Pilgerin anzunehmen, die nach Feierſtunden. 1865. —; Und nicht blos die ——— ———— Rom kam, um in deſſen Heiligthümern Vergebung der Sün⸗ den zu erflehen? So ließ ſich denn der Eine von ihnen zu den Füßen der ohnmächtigen Kranken nieder, löste die zerriſſenen Sandalen ab und legte einen kühlenden Verband um die geſchwollenen oder blutenden Theile; der Andere, der Kuttenträger, aber ſtellte ſich zu Häupten der Kranken und träufelte einen ſtärkenden Balſam auf ein Tuch, um ihr dieſes um die Stirne zu binden. Bei ſolcher Sorg⸗ falt und Liebe konnte es alſo nicht fehlen, daß die arme Pilgerin ſich wieder erholte, und ſicherlich war ſie in weni⸗ gen Tagen wieder hergeſtellt. Gott verläßt ja Keinen, der in ſeinem Dienſte begriffen iſt! Auf dieſe Art wurde es früher mit den Pilgerfahrten gehalten, und kein Menſch wird läugnen, daß ſie damals ſchon deßwegen ein verdienſtliches Werk waren, weil ſie den Menſchen zur Demuth und Selbſtaufopferung, ſowie zur Kenntniß der eigenen Sündhaftigkeit und zum Gelöbniß der Beſſerung hinführten. Später jedoch arteten die Wallfahr⸗ ten vollſtändig aus und wurden zum Geſpött aller recht⸗ ſchaffenen, ehrbaren und verſtändigen Menſchen. nämlich mehrten ſich durch die in's Maſſenhafte gehende Heiligſprechungen die Wallfahrtsorte in's Unendliche, indem faſt jede Kirche, ſowie ohnehin jedes Kloſter, jede Abtei und jeder Biſchofsſitz des Nutzens halber, welchen die ein⸗ kehrenden Pilgrime brachten, ſein eigenes wunderthätiges Marien⸗ oder Heiligenbild haben wollte, ſondern man er⸗ klärte auch prieſterlicher Seits, daß ſchon das Pilgern„an ſich“ Sündenvergebung erwirke, ohne daß eine moraliſche Beſſerung und eine Erweckung des Glaubens dabei noth⸗ wendig ſei. Hiedurch wurden eine ungeheure Menge von Menſchen zum Wallfahren und Opfern veranlaßt, aber die meiſten derſelben waren keineswegs demüthige, gottergebene Menſchen, ſondern vielmehr unbußfertige Sünder aller Art, welche auf dieſe Art ſchnell aller Sündenſtrafen los wer⸗ den wollten, ohne nöthig zu haben, vorher oder nachher Buße zu thun. Ja nicht wenige Müßiggänger und Lum⸗ pen, ſowie eine Menge von Weibern aus jener bekannten Klaſſe, welche man„die Fahrenden“ nennt, geſellten ſich zu ihnen, und dieſe Wallfahrer beiderlei Geſchlechts führ⸗ ten ein ſo luſtiges, leichtſinniges oder gar liederliches Leben mit einander, daß die Pilgrimſchaft förmlich in Verruf kam. So artet oft die ſchönſte und heiligſte Sitte aus; deßwegen müſſen wir uns aber um ſo mehr hüten, auf die„ur⸗ ſprünglichen“ Pilgrime auch nur den leiſeſten Schatten wer⸗ fen zu laſſen, denn zwiſchen Sonſt und Jetzt iſt ein him⸗ melweiter Unterſchied! Th. Gr. Aus eines Rurfürſten Haushalt. Von Thaddäus Lau. Bei Sivershauſen auf der Lüneburger Heide, in der Schlacht wider ſeinen Schwurbruder, den wilden Mark⸗ grafen Albrecht von Brandenburg⸗Culmbach, hatte Kurfürſt Moriz von Sachſen, der Begründer der Kurwürde in der Albertiniſchen Linie, ſein ruhmvolles und thatenreiches Leben geendigt. Die Sage wollte wiſſen, daß der Kurfürſt in jener Schlacht gefallen, weil ihm kurz zuvor durch den Hof⸗ junker Schönburg von Glauchau das„Mazzaloth“ entwandt worden. Mit dieſem Talisman und Schutzgeiſt des ſäch⸗ ſiſchen Hauſes— Meſſhalotte heißt hebräiſch ein Zauber⸗ ſpruch— hatte es nach der Erklärung, welche ein gewiſſer Elias Geißler in einem Buche gibt, das im Jahre 1725 erſchien, die folgende Bewandtniß.„Churfürſt Erneſtus, als er mit ſeinem Bruder Alberto noch gemeinſchaftlich re⸗ gierte, ſchlief einſt, nahe am Ofen ſitzend, im Kloſter Zelle bei Noſſen; da träumte ihm, es komme Eine ſeiner Vor⸗ fahrin und ſpräche zu ihm: ‚da haſt du es wieder, was ſo lange deiner Familie entwendet geweſen, ſo lange es ferner dabei bleibet, wird es wohl ſtehen. Habe Acht!' Da ſie nur von fern ein zuſammengewickeltes Tuch ihm zuwarf, traf ſie den dazwiſchen ſtehenden Ofen und es fiel in's Feuer, ſie aber verſchwand. Erneſtus erwachte und ſahe, daß wirklich der Ofen entzwei und ein dergleichen Tuch im Feuer lag, griff hinein und errettete es aus den Flammen. Da er ſolches in Verwirrung entwickelte, fand er inliegend in einer Umhüllung das Mazzaloth.“ Wie geſagt, behaup⸗ Nicht nur er Sün⸗ n ihnen öste die Verband Andere, Kranken c, um t Sorg⸗ die arme in weni⸗ nen, der erfahrten damals ſie den owie zur übniß der zallfahr⸗ er recht⸗ licht nur gehende e, indem de Abtei die ein⸗ rthätiges man er⸗ gern„an roraliſche bei noth⸗ enge von aber die tergebene aller Art, los wer⸗ nachher d Lum⸗ ekannten Aten ſich ts führ⸗ es Liden ruf kam. deßwegen die„ul⸗ tten wer⸗ ein him⸗ Gr. Feierſtunden. 1865. ———OO—— tete der Volksmund, daß der Verluſt des Mazzaloth die Urſache geweſen ſei, daß Moriz das Glück, das ihm bis dahin treu eigen geweſen, bei Sivershauſen verließ. Einen Sohn als Erben hinterließ Moritz nicht. Sein Bruder Auguſt ward ſein Nachfolger, ein munterer Herr, der die„froligkeit“ liebte und die„ergetzlichkeit“, zumal bei der„Faſtnachtfreude“, dazu auch ein Glas aqua vitae und einen„genzlichen Trunk“, eine Leidenſchaft, die ihm bei ſei⸗ ner„Leibesſchwachheit“ nicht immer zum Beſten bekam, der aber dabei doch während ſeiner langen Regierung von 1553 bis 1586 die ausreichendſte Gelegenheit fand, ſein großes Talent für die Organiſation des Landes und für die Ver⸗ waltung des Staatshaushaltes nicht minder zu bewähren, als Ordnung, Disciplin und weiſe Sparſamkeit in der Hofwirthſchaft einzuführen, in dieſem letzten Punkte von Anna, ſeiner wirthſchaftlichen Gattin, fleißig und getreu⸗ lichſt unterſtützt, die auch, wie wir ſehen werden, in der Neigung für ein Glas aqua vitae mit dem Herrn Ge⸗ mahl beſtens harmonirte. Wir leſen nicht ohne Theilnahme und Intereſſe von den Sparſamkeitsreformen, welche Fried⸗ rich Wilhelm I. am preußiſchen Hofe nach dem Ableben ſeines Vaters einführte, es nöthigen uns gar nicht ſelten die Beſtrebungen dieſes Königs in dieſer Richtung ein Lächeln ab, wenn wir ſehen, wie ſein haushälteriſcher Sinn ſogar auf dem Krankenbette die Tagesberichte aus Küche und Keller mit Argusblicken revidirt, wie er eine gar ſpar⸗ taniſche Haus⸗ und Tafelordnung für ſeine Familie feſt⸗ ſetzt, welche„noch nach meinem Tode gelten ſoll“— weß⸗ halb uns nicht auch einmal mit den ungleich weniger be⸗ kannten und doch nicht weniger anziehenden Beſtrebungen des Kurfürſten Auguſt von Sachſen auf dem nämlichen Gebiete beſchäftigen? Gleich eine der erſten Regierungshandlungen des neuen Regenten war die unterem 12. September 1553 ausgefer⸗ tigte Beſtallung für den„Grafen und Herrn Friedrich Magnuſen zu Solmis auf der Herrſchaft Sonnewalde“. Beſagter Graf und Herr ſollte eine Hofordnung entwerfen zund über deren Ausführung wachen. Zu dem Ende ward er— wie vorſichtig!—„auf ein jahrlang“ zum„Rath und Diener“ des Kurfürſten angenommen und ihm befoh⸗ len,„alle Tage ſich die Hofrechnung vortragen zu laſſen, die vleiſſig beſehen, und wenn er findet, das in Küchen oder Keller oder ſonſt zu viell vertan, ſoll ehr nachfor⸗ ſchunge und im fall der notturft einſehenn haben. Ob ſich's auch begebe, daß der Marſchall Küchenmeiſter, Schenk und andere Diener in ihren Ambtern nachlaßig wören, denen ſoll er mit Ernſte unterſagen und im Fall der not⸗ turft dem Churfürſten berichten. Er ſoll auch vleißig ach⸗ tung geben, das alle Dinge zu rechter Zeit in den Vor⸗ rath geſchickt werden und das niemand am Hofe geſpeiſet, denn die zu ſpeiſen befohlen, das man auch nicht ſpeiſe und trank in die ſtadt trage, und damit ſolchs deſto füglicher geſchehe, ſoll er einen guten und vleißigen torwärter ord⸗ nen.“ Am Schluſſe der Urkunde heißt es:„Zu ſolchem einem Dienſte wollen wir Ime halten 12 Pferde, damit ſol ehr uns gerüſtet dienen. Wir wollen Ime auch ſoviell knechte und pferdefutter und mahell auch gewöhnliche hofe⸗ kleidunge, hufſchlagk, Vesper und ſchlafftrank und auf jedes pferdt die Jahrlangk 125 gulden gehen laſſen. Darzu wollen wir ihnen mit einer wonungn verſen, deßgleichen mit holze vor ſeine haußhaltunge.“ Obſchon nun Graf Sols die ertheilte Inſtruktion zur vollen Zufriedenheit ſei⸗ nes Auftraggebers erfüllte und ſich auch ſonſt in ſeinen Funktionen genügend bewährte, ſo ward ihm nach Ablauf 551 des Probejahrs doch keine definitive, ſondern in der neuen Beſtallung vom 29. Sept. 1554 wieder nur eine proviſo⸗ riſche Anſtellung„als Oberhofmarſchalk und Rath auf ein Jar“. Seine ſpäteren Amtsnachfolger, der Junker Hein⸗ rich von Starſchädel, und dann die Herren Zacharias von Grünbergk und Hanß von Querßwalde, welche beide letz⸗ tere gemeinſchaftlich im Jahre 1568 mit der Verwaltung des Hof⸗ und Hausmarſchallamtes betraut wurden, erhiel⸗ ten nicht minder gemeſſene Inſtruktionen, und namentlich ſind die Anweiſungen an die beiden letztgenannten Mar⸗ ſchälle von einer Ausführlichkeit und Genauigkeit bis herun⸗ ter auf die kleinſten Details, welche nichts zu wünſchen übrig läßt, welche uns aber auch einen höchſt belehrenden Einblick in die Lebensweiſe, überhaupt in die Zuſtände an einem kurfürſtlichen Hofe jener Zeit geſtattet. Eine wört⸗ liche Wiedergabe dieſer Inſtruktion, welche Weber in ſeine Mittheilungen aus dem Dresdener Staatsarchiv aufgenom⸗ men hat, würde bei dem maſſigen Umfange des Aktenſtücks der Geduld unſerer Leſer eine zu harte Probe auferlegen; beſchränken wir uns auf einige charakteriſtiſche Auszüge. Obenan in der Inſtruktion für die beiden Hof⸗ und Haus⸗ marſchälle ſteht die Sorge für„das Getrengke“. Wie be⸗ zeichnend! Die Inſtruktion beginnt nämlich:„Wenn S. Churf. Gnaden verrayßen wollen, ſollen ſie das getrengke an die Ortt, dahin dieſelbe verrucken werden, zeittlich zu voranſchaffenn und was alßda auff ſolchenn churfürſtlichen Rayßenn oder Jagtlagern an nottdurftigem vorrat vor Küch und Keller mangeln wirdet, ſoll der Hofmarſchalch Seiner churf. Gn. Gemahel in zeitten vormelden, damit daſſelbige auß dem Hofflager oder ſonſt mit Rath zur Stedte ge⸗ ſchafft werde.“ In Bezug auf die Stunde der Tafel „ſollen beide Marſchallche alle morgenmalzeiten umb ein Uhr nachmittags und die Abendmalzeiten noch denſelbigen abendt um 7 Uhr verſchreibenn laſſen, was allenthalben uffgangen und ſolch verſchreibenn einer jeden malzeit auch was zum Extra und ſonſt ausgegeben wirdt, dreymahl ordentlich weiſe geſchehenn, nemlich das eine in das Buch, welches mein gnedigſter Herr zu Seiner churf. Gn. handen nimmt, welches der marſchalch mit gebrauchen ſoll, daß andere in das Buch ſo der Cammer Schreiber behelt, daß dritte inn das ſo der Küchenſchreiber in der verwarung hat, darein ſoll auch verſchrieben werden, was im Keller, Sil⸗ berkammer und Extra ufgangen und was auß den Emb⸗ tern vor die Küche und den Keller genommen worden.“ Die nämliche dreifache Buchführung ſoll auch bei allen Ein⸗ käufen für den Haushalt beobachtet werden.„Alles Fleiſch, Wilprett und Fiſche, auch alle wurz, als Saffran, Ing⸗ wer, pfefer, muscattennuß, mußcattenblumen, neglein, zimmetrinden, Zucker, mandeln und alles was man bei Centnern, pfunden und dem Gewichte einkaufft und em⸗ pfehet, das ſollen ſie wieder nach Centnern, pfunden, vier⸗ teln und loten verſchreiben laſſen, auch achtung darauf gebenn, daß mit demſelben allen rathlich und treulich umb⸗ gangen, vleißigk verſchriebenn und verrechnet werde, was aber an allerlei obſt und zugemuß nach Scheffelmaßen und Schozkzahl erkauffet und eingenommen, des ſollen ſie auch dergeſtalt nach Scheffelmaßen und Schogkzahl wie es ein⸗ kauft, verſchreibenn, verrechnen und der keinerlei außen laſ⸗ ſenn.“ Weiter beſtimmte die Inſtruktion auf das Sorg⸗ fältigſte, welche Perſonen„von unſerer churfürſtlichen Taffel zu hoff und auff der Reiſe“ zu ſpeiſen ſind; die peinliche Aengſtlichkeit, mit welcher gerade dieſer Titel abgehandelt wird, läßt darauf ſchließen, daß dieſes Beneficium des kur⸗ fürſtlichen Freitiſches arg gemißbraͤucht worden ſein muß. 55²2 Das Verzeichniß dieſer Perſonen bleibt allerdings immer noch ein ellenlanges. Da gibt es eine Tafel„vor der jun⸗ gen herrſchafft“, für die kurfürſtlichen Kinder. Wenn die⸗ ſelben„in irem gemach“ abgeſpeist haben, ſoll deren Hof⸗ meiſterin,„nemlich die Gerdrutt Carlowitzin,“ und die Kammerjungfrauen„in der Kinderſtuben“ eſſen, und als⸗ dann 9 weibliche Dienerinnen, als„Nacheſſer“, welche „von der ſpeis eſſen, ſo von der Hofmeiſterin und Cam⸗ merjungfrauen Tiſch übrig bleibt.“ Die letzten Reſte die⸗ ſes Tiſches bekommt eine Nachtwächterin, Vogelſteller und zwei Stubenheizer der jungen Herrſchaft. Eine zweite Tafel war zu decken„für die Perſonen, ſo im Frauenzimmer geſpeist werden.“ Den Vorſitz an dieſer Tafel führte„des haußmarſchalchs weib, die Auerßwaldin“; die übrigen Gäſte waren 7 adelige Jungfrauen und 2 Kammerjungfrauen. „Nacheſſer“ ſind hier 7 Dienerinnen und 4 Diener, darun⸗ ter„der kleine Thonius mit der naſe“. Für die dritte Tafel„inn der hofſtubenn“ unter dem Präſidium der bei⸗ den Marſchälle von Grünberg und von Auerswald nennt die Inſtruktion nicht weniger als 39 Perſonen,„allerley volk“, Kammerjunker, Edle Jungen, Böhmiſche Herrn, Drei⸗Rößer, d. h. Edelleute, die mit drei gerüſteten Pfer⸗ den in's Feld zogen, u. ſ. w. Alle werden bei Namen aufgeführt, und auch in der Reihenfolge der Plätze, der einem Jeden nach ſeinem Range gebühre. Ein Dutzend Perſonen wird an„den Karnzleitiſch verordnet“, darunter mehrere Medici, ein Hofprediger und verſchiedene Canzley⸗ Schreiber.„Einuzwanzigk Edle Knaben eſſen die, ſo von S. churf. Gn. Tafel aufgehoben werden,“ nach der Küche endlich werden zu den Perſonen,„ſo dort teglich geſpeiſet werden,“ 17 vom Küchenperſonal, 10 aus der Kellerei und 2 aus der Cammer verwieſen. Für die Marſchallstafel, deren Gäſte das„allerley volk“ bildete,„haben S. churf. Gn. wöchentlich an getrengke verordnet drei vhaß oder 15 eimer Bier und achthalbenn Eymer wein, thut jede mahl⸗ zeit 20 Stübchen Bier und 10 Stübchen wein. Die ſol⸗ len jenen auf der Reiſe ſowol alß zu hoffe gefolget werden, bleibet inen etwas übrigh, das mögen ſie zu Rath haltenn, bis ſie es bedürfen.“ Eine ſpezielle Anordnung ſchärfte den Marſchällen ein, auf Anſtand und Ruhe bei der Tafel zu halten:„in den hoffſtuben do man ſpeiſt, ſollen ſie kein wüſt geſchrey, werffen, noch ander wüſt unhofflich weßenn geſtatten, auch darauf ſehen, daß Tiſch⸗ und Handtücher, Schiſſeln und Trinkgeſchirre reinlich gehalten werden.“ Ein außerordentliches Verabfolgen von Speiſe und Trank wird ſtrengſtens verpönt:„unter den malzeitten ſoll auß Küch und Keller nichts gegeben werden, auch kein Veſper noch Schlafftrangk außer der Jungfrawen, Kochenn und Kellerknechten, wie es verordnet.“ Vorzügliche Aufmerkſam⸗ keit ſchärft die Inſtruktion den Marſchällen dahin ein, daß aus dem churfürſtlichen Haushalte nichts heimlich entfernt oder geſtohlen werde:„ſie ſollen alles heimbliche abtragenn an eſſen und tringken abſchaffen und der Guardi macht geben, die verdechtigen Perſonen zu beſuchen und do bey jemandts etwas funden, dieſelbigen zu mahnen oder nach gelegenheit zu ſtraffen.“ Auch an anderer Stelle und nach anderer Richtung hin kennzeichnet ſich die Oekonomie Sr. Churf. Gn., wenn den Marſchällen aufgegeben wird, ſie ſollen zuſehen,„daß mit Holz und Kohlen rethlich umb⸗ gangen nnd wintterzeitt nicht mehr ſtuben geheizt werden, alß zur Notturft verordnet ſein, auch keinem Stubenheizer die Aſche folgen laſſen. Desgleichen ſollen ſie verordnen, daß wintterzeitt abends und morgens die licht⸗ oder feuer⸗ pfannen angezündet und Sommerzeit die Camin und Feuer⸗ Feierſtunden. 1865. ——ä:ͤ——y—————— mauren gereiniget werden.“ Ebenſo wird den Marſchällen zur Pflicht gemacht, den Müllern und Bäckern ſcharf auf die Finger zu ſehen:„ſie ſollen auf den hoffbecken achtung geben, daß aus jedem Scheffel Dreßniſch maß waitzenmehl, 12 ſchogk Semmel und auß jedem Scheffel Rockenmehl achthalb ſchogk hoffbrodt und 30 Schaubenbrodt und alſo nach jedem Scheffel Rocken ein Centner und 29 pfundt Krahmgewicht am Brodt vermöge des geſchnittenen muſters gebacken und geliefert werden.“ Nicht minder haben die Marſchälle ein wachſames Auge auf die Erträge der Hof⸗ jagden zu richten:„auf denen Jagdreiſen ſoll der Hofmar⸗ ſchalch vleißigk zuſehen, daß von dem gefangenen Wildpret nichts veruntrauet und mutwilig verderbt werde, ſondern daſſelbig entweder bald friſch eingeſalzen und aufs erſte ins Hofflager geführt werde, wenn er auch Geſchirr und Fuhre bedarf, darumb ſoll er den Stallmeiſter der daruber befelch hat anſprechen.“ Wie es ſcheint, hatten ſich unbefugte Lieb⸗ haber des auf den kurfürſtlichen Jagden erlegten Wildprets oft und zahlreich, und das wohl in der nächſten Umgebung des Kurfürſten, eingefunden. Nach einer Jagd, die bei Codlitz abgehalten war, vermuthete Auguſt einſt, daß einige „der gefangenen Sauen nicht auf das Schloß geantwortet, ſondern heimblich verſchleift und weggebracht worden.“ Er ſchrieb deßhalb an den Schöſſer zu Dresden:„weil wir gar gerne wiſſen wollen, wo ſolche entwandthe Sawen hinkom⸗ men, ſo iſt unſer gnedigſt begeren, du wolleſt unvermerkt an den Thoren zu Dresden gar vleißigke nachforſchungen haben, ob nicht und durch wen dieſer Tage ganze oder zer⸗ wirkt Saw in unſere ſtadt Dresden eingefürt oder getragen und wohin ſie geantwortet worden und was du hinan allenthalben erfahreſt, das wolleſt uns unheimblich ver⸗ melden.