4. Der Wintermond hatte ſeinen weißen Flockenmantel uͤber Baͤume und Pfade des fuͤrſtlichen Schloßgartens geworfen und droben funkelten die Sterne des Himmels in wundervoller Pracht. O Mutter, liebe Mutter! rief Arminia vom Fenſter heruͤber. Komm doch und ſieh, wie kalt und ſtarr die Erde da drunten liegt, während der Himmel all Liebes fackeln angezundet hat! Die Hofmarſchallin von Sendow, netin aus einem Meete truͤber Gedanken emporgeriſſen, erhob ſch hnell vom Sopha, ſchloß die geliebte Sechszehn⸗ ge in die Arme und ſprach: Das iſt immer alſo, 8 Rind. Je liebloſer die Erde uns erſcheint, deſto wirmere Blicke hat der Himmel fuͤr uns, ſo lange wir ſeinen Wiederſchein im Herzen tragen! Heute— fuhr Arminia fort, die blonden Locken aus den dunkelblauen Augen ſtreichend— ente ſchon ſollte Chriſtabend ſeyn!— Freue dich nicht zu ſehr auf dieſen, gute Tochter. Die Zeiten ſind dem Wunſche deiner Neltern zuwider, dich durch recht ſtattliche Gaben zu erfreuen. Als ob's die Gaben wären, peſte Mutter, und nicht rielmehr der Glanz, der ſie umleuchtet und der Gedanke an das hoͤhere Licht, der den eigentlichen Kern dieſes Glanzes ausmacht? Darum eben wuͤnſchte ich den Chriſtabend hauptſaͤchlich auch durch die Kerzen des Himmels verherrlichet. Theuerſte Arminia— ſprach die Mutter— bei dieſer Geſinnung iſt jeder Abend ein Chriſtabend für dich und der Himmel auch dann ein Chri abendhimmel⸗ wenn dicke, ſchwarze Wolken ihn verhüllen. Darfſt du doch nur in die eigene Bruſt ſchaue wo ſeine im hoͤchſten Glanze leuchten.— a knarrt noch druͤben eine Thuͤre i .. Schloſſes auf, rief Arminia. C Mantel watet heruͤber nach unſerm Flügel du bahnloſen Schnee. Das muß wohl einer vom C prinzen ſeyn. Außer dem wohnt ja Niemand im dor⸗ tigen Erdgeſchoſſe? Fran von Sendow ſtarrte ſowelent den Kom⸗ menden an. Warum er nur dieſen unbequemen Weg waͤhlen und nicht lieber uͤber die Gaͤnge heruͤber kommen mag? 3 ſprach Arminia verwundert. Frau von Sendow ſeufzte. Sie ſeufzte bald noch einmal, als Prinz Bruno ſelbſt in's Zimmer trat. Verzeihen ſie, meine Damen— begann der wohl⸗ gewachſene junge Mann und ſein ſchoͤnes, geiſtreiches Geſicht unterſtutzte die Bitte auf's kraͤftigſte— verzeihen ſie, wenn ich heute den erſten Verſuch wage, die Eintd⸗ nigkeit des hieſigen Hoflebens ein wenig zu unterbrechen⸗ Wie billig— dabei glitt ſein Blick ehrerbietig uͤber das Geſicht Mutter nach Arminiens Auge hin— wie ch bei ihnen an, wenn ich auch nicht weiß, eine Abendbeſuche regelmäßig im ganzen rchmachen werde. von Sendow ſah ſich gedrungen, die Artig⸗ urch Verbeugungen zu erwiedern und der Prinz fort: Man gewoͤhnt ſich freilich an Alles. Aber den auf Entſagung Gefaßten, der eben heimkehrt aus der Welt und dem Genuſſe gller anſtaͤndigen Freuden, die ſie darbietet, muß bei dieſem La Trappe ein ziemlicher Schauer umat au Winter⸗ abenden, wie der heutige Schloſſ Wie indeß Ew. Durchlaucht ſagten— warf die Wirthin mit der Ehrfurcht ein, welche der Rang des Anweſenden gebot— man gewoͤhnt ſich an Alles. So hat erſt vor Kurzem meine Arminia, hier vom Fenſter 6, dieſen namlichen Winterabend hochgeprieſen. O, das glaube ich gern— erwiederte der Prinz— die Schoͤnheit des weibliche n Herzens wirft ihren ver⸗ klärenden Zauber uͤber jede Naturerſcheinung und genuͤgt ſich daran, ſo lange die Welt ihre Reize noch uicht entfaltet hat vor ihr. Dahin aber es denn doch auch kommen. Ich achte es n Pllicht, die erlaubten Freuden, welche dut und die m ehrwürdigen 3 und ſo auch der ſchonſten Blume dieſes Hoh anmuthigen Kreis zu verſchaffen. Denn die eit Zuſammenkunfte und Hofbaͤlle ſind offenba gemacht, den Frohſinn zu verſcheuchen durch Foͤrmit 5 keit und Grimaſſe, als ihn hervorzubringen oder Zü beleben.— Zunachſt aber denke ich darauf, einen kleinen Zirkel von Auserwählten zu errichten und habe ſchon vorlänfig daruͤber mit dem Hofmarſchall geſprochen. ———— Darf ich meinen Antrag ihrer Unterſtuͤtzung empſfehlen, liebe Sendow?— Die Hofmarſchallin aͤußerte, daß ſie alle Wuͤnſche des Erbprinzen an ſie fuͤr Befehle achte und bald ver⸗ dunſtete das Geſpraͤch in dem Nebelſchimmer gegen⸗ ſeitiger Hoͤflichkeit.— Als der Prinz hinweg war, entſtand eine lange Pauſe. Endlich nahm die Mutter das Wort: Was, mein Kind, verſprichſt du dir von den neuen Einrich⸗ tungen, welche der Erbprinz im Sinne hat? Sie ſind mir, antwortete Arminia, noch viel zu unklar, gls daß ich davon etwas hoffen oder fuͤrchten moͤchte. ochter— verſetzte Frau von Sendow— reinen Sinn für das Unvergaͤngliche. te die Menſchen, mit denen das Schickſal unſer umgab, als Theilnehmer an einem großen alle. Wie auch dieſer ſich geſtalten moge, ſein Veſen wird immer daſſelbe: Schein und Larve, bleiben. Bewahre— um auf unſer voriges Geſpräch zuruͤckzu⸗ kommen— bewahre die Sterne des Zn in deiner Bruſt. — ſchon, wird es hergehen. Der künftige Fuͤrſt 2. Der Hofmarſchall trat herein, als die Mutter ihr Kind noch mit groͤßter Innigkeit umarmt hielt. Ver⸗ druͤßlich uͤber die Szene, ſtieß er ſeinen guten Abend ſo kurz heraus daß Frau von Sendow ſogleich von Arminien abließ. Sein kalter Spott hätte ſonſt gar noch ihre Innigkeit durch Worte unſanft beruͤhren koͤnnen. Der Erbprinz iſt da geweſen? ſprach er, ſeiner Ge⸗ mahlin nun mit Freunblichkeit die Hand kuͤſſend. Er berief ſich— antwortete Frau von Sendow— auf eine frühere Beſprechung mit dir. Die habe ich mit ihm gehabt. Reformen verlangt er am Hofe und er hat Recht, weil er jung und voll Lebenskraft iſt. Sein alter, kraͤnklicher Vater aber⸗ wüd ſeine Auſichten misbilligen, und der hat we iger Recht. Ueber meine Haut, ſo viel daß ich dem jetzigen die Aenderungen vorſch möchte. Allein, zwiſchen das Rechthaben Veſber ein⸗ geklemmt, koͤnnte der Hofmarſchall, als ſolcher, leicht den Geiſt aufgeben muͤſſen. Darum habe ich den Erb⸗ yrinzen auf die Idee gebracht, ſeinen Vater einſtweilen 1 3 —————— ———— 2 anz aus dem Spiele zu laſſen und lieber kleine Ge⸗ ſellſchaften zuſammenzubringen, ohne des alten Fuͤrſten Autorität. Naͤchſter Tage wird bei uns die erſte ſeyn. Warum denn grade bei uns die erſte? fragte ſeine Gemahlin bekuͤmmert, Viele Andere waͤren gewiß darauf weit beſſer eingerichtet, als wir. Das iſt unſer Fehler, und alle Fehler wollen ab⸗ gebuͤßt ſeyn. Ueber Hals und Kopf muß die Einrich⸗ tung getroffen werden. Der Hofmarſchall muß ſeiner Stelle Ehre machen, und da es das eigene Haus betrifft, ſo wird ſeine Gemahlin nicht verſaͤumen, ihn moͤglichſt zu unterſtuͤtzen.— Gewiſſermaßen muß ich ſogar den Umſturz billigen, der alle zeitherigen Ge⸗ brauche nach und nach bedroht. Auch Arminiens wegen. Was ſoll des Madchens Ingend in dieſer Einſamkeit? Sich— ſiel Frau von Sendow mit Waͤrme ein— ſich würdig vorbereiten auf das kunſtige, ſtile Hausleben. Weit beſſer— entgegnete er— kann ſie das in der erfreulichen Weiſe einer anſtaͤndigen Geſellſchaft. Glauben ſie mir, liebe Gemahlin, daß mancher Gatte viel gluͤcklicher leben wuͤrde mit ſeiner ſonſt trefflichen Frau, wenn dieſe mehr in der ſchoͤnen Gewandheit der cherlich will. feinern Welt zu Hauſe, ihm ihren duͤſtern Tadel der menſchlichen Verderbniß erſparte, und nur leiſe und ſpottend uber die Auswuͤchſe der S hin⸗ ſchluͤpfte. Frau von Sendow fuͤhlte, wem dieſes galt und erwiederte nichts. Ihre Hand mit Laͤcheln erfaſſend, fuhr der Hof⸗ marſchall fort: Unſre Arminia weiß ſo viel, ſie ſingt ſo lieblich, ſie tanzt ſo ſchoͤn! Aber wofuͤr das Alles? Die Sitte, die Vorſtellung, welche man von der Bildung ſich macht, etheiſchen es alſo, erwiederte ſie. Und grade dieſe Vorſtellung von der Vildung— ſprach der Hofmarſchall ſehr ernſt— verlangt, daß wir die zeitherigen kloͤſterlichen Gewohnheiten fahren laſſen. Arminia iſt nicht fuͤr das Nonnenleben, ſie iſt fuͤr die Welt, ja noch mehr, vermuthlich fuͤr den Hof⸗ be⸗ ſtimmt. Nur zwei Augen duͤrfen ſich ſchließen, zwei Augen, denen es offenbar ſchon ſehr an Lebenskraft gobricht, und die jetzt ſo ruhig ſchlafenden Hoͤflinge werden insgeſammt aufſpringen und tanzen, wie durch Oberons Horn oder Tarantelſtich gezwungen. Dann muß jeder vorbereitet ſeyn, wer nicht abſurd und la⸗ — 11— Arminia's Schlafſtunde ſchlug. Sie begruͤßte die Veltern und ging. Jetzt eroͤffnete Frau von Sendow ihrem Gemahl, was ihr die meiſte Sorge mache. Es war die beſondere Aufmerkſamkeit des Erbprinzen auf Arminien. Schwachheiten, laͤchelte der Hofmarſchall. Der Prinz iſt zu rechtlich, um in unſerm Hauſe ſeinen Heishunger ſtillen zu wollen. Was er nicht will, kann der Leidenſchaft uͤber ihn gelingen. Uebertriebene Sorge! Sind wir doch beide immer bei der Hand und konnen uns zudem auf Arminien verlaſſen. Gewiß!— antwortete ſie. Wenn nur nicht auch von ihrer Seite die Leidenſchaft kommt. Mir ſcheint ihr Auge mit großem Wohlgefallen auf dem ſchoͤnen Erbprinzen zu verweilen. Das iſt natuͤrlich; das uebrige aber, das du erra⸗ then laͤſſeſt, zu weit getriebene Mutterſorge. O moͤchte es das ſeyn! Aber ſchon bei der erſten Cour nach Bruno's Ruͤckkehr ſah ich mit wie großer Theilnahme unſere gute Tochter ihn betrachtete und ſein beſonderes Aufmerken auf ſie durch ein Betragen ——ůů c—r auerkannte, das von den meiſten ohnſtreitig fuͤr Ko⸗ ketterie genommen wurde. Wie ſehr ich dieſe auch verabſcheue, und wie fern ich Arminien ſtets von ihr zu halten ſuchte, dasmal haͤtte ich beinahe lieber geſehen, es wäre ſolche geweſen. Allein es war durchaus nichts, als das unwillkuͤhrliche Aufwallen eines von des Prinzen Blicken und Worten bis in's Innerſte getroffenen Herzens.— Kaum war ich allein mit ihr, ſo beſtaͤtigte ſich dieſe Vermnthung. Arminiens Lippen floſſen uber von Brnno's Lobe.— Da hielt ich's denn fuͤr meine Pflicht, nicht, ihr zu widerſprechen, nein, nur, wie zufaͤllig, durch eine Darſtellung der Verſchiedenheit zwiſchen des Prinzen und unſern Verhaͤltniſſen, den Strom ihrer Gefuͤhle zu daͤmmen. Je ſchneller ich meinen Zweck erreichte, deſto klarer wurde mir der tiefe Eindruck des ſchoͤnen Mannes auf ſie. Seitdem iſt keine einzige Bemerkung uber ihn von freien Stuͤcken aus Arminiens Munde gegangen, und als Bruno vor⸗ hin hier war, kaͤmpfte in ihr ſichtlich die Anſtrengung, nicht zu misfallen, mit der Verwirrung, worein ſeine Gegenwart ſie verſetzte. Dein Sehrohr fuͤr die Zukunft, mein Kind— entgegnete Sendom— iſt ſtets mit einem ſchwarzen 6 — H. Glaſe verſehen. Sceſt du aber diesmal E haben, ſo kommt dein Kummer doch viel z Faſt immer geſtaltet die Zukunft ſich anders, als in unſern Traͤumen uns umgaukelt. Kein Angenblick koͤnnte ja der Ruhe uͤbrig bleiben, wollte man vor Schreckgeſtalten ſich fuͤrchten, welche noch gar nicht vorhanden ſind.— Die betrubte Mutter verſank in tiefes Nachdenken, waͤhrend der Hofmarſchall ſich an den Tiſch ſetzte, eine Parthie in ſeiner Abweſenheit angekommener deitblätter mit fluͤchtigem Ange zu durchirren. 37 — 3. Der neue Geiſt offenbarte ſich bald am Hofe. Auf des Erbprinzens Veranſtaltung mußten am folgenden Morgen alle Hofſchlitten in Thaͤtigkeit kommen. Sie hatten lange Jahre geruht, und die Aufſeher daruͤber, welche in dieſer Ruhe ihre eigene liebten, ſprachen viel von der Unmoͤglichkeit, ſie bis zum Mittag herzuſtellen. Aber die Jugend des Prinzen glaubte nicht ſo leicht an die Unmoͤhlichkeit, als das Alter ſeines Vaters. Er kam ſelbſt, die Faulheit eines Beſſern zu belehren und zur größten Verwunderung des ganzen Hofes pranste 5 3 S ————— im Sagle herrſchenden Kaͤlte nicht herruͤhren konnte. — 14— nach der Mittagstafel eine ſehr große Anzahl von tten im Schloßraume. Der Prinz, an geſchmack⸗ volleres Fuhrwerk dieſer Art gewoͤhnt, lachte hoch auf, als die, zum Theil ſchon hundert Jahr alten, Renn⸗ ſchlitten mit ihren ſeltſamen Verzierungen und den goldenen und ſilbernen Beſtien, welche dem beſtaubten Glanze der Heraldik ihr fabelhaftes Daſeyn zu ver⸗ danken ſchienen, einer nach dem andern, heranſchellten. Fuͤrſt und Fuͤrſtin hatten ſich ſelbſt zur Theilnahme bewegen laſſen. Sie lachten gleichfalls uͤber die ver⸗ ſammelte Menagerie hoͤlzerner Ungeheuer. Im Saale, wo der Verein geſchah, ſcherzten die eingeladenen Damen laut uͤber die Frage, wer wohl zu ihrem Ritter beſtimmt ſeyn werde. Der Erbprinz hatte nämlich dieſe Wahl ſich vorbehalten. Die meiſten verſicherten lachend, daß ſie mit jedem zufrieden ſeyn wuͤrden, der gut zu fahren und das ümwerfen zu ver⸗ meiden wiſſe. Frau von Sendow hieß ſich ihre Vemer⸗ kungen und Zuſtimmungeu abnoͤthigen. Sie fuͤrchtete ſehr, daß Brunv Arminiens Fuͤhrer werden moͤchte. Arminia ſtand neben ihr, ſichtbar beklommenund mit einer Glut in dem zarten Geſichte, welche ganz offenbar von der Endlich fiel der Mutter die Sorge vom Herzen; die Wahl nurde kund. Der Erbprinz fuhr die Furſtin und Arminie erhielt einen, dem Range nach angeſehenen, aber hoͤchſt unbedeutenden, wenig intereſſanten Hofmann „ zu ihrem Fuͤhrer.— 1 Allein hiermit war die Furcht der Hofmakſchallin noch nicht ganz beſeitigt. Als man mit einbrechendem Abende von dem benachbarten Luſtſchloſſe, wo der Faſſee eingenommen worden, zuruͤckfahren wollte, da fand es ſich, daß für Fuͤrſt und Fuͤrſtin, ſo wie fuͤr mehrere der aͤltern Hoflente, zweiſitzige, der aͤußern Kaͤlte durch Verwahrung beſſer als Rennſchlitten Trotz o bietende Schlitten bereit ſtanden. Jetzt ging die Mut⸗ terſorge von Neuem an. Aber Arminie behielt ihren fruͤhern Geſellſchafter. Der Erbprinz waͤhlte ihre Mut⸗ ter zu ſeiner Dame. Bei der Fahrt ſelbſt wurde der Dampf der vielen Fackeln den ſchwachen Nerven der Frau von Sendow unertraͤglich. Er brachte ſie einer Ohnmacht nahe, ſo daß ſie auf der Haͤlfte des Weges den Prinzen bitten mußte, aus der Reihe der uͤbrigen Schlitten zu biegen und ihr zu erlauben, fuͤr kurze Zeit in einem benach⸗ barten Hauſe zu verweilen. — 16 Vei dieſer Gelegenheit entfaltete ſich das Gemüth des Prinzen ſehr beruhigend vor ihr. Erſt durch die Theilnahme, velche er ihrem krankhaften Zuſtande bewieß, und dann auch noch weit mehr durch ſeine Aeußerung uͤber Arminien. Er ſelbſt alaubte, daß ein ſo zartes, inniges Weſen an der Hofluft immer den grimmigſten Feind habe. Zwar zweifle er am Daſeyn einer Bosheit, welche ſolch eine ſuͤße Unſchuld mit Vorſatz zu vernichten trachten ſollte. Allein, was Bos⸗ heit nicht thue, koͤnne wohl der Schwaͤche gelingen. Uebrigens ſey er im Stande, einen Schwachen dieſer Art, wie den Boshafteſten zu beſtrafen. Als ein wahres Gluͤck fuͤr Arminien betrachte er den Beſitz einer aufmerkſamen Mutter, die zugleich iede Verlaͤumdung erhaben ſey. O mein Prinz, ſprach die von Dank und Freude Hocherglähende, dieſes Kind iſt das Kleinod meines Lebens. Sollte jemals eine Furcht vor Gefahr in mir entſtehen, und ich vielleicht die Entfernung meiner Arminie vom Hofe fuͤr heilſam erachten, darf ich mich dann an ſie wenden, daß ſie mich im Nothfalle bei meiuem Gemahle vertreten, der fuͤr dergleichen Ge⸗ — 7*— . fahren zu wenig Sinn hat, um mir allein eine Bitte ſolcher Art zu gewaͤhren? Wuͤrdigſte der Frauen— antwortete der Prinz— rechnen ſie auf meinen Eifer, auf meinen Beiſtand in allen Dingen, welche ſie zu ihrem und dem Gluͤck ihrer Tochter fuͤr noͤthig achten.