Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 4 Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Leih- und Ieſe ebedingungen. wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— uene. auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es iſt in den letzten Jahren ſo viel über die Entdeckung Amerika's geſchrieben worden, daß es nicht ſonderlich über⸗ raſchen dürfte, wenn ſich eine gewiſſe Claſſe von Leſern ge⸗ neigt zeigte, die Richtigkeit aller in der gegenwärtigen Schrift enthaltenen Angaben in Abrede zu ſtellen. Einige werden ſich vielleicht auf die Geſchichte beziehen und aus dieſer den Beweis führen wollen, daß Perſonen, wie der Held oder die Heldin unſerer Erzählung nie gelebt hätten, woraus die Folgerung entſpringen wird, daß durch eine derartige Nach⸗ weiſung die Glaubwürdigkeit des ganzen Buches in ein Nichts zerfalle. Zur Begegnung dieſes muthmaßlichen Einwurfes geben wir die Verſicherung, daß wir verſchiedene ſpaniſche Schriftſteller von Cervantes an bis auf den Ueberſetzer von Columbus Tagebuch(dem Alpha und Omega der hieher einſchlägigen Literatur der Halbinſel) ſorgfältig ſtudirt und die Schriften IJrvings und Prescotts vom Anfang bis zum Ende geleſen haben; daß wir aber in keinem auch nicht eine Sylbe fanden, welche als ein entſchiedener— oder überhaupt auch nur als der mindeſte Beleg betrachtet werden dürfte, um eine Beanſtandung der fraglichen Theile unſerer Erzählung zu rechtfertigen. Wir werden daher unſere Angaben ſo lange als unumſtößlich feſthalten, bis irgend ein poſitiver Beweis gegen dieſelben aufgebracht werden kann, und begründen unſere Anſprüche auf Glaubwürdigkeit ſo lange durch keine geringere Autorität, als die unſerer eigene Ver⸗ ſicherung. Dieſe unſere Zumuthung an den Leſer enthält übrigens nichts Ungereimtes oder Ungewöhnliches, denn bei weitem der größere Theil deſſen, was nicht nur täglich, ſon⸗ dern ſogar ſtündlich dem Publikum auf Treu und Glauben dargeboten wird, hat kein beſſeres Creditiv aufzuweiſen, und es findet im Ganzen nur der kleine Unterſchied ſtatt, daß wir Wahrheiten im Gewande der Dichtung hinſtellen, wäh⸗ rend die Herren des dermaligen literariſchen Marktes in ihren moraliſchen Diatriben die Ausgeburten ihrer Phantaſie unter der Firma der Wahrheit preisgeben. Kommen wir in Folge dieſer freilich nicht beſonders weſentlichen Verſchiedenheit ein wenig in Schatten zu ſtehen, ſo müſſen wir uns dieß freilich gefallen laſſen. Trotz dem möchte es aber gut ſeyn, uns hinſichtlich Eines Punktes unumwunden auszuſprechen. Bei der Er⸗ zählung der„Reiſe nach Cathay“ hatten wir das Tage⸗ buch des Admirals oder vielmehr ſo viel von demſelben, als - VII uns durch die Betriebſamkeit eines ſehr unfähigen und arm⸗ ſeligen Herausgebers erhalten wurde— vor uns liegen. Ent⸗ ſchieden hat dieſer Mann nicht immer ſeinen Autor verſtanden und namentlich über einen Umſtand ſo dunkel berichtet, daß er den Novelliſten, der natürlich mit allen Gedanken und Gefühlen, mit den Charakteren und gelegentlich auch mit gänzlich unbekannten Schickſalen ſeiner Helden vertraut ſeyn muß— in keine kleine Verlegenheit brachte. Der Seemann rechnete nämlich ehedem den Tag vom Mittag an; aber trotz unſeres angeborenen Scharfſinnes und unſerer tiefen Einſicht in derartige Fragen der Technik waren wir nicht im Stande, ausfindig zu machen, ob der Herausgeber des Tagebuchs die ebengemeldete Zählungsmethode adoptirt oder ob er ſich zu der gemeineren und unverſtändigeren Weiſe der„Land⸗ ratten“ herabgelaſſen hat. Wir wollen jedoch mit dem einem Geſchichtſchreiber ſo wohl ziemenden Geiſte der Unpar⸗ teilichkeit annehmen, daß er beides zugleich that. Ueber die unbedeutenderen Perſonen unſerer Erzählung brauchen wir nicht viel zu ſagen. Jedermann weiß, daß Columbus Matroſen in ſeinen Schiffen hatte und daß er mehrere Eingeborne von den Inſeln, welche er entdeckte, mit nach Spanien zurückbrachte. Der Leſer ſoll jetzt mit einigen dieſer Individuen näher bekannt werden, als es ihm(wie wir wohl zu behaupten wagen dürfen) aus irgend früher erſchienenen Schriften möglich war. Was die untergeord⸗ neten Vorfälle betrifft, die mit bekannten geſchichtlichen VIII Ereigniſſen jener Periode in Verbindung ſtehen, ſo hoffen wir ſo gründlich zu Werke gegangen zu ſeyn, daß dem Leſer wohl alle weiteren Nachforſchungen über dieſe Theile unſeres Stoffes erſpart bleiben dürften. December 1840. Erſtes Kapitel. Ein Klopfen erſchüttegt der Flur Geſtein; Es ſchallt eine Stimme am Thor, Daß Einlaß begehre mit ſeinen Reih'n Der Cid Ruy Diaz, der Campeador. Mrs. Hemans. Mögen wir den Bildern des unnachahmlichen Cervantes, oder den Gemälden jenes kaum weniger verdienſtvollen Schriftſtellers, s von welchem Le Sage ſeinen unſterblichen Roman borgte,*s— den ernſteren Erzählungen der Geſchichte oder den Berichten der neue⸗ ren Reiſenden Glauben beimeſſen; kaum treffen wir auf eine Zeit, wo in Spanien die Herbergen gut und die Straßen ſicher geweſen wären. Ueberhaupt ſcheint das Volk dieſer Halbinſel dazu ver⸗ dammt zu ſeyn, ſich nie dieſer beiden Segnungen der Civiliſation erfreuen zu dürfen, denn zu allen Zeiten hörte man von mancherlei Unbilden, welche den Reiſenden ſowohl von Räubern als von Wirthen widerfuhren. Wenn dies aber ſogar zu der Geſchichte unſerer Tage gehört, ſo war es noch viel mehr in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts der Fall, in welche Periode wir die Phantaſie des Leſers zurückzuführen wünſchen. Im Anfange des Monats October 1469 hielt der Regent von Aragon, Juan von Traſtamara, ſeinen Hof in Zaragoza, einer Stadt am Ebro, deren muthmaßlich aus Cäſarea Auguſta gebildeter Name in unſeren Tagen als Saragoſſa, wie ſie von den Fremden genannt wird, wegen ihrer Waffenthaten zu hoher Berühmtheit gelangt iſt. Juan von Traſtamara, oder wie er gewöhnlich in der * Marcos Obregon. 2* Gil Blas. Donna Mercedes. 2te Aufl. 2 Reihe der Konige heißt, Johann der Zweite, war einer der ſchlaue⸗ ſten Monarchen ſeiner Zeit; aber die vielen Kämpfe mit den un⸗ ruhigen, oder wenn man lieber will, freiheitsliebenden Cataloniern, hatten ihn arm gemacht, wie er denn überhaupt genug zu thun hatte, um ſich nur auf dem Throne zu erhalten, da er über ein viel⸗ geſtaltiges Reich herrſchte, welches außer dem angeſtammten Ara⸗ gon, ſammt deſſen Zubehör Valencia und Catalonien, noch Sicilien, die baleariſchen Inſeln und einige ſehr zweifelhafte Rechte auf Na⸗ varra in ſich faßte. Zu dieſen Beſitzungen wäre auch noch das Koͤnigreich Neapel gekommen, wenn nicht das Teſtament ſeines ältern Bruders und Vorgängers dieſe Krone einem eigenen unehe⸗ lichen Sohne hinterlaſſen hätte. Die Regierung des Königs von Aragon war eine lange und unruhige geweſen, und eben jetzt befand ſich ſeine Schatzkammer durch die Opfer, welche wegen der Unterwerfung der empörten Catalonier gebracht werden mußten, in einem Zuſtande faſt völliger Erſchöpfung, obgleich er einem Siege näher war, als er voraus⸗ ſehen konnte, da ſein Nebenbuhler, der Herzog von Lothringen, nur ein paar Monate nach dem Zeitpunkte, den wir für den Beginn unſerer Erzählung ausgewählt haben, eines plötzlichen Todes ſtarb. Es iſt jedoch dem Menſchen verſagt, in die Zukunft zu blicken; und am neunten des erwähnten Monats wurde der Scharffinn des königlichen Schatzmeiſters auf keine leichte Probe geſetzt, als er ganz unerwartet zu einer Zeit, wo die Armee im Begriffe war, ſich wegen Ausbleiben des Soldes aufzulöſen, und die öffentlichen Kaſſen nicht weiter, denn die ſehr mäßige Summe von dreihundert Enriquez(einer nach einem früheren Monarchen benannten Goldmünze in dem ungefähren Werthe eines Ducaten) enthielten, um eine ſehr beträchtliche Summe angegangen wurde. Die Angelegenheit war jedoch zu dringend, um ſich verſchieben zu laſſen, und ſelbſt die Zwecke des Krieges mußten dieſem plötzlich angeregten Unternehmen gegenuber, obgleich es ſich mehr auf 3 Privatangelegenheiten bezog, in den Hintergrund treten. Man hielt Verſammlungen des Staatsraths, ſchmeichelte den Capitaliſten oder ſchüchterte ſie ein, und die Eingeweihten unter den Höflingen befanden ſich augenſcheinlich in einem Zuſtande der größten und ernſteſten Aufregung. Endlich ſchien die Zeit der Vorbereitungen vorüber und der Augenblick des Handelns gekommen zu ſeyn. Die allgemeine Neugierde wurde befriedigt und die Bürger von Saragoſſa durften erfahren, daß der König wegen hochwichtiger Angelegenheiten eine feierliche Geſandtſchaft an ſeinen Nachbar, Verwandten und Verbundeten, den Monarchen von Caſtilien, zu ſchicken beabſichtige. Im Jahre 1469 ſaß Heinrich, gleichfalls aus dem Hauſe Traſtamara, unter dem Titel Heinrich IV. auf dem Throne des benachbarten Königreichs. Er war in männlicher Linie der Enkel eines Bruders von dem Vater Johanns II. und alſo der Sohn eines Geſchwiſterkindes von dem Monarchen Aragons. Aber ob⸗ gleich man hätte erwarten ſollen, daß dieſe Verwandtſchaft nahe genug ſey, um in den gemeinſchaftlichen Familien⸗Intereſſen ein kräftiges Band zu finden, ſo waren doch gar manche freundſchaftliche Geſandtſchaften nöthig, um den Frieden zwiſchen beiden Fürſten auf⸗ recht zu erhalten; das Ruchbarwerden der gegenwärtigen Sendung veranlaßte daher in den Straßen der Stadt eher Zufriedenheit als Verwunderung. Obgleich Heinrich von Caſtilien über größere und reichere Landſtriche der Halbinſel herrſchte, als ſein Vetter von Aragon, ſo fehlte es ihm doch auch nicht an Sorgen und Bekümmerniſſen. Er hatte ſeine erſte Gemalin, Blanca von Aragon, verſtoßen, um Johanna von Portugal zu ehelichen, eine Prinzeſſin von ſo offen⸗ kundig leichtfertigem Charakter, daß ſie nicht nur am Hofe großes Aergerniß gab, ſondern auch auf die Geburt ihres einzigen Kindes, ſeiner Tochter, das zweideutigſte Licht warf— Umſtände, welche die Abneigung gegen die Mutter in Haß umwandelten und Veranlaſ⸗ ſung gaben, daß das Kind ſeiner Reichserbanſprüche beraubt wurde. — ü— Der Vater Heinrichs war, wie der Sohn, zweimal vermählt ge⸗ weſen, und hatte aus zweiter Ehe einen Sohn und eine Tochter, Alfons und Iſabella hinterlaſſen, von denen die letztere ſpäter unter dem doppelten Titel„der Königin von Caſtilien“ und„der Katho⸗ liſchen“ eine Berühmtheit erlangte. Heinrichs verſchwenderiſche, ohnmächtige Regierung hatte einen Theil ſeiner Unterthanen zu offener Empörung getrieben. Drei Jahre vor dem Beginn unſerer Erzählung war ſein Bruder Alfonſo an ſeiner Statt als Koͤnig ausgerufen worden, und die Schrecken des Bürgerkriegs hatten durch alle Provinzen getobt. Dieſer Krieg war in der letzten Zeit durch Alfonſo's Tod zu Ende gekommen, und ein jeweiliger Friede durch einen Vertrag hergeſtellt worden, in welchem Heinrich einwilligte, ſeine Tochter— oder vielmehr die Tochter Johanna's von Portugall— von der Reichsnachfolge aus⸗ zuſchließen, und ſeine Halbſchweſter Iſabella als rechtmäßige Thron⸗ erbin anzuerkennen. Dieſes letztere Zugeſtändniß war ein Werk der herben Nothwendigkeit, und führte, wie zu erwarten ſtand, zu manchen geheimen und gewaltſamen Maßregeln, durch welche man die Folgen derſelben zu entkräften hoffte. Unter andern Mitteln, welche der König, oder vielmehr deſſen Günſtlinge— da die Un⸗ thätigkeit und Gleichgültigkeit des trägen aber gutmüthigen Fürſten ſprüchwörtlich war— verſuchten, um den wahrſcheinlichen Folgen von Iſabellens vorausſichtlichem Regierungsantritt entgegen zu ar⸗ beiten, beabſichtigte man auch, ſich dadurch zum Herren ihres Willens und ihrer Politik zu machen, daß man ihre Hand zuerſt einem Unterthan, und dann einem oder dem andern fremden Fürſten geben wollte, wobei jedoch ſtets auf Menſchen Rückſicht genommen wurde, durch welche man ihre Macht brechen zu können hoffte. Ueberhaupt war gerade zu dieſer Zeit die Vermählung der Prin⸗ zeſſin die wichtigſte Aufgabe der ſpaniſchen Staatsklugheit. Auch der Sohn des Königs von Aragon war einer der Bewerber um Iſabellens Hand, und die meiſten, welche von der beabſichtigten 5 Abreiſe der Geſandtſchaft hörten, kamen natürlich zuerſt auf die Vermuthung, daß dieſe Sendung in einiger Beziehung zu jenem wichtigen Zwecke der aragoneſiſchen Politik ſtehe. Iſabella ſtand in dem Rufe der Gelehrſamkeit, Beſcheidenheit, Klugheit, Frömmigkeit und Schönheit, und war zudem die aner⸗ kannte Erbin einer ſo beneidenswerthen Krone. Kein Wunder alſo, daß ſie Schaaren von Freiern heranzog, unter denen ſich, außer dem bereits erwähnten Aragonier, auch Prinzen aus Frankreich, Eng⸗ land und Portugal befanden. Die verſchiedenen Günſtlinge unter⸗ ſtützten verſchiedene Bewerber, und mühten ſich, ihre Abſichten durch die gewöhnlichen Hof⸗ und Partei⸗Intriken durchzuſetzen, während die königliche Jungfrau, der Gegenſtand ſo vielſeitiger Be⸗ werbung und Eiferſucht, eine kluge Zurückhaltung beobachtete, feſt entſchloſſen, ihren zarteſten weiblichen Gefühlen nichts zu vergeben. Ihr Bruder, der König, war im Süden und gab ſich dem Vergnü⸗ gen hin, indeß die Prinzeſſin, lange an eine verhältnißmäßige Ein⸗ ſamkeit gewöhnt, ſich allen Ernſtes mit ihren eigenen Angelegen⸗ heiten beſchäftigte und dieſelbe in einer Weiſe betrieb, wie es ihr die Begründung ihres eigenen Glückes zu fordern ſchien. Nach mehreren Verſuchen, ſich ihrer Perſon zu bemächtigen, denen ſie nur durch den ſchleunigen Beiſtand der Waffen ihrer Freunde ent⸗ rann, hatte ſie ſich nach der Provinz oder, wie man es auch ſonſt nannte, dem Königreich Leon geflüchtet, in deſſen Hauptſtadt Valla⸗ dolid ſie ihren jeweiligen Aufenthalt nahm. Da jedoch Heinrich noch immer in der Nähe von Granada weilte, ſo müſſen wir dem Leſer dieſe Richtung als diejenige bezeichnen, welche die Geſandt⸗ ſchaft zu nehmen hatte. Der Zug verließ mit dem Frühmorgen eines herrlichen Herbſt⸗ tages Saragoſſa durch eines der ſüdlichen Thore. Er hatte das gewöhnliche Geleite von Lanzen, die der beunruhigte Zuſtand des Landes nöthig machte, bärtige, wohlgewappnete Adelige, ohne deren Schutz ſich Niemand, der genug beſaß, um Räuber anzu⸗ locken, der Landſtraße anvertraute— eine lange Reihe bepackter Maulthiere und eine Schaar Leute, deren Aeußeres halb Diener, halb Soldaten bekundete. Dieſe Schau zog eine Menge Volkes nach ſich, welches zum Theil Gebete für einen glücklichen Erfolg ſprach, bei weitem in der Mehrzahl aber, wie es bei ununterrich⸗ teten Schwätzern gewöhnlich der Fall iſt, ſich in ſchalen und un⸗ reifen Vermuthungen über den wahrſcheinlichen Zweck und die Ergebniſſe dieſer Reiſe erſchöpfte. Aber auch die Neugierde hat ihre Gränze, der ſprachſeligſte Plauderer wird endlich müde, und als ſich die Sonne zum Niedergang ſenkte, hatten die meiſten von dem Pöbel bereits vergeſſen, über die Morgenparade zu denken und zu ſprechen. Bei Einbruch der Nacht war jedoch der kürzliche Prunkaufzug noch der Gegenſtand der Unterhaltung zwiſchen zwei Soldaten, welche zu der Wache des nach der Provinz Burgos führenden weſtlichen Thores gehörten. Dieſe Ehrenmänner brachten ihre Stunden in der ſorgloſen Weiſe wachſtehender Gemeiner zu, bei denen der Geiſt der Redſeligkeit und der Tadelſucht die Gedan⸗ ken und der Lärm des Tages überlebt hat. „Wenn Don Alonſo de Carbajal in dieſer Weiſe weit zu kommen gedenkt,“ bemerkte der ältere der beiden Müßiggänger, „ſo wird er wohl daran thun, ein ſcharfes Auge auf ſein Gefolge zu haben, denn die Armee von Aragon hat nie ein ſchäbigeres Geleite ausgeſchickt, als das, welches er heute durch das ſüdliche Thor führte, trotz des Flitterſtaats an den Schabraken und des Trompetengeſchmetters. Ich ſage Dir, Diego, wir hätten von Valenzia Lanzen ſchicken können, die für eine königliche Geſandt⸗ ſchaft beſſer gepaßt hätten, ja, und auch würdigere Ritter, um ſie anzuführen,— als dieſe Aragonier. Doch, wenn der König zu⸗ frieden iſt, ſo ſteht es Soldaten unſeres Gleichen nicht zu, daruͤber zu murren.“ „Manche denken, Rodriguez, es wäre beſſer geweſen, das für ſolche höfiſche Bevollmächtigungen verſchwendete Geld zu ſparen, 7 und die braven Männer zu bezahlen, welche ſo bereitwillig ihr Blut verſpritzten, um die rebelliſchen Barcellonier zu unterwerfen.“ „Das iſt immer die Weiſe des Glaͤubigers gegen den Schuldner, Junge. Don Juan iſt Dir einige Maravedis ſchuldig, und Du brummſt bei jedem Enriquez, den er für ſeine eigenen Bedürfniſſe ausgibt. Ich bin ein alter Kerl, und habe die Kunſt gelernt, mich ſelber bezahlt zu machen, wenn die Schatzkammer zu arm iſt, um mir dieſe Mühe zu erſparen.“ „Das mag wohl in einem Krieg gegen die Fremden, zum Beiſpiel gegen die Mauren, angehen; aber dieſe Catolonier ſind im Grunde doch ſo gute Chriſten, als wir ſelbſt, und einige davon auch eben ſo gute Unterthanen; auch iſt es nicht ſo leicht, einen Landsmann, als einen Ungläubigen zu plündern.“ „O, viel leichter, zwanzigmal leichter! denn der eine weiß, daß ihm dieſes Loos blüht, und hat, wie alle in einer ſolchen un⸗ glücklichen Lage, ſelten etwas, was des Nehmens lohnte, während Dir der Andere ſeine Vorrathskammer ſo freimüthig auſſchließt, als ſein Herz. Aber wer ſind dieſe, die ſich noch in ſo ſpäter Stunde auf die Landſtraßen wagen?“ „Burſchen, die reich ſcheinen wollen, indem ſie ſich arm ſtellen. Ich wette, Rodriquez, daß dieſes ganze Bedientenpack miteinander nicht Geld genug in der Taſche hat, um die Aufwärter zu bezah⸗ len, die ihnen zum Nachteſſen geſottene Eier vorſetzen.“ „Bei Sanct Jago, meinem heiligen Schutzpatron!“ flüſterte lächelnd einer der Führer eines kleinen Zuges, der mit einem ein⸗ zelnen Begleiter etwas vorausgeritten war, als ob es ihm wenig ausmachte, mit den Uebrigen etwas zu vertraut zu werden,„jener Schuft iſt der Wahrheit näher, als mir lieb iſt. Wir haben vielleicht Geld gerade genug, um für uns alle eine Olla potrida* ſammt der * Ein Lieblingsgericht der Spanier, welches aus verſchiedenen klein ge⸗ ſchnittenen und zuſammengedämpften Fleiſcharten beſteht, wozu viel Speck kommt. 8 Bedienung zu bezahlen, aber ich zweifle ſehr, ob uns eine Dublone übrig bleiben wird, wenn wir an dem Ziele unſerer Reiſe anlangen.“ Ein leiſer aber ernſter Verweis zügelte dieſe unüberlegte Heiterkeit, und die Geſellſchaft machte an dem Thore Halt. Alle ritten auf Maulthieren, und ſchienen ihrem Aeußern nach, Kauf⸗ leute zu ſeyn, da in jener Zeit die verſchiedenen Stäͤnde ſich ſchon an ihrem Anzug erkennen ließen. Das Verlaſſen der Stadt be⸗ durfte keiner beſondern Erlaubniß, und der ſchlaftrunkene, folglich ärgerliche Thorſchließer entfernte langſam die Querhölzer, um die Reiſenden hinaus zu laſſen. Während dieſen nöthigen Vorkehrungen ſtanden die zwei Soldaten etwas ſeitwärts und betrachteten ſich ruhig die Gruppe, obgleich ſie der ſpaniſche Ernſt verhinderte, ihre Verachtung offen an den Tag zu legen, als ſie unter den Kaufleuten zwei oder drei Juden bemerkten. Die Kaufleute ſelbſt gehörten jedoch der beſſern Claſſe an, wie ſich aus einigen Geleitern erſehen ließ, welche in Livree hintendrein ritten, und ſich in reſpektvoller Entfernung hielten, während ihre Herren die kleine Abgabe entrichteten, die dem Herkommen gemäß für das Oeffnen des Thores zur Nacht⸗ zeit bezahlt werden mußte. Einer dieſer Diener, der ein tüchtiges muthiges Maulthier ritt, kam während dieſer kurzen Zögerung ſo weit in die Nähe unſeres Diego, daß dieſer, von Natur ge⸗ ſprächig, ſich nicht enthalten konnte, ſein Sprüchlein anzubringen. „Sage mir, Pepe,“ begann der Soldat,„wie viel hundert Dublonen zahlt man Dir jährlich für Deinen Dienſt, und wie oft erneuert man Dir dieſes ſchöne Lederwamms?“ Der Diener des Kaufmanns, welcher noch ein Jüngling war, obgleich ſeine kräftige Geſtalt und ſeine gebräunten Wangen auf ſtarke Anſtrengungen in Wind und Wetter deuteten, fuhr auf und erröthete bei dieſer unverholenen Ausfrage, die von einem vertrau⸗ lichen Schlag auf's Knie begleitet wurde, wobei noch ein Kneipen in den Schenkel die Ungebundenheit des Lagers bekundete. Wahr⸗ 9 ſcheinlich unterdrückte Diego's Lachen einen plötzlichen Ausbruch des Unwillens, denn der Soldat war einer von denen, deren Weiſe zu viel Gutmüthigkeit verrieth, als daß man leicht hätte empfindlich werden können. „Dein Kneipen mag wohl gut gemeint ſeyn, Kamerad, aber es iſt etwas derb,“ bemerkte der junge Dienſtmann mild;„ich möchte Dir aber rathen, in Zukunft eine ſolche allzu große Ver⸗ traulichkeit zu unterlaſſen; ſie koͤnnte Dir ſonſt eines Tages einen zerbrochenen Schädel eintragen.“— „Beim heiligen Pedro, es ſollte mir ein Vergnügen machen—“ Er kam jedoch zu ſpät; denn da die Kaufleute bereits weiter geritten waren, gab der Jüngling ſeinem Maulthiere ſcharf den Sporn, worauf das kräftige Thier vorwärts ſchoß, und durch dieſe Bewegung unſern Diego, der ſich hart an den Sattelknopf ge⸗ drängt hatte, beinahe umwarf. „Der Junge hat Feuer,“ rief der gutmüthige Soldat, als er ſich wieder in's Gleichgewicht geſetzt hatte.„Ich glaubte einen Augenblick, er habe im Sinne, mir die Chre einer Bekanntſchaft mit ſeiner Hand angedeihen zu laſſen.“ „Du haſt Unrecht, und ſollteſt Dir ſolche Unbeſonnenheiten abgewöhnen, Diego,“ entgegnete ſein Kamerad. Kein Wunder, wenn Dich der junge Mann für die unwürdige Behandlung, die Du ihm angethan haſt, zu Boden geſchlagen hätte.“ „Ha! der gemiethete Bediente eines kriechenden Juden!— Er hätte es wagen ſollen, einen Streich nach einem Soldaten des Königs zu führen.“ „Er mag wohl ſeiner Zeit ſelbſt ein Soldat des Königs ge⸗ weſen ſeyn. Wir leben in Zeiten, wo an die meiſten von ſeinem Körperbau und ſeinen Muskeln der Aufruf ergeht, einen Harniſch anzulegen. Es iſt mir, als ob ich dieſes Geſicht ſchon früher geſehen hätte, ja, und noch obendrein an einem Orte, wo es für Feiglinge nicht gerathen war, hinzugehen.“ „Pah, der Kerl iſt nichts weiter, als ein Bedienter— ein Laffe, der eben hinter dem Ofen der Mutter hervorgekrochen iſt.“ „Ich ſtehe dafür, daß er ſchon dem Catalonier und dem Mauren die Spitze geboten hat, ſo jung er auch ausſieht. Du weißt, daß der Adel ſeine Söhne faſt noch als Kinder in's Gefecht zu ſchicken pflegt, damit ſie ſich in Zeiten ritterlich benehmen lernen.“ „Der Adel?“ wiederholte Diego lachend.„Im Namen aller Teufel, Rodrigo, woran denkſt Du, daß Du dieſen Schuft zu einem jungen gnäͤdigen Herrn machſt? Hältſt Du ihn etwa für einen ver⸗ kappten Guzman oder Mendoza, weil Du mir da etwas von Rittern vorfaſelſt?“ „Hm— es ſcheint in der That einfältig; aber doch habe ich ſchon vordem dieſe Stirne im Kampfe geſehen und dieſe kräftige Stimme gehört, wie ſie zum Angriff rief.— Bei San Jago de Compoſtella, jetzt hab' ich's! Hör' einmal, Diego!— ein Wort in's Ohr.“ Der Veteran führte nun, obgleich Niemand in der Nähe ſtand, der hätte zuhören können, ſeinen jüngeren Kameraden bei Seite, ſah ſich vorſichtig um, um ſich zu überzeugen, daß er kei⸗ nen Lauſcher zu fürchten habe, und flüſterte einen Augenblick in Diego's Ohr.. „Heilige Mutter Gottes!“ rief der letztere und fuhr vor Ueberraſchung und Schrecken drei Schritte zurück.„Du kannſt un⸗ möglich Recht haben, Rodrigo!“ „Ich will meiner Seele Seligkeit daran ſetzen,“ erwiedens der Andere mit Beſtimmtheit.„Habe ich ihn nicht oft mit geöff⸗ netem Viſier geſehen und bin ich ihm nicht oft genug zum Angriff gefolgt?“ „Und er ſollte reiſen als der Bediente eines Kaufmanns— oder gar, wie es mir vorkam, als der Knecht eines Juden?“ „Es iſt unſer Geſchäft, Diego, darein zu ſchlagen, ohne uns um ———, 11 die ſtreitigen Punkte zu kümmern; wir müſſen Augen haben, ohne zu ſehen, und Ohren, ohne zu hören. Don Juan iſt ein guter Herr und unſer geſalbter König, obgleich es in ſeinen Kaſſen mager ausſieht; und ſo wollen wir uns denn als ſeine verſtändigen Sol⸗ daten beweiſen.“ „Aber er wird mir nie den Schlag auf ſein Knie und meine thörichte Zunge verzeihen. Ich werde es nicht wagen, ihm je wieder vor die Augen zu treten.“ „Hm!— Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Du ihm je an der Tafel des Königs begegnen wirſt, und auf dem Schlachtfeld iſt er gewohnt, der Vorderſte zu ſeyn, wo er ſich dann wenig verſucht finden wird, zurück zu blicken, um nach Dir zu ſehen.“ „Du glaubſt alſo, er werde mich nicht wieder kennen?“ „Wenn es auch wäre, Junge, ſo köͤnnte es Dir nicht viel ausmachen. Leute, wie er, haben mehr Anforderungen an ihr Gedächtniß, als ſie überhaupt befriedigen können.“ „Die heilige Mutter Gottes gebe, daß Du wahr prophezeihſt, ſonſt würde ich es nie wieder wagen, in Reih' und Glied zu er⸗ ſcheinen. Hätte ich ihm einen Dienſt geleiſtet, ſo dürfte ich hoffen, vergeſſen zu werden; aber eine Beleidigung haftet lange in dem Gedächtniſſe!“ Die Soldaten entfernten ſich und nahmen von Zeit zu Zeit ihr Gefpräch wieder auf, wobei der Aeltere ſeinem geſchwätzigen Kameraden die Tugend der Vorſicht nicht oft genug empfehlen konnte. Die Wanderer hatten inzwiſchen ihren Weg mit einer Haſt fortgeſetzt, welche eben ſo gut ihr Mißtrauen gegen die Sicherheit der Straße, als ihren Wunſch, ſchnell vorwärts zu kommen, be⸗ kundete. Sie reisten die ganze Nacht durch und gönnten ſich keine Raſt, bis die Wiederkehr der Sonne ſie wieder der Beobachtung Neugieriger ausſetzte, unter denen ſich manche Späher Heinrichs von Caſtilien beſorgen ließen, denn man wußte, daß ſeine Agenten ein beſonderes wachſames Auge auf die Wege zwiſchen der Haupt⸗ ſtadt von Aragon und Valladolid hielten, in welch letzterer Stadt die Schweſter des Königs erſt kürzlich eine Zuflucht geſucht hatte. Es ereignete ſich jedoch nichts, was dieſe Reiſe vor irgend einer andern in dieſer Periode ausgezeichnet hätte. In dem Aeußern unſerer Wanderer war nichts, was die Aufmerkſamkeit von Heinrichs Soldaten, die in ſtarken Abtheilungen die Gränzpäſſe bewachten, hätte anziehen können; auch waren dermalen die gewoͤhnlichen Räuber durch die Anweſenheit derjenigen, welche im Namen ihres Fürſten dieſes edle Gewerbe trieben, von der Heerſtraße verdrängt, und ſo erreichte der Zug bald und ohne Gefährde das Gebiet von Soria, einer Provinz von Alt⸗Caſtilien. Der junge Mann, welcher Anlaß zu dem Geſpräche der beiden Soldaten gegeben hatte, ritt emſig hinter ſeinem Herrn her, ſo lange es dem letztern gefiel, im Sattel zu bleiben, und beſchäftigte ſich während der wenigen, kurzen Pauſen, welche die Wanderung unterbrachen, wie die übrigen Diener mit den Obliegenheiten ſeines Berufs. Am Abende des zweiten Tages jedoch, ungefähr eine Stunde von dem Wirthshauſe, wo ſich die Geſellſchaft zuletzt mit einer Olla potrida und etwas ſaurem Wein gelabt hatte, brach plötzlich der bereits erwähnte humoriſtiſche Jüngling, welcher ſich noch immer an der Seite ſeines älteren und ernſteren Gefährten im Vortrabe befand, in ein lautes Gelächter aus, hielt ſein Maul⸗ thier an und ließ den ganzen Zug an ſich vorbei, bis er ſich an der Seite des von uns beſonders hervorgehobenen Dieners befand. Letzterer warf einen ernſten, verweiſenden Blick auf ſeinen angeb⸗ lichen Gebieter, ritt auf ihn zu und ſprach mit einer Würde, die wenig für ihre gegenſeitige Stellung zu paſſen ſchien: „Was ſoll das, Nunnez? Was veranlaßt Dich, Deine Stellung vorn zu verlaſſen und Dich einer unziemlichen Vertraulichkeit mit den Dienern im Nachtrab hinzugeben?“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, mein ehrenwerther 13 Juan,“ entgegnete der Herr unter fortdauerndem Lachen, obgleich er ſich angenſcheinlich mühte, aus Achtung vor dem Andern ſeine Heiterkeit zu zügeln;„aber es iſt uns ein Ungemach zugeſtoßen, das alle jene Fabeln und Erzählungen von Zauberei und irrendem Ritterthum bei weitem überbietet. Dem würdigen Meiſter Ferreras dort, der ſo geſchickt mit dem Gold umzugehen weiß und ſein ganzes Leben im Kauf und Verkauf von Haber und Gerſte zugebracht hat, i*ſt ſeine Börſe abhanden gekommen, die er wahrſcheinlich in dem letzten Wirthshaus liegen ließ, als er das ſteinharte Brod und das ranzige Oel bezahlte. Ich zweifle, ob wir jetzt alle mit einander noch zwanzig Realen aufbringen können.“ „Und iſt es ein Gegenſtand zum Scherzen, daß wir mit un⸗ ſerer Baarſchaft auf der Hefe ſind?“ entgegnete der Diener und ein leichtes Lächeln zuckte um ſeine Lippen, als ob er Luſt hätte, in die muntere Laune ſeines Gefährten einzuſtimmen.„Doch, Gott ſey Dank, Osma kann nicht mehr ferne ſeyn, und ſo brauchen wir uns über den Verluſt nicht allzuſehr zu grämen. Aber jetzt, mein Gebieter, erlaube mir, Dir zu gebieten, daß Du Deinen Platz in dieſem Zuge wieder einnimmſt und Dich nicht wieder zu einer ſo unziemlichen Vertraulichkeit gegen Deine Untergebenen herabläſſeſt. Ich bedarf Deiner nicht mehr; eile daher zu Meiſter Ferreras zu⸗ rück und bezeuge ihm meine Theilnahme und mein Bedauern.“ Der angebliche Diener wandte ſein Auge lächelnd ab, als ob er ſelbſt beabſichtigte, den eigenen Ermahnungen Ehre zu machen, während der Andere augenſcheinlich nach einem Blick des Wohl⸗ wollens und der Gunſt von ihm haſchte. Eine Minute ſpäter war der Zug wieder in der gewöhnlichen Ordnung. Als die Nacht vorrückte und die Stunde herannahte, wo Menſchen und Thiere ſich der Ruhe hinzugeben pflegen, trieben unſere Reiſende ihre Maulthiere am kräftigſten an, und gegen Mitternacht erreichten ſie nach manchen harten Sporenſtößen das Hauptthor der kleinen, mit Mauern umgebenen Stadt Osma, 14 welche unweit der Gränze der Provinz Burgos, aber noch auf dem Gebiete von Soria lag. Der voranreitende junge Kaufmann war mit ſeinm Maulthiere kaum an dem Thore angelangt, als er mit ſeinem Stocke einige Schläge danach führte, um denen im Innern ſeine Gegenwart kund zu thun. Die Maulthiere der Hinteren waren leicht zum Halten zu bringen; der angebliche Diener aber eilte jetzt vorwärts und war eben im Begriffe, ſeinen Platz unter den Hauptperſonen in der Nähe des Thores einzunehmen, als ein ſchwerer Stein von den Zinnen niederflog und ſo dicht an ſeinem Kopfe vorbeiſchwirrte, daß er dadurch einen ziemlich handgreiflichen Wink bekam, wie nahe ihm eine ſchnelle Reiſe in eine andere Welt geſtanden hatte. Die ganze Geſellſchaft erhob bei dieſem gefähr⸗ lichen Wurfe ein lautes Geſchrei, welchem ſich noch die Flüche des Burſchen, welcher dieſes Geſchoß geſchleudert hatte, beimiſchten. Der Jüngling übrigens, der am meiſten dabei betheiligt war, blieb am ruhigſten, und obgleich ſeine Stimme durchdringend und gebieteriſch klang, als er ſte zum Tadel erhob, ſo verrieth ſie doch weder Zorn noch Beſtürzung. „Was ſoll das?“ ſagte er;„iſt dieß die Art, wie man fried⸗ liche Reiſende— Kaufleute, die Gaſtfreundlichkeit und ein Nacht⸗ lager von Euch anſprechen, behandelt?“ „Was Kaufleute und Reiſende!“ grollte eine Stimme von oben;„ſagt lieber Spione und Agenten von König Heinrich. Wer ſeyd ihr? Sprecht ſchnell, oder wir ſuchen euch nächſtens mit etwas Schärferem, als mit Steinen heim!“ „Sage mir,“ erwiederte der Jüngling, als ob er es verſchmähe, die Frage auf ſich zu beziehen—„wer befiehlt in dieſer Stadt? Iſt es nicht der edle Graf von Trevinno?“ „Derſelbe Sennor,“ klang es von oben mit etwas geſchmei⸗ digerem Tone;„aber was kann ein Trupp wandernder Krämer von Seiner Excellenz wiſſen? und wer biſt Du, daß Du ſo be⸗ fehlend und ſtolz ſprichſt, als ob Du ein Grande wäreſt?“ 15 „Ich bin Ferdinand von Traſtamara— der Prinz von Ara⸗ gon— der König von Sicilien. Geh' und ſage Deinem Herrn, er ſolle ſchnell an das Thor kommen.“ Dieſe plötzliche Ankündigung, die in dem ſtolzen Tone eines Mannes vorgebracht wurde, der an unbedingten Gehorſam gewöhnt iſt, veränderte weſentlich den Stand der Dinge; die Geſellſchaft an dem Thore wechſelte in ſoweit ihre Stellung, daß die beiden Edlen, welche bisher den Zug angeführt hatten, dem jugendlichen Koͤnig Platz machten, während die Gruppe der Ritter ſich auf eine Weiſe benahm, welche zeigte, daß die Verkleidung zu Ende ſey, und jeder in ſeinem wahren Charakter aufzutreten beabſichtige. Sicher hätte es wohl auch einem denkenden Beobachter Vergnügen gewährt, Zeuge der Schnelligkeit zu ſeyn, mit welcher zumalen die jüngeren Officiere ſich im Sattel aufrichteten, als ob ſie die ausdrucksloſe Haltung demüthiger Kaufleute nicht ſchnell genug beſeitigen koͤnnten, um ſich als das zu zeigen, was ſie wirklich waren, nämlich als an Kampfſpiel und Schlachtengewühl gewohnte Männer. Ein nicht minder ſchneller und großer Wechſel fand auf den Wällen ſtatt. Nichts trug mehr den Ausdruck der Schlaftrunkenheit; die Solda⸗ ten beſprachen ſich leite und haſtig, und der ferne Ton von Fuß⸗ tritten verkündigte, daß nach verſchiedenen Richtungen Boten abgingen. So vergingen etwa zehn Minuten, während welcher Zeit ein Subalternofficier ſich auf den Wällen zeigte und wegen der Zögerung um Entſchuldigung bat, da der Grund derſelben ausſchließlich in der Strenge der Kriegszucht, keineswegs aber in einem Mangel aus Achtung zu ſuchen ſey. Endlich verkündigte ein Gewühl auf der Mauer und der Schimmer vieler Laternen die Annäherung des Statthalters, und die Ungeduld der unten ſtehenden jungen Männer, die ſich bereits in halblauten Verwünſchungen zu aͤußern begann, gab einer den Umſtänden mehr angemeſſenen Zu⸗ rückhaltung Raum. „Iſt die freudige Kunde wahr, die mir meine Leute mittheilen?“ 16 rief Einer von den Zinnen, während zugleich eine Laterne von der Mauer heruntergelaſſen wurde, als ob man die Geſellſchaft am Thore genauer in Augenſchein nehmen wolle.„Wird mir wirklich die Ehre zu Theil zu dieſer ungewohnten Stunde eine Aufforderung von Don Ferdinand von Aragon zu vernehmen?“ „Laß Deinen Burſchen ſeine Laterne mehr gegen mein Geſicht drehen,“ antwortete der König,„damit Du Dich ſelbſt überzeugen kannſt. Ich will mir gerne dieſe Unehrerbietigkeit gefallen laſſen, Graf von Trevinno, wenn ich mir damit einen ſchleunigeren Einlaß erkaufe!“ „Er iſt es!“ rief der Edle,—„ich kenne dieſe königlichen Züge, die ſich in einer langen Reihe von Koͤnigen fortpflanzten, und oft hörte ich dieſe Stimme, wie ſie Aragons Schaaren zum Angriff gegen die Mauren ſammelte. Laßt die Trompeten dieſe glückbringende Ankunft verkündigen, und öffnet die Thore weit— ohne Verzug!“— Der Befehl wurde ſogleich befolgt und der jugendliche Koͤnig ritt unter dem Schmettern der Trompeten, von einer ſtarken be⸗ waffneten Abtheilung umgeben, in Osma ein, indeß ihm die Hälfte der erwachten und verwunderten Bewohner auf den Ferſen nach⸗ folgte.— „Es iſt ein Glück, mein hoher Gebieter,“ ſagte Don Andres de Cabrera, der bereits erwähnte junge Edle, als er vertraulich an Don Ferdinands Seite ritt,„daß wir dieſes gute, koſtenfreie Quartier gefunden haben, denn es iſt leider nur zu wahr, daß Meiſter Ferreras, nachläßig genug, die einzige Börſe, die unter uns war, verloren hat. In einer ſolchen Klemme wäre es wohl nicht leicht geweſen, die Rolle haushälteriſcher Kaufleute länger beizubehalten; denn während dieſe Schufte um den Preis jeder Kleinigkeit mäkeln, haben ſie es doch gerne, wenn ſie ihr Gold ſehen laſſen können.“ „Nun, da wir in Deinem eigenen Caſtilien ſind, Don Andres,“ erwiederte der Koͤnig lächelnd,„ſo müſſen wir uns eben auf Deine —— 17 Gaſtfreundſchaft verlaſſen, denn wir wiſſen wohl, daß Dir zu jeder Zeit zwei der ſchönſten Diamanten zu Gebot ſtehen.“ „Mir, Sire? Eure Hoheit belieben auf meine Koſten zu ſcherzen, obgleich ich glaube, daß dieß im gegenwärtigen Augenblick der einzige Aufwand iſt, den auch ich zu beſtreiten vermag. Meine Anhänglichkeit an die Prinzeſſin Iſabella hat mich von meinen Gütern vertrieben, und der niedrigſte Edelmann in dem Heere von Aragon iſt dermalen nicht ärmer als ich. Welche Diamanten könn⸗ ten mir daher zu Befehl ſtehen?“ „Das Gerücht ſpricht ſehr zu Gunſten der zwei Brillanten in dem Antlitz der Donna Beatriz de Bobadilla, und ich höͤre, ſie ſtehen beide zu Deiner Verfügung, wenigſtens ſoweit es die Liebe einer edlen Jungfrau einem treuen Ritter zugeſtehen darf.“ „Ach! mein Herr und König! wenn dieſes Abentheuer ſo glücklich endet, als es angefangen hat, ſo möchte ich wohl in der That Eure königliche Gunſt um eine Unterſtützung in dieſer An⸗ gelegenheit anflehen.“ Der König lächelte in ſeiner gelaſſenen Weiſe, änderte jedoch ſchnell den Gegenſtand des Geſprächs, als der Graf von Trevinno näher an ſeine Seite rückte. Ferdinand von Aragon ſchlief dieſe Nacht geſund, aber mit dem Grauen des Tages war er und ſein Gefolge wieder im Sattel. Die Geſellſchaft verließ jedoch Osma in einer ganz andern Weiſe, als ſie ſich den Thoren genähert hatte. Ferdinand erſchien jetzt als ein Ritter auf einem andaluſiſchen Zelter, und alle ſeine Begleiter trugen nun ihren wahren Charakter offener zur Schau. Eine ſtarke Lanzenabtheilung unter der Führung des Grafen von Trevinno bildete das Geleite, und am neunten deſſelben Monats langte der ganze Zug bei Duennas in Leon, einem Orte in der Nähe von Valladolid an. Der mißvergnügte Adel ſchaarte ſich um den Prinzen, um ihm den Hof zu machen, und wurde von Ferdinand, wie es ſeinem Range und ſeinen noch höhern Ausſichten gemäß war, empfangen. Donna Mercedes. 2te Aufl. 2 Die ſchwelgeriſchen Caſtilianer hatten bei dieſem Anlaß Ge⸗ legenheit, die Strenge zu bemerken, durch welche es Don Ferdinand in dem unreifen Alter von achtzehn Jahren, denn er war kaum älter, gelungen war, ſeinen Körper aufs äußerſte abzuhärten und ſeine Nerven ſo zu kräftigen, daß er zu jeder Waffenthat fähig war. Die ſchwerſten militäriſchen Uebungen gewährten ihm Vergnügen, und kein Ritter von Aragon wußte ſein Roß ſowohl beim Turnier als auf dem Schlachtfelde beſſer zu tummeln. Seine Geſichtsfarbe war, wie die der meiſten vom königlichen Stamme ſowohl in jener fernen, als in der gegenwärtigen Periode, trotz der heißen Sonne ſeiner Heimath blendend, obſchon ſie bereits durch die häufigen Jagden und die kriegeriſchen Beſchäftigungen ſeiner Knabenjahre etwas gebräunt erſchien. Er lebte ſo mäßig wie ein Muſelmann und ſeine bewegliche und ſchön gebaute Geſtalt ſchien ſich früh abgehärtet zu haben, als ob die Vorſehung ihn zu Abſichten aufbewahrt hätte, welche ebenſowohl große körperliche Kraft, als tiefe Einſicht und einen regen Scharfſinn erforderten. Während der nun folgenden vier oder fünf Tage wußten die caſtilianiſchen Edeln, welche Zeugen ſeiner Unterhaltung waren, nicht, ob ſie den Strom ſeiner Bered⸗ ſamkeit, oder ſeine Vorſicht in Gedanken und Ausdruck mehr bewun⸗ dern ſollten; denn wenn letztere auch fuͤr ſein Alter als allzuwelt⸗ lich und herzlos erſcheinen mochte, ſo mußte man ſie doch als ein hohes Verdienſt bei einem Manne betrachten, der dazu beſtimmt war, über das Spiel der Leidenſchaften, die Verkettungen der an Höfen üblichen Intriguen, und die ſchnöde Selbſtſucht der Menſchen zu herrſchen. 49 Zweites Kapitel. Laß doch den Schattenwald der Nachtigall, Da dich die ſchönſte Einſamkeit umfließt, Wo deiner Lippen ſanft melod'ſcher Hall Ein göttergleich Entzücken um ſich gießt— Der Weisheit Vorbild, die nach oben ringt, Im Geiſterflug das ew'ge Heim umſchlingt. Wordsworth. Während Johann von Aragon ſich derartiger Mittel bediente, um ſeinen Sohn in den Stand zu ſetzen, den wachſamen und rach⸗ ſüchtigen Spähern des Königs von Caſtilien zu entgehen, waren in Valladolid manche Herzen in ängſtlicher Bewegung, und harrten mit der Ungeduld und Zaghaftigkeit, die immer die Ausführung eines gefährlichen Unternehmens begleiten, auf das Reſultat des gegen⸗ wärtigen Beginnens. Unter denen, welche an dem Zuge Ferdinands von Aragon und ſeiner Gefährten einen derartigen Antheil nahmen, waren Einige, welche wir jetzt dem Leſer vorführen müſſen. Obgleich Valladolid damals noch nicht den Glanz beſaß, wel⸗ chen daſſelbe ſpäter als Reſidenz Carls V. erlangte, ſo war es doch eine alte, und für die damalige Zeit großartige und reiche Stadt, welche unter andern minder anſehnlichen Gebäuden auch herrliche Paläſte hatte. Unter die ſchönſten gehörte der Palaſt Don Juans de Vivero, eines Mannes aus dem höͤchſten Adel des König⸗ reichs, und die Phantaſie muß uns denſelben jetzt wieder aus den Trümmern ſteigen laſſen, da unſer daſelbſt eine weit angenehmere Geſellſchaft wartet, als die, welche wir eben verlaſſen haben— Perſonen, welche mit ängftlicher Beſorgniß Nachrichten von Duennas erwarteten. Das Gemach, in welches ſich der Leſer verſetzen muß, hatte viel von der überladenen Pracht jenes Zeitalters, aber vereint mit der Behaglichkeit und Ordnung, welche Frauen ſelten dem Theile eines Gebäudes zu geben verfehlen, welcher unmittelbar zu ihrer Verfügung geſtellt iſt. Im Jahre 1469 näherte ſich Spanien mit raſchen Schritten dem Emde des großen Kampfes, in welchem ſich durch ſteben Jahrhunderte hindurch der Chriſt und der Muſelmann die Herrſchaft über die Halbinſel ſtreitig machten. Letzterer hatte lange in den ſüdlichern Theilen von Leon die Oberhand gehabt, und in den Paläſten Valladolids einige Spuren ſeiner barbariſchen Pracht hinterlaſſen. Allerdings waren die hohen, mit Stuckarbeit verſehenen Decken noch nicht ſo prachtvoll als die, welche man im Süden fand, aber doch waren die Mauren hier geweſen, und der Name Veled Vlid, aus welchem ſich der Name der Stadt bildete, be⸗ zeichnet ihre arabiſche Abkunft. In dem ebenerwähnten Gemache, und in dem erſten Palaſte dieſer alten Stadt, dem des Juan de Vivero, ergingen ſich zwei Damen in ernſter und angelegentlicher Unterhaltung. Beide waren jung, und beide würden zu jeder Periode oder in jeder Gegend der Erde, wiewohl in verſchiedener Weiſe für ſchön gehalten wor⸗ den ſeyn. Eine davon war in der That unbeſchreiblich liebens⸗ würdig. Sie hatte eben das neunzehnte Jahr erreicht, ein Alter, in welchem das weibliche Geſchlecht unter dieſem üppigen Himmels⸗ ſtriche in der vollſten Entwicklung ſteht, und der phantaſiereichſte Dichter Spaniens, eines Landes, das wegen der Schoönheit ſeiner Frauen ſo berühmt iſt, hätte ſich kein ſchöneres Ebenmaaß der Form malen können. Hände, Füße, Bruſt und alle Umriſſe trugen das Gepräge weiblicher Liebenswürdigkeit, während der Wuchs hinreichend hoch war, um den Adel einer ruhigen Würde auszu⸗ drücken, doch ohne an das Männliche zu gränzen. Wer dieſe Dame zum erſtenmal erblickte, mochte ſich wohl etwas verlegen fühlen, ob er den mächtigen Einfluß, welchen ſie zu üben geeignet war, mehr der Vollendung der äußeren Form, oder dem Ausdruck zuſchrei⸗ ben müſſe, welchen die Seele einem faſt tadelloſen Aeußern mit⸗ theilte. Das Geſicht ſtand in jeder Hinſicht mit der übrigen Ge⸗ ſtalt im Einklange. Obgleich unter Spaniens Sonne geboren, führte 21 unſere Dame doch ihren Stammbaum durch eine lange Reihe von Königen zu den alten Gothenfürſten zurück, und die häufigen Zwiſchenheirathen mit fremden Prinzeſſinnen hatten ihrem Antlitz jene Miſchung der Weiße des Nordens mit dem Zauber des Südens aufgedrückt, welche der vollendeten weiblichen Anmuth ſo nahe liegt. Die Farbe ihres Geſichts war ſchön, und ihre reichen Locken hatten jenen Zwiſchenton zwiſchen Braun und Blond, welcher ſich eher dem erſteren, das mehr Wärme gibt, näherte, ohne daß ſich darin etwas von dem Auffallenden des letzteren kund gab. „Ihre ſanften kleinen Augen,“ ſagt ein berühmter Hiſtoriker, „ſtrahlten von Geiſt und Gefühl.“ In dieſen Abbildern der Seele lag in der That ihre höchſte Anmuth, denn ſie verriethen nicht weniger die innere, als die äußere Schönheit, und gaben ihren zarten und harmoniſchen Zügen einen heiteren Ausdruck von Würde und hoher Sittlichkeit, mit dem ſich die ſanften Linien der Beſchei⸗ denheit auf eine ſo anſprechende Weiſe vereinten, daß man die Zart⸗ heit des Weibes mit der Reinheit eines Engels verbunden zu finden glaubte. Dieſe Reize wurden noch durch eine würdevolle aber ſanfte Offenheit erhöht, wie man ſie ſelten bei am Hofe erzogenen Prinzeſſinnen findet, und die ihre Blicke und Gedanken in einer Weiſe beherrſchte, daß ſich in ihrem Antlitze die lichten Strahlen der Wahrheit mit dem Glanze der Jugend und Schönheit zu ver⸗ einigen ſchienen. Die Kleidung dieſer Prinzeſſin war einfach— denn glücklicher⸗ weiſe machte es der Geſchmack der Zeit denen, welche für die Toi⸗ lette arbeiteten, möglich, auch die Verhältniſſe der Natur zu Rathe zu ziehen,— obgleich die Stoffe reich und ihrem hohen Range angemeſſen waren. Ein einfaches Diamantenkreuz funkelte von dem ſchneeigen Halſe, an dem es durch eine kleine Perlenſchnur befeſtigt war, und einige Ringe mit koſtbaren Steinen ſchienen die Hände, welche keines Schmuckes bedurften, um die Blicke zu feſſeln, eher zu überladen, als zu zieren. So zeigte ſich Iſabella von Caſtilien 22 in den Tagen ihrer jungfräulichen Einſamkeit und ihres jungfräu⸗ lichen Stolzes, während ſie den Ausgang jener Zufälle erwartete, welche ihrem eigenen künftigen Looſe, wie auch dem ihrer Nach⸗ kommenſchaft bis auf unſere Zeiten das Siegel auſdrücken ſollten. Ihre Begleiterin war Beatriz de Bobadilla, die Freundin ihrer Kindheit und Jugend, welche ihr auch bis zum letzten Augen⸗ blicke treu verblieb. Das Aeußere dieſer Dame, die ein wenig älter als die Prinzeſſin war, trug entſchieden den Charakter einer Spanierin, denn obgleich ſie aus einem alten und berühmten Hauſe ſtammte, ſo hatten doch Nothwendigkeit und Politik nicht ſo viele Zwiſchenheirathen in ihrer Familie herbeigeführt, als bei der ihrer königlichen de nöthig geworden waren. Ihre ſchwarzen blitzenden Au ließen auf eine edle Seele und eine Entſchloſſen⸗ heit, welche ihr von manchem für Muth gedeutet wurde, ſchließen, während ihre Haare in rabenſchwarzen Ringeln die Stirne um⸗ lockten. Wie bei ihrer hohen Herrin trug ihre Geſtalt die Anmuth und Liebenswürdigkeit einer durch Spaniens üppige Wärme ent⸗ wickelten Jungfräulichkeit, obgleich ihr Wuchs nicht ganz ſo edel, und die Umriſſe ihrer Figur in dem gleichen Verhältniſſe weniger vollkommen waren. Kurz die Natur hatte zwiſchen der ungemeinen Anmuth und den hohen ſittlichen Reizen, welche die Schoͤnheit der Prinzeſſin umgaben, und denen, welche ihrer edlen Freundin angehörten, dieſelbe Grenzlinie gezogen, welche nach menſchlichen Begriffen bei ihren verſchiedenen Stellungen ſtattfand, obgleich jede— einzeln als Weib betrachtet— ungemein hinreißend und anziehend erſcheinen mochte. In dem Augenblicke, welchen wir für den Beginn des nun folgenden Auftritts gewählt haben, ſaß Jabella, deren Morgen⸗ toilette ſo eben beendigt worden war, in einem Armſtuhle und ſtützte ſich in einer Haltung, welche die natürliche Folge des Geſprächs⸗ gegenſtandes und des Vertrauens zu ihrer Geſellſchafterin war, leicht auf eine ſeiner Lehnen, während Beatriz de Bobadilla einen Schemel ——, N 23 zu ihren Füßen einnahm, und den Körper in ehrfurchtsvoller An⸗ hänglichkeit ſo weit vorbeugte, daß ſich das hellere Haar der Fürſtin mit ihren eigenen dunkeln Locken vermiſchte, wobei zugleich der Kopf der Letzteren auf dem Geſicht ihrer Freundin zu ruhen ſchien. Der Leſer mag aus der Abweſenheit jedes anderen Zeugen, wie auch aus der gänzlichen Vernachläſſigung der caſtilianiſchen Etiquette und der ſpaniſchen Zurückhaltung ſchließen, daß die Unter⸗ haltung beider Damen im eigentlichſten Sinne eine vertrauliche war, und mehr durch die Gefühle der Natur, als durch die künſt⸗ lichen Vorſchriften, welche bei dem Verkehr an Höfen üblich ſind, geleitet wurde. „Ich habe gebetet, Beatriz, daß Gott mein Urtheil in dieſer wichtigen Angelegenheit lenken möchte,“ ſagte die Fürſtin in Fort⸗ ſetzung irgend einer vorausgehenden Bemerkung,„und ich hoffe, daß ich in der Wahl, welche ich traf, das Glück meiner künftigen unterthanen ebenſo ſehr im Auge hatte, als das meinige.“ „Niemand wird ſich herausnehmen, das zu bezweifeln,“ ſagte Beatriz de Bobadilla;„denn die Liebe der Caſtilianer zu Euch iſt ſo groß, daß ſie nicht einmal Etwas gegen Euren Wunſch einwen⸗ den würden, wenn es GEuch gefallen wollte, ſogar den Großtürken zu heirathen.“ „Sage lieber, Deine Liebe ſey ſo groß für mich, meine gute Beatriz, ſonſt könnte Dir etwas der Art nicht einfallen,“ erwie⸗ derte Iſabella lächelnd, indem ſie das Antlitz von dem Haupt der Gefährtin erhob.„Vielleicht würden mir aber auch meine Caſtilianer eine ſolche Sünde nachſehen, wenn nur ich ſelbſt es mir verzeihen könnte, zu vergeſſen, daß ich eine Chriſtin bin. Beatriz, dieſe An⸗ gelegenheit hat als eine ſchwere Prüfung auf mir gelaſtet.“ „Nun, die Stunde der Prüfung iſt nahezu vorbei. Heilige Maria! welcher Gedankenleichtſinn, welche Eitelkeit, und welche irrige Selbſtbeurtheilung muß in den Männern wohnen, daß einige zu hoffen wagen konnten, Eure Hand zu gewinnen! Ihr wart noch ein Kind, als man Euch mit Don Carlos verlobte, einem Prinzen, der alt genug iſt, um Euer Vater zu ſeyn; und dann, als ob dieß noch nicht genug ſey für ein warmes eaſtilianiſches Blut, ſuchte man den König von Portugal für Euch aus, der vielleicht noch um eine Generation älter iſt. So ſehr ich Euch liebe, Donna Iſabella— und meine eigene Seele iſt mir kaum theurer— ſo verehre ich Euch doch am meiſten um der edlen und fürſtlichen Antwort willen, mit der Ihr, obgleich Ihr damals noch ein Kind wart, den gottloſen Wunſch des Königs, Euch zu einer Königin von Portugal zu machen, zurückwieſet.“ „Don Enriquez iſt mein Bruder, Beatriz, und Dein und mein königlicher Gebieter.“ „Ah! Ihr habt es Allen wacker geſagt,“ fuhr Beatriz von Bobadilla mit leuchtenden Augen und einem Triumphgefühl fort, welches ſie den ruhigen Verweis ihrer Herrin überſehen ließ;—„und habt einer Fürſtin aus dem königlichen Hauſe von Caſtilien würdig gehandelt. ‚Die Infantinnen von Caſtilien’, ſagtet Ihr, ‚können nicht ohne Einſtimmung der Edeln des Reichs zu einer Heirath gedrängt werden“, und mit dieſer paſſenden Antwort konnten ſie zufrieden ſeyn.“ „Und doch, Beatriz, bin ich jetzt im Begriff, über die Hand einer Infantin von Caſtilien zu verfügen, ohne daß ich ſeinen Adel zu Rathe zog.“ „O! ſagt das nicht, meine hohe Herrin! Es gibt keinen treuen und tapfern Ritter zwiſchen den Pyrenäen und dem Meere, welcher nicht in ſeinem Herzen Eure Wahl billigte. Der Charakter, das Alter und andere Eigenſchaften des Freiers machen in ſolchen Din⸗ gen einen merklichen Unterſchied. Aber ſo wenig ſich Don Alfonſo von Portugal zu einem Gatten für Donna Jſabella eignete und eignet, was ſollen wir zu dem nächſten Bewerber ſagen, der an Eure königliche Hand Anſprüche machte, nämlich zu Don Pedro Giron, dem Großmeiſter des Calatrava⸗Ordens? In der That ein 25 ſehr ehrwürdiger Herr für eine Jungfrau aus dem köoͤniglichen Hauſe!— Schmach über ihn! ein Pachecho müßte ſich ſchon hoch geehrt fühlen, wenn ſich nur ein Fräulein von Bobadilla auffinden ließe, um durch eine Verbindung mit ihm ſeinem Stamme auf⸗ zuhelfen.“ „Mein Bruder wurde durch unwürdige Günſtlinge zu dieſer ungeeigneten Wahl beredet, und Gott hat in ſeiner heiligen Vor⸗ ſicht ein Mittel gefunden, ihre Erwartungen zu vereiteln, indem er den vorgeſchlagenen Bräutigam unerwartet in eine beſſere Welt rief.“ „Ja; und wenn es nicht ſein heiliger Wille geweſen wäre, in dieſer Weiſe über Don Pedro zu verfügen, ſo hätte es auch an andern Mitteln nicht fehlen ſollen.“ „Dieſe Deine kleine Hand, Beatriz,“ erwiederte die Fürſtin ernſt, obgleich ſie ihrer Freundin liebreich zulächelte, als ſie die fragliche Hand ergriff,—„war nicht für die That geſchaffen, mit der ihre Beſitzerin drohte.“ „Mit der ihre Beſitzerin drohte?“ erwiederte Beatriz mit blitzenden Augen;„dieſe Hand hätte es auch ausführen ſollen, ehe man Iſabella von Caſtilien verdammt hätte, die Braut des Groß⸗ meiſters von Calatrava zu werden. Wie? die reinſte liebenswürdigſte Jungfrau von Caſtilien von königlicher Geburt, ja ſogar die recht⸗ mäßige Erbin der Krone, hätte einem zügelloſen Wuſtling geopfert werden ſollen, weil es Don Enriquez beliebte, ſeine Stellung und ſeine Pflichten ſo weit zu vergeſſen, daß er einen feigen Elenden zu ſeinem Günſtling machte?“ „Du vergiſſeſt immer, Beatriz, daß Don Enriquez unſer Ge⸗ bieter und mein königlicher Bruder iſt.“ „Ich vergeſſe nicht, Sennora, daß Ihr die königliche Schweſter unſers Herrn und Königs ſeyd, und daß Pedro de Giron oder Pachecho, oder wie immer ſich der alte portugieſiſche Knabe nennen mag, nicht einmal würdig iſt, in Eurer Gegenwart nieder zu ſitzen, der Moͤglichkeit ausgeſetzt, Frankreich lehnbar zu werden.“ 26 geſchweige denn Euer ehelich Gemahl zu werden. O! gnädige Gebieterin! was waren das für kummervolle Tage, als Euch von den vielen brünſtigen Gebeten, daß dieſes verhütet werden möge, die Kniee wund wurden. Aber Gott wollte es nicht, und auch ich nicht. Dieſer Dolch hätte ſein Herz durchbohrt, ehe noch eines ſeiner Ohren die Gelübde Iſabella's von Caſtilien vernommen haben würde.“. „Ich bitte Dich, ſprich nicht mehr davon, gute Beatriz!“ ſagte die Fürſtin, indem ſie ſchaudernd ſich bekreuzte.„Es waren in der That kummervolle Tage, aber was ſind ſie in Vergleichung mit den Leiden des Gott⸗Menſchen, welcher ſich ſelbſt für unſere Sünden dahingab? Rede alſo nicht mehr davon. Dieſe Prüfung wahr wohlthätig für meine Seele, und Du weißt, daß das Uebel von mir abgewandt wurde, ohne Zweifel mehr durch die Wirkſam⸗ keit unſerer Gebete, als durch die Deines Dolches. Wenn Du von meinen Freiern ſprechen willſt, ſo gibt es gewiß andere darunter, bei denen es ſich mehr der Mühe lohnt.“ Ein lichter Strahl ſchoß aus Beatriz dunkelm Auge, und ein Lächeln ſpielte um ihren ſchönen Mund, denn ſie verſtand wohl, daß die verſchämte königliche Jungfrau ihre Rede auf den Mann lenken wollte, auf den endlich ihre Wahl gefallen war. Obgleich aber Beatriz ſtets geneigt war, ihrer Gebieterin zu Gefallen zu leben, ſo beſchloß ſie doch mit weiblicher Schalkhaftigkeit, dem anſprechen⸗ deren Theile dieſer verfänglichen Unterhaltung ſich nur in einer regelmäßigen Folge der Ereigniſſe, wie ſie ſich wirklich zugetragen hatten, zu nähern. „Dann kam Monſieur de Guienne, der Bruder des Königs Ludwig von Frankreich,“ fuhr ſie mit wegwerfender Miene fort. „Er wäre wohl gerne der Gemahl der Königin von Caſtilien ge⸗ worden, aber ſelbſt die unwürdigſten Caſtilianer bemerkten bald das Ungeeignete dieſer Verbindung. Ihr Stolz hätte ſie wohl niemals ——— 8&—— 27 „Dieſes Unglück hätte unſer theures Caſtilien nie treffen kön⸗ nen,“ fiel Iſabella ein.„Hätte ich den König von Frankreich ſelbſt geheirathet, ſo würde er gelernt haben, mich als die Königin und Beſitzerin dieſes alten Reichs zu achten, und nie hätte er es wagen ſollen, mich als eine Unterthanin zu behandeln.“ „Dann, Sennora,“ fuhr Beatriz, mit einem lachenden Auf⸗ blick zu Iſabella fort,„kam Euer königlicher Vetter, Don Ricardo von Gloueeſter, dem man nachſagt, er ſey mit Zähnen auf die Welt gekommen, und der bereits einen ſo ſchweren Pack auf ſeinem Rücken trägt, daß er es ſeinem Schutzheiligen Dank wiſſen darf, wenn er ihm nicht auch die Angelegenheiten von Caſtilien aufgeladen hat.“ „Deine Zunge läuft zu ungeſtüm, Beatriz! Dem Vernehmen nach iſt Don Ricardo ein edler, hochſtrebender Prinz, welcher wohl eines Tages eine Fürſtin finden wird, deren Verdienſte ihn für den Korb in Caſtilien tröſten können. Aber was haſt Du weiter hinſichtlich meiner Freier vorzubringen 2“ „Ach, was kann ich weiter ſagen, meine geliebte Herrin? Wir ſind nun bei Don Fernando angelangt, der, obgleich er erſt zuletzt erſchien, doch buchſtäblich der erſte, und ſo weit wir ihn kennen, auch der Beſte von Allen iſt.“ „Ich glaube, ich habe mich bei der Wahl Don Fernandos durch Gründe, die meiner Geburt wie meinen künftigen Hoffnungen ziemen, beſtimmen laſſen,“ ſagte Iſabella, obgleich ſie ſich trotz ihrer Ausſichten auf eine königliche Vermahlung etwas unbehaglich fühlte;„denn nichts wird ſo viel zu dem Frieden unſers theuren Königreichs und zu dem Siege der großen Sache der Chriſtenheit beitragen, als die Vereinigung Caſtiliens und Aragons unter eine Krone.“ „Durch Vereinigung ihrer Herrſcher im heiligen Bunde der Ehe,“ erwiederte Beatriz mit ehrfurchtsvoller Würde, obgleich wieder ein Lächeln um ihre Lippen zuckte.„Aber Ihr habt wohl keine Schuld daran, wenn Don Fernando der jugendlichſte, der 28 ſchönſte, der tapferſte und liebenswürdigſte Prinz in der Chriſten⸗ heit iſt, da Ihr ihn nicht geſchaffen, ſondern nur als Gemahl an⸗ genommen habt.“ „Nein, Du gehſt weiter, als Klugheit und Achtung erlauben, meine gute Bea iz,“ erwiederte Iſabella, ſcheinbar zürnend, ob⸗ gleich ſie ſelbſt in tiefer Bewegung erröthete und ſich in dem Lobe ihres Verlobten geſchmeichelt ſah.„D weißt, ich habe meinen Vetter, den König von Sicilien, nie ſehen.“ „Sehr wahr, Sennora; aber cer Alonzo de Coca ſah ihn; und ein ſichereres Auge, oder eine we rere Zunge als die ſeine gibt es nicht mehr in Caſtilien.“ „Beatriz! ich will Dir Deine Freiheit, ſo unbillig und un⸗ ziemend ſie iſt, vergeben, weil ich weiß, daß Du mich liebſt und mein Glück mehr im Auge haſt, als das meines Volkes,“ ſagte die Prinzeſſin mit einem Tone, deſſen Würde jetzt durch keine Beimiſchung natürlicher weiblicher Schwäche gemindert war, denn ſie fühlte ſich wirklich etwas gekränkt.„Du weißt, oder ſollteſt wenigſtens wiſſen, daß eine Jungfrau von königlichem Geblüt ver⸗ pflichtet iſt, bei einer Verfügung über ihre Hand vor Allem die Intereſſen des Staates im Auge zu haben, und daß die müßigen Träumereien von Dorfmädchen wenig mit ihren Pflichten gemein haben. Ja, würde ſogar ein Mädchen von edler Abkunft, wie Du, an etwas Anderes denken, als ſich bei der Wahl ihres Gatten ihrem Familienrath zu unterwerfen? Wann ich unter ſo vielen Prinzen Don Fernando von Aragon erwählt habe, ſo geſchah es ohne Zweifel, weil dieſe Verbindung den Intereſſen Caſtiliens an⸗ gemeſſener iſt, als jede andere, die ſich darbot. Du weißt, Beatriz, daß die Caſtilianer und Aragonier Einem Volksſtamme angehoͤren, und daß ſie dieſelben Sitten, dieſelben Vorurtheile und auch die⸗ ſelbe Sprache haben.“ „Ach, theuerſte Gebieterin, verwechſelt doch nicht die reinen Laute Caſtiliens mit dem Dialekt der Berge!“ 29 „Nun, ſpotte wie Du willſt, Eigenſinnige! Aber wir können doch unſer reines Spaniſch eher den Edlen von Aragon, als den Galliern beibringen. Außerdem iſt Don Fernando auch mein Ver⸗ wandter, denn das Haus von Traſtamara ſtammt von Caſtilien und deſſen Fürſten ab, und ſo können wir doch wenigſtens hoffen, daß der König von Sieilien im Stande ſeyn werde, ſich uns ver⸗ ſtändlich zu machen.“ „Wenn er das nicht zunte, ſo wäre er kein ächter Ritter. Ein Mann, dem die Zunge vverſagt, wenn es einer königlichen Jungfrau gilt, deren Schöneit die der Morgenröthe übertrifft, deren Vortrefflichkeit bereits an den Himmel reicht, die eine Krone beſitzt—“ „Mädchen! Mädchen! Deine Zunge geht mit Dir durch! Eine ſolche Unterhaltung ziemt weder Dir noch mir.“ „Und doch, Donna Iſabella, ſteht meine Zunge in engem Bunde mit meinem Herzen.“ „Ich glaube Dir, meine gute Beatriz, aber wir ſollten Beide unſerer letzten Beichte und des geiſtlichen Zuſpruchs gedenken, den wir damals erhielten. Solche Schmeichelreden erſcheinen leichtſin⸗ nig, wenn wir uns unſerer vielen Verirrungen und der mancherlei Anläſſe erinnern, welche Vergebung nöthig machen. Was dieſe Hei⸗ rath anbelangt, ſo moͤchte ich Dich überdies daran erinnern, daß ſie oon meiner Seite nach reiflicher Erwägung und in Folge von Grün⸗ den, die einer Fürſtin würdig ſind, keineswegs aber in Folge eines leichtſinnigen Hingebens an Träumereien beſchloſſen wurde. Du weißt, daß ich Don Fernando nie geſehen habe, und daß auch er mich nie erblickte.“ „Gewiß, theuerſte Dame und geehrte Gebieterin! ich weiß, ſehe und glaube dieſes Alles. Ich will auch zugeben, daß es ſelbſt für ein Edelfräulein unziemlich und ihrer Geburt wenig angemeſſen wäre, die überaus wichtigen Bande der Che mit keinen beſſern Gründen, als mit den leichten Eingebungen eines Landmädchens zu 30 knüpfen. Es iſt nicht mehr als billig, daß wir Alle gleich verpflichtet ſind, auf unſere eigene Würde und die Wünſche unſerer Freunde und Verwandten Ruͤckſicht zu nehmen, und daß unſere Pflicht, wie auch der gewohnte fromme Sinn und die Unterwerfung, in der wir auferzogen wurden, beſſere Bürgen für unſere ehrliche Liebe ſind, als die Einflüſterungen einer mädchenhaften Laune. Aber doch iſt es ein großes Glück, meine geehrte Herrin, daß Eure hohen Ver⸗ pflichtungen auf einen ſo jugendlichen, braven, edeln und ritter⸗ lichen Herrn, wie den König von Sieilien hinweiſen— denn das iſt er nach Vater Alonzo's Mittheilungen wirklich— und daß alle meine Verwandten darin einſtimmig ſind, Don Andres de Cabrera werde, ſo tollköpfig und albern er auch iſt, einen ausgezeichneten Ehemann für Beatriz de Bobadilla abgeben.“ So würdevoll und zurückhaltend auch gewöhnlich Iſabellens Benehmen war, ſo ließ ſie doch jezuweilen in der Geſellſchaft ihrer Vertrauten davon ab— ein Umſtand, der auch gegenwärtig ſtatt⸗ fand, da Beatriz zudem keine geringe Stufe in ihrer Gunſt einnahm. Sie lächelte daher über dieſen Einfall und betrachtete ihre Freundin, indem ſie ihr die dunkeln Locken aus der Stirne ſtreifte, mit Blicken, wie eine Mutter ihr Kind anſieht, wenn eine plötzliche Anwandlung von Zärtlichkeit ihr Herz beſchleicht. „Wenigſtens haben Deine Freunde ganz richtig geurtheilt, wenn ein Tollkopf den andern heirathen ſoll,“ antwortete die Fürſtin; dann hielt ſie einen Augenblick, wie in tiefen Gedanken, inne, und fuhr in einer ernſteren Weiſe fort, obgleich eine ver⸗ ſchämte Gluth verrätheriſch ihre Züge überflog, und die tiefe Em⸗ pfindung, welche aus ihren Augen leuchtete, bekundete, daß ſie in gegenwärtigem Augenblicke mehr als Weib, denn als künftige Kö⸗ nigin, der das Wohl des Volkes immer vor Augen ſchwebt, fühle. „Je näher dieſe Zuſammenkunft kömmt, deſto mehr ergreift mich eine Verlegenheit, von der ich nimmer geglaubt hätte, daß ſie ſo leicht eine Infantin von Caſtilien befallen könnte. Dir, meine 31 treue Beatriz, will ich geſtehen, daß, wäre der König von Sieilien ſo alt als Don Alfonſo von Portugal, oder wäre er ſo weichlich und unmännlich, als Monſteur de Guienne— wäre er in der That weniger jung und anziehend, ich keine ſolche Befangenheit bei dieſer Begegnung fühlen würde, wie ich jetzt empfinde.“ „Das iſt doch ſonderbar, Sennora! Ich für meinen Theil muß bekennen, daß ich Don Andres nicht eine Stunde von ſeinem Leben, ſo hinreichend lang es auch iſt, nicht die mindeſte Anmuth ſeiner Perſon, wenn ſich je der ehrenwerthe Ritter einer ſolchen rühmen kann, nicht eine einzige Vollkommenheit, ſowohl des Kör⸗ pers als der Seele, erlaſſen möchte.“ „Dein Fall iſt nicht der meine, Beatriz. Du kennſt den Marquis von Moya; haſt auf ſeine Worte gehorcht und biſt an ſein Lob und ſeine Bewunderung gewöhnt.“ „Heiliger St. Jago von Spanien! Ihr braucht wahrlich nicht wegen Unbekanntſchaft mit ſolchen Dingen verlegen zu ſeyn, Sennora: denn von Allem, was zu lernen iſt, lernt man am leichteſten an Lob und Bewunderung Geſchmack finden.“ „Du haſt Recht, meine Tochter,“— denn ſo nannte Iſabella oft ihre Freundin, obgleich ſie ſelbſt die jüngere war. Ueberhaupt war in ihrem ſpäteren Leben und nachdem die Prinzeſſin Königin geworden war, dieß der gewöhnliche Ausdruck ihrer Zärtlichkeit. —„Du haſt Recht, wenn Lob und Bewunderung ſo freimüthig ge⸗ geben werden, als ſie verdient ſind. Aber ich zweifle ſehr, ob meine Anſprüche auch von dieſer Art ſind, und ſehe mit Beſorgniß den Gefühlen entgegen, welche unſer erſtes Zuſammentreffen in Don Fernando hervorrufen wird. Ich weiß— nein, ich fühle, daß er liebenswürdig, edel, tapfer, großmüthig und gut iſt— ſchön an⸗ zuſehen und treu den Pflichten unſerer heiligen Religion ergeben, an Charakter ſo ausgezeichnet, als an Geburk; und ich zittere, wenn ich bedenke, wie wenig ich geeignet bin, ſeine Braut und Koͤnigin zu heißen.“ „Gerechter Himmel! Ich möchte wohl den unverſchämten Ara⸗ goniſchen Edeln ſehen, der es wagen könnte, etwas der Art nur anzudeuten. Wenn auch Don Fernando edel iſt, ſeyd Ihr nicht noch edler, Sennora, da Ihr dem älteren Zweige deſſelben Hauſes entſproſſen ſeyd? Wenn er jung iſt, ſeyd Ihr es nicht auch? Iſt er weiſe, ſeyd Ihr nicht noch weiſer? Iſt er ſchön, ſeyd Ihr nicht vielmehr ein Engel, als ein Weib? Iſt er tapfer, ſeyd Ihr nicht tugendhaft? Iſt er liebenswürdig, ſeyd Ihr nicht die Anmuth ſelbſt? Iſt er großmüthig, ſeyd Ihr nicht gut? und was noch mehr iſt, ſeyd Ihr nicht ſo eigentlich die Seele der Großmuth? Wenn er eifrig iſt in Erfüllung der Pflichten unſerer heiligen Re⸗ ligion, ſeyd Ihr nicht ein Engel?“ „Guter Gott! guter Gott— Beatriz, biſt Du eine Troͤſterin! Ich ſollte Dich um Deiner eiteln Zunge willen tadeln, aber ich weiß, daß Du es ehrlich meinſt.“ „Es iſt nichts, als die allzugroße Beſcheidenheit, geehrte Ge⸗ bieterin, welche Euch die Verdienſte Anderer ſchneller bemerken läßt, als die eigenen. Don Fernando ſoll mir Acht haben! Wenn er auch in dem ganzen Pompe und Glanze ſeiner vielen Kronen kommt, ſo ſtehe ich dafür, daß er in Caſtilien eine königliche Jungfrau findet, die ihn einſchüchtern und ſeine Eitelkeit zu Paaren treiben wird, ſelbſt wenn ſie in keinem andern Prunke, als in dem holden Gewande ihrer eigenen demüthigen Natur vor ihm erſcheint.“ „Ich habe nicht von Don Fernando's Eitelkeit geſprochen, Beatriz, und ich glaube nicht, daß er auch nur im mindeſten zu einem ſo armſeligen Gefühl hinneigt; und was den Pomp an⸗ belangt, ſo wiſſen wir wohl, daß das Gold in Saragoſſa nicht häufiger iſt, als in Valladolid, obgleich er eine Krone beſitzt und noch mehrere zu erwarten hat. Aber ungeachtet Deines zwar gut gemeinten, aber thörichten Geredes mißtraue ich mehr mir ſelbſt, als dem König von Sicilien. Es dünkt mich, daß ich jedem an⸗ dern Prinzen in der Chriſtenheit mit Gleichgültigkeit, oder doch ᷣæᷣ——— ◻σ—᷑ł P— 9 N +³— 8 8 83 8NK 33 wie es meinem Range und Geſchlechte ziemt, entgegentreten könnte, aber ich geſtehe, daß ich bei dem Gedanken zittere, den Augen und dem Urtheile meines edlen Vetters zu begegnen.“ Beatriz hörte mit Theilnahme zu, und als ihre königliche Ge⸗ bieterin zu ſprechen aufgehört hatte, küßte ſie zärtlich ihre Hand und drückte ſie an ihr Herz. „Laßt vielmehr Don Fernando bei dieſer Begegnung zittern,“ verſetzte ſie. „Nein, Beatriz, wir wiſſen, daß er nichts zu fürchten hat, denn das Gerücht ſpricht nur allzuſehr zu ſeinen Gunſten. Aber warum zöoögern wir hier in banger Ungewißheit, wenn die Stütze, auf die wir uns lehnen müſſen, bereit iſt, ihre Laſt aufzunehmen? Wir wollen zu Vater Alonzo gehen, der uns ohne Zweifel bereits erwartet.“ Die Fürſtin und ihre Freundin begaben ſich nun in die Capelle des Palaſtes, wo ihr Beichtvater die tägliche Meſſe las. Das Mißtrauen, welches die Seele der beſcheidenen Iſabella beunruhigte, wurde durch die heilige Handlung zurückgedrängt oder nahm viel⸗ mehr ſeine Zuflucht zu jenem Felſen, auf den die Prinzeſſin alle ihre Bekümmerniſſe und Verirrungen niederzulegen pflegte. Als die kleine Verſammlung die Capelle verließ, kam ein von Schweiß triefender Bote mit der erſehnten, aber doch noch bezweifelten Nach⸗ richt, daß der König von Sicilien Duennas wohlbehalten erreicht habe, und daß, da er ſich nun in der Mitte ſeiner Anhänger befände, kein vernünftiger Grund mehr vorhanden ſey, die beabſichtigte Ver⸗ mählungsfeier länger zu verzögern. Iſabella wurde durch dieſe Kunde auf's heftigſte überraſcht, und bedurfte mehr als je der Unterſtützung von Beatriz de Bobadilla, um jene holde innere und äußere Heiterkeit wieder zu gewinnen, welche ihre Erſcheinung ſonſt ſo anziehend und eindrucksvoll machte. Einige im Nachdenken und in Gebeten zugebrachte Stunden goſſen aber bald eine ſanfte Ruhe in ihre Seele, und wir finden nun die zwei Donna Mercedes. 2te Aufl. 3 34 Freundinnen wieder allein in demſelben Zimmer, in welchem ſie dem Leſer zuerſt vorgeführt wurden. „Haſt Du Don Andres de Cabrera geſehen?“ fragte die Prin⸗ zeſſin, indem ſie die Hand von ihrer Stirne nahm, welche ſie oft in einer Art von wirrer Rückerinnerung gedrückt hatte. Beatriz de Bobadilla erröthete und brach dann in ein Lachen aus, eine Freiheit, welche ihre Gebieterin um der lange beſtandenen Zuneigung willen nachſah. „Für einen jungen Mann von dreißigen und einen in den Kriegen mit den Mauren ziemlich zuſammengehackten Ritter hat Don Andres einen hurtigen Fuß,“ erwiederte ſie.„Er brachte die Kunde von der Ankunft und zugleich ſeine eigene liebenswürdige Perſon, um zu zeigen, daß erſtere keine Lüge ſey. Für einen Mann, der ſo viel erfahren, hat er einen ſtarken Hang zum Plaudern, und ſo konnte ich in der That, während Ihr, meine geehrte Gebieterin, allein in Eurem Gemache wart, alle die Wunder der Reiſe mit anhören. Es ſcheint, Sennora, daß ſie Duennas nicht zu früh er⸗ reicht haben, denn die einzige Börſe, welche ſie beſaßen, war ver⸗ loren gegangen, oder vielleicht wegen ihrer Leichtigkeit von dem Winde weggeblaſen worden.“ „Ich hoffe, dieſer Unfall hat ſich ausgleichen laſſen. Wenige aus dem Hauſe Traſtamara beſitzen in dieſer ſchweren Zeit viel Gold, und doch iſt Keiner gewöhnt, ganz ohne daſſelbe zu ſeyn.“ „Don Andres iſt weder ein Bettler, noch ein Knicker. Er iſt nun in unſerem Caſtilien, wo er ohne Zweifel mit Juden und Geld⸗ verleihern hinreichend vertraut iſt; und da dieſe den vollen Werth ſeiner Beſitzungen kennen müſſen, ſo kann es dem König von Sici⸗ lien an nichts gebrechen. Auch höre ich, daß der Graf von Tre⸗ vinno ſich edel gegen ihn benommen.“ „Dieſe Freigebigkeit wird den Grafen von Trevinno nicht ge⸗ reuen.— Aber Beatriz, bringe das Schreibzeug herbei, es iſt in 35 der Ordnung, daß ich einmal Don Enriquez mit dieſem Ereigniß und meinem Vermählungs⸗Entſchluſſe bekannt mache.“ „Nein, theuerſte Gebieterin! das iſt gegen alle Regel. Wenn eine Jungfrau aus dem Adel oder aus dem Bürgerſtande gegen die Wünſche ihrer Verwandten eine Ehe einzugehen beabſichtigt, ſo iſt die Trauung das Erſte; dann kömmt es erſt an den Brief und man bittet um den Segen, wenn das Uebel geſchehen iſt.“ „Fort, leichtfertige Zunge! Du haſt geſprochen, aber jetzt bringe Feder und Papier. Der König iſt nicht nur mein Herr und Gebieter, ſondern auch mein nächſter Verwandter, und ſollte mir ein Vater ſeyn.“ „Und Donna Johanna von Portugal, ſeine königliche Gemahlin, und unſere durchlauchtige Königin ſollte Euch Mutter ſeyn— eine gar paſſende Führerin für eine züchtige Jungfrau. Nein— nein, meine geliebte Herrin, Eure königliche Mutter war Donna Iſa⸗ bella von Portugal, und eine ganz andere Fürſtin als dieſe ihre üppige Nichte.“ „Du nimmſt Dir zu viel Freiheit heraus, Donna Beatriz, und vergißt, was ich Dir befohlen habe. Ich wünſche an meinen Bruder, den König, zu ſchreiben.“ Iſabella ſprach ſelten mit einem ſolchen Ernſte, ſo daß ihre Freundin jetzt erbebte und ihr ob dieſem Verweiſe Thränen aus den Augen drangen. Sie beſorgte jedoch das Schreibmaterial, ehe ſie es wagte, in Iſabellas Antlitz zu blicken, um ſich zu überzeugen, ob ihre Gebieterin wirklich zurne. Hier begegnete ſie aber wieder einer holden Heiterkeit, und die Dame von Bobadilla fand es, als ſte bemerkte, daß die Fürſtin ganz mit dem vor ihr liegenden Gegenſtand beſchäftigt war und bereits allen Unwillen vergeſſen hatte, für gerathen, den Gegenſtand nicht weiter in Anregung zu bringen. 8 Iſabella ſchrieb nun jenen berühmten Brief, in welchem fie alle ihre natürliche Schüchternheit vergeſſen zu haben ſchien und 36 nur die Prinzeſſin ſprechen ließ. Der Vertrag von Toros de Gui⸗ ſando, in welchem ſie mit Uebergehung der Tochter Johannas von Portugal, als Thronerbin anerkannt wurde, enthielt die Beſtim⸗ mung, daß ſie ſich nicht ohne Einwilligung des Königs vermählen dürfe, und ſie vertheidigte nun den Schritt, den ſie zu thun im Begriffe war, mit dem weſentlichen Entſchuldigungsgrunde, daß ihre Feinde die feierliche Uebereinkunft, ſie zu keiner Verbindung zu drängen, welche ihr unpaſſend oder mißliebig erſcheinen könnte, nicht beachtet hätten. Zugleich deutete ſie auch auf die politiſchen Vortheile hin, welche aus einer Vereinigung der Kronen von Ca⸗ ſtilien und Aragon erwachſen müßten, und bat den König um ſeine Einwilligung zu dem Schritte, den ſie zu thun Willens war. Dieß Schreiben wurde, nachdem es Juan de Vivero und anderen ihrer Räthe zur Prüfung vorgelegt worden war, durch einen Ku⸗ rier abgeſandt, worauf dann die weiteren Anordnungen und Vor⸗ kehrungen zu einer Zuſammenkunft der beiden Verlobten getroffen wurden. Die Caſtilianiſche Etiquette war bereits in dieſer Zeit ſchon zum Sprüchwort geworden, und die Verhandlung führte zu einem Vorſchlag, welchen Iſabella mit ihrer gewöhnlichen Beſchei⸗ denheit und Klugheit zurückwies. „Es ſcheint mir,“ ſagte Juan de Vivero,„daß dieſe Verbin⸗ dung nicht ſtattfinden könne, ohne daß von Seiten Don Ferdinands ein Vorrang Caſtiliens vor Aragon zugeſtanden werde. Das letz⸗ tere Regentenhaus iſt nur ein jüngerer Zweig des regierenden Hauſes in Caſtilien, und das Gebiet von Aragon war vordem zugeſtandenermaßen von dieſem abhängig.“ Dieſer Vorſchlag wurde mit vielem Beifall aufgenommen, bis es die Edlen, natürlichen Gefühle der Prinzeſſin ſelbſt auf ſich nah⸗ men, die Gehaltloſigkeit und Unzweckmäßigkeit deſſelben auseinander zu ſetzen. „Es iſt ohne Zweifel wahr,“ ſagte ſie,„daß Don Juan von Aragon der Sohn eines jüngeren Bruders meines koͤniglichen 37 Großvaters iſt; aber er iſt nichtsdeſtoweniger ein König, der außer ſeiner Krone von Aragon, das vielleicht Caſtilien nachſtehen mag, auch noch die von Neapel und Sicilien beſitzt, von Navarra gar nicht zu reden, über welches er, wenn auch vielleicht nicht mit dem beſten Rechte, geherrſcht hat. In Folge von Don Juan's Ver⸗ zichtleiſtung kam der Thron von Sicilien auf Don Fernando, und er, ein gekrönter Herrſcher, ſoll einer einfachen Prinzeſſin, der die Vorſehung vielleicht nie eine Krone anvertrauen wird, Zugeſtänd⸗ niſſe machen? Außerdem erſuche ich Dich, Don Juan von Vivero, der Abſicht eingedenk zu ſeyn, welche den König von Sieilien nach Valladolid führt. Er und ich, jedes von uns, hat zwei Rollen zu ſpielen, und zwei Charactere feſtzuhalten— nämlich die fürſtlicher Perſonen und die von Chriſten, welche durch die heiligen Bande der Ehe vereinigt werden. Es würde ſich für diejenige, welche im Begriffe ſteht, ſich den Pflichten und Obliegenheiten eines Weibes zu unterziehen, ſchlecht ziemen, die Verhandlungen mit Forderungen zu eröffnen, welche den Stolz und das Selbſtgefühl ihres Herrn verletzen könnten. Aragon mag immerhin gegenüber von Caſtilien ein untergeordnetes Reich ſeyn— aber Ferdinand von Aragon ſteht jetzt ſchon in jeder Hinſicht Iſabellen von Caſtilien gleich, und wenn er meine Gelübde hinnehmen wird— und mit dieſen meinen Gehorſam und meine Liebe—“ Iſabella erröthete, und ihr mildes Auge leuchtete von heiliger Begeiſterung—„wie es einem Weibe ziemt, ſo erkenne ich ihn in gewiſſen Beziehungen als meinen Ober⸗ herrn an, obgleich er in anderen mir wieder untergeordnet ſeyn mag. Ich will daher nichts mehr von dieſen Dingen wiſſen, denn es kann Don Ferdinand kaum ſchmerzlicher berühren, die von euch verlangte Zugeſtändniſſe zu machen, als es mir wehe thun muß, ſie zu hoͤren.“ —— Drittes Kapitel. Aengſtliche Gewohnheiten ſchmiegen ſich vor großen Königen. Liebes Kätchen, du und ich, wir beide können uns nicht durch die ſchwachen Schranken der Landes⸗Sitte einengen laſſen. Wir ſind die Schöpfer der Bräuche, und die Freiheit, die mit unſerem Range verbunden iſt, ſtopft allen Splitter⸗ richtern den Mund. 3 Heinrich V. Ungeachtet der hohen Entſchloſſenheit, der gewohnten Feſtigkeit und einer Heiterkeit des Geiſtes, welche wie ein tiefer, ruhiger Strom der Begeiſterung Iſabellens ganzes inneres Leben zu durch⸗ dringen ſchien, obgleich man ſie vielleicht mit mehr Recht von den edeln, unabänderlichen Grundſätzen, welche alle ihre Handlungen regelten, abgeleitet hätte— ſchlug ihr Herz ungeſtüm, und die ihr angeborene Zurückhaltung, welche faſt bis zur Schüchternheit ging, beunruhigte ſie ernſtlich, als die Stunde herannahte, wo ſie zum erſtenmal den Fürſten, welchen ſie zum Gatten gewählt hatte, er⸗ blicken ſollte. Die caſtilianiſche Etiquette nicht weniger, als die Wichtigkeit der mit der beabſichtigten Vermählung verbundenen Intereſſen hatten die einleitenden Verhandlungen um mehrere Tage hinausgeſchoben und man überließ es dem Bräutigam, dieſe ganze Zeit über, ſeine Ungeduld, die Prinzeſſin zu ſehen, ſo gut er konnte, zu zügeln. Endlich am Abende des 15. Oktobers 1496 war jedes weitere Hinderniß beſeitigt. Don Ferdinand warf ſich in den Sattel, und trat ohne irgend ein ſeinem hohen Range angemeſſenes Gefolge, nur von vier Rittern, unter denen ſich auch Andres de Cabrera befand, begleitet, ſeinen Weg nach dem Palaſt des Juan de Vivero in Valladolid an. Der Erzbiſchof gehörte zu der Partei der Prin⸗ zeſſin, und dieſer Prälat, ein kriegeriſcher, thatkräftiger Parteimann, war bereit, den beglückten Freier zu empfangen und ſeiner hohen Gebieterin vorzuſtellen. 39 Iſabella ſah mit Beatriz de Bobadilla in dem bereits erwähn⸗ ten Gemache der Zuſammenkunft entgegen, und vermöge einer jener gewaltigen Anſtrengungen, deren bei wichtigen Anläſſen ſelbſt das ſchüchternſte Weib fähig iſt, empfing ſie ihren künftigen Gat⸗ ten ebenſoſehr mit der Würde einer Fürſtin, als der Schüchternheit eines Weibes. Ferdinand von Aragon war darauf vorbereitet wor⸗ den, daß er einem Weſen von ausgezeichneter Anmuth und Schön⸗ heit begegnen werde, aber dennoch ſchuf die Miſchung engelgleicher Beſcheidenheit mit einer Liebenswürdigkeit, welche in ihrem Ge⸗ ſchlechte nicht ihres Gleichen hatte, ein Gemälde, das eher dem Him⸗ mel als der Erde anzugehören ſchien, ſo daß er, obgleich ein welt⸗ gewandter Mann, der gewöhnt war, den Ausdruck ſeiner Gefühle zu bewältigen, zurückbebte, und einen Augenblick feſtgewurzelt ſtand, als dieſe herrliche Erſcheinung zum erſtenmal ſeinen Blicken begegnete. Er faßte ſich jedoch bald, trat haſtig näher, ergriff die kleine Hand, welche dieſen Verſuch weder begünſtigte noch zu⸗ rückwies, und drückte ſie mit einer Wärme an die Lippen, welche ſelten das erſte Zuſammentreffen von Perſonen begleitet, deren Leidenſchaften gewöhnlich ſo erkünſtelt ſind. „Endlich, meine hohe und liebenswürdige Baſe, iſt der be⸗ glückende Augenblick gekommen—“ begann er mit einer Wahrheit der Gefühle, welche ihre Wirkung auf das reine und zarte Herz Iſabellens nicht verfehlte; denn keine Gewandtheit in höflichen Phraſen kann je den Lauten der Täuſchung die Glut und den Aus⸗ druck leihen, welche nur der Wahrheit angehören.—„Ich fürchtete, er möchte mir für immer ferne bleiben; aber dieſe geſegnete Stunde— Dank ſey es unſerem St. Jago, deſſen Fürbitte ich ohne Unterlaß anflehte— wird mir zum ſchönſten Lohne für alle meine Bekümmerniſſe.“ „Ich danke meinem fürſtlichen Herrn, und heiße ihn freund⸗ lich willkommen,“ erwiederte Iſabella beſcheiden.„Die Hinder⸗ niſſe, welche entfernt werden mußten, um dieſe Zuſammenkunft 40 möglich zu machen, ſind mir das Vorbild jener Schwierigkeiten, welche wir auf unſerem Gange durch das Leben zu überwinden haben werden.“ Es folgten nun einige Aeußerungen der Höflichkeit, in welchen die Prinzeſſin die Hoffnung ausdrückte, daß es ihrem Vetter ſeit ſeiner Ankunft in Caſtilien an Nichts gefehlt habe,— eine An⸗ A frage, welche eine paſſende Erwiederung fand; dann führte ſie Don Ferdinand zu einem Lehnſeſſel, indeß er ſelbſt ſich des Schemels bediente, auf welchem Beatriz de Bobadilla bei ihren vertrauten Geſprächen mit ihrer königlichen Gebieterin zu ſitzen pflegte. Iſabella hatte jedoch die Anmaßungen der Caſtilianer hinſichtlich des Vorrangs ihres eigenen Landes vor Aragon zu lebhaft im Ge⸗ dächtniſſe, um ſich dieſer Anordnung ruhig zu fügen, und ſo lehnte ſie ab, ſich zu ſetzen, bis ihr künftiger Gemahl den für ihn berei⸗ teten Seſſel eingenommen hatte. „Es würde ſich nicht ſehr ſchicken,“ entgegnete ſie,„daß eine Dame, die Nichts als etwas königliches Blut und ihr Vertrauen auf Gott hat, ſich niederläßt, während der König von Sieilien einen ſo unwürdigen Platz einnimmt.“ „Ich bitte, laßt es geſchehen,“ erwiederte der König.„In Eurer Gegenwart verſchwinden alle Rückſichten des irdiſchen Ranges. Betrachtet mich als einen Ritter, der bereit iſt und vor Begierde brennt, ſeine Treue an jedem Hofe, oder auf jedem Schlachtfelde der Chriſtenheit zu beweiſen, und behandelt mich als einen ſolchen.“ Iſabella, welche jenen edlen Takt beſaß, der im Augenblick die zarte Grenzlinie zu unterſcheiden weiß, wo die feine Bildung in leere Förmlichkeit übergeht, lächelte erröthend, und lehnte es nicht länger ab, ſich niederzulaſſen. Es waren jedoch weniger die Worte ihres Vetters, ſondern vielmehr die unverhüllte Bewunderung in ſeinen Blicken, der belebte Ausdruck ſeines Auges, und die bie⸗ b dere Freimüthigkeit ſeines Benehmens, die den Weg zu ihrem Herzen fanden. Mit dem Inſtinkte des Weibes bemerkte ſie, daß 41 ſie einen günſtigen Eindruck gemacht hatte, und mit der Empfind⸗ ſamkeit des Weibes fühlte ſie bei dieſer Entdeckung, daß unter ſolchen Umſtänden ihrem Herzen nichts im Weg ſtehe, ſich den Eindrücken der Zärtlichkeit ganz hinzugeben. Die wechſelſeitige Freude bahnte bald einer ungebundeneren Unterhaltung den Weg, und ehe eine halbe Stunde vergangen war, gelang es dem Erz⸗ biſchof, der zwar in ſeiner amtlichen Stellung keine Vertrautheit mit der Sprache und den Wünſchen von Liebenden kundgeben durfte, obgleich er in der That mit beiden hinreichend vertraut war,— die zwei oder drei anweſenden Höflinge in ein anſtoßendes Gemach zu ſchaffen, wo er ſie, da die Thüre fortwährend offen gelaſſen wurde, ſo geſchickt aufzuſtellen wußte, daß weder das Auge noch das Ohr von den Vorgängen innerhalb etwas vernehmen konnte. Was Beatriz von Bobadilla anbelangt, deren Anweſenheit in dem Gemache ihrer königlichen Herrin durch die weibliche Etiquette geboten wurde, ſo war ſie zu ſehr mit ihren Gedanken an Andres de Cabrera beſchäf⸗ tigt, daß ein halbes Dutzend Kronen zwiſchen dem koͤniglichen Paar hätten ausgetauſcht werden können, ohne daß ſie etwas davon be⸗ merkt haben würde. Obgleich Iſabella jene milde Zurückhaltung und weibliche Be⸗ ſcheidenheit, welche eine ſo gewinnende Anmuth um ſie verbreiteten, ſelbſt bis zu dem Tage ihres Todes bewahrte, ſo wurde ſie doch mit dem Fortſchreiten des Geſprächs allmählig ruhiger; und indem ſie ſich auf ihre Selbſtachtung, auf ihre weibliche Würde, und zu⸗ gleich auch nicht wenig auf jene Schätze des Wiſſens verließ, welche ſie, ſtatt ihre Zeit wie andere ihrer Stellung mit den Nichtigkeiten des Hoflebens zu verſchleudern, mit vielem Fleiße geſammelt hatte, fand ſie ſich bald wieder in ihrem urſprünglichen Elemente, wenn ſich auch ihr Geiſt nicht ganz in jenem Zuſtand von Ruhe befand, der gewoͤhnlich ihren Charakter bezeichnete. „Ich hoffe, es iſt nun nicht mehr nöthig, die Einſegnung unſerer Verbindung durch die heilige Kirche länger zu verzögern,“ 42 bemerkte der König im Laufe der Unterhaltung.„Alles, was man von uns Beiden als Perſonen, welchen das Wohl und Wehe von Königreichen anvertraut iſt, fordern kann, wurde berückſichtigt, und ich mag nun wohl auch, ein Recht haben, für mein eigenes Glück Sorge zu tragen. Wir ſind uns gegenſeitig nicht fremd, Donna Iſabella, denn unſere Großväter waren Brüder, und man hat mich von Jugend auf gelehrt, Deine Tugenden zu ehren und mich zu beſtreben, Deiner Frömmigkeit nachzueifern.“ „Die Verlobung fand nicht ohne reifliche Ueberlegung ſtatt,“ Don Fernando,“ erwiederte die Prinzeſſin erröthend, obgleich ſie die würdevolle Haltung einer Königin annahm,—„und da der Gegen⸗ ſtand ſo vollſtändig erörtert, das Zweckmäßige unſerer Verbindung in ſeinem ganzen Umfange anerkannt, und die Nothwendigkeit ihres baldigen Vollzugs ſo augenfällig iſt, ſo ſoll von meiner Seite aus keine zweckloſe Zögerung eintreten. Ich denke, wir laſſen die Trauung heute über vier Tage vollziehen, wodurch wir beide Zeit gewinnen, uns für dieſe feierliche Handlung durch eine geziemende Beachtung der kirchlichen Pflichten vorzubereiten.“ „Es geſchehe nach Deinem Willen,“ ſagte der König mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung.„Wir haben nur noch einige Vor⸗ bereitungen zu treffen, damit wir uns keine Vorwürfe über Vergeß⸗ lichkeit machen duͤrfen. Du weißt, Donna Jſabella, wie ernſtlich mein Vater von ſeinen Feinden gedrängt wird, und ich brauche Dir kaum zu ſagen, daß ſeine Kaſſen erſchöpft ſind. In der That, meine ſchöne Baſe, nichts als der glühende Wunſch, mich ſobald als möglich in den Beſitz des köſtlichen Gutes zu ſetzen, welches die Vorſehung und Deine Güte—“ „Bringe nicht die Fügungen Gottes und ſeine Vorſehung mit der armſeligen Klugheit und den kleinlichen Anſchlägen ſeiner Ge⸗ ſchöpfe in Verbindung, Don Fernando,“ ſagte Jſabella ernſt. „Nun denn— das köſtliche Gut zu erfaſſen, welches mir die Borſehung zu beſcheren Willens zu ſeyn ſcheint,“ erwiederte der 43 König, indem er ſich bekreuzte und vielleicht eben ſo ſehr aus Achtung vor den frommen Gefühlen ſeiner Verlobten, als aus Unterwerfung unter eine hoͤhere Macht, das Haupt beugte— „veranlaßte mich, jede Zögerung von der Hand zu weiſen, und wir verließen Saragoſſa eher mit Herzen, gefaßt auf die Schätze, die wir in Valladolid finden ſollten, als mit Gold ausgeſtattet. Ja, ſelbſt das Wenige, welches wir hatten, war durch ein Miß⸗ geſchick dazu beſtimmt, einen glücklichen Diener in einem Wirths⸗ hauſe zu bereichern.“ „Donna Beatriz de Bobadilla hat mir dieſen Unfall mitgetheilt,“ ſagte Iſabella lächelnd,„und wahrlich, wir werden unſern Eheſtand nur mit einem geringen Antheil von Gütern dieſer Welt anfangen. Ich habe Dir wenig mehr zu bieten, Fernando, als ein Herz, auf deſſen Treue Du Dich, wie ich glaube, verlaſſen kannſt.“ „Durch Deine Hand, meine herrliche Baſe, erhalte ich Alles, was die Wünſche eines vernünftigen Mannes zufrieden ſtellen kann. Aber doch ſind wir unſerem Range und unſeren Ausſichten für die Zukunft etwas ſchuldig, und man ſoll nicht ſagen, daß Deine Ver⸗ mählungsfeier wie die eines gemeinen Unterthanen vorüber gegan⸗ gen ſey.“ „Unter gewöhnlichen Umſtänden möchte es wohl für eine Dame nicht ziemlich erſcheinen, die Koſten des Hochzeitfeſtes ſelbſt beizu⸗ ſchaffen,“ antwortete die Prinzeſſin, und das Blut ſtrömte ihr nach dem Antlitz, bis Stirne und Schläfe im ſchönſten Scharlach glühten, während ſie im Uebrigen die ruhige Haltung völlig beibehielt, welche ſonſt ihr Benehmen auszeichnete;„aber da das Wohl zweier Staaten von unſerer Verbindung abhängt, ſo dürfen ſo eitle Rückſichten nicht beachtet werden. Ich beſitze einige Juwelen, und Valladolid zählt viele Juden. Du wirſt mir daher erlauben, mich zu einem ſolchen Zwecke von dieſem Tande zuz trennen.“ „Wenn Du mir den Juwel Deiner reinen Seele bewahrſt,“ ſagte der König von Sicilien mit Artigkeit,„ſo kümmert es mich 44 wenig, ob ich je einen andern ſehe; aber wir werden dies nicht brauchen, denn unſere Freunde können, obſchon ſie, wie wir, frei⸗ gebigere Herzen als gutgefüllte Kaſſen haben, den Darleihern wohl ſoviel Bürgſchaft leiſten, als zu unſerem Bedürfniß nöthig iſt. Ich will daher dieſe Sorge ſelbſt auf mich nehmen, meine Baſe— ich darf doch wohl ſagen, meine Braut?“ „Dieſe Benennung iſt mir theurer, als jede, welche mit der Verwandtſchaft in Verbindung ſteht, Fernando,“ antwortete die Prinzeſſin mit einer einfachen Herzlichkeit, welche mit der gewöhn⸗ lichen Ziererei und den erkünſtelten Gefühlen ihres Geſchlechts nichts gemein hatte, während ſie zugleich ihre Beſcheidenheit im ſchönſten Lichte erſcheinen ließ,„und wir mögen wohl zu entſchuldigen ſeyn, wenn wir uns derſelben bedienen. Ich hoffe, Gott wird unſere Vereinigung ſegnen, nicht nur zu unſerem Glücke, ſondern auch zu dem unſeres Volkes.“ „Nun denn, meine Braut!— hinfort wird unſer Vermögen gemeinſchaftlich ſeyn, und Du wirſt es mir überlaſſen, für Deine Bedürfniſſe Sorge zu tragen.“ „Nein, Fernando,“ erwiederte Iſabella lächelnd;„wir können uns in keinem Falle als die Kinder zweier Hidalgo's betrachten, die im Begriffe ſtehen, den gemeinſchaftlichen Gang durch die Welt mit einer ärmlichen Mitgift zu beginnen. Du biſt jetzt ſchon ein König, und durch den Vertrag von Toros de Guiſando bin ich feierlich als die Erbin von Caſtilien anerkannt. Unſere Habe muß daher auch fortan eine getrennte bleiben, ebenſo gut, als wir ver⸗ ſchiedene Pflichten haben, obgleich ich hoffe, daß unſere Intereſſen nie in gegenſeitigen Widerſtreit kommen werden.“ „Du wirſt nie finden, daß ich es Dir an der Achtung, welche Deinem Range gebührt, fehlen laſſen werde, oder daß ich die Pflicht, welche mir gegen Dich, als das Haupt unſeres alten Hauſes, nächſt Deinem durchlauchtigen Bruder, dem König, obliegt, außer Acht laſſe.“ —.— — * 45 „Du haſt unſern Ehevertrag doch wohl überlegt, Don Fer⸗ nando, und biſt, wie ich hoffe, mit ſeinen verſchiedenen Bedin⸗ gungen einverſtanden?“ „Wie es der Wichtigkeit dieſes Schrittes und der Groͤße der Wohlthat, die ich empfangen ſoll, geziemt.“ „Ich wünſchte, daß ſie Dir annehmlich und geeignet erſcheinen möchten, denn obgleich ich nun bald Deine Gattin ſeyn werde, ſo darf ich doch nie vergeſſen, daß ich beſtimmt bin, dereinſt die Krone dieſes Landes zu tragen.“ „Du darfſt überzeugt ſeyn, meine ſchöne Braut, daß Ferdinand von Aragon der Letzte ſeyn wird, der in Dir etwas anderes, als die Königin ſieht.“ „Ich betrachte meine Pflichten als ein von Gott anvertrautes Gut, für deren treue Erfüllung eine ſtrenge Verantwortlichkeit auf mir laſtet. Ein Scepter iſt kein Spielzeug, Fernando, mit dem ſich ſcherzen läßt, und keine Laſt iſt ſchwerer als die einer Krone.“ „Wir haben in Aragon die gemeinſamen Grundſätze unſeres Hauſes nicht vergeſſen, meine Verlobte, und es freut mich zu finden, daß ſie ſich in beiden Königreichen gleich erhalten haben.“ „Wir dürfen, indem wir dieſen Bund knüpfen, nicht vorzugs⸗ weiſe an uns ſelbſt denken,“ fuhr Iſabella ernſt fort;„denn das hieße die Pflichten des Fürſten durch die Gefühle der Liebe ver⸗ drängen. Du haſt Dich, wie ich hoffe, mit den Artikeln des Ehe⸗ vertrags gehörig vertraut gemacht?“ „Ich hatte hinreichend Muße dazu, meine Baſe, da ſte bereits ſeit neun Monaten unterzeichnet ſind.“ „Wenn ich Dir vielleicht in einigen Punkten zu anſpruchsvoll ſcheine,“ fuhr Iſabella mit derſelben liebenswürdigen und ernſten Einfachheit fort, welche ihr in allen Verhältniſſen des Lebens eigen war,„ſo liegt der Grund hievon in jenen Obliegenheiten, welche ein Fürſt nicht überſehen darf. Du kennſt außerdem den Einfluß, Fernando, den der Eheherr über die Gattin zu üben gewöhnt iſt, und wirſt daher die Nothwendigkeit fühlen, meine Caſtilianer in jeder Hinſicht gegen meine eigenen Schwächen zu ſchützen.“ „Wenn Deine Caſtilianer nichts zu dulden haben, bis von dieſer Seite Leiden über ſie kommen, Donna JIſabella, ſo wird ihr Loos in der That ein glückliches ſeyn.“ „Das ſind Worte der Galanterie, welche bei einem ſo ernſten Anlaſſe nicht gebraucht werden ſollten, Fernando. Ich bin um einige Monate älter als Du, und werde mir die Rechte einer ältern Schweſter herausnehmen, bis ſie in den Pflichten der Gattin er⸗ ſterben. Du haſt aus dieſen Artikeln erſehen, wie ängſtlich ich darauf bedacht war, meine Caſtilianer gegen einen überwiegenden Einfluß der Fremden zu ſchützen. Du weißt, daß viele Großen dieſes Reiches unſerer Verbindung entgegen waren, weil ſie die Herrſchaft Aragons fürchteten, und wirſt daher bemerken, welche Mühe wir uns gegeben haben, ihre Eiferſucht zu beſchwichtigen.“ „Deine Beweggründe, Donna Jſabella, ſind verſtanden worden, und Deine Wünſche werden in dieſer, wie in allen andern Ein⸗ zelnheiten geachtet werden.“ „Ich möchte gerne Deine treue und ergebene Gattin ſeyn,“ entgegnete die Prinzeſſin mit einem ernſten, aber ſanften Blick auf ihren Verlobten;„aber ich möchte auch meinem Caſtilien ſeine Rechte und ſeine Unabhängigkeit bewahren. Die Jungfrau, die Dir freiwillig ihre Hand gereicht hat, braucht wohl kaum zu ſagen, welcher Dein Einfluß ſeyn werde; aber im Aeußern müſſen die Staaten als getrennte betrachtet werden.“ „ Verlaſſe Dich auf mich, meine Baſe. Wer in fünfzig Jahren noch am Leben iſt, wird ſagen, daß Don Fernando ſeine Verbind⸗ lichkeiten zu achten und ſeine Pflicht zu erfüllen wußte.“ „Ein weiterer Artikel gilt dem Krieg gegen die Mauren. Ich werde nie überzeugt ſeyn können, daß die Chriſten in Spanien treu an ihrem Glauben hängen, ſo lange noch ein Anhänger des Erzbetrügers von Mekka auf der Halbinſel weilt.“ 47 „Du und Dein Erzbiſchof hätten mir keine angenehmere Pflicht übertragen können, als meine Lanze gegen die Ungläubigen einzu⸗ legen. Ich habe mir in dieſen Kriegen bereits meine Sporen verdient, und ſobald wir gekrönt ſind, ſollſt du ſehen, wie gerne ich dazu beitragen will, die Heiden in ihre urſprünglichen Sand⸗ wüſten zurückzutreiben.“ „Jetzt liegt mir nur noch Eines auf dem Herzen, mein edler Vetter.— Du kennſt den übeln Einfluß, der auf meinen Bruder geübt wird und ihm einen großen Theil des Adels ſowohl als der Städte entfremdet hat. Wir werden beide ernſtlich verſucht werden, einen Krieg gegen ihn zu beginnen, um das Scepter zu ergreifen, ehe es Gott gefällt, uns daſſelbe auf dem natürlichen Wege zu übertragen. Ich wünſchte, daß du Don Enriquez nicht nur als das Haupt unſeres könialichen Hauſes, ſondern auch als meinen Bruder und geſalbten Herrn achteteſt. Sollten ſchlimme Rathgeber ihn drängen, etwas gegen unſere Perſonen oder unſere Rechte zu verſuchen; ſo haben wir allerdings eine Erlaubniß zum Widerſtand; aber ich bitte Dich, Fernando, ſuche unter keinem Vorwand Deine Hand zur Empörung gegen meinen rechtmäßigen Herrſcher zu erheben.“ 1 „Dann mag Don Enriquez auf ſeine Beltraneja Acht haben,“ erwiederte der Prinz mit Feuer.„Beim heiligen Peter, ich habe ſelbſt Rechte, die dieſem mißgeborenen Mengling vorgehen. Das ganze Haus von Traſtamara iſt dabei betheiligt, daß dieſes unächte Reis, welches ſo trügeriſcherweiſe dem königlichen Stamm aufge⸗ pfropft wurde, erſtickt werde.“ „Du wirſt warm, Fernando, und ſogar das Auge von Beatriz von Bobadilla mißbilligt Deine Hitze. Die unglückliche Johanna kann nie unſere Rechte an den Thron gefährden, denn unter dem Adel Caſtiliens ſind nur wenige ſo unwürdig, daß ſie die Krone auf dem Haupte einer Perſon ſuchen möchten, in welcher, wie man glaubt, nicht das Blut Pelayp's fließt.“ * 48 „Don Enriquez hat Dir ſeit dem Vertrage von Toros de Guiſando nicht Wort gehalten, Iſabella.“ „Mein Bruder iſt von ſchlechten Rathgebern umringt;— und dann, Fernando,“ fuhr die Prinzeſſin hocherröthend fort,„dürfen wir beide nicht allzuſehr auf jene Uebereinkunft pochen, denn es war eine Bedingung derſelben, daß meine Hand nicht ohne die Zuſtimmung des Königs vergeben werden ſollte.“ „Er zwang uns zu dieſer Maßregel, und hat die Nichtachtung dieſes Punktes Niemand anderem, als ſich ſelbſt vorzuwerfen.“ „Auch ich bemühe mich, die Sache in dieſem Lichte zu be⸗ trachten, obgleich ich brünſtig zu dem Himmel flehte, daß mir dieſer ſcheinbare Treubruch vergeben werde. Wäre ich aber gläubiſch, Fernando, ſo müßte ich fürchten, daß Gott mir um einer Verbin⸗ dung willen zürne, welche im Widerſpruche mit ſolchen Verpflich⸗ tungen eingegangen wurde. Aber man muß unter den Gründen einen Unterſchied machen, und wir haben ein Recht zu glauben, daß Er, der die Herzen prüft, eine gute Abſicht nicht ſtrenge richten werde. Hätte Don Enriquez nicht den Verſuch gemacht, ſich meiner Perſon zu bemächtigen, mit der offenen Abſicht, mich gegen meinen Willen zu einer Heirath zu nöthigen, ſo wäre dieſer entſcheidende Schritt nicht nöthig geworden, und auch nicht geſchehen.“ „Ich habe Urſache, meinem Schutzheiligen zu danken, ſchöne Baſe, daß Dein Wille weniger nachgiebig war, als die Tyrannen vermutheten.“ „Ich hätte mich dem König von Portugal, dem Monſieur de Guienne oder irgend einem Andern, den man mir zu meinem künf⸗ tigen Gemahl vorzuſchlagen beliebte, nicht zur Treue verpflichten können,“ entgegnete Iſabella mit Offenheit.—„Zwar ziemt es königlichen, überhaupt edeln Jungfrauen nicht, ihre eigenen unerfah⸗ renen Launen der Weisheit ihrer Freunde entgegenzuſetzen, und es iſt keine ſchwierige Aufgabe für ein tugendhaftes Weib, ihren Gatten lieben zu lernen, wenn Natur und Neigung durch die Wahl nicht gar 49 zu offen verletzt wird. Doch in den mir angemutheten Fällen habe ich zu ſehr an das Heil meiner Seele gedacht, um ſie damals durch Uebernahme ehelicher Pflichten einer ſo ſchweren Prüfung auszuſetzen.“ „Ach! ich fühle nur zu ſehr, daß ich Deiner unwürdig bin, Iſabella. Doch Du magſt mich zu dem heranbilden, was ich nach Deinen Wünſchen ſeyn ſollte; ich kann Dir nur verſprechen, daß Du ſtets einen willigen und aufmerkſamen Schüler in mir finden wirſt.“ Das Geſpräch ging nun mehr auf allgemeine Dinge über, wobei Iſabella ihrer natürlichen Neugierde und ihrem theilnehmen⸗ den Herzen freien Lauf ließ, indem ſie ſich nach den Verhältniſſen ihrer verſchiedenen Verwandten in Aragon erkundigte. Nach dieſer Begegnung, welche mehr als zwei Stunden gedauert hatte, kehrte der König von Sicilien, ohne Aufſehen zu erregen, wie er ge⸗ kommen war, nach Duennas zurück. Das köͤnigliche Paar trennte ſich mit den Gefühlen erhöhter Achtung und Verehrung, und Iſabella gab ſich jenem zarten Vorgefühl häuslichen Glückes hin, welches dem zarteren Charakter des Weibes eigenthümlich ift. Die Vermählung fand mit der gebührenden Pracht am Morgen des 19. Octobers 1469 in Don Juan de Vivero's Hauskapelle ſtatt, und nicht weniger als zweitauſend Perſonen, meiſtens von Stande, waren Zeugen der heiligen Handlung. Als der Prieſter im Begriffe war, ſein Amt zu beginnen, wurde das Auge Iſabellens unruhig, und ſie ſprach zu dem Erzbiſchof von Toledo:. „Euer Gnaden hat mir verſprochen, daß bei dieſer feierlichen Gelegenheit zu der Beiſtimmung der Kirche nichts fehlen ſolle. Es iſt bekannt, daß Don Ferdinand von Aragon und ich in einem Verwandtſchaftsgrade ſtehen, der als ein Ehehinderniß betrachtet werden könnte.“ „Ganz richtig, gnädige Fürſtin,“ erwiederte der Prälat mit einer ruhigen Miene und einem väterlichen Lächeln.„Zum Glücke hat aber unſer heiliger Vater Pius dieſes Hinderniß entfernt, und die Kirche freut ſich dieſer Verbindung in jedem Betrachte.“ Donna Mercedes. 2te Aufl. 4 Der Erzbiſchof nahm ſofort das Erlaubnißbreve aus der Taſche und las es mit deutlicher, wohlklingender und feſter Stimme vor. Jeder Schatten verſchwand nun von Iſabellens heiterer Stirne und die Ceremonie nahm ihren Fortgang. Jahre entſchwanden, ehe dieſe fromme und unterwürfige chriſtliche Fürſtin entdeckte, daß man ſie getäuſcht hatte und daß die verleſene Bulle eine Erfindung des alten Koͤnigs von Aragon und des Prälaten war, wobei auch auf den Bräutigam der Verdacht ſiel, daß er um die Sache gewußt habe. Dieſe Fälſchung war eine Folge der vollkommenſten Ueber⸗ zeugung, daß der Papſt zu ſehr unter dem Einfluß des Königs von Caſtilien ſtehe, um im Widerſpruche mit den Wünſchen dieſes Monarchen ein ſolches Benefiz zu gewähren. Es ſtund eine Reihe von Jahren an, ehe Siyxtus IV. dieſes Unrecht durch eine ächte Dispens⸗Urkunde ausglich. Demungeachtet ging die Vermählung Ferdinands und Iſabellens vor ſich. Die Ereigniſſe der nächſten zwanzig Jahre aber dürfen wir nur mit einem flüchtigen Ueberblicke beleuchten. Heinrich IV. nahm den Schritt übel auf, und mancher vergebliche Verſuch wurde gemacht, ſeinem unterſchobenen Kinde La Beltraneja ſtatt der Schweſter und Thronfolgerin die Krone zu ſichern. Es folgte bald ein Bürgerkrieg, während deſſen Iſabella beharrlich die vielen Bitten, das Scepter an ſich zu nehmen, zurückwies, indem ſie ſich nur darauf beſchränken wollte, ihre Rechte als Reichsnach⸗ folgerin zu behaupten. Im Jahre 1477, dem fünften nach ihrer Vermählung, ſtarb Don Heinrich, worauf ſie Königin von Caſtilien wurde, obſchon ihre angebliche Nichte gleichfalls von einer kleinen Anzahl ihrer Unterthanen als Herrſcherin ausgerufen wurde. Der Erbfolgekrieg, wie er genannt wurde, dauerte noch fünf Jahre, worauf Johanna, oder La Beltraneja, den Schleier nahm, und die Rechte Iſabellens allgemein anerkannt wurden. Um dieſelbe Zeit ſtarb Don Juan II. und Ferdinand beſtieg den Thron von Aragon. Eine Folge dieſer Ereigniſſe war, daß die ſeit langer Zeit in viele 51 kleine Staaten getrennten Koͤnigreiche und Fürſtenthümer der Halb⸗ inſel in vier Reiche zuſammen floßen, nämlich in die Beſitzungen Ferdinands und Iſabellas, welche Caſtilien, Leon, Aragon, Valenzia und noch einige andere der ſchönſten Provinzen Spaniens umfaßten; in Navarra, ein unbedeutendes Königreich in den Pyrenäen; in Portugal, das heut zu Tage faſt noch in derſelben Weiſe beſteht, und in Granada, die letzte Stätte der Mauren, nördlich von der Meerenge bei Gibraltar. Weder Ferdinand noch ſeine königliche Gem ahlin vergaßen des Artikels in ihrem Ehevertrag, welcher den erſteren verpflichtete, einen Vertilgungskrieg gegen die Macht der Mauren zu unterneh⸗ men. Die Ausfuͤhrung dieſes Planes wurde jedoch durch den Lauf der Ereigniſſe um viele Jahre hinausgeſchoben. Als man aber endlich hiefür Zeit fand, verließ die Vorſehung, welche die fromme Iſabella durch eine Kette wichtiger Begebenheiten aus der beſchränk⸗ ten Lage, in der wir ſie dem Leſer eben vorgeführt haben, bis zu dem Gipfel menſchlicher Macht fuͤhren zu wollen ſchien, ihren Schützling nicht. Ein Sieg folgte dem andern, die Mauren verloren Feſtung um Feſtung, Stadt um Stadt, und wurden am Ende in ihrer eigenen Hauptſtadt, ihrem letzten Haltpunkte auf der Halbinſel, be⸗ lagert. Die Eroberung von Granada war in den Augen der Chriſten ein Ereigniß, welches nur der Entreißung des heiligen Grabs aus den Händen der Ungläubigen nachſtand, und ſo trugen denn auch die dabei vorkommenden Züge einen ſo bezeichnenden Charakter, wie er kaum vorher je in dem Laufe einer Belagerung zu bemerken war. Die Stadt unterwarf ſich am 14. Nov. 1491, zweiundzwanzig Jahre nach der erwähnten Vermählung,— an dem nämlichen Jahrestage, welcher in den Annalen Amerika's ſo wichtig wurde, weil einige Jahrhunderte ſpäter die Engländer an demſelben ihren letzten Haltpunkt in der Küſte der Republik unfreiwillig aufgaben. Im Laufe des vorhergehenden Sommers, während die ſpaniſchen Streitkräfte vor der Stadt lagen und Iſabella mit ihren Kindern ängſtlich den Fortgang der Begebenheiten mit anſah, trug ſich ein Ereigniß zu, welches leicht hätte verhängnißvoll für die könig⸗ liche Familie und verheerend für die chriſtlichen Waffen werden können. Das Zelt der Koͤnigin ging in Flammen auf, wodurch das ganze Lager in die größte Gefahr gerieth. Viele Zelte der Edeln wurden gleichfalls ein Raub des Feuers, und bedeutende Schätze, Juwelen und Silbergeſchirr gingen zu Grunde, obgleich die Zerſtörung nicht weiter reichte. Um der Wiederkehr eines ſolchen Unfalls vorzubeugen, und vielleicht auch, weil man die Eroberung Granada's als die herrlichſte That dieſer Doppelregierung betrach⸗ tete— denn noch lag die Zukunft im Dunkeln, und nur ein menſchliches Auge ſah das größte aller Ereigniſſe, welches jener Zeit vorbehalten war, voraus— entſchloß ſich das fürſtliche Paar, ein Werk zu verſuchen, das ſchon an ſich dieſe Belagerung denk⸗ würdig machen mußte. Der Plan zu einer regelmäßigen Stadt wurde entworfen, und Arbeiter gingen an die Erbauung feſter Gebäude, in welchen die Armee wohnen ſollte, und ſo wurde in dieſem Kriege eine Stadt der andern gegenübergeſtellt. In drei Monaten war dieſes Rieſenwerk mit ſeinen Gaſſen, Straßen und Vierteln vollendet, und erhielt den Namen Santa Fe(heiliger Glaube), eine Benennung, welche eben ſowohl für den Eifer, mit welchem eine ſolche Arbeit im Gewühle des Kampfes durchgeführt wurde, als für das große Vertrauen auf die Vorſehung Gottes, welches die Chriſten zu dieſem Kriege begeiſtert hatte, Zeugniß ablegt. Die Erbauung dieſer Stadt erfüllte die Herzen der Mauren mit Schrecken, denn ſie ſahen darin einen Beweis, daß ihre Feinde den Kampf nur mit ihrem Leben aufzugeben beabſichtigten; und höchſt wahrſcheinlich hatte man es nur dieſem Einfluſſe zu danken, daß Boabdil, der König von Granada, ſich unterwarf, und Al⸗ hambra einige Wochen, nachdem die Spanier von ihrem neuen Aufenthalt Beſitz genommen hatten, übergab. 5 Santa Fe ſteht noch, und wird wegen ſeines ſonderbaren Urſprungs von den Reiſenden häufig beſucht. Auch iſt es durch 53 die wirkliche oder muthmaßliche Thatſache merkwürdig, daß es die einzige Stadt von einigem Umfang in Spanien iſt, welche nie unter mauriſchem Scepter ſtand. Die Hauptereigniſſe unſerer Erzählung führen uns nun in dieſe Zeit und auf dieſen Schauplatz zurück, denn alles, was wir bisher erzählt haben, diente blos als eine Einleitung, um den Leſer auf die nun folgenden Begebenheiten vorzubereiten. Viertes Kapitel. Den rechten Winkel kennen die Gelehrten; Er kümmert den nicht, deſſen ganzes Leben Nur darauf zielt, im Rechten groß zu werden. Was kann der Menſchen Kunſt und Wiſſen geben Als nur ein Meer von Irrthum— bodenlos? Wer's zu ergründen ſtrebt, haſcht Schatten blos. Menſchliches Wiſſen. Der Morgen des zweiten Januars 1492 wurde mit einer Feierlichkeit und einer Pracht eingeführt, welche ſogar an dem Hofe und in dem Lager Ferdinands und Iſabellas, wo man doch des kirchlichen und königlichen Pompes ſo ſehr gewoͤhnt war, nie ihres Gleichen gehabt hatten. Die Sonne war kaum aufgegangen, als in der kleinen außerordentlichen Stadt Santa Fe ſich Alles in ſiegestrunkener Bewegung befand. Die ſeit Wochen im Geheimen über die Uebergabe von Granada gepflogenen Verhandlungen waren nun abgeſchloſſen, Armee und Volk förmlich von den Reſultaten derſelben benachrichtigt und der heutige Tag zu dem Einzuge der Sieger beſtimmt. Der Hof hatte wegen Ablebens des Don Alonzo von Portugal, des Verlobten einer königlichen Prinzeſſin von Caſtilien, Trauer angelegt, aber bei dieſem freudigen Anlaſſe wurden die Merkmale des Leides bei Seite gelegt und Alles erſchien in den heiterſten und prachtvollſten Gewändern. In einer frühen Morgenſtunde rückte der Grande Cardinal an der Spitze einer ſtarken Truppen⸗ Abtheilung auf den Berg der Märtyrer, um Beſitz davon zu neh⸗ men. Als er hinanſtieg, kam ihm eine Abtheilung mauriſcher Edeln entgegen, welche von einem Manne geführt wurden, deſſen würde⸗ volle Haltung und kummervolle Züge leicht den von Schmerz zer⸗ riſſenen Boabdil oder Abdallah, Granada's früheren Monarchen, erkennen ließen. Der Cardinal deutete ihm die Stelle in der Nähe der Thore an, wo Ferdinand ſich in der demuthsvollen Haltung, welche mit dem ſeltſamen Fanatismus dieſer Periode im Einklang ſtand, aufgeſtellt hatte, da er es in Folge jenes Gemiſches von Frömmigkeit und Staatsklughett, das mit ſeinem Charakter ſo enge verwoben war, verſchmähte, in die Mauern der eroberten Stadt einzuziehen, ſo lange nicht die Banner Mohammeds dem Symbol Chriſti gewichen waren. Da das Zuſammentreffen beider Fürſten an verſchiedenen Orten berichtet und erſt in der neueren Zeit von zwei ausgezeichneten amerikaniſchen Schriftſtellern beſchrieben wurde, ſo wollen wir übrigens nicht weiter dabei verweilen. Abdallah ſtellte ſich hierauf der reinen und edel geſinnten Iſabella vor, welche ihn mit weniger Geziertheit und mit mehr wahrer chriſtlicher Liebe und Theilnahme empfing, und ſchlug dann ſeinen Weg nach dem Ge⸗ birgspaß ein, von wo aus er zum letztenmal die Paläſte und Thürme ſeiner Väter überblickte. Man zeigt noch heute dieſe Stelle, welche dieſem Umſtande den poetiſchen und rührenden Namen El Ultimo Suspiro del Moro verdankt. Obgleich der Zug des letzten Königs von Granada von ſeinem Palaſte nach dem Gebirge in keiner Weiſe eine Zögerung erlitt, ſo währte er doch einige Zeit, da er in einer ernſten und würde⸗ vollen Weiſe ausgeführt wurde. In dieſen Stunden waren die Straßen und die anliegenden Felder mit einer Maſſe von Menſchen bedeckt, welche Alle ihre Augen auf die Thürme von Alhambra geheftet hielten; denn jeder gute katholiſche Chriſt, der Zeuge des — 5⁵ Triumphes ſeiner Religion geweſen war, harrte nun ängſtlich des Zeichens der Beſitzergreifung. Iſabella, welche durch einen Artikel in ihrem Ehevertrag die Veranlaſſung zu dieſem Siege gegeben hatte, vermied es, in Folge ihrer angeborenen Beſcheidenheit, ſich bei dieſer Gelegenheit vorzu⸗ drängen; ſie hatte ſich in einiger Entfernung hinter Ferdinand auf geſtellt. Demungeachtet aber war ſie nächſt den mit Sehnſucht betrachteten Thürmen von Alhambra der Mittelpunkt, nach dem ſich Aller Blicke drängten. Sie erſchien in einer Pracht, welche eben ſo ſehr ihrer hohen Stellung als eines ſo glorreichen Anlaſſes würdig war; ihre Schönheit machte ſie ſtets zum Gegenſtande der Bewunderung, ihre Milde, ihre unbeugſame Gerechtigkeit und ihre unwandelbare Wahrheitsliebe hatte aller Herzen gewonnen, und in der That zog ſie am meiſten Vortheil aus dieſem Siege, da Granada zu der Krone von Caſtilien und nicht zu der von Aragon gehörte, und letzteres Land wenig oder gar nicht an dieſes Gebiet gränzte. Ehe Abdallah erſchien, wogte die Volksmaſſe in allen Richtun⸗ gen hin und her, und eine Menge von Nichtſoldaten ſtrömte dem Lager zu, um Zeuge des Einzuges zu ſeyn. Das Gewimmel von Menſchen, unter denen ſich viele Ordensbrüder, Weltprieſter und Bettel⸗ mönche befanden, trug in der That das Gepräge eines Kreuzzuges. Am dichteſten ſchaarten ſich jedoch die Neugierigen um die Perſon der Königin, wo allerdings auch der Glanz des Hofes am beſtechendſten war. Insbeſondere hatten ſich an dieſer Stelle die meiſten Glieder der Geiſtlichkeit verſammelt, denn ſie fühlten, daß der fromme Sinn Iſabellens eine Art ſittlicher Atmoſphäre um ihre Nähe ſchuf, welche mit ihren Gewohnheiten zuſammenſtimmte und auch ihnen die geeignete Auszeichnung verſchaffte. Unter Andern bemerkte man auch einen Mönch von einnehmenden Zügen und in der That auch von edler Geburt, der, als er ſich aus der unmittelbaren Umgebung der Königin zu einer Stelle, wo die Bewegung freier war, zurückzog, von mehreren Granden als Vater Pedro angeredet wurde. An ſeiner Seite ging ein Jüngling, deſſen Aeußeres ſich ſo ſehr von dem anderer Edeln, welche an dieſem Tage nicht zu Pferde erſchienen, auszeichnete, daß er allgemeine Aufmerkſamkeit erregte. Er mochte kaum mehr als zwanzig Jahre zählen, aber aus ſeiner muskulöſen Geſtalt und den blühenden, gebräunten Wangen ließ ſich entnehmen, daß er mit Anſtrengungen in Wind und Wetter vertraut war. Seine ganze Haltung deutete auf einen Kriegsmann, obgleich er bei einer für dieſen Stand ſo feierlichen Gelegenheit nicht in Waffen erſchien; ſeine Kleidung war, wie ſie der Adel jener Zeit trug, aber ſo einfach, als ob ſie ſich jeder Beachtung ent⸗ ziehen wolle. Mehrere von denen, welche dem Jünglinge mit den Augen folgten, als er eine Stelle aufſuchte, wo das Gedränge weniger lebhaft war— hatten bemerkt, daß ihn die Königin gnädig aufgenommen und ihm ſogar erlaubt hatte, ihre Hand zu küſſen, eine Gunſt, welche an dieſem formenreichen und ſtolzen Hofe ge⸗ wöhnlich nur dem Verdienſte oder den durch hohe Geburt Berech⸗ tigten zu Theil wurde. Einige flüſterten, er ſey ein Guzmann, eine Familie, die man faſt eine königliche nennen konnte, während ihn Andere für einen Ponce hielten, ein Name, der durch die in dieſem Kriege verrichteten Waffenthaten des berühmten Herzogs von Cadiz zu einem der erſten in Spanien geworden war; und wieder Andere wollten aus der hohen Stirne, dem feſten Tritte und dem feurigen Auge einen Mendoza erkennen. Der Gegenſtand aller dieſer Vermuthungen ſchien die Auf⸗ merkſamkeit, welche ſeine ſtolze Geſtalt, ſein ſchönes Geſicht und ſein elaſtiſcher ſtolzer Schritt auf ſich zog, nicht zu beachten; denn er beſchäftigte ſich, als ob er gewöhnt ſey, von Untergebenen Aus⸗ zeichnung zu empfangen, nur mit Gegenſtänden, die ſeinem Auge oder ſeiner Phantaſte zuſagten, während er übrigens den Worten, welche ihm ein ehrwürdiger Begleiter von Zeit zu Zeit zuflüſterte, ein aufmerkſames Ohr ſchenkte. 57 „Das iſt für die Chriſtenheit ein höchſt geſegneter und ruhm⸗ voller Tag,“ bemerkte der Möͤnch nach einer ungewöhnlich langen Pauſe.„Ein gottloſes, ſiebenhundertjähriges Reich hat aufgehört, und der Stolz der Mauren iſt endlich durch das Kreuz erdrückt worden, das ſich über die Banner des falſchen Propheten erhoben hat. Du haſt Vorfahren gehabt, mein Sohn, welche ſich wohl gerne aus den Gräbern erheben und frohlockend auf der Erde wandeln würden, wenn die Nachricht von dieſer Veränderung zu den Seelen lange hingeſchiedener Chriſten gelangen dürfte.“ „Möge die heilige Jungfrau Fürbitte einlegen, Vater, daß ſie nicht in ihrer Ruhe geſtört werden, wäre es auch, um die Mauren heimathlos zu ſchauen, denn ich zweifle ſehr, ob ſie Gra⸗ nada, ſo angenehm es auch die Ungläubigen gemacht haben, ſo lieblich finden würden, als das Paradies.