“ An die letzteren Weiſungen über die Holz⸗ und Kohlen⸗ vorräthe reihen ſich die Vorſchriften über die Beaufſichti⸗ gung des Hofgeſindes. Die Hofmarſchälle ſollen„der Hoffjungkern wie der Knechte aller irer namen und Zu⸗ namen“ genau kennen. Unfrieden und Zwiſt unter dem Hofgeſinde dürfen um keinen Preis geduldet werden:„do unter Unſerem Hoffgeſinde uneinigkeit und Zwitracht ent⸗ ſtunde, die ſollen die Marſchalche guttlich hin zu legenn ſich bevleißigen, würde aber einer den andern von S. Ch. Gn. Schlöſſern und Heußern außfordern oder ſonſt mitt einander balgen, ſollen die Marſchalche handtgelubdnuß von denſelbigen nemen, einen Friede zwiſchen jenen wirken und Sr. Ch. Gn. deß berichten und ſich beſcheidts dorüber er⸗ holen.“ Der unbekannte Autor der Inſtruktion— denn daß der Kurfürſt dieſe zwar gründlich revidirt, ſie aber nicht ſelbſt eigenhändig geſchrieben hat, iſt wohl ſelbſtverſtändlich — hatte auch den Marſchällen aufgegeben, dafür zu ſorgen, „daß das Hoffgeſind hohes und niedrigen Standes mit Vleiß zur Kirchen gehen ſolle.“ Kurfürſt Auguſt durch⸗ ſtrich aber den Paſſus, indem er am Rande bemerkte: „wer nicht in die Kirch gehen wil, gotes wortt vleißig hören, ſich der hochwirdigen Sacrament gebrauchen, und ſich ſonſt nicht gottſelig halten wil, den holl der Teuffel.“ Rückſichtsloſe Strenge hat einzutreten, wenn Jemand vom Hofgeſinde ein Kriminalverbrechen begangen haben ſollte: „do jemandt vom Hoffgeſinde, wer der wäre, einen Mordt oder andere ſtraffliche unthatt begangen, ſollen ſich die Mar⸗ ſchalche ſeiner nicht annemen, noch den Gerichten in ſtedten oder Embtern weren, viel weniger den Thettern vorſchub thun, daß dieſelbigen entkommen, ſondern vielmehr die Ge⸗ richte befurdern helfen, daß die Theter zu gebürlicher ſtraff in Hafften gebracht werdenn.“ — 1 umfan ttruklio nicht h Ch. G. Werſtan über be Hoff holenn Bier tafel! Nachd unhof andere ſo kar wir h jener ging, Sorge Dienſ treffli Behan denn Reihe Dienſ Sohn lieben und! tini Dien zu g. ſoll! das war arztes Kurf Vocc und wie dem tarſchälle ſcharf auf achtung itzenmehl, ockenmehl und alſo pfundt nnuſters haben die der def Hofmar⸗ Wildpret „ſondern erſte ins und Fuhre ber befelch fugte Lieb⸗ Wildprets Umgebung „ die bei daß einige antwortet, den.“ Er il wir gar en hinkom⸗ unvermerkt orſchungen eoder zer r getrager du hinan blich ver⸗ d Kohlen⸗ geaufſichti⸗ llen„der und Zu unter dem den:„do tracht en⸗ zu legenn n S. Ch. ſonſt mit bdnuß vol dirken und prüber el⸗ r— dem aber nich erſtindlih zu ſorgen andes nne Feierſtunden. 1865. ——————-:'õ-—-—ä:—‚tr.¶eõ-————-r——y-ͦ-ͦ-ͦ-x— —;— Man ſieht, die Obliegenheiten der Marſchälle waren umfangreich und complicirt genug. Der Schluß der In⸗ ſtrukiion bevollmächtigte ſie,„was nun in dieſen Artikeln nicht begriffen oder ausdrucklich verordnet, das wollen S. Ch. Gn. dem Hoff und Hausmarſchalch nach iren beſten Verſtande hiermit vertrauet habenn oder megen ſich hier⸗ über bei S. Ch. Gn. oder ſoviel die Haußhaltunge in den Hoff Embtern anlanget, bei Sr. Ch. Gn. Gemahele er⸗ holenn.“ Wenn wir bedenken, wie reichlich das Tagesdeputat an Bier und Wein für das allerley volk an der Marſchalls⸗ tafel berechnet war, wennn wir weiter ſehen, mit welchem Nachdruck der Kurfürſt die Aktion ſeinen Beamten gegen unhofflich Balgen, wüſt Geſchrei und Werfen, und gegen andere ſtraffliche Unthat ſeiner Hofjunker in das Feld ruft, ſo kann es kaum etwas Befremdendes für uns haben, wenn wir hören, daß es unter der Dresdener Hofdienerſchaft jener Zeit nicht ohne Schäden, Beulen und Wunden ab⸗ ging, und daß es deßhalb gerade nicht zu den geringſten Sorgen Seiner Gnaden gehörte, tüchtige Aerzte in ſeine Dienſte zu ziehen. Zwar verſtand ſich die Kurfürſtin Anna trefflich auf Chirurgie und„mediciniſche Arcana“, aber die Behandlung aller preßhaften und ſchadhaften Hofdiener ging denn doch über ihre Kräfte. Wir finden daher eine ganze Reihe von Leibärzten, die nach und nach in des Kurfürſten Dienſt ſtanden, u. A. auch einen Dr. Paul Luther, einen Sohn des Reformators. Dieſem,„ſeinem Leibarzt und lieben getreuen Hrn. Paul Luthern, der Arzney Doktorn und weiland ſeines lieben Vaters des Herrn Doktor Mar⸗ tini Luthers ſeliger gedechtniß willen, auch der getreuen Dienſte willen, ſo er Doctor Paul Luther etzliche jahr hero zu gnedigſten guten gefallen geleiſtet und fürder thun kann, ſoll und will,“ verlieh der Kurfürſt die Anwartſchaft auf das einträgliche Kloſtergut Sornzig. Die„Begnadigung“ war eine ganz außerordentliche, denn die Stelle eines Leib⸗ arztes in Dresden war bei dem haushälteriſchen Sinne des Kurfürſten nichts weniger als eine Sinecure. Aus einer Vocation, welche für Franz Müller,„Unſern beſtelleten und angenohmen wund⸗Arzt,“ ausgeſtellt wurde, erſehen wir, wie karg und knapp deſſen Gehalt zugemeſſen war. Nach⸗ dem nämlich die Vocation ſehr detaillirt alle Funktionen und Dienſte aufgeführt, welche der Berufene zu leiſten ver⸗ pflichtet ſei, bis herunter auf das wöchentliche Abwaſchen der Pagen an jedem Sonntage, heißt es ſchließlich:„dar⸗ gegen wollen Wir ihm umb ſolche ſeine Mühe und Dienſte jerlich 100 fl. Münz, 2 lundiſche Kleider(von Leydener Tuch) und freie Herberge geben und verſchaffen, deßgleichen wenn er mit Uns oder ſonſt zu unſern ſachen und bevel⸗ chen reiſen ſol, Pferde zu reiten verordnen.“ Es gereichte der mediciniſchen Fakultät zu abſonderlicher Kränkung, daß ihre Mitglieder in der Schätzung des Kurfürſten Auguſt um ſo Vieles niedriger ſtanden, als die Doctores juris, und gar mancher hitziger Streit entbrannte aus dieſer Ur⸗ ſache zwiſchen den beiden Schweſterfakultäten in Leipzig. Denn während der Kurfürſt ſeinem Leibchirurgen nur jenes ſpärlichen Gehalt bewilligte, erwies er ſich ungleich frei⸗ giebiger gegen die Jünger der Themis. So wurde dem Dr. Ulrich Mordeiſen, dem Ordinarius der Leipziger Ju⸗ riſtenfakultät, bei ſeiner Berufung unterem 24. Juli 1554 an Emolumenten zugebilligt„500 Gulden müntz jerlich Dienſtgehalt, 100 fl. Koſtgeld, er ſpeiſe zu Hoffe oder nicht, deßgleichen auf 3 Pferde gewenliche Beſoldung als nemlich auf jedes Pferd 1 monat 14 fl., ferner jerlich ein Fuder 55³3 ———— 60 Scheffel Korn, 50 Klaftern Holz, die ihme auf die Ampts⸗ oder Schloßfur für ſeine Behauſung ſollen gerücket werden, 2 Centner Hecht, 3 Ceutner Karpfen, 2 gemeſt ſchwein, 1 gemeſter Ochſe und 3 Fäſſel eingeſaltzen ſchwei⸗ nen Wildpret.“ Dieſe lang gehegte Eiferſucht unter den Söhnen Aesculaps und den Themisjüngern am Dresdener Hofe ſollte zu vollem Ausbruch kommen, als im Jahre 1583 Kurfürſt Auguſt nach einer längeren Krankheit eine Badereiſe zu unternehmen gedachte. Man hat nach altem Sprüchwort die Qual, weil die Wahl, wenn man heute eine Badereiſe machen will. Kaum weicht der Schnee, kaum kleidet ſich die Erde in neues Grün, und ſchon laufen zu Dutzenden unter Kreuzband die Pro⸗ ſpekte und Reklamen der verſchiedenen Bäder bei den Aerz⸗ ten ein, in welche ſie ihre Patienten ſchicken ſollen. Keine Zeitung kann man in der Zeit zur Hand nehmen, ohne ganze Spalten mit beredten Empfehlungen von Bädern in aller Herren Ländern, welche alle möglichen und denkbaren Vorzüge und noch einige andere in ſich vereinigen, angefüllt zu finden. Ja, wohin gehen wir, für welchen Ort ſollen wir uns entſcheiden? Das war anders in der guten alten Zeit, von der unſer Artikel handelt! Freilich auch in den früheren Jahrhunderten hatten die Badereiſenden die Qual, aber nicht weil ihnen die Wahl aus der maſſigen Ueber⸗ fülle der einladenden Orte ſchwer fiel; damals fiel die Wahl ſchwer, weil der auszuwählenden Orte ſo wenige waren. Wie ſcherzhaft und kaum glaublich klingt es, und doch wie bezeichnend und charakteriſtiſch für die Kulturverhältniſſe einer abgelaufenen Periode, mit welcher wir uns in dieſer Skizze beſchäftigt haben, iſt es, wenn wir von der förm⸗ lichen Revolution leſen, welche am Dresdener Hofe ent⸗ ſtand, als der Kurfürſt Auguſt den Vorſatz einer Badereiſe ausführen wollte. Gedrückt von der Laſt der Jahre, auch wohl, weil Seine Liebden es liebten,„die faſtnachtfreude in froligkeit umb mehreren kurtzweil willen volebringen zu helffen,“ war der Kurfüͤrſt um die angegebene Zeit nicht unbedenklich er⸗ krankt. Nach dem Gutachten der Leibärzte ſollte S. Ch. Gnaden einen Heilquell gebrauchen. Kaum aber war das Gutachten abgegeben, als die Autorität der juriſtiſchen Fa⸗ kultät der Autorität der mediciniſchen Fakultät heftig ent⸗ gegentrat. Die kurfürſtlichen Räthe und Rechtsgelehrten ſchüttelten ob der Entſcheidung der Leibchirurgen ſehr ener⸗ giſch den Kovf. Wie? Churfürſtliche Gnaden,„ſonſt des waſſertrinkens nicht gewöhnt,“ ſollte Waſſer trinken? Die getreuen Doktoren beider Rechte bezweifelten,„ob bei des gnedigſten Herrn preßhafter leibesſchwachheit die rayſe räth⸗ lichen geweſt;“ ſie wünſchten vor allen Dingen und zunächſt genaue Auskunft darüber,„ob auch Leute in des Churfür⸗ ſten Alter ſolchen Brunnen zumal nüchtern gebraucht und die ſonſt waſſertrinkens nicht gewöhnt, auch ob man zuvor die Leute nach Nottdurft und genugſam purgiren und rei⸗ nigen müſſe von allerhand überflußigen Feuchtigkeiten, ſo in ihren Leibern hin und wieder ſtecken möchten.“ Um den Getreuen zu genügen, ſchrieb der Kurfürſt im April 1583 an die beiden Landgrafen Wilhelm von Heſſen⸗Caſſel und Philipp von Heſſen⸗Rheinfels, welche ungefähr in gleichem Alter mit dem Kurfürſten von Sachſen im Vorjahre einen Sauerbrunnen gebraucht haben ſollen. Sechs bis ſieben Wochen verſtrichen, ehe die Antwort der befreundeten Für⸗ ſten in Dresden„communicirt“ wurde. Die erbetene Aus⸗ kunft lautete befriedigend. Nun aber entſtand eine neue größere Schwierigkeit, an welchem Orte nämlich im heili⸗ guter Kotzber—. 2 maltz zu zweyen gebreuden Bier, Feierſtunden gen römiſchen Reich„ein bequem Loſament, wo die gelegen⸗ 70 .— 554 —— ———O heit nicht gar zu geringe und enge ſei, für S. ch. Durch⸗ laucht und Gnaden ausgerichtet werden könnte.“ Ein Ge⸗ rücht wollte wiſſen, daß im„Ringkau“, d. h. im Rhein⸗ gau,„Schloß und ſtedtlein wohl verwahret und gebauet“ wären, ein Näheres aber über jene ferne Regionen war den ſächſiſchen Geographen, den Doctoribus juris wie den Doctoribus medicinae durchaus unbekannt. Demgemäß ward, wie man etwa heute eine Expedition zur Erforſchung der Nilquellen ausrüſtet, ein kurfürſtlicher Fourier Neu⸗ mann mit entſprechendem Gefolge abgeſchickt, um unter den Schloß und ſtedtlein im Ringkau die erforderlichen Ent⸗ deckungen zu machen. Der Abgeſandte entledigte ſich ſeiner Miſſion beſtens; er entdeckte ſogar— Wiesbaden, das ihm überaus behagte. Trotzdem aber rieth ſein Bericht dem Kur⸗ 1 ½ Meilen Wegs von dem Brunnen und eine große Meile von Maintz, gehört dem jungen Grafen von Naſſau zu Idſtein, habe ich auch beſichtigt. Daſelbſt hetten Ew. Ch. Durchlaucht eine gutte gelegenheit und Herberge, wenn es Ew. Ch. Gnaden von dem Brunnen nicht zu weit entlegen wäre. Denn ſolch Schloß und Stedtlein wohl verwahret und gebauet, hat auch ein warm Bad alldo, kunnte Ew. Ch. Gnaden hoffgeſinde und pferdte alles wohl untergebracht werden, ſo iſt ſonſten von Victualie und Allerlei notturft aldo wohl zu bekommen.“ Neumann entſchied ſich für Schloß Ellfeld oder Ellvil, welches der Erzbiſchof von Mainz mit zuvorkommender Liberalität für den Kurfürſten zur Diſpoſition geftellt hatte. Ueber die Ermittelungen des Fouriers war indeß der Winter herangekommen, und ſo konnte die Badereiſe erſt im Mai 1584 angetreten werden. Die Kurfürſtin Anna, welche die Reiſe mitzumachen be⸗ Feierſtunden. ,1865. ——;—:—;—⅓ꝛ⁊:ꝛu:õͤy—õy—r———-—— —-——; ſchloſſen hatte, übernahm es, auf derſelben für Unterhal⸗ tung und Kurzweil zu ſorgen. Sie ſchickte dem Herzog Heinrich von Braunſchweig ein paar Kannen ſelbſtgebrau⸗ tes aqua vitae und bat ſich als Gegenleiſtung für den Branntwein eine Gefälligkeit aus— das Geſchenk eines zwerghaften Sängers.„Der Herzog ſolle,“ ſchrieb die Kur⸗ fürſtin,„ein kleines menlein, das ſehr kurtzweylig ſei und wohl ſingen könne, bei ſich haben. S. L. wolle daſſelbe ihr umb mehrerer kurtzweil Willen, wo nicht genzlich zu⸗ kommen und volgen laſſen, doch nur ein halb jar leihen und vergönnen. Wenn S. L. deſſelbigen menleins je nit gar entrathen könnten und wollten, ſolle er S. L. über die vergünſtigte Zeit nit vorenthalten werden.“ Zugleich ver⸗ ſprach Anna im Namen des Kurfürſten, das Männlein, fürſten den Beſuch dieſes Ortes ab, weil der Brunnen zu weit entlegen:„Landgraf Ludwig hat mir ein Städtlein verſehen werden.“ und Schloß verzeichnet, welches Wißbaden genannt, leidt Namens Benedict, ſolle„beritten gemacht und mit Zehrung Ob das erbetene Geſchenk von Braun⸗ ſchweig verabfolgt wurde, darüber fehlen die Nachrichten, wohl aber melden die Nachrichten, daß, als Churſachſen zur Badereiſe aufbrach, es mit nicht weniger als 209 Pfer⸗ den geſchah, dazu noch„16 Leibpferdte des Churfürſten“, unter denen„das lichtbraun Türkiſch Roß, ſo die Römiſche K. Maj. Ihre Ch. Gnaden vor die raiße verehret“, beſon⸗ ders aufgeführt wird. Die Reiſe ſelbſt von Dresden nach Ellfeld dauerte nur 18 Tage, d. h. ungefähr ſo viel Zeit, als man heute gebraucht, um über den Ocean nach Ame⸗ rika zu gelangen. Uebrigens ſollte ſchließlich die Vorausſicht der juriſti⸗ ſchen Fakultät gegen den Widerſpruch der Leibchirurgen ihre glänzende Satisfaktion erhalten. Die Kur bekam der preß⸗ haften Leibesſchwachheit des Kurfürſten gar übel. Nach der Heimkehr nach Dresden entwickelte ſich bei ihm eine Waſ⸗ ſerſucht, welche die Urſache ſeines Todes wurde. Auguſt ſtarb bereits den 11. Februar 1586. Zur Zeſchichte der Ahren. Kulturgeſchichtliche Skizze von Dr. Hugo Schramm. Der Menſch hat die Zeit durch die Uhren reden gelehrt. Wohl denen, die dieſe Sprache verſtehen: die Stunden eilen unwiederbringlich von uns und erwarten uns als Zeugen unſerer Handlungen dort, wo Rechenſchaft zu geben unſer Aller Loos ſein wird! „Die Zeit,“ ſagt Arago in ſeiner Populären Aſtro⸗ nomie mit den Worten ſeines Vorgängers Laplace,„iſt für uns der Eindruck, welchen eine Reihenfolge von Ereig⸗ niſſen in unſerem Gedächtniß zurückläßt, von denen wir wiſſen, daß ſie nach einander eingetreten ſind. Zum Maße der Zeit eignet ſich die Bewegung; denn da ein Körper nicht gleichzeitig verſchiedene Orte einnehmen kann, ſo geht er von einer Stellung in die andere über, indem er alle dazwiſchen liegenden Punkte durchläuft. Wird er in jedem Punkte des Weges, den er zurücklegt, von einer und der⸗ ſelben Kraft angetrieben, ſo iſt ſeine Bewegung eine gleich⸗ förmige, und die einzelnen Theile der von ihm beſchriebe⸗ nen Linie können zum Maße der Zeit dienen, innerhalb welcher ſie durchlaufen wurden.“ So iſt denn auch die Zeit in der That von jeher durch die Beobachtung von Bewegungen im Raume gemeſſen wor⸗ den, aber während wir von Kindesbeinen an, vermöge un⸗ ſerer künſtlichen und kunſtvollen Zeitmeſſer, den Uhren jeglicher Art, an eine müheloſe und doch genaue Zeitbeſtim⸗ mung als an etwas, das ſich von ſelbſt verſteht, gewöhnt ſind— fehlen doch heutzutage Uhr und Kalender ſelbſt in der ärmlichſten Bauernhütte nicht—, ſo iſt die Stunden⸗ und Zeiteintheilung den Alten recht herzlich ſchwer ge⸗ worden. Den erſten Menſchen hat nur die Sonne ſelbſt als Zeitmeſſer gedient, und zwar iſt es der Untergang derſel⸗ ben geweſen als der am leichteſten wahrnehmbar beſtimmte Moment. So haben die Tage aus Abend und Morgen, nicht aber umgekehrt, beſtanden, da ein Anfang der Stun⸗ denzählung um Mitternacht ſo lange zur Unmöglichkeit hat gehören müſſen, als es noch keine mechaniſch bewegten Uhren gegeben hat; überhaupt ſind die Tage im Alterthume nicht in 24 Stunden oder in irgend welche andere Anzahl gleicher Theile eingetheilt worden, denn die 12 Stunden, in welche die Zeit zwiſchen Auf⸗ und Niedergang der Sonne zerfiel, waren natürlich in den verſchiedenen Jahreszeiten auch von verſchiedener Länge. Damit konnten ſich nun frei⸗ lich die Orientalen und Griechen deßhalb leichter begnügen, weil in deren Ländern der Unterſchied der Tageslängen ja nicht ſo bedeutend iſt, während man in Rom, wo die Ex⸗ treme bereits 15 und 19 Stunden ſind und auch das ſtren⸗ ger geordnete Staats⸗ und Municipalweſen eine exaktere Zeitbeobachtung erforderte, bald auf allerlei künſtliche Ver⸗ ferungen verfiel, von denen ſich in der ſogenannten g ſei und t diſſelbe englich zu jar lahen eins je nit k. über die ggleich ver⸗ Männlein, it Zehrung dn Braun⸗ rachrichten, hurſachſen 209 Pfer⸗ cfürſten“, Römiſche t“, beſon esden nach viel Zeit nach Ame der juriſti urgen ihrr der praß Nach de eine Waf 2. Auguſt , gewöhn t ſelbſt i Stundeu⸗ cwer ſelbſt u ang derſt⸗ beſtimmt Morgen der Stun lichkit ſ bewegli Atterttum ere Anij Stundel ————ͤ—ͤ—ͤ————— italieniſchen Uhr noch bis auf unſere Zeit Spuren erhalten haben. Alsdann ſind die Menſchen darauf verfallen, den wandernden Schatten der Sonne zur Zeitbeſtimmung zu benutzen, welchen bekanntlich ein von der Sonne beſchie⸗ nener Stab auf eine Ebene wirft. Solche„Sonnenuhren“, neben denen man auch bald Vorrichtungen erfand, den Mittag, alſo die Kulmina⸗ tion der Sonne, möglichſt genau zu beſtimmen(ſogenannte Gnomone), wurden gewöhnlich auf den öffentlichen Plätzen zum allgemeinen Gebrauch angebracht. Sie konnten doch wenigſtens, namentlich ſpäter mit Hülfe der Sonnentafeln des Hipparch(ſt. um das Jahr 125 v. Chr.), die Zeit etwa bis auf Minuten angeben. Die Minute war, wie ſchon aus dem Worte ſelbſt hervorgeht, der kleinſte meß⸗ bare Zeittheil im Alterthume. In der heiligen Schrift, als dem Geſchichtswerke der Juden, finden wir die erſte Andeutung von Sonnenuhren im 2. Buche der Könige, Kap. 20, V. 9 und 10, und im Jeſaias, Kap. 38, V. 8, in welchen Stellen Gott dem Könige Hiskia von Judäa(dieſer lebte ungefähr 7 ½ Jahrh. v. Chr.) durch den Propheten Jeſaias als Zeichen, daß ſein Wort, ihn noch 15 Jahre leben zu laſ⸗ ſen und ihn ſammt der Stadt Jeruſalem„von der Hand des Königs zu Aſſyrien(Sanherib) zu erretten,“ ſich er⸗ füllen werde, verkünden läßt, daß der Schatten am Son⸗ nenzeiger 10 Linien zurückgehen ſolle. Bei den Griechen wurde nach ſchriftlichen Zeugniſ⸗ ſen die erſte Sonnenuhr von Anaximander in Lacedä⸗ monien 545 v. Chr. verfertigt. Während daher noch bei Homer die Stunden nicht gezählt, ſondern benannt wer⸗ den, wie z. B.