in. — — — — 1— — — — 8 — — — — — — D 1. Rithſel. Kein Menſch in der ganzen Reſidenz wußte, was er aus Herrn Maſſenberg machen ſollte. Daß er mit Stumpf und Stiel hoͤchſtens fuͤnf und zwanzig Jahre alt ſeyn mochte, das ſchien ſich freilich aus dem An⸗ ſehen zu ergeben. Allein er war im Gaſthofe zum gol⸗ denen Schluͤſſel abgetreten, und wagte feitdem, als ganz ſimpler Herr, ohne von und ſonſtigen Titel, in einer Stadt zu exiſtiren, wo zwar hoffentlich viele, ſo gut wie er, einen ehrlichen Namen hatten, aber nur gar wenige gern bei dieſem ſich nennen ließen. Er ſah es, wie man auf feuricer prie ſowohl als in den Reſſourcen uͤber ihn die Koͤpfe zu⸗ ſmnmenſteckte. Ein atabiſches Pferd, ſo ſchoͤn wie das 5 ſeinige, fand man nirgends in der ganzen Reſidenz. Man wußte, daß der erſte Miniſter, deſſen Leidenſchaft ſchoͤne Pferde waren, viel Geld darauf geboten hatte, 3 und jedem ſeiner Subalternen ſchauerte die Haut, als der ſimple Herr ſich erkuͤhnte, des Hochgebietenden Ge⸗ bot unbedingt von ſich zu weiſen. Manche geriethen auf den Einfall, ihn fuͤr einen privatiſirenden Fuͤrſten zu halten; hauptſächlich vielleicht darum, weil er, trotz ſeiner Titelloſigkeit, ein Paarmal im Schauſpielhauſe ſeinen Platz nicht verließ, auf den doch die verdruͤßliche Miene eines ſpaͤter angekommenen Ordensbandes, das neben ihm ſtand, ſichtbar große Anſpruͤche machte. Aus gleichem Grunde hielten Andere ihn fuͤr eine Art von— Millionaͤr. Denn reiche Perſonen, meinten ſie, daͤch⸗ ten gemeiniglich, daß mit Gelde Atles zu zwingen ſey. Noch Andere glaubten, er ſey der geheime Ab⸗ geſandte irgend eines vornehmen Hofes, oder das, was man im gemeinen Leben ſchlechtweg einen Spion zu nennen pflegt. Die Exiſtenz dieſes Glaubens ſchien be⸗ ſonders daraus zu erhellen, daß die Polizei ſeinen Paß zun zwei verſchiedenen Malen zu unterſuchen fuͤr gut fand⸗ Auch bewies ſich der Raͤthſelhafte wirklich ſo einſilbig und t ſonderbat in Geſelhſchaften, daß er ſelber vielleicht auf den — 171— Argwohn gerathen waͤre, wenn er's nicht veſſ ſer% haͤtte. Am leichteſten waͤre man wohl durch eine Frage an mich dahinter gekommen, wie es mit der Perſon bewandt ſey. Das unterließ man aber, vermuthlich aus purer Hoͤflichkeit, weil ich dieſer Maſſenberg ſel⸗ ber war. Statt deſſen wendete man ſich in der Regel an meinen muntern Reitknecht, der den guten, wißbegie⸗ rigen Menſchen nach und nach ſo viel tolles Zeng auf⸗ heftete, daß ſie am Ende den Boͤſewicht und alles Er⸗ kundigen bei ihm gaͤnzlich aufgaben. 2. Die Schonheit. Man haͤtte auch mir ſelbſt bald nach der Ankunft mit der Frage kommen muͤſſen. Denn die ungewiß⸗ heit ſo vieler Neugierigen uͤber meine Wenigkeit fing nach und nach an mir außerordentlich zu gefallen. Je wichtiger die Mienen waren, die das Ziſcheln uͤber mich begleiteten, deſto wichtiger kam ich mir ſel⸗ ber vor. 3 — 2— Beilaͤufig geſagt, war der ganz zufallig entſtandene 3weck meines hieſigen Aufenthalts auch nicht weit her. Aus zwei, den Merkwurdigkeiten der Stadt gewidme⸗ ten Tagen hatte naͤmlich die Leihbibliothek, meiner Wohnung gegenuͤber, ſchon vier Wochen gemacht, und es war ſchwer abzuſehen, wenn die Gewalt dieſer Bi⸗ bliothek uͤber meinen Willen aufhoͤren wuͤrde. Ich muß bemerken, daß die groͤßtentheils ſehr un⸗ ſcheinbar gewordenen Bucher der Anſtelt ſo wenig Schuld daran hatten, als ihr Beſitzer und deſſen weibliche An⸗ gehoͤrige. Aber das Portrait eines Madchens, als Veſtalin gekleidet, ſah ich am Tage meiner Ankunft im Wohnzimmer des Bibliothekars, wie meines Erachtens kein einziges Mädchen mehr auf dor ganzen weiten Welt exiſtirte. um Gotteswillen, ſo redete ich den Mann an, wer iſt dieſe Schoͤnheit? Ja, antwortete er, geheimniß voll laͤchelnd, ſie ſind nicht der erſte, mein Herr, der eine ſolche Frage an mich richtet. Ich kann Ihnen nur ſo viel ſagen, daß es eine ſehr vornehme Perſon iſt.— und eine Perſon, fugte er hinzu, die ſich fur die Muͤhe, welche ich mit ihrer Lektuͤre habe, überaus erfenntlich beweiſt. — — 13— Er ſchien auf letzteres ſo viel Gewicht zu legen, daß ich die Worte: Nicht mehr als billig! die ich ihm zuruͤckgab, durch einen Griff in meine Taſche mit Mu⸗ ſik zu begleiten ſuchte. Die Heiterkeit, welche hierauf ſein Geſicht verklaͤrte, ſagte mir, daß der Mann ein recht zartes muſikaliſches Gehoͤr und uͤberhaupt viel Takt beſaß. Ich ſtuͤrmte daher durch eine zweite Erſchütte⸗ rung einiger harten Thaler auf ſeine weichen Gefuͤhle ordentlich ein, indem ich um Nachrichten von der Schoͤ⸗ nen anſuchte. Aber der Buͤcherverleiher zuckte die Achſeln. Die Dame, ſagte er, laſſe immer ihren Leſebedarf durch ihre Kammerdienerin holen, und dieſe habe ſogleich vom Anfange, ſtatt des Namens, blos N. N. angegeben, dabei den vierfachen Werth der Buͤcher eingeſetzt. Spaͤterhin wären noch andere Geſchaͤfte zwiſchen ihm und der Dame, auch durch jene Mittelsperſon, vorge⸗ fallen. Den Namen aber habe er doch nicht erfahren koͤnnen, ob ſie ſchon ſonſt fortdauernd uͤberaus freige⸗ big gegen ihn ſich beweiſe, auch zum Zeichen ihres be⸗ ſondern Zutrauens eben jenes Bild jetzt, da ſie ver⸗ reiſet ſey, ihm zur Aufbewahrung uͤberſchickt habe. Das Geheimniß, ſo ſagte er, das ſie hier zu beobach⸗ ten fuͤr gut haͤlt, erlaubt mir jedoch kein öffentliches Aufhaͤngen; auch wuͤrden Sie ſchwerlich dazu gekommen ſeyn, es zu ſehen, wenn ich nicht eben damit beſchäf⸗ tigt waͤre, ihm ein Plaͤtzchen anzuweiſen, wo kein Menſch es gewahr werden ſoll.— Sehen Sie hier, dieſe blanken Thaler ſind alle von ihr. Ich lege ſie apart, weil ich hohen Werth auf die großmuͤthige Dame ſetze. Die Dame, rief ich aus, hat ganz meine Art und Weiſe. Dazu machte ich ihn auf der Stelle zum Mei⸗ ſter der Toͤne, die ihn ſchon vorhin aus meiner Taſche ſo lieblich angeſprochen hatten. Sein dankbares Ge⸗ muͤth floß uͤber. Er erzaͤhlte mir, daß ſeine Goͤnnerin uͤbermorgen zuruͤckkommen werde und verſprochen habe, ſich dann zum erſten Male ſelbſt in ſeiner Behauſung einzufinden. Vor der Hand ſey ihm jedoch durchaus nicht gelungen, etwas Naͤheres von ihrem Herkommen zu erfahren. Sie muß, ſagte er, ihrer Kammerdie⸗ nerin die gemeſſenſten Beſehle zum Schweigen gegeben haben, weil dergleichen Perſonen ſonſt einer gewiſſen Art von Beredſamkeit, die er angewendet haͤtte, ſelten . widerſtuͤnden. Vielleicht, fuͤgte er noch troͤſtend hinzu, vielleicht gelingt meiner beſonders wohllautenden Art ———————— ——————————— des Ausdrucks ein glucklicherer Angrif auf enens Verſchwiegenheit. 3 Die armen Schriftſteller. Ich bat den Gefaͤlligen, mir fuͤr den unendlichen Seitraum bis übermorgen wenigſtens ein Paar Buͤcher mitzugeben, welche unter den Häͤnden der ſchoͤnen Dame das hoͤchſte Ziel ihrer Verfaſſer erreicht hétten. Da duͤrfen Sie nur, ſagte er, nach dem erſten be⸗ ſten neugebundenen in dieſen beiden Schraͤnken greifen. Denn was ein wenig geleſen iſt, das wird erſt zum Buchbinder geſchafft, und wenn es zurüͤckkommt, über⸗ dies noch acht Tage lang in die freie Luft gehangen, damit, wie Linchen ſich ausdruͤckt, die Bücher von neuem angreifbar, und die unſaubern Geiſter der Kin⸗ der-, Spinn-, Wach- und ſonſtigen ſtarkriechenden Stuben daraus vertrieben wuͤrden. Alles auf Koſten der großmuͤthigen Dame, bemerkte er lobpreiſend. Zufolge des Fingerzeiges nahm ich einige Baͤndchen unbeſehen zu mir. Aber ob ich ſchon zu Hauſe inne ward, daß ich zwei Bucher ergriffen batte, die zu leſen längſt mein Vorſatz geweſen war, ſo kam es doch nicht —————— 2 — 16— ordentlich dazu. Die Schoͤne und den uͤbermorgenden Tag, nichts weiter fand ich auf allen Blaͤttern. Die armen Schriftſteller hatten gut geiſtreich ſeyn, an mei⸗ ner tiefen Befangenheit gingen ihre herrlichſten Gedan⸗ ken verloren. Von der Haͤlfte des einen Vuchs, die ich, ſo zu ſagen, geleſen, wußte ich, als ich es endlich voller Verdruß zuſchlug, grade ſo viel, als von der Haͤlfte, die ich noch zu leſen hatte. 