“ „Mein Sohn Don Luis, Du haſt Dir auf Deinen letzten Reiſen eine große Leichtfertigkeit der Zunge erworben, und ich zweifle, ob Du Deiner Paternoſter und der Beichte noch ſo eingedenk biſt, wie zu der Zeit, wo Du noch unter der Obhut Deiner trefflichen Müͤtter — geſegnet ſey ihr Andenken— ſtandſt.“ Dieſe Worte trugen den Ausdruck des Verweiſes, ja einer Wärme, welche beinahe an Unwillen gränzte. „Zürne mir nicht, Vater, um der Leichtfertigkeit meiner Bung willen, die mehr eine Frucht jugendlichen Leichtſinns, als eine Folge von Nichtachtung der heiligen Kirche iſt.— Nun, Du machſt mir Vorwürfe, und jetzt, da ich als ein Reuiger zu Dir komme und meine Verirrungen zu Deinen Füßen niederlegen will, um Vergebung zu finden, hefteſt Du Dein Auge auf den leeren Raum, und ſtarrſt, als ob einer der Geiſter, von denen Du eben ſprachſt, wirklich dem Grabe entſtiegen wäre, um mit anzuſehen, wie dem Mauren das Herz bricht, daß er ſein liebes Alhambra verlaſſen ſoll!“ „Siehſt Du jenen Mann, Luis?“ fragte der Moͤnch, indem er noch immer in derſelben Richtung hinblickte, ohne jedoch nur einen Wink anzudeuten, welche Perſon unter den vielen, die nach allen Richtungen hinſtrömten, er bezeichnen wolle. „So wahr ich lebe, Vater, ich ſehe Tauſende, aber nicht einen Einzigen, den ich für einen eben aus dem Paradieſe Kommenden halten könnte. Würde es wohl unbeſcheiden ſeyn, zu fragen, wer oder was Deinen Blick in dieſer Weiſe feßle?“ „Siehſt Du jenen Mann von hoher und gebieteriſcher Geſtalt, in deſſen Aeußerem ſich Ernſt und Würde auf eine ſo ſeltſame Weiſe mit Armuth paart?— ich ſollte vielleicht nicht Armuth ſagen, denn er iſt beſſer gekleidet und ſcheint ſich in vortheilhafteren Umſtänden zu befinden, als es, wie ich mich erinnere, früher der Fall war. Keineswegs aber ſieht er reich und wie ein Adeliger aus, während ſeine Haltung und ſein Benehmen wenigſtens auf einen Monarchen zu deuten ſcheinen.“ „Ich glaube, ich ſehe jetzt den, welchen Du meinſt, Vater: ein Mann, von ungemein ernſtem und ehrwürdigen Aeußern, ob⸗ gleich ſehr einfach. Ich kann jedoch weder in ſeinem Anzug, noch in ſeiner Haltung etwas Auffallendes oder Unpaſſendes erkennen.“ „Ich meine das nicht; aber es liegt eine Hoheit in dieſen würdevollen Zügen, die man gewöhnlich nur bei ſolchen trifft, welche des Herrſchens gewohnt ſind.“ „Mir ſcheint ſein Aeußeres und ſeine Miene auf einen höheren Seemann oder Piloten, einen Mann, der an die Stürme des Meeres gewöhnt iſt, zu deuten. Manche der Abzeichen, die er trägt, dienen zu Unterſtützung dieſer Vermuthung.“ „Du haſt recht, Don Luis; denn dies iſt ſein Beruf. Er kommt von Genua und heißt Chriſtoval Colon, oder wie man ihn in Italien nennt, Chriſtophoro Colombo.“ „Ich erinnere mich von einem Admiral dieſes Namens gehört zu haben, der in den ſüdlichen Kriegen gute Dienſte geleiſtet und ehedem eine Flotte in den fernen Oſten geführt hat.“ „Dieſer iſt es nicht; denn ſeine Stellung iſt nicht ſo hoch, 59 obgleich ſie miteinander verwandt ſeyn moͤgen, da beide aus der⸗ ſelben Gegend ſtammen. Dieſer iſt kein Admiral, obwohl er gerne einer werden möchte, ja vielleicht gar ein König.“ „Dann iſt er entweder ein Schwachkopf, oder ein über die Gebühr ehrgeiziger Mann.“ „Weder das eine noch das andere. Was ſeinen Geiſt anbe⸗ langt, ſo übertrifft er hierin viele unſerer gelehrteſten Geiſtlichen, und ſeiner Frömmigkeit muß man es nachrühmen, daß es einen ergebeneren Chriſten nicht in ganz Spanien gibt. Man ſieht wohl, mein Sohn, daß Du lange im Ausland und nur wenig am Hof geweſen biſt, ſonſt müßteſt Du Dich bei Nennung des Namens der Geſchichte dieſes außerordentlichen Weſens erinnern, das ſo manches Jahr dem gedankenloſen Leichtſinn zur Zielſcheibe des ſcherzenden Spottes diente und für den weiſen Denker mehr Zweifel veranlaßt hat, als manche kühne und fluchwürdige Ketzerei.“ „Deine Worte machen mich neugierig, Vater! Wer und was iſt der Mann?“ „Ein Räthſel, das ich weder durch Gebete zur heiligen Jung⸗ frau, noch durch die Gelehrſamkeit der Klöſter, noch durch den eifrigen Wunſch, die Wahrheit zu erforſchen, zu loͤſen vermochte. Komm, Luis, wir können uns auf dieſen Felſen ſetzen; ich will Dir dann die Anſichten mittheilen, welche dieſen Mann ſo merk⸗ würdig machen. Du mußt wiſſen, mein Sohn, daß es jetzt ſieben Jahre ſind, ſeit er zum erſtenmal unter uns erſchien. Er ſuchte Unterſtützung zu einer Entdeckungsreiſe, indem er behauptete, daß er, wenn er weſtlich auf dem Ocean in eine unerhört große Ent⸗ fernung fortſegle, das ferne Indien erreichen könne und das König⸗ reich Cathay, mit der reichen Inſel von Cipango, wovon uns ein gewiſſer Marco Polo einige höchſt merkwürdige Geſchichten hinter⸗ laſſen hat.“ „Bei St. Jago, geſegneten Andenkens, der Mann muß den Verſtand verloren haben,“ fiel Don Luis lachend ein.„Das könnte nur möglich ſeyn, wenn die Erde rund wäre, denn Indien liegt öſtlich und nicht weſtlich von uns.“ „Man hat ihm ſchon oft dieſen Einwurf gemacht, aber der Mann iſt ſogar für weit wichtigere Entgegnungen gewaffnet.“ „Gibt es wohl eine wichtigere als dieſe? Unſere eigenen Au⸗ gen überzeugen uns, daß die Erde eben iſt.“ „Er theilt hierin nicht die Anſicht anderer Leute, und um die Wahrheit zu geſtehen, mein Sohn Luis,— nicht ohne ſcheinbare Gründe. Wie Du weißt, iſt er ein Seefahrer, und er entgegnet, daß man auf dem Meere von einem fernen Schiffe zuerſt die obe⸗ ren Segel ſehe, wäͤhrend die tieferen erſt beim Näaͤherkommen ſicht⸗ bar würden, bis ſich endlich der ganze Rumpf dem Auge darbiete. Aber Du biſt ja ſelbſt auf dem Meere geweſen, und haſt vielleicht etwas der Art bemerkt?“ „Es iſt in der That ſo, Vater. Als wir in dem engliſchen Meer hinauffuhren, begegneten wir einem kühnen königlichen Kreu⸗ zer, und wir ſahen zuerſt, wie Du ſagteſt, die oberen Segel wie einen weißen Punkt über dem Waſſer; dann folgte Segel auf Segel, bis wir nahe genug waren, um auch den rieſigen Rumpf mit ſeiner Reihe von Donnerbüchſen und Kanonen zu erkennen, von denen ſich allerwenigſtens zwanzig darauf befanden.“ „Du ſtimmſt alſo mit dieſem Colon überein, und glaubſt, die Erde ſey rund?“ „Beim heiligen Georg von England, gewiß nicht. Ich habe zu viel von der Welt geſehen, um ihrer ſchönen Oberfläche einen ſo ſinnloſen Vorwurf zu machen. England, Frankreich, Burgund, Deutſchland und alle Länder des Nordens ſind alle ſo flach, als unſer Caſtilien.“ „Warum haſt Du aber die oberen Segel des engliſchen Schif⸗ fes zuerſt geſehen?“ „Warum, Vater? Eil weil ſie zuerſt ſichtbar wurden. Ja, aus keinem andern Grunde, als weil ſie ſich dem Auge zuerſt darboten.“ ——.— N;˖— 61 „Bringen vielleicht die Engländer ihre großen Segel oben an den Maſten an?“ „Sie wären Thoren, wenn ſie das thäten. Obgleich die Eng⸗ länder keine großen Seefahrer ſind(denn unſere Nachbarn, die Portugieſen und die Genueſen übertreffen alle andern in dieſer Kunſt), ſo find ſie doch nicht ſo gar dumm. Du weißt, was der Wind für eine Kraft hat, und wirſt daher einſehen, daß die Stel⸗ lung des Segels um ſo tiefer ſeyn muß, je größer es iſt.“ „Wie ging es aber zu, daß Du den kleineren Gegenſtand vor dem größeren ſaheſt?“ „In der That, mein vortrefflicher Bater Pedro, Du haſt Dich mit dieſem Chriſtophoro nicht vergeblich unterhalten, aber eine Frage iſt noch kein Beweis.“ „Sokrates liebte die Fragen, mein Sohn; aber er erwartete auch Antwort.“ „Peste! wie man am Hof des Konigs Louis zu ſagen pflegt; ich bin kein Sokrates, mein Vater, ſondern nur Dein alter Zög⸗ ling und Verwandter, Luis de Bobadilla, ein unſtäter Neffe des königlichen Lieblings, der Marquiſin von Moya, und ein ſo hoch⸗ geborener Ritter, als es nur einen in Spanien gibt, obgleich etwas dem Herumſtreichen ergeben, wie mir meine Feinde nachrühmen.“ „Du brauchſt mir nichts von Deinem Stammbaum, Deinem Charakter und Deinen Streifzügen zu ſagen, Don Luis de Bo⸗ badilla, da ich Dich und Deinen Lebensgang von Deiner Kindheit an kenne. Du haſt aber ein Verdienſt, das Dir Niemand ab⸗ ſprechen wird, nämlich Achtung vor der Wahrheit, und nie haſt Du dieß mehr erwieſen, als durch das Zugeſtändniß, daß Du kein Sokrates ſeyeſt.“— Das gutmüthige Lächeln des Moͤnchs nahm dieſer Spottrede einigermaaßen ihre Schärfe, und der junge Mann lachte, als ob er ſich ſeiner eigenen jugendlichen Thorheiten zu ſehr bewußt ſey, um ſich durch die Worte des Andern gekränkt zu fühlen. 62 „Aber lieber Vater Pedro, laß einmal den Hofmeiſter aus dem Spiel, und gib Dich zu einem vernünftigen Geſpräch über dieſen ſeltſamen Gegenſtand herab. Du wirſt doch wahrlich nicht annehmen, daß die Erde rund ſey?“ „Ich gehe in dieſer Sache nicht ſo weit, als Andere, Luis; denn ich finde in der heiligen Schrift Schwierigkeiten, welche eine ſolche Einräumung nicht zulaſſen. Doch ſetzt mich der Umſtand mit den Segeln ſehr in Verwirrung, und ich habe oft den Wunſch gehegt, auf das Meer zu gehen und von einem Hafen in den andern zu fahren, um mich ſelbſt davon zu überzeugen. Auch würde ich dieſen Verſuch gemacht haben, wenn mich nicht, ſo oft ich mich auf einem Schiffe befinde, eine ſchlimme Uebelkeit an⸗ wandelte.“ „Das wäre eine würdige Verſchleuderung aller Deiner Weis⸗ heit,“ rief der junge Mann lachend.„Ich moͤchte es wohl mit anſehen, wie Vater Pedro de Carascal, nach dem Beiſpiele ſeines alten Zöglings, ein Herumſtreicher würde, und das obendrein nur wegen eines ſeltſamen Einfalls. Aber beruhige Dich immerhin, mein vortrefflicher Vetter und verehrlicher Lehrer, denn ich kann Dir die Mühe erſparen. Bei allen meinen Reiſen zu Waſſer und zu Land— und Du weißt, es ſind deren nicht wenige für meine Jahre— habe ich die Erde immer eben, und das Meer am aller⸗ ebenſten gefunden, etwa einige unruhige Wellen ausgenommen.“ „Kein Zweifel, daß es dem Auge ſo vorkömmt; aber dieſer Colon, der weit mehr Reiſen gemacht hat, als Du, denkt anders. Er behauptet, die Erde ſey eine Kugel, und wenn er nach Weſten ſegle, ſo könne er Punkte erreichen, zu denen man bisher nur durch eine öſtliche Fahrt gelangte.“ „Bei St. Lorenzo, das iſt ein kühner Gedanke! Hat der Mann wirklich die Abſicht, ſich in das große atlantiſche Weltmeer zu wagen und darauf ſo lange fortzuſchiffen, bis er irgend ein fernes und unbekanntes Land erreicht?“ 63 „Gerade über dieſem Gedanken brütet er, und ſeit ſieben mühe⸗ vollen Jahren beſtürmt er den Hof mit der Bitte, ihm die nöthigen Mittel an die Hand zu geben. Ja, wie ich höre, hat er noch viel mehr Zeit, vielleicht noch weitere ſteben Jahre, darauf verwendet, um in anderen Ländern zu ſeinem Zwecke zu gelangen.“ „Wenn die Erde rund wäre,“ fuhr Don Luis mit einer ge⸗ dankenvollen Miene fort,„was könnte wohl all das Waſſer hindern, nach den niedrigeren Stellen abzufließen? Wie kömmt es, daß wir überhaupt Meere haben? und wenn er, wie Du angedeutet haſt, Indien auf der andern Seite zu finden glaubt, wie würde es da den Leuten möglich, aufrecht zu ſtehen? Es könnte ja nicht anders geſchehen, als indem ſie die Füße nach oben ſtreckten?“ *„Man hat dieſes auch Colon entgegengehalten, aber er be⸗ handelt derartige Einwürfe nur ſo oben hin. In der That fangen auch die meiſten unſerer Geiſtlichen an zu glauben, daß es kein Oben oder Unten gebe, es ſey denn in Beziehung auf die Ober⸗ fläche der Erde, und ſo ſtünde denn, von dieſer Seite aus, der An⸗ nahme kein großes Hinderniß im Wege.“ „Du willſt mir doch nicht glauben machen, Vater, daß ein Menſch auf ſeinem Kopfe gehen kann, und das noch obendrein mit dieſem edeln Gliede in der Luft? Beim heiligen Franciskus, Deine Bewohner von Cathay müſſen Krallen haben wie eine Katze, ſonſt würden ſie bald wegfallen.“ „Wohin, Luis?“ „Wohin, Vater Pedro? In die Hölle oder in den bodenloſen Abgrund. Es iſt nicht möglich, daß Leute mit in die Höhe gerich⸗ teten Füßen auf ihren Köpfen gehen können, wenn ſie keine feſtere Unterlage haben, als die Luft; auch müßten die Caravelen auf ihren Maſten ſegeln, was mir eine ſaubere Schifffahrt abgeben möchte. Was würde das Meer wohl hindern, aus ſeinem Bette zu ſtürzen, und auf die Feuer des Teufels zu fallen, um ſie auszulöſchen?“ „Mein Sohn Luis,“ fiel der Mönch mit Ernſt ein,„Deine Leichtfertigkeit führt Dich zu weit. Aber wenn Du die Anſicht dieſes Colon ſo lächerlich findeſt, ſo mochte ich doch Deine eigenen Vorſtellungen über die Geſtalt der Erde kennen lernen, die Gott mit ſeinem Geiſt und ſeiner Gegenwart ſo hoch geehrt hat.“ „Sie iſt ſo flach, als der Schild des Mauren, den ich bei dem letzten Ausfall erſchlug, ſo flach, als nur immer Stahl das Eiſen hämmern kann.“ „Du nimmſt alſo wohl an, daß ſie Gränzen hat?“ „Allerdings! und wenn es dem Himmel und der Donna Mer⸗ cedes von Valverde gefällt, ſo werde ich ſie ſehen, ehe ich ſterbe.“ „Du glaubſt alſo, es gebe einen Rand, oder einen Abſturz an den vier Seiten der Welt, welchen Menſchen erreichen und von wo aus ſie hinabſehen können, wie von irgend einem hohen Balkon?“ „Das Gemälde verliert nichts durch Deinen Pinſel. Ich habe mir das früher nie ſo genau erwogen, aber doch ſollte man denken, daß es eine ſolche Stelle gebe. Beim heiligen Fernando! das müßte ein Platz ſeyn, wo ſich ſogar das Metall eines Don Alonzo de Ojeda erproben könnte, wenn er ſich mit einem Fuß auf den Rand der Erde und mit dem andern auf eine Wolke ſtellte und eine Orange in den Mond würfe.“ „Ich fürchte, Luis, Du haſt Dich nie ſonderlich mit ernſten Dingen beſchäftigt. Doch um auf das Vorige zu kommen;— mir ſcheint die Anſicht und der Plan Colons nicht ohne Werth zu ſeyn, und ich habe nur zwei ernſte Einwürfe dagegen, von denen der eine auf einer Schwierigkeit, welche die heilige Schrift in den Weg legt, beruht, während der andere ſeinen Grund in der weiten, un⸗ geheuren, faſt nutzloſen Ausdehnung des Oceans hat, welcher uns nothwendig von Cathay trennen muß, da wir ſonſt ſchon lange etwas von dieſem Theile der Welt erfahren hätten.“ „Begünſtigen die Gelehrten die Anſicht des Mannes?“ „Die Sache iſt in einer Verſammlung zu Salamanka reiflich 65 erwogen worden, wobei ſich aber gar verſchiedene Meinungen aus⸗ ſprachen. Ein ernſtliches Hinderniß iſt die Befürchtung, daß wenn die Erde ſich wirklich als Kugel erweiſen ſollte, ein Schiff vielleicht durch eine weſtliche Fahrt wohl nach Cathay kommen könnte, daß aber bei der Rückkehr eine große Schwierigkeit eintreten müßte, weil es dann natürlich aufwärts ginge, wie es vorhin hinabgefahren wäre. Ich muß geſtehen, daß die Meiſten dieſen Colon verlachen, und ich fürchte, er wird ſeine Inſel Cipango nie erreichen, da es nicht den Anſchein hat, als ob je aus der Reiſe etwas werden ſollte. Es wun⸗ dert mich übrigens, daß er jetzt noch hier iſt, denn dem Vernehmen nach hat er ſich bereits verabſchiedet, um nach Portugal zu gehen.“ „Du ſagſt, Vater, der Mann habe ſich lang in Spanien auf⸗ gehalten?“ fragte Don Luis ernſt und mit einem unverwandten Blick auf Columbus' würdevolle Geſtalt, welcher unfern des Felſens, wo die Beiden ſich niedergelaſſen hatten, ruhig daſtand und dem prunk⸗ vollen Schauſpiele des Triumphzuges zuſah. „Sieben lange Jahre hatte er den Reichen und Großen angelegen, ihm mit den Mitteln zu Ausführung ſeines Planes an die Hand zu gehen.“ „Iſt er auch hinreichend mit Geld verſehen, um ſeine Bewer⸗ bung ſo lange fortſetzen zu können?“ „Dem Anſcheine nach iſt er arm— ja ich weiß ſogar, daß er für Geld Landkarten machte. Die eine Stunde verwandte er auf ſeine Diſputationen mit Philoſophen und auf ſeine Bittgänge bei den Fürſten, während er die nächſte in Arbeiten zubrachte, welche ihm ſeinen Unterhalt verſchaffen ſollten.“ „Deine Beſchreibung, Vater, treibt meine Neugierde ſo weit auf die Spitze, daß ich dieſen Colon wohl gerne ſprechen möchte. Ich ſehe, er ſteht noch immer dort unter der Menge; ich will daher hingehen und ihm ſagen, daß ich auch ſo eine Art Seefahrer bin; vielleicht bringe ich einige ſeiner eigenthümlichen Ideen aus ihm heraus.“ „Und in welcher Weiſe willſt Du die Bekanntſchaft eröffnen, mein Sohn?“ Donna Mercedes. 2te Aufl. 5 66 „Ich werde mich ihm als Don Luis de Bobadilla, den Neffen der Donna Beatriz de Moya und als einen Adeligen aus einem der erſten Häuſer von Caſtilien vorſtellen.“ „Und glaubſt Du, daß dieſes für Deine Abſicht genügen werde, Luis?“ erwiederte der Mönch lächelnd.„Nein— nein, mein Sohn; das mag wohl bei den meiſten Landkartenhändlern angehen, aber bei jenem Chriſtoval wirſt Du Deinen Zweck verfehlen. Der Mann iſt von der Groͤße ſeiner Plane ſo erfüllt und ſein Geiſt durch die umfaſſenden Ergebniſſe ſeiner unausgeſetzten Studien und Betrachtungen ſo ſehr erhoben, auch ſcheint er ſich ſeiner eigenen Kraft in einer Weiſe bewußt zu ſeyn, daß er ſogar Königen und Fürſten gegenüber ſeiner Würde nichts vergeben wird. Was Du im Sinne haſt, dürfte kaum Don Fernando, unſer hoher Gebieter, verſuchen, wenn er ſich nicht dem ſtummen Verweiſe, den er in dem Benehmen des Mannes finden würde, ausſetzen wollte.“ „Bei allen Heiligen, Pater Pedro, Du erzählſt mir da ganz außerordentliche Dinge von dieſem Manne und entzündeſt in mir immer mehr den Wunſch, ihn kennen zu lernen. Willſt Du Dir die Mühe nehmen, mich ihm vorzuſtellen?“ „Sehr gerne, denn ich möchte ſelbſt auch wiſſen, was ihn wieder an den Hof zurückgebracht hat, den er noch kürzlich in der Abſicht verließ, anderswo eine Unterſtützung für ſeine Plane zu ſuchen. Laß nur mich machen, mein Sohn Luis, und wir werden ſehen, was wir erzielen.“ Der Moͤnch und ſein lebhafter junger Gefährte ſtanden nun von ihrem Felſen auf, miſchten ſich in das Gedränge und ſchlugen ihre Richtung nach dem Orte ein, wo der Mann ſtand, welcher der Gegenſtand ihres Geſprächs geweſen und auch gegenwärtig noch der ihrer Gedanken war. Als ſie ihm nahe genug waren, um ihn anreden zu können, blieb Vater Pedro ſtehen und wartete geduldig des Augenblickes, 8⁸ 67 bis der Seemann ſeiner anſichtig wurde. Dieß währte einige Minuten, da Colon's Blicke auf die Thürme von Alhambra geheftet waren, wo man mit jedem Augenblicke das Signal der Beſitz⸗ ergreifung erwartete, und der flatterhafte, flüchtige und unbaͤndige Luis de Bobadilla, der nie ſeine hohe Geburt und die üblichen, mit perſönlichem Range verbundenen Auszeichnungen vergaß, begann bereits ſeine Ungeduld üͤber dieß lange Warten an den Tag zu legen, welches ihm nichts weiter, als die Bekanntſchaft eines ein⸗ fachen Landkartenhändlers und Piloten eintragen ſollte. Er drängte jedoch ſeinen Begleiter vergeblich, den Mann anzureden, bis endlich eine ſeiner eigenen lebhaften Bewegungen Columbus' Blicke ſeit⸗ wärts lenkte, der dann, als er in dem Moͤnche einen alten Bekann⸗ ten entdeckte, in der höflichen Weiſe jener Zeit mit demſelben Grüße wechſelte. „Wir dürfen uns Glück wünſchen, Sennor Colon, zu dem glorreichen Ausgang dieſer Belagerung, und ich freue mich, daß Ihr noch hier ſeyd, um ein Zeuge deſſelben zu ſeyn, denn ich hörte ſchon, daß wichtige Angelegenheiten Euch in ein anderes Land geführt hätten.“ „Gottes Finger iſt in allen Dingen zu erkennen, mein Vater. Ihr ſeht in dieſem günſtigen Ausgange den Sieg des Kreuzes, mir aber gibt er zugleich die Lehre, auszuharren, und ſagt mir ſo klar, als nur Ereigniſſe ſprechen können, daß das geſchehen müſſe, was Gott beſchloſſen hat.“ „Eure Nutzanwendung gefällt mir, Sennor, ſo wie überhaupt die Mehrzahl Eurer Anſichten von unſerer heiligen Religion. Aus⸗ dauer iſt in der That zu unſerem Heile nöthig, und ich zweifle nicht, daß ſich in der Art, wie unſere frommen Herrſcher dieſen Krieg geführt haben, nicht minder als in ſeinem glorreichen Ende ein treffender Beleg hier finden läßt!“ „Gewiß, Vater, und es gilt zugleich als ein Vorbild des Schickſals aller Unternehmungen, welche die Ehre Gottes und die Wohlfarth der Kirche zum Zwecke haben,“ antwortete Colon(oder 68 Columbus, wie dieſer Name im Lateiniſchen lautet) und ſein Auge leuchtete von jenem verborgenen Feuer, das ſo tief in der Seele eines Sehers und Begeiſterten zu glühen ſcheint.„Ihr möget es vielleicht nicht für vernünftig halten, wenn man aus dieſen groß⸗ artigen Ereigniſſen ſolche Folgerungen zieht; aber der heutige Triumph ihrer Hoheiten hat mich auf eine wunderbare Weiſe er⸗ muthigt, beharrlich zu bleiben und von meiner mühſamen Pilgerfahrt nicht abzulaſſen, denn beide haben den Sieg des Kreuzes im Auge.“ „Da es Euch gefällt, von Euren Plänen zu ſprechen, Sennor Colon, erwiederte der Mönch, auf ſeine Gedanken eingehend,„ſo iſt es mir nicht unangenehm, daß ſie gerade jetzt zwiſchen uns in Anregung kommen; denn hier iſt ein junger Verwandter von mir, welcher in einer jugendlichen Grille, die weder ſeine Freunde noch die Liebe zu bewältigen vermochten, ſich ein wenig in der Welt herumgetrie⸗ ben hat. Er hörte von Euren großartigen Planen und brennt vor Begierde, mehr davon aus Eurem eigenen Munde zu vernehmen, wenn Ihr Euch herablaſſen wolltet, ihm einige Zeit zu ſchenken.“ „ Ich fühle mich immer glücklich, den lobenswerthen Wünſchen jugendlicher und kühner Seelen zu entſprechen, und werde Eurem jungen Freunde gerne Alles mittheilen, was er zu wiſſen wünſcht,“ antwortete Columbus mit einer Einfachheit und Würde, welche auf einmal Don Luis' Abſicht, den Fremden in einer herablaſſenden Weiſe ſeine Ueberlegenheit fühlen zu laſſen, vereitelte, indem ſie dem jungen Manne bemerklich machte, daß er in der nun folgenden Unterhaltung ſich für den verpflichteten und geehrten Theil zu hal⸗ ten habe.—„Aber, Sennor, Ihr habt vergeſſen, mir den Namen des Ritters zu nennen.“ „Es iſt Don Luis de Bobadilla, ein Jüngling, der vielleicht durch ſeinen kühnen und weiter ſtrebenden Geiſt und durch ſeine Verwandtſchaft mit Eurer geehrten Gönnerin, der Marquiſin von Moya, welche ſeine Tante iſt, einige Anſprüche auf Eure Berück⸗ ſichtigung hat.“ 69 „Eines von Beiden wüͤrde ſchon zureichen, mein Vater. Ich liebe bei Jünglingen einen kühnen Geiſt, denn er iſt ohne Zweifel ein Geſchenk Gottes, um Seinen allweiſen und wohlwollenden Ab⸗ ſichten als Werkzeug zu dienen,— und gerade auf ihn gründet ſich auch hauptſächlich mein irdiſches Treiben und meine Hoffnung auf Unterſtützung. Nebendem zähle ich auch, außer dem Vater Juan Pirez de Marchena und dem Sennor Alonzo de Quintanilla, Donna Beatriz unter meine zuverläßigſten Freunde; ihr Vetter kann ſich daher meiner Achtung und Verehrung verſichert halten.“ Alles dieſes kam Don Luis ſeltſam vor, denn obgleich die Kleidung und das Aeußere dieſes unbekannten Fremden, welcher noch außerdem das Caſtilianiſche mit einem fremden Accente ſprach, achtenswerth war, ſo wußte er doch, daß er es mit einem Piloten oder Seefahrer, welcher ſich durch Händearbeit ſeinen Unterhalt verdiente, zu thun habe, und der Adel Caſtiliens war nicht daran gewöhnt, ſich von Leuten, welche nicht auf fürſtliches Geblüt An⸗ ſpruch machen konnten, ſo zu ſagen mit einer herablaſſenden Gunſt behandelt zu ſehen. Er fühlte ſich im Anfang geneigt, die Worte des Fremden übelzunehmen; dann wollte er ihm geradezu in's Geſicht lachen; als er aber bemerkte, daß ihn der Mönch mit großer Achtung behandelte und ihm ſelbſt auch das ganze Benehmen des berühmten Planmachers eine geheime Ehrfurcht einflößte, ſo fühlte er ſich nicht allein gedrungen, ein geeignetes Benehmen beizubehalten, ſondern er gab auch eine ſeinem Namen und ſeiner Erziehung ange⸗ meſſene höfliche Erwiederung. Die Drei zogen ſich nun mit einander ein wenig aus dem dichteſten Gewühl zurück und fanden auch bald einen Sitz auf einem der Felſen, deren viele zerſtreut umherlagen. „Wie Ihr ſagt, mein Vater, ſo hat Don Luis fremde Länder beſucht,“ begann Columbus, der nicht ermangelte, die Unterhaltung zu leiten, als ob er durch Rang oder durch perſönliche Anſprüche hiezu berechtigt ſey,—„und ſehnt ſich jetzt nach den Wundern und Gefahren des Oceaus?“ 3 70 „Dieß iſt allerdings ſein Berdienſt oder ſein Fehler, Sennor. Wenn er jedoch auf die Wünſche der Donna Beatriz, oder auf meinen Rath gehört hätte, ſo würde er ſeine ritterliche Laufbahn nicht unterbrochen haben, um eine andere, die ſo wenig mit ſeiner Geburt und Erziehung im Einklang ſteht, aufzunehmen.“ „Nicht doch, Vater! Ihr behandelt den Jüngling mit unver⸗ dienter Strenge. Man kann von einem Manne, der ſein Leben auf dem Ocean zubringt, nicht ſagen, daß er es auf eine unedle oder unnütze Weiſe verſchwende. Gott hatte, als er die verſchiedenen Länder durch weite Waſſerbehälter trennte, nicht die Abſicht, daß die Bewohner derſelben ſich fremd bleiben ſollten, ſondern wollte ſie ohne Zweifel in Mitten der Wunder, mit denen er das Weltmeer ausgeſchmückt hat, zuſammenführen, damit dadurch Sein Name und Seine Macht um ſo mehr verherrlicht werde. In der Jugend geben wir mehr unſeren Trieben als der Vernunft nach, und wir Alle haben wohl in dieſer Zeit unſere gedankenloſen Augenblicke. Ich geſtehe gerne zu, daß es auch bei mir der Fall war, und bin daher nicht geneigt, dieſen Fehler an Don Luis allzuſtrenge zu nehmen.“ „Ihr habt vielleicht auf dem Meere gegen die Ungläubigen geſtritten, Sennor Colon?“ bemerkte der junge Mann nicht wenig verlegen, wie er den von ihm ſo ſehr erſehnten Gegenſtand am geeignetſten zur Sprache bringen ſolle. .„Ja! und auch auf dem Lande, mein Sohn.“— Dieſe Ver⸗ traulichkeit wollte dem jungen Adeligen nicht ſehr behagen, obgleich er nichts dagegen einwenden konnte.—„Auch auf dem Lande. Es gab eine Zeit, wo ich ein Vergnügen daran fand, zu erzählen, wie ich unzähligen Gefahren des Kriegs und der Stürme entkommen bin; ſeit mich aber Gottes Allmacht zu höheren Dingen angeregt hat, welche die Vollziehung ſeines Willens und die Verbreitung ſeines Wortes über die ganze Erde bezwecken, mag mein Gedächtniß nicht länger dabei verweilen.“ Vater Pedro bekreuzte ſich und Don Luis zuckte lächelnd die 71 Achſeln, wie Jemand zu thun pflegt, der etwas außer ſeinem Ge⸗ ſichtskreiſe Liegendes mit anhört; der Seefahrer aber fuhr in der ernſten, würdevollen Weiſe, welche ſeinem Charakter anzugehören ſchien, fort: „Es ſind ſchon viele Jahre verfloſſen, ſeit ich unter meinem Vetter und Namensverwandten, dem jüngeren Colombo(wie er zum Unterſchiede von ſeinem Onkel, dem alten Admirale, welcher denſelben Namen trug, genannt wird), an jenem merkwürdigen Kampfe Theil nahm, welcher nördlich von dem Cap St. Vinzenz ſtattfand. An jenem blutigen Tage bekämpften wir die Feinde— reichbefrachtete Venezianer— vom Morgen bis zum Abend, und doch führte mich der Herr unbeſchädigt aus dieſem heißen Gefechte. Bei einer andern Gelegenheit wurde die Galeere, welcher ich den Dienſt meiner Waffe geliehen hatte, ein Raub der Flammen, und ich mußte mir durch ein Ruder nach dem ziemlich entfernten Lande helfen. Ich ſehe in allen dieſen Dingen die Hand Gottes, der einem ſeiner unbedeutenden Geſchöpfe keine ſolche bezeichnenden Merkmale Seiner zärtlichen Vaterſorge hätte zu Theil werden laſſen, wenn Er es nicht dazu beſtimmt hätte, zur Verbreitung Seiner Ehre und Herrlichkeit beizutragen.“ Obgleich das Auge des Seefahrers bei dieſen Worten leuch⸗ tender wurde und ſeine Wangen in einer Art heiliger Begeiſterung erglühten, ſo war es doch unmoglich, den ſo ernſten, würdevollen und auch in ſeinen Uebertreibungen(wenn man ſie ſo nennen darf) maaßhaltenden Mann, mit jenen Eiteln und Leichtſinnigen zu ver⸗ wechſeln, die augenblickliche Aufregungen für unzerſtörbare Ein⸗ drücke und vorübergehende Träumereien für dauernde Ueberzeugungen nehmen. Statt zu lächeln, oder in irgend einer Weiſe kund zu thun, daß er die Anſichten des Andern leichthin betrachte, ſchlug Vater Pedro wieder demüthig ein Kreuz und zeigte durch die Theilnahme, welche ſein Geſicht ausdrückte, wie ſehr er das tiefe religiöſe Gefühl des Sprechers zu würdigen wiſſe. 72 „Die Wege Gottes ſind oft für ſeine Geſchöpfe tiefe Geheim⸗ niſſe,“ ſagte der Mönch;„aber wir wiſſen, daß ſie alle zur Verherr⸗ lichung ſeines Namens und zum Preiſe ſeiner Eigenſchaften dienen.“ „Das iſt auch mein Glaube, Vater, und unter dieſem Geſichts⸗ punkte habe ich immer meine eigenen demuͤthigen Bemühungen, Ihn zu ehren, betrachtet. Wir ſind nur Werkzeuge, und noch obendrein fehr unnütze Werkzeuge, wenn wir bedenken, wie wenig unſer eigener Verſtand und unſere eigenen Kräfte auszurichten vermögen.“ „Dort kömmt das heilige Sinnbild unſerer Erlöſung! der leitende Stern auf unſerem Lebenspfade!“ rief der Mönch und ſtreckte begeiſtert beide Arme aus, als ob er den fernen Gegenſtand, der an dem Himmel auftauchte, erfaſſen wolle, fiel auf ſeine Knie nieder und beugte ſein kahles Haupt in tiefer Demuth zur Erde. Columbus wandte den Blick nach der durch die Bewegungen ſeines Gefährten angedeuteten Richtung und ſah das große ſilberne Kreuz, welches die Herrſcher während des ganzen letzten Kriegs als das Mahnungszeichen an ihre hohe Aufgabe mit ſich geführt hatten, auf dem Hauptthurme von Alhambra glänzen. Im nächſten Augenblicke entfalteten ſich an anderen hochgelegenen Stellen die Banner von Caſtilien und St. Jago. Bald ließ ſich der Triumph⸗ geſang vernehmen, in den ſich die Hymnen der Kirche mengten: das Te Deum wurde angeſtimmt und die Chöre der königlichen Capelle ließen auf dem offenen Felde den Preis des Herrn der Heerſchaaren ertönen. Nun folgte eine Scene der erhabenſten religiöſen Pracht, mit militäriſchem Prunke gemiſcht, welche jedoch mehr der allgemeinen Geſchichte, als den Einzelnheiten unſerer Erzählung angehört. 73 Fünftes Kapitel. Wer weiß es nicht, wie kraftlos Worte tönen, Wenn's feſtzuhalten gilt den Himmelsſtrahl des Schönen? Wer fühlte nicht— bis ihm des Auges Licht, Von Nacht umſchleiert, im Entzücken bricht, Die Wang' erblaßt, der Herzſchlag ſtille ſteht— Der Anmuth hehre, heil'ge Majeſtät? Byron. In jener Nacht ſchlief der Hof von Caſtilien und Aragon in dem Palaſte von Alhambra. Sobald die im vorigen Kapitel er⸗ wähnte religiöſe Feierlichkeit zu Ende war, ſtrömte die Menge nach dem Palaſte, und das Fürſtenpaar folgte mit einer Würde und Pracht, welche ſeiner hohen Stellung angemeſſen war. Da Iſa⸗ bellens Gegenwart und die Verzögerung der Uebergabe eine große Menge Frauen— außer denen, deren Pflicht es war, ihrer königlichen Gebieterin zu folgen— in das Lager geführt hatte, ſo zogen die jungen chriſtlichen Edeln, von ihren Frauen und Schweſtern begleitet, mit eifriger Haſt durch die berühmten Höfe und die mit erhabener Arbeit verzierten Gemächer dieſer merkwürdigen Reſidenz; und die Neugierde ließ ſich nicht einmal durch den Einbruch der Nacht be⸗ ſchwichtigen, welche ihrer Befriedigung vorderhand ein Ziel ſetzte. Insbeſondere war der Hof der Löwen, ein Platz, der gegen⸗ wärtig noch in der ganzen Chriſtenheit wegen der Ueberbleibſel orientaliſcher Schönheit berühmt iſt, von Boabdil in dem beſten Zuſtande zurückgelaſſen worden, und ſtand jetzt, obgleich mitten im Winter, durch Beihülfe menſchlicher Kunſt in dem herrlichſten Schmucke bunter Blumen da, während die benachbarten Hallen, die der Zwei Schweſtern und der Abencerragen, auf's Glänzendſte be⸗ leuchtet waren und von Kriegern und Hofleuten, würdigen Prieſtern und üppigen Schönen wimmelten. Obgleich jedes ſpaniſche Auge mit der leichten eigenthümlichen 74 Anmuth mauriſcher Baukunſt vertraut war, ſo übertraf doch die Pracht von Alhambra die aller anderen unter der Herrſchaft der Moslemim auf dieſem Theile der Erde aufgeführten Paläſte ſoweit, daß die Zuſchauer durch die Majeſtät dieſes Gebäudes auf's Leb⸗ hafteſte überraſcht wurden. Reiche Stuckarbeiten, eine damals in der Chriſtenheit wenig gekannte, aus dem Oſten ſtammende Kunſt, und gefällige ſinnreiche Arabesken, Verzierungen, die in der geiſt⸗ vollen Behandlung des unſterblichen Raphaels auch in unſeren Tagen ſo beliebt geworden ſind, ſchmückten die Wände, während die Waſ⸗ ſerſtrahlen herrlicher Fontänen in die Luft ſchoßen und in Tauſenden funkelnder Brillanten wieder zurückfielen. Unter dem Gedränge, welches ſich auf dieſem Schauplatze einer faſt magiſchen Herrlichkeit bewegte, befand ſich auch Beatriz de Bobadilla, ſeit langer Zeit die unter dem Namen der Marquiſe von Moya allgemein bekannte Gattin von Don Andres de Cabrera, die treue und innige Freundin der Königin: denn ſo muß man ſie nennen, da der Ausdruck„Gunſtling“ nicht auf das innige Ver⸗ hältniß paſſen würde, in welchem ſie zu Iſabellen ſtand und welches ſich erſt mit dem Tode ihrer hohen Gebieterin auflöste. Sie hatte eine junge Dame von ſo merkwürdigem Aeußeren am Arme, daß nur wenige Fremde an derſelben vorbeigingen, ohne ſich umzu⸗ wenden, um noch einen Blick auf ein Antlitz zu werfen, wie man es ſelten findet und ſelten vergißt. Dieſe Dame war Donna Mer⸗ cedes de Valverde, eine der edelſten und reichſten Erbinnen von Caſtilien, die Verwandte, Mündel und Adoptivtochter der Freundin Iſabella's. Es war jedoch weniger die ausgezeichnete Schönheit der Donna Mercedes, welche ihre Erſcheinung ſo merkwürdig und anziehend machte(denn trotz der weiblichen Zartheit und Anmuth ihrer Geſtalt und ihres anſprechenden Geſichtes gab es doch Viele an dieſem glänzenden Hofe, welche man allgemein für ſchöner hielt), ſondern eher das Seelenvolle und der Ausdruck des tiefſten inneren Gefühles, das ihre Züge beleuchtete und das in ganz Caſtilien 75 nicht ſeines Gleichen fand. In der That würde auch ein Phyſiognom von Fach mit Entzücken die Linien der tiefinnewohnenden, ernſten und ruhigen Begeiſterung verfolgt haben, die ein Antlitz faſt bis zum Schwermüthigen beſchatteten, welches Schickſal und Herz für die Sonne der Heiterkeit beſtimmt zu haben ſchien. Demungeachtet aber war es heiter, und der Schatten, der darauf ruhte, ſchien den Ausdruck deſſelben eher zu mildern und anſprechend zu machen, ſtatt deſſen Ruhe zu trüben und ſeine zarte Lieblichkeit zu umwölken. Auf der andern Seite der edlen Matrone ging Luis de Boba⸗ dilla, der ſich ein wenig vor ſeiner Tante hielt, damit ſeine eigenen dunkeln Gluthblicke, ſo oft es Gefühl und Anſtand geſtatteten, den ſchönen, ausdrucksvollen blauen Augen von Mercedes begegnen konnten. Die drei unterhielten ſich unbefangen, denn das Herrſcher⸗ paar hatte ſich in ſeine Gemächer zurückgezogen, und die Gruppen der Vorübergehenden waren zu ſehr mit der Neuheit ihrer Um⸗ gebung und ihrer Unterhaltung beſchäftigt, um auf die Bemerkungen Anderer zu achten. „Es iſt ein Wunder, Luis,“ bemerkte Donna Beatriz, als Fortſetzung eines Geſpräches, das augenſcheinlich für Alle von großem Intereſſe war,„daß ſo ein ſchlendernder Herumſtreicher wie Du, erſt heute zum erſtenmal von dieſem Colon hörſt. Schon ſeit Jahren hat er Ihre Hoheiten um Dero gnädigen Beiſtand zur Ausführung ſeiner Plane angegangen. Der Gegenſtand ſeiner Entwürfe wurde ernſtlich von einer Gelehrten⸗Verſammlung in Salamanka geprüft, und er hat ſogar am Hofe Gläubige gefunden.“ „Unter die auch Donna Beatriz de Cabrera zu rechnen iſt,“ ſagte Mercedes mit jenem melancholiſchen Lächeln, welches ſo ſehr geeignet war, die Lichtblicke des tiefen Gefühls, das ſich in ihrer Seele barg, ſichtbar werden zu laſſen.„Ich habe Ihre Hoheit oft erklären hören, daß Colon keinen treuern Freund in Caſtilien beſäße.“ „Ihre Hoheit täuſcht ſich ſelten, Kind, und am allerwenigſten 76 in meinem Herzen. Es iſt wahr, ich unterſtütze den Mann, denn er ſcheint mir für eine große und ehrenvolle Unternehmung ganz geſchaffen zu ſeyn— und gewiß wurde nie eine größere von dem menſchlichen Geiſte erdacht, als die von ihm vorgeſchlagene. Denke nur, wir ſollen mit allen Nationen auf der andern Seite der Erde bekannt werden— einen leichten und unmittelbaren Weg auffinden, mit ihnen in Verkehr zu treten und ihnen die Tröſtungen der hei⸗ ligen Kirche zufließen zu laſſen.“ „Ach! Sennora Tante,“ rief Luis lachend,„und in ihrer ange⸗ nehmen Geſellſchaft mit den Füßen in der Höhe und den Köpfen unten ſpazieren zu gehen. Ich hoffe, dieſer Colon hat nicht ver⸗ abſaͤumt, ſich auch in dieſer Kunſt ein wenig zu üben, denn es wird einige Zeit nöthig ſeyn, bis man unter ſolchen Umſtänden feſten Fuß gewinnen kann. Es möchte wohl gut ſeyn, wenn er ſein ABC damit begänne, daß er, den Kopf ſenkrecht gegen ſeine Unterlage, dieſe Felſenwände hinanſpazierte; dann könnte er es mit den Wänden und Thürmen dieſer Alhambra probiren— ein Verſuch, der ſich recht artig als die Grammatik dieſer Schule betrachten ließe; und ſo ginge es dann weiter, bis in dieſer Kunſt nichts mehr zu wünſchen übrig wäre.“ Mercedes hatte unwillkührlich, aber mit vieler Wärme den Arm ihrer Beſchützerin gedrückt, als Donna Beatriz ihre lebhafte Theilnahme an dem Fortgange des großen Entwurfes zugeſtand, aber bei Don Luis Ausfall wurde ſie ernſt und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick z. Es war der glühendſte Wunſch des jungen Mannes, die Liebe der Mündel ſeiner Tante zu gewinnen, und ein Blick der Unzu⸗ friedenheit konnte zu jeder Zeit das Ueberſprudeln jenes Muthwillens zurückdrängen, der den Ritter oft in dem Lichte eines Leichtſinnes erſcheinen ließ, welcher mit Unrecht die in der That ſchätzenswerthen Eigenſchaften ſeines Geiſtes und Herzens in Schatten ſtellte. Durch dieſen Blick ermahnt, ſäͤumte er auch keinen Augenblick, ſein 77 Vergehen gut zu machen, indem er faſt unmittelbar nach dem Schluſſe der obigen Worte wieder fortfuhr: „Donna Mercedes iſt, wie ich ſehe, auch von der Entdeckungs⸗ partei. Dieſer Colon ſcheint bei den Damen Caſtiliens mehr Glück zu machen, als bei den Edeln—“ „Iſt es etwas ſo Außerordentliches, Don Luis,“ unterbrach ihn die junge Denkerin,„wenn die Frauen mehr Vertrauen zu dem Verdienſte haben und ſich mehr von hochſinnigen Anregungen und dem Eifer für die Sache Gottes leiten laſſen, als die Maͤnner?“ „Es muß wohl ſo ſeyn, da Ihr und meine Tante, Donna Beatriz, auf der Seite des Seefahrers ſtehet. Aber man muß nicht alles, was ich ſo leicht hinwerfe, für baare Münze annehmen“— Mercedes lächelte jetzt, aber diesmal mit einiger Schalkhaftigkeit— „Ich habe nie meine Schule unter den Troubadours gemacht und in der That auch den Unterricht der Geiſtlichen mir nie allzu tief zu Herzen genommen. Um übrigens ehrlich zu ſprechen,— dieſer große Gedanke hat mich ungemein hingeriſſen, und wenn Sennor Colon in der That ausſegelt, um Cathay und Indien auf⸗ zuſuchen, ſo werde ich Ihre Hoheiten um die Erlaubniß bitten, an der Fahrt theilnehmen zu dürfen, da es, ſeit wir mit den Mauren fertig geworden ſind, ohnehin in Spanien wenig für ein adeliges Blut zu thun gibt.“ „Wenn Du wirklich die Fahrt mitmachſt,“ ſagte Donna Beatriz mit ernſter Ironie,„ſo wird wenigſtens, wenn Ihr Cathay erreicht, Ein menſchliches Weſen dort ſeyn, bei dem das Oberſte zu unterſt gekehrt iſt.— Doch ich ſehe dort einen Diener des Hofes, der mich wahrſcheinlich zu Ihrer Hoheit beſcheiden wird.“ Der Bote kam, um die Dame von Moya, wie ſie vermuthet hatte, vor die Königin zu laden. Die Sitte der Zeit und des Landes geſtattete es nicht, daß Donna Mereedes allein im Geleite von Don Luis ihren Spaziergang fortſetzte, weßhalb ſie von der Marquiſe nach den ihr ſelbſt angewieſenen Gemächern geführt wurden. Aber ſelbſt als ſie den Salon erreicht hatten, welcher dem Range einer Freundin der Königin entſprechend aus den zahlloſen weiten Hallen der Mauriſchen Könige ausgewählt worden war, zoͤgerte Donna Beatriz einen Augenblick, um zu überlegen, ob es gerathen ſey, ihre Mündel mit dem wilden Neffen allein zu laſſen. „Wenn auch ein irrender Ritter, ſo iſt er doch kein Troubadour und kann daher Dein Ohr nicht mit ſchlechten Verſen bezaubern. Es wäre vielleicht beſſer, ich ſendete ihn mit der Guitarre unter Deinen Balkon; da ich aber zu gut weiß, was er für ein lang⸗ weiliger Menſch iſt, ſo will ich ihm trauen und ihn die Paar Minuten, welche ich abweſend ſeyn werde, bei Dir laſſen. Ein Cavalier, der einen ſo großen Widerwillen dagegen hat, die Ord⸗ nung der Natur zu verkehren, wird ſich ſicherlich nicht ſo weit herablaſſen, auf den Knieen zu gehen, ſelbſt wenn er ſich dadurch das Laͤcheln der lieblichſten Jungfrau in ganz Caſtilien gewinnen könnte.“ Don Luis lachte; Donna Beatriz küßte lächelnd ihre Pfleg⸗ befohlene und verließ das Zimmer, während Donna Mercedes ihren Blick erröthend zur Erde ſenkte. Luis de Bobadilla war der er⸗ klärte Verehrer und Ritter von Mercedes de Valverde, aber trotz der Vortheile ſeiner Geburt, ſeiner Beſitzungen, der Verwandtſchaft und Geſtalt ſtanden doch dem Erfolge ſeiner Bewerbungen ernſtliche Hinderniſſe im Wege. Die Verbindung konnte allerdings nach den Rückſichten, welche gewöhnlich den Ausſchlag zu geben pflegen, eine wünſchenswerthe genannt werden, aber dennoch waren in den Be⸗ denklichkeiten der Marquiſin gewichtige Einflüſſe zu überwinden. Da ſie die edeln und ſchönen Grundſätze ihrer königlichen Gebieterin theilte und mit Stolz Alles zurückwies, was den Anſchein einer unwürdigen Handlung hatte, ſo waren gerade die Vortheile, welche ihrem Neffen durch eine ſolche Heirath geboten wurden, für Donna Beatriz ein Grund der Zögerung. Don Luis hatte in ſeinem Cha⸗ racter wenig von dem ſprichwörtlichen caſtilianiſchen Ernſte, und Vielen mochte wohl ſein lebhafter Geiſt als natürlicher Leichtſinn oder Gedankenloſigkeit erſcheinen. Seine Mutter ſtammte aus einer ſehr angeſehenen Familie Frankreichs, und der Nationalſtolz hatte die meiſten Beobachter zu der Vermuthung veranlaßt, daß der Sohn jene Anlage zur Leichtfertigkeit von ihr geerbt habe, welche ſich als Grundzug in dem Character des ganzen Volkes nachweiſen ließ. Der Jüngling wußte, daß man in der Heimath dieſe Mei⸗ nung von ihm hege und war gerade deßhalb auf Reiſen gegangen, welche ihm bei ſeiner Rückkehr, wie es allen Reiſenden von Beobach⸗ tungsgabe zu gehen pflegt, die Mängel des heimathlichen geſelligen Zuſtandes doppelt empfindlich machten. Die Folge davon war eine Entfremdung zwiſchen ihm und ſeinen Jugendgenoſſen, welche den jungen Mann immer wieder auf's Neue in die Fremde trieb. Auch konnte ihn in der That nur ſeine frühe und ſich immer ſteigernde Leidenſchaft für Mercedes zur Rückkehr veranlaſſen— ein Schritt, den er glücklicherweiſe gerade zur rechten Zeit gethan hatte, um bei der Eroberung von Granada noch mitwirken zu können. Abgeſehen jedoch von dieſen Zügen, die vielleicht nur in Caſtilien als Sonder⸗ barkeiten erſcheinen mochten, war Don Luis von Bobadilla ein ſeiner Abkunft und ſeines Namens würdiger Ritter. Seine Tapfer⸗ keit auf dem Schlachdfelde ſowohl, als in den Schranken des Tur⸗ nierplatzes hatte ihm ungeachtet ſeiner ſcheinbaren Mängel einen hohen militäriſchen Ruf erworben; auch galt er allgemein eher für einen unbeſonnenen Wagehals als für einen in moraliſcher Hinſicht anrüchigen Character. Zudem erſchienen beſonders in dieſer Periode kriegeriſche Vorzüge als ein Deckmantel für tauſend Fehler, und man wußte von Don Luis, daß er im Kampfſpiele ſogar den Don Alonzo de Ojeda, damals die erprobteſte Lanze Spaniens, aus dem Sattel gehoben hatte. Einem ſolchen Mann konnte wohl keine Verachtung treffen, wenn man ihn auch mit mißtrauiſchen Augen beobachtete. Die Gefühle der Dame von Moya waren jedoch eben ſo ſehr 80 durch ihren eigenen Character als durch den ihres Neffen bedingt. Sie wußte die wahren Eigenſchaften deſſelben viel beſſer zu wür⸗ digen, als dieſes von bloß oberflächlichen Beobachtern geſchah, und gerade bei ihrer Gewiſſenhaftigkeit hatte ſte ihre eigenen Bedenken, ob es auch erlaubt ſey, die reiche Erbin, welche ihrer Pflege anver⸗ traut war, einem ſo nahen Verwandten zu vermählen, wenn ein ſolcher Schrilt nicht allgemeinen Beifall finden mußte. Auch fürchtete ſie, daß ihre Vorliebe für Luis ſie irre leiten möchte— daß er vielleicht doch der leichtfertige Menſch ſey, als welcher er bis⸗ 2* weilen in den Augen der Caſtilianer erſchien, und daß unter ſolchen Umſtänden das Glück ihrer Mündel leicht das Opfer ihrer Unklug⸗ 3 heit werden koͤnnte. Unter dem Einfluſſe ſolcher Zweifel beobachtete ſie bei den Bewerbungen ihres Neffen, ſo wünſchenswerth ihr auch im Stillen dieſe Verbindung vorkommen mochte, öffentlich eine abgemeſſene Kälte, und obgleich ſte, ohne eine Härte an den Tag zu legen, zu welcher durch die Umſtände kein Anlaß geboten wurde— den Verkehr der jungen Leute nicht ganz hindern konnte, ſo nahm ſte doch häufig die Gelegenheit wahr, Mercedes ihr Mißtrauen kund zu thun, wobei ſie auch noch die Vorſicht anwandte, den ſchönen Freier, obgleich derſelbe nicht ſelten in ihrem Hauſe wohnte, ſo wenig als möglich mit ihrer Mündel allein zu laſſen. Die Gefühle der Donna Mercedes waren nur ihr ſelbſt be⸗ kannt. Sie war ſchön, aus einer angeſehenen Familie und eine Erbin; und da unter der ſtattlichen Außenſeite des fünfzehnten Jahrhun⸗ derts eben ſo gut als heut zu Tage menſchliche Schwächen ver⸗ borgen waren, ſo hörte ſie oft die angeblichen Mängel in Don Luis Character von ſolchen beſpötteln, die ihn um ſeine ſchöne Geſtalt und ſeine glücklichen Verhältniſſe beneideten. Wenige junge Frauen wuͤrden den Muth gehabt haben, unter ſolchen Umſtänden 4 ſeine ausſchließliche Bevorzugung blicken zu laſſen, ehe ſie vorbe⸗ reitet geweſen wäre, ihre Wahl eingeſtehen und mit dem Gegen⸗ ſtand derſelben gegen die ganze Welt in Schranken zu treten; 81 und die ſtille, aber tiefe Begeiſterung, welche das ganze innere Leben der ſchönen jungen Caſtilianerin durchhauchte, wurde zudem noch durch eine Klugheit geleitet, welche jede Uebereilung um ſo mehr ver⸗ hinderte, da ſie in den Formen und Gewohnheiten, welche gewöhn⸗ lich junge Damen von Stand umgeben, einen nicht unbedeutenden Stützpunkt fand. Selbſt Don Luis, obgleich er jeden ihrer Züge und jede ihrer Regungen mit der Eiferſucht und dem Scharfblicke eines Liebhabers bewachte, war ſehr im Zweifel, ob es ihm auch nur im mindeſten gelungen ſey, einen Eindruck auf ihr Herz zu machen. Durch eine jener unvorhergeſehenen Verkettungen von Umſtänden aber, die ſo oft im Schickſale der Menſchen, betreffe es nun die Liebe oder weniger poetiſche Gegenſtände, den Ausſchlag geben, ſollte dieſe Ungewißheit ein unverhofftes und plötzliches Ende nehmen. Der Sieg der chriſtlichen Waffen, die Neuheit der Umgebung und das Erhebende der ganzen Scene hatten Mercedes' Gefühle jener ſcheuen Zurückhaltung entlockt, in welcher ſie gewöhnlich unter dem Banne mädchenhafter Schuchternheit verſtrickt lagen. Ihr Lächeln war den ganzen Abend offener, ihre Augen leuchtender und ihre Wangen höher geröthet geweſen, als man dies ſonſt bei einem Weſen bemerkte, deſſen Lächeln immer ſüß, deſſen Auge nie leblos war, und deſſen Wangen in einer ſo leicht anregbaren Wechſel⸗ beziehung zu den tiefſten Gefühlen ſeiner Seele ſtanden. Als die Tante das Zimmer verlaſſen hatte und Don Luis, das erſtemal ſeit ſeiner Rückkehr von dem letzten Streifzuge, mit Mer⸗ cedes allein war, warf er ſich auf einen Schemel, der zu den Füßen ſeiner Angebeteten ſtand, während ſie ſelbſt ſich auf einem pracht⸗ vollen Divan niederließ, welcher vor vier und zwanzig Stunden noch einer Prinzeſſin aus Abdallah's Familie den gleichen Dienſt geleiſtet hatte. „So ſehr ich Ihre Hoheit achte und verehre,“ begann der junge Mann lebhaft,„ſo iſt doch mein Reſpekt und meine Donna Mercedes. 2te Aufl. 6 8² Verehrung jetzt noch um das Zehnfache geſteigert worden. Ich wollte, ſie ſchickte dreimal nach meiner lieben Tante, wo ihre Dienſte nur Einmal nöthig ſind, und ihre Gegenwart würde der hohen Herrin ſo unerläßlich, daß die Angelegenheiten Caſtiliens ohne ihren Rath keinen Schritt von der Stelle rücken könnten, wenn nur ich dadurch eine ſo günſtige Gelegenheit gewänne, Donna Mercedes, Euch Alles zu ſagen, was ich fühle.“ „Die Zungenfertigen und Ungeſtümen fühlen nicht immer am tiefſten, Don Luis de Bobadilla!“ „Dieſe fühlen gar nicht, Mercedes. Du kannſt an meiner Liebe nicht zweifeln: ſie iſt mit mir aufgewachſen und erweiterte ſich, wie ſich mein Ideenkreis erweiterte, bis ſie endlich mit meiner ganzen Seele ſo verwebt wurde, daß Dein theures Bild ohne Unterlaß ſich in mein ganzes Thun und Sinnen miſcht. In allem, was ſchön iſt, ſehe ich Dich; wenn ich den Geſang eines Vogels höre, tönt es für mich wie die Melodie Deiner Laute, oder wenn ich fühle, daß der ſanfte Südwind von den duftigen Inſeln her meine Wange fächelt, ſo möchte ich gerne denken, es ſeyen Deine Seufzer.“ „Ihr habt Euch ſo lange an dem leichtfertigen, franzöſiſchen Hofe aufgehalten, Don Luis, daß Ihr ganz vergeſſen zu haben ſcheint, wie das Herz eines caſtilianiſchen Mädchens zu wahr und aufrichtig iſt, um ſolchen Wortkram wohlgefällig aufzunehmen.“ Wäre Don Luis älter oder mit den Gefühlen des ſchönen Geſchlechts bekannter geweſen, ſo hätte er ſich durch dieſen Verweis geſchmeichelt finden mögen; denn in dem Benehmen der Sprecherin verriethen ſich nicht minder Gefühle von zarterer Natur, denn der Ausdruck ihrer Worte, als auch die Merkmale eines innigen Bedauerns. „Wenn Du bloßen Wortkram bei mir zu finden glaubſt, ſo thuſt Du mir ſehr unrecht. Ich weiß vielleicht nicht, meine Ge⸗ danken und Gefühle auf eine geeignete Weiſe geltend zu machen, aber nie hat meine Zunge gegen Dich, Mercedes, etwas laut werden 83 laſſen, was nicht aus der Quelle eines ehrlichen Herzens floß. Warſt Du nicht bereits meine Liebe, als wir noch Kinder waren? habe ich nicht in allen Spielen und heiteren Ergötzlichkeiten jener ſchuldloſen Periode immer gezeigt, wie ſehr ich Dich auszeichnete?“ „Wahrlich ſchuldlos,“ erwiederte Mercedes, und ihr Blick, der gewiſſermaßen von einem Strome heiterer Bilder und lieblicher Erinnerungen erglänzte, that in einem Augenblick mehr, um die Schranken ihrer Zurückhaltung niederzureißen, als die Schule vieler Jahre aufzurichten im Stande geweſen war.„Damals wenigſtens warſt Du aufrichtig, Luis, und ich ſetzte volles Vertrauen in Deine Freundſchaft und Deinen Wunſch, mir zu gefallen.“ „Der Himmel ſegne Dich für dieſe köſtlichen Worte, Mercedes; denn ſeit zwei Jahren haſt Du das erſtemal zu mir geſprochen, wie Du ſonſt thateſt— haſt mich Luis genannt, ohne das verwünſchte höfiſche Don beizuſetzen.“ „Ein edler Caſtilianer ſollte ſeine Würde nie leichthin betrachten: und er iſt es ſeinem Range ſchuldig, Sorge zu tragen, daß ſie auch von Andern geachtet werde,“ verſetzte unſere Heldin mit zur Erde geſenktem Blick, als bereue ſie bereits ihre Vertraulichkeit. „Ihr habt mich ſchnell wieder an meine Vergeßlichkeit erinnert, Don Luis de Bobadilla.“ „Ach, dieſe meine unglückliche Zunge läuft immer von dem Wege ab, den ich ſie führen möchte! Haſt Du nicht in allen mei⸗ nen Blicken, in allen meinen Handlungen und allen meinen Beweg⸗ gründen den glühenden Wunſch entdeckt, Dir, und auch nur Dir zu gefallen, liebliche Mercedes? Als Ihre Hoheit mir für den Sieg im letzten Turniere den Dank reichte, ſuchte ich Dein Auge, um zu fragen, ob Du es auch bemerkeſt. Haſt Du je einen Wunſch ge⸗ äußert, den ich nicht mit Freuden zu erfüllen geeilt hätte?“ „Nein, Luis, denn Du machſt mich jetzt ſelbſt ſo kühn, Dich zu erinnern, daß ich den Wunſch ausdrückte, Du möchteſt Deine letzte Reiſe nach dem Norden unterlaſſen, und doch gingeſt Du. Ich fühlte, daß Du das Mißfallen der Donna Beatriz auf Dich ziehen würdeſt, weil Dein Hang zum Herumziehen ſie befürchten ließ, er möͤchte Dir zur andern Natur werden und Dir die Ungnade der Königin eintragen.“ „Wohl haſt Du für Deinen Wunſch dieſen Grund namhaft gemacht, aber es verwundete meinen Stolz, daß mein Charakter von Mercedes de Valverde ſo wenig verſtanden werden ſollte, um auch nur der Moͤglichkeit des Gedanken Raum zu laſſen, daß ein Edler meines Namens und meiner Abkunft ſeiner Pflichten ſo weit vergeſſen könne, um zu dem bloßen Genoſſen von Piloten und Abenteurern herabzuſinken.“ „Du konnteſt nicht wiſſen, ob ich dieſe Anſicht theile.“ „Hätteſt Du mich um Deinetwillen bleiben heißen, Mercedes, — ja hätteſt Du mir als Deinem Ritter oder als einem Manne, welcher ſich nur ein klein wenig Deiner Gunſt erfreut, die ſchwerſten Dienſte auferlegt, ſo würde ich mich weit lieber von dem Leben, als von Caſtilien getrennt haben; aber ich konnte ja für all die Qual, die ich um Deinetwillen fühlte, nicht einmal einen freund⸗ lichen Blick erringen.“ „Qual, Luis?“ „Iſt es nicht eine Qual, in einem Grade zu lieben, daß man die Erde küſſen möchte, die der Fuß des theuern Gegenſtandes be⸗ rührte, wenn man dadurch nicht einmal ein ermuthigendes Wort, einen freundlichen Blick oder irgend ein Zeichen erringt, aus dem ſich erkennen ließe, daß das Weſen, von dem die ganze Seele erfüllt iſt, in dem Verehrer doch ein wenig mehr als den unbeſonnenen Herumſtreicher und den hirnloſen Abentheurer erblicke?“ „Luis de Bobadilla, Niemand, der Deinen Character kennt, kann in Wahrheit ſo von Dir denken.“ „Tauſend Dank für dieſe wenigen Worte, holdes Weſen, und zehntauſend Dank für das liebliche Lächeln, welches ſie begleitet. Du könnteſt mich nach allen Deinen Wünſchen bilden.“ — 85⁵ „Nach meinen Wünſchen, Don Luis?“ „Nach all' Deinen ſtrengen Begriffen von Nüchternheit und Würde des Benehmens, wenn Du nur ſo viel Theilnahme für mich fühlen koͤnnteſt, um mir anzudeuten, daß meine Handlungen Dir Freude oder Kummer machen.“ „Kann es anders ſeyn? Könnteſt Du mit Gleichgültigkeit dem Treiben eines Menſchen zuſehen, den Du von Kindheit auf gekannt und als Freund geachtet haſt?“ „Geachtet? theure Mercedes, willſt Du dieſes Wenige nur zu meinen Gunſten zugeſtehen?“ „Achtung gegen irgend Jemanden, Luis, iſt nicht wenig, ſon⸗ dern viel. Wer die Tugend ehrt, achtet nie einen Unwürdigen, und es iſt nicht möglich, Dein vortreffliches Herz und Deinen männlichen Sinn zu kennen, ohne Dich zu achten. Gewiß, ich habe dieſe Ach⸗ tung weder vor Dir noch vor ſonſt Jemanden verhehlt.“ „Haſt Du überhaupt Etwas verhehlt? Ach! Mercedes, vollende Deine himmliſche Güte und geſtehe, daß zuweilen noch ein anderes zartes Gefühl, wäre es auch noch ſo gering, ſich dieſer Achtung beigemiſcht habe.“ Mercedes erröthete hoch, aber ſie wollte das oft Erbetene nicht zugeſtehen. Es verfloß eine Weile, ehe ſie überhaupt antwortete, und als ſie zu ſprechen begann, geſchah es zoͤgernd und unter häu⸗ figen Pauſen, als ob ſie nicht wiſſe, ob wohl das, was ſie zu ſagen Willens war, geeignet oder klug ſey. „Du biſt viel und weit gewandert, Luis,“ ſagte ſie,„und biſt durch Deinen Hang zum Herumſtreichen etwas in Mißcredit gekom⸗ men: warum willſt Du das Vertrauen Deiner Tante nicht durch die⸗ ſelben Mittel wieder gewinnen, durch welche Du es verloren haſt?“ „Ich verſtehe Dich nicht. Ein ſolcher Rath aus dem Munde eines Mädchens, das die Klugheit ſelbſt iſt—“ „Der Kluge und Verſtändige überlegt ſeine Worte und Hand⸗ lungen und findet daher um ſo mehr Vertrauen. Die kühnen Entwürfe Sennor Colons ſcheinen einen Eindruck auf Dich gemacht zu haben, und ich bemerke wohl, daß ſie ein großes Gewicht auf Dei⸗ nen Geiſt üben, obgleich Du ſie lächerlich zu machen ſuchteſt.“ „Ich werde Dich hinfort zehnmal höher achten, Mercedes, denn Du haſt meine thörichte Ziererei und den Leichtſinn meiner Worte durchſchaut, und das wahre Gefühl, das darunter verborgen liegt, erkannt. Seit ich von dieſem ungeheueren Plane hörte, blieb er in der That immer vor meiner Phantaſte, und neben dem Deini⸗ gen, theures Maͤdchen, ſtand ohne Unterlaß das Bild dieſes Genueſen vor meinen Augen, wenn auch nicht vor meinem Herzen. Ich zweifle nicht, daß etwas Wahres in dieſen Anſichten liegt, denn ein ſo herr⸗ licher Gedanke kann nicht ganz trügeriſch ſeyn.“ Mercedes ſchöͤnes, volles Auge haftete feſt auf Don Luis Zügen, und leuchtete von jener verborgenen Begeiſterung, welche in ihrer Glut die innerſten Gefühle der Seele kund gab. „Er iſt,“ antwortete ſie feierlich—„er muß wahr ſeyn. Dieſe hohe Idee iſt dem Genueſen von Gott eingegeben, und er wird früher oder ſpäter die Wahrheit derſelben darzuthun vermögen. Denke Dir ein Schiff, das dieſe Erde umkreist— den fernſten Oſten, das Land der Heiden in unmittelbarer Verbindung mit uns— und das Kreuz, das unter der brennenden Sonne von Cathay ſeinen beglückenden Schatten wirft! O!l das ſind herrliche, himmliſche Vorgefühle, Luis; und müßte es nicht ein unvergänglicher Ruhm ſeyn, an der Ehre Theil genommen zu haben, eine ſo große Ent⸗ deckung in Ausführung zu bringen?“ „Beim Himmel, ich will mit der früheſten Morgenſonne dieſen Genueſen aufſuchen, und ihm fuͤr dieſe Unternehmung meine Be⸗ gleitung anbieten. Es ſoll ihm an Gold nicht fehlen, wenn es ihm an nichts Weiterem, als daran gebricht.“. „Jetzt ſprichſt Du als der hochſinnige, furchtloſe Caſtilianer, der Du biſt,“ ſagte Mercedes mit einem Feuer, welches den ge⸗ wöhnten Vorſichtswaffen ihrer Klugheit und ihrer Erziehung Trotz 87 bot,—„und wie es Luis de Bobadilla ziemt. Aber Gold iſt bei uns Allen in dieſem Augenblicke nicht häufig, und die Beiſchaffung des nöthigen Bedarfs wird wohl über die Kräfte eines gewöhnlichen Unterthans gehen; auch ziemt es ſich nur für Fürſten, einen ſol⸗ chen Zug auszurüſten, da wohl große Gebiete zu beherrſchen und zu vergeben ſeyn werden, wenn Colons Plan zu einem günſtigen Ziele führt. Mein mächtiger Vetter, der Herzog von Medina Celi, hat ſich dieſen Gegenſtand reiflich erwogen und iſt günſtig dafür geſtimmt, wie ſich aus ſeinen Briefen an Ihre Hoheit erſehen läßt; aber auch er findet die Sache für zu wichtig, um von Jemand anderem als einem gekrönten Haupt unternommen werden zu können, und er hat ſeinen ganzen Einfluß auf unſere Gebieterin aufgeboten, um ſie für den großen Entwurf des Genueſen zu ge⸗ winnen. Es iſt daher umſonſt, an eine Unterſtützung dieſes Unter⸗ nehmens auf irgend eine andere Weiſe als durch ihre Hoheiten ſelbſt zu denken.“ „Du weißt, Mercedes, daß ich am Hofe nichts für Colon thun kann. Der König iſt ein Feind aller derer, welche nicht ſo vor⸗ ſichtig, ſo kalt und ſo liſtig ſind, als er ſelbſt.“ „Luis, Du biſt in ſeinem Palaſt und erfreuſt Dich in dieſem Augenblick ſeiner Gaſtfreundſchaft und ſeines Schutzes!“ „Nicht doch,“ erwiederte der junge Mann mit Würde,„dies iſt der Aufenthalt meiner königlichen Gebieterin. Granada iſt Ca⸗ ſtiliens, und nicht Aragons Eroberung. Was die Königin betrifft, Mercedes, ſo wirſt Du nie ein unehrerbietiges Wort über ſie von mir hören, denn ſie iſt wie Du, die Tugend, die Sanftmuth und die Weib⸗ lichkeit ſelbſt; aber der König hat viele von den Mängeln verderbter und ſelbſtſüchtiger Menſchen. Du kannſt mir keinen jungen, hoch⸗ finnigen und warmherzigen Cavalier— ſelbſt unter ſeinen Ara⸗ goniern— nennen, welcher Don Fernando wahrhaft und aufrichtig liebte, während ganz Caſtilien Donna Iſabella anbetet.“ „Du haſt vielleicht theilweiſe recht, Luis; aber immerhin iſt eine ſolche Aeußerung unklug. Don Fernando iſt ein König, und nach dem Wenigen, was ich während meines Aufenthaltes an dem Hofe geſehen habe, ſcheint es mir, daß diejenigen, welche die Ange⸗ legenheiten der Sterblichen leiten, auch ihren Fehlern große Zugeſtänd⸗ niſſe machen müſſen, wenn die menſchliche Verderbtheit nicht ſelbſt die weiſeſten Maßregeln, die ſich irgend erdenken laſſen, vereiteln ſoll. Und kann man außerdem ein Weib aufrichtig lieben, ohne ihren Gatten zu achten? Mir wenigſtens ſcheint dieſes Band ſo innig und heilig, daß auch die Tugenden und Charakterzüge Beider ſich nicht von einander trennen laſſen.“ „Sicherlich willſt Du damit nicht ſagen, daß die beſcheidene Frömmigkeit, die heilige Wahrheitsliebe, und die einfache Tugend unſerer königlichen Gebieterin ſich mit der vorſichtigen und ſchlauen Politik unſeres plänevollen Herrn vergleichen laſſe?“ „Ich wünſche nicht, zwiſchen beiden Vergleichungen anzuſtellen, Luis. Wir ſind verpflichtet, ſie zu ehren und ihnen zu gehorchen; und wenn Donna Iſabella mehr von der zuverſichtlichen Wahrheits⸗ liebe und der Herzensreinheit ihres Geſchlechtes hat, als Seine Hoheit, iſt das nicht eine gewöhnliche Erſcheinung bei Mann und Weib?“ 7 „Wenn ich wirklich denken könnte, Du wollteſt mich in irgend einer Weiſe dieſem knickerigen und doppelzüngigen König von Ara⸗ gon gleichſtellen, ſo würde ich mich, ſo ſehr ich Dich liebe, Mercedes, aus reiner Schaam für immer von Dir zurückziehen.“ „Niemand wird Dich für unzuverläſſig oder doppelzüngig hallen, Luis, denn wie die gegenwärtige Unterhaltung beweist, iſt es ſogar einer Deiner Fehler, daß Du die Wahrheit ſagſt, wo es vielleicht beſſer geweſen wäre, zu ſchweigen, und daß Du Dich gegen diejenigen, welche Dir mißfallen, immer in einer Weiſe benimmſt, als ob Du Deine Lanze gegen ſie einlegen und Dein Schlachtroß gegen ſie ſpornen wollteſt.“ „ Mein Benehmen iſt ſehr unglücklich geweſen, ſchoͤne Mercedes, —— 89 wenn es ſolche Erinnerungen bei Dir zurückgelaſſen hat,“ er⸗ wiederte der junge Mann mit einem vorwurfsvollen Blicke. „Ich ſpreche nicht von mir, denn gegen mich biſt Du immer ſanft und freundlich geweſen, Luis,“ unterbrach ihn die junge Caſtilianerin mit einer Haſt und einem Ernſte, welche ihr einen Augenblick darauf das Blut gegen die Wangen trieben,„ich meine nur, daß Du in Deinen Aeußerungen über den König vorſichtiger ſeyn ſollteſt.“ „Du begannſt damit, zu ſagen, ich ſey ein müßiger Herum⸗ ſtreicher.“ „Nein! ich habe mich dieſes harten Ausdrucks nicht bedient, Don Luis, denn das waren blos die Worte Deiner Tante, die wohl auch nicht die Abſicht hatte, Dich zu verletzen: ich ſprach nur von Deinen vielen und weiten Wanderungen.“ „Nun, ich weiß wohl, daß ich dieſen Titel verdiene, und werde mich nicht beklagen, wenn mir mein Recht widerfährt. Du ſagteſt, ich ſey viel und weit gewandert, und ſprachſt beifällig von dem Plane dieſes Genueſen. Wenn ich dich recht verſtanden habe, Mereedes, ſo iſt es Dein Wunſch, daß ich an dieſer abenteuer⸗ lichen Parthie Theil nehme?“ „Das iſt meine Meinung, Luis, denn ich denke mir die Un⸗ ternehmung als eine ſolche, die Deinem kühnen Geiſte und Deinem guten Schwerte entſpricht. Der Ruhm eines günſtigen Erfolges würde für tauſend kleine Fehler, die Du in der Hitze und Unbe⸗ ſonnenheit der Jugend begingſt, Erſatz leiſten.“ Don Luis heftete in ſtummer aber ernſter Aufmerkſamkeit faſt eine Minute ſeine Blicke auf die glühenden Wangen und die leuchtenden Augen der ſchönen Schwärmerin; denn der Zahn des Zweifels und der Eiferſucht hatte ihn gefaßt, und er fragte ſich mit dem Selbſtmißtrauen der wahren Liebe, ob er auch der Theil⸗ nahme eines ſo ſchönen Weſens würdig ſey, woraus denn allerlei Bedenken über den Grund, warum ſie ſeine Abreiſe wünſchte, erwuchſen. „Ich wünſchte, ich könnte in Deinem Herzen leſen, Donna Mercedes,“ nahm er endlich wieder auf;„denn während die be⸗ zaubernde Beſcheidenheit und die ſchüchterne Zurückhaltung Deines Geſchlechts nur noch inniger feſſeln, verwirren ſie doch den Ver⸗ ſtand des Mannes, der mehr an das rauhe Gewühl des Kampf⸗ platzes, als an die Labyrinthe weiblicher Liſt gewöhnt iſt. Wün⸗ ſcheſt Du, daß ich mich bei einem Abenteuer betheilige, welches die meiſten Menſchen, Deinen ſo hochgeachteten, weiſen Don Fer⸗ nando an der Spitze, für den Plan eines Träumers halten, der zu einem ſichern Untergang führen müſſe?— Koͤnnte ich das glauben, ſo würde ich morgen abreiſen, wäre es auch nur, damit meine verhaßte Gegenwart Dein Glück nicht weiter trübe.“ „Don Luis, Ihr könnt dieſen grauſamen Verdacht nicht recht⸗ fertigen,“ ſagte Mercedes, indem ſie ſich bemühte, den Argwohn ihres Liebhabers durch eine angenommene Empſindlichkeit zu ſtrafen, obgleich mit ihrem Stolze Thränen kämpften, welche ihren vorwurfs⸗ vollen Augen reichlich entquollen.„Ihr wißt, daß man weder hier, noch anderswo Euch haßt; Ihr wißt, daß man Euch allenthalben wohl will, obgleich caſtilianiſche Klugheit und caſtilianiſche Mäßi⸗ gung Euer Wanderleben nicht immer mit demſelben Beifall be⸗ trachtete, den ſie den gefälligen Sitten des Hofmanns und dem ſtrengeren Dienſte des Ritters zollten.“ „Verzeihung, theuerſte, geliebteſte Mercedes! Deine Kälte und Deine Abneigung verwirren mich beinahe.“ „Kälte? Abneigung? Don Luis! wann hat Mercedes Dich je eines von beiden fühlen laſſen?“ „Ich fürchte, Donna Mercedes de Valverde gibt mir gerade jetzt eine Probe davon.“ „Dann kennſt Du ihre Gründe und ihr Herz wenig. Nein Luis, ich bin Dir nicht abgeneigt und möchte auch nicht kalt gegen Dich erſcheinen. Wenn Dich Dein Eigenſinn in dieſer Weiſe bemeiſtert und quält, ſo will ich es verſuchen, mich offener —.„ — —2 S8— e za a,—8— ₰ 8 o5.» N N —, N 91 auszuſprechen. Ja! ehe Du mir mit dieſer irrigen Meinung fort⸗ gehen ſollſt, um Dich vielleicht wieder in irgend ein gedankenloſes Seeabenteuer zu ſtürzen, will ich lieber meinen jungfräulichen Stolz bekämpfen und der vorſichtigen Zurückhaltung, die meinem Geſchlechte und meinem Range am beſten ziemen würde, vergeſſen, um Dein Gemüth zu erleichtern. Als ich Dir den Rath gab, Dich dieſem Colon anzuſchließen und in ſeine hochherzigen, großartigen Ent⸗ würfe offen einzugehen, hatte ich nur Dein eigenes Glück im Auge, da Du mir ſo oft zugeſchworen haſt, daß Dein Glück ſich nur begründen ließe—“ „Mercedes, was willſt Du damit ſagen?— Mein Glück be⸗ ruht nur auf einer Verbindung mit Dir.“ „Und dieſe Verbindung läßt ſich nur herbeiführen, wenn Du Deine Wanderluſt durch irgend eine ruhmvolle That adelſt und Donna Beatriz in den Stand ſetzeſt, ihre Mündel einem unſtäten Neffen geben zu können, ſobald er ſich einmal dadurch Donna Iſa⸗ bellens Gunſt gewonnen hat.“ „Und Du?— Könnte dieſes Abenteuer mir auch von Dir einen gütigeren Blick gewinnen?“ „Luis, da Du doch nun einmal Alles wiſſen willſt— ein ſolcher Blick iſt bereits gewonnen.— Nein, zügle Dein Ungeſtüm, und höͤre Alles, was ich Dir zu ſagen habe; ſelbſt wenn ich mehr zugeſtehe, als für eine Jungfrau ſchicklich erſcheinen möchte, darfſt Du nicht glauben, daß ich mich weiter vergeſſen könnte. Ohne eine unumwundene Einwilligung meiner gütigen Vormünderin und ohne die gnädige Zuſtimmung Ihrer Hoheit werde ich mich keinem Manne vermählen, nicht einmal Dir, Luis Bobadilla, obgleich ich anerkenne, daß Du meinem Herzen theuer biſt.“— Ein nicht zu bewältigender Erguß weiblicher Zaͤrtlichkeit erſtickte dieſe Worte beinahe in Thränen.—„Nicht einmal Dir würde ich die Hand reichen, ohne die freundliche Zuſtimmung und die Glückwünſche Aller derer, welche an den Freuden oder Leiden eines Mädchens 92 aus dem Hauſe Valverde Theil nehmen. Du kannſt nicht um mich freien, wie ein Bauernburſche um ein Dorfmädchen, denn unſere Verbindung kann nicht anders ſtatt finden, als vor einem Fürſten der Kirche, in einem großen Kreiſe von Freunden, die unſerer Vereinigung Beifall zollen. Ach! Luis, Du haſt mir Kaͤlte und Gleichgültigkeit gegen Dich vorgeworfen,“ fuhr das edle Mädchen unter Schluchzen fort,—„aber Andere ſind nicht ſo blind geweſen — nein, ſprich nicht, und laß mich das überſtrömende Herz ganz vor Dir ausgießen, denn ich fürchte, daß die Schaam mich bald genug meine Bekenntniſſe bereuen laſſen werde— nicht alle ſind ſo blind geweſen als Du. Unſere gnädigſte Koͤnigin kennt das weibliche Herz wohl und hat ſchon lange bemerkt, was Du ſo ſpät erſt entdeckteſt; auch hat nur die Schärfe ihres Blicks und die Schnelle ihrer Gedanken mich abgehalten, Dir wenigſtens etwas von dem mitzutheilen, was ich jetzt mit Widerſtreben geſtehe.“ „Wie?— iſt Donna Iſabella auch meine Feindin? Habe ich ebenſowohl die Bedenklichkeiten Ihrer Hoheit, als die meiner kalt⸗ herzigen und ſpröden Tante zu überwinden?“ „Luis, Deine Heftigkeit macht Dich ungerecht. Donna Beatriz de Moya iſt weder kaltherzig noch ſpröde und ihr Benehmen hat nur in einer klugen Vorſicht ſeinen Grund. Eine edlere und treuere Seele hat ſich nie der Freundſchaft zum Opfer gebracht: ihr gan⸗ zes Weſen iſt Offenheit und Einfachheit. Viel von dem, was ich an Dir liebe, ſtammt von ihrer Familie, und Du ſollteſt ſie des⸗ halb nicht tadeln. Was Ihre Hoheit anbelangt, ſo iſt es wohl ſicherlich nicht nöthig, ihren Eigenſchaften das Wort zu reden. Du weißt, daß das Volk ſie als ſeine Mutter ehrt, daß ſie, ſoweit ſie Kenntniß davon hat, die Intereſſen aller ihrer Unterthanen mit gleicher Vorliebe behandelt, und daß Alles, was ſie für Andere thut, der Ausfluß einer wahren Liebe und einer Klugheit iſt, die ihr, wie ich den Cardinal ſagen hörte, von der ewigen Weisheit ſelbſt eingegeben zu ſeyn ſcheint.“ 9³ „In der That, es iſt nicht ſchwer, Mereedes, für weiſe, wohl⸗ wollend und begeiſtert gehalten zu werden, wenn man Caſtilien zum Thron und Leon mit andern reichen Ländern zum Fußſchemel hat!“ „Don Luis, wenn Du Dir meine Achtung erhalten willſt,“ erwiederte das einfache Mädchen mit einer Würde, in der ſich nichts von der Schwäche, wohl aber die ganze Wahrheitsliebe ihres Ge⸗ ſchlechtes ausſprach—„rede nicht ſo leichtfertig von meiner könig⸗ lichen Gebieterin! Was ſie auch in dieſer Sache gethan haben mag, es geſchah mit den Gefühlen und der Zärtlichkeit einer Mutter, und wie mich Deine Ungerechtigkeit faſt befürchten laͤßt, auch mit der Weisheit einer Mutter.“ „Vergib mir, theure, angebetete Mercedes,— Du, die ich jetzt tauſendmal mehr liebe und verehre als je, ſeit Du mir ein ſo hochherziges Vertrauen erwieſen haſt. Aber meine Ruhe iſt hin, bis ich weiß, was die Koͤnigin in einer Angelegenheit, die mich und Dich berührt, geſagt und gethan hat.“ „Du weißt, wie gütig und gnädig die Königin immer gegen mich geweſen iſt, Luis, und wie ſehr ich Urſache habe, ihr für ihre Herablaſſung und Gewogenheit dankbar zu ſeyn. Ich weiß nicht, wie es zuging— aber während Deine Tante und alle meine Verwandten nie etwas von meinen Gefühlen zu ahnen ſchienen, hat das königliche Auge in einem Augenblicke ein Geheimniß er⸗ ſpäht, das, wie ich glaube, mir damals noch ſelbſt verborgen war. Du erinnerſt Dich des Turniers, das gerade an dem Tage vor Deinem letzten Ausfluge ſtatt fand?“ „Wie ſollte ich nicht? War es nicht Deine Kälte nach dem Erfolge, den ich unter Deinen Farben errang, welche mich damals nicht nur aus Spanien trieb, ſondern mich faſt aus der Welt ver⸗ jagt hätte?“ „Wenn die Welt Deinen Handlungen eine ſolche Urſache zum Grunde legen könnte, ſo möchten ſich wohl auf einmal alle Hinder⸗ niſſe entfernen laſſen, und wir würden ohne Mühe glücklich werden. Aber,“ fuhr Mercedes mit einem ſchlauen Lächeln fort, während aber ihre Stimme und ihre Blicke ihre volle Zärtlichkeit ausſprachen; „ich fürchte, Du biſt ſolchen Anfällen von Tollheit zu ſehr zuge⸗ than, als daß Du aufhoͤren könnteſt, Dich bis an die äußerſten Gränzen der Welt, wo nicht gar über dieſelben hinaus zu ſehnen.“ „Es wird nur an Dir liegen, mich ſo unbeweglich als dieſe Thürme von Alhambra zu machen. Jeden Tag nur ein ſolches Lächeln würde mich wie einen gefangenen Mauren an Deine Füße feſſeln und mir für immer den Wunſch benehmen, nach etwas An⸗ derem, als nach Deiner Schönheit zu ſehen. Aber Ihre Hoheit? — Du haſt beizufügen vergeſſen, was Ihre Hoheit ſagte oder that.“ „Du warſt Sieger im Turniere, Luis. Caſtiliens ganze Ritter⸗ ſchaft war an jenem glorreichen Tage im Sattel, und doch konnte es Dir keiner gleich thun. Selbſt Alonzo de Ojeda wurde durch Deine Lanze geworfen, und alle Lippen tönten von Deinem Lobe. Kein Gedäͤchtniß, ich würde vielleicht beſſer ſagen, keines, mit Aus⸗ nahme eines einzigen, erinnerte ſich Deiner Fehler.“ „Und dieſes einzige war das Deine, grauſame Mercedes?“ „Du weißt das beſſer, unartiger Luis. Damals dachte ich an nichts, als an Deinen edeln, hochſinnigen Muth, Dein ritter⸗ liches Benehmen auf dem Turnierplatze, und an Deine anderen ſchönen Eigenſchaften. Das weniger nachſichtige Gedächtniß mußt Du bei der Königin ſuchen, welche mich nach dem Schluſſe der Feſtlichkeiten auf ihr Zimmer beſcheiden ließ und ſich wohl eine Stunde auf das gütigſte und theilnehmendſte mit mir unterhielt, ehe ſie überhaupt ihren wahren Zweck berührte. Sie ſprach mit mir, Luis, von unſern Pflichten als Chriſten, von unſern Pflich⸗ ten als Frauen, am meiſten aber von den feierlichen Verbindlich⸗ keiten, welche wir mit dem heiligen Stande der Ehe eingingen, und von den vielen ſchweren Stunden, die auch im günſtigſten Falle in ihrem Gefolge ſind. Als ſie mich durch ihre faſt mütter⸗ liche Liebe bis zu Thräͤnen gerührt hatte, forderte ſie von mir 95 das Verſprechen— und ich bekräſtige daſſelbe mit einem heiligen Gelübde— daß ich bei ihren Lebzeiten nie an dem Altar erſcheinen wolle, ohne daß ſie meiner Trauung beifällig anwohne, oder wenig⸗ ſtens, wenn ſie durch Krankheit oder ſonſtige Pflichten daran ver⸗ hindert ſey, ihre Einwilligung durch ihre eigene königliche Unter⸗ ſchrift ertheilt ſey.“ „Beim heiligen Denis von Paris! Ihre Hoheit hat Dero Ein⸗ fluß auf Dein reines und edles Herz ſehr gegen mich benützt!“ „Dein Name wurde nicht erwähnt, Luis, und würde auch wohl in keiner Weiſe bei dieſem Geſpräch in Anregung gekommen ſeyn, wenn ſich nicht meine Gedanken unwillkührlich und ängſtlich Dir zugewendet hätten. Was Ihre Hoheit beabſichtigte, iſt mir auch jetzt noch unbekannt, aber die Art, wie meine eigenen Gefühle mir Dein Bild vorführten, ließ die vielleicht grundloſe Vermuthung in mir aufkommen, man beabſichtige, eine Verbindung mit Dir ohne Donna Iſabella's Einwendung zu verhindern; da ich aber von ihrer gütigen Zuneigung und ihrer mütterlichen Geſinnung für mich innig überzeugt bin, ſo kann ich nicht zweifeln, daß ſie meinen Wünſchen willfahren wird, ſobald ſie nur weiß, daß meine Wahl keine unwürdige iſt, wenn ſie auch manchen altklugen Leuten etwas unverſtändig erſcheinen möchte.“ „Aber Du denkſt, Du fühlſt, Mercedes, daß Ihre Hoheit aus Furcht vor mir Dir dieſes Gelübde abpreßte?“ „Ich fürchtete es, weil Du, wie ich Dir bereits mit mehr Be⸗ reitwilligkeit, als dem Stolze einer Jungfrau ziemt, zugeſtanden habe, in meinem Herzen die Oberhand hatteſt. Deine ritterlichen Thaten an jenem Tage, und die Art, in der jeder Mund Deinen Namen nannte, mochten wohl entſchuldigen, daß meine Gedanken bei Deiner Perſon verweilten.“ „Mercedes, Du kannſt ſicher nicht in Abrede ziehen, daß Du glaubſt, Ihre Hoheit habe Dir dieſes Gelübde aus Furcht vor mir abgenöthigt!“ 96 „Ich werde nie etwas in Abrede ziehen, was wahr iſt, Don Luis, und Ihr lehrt mich in Zeiten, das unkluge Zugeſtänd⸗ niß, welches ich laut werden ließ, zu bereuen. Ich ſtelle allerdings in Abrede, daß Ihre Hoheit aus Furcht vor Euch ſprach, denn ich kann mir nicht denken, daß ſie derartige Gefühle gegen Euch hegt. Sie war voll mütterlicher Zärtlichkeit gegen mich, und ich denke— denn ich will nichts verhehlen, was ich wirklich glaube— daß Beſorgniſſe wegen Deiner gewinnenden Eigenſchaften ſie zu der Befürchtung veranlaßt haben, ob nicht ein verwaistes Mädchen, wie ich, eher ſich mit ihrer Phantaſie, als mit ihrer Vernunft berathen und einem Manne die Hand reichen möchte, dem die äußerſten Gränzen der Erde lieber zu ſeyn ſcheinen, als ſeine edlen Schlöſſer und ſeine Heimath.“ „Und du gedenkſt dieſes Gelübde zu erfüllen?“ „Luis, Du bedenkſt nicht, was du ſprichſt, ſonſt würdeſt Du keine ſo ſündhafte Frage an mich ſtellen. Welche chriſtliche Jung⸗ frau vergißt je ihrer Gelübde, mögen ſie auf einer Pilgerfahrt, eine Buße oder irgend eine andere religiöſe Pflichtübung Bezug haben, und warum ſollte ich die Erſte ſeyn, die ſich eines ſolchen Unrechts ſchuldig machte? Zudem hätte es nicht einmal eines Gelübdes be⸗ durft, da ſchon der einfache Wunſch aus dem Munde der Königin hingereicht haben würde, mich von jeder Heirath abzuſchrecken. Sie iſt meine Fürſtin, meine Gebieterin und, ich möchte faſt ſagen, meine Mutter, da ſelbſt Donna Beatriz kaum ein größeres Intereſſe für mein Wohl an den Tag legt. Nun, Luis, mußt Du auch meine Bitte anhören, obgleich ich Deine Einwendungen vorausſehe; aber ich habe Dich ſeit Jahren geduldig angehört, und es iſt nun an mir, zu ſprechen— an Dir, zu hören. Ich glaube, die Königin hatte Dich im Auge bei dem Verſprechen, welches ich ihr frei⸗ willig anbot und keineswegs, wie Du anzunehmen ſcheinſt, von Ihrer Hoheit mir abnöthigen ließ. Dann glaube ich auch, daß Donna Iſabella vermuthete, es möchte mir Gefahr bringen, wenn ich 97 Deiner Bewerbung nachgäbe, und daß ſie befürchtete, ein Menſch, der keine ruhige Stätte hat, mochte nicht ſehr geeignet ſeyn, in das Innere einer Familie Glück zu bringen, oder eine ſolche für die Dauer glücklich zu machen. Aber wenn auch Ihre Hoheit Deinem edlen, hochſtrebenden Herzen Unrecht gethan hat, wenn ſie ſich wie die Meiſten ihrer Umgebung durch die Außenſeite täuſchen ließ, wenn ſie Dich überhaupt nicht kannte, iſt es nicht Deine eigene Schuld? Biſt Du nicht ohne Unterlaß von Caſtilien fortgezogen? und ſelbſt, wenn Du da warſt,— haſt Du die Pflichten des Hofs ſo achtſam und ſorgfältig erfüllt, wie es Deiner Geburt und Dei⸗ ner Stellung zukam? Es iſt wohl wahr, Ihre Hoheit und alle andern Anweſenden waren Zeugen Deiner Geſchicklichkeit auf der Stechbahn, und in dem Kriege gegen die Mauren iſt Deines Na⸗ mens oft und ehrenvoll gedacht worden. Aber wenn auch die weib⸗ liche Phantaſte gerne einer ſolchen Männlichkeit huldigt, ſo ſehnt ſich doch das Herz des Weibes nach anderen, ſanfteren und ſteti⸗ geren Tugenden für ihren heimathlichen Heerd und ihren häuslichen Zirkel. Donna Iſabella hat dieß geſehen und gefühlt; ſie weiß es, ſo glücklich auch ihre eigene Vermählung mit dem König von Ara⸗ gon ausgefallen iſt, und darf es Dich nun Uüberraſchen, wenn ſie um meinetwillen bekümmert iſt? Nein! Luis, Deine Empfindlichkeit hat Dich gegen unſere Königliche Gebieterin ungerecht gemacht, und es liegt nun augenſcheinlich in Deinem Intereſſe, ſie Dir ge⸗ neigt zu machen, wenn es anders Dein aufrichtiger Wunſch iſt, meine Hand zu gewinnen.“ „Und wie kann dieß geſchehen, Mercedes?— die Mauren ſind beſtegt, und ich kenne keinen Ritter, der Dir zu Gefallen mir mit dem Schwerte in der Hand entgegen treten möchte.“ „Die Koönigin wünſcht nichts von der Art, und auch ich nicht. Wir beide kennen Dich bereits als einen vollkommenen chriſtlichen Ritter, und wie Du ſelbſt ſagſt, wird ſich Niemand Deiner Lanze entgegenſtellen, denn Niemand wird ſich ermuthigt lißlen eine ſolche Donna Mercedes. 2te Aufl. 98 Thorheit zu rechtfertigen. Du wirſt Dir durch dieſen Colon die könig⸗ liche Einwilligung gewinnen müſſen.“ „Ich glaube, ich verſtehe Deine Meinung zum Theil. Es wäre mir aber lieb, Du ſetzteſt mir die Sache deutlicher auseinander!“ „So will ich denn in Worten, ſo deutlich als meine Zunge ſte finden kann, zu Dir ſprechen,“ erwiederte das Mädchen, und die leichte Röthe der Zärtlichkeit ſteigerte ſich allmählig zu der hohen Glut einer heiligen Begeiſterung;„Du kennſt bereits im Allge⸗ meinen Sennor Colon's Entwürfe, und die Art, wie er ſie aus⸗ zuführen gedenkt. Ich war noch ein Kind, als er zum erſten Mal in Caſtilien erſchien, um ſich an dem Hofe Unterſtützung für dieſes große Unternehmen auszuwirken, und ich weiß, daß Ihre Hoheit oft geneigt war, ihm ihren Beiſtand zu gewähren, bis Don Fer⸗ nando's Kälte und die Engherzigkeit ihrer Miniſter ihren Geiſt von dieſem Gegenſtande ablenkten. Ich glaube aber, daß ſie immer noch dieſen Plan beguünſtigt, denn erſt kürzlich wurde Colon, der ſich bereits von uns Allen verabſchiedet hatte, um Spanien zu ver⸗ laſſen, und anderswo die geeigneten Mittel aufzuſuchen,— durch Fray Juan Perez, den alten Beichtvater Ihrer Hoheit, zur Rückkehr aufgefordert. Er iſt nun wieder hier, wie Du ſelbſt geſehen haſt, und ſieht ungeduldig einer Audienz entgegen, wobei es nur einer kleinen Anregung in dem Gedächtniß der Königin bedürfen wird, um dieſe Gunſt zu gewinnen. Sollte er die gewünſchten Caravelen erhalten, ſo werden ohne Zweifel viele Edle den Wunſch hegen, an einem Unternehmen Theil zu haben, das im Falle des Gelingens allen dabei Betheiligten unſterblichen Ruhm bringen muß, und Du ſollteſt dabei nicht zurück bleiben.“ „Ich weiß nicht, was ich von dieſer Aufforderung halten ſoll, Mercedes, denn es erſcheint mir ſonderbar, diejenigen, welche man zu ſchätzen vorgibt, zu einer Fahrt zu drängen, von der ſich's viel⸗ leicht nie wieder zurückkehrt.“ 99 „Gott wird Dich beſchützen,“ erwiederte das Mädchen, und ihr Geſicht erglühte in frommem Feuer;„das Unternehmen wird zu Sei⸗ ner Ehre unternommen werden, und Seine Hand wird die Fahrzeuge ſchirmen.“ Don Luis de Bobadilla lächelte, denn ſein Glaube ſtand weniger feſt, und er kannte die phyſiſchen Hinderniſſe, die ſich dem Unternehmen in den Weg ſtellen mußten, beſſer als ſeine Geliebte. Ungeachtet ſeiner haſtig ausgedrückten Zweifel ließ er doch ihren Beweggründen volle Gerechtigkeit widerfahren, da noch außerdem das Abenteuer ſeiner angebornen Wanderluſt und ſeinem Wunſche, ſich mit Gefahren zu meſſen, zuſagte. Er und Mercedes wußten wohl, wie ſehr das Mißtrauen, welches allein ihren Wünſchen ent⸗ gegenſtand, verdient war, und ſein Scharfblick ließ ihn die Mittel leicht erkennen, durch welche er Donna Iſabellas Einwilligung zu gewinnen hoffen durfte. Die wenigen Anſtände, die ſeinem Ent⸗ ſchluſſe noch im Wege waren, wurden durch die nun folgenden Fragen an den Tag gelegt. „Wenn Ihre Hoheit geneigt iſt, dieſen Colon zu begünſtigen, warum wurde die ganze Sache ſo ſehr in die Länge gezogen?“ „Die Schuld liegt an dem mauriſchen Kriege, der Erſchöpfung der Schatzkammer und der vorſichtigen Kälte des Königs.“ „Wenn wir aber ohne Erfolg zurückkehren ſollten— was, wenn wir je zurückkehren, höchſt wahrſcheinlich der Fall iſt— wird nicht Ihre Hoheit Alle, welche dem Manne gefolgt ſind, als hohlköpfige Träumer betrachten?“ „Das liegt nicht in Donna Jſabellas Character. Sie wird, wenn ſie je auf dieſen Plan eingeht, es zu Gottes Ehren thun, und daher alle, welche Colon freiwillig begleiten, als eben ſo viele Kreuzfahrer betrachten, die den vollſten Anſpruch an ihre Achtung haben. Du wirſt nicht ohne Erfolg zurückkehren, Luis, ſondern mit einem Rufe, der der Wahl eines Weibes Ehre machen wird, ſo daß ſie ſtolz auf Deinen Namen ſeyn kann.“ „Du biſt eine liebenswürdige Schwärmerin, theures Mäadchen. Wenn ich Dich mit mir nehmen könnte, ſo wollte ich das Aben⸗ teuer ohne irgend einen weiteren Gefährten beſtehen.“ Dieſer galanten und in dem gegenwärtigen Augenblicke ſicher⸗ lich aufrichtig gemeinten Rede folgte eine paſſende Erwiederung, worauf der Gegenſtand zwiſchen Beiden mit mehr Ruhe und weit größerer Beſonnenheit verhandelt wurde. Es gelang Don Luis, ſeine Ungeduld zu zügeln, und das edle Vertrauen, mit welchem Mercedes allmählig ihre Theilnahme gegen ihn ausdrückte, ebenſo der holde, heilige Ernſt, mit welchem ſie die Wahrſcheinlichkeit eines günſtigen Erfolgs verfocht, brachten ihn endlich ſo weit, daß er die Unternehmung mehr in ihrer hohen Bedeutung zu würdigen anfing, ſtatt ſie als einen Entwurf zu betrachten, der bloß ſeinem abenteuerlichen Sinne ſchmeichelte. Donna Beatriz ließ die Liebenden volle zwei Stunden allein, denn ſo lange wurde ſie von der Königin in Anſpruch genommen, und bald nach ihrer Zurückkehr entfernte ſich ihr unbeſonnener, un⸗ ruhiger, aber hochſinniger und ritterlicher Neffe. Mercedes und ihre Vormünderin aber blieben noch bis Mitternacht beiſammen, und erſtere goß vor der Marquiſe ihr Herz aus, indem ſie ihr alle die Hoffnungen, welche mit Colon's Unternehmung in Verbindung ſtan⸗ den, auseinander ſetzte. Donna Beatriz vernahm dieſes Bekenntniß mit Freude und Schmerz und lächelte über den Scharfſinn der Liebe, welche die großen Plane des Genueſen mit der Erfüllung ihrer eigenen Wünſche in Verbindung brachte. Demungeachtet war ſie aber nicht unzufrieden darüber: Luis de Bobadilla war der Sohn eines einzigen heiß geliebten Bruders, und ſie hatte den größten Theil der Liebe, welche ſie für den Vater gefühlt, auch auf den Neffen übertragen. Ueberhaupt wurde der ſchöne und wackere junge Cavalier von allen, die ihn kannten, geliebt, wenn auch alle Verſtändigeren ſich veranlaßt ſahen, bei ſeinen Unbeſonnenheiten die Stirne zu runzeln; und er hätte wohl unter den hochgeborenen —— 8&ᷣ 8& ⏑—— 8—— 101 Töchtern Caſtiliens nach Willkuür eine Wahl treffen können, da vielleicht nur von wenigen grundſatzfeſteren oder ungewöhnlich be⸗ dachtſamen Damen eine Zurückweiſung zu beſorgen geweſen wäre. Die Marquiſin hörte daher ihrer Mündel ohne Unwillen zu, und ehe ſie ſich in ihre Schlafgemächer begaben, war Donna Beatriz durch die freimüthigen, aber beſcheidenen Bekenntniſſe, die ernſte Beredſamkeit und die liebevolle Offenheit ihrer Pflegbefohlenen faſt ganz bekehrt. Sechstes Kapitel. Wer will, der folge alter Zeiten Gleiſen, Und überlege, was aus ihnen ward. Wo ſind ſie hin, die Denker und die Weiſen, Die ſich des Wiſſens beſten Kern erſcharrt? Wo ſind die Helden, deren Macht ſo hart Die Welt empfand, und deren Siegesgang Bis zu der Erde fernſten Gränzen drang? Trümmer der Zeit. Es vergingen mehrere Tage, ehe ſich die Chriſten in dem alten Sitze der muhamedaniſchen Macht heimiſch fühlten. Inzwiſchen wurden jedoch Alhambra und die Stadt, in welchen durch die Eile, das Entzücken und den Schmerz der Beſitznahme und des Scheidens alles in Verwirrung gekommen war, in einen geordneteren Zuſtand gebracht, und da der kluge und wohlgeſinnte Ferdinand von Aragon gemeſſenen Befehl erlaſſen hatte, die Mauren nicht nur freundlich, ſondern auch rückſichtsvoll zu behandeln, ſo gewann die Stadt all⸗ mählig wieder den Character der Ruhe, und die Menſchen begannen auf’'s Neue ihren alten Gewohnheiten und Geſchäften nachzugehen. Natürlich brachte dieſe Erwerbung für Don Fernando neue Sorgen; ſeine erlauchte Gemahlin jedoch, welche ſich nur bei wich⸗ tigen Anläſſen öffentlich zeigte, und ihren gewohnten Einfluß in der 102 8— ſanften und xuhigen Weiſe übte, die mit ihrem Geſchlechte, ihrem Character, ihrer Wahrheitsliebe und ihrer Frömmigkeit im Einklang ſtand, hatte ſich bereits, ſo weit es ihr hoher Rang und ihre Herrſcherpflichten geſtatteten, aus dem Gepränge und den militäri⸗ ſchen Scenen eines kriegeriſchen Hofes zurückgezogen, und ſuchte den gewohnten traulicheren Verkehr ihres häuslichen Kreiſes auf, welcher den ſanftern Neigungen des Weibes angemeſſener iſt. Ihr liebſtes Geſchäft war die mütterliche Sorge für ihre Kinder; aber ſte hatte auch manche Stunden für die Freundſchaft und für jene Liebe übrig, welche alle ihre Unterthanen wie mit Familienbanden an ſie zu ketten ſchien. Am Morgen des dritten Tages nach dem Abende, an welchem die im vorigen Kapitel mitgetheilte Unterhaltung ſtattgefunden, hatte Donna Iſabella einige jener bevorzugten Perſonen um ſich verſam⸗ melt, die an ihrem häuslichen Kreiſe Theil nehmen durften, denn während die caſtilianiſche Etiquette,— wahrſcheinlich eine Nachahmung der ernſten Gewohnheiten muhamedaniſcher Nachbarn,— an allen chriſtlichen Höfen ſprüchwörtlich war, hatte der wohlwollende Cha⸗ racter der Koͤnigin eine Atmoſphäre um ihren Privatzirkel gebreitet, welche denſelben für Alle, denen die hohe Ehre des Zutrittes zu Theil wurde, ebenſo anmuthig als entzückend machte. Die Geiſtlichkeit genoß in jenen Tagen einer Art von ausſchließ⸗ licher Begünſtigung, da ſie ſich nicht nur in alle Angelegenheiten des Lebens miſchte, ſondern auch nicht ſelten dieſelbe leitete. Mängel dieſer Art werden von den Bewohnern der Vereinigten Staaten bei frem⸗ den Staaten gar leicht entdeckt, und kein Volk iſt wohl mehr geneigt, die Nachtheile, welche aus dem Einfluß der katholiſchen Geiſtlichkeit entſpringen, recht kräftig hervorzuheben, als das amerikaniſche. Aber eben dadurch bekundet es auch die Wahrheit des alt anerkann⸗ ten Satzes, daß ſich Fehler leichter an Andern, als an ſich ſelbſt entdecken laſſen; denn nirgends findet man einen ähnlichen Einfluß kräftiger ausgebildet, als zumal in jenen Theilen der Freiſtaaten, 103 wo ſich urſprünglich Pietiſtenanſiedelungen befanden und wo noch gegenwärtig das Uebergewicht derartiger Secten ſich geltend macht. Ohne Zweifel hat auch die unter dem annehmlichen Titel der öffent⸗ lichen Meinung geuͤbte Ueberwachung der Geſellſchaft, welche in unſern Tagen als eigenthümlicher Nationalzug ſolcher Gemeinſchaften auftritt, und ſich nicht an die Gränzen der Geſetze und der bürgerlichen Ordnung bindet, ihren Urſprung in dem demokratiſchen Character jener Kirchenpolitik, welche ſtets ein Reich im Reiche zu bilden beabſichtigte, und in dieſem Beſtreben nicht ſelten durch die Regierungsformen ſelbſt oder die Sitten des Landes unterſtützt und gekräftigt wurde. Sey dem jedoch, wie es wolle— das Uebergewicht der katholiſchen Geiſtlich⸗ keit uͤber die ganze Chriſtenheit bis zu den Tagen der Reformation iſt eine Thatſache, und Iſabella war eine zu anſpruchsloſe und fromme Chriſtin, um der Prieſterſchaft nicht alles zu geſtatten, was ſich mit ihrem Rechtsgefühle vertrug, weshalb derſelben auch der un⸗ verkümmerte Zutritt zu ihr und die Uebung eines nicht unbedeuten⸗ den Einfluſſes auf alle ihre Regierungsmaßregeln offen ſtand. Unter den bei eben genannter Gelegenheit Verſammelten be⸗ fanden ſich nebſt Andern auch Fernando de Talavera, ein hochge⸗ ſtellter Prälat, der kaum erſt zu der neuen Würde eines Erzbiſchofs von Granada ernannt worden war, und Fray Pedro de Carascal, der frühere Lehrer von Don Luis de Bobadilla, ein Geiſtlicher ohne Pfründe, der die Gunſt, in welcher er ſtand, der hohen Einfach⸗ heit ſeines Characters und ſeiner hohen Geburt verdankte. Iſabella ſelbſt ſaß an einem kleinen Tiſche, wo ſie mit ihrer Nadel beſchäftigt war. Der Gegenſtand ihrer Arbeit war ein ſehr häuslicher, nämlich der eines Hemdes für den Koͤnig: es gehoͤrte nämlich zu ihren weiblichen Eigenthümlichkeiten, ſich ſolchen niedrigen Dienſt⸗ leiſtungen ebenſo gewiſſenhaft zu unterziehen, wie das Weib irgend eines gewöhnlichen Gewerbsmanns ihrer Hauptſtadt. Dies entſprang jedoch aus den Sitten jenes Zeitalters, wenn nicht vielleicht aus der Politik der Fürſtinnen; denn die meiſten Reiſenden haben wohl den berühmten Sattel der Köoͤnigin von Burgund mit der Kerbe geſehen, welche den Rocken aufnahm, wenn die Fürſtin ausritt, damit ihre bewundernden Unterthanen ſich ein Beiſpiel daran nehmen möchten. Und ſelbſt in unſeren Tagen des Luxus, wo ſich nur wenige, ganz gewöhnliche Fräulein herablaſſen mögen, ein ſo nothwendiges Klei⸗ dungsſtück, wie das, womit ſich die Nadel Iſabellens von Caſtilien beſchäftigte, zu berühren, haben wir mit eigenen Augen eine Kö⸗ nigin in Mitte ihrer durchlauchtigen Töchter ſitzen ſehen, welche ſo fleißig mit der Nadel beſchäftigt waren, als ob ihr Lebensunterhalt von ihrem Fleiße abhinge. Bei Donna Jſabella geſchah es jedoch nicht aus Ziererei; ſie war in ihren Gefühlen, ihren Worten, ihrem Weſen und ihren Handlungen die Wahrheit ſelbſt, und die eheliche Zaͤrtlichkeit ließ ſie ein hohes Vergnügen in einer Beſchäftigung fühlen, die einem Gatten galt, welchen ſte als Mann innig liebte, obgleich ſie ſich unmöglich ſeine Fehler als Monarch ganz verbergen konnte. Neben ihr befand ſich die Gefährtin ihrer Jugendjahre, die lang geprüfte und erprobte Beatriz de Cabrera. Mercedes ſaß auf einem Schemel zu den Füßen der Infantin Iſabella, während in der Nähe einige andere Hofdamen ſtanden, deren Rang ſich nur an einigen leichten Andeutungen, wie ſie wegen der Anweſenheit der königlichen Familie für nöthig erachtet wurden, erkennen ließ, da ſie ſich mit einer häuslichen Freimüthigkeit bewegten, welche das übliche Ceremoniel eher anmuthig als beläſtigend erſcheinen ließ. Der König war an einer Ecke des weiten Raumes mit Schreiben beſchäftigt, und Niemand, ſelbſt der neu ernannte Erzbiſchof nicht ausgenommen, wagte es, ſich dieſer Seite des Zimmers zu nähern. Das Geſpräch wurde ein wenig leiſer als gewöhnlich geführt und ſelbſt die Königin dämpfte ihre melodiſche Stimme in einer Weiſe, daß der Gedankengang, in welchem ihr hoher Gemahl vertieft zu ſeyn ſchien, nicht geſtört wurde. In dem Augenblick jedoch, welchen wir unſerem Leſer zu vergegenwärtigen beabſichtigen, hatte ſich Iſa⸗ bella eine Weile in ernſtes Nachſinnen verſenkt und ein allgemeines 105 Schweigen herrſchte in dem weiblichen Kreiſe um die kleinen Ar⸗ beitstiſche. „Tochter Marquiſe,“— denn ſo pflegte die Koͤnigin ihre Freun⸗ din zu nennen,—„Tochter Marquiſe,“ ſagte Iſabella, das lange Schweigen unterbrechend,„haſt Du kürzlich nichts von Sennor Colon, dem Piloten, der uns ſo lange mit dem Plan einer Weſt⸗ fahrt angelegen hat, geſehen oder gehört?“ Der lebhafte, raſche Blick des Verſtändniſſes und der Freude, welcher zwiſchen Mercedes und ihrer Vormünderin gewechſelt wurde, verrieth die Theilnahme, welche ſie bei dieſer Frage fühlten, wäh⸗ rend Donna Beatriz, wie es ihre Pflicht und die Achtung gegen ihre Gebieterin verlangte, antwortete: „Ihr erinnert Euch, Sennora, daß ihm Fray Juan Perez geſchrieben hat. Dieſer alte Beichtvater Eurer Hoheit machte den weiten Weg von ſeinem Kloſter Santa Maria de Rabida in Anda⸗ luſien hieher, um ſeinen großen Entwuͤrfen das Wort zu reden, damit ſie nicht für Caſtilien verloren gehen möchten.“ „Du hältſt alſo wirklich ſeine Entwürfe für großartig, Toch⸗ ter Marquiſe?“ „Kann man ſie wohl für etwas Anderes halten, Sennora? Sie ſcheinen vernünftig und natürlich, und wenn ſie ſich rechtferti⸗ gen ſollten— iſt es nicht ein großes und lobenswerthes Unternehmen, die Gränzen der Kirche zu erweitern und ſeinem eigenen Lande Ruhm und Schätze zu erwerben? Meine begeiſterte Mündel, Mer⸗ cedes de Valverde, zeigt einen ſolchen Eifer für den Plan dieſes Seefahrers, daß dieſer nächſt ihrer Pflicht gegen Gott und ihre hohe Gebieterin die wichtigſte Angelegenheit ihres Lebens zu bilden ſcheint.“ Die Königin richtete einen lächelnden Blick auf das erröthende Mädchen, dem dieſe Bemerkung galt, und betrachtete ſie einen Augen⸗ blick mit jenem Ausdrucke von Liebe, welcher gewöhnlich ihr holdes Antlitz umſtrahlte, wenn ihre Augen auf den Zügen ihrer eigenen Tochter ruhten. 106 „Gibſt Du das zu, Donna Mercedes?“ ſagte ſie.„Hat Dich Colon in einer Weiſe überzeugt, daß Du Dir die Sache ſo tief zu Herzen nimmſt?“ Mercedes ſtand ehrfurchtsvoll auf, als die Königin ſie an⸗ redete, und trat einige Schritte näher, ehe ſie antwortete. „Es ziemt mir, in ſo hoher Gegenwart beſcheiden zu ſprechen; aber ich will nicht in Abrede ziehen, daß ich an Sennor Colon's Entwurf einen lebhaften Antheil nehme. Die Idee iſt ſo edel, Sennora, daß es Schade wäre, wenn ſie ſich nicht als wahr er⸗ weiſen ſollte.“ „Das iſt ſo die Weiſe junger und hochſinniger Seelen, und ich ſelbſt bekenne, Beatriz, daß ich in dieſer Hinſicht bisweilen faſt ſo kindiſch bin, als irgend Jemand anderes. Colon iſt ohne Zwei⸗ fel noch hier?“ „O ja! Sennora,“ antwortete Mercedes lebhaft und mit einer Haſt, welche ſie ſchnell bereute, da die Frage nicht an ſie gerichtet war;„ich weiß, daß er erſt kürzlich, an dem Tage, wo die Trup⸗ pen von der Stadt Beſitz nahmen, von Jemand geſehen wurde.“ „Und wer iſt dieſer Jemand?“ fragte die Königin feſt, aber nicht ſtrenge, indem ihr Auge wieder mit einer ſtets ſich mehrenden Theilnahme auf dem Antlitze des Mädchens ruhte. Mercedes bereute nun bitterlich ihre Unklugheit, und obgleich ſie ihre Gefühle mit Gewalt zurückzudrängen ſuchte, ſo ſchoß doch das Blut verrätheriſch nach ihren Schläfen, ehe ſie ſich zu einer Antwort entſchließen konnte. „Don Luis de Bobadilla, der Neffe meiner Vormünderin Donna Beatriz,“ entgegnete ſie endlich, denn die Liebe zur Wahr⸗ heit überwog in dieſem reinen Weſen ſelbſt die Furcht vor Be⸗ ſchämung. „Wie ſeltſam, Sennorita,“ bemerkte Iſabella ruhig, denn Strenge miſchte ſich ſelten in ihren Verkehr mit Edelſinnigen und Guten;„Don Luis ſtammt aus einem zu berühmten Hauſe, um 107 eines Heroldes zu bedürfen, der ſeine verwandtſchaftlichen Beziehun⸗ gen auseinander ſetzt. Nur um den Unbedeutenden kümmert ſich die Welt nicht. Tochter Marquiſe!“— ſie enthob Mercedes da⸗ durch, daß ſie ſich an ihre Freundin wandte, eines Zuſtandes, der kaum weniger peinvoll ſeyn konnte, als die Folter ſelbſt—„dieſer Dein Neffe iſt zwar anerkannt ein Menſch, der nirgends eine blei⸗ bende Stätte hat, aber ich zweifle, ob er ſich wird beſtimmen laſſen, an einem Unternehmen Theil zu nehmen, welches, wie das un⸗ ſeres Colon, die Ehre Gottes und die Wohlfahrt unſeres Reiches zum Zwecke hat.“ „Wahrlich, Sennora“— Mereedes unterdrückte ihren Eifer durch eine plötzliche und erfolgreiche Anſtrengung. „Du wollteſt ſprechen, Donna Mercedes?“ bemerkte die Kö⸗ nigin ernſt.. „Ich bitte Euer Hoheit um Verzeihung; ich habe Etwas Un⸗ ziemliches gethan, da Eure Worte nicht an mich gerichtet waren.“ „Dieß iſt nicht der Hof von Caſtilien, Tochter, ſondern das Privatgemach von Iſabella de Traſtamara,“ entgegnete die Fürſtin in der Abſicht, die Wirkung des bereits Vorgefallenen zu mindern. „Das Blut des Admirals von Caſtilien fließt in Deinen Adern, und Du kannſt Dich ſogar einer Verwandtſchaft mit unſerm Herrn, dem König, rühmen. Sprich daher unverhohlen!“ „Ich kannte Eure Huld und Güte gegen mich, Sennora, und habe mich deshalb beinahe vergeſſen. Ich wollte nur ſagen, daß Don Luis de Bobadilla ſehnlichſt wünſcht, Sennor Colon möchte die Caravelen, deren er bedarf, erhalten und ihm ſelbſt die könig⸗ liche Erlaubniß gewährt werden, an dem Abenteuer Theil nehmen zu dürfen.“ „Wäre das möglich, Beatriz?“ „Luis iſt ohne Zweifel ein ruheloſer Kopf, Sennora; doch läßt er ſich nie von unedlen Beweggründen leiten. Ich habe ihn ſelbſt den glühenden Wunſch ausdrücken hören, Colon zu begleiten, 108 wenn es Euer Hoheit gefallen ſollte, dieſen Mann auszuſenden, um das Land Cathay aufzuſuchen.“ Iſabella gab keine Erwiederung, aber ſie legte ihre häusliche Arbeit in den Schoos, und ſaß einige Minuten in gedankenvollem Schweigen da. Während dieſes Zwiſchenraumes wagte Niemand in ihrer Nähe zu ſprechen, und Mercedes zog ſich leiſe nach ihrem Schemel zu den Füßen der Infantin zurück. Endlich erhob ſich die Königin, ging durch das Zimmer, näherte ſich dem Tiſche, wo Don Fernando emſig mit der Feder beſchäftigt war, hielt hier einen Augenblick inne, als ob ſie ihn nur ungerne ſtöͤren möchte, und legte dann freundlich ihre Hand auf die Schulter ihres Gemahls, um ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Der König, als ob er wüßte, woher eine ſolche Vertraulichkeit allein kommen könne, ſah ſich ſchnell um, ſtand von ſeinem Stuhle auf, und ergriff zuerſt das Wort. „Dieſe Mauren möogen ſich vorſehen,“ ſagte er, und verrieth dadurch die Richtung ſeiner Gedanken, welche ſchon jetzt auf eine Vergrößerung ſeiner Macht hinzielten.„Ich ſinde, daß wir Ab⸗ dallah zu viele Feſtungen in den Alpujarras gelaſſen haben, die ihn zu einem läſtigen Nachbar machen werden, wenn wir ihn nicht über das mittelländiſche Meer jagen können.“ „Hievon wollen wir bei einer andern Gelegenheit ſprechen, Fernando,“ unterbrach ihn die Königin, deren reiner Sinn Alles, was einem Treubruche ähnlich ſah, verſchmähte.„Es iſt für die, welche die Angelegenheiten der Menſchen zu leiten haben, ſchwer genug, immer Gott und ihrem Gewiſſen zu gehorchen, ohne daß ſte nöthig haben, nach einem Anlaß zu ſuchen, um ihr Wort zu brechen. Ich komme aus einem anderen Grunde zu Dir. Die un⸗ ruhigen Zeiten und die Wichtigkeit der Angelegenheiten unſeres Reiches haben uns das Verſprechen, welches wir dem Seefahrer Colon gegeben haben, überſehen laſſen.“ „Stets mit der Nadel beſchäftigt, und immer für meine — V v— 109 5 Bequemlichkeit beſorgt,“ bemerkte der König, indem er mit dem Hemde ſpielte, welches ſeine hohe Gemahlin unabſichtlich noch immer in der Hand hielt.„Wenige meiner Unterthanen haben ſo beſorgte und zärtliche Frauen, als ich.“ „Die Sorge für Deine Bequemlichkeit ſteht meiner Pflicht ge⸗ gen Gott und mein Volk am nächſten,“ erwiederte Iſabella ver⸗ gnügt über die Aufmerkſamkeit, welche der König von Aragon die⸗ ſem kleinen Unterwürfigkeitsbeweiſe ihres Geſchlechts erzeigte, obgleich ſte argwöhnte, daß ſie ſolche mehr dem Wunſche zuzuſchreiben habe, dem Gegenſtande, der im gegenwärtigen Augenblick in ihren Ge⸗ danken die Oberhand hatte, auszuweichen.„Ich möchte in dieſer wichtigen Sache nicht ohne Deine vollſte Beiſtimmung handeln, wenn ſich dieſelbe gewinnen läßt, und ich glaube, es ziemt unſe⸗ rem koöniglichen Worte, nicht länger zu zögern. Sieben Jahre ſind eine gar grauſame Prüfung, und wenn wir nicht thätig ſind, ſo finden ſich vielleicht in unſerem Königreich einige heißköpfige junge Edle, welche die Sache als einen Feierkagsſcherz für ſich un⸗ ternehmen.“ „Du haſt Recht, Sennora, wir wollen den Gegenſtand dem Fernando de Talavera dort übertragen, auf deſſen erprobte Weis⸗ heit man ſich verlaſſen kann.“ Bei dieſen Worten winkte der König dem in Rede ſtehenden Manne, welcher ſich ſogleich dem hohen Paare näherte. „Erzbiſchof von Granada,“ fuhr der vorſichtige König fort, der die Kunſtgriffe der Politik eben ſo ſehr in ſeiner Gewalt hatte, als unſere neueren Patrioten, wenn ſie ihre eigene Beförderung im Auge haben,„Erzbiſchof von Granada, unſere Köͤnigliche Ge⸗ mahlin wünſcht, daß die Angelegenheit Colon's ſogleich geprüft und uns Bericht darüber erſtattet werde, es iſt unſer vereinter Wille, daß Ihr nebſt Anderen innerhalb der nächſten vier und zwanzig Stunden die Sache in reifliche Erwägung ziehet, und das Ergebniß dieſer Prüfung uns vorlegt. Man wird Euch noch im 110 Verlaufe des Tages das Namensverzeichniß Derjenigen, welche an der Prüfungs⸗Commiſſion Theil nehmen ſollen, übergeben.“ Waͤhrend Ferdinands Zunge dem Prälaten dieſe Weiſung er⸗ theilte, las Letzterer in dem Ausdrucke des Auges des Monarchen und in der Kälte ſeiner Züge einen Wink, welchen ſein raſcher und geübter Verſtand ſich leicht zu deuten wußte. Er bezeugte jedoch ſeine unterthänige Zuſtimmung, verzeichnete ſich die Namen der Commiſſions⸗Mitglieder, von denen Iſabella einen oder zwei andeutete, und harrte dann der weiteren Unterredung. „Colon's Plan verdient es, auf's ernſtlichſte erwogen zu wer⸗ den,“ nahm der König wieder auf, als dieſe Einleitungen bereinigt waren,„und es wird Eure Sorge ſeyn, darauf zu achten, daß es mit aller Rückſicht geſchehe. Wie ich höre, iſt der Seefahrer ein guter Chriſt.“ „Ich halte ihn für einen ſehr eifrigen, Don Fernando. Er hat die Abſicht, wenn Gott ſein gegenwärtiges Unternehmen ſegnet, einen neuen Verſuch zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes zu machen.“ „Pahl ſolche Plane mögen verdienſtlich ſeyn, aber für uns iſt dieſe unſere Eroberung hier der wahre Weg zu Förderung des Glau⸗ bens. Wir haben das Kreuz aufgerichtet, meine Gemahlin, wo erſt kürzlich noch die Banner des Unglaubens wehten, und Granada iſt Caſtilien ſo nahe, daß es nicht ſchwer ſeyn wird, unſere Altäre zu ſchützen. Das ſind wenigſtens die Anſichten eines Laien über dieſe Gegenſtände, heiliger Prälat!“. „Und zwar ſehr richtige und weiſe Anſichten, Sennor!“ erwie⸗ derte der Erzbiſchof.„Es iſt die größte Weisheit, nach dem zu trach⸗ ten, was wir uns auch erhalten können, denn wir verlieren nur unſere Mühe, wenn wir nach Dingen ſtreben, welche die Vorſehung un⸗ ſerer Macht ſo weit entrückt hat, daß ſie nicht mehr für unſere Zwecke beſtimmt zu ſeyn ſcheinen.“ „Es gibt Leute, mein Herr Erzbiſchof,“ bemerkte die Königin, „welche gegen jeden Verſuch einer Wiedereroberung des heiligen 111 Grabes ſtimmen werden, wenn ſie von einem ſo hohen Würden⸗ träger der Kirche derartige Anſichten vernehmen.“ „Dann, Sennora, müßten Sie dieſen Würdenträger ſehr miß⸗ verſtehen,“ erwiederte haſtig der gewandte Prälat.„Die Vertrei⸗ bung der Ungläubigen aus dem heiligen Lande iſt eine Angelegenheit der ganzen Chriſtenheit, aber für Caſtilien iſt es beſſer, Granada den Händen der Heiden zu entreißen. Der Unterſchied, der hiebei ſtatt findet, liegt ſo auf flacher Hand, daß ihn jeder, der ſich die Sache erwogen hat, einſehen muß.“ „Dieſe Wahrheit leuchtet unſerem Verſtande eben ſo klar ein,“ fügte Ferdinand bei und blickte mit ruhigem Triumphe aus dem Fenſter,„als die, daß jene Thürme, welche vordem Abdallah gehör⸗ ten, jetzt die unſrigen ſind.“ „Beſſer für Caſtilien?“ wiederholte Iſabella in dem Tone des Nachſinnens.—„Vielleicht beſſer für ſeine weltliche Macht, aber nicht beſſer für die Seelen derjenigen, welche das Werk ausführen— ſicherlich nicht beſſer für die Ehre Gottes.“ „Meine hochverehrte Gattin und theure Gemahlin—“ ſagte der König. „Sennora—“ fügte der Prälat bei. Iſabella ging jedoch langſam weg und überlegte ſich die eben vernommenen Grundſätze, während die Augen der beiden Weltlinge, welche zurückblieben, ſich mit einer Art unausgeſprochener Ver⸗ ſtändigung begegneten, wie ſie ſich ſo leicht unter Männern findet, welche ihren Vortheil eher als das Recht zu ſuchen geneigt ſind. Die Königin kehrte nicht zu ihrem Sitze zurück, ſondern ging in dem Theile des Zimmers auf und ab, welchen der Erzbiſchof verlaſſen hatte, als er ſich ihr und ihrem Gatten näherte. Hier blieb ſie mehrere Minuten allein, denn ſelbſt Ferdinand ehrte ſie zu ſehr, um es zu wagen, ihr Nachdenken unaufgefordert zu ſtören. Die Königin warf öfters Blicke auf Mercedes und hieß endlich die Donna näher treten. 112 „Tochter!“ ſagte Iſabella, welche ſich oft dieſes zärtlichen Ausdruckes gegen diejenigen, welche ſie liebte, bediente,„Du haſt doch Dein freiwillig abgelegtes Gelübde nicht vergeſſen?“ „Den Pflichten gegen Gott, Sennora, ſteht der Gehorſam gegen meine hohe Gebieterin am nächſten.“ Mercedes ſprach mit Feſtigkeit und in einem Tone, der ſelten eine Taͤuſchung birgt. Iſabella heftete ihre Augen auf die bleichen Züge des ſchönen Mädchens, und als die eben angeführten Worte den Lippen der Jungfrau entſchlüpften, hätte eine zärtliche Mutter ihr Kind nicht mit einem innigeren Ausdruck von Liebe betrachten können. „Es iſt nicht mehr wie billig, daß die Pflichten gegen Gott allen andern Gefühlen vorgehen, meine Tochter,“ antwortete die Königin.„In Vergleichung mit ihnen iſt der Gehorſam, welchen Du mir ſchuldig biſt, nur untergeordnet; aber doch haſt Du, wie alle Andern, eine feierliche Verpflichtung gegen Deine Koͤnigin, und ich würde des hohen Vertrauens, das mir die Vorſehung zu Theil werden ließ, unwürdig ſeyn, wenn ich eine Vernachläſſigung derſelben geſtattete. Nicht ich herrſche in Caſtilien, ſondern die Vorſehung, welche ſich meiner nur als eines armen, unwürdigen Werkzeugs bedient. Meine Unterthanen ſind meine Kinder, und ich bete täglich, daß mir Gott ein Herz ſchenke, welches im Stande ſey, Alle mit Liebe zu umfaſſen. Wenn Fürſten hin und wieder genöthigt ſind, dem Unwürdigen zu zürnen, ſo geſchieht es nur in einer Art demüthiger Nachahmung jener Macht, welche der Sünde nicht zulächeln kann.“ „Ich hoffe, Sennora,“ ſagte das Mädchen furchtſam, als ſie bemerkte, daß die Königin inne hielt,„ich bin nicht ſo unglücklich geweſen, um Euer Mißfallen zu erregen. Der Unwillen Eurer Hoheit würde mich in der That hoͤchſt unglücklich machen.“ „Du?— Nein, Tochter! Ich wünſchte, alle Mädchen von Caſtilien, adelige und bürgerliche, wären ſo aufrichtig, ſo beſcheiden und gehorſam, wie Du. Aber wir können Dich nicht das Opfer 113 Deiner Gefühle werden laſſen. Du biſt zu wohl erzogen, Donna Mercedes, um nicht den äußeren Schein von der wahren Tugend unterſcheiden zu können.“ „Sennora!“ rief Mercedes lebhaft, aber ſie hielt ſchnell wieder inne, denn ſie fühlte, wie unehrerbietig es ſey, ihre Herrſcherin zu unterbrechen. „Laß mich hören, was Du ſagen wollteſt, meine Tochter!“ antwortete Iſabella, nachdem ſte eine Weile in der Abſicht geſchwiegen hatte, das furchtſame Mädchen zur Fortſetzung ihrer begonnenen Rede zu ermuthigen.„Sprich unverhohlen, Du redeſt mit einer Mutter.“ „Ich wollte ſagen, Sennora, daß, wenn auch der äußere Prunk nicht den wahren Werth ausmacht, doch auch nicht Alles, was dem Auge mißfällt oder was die Klugheit verdammt, wirklich laſterhaft iſt.“ „Ich verſtehe Dich, Sennorita, und Deine Bemerkung hat etwas Wahres. Doch! ſprechen wir jetzt von andern Dingen! Die Plane dieſes Seefahrers Colon ſcheinen Dir zu gefallen?“ „Die Meinung eines unwiſſenden jungen Mädchens, wie ich bin, kann nur wenig in Betracht kommen bei der Königin von Caſtilien, welcher, abgeſehen von ihrer eigenen Weisheit, der Rath von hohen Kirchenfürſten und gelehrten Geiſtlichen zu Gebot ſteht,“ erwiederte Mercedes beſcheiden. „Aber Du billigſt ſeinen Plan? oder habe ich Dich vielleicht unrecht verſtanden?“ „Nein, Sennora! ich billige Colons Entwurf, denn er ſcheint mir ſo edel und groß, daß ich flehe, die Vorſehung möchte ihn zum Beſten der Menſchheit und zum Wohl der Kirche begünſtigen.“ „Und Du glaubſt, daß ſich Edle und Ritter bereit finden laſſen würden, an dem kühnen Unternehmen dieſes unbekannten Genueſen freiwillig Theil zu nehmen?“ Die Königin fühlte in der Hand, welche ſie liebevoll mit den ihrigen umſchloſſen hielt, ein Zittern, und als ſie ihre Gefährtin Donna Mercedes. 2te Aufl. 8 114 betrachtete, bemerkte ſie, daß das Geſicht derſelben wie Scharlach glühte und ihre Augen niedergeſchlagen waren. Das edle Mädchen dachte jedoch, dieſer Augenblick ſey für das Glück ihres Geliebten ent⸗ ſcheidend und ſammelte alle ihre Kräfte, um ſeinem Intereſſe zu dienen. „Ich glaube das, Sennora!“ antwortete ſie mit einer Feſtig⸗ keit, die der Königin, welche in alle Gefühle des Mädchens einging und ſie zu ſchätzen wußte, zwar befremdend, aber nichts weniger als mißfällig erſchien.„Ich glaube, Don Luis de Bobadilla hat die Abſicht, mit ihm zu ziehen, denn ſeit ſeine Tante mit ihm un⸗ verhohlen über die Bedeutung und Größe der Unternehmung ge⸗ ſprochen hat, denkt ſein Geiſt faſt an nichts Anderes. Auch würde er gerne dieſen Plan mit Gold unterſtützen, wenn ſich die Einwilli⸗ gung ſeiner Vormünder gewinnen ließe.“ „Seine Vormünder würden daran ſehr übel thun. Wir können zwar über unſer Cigenthum frei verfügen, aber es iſt nicht erlaubt, die Habe eines Andern auf's Spiel zu ſetzen. Wenn Don Luis auf dieſer Anſicht beharrt und ſeinem Verſprechen gemäß handelt, ſo werde ich in Zukunft günſtiger von ſeinem Character denken, als es bisher die Umſtände geſtatteten.“ „Sennora!“ „Höre mich, meine Tochter! wir können nicht länger bei dieſem Gegenſtand verweilen, denn der Rath harrt meiner Gegenwart und der König hat uns bereits verlaſſen. Ich will mich mit Deiner Vormünderin beſprechen und Du ſollſt nicht lange einer zweckloſen Ungewißheit ausgeſetzt bleiben. Aber! Mercedes de Valverde—“ „Meine hohe Gebieterin!“ „Erinnere Dich Deines Gelübdes, Tochter! Du haſt es frei⸗ willig gegeben und darfſt es nicht ſo ſchnell wieder vergeſſen.“ Iſabella küßte die bleiche Wange des Mädchens und entfernte ſich. Die Damen folgten ihr und ließen die halb erfreute, halb erſchreckte Mercedes, einer ſchoͤnen Statue des Zweifels ähnlich, in der Mitte des weiten Saales allein. 115 Siebentes Kapitel. Er, der ſo hoch des Geiſtes Bau geführt Und der Gedanken Haus ſo feſt gegründet, Daß weder Furcht noch Hoffen je vermag Des Willens Kräfte zu erſchüttern— Daniel. Am folgenden Tage war Alhambra wieder, wie gewoͤhnlich, von Höflingen und Bittſtellern, welche ihr Recht ſuchten oder um Abſtellung vermeintlicher Beeinträchtigung flehten, angefüllt. Die Vorgemächer waren gedrängt voll, und die verſchiedenen Perſonen betrachteten ſich gegenſeitig mit eiferſüchtigen Blicken, als ob ſie erforſchen wollten, in wie weit die Nachbarn ihren eigenen Abſich⸗ ten in die Quere oder zu Statten kommen möchten. Im Allgemeinen waren die Begrüßungen kalt und mißtrauiſch und fanden mit jener abgemeſſenen Höflichkeit ſtatt, welche gewöhn⸗ lich den Verkehr in Paläſten bezeichnet. Während die Neugierde thätig war, das Geſchäft der ver⸗ ſchiedenen Anweſenden zu errathen, und die täglichen Vorplatzlunge⸗ rer durch Flüſtern, Kopfnicken, Achſelzucken und bedeutungsvolle Blicke das Wenige, was ſie von einzelnen Perſonen wußten oder zu wiſſen glaubten, ſich mittheilten, ſtand in einer Ecke des Haupt⸗ gemaches ein Mann, der ſich durch ſeine hohe Geſtalt, ſeine ernſte und würdevolle Haltung und durch die eigenthümliche Art von Aufmerkſamkeit, welche ihm zu Theil wurde, vor Allen in ſeiner Umgebung auszeichnete. Nur Wenige näherten ſich ihm, und wer es that, warf, wenn er ihm den Rücken kehrte, gerne mit jenen Blicken von Selbſtgefälligkeit und Spottſucht um ſich, welche ſo bezeichnend für eine niedrige Denkweiſe ſind, wenn ſie glaubt, daß ihr Hohn mit der öffentlichen Meinung im Einklang ſtehe. Dieſer Mann war Columbus, den die Menge allgemein als einen träumeriſchen Plan⸗ macher betrachtete, und dem daher nothwendig jene verächtliche 116 Behandlung zu Theil wurde, welche an einem ſolchen Character zu haften pflegt. Aber ſelbſt der Witz der Menge erſchöpfte ſich end⸗ lich und die Geduld der Herren des Vorzimmers war auf der Neige, als ein leichtes Geräuſch an der Thüre die Ankunft eines neuen Höflings verkündete. Die Art, wie dem Ankömmlinge in dem Gedränge Platz gemacht wurde, verkündete die Gegenwart eines Mannes von hohem Range, und in der That war es auch Don Luis de Bobadilla, welcher jetzt in der Mitte des Ge⸗ maches ſtand. „Es iſt der Neffe der Freundin Ihrer Hoheit,“ flüſterte Einer. „Ein edler aus einer der angeſehenſten Familien Caſtiliens,“ ſagte ein Anderer;„aber ein geeigneter Genoſſe für dieſen Colon; denn weder das Anſehen ſeiner Vormünder, noch die Wünſche der Königin, noch ſeine hohe Geburt konnten ihn abhalten, das Leben eines Vagabunden zu führen.