„die Stunde des Melkens“, ſo ladet bei Ariſtophanes ein Athener ſeinen Freund„um die Stunde des zehnfüßigen Schattens“ zu Gaſte. In Rom kamen nach Plinius die Sonnenuhren im Jahre 306 durch Papirius Curſor, nach zuver⸗ läſſigeren Berichten erſt im Jahre 276 v. Chr. durch Valerius Meſſala auf. Die Reichen hatten dazu eigene Sklaven, die Zeit zu „holen“ und dem Herrn zu überbringen. Dieſe fanden nun freilich die Zeit, um die ſie befragt waren, an den Son⸗ nenuhren, wie ſtand es aber mit derjenigen Zeit, welche während ihrer Rückkehr vom öffentlichen Platze in die Woh⸗ nung verfloſſen waren?!„Eine auf ſolche Weiſe erhaltene Zeitbeſtimmung,“ ſagt daher Arago im genannten Werke, „mochte wohl für die Bedürfniſſe des gewöhnlichen Lebens ausreichend ſein, aber ſie ermangelte jeder Genauigkeit, und zu wiſſenſchaftlichen Beobachtungen hätte ſie keineswegs dienen können.“ Nachtſtunden ſind dem früheren Alterthume durchaus fremd geweſen, die Nacht iſt nur höchſtens in vier Nacht⸗ wachen, ſogenannte Vigilien, eingetheilt worden. Die Alten haben ſich in der Nacht durch Beobachtung des Auf⸗ und Niederganges der Geſtirne oder durch Beobach⸗ tung des Durchganges der hellſten Sterne durch die höch⸗ ſten Stellungen, welche ſie in ihrer täglichen Laufbahn er⸗ reichen, zu helfen geſucht. Dies beweiſen uns z. B. Stel⸗ len in den⸗Tragödien des Euripides(480— 407 v. Chr.), wo u. A. einmal dem Chore auf die Worte: „Nenn mir den Stern, der jetzt durchgeht,“ geantwortet wird: E „Im Oſt erglänzen die Plejaden, Am Himmel hoch der Adler ſteht.“ Feierſtunden. 1865. 5⁵⁵ ——-õ————;;— Die durch die fehlende Continuität des Sonnenſcheins dennoch ſehr beſchränkte und mangelhafte Dienſtbarkeit der Sonnenuhren ließ denkende Männer einen Mechanismus erfinden, der, ganz unabhängig vom Laufe der Sonne, die Stunden wenigſtens ebenſo genau, wie die Sonnenuhren es am Tage thaten, zu bezeichnen vermochte, und dies wurde durch den gleichmäßigen Fall von Waſſer(·νμιννισσ oder Sand in ein Gefäß oder durch Ausfluß aus einem Gefäſſe von beſtimmtem Inhalte erreicht. Anfänglich waren dieſe Waſſer⸗ oder Sanduhren) nur ſo beſchaffen freilich, daß man erſt nach dem gänz⸗ lichen Ausfluſſe des Waſſers oder Sandes eine verfloſſene Zeitdauer, meiſtens von einer Viertelſtunde, beſtimmen konnte. Man bediente ſich ihrer namentlich dazu, die Dauer der Reden abzumeſſen, welche von den öffentlichen Rednern und Advokaten in einer Volksverſammlung oder vor Gericht gehalten wurden. Wenn mehrere Redner nach einander das Wort hatten, ſo beſtimmten die Behörden Jedem im Voraus eine Klepſydra. Dabei kam es aber öfters vor, daß die⸗ jenigen, welche mit der Beobachtung der Waſſeruhren beauf⸗ tragt waren, ihre Freunde begünſtigten und ihre Gegner benachtheiligten, indem ſie entweder den Durchmeſſer der kleinen Ausflußöffnung oder den Rauminhalt des zu fül— lenden Gefäſſes abänderten. Letzteres erreichten ſie durch Stücke Wachs, welche ſie unbemerkt an den inneren Gefäß⸗ wänden anbrachten oder verſtohlener Weiſe daraus ent⸗ fernten. Nach und nach vervollkommnete ſich aber dieſe Art von Zeitmeſſern, und namentlich war es der um die Mitte des zweiten Jahrhunderts lebende Mechaniker Kteſibios, welcher ſich ein großes Verdienſt um ſie erwarb. Dieſer benutzte nämlich das ausgefloſſene Waſſer als bewegende Kraft, indem er durch daſſelbe ein Rad, an dem verſchie⸗ dene Tröge angebracht waren, die das Waſſer der Reihe nach füllte, in eine rotirende Bewegung verſetzen ließ, welche ſich dann wieder einem Räderwerke mittheilte. Bei anderen Klepſydren wurde die bewegende Kraft durch das Aufſteigen des Waſſers erlangt, welches ſich in einen unbeweglichen und verſchloſſenen Behälter ergoß: in dieſem befand ſich aber ein„Schwimmer“, welcher ein Zahneiſen trug, das in ein Triebrad eingriff und ein Syſtem gezahnter Räder in Rotation brachte, wodurch dann ſehr mannigfaltige Wirkungen erzielt wurden. So hatten denn die gezahnten Räder bereits in den Waſſeruhren des Kteſibios eine wichtige Rolle zu ſpie⸗ len. Wenn es nun allerdings heutzutage unmöglich iſt, den erſten Erfinder der gezahnten Räder namhaft zu machen, ſo ſteht doch wenigſtens ſo viel feſt, ſowohl nach den Be⸗ richten des Ariſtoteles, als durch die Erfindungen des Archimedes und die Klepſydren des Kteſibios, daß ſie ſchon ſeit länger als 2000 Jahren bei Maſchinen in An⸗ wendung gebracht worden ſind. Mit dem Verfalle des Römerreiches geriethen aber die Räderuhren wieder in Vergeſſenheit, und erſt im 8. Jahr⸗ hundert, als der Papſt Paul I. an den Frankenkönig Pip⸗ pin den Kurzen, welcher den Langobarden Ravenna und die Pentapolis genommen hatte, um dieſe Gebiete dem Papſte zu übergeben, eine Räderuhr zum Geſchenk machte, erwachte von Neuem das Intereſſe für dieſe, wie man glaubte, neu erfundenen Inſtrumente. Im Jahre 807 .*) Simplic. ad Aristot. coel. 2 beſchreibt eine ſolche als deεκον στενστοαιαονν πααασιτενεαν νQνννOν³ἀςρσινν⁴μμςαe αην⁸ diςατεεμνηνααεέννε 70* — Feierſtunden. 1865. — 4—-——:———ttrryry—r— ſandte auch der Kalif Harum al Raſchid dem Kaiſer Karl dem Großen eine ſolche Räderwaſſeruhr, bei der die Stunden durch das tönende Herabfallen von Kugeln angegeben und gleichzeitig durch das Hervortreten von klei⸗ nen Reitern aus eben ſo vielen ſich öffnenden Thüren an⸗ gezeigt wurden. Am meiſten haben im Anfange des Mittelalters wohl die Klöſter, zur regelmäßigen Abhaltung des Gottesdienſtes, einer genaueren Zeiteintheilung ſowohl des Tages, als auch der Nacht bedurft, und daher ſind es denn auch die Mönche geweſen, welche ſich zuerſt wieder mit der Verfertigung von Uhren beſchäftigt haben, mit der von Räderuhren jedoch auch nicht eher, als vor dem Ende des 12. Jahrhunderts. Man ſagt zwar, daß der berühmte Gerbert von Auvergne, der nachmalige Papſt Sylveſter(ſt. 1003) das erſte der⸗ artige Uhrwerk erbaut habe, allein der Hiſtoriograph Bi⸗ ſchof Dietmar von Merſeburg, welcher das Kunſtwerk mit eigenen Augen geſehen haben will, iſt in ſeiner Be⸗ ſchreibung ſehr unklar, und ſeine Angabe, Gerbert habe dem Kaiſer Otto III. in Magdeburg ein Horologium ge⸗ ſtellt, deſſen exakter Gang durch Beobachtung des Schiffer⸗ ſternes geregelt geweſen ſei, ſpricht mehr dafür, daß das Kunſtwerk eine Sonnenuhr war. Auch weiß man, daß in dem Jahre, in welchem der heilige Hugo in der reichen Abtei zu Cluny ſtarb(1108), der dortige Meßner noch ſtets nach den Sternen geſehen, um zu erfahren, wann es Zeit, die Mönche zur nächtlichen Andacht zu wecken. In anderen Klöſtern brachte ein Mönch wachend und Pſalmen Eine Tamilie, welche von Rinden lebt. herſagend die ganze Nacht zu— eine lebende Uhr— und aus Erfahrung wußte man im Voraus, wie viele ſolcher Pſalmen in einer Stunde hergeſagt werden konnten. Aber kurz nach den Kreuzzügen beſaßen doch ſchon die meiſten Klöſter Räderuhren und Glocken, und als berühmt galt in damaliger Zeit namentlich das Horologium des Kloſters Hirſau, für deſſen Abwartung ein beſonderer Diener an⸗ geſtellt war. Kaiſer Friedrich II. wurde vom Sultan Saladin mit einem koſtbaren Uhrwerke beſchenkt, welches den Lauf der Geſtirne anzeigte und durch Walzen und Rä⸗ der, ja ſogar ſchon durch Federn bewegt worden ſein ſoll. Dies läßt vermuthen, daß die höhere Mechanik erſt von den damals ſo ungemein intelligenten Arabern durch die Kreuz⸗ züge nach Europa gekommen, um hier, von forſchenden Kloſtergeiſtlichen erfaßt und gepflegt, bald ſo überraſchende Reſultate herbeizuführen. Wir kommen jetzt nämlich zu einer Zeit, wo man in der Erbauung großer und außer⸗ ordentlich kunſtvoller Uhrwerke zu wetteifern begann. So verfertigte im Jahre 1326 der engliſche Abt Richard Wellingford eine höchſt wunderbare aſtrono⸗ miſche Uhr, die nicht allein den Lauf der Sterne, ſondern auch die Bewegungen der Ebbe und Fluth anzeigte. Die erſte Thurmuhr ſoll Jacob Dondi in Padua zuſammengeſtellt haben und zur Zeit Dante's hat es be⸗ reits Schlaguhren gegeben... Zwei ſehr berühmte Uhrwerke wurden um die Mitte des 14. Jahrhunderts verfertigt. Im Jahre 1352 erhielt nämlich das Straßburger Münſter das erſte aſtronomiſche und mit automatiſchen Figuren ausgeſtattete Uhrwerk(Urlei nennt es die alte Chronik). Dieſes»Horologium Argen- tinun malic nomn welch Uhrn würd —— eſte der⸗ aph Bi⸗ unſtwert ner Be⸗ rt habe um ge⸗ Söhiffer⸗ daß das „diß in r rächen ner noch wann es en. In Pſalmen 'Ghſhſchennescgfhc Feierſtunden. 1865. 557 ———-—-—O— ——; ———— tinum, eines der ſieben Wunderwerke Deutſchlands in da⸗ noch nicht das Glück gehabt haben, es ſelbſt zu ſehen, maliger Zeit, blieb bis zum Jahre 1547, wo es wegge⸗ dürfte es nicht unintereſſant ſein, wenigſtens die Theile und nommen wurde, um durch ein anderes erſetzt zu werden, Zugaben kennen zu lernen, aus denen dieſes monumentale welches aber erſt 1574 vollendet wurde. Dieſes zweite Kunſtwerk, dieſes Zeugniß menſchlichen Scharfſinnes und Uhrwerk blieb erſt nach 215 Jahren, alſo in dem denk⸗ heldenmüthigen Ausdauer des Genies beſteht. rvürdigen Jahre 1789 ſtille ſtehen, und ſein Gehäus wenig⸗ Unten vor dem wunderbaren, geheimnißvollen Baue ſtens iſt noch das des jetzigen, welches mit ſeinem aller- iſt ein Himmelsglobus aufgeſtellt, welcher die täglichen Be⸗ dings noch bei Weitem complicirteren Mechanismus jedem wegungen der Geſtirne angibt und für die geographiſche Beſchauer ein gerechtes Staunen verurſachen muß. Es Breite von Straßburg eingerichtet iſt: er enthält über rührt von dem trefflichen Künſtler Johann Baptiſt 5000 Sterne. Die Kreiſe des Meridians, ſowie des Hori⸗ Schwilgur aus Straßburg her und iſt in den Jahren zonts ſind unbeweglich; aber der Aequator, die Ekliptik, 1838 bis 1842 angefertigt worden. Für diejenigen, die der Colurus der Sonnenwenden und der Nachtgleichen wird . hann 9 W— ſ 4 mg Wahecge Eine ſolche, we lche von Renten lebt. durch das Uhrwerk bewegt. Außerdem wird durch den Komput(comput ecclésiastique). Dieſer zeigt zuerſt die Himmelsglobus auch noch die Präceſſion oder das Vor⸗ laufende Jahreszahl; dann den Sonnencyclus von 28 Jah⸗ rücken der Aequinoctien(Verſchiebung der Ekliptik) gezeigt. ren, den Mondcyclus von 19 Jahren ſammt der Goldenen Hinter der Himmelskugel iſt der ewige Kalender mit Zahl mit einer alle 304 Jahre eintretenden Abweichung allen Angaben, welche die Chronologie erfordert. Neben von einem Tage und allen im Gregorianiſchen Kalender ein⸗ dem beweglichen Kreiſe des Kalenders ſtehen die den Tag geführten Verbeſſerungen des älteren Kalenders; ferner die und die Nacht allegoriſch darſtellenden Statuen des Apollo Indiktion mit der Römer Zinszahl, eine Periode von 15 d der Selena, von denen der Erſtere mit einem Pfeile Jahren; die Sonntagsbuchſtaben auch für die Säkularjahre den jedesmaligen Tag zeigt. In dem mittleren Raume ſammt den erfolgenden Berichtigungen; die Epakten oder Kalenderſcheibe wird die ſogenannte ſcheinbare Zeir an die Beſtimmung der letzten Tage vom letzten Neumonde an en: Auf⸗ und Niedergang der Sonne, der tägliche Lauf beim Anfange eines Jahres mit vielen Ausnahmen und kondes in Bezug auf die Erde, jede Sonnen⸗ und Abweichungen, und zuletzt auch den Tag des Oſterfeſtes. inſterniß u. ſ. w. ſieht man dabei ſich plaſtiſch voll⸗ Auf der rechten Seite ſind unten die Sonnen⸗ und Mondsäquationen angebracht und iſt die ſcheinbare in die uf der linken Seite des Ganzen iſt der kirchliche wahre Zeit umgewandelt. — —— ——=— 55⁵8 —;— Feierſtun —— — Ueber dem Kalender erſcheinen nach der Folge die Bilder der mythologiſchen Gottheiten, nach welchen die Al⸗ ten die Wochentage benannt haben; ſo zeigt ſich Apoll am Sonntage, Diana am Montage u. ſ. w. Darauf kommt die ſogenannte Löwengallerie, in deren Mitte ſich ein kleines Zifferblatt befindet, das die mittlere Zeit angibt und an den Seiten zwei Genien hat, von denen den. 1865. ————————— 3 Fuß im Dur fange hatte. ————— chmeſſer maß und 1200 Zähne am Um⸗ Nun verbreiteten ſich aber die Uhren ſo ſchnell, daß deren Verfertiger ſogar in eine Zunft zuſammentraten. Mit Anfang des 16. Jahrhunderts begann man auch bereits Taſchenuhren ſchon von einem ſogenannten Nürnberger Ei ſprechen anzufertigen, und wer hätte nicht der links Stehende mit einem Scepter an ein Glöckchen hören? Da eine ſolche Uhr jetzt zu den höchſten Selten⸗ ſchlägt, ſobald ¼ Stunde vorüber iſt, um die„vier Lebens⸗ heiten gehört, ſo dürfen wir uns nicht wundern, wenn in alter“ im oberen Stockwerk an ihre Schuldigkeit zu erin⸗ dieſem Jahre ein Nürnberger Ei mit der Jahreszahl 1500 nern, die Schläge kräftiger zu wiederholen, und der rechts Befindliche am Ende jeder Stunde eine Sanduhr umſtürzt. Das Geſtock über der Löwengallerie enthält ein koper⸗ nikaniſches Planetarium, auf welchem ſich die ſieben ſicht⸗ wie in der Wirklichkeit bewegen. Ueber dem Planetarium ſchließlich werden die verſchiedenen Phaſen des Mondes an einer koloſſalen Kugel dargeſtellt. Von den beweglichen Figuren fallen vorerſt die bereits erwähnten vier in die Augen, welche die Lebensalter vor⸗ ſtellen und die Theile der Stunde ſchlagen; die Stunde ſelbſt ſchlägt die Geſtalt des Todes. Höher oben erſcheint Chriſtus in ſeiner Glorie, und um die Mittagsſtunde ziehen die zwölf Apoſtel, die an ihren Symbolen kenntlich ſind, mit Bezeugung ihrer Ehrfurcht an ihm vorbei, während auf dem Nebenthürmchen der Hahn Kopf und Flügel be⸗ wegt, die Halsfedern aufbläht und dreimal kräht. In der Kuppel zeigt ſich die von Graß gefertigte Statue des Pro⸗ pheten Jeſaias; außerdem ſieht man die vier Evangeliſten, höher vier Seraphim und ganz oben den Herold der Stein⸗ metzen des Münſters, mit dem Wappen des Frauenhauſes. Das Centralwerk der Uhr wird alle acht Tage einmal und dem Namen Peter Heele(Erfinder der Taſchenuhren) für den enormen Preis von 8100 Francs durch den Ham⸗ mer eines Pariſer Auktionators losgeſchlagen worden iſt. Ddiieſe primitiven Taſchenuhren beſaßen aber noch nicht baren Planeten nach ihrer Stellung um die Sonne ſo exakt äͤls bewegende Kraft eine ſpiralförmig gewundene Feder, welche in einer Trommel eingeſchloſſen iſt, noch keine ſo⸗ genannte Unruhe, noch keine Schnecke oder Spindel, welche die allmählige Verlangſamung der Uhr in Folge der beim Ablaufen ſich ſchwächer ſpannenden Feder verhindert(ſtatt der Kette war eine Darmſaite angebracht). Deßhalb fehlte den früheſten mechaniſchen Uhren eine Genauigkeit, welche auf längere Zeit hin die kleineren Theile verbürgte, und deßhalb hielt man ſich noch immer an den durch den Me⸗ ridiandurchgang der Sonne Zu dem Ende waren an mehreren Orten, gewöhnlich in den Kirchen, die Meridiane durch polirte Metallſtreifen auf dem Fußboden bezeichnet, auf welche eine Oeffnung hoch oben in der Kirchenmauer den Schein der culminirenden Sonne fallen ließ, wonach dann Jeder ſeine Uhr reguliren konnte. 