7 — . 6 5 inſtern Geſichts, doch mit gewohnter Sorgfalt, hatte der Maler Criſtoforo Allori ſo eben die Farben auf ſeine Pallette geſetzt. Als er aber mit ihr und Stab und Pinſeln vor die Staffelei trat, um das bereits unter⸗ malte Porträt einer vornehmen Florentinerin zu voll⸗ enden, da rief er plotzlich aus: Rein, nein, nein! und warf ſein Werkzeug von ſich. Criſtoforo, Criſto⸗ foro, haſt du darum die Regeln der Schoͤnheit, das herrliche Ebenmaas dir eingeprägt, daß du nun ſolch einen alten formloſen, gelben Schwamm, dem die Natur in einer tollen Stunde den Rang eines Men⸗ ſchengeſichts zugeſtand, auch in das Gebiet der Kunſt einſchwaͤrzen ſollſt? Wie gerufen trat ſein Freund Matteo Roſſelt zu ihm herein. Allori ſchloß ihn vor Freuden auch ſo heftig in die Arme, daß dieſer ganz ſtutzig wurde. Bran wiedergegeben, recht brav! rief er aus, als ihm dabei das Bild in's fiel. Der Procurator kann ſich Gluͤck wuͤnſchen, daß er fuͤr den garſtigen Schatz von Tochter ſolch einen Kuͤnſtler ge⸗ funden hat.— Ach Gott, rief Criſtoforo, eben wellte ich ver⸗ zweifeln, daß dergleichen Gluͤc dem armen Kuͤnſtler ſein eigenes Gluͤck koſten muß.— Warum das?— Du fragſt da noch, Matteo? Als ob eine Milch⸗ ſuppe, durch zuviel Eier vergelbt, wie dieſes Geſicht, den der es nachbilden ſoll, nicht in Harniſch bringen muͤßte! ⁰ Ja, verſetzte Matteo mit Achſelzucken, das ſind Schickſale! 62 Die eben nur den Kuͤnſtler treffen koͤnnen! ent⸗ gegnete Allori. Mein ſeliger Vater ſchon, der, wie dn weißt, auch Maler war, der haͤtte das einſehen, ſtatt mich in ſeine Kunſt einzuweihen, haͤtte er mich zu Schneidet iſt ein gluͤcklicher Kerl gegen den Maler. Er hat fuͤr das Nothwendige zu ſorgen und kann einem Schneider in die Lehre geben ſollen. Der ſaſt groͤßer ſeyn, wenn er ein Monſtrum zweckmaͤßig bekleidet, als weun er daſſelbe an einem Adonis ver⸗ ſucht. Den letztern verhunzt er immer, er mas es * M anfangen, wie er will, waͤhrend das Monſtrum durch ihn noch etwas werden kann. Der Maler aber dem in ſeinen Werken alles nur dann nothwendig ſeyn ſollte, wenn es die Schoͤnheit befoͤrdert, der wird zugleich gezwungen, das Monſtrum noch einmal in die Welt zu ſetzen. Es iſt ja wahrhaftig der bitterſte Spott auf ihn, auf ſeinen Zweck und auf die Kunſt überhaupt!— Criſtoforo, laͤchelte der Andere, da biſt immer noch viel beſſer dran als ich. Dir geſchehen dergleichen Zu⸗ muthungen nur dann und wann. Bei dir läͤßt ſich doch auch manch Junges und Schoͤnes malen. Weil ich aber von jeher immer viel nach alten, ſchoͤnen Geſichtern herumgeſucht und die nachgebildet habe, ſo bin ich in den Ruf gekommen, das Alter beſonders gluͤcklich wie⸗ der zu geben und nun meint jedes alte Fratzengeſicht, es ſey fuͤr meinen Pinſel geboren. Ei, verſetzte Allori, das iſt immer noch ein An⸗ deres. Beim Alter macht der Charakter oſt aus dem elendeſten Geſichte etwas. Aber das Schlaffe, Unge⸗ ſchlachte mancher Jugend und mittlen Jahre wieder⸗ geben zu ſollen, wo auch keine Linie an ihrem Platze ſteht, das iſt ein Vergnuͤgen, mit dem ich den eti6e Tag unmoͤglich verderben kann. 9 130— Das erſte Wort, das mir gefallt, Eriſtoforo. Der ſchoͤne Tag iſt's eben, der mich ſo fruͤh zu dir gefuͤhrt hat. Faſt verdumpft in der letzten Zeit bei meinen Frescogemaͤlden in der Villa zu Poggio*) muß ich ein⸗ mal in's Freie. Die gruͤnen Baͤume ſollen meine Medicin werden gegen den Gedanken an die Medi⸗ taͤer, deren Bildniſſe mich dort feſthielten. Laß uns hinans nach den anmuthigen Landhaͤuſern hin!— Allori war das zufrieden, zumal da Roſſelli ihm die Wahl der Gegend uͤberließ. Gehen wir, ſprach er, aus der Porta San Gallo. Auf einer der Villen, nach denen man von da kommt, iſt eine Parthie, die ich ſchon laͤngſt habe aufnehmen wollen.— Siehſt du wohl, verſetzte da Roſſelli, wie un⸗ dankbar du vorhin gegen deine Handthierung ſprachſt, du, der grade mehr Urſache hat, als maucher Andere 6) Am 13. April 1773 iſt bei einem mit dieſer Villa vor⸗ genommenen norhwendigen Baue das Gewblbe, wel⸗ ches Roſſelli mit Gegenſtaͤnden, die ſich auf das Haus Medici beziehen, gemalt hat, aus Achtung vor ſeinen Frescogemälden, in Gegenwart der füͤrſtlichen Perſo⸗ nen, durch die Geſchicklichkeit und Sorgfalt des Ar⸗ chitekten Paoletti ganz verſetzt worden, ohne daß es den mindeſten Spalt oder eine ſonſtige Verietzung be⸗ kommen hätte. — 11— N mit ihr zufrieden zu ſeyn, da du, falls die Menſchen dir einmal nicht zuſagen, bei den Baͤumen und Fluͤſſen und Haͤuſern die Zuflucht fuͤr deinen. Pinſel ſuchen kannſt. Sprich ſelbſt, welcher von unſern hieſigen Fuͤnſtlern außer dir, hat es dahin gebracht, unſte herr⸗ liche Gegend durch ſeinen Pinſel wiederzugeben? Vergieb mir, Bruder Matteo, erwiederte Allori frenndlich, ich weiß jetzt ſchon, daß ich Unrecht hatte. Es war auch nur ſo ein augenblickliches Aufwallen. Denn das glaubſt du doch nicht, daß ich im Ernſte jemals irgend einen Stand, dem Stande des Kuͤnſtlers gleichſetzen, oder irgend etwas anders ſeyn moͤchte, als eben ein Fuͤnſtler. Wahrlich nein. Der Großherzog koͤnnte heute zu mir ſagen: Komm, Criſtoforv, und ſetze dich auf meinen Thron! Ich wuͤrde antworten: Schoͤnen Dank, mein gnaͤdiger Herr! Vor meiner Staffelei da ſitze ich beſſer. Hier kann ich Großherzoge machen und der groͤßten Koͤnige und Kaiſer, ſo viel ich will!