“ „Eine der beſten Lanzen in Spanien, wenn er nur klug und weiſe genug wäre, von ſeiner Geſchicklichkeit Vortheil zu ziehen,“ bemerkte ein Dritter. „Das iſt der junge Ritter, der ſich in dem letzten Treffen ſo gut benommen hat,“ brummte ein Subalternofficier der Infanterie, „und der in dem Turnier Don Alonzo de Ojeda aus dem Sattel hob; aber ſeine Lanze iſt etwas unſtet im Ziel, und er gebraucht ſie nicht ſonderlich häufig. Ich hoͤre, er iſt ein Herumſtreicher.“ Luis ſah ſich, als ob er vorſätzlich dieſen Vorwurf rechtfertigen wolle, eine Weile ſpähend um und eilte dann unmittelbar an Colons Seite. Das nun folgende Lächeln, Kopfnicken, Achſelzucken und halb unterdrückte Flüſtern bekundete den allgemeinen Eindruck. Als ſich aber eine Thüre ſeitwärts in dem Gemache öffnete, flogen Aller Augen nach dieſer Richtung, und die erwähnte kleine Unterbrechung war eben ſo ſchnell wieder vergeſſen. „Meinen Gruß, Sennor!“ ſagte Luis mit einer achtungsvollen Verbeugung gegen Colombus.„Die Unterhaltung des geſtrigen 117 Abends hat meine Gedanken faſt ausſchließlich in Anſpruch genom⸗ men, und ich komme, um ſie wieder anzuknüpfen.“ Man ſah in Columbus' Auge, ſeinem Lächeln und der Art, wie er ſeinen Körper aufrichtete, gleich als ſey auch dieſer von der Groͤße ſeiner Entwürfe erfüllt— daß dieſe Huldigung mit Wohlgefallen aufgenommen wurde, aber er mußte das Vergnügen, welches ihm ein Geſpräch über ſein Unternehmen immer gewährte, verſchieben. „Ich bin durch den ehrwürdigen Erzbiſchof von Granada hie⸗ her berufen, edler Sennor,“ antwortete er mit Herzlichkeit,„der, wie es ſcheint, von Ihren Hoheiten den Auftrag, meine Angelegen⸗ heit zu einem ſchleunigen Ende zu bringen, erhalten und für dieſen Zweck den heutigen Morgen anberaumt hat. Wir ſtehen an dem Vorabende großer Ereigniſſe, und der Tag iſt nicht ferne, an dem dieſe Eroberung von Granada vergeſſen ſeyn wird in der weit höheren Wichtigkeit der gewaltigen Dinge, welche uns Gott vorbehalten hat.“ „Bei St. Pedro, meinem neuen Namenspatron, ich glaube das ſelbſt auch. Cathay muß an der Stelle, die Ihr namhaft gemacht habt, oder doch in der Nähe derſelben liegen, und Eure Augen ſollen dieſes Land ſammt ſeinen ungeheuren Reichthümern nicht früher ſehen, als die meinigen. Ich bitte Euch, denkt an Pedro de Munnos, Sennor Colon.“ „Ich verſpreche Euch, junger Herr, er ſoll nicht vergeſſen werden, und alle die großen Thaten Eurer Vorfahren werden durch den Ruhm ihres Enkels in den Schatten zu ſtehen kommen. Aber ich höre meinen Namen nennen; wir wollen ein andermal die Sache weiter beſprechen.“ „Der Sennor Chriſtoval Colon,“ rief einer der Pagen mit lauter Stimme, und der Seefahrer eilte freudig vorwärts. Die Art, wie ein ſo allgemein mit Gleichgültigkeit, wo nicht mit Ver⸗ achtung betrachteter Mann aus dem Gewühle der Hofſchranzen aus⸗ erleſen worden war, erregte einige Ueberraſchung. Als aber das ge⸗ woͤhnliche Geſchäft eines Vorzimmers begann und die untergeordneten 118 Beamten in den Räumen erſchienen, um Geſuche anzuhoͤren und Fragen zu beantworten, war der Vorfall ſchnell wieder vergeſſen. Luis entfernte ſich mißvergnügt, denn er hatte gehofft, ſich einer längeren Unterhaltung mit Columbus über einen Gegenſtand er⸗ freuen zu können, welchex ſeine ſchönſten Hoffnungen berührte, und daher ſein ganzes Sinnen in Anſpruch nahm. Wir wollen aber für jetzt ihn und das Gewühl in den Vorzimmern verlaſſen, um dem großen Seefahrer in das Innere des Palaſtes zu folgen. Fernando de Talavera war dem ihm gegebenen Befehle nach⸗ gekommen. Statt jedoch dieſem Prälaten Männer an die Seite zu geben, von denen bekannt war, daß ſie geneigt ſeyn konnten, auf Columbus' Vorſchläge zu hören, hatten der König und die Königin den Mißgriff begangen, ſechs bis acht Hofleute zu wählen, welche zwar wegen ihrer Rechtſchaffenheit und ihres lobenswerthen Cha⸗ racters in gutem Rufe ſtanden, aber viel zu wenig an eine gelehrte Unterſuchung gewöhnt waren, um den Werth der vorgeſchlagenen Entdeckungen gehörig würdigen zu können. Columbus wurde jetzt in die Verſammlung dieſer ausgezeichneten Edeln und Geiſtlichen eingeführt, und der Leſer ſtelle ſich vor, daß er unter denſelben Platz genommen habe. Wir übergehen die übrigen Förmlichkeiten der Einführung und ſchreiten ſogleich zu dem weſentlichen Theile der Erzählung. Von Seite der Commiſſton führte der Erzbiſchof von Granada vorzugsweiſe das Wort. .„Wir vernehmen, Sennor Colon,“ ſprach der Prälat im Laufe der Beſprechung,„daß Ihr, wenn Euch der Schutz der Macht und des Anſehens Ihrer königlichen Hoheiten nicht entſteht, eine Reiſe in das unbekannte Weltmeer zu unternehmen im Sinne habt, um die berühmte Inſel Cipango aufzuſuchen?“ „Das iſt meine Abſicht, heiliger und durchlauchtiger Prälat. Die Sache iſt zwiſchen den Bevollmächtigten der zwei fürſtlichen Perſonen und mir ſo oft beſprochen worden, daß ich mich wohl nicht weiter über meine Anſichten auszulaſſen brauche.“ 119 „Sie ſind in der That zu Salamanka auf's Umſtändlichſte er⸗ örtert worden, und viele gelehrte Geiſtliche gingen auf Eure Idee ein, Sennor, obgleich noch mehrere dagegen waren. Unſer Herr, der König, und unſere Gebieterin, die Königin, ſind jedoch geneigt, die Sache in einem günſtigeren Lichte zu betrachten, und die gegen⸗ wärtige Commiſſion hat den Auftrag, die vorläufigen Grundſätze feſtzuſetzen und die betreffenden Rechte der betheiligten Partheien abzugränzen. Was verlangt Ihr an Schiffen und Ausrüſtung, um die großen Zwecke, die Ihr im Auge habt, unter Gottes Segen durchzuführen?“ „Ihr habt wohl geſprochen, hochwürdiger Herr Erzbiſchof, unter Gottes Segen und unter ſeiner beſonderen Obhut ſoll alles geſchehen; denn Seine Verehrung und Verherrlichung iſt bei dem Erfolge weſentlich betheiligt. Mit einem ſo mächtigen Verbündeten auf meiner Seite werden wenige weltliche Mittel nothwendig ſeyn; ich fordere nur zwei Caravelen von leichter Laſt, mit der Flagge der Fürſten, und eine hinreichende Anzahl Matroſen.“ Die Commiſſions⸗Mitglieder warfen ſich verwunderte Blicke zu, und ſahen theilweiſe in dieſer beſcheidenen Bitte nur die phantaſti⸗ ſche Kopfloſigkeit eines Träumers, während andere darin das feſte Vertrauen des Glaubens zu entdecken vermeinten. „Das iſt in der That nicht viel verlangt,“ bemerkte der Prä⸗ lat, der unter die Erſteren gehörte,„und obgleich die Schatzkam⸗ mern Caſtiliens erſchöpft ſind, ſo könnten wir doch dieſe Kleinigkeit ohne die Beihülfe eines Wunders zugeſtehen. Die Caravelen laſſen ſich wohl auffinden und ebenſo die nöthigen Matroſen ausheben; aber ehe wir ſo weit kommen, bleiben noch einige wichtige Punkte feſtzuſtellen. Ihr erwartet, Sennor, daß man das Commando der Expedition Euch anvertraue?“ „Ohne dieſes Vertrauen könnte ich nicht für den Erfolg ein⸗ ſtehen. Ich bedarf des vollen und ungeſchmälerten Anſehens eines Admirals Ihrer Hoheiten. Wenn auch die Zahl der Schiffe nur 120 unbedeutend iſt, ſo werden doch die Gefahren nicht gering ſeyn, und die Macht der beiden Kronen muß im vollen Umfange des Worts den Mann aufrecht erhalten, auf deſſen Schultern das ganze Gewicht der Verantwortlichkeit ruht.“ „Dieß iſt nicht mehr als billig, und Niemand wird etwas da⸗ gegen einzuwenden haben. Aber, Sennor, habt Ihr Euch auch reiflich der Vortheile gedacht, welche unſeren Herrſchern zuwachſen müſſen, wenn ſie Euch in dieſem Unternehmen unterſtützen ſollen?“ „Herr Erzbiſchof, ſeit achzehn Jahren hat dieſer Gegenſtand meine Gedanken Tag und Nacht beſchäftigt und meine Studien in Anſpruch genommen. Dieſe ganze Zeit über habe ich nur wenig gethan, was nicht in unmittelbarer Beziehung zu dem Erfolge dieſes mächtigen Unternehmens geſtanden wäre. Die Vortheile, welche für alle Betheiligten daraus fließen müſſen, ſind daher kaum ver⸗ geſſen worden.“ „Nennt ſie, Sennor.“ „Zum erſten alſo ſoll der Allmächtige durch die Ausbreitung ſeiner Kirche und die Vermehrung ſeiner Verehrer verherrlicht wer⸗ den, da man dieſes Seinem allumfaſſenden Schirme ſchuldig iſt.“ Fernando de Talavera und alle anweſenden Geiſtlichen bekreuzten ſich andächtig, und Columbus that das Gleiche.„Die nächſten Vor⸗ theile werden, wie billig, Ihre Hoheiten erndten, indem ſich ihr Reich ausdehnt und die Zahl ihrer Unterthanen vergrößert. Reich⸗ thümer werden ſich in vollen Strömen über Caſtilien und Aragon ergießen, da ſeine Heiligkeit der Papſt ſicherlich die Throne und Länder aller ungläubigen Fürſten denjenigen chriſtlichen Herrſchern zugeſtehen wird, welche dieſe Beſitzungen entdecken oder die Bewoh⸗ ner derſelben zum wahren Glauben bekehren laſſen.“ „Das iſt annehmbar, Sennor,“ erwiederte der Prälat,„und ruht auf der Grundlage der Billigkeit. Seine Heiligkeit beſitzt außer allem Zweifel eine ſolche Macht, und man weiß, daß er gerne zur Ehre Gottes Gebrauch davon macht. Ihr wißt wahrſcheinlich, — 121 Sennor Colon, daß Don Joao von Portugal bereits große Auf⸗ merkſamkeit auf dieſe Dinge verwendet hat, und daß er und ſeine Vorfahren das Entdeckungsweſen wohl ſchon bis auf's Aeußerſte ausbeuteten. Auch ſein Unternehmen wurde von Rom aus mit ge⸗ wiſſen Privilegien bedacht, die nicht einmal am Orte waren.“ „Ich kenne die portugieſiſche Unternehmung, heiliger Prälat, und weiß wohl, in welchem Geiſte Don Joao ſeine Macht geübt hat. Seine Schiffe ſegelten an dem weſtlichen Ufer von Afrika hin, aber in einer ganz andern Richtung, als die iſt, welche ich einzuſchlagen gedenke. Ich habe im Sinne, geradezu in das große Weltmeer hineinzuſteuern, und indem ich dem Niedergang der Sonne folge, die öſtlichen Gränzen von Indien auf einem Wege zu errei⸗ chen, der die Reiſe um viele Monate abkürzen muß.“ Obgleich der Erzbiſchof und die meiſten der Commiſſions⸗Mit⸗ glieder zu der zahlreichen Klaſſe derer gehörten, welche Columbus als einen heißköpfigen Träumer betrachteten, ſo machte doch die ernſte und hohe Wurde, mit welcher er ſeine Entwürfe ſo einfach andeutete, die Ruhe, mit welcher er beim Sprechen ſeine weißen Locken niederſtrich, und die Begeiſterung, welche immer in ſeinem Auge leuchtete, wenn er von dieſem Plane ſprach— einen tiefen Eindruck auf alle Anweſenden, und in dieſem Augenblick ſchienen ſich die Gefühle Aller darin zu vereinigen, ihm zu Erlangung dieſer ſo wenig anſpruchsvollen Forderungen behülflich ſeyn zu wollen. Es war ein merkwürdiger und eigenthümlicher Beweis für das Vorhandenſeyn eines ſolchen vorübergehenden Gefühls, daß einer der Beigezogenen unmittelbar die Frage ſtellte: „Gedenkt Ihr, Sennor Colon, den Hof des Prieſters Johann aufzuſuchen?“ „Ich weiß nicht, edler Sennor, ob es je einen ſolchen Fürſten gegeben hat,“ antwortete Columbus, deſſen Anſichten auf der feſten und philoſophiſchen Grundlage der Wiſfenſchaft ruhten, und der nur wenig auf die im Schwunge ſtehenden Trugbilder jener Zeit 122 einging, obgleich auch er nothwendig ſeinen Theil an der Unwiſſen⸗ heit des Zeitalters trug.„Ich finde überhaupt nichts vor, wodurch die wirkliche Exiſtenz eines ſolchen Monarchen oder eines ſolchen Reiches beſtätigt würde.“ Dieſes Zugeſtändniß kam der Sache des Seefahrers nicht zu ſtatten, denn die Behauptung, die Erde ſey eine Kugel und der Prieſter Johann nur ein Geſchöpf der Einbildungskraft, hieß das Wunderbare aufgeben, um zu Beweiſen und zu Wahrſcheinlichkeiten zurückzukehren: ein Weg, den der menſchliche Geiſt im Zuſtande der Unkultur nicht gerne einſchlägt. „Es gibt Männer, welche gerne an die Wirklichkeit von Prie⸗ ſter Johanns Macht und Reich glauben,“ ſiel einer der Bevollmäch⸗ tigten ein, der ſein gegenwärtiges Amt rein König Ferdinands Politik verdankte—„und welche es geradezu in Abrede ziehen, daß die Erde rund ſey, ſintemal wir alle wiſſen, daß es darauf Könige, Reiche und Chriſten gibt, und uns zugleich durch unſere eigenen Augen überzeugen können, daß die Erde und das Meer eben ſind.“ Dieſe Anſicht wurde von den meiſten Anweſenden mit einem beifälligen Lächeln aufgenommen, obgleich Fernando de Talavera ſein Bedenken über die Richtigkeit derſelben hatte. „Sennor,“ erwiederte Columbus ſanft,„wenn in dieſer Welt Alles ſo wäre, wie es ſcheint, ſo bedürfte man wohl kaum der Beichte, und auch die Buße müßte viel leichter ſeyn.“ „Ich denke, Ihr ſeyd ein guter Chriſt, Sennor Colon?“ be⸗ merkte der Erzbiſchof etwas ſcharf. „Ich bin das, wozu mich die Gnade Gottes und die Schwäche der menſchlichen Natur gemacht hat, Herr Erzbiſchof, obgleich ich demüthig hoffe, des göttlichen Schutzes und der göttlichen Huld für würdiger erachtet zu werden, wenn ich erſt mein großes Ziel er⸗ reicht habe.“ „Man ſagt, Du halteſt Dich für einen Mann, den die Vor⸗ ſehung beſonders für dieſes Werk beſtimmt habe.“ 123 „Ich fühle Etwas in mir, hochwürdigſter Prälat, was mich zu dieſer Hoffnung ermuthigt; aber ich baue darum nicht auf Ge⸗ heimniſſe, die mein Begriffsvermögen überſteigen.“ Es möchte ſchwer ſeyn, zu ſagen, ob Columbus durch dieſe Antwort in der Meinung ſeiner Zuhörer verlor oder gewann. Das religiöſe Gefühl jener Zeit mochte wohl einen ſolchen Glauben rechtfertigen, aber den anweſenden Geiſtlichen ſchien es anmaßend, daß ein unbedeutender, unbekannter Laie nur an die Möglichkeit denken mochte, zu einem beſonderen Werkzeuge erkoren zu ſeyn, wäh⸗ rend ſo viele Andere mit ſcheinbar höheren Anſprüchen verworfen würden. Doch durfte ſich dieſes Gefühl nicht laut werden laſſen, denn es war in jener Zeit, wie in unſeren Tagen— derjenige, wel⸗ cher ſich auf die Macht Gottes zu ſtützen ſchien, hatte ein Gewicht und einen Einfluß für ſich, an denen ſich gewöhnlich der Tadel brach. „Ihr hofft, Cathay zu erreichen, wenn Ihr auf dem großen Weltmeere immer weiter ſegelt—“ nahm der Erzbiſchof wieder auf,„und doch läugnet Ihr die Exiſtenz des Prieſters Johannes?“ „Ich bitte um Verzeihung, hochwürdiger Prälat— ich hoffe, Cathay und Cipango in der von Euch bezeichneten Weiſe zu errei⸗ chen, aber ich läͤugne die Exiſtenz des mehrerwähnten Monarchen nicht unbedingt. Für die Wahrſcheinlichkeit eines glücklichen Erfolgs meines Unternehmens habe ich bereits Gründe und Beweiſe ange⸗ geben, die auch vielen gelehrten Geiſtlichen einleuchteten; was jedoch das Vorhandenſeyn jenes Prieſterſtaates anbelangt, ſo kann es durch nichts erwieſen werden.“ „Und doch erzählt man ſich, daß Giovanni di Monte Corvino, ein frommer Biſchof unſerer heiligen Kirche, vor ungefähr zwei⸗ hundert Jahren einen ſolchen Fürſten zum wahren Glauben be⸗ kehrt habe.“ „Der Allmacht Gottes iſt kein Ding unmöglich, Herr Erz⸗ biſchof, und ich bin keineswegs geneigt, die Dienſte ſeiner auserwählten Diener zu bezweifeln. Alles, was ich hinſichtlich dieſes Punktes zu 124 erwiedern habe, iſt: daß ich keine wiſſenſchaftlichen oder ſonſt an⸗ nehmbaren Gründe finde, die mich berechtigen könnten, etwas zu verfolgen, was vielleicht ſo trügeriſch iſt, wie das Licht, welches vor b der berührenden Hand zurückweicht. Was Cathay, ſeine Lage und 4 ſeine Wunder anbelangt, ſo haben wir die beſſer begründeten Be⸗ weiſe der berühmten Venezianer Marco und Nicolo Polo, welche nicht nur dieſe Gegenden durchreiſt haben, ſondern ſich auch jahre⸗ lang an dem Hofe ihres Fürſten aufhielten. Aber ſey es nun mit dem Prieſter Johann oder mit Cathay wie es wolle, meine edlen Herren, jedenfalls iſt es gewiß, daß das atlantiſche Meer im Weſten eine Gränze hat, und dieſe Gränze bin ich aufzuſuchen bereit.“ Der Erzbiſchof verrieth ſeine Ungläubigkeit, indem er die Au⸗ gen in die Höhe richtete; da er aber den Befehlen ſeiner Beherr⸗ ſcher gehorchen mußte und außerdem wohl wußte, daß Columbus' Theorie ſchon vor Jahren zu Salamanka geprüft und darüber Be⸗ richt erſtattet worden war, ſo entſchloß er ſich klüglich, die geeig⸗ neten Gränzen nicht zu überſchreiten und in dem fortzufahren, deſſen Erforſchung zu ſeinem Auftrag gehörte. „Ihr habt uns die Vortheile auseinander geſetzt, Sennor, die Eurer Anſicht nach aus dem günſtigen Erfolge Eures Planes für die Monarchen erwachſen könnten,“ ſagte er,„und wenn alle Eure glänzenden Hoffnungen in Erfüllung gehen, ſo ſind ſie in der That nicht zu verachten. Wir wollen jetzt aber auch hören, welche Be⸗ dingungen Ihr für Euch ſelbſt als Lohn für alle Eure Gefahren und für vieljährige kummervolle Bemühungen vorbehaltet.“ „Alles dieſes iſt gebührend von mir erwogen worden, hochwür⸗ digſter Erzbiſchof, und Ihr werdet das Weſentliche meiner Forde⸗. rungen auf dieſem Papiere auseinander geſetzt finden, obgleich ich 1 mir vielleicht noch einige unbedeutendere Punkte vorbehalten muß.“ Mit dieſen Worten händigte Columbus das beſprochene Schrei⸗ ben Ferdinand von Talavera ein. Der Prälat überflog es das erſtemal ſchnell mit den Augen, las es aber das zweitemal mit 125 mehr Bedacht, und es möchte ſchwer ſeyn zu ſagen, ob ſich die Lachluſt oder der Unwille ſtärker in ſeinen Zügen ausdrückte, als er das Blatt höhniſch auf den Tiſch warf. Nach dieſem ſeine Ver⸗ achtung ausdrückenden Benehmen wandte er ſich gegen Columbus, als ob er ſich überzeugen wolle, daß der Seefahrer wirklich bei Sinnen ſey. „Iſt es Dir wirklich Ernſt mit dieſen Bedingungen, Sennor? fragte er mit einem Blicke, der die Meiſten in der armſeligen Lage des Bittſtellers veranlaßt haben würde, von ihrem Begehren ab⸗ zugehen. „Herr Erzbiſchof,“ antwortete Columbus mit einer Würde, die ſich nicht leicht außer Faſſung bringen ließ,„ich trage mich mit dieſer Angelegenheit bereits achtzehn volle Jahre. Während dieſer ganzen langen Zeit habe ich mir kaum an etwas Anderes zu denken erlaubt, und ich kann ſagen, daß ſie meinen Geiſt im Wachen und im Schlafen beſchäftigte. Die Wahrheit wurde mir ſchon früh klar, aber ſie wurde mir mit jedem Tage heller und heller; und ich habe eine Zuverſicht zu dem Erfolg, welche nur aus dem Vertrauen auf Gott ſtammen kann. Ich fühle, daß ich das auserkorene Werkzeug für die Erreichung von großen Zwecken bin, von Zwecken, welche nicht durch den Erfolg dieſer einzigen Unternehmung allein zur Entſchei⸗ dung kommen. Es ſteht mir noch mehr bevor, und ich muß mir die Macht und die Mittel ſichern, es auszuführen. Ich kann auch nicht das Mindeſte von dem Weſen und dem Umfang dieſer Be⸗ dingungen erlaſſen.“ Obgleich dieſe Worte gewichtig und ausdrucksvoll genug klangen, wollte es doch dem Prälaten immer noch ſcheinen, daß der Geiſt des See⸗ fahrers durch das lange Brüten über einen einzigen Gegenſtand in Verwirrung gekommen ſey. Das Einzige, was ihn die Wahrheit dieſer Anſicht noch bezweifeln ließ, war die Folgerichtigkeit und der wiſſen⸗ ſchaftliche Geiſt, womit Colon ſo oft ſelbſt in ſeiner Gegenwart die Wahrſcheinlichkeit ſolcher geographiſchen Hypotheſen vertheidigte, 126 und dabei Gründe vorbrachte, welche die Zuhörer in keine geringe Verlegenheit ſetzten, wenn ſie auch Dieijenigen, die in ihm nur den träumeriſchen Planmacher ſahen, nicht zu überzeugen vermochten. Doͤch die Forderungen, welche der Biſchof eben vorgeleſen hatte, ſchienen ſo maaßlos, daß nur ein augenblickliches Gefühl des Mit⸗ leids den Ausbruch von Unwillen, welchem er Luft zu machen ge⸗ neigt war, zurückdrängen konnte. „Wie gefallen Euch, meine edlen Herren—“ rief er höhnend, indem er ſich an zwei oder drei der Commiſſions⸗Mitglieder wandte, welche mit eifriger Haſt das Papier ergriffen hatten und es ge⸗ meinſchaftlich zu leſen verſuchten—„die gemäßigten, beſcheidenen Forderungen des Sennor Chriſtoval Colon, des berühmten See⸗ fahrers, der in Salamanka eine ganze Verſammlung in Verwirrung zu ſetzen wußte? Sind ſie nicht von der Art, daß Ihre Hoheiten ſie auf den Knieen und unter tauſend Dankesbezeugungen entgegen nehmen ſollten?“ „Leſ't ſie, Herr Erzbiſchof!“ riefen Mehrere in einem Athem; „laßt ſie uns zuerſt anhören.“ „Es ſind da einige weniger wichtige Bedingungen, die einer Be⸗ rathung minder unwürdig erſcheinen dürften,“ verſetzte der Prälat, indem er das Blatt zur Hand nahm;„aber hier ſind zwei, welche den Herrſchern ein urnbeſchreibliches Vergnügen gewähren müſſen. Der Sennor Colon iſt nämlich zufrieden mit dem Range eines Ad⸗ mirals und Vicekönigs über alle Länder, welche er entdecken wird; und als eigener Antheil wird ihn der zehnte Theil— der Antheil der Kirche, meine hochwürdigen Brüder— ja nur ein Zehntel, ein armſeliges Zehntel der Einkünfte und Zölle zufrieden ſtellen.“ Das allgemeine Murren der Commiſſions⸗Mitglieder bekundete den gemeinſchaftlichen Unwillen, und in dieſem Augenblick hatte Columbus auch nicht Einen Beſchützer in dem Zimmer. „Das iſt noch nicht Alles, erlauchte Edle und fromme Prie⸗ ſter,“ fuhr der Erzbiſchof fort, indem er ſeinen Vortheil verfolgte, 127 ſobald er glaubte, daß die Anweſenden ihn anzuhören bereit ſeyen— „das iſt noch nicht Alles. Damit ſo hohe Würden die Schultern Ihrer Hoheiten und der königlichen Familie nicht ermüden möchten, hat es dem großmüthigen Genueſen in der That beliebt, ſie für ewige Zeiten ſeiner eigenen Nachkommenſchaft zu übertragen. Er ver⸗ wandelt alſo das Königreich Cathay in ein Reich zu Nutz und From⸗ men des Hauſes Colon, und zur Aufrechthaltung der Würde des⸗ ſelben wird zugleich der zehnte Theil aller Einkünfte ſeiner eigenen Caſſe überwieſen.“ Bei dieſem Ausfalle würde ein allgemeines und unverholenes Lachen laut geworden ſeyn, hätte nicht Columbus' edle Haltung den Ausbruch deſſelben gezügelt. Selbſt Fernando de Talavera fühlte den ernſten Verweis, der ſich in einem Auge und in einer Miene ausſprach, welche ihrer ernſten Würde nicht das Geringſte vergaben, und er begann zu glauben, daß er zu weit gegangen ſey. „Verzeihung, Sennor Colon,“ fügte er unmittelbar darauf etwas höflicher bei,„aber Eure Bedingungen klingen ſo hochtra⸗ bend, daß es kein Wunder iſt, wenn ſie uns in Erſtaunen ſetzen. Es kann nicht Euer Ernſt ſeyn, darauf beſtehen zu wollen.“ „Ich werde nicht um ein Jota davon abgehen, Herr Prieſter. Ich kann ſoviel anſprechen, und wer ſich mit weniger begnügt, als er verdient, wird mit Recht das Werkzeug ſeiner eigenen Erniedri⸗ gung. Ich werde den Herrſchern ein Reich geben, das alle ihre andern Beſitzungen bei weitem übertrifft, und ich verlange meinen Lohn. Ich muß Euch noch außerdem erklären, hochwürdiger Prälat, daß ich mir noch vieles vorbehalte, und daß dieſe Bedingungen noth⸗ wendig ſind, um das, was die Zukunft bringen wird, zu vollführen.“ „Das ſind in der That beſcheidene Vorſchläge für einen namen⸗ loſen Genueſen,“ rief einer der Höflinge, bei dem nachgerade der Unwille und die Verachtung zum Ueberfließen kam.„Der Sennor Colon will ſich eine Befehlshaberſtelle im Dienſte Ihrer Hoheiten ſichern, und wenn bei der Sache nichts herauskommt, ſo wird er 128 dieſe hohe Ehre ohne Koſten haben, während er, wenn dieſes höchſt unwahrſcheinliche Projekt einige Vortheile einbringt, ein Vizekönig wird, der ſich demüthig mit den Einkünften der Kirche begnügt.“ Dieſe Bemerkung ſchien allem Schwanken ein Ende zu machen, und die ganze Verſammlung ſtand auf, als ob die Sache keiner wei⸗ tern Verhandlung mehr werth ſey. Um jedoch wenigſtens den Anſchein von Unpartheilichkeit und Veſonnenheit zu wahren, wandte ſich der Erzbiſchof noch einmal an Columbus, und ſprach jetzt— in der ſichern Hoffnung, ſeinen Zweck zu erreichen, in ſanfterem Tone zu ihm: „Ich frage Euch zum Letztenmal, Sennor,„ob Ihr auf dieſen unerhörten Bedingungen beharren wollt?“ „Auf dieſen und keinen andern,“ ſagte Columbus mit Feſtig⸗ keit.„Ich kenne die Größe der Dienſte, welche ich leiſten werde, und will ſie nicht ſelbſt herabwürdigen. Nein, ich habe nicht die Abſicht, ihren Werth zu ſchmälern, indem ich mich mit etwas Ande⸗ rem begnüge. Aber, Herr Erzbiſchof, und auch Ihr, edler Sen⸗ nor, der Ihr meine Anſprüche ſo leichthin behandelt, ich bin bereit, außer der Gefährdung meines Leibes, Lebens und Rufes auch noch Gold daran zu ſetzen. Ich will den achten Theil der nöthigen Summe beiſchaffen, wenn Ihr in dem gleichen Maßſtabe die mich betreffenden Vortheile vergrößern wollt.“ „Genug!— genng!“ erwiederte der Prälat, indem er ſich anſchickte, das Zimmer zu verlaſſen,„wir werden den Herrſchern ſogleich Bericht erſtatten, und Du wirſt ihren Willen bald erfahren.“ So endete dieſe Zuſammenkunft. Die Höflinge verließen das Zimmer, und beſprachen ſich ernſtlich mit einander, wie Leute, denen wenig daran liegt, ihren Unwillen zu unterdrücken, wäh⸗ rend Columbus, erfüllt von der hohen Wichtigkeit ſeiner Plane, mit der Haltung eines Mannes, deſſen Selbſtachtung nicht durch unverſtändiges Geſchrei geſchmälert werden konnte, und der die Unwiſſenheit und Engherzigkeit ſeiner Beurtheiler zu gut zu 129 würdigen wußte, um ſich von ſeinen eigenen großartigen Entwürfen abbringen zu laſſen— nach einer andern Richtung verſchwand. Ferdinand von Talavera war ein Mann von Wort und als Beicht⸗ vater der Koͤnigin hatte er jeder Zeit Zutritt zu derſelben. Noch erfüllt von dem Gegenſtande der eben geendigten Beſprechung, ſchlug er ſeinen Weg unmittelbar nach den Privat⸗Gemächern der Königin ein, und wurde unverzüglich vorgelaſſen. Iſabella vernahm ſeinen Be⸗ richt mit Empfindlichkeit und Bedauern, denn ſie hatte angefangen, die Ausführung dieſes außerordentlichen Unternehmens ſich ſehr an⸗ gelegen ſeyn zu laſſen; aber der Einfluß des Erzbiſchofs war ſehr groß und das köͤnigliche Beichtkind kannte die Aufrichtigkeit und Frömmigkeit ſeines Herzens. „Es iſt nicht nur Anmaßung, es iſt Unverſchämtheit, Sen⸗ nora,“ fuhr der gereizte Geiſtliche fort.„Dieſer bettelhafte Aben⸗ teurer verlangt Ehren und Würden, die allein Gott und ſeinen Geſalbten, den Fürſten der Erde, gehören. Wer iſt dieſer Colon? — ein namenloſer Genueſe ohne Rang, Verdienſt und Beſcheiden⸗ heit, und doch trägt er ſich mit ſeinen Anforderungen ſo hoch, als es nicht einmal ein Guzman wagen würde.“ „Er iſt ein guter Chriſt, mein heiliger Prälat,“ antwortete Iſabella ſanft,„und ſcheint eine Frende daran zu haben, Gott zu dienen und zu ſeiner Verherrlichung beizutragen, denn er wünſcht ja, der Ausbreitung ſeiner ſichtbaren und allgemeinen Kirche Vor⸗ ſchub zu thun.“ „Wahr, Sennora, aber doch mag auch hierin eine Täuſchung liegen.“ „Nein! Herr Erzbiſchof, ich glaube nicht, daß bei dieſem Manne Täuſchung zu finden iſt, denn eine ſo freimüthige Sprache und eine ſo männliche Haltung iſt ſogar unter den Mächtigſten nur ſelten anzutreffen. Er behelligt uns ſchon ſeit Jahren mit ſeinem Geſuche und doch kann ihm keine niedrige Handlung zur Laſt gelegt werden.“ „Ich moͤchte das Herz dieſes Mannes nicht zu hin beurtheilen, Donna Mercedes. 2te Aufl. Donna Iſabella, aber wir können doch aus ſeinen Handlungen und An⸗ maßungen Folgerungen ziehen. Was ſteht wohl für die Würde der bei⸗ den Kronen zu hoffen, wenn er erſt ungebunden und ohne Aufſicht han⸗ deln kann? Ich gebe zu, er iſt ernſt, gefällig und zeigt weder in ſeinen Reden, noch in ſeinem Benehmen die Leichtfertigkeit der Hofwelt“— Iſabella lächelte, ohne etwas zu erwiedern, da ihr geiſtlicher Berather gewöhnt war, freimüthig zu tadeln, und in der Königin ſtets auf eine de⸗ müthige Zuhörerin rechnen durfte—wo man in unſern Tagen eben keine beſonderen Muſter der Nüchternheit und Gottergebenheit findet. Aber ſolche Eigenſchaften können vorhanden ſeyn, ohne daß ſie durch den Geiſt für den Himmel geweiht ſind. Was nützen Ernſt und Wurde, wenn ſie nur dazu dienen, einen aufgeblaſenen Stolz und eine un⸗ gebundene Habſucht zu unterſtützen?— denn Ehrgeiz iſt eine viel zu edle Benennung für eine ſolche Gier. Bedenkt nur das eigentliche Weſen ſeiner Forderungen, Sennora. Dieſer Colon verlangt für immer den hohen Rang eines Stellvertreters des Königs, nicht nur für ſeine eigene Perſon, ſondern auch für ſeine Nachkommen auf ewige Zeiten, mit dem Titel und der Macht eines Admirals über alle anliegenden Meere, wenn er je irgend eines ſeiner ſo ſehr geprieſenen Länder entdecken ſollte,— ehe er einwilligen will, den Be⸗ fehl über gewiſſe Euren Hoheiten zugehörige Schiffe zu übernehmen, — ein Auftrag, der an ſich ſchon zu ehrenvoll für einen Mann iſt, von dem man ſo wenig weiß. Sollten ſeine höͤchſt übertriebenen Vorſpiegelungen in Erfüllung gehen,— und es iſt doch wahrſcheinlicher, daß ſie durchaus fehlſchlagen— ſo würden dieſe Anforderungen durchaus in keinem Verhältniß mit ſeinen Dienſten ſtehen, während im Falle eines unglücklichen Erfolgs die Namen von Caſtilien und Aragon zum Gelächter würden, und auch ein Schatten auf die königliche Würde fallen müßte, weil ſie ſich durch einen Abenteurer täuſchen ließ. Der Ruhm dieſer letzten Eroberung würde durch einen ſo unglücklichen Mißgriff ſehr nothleiden.“ „Tochter Marquiſe!“ bemerkte die Koͤnigin und wandte ſich 131 zu der treuen und lange bewährten Freundin, welche an ihrer Seite mit der Nadel beſchäftigt war,„dieſe Bedingungen Colon's ſcheinen in der That die Gränzen der Vernunft zu überſchreiten.“ „Das Unternehmen überſchreitet aber auch alle gewöhnlichen Gränzen von Wagniſſen und Abenteuern, Sennora,“ entgegnete Donna Beatriz feſt, indem ſie zugleich einen Blick nach dem Antlitz von Mercedes gleiten ließ.„Edle Thaten verdienen ſtets eine edle Belohnung.“ Iſabella's Auge folgte dem Blicke ihrer Freundin und blieb eine Weile auf den bleichen, ängſtlichen Zügen der Mündel ihres Lieblings haften. Das ſchöne Mädchen war ſich der Aufmerkſam⸗ keit, welche ſie erregte, nicht bewußt, aber wer ihr Geheimniß kannte, vermochte die tiefen Gefühle wohl zu errathen, mit welchen ſie den Ausgang erwartete. Iſabella hatte die Anſichten ihres Beichtvaters ſo vernünftig gefunden, daß ſie auf dem Punkte war, dem Berichte der Commiſ⸗ ſion beizuſtimmen, und die geheimen Hoffnungen und Erwartungen, welche ſich bereits an das Gelingen der Plane des Seefahrer zu knüpfen begonnen hatten, aufzugeben, als ein edleres Gefühl, wie es der Tiefe ihres weiblichen Herzens eigen war, dazwiſchen trat, um dem Seemanne noch eine Möglichkeit offen zu laſſen. Selten iſt ein Weib gegen die Sympathien, die mit der Liebe in Verbin⸗ dung ſtehen, unempfindlich, und die Hoffnungen, welche aus der Herzensneigung der Donna Mereedes de Valverde entſprangen, lagen auch dem Entſchluſſe zu Grunde, welchen die Königin von Caſtilien in dieſem entſcheidungsvollen Augenblicke faßte. „Wir dürfen dieſen Genueſen weder zu hart noch zu ſchnell abfertigen, Herr Erzbiſchof,“ ſagte ſie, indem ſie ſich wieder an den Prälaten wendete.„Er iſt fromm und redlich, und das ſind Tugenden, welche die Herrſcher zu ſchätzen wiſſen. Seine Forderungen ſind zwar vielleicht in Folge eines langen Brütens und Nachdenkens über ſeinen großen Lieblingsentwurf etwas übertrieben geworden⸗ aber freundliche Worte und vernünftige Vorſtellungen werden wohl einige Ermäßigung erzielen. Wir wollen daher ſelbſt die Bedingun⸗ gen entwerfen, und ohne Zweifel wird die Nothwendigkeit, wenn auch nicht ſein Billigkeitsgefühl, ihn bewegen, ſie anzunehmen. Das Vicekönigthum überſteigt in der That die gewöhnliche Politik der Fürſten, und der Zehnte iſt, wie Ihr ſelbſt ſagt, hochwürdiger Prä⸗ lat, nur der Antheil der Kirche: den Rang eines Admirals mag er jedoch unbedingt hinnehmen. Theilt ihm daher dieſe gemäßigteren Vorſchläge mit und ſetzet ſtatt des Zehntels ein Fünfzehntel. Auch ſoll er für ſeine Perſon, ſo lange es Don Ferdinand und mir ge⸗ fällt, Vicekönig ſeyn; aber einen ſolchen Anſpruch für ſeine Nach⸗ kommenſchaft muß er aufgeben.“ Fernando de Talavera hielt ſelbſt dieſe Zugeſtändniſſe noch für zu bedeutend, aber er kannte den Character Iſabellens zu gut, als daß er es, ungeachtet des hohen Einfluſſes, welchen er ſeiner Stel⸗ lung verdankte, gewagt hätte, gegen einen einmal ausgeſprochenen Befehl etwas einzuwenden, wenn dieſer auch in ihrer zarten frauen⸗ haften Weiſe gegeben war. Nachdem er noch einige Weiſungen erhalten hatte, welchen auch der König, der in einem benachbarten Zimmer arbeitete, ſeine Zuſtimmung gab, entfernte ſich der Prälat, um ſeinen neuen Auftrag auszuführen. „Es vergingen nun einige Tage, ehe der Gegendſtand zu Ende kam, und Iſabella ſaß wieder in ihrem häuslichen Kreiſe, als der Beichtvater um die Gunſt bat, vorgelaſſen zu werden. Der Erz⸗ biſchof trat mit glühendem Geſichte und mit einem ſo verſtörten Aeußeren ein, daß auch dem gleichgültigſten Beobachter ſein Zu⸗ ſtand nicht entgehen konnte. „Nun! was bringſt Du, hochwürdigſter Erzbiſchof?“ fragte Iſabella.„Setzt Dich Deine neue Heerde ſo in Wallung, und iſt es ſo gar ſchwer, mit den Ungläubigen auszukommen?“ „Es iſt nicht dies, Sennora,— es iſt nichts, was auf meine neue Gemeinde Bezug hätte. Ich finde ſogar die Anhänger des —p 133 falſchen Propheten vernünftiger, als Viele, welche auf Chriſti Na⸗ men und Gunſt pochen. Dieſer Colon iſt ein Wahnſinniger, der beſſer zu einem muſelmänniſchen Heiligen,* als zu einem Piloten in Eurer Hoheit Dienſt paſſen würde.“ Bei dieſem Ausbruch des Unwillens ließen die Königin, die Marquiſin von Moya und Donna Mercedes de Valverde ihre Na⸗ delarbeit fallen, und ſahen mit gleicher Beſtürzung zu dem Prälaten auf. Alle drei hatten gehofft, daß die Schwierigkeiten, welche ei⸗ nem günſtigen Abſchluß der Verhandlung im Wege ſtanden, beſei⸗ tigt wären, und daß es nun nicht mehr lange anſtehen könne, bis der Mann, der trotz der Kühnheit und des ungewöhnlichen Charac⸗ ters ſeiner Plane ihre Achtung in ſo ausgezeichnetem Grade ge⸗ wonnen, der die ganze Theilnahme ihres Gefühls angeregt hatte, ſeine Fahrt beginne, um durch die That die Probleme zu löſen, welche eben ſo ſehr ihre Vernunft verwirrten, als ſie ihre Neugierde reizten. Ihre Erwartungen ſchienen übrigens jetzt ein ſchnelles und unvorgeſehenes Ende nehmen zu wollen, und während Hoffnungs⸗ lofigkeit Donna Mercedes faßte und ihr Blut bis zum Herzen er⸗ kältete, zeigten ſich die Konigin und Donna Beatriz mißvergnügt. „Haſt Du dem Sennor Don Colon das Weſen unſerer Vor⸗ ſchläge gebührend auseinander geſetzt, Herr Erzbiſchof?“ fragte Iſabella mit mehr Strenge, als ſie ſonſt an den Tag zu legen gewöhnt war.„Beharrt er immer noch auf ſeinen Anſprüchen an die Vicekönigliche Gewalt und auf der beleidigenden Bedingung hin⸗ ſichtlich ſeiner Nachkommenſchaft?“ „Es iſt ſo, Koͤnigliche Hoheit. Heinrich von England oder Louis von Frankreich könnten in einer Unterhandlung mit Iſabella von Caſtilien ſich nicht hochtrabender und unbeugſamer benehmen, als dieſer halbverhungerte Genueſe. Er gibt in Nichts nach. Dex Menſch hält ſich für ein von Gott auserkorenes Werkzeug, um gewiſſe Zwecke auszuführen, und ſeine Sprache und Bedingungen * Bekanntlich betrachten die Moslemen den Wahnſinn als etwas Heiliges. ſind doch von der Art, wie ſie Jemand, der wirklich eine heilige Eingebung hat, kaum rechtfertigen kann.“ „Dieſe Beharrlichkeit hat ihr Verdienſt,“ bemerkte die Koͤni⸗ gin,„aber auch unſere Zugeſtändniſſe müſſen eine Gräͤnze haben. Ich werde nichts mehr zu Gunſten dieſes Seefahrers thun, ſondern ihn dem Looſe überlaſſen, welches die natürliche Folge der Selbſt⸗ überhebung und jeder ungebührlichen Ueberſpannung von Anſprü⸗ chen iſt.“ Dieſe Worte ſchienen Columbus' Schickſal in Caſtilien beſiegelt zu haben. Der Erzbiſchof berunhigte ſich und verließ nach einer kurzen, geheimen Beſprechung mit ſeinem königlichen Beichtkinde das Zimmer. Bald darauf erhielt Chriſtoval Colon, wie ihn die Spanier nannten, oder Columbus, wie er ſich ſelbſt in ſeinem ſpä⸗ teren Leben unterzeichnete, den beſtimmten Beſcheid, daß ſeine Be⸗ dingungen nicht angenommen werden könnten und die Verhandlungen über die beabſichtigte Indienfahrt geſchloſſen ſeyen. Achtes Kapitel. Ach! immer ſo— von Kindheit an Sah ich mein ſchönſtes Hoffen trügen; Ich durfte keiner Blüthe nahn, Sollt' ſie nicht ſchnell im Wind verfliegen. Lalla Roohk. Man war in der Jahreszeit bis zu den erſten Tagen des Fe⸗ bruars vorgerückt, wo das Wetter in jenen niederen Breitegraden heiter und frühlingsartig wird. An dem Morgen, welcher der im vorigen Kapitel mitgetheilten Schlußverhandlung folgte, verſammel⸗ ten ſich ſechs oder acht Perſonen, von der Lieblichkeit des Tages angelockt und vielleicht auch von einer edleren Regung geleitet, vor der Thüre einer jener niedrigen Wohnungen von Santa Fe, welche für die Bequemlichkeit des Belagerungsheeres errichtet worden — 135 waren. Es waren meiſt bejahrtere, ernſtere Spanier, wiewohl ſich auch der junge Luis de Bobadilla und Columbus' hohe und würde⸗ volle Geſtalt unter ihnen befand. Der Letztere war zur Abreiſe gerüſtet, und ein kräftiges andaluſiſches Maulthier ſtand in der Nähe, um ſeine Laſt aufzunehmen. Neben dem Maulthiere ſtand ein Roß, welches anzeigte, daß der Reiter des Erſteren nicht ohne Begleitung ſeyn werde. Unter den Spaniern waren Alonzo de Quintanilla, der Generalrechnungsführer von Caſtilien, und Luis de St. Angel, der Einnehmer der geiſtlichen Einkünfte von Aragon, einer der beharrlichſten der Anhänger, die Columbus ſich durch die philoſophiſche Bündigkeit ſeiner Anſichten und die Folgerichtig⸗ keit ſeiner umfaſſenden Entwürfe gewonnen hatte. Die beiden Letzteren hatten ſich mit dem Seefahrer in ernſtem Geſpräche ergangen, und es wurde von Sennor de St. Angel, einem Manne von edlem Gefühl und glühender Phantaſie, mit den folgenden, warmen Worten geſchloſſen:— „Bei dem Glanze der zwei Kronen!“ rief er,—„es häͤtte nicht ſo kommen ſollen. Doch lebt wohl, Sennor Colon! Gott bewahre Euch Seinen heiligen Schutz und ſchenke Euch weiſere und weniger in Vorurtheilen befangene Beurtheiler. Die Vergangen⸗ heit kann uns nur mit Scham und Schmerz erfüllen, während die Zukunft in dem dunkeln Schooße der Zeiten liegt.“ Die ganze Geſellſchaft nahm jetzt, mit Ausnahme von Luis de Bobadilla, Abſchied, und ſobald die Zurückbleibenden allein waren, ſaß Columbus auf und ritt an der Seite des jungen Edeln durch das Gewühl der Straßen. Keine Sylbe wurde geſprochen, bis ſie im Freien waren, obgleich ſich mancher Seufzer aus Columbus⸗ mit Kummer erfüllter Bruſt hob. Aber ſeine Miene blieb ruhig, ſeine Haltung würdevoll und ſein Auge leuchtete von jenem unaus⸗ löſchlichen Feuer, welches ſeinen Brennſtoff in den Tiefen der Seele findet. Als ſie außerhalb der Thore waren, wandte ſich Columbus höflich an ſeinen jungen Gefährten und dankte ihm für ſeine Be⸗ gleitung, fügte jedoch mit einer Rückſicht für den Andern, welche ſeinem Herzen Ehre machte, bei: „So ſehr ich die Ehre anerkenne, die mir von einem ſo edlen und hoffnungsvollen jungen Manne zu Theil wird, ſo darf ich doch Deines Rufes nicht vergeſſen. Bemerkteſt Du nicht, Freund Luis, daß mehrere Spanier, als wir durch die Straßen ritten, auf mich, als einen Gegenſtand der Verachtung, mit Fingern zeigten?“ „Wohl bemerkte ich es, Sennor,“ antwortete Luis und ſeine Wangen glühten vor Unwillen,„und hätte ich nicht Euer Mißfallen befürchtet, ſo würde ich die Elenden mit den Hufen meines Pferdes bearbeitet haben, da mir die Lanze fehlte, ſie zu durchrennen.“ „Du haſt ſehr klug daran gethan, daß Du es unterließeſt. Es ſind Menſchen, deren gemeinſames Urtheil die öffentliche Mei⸗ nung bildet, und ich bemerke nicht, daß Geburt oder ſonſtige Zufällig⸗ keiten einen weſentlichen unterſchied unter ihnen begründen, obgleich der Ausdruck ihrer Anſichten ein verſchiedener ſeyn mag. Wir finden Gemeines unter den Edeln, wie Edles unter den Geringen. Deine Güte gegen mich wird wohl auch an dem Hofe der beiden Herrſcher beſpöttelt und verächtlich gemacht werden.“ „Wer ſich's herausnimmt, leichthin von Euch zu ſprechen, Sennor, der ſoll es mit Luis de Bobadilla zu thun haben; wir gelten für keinen geduldigen Stamm, und man ſagt dem eaſtiliani⸗ ſchen Blute nach, daß es etwas heiß durch die Adern rinne.“ „Es würde mir leid thun, wenn irgend Jemand, außer mir, in dieſer Sache Verdrießlichkeit hätte. Wollten wir Alles, was die Thorheit ſpricht und denkt, für Beleidigung nehmen, ſo müßten wir unſer ganzes Leben im Harniſch zubringen. Mögen immerhin die jungen Edeln ihren Spaß haben, wenn er ihnen Vergnügen gewährt, aber mache nicht, daß ich meine Freundſchaft gegen Dich bereuen müſſe.“. Luis gab ſein feierliches Verſprechen und nahm dann, als ob —— 137 ſich ſeine umherirrenden Gedanken nicht von dem unangenehmen Gegenſtand entfernen könnten, haſtig wieder auf: „Ihr ſprecht von den Edeln wie von einer Klaſſe, die von der Eurigen verſchieden iſt;— gewiß, Sennor Colon, Ihr müßt von Adel ſeyn?“ „Würde es Deine Anſichten und Gefühle ändern, junger Mann, wenn ich mit Nein antwortete?“ Don Luis' Wange glühte und er bereute einen Augenblick ſeine Bemerkung; aber ſchnell ſiel er wieder in ſein freimüthiges und hochſinniges Weſen zurück und erwiederte raſch ohne Rückhalt oder Doppelſinn: „Bei St. Pedro, meinem neuen Namenspatron! ich möchte wünſchen, Ihr wäret von Adel, Sennor, wäre es auch nur, um dieſem Stande Ehre zu machen. Es gibt ſo viele unter uns, welche ihre Sporen in Mißkredit bringen, daß wir nur mit Vergnügen eine ſolche Erwerbung aufnehmen würden.“ „Dieſe Welt beſteht in einem beharrlichen Wechſel, junger Sennor,“ erwiederte Columbus lächelnd.„Die Jahreszeiten wech⸗ ſeln, dem Tage folgt die Nacht, Cometen kommen und gehen, Monarchen werden Unterthanen und Unterthanen Monarchen, Edle verlieren die Erinnerung an ihre Abkunft, und Geringe heben ſich zu dem Range des Adels empor. Es geht eine Sage in meiner Fa⸗ milie, wir hätten vordem der privilegirten Klaſſe angehört, aber Zeit und Unglück haben uns niedrige Beſchäftigungen angewieſen. Werde ich vielleicht, wenn ich in Frankreich glücklicher ſeyn ſollte, als in Caſtilien— der Ehre verluſtig gehen, Don Luis de Bobadilla unter die Theilnehmer an der großen Reiſe zu zählen, weil der Befehls⸗ haber zufällig ſeinen Adelsbrief verloren hat?“ „Das wäre ein ſehr unwürdiger Beweggrund, Sennor, und ich beeile mich, Euren Irrthum zu verbeſſern. Da wir uns jetzt für eine Weile trennen müſſen, ſo mögt Ihr mir geſtatten, mein Inneres offen vor Euch darzulegen. Ich bekenne es, als ich das 138 Erſtemal von dieſer Reiſe hörte, kam ſie mir wie der Plan eines Wahnfinnigen vor.“ 3 „Ach Freund Luis,“ fiel Columbus mit einem ſchwermüthigen Kopfſchütteln ein,„dieſe Meinung hegen leider nur zu viele. Ich fürchte, Don Ferdinand von Aragon, ebenſo auch ſein Namensvetter, der ernſte Prälat, welcher zuletzt in dieſer Sache handelte— be⸗ trachtet ſie aus demſelben Geſichtspunkte.“ „Ich bitte um Verzeihung, Sennor Colon, wenn meine Worte Euch kränkten; aber wenn ich Euch einmal Unrecht gethan habe, ſo ſollt Ihr bald ſehen, wie bereit ich bin, es wieder gut zu ma⸗ chen. Ich ſuchte die erſte Unterhaltung mit Euch in der Abſicht, mich an Euren phantaſtiſchen Faſeleien zu beluſtigen; aber obgleich ich nicht unmittelbar von der Wahrheit Eurer Theorie überzeugt wurde, ſo bemerkte ich doch ſchnell, daß Ihr den Gegenſtand wie ein großer Philoſoph und ein tiefer Denker behandeltet. Hier wäre viel⸗ leicht auch mein Urtheil ſtehen geblieben und meine Abſicht erfüllt geweſen, hätte ſich nicht ein Umſtand von hoher Bedeutung für mich ſelbſt darein gemengt. Ihr müßt wiſſen, Sennor, daß ich, obgleich ich dem älteſten Blut Spaniens entſtamme und nicht ohne ſchöne Beſitzthümer bin, den Hoffnungen Derjenigen, welchen die Lei⸗ tung meiner Jugend anvertraut war, nicht immer entſprochen habe.“ „Es iſt unnöthig, edler Herr—“ „Nein, beim St. Lukas! es ſoll Alles heraus! Nun, ich habe zwei große und gewaltige Leidenſchaften, die hin und wieder mit einander in Zwieſpalt gerathen. Die eine iſt eine Vorliebe für das Wanderleben— der glühende Wunſch, fremde Länder zu ſehen, und dieß noch obendrein in freier und ungebundener Weiſe, nebſt einem beſondern Hange zum Umhertreiben auf dem Meere und in dem Gewühle der Häfen— die andere iſt die Liebe für Mercedes de Valverde, das ſchönſte, edelſte, zärtlichſte, warmherzigſte und treueſte Mädchen von Caſtilien.“ „Und gewiß auch adelig?“ fügte Columbus lächelnd bei. 8 — 139 „Sennor,“ antwortete Luis ernſt,„ich ſcherze nicht, wenn ich von meinem Schutzengel rede. Sie iſt nicht bloß adelig und in je⸗ der Hinſicht geeignet, meinem Namen Chre zu machen, ſondern das Blut der Guzman's ſtrömt ſogar in ihren Adern. Aber durch mein Hingeben an den Hang zum Wandern habe ich, wenn auch nicht die Gunſt meiner holden Geliebten, ſo doch die Gunſt Anderer ver⸗ loren, und ſogar meine eigene Tante hat nicht mit wohlgefälligen Blicken auf meine Bewerbung geſehen. Donna Jſabella, deren Wort unter den edeln Jungfrauen des Hofes als Geſetz gilt, hat auch ihre Vorurtheile, und ich muß mir ihre gute Meinung ge⸗ winnen, wenn ich Donna Mercedes gewinnen will. Da fiel mir ein—“ Luis dachte zu ritterlich, um zu verrathen, daß der Ge⸗ danke von ſeiner Geliebten ausgegangen ſey—„da fiel mir ein, daß in den königlichen Augen meine Reiſeluſt, die man mir zum Vorwurfe macht, vielleicht als ein Verdienſt erſcheinen dürfte, wenn ich ihr die Richtung einer ſo großartigen Unternehmung, wie die Eurige, gäbe, die ohne Zweifel bald Aller Augen auf ſich ziehen mußte. In dieſer Hoffnung knüpfte ich auch unſeren gegenwärtigen Verkehr an, bis mich die Macht Eurer Beweiſe vollkommen über⸗ fuͤhrte, und jetzt hat kein Geiſtlicher mehr Zuverſicht zu der Un⸗ fehlbarkeit des Oberhirten der Kirche, als ich zu der Gewißheit habe, daß der kürzeſte Weg nach Cathay über das atlantiſche Meer führt. Nein! kein Lombarde kann inniger überzeugt ſeyn, daß ſeine Lombardei eine Ebene iſt, als ich die Richtigkeit des Satzes fühle, daß unſere liebe Erde eine Kugel iſt.“ „Rede achtungsvoll von den Dienern des Altars, Sennor,“ ſagte Columbus, indem er ſich bekreuzte,„bei ſo heiligen Dingen darf durchaus keine Leichtfertigkeit mit einfließen. Es ſcheint alſo,“ fügte er lächelnd bei,„ich verdanke meinen Zögling den zwei mäch⸗ tigen Hebeln— der Liebe und Vernunft. Jene, als die mächtigſte, mußte die erſten Hinderniſſe überwinden, und die letztere gewann, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, am Schluſſe die Oberhand; denn es iſt ſo ziemlich allgemein, daß die Liebe am Anfang und die Ver⸗ nunft am Ende ihre Triumphe feiert.“ „Ich will die Wirkſamkeit dieſer Macht nicht in Abrede ziehen, Sennor, denn ich fühle ſie zu tief, um mich dagegen aufzulehnen. Ihr kennt nun mein Geheimniß, und wenn ich Euch meine Abſich⸗ ten vollends mitgetheilt haben werde, ſo werdet Ihr ganz klar in der Sache ſehen.— Ich unterziehe mich hiermit dem feierlichen Ge⸗ lübde“— Don Luis nahm ſein Barett ab, und blickte während dieſer Worte gen Himmel—„Euch auf dieſer Reiſe, ſobald Ihr mich von ihr benachrichtigt, zu begleiten, und von jedem Orte, zu jeder Zeit und in jedem Schiffe, wie Ihr es für gut haltet, aus⸗ zufahren. Indem ich dieß thue, hoffe ich vor Allem, Gott und ſeiner Kirche zu dienen, dann Cathay und die entfernten Länder der Wunder zu ſehen, und endlich Donna Mercedes de Valverde zu gewinnen.“ „Ich nehme dieſes Verſprechen an, junger Herr,“ erwiederte Columbus, erſtaunt über den Ernſt und erfreut von der Aufrich⸗ tigkeit des Sprechers—„obgleich die Darſtellung Deiner Gedanken vielleicht wahrer geweſen wäre, wenn Du dieſe Beweggründe in der umgekehrten Ordnung namhaft gemacht hätteſt.“ „In einigen Monaten bin ich Herr meines Vermögens,“ fuhr der Jüngling fort, welcher zu ſehr im Eifer war, um das, was der Seefahrer geſagt hatte, zu beachten—„und dann werden wir wenigſtens eine Caravele haben, wenn mich anders nicht ein Verbot von Seite Donna Iſabella's hindert. Ja ich glaube ſogar, die Kaſſen von Bobadilla müßten während der Minorität ihres Herrn läſſig verwaltet worden ſeyn, wenn es nicht zu zweien rei⸗ chen ſollte. Ich bin kein Unterthan Don Fernando's, ſondern ein Diener der ältern Linie des Hauſes von Traſtamara und ſo wird ſelbſt das kalte Urtheil des Koͤnigs mir nichts in den Weg legen können.“ „Das klingt wohl recht großmüthig, und Deine Gefühle ſind 141 ganz ſo, wie ſie einem jungen und unternehmenden Edeln ziemen, aber ich kann Dein Anerbieten nicht annehmen. Es ſtünde Columbus übel an, ſich des Goldes eines ſo vertrauensvollen Herzens und dabei ſo unerfahrenen Kopfes zu bedienen, und zudem gibt es noch großere Hinderniſſe, als den Geldmangel. Mein Unternehmen bedarf der Unter⸗ ſtützung irgend eines mächtigen Fürſten. Selbſt Guzman hielt ſein Anſehen nicht für hinreichend, um einen ſo großartigen Plan zur Aus⸗ führung bringen zu koͤnnen. Wenn wir die Entdeckungen nicht im Namen eines mächtigen Beſchützers machen, ſo haben wir für Andere gearbeitet, ohne etwas für uns zu erringen, da der Por⸗ tugieſe, oder was immer für ein anderer Monarch, wenig daran denken würde, uns zu belohnen. Ich fühle, daß ich beſtimmt bin, dieſes große Werk zu vollführen, und dieß muß in einer Weiſe geſchehen, welche der Majeſtät des Gedankens und der Großartigkeit des Gegenſtandes angemeſſen iſt.— Doch hier, Don Luis, müſſen wir ſcheiden. Wenn mein Geſuch am Hofe von Frankreich einen beſſern Fortgang hat, ſo hörſt Du weiter von mir, denn nichts kann ich eifriger wünſchen, als von Herzen und Händen, wie die Deinigen, unterſtützt zu werden.— Doch mußt Du Deinem Glücke nicht ſelbſt unbeſonnen in den Weg treten, da ich nun in Caſtilien ein gefallener Mann bin. Es würde Dir wohl nicht zum Vortheil gereichen, wenn es bekannt würde, daß Du noch immer eine Ver⸗ bindung mit mir unterhältſt— ich wiederhole es daher, hier müſſen wir uns trennen.“ Luis de Bobadilla verſicherte, daß es ihm gleichgültig ſey, was Andere von ihm dachten, aber der erfahrnere Columbus, der in Sachen, welche ihn ſelbſt betrafen, ſo hoch über dem Geſchrei des Volkes ſtand, fühlte ein edles Widerſtreben, dem vertrauenden Jünglinge zu geſtatten, ſeine Hoffnungen den freundlichen Gefin⸗ nungen, welche Luis für ihn hegte, zum Opfer zu bringen. Der Abſchied war warm, und das Herz des Seefahrers erglühte, als er Zeuge der aufrichtigen und edlen Wallung war, welche der junge Mann beim Scheiden nicht unterdrücken konnte. Sie trennten ſich ungefähr eine halbe Stunde vor der Stadt, und Jeder zog ſeines Weges— Don Luis de Bobadilla jedoch mit einem von Un⸗ willen ſchwellenden Herzen über die unwürdige Behandlung, welche ſein neuer Freund erfahren hatte. Columbus reiste mit ganz anderen Gefühlen weiter. Sieben mühevolle Jahre hatte er ſich um den Beiſtand der Herrſcher und Edeln Spaniens zum Zwecke ſeiner Unternehmung beworben. Wie viel Entbehrung, Verachtung, Spott und ſogar Haß hatte er in dieſer langen Zeit geduldig über ſich ergehen laſſen, nur um die leichte Stütze nicht aufzugeben, die ihm von einigen edleren und erleuchtetern Geiſtern der Nation geboten wurde! Er hatte um Brod gearbeitet, während er die Großen mit Bitten beſtürmte, ihn in den Stand zu ſetzen, ſie noch mächtiger zu machen; er hatte jeden Strahl von Hoffnung, wie ſchwach er auch ſeyn mochte, mit Eifer und Freude erfaßt und jede Täuſchung mit einer Standhaftigkeit ertragen, die nur das Eigenthum der erhabenſten Seelen iſt. Gegenwärtig aber ſollte er das härteſte von Allem, was ihm je begegnet war, erleiden. Der Umſtand, daß ihn Iſabella zurück⸗ rufen ließ, hatte in ihm eine Zuverſicht geweckt, die ſeinem Herzen lange fremd geweſen war, und er erwartete das Ende der Bela⸗ gerung mit der ernſten Nuhe, welche ſeines Entwurfes ſowohl, als auch ſeines philoſophiſchen Characters würdig war. Endlich ſchwieg das Getümmel des Krieges; jetzt ſollten aber auch alle ſeine ſchönen Hoffnungen zu Grabe getragen werden. Er war der Meinung geweſen, daß man ſeine Beweggründe verſtehe, den Umfang ſeiner Entwürfe fühle und ſeinen Charaeter zu würdigen wiſſe, und mußte jetzt finden, daß man ihn für einen träumeriſchen Project⸗ macher halte, ſeinen Abſichten mißtraue, und ſeine angebotenen Dienſte verſchmähe. Kurz— die glaͤnzenden Erwartungen, welche die mühevollen Stunden vieler Jahre erheitert hatten, waren mit Einem Tage verſchwunden, und er empfand dieſe Täuſchung um ſo 5ᷣ 14³ ſchmerzlicher, je kürzer und trüglicher die Hoffnungen geweſen waren, welche dieſe neue Gunſt ihm vorgeſpiegelt hatte. Es darf uns daher nicht überraſchen, daß ſelbſt der Muth dieſes außerordentlichen Mannes brechen wollte, als er nun ſo allein ſeiner Straße zog, und ſich in ſeinen Entwürfen ſo ganz und gar auf den Beiſtand des höchſten Weſens verwieſen ſah. Sein Kopf ſank auf die Bruſt herunter und es beſiel ihn einer jener bittern Augen⸗ blicke, in welchen ſich Vergangenheit und Zukunft— die ſchmerz⸗ liche Erinnerung an erduldete Leiden und der Fernblick troſtloſer Ausſichten— in der Seele zuſammendrängen. Die in Spanien verſchwendete Zeit erſchien ihm wie ein Flecken in ſeinem Leben; auch kam noch dazu die Wahrſcheinlichkeit einer andern langen und erſchopfenden Prüfung, welche vielleicht zu keinem anderen Ziele als die eben überſtandene führte. Er ſtand bereits ſeinem ſechszigſten Jahre nah und das Leben ſchien unter ihm hinzugleiten, ohne daß in ſeinem großen Plane etwas geſchah. Doch ſeine Beharrlichkeit hielt ihn immer noch aufrecht. Er dachte keinen Augenblick daran, ſich auf einen Vergleich mit dem einzulaſſen, was er mit Recht anſprechen durfte, wie er denn auch darum nicht einen Augenblick an der Aus⸗ führbarkeit des großen Unternehmens zweifelte, welches Andere verlachten. Sein Herz war voll hohen Muthes, ſelbſt zur Zeit, da es von dem Schmerze der Täuſchung auf's heftigſte zerriſſen wurde. „Es lebt ein weiſer, gnädiger, allmächtiger Gott,“ rief er mit zum Himmel gerichteten Augen.„Er weiß, was zu ſeiner Verherr⸗ lichung dient, und auf Ihn ſetze ich mein Vertrauen.“ Er hielt inne und ſeine Augen leuchteten, während ein kaum bemerkliches Lächeln ſeine ernſten Züge umflog; dann flüſterte er weiter: „Ja! Er wartet zwar lange, aber dennoch wird Er es aus⸗ führen! Die Ungläubigen müſſen erleuchtet und das heilige Grab wieder gewonnen werden.“ Nach dieſem Ausbruch ſeiner Gefühle ſetzte der ernſte Mann, 144 deſſen Haare durch Sorgen, Mühen und Arbeiten zur Weiße des Schnees gebleicht waren, ſeinen Weg mit jener ruhigen Würde fort, welche ihre Beſtimmung erkennt und ſich in der Erreichung derſelben auf den Beiſtand Gottes verläßt. Wenn auch hin und wieder zitternde Seufzer in ſeiner Bruſt aufſtiegen, ſo vermochten ſte doch die Gelaſſenheit ſeines ehrwürdigen Antlitzes nicht zu trüben, und wenn der Gram der Täuſchung noch ſchwer auf ſeinem Herzen lag, ſo ruhte er doch auf einer Unterlage, welche im Stande war, ihn auch zu ertragen. Doch wir laſſen jetzt Columbus den ge⸗ wöhnlichen Maulthierpfad durch die Vega verfolgen und kehren nach Santa Fé zurück, wo Ferdinand und Iſabella einige Tage, nachdem ſte von der neuen Eroberung Beſitz genommen, ihren Hof wieder aufgeſchlagen hatten. Luis de St. Angel war ein Mann von glühendem Gefühl und hochſinnigen Gedanken. Er gehörte zu den wenigen Geiſtern, welche weit vor ihrer Zeit voraus ſind und zugleich der Phantaſie geſtatten, ihre Vernunft zu erleuchten und zu erheitern, ohne ſich darum ihren Täuſchungen hinzugeben. Als er und ſein Freund Alonzo de Quintanilla, wie oben gemeldet wurde, Columbus verlaſſen hat⸗ ten, gingen ſie nach der Wohnung des Königs zurück und ſprachen offen mit einander über den Mann, deſſen große Entwürfe eine ſo ſchnöde Begegnung gefunden hatten, ebenſo über die Schmach, welche Spanien ſeiner Zeit treffen mußte, wenn man ihn in dieſer Weiſe für immer ſcheiden ließ. Der Einnehmer der Kirchenein⸗ künfte, ein Mann von derber Rede, nahm ſich in ſeinen Aus⸗ drücken nicht beſonders in Acht, und jedes ſeiner Worte fand einen Nachhall in dem Herzen des General⸗Rechnungsführers, eines alten und beharrlichen Freundes des Seefahrers. Mit einem Worte— ſte waren, als ſie den Pavillon erreichten, zu dem Entſchluſſe ge⸗ kommen, noch einmal einen kräftigen Verſuch zu machen, die Königin zu einem Eingehen in Columbus' Bedingungen zu veranlaſſen und ſeine Zurückberufung zu erwirken. 145 Iſabella war für diejenigen ihrer Diener, deren Redlichkeit und Eifer ſte kannte, immer leicht zugänglich. Die Förmlichkeiten wurden zwar in dieſem Zeitalter in mancher Beziehung ſehr in's Weite getrieben, und insbeſondere war dieſer Hof wegen ſeines Ceremoniells berufen; aber der reine Geiſt der Königin prägte ihrer ganzen Umgebung eine Offenheit und eine natürliche Anmuth auf, welche ſolche Aeußerlichkeiten, wenn ſie nicht durch Zartgefühl und Anſtand geboten waren, nutzlos und in der That auch ganz unanwendbar machten. Die zwei Männer, welche um Gehör baten, erfreuten ſich Iſabella's Gunſt, und das Geſuch wurde mit jener ein⸗ fachen Geradheit genehmigt, welche dieſe würdige Dame ſo gerne zeigte, wenn ſie ſich irgend Jemand, den ſie ſchätzte, verbinden wollte. Die Königin war von den wenigen Frauen, welche zu ihrem Privatkreiſe gehörten, umgeben, als Luis de St. Angel und Alonzo de Quintanilla eintraten. Naturlich befand ſich in dieſem Kreiſe auch die Marquiſe de Moya und Donna Mercedes de Valverde. Der Koͤnig war, wie gewöhnlich, in einem anliegenden Gemache mit Berechnungen und der Unterzeichnung von Befehlen beſchäftigt— denn ſolche Arbeiten dienten Ferdinand zur Erholung, und er ſchien ſich nie glücklicher zu fühlen, als wenn er eine Maſſe von Ge⸗ ſchäften bereinigt hatte, welche die meiſten Menſchen im höchſten Grade mühſam gefunden haben würden. Er war ein Held im Sattel, ein vollendeter Krieger an der Spitze ſeiner Heere, um⸗ ſichtig im Rathe und in allen ſeinen Handlungen, die Beweggründe abgerechnet, zwar nicht groß, aber doch achtenswerth. „Welcher Urſache habe ich dieſe frühe Gegenwart des Sennor St. Angel und des Sennor Quintanilla zu danken,“ fragte Iſabella mit einem Lächeln, welches die Abſicht hatte, Beiden die Ver⸗ ſicherung zu geben, daß ſie für ihr Anliegen eine willfährige Herrin finden würden.„Ihr ſeyd nicht gewohnt, mich mit Bitten zu be⸗ helligen und die Stunde iſt etwas ungewöhnlich.“ „Man kommt immer zur geeigneten Stunde, gnädige Gebieterin, Donna Merceves. 2te Aufl. 1⁰ 146 wenn man nicht eine Gunſt ſuchen, ſondern eine Gunſt bringen will,“ erwiederte der derbe Luis de St. Angel.„Wir ſind nicht hier, um für uns ſelbſt etwas zu erwirken, ſondern wollen Eure Hoheit nur auf eine Art aufmerkſam machen, wie ſich die Krone von Caſtilien mit weit ſchöneren Sdelſteinen ſchmücken kann, als ſie je beſeſſen hat.“ Iſabella wurde ſowohl durch den Ernſt, als die Freimüthigkeit dieſer Worte überraſcht; da ihr aber die letztere nicht ſo ganz un⸗ gewohnt war, ſo behielt ſie ihre gewohnte Ruhe bei und ſchien nicht einmal ein Mißfallen darüber zu empfinden. „Hat der Maure noch ein Königreich, deſſen man ihn berauben könnte?“ fragte ſie,„oder will uns der Einnehmer der kirchlichen Einkünfte zu einem Krieg gegen den heiligen Stuhl ermuntern?“ „Ich wünſchte nur, daß Eure Hoheit die Gaben, welche von Gott kommen, mit dankbarer Freude hinnähmen und nicht undank⸗ bar zurückwieſen,“ erwiederte de St. Angel, indem er die ihm dar⸗ gebotene Hand der Königin mit einer Verehrung der Liebe küßte, welche die Freimüthigkeit ſeiner Worte wieder ausglich.„Wißt Ihr, meine gnädige Gebieterin, daß der Sennor Chriſtoval Colon, von deſſen hohen Planen wir Spanier uns ſo viel verſprachen, ſein Maulthier beſtiegen und Santa Fé verlaſſen hat?“ „Ich ſah das voraus, Sennor, obgleich man mir ſeine wirk⸗ liche Abreiſe noch nicht mitgetheilt hat. Der König und ich über⸗ gaben dieſe Angelegenheit den Händen des Erzbiſchofs von Granada und anderer zuverläſſiger Räthe, und ſie haben die Bedingungen des Genueſen ſo anmaßend und unvernünftig, ſo ungebührlich und übertrieben gefunden, daß es Unſerer Würde und den Pflichten, welche wir gegen uns ſelbſt haben, nicht ziemte, ſie zu genehmigen. Wo das Ergebniß eines Entwurfes ſo zweifelhaft iſt, müſſen die Einleitungen mit Mäßigung gemacht werden. Viele halten den Mann ſogar für einen bloßen Träumer.“ „Es ſpricht immer für den Werth eines Bittſtellers, wenn er lieber 147 ſeine Hoffnungen aufgibt, als ſich ſeine Würde ſchmälern läßt. Dieſer Colon fühlt, daß es ſich bei ſeinem Unternehmen um Königreiche handelt und ſtellt daher ſeine Bedingungen wie ein Mann, der die Wichtigkeit deſſelben ganz kennt.“ „Wer in Dingen von Wichtigkeit ſeinen eigenen Werth zu gering anſchlägt, muß erwarten, daß er auch in der Achtung An⸗ derer nie hoch ſtehen wird,“ fügte Alonzo de Quintanilla bei. „Und außerdem, meine gnädigſte und vielgeliebte Gebieterin,“ ſetzte de St. Angel hinzu, ohne Iſabella auch nur zum Worte kommen zu laſſen,„läßt ſich der Character des Mannes und der Werth ſeiner Entwürfe nach dem Preiſe ſchätzen, den er auf ſeine Dienſte ſetzt. Wenn er glücklich iſt— wird nicht ſeine Entdeckung alle andern, die ſeit Schöpfung der Welt gemacht wurden, verdunkeln? Iſt es denn ſo eine Kleinigkeit, die Erde zu umreiſen— die Weis⸗ heit Gottes darzuthun durch den wirklichen Verſuch, der Sonne in ihrem täglichen Umlauf zu folgen und die Bewegungen dieſes glor⸗ reichen Himmelskörpers nachzuahmen? Laſſen ſich nicht unberechen⸗ bare Vortheile für Caſtilien und Aragon daraus erwarten? Es wundert mich, daß eine Fürſtin, die bei allen andern Angelegen⸗ heiten einen ſo hohen und ſeltenen Geiſt gezeigt hat, vor einer ſo großartigen Unternehmung, wie dieſe, zurückſchreckt.“ „Du nimmſt Dir die Sache ſehr zu Herzen, mein guter de St. Angel,“ erwiederte Iſabella mit einem Lächeln, das keinen Un⸗ willen verrieth—„und läſſeſt in Deinem Eifer gar Manches außer Acht. Wenn ſich Ehre und Vortheil von einem glücklichen Erfolge verſprechen laſſen, was wird dann wohl die Frucht des Mißlingens ſeyn? Wenn der König und ich dieſen Colon mit der erblichen Würde eines Vicekönigs über unentdeckte Länder ausſchicken, und dieſe Länder nicht aufzufinden ſind, ſo dürfte die Weisheit unſeres Rathes ſehr in Zweifel gezogen und die Würde der beiden Kronen nutzlos einer peinlichen Demüthigung ausgeſetzt werden.“ „Ich erkenne hierin den Finger des Herrn Erzbiſchofs! Dieſer 148 Prälat hat nie an die Richtigkeit von Colons Theorien geglaubt, und man findet immer leicht Einwürfe, wenn man einer Unternehmung abgeneigt iſt. Ohne Gefahr gibt es keinen Ruhm zu erringen. Belieben Eure Hoheit auf unſere Nachbarn, die Portugieſen zu ſehen— wie ſehr wurde dieſes Königreich durch Entdeckungen be⸗ reichert, und wie viel mehr bleibt noch für uns übrig? Wir wiſſen, meine geehrte Gebieterin, daß die Erde eine Kugel iſt—“ „Iſt das eine ſo ganz ausgemachte Thatſache, Sennor?“ fragte der König, der, durch die ungewöhnlich lebhafte Rede des Sprechers angelockt, ſein Gemach verlaſſen hatte und unbeachtet näher getreten war,„iſt das ſo ganz erwieſen? Unſere Doctoren zu Salamanka konnten ſich über dieſe wichtige Frage nicht vereinigen; und bei St. Jago! ich ſehe nicht ein, wie die Sache ſo ganz klar wäre.“ „Wenn ſie keine Kugel iſt, mein Herr und König, antwortete de St. Angel, indem er ſich— einem wohlgeübten Corps ähnlich, welches ſeine Fronte verändert— raſch umwandte, um dieſem neuen Gegner die Spitze zu bieten—„welche Form könnte ſie dann haben? Wird irgend ein Doctor, komme er von Salamanka oder ſonſt wo⸗ her, behaupten, daß die Erde eine Fläche ſey, daß ſie Gränzen habe, und daß man, ſobald man an einer dieſer Gränzen ſtehe, auf die Sonne hinüber ſpringen könne, wenn ſie beim Auf⸗ oder Nieder⸗ gang an derſelben vorbeikömmt? Wäre dies wohl vernünftig, gnä⸗ digſter Herr, oder ſteht es im Einklange mit der heiligen Schrift?“ „Wird irgend ein Doctor von Salamanka oder anderswoher behaupten,“ erwiederte der König ernſt, obgleich die Unterhaltung ſeine Gefühle wenig anſprach,„daß es Völker gebe, die mit nach unten gerichteten Köpfen gehen, bei denen der Regen nach oben fällt, und wo das Meer in ſeinem Bette bleibt, wenn auch ſeine Stütze oben und nicht unten angebracht iſt?“ „Ich wünſchte gerade, Sennor Don Fernando, mein gnädigſter Gebieter, daß ſich dieſe großen Geheimniſſe durch Colons Fahrt aufklären möchten. Wir können ſehen, ja wir haben den Beweis, 149 daß die Erde eine Kugel iſt, und dennoch ſehen wir, daß das Waſſer nirgends von ſeiner Oberfläche wegfällt. Der Rumpf eines Schiffes iſt größer als ſeine oberen Maſten, und dennoch werden die letzteren auf dem Meere zuerſt ſichtbar, woraus nothwendig folgt, daß das Fahrzeug hinter der Abrundung des Waſſers ver⸗ borgen bleibt. Unter ſolchen Umſtänden, die allen auf dem Meere Reiſenden recht wohl bekannt ſind, ließe ſich auch die Frage auf⸗ werfen, warum das Waſſer hier an unſeren Küſten nicht in Eine Ebene zuſammenfließe. Wenn aber die Erde eine Kugel iſt, ſo muß es Mittel geben, entweder zu Waſſer oder zu Land um ſie herum zu kommen, da die ganze Reiſe eben ſo gut möglich ſeyn muß, als ein Theil derſelben. Colon hat ſich erboten, dieſen Weg aufzuſchließen, und der Monarch, der ihm die Mittel dazu liefert, wird der ſpäteſten Nachwelt einen weit höheren Ruhm hinterlaſſen, als irgend ein Croberer. Bedenkt, durchlauchtigſter Sennor, daß der ganze Oſten mit Ungläubigen bevölkert iſt, und daß das Oberhaupt der Kirche ihre Länder gerne dem chriſtlichen Monarchen zutheilen wird, welcher ſie dem Zuſtande der Finſterniß entreißt und ihnen das Licht der göttlichen Gnade bringt. Glaubt mir, Donna Jſabella, wenn ein anderer Herrſcher die von Colon verlangten Bedingungen gewährt und die Vortheile erndtet, welche wahrſcheinlich aus dieſen Entdeckungen fließen, ſo wird die ganze Welt von dem Triumph⸗ geſang der Feinde Spaniens erklingen, während unſere Halbinſel über dieſe unglückliche Entſcheidung trauern muß.“ „Wohin hat ſich Sennor Colon gewendet?“ fragte der König ſchnell, denn die Bemerkungen ſeines General⸗Einnehmers hatten mit einemmale ſeine politiſche Eiferſucht geweckt,„er iſt doch nicht wieder zu Dom Joao von Portugal gereist?“ „Nein, mein hoher Gebieter, ſondern zu König Louis von Frankreich, einem Fürſten, deſſen Liebe zu Aragon zum Sprüchwort geworden iſt.“ Der König murmelte einige Worte zwiſchen den Zähnen und 150 ſchritt verſtört im Zimmer auf und ab, denn obgleich kein Lebender weniger geneigt war, ſeine Mittel an irgend Etwas ohne Ausſicht auf ſicheren Erfolg zu wagen, ſo beſtürmte ihn doch der Gedanke, daß Andere einen Vortheil erndten könnten, welchen er ſelbſt ver⸗ nachläſſigt hatte, und weckte all die Gefühle, welche ſtets ſeine kalte und berechnende Politik leiteten. Bei Iſabella war der Fall anders. Ihre frommen Wünſche waren immer der Unterſtützung von Columbus großem Plane zu⸗ gethan geweſen, und ihr hochſinniger Character hatte ſtets an dem edeln Entwurfe, den großen moraliſchen Reſultaten und dem Ruhme des Unternehmens den innigſten Antheil genommen. Nur der Umſtand, daß ihr Geiſt und ihre glaubigen Hoffnungen durch den Krieg in Granada zu ſehr beſchäftigt waren, hatte ſie abge⸗ halten, früher in eine genaue Prüfung der Anſichten des Seefahrers einzugehen, wie ſie denn auch nur äußerſt ungerne dem Rathe ihres Beichtvaters, die von Columbus geforderten Bedingungen zu ver⸗ werfen, nachgab. Jetzt übten aber die zarteren Gefühle ihres Ge⸗ ſchlechtes wieder ihren Einfluß; denn während auch ſie über das, was eben zur Sprache gebracht worden war, nachdachte, ſtreifte ihr Auge durch das Zimmer und blieb auf dem lieblichen Antlitze der Donna Mereedes haften, welche in ſchüchternem Schweigen da ſaß, aber durch die beredte Bläſſe ihres Geſichtes die ſtumme Sprache der reinen, ſchwärmeriſchen Liebe eines Weibes an den Tag legte. „Tochter Marquiſe!“ fragte die Koͤnigin, die ſich gewöhnlich in Lagen des Zweifels an ihre erprobte Freundin wandte,„was hältſt Du von dieſer wichtigen Angelegenheit? Sollen wir uns ſo weit herablaſſen, daß wir dieſen hochmüthigen Genueſen zurückrufen?“ „Sagt nicht hochmüthig, Sennora, denn er ſcheint mir über ein ſolches Gefühl erhaben. Er kömmt mir eher wie ein Mann vor, der das, was er in Ausſicht hat, recht gut zu wuürdigen weiß. Ich bin vollkommen mit dem General⸗Einnehmer einverſtanden, 151 denn auch ich glaube, daß es eine große Schmach für Caſtilien wäre, wenn diejenigen, welche ein Unternehmen begünſtigen werden, das die Entdeckung einer neuen Welt zur Folge hat, mit Fingern auf unſern Hof wieſen und daran erinnerten, daß der Ruhm dieſes Ereigniſſes in ſeinen Händen war, aber unachtſamer Weiſe ver⸗ ſchleudert wurde.“ „Und dies noch obendrein blos wegen eines Amtes, Sennora,“ fiel de St. Angel ein—„wegen einer reinen Pergament⸗ und Titelfrage.“ „Nein— nein,“ erwiederte die Königin,„es gibt Leute, welche glauben, daß die von Colon angeſprochenen Ehren den Dienſt, welchen er leiſten wird, weit überböten, ſelbſt wenn alle Voraus⸗ ſetzungen des Genueſen ſich verwirklichen ſollten.“ „Dann, meine geehrte Gebieterin, kennen ſie das Ziel des Genueſen nicht. Bedenkt, Sennora, daß, wie auch die Theorien ſich geſtalten mögen, ein wirklicher, thatſächlicher Beweis der Kugelform unſerer Erde durch Meſſung kein Alltagsdienſt ſeyn wird. Dazu kommen noch die Reichthümer der öſtlichen Länder, eines Welt⸗ theils, woher alle Schätze fließen— Gewürze, Perlen, Seide und die koſtbarſten Metalle. Und endlich, was noch alles Andere uͤbertrifft und dem Ganzen die Krone aufſetzt,— wie ungemein viel läßt ſich unter den Heiden zur Verherrlichung Gottes thun?“ Iſabella bekreuzte ſich, ihre Wange glühte, ihr Auge leuchtete, und ihre frauenhafte, obwohl immer noch ſchöne Geſtalt, ſchien ſich unter der Majeſtät der Gefühle, die durch dieſes Gemälde hervor⸗ gerufen wurden, zu heben. „Ich fürchte, Don Fernando,“ ſagte ſie,„unſere Räthe ſind zu vorſchnell geweſen, und es dünkt mich faſt, daß die Größe dieſes Unternehmens auch ungewöhnliche Bedingungen rechtfertige.“ Der König ging jedoch wenig in die hochherzigen Empfindun⸗ gen ſeiner edlen Gemahlin ein, denn er fühlte mehr den ſcharfen Stachel politiſcher Eiferſucht, als den Einſluß eines freiſinnigen Eifers für Kirche oder Wiſſenſchaft. Er galt zwar im Allgemeinen 15² für einen klugen Fürſten, aber ein ſolcher Titel ſchließt nicht noth⸗ wendig auch den des Edelmuths und der Gerechtigkeit in ſich. Er lächelte über die neu entzündete Begeiſterung ſeiner Gemahlin und fuhr fort, in einem Papiere zu leſen, welches ihm eben von einem Schreiber eingehändigt worden war. „Eure Hoheit fühlt jetzt, wie Donna Iſabella von Caſtilien fühlen muß, wenn es ſich um die Ehre Gottes und die Verherrlichung ihrer Krone handelt,“ fügte Beatriz de Cabrera bei, indem ſie ſich jener Freimüthigkeit der Rede bediente, welche die Königin in ihrem vertraulicheren Verkehre ſo ſehr ermuthigte.„Ich möchte lieber das Wort hören, welches dieſen Colon zurückruft, als noch einmal Zeuge des Lärmens ſeyn, der unſeren letzten Sieg über die Mauren begleitete.“ „Ich weiß, daß Du mich liebſt, Beatriz,“ rief die Königin, „und wenn in Deiner Bruſt nicht ein treues Herz ſchlägt, ſo iſt ein ſolcher Edelſtein unter der gefallenen Menſchheit nicht mehr zu finden.“ „Wir alle lieben und verehren Eure Hoheit,“ fuhr de St. Angel fort,„und wir wünſchen nichts als Euren Ruhm. Denkt Euch die Blätter der Geſchichte geöffnet, Sennora, und denkt Euch nach der großen That der Beſiegung den Mauren, die noch größere der Entdeckung einer leichten und ſchnellen Verbindung mit Indien, die Ausbreitung der Kirche, und den Erguß unerſchöpflichen Reich⸗ thums über Spanien. Dieſer Colon wird freilich bei kälteren und mehr ſelbſtſüchtig berechnenden Menſchen keine Unterſtützung finden, aber ſein Unternehmen ſucht den hochherzigen Beiſtand derjenigen, welche für Gottes Ruhm und das Wohl der Kirche viel wagen können.“ „Ah! Sennor de St. Angel, Du ſchmeichelſt und beleidigſt mit dem gleichen Athemzuge.“ „Ein Ehrenmann verhehlt ſeinen Verdruß nicht, meine theure Gebieterin, wenn der Eifer für den Ruhm Eurer Hoheit ſeine Zunge kühn macht. Ach, ach! wenn König Louis die Bedingungen, 153 welche wir abgelehnt haben, genehmigt, ſo wird das arme Spanien vor Scham nie wieder das Haupt aufheben dürfen.“ „Weißt Du gewiß, St. Angel, daß der Genueſe nach Frank⸗ reich gegangen iſt?“ fragte der König plötzlich mit ſeiner ſcharfen, gebieteriſchen Stimme. „Eure Hoheit, ich habe es aus ſeinem eigenen Munde. Ja, ja— er iſt in dieſem Augenblick bemüht, unſere caſtilianiſche Mundart zu vergeſſen und ſeine Zunge der Sprache der Franzoſen anzupaſſen. Nur Frömmler und gedankenloſe Anhänger verdumpfter Vorurtheile, Sennora, läugnen Colon's Theorien. Die alten Philo⸗ ſophen haben in derſelben Weiſe raiſonirt, und obgleich es dem Furcht⸗ ſamen als ein vermeſſenes und kopfloſes Wagniß vorkommen mag, in das große Weltmeer hineinzuſegeln, ſo würde doch der Portugieſe nie ſeine Inſeln gefunden haben, hätte er nicht ein Gleiches ge⸗ than. Bei dem ewigen Gott, es macht mir das Blut kochen, wenn ich denke, was dieſe Luſttaner ausgeführt haben, während wir in Aragon und Caſtilien uns mit den Ungläubigen wegen einiger Thäler und Berge und einer Hauptſtadt herumbalgten.“ „Sennor, Ihr vergeßt der Ehre der Herrſcher eben ſo ſehr, als des Dienſtes Gottes,“ fiel die Marquiſe von Moya ein, als ſie bemerkte, daß der General⸗Einnehmer in dem Feuer ſeines Eifers die Klugheit aus dem Auge verlor.„Dieſe Eroberung iſt ein Sieg der Kirche, der den beiden Kronen für ewige Zeiten Glanz ver⸗ leihen wird. Als einen ſolchen hat ihn auch der heilige Vater bereits anerkannt, und alle guten Chriſten ſollten ſeine Bedeutung zu würdigen wiſſen.“ „Es iſt nicht meine Abſicht, den Werth dieſer Erwerbung zu gering anzuſchlagen; aber als ich ſo ſprach, Donna Beatriz, hatte ich den Sieg über ſo viele Millionen im Auge, den uns dieſer Colon wahrſcheinlich verſchaffen wird.“ Die Marquiſe, deren Geiſt eben ſo hervorragend war, als ihre Liebe zur Königin, gab eine treffende Erwiederung und führte 154 die Unterhaltung mit Luis de St. Angel und Alonzo de Quinta⸗ nilla noch einige Minuten fort, ohne daß Jemand es wagte, ſich in die geheime Beſprechung zu mengen, welche Iſabella ſeitwärts mit ihrem Gemahl hielt. Die Koönigin war ernſt und augenſcheinlich ſehr aufgeregt, Ferdinand aber behielt ſeine gewohnte Kälte bei, obgleich ſich in ſeinem Benehmen jene tiefe Achtung ausſprach, die ihm Iſabella früh durch ihren Charakter eingeflößt hatte und die ſie auch die ganze Zeit ihrer Ehe über ſich zu erhalten wußte. Den Höflingen war eine ſolche Familienſcene nichts Neues, da der König eben ſo ſehr um ſeiner verſchlagenen Klugheit willen, als die Königin, wenn ſtie ein edler Beweggrund begeiſterte, wegen ihrer hochſinnigen und offenen Glut im Rufe ſtand. Dieſe abge⸗ ſchloſſene Beſprechung dauerte eine halbe Stunde, wobei die Königin hin und wieder inne hielt, um Acht zu haben, was bei der andern Gruppe vorging, und dann wieder auf ihre eigenen Argumentationen gegen ihren Gatten zurückkam. Endlich verließ Iſabella die Seite Ferdinands, der kaltblütig wieder die Lectuͤre einer Schrift aufnahm, und ging langſam auf die vielfach bewegte Gruppe zu, welche nunmehr einſtimmig und ſogar lauter, als es die Nachſicht einer ſo ſanften Herrin für gut fand, ihr Bedauern über Colon's Entlaſſung ausdrückte. Ihre Abſicht, die allzugroße Lebhaftigkeit der Eroͤrterung durch ihre Gegenwart in die Schranken zu weiſen, wurde jedoch ſchnell durch einen Blick auf Mercedes' Antlitz vereitelt, welche allein daſaß, ihre Arbeit nachläſſig in dem Schooß liegen hatte und ängſtlich auf das Ge⸗ ſpräch horchte, das alle ihre Gefährtinnen in den gemeinſamen Kreis gezogen hatte. „Du nimmſt keinen Theil an dieſer lebhaften Unterhaltung, Kind,“ bemerkte die Königin, indem ſie bei dem Stuhle unſerer Heldin ſtehen blieb und einen Augenblick ihr beredtes, ausdrucksvolles Antlitz betrachtete;„haſt Du alles Intereſſe für Colon verloren?“ „Ich ſchweige, Sennora, weil es der Jugend und Unwiſſenheit 155 ziemt, beſcheiden zu ſeyn; aber ich fühle demungeachtet nicht weniger.“ „Und welcher Art ſind Deine Gefuͤhle, Tochter? Glaubſt auch Du, daß die Dienſte dieſes Genueſen nicht zu theuer erkauft wer⸗ den können?“ „Da Eure Hoheit mir die Ehre dieſer Frage erweist,“ ant⸗ wortete das holde Mädchen und das Blut ſtrömte immer mehr zu ihrem bleichen Geſichte, je wärmer ſie in der Sache wurde—„ſo werde ich nicht anſtehen zu ſprechen. Ich glaube, dieſes große Un⸗ ternehmen iſt den Herrſchern als ein Lohn für alles das angeboten worden, was ſie für die Religion und die Kirche ſchon gethan und erlitten haben. Ich denke, Colon iſt durch die Hand Gottes an dieſen Hof geführt und durch die Hand Gottes ſo lange hier gehal⸗ ten worden; denn wir ſahen, daß er lieber ſieben lange Jahre der Knechtſchaft erduldete, als ſeinen Plan aufgab; und ich glaube, daß dieſer letzte Aufruf zu ſeinen Gunſten von einer Macht und einem Geiſte kömmt, die endlich doch den Sieg davon tragen müſſen.“ „Du biſt eine Schwärmerin, Tochter— zumal in dieſer An⸗ gelegenheit,“ erwiederte die Königin mit einem wohlwollenden Lä⸗ cheln gegen die erröthende Mercedes.„Deine Wünſche tragen viel dazu bei, mich zu Unterſtützung dieſes Unternehmens zu be⸗ ſtimmen.“ So ſprach Iſabella in einem Augenblicke, wo ſie weder die Muße noch die Abſicht hatte, ihre Gefühle zu zergliedern, die mehr durch einen Zuſammenfluß von Beweggründen, als durch eine einzelne beſtimmte Rückſicht geleitet wurden. Aber ſelbſt dieſes vor⸗ übergehende Zuſammentreffen mit weiblichen Empfindungen trug dazu bei, ihrem Entſchluß eine weitere Grundlage zu geben, und ſie trat in den Kreis, welcher ſich achtungsvoll bei ihrem Nähertreten öff⸗ nete, mit der Abſicht ein, den zwar wohlmeinenden, aber etwas un⸗ geſtümen Bitten de St. Angels nachzugeben. Doch zögerte ſie immer noch, denn ihr vorſichtiger Gemahl hatte ſte eben an den 156 erſchöpften Zuſtand der Schatzkammer erinnert, in welchen beide Kronen durch den letzten Krieg geſtürzt worden waren. „Tochter Marquiſe,“ ſagte Iſabella, indem ſie die Verbeu⸗ gungen der Umſtehenden leicht erwiederte,„glaubſt Du immer noch, daß dieſer Colon ausdrücklich von Gott zu den hohen Entwürfen, mit denen er ſich trägt, berufen worden ſey?“ „Sennora, ich will das nicht geradezu behaupten, obgleich ich vermuthe, daß der Genueſe eine derartige Meinung von ſich hegt. Ich glaube aber ſo viel, daß der Himmel ſeiner treuen Diener ge⸗ denkt, und für wichtige Handlungen ſtets die geeigneten Werkzeuge auswählt. Wir wiſſen, daß die Kirche eines Tages über die ganze Erde herrſchen ſoll, und warum ſollte nicht unſere Zeit ſo gut als eine andere hiefür beſtimmt ſeyn? Gottes Rathſchlüſſe ſind ge⸗ heimnißvoll, und gerade dieſes Wagniß, das von ſo vielen Gelehr⸗ ten verſpottet wird, kann den Zweck haben, den Sieg der Kirche zu beſchleunigen. Wir ſollten uns erinnern, Königliche Hoheit, wie gering dieſe Kirche begonnen hat, wie wenig ſie von der ſogenann⸗ ten Weisheit unterſtützt wurde und zu welchem hohen Gipfel von Herrlichkeit ſie dennoch gelangt iſt. Dieſer Sieg über die Mauren läßt eine Erfüllung von Verheißungen ahnen, und das Ende ihres faſt ſiebenhundertjährigen Reiches iſt vielleicht nur der Anfang einer herrlichen Zukunft.“ Iſabella lächelte ihrer Freundin zu, denn dieſe Folgerungen entſprachen ganz ihren eigenen, geheimen Gedanken; aber ein tiefer blickender Verſtand gab ihrem Eifer mehr Umſicht, als dieſes bei der warmherzigen, feurigen Marquiſe der Fall war. „Es iſt nicht wohl gethan, dieſem oder jenem Unternehmen das Siegel der Vorſehung aufzudrücken, Tochter Marquiſe!“ ant⸗ wortete ſie;„die Kirche allein kann ſagen, wozu Wunder nöthig ſind und was der Thätigkeit des menſchlichen Geiſtes überlaſſen bleiben muß. Wie viel braucht Colon, Sennor de St. Angel, um das Wagniß in einer Weiſe auszuführen, die ihm als genügend vorkömmt?“ dr 157 „Er verlangt nur zwei Caravelen, meine geehrte Herrin, und dreitauſend Kronen— eine Summe, die mancher junge Verſchwender in wenigen Wochen mit ſeinen Vergnügungen durchbringt.“ „Das iſt in der That nicht viel,“ bemerkte Iſabella, welche allmählig durch dieſe Betrachtungen über das Großartige des Aben⸗ teuers warm geworden war;„aber ſo wenig es auch iſt, ſo zweifelt doch mein königlicher Gemahl, ob im gegenwärtigen Augenblick unſere vereinten Kaſſen den Aufwand beſtreiten können.“ „O! es wäre Schade, wenn eine ſolche Gelegenheit, Gott zu dienen, das Reich Chriſti zu erweitern und den Ruhm Spaniens zu erhöhen— um dieſes armſeligen Goldes willen verloren gehen ſollte,“ rief Donna Beatriz. „In der That, das wäre es,“ erwiederte die Königin, deren Wangen jetzt von einer Begeiſterung glühten, die derjenigen, welche auf den Zügen der warmherzigen Mercedes leuchtete, nichts nach⸗ gab.„Sennor de St. Angel, der König läßt ſich nicht bewegen, von Seite Aragoniens etwas für dieſe Sache zu thun; aber ich will ſte als Koͤnigin von Caſtilien auf mich nehmen, und zwar, ſo weit ſie menſchliche Intereſſen fördern wird, zu Nutz und Frommen meines eigenen, vielgeliebten Volkes. Wenn der koͤnigliche Schatz erſchöpft iſt, ſo wird mein eigenes Geſchmeide füͤr die kleine Summe zureichen, und ich will es lieber für das erforderliche Gold ver⸗ pfänden, als dieſen Colon ziehen laſſen, ohne die Richtigkeit ſeiner Theorien auf die Probe zu ſetzen. Das Ergebniß iſt in der That von zu großer Wichtigkeit, um irgend einer weiteren Eroͤrterung zu bedürfen.“ Ein Ausruf der Bewunderung und des Entzückens entfuhr den Anweſenden; denn es war ein ſeltener Fall, daß eine Fürſtin ſich ihres perſönlichen Schmuckes beraubte, um die Intereſſen der Kirche, oder gar die ihrer Unterthanen zu foͤrdern. Der General⸗Einneh⸗ mer entfernte jedoch bald alle Schwierigkeiten hinſichtlich des pe⸗ cuniären Punktes, indem er ſagte, ſeine Kaſſen ſeyen im Stande, die 158 erforderliche Summe auf die Garantie der Krone von Caſtilien vor⸗ zuſchießen, wodurch die Veräußerung der von der königlichen Eig⸗ nerin ſo freimüthig angebotenen Kleinodien unnöthig würde. „Nun bleibt uns nichts mehr übrig, als Colon zurückzurufen,“ bemerkte die Königin, ſobald dieſe Einleitungen bereinigt waren. „Da er, wie Ihr ſagt, bereits abgereist iſt, ſo dürfen wir keine Zeit verlieren, ihm dieſen neuen Entſchluß mitzutheilen.“ „Eure Hoheit hat hier einen willfährigen, und bereits reiſe⸗ fertigen Boten, in der Perſon des Don Luis de Bobadilla,“ rief Alonzo de Quintanilla, den der Schall von Hufſchlägen an das Fenſter gezogen hatte.„In Santa Fé wird ſich kaum ein Mann auffinden laſſen, der dem Genueſen dieſe Kunde mit einem freu⸗ digeren Herzen überbringen würde.“ „Es iſt kaum ein geeigneter Dienſt für ſeinen Rang,“ ant⸗ wortete Iſabella zweifelnd,„und doch dünkt uns jeder Augenblick ein Unrecht gegen Colon.“ „Nein, Sennora, ſchont meinen Neffen nicht,“ fiel Donna Beatriz lebhaft ein.„Er iſt nur zu glücklich, wenn er einem Be⸗ fehle Eurer Hoheit Folge leiſten darf.“ „So moͤge er denn unverzüglich vor uns treten. Ich kann kaum glauben, daß ich zu einem Entſchluſſe gekommen bin, ſo lange die Hauptperſon des großen Abenteuers fern von meinem Hofe reist.“ Es wurde ſogleich ein Page abgeſchickt, um den jungen Edlen aufzuſuchen, und in wenigen Minuten ließen ſich die Tritte des Letztern in dem Vorzimmer vernehmen. Luis trat glühend, aufgeregt, und in ſeinem Innern nicht wenig gekränkt über die erzwungene Abreiſe ſeines neuen Freundes vor die Königin. Der junge Mann er⸗ mangelte nicht, die Schmach dieſes Ereigniſſes denjenigen zuzu⸗ ſchreiben, welche die Macht hatten, es zu verhindern, und als ſein dunkles, ausdrucksvolles Auge den Zügen ſeiner Herrſcherin begeg⸗ nete, würde Iſabella, wenn ſie in demſelben hätte leſen können, 159 gefunden haben, daß Luis ſie als diejenige betrachte, welche ſeine Hoffnungen bei mehr als einer Gelegenheit durchkreuzt habe. Demungeachtet verfehlte Donna Iſabella's reiner Character und edles Benehmen ſelten, den geeigneten Eindruck auf Alle zu üben, welchen es geſtattet war, ſich ihrer Perſon zu nähern. Seine An⸗ rede war daher achtungsvoll, wenn auch nicht warm. „Eure Hoheit geruhten, mich rufen zu laſſen,“ ſagte der junge Mann, ſobald er ſeine ehrfurchtsvolle Verbeugung ge⸗ macht hatte. „Ich danke Euch, daß Ihr ſo ſchnelle Folge leiſtet, Don Luis, denn ich bedarf Eurer Dienſte. Könnt Ihr uns ſagen, was den Sennor Chriſtoval Colon, den genueſiſchen Seefahrer, mit dem Ihr dem Vernehmen nach in vertraulichem Verkehr ſteht, angewandelt hat?“ „Verzeihung, Sennora, wenn mir etwas Unziemliches ent⸗ ſchlüpfen ſollte, aber ein volles Herz muß ſich ergießen, wenn es nicht brechen will. Der Genueſe iſt im Begriff, den Staub Spaniens von ſeinen Schuhen zu ſchütteln und befindet ſich ge⸗ genwärtig auf der Reiſe an einen andern Hof, um dort die Dienſte anzubieten, die man hier nimmermehr hätte zurückweiſen ſollen.“ „Wir ſehen, Luis, daß Du Deine Mußeſtunden nicht an Höfen zugebracht haſt,“ erwiederte die Köͤnigin lächelnd,„aber wir haben jetzt einen Dienſt für Dich, der Deinem Hange zu einem unſtäten Treiben zuſagen wird. Beſteige Dein Pferd, folge dieſem Sennor Colon, und bring' ihm nebſt der Aufforderung zu einer ſchleunigen Zu⸗ rückkehr die Botſchaft, daß ſeine Bedingungen genehmigt ſeyen. Ich gebe mein königliches Wort, daß er ſein Unternehmen ſo ſchnell antreten ſoll, als es die nöthigen Vorbereitungen und eine angemeſſene Klugheit geſtatten werden.“ „Sennora!— Donna Jſabella!— meine gnädigſte Königin! — höre ich recht?“ „Zum Zeichen, daß Dich Deine Sinne nicht trügen, Don Luis, magſt Du meine Hand hier als Pfand des Ernſtes meiner Ab⸗ ſichten nehmen.“. Dieſe gütigen Worte und die Anmuth, womit ſie ihre Hand hinreichte, ließ einen Strahl von Hoffnung in die Seele des Lie⸗ benden fallen— eine Wonne, die ihm fremd geblieben war, ſeit er erfahren hatte, daß er ſich die Gunſt der Königin gewinnen müſſe, wenn er ſein Glück ſichern wolle. Er knieete ehrfurchtsvoll nieder, küßte die Hand der Herrſcherin, und fragte, ohne ſeine Stellung zu verändern, ob er ſogleich abreiſen ſolle, um den ihm aufgetragenen Dienſt in Vollzug zu ſetzen. „Stehe auf, Don Luis, und verliere keinen Augenblick, um das ſchwere Herz des Genueſen— und ich möchte faſt ſagen, auch die unſrigen— zu erleichtern;— denn, Tochter Marquiſe, ſeit dieſes heilige Unternehmen meine Seele mit einem plötzlichen, faſt wunder⸗ baren Lichte erleuchtet hat, iſt es mir, als ob ein Berg auf meiner Bruſt liege, ſo lange Sennor Chriſtoval keine Kunde über den Stand der Dinge hat.“ Luis de Bobadilla erwartete keinen zweiten Befehl, ſondern entfernte ſich ſo ſchnell, als es die Etiquette erlauben mochte, und ſaß in der nächſten Minute im Sattel. Bei ſeinem Erſcheinen hatte ſich Mercedes in eine Fenſterniſche zurückgezogen, wo ſie glücklicherweiſe den Hof überblicken konnte. Als ihr Geliebter auf dem Pferde ſaß, wurde er ihrer anſichtig, und obgleich die Sporen bereits in die Seiten ſeines Roſſes geſetzt und die Zügel angezogen waren, warf er doch noch einmal courbettirend das Roß herum. Die Gefühle der Jugend ſind ſo voll Schwungkraft und die Hoff⸗ nungen der Liebe ſo einſchmeichelnd, daß ihre Blicke, welche ſich nun wechſelſeitig begegneten, den Ausdruck des höchſten Entzückens trugen. Beide dachten im gegenwärtigen Augenblicke eben ſo wenig an die verzweifelten Wechſelfälle der beabſichtigten Reiſe, als an die Wahrſcheinlichkeit eines möglichen, ungünſtigen Erfolges, oder an die 161 vielen Beweggründe, welche die Königin veranlaſſen konnten, ihre Einwilligung zurückzunehmen. Merredes erwachte zuerſt aus ihrer kurzen Entzückung, und beunruhigt von Luis unvorſichtiger Zöge⸗ rung winkte ſie ihm, zu eilen. Abermals wurden die Sporen in die Weichen des edlen Thieres gegraben; Funken ſtoben von den Hufen, und in der nächſten Minute war Don Luis de Bobadilla verſchwunden. Columbus hatte inzwiſchen ſeine trübſelige Reiſe durch die Vega fortgeſetzt. Er ritt langſam weiter, hielt, als ſein Gefährte ihn verlaſſen hatte, ſein Maulthier wiederholt an, und ſaß— das Haupt auf die Bruſt geſenkt und in Gedanken verloren— als ein lebendiges Bild des Kummers da. Die edle Ergebung, welche er öffentlich gezeigt hatte, wich beinahe, als er allein war, und er fühlte in der That das ganze Gewicht der entſchwundenen Täuſchung. Mit ſolchen troſtloſen Gedanken erfüllt, hatte er eben den berühmten Paß der Brücke von Pinnos, den Schauplatz ſo mancher blutigen Kämpfe erreicht, als die Huftritte eines Pferdes ihm das Erſtemal an's Ohr ſchlugen. Er ſah zurück und erkannte Luis de Bobadilla, der ihm in ſo wilder Haſt folgte, daß die Weichen ſeines Roſſes vom Blute trieften und die Bruſt deſſelben von Schaum bedeckt war. „Freude! Freude! und tauſendmal Freude, Sennor Colon!“ ſchrie der eifrige Jüngling, als er nahe genug war, um verſtanden werden zu können.„Die heilige Jungfrau ſey geprieſen!— Freude! Freude, Sennor, und nichts als Freude!“ „Das kömmt unerwartet, Don Luis! Was bedeutet Deine Rückkehr?“ Luis verſuchte ſeine Botſchaft auseinander zu ſetzen, aber die Haſt und der Mangel an Athem verwirrten ſeine Gedanken und machten ſeine abgebrochenen Worte unverſtändlich. „Und warum ſollte ich zurückkehren an einen kalten, unſchlüſ⸗ ſigen und zaudernden Hof?“ fragte Columbus.„Habe ich nicht Jahre verſchwendet, um ihn zu ſeinem eigenen Beſten zu drängen? Donna Mercedes. 2te Aufl. 11 162 Blicke auf dieſe Haare, junger Sennor, und erinnere Dich, wie ich in der vergeblichen Bemühung, die Herrſcher dieſer Halbinſel zu überzeugen, daß mein Entwurf ſich auf Wahrheit gründe, eine Zeit verloren habe, die faſt ſo lange iſt, als alle Deine Lebenstage.“ „Ihr ſeyd endlich durchgedrungen. Iſabella, die wahrheits⸗ liebende und trughaſſende Koͤnigin hat ſelbſt die Wichtigkeit Eures Planes eingeſehen und ihr königliches Wort zum Pfande geſetzt, ihn zu begünſtigen. „Iſt es wahr?— Kann das wahr ſeyn, Don Luis?“ „Ich bin ausdrücklich abgeſandt, Sennor, um Euch zur un⸗ mittelbaren Rückkehr zu veranlaſſen.“ „Von wem, junger Herr?“ Von Donna Jſabella, meiner gnädigſten Gebieterin, welche mir perſönlich dieſen Befehl ertheilte.“ „Ich kann keine einzige der von mir vorgeſchlagenen Be⸗ dingungen aufgeben.“ „Man verlangt das auch nicht, Sennor. Unſere vortreffliche, hochſinnige Herrin genehmigt Alles, was Ihr verlangt, und hat ſogar, wie ich höre, das edle Anerbieten gemacht, lieber ihren eigenen Schmuck zu verpfänden, als dieſes Unternehmen fallen zu laſſen.“ Columbus wurde durch dieſe Mittheilung tief gerührt; er nahm ſeine Mütze ab und bedeckte mit derſelben einen Augenblick ſein Geſicht, als ob er ſich ſchäme, die Schwäche, welche ihn anwan⸗ delte, zu verrathen. Als er ſein Antlitz wieder enthüllte, ſtrahlte es von Freude und jeder Zweifel ſchien daraus entſchwunden zu ſeyn. Jahre der Leiden waren in dieſem Augenblick der Wonne vergeſſen, und alsbald zeigte er ſich bereit, mit dem Jüngling nach Santa Fé zurückzukehren. 82 163 Neuntes Kapitel. Wie herrlich iſt's, wenn mit dem Geiſt ſich einet Die Frömmigkeit!— wie göttlich ſüß die Töne Der ird'ſchen Harfe, wenn die ſanfte Hand Des Glaubens in die Saiten greift, und vor Des Ewigen Altar in hehren Weiſen Dem Schöpfer heil'ge Hymnen klingen! John Wilſon. Columbus wurde von ſeinen Freunden Luis de St. Angel und Alonzo de Quintanilla mit einer Freude empfangen, welche ſte kaum auszudrücken vermochten. Sie überſtrömten in Iſabella's Lobe, und fügten Don Luis' Verſicherungen noch ſo viele Beweiſe von dem Ernſte der Abſichten der Königin bei, daß alle Zweifel aus der Seele des Seefahrers verſchwanden. Er wurde nun ohne weitere Zögerung der Herrſcherin vorgeſtellt. „Sennor Colon!“ ſagte Iſabella, als der Genueſe näher trat und zu ihren Füßen niederkniete;„Eure Rückkehr iſt mir willkommen! Alle unſere Mißverſtändniſſe ſind endlich beſeitigt, und ich hoffe, daß wir hinfort freudig und vereint demſelben großen Ziele entgegen arbeiten können. Stehet auf, Sennor, und nehmet dieſe Hand als Burgſchaft meiner Unterſtützung und Freundſchaft.“ Columbus küßte die dargebotene Hand und erhob ſich von ſeinen Knien. In dieſem Augenblick ſchwammen wohl die Gefühle aller Anweſenden in kühnen Hoffnungen, denn es gehoͤrte mit zu der Eigenthümlichkeit, welche das erſte Lautwerden dieſes großen Unternehmens bis zu ſeiner endlichen Vollführung begleitete, daß der Entwurf, nachdem er lange verhöhnt, bezweifelt und lächerlich ge⸗ macht worden war, ſobald die Stimme der Königin ſich dafür er⸗ klärte— gewiſſermaſſen mit Begeiſterung aufgenommen wurde. „Sennora!“ erwiederte Columbus, deſſen ernſte Miene und edle Haltung nicht wenig zu Förderung ſeiner Plane beitrugen:— 164 „Sennora! mein Herz dankt Euch für dieſe Gunſt, die mir um ſo willkommener iſt, je weniger ich ſie an dieſem Morgen hoffen konnte— Gott wird ſie Euch lohnen. Uns ſind große Dinge vorbehalten, und ich wünſche demüthig, daß wir alle unſeren Pflichten gewachſen erfunden werden möchten. Ich hoffe, mein Königlicher Gebieter wird meinem Unternehmen das Licht ſeiner Gnade nicht verſagen.“ „Ihr ſeyd im Dienſte der Krone von Caſtilien, Sennor Colon, obgleich nur ſelten Etwas für dieſes Königreich ohne die Billigung und Einwilligung des Koͤnigs von Aragon unternommen wird. Don Fernando iſt unſerem Vorhaben nicht abgeneigt, aber ſeine größere Vorſicht und Weisheit wollte nicht ſo leicht an die Unterſtützung deſſelben gehen, als der Glaube und die Hoffnungen eines Weibes.“ „Ich wünſche keine höhere Weisheit, und keinen innigeren Glauben, als die Iſabenenae ſagte der Seefahrer mit einem würde⸗ vollen Ernſt, welcher dieſe tigkeit um ſo willkommener machte, als ſie ſo ganz das Gepräge der Aufrichtigkeit trug:„Ihre anerkannte Klugheit wird den Spott der thörichten und gedankenloſen Menge von mir abwenden und auf Ihr königliches Wort baue ich alle meine Hoffnungen. Von nun an, und wie ich hoffe für immer, werde ich ein treuer Diener und Unterthan Curer Hoheit ſeyn.“ Die Königin fühlte tief den Eindruck der innigen Wahrheit, welche die Gedanken und das Benehmen des Sprechers umſloß. Sie hatte bisher den Seefahrer nur wenig, und nie vorher unter Umſtänden geſehen, welche ſie in den Stand ſetzten, den Einfluß, welchen ſein ganzes Aeußere übte, völlig zu empfinden. Columbus war mit der glatten Weiſe, die man für eine ausſchließliche Eigen⸗ thümlichkeit des Hoflebens hält und die man vielleicht mit großerem Rechte dem zur Gewohnheit gewordenen Wunſche, zu gefallen, zu⸗ ſchreiben könnte, nicht vertraut; aber der innere Character des Mannes war durch ſeine Außenſeite ſichtbar, und in dem gegen⸗ wärtigen Falle blieb Alles, was künſtliche Erziehung geben konnte, weit hinter dem edeln Ausdrucke einer nach Höherem ſtrebenden . 165 Natur zurück. Mit einem gebieteriſchen Aeußern und einer Würde, die durch die Großartigkeit ſeiner Entwürfe noch erhöht wurde, verband Columbus den nüchternen Ernſt einer tiefwurzelnden und Alles durchdringenden Begeiſterung, welche allem, was er ſagte und that, den lieblichen Stempel der Wahrheit und Biederkeit auf⸗ drückte. Kein Zug ſeiner Seele war hervortretender als ſein Ge⸗ fühl für das Recht,— für ein Recht nämlich, wie es mit den Anſichten des Zeitalters im Einklange ſtand— und es iſt ein merk⸗ würdiger Umſtand, daß das größte Unternehmen der neueren Zeiten von der Vorſehung— man möoͤchte ſagen, nicht ohne beſondere Abſichten— der Ueberwachung einer Fürſtin und den Händen eines Führers anvertraut wurde, welche beide in gleicher Weiſe in dem Beſitze eines ſo ſeltenen Characterzuges waren. „Ich danke Euch, Sennor, für dieſen Beweis von Vertrauen,“ erwiederte die Königin, zugleich überraſcht und erfreut,„und ſo lange mir Gott die Macht gibt, zu leiten, und die Einſicht, zu entſcheiden, ſollen Eure Intereſſen ſowohl, wie die eines ſo lange werth gehaltenen Planes gewahrt werden. Wir dürfen aber den König von unſerem Bunde nicht ausſchließen, da er ſich doch end⸗ lich unſeren Anſichten zugewandt hat und jetzt ohne Zweifel eben ſo ängſtlich des Ausgangs harrt, als wir ſelbſt.“ Columbus verbeugte ſich beiſtimmend, und die eheliche Liebe Iſabellens begnügte ſich mit dieſem Zugeſtändniſſe, welches dem Character ihres Gatten zu Theil wurde. Denn wenn es gleich un⸗ denkbar war, daß eine Dame von ſo reinem und warmem Gefühl für die Sache der Tugend, und von ſolcher Uneigennützigkeit als die Königin, die Selbſtſucht in Ferdinands verſchlagener Politik nicht hätte entdecken ſollen, ſo uüberwogen doch die Gefühle des Wei⸗ bes den Scharfblick der Fürſtin ſo weit, daß ſie blind gegen Mängel blieb, bei denen die Feinde Aragons ſo gerne verweilten. Die Treue Iſabellens in ihren Verſprechungen war anerkannt, aber Ferdinand ſtand bei ſeinen Zeitgenoſſen weder hinſichtlich ſeiner 166 Zuverläſſigkeit, noch in Betreff der ihn leitenden Beweggründe in dem beſten Rufe; und doch hätte man ihn vielleicht noch unter die redlichſten der regierenden Fürſten in Europa gezählt, wären ſeine Fehler nicht durch die nothwendige, enge Verbindung und den leb⸗ haften Gegenſatz mit den edleren Eigenſchaften der Königin augen⸗ fälliger geworden. Kurz dieſe beiden, durch perſönliche und politiſche Intereſſen ſo eng verbundenen Herrſcher ſtellten auf ihren Thronen ein Bild dar, wie wir es jeden Augenblick in allen untergeordneten Abſtufungen des geſelligen Lebens gewahren köoͤnnen, wo die welt⸗ lichen Entwürfe und die gewinnſüchtigen Triebfedern des Mannes dem treueren Herzen, dem aufrichtigeren Character und dem ge⸗ läuterteren Sinne des Weibes zur Folie dienen. Don Fernando erſchien nun, und ging in einer Weiſe auf die Unterhaltung ein, welche zeigte, daß er ſich völlig darein ergeben habe, die von ſeiner Gemahlin eingegangenen Verbindlichkeiten gelten zu laſſen. Die Geſchichtſchreiber theilen uns mit, daß er durch das Vorwort eines Gunſtlings zum Beitritte gewonnen worden ſey, obgleich wir vielleicht mit mehr Grund annehmen koͤnnen, daß Ach⸗ tung für Iſabella, deren reiner Eifer für die Sache der Tugend ſo oft ſeine ſelbſtſüchtigere Politik vereitelte, dieſer Willfährigkeit zu Grunde lag. Was aber auch immer der Anlaß geweſen ſeyn mag— ſo viel iſt gewiß, daß der König nie mit jenem glühenden Eifer, welcher von jenem Augenblicke an ſo bezeichnend für das Benehmen ſeiner königlichen Gemahlin war und der ſo viel zur Si⸗ cherung des Erfolges beitrug, in das Unternehmen einging. „Wir haben unſern Flüchtling wieder eingeholt,“ ſagte Iſabella, als der König herzutrat, und ihre Augen und Wangen glühten von frommer Begeiſterung, wie denn auch ein Gleiches bei Mercedes de Valverde, einer entzückten Zeugin aller dieſer Vorgänge, bemerklich war —,wir haben unſeren Flüchtling wieder eingeholt, und kein unnöthiger Augenblick ſoll das Antreten ſeiner großen Reiſe länger verzögern. Erreicht er Cathay und Indien wirklich, ſo kann die Kirche einen — 167 Triumph feiern, der ſogar unſere Eroberung der mauriſchen Be⸗ ſitzungen überbietet.“ „Ich freue mich, Sennor Colon wieder in Santa Fé zu ſehen,“ erwiederte der König höflich,„und wenn er nur die Hälfte von dem, was Du zu erwarten ſcheinſt, leiſtet, ſo werden wir Grund genug haben, nns unſerer Zuſtimmung zu freuen. Vielleicht macht er die Krone von Caſtilien nicht mächtiger, als ſie iſt, doch aber kann es ihm gelingen, ſich ſelbſt ſo weit zu bereichern, daß es ihm als Unterthan ſchwer werden mag, von ſeinem Golde den rechten Nutzen zu ziehen.“ „Ein Chriſt wird ſein Gold immer zweckmäßig zu benützen wiſſen, ſo lange die Ungläubigen noch im Beſitze des heiligen Gra⸗ bes ſind!“ „Wie meinſt Du das?“ rief Ferdinand in ſeiner raſchen und ſcharfen Weiſe.„Führſt Du vielleicht ebenſowohl einen Kreuzzug, als die Entdeckung neuer Länder im Sinne, Sennor?“ „Dieß, Koͤnigliche Hoheit, iſt ſchon lange mein ſehnlichſter Wunſch, und auf ſeine Ausführung würde ich zuerſt die Schätze verwenden, welche nothwendig aus der Entdeckung eines neueren und näheren Wegs nach Indien fließen müſſen. Iſt es nicht ein Schandfleck für die Chriſtenheit, daß der Muſelmann ſeine unhei⸗ ligen Altäre da aufrichten darf, wo Chriſtus auf Erden wandelte, wo er geboren wurde, und wo ſein heiliger Leib bis zu ſeiner glorreichen Auferſtehung gelegen hat? Ol! es gibt Herzen und Schwerter genug, welche bereit ſind, dieſe Schmach auszutilgen, und es gebricht an weiter nichts, als an Gold. Wenn es der erſte Wunſch meines Herzens iſt, durch eine unmittelbare weſtliche Fahrt den Weg nach dem Oſten zu bahnen, ſo iſt der zweite: die Reich⸗ thümer, welche ſicherlich einer ſolchen Entdeckung folgen werden, dem Dienſte Gottes geweiht zu ſehen, indem auf's Neue in dem Lande, wo Er ſeinen Leidenskampf gekämpft und ſeinen Geiſt für die Sünden der Menſchheit aufgegeben hat, ſeine Altäre aufge⸗ richtet und ſeine Verehrung eingeführt würden.“ 168 Iſabella lächelte über die Begeiſterung des Seefahrers, und ſein Enthuſiasmus fand gewiſſermaßen ein Echo in ihrem frommen Herzen, obgleich die Zeit der Kreuzzüge vorüber zu ſeyn ſchien. Bei Ferdinand war es nicht ganz ſo. Er lächelte zwar auch, ohne daß jedoch eine dieſem heiligen Eifer entſprechende Regung in ſeinem Innern geweckt worden wäre. Es kam ihm im Gegentheil nicht ſehr weiſe vor, das Commando über zwei, wenn auch nur unbedeutende Caravelen und die Verfügung über eine Summe von dreitauſend Kronen einem Träumer anzuvertrauen, welcher kaum in einem doch ſehr zweideutigen Unternehmen den Anfang gemacht hatte und ſich ſchon mit der Ausführung eines anderen trug, welches den vereinten Kräften und der Beharrlichkeit von ganz Europa Trotz geboten hatte. Die Entdeckung einer Weſtfahrt nach Indien und die Wiedergewinnung des heiligen Grabes waren ihm zwei gleich problematiſche Ausſichten, und Jeder, der an die Ausführbarkeit des Einen oder Andern glaubte, durfte ſicher ſeyn, ſein Mißtrauen auf ſich zu ziehen. Nun aber hatte man es hier mit einem Manne zu thun, der im Begriffe war, einen Verſuch zu Ausführung des Erſteren zu unternehmen, und der ſich das Letztere für den Fall vorbehielt, daß das bereits unternommene Werk gelingen ſollte. Ferdinand ſann einige Minuten ernſtlich nach, wie er die Ent⸗ würfe des Genueſen noch vereiteln könne, und es iſt ungewiß, in wie weit ſeine kalte, berechnende Politik über den feſten Glauben, die einfache Geradheit und die neu erwachte Begeiſterung ſeiner Gemahlin die Oberhand gewonnen hätte, wenn das Geſpräch hier abgebrochen worden wäre. Zum Glücke hatte die Unterhaltung während ſeines Nachſin⸗ nens ihren Fortgang genommen, und als er wieder in den Kreis trat, fand er, daß die Königin und der Seefahrer den Gegenſtand mit einem Ernſte verfolgten, welcher ſie ſeine vorübergehende Ab⸗ weſenheit hatte ganz überſehen laſſen. —— ——-— 169 „Ich werde Eurer Hoheit Alles, was Ihr verlangt, auseinander ſetzen,“ fuhr Columbus in Erwiederung einer Frage der Königin fort.„Ich hoffe die Gebiete des Groskhans, des Abkömmlings jenes Monarchen, welcher vor hundert Jahren von den Polos be⸗ ſucht wurde, zu erreichen, an deſſen prachtvollem Hofe damals ſchon Viele, den Herrſcher mit eingeſchloſſen, ein eifriges Verlangen, die chriſtliche Religion anzunehmen, an den Tag legten. Wir finden in den heiligen prophetiſchen Büchern, daß eine Zeit kommen werde, wo man auf der ganzen Erde den wahren und lebendigen Gott verehre. Dieſe Zeit ſcheint nun, manchen Zeichen und Merkmalen zu Folge, welche der gläubig forſchende Geiſt unterſcheiden kann, naͤher zu rücken und erfüllt die Herzen derjenigen, welche Gott ehren und ſeine Verherrlichung ſuchen, mit freudigen Hoffnungen. Um alle dieſe weiten Gegenden in den Schooß der Kirche zu bringen, bedarf es nur eines beharrlichen Glaubens, der Mitwirkung der dazu ver⸗ ordneten Geiſtlichkeit und der ſchützenden Hand der Fürſten.“ „Dies iſt nicht unwahrſcheinlich,“ bemerkte die Königin,„und möge uns die Vorſehung in dieſer mächtigen Unternehmung ſo leiten, daß dem alſo geſchehe! Waren dieſe Polos frommeGlaubensboten, Sennor?“ „Sie waren nur Reiſende,— Leute, welche ihren eigenen Vortheil ſuchten, obgleich ſie der Pflichten der Religion nicht ganz uneingedenk waren. Es möchte vielleicht gut ſeyn, Sennora, das Kreuz zuerſt auf den Inſeln aufzupflanzen, und von da aus die Wahrheit nach dem Feſtlande hinüber zu verbreiten. Es läßt ſich zumalen von Cipango ein guter Anfang für das große Werk ver⸗ ſprechen, welches ohne Zweifel mit der ganzen Schnelligkeit eines Wunders fortſchreiten wird.“ „Bringt dieſes Cipango Gewürze oder ſonſt etwas hervor, was unſerer erſchöpften Schatzkammer aufhelfen und uns für ſo viele Koſten und Opfer ſchadlos halten kann?“ fragte der König, etwas zur ungelegenen Zeit für den Eifer der beiden anderen ſpre⸗ chenden Perſonen. 170 Iſabella's Antlitz gewann einen ſchmerzlichen Ausdruck, denn der hervorſtechende Zug in Ferdinands Character machte in ihr oft jenes Gefühl rege, welches zärtliche Weiber zu empfinden gewohnt ſind, wenn ihre Gatten im Einklang mit deren eigenen warmen Herzen und tugendhaften Neigungen zu denken, zu handeln oder zu ſprechen vergeſſen. Sie ließ jedoch kein weiteres Zeichen dieſer ſie drückenden Gemüthsbewegung entſchlüpfen. „Den Berichten Marko Polos zufolge, Königliche Hoheit,“ er⸗ wiederte Columbus,„gibt es auf der ganzen Erde keine reichere Inſel. Sie birgt beſonders Maſſen von Gold, auch ſind überhaupt weder Perlen noch koſtbare Steine dort ſelten; aber das ganze Land iſt, trotz ſeines unermeßlichen Reichthums, von ſinſterem Un⸗ glauben umnachtet, und die Vorſehung ſcheint das Letztere mit dem Erſteren verbunden zu haben, um den chriſtlichen Fürſten zu be⸗ lohnen, welcher ſeine Macht dazu benützen wird, die Herrſchaft der Kirche auszubreiten. Das Meer iſt in jener Gegend mit klei⸗ neren Inſeln überſäet, und Marko ſagt, daß man ihrer nicht weniger als ſiebentauſend vierhundert und vierzig gezählt habe, von denen Alle wohlriechende Bäume und köſtlich duftende Pflanzen hervor⸗ bringen. Dahin nun, gnädigſter Herr und gnädigſte Herrin, meine geehrten Herrſcher, habe ich im Sinne zu ſteuern, indem ich alles Niedrigere verlaſſe, um den Ruhm der zwei Königreiche zu erhöhen und der Kirche zu dienen. Sollten wir mit Gottes Beiſtand Cipango wohlbehalten erreichen, was meiner Berechnung nach, wenn wir mit unerſchütterlicher Zuverſicht und nicht erkaltendem Eifer an's Werk gehen, durch eine zweimonatliche emſige Fahrt erzielt werden kann, ſo habe ich im Sinne, alsbald an dem Continent zu landen und den Khan von Cathay aufzuſuchen. Der Tag, an dem mein Fuß den Boden von Aſien betritt, wird ein ruhmvoller Tag für Spanien und für Alle ſeyn, welche dieſe große Unternehmung fördern halfen.“ Ferdinands ſcharfes Auge blieb unabläſſig auf dem Seefahrer haften, als dieſer in der ruhigen, aber ernſten Weiſe tiefer Begeiſterung ·. ſeine Hoffnungen kund gab, und er wäre vielleicht in jenem Augenblicke ſelbſt nicht wenig verlegen geweſen, wenn er ſich von ſeinen Gefuͤhlen hätte Rechenſchaft geben wollen. Das Gemälde der Reichthümer, welches Columbus heraufbeſchworen hatte, war ebenſo verlockend, als es das kalte Mißtrauen und die berechnende Vorſicht des Koͤnigs zweifelhaft erſcheinen ließ. Iſabella dachte an Nichts, als an das fromme Sehnen ihrer reinen Seele, die Un⸗ gläubigen zu bekehren und zu retten, und ſo hatte jedes von den beiden Herrſchern ſeinen Lieblingsbeweggrund, um ſie an die För⸗ derung der Reiſe zu feſſeln. Die Unterhaltung führte jetzt mehr in's Einzelne. Die von Columbus geforderten Hauptbedingungen kamen wieder zur Sprache und wurden von denen, die am meiſten in der Sache betheiligt waren, gebilligt. Jeder Gedanke an den Erzbiſchof und ſeine Ein⸗ würfe waren für den Augenblick vergeſſen, und wäre der Genueſe ein Monarch geweſen, der mit Monarchen verhandelt, ſo hätte er nicht mehr Urſache haben können, der Achtung Anerkennung zu zollen, mit der ſeine Bedingungen angehört wurden. Selbſt ſein Vorſchlag, gegen einen Beitrag des achten Theiles der Koſten von ſeiner Seite ihm den entſprechenden Antheil an dem Gewinne dieſer und aller künftigen Entdeckungsreiſen zu genehmigen, wurde gerne zugeſtanden— eine Einräumung, welche ihm auf einmal gleiche Be⸗ rechtigungen, wie der Krone, an dem Nachtheil oder Gewinn der vielen Unternehmungen anwies, die, wenn der erſte Verſuch glücklich ausſtel, zu hoffen ſtanden. Luis de St. Angel und Alonzo de Quintanilla verließen mit Columbus das königliche Gemach. Sie begleiteten ihn nach ſeiner Wohnung und verließen ihn mit einer Achtung und Herzlichkeit, welche einem Herzen, das kurz vorher noch ſo gebrochen und hoff⸗ nungsleer geweſen war, ungemein wohlthat. Auf ihrem Heimgange eröffnete der Erſtere, welcher ungeachtet der Freimüthigkeit ſeiner Anſichten und der kräftigen Unterſtützung, 172 die er dem Seefahrer geleiſtet hatte, ſeine Gedanken nicht unter⸗ drücken konnte, das nachſtehende Zwiegeſpräch. „ Bei allen Heiligen! Freund Alonzo,“ rief er,„dieſer Colon trägt die Naſe gewaltig hoch und benimmt ſich auf eine Weiſe, daß ich mir hin und wieder Gedanken mache, ob unſere Einmen⸗ gung auch klug war. Hat er nicht mit den beiden Herrſchern, wie ein Monarch unterhandelt— und wie ein Monarch auch ſeine Ab⸗ ſicht durchgeſetzt?“ „Wer hat ihn mehr unterſtützt, als Du, Freund Luis?“ erwie⸗ derte Alonzo de Quintanilla; denn ohne Deinen kühnen Sturm auf Donna Iſabella's Geduld wäre gegen dieſe Reiſe entſchieden worden, und der Genueſe konnte immerhin ſeinen Weg an den Hof Königs Luis fortſetzen.“ „Hum! es reut mich nicht; denn die Möglichkeit, den Franz⸗ mann in beſcheideneren Gränzen zu erhalten, iſt noch einer größern Anſtrengung werth. Ihre Hoheit— der Himmel und alle Heiligen moͤge ſie für ihre aufrichtigen Abſichten und edeln Geſinnungen ſegnen— wird dieſen unbedeutenden Aufwand nie bereuen, wenn auch das große Ziel, das ſie im Auge hat, nicht erreicht wird. Nun aber, da die Sache im Neinen iſt, wundere ich mich ſelbſt, daß eine Königin von Caſtilien und ein König von Aragon einem unbekannten und namenloſen Seefahrer ſolche Bedingungen zuge⸗ ſtanden haben— einem Manne, der weder durch Dienſtleiſtungen oder Familie, noch durch Reichthum empfohlen iſt.“ „Hatte er nicht Luis de St. Angel auf ſeiner Seite?“ „Ja! das hatte er,“ erwiederte der General⸗Einnehmer,„und ich habe obendrein ritterlich und aus guten und zureichenden Grün⸗ den für ihn Stand gehalten. Ich wundere mich nur über unſern Erfolg und über die Art, wie ſich Colon in der Angelegenheit be⸗ nommen hat. Ich fürchtete immer, der hohe Preis, den er auf ſeine Dienſte ſetzte, möchte alle unſere Hoffnungen zertrümmern.“ „Und doch benahmſt Du Dich vor der Königin, als käme er 173 Dir nur unbedeutend vor im Vergleich mit den Vortheilen, welche aus dieſer Reiſe fließen würden?“ „Kann Dich das Wunder nehmen, mein würdiger Freund? Sobald es der Erreichung eines Zweckes gilt, ſo bieten wir alle unſere Mittel auf, und erſt, wenn ſie erſchöpft ſind, fangen wir an, die andere Seite der Frage zu betrachten. Hauptſächlich bin ich aber erſtaunt über meinen eigenen Erfolg. Was dieſen Genueſen anbelangt, ſo iſt er in der That ein höchſt wunderbarer Mann, und ich muß ihm im Herzen Recht geben, daß er ſo hohe Bedin⸗ gungen geſtellt hat. Wenn er es durchſetzt, wer iſt größer als er — und wenn Alles fehlſchlägt, ſo wird dieſer Vertrag ihm nichts nützen und Caſtilien wenig ſchaden.“ „Ich habe bemerkt, Sennor de St. Angel, daß wenn ernſte Männer ihren Werth zu beſcheiden anſchlagen, die Welt ſie gerne beim Wort nimmt, obgleich ſie alsbald bereit iſt die Anmaßungen unbedeutender Menſchen zu verlachen. Die hohen Forderungen Colons haben ihm vielleicht im Grunde gute Dienſte geleiſtet, denn ſie ließen ihre Hoheiten fühlen, daß ſte mit einem Manne unterhandelten, der Vertrauen zu ſeinen Planen hat.“ „Es iſt ziemlich ſo, wie Du ſagſt, Alonzo. Die Menſchen nehmen uns gewöhnlich ſo, wie wir uns ſelbſt zu ſchätzen ſcheinen, ſo lange wir überhaupt im Einklange mit unſeren Anſprüchen han⸗ deln. Aber in dieſem Colon liegt ein ächter Werth, der ſich in ſeinen Worten und in ſeinem Thun gleichermaßen ausſpricht, denn ſeine Rede iſt Weisheit, ſein Benehmen Ernſt und Würde: ſein Gefühl edel. In der That, wenn ich dem Manne zuhörte, kam es mir oft vor, als höͤrte ich einen Begeiſterten.“ „Nun! er hat jetzt eine gute Gelegenheit, zu zeigen, ob ſeine Begeiſterung ächt iſt oder nicht,“ erwiederte der Andere.„In der That, ich mißtraue oft der Weisheit unſerer eigenen Folgerungen.