4. Muntre Augen. Ich merkte bald, daß das Bild der Unbekannten und das Uebermorgen uͤberhaupt, mich jeder andern vernünftigen Idee fut heute beraubte, und es ſchien mir das rachſamſte, dieſe Gegenſtaͤnde ſelbſt zu meiner Beſchaͤftigung zu wählen. Die großartige Anſicht der Jugend von den romantiſchen Freiheiten, welche jede unuberwindliche Leidenſchaſt ſich nehmen kann, leiteten nicht ſowohl meine Gedanken, als die Surrogate, wel⸗ che meine Phantaſie ihnen unt lergeſchoben hatte. Wer wagt, gewinnt! hieß es, und ich nahm mir vor, ge⸗ radezu einen Brief an die Dane zu wagen, der ihr ubermorgen eingehaͤndigt werden ſollte.— Das Nothwendigſte zur Ausführung dieſes Vor⸗ habens waren die Schreibematerialien. Allein des Gaſtwirths Federn und Papier ſchienen mir dem Ge⸗ genſtande ſo wenig angemeſſen, daß ich mich in eine benachbarte Handlung weiſen ließ, um nach wuͤrdigerm Darſtellungsſtoffe fur die Gefuͤhle meines Herzens ſelbſt zu ſuchen. Ich weiß nicht, ob meine Perſon grade der in ihrem Gewoͤlbe mit tiefer Trauerkleidung angetha⸗ nen Verkaͤuferin beſonders auffiel, oder ob vielleicht der Anblick jedes jungen Mannes ihr zum Balſam fur die Wunde dienen konnte, welche vor Kurzem der Tod des Gatten ihr geſchlagen hatte, genng, ihre muntern Blicke ſtanden in ziemlichem Kontraſte mit dem düſtern Anzuge. Mein ganzer Ernſt gehoͤrte dazu, die Strah⸗ len dieſes Auges nach bem eigenen Buſen der Erroͤ⸗ thenden zuruͤckzuweiſen. . 5. taub. Mein trocknes Verlangen des Vedarfs verwan⸗ delte auch mit Einemmale den ſchmachtenden Ton ihrer Frage nach dem, was ich beliebe, in einen blos glatten 12 — 178— und hoͤflichen. Brieſpapier? ſprach ſie, das koͤnnen ſie nirgend beſſer finden, als in meiner Handlung. Deſſen ungeachtet aͤußerte ich, daß das vorgezeigte mir nicht zart und ſchoͤn genug ſey. — Ich verſtehe, ſagte ſie hierauf, mich und meine umſtaͤnde, wie es ſchien, vollig begreifend. Auch hierin wuͤrde vielleicht Niemand in der ganzen Stadt Ihrem Bedurfniſſe beſſer abhelfen konnen, als ich. Erſt geſtern iſt mir die neueſte Erfindung fuͤr eine gewiſſe Gattung von Briefen aus England zugekommen. Man hat dort neuerlich die Blumenſprache der Indier, in Anſehung der Farbe des Papiers gewiſſermaßen nachzuahmen geſucht. Mit dieſen Worten ſtaͤubte ſie ein Blattchen ab, nachdem ſie eine Leiter hinaufgeſtiegen war. So viel Staub ſchon, rief ich verwundert, auf einer erſt geſtern eingetroffenen Waare! Ja, mein Herr, ſagte ſie, das iſt eben der Nach⸗ theil der ſonſt recht vorzuglichen Lage meines Gewolbes. Ich ſelbſt wuͤrde es ſchwerlich glanben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen ſähe. Jeder Wagen und jeder Reiter praͤgt meinen Vorraͤthen ſein Andenken auf un⸗ angenehme Weiſe ein. Aber ſehen Sie nur hier tP koͤſtliche Fabrikat! Zugleich legte ſie mir verſchiedene Sorten geglaͤt⸗ tetes, buntes Briefpapier vor und ſprach: Ich brauche Sie gewiß nicht erſt darauf hinzuweiſen, daß dieſes Gruͤn auf Hoffnung— ſie ſeufzte dabei ſo tief, als ob etwas Aehnliches ihr an mir zu Grunde gegangen ſey— ſo wie das Blan auf die leider hoͤchſtſel⸗ tene Eigenſchaft der Beſtaͤndigkeit deutet. Roth wurde ſie nicht bei der Erlaͤuterung der blauen Farbe, aber es ſchien doch, als ob ihr etwas tiefliegendes Ange mehr als zuvor ſich nach dem blaſſen Geſichte zuruckziehen wollte. Daß Roſa, fuhr ſie kraͤftiger fort, die zarte Liebe im Allgemeinen ausſprechen ſoll, weiß ziemlich Jedermann. Wer aber den Grad der Liebe ausdruͤcken will, deſſen nur ganz heiß und tief empfindende Gemuͤther fähig ſind, kann der etwas ſchoͤneres dazu waͤhlen, als dieſe der Flamme ſo uͤberaus gluͤcklich entlehnte Farbe?— Sie ruͤhmte hierauf das feuerfarbene Papier, von dem jetzt die Rede war, aufs anhaltendſte und heftigſte, ſo, daß ſie auch damit beſſer ihren Zweck erreichte, als Anfangs mit dem Feuer ihrer Augen. Ich kaufte von dieſem Papiere, nahm zugleich Federn und wollte da mit zuruͤck in meine Wohnung. — 1 6. K iner! Fallen Sie nicht! rief die Papierhaͤndlerin mir nach, als ich bereits, uͤber die Thurſchwelle hinaus⸗ ſtuͤrzend, im Straßenſchmuze lag. Wirklich war die Schwelle, die ich bei meiner Ruͤckkehr betrachtete, ſo hoch, daß ich ſie lieber gar fuͤr einen Kunſtgriff ange⸗ ſehen hätte, um das Doppelte der Waare an Perſonen meines Schlages abzuſetzen. Der Gedanke trug viel⸗ leicht dazu bei, daß ich in dieſem Augenblicke die Sorg⸗ falt, mit welcher die huͤbſche Wittwe alle unverfaͤng⸗ liche Stellen meines Leichnams zu ſaͤubern ſuchte, nicht zur Gnuͤge wuͤrdigte, ſondern meinen Dank lediglich darauf beſchraͤnkte, daß ich noch einmal ſo viel Papier kauſte, als durch den Schmutz der Straße zu Grunde gegangen war. Als ich endlich, ziemlich mißvergnuͤgt uͤber den Vorfall, nach Hauſe kam, ſo wollte ſich der innere Feuerſtrom lange nicht recht auf das Papier leiten laſſen. Zwar ſchrieb ich fuͤuf ganze Briefe nach ein⸗ ander. Aber jeder befriedigte mich grade ſo, wie die uͤbrigen, daß heißt mit andern Werten: keiner ſtand mir an, keiner that meinem Ideale von einem wuͤrdi⸗ gen Briefe an die hehre Veſtalin Gnuͤge, keiner fiel ſo gluͤhend aus, daß man die Farbe des Papiers als ſeinen natuͤrlichen Wiederſchein haͤtte betrachten koͤnnen. 7. Kulminationspunkt. Das wird eine ſchoͤne Nacht werden! dachte ich beim Schlafengehen. Damit aber die Leſerinnen und Leſer ihr Mitleid nicht ohne Noth an meinen Zuſtand verſchwenden, will ich ihnen nur geſtehen, daß ich, un⸗ begreiſlicher Weiſe, aufs herrlichſte ſchlief, auch uͤber⸗ dies am folgenden Tage einen Appetit hatte, der mein empfindſames Herz ordentlich niederbengte.— Endlich ſchlug die laͤngſt erſehnte Stunde. Jetzt werde ich ſie ſehen! rief ich, und ſteckte, da ich noch immer in Zweifel ſtand, welcher von den fuͤnf Briefen der paſſendſte ſeyn moͤchte, auch die Unmoͤg⸗ lichkeit, einen ſechsten beſſern hervorzubringen, mich den ganzen Vormittag inkommodirt hatte, ſie ſaͤmmt⸗ kich zu mir, um der Dame in der Leihbibliothek, wo moͤglich den erſten, beſten in die Hand zu praktiziren, WPirklich hatte der Leihbibliothekar alles aufgeboten, um die Schoͤne in ſeinem Inſtitute recht wuͤrdig zu empfangen. Er hatte ſdie Treppe mit weißem Sande beſtreuen, auch im Vorſaale eine Menge Raͤucherkerzen anzuͤnden laſſen. Dazu roch es nach friſchgebackenem Kuchen, der wahrſcheinlich ebenfalls ihr gelten ſollte.— um nicht als ein Unwuͤrdiger vor der Herrlichen zu erſcheinen, unterwarf ich dicht vor der Thuͤre der Vuͤcherſtube die Ordnung meines Anzuges noch einer kleinen Reviſion. Da fliegt mit eins die Thure ſelbſt mir an die Naſe. Ein Leſer ſtuͤrzt naͤmlich auf das ſtuͤrmiſchſte heraus. Vor Heißhunger nach dem ſchoͤnen, geiſtigen Biſſen, den er eben erwiſcht, hatte er ver⸗ muthlich vergeſſen, daß hinter der Thuͤre fremde Na⸗ ſen ſeyn könnten. Das herzliche Bedauern, mit dem er davon huͤpfte, war ſchlechte Entſchaͤdigung fuͤr meinen Schreck und das Bluten des Gliedes, welches, ehe ich mir's verſah, die Billigung, die mein Auge der Klei⸗ dung kaum erſt zugeſprochen hatte, durch rothe Flecken auf Wäſche und Kleid Lugen ſtrafte. Alles das aber haͤtte ſeyn moͤgen, wenn meinem Blicke ſonſt die noͤthige Befriedigung geworden wäre. So aber mußte ich, nach dem hochſt unfruchtbaren —— 3 Mitleid des Buͤcherverleihers, vernehmen, daß meine fenerfarbenen Briefe ſammt und ſonders umſonſt ge⸗ ſchrieben waren. Das Ideal meiner Sehnſucht hatte ſich naͤmlich, Niemand wußte, ob aus eigenem, oder aus fremdem Antriebe, zu einer ploͤtzlichen Reiſe ent⸗ ſchloſſen. Erſt in einigen Tagen, verſprach ſie in einem Billet, zuruͤckzukehren, legte auch ſchon im Voraus auf eine Partie Buͤcher fuͤr dieſen Zeitpunkt Veſchlag. In der Verzweiflung uͤber ein ſo grauſames Ver⸗ zoͤgern der wichtigſten Angelegenheit meines Lebens wußte ich nichts Beſſeres, als mir einige der beſtellten Schriften geben zu laſſen, wobei ich feierlich gelobte, ſie auf das erſte Schicken darnach, geleſen oder unge⸗ leſen, wieder Winen⸗ 8. Das gluͤckliche Eiland. Leider hatte der Mann ſolches ganze vierzehn Tage lang nicht urſache. Tagtaͤglich beſuchte ich ihn indeſſen,. um mich gewiſſermaßen immer tiefer in das Bild der — Veſtalin hineinzuſehen und nebenbei von ihr durch den Leihbibliothekar zu hoͤren. Obſchon der Mann ſie, wie ich, nur vom Bilde her kannte, ſo wußte er doch theils aus ihren Briefen, theils durch den Mund der Kam⸗ merdienerin ſo viel von dieſem