— Dieſer Gedanke, auf den er zufaͤllig gerathen, erhob den Allori plotzlich dergeſtalt, daß er von der Porta San Gallo aus, den ganzen Weg uͤber, in ſier Laune recht ausgelaſſen war. „ Hier Matteo, ſprach er endlich, nachdem ſie von den Fluͤgeln ihres Scherzes leicht getragen, kaum wuß⸗ ten, daß ſie ſchon uͤber eine Stunde Weges zuruͤckgelegt hatten, hier iſt das Plätzchen, wo ich mein Netz auf⸗ ſtellen will nach dieſer wunderſchoͤnen Eiche. Eine al⸗ liebſte Mitte giebt jene Villa dort ab und die reizenden Berge von Fieſole ſchauen von Weitem frenndlich auf das Ganze hin. Das Hoͤlzchen gewaͤhrt uns nebenbei einen allerliebſten Aufenthalt, und willſt du mehr als den, ſo arbeiteſt du dich kaum vierzig Schritte durch die dicken Baͤume und du findeſt auf dein Verlangen die koſtbarſte Milch in reinlichem Gefaͤße, von einem Juͤngferchen dargereicht, das, ohne je einen Tanzmeiſter gehabt zu haben, die Fuͤßchen ſetzt, daß du ſie gleich ſo hinmalen mochteſt. Und nimmſt du dir, wie ich hoffe, die Zeit, dich mit deinem Geſicht etwas Weniges unter ihren großen Strohhut zu bemuͤhen, ſo ſiehſt du ein Oval und ein Paar Augen, beides ſo brennend, daß man ſich fuͤrchten muß, es zu Papier zu bringen. We⸗ nigſtens gehort eine Standhaftigkeit dazu, wie die meinige, wenn man ſein Herz nicht verſengen will.— Die Veſchreibung, welcher Allori noch einiges hin⸗ zufuͤgte, machte, daß ſeinem Freunde ſogleich nach — 133— einem Trunk Milch der Mund waͤſſerte. Er verließ daher den Platz, wo Allori eben die Mappe, welche er bei ſich hatte, aufthat, den Umriß der beabſichtigten Landſchaft aufs Papier zu werfen. Es war aber das⸗ mal, als ob ihm die Luſt dazu unter den Haͤnden ver⸗ ſchwinden wolle. Die Natur ſchien Rache zu nehmen, daß ſein Pinſel dieſen Morgen erſt verſchmaͤht hatte, einer ihrer Erſcheinungen nachzugehen. Sie ſtellte ſich jetzt ganz rieſenmaͤßig vor ihn hin. Er verzweifelte, das zu Hauſe durch den Pinſel herausbringen zu koͤnnen, was er hier mit dem Bleiſtift andeutete. Verſunken in dem Zauber des lebendig vor ihm ſich ansbreitenden Bildes, rief er: Nein Criſtoforo! Wie moͤchteſt du dieſe Dinge wiedergeben, wie nur das Spiel darſtellen, welches die Sonnenſtrahlen ſo ſchalkhaft nach Grazien Weiſe mit den Blättern treiben. Criſtoforo, lege dich ſchlafen, ſo thuſt du beſſer, als wenn du dieſes Papier mit Schuͤlerhand verunreinigeſt!— Hier hielt er ſinnend inne und ſagte dann: Und doch ſollte ich mein Streben fortſetzen, wie ich zu Hauſe das Bild heute fruͤh haͤtte fortſetzen ſollen. Das iſt aber eben das heilloſe fuͤr den Kuͤnſtler, daß ſein Gemuͤth immer und ewig zwiſchen den beiden Gedanken ————. — 134— von der großen Macht und von der großen Ohnmacht der Kunſt herumgeworfen wird. Koͤnnte er ruhiger ſei⸗ nen Gang fortgehen, ſo wuͤrde er gewiß auch ſicherer ſein Ziel erreichen.— Das war es, was den Schwankenden auf Einmal wieder in ſeinem PVorſatze befeſtiste. Er fuhr mit ſo großem Eifer in ſeiner Zeichnung fort, daß er die Ruͤck⸗ kehr des Roſſelli gar nicht bemerkt hatte. Nun, Mat⸗ rev, fragte er, wie war's mit dem Milchmaͤdchen? Nichts war's damit. Vor Verzweiflung habe ich noch mich hingeſtellt und einen Alten gezeichnet, der mir an ihrer ſtatt auſſtieß. 34 Du mußt behert ſeyn, Matteo, ſprach Allori. Wo dn ein Madchen ſuchſt, findeſt du allezeit einen alten Kerl. Aber zeige doch einmal. Vielleicht ließe er ſich in meine Landſchaft brauchen. Pfui Henker! rief Allori aus: das Galgengeſicht taugt für nichts und für Niemanden als ſfuͤr den Heu⸗ ker, und auch der muͤßte mir bei Lebensſtrafe die Muͤtze uͤber das ganze Geſicht herunterziehen, damit ſich keine ſchwangere Frau an ihm verſaͤhe.— O du Muſterbild von Geduld, heiliger Mattev, bitte fuͤr mich, daß ich Dinge, die du freiwillis unternimmſt, dann wenig⸗ * — ſtens nicht von mir weiſe, wenn ſie mir mit Golde auf⸗ gewogen werden!— Ja, verſetzte Roſſelli, fuͤr einen Indas Iſcharioth waͤre der Kopf mit dem rothen Barte doch recht paſſend. Und der Burſch iſt obendrein ſchuld, daß ich weder Milchmaͤdchen noch Milch geſehen habe. Er giebt naͤm⸗ lich ein großes Feſt auf ſeiner Villa. Dahin hat er denn alles, was ſich eſſen und trinken laͤßt, aus der nächſten Nachbarſchaft an ſich gezogen.— Ich will nicht fuͤrchten, daß der Barbar das Milch⸗ maͤdchen auch mit zu den genießbaren Artikeln rechnet? Das wohl ſchwerlich. Er ſoll vielmehr eine Braut haben, der zu Ehren der Schmaus gegeben wird. Eine Braut? rief Allori. So geht dieſer fuͤr den Nachrichter Geborene gar noch darauf aus, ſein heil⸗ loſes Geſicht zu vervielfaltigen? Dergleichen gottloſen Begierden muͤßte eigentlich von der Obrigkeit geſteuert werden. Sollte doch eine kunſtliebende Obrigkeit uber⸗ haupt einen Heirathsrath, aus lauter Kuͤnſtlern beſte⸗ hend, niederſetzen, deſſen Gutachten jedes eheluſtige Paar einzuholen haͤtte. Wie viel Mißgeburten wuͤrden da vielleicht der Welt erſpart werden, wenn, wie bei der Buͤcherzenſur, ohne das Imprimatur dieſes Raths, „ — 136— kein Prieſter das Recht zur Erzielung geſetzlicher Nach— kommenſchaft ertheilen duͤrfte. Denn die allzuverzerr⸗ ten Geſichter von Maͤnnern und Weibern muͤßten vom Traualtar fuͤr immer ausgeſchloſſen werden. Und nicht wahr— fiel Roſſelli lachend ein— den unverheiratheten aus dem Kuͤnſtlerrathe muͤßte dann, wie zuweilen gewiſſen Perſonen bei gewiſſen Grund⸗ ſtuͤcken und andern Dingen der Vorkauf, Falls eine Braut gar zu huͤbſch ſeyn ſollte, die Vorheirath zuge⸗ ſtanden werden? Auch das meinetwegen! antwortete Allori, wie denn uͤberhaupt alles zu billigen iſt, wodurch der Kunſt, oder ihren Prieſtern, ein Vortheil erwaͤchſt. Unter ſolchen Scherzen hatte Allori ſein Zeichen⸗ papier wieder eingepackt und war mit dem Freunde un⸗ willkuͤhrlich den Weg gegangen, welchen dieſer zuruͤck⸗ gekommen. So gelangten ſie auf eine Anhoͤhe. Der Anfang der gewoͤhnlichen Villegiatura belebte die ganze anmuthige Gegend wunderbar mit Menſchen. Vor allem aber hob ſich dem ſcharfen Auge der beiden Fuͤnſtler der bunte Glanz des Stadtlebens 4f dem einen Landhauſe hervor. — 137— Sieh da, rief Roſſelli, die Villa des urbildes mei⸗ uer Geſichtsſkizze. Es waͤre der Muͤhe werth, dem Feſte naͤher an den Leib zu treten.