“ In dieſer Weiſe ſprachen ſelbſt dieſe zwei eifrigen Freunde des Columbus von ſeinem Character und der Wahrſcheinlichkeit ſeines Erfolges, denn obgleich ſie zu ſeinen entſchiedenſten Anhaͤn⸗ gern gehörten und den groͤßten Eifer entwickelt hatten, ihn zu unterſtützen, als ſeine Sache rettungslos verloren ſchlen— ſo be⸗ mächtigten ſich doch jetzt, da ihm nach aller Wahrſcheinlichkeit die Mittel geboten waren, die Richtigkeit ſeiner Anſichten zu beweiſen— Bedenklichkeiten und Zweifel ihrer Seele. So iſt die menſchliche Natur:— Widerſpruch weckt unſern Eifer, beſchleunigt unſere Faſ⸗ ſungskraft, ſchärft unſern Verſtand und macht uns kühn in Ver⸗ fechtung unſerer Anſichten, während wir, ſobald wir uns ſelbſt überlaſſen ſind und, was wir unter dem Drucke des Widerſtandes lange kühn feſt gehalten haben, beweiſen ſollen, der Wahrheit unſerer eignen Theorien zu mißtrauen und ein Fehlſchlagen derſelben zu fürchten anfangen. Selbſt die erſten Jünger des Sohnes Gottes wankten ſehr in ihrem Glauben, als ſeine Prophezeihungen verwirklicht wurden, und die meiſten Reformatoren waren wohl abſprechend und überzeugt genug, wenn ſie für ihre Grundſätze kämpften, obgleich ſte furchtſam zogerten, ſobald es ſich darum handelte, ihre lang ge⸗ hegten Lieblingsplane zur Ausführung zu bringen. Doch alles dieſes iſt ſicher eine weiſe Maßregel der Vorſehung, da ſie uns Eifer gibt, wenn Schwierigkeiten überwunden werden müſſen, und Klugheit, wenn Vorſicht und Mäßigung eher Tugenden als Fehler werden. Obgleich Luis de St. Angel und ſein Freund ſich ſo unver⸗ holen ausſprachen, ſo blieben ſie doch nichtsdeſtoweniger ihren ur⸗ ſprünglichen Geſinnungen treu. Ihre Bedenklichkeiten waren vorüber⸗ gehend und von geringem Belang, und wenn ſie ſich in der Gegen⸗ wart Colons befanden, ſo ermangelte die ruhige, feſte und tiefwur⸗ zelnde Begeiſterung dieſes Mannes nicht, die Gefühle dieſer beharr⸗ lichen Freunde ſowohl, als auch die der meiſten andern Zuhörer hinzureißen. „ — 175 Zehntes Kapitel. O Spaniens ſüße wehmuthsvolle Lieder, Die ihr des Knaben Frühlingstraum umwiegt, Ihr wecket in des Mannes Herzen wieder! Das Sehnen nach dem Land, ſo weit entrückt. Das Waldheiligthum. Sobald Iſabella ihr königliches Wort gegeben hatte, Colum⸗ bus in ſeinem großen Plane zu unterſtützen, war es auch mit den bedenklichen Erörterungen über die Abfahrt der Schiffe zu Ende, obgleich ſich nur Wenige einen bedeutenden Erfolg verſprachen. Die Eroberung des Königreichs Granada erſchien in der That in dieſem Augenblicke um ſo größer als alles, was ſich mit Wahr⸗ ſcheinlichkeit von dem neuen Unternehmen hoffen ließ, daß das Letztere durch das allumfaſſende Intereſſe faſt ganz verſchlungen wurde, welches mit der Erſteren verbunden blieb. Es gab jedoch ein junges und hochgeſinntes Herz, deſſen ganzes Hoffen mit dem Erfolge der großen Reiſe zuſammenhing. Wir brauchen kaum zu bemerken, daß wir Mercedes de Valverde meinen. Sie war dem Gange der neueſten Ereigniſſe mit einer Theilnahne gefolgt, wie ſie vielleicht nur ein jugendliches, glühendes, unerfahrenes und reines Gemüth empfinden kann, und jetzt, da alle ihre Hoffnungen ſich verwirklichen ſollten, ergoß ſich eine zarte und edle Freude über ihr ganzes Weſen, welche ſich bis zur beſeli⸗ gendſten Wonne ſteigerte. Sie liebte zwar mit der treueſten und zärtlichſten weiblichen Hingebung, aber dieſe Gefühle, die ſo geeignet ſind, die ganze Thatkraft des zarteren Geſchlechtes auf einen Punkt zu vereinigen, vermochten nicht, den Verſtand und Scharfblick, mit welchem die Natur dieſes warmherzige junge Weſen ausgeſtattet hatte, zu bewältigen, ſondern trugen eher dazu bei, ſie daß Zweck⸗ mäßige in dem Mißtrauen der Königin und ihrer Vormünderin er⸗ kennen zu laſſen, ſo daß die Zweifel derſelben in ihren Augen vollkommen gerechtfertigt erſchienen: kurz: ſie war durch die Gluth ihrer Leidenſchaft wohl bezaubert, keineswegs aber geblendet. Sie wußte zu wohl, was ſie ihrem eigenen jungfräulichen Rufe, ihren ſchönen Ausſichten, ihrer Familie und ihrer hohen Stellung in der Nähe der Perſon und dem unmittelbaren Vertrauen Jſabella's ſchuldig war, um wunſchen zu können, ihre Hand auf eine unwürdige Weiſe zu vergeben; und während ſie ſich mit der Würde und Um⸗ ſicht ihrer Geburt, wie des weiblichen Anſtandes allem unterzog, was die öffentliche Meinung und die Klugheit mit Recht von einer edlen Jungfrau fordern konnte, hoffte ſie mit dem ſchrankenloſen Ver⸗ trauen eines Weibes, daß auch ihr Geliebter ihre Wahl rechtfertigen werde. Ihre Tante hatte ihr den Glauben beigebracht, daß dieſe Reiſe des Genueſen wahrſcheinlich zu großen Ereigniſſen führen werde, und ihre religiöſe Begeiſterung ließ ſie, wie die Königin, Alles von dem erwarten, was ſie ſo glühend wünſchte. So lange man am Hofe damit beſchäftigt war, den Ver⸗ trag zwiſchen den Herrſchern und Colon ſchriftlich abzufaſſen und in die nöthigen Formen zu bringen— Vorbereitungen, um die nur der engere Zirkel Iſabellens wußte, wagte es Luis nicht, eine Zuſammenkunft mit ſeiner Geliebten zu erbitten und auch der Zufall begünſtigte ſeine Wünſche nicht. Sobald es aber kund wurde, daß Columbus alles, was in dieſer Hinſicht nöthig ſchien, bereinigt und den Hof verlaſſen habe, um nach der Küſte zu gehen, wandte ſich der junge Mann plötzlich an die Großmuth ſeiner Tante und bat ſie, ſeine Abſichten zu begünſtigen, da er jetzt im Begriſſe ſey, Spanien zu verlaſſen und ſich einem Wagniſſe an⸗ zuſchließen, das die Meiſten als ein verzweifeltes betrachten. Er verlangte nichts weiter, als die Zuſicherung, daß er von ſeiner Geliebten und ihren Freunden gut aufgenommen werden ſollte, wenn er von einem günſtigen Erfolg gekrönt zurückkehren würde. „Ich ſehe, Du haſt Dir an dieſem Deinem neuen Herrn ein Beiſpiel genommen,“ antwortete die hochherzige, aber wohlwollende 177 Beatriz mit Lächeln—„und moͤchteſt Dir gerne auch Deine Be⸗ dingungen machen, aber Du weißt, Luis, daß Mercedes de Valverde kein Dorfmädchen iſt, für das man ſich die Sorge leicht macht. Sie ſtammt aus dem edelſten Blute Spaniens: ihre Mutter war eine Guzman und zahlloſe Mendoza's gehören zu ihren Verwandten; außerdem iſt ſte eine der reichſten Erbinnen Caſtiliens, und es würde ihrer Vormünderin übel ziemen, wenn ſie unter ſolchen Umſtänden zu Gunſten eines dieſer müßigen Wanderer der Chriſtenheit von ihrer Wachſamkeit abließe, aus dem einfachen Grunde, weil derſelbe zufällig der Sohn eines theuren Bruders iſt.⸗ „Mag Donna Merecedes alles ſeyn, was Du ſagſt, Sennora,— und Du haſt obendrein das, was ihr die höchſten Anſprüche gibt, nämlich ihr Herz, ihre Schönheit, ihren Sinn für Wahrheit und tauſend andere Tugenden nicht einmal berührt— mag ſie alles ſeyn, was Du ſagſt, Donna Beatriz— iſt ein Bobadilla darum ihrer unwürdig?“ „Wie? wenn ſie außerdem noch alles iſt, was Du ſagſt, Don Luis? Das Herz, der Sinn für Wahrheit und die tauſend andern Tugenden— ich dächte, ein weit kürzeres Verzeichniß könnte einen ſo unſteten Menſchen ſchon zufrieden ſtellen: einige von dieſen Eigen⸗ ſchaften möchten ſonſt auf ſeinen vielen Reiſen verloren gehen.“ Luis lachte wider Willen über den gezierten Ernſt ſeiner Tante, und nachdem es ihm gelungen war, eine kleine Empfindlichkeit, die ihre Worte hervorgerufen hatten, niederzukämpfen, antwortete er in einer Weiſe, welche den Ruf der Gutmüthigkeit, in welchem er ſtand, nicht beeinträchtigte: „Ich kann Dich nicht, wie Ihre Hoheit, ‚Tochter Marquiſe⸗ nennen,“ erwiederte er mit einem einſchmeichelnden Lächeln, wie es ſein hingeſchiedener Vater anzunehmen pflegte, wenn er der Schweſter irgend ein Zugeſtändniß abgewinnen wollte, ſo daß Beatriz durch dieſe Aehnlichkeit auf's innigſte bewegt wurde,„aber mit mehr Recht nenne ich Dich Tante Marquiſe, und noch obendrein meine gute, liebe Tante.— Willſt Du denn eine kleine Jugendthorheit ſo Donna Mercedes. 2te Aufl. 12 178 ſchwer heimſuchen? Ich hoffte, nun, da Colon im Begriffe iſt, ſeine Reiſe anzutreten, werde Alles um des edlen gemeinſchaftlichen Zieles willen, das wir im Auge haben, vergeſſen werden.“ „Luis!“ entgegnete die Tante, indem ſie ihren Neffen mit der ernſten Entſchloſſenheit betrachtete, welche ſie ſo oft in ihren Hand⸗ lungen ſowohl, als in ihren Worten kund gab—„glaubſt Du, daß eine bloße Schauſtellung Deines Muthes hinreichend ſeyn wird, meine Einwilligung zu einer Verbindung mit Mercedes zu erhalten, die Wachſamkeit ihrer Freunde einzuſchläfern und die Zuſtimmung ihrer Beſchützerin zu gewinnen? Wiſſe, allzu zuverſichtlicher Knabe, daß Mereedes de Guzman die Genoſſin meiner Kindheit und nächſt meiner königlichen Gebieterin meine innigſte und theuerſte Freundin war und daß ſie das vollſte Vertrauen in meine mütterliche Sorge für ihr Kind ſetzte. Sie ſah lange den Tod vor Augen und das Schickſal der Waiſe wurde oft von uns beſprochen. Keine von uns Beiden dachte es ſich je als möglich, daß ſie die Gattin eines Andern, denn eines chriſtlichen Edeln werden könne, aber es gibt ſo viele verſchiedene Charactere unter derſelben Außenſeite, daß Namen allein uns nicht täuſchen konnten. Ich glaube, die arme Frau dachte mehr an das künftige, zeitliche Glück ihres Kindes, als an ihre Sünden und betete öfter für das Wohl des Erſteren, als um Ver⸗ gebung der Letzteren. Du weißt wenig von der Macht der Mutter⸗ liebe, Luis, und kannſt alle die Zweifel nicht verſtehen, welche das Herz beſtricken, wenn eine Mutter eine ſo zarte Pflanze, wie Mer⸗ cedes, der kalten Obhut einer ſelbſtſüchtigen und gefühlloſen Welt zurücklaſſen muß.“ „Ich kann mir wohl vorſtellen, daß die Mutter meiner Gelieb⸗ ten in den Himmel eingehen durfte, ohne daß es der gewöhnlichen Meſſen und Paternoſter bedurfte; aber haben Tanten nicht eben ſo gut Rückſichten für ihre Neffen, als Mütter für ihre Kinder?“ „Das Band iſt enge und ſtark, aber es iſt doch nicht das elterliche; auch biſt Du kein gefühlvolles, edelherziges, ſchwärmeriſches 179 Mädchen, voll Vertrauen auf Deine Reinheit, und von jener Liebe überfließend, welche die Mütter zuletzt zu dem macht, was ſie ſind.“ „Bei St. Jago! bin ich nicht der Mann, um ſolch ein Weſen glücklich zu machen? Auch ich bin gefühlvoll— und bin es in der That nur zu viel für meine Ruhe; auch mein Herz iſt treu, was man recht wohl daraus entnehmen kann, daß ich mich nur dieſer einzigen Liebe hingebe, während ich doch fünfzig andere Gelegen⸗ heiten haben könnte; und wenn ich auch nicht gerade von dem Ver⸗ trauen auf meine Reinheit überfließe, ſo habe ich doch das Ver⸗ trauen der Jugend, der Geſundheit, der Kraft und des Muthes, was für einen Ritter eben ſo viel bedeuten will. Auch ich beſitze jenes Uebermaß von Liebe, welches gute Väter bildet, und das iſt gewiß Alles, was man von einem Manne vernünftigerweiſe verlangen kann.“ „Du hältſt Dich alſo trotz Deines unſtäten Weſens für würdig, der Gatte von Donna Mercedes de Valverde zu werden?“ „Nein, meine Tante, Du fragſt wirklich zu viel! Wer kann ſich in der That ſo vieler Vorzüge würdig nennen? Ich bin vielleicht nicht ganz der Mann, um ſie zu verdienen, aber dann doch wieder nicht der Mann, um ſie nicht zu verdienen. An Adel ſtehe ich ihr gleich, meine Beſitzungen ſind nicht viel geringer, das Alter iſt paſſend, mein Benehmen, wie es einem Ritter ziemt, und zudem liebe ich ſie mehr als mein eigenes Leben. Ich denke, das Letztere ſollte auch für etwas zählen, denn wer aufrichtig liebt, wird ſich gewiß auch Mühe geben, den Gegenſtand ſeiner Zuneigung glücklich zu machen,“ „Du biſt ein thörichter, unerfahrener Knabe, mit einem treff⸗ lichen Herzen, einem glücklichen, ſorgloſen Character und einem Kopfe, der wohl beſſerer Gedanken fähig iſt, als eben zur Zeit darin hauſen,“ rief die Tante, indem ſie dem Einfluſſe eines natürlichen Gefühls ſelbſt da nachgab, wo ſie der Thorheit ihres Neffen zürnte— „aber höre mich an und denke einmal ernſtlich über das nach, was ich Dir ſage. Ich habe Dir von Mercedes Mutter, von den Zweifeln, welche ſie auf dem Sterbebette quälten, von ihrer Angſt 180 und ihrem Vertrauen zu mir erzählt. Ihre Hoheit und ich waren allein bei ihr an dem Morgen des Tages, welcher die Seele der irdiſchen Hülle entnahm und ſie gen Himmel führte, und damals ließ ſie alle ihre Gefühle in einer Weiſe ausſtrömen, welche in uns Beiden einen Eindruck zurück ließ, der nie verwiſcht werden wird, ſo lange Eine von uns etwas für das Wohl ihrer Tochter zu thun im Stande iſt. Du haſt geglaubt, die Königin ſey Dir abgeneigt. Ich weiß ſogar, daß Du es gewagt haſt, in Deinem Ungeſtüm Ihre Hoheit zu beſchuldigen, ſie treibe die Sorgfalt für das Wohl ihrer Unterthanen weiter, als es ihren Herrſcherrechten zuſtehe—“ „Nein, Donna Beatriz!“ unterbrach ſie Luis haſtig,„Du thuſt mir hierin ſehr Unrecht. Ich mag vielleicht die Folgen von Donna Iſabellas Mißtrauen in meine Beharrlichkeit gefühlt haben, ja und ich geſtehe, ich habe ſie ſcharf und bitter gefühlt— aber nie iſt mir der rebelliſche Gedanke gekommen, ihr Recht, über alle unſere Dienſte ebenſo gut, wie über unſer Leben zu gebieten, zu bezwei⸗ feln. Dies ſind Alle ihrer geheiligten Würde ſſchuldig; aber wir, die wir das Herz und die Beweggründe der Königin ſo genau kennen, wiſſen auch, daß ſie Nichts aus Laune oder Herrſchſucht thut, wohl aber viel aus Liebe zu ihrem Volke.“ Don Luis ſprach dies mit einem Ernſte und einer Gluth der Aufrichtigkeit in ſeinen Zügen, daß es unmöglich war, die Red⸗ lichkeit ſeiner Worte zu bezweifeln. Wenn die Menſchen die Folgen bedenken wollten, welche ſich ſo leicht an ihre unbedeutendſten Worte knüpfen, ſo würden ſie ſich ihrer Zunge weit weniger leichtfertig bedienen, und das Geſchäft der Zwiſchenträger, das Niedrigſte in der Rangordnung des geſelligen Lebens, müßte aus Mangel an Nahrung zu Grunde gehen. Selten kümmerte ſich Jemand weniger um die Folgen ſeiner Worte, als Luis de Bobadilla, und doch leiſtete ihm dieſe haſtige und aufrichtige Antwort weit beſſere Dienſte, als irgend eine, welche je einen weſentlichen Einfluß auf 2. 181 ſeine Verhältniſſe übte. Das redlich gemeinte Lob der Koͤnigin fand unmittelbar den Weg zu dem Herzen der Marquiſe, welche ihre hohe Gebieterin faſt abgöttiſch liebte, da ſie aus ihrem langen und vertrauten Umgang mit derſelben den Character Iſabellens in ſeiner ganzen Reinheit— man mochte faſt ſagen Heiligkeit— kannte, und als ſie die Worte ihres Neffen der Letzteren hinter⸗ brachte, fanden dieſelben um der anerkannten Wahrheitsliebe der Marquiſe willen unbedingten Glauben. Wie geläutert auch im All⸗ gemeinen unſere Anſichten ſeyn mögen, ſo iſt doch die Ueberzeugung, von Andern geachtet und geſchätzt zu werden, der ſicherſte Weg, auf welchem das Herz zugänglich iſt, indeß von allen göttlichen Be⸗ fehlen der der Feindesliebe am allerſchwerſten in Anwendung kömmt. Iſabella war ungeachtet ihrer hohen Beſtimmung und ihrer herr⸗ lichen Eigenſchaften durchaus ein Weib, und als ſte in Erfahrung brachte, daß der Jüngling, trotz ihrer Kälte gegen ihn, in der That eine ſo tiefe Verehrung für ihren Character hegte und ihre Gefühle und Beweggründe in der Weiſe zu ſchätzen wußte, wie ſte es der Stimme ihres Gewiſſens zufolge auch verdiente, ſo wurde ſie weit mehr geneigt, ſeine Mängel mit Nachſicht zu betrachten, und das, was unter weniger günſtigen Verhältniſſen vielleicht für eine unedle Neigung gehalten worden wäre, blos dem regeren Le⸗ bensmuthe der Ingend beizumeſſen. Doch wir greifen dem Gange der Dinge vor. Die erſte Folge von Luis' Worten war ein milderer Ausdruck in den Zügen ſeiner Tante, und eine größere Willfährigkeit, ſeine Bitte um eine Zu⸗ ſammenkunft mit Mercedes nachſichtsvoller zu behandeln. „Ich habe Dir vielleicht Unrecht gethan, Luis,“ nahm Donna Beatriz wieder auf, und ihr Benehmen bekundete die plötzliche Veränderung ihrer Gefühle—„denn ich ſehe, daß Du Deiner Pflicht gegen Ihre Hoheit eingedenk biſt, und den faſt himmliſchen Gerechtigkeitsſinn, der in ihrem Herzen und durch dieſes über ganz Caſtilien waltet, zu ſchätzen weißt. Du haſt dadurch, daß Du Deine Verehrung und Liebe für die Königin in dieſer Weiſe an den Tag legteſt, in meiner Achtung nicht verloren, denn Nie⸗ mand vermag die weibliche Tugend zu ſchätzen, wenn Sie er nicht ehrt, welche die beſte Repräſentantin iſt.“ „Thue ich das nicht auch, theure Tante, indem ich Deine Mündel anbete? Gibt nicht in gewiſſer Hinſicht meine Wahl ſelbſt eine Bürgſchaft für die Aufrichtigkeit und Innigkeit eines ſolchen Gefühls?“ „Eil Luis de Bobadilla! es iſt nicht ſchwer, das Herz zu lehren, daß es ſich einer der reichſten und edelſten Jungfrauen Spa⸗ niens zuneige, wenn ſie zufäͤlligerweiſe auch noch die Schönſte iſt!“ „Bin ich etwa ein Heuchler, Marquiſe? und glaubſt Du, der Sohn Deines Bruders ſey im Stande, Gefühle zur Schau zu tragen, die er nicht empfindet? Kannſt Du mir zur Laſt legen, daß mich ein ſo niedriger Beweggrund, wie die Liebe zu Gold und Ländereien, leite!“ „Zu fremden Ländern, unbeſonnener Knabe,“ erwiederte die Tante lächelnd,„nicht zu den Ländereien Anderer. Nein, Luis,— Niemand, der Dich kennt, wird Dich der Heuchelei beſchuldigen. Wir glauben an die Wahrheit und Glut Deiner Gefühle, und ge⸗ rade deßhalb müſſen wir Deiner Leidenſchaft am meiſten mißtrauen.“ „Wie? werden geheuchelte Gefühle von der Königin und Dir mehr geachtet als wahre?— eine unächte und erkünſtelte Liebe mehr, als die ehrliche, aufrichtige, männliche Leidenſchaft?“ „Gerade dieſes ehrliche Gefühl, dieſe aufrichtige, maͤnnliche Leidenſchaft, wie Du es nennſt, iſt am allereheſten geeignet, Mit⸗ gefühle in dem zarten Buſen eines jungen Mädchens zu erwecken. Wenn der Kopf nicht durch Eitelkeit verkehrt iſt, ſo gibt es keinen beſſern Prüfſtein für die Zuverläſſigkeit der Gefühle, als das Herz, und je offener die Leidenſchaft hervortritt, deſto eher muß ſie dem Gegenſtande derſelben in's Auge fallen. Zwei Tropfen Waſſer fließen nicht natürlicher zuſammen, als zwei Herzen, Neffe, wenn eine ſtarke Anziehung zwiſchen denſelben obwaltet. Wenn Du Mercedes, die mir eine nahe theure Verwandte iſt, nicht wirklich liebteſt, ſo könnteſt Du meinetwegen ſo oft und ſo viel, als es ſich für die Würde einer Jungfrau ſchickt, in ihrer Geſellſchaft lachen und ſingen, ohne daß es mir einen Augenblick Unruhe ma⸗ chen würde.“ „Ich bin Dir gleichfalls ein ſehr naher und theurer Verwand⸗ ter, meine Tante, und doch wird es mir ſo ſchwer, Deine Mündel zu Geſicht zu bekommen.“ „Sie ſteht unter dem beſonderen Schutze der Königin von Ca⸗ ſtilien.“ „Nun, ſey dem ſo. Aber warum ſoll ein Bobadilla verbannt werden— und wäre es ſogar durch eine Königin von Caſtilien?“ Luis nahm nun zu ſeiner ganzen Ueberredungskunſt ſeine Zu⸗ flucht. Er verfolgte den kleinen Vortheil, den er errungen hatte, mit Schmeichelreden und Quälen, und endlich brachte er es ſo weit, daß Donna Beatriz ihm verſprach, der Königin anliegen zu wol⸗ len, ihm eine Zuſammenkunft mit Mercedes zu geſtatten.— Wir ſagen, der Königin, denn Iſabella, welche dem Einfluſſe eines war⸗ men Blutes mißtraute, hatte der Marquiſe in dieſer Sache Vorſicht geboten, und beide hatten ſich vollkommen darüber verſtändigt, daß die Klugheit gebiete, das Zuſammentreffen der jungen Leute ſo viel als möglich zu verhindern. Um ſich dieſer Verpflichtung zu ent⸗ ledigen, berichtete die Tante das Weſentliche des eben mitgetheilten Geſpräches, und erwähnte gegen ihre königliche Gebieterin auch der Gefühle, welche ihr Neffe gegen ſie hegte. Die Wirkung einer ſolchen Mittheilung war nothwendig für die Ausſichten des jungen Mannes günſtig, und eine ihrer erſten Früchte war die Zuſtimmung zu der nachgeſuchten Zuſammenkunft. „Sie werden nie einen Thron beſteigen,“ bemerkte die Königin mit einem— wie es Beatriz dünkte— melancholiſchen Lächeln, wenn gleich es über ihre Beobachtungsgabe ging, zu ſagen, ob es aus einem wirklichen Gefühl von Trauer entſprang— oder ob es ein Anflug jener Stimmung war, mit der wir auf Empfindungen zu⸗ rückblicken, die lange ſchon in unſerer Seele erloſchen ſind—„ſie gehören keinen Herrſcherfamilien an, wo man durch Stellvertreter freit und ſich heirathet, ohne ſich zu kennen. Es würde zwar nicht weiſe ſeyn, ihren Verkehr zu gewöhnlich werden zu laſſen, aber es wäre grauſam, dem Jüngling, der im Begriffe iſt, ſich einem ſo zweifelhaften Unternehmen zu unterziehen, die Gelegenheit zu be⸗ nehmen, ſeine Leidenſchaft zu erklären und die Betheurungen einer immerwährenden Treue abzulegen. Wenn Deine Muͤndel ihm in der That geneigt iſt, ſo wird die Erinnerung an dieſe Zuſammen⸗ kunft manche ſchleppende Stunde erheitern, ſo lange Don Luis in der Ferne weilt.“ „Und Oel in die Flamme gießen,“ erwiederte Donna Beatriz rückſichtsvoll. „Das wiſſen wir nicht, meine gute Beatriz, denn wenn das Herz durch die Gnade Gottes von dem Gefühle ſeiner religiöſen Pflichten erfüllt iſt, kann es dann nicht auch durch dieſelbe gütige Hand geleitet und gegen ein Hingeben an mehr weltliche Gefühle geſchützt werden? Mercedes wird ihre Pflicht nicht vergeſſen: auch zieht die Phantaſie ſtets aus ſich ſelbſt Nahrung, und es iſt des⸗ halb wohl nicht der beſte Weg, eine Schwärmerin, wie unſere junge Pflegbefohlene, ſo ganz den Bildern derſelben zu überlaſſen. Die Wirklichkeit iſt oft weniger gefährlich, als die Schöpfungen der Einbildungskraft; und zudem wird auch Dein Neffe hiebei nicht im Nachtheil ſeyn, denn wenn er den Gegenſtand, welchen er jetzt ſo ernſtlich zu verfolgen ſcheint, beharrlich vor Augen behält, ſo wird er ſich nur um ſo mehr bemühen, zu einem glücklichen Ziele zu kommen.“ „Ich fürchte ſehr, Sennora, die beſten Folgerungen mochten unzuverläßig ſeyn in einer Angelegenheit, die mit der Unbeugſam⸗ keit der Gefühle zuſammenhängt.“ 185 „Vielleicht iſt es ſo, Beatriz, und doch ſehe ich nicht, daß wir dieſe Zuſammenkunft jetzt, da Don Luis ſo bald abreiſen wird, verſagen können. Melde ihm, daß ich ſeinem Wunſche willfahre, und erinnere ihn daran, daß ein Grande Caſtilien nie verlaſſen ſollte, ohne ſich vorher von ſeiner Königin zu verabſchieden.“ „Ich fürchte, Königliche Hoheit,“ erwiederte die Marquiſe lachend,„daß Don Luis dieſen letzten Befehl, ſo gnädig und gütig er auch in der That iſt, als einen ſtrengen Verweis empfinden wird, da er ſchon mehr als einmal aus dem Vaterlande ſchied, ohne auch nur von ſeiner eigenen Tante Abſchied zu nehmen.“ „Bei ſolchen Gelegenheiten handelte er planlos und ohne Ueber⸗ legung; aber gegenwärtig hat er ſich zu einem ehrenvollen und edlen Unternehmen verpflichtet, und wir wollen es ihm deutlich ge⸗ nug machen, daß wir Alle dieſen Unterſchied recht wohl fühlen.“ Die Unterhaltung ging nun auf etwas Anderes über und es hatte ſein Bewenden dabei, daß dem jungen Manne ſein Geſuch geſtattet ſeyn ſolle. Iſabella war bei dieſer Gelegenheit von einer Regel, welche ſie ſich ſelbſt zur Nachachtung vorgezeichnet hatte, abgegangen und allein dem Einfluſſe ihrer frauenhaften Gefühle gefolgt, welche ſie oft vergeſſen ließen, daß ſie eine Königin ſey, wenn ſie nicht durch ernſtere Pflichten daran erinnert wurde. Es war überhaupt ſchwer zu entſcheiden, ob dieſe reine und herrliche Frau in ihrem Character als gerechte und gewiſſenhafte Herrſcherin, oder wenn ſie mehr un⸗ mittelbar unter den zarteren Anregungen ihres Geſchlechtes handelte — größere Achtung verdiente. Was ihre Freundin anbelangt, ſo war dieſe vielleicht hartnäckiger in dem, was ſte für eine Ver⸗ pflichtung gegen ihre Mündel hielt, als die Königin ſelbſt, da ſie auch groͤßere Verantwortlichkeit hatte und ſich leicht dem Ver⸗ dachte ausſetzen konnte, als gehe ſie mit dem Plane um, den Reichthum ihrer Familie zu vermehren und deren Verbindungen zu verſtärken. Aber die Wünſche Iſabellens waren für die Marquiſe de Moya Geſetze; ſie ſuchte daher die erſte Gelegenheit auf, ihrer Mündel die Abſicht mitzutheilen. Don Luis, ehe er dieſe gefährliche und geheimnißvolle Reiſe antrat, zu geſtatten, ſeine Wünſche der Geliebten vorzutragen. Unſere Heldin nahm dieſe Nachricht mit der gemiſchten Em⸗ pfindung von Furcht, Entzücken, Zweifel und Freude auf— Ge⸗ fühle, welche ſo geeignet ſind, das weibliche Herz zu umſtricken, wenn einmal die Leidenſchaft die Oberhand gewonnen hat. Sie hatte es nie für möglich gehalten, daß Luis eine Unternehmung wie die, an welcher er Theil zu nehmen beabſichtigte, antreten würde, ohne ſich Mühe zu geben, ſie noch vorher allein zu ſpre⸗ chen: aber jetzt, da ſie wußte, daß beide, die Königin und ihre Vormünderin nichts gegen ſeinen Beſuch einzuwenden hatten, that ihr ſolche Willfährigkeit faſt leid. Dieſe widerſtrebenden Gefühle milderten ſich jedoch zu einer zärtlichen Schwermuth, die ſich im⸗ mer mehr in ihrem Benehmen ausſprach, je näher die Stunde der Abreiſe rückte. Nicht minder wandelbar waren auch ihre Empfin⸗ dungen, als Luis' Name in der Liſte der Theilnehmer an dem Abenteuer eingezeichnet wurde. Zuweilen war ſie entzückt über die Entſchloſſenheit ihres Geliebten, und ſeine männliche Hingebung für das Wohl und den Ruhm der Kirche, indem ſie ſich ſtolz erinnerte, daß von dem ganzen hohen Adel Caſtiliens er der Einzige war, welcher Ruhm und Leben an das Unternehmen des Genueſen wagte. Aber dann bedrängten ſie auch wieder quälende Zweifel, denn ſie fürchtete, daß ſeine Vorliebe für ein unſtetes und abenteuerliches Leben in ſeinem Herzen ebenſo mächtig ſeyn moͤchte, als die Liebe zu ihr. Doch all dieſes war nichts Neues. Je reiner und offener die Gefühle derer ſind, welche ſich mit Innigkeit dem Einfluſſe einer zärtlichen Neigung hingeben, deſto lebhafter erwacht auch das Mißtrauen gegen ſich ſelbſt und deſto quälender werden die Be⸗ ſorgniſſe. Nachdem Donna Beatriz einmal zu dieſem Entſchluſſe gekommen war, handelte ſie auch offen gegen die jungen Leute, und als Don Luis ſich ihr an dem bezeichneten Morgen vorſtellte, ſagte ſie ihm, daß Mercedes in dem gewöhnlichen Beſuchszimmer ſeiner harre. Der junge Mann nahm ſich kaum Zeit, die Hand ſeiner Tante zu küſſen und ihr die übrigen Achtungsbeweiſe zu widmen, welche der Sitte des Tages zu Folge Aeltere von Jüngeren— zumal wenn ein ſo enges Familienband ſie umſchlang, wie dieſes bei der Mar⸗ quiſin de Moya und dem Conde de Llera der Fall war— erwar⸗ teten, ſondern eilte von hinnen und ſtand bald ſeiner Geliebten gegenüber. Da Mereedes auf dieſe Zuſammenkunft vorbereitet war, ſo verrieth ſie das Gefühl des Augenblickes nur durch das tiefere Roth ihrer Wangen und dem höheren Glanz der immer ſtrahlenden Augen, obgleich dieſelben oft weich und melancholiſch blickten. „Luis!“ tönte es von ihren Lippen; aber ſchnell zog ſie im Gefühle der Scham, ihr Inneres auch nur im Tone der Stimme kund gegeben zu haben, den Fuß, welchen ſie unwillkührlich vor⸗ geſetzt hatte, um ihm entgegen zu eilen, zurück, obgleich ſie ihm immer noch die Hand zum freundlichen Willkommen entgegen hielt. „Mercedes!“ Die Hand wurde wieder zurückgenommen, um ſie den Küſſen, mit welchen ſie bedeckt wurde, zu entziehen. „Es wurde mir in der letzten Zeit ſchwerer, Dich zu ſehen, als es mir werden mag, dieſes Cathay des Genueſen zu entdecken; denn nie wurde das Paradies von den hütenden Engeln ſchärfer bewacht, als Du von Donna Iſabella und Donna Beatriz beauf⸗ ſichtigt wirſt.“ „Und iſt dies wohl nöthig, wenn Du die Gefahr biſt, welche man fürchtet?“ „Glauben ſie etwa, ich werde Dich wie ein mauriſches Mäd⸗ chen auf der Croupe meines Pferdes entführen, um Dich in Co⸗ lon's Caravele zu bringen, damit wir gemeinſchaftlich den Prieſter Johann und den Groß⸗Khan aufſuchen koͤnnen?“ „Sie koͤnnten Dich vielleicht einer ſolchen Tollheit fähig hal⸗ ten, theurer Luis, aber gegen mich werden ſie ſchwerlich einen ſolchen Verdacht aufkommen laſſen.“ „Nein! denn Du biſt in der That ein Muſterbild von Klug⸗ heit in allen Dingen, welche auf die Gefühle Deines Geliebten Bezug haben.“ „Luis!“ rief das Mädchen wieder, und unwillkührlich ent⸗ quollen Thränen ihren Augen. „Vergib mir, Mercedes, theuerſte, theuerſte Mercedes! Aber dieſe Zögerung und alle dieſe kalten Vorſichtsmaßregeln machen, daß ich meiner ſelbſt vergeſſe. Es ſcheint, man hält mich nicht für einen edlen caſtilianiſchen Ritter, ſondern für einen armen unbekannten Abenteurer, ſonſt könnte man mich nicht ſo behandeln.“ „Du vergiſſeſt, Luis, daß edle caſtilianiſche Jungfrauen auch von edeln eaſtilianiſchen Rittern keine Beſuche ohne Zeugen anzu⸗ nehmen gewohnt ſind, und daß wir nur der gnädigen Genehmigung Ihrer Hoheit und der Nachſicht meiner Vormünderin, die zufällig auch Deine Tante iſt, dieſe Zuſammenkunft verdanken.“ „Ohne Zeugen? und nennſt Du das ein Geſpräch ohne Zeu⸗ gen oder eine außerordentliche Gunſt von Seiten Ihrer Hoheit, wenn Du ſiehſt, daß wir, ob auch nicht durch das Ohr, ſo doch durch das Auge bewacht ſind? Ich ſcheue mich, etwas lauter zu ſprechen, damit der Ton meiner Stimme nicht die Betrachtungen jener verehrlichen Dame ſtöre.“ Bei dieſen Worten glitt Luis Auge über die Geſtalt der Duenna ſeiner Geliebten hin, welche man durch die offene Thüre in einem anſtoßenden Zimmer ſitzen und erbauliche Betrachtungen leſen ſah. „Ah! Du meinſt meine arme Pepita?“ antwortete Mercedes lachend, denn die Anweſenheit ihrer Dienerin, an die ſie von Ju⸗ gend auf gewöhnt war, legte ihren Geberden und Worten nicht mehr Zwang auf, als eine Verdoppelung ihrer ſelbſt, wäre eine ſolche möglich geweſen, gethan haben würde.„Sie hatte allerdings 189 viele Einwendungen gegen dieſe Zuſammenkunft, die ihrer Meinung nach gegen alle bei edlen Fraͤulein üblichen Regeln verſtößt, und die, wie ſte ſagt, von meiner armen ſeligen Mutter, wenn ſie noch am Leben wäre, nimmer geduldet worden wäre.“ „Ja! ſie hat ein Aeußeres, das an ſich ſchon hinreichte, jedes wackere Gemüth gegen ſie in Harniſch zu bringen. Man kann in jeder Falte ihres häßlichen Geſichtes merken, wie ſie Dir Deine Schönheit und Jugend neidet.“ „Dann kennſt Du meine vortreffliche Pepita wenig, denn ſte kennt keinen Neid und hat nur eine einzige hervortretende Schwä⸗ che, nämlich zuviel Liebe und zuviel Nachſicht für mich.“ „Ich kann die Duennas nicht leiden,— ſie ſind mir wider⸗ licher als die Ungläubigen.“ „Sennor!“ ſagte Pepita, deren treues Ohr ungeachtet ihres Buchs und ihrer Predigten Alles gehört hatte, was geſprochen worden war,„ich fürchte, daß alle junge Cavaliere Eure Anſicht theilen, aber man ſagt, daß dieſelbe Duenna, welche dem Liebha⸗ ber ſo unangenehm war, oft ein gar geſchätzter Gegenſtand werde, wenn er einmal ein Ehemann geworden ſey. Da Euch jedoch meine Züge und meine Nunzeln ſo gar mißfallen, ja Euch ohne Zweifel Unluſt verurſachen, ſo wird das Schließen dieſer Thüre Euch den Anblick derſelben am beſten entziehen, und in der That auch den Ton meines läſtigen Huſtens, wie den Eurer Liebesbe⸗ theurungen unvernehmlich machen, Sennor Ritter!“ Sie ſagte dieß in einer beſſeren Mundart, als bei den Wei⸗ bern aus der Klaſſe der Duennas gewöhnlich war, und mit einer Gutmüthigkeit, welche nichts zu überwältigen ſchien, da ſte durch Luis' muthwillige Bemerkungen nicht im mindeſten geſtört wurde. „Du ſollſt die Thüre nicht ſchließen, Pepita,“ rief Mercedes, mit einer roſigen Gluth auf den Wangen, indem ſie vorwärts eilte, um ſich der Abſicht der Duenna zu widerſetzen.„Was kann der Conde de Llera mir zu ſagen haben, ohne daß Du es hören dürfteſt?“ 190 „Nun, theures Kind, der edle Ritter iſt im Begriff, von Liebe zu ſprechen.“ „Und iſt Dir die Sprache der Liebe ſo ungewohnt, daß Du ſie fürchteſt? Haſt Du denn je von etwas anderem als von Liebe geſprochen, ſeit Du mich kennſt und für mich Sorge trägſt?“ „Es iſt eine ſchlimme Vorbedeutung für Eure Bewerbung, Sen⸗ nor!“ ſagte Pepita lächelnd, während ſie einen Augenblick die Be⸗ wegung der Hand anhielt, welche im Begriffe war, die Thüre zu ſchließen—„wenn Donna Mercedes von Eurer Liebe denkt, wie von der meinigen.— Gewiß, Kind, Du hältſt mich nicht für einen lebensfrohen, tapfern, jungen Edeln, der da gekommen iſt, ſeine Seele zu Deinen Füßen auszuſtrömen, und verwechſelſt nicht meine einfachen, wohlmeinenden Worte mit ſolchen, wie ſie wahrſcheinlich von der Honigzunge eines Bobadilla fließen werden, der die Ab⸗ ſicht hat, um das ſchönſte Mädchen von Caſtilien zu freien.“ Mercedes bebte, denn obſchon ſie die Unſchuld und Reinheit ſelbſt war, ſo hatte ſie doch ihr Herz den Unterſchied zwiſchen der Sprache ihres Liebhabers und der Sprache ihrer Amme kennen ge⸗ lehrt, ungeachtet die eine wie die andere nur Liebe ausdrückte. Sie ließ die Thüre los und bedeckte unwillkührlich mit beiden Händen ihr von Purpur glühendes Antlitz. Pepita benützte dieſen Vortheil und ſchloß die Thüre. Ein triumphirendes Lächeln leuchtete auf Luis' ſchönen Zügen, und nachdem er mit ſanfter Gewalt ſeine Ge⸗ liebte genöthigt hatte, den Seſſel, von dem ſie ſich erhoben, um ihm entgegen zu gehen, wieder einzunehmen, warf er ſich ſelbſt zu ihren Füßen auf einen Schemel, brachte ſich dabei in eine Lage, die es ihm möglich machte, in das liebliche Antlitz ſeiner wie ein Idol verehrten Dame zu blicken, und nahm die Unterhaltung wieder auf. „Das iſt ein Ausbund aller Duennen,“ rief er,„und ich hätte wiſſen können, daß keine von der übelgelaunten, unvernünftigen Klaſſe ſolcher Geſchöpfe in der Nähe Deiner Perſon geduldet werde. Dieſe Pepita iſt ein Kleinod, und ſie kann ſich darauf verlaſſen, N 191 daß ſte ihr ganzes Leben hindurch in ihrem Dienſte bleiben wird, wenn mir je das Unternehmen dieſes Genueſen, meine eigene Entſchloſſen⸗ heit, die Reue der Koͤnigin und Deine Gunſt das Glück verſchaffen, Dein Gemahl zu werden.“ „Du vergiſſeſt, Luis,“ antwortete Mercedes bebend, obgleich ſie über ihren eigenen Einfall lachte,„daß es, wenn der Gatte die Duenna ſchätzt, welche der Liebhaber nicht ausſtehen konnte— ſpäter vielleicht umgekehrt werden kann, und der Gatte dieſelbe Duenna, welche er als Liebhaber achtete, ungern ſtieht.“ „Peste! Das ſind verwickelte Dinge, welche ſich für die ge⸗ radeaus ſchreitende Philoſophie des Luis de Bobadilla wenig eignen. Es gibt nur eines, was ich zuverläſſig weiß und was ich allen Doktoren von Salamanka oder der ganzen chriſtlichen und heidniſchen Ritterſchaft in's Geſicht behaupten will— nämlich, daß Du die ſchönſte, lieb⸗ lichſte, beſte, tugendhafteſte und in jeder Hinſicht die einnehmendſte Jungfrau von Spanien biſt, und daß es auf der ganzen Erde keinen Ritter gibt, der ſeine Gebieterin mehr liebte und ehrte, als ich Dich liebe und ehre.“ Die Sprache der Bewunderung klingt dem weiblichen Ohre immer angenehm, und Mercedes, die in den Worten des Jünglings einen Ausdruck von Redlichkeit zu finden glaubte, für welche ſein Benehmen volle Bürgſchaft zu leiſten ſchien, vergaß der Duenna und ihrer kleinen Unterbrechung über dem Entzücken, Erklärungen zu höͤren, welche in einem ſo wohlthuenden Einklange mit ihren Nei⸗ gungen ſtanden. Doch ließ die Schüchternheit ihres Geſchlechtes und das kurze Beſprechen ihres wechſelſeitigen Vertrauens die Er⸗ wiederung weniger offen ausfallen, als es vielleicht unter andern Umſtänden der Fall geweſen wäre. „Ich habe mir ſagen laſſen,“ verſetzte ſie,„daß junge Cava⸗ liere, welche nach Gelegenheiten haſchen, ihren Muth und ihre Ge⸗ ſchicklichkeit im Lanzenſtechen und im Turnier zu zeigen, ſtets ſolche Betheurungen für dieſe oder jene edle Jungfrau bereit haben, nur um andere Tollköpfe zu veranlaſſen, das Gegentheil zu behaupten, damit ſie dann ihre Tapferkeit und ihre ritterliche Galanterie zur Schau tragen können.“ „Das kömmt daher, weil man Dich ſo viel in Donna Beatriz's Privatgemächern einſchließt, damit ja kein kühnes ſpaniſches Auge mit ungeweihten Blicken Deine Schönheit betrachte, Mercedes. Wir leben nicht in dem Zeitalter der irrenden Ritter und der Troubadours, wo die Menſchen tauſend Thorheiten begingen, um ſchwächer zu erſcheinen, als ſie die Natur geſchaffen hatte. In jener Zeit führten die Ritter immer die Liebe auf der Zunge, wir aber haben ſie im Herzen. In der That, ich glaube, dieß ſchmeckt etwas nach der tiefen Moral der Pepita.“ „Sage nichts gegen Pepita, Luis! Sie hat ſich heute ſehr als Deine Freundin bewieſen, ſonſt wuͤrden Deine Zunge und auch Deine Augen noch unter dem Zwange ihrer Gegenwart ſtehen. Was Du aber die Moral der guten Duenna nennſt, iſt in der That auch die der ſehr vortrefflichen und ſehr edeln Donna Beatriz de Cabrera, Marquiſe von Moya, die, wie ich glaube, eine geborene Donna de Bobadilla iſt.“ „Nun, nun, ich darf wohl ſagen, daß in der Zurückgezogenheit des Cabinets kein großer Unterſchied zwiſchen den Vorleſungen einer Herzogin und den Vorleſungen einer Duenna ſtatt ſinden mag, wenn es ein ſo reiches, ſchönes und tugendhaftes Mädchen zu hüten gilt. Sie erzählen euch jungen Mädchen, daß wir Cavaliere lauter Währ⸗ wolfe ſeyen, und bezeichnen es euch als den einzigen Weg zum Paradies, nur Schlimmes von uns zu denken; dann aber, wenn man ſich einmal über eine paſſende Heirath entſchieden hat, beſtürmt man plötzlich das arme junge Weſen mit einem Befehl, hervorzutreten, und ſich unverzüglich gerade mit einem von dieſen Ungeheuern zu vermählen.“ „Du biſt freilich ganz in dieſer Weiſe behandelt worden! Es ſcheint faſt, daß man ſich viele Mühe gibt, junge Leute beider Ge⸗ ſchlechter zu bewegen, übel von einander zu denken. Aber, Luis, 193 dieß iſt eitle Thorheit, in der wir die koſtbarſten Augenblicke ver⸗ ſchwenden, Augenblicke, die nimmer zurückkehren werden. Wie ſteht es mit Colon's Angelegenheiten, und wann wird er den Hof verlaſſen?“ „Er iſt bereits abgereiſt. Sobald er alles, was er von der Königin wünſchte, erhalten hatte, verließ er Santa Fé mit dem königlichen Befehle in der Hand, daß man ihn auf alle Weiſe unter⸗ ſtütze. Wenn Du etwas von einem Pedro de Munnos oder Pero Gutierrez an dem Hofe von Cathay hörſt, ſo wirſt Du wiſſen, weſſen Schultern Du meine Thorheiten aufzuladen haſt.“ „Es wäre mir lieber geweſen, Du hätteſt dieſe Reiſe unter Deinem eigenen Namen unternommen, Luis, und nicht unter einem angenommenen. Verheimlichungen dieſer Art find ſelten klug, und gewiß unterziehſt Du Dich dieſer Unternehmung—“ das Blut ſtahl ſich verrätheriſch nach Mercedes⸗ Wangen, als ſie fortfuhr—„nicht aus einem Beweggrund, der Dir Schande bringen könnte.“ „Meine Tante wünſcht es ſo. Was mich anbelangt, ſo würde ich gerne Deine Farben auf meinem Helme und Deine Deviſe auf meinem Schilde tragen, um es der ganzen Welt kund zu thun, daß Luis von Llera den Hof von Cathay in der Abſicht aufſucht, die dortige Ritterſchaft herauszufordern, ihm eine ſo ſchöne und tugend⸗ hafte Jungfrau als Du biſt, namhaft zu machen.“ „Herr Ritter! wir leben nicht mehr in dem Zeitalter des irren⸗ den Ritterthums, ſondern in dem der Vernunft und Wahrheit,“ erwiederte Mercedes lachend, obgleich jede Silbe, in der ſich die ernſtliche und völlige Hingebung des jungen Mannes ausſprach, un⸗ mittelbar zu ihrem Herzen ging, ſo daß er immer feſteren Fuß in demſelben gewann und die im Innern leckende Flamme durch das Zulegen eines ſo geeigten Brennſtoffs immer lebhafter aufloderte.— „Wir ſind nicht mehr in dem Zeitalter des irrenden Ritterthums, Don Luis de Bobadilla, wie Du eben ſelbſt behaupteteſt, ſondern in Tagen, wo auch der Liebhaber nachdenkſam und dabei eben ſo gut im Stande iſt, die Mängel der Dame ſeines Herzens zu entdecken, Donna Mercedes. 2te Aufl. 13 194 als bei ihren Vorzügen zu verweilen. Ich verſehe mich zu Dir eines Beſſern, als daß ich je zu hören glaubte, Du ſeyeſt durch die Straßen von Cathay geritten, um Kampfausforderungen ergehen zu laſſen und Rieſen aufzuſuchen, in der Abſicht, meine Schöͤnheit zu erheben, wodurch weiter nichts erzielt würde, als daß ſich An⸗ dere verſucht fühlten, ſie zu verrufen, wäre es auch nur aus reinem Widerſpruchsgeiſte gegen Deine eiteln Prahlereien. Ach! Luis, Du haſt Dich jetzt einem wahrhaft edlen Unternehmen geweiht, wel⸗ ches Deinen Namen den berühmteſten zugeſellen und einſt im ſpä⸗ tern Leben Dein Stolz und Dein Entzücken ſeyn wird, wenn unſerer Beider Augen trübe ſeyn werden vor Alter und wir mit Sehnſucht zurückblicken müſſen, um etwas zu entdecken, auf was wir ſtolz ſeyn können.“ Der Jüngling war hoch entzückt, ſeine Geliebte in der Un⸗ ſchuld ihres Herzens und dem Drang ihrer Gefuͤhle ſein Schickſal mit dem ihrigen in dieſer Weiſe verknüpfen zu hören, und als ſie, ohne zu wiſſen, was ſich aus ihren Worten mittelbar moͤchte fol⸗ gern laſſen, zu ſprechen aufhörte, lauſchte er noch immer achtſam, als ob die Toͤne in ſeinen Ohren fortklängen, nachdem ſie längſt ſchon erſtorben waren. „Welches Unternehmen kann edler und würdiger ſeyn, allen meinen Muth in Anſpruch zu nehmen, als ein Unternehmen, das mir Deine Hand gewinnen ſoll?“ rief er nach einer kurzen Pauſe. „Wenn ich Colon folge und ſein Geſchick theile, ſo geſchieht es in keiner andern Abſicht, als Donna Iſabella's Bedenklichkeiten zu be⸗ ſeitigen, und ich wollte ihn lieber bis an das Ende der Erde be⸗ gleiten, als daß auf Deine Wahl eine Unehre fallen ſollte. Du biſt mein Groß⸗Khan, theure Mercedes, und Dein Lächeln, Deine Liebe ſind das einzige Cathay, das ich ſuche.“ „Rede nicht ſo, theurer Luis, ſonſt verkennſt Du den Adel Deiner eigenen Seele und die Hochherzigkeit Deiner Abſichten. Der Plan Colon's iſt ein Rieſenwerk, und ſo entzückt ich bin, daß 195 er die Phantaſie beſaß, ihn zu ſchaffen und den Muth, ihn in eige⸗ ner Perſon auszuführen, weil er Heil über die Heiden bringen und zur Verherrlichung Gottes dienen muß— ſo fürchte ich doch, meine Wonne darüber iſt nicht minder groß, daß ich denken darf, Dein Name ſey für immer mit dieſem großen Unternehmen verknüpft, und der Muth und die Entſchloſſenheit, mit welcher ein ſo edler Zweck er⸗ rungen werden mußte, werde Deine Verläumder zu Schanden machen.“ „Es wird allerdings nicht anders ſeyn, Mercedes, ſobald wir Indien erreichen. Aber wenn uns die Heiligen verlaſſen und unſer Plan fehlſchlägt, ſo fürchte ich, daß ſelbſt Du Dich ſchämen wirſt, Theilnahme gegen einen unglücklichen Abenteurer gefühlt zu haben, der erfolglos zurückkehrte und ſich ſelbſt zum Gegenſtand des Hoh⸗ nes und Spottes machte, ſtatt daß ihm die ehrenvolle Auszeichnung zufiel, welche Du ſo zuverſichtlich zu erwarten ſcheinſt.“ „Dann, Luis de Bobadilla, kennſt Du mich nicht?“ entgegnete Mereedes haſtig, und mit einer Innigkeit, welche ihr das Blut nach den Wangen trieb, indeß ihre Augen allmählig ſtrahlender wurden, bis ſie in einem faſt übernatürlichen Glanze leuchteten—„dann, Luis de Bobadilla, kennſt Du mich nicht! Ich wünſche, daß Du den Ruhm dieſes Unternehmens theileſt, weil Schmähſucht und Tadel Deine Jugend nicht ganz verſchont hat, und weil ich fühle, daß die Gunſt Ihrer Hoheit am leichteſten auf dieſem Wege errungen wer⸗ den wird. Wenn Du aber glaubſt, daß der Muth, den Du bei Colon's Unternehmen zeigſt, nöthig iſt, um mich zu veranlaſſen, den Neffen meiner Vormünderin mit Wohlwollen zu betrachten, ſo ver⸗ ſtehſt Du die Gefühle nicht, welche mich zu Dir hinziehen, und biſt auch nicht im Stande, die kummervollen Stunden zu würdigen, die ich um Deinetwillen erduldet habe.“ „Theures, herrliches, edles Mädchen, ich bin Deines reinen Sinnes, Deiner Aufrichtigkeit und Deiner Zaͤrtlichkeit nicht würdig! Schicke mich fort von Dir, damit ich nie wieder einen Deiner Au⸗ genblicke trübe.“ 196 „Nein, Luis! dieſes Gegenmittel, fürchte ich, möchte ſchwerer auf mir laſten, als die Krankheit, die Du heilen willſt,“ erwiederte das ſchöne Mädchen lächelnd, indem ſie erröthend ihr ſprechendes Auge, in welchem eine ganze Welt von Zärtlichkeit lag, auf den Jüngling heftete.„Wie es die Vorſehung auch fügen mag, mit Dir will ich glücklich oder unglücklich ſeyn. Ach! wie elend wäre ich ohne Dich!“ Die Unterhaltung nahm nun jene unzuſammenhängende und doch ſo verſtändliche Geſtalt an, welche einen Austauſch zwiſchen Perſonen characteriſirt, die eben ſo ſehr unter dem Einfluſſe ihrer Gefühle als ihrer Vernunft ſtehen; ſie war ſo voll von Intereſſe, Empfindungen und Ereigniſſen, daß die Gränzen unſerer Erzählung für einen Bericht nicht zureichen. Luis war, wie gewöhnlich, un⸗ ſtät, eiferſüchtig, reuig, leidenſchaftlich, voll Betheurungen, in dem einen Augenblicke tauſend Uebel ſich vormalend und in dem näch⸗ ſten in ſeiner Phantaſie ein irdiſches Paradies ſchaffend, während ſich Mercedes ſchwärmeriſch, edel, hingebend ſund doch voll hoher Grundſätze, ſelbſtverläugnend und weiblich zart zeigte. Sie er⸗ wiederte die glühenden Betheurungen ihrers Verehrers mit einer Innigkeit, in der alle andern Rückſichten ihrer Liebe weichen mußten, während ſie zugleich mit mädchenhafter Zurückhaltung und mit der ganzen Würde ihres Geſchlechts den Strom ſeiner Worte zurück⸗ wies, wenn er die Gränzen der Klugheit und Beſcheidenheit über⸗ ſchreiten wollte. Die Zuſammenkunft dauerte eine Stunde und es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Gelübde ewiger Treue und die Betheuerungen, nie eine andere Verbindung eingehen zu wollen, oft und immer wieder ausgetauſcht wurden. Als die Zeit der Trennung heran⸗ nahte, öffnete Mercedes ein kleines Käſtchen, welches ihren Schmuck enthielt, und nahm daraus ein Kleinod, welches ſie ihrem Geliebten als Pfand ihrer Treue überreichte. „Ich gebe Dir keinen Handſchuh, um ihn im Turnier auf 8„——3— R 8G ðA— aN——-— „‧I N N 8&☛ ᷣ 6u 197 Deinem Helme zu tragen, Luis,“ ſagte ſie,„ſondern ich überreiche Dir dieſes heilige Symbol, damit es Dich zugleich an das große Ziel, das Du vor Augen haſt, und an Diejenige erinnern ſolle, welche mit nicht geringeren Zweifeln und Befürchtungen, als Colon ſelbſt, des Ausgangs der Dinge harret. Vor dieſem Kreuze ſollſt Du Deine Gebete ſprechen. Die Steine ſind Saphire, wie Du weißt, Sinnbilder der Treuen, eines Gefühles, das Du um Deines dauernden Wohles willen emporheben ſollteſt, und von dem ich gerne hörte, daß es lebendig bliebe in Deinem Herzen, ſo oft Du der unwürdigen Geberin dieſer Kleinigkeit gedenkſt.“ Sie ſprach dieſes halb in einem ſchwermüthigen Tone, halb in dem eines erleichterten Herzens, denn Mercedes fühlte beim Schei⸗ den die Laſt eines Schmerzes, der ihr ſchwer zu ertragen wurde— ſo ſehr als die Schwungkraft deſſelben Gefühles, auf das ſie eben angeſpielt hatte und das ihr ein Lächeln entrang. Ihre Worte trugen den gewinnenden Ausdruck, mit dem Jugend und Zärt⸗ lichkeit ihre innerſten Regungen zugeſtehen, wenn das Herz durch den Gedanken an Trennung und Gefahren umſtrickt wird. Das Geſchenk war ein kleines koſtbares Kreuz aus den genannten Steinen, deſſen Werth durch ſolche Beweggründe und den Character der Geberin noch erhöht wurde. Du haſt hiebei das Heil meiner Seele im Auge gehabt, Mer⸗ cedes?“ ſagte Luis lächelnd, indem er das Kleinod wiederholt küßte, „und deuteſt mir dadurch Deinen Entſchluß an, daß wir, wenn der Herrſcher von Cathay auch die Annahme unſeres Glaubens zurückweiſen ſollte, uns doch nicht zu dem ſeinigen bekehren wollen. Ich fürchte, daß meine Gabe neben einem ſo köſtlichen Geſchenke in Deinen Au⸗ gen nur arm und werthlos erſcheinen wird.“ „Ich wünſche nichts, als eine Locke von Deinen Haaren, Luis. Du weißt, daß ich keiner Juwelen bedarf.“ * Treue iſt hier im doppelten Sinne— in dem der Glaubenstreue und der treuen Liebe zu nehmen. 198 „Wenn ich denken könnte, der Anblick meines gelockten Ko⸗ pfes mache Dir Bergnügen, ſo ſollte auch nicht ein Haar auf dem⸗ ſelben bleiben, und ich würde von Spanien mit einem ebenſo nackten Schädel, als der eines Prieſters oder gar eines Muhamedaners iſt— ausfahren. Aber auch die Bobadillas haben ihre Kleinodien, und die Braut eines Bobadilla ſoll ſie tragen. Dieſes Halsband gehörte meiner Mutter, Mercedes; es ſoll vordem das Eigenthum einer Königin geweſen ſeyn, obgleich gewiß nie eine Dame es ge⸗ tragen hat, die ihm ſo viele Ehre machte, als Du.“ „Ich will es annehmen, Luis, denn es iſt Dein Geſchenk und ich darf es nicht zurückweiſen; aber ich nehme es mit Zittern, denn ich erkenne in dieſen Gaben, wie verſchieden unſere Charactere ſind. Du haſt das Prunkvolle und Glänzende gewählt, das mit der Zeit erbleicht und ſelten zum Frieden führt, während mein weib⸗ liches Herz mich auf das ewig Beſtehende hinwies. Ich fürchte, eine glanzende Schönheit des Oſtens iſt beſſer geeignet, Deine dauernde Verehrung zu gewinnen, als ein armes caſtilianiſches Mädchen, welches außer ihrer Treue und Liebe nur wenig hat, was ſie em⸗ pfehlen könnte.“ Von Seiten des jungen Mannes folgten neue Betheuerungen und Mercedes geſtattete ihm, ehe ſie ſich trennten, eine innige und lange Umarmung. Sie weinte an Don Luis Bruſt, und im letzten Augenblicke des Abſchieds ſiegte, wie es bei Frauen gewöhnlich zu gehen pflegt, das Gefühl über die äußeren Förmlichkeiten, und ihre Seele bekannte ihre ganze Schwäche. Endlich riß ſich Luis von ihr los und trat noch in derſelbigen Nacht unter einem angenom⸗ menen Namen und in einfacher Kleidung den Weg nach der Küſte an, wohin ihm Columbus bereits vorangegangen war. 199 Cilftes Kapitel. Doch wo iſt Harold? Soll ich denn vergeſſen Des düſtern Wandrers, ſtreifend auf dem Meere? Ihn kümmert'’s nicht, ob Sorgen And're preſſen; Kein Liebchen weiht ihm heuchelnd eine Zähre, Kein Freundes⸗Abſchied füllt des Herzens Leerez Als kalt der Fremdling flog nach andern Zonen. Byron. Der Leſer darf nicht glauben, daß die Augen Europa's auf unſere Abenteurer gerichtet waren. Täuſchung und Wahrheit— wie es ſcheint, zu allen Zeiten zwei unzertrennliche Gefährten— wurden damals noch nicht durch mit Fröhnerfleiß zuſammengeſchrie⸗ bene Zeitungen über die Länder verbreitet, und nur wenige Be⸗ günſtigte erhielten frühzeitig Nachricht von Unternehmungen, wie zum Beiſpiel die des Columbus war. Luis de Bobadilla hatte ſich unbemerkt vom Hofe entfernt, und Diejenigen, welche ſeine Anweſenheit frühzeitig vermißten, glaub⸗ ten zum Theil, er ſey auf einem ſeiner Schlöſſer zu Beſuche, wäh⸗ rend Andere vermutheten, er habe wieder einen jener Wanderzüge angetreten, die man für ſo unverträglich mit ſeiner Geburt und ſeiner Ritterwürde hielt. Was den Genueſen anbelangt, ſo wurde ſeine Abweſenheit kaum beachtet, obwohl es unter den Höflingen allgemein bekannt war, Iſabella habe mit ihm einen Vertrag abgeſchloſſen, welcher dem Abenteurer einen höheren Rang und größere Vortheile ein⸗ räume, als ſeine künftigen Dienſte wahrſcheinlich je rechtfertigen würden. Die übrigen bei dem Wagniß betheiligten Perſonen, die zu unbedeutend waren, um beſondere Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, hatten geſondert ihre Reiſe nach der Küſte angetreten, ohne daß die Kunde ihrer Abſichten die engen Kreiſe ihrer eigenen Be⸗ kannten weit überſchritten hätte. 200 So kühn auch das Unternehmen in ſeinem Entwurf und ſo wichtig es in ſeinen Folgen war, ſo ſollte die Abfahrt doch nicht aus einer der wichtigeren Seeſtädte von Spanien ſtatt finden. Die Befehle zu Beiſchaffung der nöthigen Mittel waren an einen Ha⸗ fen von ſehr untergeordnetem Range ergangen, der ſich für dieſen Dienſt durch nichts anderes als durch kühne Matroſen und ſeine Lage außerhalb der Straße von Gibraltar, welche hin und wieder durch afrikaniſche Seeräuber unſicher gemacht wurde, zu empfehlen ſchien. Anderen Berichten zu Folge ſoll ſogar dieſer Ort zur Sühne irgend eines Vergehens— in Folge deſſen er verurtheilt worden war, der Krone ein Jahr lang mit zwei bewaffneten Ca⸗ ravelen zu dienen— mit dieſem Auftrag belaſtet worden ſeyn. Solche Strafen ſcheinen einen Theil der Politik eines Zeitalters gebildet zu haben, in welchem die Flotten gewöhnlich durch Landſoldaten be⸗ mannt wurden und die Seemacht faſt nur in Abgaben beſtand, die man den Seehäfen auflegte. Palos de Moguer, der Ort, welcher dieſen Strafzoll zu ent⸗ richten hatte, war ſchon am Schluſſe des fünfzehnten Jahrhunderts nur eine unbedeutende Stadt und iſt ſeit dieſer Zeit zu einem arm⸗ ſeligen Fiſcherdorfe herabgeſunken. Wie an den meiſten, von der Natur wenig begünſtigten Plätzen war ſeine Bevölkerung kühn und wagehalſig, ſoweit nicht die Unwiſſenheit jener Periode dem Muthe Schranken ſetzte. Man fand dort keine ſtattliche Caracken, da die Bewohner durch ihr Gewerbe und ihre Mittelloſigkeit auf die Be⸗ nützung der leichteren Caravelen und der noch unbedeutenderen Fe⸗ lunken angewieſen waren. In der That beſtand auch alle Unter⸗ ſtützung, welche Columbus durch jahrelange Geſuche von den zwei Kronen zu erwirken im Stande geweſen war, in dem Befehle, ihm die zwei erwähnten Caravelen, ſammt den Officieren und Soldaten, welche ſtets die Bemannung zum königlichen Dienſte beſtimmter Schiffe bildeten, zur Verfügung zu ſtellen. Der Leſer darf jedoch nicht glauben, daß dieſes Verfahren ſeinen Grund in einem Mangel 201 an Muth oder Vertrauen von Seite Jſabella's hatte, ſondern es rührte theilweiſe von dem in Folge des Kriegs mit den Mauren erſchöpften Zuſtand ihrer Schatzkammer und vielleicht noch mehr von der Erfahrung und Klugheit des großen Seefahrers ſelbſt her, welcher wohl wußte, daß für Entdeckungsreiſen Fahrzeuge von die⸗ ſem Umfang nützlicher und ſicherer ſeyen als größere Schiffe. Auf einem felſigen Vorgebirge, nicht ganz eine Stunde von Palos, ſtand das Kloſter La Rabida, welches von dieſer Zeit an durch ſeine Gaſtfreundlichkeit gegen Columbus ſo berühmt geworden iſt. Der Seefahrer war vor ſieben Jahren zum erſtenmale, mit „ſeinem ermüdeten Sohne an der Hand, vor dem Thore dieſes Ge⸗ bäudes erſchienen, um für denſelben eine Erquickung zu erflehen. Die Geſchichte iſt zu bekannt, um hier einer Wiederholung zu be⸗ dürfen, und wir fügen nur bei, daß ſein langer Aufenthalt in dieſem Kloſter und die zuverläſſigen Freunde, die er unter den dor⸗ tigen frommen Franziskanern ſowohl, als bei Andern in der Nach⸗ barſchaft erworben hatte, wahrſcheinlich den Beweggrund abgaben, die Wahl der Krone auf dieſen Ort zu lenken. Columbus hatte ſeine Anſicht nicht nur unter den Mönchen, ſondern auch unter den Einſichtsvolleren in der übrigen Umgegend in Umlauf gebracht, wie denn auch die erſten Anhänger, welche er ſich in Spanien gewann, in dieſem Landſtriche wohnten. Trotz der genannten Umſtände brachte der Befehl der Krone, die fraglichen Caravelen bereit zu halten, große Beſtürzung unter die Matroſen von Palos. Man hiell es in jener Zeit ſchon für ein ungeheures Unterfangen, längs der Küſte von Afrika hinzu⸗ ſegeln und ſich dem Aequator zu nähern, denn man trug ſich mit den verwirrteſten Begriffen über dieſe unbekannten Gegenden, und viele hielten es ſogar für möglich, durch eine Fahrt nach Süden einen Theil der Erde zu erreichen, wo unter der ſengenden Glut der Sonne alles Thier⸗ und Pflanzenleben aufhören müßte. Die Umwäͤlzungen der Planeten, die tägliche Bewegung der Erde und 202 die Urſachen des Jahreszeitenwechſels waren damals ſelbſt für den Gelehrten tiefe Geheimniſſe, und wenn auch hin und wieder ein ahnender Schimmer der Wahrheit auftauchte, ſo konnte man ihn doch nur als den erſten Strahl der Dämmerung betrachten, wie er trüb und zögernd den herannahenden Tag verkündigt. Es kann uns daher nicht überraſchen, daß die einfachen und ungebildeten See⸗ leute von Palos den Befehl der Krone als ein Vernichtungs⸗Urtheil für alle betrachteten, welche das Loos traf, ihm Folge leiſten zu müſſen. Man glaubte, der Ocean gehe, wenn man gewiſſe Grän⸗ zen überſchritte, wie das Firmament, in eine Art chaotiſcher Leere über, und die Einbildungskraft des Unwiſſenden beſchwor Ströme und Wirbel herauf, welche, wie man glaubte, zu feurigen Zonen und ſchrecklichen Schauplätzen natürlicher Zerſtörung führten. Manche hielten es ſogar für möglich, die äußerſten Gränzen der Erde zu erreichen und durch ſchnelle, aber unmerkliche Strömungen in den endloſen Raum hinabzugleiten. So ſtanden die Dinge in der Mitte des Monats Juli. Co⸗ lumbus war noch in dem Kloſter La Rabida, in der Geſellſchaft ſeines beharrlichen Freundes und Anhängers Fray Juan Perez, als ein Laienbruder mit der Meldung erſchien, daß ein Fremder an dem Thore angelangt ſey, der ſich angelegentlich nach Sennor Chriſtoval Colon erkundige. „Hat er das Aeußere eines Boten vom Hof?“ fragte der Seefahrer:„denn ſeit die Sendung Juan's de Pennaloſa fehlge⸗ ſchlagen hat, bedarf es weiterer Befehle von Ihren Hoheiten, um ihren gnädigen Abſichten Nachdruck zu geben.“ „Ich glaube nicht, Sennor!“ erwiederte der Laienbruder.„Die ſcharfreitenden Couriere der Königin kommen gewöhnlich auf mit Schaum bedeckten Roſſen an und machen ſich gar breit mit ihrer Eile, während dieſer junge Cavalier ſich ganz anſtändig benimmt und auf einem ſtarken andaluſiſchen Maulthier angeritten kömmt.“ 203 „Nannte er Dir ſeinen Namen, guter Sancho?“ „Sogar ihrer zwei, Sennor! er nannte ſich Pedro de Mun⸗ nos oder Pero Gutierrez, jedoch ohne Don.“ „Recht ſo!“ rief Columbus und wandte ſich etwas raſch gegen die Thüre, obgleich er in jeder andern Hinſicht eine vollkommene Selbſtbeherrſchung zeigte;„ich erwarte den Jüngling, und er iſt mir ſehr willkommen. Laß ihn ſchnell herein, Sancho, und ver⸗ ſchwende keine Zeit mit nutzloſen Förmlichkeiten.“ „Eine Bekanntſchaft von Hof?“ bemerkte der Prior in der Weiſe eines indirekt Fragenden. „Ein Jüngling, der den Muth hat, Leben und Ruf für den Ruhm Gottes und für die Verbreitung ſeiner Kirche zu wagen, indem er ſich bei unſerer Unternehmung betheiligt. Er ſtammt aus einer angeſehenen Familie und iſt nicht ohne Glücksgüter. Wäre er nicht ſo jung und noch unter Vormundſchaft, ſo würde es uns im Nothfalle auch nicht an Geld gefehlt haben. So aber ſetzt er ſeine eigene Perſon d'ran, wenn man überhaupt bei einer Expedi⸗ tion, bei welcher man ſogar den Befehlen Ihrer Hoheiten Trotz zu bieten ſcheint, von einer Gefahr ſprechen kann.“ Nach dieſen Worten ging die Thüre auf und Luis de Boba⸗ dilla trat ein. Der junge Grande hatte alle äußeren Merkmale ſeines hohen Ranges abgelegt und erſchien nun in der beſcheidenen Kleidung eines Reiſenden, wie ſie mehr für eine Klaſſe, die geeignet ſeyn konnte, einen Rekruten für die Fahrt zu liefern— als für den Stand zu paſſen ſchien, dem er wirklich angehörte. Als er Co⸗ lumbus mit herzlicher, aufrichtiger Achtung und den Franziskaner mit frommer Verehrung grüßte, bemerkte der erſtere ſogleich, wie dieſer muthige und ſorgloſe Jüngling wirklich dem Unternehmen mit dem feſten Entſchluſſe beigetreten ſey, alle Mittel aufzubieten, die ihn in den Stand ſetzen könnten, es auch durchzuführen. „Du biſt willkommen, Pedro!“ bemerkte Columbus, als Luis ſeine Begrüßungen geendigt hatte.„Du kommſt in einem Augenblicke 204 an die Küſte, wo Deine Gegenwart und Deine Beihülfe ungemein nützlich werden können. Der erſte Befehl Ihrer Hoheit, der mir zwei für den Dienſt des Staates beſtimmte Caravelen zuſprach, iſt nicht im Mirndeſten berückſichtigt worden, und ein zweites Man⸗ dat, das mich ermächtigt, jedes Schiff, das für unſere Bedürf⸗ niſſe geeignet iſt, wegzunehmen, hatte kein viel beſſeres Geſchick, ungeachtet der Sennor de Pennaloſa unmittelbar vom Hofe ausge⸗ ſandt wurde, demſelben unter Androhung einer Strafe von täglichen zweihundert Maravedis, welche der Hafen bis zu Vollzug des Be⸗ fehls bezahlen ſollte, Nachdruck zu geben. Die Dummköpfe haben alle Arten von Uebeln heraufbeſchworen, um ſich und ihre Nach⸗ barn zu ſchrecken, und es ſcheint, daß ich noch eben ſo weit von der Erfüllung meiner Hoffnungen entfernt bin, als dies der Fall war, ehe ich mir die Freundſchaft dieſes frommen Ordensgeiſtlichen und Donna Jaſabella's königlichen Schutz gewonnen hatte. Es iſt traurig, mein guter Pedro, ſein Leben in vereitelten Hoffnungen hinſchwinden zu ſehen, wenn man ſich die Erweiterung des Wiſſens und die Verbreitung der Kirche zum Ziele geſetzt hat.“ „Ich bringe gute Zeitungen, Sennor,“ verſetzte der junge Edle. „Auf meiner Reiſe von Moguer hieher hatte ich einen gewiſſen Martin Alonzo Pinzon— einen Seemann, mit dem ich ſchon frü⸗ her gereist bin— zum Gefährten, und wir ſprachen viel über Euren Plan und die Schwierigkeiten, die ihm im Wege ſtehen. Er ſagte mir, er ſey mit Euch bekannt, Sennor Colon, und nach ſei⸗ nen Reden zu ſchließen, denkt er günſtig von dem Erfolge.“ „Es iſt ſo— in der That, es iſt ſo, guter Pedro! Er hat meinen Beweiſen oft als ein verſtändiger und erfahrener Seemann zugehört, und ich zweifle nicht, daß er es auch wirklich iſt. Aber ſagteſt Du nicht, daß Du ihm bekannt ſeyſt?“ „Allerdings, Sennor! Wir reisten einmal miteinander nach Cypern und ein andermal nach der Inſel England. Auf ſolchen langen Zügen kann man wohl ſo ziemlich den Character und die 205 Gemüthsart eines Anderen kennen lernen, und in der That, dieſer Sennor Pinzon hat mich in Beidem befriedigt.“„ „Du biſt zu jung, mein Sohn, um zu einem Urtheil über einen Seemann von Martin Alonzo's Jahren und Erfahrung be⸗ rechtigt zu ſeyn,“ warf der Moͤnch ein.„Er ſteht in dieſer Ge⸗ gend ſehr im Rufe, und iſt nicht unbemittelt. Demungeachtet freut es mich aber, zu hören, daß er hinſichtlich dieſer großen Reiſe noch immer die gleichen Geſinnungen hegt, denn in der letzten Zeit kam es mir vor, als ob auch er zu wanken begänne.“ Don Luis hatte ſich über den großen Mann dieſer Gegend mehr wie ein Bobadilla, und nicht wie es ſeinem angenommenen Namen Munnos zuſtand, ausgeſprochen; und ein Wink aus Colons Auge erinnerte ihn, daß er in ſolcher Verhüllung ſeinen wahren Rang vergeſſen müſſe. „Dieß iſt in der That ermuthigend,“ bemerkte der Seefahrer, und gibt uns eine hellere Ausſicht für Cathay. Ich glaube, Du ſagteſt, Du habeſt zwiſchen Moguer und Palos unſern alten Be⸗ kannten, den guten Alonzo, geſprochen?“ „Es iſt ſo, Sennor; auch war er es, der mir ſagte, ich werde den Admiral hier finden. Er gab Euch den Titel, welchen die Gnade der Königin Euch ertheilt hat, und ich achte dieſes für kein geringes Zeichen der Freundſchaft, da die Meiſten, mit welchen ich in dieſer Gegend verkehrt habe, geneigt zu ſeyn ſchienen, Euch lieber mit jedem anderen Namen zu nennen.“ „Es braucht ſich Niemand bei dieſer Unternehmung zu be⸗ theiligen,“ erwiederte der Seemann ernſt, als ob er den Jüngling ermahnen wolle, jetzt noch die Gelegenheit, ſich von dem Wag⸗ niſſe zurückzuziehen, zu ergreifen, wenn ihm dieß paſſend ſcheine —„wenn er es nicht gerne thut, oder Mißtrauen in meine Kennt⸗ niſſe ſetzt.“ „Bei St. Pedro, meinem Schutzheiligen! zu Palos und Mo⸗ guer ſpricht man anders, Sennor Admiral,“ erwiederte Luis lachend. 206 „Dort wagt ſich dem Vernehmen nach Niemand, deſſen Haut durch die Sonne des Oceans ein wenig erwärmt worden iſt, auf die Straßen, um nicht auf einem Wege, den keiner je anders, als in Gedanken bereist hat, nach Cathay geſendet zu werden. Doch ſey dem wie ihm wolle— es gibt einen Freiwilligen, Sennor Colon, der geneigt iſt, Euch, wenn die Erde flach iſt, bis an die äußerſte Gränze derſelben zu folgen, und auch rund um dieſelbe herum, wenn ſie ſich als Kugel erweiſen ſollte; und dieſer Freiwillige iſt ein gewiſſer Pedro de Munnos, der ſich Euch anſchließt, nicht aus ſchmutzigem Durſt nach Gold oder nach etwas Anderem, was die Menſchen gewöhnlich werth halten— ſondern aus reiner Luſt an Abenteuern, dieſe vielleicht noch etwas gehoben und veredelt durch die Liebe zur reinſten und ſchönſten Jungfrau von Caſtilien.“ Fray Juan Perez betrachtete mit großen Augen den Reden⸗ den, deſſen freies Benehmen und offene Sprache ihn nicht wenig über⸗ raſchten; denn es war Columbus, ſogar ehe er noch den Rang einnahm, der ihm kürzlich durch Iſabella's Willen übertragen wor⸗ den war, gelungen, ſo viele Hochachtung einzuflößen, daß ſich nur Wenige in ſeiner Gegenwart mit einer ſolchen Ungebundenheit zu reden erlaubten. Der gute Mönch ahnete freilich nicht, daß er in der Perſon des Pedro de Munnos einen Mann vor ſich habe, der, obgleich er hier keine amtliche Stellung einnahm, dem Range nach doch noch höher ſtand; er konnte ſich daher nicht entbrechen, ſein Mißvergnügen uüber das eine ſolche Ungezwungenheit in Sprache und Benehmen gegen Männer, die er ſelbſt mit ſo viel Achtung zu behandeln gewohnt war, auf's Neue auszudrücken. „Es kömmt mir faſt vor, Sennor Pedro de Munnos,“ ſagte er,„wenn dieſes wirklich Dein Name iſt— obgleich der Titel Herzog, Marquis oder Graf eher mit Deinem Benehmen im Einklang ſtehen würde— als ob Du Seine Excellenz den Admiral mit derſelben Freimüthigkeit, wie den würdigen Martin Alonzo, unſern Nachbarn, behandelteſt. Ein Untergeordneter ſollte ſich 207 demüthiger benehmen und die Anſichten ſeines Befehlshabers nicht in dieſer loſen, ſcherzenden Weiſe commentiren.“ „Ich bitte Euch um Verzeihung, frommer Vater, und auch Euch, Herr Admiral obſchon ich glaube, daß Ihr mich zu gut kennt, um in meinen Worten eine Beleidigung zu finden. Ich wollte nichts Weiteres ſagen, als daß ich dieſen Martin Alonzo, Euren Nachbarn, als einen alten Reiſegefährten kenne, daß wir heute einige Stunden in Geſellſchaft mit einander geritten ſind, daß er nach einer lebhaften Unterhaltung den freundlichen Wunſch ausgedrückt hat, ſeine Schulter an das Rad zu legen, um die Expedition, wenn auch nicht aus dem Schlamme des Sumpfes, doch aus dem Sande des Fluſſes zu heben, und daß er verſprochen hat, aus dieſem und keinem andern Grunde das Kloſter von La Rabida zu beſuchen. Was mich ſelbſt anbelangt, ſo kann ich nur beifügen, daß ich hier bin und entſchloſſen, dem geehrten Sennor Colon zu folgen, wohin er immer mich zu führen für gut halten wird.“ „Es iſt ſchon recht ſo, guter Pedro— es iſt ſchon gut,“ erwiederte der Admiral.„Ich weiß Deine Aufrichtigkeit und Deinen Muth vollkommen zu ſchätzen, und dieß muß Dir vorderhand genü⸗ gen, bis ſich Dir eine Gelegenheit darbietet, auch Andere davon zu überzeugen. Dieſe Nachricht hinſichtlich Martin Alonzo's kömmt mir jetzt um ſo erwünſchter, Vater, da ſein Eifer bereits zu erſchlaffen begann; er kann uns in der That weſentliche Dienſte leiſten.“ „Er kann es und wird es, wenn er ſich anders ernſtlich der Sache anzunehmen gedenkt. Martin iſt der erfahrenſte Seefahrer an dieſer ganzen Küſte und obgleich ich nicht wußte, daß er je in Cypern war, wie aus der Crzählung dieſes jungen Mannes zu er⸗ hellen ſcheint— ſo iſt mir doch recht wohl bekannt, daß ſeine Fahrten im Norden häuſig bis nach Frankreich, und im Süden bis zu den canariſchen Inſeln gingen. Glaubſt Du, daß Cathay viel weiter entfernt liege, als Cypern, Sennor Admiral?“ Columbus lächelte bei dieſer Frage und ſchüttelte ſeinen Kopf 208 in der Weiſe eines Mannes, der einen Freund auf irgend eine unangenehme Enttäuſchung vorbereiten will. „Obgleich Cypern nicht ferne von dem heiligen Lande und dem Sitze der Macht der Ungläubigen liegt,“ verſetzte er,„ſo muß doch Cathay viel weiter weg liegen. Ich ſchmeichle weder mir, noch denen, die mir zu folgen geneigt find, mit der Hoffnung, In⸗ dien durch eine kurze Fahrt zu erreichen, da der Weg vielleicht achthundert bis tauſend Stunden lang iſt.“ „Das iſt eine ſchreckliche und geduldprüfende Entfernung,“ rief der Franziskaner, während Luis unbekümmert lächelte, als wäre es ihm gleichgültig, ob er tauſend oder zehntauſend Stunden auf dem Ocean zu durchſchneiden habe, wenn nur die Reiſe zu Mercedes führte und reich an Abenteuern war—„eine ſchreckliche und ermüdende Entfernung!— Und doch zweifle ich nicht, Sennor Admiral, daß Ihr der von der Vorſehung beſtimmte Mann ſeyd, ſie zu uͤberwinden, und den Weg für diejenigen zu bahnen, welche Euch folgen werden, um das Kreuz Chriſti aufzurichten und die frohe Botſchaft der Erlöſung zu verkündigen.“ „Wir hoffen darauf,“ entgegnete Columbus, indem er verehrungs⸗ voll das gewöhnliche Zeichen des geheiligten Vorbilds, auf welches ſein Freund anſpielte, auf ſeiner Stirne machte.„Zum Beweiſe, daß wir auch einen weltlichen Grund haben, dieß zu erwarten, kömmt hier Sennor Pinzon ſelbſt, der, wie wir ſehen, ſich ſehr beeilt hat, uns aufzuſuchen.“ Martin Alonzo Pinzon, der dem Leſer als einer der thätig⸗ ſten Gehülfen des Genueſen bekannt ſeyn muß, trat nun in's Zimmer, und Columbus' ſcharfer Blick entdeckte im Augenblick, daß er ernſtlich über irgend einem beſtimmten Plane brüte. Fray Juan Perez war nicht wenig überraſcht, als Martin Alonzo, der große Mann des Bezirkes, ſeine Begrüßung zuerſt an Pedro, dann an den Admiral, und erſt zuletzt an ihn ſelbſt richtete. Der würdige Franziskaner, der etwas geneigt war, jede Verletzuug des Anſtandes 209 auf der Stelle zu rügen, hatte jedoch nicht Muße, bei dieſer Ge⸗ legenheit ſeinen Gefühlen Luft zu machen, denn Martin Alonzo ging mit einer Raſchheit zu ſeinem Zwecke über, welche zeigte, daß er nicht blos wegen eines Freundſchafts⸗ oder Höflichkeitsbeſuchs gekommen ſey. „Es bekümmert mich ſehr, Sennor Admiral,“ begann er,„von der Hartnäckigkeit und dem Ungehorſam hören zu müſſen, welche von unſern Seeleuten den Befehlen der Königin zu Palos ent⸗ gegengeſtellt werden. Obgleich ich an dem Hafen wohne und einer von denen bin, welche immer vor Euren Planen hinſichtlich dieſer Weſtfahrt Achtung hatten, wenn auch meine Zuverſicht nicht ſo vollkommen feſt begründet war, ſo kannte ich doch die volle Aus⸗ dehnung dieſer Pflichtverweigerung nicht, bis mich der Zufall auf der Landſtraße mit einem alten Bekannten in der Perſon des Don Pedro— ich will ſagen des Sonnor Pedro de Munnos— zuſam⸗ menführte, der, ſo weit er auch herkommt, mehr von der Störrig⸗ keit unſerer Nachbarn entdeckte, als mir ſelbſt an Ort und Stelle aufgefallen war. Aber, Sennor, Ihr werdet jetzt nicht zum erſten⸗ mal die Erfahrung machen, aus welchem Stoffe die Menſchen zu⸗ ſammengeſetzt ſind. Es heißt zwar, ſie ſeyen vernünftige Weſen, aber ungeachtet dieſer unläugbaren Wahrheit ließen ſich doch, da unter hunderten nicht einer iſt, der ſich zum Denken Mühe nimmt — immerhin Mittel auffinden, die Anſichten einer für unſer Bedürf⸗ niß hinreichenden Anzahl zu ändern, ohne daß ſie es ſelbſt ahneten.“ „Das iſt ſehr wahr, Nachbar Martin Alonzo,“ ſiel der Mönch ein,„ſo wahr, daß man es in einer Predigt vorbringen könnte, ohne der Religion einen Eintrag zu thun. Der Menſch iſt ein vernünftiges Thier, und ein zurechnungsfähiges Thier; aber es iſt nicht paſſend, ihn auch ein denkendes Thier zu nennen. Was hat z. B. der Ungebildete und Unwiſſende in Angelegenheiten der Kirche zu ſagen, da die Wahrung ihrer Intereſſen der Geiſtlichkeit allein übertragen iſt? Auch ſcheint mir bei einer Seefahrt Ein Donna Mercedes. 2te Aufl. 14 210 Steuermann in der That weit geeigneter zu ſeyn, als hundert. Mag immerhin der Menſch ein vernünftiges Thier ſeyn, ſo gibt es doch gar viele Anläſſe, wo er gehorchen muß, ohne zu vernünf⸗ teln, und nur wenige, wo er von ſeiner Vernunft Gebrauch machen darf, ohne zu gehorchen.“ „Das iſt Alles ſehr wahr, frommer Prieſter und vortrefflicher Nachbar,— ſo wahr, daß Ihr wenigſtens in Palos Niemand finden werdet, der es in Abrede zieht. Doch da wir gerade bei dieſem Gegenſtande ſind, ſo iſt es vielleicht paſſend, zu bemer⸗ ken, daß die Kirche dem Erfolg der Entwürfe des Herrn Admi⸗ rals gerade die allermeiſten Hinderniſſe in den Weg geworfen hat. Alle alten Weiber im Hafen erklären die Anſicht, daß die Erde eine Kugel ſey, für eine Ketzerei, die im geraden Widerſpruche mit der Bibel ſtehe, und wenn man die Wahrheit ſagen darf, ſo gibt es auch in dieſem Kloſter viele Schwachköpfe, welche ſie in dieſer Meinung unterſtützen. Es klingt freilich etwas unnatürlich, wenn man Leuten, welche ſich weit mehr in Thäͤlern als auf Bergen auf⸗ gehalten haben, begreiflich machen will, daß die Erde eine Kugel ſey; und obgleich ich oft genug Gelegenheit hatte, das Meer zu ſehen, ſo hätte auch ich mich doch nicht leicht an eine ſolche An⸗ nahme gewöhnen können, wenn es nicht eine Thatſache wäre, daß man bei einem näher kommenden Schiff die oberen und kleineren Segel zuerſt ſieht, wie es auch bei den Windfahnen und Kreuzen der Thuͤrme der Fall iſt, obgleich ſie hier wie dort die kleineren Gegenſtände ſind. Uebrigens ermuthigen wir Matroſen unſere Leute auf die eine, und ihr Herren von der Kirche auf die andere Weiſe, und da ich jetzt die Abſicht habe, alle meine Hebel in Bewegung zu ſetzen, um klügere Gedanken in die Köpfe der Schiffer von Palos zu bringen, ſo verſehe ich's mich auch zu Euch, ehrwürdiger Pater, daß Ihr die Maſchinen der Kirche ſpielen laßt, um das Geſchwätz der Weiber zur Ruhe zu bringen und die Bedenklichkeiten der größten Eiferer in Eurem Covente nieder zu ſchlagen.“ 211 „Soll ich das ſo verſtehen, Sennor Pinzon,“ fragte Colum⸗ bus,„daß Ihr einen unmittelbareren und lebhafteren Antheil an dem Erfolge meines Entwurfs zu nehmen beabſichtigt, als es frü⸗ her der Fall war?“ „Ja, Sennor! das iſt meine Abſicht, wenn wir hinſichtlich der Bedingungen eben ſo gut übereinkommen, als es Euer Gnaden mit unſerer hochgeehrten Gebieterin Donna Iſabella de Traſtamara ge⸗ lungen iſt. Ich habe bereits deßhalb mit Sennor Don— ich wollte ſagen mit Sennor de Munnos hier geſprochen— potz Thorheit! welch ein Uebermaß von Höͤflichkeit hat mich in der letzten Zeit an⸗ gewandelt— aber da er ein kluger Jüngling iſt und den Wunſch an den Tag legt, ſich mit Euch einzuſchiffen, ſo hat dieß meine Phan⸗ taſie ſo ſehr in Aufregung gebracht, daß ich wohl auch gerne an der Parthie Theil nehmen möchte. Sennor de Munnos iſt ſo oft mein Reiſegefährte geweſen, daß ich ſein würdiges Geſicht wohl wieder einmal auf dem Meere ſehen moͤchte.“ „Das iſt eine erfreuliche Kunde, Sennor Alonzo,“ fiel der Mönch lebhaft ein,„und Deine Seele, wie auch die Seelen aller der Dei⸗ nigen werden die Früchte dieſes frommen Entſchluſſes ernten. Es iſt et⸗ was ganz Anderes, Sennor Admiral, ob man an einem Orte, wie Pa⸗ los, Ihre Hoheiten oder unſeren würdigen Nachbar Pinzon hier auf ſeiner Seite hat, denn wenn jene die geſetzlichen Herrſcher ſind, ſo gebietet er dagegen über die öffentliche Meinung. Ich zweifle nicht, daß es jetzt mit den Caravelen raſch vorwärts gehen wird.“ „Wenn Du wirklich entſchloſſen biſt, an unſerem Unternehmen Theil zu nehmen, Sennor Martin Alonzo,“ fügte Columbus mit würdevollem Ernſte bei,„ſo haſt Du Dir ohne Zweifel die Be⸗ dingungen auch überlegt und biſt vorbereitet, ſie mich wiſſen zu laſſen. Sind ſie etwa von der Art, wie ſie bereits zwiſchen uns zur Sprache kamen?“ „Allerdings, Sennor Admiral! obgleich im gegenwärtigen Augenblicke unſere Börſen nicht ſo mit Gold geſpickt ſind, als 212 damals, wo wir zuletzt über dieſen Gegenſtand verhandelten. Hin⸗ ſichtlich dieſes Hauptpunktes möchten zwar einige Hinderniſſe ob⸗ walten, in allen andern aber wird, wie ich nicht zweifle, eine kurze Erörterung zwiſchen uns alle Anſtaͤnde beſeitigen.“ „Was den achten Theil anbelangt, über den ich mit Ihren Hoheiten überein gekommen bin, Sennor Pinzon, ſo wird es nicht nöthig ſeyn, dieſen Punkt in einer Weiſe, wie bei unſerer letzten Zuſammenkunft, nochmals in Anregung zu bringen, da ſich wohl andere Mittel darbieten dürften, um dieſe Verbindlichkeit auszuglei⸗ chen.“ Während Colon ſprach, wendete ſich ſein Auge unwillkühr⸗ lich auf den angeblichen Pedro, wohin ihm auch die Blicke Martin Alonzo Pinzon's mit dem Ausdrucke des Verſtändniſſes folgten. „Aber es werden noch manche Schwierigkeiten bei dieſen erſchreck⸗ ten und einfaͤltigen Matroſen zu überwinden ſeyn, welche vielleicht Deinem Einfluſſe weichen. Wenn Du mir in dieſes Zimmer folgen willſt, ſo können wir die Hauptartikel unſeres Vertrags ſogleich be⸗ ſprechen, während wir dieſen jungen Maun hier inzwiſchen der Gaſt⸗ lichkeit unſeres verehrten Freundes überlaſſen.“ 3 Da der Prior gegen dieſen Vorſchlag nichts einzuwenden hatte, ſo begaben ſich Columbus und Pinzon in ein beſonderes Zimmer und ließen Fray Juan Perez mit unſerem jungen Helden allein. „Du haſt alſo ernſtlich im Sinne, mein Sohn, an dieſem gro⸗ ßen Unternehmen des Admirals Theil zu nehmen?“ fragte der Fran⸗ ziskaner, als ſich die Thüre hinter den Abtretenden geſchloſſen hatte, und betrachtete Luis zum erſtenmale mit einem forſchenderen Blicke, als er bisher Muße dazu gehabt hatte.„Du benimmſt Dich ziem⸗ lich wie die jungen Herren am Hofe und wirſt Gelegenheit haben, Dein hochtrabendes Weſen in den engen Gränzen einer unſerer Palos'ſchen Caravelen ein wenig abzulegen.⸗ „Mir iſt's einerlei, Nao, Carraca, Fuſta, Pinaza, Carabelon oder Felucke, frommer Prior, und ich werde mich gegen den Admiral benehmen, wie ich es vor Don Fernando von Aragon, wenn er mein 213 Reiſegefährte wäre, oder in der Gegenwart Boabdills von Granada auch thun würde, wenn etwa dieſer unglückliche Monarch den Thron, von dem er erſt kürzlich geſtürzt wurde, wieder beſteigen und ſeinen Adel gegen die Ritter des chriſtlichen Spaniens zum Angriff führen würde.“ „Das ſind wohl ſchöne Worte, mein Sohn, und— aufrichtig geſprochen, in einem ziemlich herausfordernden Tone vorgebracht; aber ſie werden Dir bei dieſem Genueſen nichts nützen, denn er hat etwas in ſich, was ſich nicht einmal durch die Gegenwart un⸗ ſerer gnädigſten Gebieterin Donna Iſabella zurückdrängen läßt.“ „Du kennſt die Königin, frommer Moͤnch?“ fragte Don Luis, indem er in der Freimüthigkeit ſeiner Anrede ſeines angenommenen Characters vergaß. „Ich muß wohl ihr innerſtes Herz kennen, mein Sohn, da ich gar oft die Sprache ihres reinen und demüthigen Geiſtes im hei⸗ ligen Beichtſtuhl vernahm. So ſehr ſie auch von den Caſtilianern geliebt wird, ſo können doch nur ihre Beichtväter die wahre geiſtige Höhe dieſer frommen Fürſtin und vortrefflichen Frau würdigen.“ Don Luis räuſperte ſich, ſpielte mit dem Griffe ſeines Degens und machte dann, wie gewöhnlich, den Gedanken, welche ihn gerade am meiſten beſchäftigten, Luft. „Haſt Du es in Folge Deines prieſterlichen Amtes je auch für nöthig gefunden, Vater,“ fragte er,„die Beichte einer Jungfrau am Hofe zu hören, die bei der Königin in hoher Achtung ſteht, und deren Geiſt, wie ich verbürgen kann, eben ſo rein iſt, als ſelbſt der Donna Iſabella's?“ „Mein Sohn, Deine Frage zeigt, daß Du beſſer thäteſt, nach Salamanka zu gehen, um Dich in der Geſchichte, den Gebräuchen und dem Glauben der Kirche unterrichten zu laſſen, als daß Du Dich in ein Abenteuer einließeſt, und wäre es ſelbſt ſo empfehlens⸗ werth, als das unſers Colon. Weißt Du nicht, daß es dem Prieſter nicht geſtattet iſt, die Geheimniſſe des Beichtſtuhles zu verrathen, oder Vergleichungen zwiſchen den Büßenden anzuſtellen? Und iſt . 214 es Dir unbekannt, daß wir nicht einmal Donna Iſabella— die hei⸗ lige Jungfrau ſey ihre Schützerin— den Chriſten als ein Muſter von Heiligkeit zur Nachahmung vorſtellen können? Die Jungfrau, von der Du ſprichſt, kann nach weltlichen Begriffen tugendhaft und in den Augen der Mutter Kirche doch eine große Sünderin ſeyn.“ „Ich möchte wohl, ehe ich Spanien verlaſſe, Einen, der keine Glatze trägt— meinetwegen einen Mendoza oder einen Guzman— etwas der Art andeuten hören, hochwüͤrdiger Prior.“ „Du biſt hitzig, ſtarrköpfig, und ſprichſt thöricht, mein Sohn! Was könnteſt Du einem Guzman, einem Mendoza oder auch nur einem Bobadilla zu ſagen haben, wenn er das, was Du erwähnſt, behauptete? Aber wer iſt die Jungfrau, die in Deinen Gefühlen ſo tief Wurzel gefaßt zu haben ſcheint, obgleich ich zweifle, daß Du damit Anerkennung finden wirſt?“ „Ja, Du haſt Recht, ich ſprach thöricht. Unſere Stellungen haben eine ſo weite Kluft zwiſchen uns geoͤffnet, daß eine ſolche Gegenrede nicht beſonders wahrſcheinlich iſt; auch kann ich mich keiner Verdienſte rühmen, welche ſie veranlaſſen konnten, je ihres hohen Ranges zu vergeſſen.“ „Sie hat doch einen Namen?“ „Das hat ſie in der That, Prior,— und einen recht edeln Namen. Ich dachte an Donna Maria de las Mercedes de Val⸗ verde, als mir vorhin die unbedachte Bemerkung entfuhr. Vielleicht kennſt Du dieſen Sprößling eines erlauchten Hauſes?“ Fray Juan Perez, ein Prieſter ohne Arg, fuhr bei dieſem Namen zuſammen, blickte mit mitleidiger Theilnahme auf den Jüng⸗ ling, wandte dann ſeinen Blick nach den Steinplatten unter ihm und ſchuttelte lächelnd den Kopf, wie Jemand, deſſen Gedanken ſehr rege ſind. „Ich kenne dieſe Dame in der That,“ ſagte er,„und als ich in Colon's Angelegenheiten das letztemal am Hofe war, mußte ich, da ihr geiſtlicher Berather unwohl war, ſowohl ſie als meine königliche Gebieterin Beichte hören. Es iſt wahr, daß ſie der -K————' 215 Achtung Donna Iſabellas würdig iſt, aber Deine Bewunderung für dieſe edle Jungfrau, die Dir ſo fern, als die über unſeren Häuptern hinſegelnden Wolken ſteht, kann kaum auf vernünftigen Hoffnungen beruhen.“ „Du kannſt dieß nicht wiſſen, Vater. Wenn unſere Fahrt nach Wunſch ausfällt, werden Alle, die ſich dabei betheiligt haben, zu hohen Ehren gelangen,— und warum ſollte mir nicht, eben ſo gut als einem Andern, ein Gleiches werden?“ „Du magſt hierin wohl Recht haben, aber was die Donna anbelangt—“ Der Fransziskaner hielt inne, denn er war im Begriff, ein Beichtgeheimniß zu verrathen. Er war in der That ein Zeuge von Mercedes Zerknirſchung geweſen, deren Haupturſache in ihrer Liebe zu Luis de Bobadilla beſtand, und wirklich hatte auch er zuerſt in einer Art frommen, unbewußten Betrugs auf die Mittel hingedeu⸗ tet, durch welche die Wanderluſt des jungen Edlen zum Vortheile ſeiner Liebe gekehrt werden könnte. Sein Geiſt war jetzt ſo hin⸗ genommen von den Blicken, die er in die Reinheit und Unſchuld jenes Herzens gethan hatte, daß er faſt zum Ueberfließen kam; aber Gewohnheit und Amtspflicht thaten in Zeiten Einſprache und er erlaubte ſich nicht, den Namen auszuſprechen, der auf ſeinen Lippen zitterte. Seine Gedanken nahmen jedoch ihren Gang fort, und ſeine Zunge lieh dem Theile derſelben, den er für unverfäng⸗ lich hielt, Worte. „Alonzos Begrüßung zu Folge biſt Du weit in der Welt her⸗ umgekommen, mein Sohn,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort. „Kamſt Du nie mit einem gewiſſen eaſtilianiſchen Ritter, Namens Don Luis de Bobadilla, einem Granden, der auch den Titel eines Grafen de Llera führt, zuſammen?“ „Ich kümmere mich wenig um die Titel eines vornehmen Herrn,“ verſetzte Luis ruhig, indem er den Anſichten des Franziskaners eine ſtolze Gleichgültigkeit entgegen zu ſetzen beabſichtigte;„aber ich 216 habe den Ritter geſehen. Er iſt ein unſteter, tollköpfiger, gottloſer, junger Menſch, von dem ſich nichts Gutes erwarten läßt.“ „Ich fürchte, dieß iſt nur zu wahr,“ erwiederte Fray Juan Perez mit ſchwermüthigem Kopfſchütteln;—„und doch ſagt man, er ſey ein tapferer Ritter und die beſte Lanze in ganz Spanien.“ „Ja, das mag vielleicht ſeyn,“ antwortete Luis und räuſperte ſich etwas lauter, als es der Anſtand geſtattete, denn ſeine Kehle begann etwas heißer zu werden—„ja, er mag das vielleicht ſeyn; allein was nützt eine gute Lanze ohne einen guten Character? Ich höre wenig Empfehlendes von dieſem jungen Conde de Llera.“ „Ich glaube doch nicht, daß er das iſt, wofür man ihn im Allgemeinen hält,“ antwortete der einfache Möͤnch, ohne im min⸗ deſten die Maske ſeines Gefährten zu ahnen;„und ich weiß auch, daß Einige eine gute Meinung von ihm haben— ja, ich möchte ſagen, daß es deren gibt, deren Leben und Seelen von ihm hingenommen ſind.“ „Frommer Franziskaner!— warum willſt Du mir nicht die Namen Einiger dieſer Perſonen nennen?“ fragte Luis mit einem Ungeſtüm, welches den Prior ſtutzig machte. „Und warum ſollte ich das gegen Dich eher, als gegen einen Andern thun, junger Mann?“ „Warum, Vater?— Ei aus mehreren— aus den lrefflich⸗ ſten und unwiderleglichſten Gründen. Erſtlich bin ich ſelbſt ein junger Mann, wie Du ſiehſt, und Beiſpiele, ſagt man, ſind beſſer als Lehren. Dann bin ich auch ein wenig dem Wanderleben er⸗ geben, und es kann mir vielleicht Vortheil bringen, wenn ich weiß, wie Andere mit demſelben Hange fahren. Außerdem würde es mein innerſtes Herz erfreuen, wenn ich hörte, daß— doch zwei zureichende Gründe ſind beſſer, als drei, und die erſtere Zahl habe ich Dir bereits aufgeführt.“ Fray Juan Perez war ein frommer Chriſt, ein eifriger Geiſt⸗ licher und ein freiſinniger Gelehrter, aber einfach, wie ein Kind, in Dingen, die mit der Welt und ihren Leidenſchaften in Verbindung 217 ſtanden. Demungeachtet war er nicht ſo blödſichtig, um das Be⸗ nehmen und die Worte ſeines Gefährten nicht ſeltſam zu finden. Durch die Erwähnung des Namens unſerer Heldin war ſeinen Ge⸗ danken bereits eine Richtung vorgezeichnet worden und da er ſelbſt auf den Weg, den unſer Held einſchlagen ſollte, hingedeutet hatte, ſo begann eine Ahnung der Wahrheit in ſeinem Geiſte aufzudämmern. „Junger Ritter!“ rief er,„Du ſelbſt biſt Don Luis de Bobadilla.“ „Ich werde nach dieſer Entdeckung nimmermehr in Abrede ziehen, daß ein Geiſtlicher die Gabe der Weiſſagung beſitzen könne, hochwürdiger Vater. Ich bin der, den Du genannt haſt, und habe mich dieſer Expedition angeſchloſſen, um die Liebe von Mercedes de Valverde zu gewinnen.“ „Es iſt, wie ich dachte. Doch, Sennor, Ihr habt unſer armes Kloſter noch nicht von ſeiner vortheilhaften Seite kennen gelernt. Dürfen die Laienbrüder Euch einige Erfriſchungen vorſetzen?“ „Verzeihung, vortrefflicher Prior; Pedro de Munnos oder Pero de Gutierrez bedarf deren nicht. Aber nun Du mich kennſt, iſt wohl wenig Grund mehr vorhanden, nicht von Donna Mercedes zu ſprechen.“ „Nun ich Dich kenne, Sennor Conde, iſt um ſo mehr Grund vorhanden, über dieſen Gegenſtand zu ſchweigen,“ entgegnete Fray Juan Perez lächelnd.„Deine Tante, die ſehr ſchätzenswerthe und tugendhafte Dame von Moya, kann Dir alle Gelegenheit geben, Deine Bewerbung bei dieſem reizenden Mädchen durchzuſetzen, und es würde einem Geiſtlichen übel ziemen, ihre Klugheit durch eine unbeſonnene Einmiſchung zu vereiteln.“ Dieſe Erklärung war der Anfang eines langen vertraulichen Zwiegeſprächs, in welchem es dem würdigen Prior, da er jetzt auf ſeiner Hut war, gelang, ſein Hauptgeheimniß zu wahren, obſchon er nicht umhin konnte, die Lebenshoffnungen des jungen Mannes zu ermuthigen und ihm anzuempfehlen, ſich, um ſeinen Zweck zu erreichen, nur auf's Innigſte mit Columbus' Geſchick zu verbinden. 218 Inzwiſchen hatte ſich der große Seefahrer bei verſchloſſenen Thüren mit ſeinem neuen Freunde berathen, und als Beide wieder zurückkamen, erfuhren Luis und der Prior, Pinzon habe ſich dem Unternehmen mit einem ſo lebhaften Eifer zugewendet, daß er ent⸗ ſchloſſen ſey, ſich ſelbſt am Borde einer der Caravelen einzuſchiffen. Zwölftes Kapitel. Doch ihm ſind wilde Luſt nur die Gefahren; In Wüſten ſelbſt trifft er der Heimath Laren; Stets geht er furchtlos weiter ſeinen Pfad, Den nie zuvor ein ängſtlich Herz betrat. Der Abencerrage. Die Nachricht, daß Martin Alonzo Pinzon Colon begleiten werde, verbreitete ſich durch Palos wie ein Lauffeuer. Es fehlte jetzt nicht mehr an Freiwilligen, denn das Beiſpiel eines in der Ge⸗ gend gekannten und geachteten Mannes wirkte weit kräftiger auf die Matroſen, als die Befehle der Königin oder Columbus' Theorien. Martin Alonzo war allgemein bekannt. Man war gewohnt, ſich ſeinem Einfluſſe zu unterwerfen und folgte gerne ſeinem Beiſpiele, da man ſeinem Verſtande vertraute, während der nackte Befehl einer Königin, die man, wenn man ſie auch liebte, doch nicht geſehen hatte— mehr den Character eines harten Urtheils, als den eines großartigen Unternehmens trug; und was Columbus anbelangt, ſo wurde er, obgleich man in ſeiner Gegenwart vor ſeinem würde⸗ vollen Aeußern und ſeinem ernſten Benehmen Achtung haben mußte, zu Palos wie in Santa Fé, als ein Abenteurer betrachtet, ſobald man ihn aus dem Geſicht verloren hatte. Die Pinzons begannen nun die Expedition in der Weiſe von Männern, welche mehr zur Ausführung einer Sache, als zur Ent⸗ werfung eines Planes geeignet ſind, zu fördern. Mehrere von der Familie nahmen den thätigſten Antheil daran und ein Halbbruder Martin 219 Alonzo's, welcher Vicente Nannez hieß und gleichfalls ein Seefahrer war, ſchloß ſich den Abenteurern als Befehlshaber eines der Fahr⸗ zeuge an, während ein Anderer als Steuermann Dienſte nahm. Mit einem Worte— der Monat, der den vorhin erwähnten Er⸗ eigniſſen folgte, wurde auf's Beſte benützt, ſo daß in dieſem kurzen Zeitraume für die Förderung von Columbus' großem Plane mehr fördernde Schritte geſchahen, als in den ſiebenzehn langen Jahren, welche die Bemühungen und Gedanken des Genueſen vorher in Anſpruch genommen hatten. Aber ungeachtet des Einfluſſes, welchen die Pinzons auf die Gegend übten, beſtand doch noch in dem Innern der Gemeinde, welche die erforderlichen Fahrzeuge liefern ſollte, eine kräftige Op⸗ poſition. Die Pinzon'ſche Familie hatte ebenſogut ihre Widerſacher als ihre Freunde, und wie bei den meiſten menſchlichen Unterneh⸗ mungen bildeten ſich auch hier zwei Parteien, von denen die eine ebenſo geſchäftig war, die Plane des Seefahrers zu vereiteln, als die andere ſie zu fördern ſuchte. Einem königlichen Befehle zu Folge war ein Fahrzeug bereits für den Dienſt mit Beſchlag be⸗ legt worden, und ſeine Eigenthümer warfen ſich zu Führern der mißvergnügten Partei auf. Dem Gebrauche jener Zeit zu Folge hatte man ferner viele Matroſen für dieſe außerordentliche und ge⸗ heimnißvolle Reiſe gepreßt, und natürlich traten auch dieſe nebſt ihren Freunden in die Reihen der Unzufriedenen. Man fand, daß viele der wichtigſten Arbeiten nur halb verrichtet wurden, und wenn die Arbeitsleute ſich aufgefordert ſahen, ſolche Fahrläſſigkeiten zu verbeſſern, gingen ſie in Maſſe davon. Als die Zeit der Abreiſe herannahte, wurde der Zwiſt immer heftiger, und ſelbſt die Pinzons mußten die ſchmerzliche Erfahrung machen, daß Viele, welche ſich freiwillig angeboten hatten, ihr Geſchick zu theilen, zu wanken be⸗ gannen— daß Manche ſogar auf's Entſchiedendſte zurückgetreten waren. Dieß war der Zuſtand der Dinge gegen den Schluß des Mo⸗ nats Juli, als Martin Alonzo Pinzon wieder im Kloſter Santa 220 Maria de la Rabida einſprach, wo Columbus, wenn ſeine Zeit nicht durch die unmittelbare perſönliche Beaufſichtigung der Zurüſtungen in Anſpruch genommen war, ſich gewöhnlich aufhielt, und wo auch Luis de Bobadilla, welcher ſich bei dem gegenwärtigen Stande der Angelegenheiten in Nichts nützlich machen konnte, manche ſchlep⸗ pende Stunde in Sehnſucht nach Thätigkeit und in Gedanken an die Lieblichkeit, die Treue und die übrigen Tugenden der Donna Mercedes de Valverde zubrachte. Fray Juan Perez gab ſich alle Mühe, der Ausführung der Plane ſeines Freundes Vorſchub zu lei⸗ ſten, und es war ihm auch in der That gelungen, die weniger hellen Köpfe ſeines Kloſters„wenigſtens in Verbreitung ihrer be⸗ einträchtigenden Meinungen beſichtiger zu machen, wenn er auch nicht ganz verhindern konnte, daß man ſich mit ſolchen trug. Als Columbus und der Prior vernahmen, daß Sennor Pinzon eine Unterredung begehre, wurde er ohne Verzug vorgelaſſen. Da die für die Abreiſe feſtgeſetzte Zeit immer näher rückte, trat die Wichtigkeit der Dienſte dieſes Mannes ſtets mehr an's Licht, und Beide wußten wohl, daß ſelbſt der königliche Schutz Iſabellens in dieſem Zeitpunkte und an dieſem Orte gegen die Dienſte, welche jener thätige Seeman leiſtete, wenig in Betracht kam. Sennor Pinzon durfte daher nicht lange auf eine Audienz warten, und wurde, ſobald ſein Geſuch angemeldet war, in das Zimmer geführt, wo ſich der eifrige Franziskaner gewöhnlich aufhielt. „Du biſt ſehr willkommen, würdiger Martin Alonzo,“ rief der Prior, ſobald er ſeines alten Bekannten anſichtig wurde.„Wie geht's zu Palos und wann werden wir einmal das heilige Unter⸗ nehmen der Ausführung entgegen gehen ſehen?“ „Beim heiligen Franziskus, hochwürdiger Prior! das iſt mehr, als irgend Jemand mit Sicherheit beantworten kann. Ich habe ſchon oft geglaubt, wir ſeyen auf dem beſten Wege, bald abzu⸗ fahren, und immer traten wieder unvorhergeſehene Schwierigkeiten dazwiſchen. Die Santa Maria, an deren Bord der Admiral und Au uu ͤ——pö— 221 der Sennor Gutierrez oder de Munnos— wenn er lieber ſo will, ſich einzuſchiffen gedenken, iſt jetzt in ſegelfertigem Stande. Sie kann wohl als ein tüchtiges Fahrzeug gelten, da ſie etwas über hundert Tonnen Laſt führt, ſo daß ich immerhin glaube, Seine Excel⸗ lenz und die wackern Cavaliere, die ihn etwa begleiten, werden ſo behaglich darin ſitzen, als die frommen Mönche von la Ra⸗ bida in ihrem Kloſter— um ſo mehr, da dieſe gute Caravele ein Deck hat.“ „Das iſt in der That eine gute Botſchaft,“ rief der Prior, ſich vergnügt die Hände reibend—„und das vortreffliche Fahrzeug hat wirklich ein Deck? Sennor Admiral, Du wirſt Dich vielleicht nicht gerade in einem Schiffe befinden, das Deines hohen Zieles ganz würdig iſt, aber doch wird es Dir im Ganzen Sicherheit und Be⸗ quemlichkeit gewähren, beſonders, wenn man dieſes zweckmäßige und ſchützende Deck in's Auge faßt.“ „Weder meine Sicherheit noch meine Bequeml ichkeit kommen in Betracht, Freund Juan Perez, wenn es ſich um ſo wichtige Dinge handelt. Es freut mich, daß Du dieſen Morgen in's Kloſter ge⸗ kommen biſt, Sennor Alonzo, da ich im Sinne habe, durch einen Courier Briefe an den Hof zu ſchicken und deshalb die wahre Lage der Dinge vorher zu kennen wünſchte. Du glaubſt alſo, die Santa Maria werde zu Ende dieſes Monats in einem für den Dienſt geeigneten Stand ſeyn?“ „Ja, Sennor! das Schiff iſt mit dem gehörigen Fleiße zuge⸗ rüſtet worden und wird ganz bequem etliche ſechzig Mann halten, wenn uns anders der Schreck, der die Narren von Palos ergriffen hat, ſo viele zur Verfügung übrig läßt. Ich hoffe, die Heiligen blicken mit Wohlgefallen auf unſere Anſtrengungen und werden unſeres Eifers eingedenk ſeyn, wenn wir zu einer Vertheilung der Reſultate dieſes Unternehmens kommen, das in der Geſchichte der Seefahrt nicht ſeines Gleichen hat.“ „Die Reſultate, mein ehrenwerther Martin Alonzo, werden in 222 der Ausbreitung der Kirche Chriſti und der Verherrlichung Gottes beſtehen,“ fiel der Prior bedeutungsvoll ein. „Ohne Zweifel, frommer Fray Juan Perez. Dieß iſt das gemeinſame Ziel, obgleich ich denke, daß es nichts Unerlaubtes für einen unverdroſſenen Seemann iſt, in beſcheidener Unterordnung unter jenen erhabeneren Zweck auch an Weib und Kinder zu denken. Ich müßte mich in Sennor Colon ſehr täuſchen, wenn er ſich von dieſem Beſuch in Cathay nicht auch eines kleinen Vortheils in blankem Golde verſteht.“ „Du täuſcheſt Dich nicht in mir, mein werther Martin Alonzo,“ erwiederte Columbus ernſt.„Ich erwarte allerdings, als Erfolg dieſer Reiſen die Reichthümer Indiens in Caſtiliens Caſſen fließen zu ſehen— und in der That hängt auch, wie ich glaube, die Wiedergewinnung des heiligen Grabes hauptſächlich von den mate⸗ riellen Ergebniſſen unſerer gegenwärtigen Unternehmung ab, mein würdiger Prior.“ „Das iſt alles recht, Sennor Admiral,“ ſiel Martin Alonzo etwas haſtig ein, und wird uns in den Augen aller Chriſten große Gunſt gewinnen— beſonders bei den Mönchen von La Rabida. Aber es iſt ſchwer genug, die Matroſen des Hafens zum Gehorſam gegen dieſen königlichen Befehl zu bereden und ſie zur Vollziehung ihrer Ver⸗ bindlichkeiten gegen uns zu veranlaſſen, ohne daß wir nöthig haben, noch einen Kreuzzug zu predigen, der jedenfalls das beſte Mittel iſt, die Paar Maravedi, die ſie etwa durch ihren Muth und ihre Waghalſigkeit gewonnen haben, wieder los zu werden. Die wackern Piloten Francisco Martin Pinzon, mein eigener Bruder, Sancho Ruiz, Pedro Alonzo Ninno und Bartolemeo Roldan ſind zwar jetzt alle durch geſetzliche Bande feſt an uns geknüpft; wenn ſie aber in dem Ziele unſeres Unternehmens einen Kreuzzug erblicken ſollten, ſo würden alle Heilige im Kalender kaum Einfluß genug haben, um ſie von einem Rücktritt abzuhalten.“ „Für dieſen Zweck hat Niemand, als ich ſelber, eine eigentliche ——— 223 Verpflichtung,“ verſetzte Columbus ruhig.„Freund Alonzo, ſeine Handlungen ſind die Richter des Menſchen und jedes Gelübde trägt die Verbindlichkeit zur Erfüllung in ſich. Wer nichts verſpricht, von dem wird nichts verlangt; aber es wird ihm auch nichts ge⸗ geben werden bei dem großen Rechnungsabſchluß des menſchlichen Geſchlechtes. Doch, was bringſt Du für Botſchaft von der Pinta, Deinem eigenen Fahrzeug? Iſt ſie endlich in den Stand geſetzt, es mit dem atlantiſchen Meer aufzunehmen?“ „Es ging hier— wie immer bei einem für den königlichen Dienſt gepreßten Fahrzeug— ſchwer ans Werk, Sennor, und jene heitere Thätigkeit zeigt ſich nicht, welche die Bemühungen derer, die freiwillig und für ihren eigenen Vortheil arbeiten, begleitet.“ „Die einfältigen Matroſen haben für ihr eigenes Beſte gear⸗ beitet, ohne es zu wiſſen,“ bemerkte Columbus.„Es iſt ſtets die Pflicht des Unwiſſenden, ſich der Leitung Einſichtsvollerer zu unterwerfen und für die Vortheile dankbar zu ſeyn, welche aus einem erborgten Wiſſen fließen, wenn es auch nicht mit ihren Wünſchen im Ein⸗ klange ſteht.“ „Es iſt ſo, in der That,“ fügte der Prior bei,„ſonſt würde ſich der Dienſt der Geiſtlichkeit auf ſehr enge Gränzen beſchränken. Glaube— Glaube an die Kirche— iſt des Chriſten erſte und letzte Pflicht.“ „Dieß ſcheint wohl vernünftig, vortreffliche Herren,“ entgegnete Alonzo, obgleich es dem Unwiſſenden ſchwer fällt, Dinge zu begreifen, die außer der Sphäre ſeines Verſtandes liegen. Wenn ein Menſch meint, er ſey zu einer ganz unerhörten Todesart vernrtheilt, ſo iſt er ſicherlich nicht beſonders geeignet, die Vortheile zu erkennen, die jenſeits des Grabes liegen.— Demungeachtet iſt die Pinta ihrem fegelfertigen Zuſtande weit näher, als irgend eines unſerer Fahrzeuge, und bereits bis auf den letzten Mann mit Schiffsvolk verſehen, welches ich obendrein noch durch Contracte ſo feſt zu ketten wußte, daß es vor Gericht nicht viel Streitens mehr geben wird.“ 224 „Dann bleibt uns alſo nur noch die Ninna,“ fügte Columbus bei.„Iſt dieſe vollends in Ordnung, und haben wir unſern reli⸗ gioͤſen Pflichten Genüge geleiſtet, ſo können wir endlich hoffen, das Unternehmen zu beginnen.“ „Das könnt Ihr, Sennor. Mein Bruder Vincente Yannez hat endlich eingewilligt, die Führung dieſes kleinen Fahrzeugs zu über⸗ nehmen, und was ein Pinzon verſpricht, das hält er auch. Es wird mit der Santa Maria und der Pinta ſegelfertig werden, und Cathay müßte in der That ſehr weit weg liegen, wenn wir es nicht mit dem einen oder dem andern unſerer Schiffe erreichen ſollten.“ „Das iſt ja recht ermuthigend, Nachbar Alonzo,“ erwiederte der Mönch, vergnügt die Hände reibend,„und ich zweifle nicht, daß ſich Alles machen wird. Was ſagen jetzt die ſchaafsköpfigen Schwätzer von Moguer und den andern Häfen— hinſichtlich der Geſtalt der Erde und der Wahrſcheinlichkeit, ob der Admiral Indien erreichen werde?“ 1 „Ihr Geſchwätz iſt immer ſo eitel und einſichtslos, als ſonſt, Fray Juan Perez. Zwar gibt es in keinem der Häfen einen Ma⸗ troſen, der nicht einräumte, daß die oberen Segel, obgleich ſie die kleinſten ſind, zuerſt auf dem Meere geſehen werden, aber ſie be⸗ haupten, dieß komme von den Bewegungen des Waſſers, und nicht von der Form der Erde her.“ „Hat keiner von ihnen je den Schatten bemerkt, welchen die Erde bei Mondsfinſterniſſen wirft,“ fragte Columbus in ſeiner ruhigen Weiſe, obgleich er, während er dieſe Frage ſtellte, wie ein Mann lächelte, der eine Naturerſcheinung tief erfaßt hat und ſie ſorglos als einen der augenfälligſten Beweiſe Leuten, welche nur an der Oberflaͤche zu kleben pflegen, vorlegt.„Sahen ſie nicht, daß dieſer Schatten rund iſt und wiſſen ſie nicht, daß ein runder Schatte auch nur von einem runden Körper geworfen werden kann?“ „Dieß iſt bündig, guter Martin Alonzo,“ ſiel der Prior ein, „und muß die Zweifel des einfältigſten Schwätzers an der Küſte Do RN — n K NK— ☛ 225 beſchwichtigen. Sag' ihnen, ſie ſollen um ihre Häuſer herumgehen und zuſehen, ob ſie, wenn ſie rechts anfangen und an der Wand fortlaufen, von der Linken her nicht zu derſelben Stelle zurückkom⸗ men, von wo ſie ausgegangen ſind.“ „Ja, hochwürdiger Prior, wenn wir unſere weite Reiſe durch ſolche augenfällige Beiſpiele begreiflich machen könnten, ſo würde jedes Schaaf in Moguer und jeder Höfling von Sevilla das Ge⸗ heimniß einſehen; aber es iſt zweierlei, ein Problem ſchön zu be⸗ weiſen und Leute zu finden, die den Beweis verſtehen. Ich habe etwas der Art kürzlich dem Alguazil in Palos begreiflich zu machen geſucht, und der würdige Sennor fragte mich, ob ich von dieſer Reiſe über das kürzlich eroberte Granada zurückzukehren gedächte. Die leichteſte Methode, einem ſolchen Volke die Möglichkeit, daß Cathay durch eine Weſtfahrt erreicht werden könne, zu beweiſen, wird eben darin beſtehen, daß wir hingehen und wieder zurückkommen.“ „Und das ſoll in Bälde geſchehen, Herr Martin Alonzo,“ ver⸗ ſetzte Columbus freudig.„Doch die Zeit unſerer Abreiſe rückt näher und es iſt in der Ordnung, daß keiner von uns die Pflichten der Religion verabſäume. Ich empfehle Dir Deinen Beichtvater, Sennor Pinzon, und hoffe, daß Alle, welche ſich bei dieſem großen Unternehmen betheiligen, mit mir zur heiligen Communion gehen, ehe wir den Hafen verlaſſen. Ich und Pedro de Munnos werden dieſem trefflichen Prior beichten, und ein jeder ſoll das Gleiche bei einem gewöhnlichen Berather und Ermahner thun.“ Nachdem Columbus in dieſer Weiſe ſeine Abſicht ausgeſpro⸗ chen hatte, vor ſeiner Abreiſe noch den Gebräuchen der Kirche den gebührenden Zoll der Ehrfurcht abzutragen— Gebräuche, die in jener Zeit ſelten vernachläßigt wurden— drehte ſich die Unterhal⸗ tung noch eine Weile um die Einzelnheiten der Vorbereitungen, worauf die Geſellſchaft ſich trennte. Einige Tage vergingen nun in größter Thätigkeit. Donnerſtag Morgens, am zweiten Auguſt 1492 trat Columbus Donna Mercedes. 2te Aufl. 15 226 im Gewande eines Büßers und mit ruhiger, andachtsvoller Miene, ſo daß es wohl in die Augen ſiel, wie ſeine Gedanken nur auf ſeine Verirrungen und auf die Gnade Gottes gerichtet waren, in die Zelle des Priors Juan Perez. Der fromme Prieſter hatte ihn erwartet und der große Seefahrer kniete zu den Füßen deſſen nieder, vor dem Iſabella in Vollziehung derſelben feierlichen Handlung ſo oft gekniet hatte. Die Religion dieſes außerordentlichen Mannes zeigte die Färbung der Gewohnheiten und Anſichten ſeiner Zeit, wie es in der That in höherem oder geringerem Grade allenthalben der Fall ſeyn muß. Seine Beichte trug daher jenes Gemiſch von tiefer Fröͤmmigkeit und ſinnloſem Irrthum, wie es der Pſychologe in ſeinen Forſchungen ſo oft zu finden pflegt. Die Wahrheit dieſes Räthſels wird ſich an den Tag ſtellen, wenn wir einige der Ge⸗ ſtändniſſe dieſes großen Seefahrers, wie er ſie vor ſeinem geiſtlichen Berather ablegte, dem Leſer vor Augen führen. „Dann fürchte ich, heiliger Vater,“ fuhr Columbus fort, nachdem er die alltäglichen Verirrungen der menſchlichen Schwäche aufgezäͤhlt hatte,„daß meine Seele durch dieſe Reiſe zu ſehr ge⸗ hoben worden ſeyn möchte und daß ich mich vielleicht unmittelbarer als es die göttliche Weisheit beabſichtigt— für ein von Gott zu hohem Zwecke erkorenes Werkzeug halte!“ „Das würde ein gefährlicher Irrthum ſeyn, mein Sohn, und ich ermahne Dich, gegen die ſchlimmen Einflüſſe der Selbſtüber⸗ ſchätzung ſorgfältig auf der Hut zu ſeyn. Es iſt außer Zweifel, daß Gott ſeine Werkzeuge auserwählt, aber auch ein ſchrecklicher Irrthum, die Eingebungen der Eigenliebe für Anregungen des goͤttlichen Geiſtes zu nehmen. Kaum dürfte es für einen Mann, der nicht die Weihen der Kirche erhalten hat, gerathen ſeyn, ſich je für ein erkorenes Gefäß zu halten.“ „Ich gebe mir Mühe, die Sache in dieſem Licht zu betrachten, frommer Mönch,“ antwortete Columbus demüthig,„und doch drängt mich etwas in meinem Innern zu dieſem Glauben, mag es nun 227 Täuſchung ſeyn oder unmittelbar von Oben kommen. Ich beſtrebe mich aber, Vater, dieſes Gefühl zu unterdrücken, und biete Allem auf, es eine Richtung nehmen zu laſſen, durch welche der Name Gottes verherrlicht und das Wohl ſeiner ſichtbaren Kirche geför⸗ dert werde.“ „Das iſt ganz gut; aber doch halte ich es für meine Pflicht, Dich vor allzugroßer Zuverſicht auf dieſe inneren Anregungen zu warnen. So lange ſie nur die Vermehrung Deiner Liebe zu dem großen Vater des Alls und die Verherrlichung ſeines Weſens im Auge haben, ſo kannſt Du überzeugt ſeyn, daß ſie aus der Quelle des Guten fließen; wenn ſie aber auf Selbſtüberhebung hinaus⸗ gehen wollen, ſo meide die Verſuchung als eine Anfechtung, die von dem großen Sündenvater ſtammt.“ „Ich betrachte es ſo. Und nun da ich, ſoweit es an mir lag, treulich und aufrichtig mein Gewiſſen erleichtert habe, Vater— darf ich auf den Troſt der Kirche und ihre Losſprechung hoffen?“ „Kannſt Du Dich nicht noch auf etwas Anderes beſinnen, mein Sohn, das vor Dem, welcher alle Gewiſſen kennt, nicht geheim gehalten werden darf?“ „Meiner Sünden ſind viele, frommer Prior, und ſie können nicht zu oft oder zu ſtreng gerügt werden; aber ich glaube, daß ſte alle in den Hauptpunkten, welche ich mir ins Gedächtniß zu⸗ rückzurufen bemüht war, eingeſchloſſen ſind.“ „Haſt Du Dir nichts hinſichtlich des Geſchlechts zur Laſt zu legen, welches der Teufel eben ſo oft zu ſeinen böſen Lockungen benützt, als die Engel es gerne für den Dienſt der Gnade ver⸗ wenden möchten?“ „Ich habe als Menſch gefehlt, Vater; aber habe ich nicht bereits dieſe Sünden gebeichtet?“ „Haſt Du auch an Donna Beatriz Enriquez gedacht— und an Deinen Sohn Fernando, der in dieſem Augenblick in unſerem Kloſter von La Rabida weilt?“ 228 Columbus beugte ſein Haupt in Ergebung, und der ſchwere, einem Stöhnen äͤhnliche Seufzer, der ſich aus ſeiner Bruſt rang, verrieth das ganze Gewicht ſeiner augenblicklichen Zerknirſchung. „Du haſt Recht, Vater; das iſt eine Sünde, die ich nicht ver⸗ geſſen darf, ſo oft ſie auch gebeichtet haben mag. Lege mir die wohlverdiente Buße auf, und Du wirſt ſehen, wie ein Chriſt ſich beugen und die Ruthe küſſen kann, deren Züchtigung verdient zu haben er ſich bewußt iſt.“ „Die Kirche verlangt nichts weiter, als dieſen Geiſt der Unter⸗ werfung, und Du haſt Dich einem für ihre Intereſſen zu wichtigen Dienſte geweiht, um wegen unbedeutenderen Rückſichten von Deinen großen Planen abgezogen zu werden. Aber ein Diener des Altars darf der Sünde nicht durch die Finger ſehen. Du wirſt um dieſer großen Verfehlung willen zum Wohle Deiner Seele die nächſten zwanzig Tage täglich ein Paternoſter beten; nach dieſer Zeit ent⸗ bindet Dich die Kirche dieſer beſondern Verpflichtung, da Du Dich dann dem Lande Cathay nähern wirſt und vielleicht genöthigt biſt, alle Deine Gedanken und Anſtrengungen dieſem Zwecke zuzuwenden.“ Der würdige Prior fuhr nun fort, ihm mehrere leichte Bü⸗ ßungen, von denen ſich die Meiſten auf eine mäßige Vermehrung der täglichen Gebete beſchränkten, vorzuſchreiben, und ertheilte dann dem Seefahrer die Abſolution. Die Reihe kam alsbald an Luis, und der Prior lächelte meh⸗ reremale unwillkührlich, als er die Beichte dieſes heißblütigen und ungeſtümen Jünglings vernahm, deſſen Worte unwiderſtehlich die Gedanken des Prieſters zu den demüthigen, natürlicheren und ſanf⸗ teren Geſtändniſſen der reinherzigen Mercedes zurückführten. Die dem Jüngling aufgelegte Buße war nicht ganz ohne Strenge, ob⸗ gleich Don Luis,, der nicht allzuoft zu beichten pflegte, im Ganzen mit der Art ſeiner Losſprechung wohl zufrieden war, wenn er die Länge der Rechnung, die er abzulegen hatte, und das gegen ihn in der Wagſchale liegende Gewicht betrachtete. 229 Als unſere zwei Hauptabenteurer ſich dieſer kirchlichen Pflicht entledigt hatten, erſchienen Martin Alonzo Pinzon und die übrigen bei der Fahrt betheiligten Matroſen, um vor verſchiedenen Prieſtern die üblichen Sündenbekenntniſſe abzulegen. Dann folgte eine Seene, die ſehr bezeichnend für den Character jener Zeit war und die un⸗ ter allen Verhältniſſen paſſend und eindrucksvoll für Leute ſeyn mußte, welche ſich einem Unternehmen von ſo zweideutigem Erfolge zu unterziehen gedenken. In der Kapelle des Kloſters wurde ein Hochamt gehalten, und Columbus empfing die geweihte Hoſtie aus Fray Inuan Perez's Händen in demüthigem Vertrauen auf die allwaltende, göttliche Vorſehung und in frommer Hingebung an ihren mächtigen Schutz. Alle Theilhaber an der Unternehmung ahmten dem Beiſpiele des Admirals nach und begingen mit ihm die Communion; denn in jener Zeit hatten die ſpitzfindigen Doctrinen des Menſchen noch nicht angefangen, den Glauben und die Gebräuche der früheren Kirche ſo weit über den Haufen zu werfen, daß der Ritus für den Zweck der Religion ſelbſt gegolten hätte, und man war damals noch zufrieden, ihn nur als ein Mittel zu betrachten. Mancher rohe Seemann, deſſen gewöhnliches Leben— ferne davon, heilig zu ſeyn, vielleicht ſogar der ſtrengſten Rüge werth war, kniete an dieſem Tage in demüthiger Gottergebenheit und mit Gefühlen, die ihn wenigſtens für den Augenblick den Weg der Gnade führten, vor dem Altare, und es würde vermeſſen ſeyn, anzunehmen, daß das allwiſſende Weſen, welchem dieſe Huldigungen galten, nicht mit Erbarmen ſeine Unwiſſenheit betrachtete und ſogar in Mitleid auf ſeinen Aberglauben blickte. Man ſpottet der Gebete derer, welche ſich in Gefahr befinden, ohne zu bedenken, daß auch ſie eine Demüthigung vor der Macht Gottes ſind, und gerne bilden wir uns ein, daß ſolche Ergüſſe der Andacht nur leerer Schein ſeyen, weil der Sinn des gewöhnlichen Lebens ſich nicht immer auf die⸗ ſelbe Stufe der Reinheit und Gottergebenheit hebt. Wir thäten 230 aber beſſer, uns der gemeinſamen Gebrechlichkeit unſeres Geſchlechtes zu erinnern, zu bedenken, daß Niemand vollkommen iſt und ſtets im Gedächtniſſe zu behalten, daß das Weſen, welches die Herzen prüft, demüthige Gebete wohlgefällig hinnimmt, ſelbſt wenn ſie von ſolchen kommen, die nicht immer nach ſeinen Geboten wandeln. Solche vorübergehende fromme Regungen ſind nicht minder Werke des göttlichen Geiſtes, da das Gute aus keiner andern Quelle flie⸗ ßen kann, und es iſt eben ſo unvernünftig als vermeſſen, anzu⸗ nehmen, daß die Gottheit durchaus keine Rückſicht nehme auf die Wirkungen ihrer eigenen Gnade, mögen ſie auch noch ſo unbedeu⸗ tend erſcheinen. Wie auch immer die Stimmung der meiſten dieſer Abendmahls⸗ genoſſen bei der gegenwärtigen Gelegenheit geweſen ſeyn mag,— ſo viel iſt gewiß, daß an dieſem Tage vor dem Altare von La Ra⸗ bida in der Perſon des großen Seefahrers ein Mann kniete, der, ſo weit ein menſchliches Auge etwas der Art zu beurtheilen ver⸗ mag, in tiefer Ergebung gegen die heiligen Lehren der Religion zu leben ſtrebte und allen ihren Gebräuchen eine unwandelbare Ach⸗ tung zollte. Columbus war kein Frömmler im ſtrengen Sinne des Worts, aber eine ruhige tiefwurzelnde Begeiſterung, welche das höchſte Ziel des Chriſtenthums zur Richtſchnur hatte, durchdrang ſein ganzes inneres Leben, und erinnerte ihn fortwährend an den Aufblick zu der ſchützenden Vaterhand Gottes, wenn er Hülfe be⸗ durfte. Wir haben bereits des hohen Zieles erwähnt, das er ſich für die Zukunft geſteckt hatte, und es iſt keinem Zweifel unter⸗ worfen, daß er ſich ſelbſt für ein von der Vorſehung beſonders erwähltes Werkzeug betrachtete, um die große Entdeckung, welche ſeinen Geiſt ſo anhaltend beſchäftigte, auszuführen, und noch an⸗ dere ſpätere Zwecke derſelben in Vollzug zu ſetzen. Wenn wir aber annehmen, daß eine allwaltende Macht die Ereigniſſe dieſer Erde leite— kann man dann wohl behaupten, daß dieſe innige Ueberzeugung Colon's, welche ſich durch den Erfolg ſo ſchön 231 gerechtfertigt hat, eine irrige war? Ein Beweis von der Innigkeit ſeines Glaubens iſt der ihm entſproſſene Muth, der ihn aufrecht er⸗ hielt und immer vorwärts trieb: denn unter ſolchen Umſtänden konnte nichts wahrſcheinlicher ſeyn, als daß die ernſte Zuverſicht zu der eigenen Beſtimmung eines der Mittel werden mußte, deſſen ſich eine höhere Macht bediente, um den Mann, den ſie für ihre Zwecke er⸗ wählt hatte, auch zu Ausführung derſelben zu kräftigen. Sey dem übrigens, wie ihm wolle— jedenfalls unterliegt es keinem Zweifel, daß Colon die Gebräuche der Kirche bei dem ge⸗ nannten Anlaſſe mit dem innigſten Vertrauen auf die Wahrheit keiner Sendung und mit den glänzendſten Hoffnungen eines glückli⸗ chen Erfolges vollzog. Bei ſeinen Reiſegefährten war der Fall nicht der gleiche. Ihre Gemüther wankten mehr und mehr, je weiter die Vorbereitungen voran ſchritten, und in dem letzten Monate ſah man ſie bald die Abreiſe mit Eifer betreiben, bald wieder ſich mit Zweifeln und Be⸗ denklichkeiten quälen. Sie ergingen ſich wohl hin und wieder in glänzenden Hoffnungen, aber doch war wohl im Allgemeinen der Kleinmuth vorherrſchend, und dieß um ſo mehr, wenn die Befürch⸗ tungen der Mütter, der Weiber und derer, welche mit eben ſo großem, wenn auch nicht offen eingeſtandenem zärtlichem Intereſſe an den Seeleuten hingen, das Gewicht ihres eigenen Mißtrauens vermehren halfen. Gold war ohne Zweifel das große Ziel ihrer Wünſche, und es gab Augenblicke, wo Bilder unerſchöpflicher Mi⸗ nen und orientaliſcher Schätze vor ihrer Einbildungskraft ſchwam⸗ men: in ſolchen Stunden freilich konnte Niemand an dieſem ge⸗ heimnißvollen Unternehmen eifriger mitwirken, oder ſich bereitwilliger zeigen, Leben und Hoffnungen an das Ergebniß deſſelben zu ſetzen. Doch das waren nur flüchtige Eindrücke. Der Kleinmuth war, wie bereits geſagt, das vorherrſchende Gefühl unter denen, welche ſich nun bald einſchiffen ſollten, und trug das Seinige dazu bei, die Andacht der Nachtmahlsgenoſſen zu erhöhen, 232 indem er ein Düſter über den geheiligten Ernſt des Alters warf, welches ſchwer auf den Herzen der Meiſten der Verſammelten laſtete. 