— *„ Ball, den man bei dem Erbprinzen veran⸗ ſtaltet fand, uͤberraſchte die Jugend des Hofes und der Stadt auf eine ſehr hoͤchſt angenehme Weiſe. Keine Pracht; viel Geſchmack! ſchien der Wahlſpruch des An⸗ ſtellers dieſes Vergnuͤgens zu heißen. Die am dortigen „ Hofe ergraueten Damen und Herren fanden ſich freilich nicht recht darein. Auf die Turnierunfähigkeit der An⸗ weſenden war gar keine Ruͤckſicht genommen, und wer ſichtbar uͤber den achtbaren Buͤrger die Naſe ruͤmpfte, der hatte vor dem glaͤnzenden Witze des Erbprinzen keine Ruhe. Dieſer war ſo zuftieden mit der Frende, die ſeinem kleinen Feſte ſichtbar vorſtand, daß er ſolches ge rn den darauf folgenden Sonntag wiederholt haͤtte. Allein die eingetretene heilige Zeit, in welcher ſo rau⸗ ete Vergnuͤgungen nicht ſtatt finden durften, ſtand 1 der Ausfuͤhrung ſeines Wunſches im 2 Wege. 2 — — 4. Mehrere Mal zog der Hofmarſchall„ wenn er und ſeine Gemahlin allein waren, dieſe mit ibrem Preiſen des zuruͤckgekehrten Erbprinzen auf. Seit der Schlit— 3 tenfahrt war, in Abweſenheit Arminiens ihr Mund immer davon voll. Er behauptete lachend, der Prinz„ muͤſſe in die Taſſe Kaffee, den ſie an jenem Nachmit⸗ tage eingenommen, einen Liebestrank heimlich gethan haben. Wirklich fing Frau von Sendow jetzt an, ihrer Tochter, wie ſie ſelbſt ſagte, natürliche Neigung zu einem ſo ſehr uber andere hervorragenden Manne mehr zu fürchten, als des Prinzen Misbrauch ihres Umgangs. Denn beim Balle, und nachher, betrug er ſich mit ſo vieler Zurückhaltung als Aufmerkſamkeit gegen die ge⸗ borene Koͤnigin deſſelben, die ſchoͤne Arminia. Letzteres mochte unfehlbar von dem Scherze herruͤhren, zu welchem ſein erſter Abendbeſuch bei der Familie des Hofmarſchalls ſeinen Aeltern Gelegenheit gegeben hatte. Der Prinz haͤtte uber die erleuchteten Gaͤnge viel be⸗ uemer zu Sendow's gelangen können? Allein er ſchien. das Auge der dort Wacht haltenden Garde haben ver⸗ meiden wollen. Freilich war ihm nicht eingefallen, daß ſeine eigenen Fußtritte durch den bahnloſen Schnee weit —— ſchlimmere Verraͤther an ihHm werden muͤßten, als jenes Auge. Sein Miniaturportraͤt, das er in Paris fertigen laſſen und ſeiner Mutter mitgebracht hatte, erregte große Aufmerkſamkeit am Hofe, durch die Aehnlichkeit, welche man daran fand. Ein hier angeſtellter, geſchickter Maler behauptete dagegen, daß dieſer und jener Zug doch ganz anders in der Natur erſcheine. Man mußte das einraͤumen. Der Prinz fragte, ob der Maler ſich getraue, ſein Geſicht noch treuer, als der Pariſer Kuͤnſtler, wiederzugeben. Der Deutſche wollte es ver⸗ ſuchen. Am Gelingen zweifelnd, wie die Fuͤrſtin, ver⸗ ſprach der Prinz, als Abends im Zirkel bei letzterer mehrere Damen mit Feinheit den Wunſch aͤußerten, Veſitzerinnen des beſtellten Bildes zu werden, ſolches, wenn es fertig wuͤrde bis zum Weihnachtsvorabende, zu verlooſen. Sein gegebenes Wort allein war Schuld, daß die Sache nicht ruckgaͤngig wurde. Denn Jedermann fand das neue Miniakurporträt viel ähnlicher, als das Pa⸗ riſer, und die Fuͤrſtin Mutter verbarg nur mit Muͤhe ihren Unmuth daruͤber, daß, eben jenes Wortes halber, nicht einmal ein Tauſch eintreten durfte⸗ Der geſellſchaftliche Verein, welchen der Prinz ge⸗ ſtiftet, ſollte endlich am Weihnachtsvorabende bei dem Hofmarſchall ſtatt finden. Frau von Sendow war nicht ohne Unruhe. Ihr zu dem Erbprinzen neuerlich ge⸗ faßtes Zutrauen erlitt zwar noch immer keine Vermin dernng, allein Arminia's Porliebe fuͤr ihn und die Frage peinigte ſie doch, 6 ſein offenbar zu wenig be⸗ wachtes Herz ihm und— nicht noch den empfindlichſten Streich ſpielen könne. Was er in der erſten Zeit nach der Schlittenfahrt verſäumt hatte, ſchien er almaͤhlig nachholen zu wollen. Er ſprach mehr mit Arminien, als mit den Andern. Da der Schnee ganz hinweg war, kam er Pſt jeden Abend durch den Garten, wenigſtens auf ein Viertelſtuͤndchen zu Sendow's, konnte auch ſeine unruhe ſchner verbergen, wenn einmal Arminin ab⸗ weſend war. Beſonders fuͤrchtete die Hofmarſchallin dieſen Weih⸗ nachtsvorabend. Arminia hatte von ihm im Voraus wiederholt mit Entzuͤcken des umſtands gedacht, wenn etwa in der kleinen Lotterie, welche Bruno veranſtaiten wollte, ſein Bildniß auf ſie fiele. Das eine Mal war ihr, zum größten Mißvergnugen der Mutter, ———— —— „— ———— dieſe Aeußerung ſogar in des Prinzen Beiſeyn ent⸗ ſchluͤpft. Wie wenn, unter ſolchen Umſtaͤnden, dem Looſe — eine geheime Richtung gegeben wuͤrde!— 6. Die Weihnachtsbeſcheerung, welche, wegen der er⸗ warteten Gaͤſte, zeitiger als gewoͤhnlich eintrat, war auch ſtiller und feierlicher als gewoͤhnlich. Die zahl⸗ reichen Kerzen wollten den Chriſtgeſchenken fuͤr die geliebte Tochter diesmal nicht den Zauberglanz mit⸗ theilen, in dem ſie ſich ſonſt immer ſo ſelig befunden hatte. Vergebens warteten die Aeltern, daß ſie, wie andere Mal, ſchnell und vorzugswelſe irgend einem Gegenſtande ſich zuwenden werde. Alles betrachtete ſie mit leichtem Wohlgeſallen, und nach und nach. Sogar das, wie es ſchien, weniger aus innerm Antriebe, als um den Gebern die gehoffte Freude nicht zu ver⸗ derben.— Der Hofmarſchall, ihre geringe Theilnahme mer⸗ kend, verließ unzufrieden das Zimmer. Seiner Ge⸗ mahlin konnte ſie um ſo weniger entgehen, da dieſe ſie vorausgeſehen hatte. Gleichwohl hielt ſie für das Veſte, es zu veſchweigen und der Tochter jenen Abend am Fenſter, an welchem der Prinz nachher erſchien, in's Andenken zu rufen. Dem heutigen Himmel— ſo ſchloß ſie— fehlen wirklich die Sterne, welche du damals ſo vewunderteſt. Bewahre du aber nur die heiligern in deiner Bruſt. Sie ſind die reinſten Funken des gottlichen Glanzes!— Ich werde ſie bewahren, theure Mutter! rief Arminia, ſich innis der Bruſt der Weinenden an⸗ ſchmiegend. Der Erbprinz trat herein. Er wirkte ſtoͤrend, bemerkte das und ſprach: Entſchuldigen ſie, wenn ich eine Stunde zu fruh erſcheine. Meiner Rechnung nach geſchieht es nicht einmal fruͤh genug. Ich haͤtte ſo gern in einem Winkel dieſes Zimmers verborgen mit ange⸗ ſehen, wenn die Thuͤr ſich aufgethan und Arminia nach dem kerzenvollen Tiſche gehuͤpft waͤre. Die Freude der Jugend beim Empfenge der Chriſtgeſchenke iſt ein wahrhaft himmliſches Licht, gemacht alle Freudenkeime in der Bruſt jedes fuͤhlenden Zuſchauers zu koſtlichen Bluͤten emporzutreiben. ueberall, wo ich mich aufhielt, ſuchte ich ſolchergeſtalt des Weihnachtsabends recht froh zu werden, und grade hier muß ich erſt eintreffen⸗ — — ————˖— nachdem der erſte Blitzſtrahl des Entzuͤckens bereits voruͤber iſt!— Ach— ſprach die Mutter, das aus Worten und Blicken des Prinzen hellhervortretende, treffliche Herz anzuerkennen genoͤthigt— meine Arminia iſt noch von keiner Chriſtbeſcheerung ſo wenig zur Freude aufgerest worden, als ven der heutigen.— Zuͤrnen ſie nicht daruͤber, theure Mutter— verſetzte Arminia, ergriffen von dem leiſen Vorwurfe— ſchon ſeit einigen Wochen haͤlt, ich weiß nicht warum? eine tiefe Ruͤhrung alle lanten Ausbruͤche der Freude in mir gleichſam gefangen! Frau von Sendow erſchrak uͤber das Wort, weilt der Prinz zugegen war, der erſt ſeit ein Paar Wochen ſich wieder hier aufhielt. Waͤre ſie allein mit Arminien geweſen, ſo haͤtte ihr der Tochter Geſtändniß ſehr willkommen ſeyn muͤſſen, denn es ſprach die Vewußt⸗ loſigkeit ihrer heimlichen Neigung zu Bruno anf's Ueberzengendſte aus. Ich hätte— fuhr der Prinz etwas verſchuchtert ſort— ich hatte mir noch nebenbei eine Freude ein⸗ gebildet. Ich wuͤnſchte naͤmlich den uͤbrigen Geſchenken etwas hinzuzuthun, das, allein kommend, zu gering erſcheinen dürfte. Mag es. Der Sinn des Gebers kann ja die unbedeutendſ ſte Gabe vertreten. Hier zog der Prinz einen Ring vom Finger und ſprach: Die fleckenloſe Reinheit dieſes Diamanten iſt ein treues Abbild ihres Innern, liebe Arminia. Neh⸗ men ſie ihn aus meiner Hand. Er m ahne ſie ſtets, daß alles wahre Gluͤck unr auf Reinheit des Herzens und der Sitten ſich gruͤnden kann! Abermals wuͤrde die Mutter durch des Prinzen Wort, das offenbar aus der Tiefe ſeiner Seele herauf⸗ ſtieg, beruhigt worden ſeyn, haͤtten nicht Arminia's Blicke allzuleuchtend an dem Ringe gehaftet, den ihre zitternde Hand ihrem Auge ſo nah als möglich brachte. von Sendow mufßte ſie uͤberdieß erinnern, daß ſie dem Prinzen ihren Dank nicht ſchuldig blieb. Der Hoſmarſchall trat herein. Seine Freude uber die Auszeichnung, welche der Prinz durch dieſes Geſchenk ſeinem Hauſe erwieſen hatte, ſprach ſich unter allen am paſſendſten und beredſ ſamſten aus.— — — Die Zeit, wo man die Geſellſchaft erwarten tonute, war da, ehe man ſich's verſehen hatte. Ratuͤrlich N ₰ — — Z kamen in der Verſammlung die verſchiedenen Weih⸗ nachtsgeſchenke zur Sprache. Frau von Sendow fand es recht klug, daß Arminia ſich nicht, gleich manchen ihrer Bekannten, auf das Einzelne des Erhaltenen einließ, ſondern nur im Allgemeinen zu erkennen gab, 3 ſie außerordentlich gut vedacht worden. Aber die Frohe konnte doch ihr Auge nicht genng bezaͤhmen. unwillkuͤhrlich ging ihr Blick nach dem von? Bruno er⸗ haltenen Ringe. Eine ihrer Nachbarinnen ſagte daher auch, ihr die Hand emporhebend, laut: Man ſieht es, daß das ebenfalls ein Weihnachtsgeſchenk iſt! Die hoͤchſte Rothe uͤberſlog Arminiens Geſicht. Alle kamen gelaufen, den Ring zu betrachten und zu vewundern. Frau von Sendow wendete ſich ab, ihre große Verlegenheit zu verbergen. Arminia zitterte immer ſtaͤrker. Lachend behaupteten einige, daß der Ring mehr, als etwas Gewoͤhnliches, zu bedeuten habe. Der ward von andern aufgenommen und unterſtuͤtzt. Arminia gerieth in die hoͤchſte Ver⸗ wirrung. Der Hofmarſchall wußte jetzt ſelbſt nicht, db et die etwas bedenklich werdende Sache aufklären und damit dem zu weit getriebenen Spaße in die Zuͤgel — 26— fallen dürfe oder nicht. Da trat der Erbprinz heran. Sein ernſtes Geſicht benahm den Lachenden ſogleich den Athem. Kurz und trocken erzaͤhlte er, daß der Ring von ihm ſey, und unter welcher Aeußerung er ſolchen der Tochter vom Hauſe uͤbergeben habe. Jetzt vewunderte man natuͤrlich ſeine Worte dabei noch weit mehr, als den Ring ſeibſt. unmittelbar nachher trat eine lange Pauſe ein, welche erſt ganz auſgehoben wurde, als man die Gewinne der veranſtalteten Lotterie hereinbrachte. Die Verlooſung geſchah. Unter den mancherlei allerliebſten Galanterieſtuͤcken, welche große Freude machten, war das mit koſtbaren Steinen beſetzte Bildniß des Erbprinzen bei Weitem der groͤßte Gewinn. Arminia trug ihn davon. Sie wurde vor Freude ganz zum Kinde. Der auffallendſte Reid in den Geſichtern der meiſten Gluͤck⸗ wuͤnſchenden entging ihr ſo gut, wie die Troſtloſigkeit der Mutter, welche aus dieſem Umſtande ſchon allein die ſchlimmſte Vorbedeutung fuͤr den Ruf ihrer trefflichen Lochter ſog und überdies aufs Genaueſte beobachtet hatte, wie der Gewinn durch des Prinzen Kammerherrn in Arminia's Haͤnde geleitet worden⸗ — ie. 5 4 üͤber das alles aus. Sie fanden aber kein Ohr bei feſte von einem vosartigen Fieber auf's Krankenbette Als Frau von Sendow mit ihrem Gemahl allein war, brach ihre Troſtloſigkeit ſogleich in laute Klagen dem Manne, der, ſeinen Anſichten nach, in den Be⸗ gegniſſen des Tages nur lauter Gluͤck wahrnehmen konnte. Weinend fuͤhrte ſeine Gattin ihm zu Gemuͤthe, wie leicht auf ſolche Weiſe Arminia in einen Abgrund verſinken koͤnne. Darauf ſagte er finſter: Alles Hohe liegt dicht am Abgrunde und gewinnt eben dadurch ſeine Hoheit. Am Hofe muß man ſich in die Ge⸗ wohnheit fuͤgen, wie uͤberall. Es waͤre Wahnſinn, die Gunſt, welche uns gans ungeſucht zuzufallen ſcheint⸗ auf irgend eine ſeltſame Art hinwegzuweiſen. Sie pedenken nicht, mein Schaß, daß Anſtand die erſte unſerer Tugenden ſeyn muß, und daß ueberſpannung der Grundſaͤtze ihn oft ſtärker noch, als ſelbſt der Mangel daran, verletzen kann!— 8. Frau von Sendow, die ſchon lange Zeit ſich unwohl gefuͤhlt hatte, wurde unmittelbar nach dem Weihnachts⸗ geworfen. Arminia pflegte die geliebte Mutter mit möglichſter Sorgfalt und Aufopferung. Einſt mußte der Hofmarſchall die durch Angſt und Nachtwachen ganz Entkraͤftete mit Gewalt aus dem Krankenzimmer hin⸗ .egholen und nach ihrem Schlafgemache weiſen. Eines Tages, als er wieder einmal in das Zimmer der Kranken trat, erſchrak er heftig uͤber die treue Pflegerin derſelben⸗ weil ſie ſchluchzend und haͤnde⸗ ringend auf und nieder ging. Sein zweiter Blick fiel auf die Kranke. Sie lag in einem ſehr ſanften Schlummer. „ſt etwas ungewohnliches vorgefallen, ſprach er, die Wange des Fraͤuleins mit Theilnahme beruͤhrend, ſo muß es doch auch gluͤcklich voruͤbergegangen ſeyn. Sie ſchlummert ja ſo ſüß, wie ein Kind, dem die Engel im Traume erſcheinen. 4 Erſt ſeit Kurzem, ſeufzte Arminia, und ging, als jetzt die Jungfer hereintrat, dieſe nach dem Bette der Kranken weiſend, mit dem Vater in ein entferntes Zimmer. O, mein Gott, rief ſie hier aus, was habe ich erlebt! Ich komme mir vor, wie die urſache der Leiden der guten, trefflichen Mutter! Ach⸗ mein Vater, hier, hier, dieſer Ring, dieſes Bildniß, nimm s hin, bring es auf gute Weiſe wieder in des Prinzen vinn um der Ruhe meiner Seele willen, thue das, Vater!— Sendow trat zu rück. Er ſtarrte den Mund an, welcer die unerklaͤrbaren Worte geſprochen, die Augen, deren von Thraͤnen umfloſſener Glanz dazu geleuch⸗ tet hatte. Nimm, mein Vater— fuhr ſie dringender fort— befreie mich von Kleinoden, vor denen mein weinendes Herz zuruͤckſchaudern muß.— Aber, mein Himmel— rief der Stannende, ſeine Haͤnde von den ihrigen entfernend— warum denn ſolch ein befremdliches Verlangen? Ach, die Mutter, die arme, gute Mutter! Dabei haͤtteſt du muͤſſen ſeyn, um meine Bitte begreiflich zu finden! Du haͤtteſt hören muͤſſen, wie ruͤhrend, wie erſchutternd ſie mich beſchwor, dieſe Dinge, ja Alles, von mir zu thun, was mich an die Vorliebe des Prin⸗ zen zu mir vor Andern, erinnern koͤnne! Gern, das wiederholte ſie, gern wolle ſie ſterben, wenn ich nur erſt aus dieſem furchtbaren Labyrinthe gerettet ſey Ach Gytt, ſie ſagte ſo viel einzelne Werte noch, die ich 3 — nicht beſtimmt verſtehen, aber nur um deſto ſchreck⸗ licher deuten konnte! Aus Allem ging hervor, daß ihre Krankheit hauptſaͤchlich von dem Verhaͤltniſſe herruͤhrte, welches der Prinz mit mir beabſichtige. Beabſichtige! rief hier der Hofmarſchall im hochſten umuthe a So konnte deine Mutter dem Treff⸗ lichen irgend eine ſchlechte Abſicht zutrauen? Denn das verraͤth der Zuſammenhang deiner Mittheilungen. 8 So konnte ſie dir Dinge ſagen, die dir weder noͤthig, . noch zutraͤglich ſind? Daraus ſiehſt dn, mein Kind, am beſten, daß ſie, leider, noch gar nicht ihre Gedan⸗ ken, ihre fruͤhere, ſchoͤne Beſonnenheit wieder bei⸗ ſammen hat! Schon daß ſie, wie ich aus deiner Rede abnehme, nicht Alles in gehoͤriger Verbindung ſprach, daß Manches ſo undeutlich und dunkel war, daß es— einer vielleicht ganz willkuͤhrlichen und falſchen Aus⸗ legung von dir bedurfte, ſchon das beweiſt, daß die Krankheit, keinesweges aber die Weisheit ihr die Worte in den Mund legte. Allerdings die Krankheit, mein Vater, auch geſchah alles, was ſie ſagte, nicht wachend, ſondern im Traume 3 des Fiebers. Aber mußten nicht dieſe, ihr ſelbſt unbe⸗ wußten Eroͤffnungen(die ſie mit Bewußtſeyn mir — 31— gewiß nie alſo gemacht haben wuͤrde) mir grade darum deſto grauenvoller ſeyn, da ſie mich offenbar, als die an dieſem peinlichen Zuſtanbe der Herrlichen Schuldige anklagten?— Mein Kind, mein liebes, gutes Kind— erwie⸗ derte Sendow, hierdurch, wie es ſchien, beruhigt, und ſchlug die Haͤnde verwundert zuſammen— wie mochte die ſo verſtaͤndige Arminia auf den hoͤchſtunnatuͤrlichen Einfall gerathen, ihre Handlungsweiſe durch den Parorysmus einer Fieberkranken leiten zu laſſen? Denn daß letztere deine Mutter iſt, kann in der Hauptſache keine Aenderung hervorbringen.— Aber, theuerſter Vater, ich wiederhole es, du haͤtteſt ſie hoͤren, und nicht nur hoͤren, ſondern auch ſehen muͤſſen dabei. Denn dieſe von dem grauſamſten Leiden zerriſſenen Geſichtszuͤße gingen, wie tauſend Schwerter zugleich, durch meine Seele. Und meineſt du denn nicht auch, daß im Zuſtande des Fiebers gewiſſe Offenbarungen ſtatt finden koͤnnen, welche in manchen Faͤllen doch wohl zur Richtſchnur dienen ſollten?— Wenigſtens— erwiederte Sendow empfi hat man ahnlichem Wahnſinne ſchon oft die Ehre géthan ihn fuͤr Prophetengeiſt anzuſtaunen!— Laß uns der Vernunft beſſer Gehoͤr geben.— Ueberhaupt, mein Kind, nehme ich von dem jetzigen umſtande Gelegen⸗ heit, dir ein Wort im Vertrauen uͤber deine, ſonſt treffliche, Mutter zu ſagen, welches ſie durchaus nicht im mindeſten herabſetzen, ſondern nur dich vor dem nachtheiligen Einfluſſe mancher ihrer, an ſich unſchul⸗ digen und gutmuthigen, aber auf Einſeitigkeit der Anſichten nur beruhenden Zufluͤſterungen, wo möglich, bewahren ſoll. Fuͤr alles Menſchenthun hat deine gute Mutter nur ein und daſſelbe Maaß. Gern zwaͤnge ſie die Pflichten, welche den von ſich unabhaͤngigen, fuͤr ein einfaches Leben beſtimmten Menſchen vielleicht zieren, auch dem, oder derjenigen auf, welche beſtimmt ſind, den glaͤnzenden Kreis des Hofes fuͤr den ihrigen zu betrachten. Zudem iſt ſie durch mancherlei Umſtände zu einem unſeligen Argwohn gegen alle am Hofe Le⸗ bende, vom Groͤßten bis zum Kleinſten, gelangt, welcher ſie aus dem gleichgultigſten Thun derſelben tief angelegte, uͤbelwollende Plane herausfinden laͤßt und visweilen verleitet, grade den großmuͤthigſten, von ihr ſelbſt fur vortrefflich geachteten Menſchen, das Schlimmſte zur Laſt zu legen.— Da ihr Fieber dir ſchon ſo viel . verrathen hat, glaube ich deutlicher werden zu duͤrfen. Deine Mutter ſelbſt hat mich noch am Weihnachtsvor⸗ abende, ehe die Fremden kamen, auf die Seite gezogen, um mir jedes ihrer fruͤhern, ſchon ſeit der Schlittenfahrt bereueten, Vorurtheile gegen den Erbprinzen nochmals zu widerrufen und ihn fuͤr den herrlichſten, großmuͤthigſten und tugendhafteſten Mann zu erklaͤren. Dieſe Erklaͤrung ſtutzte ſich hauptſächlich auf die wahrhaft ruͤhmliche Art, mit der er dir den Demantring uͤbergeben hat.