1 So geſchah es, daß nicht die mittlere, wahre(ungleichmäßige) Sonnenzeit von den Uhren ange⸗ bezeichneten(wahren) Mittag. ſondern die 1 8 eigt wurde, was auch am richtigſten in einer Zeit war, aufgezogen und beſitzt einen aſtronomiſchen Regulator, der zeig 3— chtigſ 3 die Sekunden markirt. Dieſer, ſeinerſeits, wird durch einen Compenſationspendel und einer mit Edelſteinen, wie bei den Chronometern, verſehenen Hemmung im richtigen Gange erhalten. Das dem Uhrwerk die Bewegung mittheilende Gewicht iſt verhältnißmäßig außerordentlich gering. Die verſchiedenen Transmiſſionen, die Auslöſungen der mecha⸗ niſchen Faktoren dieſes Kunſtwerkes gehen ohne jedes ſtörende Geräuſch vor ſich. Das Werk iſt aus dem härteſten Me— tall angefertigt und kann ohne gewaltſame Beſchädigung noch nach tauſend Jahren richtig gehen. Dies das hier Bemerkenswertheſte. Das andere berühmte Uhrwerk war die große Thurm⸗ uhr des Juſtizpalaſtes zu Paris, die im Jahre 1370 un⸗ ter Karl V. von dem deutſchen Künſtler Heinrich von Wick angefertigt wurde und die erſte Thurmuhr überhaupt zu Paris war. Das Gewicht, wegung geſetzt wurde, war 500 Pfund ſchwer und ſtieg binnen 24 Stunden über 30 Fuß herab. Zu aſtronomiſchen Beobachtungen wurde eine Uhr mit gezähnten Rädern zuerſt im Jahre 1484 von dem reichen Nürnberger Bürger B. Walther angewendet, der nach Regiomantan's— ſo wurde der Aſtronom Joh. Müller aus Königberg genannt— frühem Tode deſſen Beobach⸗ tungen fortſetzte. Um das Jahr 1560 beſaßen der Land⸗ graf von Heſſen und Tycho de Brahe Räderuhren. Die fini des Letzteren zeigten Minuten und Sekunden, und unter ihnen beſtand eine nur aus drei Rädern, deren größtes lich 41 unſere Cylinder⸗, wo der genaue mittlere Gang, Minuten, doch noch der Mechanik unerreichbar blieb. Nach⸗ dem jedoch Hook der Holländer Huyghens die Spiralfeder und das Pendel eingeführt, andere engliſche Künſtler, wie Barlow(durch das Repetirwerk), Tompion, Römer und die Franzoſen de la Thire und Harriſon (1763) durch immer weiter fortſchreitende Vervollkommnung der Chronometer die geſammte Uhrmacherkunſt auf einen höheren Standpunkt gehoben hatten, konnte man mit dem Vorſchlage hervortreten, tor der Tagesordnung zu machen, und gegenwärtig iſt dieſe mittlere Zeit allgemein, und namentlich auch bei den Poſten und Eiſenbahnen eingeführt. Wir glauben hier dieſe da gewiß einem Jeden bekannt iſt, wie weit man es in durch welches ſie in Be⸗ neueſter Zeit in der Anfertigung von Uhren gebracht hat: Ankeruhren und Chronometer im enge⸗ ren Sinne des Wortes legen dafür ein genügendes Zeug⸗ niß ab. Nur das wollen wir nicht unerwähnt laſſen, daß das Uhrmachergewerbe unſerer Tage zugleich zeigt, bis zu welcher Höhe das Prinzip der Arbeitstheilung getrieben wer⸗ den kann: im heutigen England theilt ſich das Uhrmacher⸗ gewerbe in 102 verſchiedene Zweige, werden sher noch andere Die Söhne Albions „ein Engländer, bis auf Bruchtheile von die Schnecke erfunden, Graham, der Deutſche die mittlere Zeit zum Regula⸗ Skizze ſchließen zu können, die beſonders gelernt „ und von denen nur der des ſogenannten watch- Zweige nebenher zu treiben geſtattet! huldigen ja aber auch ganz vornehm⸗ der Maxime: Time is money! — ie am Un, hnell d ntraten. man aut hätte nic jſpreche in Selten⸗ 1, wenn in tzahl 1oo0 ſchenuhren den Han⸗ orden iſt. noch nich ene Fder, jkene ſe⸗ del, welche der beim dert(ſtat halb fehlte it, welche ergte, und den Me⸗ ) Mittag öhnlich in reifen auf zung hoch ninirenden regulire ndern dir ren angt Zeit war cheile von b. Nach⸗ erfunden, s Pendel w(durch Deutſche arriſon mmnung uf einen mit dem Regull⸗ iſt diſſ n Poſten können, n es in uct hat im engk⸗ s Zeul ſen, daß „bis zu ben wer⸗ rmacher⸗ M gelern vateh. eſtati ornehm⸗ Feierſtunden. 1865. 559 —ÿü4———yyäy— y——äääü ü ¼¼—väöv--——y—— Die Franzoſen in Indien. Kulturgeſchichtliches Bild von Thaddäus Lau. Lange bevor die Engländer ihre begehrlichen Blicke auf der haben aufgegeben werden müſſen, beruft ſich wohl, um die Schätze Indiens richteten, hatten dort die Franzoſen das Urtheil zu vertreten, auf das jüngſte einſchlagende Bei⸗ bereits Niederlaſſungen zu gründen verſucht. Schon unter ſpiel, auf die bisher ſämmtlich geſcheiterten Verſuche, aus Franz I. war der Gedanke zur Anregung gekommen, In⸗ Algier eine lebensfähige Kolonie zu ſchaffen. Das Urtheil dien dem franzöſiſchen Handel zugänglich zu machen, doch in ſeiner Allgemeinheit bedarf der Korrektur; es erſcheint blieb das Projekt in Folge der endloſen Kriege, in welche geradezu falſch, wenn man verfolgt, was die Franzoſen in jener König mit ſeinem Nebenbuhler Karl V. verwickelt der Zeit, von welcher wir ſprechen, unter den ſchwierigſten war, unausgeführt. König Heinrich IV. nahm auf Sullys Verhältuiſſen in Indien erreicht und geleiſtet haben. Jeder Betreiben ben Gedanken neu auf. Er gründete unter den Schritt, der hier gethan wurde, erforderte die höchſte Klug⸗ Rhedern in der Bretagne eine oſtindiſche Handelsgeſellſchaft, heit und Berechnung; bei jedem Schritt wollten zuvörderſt welche ſich jedoch nach einigen Jahren wieder auflöste, da mannigfache Hinderniſſe aus dem Wege geräumt ſein, wie die Theilnehmer nicht von vornherein die erwarteten lukra⸗ dieſelben aus den eigenartigen politiſchen und ſocialen Ver⸗ tiven Geſchäfte gemacht hatten. Auch Richelieu bemühte ſich hältniſſen des Landes entſprangen. Denn wir haben in vergebens, das Unternehmen in Gang zu bringen. Erſt Indien ein ganz eigenthümlich abgeſtuftes und zuſammen⸗ unter Colbert gelang es den Franzoſen, in Indien feſten geſetztes ſocial⸗politiſches Syſtem. An der Spitze des Gan⸗ Fuß bleibend zu faſſen. Die von dieſem Miniſter in das zen ſteht mit unbeſchränkter Machtvollkommenheit der Groß⸗ Leben gerufene Compagnie erhielt aus dem Staatsſchatze mogul, als Nachkomme Tamerlans; unter ihm ſtehen die einen unverzinslichen Vorſchuß von 15 Millionen Francs Subab, welche in ſeinem Namen die Provinzen verwalten, und ein fünfzigjähriges Monopol. Die bewilligten Geld⸗ doch ſo, daß ſich dabei manche derſelben zur Stellung von mittel ermöglichten unter der geſchickten Leitung von Fran⸗ ſelbſtſtändigen Fürſten emporſchwingen. Neben dieſen Statt⸗ cois Martin die Begründung einer Faktorei zu Pondichery haltern erhielten ſich noch viele eingeborene Fürſten im Beſitz auf der Küſte Koromandel, welche alsbald derartig erſtarkte, der alten Herrſchaft, die ſie jetzt freilich nur im Namen daß ſie die Eiferſucht der Holländer erregte. Die Letzteren des gemeinſchaftlichen Oberherrn weiter führten. Unter die⸗ zwangen zwar 1693 Martin zur Abtretung der Niederlaſ⸗ ſer Feudal⸗ und Beamtenhierarchie endlich ſtand als ſoziale ſung, indeß der Frieden von Ryswick gab die Stadt und Grundlage des Ganzen das Dorf mit ſeiner familienähn⸗ das Fort, welches hier die Generalſtaaten inzwiſchen mit lichen Selbſtverwaltung. Alſo die Gemeinde und die Re⸗ großem Koſtenaufwande angelegt hatten, an Frankreich zu⸗ publik als Baſis, die Lehnsariſtokratie als Mittelglied und rück, und die Faktorei blühte um ſo raſcher empor, als die der orientaliſche Deſpotismus als Krone und Schlußſtein! Einwanderung aus dem Mutterlande in jeder Weiſe unter⸗ Zu den Schwierigkeiten, welche für die Anſiedler aus die⸗ ſtützt wurde. Im Jahre 1697 hatte Pondichery ſtatt der ſer eigenartigen politiſchen und ſozialen Geſtaltung ſich er⸗ früheren 500 Einwohner deren bereits 20,000. Von der gaben, nehme man die weiteren Schwierigkeiten, welche den ſoliden Baſis, auf welcher das Unternehmen ruhte, und Fremden aus dem Unterſchiede der religiöſen Bekenntniſſe, von der geſunden Entwicklung, deren es ſich erfreute, zeugte insbeſondere aus den mit jenen zuſammenhängenden Koſten⸗ die Thatſache, daß die oſtindiſche Handelsgeſellſchaft die verurtheilen erwuchſen, die es mit vorſichtiger Beſonnenheit furchtbare Kataſtrophe glücklich überſtand, welche die Ope⸗ ängſtlich zu ſchonen galt. Aber die Franzoſen mit ihrer rationen Law's über Frankreich brachten. Während die geiſtigen Gewandtheit, mit dem angeborenen Talente, ſich ſämmtlichen übrigen Schwindelprojekte des ſchottiſchen Aben⸗ gegebenen Zuſtänden zu accomodiren, ein charakteriſtiſcher teurers, die weſtindiſche, die chineſiſche, die afrikaniſche Han⸗ Zug dieſes Volkes, der ſich auch bei ihrem Verkehr mit den delsgeſellſchaft luigüih wie Seifenblaſen zuſammenbrachen, Indianern in Nordamerika ſo förderlich erwies, beſiegten hielt ſich die oſtindiſche Geſellſchaft nicht allein aufrecht, mit dem günſtigſten Erfolge die Hinderniſſe, die ſich in ſondern erzielte auch anſehnliche Dividenden, welche jedoch Indien ihrem Vordringen aus den angedeuteten Urſachen nach einem verſtändigen Beſchluß der Aktionäre nicht zur entgegen ſtellten. Während Dumas das Gebiet von Kari⸗ Vertheilung gelangten, ſondern theils zur Befeſtigung Pon⸗ kal erwarb, wurden von La Bourdonnais auf anderen dichery's, theils auf die Anknüpfung freundſchaftlicher Be⸗ Punkten der vorderindiſchen Halbinſel Niederlaſſungen an⸗ ziehungen mit den benachbarten Fürſten verwandt wurden. gelegt. Auf der Küſte von Malabar ſicherten ſich die Die letzteren Bemühungen, von dem gewandten Diplomaten Franzoſen den Bezug des Pfeffers, während ſie nach Su⸗ Dumas geleitet, der ſeit 1735 der Kolonie als Gouver⸗ rate die Seidenwaaren und Goldſchmuckartikel Lyons ein⸗ neur vorſtand, krönte der vollſtändigſte Erfolg. Das Münz⸗ führten. Weitere Niederlaſſungen, welche ſie auf der Inſel privilegium, welches Muhamed Schach der Niederlaſſung La France und auf Bourbon anlegten und die ihnen durch zugeſtand, gereichte derſelben zu großem Vortheil, und noch ihre Lage zwiſchen Madagaskar und Indien für ihre ande⸗ förderlicher erwies ſich für die Franzoſen die Erwerbung ren Beſitzungen von hoher Wichtigkeit waren, gediehen der Stadt Karikal und ihres Gebiets, welche ſie 1739 von gleichfalls vortrefflich, und endlich entwickelte ſich unter dem einem Prätendenten auf den Thron von Tanſchaur für das Gouverneur Dupleix die bengaliſche Stadt Tſchandernagor, Verſprechen der Hülfeleiſtnng und eine geringfügige Geld⸗ welche Aureng⸗Zeb der franzöſiſch⸗indiſchen Kompaguie 1688 ſumme erkauften. für 100,000 Livres abgetreten hatte, zu einem blühenden Die Anſicht iſt ſehr verbreitet, daß die franzöſiſche Handelsemporium. Dupleix wurde 1742 als General⸗ Nation ſich zu Koloniſationsunternehmungen wenig oder gar gouverneur nach Pondichery berufen. Seine Verwaltung nicht eignet. Man ſtützt wohl die Meinung auf die viel⸗ bezeichnet den Höhenpunkt in der Entwicklung der franzöſiſch⸗ fachen derartigen Unternehmungen, welche im Laufe der indiſchen Handelsgeſellſchaft. Er nahm den ſeinem Vor⸗ Jahrhunderte von Frankreich verſucht worden find und wie⸗ gänger vom Großmogul verliehenen Titel eines Nabab an 560 Feierſtunden. 1865. ————n—————— und umgab ſich mit dem ganzen Prunk eines orientaliſchen Fürſten. Auch als Radſcha ließ er ſich vom Titularkaiſer anerkennen. Er gab der Niederlaſſung in Tſchandernagor eine eigene Verfaſſung, und war überhaupt bemüht, die Macht und den Handel Frankreichs in Bengalen möglichſt auszudehnen. Aber auch nach den andern Handelsplätzen ſandte er Schiffe aus; ſo namentlich nach den Häfen von Siam, Kambodſcha und Kochinchina. Zngleich beſtrebte er ſich, die Truppenmacht der Kolonie auf einen Achtung gebietenden Stand zu bringen, indem er ſie nicht nur ver⸗ ſtärkte, ſondern ihr auch eine ſtrengere Mannszucht bei⸗ brachte und einen unternehmenderen Muth einflößte, um in die inneren Wirren des Landes entſcheidender eingreifen zu können. So ſchienen die Franzoſen auf dem beſten Wege, den Wettkampf mit den Kolonien der anderen großen See⸗ ſtaaten anfnehmen zu können. Es will betont ſein, daß Dupleix der Erſte unter den franzöſiſchen Gouverneuren in Indien war, der ſich über die Anſchauung erhob, die Niederlaſſungen blos aus dem Geſichtspunkte von Handelsfaktoreien zu betrachten. Dup⸗ leix erhob ſich zu dem Gedanken, hier eine förmliche Herr⸗ ſchaft zu begründen. Nicht plötzlich, langſam und ſchritt⸗ weiſe näherte er ſich der Verwirklichung ſeines Plans. Er ließ ſeine Landsleute in die Dienſte der indiſchen Fürſten treten, überzeugt, daß ſich jene gar bald einen überwiegen⸗ den Einfluß verſchaffen würden. In der That brachte er es auf dieſem Wege dahin, daß er Karnatin und ſpäter auch Dekkon mit 35 Millionen Bewohnern, alſo faſt die Hälfte von dem Reiche des Großmoguls thatſächlich be⸗ herrſchte, und daß das Schickſal der europäiſchen Nieder⸗ laſſungen rein von ſeinem Belieben abhing. Freilich konnte er es bei dieſer gewaltigen Ausdehnung der franzöſiſchen Herrſchaft nicht verhindern, daß die früher guten Beziehun⸗ gen zwiſchen den Eingeborenen und den Fremden mannig⸗ fache Störungen erlitten. Die Habgier der Einwanderer, von denen viele nur in das Land kamen, um in möglichſt kurzer Friſt möglichſt viel Geld zu erraffen und um als⸗ dann nach la belle France zurückzukehren, griff zu den em⸗ pörendſten Mitteln, und ſelbſt wenn er den Willen gehabt hätte, ſolchen Akten der ſyſtematiſchen Brutalität zu ſteuern, Dupleix wäre nach ſeiner geſammten Situation nicht im Stande geweſen, dieſem ſchamloſen Treiben Einhalt zu thun. Es kam nachmals in dem berüchtigten Prozeß gegen Has⸗ tings zur Sprache, auf welche unmenſchliche Weiſe die Franzoſen nicht minder als die Engländer und Holländer gegen ihre beklagenswerthen Opfer verfahren waren, um denſelben Geld und immer wieder Geld abzupreſſen. Was im 16. Jahrhundert von den Spaniern in Mexiko und Peru zu dem gleichen Zwecke zuſammengeſündigt war, er⸗ ſchien als Kinderſpiel, verglichen mit den Schandthaten der Europäer in Indien. Wem es nicht möglich war, den ſteten Anforderungen der unerſättlichen Habgier zu genügen, wurde in der raffinirteſten Weiſe gefoltert. Man ſpannte ihm die Finger mit Stricken auseinander und ſchlug Dor⸗ nen und Nägel in dieſelben. Andere wurden je zu Zweien an den Füßen zuſammengebunden und ſo aufgehängt und dann ſo lange auf die Fußſohlen geſchlagen, bis ſich die Nägel von den Zehen ablösten; darauf ſchlug man ſie mit ſolcher Heftigkeit auf den Kopf, daß das Blut aus Mund und Ohren hervorbrach. War endlich der Leib der Unglück⸗ lichen durch Geißelhiebe von oben bis unten zerfleiſcht, ſo wurde er mit giftigen Pflanzenſäften eingerieben. Auch wurden Vater und Sohn in der Art an einander gefeſſelt und gepeitſcht, daß keiner den Streichen ausweichen konnte, —B:———————õy——õ———————; ohne ſeinen Gefährten den Schlägen bloszuſtellen. Noch übler waren die Frauen daran, die aus ihren verborgenen Zufluchtsſtätten herausgeriſſen wurden, um den roheſten Mißhandlungen preisgegeben zu werden. Selbſtverſtändlich mußte durch die Erpreſſungen und durch die Raubgier der Franzoſen ihre Stellung den Ein⸗ geborenen gegenüber untergraben werden. Mit tiefem und finſterem, wenn gleich noch verhaltenem Groll trugen die Hindus das Joch der Fremden, zähneknirſchend auf eine Gelegenheit wartend, ihrem brennenden Rachegefühl Luft zu ſchaffen. Mit eiſerner Hand hielt zwar Dupleix den Aus⸗ bruch der ihm wohlbekannten Unzufriedenheit zurück, aber die Schwierigkeiten ſeiner Stellung mußten durch eben die⸗ ſes Verhältniß um ſo empfindlicher gemehrt werden, als die Engländer aus Eiferſucht und Neid keine ſich darbie⸗ tende Gelegenheit unbenutzt vorüber gehen ließen, dem Um⸗ ſichgreifen der franzöſiſchen Macht hemmend in den Weg zu treten. Umſonſt machte Dupleix im Jahre 1744 den Engländern das Anerbieten, in dem in Europa zwiſchen den beiden Staaten ausgebrochenen Kampfe neutral bleiben zu wollen. Der Krieg in den Kolonien entbrannte zu einem gegenſeitigen Kampfe auf das Meſſer. Feurigen Muthes inmitten der Bedrängniß und unerſchöpflich an Hülfsmit⸗ teln, hielt Dupleix, obſchon ihn die Direktoren der Geſell⸗ ſchaft ſowohl als das Verſailler Kabinet feige im Stiche ließen, während die Engländer aus dem Mutterlande ſich der reichſten Unterſtützung erfreuten, ſeine Fahne hoch auf recht, die abenteuerlichſten Heldenthaten verrichtend.( von 80,000 Feinden eingeſchloſſen, drang er bei Nach ſeinen 300 Mann in das Lager der Feinde und mg. 1200 derſelben nieder, worauf die andern erſchrocken die Flucht ergriffen. Als er den wichtigen Hafen Madras, welchen er, die wichtige Lage des Orts erkennend, beſetzt hatte, nicht länger gegen die Engländer behaupten konnte, trug er kein Bedenken, die blühende Stadt auszuplündern und bis auf den letzten Stein niederzubrennen, eine That, welche den franzöſiſchen Namen zu einem Gegenſtande der allgemeinen Verwünſchung im Lande machte. Es iſt ge⸗ radezu erſtaunlich, wie es Dupleix gelang, unter der ge⸗ ſchilderten Ungunſt der Verhältniſſe und trotz des Wider⸗ ſtandes und Ungehorſams einzelner Gouverneure, welche dem Generalgouverneur jedes einhellige Vorgehen unendlich erſchwerten, aus dem Kampfe mit den Engländern nicht allein als Sieger hervorzugehen, ſondern wie er auch den Umfang der franzöſiſchen Beſitzungen von Jahr zu Jahr beträchtlich vergrößerte. Allerdings verſchlangen die groß⸗ artigen Unternehmungen des weitblickenden und thatkräftigen Führers rieſige Summen, und das eben wurde die Urſache ſeines Sturzes. Die Nachricht von ſeinen Siegen war in Paris mit unbeſchreiblicher Begeiſterung aufgenommen wor⸗ den, aber als die Direktoren beim Rechnungsabſchluſſe ſtatt des geträumten reichen Gewinns ein in die Millionen gehen⸗ des Defizit vorfanden, betrieben ſie bei Hofe mit Nach⸗ druck die Abberufung des verdienten Mannes, den ſie als unermüdlichen Störenfried Indiens darſtellten. Dem ge⸗ bieteriſchen Befehl mußte Dupleix gehorchen. Wie einſt Hannibal aus Italien, wie einſt Cortez aus Mexiko ſchied Dupleix von dem Lande ſeines Ruhmes, Thränen des Schmerzes und der Wuth vergießend. In Paris angekom⸗ men mußte er es erleben, daß ihm der ſchwärzeſte Undank entgegengetragen wurde. Nicht allein daß man ihm die Rückzahlung der Vorſchüſſe verweigerte, welche er theils aus eigenen Mitteln, theils aus erborgten Darlehen für die Intereſſen der Kompagnie gemacht hatte: man entblödete en. Noch erborgenen roheſten ngen und den Ein⸗ icſem und trugen die auf dne hl Luft zu den Aus⸗ rück, aber heben die erden, als ſich darbie⸗ dem Um⸗ den Weg 1744 den viſchen den bleiben zu zu einem n Muthes Hülfämit der Geſel⸗ im Sticht rlande ſich hoch an nd. Naad, nd m hrocken de Madras, nd, beſett en konnte, zuplündern eine That, nſtande de Es iſt go er der ge— des Wider⸗ re, welce unendlij dern nict „auch de Feierſtunden. 