4 „Unſer Volk ſcheint nicht beſonders frohen Muthes zu ſeyn, Sennor Admiral,“ ſagte Luis, als die Verſammlung die Kloſter⸗ capelle verließ,„und es wäre, aufrichtig geſprochen, wohl zu wünſchen, daß Alle mit heiteren Herzen und lachenden Geſichtern an ein ſo großes Unternehmen gingen.“ „Glaubſt Du wohl, junger Graf, daß das lachendſte Geſicht zugleich auch der Abglanz des feſteſten Geiſtes ſey, oder daß ſich in dem Ernſte der Züge die Schwäche des Herzens ausſpreche? Dieſe ehrlichen Matroſen denken an ihre Sünden und wünſchen ohne Zweifel ein ſo heiliges Unternehmen lieber durch ihre Sehn⸗ ſucht, dem Willen Gottes zu gehorchen, zu läutern und noch wür⸗ devoller zu machen, als es durch die Verderbtheit ihrer Herzen zu beſudeln. Ich hoffe, Luis,“— der tägliche Verkehr hatte Colum⸗ bus eine Art väterliche Theilnahme für das Wohl des jungen Gran⸗ den eingeflößt, welche den Abſtand des Ranges zwiſchen Beiden ausglich—„ich hoffe, Luis, Du fühlſt auch etwas von dieſem Verlangen in Deiner Seele.“ „Bei St. Pedro, meinem neuen Namenspatron, Sennor Ad⸗ miral, ich denke bei der ganzen Sache mehr an Mercedes de Val⸗ verde, als an etwas Anderes. Sie iſt mein Polarſtern, meine Religion, mein Cathay. Gehe einmal an's Werk, in's Himmels Namen, und entdecke, was Du willſt, ſey es Cipango oder das fernſte Indien; zupfe den Bart des Groß⸗Khans auf ſeinem Thron, und ich werde ſtets mit meiner armen Lanze und meinem unbe⸗ deutenden Schwerte in Deinem Gefolge ſeyn. Ich will ſchwören, daß die Jungfrau von Caſtilien nirgend ihres Gleichen habe und den ganzen Oſten durchſuchen, nur um aller Welt in's Angeſicht zu beweiſen, daß ſie die Allerherrlichſte iſt, von welchem Theile der Erde aus man auch ihre Anſprüche ſtreitig machen möchte.“ 233 Obgleich Columbus ernſte Züge ſich bei dieſem Wortſchwalle ein wenig erheiterten, ſo hielt er es doch für geeignet, den Geiſt, welchem derſelbe entſproſſen war, zu tadeln. „Es thut mir leid, mein junger Freund,“ ſagte er, bemerken zu müſſen, daß Du nicht die Gefuühle hegſt, welche einem Manne ziemen, der ſich, ſo zu ſagen, bei einem vom Himmel ſelbſt ge⸗ botenen Werke betheiligt. Vermagſt Du die lange Kette mächtiger und wunderbarer Ereigniſſe nicht vorauszuſehen, welche dieſer Reiſe wahrſcheinlich folgen werden?— Die Verbreitung der Religion durch die Kirche— die Eroberung ferner Reiche und die Unter⸗ werfung derſelben unter den Scepter Caſtiliens— die Feſtſtellung beſtrittener Punkte in Philoſophie und Wiſſenſchaft— die Gewin⸗ nung unerſchöpflicher Reichthümer und dann die letzte und würde⸗ vollſte Folge von Allem, die Befreiung des heiligen Grabes aus den Händen der Ungläubigen?“ „Ohne Zweifel, Sennor Colon— ohne Zweifel; ich ſehe das Alles, aber im Vordergrunde ſteht mir immer Donna Mercedes. Was kümmere ich mich um Gold, das ich bereits beſitze, oder bald beſitzen werde— mehr als ich nöthig habe. Was will ich von der Erweiterung der caſtiliſchen Macht, da ich nie Köoͤnig ſeyn werde; und was das heilige Grab anbelangt,— gebt mir nur Mercedes, und ich bin bereit, mit dem ſtolzeſten Ungläubigen, der je einen Turban trug, ſey es in dieſem oder irgend einem andern Kriege, meine Lanze zu brechen. Kurz, Sennor Admiral— führt uns von hinnen, und wenn wir auch mit verſchiedenen Abſichten und Hoffnungen an's Werk gehen, ſo führen ſie uns doch ohne Zweifel zu demſelben Ziele. Ich fühle, daß Ihr in dieſem großen und edlen Entwurfe Unterſtützung nöthig habt, und es iſt gleichguͤltig, was mich in Euer Gefolge fͤhrt.“ „Du biſt ein tollköpfiger Knabe, Luis, dem man ſeinen Willen laſſen muß, wäre es auch nur um der holden Jungfrau willen, welche alle Deine Gedanken einzunehmen ſcheint.“ 234 „Ihr habht ſie geſehen, Sennor, und könnt ſagen, ob ſie nicht würdig iſt, die Herzen aller Jünglinge von Spanien zu erfüllen.“ „Sie iſt ſchön, tugendhaft, edel, und eine eifrige Goͤnnerin unſerer Reiſe; dieß ſind lauter ſeltene Tugenden, daher man Dir Deine Begeiſterung für ſie wohl verzeihen kann. Aber vergiß nicht, daß Du, um ſie zu gewinnen, zuerſt Cathay zu Geſicht bekommen mußt.“ „Ihr meint doch wohl in der Wirklichkeit, Sennor Admiral? denn das Auge meines Geiſtes ſieht ſchon jetzt faſt nichts anderes: Mereedes ſteht an dem Ufer und heißt mich lächelnd willkommen— ja, beim heiligen Paul, bisweilen winkt ſte mir mit einem Lächeln, das die Seele mit ſeinem Zauber erglühen macht, obgleich die Beſchei⸗ denheit, die aus ihrem Blicke ſpricht, wieder Alles zur Ruhe verweist. Die heilige Jungfrau ſende uns ja recht bald günſtigen Wind, daß wir einmal aus dieſem verdrüßlichen Fluſſe und dem langhheiligen Kloſter herauskommen!“ Columbus erwiederte nichts, denn wenn er auch jede Rückſicht auf die Ungeduld eines Liebenden nahm, ſo wendeten ſich doch ſeine Gedanken auf zu ernſte Gegenſtände, als daß ihn die Thorheiten eines verliebten Träumers auf die Dauer hätten unterhalten können. Dreizehntes Kapitel. Zayda klaget nicht allein— Nein, jedes Auge weint um ihn In der Alhambra Prachtpalaſt, Und um den Quell von Albaicin. Bryant. Der Augenblick der Abreiſe kam endlich heran. Der Genueſe hatte ihn ſo lange ſchon herbeigeſehnt; aber jetzt waren auch die kummer⸗ vollen Jahre der Entbehrung, der Vernachläſſigung und der Vertrö⸗ ſtung vergeſſen, oder kehrten doch, wenn ſie ſich in irgend einer Weiſe 23⁵ dem Gedächtniß aufdrängten, nicht mehr mit der Bitterkeit ge⸗ täuſchter Hoffnung zurück. Der Seefahrer ſah ſich endlich im Be⸗ ſitze der Mittel, den erſten großen Zweck, für den er die letzten fünfzehn Jahre verlebt hatte, zur Ausführung zu bringen, und durfte ſich für die Zukunft mit der Hoffnung ſchmeicheln, den Er⸗ folg des gegenwärtigen Wagniſſes zu einer Sproſſe der Leiter zu machen, welche ihn zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes füh⸗ ren ſollte. Während ſeine Umgebung mit Verwunderung auf die der Größe des Zieles ſo wenig angemeſſenen Mittel blickte, oder entmuthigt vor der anſcheinenden Verwegenheit eines Unternehmens zurückbebte, das den Geſetzen der Natur Hohn zu ſprechen und den Abſichten der Vorſehung Trotz zu bieten ſchien, wurde er, je näher die Zeit der Abfahrt kam, immer ruhiger, und ſeine Seele kannte nur das Gefühl eines innigen, aber gehaltenen Entzückens. Fray Juan Perez flüſterte Don Luis zu, wie er die Freude des Admirals am beſten mit der geläuterten Wonne eines Chriſten ver⸗ gleichen könne, der im Begriff ſey, eine Welt voll Leiden zu ver⸗ laſſen, um zum Genuß einer zwar unbekannten, aber dennoch gewiſſen beſeeligenden Ewigkeit hinüber zu gleiten. Anders verhielten ſich jedoch die Gemüther der meiſten Einwohner von Palos. Die Einſchiffung fand am Nachmittag des zweiten Auguſt's ſtatt, denn es war die Abſicht der Piloten, die Schiffe an demſel⸗ ben Tage noch zu einem Punkt über der Stadt Huelva zu führen, von wo aus man beſſer abſegeln konnte, als wenn er vor Palos ge⸗ ankert worden waͤre. Die Entfernung war zwar nur unbedeutend, aber ſie war doch der Anfang der Reiſe, und dieſe kurze Bewegung ſchon erſchien Vielen als ein Riß in die Faden ihres Lebens. Co⸗ lumbus hatte noch einen Brief an den Hof zu ſenden und andere wichtige Obliegenheiten zu vollziehen, und war daher einer der Letzten, welche ſich an Bord begaben. Als er das Kloſter verlaſſen hatte, ſchlug er, von Luis und dem Prior begleitet, den Weg nach dem Ufer ein. Sie gingen ſchweigend neben einander her, denn 236 alle drei waren in tiefes Nachſinnen verloren. Dem vortrefflichen Franziskaner war die Unternehmung früher niemals ſo gefährlich und ungewiß vorgekommen und Columbus dachte an die Einzelnheiten der Vorbereitungen, während Luis' Geiſt bei der Jungfrau von Caſtilien, wie er Mercedes zu nennen pflegte, weilte, und der vie⸗ len ſchleppenden Tage gedachte, welche noch entſchwinden mußten, ehe er ſie wieder zu ſehen hoffen durfte. Sie hielten an einer Stelle des Ufers, die etwas von den Häuſern abgelegen war, und harrten der Ankunft eines Bootes. Hier wollte ſich Fray Iuan Perez von den Abenteurern verabſchie⸗ den. Das lange Schweigen der Männer war eindrucksvoller gewe⸗ ſen, als nur irgend Worte ſeyn konnten, aber jetzt mußte es un⸗ terbrochen werden. Der Prior war auf's tiefſte ergriffen, und es währte einige Zeit, bis er wieder ſeiner Stimme Herr wurde. „Sennor Chriſtoval!“ begann er endlich,„es ſind nun ſchon viele Jahre, ſeit Du Dich zum erſtenmale an dem Thore von Santa Maria de La Rabida zeigteſt— ſie ſind für mich Jahre der Freund⸗ ſchaft und der Freude geworden.“ 3 „Es ſind ſieben volle Jahre, Fray Juan Perez,“ erwiederte Columbus—„ſieben mühevolle Jahre, wenn ich denke, wie ich mich als Bittſteller umtreiben mußte— Jahre der Freude, Vater, in allem, was auf Dich Bezug hat. Glaube nicht, daß ich je der Stunde vergeſſen werde, als ich mit meinem Diego arm, heimath⸗ los und zu Fuß anhielt, die Mildthätigkeit des Kloſters um eine Erfriſchung anzuſprechen. Die Zukunft iſt in der Hand Gottes, aber die Vergangenheit iſt hier eingegraben“— er legte hiebei die Hand an's Herz—„und wird ſich nimmer daraus verwiſchen laſſen. Du biſt mein beharrlicher Freund geweſen, frommer Prior, und zwar zu einer Zeit, wo man keine Chre davon hatte, den na⸗ menloſen Genueſen zu begünſtigen. Sollte ſich die Meinung der Leute über mich je ändern—“ „Ah! Sennor Admiral! ſie iſt bereits geändert,“ fiel der Prior — 237 haſtig ein.„Stehſt Du nicht im Dienſte der Königin? unterſtützt nicht Don Fernando Deine Sache? begleitet Dich nicht dieſer junge Edle, obgleich er ſeinen Namen noch nicht genannt wiſſen will? folgen Dir nicht die Wünſche aller Gelehrten? und begleiten Dich nicht bei der großen Reiſe, die Du jetzt antrittſt, unſere Hoffnungen mehr, als unſere Beſorgniſſe?“ „Was Dich anbelangt, lieber Juan Perez, ſo mag das wohl der Fall ſeyn. Ich fühle, daß Deine beſten Wünſche— ich weiß, daß Deine Gebete uns folgen werden. Aber, einen kleinen Zirkel ausgenommen, werden nur Wenige in Spanien mit Achtung oder Hoffnung an Colon denken, wenn er auf der großen Oede des Weltmeers dahin ſchwimmt. Ja ich fürchte, daß ſelbſt in dieſem Augenblicke, wo wir die Mittel haben, die Wahrheit unſerer Theo⸗ rien zu erweiſen, und ſo zu ſagen an der Schwelle der großen Thüre ſtehen, welche uns Indien aufthut, nur Wenige an die Wahrſchein⸗ lichkeit eines Erfolges glauben.“ „Du haſt Donna Iſabella auf Deiner Seite, Sennor.“ „Und Donna Mercedes,“ fiel Luis ein—„meiner entſchiede⸗ nen und aufrichtig geſinnten Tante gar nicht zu gedenken.“ „Ich brauche zu Entſcheidung dieſer Frage nur wenige kurze Monate, meine Herren,“ entgegnete Columbus, der mit entblößtem Haupte das Antlitz gen Himmel wandte, waährend ſeine grauen Haare im Winde wehten, und ſein Auge von begeiſterter Glut leuch⸗ tete—„nur wenige kurze Monate, die dem Glüͤcklichen unbeachtet hinſchwinden und die auch der Elende erträglich finden mag, die aber uns wie ein Menſchenalter vorkommen werden. Prior, ich habe oft den Strand verlaſſen und gefühlt, daß ich mein Leben einſetze, indem ich unter den Gefahren des Meeres eben ſo gut den Tod, als eine glückliche Rückkehr erwarten mußte. Aber in dieſem glorreichen Augenblick iſt alles Bangen entſchwunden, denn ich weiß, daß mein Leben in Gottes Hut iſt und fühle, daß ſeine Weisheit den Erfolg krönen wird.“ 238 „Das find tröſtliche Gefühle in einem ſo ernſten Augenblicke, Sennor, und ich wünſche demüthig, daß der Erfolg ſie recht⸗ fertigen möge. Aber dort iſt Dein Boot; wir müſſen uns jetzt tren⸗ nen. Sennor, mein Sohn, Du weißt, daß mein Geiſt Dich bei dieſer mächtigen Unternehmung begleitet.“ „Frommer Prior, gedenke meiner in Deinen Gebeten, denn meine Schwäche bedarf einer ſolchen Unterſtützung. Ich verſpreche mir viel von der Wirkſamkeit Deiner Fürbitte, wie auch der Dei⸗ ner frommen Bruderſchaft. Du wirſt einige Meſſen für uns leſen.“ „Zweifle nicht daran, mein Freund. Alles was La Rabida unter Beihülfe der geſegneten Jungfrau und aller Heiligen für Dich thun kann, ſoll ohne Unterlaß geſchehen. Es iſt dem Menſchen nicht gege⸗ ben, Dinge vorauszuſehen, welche allein unter der Leitung der Vor⸗ ſehung ſtehen, und obgleich mir dieſe Deine Unternehmung ſo ver⸗ nünftig erſcheint, daß ich nicht an ihrem Erfolge zweifle, ſo könnte ſie doch fehlſchlagen.“ „Sie kann nicht fehlſchlagen, Vater. Gott hat ſie ſo weit gefordert, und wird nicht zulaſſen, daß ſie zu keinem Erfolge führe.“ „Wir können das nicht wiſſen, Sennor Colon. Unſere Weis⸗ heit iſt nur wie das Senfkorn unter dem Sand dieſer Küſte, in Vergleichung mit ſeinen unerforſchlichen Planen.— Ich wollte ſa⸗ gen, daß Du vielleicht als ein getäuſchter hoffnungsloſer Mann zu⸗ rückkehrſt, aber Du wirſt das Thor von Santa Maria immer für Dich offen finden, denn in unſeren Augen iſt das edle Streben eben ſo verdienſtlich, als in den Augen der meiſten Anderen das Erringen.“ „Ich verſtehe Dich, frommer Prior, und dieſer Beweis Dei⸗ ner Freundſchaft erfüllt mein Herz mit nicht geringerer Dankbarkeit, als der Becher und Biſſen, den ihr dem kleinen Diego beſcheertet. Doch ich möchte nicht ohne Deinen Segen ſcheiden.“ „So knie nieder, Sennor, denn nicht Juan Perez de Mar⸗ chena, ſondern der Diener Gottes und der Kirche wird in dieſer 239 Handlung ſprechen. Selbſt dieſer Sand wird keine unwürdige Stelle ſeyn, wenn es gilt, eine ſolche Wohlthat zu empfangen.“ Die Augen Columbus und des Priors ſchwammen in Thränen, und das Herz eines Jeden war in dieſem Augenblicke von einem dieſes feierlichen Moments würdigen Gefühle ergriffen. Der See⸗ fahrer liebte den Moͤnch, weil er ſich ihm zu einer Zeit als Freund erwieſen hatte, wo der Freunde wenige und ſelbſt dieſe nur Furcht⸗ ſame waren, und der würdige Ordensgeiſtliche fühlte gegen Colum⸗ bus jene Zuneigung, welche man gerne gegen Diejenigen, denen man Wohlthaten erwieſen hat, unterhält. Auch wußten ſie gegen⸗ ſeitig ihre Grundſätze zu achten und zu ſchätzen, wobei ihre gemein⸗ ſame Verehrung der chriſtlichen Religion ein weiteres Band der Einigung bildete. Columbus kniete auf dem Sande nieder und empfing den Segen ſeines Freundes mit der demüthigen Unterwür⸗ figkeit des Glaubens, ja faſt mit jenem Gefühle der Ehrfurcht, wie es das Herz eines frommen Sohnes durchdringt, wenn er die Segensworte eines theuren Vaters vernimmt. „Und auch Du, junger Herr,“ fuhr Fray Juan Perez mit von Rührung gebrochener Stimme fort,„auch Du wirſt nicht ſchlim⸗ mer fahren, wenn der Segen eines alten Prieſters Dich begleitet.“ Trotz des Ungeſtüms ſeiner Gefühle und der leichtfertigen Nei⸗ gungen ſeiner Jugend hatte doch Luis, wie die Meiſten jener Zeit, das Bild des Sohnes Gottes in ſein Herz aufgenommen, und hegte eine hohe Achtung vor heiligen Dingen. Er kniete daher ohne Zö⸗ gern nieder und horchte auf die zitternden Worte des Prieſters mit dankbarer Verehrung. „Lebe wohl, frommer Prior,“ ſagte Columbus, indem er die Hand ſeines Freundes drückte.„Du haſt mir Freundſchaft erwieſen, wo Andere ſich ferne hielten; aber ich hoffe zu Gott, daß der Tag bald kommen wird, da die, welche meinen Vorausſagungen Ver⸗ trauen geſchenkt haben, ſich nicht mehr unbehaglich fuͤhlen dürfen, wenn man meinen Namen nennt. Vergiß uns für einige kurze 240 Monate in allem Uebrigen, nur nicht in Deinen Gebeten, und dann rechne auf Nachrichten, welche in der That Caſtilien auf einen Gi⸗ pfel des Ruhmes bringen ſollen, ſo daß dieſe Eroberung von Gra⸗ nada nur ein Ereigniß von vorübergehendem Intereſſe inmitten der glorreichen Regierung Ferdinand's und Iſabella's bilden wird.⸗ Er ſagte dies nicht ruhmredend, ſondern mit dem ruhigen Ernſte eines Mannes, der eine vor der Meiſten Augen verborgene Wahrheit ſo deutlich vor ſeiner Seele ſtehen ſah, daß ſie ihn mit einer Zuverſicht erfüllte, welche in nichts hinter der ſchlichten Sinnenüberzeugung des gewöhnlichen Menſchen zurück blieb. Der Prior verſtand ihn, und die in ſolcher Weiſe ausgedrückte Verſiche⸗ rung klang in dem Herzen des würdigen Franziskaners noch wohl⸗ thätig nach, als ſein Freund längſt abgereist war. Sie verabſchie⸗ deten ſich mit einer Umarmung. Mittlerweile hatte Colon's Boot das Ufer erreicht. Als der Seefahrer langſam darauf zuging, eilte ein junges Weib wild an ihm und Luis vorbei, ſchlang, ohne ihre Gegenwart zu berückſich⸗ tigen, die Arme um einen jungen Matroſen, welcher das Boot eben verlaſſen hatte, um ihr entgegen zu gehen, und ſchluchzte eine Minute an ſeiner Bruſt in ununterdrückbarem Seelenſchmerze. „Ach, komm' mit, Pepe,“ ſagte endlich das junge Weib raſch und mit traurigem Ernſte, wie ein Weib zu ſprechen pflegt, wenn ſie ſich gerne überreden möchte, daß eine Weigerung unmöglich ſey—„komm', Pepe, Dein Knabe hat nach Dir geweint, und Du haſt dieſe Sache bereits viel zu weit getrieben.“ „Nein, Monika!“ erwiederte der Gatte mit einem Blicke auf Columbus, der bereits nahe genug war, um Alles zu hören— „Du weißt, daß es nicht mein Wunſch war, an dieſer Fahrt, weiß Gott wohin, Theil zu nehmen. Ich würde mich auch gerne von ihr losmachen, aber die Befehle der Königin ſind zu gewich⸗ tig fuͤr einen armen Matroſen, und ſo muß ich eben gehorchen.“ „Das iſt thöricht, Pepe,“ erwiederte das Weib, indem ſie N u K* e 241 das Wamms ihres Gatten faßte, um ihn vom Waſſer wegzuziehen. „Es iſt bereits genug an dem Geſchehenen— genug, um mir das Herz zu brechen. Komm alſo und ſieh wieder nach Deinem Knaben.“ „Du bemerkſt nicht, daß der Admiral in der Nähe iſt, Mo⸗ nika. Wir behandeln ihn nicht mit der gebührenden Achtung.“ Die Verehrung, welche der Niedere ſtets dem Höhern zu zollen gewohnt iſt, veranlaßte das Weib inne zu halten. Sie blickte flehend auf Columbus; ihr ſchönes, dunkles Auge drückte beredt die Gefühle der Gattin und der Mutter aus, und endlich wagte ſie es, den großen Seefahrer ſelbſt anzureden. „Sennor,“ ſagte ſie haſtig,„Ihr werdet wohl Pepe nicht länger brauchen. Er hat Euch die Schiffe nach Huelva bringen helfen, und nun rufen ihn Weib und Kind nach Hauſe.“ Columbus war durch das Benehmen des Weibes, welchem ſich ſogar etwas von dem Irrſinne des maßloſen Schmerzes bei⸗ zumiſchen ſchien, gerührt und antwortete ihr weniger ſtreng, als er in einem derartigen, bedenklichen Augenblicke, wo er Zeuge einer Aufreizung zum Ungehorſam wurde, bei anderen Gelegenheiten gethan haben würde. „Deinem Manne iſt Ehre widerfahren, daß er zu meinem Gefährten bei dieſer großen Reiſe erwählt wurde,“ ſagte er.„Du würdeſt eher wie das Weib eines braven Matroſen handeln, wenn Du Dich über ſein Glück freuteſt, ſtatt es zu beklagen.“ „Glaube ihm nicht, Pepel der Böſe ſpricht aus ihm, um Dich ins Verderben zu locken. Er hat eine Gottesläſterung aus⸗ geſtoßen, und will das Wort des Herrn zum Lügner machen, indem er ſagt, die Erde ſey rund, und man könne nach Oſten kommen, wenn man nach Weſten ſteuert. Siehſt Du denn nicht, daß er euch Alle, die er in Verſuchung führt, ihm zu folgen, nur zu Grunde richten will?“ „Und warum ſollte ich dieß thun, gute Frau?“ ſagte der Admiral.„Was brächte es mir für einen Gewinn, Deinen Mann oder irgend einen ſeiner Kameraden zu Grunde zu richten?“ Donna Mercedes. 2te Aufl. 16 242 „Ich weiß es nicht— ich kümmere mich nicht darum— Pepe iſt mein Alles, und er ſoll Euch nicht begleiten auf dieſer tollen und gottloſen Fahrt. Es kann nichts Gutes bei einer Reiſe her⸗ auskommen, die man damit anfängt, daß man das Wort Gottes Lügen ſtraft.“ „Und was findeſt Du denn für beſondere Uebel heraus, welchen man bei dieſer Reiſe mehr als bei einer andern ausgeſetzt ſeyn ſollte, daß Du Dich ſo an Deinen Gatten hängſt und Dich ſolcher Worte gegen einen Mann bedienſt, der nur im Auftrage der Königin handelt? Du wußteſt, als Du ihn heiratheteſt, daß er ein Ma⸗ troſe iſt, und doch willſt Du ihn abhalten, der Königin zu dienen, wie es ſeinem Berufe und ſeiner Pflicht ziemt?“ „Er mag gegen die Mauren, die Portugieſen oder das Volk des fernen Englands ziehen; aber ich will nicht, daß er im Dienſte des Fürſten der Finſterniß reiſe. Warum ſagt man uns, die Erde ſey rund, Sennor, wenn uns doch unſere Augen überzeugen, daß ſte flach iſt? und wenn ſie rund iſt, wie kann ein Schiff, welches Tage lang an der Seite der Erde hinnnterfährt, wieder zurück⸗ kommen? Das Meer fließt nicht aufwärts, und eine Caravele kann keinen Waſſerfall hinanſchwimmen. Und wenn Du Monate lang in den endloſen Weltmeeren Dich umhergetrieben haſt, wie wollt ihr, Du und die mit Dir ſind, je wieder die Richtung auf⸗ finden, die man einſchlagen muß, um wieder zu dem Orte der Ausfahrt zu gelangen? O Sennor! Palos iſt nur eine kleine Stadt, und wenn man ſie einmal in einer ſolchen Gedankenver⸗ wirrung aus dem Geſicht verloren hat, ſo wird man ſie nie wieder auffinden!“ „So thöricht und kindiſch dieſes Gerede auch ſcheint,“ be⸗ merkte Columbus, indem er ſich ruhig gegen Luis wandte,„ſo iſt es doch eben ſo vernünftig, als vieles, was ich während der letzten ſechzehn Jahre aus dem Munde von Gelehrten anhören zu müſſen verdammt war. Wenn einmal die Nacht der Unwiſſenheit den Gedanken — B 2 2 e u Z5 u 8&ᷣ d d& 1 1 1 1 243 umſchattet, ſo quält ſich der Geiſt mit den thörichtſten und ver⸗ meſſenſten Schreckbildern, die alle Gefahren, welche er in ſeinem Unverſtand mit bekannten Naturerſcheinungen in Verbindung bringt, noch hundertfältig überbieten. Ich will bei dieſem Weibe den Einfluß der Religion verſuchen, vielleicht gelingt es mir, ihre gegenwärtigen Anſichten über dieſen Punkt aus Feinden in freund⸗ liche Verbündete umzuwandeln.— Monika!“ redete er ſie leut⸗ ſelig und vertraulich mit ihrem Namen an—„biſt Du eine Chriſtin?“ „Heilige Maria, Sennor Admiral, was ſollte ich denn anders ſeyn? Glaubſt Du, Pepe würde ein Maurenmädchen geheirathet haben?“ „So horch denn auf, und laß Dich belehren, wie wenig Dein Benehmen das einer Gläubigen iſt. Der Maure iſt nicht der einzige Ungläubige, ſondern die ganze Erde ſeufzt noch unter ihrer Laſt und der Zahl ihrer Sünden. Die Sandkörner an dieſer Küſte ſind nicht ſo zahlreich, als die Heiden in dem einzigen Königreich Ca⸗ thay; denn bis jetzt hat Gott denen, welche auf die Vermittelung ſeines Sohnes vertrauen, nur einen kleinen Theil der Erde zuge⸗ wieſen. Selbſt das Grab des Erlöͤſers befindet ſich noch in den Händen der Ungläubigen.“ „Ich habe dieß gehört, Sennor, und es iſt Sünd' und Schade um die Glaubensſchwäche derjenigen, welche doch dem Geſetz zu gehorchen gelobt haben, daß einem ſo himmelſchreienden Uebel noch nicht abgeholfen iſt.“ „Hat man Dir nicht geſagt, daß dieß eine Weile das Schick⸗ ſal der Welt ſeyn müſſe, daß aber dann das Licht aufdämmern ſoll, wenn das Wort Gottes, wie der Schall der Trompeten, an das Ohr der Ungläubigen ſchlägt— und daß dann die Erde ſelbſt nur ein weiter Tempel ſeyn wird, den das Lob Gottes, der Preis ſeines Namens und die Unterwerfung unter ſeinen Willen erfüllt?“ „Sennor, die guten Väter von La Rabida und unſere eigenen Prieſter tröſten uns oft mit dieſen Hoffnungen.“ * 244 „Und haſt Du kürzlich nichts geſehen, was dieſe Hoffnung er⸗ muthigen und Dich glauben machen könnte, daß Gott ſeines Volkes gedenke, und daß ein neues Licht über die Finſterniß Spaniens hereinzubrechen beginne?“ „Pepe, Seine Excellenz muß das letzte Wunder im Kloſter meinen. Sie erzählen, man habe wirkliche Thränen von den Au⸗ gen des Bildes der heiligen Maria fallen ſehen, als ſie auf das an ihrer Bruſt liegende Kind blickte.“ „Ich meine nicht dieß,“ unterbrach ſie Columbus etwas ſtreng, obgleich er, trotz des Mißvergnügens über die Anſpielung auf ein Wunder, das ſeinem männlichen Verſtande ſo verbraucht erſchien, ein Kreuz ſchlug—„ich meine kein ſolches, unerwieſenes Wunder, welches wir glauben können oder nicht, bis es durch das Anſehen der Kirche beſtätigt iſt. Kann Dir nicht Dein Glaubenseifer jenen Sieg der beiden Herrſcher vorführen, in welchem ſich die Macht Gottes, ſofern ſie zu Förderung des Glaubens geübt wurde, den Gläubigen auf die augenſcheinlichſte Weiſe kund gegeben hat?“ „Er meint die Vertreibung der Mauren, Pepe,“ rief das Weib, und ließ einen vergnügten Blick nach ihrem Gatten gleiten, „die kürzlich, wie ich hore, durch die Eroberung von Granada geglückt iſt. Man ſagt, Donna Iſabella ſey im Triumph in dieſe Stadt eingezogen.“ „In dieſer Eroberung ſiehſt Du nur den Anfang der großen Ereigniſſe in unſeren Zeiten. Granada hat jetzt ſeine chriſtlichen Kirchen, und das ferne Cathay wird bald ſeinem Beiſpiele folgen. Das iſt das Walten des Herrn, thörichtes Weib, und wenn Du Deinen Mann von dieſem großen Unternehmen zurück hältſt, ſo hinderſt Du ihn, ſich himmliſchen Lohn zu erwerben, und machſt Dich vielleicht, ohne es zu wiſſen, zu einem Werkzeuge, welches ſtatt Fluch, Segen über den nämlichen Knaben bringt, deſſen Bild gegenwärtig Deine Gedanken mehr erfüllt, als das ſeines Schöpfers und Erloſers.“ 245 Das Weib ſchien verwirrt und blickte zuerſt auf den Admiral, dann auf ihren Mann, bückte darauf ihr Haupt bis zur Erde, und bekreuzte ſich andächtig. Als ſie ſich wieder aus ihrer Zer⸗ knirſchung aufgerichtet hatte, wandte ſie ſich auf's Neue an Co⸗ lumbus und fragte mit feierlichem Ernſte: „Und Ihr, Sennor? wollt Ihr dieſe Reiſe in der Abſicht und Hoffnung, Gott zu dienen, unternehmen?“. „Das iſt mein Hauptziel, gute Frau. Der Himmel ſey mein Zeuge, daß ich wahr rede. Möge meine Reiſe nur dann glück⸗ bringend ſeyn, wenn ich Dir die lautere Wahrheit ſage.“ „Und auch Ihr, Sennor,“ ſie wandte ſich raſch an Luis de Bobadilla—„wollt auch ihr im Dienſte Gottes dieſe ungewöhn⸗ liche Fahrt wagen?“ „Wenn auch nicht auf unmittelbaren Befehl Gottes, meine gute Frau, ſo geſchieht es doch auf das Geheiß eines Engels.“ „Iſt es Dir auch ſo, Pepe? Hat man uns alſo hintergangen, wenn man uns ſo viel Böſes von dem Admiral und ſeinen ſchlimmen Beweggründen erzählte?“ „Was hat man Dir denn erzählt?“ fragte Columbus ruhig. „Sprich unverhohlen, Du haſt nichts von meinem Mißfallen zu befürchten.“ „Sennor, Ihr habt ſo gut Eure Feinde als ein Anderer, und die Weiber, Mütter und Bräute von Palos ſind nicht müßig geweſen, ihren Gefühlen Luft zu machen. Zuerſt ſagen ſie, Ihr ſeyd arm.“ „Das iſt ſo wahr und offenkundig, gute Frau, daß es fruchtlos wäre, es in Abrede zu ziehen. Iſt Armuth in Palos ein Verbrechen?“ „Der Arme iſt in dieſer ganzen Gegend nur wenig geachtet, Sennor. Ich weiß nicht warum, denn mir kömmt's vor, als ſeyen wir ſo gut wie die Uebrigen; aber nur Wenige achten uns. Dann ſagen ſie, Ihr ſeyd kein Caſtilianer, Sennor, ſondern ein Genueſe.“ „Das iſt auch wahr. Iſt dieß auch unter den Matroſen von 246 Moguer ein Verbrechen, ſie, die doch das Volk dieſer ſtolzen Re⸗ publik, das durch ſeine Thaten zur See ſo berühmt iſt, zu würdigen wiſſen ſollten?“ „Ich weiß nicht, Sennor, aber Viele halten es für etwas ſehr Unvortheilhaftes, wenn man nicht zu Spanien und insbeſondere nicht zu Caſtilien, dem Vaterlande der Donna Iſabella gehört, und wie könnte es gleich ehrenvoll ſeyn, ein Genueſe oder ein Spanier zu heißen? Mir wäre es lieber, Pepe führe mit einem Spanier, und zwar noch obendrein mit einem von Palos oder Moguer.“ „Dein Grund iſt ſinnreich, wenn auch nicht richtig,“ erwiederte Columbus mit einem Lächeln— dem einzigen äußern Zeichen ſeiner Gefühle,„aber kann ein Mann, der arm und ein Genueſe iſt, nicht auch Gott dienen?“ „Ohne Zweifel, Sennor, und ich denke beſſer von dieſer Reiſe, ſeit ich Euren Beweggrund kenne und Euch ſelbſt geſprochen habe. Aber es iſt doch ein großes Opfer für ein Weib, ihren Mann an einer Reiſe Theil nehmen zu laſſen, die man mit ſolchem Mißtrauen betrachtet— ihn, den Vater ihres einzigen Kindes.“ „Hier iſt ein junger Edler, ein einziger Sohn, ein Liebender mit den ungeſtümſten Gefühlen, reich, angeſehen und in der Lage, hinzugehen, wo er will, der ſich nicht nur mit mir eingeſchifft, ſon⸗ dern es auch mit der Einwilligung, ja ich würde beſſer ſagen, auf das Geheiß ſeiner Geliebten thut.“ „Iſt das wahr, Sennor?“ fragte das Weib lebhaft. „So wahr, meine gute Frau, daß ich meine ſchönſten Hoff⸗ nungen an dieſe Reiſe knüpfe. Sagte ich Dir nicht, daß ich auf das Geheiß eines Engels gehe?“ „Ach! dieſe junge Herren haben verführeriſche Zungen; aber Sennor Admiral— denn das iſt doch Euer Titel— ſie ſagen noch außerdem, daß Euch dieſe Reiſe nur Ehre und Gut einbringen könne, während ſie Elend und Tod auf Eure Begleiter häufe. Sie mache Euch aus einem armen Unbekannten zu einem hohen Officier der 247 Königin, und einige glauben ſogar, daß die Venezianiſchen Galeeren nicht weniger ſchwer belaſtet ſeyn kͤnnten, wenn Ihr mit ihnen auf hoher See zuſammen träfet.“ „Und was kann Alles dieſes Deinem Manne ſchaden? Ich gehe hin, wo er hingeht, theile ſeine Gefahren und ſetze wie er, mein Leben auf's Spiel. Wenn Gold bei dem Abenteuer zu ge⸗ winnen iſt, ſo wird er nicht vergeſſen werden, und wenn uns durch unſere Gefahren und Wagniſſe der Himmel näher gerückt wird, ſo kann Pepe nicht dabei verlieren. Bei der letzten großen Abrechnung, Weib, wird man uns nicht fragen, ob einer arm oder ein Genueſe geweſen ſey.“ „Dieß iſt wahr, Sennor, aber doch kömmt es einem jungen Weibe ſchwer an, ſich von ihrem Manne zu trennen. Wünſcheſt Du wirklich mit dem Admiral auszufahren, Pepe?“ „Es iſt mir einerlei, Monika. Ich bin zum Dienſte der Königin commandirt, und wir Seeleute haben nicht das Recht, ihr Anſehen in Zweifel zu ziehen. Nun ich Seine Erzellenz habe ſprechen hören, kömmt mir aber die Sache nimmer ſo gefährlich vor.“ „Wenn dieſe Reiſe wirklich zum Dienſte Gottes unternommen wird,“ fuhr das Weib mit Würde fort,„ſo ſollſt Du hinter keinem Andern zurückbleiben, Pepe. Sennor, wolltet Ihr wohl meinem Manne erlauben, die Nacht noch bei ſeiner Familie zuzubringen, unter der Bedingung, daß er ſich Morgen wieder an Bord der Santa Maria einſtellt?“ „Was habe ich für eine Sicherheit, daß dieſe Bedingung ein⸗ gehalten wird?“ „Wir Beide ſind Chriſten und dienen demſelben Gotte— ſind durch denſelben Heiland erlöst worden.“ „Dies iſt wahr und ich will euch deßhalb vertrauen. Pepe, Du kannſt bis morgen nach Hanſe gehen; dann aber erwarte ich Dich auf Deinem Poſten. Hier haben wir Ruderer genug ohne Dich.“ Die Blicke des Weibes ſprachen Dank aus und Columbus 248 glaubte in ihrem edlen, einer Spanierin würdigen Benehmen und in ihrer ſtolzen Haltung eine Bürgſchaft für die Erfüllung ihres Verſprechens leſen zu können. Da noch einige Vorbereitungen gemacht werden mußten, ehe das Boot von der Küſte abfahren konnte, gingen der Admiral und Luis einſtweilen in ernſter Unter⸗ haltung an dem Strande auf und nieder. „Du haſt hier ein Beiſpiel davon geſehen, was ich überwinden und erdulden mußte, nur um dieſe armſeligen Mittel für die Aus⸗ führung der wohlwollenden Plane der Vorſehung zu erringen,“ be⸗ merkte Columbus traurig, obgleich ſeinen Worten keinerlei Bitterkeit beigemiſcht war.„Es iſt ein Verbrechen, arm— ein Genueſe— oder etwas Anderes als das zu ſeyn, was wir nach den Begriffen unſerer Beurtheiler und Herren gerade ſeyn ſollten. Aber es wird ein Tag kommen, Conde de Llera, wo ſich Genua keineswegs ent⸗ ehrt halten wird, daß es Chriſtophoro Colombo das Leben gab, und wo Euer ſtolzes Caſtilien gerne dieſe Schmach mit ihm theilen möchte! Du weißt nur wenig, junger Herr, wie weit der Weg zum Ruhm und zu großen Thaten iſt: Du, den ſchon ſeine Geburt adelt und zum Herrn über große Beſitzungen macht. Du ſtehſt in mir einen bereits in den Jahren vorgerückten Mann, deſſen Haare weiß ſind von Alter und Leiden, und doch bin ich erſt an der Schwelle des Unternehmens, welches meinem Namen einen Platz verſchaffen wird unter den Männern, die Gott gedient und das Wohl ihrer Mitmenſchen gefördert haben.“ „Iſt das nicht der gewöhnliche Weltlauf, Sennor?— Streben nicht Männer, deren Stellung ihren Verdienſten nicht entſpricht, dar⸗ nach, ſich aus der Lage, welche die Natur ihnen angewieſen hat, empor zu heben, während diejenigen, welche das Glück durch ihre Altvordern begünſtigt hat, ſich oft gerne mit den Ehren begnügen, an deren Er⸗ werbung ſie keinen Antheil haben? Ich ſehe hierin nichts, als die Natur des Menſchen und den Gang der Erdendinge.“ „Du haſt Recht, Luis, aber Theorie und Wirklichkeit ſind gar — —— 8 249 ſehr von einander verſchieden. Wir können wohl ruhig über Grund⸗ ſätze räſoniren, deren praktiſche Anwendung aber viele Mühe koſtet. Dein Weſen iſt freimüthig und offen, junger Mann, und fürchtet weder den Spott des Chriſten noch die Lanze des Mauren, wie denn auch Dein Wort gegen Beide furchtlos und wahr ſeyn wird. Du biſt ſelbſt ein Caſtilianer. Glaubſt Du wirklich, daß einer aus Deinem Königreich beſſer ſey, als Jemand aus Genua?“ „Gewiß nicht, wenn der Genueſe Chriſtoval Colon und der Caſtilianer nur Luis de Bobadilla iſt, Sennor,“ antwortete der junge Mann lächelnd. „Du umgehſt eine unumwundene Antwort— hegſt auch Du irgend eine derartige Anſicht, wie die, welche Pepe's Weib ſo offen ausgeſprochen hat?“ „Was wollt Ihr, Sennor Chriſtoval!— Der Menſch iſt in Spanien, in Italien wie in England der nämliche. Iſt es nicht ſeine Erbſünde, gut von ſich ſelbſt, und ſchlimm von ſeinem Nach⸗ bar zu denken?“ „Ich möchte auf meine einfache und offen geſtellte Frage die unumwundene Wahrheit hören, Luis.“ „Eine höoöfliche, ehrliche Antwort ſollte man nicht für eine ausweichende nehmen. Wir Caſtilianer ſind demüthige und äußerſt fromme Chriſten, weshalb wir uns für fehlerlos und die übrigen Menſchenkinder für offenkundige Sünder halten. Bei St. Jagos heiligem Glauben und geſegnetem Andenken! es reicht wahrlich hin, ein Volk eitel zu machen, wenn es eine Königin wie Donna Jſabella und eine Jungfrau wie Mercedes de Valverde hervorgebracht hat!“ „Nun was die Königin und Deine Geliebte betrifft, ſo haſt Du Recht und ich muß mich zufriedenſtellen, obgleich es keine Antwort auf meine Frage iſt. Aber mag ich auch immerhin kein Caſti⸗ lianer ſeyn— nicht einmal die Guzmans haben es gewagt, eine Reiſe nach Cathay zu unternehmen, und das Haus von Traſtamara wird vielleicht noch froh ſeyn, ſeine Verpflichtungen gegen einen 250 Genueſen anerkennen zu dürfen. Gott ſieht bei der Wahl ſeiner Werkzeuge nicht auf den Stand oder andere von den Menſchen feſtgeſetzte Gränzen, denn ſehr viele Heilige waren verachtete Heb⸗ räer, während Jeſus ſelbſt von Nazareth kam. Wir werden ſehen — wir werden ſehen, junger Herr, was drei Monate der Welt für Wunder enthüllen können.“ „Sennor Admiral, ich hoffe und bitte, daß es die Inſel Ci⸗ pango und die Reiche des Groß⸗Khans ſeyn mögen. Waͤre es aber auch nicht der Fall, ſo ſind wir Maänner, die nicht nur Mühen, ſondern auch Täuſchungen zu überſtehen im Stande find.“ 3 „Ich verſehe mich in dieſer Hinſicht keiner Täuſchung, Don Luis, ſeit ich das königliche Wort Iſabella's und dieſe guten Ca⸗ ravelen habe. Der Bootsmann, der von Madeira nach Liſſa⸗ bon ſegelt, kann nicht mit größerer Sicherheit darauf rechnen, ſeinen Hafen zu gewinnen, als ich gewiß bin, daß ich Cathay erreichen werde.“ „Ohne Zweifel, Sennor Colon, könnt und werdet Ihr ausführen, was irgend ein Seefahrer zu leiſten im Stande iſt. Demungeachtet iſt aber Täuſchung gar haͤufig das Loos des Menſchen, und es möͤchte gut ſeyn, wenn wir uns auch hierauf gefaßt hielten.“ „Die Sonne, welche dort über den Berg hinunter ſinkt, Luis, ſteht nicht heller vor meinen Augen, als dieſer Weg nach Indien. Ich ſah ihn dieſe ſiebenzehn Jahre ſo deutlich, als jene Fahrzeuge in dem Fluß, leuchtend wie den Polarſtern, und wie ich nicht zweifle auch ebenſo zuverläſſig. Es iſt allerdings wahr, Taͤuſchung iſt das Loos des Menſchen, und Niemand kann das beſſer wiſſen, als ein Mann, dem die ſchönſten Jahre ſeines Lebens in trüglichen Hoffnungen entſchwunden ſind,— der das einemal von Fürſten, Staatsmännern und Geiſtlichkeit ermuthigt, das anderemal wieder verlacht und als ein hohlköpfiger Planmacher verſchrieen wurde, dem weder Vernunft noch Erfahrung zur Stütze diene.“ 251 „Bei meinem neuen Schutzheiligen St. Pedro! Ihr habt in der That in Eurem ſpäteren Alter ein kummervolles Leben geführt und die nächſten drei Monate müſſen eine hohe Bedeutung für Euch haben.“* „Du weißt wenig von der Ruhe einer zuverſichtlichen Ueber⸗ zeugung, Luis,“ erwiederte Columbus,„wenn Du glaubſt, daß mich jetzt, nun die Stunde des Verſuches herannaht, Zweifel um⸗ ſtricken. Dieſer Tag iſt der glücklichſte in einer Reihe von mühe⸗ vollen Jahren. Zwar find die Zurüſtungen nicht bedeutend und unſere Fahrzeuge nur leicht und von geringem Umfang; aber jenſeits liegen die Mittel, durch welche ein lange verborgenes Licht ſeinen Strahl über die ganze Welt ergießen und Caſtilien zu einer Höhe erheben wird, die unter allen chriſtlichen Nationen nicht ihres Gleichen hat.“ „Es muß Dir doch wohl leid thun, Sennor Colon, daß Deine Heimath Genua nicht durch großmüthige und freigebige Unterſtützung dieſer Reiſe ſich würdig gemacht hat, die Vortheile derſelben zu ernten?“ „Es hat mich in der That nicht wenig bekümmert, Luis; denn gewiß iſt es ſchwer, ſein eigenes Vaterland verlaſſen und neue Verbindungen aufſuchen zu müſſen, wenn das Leben bereits auf die Neige geht, obgleich vielleicht der Seemann ſolche Bande weniger fühlt, als die, welche das Land nie verlaſſen haben. Aber Genua wollte nichts von mir; und wenn das Kind die Verpflichtung hat, ſeine Eltern zu lieben und zu ehren, ſo ſind die Eltern gleichfalls verbunden das Kind zu ſchützen und zu nähren. Wenn dieſe ihrer Pflicht vergeſſen, ſo trifft den keine Schmach, der Unterſtützung ſucht, wo er ſie finden kann; denn menſchliche Pflichten haben ihre Gränzen, und nur von denen, welche wir Gott ſchuldig ſind, dürfen wir uns nun und nimmermehr loszählen. Genua hat ſich gegen mich nur als eine ſtrenge Mutter erwieſen, und darf daher keinen Anſpruch an meine Dienſte machen, obgleich mich darum nichts veranlaſſen könnte, meine Hand gegen ſie zu erheben. Zudem iſt es auch, wenn man .252 ſich den Dienſt Gottes zum Ziele ſetzt, gleichgültig, mit welchem ſeiner Geſchöpfe man daſſelbe zu erreichen ſucht. Man kann das Land ſeiner Geburt nicht leicht haſſen, aber Ungerechtigkeit iſt im Stande, wenigſtens die Liebe zu erſticken. Das Band muß wechſelſeitig ſeyn, und wenn das Vaterland aufhört, Perſon, Rechte und Eigenthum zu ſchützen, ſo iſt der Unterthan ſeiner Pflichten baar. Treue und Schutz gehen Hand in Hand, und laſſen ſich nicht von einander trennen. Jetzt iſt nächſt Gott Donna Iſabella meine Gebieterin, und ich will ihr— aber auch nur ihr— dienen. Hinfort iſt Caſtilien mein Vaterland.“ 3 In dieſem Augenblick wurde gemeldet, daß die Pinaſſe ihrer warte, und die zwei Abenteurer ſchifften ſich unmittelbar ein. Es bedurfte wohl ganz der tiefen, feſtgewurzelten Ueberzeugung einer glühenden Seele, um Columbus zu veranlaſſen, ſich darüber zu freuen, daß ihm endlich die Mittel an die Hand gegeben waren, ſeinen ſehnlichen Wunſch nach Entdeckungen zu bethätigen— wenn er beſonnen überlegte, welcher Art dieſe Mittel waren. Wir haben bereits der Namen ſeiner Schiffe, der Santa Maria, der Pinta und der Ninna erwähnt, und auch einige Andeutungen hinſichtlich ihrer Größe und ihrer Bauart gegeben. Der Leſer wird es uns aber vielleicht Dank wiſſen, wenn wir ihn durch eine kurze nähere Beſchreibung der Fahrzeuge und beſonders desjenigen, welches jetzt Columbus und Luis de Bobadilla aufnehmen ſollte, in den Stand ſetzen, ſich einen deutlichen Begriff von dem Character dieſer Unternehmung zu bilden. Die Santa Maria hatte faſt das Doppelte an Tonnenlaſt, als das zweitgrößte Schiff, welches die Fahrt mitmachen ſollte. Sie war ſorgfältiger als die andern gebaut, wie denn auch bei derſelben einige Rückſicht auf die Würde und die Bequemlichkeit des Admirals, welchen ſie zu führen beſtimmt war, genommen war. Sie hatte nicht nur ein Hauptverdeck, ſondern auch ein Hüttendeck auf der Schanze, wo ſich Colon's Lager befand. Das Aeußere dieſes Schiffes läßt ſich mit den hochaufgetakelten, ſymmetriſchen Fahrzeugen und niedrigen 253 Spiegeln der gegenwärtigen Zeit nicht vergleichen, denn obgleich ſie ein Hüttendeck und ein Bramſegelback, wie man es heut zu Tage nennen würde, beſaß, ſo war doch weder das eine noch das andere in der netten und bequemen Weiſe, welche man jetzt gewohnt iſt, gebaut. Das Hüttendeck oder Rundhaus trug um einer entfernten Aehnlichkeit willen den Namen Caſtell, während das Bramſegelback, in welchem ſich die Mehrzahl der Bemannung aufhielt, unverhält⸗ nißmäßig groß war, einem beſonderen Baue ähnlich an den Bugen des Schiffes in die Höhe ſtieg und ungefähr den dritten Theil des De⸗ ckes von vorn nach hinten einnahm. Wer nie eines der vor hun⸗ dert Jahren in ganz Europa üblichen Schiffe geſehen hat, wird ſich nicht leicht einen Begriff davon machen können, wie ſo kleine Schiffe ohne Gefahr ſo hoch über dem Waſſer gehen konnten. Doch mag dieſe Schwierigkeit ſich erklären laſſen; denn Manche erinnern ſich wohl noch einiger Eigenthümlichkeiten dieſer Bauart, wie wir denn ſelbſt ein Paar ſolcher alten Schiffe zu Geficht bekommen haben. Die Schiffe gingen bis zu den Ladewaſſerlinien oder etwas darüber im Waſſer, und die Spannen waren ſo weit eingezogen, daß die Deckbalken auf den Hüttendecken faſt um ein Viertel über dieſelben hinausragten. In Folge dieſer Vorſichtsmaßregeln wurde die große Hoͤhe der Fahrzeuge über dem Waſſer weniger gefährlich, als es wohl ſonſt der Fall geweſen wäre, und da es lauter kurze Schiffe waren, die ſich leicht vorwärts hoben und noch obendrein niedrige Kuhlen hatten, ſo konnte man ſie zur See wohl für ziemlich ſicher halten. Ungeachtet ihrer Kürze hatten ſie aber doch ein bedeutendes Ton⸗ nenmaß, und wenn dieſer Umſtand auch ihrer Schnelligkeit nicht zu Statten kam, ſo trug er doch dazu bei, ihre Sicherheit zu ver⸗ mehren. Die Takelage dieſer Fahrzeuge war von der der Schiffe unſerer Tage verſchieden, da die ſtehenden Spieren beziehungsweiſe eine größere Länge hatten, während die oberen oder treibenden Spieren der Zahl nach geringer und auch weniger nöthig waren, als diejenigen, welche in unſern Tagen wie Nadeln gegen die Wolken ragen. Im ſüdlichen Europa wird der Name Schiff aus dem la⸗ teiniſchen navis abgeleitet und gilt mehr als allgemeine Bezeichnung, ohne beſondere Rückſicht auf Bau und Takelwerk, und in dieſem Sinne konnte man auch die Caravele ein Schiff nennen, obgleich vielleicht der kunſtgerechte Ausdruck des Seemanns anders lautete. Man hat mit Recht ein großes Gewicht auf die Thatſache gelegt, daß zwei der bei dieſem Unternehmen betheiligten Schiffe kein Deck hatten. Da in jener Zeit die meiſten Waſſerfahrten nur die Küſten entlang gingen und, auch wenn man Inſeln beſuchte, nur wenige Tage dauerten, ſo befanden ſich die Fahrzeuge faſt immer in der Nähe des Landes, und es war bekanntlich eine noch in unſeren Tagen auf den ſüdlichen europäiſchen Meeren übliche Gewohnheit der Seeleute, bei Annäherung eines Sturmes einen Hafen zu ſuchen. Unter ſolchen Umſtänden waren Decke keineswegs ſo weſentlich für die Sicherheit des Fahrzeugs, die Beſchützung der Ladung oder die Bequemlichkeit der Mannſchaft, als wenn man in den Fall ge⸗ ſetzt wird, gegen die volle Wuth der Elemente Stand halten zu müſſen. Demungeachtet darf der Leſer nicht glauben, daß dieſe deckloſen Schiffe ganz ohne Schutz von oben geweſen wären, denn auch dieſe Caravelen hatten gewöhnlich, wenn ſie die hohe See be⸗ fuhren, Schanzen und Backen, die durch Laufplanken mit einander in Verbindung ſtanden, während getheertes Segeltuch darüber befe⸗ ſtigt war, um die Ladung gegen die Sprühe der Wogen zu ſchützen. Man muß jedoch auch nach allen dieſen Erläuterungen zugeben, daß die Ausrüſtungen zu Colon's Unternehmen in den Augen des erfahrenen Seemanns als keineswegs genügend für die Größe und Gefahr deſſelben erſcheinen konnten, obgleich vielleicht ihre Unzu⸗ länglichkeit von Laien im Seeweſen allzuſehr übertrieben wurde. Jedenfalls iſt es unwahrſcheinlich, daß die Matroſen jener Zeit ſie für unbedingt unzureichend hielten, da Leute, welche die Gefahren des Oceans ſo gut kannten, als die Pinzons— wohl kaum freiwillig ihr Schiff, ihr Geld und das eigene Leben bei einer Expedition auf's Spiel geſetzt haben würden, welche nicht wenigſtens nothdürftige Sicherheit des Erfolgs erwarten ließ. Vierzehntes Kapitel. Dort auf des Meeres dunkelblauen Wogen Herrſcht frei der Geiſt, von Schranken nicht umzogen So weit der Wind die Welle peitſcht zu Schaum, Iſt unſer Reich, iſt heimathlicher Raum. Byron. Da Columbus, ſobald er das Deck der Santa Maria erreicht hatte, ſein Gemach aufſuchte, ſo bot ſich dieſe Nacht keine weitere Gelegenheit für Luis, ihn noch zu ſprechen. Er bewohnte zwar unter dem angeblichen Titel eines Sekretärs des Admirals einen Theil des nämlichen Raumes; aber der große Seefahrer war ſo ſehr mit Geſchäften überhäuft, welche vor der Abreiſe noch abge⸗ than werden mußten, daß er nicht unterbrochen werden durſte. Der junge Mann ging daher in dem engen Gelaſſe des Deckes bis um Mitternacht auf und ab, dachte wie gewöhnlich an Mercedes und ſeine Rückkehr, und als er ſeine Matte aufſuchte, fand er Columbus bereits in tiefen Schlaf verſunken.. Der folgende Tag war ein Freitag, und es iſt nicht unin⸗ tereſſant, daß die größte und folgenreichſte Reiſe, welche je auf dieſem Crdballe unternommen wurde, an einem Wochentage begann, welchen die Matroſen lange für einen unglückbringenden hielten, ſo daß ſie oft eine Abfahrt verſchoben, nur um den unbekannten aber gefürchteten Einfluß deſſelben zu vermeiden. Luis war unter den Erſten, welche wieder auf dem Verdeck erſchienen, und als er in die Höhe blickte, bemerkte er, daß der Admiral bereits rege war und ſich auf dem oberſten Hüttendecke oder Caſtell befand, deſſen engerer Raum ausſchließlich von dem Bevorrechteten benützt wurde: eine Beſtimmung, welche dem ausgedehntexen Spaziergang der neuen 256 Schanze entſpricht. Von hier aus konnte der, welcher die Bewegun⸗ gen eines Geſchwaders leitete, die Mandver deſſelben überſehen, Signale geben, aſtronomiſche Beobachtungen anſtellen und ſich in friſcher Luft ergehen. Dieſer Raum mochte an Bord der Santa Maria etwa fünfzehn Fuß in einer und nicht ganz ſo viel in der andern Richtung betragen, und bildete daher mehr um ſeiner Abge⸗ ſchloſſenheit, als um ſeines Umfanges willen, einen geeigneten Lugaus. Sobald der Admiral— oder Don Chriſtoval, wie ihn die Spanier ſeit ſeiner Ernennung zu dem gegenwärtigen hohen Rang, der ihm die Rechte des Adels verlieh, nannten— Luis' anſichtig wurde, gab er dem jungen Mann ein Zeichen, heraufzuſteigen und an ſeine Seite zu treten. So unbedeutend an Zahl und Staͤrke die Expedition auch ſeyn mochte, da ſie in letzterer Beziehung nicht einmal der Bemannung einer einzigen der neueren Kriegsſchaluppen gleichkam, ſo hatte ihr doch das Anſehen der Königin, Columbus' Ernſt und vor Allem das Geheimnißvolle und Außerordentliche des Zweckes von Anfang an eine Würde verliehen, welche mit den ſichtbaren Hülfsquellen in keinem Verhältniß ſtand. Columbus war gewöhnt, die Leidenſchaften zügelloſer Menſchen zu beherrſchen, und da er fühlte, wie wichtig es ſey, dem Gefolge ſeine hohe Stellung und ſeinen Einfluß am Hofe nahe zu legen, ſo hatte er ſich ſoviel als möglich von einem vertrauten Verkehr mit ſeinen Untergebenen fern gehalten und hauptſächlich durch die Pinzons und die übrigen Unterbefehlshaber mit ihnen verhandelt, um ſich nicht eines Theiles je⸗ ner Achtung zu begeben, die, wie er voraus ſah, zu Erreichung ſeiner Zwecke ſo nöthig war. Es bedurfte ſeiner langen Erfahrung nicht, um ihm klar zu machen, daß in einem kleinen Raum zuſammenge⸗ drängte Menſchen nur durch die ſtrengſte Beobachtung der Formen und des Anſtandes in den Schranken, welche ihnen ihre geſellige Stellung und ihr Beruf anwies, erhalten werden konnten, weßhalb er auch auf dieſe wichtigen Erforderniſſe die gehoͤrige Rückſicht 257 genommen und genau vorgeſchrieben hatte, wie der Dienſt an ſeiner eigenen Perſon verſehen und die Achtung ſeiner Würde gehandhabt werden Rüſſe. Dieß iſt eines der größten Geheimniſſe in der Manns⸗ zucht eines Schiffes, denn man kann Diejenigen, welche unfähig ſind, zu denken, durch das Gefühl zur Einſicht bringen, und Niemand zeigt ſich geneigt, den zu verachten, welcher ſich zurück⸗ haltend benimmt und der ihm ſchuldigen Ehrerbietung nichts ver⸗ gibt. Wir ſehen täglich den Einfluß eines Amtes oder eines Titels, und ſelbſt der Unruhigſte unterwirft ſich ihrem Anſehen, obgleich er vielleicht denſelben geſetzlichen Befehlen, wenn ſie aus einer ſcheinbar weniger erhabenen Quelle fließen, Widerſtand entgegen ſetzen würde. „Halte Dich immer in der Nähe meiner Perſon, Sennor Gu⸗ tierrez,“ ſagte der Admiral, indem er ſich des angenommenen Na⸗ mens bediente, welchen Luis unter dem des Pedro de Munnos zu verbergen vorgab— denn er wußte, daß ein Schiff nie ohne Horcher iſt, und hatte die Abſicht, in dem jungen Edlen einen königlichen Kammerherrn vermuthen zu laſſen.„Dieß iſt unſer Poſten, auf dem wir uns großentheils aufhalten müſſen, bis es der heiligen und weiſen Vorſehung Gottes gefällt, uns den Weg nach Cathay zu öffnen und uns an den Thron des Groß⸗Khans zu bringen. Da iſt unſer Curs verzeichnet und in dieſer Richtung habe ich im Sinne, auf dem niebefahrenen Ocean fortzuſteuern.“ Columbus zeigte bei dieſen Worten auf eine Karte, welche über einer Kiſte aufgerollt war, und deutete mit dem Finger ruhig die Linie der beabſichtigten Bahn an. Die Küſte von Europa war in ihren allgemeinen Umriſſen ſo genau darauf verzeichnet, als es die geographiſchen Kenntniſſe jener Zeit geſtatteten, und ein Streifen Land dehnte ſich im Süden bis nach Guinea, hinter welchem für die damalige gelehrte Welt alles eine terra incognita war. Die canariſchen Inſeln und die Azoren, die einige Menſchenalter früher entdeckt worden waren, fanden ſich an den geeigneten Orten, während die weſtliche Seite des atlantiſchen Meers durch eine eingebildete Donna Mercedes. 2te Aufl. 17 Linie, welche die Oſtküſte Indiens oder Cathay's bezeichnen ſollte, durch die Inſel Cipango oder Japan und einen Archipelagus, den man ſich nach den Berichten Marko Polv's und ſeiner Freunde aus⸗ gemalt hatte, begränzt war. In Folge eines glücklichen Mißver⸗ ſtändniſſes war Cipango in einen Breitegrad verſetzt worden, der nahezu mit dem von Washington übereinſtimmte,— alſo ungefähr zweitauſend Stunden öſtlich von der Stelle, wo es ſich wirklich be⸗ findet. Dieſer Irrthum Colon's hinſichtlich der Ausdehnung der Erdoberfläche trug vielleicht am Meiſten dazu bei, das Fehlſchlagen dieſes kühnen Unternehmens zu verhüten. Das erſtemal, ſeit er ſich der Expedition angeſchloſſen hatte, warf Luis mit einiger Neugierde ſeinen Blick auf dieſe Karte und fühlte zugleich in ſeinem Inneren das edle Verlangen erwachen, an der Löſung des Problemes aus Ueberzeugung Theil zu nehmen, während er ſich ſo auf einmal die unberechenbaren Ergebniſſe und die intereſſanten Naturerſcheinungen, welche im Gefolge dieſer Reiſe ſeyn mußten, vergegenwärtigte. „Bei St. Gennaro von Napoli“— rief er, denn die einzige Ziererei, welche ſich in den Gewohnheiten des jungen Edlen kund gab, beſtand in einer Anrufung der Heiligen aus den verſchiedenen Ländern, die er beſucht hatte und in einer Benützung der Flüche und Ausrufungen ferner Gegenden— eine ſehr kurzgefaßte Me⸗ thode, die Welt wiſſen zu laſſen, wie weit man gekommen iſt und welche Bereicherungen des Wiſſens man ſeinen Reiſen verdankt— „bei St. Gennaro, Sennor Don Chriſtoval! dieſe Reiſe wird eine außerordeutlich verdienſtliche ſeyn, wenn wir je den Weg über dieſen großen Waſſergürtel finden,— aber noch weit mehr, wenn wir den Rückweg zu machen im Stande ſind.“ „Die letztere Schwierigkeit iſt es beſonders, welche in dem ge⸗ genwärtigen Augenblick den Sinn der Meiſten in dieſem Schiffe vorzugsweiſe in Anſpruch nimmt,“ antwortete Columbus.„Siehſt Du nicht die ernſten und niedergeſchlagenen Geſichter, Don Luis⸗ 259 und hörſt Du nicht die Jammertöne, die von der Küſte herüber ſchallen?“ Dieſe Bemerkung veranlaßte den jungen Mann, ſeine Augen 4 von der Karte abzuwenden und die Scene rund umher zu betrach⸗ ten. Die Ninna, eine in der That ſehr leichte Felucke, war be⸗ reits unterwegs, und kam unter einem lateiniſchen Fockſegel hart an ihnen vorbei. Ihr zur Seite drängten ſich Boote mit Menſchen gefüllt, von denen Viele die Hände rangen und klägliche Verzweif⸗ lungsrufe laut werden ließen. Die Pinta ſiel eben ab, und obgleich das Anſehen Martin Alonzo Pinzo's die allzuhäufigen Aeußerungen des Schmerzes dämpfte, ſo wimmelte es doch von einem ähnlichen Haufen um ſie her; und was die Santa Maria anbelangt, ſo war ſte gleichfalls durch zahlloſe Kähne umlagert, welche jedoch durch die Würde des Admirals in einiger Entfernung gehalten wurden. Augenſcheinlich glaubten die Zurückbleibenden, ihre ſcheidenden Ver⸗ wandten das Letztemal zu ſehen, während auch kein geringer Theil derjenigen, welche an dieſem Abend ausſegeln ſollten, der Meinung 3 waren, ſie verließen Spanien auf immer. ſ„Haſt Du Dich dieſen Morgen unter unſern Leuten nach Pepe umgeſehen?“ fragte Columbus, welchem jetzt zum erſtenmal der Vorfall mit dem jungen Matroſen wieder in's Gedächtniß kam. ⸗„Wenn er ſeinem Verſprechen nicht Ehre machte, ſo könnten wir — es wohl als eine üble Vorbedeutung nehmen und müßten ein ſorg⸗ — ſames Auge auf unſer Gefolge haben, ſo lange wenigſtens noch 3 die Möglichkeit zu entſchlüpfen vorhanden iſt.“ „Wenn ſeine Abweſenheit eine ſchlimme Vorbedeutung wäre, ſo muß 1 - ſeine Gegenwart wohl als eine gute betrachtet werden. Der wackere Burſche iſt auf der Raa über unſern Köpfen und bindet ein Segel los.“ 2 Columbus blickte auf und ſah in der That den fraglichen jun⸗ 3 gen Matroſen, wie er ſich auf dem äußerſten ſchmalen Ende der t lateiniſchen Raa, welche bei den damaligen Schiffen an den Hin⸗ termaſten angebracht war, wiegte, und im Winde hin und her ſchwankte, während er die Beſchlagſeiſing, welche die Leinwand zuſammenhielt, losmachte. Hin und wieder blickte er nach unten, um ſich zu über⸗ zeugen, daß ſeine Rückkehr bemerkt worden ſey, und ein oder zwei⸗ mal hielt ſeine ſonſt ſo raſche Hand in ihrem Geſchaͤft inne, als er den Spiegel des Schiffes überblickte, wie wenn irgend Jemand auch in dieſer Gegend ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehme. Columbus gab dem vergnügten jungen Matroſen ein Zeichen des Wiedererkennens, worauf Letzterer ſogleich die Leinwand fallen ließ, und von Luis begleitet nach dem Hackebord ging, um ſich zu überzeugen, ob nicht ein Boot in der Nähe des Schiffes ſey. Wirk⸗ lich lag auch dicht an der Santa Maria ein Nachen, der von Mo⸗ nika allein gelenkt wurde und aus Rückſicht für das Geſchlecht ſei⸗ nes Leiters ſoweit hatte nahen dürfen. Sobald Pepe's Weib die Geſtalt des Admirals bemerkte, ſtand ſie von ihrem Sitze auf und ſchlug bittweiſe die Hände gegen ihn zuſammen, als ob ſie, wie⸗ wohl nur furchtſam, den Wunſch hege, ihn zu ſprechen. Columbus gewahrte, daß die Frau durch den Lärm, das Gedränge von Men⸗ ſchen und das Ausſehen des Schiffes, dem ſte faſt ſo nahe war, um es mit den Händen berühren zu koͤnnen— erſchreckt war, und redete ſie an. Er ſprach ſanft, und ſeine gewöhnlich ſo ernſten, bisweilen ſogar ſtrengen Blicke ſänftigen ſich zu einem Ausdruck von Freundlichkeit, den Luis nie vorher bemerkt hatte. „Ich ſehe, daß Dein Gatte ſein Verſprechen gehalten hat, gute Frau,“ ſagte er, und ich zweifle nicht, daß Du ihm geſagt haſt, wie viel beſſer und männlicher es ſey, der Koͤnigin zu dienen, als unter der Schmach eines Ausreißers zu leben.“ „Ich that das, Sennor! Jetzt, da ich weiß, daß Ihr im Dienſte Gottes hinzieht, gebe ich Donna Iſabella meinen Mann ohne Mur⸗ ren, wenn auch nicht mit freudigem Herzen. Ich erkenne die Gott⸗ loſigkeit meines Mißvergnügens und will beten, daß Pepe bei allen Gelegenheiten der Vorderſte ſeyn möge, bis ſich die Ohren der Un⸗ gläubigen den Worten des wahren Glaubens öffnen.“ 261 „Eine ſolche Sprache iſt eines ſpaniſchen und eines chriſtlichen Weibes würdig. Unſer Leben ſteht unter der Hut der Vorſehung, und Du darfſt nicht zweifeln, Pepe geſund und wohlbehalten wie⸗ der zu ſehen, wann er Cathay beſucht und das Seinige zu deſſen Entdeckung beigetragen hat.“ „Ach! Sennor,— wann wird das ſeyn?“ rief das Weib, wel⸗ ches trotz ihrer angenommenen Seelenſtärke und ihrer durch den Glau⸗ ben gekräftigten Gefühle nicht im Stande war, die Regungen der Gattin zu unterdrücken. „Wenn es Gottes Wille iſt, meine gute— wie heißt Du?“ „Monika, Sennor Admiral, und mein Mann heißt Pepe, und mein Knabe, das arme vaterloſe Kind, hat in der Taufe den Na⸗ men Juan erhalten. Wir ſind nicht von mauriſchem Blute, ſondern reine Spanier, und ich bitte Euer Excellenz, ſich deſſen bei Gele⸗ genheiten zu erinnern, wo es ſich um Dienſte von ungewöhnlicher Gefahr handelt.“ „Du darfſt Dich darauf verlaſſen, daß ich für den Vater Dei⸗ nes Juan Sorge tragen werde,“ erwiederte der Admiral lächelnd, obgleich eine Thräne in ſeinen Augen glänzte.„Auch ich laſſe Leute zurück, die mir ſo theuer ſind, als mein eigenes Leben, und unter Andern auch einen mutterloſen Sohn. Sollte unſerem Fahrzeug etwas Schlimmes begegnen, ſo wird Diego eine Waiſe ſeyn, wäh⸗ rend Dein Juan ſich wenigſtens der Sorgfalt und der Liebe Der⸗ jenigen, welche ihn geboren hat, erfreuen darf.“ „Sennor, ich bitte tauſendmal um Verzeihung,“ rief das Weib, tiefgerührt durch das Gefühl, das ſich in der Stimme des Admi⸗ rals kund gab.„Der Menſch iſt ſelbſtfüchtig und vergißt, daß auch Andere Schmerzen haben, wenn er die eigenen zu ſehr fühlt. Geht in Gottes Namen weiter und leiſtet ſeinem heiligen Willen Folge. Nehmet meinen Gatten mit; ich wünſche nur, daß mein kleiner Juan alt genug wäre, um ihn begleiten zu können.“ Monika konnte nicht weiter ſprechen, ſondern wiſchte ſich Thränen aus den Augen und nahm das Ruder auf; der kleine Nachen ſchob ſich langſam vorwärts, als ob das ſeelenloſe Fahr⸗ zeug das Widerſtreben der Hand empfinde, welche es dem Lande zutrieb. Das eben mitgetheilte kurze Geſpräch war mit ſo lauter Stimme geführt worden, daß es von Allen, welche ſich in der Nähe der redenden Perſonen befanden, gehört werden konnte, und als Co⸗ lumbus ſich von dem Nachen abwandte, bemerkte er, daß viele ſei⸗ ner Leute in dem Takelwerk oder auf den Ragen hingen und auf⸗ merkſam auf ſeine Worte gehorcht hatten. In dieſem Augenblicke wurde der Anker der Santa Maria aus dem Grunde gehoben, und der Schnabel des Schiffes begann ſich nach der Richtung des Windes zu neigen. Im nächſten Moment ließ ſich das Schlagen des großen viereckigen Fockſegels, welches damals Fahrzeuge von dieſer Takelage zu führen pflegten, vernehmen, und im Verlaufe der nächſten fünf Minuten ſteuerten die drei Schiffe langſam, aber ſtetig die Strömung des Fluſſes Odiel, in dem ſie vor Anker ge⸗ legen hatten, hinab, um ihren Curs nach einer Sanbbank in der Mündung deſſelben zu verfolgen. Die Sonne war noch nicht auf⸗ gegangen, ſondern ſtieg eben, als die Segel ſich ausſpannten, wie ein feuriger Ball über die Berge Spaniens und vergoldete mit ihrer wehmüthigen Glorie eine Küſte, welche nicht Wenige in den ver⸗ ſchiedenen Schiffen zum letztenmale zu ſchauen füchteten. Viele der Boote folgten den zwei kleineren Fahrzeugen einige Stunden weit, bis ſte die Sandbank von Saltes erreichten, und Manche weilten noch ſo lange, bis die Wellen des athmenden Meeres in ſtärkeren Stößen anprallten und der friſche Weſtwind die Jammernden gegen ihren Willen wieder der Küſte zutrieb. Unterdeſſen bewegten ſich die befreiten Schiffe ſtetig in dem blauen Gewäſſer des endloſen atlantiſchen Weltmeeres, menſchlichen Weſen gleich, welche ihre Be⸗ ſtimmung ſchweigend Geſchicken entgegenführt, die ſich eben ſo we⸗ nig vorausſehen als beherrſchen oder vermeiden laſſen. A————— N 263 Der Tag war ſchöͤn und der Wind ſtark und günſtig. Soweit waren die Vorbedeutungen Glück verkündend, aber eine unbe⸗ kannte Zukunft warf eine Wolke über die Gefühle eines großen Theiles derjenigen, welche in ſo düſterer Unwiſſenheit Alles, was ihnen lieb und theuer war, verlaſſen mußten. Man wußte, daß der Admiral die Abſicht hatte, zuerſt auf die canariſchen Inſeln loszuſteuern, um von dort aus die unbekannten und bisher unver⸗ ſuchten jenſeitigen Bahnen des öden Weltmeers zu befahren. Die Aengſtlichen betrachteten alſo dieſe Inſeln als die Punkte, von wo aus die wirkliche Gefahr beginne, und blickten bereits nach dem Auftauchen derſelben am Horizont unter einer ähnlichen Folter von Gefühlen, mit welcher der Schuldige den Tag des Gerichts, der zum Tod Verurtheilte den Morgen ſeiner Hinrichtung oder der Sünder ſein Sterbelager erwartet. Manche fühlten ſich jedoch über dieſe Schwäche erhaben, da ſie ihre Nerven für die Gefahr geſtählt hatten, obgleich auch ihre Gefühle nicht immer die gleichen waren. Es gab Stunden, wo Hoffnungen und Vorahnungen eines günſtigen Erfolges das ganze Schiffsvolk zu erheitern ſchienen, aber auch wieder Augenblicke, in welchen die Neigung zum Zwei⸗ feln und die Muthloſigkeit faſt allgemein waren. Höchſt wahrſcheinlich gehörte in jener Zeit eine Reiſe nach den canariſchen Inſeln oder den Azoren zu den kühnſten Unter⸗ nehmungen eines Seefahrers. Die Entfernung war freilich nicht ſo groß, als viele der gewöhnlicheren Ausflüge: denn die Schiffe kamen oft, ſogar in derſelben Richtung, bis zum grünen Vorge⸗ birge; aber alle übrigen europäiſchen Fahrten gingen der Küſte ent⸗ lang, und in dem mittelländiſchen Meere fühlte der Matroſe, daß er innerhalb bekannter Gränzen ſegle— ſomit auf keinem Felde ſich umtreibe, das dem menſchlichen Wiſſen ferne war. Auf dem großen Weltmeere dagegen befand er ſich gewiſſermaßen in einer Lage, ähnlich der eines Luftſchiffers, welcher, während er in den höheren Strömungen der Atmoſphäre ſchwimmt, in der Erde unter 264 ſich den einzigen Platz erblickt, wo er ſich niederlaſſen kann, indeß das endloſe Blau eines nie befahrenen Raumes ihn nach allen andern Richtungen umgibt. Die canariſchen Inſeln waren ſchon den Alten bekannt. Juba, der König von Mauritanien, ein Zeitgenoſſe Cäſars ſoll ſie be⸗ reits unter dem allgemeinen Namen der glücklichen Inſeln ziemlich genau beſchrieben haben. Die Schrift ſelbſt iſt verloren gegangen, aber die Thatſache iſt durch das Zeugniß anderer Schriftſteller hergeſtellt, wie wir auch aus denſelben Quellen wiſſen, daß ſich ſchon in jener fernen Periode eine Bevölkerung daſelbſt befand, welche achtungswerthe Fortſchritte in der Civiliſation gemacht hatte. Im Verlaufe der Zeit jedoch, und während der dunkeln Periode, welche dem Glanze der römiſchen Herrſchaft folgte, wurde von den Euro⸗ päern ſogar die Lage dieſer Inſeln vergeſſen, die erſt in der erſten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts von Einigen durch die Mauren hart gedrängten, flüchtigen Spaniern wieder aufgefunden wurden. Später nahmen die Portugieſen— damals die kühnſten Seefahrer der bekannten Welt— von einigen derſelben Beſitz, und benützten ſte als Waſſer⸗ und Proviant⸗Plätze für ihre Entdeckungsreiſen längs der Küſte von Guinea. Als die Spanier die Macht der Moslemim brachen und die Herrſchaft über die Halbinſel wieder gewannen, wendeten ſie ihre Aufmerkſamkeit nochmals nach dieſer Richtung und unterwarfen ſich die Eingeborenen mehrerer andern Inſeln, ſo daß die ganze Gruppe zu der Zeit unſerer Erzählung dieſen zwei chriſtlichen Nationen angehörten. Luis de Bobadilla, der in den nördlichen Meeren mehrere Reiſen gemacht und das mittelländiſche Meer in verſchiedenen Rich⸗ tungen hin und her durchzogen hatte, kannte dieſe Inſeln nur von Hörenſagen. Als er mit Columbus auf der Hiüttendecke ſtand, zeigte ihm dieſer ihre Lage und erläuterte ihren verſchiedenen Cha⸗ racter, wornach er auf ſeine, mit demſelben in Verbindung ſtehenden Abſichten zu ſprechen kam und ſich über das Ergänzungsmaterial⸗ 265 welches dort zu finden war, wie auch über die Bequemlichkeiten, die ſie als Auslaufspunkte darboten, ausließ. „Die Portugieſen haben durch die Benützung dieſer Inſeln als Ergänzungs⸗Poſten für Lebensmittel, Holz und Waſſer großen Vortheil gezogen, und ich ſehe nicht ein, warum Caſtilien jetzt ihr Beiſpiel nicht nachahmen und ſich gleichfalls des Nutzens, den ſie bieten, theilhaftig machen ſoll. Du ſiehſt, wie weit unſere Nach⸗ barn im Süden vorgedrungen find, wie ſehr ſich ihr merkantiliſches Leben entwickelte, und welche Reichthümer in Folge derartiger Unternehmungen nach Liſſabon ſtrömten, obgleich ihre Entdeckungen nur ein Eimer Waſſer in's Meer ſind, in Vergleichung mit den Schätzen von Cathay und den mächtigen Folgen, die aus unſerer Weſtfahrt fließen werden.“ „Glaubſt Du, Don Chriſtoval, daß die Beſitzungen des Groß⸗Khans nicht weiter entfernt ſind, als die Wege, welche die Portugieſen im Süden gemacht haben?“ fragte Luis. Der Seefahrer blickte vorſichtig umher, um zu ſehen, wer etwa ſeine Worte hören könnte; und als er fand, daß Niemand nahe genug war, um ihn, wenn er den Ton ſeiner Stimme dämpfte, vernehmen zu können, ſo antwortete er in einer Weiſe, welche für ſeinen jungen Gefährten ſehr ſchmeichelhaft war: denn ſie bewies, daß der Admiral geneigt ſey, ihn mit der Offenheit und dem Ver⸗ trauen eines Freundes zu behandeln. „Du weißt, Don Luis,“ nahm der Seefahrer wieder auf, „mit weſſen Geiſtes Kindern wir zu verkehren haben, und ich kann ihres Gehorſames nicht gewiß ſeyn, ſo lange wir uns in der Nähe der europäiſchen Küſte befinden; denn gar leicht kann mich eines jener Fahrzeuge zur Nachtzeit verlaſſen, an irgend einem bekannten Geſtade einen Hafen aufſuchen, und ſich mit irgend einer angeblichen Nothwendigkeit rechtfertigen.“ „Martin Alonzo iſt keiner ſo unredlichen und unwürdigen Handlung fäͤhig,“ fiel Luis ein. 266 „Er wird es wenigſtens nicht aus einem ſo niedrigen Beweg⸗ grunde, als die Furcht iſt, thun, mein junger Freund,“ erwiederte Columbus mit einem gedankenvollen Lächeln, welches zeigt, wie richtig er von Anfang an den wahren Character derer, die ſich ihm angeſchloſſen hatten, zu beurtheilen wußte.„Martin Alonzo iſt ein kühner, einſichtsvoller Seefahrer, und wir dürfen in Allem, was Entſchloſſenheit und Ausdauer fordert, gute Dienſte von ihm erwarten. Aber die Augen der Pinzons können nicht immer offen ſeyn, und das Wiſſen aller Weiſen der Erde iſt nicht im Stande, dem gähen Ungeſtüm einer Bande erhitzter Meuterer Widerſtand zu leiſten. Ich bin meiner eigenen Leute nicht ſicher, ſo lange noch die Hoffnung einer leichten Rückkehr vorhanden iſt, und werde daher um ſo weniger Menſchen trauen, die nicht unmittelbar unter meinem Auge und Befehle ſtehen. Aus dieſem Grunde kann ich Deine an mich geſtellte Frage nicht öffentlich beantworten, Luis, da die Entfernung, welche wir zurückzulegen haben, unſere leicht zu beunruhigenden Matroſen in Furcht ſetzen wuͤrde. Du biſt Ca⸗ valier und ein Ritter von anerkanntem Muthe, auf den man ſich verlaſſen kann, weßhalb ich Dir wohl ſagen darf, ohne fürchten zu müſſen, ein unwürdiges Gefühl zu wecken— daß die Reiſe, für die wir nun einmal eingeſchifft ſind, hinſichtlich ihrer Länge ſo⸗ wohl, als wegen der Oede des Weges ſicher auf Erden nie ihres Gleichen hatte.“ „Und doch, Sennor, trittſt Du ſie mit der Zuverſicht eines Mannes an, der gewiß iſt, einen Hafen zu erreichen?“ „Luis, Du haſt meine Gefühle richtig beurtheilt. Die ge⸗ wöhnlichen Befürchtungen eines Hinab⸗ und Wiederhinaufſteigens, der Schwierigkeit einer Rückkehr und des Erreichens eines Randes der Erde, von wo aus man in den leeren Naum abgleiten könnte, ſind weder für mich noch für Dich vorhanden.“ „Bei St. Jago! Sennor Don Chriſtoval, ich habe keine be⸗ ſonders klaren Begriffe über dieſe Dinge. Es iſt wohl wahr, ich 267 habe nie von einem Menſchen gehört, der von der Erde in die Luft hinausgefahren wäre, und es iſt mir nicht ſehr wahrſcheinlich, daß etwas der Art uns und unſere guten Schiffe befallen koͤnnte; aber auf der andern Seite iſt der Beweis einer Kugelgeſtalt der Erde und die Möglichkeit, den Oſten durch eine Weſtfahrt zu erreichen, nur noch Problem. In dieſer Hinſicht verhalte ich mich alſo neu⸗ tral. Aber magſt Du meinetwegen geradezu auf den Mond los⸗ ſteuern, Du wirſt immer Luis de Bobadilla an Deiner Seite finden.“ „Du gibſt Dich für unerfahrener in den Wiſſenſchaften aus, als wahr oder nöthig iſt, tollköpfiger, junger Edler:— doch ſchweigen wir jetzt von dieſem Gegenſtande. Wir werden hinreichend Muße haben, Dich über alle meine verwickelten Folgerungen und geheimen Beweggründe zu belehren. Haben wir nicht aber bereits jetzt ſchon eine wahrhaft himmliſche Ausſicht, Don aiy Ich bin hier auf dem offenen Meere, von zwei Herrſchern mit der Würde eines Vice⸗ königs und Admirals beehrt, mit eine Flotte, welche von Ihren Hoheiten beauftragt iſt, die Kunde von ihrer Macht und ihrem Anſehen bis zu den äußerſten Theilen der Erde zu tragen, und vornemlich das Kreuz unſeres geſegneten Erlöſers vor den Augen der Ungläubigen aufzurichten, die nie ſeinen Namen nennen hörten, oder, wenn er ihnen je zu Ohren kam, ihn ſo wenig verehren, als ein Chriſt vor heidniſchen Götzenbildern knieen würde.“ Er ſprach dieß mit jeuer ruhigen, tiefen Begeiſterung, welche dem ganzen Character des großen Seefahrers eingepflanzt war und ihn hin und wieder in gleichem Grade zum Gegenſtand des Mißtrauens wie der höchſten Achtung machte. Auf Luis, wie überhaupt auf die meiſten Anderen, welche mit dem Manne hin⸗ reichend vertraut waren, um ſeine Beweggründe würdigen und die Redlichkeit ſeiner Geſinnungen richtig beurtheilen zu können— war jedoch ihre Wirkung immer günſtig, und wäre es wohl auch ge⸗ weſen, wenn nie eine Donna Mereedes exiſtirt hätte. Der junge 268 Mann war ſelbſt nicht ganz ohne einen Anflug von Schwärmerei und wußte daher, wie es ſtets bei einfachen und edlen Seelen der Fall i*ſt, am beſten, wie er die Empfindungen von Männern, die ſich ähnli⸗ chen Einflüſſen hingaben, zu betrachten habe. Seine Antwort ſtand daher ganz im Einklang mit den Gefühlen des Admirals, und ſie ver⸗ weilten noch mehrere Stunden auf dem Hüttendecke, wobei ſie mit der Gluth von Leuten, die Alles hoffen, von der Zukunft ſprachen. Dieſes geſchah jedoch in einer zu flüchtigen und allgemeinen Weiſe, um eine Wiedererzählung ihres Dialogs leicht oder nöthig zu machen. Morgens um acht Uhr ſegelten die Schiffe an der Sandbank von Saltes vorbei, und der Tag war bereits weit vorgeſchritten, ehe die Seefahrer die bekannten Höhen bei Palos und die übrigen Umriſſe der Küſte aus dem Geſicht verloren. Der Curs ging nach Süden, und da die Fahrzeuge jener Zeit leicht geſpiert und in Ver⸗ gleichung mit den raſcheren Schiffen unſerer Tage nur wenig mit Segelwerk verſehen waren, ging die Fahrt nur langſam vor ſich, ſo daß ſich kein ſchnelles Ende einer Reiſe erwarten ließ, welche, wie man wohl wußte, länger als irgend eine fry ee war, und, wie Manche befürchteten, vielleicht gar kein En nahm. Zwei See⸗ meilen oder drei engliſche Meilen in einen Stunde, galt in jener Zeit, ſelbſt bei friſchem und günſtigem Winde, für eine große Ge⸗ ſchwindigkeit, obgleich Columbus ſelbſt einige merkwürdige Tag⸗ fahrten aufgezeichnet hat, bei denen ſie an hundert und ſechzig Meilen in vierundzwanzig Stunden ſegelten— augenſcheinlich alſo eine Geſchwindigkeit, auf welche ſich ein Seemann etwas zu Gute thun durfte. Wir brauchen übrigens dem erfahrenen Leſer kaum zu ſagen, daß dieſe Entfernung kaum halb ſo viel iſt als die, welche ein ſchnellſegelndes Schiff unſerer reiſeluſtigen Tage unter ähnlichen Umſtänden zurücklegt. Die Sonne ging auf dieſer berühmten Neiſe unſern Abenteurern zum erſtenmale unter(wir bedienen uns hier der Worte aus Co⸗ lumbus' eigenem Berichte), als ſi etwa eilf Stunden, nachdem ſie 2 die Sandbank verlaſſen hatten, unter ſteifem Winde geſegelt waren. Sie hatten von dem Orte ihrer Ausfahrt an ſtark nach Süden abgehalten, und in dieſer Zeit etwa fünfzig Meilen zurückgelegt. Das Land in der Nähe von Palos war ganz hinter dem Waſſer⸗ ſaume des Oceans verſunken. Da die Küſte ſich gegen Oſten hin⸗ zog, ſo konnten die erfahrenen Augen der älteren Matroſen nur noch hin und wieder die neblichten Gipfel der Berge von Sevilla entdecken, als der glühende Sonnenball in das feuchte Bette des weſtlichen Horizonts hinabſank und ſich ihren Blicken entwand. In dieſem Augenblicke befanden ſich Columbus und Luis wieder auf dem Hättendecke und betrachteten mit wehmüthiger Theilnahme die letzten Schatten des Feſtlandes von Spanien, während zwei Matroſen in ihrer Nähe beſchäftigt waren, ein Tau zu ſpliſſen, welches durch Reibung ſchadhaft geworden war. Die Letzteren ſaßen auf dem Deck, und da ſie aus Achtung vor dem Admiral ſich ein wenig ſeitwärts niedergelaſſen hatten, ſo wurde ihre Anweſenheit im Anfange nicht bemerkt. „Dort taucht die Sonne in die Wogen des weiten atlantiſchen Weltmeeres, Sennor Gutierrez,“ bemerkte der Admiral, welcher ſich ſobald irgend Jemand in der Nähe war, vorſichtigerweiſe ſtets des einen oder des andern der von Luis angenommenen Namen bediente. „Sie verläßt uns dort, Pedro, und in ihrem täglichen Umlauf ſehe ich einen weiteren Beweis für die Kugelform der Erde und für die Wahrheit einer Theorie, welche uns lehrt, daß Cathay durch eine Weſtfahrt zu erreichen ſey.“ „Ich bin ſtets bereit, die Weisheit aller Eurer Plane, Hoff⸗ nungen und Gedanken anzuerkennen, Don Chriſtoval,“ erwiederte der junge Mann, in Sprache ſowohl als Benehmen die Achtung auf's Ziemlichſte beobachtend;„aber ich geſtehe, daß ich nicht einſehe, was der tägliche Umlauf der Sonne mit der Lage von Cathay oder mit dem Wege, der zu demſelben führt, zu thun hat. Wir wiſſen, daß dieſes große Licht den Himmel ohne Unterlaß 270 umwandelt, daß es Morgens dem Meere entſteigt und ſich des Abends wieder in ſein wäſſeriges Bette ſenkt; aber dieß geſchieht an der Küſte von Caſtilien ſo gut, als an der von Cathay, und es ſcheint mir daher, daß keine beſonderen Folgerungen für oder gegen unſere Erwartungen aus dieſem Umſtande gezogen werden können.“ Bei dieſen Worten unterbrachen die zwei Matroſen ihre Arbeit und blickten nach dem Geſichte des Admirals, neugierig, was er antworten würde. Jetzt erkannte Luis in dem einen der Aufhorchen⸗ den unſern Pepe, dem er einen Wink des Erkennens zunickte. Der andere hatte ganz das Aeußere eines befahrenen Seemanns jener Zeit, oder wie man es in den nördlichen Sprachen Europa's nennen würde,„eines ächten Seehundes“— eine Benennung, welche einen Mann bezeichnet, der durch langjährige Gewohnheit mit dem Meere ſo vollkommen eins geworden iſt, daß Außenſeite, Gedanken, Sprache und ſogar die Moral die Farbe dieſer Verbindung tragen. Der Matroſe ſtand den Fünfzigen nahe und war kurz, gedrungen und von eiſenſtarkem aber doch beweglichem Bau. In ſeinen rauhen, ſchwer⸗ fälligen Zügen ſprach ſich übrigens ein Gemiſch von Thieriſchem und Geiſtigem aus, wie man es ſo häufig bei Leuten von natür⸗ lichem Witze und lebhaftem Gefühle findet, wenn ihre Gewohnheiten rauh und ſinnlich waren. Columbus erkannte auf den erſten Blick, nicht nur in des Mannes äußerer Erſcheinung, ſondern auch in ſeiner Beſchäftigung, die von der Art war, wie ſie nur den Geſchickteſten des Schiffsvolks zufällt, den tüchtigen Seemann. „Meine Folgerungen lauten alſo, Sennor,“ antwortete der Admiral, als er ſeinen Blick von den beiden Männern abgewendet hatte:—„da die unendliche Weisheit der göttlichen Vorſehung bei Allem ihre beſtimmten Zwecke hat, ſo macht auch die Sonne nicht ohne zureichenden Grund dieſe Reiſe um die Erde. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ein ſo herrliches und nützliches Licht die Beſtim⸗ mung habe, eine ſeiner Wohlthaten zwecklos zu vergeuden, und wir wiſſen bereits mit Sicherheit, daß Tag und Nacht ſo weit nach 271 Weſten wandern, als die Erde uns bekannt iſt. Ich ziehe hieraus den Schluß, daß das Syſtem harmoniſch ſeyn müſſe, und daß die Wohl⸗ thaten jener großen Scheibe ohne Unterlaß auf Menſchen treffen und ſich an einem andern Orte der Erde ergießen, wenn ſie den einen verlaſſen haben. Die Sonne, welche uns eben unkergegangen iſt, ſcheint noch auf den Azoren und wird auf Smyrna und den griechi⸗ ſchen Inſeln wieder etliche Stunden früher ſichtbar, ehe ſie unſern Augen begegnet. Die Natur hat in ihren Einrichtungen immer die Abſicht des Nutzens; ich glaube daher, daß gerade Cathay durch dieſen eben entſchwundenen Ball beleuchtet werden wird, wenn wir tiefe Nacht haben, und daß ſie in ihrem Gange nach Oſten das große Feſtland von Aſien durchwandelt, um uns am Morgen auf's Neue zu begrüßen. Mit einem Worte, Freund Pedro, was die Sonne gegenwärtig mit ſo geſchäftiger Eile am Himmel vollbringt, ahmen wir im Kleinen mit unſeren Caravelen nach. Nehmen wir uns hin⸗ reichend Zeit, ſo können wir auch über die ganze Erde hinſtreifen und auf unſerer Reiſe das Land der Perſer und Tartaren berühren.“ „Wir haben alſo die Sicherheit des Erfolges unſerer Fahrt rein aus der Annahme einer Kugelform der Erde abzuleiten?“ „Es würde mir Leid thun, Sennor de Munnos, wenn nicht Jeder, der unter meinem Commando ſegelt, dieſe Thatſache zuge⸗ ſtände. Da ſind zwei Matroſen, die unſerem Geſpräche zugehört haben, und wir wollen hören, was Leute, welche an das Meer ge⸗ wöhnt find, für Anſichten von der Sache haben.— Du biſt der Mann, welchen ich letzten Abend am Strande ſprach, und heißeſt Pepe?“ „Sennor Admiral! Euer Exeellenz Gedächtniß erweiſt mir zu viel Ehre, indem es ſich eines Geſichts erinnert, das der Beachtung und Erinnerung doch ſo ganz unwürdig iſt.“ „Es iſt ein ehrliches Geſicht, Freund, und ohne Zweifel auch der Abglanz eines aufrichtigen Herzens. Ich werde auf Dich als auf eine Stütze rechnen, mögen Dinge kommen, welche da wollen.“ „Eure Excellenz hat nicht nur das Recht, als der Admiral 272 Ihrer Hoheiten mir zu befehlen, ſondern Ihr habt jetzt auch Moni⸗ ka's Vertrauen, und das iſt hinreichend, ihren Mann zu binden.“ „Ich danke Dir, ehrlicher Pepe, und ich werde mich in Zu⸗ kunft auf Dich verlaſſen können,“ antwortete Columbus und wendete ſich nun an den andern Matroſen—„und Du, Camerad— Du haſt das Ausſehen eines Mannes, den der Anblick des bewegten Waſſers nicht beunruhigen wird— Du haſt einen Namen?“ „Den habe ich, edler Admiral,“ entgegnete der Burſche und blickte mit der Freimüthigkeit eines Mannes auf, der ſich durch nichts einſchüchtern läßt, wenn es gilt ſein Sprüchlein anzubringen,— „obgleich er nie weder ein Don noch ein Sennor in den Schlepper zu nehmen hatte. Meine Cameraden nennen mich gewöhnlich, wenn ſie Eile haben, Sancho, und wenn ihnen die Zeit einige Höflichkeit erlaubt, ſo fügen ſie noch ein Mundo bei, woraus ſich denn Sancho Mundo bildet— der ganze Name eines ſehr armen Mannes.“ „Mundo iſt ein großer Name für eine ſo kleine Perſon,“ ſagte der Admiral lächelnd, denn er ſah die Nothwendigkeit voraus, ſich unter ſeinem Schiffsvolk Freunde zu gewinnen, und er kannte die Menſchen zu gut, um nicht zu wiſſen, daß einige Herablaſſung immer geeignet iſt, die Herzen zu gewinnen, obgleich es ihm nicht unbekannt war, wie ſehr eine unziemliche Vertraulichkeit die Achtung untergrabe.„Es nimmt mich Wunder, daß Du es wagſt, einen ſo ſtolzen Namen zu führen.“ „Euer Excellenz, ich belehre meine Cameraden, daß Mundo mein Titel und nicht mein Name ſey, und daß ich mich ſogar für größer halten könnte, als Könige zu thun im Stande ſind, die ſich begnügen müßen, ihre Titel von einem Theile deſſen, was mir ganz zugehoͤrt, zu borgen.“ „Und hieß Dein Vater und Deine Mutter gleichfalls Mundo? oder haſt Du dieſen Namen angenommen, nur um Deinen Witz zeigen zu können, wenn Dich Deine Vorgeſetzten darnach fragen?“ „Was die guten Leute anbelangt, welche Ihr einer Erwähnung würdigt, Sennor Don Almirante, ſo muß ich es ihnen überlaſſen, 1g n, 273 für ſich ſelbſt zu antworten, und das aus dem einfachen Grunde, weil ich nicht weiß, wie ſie hießen, oder ob ſie überhaupt einen Namen hatten. Man ſagt mir, ich ſey gefunden worden, als ich nur einige Stunden alt war, unter einem alten Korbe bei dem Schiffdockenthor des alten—“ „Es kümmert wohl Niemand, den Ort ſo genau zu wiſſen. Du wurdeſt in einem Korbe ſtatt in einer Wiege gefunden, und das macht einen ganzen Band in Deiner Geſchichte.“ „Nein, Euer Excellenz, ich moͤchte nicht, daß der Ort einmal Anlaß zu Streitigkeiten gebe— doch ganz nach Eurem Belieben. Man ſagt, Niemand wiſſe hienieden beſtimmt, wohin wir gehen, und ſo wäre es vielleicht geeigneter, wenn ein gleiches Dunkel auch den Ort, woher wir kamen, bedeckte. Aber da ich die Welt vor mir hatte, ſo gaben mir diejenigen, welche mich tauften, ſo viel von ihr, als ſich durch einen Namen bekommen läßt.“ „Du biſt lange zur See geweſen, Sancho Mundo— da Dir einmal Dein Mundo ſo gut gefällt?“ „So lange, Sennor, daß mich ein Gang auf dem feſten Bo⸗ den krank macht und mir den Appetit verderbt. Da ich nun dem Thore nahe genug war, ſo war es vollends leicht, mich in die Docke zu ſetzen, und ſo kam ich eines Tages, Niemand weiß wie, in eine Caravele und mit derſelben auf's Meer. Von dieſer Zeit an habe ich mich meinem Schickſale unterworfen, und wenn ich einmal in einen Hafen gelange, ſo mache ich, daß ich ſobald als möglich wieder fortkomme.“ „Und welchem Zufall habe ich Deine Dienſte bei dieſer Fahrt zu verdanken, guter Sancho?“ „Euer Excellenz, die Obrigkeiten von Moguer nahmen mich in Folge des Befehls der Königin weg, denn ſie mochte wohl denken, dieſe Reiſe ſey mehr nach meinem Sinn, als irgend eine andere, da ſie wahrſcheinlich nie ein Ende nehmen wird.“ „Du biſt alſo ein unfreiwilliger Theilnehmer an dieſem Abenteuer?“ Donna Mercedes. 2te Aufl. 18 274 „Nicht doch, Sennor Don Almirante, obgleich es die, welche mich herſchickten, vielleicht glauben. Es iſt doch ein ganz natür⸗ licher, menſchlicher Wunſch, ſeine Beſitzungen einmal in ſeinem Le⸗ ben zu ſehen, und ich höre, daß wir den Auftrag haben, eine Reiſe nach der andern Seite der Welt zu machen. Wie hätte ich da nicht von einer ſo ſchönen Gelegenheit Gebrauch machen ſollen?“ „Du biſt ein Chriſt, Sancho, und haſt wohl das Verlangen, den Heiden das Evangelium bringen zu helfen?“ 4 „Sennor, Eure Excellenz, Don Almirante— es kümmert Sancho wenig, mit was die Barke beladen iſt, wenn es nur nicht viel zu pumpen gibt und der Knoblauch gut iſt. Wenn ich nicht zu den ganz frommen Chriſten gehöre, ſo liegt die Schuld an den⸗ jenigen, welche mich in der Nähe des Dockenthors fanden, ſintemal Kirche und Taufſtein dieſer Stelle ſo nahe liegen, daß man dort die Bootsmannspfeife hören kann. Ich weiß, der Pepe hier iſt ein Chriſt, Sennor, denn ich ſah ihn auf den Armen des Geiſt⸗ lichen, und ich zweifle nicht, daß es zu Moguer alte Leute gibt, die von mir ein gleiches Zeugniß ablegen können. Jedenfalls wage ich es zu behaupten, edler Admiral, daß ich weder ein Iude noch ein Muſelmann bin.“ „Sancho, Du haſt etwas an Dir, was einen geſchickten und kühnen Seemann vermuthen läßt.“ „Hinſichtlich dieſer beiden Eigenſchaften, Sennor Don Colon, will ich Andere ſprechen laſſen. Eure Augen mögen Euch von der erſten überzeugen, wenn ein Sturm losbricht, und wenn die Cara⸗ vele an den Rand der Erde kommen ſollte, wohin es nach der Meinung Einiger geht— ſo wird es auch Gel'genheit geben, zu zeigen, wer ohne Zittern hinabſehen kann, und wer nicht.“ „Es iſt genug; ich zähle Dich und Pepe unter meine zuver⸗ läßigſten Begleiter.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Columbus, indem er jenen gewohnten, würdevollen Ernſt wieder annahm, welcher vermöge 275 des Eindrucks, den er auf die Gemüther Anderer übte, ſein An⸗ ſehen ſo ſehr unterſtützte. Bald darauf ging er mit Luis in die Cajüte hinunter. „Es wundert mich, Sancho,“ ſagte Pepe, als er mit ſeinem Cameraden allein auf dem Hüttendecke war,„daß Du es wagteſt, ſogar in der Gegenwart eines Mannes, der im Namen der Köni⸗ gin beſiehlt, Deiner Zunge ſo freimüthig den Lauf zu laſſen. Fürchteſt Du nicht, den Admiral zu beleidigen?“ „So iſt's, wenn man Weib und Kind hat! Kannſt Du keinen Unterſchied zwiſchen denen machen, die Vorfahren und Nachkommen haben, und einem Manne, den nichts an die Welt bindet, als ſein Name? Der Sennor Admiral iſt entweder ein ausgezeichnet großer Mann und von der Vorſehung auserkoren, den Weg nach den un⸗ bekannten Meeren, von denen er ſpricht, zu eröffnen, oder er iſt ein hungerleidiger Genueſe, der uns— weiß nicht wo— herum⸗ führt, um mit Anſtand eſſen, trinken und ſchlafen zu können, wäh⸗ rend wir uns hinter ihm her abrackern wie geduldige Maulthiere, welche die Laſt ſchleppen, die das Pferd verachtet. In dem einen Falle iſt er viel zu groß und erhaben, um ein müßiges Wort zu beachten, und in dem andern— was wäre da wohl ſchlimm genug, das ihm ein Caſtilianer nicht ſagen dürfte?“ „Ja, Du nennſt Dich immer gerne einen Caſtilianer, trotz des Dockenthores und des Korbes, und obgleich Moguer in Sevilla liegt.“ „Höre, Pepe, iſt nicht die Königin von Caſtilien unſere Ge⸗ bieterin? und ſind nicht treue und gehorſame Unterthanen— ich meine ſolche, wie Du und ich— ſind nicht ſolche Unterthanen werth, die Landsleute ihrer Königin zu heißen? Entehre Dich nicht ſelbſt, guter Pepe, denn Du wirſt die Welt immer bereit genug finden, Dir einen ſolchen Gefallen zu thun. Was dieſen Genueſen anbelangt, ſo ſoll er entweder Sancho's Freund oder Feind ſeyn: im erſteren Falle erwarte ich viel Tröſtliches von ihm, im letzteren 276 mag er meinetwegen bis zum jüngſten Tage nach ſeinem Cathay jagen, er wird deshalb nicht weiſer werden.“ „Nun, Sancho, wenn Worte eine Fahrt zu Nichte machen, oder fördern können, ſo biſt Du der geſchickteſte Seemann, denn keiner weiß mit der Zunge beſſer fortzukommen, als Du.“ Die Beiden hatten unterdeſſen ihr Geſchäft vollendet, und verließen das Deck, um zu dem übrigen Schiffsvolk hinunter zu gehen. Columbus hatte ſich in ſeinem Zwecke nicht verrechnet, denn ſeine Worte und ſeine Herablaſſung übten unverkennbar einen ſehr günſtigen Einfluß auf den Geiſt Sancho Mundo's— ſo hieß der Mann wirklich, und indem er ſich einen Mann von ſo ſchnellem Witze und ſo freimuͤthiger Zunge zum Freunde ge⸗ wann, ſicherte er ſich einen Verbündeten, der keineswegs zu verachten war. Von ſolchen Werkzeugen und von der Anwendung ſolcher Mittel hängt gar oft der Erfolg einer Unternehmung ab: denn ſogar die Entdeckung einer Welt kann möglicherweiſe einmal auf der Fürſprache eines Mannes beruhen, der vielleicht weniger geeignet iſt, auf die Meinungen einzuwirken, als Sancho Mundo. Fünſzehntes Kapitel. Hält euch ſo des Schlafs Bethörung Während offene Verſchwörung Nimmt die Zeit in Acht? Haltet ihr das Leben werth, Nun ſo rühret euch und hört: Erwacht! Erwacht! Der Sturm. Da der Wind anhaltend günſtig war, ſo ging die Fahrt nach den Canarien raſch von Statten. Beſonders war der Sonntag ein glücklicher Tag, da man an demſelben innerhalb vierundzwan⸗ zig Stunden mehr als hundert und zwanzig Meilen zurücklegte. 277 Der Wind blieb gut, und Montags Morgen am ſechsten Auguſt unterhielt ſich Columbus eben heiter mit Luis und einigen Andern, welche bei ihm auf dem Hüttendecke ſtanden, als man die Pinta plötzlich ihre vorderen Segel einnehmen, und ſchnell, um nicht zu ſagen ungeſchickt, gegen den Wind aufkommen ſah. Dieſes Ma⸗ növer deutete etwas Beſonderes an und die Santa Maria, welche zum Glücke den Vortheil des Windes hatte, hielt auf ſie ab, um Nachfrage anzuſtellen. „Was bedeutet das, Sennor Martin Alonzo?“ rief der Ad⸗ miral, als die Caravelen nahe genug waren, um eine Unterredung möglich zu machen,„warum haſt Du ſo plötzlich in Deinem Curſe inne gehalten?“ „Das Geſchick wollte es ſo, Sennor Don Chriſtoval. Ihr ſeht, daß das Ruder der guten Caravele ausgebrochen iſt, und wir müſſen es wieder feſtmachen, ehe wir uns dem Winde überlaſſen können.“ Eine ſtrenge Wolke umzog die ernſten Züge des großen See⸗ fahrers, und nachdem er Martin Alonzo befohlen hatte, ſein Beſtes zur Ausbeſſerung des Schadens zu thun, ging er in großer Un⸗ ruhe auf dem Decke auf und nieder. Da ſich der Admiral augen⸗ ſcheinlich dieſen Unfall ſehr zu Herzen nahm, ſo gingen die Uebri⸗ gen nach dem untern Deck hinab und ließen Columbus mit dem angeblichen Kammerherrn des Königs allein. „Ich hoffe, Sennor, der Schaden iſt nicht bedeutend, oder nicht von der Art, daß wir dadurch aufgehalten würden,“ ſagte Luis, nachdem er durch eine Pauſe die Achtung, welche Alle in der Nähe des Admirals fühlten, an den Tag gelegt hatte.„Ich kenne den Martin Alonzo als einen tüchtigen Seeman, und er wird wohl Mittel finden, noch nach den canariſchen Inſeln zu gelangen, wo ſogar größere Beſchädigungen Abhülfe finden können.“ „Du haſt recht, Luis, und wir wollen das Beſte hoffen. Es iſt verdrüßlich, daß die See ſo hoch geht und uns hindert, der Pinta Beiſtand zu leiſten. Aber Martin Alonzo iſt in der That 278 ein erfahrener Seemann und wir müſſen uns auf ſeinen Scharfſinn verlaſſen. Meine Sorge hat jedoch einen andern und tiefer liegen⸗ den Grund, als das Loswerden dieſes Ruders, ſo ernſthaft auch ein ſolcher Unfall auf dem Meere für ein Schiff werden kann. Du weißt, daß die Pinta von denen zu Palos zur Strafe früherer Vergehungen für den Dienſt der Königin geſtellt werden mußte, und daß die Caravele ganz gegen den Willen ihrer Eigenthümer weggenommen wurde. Nun ſind aber dieſe, nämlich Gomez, Ras⸗ con und Chriſtoval Quintero auch mit an Bord, und ich zweifle nicht, daß der Unfall der Pinta ein von ihnen angelegter Plan iſt. Sie haben uns durch ihre Kniffe, ſchon ehe wir den Hafen ver⸗ ließen, hingehalten, und ſcheinen dieſelben zu unſerem Nachtheil hier auf dem offenen Meere fortſetzen zu wollen.“ „Bei der Treue, die ich Donna Iſabella ſchuldig bin, Sennor Don Chriſtoval! ich wollte bald eine Kurmethode gegen einen ſol⸗ chen Verrath ausfindig machen, wenn mir die Macht, zu ſtrafen, in die Hand gegeben wäre. Laßt mich in das Boot ſpringen und nach der Pinta hinüber rudern— ich will dieſen Herrn Rascon und Quintero ſagen, daß, wenn ſich ihr Ruder je wieder erkühnt, auszubrechen, oder ein anderer ähnlicher Unfall ſich ereignet, der Eine an der Raa ſeiner eigenen Caravele aufgehängt und der An⸗ dere in das Meer geworfen werden ſolle, um den Grund deſſelben ſammt dem Ruder beaugenſcheinigen zu können.“ „Ich mag meine Gewalt nicht ohne wichtigen Anlaß und eine vollkommene Ueberführung der Schuldigen in Anwendung bringen, und halte es für beſſer, auf den canariſchen Inſeln eine andere Ca⸗ ravele zu ſuchen; denn ich ſehe aus dieſem Vorfall, daß wir der Tücken dieſer zwei Menſchen nicht los werden, bis wir uns das Schiff ſelbſt vom Hals geſchafft haben. Es iſt gefährlich bei ſo hoher See, das Boot auszuſetzen, ſonſt würde ich mich ſelbſt nach der Pinta begeben. Doch da es nun einmal ſo iſt, ſo wollen wir Martin Alonzo und ſeiner Geſchicklichkeit vertrauen.“ Columbus ermuthigte nun die Mannſchaft der Pinta, ſich Mühe zu geben, und nach einigen Stunden waren die drei Schiffe wieder im vollen Zuge nach den canariſchen Inſeln. Ungeachtet dieſer Zö⸗ gerung legten ſie im Laufe des Tages und der Nacht beinahe neun⸗ zig Meilen zurück. Aber am folgenden Morgen brach das Ruder wieder aus, und da der Schaden jetzt bedeutender war, als das vorigemal, ſo wurde auch die Ausgleichung deſſelben um ſo ſchwie⸗ riger. Dieſe wiederholten Unfälle machten dem Admiral großen Kummer, denn er betrachtete ſie als die Ergebniſſe des Mißvergnü⸗ gens ſeiner Begleiter und war daher feſt entſchloſſen, ſich der Pinta zu entledigen, wenn er ein anderes geeignetes Fahrzeug auf den Inſeln finden ſollte. In Folge dieſes Vorfalles wurde die Fahrt ſo verzögert, daß man an dieſem Tage, trotz des fortwährend gün⸗ ſtigen Windes, dem Orte der Beſtimmung nur um etliche ſechszig Meilen näher rückte. Am folgenden Morgen kamen ſich die Fahrzeuge ſo nahe, daß ſie ſich anrufen konnten, bei welcher Gelegenheit eine in den dama⸗ ligen Zeiten übliche ſogenannte Vergleichung der Seemannskunſt unter den verſchiedenen Schiffern oder Piloten ſtatt ſtand, indem Jeder ſeine Anſichten über die Lage der Schiffe ausſprach. Es gehört nicht zu den geringſten Verdienſten Colon's, daß er ſeinen großen Verſuch mit den unvollkommenen Inſtrumenten jener Zeit auszuführen im Stande war. Zwar bediente man ſich des Compaſſes ſchon ſeit einem Jahrhunderte, wenn nicht noch län⸗ ger, allgemein; aber die Abweichungen deſſelben, deren Kenntniß bei langen Seereiſen kaum weniger wichtig iſt, als die Kenntniß des Juſtrumentes ſelbſt, waren damals den Seeleuten unbekannt, da ſie ſich ſelten weit genug von dem Lande weg wagten, um dieſe Geheimniſſe der Natur gewahr werden zu können, und ſich insge⸗ ſammt faſt eben ſo ſehr auf die gewöhnlich ſichtbare Stellung der Him⸗ melskörper, als auf die bündigeren Ergebniſſe der Berechnung ver⸗ ließen, wenn ſie ihren Weg beſtimmen wollten. Columbus bildete 280 jedoch eine merkwürdige Ausnahme in dieſer wenig unterrichteten Klaſſe, denn er hatte ſich diejenigen wiſſenſchaftlichen Hülfsmittel ſeiner Zeit, welche für ſeine Laufbahn nützlich waren, oder ihn in dem großen Plane, für den er allein zu leben ſchien, unterſtützen konnten, vollkommen zu eigen gemacht. Wie zu erwarten ſtand, ſiel die Vergleichung ganz zu Gunſten des Admirals aus, wobei die Piloten zu der Ueberzeugung kamen, daß er allein die wahre Lage der Schiffe kenne— eine Thatſache, welche ſich bald auf's Bündigſte erwies, indem ſich kurz darauf die Bergſpitzen der canariſchen Inſeln in ſüdöſtlicher Richtung über den Saum des Meeres erhoben, wo ſie wie ſcharf begränzte dunkle Wolken den Horizont zu ſäumen ſchienen. Bei durchſichtiger At⸗ moſphäre ſieht man derartige Gegenſtände zur See auf weite Ent⸗ fernungen, und da nun der Wind leicht und veränderlich wurde, ſo konnten die Fahrzeuge Canaria erſt Donnerſtags den achten Auguſt (alſo beinahe eine Woche nach ihrer Ausfahrt von Palos) erreichen. Sie liefen ein und warfen in dem gewöhnlichen Hafen Anker. Columbus ließ ſogleich Nachforſchungen nach einer andern Caravele anſtellen, und da eine ſolche nicht zu finden war, ſegelte er nach Gomera, wo er ein derartiges Fahrzeug leichter zu erhalten hoffte. Während der Admiral in dieſer Weiſe über die Santa Maria und die Ninna verfügte, blieb Martin Alonzo im Hafen, da er wegen des ſchadhaften Zuſtandes der Pinta nicht im Stande war, den bei⸗ den andern Schiffen zu folgen. Aber auch auf Gomera ließ ſich kein geeignetes Schiff auffinden, und Columbus mußte wider ſeinen Willen nach Canaria zurückkehren. Unter andern Kunſtgriffen, die man angewendet hatte, um die Pinta vom Dienſte freizumachen, befand ſich auch der, daß man ſie ſchlecht kalfatert hatte. Colum⸗ bus ließ ſie daher wieder in brauchbaren Stand ſetzen und ſegelte dann zurück nach Gomera, welches der letzte Ausfahrtspoſten in der bekannten Welt werden ſollte. Während dieſer verſchiedenen Wechſelfälle begann ein unzufriedenes 281 Brüten unter dem Matroſen immer weiter zu greifen, und ſelbſt einige Höhergeſtellte waren nicht mehr ganz frei von den ſchwermüthig⸗ ſten Beſorgniſſen über die Zukunft. Als Columbus von Canaria mit allen ſeinen Schiffen nach Gomera ſegelte und ſich wieder mit Luis und ſeinen gewöͤhnlichen Gefährten auf dem Lugaus befand, wurde die Aufmerkſamkeit des Admirals durch ein Geſpräch gefeſſelt, welches unter einer Gruppe von Matroſen, die ſich in der Nähe des großen Maſtes verſammelt hatten, ſtatt fand. Es war Nacht und ziemlich windſtille, weshalb die Stimmen der aufgeregten Spre⸗ cher weiter reichten als ſie ſelbſt glaubten. „Ich ſage Dir, Pepe,“ rief der Lauteſte und Hitzigſte des Hau⸗ fer,„dieſe Nacht iſt nicht dunkler als die Zukunft unſeres Schiffs⸗ volks. Schau nach Weſten— was ſiehſt Du dort? Wer hat je von Land gehört, wenn er einmal die Azoren verlaſſen hat? und wer iſt ſo unwiſſend, um nicht die Thatſache zu kennen, daß die Vorſehung um alles Feſtland Waſſer— in welchen ſich dann nur einige Inſeln als Haltpoſten für Matroſen befinden— hergelegt und jenſeits den großen O. asgevcreitet hat, in der Abſicht den Vorwitz von allem For⸗ ſchen ⸗Dingen abzuhalten, welche mehr nach Wundern, als nach gewöhnloen Welterſcheinungen ſchmecken?“ „Mg jeyn, Pero,“ antwortete Pepe;„aber ich weiß, daß Monika zen Admiral als von Gott geſendet betrachtet, und daß uns ſeine Plane große Entdeckungen erwarten laſſen, vor allem aber ode Ausbreitung der Religion unter den Heiden.“ „Ja, Deine Monika ſollte auf Donna Iſabellas Throne ſitzen, ſo gelehrt und überaus verſtändig iſt ſie in allen Dingen, mögen ſte nun ihre eigenen weiblichen Obliegenheiten oder die Deinigen berühren. Ganz Moguer wird darauf ſchwören, ſie ſey Deine Koͤ⸗ nigin, Pepe, und es gibt ſogar Einige, welche ſagen, ſie möchte eben ſo gerne den Hafen beherrſchen, als Dich.“ „Sprich nichts gegen die Mutter meines Kindes, Pero,“ un⸗ terbrach ihn Pepe zornig.„Ich kann allenfalls Deine thörichten 282 Worte gegen mich noch hinnehmen, aber wer übel von Monika ſpricht, ſoll es in mir mit einem gefährlichen Feinde zu thun haben.“ „Du biſt ein kühner Burſche mit der Zunge, Pero, wenn Du hundert Stunden von Deiner böſen Sieben entfernt biſt,“ ſiel eine Stimme ein, welche Columbus und Luis ſogleich als die Sancho Mundo's erkannten,„und erlaubſt Dir, Pepe wegen Monika's zu ver⸗ höhnen, obgleich wir Alle recht gut wiſſen, wer in einer gewiſſen Hütte commandirt, wo Du Dich ſo zahm benimmſt, wie ein har⸗ punirter Delphin: ſo vorlaut Du Dich auch hier aufführſt. Doch ſey mir ſtille mit Deinem thörichten Gewäaͤſche über die Weiber und laß uns, wenn Du willſt, die Sache vom Standpunkte des See⸗ manns betrachten, ſtatt daß Du Fragen an einen Menſchen, wie Pepe, richteſt, der jedenfalls zu jung iſt, um viel Erfahrung zu haben. Fang an, Burſche! ich will mich von Dir examiniren laſſen.“ „Nun, ſo ſage uns etwas von dieſem Lande jenſeits des großen Oceans, wo nie irgend ein Menſch geweſen iſt und wahrſcheinlich auch nie mit einem Gefolge, wie dieſes, hinkommen wird.“ „Ich will Dir ſagen, Du einfältiger und eitelzüngiger Pero, daß es eine Zeit gab, wo ſelbſt die canariſchen Inſeln unbekannt wa⸗ ren— wo die Matroſen ſich nicht über die Meerenge von Gibraltar hinauswagten, und wo die Portugieſen nichts von ihren Goldminen und von Guinea wußten— einem Lande, das ich ſelbſt beſucht habe, und wo auch der edle Don Chriſtoval geweſen iſt, wie ich mit eigenen Augen ſah.“ „Und was hat Guinea, oder was haben die Minen der Por⸗ tugieſen mit dieſer Weſtfahrt zu thun? Alle Welt weiß, daß es ein Land gibt, welches Afrika heißt; und was iſt daran wohl zu ver⸗ wundern, daß Matroſen ein Land erreichen können, von deſſen Exiſtenz man weiß! Aber wer hat je davon gehört, daß der Ocean noch andere Continente habe? Das kommt mir faſt vor, als wenn Jemand behaupten wollte, der Himmel habe noch andere Erden.“ „Ganz recht, Pero,“ bemerkte ein aufmerkſamer Nebenmann, — u 9G— u—— u= — — ——‿— 6 8 ⁴△ 86 N A&ᷣ NR — 283 „und Sancho wird ſeinen ganzen Witz aufzubieten haben, um dieß zu beantworten.“ „Ja, Denen mag es als recht vorkommen, welche ihre Zun⸗ gen, wie die Weiber bewegen, ohne darüber nachzudenken, was ſie ſagen,“ erwiederte Sancho ruhig;„aber damit reicht man bei Donna Iſabella oder dem Admiral nicht weit. Höre, Pero, Du kömmſt mir wie ein Mann vor, der den Weg zwiſchen Palos und Moguer ſo oft betreten hat, daß er meint, es gebe keinen Weg nach Sevilla oder Granada. Bei allen Dingen muß es einen An⸗ fang geben, und dieſe Reiſe iſt ohne Zweifel der Anfang der Rei⸗ ſen nach Cathay. Wir fahren nach Weſten ſtatt nach Oſten, weil der Weg kürzer, und außerdem der einzige für eine Caravele fahrbare iſt. Nun antwortet mir, Cameraden— iſt ein Fahrzeug, moͤgen Um⸗ fang oder Takelage ſeyn wie ſie wollen, im Stande, über die Berge und Thäler des Feſtlandes zu gehen— ich meine unter ihrer Leinwand, und nach der gewöhnlichen Weiſe des Segelns?“ Sango harrte der Antwort, nnd erhielt das gemeinſame und vollkommene Zugeſtändniß, daß eine ſolche Fahrt unmöglich ſey. „Dann werft morgen Eure Augen auf die Charte des Admi⸗ rals, die er dort im Hüttendecke vor ſich ausgebreitet hat, und ihr werdet ſehen, daß auf jeder Seite des atlantiſchen Meeres von einem Pole bis zum andern Land iſt, was die Schifffahrt in einer andern Richtung als die, welche wir jetzt nehmen, unmöglich macht. Pero's Anſicht ſteht alſo in geraden Widerſpruch mit den natür⸗ lichen Verhältniſſen der Dinge.“ „Dieß iſt ſo wahr, Pero, daß Du wohl das Maul halten darfſt,“ rief ein Anderer, unter Beiſtimmung der Uebrigen. Aber der Mund Pero's war nicht ſo leicht zum Schweigen zu bringen, und wahrſcheinlich würde ſeine Antwort eben ſo ſcharf und unwiderleglich, wie die Sanchos ausgefallen ſeyn, wäre nicht in dieſem Augenblick ein gemeinſamer Ausruf der Beſtürzung und des Schreckens um ihn laut geworden. Die Nacht war hell genug, um die düſteren Umriſſe des Pics von Teneriffa auch in der Ent⸗ fernung deutlich ſichtbar werden zu laſſen, und gerade in dieſem Augenblicke ſchoßen Feuerſtrahlen von ſeiner Spitze in die Höhe und beleuchteten vorübergehend den ungeheuren Bergkegel, der dann wieder— ein Gegenſtand geheimnißvollen Schreckens— in dunkeln Nachtesſchatten verſchwand. Ein Theil der Matroſen fiel auf die Kniee nieder und begann ſeine Roſenkränze zu beten, wäh⸗ rend ſich Alle faſt inſtinktartig bekreuzten. Dann entſtand ein all⸗ gemeines Murren, und in wenigen Minuten traten auch die, welche geſchlafen hatten, in den Kreis ihrer Cameraden und ſahen mit Entſetzen und Beſtürzung auf dieſe Naturerſcheinung. Man be⸗ ſchloß den Admiral auf dieſes ſonderbare Ereigniß aufmerkſam zu machen, und Pero wurde zum Sprecher gewählt. Dieſe ganze Zeit über befand ſich Columbus mit ſeinen Ge⸗ fährten auf dem Hüttendecke, und war, wie zu erwarten ſtund, gleich⸗ falls Zeuge dieſes unerwarteten Wechſels in der äußern Erſcheinung des Pics. Zu einſichtsvoll, um ſich hiedurch beunruhigen zu laſſen, betrachtete er eben mit ſeiner Umgebung das Schaffen des Berges, als Pero, von faſt allen Matroſen des Schiffes begleitet, auf der Schanze erſchien. Alles war ſtille, und Pero brachte nun den Gegenſtand ſeiner Sendung mit einem Eifer vor, der nicht wenig durch ſeine Furcht unterſtützt wurde. „Sennor Admiral!“ begann er,„wir kommen, um Euer Er⸗ cellenz zu bitten, nach dem Pie auf der Inſel Teneriffa zu blicken, wo, wie wir Alle glauben, eben ein feierliches Warnungszeichen gegen die Fortſetzung einer Fahrt in das unbekannte Weltmeer ſichtbar wird. Es iſt in der That an der Zeit, daß die Menſchen ſich ihrer Schwäche erinnern und bedenken, wie ſehr ſie der Güte Gottes zu danken ver⸗ pflichtet ſind, wenn ſogar die Berge Flammen und Rauch ausſpeien.“ „Hat keiner von Euch je das mittelländiſche Meer befahren, oder die Inſel beſucht, über die Don Ferdinand, der geehrte Ge⸗ mahl unſerer Herrin der Königin gebietet?“ fragte Columbus ruhig. R—— 828 n A” R 285 „Sennor Don Almirante!“ erwiederte Sancho haſtig,„ich bin dort geweſen, ſo unwürdig ich auch des Genuſſes eines ſolchen Vortheils erſcheinen mag. Auch habe ich Cyprus, Alexandrien und ſogar Stambul, die Reſidenz des Großtürken geſehen.“ „Nun dann ſahſt Du auch wahrſcheinlich den Aetna, einen Berg, der ohne Unterlaß ſolche Flammen auswirft, und zwar mit⸗ ten in einer Natur und auf einem Schauplatze, denen die Vorſehung mit ungewöhnlicher Güte gelächelt zu haben ſcheint, ſo daß nicht wohl von einem Zürnen die Rede ſeyn kann, wie Ihr Euch ein⸗ bilden mögt.“ Columbus fuhr dann fort, ſeinen Leuten die Urſachen der vul⸗ kaniſchen Erſcheinungen zu erklären, indem er ſich zugleich— hin⸗ ſichtlich der Richtigkeit dieſer ſeiner Angaben— auf die ihn um⸗ gebenden Herren berief. Er ſagte ihnen, daß er dieſen kleinen Ausbruch nur als eine natürliche Erſcheinung betrachte, und daß, wenn dieſes Ereigniß überhaupt eine Vorbedeutung ſey, ſie eher eine günſtige genannt werden könne, da ja die Vorſehung ſelbſt geneigt zu ſeyn ſcheine, ihren Pfad zu erleuchten. Luis und die Uebrigen aus der Umgebung des Admirals miſchten ſich jetzt unter das Schiffsvolk, und ſuchten durch Vernunftgründe eine Beſtürzung zu beſchwichtigen, welche in ihrem Anfang mit ernſtlichen Folgen drohte. Es gelang ihnen für den Augenblick— oder beſſer, es gelang ihnen hinſichtlich der Erſcheinung des Vulkans vollſtändig, obgleich weniger durch die Beweiſe der einſichtsvolleren Officiere, als durch das Zeugniß Sanchos und einiger andern Matroſen, welche bereits ähnliche Scenen geſehen hatten. Mit derartigen Schwierigkeiten hatte der große Mann zu kämpfen, nachdem er Jahre auf Bitten verſchwendet hatte, um die beſchränkten Mittel zu erringen, welche ihn in den Stand ſetzen ſollten, das erhabenſte Ziel, welches je ein Menſchenunternehmen gekrönt hat, zu erreichen! Die Schiffer erreichten nun am zweiten September Gomera, wo 286 mehrere Tage Halt gemacht wurde, um die Ausbeſſerungen zu vervollſtändigen und die Vorräthe vollends einzunehmen, ehe ſie den letzten Punkt der Civiliſation oder, wie man damals glaubte, die Gränzen der bekannten Erde verließen. Die Ankunft eines ſolchen kleinen Geſchwaders hatte in einer Zeit, wo der Communi⸗ kationswege ſo wenige waren und die Ereigniſſe ſich gewöhnlich ſelbſt ankündigen mußten, unter den Bewohnern der verſchiedenen von unſern Abenteurern beſuchten Inſeln großes Auſſehen erregt. Sie hielten beſonders Columbus in hohen Ehren, nicht nur wegen der ihm von zwei Herrſchern übertragenen Stellung, ſondern auch wegen der Größe und des romantiſchen Characters ſeiner Unter⸗ nehmung. Es herrſchte auf Madeira, den Azoren und den canariſchen In⸗ ſeln der allgemeine Glaube, daß im Weſten noch ein Land liege, von dem die Bewohner ſeltſame Vorſtellungen unterhielten, wie der Admiral bei Gelegenheit ſeines zweiten Beſuches auf Gomera ent⸗ deckte. Eine der ausgezeichnetſten Perſonen, welche ſich damals auf der Inſel befanden, war Donna Inez Peraza, die Mutter des Grafen von Gomera. Sie hatte einen Hof um ſich, der nicht nur aus ihrer eigenen Dienerſchaft, ſondern auch aus Leuten beſtand, welche von andern Inſeln hergekommen waren, um ihr ihre Hoch⸗ achtung zu bezeugen. Sie empfing den Admiral auf eine ſeinem hohen Range angemeſſene Weiſe, und geſtattete auch denjenigen Gefährten Colon's, welche der Admiral als dieſer Auszeichnung würdig vorſtellte, den Zutritt zu ihren Zirkeln. Natürlich gehörte auch der angebliche Pedro de Munnos oder Pero Gutierrez unter dieſe Zahl, welche alle diejenigen einſchloß, die in irgend einer Weiſe einer ſo hohen und gebildeten Geſellſchaft Ehre machen konnten. „Ich freue mich, Don Chriſtophoro,“ ſagte Donna Inez Pe⸗ raza bei dieſer Gelegenheit,„daß Ihre Hoheiten endlich Euren Entwurf, dieſes große Problem zu löſen, genehmigt haben, nicht allein um des Ruhmes der beiden Herrſcher, der Wohlfahrt 287 Spaniens, der Intereſſen unſerer heiligen Kirche, die Eurer An⸗ gabe nach bei dem Gelingen ſo ſehr betheiligt ſind— und anderer gewichtigen Rückſichten willen, die bereits zwiſchen uns beſprochen wur⸗ den, ſondern auch wegen der braven Einwohner dieſer glücklichen Inſeln, welche nicht nur viele Ueberlieferungen hinſichtlich des Landes im Weſten beſitzen, ſondern auch ſehr viele Mitbürger zaͤhlen, die es in dieſer Richtung mehr als einmal während ihres Lebens geſehen zu haben glauben.“ „Ich habe davon gehört, edle Dame, und würde für einen Bericht aus dem Munde eines Augenzeugen ſehr dankbar ſeyn, da wir einmal hier beiſammen ſind, um uns über eine Sache, die für uns Alle ſo großes Intereſſe hat, unverholen auszu⸗ ſprechen.“ „Dann, Sennor, will ich dieſen würdigen Cavalier, der in jeder Hinſicht im Stande iſt, die geeignete Auskunft zu geben, erſuchen, für Uns das Wort zu nehmen und Euch wiſſen zu laſſen, was alle Bewohner dieſer Inſeln glauben und was ſo Viele von uns ſelbſt erlebt haben wollen. Ich bitte Dich, Sennor Dama, theile dem Admiral die ſeltſame Erſcheinung mit, welche uns alle Jahre den Anblick eines weit in dem atlantiſchen Meere liegenden unbekannten Landes geſtattet.“ „Recht gerne, Donna Inez, und um ſo lieber, da mich Euer Gnaden dazu auffordern,“ verſetzte der Angeredete, der mit einer Bereitwilligkeit auf dieſes Thema einging, wie ſie Freunde des Wunderbaren gewöhnlich an den Tag zu legen pflegen, wenn ſich Gelegenheit darbietet, einer Lieblingsneigung nachzuhängen.— „Der erlauchte Admiral hat wahrſcheinlich von der Inſel St. Brandan gehört, die achtzig bis hundert Stunden weſtlich von Ferro liegt, und ſchon ſo oft geſehen wurde, ohne daß, wenigſtens in unſeren Tagen, ein Seefahrer je im Stande geweſen wäre, ſie zu erreichen.“ „Ich habe ſchon oft von dieſem fabelhaften Orte gehört,“ . 288 entgegnete der Admiral ernſt,„aber verzeiht mir, wenn ich entgegne, daß es wohl kein Land gibt, welches ein Seemann ſehen und doch nicht erreichen könnte.“ „Nein, edler Admiral,“ fielen ein Dutzend lebhafter Stimmen ein, unter welchen ſich die der Dame ſelbſt gar deutlich vernehmen ließ—„die Meiſten von uns wiſſen, daß es wirklich geſehen wurde; und daß man es nie erreichte, iſt eine Thatſache, welche mehr als ein getäuſchter Pilot bezeugen kann.“ „Was wir geſehen haben, kennen wir, und was wir kennen, muß ſich beſchreiben laſſen,“ entgegnete Columbus feſt.—„Man nenne mir den Längen⸗ und Breitengrad dieſes St. Brandan oder St. Barandon, und in einer Woche werde ich mich von ſeiner Exiſtenz überzeugt haben.“ „Ich verſtehe mich wenig auf Längen⸗ und Breitengrade, Don Chriſtophoro,“ ſagte Sennor Dama;„aber ich habe doch einen kleinen Begriff von ſichtbaren Dingen. Ich habe dieſe Inſel oft, zu verſchiedenen Zeiten, mehr oder weniger deutlich geſehen, und zwar bei dem heiterſten Himmel und bei den Gelegenheiten, wo es nicht möglich war, ſich hinſichtlich ihrer Geſtalt und ihres Um⸗ fanges weſentlich zu täuſchen. Ich erinnere mich ſogar, daß ich einmal die Sonne hinter einem ihrer Berge untergehen ſah.“ „Nun, das wäre deutlich genug, und ein Seeman weiß eine ſolche Ausſage zu reſpektiren. Und doch glaube ich, Sennor, daß das, was Ihr geſehen zu haben glaubt, nur ein Trugbild der Atmoſphäre war.“ „Unmöglich!— unmöͤglich!“ klangen ein Dutzend Stimmen. — Hunderte ſehen jährlich dieſes St. Brandan auftauchen und eben ſo ſchnell und geheimnißvoll wieder verſchwinden.“ „Darin, edle Dame und edler Cavalier, liegt eben der Irrthum, welcher Euch umfängt. Ihr ſeht den Pie das ganze Jahr durch, und wer hundert Meilen noͤrdlich oder ſüdlich, öſtlich oder weſtlich von ihm ſegelt, wird gleichfalls denſelben Anblick haben, wenn 289 die Beſchaffenheit der Atmoſphäre es nicht verhindert. Ein Land, welches Gott einmal geſchaffen hat, wird ſicher an ſeiner Stelle bleiben, wenn es nicht durch irgend eine große Erſchütterung, wie ſie gleichfalls in den Wirken der Vorſehung und den Geſetzen der Natur ihren Grund hat, verrückt wird.“ „Das mag Alles wahr ſeyn, Sennor, und iſt auch ohne Zwei⸗ fel wahr; aber jede Regel hat ihre Ausnahmen. Ihr werdet nicht in Abrede ziehen wollen, daß Gott die Welt auf eine geheimniß⸗ volle Weiſe regiert, und daß ſeine Rathſchlüſſe dem menſchlichen Auge nicht immer einleuchtend ſind. Wie hätte es ſonſt dem Mau⸗ ren geſtattet ſeyn können, ſo lange in Spanien zu herrſchen? War⸗ um find die Ungläubigen bis auf dieſen Augenblick noch im Beſitze des heiligen Grabes? Warum blieben die Herrſcher ſo lange taub gegen Eure wohlbegründeten Wünſche und Bitten, da Ihr doch ihre Banner ſammt dem heiligen Kreuze nach Cathay bringen wolltet? Wer weiß, ob dieſe Erſcheinungen von St. Brandan nicht Winke ſeyn ſollen, um einen Mann wie Ihr bei der Verfolgung eines noch größeren Ziels, als die Erreichung ſeiner Ufer iſt, zu ermuthigen?“ Columbus war ein Schwärmer, aber ſein Enthuſiasmus grün⸗ dete ſich auf ſtete Achtung gegen die anerkannten Geheimniſſe der Religion, zufolge der er— obgleich im Einklange mit einer hohen Verehrung vor der Allmacht Gottes, nur dann ein myſtiſches Wal⸗ ten annahm, wenn es ſich denkbarer Weiſe als eine Beihülfe fur die Ausführung von Rathſchlüſſen der unfehlbaren und ewigen Weisheit betrachten ließ⸗ Wie die Meiſten in jener Periode, glaubte er an neue Wunder, und ſein Vertrauen auf die unmittelbare Wirkſamkeit von Opfern, Bußübungen und Gebeten war ſo ziem⸗ lich— und insbeſondere bei Männern ſeines Berufs— ein allgemei⸗ ner Characterzug der Zeit. Demungeachtet verwarf ſein männlicher Verſtand den Glauben an gewöhnliche Mirakel, und obgleich er auf's innigſte überzeugt war, daß er für das große von ihm unternommene Donna Mercedes. 