— Und den naͤmlichen Ring und alles, was er dazu geſagt hatte, ſetzte die naͤmliche Frau noch an demſelben Abende wieder herab, weil ſein Portraͤt, wie ſie meinte, nicht ohne des Prinzen kuͤnſtliche Leitung an dich ge⸗ rathen war.— Geſetzt nun auch, Bruno haͤtte wirklich dich fur die wuͤrdigſte Empfaͤngerin ſeines Bildniſſes gehalten und hiernach gehandelt, iſt das wohl eine Vergehung, welche den ſonſt ſo Verehrungswerthen um unſere Hochachtung bringen duͤrfte? Nein, mein gutes Kind, das wird dir einleuchten. Behalte darum dieſe theuern Pfäͤnder der Hochachtung, welche er deiner Herzensguͤte zollen wollte. Beſſer und rüͤhmlicher wirſt du letztere am Hofe bewahren, als in irgend einer bangen Einoͤde, welcher deine 3 Wuttet, nur alongern, wein friſches Leben unenden 3 mochte.— So ſollte ich wirklich— fragte Arminia— nach jenen mutterlichen Aeußerungen, mit dieſem Bilde und dieſem Ringe wieder vor ihre Augen treten? Aeußerungen! entgegnete Sendow unwillig. Was, wie der Fiebertraum, keiner vernünftigen Aeuße⸗ rung faͤhig iſt, das darf auch auf Vernuͤnftige keinen Eindruck hervorbringen!— Ohnſtreitig aber fuͤhlt ſich doch die Mutter guch im wachen Zuſtande verletzt von dieſen Dingen? Wohl moglich, doch dergleichen Verletzungen darſſt auch du, ihre Tochter, nicht ſcheuen, da ſie nicht durch dich, ſondern durch ihre eigenen kranken Verſtellungen erzougt werden. Sie wird ihr Auge daran gewoͤhnen und du darfſt eben dieſer, ihr noͤtbigen Ge wohnheit, mit einem ihr ſelbſt ſchaͤdichen Nachgeben gegen ihre Schwaͤche keine Vehinderung in den Weg legen. Ue⸗ berhaupt, mein Kind, bitte ich dich, das dir ſo vor⸗ zuglich wehlwollende Herz des Erbprinzen nicht durch eine Verininderung deines Wohlwollens gegen ihn in ganz unverdiente Betruͤbniß zu verſetzen. ——— k———— * Die Tiefniedergedruͤckte fühlte ſich maͤchtig gehoben durch dieſes Geſpraͤch und den vaͤterlichen Rath. Mehr S als je wurde es ihr klar, wie ſehr der Prinz ihr am Herzen lag, und was, nach der Bemerkung des Vaters, ihrer Mutter die groͤßte Beſorgniß gemacht hatte, das abſichtliche Zuſpielen jenes Bildniſſes in ihre Hand, an welches auch der Hofmarſchall zu glauben ſchien, grade dieſes, was ſie his dahin einzig fuͤr eine ſeltene Schickſalsgunſt gehalten, erhitzte ihre Gefuͤhle nur noch ſtaͤrker fuͤr den hohen Freund. 9. Bruno ſetzte ſeine Beſuche fleißig fort. War es aber eine geheime, ihm vielleicht ſelbſt nicht zur Klar⸗ heit gekommene Scheu, was ihn abhielt, ſolche bis in das Krankeuzimmer zu erſtrecken, genng er ging immer wieder, wenn Arminia ſich dort befand. Einmal fuͤr gllemal befahl er den Dienſtlenten, der Hofmarſchallin nie mitzutheilen, daß er dageweſen, weil, ſeinem Aus⸗ drucke nach, er durchaus keine Stoͤrung in die Pflege der verehrungswuͤrdigen Frau bringen wolle. Arminia erfuhr davon und achtete ihn deshalb nur noch hoͤher. Dabei gab ſie den geheimen Gegenbefehl, 2 — 36— 6, aus Ehrfurcht vor dem kuͤnftigen Landesregenten, dieſen nur dann fortgehen zu laſſen, wenn er komme, falls es, Cvielleicht eines Geſpraͤchs, in dem ſie ſich mit der Kranken befinde oder eines andern umſtands halber) unmoͤglich ſey, ihr einen ſtillen Wink davon zu geben.— Die Kranke, wohl wiſſend, wie ſehr oft bei jungen Gemuͤthern des geliebten Gegenſtands Erwähnung die Macht dieſer Liebe verſtaͤrke, hatte des Prinzen, ſelbſt in der eintretenden Periode ihrer Beſſerung, kein ein⸗ ziges Mal mit Bewußtſeyn gegen ſie gedacht. Eben ſo war ſeit des Vaters letzter, vertrauter Mittheilung, von Seiten Arminiens, aus Schonung der geliebten Kranken, die laute Erinnerung an ihn gegen dieſe vermieden worden. Daraus ſchoͤpfte die Geneſende die Hoffnung, daß der Prinz ſeiner Neigung Enhalt geboten und dadurch ihre Tochter, wenn auch nicht zuruͤckgekommen von der ihrigen zu ihm, doch dieſer ebenfalls Meiſterin geworden ſeyn mochte. Kein Wort wußte ſie von dem, allerdings ſehr gefährlichen, Umſtande, daß Arminiens Muſik⸗ meiſter auf vierzehn Tage Urlaub genommen und Bruno, ein ganz ausgezeichneter Guitarrenſpieler, mit des — Vaters Vorwiſſen, ihr indeß an des Abweſenden Stele unterricht ertheilte. Die Geneſung war im ſchoͤnſten Gange. Schon ſaß Frau von Sendow ſtundenlang wieder außer dem Bette. In ihrer Tochter Zimmer aber hatte ſie ſich noch nicht gewagt, weil der Weg dahin uͤber einen un⸗ heizbaren Corridor fuͤhrte. um indeß eines Nachmit⸗ tags, wo ſie ſich grade ſehr wohl fuͤhlte, Arminien recht angenehm zu uͤberraſchen, nahm ſie doch heimlich ihre Richtung nach jenem Zimmer. Schon von weitem tuͤndigten Tone die Muſikſtunde an. Bald darauf aber vernahm ſie nichts weiter. Es ſchien grade eine Pauſe zu ſeyn. Welch ein Schrecken, als ſie in's Zimmer trat! Der Prinz lag Arminien zu Fuͤßen. Sein Mund floß uͤber von ſeiner Liebe und auf Arminia's gluͤhendem Geſichte, in ihrer heſtigen Bewegung, ſprach ſich der große Kampf zwiſchen Pflicht und Leidenſchaft aus. Die Liebenden flogen weit von einander. Todten⸗ vlaß ſank die Geneſende in den naͤchſten Stuhl. Während der erſten Momente konuten ſich die zer⸗ — lmten Gefuhle aller Drei kaum zu einem Laute, am enigſten zu einem Worte erheben. WMein Prinz— ſo begann endlich Frau von Sendow, mit ziemlich gehaltenem Tone— welch ein urtheil ſprachen ſie uͤher denjenigen aus, der unreine Flammen in dieſes ſchuldloſe Herz werfen koͤnnte? Mit welchen Worten begleiteten ſie jenen Ring am Chriſtabende? Ich entferne mit Gewalt den Gedanken von mir, daß ſie damals den heutigen Schritt ſchon im Sinne gehabt haben mochten. Aber wiſſen ſie noch, wie ſie ſelbſt, in dieſer Beziehung, die Schwaͤche der Vorheit gleich achteten, die es auch in der Wirkung allerdings ſeyn wuͤrde. Der Prinz fühlte ſich vernichtet. Arminia, der Pſicht zurückzugeben, umfaßte ſchluchzend die Kniee ihrer Muner. Prinz— ſo fuhr letztere fort— ich glaube in ihrer Seele zu leſen. Ich glanbe darin den beſten Willen wahrzunehmen.— O gewiß, theure Frau, rief er mit Feuer, ihr jetziger Blick hat ſie nicht getaͤuſcht. Vorhin aber, vorhin iſt es eben ſo gewiß geſchehen. Unrein nanuten ſie die Flammen, welche mein ganzes Weſen durch⸗ zittern. Nein, bei Gott, das ſind ſie nicht!— Dann— verſetzte ſie achſelzuckend— dann hätten ſie's weniaſtens werden muͤſſen auf dieſem Wege. Haben ſie den ernſten Willen es zu verhindern. Bruno betheuerte das und ſie ſprach: Wohlan denn, ſo muß nothwendig eine Trennung ſtatt finden⸗ Rur eine gaͤnzliche Abſonderung der Perſonen kann die Zattheit des Verhaͤltniſſes bewahren, welches ſie, ich fuͤrchte mit Unrecht, beabſichtigen. Jetzt komme ich auf die Vitte zuruͤck, die ſie mir am Tage der Schlitten⸗ fahrt im Voraus gewährten, vertreten ſie mich bei meinem Gemahle, wenn ich mein Kind von hier entferne. Arminia muß die Stadt verlaſſen. Der Vorwand iſt in der Krankheit einer bejchrten Tante leicht gefunden. Als Mann von Herz und Ehre, koͤnnen ſie meinen Plan nicht mißbilligen! Rein— ſprach der Prinz mit bebender Stimme, zog ihre und Hand heftig an ſeinen Mund und verließ das Zimmer. 6 Wirklich ſchickte Frau von Sendow die Tochter am ſolgenden Morgen, noch vor Tages Anbruch, in Ve⸗ gleitung einer alten zuverlaſſigen Frau, auf das Gut ihrer Tante. Die Sache fand um weniger Widerſtand, * da der Hofmarſchall eben in Auftraͤgen des Fürſten fuͤr eeinige Tage abweſend war. 1 Der Hofmarſchall war bei ſeiner Heimkehr ganz unzufrieden mit dem Zuſtande der Dinge. Seine Ge⸗ mahlin hatte einen Ruckfall in ihre Krankheit bekommen. Er entdeckte auch bald die Urſache, in den ihr Gemuͤth heftig aufregenden Szenen. Frau von Sendow ſah ihm die ſtille Mißbilligung der Entfernung Arminiens an, wenn er auch, die Kranke zu ſchonen, ſich nicht daruͤber aͤußerte. Sie ſchrieb an den Prinzen, ihn an ſeine Zuſage zu erinnern. Bruno blieb ihr getreu. Aber indem ex ſelbſt bei dem Hofmarſchall die Maaß⸗ regel der Mutter wegen Arminiens verſtritt, durch⸗ ſchaute dieſer recht gut die tiefe Wunde, welche eben jene Maaßregel dem Liebenden geſchlagen hatte. Als Frau von Sendow fuͤr vollig hergeſtellt zu achten war, und ihm eines Tages den Vorgang um⸗ ſtaͤn lich mitgetheilt hatte, da konnte er ſeine Vorwuͤrſe nicht länger zuruͤckhalten. Warum nun mitten am Hofe, dieſe ſtrengen, traurigen Kloſtermarimen? ſprach er. Als ob die Tugend nicht grade hier ſich beſſer 6 bewaͤhren koͤnnte, als in einer Abgeſchiedenheit, wo 3 derſelben kaum auszuweichen iſt? Es wird nun wohl einmal Zeit, Arminien dem druͤckenden Gaͤngelbande 4. zu entlaſſen, wenn die ganze Erziehung, worein ſie ihren Ruhm ſetzen, der Welt nicht als ein ſchoͤnes Gebaͤude ohne Grund, verdaͤchtig werden ſoll.* So wuͤrde ich— verſetzte ſeine Gemahlin, 6 nicht in hartem Tone, wie er, ſondern mit ihrer gewohn⸗ lichen Milde— ſo wuͤrde ich ebenfalls meinen, wenn keine Leidenſchaft dazwiſchen getreten waͤre, mein, und ich darf ſagen, anch ihr, Erziehungswerk zu zerſtoͤren⸗ Leidenſchaft aber gleicht dem Erdbeben. Es ruttelt die feſtgegründeten Pallaͤſte ſo gut entzwei, wie die auf Sand leicht hingeworfene Huͤtte. Sie vergeſſen, geliebte Freundin, daß allen Sym⸗ ptomen nach, die Reigung des Prinzen zu Arminien, wenn ich ſo ſagen darf, eine Leidenſchaft im hoͤhern Style iſt. Die ich auch— fiel Frau von Sendow ein— bei der Trefflichkeit ſeines Charakters weit weniger fuͤrchten wuͤrde, wenn Arminia nicht dieſelbe Neigung gegen ihn in ihrer Bruſt truͤge. Nur Trennung kann beide retten. Denn grade im Augenblicke, wo zwei Flammen dieſer Art am hoͤchſten zum Himmel hinaufſteigen, bricht oſt der Sturm der Erde am gewaltigſten auf ſie los und wirkt zum Verderben beider Herzen, aus denen ſie hervorlodern. Der Hofmarſchall hatte eine ſehr bittere Erinne⸗ rung gegen ſeine Gemahlin auf der Zunge, die durch eeinen eben eintretenden Veſuch in ſeine Bruſt ric⸗ gedränot wurde.. e Sendow's Mißvergnugen uͤber Arminig's Abwe⸗ ſenheit nahm in dem Grade zu, als die Schwermuth des Erbprinzen. Der ganze Hof glaubte zu wiſſen, was er davon denken ſollte. Die Tante, deren Krankheit den Vorwand zu Arminia's ploͤtzlicher Entſernung abgab, war in den erſten Tagen nach dieſer geſtorben. Gleich⸗ wohl kam das Fraͤulein nicht zuruͤck. Man wollte aus den ſicherſten Quellen wiſſen, daß ihrer fortdauernden Abweſenheit ein Befehl des regierenden Fürſten zum Grunde liege. Man wollte eine große Kälte in der Behandlung des Hofmarſchalls, von Seiten des Fürſten, wahrnehmen. Sendow, wuthend, als ihm dieſes eines Morgens auch zu Ohren kam, ließ anſpannen und war, — —— zur größten Verlegenheit ſeiner Gattin, noch am Abende des folgenden Tages nicht wieder zuruͤck, ob er ſchon eine ſehr za ahlreiche Geſellſchaft, unter andern auch den Erbprinzen bei ſich im Hanſe hatte. Man umringte bereits den Theetiſch. Frau von Sendow hatte oſſenbar alles innere Gleichgewicht verloren, als ploͤtzlich ein Bedienter ihr die Nachricht von der Ruͤckkehr des Hofmarſchalls zufluͤſterte. Wie aber ward der hierdurch kaum etwas Be⸗ rnhigten, da dem Hereintretenden eine Trauernde folgte: Arminia. Die lange verhaltene Glut der Augen beider Lie⸗ venden durchbrach die Schranke des Gewohnten. Ar⸗ miniens und des Prinzen Blicke hielten ſich einen Mo⸗ ment ſo feſt, als ob ſie nie von einander laſſen wollten. Der Wirthin bezwang der Jammer den Verdruß uͤber das Ereigniß. Sie mußte die Geſelſchaftszimmer meiden, um nur ihre tiefe Ruͤhrung nicht zu ver⸗ rathen.— O Herr von Sendow— ſprach ſie, als ihr Gehl, nach ſeinem Zimmer gehend, ihr in einem abgelegenen Gemache begegnete— warum haben ſie mir das gethan?— — Weil— antwortete er heftig— die Schmach ent⸗ fernt werden mußte, die ihre voreilige Sorgfalt auf uns geworfen hatte. Nicht Prinz Bruno, ſie ſelbſt ſind die Perſon, welche Arminien zum Gegenſtande des allgemeinen Geſpraͤchs gemacht, welche das Geruͤcht hervorgerufen, daß ihre Tochter vom Füͤrſten ver⸗ wieſen worden ſey. Es war hohe Zeit, daß dem geſteuert wurde, wenn wir nicht bis zur Laͤcherlichkeit herabſinken wollten. Von nun an verbitte ich mir ihre engherzigen Ruͤckſichten. Keine Abgezogenheit mehr von der Welt, in der man leben muß. Arminia iſt hierauf vorbereitet durch mich. Vor ihrer Entfuͤhrung von hier war ſchon ein kleines Schauſpiel heimlich zwi⸗ ſchen dem Prinzen und mir verabredet, welches am Geburtstage des Fürſten aufgefuͤhrt werden ſollte. Arminia hatte die Rolle der Geliebten. Der Prinz war ihr Liebhaber und Verfaſſer des Stuͤcks zugleich. Die Aufführung deſſelben, welche gewißs dem Fuͤrſten große Freude gewahrt haͤtte, mußte, ihrer unuͤberlegten Entfernung Arminiens halber, unterbleiben. Der Prinz traute entweder die Rolle keiner andern Dame zu, oder wollte neben keiner andern ſpielen. Mit kleinen Abaͤnderungen kann daſſelbe Stück zum bevorſtehenden 6 3 — 45— Geburtstage der Fuͤrſtin aufgefuͤhrt werden. Es iſt ganz an der Zeit, daß es geſchieht, weil jenes belei⸗ digende Geruͤcht durch nichts beſſer zu widerlegen ſeyn moͤchte.— Ach— ſprach Frau von Sendow— die waͤhrend dieſer raſch herausgeſtoßenen Rede in ſtummer Trauer dageſtanden hatte— warum mußte ich aus den Vor⸗ hallen des Todes in's Leben zuruͤckgefuͤhrt und meinem Auge der Blick in eine ſolche Zukunft angeſonnen werden? Mit großem Unrecht, mein Schatz— erwiederte er— wollen ſie in einer gewiſſen, ungluͤcklichen Ver⸗ gangenheit die Zukunft ihrer Tochter erblicken. Herr von Sendow! rief ſie wehklagend aus und warf ſich verzweiſtungsvoll auf das nahe Sopha. Dem eben eintretenden Bedienten den Auftritt zu verſchleiern, ſagte der Hofmarſchall: der Frau won Sendow iſt unwohl, rufe er die Jungfer, daß ſie ſolche zu Bette bringe. Waährend der Bediente zu der einen Thür hinaus⸗ ging, eilte der Hofmarſchall durch die andere nach ſeinem Zimmer und bald nachher auf einem Umwege zur Geſellſchaft zuruͤck. — Der Vorwand der unpaͤßllchkeit, den er gegen den Vedienten gebraucht hatte, war der Wirthin ſehr will⸗ kommen. Eines Theils fuͤhlte ſie ſich ganz unfaͤhig, dieſen Abend einen, auch nur einigermaßen paſſenden Ton fuͤr die Geſellſchaft zu finden, andern Theils hoffte ſie ſo am ſicherſten, mit Arminien allein ſprechen und dasjenige, was Sendow ihr etwa geſagt hatte, fuͤr die geliebte Tochter moͤglichſt unſchaͤdlich machen zu koͤnnen. Jedoch, worauf ſie gewiß rechnete, daß naͤmlich Ar⸗ minia auf die Nachricht ihres Unwohlſeyns ſie auf⸗ ſuchen werde, das unterblieb. Denn Sendow wendete ſich ſogleich nach ſeiner Ruͤckkehr in die Verſammlung an das Fraͤulein und ſtellte ihr die ſogenannte Krankheit der Mutter als bloßen Eigenſinn wegen ihres Wieder⸗ erſcheinens in der Reſidenz vor, verbot ihr auch aus⸗ druͤcklich zu der Scheinkranken zu gehen. Es koſtete dem Herzen des Frauleins ſehr viel, daß ſie in der erſten Stunde der laͤngſt erſehnten Ruͤckkehr die Geſellſchaft der Mutter aufgeben ſollte. Allein der Prinz hatte ihr ja ebenfalls gar lange gefehlt. Im ſuͤßen Rauſche durch ſeine Gegenwart verſchwand der Gedanke an die Mutter immer mehr und bald ward zwiſchen dem Hofmarſchall, dem Prinzen und ihr die Auffuͤhrung jenes Schauſpiels zum Geburtstage der regierenden Fuͤrſtin auf's Umſtaͤndlichſte verabredet. Bruno nahm die Nacht zu Huͤlfe, die fruͤher bereits ausgeſchriebenen Rollen zu dem nunmehrigen Zwecke umzuaͤndern und ſchickte am Morgen Arminien die ihrige, nebſt dem ganzen Stuͤcke. Es traf grade ein, als Frau von Sendow ſich zum gemeinſchaftlichen Fruhſtuͤcke geſetzt und wegen der Vernachlaͤſſigung vom Abende her, Arminiens Morgengruß beklommen und mit einigem Mißtrauen im Blicke erwiedert hatte. Die liebende Tochter fuͤhlte letzteres und auch die urſache. Doch bald las Frau von Sendow klar im Ange der Geliebten, daß ſich nichts verändert hatte in ihren Gefuͤhlen gegen ſie. Nun fragte die Mutter gradezu, warum ſie am Abende, auch nicht einmgl auf einen kleinen Augenblick, zu ihr gekommen ſey. Der eben eintretende Hofmarſchall uͤbernahm alle Schuld. Anf ſeine Bitte, ſagte er, habe Arminig ße nicht geſtoͤrt. — ¹8— Der ſchene Blick, welchen Frau von Sendow nach ihm hinwarf, verrieth die Vitterkeit, die ſie, Arminiens halber, mit Gewalt unterdruͤckte. Sendow ſchien nichts zu bemerken, griff nach der vor der Tochter liegenden Rolle und ſprach: Sieh da, das nenne ich Eifer. Er hat aber auch einen wuͤrdigen Zweck und iſt, wegen der Nähe des Geburtstages ganz an ſeinem Platze. Kuͤnſtige Woche fällt er ſchon und es wird zu ſtudiren geben die Fuͤlle. Die ganze Hand⸗ lung beruht auf zwei Perſonen. Das grade ſcheinen mir die ſchwierigſten Darſtellungen, zumal fuͤr unge⸗ uͤbte, weil in der Regel darin die Betonung der Worte vom Dichter mit der Goldwage abgewogen und alles dahineingelegt iſt. Dazu kommt, daß gereimte Alexandriner, wie dieſe, ſchon an ſich eine große Gewand⸗ heit im Vortrage erheiſchen, wenn weder der, oft recht weſentliche, Klang des Reims verloren gehen, noch auch eine hoͤlzerne Weiſe dem Hoͤrer die Sache verleiden ſoll. Ihre Winke, mein Vater— ſprach Arminia laͤ⸗ chelnd— werden mir immer vor Augen ſchweben. Frau von Sendow ſchwieg und war damit Urſache, daß der Gegenſtand, der ihr offenbar ungelegen kam, nicht mehr beruͤhrt wurde.