achten Weltwunder zu ruͤhmen, daß ich immer mehr bezaubert wurde, und die gluͤckliche Zeit gar nicht erwarten konnte, in der es meiner Liebe vergoͤnnt werden ſollte, Leib und Leben fur ſie zu wagen. Dahin aber kam es nach allem, was ich hoͤrte, wahrſcheinlich. Denn die Dame war aus einem uͤberaus vornehmen Hauſe und meine Situation nicht gemacht, ihr auf dem gewoͤhnlichen Wege beizu⸗ kommen. Das indeſſen behagte mir eben, und wenn meine Figur, wie ich hoffen zu koͤnnen glaubte, der Holden gefiel, dazu die Glut meiner Liebe ihr, ver⸗ muthlich noch ganz neues, Herz in Flammen ſetzte, ſo mußte nnn bald von einer Entfuͤhrung die Rede ſeyn, der es nicht an Verfolgern fehlte. Was endlich daraus werden ſollte, ſchwebte mir zwar nicht ſonderlich klar vor Augen. So viel jedoch war gewiß, daß meinem geiſtigen Blicke im Hintergrunde manches graͤulichen Blutbades, wobei die kraͤftige Verzweiflung meiner endloſen Liebe niemals den Kuͤrzern zog, ein wuͤſtes — — Eiland hervordaͤmmerte, auf dem wir, die Dame und ich, im eigentlichen Verſtande von der Luſt lebten, weil es durchaus nichts weiter dort zu leben gab; ein Zuſtand, den zu üͤberdauern allerdings mehr als eine zahe Katzennatur erforderlich war, der mir aber anßerordentlich natuͤrlich und beneidenswerth erſchien. 9. Quinteſſenz. Die Zeit, die indeſſen uͤbrig blieb, wendete ich theils an, um den mitgenommenen Vuͤchern hier und da verliebte Ausrufungen und Apoſtrophen an die Ein⸗ zige in gebundener Rede einzuverleiben, theils die feuerfarbenen Briefe noch zu vermehren. Mit letzteren war ich indeſſen wie behert: ſo viel ich deren auch zu⸗ ſammenſchrieb, ſo hatten ſie doch, beim Lichte beſehen, alle ihre ſchwachen und ihre guten Seiten, und die Idee, auf die mich dies leitete, aus ihnen eine Quint⸗ eſſenz von einem einzigen Brieſe zu machen, mißlang ebenfalls. Denn weil ich das Meiſte in denſelben fuͤr gut achtete und nicht umkommen laſſen wollte, ſo wurde der Auszug ſo voluminds, daß er ſchlechterdings nicht — 186— zu ubergeben war. Darum blieb es bei der fruͤhern Manier, wenn der gluͤckliche Zeitpunkt erſchien, ſaͤmmt⸗ liche Briefe durch einander gemiſcht einzuſtecken und einzig dem Zufalle die Direction der Sache anheim zu ſtellen. Endlich ließ mein Engel, der Buͤcherverleiher, mich eines Morgens wiſſen, daß meine Poͤnitenzzeit um war. Die Dame war naͤmlich angekommen und wollte ihn dieſen Nachmittag zur gewoͤhnlichen Stunde ſelbſt mit einem Beſuche beehren. „ 10. Unzeitiger Antheil. Da ſtand ich beim Leihbibliothekar und hoͤrte die ſuͤßen Toͤne einer weiblichen Stimme, ohne Zweifel meiner Huldin. Aber obſchon die Daͤmmernng ſchon ſo ſtark war, daß der Buͤcherverleiher erſchrecklich auf ſeine Leute loszog, die mit dem Lichte ſo lange ausblieben, ſo konnte ſich doch meine, durch die lange Erwartung vermehrte, Liebe nicht einmal zu einer Annaͤherung, geſchweige gar zu einer Anrede entſchließen. An die ——————,— — Briefe in meiner Taſche war vollends nicht zu denken, ſie blieben unangetaſtet. Das war auch recht gut geweſen. Wenigſtens hielt ich's dafuͤr, als jetzt beim Hereinkommen der Lichter ſich entdeckte, daß das Frauenzimmer zwar eine recht angenehme, aber doch eine ganz andere Perſon, als das Hriginal jenes Gemaͤldes war. Bald ergab es ſich vollends, als eine Bekannte von ihr hereintrat, daß ich in derſelben die Kammer⸗ dienerin meiner unbekannten Geliebten vor mir hatte, welche letztere von einer ihr zugeſtoßenen ſchnellen Krankheit zuruͤckgehalten wurde. Nach dieſer Nachricht war meine Maͤßigung vollig erſchoͤpft. Um Gotteswillen, rief ich, was fehlt ihr, iſt ihr Zuſtand gefaͤhrlich? Die großen Augen der beiden Frauenzimmer uͤber ein ſo plotzlich hervorbrechendes, hohes Intereſſe ſtorten mich weiter nicht. Ich druͤckte der Kammerdienerin eine Entſchuldigung in die Hand und erfuhr dafuͤr von der uͤberaus Artigen, daß die Krankbeit zwar, nach aͤrztlichem Gutachten, nichts guf ſich habe, aber ihre Gebieterin doch leicht ein Paar Tage im Zimmer halten koͤnne. Gern waͤre ich dem artigen Maͤdchen gefolgt, doch ſah mir ihre Begleiterin ſo finſter aus, daß ich Anſtand nahm und ſchon die Aeußerungen meines Antheils gar ſehr zu berenen anfing, 14. Linchen. Am ſfolgenden Morgen ziemlich fruͤh ſtand, nach keiſem Thuͤrklopfen, Linchen zu meiner großen Freude hei mir im Zimmer. Ihr Wohlwollen gegen mich, ſagte ſie— und das ohnehin recht feine Geſichtchen verfeinerte ſich dabei noch zuſehends— Ihr unverdientes Wohlwollen draͤngt mich, Ihnen den Dank abzutragen, den meine Geſell⸗ ſchafterin geſtern verſtummen machte. Nun aber, mein Herr, iſt dies geſchehen, und ich gehe wieder. Ein unbegraͤnztes Zutranen zu Ihnen verfuͤhrte mich, der Dankbarkeit das Herkommen aufzuopfern. Jetzt, da jene ſich ausgeſprochen hat, tritt dieſes wieder ganz in ſeine Rechte. ——— — 499— Ein einziges Woͤrtchen noch, rief ich, ſie zuüa⸗ haltend. Ihre Gebieterin, wer iſt ſie? Sie zuckte die Achſeln. Nun, mein Kind?— Mein Herr, fing ſie au, ich weiß aus dem Munde des Verraͤthers ſelbſt, daß Dinge vorgefallen ſind, Dinge, die durchaus nicht haͤtten vorfallen ſollen. Ihr geſtriges Benehmen trieb mich ſpäter noch einmal in die Leihbibliothek, um mir dort Aufſchluß zu holen. Da muß ich denn hoͤren, daß der untreue Buͤcherver⸗ leiher, den meine Gnaͤdigſte mit Wohlthaten uberhaͤuft, ſich ſo weit vergeſſen hat, um das Portraͤt, das ſie ſeiner Geheimhaltung anvertraute, unbeſorgt, was daraus fuͤr ſchreckliche Folgen entſtehen koͤnnen, den Blicken anderer Perſonen Preis zu geben. Schwerlich wird ſie nun jemals einen Schritt uͤber die S des Strafbaren ſetzen!— Beſte, rief ich ans, diesmal verſchwenden Sie Ihr Geheimniß weder an einen Undankbaren, noch an einen Geſchwätzigen; mein Wunſch, mein einziger Wunſch heißt, den Namen Ihrer Gebieterin zu wiſſen und— ſie kennen zu lernen. Linchen zuckte ernſtlicher die Achſeln. — Mein Herr, ſagte ſie, denken Sie ſich, wie ſchwer nach den Verpflichtungen, die ſie mir auferlegten, die Zuruͤckweiſung eines ſo beſcheidenen Wunſches meinem Herzen werden muß. Was aber muͤßten Sie von der Perſon halten, die einer Herrſchaft untren wuͤrde, ſo gut und himmliſch wie keine? Linchen! rief ich. Aber ſie nahm nur mit vieler Muͤhe das an, was ich ihr in die Hand druͤckte. Und auch dann ſagte ſie noch: Wuͤßte ich, daß ſie mich der Beſtechlichkeit faͤhig hielten, ſo wuͤrde meinem Schritte uͤber dieſe Schwelle eine ewige Reue folgen. 42. Ausſichten. In derſelben Manier ging unſer Geſpraͤch ſo lange fort, daß ich dem Leſer zu Liebe hier des nach und nach daraus abbroͤckelnden Reſultats ſogleich auf Ein⸗ mal gedenken will. Ich wußte am Ende ſo viel, daß ihre Gebieterin, Heliodora mit Namen, eine furſtliche Perſon war, deren Verhältniſſe jedoch ein dichter Schleier bedeckte. Es ſchien, als ob die Bewerbung einiger regierender Haͤnpter um ihre Hand der Anlaß zu dem Inkognito ſey, das Heliodoren in dieſer Stadt — 11— feſthielt nud vor Kurzem auf ein Paar Wochen daraus vertrieben hatte. Wenn dies meine Erwartungen ziemlich ſpannte, ſo mußte der umſtand, daß Heliodora mich geſtern aus ihrem Fenſter auf der Straße geſehen, und meiner gegen die Zofe recht vortheilhaft gedacht habe, den Hoffnungen, die ich naͤhrte, noch mehr ſchmeicheln. Erhoͤht wurden letztere abermals dadurch, daß Linchen mir von ihrer Gebieterin gewoͤhnlichem Abendſpazier⸗ gange im benachbarten Hoͤlzchen Nachricht gab. So lange ſie da war, fiel mir kein Zweifel an der Wahrheit ihres Geheimniſſes ein. Später aber glaubte ich letzteres durch die pomphaften Staͤbe, in denen es verwahrt wurde, ziemlich durchſcheinen zu ſehen. Ver⸗ muthlich, dachte ich, iſt dieſe Heliodora nicht viel mehr, als eine ſchoͤne Abentheuerin. Denn nach ſolchen Einleitungen eine Beſtellung auf den Abend in ein Waldchen!!