2te Aufl. 19 290 Werk eigens auserkoren ſey, ſo fühlte er ſich doch nicht zu der Annahme geneigt, daß ein luftiges Inſelbild im Weſten ausge⸗ hängt worden ſeyn könne, um Seeleute zu verſuchen, den Umriſſen eines Schattens bis nach den noch ferneren Gegenden eines Cathay nachzujagen. „Ich fühle die feſte und innige Ueberzeugung, daß mich Gott zu dem demüthigen Werkzeuge auserſehen hat, Europa auf dem Wege einer unmittelbaren Seefahrt mit Aſien in Verbindung zu bringen,“ verſetzte der Seefahrer ernſt, während die Gluth tieflie⸗ gender Begeiſterung aus ſeinem Auge leuchteten. Demungeachtet bin ich aber nicht ſchwach genug, zu glauben, daß unmittelbare Wunder nöthig ſind, um mich auf meinem Wege zu führen. Es ſteht mehr mit dem Wirken der göttlichen Weisheit im Einklang, und iſt gewiß auch für meine Eigenliebe ſchmeichelhafter, wenn Mittel in Anwendung kommen, die ein verſtändiger Seemann ſelbſt aufzu⸗ finden weiß, und die auf Theorien beruhen, welche dem menſchlichen Geiſte Ehre machen. Die ganze Sache war im Anfange nur ein Gedankenblitz, worauf dann durch eifriges Studiren und Nachdenken mein Verſtand erleuchtet wurde, und die Wiſſenſchaft brachte mich endlich zu der Ueberzeugung, welche nöthig war, mich zu wirklichen Schritten zu veranlaſſen und dabei in den Stand zu ſetzen, auch Andere für die Theilnahme an dieſem Unternehmen zu gewinnen.“ „Und handeln alle Eure Begleiter unter demſelben Einfluſſe?“ fragte Donna Inez mit einem Blicke auf Luis, deſſen männliche Anmuth nnd kriegeriſche Haltung bei den meiſten Damen der Inſel Gnade gefunden hatte.—„Sieht Sennor Gutierrez eben ſo hell und hat er auch ſeine Nächte dem Studium geweiht, damit das Kreuz unter den Heiden aufgerichtet und Caſtilien mit Cathay en⸗ ger verknüpft würde?“ „Sennor Gutierrez iſt ein freiwilliger Theilnehmer an dem Abenteuer, Sennora; was aber ſeine Beweggründe anbelangt, ſo mag er ſie ſelber aus einander ſetzen.“ 291 „Dann wollen wir den Cavalier ſelbſt auffordern, uns zu antworten. Dieſe Damen wünſchen zu wiſſen, was einen Mann, der gewiß an Donna Iſabella's Hof und in den mauriſchen Krie⸗ gen ſchon ſein Glück gemacht haben würde, veranlaſſen konnte, ſich einer ſolchen Fahrt anzuſchließen?“ „Die Kriege gegen die Mauren ſind zu Ende, Sennora,“ er⸗ wiederte Luis lächelnd, und Donna Iſabella, nebſt allen Damen ihres Hofes, ſieht es gerne, wenn junge Männer muthig genug ſind, dem Intereſſe und dem Ruhme Caſtiliens zu dienen. Ich ver⸗ ſtehe mich gar wenig auf Theorien und kann noch viel weniger auf die Gelehrſamkeit eines Geiſtlichen Anſpruch machen: aber es kömmt mir vor, als ſähe ich Cathay wie einen leuchtenden Stern am Himmel vor mir glänzen, und ich bin bereit, Leib und Leben an ſeine Auffindung zu ſetzen.“ In dem Kreiſe der ſchönen Zuhörerinnen ließ ſich mancher kurze Ausruf der Bewunderung vernehmen, denn der Muth gewinnt immer leicht Beifall, wenn ihm Jugend und ein gefälliges Aeu⸗ ßere zur Seite ſtehen. Bei Columbus, einem alten verwitterten Seemann, ſchien der Entſchluß, ein Leben, das bereits zur Neige ging, an den raſchen Verſuch einer Ergründung der Geheimniſſe des großen Weltmeers zu wagen— lange nicht ſo kühn und lo⸗ benswerth; deſto höher ſchlug man aber den Werth eines Mannes an, der eben erſt ſeine Laufbahn unter ſcheinbar ſo günſtigen Aus⸗ ſichten antrat und nun alle ſeine Hoffnungen auf den ungewiſſen Erfolg eines ſo ungewöhnlichen Planes ſetzte. Luis war entzückt von der Bewunderung, welche ſo viele ge⸗ fühlvolle junge Weſen augenſcheinlich ſeiner Entſchloſſenheit zollten, als ihn auf einmal Donna Inez ſehr zur ungelegenen Zeit und auf eine Weiſe, welche ſeine Eigenliebe nicht wenig verletzte, aus dieſem Glückstaumel weckte. „Solche Beſchäftigungen ſind in der That ehrenvoller als die, welche man— Briefen aus Sevilla zu Folge— einem Jüngling 292 zur Laſt legt, der einem der erſten unſerer caſtilianiſchen Häuſer angehört und den ſeine hohe Stellung ſchon veranlaſſen ſollte, einem Namen, auf den Spanien ſo lange ſtolz geweſen iſt, neuen Glanz zu verleihen!“ begann Sennora Peraza.„Die Berichte ſprechen wohl von ſeiner Wanderluſt, aber in einer Weiſe, die ſeines Ran⸗ ges ganz unwürdig iſt und die eben ſo wenig den Herrſchern, als dem Vaterlande oder ihm ſelbſt zu Statten kommt.“ „Und wer mag dieſer irregeleitete junge Mann ſeyn, Sen⸗ nora, fragte Luis haſtig, denn er ſchwamm zu ſehr in dem Ver⸗ gnügen, welches die von ihm erregte Bewunderung erzeugt hatte, um die Antwort ahnen zu können.—„Ein ſolcher Cavalier ſollte auf ſeinen Ruf aufmerkſam gemacht und zu würdigeren Beſchäf⸗ tigungen ermuntert werden.“ „Sein Name iſt kein Geheimniß, denn der Hof ſpricht offen von der ſeltſamen und anſtößigen Richtung, welche er verfolgt, ob⸗ gleich ſie dem Vernehmen nach auch den zarteren Neigungen ſeines Herzens ſehr im Wege ſteht. Ich meine einen Capvalier von vor⸗ nehmer Abkunft und nicht unbedeutendem Namen, nämlich Don Luis de Bobadilla, den Grafen von Llera.“ Das Sprichwort ſagt, daß Lauſcher ſelten etwas Gutes von ſich ſelbſt hören, und Luis war nun beſtimmt, die Richtigkeit dieſes Satzes erfahren zu müſſen. Er fühlte, wie ihm das Blut nach dem Geſichte ſchoß, und mußte ſich keinen geringen Zwang an⸗ thun, um nicht in Ausrufungen auszubrechen, in denen, wenn es ihm nicht glücklicherweiſe gelungen wäre, dieſe plötzliche Aufregung zu erdrücken— die Hälfte der Namen aller Heiligen, von denen er je gehört hatte, vorgekommen wäre. Er ſchlang jedoch die Worte, die er eben auf der Zunge hatte, hinunter und blickte mit einer herausfordernden Miene um ſich, als ſuche er das Geſicht irgend eines Mannes, der es wage, bei dem eben Geſprochenen auch nur zu lächeln. Zum Glücke hatten ſich jedoch alle anweſenden Männer um Columbus in eifrigem Geſpräche über das wahrſcheinliche 293 Vorhandenſeyn der Inſel von St. Brandan verſammelt, und Luis begegnete nirgends einem Lächeln, um deßwillen er füglicherweiſe hätte Streit anfangen können,— wenn es je von einem männlichen Gegner ausgegangen wäre. Zudem veranlaßte auch das zartere Gefühl, welches die Herzen jugendlicher Damen ſo oft erfüllt, eine von Donna Inez's ſchönen Gefährtinnen, in einer Weiſe zu ſprechen, welche die Empfindungen unſeres Helden wieder ungemein beruhigte. „Es iſt zwar wahr, Sennora,“ erwiederte die junge ſchone Für⸗ ſprecherin, und ſchon die erſten Töne ihrer Stimme hatten die Wirkung, den Sturm, der ſich in der Bruſt des jungen Mannes erhoben hatte, wieder zu beſchwichtigen—„es iſt zwar wahr, Sennora, daß man Don Luis nachſagt, er ſey ein wanderluſtiger Menſch, von gar unſtetem Weſen; wir hören aber auch zu gleicher Zeit, daß er ein vortreffliches Herz habe, daß er großmüthig ſey, wie der Thau des Himmels ſelbſt und daß er die beſte Lanze in Caſtilien führe, wie er auch wahrſcheinlich deſſen ſchönſte Jungfrau heimführen wird.“ „Was hilft alles Predigen der Geiſtlichen und alles Zürnen der Eltern, Sennor de Munnos,“ ſagte Donna Inez lächelnd,—„ſo lange Schoͤnheit und Jugend den Muth, den Waffenruhm und eine offene Hand höher anſchlagen, als die ſtillen Tugenden, welche die heilige Religion empfiehlt und welche ihre Diener ſo eifrig einſchär⸗ fen. Einige Ritter im Turnier aus dem Sattel zu heben und eine durchbrochene Schwadron unter dem Angriff der Ungläubigen wieder zu ſammeln, gilt für mehr, als Jahre der Mäßigkeit und Wochen der Buße und des Gebetes.“ 3 „Wie können wir wiſſen, daß der Cavalier, deſſen Ihr er⸗ wähntet, Sennora, nicht auch ſeine Wochen der Buße und ſeine Stunden des Gebets hat?“ antwortete Luis, der nun ſeiner Stimme wieder Herr geworden war.—„Sollte er ſo glücklich ſeyn, ſich des Rathes eines gewiſſenhaften Beichtvaters zu erfreuen, ſo kann er beidem kaum entweichen, da das Gebet ja ſo oft als Bußübung auferlegt wird. Er ſcheint übrigens ein miſerabler Burſche zu 294 ſeyn, und es wundert mich nicht, daß ſeine Gebieterin ihn ſo gar wohlfeil gibt. Iſt des Namens der Dame in Euren Briefen auch erwaͤhnt?“ „Allerdings! Es iſt Donna Maria de las Mercedes de Val⸗ verde, eine nahe Verwandte der Guzmans und anderer großen Häuſer; dazu eine der ſchönſten Jungfrauen von Spanien.“ „Das iſt ſie;“ rief Luis„und auch eine der tugendhafteſten: denn ſie iſt eben ſo edel und weiſe als ſie ſchön iſt.“ „Wie, Sennor! iſt es möglich, daß Ihr eine ſo hochgeſtellte Dame genau genug kennt, um ſo entſchieden von ihren Eigenſchaf⸗ ten und ihrem Aeußern ſprechen zu können?“ „Ihre Schoͤnheit habe ich geſehen und von ihren Vorzügen ſpricht alle Welt. Aber, Sennora, meldet Euer Correſpondent nicht, was aus dem unglücklichen Liebhaber geworden iſt?“ „Es heißt, er habe Spanien wieder verlaſſen, was, wie man glaubt, von den Herrſchern ſehr ungnädig aufgenommen wurde, denn die Königin ſoll nie ſeines Namens mehr erwähnen. Man weiß nicht, welchen Weg er genommen, aber wahrſcheinlich ſtreift er wieder auf den Meeren herum, um, wie gewöhnlich, in den Häfen des Oſtens gemeine Abenteuer aufzuſuchen.“ Die Unterhaltung ging nun auf andere Gegenſtände über und bald nachher kehrte der Admiral mit ſeinen Begleitern nach ihren verſchiedenen Schiffen zurück. „In der That, Sennor Don Chriſtoval,“ ſagte Luis, als er allein mit dem Seefahrer dem Geſtade zuging,„Niemand kann wiſſen, ob er einen Ruf hat oder nicht. Ich bin zwar nur ein unbedeutender Seemann und kein Pilot, aber doch muß ich finden, daß meine Heldenthaten auf dem Meere allenthalben bekannt ſind. Wenn Euer Exeellenz durch die gegenwärtige Fahrt nur halb ſo berühmt wird, als ich es bereits bin, ſo habt Ihr allen Grund zu glauben, daß die Nachwelt Euren Namen nie vergeſſen wird.“ „Es iſt ein Zoll, den die Großen für ihre Stellung abtragen 295 müſſen, Luis,“ verſetzte der Admiral,„daß man über alle ihre Handlungen ſich Bemerkungen erlaubt und daß ſie nur wenig thun können, was unbeachtet bliebe oder der Tadelſucht entginge.“ „Es würde eben ſo gut ſeyn, Sennor Admiral, auch noch Herzloſigkeit, Verläumdungen und Lügen in die Wagſchale zu legen, denn alles dieſes gehört noch mit zu Eurer Liſte. Muß es einen nicht ärgern, daß ein junger Mann nicht einmal zu Erweite⸗ rung ſeiner Kenntniſſe ein paar fremde Länder beſuchen kann, ohne daß die Schwätzer Caſtiliens ihre Briefe an die Schwätzer der canariſchen Inſeln mit Ergießungen über ſein Treiben und ſeinen Werth füllen? Bei allen Märtyrern des Morgenlandes! wenn ich Königin von Caſtilien wäre, ſo würde ich das Briefſchreiben über anderer Leute Thun verbieten; ja ich weiß nicht, ob ich den Weibern nicht das Briefſchreiben ganz und gar unterſagte.“ „In dieſem Falle, Sennor de Munnos, könnte Dir nie das Vergnügen zu Theil werden, eine Nachricht von der ſchönſten Hand in Caſtilien zu erhalten.“ „Ach ich meine nur das Schreiben von Weibern an Weiber, Don Chriſtoval. Ohne allen Zweifel ſind Briefe, welche edle Jungfrauen in der Abſicht ſchreiben, die Herzen ihrer Anbeter zu erfreuen und ſie zu ritterlichen Thaten zu ermuntern, ganz am Orte, und nimmer mögen die Heiligen den Elenden erhören, der ſie verbieten oder etwas dagegen einwenden wollte. Nein, Sennor, ich hoffe, das Reiſen hat mich wenigſtens weitherzig gemacht, indem es mich über die beſchränkten Provinz⸗ und Städtevorurtheile erhob, und es fällt mir nicht von weitem ein, Briefen von Damen an ihre Ritter, von Eltern an ihre Kinder,⸗ oder auch von Weiber an ihre Gatten ein Ende zu wünſchen. Wenn ſich aber ein paar Plauder⸗ taſchen brieflich mit einander unterhalten, Sennor Admiral, ſo ver⸗ abſcheue ich ein ſolches Geſchreibſel eben ſo ſehr, als der Vater der Suünden dieſe unſere Expedition verabſcheuen mag.“ „Es iſt in der That eine Expedition, über die er keinen be⸗ Dom Joao's Bereitwilligkeit, Zuüͤge unternehmen zu laſſen.“ 296 ſondern Grund hat, ſich zu freuen,“ antwortete Columbus lächelnd, „da das Licht der Offenbarung und der Triumph des Kreuzes eine Folge davon ſeyn wird.— Doch was iſt Dein Wunſch, Freuud? Du ſcheinſt auf mich zu warten, um Dein Herz von irgend etwas zu befreien. Dein Name iſt Sancho Mundo, wenn ich mich Deines Geſichtes recht erinnere?“ „Sennor Don Almirante! Euer Gedächtniß hat ſich nicht getäuſcht!“ erwiederte die angeredete Perſon.„Ich bin Sancho Mundo, wie Euer Excellenz ſagte, den man zuweilen auch Sancho vom Schiffsdockenthor nennt. Ich wünſche Euch Einiges über das Schickſal unſerer Reiſe mitzutheilen, wenn anders Ihr es paſſend findet, edler Sennor, mich an einem Orte anzuhören, wo keine Ohren gegenwärtig find, denen ihr nicht trauen dürft.“ „Du kannſt hier offen ſprechen; dieſer Cavalier iſt mein Ver⸗ trauter und mein Sekretär.“ „Es iſt nicht nöthig, einem ſo großen Piloten, wie Euer Excellenz iſt, ſagen zu wollen, wer der König von Portugal iſt und wie ſich die Seeleute von Liſſabon ſchon ſeit vielen Jahren umgethan haben, da Ihr dieſes Alles beſſer wißt als ich. Ich will daher nur beifügen, daß ſie alle unbekannten Länder für ſich ſelbſt entdecken möchten und Andere ſo viel wie möglich zu hindern ſuchen, ein Gleiches zu thun.“ „Dom Joao von Portugal iſt ein ſehr hellblickender Fürſt, Burſche, und Du würdeſt wohl thun, ſeinen Rang und ſeinen Cha⸗ racter zu achten. Seine Hoheit iſt kein engherziger Herrſcher, und hat manchen ſchönen Zug von ſeinen Häfen ausgehen laſſen.“ „Das that er, Sennor, und dieſer Letzte iſt nicht der unbe⸗ deutendſte— hinſichtlich des Planes und der Abſicht nämlich,“ ant⸗ wortete Sancho mit einem ironiſchen Blick auf den Admiral, wel⸗ cher bewies, daß er etwas im Rückhalt habe, was er nicht ohne einige Umſchweife anzubringen Willens ſey.„Niemand zweifelt an 297 „Du haſt irgend etwas erfahren, Sancho, was vielleicht für mich wiſſenswerth iſt. Sprich offen und verlaß Dich darauf, daß ich derartige Dienſte ganz nach Würden belohnen werde.“ „Wenn Eure Excellenz Geduld haben will, mich anzuhören, ſo will ich die ganze Geſchichte mit allen Einzelnheiten und Be⸗ ſonderheiten geben, ſo daß nichts unberührt bleibt und Alles ſo offen daliegen ſoll, wie es das Herz nur wünſchen oder ein Prie⸗ ſter im Beichtſtuhl verlangen kann.“ „Sprich, Niemand wird Dich unterbrechen. Je offener Du biſt, deſto ſchöner ſoll Deine Belohnung ſeyn.“ „Nun denn, Sennor Don Almirante! Ihr müßt wiſſen, daß ich vor ungefähr eilf Jahren eine Reiſe von Palos nach Sicilien machte. Ich fuhr in einer Caravele, die den Pinzons gehörte— nicht dem Martin Alonzo, der die Pinta commandirt und unter Euer Excellenz Befehlen ſteht, ſondern einem Vetter ſeines ſeligen Vaters, der beſſere Fahrzeuge bauen ließ, als wir in dieſen Tagen der Uebereilung erlangen konnten, wo die Taue vermürbt, und die Schiffe ſchlecht calfatert ſind, der Weiſe gar nicht zu gedenken, in welcher das Segeltuch—“ „Ei! guter Sancho,“ fiel der ungeduldige Luis ein, welchem noch immer die Bemerkungen von Donna Inez's Correſpondenten wurmten—„Du vergiſſeſt, daß die Nacht anrückt, und das Boot auf den Admiral wartet.“ „Wie ſollte ich das vergeſſen, Sennor, da ich die Sonne eben in's Waſſer tauchen ſehe und obendrein ſelbſt zu dem Boote gehoͤre, welches ich nur verließ, um dem edlen Admiral das mitzutheilen, was ich ihm zu ſagen habe.“ „Ich bitte Dich, Don Pedro, laß den Mann ſeine Geſchichte in ſeiner eigenen Weiſe erzählen,“ bemerkte Columbus.„Man gewinnt nichts dabei, wenn man einen Seemann aus ſeinem Concepte bringt.“ „Nein, Euer Excellenz, eben ſo wenig, als wenn man ein Maulthier ſpornt. Wie geſagt alſo— ich fuhr nach Sicilien 298 und hatte da einen Cameraden— er hieß Joſe Gordo; ein gebor⸗ ner Portugieſe, aber ein Mann, dem die Weine Spaniens lieber waren, als die Krätzer ſeines eigenen Landes, weßhalb er meiſtens auf ſpaniſchen Schiffen diente. Trotz dem konnte ich doch nicht recht klug werden, ob es Joſe im Herzen mehr mit den Portu⸗ gieſen oder den Spaniern hielt, obgleich er jedenfalls kein beſonders eifriger Chriſt war.“ „Wir wollen hoffen, daß er ſich jetzt gebeſſert hat,“ ſagte Colum⸗ bus ruhig. Ich ſehe voraus, daß Du mit einem Zeugniß dieſes Joſe anrücken willſt, aber ich muß Dir ſagen, daß ich einen ſchlechten Chriſten auch für einen unzuverläſſigen Zeugen halte. Sage daher raſch, was er Dir mitgetheilt hat, damit ich den Werth ſeiner Worte ſelbſt beurtheilen möge.“ „Nun wer daran zweifelt, Euer Excellenz werde Cathay nicht entdecken, iſt ein Ketzer: denn ich ſehe, daß Ihr mein Geheimniß weg hattet, ehe ich Euch ein Wort davon ſagte. Joſe iſt eben in der Felucke, welche neben der Santa Maria liegt, angelangt, und als er hörte, daß ſich bei der Mannſchaft unſerer Expedition auch ein gewiſſer Sancho Mundo befinde, ſo kam er eilig an Bord, um ſeinen alten Schiffsmaten zu beſuchen.“ „Dieß iſt alles ſo einfach, daß es mich Wunder nimmt, wie Du es des Erzählens werth halten kannſt, Sancho; aber nun wir ihn ſicher am Borde des guten Schiffes untergebracht haben, ſo können wir wohl ohne Umſtände auf den Gegenſtand ſeiner Mit⸗ theilungen übergehen.“ „Das können wir, Sennor, und ſo will ich denn ohne weitere Zögerung ſagen, daß beſagte Mittheilung Dom Joao von Portugal, Don Ferdinand von Aragon, Donna Jſabella von Caſtilien, Eure Excellenz, Sennor Don Almirante, Don Sennor de Munnos hier und mich ſelbſt berührt.“ „Das iſt eine ſeltſame Geſellſchaft, rief Luis lachend, indem er dem Matroſen eine Piſtole in die Hand gleiten ließ,„vielleicht 299 iſt aber dieß im Stande, die Geſchichte dieſer ſonderbaren Verbin⸗ dung abzukürzen.“ „Eine zweite würde die Erzählung auf einmal zu Ende bringen, Sennor. Die Wahrheit zu geſtehen, Joſe iſt dabei im Hinterhalt, und da er mir ſagte, ſeine Neuigkeiten dürften wohl eine Dublone werth ſeyn; ſo möchte es ihm wohl nicht beſonders gefallen, wenn er erführe, ich hätte meine Haͤlfte daran empfangen, während die Seinige noch unbezahlt iſt.“ „Nun ſo mag ihn das beruhigen,“ ſagte Columbus, indem er eine ganze Dublone in die Hand des ſchlauen Burſchen fallen ließ, denn der Admiral bemerkte, daß dieſer wirklich etwas von Wich⸗ tigkeit mitzutheilen habe.„Du kannſt Joſe zu Deinem Beiſtand herbei rufen und dich auf einmal Deiner Bürde entledigen.“ Sancho that, wie ihm befohlen wurde, und ehe eine Minute verging, hatte Joſe ſich vorgeſtellt, ſeine Dublone empfangen, ſie auf dem Finger gewogen und in der Taſche verſorgt, worauf er ſeine Erzählung begann. Im Gegenſatze mit dem verſchmitzten Sancho trug er ſeinen Bericht raſch vor, begann an dem rechten Ende, und hörte auf zu ſprechen, ſobald er nichts mehr mitzutheilen wußte. Das Weſent⸗ liche ſeiner Erzählung läßt ſich kurz angeben. Joſe kam von Ferro, und hatte dort drei bewaffnete Caravelen unter portugieſiſcher Flagge geſehen, die zwiſchen den Inſeln unter Umſtänden kreuz⸗ ten, welche die Abſicht eines Abfangens der caſtilianiſchen Expedi⸗ tion nicht verkennen ließen. Da der Mann ſich auf einige Rei⸗ ſende berief, welche mit ihm gelandet hatten und ſeine Angaben beſtätigen konnten, ſo begaben ſich Columbus und Luis unmittelbar nach den Wohnungen dieſer Perſonen, um auch ihre Ausſagen zu vernehmen. Es erwies ſich hieraus, daß der Matroſe nur die Wahrheit geſagt hatte. „Von allen Schwierigkeiten und Verlegenheiten, Luis,“ be⸗ gann der Admiral, als die Beiden endlich dem Ufer zugingen,„iſt 300 dieſe bei weitem die ernſtlichſte. Die verrätheriſchen Portugieſen können uns entweder ganz aufhalten oder doch unſern Schiffen folgen, und dann werden Leute, die nicht einmal Verſtand und Unternehmungsgeiſt hatten, die Gabe, als ſie ihnen auf's ſchönſte angeboten wurde, hinzunehmen— unſere Lorbeern erndten und ſich den ſo wohl verdienten Lohn unſerer Mühen und Gefahren an⸗ maßen oder uns doch denſelben ſtreitig machen.“ „Dom Joao von Portugal müßte, um dieß zu erzielen, noch beſſere Ritter geſendet haben, als die Mauren von Granada,“ antwortete Luis, der den Haß der Spanier gegen ihre Nachbarn auf der Halb⸗ inſel theilte.„Man ſagt, er ſey ein kühner und gelehrter Fürſt, aber die Beglaubigung und die Flaggen der Herrſcherin von Ca⸗ ſtilien dürfen nicht geringſchätzig behandelt werden, am allerwenig⸗ ſten hier, mitten in ihren eigenen Inſeln.“ „Wir find den Streitkräften, welche gegen uns ausgeſendet wurden, wahrſcheinlich nicht gewachſen. Man kennt die Zahl und die Größe unſerer Schiffe, und zweifelsohne haben die Portugieſen die nöthigen Mittel aufgeboten, um ihre Abſichten, welcher Art ſie nun ſeyn mögen, auch auszuführen. Ach, Luis, mein Schickſal iſt ſchwer geweſen, obgleich ich demüthig hoffe, daß das Ende mich für Alles entſchädigen wird. Jahre lang bat ich den Portugieſen, dieſes Un⸗ ternehmen ehrlich zu unterſtützen und das in Ausführung zu brin⸗ gen, was unſere gnädigſte Herrſcherin, Donna Jſabella, jetzt ſo vertrauensvoll begonnen hat; man hörte aber auf meine Bitten und Gründe mit gleichgültigem Ohre; ja man wies ſie ſogar mit Hohn und Verachtung zurück, und nun ich mich kaum eingeſchifft habe, um die von ihnen ſo oft verlachten Entwürfe in Ausführung zu bringen, ſuchen ſie meine Mühe durch Gewalt und Verrath zu vereiteln.“ „Edler Don Chriſtoval, ehe ihnen dies gelingen ſoll, wollen wir wie Caſtilianer ſterben.“ „Unſere einzige Hoffnung beruht auf einer ſchleunigen Abfahrt. u&—— 301 Dank ſey es der Thätigkeit und dem Eifer Martin Alonzo’s— die Pinza iſt ſegelfertig, und wir können Gomera mit dem Anbruch des Morgens verlaſſen. Ich zweifle, ob ſie kühn genug ſind, uns in das bahnloſe, unbekannte Atlantiſche Weltmeer ohne einen ande⸗ ren Führer, als ihr eigenes armſeliges Wiſſen, zu folgen, und wir wollen daher mit der wiederkehrenden Sonne aufbrechen. Alles hängt jetzi davon ab, daß wir unbemerkt von den canariſchen In⸗ ſeln vegkommen.“ Sie jatten ietzt das Boot erreicht und befanden ich bald am Borde der Santa Maria. Die Spitzen der Inſeln thürmten ſich wie düſtere Schatten in der Atmoſphäre, und bald nachher erſchie⸗ nen die Caravelen wie dunkle, formloſe Flecken auf dem unruhigen Meere, das ihre Rumpfe beſpülte. Sechszehutes Kapitel. Sie dachten wenig, welch ein reiner Schimmer Nach Jahren dieſen hehren Tag umfienge; Daß in der Liebe ſtürb' ihr Name nimmer, Und daß ſo weit der Söhne Herrſchaft dringe. Bryant. Die nun folgende Nacht entſchwand den Abenteurern in ſehr verſchiedenen Gefühlen. Sobald Sancho ſeine Belohnung in der Taſche hatte, nahm er keinen Anſtand, Denen, welche geneigt waren, ihn zu hören, Alles mitzutheilen, was er wußte, und lange ehe Columbus an Bord zurückkehrte, war die Kunde von den Abſichten der Portugieſen von Mund zu Munde gegangen, bis ſie Keinem von dem kleinen Geſchwader mehr ein Geheimniß war. Viele wünſchten, daß die Nachricht wahr ſeyn und die Verfolger ihren Zweck erreichen möͤchten, da in ihren Augen jedes Geſchick Dem, welches die Reiſe ſelbſt verſprach, vorzuziehen war. Doch— ſeltſames 30² Räthſel des Menſchenherzens— der größere Theil des Schiffsvolkes konnte dennoch nicht erwarten, bis die Anker gelichtet und die Se⸗ gel ausgeſetzt wurden, war es auch nur deßhalb, um den Gegnern im Wettrennen den Rang abzulaufen. Columbus ſelbſt fühlte die ernſteſten Beſorgniſſe, denn es ſchien in der That, als beabſichtige ein hartes Geſchick, ihm den Becher von den Lippen zu reißen, als er ihn nach ſo vielen peinlichen Leiden und Zögerungen eben erſt angeſetzt hatte. Er brachte daher die Nacht unter ſchwerer Be⸗ kümmerniß zu und war am Morgen der Erſte auf den Beinen. Mit dem Grauen des Tages war Alles munter, und da die nothigen Vorbereitungen bereits in der Nacht getroffen worden waren, ſo befanden ſich bei dem Aufgang der Sonne die drei Schiffe— die Pinta wie gewöhnlich voran— bereits auf dem Wege. Der Wind war leicht, und das Geſchwader hatte kaum Fahrt genug, um auf die Steuer zu lüſtern; demungeachtet wur⸗ den, da jeder Augenblick koſtbar ſchien, die Schnäbel der Fahrzeuge nach Weſten gerichtet. Sie waren noch nicht lange in der See, als eine Caravele, deren ſie ſchon ſeit einigen Stunden anſichtig geweſen waren, mit ſchlagenden Segeln an ihnen vorbei kam. Der Admiral rief ſie an und fand, daß ſte von Ferro, der ſüdweſtlichſten Inſel dieſer Gruppe, kam und auch faſt ganz in demſelben Curſe geſteuert hatte, welchen unſere Flottille einzuſchlagen gedachte, ſo lange ſie ſich in bekannten Meeren befand. „Bringſt Du Neuigkeiten von Ferro,“ fragte Columbus, als das fremde Schiff langſam an der Santa Maria vorbeitrieb, denn die Fahrzeuge legten in der Stunde wenig mehr als eine Meile zurück—„Gibt es nichts Bemerkenswerthes in jener Gegend.“ „Wüßte ich, daß ich mit Don Chriſtoval Colon, dem Genueſen ſpräche, welchen Ihre Hoheiten mit einem ſo großen Auftrage beehrt haben, ſo würde ich mich eher verpflichtet fühlen, das, was ich gehört und geſehen habe, mitzutheilen, Sennor,“ war die Antwort. 303 „Ich bin Don Chriſtoph, Ihrer Hoheiten Admiral, und Vicekönig über alle Meere und Länder, welche wir entdecken— auch wie Du geſagt haſt, ein Genueſe von Geburt, obgleich mich mein Amt und die Liebe zu der Königin zu einem Caſtilianer machen.“ „Dann, edler Admiral, kann ich Euch ſagen, daß die Portu⸗ gieſen ſich rühren: denn in dieſem Augenblicke ſind drei ihrer Caravelen vor Ferro und hoffen Euer Geſchwader abzufangen.“ „Woher weißt Du das, Freund, und warum ſoll ich glauben, daß die Portugieſen Caravelen in der Abſicht auszuſenden wagen, Leute, welche unter der Flagge Iſabellens der Katholiſchen ſegeln, zu beläſtigen? Sie ſollten wiſſen, daß der heilige Vater kürzlich den zwei Herrſchern in Anerkennung der wichtigen Dienſte, welche ſie der Chriſtenheit durch die Vertreibung der Mauren geleiſtet, dieſen Titel ertheilt hat.“ „Sennor! es ging wohl ein Gerede davon auf den Inſeln, aber der Portugieſe bekümmert ſich wenig um derartige Dinge, wenn er ſein Gold gefährdet glaubt. Als ich Ferro verließ, ſprach ich die Caravelen an, und ich habe allen Grund, zu glauben, daß das Gerücht ihnen nicht Unrecht thut.“ „Sahen ſie kriegeriſch aus, und behaupteten ſie ein Recht zu haben, unſere Reiſe zu unterbrechen?“ „Sie ſagten uns nichts der Art, ſondern fragten nur hoͤh⸗ niſch, ob der durchlauchtige Don Chriſtoval Colon, der große Vicekönig des Oſtens, bei uns an Bord ſey. Was ihre Ausrüſtung anbelangt, ſo führten ſie viele Donnerbüchſen und eine Menge von Leuten in Harniſchen und Helmen. Ich zweifle, ob ſo viele Soldaten auf den Azoren ſind, als auf ihren Schiffen.“ „Halten ſie dicht an den Inſeln, oder befinden ſie ſich mehr ſeewärts?“ „Meiſtens das Letztere, Sennor, denn morgens halten ſie nach dem Weſten ab und nähern ſich erſt mit Tagesneige dem Lande. Nehmt das Wort eines alten Seemanns, Don Chriſtoph, die Baſtardbrut führt nichts Gutes im Schilde.“ 304 Das Letztere war kaum mehr vernehmlich, denn die Caravelen hatten indeſſen an einander vorbeigetrieben und ſtanden ſich bald ſo ferne, daß an keine weitere Beſprechung mehr zu denken war. „Glaubt Ihr, Don Chriſtoph, der caſtilianiſche Stamm gelte ſo wenig, daß dieſe portugieſiſche Hunde es wagen ſollten, die Flagge der Königin zu beſchimpfen?“ fragte Luis. „Ich fürchte in der That von ihrer Gewalt wenig mehr als Zöge⸗ rungen und Hinderniſſe, aber ſchon dieſe möchten mir im gegenwärti⸗ gen Augenblicke kaum weniger ſchmerzlich als der Tod ſeyn. Am meiſten fürchte ich, daß dieſe Caravelen unter dem Vorwand, die Rechte Dom Jao's zu beſchützen, den Auftrag haben möchten, uns nach Cathay zu folgen, in welchem Falle uns die Entdeckung beſtritten und die Ehre derſelben getheilt würde. Wir müſſen den Portu⸗ gieſen wo möͤglich ausweichen, und um dieß zu erzielen, habe ich die Abſicht, nach Weſten abzuhalten, ohne mich der Inſel Ferro mehr, als unvermeidlich nothwendig iſt, zu näͤhern.“ Ungeachtet der glühenden Ungeduld, welche den Admiral und die Meiſten des Schiffsvolks erfüllte, ſchienen nun die Elemente ihre Fahrt von den canariſchen Inſeln in das offene Meer hinaus hemmen zu wollen. Der Wind ließ immer mehr nach, bis er endlich ſo ſtille wurde, daß man die Segel aufholte, und nun lagen die drei Schiffe— bald ruhig von den Wellen beſpült, bald von einer Grund⸗ deining emporgehoben, da: ungeheuern Thieren vergleichbar, die unter der heißen Glut der Sommerſonne in ſchläfriger Gleichgül⸗ tigkeit ihrer trägen Ruhe pflegen. Die Matroſen murmelten im Geheimen ihre Paternoſter oder Ave Marias vor ſich hin, und gelobten für die Zukunft manches Gebet, wenn ſie Wind erhalten würden. Hin und wieder ſchien es auch, als ob die Vorſehung ihre Bitten gewähren wolle, denn die Wan⸗ gen glaubten ſchon das Fächeln des Luftzuges zu fühlen und die Segel wurden in der vergeblichen Hoffnung, weiter zu kommen, nieder⸗ gelaſſen. Aber es war nur Täuſchung, und endlich fühlten Alle 305 am Bord, da ſie beſtimmt ſeyen, ſich in die Heimſuchung einer Windſtille ergeben zu müſſen. Mit dem Einbruch der Nacht erhob ſich jedoch ein leichter Wind, und einige Stunden lang hörte man, wie ſich das Waſſer unter den Bugen der Fahrzeuge theilte, ob⸗ gleich es kaum ſchnell genug vorwärts ging, um die Schiffe unter dem Commando des Steuers zu erhalten. Gegen Mitternacht hoͤrte auch dieſe kaum bemerkliche Bewegung wieder auf und die Fahr⸗ zeuge wälzten ſich wieder träge in den Grunddeiningen— den Rückwirkungen von Stürmen des weſtlichen Oceans. Als der Morgen anbrach, fand ſich der Admiral zwiſchen Go⸗ mera und Teneriffa; der ſtolze Pie der letzteren Inſel warf ſeinen ſcharf bezeichneten Schatten, ähnlich dem, welchen ein Planet ver⸗ urſacht, weit über das Waſſer, und ſeine Spitze ſpiegelte ſich wieder auf der glatten Oberfläche des Oceans. Columbus fürchtete nun, die Portugieſen möchten ihre Boote anwenden oder mit irgend einer leichten Feluke herausrudern, um ihre Lage aufzufinden, und ließ daher vorſichtig die Segel beſchlagen, um ſeine Schiffe ſo viel möglich ihren ſpähenden Blicken zu entziehen. Dieß war die Stel⸗ lung des berühmten Geſchwaders am ſiebenten September— genau fünf Wochen nachdem es Spanien verlaſſen hatte, denn dieſe un⸗ heilverkündende Windſtille fiel auf einen Freitag oder denſelben Wochentag, an welchem man von Palos ausgeſegelt war. Aller Erfahrung zu Folge gibt es gegen eine Windſtille auf dem Meere kein anderes Zufluchtsmittel als die Geduld. Columbus war ein viel zu kundiger Seefahrer, um dieſe Wahrheit nicht zu fühlen, und nachdem er die erwähnte Vorſichtsmaßregel getroffen hatte, richteten er und ſeine Piloten ihre Aufmerkſamkeit auf die Vor⸗ kehrungen, welche nöthig waren, um die Reiſe für die Zukunft gefahrlos und ſicher zu machen. Die wenigen, in jener Zeit be⸗ kannten mathematiſchen Inſtrumente wurden hervorgeholt, corrigirt und in einer doppelten Abſicht zur Schau geſtellt— einmal um ſich über die gegenwärtige Lage Gewißheit zu verſchaffen, und Donna Mercedes. 2te Aufl. 20 806 dann um die Matroſen etwas ſehen zu laſſen, was ihre Achtung gegen die Führer erhöhen und ihnen Zutrauen zu deren Geſchick⸗ lichkeit einflößen konnte. Der Admiral hatte ſich bereits unter ſeinem Gefolge einen hohen Ruf als Seefahrer erworben, weil ſich in der Nähe der canariſchen Inſeln ſeine Berechnungen um vieles genauer erwieſen hatten, als die der Peloten; und als er nun das Inſtrument, welches damals die Stelle der Quadranten verſah, zeigte und ſeine Compaße unterſuchte, beobachteten die Seeleute jede ſeiner Bewegungen entweder mit geheimer Bewunderung oder mit mißtrauiſcher Wachſamkeit. Einige ſprachen offen ihre Zuverſicht aus, daß Columbus wohl fähig ſeyn möge, überall hinzukommen, wo er hin wolle, während Andere im Geheim jenen Grad von be⸗ denklicher Wichtigthuerei verriethen, welcher gewöhnlich Vorurtheil, Unwiſſenheit und Bosheit begleitet. Luis hatte die Geheimniſſe der Seefahrtskunſt nie begreifen können, denn der edle Herr ſchien alles ernſtere Lernen als eine Art von Bildung zu verſchmähen, die nur wenig im Einklang mit ſei⸗ nen Bedürfniſſen und ſeinem Geſchmacke ſtehe. Demungeachtet war er verſtändig, und hinſichtlich desjenigen Wiſſens, welches ſich Laien ſeines Ranges gewöhnlich anzueignen pflegen, ſtand er in den Zir⸗ keln des Hofes nur Wenigen nach. Zum Glück ſetzte er das un⸗ bedingteſte Vertrauen auf die Kenntniſſe des Admirals, und da er perſönlich furchtlos war, ſo hatte Columbus unter ſeinem ganzen. Gefolge keinen ergebeneren Begleiter, als den jungen Granden. Trotz ſeiner geprieſenen Philoſophie, Einſicht und Vernunft iſt der Menſch doch ſtets den Täuſchungen ſeiner eigenen Einbildungs⸗ kraft und Verblendung eben ſo ſehr ausgeſetzt, als den Tücken und Kunſtgriffen Anderer. Selbſt wenn er am wachſamſten und vor⸗ ſichtigſten zu ſeyn glaubt, wird er eben ſo oft durch Außendinge irre geleitet, als durch Urtheilskraft und Thatſachen beherrſcht; und ſo glaubte vielleicht die Hälfte Derer, welche Zeugen dieſer be⸗ rechneten Sorgfalt Colon's waren, in ihrem erneuten Vertrauen 307 alle die Sicherheit zu fühlen, welche Wiſſenſchaft und wiſſenſchaftliche Folgerungen zu gewähren im Stande ſind, obgleich in der That nur auf ihre Sinne eingewirkt wurde, ohne daß ihrem Verſtande auch nur das mindeſte weitere Licht zuging. So verging der Tag des ſiebenten Septembers, und als die Nacht anbrach, ſchwamm das kleine Geſchwader, oder die Flotte, wie man es in der ſtolzen Sprache des Tages nannte— noch immer hülflos zwiſchen Teneriffa und Gomera. Auch der folgende Morgen brachte keinen Wechſel, denn eine glühende Sonne, von keinem Luft⸗ hauche gemildert, goß ihre ſengenden Strahlen über die Oberfläche eines Meeres, das wie geſchmolzenes Silber glänzte. Als ſich jedoch der Admiral durch Leute, welche er zu Unterſuchung des Ho⸗ rizonts nach dem Top hinaufgeſchickt hatte, überzeugte, daß nichts von den Portugieſen ſichtbar ſey, ſo fühlte er ſich wieder ungemein er⸗ leichtert, denn er zweifelte jetzt nicht mehr, daß ſeine Verfolger ebenſo unthätig, als er ſelbſt, weſtwärts von Ferro lägen. „Bei den Hoffnungen eines Seemann's, Sennor Don Chri⸗ ſtoval,“ ſagte Luis, als er nach abgehaltener Sieſta ſich auf das Hüttendeck begab, wo Columbus ſeit Stunden unermüdet wachſam geweſen war—„die Geiſter der Hölle ſcheinen ſich gegen uns verſchworen zu haben! Wir ſitzen hier ſchon den dritten Tag in der Windſtille, und der Pie von Teneriffa iſt ſo unbeweglich wie ein Meilenſtein, der den Meerſchweinen und Delphinen die Geſchwindigkeit ihres Schwimmens andeuten zu wollen ſcheint. Wer an Vorbedeutungen glaubt, könnte hier wohl auf den Gedanken kommen, daß den Hei⸗ ligen unſer Unternehmen zuwider ſey, obgleich es nur ihre eigene Ehre zum Zweck hat.“ „Wir dürfen nichts für eine Vorbedeutung nehmen, was nur die Wirkung von Naturgeſetzen iſt,“ erwiederte der Admiral ernſt.— „Es wird übrigens mit dieſer Windſtille bald zu Ende ſeyn, denn die Atmoſphäre füllt ſich mit einem Dunſte, der Wind aus Oſten verſpricht, und ſchon das Schwanken des Schiffes kann Dir ſagen, daß 308 die Kühlten im fernen Weſten nicht müſſig waren. Meiſter Steuer⸗ mann!“ er wendete ſich hiebei an den Mann, welcher im gegen⸗ wärtigen Augenblick dieſen Dienſt auf dem Verdecke übte—„Du wirſt gut thun, Deine Leinwand herabzulaſſen und Dich auf einen günſtigen Wind vorzubereiten, denn wir werden bald genug davon aus Nordoſten bekommen.“ Dieſe Vorherſagung traf ungefähr eine Stuude ſpäter ein und alle drei Fahrzeuge begannen wieder mit ihren Kielen in's Waſſer zu ſchneiden. Aber der Wind wurde den ungeduldigen Matroſen noch qualvoller als ſelbſt das ſtille Wetter geweſen war, denn die See kam ſtark von vornen und der Luftzug war ſo leicht, daß die Fahrzeuge nur mit großer Mühe ein wenig gegen Weſten vordrin⸗ gen konnten. Die ganze Zeit über ſah man ängſtlich nach den portugieſiſchen Caravelen aus, obgleich man ihre Erſcheinung jetzt weniger als vorher fürchtete, da man ſie ziemlich im Lee zu haben glaubte. Columbus und ſeine geſchickten Beiſtände, Martin Alonzo und Vi⸗ zente Yannez, oder die Gebrüder Pinzon, welche den Befehl über die Pinta und Ninna führten, boten alle ihre Erfahrungen auf, um die Schiffe vorwärts zu bringen. Die Fahrt blieb jedoch nicht nur langſam, ſondern auch peinlich, da jeder friſche Windzug nur dazu diente, die Buge der Fahrzeuge mit einer Gewalt in die See zu ſtürzen, welche für Spieren und Tackelwerk fürchten ließ. Die Geſchwindigkeit des Segelns war in der That auch ſo unbedeutend, daß es Colon's ganzer Umſicht bedurfte, um der faſt unbemerklichen Weiſe, in welcher der hohe kegelförmige Gipfel des Pics von Te⸗ neriffa ſo zu ſagen Zoll um Zoll ſich ſenkte, gewahr zu werden. Die abergläubiſchen Gefühle der Matroſen waren ungewöhnlich thä⸗ tig, und manche begannen ſich zuzuflüſtern, daß ſelbſt die Elemente von einer weiteren Fahrt abriethen, und daß, ſo ſpät es auch ſcheinen möchte, der Admiral gut thun würde, der Zeichen und Vor⸗ bedeutungen zu achten, welche die Natur ſelten ohne zureichenden 309 Grund gebe. Dieſe Meinungen wurden jedoch nur vorſichtig aus⸗ geſprochen, denn Columbus ernſte Weiſe hatte ſo viel Achtung ein⸗ geflößt, daß man derartige Anſichten in ſeiner Gegenwart ganz unterdrückte und die Matroſen der andern Fahrzeuge folgten noch immer den Bewegungen des Admiralſchiffs mit jener Art blinder Abhängigkeit, welche unter ſolchen Umſtänden die Hingebung des untergeordneten an den Vorgeſetzten bezeichnet. Columbus zog ſich in ſpäter Nacht nach ſeiner Cajüte zurück, und als er die Berechnungen des Tages beendigt hatte, bemerkte Luis, daß ſeine Züge ungewöhnlich ernſt wurden. „Ich hoffe, Alles geht nach Euren Wünſchen, Don Chriſto⸗ val,“ begann der junge Mann heiter.„Wir ſind nun hübſch im Zuge, und meine Augen haben bereits Cathay vor ſich.“ „Du haſt Etwas in Dir, Don Luis,“ bemerkte der Admiral, „was Dich Deine Wünſche deutlich vor Dir ſehen läßt und Alles heiter färbt. Meine Pflicht iſt es aber, die Dinge zu nehmen, wie ſie ſind, und obgleich Cathay offen vor dem Auge meines Geiſtes liegt,— nur Du, Herr, der Du mir in weiſer Abſicht das heiße Ver⸗ langen, jenes entfernte Land zu erreichen, eingepflanzt haſt, nur Du weißt es, wie offen— obgleich Cathay aufgeſchloſſen vor meinem gei⸗ ſtigen Auge ſteht, ſo bin ich doch verpflichtet, auf die phyſiſchen Hin⸗ derniſſe zu achten, die ſich unſerer Abſicht in den Weg ſtellen könnten.“ „Und werden dieſe Hinderniſſe ernſtlicher, als wir erwarten konnten, Sennor?“ „Mein Glaube ruht in Gott!— Sieh' her, junger Herr“— er legte ſeinen Finger auf die Karte—„heute morgen waren wir hier, und im gegenwäͤrtigen Augenblicke befinden wir uns, trotz aller Mühen des Tages, nicht weiter als auf dieſem Punkte. Du ſiehſt, wie ungemein unbedeutend unſer Vorrücken iſt, und hier kannſt Du auch bemerken, welche ungeheure Oede wir auf dem Weltmeer noch zu durchſchneiden haben, ehe wir hoffen dürfen, uns dem Ziele der Reiſe zu nähern. Meiner Berechnung zu Folge haben wir trotz 310 aller unſerer Anſtrengungen in dieſem bedenklichen Augenblicke— bedenklich nicht allein hinſichtlich der Portugieſen, ſondern auch wegen unſerer eigenen Leute— nur neun Stunden zurückgelegt;— welch ein geringer Theil von den tauſenden, die vor uns liegen! Bei einer ſolchen Geſchwindigkeit iſt ein frühes Ausgehen unſerer Lebensmittel und des Trinkwaſſers zu fürchten.“ „Ich habe alles Vertrauen zu Eurem Verſtande, Euren Kenntniſſen und Eurer Erfahrung, Don Chriſtoval.“ „Und ich habe alles Vertrauen zu Gott und hoffe nicht, daß Er ſeinen Diener im Augenblick verlaſſen wird, wo er ſeines Bei⸗ ſtandes am meiſten bedarf.“ Columbus warf ſich nun in ſeinen Kleidern auf's Lager, um einige Stunden Schlafes zu erhaſchen, denn die Beſorgniſſe, welche er über die Lage ſeines Fahrzeuges fühlte, geſtatteten ihm nicht, ſich zu entkleiden. Dieſer gefeierte Mann lebte in einer Periode, wo eine falſche Philoſophie, und eine anmaßende, aber unzureichende Anwendung des Verſtandes noch nicht ſo häufig war, und man ſich ſel⸗ ten, nicht einmal dem Scheine nach, des freimüthigen Zugeſtändniſſes einer beharrlichen Hingebung an eine göttliche Macht überhob. Wir ſagen dem Scheine nach, da Niemand, wie weit auch ſeine Selbſt⸗ täuſchungen in dieſer Hinſicht reichen mögen, in der Wirklichkeit glauben kann, daß er ſich unter allen Verhältniſſen ſelbſt zu ſchü⸗ tzen vermöge. Dieſes unbedingte Selbſtvertrauen ſteht ſchon im Widerſpruche mit den Geſetzen der Natur, denn jeder hat in ſeinem Innern einen Mahner, der ihn ſeine wirkliche Schwäche kennen lehrt und ihm täglich, ſtündlich, ja ſogar gin jedem Augenblicke zeigt, daß er nur ein unbedeutendes Werkzeug iſt, deſſen ſich eine höhere Macht bei Ausführung ihrer großen und geheimnißvollen für das Wohl der ganzen Schöpfung berechneten Zwecke bedient. Im Einklange mit der Sitte der Zeit kniete alſo Columbus nieder und betete brünſtig, ehe er ſich ſchlafen legte, und auch Luis de Bo⸗ badilla nahm keinen Anſtand, einem Beiſpiele zu folgen, welches 311 damals nur Wenige für ihres Verſtandes und ihrer Stellung un⸗ würdig hielten. Wenn die Religion im fünfzehnten Jahrhundert auch durch Aberglauben befleckt war und die Menſchen allzuviel auf die Wirkſamkeit augenblicklicher und vorübergehender Aufregungen bauten, ſo iſt dabei doch gewiß, daß ſie das Gepräge einer wür⸗ devollen Demuth und Gottergebenheit trug, und die Welt hat ſicher⸗ lich nichts dadurch gewonnen, daß es in unſeren Tagen anders iſt. Das erſte Grauen des Tages brachte den Admiral und Luis wieder auf das Deck. Beide knieten nochmals auf dem Rundhauſe nieder und erneuerten ihre Gebete; dann ſtanden ſie auf, überließen ſich Gefühlen, wie ſie in ihrer Lage natürlich waren, und harrten begierig, was der Morgen Neues enthüllen möge. Die Annähe⸗ rung der Dämmerung und der Aufgang der Sonne auf dem Meere iſt ſo oft beſchrieben worden, daß eine Wiederholung hier wohl überflüſſig ſcheinen dürfte, und wir erlauben uns nur zu bemerken, daß Luis das Farbenſpiel, welches den öſtlichen Himmel ſchmückte, mit den warmen Gefühlen eines Liebenden betrachtete, und in den ſanften flüchtigen Tinten, welche bekanntlich zumal in niederen Breitegraden die Vorläͤufer eines ſchönen Septembermorgens ſind, eine Aehnlichkeit mit dem Fluge der auf Mercedes ſprechenden Zü⸗ gen hinſchwebenden inneren Regungen zu finden glaubte, während das Auge des Admirals einer mehr praktiſchen Richtung, nämlich der wo die Inſel Ferro lag— folgte, und den lichteren Tag er⸗ wartete, um ſich zu überzeugen, welche Wechſel während der Stunden ſeines Schlafes vorgegangen ſeyen. So verfloßen einige Minuten in ſtummer Betrachtung, bis der Seefahrer Luis an ſeine Seite winkte. 1 „Siehſt Du jene düſtere ſchwarze Maſſe, welche ſich dort ſüd⸗ weſtlich von uns aus dem Dunfel hebt,“ ſagte er: nſie wird mit jedem Augenblick deutlicher und beſtimmter, obgleich ſie acht bis zehen Stunden entfernt liegt. Das iſt Ferro, und ohne Zweifel ſehen die Portugieſen dort in ängſtlicher Erwartung nach uns aus. 312 In dieſer Windſtille iſt jedoch von einem Naͤherkommen nicht die Rede, und in ſo weit wären wir alſo immerhin geborgen. Es iſt aber jetzt nothwendig, Gewißheit darüber zu gewinnen, ob die auf⸗ lauernden Caravelen zwiſchen uns und dem Lande ſind, oder nicht. Je nachdem es ſich herausſtellt, iſt es vielleicht nicht ſehr gerathen, der Inſel noch näher zu rücken, und wir können dann wie geſtern den Vortheil des Windes benützen. Siehſt Du in jener Gegend des Meeres ein Segel, Luis?“ „Nein, Sennor, obgleich es hinreichend helle iſt, dem Auge die Leinwand eines Schiffes bemerklich zu machen, wenn ein ſolches vorhanden wäre.“ Columbus ließ einen Ausruf des Dankes hoͤren, und befahl dann ſogleich den Auslugern auf den Maſten, den ganzen Horizont zu unterſuchen. Der Bericht lautete günſtig, denn die gefürchteten portugieſiſchen Caravelen ließen ſich nirgends blicken. Als die Sonne aufging, erhob ſich ein Wind nach Südweſten, welcher Ferro und demzufolge auch jedes Fahrzeug, welches in dieſer Richtung kreuzte, unmittelbar in's Luv der Flotte brachte. Ohne einen Augenblick zu verlieren, wurden die Segel ausgeſetzt und der Admiral hielt nach Nordweſten ab, da er vermuthete, ſeine Verfolger ſähen im Süden der Inſel nach ihm aus, wo ihn auch jeder, welcher Colon's Abſicht nicht vollkommen erfaßte, erwarten durfte. Inzwiſchen war die weſtliche Deining großentheils niedergegangen und die Schiffe trieben ſtetig und dem Anſcheine nach auch für die Dauer vorwärts, obgleich man die Fahrt keineswegs eine ſchnelle nennen konnte. Die Stunden entſchwanden langſam, und mit dem Vorrücken des Tages wurden die Umriſſe der Inſel Ferro allmählig immer unbe⸗ ſtimmter. Ihre ganze Oberfläche nahm das dunſtige Ausſehen einer dunkeln, undeutlich begränzten Wolke an, bis ſie endlich ganz im Waſſer untertauchte. Die Gipfel ihrer Berge waren noch ſicht⸗ bar, als der Admiral mit den Bevorzugteren ſeiner Gefährten auf dem Hüttendecke ſtand, um nach dem Meer und dem Wetter auszuſehen. 313 Der gleichgültigſte Beobachter hätte jetzt den bezeichnenden Unter⸗ ſchied in dem Gemüthszuſtande Derer, welche ſich an Bord der Santa Maria befanden, bemerken können. Auf dem Hüttendecke war Alles voll Freude und Hoffnung, da dieſes glückliche Entkom⸗ men ſelbſt die Mißtrauiſchen für den Augenblick der ungewiſſen Zukunft vergeſſen ließ. Die Piloten waren wie gewöhnlich beſchäf⸗ tigt und bewahrten ſich eine Art ſeemänniſchen Stoicismus, wäh⸗ rend dagegen Trauer auf den Matroſen laſtete, als ſtünden ſie um ein Sterbebette. Faſt Jeder auf dem Schiffe war einer der Gruppen, die auf dem Deck verſammelt waren, beigetreten, und jedes Auge ſchien wie durch einen Zauber auf die entſchwindenden und verſin⸗ kenden Höhen von Ferro gebannt zu ſeyn. Während dieſes Zu⸗ ſtands der Dinge trat Columbus zu Luis und weckte ihn aus einer Art Verzückung, indem er ihm leicht den Finger auf die Schulter legte. „Der Sennor de Munnos kann doch unmöglich die Gefühle der Menge theilen?“— bemerkte der Admiral mit einer leichten Miſchung von Ueberraſchung und Vorwurf,„und dieß noch obendrein in einem Augenblicke, wo Alle, welche Einſicht genug haben, die herrlichen Folgen unſeres Unternehmens vorauszuſehen, ſich freuen, daß ein vom Himmel geſandter Wind uns in eine ſichere Entfer⸗ nung von den nachſetzenden und mißgünſtigen Caravelen führt. Warum ſiehſt Du mit ſo feſtem und unverwandtem Blicke auf das Volk unter Dir? Bereuſt Du etwa, zu mir an Bord gegangen zu ſeyn, oder gedenkſt Du blos der Reize Deiner Gebieterin?“ „Bei St. Jago, Don Chriſtoval,„dießmal hat es Euer Scharffinn nicht getroffen. Weder Reue noch andere Gedanken, wie Ihr ſie mir anzumuthen beliebt, feſſeln meine Aufmerkſamkeit, ſondern nur jene armen Burſchen, mit deren Angſt ich Mitleiden habe.“ „Die Unwiſſenheit iſt ein ſchlimmer Tyrann, Sennor Pedro, und er übt eben jetzt ſeine Herrſchaft über die Einbildungskraft der Matroſen mit ſeiner ganzen Unbarmherzigkeit. Sie fürchten das Schlimmſte, nur weil ſie nicht Verſtand genug haben, das 314 Beſte vorauszuſehen. Furcht iſt ein weit gewaltigerer Affect als die Hoffnung, und immer der Verbündete der Unwiſſenheit. In den Augen des Pöbels erſcheint das, was noch nicht geweſen— ja ſogar das, mit dem er nicht ſchon einigermaßen vertraut geworden iſt — immer als etwas Unmoöͤgliches, denn die Gedanken des Menſchen be⸗ wegen ſich in einem Kreiſe, der um ſo enger iſt, je mehr ihm der Unterricht fehlt. Die Burſche blicken nach dieſer allmählig unter⸗ tauchenden Inſel wie Menſchen, welche von allem Zeitlichen den letzten Abſchied nehmen. In der That, ich dachte mir's nicht, daß die Angſt ſie ſo ganz und gar hinreißen würde.“ „Sie liegt tief, Sennor, und doch hebt ſie ſich wieder bis zu den Augen, denn ich habe Thränen auf Wangen geſehen, von denen ich nimmer gedacht hätte, daß ſie durch etwas anderes als durch die Sprühe des Meeres naß werden köͤnnten.“ „Dort ſind unſere zwei guten Freunde, Sancho und Pepe; Keiner von ihnen ſcheint ſich beſonders unglücklich zu fühlen, ob⸗ gleich ſich in dem Geſichte des Letzteren ein ſchwermüthiger Zug ausſpricht. Was den Erſteren anbelangt, ſo zeigt der Spitzbube die Gleichgültigkeit eines ächten Seemannes, der ſich nie glücklicher fühlt, als wenn er am weiteſten weg iſt von den Gefahren der Klippen und Sandbänke. Einem ſolchen Manne iſt das Nieder⸗ gehen einer Inſel und das Auftauchen einer Andern eine gleich unwichtige Erſcheinung; er bemerkt nur den ſichtbaren Horizont um ſich, und was hinter demſelben liegt, betrachtet er als für ihn nicht vorhanden. Ich baue auf die Ergebenheit dieſes Sancho trotz ſeiner Spitzbüberei, und zaͤhle ihn, zu den Zuverläͤßigſten meines Gefolges.“ Hier wurde der Admiral durch einen Schrei von dem untern Deck her unterbrochen, und als er ſich umſah, bemerkte ſein raſches und geübtes Auge ſchnell, daß der Horizont im Süden nur noch die gewöhnliche Waſſergränze des offenen Meeres darbot. Ferro war in der That ganz untergeſunken, obgleich ſich Einige — —n* u—r 315 der aufgeregteſten der Matroſen noch einbildeten, es zu ſehen, nach⸗ dem es bereits ganz hinter der Wellenlinie verſchwunden war. Jemehr ſich dieſer Umſtand vergewiſſerte, deſto unzweideutiger und lauter wurden die Klagen des Schiffsvolks; man ſcheute ſich nicht, ſeine Thränen offen zur Schau zu tragen, rang die Hände in einer Art gefühlloſer Verzweiflung— und nun folgte eine ſo lärmende Scene, daß für die Expedition von dieſer neuen Seite aus die ernſt⸗ lichſte Gefahr zu befürchten ſtand. Solche Auftritte veranlaßten Columbus, die geſammte Mannſchaft auf dem Raum unter dem Hüttendecke zu verſammeln, während er ſelbſt auf dem letzeren, von wo aus er jedes Geſicht muſtern konnte, ſtehen blieb, und mit ihnen über die Urſache ihres Kummers ſprach. Bei dieſem An⸗ laſſe war das Benehmen des großen Seefahrers ernſt und offen, ſo daß ſich jedem die Ueberzeugung aufdringen mußte, der Ad⸗ miral ſetze ſelbſt das vollſte Vertrauen in die Wahrheit ſeiner Be⸗ weisgründe und verbinde mit ſeinen Worten nicht die Abſicht, zu täuſchen, oder irre zu führen. „Als Don Ferdinand und Donna Iſabella, unſere hochge⸗ ſchätzten und geliebten Herrſcher, mich mit der Beſtallung eines Admirals und Vicekönigs in den unbekannten Meeren, nach welchen wir gegenwärtig ſteuern, beehrte,“— begann er—„betrachtete ich dieß als das ſchöͤnſte und erfreulichſte Ereigniß meines Lebens, und der gegenwärtige Angenblick ſteht ihm, was Hoffnungen und glückliche Ausſichten anbelangt, wenig nach, obgleich er Einigen von Euch ſo ſchmerzlich vorzukommen ſcheint. In dem Verſchwinden Ferros ſehe ich auch das Verſchwinden der Portugieſen, denn nun wir uns auf dem offenen Meere ohne ſichtbare bekannte Landes⸗ gränzen befinden, hoffe ich, daß die Vorſehung uns den Tücken unſerer Feinde entnommen habe. Wenn wir uns ſelbſt und dem großen Zwecke, der vor uns liegt, treu bleiben, ſo iſt keine wei⸗ tere Urſache zur Furcht vorhanden. Wenn Jemand unter Euch in dieſer Hinſicht ſein Herz erleichtern will, ſo mag er unverhohlen 316 ſprechen, denn die Beweismittel, welche uns zu Gebote ſtehen, ſind zu kräftig, als daß ich Bedenklichkeiten durch mein bloßes Anſehen niederzuſchlagen beabſichtigen ſollte.“ „Nun, Sennor Don Almirante,“ antwortete Sancho, deſſen Zunge immer redfertig war, ſobald ſich Gelegenheit dazu darbot, „gerade was Euer Exrcellenz ſo heiter ſtimmt, macht dieſe ehrlichen Leute ſo traurig. Koönnten ſie die Inſel Ferro oder irgend ein an⸗ deres bekanntes Land immer im Geſicht behalten, ſo würden ſie Euch eben ſo leicht nach Cathay folgen, als das Boot bei leichtem Winde und ruhigem Waſſer der Caravele folgt, aber dieſes Hinter⸗ ſichlaſſen von Allem,— von Land, Weibern und Kindern iſt der An⸗ laß ihres Kummers und entſiegelt ihre Thränen.“ 3 „Und Du, Sancho, ein alter Matroſe, der auf der See ge⸗ boren iſt— „Nicht doch, Euer Excellenz, erlauchter Sennor Don Almi⸗ rante,“ unterbrach ihn Sancho mit dem Blicke verſtellter Einfalt, „nicht gerade auf dem Meere, obſchon im Bereiche ſeiner Aus⸗ dünſtungen, denn da ich an dem Dockenthor gefunden wurde, ſo iſt es nicht wahrſcheinlich, daß man gerade einen Hafen gemacht haben ſollte, um ein ſo unbedeutendes Stück Fracht an's Land zu bringen.“ „Nun alſo, in der Nähe der See geboren, wenn Du ſo willſt; — aber von Dir erwarte ich etwas Beſſeres als unmännliche Klagen, bloß weil eine Inſel hinter den Horizont geſunken iſt.“ „Ihr dürft dieß auch, Excellenz. Es kümmert Sancho wenig, ob auch die Hälfte der Inſeln im Meere noch um ein gut Theil tiefer ſänke. Da gibt es ſo ein grünes Vorgebirge— nun ich wünſche es nie wieder zu ſehen— und ein Lampidoſa nebſt Strom⸗ boli und anderen in jener Gegend, die um deſſen willen, was ſie dem Seemanne Gutes bieten, weit beſſer aus dem Wege wären. Aber wenn ſich Eure Excellenz herablaſſen will, dieſen ehrlichen Leuten zu ſagen, wohin wir gehen ſollen, was Ihr in dem Hafen zu ͤ— 317 finden erwartet, und vor Allem, wann wir wieder zurückkommen, ſo wird ihnen dieß einen unausſprechlichen Troſt gewähren.“ „Da ich es für eine beſondere Pflicht hochgeſtellter Perſonen halte, auch ihre Beweggründe wiſſen zu laſſen, wenn nichts Uebles aus einer ſolchen Enthüllung folgen kann, ſo will ich es mit Ver⸗ gnügen thun, und die Aufmerkſamkeit Aller in meiner Nähe, be⸗ ſonders aber derjenigen, welche ſich wegen unſerer gegenwärtigen Lage und unſerer künftigen Bewegungen ſo gar ſehr beunruhigt fühlen, in Anſpruch nehmen. Das Ziel unſerer Reiſe iſt Cathay, ein Land, das bekanntlich die äußerſte öſtliche Gränze Aſiens bildet und mehr als einmal von chriſtlichen Wanderern bereiſt wurde. Unſere Reiſe unterſcheidet ſich von allen, welche zu Erreichung die⸗ ſes Landes je verſucht wurden, durch den Umſtand, daß wir nach Weſten gehen, während Andere in Oſten vorgeſchritten ſind. Die Ausführung unſerer Abſicht iſt jedoch nur durch muthige Seeleute möglich, da nur Männer, welche mit dem Meere vertraut find,— geſchickte Piloten und gehorſame, dienſtwillige Matroſen— ohne beſſere Führer als die Kenntniß der Sterne, der Strömungen, der Winde und anderer Erſcheinungen des atlantiſchen Meeres ſind und mit den Hilfsmitteln, welche die Wiſſenſchaft bietet, dieſe Gewäſſer zu durchſchneiden im Stande ſeyn werden. Der Grund, warum ich ſo handle, liegt in meiner Ueberzeugung, daß die Erde eine Kugel iſt, woraus denn folgt, daß das atlantiſche Meer, welches bekanntermaßen im Oſten von Land begränzt wird, auch eine weſt⸗ liche Gränze haben müſſe. Berechnungen zufolge iſt es faſt zu⸗ verläßig, daß dieſer Continent, der, wie ich glaube, ſich als In⸗ dien erweiſen wird, nicht weiter als fünfundzwanzig oder dreißig Tagefahrten— wenn es überhaupt ſo viele ſind,— von unſerem Europa entfernt ſeyn kann. „Nachdem ich Euch nun auseinander geſetzt habe, wann und wo ich das geſuchte Land zu finden hoffe, will ich auch die Vor⸗ theile ein wenig berühren, welche wir von dieſer Entdeckung erwarten 318 dürfen. Nach den Berichten eines gewiſſen Marco Polo und ſeiner Verwandten— glaubwürdiger und geachteter Männer aus Vene⸗ dig— iſt das Königreich Cathay nicht nur größer als irgend ein bekanntes, ſondern wimmelt auch von Gold und Silber, von andern werthvollen Metallen und koſtbaren Steinen. Die Vortheile, welche die Entdeckung eines ſolchen Landes für euch bringen wird, mögt ihr aus denen, welche ſte mir einträgt, entnehmen. Ihre Hoheiten haben mir für den Fall eines glücklichen Erfolges den Rang eines Admirals und Vicekönigs übertragen, und wenn eure Bemühungen bis zu dem günſtigen Ende ausharren, ſo mag der geringſte Mann unter euch mit Zuverſicht auf ausgezeichnete Gnadenbeweiſe von Seiten der Herrſcher rechnen. Der Lohn wird ohne Zweifel dem Verdienſte angemeſſen ſeyn, und wer viel geleiſtet hat, wird auch mehr empfangen, als diejenigen, welche wenig verdient haben, obgleich für Alle genug vorhanden ſeyn wird. Marco Polo und ſeine Ver⸗ wandten hielten ſich ſiebenzehen Jahre am Hofe des Groß⸗Khans auf: ſie waren in jeder Hinſicht geeignet, glaubwürdige Berichte über die Reichthümer und Hülfsquellen dieſer Gegenden zu erſtat⸗ ten, und obgleich ſie nur einfache venetianiſche Kaufleute waren, ohne andere Mittel, als die ſie auf den Rücken ihrer Laſtthiere packen konnten, fanden ſie doch einen reichen Lohn für ihre Mühen. Die Edelſteine, mit welchen ſie zurückkehrten, reichten allein hin, ihr Geſchlecht zu bereichern und einer zwar herabgekommenen, aber ehrenwerthen Familie wieder aufzuhelfen, während ſie ſelbſt um ihres Unternehmungsgeiſtes und ihrer Wahrheitsliebe willen zu hohem Rufe kamen. „Da bekanntermaßen der Ocean auf eine weite Entfernung hin an der Seite des aſiatiſchen Feſtlandes und des Königreichs Cathay von Inſeln wimmelt, ſo dürfen wir erwarten, daß wir zuerſt auf dieſe treffen, und wir würden ein Unrecht gegen die Natur begehen, wenn wir nicht auf Ladungen wohlriechender bal⸗ ſamiſcher Gewürze und anderer werthvollen Dinge, mit welchen 9 3 r e 1 319 dieſer geſegnete Erdtheil zuverläßig reichlich verſehen iſt, rechneten. Die Phantaſie kann in der That kaum die Größe der Reſultate faſſen, welche den Erſolg krönen werden, während Hohn und Ver⸗ achtung eine haſtige und unüberlegte Rückkehr treffen müßten. Da wir außerdem jenes Land nicht als Eindringlinge, ſondern als Chriſten und Freunde beſuchen, ſo iſt kein Grund vorhanden, eine andere als die freundlichſte Aufnahme zu erwarten, und ohne Zweifel werden ſchon die Geſchenke, welche man Fremden, die ſo weit und auf einem bisher unbefahrenen Wege herkommen, anbieten wird, euch für alle eure Mühen und Sorgen hundertfach entſchädigen. „Ich ſage nichts von der Ehre, denjenigen beigezählt zu wer⸗ den, welche das Kreuz zuerſt in dieſe Heidenwelt gebracht haben,“ fuhr der Admiral fort, indem er den Hut abnahm und mit feier⸗ lichem Ernſte um ſich blickte,„obgleich es unſere Väter für keine geringe Auszeichnung hielten, in dem Kampfe um das heilige Grab mitgefochten zu haben. Aber weder die Kirche noch ihr großer Stifter werden des Dieners vergeſſen, der in ihrem Weinberge arbeitete, und wir alle dürfen uns zeitlichen und ewigen Segens verſichert halten.“ Nach dieſen Worten bekreuzte ſich Columbus andächtig und entzog ſich den Blicken ſeiner Leute, indem er zu denen auf dem Hüttendecke zurücktrat. Die Wirkung dieſer Anſprache war für den Augenblick ſehr wohlthätig und die Matroſen ſahen die Wolken, welche über dem Lande ſchwebten, wie das Land ſelbſt— mit weniger Haufgeregten Gefühlen, als ſie vorher an den Tag gelegt hatten, verſchwinden. Demungeachtet aber blieben ſie mißtrauiſch und düſter. Die Nacht über träumten Einige von den Bildern, welche ihnen Columbus von dem Oſten entworfen hatte, während Andere in ihrem Schlafe Dämonen zu ſehen glaubten, welche ſie in unbekannte Meere lockten, um daſelbſt als Strafe für ihre Suͤnden für immer umgehen zu müſſen: denn das Gewiſſen übt ſeine Gewalt in allen Lagen, beſonders aber da wo Mißtrauen und Ungewißheit herrſcht. 320 Kurz vor Sonnenuntergang ließ der Admiral die drei Fahrzeuge beilegen und die beiden Pinzons an Bord ſeines eigenen Schiffes kommen. Er theilte dieſen Männern ſeine Befehle und die Ver⸗ haltungsregeln für den Fall, daß die Schiffe getrennt würden, mit. „Ich hoffe, Ihr habt mich verſtanden, Sennores,“ ſchloß er, nachdem er ſeine Abſichten weitläufig erörtert hatte.„Es iſt eure erſte und wichtigſte Pflicht, euch bei jedem Wetter und unter allen Umſtänden, ſo viel als möglich in der Naͤhe des Admiralſchiffs zu halten. Geht dieß jedoch nicht an, ſo werdet ihr genau den Curs nach Weſten unter dieſem Längen⸗ und Breitengrade einhalten, bis ihr etwa ſiebenhundert Stunden von den canariſchen Inſeln ent⸗ fernt ſeyd. Dann habt ihr des Nachts beizulegen, da ihr um dieſe Zeit wahrſcheinlich in der Nähe der aſtatiſchen Inſeln ſeyn werdet, und es wird gut und für unſere Plane zweckmäßig ſeyn, von dieſem Augenblicke an mehr auf Entdeckungen bedacht zu ſeyn. Jedenfalls ſteuert immer nach Weſten und ihr werdet mich zuver⸗ läßig an dem Hofe des Groß⸗Khans treffen, wenn uns die Vor⸗ ſehung ein früheres Wiederfinden verſagen ſollte.“ „Ganz recht, Sennor Admiral,“ erwiederte Martin Alonzo, indem er die Augen aufrichtete, die er lange auf die Karte geheftet hatte,„aber es wird weit beſſer für das Ganze ſeyn, auf einander zu warten, hauptſächlich für uns, Die wir wenig gewöhnt ſind, mit Fürſten umzugehen und daher Cuer Excellenz Schutz wohl brauchen können, ehe wir nur ſo geradezu vor einen Fürſten, ſo mächtig als der Groß⸗Khan, treten.“ „Du zeigſt Deine gewohnte Klugheit, guter Martin Alonzo, und ich muß Dich darum loben. Es wäre in der That beſſer, wenn Du meine Ankunft abwarteteſt, denn jener Herrſcher des Morgen⸗ landes dürfte es wohl für ſchicklicher halten, den erſten Beſuch von dem Vicekönig der Herrſcher, welcher Briefe unmittelbar von ſeinen königlichen Gebietern überbringt, zu empfangen, als von einem Manne untergeordneten Ranges. Gib aber wohl auf die Inſeln 321 und ihre Erzeugniſſe Acht, Sennor Pinzon, wenn Du zuerſt in dieſe Meere kommen ſollteſt und erwarte meine Ankunft, ehe Du etwas Weiteres beginnſt. Wie haben ſich Deine Leute bei dem Abſchied vom Lande benommen?“ „Uebel genug, Sennor; ſie waren in der That ſo ungeberdig, daß ich faſt eine Meuterei beſorgte. Es gibt Leute auf der Pinta, welche man immer in einer heilſamen Furcht vor dem Zorn Ihrer Hoheiten erhalten muß, wenn man nicht einer plötzlichen und ge⸗ waltſamen Rückkehr nach Palos gewärtig ſeyn will.“ „Du wirſt wohl thun, ein wachſames Auge auf dieſen Geiſt der Unruhe zu haben und ihn nicht aufkommen zu laſſen. Doch ſey ſo lange als möglich gütig und freundlich gegen die Mißvergnügten und ermuthige ſie durch vernünftige Verſprechungen, aber nimm Dich in Acht, daß ihre Unzufriedenheit Dein Anſehen nicht uͤber⸗ waͤltige. Doch, die Nacht bricht an, meine Herren; ſteigt in's Boot und kehrt zu euren Schiffen zurück, damit wir den Wind benützen können.“ Als Columbus wieder mit Luis allein war, ſaß er, den Kopf auf die Hand geſtützt, in ſeiner kleinen Cajüte und verlor ſich in tiefes Nachdenken. „Du kennſt dieſen Martin Alonzo ſchon ſeit länger, Don Luis de Bobadilla?“ fragte er endlich und verrieth durch dieſe Frage den Gang, welchen ſeine Gedanken genommen hatten. „Schon ſeit lange, wie Jünglinge nämlich zu rechnen pflegen, Sennor, obgleich die Zeit in den Berechnungen bejahrter Männer nur wie ein Tag erſcheinen dürfte.“ „Es liegt viel auf ihm, und ich hoffe, er wird ſich ehrlich er⸗ weiſen. Bis jetzt hat er ſich immer freiſinnig, unternehmend und männlich gezeigt.“ „Er iſt ein Menſch, Don Chriſtoval, und daher dem Irrthum zugänglich. Wie die Leute im Allgemeinen ſind, ſo ſcheint mir Martin Alonzo bei weitem nicht der Schlimmſte zu ſeyn. Er hat Donna Mercedes. 2te Aufl. 21 322 ſich zwar bei dieſer Unternehmung nicht mit ritterlichem Sinne und in glaubigem Eifer betheiligt, aber gebt ihm die Wahrſcheinlich⸗ keit einer gewinnreichen Rückkehr von ſeinen Gefahren und Ihr werdet ihn ſo treu finden, als das Intereſſe einen Menſchen nur machen kann, wenn ſich eine Gelegenheit bietet, ſeinen Eigennutz auf die Probe zu ſtellen.“ 3 „Nun ſo will ich denn Dir allein mein Geheimniß anvertrauen. Blicke auf dieſes Papier, Luis. Du ſiehſt, daß ich hier unſern Weg von heute morgen an berechnet habe, und ich finde, daß wir volle neunzehn Stunden, wenn auch nicht in gerader weſtlicher Linie, zurücklegten. Wollte ich die Leute an dem Ende irgend einer großen Entfernung, ohne daß Land ſichtbar wäre— wiſſen laſſen, wie weit ſte in der That gekommen ſind, ſo würde die Furcht die Oberhand gewinnen und Niemand vermöchte die Folgen vorauszuſehen. Ich werde daher öffentlich nur fünfzehn Stunden niederſchreiben und die wahre Berechnung blos für mich und Dich aufbewahren. Gott wird mir dieſe Täuſchung vergeben, da ſie nur im Intereſſe ſeiner eigenen Kirche geübt wird. Wenn ich täglich ſolche kleine Abzüge mache, ſo werden wir im Stande ſeyn, bis auf tauſend Stunden vorzurücken, ohne eine größere Unruhe zu wecken, als etwa ſieben⸗ oder achthundert Stunden veranlaſſen würden.“ „Das heißt den Muth in einer Weiſe abſchätzen, wie ich es mir nie geträumt hätte,“ erwiederte Luis lachend.„Bei St. Luis, meinem wahren Namenspatron, der iſt ein miſerabler Ritter, deſſen Muth durch ein Stundenmaß aufrecht gehalten werden muß.“ „Unbekannte Uebel find bei weitem die gefürchtetſten. Eine weite Entfernung, auf einem bahnloſen Meere gemeſſen, hat ihre Schrecken für die Unwiſſenden ſo gut, wie für die Verſtändigen, junger Herr, denn hier ſtellt ſich eine andere Frage— hinſichtlich der großen Bedürfniſſe des Lebens, nämlich der Nahrung und des Waſſers, heraus.“ Nach dieſer kleinen Rüge des Leichtſinns bei ſeinem jungen Freunde 323 ſchickte ſich der Admiral zum Schlafengehen an, indem er vorher niederkniete und ſein Gebet verrichtete. Siebenzehntes Kapitel. Wohin verfolgeſt du die Spur Der Roſen, die des Abends Schein Am Himmel malt— ſo einſam und allein Auf taubeträufter Flur? Bryant. Columbus' Schlummer war von kurzer Dauer. So lange ſein Schlaf währte, war er tief; da aber der Admiral ein Mann war, der eine Willenskraft beſaß, welche die thieriſchen Funktionen ganz ihrer Gewalt unterworfen hatte, ſo wachte er regelmäßig in kurzen Zwiſchenräumen wieder auf, um nach dem Stand des Wetters und der Stellung ſeiner Schiffe zu ſehen. Bei dem gegenwärtigen An⸗ laſſe befand ſich der Admiral ein wenig nach Ein Uhr bereits wieder auf dem Deck, wo er Alles ſcheinbar in jener ruhigen und an⸗ ſprechenden Stille antraf, welche bei ſchönem Wetter gewöhnlich die Stunden einer mittleren Wache auf dem Meere auszeichnet. Die Leute auf dem Decke ſchliefen meiſt und nur der ſchläfrige Pilot, der Steuer⸗ mann und einige Ausluger waren auf und wach. Der Wind war ſteifer geworden und die Caravele pflügte ihren Weg mit unermüd⸗ lichem Fleiße vorwärts, ſo daß Ferro und ſeine Gefahren mit jedem Augenblick ſich mehr und mehr entfernten. Die einzigen vernehm⸗ lichen Töne waren das leiſe Seufzen des Windes in den Tauen, das Rauſchen des vom Kiele getheilten Waſſers und hin und wieder das Knarren einer Raa, wenn ein ſtärkerer Windſtoß ihre Gien ausdehnte und die Taue anſpannte. Die Nacht war finſter und es bedurfte einer Weile, um bei dem ſchwachen Lichte das Auge an die Gegenſtände zu gewöhnen. Der Admiral aber entdeckte ſchnell, daß das Schiff nicht dicht im 324 Wind ſegelte, wie er doch befohlen hatte. Er trat an's Steuer und bemerkte, wie es ſo weit gedreht war, daß der Schnabel nach Nord⸗Oſten abfallen mußte, welches in der That die Richtung nach Spanien war. 5 „Biſt Du ein Seemann und vernachläßigſt Deinen Curs in dieſer ſaumſeligen Weiſe?“ fragte der Admiral ernſt,„oder biſt Du nur ein Maulthiertreiber, der ſich einbildet, er ziehe ſeines Weges auf einem Bergpfade hin? Dein Herz iſt in Spanien und Du glaubſt, daß der eitle Wunſch einer Rückkehr durch einen ſolch thörichten Kunſtgriff verwirklicht werden könne?“ „Ach, Sennor Admiral, Euer Excellenz hat richtig geurtheilt, wenn Ihr glaubt, mein Herz ſey in Spanien, wo es um ſo mehr ſeyn muß, da ich in Moguer ſieben mutterloſe Kinder zurückgelaſſen habe.“ „Weißt Du nicht, Burſche, daß auch ich Vater bin und daß ich gleichfalls die theuerſten Gegenſtände väterlicher Hoffnungen zurückgelaſſen habe? Worin unterſcheideſt Du Dich denn von mir, da mein Sohn nicht minder der Mutterpflege entbehrt?“ „Excellenz, er hat einen Admiral zum Vater, während meine Jungen nur die Söhne eines Steuermanns ſind.“ „Und was kann es Don Diego nützen“— Columbus pflegte auf die Ehren, welche ihm die Herrſcher— obgleich etwas unregel⸗ mäßigerweiſe— ertheilt hatten, ein Gewicht zu legen—„was kann es Don Diego, meinem Sohne nützen, wenn ſein Vater als Admiral zu Grunde ging, ſofern überhaupt von einem Zugrundegehen die Rede ſeyn kann; und was hat er für einen Vortheil vor Deinen Kindern, wenn er ſich wie ſie elternlos findet?“ „Sennor, er hat den Vortheil, von dem König und der Königin geliebt, als Euer Kind geehrt und als der Sohn eines Vicekönigs gehegt und gepflegt zu werden, während man den Sprößling eines namenloſen Matroſen bei Seite wirft.“ „Freund, Du haſt nicht ganz Unrecht, und in ſofern achte ich Deine Gefühle,“ antwortete Columbus, der wie Waſßhington ſich ſtets 325 dem Einfluſſe eines hohen und reinen Rechtsgefühls hingab— „aber Du würdeſt wohl thun, Dich der Folgen, die durch eine männliche, vom Glück gekrönte Ausdauer bei dieſer Reiſe für das Wohl Deiner Kinder erwachſen können, zu erinnern, ſtatt daß Du Dich in armſeliger Furcht über Gefahren ängſtigſt, die uns wahr⸗ ſcheinlich nie begegnen werden. Keiner von uns Beiden hat viel zu erwarten, wenn unſer Entdeckungszug mißglückt: deſto mehr dürfen wir aber im Falle eines günſtigen Erfolges hoffen. Kann ich Dir ſo weit trauen, daß Du das Schiff in ſeinem Curs erhalten wirſt, oder muß ich einen andern Matroſen an das Steuer ſetzen?“ „Es iſt wohl beſſer, wenn ihr das Letzere thut, edler Admiral. Ich will mir Euern Rath bedenken und das Heimweh niederzu⸗ kämpfen ſuchen. Jedenfalls iſt es aber räthlicher einem Andern meinen Dienſt zu übertragen, ſo lange wir noch ſo nahe an Spanien ſind.“ „Kennſt Du einen gewiſſen Sancho Mundo, einen gemeinen Matroſen von unſerer Mannſchaft?“ „Sennor, wir kennen ihn Alle; ganz Moguer hält ihn für den Geſchickteſten unſeres Gewerbes.“ „Gehört er zu Deiner Wache oder ſchläft er unten bei der Ablöſungsmannſchaft?“ „Sennor, er gehoͤrt zu unſerer Wache und ſchläft nicht unten, dondern hier oben auf dem Verdecke. Weder Furcht noch Gefahr kann Sancho's Zuverſicht erſchüttern. Er betrachtet den Anblick des Landes ſo ſehr als ein Uebel, daß ich zweifle, ob es ihn über⸗ haupt freuen würde, wenn wir je die fernen Länder erreichen ſollten, von denen Euer Excellenz zu glauben ſcheint, daß ſie erreichbar ſeyen.“ „Suche dieſen Sancho und heiße ihn hieher kommen! ich will inzwiſchen Deinen Dienſt verſehen.“. Columbus ergriff nun das Steuer ſelbſt und brachte durch eine leichte Bewegung der Speiche das Schiff augenblicklich wieder ſo weit, als es anging, in den Wind. Die Folge davon war ein raſcheres und ſchnelleres Treiben in die See, eine ſchiefere Stellung 326 nach dem Lee und ein lebhafteres Knarren der Maſten, welches andeutete, daß Spieren und Takelwerk auf's Neue und kräftiger an⸗ zogen. Nach einigen Minuten erſchien Sancho, der ſich gähnend die Augen ausrieb. „Uebernimm Du dieſes Amt,“ ſagte der Admiral, als der Mann näher trat,„und übe es treu. Diejenigen, welche vorher hier ſtanden, haben ſich als unzuverläßig erwieſen und ließen das Schiff in der Richtung nach Spanien abfallen. Ich hoffe etwas Beſſeres von Dir und denke, Freund Sancho, ich kann auf Dich ſelbſt im Falle der Gefahr als auf einen treuen und gehorſamen Begleiter zählen.“ „Sennor Don Almirante,“ ſagte Sancho, indem er das Steuer ergriff und es durch ein leichtes Spiel ſein Commando fühlen ließ, wie wohl ein geſchickter Kutſcher mit ſeinen Roſſen thut, wenn er die Zügel in die Hand genommen hat,„ich bin ein Diener der Krone und Euer Untergebener, und daher bereit, jeden Dienſt, den man mir überträgt, zu leiſten.“ „Du fürchteſt Dich nicht vor dieſer Reiſe und trägſt Dich nicht mit der läppiſchen Beſorgniß, ohne die Hoffnung, je Weib oder Kind wieder zu ſehen— dich endlos in einem unbekannten Meere umhertreiben zu müſſen?“ „Sennor, Ihr kennt unſere Herzen ſo gut, als ob ihr ſie mit eigenen Händen geformt und in unſere armſeligen Körper ge⸗ legt hättet.“ „Du hegſt alſo keine von dieſen thörigten und unſeemänniſchen Befürchtungen?“ „Nicht ſoviel, Excellenz, um das Ave eines Pfarrgeiſtlichen oder den Seufzer eines alten Weibes zu veranlaſſen. Ich mag meine Bedenklichkeiten haben, denn wir alle haben unſere Schwächen— aber keine davon hat mit der Furcht, auf dem Ocean herumſegeln zu müſſen, etwas zu ſchaffen, da mir dieß nur Freude macht; und was Weib und Kinder anbelangt, ſo bin ich mit Erſterer nicht verſehen, -—B 8 8 ◻ 327 und wünſche auch nicht, glauben zu müſſen, daß mir von Letzteren eines nachrufe.“ „Wenn Du Bedenklichkeiten haſt, ſo nenne ſie. Ich moͤchte einen ſo muthigen Mann, wie Du, ganz zu meinem Freunde haben.“ „Ich zweifle nicht, Sennor, daß wir Cathay, oder was im⸗ mer für ein Land, welches Eure Excellenz zu ſuchen beliebt, finden werden; ich nehme durchaus keinen Anſtand an Eurer Fähigkeit, dem Groß⸗Khan Trotz zu bieten und ihm ſeine Juwelen vom Turban zu ſtreifen— denn da er ein Ungläubiger iſt, muß er wohl einen Turban tragen; auch fuhle ich nicht das geringſte Bedenken hin⸗ ſichtlich der Größe unſerer Entdeckungen und der Reichthümer, die wir als Fracht bekommen werden, denn ich glaube, Sennor Don Almirante, daß Ihr geſchickt genug ſeyd, die Caravelen an das Ende der Erde und wieder zurückzuführen, oder ſie mit Karfunkeln zu beladen, wenn es an Diamanten fehlen ſollte.“ „Wenn Du ein ſolches Vertrauen zu Deinem Führer haſt, welche andere Sorge kann Dich noch beunruhigen?“ „Mich beunruhigt der Werth des Antheiles, ſey es nun an Juwelen oder Ehre, welcher einem gewiſſen Sancho Mundo, einem armen unbekannten, faſt nackten Matroſen zufallen dürfte; denn er braucht von Beidem mehr, als wohl je unſerer gnädigen Ge⸗ bieterin, Donna Iſabella, oder ihrem königlichen Gemahl in den Sinn gekommen ſeyn mag.“ „Sancho, Du lieferſt den Beweis, daß Niemand ohne Mängel iſt, und ich fürchte, Du biſt käuflich. Man ſagt, jeder Menſch habe ſeinen Preis und Du ſcheinſt aus dem Deinigen kein Hehl zu machen.“ „Eure Excellenz iſt nicht umſonſt in der Welt herumgeſegelt, ſonſt könntet Ihr nicht Jedem ſeine Gedanken ſo leicht abſehen. Ich habe immer vermuthet, daß ich käuflich ſey, und ſo nahm ich alle Arten von Geſchenken an, um dieſes Gefühl niederzuhalten. Nichts beſchwichtigt den Wunſch, ſeine Dienſte gut an den Mann zu bringen, mehr, als Geſchenke und Belohnungen, und was den 328 Preis anbelangt, ſo gebe ich mir Mühe, den meinigen ſo hoch als möglich zu halten, damit man mich nicht für eine gemeine und nie⸗ drige Seele halte. Zahlt mich gut und laßt es an Geſchenken nicht fehlen, und ich werde ſo uneigennützig ſeyn, wie ein Bettel⸗ mönch.“ „Ich verſtehe Dich, Sancho, Du biſt zu kaufen, aber nicht zu ſchrecken. Nach Deiner Anſicht war eine einzige Dublone zu klein, als daß Du ſie hätteſt mit Deinem Freunde, dem Portugie⸗ ſen, theilen mögen. Ich will auf Deine eigenen Bedingungen einen Bund mit Dir eingehen. Hier iſt ein anderes Goldſtück; ſiehe zu, daß Du mir auf der ganzen Reiſe treu. bleibſt.“ „Zählt ohne Bedenken auf mich, Sennor Don Almirante, und auch mit Bedenken, je nachdem es kommt. Eure Excellenz hat keinen uneigennützigeren Freund in der Flotte. Ich hoffe nur, daß, wenn die Theilungsliſte abgefaßt werden ſoll, der Name Sancho Mundo den ehrenvollen Platz einnehme, welcher ſeiner Treue ge⸗ bührt. Und nun, Excellenz, könnt Ihr ruhig ſchlafen gehen; die Santa Maria wird dem Curſe nach Cathay ſo nahe liegen, als es dieſer Südweſtwind immer geſtattet.“ Columbus legte ſich wieder nieder, obgleich er die Nacht hindurch noch einigemal aufſtand, um nach dem Stande des Wetters zu ſehen und ſich zu überzeugen, daß die Mannſchaft ihre Schuldigkeit thue. So lange Sancho an dem Steuer ſaß, wurde ſein Ver⸗ ſprechen treu eingehalten, als er aber zur gewohnten Stunde mit ſeiner Wache in den untern Raum ging, kamen Leute an ſeine Stelle, welche ſich eben ſo treulos als der frühere Steuermann erwieſen. Als Luis ſeine Hängematte verließ, war Columbus be⸗ reits mit Berechnung der Entfernung, welche das Schiff die Nacht über abgelaufen hatte, beſchäftigt. Der Admiral bemerkte den ſpä⸗ henden Blick des jungen Mannes und begann mit Ernſt und nicht ganz ohne einen ſchwermüthigen Zug in ſeiner Miene: „Wir ſind weit gekommen, obgleich es nördlicher ging, als N— y& 329 ich gewünſcht habe. Ich finde, daß die Schiffe ſich ſeit Sonnen⸗ untergang um dreißig Stunden weiter von Ferro entfernt haben, und Du ſiehſt, daß ich hier vierundzwanzig in die Rechnung, welche für die Augen der Mannſchaft beſtimmt iſt, eintrug. Die Steuer⸗ leute haben aber in dieſer Nacht einen großen Kleinmuth, wenn nicht Verrätherei, an den Tag gelegt; denn ſie hielten mit dem Schiffe in einer Weiſe ab, daß es eine Zeit lang ganz in paralleler Richtung mit der europäiſchen Küſte lief. Sie ſuchten mich alſo auf dem Decke zu betrügen, waͤhrend ich es für nöthig erachtete, ſie in der Cajüte zu täuſchen. Es iſt ſchmerzlich, Don Luis, daß man zu ſolchen unredlichen Mitteln ſeine Zuflucht nehmen muß, wenn es ſich um ein Unternehmen handelt, welches alle, die je von Menſchen verſucht wurden, überbietet und noch obendrein die Ehre Gottes, das Wohl des Menſchengeſchlechts und insbeſondere die Intereſſen von Spanien zum Zwecke hat.“ „Selbſt die frommen Geiſtlichen können oft ohne dieſen Uebel⸗ ſtand nicht ausreichen, Don Chriſtoval,“ antwortete der unbe⸗ kümmerte Luis,„und der Laie braucht ſich Etwas, wobei ſie kein Bedenken fühlen, nicht allzuſehr zu Gemüthe zu ziehen. Ich habe mir ſagen laſſen, daß die Hälfte der Wunder, welche ſie vorgeben, nicht beſonders weit her ſeyen, obgleich die Zweifel und der Glau⸗ bensmangel verhärteter Sünder ſolche kleine Erfindungen zum Be⸗ ſten unſerer Seele nothwendig machen mögen.“ „Ich bezweifle nicht, daß Falſchheit und Betrug ſich eben ſo gut unter den Kirchenleuten, als unter den Laien finden,“ antwortete der Admiral,„aber dieß iſt nur die Folge von Adams Sündenfall und der Verderbtheit der menſchlichen Natur. Doch gibt es auch ächte und wahrhaftige Wunder— Ausflüſſe der göttlichen Allmacht, welche den Zweck haben, den Glauben aufrecht zu halten und Diejenigen zu ermuthigen, welche Gott lieben und ſeinen heili⸗ gen Namen ehren. Ich glaube nicht, daß eines unſerer Begeg⸗ niſſe wirklich unter dieſe Klaſſe gehört, auch wage ich nicht, zu 330 hoffen, daß wir in dieſer Weiſe durch eine beſondere Einmiſchung begünſtigt werden möchten; aber alle Kunſtgriffe des Teufels ſollen mich nicht bereden, daß wir bei unſerem ſo ruhmwürdigen Unter⸗ fangen verlaſſen werden könnten oder daß wir auf unſerer Reiſe nicht mittelbar und geheimnißvoll durch einen Geiſt und ein Wiſſen geleitet werden, die Beide aus Gottes Gnade und unendlicher Weisheit fließen.“ „So weit es Euch betrifft, mag dies wohl der Fall ſeyn, Don Chriſtoval; meine Wenigkeit macht aber auf keinen höheren Füh⸗ rer, als auf einen Engel, Anſpruch. Die Reinheit eines Engels, und ich hoffe, beifügen zu dürfen, die Liebe eines Engels, leiten mich blindlings über das Meer.“ „So ſcheint es Dir, Luis; aber Du kannſt nicht wiſſen, ob ſich nicht in dieſer Sache eine höhere Macht Deiner Donna Mer⸗ cedes nur als eines Werkzeugs bedient. Obgleich ich es der Menge nicht durch ein Wunder begreiflich machen kann, ſo fühle ich doch in meinem Innern ein geheimnißvolles Walten, das dieſes Unter⸗ nehmen leitet, und ich würde es für eine Läſterung halten, ihm zu widerſtehen.— Gott ſey geprieſen, mein Sohn, wir ſind doch endlich der Portugieſen los, kommen wacker vorwärts und haben einen hübſchen offenen Weg vor uns. Für jetzt ſind nur noch Hin⸗ derniſſe von den Elementen und von unſerer eigenen Muthloſigkeit zu befuͤrchten. Mein Herz iſt hoch erfreut, denn ich finde, daß die zwei Pinzons treu bleiben und ihre Caravelen dicht an die Santa Maria halten, wie Männer, welche treu bis an's Ende des Wagniſſes auszuhalten gedenken.“ Da Luis nun angekleidet war, verließ er zugleich mit dem Admiral die Cajüte. Die Sonne war aufgegangen und die weite Fläche des Meeres erglänzte von ihren Strahlen. Der Wind war ſteif und ſchlug allmählig weiter nach Süden um, ſo daß die Fahr⸗ zeuge faſt quer gegen ſeine Richtung liefen. Demungeachtet waren die Fortſchritte, da die See nicht hoch ging, verhältnißmäßig ſehr 331 beträchtlich. Alles ſchien günſtig. Der erſte Ausbruch des Schmerzes über das Verſchwinden des Landes hatte ſich gelegt und die Mann⸗ ſchaft wurde ruhiger, obgleich die Furcht vor der Zukunft wie die verborgene Gluth eines Vulkans im Innern fortglimmte. Der An⸗ blick des Meeres bot nichts Beunruhigendes oder für einen Ma⸗ troſen Ungewohntes dar, und da ein lebhafter Wind, wenn keine Ge⸗ fahr vorhanden iſt, immer einen angenehmen Eindruck macht, ſo mochte ſich wohl die Mannſchaft durch einen Stand der Dinge, wie ſie ihn eher gewöhnt war, ermuthigen laſſen und der Freude und Hoffnung wieder Raum geben. Den Tag über und die darauffol⸗ gende Nacht liefen die Fahrzeuge wieder hundert und achtzig Mei⸗ len weiter in die pfadloſe Oede des Weltmeers, ohne daß die Ma⸗ troſen nur halb ſo viel durch Befürchtungen beunruhigt wurden, als dieß beim Verſchwinden des Landes der Fall geweſen war. Columbus beharrte jedoch auf ſeiner angenommenen Vorſichtsmaß⸗ regel und ſetzte in ſeiner öffentlichen Berechnung die Fahrt der letzten vierundzwanzig Stunden ungefähr zu hundert und fünfzig Meilen an. Dienſtag den erſten September nahm der Wind eine noch günſtigere Wendung. An dieſem Tage waren die Schnä⸗ bel der Schiffe zum erſten Male, ſeit man die canariſchen Inſeln verlaſſen hatte, voll nach Weſten gerichtet und— mit der alten Welt in gerader Linie im Rücken und dem unbekannten Meere vor ſich— ſetzten unſere Abenteurer die Fahrt bei ſüdöſtlichem Winde fort. Die Geſchwindigkeit betrug ungefähr fünf Meilen in der Stunde, wobei das gleichförmige des Vordringens und die Richtung des Curſes den Mangel an Schnelligkeit erſetzten. Die gewöhnlichen Beobachtungen zur See, wenn die Sonne im Zenith ſteht, waren vorüber, und Columbus hatte ſeinen ängſt⸗ lichen Gefährten eben mitgetheilt, daß die Fahrzeuge ſich allmäh⸗ lig gen Süden wendeten, was er der Abtrift irgend einer unſicht⸗ baren Strömung zuſchrieb, als ein Ruf von dem Maſtkorbe die Annäherung eines Wallfiſches verkündete. Da die Erſcheinung eines 3³3² dieſer Ungeheuer der Tiefe ſtets die Einförmigkeit des Seelebens unterbricht, ſo eilte Alles, um ſich dieſen Anblick zu verſchaffen, indem Einige in die Takelage, und Andere auf die Reegelingen ſprangen, um ſich durch die Bewegungen des Thieres unterhalten zu laſſen. „Siehſt Du ihn, Sancho?“ fragte der Admiral den Letzteren, welcher gerade in ſeiner Nähe ſtand.„Das Waſſer hat mir nicht das Ausſehen, als ob ein ſolches Thier in der Nähe ſeyn könnte.“ „Cuer Excellenz Auge, Sennor Don Almirante, iſt weit treuer, als das jener Schwätzer in den Maſten. So gewiß dieß das atlan⸗ tiſche Meer und das dort der Schaum der Wellenkämme iſt, ſo gewiß gibt es hier keinen Wallfiſch.“ 1 „Die Floße! die Floße!“ brüllte ein Dutzend Stimmen auf einmal, während die Matroſen auf eine Stelle deuteten, wo ſich ein dunkler Gegenſtand über den Schaum des Meeres erhob und eine zugeſpitzte Hervorragung mit kurzen Armen, die ſich nach jeder Seite ausbreiteten, ſichtbar werden ließ.„Er ſpielt mit dem Kopf in dem Waſſer und hält den Schwanz zu oberſt!“ „Ach! ach!“ rief der erſahrene Sancho mit der Wehmuth eines ächten Seemanns;„was dieſe unverſtändigen und vorſchnellen Schreier die Schwanzkfloſſe eines Wallfiſches nennen, iſt nichts als der Maſt irgend eines unglücklichen Schiffes, das ſein Gerüſte ſammt Fracht und Leuten in den Tiefen des Meeres verloren hat.“ „Du haſt Recht, Sancho,“ erwiederte der Admiral,„ich ſehe nun, was Du meinſt; es iſt in der That eine Spiere und deutet ohne Zweifel auf einen Schiffbruch.“ Dieſe Thatſache ging ſchnell von Mund zu Munde und die Trauer, welche die Zeugniſſe eines ſolchen Unglücks immer begleitet, lagerte ſich über die Geſichter aller Zuſchauer. Nur die Piloten zeigten Gleichgültigkeit und beriethen ſich über die Ausführbarkeit eines Verſuchs, die Spiere heraufzuholen, um ſie in der Zeit der Noth denützen zu können. Ihre Abſicht wurde jedoch durch die zu 333 ſtarke Bewegung des Waſſers und durch den günſtigen Wind ver⸗ eitelt, da ein ächter Matroſe dieſen letzteren Vortheil ſelten gerne aufgibt. „Das iſt ein Warnungszeichen,“ rief einer der Mißvergnügten, als die Santa Maria an der ſchwankenden Spitze der Spiere vor⸗ beiſegelte.„Gott hat dieſes Zeichen geſendet, um uns davon abzu⸗ mahnen, nach Orten vorzudringen, wohin Er nie einen Seeman kommen laſſen wollte.“ „Sage lieber,“ erwiederte Sancho, der, ſobald er ſeinen Lohn in der Taſche hatte, ſich immer als ein bereitwilliger Fürſprecher erwies,„es iſt ein Zeichen, das uns der Himmel ſandte, um uns zu ermuthigen. Siehſt Du nicht, daß der ſichtbare Theil des Maſtes einem Kreuze ähnlich iſt, und daß dieſes heilige Zeichen uns vor⸗ angehen und mit freudigen Hoffnungen erfüllen wollte?“ „Dieß iſt wahr, Sancho,“ fiel Columbus ein.„In der Mitte des Weltmeeres mußte zu unſerer Erbauung ein Kreuz aufgerichtet werden, und wir haben es als einen Beweis zu betrachten, daß die Vorſehung mit uns iſt und unſeren Verſuch, ihre Segnungen zum Nutzen und Troſt der Heiden nach Aſten zu bringen, gut heißt.“ Da die Aehnlichkeit mit dieſem heiligen Symbole nichts weni⸗ ger als eine erträumte war, ſo blieb dieſer glückliche Einfall San⸗ cho's nicht ohne Wirkung. Der Leſer wird dieſe Aehnlichkeit um ſo beſſer begreifen, wenn er weiß, daß die obern Enden eines Ma⸗ ſtes durch die Dwarsſahlingen ſo ziemlich das Ausſehen eines Kreu⸗ zes bekommen, und dieſe einzelne Spiere ſchwamm dazu faſt ſenkrecht, wie es oft zu gehen pflegt, wenn irgend ein ſchwerer Gegenſtand an der Hielung befeſtigt iſt— wobei ſich der obere Theil etwa fünf⸗ zehn bis zwanzig Fuß über die Oberfläche des Meeres erhob. Sie erſchien allmählig kleiner und mehr dem Waſſer zugeneigt, bis ihre ſchwachen Umriſſe ſich nur noch wie Fäden darſtellten, wobei ſie jedoch immer noch die wohlbekannte Geſtalt jenes verehrten Sinn⸗ bilds der Chriſtenheit trug, bis nach einer Viertelſtunde auch dieſes 334 letzte Erinnerungszeichen an Europa und die Civiliſation hinter dem Fahrwaſſer der Schiffe verſchwand. Nach dieſem Vorfall wurde die Fahrt der Schiffe zwei Tage und zwei Nächte lang durch kein weiteres bemerkenswerthes Ereig⸗ niß unterbrochen. Dieſe ganze Zeit über war der Wind günſtig, und die Abenteurer ſegelten nach ihrem Compaß genau nach Weſten fort— in der That aber mit einer Neigung gegen Norden, eine Wahrheit, welche dem Wiſſen jener Periode noch fremd war. Von dem Mor⸗ gen des zehnten Septembers bis zum Abend des dreizehnten hatte die Flotte faſt neunzig Stunden zurückgelegt, wobei ſie ſich in einer Linie hielt, welche die große Waſſerwüſte in faſt gerader Richtung durchſchnitt; ſie hatte daher einen Punkt erreicht, der ſoweit oder gar noch weiter weſtlich lag; als die Azoren, welche damals den europäiſchen Seefahrern als das weſtlichſte Land bekannt waren. Am dreizehnten traf ſie auf widrige Strömungen, die nach Süd⸗ oſten trieben und daher die Schiffe mit jeder Stunde der nörd⸗ lichen Gränze der Paſſatwinde näher brachten. Am Abend des dreizehnten Septembers befanden ſich der Ad⸗ miral und Luis auf ihrem gewöhnlichen Poſten, als Sancho das Steuer verließ, da jetzt die Reihe an einen Andern kam. Statt aber, wie gewöhnlich ſich der Mannſchaft beizugeſellen, zögerte der Burſche, warf einen ſpähenden Blick nach dem Hüttendecke, und da er auf demſelben nur den Admiral und ſeinen beharrlichen Gefährten be⸗ merkte, ſtieg er die Leiter hinan, als ob er irgend eine Mittheilung zu machen wünſche. „Willſt Du etwas von mir, Sancho?“ fragte der Admiral nach einer Pauſe, während welcher ſich der Mann verſichert hatte, daß Niemand anders ſich auf dem engen Verdecke befinde—„ſprich offen, Du haſt mein Vertrauen!“ „Sennor Don Almirante, Euer Excellenz weiß wohl, daß ich kein Süßwaſſerfiſch bin, der bei dem Anblick eines Hay's oder Wallfiſches erſchrickt, oder ſich dadurch einſchuͤchtern läßt, daß der 335 Schnabel eines Schiffes nach Weſten, ſtatt nach Oſten ſteht; und doch muß ich ſagen, daß dieſe Reiſe nicht ganz ohne gewiſſe Zei⸗ chen und Wunder iſt, welche ein Matroſe wohl für ungewöhnlich wo nicht für unheilverkündend anſehen darf.“ „Du biſt, wie Du ſagſt, Sancho, kein Faſeler, der ſich durch den Flug eines Vogels oder durch die Vordedeutungen einer trei⸗ benden Spiere in Furcht ſetzen läßt, und weckſt daher um ſo mehr meine Neugierde, weiteres zu erfahren. Der Sennor de Munnos iſt mein vertrauter Sekretär, vor dem ich nichts geheim zu halten brauche Wenn Gold Dein Zweck iſt, ſo darfſt Du ſicher ſeyn, es zu erhalten.“ „Nein, Sennor, meine Neuigkeiten ſind entweder keinen Ma⸗ ravedi werth, oder ſie laſſen ſich nicht mit Gold bezahlen. Wie dem aber auch ſey, Eure Excellenz mag ſie hinnehmen und nicht weiter an meine Belohnung denken. Ihr wißt, Sennor, daß wir alte Matroſen, wenn wir ſo am Ruder ſitzen, uns auch unſere Gedanken machen, und ſo denken wir bisweilen an das Lächeln, an die freund⸗ lichen Augen irgend einer Dirne am Lande, oder vergegenwärtigen uns hie und da den Mohlgeſchmack einer köſtlichen Frucht und einer duftigen Hammelskeule, und dann ſtellen wir auch wundershalber jezuweilen eine Gewiſſensforſchung an.“ „Ich weiß das Alles wohl, Burſche, aber es iſt eben kein Gegenſtand für das Ohr eines Admirals.“ „Wer weiß, Sennor? ich habe Admirale gekannt, die ſich nach einer langen Fahrt einen Schöpſenbraten gar herrlich ſchmecken ließen, die dem Gedanken an lächelnde Geſichter und leuchtende Augen nicht abhold waren, und wenn ſie auch nicht hin und wieder an ihre Sünden dachten, ſo thaten ſie doch zuweilen etwas viel Schlim⸗ meres, indem ſie die große Rechnung, die gegen ſie aufgehäuft war⸗ noch vermehren halfen. Nun es war—“ „Laßt mich dieſen Hallunken geſchwind in's Meer werfen, Don Chriſtoval,“ fiel der ungeduldige Luis ein, indem er eine Bewe⸗ gung machte, als ob er die Drohung zur Ausführung bringen wollte, / 336 woran er jedoch durch den Admiral verhindert wurde.„Wir wer⸗ den nie eine Erzählung am rechten Ende anfangen hören, ſo lange er im Schiffe bleibt.“ „Ich danke Euch, mein junger Herr von Llera,“ antwortete Sancho lächelnd.„Wenn Ihr ſo bereit ſeyd, Matroſen zu erträn⸗ ken, als im Turniere chriſtliche Ritter und im Kampfe Ungläubige aus dem Sattel zu werfen, ſo waͤre mir jeder andere Bademeiſter lieber als Ihr.“ „Du kennſt mich, Schurke? So haſt Du mich auf irgend einer frühern Reiſe geſehen?“ „Eine Katze darf nach einem König ſchauen, Sennor Conde— warum nicht auch ein Matroſe nach ſeinem Paſſagier. Doch ſpart Eure Drohungen, Euer Geheimniß iſt in ſichern Händen. Wenn wir Cathay erreichen, ſo wird ſich Niemand ſchämen dürfen, dieſe Reiſe mitgemacht zu haben, und wenn ſte fehlſchlägt, ſo iſt es nicht ſon⸗ derlich wahrſcheinlich, daß einer zurückkehren wird, um die Art und Weiſe genau zu berichten, wie Eure Excellenz ertrank, verhungerte oder auf andere Art zu einem Heiligen in Abrahams Schoos wurde.“ „Genug davon,“ ſagte Columbus ernſt,„theile mit, was Du zu ſagen haſt und nimm Dich in Acht, daß Du das Geheimniß dieſes jungen Cdlen nicht ausplauderſt.“ „Sennor, Euer Wort gilt mir als Geſetz. Nun, Don Chri⸗ ſtoval, es gehört zu den Sonderbarkeiten eines Seemanns, daß er ſich des Nachts einen alten und treuen Freund betrachtet, näm⸗ lich den Polarſtern, und als ich vor einer Stunde in dieſer Weiſe beſchäftigt war, bemerkte ich, daß dieſer zuverläßige Führer und der Compaß, nach welchem ich ſteuerte, verſchiedene Angaben machten.“ „Biſt Du deſſen ficher?“ fragte der Admiral mit einer Raſch⸗ heit und einem Nachdrucke, welche verriethen, wie wichtig ihm dieſe Mittheilung erſchien. „So ſicher, Sennor, als man es durch ein fünfzigjähriges Schauen nach dem Stern und eine vierzigjährige Beobachtung des 1 337 Compaſſes nur werden kann. Aber es iſt kein Grund vorhanden, ſich auf meine Unwiſſenheit zu verlaſſen, Excellenz, ſintemal der Stern noch ſteht, wo ihn Gott hingeſetzt hat und Euer eigener Combaß dort an Eurem Ellenbogen liegt— man kann ja beide miteinander vergleichen.“ Es bedurfte dieſer Erinnerung nicht, denn Sancho hatte kaum ausgeſprochen, als Columbus und Luis mit lebhafter Neugierde jenes Inſtrument mit dem Stande des Sternes verglichen, da ſich zuerſt die naheliegende Vermuthung aufdrängte, der im untern Raume befindliche Compaß möchte fehlerhaft ſeyn oder wenigſtens unter dem Einfluſſe irgend einer ſtörenden Urſache ſtehen. Aber eine aufmerkſame Beobachtung überzeugte den Seefahrer bald, daß Sanchos Angabe wahr ſey. Er war ſowohl erſtaunt als beun⸗ ruhigt darüͤber, daß den Burſchen ſeine gewohnte Achtſamkeit und ſein geübtes Auge einen ſo ſeliſamen Wechſel ſo ſchnell hatte entdecken laſſen. Es war übrigens unter den Matroſen ſo gewöhnlich, ihre Com⸗ paſſe mit dem Polarſterne, den man für ein bewegungsloſes Licht, wenigſtens dem menſchlichen Auge gegenüber, hielt— zu vergleichen daß kein erfahrener Seeman, der des Nachts am Steuer ſtand, dieſe Naturerſcheinung wohl überſehen konnte. Nach wiederholt angeſtellten Beobachtungen an ſeinen eigenen Compaſſen, von denen einer auf dem Hüttendecke, der andere in der Cajüte ſtand, worauf auch noch die zwei Inſtrumente in dem Compaßhäuschen zu Rathe gezogen wurden— ſah ſich Columbus zu der Einräumung genöthigt, daß alle vier in gleicher Weiſe von ihrer gewöhnlichen Richtung um beinahe ſechs Grade nach Weſten abwichen. Dieſe neue und ſeltſame Störung der damals bekannten Naturgeſetze drohte die Erreichung des Zieles der Reiſe um ſo mehr zu erſchweren, als ſie mit einemmale die Abenteurer eines ſiche⸗ ren Führers beraubte und daher die Fahrt bei umwölktem Him⸗ mel und dunkeln Nächten nur mit Bangen und Ungewißheit vor ſich gehen konnte. Der erſte Gedanke des Admirals bei dieſer Donna Mercedes. 2te Aufl. 22 338 Gelegenheit war übrigens, den Folgen vorzubeugen, welche eine ſolche Entdeckung ohne Zweifel auf die Mannſchaft hervorbringen mußte, die ohnehin ſchon immer das Schlimmſte zu befürchten geneigt war. „Du wirſt reinen Mund halten, Sancho?“ bemerkte er gegen den Matroſen!„Hier iſt noch eine Dublone, um Deinen Vorrath zu vergrößern.“.. „Excellenz, entſchuldigk den Ungehorſam eines geringen Matro⸗ ſen, wenn ſeine Hand es wagt, Eure Gabe zurückzuweiſen. Es geht bei dieſer Sache nicht mit natürlichen Dingen zu, und da der Teufel bei dieſem Wunder vielleicht mit im Spiele iſt, um die Be⸗ kehrung der Heiden, von denen Ihr ſo oft ſprecht, zu hintertreiben, ſo ziehe ich es vor, in dieſer Angelegenheit meine Seele ſo rein als möglich zu erhalten, denn man kann nicht wiſſen, zu welchen Waffen wir unſere Zuflucht nehmen müſſen, wenn es wirklich eine Balgerei mit dem Vater der Sünden abſetzen ſollte.“ „Du wirſt aber doch zeigen, daß Du ſchweigen kannſt?“ „Verlaßt Euch darauf, Sennor Don Almirante. Kein Wort von der ganzen Geſchichte ſoll über meine Lippen kommen, bis mir Euer Excellenz zu ſprechen erlaubt.“ 3 Columbus entließ den Mann und wandte ſich dann an Luis, der ein ſchweigender aber aufmerkſamer Zeuge dieſer Vorgänge geweſen war. „Jene Abweichung von den gewöhnlichen Naturgeſetzen des Compaſſes ſcheint Euch zu beunruhigen, Don Chriſtoval,“ bemerkte der junge Mann heiter.„Meiner Meinung nach wäre es aber beſſer, uns ganz und gar auf die Vorſehung zu verlaſſen, die uns wohl kaum in das weite atlantiſche Meer herausgeführt haben würde, um uns, die wir doch ihren eigenen Zwecken dienen, zu verlaſſen, wo wir ihrer Hülfe am meiſten bedürfen.“ „Gott pflanzt zwar in die Herzen ſeiner Diener das Verlangen, ſeine Abſichten zu fördern, aber der Menſch iſt deßhalb doch genöthigt, ſich natürlicher Mittel zu bedienen, und um dieß mit Vortheil thun zu können, muß er dieſelben kennen. Ich betrachte dieſe Naturerſcheinung 339 als einen Beweis, daß unſere Reiſe die Entdeckung mancher großen Geheimniſſe mit ſich führen wird, unter welche vielleicht auch der Schlüſſel zu einigen unbekannten Eigenſchaften der Nadel gehört. Die mineraliſchen Reichthümer von Spanien ſind in mancher Be⸗ ziehung von denen Frankreichs verſchieden; denn obgleich Manches allen Ländern gemeinſam iſt, ſo giebt es doch wieder Dinge, die nur einzelnen Gegenden zukommen. Mir treffen vielleicht auf Gegenden, wo der Magnetſtein ſehr häufig iſt und ſind wohl gar in dem gegenwärtigen Augenblicke in der Nachbarſchaft irgend einer Inſel, welche aus einem ähnlichen Grunde dieſen räthſelhaften Ein⸗ fluß auf unſern Compaß übt.“ „Hat man Beiſpiele, daß Inſeln je in dieſer Weiſe auf die Nadel einwirkten?“ „Nein; auch dünkt mir ein ſolcher Umſtand nicht beſonders wahrſcheinlich, obgleich alle Dinge möglich ſind. Wir müſſen eben jetzt in Geduld abwarten, ob ſich dieſe Erſcheinung als wirklich und anhaltend erweist, ehe wir über eine ſo ſchwer begreifliche Sache Hypotheſen aufzuſtellen wagen.“ Man verließ den Gegenſtand jetzt, obgleich ein ſo ungewöhn⸗ licher Vorfall dem großen Seefahrer eine gedankenvolle und unruhige Nacht verurſachte. Er ſchlief wenig und heftete ſein Auge oft auf den Compaß, der in ſeiner Cajüte als Berichterſtatter aufgehängt war— denn ſo nennen die Matroſen das Inſtrument, mittelſt deſſen der Officier den Curs überwacht, nach welchem der Steuermann ſteuert, ſelbſt wenn der Letztere eine ſolche Beaufſichtigung am wenigſten vermuthet. Columbus ſtand zeitig genug auf, um den Stern, ehe er durch die Wiederkehr des Lichtes erbleichte, zu beobachten, und ſtellte eine weitere umſichtige Vergleichung der Lage dieſes Himmelskörpers mit der Richtung der Nadeln an. Die Unterſuchung ergab eine kleine Vermehrung der Abweichung, wodurch die Richtigkeit der Beobach⸗ tungen in der vergangenen Nacht ſich nur noch deutlicher an den 340 Tag ſtellte. Das Ergebniß der Berechnung zeigte, daß die Fahr⸗ zeuge im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden faſt hundert Meilen zurückgelegt hatten und Columbus glaubte nun, ſich ſechs⸗ hundert Meilen weſtlich von Ferro zu befinden, obgleich die Piloten bei weitem nicht an eine ſo große Entfernung dachten. Da Sancho ſein Geheimniß zu bewahren wußte und die Augen der übrigen Steuerleute nicht ſo wachſam waren, ſo blieb dieſer wichtige Vorfall der Mannſchaft immer noch verborgen. Allerdings ließ ſich dieſe Veränderung nur des Nachts unter Beihülfe des Polarſterns wahrnehmen, und ſie war bis jetzt ſo unbedeutend, daß nur ein ſehr geübtes und raſches Auge ſie entdecken konnte. Der ganze Tag und die Nacht des Vierzehnten vergingen daher, ohne daß die Mannſchaft beunruhigt wurde, um ſo weniger, da der Wind ſich gelegt hatte und die Schiffe nur um etliche ſechzig Meilen weiter im Weſten vorgedrungen waren. Columbus zeichnete jedoch, ſo unbedeutend auch die Veränderung war, den Unterſchied ſtets auf, und die Genauigkeit, mit der er ſeine Beobachtungen fortſetzte, überzeugte ihn, daß die Nadel immer mehr und mehr, obgleich mit kaum be⸗ merklicher Geſchwindigkeit, nach Weſten abwich. Achtzehntes Kapitel. Nach Deinem Licht ſo unbewegt Blickt voll Vertrau'n im Boot, das compaßlos Der Stürme Wuth entronnen, der Matros, Wenn landwärts rudernd er die Welle ſchlägt. Wie hebt in nächtlicher Gefahren Dunkel Des Irren Herz Dein leitendes Gefunkel! Hymne an den Polarſtern. Der folgende Tag, Samſtag der fünfzehnte, war der zehnte ſeit der Abfahrt der kleinen Flotte von Gomera, oder der ſechste Morgen, ſeit die Abenteurer das Land aus dem Geſichte verloren 341 hatten. Die letzte Woche war voll trauriger Vorahnungen geweſen, obgleich auch die Gewohnheit ihren Einfluß geltend zu machen anfing und die Mannſchaft weniger unruhe, als in den letzten drei oder vier Tagen zur Schau trug. Die Beſorgniſſe ſchlummerten aus Mangel an aufregenden Momenten ein, obgleich der Same fort⸗ keimte und bei jedem günſtigen Anlaſſe raſch aufzuſchießen bereit war. Der Wind blieb fortwährend günſtig, war aber dabei ſo leicht, daß man in vierundzwanzig Stunden lang nicht hundert Meilen im Weſten vordrang. Dieſe ganze Zeit über hatte Columbus die größte Aufmerkſamkeit auf die Nadeln verwendet und bemerkt, daß die Magnete immer mehr und mehr, obgleich auf eine ganz un⸗ merkliche Weiſe, nach Weſten abwichen, je weiter die Schiffe in dieſer Richtung ſegelten. Der Admiral und Luis hatten in Folge ihres engen Verkehrs ihre Gewohnheiten ſo gleichförmig geregelt, daß ſie zu gleicher Zeit aufzuſtehen und ſich zum Schlafen niederzulegen pflegten. Der junge Mann kannte die Gefahren, welchen er entgegen ging, zu wenig, und war auch durch ſeinen moraliſchen Muth zu ſehr über leere Beſorgniſſe erhaben, um bei der Verfolgung ſeines Zieles eine andere Unruhe zu empfinden, als wie ſie etwa der ſeiner Beute nacheilende Jäger fühlt, und er würde ſelbſt, wenn keine Mercedes gelebt hätte, eben ſo ungern als Columbus den Räckweg angetreten haben, ohne nach Cathay gelangt zu ſeyn. Beide ſprachen ohne Unterlaß von dem zurück⸗ gelegten Wege und ihren Hoffnungen, und Luis lebte ſich ſo in ſeine Lage hinein, daß er auch zu lernen anfing, wie Dinge beurtheilt werden müßten, welche mit der Dauer und dem Zwecke derſelben in Verbindung zu ſtehen ſchienen. In der Nacht des erwähnten Samſtags befand ſich Columbus und ſein angeblicher Sekretär allein auf dem Hüttendecke und ſprachen, wie gewöhnlich, über die Zeichen der Zeit und die Ereigniſſe des Tages. „Die Ninna hatte Euch geſtern Abend etwas mitzutheilen, Don Chriſtoval,“ bemerkte der junge Mann.„Ich war in der Cajuͤte mit meinem Tagebuch beſchäftigt und hatte keine Gelegenheit zu hören, was vorging.“ „Ihre Leute hatten ein paar Vögel geſehen, von denen man glaubt, daß ſie ſich nie zu weit vom Lande entfernen. Vielleicht ſind einige Inſeln in der Nähe, denn man kommt nirgends über eine weite Meeresfläche, ohne auf derartige Punkte zu treffen. Wir dürfen jedoch unſere Zeit nicht mit dem Aufſuchen derſelben ver⸗ ſchwenden, da der Ruhm und Gewinn, welchen die Entdeckung einer Inſelgruppe gewährt, nur ein armſeliger Erſatz für den Verluſt eines Feſtlandes wäre.“ „Bemerkt Ihr immer noch jene unerklärlichen Abweichungen der Nadeln, Sennor?“ „In dieſer Hinſicht hat ſich nichts geändert, da ſich im Gegen⸗ theil die Erſcheinung immer mehr und mehr beſtätigt. Meine Hauptbeſorgniß dabei iſt der Eindruck, den dieſer Umſtand auf die Mannſchaft üben wird, wenn es ruchbar werden ſollte.“ „Giebt es keine Mittel, ſie zu überreden, daß dieſes nach Weſten Deuten der Nadel ein Fingerzeig der Vorſehung ſey, auf unſerem Curſe zu beſtehen und in der Reiſe nicht laß zu werden.“ „Dieß könnte wohl angehen, Luis,“ antwortete der Admiral lächelnd,„wenn die Furcht ihren Verſtand nicht ſo geſchärft hätte, um mir zuerſt die Frage entgegen zu halten, warum uns die Vorſehung die Mittel entziehen wolle, zu wiſſen, wohin wir reiſen, wenn es doch ihre Abſicht ſey, daß wir in einer beſtimmten Richtung fortſegeln ſollen!“ Ein Geſchrei der Wache auf dem Deck unterbrach die Be⸗ ſprechung und ein plötzlicher Glanz erhellte die Nacht auf dem Meere und den Schiffen in einer Weiſe, als ob taufend Lämpchen ihr Schimmerlicht über den Raum ergößen. Eine Feuerkugel ſchoß quer über den Himmel und ſchien in der Entfernung von einigen Stunden oder vielmehr an den Gränzen des ſichtbaren Horizonts in's Meer zu fallen. Ihrem Verſchwinden folgte ein eben ſo tiefes Dunkel, als das außerordentlich flüchtige Licht zuvor ſtrahlend geweſen war. 343 Es war nur ein vorübergehendes Meteor, aber ein Meteor, wie es Menſchen nicht mehr als einmal in ihrem Leben ſehen, wenn ihnen überhaupt ein ſolcher Anblick auch nur ſo oft zu Theil wird— und die abergläubiſchen Matroſen ermangelten nicht, den Vorfall unter die außerordentlichen Zeichen, welche die Reiſe be⸗ gleiteten, zu zählen, obſchon die Meinungen über die gute oder ſchlimme Bedeutung deſſelben getheilt waren. „Bei St. Jago,“ rief Luis, ſobald das Licht verſchwunden war,„Sennor Don Chriſtoval, unſere Reiſe ſcheint nicht beſtimmt zu ſeyn, von den Elementen und anderen merkwürdigen Kräften unbeachtet zu bleiben! Ob dieſe Zeichen nun zu unſeren Gunſten ſprechen oder nicht— jedenfalls ſagen ſie uns, daß wir uns kei⸗ nem Alltagsgeſchäfte unterzogen haben.“ „So iſt der Geiſt des Menſchen,“ erwiederte Columbus.„Laß ihn über die Gränzen ſeiner täglichen Gewohnheiten und Beſchäfti⸗ gungen hinaus kommen, und er ſieht Wunder in der einfachſten Veränderung des Wetters— in dem Leuchten des Blitzes— in einem Windſtoße,— oder in dem Auftauchen eines Meteors, und denkt nicht daran, daß das Wunderbare daran nur in ſeinem Kopfe exiſtirt und in keiner Verbindung ſteht mit den Alltagsgeſetzen der Natur. Solche Scenen ſind keineswegs ungewöhnlich, beſonders in niederen Breitegraden, und gelten weder für noch gegen unſer Unternehmen als Vorbedeutung.“ „Doch koönnen ſie ſich der Geiſter bemächtigen, Sennor Almi⸗ rante, und auf die Einbildungskraft der Menſchen wirken. Sancho ſagt mir, daß ein mißvergnügtes Brüten unter der Mannſchaft um ſich greife, und daß, trotz ihrer ſcheinbaren Ruhe, der Widerwille gegen dieſe Reiſe mit jeder Stunde entſchiedener werde.“ ungeachtet dieſer Anſicht des Admirals und der Mühe, welche er ſich ſpäter gab, die Erſcheinung den Leuten auf dem Decke zu erklären, hatte das Sichtbarwerden des Meteors doch einen tiefen Eindruck auf die Matroſen geübt: die Erzählnng davon ging von Wache zu Wache und war die ganze Nacht hindurch der Gegen⸗ ſtand ernſter Beſprechung. Doch hatte das Ereigniß keinen offenen Ausbruch des Mißvergnügens zur Folge, und Einige nahmen es ſogar für ein günſtiges Zeichen, obgleich es die Meiſten im Ge⸗ heim als eine Abmahnung des Himmels von dem gottloſen Ver⸗ ſuche betrachteten, in die Geheimniſſe der Natur einzudringen, deren Enthüllung, ihrer Anſicht nach, nicht in den Planen der göttlichen Vorſehung lag. Indeſſen ſegelten die Schiffe immer weiter nach Weſten. Der Wind hatte oft, ſowohl hinſichtlich der Kraft als der Richtung ge⸗ wechſelt, aber nie in einer Weiſe, daß die Schiffe gezwungen worden wären, die Segel zu kürzen, oder von dem Curſe, welchen der Admi⸗ ral für den richtigen hielt, abzuweichen. Sie glaubten, genau nach Weſten zu ſteuern, obgleich ſie in Folge der Abweichung der Nadel einen etwas ſüdweſtlichen Curs einhielten und ſich immer mehr der Linie der Paſſatwinde näherten, eine Bewegung, in welcher ſte auch noch weſentlich durch die Gewalt der Strömungen unterſtützt wurden. Im Laufe des fünfzehnten und ſechszehnten deſſelben Monats hatte ſich die Flotte wieder um weitere zweihundert Meilen von Europa entfernt: eine Strecke, die Columbus, ſeiner gewohnten Vorniht zu Folge, in dem öffentlichen Berichte niedriger anſetzte. Der letztere Tag war ein Sonntag, und der Gottesdienſt, welcher damals ſelten auf einem chriſtlichen Schiffe vernachläßigt wurde, übte einen tiefen und feier⸗ lichen Eindruck auf die Gefühle der Abenteurer. Das Wetter hatte bisher den gewöhnlichen Character der Jahreszeit gezeigt, indem nur wenige Wolken und leichte Strichregen die Hitze milderten; dieſe gingen jedoch bald vorüber und ein ſanfter Südoſtwind folgte, der die Düfte des Landes zu den Schiffen zu tragen ſchien. Un⸗ ter dieſen günſtigen Umſtänden verſammelte ſich die Mannſchaft zum Abendgottesdienſt, wobei die Schiffe näher zuſammen rückten, um ſo zu ſagen mitten auf der weiten Oede eines Meeres, das ſelten oder vielleicht nie ein Segel geſehen hatte, nur einen einzigen 345 Tempel zur Ehre Gottes zu bilden. Dieſer Handlung der Andacht folgten wieder Freude und Hoffnung, die der Ruf eines Auslugers von dem Maſtbaume noch erhöhte, welcher nach vorn und leewärts deutete, als ob er einen beſonders intereſſanten Gegenſtand in dieſer Richtung bemerke. Die Steuer wurden ein wenig verändert und in etlichen Minuten kamen die Schiffe in ein Feld von Seegras, welches das Meer meilenweit bedeckte. Dieſes Anzeichen der Nähe von Land wurde von den Matroſen mit Jubel aufgenommen, und dieſelben Menſchen, welche kurz vorher noch am Rande der Ver⸗ zweiflung ſtanden, gaben ſich nun dem höchſten Entzücken hin. Dieſe Grasfläche war in der That geeignet, in der Seele des erfahrenen Matroſen Hoffnung zu erwecken. Sie hatte zwar eini⸗ ges von ihrer Friſche verloren, aber doch war ein großer Theil noch grün und ſah ganz aus, als ob die Pflanzen erſt vor Kurzem von dem Mutterfelſen oder der Erde, welche ſie genährt, losge⸗ riſſen worden wären; und ſo zweifelten nicht einmal die Piloten mehr, daß ſich Land in der Nähe befinden müſſe. Auch bemerkte man viele Thunfiſche und die Leute der Ninna waren ſo glücklich, einen davon zu fangen. Die Matroſen umarmten ſich mit Thrä⸗ den Augen, und manche Hand wurde nun in freundlicher Beglückwünſchung gedrückt, die ſich den Tag zuvor in düſterer Feind⸗ ſeligkeit zurückgezogen haben würde. „Und theilt Ihr alle dieſe Hoffnungen, Don Chriſtoval?“ fragte Luis;„dürfen wir in der That aus dem Vorhandenſeyn die⸗ ſer Seepflanzen auf die Nähe Indiens ſchließen— oder hoffen wir vergeblich?“ „Die Leute taͤuſchen ſich, wenn ſie glauben, daß unſere Reiſe ihrem Ende ſo nahe ſey. Cathay muß noch ſehr weit von uns ent⸗ fernt liegen, denn wir haben erſt dreihundert und ſechzig Stunden, ſeit wir Ferro aus dem Geſichte verloren, zurückgelegt, was nach meinen Berechnungen wenig mehr als ein Drittel unſeres Weges ausmacht. Ariſtoteles erzählt, daß einige Schiffe von Cadiz durch 346 ſchwere Stürme weſtwärts getrieben worden ſeyen, bis ſie ein mit Gras bedecktes Meer erreichten, wo der Thunfiſch ſehr häufig war. Du mußt wiſſen, Luis, daß dieß der Fiſch iſt, von dem die Alten glaubten, er ſehe beſſer mit dem rechten als mit dem linken Auge, weil man bemerkte, daß er in ſeinen Zügen durch den Bosporus ſtets auf dem rechten Ufer gegen den Pontus Euxinus hinſchwamm und auf dem linken zurückkehrte—“ „Beim heiligen Franciskus! es iſt kein Wunder, wenn Ge⸗ ſchöpfe von ſo einſeitigem Geſichte ſich ſo weit von ihrer Heimath verlieren,“ fiel der leichtherzige Luis lachend ein. Erzählt uns Ariſtoteles oder irgend ein Anderer der Alten nicht, wie ſie die Schön⸗ heit betrachten, oder ob ſie vielleicht dieſelben Begriffe von Gerech⸗ tigkeit haben, wie die Richter, welche Geſchenke von beiden Par⸗ teien annehmen?“ „Ariſtoteles ſpricht nur von der Gegenwart dieſes Fiſches in dem graſigen Meere, was uns jetzt durch den Augenſchein beſtätigt wird. Die Seeleute von Cadiz vermutheten ſich in der Nähe ver⸗ ſunkener Inſeln und eilten daher, ſo bald es der Wind geſtattete, wieder nach den heimathlichen Ufern zurückzukehren. Meinem Ur⸗ theile nach befinden wir uns jetzt an derſelben Stelle, aber ich erwarte noch nicht, Land anzutreffen, wenn wir nicht etwa zufällig auf ir⸗ gend eine Inſel ſtoßen, welche hierherum als eine Art von Leucht⸗ thurm zwiſchen der Küſte Europa's und Aſtens liegt. Wahrſchein⸗ lich iſt Land in der Nähe, von wo aus dieſe Gräſer hergetrieben wurden, aber die Auffindung deſſelben iſt mir nicht beſonders wich⸗ tig, Don Luis, da ich nur Cathay im Auge habe; denn ich ſuche ein Feſtland und keine Inſeln.“ Wir wiſſen nun, daß Columbus, wenn er auch Recht hatte, nach ſo kurzer Fahrt kein Feſtland zu erwarten— doch in der Annahme, daß überhaupt Land in dieſer Nachbarſchaft liege, ſich täuſchte. Es iſt noch immer nicht mit Entſchiedenheit dargethan worden, ob dieſe Gräͤſer durch Strömungen zuſammen getrieben werden, oder ob ſie „’nͤ———— 347 im Grunde des Meeres wachſen und, durch die Bewegungen des Waſſers losgeriſſen, in die Höhe ſteigen— wenn gleich die letztere Anſicht die allgemeinere iſt, da ſich in dieſer Gegend des Meeres ausgedehnte Sandbänke befinden. Wenn man dieſe Annahme gelten läßt, ſo waren die Seeleute von Cadiz der Wahrheit näher, als im erſten Augenblicke ſcheinen dürfte, da eine verſunkene Inſel alle Eigenthümlichkeiten einer Sandbank hat, mit Ausnahme ſolcher, die man als mit der Bildungsgeſchichte ſelbſt im Zuſammenhang ſtehend betrachtet. Kein Land ließ ſich blicken. Die Fahrzeuge ſegelten mit einer Geſchwindigkeit von durchſchnittlich fünf Meilen in der Stunde weiter und ſchoben die Gräſer, welche ſich von Zeit zu Zeit in Maſſen unter ihren Bugen anſammelten, zur Seite, was jedoch ihrem Weiter⸗ ſchreiten kein weſentliches Hinderniß in den Weg legte. Was den Admiral anbelangt, ſo waren ſeine Plane ſo großartig, ſeine Anſichten über die große geographiſche Aufgabe, die er zu löſen im Begriffe war, ſo feſt begründet, und ſein Entſchluß, bis aws Ende auszu⸗ harren, ſo entſchieden, daß es ihm wünſchenswerther erſchien, die Inſeln, die er nicht allzuferne glaubte, zu verfehlen, als ihnen zu begegnen. Im Laufe von vierundzwanzig Stunden kamen die Schiffe wieder um hundert Meilen weiter gegen Weſten, und die Flotte be⸗ fand ſich nun ziemlich in der Mitte zwiſchen den Meridianen, welche die äußerſten und weſtlichen Gränzen der beiden Continente berühren, obgleich ſte dem Breitegrad nach, unter welchem ſie ſegelte, immer noch Afrika näher, als Amerika war. Da der Wind gleich blieb und das Meer ſo glatt wie ein Fluß war, ſo hielten ſich die drei Schiffe dicht zu einander, zu welchem Ende das ſchnellſte Fahrzeug, die Pinta, einen Theil ihrer Segel einzog. Wäͤhrend der Nachmit⸗ tagswache des zweiten Tages, an dem ſie in dem Grasmeere ſegel⸗ ten, nämlich am Montag des ſiebenzehnten Septembers oder am achten Tage nachdem ſie Ferro aus dem Geſichte verloren hatten— rief Martin Alonzo Pinzon die Santa Maria an und theilte den 348 Piloten auf dem Deck ſeine Abſicht mit, ſobald die Sonne niedrig genug ſtehe, die Weite dieſes Geſtirns aufzunehmen, um ſich zu überzeugen, ob die Magnetnadeln nichts von ihren Eigenſchaften verloren hätten. Man hielt es für beſſer, eine derartige Beobach⸗ tung, welche zu den minder gewöhnlichen Beſchäftigungen der Seeleute gehörte, auf allen Caravelen gleichzeitig anzuſtellen, damit ein Irr⸗ thum des einen Beobachters durch die größere Genauigkeit der übri⸗ gen ausgeglichen würde. Columbus und Luis hielten ihre Sieſten und lagen tief ſchlafend in ihren Hängematten, als der Erſtere durch ein Rütteln an der Schulter, wie es der Seeman zu geben und auch gutwillig hinzu⸗ nehmen gewöhnt iſt, geweckt wurde. Es bedurfte nie mehr, als einer Minute, um den großen Seefahrer aus dem tiefſten Schlafe zu dem vollſten Beſitz ſeiner Geiſteskräfte zu bringen, weßhalb er auch im Augenblicke wach war. „Sennor Don Almirante,“ fagte der Eindringling in der Per⸗ ſon Sancho’s—„es iſt Zeit, auf den Beinen zu ſeyn; alle Piloten ſind auf dem Deck und im Begriff, die Sonnenweite zu meſſen, ſobald die Geſtirne an den geeigneten Stellen ſind. Der Weſten ſieht bereits aus wie ein ſterbender Delphin, und in wenigen Minuten wird er ſo golden glänzen, wie der Helm eines mauriſchen Sultans.