— —— Die Sache ſchien ihr zu weit gediehen, um ſolche verhindern zu koͤnnen, daher hielt ſie waͤhrend der neun Tage, welche man zu Vorbereitungen verwendete, jedes Wort daruͤber fuͤr uͤberfluͤſſig. Die Proben wurden allezeit im Beiſeyn des Hof⸗ marſchalls gehalten. Frau von Sendow war nie zu⸗ gegen, ſelbſt nicht bei der letzten mit voller Erleuchtung auf der dazu eingerichteten Buͤhne gehaltenen. Sie nahm, auf des Prinzen beſondere Einladung dazu, die Ausrede zur Entſchuldigung, daß ſie den Eindruck der Sache beim Feſte ſelbſt, durch halben Vorgenuß ſich nicht zu ſchwaͤchen wuͤnſche. Er merkte indeß recht gut, daß Widerwille und nichts weiter, der Grund zu ihrer Weigerung war. Als der Hofmarſchall, Abends nach dieſer Probe, mit Arminien in's Zimmer ſeiner Gemahlin trat, rief er, trunken vor Freude uͤber das Gelingen der Dar⸗ ſtellung aus: Viel, ſehr viel haben ſie verſaͤumt, mein Kind. Unſere Arminia ſpielt ihre Rolle mit einem Gefuͤhl, mit einer Naivetaͤt, die ſich nicht beſchreiben laſſen. Nimmermehr haͤtte ich, ſelbſt nach den zeit⸗ herigen Proben, ſolche Meiſterſchaft von ihr erwartet. Das unter uns geſagt, nur wegen ſeiner Beziehung — 50— intereſſante, ſehr unbedeutende Stuͤck, gewinnt durch ſie ein Gewicht, welches daſſelbe auf dem Repertoir jedes guten Theaters feſthalten koͤnnte. Frau von Sendow äußerte kurz und trocken, daß der morgende Tag das alles ja auch ihr zeigen werde.— 14. Das Feſigeraͤuſch ging vom Morgen an. Ein Wagen nach dem andern rollte vor das Schloß. In dem Corridor, durch welchen auch die Sendonſche Familie ſich nach den fuͤrſtlichen Zimmern begab, ſtand die Wache in Gala. Alle Geſichter ſchienen die All⸗ tagsfalten abgelegt, alles die groͤßte Anſtrengung zu Ehren der Geburt der geliebten Fuͤrſtin gemacht zu haben. Ihr Gemach zeugte ſchon von den zahlloſen Auf⸗ merkſamkeiten des Hofes und der Stadt. Beſonders lachten aus Straͤußen und Kraͤnzen alle Farben, hauch⸗ ten alle Duͤfte des Fruͤhlings, dem Winter zum Spotte, der mit duͤſterm Blicke zum Fenſter hereinſchielte, weil an dieſen warmen, glaͤnzenden Zimmern all ſeine Ge⸗ walt verloren ging. ———————— ——————— Einen der ſchoͤnſten Straͤnße hatte Frau von Sendow beigetragen. Die Fuͤrſtin dankte ihr beſonders herzlich. Zu Arminien ſagte die Gefeierte, ſolche bei der Hand nehmend: Ihre liebe Gabe, ich weiß das, reift erſt der heutige Abend. Erſchrecken ſie doch nicht, gute Arminia, daß mir die zugedachte ueberraſchung fruͤher bekannt worden. Niemand hat aus der Schule geſchwatzt. Das Anſinnen, daß wir, mein Gemahl und ich, uns bei dem vorgeblichen Konzerte von den uͤbrigen Zuboͤrern abſondern ſollten, wollte mir nicht in den Kopf. Es iſt gar zu wohlthuend fur ſolche, welche das Gluͤck vor Andern erhoͤhete, wenn ſie die Schranke zwiſchen dieſen und ſich an gewiſſen, der Frende ge⸗ widmeten Tagen aufgehoben ſehen, als daß ich mir ohne alle Urſache dieſe Suͤßigkeit entreißen laſſen wollte, Mit Befehlen dachte mein Gemahl mich fuͤr hente durchaus zu verſchonen, daher ſah er ſich genoͤthigt, mir von dem kleinen Schauſpiele zu ſagen, welches meinen Bruno zum Verfaſſer hat, und worin wir beide, der Fuͤrſt und ich, auch ein Roͤllchen edhalten ſollten. Ein ſtummes nur, wie mein Gemahl mir ſagt, und von dem er, wie ich, noch immer nicht wißen„ wolin es eigentlich beſteht. 4 Bis dahin waren Sendow's zufaͤllig allein mit der Furſtin und einer Hofdame geweſen. Jetzt aber draͤngte ſich der Haufe der Gluͤckwuͤnſchenden. Sie nahmen ihren Abtritt. 15. Mit der Abenddaͤmmerung ward Arminia immer beklommener. Der Tag war allzufeſtlich geweſen. Das, was ſie noch fuͤr denſelben zu thun hatte, ſchien ihr zu gering fuͤr deſſen mannigfache Feier. Unter dieſen Gedanken ward ſie angekleidet. Die Rolle machte ſie zur natuͤrlichen Tochter eines Koͤnigs, der ſie, als ſolche, ſehr vernachlaͤſſigt hatte. Der Prinz eines andern Fuͤrſtenhauſes ſoll ſich nicht vermaͤhlen mit ihr. Beide aber bindet der Schwur ewiger Liebe. Da erſcheint der Geburtstag der Mutter des Prinzen und des Sohnes Geliebte, die ihr ſonſt nie vor Augen gekommen, findet ſich als Gaͤrtnermädchen bei ihr ein. Sie deutet einen, von ihr dargebrachten, ſinnvollen Blumenkranz. Der Fuͤrſt wird ſichtbar eingenommen von ihr. Sein Sohn wartet von Weitem auf den Ausfall. Er kommt herzugeeilt, die Ruͤhrung der Ael⸗ tern zu Gunſten ſeines Buͤndniſſes zu benußen.— Die Grundlage zu dem kleinen Stuͤcke, das ſich, wie leicht vorauszuſehen iſt, mit dem Segen der Aeltern zu ihrem Vunde ſchließt, beruhete auf einer hiſtoriſchen Anekdote. Im einfachen Anzuge des Gaͤrtnermaͤdchens traten Arminia's Reize doppelt hervor. Frau von Sendow wollte die Tochter in ihrer Rolle erſt auf dem Theater ſehen; wie ſie denn uͤberhaupt alles Wiſſen vom ganzen Stücke fortdauernd abgelehnt hatte. Der Hofmarſchall aber ließ ihr keine Ruhe. Er mußte Arminien ihr zeigen und, bei allem Widerwillen gegen die Sache, konnte die Mutter doch ein Laͤcheln des Wohlgefallens nicht unterdruͤcken. Die Blumen des Kranzes, welche ſie der Fuͤrſtin uberreichen ſollte, waren von ihr ſelbſt, mit allerlei paſſenden Zengen der Natur auf's Taͤu⸗ ſchendſte nachgebildet. Dieſer unwillkuͤhrliche Ausbruch des muͤtterlichen Wohlgefallens an ihr war es auch, was Arminien wieder zu einigem Muthe verhalf. Wie aber ward der angehenden Schauſpielerin nher auf der Buͤhne, als das immer zunehmende Geraͤuſch draußen vor dem heruntergelaſſenen Vorhange, eine Menge Anweſender kund that und manches eigenthuͤmliche Huſten und Raͤuspern Hofleute verrieth, auf deren Gegenwart die Anfaͤngerin gar nicht gerechnet hatte, da der Prinz verſprochen, daß der Zuſchauerkreis ſehr gering ſeyn ſolle. Daß dieſer ſich auf's Anſehn⸗ lichſte vermehrt hatte, ruͤhrte einzig von der Gefeierten ſelbſt her, durch welche nicht nur der ganze Hof, ſondern auch manche ausgezeichnete Perſon in der Stadt einge⸗ laden waren. Fuͤrſt und Fuͤrſtin erſchienen. Sie hatten ihren Sitz zur Rechten, auf dem Theater ſelbſt. Doch war jetzt noch der Vorhang zwiſchen ihnen und den eigent⸗ lichen Schauſpielern. Das Orcheſter war auf der linken Seite angebracht. Dieſes ſtimmte ſchon. Drauf erſcholl die Muſik. Immer ſchwerer ward Arminiens Herz. Da ging der Vorhang auf. Die Szene ſpielte in einem engliſchen Garten. Und die glanzvolle Fuͤlle der Ver⸗ ſammlung, die vielen Augen, welche alle ſich heruͤber⸗ kehrten nach ihr, verſetzten Arminien plotzlich den Athem dergeſtalt, daß ſie die zu recitirenden Worte nur mit Muͤhe herausbtachte, an richtige Betonung aber und Unterſtuͤtzung durch Mienen und Geſten, in den erſten Minuten gar nicht zu denken war. 1 Dem Hofmarſchall in der Kouliſſe traten helle Tropfen auf die Stirne. Aus Leibeskraͤften bemuͤhte er ſich, ihr Muth zuzuwinken. Aber er vermehrte damit nur ihren Unmuth. Endlich nahm ſie ſich vor, weder auf ihn, noch auf irgend Jemand zu ſehen; was auch um ſo eher anging, weil der Anfang des Stuͤckes in einem langen Monologe beſtand. Nunmehr gluͤckte ihr der Vortrag. Zwar nicht mit der Vollkommenheit, wie in der Probe, aber doch ziemlich gut. Da faßte ſie wieder Zutranen zu ſich ſelbſt. Eine zaͤrtliche Szene mit Bruno gelang ihr beſonders. Der Prinz hatte ſich nun, ſeiner Rolle gemaͤß, zu entfernen, und ſie that den Schritt nach der entgegengeſetzten Seite zu dem Fürſtenpaare, nicht ohne Gewandheit und Anmuth. Die Ruͤhrung der Anrede kam ihr zu ſtatten, wie ſo manche Anſpielung auf die haͤuslichen Eigenheiten der Gefeierten und hanptſaͤchlich auf der Fuͤrſtin Neigung zum Wohlthun. Spaͤterhin jedoch verſagte ihr die Stimme wieder. Der Fuͤrſt ſchien immer weniger zufrieden mit der Sache. Als endlich der Prinz herzukam und die Vitte des Paares um Segen vorauszuſehen war, da wurde dem Furſten unwohl. Er entfernte ſich. Seine Gemahlin 56— folgte. Der Vorhang fiel, und der Hofmarſchall eilte dem fuͤrſtlichen Paare nach. Ein ſtarkes Geranſch unter den Zuſchauern brachte Arminien erſt aus der tiefen Betaͤnbung, welcher Bruno ſie, durch liebreiches Zureden vergebens zu ent⸗ reißen ſuchte. In den durch einander gehenden Stim⸗ men unterſchied ſie deutlich die Worte: Die Hofmar⸗ ſchallin, die Sendow!— Es war, als riſſe ſie das hinter dem Vorhange hervor. Ihr erſter, ſorgenvoller Blick fiel ſogleich auf die ihres Bewußtſeyns beraubte Mutter. Von allen Seiten war man vielleicht um dieſe deſto thätiger beſchaͤftigt, weil die Genugthuung, welche der mislungene Anfang und der ganz unterbliebene Schluß des Stuͤckes den meiſten gegen die vorzugsweiſe beguͤnſtigte Familie Sendow gegeben, viele Herzen zugleich weit mitleidiger geſtimmt haben mochte, als es außerdem der Fall wuͤrde geweſen ſeyn. Die Seimme der geliebten Lochtet that mehr als kollniſches Waſſer und Salze, womit man die Ohnmächtige dem Leben wieder zu gewinnen trach⸗ 2 — 537— 16. Das kleine Schauſpiel hatte eine ſehr ſchlimme Wirkung auf den Fuͤrſten hervorgebracht. Der Prinz wurde kalt empfangen und der Hofmarſchall noch an demſelben Tage mit den Worten in ſeine Wohnung geſchickt, daß man ihn wolle rufen laſſen, ſobald man ſeiner beduͤrfe. Es war vorauszuſehen, daß dieſes Be⸗ duͤrfniß nicht ſobald eintreten werde. Hof und Stadt ſchrieb, wie natuͤrlich die Misbilli⸗ gung dem geheimen Plane des Erbprinzen zu, aus dem Spiele Ernſt, und Arminien, die vor Allen ſo ſehr von ihm emporgehobene, zu ſeiner Gemahlin zu machen. Bruno, ſchwer beleidigt von dem fortdauernden kalten Benehmen ſeines Vaters, ſchloß ſich feſter an das Sendow'ſche Haus. Arminia, welche den unange⸗ nehmen Ausfall des Stuͤckes hauptſaͤchlich ihrer Unge⸗ ſchicklichkeit zur Laſt legte, war zuvorkommender gegen den Prinzen als jemals. Ganz verſtoͤrt erſchien dieſer eines Abends in Sendow's Wohnung. Arminia war allein. Sie erſchrak vor ſeinem Ausſehen. Er erklaͤrte letzteres mit dem eben erhaltenen ſchriſtlichen Befehle ſeines Vaters. Er ſollte eine nochmalige Reiſe vornehmen, oder we⸗ nigſtens bei Verluſt der fuͤrſtlichen Gnade das Land verlaſſen.— O, nicht dieſe Trauer uͤber das unerwartete Un⸗ gluͤck dieſer Trennung! ſo rief, als von der Nachricht Arminiens Angen und Zuͤge und alle Glieder zu er⸗ ſtarren ſchienen, der Prinz, ſeinen Arm um ihre Schulter ſchlagend. Wir ſind eigentlich nicht getrennt, wir koͤnnen nie wieder getrennt werden, da unſte Seelen eins ſind, auf ewig. Ja Arminia du biſt mein, wie ich dein bin. Die Ewigkeit ſelbſt hat keinen Schluͤſſel mehr zu Loͤſung dieſes heiligen Bundes, wie moͤchte die arme Zeit mit all ihren ohnmaͤchtigen Waffen ihn bedrohen koͤnnen? Nein! Auch entfernt ſind wir unſer und bleiben das. Die Schranken, ſo man uns auferlegt, wollen wir tragen, da ja doch ein jeder neue Tag nagend an ihnen arbeitet. Oder willſt du nicht mein ſeyn, Arminia? Die heftigen Reden waren bis in der V. Zim⸗ mer erſchollen. Unbemerkt von beiden war ſie hereingeeilt. Sie hatte alles vernommen und legte jetzt ihren Arm ſchei⸗ dend zwiſchen das Paar. Mein Prinz— ſprach ſie— ihre Liebe iſt das wuͤrdigſte Geſchenk fuͤr diejenige, welche zugleich mit ihr den Segen ihres fuͤrſtlichen Vaters erhaͤlt. Ohne dieſen muͤßte ſie der Armen zu lebenslangem Fluche gereichen. Stehen ſie ab von der Verfuͤhrung, die, ihrem edeln Herzen ſelbſt unbewußt, wie das ſuͤßeſte Gift in die Adern dieſer Schuldloſen ſchleichen muß. Ihr Vater weiß, was ihnen nicht gut iſt. Nicht ihre Stammtafel allein widerſetzt ſich ihrer Vermahlung mit Arminien. Auch das Heil ihrer kunf⸗ tigen Unterthanen verlangt Beruckſichtigung in ſolch einer wichtigen Sache. Ein Fuͤrſt muß bei der Wahl der Gattin zuerſt ſeine Raͤthe und dann ſein Herz fragen. Denn er ſoll das wohlthätige Geſtirn fuͤr das ganze Land ſeyn. Neigungen, wie dieſe, muß er ihm opfern koͤnnen, damit die Unterthanen ihn ſeines hohen Platzes wuͤrdig finden.— Verzeihen ſie, mein Prinz, wenn die Mutter eines innig geliebten Kindes zum Schutze deſſelben dieſe Mahnung fuͤr noͤthig erachtete. Betroffen und unwillig ging Bruno nach einer ſtummen Verbeugung. In der Thuͤre aber noch kehrte er ſich um und ſprach mit Leidenſchaft: Arminia, wir ſind unſer. Sollte auch die ganze Welt ſich dawider verſchwoͤren, unſer ſind wir und werden es bleiben!— — Mein Kind— rief, als er hinweg war, die Mutter, welche wohl ſah, daß ihr Wort der Tochter Herz nur verletzt, nicht uͤberzengt hatte— ſteh ab von dem Wege, den er dich zu fuͤhren denkt. Wende deine ganze Kraft gegen ſeine ueberredung. Et iſt nicht Meiſter ſeines beſten Willens!— Arminia ſchluchzte troſtlos am Herzen der Mutter. Verſchloſſen in ihrem tieſen Schmerze vernahm ſie keinen der vielen Gruͤnde, womit Frau von Sendow ihre Behauptungen, ihren Rath zu bekraͤftigen ſuchte. Vielleicht brächte ſie das einſame Nachſinnen am veſten auf den rechten Pfad, dachte die Mutter, und ließ ſie mit ihren Thraͤnen allein. So fand ſie der nach Hauſe kehrende Hofmarſchal. Er hatte den Prinzen geſprochen und wollte uͤber die Seltſamkeit ſeiner Gemahlin von Sinnen kommen. Ich weiß, gute Arminia, was hier vorge fallen iſt, ſagte er, kann mir auch leicht einbilden, welche finſtre Vorſtel⸗ lungen deine Mutter in ihrer beſchraͤnkten Anſicht gebraucht haben mag, dich mit dem großmuthisſten aller Prinzen fuͤr immer zu entzweien. Sie bedenkt nicht die unbeſonnenheit ihrer uͤberſluͤſſigen Sorge. Ohne unſte Schuld hat der regierende Fuͤrſt ſein Ange — uns entzogen. Nur ſein Nachfolger iſt unſerm Heile uͤbrig geblieben. Aber durch eine, unſerm Jahrhunderte ganz fremde, Strenge, bemuͤht ſich deine Mutter dieſen von uns zu ſcheuchen. Statt ſich ſeiner zarten, ſchuldloſen Neigung zu dir zu erfreuen, ſucht ſie ſolche durch Beleidigungen zu erſticken. Wareſt du denn die erſte Vaſallentochter, welche ein guͤnſtiges Geſchick auf den Fuͤrſtenthron gehoben haͤtte? Und fuͤhlſt du etwa nicht, daß Herz und Geiſt dich dieſes Platzes wuͤrdig machen?— O mein Vater— rief Arminia— nicht dieſe Hoff⸗ nungen. Ich begehre ihrer ja nicht. Aber mein Herz, dieſes arme Herz, ihnen darf ich's geſtehen, es wuͤrde brechen, wenn der Prinz nicht einmal von mir dann und wann einige Buchſtaben erhalten, wenn er ſeinem Gefuͤhle nicht zuweilen durch einen Brief an mich Luft machen duͤrſte. Meine Liebe zu ihm, ja, ſie wuͤrde beſtehen, auch ohne dieſes, wie die ſeinige zu mir. Es iſt eine Pflanze, die nicht im irdiſchen Vereine ihr Gluͤck ſucht. Aber warum ſollte ſie alles Sonnen⸗ ſcheins entbehren? Will ich mich doch verbinden, den Prinzen nie, nie wieder zu ſehen, auch nie mehr an Einem Orte mit ihm zu wohnen, wenn nur Nachrichten hin und her gehen koͤnnen. Ein ſo reines Seelenband kam vom Himmel und harret ſehnſuchtsvoll des Augen⸗ blicks, wo es dahin zuruͤckkehren darf. Meinen ſie wohl, theurer Vater, daß ich uͤber Bruno's Tod weinen wuͤrde? Gewiß nicht. Ich koͤnnte ihn ja nur als eine recht fruͤhe Vollendung ſeiner ſelbſt und unſerer Liebe betrachten. Denn mein Sehnen, das fuͤhle ich ſchon jetzt, wuͤrde mich bald nach ſeinem ebenfalls der Erde entbinden. Der Hofmarſchall verſprach, den gewuͤnſchten Brief⸗ wechſel durch ſeine Haͤnde gehen zu laſſen. Sie dankte ihm auf's innigſte.— Frau von Sendow kam nicht zum Abendtiſch. Sie ließ ſich mit nothwendigem Schreiben entſchuldigen. eltſam! rief der Hofmarſchall laͤchelnd, als ihr Bedienter wieder hinweg war. Arminia uͤberſah die Seltſamkeit gern, weil ſie(zum erſten Male vielleicht in ihrem Leben) ſich vor der Mutter Zage 3 ſehr geſcheuet hatte. Dieſer Gedanke aber fing nunmehr an, ſie zu martern. Bald jedoch ging er wieder unter in dem 36 . S 2 3 — e3— ihrem Herzen ſo wohlgefaͤlligen Plane des kuͤnftigen Briefwechſels, welchen Sendow mit vieler Vehaglichkeit ihr vorzeichnete und dabei immer Winke auf ein vor Vielen ihr beſtimmtes, irdiſches Gluͤck gab, die ſie theils nicht verſtand, theils mit Feſtigkeit von der Hand wies. Der Wunſch einer guten Nacht, mit welchem der Hofmarſchall ſie freundlich entließ, blieb ohne allen Erfolg. Kaum war die Gute allein, ſo fuͤhlte ſie ſich mehr als zuvor von dem Umſtande vernichtet, hinter dem Ruͤcken ihrer Mutter etwas dem Willen derſelben ganz Zuwiderlaufendes beſchloſſen und ſich daran erfreut zu haben. Ach, die Mutter ſo gut, ſo verſtaͤndig! Mit eigener Aufopferung hatte ſie von jeher dem ge⸗ liebten Kinde jede Freude, die Gewaͤhrung jedes Wunſches ſo gern erkauft!