— Ja wohl— erwiederte Allori— die ungeladenen, die nur verſtohlen hinter einem Strauche hineinſchielen in ſolche Herrlichkeiten, ſind oft am beſten dran. Er⸗ ſtens brauchen ſie ſich den Launen des Wirths nicht zu fuͤgen und koͤnnen ihren Theil an der Sache aufgeben, wenn ſie wollen. Zweitens ſchweben ſie gleichſam wie die alten Goͤtter uͤber all dieſem Treiben⸗ 4 Und— verſetzte Roſſelli— wenn ſie Kuͤnſtler ſind, muß es ja wohl auch wenigſtens einiges fuͤr ihr Stu⸗ dienbuch abwerfen.— Die Freunde verſorgten ſich hierauf auf einem be⸗ nachbarten Meierhofe, welchem das Feſt doch noch einige Lebensmittel uͤbriggelaſſen hatte, mit einer frugalen Mittagskoſt, gingen der Villa naͤher und nahmen auf einer Wieſe Platz, hinter deren Gebuͤſch ſie ungeſehen alles beobachten konnten, was bei dem Sl vor⸗ ging.— Auf einem von hohen, herrlichen Eichen uͤberſchat⸗ teten Platze verſammelte ſich jetzt alles zum Mittag⸗ eſſen. Aber der Ueberfluß an Speiſen und Getraͤnke — 438— konnte doch keinen Ueberfluß an Luſt unter der zahlrei⸗ chen Verſammlung hervorbringen. Man ſprach offen⸗ bar wenig, und der Wirth ſelbſt zeigte eine untuhe die ihn bald hierhin, bald dahin trieb. Gänz leer peh die Schoͤnheit bei dieſem Vereine nicht aus! ſprach Allori. Beſonders giebt es ſo viel einzelnes Huͤbſches, hier ein Haͤndchen, dort eine Naſe, da ein Paar Augen, was, mit Vernunft zuſammenge⸗ arbeitet, ſchon ein recht artiges Bildchen liefern wuͤrde. Auch mag dem Wirthe in Gottesnamen die Braut blei⸗ ben, wenn, wie ich vorausſetze, das ſeine Nachbarin iſt. Ein Stuͤck verlegene, abgebleichte Waare, wie das, muß nicht juſt etwas Apartes von Ehemann haben wol⸗ len. Auch ſcheint ſie alt genug, um ſich zu faſſen, wenn der Patron wirklich noch einmal an den Galgen wandert und mithin ſein Geſicht ſo gewiſſenhaſt iſt zu halten, was es verſpricht. Die Beſte von allen Gäſten bleibt mir immer das Milchmädchen, das ich dir heute fruh empfahl. Siehſt du, das iſt ſie, die eben als Ge⸗ huͤlfin mit neuen Tellern herantrippelt. Nichts Be⸗ ſonderes und auch nichts Gemeines und doch, wenn man ſie in ſeidene Fleider ſtecte, die geborene Kd⸗ — 139—. nigin des wunderlichen Feſtes. So viel, ſiehſt du, kommt auf die Geburt an. Allori ward immer ausgelaſſener; nur etwas ſtorte ihn darin, daß naͤmlich, als die Tafel zu Ende war, einige von den maͤnnlichen Anweſenden dem artigen Milchmaͤdchen, wo ſie es unbemerkt konnten, die Wan⸗ ge ſtreichelten, oder ihr in's Ohr fluͤſterten. Das letz⸗ tere verdroß ihn beſonders. Gebete ſind's wahrlich nicht, ſagte er, was ihnen der Wein aus dem Munde treibt, und wenn ſo ein Burſch auch mit der Schuld ſchuldig werden moͤchte, ſo ſollte mir ſein giftiger Aushauch doch nicht die Un⸗ ſchuld verderben wollen. Ich fahre auch wahrlich noch los auf ſolch einen Suͤnder, wenn die Sache nicht aufhoͤrt. Er hatte das nicht noöthig. Denn jetzt, wie eben die Geſellſchaft den Spaziergang nach einer andern Ge⸗ gend einſchlug und Niemand mehr am Tiſche beſchäf⸗ tigt war, als das Milchmaͤdchen, da glaubte ihr zeit⸗ heriger furchtbarſter Ohrredner die Gelegenheit zu einem heimlichen Kuſſe wahrnehmen zu muͤſſen. Er erhielt aber von der Kleinen ſolch einen Backenſtreich, daß Allori vor Freuden laut gufſchrie und der alſo Abge⸗ — 4— wicſene ſein Geſicht ſchuͤchtern nach dem unſichtbaren bravo! zuruͤckwendend zu den uͤbrigen Gäſten eilte.— Eine artige Baumgruppe in der Nahe zog des Al⸗ lori Aufmerken bald darauf von dem Feſte wieder ab. Er ſetzte ſich aufs Neue zum Zeichnen, waͤhrend Roſelli davonſchlich, um wo moͤglich das ſchoͤne Greiſenantlitz eines der Gaͤſte ſeinem Studienbuche zu gewinnen. Allori, ſehr zufrieden mit ſeinem Funde, packte die wohlgerathene Skizze eben ein, als Roſſelli gleichfalls freudig wiederkehrte. Er war beim Zeichnen des Alten von mehrern aus der Geſellſchaft uͤberraſcht worden, und hatte nachher Auftrag erhalten, den Braͤutigam zu malen. Das war aber nicht der Grund ſeiner Freu⸗ de; der ruͤhrte von der Beſchaffenheit des Feſies her. Der ſogenannte Braͤutigam naͤmlich mußte des Gegen⸗ ſtandes ſeiner voreiligen Zaͤrtlichkeit entbehren, weil die⸗ ſer aus Furcht vor dem Gelage und vor ihm unpaß ge⸗ worden war. Nun hatte er aber die Uebrigen alle aus⸗ druͤcklich zu ſeiner Verlobung eingeladen. Dieſe Um⸗ ſtaͤnde gaben auf Einmal Auskunft uͤber die unverkenn⸗ bar ſeltſame Stimmung der Gäſte. — 141— Und die Braut ſoll wohl huͤbſch ſeyn? fragte Allori ſeinen Freund, der alles dies von einem mit anweſen⸗ den Gaſte, ſeinem alten Bekannten, wußte.— Nach dem, was mir geruͤhmt worden, iſt es ein wahres Prachtſtuͤck von einem Frauenbilde, ein eigent⸗ liches Wunder der Natur.— Und in der Nachbarſchaft hier auf dem Lande?— Auf einer Villa, noch kein Stuͤndchen weit.