1865. ——;—————-õr—õ—õur—äöo—õr——ou—omrru—-—--oeͤ————— ſich nicht, denjenigen Mann in Anklagezuſtand zu verſetzen, welcher auf dem Punkte geſtanden, Aſien ſeinem Vaterlande zu Füßen zu legen.„Ich habe,“ ſagte er in ſeiner Ver⸗ theidigungsrede zu den Richtern,„meine Jugend, mein Ver⸗ mögen, mein Leben geopfert, um mein Volk mit den Schätzen Aſiens zu bereichern. Bedauernswerthe Freunde, allzu ſchwache Verwandte haben ihre ganze Habe daran geſetzt, um meinen Plänen das Gelingen zu ſichern. Jetzt ſchmachten ſie im Elend.... Ich unterwerfe mich allen Formen des gerichtlichen Verfahrens, und wie der niedrigſte der Gläubiger fordere ich das, was man mir ſchuldet.... Meine Leiſtungen werden als Fabeln dargeſtellt, man lacht über meine Schuldforderung und behandelt mich als den verworfenſten aller Menſchen... Das Wenige, was mir noch geblieben iſt, wurde mit Beſchlag belegt; ich bin ge⸗ zwungen, mich um Fürſprache zu bewerben, daß ich nicht in das Gefängniß geworfen werde.“ Der Prozeß zog ſich endlos in die Länge, und noch bevor ein Urtheilsſpruch gefunden, ſtarb 1763 der Angeklagte, der König von In⸗ dien und Herr ſeiner Schätze geweſen, in der äußerſten Dürftigkeit und Armuth. Seltſam, wie mitunter die Welt unzweifelhaft große Verdienſte lohnt! Noch bei Weitem tragiſcher war das Geſchick, welches den Nachfolger von Dupleix ereilte. Bei des Letzteren Ab⸗ berufung übernahm einſtweilen der Marquis von Buſſy deſſen Stellvertretung, aber anſtatt dieſem Manne, dem e vieljährige Erfahrung zur Seite ſtand, die Leitung des nzen bleibend anzuvertrauen, ward 1756 von dem fran⸗ hen Kabinet der Graf Lally zum Generalgouverneur int, der zwar für das Amt Muth und Entſchloſſen⸗ mitbrachte, aber jener Klugheit, Schmiegſamkeit und aßigung ganz entbehrte, deren es in ſo fernem Lande und unter ſo ſchwierigen Verhältniſſen dringend bedurfte. Seine ganze Politik gipfelte in dem Satze:„Keine Eng⸗ länder mehr auf der Halbinſel.“ Bei ſeiner Ankunft in Pondichery beſaß die franzöſiſch⸗indiſche Handelsgeſellſchaft auf den Küſten von Oriſſa und Koromandel Mahulipatnam mit vier Diſtrikten, Pondichery mit einem weiten Gebiete, Karikal und die Inſel Tſcheringam, lauter werthvolle Be⸗ ſitzungen, die nur zu weit von einander entlegen waren, um ſich gegenſeitig unterſtützen zu können. Die Verwaltung des Grafen Lally reichte hin, um alle dieſe Beſitzungen an die Engländer zu verlieren. Die Eingeborenen verletzte der neue Generalgouverneur tödtlich, mehr noch als durch die Erpreſſungen und durch die Folter, dadurch, daß er die Einwohner ohne alle Rückſicht auf den Unterſchied der Kaſten und der Arbeiten mit Gewalt zu den letzteren anhielt, ſo daß der Brahmine neben dem Paria Geſchütze ziehen und Laſten tragen mußte, eine in Indien ganz unerhörte Miß⸗ achtung des geſellſchaftlichen und religiöſen Syſtems zugleich. Kein Wunder, wenn der Graf trotz der glänzenden Bra⸗ vour und Unerſchrockenheit, die er vielfach an den Tag legte, gegen die Engländer, welche damals in Coote einen ausge⸗ zeichneten Anführer beſaßen, der kaltblütig und bei aller Entſchloſſenheit maßvoll, auf ſeine ganze Umgebung einen unwiderſtehlichen Einfluß auszuüben und namentlich aus den Fehlgriffen des Gegners den beſten Nutzen zu ziehen ver⸗ ſtand, keine durchſchlagenden Erfolge errang. Zwar ſiegte die verwegene und tollkühne Tapferkeit Lally's wiederholt in einzelnen Gefechten, zwar glückten ihm einzelne Unter⸗ nehmungen mit überraſchendem Erfolge, aber im Großen und Ganzen verlor er fortwährend an Terrain. Durch ſeine Strenge und ſeine Drohungen machte er ſich die Be⸗ amten, ſowie alle jene, welche aus den herrſchenden Miß⸗ Feierſtunden. 1865. 3 561 ———— bräuchen irgend einen Nutzen zogen, zu Feinden. Zuletzt brach auch im Heere ein Aufſtand wider ihn aus, und die Engländer ſchloſſen Pondichery ein. Von der Zwietracht in der eigenen Umgebung, von Aufruhr und Hungersnoth bedrängt, hielt Lally von 1760 bis 1761 wie ein antiker Heros einer zwanzigfachen Uebermacht Stand, bis ihn end⸗ lich völlige Erſchöpfung und die äußerſte Noth zur Ueber⸗ gabe der Stadt zwang, worauf er als Gefangener nach England geführt wurde. Der Verluſt Pondichery's, dem unmittelbar auf dem Fuße der Verluſt der übrigen Beſitzungen in Koroman⸗ del und Bengalen folgte, war für die Herrſchaft der Franzoſen in Indien ein tödtlicher Schlag, von dem ſie ſich nie wieder erholt haben. In Paris war die Auf⸗ regung eine ungeheure. Das Nationalgefühl, ſchon durch die klägliche Rolle der franzöfiſchen Waffen im ſiebenjäh⸗ rigen Kriege gereizt, fühlte ſich durch die Kunde von den Mißerfolgen in Indien auf das Bitterſte aufgeſtachelt und verlangte nach einem Sühnopfer. Lally ward zu dem Sühn⸗ opfer erleſen. Auf das Haupt des Gefangenen entlud ſich die Wuth der Nation. Jede ſeiner Handlungen wurde einer hämiſchen Kritik unterworfen und auf die gehäſſigſte Weiſe gedeutet, er ſelbſt ſchließlich des Verraths angeklagt. So⸗ bald der Graf die Mittheilung erhielt, daß in Paris der Prozeß auf Hochverrath wider ihn angeklagt ſei, erbat er ſich von dem engliſchen Miniſterium die Erlaubniß, nach Frankreich heimkehren und dort ſeine Vertheidigung führen zu dürfen. Die Bitte ward gewährt. Mit den Worten: „ich bringe meinen Kopf und meine Unſchuld,“ trat er vor Choiſeul. Der Miniſter empfing die gefallene Größe wie Miniſter gefallene Größen zu empfangen pflegen, kalt und ablehnend. Das Parlament ſaß inzwiſchen zu Gericht über Feldzüge und Belagerungen, die in einem Lande und unter Umſtänden ausgeführt worden waren, die ihm beide unbe⸗ kannt waren. Indeß man brauchte eine Verurtheilung und man fand die Verurtheilung; der Urtheilsſpruch war in die⸗ ſem Falle gefällt, bevor die Unterſuchung begann. Das Parlament ſprach den Angeklagten von dem Verbrechen der Majeſtätsbeleidigung frei, erkannte ihn aber des Verraths an den Intereſſen des Königs und der Kompagnie, ſowie des Mißbrauchs der Amtsgewalt für ſchuldig, und ſchickte deßhalb den 64jährigen Greis mit dem Knebel im Munde auf das Schaffot, ohne ihm auch nur Zeit zur Vorberei⸗ tung auf den Tod zu gönnen. Die Hinrichtung erfolgte den 9. Mai 1766. Ludwig XVI. reſtaurirte wenigſtens nachmals das Andenken dieſes Opfers eines ſchnöden Juſtiz⸗ mordes; der König kaſſirte das Urtheil. Lally beging allerdings viele Fehlgriffe, ſagt Barchou de Penhoen, und durch ihn ging Indien verloren. Doch muß man auch zugeben, daß er die Schattenſeiten ſeines Charakters wieder möglichſt gut machte durch eine glänzende Tapferkeit, einen unbezähmbaren Feuereifer, eine unbedingte Hingebung an die Intereſſen des Königs und des Vater⸗ landes. Den Engländern flößte er ſelbſt inmitten ſeiner wiederholten Unglücksfälle eine Art von Bewunderung und von Furcht ein. Könnte eine Reihe von einzelnen Fehltrit⸗ ten zuſammen einem todeswürdigen Verbrechen gleich gerech⸗ net werden, ſo gäbe es keine einzige hochgeſtellte Perſönlich⸗ keit, die ſich für ſchuldlos halten dürfte. Wenn aber das Unglück an und für ſich ſchon und ganz unabhängig von der Abſicht das Verbrechen ausmacht, ſo müßte jeder beſiegte Feldherr am Galgen enden. Kein Wunder darum, wenn die öffentliche Meinung das Urtheil des Parlaments in ihren beſſeren Kreiſen verwarf, und Voltaire war nur der Stimm⸗ 71 2 — 1 ——*— — 1 3 1 —— — ——— — 562 Feierſtunden. 1865. ——;——---rꝛ:r-—:—ä:—rr—A--——————— führer deſſelben, wenn er Lallys Hinrichtung einen„mit erklären vermag— der Geſchichtsſchreiber kann ſie nicht dem Schwerte der Gerechtigkeit begangenen Mord“ nannte. ohne tiefe Ergriffenheit berichten. Auch d'Alemberts grauſam klingendem Wort liegt eine tiefe Es wurde ſchon bemerkt, daß mit Lally's Niederlage Wahrheit zu Grunde:„Jedermann war berechtigt, Lally das Schickſal der franzöſiſchen Kolonien in Indien für alle zu tödten, nur der Henker nicht.“ In der That war Nie⸗ Zeit beſiegelt war. Bei dem Friedensſchluß zwiſchen Eng⸗ mand der Verbrechen, wegen deren Lally verurtheilt wurde, land und Frankreich im Jahre 1763 wurde dem letzteren weniger fähig, als er ſelber. Er war ein ungeſtümer, ge⸗ zwar Pondichery zurückgegeben, allein mit einem ſehr ge⸗ waltthätiger und maßlos jähzorniger Charakter, während ſchmälerten Gebiet, und die Stadt lag in Trümmern und ſeine Aufgabe die ſchonendſte Rückſichtsnahme und Akkomo⸗ Schutthaufen. Wohl wurde ſie wieder im Jahre 1769 dation an die jeweiligen Umſtände forderte. Ein einziger aufgebaut und ihre Einwohnerzahl hob ſich allmählig bis Gedanke beherrſchte ihn durch und durch, und doch waren auf 30,000, allein mit Madras und Kalkutta konnte ſie die Intereſſen, denen er gleichzeitig Rechnung tragen ſollte, ſich nimmer meſſen. Auch Karikal, Tſchandernagor und ſo mannigfaltig und ſo verwickelt. Er verachtete und un⸗ die übrigen Faktoreien in Bengalen brachte der Frieden terdrückte die Indier, während ſie doch blos durch Schmei⸗ allerdings an Frankreich zurück, allein nur unter der läh⸗ cheleien zu gewinnen oder zu verführen waren. Das Schick⸗ menden Bedingung, daß dort keine Befeſtigungen angelegt ſal hatte ſich eine blutige Ironie erlaubt, indem es ihn auf werden durften. Der Wettkampf, den zwiſchen den beiden einen Schauplatz berief, der nicht für ihn geſchaffen war. Nationen Dupleix in Indien mit ſo günſtigem Erfolge für Ein loyaler Kavalier, ein muthiger Soldat, ein eifriger ſein Vaterland aufgenommen hatte, war unwiderruflich und Beamter, ſtieg er auf das Blutgerüſt, mit der dreifachen für immer zu Gunſten Englands entſchieden. Die Namen Anklage auf Unfähigkeit, Feigheit und Verrath belaſtet. der Dupleix und Lally deckt Vergeſſenheit, während die Wenn auch die Geſchichte dieſe furchtbare Kataſtrophe zu Clive und Haſtings Jedermann kennt. Von ehemaligen Faſtnachtsluſtöarkeiten. Eine kulturhiſtoriſche Skizze von Dr. Hugo Schramm. „Die Narren die haben die Faſtnacht erdacht, drolligen Mummenſchanzes, in der durch die Masken, ſelbſt Dadurch ſie haben getrieb'n ihre Pracht, bei der ſtrengſten Staatsform, der„Freiheit und Gleich⸗ Iſt mancher zum armen Mann gemacht. heit“ Toleranz gewährt wird, nach der„hohen Schule des Dr. Sebaſtian Brant(Rechtsgelehrter zu Straß⸗ Leichtſinnes“, wie Alfred Meißner das Babylon unſe⸗ burg. 1458— 1520) in ſeinem„Narrenſchiff“.; urg. 1458— 1520) in ſeinem„Narrenſchiff rer Tage ſo treffend bezeichnet, wo noch vor nicht zu lan⸗ Die Faſtnacht iſt ein altes verſchliſſenes Feſt, das ger Zeit ein Diderot die Tendenzen, nach welchen die man als Reliquie aus den früheſten Zeiten in der großen menſchlichen Dinge auf das höchſte Maß des Wohlbefindens Rumpelkammer des romantiſchen Mittelalters zur Erinne⸗ und des ſchmerzloſen, epikuräiſchen Glückes zu erheben wä⸗ rung an die Andacht unſerer A. ren, in ein feſtes Syſtem zu bringen ſuchte,— und es 3 acht unſerer Altwordern auſbewahrt werden dir gar manche Erſcheinungen des Mittelalters, Ohne die Faſten hat das Feſt keinen Sinn und wir welche der allzu bedenkliche Skeptiker faſt nur für Phantaſie⸗ Norddeutſchen würden die abgeſtandene Narrethei und die bilder der Maler und Poeten hält, gar manche Schilderun⸗ „Bocksſprünge der Menſchlichkeit“ heut zu Tage gar nicht gen der modernen franzöſiſchen Kunſt und Literatur klar mehr begreifen, wäre nicht ſo viel Luſt und Scherz dabei, werden. denn am Ende iſt doch die Freude die Führerin durch un⸗ Oder ziehe, wann Gott Momus und Komus ihr ſer irdiſches Jammerthal. Narrenſcepter ſchwingen, nach der abenteuervollen, farben⸗ Dieſer Anſicht huldigen bekanntlich als dem einzigen prächtigen Stadt der Tizian'ſchen Frauengeſtalten, der endgültigen Kanon der Philoſophie ganz beſonders die heiß⸗ ſchwarzen, langgebauten Gondeln, der von einſtiger Größe blütigen, ſchnell⸗ und leichtlebigen, kecken Italiener und und Herrlichkeit erzählenden Marmorpaläſte und der mit Franzoſen, von welchen letzteren einmal ein Spaßvogel ge⸗ V unendlich vielen Brücken überwölbten Lagunen, von welcher ſagt hat:. einer ihrer Patrizier ſingt:„Freude und Rauſch! in der „Herr, allmächtiger Gott, wie ſchufſt du ſo viel der Franzoſen! Welt findet dieſe Stadt nicht ihres Gleichen! Zaubereien Gleichen ja Alle ſich doch! Einer ja wäre genug!“ auf Zaubereien umfluthen dich, du Inſel der Kalypſo, . 4 1 Stadt der Venus! die Nächte hindurch ſpielt und tanzt man Daher kommt auch in den Hauptſtädten dieſer beiden in dir, Serenaden durchklingen deine Straßen vom Aufgang Nationen des Faſchings toller Jubel unter allen erdenk⸗ bis zum Untergang des Mondes.“ lichn Formen und Geſtalten zum freiſten und höchſten, jj Oder miſſche dich unter das luſtige, ausgelaſſene, über⸗ man kann ſagen, zum dämoniſchen Ausbruch, wobei die müthige Gefolge des alle launigen Intriguen beſchützenden, Faſtendeviſe: Tanz und Gelag iſt des Teufels Feiertag, in ewiger Jugendfriſche ſtrahlenden Prinzen Carneval, vielfach bewahrheitet wird und nicht nur die üppige Jugend⸗ wenn er in der Stadt, die der Mittelpunkt des Katholicis⸗ kraft ſich nach Herzensluſt austobt, ſondern auch das rei⸗ mus, aber auch die Heimathsſtätte des Pulcinells und der fere und überreife Alter ſich in die Narrenkappe ſteckt, um mit Confetti und Blumenſträußen geführten Kriege iſt, ſein darunter einmal wieder recht gründlich des Lebens Sorgen glänzendes Hoflager vom Obelisken auf der Piazza del und Mühen zu vergeſſen. Popole bis zum Venetianiſchen Palaſte aufgeſchlagen hat, Begieb dich, freundlicher Leſer, zur Zeit des 1eii— — —.,—r— SeS=SS S=USeͤ=ͤͤͤee —— Q——— ſie richt Niederlage für alt hen Eng⸗ letzteren ſehr ge⸗ mmern und hhre 1169 mählig bis konnte fi nagor und er Frieden er der läh⸗ en angelegt den beiden erfolge für ruflich und die Namen ihrend die sken, ſelbſ und Gleih⸗ Schule des bylon unſe ct zu lar welchen die hlbefinden etheben wä⸗ — und 6s Nittelalter, Phanteſſ⸗ ——ꝛxxx:x⸗⸗⸗—C——C—C—C—C—C—C—C—C—⸗—xxxxxꝛ:-— „Es drängt und jubelt, ſiugt und klingt Durch Roms verwitterte Straßen, Die Narrheit hoch die Fahne ſchwingt, Die Maskenſchwärme raſen, und du wirſt zu dem Schluſſe gelangen, daß in Deutſch⸗ land das Maskentreiben eine kränkliche, in unfruchtbaren Boden verſetzte Pflanze iſt, daß faſt alle in den verſchiede⸗ nen Städten und Gegenden üblichen Faſtnachtsluſtbarkeiten einen plumpen und ſchwerfälligen, ja ſelbſt zuweilen faſt rohen Charakter als Gepräge an ſich tragen. In der früheren, in der„guten alten“ Zeit nament⸗ lich hatten ſich gar ſeltſame und wunderliche Gebräuche da⸗ bei eingeſchlichen. Wir wollen hier von einigen berichten. Es war einſt in Leipzig z. B. eine alte Gewohnheit, daß ſich an der Faſtnacht junge, muthwillige Leute durch Verkleidungen und Larven unkenntlich machten und mit einem Pfluge durch die Straßen zogen, um heirathsfähige Mäd⸗ chen zu ergreifen und ſie mit Gewalt davor zu ſpannen. Es ſollte dies für dieſelben eine Art von Strafe ſein, daß ſie noch ledig geblieben waren. Bei dieſer Gelegenheit er⸗ eignete es ſich aber im Jahre 1499, daß einer von dieſen vermummten Geſellen, der ein Mädchen, das ſich, um ihnen zu entgehen, in ein Haus geflüchtet hatte, trotz des hart⸗ näckigſten Sträubens an den Pflug zerren wollte, von die⸗ nit einem Meſſer erſtochen wurde. Vor das Gericht entſchuldigte ſich das Mädchen, das in der Angſt erzens und in der Verzweiflung zu einer Mörderin damit, daß es ſagte, es habe keinen Menſchen, — ein Geſpenſt getödtet. In anderen deutſchen Städten war es üblich, daß die Fleiſcher zur Faſtnacht oder auch am Neujahrstage eine ungeheure große Wurſt herumtrugen und ſich dabei luſtig machten. So leſen wir in Wagenſeil's„Erziehung eines Prinzen“(S. 269) von einer ſolchen„Bratwurſt“, welche die Fleiſcher von Königsberg im Jahre 1583 gemacht haben; dieſelbe iſt 596 Ellen lang geweſen, hat 434 Pfund gewo⸗ gen, u. A. 36 Schinken enthalten und iſt von 91 Mezger⸗ burſchen unter dem Abſingen luſtiger Lieder auf hölzernen Gabeln durch die Stadt getragen worden. Aber dieſe Wurſt war noch nichts im Vergleich zu einer 18 Jahre ſpäter ge⸗ machten, denn letztere war 1005 Ellen lang, wog 900 Pfund und hatte u. A. 81 geräucherte Schinken und 18 ½ Pfund Pfeffer beanſprucht! Nach einer am Neujahrstage mit der⸗ ſelben veranſtalteten feierlichen Prozeſſion iſt dann dieſe Rieſin unter den Würſten von den Fleiſchern in Geſell⸗ ſchaft einer anderen für unſer leibliches Wohl ſorgenden Zunft, der Bäcker, verſpeist worden, die in Folge deſſen für den 6. Januar aus 12 Scheffel Waizenmehl 8 große Strietzel, deren jede 5 Ellen Länge hatte, und 6 mächtig große Brätzeln buken, um ſie gleichfalls durch die Stadt tragen zu laſſen und ſie wieder mit den Fleiſchern zu ver⸗ zehren. Dieſer komiſchen Begebenheit iſt ſogar ein großes lateiniſches Gedicht gewidmet worden, das auch durch den Druck unter folgendem Titel verbreitet worden iſt: »Historia de Botulo, mille et quinque vlnas longo, qui Calend. Januar. a Laniis: nec non de Panibus octo(quos Struetzlas vocant) longis quinque vlnas, qui 6. Jan. a Pistoribus circumferebantur Regiomont. Borussiae, Anno 1601. Carmine heroico comprehensa a Josua Neigshorn.