— Arminia eilte zum Fenſter. Sie riß es auf, um Luft zu ſchoͤpfen, friſche, beſſere Luft. Aber die Sterne, ziemlich ſo hell als an jenem Abende, aus dem ſie ſo gern den Chriſtabend gemacht haͤtte, blickten ſie kalt und ſtarr an, wie damals die mit Schnee uͤberzogene Erde. Die Sterne in der 6* Bit waren von Duͤnſten umſchleiert.— 3 . Sie verließ das Fenſter und ging mit ſtarkklopfen⸗ dem Herzen auf und ab. Sie hoͤrte noch Tritte auf dem Saale. Wie, wenn es die Mutter waͤre? Ein Zittern befiel ſie. Sie eilte nach dem Fenſter, es zu⸗ zumachen. Wenn es die Mutter wirklich war, ſo mußten alle Erinnerungen an jenen Abend auch um deß⸗ willen vermieden werden, weil ſie ihn als den erſten be⸗ trachten konnte, wo ihre Neigung zu Bruno ein voll⸗ kommenes Uebergewicht uͤber ſie zu gewinnen anfing. Die Thuͤre ging auf. Es war Frau von Sendow. Vielleicht im halben Bewußtſeyn, das hoͤchſt un⸗ ruhige Auge ihr entziehen zu muͤſſen, ſtuͤrzte ſich Ar⸗ minia mit großer Gewalt in die Arme der Mutter. Dieſe umfaßte die Tochter ſanft. Dann aber lehnte ſich zuruͤck, ohne jedoch Arminien loszulaſſen und Frach: Warum ſolche Haſt, ſolcher Sturm, mein , mein einziges Kind? Senſt glich deine innige Liebe zur Mutter dem leiſen aber tiefeindringenden Tone der reinſten Harmonika. Der heutige Ungeſtuͤm iſt kein gutes Zeichen. Biſt du meiner Liebe unwerth geworden, Arminia, daß du ſie mit aͤußerer Gewalt wieder an dich reißen willſt?— ——̃Ü+˖ÜFY ˖ Arminia ſenkte ihr Haupt immer tiefer und ſchmerz⸗ licher nach dem Mutterbuſen hin. Frau von Sendow fuhr troͤſtend fort: Nein, mein Kind, das biſt du nicht! Ich weiß mehr als du glaubſt. In der Garderobe hier nebenan, wo ich zufällig nach etwas ſuchte, als mein Gemahl zu dir hereintrat, konnte keines enrer Worte mir entgehen. Mehrmals hatte ich ſchon die Thuͤre in der Hand, heruͤberzueilen, ſeine verderblichen Reden von dir abzuhalten. Aber ich mußte von ſeinem Jaͤhzorn eine ſchlimme Szene befuͤrchten, ohne meinen Zweck auf dein Herz zu erreichen. Spaͤterhin ſetzte ich mich an mein Pult. Doch ich zerriß den weitlaͤuftigen Vrief, den ich an dich geſchrieben hatte. Es war nur geſchehen, mir einen ſchrecklichen Augenblick zu erſparen. Allein mußte es dir nicht auch ſchrecklich ſeyn, einen Brief von der Mutter zu erhalten, mit der du in Einem Hauſe wohnteſt? Zudem haben ja Briefe nur Worte und muͤſſen des lebendigen Anhauchs der Seele, des Tons, der Geſichtszuͤge, entbehren; daher ſie denn auch gar leicht den beabſichtigten Zweck verfehlen konnen. So bin ich denn jetzt ſelbſt gekommen. Aber ich bin nicht da, deinen Gefuͤhlen treulos zu ſchmeicheln, wie ich ſolches vorhin vernahm, ſondern ſie zu zerreißen —— — und die beſſern, jetzt unterdruͤckten, wieder an ihren Platz zu rufen. Der Weg, den du einſchlagen willſt, der Briefwechſel mit dem Prinzen, iſt ein Pfad uber einen Fluß, deſſen Eisrinde allenthalben warme, truͤ⸗ geriſche Stellen hat, die unvermeidlich in die Tiefe hin⸗ abfuͤhren. Sendow wuͤrde dich ſchwerlich dieſen Pfad gehen laſſen, ſchluͤge ein Vaterherz in ſeiner Bruſt. Aber das iſt nicht ſo.— Armes, liebes Kind, verdamme die Ungluͤckſelige, die dich gebar, denn er iſt nicht dein Vater. Nur darum habe ich ihn zum Gatten genom⸗ men, auf daß du vor der Welt einen Vater haͤtteſt. H theure Arminia, moͤge die Wunde meines zerriſſenen Herzens, die mir jetzt aus den Angen brennt, die mein Geſicht zu Schnee erbleicht hat, moge ſie dich abmahnen von dem Pfade, den ich einſt wandelte, Anfangs ſchuldlos, wie du! Arminia, nach Sendow biſt du die erſte, gegen welche dieſes Geſtändniß uͤber meine Lip⸗ pen geht, ermiß meinen Schmerz, meine Verzweiflung. Aber deine Gefahr war allzugroß. und moͤchte dein Herz ſich ganz von der Reuigen abwenden, wenn nur der Friede deſſelben gerettet wird; wenn nur mein Beiſpiel dich vom Abgrunde zuruͤckſcheuchen kann. Des Mannes Liebe, deren Frucht du biſt, begann, wie -—————.—————————— Bruno's Liebe. Mein Ohr wurde berauſcht von ihr, wie das deinige. Er war vielleicht ſo ſchuldlos, wie Bruno und du. Ein Angenblick aber und die Schuld hatte die Sorgloſen uͤbermannt, und nun iſt mein ganzes Leben nicht lang genug, ſie abzubuͤßen und mich wieder mit mir ſelbſt zu verſoͤhnen. Dieſes Bekenntniß, ich fuͤhle das, loͤſet unſere zeitherigen Verhaltniſſe. Es ſpricht die noch Unſchuldige von der ſchuldigen Mutter los. Es ſpricht dich von den Pflichten der Tochter gegen einen Mann los, der dir den Namen ſeines Kindes nur darum vergoͤnnte, weil er durch meine Familie ſich am Hofe zu erheben dachte. Dies iſt auch urſache, daß er deine Tugend an die Leiden⸗ ſchaft des Prinzen verrathen will. Herzinnig geliebtes Kind, fliehe dieſes Haus, dieſe Stadt! Wie moͤchte die Gefallene dich an dieſelbe Pflicht erinnern, die verletzt zu haben ſie dir geſtaͤndig geweſen? Mit welchem Auge muͤßteſt dn ſie anſehen, wenn ſie als Rathgeberin vor dich traͤte und Gehorſam von dir ver⸗ langte? O meine theure Mutter— rief Armtnia, ihre Hand mit Feuer an die Lippen ziehend— eben mit dem Ange des Gehorſams und der Liebe! Und waͤre das— entgegnete Frau von Sendow— wie moͤchteſt du der ſchuldigen Mutter läͤnger zumuthen, ihrem ſchuldloſen Kinde in's Auge zu blicken? Theuerſte Mutter, ſey nicht grauſam gegen dich und mich zugleich! Nun der Vater mir verloren ging, muß ich ja all' meine Kindesliebe auf dich ubertragen. Wollteſt du ſolche von dir ſtoßen? Wollteſt du die Tochter, die du ſchuldlos nenneſt, ganz ohne Urſache ſo ungeheuer beſtrafen? Nein, mein liebes, holdes Kind, das will ich nicht. Und doch—— kann ich deinen Blick ſchwer ertragen! fugte ſie mit tiefem Schmerze hinzu.— Sieh, welche Verwirrung aus einem einzigen Vergehen, nach ſo vieljaͤhrigem ſtillen Jammer— denn das wird dir nun wohl klar werden, daß mein Leben nur eine Kette von verhaltenen Thraͤnen geweſen iſt?— uͤber Men⸗ — ſchen kommen kann, die ſich mit gutem Gewiſſen zu den beſſern rechnen durfen! Du willſt alſo noch immer mir gehorchen, ganz gehorchen, wie ſonſt? O meine innigſtgeliebte Mutter, mehr noch, als ſonſt, wenn es moͤglich iſt. Jeden Hauch deines Mundes, jeden Blick deines Anges will ich zu ergruͤnden ſuchen, um nicht ſehl zu gehen. Was du wmir — ————— „ — 1 k — 60— aufgiebſt, ſo ſchwer es auch ſeyn mochte, ich will es ausfuͤhren. Wohlan— ſagte die Mutter, ſie heftig an ihre Bruſt preſſend— ſo reiſeſt du noch in dieſer Nacht! Was nun eingetroffen iſt, ziemlich alles vorausſehend, habe ich die Sache ſchon ſeit ein Paar Wochen einge⸗ leitet. Eine meiner Jugendgeſpielinnen wird dich als ihr Kind aufnehmen. Die lange in einem fernen Kloſter verſchloſſen geweſene iſt nach deſſen Anfhebung unter fremden Namen in ein benachbartes Reich, ihr Vater⸗ land, gekehrt, wo ſie ganz einſam auf dem Gute eines ihrer Verwandten lebt. Schließe dich an ſie an. Thne in den erſten vier Monaten nichts, als was du ſie thun ſiehſt. Verborgenheit, welcher ſie nicht mehr entbehren kann, wird dich vor allen Gefahren ſchutzen. Verborgenheit; nichts weiter! Gegen das Ende des vierten Monats denke ich dich dort zu ſehen. Arminia verbarg den gluͤhenden Kampf, welchen dieſes Gebot in ihr erzeugte, ſo gut als moͤglich vor dem Auge der Mutter. Sie entſchloß ſich, wie ſie gelobt hatte, puͤnktlich zu gehorchen. Ein alter, be⸗ waͤhrter Diener ward gerufen, mit den noͤthigen Be⸗ fehlen verſehen, und ihm dann die indeß zur Reiſe ferti Gewordene anvertraut. Toͤdte mich nicht mit deinen naſſen Augen! ſagte die Mutter beim uſciede, Arminiens Fuß ſich gefeſſelt fuͤhlte. Da ſchwankte ſie, den Arm ihres Regleiters faſſend, die Treppe hinab. Die Sachen ſollten nachge⸗ ſendet werden. Nach dem durch Waͤlder und uͤber Anhoͤhen führen⸗ den beſchwerlichen Fußwege von einigen Stunden nahm man Poſtpferde, und am folgenden Abende ſchon war Arminia gluͤcklich an Ort und Stelle. 18. Kaum hielt ſich der Zorn des Hofmarſchalls in den Graͤnzen des Anſtandes, als er am Morgen dieſe Abreiſe erfuhr. Er beſtand auf die Anzeige von Ar⸗ miniens Aufenthalte, und auf ſeinem Rechte dazu. Seine Gemahlin entgegnete: Sie haben mich zur Rettung meiner Tochter auf dieſe Weiſe genothigt und 3 alle Rechte auf mein gutes Kind durch ihren 4₰ Rath verwirkt. — 1— Er mußte es vei leeren Drohungen bewenden laſſen. Frau von Sendow genoß, Trotz des offentlichen Misverſtaͤndniſſes zwiſchen dieſem Hauſe und dem Fuͤrſten, ingeheim noch immer das Vertrauen der Furſtin in ſolchem Grade, daß wenig Tage vergingen, wo uicht Zuſammenkuͤnfte zwiſchen ihnen ſtatt fanden. Herr von Sendow war zuverlaͤſſig um ſeine Stelle, ſobald ſeine Gemahlin nur ein beſchuldigendes Wort fallen ließ. Bald fing er an, es fuͤr das Vortheil⸗ hafteſte zu halten, in einer geheimen Audienz, die er auf vieles Bitten vom Fuͤrſten erlangt hatte, die Ent⸗ fernung Arminiens, als eines Steins des Anſtoßes, ſein Werk zu nennen und darauf anzutragen, daß dem Prinzen Vruno das fernere Exil erlaſſen werde. So wurde ihm auch wirklich des Fuͤrſten Gnade wieder zu Theil. Dem zuruͤckkehrenden Erbprinzen eutdeckte er freilich die umſtaͤnde. So ſehr ſich Bruno aber auch uͤber Arminia's Verborgenheit betruͤbte, fuͤrchtete er doch ſeinen Charakter bloszuſtellen, wenn er deshalb gegen Frau von Sendow Klage führen wollte. 19. Eine beſſere Wahl fuͤr Arminia's geiſtige Her⸗ ſtellung haͤtte die Mutter nicht finden koͤnnen, als in dem Fraͤulein Adele von Ichtern. Einnehmender war die Andacht nicht zu ſchildern. Dieſe hohe Geſtalt ſchien ein Verein der Geduld, der Demuth und der heiligſten Liebe. Die noch ſehr bedeutenden Reſte be⸗ ſonderer Schoͤnheit dienten nur, das Anziehende ihres Charakters zu vermehren. So lange ſie das Gut be⸗ wohnte, war ſie in der ſchlimmen Jahreszeit die Mauern des Wohngebaͤndes nie überſchritten, und während des Sommers blieb hauptſaͤchlich der daran gelegene Garten der Inbegriff und die Graͤnze ihres ſtillen Wirkens. Der Geiſtliche des Orts beſuchte ſie, auf ihr Verlangen, alle Sonntage vor dem oͤffentlichen Gottesdienſte, um dieſen in einer Kapelle, die ſie ein⸗ gerichtet hatte, ihr und ihren Leuten zu halten. Arminia's Herz wäre unter ihrer Pflege vielleicht ganz geneſen, hätte ſie ſich von jenem Ringe und dem Porträt des Prinzen losmachen koͤnnen. Deshalb that auch Adele ihrer Mutter in einem Briefe den Vor⸗ ſchlag, dieſe beiden Stuͤcke ihr abfordern zu laſſen. Allein Fran von Sendow konnte es nicht über ſich —— gewinnen, das arme Kind auch um dieſe theuern An⸗ denken zu bringen. Arminia's Tag theilte ſich zwiſchen Arbeit 20 an⸗ daͤchtige Betrachtungen, durch welche ſich Adele nach und nach das Fraͤulein ganz zu eigen machte. Nach Ablauf des Sommers, den ſie hier noch zuſammen zu bleiben gedachten, wollte Arminia die neue muͤtterliche Freundin nach Rom begleiten, wo fuͤr die letztere der Platz in einem Floſter ſchon wieder bereit ſtand. Doch war es nicht Arminia's Abſicht, den Schleier zu nehmen, vielmehr ſollte ſie daſelbſt in einer vornehmen deutſchen Familie, von deren Lobe Adelens Mund uͤberfloß, einen ſo anſtaͤndigen, als erfreulichen ußn halt bekommen. 20. Der weibliche Theil der deutſchen Familie aus Rom, deren Vorſatz es geweſen war, gegen das Ende des Sommers einen Durchflug durch Deutſchland zu machen und dabei Adelen mit zuruͤckzunehmen, uͤber⸗ raſchte dieſe eines Tages ſchon, als eben erſt die ſchone Zeit der Roſen begann. Eine nicht zu verſchiebende Auseinanderſetzung mit einigen Seitenverwandten war — ℳ— urſache. Der Name der angekommenen hieß Weißen⸗ burg. Sie wohnten in einer kaum zwei Stunden von Adelens Aufenthalte entfernten Stadt und die beiden weiblichen Glieder des fremden Hauſes kamen ſehr oft zu ihr gefahren. Außer ihrer geliebten Mutter fuͤhlte ſich Arminia keinem weiblichen Weſen ſo nahe verwandt, als der jungen Graͤfin Klaudia von Weißenburg. Klaudia's Gefuͤhle erwiederten die ihrigen. Der erſte Blick beider ſprach ihre Seelenverwandtſchaft aus. Es war, als koͤnnten ſie nicht von einander laſſen. Das ſuͤße, ſchwaͤrmeriſche Feuer in Klandia's dunkelm Auge ſchien ſogleich mit dem milden Mondglanze, der aus Armi⸗ nia's blauem Auge nach ihm hinuberfloß, ein Vermah⸗ lungsfeſt feiern zu möſſen. Sie hatten die Lippen noch nicht gegen einander zu irgend einem bedeutenden Worte geoͤffnet, als ſie ſchon ahneten,*5 ſie ſich fuͤr immer angehoͤrten. Waͤhrend Adele und Klandia's NMutter den in der Jugend geſchloſſenen Bund erneueten und ſich gegen⸗ ſeitig ihre Schickſale mittheilten, wandelten die neuen Freundinnen in den hohen Baumgaͤngen des reizenden Sartens auf und nieder. Das anſaͤngliche ſtille, ſich — 5— ſelbſt kaum bewußte Frohſeyn, einander gefunden zu haben, rann allmaͤhlig in eine Vertraulichkeit uͤber, wie ſie ſonſt nur nach Jahrelanger Bekanntſchaft einzutreten pflegt. Ohne ihr Zuthun gingen ihre Herzen gegen einander auf. Es fand ſich, daß auch Klandia das ungluͤck der Liebe im Vuſen trug. Nur in der Form war es anders. Ihr Geliebter war am Abende des von den Aeltern bereiteten Verlobungsfeſtes verſtorben. Die Thraͤnen, mit welchen Arminia und ſie ſich um⸗ faßten, galten der Ewigkeit des Buͤndniſſes, das keine Worte hatte und auch keiner Worte bedurfte. 21. Die beiden Graſen von Weißenburg, Vater und Sohn, kamen, mannigfacher Reiſen und Geſchaͤfte halber, erſt vier Wochen ſpaͤter dazu, Adelen ihren Beſuch zu machen. Der junge Guido von Weißenburg fand das Lob, welches ſeine Schweſter Arminien ertheilt hatte, bei Weitem nicht ausreichend. Ein ſolches Muſter der Weiblichkeit glaubte er, auch ihre Schoͤnheit abgerechnet, weder geſehen zu haben, noch auch jemals finden zu koͤnnen. Er freute ſich hetzih, ſie mit nach Rom kommen ſolte. — 76— Guido war ein, fuͤr ſein Alter uͤberaus ernſter und bedaͤchtiger, junger Mann, dabei von durchdringendem Geiſte und ſehr einnehmender Figur. Wie ſehr hätte Klaudia gewuͤnſcht, ſeine ihr gar verſtaͤndliche, Hoffnung kuͤnftig erfuͤllt zu ſehen. Allein ſie fͤhlte am eigenen, ſchweren Herzen, daß ungluͤckliche Liebe, je groͤßer ſie iſt, um ſo ſicherer, auf ein Jenſeit rechnet und das Gluͤck dieſer Erde als ein fremdes, ungenießbares Gut betrachtet. Guido leiſtete jetzt ſeiner Mutter und Schweſter nach Arminia's Wohnorte, ſo oft, als es gehen wollte, Geſellſchaft. Arminia war außerſt betroffen daruͤber. Zwar hielt er ſich fortdauernd in den Schranken des Gewohnten, allein die Mienen Adelens und ſeiner Mutter, entgingen ihr nicht. Ihnen waͤre Arminia, als kuͤnftige Gemahlin Guido's, offenbar recht geweſen. Immer fuͤrchtete das Fraͤulein, Adele wuͤrde einmal⸗ wenn ſie mit ihr allein war, von dem Gegenſtande anfangen. Allein Adele vermied das alles ſorgfältig. Sie meinte, daß dem, was ſich doch vielleicht in der Folge von ſelbſt fuͤgen koͤnne, eine zu fruͤh hervortre⸗ tende, fremde Abſicht eher nachtheilig als foͤrderlich ſey1n werde. Das freilich glaubte ſie nicht, daß ihre Blicke dieſe Abſicht ſchon verrathen haͤtten. 22. Die Briefe der Frau von Sendow waren allezeit ein Feſt fuͤr Arminien. Fortdauernd gaben ſie ihr auch ihre groͤßte Zufriedenheit zu erkennen. In einem ihrer Briefe hatte Arminia noch geaͤußert, daß ſie ihrem Verſprechen, nichts zu thun, als was ſie Adelen thun ſahe, in allem nachkomme. Sie erſtrecke ſolches bis dahin und werde es immer thun, daß ſie gleich Adelen, die Schwelle des Gartens mit keinem Fuße uͤberſchreite. Einſt gedachte ſie deſſen im einſamen Geſpraͤche mit Klaudien, als eines Umſtandes, deſſen Erwähnung ſie bis dahin vergeſſen hatte. Sie bemerkte deutlich, daß dieſe ein Lacheln daruͤber ſorgfaltig unterdruͤckte. Arminia drang in ihre Freundin, ſich naher zu erklaͤren. Klaudia geſtand, daß ſie ſolch eine Vorſicht doch fuͤr ubertrieben achte. Sie fuͤgte hinzu, daß ihr die Sache um ſo mehr leid thue, weil ſie eben die Idee gehabt habe, ſie zur Begleitung in ein ganz eigen gelegenes, romantiſches Thal anſzufordern, deſſen wunderreiche Schonheit ſie ihr zu ſchildern bemuͤht war. —— ——— —= — veiden Freundinnen zu. —„8— Seufzend zuckte Arminia die Achſeln. Aber, mein Gott, rief Klaudia, warum am Buchſtaben ſolcher an ſich ſchon abentheuerlichen Verſprechungen kleben bleiben? Meine Mutter und ich, wir ſind zufaͤllig durch eine Verirrung unſers geſtrigen Kutſchers in jenes Thal gerathen. Kein Gedanke dort an einen Menſchen, von den Klaſſen, die man die Gebildeten nennt. ichts, als Landleute, welche die Gegend bewohnen, und ich geſtehe, daß mir grade das recht wohl gethan, einen Ort zu finden, deſſen ſchoͤne Natur die ſogenannte Vildung noch gar nicht aufgefunden und durch leere, ruͤhmende Worte in oͤffentlichen Blaͤttern heruntergebracht zu haben ſcheint! Meine Mutter wird ſo eben die Ichtern bitten, daß ihr uns dahin begleiten moͤchtet. Von der iſt freilich kaum zu erwarten, daß es geſchieht. Aber du, ja, Arminia, du mußt mit uns dahin. Ich prauche dein Mitgefuͤhl der Reize jener Gegend zu nothwendig, wenn das Bild davon in meinem Andenken nicht einen duͤſtern Schein erhalten ſoll.