— Die muͤſſen wir aufſuchen! rief der zu allen Schelm⸗ ſtuͤcken eben aufgelegte Allori. Roſſelli hatte Vedenken dagegen. Der Wirth des Feſtes, ein gewiſſer Bambo, war mit den vornehmſten florentiniſchen Familien theils befreundet, theils bekannt, und konnte ihm manchen Schaden zufuͤgen. Daher verſetzte er: Welchen Vor⸗ wand haͤtten wir wohl zu einem Beſuche dieſer Art? Mein Himmel, ſprach Allori, des Madchens Schoͤn⸗ heit und unſern Kunſtberuf. Roſſelli wollte nichts davon wiſſen, Allori aber ent⸗ ſchloß ſich um ſo eher, das Abentheuer allein zu wagen, da er von ſeinem Freunde hoͤrte, das Feſt dauere we⸗ nigſtens noch uͤber eine Stunde, denn das ſey die Zeit, wo ein Feuerwerk abgebrannt werden ſolle. Indem ſie beide ſich der mit Lampen hellerlenchte⸗ ten Terraſſe naͤherten, wo die meiſten Gaͤſte auf und niedergingen, wallte, wie ein Zephyr, das leichtfuͤßige Milchmaädchen voruͤber. Halt Kind! rief da Allori, ſie erfaſend. So ſchnell kommſt du nicht von dannen, nun ich dich den ganzen Tag vergebens habhaft zu werden wuͤnſchte. Ach mein Horr, ſprach ſie aͤngſtlich, ich muß eilen. Die ſchoͤne Braut des Herrn Bambo ſchickt mich zu dem Arzte, dem Doktor Cataloni, der nicht we it von hier auf einer Villa ſeine Nächte zubringen ſoll.— Kennſt du den Doktor, Kind? tein, mein Herr. Ich weiß nicht einmal gewiß, ob es die zweite Villa rechts von hier iſt, oder die dritte.— Siehſt du wohl, Kleine, wie gut es geweſen, daß ich dich aufgehalten habe. Ich bin der Dottor Cataloni ſelbſt. Das Maͤdchen war hocherfrent uͤber die Nachricht, erſtens weil ſie ſo ihren Auftrag recht unverhofft und ſchnell ausgerichtet zu haben glaubte, und dann, weil ſie zugleich erfuhr, wer der Mann war, der immer ſo freundlich mit ihr gethan hatte. — 443— Allori verließ den kopſſchuttelnden Gefährten und nahm das Maͤdchen noch eine Strecke Weges mit ſich, wobei er ihr auf behutſame Weiſe einiges von den Verhältniſſen der Braut des Bambo abzulocken wußte. Er glaubte ſein Abenthener um ſo beſſer verfolgen zu koͤnnen, da er zugleich ganz zufaͤllig von der Kleinen vernahm, daß weder Giulia Mazzafirra, ſo hieß die Braut, noch irgend Jemand im Landhauſe ihrer Mut⸗ ter, den Doktor Catgloni je geſehen hatte. Die Villa und beſonders Güulia's Zimmer glich eher einem Gefängniſſe als einem Orte, wo man in laͤndlicher Fröhlichkeit die ſtrengen Formen der Stadt zu vergeſſen ſucht. Es war feſt verſchloſſen und finſter darin. Da kam auf die von dem bejahrten Aufſchließer in barſchem Tone ausgeſprochene Meldung des Doktors Cataloni, plötzlich vom Fenſter heruͤber, eine lange Geſtalt. Allori trat, als das Licht ſeines Fuͤhrers den Schleier von dem ſchoͤnen Eeſichte aufgehoben hatte, ſtaunend zuruͤck, und Ginlia ſprach: Herr Doktor, meine abwe⸗ ſende Mutter hat, Falls die Krankheit, in der ſie mich „perlie ſtärker werden ſollte, mir den Rath gegeben, Euch öm Euren Beiſtand anſprechen zu laſſen. Ver⸗ ⸗ — 144— zeibet, wenn dadurch einige Stoͤtung in die Ruhe Eures Lundlebens gekommen iſt. Mit Freuden— antwortete Allori— Er wollte die geiſtreichſte Artigkeit, die er jemals einem Menſchen geſagt, ihr zur Erwiederung geben. Aber die Trunken⸗ heit, worein Giulia's Reize ſein Ange geſtuͤrzt hatten, ſteckten auch ſeine Worte dergeſtalt an, daß ſie ganz verwirrt durch einander taumelten. Giulia, wie jedes ſchöne Kind, ihrer Schoͤnheit ſich vollig bewußt, war mit dieſer Verwirrung zufriedener, als ſie ſolches mit der ſüßeſten Schmeichelei geweſen ſeyn wuͤrde. Sie nahm hierauf dem noch immer harrenden Diener zor⸗ nigen Vlickes das Licht aus der Hand und verwies ihn aus dem Zimmer. Als dieſer ſie verlaſſen hatte, ſprach ſie: Sie ſehen ohngefaͤhr, Herr Doktor, in welchem Zuſtande ich hier zu leben gezwungen bin.— Man ſchließt mich ein, und um nur ein wenzg Luſt im Garten ſchoͤpfen zu koͤnnen, habe ich keinen Ausweg gewußt, als eine Verordnung zu einem Spaziergange bei Ihnen einzuholen.— Allori, herzlich froh, daß ſein ärztlicher Rath ſich hierauf beſchraͤnken konnte, faßte ſie ſogkeich bei der Hand, verließ mit ihr das Zimmer, und als drauſſen * ——— — 145— des zu ihrem Huͤter beſtellten Dieners Miene uͤber das Wohin? Erkundigung einzuziehen dachte, ſprach er mit Heftigkeit: Es iſt unverzeihlich, daß man einer Krau⸗ ken dieſer Art anſinnen will, nichts als die verdorbene Zimmerluſt einzuathmen.— Der Diener zuckte die Achſeln, als ob er ſagen wollte, der Wille ſeiner Gebieterin veranlaſſe das. Auch fuͤgte er hinzu, daß ja die Fenſter wohl offen waren.— Allein der verſtellte Arzt gab vor, dies reiche bei weitem nicht aus, und begleitete Giulien in den Garten. Hier bat ihn das Fraͤulein, nur einen Augen⸗ blick zu verweilen, waͤhrend ſie die Thuͤr eines kleinen Gartenhauſes aufſchloß und dahineinging. Allori wartete eine ziemliche Zeit. Er vegriff nicht, warum die Schoͤne ſo lange in dem finſtern Häuschen verweilte, naͤherte ſich daher endlich leiſe der Thür, fand dieſe aber verriegelt. Er rief immer aͤngſtlicher hinein. Keine Antwort.— Kalte Schweißtropfen tra⸗ ten ihm auf die Stirn mit dem Gedanken, daß viel⸗ leicht gar Giulia, eines Lebens uberdruͤſſig, wie man es ihr zumuthete, ſich getodtet haben koͤnne.