— Wahrlich, ich mußte hoch auflachen, doch iſt es mir entfallen, ob aus Spott uͤber ſie oder aus Aergerniß, daß ein ſo ſchoͤn angefangenes Gewebe von ewiger Liebe durch den erſten Windßoß wieder vernichtet werden ſollte. — 13. Gläaswechſer. Ich hatte aber doch zu fruͤh gelacht, als Nachmit⸗ tags, wie ich in der Leihbibliothek war, Linchen athem⸗ los herbeieilte, um mich zu benachrichtigen, daß auf den Abend an eine Zuſammenkunft mit Heliodoren gar nicht zu denken ſey. Wollte ich nicht alles und ſie mit verderben, ſo duͤrfte ich um des Himmels Willen nicht in jenes Waͤldchen kommen. Ihre Gebieterin, durch das Frauenzimmer, die neulich mit ihr in der Leihbi⸗ bliothek geweſen, aufgereizt, argwohne ihr Einver⸗ ſtaͤndniß mit mir, daher ſie denn auch nicht mehr wagen koͤnne, in meine Wohnung zu kommen. Bei meinen eigenen Hoffnungen muͤſſe ſie mich beſchwoͤren, daß ich mich vor der Hand ganz leidend verhalten moͤchte. Hierauf entſchluͤpfte ſie, doch nicht, ohne mich fuͤr den folgenden Morgen in einen fernen, Gar⸗ ten zu beſcheiden. Mit dieſem Hinderniſſe gerieth meine zuvor etwas kälter gewordene Liebe wieder in neue, helle Gluth. Linchens Beiſtand war mir zu nothig, als daß ich die Warnung wegen des Abends haͤtte in den Wind ſchlagen ſollen. 14. Ladenhuͤter. Aber ob ich ſchon meine Vertraute am Morgen richtig in dem Garten traf, ſo war ſie doch nur da, um zu geſtehen, daß ſie durchaus keine Huͤlfe wiſſe und alle Stunden des Vefehls zur Abreiſe gewaͤrtig ſey. Faſt fuͤrchte ſie, daß der Zuſammenhang, den Heliodora zwiſchen ihr und mir argwohne, ſie zu dem Entſchluſſe, die Stadt auf immer zu verlaſſen, vermoͤgen werde. Nicht aus Abneigung gegen mich, ſondern aus Furcht, entdeckt zu werden, oder auch wohl gar aus Beſorgniß vor ihrem eignen Herzen, das mir, ſie ſchließe das aus manchen Dingen, gewiß ſehr zugethan ſey. Letzterer Umſtand entflammte meinen Muth. Ich hatte die feuerfarbenen Zeugen des Vulkans, den ich in mir herumtrug, in der Taſche und zeigte ſie Linchen mit der Frase, ob nicht vei dieſer Lage der Dinge ein plotzliches Hervortreten meiner Liebe, es verſtehe ſich, ohne ſie zu kompromittiren, am rechten Platze ſeyn 13 L werde. Ein ſolcher Brief zum Beiſpiel, ſagte 6 vom Brieftraͤger ihr zugeſtellt? Allein, nachdem ſie ſaͤmmtliche Brieſe ein wenig durchgeſehen hatte, mißbilligte ſie dieſe insgeſammt, ließ ſich auch nachher, als die Rede auf die feuerfar⸗ bene Auſſenſeite kam, ziemlich anfrichtig daruͤber aus, und meinte, daß die geſchenteſten Menſchen oft die ſchlechteſten Einfaͤlle haͤtten und die Papierhaͤndlerin recht gelacht haben muͤſſe, als ein ſolcher Ladenhuter, wie das ſeuerfarbene Papier, noch an Mann gebracht worden ſey. 45. Der Drache. Recht hatte ſie vermuthlich damit, wie mir jetzt auf Einmal erſchien. Auch vermehrte dieſe ihre Aufrichtig⸗ keit mein Zutrauen zu ihr ungemein. Ich begriff gar nicht, wie ich nur einen Augenblick den ſchlechten Rath der beleidigten Wittwe zu dieſem, gewiß unverkaͤuflich geweſenen, Waarenartikel hatte beruͤckſichtigen koͤnnen. Der Staub von der Straße, uͤber den die Fran klagte, der zu erlangen geweſen. „war offenbar nur darum von ihr erdacht, um mir einen weit empfindlichern Stanb in die Augen zu ſtreuen und ſo ihr warmes Hetz fuͤr die Kaͤlte, welche es bei mir fand, einigermaßen ſchadlos zu halten. Ich gab auch, als ſpaͤterhin des Wirths kleiner Knabe mich beſuchte, dem das gelbrothe Papier in die Augen ſtach, dem Jungen ſaͤmmtliche Briefe, ohne lange zu uͤberlegen, daß der Schreiber, wenn man ihn muthmaßte, dadurch laͤcherlich werden konne. Erſt am folgenden Tage ſiel mir dieſer Gedanke auf's Herz, als ich unter großem Jubiliren der Straſ⸗ ſenjugend vor dem Fenſter einen papiernen Drachen auffliegen ſah, in deſſen Farbe ich meine Liebesbriefe wieder erkannte. Sogleich ſchickte ich nach dem Knaben, um gegen Erſatz durch den Reſt der noch uͤbrigen Bo⸗ gen die verhaßte Lufterſcheinung wieder an mich zu bringen. Allein umſonſt. Das Unthier hatte bei dem großen Winde, der eben ging, ſich von dem Faden, an dem es gehalten wurde, losgeriſſen und war wie⸗ — 106— Hoffnungen. Nur in dem bewußten Garten ſah ich Linchen noch, in die Leihbliothek kam ſie gar nicht mehr zu der ſonſt gewoͤhnlichen Stunde. Vor allen Dingen behauptete ſie, als ich ſie deshalb zur Rede ſetzte, muͤſſe ſie ihre ſehr ſcharfſichtige Gebieterin zu uͤberzeugen ſuchen, daß zwiſchen mir und dem Maͤdchen kein Einverſtaͤndniß obwalte. Es wäre ihr vor der Hand ſchon meinetwegen ſehr erwuͤnſcht, daß der Gedanke, die Stadt zu ver⸗ laſſen, weniger ernſtlich in ihr geworden ſey. Sie wuͤnſche ſogar, daß ich, um nicht auf's neue demſelben Eingang zu verſchaffen, den Beſuch der Bibliothek vollig aufgeben moͤchte. Der Entſchluß dazu faßte ſich von meiner Seite um ſo leichter, da es mir um die dortigen Buͤcher wenig oder gar nicht zu thun war. Nur aͤußerte ich den Wunſch, nun endlich doch einmal das Licht meines Lebens, das mir bis dahin nur im Bilde geleuchtet hatte, in der Wirklichkeit, ſey es auch vor der Hand uur von weitem, zn ſehen. O Ungeduld und kein Ende! rief Linchen aus. Tag und Nacht muͤhe ich mich ab, Ihre Wuͤnſche end⸗ lich noch um ſo gewiſſer zu befriedigen. Aber ſtatt zu bedenken, daß das Große und Herrliche dem Menſchen nicht ſo leicht in die Hand faͤllt; ſtatt ſich im Vorge⸗ fuͤhl des Ihnen von mir zugeſicherten, kuͤnftigen Ge⸗ nuſſes ſelig zu fuͤhlen, uͤberlaſſen Sie ſich ihrem Unge⸗ ſtuͤnm, um das Ihnen vorbehaltene Gluͤck, vielleicht in der ſchoͤnſten Bluͤte, ſelbſt zu zerſtoren!— Doch— ſo fuͤgte ſie laͤchelnd hinzu— da die Sehnſucht der Ver⸗ liebten zuweilen ganz unuͤberwindlich ſeyn ſoll, habe ich ſchon darauf gedacht, Ihren Wuͤnſchen morgenden Ta⸗ ges Gnuͤge zu leiſten. Sie ſollen Heliodoren ſehen. Nur bitte ich, bei allem was Ihnen ſelbſt thener und werth iſt, ſich die Schranken gefallen zu laſſen, die ich Ihnen ſetzen muß. Eilen Sie morgen fruͤh bei Zeiten in den beruͤhmten, engliſchen Park zu*, vier Stunden von hier. Der Aufſeher verſteht die Forderungen ver⸗ liebter Ungeduld zu beguͤnſtigen. Stecken Sie eine Maske mit langem Barte zu ſich und tragen Sie dar⸗ auf an, daß Ihnen der Mann dazu die Kleidung des hoͤlzernen Eremiten anzulegen erlaube. Damit ſetzen Sie ſich in die Einſtedelei. Beſſer als dort werden Sie die Prinzeſſin, das urbild des Portraͤts, fuͤr den Augenblick nicht zu ſehen bekommen. Unfehlbar ſind wir gegen Mittag, oder doch bald nachher ebenfalls in jenem Park. Aber, fuͤgte ſie hinzu, daß Sie ſich ja nicht zu der Reiſe Ihres ſchoͤnen Pferdes bedienen. Denn das iſt allzubekannt. Koͤſtliches Maͤdchen! rief ich, ihr meinen Dank in die Hand druͤckend. Auch fuͤhlte ich mich den gauzen Tag ſo froͤhlich, daß es vielleicht gut war, wenn der Abend, wie es wirklich geſchah, meine Ausgelaſſenheit etwas abdaͤmpfte. 17 Demuͤthigung. Durch einen der vielen Jedermannsfreunde, die in großen Staͤdten überall zn finden ſind, war ich ſchon am zweiten Tage meines Hierſeyns in eine Reſſource eingefuͤhrt worden, in der man ſich nach und nach daran gewoͤhnt hatte, einem unbetitelten Fremden eine — Stimme einzuraͤumen. Denn eine Stimme wirklich zu yaben, das laͤßt ſich ein junger, eitler Menſch, wie ich, mit Ehren zu melden, damals war, durchaus nirgends nehmen. Am Abende aber verſagte ſie mir doch. Rach langer Einleitung uͤber die komiſchen Aus⸗ pruͤche jugendlicher Tollheit, verſprach ein ausgetrockne⸗ ter Herr Domaͤnenrath der Geſellſchaft eine Partie toller Originalbriefe zum Beſten zu geben, die in ſei⸗ nem Hofraume ſich gefunden haͤtten. Wie der Blitz kam mir der Gedanke an meine ver⸗ ungluͤckten Verſuche in dieſer Art von Briefſtellerei. Und richtig der Mann zog zu allgemeinem Gelaͤchter ſehr langſam und zeremonioͤs den ganzen feuerfarbenen Drachen aus der Taſche. Sein boshaſter Vortrag der Briefe trug vielleicht dazu bei, ihre Laͤcherlichkeit zu vermehren. Wenigſtens erinnere ich mich, daß meine Hand ſchlechterdings der Dollmetſcher meiner Gefuͤhle werden wollte und ich zu thun hatte, um den heftigen Krampf niederzudruͤcken, welcher in ihr wuͤthete. Unter dieſen umſtaͤnden konnte die beſte Parthie, naͤmlich in das fortdauernde Lachen der Uebrigen einzuſtimmen, wohl ſchwerlich auch die leichteſte fuͤr mich ſeyn.