— Arminia ſetzte alles darauf, was Adele ſagen werde. Sie kam ſo eben am Arme der iltern Graͤfin auf die ————————— — 70— Arminia— ſo redete ſie dieſe an— uuſere Freun⸗ dinnen wuͤnſchen, dir eine ſchoͤne Gegend zu zeigen. Es haͤngt ganz von dir ab, ob du ihrer Einladung Gehoͤr geben willſt. Arminia bat, daß Adele ihr Ja oder Nein aus⸗ ſprechen moͤge. Klandia ſtellte ſich ihr gegenuͤber, der Freundin, wegen dieſes Entſagens des eigenen Willens, ihren Unwillen auszudruͤcken. Aber Adele lehnte die Entſcheidung ab. Arminia, behauptete ſie, muͤſſe ſolche ſelbſt thun und dieſe— fuhr mit hinweg. Die kleine Wolke der Unruhe, welche ſich auf Adelens Stirne vildete, entging der Einſteigenden nicht. Es war, als werde ihr Fuß von geheimer Gewalt einen Angenblick zuruͤckgehalten. Allein ſie bezwang ſolche. Als die, ſonſt ſtets verſchloſſene Gartenthuͤre wieder in's Schloß fiel, uͤberlief die mit den beiden Freun⸗ dinnen davonrollende ein Schauer, den auch Klandia's ſuͤße, ihr zugekehrte Miene nicht ſogleich zu verdraͤngen im Stande war. Kaum eine Stunde Weges lag ſchoͤne Thal von dem Gute entfernt. Sollte man's fuͤr glaublich halten— rief Klaudia, als man in daſſelbe gelangte— daß zwei ſo gefühlvolle, fuͤr die Reize der Natur empfaͤngliche Weſen, wie die Ichtern und meine theure Arminia, dieſem Elyſium ſo nahe wohnen könnten, und erſt durch Andere damit bekannt werden mußten?— Es war in der That, als ob die Natur ein ſtilles Heiligthum für ihre treueſten Freunde hier angelegt habe. An einem mit Steinen uͤberſaͤeten Wege, den ſo leicht kein Wagen ungeſtraft hinunter wagte, ſtieg man aus. Die aus dem Grunde hervorragenden Eichen⸗ wipfel verbargen noch alles. Jetzt aber wendete man ſich zur Rechten und die ganzen, hohen, rieſenhaften Vaͤume, welche manches Jahrhundert ſchon in dieſer Stille ruhig verlebt hatten, bildeten nunmehr den herrlichſten Eingang. Ein kleiner, klarer Fluß kruͤmmte ſich freundlich zwiſchen Erlen und Vergißmeinnicht und dem reizenden Geflatter blauer Libellen hin. Aus der uͤppigſten Grasflaͤche auf der einen Seite lachte ein munteres Blumenvolk ſo anmuthig und mannigfach, umſummt von Bienen und umgaukelt von Schmetter⸗ lingen in der herrlichſten Farbenpracht. Jenſeit des Fluſſes erhoben ſich bunte Felſen, auf denen das ernſte —— — 61— Nadelholz das lichte Gruͤn der Birke kraͤftig hervorhob. Und an dieſen Felſen hingen, wie Schneckenhaͤuſer, hier und da Huͤtten, deren Rauch menſchliches Daſeyn ankuͤndigte. Auch ſah wohl aus dem und jenem kleinen Fenſter ein holdes Kinderkoͤpfchen, befremdet uͤber die ſtäͤotiſch gekleideten Wanderer, welche gar nicht in eine ſo ſtille Welt zu gehoͤren ſchienen. Je weiter man der Kruͤmmung des Fluſſes nach⸗ ging, deſto hoͤher erhoben ſich die Verge, deſto man⸗ nigfacher wurden ihre Fels⸗ und Bumgt pen, zwiſchen denen farbige Heerden ſich bald verloren, bald wieder hervorkamen. Auch das Thal breitete ſich immer ſchöner und reicher aus. Neben den Wieſen kamen junge Saaten zum Vorſchein. Dazu bildeten die Haͤuſer auf beiden Seiten des Fluſſes in der Ferne ein ganzes, mit hohen Linden und Buchen durchwachſe⸗ nes Dörſchen, das ſich zum Theil an die ſauft hinauf⸗ ſtrebende Rebenhoͤhe gelehnt hatte. Muntre Kinder liefen halbnackt, aber mit dem Reiz der Geſundheits⸗ fulle ausgeſtattet unher. Keine Spur von ſtädtiſcher Bildung, außer in dem uͤber die Dorfwohnungen hinausragenden Herrenhauſe und deſſen angenehmen Garten. * 6 Hand zuruͤck zu der Mutter eilend. Der Beſitzer des Gutes hatte die Einſamkeit nicht aushalten koͤnnen und ſich fuͤr immer nach ber Reſidenz begeben. Arminia, heftig ergriffen von dem allen, faßte Klaudia's Arm und eilte mit ihr zuruͤck an das ufer, wo die Vergißmeinnicht laͤchelten, die beiden ältern Damen mit einem Kranze davon zu beſchenken. 2ber, erſchrocken, warfen jetzt beidenguf Einmal die ſchon geſammelten Blümchen wiedet din, weil nicht mitten aus einem Haͤuflein der ſchoͤnſten ſcht, eine Schlange ſich emporrichtete, ihr Kopfchen nach ihnen wendend. Daß doch jedes Paradies von Schlangen heimge⸗ ſucht ſeyn muß! rief Klaudia, erſchrocken an der Freundin — — Kaum hatten ſich die Freundinnen ein wenig von ihrem Schreck erholt, ſo kam in ſeltſamen Spruͤngen ein Mädchen daher, beſſer gekleidet, als die gemeinen Landmädchen. Schuchtern und ſtieren Auges ſah ſich daſſelbe nach gllen Seiten um. . . P. * — 7 E Ohnfehlbar eine Verruͤckte! rief die Graͤfin Mutter, beide Fraͤulein an ſich heranziehend. Bald nachher traten auch mehrere Leute aͤngſtlich aus dem Herren⸗ hauſe, ſchienen nach ihr zu fragen und eilten auf 4. erhaltene Antwort bei ihnen voruͤber. Auf Arminia's Wink kamen ſie zu der, und ſie zeigte nach der Stelle, wo das Maͤdchen ſich nieder⸗ gelaſſen. Es war grade der Ort, wo kurz zuvor die beiden Freundinnen Blumen gepfluͤckt hatten. Ein Fie⸗ berfroſt uͤberfiel beide, daß ſie juſt dahin gerathen muͤſſen. Hauptſaͤchlich der Schlange wegen. Und ſchon im Augenblicke nachher, wurden ſie, zu ihrem großen Entſetzen, gewahr, daß jenes Maͤdchen wirklich, eine lebende Schlange in der Hand, zuruͤckkehrte, und mit wildem Lachen das fruchtloſe Beſtreben des Thieres nach Freiheit anſchaute. Sie war untroͤſtlich, als man ihr die Schlange mit Gewalt vom Arme gewunden und getodtet hinwegge⸗ ſchleudert hatte. Sie wollte zu Boden ſinken; keinen Schritt weiter thun. Die beiden Fraͤulein eilten dahin, wo nſie ſichn nie⸗ dergelaſſen. Ohne auf der Andern Ermunterung und Vitte zu achten, bedeckte Hannchen(die Wahnſinnige) ————— um ſolche nur nicht zu ſeben, ihre Augen mit der Hand. Letztere blutete von den Biſſen der Schlange. Die Fräͤulein aͤnßerten ihre Beſorgniß. Aber der Gutsverwalter, der Vater der Ungluͤcklichen, beruhigte ſie mit der Verſicherung, daß die dortigen Schlangen kein Gift fuͤhrten. Auch die beiden Fraͤulein bemuͤheten ſih, die Andern mit Zureden zu unterſtutzen. Endlich blickte die Wahnſinnige auf. Nach Armi⸗ nien emporſchguend, hielt ſie die Hand vor, als wollte ſie ſich gegen die Sonne ſchuͤtzen. Arminia redete ſehr freundlich mit ihr. Da erhob ſie ſich. Mit dir, ſprach ſie, will ich gehen, aber ſonſt mit keiner Seele. Des Maͤdchens Verwandte deuteten Arminien mit den Augen, daß ſie von Hannchen durchaus nichts zu fuͤrchten habe. Wirklich theilte Arminia auch die Furcht ihrer beiden Freundinnen in dieſer Rückſicht ſchon im erſten Angenblicke nicht. Bald fand Arminia, zu ihrer Freude, daß die Angen in dem blaſſen Geſichte der ungluͤcklichen weniger ſtarr wurden in ihtem Anſchauen, daß des Mädchens Rede einen mildern Ton annahm. Nur der Uebrigen halber kehrte ſich Hannchen von Seit zu Zeit um und ſorgte immer dafuͤr, daß ſie in einiger Entfernung blieben. 5, . 3 Ach, ſagte ſie, nach manchem vorhergehenden un⸗ verſtaͤndlichen Worte, ich hatte auch große Hoffnung, vald ſo ſchone Kleider zu bekommen, wie du. Aber die Hoffnung iſt ein boͤſes Ding, ſie iſt mir zu Schan⸗ den worden. Huͤte dich ja vor ihr, hörſt du? Arminia fuͤhlte ſich um ſo heftiger erſchuͤttert durch dieſe Warnung, weil ſie von Hannchen mit der großten Gnutmuͤthigkeit, mit dem ſſte Wohlwollen ausge⸗ ſprochen wurde. Während ſie einigemal mit einander im Garten des Herrenhauſes hin und hergegangen waren, verlor ſich in Hannchen almaͤhlig jede Spur von Wahnſinn. Durch Liebkoſungen hatte Arminia ſie gewiſſermaßen in dem ihr angeborenen Kreiſe, dem ſie von einem harten Schickſale entriſſen geweſen ſchien, wieder ganz einheimiſch gemacht. Nichts, als bisweilen ein truͤber, zur Erde geſenkter Blick des Maͤdchens ſtoͤrte die liebe⸗ volle Troͤſterin in dem Gedanken, daß die Arme fuͤr die naͤchſte Zeit ihren gewoͤhnlichen Verhaͤltniſſen ganz zuruͤckgegeben ſeyn werde. Arminia fuͤhrte ſie ſelbſt zu ihrem Vater. Freu⸗ denthränen dankten ihr den augenſcheinlich Sn ſeines lieben Kindes. „— 86— Erſt als es zum Abſchiede kam, zeigte die Mit⸗ leidswerthe einen Ruͤckfall in ihre furchtbare Welt der Einbildung. Sie wollte Arminien durchaus nicht von ſich laſſen. Aber der weiche Engelston der letztern, ihr liebevoller Blick, brachte ſie von Neuem in's rechte Gleis. Nur mußte Arminia ihr Wort und Hand geben, am folgenden Tage wieder zu kommen. Hannchens Baſe ging den ihren Wagen Aufſuchen⸗ den ein großes Stuͤck Weges nach. Alle zeigten Be⸗ gierde, die Veranlaſſung zu dem ungluͤck zu vernehmen. Obſchon die Frau nicht recht mit der Sprache heraus⸗ wollte, ſo ergab ſich doch ziemlich klar aus ihren Reden, daß der Gutsherr das reizende Kind mit Hoffnungen auf ſeine Hand getäuſcht, und ihre Liebe zu ihm die Bedauernswuͤrdige in den troſtloſen Zuſtand verſetzt hatte. Die Vaſe flehte Arminien, morgen ja gewiß zu kommen. Einen ſo wunderbaren Einfluß wie ſie, habe noch keines Menſchen Zuſprache auf die Arme geaͤußert. Erſt am Abende zuvor ſey zwar ein Herr aus dem benachbarten Brunnenorte dageweſen, ein lieber, guter Herr, der ebenfalls ihrem Unglucke den innigſten Antheil vewieſen. Dieſer habe verſprochen, nächſtens einen Przt mitzubringen. Allein ſchwerlich werde ein ſolcher — durch alle ſeine Mittel in langen Wochen oder Monaten ſoviel auf Hannchen wirken, als Arminien in einer halben Stunde gelungen ſey⸗ Nach einem von Klaudia's Mutter mit Freund⸗ lichkeit bejahten fragenden Blicke gab Arminia der be⸗ ſorgten Frau die Hand gleichfalls darauf, ſich den fol⸗ genden Nachmittag wieder einzuſtellen. An dem Platze, wo Hannchens Vater die Schlange hingeworfen, welche noch zuckend dalag, uͤberlief Ar⸗ minien ein ſtarker Schauer. Das Wort Klandia's vor⸗ hin dabei und das Wort der Wahnſinnigen: die Hoff⸗ nung iſt mir zu Schanden worden, huͤte dich ja vor ihr! traten zugleich mit der von der Baſe erzaͤhlten Veranlaſſung des Wahnſinns, vor des Fraͤuleins Seele. Jedes arme Ja oder Nein, mußte auf dem Ruͤckwege ihr abgenoͤthigt werden, ſo tief hatten ſie die Vorfalle des Nachmittags in Betrachtungen uber ihr eigenes Schickſal verſenkt. Arminia achtete es fuͤr ein Gluͤck, daß bei der Heimlehr Adele ſchon zur Ruhe gegangen war. Die Nacht uͤber riß ſie ſich mehrere Mal von ihrem Lager los. Jene Schlange und Hannchens Warnung ver⸗ gifteten die Traͤume ihres durch das kleinſte Geräuſch r2—————————— unterbrochenen Schlummers auf eine immer furchtbarer werdende Weiſe⸗ 25. Am folgenden Morgen war Adele ſehr wenig zum Reden aufgelegt. Das fiel Arminien auf's Herz. Sie fragte, ob ſie vielleicht die geſtrige Fahrt haͤtte unter⸗ laſſen ſollen? Daruͤber, meine gute Arminia, hat dein Gefuͤhl allein zu entſcheiden. Du hatteſt freiwillig deiner Mutter die beſtimmte Zuſage gegeben aus dieſem Gar⸗ ten ſo wenig herauszutreten, als ich. An ſich konnte man das Thun dieſer Sache fuͤr ſo gleichguͤltig halten, als ihr Unterlaſſen. Dein Verſprechen aber ſetzt alles in ein anderes Licht. Aber— entgegnete Arminia, im Tone des zaͤrt⸗ lichen Vorwurfs— warum wieſen ſie mich nicht geſtern darauf hin, warum ſprachen ſie nicht das Nein aus, als ich ſie fragte? Weil mein Gebot den Andern und dir gar leicht als ein zweckloſer Eigenſinn haͤtte erſcheinen koͤnnen, und dann auch—— weil es eine Prüfung ſeyn ſollte für dich. Du haſt dieſe Pruͤfung nicht wohl beſtanden. — 8— Moͤge es dir eine Warnung ſeyn, dich in ähnlichen Faͤllen anders zu benehmen. 3 Wenigſtens— ſprach Arminia, mehr wie ks ſchien, pie Freundin zu überzeugen, als ſelbſt von ihren Wor⸗ ten überzeugt wenigſtens iſt die Sache zfilig vn4 ſehr heilſamen Folgen geweſen. Dazu erzaͤhlte ſie die Geſchichte der Wahnſinnigen, und wie ihr auf ſolche zu wirken gelungen war. Adele freute ſich daruͤber. Aber— ſaste ſie dann bedeutſam— wer weiß, ob die Beſſerung der armen Perſon dauernd iſt, und ob ſolche nicht auf anderm Wege ebenfalls zu erreichen geweſen wäre. ueberhaupt kann man ſie im glücklichſten Falle einzig als einen guͤnſtigen Zufall betrachten. Haͤtte ſich aber nicht eben ſo gut ein ſehr unerwünſchter einſtellen konnen?— Sieh, mein Kind— fuhr ſie, Arminia's ſichtbaren Mismuth wieder zu zerſtreuen, zaͤrtlicher fort— ſieh, wie dieſes einzige Heraustreten aus dem Gewohnten, dieſe einzige—— Nichterfullung eines, an ſich unbe⸗ deutenden, Verſprechens, dich nun auf Einmal in eine Fortſetzung der Sache verflochten hat! Unter den hier eintretenden Umſtänden mochte ich nicht ſo grauſam ½ ſeyn, dich von der Wiederholung der Fahrt abzuhalten. — 90— und doch, weiß man nicht, was dir heute wieber be⸗ gegnen kann! 626 ſollte ich— verſetzte ſie zaghaft— das arme Hannchen—— Vergebens auf den verſp rochenen Troſt warten laſſen? Nein. Dos⸗ moͤchte dir auch Gewiſſensvor⸗ wuͤrfe zuziehen. Hätteſt du aber geſtern die leiſe Mah⸗ nung deines Gewiſſens nicht uͤberhoͤrt, ſo ware der heutige ſeltſame Zwieſpalt in demſelben nicht einge⸗ treten. Oft ſchießt aus einem Vergehen, ſo klein und unbedentend, daß es kaum ein ſolches zu nennen iſt, eeein Rieſenbaum hervor, deſſen giſtigem Gezweige der Menſch lebenslang vergebens ſich zu entwinden trebt.— Vielleicht haͤtte die Vorſtellung noch tiefern Ein⸗ druck auf Arminien gemacht, waͤre ihr das Bild, wenn ſie die Veranlaſſung ſich dazu dachte, nicht ſehr uͤber⸗ trieben vorgekommen. Noch eine Stunde fruͤher, als am Tage zuvor, fuhr man in das romantiſche Thal. Betruͤbten Geſichts kam der Verwalter den drei Damen ſchon von Weitem entgegen. Wollte Gott— ſagte er zu Arminien— meine gute Tochter haͤtte ſie vorhin um ſich gehabt! Dann wäre es ſicher nicht ſo weit gekommen. Da trifft aber der junge Mann aus dem Bade mit dem Arzte ein. Wie letzterer ihr den Pals untrch cht, faͤngt die bis dahin ruhig Geweſ ene auf E em der zu toben und mit gar ſchneidendem T Tone zu rufsn an: Am Arme ſuchen die Tollen das Uebel, mir ſo tief im Herzen ſitzt! Moͤchte man da nicht wahnſinnig werden? Dieſes Wort aber uͤberſiel den jungen Herrn, welcher den Arzt mitgebracht hatte, auf Einmal ſo heftig, daß er mit recht furchtbarem dumpfem Tone und wildem Auge ſprach: ja wohl, ja wohl! und eine mächtige Glut im Geſichte, auf das naheſtehende Vette ſich warf. Dort liegt er noch. Meine arme Tochter ſteht als Warterin bei ihm und ſagt, daß dieſer Einzige allein wiſſe, wie ihr zu Muthe ſey. Dazu ſpricht ſie immer von ihnen. Sie nennt ſie nur den Engel, und meint, wenn ſie kommen wuͤrden, ſo muͤſſe es beſſer werden mit ihr und dem Fremden. St! ſprach Hannchen, als die Thuͤre knarrte, ging dann leiſe, aber mit großem Wohlgefallen auf die Ein⸗ tretenden zu und küßte Arminien ehrerbietig die Hand⸗ langte und erhielt ſie Anskunft wegen des befremdlichen Er ſchlaͤft! fluſterte ſie und zeigte auf das zur Seite ſtehende Bette. Gott im Himmel! rief Arminia, als ihr Ange ſich dahin wendete, und ſank zuruͤck an Klandfa's Bruſt. Der Schlafende war Bruno. Auf ihren Ausrüf fuhr er empor. Komm, Klaudia, komm! Mit dieſen leiſen, be⸗ benden Tonen draͤngte ſie ihre Freundinn zur Thuͤre hinaus. Dabei aber blickte der ganze unendliche Schmerz ihrer Seele aus dem Auge, das von dem in einiger Entfernung wie erſtarrt ſie Anſtaunenden nicht ablaſſen konnte. Arminia! rief jetzt der Prinz. Betaͤubt blieb Hannchen in der Thuͤre ſtehen. Die aͤltere Gruͤfin aber fragte ihn in franzoſiſcher Sprache, was ihn zu ſo vertraulicher Anrede berechtige? Mein Hers! antwortete er heftig auf ſeine Vruſt ſchlagend. Ein ſtozer, an Verachtung glaͤnzender Blick der Graͤfin verſteinerte ihn wieder. Sie eilte der Tochter und Arminien nach. Man erreichte endlich den Wagen. Hier erſt ver⸗ 5— Vorfalls. Arminia's Gefuͤhle waren zermalmt. Nur darum bat ſie, daß Adelen die erſchuͤtternde Szene nicht ½ mitgetheilt werde. Zur urſache gab ſie die Misbilligung an, welche ihr erſter Beſuch des Thals von Adelen er⸗ fahren hatte.