— Welche Schuld fiel dabei auf ihn, weun es herauskam, daß 10 — 446— von ihm der Name des Doktors gemißbraucht wor⸗ den war? Ware an eine ruhige Etwagung der Sache von ſei⸗ ner Seite jetzt zu denken geweſen, ſo haͤtte er ſo ſchleu⸗ nig als moͤglich den Ort und die Rolle verlaſſen muͤſſen, die ihn in den ſchlimmſten Handel zu ziehen drohte. Allein viel zu tief in die Reize der kaum Gefundenen verſtrickt, um an etwas anders als ihren ſo unverhoff⸗ ten Verluſt zu denken, ſank er halb wahnſinnig auf eine entlegene Bank. Er kam nicht eher zu ſich, als bis in allen Gaͤngen des Gartens ſchon Lichter auf und nieder getragen wurden, nach Ginlien und ihm zu ſuchen. Der Diener, welcher ihm das Zimmer aufgeſchloſſen hatte, entdeckte ihn endlich und rief die Uebrigen herzu, unter denen auch Giulia's Mutter war. Alles fragte den vermeinten Arzt nach Giulien. Er ſagte, was er wuß⸗ te- Wutend eilte die Alte ſogleich nach dem Lnſthauſe. Es ward aufgeſchlagen, und man ſand, daß das Vo⸗ gelchen zur Hinterthuͤre, welche aufs freie Feld fuͤhrte, hinausgeflogen war. Allori hatte die heftigſten Reden auszuſtehen. Noch ſchlimmer wurde die Sache, als jetzt Hert Bambo, ſeine kranke Braut zu beſuchen, ebenfalls ankam. Denn — 7— dieſer kannte den Doktor Cataloni ſo genau, daß der Betrug, welchen Allori geſpielt hatte, ſogleich an's Licht kam. In daſſelbe Gemach, aus welchem Giulia entflohen war, ſperrte man nunmehr ihn ein, ſchaffte ein Vor⸗ legeſchloß herzu und verriegelte Thuͤren und Fenſter⸗ laden von auſſen auf die zweckmäßigſte Weiſe. O, ſagte Allori, als man wohl eine halbe Stunde lang an ſſeiner Befeſtigung ſchraubte und haͤmmerte, das haſt du nun von deiner oben hinausfahrenden Fuͤnſtlernatur! Haͤtteſt du heute fruͤh mit uͤbereinan⸗ dergeſchlagenen Beinen an dem Milchbreigeſichte ruhig fortgepinſelt, ſo wuͤrdeſt du nicht jetzt in einer ſo ver⸗ wuͤnſchten Lage feſtſitzen!— Werth iſt's die neue Be⸗ kanntſchaft freilich, daß man etwas um ihretwillen lei⸗ det. Zuviel aber bleibt denn doch immer zu viel. Er ſtellte ſich ſchon vor, wie er am folgenden Tage nach Florenz zuruckgebracht wurde und die groͤßte Schmach von ſeinem Abentheuer haben konnte, gelobte auch ſei⸗ nem guten Genius, im ganzen Leben nie wieder auf ſo ſchluͤpfriger Bahn ſich finden zu laſſen, wenn er ihn dieſes einzige Mal nur retten wollte. 40 Und wahrlich, der Genius neigte dem vielleicht nicht ſehr zuverlaͤſſigen Angſigeluͤbde ſein Ohr., Indem Allori in ſeinem finſtern Gewahrſam auf und nieder⸗ ging, gerieth er mit dem Fuße auf eine hohlklingende Stelle. Er buͤckte ſich danach. Er fand, daß es eine Fallthuͤre war. Er zog ſie auf und ſah, daß Mond⸗ licht unten eine Treppe, welche hinabfuͤhrte, erleuch⸗ tete. Wie der Blitz war er drunten, in dem ganz in Vergeſſenheit gerathenen alten Eiskeller, und durch ein kleines Fenſter deſſelben im Garten. Aus dieſem uͤber die Wand zu kommen, war Kinderſpiel. Allori mußte noch am folgenden Morgen laut auf⸗ lachen uber das Abentheuer der Nacht, und die wun⸗ derliche Vefeſtigung des Hanſes. Die Geſichter, welche die Befeſtiger geſchnitten haben mochten, wenn ſie ent⸗ deckten, wie ſie ſo einfältig ſich dabei benommen, daß der Gefangene entſchlupft war, gab ihm Anlaß zu einer recht komiſchen Zeichnung, bei welcher ſein Freund Roſ⸗ ſelli ihn noch uberraſchte. Aber vom Lachen kam er bald zum Ruͤhmen der Schonen, durch welche er in ſolche Verlegenheit gera⸗ then war, ſo daß auch Roſſelli ſegte: Was gilt's⸗ dein Porſatz, aͤhuliche Abentheuer aufzugeben, ſcheiterte — — — 149— heutigen Tages noch, wenn Fraͤulein Giulia zu erobern waͤre.— Ja, antwortete Allori achſelzuckend, drum verdenke ich's auch jedem, der ſich mit Vorſatzefaſſen viel ab⸗ giebt. Dieſe Güulia iſt eine wahre Hexenkoͤnigin. Wie ich heute Morgen aufwachte, haͤtte ich mir ſelbſt eine Ohrfeige geben moͤgen, daß ich dem Traume geglaubt, der ſie vor mich hin auf ein Pferd ſetzte, das uns ih⸗ rer Mutter aus dem Geſichte brachte. Weiß Gott, auf weſſen Pferde ſie eben heute durch die Welt reitet. Gleichwohl denke ich keinen einzigen Gedanken mehr aus, in dem ſie nicht ganz ungerufen ihr Naͤschen hin⸗ einſteckte. Bei jedem Hanſe faͤllt mir das Haus ein, wo ich ſie gefangen angetroffen. Jeder Banm weiß“ mir heute gar nichts weiter zu ſagen, als daß das ge⸗ ſtern auch Baͤume waren, unter denen ich mit ihr ging. So richten denn alle Dinge, die mir vot Augen kom⸗ men, kein vernuͤnftiges Wort mehr an mich, als daß ſie ſchoͤn ſey, wunderſchoͤn! Ich werde auch gar nicht umhin koͤnnen, ſie zu malen, wie ſie immer ewig vor meiner Seele ſteht.— Allori ſetzte dieſes in's Werk, und obſchon, als er in einigen Wochen damit zu Stande war, Roſſt li be⸗ —— — — 150— hauptete, in ſeinem Leben kein ſchoneres Geſicht geſe⸗ hen zu haben, ſo ſagte doch der Verfertiger: daraus merkt man gleich, daß ſie dir ſelber nie vorgekommen iſt. Sonſt wuͤrdeſt du ganz anders ſprechen von dieſem lumpigen Schattenbilde ihrer wunderlieblichen Geſtalt.— Uebrigens trug der Verliebte ſeinem Freunde auf, im Hauſe Bambo's, deſſen Porträt er am folgenden Tage dort anfangen wollte, Nachrichten einzuziehen uͤber den Stand der Dinge, und ob die Braut fortdauernd Wi⸗ derwillen gegen den ihr aufgedrungenen Braͤutigam be⸗ zeige?— Hierin leiſtete die Antwort, welche Roſſelli ihm zuruͤckbrachte, dem Liebenden Gnuͤge. Allein was half ihm ihr Widerwille gegen Vambo, da er zugleich ver⸗ nehmen mußte, ſie ſey ſeit jener Nacht vollig verſchwun⸗ den, und die Mutter bis jetzt noch nicht dem Liebhaber auf der Spur, bei welchem ſie ſich aufhalte.— Bei einem Liebhaber alſo? rief Allori aus.— Ei nun, lachte der Andere, iſt das ſo wunderſelt⸗ ſam, daß ein ſchoͤnes Mädchen bei Zeiten ſich mit einem Liebhaber einverſteht und mit ihm dann fluͤchtet, wenn die Verwandten ihrer Zukunft eine verhaßte Richtung geben wollen?