“ „Die Sonnenweite meſſen?“ rief Columbus, indem er augen⸗ blicklich ſeine Hangmatte verließ.„Dieß iſt in der That etwas Neues! Nun dürfen wir uns auf einen Aufruhr unter der Mann⸗ ſchaft gefaßt halten, wie wir keinen erlebten, ſeit wir Cadiz ver⸗ laſſen haben.“ „Ich dachte mir das ſelbſt auch, Euer Excellenz, denn der Matroſe hat gerade einen ſo feſten Glauben an ſeine Nadel, wie ein Geiſtlicher an die Güte des Sohnes Gottes. Das Volk iſt gegen⸗ wärtig noch in einer glücklichen Laune, aber die Helligen allein können wiſſen, was nachfolgen wird.“ — 349 Der Admiral weckte Luis, und in fünf Minuten waren Beide auf ihren gewohnten Poſten auf dem Hüttendecke. .Columbus' Urtheil hatte ſich zu oft als richtig erwieſen, ſelbſt wenn es im Widerſpruche mit den Anſichten aller Piloten der Flotte ſtand, als daß er nicht wegen ſeiner Geſchicklichkeit als Seemann in hohem Rufe geſtanden wäre, weßhalb es den Letztern nicht unangenehm war, zu bemerken, wie der Admiral nicht die Abſicht habe, ſelbſt ein Inſtrument zur Hand zu nehmen, ſondern geneigt ſchien, das Ergebniß ihrer eigenen Kunſt und Uebung zu überlaſſen. Die Sonne neigte ſich langſam zum Untergang, und als der geeignete Augenblick kam, gingen die rohen Seeleute in der damals üblichen Weiſe an ihr Werk. Martin Alonzo Pinzon, der fertigſte und unterrichtelſte von Allen, kam am eheſten mit ſeiner Arbeit zu Stande. Der Admiral konnte von ſeinem hohen Standpunkte aus das Deck der Pinta, welche der Santa Maria um etwa hundert Ellen vorausſegelte, überblicken, und es ſtund nicht lange an, bis er ihren Befehlshaber in außerſter Unruhe von einem Compaß zum andern gehen ſah. Einige Minuten nachher wurde das Boot der Caravele ausgeſetzt und nach einem Winke gegen das Admiralsſchiff, die Segel zu kürzen— dräͤngte ſich Martin Alonzo durch das Seegras, welches noch immer die Oberfläche des Meeres bedeckte, nach der Santa Maria hin. Als er das Deck des letzteren Schiffes auf der einen Seite erreicht hatte, führte ſein Verwandter, Vincente Yannez, der Befehlshaber der Ninna, auf der andern das gleiche Mannoͤver aus, und im nächſten Augenblicke ſtanden beide auf dem Hüttendecke neben dem großen Seefahrer, wohin ihnen Sancho Ruiz und Bar⸗ tolomeo Roldan, die zwei Piloten des Admirals, gefolgt waren. „Was ſoll dieſe Haſt, guter Martin Alonzo?“ fragte Columbus ruhig.„Du und Dein Bruder Vincente Yannez und dieſe wackeren Piloten— ihr Alle eilt ja auf mich zu, als ob ihr erfreuliche Zeitungen von Cathay zu bringen hättet!“ „Gott allein weiß, Sennor Admiral, ob je einer von uns dieſes 350 entfernte Land oder überhaupt ein Geſtade, das ein Matroſe nur mit Hülfe der Nadel erreichen kann, erblicken darf,“ antwortete der ältere Pinzon mit einem Ungeſtüm, welches ihm faſt den Athem benahm.„Wir Alle haben eine Vergleichung der Inſtrumente an⸗ geſtellt und finden, daß ſie ohne Ausnahme von dem wahren Nord⸗ punkte wenigſtens um einen vollen Strich abweichen.“ „Das wäre in der That ein Wunder! Ihr habt in euren Beobachtungen etwas verſehen oder ſeyd in der Berechnung un⸗ achtſam geweſen.“ „Nicht doch, edler Admiral,“ fiel Vincente Yannez ſeinem Bruder beiſtimmend ein.„Selbſt die Magnete werden uns untreu, und als ich des Umſtandes gegen den älteſten Steuermann meines Fahrzengs erwähnte, verſicherte er mich, daß der Polarſtern die ganze Nacht mit ſeinem Inſtrumente nicht übereingeſtimmt habe.“ „Bei uns hört man das Nänliche,“ fügte Ruiz bei;„ja, und Einige ſind ſogar bereit, darauf zu ſchwören, daß dieſes Wunder bemerkt werde, ſeit wir in dieſem Grasmeere ſegeln.“ „Das mag ſeyn, Sennores,“ antwortete Columbus mit unbe⸗ kümmerter Miene;„aber was folgt daraus? Wir alle wiſſen, daß die Himmelskörper ihre Umläufe machen, von denen einige ohne Zweifel unregelmäßig ſind, während andere nach beſtimmten Geſetzen geſchehen. Daſſelbe findet ſogar bei der Sonne ſtatt, welche in der kurzen Zeit von vierundzwanzig Stunden einmal um die Erde läuft, während ſie ohne Zweifel auch noch andere, weniger augen⸗ fällige Bewegungen macht, die uns wegen ihrer großen Entfernung unbekannt bleiben. Viele Aſtronomen glaubten im Stande zu ſeyn, dieſe Veränderungen zu entdecken und haben in ihrer Scheibe hin und wieder Flecken geſehen, die wieder verſchwanden, als ob ſie ſich hinter dieſem Lichtkörper verſteckten. Ich glaube, die ganze Sache beruht auf keinem weiteren Umſtande, als daß der Polarſtern eine leichte Abweichung in ſeiner Stellung gemacht hat, und daß dieſe Bewegung eine kurze Zeit fortwähren wird, nach deren Verlauf man 351 ihn ohne Zweifel wieder an ſeinen gewohnten Ort zurückkehren ſehen und dann finden wird, daß ſeine jeweilige Excentricität den gewohnten Einklang mit den Nadeln nicht geſtört hat. Faßt dieſe Nacht den Stern wohl in's Auge und laßt uns morgen die Sonnen⸗ weite wieder aufnehmen. Ich denke, die Wahrheit meiner Ver⸗ muthung wird ſich durch die regelmaͤßige Bewegung dieſes Himmels⸗ körpers herausſtellen. Weit entfernt, in dieſem Zeichen eine Ent⸗ muthigung zu finden, ſollten wir uns eher uͤber eine Entdeckung freuen, welche an ſich ſchon unſere Fahrt zu dem Ruhme berechtigt, einen weſentlichen Beitrag zu den Schätzen des Wiſſens geliefert zu haben.“ Die Piloten begnügten ſich in Ermanglung anderer Erklärungs⸗ gründe mit einer derartigen Beſchwichtigung ihrer Bedenklichkeiten und blieben noch eine Weile auf dem Hüttendecke, wobei ſie ſich über das Sonderbare dieſer Erſcheinung weiter beſprachen. Solche Erörterungen ſind bald von Nutzen, bald von Nachtheil, da fich der Menſch auch in ſeiner blindeſten Laune bei ſolchen Gelegenheiten entweder in eine furchtſame oder in eine ruhige Stimmung hinein verſetzt, und zum Gluͤcke war dießmal das letztere der Fall. Bei den Matroſen fand man größere Schwierigkeiten; denn ſobald es der Mannſchaft der drei Fahrzeuge bekannt wurde, daß die Nadeln von ihrer gewöhnlichen Richtung abzuweichen begännen, ſo bemächtigte ſich faſt Aller eine an Verzweiflung gränzende Empfin⸗ dung. Sancho Mundo leiſtete bei dieſer Gelegenheit die weſentlich⸗ ſten Dienſte. Als der Schrecken auf die höchſte Höhe geſteigert und die Mannſchaft im Begriffe war, vor den Admiral zu treten und ihn aufzufordern, daß er die Vordertheile der Caravelen ohne Verzug nach Nordoſten wenden laſſe, benützte dieſer treue Anhänger des Admirals ſeine ganze Erfahrung und ſeinen vollen Einfluß, um den Tumult zu beſchwichtigen, Das erſte Mittel, zu welchem er ſeine Zuflucht nahm, um ſeine Camteraben zur Vernunft zu bringen, beſtand darin, daß er unverholen beſchwor, er habe oft derartige 35²2 Abweichungen der Nadel und des Polarſterns geſehen und könne aus zwanzig anderen Gelegenheiten dieſelbe Thatſache bezeugen— ohne daß je irgend ein Nachtheil daraus erwachſen wäre. Dann lud er die älteren und erfahreneren Seeleute ein, genaue Beobachtungen über den bereits vorhandenen Unterſchied, welcher einen vollen Compaßſtrich ausmachte, anzuſtellen, und dann zu ſehen, ob ſich derſelbe nicht am nächſten Morgen in der gleichen Richtung noch vermehrt habe. 3 „Dieß, meine Freunde,“ fuhr er fort,„mag euch zu einem ſicheren Zeichen dienen, daß der Stern ſich bewege, denn wir alle können ſehen, daß die Compaſſe um kein Haar anders ſind, als ſie zur Zeit unſerer Ausfahrt von Palos de Moguer waren. Wenn von zwei Dingen eines in Bewegung iſt und man das ruhende genau kennt, ſo iſt es nicht ſchwer, zu ſagen, wo wir das unruhige ſuchen müſſen. Nun ſieh einmal her, Martin Martinez“— dieſer war einer der ungeſtümſten unter den Mißvergnügten—„Worte ſind nutzlos, wenn man das, was man damit ſagen will, durch augenfällige Experimente beweiſen kann. Du ſiehſt zwei Kloon Schiemannsgarn auf dieſem Bratſpill; nun— es fragt ſich jetzt, welches von ihnen da bleibt und welches von ihnen weggenommen wird; ich nehme, wie Du fiehſt, das kleinſte Kloon und das größte bleibt. Hieraus folgt nun, da nur eines bleiben kann und dieſes eine das gröͤßere Kloon iſt— daß das kleinere weggenommen werden mußte. Ich halte keinen für fähig, eine Caravele— ſey es nach der Nadel oder nach dem Polarſtern— zu ſteuern, der eine Sache in Ab⸗ rede ziehen will, welche ſo klar und einfach bewieſen iſt, wie dieſe.“ Martin Martinez, obgleich ein äußerſt unzufriedener Mann— war nichts weniger als ein Logiker, und da Sancho ſeinen Beweis⸗ führungen durch Eide zu Hülfe kam, ſo wurde ſein Anhang bald der zahlreichere. Für den ſtumpffinnigen, mißvergnügten Empörer gibt es nichts Ermuthigenderes, als die Bemerkung, daß er auf der ſtärkeren Seite ſtehe, und in derſelben Weiſe ſchlägt nichts ſo ſehr 35³ ſeinen Geiſt nieder, als wenn er ſich nur auf einen geringen Anhang verlaſſen darf; und ſo brachte es Sancho bei den Meiſten ſeiner Cameraden ſo weit, daß ſie es für zweckmäßiger hielten, noch bis zum Morgen zuzuwarten, um ſich über den Stand der Dinge zu ver⸗ gewiſſern, ehe ſie ſich einer übereilten Handlung hingaben. „Du haſt wohl gethan, Sancho,“ ſagte Columbus eine Stunde ſpäter, als der Matroſe heimlich zu ihm kam, um über die Stim⸗ mung des Schiffsvolks Bericht zu erſtatten.„Du haſt in Allem wohl gethan, nur nicht in den Eiden, mit welchen Du ihnen glauben machen wollteſt, Du ſeyeſt ſchon früher Zeuge dieſer Naturerſcheinung geweſen. Ich bin auf vielen Meeren herumgekommen und habe ſtets meine Beobachtungen auf's ſorgfältigſte und mit den beſten Hülfsmitteln angeſtellt, aber doch konnte ich nie dieſe Abweichung der Nadel von dem Polarſtern bemerken, und ich denke, was meiner Aufmerkſam⸗ keit entging, iſt wohl nicht geeignet, die Deine zu feſſeln.“ „Ihr thut mir Unrecht, Sennor Don Almirante, und habt meinem ehrlichen Namen eine Wunde geſchlagen, die nur eine Dublone heilen kann—“ „Du weißt, Sancho, daß Niemand unruhiger war, als dieſe Abweichung der Nadel zum erſtenmale bemerkt wurde, denn Du ſelbſt. Deine Furcht war in der That ſo groß, daß Du ſogar das Dir angebotene Gold ausſchlugſt— eine Schwäche, die Du Dir ge⸗ wöhnlich ſicher nicht zu Schulden kommen läßſt.“ „Als die Abweichung zum erſtenmale bemerkt wurde, Eure Excellenz, war dieß allerdings wahr genug. Ich habe nicht die Abſicht, einen Mann zu täuſchen, der einen ſchärferen Blick beſitzt, als man bei gewöhnlichen Leuten antrifft, und ſo will ich denn ein⸗ geſtehen, daß ich damals dachte, unſere Hoffnung, Spanien oder Santa Clara de Moguer je wieder zu ſehen— ſey ſo gering, daß es mir wohl ziemlich gleichgültig vorkommen konnte, wer Admiral oder Steuermann ſey.“ „Und jetzt möchteſt Du den Unverſchämten ſpielen und Deine Donna Mercedes. 2te Aufl. 23 2354 Furcht in Abrede ziehen?! Haſt Du nicht Deinen Cameraden zuge⸗ ſchworen, Du habeſt dieſe Abweichung ſchon oft geſehen, ja ſchon bei mehr als zwanzig Gelegenheiten?“ „Nun, Cxcellenz, dieß iſt ein Beweis dafür, daß ein Cavalier einen trefflichen Vicekönig und Admiral abgeben— auch meinetwegen Alles von Cathay wiſſen kann, ohne eben die klarſten Begriffe von der Geſchichte zu haben. Ich ſagte meinen Schiffsmaten, Don Chriſtoval, daß ich dieſe Veränderungen ſchon früher als in dieſer Nacht geſehen hätte; und wenn man mich an den Pfahl binden und als Märtyrer verbrennen wollte, was, wie ich bisweilen glaube, das Loos von allen überflüſſig ehrlichen Leuten werden könnte, ſo würde ich ſogar Euch ſelbſt, Sennor Almirante, als Zeuge deſſen, was ich geſchwo⸗ ren habe, aufrufen.“ „Das würde ein ſehr unglückliches Zeugniß für Dich abgeben, Sancho, denn ich habe nie falſche Eide geſchworen, und ermuthige ſte auch nicht bei Andern.“ „Dann müßte ich mich eben auf Don Luis de Bobadilla oder Pedro de Munnos hier verlaſſen;“ ſagte Sancho, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen,„denn der Menſch hat ein Recht, für falſche Anklagen einen Beweis zu fordern, und dieſen Beweis will ich jetzt haben. Eure Excellenz beliebe ſich zu erinnern, daß ich Samſtag Nachts, den fünfzehnten, Euer Gnaden dieſelbe Veränderung mit⸗ theilte und daß wir jetzt Montag Nachts, den ſiebenzehnten zählen. Ich habe geſchworen, dieſe Naturerſcheinung, wie man ſie nennt, in den verwichenen achtundvierzig Stunden zwanzigmal bemerkt zu haben; hätte ich aber zweihundertmal geſagt, ſo wäre ich der Wahr⸗ heit noch näher geweſen. Heilige Maria! habe ich doch in den erſten paar Stunden vor lauter Abweichung faſt gar nichts anderes mehr geſehen.“ „Fort mit Dir, Sancho! Dein Gewiſſfen iſt ſo lang als breit; doch, das iſt Deine Sache. Aber nun Du den Grund dieſer Ab⸗ weichung kennſt, ſo wirſt Du wohl Deine Cameraden ermuthigen und ihren Geiſt aufrecht halten?“ 355 „Ich zweifle nicht, daß Alles wahr iſt, was Euer Excellenz von dem Wandern des Sternes ſagte,“ verſetzte Sancho,„und es iſt mir ſchon durch den Kopf gefahren, daß wir vielleicht näher an Cathay ſind, als wir glauben— daß ferner dieſe Bewegung von miß⸗ günſtigen Geiſtern nur veranlaßt wurde, um uns von dem Wege abzubringen“ „Gehe nach Deiner Hängematte, Schuft, und gedenke Deiner Sünden! Du wirſt beſſer thun, die Gründe dieſer Geheimniſſe unter⸗ richteteren Leuten zu überlaſſen. Da iſt Deine Dublone und— ſey verſchwiegen.“ Am kommenden Morgen erwartete Alles auf den drei Cara⸗ velen mit Ungeduld die Ergebniſſe der neuen Beobachtungen. Da der Wind nicht ſteif aber doch fortwährend günſtig war und man auf eine nach Weſten führende Strömung ſtieß, ſegelten die Schiffe im Laufe von vierundzwanzig Stunden mehr als hundert und fünfzig Meilen, welche die Zunahme der Abweichung noch merklicher mach⸗ ten, und Columbus' Prophezeihung, die ſich auf vorangehende Be⸗ obachtungen ſtützte, bekräftigte. So leicht läßt ſich der Unwiſſende durch den Schein täuſchen, daß dieſe Erklärung zur Zeit alle Zweifel beſchwichtigte und die Annahme, der Stern bewege ſich, während die Nadel zuverläſſig bleibe— allgemeinen Glauben fand. Wie weit Columbus in dieſer Sache durch ſeine eigene Logik getäuſcht wurde, iſt noch nicht ermittelt worden. Daß er eine Hinterliſt, welche er für unſchuldig halten mochte, nicht verſchmähte und ſie, um den Muth ſeiner Gefährten aufrecht zu erhalten, in Anwendung brachte, ſieht man aus der Thatſache ſeiner verfälſchten Ferneberechnungen; dieß iſt aber noch kein Beweis, daß er in dem gegenwärtigen Falle zu einem ähnlichen Mittel ſeine Zuflucht nahm. Kein Mann der Wiſſenſchaft, ſelbſt zur Zeit, wo die Abweichung des Compaſſes noch unbekannt war, glaubte, daß die Nadel noth⸗ wendig auf den Polarſtern weiſen müſſe, da man das Zuſammen⸗ treffen der magnetiſchen Richtung mit der Lage dieſes Himmelskörpers 356 nur als zufällig betrachtete, und es iſt nichts Ungereimtes, wenn man annimmt, Columbus habe ſich nicht an den Gedanken gewöh⸗ unen können, daß er von einem Freunde verlaſſen worden ſey, der ſich ihm immer ſo treu erwieſen. Dieß wird ſogar um ſo wahr⸗ ſcheinlicher, da der Admiral ſich aus ſeinen Inſtrumenten überzeugen konnte, wie ſie ſichtlich nichts von ihren Eigenſchaften verloren hatten, während ſich für die Annahme einer Bewegung des Sterns die gewichtigſten Analogien am Himmelsgewölbe darboten. Man hat über die Frage, ob der berühmte Seefahrer an ——ꝑꝑ——, die bei dieſer Gelegenheit vorgebrachte Theorie glaubte, zwei An⸗ ſichten aufgeſtellt, von denen die eine bejahend und die andere ver⸗ neinend ausfiel. Diejenigen aber, welche Colon's eigene Ueberzeu⸗ gung von der Richtigkeit ſeiner CErklärung in Abrede ziehen, ſcheinen einigermaßen flüchtig zu folgern, da ihr Beweis blos auf der Annahme der Unwahrſcheinlichkeit davon beruht, daß ein Mann wie Columbus einen ſo derben wiſſenſchaftlichen Irrthum ausgeſprochen habe, während doch in jener Zeit die Gelehrten von dem Vorhan⸗ denſeyn dieſer Naturerſcheinung ſo wenig wußten, als man heut zu Tage von ihrer Urſache weiß. Uebrigens iſt es möglich, daß der Admiral ſich überhaupt keine beſtimmten Begriffe über die Sache . gebildet hatte, obgleich er vielleicht halb geneigt war, die Richtig⸗ keit ſeiner Erklärung anzunehmen; denn es iſt gewiß, daß dieſer außerordentliche Mann inmitten der aſtronomiſchen Unwiſſenheit des Zeitalters mit ſeinem geiſtigen Auge manche bündigen und erhabenen Lichtblicke der Wahrheit erfaßte, die man freilich in Vergleich mit ihrer ſpäteren Entwickelung und Begründung durch eine wiſſenſchaftliche Behandlungsweiſe nur als Keime betrachten konnte. Wenn der kommende Tag die Mittel dazu bot, die zunehmende Abweichung der Nadel mit Beſtimmtheit zu erweiſen, ſo machte er es zum Glück auch möglich, das noch immer mit Gräſern be⸗ deckte Meer und andere ermuthigende Zeichen, welche auf die Nähe 357 von Land deuten mochten, zu unterſcheiden. Die Strömung folgte nun ganz der Richtung des Windes; die Oberfläche des Meeres war buchſtäblich ſo glatt, wie die eines Binnenſee's und die Fahr⸗ zeuge waren im Stande, ohne Geſahr einige Klafter von einander zu ſegeln. „Dieſes Gras, Sennor Almirante,“ rief der ältere Pinzon, „hat ganz das Ausſehen desjenigen, welches an den Ufern der Flüſſe wächst und ich zweifle nicht, daß wir an der Mündung irgend eines ungemein großen Stromes ſind.“ „Wohl möglich,“ erwiederte Columbus,„aber das wird ſich am Beſten aus dem Geſchmack des Waſſers entnehmen laſſen.— Laßt einen Eimer hinunter, damit wir uns davon überzeugen können.“ Während Pepe, um dieſen Befehl zu vollziehen— abwartete, bis ſich das Fahrzeug durch eine bedeutende Grasmaſſe gearbeitet hatte, entdeckte das ſcharfe Auge des Admirals eine zappelnde Krabbe auf der Oberfläche der friſch ausſehenden Pflanzen und machte den Steuermann zeitig genug auf dieſe Erſcheinung auf⸗ merkſam, daß derſelbe im Stande war, den Curs ſo weit zu ver⸗ ändern, um das Thier fangen zu können. „Dieß iſt ein köſtlicher Fang, guter Martin Alonzo,“ ſagte Columbus, indem er die Krabbe zwiſchen dem Zeigefinger und dem Daumen hielt, ſo daß ſie jeder ſehen konnte.„Man weiß, daß dieſe Thiere ſich nicht weiter als etwa achtzig Meilen von dem Lande entfernen und dort iſt überdieß einer von den weißen tropiſchen Vögeln, welche, der Sage nach, nie auf dem Waſſer ſchlafen. Wahr⸗ lich, Gott iſt mit uns, und was alle dieſe Vorzeichen noch er⸗ freulicher macht, iſt der Umſtand, daß ſie aus dem Weſten, dem verborgenen, unbekannten, geheimnißvollen Weſten kommen.“ Ein gemeinſamer Freudenruf erſcholl unter dem Schiffsvolke bei dem Anblicke dieſer Zeichen, und wieder ſchwammen die Weſen, die kürzlich nach am Rande der Verzweiflung geweſen, in der freudig⸗ ſten Hoffnung, welche ſie auch in den geringſten Ergebniſſen des Meeres günſtige Vorbedeutungen erkennen ließ. Alle Fahrzeuge ſetzten Waſſereimer aus und im Augenblicke waren fünfzig Zungen mit e dieſer Feuchtigkeit des Meeres benetzt; auch war die Selbſttäuſchung e ſo allgemein, daß jeder erklärte, ſie ſchmecke weniger ſalzig als gewöhnlich. Die durch dieſe freudigen Hoffnungen veranlaßte Be⸗ thörung war in der That ſo vollſtändig und hatte jede Beängſti⸗ gung, welche mit der durch Sancho's Sophismen anſchaulich ge⸗ machten Bewegung des Sterns in Verbindung ſtand— ſo allgemein niedergeſchlagen, daß ſelbſt Columbus, der gewöhnlich inmitten ſeiner hohen Entwürfe alle Umſicht und Ruhe bewahrte, der ihm innewohnenden Begeiſterung nachgab und ſich der Entdeckung irgend einer großen Inſel, welche zwiſchen Europa und Aſien läge, nahe glaubte— eine Ehre, welche auch nicht zu verachten war, obgleich ſie weit hinter ſeinen großartigen Erwartungen zurück blieb. „ In der That, Martin Alonzo,“ ſagte er,„dieſes Waſſer ſcheint weniger Seegeſchmack zu haben, als in weiteren Entfernungen . von der Mündung großer Flüſſe gewöhnlich iſt.“ „Mein Gaumen ſagt mir daſſelbe, Sennor Admiral. Als ein weiteres Zeichen mag noch der Umſtand dienen, daß die Ninna einen zweiten Thunfiſch erlegt hat: ihre Mannſchaft iſt eben da⸗ mit beſchäftigt, ihn einzuhießen.“ Ein Freudenruf folgte dem andern, ſo oft ein neues ermuthi⸗ gendes Zeichen auftauchte; und der Admiral, der dem Feuer ſeiner Leute nachgab, ließ auf den drei Schiffen alle Segel beiſetzen, damit jedes in der Hoffnung, bei Entdeckung der erwarteten Inſel das Erſte zu ſeyn— ſich bemühen möge, es den anderen zuvor zu thun. Dieſer Wetteifer trennte die Caravelen bald, da die Pinta die beiden anderen leicht überſegelte, während die Santa Maria und die Ninna langſamer nachkamen. Freude und Heiterkeit herrſchte dieſen ganzen Tag am Borde der einſamen Schiffe, die, ohne daß ihre Bewohner es wußten, in der Mitte des atlantiſchen Meeres dahinfuhren, wo ſich ein Horizont nach dem andern ohne irgend ——y—— ——&α——O KR 1 l . 1 3 e 3 3 d 359 eine Veräͤnderung in der Waſſergränze endlos ausdehnte, wie ſich ein Kreis über dem andern auf demſelben Elemente bildet, wenn ein großer, feſter Körper plötzlich in's Meer geworfen wird. Neunzehntes Kapitel. Die Segel ſchwellen, und in leichten Winden Entfleucht er froh dem vaterländ'ſchen Strand; Die weißen Felſen bald dem Blick entſchwinden Und niedertauchen hinter'm Wogenrand. Vielleicht umfängt ihn jetzt der Reue Band Und zieht um ſeine Seele leiſe Schlingen, Daß er der teuren Heimath ſich entwand; Die Lippe ſchweigt, indeß auf Schmerzes Schwingen Der Andern Klagen weibiſch in die Stürme klingen. Childe Harolds Pilgerfahrt. Als die Nacht anbrach, kürzte die Pinta ihre Segel und harrte der beiden andern Fahrzeuge. Aller Augen waren nun erwartungs⸗ voll nach dem Weſten gerichtet, wo man jeden Augenblick Land auftauchen zu ſehen hoffte. Das letzte Gluüͤhen des Horizonts war jedoch verſchwunden und Finſterniß umhüllte das Meer, ohne irgend einen weſentlichen Wechſel mit ſich zu bringen. Der Wind blies noch in einer angenehmen Kühle aus Südoſten, und die Oberfläche des Meeres zeigte wenig mehr Unebenheit, als man gewöhnlich auf dem Waſſerſpiegel großer Flüſſe trifft. Die Compaſſe zeigten eine leichte Zunahme der Abweichung von der Richtung gegen den Polarſtern, und Niemand zweifelte länger, daß die Schuld an dieſem Himmels⸗ körper liege. Inzwiſchen kamen die Fahrzeuge immer weiter ſüd⸗ lich, da ſie ſtatt weſtlich, wie ſie glaubten, in der That Weſt bei Süd ſteuerten— ein Umſtand, welcher allein Columbus hinderte, zuerſt die Küſte von Georgien oder Carolina zu erreichen; denn hätte er auch die Bermuden verfehlt, ſo mußte er auf der Luvſeite der Strömung des Golfſtroms begegnen, welche ihn in groͤßerer Nähe des Feſtlands unfehlbar nach Norden geführt haben würde. Die Nacht verging wie gewöhnlich und am Mittage des ſieben⸗ zehnten oder am Ende des Seemannstags—* hatte die Flotte abermals eine weite Strecke des Meeres zwiſchen ſich und der alten Welt zurückgelegt. Die Graäſer verſchwanden und mit ihnen die Thunfiſche, welche in der That von den Produkten der Sand⸗ bänke lebten, die ſich der Oberfläche des Waſſers um einige tau⸗ ſend Fuß mehr näherten, als dieß gewöhnlich hei dem Bette des Atlantiſchen Oceans der Fall iſt. Die Fahrzeuge zogen ſich wie gewöhnlich um Mittag näher zuſammen, um ihre Beobachtungen zu vergleichen, aber die Pinta war, einem ſchnellen Roſſe gleich, nur ſchwer zu bändigen und ſchoß bis gegen die Mitte des Nach⸗ mittags vorwärts, wo ſie dann beilegte, um auf das Admiralsſchiff zu warten. Als die Santa Maria herankam, ſtand der ältere Pin⸗ zon bereits, mit der Mütze in der Hand, auf dem Decke, um ſie anzurufen, ſobald ſie im Bereiche ſeiner Stimme war. „Gott vermehrt die Zeichen von Land und ermuthigt uns im⸗ mer mehr, Sennor Don Chriſtoval,“ rief er freudig, während die Pinta ihre Segel füllte, um mit dem Admiral gleichen Curs zu halten.„Wir haben vorne große Züge von Vögeln geſehen und die Wolken im Norden ſehen ſchwer und dicht aus, als ob ſie über irgend einer Inſel oder einem Feſtlande hingen.“ „Du biſt ein willkommener Bote, würdiger Martin Alonzo, obſchon ich Dich erinnern muß, daß ich in dieſer Länge höchſtens einige angenehme Inſelgruppen erwarte, da Aſien noch manche Tagfahrt entfernter liegt. Wenn die Nacht näher rückt, wirſt Du ſehen, daß die Wolken immer mehr die Geſtalt des Landes anneh⸗ men werden, und es iſt wohl möglich, daß auf jeder Seite von uns Inſelparthien liegen: aber unſere hohe Beſtimmung iſt Cathay, * Die Seeleute rechnen den Tag von Mittag zu Mittag. 361 und mit einem ſolchen Zwecke vor Augen, wendet man ſich nicht wegen minder wichtiger Gegenſtände ſeitwärts.“ „Darf ich mit der Pinta voraneilen, edler Admiral, damit unſere Augen zuerſt den erfreulichen Anblick Aſtens begrüßen? Ich zweifle nicht, es noch vor Morgenanbruch zu Geſicht zu bekommen.“ „So geh' in Gottes Namen, wackerer Seemann, wenn es Dir gut dünkt, obgleich ich Dir bemerken muß, daß Du noch kei⸗ nes Continents anſichtig werden kannſt. Doch da in dieſen fernen und unbekannten Meeren ein jedes Land als eine Entdeckung gelten und Caſtilien, wie auch uns ſelbſt, Ehre machen muß, ſo wird der, welcher es zuerſt bemerkt, auch nach Verdienſt belohnt werden. Du, oder jeder andere, hat meine volle Erlaubniß, Inſeln oder Con⸗ tinente, je mehr je lieber, zu entdecken.“ Die Mannſchaft lachte über dieſen Scherz, denn der Sorgloſe läßt ſich leicht heiter ſtimmen. Dann ſchoß die Pinta vorwärts und man ſah ſie beim Niedergange der Sonne wie einen ſchwarzen Fleck in den Regenbogenfarben des prachtvollen Himmels beilegen und der anderen Schiffe harren. Im Norden war der Horizont mit maſſigen Wolken umhängt, welche man ſich leicht zu ſchroffen Bergſpitzen und einſchneidenden Thälern mit durch die Entfernung verkürzten Erdzungen oder Vorgebirgen ausmalen konnte. Am folgenden Tage trat zum erſtenmale, ſeit man die Linie der Paſſatwinde erreicht hatte, Windſtille ein; die Wolken zogen ſich über ihren Häuptern zuſammen und ließen leichte Regenſchauer auf die Seefahrer niederfallen. Die Schiffe lagen jetzt nahe bei⸗ einander und unterhielten einen beſtändigen Verkehr, indem ohne Unterlaß Boote hin und her gingen. „Ich komme, Sennor Admiral,“ ſagte der ältere Pinzon, als er das Deck der Santa Maria erreicht hatte,„in Folge des ver⸗ einten Geſuchs meiner Leute, Euch zu bitten, nach Norden zu ſteuern, um Land, Inſeln oder einen Continent aufzuſuchen, welche ohne Zweiſel dort liegen müſſen— und ſo dieſes große Unternehmen mit 362 dem Ruhm, der unſeren erhabenen Herrſchern und Eurem eigenen Scharfblicke gebührt, zu krönen.“ „Der Wunſch iſt nicht unbillig, guter Martin Alonzo, und auf eine ziemliche Weiſe vorgebracht, aber er kann nicht gewährt werden. Es iſt zwar ſehr wahrſcheinlich, daß wir durch eine Nord⸗ fahrt namhafte Entdeckungen machen würden, aber wir könnten da⸗ durch unſer Ziel aus dem Auge verlieren. Cathay liegt weiter im Weſten, und wir haben nicht den Auftrag, das geographiſche Wiſ⸗ ſen durch die Entdeckung einer weiteren Inſelgruppe, wie die Cana⸗ rien oder die Azoren, zu bereichern, ſondern wir müſſen die Erde umkreiſen und der Aufrichtung des Kreuzes in Gegenden, welche ſo lange das Eigenthum von Ungläͤubigen geweſen ſind—den Weg bahnen.“ „Kannſt Du nichts zu Unterſtützung unſeres Geſuchs beitragen, Sennor de Munnos? Du beſitzeſt die Gunſt Seiner Excellenz und vermagſt vielleicht ſo viel über ihn, daß er uns dieſe kleine Abwei⸗ chung von unſerer Vorſchrift gewährt.“ „Offen geſtanden, guter Martin Alonzo,“ antwortete Luis mit einer Nachläſſigkeit in ſeinem Benehmen, welche ſich eher von dem Granden gegen einen Piloten erwarten ließ, als ſie mit der Ach⸗ tung, welche dem Sekretär gegen den zweiten Befehlshaber der Flotte ziemte, im Einklange war—„offen geſtanden, guter Mar⸗ tin Alonzo, mein Herz iſt ſo ſehr auf die Bekehrung des Groß⸗ Khans erpicht, daß ich mich weder zur Rechten, noch zur Linken wenden moͤchte, bis uns dieſes ruhmwürdige Werk gelungen iſt. Ich habe bemerkt, daß Satan wenig gegen Die ausrichtet, welche den geraden Weg wandeln, während ſeine Siege über Diejeni⸗ gen, welche ſich abſeits wenden, ein Weſentliches dazu beitragen, ſeine Reiche zu bevölkern.“ „Wir haben alſo keine Hoffnung, edler Admiral— und müſſen alle dieſe erfreulichen Anzeichen mit dem Rücken anſehen, ohne einen Verſuch zu machen, irgend Vortheil daraus zu ziehen.“ „Ich wüßte nicht, was wir Beſſeres thun könnten, würdiger 2 5 ²E NASRN FE— G n SG 2 363 Freund. Dieſer Regen verkündet Land, ebenſo dieſe Windſtille, und mehr als Beide deutet uns jener Beſuch an— dort in der Richtung Deiner Pinta, wo er dem Anſcheine nach ſich auszu⸗ ruhen gedenkt.“ Pinzon und alle in ſeiner Nähe wandten ſich um und ſahen mit gemeinſamen Staunen und Entzücken einen Pelikan, mit wohl zehn Fuß weit ausgebreiteten Schwingen— wenige Faden über dem Meere hinſchweben und augenſcheinlich auf das genannte Schiff losfliegen. Der kühne Vogel nahm jedoch ſeinen ſtolzen Flug, als ob er es verſchmähe, ein Schiff untergeordneten Ranges zu beſu⸗ chen, an der Pinta vorbei und auf das Admiralsſchiff zu, wo er ſich auf einer Raa niederließ. „Wenn dieß nicht ein ſicheres Zeichen von der Nähe des Landes iſt,“ ſagte Columbuz ernſt,„ſo iſt es etwas weit Beſſeres, nämlich eine zuverläſſige deutung, daß uns Gott begünſtigt. Er ſendet uns dieſe ermuthegenden Aufforderungen, damit wir ſeſt auf der Abſicht, ihm zu dienen, beharren und bis an's Ende aus⸗ dauern. Ich habe nie einen derartigen Vogel ferner als eine Tagfahrt vom Lande geſehen, Martin Alonzo.“ „Meine eigene Erfahrung kann dieß beſtätigen, edler Admiral, und ich betrachte mit Euch dieſen Beſuch als eine äußerſt günſtige Vorbedeutung. Iſt es aber nicht vielleicht ein Wink, ſich ſeitwärts zu wenden und dieſe Seegegend genauer zu unterſuchen?“ „Ich glaube nicht, ſondern nehme es eher als eine Ermun⸗ terung, in der früheren Weiſe fortzufahren. Wenn wir von In⸗ dien zurückkehren, können wir uns in dieſem Theile des Oceans ge⸗ nauer umſehen, denn ich glaube nichts vollbracht zu haben, ehe Indien erreicht iſt, und dieſes iſt immerhin noch hundert Stunden entfernt. Da wir jedoch eben gelegene Zeit haben, ſo wollen wir un⸗ ſere Piloten zuſammenrufen und ſehen, wohin jeder ſein Schiff auf der Charte verſetzt.“ Dieſer Aufforderung zu Folge verſammelten ſich alle Seefahrer . 364 an Bord der Santa Maria, und jeder machte ſeine Berechnun⸗ gen, indem er eine Nadel in die dürftige Charte ſteckte— wir nennen ſie dürftig hinſichtlich der Genauigkeit, da dem Admiral bei Anfertigung derſelben nur die Kenntniſſe der damaligen Zeit zu Gebote ſtanden, obgleich ſie im Uebrigen ſehr ſchön ausgeführt war. Vicente Yanez und ſeine Gefährten von der Ninna ſetzten ihre Nadel am weiteſten vor, indem ſie die Entfernung auf vier⸗ hundert und vierzig Seemeilen von Gomera angaben; Martin Alonzo wich hievon ein wenig ab, indem er die Nadel um etliche zwanzig Stunden weiter gen Oſten ſteckte. Als die Reihe an Co⸗ lumbus kam, brachte er die Nadel noch um zwanzig Seemeilen öſtlicher als Martin Alonzo an, da ſeine Gefährten, als weniger geſchickte Rechner, allem Anſcheine nach der wahren Entfernung um ſoviel vorausgeeilt waren. Man berietheſich nun, was dem Schiffs⸗ volke mitgetheilt werden ſollte, und er Piloten kehrten zu ihren Fahrzeugen zurück. Columbus ſcheint wirklich geglaubt zu haben, er ſey damals in der Nähe von Inſeln geweſen, und ſein Geſchichtsſchreiber, Las Caſas, behauptet, er habe mit ſeiner Vermuthung nicht Unrecht gehabt; aber wenn je Inſeln in dieſem Theile des Oceans lagen, ſo find ſie ſeitdem längſt verſchwunden— ein Ereigniß, welches zwar nicht unmöglich, aber kaum wahrſcheinlich iſt. Der Sage nach hat man allerdings noch in dem gegenwärtigen Jahrhundert in dieſer Gegend Brandungen geſehen, und es iſt nicht unmöglich, daß es hierherum ausgedehnte Sandbänke gibt, obgleich Colum⸗ bus auf zweihundert Faden noch keinen Grund fand. Die große Anhäufung von Gras iſt eine durch die älteſten Berichte menſch⸗ licher Forſchung bekräftigte Thatſache, und verdankt wahrſcheinlich ihre Entſtehung den Strömungen, da dieſe gar wohl derartige Er⸗ ſcheinungen veranlaſſen können, während die Vögel als verirrte Wanderer betrachtet werden müſſen, die aus ihren gewohnten Re⸗ vieren durch die Nahrung weggelockt wurden, welche die vereinte N 88 8R̃ ᷣ 9 8o α 365 Anhäufung von Gräſern und Fiſchen zu bieten vermochte. Waſ⸗ ſervögel können ſich ſtets auf dem Meere umtreiben, und ein Thier, das dreißig bis fünfzig Meilen in der Stunde zurücklegt, bedarf nur hinreichende Kraft, um in vier Tagen und vier Nächten über das ganze atlantiſche Meer wegzufliegen. Trotz aller dieſer erfreulichen Anzeichen begann das Schiffsvolk bald wieder, das Gewicht erneuerter Zaghaftigkeit zu fühlen. Mit⸗ dem Sonnenuntergange des zwanzigſten Septembers, oder am elf⸗ ten Tage, nachdem die Flotte das Land aus dem Geſichte verloren hatte, machte ſich Sancho, der mit dem Admiral beſtändig in einem geheimen Verkehr ſtand, auf dem Hüttendecke etwas zu ſchaffen und ſah dann die Gelegenheit ab, Columbus zu hinterbringen, daß wieder eine mehr als gewöhnliche Unzufriedenheit um ſich greife und die Mannſchaft in Folge der plötzlichen Gegenwirkung— von den hochgeſpannteſten Hoffnungen faſt bis an den Nand der Verzweif⸗ lung übergegangen ſey. „Excellenz,“ fuhr Sancho fort,„ſie beklagen ſich über die Glätte des Waſſers; auch ſagen ſie, daß wenn überhaupt Winde in dieſen Meeren wehen, dieſe nur von Oſten kämen und keine Gewalt hätten, auch in anderen Richtungen zu blaſen. Die Wind⸗ ſtillen meinen ſie, lieferten den Beweis, daß man ſich in einem Theile des Oceans befinde, wo es keinen Wind gebe, und die Oſtwinde ſind nach ihrer Anſicht von der Vorſehung geſandt, um Diejenigen in's Weite zu treiben, welche das Mißfallen des Himmels durch einen Vor⸗ witz, wie er bärtigen Leuten nicht zieme— auf ſich gezogen hätten.“ „Ermuthigſt Du die armen Burſche nicht, Sancho, indem Du ſie daran erinnerſt, wie Windſtillen hin und wieder in allen Meeren vorwalten?— Und was die Oſtwinde anbelangt, iſt es nicht eine bekannte Thatſache, daß ſie von den afrikaniſchen Küſten nie⸗ derer Breite jahraus jahrein wegwehen und der Sonne in ihrer täglichen Wanderung um die Erde folgen? Ich hoffe, Du theilſt dieſe thörichten Beſorgniſſe nicht.“ 366 „Ich gebe mir Mühe, ſtandhaft zu bleiben, Sennor Don Al⸗ mirante, da ich Niemand vor mir habe, der mir nach meinem Tod Uebles nachredete, und Niemand zurücklaſſe, der meinen Verluſt betrauerte. Doch möchte ich wohl gerne ein wenig von den Reich⸗ thümern dieſer Länder hören, denn ich finde, daß die Gedanken an ihr Gold und ihre Edelſteine eine Art Zauber über meine Schwäche üben, wenn mich Gedanken an Moguer und ſeine luſtige Welt be⸗ ſchleichen wollen.“ 8 „Hinweg mit Dir, Schuft! Dein Golddurſt iſt unerſättlich. Da haſt Du wieder eine Dublone, und wenn Du ſie anſiehſt, kannſt Du Dir von dem gemünzten Golde des Groß⸗Khans, ſoviel Du willſt, denken; jedenfalls iſt es gewiß, daß ein ſo großer Monarch nicht ohne Gold ſeyn kann, und wahrſcheinlich iſt er auch nicht abgeneigt, etwas davon abzugeben, wenn ſich hiezu eine Gelegenheit bietet.“ Sancho nahm die Gabe in Empfang und überließ das Hütten⸗ deck Columbus und unſerem Helden. „Dieſes Schwanken der Schufte, Sennor,“ ſagte Luis unge⸗ duldig,„ließe ſich am beſten durch die Anwendung der flachen Klinge oder im Nothfalle ihrer Schärfe beſchwichtigen.“ „Das kann nicht ſeyn, mein junger Freund, ohne daß zum mindeſten ein trifftigerer Anlaß, als der gegenwärtige— dieſe Strenge rechtfertigte. Glaube nicht, daß ich ſo viele Jahre meines Lebens auf Bitten verwandt habe, um die Mittel zur Ausführung dieſes großen Entwurfes beizuſchaffen— und daß ich jetzt ſo weit in dieſen unbekann⸗ ten Meeren vorgedrungen bin, um mich ſo leicht von meinem Vor⸗ haben abbringen zu laſſen. Aber Gott hat nicht alle Menſchen gleich geſchaffen, und eben ſo wenig dem Bauern und dem Edeln gleiche Wege geöffnet, ihr Wiſſen zu bereichern. Ich mußte mich zu oft mit Beweiſen der Ausführbarkeit unſerer Fahrt gegen Hoch⸗ geſtellte und Gelehrte abquälen, um nicht mit der Ungewißheit des gemeinen Manns ein wenig Geduld zu tragen. Stelle Dir vor, wie die Furcht den Witz der Weiſen von Salamanka geſchärft N8 8 u R 8 3 t 367 haben würde, wenn unſere Diſputation in der Mitte des atlantiſchen Weltmeeres abgehalten worden wäre, wo noch nie ein Menſch war und wo kein Auge, als das der Wiſſenſchaft, einen ſichern Ausweg zu entdecken vermag.“ „Das iſt ſehr wahr, Sennor Admiral, aber doch glaube ich, daß Eure Gegner, wenn ſie Ritter wären, ſich einer unmännlichen Furcht nicht ſo ganz hingeben würden. Was giebt es hier für Ge⸗ fahren? Dieß iſt allerdings das weite Meer, und wir ſind ohne Zweifel einige hundert Stunden von den bekannten Inſeln entfernt, aber wir befinden uns demungeachtet wohl und ſicher. Bei St. Pedrol ich habe in einem einzigen Angriff gegen die Mauren mehr Leben ausathmen ſehen, als dieſe Caravelen miteinander faſſen und das Blut floß dabei in ſolchen Stroͤmen, daß es die Schiffe hätte flott machen können.“ „Die Gefahren, welche unſere Mannſchaft fürchtet, ſind zwar vielleicht weniger unmittelbar, als die eines Maurenkampfes, Don Luis: aber demungeachtet nicht weniger ſchrecklich. Wo iſt die Quelle, die uns Waſſer liefert, um die trockenen Lippen zu netzen⸗ wenn unſere Vorräthe zu Ende ſind, und wo iſt das Feld, um uns dann mit Brod und Nahrung zu verſehen? Es iſt etwas Schreckliches, mitten auf der Fläche des weiten Meeres durch Mangel an Nah⸗ rung und Waſſer auf die Hefe des Lebens gebracht zu werden, Zoll um Zoll hinzuſterben, oft ohne den Troſt der Kirche und ſtets ohne ein chriſtliches Begräbniß. Dieß ſind die Schreckbilder des Seemanns, die ſich nur mit Gewalt verdrängen laſſen, wenn je die Pflicht eine An⸗ wendung der äußerſten Mittel gegen ſeine Krankheit heiſchen wird.“ „Ich meine, Don Chriſtoval, man ſollte erſt dann ſo ſprechen, wenn unſere Fäſſer verſiegt und die letzten Zwiebackrinden gebro⸗ chen ſind. Bis dahin erbitte ich mir die Erlaubniß Eurer Excellenz, der Außenſeite dieſer Schurkenköpfe die nöthige Logik einzubläuen, da ich in die Fähigkeit ihres Innern, etwas Gutes aufzunehmen, kein ſonderliches Vertrauen ſetze.“ 368 Columbus kannte den ungeſtümen Character des jungen Man⸗ nes zu gut, um eine ernſte Entgegnung zu geben, und Beide lehn⸗ ten ſich nun zugleich an den Beſanmaſt, um die Scene vor ihnen zu betrachten, wobei ſie zugleich über die Wechſelfälle ihrer Lage nachdachten. Es war Nacht und die Wachmannſchaft auf dem Decke unten ließ ſich nur bei dem Scheine eines Lichtes unterſchei⸗ den, das jedoch zu düſter brannte, um die Geſichter erkennnen zu laſſen. Die Leute ſtanden in Gruppen beiſammen, und aus dem gedämpften, aber lebhaften Tone, in welchem ſie mit einander ſpra⸗ chen, ließ ſich entnehmen, daß die Windſtille und die Gefahren, denen ſie ſich ausgeſetzt glaubten, der Gegenſtand ihrer Unterhal⸗ tung war. Die Umriſſe der Pinta und Ninna ließen ſich unter einem mit funkelnden Sternen beſäten Firmamente erkennen; die ſchlafften Segel hingen in dem Faltenwurfe von Vorhängen wie Blumengewinde herunter, und ihre dunkeln Rümpfe ſtanden ſo un⸗ beweglich, als ob ſte in einem der Fluſſe Spaniens eingebuchtet wären. Es war eine milde, ſanfte Nacht, aber die unermeßliche Oede, die tiefe Stille des ſchlummernden Meeres und ſelbſt das jeweilige Knarren einer Spiere, welche an die wirkliche Gegenwart von Fahrzeugen in einer ſolchen Lage erinnerte, lieh der Scene einen feierlichen, faſt erhabenen Character. „Hörſt Du nicht etwas in dem Takelwerke flattern, Luis?⸗ fragte der Admiral leiſe.„Wenn mich mein Ohr nicht täuſcht, ſo vernehme ich ein Schwingen von Flügeln. Der Ton iſt über⸗ dieß lebhaft und leicht, wie ihn kleine Vögel hervorzubringen pflegen.“ „Ihr habt Recht, Don Chriſtoval. Es haben ſich wirklich ſolche kleine Geſchöpfe auf den obern Ragen niedergelaſſen— ſie ſind nicht größer als die kleineren Landſingvögel.“ „Horch!“ ſiel der Admiral ein,„das iſt ein fröhlicher Ton— eine Melodie, wie man ſtie kaum in den Orangenhainen von Se⸗ villa hört! Gott ſey geprieſen für dieſes Zeichen der Ausdeh⸗ nung und Einheit ſeines Reichs, denn Land muß wohl nahe ſeyn, 369 wenn ſo zarte und hinfäͤllige Geſchöpfe, wie dieſe, den Flug bis hieher unternehmen.“ Die Anweſenheit dieſer Vögel wurde bald auf dem ganzen Verdecke bekannt und ihr Geſang gewährte mehr Troſt, als die bündigſte mathematiſche Demonſtration— ſelbſt wenn ſie auf die neueren Fortſchritte der Wiſſenſchaft gegründet geweſen wäre— auf die reizbaren Gefühle der Matroſen hätte hervorbringen können. „Hab' ich Dir nicht geſagt, daß Land in der Nähe ſey,“ rief Sancho, indem er ſich triumphirend an Martin Martinez, ſeinen beharrlichen Widerſacher, wandte. Hier haſt Du einen Beweis, den nur ein Verraͤther in Abrede ziehen kann. Du hörſt den Ge⸗ ſang von Waldvögeln— Töne, wie ſie nicht aus den Kehlen mü⸗ der Thiere kommen können, und ſo muntere Weiſen, als ob die lieben kleinen gefiederten Schelme auf Spaniens Auen an einer Traube oder Feige pickten.“ „Sancho hat Recht!“ riefen die Matroſen.„Auch die Luft riecht nach Land— und das Meer ſieht aus, wie in der Nähe des Landes; Gott iſt mit uns— gelobt ſey ſein heiliger Name— und Ehre unſerem Herrn, dem Koͤnig— und Ehre unſerer gnädigen Gebieterin, Donna Iſabella!“ Von dieſem Augenblick an ſchien auf dem Schiffe die Sorge wieder entſchwunden zu ſeyn. Alles glaubte mit dem Admiral, daß die Anweſenheit ſo kleiner Vögel, deren Schwingen man für ſo ſchwach hielt, ein untrüglicher Beweis der Nähe eines Landes ſey, und noch dazu eines Landes mit edeln Erzeugniſſen und einem mil⸗ den, ſanften Klima: denn dieſe Sänger lieben, wie das zartere Geſchlecht der Menſchen, Schauplätze, welche ihren ſanfteren Nei⸗ gungen und milderen Gewohnheiten am meiſten zuſagen. Die Folge hat bewieſen, daß die Vermuthung Colon's eine irrige war, ſo vielen Schein auch die Gründe ſeines Irrthums haben mochten. Der Menſch würdigt die Kräfte untergeordneter Geſchöpfe oft nicht richtig, wie er auch bisweilen den Umfang ihres Inſtinktes Donna Mercedes. 2te Aufl. 24 uͤberſchätzt. Es iſt eine Thatſache, das ein Vogel von leichtem Ge⸗ wichte in dieſen niederen Breitegraden weniger der Gefahr ausge⸗ ſetzt iſt, auf dem Meere zu Grunde zu gehen, als ein größeres derarti⸗ ges Thier, vorausgeſetzt, daß Beide nicht zu den Waſſervögeln gehören. Das Seegras ſelbſt gibt den kleineren Thieren zahlloſe Ruheplätze und verſieht ſie ohne Zweifel auch zuweilen mit Nahrung. Es iſt allerdings unwahrſcheinlich, daß reine Landvögel weit in's Meer hinausfliegen: aber abgeſehen von den Wirkungen der Stürme, welche hin und wieder ſogar die ſchwerfällige Eule hunderte von Meilen vom Lande wegtreiben— iſt auch ſogar der Inſtinkt nicht un⸗ trüglich; man hat oft Wallfiſche in ſeichtem Waſſer eingebuchtet gefunden, wie denn auch Voͤgel ihre gewohnten Gränzen nicht ſel⸗ ten überſchreiten. Was nun immer die Urſache der ſehr gelegenen Erſcheinung dieſer kleinen Waldbewohner auf den Spieren der Santa Maria geweſen ſeyn mag, jedenfalls machte ſie auf die Gemüther Aller einen äußerſt günſtigen Eindruck. Kein Muſikfreund hätte den glänzendſten Aufführungen eines Orcheſters mit größerem Entzücken zuhören können, als die rohen Matroſen auf dieſen Geſang lauſch⸗ ten, wie ſie ſich auch jetzt mit einer Sicherheit zur Ruhe begaben, die in dankbarer Anbetung ihren Grund hatte. Der Geſang er⸗ neuerte ſich mit dem Dämmern des Morgens, und bald darauf flog die ganze Schaar von hinnen, indem ſie ihre Richtung nach Süd⸗ weſten einſchlug. Der nächſte Tag brachte eine Windſtille und dann einen ſo leichten Luftzug, daß die Schiffe nur mit Schwierigkeit in den dichten Grasmaſſen fortkamen, welche dem Meer das Aus⸗ ſehen von ungeheuren, überſchwemmten Wieſen gab. Die Strömung erwies ſich als eine gen Weſten gehende, und kurz nach Tagesan⸗ bruch erſtattete Sancho über eine neue Quelle der Unruhe Bericht. „In den Köpfen der Leute hat ſich eine Vorſtellung feſtgeſetzt, Sennor Admiral, welche ſo viel Wunderbares hat, daß ſie unge⸗ meine Gunſt bei denen findet, welche die Wunder mehr als Gott lieben. Martin Martinez, der, was die Angſt betrifft, ein Ausbund 371 von Witz und Verſtand iſt, ſtellte die Behauptung auf, daß dieſes Meer, in welches wir immer tiefer und tiefer hinein zu kommen ſcheinen, verſunkene Inſeln bedecke und daß die Gräſer, deren ſtets ſich mehrende Anhäufung nicht in Abrede gezogen werden kann, in Bälde ſo übermäßig auf der Oberfläͤche des Waſſers werden dürften, daß den Caravelen eben ſo gut die Möglichkeit zum Weiterkommen als zum Umkehren benommen ſeyn müſſe.“ „Findet dieſe einfältige Anſicht Martins Glauben?“ „Allerdings, Sennor Almirante, und das aus dem einfachen Grunde, weil es weit leichter iſt, Leute zu finden, die eine Abge⸗ geſchmacktheit, als Andere, welche nur eine Wahrheit glauben wollen. Aber der Burſche ſtützt ſich auf einige unglückliche Zufälle, die nothwendig von finſteren Maͤchten herrühren müſſen, denen es nicht wohl beſonders lieb ſeyn kann, Eure Excellenz Cathay in der Abſicht erreichen zu ſehen, den Groß⸗Khan zum Chriſten⸗ thum zu bekehren und den Baum des heiligen Kreuzes aufzupflan⸗ zen. Außerdem werden auch Viele durch dieſe Windſtille beunruhigt, und man fängt an, die Vögel als Geſchöpfe zu betrachten, die uns Satan ſelbſt ſandte, um uns nach Orten zu führen, von wo wir nicht mehr zurückkehren köoͤnnen. Einige glauben ſogar, wir würden auf Sandbänke treffen und für immer als geſtrandete Wraks mitten auf dem weiten Ocean liegen bleiben.“ „Sage den Leuten, ſie ſollen Vorkehrungen zum Lothen treffen: ich will ihnen wenigſtens die Thorheit dieſer Idee zeigen. Sorge nur dafür, daß Alle dieſem Verſuche beiwohnen.“ Columbus wiederholte dieſen Befehl gegen die Piloten, welche das Senkblei in der gewohnten Weiſe auswarfen. Faden um Fa⸗ den glitt über die Rolle, und das Blei, welches ſeinen unwandel⸗ baren Weg nach der Tiefe einſchlug, haſpelte ſich ſo weit ab, daß man wegen Mangels an Tau inne halten mußte. „Ihr ſeht, meine Freunde, daß ihr noch mehr als zweihundert Faden von den Sandbänken, die ihr ſo ſehr fürchtet, entfernt ſeyd, 372 und um wie viel tiefer als unſer Maß mag erſt noch das Meer ſeyn!— Doch halt, dort iſt ein Wallfiſch, der ſeine Waſſer von ſich ſpritzt— ein Geſchöpf, das man nur an den Kuſten großer Inſeln oder Continente zu ſehen bekömmt.“ Dieſe Anrede Colon's, welche mit den Anſichten jener Zeit übereinſtimmte, that ihre Wirkung, da das Schiffsvolk ſich natür⸗ lich am liebſten durch Begriffe leiten ließ, die unter dem Volke gangbar waren. Man weiß übrigens jetzt, daß die Wallfiſche häufig ſolche Theile des Meeres beſuchen, wo ſie am meiſten Nah⸗ rung finden, und eine der beſten Gegenden für den Wallfiſchfang waren in der letzten Zeit die ſogenannten falſchen braſilianiſchen Bänke, welche faſt mitten im Meere liegen. Mit einem Wort, alle dieſe Zeichen, welche mit der Erſcheinung von Vögeln und Fiſchen in Verbindung ſtanden, und die nicht nur auf die gemeinen Matroſen, ſondern auch auf Columbus ſelbſt einen ſo kräftigen Einfluß zu üben ſchienen, waren weit unwichtiger als man damals glaubte, indem die Seefahrer ſich zu ſelten weit vom Lande wegwagten, um mit den Geheimniſſen des offenen Meeres gehörig vertraut zu ſeyn. Ungeachtet der freudigen und hoffnungsvollen Augenblicke, welche hin und wieder auftauchten, gewannen Mißtrauen und Furcht bei dem Schiffsvolke bald wieder die Oberhand. Diejenigen, welche von Anfang an die Mißvergnügteſten waren, ergriffen jede Gele⸗ genheit, die Beſorgniſſe zu vermehren, und als, Samſtag den zweiundzwanzigſten September, die Sonne über ein windſtilles Meer aufging, zeigten ſich in den Fahrzeugen nicht Wenige geneigt, zu⸗ ſammen zu treten und den Admiral abermals aufzufordern, die Schnäbel der Caravelen nach Oſten zu wenden. „Wir find einige hundert Stunden vor einem ſchönen Winde in ein dem Menſchen ganz unbekanntes Meer gekommen,“ hieß es—„bis wir eine Stelle im Ocean erreichten, wo die Winde ganz und gar auf⸗ zuhören ſcheinen, und wo wir Gefahr laufen, von unbeweglichem Gras feſtgehalten zu werden oder auf verſunkenen Inſeln zu 373 ſtranden, ohne die Mittel zu haben, uns Nahrung und Waſſer zu verſchaffen.“ Gründe wie dieſe ſtanden ganz im Einklange mit den Anſich⸗ ten eines Zeitalters, in welchem ſelbſt die gelehrteſten Männer ge⸗ nöthigt waren, ſich durch die Nebel des Unglaubens einen Weg zu genaueren Kenntniſſen zu bahnen, und wo allgemein die Schwäche herrſchte, auf der einen Seite an ſichtbare Beweiſe wunderthätiger Einwirkungen Gottes und auf der andern an den weſentlichen und überwiegenden Einfluß böſer Geiſter zu glauben, von denen man annahm, daß ſie auf die zeitlichen Angelegenheiten derjenigen, welche ſie verfolgten, einzuwirken im Stande ſeyen. Es war daher für den glücklichen Ausgang der Unternehmung ein ſehr günſtiger Umſtand, daß am Morgen des erwähnten Tages eine leichte Kühlte im Südweſten aufſprang, welche die Fahrzeuge in den Stand ſetzte, ihren Weg weiter zu verfolgen und über die weiten Grasfelder wegzukommen, welche ebenſowohl die Geſchwindig⸗ keit der Caravelen hemmten, als ſie die Furcht der Mannſchaft ſtets rege erhielten. Da man die Abſicht hatte, ſich dieſer ſchwim⸗ menden Hinderniſſe, welche die Fahrzeuge umgaben, zu entledigen, ſo fuhr man in die erſte große freie Stelle, welche ſich darbot, ein, brachte die Flotte dicht an den Wind und hielt ſo nahe als möglich den gewünſchten Curs ein. Columbus glaubte nun ſelbſt, nordweſtlich zu ſteuern, obgleich er in der That ſeinem wahren Curſe weit näher war, als wenn er die Schiffsſchnäbel nach ſeinem Compaß weſtlich gerichtet hätte, da die Abweichung der Nadel nothwendig eine andere Linie, als diejenige, welche er beabſichtigte— zur Folge hatte. Dieſer Umſtand allein dürfte wohl hinreichend beweiſen, daß Columbus an ſeine eigene Theorie von der Bewegung des Polarſterns glaubte, ſonſt würde er nicht viele Tage nach einander und unter günſtigem Winde Weſt und zum Süd halb Süd geſteuert haben, wie er bekanntlich that, obgleich es ſein ſehnlichſter Wunſch war, unmittelbar nach Weſten vorzudringen. Er war nun ſeinem früheren Curſe um einen halben Strich näher, wenn ſchon er und alle andere mit ihm glaubten, daß ſie um beinahe zwei Striche leewärts von der ge⸗ wünſchten Richtung ſegelten. Dieſe kleinen Abweichungen kamen jedoch in keinen Betracht gegen den Vortheil, den der Admiral über die Furcht ſeiner Be⸗ gleiter gewann, indem er dem Winde und der grasfreien See folgte. Aus dem einen erkannten die Matroſen, daß die Winde nicht immer aus derſelben Richtung blieſen, und aus dem andern überzeugten ſie ſich, daß ſie ſich nicht an einer Stelle befänden, wo das Meer nicht mehr zu befahren wäre. Obgleich jetzt die Luftſtrömung für eine Rückkehr nach den canariſchen Inſeln guͤnſtig war, ſo verlangte doch keiner mehr, daß ein ſolcher Curs eingeſchlagen werden ſolle;— ſo geneigt ſind wir Alle, das herbeizuwünſchen, was uns verſagt zu ſeyn ſcheint, und das zu verachten, was vollſtändig zu unſerer Verfügung ſteht. Dies war in der That ein Augenblick, wo die Gefühle des Schiffsvolks ſich ſo veränderlich erwieſen, als die leichten und neckenden Winde. Der Samſtag verfloß in der eben erwähnten Weiſe, und als die Sonne niederging, traten die Fahrzeuge wie⸗ der in große Seegrasfelder ein. Beim Anbruch des Tages wehte der Wind dem Compaß zu Folge nach Nordweſt und Nordweſt zu Nor⸗ den, was in der Wirklichkeit nach Nordweſt zu Weſt halb Weſt, und Nordweſt halb Weſt ſteuern hieß. Man ſah wieder viele Vögel, unter denen ſich auch eine Turteltaube befand, und viele lebende Krabben, welche unter den Gräſern herumkrochen— lauter Zeichen, welche den gemeinen Mann ermuthigt haben würden, wenn ſie ſich nicht ſchon ſo oft als trüglich erwieſen hätten. „Sennor,“ ſagte Martin Martinez zu dem Admiral, als Co⸗ lumbus unter dem Schiffsvolke erſchien, um ihren ſinkenden Muth aufzurichten,„wir wiſſen nicht, was wir glauben ſollen. Tage lang blies der Wind in der gleichen Richtung, wo er uns gewiſſermaßen h 9 n 375 unſerem Untergang entgegen zu führen ſchien, und dann verließ er uns auf einem Meere, wie es die Matroſen der Santa Maria nie vorher ſahen.— Ein Meer, das wie die Wieſen an einem Fluſſe ausſteht, und nur der Kühe und Hirten bedürfte, um für ein von angeſchwelltem Waſſer ein wenig überſchwemmtes Feld zu gelten— iſt ein ſchreckliches Ding!“ „Deine Wieſen ſind die Gräſer des Meeres und beweiſen den Reichthum der Natur, welche ſie hervorgebracht hat— während Deine Winde aus dem Oſten unter niederen Breitegraden gewöhnlich ſind, wie Alle, die eine Fahrt nach Guinea gemacht haben, wohl wiſſen. Ich ſehe in Beiden Nichts, was einen kühnen Seemann beunruhi⸗ gen könnte, und was den Grund des Meeres anbelangt, ſo wart ihr ſelber Zeuge davon, daß man ihn mit den vielen Faden des Loths nicht erreichen konnte. Nicht wahr, Pepe, Du haſt keine von dieſen Schwächen und verlangſt nach Cathay und dem Anblick des Groß⸗Khans?“ „Sennor Almirante, was ich Monika geſchworen habe, ſchwoͤre ich auch Euer Excellenz, nämlich treu und gehorſam zu ſeyn. Wenn das Kreuz unter den Ungläubigen aufgerichtet werden ſoll, ſo wird meine Hand nicht zögern, an dieſer heiligen Handlung Theil zu neh⸗ men. Aber Keinem von uns, Sennor, gefällt dieſe unnatürlich lange Windſtille. Wir haben hier ein Meer ohne Wellen, und mit einer ſo glatten Oberfläͤche, daß man irre wird, ob das Waſſer hier denſelben Geſetzen folge, wie in der Nähe von Spanien: denn nie iſt mir eine See ſo todt wie dieſe vorgekommen! Koönnte es nicht ſeyn, Sennor, daß Gott die äußeren Enden der Erde mit dieſem Gürtel ruhigen und ſtillen Waſſers umgeben hätte, um jeden Unbeſonnenen abzuhalten, einen Blick in ſeine geheiligten Geheim⸗ niſſe zu thun?“ „Deine Meinung ſchmeckt doch wenigſtens nach Religion, und kann daher, obgleich ſie irrig iſt, kaum verdammt werden. Gott hat den Menſchen auf dieſe Erde geſetzt, um ihr Herr zu ſeyn, 376 und ihm ſowohl durch die Ausbreitung ſeiner Kirche, als auch durch zweckmäßige Verwendung der zahlreichen Segnungen, welche dieſes große Geſchenk hegleiten, zu dienen. Was die Enden an⸗ belangt, von denen Du ſprichſt, ſo exiſtiren ſie nur im Kopfe des Unwiſſenden, denn die Erde iſt eine Sphäre oder eine Kugel, an der ſich keine andern Enden befinden, als diejenigen, welche Du allenthalben auf der Oberfläche bemerkſt.“ „Und hinſichtlich deſeen, was Martin von den Winden, den Graͤſern und den Meerſiillen ſagte,“ erwiederte Sancho, der nie um eine Thatſache oder um einen Grund verlegen war,„ſo kann ich mich nur wundern, wie dieß einem Seemann von ſeinen Jahren, der ſo lange auf dem Meere geweſen iſt, Neuigkeiten ſeyn können. Mir iſt alles dieſes etwas ſo Gewöhnliches, als das Spülwaſſer zu Moguer, und ich würde es ohne das Greinen Martins nnd ſei⸗ ner Geſellen nicht einmal bemerkt haben. Als die Santa Catilina einſt eine Reiſe nach jenem fernen Irland machte, landeten wir eine halbe Stunde, oder ſo etwas, von der Küſte auf dem Seegras; auch blies der Wind regelmäßig vier Wochen aus der einen, und vier Wochen aus der andern Himmelsgegend, und den Erzählungen der dortigen Leute zu Folge blaſen ſie dann vier Wochen miteinan⸗ der, ſo daß ſie ſich gegenſeitig in die Quere kommen; wir blieben aber nicht lange genug in dieſen Meeren, weßhalb ich nicht im Stande bin, die beiden letzteren Thatſachen zu beſchwören.“ „Haſt Du nicht auch von Untiefen gehört, die ſo weit ſind, daß eine Caravele ihren Weg nicht mehr herausſinden konnte, wenn ſie ein zal hinein gekommen war,“ fragte Martinez auffahrend: denn ſo ſehr er ſich auch in handgreiflichen Uebertreibungen gefiel, ſo liebte er doch nicht, ſich ausgeſtochen zu ſehen—„und ſagen uns nicht dieſe Graͤſer, welche noch obendrein oft ſo dicht aufeinander geſchichtet ſind, daß das Schiff beinahe nicht weiter kommen kann, wie ſehr eine ſolche Gefahr zu befürchten ſteht?“ „Genug davon,“ ſagte der Admiral,„das einemal haben wir 377 Gras, das anderemal wieder keines— ein Wechſel, der nur von den Strömungen herrührt. Sobald wir dieſen Meridian überſchritten haben, werden wir ohne Zweifel wieder in klares Waſſer kommen.“ „Aber die Windſtille, Sennor Almirante!“ rief ein Dutzend Stimmen.„Dieſe unnatürliche Glätte des Meeres macht uns ängſt⸗ lich; wir haben nie vorher eine See ſo ruhig und unbeweglich geſehen.“ „Nennt Ihr dieß ruhig und unbeweglich?“ rief der Admiral. „Die Natur ſelbſt erhebt ſich, um Eure ſinnloſe Angſt zu rügen und durch ihre eigene Zeichen Eure irrigen Folgerungen zu widerlegen.“ Er ſagte dieß, während die Buge der Santa Maria auf einer langen niedrigen Deining in die Höhe gingen, ſo daß jede Spiere von der Bewegung knarrte, indeß der ganze Rumpf ſich hob und ſenkte, als die Welle unter ihm wegglitt und die Seiten des Schiffes von der Waſſerlinie bis zu ſeinen Canälen wuſch. Immer noch war auch nicht der leichteſte Luftzug bemerklich und die Matroſen blick⸗ ten mit einer Beſtürzung um ſich, welche durch die Furcht noch vermehrt und auf's höchſte geſteigert wurde. Das Schiff hatte ſich kaum ſchwerfällig in dem langen hohlen Raum der Welle auf⸗ gerichtet, als es wieder durch eine zweite Woge nach vorn gelüpft wurde, und nun folgte Welle auf Welle, eine höher als die andere, bis das ganze Meer in Bewegung war, obgleich die Undulations⸗ linien weit und ſo leicht waren, daß man ſie nur an dem Schaume ihrer Kämme unterſcheiden konnte. Es ſtand eine halbe Stunde an, bis dieſe Erſcheinung ihre Höhe erreichte, wo dann alle drei Schiffe ſich in dem Meere wälzten, wie es die Seeleute zu nennen pflegen, während ihre Rumpfe unbehulflich in die hohlen Wellen⸗ räume fielen, bis das Waſſer gar hübſch aus ihren niedrigen Spei⸗ gaten floß, ſo oft ſich eines derſelben aus einer ungewöhnlich tiefen Furche in die Höhe ſchwang. Columbus glaubte, dieſes Ereigniß werde entweder die Quelle neuer Uuruhe oder ein Mittel zu Be⸗ ſchwichtigung der alten werden, und that daher raſche Schritte, um das Letztere herbeizuführen. Er befahl alsbald dem Schiffsvolk, ſich 378 auf dem Raume unter dem Hüttendecke zuſammen zu finden, und redete es in folgenden kurzen Worten an: „Ihr ſeht, Leute, wie Eure Beſorgniſſe hinſichtlich der Unbe⸗ weglichkeit des Meeres ſo plötzlich und gewiſſermaßen durch die Hand Gottes ſelbſt ihre Rüge empfangen, und es wird Euch daher auf's klarſte einleuchten, daß von dieſer Seite aus keine Gefahr zu beſorgen iſt. Ich könnte Eure Unwiſſenheit hintergehen und be⸗ haupten, daß dieſes plötzliche Aufwallen des Meeres ein Wunder ſey, um mich gegen Eure meutriſche Unzufriedenheit und Eure gedankenloſen Befürchtungen zu ſchützen; aber die Sache, der ich mich unterzogen habe, bedarf keiner derartigen Stütze, wenn dieſe nicht wirklich vom Himmel kommt. Die Windſtillen, die Glätte des Waſſers, und ſelbſt die Graͤſer, über die Ihr Euch beſchwert, haben ihren Grund in der Nähe irgend eines großen Landſtriches— ich glaube nicht, daß es ein Continent iſt, denn dieſer muß noch weiter im Weſten liegen, ſondern etwa eine Parthie von Inſeln, die groß oder zahlreich genug ſind, um ein weit ausgedehntes Lee zu bilden. Dieſe Wellen ſind wahrſcheinlich die Rückwirkung eines fernen Windes, welcher dort das Meer zu berghohen Wellen aufgewühlt hat, eine Erſcheinung, die Ihr Alle ſchon oft geſehen haben müßt, und die ihre hinſterbenden Anſtrengungen ſelbſt über die Gränzen des Sturmes hinaus ausdehnt. Ich ſage nicht, daß ſich bei die⸗ ſem Anlaſſe Gott, in deſſen Händen ich bin, nicht in's Mittel legte, um Eure Furcht zu bannen: denn daß es ſo iſt, glaube ich voll⸗ kommen und erkenne es mit dankbarem Herzen an— aber dieſes Wirken der Natur kann ich dem Walten der Vorſehung in keiner andern Weiſe zuſchreiben, als daß darin ein Beweis zu finden iſt, wie wir fortwährend uns der Hut Gottes und Seiner gränzenloſen Güte zu erfreuen haben. Geht jetzt und ſeyd ruhig. Erinnert Cuch, daß Ihr, wenn Spanien weit hinter Euch liegt, Cathay in keiner größeren Entfernung vor Euch habt, und daß jede Stunde dieſe Entfernung ſowohl, als die Zeit, deren wir zu Erreichung unſeres —— d UðU— d N — 379 Zieles bedürfen, abkuͤrzt. Wer treu und redlich aushält, wird ſein Vertrauen nicht zu bereuen haben, während Derjenige, welcher ſich ſelbſt oder Andere unnöthigerweiſe mit thörichten Bedenklichkeiten beunruhigt, einer Macht anheimfallen wird, welche die Anſprüche Ihrer Hoheiten an den Gehorſam ihrer Unterthanen handzuhaben weiß.“ Wir theilen dieſe Anrede des großen Seefahrers mit um ſo größerem Vergnügen mit, weil ſie den vollen Beweis liefert, daß er das plötzliche Aufwallen des Meeres bei dieſer Gelegenheit nicht für ein unmittelbares Wunder hielt, wie einige ſeiner Geſchicht⸗ ſchreiber und Biographen zu glauben geneigt ſcheinen, ſondern daß er die Annahme feſt hielt, die Vorſehung habe ſich nur natürlicher Kräfte bedient, um ihn gegen die Folgen der blinden Furcht ſeiner Begleiter zu ſchützen; denn man kann in der That nicht leicht glau⸗ ben, daß ein ſo erfahrener Seemann, wie Columbus, die natürliche Urſache einer auf dem Meere ſo gewöhnlichen Erſcheinung nicht gekannt haben ſollte, da ſogar die Küſtenbewohner häufig Gelegen⸗ heit haben, Zeugen aͤhnlicher Vorfälle zu ſeyn. Zwanzigſtes Kapitel. „Ora pro nobis, Mater,“— welch Entzücken Lag in den Tönen, als in Purpurwogen Der Tag erſtarb! Sie ſchienen zu umſtricken Das Herz, gleich Lauten, fernem Strand entflogen, Wo meine Ahnen ruh'n mit Kreuz und Schwert,— So lieblich— vorwurfsvoll, wie nie erhört. „Ora!“ hallt's wieder auf der Wellen Bogen; Und alle Jugendträume wurden wach— Und tönten faſt wie Kett' und Folterqualen nach! Das Waldheiligthum. Wir müſſen den Leſer jetzt einen Rückblick thun laſſen, damit er ſich einen deutlichen Begriff von den wirklichen Fortſchritten unſerer Abenteurer in den unbekannten Gewäſſern des atlantiſchen Meeres, wie von ihrer wahren und ihrer muthmaßlichen Lage machen könne. Wir haben geſehen, daß der Admiral, ſeit er Go⸗ mera verlaſſen hatte, eine doppelte Rechnung führte, von der die zu ſeinem eigenen Gebrauch beſtimmte der Wahrheit ſo nahe kam, als es die unvollkommenen Hülfsmittel der Schifffahrtskunde in jener Zeit möglich machten, während die andere, welche den Matroſen öffentlich vorgelegt wurde, hinſichtlich der zurückgelegten Entfernun⸗ gen abſichtlich unrichtig war, um eiteln Beſorgniſſen zu begegnen. Da Columbus im Dienſte Gottes zu handeln glaubte, ſo kann man dieſes trugvolle Benehmen als eine Art frommer Täuſchung, wie ſie in jener glaubensvollen Zeit hin und wieder geübt wurde, be⸗ trachten, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ſich das Gewiſſen des Seefahrers hierüber beunruhigte, da ſelbſt Geiſtliche gar oft keinen Anſtand nahmen, die Grundpfeiler des Glaubens durch Mittel zu ſtützen, die noch weniger zu rechtfertigen waren. Die langen Windſtillen und leichten Querwinde hatten die Schiffe in den letzten paar Tagen gehindert, beſondere Fortſchritte zu machen, und wenn man die Entfernung nimmt, welche in der Folge bei einem nur wenig ſüdweſtlichen Curſe abgelaufen wurde, ſo ſtellt ſich heraus, daß die Expedition Montags den vierundzwan⸗ zigſten September, oder am fünfzehnten Tage, nachdem ſie Ferro aus dem Geſichte verloren hatten— trotz aller ermuthigenden Zeichen von Vögeln, Fiſchen, Windſtillen und glattem Waſſer ungefähr erſt die Hälfte des Weges über das atlantiſche Weltmeer, von einem Con⸗ tinent zum andern gerechnet, zurückgelegt hatte, und ſich etwa un⸗ ter dem einunddreißigſten oder zweinnddreißigſten Grade nördlicher Breite befand. Der Umſtand, daß die Schiffe ſo weit nördlich von den canariſchen Inſeln ſtanden, obg ſie bekanntermaßen mei⸗ ſtens nach Weſten und dabei ſogar etwas ſudlich ſegelten, mußte ſpär⸗ lichen Winden, unter denen man ſteuerte— vielleicht auch dem Zuge der Strömungen zugeſchrieben werden. Nach dieſer kurzen ——, 28& — ½ ————, 381 Erläuterung kehren wir zu den täglichen Fortſchritten der Schiffe zurück. Im Laufe der nächſten vierundzwanzig Stunden, die dem Tage folgten, an welchem das Meer in ſo wunderbarer Weiſe auf⸗ gewuͤhlt worden war— ließ ſich der Einfluß der Paſſatwinde, jedoch nur in einem ſeyhr geringen Grade, wieder fühlen, und die Schiffe ſegelten auf's Neue nach dem Weſtpunkte des Compaſſes. Man be⸗ merkte wieder die gewöhnlichen Vögel, unter denen ſich auch ein Pelikan befand. Das ganze Vorrücken der Schiffe betrug nicht ganz fünfzig Meilen, eine Entfernung, welche in der öffentlichen Berechnung nach gewohnter Weiſe noch geringer angegeben wurde. Am Morgen des fünfundzwanzigſten war die Luft ſtille. Der Wind kehrte aber bald zurück und als der Tag weiter vorangeſchritten war, wehte eine beharrliche ſanfte Kühlte aus Südoſten, in der die Schiffe, die großentheils in träger Unthätigkeit leicht neben⸗ einander hinglitten oder das Waſſer nur wenig mit ihren Vorſte⸗ ven aufwühlten, mit einer Geſchwindigkeit von kaum einer Meile auf die Stunde ſegelten. Die Pinta hielt ſich in die Nähe der Santa Maria, und die Officiere und Matroſen der zwei Fahrzeuge ſpra⸗ chen unverhohlen mit einander über ihre Hoffnungen und ihre Lage. Columbus hörte dieſe Unterhaltungen lange Zeit mit an und be⸗ mühte ſich, indem er jede Wendung der Rede mit eiferſüchtiger Sorgfalt beachtete, aus den vorſichtigeren Aeußerungen, wie man ſie öffentlich laut werden ließ— ein Bild der vorwaltenden Stim⸗ mung zu gewinnen. Endlich ſchien ſich ihm eine günſtige Gelegen⸗ heit darzubieten, auf den Muth ſeiner Begleiter wieder einen vor⸗ theilhaften Einfluß zu üben. „Was haſt Du von der Charte gedacht, die ich Dir vor drei Tagen ſchickte, guter Martin Alonzo?“ rief der Admiral.„Haſt Du Dir daraus eine hinreichende Ueberzeugung gewonnen, daß wir uns Indien nähern und daß unſere Prüfungszeit raſch zu Ende geht.“ Bei dem erſten Laute von des Admirals Stimme horchten die 382 Matroſen mäuschenſtill auf, denn trotz ihrer Unzufriedenheit und ihrer Neigung, im äußerſten Falle ſich Mann für Mann gegen ihn zu erheben, war es Columbus doch gelungen, ſeinen Begleitern eine hohe Achtung vor ſeiner Einſicht und vor ſeiner Perſönlichkeit einzufloͤßen. „Es iſt eine ſeltene und ſchön ausgeführte Charte, Don Chri⸗ ſtoval;“ antwortete der Befehlshaber der Pinta,„ſie macht Dem, der ſie abzeichnete und erweiterte, wie auch Dem, der ſie entwarf, große Ehre. Ohne Zweifel iſt es das Werk irgend eines Gelehr⸗ ten, der auf dieſer Charte die Anſichten aller größeren Seefahrer, zuſammenſtellte?“ „Das Original ſtammt von einem gewiſſen Paul Toscanelli einem gelehrten Toscanen, der in Florenz lebte— einem Manne von ausgezeichneten Kenntniſſen und einem Forſcherfleiße, von dem ſich müſſige Leute gar keinen Begriff machen können. Er begleitete die Charte mit einem Schreiben, das viele gründliche und gelehrte Anſichten über Indien und die Inſeln enthielt, welche, wie Du ſiehſt, hier mit ſo vieler Genauigkeit verzeichnet ſind. In dem Briefe ſpricht er von verſchiedenen Orten, welche manche wundervolle Zeug⸗ niſſe für die Macht des Menſchen ablegen, beſonders da, wo er von dem Hafen Zaiton ſpricht, der jährlich nicht weniger als hun⸗ dert Schiffe ausſendet, welche blos mit dem Erzeugniß des Pfeffer⸗ baumes befrachtet ſind. Außerdem ſagt er auch noch, daß in den Zeiten des Pabſtes Eugenius IV. geſegneten Andenkens, ein Ge⸗ ſandter zu dem heiligen Vater kam, um dieſem den Wunſch des Groß⸗Khans— was in der Sprache dieſer Länder ſoviel als Kö⸗ nig der Könige bedeutet— auszudrücken, mit den Chriſten des We⸗ ſtens, wie man uns damals nannte, in einen freundlichen Verkehr zu treten. Nun, ich denke, man wird uns bald die des Oſtens nennen müſſen.“ „Dieß iſt überraſchend, Sennor,“ rief Pinzon:„wie kann man etwas der Art mit Sicherheit, oder wie kann man es überhaupt wiſſen.“ 383 „Die Thatſache läßt ſich nicht bezweifeln, denn Paul gibt in ſeinem Schreiben an, er habe denſelben Geſandten oft geſehen und viel in ſeiner Geſellſchaft gelebt, da Eugenius erſt im Jahr 1477 mit Tod abging. Von dieſem Geſandten, der ohne Zweifel ein weiſer und würdiger Mann war, da man wohl keinen Andern an das Oberhaupt der Chriſtenheit ſchicken konnte— von dieſem ver⸗ ſtändigen Manne alſo erhielt Toscanelli viele intereſſante Nachrich⸗ ten über die Bevölkerung und die ungeheure Ausdehnung dieſer fernen Laͤnder, von der Pracht ihrer Paläſte und der außerordent⸗ lichen Schönheit der Städte. Er ſprach beſonders von einer Stadt, die alle übrigen in der bekannten Welt übertrifft, und von einem einzigen Fluſſe, an deſſen Ufer zweihundert edle Städte liegen, welche durch marmorne Brücken miteinander in Verbindung ſtehen. Die Charte, welche Du vor Dir haſt, Martin Alonzo, zeigt, daß die genaue Entfernung von Liſſabon bis zu der Stadt Quiſay ge⸗ rade dreitauſend neunhundert italieniſche Meilen, oder etwa tauſend Stunden mißt, wenn man immer nach Weſten ſteuert.“* „Und ſpricht der gelehrte Toscaner auch von den Reichthümern dieſer Länder?“ verſetzte Meiſter Alonzo— eine Frage, welche alle Zuhörer veranlaßte, die Ohren auf's Neue zu ſpitzen. „Allerdings, und zwar in beſtimmten und nachdrücklichen Wor⸗ ten. Der gelehrte Paul ſagt in ſeinem Schreiben: ‚Das Land iſt edel und ſollte wegen ſeiner großen Reichthümer und der Menge von Gold, Silber und Sdelſteinen, die ſich daſelbſt vorfinden, von uns genauer unterſucht werden.⸗ Er gibt noch ferner an, Quiſay habe füͤnfunddreißig Stunden im Umfang und fügt bei, daß der Name überſetzt ‚Stadt des Himmels’ bedeute.“ „In dieſem Falle,“ brummte Sancho leiſe vor ſich hin, ſo daß nur Pepe ihn hoͤren konnte,„wäre es nicht beſonders nöthig, * Es iſt bemerkenswerth, daß die Stadt Philadelphia faſt dieſelbe Lage einnimmt, welche der ehrliche Paul Toscanelli der berühmten Stadt Quiſay angewieſen hat. 384 das Kreuz hinzubringen, da es wohl zum Heile der Menſchen, aber nicht mehr für das Paradies beſtimmt iſt.“ „Ich ſehe hier zwei große Inſeln, Sennor Admiral,“ fuhr Pinzon fort, indem er die Augen auf die Charte heftete,„von de⸗ nen die eine Antilla heißen ſoll, und die andere das von Eurer Excellenz ſo oft erwähnte Cipango vorſtellt.“ „Ganz richtig, guter Martin Alonzo, und Du ſiehſt auch, daß ſie mit einer Genauigkeit verzeichnet ſind, die es unmöglich macht, daß ein erfahrener Seemann, welcher ſie aufſuchen will, ſeines Weges verfehlen kann. Dieſe Inſeln liegen gerade zweihun⸗ dert und fünfundzwanzig Stunden von einander.“ „Unſerer Rechnung hier auf der Pinta zu Folge, edler Admi⸗ ral, können wir dann nicht mehr weit von Cipango ſeyn.“ „Der Rechnung nach wohl, obgleich ich ihre Richtigkeit ein wenig bezweifle. Es iſt zwar ein gewöhnlicher Fehler der Piloten, die zurückgelegten Entfernungen zu niedrig anzuſchlagen, aber in dem gegenwärtigen Falle hat die Furcht das Ergebniß Euerer Rech⸗ nungen vergrößert. Cipango liegt viele Tagfahrten von dem Aſtatiſchen Feſtlande entfernt und muß daher in unſerer Nähe ſeyn; aber wir hatten widrige Strömungen und ich zweifle, guter Martin Alonzo, ob wir dieſe Inſel ſo bald auffinden, als Du und Deine Ge⸗ fährten ſich denken. Gib mir die Charte wieder herüber, und ich will unſere wirkliche Lage darauf anmerken, damit Alle ſehen, was wir für Gründe haben, zu verzagen oder uns zu freuen.“ Pinzon rollte nun die Charte ſorgfältig zuſammen, hängte ein kleines Gewicht daran, brachte ſte mit dem Ende einer Loglinie in Verbindung und warf ſie an den Bord der Santa Maria, wie Seeleute zu thun pflegen, wenn ſie das Loth auswerfen. Die Schiffe waren ſich in dieſem Augenblick ſo nahe, daß dieſe Mitthei⸗ lung ohne Schwierigkeit ſtattfinden konnte. Die Pinta ließ jetzt noch einige Segel fallen und ſchwebte langſam vorwärts, denn ihre Ueberle⸗ genheit war zu allen Zeiten, beſonders bei leichten Winden, augenfällig. 385 Columbus ließ nun die Charte auf einem Tiſch des Hüttendeckes aufrollen und lud Alle, die näher kommen wollten, ein, ſich mit ihren eigenen Augen von der Lage zu überzeugen, welche die Schiffe nach der Vermuthung des Admirals einnahmen. Da jede Tagfahrt auf der Charte von einem ſo erfahrenen Seemanne, wie Columbus, genau verzeichnet und abgemeſſen war, ſo läßt ſich nicht bezweifeln, daß es ihm gelang, ſeinen Leuten, mit Ausnahme der vorſätzlich gemachten Abzüge— die Länge und Breite, unter welcher die Flotte eben lag, ziemlich genau anzugeben; und da man ſich ganz in der Nähe jener Inſeln fand, die man öſtlich von dem aſiatiſchen Feſtlande vermuthete, ſo übte dieſe augenſcheinliche Demonſtration. ihres Vorrückens eine weit günſtigere Wirkung, als was immer für ein logiſcher Beweis, mochte er ſich auch auf noch ſo triftige Vorderſätze ſtützen; denn die meiſten Menſchen wollen ſich lieber durch die Sinne, als blos durch den Geiſt belehren laſſen. Die Matroſen nahmen ſich keine Zeit, zu fragen, ob es denn auch aus⸗ gemacht ſey, das Cipango genau an der Stelle, wo es auf dieſer Charte verzeichnet war, liege: ſie waren jetzt, da ſie es ſchwarz auf weiß ſahen, vollkommen geneigt zu glauben, daß es ſich wirk⸗ lich dort befinde, wo es zu ſeyn ſchien; und da Columbus' Ruf hinſichtlich der Führung einer Schiffsrechnung den der anderen See⸗ fahrer weit übertraf, ſo zweifelte Niemand an der Richtigkeit des Thatbeſtandes. Die Freude war daher groß, und die Stimmung des Schiffsvolks ging wieder von dem Rande der Verzweiflung zu einem Uebermaße träumeriſcher Hoffnungen über, die freilich nur auftauchten, um auf's Neue getäuſcht zu werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Columbus in Allem, was auf dieſes neue Trugbild Bezug hatte, mit Ausnahme der zu ge⸗ ring angeſetzten Fernenberechnungen— redlich zu Werk ging; denn wie alle Geographen jener Zeit hielt er den Umfang der Erde für viel geringer, als er ſich ſeitdem durch wirkliche Meſſungen heraus⸗ geſtellt hat, da man in ſolchen Rechnungen faſt die ganze Breite des Donna Mercedes. 2te Aufl. 23 386 großen ſtillen Weltmeeres nicht in Anſchlag brachte. Dieſe Fol⸗ gerung erſcheint jedoch als ſehr natürlich, wenn man einen Blick auf die Mangelhaftigkeit des geographiſchen Wiſſens wirft, welches damals die Grundlage aller gelehrten Theorien bildete. Es war bekannt, daß das aſiatiſche Feſtland im Oſten durch einen weiten Ocean begränzt werde und daß ein ähnliches Waſſer⸗ becken an den Weſtküſten Europa's liege, woraus bei der An⸗ nahme, daß die Erde eine Kugel ſey, die annehmlich erſcheinende Folgerung ſich ergab, daß zwiſchen dieſen zwei großen Landgränzen nichts als Inſeln liegen könnten. Faſt der halbe wirkliche Umfang . der Erde iſt zwiſchen den damals bekannten weſtlichen und öſtlichen Rändern des Continents zu ſuchen, aber es war eine zu kühne Forderung an den menſchlichen Geiſt, unter ſo geringen Vorkennt⸗ niſſen, als wir ſie am Schluſſe des fünfzehnten Jahrhunderts tref⸗ fen— dieſe erſtaunliche Thatſache zu begreifen. Die Theoretiker begnügten ſich daher, den Gränzen des Oſtens und des Weſtens einen weit engeren Kreis anzuweiſen, da für eine freiere Spekula⸗ tion keine Thatſachen vorhanden waren, wie es denn auch ſchon für eine äußerſt gewagte Annahme galt, wenn man die Kugelform der Erde als eine feſte Wahrheit betrachtete. Dieſe letztere Theorie iſt allerdings ſchon ſo alt als Ptolemäus, und hoͤchſt wahrſcheinlich noch viel älter: aber das Alter einer Theorie dient in den Augen des ge⸗ wöoͤhnlichen Menſchen eher als ein Gegenbeweis, wenn Jahrhunderte nicht im Stande geweſen ſind, die Richtigkeit derſelben durch die Erfahrung zu beſtätigen. Columbus' Annahme zu Folge lag ſeine Inſel Cipango oder Japan hundert und vierzig Längengrade öſtlich von der Stelle, wo ſie ſich wirklich befindet; und da ein Längengrad unter dem fünfunddreißig⸗ ſten Grade nördlicher Breite— dem von Japan— bei Annahme einer vollkommenen Kugelform der Erde ungefähr ſechsundfünfzig Mei⸗ len ausmacht, ſo folgt daraus, daß Columbus dieſe Inſel auf ſeiner Charte um ſo mehr als ſiebentauſend engliſche Meilen, oder bedeutend mehr als zweitauſend Stunden, zu weit nach Oſten vorgerückt hat. „—— 9—,e n 8G£ 8Kℳ N NK 387 Alles dieſes war jedoch nicht nur dem gemeinen Mann auf der Flotte ein Geheimniß, ſondern überſtieg ſogar bei weitem die kühn⸗ ſten Gedanken des großen Seefahrers ſelbſt. Solche Umſtände ſind übrigens keineswegs im Stande, den Ruhm der großen Entdeckungen, welche in der Folge noch gemacht wurden, zu ſchmälern, denn ſie liefern nur den Beweis, unter welch nachtheiligen Verhäͤltniſſen das Unter⸗ nehmen begonnen und mit welchem beſchränkten Grade von Kennt⸗ niſſen es endlich ſiegreich durchgeführt wurde. Es wäre nicht unintereſſant geweſen, häͤtte man, während Columbus ſich in dieſer Weiſe mit ſeiner Charte beſchäftigte, Zeuge davon ſeyn können, wie die Matroſen die geringſte Bewegung ihres Admirals betrachteten, den Ausdruck ſeiner ernſten und ruhigen Züge ſtudirten und ihr Schickſal in der Zuſammenziehung oder Ausdeh⸗ nung ſeiner Augen zu leſen ſuchten. Die Officiere der Santa Maria und die Piloten ſtanden ihm zur Seite und hin und wieder wagte es ein alter Seemann, ſo weit heranzutreten, daß er dem langſamen Fortgleiten der Feder folgen oder die Verzeichnung einer Figur mit anſehen konnte. Unter dieſen Letzteren befand ſich auch Sancho, der allgemein— wenigſtens in allen Dingen, welche keine Schulkenntniſſe forderten— für einen der geſchickteſten Matroſen in der kleinen Flotte galt. Columbus wandte ſich an dieſe Leute, ſprach freundlich mit ihnen und bemühte ſich, ihnen den Theil ihres Ge⸗ werbes, den ſie täglich ausüben ſahen, ohne je praktiſch mit ihm vertraut zu werden, begreiflich zu machen, wobei er ihnen insbeſondere die Entfernung, welche ſie bereits zurückgelegt hatten, und ebenſo die, welche ihnen noch bevorſtand, andeutete. Andere weniger Er⸗ fahrene— aber demungeachtet nicht weniger Antheil Nehmende unter dem Schiffsvolke, hingen in der Takelage, wo ſie die Scene über⸗ blickten und ſich einbilden konnten, auf Theorien geſtützte Beweiſe zu ſehen, welche eben ſo ſehr über ihrem geiſtigen Geſichtskreiſe lagen, als ſich das erſehnte Indien hinter dem phyſiſchen Horizont verbarg. Wenn ſich die Vernunftkräfte des Menſchen entwickeln 388 und ſich das Feld der abſtrakten Reſlexion öffnet, ſo entwindet er ſich der Herrſchaft der Sinne und nimmt ſeine Zuflucht zu dem Reiche des Gedankens. Ehe jedoch dieſer Wechſel eintritt, ſtehen wir alle gleichförmig unter dem Einfluſſe des Sichtbaren. Worte bringen ſelten einen ſo überzeugenden Eindruck hervor, als ſichtbare Buchſtaben; und Lob oder Tadel, die unbeachtet an dem Ohre vorbeigleiten würden, gewinnen eine ganz andere Bedeutung, wenn ſie dem Geiſte durch die Vermittelung des Auges zugeführt werden. So bideten ſich dieſelben Matroſen, welche Columbus' Vernunfiſchlüſſe nicht be⸗ greifen konnten, ein, ſie verſtünden eine Charte und gaben ſich be⸗ reitwillig dem Glauben hin, daß Inſeln und Continente genau an den nämlichen Plätzen liegen müßten, wo ſie dieſelben ſo deutlich verzeichnet ſahen. Nach dieſer Schauſtellung ſchwang die Freude wieder ihr Scepter über das Schiffsvolk der Santa Maria, und Sancho, den man allgemein als einen Anhänger des Admirals betrachtete, wurde eifrig von ſeinen Cameraden angegangen, ihnen manche kleine Um⸗ ſtände hinſichtlich des Chartenriſſes zu erklären. „Glaubſt Du, Sancho, daß Cipango ſo groß iſt, als es der Admiral auf der Charte gezeichnet hat?“ fragte Einer, der auch von dem Rande der Verzweiflung zu dem andern Extreme übergegangen war.„Daß es wirklich daliegt, davon kann ſich Jeder mit ſeinen Augen überzeugen, denn die Inſel ſieht eben ſo natürlich aus, wie Ferro oder Madeira.“ „Du haſt Recht,“ antwortete Sancho mit Beſtimmtheit— „man kann dieß ſchon an ihrer Geſtalt ſehen. Sahſt Du nicht die Vorgebirge, die Bayen und die Landzungen, die alle ſo deutlich daſtehen, wie an einer andern wohl bekannten Küſte? Ach! dieſe Genueſen ſind gar geſchickte Seeleute; und Sennor Colon, unſer edler Admiral, hätte ſich nicht ſo weit herausgewagt, wenn er nicht wüßte, wo er irgend eine Rhede zum Ankern finden kann.“ In ſolchen bündigen Folgerungen fanden beſonders die ſtumpf⸗ 2 „=E S » N ☛ 8 389 ſinnigen Koͤpfe des Schiffsvolks einen ungemeinen Troſt, während in der Geſammtheit der Matroſen auch nicht Einer war, der nicht ein größeres Vertrauen auf den glücklichen Ausgang der Fahrt ſetzte, ſeit er dieſen augenfälligen Beweis von dem Vorhandenſeyn eines Landes in dem Theile des Meeres, wo ſie ſich nunmehr befanden, mit angeſehen hatte. Nach dem Schluſſe der Unterredung des Admirals mit Pinzon ſetzte der Letztere auf der Pinta wieder die Segel aus; das Fahr⸗ zeug glitt langſam an der Santa Maria vorbei und ſegelte nun um ein paar hundert Ellen voraus, obgleich keines der Schiffe mit einer größeren Geſchwindigkeit als einem Knoten in der Stunde das Waſſer durchſchnitt. Um dieſe Zeit, als eben die Leute ſich noch mit ihren neugeweckten Hoffnungen unterhielten, zog ein Freudenruf Aller Augen nach der Pinta, wo man Pinzon auf dem Hüttendecke ſtehen ſah, der jubelnd ſeine Mütze in der Luft ſchwang und die gewöhnlichen Aeußerungen des höchſten Entzückens an den Tag legte. „Land! Land! Sennor!“ ſchrie er.„Ich mache Anſpruch an die Belohnung! Land! Land!“ „In welcher Richtung, guter Martin Alonzo?“ fragte Colum⸗ bus mit einem Eifer, welcher ſeine Stimme beben machte.„In welcher Gegend bemerkſt Du dieſen willkommenen Nachbar?“ „Dort im Südweſten—“ er deutete nach dieſer Richtung. „Eine Reihe von neblichen, aber edeln Bergen, die ſo verheißungs⸗ reich ausſehen, daß ſie ſelbſt die fromme Sehnſucht des heiligen Vaters zufrieden ſtellen könnten.“ Jedes Auge wendete ſich nach Südweſten, wo auch alle wirk⸗ lich die langgeſuchten Beweiſe eines glücklichen Zieles zu erblicken glaubten. Eine ſchwache, dunſtige Maſſe mit zackigen und beſtimm⸗ ter hervortretenden Umriſſen, als dieß bei Wolken gewöhnlich iſt— war an dem Horizont ſichtbar, obgleich die Erſcheinung noch ſo dunkel war, daß es eines geübten Auges bedurfte, um ſie in dem tiefen Blau der unendlichen Leere zu entdecken. Eine eigenthümliche 390 Beſchaffenheit der Atmoſphäre läßt den Seeleuten das Land oft in dieſer Weiſe erſcheinen, wenn auch ein Landbewohner es unter ſolchen Umſtänden ſelten zu unterſcheiden im Stande iſt. Columbus war mit allen Erſcheinungen auf dem Ocean ſo bekannt, daß ihm die Augen jedes Matroſen auf der Santa Maria in athemloſer Er⸗ wartung zuflogen, ſobald man den erſten Blick nach der genannten Himmelsgegend entſendet hatte. Es war indeß unmöglich, ſich in dem Ausdrucke der Züge des Admirals zu täuſchen, die alsbald von Entzücken und frommer Begeiſterung zu ſtrahlen begannen. Er nahm die Mütze ab, warf einen Blick des glühendſten Dankes gen Himmel und fiel dann auf die Knie nieder, um ſeinen Gefühlen durch brünſtige Gebete Luft zu machen. Dieß war das Zeichen, daß man überwunden hatte, und doch war jetzt, trotz der ſcheinbaren Beendigung einer troſtloſen Lage, das Entzücken nicht die vorherrſchende Stim⸗ mung des Augenblickes. Wie Columbus, fühlten auch die Matroſen ihre unbedingte Abhängigkeit von Gott, und ein Gefühl demüthigen, reuigen Dankes bemächtigte ſich faſt gleichzeitig aller Gemüther. Die Mannſchaft der drei Schiffe kniete nieder und begann einſtim⸗ mig das Gloria in excelsis Deo— ein Lobgeſang, welcher ſich jetzt ſeit der Schöpfung der Erde zum erſtenmal von dieſer tiefen Ein⸗ ſamkeit des Meeres zum Himmel hob. Allerdings wurden damals auf den meiſten chriſtlichen Schiffen Metten und Veſpern abge⸗ halten; aber dieſer feierliche Geſang ertönte jetzt zum erſtenmale in der Stimme des Menſchen auf Wogen, die ſeit vielen tauſend Jahren ihren Schöpfer nur in ihren Stürmen und ihren Wind⸗ ſtillen geprieſen hatten. „Ehre ſey Gott in den Höhen!“ ſangen dieſe rohen Seeleute mit Herzen, welche durch den Erfolg überſtandener Gefahren ge⸗ ſänftigt waren, und ihre Worte ſchallten wie aus Einer Stimme, obſchon ſie der feierlichen Harmonie des kirchlichen Ritus angepaßt waren—„und Friede auf Erden den Menſchen, die eines guten Willens ſind! Wir preiſen Dich, wir loben Dich, wir verehren lichkeit! O Herr! 391 Dich, wir rühmen Dich, wir danken Dir für Deine große Herr⸗ Gott! himmliſcher König! Gott! allmächtiger Vater!“. In dieſem feierlichen Geſange, welcher ſich den Lobeshymnen der Engel ſo weit näherte, als ſich menſchliche Kraft je zu erheben hoffen darf, ließ ſich die Stimme des Admirals tief und deutlich, obwohl von innerer Regung bebend, vernehmen. Als dieſe Handlung ſrommer Dankbarkeit beendet war, ſtiegen die Matroſen in die Takelage hinauf, um ſich von der Richtigkeit der Thatſache noch mehr zu überzeugen. Alle erklärten einſtimmig die ſchwachbegränzte Maſſe für Land, und dem erſten plötzlichen Erguſſe unverhoffter Freude folgten die geregelteren Gefühle einer beſtätigten Gewißheit. Die Sonne ging ein wenig nördlich von den neblichen Bergen unter und die Nacht umhüllte allmählich die Scene, indem ſie ihre Schatten ſo düſter über das Meer ſtreute, als man es nur unter einem tropiſchen Himmel finden kann. Sobald die erſte Wache aufgezogen war, ließ Columbus, welcher— ſo lange es die Winde geſtatteten, auf ſeinem vermeintlichen weſtlichen Curſe beharrt hatte, um den Wünſchen der Mannſchaft zu entſprechen, die Fahrzeuge nach dem Südweſtpunkte des Compaſſes wenden, was aber in der That Südweſt zum Süden ſüdlich ſteuern hieß. Der Wind wurde ſtärker, und da der Admiral die Entfernung des Landes von der Stelle aus, wo ſie es zuletzt geſehen hatten, auf fünfundzwanzig Stunden ſchätzte, ſo erwarteten Alle auf der kleinen Flotte zuver⸗ ſichtlich, mit dem Anbruche des Morgens daſſelbe völlig zu Geſicht zu bekommen. Columbus ſelbſt trug ſich mit dieſer Hoffnung, ob⸗ gleich er nur mit Widerſtreben ſeinen Curs veränderte: denn er war überzeugt, daß er das Feſtland nur durch eine Weſtfahrt oder wenig⸗ ſtens durch eine Fahrt, die er für weſtlich hielt, erreichen und nicht mit gleicher Zuverſicht auf die Entdeckung einer Inſel rechnen könne. Der Schlaf dieſer Nacht wollte nicht viel bedeuten: Geſichte von orientaliſchen Reichthümern und allen Wundern des Morgenlandes 392 erfüllten die Gemüther ſelbſt der Phantaſte⸗Armen und verwan⸗ delten ihren Schlummer in Träume, welche durch die Sehnſucht nach Gold und die Vorahnungen der Geheimniſſe eines unbekannten Oſtens beunruhigt wurden. Die Matroſen verließen alle Stunden ihre Hängematten, um in das Takelwerk zu ſteigen und neue Be⸗ weiſe von der Nähe der erſehnten Inſeln zu entdecken, wobei ſie in der vergeblichen Hoffnung ihre Augen anſtrengten, tiefer in die Dunkelheit blicken und die Gegenſtände auffinden zu können, welche ihre Phantaſte bereits verkörpert hatte. Im Laufe der Nacht legten die Fahrzeuge in unmittelbar ſüdweſtlicher Richtung fiebenzehn Stunden von den fünfundzwanzigen zurück, welche ſie, nach der An⸗ gabe Colons, von dieſer neuen Entdeckung trennten; und noch ehe der Morgen aufdämmerte, war jede lebende Seele in den drei Schiffen auf den Beinen, hoffend, das Licht des Tages über einen Anblick ſich ergießen zu ſehen, der ſte ihre weite Reiſe und die er⸗ ſtandenen Gefahren nur für eine geringe Beſchwerde erachten ließ. „Dort taucht ein Lichtſtreifen im Oſten auf,“ rief Luis mit freudiger Stimme,„und nun, Sennor, können wir Euch vereint den Geſegneten der Erde nennen.“ „Die Chre iſt Gottes, mein junger Freund,“ erwiederte Colum⸗ bus;„aber mag Land nahe ſeyn oder nicht, jedenfalls hat der Ocean im Weſten eine Gränze, und zu dieſer müſſen wir vordringen. Du haſt in der Thai Recht, Freund Gutierrez, der Tag gießt bereits ſeine Strahlen über den öſtlichen Saum des Meeres und hebt ſich immer mehr an dem Gewölke des Himmels.“ „Wenn doch die Sonne nur dieſen einzigen Tag im Weſten aufginge, damit wir unſere neuen Beſitzungen zum erſtenmale in demſelben ſtrahlenden Himmelsfelde ſehen könnten, welches den Weg, den wir bereits zurückgelegt haben, ſo herrlich beleuchtet.“ „Das wird nicht geſchehen, Herr Pedro, denn die Sonne wan⸗ dert ſeit dem Anfang der Zeiten täglich von Oſten nach Weſten um unſern Planeten und wird ſo fortfahren, bis zu der Zeiten Ende. — 393 Dieß iſt eine Thatſache, bei der wir uns auf unſere Sinne ganz ver⸗ laſſen dürfen, obgleich ſie uns in ſo vielen andern Dingen irre führen.“ So dachte Columbus— ein Mann, deſſen Geiſt in dieſem Lieblingsſtudium ſeiner Zeit doch weit vorangeeilt war— und zwar einfach aus dem Grunde, weil ſein Verſtand noch in den Feſſeln der Gewohnheit und des Vorurtheils befangen war. Das berühmte Syſtem des Ptolemäus, welches auf eine ſo ſeltſame Weiſe Irrthum und Wahrheit verflicht, galt in jener Zeit allgemein als das Geſetz der Himmelskörper. Copernicus, der damals noch ein Jüngling war, gab der richtigen Anſicht des Pythagoras— richtig in ihren Grund⸗ zügen, obgleich phantaſtiſch in der Erklärung der Urſache und Wir⸗ kung“— erſt viele Jahre nach der Entdeckung Amerika's eine wiſſen⸗ ſchaftliche Begründung; und es iſt ein ſprechender Beleg dafür, wie gefaͤhrlich es iſt, die Gedanken aufzuhellen; daß er für dieſen groß⸗ artigen Aufſchwung des menſchlichen Geiſtes durch die Excommuni⸗ kation der Kirche belohnt wurde, deren Fluch bis auf die neueſte Zeit auf ſeiner Seele, wenn auch nicht auf ſeinem Körper, haftete. Dieſer einzige Umſtand kann dem Leſer zeigen, wie viel unſer See⸗ fahrer zu überwinden hatte, um ſein großes Unternehmen zur Aus⸗ führung zu bringen. Der Tag dämmerte immer heller auf und vertheilte ſeine Strahlen über das ganze Rundgemälde des Meeres und des Himmels. Jeder Blick ſtreifte verlangend an dem weſtlichen Kimme hin und ein Schauer der Enttäuſchung beſiel jedes Herz, als ſich die Ahnung nach und nach zur Gewißheit erhob, daß kein Land zu erblicken war. Die Schiffe hatten während der Nacht jene Gränzen des ſichtbaren Horizonts überſchritten, wo ſich Maſſen von Wolken an⸗ geſammelt hatten, und Keiner konnte länger zweifeln, daß ſeine Sinne durch irgend eine zufällige Eigenthümlichkeit der Atmoſphäre geäfft worden ſeyen. Aller Augen wandten ſich nun wieder auf „ Der Autor iſt hier im Irrthume; denn das Centralfeuer des Pythagoras, um welches ſich alle Himmelskörper wälzen ſollten, iſt nicht die Sonne. 394 den Admiral, der trotz des ſchmerzlichen Gefühls fehlgeſchlagener Hoffnung, welches er in ſeinem Innern barg, eine würdige Ruhe bewahrte, welche nicht leicht getrübt werden konnte. „Solche Erſcheinungen ſind auf dem Meere nichts Seltenes, meine Herren,“ ſagte er zu denen, welche ihm nahe ſtanden, aber doch laut genug, daß ihn die Meiſten von dem Schiffsvolke hören konnten,„obſchon ſie nicht oft ſo täuſchend, wie in dem gegenwärti⸗ gen Falle, vorkommen. Alle, die an's Meer gewöhnt ſind, haben ohne Zweifel zum öftern etwas der Art geſehen, und natürliche Ereigniſſe darf man weder für noch gegen uns deuten. Was die Vorzeichen anbelangt, ſo betrachtet ſie Jeder nach dem Maßſtabe ſeines Vertrauens auf Gott, deſſen Huld und Gnade gegen uns Alle im gegenwärtigen Augenblicke, wo bei tauſend andern Gelegen⸗ heiten nicht erkannt wird und auch nicht genug erkannt werden könnte, wenn wir auch unſer Gloria in excelsis vom Morgen bis in die Nacht, ſo lange unſer Athem aushielte, ſängen.“ „Aber unſere Hoffnung war ſo groß, Don Chriſtoval,“ be⸗ merkte einer der Officiere,„daß wir die Täuſchung kaum verſchmerzen können. Ihr ſprecht von Vorzeichen, Sennor? Gibt es denn irgend ein phyſiſches Merkmal, daß wir in der Nähe von Cathay find.“ „Wenn es überhaupt Vorbedeutungen gibt, ſo kommen ſie von Gott und ſind dann nichts anderes, als merkwürdige Erſcheinungen, welche natürlichen Ereigniſſen vorausgehen, ohne mit einem wirkli⸗ chen Wunder etwas gemein zu haben. Ich glaube, dieſe Unterneh⸗ mung iſt ein Werk Gottes; und ich ſehe nichts Unehrerbietiges in der Annahme, daß dieſes geſtrige ſcheinbare Auftauchen von Land als ein Zeichen an dem Horizont erſchienen ſey, um uns zur Be⸗ harrlichkeit zu ermuthigen und uns anzudeuten, daß unſere Muͤhen am Ende ihren Lohn finden ſollen. Demungeachtet aber moͤchte ich kaum feſt behaupten, daß das Ganze nicht mit natürlichen Dingen zu⸗ ging: denn uns Seeleuten ſind ſolche Täuſchungen nichts Seltenes.“ „Ich will mir Mühe geben, die Sache auch ſo zu betrachten, 22n 395 Sennor Admiral,“ erwiederte der Andere ernſt, und die Unterhal⸗ tung war zu Ende. Dennoch brachte das Nichterſcheinen des Landes, das man ſo zuverſichtlich erwartet hatte, ein tiefes Düſter über die Fahrzeuge, und die Freude der Mannſchaft ging wieder in Kleinmuth über. Columbus fuhr fort, nach dem Compaß genau weſtlich— in der Wirklichkeit aber, Weſt zu Süd ſüdlich— zu ſteuern, bis er gegen Mittag den dringenden Wünſchen ſeiner Umgebung nachgab, und den Curs wieder nach Südweſten änderte. So ſegelte er fort, bis die Schiffe in dieſer Richtung weit genug gekommen waren, um es außer allen Zweifel zu ſetzen, daß die Mannſchaft ſich am vergangenen Abend durch Wolken hatte täuſchen laſſen. Bis zur Nacht war auch die letzte Hoffnung verſchwunden, und die Fahrzeuge ſetzten nun wieder nach Weſten um, wobei ſie in vierundzwanzig Stunden volle dreißig Seemeilen zurücklegten, welche jedoch der Schiffsmann⸗ ſchaft als vierundzwanzig angegeben wurden. Die nächſten Paar Tage fiel nichts Weſentliches vor. Der Wind blieb günſtig, obgleich er oft ſo leicht wurde, daß er die Fahrzeuge nur langſam vorwärts trieb und die Tagesſtrecken oft wenig mehr als fünfzig engliſche Meilen betrugen. Das Meer war ruhig und auch die Gräſer kamen, obgleich in geringere Maſſen, als früher, wieder zum Vorſchein. Am neunundzwanzigſten Sep⸗ tember, oder am vierten Tage, nachdem Pinzon Land gerufen hatte, ſah man wieder einen Fregattenvogel, und da unter dem Seeleuten die Meinung galt, daß dieſes Thier nie weit von der Küſte weg⸗ fliege, ſo weckte ſein Erſcheinen wieder vorübergehend einige ſchwache Hoffnungen. Auch ließen ſich zwei Pelikane blicken, und die Luft war ſo ſanft und balſamiſch, daß Columbus erklärte, es fehle an nichts als an Nachtigallen, um die Nächte ſo lieblich, wie in An⸗ daluſien zu machen. So kamen und gingen Vögel, um Hoffnungen zu erregen, denen immer wieder der Fluch der Entäuſchung folgen ſollte. Sie flogen 396 bisweilen in ſo großer Anzahl, daß man ſich des Gedankens nicht erwehren konnte, ſie müßten bei ihrem Striche über die ungeheure Waſſerfläche doch eine Heimath in der Nähe kennen. Auch wurde die Aufmerkſamkeit des Admirals und des Schiffsvolks wieder auf die Ab⸗ weichung der Magnetnadel gelenkt, wobei ſich jedoch alle in der Meinung vereinigten, daß dieſes Begebniß nur in den Bewegungen des Sterns ſeinen Grund habe. Endlich kam der erſte Tag des Oktobers, und die Piloten des Admiralsſchiffs gingen nun ernſtlich an's Werk, um ſich über die zurückgelegte Entfernung Gewißheit zu verſchaffen. Columbus' Kunſtgriff hatte ſie wie alle Uebrigen irre geführt, und ſie näherten ſich jetzt dem Admiral, der auf ſeinem gewohnten Poſten— auf dem Hüttendecke ſtand, um ihm mit Geſichtern, welche die deutlichen Abbilder ihrer inneren Beſorgniſſe waren, das Ergebniß ihrer Berechnungen zu überreichen. „Wir ſind nicht weniger als fünf hundert achtundſiebenzig Stunden weſtlich von Ferro,“ begann einer von Beiden;—„eine ſchreckliche Entfernung, wenn man ſich mitten auf einem unbekann⸗ ten Meere befindet.“ „Du haſt Recht, ehrlicher Bartolomeo,“ erwiederte Co⸗ lumbus ruhig,„obgleich die Ehre um ſo größer ſeyn wird, je weiter wir uns wagen. Deine Berechnung bleibt jedoch ſogar noch hinter der Wahrheit zurück, denn die meinige, welche der Einſicht eines Jeden offen ſteht, bezeichnet fünfhundert und vierundachtzig Stunden, alſo volle ſechs Stunden mehr als die Deinige. Aber das kömmt noch nicht einmal einer Fahrt von Liſſabon nach Guinea gleich, und wir ſind nicht die Leute, welche ſich durch Dom Joao's Matroſen ausſtechen laſſen.“ „Ach! Sennor Admiral, die Portugieſen haben ihre Inſeln auf dem Wege und die alte Welt an ihren Ellenbogen, während wir, wenn die Erde ſich nicht als eine Kugel erweiſen ſollte, jede Stunde näher an ihren Rand kommen und unerhörten Gefahren entgegen gehen!“ „Geh mir weg, Bartolomeo! Du ſprichſt wie ein Flußſchiffer, den eine ſtarke Kühlte über ſeine gewohnte Gränze hinaus vom Lande abgetrieben hat, und der ſich jetzt einbildet, größere Gefah⸗ ren erſtehen zu müſſen, als je ein Menſch durchmachte, weil das Waſſer, das ſeine Zunge netzt, ſalzig ſchmeckt. Du kannſt immer⸗ hin die Mannſchaft Deine Rechnung ſehen laſſen, aber gib Dir Mühe, heiter zu ſeyn, damit wir Deiner Bedenklichkeiten nicht in den Hainen von Cathay gedenken müſſen!“ „Die Angſt hat dem Manne hart zugeſetzt,“ bemerkte Luis ruhig, als die Piloten mit zögernden Schritten und ſchwerem Her⸗ zen das Hüttendeck verließen.„Selbſt Eure ſechs kurzen Meilen trugen dazu bei, die Laſt, welche ihren Muth niederdrückt, zu ver⸗ mehren.— Fünfhundert achtundſiebenzig war ſchon ſchrecklich genug, aber fünfhundert vierundachzig— ſo etwas vermochte ſeine Seele nicht zu ertragen.“ „Was würde er erſt gedacht haben, wenn er die ganze Wahrheit wüßte, wie ſie nicht einmal dem jungen Grafen be⸗ kannt iſt?“— „Ich hoffe, Ihr ſetzt kein Mißtrauen in meine Nerven, Don Chriſtoval, daß Ihr diefe Sache vor mir geheim haltet!“ „Ich glaube nicht, daß ich irgend einen Anlaß dazu habe, Sennor de Llera, und doch wird man am Ende ſogar gegen ſich ſelbſt mißtrauiſch, wenn wichtige Dinge an einem Faden hängen. Haſt Du einen wirklichen Begriff von der Länge des Wegs, den wir zurückgelegt haben?“ „Bei St. Jago, gewiß nicht, Sennor. Es iſt mir genug, daß wir weit von Donna Mercedes entfernt ſind, und eine Meile mehr oder weniger kömmt dabei nicht in Betracht. Wenn Eure Theorie richtig und die Erde eine Kugel iſt, ſo habe ich die Beruhigung, daß wir ſeiner Zeit wieder nach Spanien kommen werden, und wenn wir ſogar der Sonne nachijagen müßten.“ „Du haſt aber doch ſo im Allgemeinen einen Begriff über unſere wahre Entfernung von Ferro, da Du weißt, daß ich in der öffentlichen Berechnung alle Tage etwas in Abzug brachte?“ „Offen geſtanden, Don Chriſtoval, die Arithmetik und ich plagen ſich gegenſeitig nicht ſonderlich. Ich könnte den genauen Betrag meiner Einkünfte um's Leben nicht in Zahlen angeben, ob⸗ gleich es mir nicht beſonders ſchwer vorkömmt, in einer andern Weiſe damit fertig zu werden. Demungeachtet aber denke ich mir, daß aus Euren fünfhundert und achtzig Stunden wohl ſechshundert zehn bis zwanzig werden könnten.“ „Füge noch hundert bei, und Du wirſt der Wahrheit nicht mehr ferne ſeyn. Wir ſind im gegenwärtigen Augenblick ſiebenhundert⸗ und ſieben Stunden von Ferro und nähern uns raſch dem Meridian von Cipango. Noch eine Woche oder höchſtens zehn Tage, und ich fange ernſtlich an, dem Feſtland von Aſten entgegen znu ſehen.“ „Das heißt ſchneller reiſen, als ich mir dachte, Sennor,“ er⸗ wiederte Luis unbekümmert.„Doch— nur zu! Wenigſtens wird Einer aus Eurem Gefolge ſich nicht beſchweren, und gälte es auch, die Erde zu umkreiſen.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Sprich, welches Meer, welch Ufer dies? Der Golf, der Fels von Salamis? Lord Byron. Die Abenteurer hatten nun ſeit dreiundzwanzig Tagen das Land aus dem Geſicht verloren, und waren dieſe ganze Zeit über, mit Ausnahme einiger ſehr unweſentlichen Veränderungen des Win⸗ des und einiger Tage ſtiller See— ſtetig gen Weſten mit einer Ab⸗ weichung gegen Süden vorgerückt, welche zwiſchen einem Viertels⸗ ſtrich und einem Fünfviertelsſtrich wechſelte— eine Thatſache, die ihnen allerdings damals noch unbekannt war. Ihre Hoffnungen waren ſo oft nur erwacht, um getäuſcht zu werden, ſo daß jetzt —— 399 ein gewiſſes düſteres Brüten unter den Matroſen die Oberhand gewann, welches nur hin und wieder, wenn die Wolken ihre ge⸗ wöhnlichen Trugbilder an den Horizont malten, durch den unzuver⸗ läßigen Ruf„Land!“ unterbrochen wurde. Demungeachtet aber waren ihre Gefühle in jenem ſieberiſchen Zuſtande, welcher recht wohl einen plötzlichen Wechſel geſtattet, und da das Meer fortwährend ſo glatt wie ein Fluß, die Luft balſamiſch und der Himmel heiter blieb, ſo gaben ſie ſich doch nicht ganz der Verzweiflung hin. Sancho begegnete wie gewöhnlich der Unwiſſenheit und Thorheit ſeiner Gefährten mit Unverſchämtheit und abſprechendem Weſen: während Luis, ohne es ſelbſt zu wiſſen, durch ſeine Heiterkeit und Zuverſicht einen wohlthätigen Einfluß auf die Mannſchaft übte. Columbus ſelbſt blieb in einer ruhigen, würdevollen Zurückhaltung; er vertraute auf die Richtigkeit ſeiner Theorien und beharrte ent⸗ ſchloſſen auf der Verfolgung ſeines Zieles. Der Wind war ohne Unterlaß günſtig, und am zweiten Oktober ſegelten die Schiffe innerhalb vierundzwanzig Stunden mehr als hundert Meilen weiter in das unbekannte und geheimnißvolle Meer. Die Graͤſer trieben nun weſtlich ab, was ein weſentlicher Wechſel war, da die Strö⸗ mungen ſie früher nach der entgegengeſetzten Richtung geführt hat⸗ ten. Am dritten Oktober ging es noch beſſer, denn ſie legten an dieſem Tage ſiebenundvierzig Stunden zurück. Der Admiral fing nun an, allen Ernſtes zu glauben, daß er von den auf der Charte verzeichneten Inſeln vorbeigekommen ſey — ein Umſtand, der ihn nur noch mehr in ſeinem Entſchluſſe be⸗ kräftigte, unmittelbar nach Weſten abzuhalten, um auf dem näch⸗ ſten Wege die Küſten Indiens zu erreichen. Der vierte Oktober war noch günſtiger, als die vorhergehenden Tage, und die kleine Flotte trieb ſtetig vorwärts, ohne von ihrem Curſe abzubeugen, bis ſie die ſchöne Weite von hundertundneunundachtzig Meilen— bisher bei weitem die ſtärkſte Tagefahrt— zurückgelegt hatte. Dieſe Entfernung wurde Allen an Bord, Luis ausgenommen, z 400 hundertundachtunddreißig Meilen berechnet, da ſie den Matroſen, welche ſchon jetzt jede Meile und jede Stunde mit Angſt und Bangen zählten— allzu ſchrecklich erſchienen wäre.— Freitag, der fünfte Oktober, begann unter noch vortheilhafteren Ausſichten, denn Columbus fand, daß ſein Schiff mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit von ungefähr acht Meilen in der Stunde durch das Waſſer glitt— wir ſagen„glitt,“ da die See ſo ruhig war, daß von keinem Wanken des Fahrzeuges die Rede ſeyn konnte. Dieſe Fahrt war beinahe die ſchnellſte, welche ſie je zurückgelegt hatten, und würde hinſichtlich der gemachten Entfernung die des vorher⸗ gehenden Tages noch übertroffen haben, wenn ſich nicht gegen die Nacht hin der Wind gelegt hätte. Demungeachtet aber lagen nach dem Ablauf des ſeemänniſchen Tages wieder weitere ſiebenundfünfzig Stunden zwiſchen Ferro und den Schiffen— eine Fahrt, welche den Matroſen zu fünfundvierzig angegeben wurde. Der folgende Tag brachte keinen weſentlichen Wechſel und die Vorſehung ſchien die kleine Flotte mit einer Eile vorwärts drängen zu wollen, die das große Problem, worüber der Admiral ſich ſo lange mit den Gelehrten herumgeſtritten hatte, aller Wahrſcheinlichkeit nach zu einem ſchleunigen Ende führen mußte. Als es dunkel wurde, machte die Pinta eine Wendung und hielt in der Richtung der Santa Maria ab, bis ſie derſelben ſo nahe war, daß Sennor Alonzo das Admiralsſchiff ohne Sprachrohr anrufen konnte. „Iſt Sennor Don Chriſtoval wie gewöhnlich auf ſeinem Poſten?“ fragte Pinzon haſtig, und in den Tönen eines Mannes, der etwas Wichtiges auf dem Herzen hat.„Ich ſehe Leute auf dem Hütten⸗ decke, kann aber nicht unterſcheiden, ob ſich ſeine Excellenz unter denſelben befindet.“ „Was iſt Dein Begehr, guter Martin Alonzo?“ erwiederte der Admiral.„Ich bin hier und ſehe nach den Geſtaden von Ci⸗ pango oder Cathay aus: mag nun Gottes Güte die einen oder die anderen zuerſt vor unſeren Augen auftauchen laſſen.“ dN 401 „Ich finde ſo viele Gründe, edler Admiral, um eine Abände⸗ rung unſeres Curſes nach Süden wünſchenswerth zu machen, daß ich dem Drange nicht widerſtehen konnte, umzukehren und Euch meine Anſicht mitzutheilen. Die meiſten neueren Entdeckungen ſind in den ſüdlichen Breiten gemacht worden, und wir thun vielleicht gut, uns gleichfalls nach dieſer Himmelsgegend zu wenden.“ „Haben wir durch die Abänderung des Curſes nach dieſer Richtung Etwas gewonnen? Dein Herz ſcheint ſich nach ſüdlicheren Zonen zu ſehnen, würdiger Freund, während ich mich hier, das Fehlen des Landes ausgenommen, in einem wahren Paradieſe zu befinden glaube. Im Süden— und meinetwegen auch im Norden von uns— mögen allerdings Inſeln liegen, aber der Continent befindet ſich nothwendig im Weſten. Warum ſollten wir das Ge⸗ wiſſe für das Unſichere, das Größere für das Geringere aufgeben? Iſt Cipango oder Cathay nicht mehr werth, als irgend ein hübſcher Ort, der vielleicht von Gewürzen duften mag, aber ſonſt von keinem Belange iſt und ſich nie mit den Herrlichkeiten Aſtens meſſen kann— mag es ſich nun um eine Entdeckung oder um eine Eroberung handeln.“ „Ich wünſchte, Sennor, ich koͤnnte Euch zu einem mehr ſüd⸗ lichen Curſe veranlaſſen.“ „Geh, Martin Alonzo, und vergiß derartige Wünſche. Mein Herz verlangt nach dem Weſten und die Vernunft heißt mich dieſem Sehnen folgen. Höre jetzt meine Befehle, und ſuche dann die Ninna auf, damit Dein Bruder, der würdige Vicente Yannez, ihnen gleichfalls nachkommen möge. Sollte uns nächtlicherweile irgend ein Unfall trennen, ſo iſt es die Pflicht von uns Allen, männlich gen Weſten zu ſteuren, um uns wieder zuſammen zu finden; denn es wäre eben ſo nutzlos als traurig, allein auf dieſem unbekannten Meere umher zu irren.“ Pinzon war augenſcheinlich mißvergnügt; er gehorchte jedoch willig, und nach einem kurzen, aber ſcharfen und lauten Wortwechſel Donna Mercedes. 2te Aufl. 26 40² mit dem Admiral hielt der Befehlshaber der Pinta auf die Felukke ab, um den erhaltenen Befehl zu vollſtrecken. „Martin Alonzo fängt an zu wanken,“ bemerkte Columbus gegen Luis.„Er iſt zwar ein kühner und ungemein geſchickter Seemann, aber Beharrlichkeit in Verfolgung einer Aufgabe gehört nicht zu ſeinen Tugenden. Es wird der Gebrauch meines vollen Anſehens nöthig ſeyn, um die Einflüſterungen ſeiner Schwäche zu bewältigen. Dieſe Seitenſprünge ſind nutzlos— Cathay— Cathay iſt mein Ziel.“ Nach Mitternacht wurde der Wind ſtärker, und die Caravelen glitten einige Stunden mit der ungemeinen Geſchwindigkeit von neun engliſchen Meilen in der Stunde über den glatten Ocean hin. Wenige zogen ſich aus, es ſey denn, daß ſie die Kleider wechſelten, und Columbus ſchlief in dieſer Nacht auf dem Huttendecke, indem er ſich nur eines alten Segeltuches ſtatt des Lagers bediente. Luis leiſtete ihm Geſellſchaft, und mit dem Grauen des Tages waren Beide wieder auf dem Verdecke. Alle ſchienen von dem gemeinſamen Gefühle belebt, daß Land in der Näahe ſey und demnächſt eine große Entdeckung bevorſtehe. Die Herrſcher hatten dem, welcher zuerſt das erſehnte Land anrufen würde, einen Jahrgehalt von zehntauſend Maravedis verſprochen, und bei jeder Gelegenheit waren Aller Augen thätig, den verheißenen Preis zu gewinnen. Als die Sonne allmälig mit ihren Strahlen auch den weſt⸗ lichen Rand des Meeres ſäumte, glaubte Alles an der Gränze dieſes Horizontes Land zu entdecken: in den Schiffen wurden haſtig Segel auf Segel gehäuft, um ſo ſchnell als möglich vorwärts zu kommen, und es begann ein Wettrennen unter der Mannſchaft der verſchledenen Fahrzeuge, um am früheſten des erſehnten Anblickes theilhaftig zu werden. Bei dieſer Gelegenheit glichen ſich die Vor⸗ theile und Nachtheile der verſchiedenen Bewerber auf eine eigen⸗ thümliche Weiſe aus. So klein die Ninna auch war, ſo ſegelte ſie doch bei günſtigem Winde und glattem Waſſer am ſchnellſten; die ————*— v 403 Pinta, welche, was Größe anbelangt, zwiſchen der Ninna und dem Admiralſchiff die Mitte hielt, ſtand an Geſchwindigkeit der erſteren ziemlich nahe und überbot ſogar bei ſteifem Winde jede ihrer Ge⸗ fährtinnen; wäͤhrend die Santa Maria, die beziehungsweiſe nur eine träge Seglerin war, die hoͤchſten Maſten hatte, und daher die weiteſte Ausſicht über den Horizont beherrſchte. „Nun, heute iſt die Stimmung nicht übel, Sennor Don Chriſtoval,“ ſagte Luis, welcher an der Seite des Admirals dem Weiterrücken der Sonne folgte;„und wenn es blos an den Augen liegt, ſo kann uns die Entdeckung des Landes nicht entgehen. Die letzte Fahrt hat alle unſere Hoffnungen neu belebt, und wir müſſen Land haben, ſollten wir es auch aus der Tiefe des Meeres heraufholen.“ „Dort ſitzt Pepe, Monikas pflichtgetreuer Gatte, auf unſerer höchſten Raa und verſucht, in der Hoffnung, die Belohnung zu gewinnen, die Stärke ſeines Auges an dem weſtlichen Horizont,“ ſagte Columbus lächelnd. Es wäre allerdings nicht übel, wenn er der bekümmerten Mutter und dem verlaſſenen Knaben einen Jahr⸗ gehalt von zehntauſend Maravedis heimbringen könnte.“ „Auch Martin Alonzo iſt nicht läſſig, Sennor. Seht, wie er die Pinta vorwärts drängt: aber Vicente Yannez iſt voraus und ſcheint entſchloſſen, ohne die Rechte des älteren Bruders zu berück⸗ ſichtigen, dem Groß⸗Chan zuerſt das Compliment machen zu wollen.“ „Sennor! Sennores!“ ſchrie Sancho von der Spiere, an welche er ſich ſo ruhig, wie eine modiſche Dame auf ihrer Otto⸗ mane, zurücklehnte,„die Felukke ſpricht in Signalen.“ „Er hat Recht,“ rief Columbus;„Vicente NYannez zeigt die Farben der Königin, und da geht eine Donnerbüchſe los, um irgend ein großes Ereigniß anzukündigen.“ Da dieß die Signale waren, durch welche ein Fahrzeug an⸗ zeigen ſollte, daß es zuerſt Land entdeckt hätte, ſo zweifelte man nicht, daß die den Zug anführende Caravele endlich des erſehnten Reſultats der Fahrt anſichtig geworden ſey. Demungeachtet war 404 man aber der kürzlichen ſchweren Täuſchung noch zu lebhaft ein⸗ gedenk, und obgleich Alle im Stillen ihre Dankgebete ſprachen, ſo blieben doch die Lippen verſiegelt, bis ſich die Wahrheit unwider⸗ ſprechlich herausgeſtellt haben würde. Man ſetzte jeden Fetzen Segel aus, und die Schiffe ſchienen ihre Fahrt nach Weſten wie Vögel zu beſchleunigen, die, von einem ungewöhnlich langen Flug ermüdet, mit neuer Kraft ihre Flügel ſchwingen, wenn ihr ſcharfes Auge und ihr thätiger Inſtinkt plötzlich die Nähe der Heimath erkennt. Stunde um Stunde verrann, ohne daß die Freudenpoſt irgend eine Beſtätigung erhielt. Der weſtliche Horizont ſah den ganzen Morgen üher düſter und wolkig aus und konnte daher wohl auch das geübteſte Auge täuſchen; aber als der Tag vorrückte und die Schiffe mehr als fünfzig Meilen weiter weſtlich geſegelt waren, wurde es deutlich genug, daß man die Hoffnungen des Morgens einer neuen optiſchen Täuſchung zuzuſchreiben habe. Die Nieder⸗ geſchlagenheit, welche dieſer Entdeckung folgte, wurde nun größer als je, und man gab ſich nicht einmal die Muhe, das Murren zu unterdrücken, denn die Matroſen ſprachen ſich offen darüber aus, daß irgend ein boshafter Einfluß über dieſer Reiſe walte, der die Mannſchaft in eine Wildniß von Waſſern führen wolle, um ſie dort der Verzweiflung und dem Untergange preis zu geben. Der Sage nach ſah ſich Columbus bei dieſem Anlaß gezwungen, ſeinem Gefolge zu verſprechen daß er von ſeinem Unternehmen abſtehen wolle, wenn es in einer gewiſſen Anzahl von Tagen nicht durch den Erfolg gekrönt werde. Man hat dem großen Seefahrer dieſe Schwäche jedoch mit Unrecht zugeſchrieben, denn er hielt ſein volles Anſehen ſelbſt in den düſterſten Augenblicken des Zweifels aufrecht, und beharrte in einem Augenblicke, wo ſeine Leute am äußerſten Rande der Erde zu ſeyn glaubten, mit derſelben Feſtig⸗ keit und Ruhe auf der Durchführung ſeines Entwurfes und der Geltendmachung der ihm innewohnenden moralichen Kraft, wie er ſte auf Spaniens Flüſſen an den Tag gelegt hatte. Demungeachtet 405 aber ließ er ſich nicht ſo ſehr von Stolz und Eigenſinn bewältigen, daß er nicht den Rückſichten der Politik und Klugheit Zugeſtändniſſe gemacht hätte, weßhalb er auch aus eigenem Antriebe eine kleine Veränderung des Curſes vornehmen ließ. „Wir ſind nun, meiner Privatberechnung zufolge, volle tauſend Stunden von Ferro, Don Luis,“ ſagte Columbus bei Gelegenheit einer der vertraulichen Unterhaltungen, welche gewöhnlich nach Einbruch der Nacht ſtatt fanden, zu ſeinem jungen Gefährten: „und es iſt in der That Zeit, daß ſich das Feſtland von Aſien bald blicken läßt. Bisher durfte ich blos Inſeln erwarten, und nicht einmal dieſe mit Beſtimmtheit, obgleich ſich Martin Alonzo und die Piloten mit den ſchönſten Hoffnungen trugen. Die großen Züge von Voͤgeln, deren wir heute anſichtig wurden, koͤnnen uns übri⸗ gens wohl einladen, ihrem Fluge zu folgen, da er ohne Zweifel Land zum Ziele hat. Ich werde daher unſern Curs etwas ſüdlich er halten, wenn auch nicht ganz ſo weit, als Pinzon wünſcht; denn Cathay darf ich nicht aus dem Auge verlieren.