* Die Graͤfin war mit der Zuſage der Gewährung um ſo bereitwilliger, da ja auf ihre und ihrer Tochter Ueberredung ein großer Theil der Schuld dieſes Be⸗ ſuches fiel. 0* — Mehr als um Morgen huͤtete ſich Arminia nach der Heimkehr vor Adelens Blicke und eilte ſehr fruhzeitig in die Einſamkeit ihres Schlafgemachs. Hier aber ſah ſie ſich von den Bildern des Tages uͤberfallen. Aus der Erzaͤhlung jenes Verwalters zu ſchließen, litt Bruno furchtbar an ſeiner Liebe. Sein: Ja wohl, ja wohl! hallte fortdauernd wieder in ihren Ohren. So ſchmerzlich es ihr aber auch war, ſich als die Urſache ſeiner Leiden betrachten zu muͤſſen, eben ſo ſchmerzlich, ja vielleicht noch mehr, war es ihr, wenn der Gedanke ſich nahte, es koͤnne ja auch eine Andere ihm dieſe Leiden verurſacht haben. Sein Ausruf ihres Namens 1 1 bewies nichts, als ſeine Ueberraſchung durch ihr plötz⸗ liches Wiedererſcheinen. Je dunkler es draußen wurde, deſto dunkler auch in ihrer Seele; deſto unbehaglicher in der von ihrer eigenen Phantaſie mit grauenvollen Geſtalten uͤbervoͤlkerten Einſamkeit. Das Vorſchieben des Nachtriegels nebenan ſagte ihr jetzt, daß Adele im Begriff ſey, zu Bette zu gehen. Arminia ſchlich auf den Saal, das Mädchen herbeizu⸗ rufen, weil eine ungewoͤhnliche Furcht ſie uͤberfiel. Kein Licht mehr in der Leute Fenſtern, die nach dem Hofe gingen. unſchluſſig, was zu thun ſey, wandte ſie ſich zuruͤck nach ihrem Zimmer. Ehen ſtieg die rothe Mondſcheibe bervor. Schnell kam ihr der Einfall, nach dem Garten zu gehen. Dort wehten doch die Luͤfte des Himmels. So unheimlich, als im dumpfen Zim⸗ ſ mer, konnte es im Freien ſchwerlich ſeyn.— 28. Wie ſehr aber hatte Arminia ſich in ihrer Ver⸗ muthung geirrt! Nicht weit vom Hauſe ſchon tritt ein Mann im Mantel auf ſie zu. Arminia! ruft er leiſe. Wer haͤtte da ſeyn koͤnnen, als der Prinz? Statt in jenem Thale, wo ſie ja doch nicht allein geweſen, ſich *— ihr anzudraͤngen, iſt er, verſteckt hinter dem Buſchwerk, von Weitem nachgeſchlichen. Er hat den Wagen nicht aus dem Auge gelaſſen und mit einbrechendem Dunkel die Gartenmauer erſtiegen, nachdem er in der Gegend uͤber die Bewohner des Hauſes Erkundigung einge⸗ zogen. Er habe ſie ſprechen muͤſſen, betheuert er. Waͤre keine Gelegenheit dazu gekommen, ſo haͤtte er ſich gradehin an die Frau vom Hauſe gewendet. Ar⸗ minia muͤſſe nothwendig ſeine Gemahlin werden und wenn die ganze Welt ſich dem widerſetze!— Er fuͤgt hinzu, wie er uͤberall vergebens nach ihr geforſcht habe und ſucht ihr das zufällige Zuſammentreffen in jenem Thale bei der aus unsluͤcklicher Liebe Wahnſinnigen, als einen beſondern Wink der Vorſehung varzuſtellen. Ja, Arminia, ruft er, dieſer reine Himmel ſey Zeuge, daß ich dich, und keine ſonſt, zu meiner Gemahlin erkoren habe; daß weder eltern noch Herkommen, noch Land, meinem Herzen ſeine angebornen Rechte ſollen rauben koͤnnen. Oder wollteſt du mich lieber im Wahn⸗ ſinne untergehen ſehen, wie jene Ungluͤckliche? Gewiß nicht. Als ich dieſem Untergange nahe war, ſendete mein Schutzgeiſt dich mir zur Rettung. Arminia, glaube mir, es iſt der verruchteſte Wahnſinn der — Welt, ein Band trennen zu wollen, ſo heilig, als das unſrige!— Seine Leidenſchaſt war zu laut geworden⸗ Wer da? rief der Gärtner aus ſeinem Fenſter. Morgen Nacht! fluͤſterte der Prinz und ſchwang ſich behend uͤber die Mauer. Während der Gaͤrtner auf der andern Seite ſuchte⸗ gewann Arminia die Hausthür und gelangte unbemerkt auf ihr Zimmer. Der Gäartner verſicherte am folgenden Morgen allen Menſchen, daß es ihn in der vergangenen Nacht offen⸗ bar gethoͤrt habe. 29. Vergebens ſehnte ſich Arminia's ſchwergepreßtes Herz nach der theilnehmenden Klaudig. Eine ganze Woche lang erſchienen die Graͤfinnen nicht. Die aͤltere entſchuldigte ſich ſchriſtlich bei Adelen. Befremdend war es Arminien, daß Klaudia nicht einmal ſchrieb, wiewohl das Schreiben ihr die Abweſende auch nicht erſetzen konnte. Arminig hatte ihr viel, ſehr viel mit⸗ zutheilen. Der Prinz kam alle Nächte in den Garten. In Klaudien aber fand ſie die einzige perſon, welcher ſie *— von dieſen, in aller Andern Augen gewiß ſufinen, Zuſammenkuͤnften ſagen, welche es fuͤhlte, wie Arminia unter den hier eintretenden umſtaͤnden, ohne dieſe Zu⸗ ſammenkuͤnfte mit ihrem Gewiſſen gar nicht einig bleiben konnte!— * * Endlich kam die Nachricht, daß die Graäfinnen am folgenden Tage erſcheinen wuͤrden. Nur noch eine Nacht dazwiſchen! 46, gern, herslich gern haͤtte Arminia den Geliebten dieſe Nacht entbehrt, wenn ſie nur über die Nacht ſelbſt ſchon hin⸗ ausgeweſen waͤre! Und welch eine Nacht wurde aus dieſer! Der beſtuͤrzte Prinz brachte die Nachricht mit, daß ein aus⸗ druͤcklicher Befehl ſeines kranken Vaters ihn zuruͤck nach Hauſe gerufen hatte. Der Abſchied, die Tren⸗ nung— vielleicht auf lange Zeit— rinhet beiden alle Beſinnung. Es gab ihnen kein gultigeres Verhältniß, kein Heiligeres mehr, als das Band ihrer Liebe. und in dieſem Zuſtande ging Aninlen der Se Lanzen Lebens verloren! 2% 1 2141 30. Mit dem Tagesſtrahle, der am folgenden Morgen Arminia's Ange begruͤßte, ſiel das ſchrecklichſte Licht auf die vergangene Nacht.— Klandia hatte ſo ſehnſuchtsvoll auf Arminien geharrt, als Arminia auf ſie. Dieſe beiden Vertrauten ſonderten ſich ſogleich von den aͤltern Damen. Sie gingen auf und ab, ohne ſprechen zu koͤnnen. Auch Klaudia war unverkennbar tiefbetrubt. Endlich loͤſten ſich noch ihre Worte zuerſt von den Lippen. Ein junger, weitlaͤufiger Verwandter, Graf Doſſenheim, hatte ſich eingefunden. Er warb um ſie. Die beſte Parthie, wie ihre Aeltern einſtimmig ſagten. Sie hatten in vieler Hinſicht Recht. Ein bevorſtehender großer Streit um einen Veſitz, anf welchen ſein und Klaudig's Vater zugleich Anſpruch machten, erledigte ſich auf Einmal durch dieſe Heirath. Der junge Freier war zudem ein guter Menſch und als ein Freund und nicht talentloſer Ausuber der Malerkunſt, gemeint, ſeinen Aufenthalt kuͤnftig gleichfalls in Rom zu wählen⸗ Daher machten die Aeltern Klaudien den Abſchluß dieſes Buͤndniſſes zur Gewiſſensſache. Die Neiguns — behauptete der ältere Weißenburg, welche ihr bis 3 *.— — —— dahin füͤr den jungen Grafen Doſſeuheim fehlte, werde. ſich finden und wollte die von der Komteſſe aufgeſtellte Moͤglichkeit des Gegentheils durchaus nicht zugeben. Klaudia endigte mit den Worten, daß ſie die Un⸗ gluͤcklichſte auf der Welt ſey. kein— rief Arminia— nein, das biſt du nicht; das kann nur diejenige ſeyn, die mit ihrem Gewiſſen fuͤr immer zerfallen iſt! Sie erzaͤhlte. Endlich verſtummte ſie und Klandia rief: Ja, Arminia, du biſt ungluͤcklicher, weit ungluck⸗ licher als ich!— 31. Sechs Wochen vergingen. Von keiner Zeile des Prinzen ward Arminien dieſe qualvolle Ewigkeit er⸗ leuchtet. Dazu kam eine neue, in ihren Verhaͤltniſſen uͤberaus ſchreckliche Empfindung.— Mit Schaudern entdeckte ſie ihrer Vertranten die Ausſicht auf eine Schmach ohne Ende. Nur Muth und Foffnung, mein Herz! ſprach Klandia. Aber von einem Thraͤnenſtrome uͤberwaltigt, ſank die Tiefgebeugte mit wenigem Bewußtſeyn an ihre Bruſt. 3 13 1 3 Es müſſen Fremde gekommen ſeyn! rief Klandic. Allein das Wort drang nicht zum Ohre der Troſtloſen die, obſchon in der Freundin Arme, doch in einer andern Welt zu liegen ſchien. k Erſt, als jetzt die Stimme der Frau von Sendow erſcholl, erſt da ward ſie aus ihrem furchtbaren Traume emporgeriſſen. Frau von Sendow ſie erblickend, eilte von ihren beiden Begleiterinnen hinweg, nach der ge⸗ liebten Tochter. eminia ſtarrte ſie an. Dann aber ſtürzte ſie ſich doch der Ankommenden zu Fuͤßen. Das iſt dein Platz nicht/ mein theures Kind! ſprach die Mutter und hob ſie mit aller Kraft herauf an ihren Buſen.— 32. Es iſt viel, ſehr viel vorgefallen, ſeufzte Frau von Sendow Abends im erſten Augenblicke des Alleinſeyns mit der geliebten Tochter. Dieſe Worte aber griffen, noch ehe Arminia ihre Bedeutung kannte, ſo tiefi die Wunden derſelben, daß ſie mit lautem Stoͤhnen krampfhaſt die Schultern der Mutter umſaßt hielt. — Haſt du vielleicht ſchon gehört? fragte letztere durch dieſe plotzliche Heftigeit auf ſolche Vermuthung gebracht. Nein! verſetzte Arminia. So wiſſe denn, daß Herr von Sendow nu der Feſtung gebracht worden, und der Erbprinz ſelbſt, auf dem Schloſſe in engeſter Verwahrung gehalten wird, Niemand weiß die urſache. Doch muß ſie wichtig ſeyn. Wenn auch ich nach Hofe gehe nach wie vor, ſo hat ntir doch die Fuͤrſtin vor wenig Tagen, bei einem Be⸗ ſuche, den ſie mir ſpaͤt Abends viel geheimer, als ge⸗ woͤhnlich machte, mit Thraͤnen verſichert, daß es der letzte ſey und ſie auch mich bitten muͤſſe, meine Be⸗ ſuche bei ihr, bis auf beſſere Zeiten einzuſtellen. und Bruno— fragte Arminia— weis man nicht, was aus dem werden wird? Nein, mein gutes Kind. Manche wollen ſogar 5 vermuthen, daß es um ſeine Freiheit fuͤr immer ge⸗ ttthan ſey. 6 Wie entſeelt ſank das Fräulein auf ven nichſten Stuhl. O meine holde, liebe Lochter— ſeufzte die Mut⸗ ter— nach deinen fruͤhern, umſtändlichen, vom heilisſtet Ernſte dein Hers zu vekaͤmpfen zeugenden Brieſen yaͤtte ich dich in einer ganz andern Faſſung zu finden geglaubt. Die letzten aber, die ſo leer und fluͤchtig waren, mußten freilich den Argwohn erregen, daß deine ungluͤckliche Leibenſchaſt erſt nur geſchlummert, und dann wieder mit neuer Stärke erwacht ſey. Deine Faſſungsloſigkeit, als ich ankam, ſetzte mir die Wahrheit jenes Argwohns außer Zweifel. Ach, Arminia, glaube mir, alle Leidenſchaft fuͤr einen unerreichbaren Gegen⸗ ſtand iſt ein Sturm, der die Bluͤten des eigenen Lebens herunterreißt, der die Sterne in der eigenen Vruſt gar leicht verloſchen kann. Gedenkeſt du noch jenes Decemberabends, als wir auch ſo am Feuſter ſtanden. Damals verwies ich die von den Sternen des Himmels Ttunkene auf das hoͤhere Licht, auf den Funken des goͤttlichen urſprungs, den jeder Menſch in ſich ſelbſt trägt.— Halt ein, beſte Mutter, mit einer Erinnerung, „ die dein ungluckliches Kind zermalmen muß! Rein— entgegnete Frau von Sendow— nur dich an meine troſtloſen Geſtaͤndniſſe, an die Schuld deiner * rheven über dein Herz und deine Leidenſchaft! Denke . Mutter, und preiſe dich gluͤclich, daß du in andern 1 4 —— Verhältniſſen lebſt als ſie. Gute Nacht/ mein herzlich⸗ geliebtes Kind. Du haſt nun Stoff genug zum Rach⸗ ſinnen uͤber dein Beſtes. Frau von Sendow verließ Arminien und dieſe dankte einerſeits dem Himmel, daß ſie offenbar gar keine Ahnung hatte von dem Vorgefallenen, auf der andern Seite aber ward ſie auch von den Gedanken unendlich gemartert, daß ihre Mutter ſie fuͤr weit beſſer hielt, als ſie ſich fuͤhlte. 33. Am folgenden Tage kamen die Graͤfinnen ſehr fruhzeitig. Die ältere, frohlicher als jemals, ſtellte in ihrer Tochter die Braut des jungen Grafen Doſſenheim vor, deſſelben alſo, zu dem Klaudia bis dahin keine Neigung gehabt hatte. Das Räthſelhafteſte war, daß der Verlobten ihr nunmehriger Entſchluß wenig Ueber⸗ windung gekoſtet zu haben ſchien. Arminis, ſehr begierig, das Naͤhere von dieſer ͤberraſchenden Begebenheit zu erfahren, ſonderte ſich paldmoglichſt mit Klandien von den Uebrigen ab. Klandia ſchloß ſie herzlich in die Arme und ſprach: ſ 33 — 104— Forſche, mein theures Herz, fuͤr jetzt nicht weiter nach dem Warum meines ſchnellen Entſchluſſes. Mein Braͤutigam iſt offenbar ein Mann von vorzuͤglicher Herzensguͤte und die Aeltern koͤnnen leicht Recht haben, wenn ſie auf meine kuͤnftig groͤßer werdende Neigung zn ihm rechnen. Zu ſeiner Zeit mehr uͤber die Sache. Nur ſo viel noch, daß ich mir meinen Verein mit dir fuͤr immer ausbedungen habe; daß wir in Einem Hauſe ſo lange leben werden, als keine gluͤcklichere Zukunft dir laͤchelt. uebrigens beſchwor ſie Arminien, Niemandem, ſelbſt der Mutter nicht, davon Mitthei⸗ lung zu thun, daß ſie, ſeit ihrer Entfernung vom Hofe, den Prinzen Bruno geſehen habe.— Auch davon, ſprach Klaudia, bedentend— wird das Warum? zu ſeiner Zeit dir klar werden. Arminia konnte der innigen Liebe ihrer Freundin dieſe Zuſage um ſo weniger verweigern, da ſie in mancher Rede derſelben eine leiſe Andeutung finden wollte, als ſey ihrethalben allein, Klaudia's, einen Tag früher noch ganz zweifelhaſtes, Buͤndniß mit dem Srufen Doſſenheim geſchloſſen worden.— 3 — ———— „ — 5— 34. Acht Tage ſpaͤter war ſchon die Vermaͤhlung des Paares. Ueberhaupt hatte der bis dahin ſehr langſam fortgeſchrittene Gang ſeiner Geſchaͤfte in Deutſchland dem aͤltern Grafen von Weißenburg den Aufenthalt daſelbſt ſo verleidet, daß er baldmöglichſt nach ſeinem zweiten Vaterlande, dem geliebten Rom zuruͤckſtrebte⸗ Adele war die fruͤhere Abreiſe gern zufrieden. Nur dem Mutterherzen der Frau von Sendon koſtete der Gedanke, eher als es Anfangs beſchloſſen war, ſich izrer geliebten Arminia zu entziehen, um ſo mehr Muͤhe, weil dieſe offenbar an einer unbezwinglichen Schwermuth litt. Die Mutter ſchrieb ſolche einzig ihrer Leidenſchaft zu dem Prinzen und dem Antheile an deſſen unbekannter Zukunft zu, welche letztere in der That immer bedenklicher ausſah, da, nach den eben erſt erhaltenen Nachrichten, Prinz Bruno in ſeiner Gefangenſchaft weit ſtrenger als zuvor gehalten wurde, ſo, daß man ziemlich— ihn des Hochverraths ſchuldig glaubte. Je deutlicher aber Frau von Sendow die Vewerbung des jungen Grafen Weißenburg war, der ihnen zuletzt alle Tage Geſellſchaft leiſtete, deſto beſſer gewohnte ſie ——— ———7 ſich au aumdlig an den Gedanlen der ærennunz; zumal da Arminia das Anziehende ſeines umgangs zu wuͤrdigen wußte„ und, unter vier Augen mit ihrer Mutter, oft ſehr zu rühmen pilegter„ Auf welche Weiſe, meinte Frau von Sendow, konnte jener ungluͤcklichen Leidenſchaft wohl beſſer ge⸗ ſteuert werden, als durch ein anderes, unter der Kirche Segen abgeſchloſſenes Buͤndniß, und baldmoͤglichſte 3 Entfernung aus den Gegenden, in denen die fruͤhere, verderbliche Neigung emporgewachſen wat? 6 In einem, kurz vor der Apreiſe einmal des Abends von der Bekümmerten ſebſt herveigefühtten Geſpräche 3 uͤber Guido, gab ſie Arminien das deutlich zu erkennen, F fuͤgte auch, das ſchmerzliche Lächeln der unglücklichen. 2 Tochter überſehend, hinzu, daß ſie ihren Willen zu 3 Seſe⸗ in jeder Ruckſicht vortheithaften Perbindung in Voraus gewiß nicht verweigern werde. 3 Arminia's Haͤndedruck, der nur ihre unfaͤhigkeit zu antworten⸗ anzeigen ſollte, galt der Fan von Sendw 4 — Bereitwilligkeit zu ſchen, wenn von Gui o 6 Seite ein enutei Anttig er und ſiuus. — 107— Wie nun vollends am Morgen der Reiſe ſelbſt, der junge Graf Arminiens Mutter in einem, von ihm offenbar aͤngſtlich geſuchten und behaupteten Alleinge⸗ ſprach, ſeine Abſichten auf die Niedergeſchlagene deutlich zu erkennen gab, da verſchwand ziemlich ihr ganzer Kummer. Sein Auge glanzte vom Sterne der Freude, der ſein Innerſtes durchblitzte, als ſie ihn bat, im fremden Lande ſich ihres geliebten Kindes fortdauernd anzunehmen. Uebrigens aͤußerte ſie ſelbſt den Wunſch, ſeine Erklärung gegen Arminien noch ausgeſetzt zu „ ſehen.. Dis Betruͤbniß des Fraͤuleins, welche ſich durch eine ſtarre Stille ohne Thranen offenbarte, war all⸗ zugroß, als daß ihrem Gemüthe eine rechte Empfaͤng⸗ lichkeit fuͤr irgend ein anderes Gefuͤhl zuzutrauen ge⸗ weſen waͤre.* Erſt als jetzt der noch zuruͤckgebliebene Wagen Doſſenheims mit dieſen eintraf, velebte ſich Arminia einigermaßen. Frau von Sendow empfahl ſie der ſo wohlwollenden Freundin beſonders und bald gingen die Wege der Reiſe⸗ fertigen auseinander. Die Sendow, von Niemand als ihrer Jungfer vegleitet, fuhr nach ihrem Wohnorte zuruͤck, waͤhrend die beiden andern Wagen die entge⸗ gengeſetzte Richtung einſchlugen. Arminia ſaß im zwei⸗ ten mit Doſſenheims. — 35. Die tieſſte Erſchuͤtterung auf Arminien machte am Eingange zu jenem reizenden Thale, ein Leichenzug, welcher daraus ſich allmaͤlig empordehnte. Sie er⸗ fannte als erſten Leidtragenden den Verwalter, Hann⸗ chens Pater, und bat, halten zu laſſen. Sie ſtieg aus. Hannchen war die zu vegrabeme. Sehen ſie, rief der trauernde Vater ihr entgegen, dahin hat es doch kommen muͤſſen. Seit ſie das arme Kind zum zweiten Male ſahen, war kein Auskommen mehr mit ihr. An Ketten mußten wir ſie legen. So hat ſie die ganze Zeit nachher ſich und uns allen zur Qual gelebt. Gott verzeihe dem, der auf ruchloſe Weiſe Hoffnungen in ihrer jungen Seele naͤhrte, die er mir zu erfuͤllen gedachte; der unſtreitig ſie um die Ruhe ihres Gewiſſens gebracht haͤtte, wenn mein Va⸗ nicht uͤberall geweſen wire ueber Arminia's Wangen ſtuͤrzten die Thraͤnen in Strömen, bei dem Gefühle, wie N ur auch 8 ein * . ————— . Vater, ein trener Vater, gethan haͤtte. Es enen ihr vor ſich ſelber. Denn Hannchen war offenbar noch in den lichten Augenblicken ihrer letzten Tage weit, weit gluͤcklicher geweſen als ſie. Und nun erſt, nun die Strahlen der Morgenſonne mit den flimmernden Kraͤn⸗ zen auf ihrem daher getragenen Sarge ſpielend, den herrlichen Morgen andeuteten, welcher nach Nacht und Grauen ihr angebrochen war!