— — Das uhrwerk. Ein Fiaker brachte mich am folgenden Morgen in den Park. Mein Antrag fand guͤnſtige Aufnahme bei dem Aufſeher und, um ja nichts zu verſaͤumen, nahm ich ſchon zwei Stunden vor dem Mittage meinen Platz in der Eremitage ein. Je unangenehmer es war, bei der druckendſten Sonnenhitze, die Maske uͤber dem Geſicht, in einem dicken Flausrocke da zu ſitzen, deſto mehr ſehnte ich mich nach der baldigen Ankunft der Prinzeſſin. Auch hoͤrte ich gegen Mittag wirklich eine kleine Geſellſchaft auf die Einſiedelei zukommen. Leider! andere Fremde, von denen der eine zum ungluͤck Bewegung in meinen Angen bemerkte. Er aͤnßert dies und der gewandte Aufſeher verſichert, daß eben eine ſolche Bewegung des Augapfels, die von einer Seite zur andern gehe, ſobald er's wolle, das Non plus ultra der Natuͤrlichkeit in der Figur zu erreichen ſuche. Man verlangt nun von ihm, was er als abhaͤngig von ſeinem Willen dargeſtellt hat, und ſogleich greift er in meine Seite, als druͤcke er an — 201— einer Feder, worauf mir nichts zu thun blieb, als grade ſo die Augen hin und her zu wenden, wie ich es vor Kurzem an èin Paar Wachsfiguren geſehen hatte. Was mich beunruhigte, war, daß einer von der Geſellſchaft die Hervorbringung dieſer Wirkung ſelbſt zu verſuchen wuͤnſchte. Allein der Aufſeher meinte, der⸗ gleichen nicht geſtatten zu duͤrfen, weil die Sache eine ſehr geuͤbte Hand erfordere, wenn an dem Uhrwerke nichts verdorben werden ſolle. Man wird leicht glanben, daß ich herzlich froh war, als die läſtigen Gäſte der Einſiedelei den Ruͤcken kehrten. 19. Der Bramarbas. Mein Frohſeyn erreichte ſeine Endſchaft nur allzu⸗ bald. Die dumpfe, durch keinen Luftzug gemilderte, Hitze, in der ich zwei Stunden lang da ſaß und wegen der draußen jetzt entfernt, jetzt wieder ganz nahe er⸗ ſchallenden Menſchenſtimmen nicht wagte, auch nur . —— ein wenig die Larve zu luͤften, brachte ſie mich faſt zur Verzweiflung. Endlich erklang in der Naͤhe eine weibliche Stim⸗ me, welche mein Ohr fuͤr Linchens erkennen wollte. Leider kein Gedanke von ihr in der aͤltlichen Weibs⸗ perſon, die am Arme eines mit lautklirrenden Sporen gezierten Tolpels hereintrat. Letzterer ſchien der Fla⸗ ſche nicht mäßig zugeſprochen zu haben. Nun, rief er, ſeine Reitgerte nach mir gekehrt, kann Er nicht auf⸗ ſtehen, wenn Damen kommen? Ein Burſche, wie Er, der Tag und Nacht auf der faulen Baͤrenhaut liegt, ſollte doch der Hoflichkeit ſo viel ſchuldig zu ſeyn glauben! Zugleich naͤherte er ſich mir. Kaum abet daß ſeine Peitſche mich wirklich ge⸗ troffen hatte, ſo ſprang ich, meiner nicht mehr maͤchtig, in die Höhe. Erſchrocken eilte der Bramar⸗ vas mit ſeiner Dame davon, waͤhrend der Aufſeher mir, dem Nachwollenden, in den Wes trat. Mein Herr, ſagte er, kein Skandal! Venutzen Sie vielmehr den erſten Augenblick der Furcht dieſer Erſchrockenen, um ſich zu entfernen. Ich muß allen Schein des Mitwiſſens um ihren Betrug um ſo mehr vermeiden, weil ich eben ein Billet erhalten habe, nach dem mein gnaͤdiger Herr noch dieſen Abend hier eintreffen wird. Was zu thun, als ſeinem Rathe gehorchen, wenn ich Linchens Vertrauen entſprechen und meine ſchoͤnſten Hoffnungen nicht ganz auf's Spiel ſetzen wollte? Hoͤchſt unmuthig veraͤnderte ich die Kleidung und ließ anſpannen. Der umſonſt und um nichts ſo traurig zugebrachte Tag wurmte mich unterweges unge⸗ mein. Jeder Wagen, der dem meinigen begegnete, meinte ich, muͤſſe das ferne Ziel meiner Hoffnungen enthalten. Aber ich ſcheuete mich ſogar, einen Blick danach aus meinem Wagen herauszuthun, weil in je⸗ nem Park unſtreitig den ganzen Tag von dem Vorfalle in der Einſiedelei die Rede war, und die Muthma⸗ ßung der mir als uͤberaus ſchlan geſchilderten Prin⸗ zeſſin auf meine Perſon haͤtte fallen koͤnnen, wenn ſie mich dieſen Weg herkommen ſah. ergriffen. Indeſſen, wie geſagt, ewig Schade war's Mein Portraͤt. Ewig Schade! rief Linchen, als ich am folgenden Morgen in dem bewußten Garten auf ſie zuging, geſtern haben Sie viel verſaͤumt. Der verwuͤnſchte Trunkenbold! Ich weiß alles vom Aufſeher; auch ha⸗ ben Sie, unter dieſen Umſtänden, die kluͤgſte Parthie Den ganzen Tag bis in die Nacht ſind wir im park geweſen. Die Schoͤnheit des letztern hatte die Prin⸗ zeſſin ſo gefuͤhlvoll, ſo weich gemacht, daß ich Sie ihr gewiß vorgeſtellt hätte, und, ich moͤchte es verbuͤrgen, mit dem beſten Erfolg. Ich brachte ſogar auf Sie die Rede und lobte Sie ſo, daß ſie wuͤnſchte, Sie in der Naͤhe zu ſehen. Leider! nahm ſie den Wunſch dieſen Morgen wieder zuruͤc. Doch gab ich vor, Ihr Mi⸗ niaturbild bei einem Maler zu wiſſen, und erhielt die Erlaubniß, es ihr zu zeigen. Sagten Sie nicht neu⸗ lich, daß ſie ſich haͤtten malen laſſen? Das hatte ich wirklich nicht nur geſagt, ſondern es war auch geſchehen. Theils vielleicht aus Langerweile, theils um das Portraͤt gelegentlich an die Prinzeſſin zu bringen. Junge Perſonen bilden ſich nun einmal auf ihr bischen Figur, auch wenn ſie's gar nicht urſache haben, etwas ein, und ſo glaubte ich ebenfalls, einmal durch mein Portraͤt, der Einzigen in die Haͤnde geſpielt, einen Hauptcoup ihr Herz zu machen. um dem Bilde einen, ihres Standes und ihrer Reize wuͤrdigen Glanz zu geben, hatte ich viel auf die Faſſung verwendet, ſo daß auch Linchen, als ich es jetzt vorzeigte, ganz außer ſich gerieth und ſagte: Ja, das Bild nehme ich ſogleich mſt. Nie habe ich etwas Aehnlicheres geſehen. Morgen fruͤh um Feſ Zeit ſollen Sie von dem Erfolge hoͤren. 21.. Da, lieber Herr, rief Linchen am folgenden Tage meiner Sehnſucht entgegen, und gab mir das Bild zuruͤck. Der Drang der Gefuͤhle ſchien ihrem die weitere Rede zu verweigern. N 1 206 unfehlbar, rief ich erſchrocken, unfehlbar gles fuͤr mich verloren. Gewonnen vielmehr! fuhr ſie bald darauf fort. Ach, was koſtete es meiner Gnaͤdigſten, ſich von dem Bllde zu trennen. Gleichwohl mußte es geſchehen, wegen meines Vorgebens, es dem Maler nur abge⸗ borgt zu haben. Das Bild hat den ſeltſamſten Ein⸗ druck hervorgebracht. Kaum daß die Prinzeſſin es be⸗ trachtete, ſo verſteinerten ſich ihre Zuͤge voͤlig, um bald darauf in das heiterſte, glaͤnzendſte Leben uͤberzu⸗ gehen. Ihr Gluͤck iſt gemacht, Herr Maſſenberg. Sie haben jetzt nichts zu thun, als der Prinzeſſin das Bild in einem umſchlage zuzuſchicken, welcher ihr ſagt, daß es fuͤr ihre Haͤnde beſtimmt ſey. Ich fragte, ob Linchen das fuͤr ſo leicht halte, nach⸗ dem ſie eine ganze Menge ungeſchickter Briefe von mir geſehen habe? Kinderleicht! Heliodorens Stimmung fuͤr Sie iſt anjetzt ſo, daß Sie blos Worte, kaum einen Sinn brauchen, um ihr für den erſten Briefſteller in der — 20— anzen Welt zu gelten. Sie empfahl mir, nur ſogleich erſte, beſte Blatt zu nehmen und gab mir ſelbſt einen Vleiſtift i in die Hand. Aber— verſetzte ich, ein etwas zerknittertes Blatt aus meiner Taſche betrachtend. So ſchreiben Sie doch! Das Aug e mit dem die Prinzeſſin dieſes Blatt anſehen wird, macht es von ſelbſt zu Velinpapier und verwandelt die ſchlechteſten grauen Buchſtaben in die glänzendſten eines Didot. Scharmant! rief ſie aus, als ich ihr den Zettel mit dem Portraͤt gab, dasmal haben Sie ſich ſelbſt ubertroffen. Ich bat, ich beſchwor ſie um die baldigſte Ant⸗ wort und ſie verſprach damit in zwei Stunden auf derſelben Stelle zu ſeyn. Denn— fugte ſie hinzu— nimmermehr wuͤrde die fuͤr ihren Ruf aͤußerſt beſorgte Prinzeſſin es ihr erlanben, mich in meiner Wohnung aufzuſuchen. —————— 2. Kaſſenmangel. Ich war außer mir vor Entzuͤcken, als die Antwort ankam. Einzig mein gehoͤrte das Herz der Prin⸗ zeſſin. Sie brannte vor Verlangen nach einer Zuſam⸗ menkunft, die ſie ſelbſt fuͤr den Abend in dem bewuß⸗ ten Garten feſtſetzte. Jetzt fehlte meinen Wuͤnſchen nichts mehr, als— etwas Kaſſe, um die geſchickte Unterhaͤndlerin noch reichlicher, als zeither ſchon geſchehen war, belohnen zu koͤnnen. Das druͤckte mich aber außerordentlich. Linchen ſchien fuͤr die vielen mir geleiſteten Dienſte auch in dieſem Punkte mein Vertrauen zu verdienen, daher entdeckte ich ihr die Gruͤnde, aus denen meine dankbaren Gefuͤhle den angemeſſenen Ausdruck auf beſſere Zeiten verſchieben muͤßten. Die Uneigennuͤtzige erwiederte, daß ſie mit Freuden alles von mir ſo un⸗ verdienter Weiſe Empfangene zuruͤckgeben wuͤrde, wenn nicht dieſe Geſchenke bereits zu einem wohlthaͤtigen Zwecke verwendet waͤren, den ſie mir herzlich äern ent⸗ decken moͤchte, muͤßte