— * Nein, gar nicht, ganz und gar nicht! lachte Allori, und ſtampfte dazu mit dem Fuße. Will aber auch von nun an der Schoͤnheit ganz entſagen 8 meine Kunſt der Haͤßlichkeit zuwenden. Dabei nahm er das verlaſſene, ihm ſo widerwartige Portraͤt der Prokuratorstochter wieder zur Hand. So recht! ſprach Roſſelli. Das Bild muß in ſeiner Art trefflich werden. Allori warf einen ſo finſtern Blick nach ihm hinuͤber, daß ſein Freund ſich lachend fernte. Er malte mit einer Art von Wuth an zem Bilde, und ſprach mehrere Tage kein Wort. Als er endlich damit fertig war und es ſo recht betrachtet hatte, wan⸗ delte ihn die Luſt an, ſein ganzes, wohlgelungenes Werk mit ein Paar tuͤchtigen Pinſelſtrichen wieder zu zerſtoören. Zum Gluͤcke trat noch ſein Diener und Far⸗ benreiber in demſelben Augenblicke mit einigen unbe⸗ quemen Rechnungen herein, welche Bezahlung verlang⸗ ten und weshalb dem Bilde Gnade geſchah. Der Beifall aber, welchen letzteres fand, konnte ihm keinen Troſt bringen, weil die ſchoͤne Mazzafirra durchaus nicht aus ſeinem Kopfe wich. Trotz dem Ge⸗ lüͤbde, welches er der Haͤßlichkeit gethan, malte er eine — 12— Zeit lang nichts als ihr Portraͤt, und kam endlich auf den Gedanken, ſeine eigene Thorheit in einem großen Gemaͤlde zur Schau zu ſtellen. Die Geſchichte der Ju⸗ dith, welche dem Holofernes das Haupt abgeſchlagen, ſollte ſein Gegenſtand werden. In der Perſon der Indith ſtralte die ſchoͤne Giulia, und das Haupt des Holofernes in ihrer Hand war ſein eigenes wohlgetrof. fenes Bildniß. Der Magd der Judith, welche einen Sack herzubringt, das Haupt hinein zu thun, gab er die Zuge ihrer Mutter, weil er ſich an dieſer zu rächen gedachte, daß ſie ihn in jener Racht ſo unfein ange⸗ laſſen hatte.— Unausgeſetzt benutzte er jeden Augenblic des Ta⸗ gelichtes, an dieſem Bilde mit allem Fleiße zu arbeiten. So ward es denn auch das ſchoͤnſte Gemalde, er je gefertigt.— Er lebte und webte einzig noch in dieſem Bilde. Vegierig, zu ſehen, welch einen Eindruck es auf an⸗ dere Menſchen machen wuͤrde, eilte er, es in die Saͤaͤle der Kunſtausſtellung bringen zu laſſen. Wie er nun hier, ſein Geſicht im Mantel verſteckt, in einem Winkel lauſchend zubringt, ſo erlebt er ſeinen hoͤchſten Triumph. Giulia ſelbſt, von der er nicht ein⸗ mal weiß, ob ſie nach Florenz zuruͤck iſt, ſieht er vor ſein Gemaͤlde treten. Da vergißt er ſeine Lauſcherrolle. Er nahet ſich ſchnell. Er beobachtet ihr Geſicht. Of⸗ fenbar erinnert ſich die Dargeſtellte der Aehnlichkeit des Kopfes des Holofernes in ihrer Hand mit dem Manne, der ſie in jener Nacht aus dem verſchloſſenen Zimmer in den Garten fuͤhrte. Sie blickt aͤngſtlich zuruͤck, einen der umſtehenden nach dem Verfertiger des Bildes zu fragen. Ein halber Schrei entſchluͤpft ihr beim Er⸗ blicen des Mannes. Die Worte fehlen. Endlich ſagt ſie aber doch: Verlaſſet jetzt dieſen Saal! Heut Abend eine halbe Stunde nach Ave Marin*) werde ich auf der Dreieinigkeitsbruͤcke ſeyn! Auſſer ſich vor Entzuͤcken eilte Allori hinweg und ſah noch, als er in der Thuͤre zuruͤckblickte, Ginlia's Mutter in einiger Entfernung mit Bambo daherkommen. Als der ſeinen Wuͤnſchen ſo heillos zoͤgernde Stun⸗ denſchlag ſchon lange verhallt war, da ergriff den Allori die Verzweiflung, und er ſagte zu ſich ſelbſt: Einfaͤl⸗ tigſter der Menſchen, daß du nicht auß den Gedanken —— * So viel wie nach Sonnenuntergang, halb eins 6 italiäniſchet Uhr. — 154— kameſt, dieſe, die einen Andern ſchon liebt, mochte dich wohl zum Beſten haben! Noch unſchluͤſſig, ob er uͤber das Bruͤckengelaͤnder hinab, oder wieder nach Hauſe ſollte, fuͤhlte er ſich jetzt von hinten leiſe an ſeinem Mantel gezogen. Kommt mit mir!— Mit euch? antwortete er zuruͤckprallend vor dem weiblichen Fratzengeſicht, von dem er angeredet wurde. Es nickte. Ich ſtand nicht weit hinter euch, fuhr das Maͤdchen fort, als heute Morgen bei der Gemaldeausſtellung mein Frarlein euch hierher beſchied. Man verſtaͤndigte ſich. Giulia, mit dem Schlage auf der Brucke eingetroffen, hatte daſelbſt den Bambo wahrgenommen und darum ihr Maͤdchen allein geſchickt, um den Allori nach einem weniger beſuchten Orte zu locken. Wer ſeyd ihr, mein Hert? war Giulia's erſie Frage an den Kuͤnſtler. Er gab ſich als den Verferti⸗ ger jenes Bildes zu ertennen. Wiſſet ihr auch, daß ihr die groͤßte unvorſichtigteit mit dieſem Bilde begangen habt? Alle Welt erkennet in den Zuͤgen der beiden Frauen mich und meine Mut⸗ — 155— ter. Euch hat man auch als den verſtellten Arzt von jener Nacht wiedererkannt. Ohnfehlbar werdet ihr ver⸗ folgt, vielleicht gar vor Gericht gezogen. Jetzt zum erſten Male gerieth der Kuͤnſtler auf den Gedanken, wie er durch dieſes Bild ſein eigner Verraͤther geworden, und ſprach, ſich vor die Stirne ſchlagend: Da ſehet ihr wohl, mein Fraͤulein, daß es wahr iſt, was ich malte; daß ich wirklich meinen Kopf verloren habe, verloren an euch. Denn ſeit ich euch ſah, will ich nichts anderes mehr ſehen, und ſeit ich vernahm, daß ihr bei einem Liebhaber lebtet, wollte ich auf der Welt gar nichts mehr hoͤren und ſehen. Eure Schoͤnheit ließ aber doch meine Phantaſie nicht ruhen, bis jenes Bild zu Stande gekommen war. Mit vielem Eifer widerlegte Giulia ihm hierauf ſeinen Verdacht wegen des Liebhabers. Sie verſicherte ihm, bei einer Freundin, dicht neben der Villa ihrer Mutter, verborgen geweſen zu ſeyn. Den Verdacht, daß Liebe ſie zu der Flucht bewogen, habe ſie unter der Hand beſtaͤtigen laſſen, weil ſie ihre Verfolger auf eine falſche Faͤhrte leiten und zugleich den Bambo von dem Gedanken einer Heirath mit lhr gaͤnzlich abbrin⸗ gen wollen. Beides aber ſey ihr mißlungen. Ein Zu⸗ „ — 156— fall habe endlich ihren Aufenthaltsort entdeckt, und Bambo, von ihrer Mutter beguͤnſtigt, veinige ſie mit ſeiner Zaͤrtlichkeit mehr denn je zuvor.