« Auch in Nürnberg haben ehemals die Fleiſcher an der Faſtnacht dergleichen Rieſenwürſte herumgetragen. Die letzte derartige Ceremonie fand im Jahre 1658 ſtatt, und iſt Feierſtunden. 1865. —⸗ꝛ—éꝛèꝛ—B-:':̃—ꝭC———:——; 563 dieſe nach»Wagenseilii Commentatio de Civitate No- ribergensi(p. 162) mit folgender Ueberſchrift ſelbſt in Kupfer geſtochen worden:„Eigentliche Abbildung der lan⸗ gen Bratwurſt, welche von den Knechten des Metzger⸗ Handwerks den 8. und 9. Februar dieſes ablaufenden 1658. Jahres, iſt in der Stadt von ihren zwölf herum getragen worden, und war ihre Länge 658 Ellen, hat an Gewicht gehabt 514 Pfund; die Stangen, daran ſie iſt ge⸗ tragen worden, war 49 Schuhe lang. Die Wurſt war oben mit Grün beſteckt. Die Träger hatten in der linken Hand Gabeln, damit ſie ruhen konnten.“ Eine andere öffentliche Faſtnachtsluſtbarkeit war in Nürnberg das ſogenannte Schönbartlaufen. Schönbart bedeutete aber, weßhalb auch das Wort„Scheinbart“ dafür gebräuchlich war, eine Larve, wie, dem analog, das Zeit⸗ wort„verſchönen“ in der Bedeutung von vermummen viel⸗ fach angewendet wird. Das Schönbartlaufen beſtand nämlich in folgendem Aufzuge: Voraus liefen etliche als Narren maskirte Perſonen, die, mit Kolben oder Peitſchen in der Hand, Platz mach⸗ ten. Dann ritt oder ging ein gleichfalls als Narr ver⸗ kleideter Mann mit einem Sacke voll Nüſſe, welche er un⸗ ter die ſich darum raufenden Buben auswarf. Dieſem folgte noch ein anderer Vermummter, meiſtens zu Pferde, der einen Korb mit Eier trug, die mit Roſenwaſſer angefüllt waren und die Beſtimmung hatten, nach Frauen, welche ſich an den Fenſtern oder Hausthüren oder auf der Gaſſe ſehen ließen, geworfen zu werden,„welches denn,“ wie die ſogenannten Schönbartbücher in ihrer Beſchreibung bemer⸗ ken,„gar ſchön geſchmecket“(will ſagen: gerochen). Hierauf kamen die eigentlichen Schönbartsleute ſelbſt mit ihren Schutzhaltern, Hauptleuten und Muſikanten. Sie waren gewöhnlich einander ganz gleich gekleidet, alle Jahre jedoch anders; manchmal nur hatte Einer derſelben eine ganz be⸗ ſonders ſeltſame und eigene Kleidung: ſo war z. B. ein⸗ mal ein Mann als Wolf verkleidet, ein anderes Mal trug Einer ein mit bunten Spiegeln behängtes grünes Kleid, wieder an einer anderen Faſtnacht ſtellte Einer ein india⸗ niſches Weib dar und hatte ſich mit lauter Kaſtanien ge⸗ ſchmückt, und im Jahre 1523 beim Anfange der Refor⸗ mation erregte Einer großes Aufſehen, der in einem Kleide lief, das von lauter Ablaßbriefen mit daran hängenden Sie⸗ geln zuſammengeſetzt war, dergleichen Briefe er auch in den Händen trug. Den Schluß des Zuges bildete, wenigſtens vom Jahre 1475 an, eine ſogenannte Hölle, die je nach ihrer Größe entweder von Menſchen oder von Pferden auf einer Schleife gezogen wurde. Dieſe Hölle, die entweder einen Thurm, ein Schloß, ein Schiff, eine Windmühle, oder einen Dra⸗ chen, einen Teufel, der böſe Weiber fraß, den Venusberg, einen Vogelheerd, auf dem man Narren und Närrinnen fing u. dgl., vorſtellen ſollte, enthielt Feuerwerksgegenſtände, die am Faſtnachtsabende vor dem Rathhauſe angezündet wurden. Lag gerade zur Faſtnacht genügend viel Schnee, ſo fuhren auch Schlitten mit herum, in denen theils Perſonen mit Charaktermasken, theils Muſikanten, theils Geharniſchte ſaßen, die mit Turnierſtangen gegen einander ſtießen, um ſich gegenſeitig abzuheben und auszuſtechen. Dergleichen „Geſellenſtechen“ fanden übrigens auch zu anderer Zeit ſtatt. Der Urſprung des Schönbartlaufens, das ungefähr 200 Jahre hindurch Sitte blieb, war aber dieſer: Im Jahre 1349 ſtanden die Nürnberger Zünfte gegen 11* 564 Feierſtunden. 1865. —;————————— ihren Rath auf und wollten ihn am dritten Pfingſtfeier⸗ tage ſogar überfallen und erſchlagen. Dieſer Anſchlag wurde indeſſen durch einen Mönch verrathen, ſo daß ſich die Mit⸗ glieder des Rathes noch rechtzeitig aus der Stadt flüchten konnten. Die Zünfte ſetzten nun einen neuen Rath ein, und der alte Rath blieb faſt anderthalb Jahre zu Haideck in einer Art von Exil. Da kam der Kaiſer Karl IV. von Prag nach Nürnberg, ließ die Aufruhrſtifter gefangen nehmen, einige derſelben enthaupten und ſtellte den alten Rath wieder her. Weil nun die Fleiſcherzunft allein ſich gegen dieſen nicht aufgelehnt hatte, ſo begnadigte der Kai⸗ ſer dieſelbe ausſchließlich mit dem Faſtnachtsvergnügen, wel⸗ ches eben das Schönbartlaufen genannt wurde, und ſchaffte alle vom Kaiſer Ludwig erlaubten Luſtbarkeiten und Ver⸗ gnügungen ab. Später jedoch kauften die jungen Patricier der Stadt jedesmal das Privilegium der Mezgerzunft ab, wodurch natürlich, da dies meiſtens reiche Leute waren, die Sache ſehr gewann. Ja es bildete ſich ſchließlich eine förm⸗ liche Schönbartsgeſellſchaft, die oft aus mehr denn hundert Perſonen beſtand, und der der Magiſtrat, um aller Unord⸗ nung vorzubeugen, gewiſſe angeſehene Männer zu„Haupt⸗ leuten“ gab, welche auch die bereits oben erwähnten Schön⸗ bartsbücher führten, denen wir die Kunde von dieſer alten Faſtnachtsluſtbarkeit zumeiſt verdanken. So viel Vergnügen die Nürnberger auch daran fanden, ſo mußte ſie doch in manchen Jahren, ſei es wegen Kriegs⸗ noth, ſei es wegen eines über die Stadt gekommenen „großen Sterbens“ unterbleiben. Einmal war das Schön⸗ bartlaufen z. B. 15 Jahre lang eingeſtellt worden(1524 bis 1538), da„Kriegs⸗ und andere Noth Land und Stadt drückte“; im darauf folgenden Jahre jedoch wurde es mit deſto größerem Pompe abgehalten, ohne daß Jemand geahnt hätte, daß es auch das letzte Mal ſein würde. Bei die⸗ ſem, auch von Hans Sachs durch ein Gedicht gefeierten Schönbartlaufen betheiligten ſich nicht allein 184 Adelige, von denen 135 ganz in Atlas gekleidet waren und goldene Flügel auf weißen Hüten trugen, während 49 von ihnen Teufel vorſtellten, ſondern auch Viele aus dem Bürgerſtande, von denen die Plattner, eine vermögende Kaufmannsfamilie, ein Stechen auf Schlitten veranſtalteten. Es wäre denn nun auch Alles gut abgelaufen, hätte nicht die„Hölle“ die ganze Schönbartsluſtbarkeit auf immer verdorben. Es war nämlich damals der berühmte Theolog und ſpätere Königs⸗ berger Profeſſor Dr. Andreas Oſiander noch Prediger in Nürnberg. Dieſer von Natur ſehr heftige Mann hielt immer gewaltige Strafreden von der Kanzel herab und ver⸗ feindete ſich dadurch vielfach beim Volke. Daher kamen Einige auf den Gedanken, ihn beim diesmaligen Schön⸗ bartlaufen zu ärgern. Sie machten zu dieſem Zwecke eine große„Hölle“, die aus einem mit Rädern verſehenen Schiffe beſtand und von Rothſchmieds⸗ und Meſſerſchmiedsbuben gezogen wurde; in dem Schiffe ſtand während des Zuges ein feiſter Pfaffe, der ein Brettſpiel ſtatt der heil. Schrift in der Hand, und einen Doktor und Narren zur Seite hatte: der Pfaffe aber war eine vortreffliche Kopie Oſian⸗ ders, ſo daß Keinem, der den Zug ſah, die Bedeutung der„Hölle“ unverſtanden bleiben konnte. Oſiander ſelbſt erkannte natürlich ſein alter ego auch und fühlte ſich durch dieſen ihm geſpielten Streich ſo tief verletzt, daß er ſich ſofort über dieſe Beſchimpfung ſeiner Perſon und der hei⸗ ligen Sache, der er mit zelotiſchem Eifer diente, beim Magiſtrate beklagte. Und in der That erhielt er auch wirk⸗ lich ſeines großen Anſehens wegen eine glänzende Genug⸗ thuung: die Schönbartshauptleute wurden in den Thurm 8 —B—ꝛꝛä:ͤͤ————;— — geſperrt und die Luſtbarkeit ſelbſt auf immer verboten. Zwar wollte ſich der Pöbel dafür an Oſiander rächen und ſtürmte ſein Haus, allein er konnte dadurch die Frei⸗ heit des Schönbartlaufens nicht wieder erlangen. Zum Schluſſe dürfte es für unſere Leſer nicht ohne Intereſſe ſein, zu hören, was uns Johann Matheſius darüber berichtet, was ſein großer Zeitgenoſſe, unſer Re⸗ formator Dr. Martin Luther, deſſen Ausſpruch:„Wer nicht liebt Wein, Weib und Geſang, der bleibt ein Narr ſein Leben lang,“ von ſeinen Gegnern oft dazu benutzt worden iſt, um ihn als„Faſtnachtsbruder und Bacchanten“ hinzuſtellen, von der Faſtnacht gehalten und wie er dieſelbe einmal verlebt hat: „Als unſer Doktor“— wir geben die Mittheilung des Matheſius“) wörtlich—„die Lehre von der wahren chriſtlichen Buße anfing zu treiben, fiel auch zu⸗ gleich die alte heuchleriſche Faſten, ſammt der Faſtnacht, welches ein recht heidniſches Feſt war, da man nicht allein die Herzen mit Saufen und mit wüſtem und wildem Schwelgen beſchweret, ſondern auch allerlei Unzucht trieb, und die alten Mägde in Pflug ſpannte, wie man auf S. Mertens und Burghard, und andere dergleichen Fraßtage und Sandtriegel, jährlich und feierlich pflegt zu halten. Da nun die Leute berichtet, daß man das Böſe abthun, und das Gute behalten ſollte, und es gleichwohl nicht un⸗ recht wäre, in Ehren und Züchten fröhlich und guter Dinge ſeyn, und in Liebe und Freundſchaft an öffentlichen und ehrlichen Orten, in Rathhäuſern und Trinkſtuben, Hoch⸗ zeiten zuſammenkommen, denket ein ehrſamer Rath zu Wit⸗ tenberg auf Wege, wie Freundſchaft, Einigkeit und guter Wille bei ihnen anzurichten, und zu erhalten wäre, be⸗ ſchließt derowegen, daß ſie auf ihrem Rathhaus möchten etliche Tage in guter Charitate ſich verſammeln, und weil zweierlei Regiment da waren, laſſen ſie die von der Uni⸗ verſität zu ſich laden. „Dißmahl wird auch unſer Doctor erſucht, und zu dieſer ehrlichen, löblichen Geſellſchaft eingebethen. Nachdem er aber der Deutſchen Faſttag und Fraßtag durch Gottes⸗ wort abgeworfen, wollt ihm nicht gebühren, mit ſeinem Exempel, ſo von ſeinen Widerſachern hätte können übel ge⸗ deutet werden, ſeiner Lehre einen böſen Namen zu machen, ſchlägt derwegen die Ladſchaft für ſeine Perſon ab, und heißet ſie im Namen Gottes und chriſtlicher Zucht fröhlich und gutes Muths ſeyn, und Fried und Einigkeit ſtiften und erhalten. Er aber, als ein Doctor und Prediger, bleibet in ſeinem Hauſe, und iſt mit ſeinen Leuten auch guter Dinge. „Dieſe Tage liefen junge Leute, nach alter heidniſcher und ärgerlicher Weiſe, in der Mummerei; denn bloſe Ge⸗ wohnheit iſt nicht leicht abzuwerfen, der kommen etliche für des Herrn Doktors Haus oder Kloſter, aber Aergerniß und böſe Nachreden zu vermeiden, wird keiner eingelaſſen. Un⸗ ter andern iſt ein gelehrter junger Mann, der nachmals großen Churfürſten mit Ehren gedienet, der thut ſich her⸗ für mit ſeiner Geſellſchaft, die laſſen ihn Bergkleider an⸗ ſchneiden, und rüſten ſich wie Schieferhauer mit ihren Schehunmern, ohne Leichtfertigkeit, zur höflichen Kurz⸗ weile. „Wo Tugend innen iſt, als bei denen, die fein ſtudirt haben, da kommt ſie auch heraus. Ob nun wohl dieſe ehrliche Companei eine Mummerei anrichtet, und läſſet ſich *) S. Matheſius„Predigten von der Hiſtorie Dr. M. Luthers.“ 17. Pred. p. 209 folg. den quic beka ſtub und eine der — verboten. r rächen die Frei⸗ ct ohne heſius uſer Re⸗ . Wer ein Naxr u benutt cchanten“ dieſelbe ttheilung von der auch zu⸗ faſtnacht, ht allein wildem ht trieb, auf S. Fraßtage z halten. abthun, nicht un⸗ ter Dinge chen und n, Hoc⸗ zu Wit⸗ und guter äre, be⸗ möchten und well der Uni⸗ und zu Nachden Gottes⸗ it ſeinen übel ge⸗ 1 machen, ab, und tfrählih it ſtiften Predigel uten aul —;;— beim Herrn Doctor angeben, als der von einem Bergmann gebohren, und auf dem Bergwerk erzogen war, weiſen ſie ſich doch ſelber wie Bergleute, und kommen nicht mit ge⸗ mahlten Königen, Päbſten, Carniffeln, Teufeln und Säuen, oder mit abgeeckten Schelmebeinen für den großen Mann, ſondern ſtaffiren ſich mit einem künſtlichen Schachſpiel, darinn Doctor, wie viel große und theure Leute, gern pfle⸗ get zu ziehen. Wie es Doctor höret, daß eine Mummerei von ehrlichen Schieferhauern vorhanden, die laßt mir her⸗ ein, ſpricht er, das ſind meine Landsleute, und meines lie⸗ ben Vaters Schlegelgeſellen. Den Leuten, weil ſie die ganze Woche unter der Erde ſtecken, in böſem Wetter und Schwa⸗ den, muß man bisweilen ihre ehrliche Ergötzung und Er⸗ quickung gönnen und zulaſſen. Darauf tritt die Geſell⸗ Feierſtunden. 1865. 565 —— ————— ſchaft für des Herrn Doctors Tiſch, ſetzt ihr Schachſpiel auf. Der Doctor, als ein geübter Schachzieher, nihmts mit ihnen an. Ihr Bergleute, ſagt er, wer in dieſem und andern tiefen Schachten ziehen, und nicht Schaden nehmen, oder das Seine mit Unrath verbauen will, der ſoll, wies Sprüchwort lautet, ſeine Augen nicht in die Taſche ſtecken, denn es gilt an beiden Orten Aufſehens. „Darauf mattet Doktor ſeinen Schachgeſellen, der läßt ihm das Schachſpiel, und bleiben bei ihm, und ſind in Ehren und Züchten fröhlich, ſingen und ſpringen; wie denn unſer Doctor von Natur gern zu Gelegenheit fröhlich war, und ſah nicht ungern, daß junge Leute bei ihm, in ziem⸗ licher und mäßiger Leichtſinnigkeit fröhlich und luſtig waren.“ Wir geben unſern Leſern eines der älteren Werke des bekannten franzöſiſchen Malers Meiſſonier.— Die Wacht⸗ ſtube iſt in Italien, in Frankreich, wo man will. Piken und Hellebarden lehnen an der Wand, verſchiedene Theile einer Rüſtung, ein Helm, Armſchienen liegen umher, in der Mitte ſtehen ein paar Lanzknechte, welche auf einer großen Trommel würfeln.— Das iſt Alles, doch hat es der Maler verſtanden, trotz dieſer Einfachheit, ſeinem Werke viel Leben und Mannigfaltigkeit zu geben. Der eine der Soldaten iſt in voller Rüſtung, aber unbedeckten Hauptes, der andere hat nur den Helm behalten und hüllt ſich in ſſeinen Mantel; dieſer hat den Kopf mit einem Tuche 566 —— umwunden und erinnert an die Soldaten des wackeren Rit⸗ ters Sir John Falſtaff, während jener mit den Bändern Schotten. ner begierig nach dem Einſatze greift. Von den Zuſchauern Feierſtunden. 1865. auf der Schulter und dem Federbuſche ſich ſpaniſch trägt. Den letzten bezeichnet die Feder auf der Mütze als einen den Verlierenden ausſpottet. Die Würfel rollen auf der Trommel und das Geſicht des Spaniers verlängert ſich bedeutend, während ſein Geg⸗ —; bleibt der eine phlegmatiſch auf ſeinen Stock gelehnt; der zweite, mit dem Helme auf dem Kopfe, verfolgt mit leb⸗ haftem Intereſſe den Gang des Spieles, während der letzte Das kleine Gemälde iſt gut entworfen, die Nebenſachen ſind mit großer Sorgfalt be⸗ handelt und das Ganze iſt ſo voll Leben, daß man unwill⸗ kürlich ein gewiſſes Intereſſe an der Parthie und an den Spielern nimmt. 2 Unteröſtreich, auch Niederöſtreich oder das Land unter der Ens genannt, zeichnet ſich durch nichts mehr aus, als durch die vielen Gebirge, von denen es durchzogen iſt. Berg und Thal, Wald und Weinreben— in dieſen vier Wörtern liegt faſt Alles, was man von jener herrlichen Provinz ſagen kann, natürlich aber mit dem Beiſatze, daß die Berg⸗ und Wald⸗Parthien bei Weitem in der Mehr⸗ zahl und ſo zu ſagen tonangebend ſind. In früheren Zei⸗ ten theilte man das Land in vier Kreiſe, welche man äußerſt bezeichnend das Viertel„unter dem Wiener Wald“, das Viertel„ob dem Wiener Wald“, das Viertel„unter dem Mannhartsberg“ und das Viertel„ob dem Mannharts⸗ berg“ nannte. Jetzt iſt die Eintheilung eine andere, jedoch nicht aus phyſiſchen, ſondern aus politiſchen Gründen, denn der Mannhartsberg und der Wiener Wald ſind immer noch vorhanden, und an ſie ſchließen ſich an der Semmering, der Wechſelberg, der Scheibwald, der Preinek, der Göller, der große Oetſcher, der Gippelberg, der Kahlenberg, der Schneeberg und wie dieſe Berge und Wälder alle heißen. Der Holzreichthum des Landes kann daher, da die meiſten jener Berge bis an den Gipfel hinauf bewachſen ſind, nie hoch genug angeſchlagen werden, und iſt in der That ein wahrhaft außerordentlicher. Aber ſo fragt man ſich billig, wie iſt es denn möglich, dieſen Reichthum auszubeuten, da ein großer Theil der Waldhöhen und Waldſchluchten faſt unzugänglicher Natur iſt? Gibt es doch dort weite Strecken, wo auf viele Stunden im Umkreis keine menſchliche Woh⸗ nung zu finden iſt! Kommt man doch in Gegenden, wo die Einſamkeit ſo groß iſt, daß der Wanderer glauben würde, er ſei allein hier auf der Welt, wenn ihm nicht hie und da ein ſcheues Wild begegnete! Findet man doch der Parthien in Menge, wo der dichte Wald kein Sonnen⸗ licht durchſcheinen läßt und wo die düſtere Stille, welche nur hie und da von dem Gekreiſch des Bergfelken oder eines andern Raubvogels unterbrochen wird, faſt unheimlich auf den Menſchen einwirkt! Was kann nun in ſolchen Wild⸗ niſſen der Wald nützen? Wie wäre es möglich, die Rieſen⸗ bäume jene ſteilen Abhänge hinab oder jene noch ſteileren Abgründe hinauf zu ſchleppen und ſie ſo für den menſch⸗ lichen Bedarf nutzbar zu machen? Doch die Antwort iſt eine ſehr einfache:„der Wald wird in Kohlen verwandelt und trägt auf dieſe Art hundertfältigen Gewinn.