durch fremdes Mitwiſſen ihr „ 200— geringes Verdienſt dabei nicht gaͤnzlich vernichtet wer⸗ den. Uebrigens weiſe ſie, eben dieſes Zweckes halber, meine milde Hand auch in Zukunft nicht von ſich und verſpreche mir, eine kräftige Huͤlfe ſowohl durch einen Vorſchuß als andere vortheilhafte Ausſichten zuzu⸗ weiſen. W Reudezvous, Mit dem Abende erſchien die verſchleierte Geſtalt meines Gluͤckes. Der Schleier ſchien wirklich von einer allzugroßen Beſorgniß herzuruͤhren. Denn es war ſo finſter, daß das zwiſchen Linchen und mir verabredete Wort dazu gehoͤrte, uns einander zu erkennen zu geben. Die Prinzeſſin blieb noch einen Augenblick an der Dienerin Arme vor mir ſtehen. Dann machte ſie ſich los und ergriff ſtumm und hoͤchſt feierlich meinen Arm. Bald, ſagte ſie, bald ſollen, hoffe ich, alle dieſe leidigen Ruͤckſichten bezwungen, bald dem Tage erlaubt ſeyn, mich und ſie vereinigt zu ſehen. Heute thue ich noch jeden Schritt hier mit Zagen. Meine Familienverhältniſſe ſind daran Schuld. Sie 14 31— duͤrfen jedoch um ſo weniger beleidigt werden, je ge⸗ wiſſer das mir ſo Gehaſſige derſelben in Kurzem voͤllig abgeſtreift ſeyn wird. Bis dahin, Theurer, ſey Du im Stillen mein, damit ich Dir einſt die jetzige Genuͤg⸗ ſamkeit mitten im Kreiſe meiner ſtaunenden Verwand⸗ ten verdanken koͤnne.— Zwiſchen jedem Worte dieſes troͤſtlichen Orakel⸗ ſpruchs blickte ſie ſchuͤchtern umher, druͤckte dann auf das heftigſte meine Hand und entfernte ſich an Linchens Arme. 24. Sympathie der Herzen. Mein Gott! rief die Kammerdienerin am folgenden Morgen auf demſelben Platze, was werden Sie von der ſchoͤnen Fuͤrſtentochter geliebt!— Sie muͤſſen es geſtern Abend ſelbſt empfunden haben. Wahrlich, wie leblos ſtuͤrzte ſie auf mich bei der Trennung. Nim⸗ mermehr haͤtte ich dieſe Stolze ſolcher Liebe fuͤr faͤhig gehalten. Und nun ſo plotzlich! Zu einem Unbekann⸗ ten!— Da komme einer noch und laͤugne mir die . ½ N ——,—— . ewige Sympathie der Herzen!— Denn daß Ihr Bild, ſo ſehr ich anch den Reizen deſſelben Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſe, daß ein todtes Bild ſolche Wirkung hervorbringen koͤnnte; daß die Zeilen, Ihre zwei Zei⸗ len nachher es erklaͤren ſollten, daß die Prinzeſſin ſeit⸗ dem nichts als dieſe leſen will, und die Lektuͤre ſo oft wiederholt, daß mir ganz bange werden moͤchte, ſo etwas wird mir Niemand weiß machen!— Je ſchmei⸗ chelhafter aber Ihnen die Aufnahme des Bleiſtiftsbil⸗ lets ſeyn muß, deſto ſtaͤrker duͤrfte Ihre Verpflichtung werden, alles aufzubieten, um meiner Gebieterin ein laͤnger dauerndes Vergnuͤgen dieſer Art zu verſchaffen. Als Heliodora vorhin einen ganzen Arm voll Buͤcher, die ich ihr zuſtellte, eines nach dem andern von ſich wieß, da äußerte ſie, daß Niemand als Sie jemals ein Buch wieder ſchreiben wuͤrde, das ihr angenehm ſeyn könne. Wie wäre es, Herr Maſſenberg, wenn Sie darauf daͤchten? Die jetzige Zwiſchenzeit ſcheint mir recht geſchickt dazu. Der Gedanke, die Stunden, wel⸗ che Sie noch nicht in Geſellſchaft der Liebenswuͤrdigſten zubringen koͤnnen, wenigſtens fuͤr ſie zu verleben, muß er nicht die Stelle der kraͤftigſten Begeiſterung übernehmen? Und leider! habe ich das hinzuzufuͤgen, 14* — Ihnen ſelbſt wird eine ſoͤlche Beſchaͤftigung noththun, da in den naͤchſten vier Wochen zwiſchen Ihnen und meiner Gebieterin nur ſchriftliche Unterhaltung ſtatt finden kann. Dieſen Morgen, mit dem Fruͤheſten naͤmlich, kam ihr durchlauchtigſter Vater, ſie abzuholen. Vier Wochen aber iſt— dafuͤr ſtehe ich— die laͤngſte Zeit ihrer Abweſenheit, obſchon in dieſem Augenblicke nichts geringeres, als—— die Verheirathung Ihrer Angebeteten mit einem regierenden Fuͤrſten vorbereitet wird. Sie erbleichen— erſtarren? Faſſen Sie Muth. Von ſolcher Liebe, wie der Prinzeſſin zu Ihnen, ſind die groͤften Entſchluͤſſe zu erwarten. Dieſer Brief, hoffe ich, ſoll Ihnen jeden Argwohn an der Einzigen benehmen. Wirklich enthielt der Brief von ihr ſo viel Tro⸗ ſtendes und Liebliches, daß ich kaum Linchens Entfer⸗ nung erharren konnte, um ihn im erſten Feuer zu beantworten. Schriftſtellerverſuch. Die Korre ſpondenz dauerte ununterbrochen fort und ging durch Linchens Hand. Mein Enthuſiasmus wuchs —— mit jedem neuen Briefe. Aber grade deſto ſchlechter gedieh das Buch, welches ich auf Linchens Rath abzufaſ⸗ ſen dachte. Es blieben meiner Liebe durchaus keine Buchſtaben ubrig fuͤr das, was ſie nicht ſelbſt war. Endlich gab ich der unterhaͤndlerin noch ein Maͤr⸗ chen, das bereits vor einiger Zeit meiner Langenweile im Gaſthofe ſein Daſeyn zu verdanken hatte. Linchen brachte mir dafuͤr bald darauf den ange⸗ nehmſten Brief von ihrer Gebieterin und ſagte zu glei⸗ cher Zeit: Ich weiß, daß ein Buchhaͤndler, dem ich Ihr Maͤrchen in die Haͤnde ſpielte, davon ganz be⸗ zaubert iſt. Ich ſoll ihn melden und Sie auf ſeinen Antrag vorbereiten. Mein Rath dabei waͤre, wenn Sie mir erlauben, nicht wenig zu fordern und ſich einen guten Vorſchuß machen zu laſſen. So erwuͤnſcht auch Letzteres fuͤr meine Umſtaͤnde war, ſo ſtellte ich ihr doch vor, daß außer dem Mäaͤr⸗ chen ſchwerlich etwas meinem unfruchtbaren Kopfe ab⸗ zudringen ſeyn moͤchte. Auf das Maͤrchen, verſetzte ſie, hat er freilich ge⸗ rechnet, nur iſt es, da hauptſaͤchlich in Leihbibliotheken, wrelche mit beruͤckſichtiget werden muͤſſen, die meiſten — 214— Leſer weit mehr auf die leibliche, als auf die geiſtige Groͤße der Buͤcher ſehen, zu wenig Maſſe fuͤr ein be⸗ ſonderes Werk. Daher ſollen Sie denn noch etwas dazu thun. Woher nehmen? rief ich achſelzuckend. Aber, was ich dagegen vorbringen mochte, ſie be⸗ hauptete, daß ſich das finden werde. 26. Der Buchhaͤndler. Jetzt pochte es an der Thuͤre! Herein! Der Buchhaͤndler erſchien. Der niedliche Mann war die Ehrfurcht ſelbſt. Er verſicherte, meine Bekanntſchaft und Jugend, und was er ſonſt von mir vernommen, gebe ihm erſt den rechten Aufſchluß uͤber die Moͤglich⸗ keit, daß ein gewiſſer beruͤhmter Schriſtſteller in ſeinem hohen Alter noch ſolche Kraft und Anmuth in ſeinen Werken darlegen koͤnne. Doch, verzeihen Sie, mein Herr, fügte er, wie es ſchien, in Folge einer uͤberaus finſtern Miene von Linchen hinzu. Ich wollte keinesweges indiskret ſeyn, darum auch durchaus nicht in Sie dringen, ſich und das — 215— Geheimniß Ihter uͤbrigen vortrefflichen Schriften bei Gelegenheit der neuen, die meinen Verlagskatalog zieren ſoll, zu verrathen. Ein Geiſt, gleich dem Ih⸗ rigen, bedarf nicht lange eines fremdem großen Na⸗ mens, um ſich geltend zu machen. Er wird gar bald die Nebel des eigenen dergeſtalt erleuchten, daß die Nation ſich vor ihm beugen und ihn mit unverwelk⸗ lichen Lorbeern umkraͤnzen wird. Verſteinert uͤber den Mann und ſein mir vollig un⸗ verſtaͤndliches Deutſch, ſah ich bald ihn, bald Linchen an, bis dieſe unn ziemlich unwillig zu ihm ſagte: Ich däͤchte, mein Herr, Sie ließen Ihre langen Vorreden, auf deren Sinn Herr Maſſenberg ſchwerlich ſich ein⸗ laſſen wird. Zur Sache, wenn Ihnen am Verlage des Werkes liegt. Der Buchhaͤndler wollte hierauf eine Entſchuldi⸗ gung vorbringen, aber Linchens Unmuth daruͤber machte, daß er ſogleich mit einem ſehr ſtarken Gebote anfing, auch auf Abſchlag eine nicht unanſehnliche Summe in Gold auf den Tiſch zaͤhlte. Bei ſo vortrefſlichem Willen war das Geſchͤft im Nu mit einem Empfangsbekenntniſſe und dem ₰ℳ. — 216— ſchriftlichen Verſprechen von meiner Seite abgethan, die vollſtaͤndige Handſchrift in einer beſtimmten— einzuſenden. Als der Mann mich verlaſſen hatte, bat ich Lin⸗ chen, mit der ich mein Gold ſogleich theilte⸗ um des Raͤthſels Loͤſung. Nur Geduld, ſagte ſie freundlich, zu ſeiner Zeit wird Ihnen alles von ſelbſt klar werden. Vor der Hand mag Ihre Verwunderung noch ein wenig ſteigen.— Vielleicht geſchieht das in dieſem Angenblicke, ſetzte ſie hinzu, als abermals Jemand an die Thuͤre pochte. W In Arabien. Linchen huͤpfte ſelbſt nach ihr, um das Hereintreten des Pochenden durch Anhalten derſelben zu verzogern. Dabei fluͤſterte ſie: Ihrer Kaſſenumſtaͤnde halber wer⸗ den Sie wohlthun, ſich die Antraͤge des Kommenden gefallen zu laſſen.