— Arminia wuͤnſchte die Leiche zu ſehen. Klandia verhinderte es mit der Ermahnung, daß der fromme Gebrauch nicht in ſeinem Gange alſo unterbrochen werden duͤrfe. Die Szene lag der Ungluͤcklichen den ganzen Tag ſchwer in den Gedanken. Auch kam ſie waͤhrend der Reiſe noch oft auf ſie zuruͤck. 36. Gab es irgend eine Stadt, wo Arminien in ihren Verhaͤltniſſen wohl werden konnte, ſo war es Rom, der heilige Ort der Vergebung aller Suͤnden. Sie war oft bei Adelen. Die Lage der Zelle dieſer Nonne zog Armi⸗ nien beſonders an, wegen des Gottesackers, den man von ihr ans uͤberſah. Klaudia aber blieb doch ihre — 110— einzige Vertrante. Fuͤr ein beſonderes Gluͤck achtete ſie es, daß Guido eine Geſchaͤftsreiſe vorhatte, die ihn gewiß acht ganze Monate von Rom und der Gegend entfernte. Denn ſeine Abſichten traten, obſchon Klau⸗ dia, mit der er zuerſt davon geſprochen, ihm wenig Hoffnung gegeben hatte, immer mehr an's Licht. Vor ſeiner Abreiſe wollte er ſich Arminien durchaus entdecken. Klaudia wußte ihn nicht anders davon abzubringen, als durch die Vorſtellung, daß er damit in dieſem Augen⸗ blicke ſeinen Wunſchen, deren ſich die Zukunft vielleicht annehme, zuverlaͤſſig fuͤr immer ſchaden werde. Ver⸗ gebens begehrte er die Entdeckung der urſache. Klau⸗ dia bat ihn, Geduld zu faſſen bis zu ſeiner Ruͤckkehr. Inzwiſchen waren vom Hauſe Nachrichten einge⸗ laufen, welche Arminia's Herz auf einer Seite erfreue⸗ ten, auf der andern aber neu verwunden mußten. Die Mutter ſchrieb, daß das Geruͤcht von verraͤtheriſchen planen des Prinzen gegen ſeinen Vater vollig grundlos, vielmehr Bruno's Liebe zu ihr allein die Veranlaſſung zur ſtrengen Behandlung deſſelben ſey, auch der Ge⸗ fangene ſchon wieder Zutritt bei ſeinen Aeltern habe, weil man eben eine Verbindung durch Heirath zwiſchen ihm und einem benachbarten großen Furſtenhauſe ——— 2 —m———z——————— — 144 beabſichtige, welcher er auch ſeine Zuſtimmung zu geben ſcheine. Sendow ward, als ſein Unterhaͤndler und Ver⸗ fuͤhrer, wovon man ſich durch die aufgefangene Kor⸗ reſpondenz zwiſchen ihnen unterrichtet hatte, in ſtrengem Gewahrſam gehalten. 37. Waͤhrend des kurzen, uͤberaus gelinden Winters kam Arminia, wegen Kraͤnklichkeit, gar nicht aus, und reiſete dann, als die ſchoͤne Jahreszeit nur erſt von Weitem ſich blicken ließ, mit Klandien auf ein ſehr fernes reizendes Landhaus, welches Doſſenheims gehoͤrte. Klaudia gab ſolche hier fuͤr die Wittwe eines geblie⸗ benen Offiziers aus und ſprach ſobald ſie mit ihr allein war, alſo: Ohnſtreitig, meine Theure, haſt du mich und die urſache zu dieſer Reiſe und die urſache zu meiner ſchnellen Verheirathung, laͤngſt errathen. Unſere Herzen oͤffnen ſich einander von ſelbſt, ſogar zu dem, was der Mund ſich ſcheuet, durch Toͤne kund zu thun. Allerdings war es Suͤnde, daß ich einen ſo wuͤrdigen Mann, wie mir in ihm geworden iſt, nicht um ſein ſelbſt willen liebte, daß ich ihm meine Hand nur unter der Bedingung gab, wenn er ſich geneigt fände, das hat gehen laſſen. unſelige Geheimniß einer Freundin mit dem Mantel unſerer kuͤnftigen Ehe zu verhüllen. Nach kurzem Nachdenken ging er auf mein Verlangen ein. Er ſchien der Freundin Namen wiſſen zu wollen, kehrte aber aus Zartgefuͤhl mitten in der Frage wieder um. Da druͤckte ich ihm zum erſten Male mit Innigkeit die Hand. Auch ſeitdem hat er jene Frage nicht vollendet, was ich ihm großen Dank weiß. Denn ſo feſt er ſeit unſerer Abreiſe aus Deutſchland uͤberzengt ſeyn muß, wer jene Freundin iſt, ſo verraͤth es doch ein beſonderes Zart⸗ gefuͤhl, daß er eine beſtimmte Aeußerung von mir daruͤber nicht begehrt, auch nie auf die entfernteſte Weiſe, irgend eine Anſpielung dahin uͤber ſeine Lippen — Tiefgeruͤhrt ſchloß Arminia Klaudien in ihre Arme und Klaudia fuhr fort: Lege deinem Danke gegen mich Schweigen auf, weil er mie druͤckend ſeyn muß. Das, was ich damals ſelbſt fuͤr Aufopferung deinet⸗ wegen hielt, war nichts, als die Abbuͤßung einer ſchweren Schuld an deinem Heile. Denn ich, ich hatte dich ja vermocht, uns in jenes Thal zu begleiten⸗ Ohne dieſen Schritt wuͤrde der Prinz dich ſchwerlich — aufgefunden und dein ganzes Leben eine glücklichere Richtuns erhalten haben. „ Allerdings— erwiederte Arminia— iſt meinem Ueberſchreiten der Schwelle des Gartens die unſelige Folge zuzuſchreiben. Die Schuld aber gehoͤrt mir allein. Als du deine Ueberredung anwendeteſt, da hatte mein, der Zuſage gegen die Mutter treulos geworde⸗ nes Herz bereits entſchieden. Ach, ich wuͤrde gegangen ſeyn, auch ohne dein Ueberreden. Ich zitterte vor der Entſcheidung, als ich ſolche von Adelen begehrte. Ich wuͤrde ohnfehlbar, wenn ſie mir das Mitfahren ver⸗ weigert haͤtte, all meine Vitten aufgewendet haben, um ihre Erlaubniß doch noch zu erhalten. „ Aber— fiel Klondia ihr in's Wort— warum das? Konnteſt du doch nicht die entferuteſte Ahnung haben, den Prinzen in jenem Thale zu finden?— Doch wohl überall eher, theuerſte Klaͤudia, als in dem, jedem freinden Menſchen ganz unzugaͤnglichen Garten? ſprach Arminia ſchmerzlich. Und das, das allein iſt der Grund zu dem Unheile meines ganzen Lebens geweſen. 8 — 14— 38.. Arminia wurde von einer Tochter entbunden, welche die Taufe kaum uͤberlebte. Letzteres haͤtte ihr ein Troſt ſeyn ſollen. Aber es vermehrte nur ihre Schmer⸗ zen. Sechs Wochen ſpaͤter erfrente Klaudien ein uͤber⸗ aus munterer Knabe. Auf die Nachricht davon, eilte Doſſenheim zu ihr und bald kehrten ſie gemeinſchaftlich nach Rom zuruͤck. Hier fand Arminia zwei Briefe aus der Heimath. Ihr vergingen die Augen, als ſie auf dem einen Bruno's Wappen erblickte. Die Buchſtaben der Auf⸗ ſchrift flimmerten ihr wie Sterne; denn ſie waren von ſeiner Hand. Sie eilte auf ihr Zimmer mit dieſem Briefe, weil ſie beim Leſen in Gegenwart Doſſenheims ihr Inneres zu ſehr zu verrathen beſorgte.— Aber welch ein Brief! Der Prinz ſelber ſchilderte ihr die Nothwendigkeit ihrer Trennung fuͤr immer. Er ſagte, daß, wenn ſie dieſen Brief erhalte, ohnfehlbar die Prinzeſſin Helviſe von“ ſchon ſeine Gemahlin ſeyn werde. Arminia ſtarrte wie wahnſinnig vor ſich hin die Hoffnung an, davon ſie ſich jetzt erſt wieder bewußt, in demſelben Augenblicke bewußt geworden war, wo der Juhalt des Briefes dieſer Hoffnung den Todesſtoß gegeben hatte! Klaudia kam, ihr die Sache— zu helfen. Sie brachte den andern Brief mit, den Arminia beim Er⸗ blicken des fuͤrſtlichen Wappens ganz uͤberſehen hatte. Er war von der Mutter und beſtaͤtigte die Nachricht in des Prinzen Briefe. Düſter ſchweiften Arminia's Augen uͤber die beigefuͤgten Seitenlangen Troſtesworte hin. Konnten Worte den Riß verkitten, der durch ihr innerſtes, heiligſtes Leben gegangen war?— 39. Erſt nach einigen Wochen kam Guido zuruck. Er war drei Monate länger, als er gewollt hatte, in England aufgehalten worden und brachte ſeine ganze Leidenſchaft fuͤr Arminien wieder mit. Kein Gedanke weiter an langen Aufſchub ſeiner Erklaͤrung. Einen einzigen Monat nur gelang es ſeiner Schweſter, unter der Bedingung, ſich dann eifrigſt fuͤr ſein Verlangen zu verwenden, die Sache hinauszuſetzen. Klundia hielt dieſe Zuſage. Arminia Faunte die Spr echerin an. Sie begriff nicht, wie eine ſolche Schreſter, fuͤr einen ſolchen Bruder, ſolch eine Braut verlangen könn.. 8*, —— Das waren ihre Worte. Ihre Miene ſprach die tieſſte Selbſtverachtung aus. 1 Klaudia ließ ſich nicht abſchrecken. Sie wendete alle Widerlegungskunſt an. Als ſie endlich nur erſt aus Arminiens Munde die Erklaͤrung vernommen hatte, daß ihr Vruder nach Bruno derjenige von allen Män⸗ vern ſey, den ſie am hoͤchſten achte, ſo wußte Klandia zuch die Gewaͤhrung der bruͤderlichen Bitte ihr als einen ſolchen Troſt für die Familie Weißenburg darzu⸗ ſtellen, daß Arminia's Sinn ſich bezwungen fuͤhlte. Aber nicht auf lange Zeit. Als am Tage nachher der junge Graf ſein Wort ſelbſt pei ihr anbrachte, da ſprach ſie: Nein, werther Freund! Sie wiſſen nicht, was ſie thun. Sie wiſſen nicht, daß ſie ein Herz, ein Leben, fähig, die Reinſte, die Beſte zu begluͤcken, einer Ungluͤcklichen weihen wollen, welche ihr Daſeyn durch Schuld vergiftet hat, welche die treueſte Liebe nur mit dem bitterſten Harm vergelten kann, welche, mit Einem Worte, wie ein abgeſtorbener Baum anzu⸗ ſehen iſt, an dem jedes Reis der Freude und der Hoff⸗ nung verloren ginge, welches man auf ihn ſetzen wollte. — Thenrer Freund—— — 117— ein Arminia— rief er hier aus— halten ſie ein mit ihren Anklagen gegen ſich ſelbſt. Ich weiß Alles ſchon! Meine geliebte Schweſter glaubte ihnen und mir die lautere Wahrheit ſchuldig zu ſeyn. Sie fuͤrchtete eben ihre ungerechtigkeit gegen ſich ſelbſt, darum hat ſie mich von Allem unterrichtet. Kein Wort mehr uͤber die Sache, kein Vorwurf jemals! Wollen ſie mein werden, Arminia? Nur ein Ja oder ein Nein! das aber wenigſtens morgen. Denn dieſer Zuſtand der ungewißheit iſt mehr als Hoͤlle! Er ging. Klandia kam. Arminia erzaͤhlte das Vorgefallene. Sie ſiel der Freundin zu Fuͤßen. Sie veſchwor ſie, ihren Bruder abzumahnen von dem Ge⸗ danken an eine Verbindung mit ihr. Sie fuͤhle zu ſchmerzlich, wie wenig ſie ihm und jedem Andern guuͤ⸗ gen koͤnne, der ein liebendes Herz beſitze; wie ſie dem Untergange gewidmet Wy. Klaudia brachte ſie nicht eher vom Boden auf, bis ſie ſich ervoten hatte, ihrem Bruder Arminia's Rein zu uͤberbringen. 40. ein Brief an Arminien. Sie zitterte vor dem ſchwarzen Siegel. Er war von Vruno. Er enthielt einen foͤrmlichen Widerruf des letzten, von ſeinem todt⸗ kranken Vater ihm diktirten Brieſes. Der Fuͤrſt war geſtorben. Die mit einem benachbarten Hofe bereits interhandelte Allianz wurde ruͤckgaͤngig. Bruno hatte die Abſchrift ſeines Briefes an jenen Hof beigelegt, aus welchem deutlich erhellte, daß von ſeiner Seite nie eine Zuſage geſchehen war. Der nunmehrige Landesfuͤrſt beſtand darauf, nach der Trauer Arminien oͤffentlich zu ſeiner Gemahlin anzunehmen.— Waͤhrend Guido beſtuͤrzt durch die Botſchaft ſeiner Schweſter davon ritt, um, wo moͤglich, die verlorene Ruhe auf Reiſen wieder zu gewinnen, hing Arminia's Auge lange an den geliebten Schriftzuͤgen, an der troͤſtlichen Kunde, welche ſie in ſich faßten. Immer aber war es ihr, als koͤnne ſie nicht daran glauben, als ſey das zuviel fuͤr ihr gemishandeltes Leben. Auch beſchwor ſie Klaudien, die Sache fuͤr jetzt noch als Ge⸗ heimniß zu betrachten und zu behandeln.. 1 Allein, zu Arminia's Leidweſen, kam die Nachricht auf andern Wegen aus ihrem Geburtslande nach Re1m, — 419— und ſie erkrankte faſt unter der Buͤrde der weder ganz zuruͤckgewieſenen, noch ganz angenommenen Gluͤck⸗ wuͤnſche. Beunruhigend war ihr unter andern auch der umſtand, daß ihre Mutter gaͤnzlich daruͤber ſchwieg, ja, daß ſie ſogar die Briefe derſelben uͤberhaupt entbehren mußte. Schon beſorgte ſie das Erkranken der Theuern, als auf Einmal dieſe Furcht mit ihrer Ankunſt ge⸗ hoben wurde. Aber die durch das ploͤtzliche Ableben des Hofmar⸗ ſchalls in den Trauerſchleier Gehuͤllte, brachte Arminien keine Beruhigung. Nach einer, ihren tiefſten Schmetz beurkundenden Umarmung, ſprach ſie, von Thraͤnen oft unterbrochen, zu ihr: Ich weiß, mein Kind, worauf du hoſſeſt, und es iſt ſchmerzlich fuͤr mich, hoͤchſtſchmerzlich, dich von det Schwelle deines Gluͤckes hinwegzutreiben. Aber ein Geheimniß, welches ich erſt nun, nach dem Ableben von Bruno's Vater entdecken darf, ſcheidet dich und den Erbprinzen auf ewig. Erinnerſt du dich jenes un⸗ glücklichen Schauſpiels, welches uns um die Gnade des Fuͤrſten brachte? Ach, deine und des Prinzen unver⸗ kennbare Zuneigung war nicht die einzige urſache. Das ſeltſame Zuſammentreffen des Stuͤckes mit einem ge— wiſſen andern Ereigniſſe, die Vorausſetzung, daß ich Herrn von Sendow etwas mitgetheilt, was ich ihm nie hatte mittheilen ſollen, war hanptſaͤchlich Schuld an des Fuͤrſten Faſſungsloſigkejt und unſerer Ungnade. Mit Einem Worte: der verſtorbene Fuͤrſt iſt nicht Bruno's Vater allein, er iſt auch dein Vater. Herr von Sendow ſelbſt wußte das nicht, als die begangene Schuld mich zwang, ihn zum Gemahl zu nehmen. Er ußte blos, daß er Hofmarſchall wurde, weil er mich durch ſeine Hand, die mir außerdem ein ewiges Schrek⸗ ken geweſen waͤre, von der Schande losſprach. Denke, wie unſelig mein Leben ſeyn mußte an der Hand des⸗ jenigen, der ſchon durch den Schritt, der mir meine Ehre bewahren ſollte, alle Anſpruͤche—. meine Achtung verwirkt hatte. Frau von Sendow war auf die Verzweiflung ihrer Tochter gefaßt geweſen. Aber nur ſaufte Perien roll⸗ ten Arminien uͤber die Wangen. Sie pries den Him⸗ mel, daß er der Armen ſeinen Thraͤnenbalſam nicht vorenthielt, und brach dann in ſolgende Worte aus: — 11— Siehe, mein Kind, das thut der Einfluß der Sterne, die du in deiner Bruſt rein bewahrteſt! Die Leiden⸗ ſchaft konnte dich verletzen, aber nicht r dir Still, Mutter, ſtill!— rief Arminia plotzlich ver⸗ zweifelnd. Dein Zutrauen iſt warlich ſchrecklicher, als die Kunde, welche du mir brachteſt. Rur weil ich, Trotz dem boſten Anſcheine, nicht glauben konnte, daß der Himmel einer Unwuͤrdigen, wie mir, ſolch einen hohen Platz vertrauen werde, nur darum fandeſt du mich ſo gefaßt auf jene duͤſtre Kunde. Hoͤre, wer ich kih! Arminia ſaiderte das Vorgefallene. Klaudia ſand eine Stunde ſpaͤter beide, Mutter und Kind, einander feſthaltend, faſt in Thrinen welet Das iſt der Engel. weier mich vor der Welt tet⸗ tete— ſprach Arminia, Klaudia zwiſchen die Mutter und ſich hereinziehend. Wer aber bringt Rettung dem Fluche des Gewiſſens? 8 Die Reue— verſetzte die Nutter-— herz⸗ liche Reue. Ein faſt unleidliches Leben hat mir ſie er⸗ —— leichtert. Ach, ich wuͤßte wohl, was uns beiden das Wuͤnſchenswertheſte ſeyn muͤßte! Ich verſtehe dich und ſühle auch ſchon, daß die Vor⸗ ſehung dem Wunſche Leipibrung ſchenken will, baldige Sehru 41. Ein prophetiſchet Geiſt hatte aus Arminien geſpro⸗ chen. Am Abende des folgenden Tages fanden ſich nach und nach, Klaudia, Adele und die Weißenburg an ihrem Sterbebette ein, von welchem die Mutter noch nicht gewichen war. Als letztere mit der Tochter gebetet hatte, ſprach dieſe leiſe zu ihr: Jetzt kann ich wohl ſeinen Ring und ſein Vildniß ohne allen Vor⸗ wurf mit mir nehmen, da ihn ja dort die Schweſter als ihren geliebten Bruder begruͤßen darf?— Troͤſte u ihn, Mutter, damit und mit meinem letzten ruße! Leiſer fuͤgte ſie dann binzu: Wie damals, ſtatrt auch jetzt die Erde immer mehr vor mir. Der Himmel ziehet ſein he kleuchtendes Liebeskleid an, wie damals, und entzuͤndet von Neuem die erloſchenen Sterne in der Bruſt der Buͤßerin.— Mein— ——— — 123— Gruß— an den Bruder!— So ſchloß ſich ihr auf immer.— Sogleich nach dem Begraͤbniſſe eilte die, ſeit ihrer Arminia Tode ſich ganz verwaiſt und einſam auf der Erde fuͤhlende Mutter, nach Deutſchland zuruͤck. Der tieferſchuͤtterte Bruno wollte den Leichnam aus Italien in die Gruft ſeines Hauſes bringen laſſen. Aber die Mutter bekaͤmpfte ſeinen Wunſch mit Nachdruck. Die Vollendete, ſagte ſie, koͤnne ja nirgend ſuͤßer ruhen, als in der heiligſten der Städte des Erdbodens.— Kaum langte ihre Kraft aus zur Ruͤckreiſe nach Rom. Endlich erreichte ihre Sehnſucht doch die Stadt. Dort ward ſie in einer Saͤnfte nach der Kirche gebracht, in welcher die Beiſetzung der Tochter geſchehen war. Am Sarge der Inniggeliebten ſchien ploͤtzlich uber die Ermattete ein neuer lebendiger Geiſt zu kommen. Aber er war nicht von dieſer Welt. Neben Arminia's Reſten fiel ſie entſeelt zu Boden.— Die Kirche war mit Menſchen erfullt in der Nacht, welche ihrem Begraͤbniſſe gewidmet wurde. Zunächſt um den offenen Sarg ſtanden Adele und Klandia. — 124— Det Schein der ringsumlodernden Fackeln roͤthete das blaſſe Geſicht der Verſchiedenen. Ihre Freundinnen bemerkten an dieſem einſtimmig, daſſelbe Laͤcheln, wel⸗ ches vor Kutzen an der nämlichen Staͤtte Arminiens in der letzten Zeit immer ſo melancholiſche Zuͤge ver⸗ ſchonert hatte, und das, Adelens frommem Gemuͤthe als eine heilige Buͤrgſchaft galt fuͤr den Wiederverein von Mutter und Kind und ihre Seligkeit nach langer, ſchwerer Buße.—