“ Man ſieht hieraus, daß in Niederöſtreich der Kohlen⸗ Niederöſtreichiſche gaisführer und Rohlenbauern. hunderten her in einen andern Stand heirathete oder einen anderen Nahrungszweig ergriffe. Der Vater war Kohlen⸗ brenner, die Mutter war eines Kohlenbrenners Tochter, und ſomit werden die Kinder nicht ſo aus der Art ſchla⸗ gen, daß ſie ein anderes Geſchäft dem ehrenwerthen Ge⸗ werbe der Eltern vorzögen! Freilich iſt es ein hartes und keineswegs anlockendes Gewerbe, man muß ſich dabei vie⸗ len Mühſeligkeiten unterziehen und Widerwärtigkeiten über⸗ winden, welche dem Thalbewohner oder gar dem Städter unüberwindlich erſcheinen; auch iſt der Ertrag, welchen das Kohlenbrennen abwirft, kein ſolch' ausgiebiger, daß darin ein beſonderer Reiz, ſich dieſem Gewerbe zu widmen, lie⸗ gen könnte; aber dennoch läßt der Köhlerſohn nicht von dem, was der Vater, der Großvater, der Urgroßvater und der Ururgroßvater getrieben, und er würde vor Sehnſucht.i ſterben, wenn man ihn nöthigen wollte, der civiliſirten Welt anzugehören. Man darf übrigens nicht glauben, daß das Köhler⸗ gewerbe überall das gleiche ſei und nicht auch ſeine Ver⸗ ſchiedenheiten und Abſtufungen habe. Freilich das Kohlen⸗ brennen ſelbſt geſchieht faſt überall nach der gleichen Me⸗ thode; aber der Ort, wo man die Kohlen brennt, iſt nicht derſelbe, und eben hieraus entwickelt ſich ein Unterſchied in dem Charakter und in der Lebensweiſe der Köhler, der nicht ſo gar gering angeſchlagen werden darf. Der Urtypus V eines niederöſtreichiſchen Köhlers iſt derjenige, welcher in den ganz unzugänglichen Gebirgen haust. Verfügen wir uns z. B. in eines jener wilden Nebenthäler der Trießting, der Pießting, der Prein, der Traiſen oder wie dieſe rei-⸗ ßenden Gebirgswaſſer heißen mögen, und ſchreiten daſelbſt das Thal aufwärts, um in den Alpenſtock ſelbſt einzu⸗ dringen! Der Weg führt mitten durch düſtere Tannenwäl⸗ der hart am Bache hin, und letzterer ſchäumt und tost, als wollte er die Felſen, über welche er ſich hinſtürzt, mit Gewalt zertrümmern. Immer ſchmaler wird der Pfad, immer enger das Thal. Der Fluß fängt an ſich in einen Gießbach zu verwandeln und der Wald rückt ſo nahe, daß man ſich oft zwiſchen den Bäumen durchwinden, oder un⸗ ter den niederhängenden Zweigen durchſchleichen muß. Im⸗ mer einſamer, ſchweigſamer und ernſter wird die Umgebung, der Fußpfad hört ganz auf und man kommt an die Stelle, wo das Waſſer ſich aus den Felſen herauswühlt und mit⸗ ten durch Geſtein und Geſtrüpp ſich ſeinen Weg bahnt. brenner keine der unwichtigſten Perſönlichkeiten iſt. Im Das Thal iſt zur wüſten Einöde geworden und mächtige Gegentheil, wenn Er nicht wäre, ſo wüßte man nicht, Felſen⸗ und Waldwände verſperren anſcheinend jedes wei⸗ was man mit all' dieſen ungeheuren Waldungen anfangen tere Vordringen. Schon iſt der kühne Wanderer im Be⸗ ſollte; darum bildet auch im Lande unter der Ens das griff, wieder umzukehren, weil es ihm unmöglich ſcheint, Kohlenbrenners⸗Geſchäft einen eigenen Stand, dem viele daß hier noch ein Ausweg zu finden iſt, da ſieht er plötz⸗ Tauſende von Familien angehören, und nicht ſelten trifft lich hoch über ſich mitten in der Waldeinſamkeit einen fei⸗ man Geſchlechter, von denen nie ein Mitglied ſeit Jahr⸗ nen Rauch, welcher zum Himmel emporſteigt, und auf lehnt; der mit leb⸗ der lette e iſt gut gfalt be⸗ unwill⸗ dan den oder einen r Kohlen⸗ Tochter, Art ſchla⸗ rthen Ge⸗ artes und dabei vie⸗ iten über⸗ n Städter elchen das daß darin men, lie⸗ nicht von vater und Sehnſucht civiliſirten s Köhler⸗ ſeine Ver⸗ s Kohlen⸗ ichen Me⸗ „iſt nicht terſchied in „der nich Urtypud velcher in ügen wit Trießting, dieſe ni⸗ en daſelbſt bſt einze annenwül und bo⸗ gebildet, und hat meiſt die Form einer Halbkugel. Feierſtunden. 1865. —yõ—ᷓqðY—jj⁴———; einmal erwacht neues Leben in ihm, denn er weiß nun, daß er allda Menſchen treffen muß. Rüſtig greift er von Neuem aus,— hinein in das Geſtrüpp, hinauf auf die Felſen— und nach wenigen Minuten vielleicht ſchon, viel⸗ leicht auch erſt nach einer Viertel⸗ oder halben Stunde (denn die Entfernung iſt in ſolchen Gegenden, wo die freie Ausſicht gehemmt iſt, nicht gar leicht zu bemeſſen) erreicht er die Stätte, von welcher der Rauch ausgeht. Und ſiehe da, er hat ſich nicht getäuſcht! Vor ſich ſieht er einen Koh⸗ lenmeiler und daneben eine Baumhütte, welche ſicherlich einen Menſchen, wenn nicht gar zwei bergen muß. Er ſteht ſtill, ſich umzuſchauen, und nach kurzer Zeit tritt ihm eine rußige Geſtalt entgegen, welche ihn wohl tief erſchrecken würde, wenn er nicht ſchon vorher auf ihre Erſcheinung gefaßt geweſen wäre! Betrachten wir den Kohlenmeiler, die Baumhütte und die rußige Geſtalt etwas näher. Der Meiler wird aus Nadelholzſtämmen, welche oft an die zwei Fuß dick ſind. ie Grundfläche iſt in die Erde hinein gegraben, und auf dieſe wird Scheit auf Scheit kunſtreich gefügt, bis der Holzſtoß eine Höhe von 3 bis 4 Klaftern erreicht hat, worauf dann die Hölzer ſo gelegt werden, daß ſie eine Wölbung bilden. Jeder Meiler hat ſeine Zugkanäle, welche man öffnen und ſchließen kann, und gerade darin beſteht die Kunſt des Köh⸗ lers, daß er die Kanäle ſowohl als den Meiler ſo auf⸗ baut, daß er das Feuer durch Oeffnen oder Schließen der Luftzugänge vollſtändig in ſeiner Gewalt hat. Vom Holz ſieht man übrigens bei einem Kohlenmeiler nichts, denn derſelbe iſt durchaus mit Erde oder noch beſſer mit feuch⸗ tem Raſen bedeckt, durch welchen der Rauch ausdringt. Eine Flamme ſieht man auch nie, außer in dem Augen⸗ blicke, wo der Meiler angezündet wird, denn das Holz ſoll nicht verbrennen, ſondern einfach verkohlen. Eben deßwegen dauert es, je nach der Maſſe von Holz, das man verwen⸗ det, oft mehrere Wochen, bis ein Meiler vollſtändig aus⸗ gebrannt iſt, und während dieſer ganzen Zeit hat der Köh⸗ ler faſt Tag und Nacht mit ſeinem Schürhaken und ſeinen Schließen dafür zu forgen, daß das Feuer ſich gleichmäßig und allgemein im Meiler verbreitet, und an keiner Stelle zu ſchwach oder zu ſtark brennt. Iſt der Meiler ausge⸗ brannt, ſo läßt man ihn abkühlen, deckt ihn ab, nimmt die fertigen Kohlen heraus, ſchichtet ſie auf und beginnt alsbald mit der Anlegung eines neuen Holzſtoßes. Hart neben dem Meiler befindet ſich die Baumhütte, von der wir eben geſprochen. Sie iſt ſo niedrig, daß auch ein kleiner Mann nicht aufrecht darin ſtehen kann, denn eine niedrige Hütte hält die Wärme mehr bei einander, als eine hohe. Wände und Dach ſind aus dünnen Baumſtäm⸗ men mit durchflochtenen Zweigen gefertigt, und jede Oeff⸗ nung iſt ſorgfältig mit Moos verſtopft. Den Boden bil⸗ det die bloße Erde, aber Moos und Laub, das wohl Fuß dick aufgeſchüttet iſt, verhindern jedes Eindringen von Feuch⸗ tigkeit. Fenſter iſt keines angebracht, wohl aber eine nie⸗ dere Thüre, welche aus biegſamen Zweigen geflochten wurde. Auch ſieht man keinerlei Art von Möbeln, ſondern ein kurz abgeſägter Baumſtamm muß die Stelle eines Tiſches ver⸗ treten, während das Laub auf dem Boden die Bettſtatt hildet ier in dieſer Hütte nun, weit, weit von allen an— dern Menſchen entfernt, wohnt der Köhler den größten Theil des Jahres hindurch. Mit dem Beginn des Jahres nämlich kauft er vom Waldbeſitzer die Hunderte von Baum⸗ ſtämmen, deren er benöthigt iſt, und fängt ſofort an die⸗ 567 ———————ʒ; ſelben zu fällen und zu ſeinem Bedarfe zuzurichten. Mit dieſer Beſchäftigung bringt er drei bis vier Monate hin, und faſt während dieſer ganzen Jahresperiode ſchläft er die Nacht über in ſeiner Hütte. Jeden Samſtag dagegen wan⸗ dert er in das kleine, vielleicht 5 oder 6 Stunden weit ent⸗ fernte Dörfchen, in welchem er eingebürgert iſt, hinab, um Weib und Kind zu beſuchen und den andern Tag dem Gottesdienſte beizuwohnen. Dieſer kurze Beſuch iſt die einzige Zeit, wo er mit ſeines Gleichen zuſammenkömmt, um als Menſch unter Menſchen zu leben, denn ſchon am Montag in der Frühe macht er ſich mit Vorräthen für die angebrochene Woche beladen, wieder auf den Weg, um in die Wald⸗Einöde zurückzukehren. Mit dem Beginn des ſchönen und trockenen Wetters fängt er an, ſeine Meiler zu bebauen, und fährt damit fort, bis die Nachtfröſte kom⸗ men und der erſte Schnee fällt. Während dieſer langen Zeit iſt er durchaus auf ſeine Hütte angewieſen. Nicht einmal Sonntags darf er es ſich erlauben, auszuruhen, und ebenſo muß er auch die Samſtagswanderung in ſein Heimathdörfchen gänzlich unterlaſſen. Dagegen erhält er hie und da, in der Woche wenigſtens einmal, Beſuch, ſei es nun von ſeinem Weibe oder von ſeinem älteſten Kna⸗ ben, welche ihm die nöthigen Lebensmittel zutragen, und dieſer Beſuch iſt immer ein Feſttag für ihn. Die Lebens⸗ mittel ſind übrigens ſehr einfacher Natur und beſtehen meiſt in Kartoffeln und Brod, hie und da auch aus etwas Mehl nebſt Salz und Schmalz. Ebenſo einfach iſt die Zuberei⸗ tung derſelben, denn ein kleines Loch vor ſeiner Hütte bil— det die Feuereße, in welcher er ſeine Kartoffeln bratet oder ſeinen Brodkuchen backt. Man kann ſich nun wohl denken, daß eine ſolche ein⸗ fache und einſame Lebensweiſe auf den Charakter und das Weſen des Köhlers einen ganz eigenthümlichen Einfluß aus⸗ üben muß. Der Mann wird ſcheu, ſchweigſam, faſt ſtumm, und man muß ſich nur wundern, daß er das Reden nicht ganz verlernt. Dagegen iſt er bieder und ehrlich und ſein einfaches Wort gilt ſo viel als bei einem Andern ein dop⸗ pelter Eid. Weil es ihm an Waſſer gebricht(er muß die— ſes oft Stunden weit vom Thale heraufſchleppen) denkt er nur ſelten daran, ſein kohlengeſchwärztes Geſicht zu waſchen, aber man darf deßwegen nicht glauben, daß ſein Inneres ebenſo teufelmäßig ſei, als ſein Aeußeres erſcheint. Mit der Kultur ſteht er freilich nicht auf dem beſten Fuße, denn wenn er auch in ſeiner erſten Jugendzeit, die er im⸗ mer in dem Dörfchen, in welchem jetzt ſeine Familie lebt, zabrachte, einiges Leſen und Schreiben lernte, ſo hat er dieſes bei der Hitze, die ſeine Kohlenmeiler verbreiten, längſt wieder hinaus geſchwitzt, und vermag nunmehr kaum noch ſeinen Namen zu kritzeln. Dagegen aber haben ſeine kör⸗ perlichen Fähigkeiten ſich um ſo mehr ausgebildet, und er beſitzt das Auge eines Falken, ſowie das Ohr eines Luch⸗ ſes; ſeine Knochen und Sehnen aber ſind ſo erſtarkt, daß er mit Laſten, unter denen ein Anderer erliegen müßte, gleichſam nur ſpielt. Dieſe Kraft ſeiner Glieder hat er übrigens im Spätherbſt oder vielmehr beim Beginn des Winters überaus nöthig, denn nun beginnt der mühſamſte Theil ſeiner Arbeit. Sobald nämlich der erſte Schnee ge⸗ fallen iſt, ſo holt er ſeine„Gais“ herbei, um auf ihr die den Sommer über gewonnenen Kohlen in's Thal an eine fahrbare Straße herabzuſchleppen. Verwundert fragt der Leſer, was denn eine Gais ſei, denn er denkt ſich viel⸗ leicht etwas Lebendiges darunter; allein das Ding iſt nichts Anderes, als ein ſehr einfacher Holzſchlitten, den der Köh⸗ ler ſich aus dem zäheſten Holze, das er finden kann, mit —j, — — —Q—···· eigenen Händen zuſammenſchreinert. Wahrſcheinlich hat der Schlitten jenen ſonderbaren Namen deßwegen erhalten, weil der Köhler mit ihm über Bergabhänge und Felſenſchluchten hinabfährt, welche man nur für Gaiſen paſſirbar halten könnte. Das Ausſehen des Köhlers, wenn er ſich an ſeine Gais geſpannt hat, iſt übrigens von der Art, daß man ſich leicht vor ihm fürchten könnte, denn er hat dann der Kälte und ſcharfen Winde wegen, den breitrandigen Hut tief in's Geſicht gedrückt und Mund und Naſe feſt mit einem Tuche umwickelt, ſo daß nur die feurigen Augen und der zu Eis ver⸗ wandelte Schnurr⸗ und Krnebelbart—— ſichtbar ſind. Solcherlei Art iſt das Leben des Köhlers von ſei⸗ nem vierzehnten Jahre an, wo er als Lehrling bei ſeinem Vater ein⸗ tritt, bis zu ſei⸗ nem hohen Alter, wo ihn die Kräfte zu verlaſſen drohen- Allein ſo wenig be⸗ neidenswerth auch ſein Loos erſchei⸗ nen mag, ſo würde er doch mit keinem andern tauſchen, denn er allein hält ſich für einen freien Mann. Darum ſieht er mit ziem⸗ licher Verachtung auf ſeine Kollegen nieder, welche als kohlenbrennende Taglöhner im Dienſte eines Koh⸗ lenhändlers ſtehen, obgleich dieſe das vor ihm voraus haben, daß ſie nicht eben ſo ſehr in der Einſamkeit zu leben gezwungen— ſind, als er. Die taglöhnenden Köh⸗ ler Unteröſtreichs nämlich wohnen zwar auch im Walde, Feierſtunden. 1865. —yorrr——õ——õö———õu———:äe—————õͤ ten u. ſ. w., nothwendig anders geſtalten, als der des unabhängigen Kollegen in den Bergen oben. Wieder einen ganz anderen Charakter bekommt der ſo⸗ genannte„Kohlenbauer“, welcher ſich von ſeinem ſoeben geſchilderten Kollegen dadurch unterſcheidet, daß er nicht nur Kohlen„producirt“, ſondern dieſelben auch ſelbſt„ver⸗ ſchließt“ und„verkauft“. Er theilt das Jahr in zwei Par⸗ thien, in die des Schaffens und in die des Handelns. Die erſtere Parthie iſt die länger andauernde, und in dieſer Zeit brennt der Kohlenbauer ſeine Kohlen. Allein ſeine Kohlengrube befin⸗ det ſich nicht in der Wildniß, ſon⸗ dern vielmehr in der Nähe der Thal⸗ ebene und des Dor⸗ fes, in welchem er ſeine Heimath hat. muß er hier ſein Holz viel theurer bezahlen, als der Köhler der Wald⸗ einöde; allein er weiß auch, daß er durch den Selbſt⸗ verkauf ſeiner Koh⸗ len weit mehr er⸗ lege Nro. 1, und ſcheut ſich daher vor dieſer Mehr⸗ ausgabe nicht. Hat er nämlich einen ziemlichen Vorrath von Kohlen erzeugt, ſo tritt er in das zweite Stadium ſeiner Thätigkeit, das iſt in die Pe⸗ riode des Handelns Hiezu gehört vor Allem ein eigener Wagen mit eige⸗ nem Roſſe. Der Wagen iſt nicht zwei⸗, ſondern vier⸗ 22 räderig, und hat in der Mitte einen großen Bauch von Weidengeflechte, in welchem die Kohlen aufgeſtapelt werden. aber nicht auf den Bergeseinöden, ſondern immer in Thä⸗ Rings um den Weidenkorb herum werden grüne Tannen⸗ lern, welche ſo geſchickt liegen, daß das Holz durch ſoge⸗ zweige geſteckt, um das Herausfallen der Kohlen zu hin⸗ nannte„Rieſen“ oder künſtlich gefertigte Holzſchlittebahnen dern, und hiedurch bekommt der Aufzug des Köhlers ein von den Bergen herab geflößt werden kann. Hier bauen äußerſt luſtiges Ausſehen. allein alle Zeit muntere, wenn auch nicht allzu große Roß, wel⸗ ſie ihre Kohlengruben, gerade wie der Bergköhler, es ſind vielleicht vierzig oder fünfzig ſolcher Kohlenhütten chem der Köhler ſeine beſondere Vorſorge widmet. neben einander, und für die Arbeiter iſt eine eigene Woh⸗ Wege nämlich, Dieſem entſpricht das ſtarke und Die welche anfangs, bis man auf die große nung errichtet, wo ſie nicht nur zuſammen ſchlafen, ſondern Landſtraße kommt, paſſirt werden müſſen, ſind meiſt in auch zuſammen auf Koſten des Kohlengrubenherrn oder einem äußerſt primitiven Zuſtand, und dazuhin oft ſo ſteil Kohlenhändlers geſpeist werden. So leben ſie alſo als ledige Männer in Kompagnien zuſammen, und demnach muß ſich auch ihr Charakter, ſchon deßwegen, weil ſie wie andere Knechte behandelt werden, einen Monatslohn erhal⸗ oder abſchüſſig, daß ein äußerſt kräftiges und gutgenährtes Thier dazu gehört, um die angehängte Laſt nicht ſtecken oder in die Tiefe hinab ſtürzen zu laſſen. Ueberdies pflegt der Cohlenbauer, wenn er einmal die Landſtraße erreicht hat, Allerdings löst, als ſein Kol⸗ + der des t der ſo⸗ m ſoeben nicht nur ſt„ver⸗ wei Par⸗ uns. Die in deſer lein ſne rube befin⸗ nicht in miß, ſon⸗ Amehr in der Thal⸗ des Dor⸗ welchem Heimath Lllerdings hier ſein l theurer als der der Wald⸗ allein er c, daß er n Selbſt⸗ einer Kol⸗ mehr er⸗ ſein Ko o. 1, und ich daher ſer Mehr⸗ richt. Ha lich einen nVorrath lenerreugt er in das Lunin Thätigkeit 4 die Pe andelne thört vo in eigener mit eige ſſe de it rit ndern viel⸗ und hü Feierſtunden. 1865. —————O— — — ungewöhnlich lange Tagesreiſen zurückzulegen, um ja recht bald die Stadt zu erreichen, in welcher er ſeine Kohlen ab⸗ zuſetzen ſich vorgenommen hat. Kein Wunder alſo, wenn der muntere Braune(eigenthümlicherweiſe ſind nämlich die meiſten Kohlenbauernpferde von ſchwarzbrauner Farbe und Schimmel ſieht man vollends gar keine unter ihnen) ab⸗ ſonderlich gut gefüttert, und nicht wie ein Thier, ſondern eher wie ein menſchlicher Freund behandelt wird! Natürlich ſetzt ſich der Kohlenbauer, ſo lange ſein Roß eine Laſt zu ziehen hat, nie auf den Wagen, ſondern geht immer nebenher und hilft dem Thiere, je nachdem es der Weg nöthig macht, ſchieben oder anhalten. So arbei⸗ 569 —-—— tet alſo der Inhaber des Wagens beſtändig mit, und es fällt ihm nie ein, wenn auch die Tagesreiſe noch ſo lange dauert, unterwegs(natürlich die kurze Raſt in der Nacht⸗ herberge ausgenommen) ein Auge zu ſchließen; ſind aber die Kohlen verkauft und befindet er ſich auf der Rückfahrt, ſo legt er ſich auf einige ausgebreitete Strohbündel in die Mitte ſeines Korbwagens und ſchläft ſowohl bei Tag als bei Nacht, es rein dem Inſtinkte ſeines Thieres überlaſſend, den richtigen Heimweg zu finden. Merkwürdigerweiſe iſt das Roß auch beinahe immer ſo klug, daß es nie von der Straße abweicht, und wenn ihm ein anderes Gefährt be⸗ gegnet, demſelben immer den nöthigen Platz macht. Wenn die Kohlenbauern zum Handel ausziehen, ſo machen ſie es meiſt mit ein paar Nachbarn ab, daß ſie zu⸗ ſammen reiſen wollen. Daher trifft man es oft, daß man ganzen Reihen ſolcher Kohlenfuhrwerke begegnet, was be⸗ ſonders bei Nacht einen ganz ſonderbaren Eindruck macht. Begegnet man ihnen bei Tag, ſo darf man ſicher ſein, freundlich von ihnen gegrüßt zu werden, denn der Kohlen⸗ bauer zeigt ſich als einen ganz anderen und viel muntere⸗ ren Menſchen, als der oben geſchilderte Gaisführer. Iſt er doch darauf angewieſen, alle Jahre verſchiedene Wochen lang mit anderen Leuten umzugehen! Sieht er doch Städte und Dörfer mit anderen Sitten und Gewohnheiten, als man im Gebirge drin kennt! Muß er doch das Geld un⸗ terſcheiden lernen und die verſchiedenen Geldſorten! Muß er doch den Handel verſtehen und das Anpreiſen ſeiner Feierſtunden. 