— Entzuͤckt uͤber dieſe Aufklaͤrung bat Allori, daß, da denn einmal ſein Herz ſeinen Kopf in ihre Gewalt gebracht, ſie ihm doch ihr Herz dafuͤr widmen moͤchte. und wenn ich euch auch geſtuͤnde, erwiederte Gin⸗ lia, daß euer Erſcheinen ſogleich einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hat, was wuͤrde das uns frommèn, da meine Mutter und der ſogenannte Braͤutigam ſich gegen mein Gluͤck verſchworen haben? Das Kloſter, weiter bleibt kein Ausweg fuͤr mich, um den Armen, des Verhaßten zu entgehen. Wohlan, ſprach Allori, ſo beweiſet mir, daß ich euch nicht gleichgultig bin, dadurch, daß ihr das wahr macht, was fruͤher leerer Verdacht geweſen iſt. Gehet mit mir! Die Kunſt iſt mein Paß durch die ganze Welt, zumal wenn Liebe ihre Pflegerin werden will. Aber Giulia antwortete: Mit nichten. Jener leere Verdacht hat mich gekraͤnkt genng. Die Wahrheit deſ⸗ ſelben wuͤrde mich fur immer mit mir ſelbſt entzweien. Ich will euer ſeyn! Aber nur wenn es im Wege der Drdnung geſchehen kann. Wo nicht, ſo muß ich mich 1 in mein troſtloſes Geſchick ergeben. Denket nach, was zu thun ſeyn moͤchte. Ein ſinnreicher Mann wie ihr wird eher einen Ausweg finden, als eine unerfahrene, im Sinnen nicht ſonderlich geuͤbte Dirne. Uebermorgen um die heutige Zeit will ich wieder hierher kommen. Allori fuͤhlte ſich neugeboren. Der Liebhaber, wel⸗ cher ſein Leben verfinſtert hatte, war daraus hinweg⸗ genommen, und der Braͤutigam, meinte er, der der Braut unwillkommene Braͤutigam, muͤſſe auch hinweg. Es gebe ja gegen jedes ungeziefer gewoͤhnlich ein Hulfs⸗ mittel. Mit dem Fruͤheſten des folgenden Tages eilte er zu Roſſelli, welcher durch ſeine treffliche Abbildung des Bambo ſich bei dieſem einen großen Einfluß erworben hatte, und fragte ihn, ob er nicht vielleicht ein Mittel wiſſe, den gottvergeſſenen Ungeliebten wegen Giulia's auf andere Gedanken zu bringen. Roſſelli gab ihm ſchlechten Troſt. Bambo, ſagte et, ſey in das Maͤdchen ganz veruarrt, wiſſe auch, wem der Kopf des Holofernes auf jenem Bilde ge⸗ hoͤre, und denke ihn vor Gericht zu Ziehen wegen des Betrugs auf der Villa. — 158— Dazu lachte Allori, weil ihm ſchon bekannt war, daß die Vortrefflichkeit des ausgeſtellten Bildes ihm den Großherzog, der es zuvor geſehen, dergeſtalt ge⸗ neigt gemacht hatte, daß er auf ſeinen Schutz rechnen konnte. Allori erkundigte ſich naͤher nach den Eigenhei⸗ ten des Bambo und vernahm, daß eine ſeiner vorzuͤg⸗ lichſten die graͤnzenloſe Eiferſucht auf jeden Blick ſeiner Braut ſey. Daneben hoͤrte der Liebende von ſeines Gegners Leidenſchaft fuͤr alle Muſik, welche ſo weit ging, daß er die mit Zithern und Harfen umherziehen⸗ den Saͤnger, die vor ſeiner Wohnung voruͤberkamen, gewoͤhnlich zu ſich herein holen ließ, auch wenn er Gaͤſte hatte. Auf dieſe beiden Eigenheiten gruͤndete Allori ſeinen Plan. Er ging naͤmlich, weil er gerade nicht ſelbſt Seit dazu hatte, einen ſeiner Vekannten, einen gllezeit fertigen Reimer an, daß er ihm ein Paar Verſe machen moͤchte, einen bejahrten, eiferſuͤchtigen Mann von der Heirath eines jungen Frauenzimmers abzuſchrecken, und der Ppet lieferte ihm ein Lied, wel⸗ ches verdentſcht ohngefaͤhr alſo lauten wuͤrde: Ein junges Weib, ein alter Mann— Da kommt das Ungluͤck gleich zu Haufen 8 — 159— Durch Thuͤr und Fenſter eingelaufen.— An jedem Schluͤſſelloche kann Ein luͤſtern Maͤnnerauge lauern, In jedem Winkel einer kauern, Der nicht des Betens wegen ſich In's Haus des alten Mannes ſchlich. Dem Fenſter, wo ſie ſitzt und ſteht,* Dem wird auf Pferden und in Wagen Manch heißer Blick vorbeigetragen, Und wer nicht faͤhrt und reitet, geht. Es kommt ein Harfner angezogen, Und mitten aus der Toͤne Wogen Dringt, dir zum Poſſen, alter Thor, Die Lieb' in's Herz ihr durch das Ohr! Erlogen nur iſt das Gewand Des Bettlers, welcher dorten ſchleichet, Denn fuͤr die Gabe, die ſie reichet, Faͤllt ihr ein Brieſchen in die Hand. Und laͤßt die Dienerin ſich blicken, leich fragt ein Herrlein voll Entzuͤcken Das kleine Weſen, flink und ſchlan: Iſt ſie allein die junge Frau? — 1460— In allen Straßen nah und fern Da fluͤſtert einer zu dem andern⸗ Wenn Mann und Fran voruͤberwandern: Die waͤre treu dem alten Herrn? und wie ein blutbegier'ger Tiger Macht mancher luft'ge Weltbeſieger Die Runde brummend um das Haus: Geht denn der Alte heut nicht aus? Ein junges Weib, ein alter Mann— Da kommt das Ungluͤck gleich zu Haufen Durch Thuͤr und Fenſter eingelaufen, Denn wer noch jung iſt, meint, er kann, Sein eignes Leben zu verſchonen⸗ Den alten Herrn mit Dornen kroͤnen, und fragt bei jedem Morgenroth: Iſt denn der Alte noch nicht todt? pietro, Allori's Farbenreiber, ein Wildfang, der fruͤher auch durch Geſaͤnge zur Zither ſeinen Unterhalt erworben hatte, und mit Leuten dieſer Art noch immer umgang hielt, ubernahm ſogleich die Rolle des Sän⸗ gers. Ein Feſt, welches Bambo am Geburtstage der — — Mutter ſeiner Braut gab und zu dem auch Roſſelhi mit eingeladen war, ſollte ihm das neue Lied zuerſt kennen lehren. Die wandernden Tonkuͤnſtler kamen grade zur Tafelzeit auf ſeine Villa, wo das Feſt gefeiert wurde. Worauf gerechnet worden war, geſchah; man