— Herein! Ein alter Mann, der Geiz und Reichthum nicht verlaͤugnen konnte, dankte, nachdem ſein Ange Linchen befragt hatte, ob ich es wohl ſey, mir auf's Demuͤ⸗ thigſte, daß ich ihm wirklich die Gnade erzeigen wollte, das kleine Kapitaͤlchen von zweihundert Louisd'or gegen Wechſel anzunehmen? Linchens ſeltene Geſchicklichkeit ſtrahlte aus dem ſo befremdenden, als mir willkomme⸗ nen Erbieten, und als ſchon meine Unterſchrift mit ſeinem Gold ausgewechſelt war, erkundigte er ſich, ob in Arabien die Geſchäfte auch auf dieſe Weiſe betrieben wuͤrden? In Arabien, fragte ich ſtaunend, waͤhrend Linchen ihren Unwillen durch einen heftigen Ruck an ſeinem Arme ausließ.— Verzeihen Sie, ſagte er hierauf, ganz beſchaͤmt von dannen ſcheidend. Aber, mein Himmel, rief ich nun Linchen zu, ſa⸗ gen Sie mir nur, ob die Tollheit, die heute hier im Zimmer graſſirt, meine oder die Eigenſchaft der Herren iſt, die Sie mir zugefuͤhrt haben? Zu ſeiner Zeit, Hert Maſſenberg! wiederholte ſie lchelnd. Uebrigens daͤchte ich doch, daß Sie mit allen dieſen Tollheiten vor der Hand hoͤchſt zufrieden ſeyn koͤnnten, — 248— 28. Die Reiſe. Ich unterließ nicht, Linchen meinen Dank fort⸗ dauernd zu bezeigen, wofuͤr ſie mich poſttaͤglich mit den zartlichſten Briefen der Prinzeſſin verſorgte. Aber grade die große Zaͤrtlichkeit darin machte, daß mir die Trennung von Heliodoren immer ſchmerzlicher und un⸗ ertraͤglicher wurde. Auch mir, Herr Maſſenberg, ſprach Linchen, als ich's ihr eines Tages klagte. Ich muß nun meine Ge⸗ bieterin noͤchſtens ſelbſt ſprechen, mag daraus werden, was da will.— 5 Der Wunſch der letztern kam Linchens Sehnſucht bald zu Huͤlfe. Am naͤchſten Poſttage zeigte ſie mir einen Vrief vor, worin die Prinzeſſin ihr ein Rendes⸗ vous in einem der Reſidenz ihres Vaters nabgelege⸗ nen Orte gab, weil ſie ihr Sachen, mich und meine Liebe betreffend, mitzutheilen habe, welche einem ieſe nicht anzuvertrauen waͤren. Zugleich äußerte Heliodora den Wunſch, dß Lin⸗ chen in maͤnnlicher Kleidung und moöglichſt geraͤnſchlos — 23— kommen moͤchte. Zu Fuße wuͤrde, meinte ſie, datum das Beſte ſeyn, wenn der Weg nicht zu weit wäre. Auf Linchens Aenßerung, daß ſie mit Pferden umzu⸗ gehen und am liebſten zur Prinzeſſin reiten wuͤrde, bot ich ihr meinen Araber an. Sie ließ ſich dieſen ſo wohl, als Kleider zum maͤnnlichen Anzuge von mir gefallen⸗ Des ſehr raſchen Pferdes wegen, bat ich ſie, auf ihrer Hut zu ſeyn und war faſt boͤſe, als ſie daruͤber in lautes Lachen ausbrach. Zu meiner großen Ver⸗ wunderung aber ſah ich bei ihrem Ritte ſelbſt, mit welcher Kunſt und Gewandtheit ſie hinweggaloppirte, und ſich dazu noch ſo, als ſey ſie auf dem Pferde ganz zu Hauſe, freundlich gruͤßend nach mir zuruͤckwendete. 29½ Sorgen. Mit einem Briefe, der noch deſſelben Tages von der Prinzeſſin unmittelbar an mich ankam, war meine großte Sorge gehoben, naͤmlich, ob auch ihre Kor⸗ reſpondenz, in Ermangelung der Zwiſchenperſon, den rechten Weg zu mir finden werde. — 220— Kurz nachher aber wuchs eine Menge neuer Sorgen plotzlich auf. Gegen Abend kam der bewußte Leihbiblio⸗ thekar ganz athemlos in meine Wohnung. Herr Maſ⸗ ſenberg, fing er an, legen Sie's nicht uͤbel aus, wenn ich komme, mich bei Ihnen Raths zu erholen. Ich weiß aus ſicherer Quelle um das Geheimniß Ihrer Verbindung mit der Prinzeſſin Heliodora. Ich fuhr erſchrocken auf und ſtaunte ihn au. Er ſprach weiter: Blos darnm, weil ich uͤberzeust bin, mit ihnen ſo gut, wie mit der abweſenden Prin⸗ zeſſin ſelbſt, von der Angelegenheit ſprechen zu konnen, wende ich mich an Sie. Die Kammerdienerin kommt mir verdaͤchtig vor. Bei lder Prinzeſſin erſter Abreiſe habe ich ihr das Kapital geborgt, von dem dieſe Ver⸗ ſchreibung ein Mehreres beſagt. Heliodora? rief ich. Ja! und es ihr auch ſelbſt eingehaͤndigt? Des nicht. Aber das Unterpfand, zwei ſehr koſt⸗ dare Ninge, für die ein in meiner Vibliothek grade — 221— anweſender Juwelier, wie ſie ankamen, 12,000 Louisd'or zahlen wollte, bezeugte, daß alles ſeine Rich⸗ tigkeit hatte. Auf einen Brief der Prinzeſſin iſt ſeit⸗ dem noch eine Summe von derſelben Hohe ihr durch Linchen zugekommen. Der Zahlungstag aber iſt ſchon ſeit acht Tagen verſtrichen. Die Prinzeſſin ſchreibt keinen Buchſtaben, und ich habe der Kammerdienerin geſagt, daß ich heute durchaus einen Theil der Summe haben muͤſſe. Nun hoͤre ich jedoch, ſie iſt mit Hinter⸗ laſſung vieler Schulden abgereiſt. Ich fuͤrchte, ſie hat das Geld unterſchlagen. Wenn dies aber auch zu an⸗ derer Zeit mich nicht im mindeſten beunruhigen wuͤrde, da ich mehr als hinlaͤnglich mit unterpfande gedeckt bin, ſo iſt mir doch ſolches fuͤr den Augenblick, wo ich zur Meſſe Geld brauche, wenn mein Kredit nicht leiden ſoll, uͤberaus empfindlich. Daher wollte ich denn bei Ihnen anfragen, ob Sie ſich vielleicht geneigt finden ließen, mir gegen das Unterpfand die darauf erborgten Summen auszuzahlen?— Mit Vergnuͤgen wuͤrde ich dem M anne unter dieſen umſtaͤnden geholfen haben, wenn ich Linchen weniger Theil an den beiden Vorſchuͤſſen vom Buch⸗ yaͤndler und dem andern Herrn haͤtte nehmen laſſen. Denn ſo viel befand ſich gar nicht mehr in meinen Haͤnden. Als ich eben mein Bedauern daruͤber aͤußerte, trat mein letzter Glaͤubiger mit ſolcher Haſt herein, daß der Ehrfurchtsvolle von neulich in ihm ſich gar nicht wieder erkennen ließ. Er eiferte uͤber die Maßen wegen des in unſern Tagen herrſchenden Vetrugs und erklaͤrte mir im Beiſeyn des Bibliothekars ohne alle Schonung, daß, wenn ich nicht augenblicklich ſein Geld herbeiſchaffe, er mich werde verhaften laſſen⸗ Mein gerechter Unwille uͤber eine ſolche Sprache vor des Wechſels Verfallzeit vewirkte nichts, als ein noch heftigeres Aufſahren und Herauspoltern von Din⸗ gen, die mir voͤllig unbekannt waren. So ſprach er unter andern von einem arabiſchen Prinzen, den man ſchon ein gehoriges, mit Gittern wohlverſehenes Reſi⸗ denzſchloß anweiſen werde. Dazu ſah er mich dermaßen an, daß meine Luſt, ihn zur Thuͤre hinanszuwerfen, ſich ſchwerlich wurde haben zuͤgeln laſſen, wenn nicht ſo eben der Buchhaͤndler hereingetreten waͤre. Auch der fing ſogleich an, von ſeinem Vorſchuſſe zu ſprechen und ihn zuruͤck zu verlangen. Dho, ſagte ich entruͤſtet, wenn die Herren etwa gekommen ſind, hier ihren Scherz zu treiben, ſo ſollen ſie ihren Mann an mir finden. Sie, mein Herr Wu⸗ cherer, packen ſich, um die Zahlung zu rechter geit einzufordern, wenn Sie ſolche dann nicht erhalten ſoll⸗ ten; und Sie, mein Herr Bnchhaͤndler, haben gar keinen Anſpruch auf mein Ruͤckzahlen in Gelde, die bewußte Handſchrift aber ſoll Ihnen nicht entgehen. Dazu machte ich Miene, mich von beiden mit Ge⸗ walt zu befreien. Hier erhob nun der Buchhaͤndler einen ungehenern Laͤrm, ſagte, daß ich meine Manuſcripte verkaufen moͤchte, an wen es ſey, er verlange ſie nicht umſonſt. Doch ſein Geld verlange er. Ich ruͤckte ſodann einen Stuhl vor die Herren hin, und ſetzte mich darauf, um ſie recht bequem betrachten zu koͤnnen. — 21— 30 Lauter lange Raſen. Nach einer wahren babyloniſchen Sprachverwirrung in der die Partheien ſich gar nicht verſtanden, kam es endlich heraus, daß wir insgeſammt die Ehre gehabt hatten, uns von Linchen recht ordentlich anfuͤhren zn laſſen. Der alte Wucherer, wie der Buchhaͤndler, hatte die Liebe der Gaunerin einzig zu beſitzen geglaubt. Auf ſolchen, von ihr ſtundlich genaͤhrten Irrthum dieſer nar⸗ riſchen Leute hin, war die Liſtige bemuͤht geweſen, ihren zwiefachen Nutzen zu bauen. Die Ungewißheit der Stadt uͤber meine Perſon, und die Wichtigkeit, die man derſelben hier und da beilegte, hatte Linchen be⸗ wogen, mich dem Buchhaͤndler als einen jungen Schrift⸗ ſteller anzuruͤhmen, deſſen Werken ein ſeitdem verſtor⸗ bener, beruͤhmter Dichter ſeinen Namen vorzuſeßen pflege. Dem Wucherer aber war gar von ihr eine ſehr verwickelte Fabel aufgeheftet worden, nach welcher ich ein grabiſcher Prinz von ungehenerm Vermoͤgen ſeyn ſollte. Seufzend gedachte ich hierbei, daß das einzige Arabiſche an mir, mein Pferd, wie ſo manche huͤbſche geldſumme, die mir gehoͤrte, ebenfalls die Beute der treuloſen Kammerdienerin moge geworden ſeyn. 31. Jch. Vor allen Dingen mußte ich mich jetzt vor meinen Glaͤubigern zu entſchuldigen ſuchen. Ich geſtand ihnen daher, daß ich eigentlich nichts mehr und nichts weni⸗ ger als ein— Student ſey, welcher, da ihm der Hoſ⸗ meiſter im zweiten Jahre der akademiſchen Laufbahn geſtorben, die fuͤr das ganze Jahr beſtimmte Geld⸗ ſumme auf Einmal in die Haͤnde bekommen und ſie fuͤr ſo ungeheuer groß geachtet hatte, daß die Univer⸗ ſitaͤt ihm nicht hinreichend geſchienen, ſolche durchzu⸗ bringen und dem daher eine Reiſe dienlicher dazu vor⸗ gekommen war. Jedoch ſogleich auf der erſten Station meiner Laufbahn hatte ich das Ungluͤck, ſitzen zu bleiben und, wie bereits erzaͤhlt worden, nicht nur mein ganzes Geld zu konſumiren, ſondern auch die erwaͤhnten Sum⸗ men vom Buchhaͤndler und Wucherer ſchuldig zu werden. Hm! rief letzterer kopfſchuͤttelnd aus, in Ihren Jahren noch Student? 