1865. Waaren! Hiedurch natürlich verändert ſich ſein Benehmen, er ſchleift ſich ab und kehrt nach jeder Handlungstour leut⸗ ſeliger und civiliſirter nach Hauſe. Auch hat, wie man ſich denken kann, dieſe ſeine eigene Kultivirung ebenfalls auf ſeine Familie und auf die Art und Weiſe, wie er mit ihr das Jahr über lebt, Einfluß. Er hat Vieles geſehen und ahmt Vieles nach. Seine Hauseinrichtung wird von Jahr zu Jahr behäbiger, beſonders wenn die Geldkatze, welche er um den Leib geſchnallt trägt, ſich immer mehr füllt, und er gewöhnt ſich an Bedürfniſſe, die er vorher nicht kannte. Mit beſonderer Sorgfalt betreibt er die Er⸗ ziehung ſeiner Kinder, von denen er verlangt, daß ſie nicht blos leſen und ſchreiben, ſondern auch rechnen lernen, und mit der Zeit kommt es ſogar ſo weit, daß ihn die übrigen Dorfbewohner, weil er immer Neuigkeiten nach Hauſe 72 — — —— — ————— Floßes wird auf einem Ständer ein Baumſtamm angebracht, Feierſtun bringt und weil er weiß, wie es in der Welt zugeht, als eine Art Orakel betrachten, welches man in jeglicher Ver⸗ legenheit um Rath zu fragen habe. Der Gaisführer, das iſt die Nro. 1 der Kohlenbren⸗ ner, bringt es ſelten zu einigem Vermögen, und noch weni⸗ ger hat er großen Genuß vom Leben. Der taglöhnende Das Holzflößen Die Holzflößerei auf den größeren Flüſſen Frankreichs, beſonders die Bretter⸗ und Schiffbauflößerei nach den Küſten⸗ ſtädten, ſowie die von Bau⸗ und Brennholz nach Paris, Lyon, Straßburg und anderen größeren Städten des Lan⸗ des, iſt von gleicher Wichtigkeit und Bedeutung, als die Flößerei auf Deutſchlands Hauptſtrömen, und wird, mit wenig Abweichungen, wie hier betrieben, und die Flößer mit ihren Floßknechten, welche das Einwerfen, Fortſchaffen und Herausnehmen des Holzes zu beſorgen haben, bilden ein eigenes Völkchen.— Wie in Deutſchland, iſt auch in Frankreich das Floßrecht genau beſtimmt; abgeſehen von Flößen von Brennholz auf kleinen Flüſſen, Gräben, Kanä⸗ len und Teichen, iſt das Flößen von Bau⸗ und Nutzholz nur auf größeren Flüſſen geſtattet, die wie die Seine, Loire, Charente, Garonne und Dordogne, der Rhone und Rhein ꝛc., geeignet ſind, Flöße zu tragen, ohne daß der Schifffahrt dadurch Hinderniſſe bereitet werden. Die Flöße werden auf gleiche Weiſe wie im Schwarz⸗ walde zuſammengefügt. Zum Bau eines Floßes werden Balken oder Stämme der Länge nach neben einander gelegt und mit zähen Ruthen, den Flößwieden, an einen Quer⸗ balken, das Flößband, feſtgebunden, und durch Blocknägel, hölzerne Nägel die Bänder des Floßes an die einzelnen Baumſtämme befeſtigt. Am Hinter⸗ und Vordertheil des der zum Steuerruder des Floßes dient, und nach vornen ſpitzig zum Angreifen, nach hinten breit zum Steuern ge⸗ hauen iſt. Wenn Bretter auf Flößen transportirt werden ſollen, werden ſie an dem einen Ende nicht ganz durch⸗ ſchnitten, und genau ſo wie Stammfloße zuſammengebun⸗ den. 1865. Kohlenbrenner bleibt ein Knecht ſein Leben lang und nimmt deßhalb auch die Geſinnung eines Knechtes an. Der Koh⸗ lenbauer allein arbeitet ſich nicht ſelten über ſeinen Stand empor, und läßt ſogar hie und da ſeine Tochter oder ſei⸗ nen Sohn, obwohl mit ſchwerem Herzen, zu einem andern Ernährungszweig greifen. Th. Gr. in Frankreich. ſtämmen über einander angebracht, und es iſt nicht ſelten, Flöße von 4—6 Fuß Tiefgang, einer Länge von 1000 Fuß und einer Breite von 50—60 Fuß auf der Seine, Ga⸗ ronne und Rhone ꝛc. zu ſehen. Solche große Flöße wer⸗ den durch lange Schlagruder regiert, von denen eine Reihe bis zu zwanzig auf dem unteren, eine andere eben ſo große auf dem oberen Ende des Floßes angebracht ſind. Auf den meiſten der Flöße ſind Hütten errichtet, in welchen der Theil der Mannſchaft, welcher von den Rudern abgetreten iſt, ſeine Ruhe findet, und die Vorräthe an Viktualien zum Unterhalt der Floßmannſchaft untergebracht werden. Der Floßführer, der, wenn das Floß groß iſt, oft 40— 50 Leute unter ſich hat, ertheilt das Kommando nach Art der Schiffs⸗ kapitäne. Sind mehrere Stämme nach der Länge mit ein⸗ ander verbunden, nennt man das Floß ein gebundenes, einzelne verbundene Stämme loſe Langholzflöße. Beim Flößen befindet ſich der Flößer ſtets auf dem Vot und leitet mit langen Floßſtangen das Ganze ſo, daß Vorfloß nicht an's Ufer ſtößt; will er daſſelbe ſtille machen, oder den zu ſchnellen Lauf deſſelben hindern, bedient er ſich dazu des in der Mitte des Floßes befind⸗ lichen Sperrbalkens, eines ſtarken zugeſpitzten Balkens, der durch eine kleine Oeffnung im Geſtöre ſchräg nach vornen in den Boden geſteckt wird.— Wenn Eichenholz und Nadel⸗ holzſtämme mit einander verflößt werden, kommt das Eichen⸗ holz ſtets oben auf das Floß. Große Flöße von 800 bis 1000 Fuß Länge und 50—60 Fuß Breite haben oft einen Werth von 300— 400,000 Francs.— Die Flößer haben eine ungemein beſchwerliche, ja gefährliche Arbeit, werden aber auch gut belohnt, und ſind meiſtens, obwohl ein rauher, den. Auf Flößen, welche ein breites Fahrwaſſer und hin⸗ längliche Tiefe haben, werden oft mehrere Lagen von Baum⸗ doch ſtets jovialer Menſchenſchlag. 2. Rork und Rorkhandel. Zu den nützlichſten Stoffen für den täglichen Gebrauch des Menſchen gehört unſtreitig der Kork, welcher trotzdem, daß er eine ſo vielfältige Verwendung findet, ſelbſt in un⸗ ſerem Zeitalter des Verſuchs noch keinen Rivalen gefunden hat, der im Stande wäre, denſelben ganz oder zum Theil zu erſetzen. Im Gegentheile tauchen immer wieder neue Verwendungen auf, welche die Nützlichkeit dieſer Subſtanz nach den verſchiedenſten Richtungen hin beweiſen; denn ab⸗ geſehen von dem Gebrauche des Korks zum Verſtopfen von Gefäſſen, welcher ein ſehr bedeutender iſt, benützt man den⸗ ſelben und neuerdings auch ſämmtliche Abfälle zu ſehr zweck⸗ mäßigen Fabrikaten, von welchen wir hier nur einige wenige aufführen wollen, die beſonders in England verfertigt wer⸗ den, z. B. Schwimmgürtel, beſtehend aus Korkſchnitzeln, welche in einen mit Caoutchuclöſung beſtrichenen Ueberzug⸗ gefüllt werden und ſich als trefflich bewähren, Kork⸗ matratzen, gleichfalls ſtatt mit Roßhaaren mit Korkab⸗ fällen gefüllt, beſonders geeignet für Krankenanſtalten, Kaſernen, und namentlich ihrer Leichtigkeit wegen für Aus⸗ wanderer, und ein neues Fabrikat, das ſogenannte„Kamp⸗ tulikon“, ein inniges Gemenge von gemahlenem Kork mit Caoutchuc, welches zu dünnen Schichten ausgewalzt ſeiner Dauerhaftigkeit wegen ſowohl ſtatt getheerter Tücher zum Schutze vor Feuchtigkeit, als auch zum Belegen feuchter Lokale, Vorplätze ꝛc. empfohlen wird ꝛc. Der Kork ſtammt nach den neueſten Unterſuchungen von zwei verſchiedenen Eichenarten, welche in Portugal, Spanien, beſonders in Catalonien, Valencia, in Italien, Südfrankreich und in der Provinz Algerien im nördlichen Afrika vorkommen; in Frankreich finden ſich die Korkeichen namentlich in Languedoc, der Provence, in den Umgebun⸗ gen von Bordeaux und im Departement de Var. Neuer⸗ — —½ 2— —— t ſelten, 900 Fuß ne, Ga⸗ ße wer⸗ ne Reihe ſo große d. Auf chen der getreten ien zum n. Der 50 Leute Schiffs⸗ mit ein⸗ denes, e. Beim befind⸗ kens, der vornen d Nadel⸗ Eichen⸗ 800 bis oft einen er haben werden nrauhet, 9 Korkab⸗ anſtalten, für Aud⸗ „Kam⸗ Kork mit ht ſeinel cer zum feuchltk uchungen Portugul 4 talie lrdlichen Forktiche Ingeöun⸗ Neuxr⸗ —— ———;::'———— dings hat man verſucht, dieſe nützlichen Bäume in Auſtra⸗ lien und in Nordamerika einzuführen, wo die Kultur ohne Zweifel gelingen wird. Die ſchon länger bekannte Kork⸗ eiche iſt Quercus Suber Iin., die andere, nur an der atlantiſchen Küſte vorkommende Art— Quercus occiden- talis Gayj.— unterſcheidet ſich beſonders dadurch von der vorigen, daß ihre Früchte erſt im zweiten Jahre reifen. Die Jahreszeit für die Gewinnung des Korks fällt in die Monate Juli und Auguſt; man macht zu dieſem Zwecke in die Rinde des Stammes ſowohl der Länge, als der Quere nach Einſchnitte bis auf die innerſte Schicht, oder den Baſt, klopft dieſelbe dann mit den Axtgriffen, um eine Ablöſung der äußeren Schichten zu bewirken, welche man durch Einführen der hölzernen Griffe vollends abhebt. Die abgelösten Korkſtücke beſitzen einen Dickedurchmeſſer von ¾— 3“ und werden nun in gleichförmige Stücke zer⸗ ſchnitten; um ſie flach ausbreiten zu können, weicht man ſelben einige Zeit in Waſſer und preßt ſie dann durch Be⸗ ſchweren mit großen Steinen. Schließlich werden dieſe Platten über einem Kohlenfeuer etwas erhitzt, um eine Contraction der zu poröſen Stellen zu erwirken(weßhalb der rohe Kork auf der Oberfläche wie verkohlt ausſieht), und die Platten zu großen Ballen zuſammengebunden in den Handel gebracht. Bei der Ablöſung des Korks vom Stamm hat man beſonders Sorge zu tragen, daß der Baſt nicht verletzt wird, indem ſonſt das Leben des Baumes beeinträchtigt oder min⸗ deſtens die nächſte Korkernte in Frage geſtellt wird, wäh⸗ zriger Vorſicht der Baum ſo wenig leidet, als eim Scheeren der Wolle. In der Regel nimmt rk das erſte Mal, wenn der Baum das Alter von 25—30 Jahren erreicht hat; die zweite Ernte, welche in den meiſten Fällen ein weniger geringes Produkt liefert, als die erſte, erfolgt 8— 10 Jahre nach der erſten, aber erſt die dritte Ernte, welche wieder 8 Jahre nach der zwei⸗ ten ſtattfindet, bringt einen ziemlich tadelloſen Kork, wel⸗ cher zur Fabrikation von Stopfern brauchbar iſt, während das Produkt der beiden erſten Einſammlungen dazu noch zu porös iſt und zu geringeren Artikeln verarbeitet wird, tejo, und wo dieſe Eigenſchaft nicht ſchadet. Von dieſer Zeit an, raiollos, Feierſtunden. 1865. 571 —————B——:; mes nach ſich, weßhalb dieſelbe auch nur in Gegenden vor⸗ genommen wird, wo die Korkeichen ſehr reichlich vorhanden ſind, wie auf Korſika und in einigen Gegenden Spaniens und Sardiniens; beſonders geſchätzt iſt die ſardiniſche Rinde, welche ſehr dick und von tief rother Farbe, zur Zubereitung verſchiedener Lederſorten dient. In Italien findet dieſe Rinde faſt ausſchließliche Anwendung in der Gerberei, und Toskana allein liefert jährlich über 20,000 Centner; auch Irland verbraucht im Jahre 8— 10,000 Tonnen(à 20 Centner), welcher Bedarf aus marokkaniſchen Häfen und zum Theil aus Sardinien gedeckt wird. Die Nachläſſigkeit in der Behandlung ihrer Korkbäume rächt ſich auch an den Bewohnern Toskana's und Sardiniens dadurch, daß ſie genöthigt ſind, ihre Korkſtopfer aus Frankreich zu beziehen, ſtatt durch Export von Kork ihre Einkünfte zu vermehren. Der Korkhandel Portugals iſt in ſtetiger Zunahme begriffen; der Werth der jährlichen Ausfuhr beträgt bereits 10 Millionen Francs; die meiſten Korkbäume finden ſich in der Provinz Alentejo, aus deren Hafen von Sines der Export und zwar faſt ausſchließlich nach London, wo durch⸗ ſchnittlich per Tag 100 Centner an portugieſiſchen Stopfern verwendet werden, ſtattfindet, während auch Frankreich, Amerika und Rußland einen Theil des portugieſiſchen Korks beziehen. Derſelbe ſteht zwar dem franzöſiſchen nach, iſt jedoch beſſer als der italieniſche; beſonders ſind es die thä⸗ tigen Bewohner von Algarbien, welche im Lande herum⸗ ziehend ſich mit dem Einſammeln des Korks befaſſen, den ſie nach den Küſtenplätzen roh transportiren und dort für den Export zurichten. Seit Kurzem hat ſich in London eine Geſellſchaft ge⸗ bildet, welche beabſichtigt, den Korkhandel, welcher bisher nur in den Händen einzelner Firmen lag, ſyſtematiſch zu betreiben, zu welchem Zwecke ſie ſich bereits auf eine lange Reihe von Jahren das Monopol an den Hauptausfuhr⸗ plätzen geſichert hat; ſo beſitzt dieſelbe bereits das aus⸗ ſchließliche Recht auf die Einſammlung des Korks in 142 Wäldern, welche zum Theil 15— 30,000 Korkbäume ent⸗ halten. Dieſe liegen in der portugieſiſchen Provinz Alen⸗ zwar in den Diſtrikten Montemor, Evora, Ar⸗ Eſtremoz, Poſtel, Vianna und Frontera. Dieſe d. h. wenn der Baum ſo alt geworden iſt, daß man be⸗ Unternehmung iſt ohne Zweifel eine ſehr vortheilhafte, in⸗ reits dreimal den Kork abnehmen konnte, findet regelmäßig dem der Verbrauch an Kork in England, beſonders ſeit alle 7—8 Jahre eine Ernte vorzüglichen Korks ſtatt, in⸗- Aufhebung des früheren Eingangszolls von 8 Schilling dem die Qualität und die Stärke der brauchbaren Rinden⸗ ſchichten mit dem Alter des Baumes zu ſteigen pflegt. Obgleich, wie bereits erwähnt, die Entfernung der fertigen Korkſtopfen ſchon im Jahre 1848 gegen 98,747 Pf. iußeren Rindenſchichten der Korkeiche keinen Schaden bringt, Gewicht, pr. Cwt.(= 109 preuß. Pfund) im Jahre 1845 bedeu⸗ tend geſtiegen iſt. Nach Simmonds betrug der Import an 1850 bereits 159,757 Pfund, 1861 aber bereits ſo iſt dies keineswegs der Fall bei Ablöſung der innerſten 859,884 Pfund. pder Baſtſchicht, welche wegen ihres großen Gerbſtoffgehalts ver gewöhnlichen Gerberlohe weit vorgezogen wird. Entfernung des Baſtes zieht gewöhnlich den Tod des Die Portugal 4,634 Tonnen; aus Spanien 577 Bau⸗ andern Im Jahre 1861 bezog England an rohem Kork aus — Tonnen, aus Ländern 140 Tonnen. Rünſtliche Erzeugung von Edeſſteinen. Becquerel, welcher ſeit 30 Jahren das große der Zroblem der Darſtellung von Mineralien und nur in der er bisher wirken ließ, hat er Ktatur vorkommenden Kryſtallen verfolgt und ſich dabei der hoher Spannung in erſetzenden und wieder verbindenden Wirkung ſehr ſchwacher er in wenigen Wochen, ja oft ſchon in wenigen Tagen hat ſeit einiger Zeit einen an- daſſelbe erreicht, zu unerwar⸗ ten erzielt hatte. Anſtatt er dieſe ſtarken lektriſcher Ströme bedient, eren Weg eingeſchlagen, welcher ihn bereits tten und überraſchenden Reſultaten geführt hat. ſehr ſchwachen und kaum bemerkbaren Ströme, welche jetzt ſehr ſtarke Ströme von Anwendung gebracht, mit deren Hülfe was er ſonſt kaum nach jahrelangem War⸗ Die beiden erſten Subſtanzen, auf welche Ströme von hoher Spannung einwirken einigen Verſuchen hat er endlich die Bedingungen zu einem den ſoll, und in einer beſtimmten mit kieſelſaurem Kali konnte Becquerel ſchöne Opale gewinnen, ferner Hydrophane mi ſchaften und Vorzügen, Außerdem erhielt er prächtige Kryſtalle Feierſtunden. 1865. ließ, ſind das Silicat und das Aluminat des Kali. Nach Kobaltverbindungen im reichſten tiefſten Blau, und eine Kieſelſäureverbindung des Nickels oder echten Praſe u. ſ. w. glücklichen Erfolg gefunden, welche beſonders in abſoluter Aus ſchwefelſaurer Thonerde hat er Thonerdehydrat erhal⸗ Reinheit der Subſtanz, die der Elektrolyſe unterworfen wer⸗ ten, vollſtändig ähnlich dem Diapſid und von einer Härte, Stärke der Löſungen daß die Kryſtalle den Bergkryſtall ritzten. Das allein iſt und des galvaniſchen Stromes beſtehen. Beim Arbeiten eine höchſt überraſchende Thatſache, daß ein Körper von ſo fort und fort ſehr großer Härte nur wenige Stunden zu ſeiner Bildung be⸗ t allen Eigen⸗ durfte. Vom Thonerdehydrat bis zum Topas, Diamant⸗ wie ſie in der Natur vorkommen. ſpath und Sapphir iſt freilich noch ein weiter Weg, aber von kieſelſauren Becquerel hofft dennoch zum Ziele zu gelangen. Pr. H. S. Loches. Auf einem von dem Ufer der Indre ſanft anſteigenden Hügel iſt in maleriſcher Lage das Städtchen Loches erbaut. Die alten, ſeit Jahrhunderten wenig veränderten Häuſer, mit bunten Ziegeln bedeckt und nicht ſelten mit zierlichem Schnitzwerk ge⸗ ſchmückt, erſteigen den Hügel auf zwanzig Terraſſen und über ihnen ragen die Thürme und Zinnen der Burg und der ehrwürdigen Kirche Notre⸗Dame ſtolz empor. Schon die Bauart des Schloſſes das aus hohen maſſiven Gebäuden mit u dicken Mauern und tiefen Gräben: zeigt, daß wir es hier nicht mit einer ſchloß, ſondern mit einer ächten R burg zu thun haben. Während de. 0. Mittelalters war Loches ein Zankapfel, bald zwiſchen den verſchiedenen Fürſten der Nach⸗ barſchaft, bald zwiſchen Engländern und Franzoſen, und als es endgültig in die Hände der franzöſiſchen Könige fiel, wurde es als Staatsgefängniß gebraucht, welche Beſtimmung dem Schloſſe bis zu ſeinem allmähligen Untergange blieb. 1 7 ſſtaegene hla ſss aG gegen Wadenkrampf. Derſelbe kann oft augenblicklich ver⸗ trieben werden, wenn man den Fuß vornen bei den Zehen erfaßt und ihn nach rückwärts ſo emporzieht, daß dabei die Knie⸗ und Fuß⸗ gelenke gebogen werden. Dieſes einfache Mittel dürfte ſich beſonders für Badende oft nützlich erweiſen. Druck von C. Hoffmann in Stuttgart. und eine eu. ſ. v. rat erhal ter Häͤrte allein iſ er von ſo ldung be⸗ Dumant⸗ Weg, äber der Indre maleriſcher baut. Die veränderten bedeckt und witzwerk ge⸗ auf zwanzig die Thürme thrwürdigen jaſs de ————————— —— —— — 4 4 3 ö 42 4“ † 42 A rey Gornrol Chart used