lud die muſikaliſchen Wanderer ein, ihre Kunſt im Speiſeſagle toͤnen zu laſſen. Das bemerkte Lied, welches Pietro unmittelbar nach einem ganz gewoͤhnlichen, mit ſeiner, wenn nicht ſchoͤnen, doch uͤberaus deutlichen, jedes Wort treu wiedergebenden, Stimme horen ließ, erregte, gleich einem Giſtbecher, gewaltige Verzuckungen auf dem Ge⸗ ſichte des Braͤutigams, der neben der von allem un⸗ terrichteten Braut ſeinen Sitz hatte. Er brach auch in ſolche Wuth uͤber den Geſang aus, daß er, ganz gegen ſeine Gewohnheit, die Tonkuͤnſtler brummend davon⸗ ſchickte. Allori, frohlockend uͤber das Gelingen ſeines Ver⸗ ſuchs, trieb nun den Pietro an, das Lied unter allen herumziehenden Saͤngerheerden zu verbreiten. Und da⸗ mit erreichte er ſeinen Zweck. Die Melodie gefiel ihnen dergeſtalt, daß das Lied unter Allen Mode wurde. Das bewog auch den Bambo, ſeinen zeitherigen Ge⸗ brauch gaͤnzlich aufzugeben, und die an ſein Haus ge⸗ 14 — 162— wöhnten Tonfuͤnſtler ohne Varmherzigkeit von der Thuͤre hinwegweiſen zu laſſen. Pietro unterließ nicht, ſeine vormaligen Kameraden dieſer Beleidigung halber zur Rache aufzufordern, und ſo geſchah es, daß, wo ſich der ihnen abhoid Gewordene nur ſehen ließ, dieſes Bild angeſtimmt wurde, das auch bald bei ihnen den Namen des Liedes vom Bambo erhielt. Endlich klang ihm der Geſang von jeder Zither und jeder Harfe in die Ohren. Das wurde ihm auf die Laͤnge zu arg, und er dachte, wie ihn das verwuͤnſchte Lied erſt verletzen muſſe, wenn Ginlia ſeine Gattin geworden ſey. Daher bekaͤmpfte er nun ſein Herz und ſuchte Gelegenheit, ſich von Giulia loszumachen. Die war, vei ihrer Geſinnung gegen ihn, leicht aufzufinden. Als er eines Abends mit ihr und der Mutter allein war, da verlangte er, die Folge vorausſehend, uͤber Ciſche einen Kuß von Giulien. Sie verweigerte ſol⸗ chen, und ſogleich ſagte er: Ich ſehe wohl, daß euer Widerwille gegen mich die Groͤße meiner Liebe zu euch fortdauernd zu überbieten ſucht, und bin der Sache endlich muͤde. Dazu ſtand er auf. Vergebens ſuchte die Alte alles wieder in's Gleiche zu bringen. Er beharrte bei ſeinem Vorſatze, den Plan; ſie zu heirathen, voͤllig aufzugeben. Seiner eigenen Narrheit indeß nicht trauend, fuͤrch⸗ tete er doch noch von Ginlia's Mutter, welche die Verbindung ihrer Tochter mit dem reichen und ange⸗ ſehenen Manne ſehnlich wuͤnſchte, wieder in's Netz der Reize des Maͤdchens gezogen zu werden, daher be⸗ ſchloß er ſchnell, eine andere, ſeinen Jahren und An⸗ fehen gemaͤßere Verbindung einzugehen. Darum aber war fuͤr die Liebenden noch immer nichts gewonnen. Denn Güulia's Mutter erklarte, als ihre Liebe gegen den Kuͤnſtler zur Sprache kam, die unverſoͤhnlichſte Feindſchaft dem Allori. Obſchon ſie nicht wußte, daß er der Anſtifter jenes dem Bambo ſo widerwärtigen Liedes geweſen, ſo hatte ſie ſich doch dadurch außerordentlich beleidigt gefuͤhlt, daß ihr auf ſeinem Gemalde die Rolle der Magd zugefallen war. Schon war es ausgemacht, daß die Jugend der ſchoͤnen Giulia unter dem Kloſterſchleier verbluͤhen — 164— ſollte, als die Verlobung des Bambo mit ſeiner neuen Praut ein Feſt veranlaßte, zu welchem unter andern auch Roſſelli geladen wurde. Saͤmmtliche Geladene wußten zwar von der Bedeutung des Tages, wer aber die Braut ſey, das hatte Bambo bis dahin ganz ge⸗ heim gehalten. Welch ein Erſtaunen, wie er ſie jetzt vorſtellte, uͤber den Abſtand zwiſchen ihr und ſeiner fruͤhern Geliebten. Denn ſeine Vraut war keine an⸗ dere, als die Prokuratorstochter, deren haͤßliches Bild des Allori Kunſtgefuͤhl ſo empoͤrt hatte. Der Braͤuti⸗ gam erzaͤhlte, daß er durch das Portraͤt der Braut bei der Ausſtellung auf die Idee gebracht worden ſey, der Dame ſein Herz zu entdecken. 8 Nun kam auf das Porträt ſelbſt die Rede, wel— ches, nach Roſſelli's Verſicherung, allgemeine Bewun⸗ derung unter den Fuͤnſtlern errest hatte. Als der Bräutigam vernahm, daß dieſes Portraͤt von dem näͤmlichen Maler verfertigt worden, welcher ſeine erſte Vraut in der Perſon der Indith dargeſtellt, da wollte ihm der Mann freilich gar nicht mehr beha⸗ gen. Der ſchlaue Roſſelli aber bemerkte, daß die be⸗ jahrte Braut ſeinem Freunde Criſtoforo ſich durch die⸗ noch immer bewundert wird. ſes Bild verpflichtet fuͤhlte. Daher ſtellte er ihr nach aufgehobener Tafel die Lage vor, in welcher der arme Allori ſich eben befand, um durch ihre Einwirkung dem Schickſale ſeiner Liebe eine guͤnſtige Wendung zu er⸗ theilen. Sie verſprach ihm ihre Beihuͤlfe und wendete ſich auch ſogleich an den mitanweſenden Aelteſten des Hauſes Pitti, einen uͤberaus reichen und augeſehenen Mann. Pitti fuhr am folgenden Tage ſelbſt zu Giulia's Mutter. Dieſe, geſchmeichelt durch die hohe Verwen⸗ dung, ließ ſich um ſo eher bewegen, dem Allori zu verzeihen, da ſein Vorſprecher ſie von dem Gedanken der Veleidigung, welche ihr widerfahren ſey, gaͤnzlich zuruͤckbrachte. Er zeigte ihr nämlich mit vieler Beredt⸗ ſamkeit, wie die Kunſt jeden Stand und alles zu ver⸗ edeln pflege, und es eher Erhebung als Herabſetzung ſey, was ihr von Allori widerfahren, indem er ihr auf einem Bilde einen Platz eingeraͤumt habe, welches al⸗ lein faͤhig ſey, ſeinen Verfertiger unſterblich zu machen. Pitti kaufte auch das Bild fuͤr ſeinen Pall aſ⸗ wo es Allori aber hielt in den Armen ſeiner ſchonen Frau gar oft der Häßlichkeit eine Lobrede, weil doch wirklich ſie, in der Perſon der Prokuratorstochter, es gewe⸗ ſen war, die ihm zu der geliebten Schonheit verholfen hatte. 2 —