15 — 226— Alerdings! antwortete ich, und bewieß durch einen Brief von meiner Mutter an meinem letzten Geburts⸗ tage, daß ich— ohngeachtet meines braunen, maͤnnli⸗ chen Geſichts, dem man fuͤnf und zwanzig Jahre ſchon zutrauete, vor drei Monaten erſt zwanzig geweſen war. Der umſtand, daß ſonach meinem Wechſel noch die ge⸗ hoͤrige Kraft fehlte, hieß dem Wucherer um ſo mehr gelinde Saiten aufziehen, da der Buchhaͤndler aus meiner Mutter Unterſchrift und andern Umſtaͤnden im Briefe entdeckte, daß der Name Maſſenberg nur mein Inkognito beabſichtigte und ich Luchs heiße, deſſen Vater der bekannte reiche Kaufmann dieſes Namens iſt. Auf ſolche Weiſe kam ich denn noch ganz ertraͤglich bei meinen beiden Glaͤubigern durch, die mir, auf mein inſtaͤndiges Bitten, auch verſprachen, Nismanden mein Einverſtaͤndniß mit der Prinzeſſin Heliodora zu verra⸗ then, welches Linchen, das leichtſinnige Ding, ſo ge⸗ wiſſenlos blosgeſtellt hatte. 82. Reiſe. Des Leihbibliothekars Angſt vermehrte ſich mit je⸗ dem Tage. Am Ende fand ſich, daß ſeine beiden Ninge, — 2— nach der Ausſage mehrerer Juweliere, ganz werthloſe Dinge waren. unfehlbar glaubte er, moͤge die betruͤ⸗ geriſche Perſon ſie den aͤchten untergeſchoben haben⸗ Da ſo viel Nachtheiliges von ihr bekannt war, ſo fuͤrch⸗ tete ich, daß ſie auch wohl mich bei der Prinzeſſin auf irgend eine Weiſe anſchwaͤrzen koͤnne. Seit drei Wo⸗ chen war mir wirklich kein einziger Brief zugekommen. Nichts ſchien mir daher nothwendiger, als eine Reiſe zu Heliodoren ſelbſt. Irgend eine Gelegenheit ſie zu ſehen und zu ſprechen, hoffte mein Rachdenken auszuklügeln. Um wenigſtens ihr Portraͤt nicht in frem⸗ den Haͤnden zu laſſen, ſetzte ich beim Leihbibliothekar eine anſehnliche Summe dafuͤr ein und nahm es zu mir. 33. Gefangenſchaft. Meinem Vorſatzs nach ſollte die Fahrt Tag und tacht gehen, weil beſonders auch keine Zeit zu verlieren war, die arme Prinzeſſin vor einer ſo gewandten Spit⸗ buͤbin zu warnen. Allein ein heftiges Ungewitter noͤthigte mich doch am Avende in dem Gaſthofe einer kleinen Stadt zuuͤbernachten. 15* — 228— Unter den Honoratioren, die ich hier in einem Saale beiſammenfand, fiel mir ein Mann auf, der mich ſelten aus dem Geſichte ließ. Ich erinnerte mich nicht, ihn je geſehen zu haben, und vernahm, daß er der Stadtrichter des Ortes war. Er trieb ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf mich endlich ſo weit, daß ich ſchon Luſt 3 hatte, ihn uͤber das Unanſtaͤndige derſelben zur Rede zu ſtellen. Ehe ich aber noch dazu kommen konnte, ed ich verhaftet. Die urſache, hieß es auf meine Frage, ſey eine hinreichende, das Uebrige werde der folgende Tag ergeben. 3 — Ich verlangte wenigſtens bis dahin, wenn ſchon bewacht, im Gaſthofe bleiben zu duͤrfen. Umſonſt. Ohne mir auch nur darauf zu antworten, fuͤhrte man mich unter anſehnlichem Volkszulauf in ein dumpfes, haͤßliches Gefäͤngniß. 34. Das Sprichwort. Es gibt ein Sprichwort, das faſt zu gemein iſt, um es vor allen Menſchen herzuſagen. Allein, wenn ich befennen muß, das mir ſolches die ganze ſchlafloſe Nacht —— — — 229— in allen Gliedern lag, und es ſonach zur getreuen Schilderung meines Zuſtandes mit gehoͤrt, ſo werde ich das auffallend grvbe Wort kaum uͤbergehen duͤrfen! Es heißt: Wenn dem Eſel zu wohl iſt, geht er auf's Eis tanzen!. Einfaͤltig ſchien mir jetzt ſchon die Reiſe von der Univerſitaͤt. Auf letzterer konnte ich, wenn ich wollte, wie ich ſollte, Beſchaͤftigung vollauf haben, und waͤre gewiß nicht aus Langerweile, auf die zwar vor einiger Zeit in Romanen ſehr gewoͤhnliche, aber deshalb nicht allzu geſcheute Manier gerathen, mich in das Bildniß einer Unbekannten zu wxlieben. Ohne dieſe Liebe nun haͤtte ich mir alle die verwuͤnſchten Tenfeleien durch das betrugeriſche Linchen erſpart, und wuͤrde gewiß nim⸗ mermehr auf den abſurden Einfall gerathen ſeyn, Zaͤrt⸗ lichkeiten mit einer Prinzeſſin anzuſangen. Denn das ſchien mir entſchieden, daß blos die Entdeckung meiner geheimen Verbindung mit Heliodoren mich in's Ge⸗ fängniß geſchleppt hatte. Der unterbrochene Brieſ⸗ wechſel, den ich Anfangs Linchen Schuld gab, wies auf eine Entdeckung deſſelben von Seiten ihrer Ver⸗ wandten hin und gab mir viel Licht uͤber meine Ver⸗ Paftung. Wer wußte, wann man mich wieder auf — 230— freien Fuß ſtellte, oder ob man nicht gar aus mir einen ewigen Gefangenen zu machen gedachte, wie den, der unter dem Namen des Mannes mit der eiſernen Maske ſo großes Aufſehen erregt hat. Wahrlich, eine ſo arme, genußloſe Liebe, wie die zwiſchen der Prinzeſſin und mir, wäre durch dergleichen Drangſal theuer bezahlt geweſen. 35 Ein alter Bekannter. Diesmal hatte ich doch die ganze lange Nacht falſch gerathen. Beim Verhoͤr am folgenden Morgen ergab ſich das. Nicht die Prinzeſſin, ſondern das ſaubere Lin⸗ chen allein war die Urſache meiner Verhaftung. Schon lange zuvor naͤmlich war die Polizei ihr, dem vormaligen Mitgliede einer Reitertruppe, das neuerlich eintraͤglichere Nahrungszweige ergriffen, auf der Spur geweſen, bis man ſie in der naͤmlichen kleinen Stadt, wo ich mich jetzt ſo ſehr wider Willen befand, zur Haſt gebracht hatte. Mein fur Heliodoren beſtimmtes Portraͤt, das man bei ihr fand, war von ihr fuͤr ihres Gatten Bild ausgegeben worden. Der Stadtrichter glaubte daher um ſo gewiſſer, ihren Mitſchuldigen in mir zu erblicken, da —, — — 231— er mich ganz in demſelben Anzuge ſah, in dem der Maler mich dargeſtellt hatte. Bei der gerichtlichen Unterſuchung meiner Sachen ſprach beſonders das Bild der Prinzeſſin gegen mich, weil man in dieſem ein aus einem daſigen Kunſtkabinet entwendetes Meiſterwerk entdeckte. Zum Gluͤck dauerte der Verdacht nicht lange. Linchen, zu tief verwickelt, um ſich durch Verlaͤumdung meiner retten zu koͤnnen, geſtand ſogleich, daß ein Mitgefange⸗ ner, den ſie fuͤr ihren Bruder ausgab, das Gemälde auf unrechtem Wege an ſich gebracht hatte. Ich erkanntein dieſem Bruder den naͤmlichen, der mich in jenem Park durch unartige Vehandlung, unfehlbar abſichtlich, zum ploͤtzlichen Aufgeben der Einſiedlerrolle bewog, auch kam bald an den Tag, daß er Eine Perſon mit dem Juwe⸗ lier war, der, von der Liſtigen angeſtellt, dem Leihbi⸗ bliothekat die falſchen Pretioſen getuͤhmt hatte. Die P inzeſſin. Uebrigens erfuhr ich bei dieſer Gelegenheit, daß das bewußte Vild ſchon vor funfzig Jahren gemalt und die Prinzeſſin, die es vorſtellen ſollte, nichts weiter — 232— war, als eine poetiſche Fiktion, um erſt den Leihbi⸗ bliothekar und dann— da die Gelegenheit ſich fand— auch mich zu prellen. — Die Perſon, welche Linchen einmal Abends mit mir zuſammenfuͤhrte und als ihre Gebieterin vorſtellte, war nichts mehr und nichts weniger als ihre Helfershelferin geweſen. S Obſchon unter ſo manchen Dingen, die ich durch die Liſtige einbuͤßte, auch endlich noch mein Araber war, und die unrechtmaͤßige Verkaͤuferin gar keine Auskunft von ſeinem Aufenthalte geben konnte, ſo prieß ich mich doch, nach dem letzten Vorfalle, g luͤcklich, meinen Na⸗ men Maſſenberg noch ſo wohlſeilen Kaufes los werden zu koͤnnen. Ich eilte in die Heimath, ließ mir die langen eiten uͤber meine unſinnige Finanzverwaltung, welche das Haus Luchs und Compagnie ausbaden mußte, von meinen Aeltern gefallen, und habe ſeitdem nie wieder dran gedacht, mich in eine Prinzeſſin, geſchweige gar in eine unſichtbare Prinzeſſin zu verlieben. ————— —