“ Columbus gab nun die noöthigen Befehle; die zwei andern Caravelen wurden in die Rufweite der Santa Maria gebracht und die Befehlshaber erhielten die Weiſung, weſt⸗ſüd⸗weſtlich zu ſteuern. Der Grund dieſer Aenderung des Curſes, welchem der Admiral zwei Tage zu folgen beabſichtigte, lag in der Thatſache, daß man eine große Anzahl Vögel die gleiche Richtung hatte einſchlagen ſehen. Ungeachtet dieſes Wechſels zeigte ſich dieſen Morgen kein Land. Da aber der Wind leicht war und die Fahrzeuge ſeit der Verän⸗ derung des Curſes nur fünf Stunden zurückgelegt hatten, ſo be⸗ nahmen ſich die Matroſen weniger zaghaft als gewoͤhnlich. Die Ungewißheit wurde allerdings drückend empfunden: demungeachtet aber ſchwelgte die ganze Mannſchaft der Schiffe in der balſamiſchen Milde der Atmoſphäre, deren würzige Düfte ſie mit Entzücken ein⸗ athmete. Auch die Gräſer wurden wieder häufiger, und viele der⸗ ſelben waren ſo friſch, als ob ſie erſt Tags zuvor von ihrem 406 Mutterfelſen losgeriſſen worden wären. Man bemerkte beträchtliche Schwäarme von Vögeln, welche außer Zweifel dem Lande angehör⸗ ten, und war auch ſo glücklich, einen derſelben zu fangen; außer dieſen ſtieß man noch auf viele Enten und einen weiteren Pelikan. So verging der achte Oktober, und die Reiſenden trugen ſich mit neuen Hoffnungen, obgleich ſich die Fahrzeuge im Laufe von vier⸗ undzwanzig Stunden nur um etliche und vierzig Meilen weiter von Europa entfernt hatten. Der folgende Tag brachte keine andere weſentliche Veränderung, als ein Umſchlagen des Windes, wodurch der Admiral genöthigt wurde, für einige Stunden den Curs nach Weſt zum Nord einzuſchlagen. Dieß war ihm nicht lieb, denn er wünſchte genau nach Weſten oder etwas ſüdweſtlich vorzudringen, obſchon viele ſeiner Leute, die durch das Vorwalten der Winde nach einer Richtung erſchreckt waren, nicht wenig dadurch beruhigt wurden. Hätte die Abweichung der Nadel noch Statt gefunden, ſo wäre dieß allerdings der wahre Curs geweſen, welchen der Ad⸗ miral einzuſchlagen wünſchte; die Fahrzeuge waren aber inzwiſchen unter eine Länge und Breite gekommen, wo der Compaß ſeine frühere Kraft wieder angenommen hatte und aufs Neue die wahre Richtung anzeigte. Im Laufe der Nacht begannen auch die Paſſat⸗ winde wieder ihren Einfluß zu üben, und am Frühmorgen des zehnten Oktobers ſteuerten die Schiffe abermals nach dem Südſüd⸗ weſt des Compaſſes, was auch in der That der wahre Curs war, oder doch nur um etwas Unbedeutendes von demſelben abwich. So ſtanden die Dinge, als ſich die Sonne am Morgen des zehnten Oktobers 1492 erhob. Der Wind war ſtärker geworden, und die Schiffe ſegelten den ganzen Tag frei mit einer Geſchwin⸗ digkeit, welche zwiſchen fünf und neun Knoten wechſelte. Die An⸗ zeichen eines nahen Landes waren in der letzten Zeit ſo zahlreich geworden, daß unſere Abenteurer bei jeder Seemeile, welche ſie zurücklegten, das Auftauchen deſſelben erwarteten; und in allen drei Schiffen haftete faſt jedes Auge ohne Unterlaß an dem weſtlichen N N 407 Horizont, denn jeder hoffte zuerſt das erfreuliche Ereigniß ankün⸗ digen zu dürfen. Der Ruf„Land“ war aber in den letzten Tagen über die Maaßen häuſig geworden, und Columbus hatte daraus Veranlaſſung zu der Bekanntmachung genommen, daß Jeder, wel⸗ cher denſelben fürderhin ohne zuverläßigen Grund laut werden ließe, der von den Herrſchern verheißenen Belohnung verluſtig werden ſollte, ſelbſt wenn er in der Folge der Erſte wäre, welcher des wirklichen Landes anſichtig würde. Dieſe Drohung bewirkte eine größere Vorſicht, und ſo erwartungsvoll und aufregend auch die Tage des achten, neunten und zehnten Oktobers waren, ſo verrieth doch kein Laut die übereilte Haſt des Auslugenden. Da man im Laufe des zehnten weiter gekommen war, als an den beiden vorhergehen⸗ den Tagen zuſammengenommen, ſo bewachte man den Abendhimmel mit einer Sorgfalt, wie man ſie nie früher auf einen Sonnen⸗ untergang verwendet hatte. In der That war dieß auch für eine Unterſuchung des weſtlichen Horizonts der günſtigſte Augenblick, denn das entſchwindende Licht beleuchtete jenen ganzen Waſſerſaum in einer Weiſe, welche dem Auge alle ſeine Geheimniſſe auſſchloß. „Iſt dieß eine Spitze Landes?“ fragte Pepe Sancho mit leiſer Stimme, als ſie neben einander auf einer Raa lagen und den letzten Rand der Sonne, einem ſchimmernden Sterne gleich, an dem Kimme verſinken ſahen,„oder iſt es wieder eines jener trüge⸗ riſchen Dunſtbilder, welche uns in der letzten Zeit ſo oft geneckt haben?“ „Weder das Eine noch das Andere,“ verſetzte der ruhigere und erfahrenere Sancho;„ſondern ein Steigen der See, wie man es gewöhnlich an der äußerſten Gränze des Meeres bemerkt. Haſt Du je eine ſo tiefe Windſtille erlebt, daß das Waſſer den Hori⸗ zont wie ein ebener Kreis umfinge? Nein, nein, dieſe Nacht kriegen wir im Weſten kein Land zu Geſichte, denn das Meer ſieht in dieſer Richtung ſo leer aus, als blickten wir von Ferro's Weſt⸗ ufer in die breite Fläche des atlantiſchen Weltmeers hinaus. Ich will wohl glauben, daß das Recht auf der Seite unſeres edlen 408 Adimrals iſt, Pepe, aber bis jetzt haben wir noch keine anderen Beweiſe dafür, als die, welche in ſeinem Kopfe ſtecken.“ „Trittſt Du alſo auch auf die Seite ſeiner Gegner, Sancho, und hältſt Du ihn gleichfalls für einen Tollkopf, der ſowohl ſich als Andere in das Verderben führen will, um als Admiral in der Wirklichkeit und als Vicekönig in der Einbildung zu ſterben?“ „Ich trete nie auf die Seite der Gegner eines Mannes, deſſen Dublonen es mit mir halten, Pepe; denn das wäre ein Streit mit dem beſten Freunde von Arm und Neich, nemlich mit dem Golde. Don Chriſtoval iſt ohne Zweifel ein ſehr gelehrter Herr und hat mich wenigſtens hinſichtlich Einer Frage vollkommen ins Reine gebracht, wie es auch immer mit den Juwelen von Cathay und dem Barte des Groß⸗Chans ausſehen mag— nemlich hinſichtlich der Kugelgeſtalt der Erde. Wäre ſie eine Ebene, ſo könnte ſich nicht alles dieſes Waſſer an der Außenſeite befinden, denn es müßte offenbar abfließen, wenn es nicht durch Land eingedämmt wäre. Begreifſt Du dieß, Pepe?“ „Freilich; es iſt einleuchtend genug und ſteht im Einklang mit der täglichen Erfahrung. Monika hält den Genueſen für einen Heiligen.“ „öre, Pepe; Deine Monika iſt ohne Zweifel ein ungemein verſtändiges Weib, ſonſt würde ſie nicht Dich zum Manne genommen haben, da ſie vielleicht unter einem Dutzend Deiner Kameraden die Wahl hatte. Ich habe ſelber auch einmal an das Mädchen gedacht, und würde ihr es auch zugeſagt haben, wenn ſie mir darnach aus⸗ geſehen hätte, daß ſie mich gleichfalls für einen Heiligen nehmen könnte; dieß ſiel ihr jedoch nicht ein, da ſie ſich hinſichtlich meiner eher eines ganz entgegengeſetzten Beiwortes bediente. Doch wenn wir auch den Sennor Colon für einen Heiligen gelten laſſen, ſo würde er dadurch gewiß nicht zu einem beſſern Admiral, denn ich habe noch nie einen Heiligen, ja noch nicht einmal eine heilige Jungfrau geſehen, welche die Lagen und Entfernungen einer Fahrt, 409 wäre ſie auch nur ſo kurz als die von Cadiz nach Barcellona, verſtanden hätte.“ „Du ſprichſt ſehr unehrerbietig von den Heiligen und Jung⸗ frauen, Sancho, denn wir dürfen ſicher glauben, daß ſie Alles wiſſen.“ „Ja, alles, nur dieß nicht. Unſere liebe Frau von Rabida weiß Süd⸗Oſt und zum Süd halb⸗Süd von Nord⸗Weſt und zum Nord halb⸗Weſt nicht zu unterſcheiden. Ich habe ſie in dieſer Hin⸗ ſicht auf die Probe geſtellt, und ich ſage Dir, ſie weiß ſo wenig davon, als Deine Monika von der Art weiß, wie die Herzogin von Medina Sidonia den edlen Herzog, ihren Gemahl grüßt, wenn er von der Falkenjagd nach Hauſe kommt.“ „Nun, dafür würde die Herzogin auch nicht wiſſen, was fie ſagen ſollte, wenn ſie mich an Monikas Stelle nach der Heimkehr von dieſer großen Fahrt empfangen müßte. Wenn ich nie auf die Falkenjagd ausgegangen bin, ſo iſt der Herzog dafür nie zweiund⸗ dreißig Tage weſtlich über Ferro hinausgekommen, zumal auf einer Fahrt, bei der man nicht ein einzigesmal Land zu Geſicht bekam.“ „Du haſt Recht, Pepe; aber Dein Weib hat Dich auch noch nicht als einen nach Palos Heimkehrenden empfangen. Doch was bedeutet dieſe Bewegung auf dem Verdeck? Unſere Leute ſcheinen ſehr aufgeregt zu ſeyn. Jedenfalls will ich drauf ſchwören, daß es nicht von der Entdeckung Cathays oder von dem Anblick des Groß⸗Chans herrührt, der wie ein Karfunkel auf ſeinem von Dia⸗ manten blitzenden Throne glänzt.“ „Die Aufregung ſcheint eher darin, daß ſie ihn nicht ſehen, ihren Grund zu haben. Hörſt Du nicht zornige und drohende Worte aus dem Munde der Unzufriedenen?“ „Bei St. Jago! Wenn ich Don Chriſtoval wäre, ſo zͤge ich jedem der Schufte eine Dobla von ihrem Solde ab und gäbe das Gold ſo friedlichen Leuten, wie wir Beide ſind, Pepe, die lieber Hungers ſterben wollen, ehe ſie an eine Heimkehr denken, ohne Aſien geſehen zu haben.“ 410 „Es gewinnt in der That das Ausſehen eines unruhigen Auf⸗ tritts, Sancho. Komm, wir wollen hinunter, und Seiner Excellenz zeigen, daß er doch einige Freunde unter der Mannſchaft hat.“ Sancho billigte dieſen Vorſchlag, und er und Pepe ſtanden in der nächſten Minute auf dem Verdecke. Das Volk befand ſich in der That in einer meuteriſcheren Stimmung, als dieß je ſeit der Ausfahrt der Flotte aus Spanien der Fall geweſen war. Die lange Fortdauer günſtigen Windes und ſchönen Wetters hatte die Matroſen veranlaßt, eine ſchleunige Beendigung der Reiſe zu er⸗ warten, und beinahe Alle waren jetzt der Meinung, ſie hätten ein Recht, auf dem Aufgeben eines Unternehmens zu beſtehen, welches zu nichts Anderem als zum Untergange zu führen ſchien. Die Debatte war laut und leidenſchaftlich, und ſelbſt einige der Piloten waren geneigt, mit ihren Untergebenen anzunehmen, daß eine längere Ausdauer gewiß nutzlos, wo nicht unheilbringend ſeyn dürfte. Als Sancho und Pepe in den Kreis traten, war man eben zu dem Beſchluſſe gekommen, in Maſſe vor Columbus zu treten und ihn in unumwundenen Ausdrücken aufzufordern, den Schnäbeln der Schiffe alsbald die Richtung nach Spanien zu geben. Um dabei mit einer geeigneten Förmlichkeit zu verfahren, wurden der Pilot Pedro Alonzo Ninno und Juan Mariin, ein alter Matroſe, zu Wortführern gewählt. In dieſem entſcheidenden Augenblick ſah man den Admiral und Luis von dem Hüttendecke herunterſteigen, um ſich nach der Cajüte zu begeben, und nun eilte Alles auf dem Verdecke nach, indem ſich zwanzig rufende Stimmen zumal ver⸗ nehmen ließen. „Sennor!— Don Chriſtoval!— Euer Excellenz!— Sennor Almirante!“ Columbus machte Halt und blickte die aufgeregte Mannſchaft mit einer Ruhe und Würde an, welche den Muth Ninno's nieder⸗ ſchlug und das Ungeſtüm der Meiſten ſeiner Begleiter bedeutend zu Paaren trieb. — 1jp.— „Was wollt Ihr?“ fragte der Admiral ernſt.„Redet,„Ihr ſprecht zu einem Freunde.“ „Wir kommen, um für unſer theures Leben zu bitten, Sennor,“ antwortete Juan Martin, der in ſeiner untergeordneten Stellung einen Schirm zu finden glaubte;„und flehen dringend, daß man uns die Möglichkeit nicht benehme, unſern Weibern und Kindern Brod zu verſchaffen. Alle, die hier ſtehen, ſind dieſer erwerbloſen Reiſe müde, und die Meiſten glauben, daß wenn man die Rückkehr länger verzögere, die Lebensmittel ausgehen und die Leute auf dem Meere verſchmachten müßten.“ „Wißt Ihr, welche Entfernung zwiſchen uns und Ferro liegt, daß Ihr mich mit einem ſo blinden und thörichten Geſuche behelligt?“ Rede Du, Ninno, denn ich ſehe, Du gehörſt auch zu ihrer Zahl, obſchon Du Dich zu ſprechen ſcheueſt.“ „Sennor,“ erwiederte der Pilot,„wir ſind alle der gleichen Meinung. Auf dieſem unbekannten Meere immer weiter in's Blaue zu ſegeln, heißt Gott zwingen, uns für unſern Eigenſinn zu ver⸗ nichten. Es iſt vergeblich zu glauben, dieſer breite Waſſergürtel ſey rings um die ganze Erde zu einem andern Zwecke gelegt worden, als um die Tollkühnen abzuhalten, in Geheimniſſe, die über dem Bereiche ihres Verſtandes liegen, einzudringen. Predigen uns nicht alle Geiſtlichen, Sennor— den frommen Prior von Santa Maria de Rabida, Euren eigenen Freund nicht ausgenommen— beſtändig von der Nothwendigkeit, uns einer Weisheit, die nicht Ihresgleichen hat, zu unterwerfen, und zu glauben, ohne den Schleier lüften zu wollen, welcher die Welt des unbegreiflichen verhüllt?“ „Ich möchte Dir Deine eigenen Worte entgegen halten, ehr⸗ licher Ninno,“ antwortete Columbus,„und Dich darauf verweiſen, Denen zu vertrauen, deren Wiſſen weit über dem Deinigen ſteht, und da demüthig zu gehorchen, wo Du durchaus untauglich biſt, zu befehlen. Geh— entferne Dich mit Deinen Genoſſen, und laß mich nie wieder etwas der Art hören.“ 412 „Nein, Sennor!“ riefen zwei oder drei in einem Athem,„wir wollen wenigſtens nicht zu Grunde gehen, ohne unſern Klagen Luft gemacht zu haben. Wir ſind Euch bereits ſchon zu weit gefolgt und beſitzen vielleicht jetzt ſchon nicht mehr die Mittel, wohlbehalten nach Hauſe zu kommen. Wir wollen daher dieſe Nacht noch die Schnäbel der Caravelen heimwärts kehren, ſonſt moͤchten wir leicht das geſegnete Spanien nie wieder zu Geſicht bekommen.“ „Das gränzt an Meuterei! Wer unter Euch wagt es, eine ſo kühne Sprache gegen ſeinen Admiral zu führen?“ „Wir Alle, Sennor!“ erwiederten zwanzig Stimmen zugleich. „Der Menſch darf wohl kühn ſeyn, wenn an ſeinem Schweigen das Leben hängt.“ „Sancho, biſt Du auch auf der Seite dieſer Aufrührer? Be⸗ kennſt auch Du, Dein Herz kranke nach Spanien, Deine unmänn⸗ liche Furcht ſey ſtärker als Deine Hoffnungen auf unvergänglichen Ruhm und als Dein Sehnen nach den Reichthümern und Annehmlich⸗ keiten Cathay's?“ „Wenn mir ſo etwas zu Sinne kömmt, Sennor Don Almirante, ſo laßt mich mein Leben lang die Maſten ſchmieren und nehmt mich für immer von dem Steuer weg, als einen Menſchen, der durchaus untüchtig iſt, das Kreiſen des Polarſterns zu beobachten. Segelt mit den Caravelen in die Hallen des Groß⸗Chans und legt meinet⸗ wegen an ſeinem Throne an— Ihr ſollt immer Sancho auf ſeinem Poſten finden, ſey es am Steuer oder bei der Lothlinie. Er iſt in einer Schiffsdocke geboren und hat daher das natürliche Verlangen zu erfahren, was ein Schiff auszuführen im Stande iſt.“ „Und Du, Pepe— haſt Du Deiner Pflicht ſo ſehr vergeſſen, daß Du in dieſer Weiſe vor Deinen Befehlshaber trittſt— vor den Admiral und Vicekönig Deiner Herrſcherin, der Donna Iſabella?“ „Vicekönig?— über was?“ rief eine Stimme aus der Bande, ohne Pepe zum Wort kommen zu laſſen.„Ein Vicekönig über Seegras, der nichts anderes als Thunſiſche, Wallfiſche und Pelikane 413 zu Unterlhanen hat! Wir ſagen Euch, Sennor Colon, daß Caſti⸗ lianer ſich keine ſolche Behandlung gefallen laſſen und weſentlichere Entdeckungen verlangen als Grasfelder und Wolkeninſeln.“ „Nach Hauſe— nach Hauſe— Spanien— Spanien— Palos— Palos!“ rief Alles bunt durcheinander, indeß Sancho und Pepe das Gewimmel verließen und an Columbus' Seite traten. „Wir wollen nicht weiter nach Weſten— es heißt Gott verſuchen. Wir verlangen, daß man die Schiffe dahin kehre, wo ſie hergekom⸗ men ſind, wenn es nicht vielleicht jetzt ſchon zu ſpät iſt, ſich glück⸗ lich aus der Sache zu winden.“ „Zu wem ſprecht ihr in dieſer ſchamloſen Weiſe, ihr gott⸗ und ehrvergeſſenen Schurken ¹“ rief Luis, indem er unwillkührlich mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo ſein Schwert zu hängen pflegte. „Macht, daß ihr fortkommt, oder—“ „Ruhig, Freund Pedro, und überlaß dieſe Sache mir,“ fiel der Admiral ein, deſſen Faſſung durch das ungeſtüme Benehmen ſeiner Untergebenen kaum im Mirndeſten getrübt ſchien.„Hoͤrt, was ich euch ſage, ihr rohen rebelliſchen Burſche, und betrachtet es als meine letzte Antwort auf jede derartige Anmuthung. Unſere Flotte hat von den zwei Herrſchern, eurem königlichen Gebieter und eurer königlichen Gebieterin, den ansdrücklichen Befehl erhalten, die ganze Breite des ganzen atlantiſchen Weltmeeres zu durchſegeln, bis ſie die Ufer Indiens erreicht. Mag kommen, was da will— ihre hohen Erwartungen ſollen nicht getäuſcht werden, und wir ſteuern weſt⸗ wärts, bis das Land uns Halt gebietet. Für die Ausführung bürge ich mit meinem Leben. Nehmt euch in Acht, daß Keiner von euch ſich durch Widerſetzlichkeit gegen die königlichen Befehle oder durch Nichtachtung und Ungehorſam gegen den geſetzlichen Vertreter der königlichen Gewalt in Gefahr bringe. Nur noch ein Murren und ich überweiſe Den, der es ausſtößt, der ſtrengſten Beſtrafung. Ihr kennt nun meinen unwiderruflichen Entſchluß, und möoͤgt euch hüten, den Zorn derjenigen auf euch zu laden, deren Mißfallen ſchwerer auf euch laſten mag, als die eingebildeten Gefahren des Oceans. Bedenkt, was für euch von der Furcht, und was euch von der Hoff⸗ nung zu erwarten ſteht. In dem einen Falle droht euch Alles von dem Zorne der Herrſcher, wenn ihr in einem gewaltſamen Wider⸗ ſtreben gegen ihr Anſehen beharrt; und eine Empörung gegen euren geſetzlichen Fuͤhrer, ebenſo der Verſuch einer Rückkehr wird zu keinen beſſeren Folgen führen, denn es iſt bereits zu ſpät, da ihr aus Mangel an Nahrung und Waſſer Spanien nicht mehr erreichen könnt. Die Reiſe nach dem Oſten zurück muß der Zeit nach wenig⸗ ſtens doppelt ſo viel erfordern, als wir zur Herfahrt gebraucht haben, und die Tonnen der Caravelen beginnen bereits ziemlich leicht zu werden. Land, und zwar Land in dieſer Gegend iſt uns jetzt nöthig. Nun laßt uns aber auch die andere Seite des Gemäldes betrachten. Vor uns liegt Cathay mit allen ſeinen Schätzen, ſeiner Neuheit und ſeinem Ruhme— ein Land, wundervoller, als je eines von Menſchen bewohnt wurde, und ein Menſchenſtamm daſelbſt, der eben ſo edel als gaſtfreundlich und gerecht iſt. Zu all dieſem kommt noch der Beifall der Herrſcher und die Achtung, die Jedem, ſelbſt dem gemeinſten Matroſen, der ſeinem Befehlshaber bei der Er⸗ reichung dieſes großen Zieles muthig an die Hand gegangen iſt, zu Theil werden muß.“ „Wenn wir Euch noch drei Tage Gehorſam leiſten, Sennor, wollt Ihr dann, wenn ſich kein Land ſehen läßt, den Rückweg nach Spanien antreten?“ rief eine Stimme aus der Menge. „Nimmermehr!“ erwiederte Columbus mit Feſtigkeit.„Nach Indien geht meine Pflicht, und nach Indien will ich ſteuern, wenn ich auch noch einen zweiten Monat auf die Vollendung der Reiſe verwenden müßte. Geht auf eure Poſten oder nach euren Hänge⸗ matten, und behelligt mich nie wieder mit derartigen Auftritten.“ Columbus' Benehmen zeigte ſo viel angeborne Würde, und ſeine Stimme toͤnte, ſelbſt wenn er im Zorne ſprach, ſo nachdruͤck⸗ lich und eindringlich, daß der gemeine Mann auf ſeinen Befehl, ſich 2— v 415 ruhig zu verhalten, keine Sylbe zu erwiedern wagte. Die Bande ging daher verdrießlich auseinander, obgleich der Geiſt des Unge⸗ horſams noch keineswegs beſchwichtigt war. Hätte das Unternehmen nur auf einem einzigen Fahrzeuge ausgeführt werden müſſen, ſo wäre es wahrſcheinlich zu einem Akte der Gewaltthätigkeit gekom⸗ men; aber man kannte die Stimmung in der Pinta und Ninna zu wenig, und die Achtung gegen Alonzo Pinzon war eben ſo feſt begründet, als die Ehrfurcht gegen Columbus, und ſo wagten ſelbſt die Kühnſten der Empörer vorderhand nur, ihrer Unzufriedenheit durch Murren Luft zu machen, obſchon ſie im Geheim über ent⸗ ſchiedeneren Maßregeln brüteten und nur die Gelegenheit abwarteten, mit der Mannſchaft der übrigen Schiffe in Verbindung zu treten. „Dieß ſieht ernſthaft aus, Sennor,“ ſagte Luis, als er ſich mit dem Admiral allein in der kleinen Cajüte befand,„und beim heiligen Lucas! es möchte wohl das Feuer dieſer Schufte kühlen, wenn mir Euer Exrellenz erlauben wollte, zwei oder drei von den Unverſchämteſten dieſer Hallunken über Bord zu werfen.“ „Dieß iſt eine Gunſt, welche von Einigen unter ihnen bereits mir und Dir zugedacht iſt,“ verſetzte Columbus.„Sancho erſtattet immer genauen Bericht über die Stimmung der Mannſchaft, und er theilte mir ſchon vor einigen Tagen mit, daß etwas der Art verlaute. Wir wollen wo möglich und ſo lang es geht, im Frieden auszukommen ſuchen, Sennor Gutierrez oder de Munnos— was von Beiden Dir lieber iſt. Aber ſollten wirklich Umſtände eintreten, wo ich zur Gewalt meine Zuflucht nehmen muß, ſo wirſt Du finden, daß Chriſtoforo Colombo eben ſo gut ein Schwert zu führen weiß⸗ als er dieſe Werkzeuge der Wiſſenſchaft zu brauchen verſteht.“ „Wie weit mögen wir Eurer Anſicht nach noch vom Lande entfernt ſeyn, Sennor Almirante? Ich frage aus Neugierde und nicht aus Furcht; denn wenn unſer Schiff an dem äußerſten Ende der Erde ſtünde und im Begriffe wäre, in die endloſe Tiefe abzu⸗ gleiten, ſo ſolltet Ihr doch nie eine Klage von mir vernehmen.“ 416 „Ich bin vollkommen davon überzeugt, edler Jüngling,“ er⸗ wiederte Columbus, indem er Luis freundlich die Hand drückte: „ſonſt wäreſt Du nicht in meinem Gefolge. Wir haben von Ferro aus mehr als tauſend Seemeilen zurückgelegt, und ſo viel mag meiner Vermuthung nach die zwiſchen Cathay und Europa liegende Entfernung betragen. Wir ſind alſo ohne Zweifel weit genug ge⸗ kommen, um auf eine der vielen Inſeln zu ſtoßen, von denen be⸗ kanntermaßen das Meer in der Nähe von Aſien wimmelt. Die öffentliche Berechnung macht eine Fahrt von etwas über achthundert Seemeilen namhaft; da wir aber in der letzten Zeit ſo vielen günſtigen Strömungen begegneten, g vermuthe ich, daß wir in dem gegenwärtigen Augenblicke volle eilfhundert Stunden, wo nicht weiter von den canariſchen Inſeln entfernt ſind. Den Azoren ſind wir vielleicht etwas näher, da ſie weſtlicher liegen, obſchon in einer höheren Breite.“ „Dann glaubt Ihr alſo in der That, Sennor, daß wir eheſtens Land zu erwarten haben?“ „Mein Inneres ſagt mir dieß ſo gewiß, Luis, daß ich— die Schmälerung des Anſehens abgerechnet— wenig gewagt haben würde, wenn ich den Bedingungen dieſer verwegenen Menſchen willfahrt hätte. Ptolemäus theilte die Erde in vierundzwanzig Stunden, jede von fünfzehn Graden, und ich rechne nur fünf oder ſechs dieſer Stunden auf das atlantiſche Weltmeer. Dreizehnhundert Seemeilen müſſen uns daher nothwendig an die Küſten von Aſien bringen, und von dieſen haben wir, wie ich glaube, bereits eilf⸗ hundert zurückgelegt.“ „So mag ſich wohl der morgige Tag als ein ereignißvoller erweiſen, Sennor Admiral. Doch ſuchen wir jetzt unſere Hänge⸗ matten auf. Ich gedenke von einem ſchöneren Lande zu träumen, als je das Auge eines Chriſten ſah, an deſſen Geſtade mir die ſchönſte Jungfrau von Spanien— nein, beim heiligen Pedro! von ganz Europa— entgegen winkt.“ N 417 Columbus und Luis ſuchten nun ihre Rnheſtätten. Am kom⸗ menden Morgen ließ ſich jedoch aus den verdrießlichen Blicken der Mannſchaft leicht entnehmen, daß in ihrem Inneren, einem unter⸗ drückten Vulkane gleich, Gefühle glühten, die nur des paſſenden Augenblicks harrten, um in lichterlohe Flammen auszubrechen. Zum Glücke zeigten ſich bald Erſcheinungen von ſo neuem Character, daß die Aufmerkſamkeit der meiſten Mißvergnügten von dieſem ſchwermüthigen Brüten abgelenkt wurde. Der Wind war kräftig, günſtig wie gewöhnlich, und die See ging das erſtemal, ſeit man Ferro verlaſſen hatte, wieder hoch: die Fahrzeuge trieben auf Wellen weiter, welche von der glatten Fläche, die ſo lange durch ihre endloſe Ausdehnung die Matroſen beunruhigt hatte, durchaus verſchieden waren. Columbus befand ſich noch keine fünf Minuten auf dem Decke, als ein Freudenruf Pepe's Aller Augen nach der Raa lenkte, auf welcher er beſchäftigt war. Der Matroſe zeigte lebhaft auf irgend einen Gegenſtand im Waſſer, worauf Alles nach dieſer Seite des Fahrzeuges ſtürmte und das willkommene Zeichen erblickte, welches Pepe's Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte. Das Schiff ſchoß über eine ſich hebende Welle vorwärts und an einer friſchen grünen Binſe vorbei— eine Pflanze, die, wie Alle wohl wußten, von irgend einem Geſtade kommen mußte und noch nicht lange von dem Orte, wo ſie wuchs, losgeriſſen ſeyn konnte. „Dieß iſt wahrlich ein glückverheißendes Vorzeichen!“ ſagte Columbus;„Binſen können nicht wachſen ohne das Licht des Him⸗ mels, was es auch immer mit dieſen Gräſern für eine Bewandtniß haben mag.“ Dieſer ſcheinbar unbedeutende Vorfall änderte oder zügelte wenigſtens die Gefühle der Mißvergnügten. Die Hoffnung ſchwang wieder einmal ihren Scepter, und wer abkommen konnte, ſtieg in die Takelage, um den weſtlichen Horizont zu beobachten. Auch die reißend ſchnelle Bewegung der Schiffe trug dazu bei, die geweckten Gefühle noch mehr zu heben, und die Pinta, wie die Ninna ſchoßen Donna Mercedes. 2te Aufl. 27 418 voll heiteren Muthwillens vor dem Admiralſchiffe hin und her. Einige Stunden ſpäter traf man wieder auf friſche Gräſer und um Mittag verkündigte Sancho zuverſichtlich, er habe einen Fiſch zu Geſicht bekommen, von dem man wiſſe, daß er ſich nur in der Nähe felſiger Küſten aufhalte. Eine Stunde ſpäter gierte die Ninna auf das Admiralſchiff an, und ihr in dem Takelwerk hän⸗ gender Befehlshaber hatte augenſcheinlich die Abſicht, irgend eine wichtige Neuigkeit mitzutheilen. „Was gibt's, mein guter Vicente Yannez?“ rief ihm Colum⸗ bus entgegen;„Du ſcheinſt der Bote willkommener Zeitungen zu ſeyn.“ „Es kömmt mir ſelbſt ſo vor, Don Chriſtoval,“ antwortete der Andere.„Wir ſind eben an einem Zweig von Roſenbeeren vor⸗ beigekommen, der ſich erſt ganz kürzlich von dem Strauche losge⸗ riſſen haben kann. Dieß iſt ein Zeichen, das unmöglich trügen kann.“ „Du haſt Recht, mein Freund. Nach Weſten!— nach Weſten! Wie glücklich iſt der, deſſen Augen zuerſt die Wunder Indiens ſchauen dürfen!“ Es würde nicht leicht ſeyn, den Grad des hoffnungsvollen Entzückens zu ſchildern, welcher jetzt die Mannſchaft zu beleben anfing. Die Verdecke ertönten von launigen Scherzen, und wo kurz vorher Verzweiflung und Troſtloſigkeit geherrſcht hatten, ſchallten nunmehr die lachenden Töne der Freude. Die Minuten entſchwanden raſch und Jeder hatte in den heiteren Vorahnungen der Reize eines noch ungeſehenen Weſtens die Heimath vergeſſen. Ein wenig ſpäter ließ ſich ein Jubelruf von der Pinta her vernehmen, welche nur in geringer Entfernung windwärts vor dem Admiral ſegelte. Da dieſes Fahrzeug die Segel kürzte und auf⸗ holte, ein Boot niederließ und unmittelbar darauf abhielt, ſo kam die Santa Maria bald ſchäumend unter ſeine Windvierung und rief es an. „Was gibt es, Martin Alonzo?“ fragte Columbus, der ſeine Beklemmung unter einer ruhigen und würdevollen Außenſeite zu. 419 verbergen ſuchte.„Du und Deine Leute ſcheinen vor Entzücken ganz außer ſich zu ſeyn 5 „Wir haben auch Urſache dazu. Vor ungefähr einer Stunde kamen wir an dem Stücke einer Rohrpflanze vorbei, woraus man den Berichten der Reiſenden zufolge im Oſten den Zucker macht, und wie wir es oft in unſeren eigenen Häfen zu ſehen Gelegenheit haben. Aber dieß iſt nur eine wenig beſagende Andeutung in Ver⸗ gleichung mit dem Baumſtamm, welcher uns begegnete. Als ob die Vorſehung uns noch gütiger bedenken wolle, ſchwammen dieſe Artikel ganz nahe bei einander, und wir haben ſie für ſo werthvoll⸗ gehalten, daß wir ein Boot ausſetzten, um ſie einzunehmen.“ „Lege Deine Segel an den Maſt, guter Martin Alonzo, und ſende Deine Priſen hierher, damit ich ihren Werth beurtheilen möge.“ Pinzon willfahrte, und da die Santa Maria zu gleicher Zeit beilegte, ſo befand ſich das Boot bald an ihrer Seite. Martin Alonzo machte nur einen Sprung von dem Doſt nach dem Schand⸗ deckel des Schiffs und befand ſich bald bei dem Admiral auf dem Verdeck. Hier zeigte er eifrig die verſchiedenen Gegenſtände vor, welche ſeine Leute in das Boot geworfen hatten und die man kaum eine Stunde vorher aus dem Meere aufgefiſcht hatte. „Seht, edle Sennores,“ ſagte Martin Alonzo, der mit faſt athemloſer Haſt ſeine Schätze zur Anſicht vorlegte;„hier iſt ein Brett, zwar von unbekanntem Holze, aber mit ungemeiner Sorg⸗ falt bearbeitet. Hier iſt auch ein anderes Stück Rohr, jedenfalls von einer Pflanze, welche dem Lande entſtammt. Das Wichtigſte von Allem iſt aber dieſer Spazierſtock, der mit außerordentlicher Kunſtfertigkeit von Menſchenhand geſchnitzt iſt.“ „Du haſt vollkommen Recht,“ verſetzte Columbus, indem er einen Artikel um den anderen beſichtigte.„Geprieſen ſey die gött⸗ liche Allmacht für dieſe tröſtlichen Beweiſe der Nähe einer neuen Welt! Nur ein böswilliger Heide kann jetzt noch an einem glück⸗ lichen Ausgange zweifeln.“ 42²⁰ 1 „Dieſe Gegenſtände kommen wahrſcheinlich aus irgend einem umgeſtürzten Boote, weil man ſie ſo nahe bei einander fand,“ be⸗ merkte Martin Alonzo, der dieſe phyſiſchen Beweiſe durch eine an⸗ nehmbare Theorie unterſtützen wollte.„Es dürfte uns nicht Wunder nehmen, wenn auch Leichname Ertrunkener in der Nähe ge⸗ funden würden.“ 1 „Wir wollen dieß nicht hoffen, Martin Alonzo,“ erwiederte der Admiral,„und uns auch nicht mit ſo trübſeligen Vorſtellungen tragen. Tauſend Zufälligkeiten können dieſe Gegenſtände zu gleicher Zeit in das Meer gebracht haben, und einmal beiſammen, können ſie Jahre lang neben einander ſchwimmen, wenn ſie nicht gewaltſam getrennt werden. Aber dem ſey wie ihm wolle, jedenfalls ſind ſie untrügliche Beweiſe, daß nicht nur Land, ſondern auch von Menſchen bewohntes Land in der Nähe iſt.“ Der Aufſchwung des Entzückens, der nun auf allen Fahrzeugen herrſchte, läßt ſich nicht leicht beſchreiben. Bisher war man nur Gräſern, Fiſchen und Vögeln begegnet— Zeichen, die ſich oft als trügeriſch erwieſen; aber jetzt hatte man einen faſt unumſtößlichen Beweis, daß man ſich in der Nachbarſchaft von Menſchen befinde. Allerdings konnten derartige Artikel wohl über die ganze weite Fläche, welche die Schiffe zurückgelegt hatten, hintreiben; dann war es aber nicht wahrſcheinlich, daß ſie dieſen ganzen Weg über bei einander geblieben wären. Die Beeren waren außerdem friſch, das Brett von einer unbekannten Holzart, und zumal der Spazierſtock, wenn es in der That ein ſolcher war, in einer Weiſe geſchnitzt, die man in Europa nicht kannte. Die verſchiedenen Gegenſtände gingen von Hand zu Hand, bis ſie von Allen auf dem Schiffe beſichtigt worden waren, und Alles, was einem Zweifel ähnlich ſah, verſchwand vor dieſer unerwarteten Beſtätigung der Vorausſagungen des Admirals. Pinzon kehrte wieder zu ſeinem Schiffe zurück, ließ auf's Neue die Segel loſen, und die Flotte fuhr fort, bis zum Niedergange der Sonne weſtſüdweſtlich zu ſteuern. —9 ◻ ⁸— 0ℳ* 421 Es überflog jedoch die Verzagteſten der Mannſchaft wie ein Schauer abermaliger Täuſchung, als ſie zum vierunddreißigſten⸗ mal, ſeit ſie Gomera verlaſſen hatten, die Sonne hinter einem Waſſerhorizont hinabſinken ſahen. Mehr als hundert ſpähende Augen bewachten in dieſem inhaltsſchweren Momente den glühenden Saum des Meeres; aber obgleich der Himmel wolkenlos war, ſo vermochte man doch nichts, als dieſes Himmelsgewölbe in ſeinen prachtvollen Tinten und die gewöhnliche Wellenlinie der Waſſer⸗ gränze zu entdecken. Bei Anbruch der Nacht wurde der Wind ſtärker, und Colum⸗ bus rief, wie er gewöhnlich zu dieſer Stunde that, die Fahrzeuge zuſammen, um hinſichtlich des Curſes die geeigneten Befehle zu erlaſſen. In den letzten zwei oder drei Tagen hatte man ſtark ſüdweſtlich geſteuert, und Columbus, welcher ſich überzeugt fühlte, daß der ſicherſte und nächſte Weg von Land zu Land mittelſt Durch⸗ ſchneidung des Oceans in einer möglichſt genauen, einzigen Breiten⸗ parallele erzielt werden müſſe, war darauf bedacht, ſeinen Lieblings⸗ curs— den unmittelbar weſtlichen nämlich— wieder aufzunehmen. Als daher die Schatten der Nacht die kleine Flotte dichter umzogen, hielten die Schiffe nach der bezeichneten Richtung ab und ſegelten, mit einer Geſchwindigkeit von neun Meilen in der Stunde, in der Bahn des Tagsgeſtirns weiter, als ob ſie entſchloſſen ſeyen, in die Ge⸗ heimniſſe ſeines nächtlichen Thun und Treibens einzudringen, bis irgend eine große Entdeckung die aufgewendete Mühe lohnte. Unmittelbar nach dieſer Veränderung ſang die Mannſchaft, wie gewöhnlich, ihre Veſper⸗Hymne, welche in dieſem milden Meere oft bis zu der Stunde hinausgeſchoben wurde, wo die Wache in dem unteren Raum ihre Hängematten ſuchte. Dieſe Nacht kam jedoch keinem der Schlaf zu Sinne, und es war ſchon ſpät, als die Matroſen ihren Geſang mit den Worten„Salve regina“ be⸗ gannen. Es war etwas feſtlich Erhebendes, dieſen religiöſen Hym⸗ nus auf der Einſamkeit des Oceans von dem Sauſen des Windes und dem Brauſen der Waſſer unter den Bugen begleiten zu hören, und die feierliche Stimmung wurde noch durch die Hoffnungen der Abenteurer und das Geheimnißvolle, das hinter dem muthmaßlich nun bald ſich lüftenden Vorhange lag, gehoben. Nie vorher hatte dieſer Geſang ſo ſüß in Columbus Ohren geklungen, und Luis fühlte Thränen zu ſeinen Augen dringen, als er ſich die ſanften, ſchmelzenden Töne, welche Mercedes zu dieſer Stunde in heiligen Hauchen gen Himmel ſenden mochte, vergegenwärtigte. Als der Gottesdienſt vorüber war, verſammelte der Admiral die Mannſchaft auf der Schanze und redete ſie von dem Hüttendecke aus mit fol⸗ genden ernſten Worten an: „Ich freue mich, meine Freunde,“ begann er,„daß ihr in einem Augenblicke, wo wir ſo viel Anlaß haben, Gott für die Güte, welche er uns auf der ganzen Reiſe erwieſen hat, die Veſver⸗ hymne mit einem ſo frommen Sinne fingen konntet. Blicket zurück auf die Vergangenheit und ſeht zu, ob Einer von Euch, und wäre er auch der älteſte Matroſe, ſich einer Seefahrt erinnern kann, wo er ſo ſehr durch Wind und Wetter und die Ruhe des Oceans begünſtigt wurde: von der Länge der Reiſe gar nicht zu reden, da Keiner von Euch je eine ſolche durchgemacht hat. Denkt an die erfreulichen Zeichen, welche uns zur Ausdauer ermuthigten, und vergeſſet nie, meine Freunde, daß ſich die Größe Gottes eben ſo ſehr mitten auf dem Weltmeere, als in ſeinen Tempeln auf dem Lande offenbart. Er hat uns, ſo zu ſagen, Schritt für Schritt geführt, indem er das einemal die Luft mit Vögeln füllte, dann das Meer von ungewöhnlichen Fiſchen wimmeln ließ und endlich Felder von Pflanzen vor uns ausbreitete, wie man ſie nur ſelten fern von dem Strande, an dem ſie wachſen, trifft;— und heute gibt Er uns die ſchönſten und hoffnungsvollſten Wahrzeichen. Meine Berechnungen ſtehen im Einklange mit dieſen Beweiſen, und es dünkt mir wahrſcheinlich, daß wir noch in dieſer Nacht Land er⸗ reichen. In einigen Stunden, oder wenn wir die Gränze des 423 Horizonts vom verwichenen Abend erreicht haben, wird es gut ſeyn, die Segel zu kürzen, und ich fordere Euch alle auf, wachſam zu ſeyn, damit wir nicht unverſehens an einer fremden Küſte auf den Strand laufen. Ihr wißt, daß die Herrſcher demjenigen, wel⸗ cher zuerſt des Landes anſichtig wird, einen lebenslänglichen Jahr⸗ gehalt von zehntauſend Maravedis in Gnaden verſprochen haben, und dieſer reichen Belohnung will ich ein Sammtwamms beifügen, wie es kein Grande zu tragen verſchmähen würde. Schlaft daher nicht, ſondern ſeyd ganz Wachſamkeit, wenn die Schatten der Nacht entſchwinden; denn ich erwarte, noch ehe der Morgen graut, allen Ernſtes das Auftauchen des Landes.“ Dieſe ermuthigenden Worte übten ihre volle Wirkung. Die Matroſen zerſtreuten ſich auf dem Schiffe und jeder ſuchte ſich einen Poſten, von dem er ſich am eheſten die Erringung des erſehnten Preiſes verſprach. Geſpannte Erwartung iſt immer ein ſtummes Gefühl; die eiferſüchtigen Sinne ſcheinen der Stille zu bedürfen, um ſich ganz auf einen Gegenſtand concentriren und ihre kräftigſte Thätigkeit entwickeln zu können. Columbus blieb auf dem Hütten⸗ decke, während der weniger betheiligte Luis ſich auf ein Segel warf und die Nacht mit heiteren Bildern von Mercedes belebte, in denen der Augenblick ſeiner Heimkehr und das Entzücken eines glücklich beſtandenen Abenteuers keine geringe Rolle ſpielten. Das todtengleiche Schweigen, welches auf dem Schiffe herrſchte, hob noch die ausſchließlichen Gefühle dieſer wichtigen Nacht. Die kleine Ninna glitt in der Entfernung einer Meile mit vollen Segeln vor dem Admiralsſchiffe her, während ſich ganz an der Spitze, etwa eine halbe Stunde weiter vorn, die ſchattigen Umriſſe der Pinta ſehen ließen, welche bei ſteifem Winde die raſcheſte Seg⸗ lerin war. Sancho unterſuchte in eigener Perſon alle Schoten und Braſſen, und nie vorher hatte das Admiralſchiff mit den beiden andern Fahrzeugen verhältnißmäßig ſo gleichen Schritt gehalten, als in dieſer Nacht. Alle drei Caravelen ſchienen von dem Eifer 424 ihrer Mannſchaft beſeelt zu ſeyn und im gegenwärtigen Augen⸗ blicke ſich ſelbſt übertreffen zu wollen. Hin und wieder fuhren die Matroſen auf, als ob ſte in dem Pfeifen des Windes durch die Taue unbekannte und ſeltſame Stimmen aus einer geheimnißvollen Welt vernähmen; und ſo oft eine Welle eine Seite des Schiffes etwas mehr empordrängte, wandten Alle ihre Köpfe in der Erwar⸗ tung, einen Schwarm unbekannter Weſen friſch aus der öſtlichen Welt ſich über das Verdeck ergießen zu ſehen. Mancher Seufzer hob ſich aus Columbus' Bruſt, waͤhrend er minutenlange in geſpannteſter Aufmerkſamkeit nach dem Weſten blickte, als ob ſeine Augen mit übermenſchlichen Kräften das Dunkel der Nacht bewältigen wollten. Endlich beugte er ſich vorwärts, blickte aufmerkſam über die Luvgeländer des Schiffes, nahm dann ſeine Mütze ab und ſchien ſeine Seele in Gebeten des Dankes zu ergießen. Luis war von der Stelle aus, wo er lag, Zeuge dieſer Bewe⸗ gungen und hörte jetzt auf einmal ſeinen Namen rufen. „Pedro Gutierrez— Pedro de Munnos— Luis— oder wie Du immer heißen magſt,“ ſagte Columbus und ſeine ſchöne männ⸗ liche Stimme zitterte von ungeſtümer Haſt—„komm her, mein Sohn, und ſage mir, ob Deine Augen mit den meinen übereinſtim⸗ men. Blicke in dieſer Richtung— dort— mehr über dieſen Deck⸗ balken hin; kannſt Du nicht etwas Ungewöhnliches bemerken?“ „Ich ſah Licht, Sennor— ungefähr wie das einer Kerze, weder größer noch heller; auch kam es mir vor, als bewege es ſich und würde in der Hand getragen oder von den Wellen hin und her geſtoßen.“ „Deine Augen haben Dich nicht getäuſcht; Du ſtehſt, daß es nicht von den andern Schiffen kommen kann, denn beide ſind hier an dem Bug.“ „Was mag dieß Licht Eurer Anſicht nach wohl zu bedeuten haben, Don Chriſtoval?“ „Land!— Es iſt entweder auf dem Lande felbſt und erſcheint 425 durch die Entfernung verkleinert, oder es kommt von irgend einem fremden Schiffe, welches zu Indien gehört; da unten iſt Rodrigo Sanchez von Segovia, der Rechner der Flotte; ſteige hinab und heiße ihn heraufkommen.“ Luis that, wie verlangt wurde, und bald war der Rechner gleichfalls an des Admirals Seite. Es verging eine Stunde, ehe ſich das Licht wieder blicken ließ, dann aber loderte es ein⸗ oder zweimal auf wie eine Fackel und verſchwand gänzlich. Dieſer Vor⸗ fall kam ſchnell auf dem Schiffe herum, obgleich nur Wenige den⸗ ſelben für ſo wichtig hielten, als Columbus ſelbſt. „Dieß iſt Land,“ bemerkte der Admiral ruhig gegen die ihm nahe Stehenden,„und ehe viele Stunden vergehen, dürfen wir hoffen, es zu Geſicht zu bekommen. Nun könnt ihr eure Seelen in dankbare Zuverſicht ergießen, denn ein ſolches Zeichen kann nicht trügen. Es hat keine Aehnlichkeit mit den Lichterſcheinungen des Meeres, und meiner Berechnung nach befinden wir uns in einer Weltgegend, wo es Land geben muß, ſonſt iſt die Erde keine Kugel.“ ungeachtet dieſer großen Zuverſicht von Seiten des Admirals fühlte doch die Schiffsmannſchaft nicht dieſelbe Ueberzeugung, ob⸗ gleich Alle in der Hoffnung ſchwammen, am nächſten Tage auf Land zu treffen. Da Columbus nicht mehr von dieſem Vorfalle ſprach, ſo trat das frühere Schweigen wieder ein, und in wenigen Minuten war jedes Auge aufs neue in ängſtlicher Erwartung nach dem Weſten gerichtet. So ſchwanden die Stunden hin, und die Schiffe trieben mit einer Eile vorwärts, welche ihre gewöhnliche Geſchwindigkeit weit überbot, bis Mitternacht herankam. Da wurden die Schatten der Nacht plötzlich durch einen Lichtblitz er⸗ hellt und der Knall einer Kanone von der Pinta aus zitterte durch die ſteife Kühlte der Paſſatwinde herauf. „Dort ſpricht Martin Alonzo,“ rief der Admiral,„und wir dürfen überzeugt ſeyn, daß er uns kein müßiges Signal gegeben 426 * hat. Wer ſitzt da oben auf der Braamſegelraa, harrend der Wunder, die ſich von ferne entfalten werden?“ „Ich bin's, Sennor Don Almirante,“ verſetzte Sancho.„Ich ſitze hier, ſeit wir die Abendmette ſangen.“ „Siehſt Du nichts Ungewöhnliches im Weſten?— Strenge Deine Augen an, denn wir ſind an der Thüre großer Ereigniſſe.“ „Ich bemerke Nichts, Sennor, als daß die Pinta ihre Segel vermindert, und daß die Ninna ihr bereits ganz nahe ſteht— ja, jetzt kürzt auch dieſe die Segel.“ „Gott ſey Lob und Ehre für dieſe wichtigen Nachrichten! Sie ſind Beweiſe, daß dießmal kein falſcher Lärm ihr Urtheil irre geleitet hat. Wir wollen uns mit unſern Gefährten vereinigen, guter Bartolomäo, ehe wir einen einzigen Zoll Segeltuch einziehen.“ Alles war jetzt an Bord der Santa Maria in Bewegung; ſie ſchoß eine halbe Stunde vorwärts und traf nun mit den beiden andern Caravelen zuſammen, die unter gekürzten Segeln bei dem Winde angeholt hatten und langſam nebeneinander durch das Waſſer ſchnitten, Rennpferden gleich, die ſich nach einem heißen Wettlaufe ausſchnauben. „Komm hieher, Luis,“ ſagte Columbus,„und erfreue Dein Auge mit einem Anblick, wie er dem beſten Chriſten nicht häufig zu Theil wird.“ Die Nacht war nichts weniger als dunkel— ein tropiſcher Himmel funkelte von tauſend Sternen, wobei ſelbſt das Meer ein düſteres melancholiſches Licht zu entſenden ſchien. So wurde es möglich, mehrere Meilen weit zu ſehen, und beſonders Gegen⸗ ſtände am Saume des Meeres zu unterſcheiden. Als der junge Mann ſeine Augen leewärts wandte, wie ihn Columbus geheißen hatte, bemerkte er deutlich und klar eine Stelle, wo das Blau des Himmels aufhörte, und eine dunkle Maſſe ſich uͤber das Waſſer erhob, die ſich einige Stunden gegen Süden erſtreckte, und dann endigte, wie ſie angefangen hatte, indem der Waſſerſaum des Meeres 427 Wölbung des Firmaments berührte. Der in der Mitte liegende Raum zeigte die beſtimmten Umriſſe, die Dichtigkeit und die Farbe von Land, wie es ſich in Mitternachtſtunden ausnimmt. „Sieh', Indien!“ rief Columbus.„Die große Aufgabe iſt ge⸗ löst! Dieß iſt ohne Zweifel eine Inſel, aber das Feſtland kann nicht ferne ſeyn. Preis und Ehre der göttlichen Allmacht!“ wieder die Zweinndzwanzigſtes Kapitel. “s gibt eine Macht, die deinen Kiel Auf bahnloſen Meeren lenket, Und die, wie einſam auch zum Ziel Du ringeſt, deiner ſtets gedenket. Bryant. Die nun folgenden zwei oder drei Stunden waren Stunden der größten Aufregung und des geſpannteſten Intereſſes. Die drei Schiffe hielten ſich in ſicherer Entfernung von dem dunkeln Geſtade, und ſtrichen die meiſten ihrer Segel, wie Fahrzeuge, welche müßig an einer beſtimmten Stelle kreuzen und keine Urſache zur Eile haben. Hin und wieder glitten ſie langſam an einander vorbei und riefen ſich die herzlichſten Glückswünſche zu; aber kein Lärm, kein Aus⸗ bruch ungezügelter Freude ließ ſich in dieſer bedeutungsvollen Nacht vernehmen. Die durch den glücklichen Erfolg in unſern Abenteurern erweckten Gefühle waren zu tief und feierlich, um ſich durch eine ſo niedrige Zurſchauſtellung ihrer Wonne kund zu geben, und viel⸗ leicht befand ſich nicht ein Einziger unter Allen, welcher nicht während dieſes inhaltſchweren Augenblickes im Inneren ſeine tiefe Unterwürfigkeit und ſeine unbedingte Abhängigkeit von der göͤttlichen Vorſehung zugeſtanden hätte. Columbus ſchwieg. Gefühle wie die ſeinigen machen ſich ſelten in Worten Luft, aber ſein Herz floß von Dank und Liebe über. Er glaubte ſich in dem fernſten Oſten zu befinden und dieſen Theil 428 der Welt durch eine Weſtfahrt erreicht zu haben, und es läßt ſich annehmen, daß er mit dem kommenden Tage, der den Vorhang lüften ſollte, eine von jenen Scenen orientaliſcher Pracht zu ſchauen hoffte, welche die Polo's und Andere, welche dieſe fernen und un⸗ bekannten Gegenden beſuchten, ſo beredt zu ſchildern wußten. Das Wenige, was er geſehen hatte, bewies hinreichend, daß dieſe oder andere Inſeln bewohnt waren; bis jetzt war aber alles Uebrige noch Muthmaßung, und zwar eine Muthmaßung der wirreſten und unſicherſten Art. Die Düfte des Landes ließen ſich jedoch von den Fahrzeugen aus auf das Beſtimmteſte unterſcheiden, und ſo hatten alſo zwei Sinne Gelegenheit, ſich von der Gewißheit ihres Erfolges Ueberzeugung zu verſchaffen. Endlich erſchien der heiß erſehnte Tag, und der öſtliche Himmel färbte ſich in den heiteren Tinten, welche die gewöhnlichen Vorläufer eines Sonnenaufgangs ſind. Als das Licht auf dem tiefblauen Ocean immer weiter glitt, und endlich die Inſel erreichte, wurden die Umriſſe der letzteren mehr und mehr deutlich. Auf der Ober⸗ fläche zeigten ſich Baͤume, Lichtungen und Felſen in buntem Wechſel, die allmählig aus dem Düſter hervortraten, bis ſich das ganze Ge⸗ mälde in den feierlichen, grauen Farben des Morgens aufgerollt hatte. Endlich berührten die unmittelbaren Strahlen der Sonne die Inſel und vergoldeten die hervorragendſten Punkte, indem ſie zugleich andere in Schatten ſtellten. Es wurde nun klar, daß man eine nicht ſehr große, waldreiche Inſel entdeckt hatte, welche in dem lieblichſten Grün prangte. Das Land war niedrig, zeigte aber hinreichend anmuthige Umriſſe, um in den Augen von Menſchen, die es ſo lange ernſtlich in Zweifel gezogen hatten, ob ihr Fuß je wieder feſten Grund betreten würde, für ein Paradies zu gelten. Der Anblick der Mutter Erde iſt dem Matroſen, der lange nichts als Himmel und Waſſer geſehen hat, ſtets ein erfreulicher, aber in dem gegenwärtigen Augenblicke war er dreifach entzückend, da die Mannſchaft ſich nicht nur von ihrer Verzweiflung geheilt, ſondern 2 =— 8& 4²⁹ Aus der auch die glänzendſten Hoffnungen wieder aufleben ſah. Lage des nahe liegenden Landes ſchloß Columbus, daß er wahr⸗ ſcheinlich an der Inſel, auf welcher er das Licht geſehen hatte, vorbeigekommen ſey— eine Vermuthung, welche in unſeren Tagen, ſo weit man den Curs des großen Seefahrers kennt, faſt zur Ge⸗ wißheit erhoben worden iſt. Die Sonne war kaum aufgegangen, als man lebende Weſen aus den Wäldern hervorkommen und erſtaunt auf die ploͤtzliche Er⸗ ſcheinung von Maſchinen hinblicken ſah, welche die harmloſen Inſel⸗ bewohner anfangs irrigerweiſe als Himmelsboten betrachteten. Bald nachher legte Columbus ſeine kleine Flotte vor Anker und ſtieg an's Land, um im Namen der zwei Herrſcher davon Beſitz zu nehmen. Man beobachtete bei dieſer Gelegenheit ſo viel Förmlichkeit, als die beſchränkten Mittel der Reiſenden geſtatteten. Jede Caravele ſchickte ein Boot mit ihrem Befehlshaber an's Land. Der Admiral, in Scharlach gekleidet, führte, mit der Königlichen Fahne in der Hand, den Zug an, während Martin Alonzo und Vicente Yannez Pinzon folgten und mit Kreuzen, dem Sinnbild der Expedition, ver⸗ ſehene Banner trugen, auf denen ſich die Anfangsbuchſtaben der Namen der beiden Herrſcher F. und I., Fernando's und Iſabella's, befanden. Als man das Geſtade erreichte, fanden die bei ſolchen Gelegen⸗ heiten üblichen Förmlichkeiten ſtatt. Columbus nahm für die Herr⸗ ſcher von dem Lande Beſitz, brachte Gott für die glückliche Vollen⸗ dung der Fahrt ſeine Dankgebete dar und begann dann, ſich um⸗ zuſehen, um ſich einen Begriff von dem Werthe ſeiner Entdeckung zu verſchaffen.* * Es iſt ſeltſam, daß die Lage und der Name der Inſel, auf welche man bei dieſer berühmten Reiſe zuerſt traf, bis auf dieſen Tag ein Gegenſtand— wenn auch nicht gerade des Zweifels, ſo doch wenigſtens des Streites geblieben iſt. Die meiſten Hiſtoriker— und darunter welche von dem größten Anſehen— glauben, es ſey Cat Island, wie ſie heut zu Tage heißt, geweſen, obgleich ihr der Admiral den Namen San Salvador bei⸗ gelegt hatte— während andere ſich für Turks Island entſcheiden. Der 430 Dieſe Ceremonien waren kaum beendigt, als ſich die Mannſchaft der Schiffe um den Admiral verſammelte, ihm zu dem Erfolge Glück wünſchte und ihre tiefe Zerknirſchung über ihre Verzagtheit und ihre Widerſpenſtigkeit zu erkennen gab. Dieſe Scene iſt oft als ein Beweis der Wunderlichkeit und des Unbeſtandes menſchlichen Urtheils geſchildert worden, da man daſſelbe Weſen, dem man kürzlich noch, als einem rückſtchtsloſen und ſelbſtſüchtigen Abenteurer, gegrollt hatte, jetzt beinahe wie einen Gott verehrte. Der Admiral fühlte ſich jedoch durch dieſe Schmeichelei nicht mehr gehoben, als er durch die frühere Unbotmäßigkeit eingeſchüchtert worden war, und bewahrte gegen die ihn Umdrängenden ſeine ruhige Haltung und den Ernſt ſeines Benehmens, obgleich ein aufmerkſamer Be⸗ obachter vielleicht ein triumphirendes Leuchten in ſeinen Augen und die Gluth inneren Entzückens auf ſeinen Wangen entdeckt haben würde. „Dieſe guten Leute ſind eben ſo wankelmüthig in ihrer Furcht, als ſchrankenlos in ihrer Freude,“ ſagte Columbus zu Luis, als er ſich dem Gedränge ein wenig entwunden hatte.„Geſtern noch hätten ſie mich gerne in's Meer geworfen, und heute ſind ſie ge⸗ neigt, ſogar Golt ob ſeinem unwürdigen Geſchöpfe zu vergeſſen. Grund, ven mau für die letztere Anſicht geltend machen will, liegt in der Lage dieſer Inſel und in dem Curſe, welchen Columbus ſpäter einſchlug um Cuba zu erreichen. Munnos iſt der Meinung, daß es Watlings Island war, welches um einen Längengrad oder um eine Fahrt von wenigen Stunden genau öſtlich von Cat Island liegt. Die Anſprüche Turks Island's an dieſe Ehre ſind ziemlich unhaltbar, denn der Curs, welcher von der Inſel aus eingeſchlagen wurde, war nicht weſtlich, ſondern ſüdweſtlich; und wir finden, daß Columbus die Inſel Cuba, welche er, den Schilderungen der Eingebornen zu Folge, für Cipango hielt, in ſüd⸗ licher Richtung auſſuchte. Munnos gibt für ſeine Behauptung keine Gründe; jedenfalls aber entſpricht Watlings Island der Beſchreibung des großen Seefahrers nicht, obgleich ſein Curs derſelben ſo nahe lag, daß er ohne Zweifel in der Dunkelheit an ihr vorbei kam, ohne ihrer gewahr zu werden. Man vermuthet, das von Columbus ſo oft bemerkte Licht ſey auf dieſer Inſel geweſen. —,— 43¹1 aft Siehſt Du nicht, daß diejenigen, welche uns durch ihre Unzufrieden⸗ 9 heit am meiſten zu ſchaffen machten, jetzt die Lauteſten in ihren ft Lobpreiſungen ſind?“ „Das iſt Menſchennatur, Sennor; die höchſte Furcht geht 5 leicht in maßloſes Entzücken über. Die Schufte bilden ſich ein, es 1 geſchehe Alles nur zu Eurem Lobe, während ſie in der That nur 3 ihre Freude kund geben, irgend einem unbekannten aber gefürchteten 3 Uebel entronnen zu ſeyn. Unſere Freunde Sancho und Pepe ſchei⸗ 1 nen lange nicht ſo hingeriſſen, denn während der Eine an dieſer 5 indiſchen Küſte Blumen pflügt, ſcheint der Andere mit empfehlungs⸗ 1 werther Ruhe um ſich zu blicken, als berechne er die Länge und 1 Breite von des Groß⸗Chans Dublonen.“ „Columbus lächelte und näherte ſich mit Luis den beiden erwähnten Männern, welche ein wenig ſeitwärts von der übrigen Gruppe ſtanden. Sancho hatte die Hände in die Taſchen ſeiner Jacke geſteckt, während er zu gleicher Zeit die Scene mit der Ruhe 5 eines Philoſophen betrachtete. Gegen ihn richtete der Admiral zuerſt ſeine Schritte. „Nun, wie ſtehts, Sancho von dem Schiffsdockenthor?“ fragte 3 der große Seefahrer.„Du betrachteſt ja dieſen glorreichen Auf⸗ tritt ſo ruhig, als ob Du eine Straße in Moguer oder ein Feld in Andaluſten anſäheſt.“ „Sennor Almirante! dieſelbe Hand hat Beides gemacht. Dieß iſt nicht die erſte Inſel, an der ich landete; und jene nackten Wilden ſind nicht die erſten Menſchen, die ich ohne Scharlachwämſer ſehe.“ „Aber fühlſt Du keine Freude über den glücklichen Erfolg, keine Dankbarkeit gegen Gott wegen dieſer großen Entdeckung? Bedenke, mein Freund, wir ſind an den Gränzen Aſtens, und doch kommen wir durch eine weſtliche Fahrt hieher.“ „Das letztere iſt wahr, Sennor— ich kann einen Eid darauf ſchwören, denn ich habe keinen kleinen Theil des Weges die Speichen des Steuerrads mit meinen eigenen Händen regiert. Glaubt Ihr, 10 Sennor Don Almirante, wir ſeyen weit genug in dieſer Richtung gekommen, daß wir gerade auf der Kehrſeite der Erde, oder ſo zu 3 ſagen unter den Füßen der Spanier ſtehen?“ „Keineswegs! Die Reiche des Groß⸗Chans werden kaum die Lage haben, auf welche Du hindeuteſt.“ „Was wird aber dann die Doblas dieſes Landes abhalten, Sennor, in die Luft zu fallen und uns für unſere Mühen nichts zu laſſen, als den Ruhm, eine Fahrt gemacht zu haben?“ „Dieſelbe Macht, welche unſere Caravelen auf dem Meere feſthält und das Waſſer verhindert, aus ſeinem Beete zu ſtürzen. Dieſe Dinge beruhen auf natürlichen Geſetzen, mein Freund; und die Natur iſt ein Geſetzgeber, der alle Achtung verdient.“ „Das iſt alles mauriſch für mich,“ verſetzte Sancho, indem er ſeine Augbrauen rieb.„Wir ſtehen in der That hier, wenn auch nicht unmittelbar unter den Füßen Spaniens, doch gewiſſer⸗ maßen an der Seite des Hauſes, ohne daß ich mehr Schwierigkeiten finde, meinen Kiel gerade zu halten, als es in Moguer der Fall war— ja bei der heiligen Clara, in gewiſſer Hinſicht ſogar weniger, da die guten und ſoliden Xeresweine hier weit ſeltener ſind.“ „Nun, Du biſt doch wenigſtens kein Maure, Sancho, obgleich der Name Deines Vaters ein Geheimniß iſt. Und Du, Pepe, was findeſt Du in dieſen Blumen ſo Bemerkenswerthes, daß ſie ſo früh Deine Aufmerkſamkeit von allen dieſen Herrlichkeiten abziehen?“ „Sennor, ich pflücke ſie für Monika. Das Weib hat ein zarteres Gefühl als der Mann, und ſie wird ſich freuen, zu ſehen, mit welcher Art von Schmuck Gott Indien geziert hat.“ „Bildeſt Du Dir ein, Pepe, Deine Liebe könne dieſe Blumen lebend erhalten, bis die gute Caravele abermals das atlantiſche Meer gekreuzt hat?“ fragte Luis lachend. „Wer weiß, Sennor Gutierrez? Ein warmes Herz iſt ein gutes Treibhaus. Ihr würdet, wenn Ihr das Bild irgend einer caſtilianiſchen Dame im Herzen bewahrt, wohl gleichfalls gut thun 8 K g 43³ ihrer Schönheit eingedenk zu ſeyn und einige dieſer ſeltenen Pflanzen zu ſammeln, um ihre Locken damit zu ſchmücken.“ Columbus wandte ſich jetzt von den Beiden ab, da die Einge⸗ bornen geneigt ſchienen, ſich den Fremden zu nähern, während Luis bei dem jungen Matroſen zurückblieb, der noch immer die tropiſchen Pflanzen zu pflücken fortfuhr. In einer Minute war unſer Held in einer ähnlichen Weiſe beſchäftigt, und lange ehe der Admiral mit den verwunderten Inſulanern in den erſten mündlichen Verkehr getreten war, hatte jener einen prachtvollen Strauß geſammelt, den er bereits in Mercedes glänzenden, dunkeln Locken zu ſehen glaubte. Die Ereigniſſe von mehr öffentlichem Character, welche jetzt folgten, ſind dem Leſer zu bekannt, als daß es hier einer Wieder⸗ holung bedürfte. Nach einem kurzen Aufenthalt zu San Salvador beſuchte Columbus, zum Theil durch Neugierde, zum Theil durch die wahren oder erdichteten Berichte der Eingebornen veranlaßt, noch einige andere Inſeln, bis er am 28. Oktober Cuba erreichte. Hier glaubte er eine Zeit lang, er hätte den Kontinent aufgefunden, und fuhr beinahe einen Monat, zuerſt in nordweſtlicher und dann in ſüdoͤſtlicher Richtung, an den Küſten hin. Die Neuheit dieſer Seenen verlor indeſſen bald ihren Reiz und die angebornen Gefühle von Habſucht und Ehrgeiz begannen in der Bruſt mehrerer von Denen wieder die Oberhand zu gewinnen, welche dem Admiral zuerſt ihre Unterwürfigkeit bezeugt hatten, als die Entdeckung von Land ſo ſchlagend die Richtigkeit ſeiner Theo⸗ rien und die Armſeligkeit ihrer eigenen Bedenklichkeiten bewies. Unter Andern, welche ſich in dieſer Weiſe von den Einflüſſen ihres Characters bewältigen ließen, war auch Martin Alonzo Pinzon, der ſich von der Geſellſchaft des Grafen von Llera faſt ganz ausge⸗ ſchloſſen ſah, da er in den Augen dieſes jungen Edeln nur eine ſehr untergeordnete Stelle einnahm. Er ſtützte ſich daher auf die Wich⸗ tigkeit ſeines Poſtens und begann Columbus um einen Ruhm zu beneiden, den er ſeiner Meinung nach recht wohl für ſich ſelbſt Donna Mercedes. 2te Aufl. 28 hätte verdienen koͤnnen. Schon ehe man das Land erreicht hatte, waren bei mehreren Gelegenheiten zwiſchen ihm und dem Admiral hitzige Worte vorgefallen, und jeden Tag ereignete ſich etwas Neues, um die Kälte zwiſchen Beiden zu vermehren. Es liegt nicht in der Abſicht der gegenwärtigen Erzählung, bei den Begebenheiten, die nun folgten, zu verweilen und die Aben⸗ teurer auf ihren Wanderungen von Inſel zu Inſel, von Hafen zu Hafen und von einem Fluſſe zum andern zu begleiten. Es wurde übrigens bald klar, daß ſehr wichtige Entdeckungen gemacht worden waren. Die Reiſenden ſetzten Tag für Tag ihre Nachforſchungen fort und folgten den übel verſtandenen Anweiſungen, die, wie ſie ſich einbildeten, auf Goldminen hindeuteten. Allenthalben trafen ſie auf eine prachtvolle üppige Natur, Schauplätze, die das Auge bezauberten, und ein Klima, das den Sinnen ſchmeichelte; bis jetzt aber hatten ſie den Menſchen in dem urſprünglichſten Zuſtande der Wildheit gefunden. Man war allgemein der irrigen Anſicht, in Indien zu ſeyn, und jede Mittheilung, ſey es durch Worte oder Zeichen, die man von den harmloſen Bewohnern dieſer Gegenden erhielt, ſuchte man auf die Reichthümer des Morgenlandes zu be⸗ ziehen. Alle glaubten ſich, wenn auch nicht unmittelbar in dem Reiche des Groß⸗Chans, ſo doch mindeſtens an deſſen Gränzen zu befinden. Unter ſolchen Umſtänden, wo jeder Tag neue Scenen herbeiführte und noch viel größere Entdeckungen verſprach, dachten nur Wenige an Spanien, es ſey denn, daß ſie ſich den Ruhm einer ſieg⸗ und erfolgreichen Rückkehr vergegenwärtigen. Selbſt Luis⸗ Gedanken weilten nicht mehr mit derſelben Innigkeit bei Mercedes, da ihr Bild, ſo liebenswürdig es auch war, vorübergehend den ungewöhnlichen Schauſpielen weichen mußte, welche in raſcher und unermüdeter Aufeinanderfolge vor ſeinem körperlichen Auge auf⸗ tauchten. Außer der Fruchtbarkeit des Bodens und der Milde des Himmelsſtriches fanden unſere Abenteurer allerdings wenig, was ihre glänzenden Hoffnungen auf pecuniäre Vortheile verwirklicht l „ N 8 88 +₰ 2 ‿ 9 9nmn 435 hätte; aber jeder Augenblick gebar eine neue Hoffnung, und Niemand konnte wiſſen, was der andere Tag bringen mochte. Endlich ſchickte man zwei Kundſchafter in das Innere, um Entdeckungen zu machen, und Columbus benützte dieſe Gelegenheit, um ſeine Schiffe kielholen zu laſſen. Zur Zeit, als man die Rück⸗ kehr der Ausgeſendeten erwartete, zog ihnen Luis mit einer Anzahl Bewaffneter entgegen und Sancho befand ſich unter ſeinem Gefolge. Der Zug traf eine kurze Tagreiſe von den Schiffen auf die heim⸗ kehrenden Kundſchafter, denen eine Anzahl Eingeborner mit der geſpannteſten Neugier und der zuverſichtlichen Erwartung, dieſe unbekannten Beſucher jeden Augenblick gen Himmel fliegen zu ſehen, folgten. Als ſich beide Partien vereinigt hatten, wurde zum Zwecke der Erfriſchung für eine Weile Halt gemacht. Inzwiſchen begab ſich Sancho, der ſich auf dem Lande ſo wenig, als auf dem Meere um Gefahren kümmerte, nach einem Dörfchen in der Nähe des Lagerungsplatzes und ſuchte ſich daſelbſt den Einwohnern mittelſt Zeichen ſo angenehm zu machen, als es einem Manne von ſeinem Aeußeren möglich war. Sancho ſpielte in dieſem kleinen Flecken dieſelbe vortheilhafte Rolle, in welcher ein großer Mann aus der Hauptſtadt auf dem Lande zu figuriren pflegt: denn ſeine Zuhörer waren dem Zuſtande der Natur noch nicht hinreichend entnommen, um ſich auf den Schnitt eines Wamſes und die Art, es zu tragen, zu verſtehen, oder zwiſchen dem Rüpel und dem Edeln einen Unter⸗ ſchied machen zu konnen. Er hatte unter dieſen einfachen Weſen kaum einige Minuten den großen Herrn geſpielt, als ſie ihm auch ſchon irgend einen Beweis beſonderer Auszeichnung erzeigen zu wollen ſchienen. Ein Mann bot dem Helden des Augenblicks in einer ſo ehrerbietigen Weiſe, wie ein Türke ſeine getrocknete Süßig⸗ keiten, oder ein Amerikaner ſeine Kuchen darreichen würde, einige ſchwarz ausſehende, getrocknete Blätter an. Sancho ſetzte ſich in Bereitſchaft, das Geſchenk in Empfang zu nehmen, obgleich ihm eine Dobla, deren er, ſeit er die letzte von dem Admiral erhalten, 436 keine mehr geſehen hatte, lieber geweſen wäre, als ſich ploͤtzlich die meiſten der Cubaner auf ihn zu bewegten und, zwar mit Ehrfurcht, aber mit Nachdruck, das Wort„Tabacco! Tabacco!“ ausſprachen. Auf dieſen Wink zog ſich der Mann, welcher die Blätter in der Hand hielt, zurück, wiederholte daſſelbe Wort in anpreiſender Weiſe, und begann das, was augenſcheinlich in der Sprache des Landes Tabacco genannt wurde, zu bereiten. Er kam bald damit zu Stande, indem er die Blätter in der Geſtalt einer rohen Cigarre zuſammenrollte, worauf der nun verfertigte Tabacco dem Matroſen angeboten wurde. Sancho nahm das Geſchenk, nickte herablaſſend mit dem Kopfe, widerholte das Wort ſo gut er konnte, und ſteckte den Tabacco in ſeine Taſche. Dieſe Bewegung erregte augenſcheinlich einige Ueber⸗ raſchung unter den Zuſchauern; aber nach einer kurzen Berathung zündete einer derſelben das eine Ende einer Rolle an, ſteckte das andere in ſeinen Mund und begann nicht nur zu ſeinem eigenen, ſondern anſcheinend auch zu ſeiner Nachbarn großem Vergnügen, Wolken eines leichten, wohlriechenden Rauches von ſich zu ſtoßen. Sancho verſuchte dieß nachzuahmen, was aber zu dem bei Anfängern in dieſer edlen Beſchäftigung gewöhnlichen Ziele führte, daß er mit dem bleichen Geſichte eines Opiumeſſers und einem Ekel, wie er ihn ſeit ſeinem erſten Ausflug über die Sandbank von Saltes nach der bewegten Fläche des atlantiſchen Meeres nicht mehr empfunden hatte— zu ſeiner Geſellſchaft zurücktaumelte. Dieſen kleinen Auftritt könnte man wohl die Einführung des wohlbekannten amerikaniſchen Krautes in die civiliſirte Geſellſchaft nennen, wobei ein Mißverſtändniß der Spanier die Benennung der Rolle auf die Pflanze ſelbſt übertrug. So wurde Sancho vom Schiffsdockenthor der erſte chriſtliche Tabackraucher, und brachte eine Kunſt nach Europa, in welcher bald nachher einige der größten Männer ſeiner Zeit mit ihm wetteiferten und die ſich bis auf unſere Tage fortgepflanzt hat. Nach der Rückkehr der Kundſchafter ging Columbus wieder 437 unter Segel, und verfolgte ſeinen Weg längs der Nordküſte von Cuba. Während er gegen die Paſſatwinde ankämpfte, um im Oſten vorzudringen, traf er auf ſo ſtarken Wind, daß er ſich entſchließen mußte, nach einem Lieblingshafen auf der Inſel Cuba abzuhalten, dem er den Namen Puerto del Principe gab. Zu dieſem Zwecke ließ er Signale geben, um die Pinta, welche weit windwärts war, zurückzurufen, und da die Nacht anbrach, wurden Lichter ausgehängt, um Martin Alonzo in den Stand zu ſetzen, ſich an den Admiral anzuſchließen. Am andern Morgen bei Tagesgrauen kam Columbus auf das Deck, warf ſeinen Blick umher, und ſah die Ninna unter ſeinem Lee beiliegen, aber von der andern Caravele keine Spur. „Hat Niemand die Pinta geſehen?“ fragte der Admiral Sancho, der an dem Steuer ſtand, mit großer Lebhaftigkeit. „Ich ſah ſie, Sennor, ſo lang Augen ein Schiff ſehen konnten, das ſich unſichtbar zu machen beabſichtigt. Meiſter Martin Alonzo iſt auf dem Oſtbord verſchwunden, während wir hier beigelegt hatten, um ſeine Herabkunft zu erwarten.“ Es war nun Columbus klar, daß derſelbe Mann ihn verlaſſen hatte, der früher ſo eifrig in ſeiner Angelegenheit geweſen war und nun durch ſeine Handlungsweiſe auf's Neue erprobte, wie wenig die Freundſchaft gilt, wenn Eigennutz und Habſucht ihr Spiel treiben. Die Abenteurer trugen ſich mit Berichten von Goldmienen, deren Vorhandenſeyn man aus den Beſchreibungen der Eingebornen folgern wollte, und der Admiral zweifelte nicht, daß ſein unbot⸗ mäßiger Begleiter der Segelſchnelligkeit ſeiner Caravele vertraute, um bei dem Winde zu halten, in der Hoffnung, zuerſt das Eldorado ihrer Wünſche zu erreichen. Da jedoch das ungünſtige Wetter an⸗ hielt, ſo kehrten die Santa Maria und die Ninna in den Hafen zurück, um zu warten, bis ſich der Wind änderte. Dieſe Trennung fand am 21. November ſtatt: die Flotte war damals noch nicht üͤber die Nordküſte von Cuba hinaus gekommen. Von dieſem Tage an bis zum 6. des folgenden Monats fuhr Columbus fort, dieſe 438 die Inſel zu unterſuchen, kreuzte dann durch die ſeit jener Zeit ſo be⸗ titelte Windwärtspaſſage und berührte zum erſtenmale die Ufer von Hayti. Inzwiſchen wurde der Verkehr mit den Eingebornen, ſo gut es die Umſtände geſtatteten, fortgeführt, und die Spanier ge⸗ wannen in Folge der menſchenfreundlichen und klugen Maßregeln ihres Admirals allenthalben Freunde. Allerdings kamen auch hin und wieder Gewaltthätigkeiten vor, worunter z. B. das Aufgreifen von einem halben Dutzend Indianer, um ſie der Königin Donna Iſabella zum Geſchenke zu machen, gezählt werden muß: doch läßt ſich dieſer Schritt durch die Gebräuche jenes Zeitalters rechtfertigen, da man dabei ſowohl die Achtung vor dem königlichen Anſehen, als auch das Seelenheil der Gefangenen im Auge hatte.— Die Abenteurer waren von dem kühnen und doch ſo anſprechen⸗ den Anblick von Hayti entzückter, als ſie ſelbſt bei dem der benach⸗ barten Inſel Cuba geweſen waren. Sie trafen daſelbſt wohlge⸗ bildetere und geſittetere Einwohner, als ihnen bisher vorgekommen waren, ohne daß ſie dabei jener Sanftmuth und Gelehrigkeit entbehr⸗ ten, welche dem Admiral ſo wohl gefallen hatte. Man traf auch Gold in beträchtlicher Menge, und die Spanier leiteten einen ziemlich ausgedehnten Handelsverkehr ein, in welchem auf der einen Seite das gewöhnliche Lockungsmittel für den civiliſirten Menſchen als höchſtes Ziel galt, während auf der andern Falkenſchellen das hauptſächlichſte Crforderniß zu ſeyn ſchienen. In dieſer Weiſe, wie auch in manchen Ausflügen auf Gerathe⸗ wohl längs der Küſte hin, war der Admiral bis zum 20. Dezember beſchäftigt, als er endlich einen Punkt erreichte, in deſſen Nähe dem Vernehmen nach die Reſidenz des großen Kaziken dieſes ganzen Inſelſtriches lag. Dieſer Fürſt, deſſen Namen in der ſpaniſchen Mundart Gua⸗ ranagari lautete, hatte viele tributpflichtige Kaziken, und war, ſo viel man aus den halbverſtändlichen Beſchreibungen ſeiner Unter⸗ thanen entnehmen konnte, ein ſehr beliebter Regent. Am 22., 439 nachdem die Fahrzeuge bereits ein Paar Tage in der Bai von Acul gelegen waren, ſah man auf einmal ein großes Canoe in ſo den Hafen einfahren. Kurz nachher wurde dem Admiral ange⸗ kündigt, daß dieſer Nachen einen Geſandten des großen Kaziken enthalte, welcher Geſchenke von ſeinem Gebieter brächte und den Admiral erſuchen ließe, ſeine Schiffe eine Meile weiter öſtlich zu führen und vor der Reſidenz des Fürſten ſelbſt Anker zu werfen. Man konnte wegen ungünſtigen Windes nicht ſogleich willfahren, und ſo wurde ein Bote mit der geeigneten Antwort abgeſchickt, worauf der Geſandte wieder zurückkehrte. Luis, der des trägen Lebens müde war und neben ſeiner an⸗ gebornen Vorliebe für Abenteuer auch gerne das Innere des Landes. in Augenſchein genommen hätte, ſchloß ſchnell Freundſchaft mit einem jungen Manne, Namens Mattinao, der den Botſchafter begleitet hatte, und nahm nach zuvor erbetener Erlaubniß gleichfalls Platz in dem Kahne der Indianer. Columbus gab zwar nur ungerne ſeine Zuſtimmung zu dieſer Grille, da ihm der Rang unſeres Helden wünſchenswerth machen mußte, den möglichen Folgen irgend eines Verraths oder Unfalls vorzubeugen. Luis ließ ſich jedoch nicht abweiſen, und ſo erlaubte er ihm den Ausflug unter ernſten Ein⸗ ſchärfungen, vorſichtig zu ſeyn, wobei Columbus nicht verſäumte, den jungen Edlen auf den Tadel aufmerkſam zu machen, der den Admiral treffen mußte, wenn ihm irgend etwas Ernſtliches zuſtieß. Zur Vorſorge wurde dem Grafen bei dieſem ritterlichen Abenteuer Sancho Mundo als Knappe beigegeben. Bis jetzt hatte man in den Händen der Eingebornen noch keine furchtbarere Waffe, als einen abgeſtumpften Pfeil bemerkt Der junge Graf de Llera verſchmähte es daher, ſich mit ſeinem Panzer vorzuſehen, und waffnete ſich zu Trutz und Schutz nur mit ſeinem treuen Schwerte, das er ſo oft im Handgemenge an mau⸗ riſchen Harniſchen und Helmen erprobt hatte, und mit einem leichten Schilde. Man hatte ihm auch eine Hakenbüchſe gegeben, aber N wu 440 er lehnte ſie als eine Wehr ab, welche ritterlichen Händen nicht zieme und ein Mißtrauen verriethe, welches die Eingebornen den Vorgängen nach nicht verdienten. Sancho war jedoch weniger be⸗ denklich und nahm die Waffe an. Columbus wußte, daß er in dem gegenwärtigen Zugeſtändniſſe von ſeinen eigenen ſtrengen Geſetzen abging; er ließ daher, um die Aufmerkſamkeit ſeines Gefolges von dieſem Schritte abzulenken, Luis und ſeinen Begleiter mit der Weiſung ans Land ſetzen, an einer Stelle, nach welcher man von den Schiffen aus nicht hinſehen konnte, in das Canoe zu ſteigen, damit ſeine Abweſenheit nicht bekannt werde. Dieſe Umſtände, überhaupt das Geheimuißvolle, welches die Theilnahme des jungen Granden an dieſer Fahrt umhuͤllte, ſind Urſache, daß die Ereigniſſe, welche wir jetzt mitzutheilen gedenken, nie ihren Weg in das Tagebuch des Admirals fanden und daher den ſpähenden Blicken der ver⸗ ſchiedenen Geſichtsforſcher, welche ſpäter dieſe wichtige Urkunde ſo fleißig benützten, entgingen.. 3 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Du ſcheineſt eine Blume hold Dem Aug'— ein zartes Kind der Lüfte, Das knospet in des Himmels Gold Und um ſich hauchet ſüße Düfte. Sutermeiſter. Sobald ſich Luis mit den Haytianern allein befand, trat ihm trotz ſeines angebornen Muthes und einer Gleichgültigkeit gegen Gefahr, die an Tollkühnheit gränzte, das Gefühl der Neuheit ſeiner Lage lebhaft vor die Seele. Es ereignete ſich jedoch nichts, was Unruhe erregen konnte, und er ſetzte den unvollkommenen Verkehr mit ſeinen neuen Freunden, ſo gut es gehen mochte, fort, wobei er hin und wieder Sancho, der nur einer Ermuthigung bedurfte, um ſtundenlang an Einem fortzuſprechen, eine Bemerkung zuwarf. —— 441 Statt dem Boote der Santa Maria zu folgen, an deſſen Bord ſich der Geſandte eingeſchifft hatte, ruderte der Kahn einige Stunden oſtwärts weiter, denn Luis hatte die Weiſung erhalten, ſich in der Stadt Guacanagari erſt nach der Ankunft der Schiffe öffentlich zu zeigen, wo er ſich dann ganz in der Stille mit ſeinen Cameraden wieder vereinigen und ſo alles Aufſehen vermeiden konnte. Unſer Held hätte in der That nicht verliebt ſeyn müſſen, wäre er gegen die Herrlichkeiten der Naturſcenen, die vor ſeinen Augen ausgebreitet lagen, als er die Ufer von Espannola entlang fuhr, gleichgültig geblieben. Das Romantiſche der Landſchaft wurde, wie es in dem mittelländiſchen Meere der Fall iſt, durch die Milde eines niedrigen Breitegrades gehoben, die denſelben Zauber um die Felſen und Vorgebirge wirft, welchen ein heiteres Lächeln der weiblichen Schönheit leiht. Mehr als einmal brach er in die Laute des Entzückens aus— ein Gefühl, in welches Sancho, freilich in etwas anderem Ausdrucke mit einſtimmte, da er es gewiſſermaſſen als zum Dienſt gehörig betrachtete, das Echo zu den poetiſchen Er⸗ gießungen des jungen Grafen zu bilden. „Ich zweifle nicht, Sennor Conde,“ bemerkte der Matroſe, als ſie eine Stelle erreichten, die einige Stunden über dem Ankerplatz der Schiffe lag,„ich zweifle nicht, Sennor Conde, daß Eure Ex⸗ cellenz weiß, wohin disſe nackten Herren die ganze Zeit über rudern. Es ſcheint, daß ihnen Eile Noth thut, und daß ſie einen Hafen wenn auch nicht im Auge, doch wenigſtens im Sinne haben.“ „Iſt Dir vielleicht nicht ganz wohl zu Muthe bei der Sache, Sancho, daß Du dieſe Frage mit ſo vielem Ernſte ſtellſt?“ „Wenn dieß je der Fall wäre, Don Luis, ſo käme es blos auf Rechnung der Familie de Bobadilla, welche ihr Oberhaupt ver⸗ lieren würde, wenn Eurer Excellenz irgend ein Unglück begegnete. Was kümmert es Sancho von dem Schiffsdockenthore, ob er irgend eine Prinzeſſin von Cipango heirathen und der Schwiegerſohn des Groß⸗Chans werden muß, oder ob er als der unbedeutende Matroſe 412— us Moguer abſtirbt? Es iſt ganz daſſelbe, als ob man ihm die Wahl ließe, ein Wamms zu tragen und Knoblauch zu eſſen, oder nackend zu gehen, und ſich mit ſüßen Früchten den Magen zu füllen. Ich wette, Sennor, Eure Excellenz würde nicht das Schloß von Llera gegen den Palaſt dieſes großen Kaziken vertauſchen.“ „Du haſt Recht, Sancho, ſelbſt der Rang hängt von dem geſelligen Zuſtande ab, in welchem wir leben. Ein eaſtilianiſcher SEdler kann einen Herrſcher von Hayti nicht beneiden.“ „umalen ſeit mein Commandeur, der Sennor Don Almirante, öffentlich bekannt gemacht hat, daß unſere gnädige Gebieterin, Donna Iſabella, fortan und für immer die Königin dieſer Herr⸗ ſcher ſeyn ſoll,“ verſetzte Sancho mit einem ſchlauen Seitenblicke. „Dieſe würdigen Leute ſcheinen aber die Ehre, welche ihnen bevor⸗ ſteht, gar wenig würdigen zu koͤnnen, am wenigſten aber Seine Hoheit, der König Guacanagari.“ 1 „Still,“ ſagte Luis,„und behalte Deine muthwilligen An⸗ deutungen für Dich. Unſere Freunde wenden den Bug des Canoes nach der Mündung jenes Fluſſes und ſcheinen landen zu wollen.“ Die Eingebornen hatten jetzt in der That die Küſte, ſſo weit es ihre Abſicht war, umſchifft, und bogen nun in die Mündung eines kleinen Fluſſes ein, der auf den edlen, die Inſel durchziehen⸗ den Bergen ſeinen Urſprung nahm, und ſich durch ein lachendes Thal den Weg zum Meere bahnte. Dieſer Strom war weder breit noch tief; doch enthielt er bei weitem hinreichend Waſſer für die von den Eingebornen gebrauchten Fahrzeuge. Seine Ufer waren mit Büſchen geſäumt und als man laͤngs denſelben hin ruderte, begegnete Luis ſtets neuen Prachtſcenen, ſo daß er wohl gerne ſein Leben hier zugebracht hätte, vorausgeſetzt, daß Mercedes alle dieſe Herrlichkeiten hätte mitgenießen wollen; denn wir haben kaum nöthig, beizufügen, daß er auf dieſen Wunderſchauplätzen der Na⸗ tur allenthalben ſeine Gebieterin in Sammt und Spitzen gekleidet, wie ſich damals die hochgeborenen Damen trugen, zu ſehen glaubte, — ————- 4⁴4³ und daß ihre natürliche Anmuth, verſchöͤnert durch den edlen höfi⸗ ſchen Anſtand und durch die feinen Sitten, welche der tägliche, wo nicht ſtündliche Umgang mit der königlichen Herrin zur Folge haben mußte— nie in ſeiner Seele ſich verwiſchte. Als das Canoe zwiſchen den zwei Spitzen, welche die Mün⸗ dung des Fluſſes begränzten, an die Küſte ſchoß, machte Sancho den jungen Grafen auf eine kleine Flotte von Kähnen aufmerkſam, die vor dem Winde von Oſten herabkamen und augenſcheinlich, wie ſo viele andere, die ſie den Tag über geſehen, die Abſicht hatten, dem wunderbaren Fremden in der Bai von Acul einen Beſuch ab⸗ zuſtatten. Die Eingebornen in dem Kahne erblickten gleichfalls dieſe kleine Flottille, welche unter Baumwollenſegeln vor dem Winde hertrieb, und ihr Lächeln und ihre Zeichen gaben zu er⸗ kennen, daß jene wirklich eine derartige Viſite beabſichtigen. Als man in die Mündung des Stromes einfuhr, zog Mattinao unter einem leichten Baumwollenkleide, welches er hin und wieder zu tragen pflegte, einen dünnen Reif vom feinſten Golde hervor, wel⸗ chen er als eine Art von Krone auf ſeinen Kopf ſetzte. Luis er⸗ kannte aus dieſem Zeichen, daß ſein neuer Freund einer von „den Kaziken war, welche Guacanagari Tribut zahlten, und ſtand daher auf, um ihm die ſeinem Rang angemeſſene Begrüßung zu zollen, was denn auch von allen Haytianern nachgeahmt wurde. Luis ſchloß mit Recht aus dieſer Zurſchauſtellung ſeiner Würde, daß Mattinao jetzt in die Gränzen ſeines eigenen Gebietes einge⸗ treten ſey. Sobald der junge Kazike ſein Incognito ab⸗ gelegt hatte, hörte er auf zu rudern, nahm eine würdige und gebieteriſche Miene an und verſuchte, ſich mit ſeinem Gaſte, ſo gut es bei den unvollkommenen Verſtändigungsmitteln gehen wollte, zu unterhalten. Er ſprach oft das Wort„Ozema“ aus, und Luis folgerte aus der Art, wie er es that, daß dieß der Name eines Lieblingsweibes ſey; denn die Spanier hatten bereits ausgefunden, oder glaubten wenigſtens ſich überzeugt zu haben, 441 daß die Kaziken ſich die Vielweiberei erlaubten, während ſie ihre Unterthanen ſtreng auf den Beſitz einer einzigen Gattin beſchränkten. Das Canoe ruderte mehrere Meilen Fluß hinan, bis es eines alle rauheren und wilderen Züge abgeſtreift. Gleich ſeinen Be⸗ wohnern zeigte der Ort die ganze Vollkommenheit natürlicher An⸗ dem Bedürfniſſe ihrer Bewohner im Einklange ſtanden, nicht ohne Schönheit. Ungeachtet man mitten im Winter Europas ſtand betrachteten aber demungeachtet die Bewohner derſelben als nichts Geringeres, denn als einen Beſuch vom Himmel. Wahrſcheinlich war dies nicht die Meinung der im Range höher Stehenden, denn ſelbſt in dem Zuſtande der Wildheit iſt die Anſicht des großen Haufens ſelten die der wenigen Begünſtigten. Sancho wurde— vielleicht wegen der größeren Ungebundenheit ſeines Characters, welche ihm geſtattete, ſich leichter an die Gewohnheiten der Indianer anzuſchmiegen, vielleicht auch in Folge des Schicklichkeitsgefühls dieſer harmloſen Seelen— bald der Liebling der Menge; waͤhrend der Graf von Llera hauptſachlich der Sorgfalt Mattinao“s und der Vornehmſten ſeines Stammes überlaſſen blieb. Dieſer Umſtand — 445 brachte die beiden Spanier bald auseinander, indem das Volk Sancho zu einer Art von öffentlichem Beluſtigungsplatz in der Mitte des Dorfes führte und Don Luis in der Wohnung des Kaziken zurückließ. Mattinao war kaum mit unſerem Helden und zwei ſeiner ver⸗ trauteſten Häuptlinge allein, als die Indianer den Namen„Ozema“ mit großer Lebhaftigkeit wiederholten. Es folgte nun eine ſehr eifrige Beſprechung, worauf man— Luis wußte nicht wohin— einen Boten abſchickte. Die Häuptlinge verabſchiedeten ſich und ließen den jungen Caſtilianer mit dem Kaziken allein. Dieſer legte ſeinen goldenen Reif bei Seite, warf, da er bisher faſt nackend geweſen war, ein baumwollenes Kleid um, winkte ſeinem Gefährten ihm zu folgen, und verließ das Gebäude. Luis warf ſeinen Schild auf die Schulter, rückte den Gürtel ſeines Schwertes in einer Weiſe, daß dieſe Waffe ihn im Gehen nicht beläſtigte, und entſprach dieſer Aufforderung mit ſo viel Zuverſicht, als ob er mit einem Freund durch die Straßen von Sevilla ginge. Mattinao führte ſeinen Begleiter durch eine liebliche Wildniß, wo tropiſche Pflanzen unter mit köſtlichen Früchten beladenen Baum⸗ zweigen wuchſen, und folgte einem Fußpfade längs eines Baches, der einer Bergſchlucht, entſtrömte und ſeine Waſſer weiter unten in den Strom ergoß. Sie gingen etwa eine halbe Meile und erreichten dann eine Gruppe ländlicher Wohnungen, welche auf einem lieblichen Bergvorſprunge lagen und eine weite Ausſicht ſowohl nach der größeren unten am Fluſſe liegenden Stadt, als auch nach dem fernen Meere zuließen. Luis ſah im erſten Augenblicke, daß dieſe ſüße Einſamkeit zur Benützung des zarteren Geſchlechtes beſtimmt war, und zweifelte nicht, daß es eine Art von Serail ſey, wo die Weiber des jungen Kaziken wohnten. Man führte ihn in eines der Hauptgebäude, wo ihm aufs Neue die einfachen aber lieblichen Erfriſchungen, deren ſich die Eingeborenen gewöhnlich bedienten, angeboten wurden. 446 Der Verkehr eines Monats hatte nicht zugereicht, beide Theile gegenſeitig mit ihren verſchiedenen Sprachen beſonders vertraut zu machen. Die Spanier hatten zwar einige der gewöhnlicheren, in⸗ dianiſchen Wörter aufgefangen, und Luis war vielleicht hierin am weiteſten gekommen; doch bediente er ſich derſelben höchſt wahrſcheinlich in vielen Fällen unrichtig genug, und dieß ſelbſt dann, wenn er ſich am beſten ausgedrückt zu haben glaubte. Aber die Sprache der Freundſchaft iſt nicht leicht zu verkennen, und unſer Held hatte, ſeit er die Schiffe verließ, bis zu dem gegenwärtigen Augenblick, nicht dem mindeſten Gefühl von Mißtrauen Raum gegeben. Mattinao ſchickte ſogleich nach ſeiner Ankunft einen Boten nach einer anliegenden Wohnung, und nachdem er dem jungen Grafen hinreichend Zeit gelaſſen hatte, ſich zu erfriſchen„ſtand er auf und lud ſeinen Gaſt mit einer verbindlichen Geberde, welche einem Cere⸗ monienmeiſter an Iſabellens Hofe Ehre gemacht haben würde, auf's neue ein, ihm zu folgen. Sie nahmen ihren Weg längs des terraſſen⸗ förmigen Bergvorſprunges hin und kamen zu einem Hauſe, welches die übrigen an Große übertraf und augenſcheinlich mehrere Unter⸗ abtheilungen hatte. Hier trafen ſie eine Art von Vorzimmer, in welchem ſie eine Weile harrten, wäͤhrend welcher der Kazike ſich mit einer weiblichen Dienerin beſprach; dann lüftete er einen kunſt⸗ reich aus Seegras geflochtenen Vorhang, und ging in ein inneres Gemach voran. Sie trafen hier nur eine einzige Bewohnerin, welche unſeren Helden nur durch das einzige Wort„Ozema“, das der Kazike in einem leiſen, zärtlichen Tone ausſprach, vorgeſtellt wurde. Luis verbeugte ſich vor dieſer indianiſchen Schönheit ſo tief, als er wohl in Gegenwart einer hochgeborenen ſpaniſchen Jungfrau gethan haben würde; dann ſammelte er ſich wieder, heftete einen langen und feſten Blick der Bewunderung auf die Züge des vor ihm ſtehenden neugierigen, aber halb erſchreckten Weſens, und rief in einem Tone, in welchem ſich Staunen und Entzücken zugleich ausſprachen: „Mercedes!“. 2 —,& NK 447 Der junge Kazike wiederholte dieſen Ramen, ſo gut er konnte, indem er ihn augenſcheinlich für ein ſpaniſches Wort hielt, um Be⸗ wunderung oder Vergnügen auszudrücken; während das zitternde, junge Geſchöpf, welches der Gegenſtand ſolchen Staunens war, einen Schritt zurücktrat, erröthete, lachte, und mit ihrer ſanften, melo⸗ diſchen Stimme das Wort„Mercedes“ ausſprach, wie ein un⸗ ſchuldiges Weſen irgend Etwas, was ſeinem harmloſen Herzen Vergnügen gewährt, auffaßt und wiederholt. Sie faltete dann demüthig die Arme über ihrer Bruſt, und ſtand unbeweglich da, einer Statue des Staunens ähnlich. Wir müſſen jedoch erklären, warum in dieſem ſeltſamen Augenblicke Luis' Gedanken ſo plötzlich zu ſeiner Gebieterin zurückgeführt wurden. Zu dieſem Ende wollen wir zuvörderſt verſuchen, eine kurze Schilderung von Ozema's Aeußerem zu geben, denn dies war in der That der Name der in⸗ dianiſchen Schöͤnheit. Alle Berichte über die Urbewohner Weſiindiens ſprachen ſich dahin aus, daß ſie ungemein ſchön gebildet waren und eine natürliche Anmuth in ihren Bewegungen kund gaben, welche die allgemeine Bewunderung der Spanier erregte. Ihre Farbe war nicht unan⸗ genehm, und man erzählt ſich beſonders von den Einwohnern Hayti's, daß ſie nur um ein weniges dunkler als die Spanier waren. Diejenigen, welche ſich dem ſengenden Sonnenſtrahle dieſes Climas nur wenig ausſetzten und gewöhnlich unter dem Schatten ihrer Haine oder in der Zurückgezogenheit ihrer Wohnungen lebten— wie dieß ja auch in Europa vorzukommen pflegt— konnte man vergleichungsweiſe ſogar weiß nennen. Dieß war bei Ozema der Fall, die übrigens nicht das Weib des jungen Kaziken, ſondern nur ſeine Schweſter war. Den Geſetzen Hayti's zufolge pflanzte ſich die Würde eines Kaziken durch die weiblichen Glieder fort, und ſo ſtand zu erwarten, daß ein Sohn Ozema's der Erbe der Macht ſeines Onkels werde. Dieſer Thatſache, wie auch dem Umſtande, daß die ganze königliche Familie— wenn ſich dieſer Ausdruck auf 448 einen ſo einfachen, geſelligen Zuſtand anwenden läßt— nur noch aus dieſen zwei Gliedern beſtand, iſt es zuzuſchreiben, daß Ozema von ihrem Stamme mehr als gewöͤhnlich hochgeſchätzt wurde, und daher, frei von jeder Sorge, ſchwereren Beſchäftigungen ſo wenig ausge⸗ ſetzt war, als ſich dieß mit der Lage ihres Volkes vertrug. Sie war achtzehen Jahre alt, ohne etwas von den Mühſeligkeiten erfahren zu haben, welche mehr oder minder das nothwendige Geleite des wilden Lebens ſind, obgleich alle Indianer, die die Spanier bis jetzt geſehen hatten, ungewöhnlich frei von derartigen Uebeln zu ſeyn ſchienen. Sie verdankten dieſe Ausnahme dem üppigen Boden, der lieblichen Wärme des Climas und der geſunden Luft. Mit, einem Wort, Ozema beſaß gerade jene Vorzüge, welche Ungebundenheit, natürliche Anmuth und eine wilde Ueppigkeit der weiblichen Form zu leihen im Stande iſt, wenn ſie durch mildes Clima, geſunde und einfache Nahrung und vollkommene Freiheit von Mühe, Arbeit und Sorge unterſtützt werden. Als ein ſolches Weſen könnte man ſich etwa Eva denken, wie ſie, unmittelbar aus der Hand ihres gött⸗ lichen Schöpfers, Adam zuerſt erſchien— beſcheiden, ohne Arg, furchtſam und in ſchönſter Vollkommenheit. Die Bewohner Hayti's bedienten ſich einiger Kleider, obgleich es nicht gegen ihre Begriffe von Schicklichkeit verſtieß, ganz in dem Gewande der Natur umherzugehen. Doch ſah man nur Wenige von Stand ganz unbekleidet, denn man betrachtete eine Hülle des Koͤrpers als eine Zierde und Auszeichnung, wenn man gleich ihren Gebrauch nicht für nöthig erachtete. Ozema bildete von dieſer all⸗ gemeinen Regel keine Ausnahme. Ein bunter Gürtel von indianiſchem Tuch umſchloß ihren ſchlanken Leib, und fiel faſt bis zu ihren Knieen hinunter; ein Gewand von fleckenloſer Wolle, zwar kunſtlos gefertigt, aber weiß, wie der friſchgefallene Schnee und von ſo feinem Ge⸗ webe, daß es viele der Manufakturwaaren unſerer Tage hätte be⸗ ſchämen können— zog ſich wie eine Schaͤrpe über die eine Schulter, war auf der andern Seite zu einem leichten Knoten vereinigt und 449 ſiel in reichen Falten faſt bis zur Erde hinunter. Schön gearbeitete Sandalen ſchützten die Sohle eines Fußes, ob dem eine Königin häͤtte neidiſch werden können, und eine große Platte des feinſten Goldes hing, roh gearbeitet und von einer Schnur kleiner, aber prachtvoller Muſcheln gehalten, an ihrem Halſe. Armbänder, gleich⸗ falls von Muſcheln, umſchloßen ihre zierlichen Handgelenke, und zwei leichte Goldſpangen umfingen Knöchel, fo tadellos als die der mediceiſchen Venus. In jenen Gegenden betrachtete man die Schön⸗ heit des Haares als ein Abzeichen hoher Geburt, wie man auch hin und wieder unter civilifirteren Völkern mit weniger triftigen Gründen Füße und Hände für einen ähnlichen Beleg gelten läßt. Macht und Rang waren ſeit mehreren Jahrhunderten durch die weiblichen Familienglieder fortgepflanzt worden, und ſo war Ozema's Haar ſeidenweich, wallend, üppig und ſchwarz wie der Stern des Auges: es bedeckte ihre Schultern gleich einem prachtvollen Mantel und ſiel bis auf ihren einfachen Guͤrtel herab. Dieſer natürliche Schleier war ſo leicht und ſeidenartig, daß ſein Ende in der ſanften Strö⸗ mung der Luft ſich bewegte, obgleich ſie nur wie ein leichter Athem durch das Gemach wehte. Dieſes außerordentliche Weſen war allerdings die lieblichſte unter den jungen, wilden Schönen, welche Luis auf den Inſeln zu Geſicht bekommen hatte; es waren aber nicht ſowohl ihre anmuthigen und wohlgerundeten Formen, oder ſelbſt der bezaubernde Ausdruck ihres Antlitzes, was den jungen Grafen überraſchte, ſondern mehr die zufällige, entſchiedene Aehnlichkeit mit einer Dame, die in Spanien zurückgeblieben und ſo lange der Abgott ſeines Herzens geweſen war. In dieſer Aehnlichkeit lag auch der einzige Grund, den Namen ſeiner Gebieterin in der erwähnten Weiſe auszuſprechen. Würde man beide nebeneinander geſtellt haben, ſo hätte ſich wohl ein ſehr bezeichnender Unterſchied auffinden laſſen mögen, ohne daß es nöthig geweſen wäre, den geiſt⸗ und gedankenvollen Ausdruck der Züge unſrer Heldin mit dem ſtaunenden, unſicheren, halb erſchreckten Blicke Donna Mercedes. 2te Aufl. 29 45⁰ Ozema's zu vergleichen; gher doch war die allgemeine Aehnlichkeit pprechend genug, um Jedem, der das Antlitz der Einen kannte, aufzufallen, wenn er der Andern begegnete. Bei einer Vergleichung Seite an Seite würde ſich therausgeſtellt haben, daß Mercedes ſchöner und zarter, ebenſo daß ihre Züge und Stirne edler waren, daß ihr Auge den innewohnenden Geiſt wiederſtrahlte, eihr Lächeln die Fülle der Gedanken und Empfindungen eines geſittigten Weibes ſicht⸗ bar werden ließ, ihr zartes Erröthen das Bewußtſeyn herkömmlicher Sitte verrieth, und endlich der allgemeine Ausdruck von einer höheren Bildung zeugte, als von den ungekünſtelten Gefühlen und dem eng⸗ begränzten Ideenkreiſe der jungen, Tochter Hayti's erwartet werden konnte. Demungeachtet ließ ſich, was bloße Schöͤnheit, Jugend, Farbe und Form anbelangt, kaum ein Unterſchied bemerken, da in dieſer Hinſicht die Aehnlichkeit augenfällig waxz wie denn auch wohl Manche die ſeelenvolle, ngtüpliche Freimüthigkeit und den ganzen Zauher, welchen ein glühendes, unperhülltes Gefühl dem Weibe leiht— nicht minder die vertrauungsvolle Hingebung der jungen India⸗ nerin der angebildeten und würdevollen Zurückhaltung der eaſti⸗ lianiſch en Erbin vorgezogen haben würden. Was bei, der Letztern ernſte, hochſinnige, angeborene, religiöſe Begeiſterung war, erſchien bei der Andern als reiner Erguß ungezügelter Regungen, denen ſie ſich, da deren Quelle ſo rein weihlich war, mit ganzer Seele hingab⸗ „Mexcedes!“ rief unſer Held, als dieſes Ideal indianiſcher Liebenswürdigkeit unerwartet vor ſeine Augen trat. a, JIln. „Mercedes!“ wiederholte Mattinao. n aaine „Mercedes!“ flüſterte Ozema, indem ſie mit Erröthen und Läͤcheln einen Schritt zurücktrat und dann ihre Unſchuldige Zuverſicht wieder aufnahm, waͤhrend ſie das gleiche Wort, welches ſie irriger⸗ weiſe für einen Ausdruck der Bewunderung nahm, mehreremale mit ihrer ſanften melodiſchen Stimme wiederholte. 8, Da von einer Unterhaltung in Worten keine Rede ſeyn konnte, ſo blleb beiden Parthien kein andrer Ausweg, als ihre Gefühle durch 84 Zeichen und Freundſchaftsbeweiſe auszudrücken. Luis hatte ſeinen kleinen Ausflug nicht angetreten, ohne ſich mit Geſchenken zu verſehen. Er rechnete auf eine Zuſammenkunft mit der Gattin des Kaziken und hatte daher von dem Dorfe herauf einige Gegenſtände mitge⸗ bracht, von denen er dachte, ſie moͤchten ihrem ungekünſtelten Ge⸗ ſchmack entſprechen; als er aber der gegenwärtigen Erſcheinung an⸗ ſichtig wurde, ſchienen ſie ihm alle eines ſolchen Weſens unwürdig zu ſeyn. In einem ſeiner Angriffe gegen die Mauren hatte er einen reichen, hellfarbigen Turban erbeutet, welchen er als Siegeszeichen aufbewahrte und hin und wieder bei ſeinen Beſuchen am Lande aus Laune oder als eine Art von Schmuck trug, der wohl auf die ein⸗ fachen Naturkinder einen Eindruck zu machen im Stande war. Der⸗ artige Grillen veranlaßten keine Bemerkungen, indem Seeleute, wenn ſie der Beaufſichtigung ihrer Oberen entnommen ſind, gerne ſolchen Wunderlichkeiten nachhängen. Er hatte dieſen Turban auf dem Kopfe, als er in Ozema's Gemach trat, und von Entzücken über dieſe unverhoffte Aehnlichkeit hingeriſſen, vielleicht auch von dem unver⸗ hofften Anblick ſo vieler Liebenswurdigkeit entflammt, rollte er ihn artig auseinander, entfaltete den reichen Stoff, und warf ihn als Mantel über die Schulter der ſchönen Ozema. Die Ausdrücke der Dankbarkeit und des Entzüͤckens, welche dieſem Naturkinde entſchlüpften, waren warm, aufrichtig und unver⸗ hüllt. Sie warf die Schärpe vor ſich auf die Erde, wiederholte ſtets auf's neue das Wort„Mercedes“, und legte ihre Freude mit der ganzen Wärme einer edlen und einfachen Natur an den Tag. Wenn wir behaupten wollten, Ozema’s Freudeäußerung ſey ganz frei von der kindiſchen Wonne geweſen, wie ſie ſich vielleicht nicht von ihrer Unwiſſenheit trennen ließ, ſo würden wir ihrem noch umnachteten Culturzuſtande die Erfahrung und die abgemeſſenen Gefühle votange⸗ ſchrittener Cioiliſation beilegen; aber trotz der argloſen Einfalt, mit welcher ſie die innerſten Regungen ihres Herzens kund gab, war ihr Entzücken würdevoll und hatte viel von dem Anſtande, welcher 45² gewöhnlich das Benehmen der höhern Klaſſen in der ganzen Welt auszeichnet. Luis fand das ihrige ſo anmuthsvoll, als es natürlich und bezaubernd war. Er ſtellte ſich vor, wie ungefähr die Dame von Valverde ein Geſchenk von köſtlichen Steinen aus Donna Iſabella's gnädigen Händen hingenommen haben würde, und hielt ſogar für möglich, daß die kunſtloſe Anmuth Ozema's nicht weit hinter dem demüthigen Selbſtgefühle, vermiſcht mit dank⸗ barer Freude, welche Mercedes bei einer ſolchen Gelegenheit darlegen müßte, zurückbleiben dürfte. Während ſolche Gedanken in ſeiner Seele auftauchten, legte das indianiſche Mädchen ihre eigene, wenig anziehende Kleidung bei Seite, ohne daß ihr auch nur ein Gedanke von ſchüchterner Scham gekommen wäre, und hüllte ihre tadelloſe Geſtalt in den Stoff des Turbans. Sie hatte dieß kaum mit der ihrem unbefangenen Geiſte eigenthümlichen Anmuth und Freimüthigkeit verrichtet, als ſie die Muſchelſchnur von ihrem Halſe nahm, einige Schritte auf unſern Helden zuging, und ihm mit halb abgewandtem Antlitz, obſchon mit lachenden und wohlwollenden Blicken, welche den mangelnden Austauſch der Rede mehr als erſetzten, die Gabe darbot. Luis nahm ſie mit dem geziemenden Feuer in Empfang und zöͤgerte nicht, der Vorfchrift der eaſtilianiſchen Galanterie getreu, die ſchöne Hand zu küſſen, aus welcher er die Spielerei empfangen. Der Kazike, welcher mit Vergnügen Zeuge der Vorgänge geweſen war, winkte nun dem Grafen, ihm zu folgen, und fuͤhrte ihn zu einer andern Wohnung. Hier wurde Don Luis einigen andern jungen Frauen und zwei oder drei Kindern vorgeſtellt, von denen die einen Mattinao's Weiber und die andern ſeine Sprößlinge waren. Unter Beihülfe von Geberden, einigen Worten und anderen Verſtändigungs⸗ mitteln, zu denen die Spanier und die Eingebornen ihre Zuflucht nahmen, gelang es ihm jetzt, ſich über die zwiſchen dem Kaziken und Ozema beſtehenden Verwandtſchafts⸗Verhältniſſe Aufklärung zu verſchaffen. Es durchflog unſern Helden faſt wie Freude, als er ⸗— —*⁄ — ſ v 45³3 entdeckte, daß die indianiſche Schoͤnheit nicht verheirathet war, und er leitete dieſes Gefühl vielleicht nicht mit Unrecht von einer Art eiferſüchtiger Empfindlichkeit ab, welche in der Aehnlichkeit des Mädchens mit Donna Mercedes ihren Grund hatte. Den übrigen Theil dieſes Tages und die drei folgenden brachte Luis mit ſeinem Freunde, dem Kaziken, in dieſem ſeinem Lieblings⸗ aufenthalte zu, und unſer Held war natürlich für die Bewohner deſſelben ein Gegenſtand größeren Intereſſes, als es dieſe wahr⸗ ſcheinlich für ihn ſeyn mochten. Sie nahmen ſich tauſend unſchuldige Freiheiten gegen ihn heraus, unterſuchten ſeinen Anzug und den Putz, welchen er trug, und ermangelten nicht, die Weiße ſeiner Haut mit der rötheren Mattinao's zu vergleichen. Bei dieſer Ge⸗ legenheit benahm ſich Ozema am zurückhaltendſten und ſchüchternſten, obgleich ihr Blick jeder ſeiner Bewegungen folgte und ihr heiteres Antlitz die Theilnahme bezeichnete, welche ſie für Alles, was mit dem Fremden in Verbindung ſtand, fühlte. Luis lag ſtundenlang auf duftigen Matten neben dieſem trugloſen, liebenswürdigen Weſen hingeſtreckt, ſtudirte den launenvollen Ausdruck ihrer Züge in der ſüßen Hoffnung, immer mehr Aehnlichkeiten mit Mercedes heraus⸗ zufinden, und verlor ſich bisweilen ganz in dem, was ihr ausſchließ⸗ liches Eigenthum war. So lange ſich der Graf an dieſem nur für Mattinao und ſeine Familie beſtimmten Orte aufhielt, gab er ſich Mühe, werthvolle Nachrichten über die Inſel einzuholen, und er glaubte bald zu finden, daß die ſchöne Schweſter des Kaziken — mochte ſie nun dieſes Urtheil ihrem höhern Rang, der ange⸗ borenen Ueberlegenheit ihres Geiſtes, oder dem Zauber ihres Be⸗ nehmens verdanken— ſich ihm beſſer verſtändlich machen konnte, als der Indianerfürſt oder ſeine Weiber. Er ſtellte daher ſeine meiſten Fragen an Ozema, und ehe noch der erſte Tag zu Ende ging, hatte dieſes ſchnellfaſſende und aufmerkſame Mädchen größere Fort⸗ ſchritte in der Eröffnung eines Verkehrs zwiſchen den Abenteurern und ihren Landsleuten gemacht, als in den vorangehenden zwei 454 Monaten zu Stande Gebraht werden konnten. Sie fing die ſpaniſchen Worte mit einer faſt inſtinktartigen Gelehrigkeit auf und ſprach ſte mit einem Accenie wieder, der ſie nur och weicher und angenehmer in dem Ohre klingen ließ. 3 Luis de Bobadilla war ein ſo guter Chriſt, als man bei einer ſtrengen Erziehung, einem wandernden Leben und den Gewohnheiten des Lagers werden kann, wenn dazu noch hoher Rang, Jugend und ein feuriges Teperament kömmt. Aber er gehörte einer Periode an, in welcher die meiſten Laien eine tiefe Verehrung vor der Reli⸗ gion hegten, mochten ſie ſich nun in der That ihrem läuternden Einftuſſe unterwerfen oder nicht. Wenn es überhaupt Freidenker ſo befanden ſich dieſelben vorzugsweiſe unter der Zahl der⸗ ſeni gen, die ihr Leben in ihren Gemächern hinbrachten, oder unter den Geiſtlichen ſelbſt, welche oft unter der Kutte nur ihren Unglauben verbargen. Die enge Verbindung des jungen Grafen mit Columbus hatte gleichfalls nicht wenig dazu beigetragen, ſein Vertrauen auf das beſtändige Walten der Vorſehung zu bekräftigen, und er fühlte ſich nur ſehr geneigt, zu glauben, daß die wunderbare Leichtigkeit, womit Ozema Sprachen lernte, eine jener halb mirakelaͤhnlichen Fügungen ſey, deren ſich Gott in der Abſicht bediene, die Ein⸗ führung der Religion des Kreuzes unter den Indianern zu fördern. Er ſchmeichelte ſi ſich oft, wenn er in die dunkeln und doch ſo milden Augen des Mädchens blickte, und Zeuge der Mühe war, welche ſie ſich gäb, um ſich ihm begreiflich zu machen, daß er das Werkzeug ſey, jenes große Unternehmen durch eine ſo jugendliche und bezau⸗ bernde Vermittlerin zu Stande zu bringen. Der Admiral hatte ihn auch auf das Erforderniß aufmerkſam gemacht, wo möglich das Vorhandenſeyn und die Lage der Goldminen ausfindig zu machen und es gelang ihm in der That, Ozema ſeine Nachforſchüngen uͤber einen Gegenſtand, der den Spaniern ſo hoch wichtig war, begreiflich zu machen. Ihre Antworken waren weniger verſtäͤndlich, oder es kam Luis vor, als ob ſie nie ausfüͤhrlich genug ſeyn könnten, und 08SBSSe Et 45⁵ ſo ſchmeichelte er ſich die ganze Zeit über, daß er nur im Intereſſe und nach dem Wunſche Columbus' handle. 1 anlhin gna af Den Tag nach ſeiner Ankunft fand ihm zu Ehren eine Zur⸗ ſchauſtellung einiger indianiſchen Spiele ſtatt. Dieſe Beluſtigungen find zu oft beſchrieben worden, um hier einer Wiederholung zu bedürfen; in allen derartigen Bewegungen und Uebungen aber, die insgeſammt einen friedlichen Character trugen, zeichnete ſich insbeſondere die jugendliche Prinzeſſin durch ihre Anmuth und Geſchicklichkeit aus. Luis wurde gleichfalls aufgefordert, ſeine Kraft zu zeigen, und da er außerordentlich behend und ſtark war, ſo entriß er leicht ſeinem Freunde Mattinao die Siegesvalme. Der junge Kazike zeigte weder Eiferſucht noch Unwillen über dieſ en Erfolg, während ſeine Schweſter lachte und entzückt mit den Händen klatſchte, wenn er ſogar in ſeinen eigenen Spielen durch die Ueberlegenheit ſeines Gaſtes beſiegt wurde. Mehr als einmal ſchienen die Weiber Maltinav's ſich in ſanftem Tadel üͤber das Uebermaß von Theil⸗ nahme auszuſprechen; aber Ozema begegnete demſelben mit lachen⸗ dem Spott, und in ſolchen Augenblicken erſchien ſie— vielleicht nicht mit Unrecht— unſerem Grafen de Llera liebenswürdiger als das ſchönſte Gebild der Phantaſie; denn ihre Wangen glühten, ihre Augen funkelten wie Brillanten, und die Zähne, die zwiſchen den Roſenlippen ſichtbar wurden, erſchienen ſo blendend, wie zwei Perlenſchnüre. Wir haben angedeutet, daß Ozema's Augen ſchwarz waren, und hierin unterſchieden ſie ſich allerdings weſentlich von den tiefblauen, melancholiſchen Sternen der ſchwärmeriſchen Mercedes; aber dennoch waren ſie ſich ähnlich, ſo oft ſie die gleichen Gefuͤhle ausdrückten, beſonders wenn es ſich um Dinge handelte, welche mit Luis in Verbindung ſtanden. Mehr als einmal während dieſer gymnaſtiſchen Uebungen kam es dem jungen Manne vor, als ob der Ausdruck der Freude, der aus Ozema's Augen blitzte, das lebende Abbild des tiefwurzelnden Entzückens ſey, das ihm ſo oft im Turniere aus Mercedes Blicken entgegengeſtrahlt hatte, und bei 456 folchen Gelegenheiten erſchien ihm die Aehnlichkeit zwiſchen Beiden ſo augenfällig, daß er, die Kleidung und andere ziemlich hervor⸗ tretende Umſtände abgerechnet, faſt dieſelbe Perſon zu ſehen glaubte. Der Leſer darf übrigens hieraus nicht folgern, daß unſer Held in der That ſeiner frühern Liebe untreu wurde. Mercedes war im Gegentheil zu tief in ſein Herz eingeſchloſſen, um ſich ſo leicht verdrängen zu laſſen, und Luis war trotz aller ſeiner Fehler ein ſo warm fühlender und treuer Ritter, als nur irgend einer akhmete. Aber er war jung, fern von dem Gegenſtand ſeiner vieljährigen Anbetung und nichts weniger als unempfindlich gegen die Bewun⸗ derung, welche das argloſe und gewinnende Indianermädchen gegen ihn zu erkennen gab. Hätte Ozema auch nur durch einen unbes ſcheidenen Blick verrathen, daß ihrem Benehmen ein angelegter Plan zu Grunde liege, ſo wäre er wohl im Augenblick aus ſeiner jeweiligen Täuſchung geriſſen worden. So aber war im Gegentheil bei dieſem argloſen Mädchen Alles nur Natur und Unbefangenheit; denn ſelbſt wenn ſie die Theilnahme, welche ſie für ihn empfand, am offenſten kund gab, ſo geſchah es mit einer ſo augenfälligen Einfachheit, einer ſo unwiderſtehlichen Naivetät und einer Aufrich⸗ tigkeit, welche ſo deutlich der Erguß eines unſchuldigen Herzens war, daß unmöglich der Argwohn einer beſtrickenden Abſtcht aufkommen konnte. Mit einem Wort, unſer Held zeigte nur, daß er ein Menſch war, indem er ſich bis auf einen gewiſſen Grad einem Zauber hingab, welcher unter den vorwaltenden Umſtänden vielleicht im Stande geweſen wäre, die Treue von Männern wanken zu machen, die, hinſichtlich der Beharrlichkeit ihres Characters, ſich eines beſſeren Rufs erfreuten, als der Conde de Llera. Unter ſtets neuen Scenen enteilte die Zeit wie auf Flügeln, und Luis ſelbſt war erſtaunt, als er bei einem Rückblicke ſich erinnerte, daß er ſich nun ſchon mehrere Tage bei Mattinao aufgehalten und den größten Theil dieſer Zeit in dem Serail des Kaziken— wie man es nicht unpaſſend nennen konnte— zugebracht hatte. ———B-— 2 457 Sancho von dem Schiffsdockenthor war in der Zwiſchenzeit gleichfalls nicht vernachläſſigt worden. Er war ſo gut als der junge Edle, der Held ſeines eigenen Kreiſes und hatte dabei ſeines Auftrags, nach Gold zu ſpähen, nicht vergeſſen. Er hatte zwar kein einziges Wort von der Hayti⸗Sprache gelernt und ebenſowenig irgend eine der lachenden Nymphen, die ihn umgaben, auch nur eine Sylbe ſpaniſch gelehrt, wohl aber Viele aus dem Völkchen mit Falkenſchellen geſchmückt und ſie vermocht, ihm dafür jede Zierde, welche mit dem erſehnten köſtlichen Metalle Aehnlichkeit hatte, ent⸗ gegen zu geben. Dieſer Verkehr wurde jedoch ohne Zweifel mit aller Ehrlichkeit und nach dem Lieblingsprineipe jener Anhänger eines treien Geſchäftsbetriebs geübt, welche die Behauptung auſſtellen, daß der Handel nichts weiter ſey, als ein Austauſch gleich werth⸗ voller Gegenſtände, ohne daß man auf widrige Zufälle, welche für den Augenblick einen Einfluß auf die Werthbeſtimmung üben könnten, Rückſicht zu nehmen habe. Sancho hatte ſo gut ſeine Begriffe von Handelsverkehr, als die neueren Theoretiker, und da er mit Luis während ihres Aufenthalts in Mattinao's Gebiete hin und wieder zuſammenkam, ſo entwickelte er einige ſeiner Anſichten über dieſes anſprechende Thema bei Gelegenheit einer ihrer Unterhaltungen. „Ich ſehe wohl, daß Deine Leidenſchaft für Doblas noch immer rührig iſt, Freund Sancho,“ ſagte Luis lachend, als ihm der alte Matroſe die Vorräthe von Goldſtaub und Goldplatten, die er ge⸗ ſammelt hatte, zeigte;„Du haſt genug von dieſem Metalle in Deiner Reiſetaſche, um einige Dutzend Stücke daraus zu prägen, von denen jedes das Geſicht des Königs, unſeres Herrn, oder der Königin, unſerer Gebieterin, trägt.“ 4 „Verdoppeln Sie die Anzahl, Sennor Conde— verdoppeln Sie die Anzahl!— Und alles dieß für den Preis von etwa ſie⸗ benzehen Falkenſchellen, die mich eine Hand von Maravedi koſten. Bei der Meſſe! Das iſt ein billiger und frommer Handel, und wie er einem ehrlichen Chriſten ziemt. Die Wilden da machen 158 ſich aus dem Golde nicht mehr, als Cure Exeellenz aus einem todten Mauren, und um ſie dafür zu ſtrafen,„halte ich eine Fal⸗ kenſchelle gerade eben ſo wohlfeil. Mögen ſie ſo geringſchaͤtzig, als iſte wollen, auf ihren Schmuck und den gelben Staub blicken, ſie werden mich eben ſo willig finden, mich von den zwanzig Fal⸗ kenſchellen zu trennen, die mir noch übrig ſind. Sie ſollen nur ihren Tauſch fortſetzen, ich bin möglichſt bereit, ihnen Nichts für Nichts zu geben.“ i iom 1 Siustn? „Iſt es aber auch ehrlich, Sancho, einen Indianer ſeines Goldes zu berauben und ihm dafür eine Spielerei anzuhängen, die für Kupfer zu kaufen iſt? Bedenke, daß Du ein Caſtilianer biſt, und gib hinfort zwei Falkenſchellen, wo Du bisher nur eine gegeben haſt.“ do⸗ „Ich vergeſſe meiner Geburt nie, Sennor, denn glücklicher⸗ weiſe liegt das Schiffsdockenthor von Moguer in Alt⸗Spanien. Wird der Werth einer Sache nicht durch die Marktpreiſe beſtimmt? Fragt was immer für einen Handelsmann, und er wird Euch das⸗ ſelbe ſagen, wie es denn auch ſo klar, als die Sonne am Himmel iſt. Als die Venezianer vor Candia lagen, konnte man auf dieſer Inſel Trauben, Feigen und griechiſche Weine für ein gutes Wort haben, waͤhrend man die weſtlichen Artikel zu ungeheuren Preiſen bezahlen mußte. Nichts liegt mehr auf flacher Hand, als die Thaͤt⸗ ſache, daß Alles ſeinen Preis hat, und der wahre Handel beſteht darin, daß man Werthloſes gegen Werihloſes austauſcht.⸗ „Wenn es ehrlich iſt, von der Unwiſſenheit eines Anderen Vortheil zu ziehen,“ verſetzte Luis, der als aͤchter Edelmann den Handel nur mit Verachtung betrachtete, ſo muß es auch gerecht ſeyn, Kinder und Dummköpfe zu betrügen!“ wl⸗ 8 „Gott und insbeſondere mein Schutzpatron, der heilige An⸗ dreas, mögen verhüten, daß ich mich einer ſo ſchlechten Handlung ſchuldig mache! Falkenſchellen, Sennor, ſind in Hayti mehr werth, als Gold, und da ich dieß zufällig weiß, ſo bin ich bereit, mich 459 Von dieſen koſtbaren Dingen für ihren Unrath zu trennen. Ihr ſeht, daß ich eher großmüthig als habſuchtig bin, denn wir ſind Alle auf Hayti, wo doch der Preis der Artikel beſtimmt werden muß. Es iſt wahr, daß ſich nach den großen Gefahren, die ich zur See zu beſtehen hatte, und nach den vielen Beſchwerden und Wechſelfällen, denen ich wohl noch ausgeſetzt bin, bis ich dieſes Gold nach Spanien gebracht habe— für meine Mühe etwas da⸗ vonſchlagen möchte, um mir für mein Alter einen ehrlichen Lebens⸗ unterhalt zu ſichern. Ich hoffe daher, Donna Iſabella wird ſo viele Rückſichten für das Wohl dieſer ihrer neuen Unterthanen nehmen, um ihnen für immer das Seefahrergewerbe zu legen, da es, wie wir Beide recht wohl wiſſen, ein gar beſchwerliches und gefährliches Geſchäft iſt.“ „Und warum wünſcheſt Du vorzugsweiſe dieſe Gunſt zum Beſten der armen Inſulaner, Sancho? und dieß noch dazu auf Koſten Deiner eigenen Knochen?“ 2 „Einfach deßhalb, Sennor,“ antwortete der Schalk mit einem verſchmitzten Seitenblick,„damit der Handel nicht geſtört werde, der ſo frei und uneingezwängt als möglich ſeyn muß. Wenn wir Spanier hieher nach Hayti kommen, ſo verkaufen wir eine Falken⸗ ſchelle für eine Dobla in Gold; nehmen ſich aber dieſe Wilden die Mühe nach Spanien zu gehen, ſo können ſie für eine Dobla ihres Goldes wohl hundert unſerer Falkenſchellen kaufen. Nein— nein! es iſt ſchon gut, ſo wie es iſt, und möge eine doppelte Por⸗ tion Fegfeuer dem zu Theil werden, der einem guten, ehrlichen, freien und civiliſirenden Handel Schwierigkeiten in den Weg legen will, ſage ich.“ 1 1— Sancho war noch mit Auskramung ſeiner Begriffe über den frelen Handel— der großen Myſtifikation der neueren Philantro⸗ pen— beſchäftigt, als ſich plötzlich von Mattinav's Dorfe her ein Geſchrei vernehmen ließ, wie man es nur in Augenblicken ver Ge⸗ fahr und plötzlichen Schreckens hoͤrt. Die Unterhaltung hatte in 460 dem Haine, welcher zwiſchen dem Dorfe und den Privatwohnungen des Kaziken mitten inne lag, ſtattgefunden, und die beiden Spanier waren gegen ihre Freunde ſo zutrauensvoll geworden, daß keiner derſelben andere Waffen bei ſich führte, als diejenigen, womit die Natur den Menſchen verſieht. Luis hatte vor einer halben Stunde Schwert und Schild zu Ozema's Füßen niedergelegt, die zu ihrer wechſelſeitigen Unterhaltung mit ſeinen Waffen die Heldin ſpielte, während Sancho die Hakenbüchſe für ein viel zu ſchweres Geräth hielt, um es beſtändig als Spielzeug mit ſich zu führen. Sie lag in dem Gemache, das ihm zu einem behaglichen Quartiere diente. „Sollte das auf Verrath hinausgehen, Sennor?“ rief Sancho. „Haben dieſe Blauſtrümpfe vielleicht den wahren Werth der Fal⸗ kenſchellen ausfindig gemacht, und führen ſie etwa im Schilde, den ihnen gebührenden Ueberſchuß nachzufordern?“ „Ich ſetze mein Leben zum Pfande, Mattinao und alle ſeine Leute ſind zuverläſſig, Sancho. Dieſer Lärm hat etwas Anderes zu bedeuten. Horch!— vernimmſt Du nicht den Ruf ‚Caonabo“?“ „Freilich, Sennor! Dieß iſt der Name des Cariben⸗Kaziken der der Schrecken aller dieſer Stämme iſt.“ „Eile wo möglich nach Deiner Hakenbüchſe, Sancho, und dann ſchließe Dich in den Wohnungen oben an mich an. Ozema und die Weiber unſeres Freundes müſſen auf jede Gefahr hin ver⸗ theidigt werden.“ 4 Als Luis dieſen Befehl gegeben hatte, trennten ſte ſich, und Sancho eilte dem Dorfe zu, welches zu dieſer Zeit der Schauplatz wilden Tumultes war, während unſer Held ſich langſam und ver⸗ drüßlich nach den Privatwohnungen des Kaziken zurückzog und hin und wieder hinter ſich blickte, als ſehne er ſich, in das Getümmel des Kampfes zu ſtürmen. Hundertmal wünſchte er ſich ſeinen Lieblingszelter und eine tüchtige Lanze herbei, und es wäre auch in der That keine beſonders ſchwere Aufgabe für einen Ritter von ſeiner Tapferkeit geweſen, tauſend Feinde, wie die, welche ihn jetzt 461 bedrohten, in die Flucht zu ſchlagen. Hatte er ja oft allein ganze Reihen chriſtlichen Fußvolks durchbrochen, und es iſt bekannt, daß ſpäter einzelne berittene Männer Hunderte der Eingeborenen vor ſich her trieben. Der Lärm war vor unſerem Helden zu Mattinao's Wohnun⸗ gen gelangt. Als er in Ozema's Behauſung trat, traf er die Schweſter des Kaziken von fünfzig Frauen umgeben, von denen einige bereits aus dem Dorfe hergeeilt waren, und aus Aller Mund tönte der ſchreckliche Name ‚Caonaboc. Ozema ſelbſt war die Gefaßteſte von Allen, obſchon man wohl ſehen konnte, daß ihre Umgebung aus irgend einem Grunde beſonders für ſie beküm⸗ mert war. Als Luis in das Zimmer trat, drängten ſich Matti⸗ nav's Weiber um die Prinzeſſin, und er konnte bald aus ihren Worten und bittenden Geberden entnehmen, man dränge Ozema zur Flucht, damit ſie nicht in die Hände des Caribenhäuptlings falle. Es kam ihm ſogar vor— und auch nicht mit Unrecht— daß die übrigen Frauen die Entführung der ſchönen Schweſter des Kaziken als den eigentlichen Zweck des plötzlichen Ueberfalles betrachteten. Dieſe Vermuthung minderte keineswegs Luis' eifrigen Wunſch, ſie zu vertheidigen. Sobald Ozema ſeiner anſichtig wurde, flog ſie an ſeine Seite, rang ihre Hände, und ſprach den Namen„Caonabo’ in einem Tone aus, der ein Herz von Stein hätte ſchmelzen können. Zu⸗ gleich redeten ihre Augen in der Sprache der Hoffnung, des Ver⸗ trauens und. der Bitte, deren es wahrlich nicht bedurfte, um unſeren Helden für ihre Sache zu gewinnen. Im Augenblicke blinkte das Schwert in der Hand des jungen Ritters und der Schild deckte ſeinen Arm. Er verſicherte dann die Prinzeſſin, ſo gut er konnte, ſeines Eifers, indem er den Schild vor ihre klopfende Bruſt hielt und das Schwert ſchwang, als ob er ihre Feinde herausfordern wolle. Er hatte kaum dieſe Betheurung gegeben, als alle übrigen Weiber verſchwanden, zum Theil, um ihre Kinder in Sicherheit zu 46² bringen, Alle aber, um ſich ſelbſt in irgend einem guten Verſtecke zu bergen. Durch dieſe ſeltſame und unerwartete Flucht fand ſich Luis, zum erſtenmale ſeit dem Beginne ihrer ekauntſchafi⸗ mit Ozema allein. „Wenn man in dem Hauſe blieb, ſo konnte der Feind dnesſeen hezankommen, und die Angſt⸗ und Schreckensrufe kündigten bereits hinlänglich an, daß die Gefahr ſich mit jedem Augenblicke näher zog. Luis forderte daher das Mädchen durch Zeichen auf, ihm zu folgen, nachdem er zuvor den Turban zuſammengerollt und um ihren Arm gewunden hatte, damit er ihr im Falle der Noth ge⸗ wiſſermaßen als Schild gegen die feindlichen Pfeile diene. Während er ſo beſchäftigt war, ſank Ozema's Haupt auf ſeine Bruſt nieder und ihre Augen brachen in Thränen aus. Dieſe Aeußerung von Schwäche währte jedoch nur einen Augenblick. Als ſie ſich wieder aufrichtete, lächelte ſie durch ihre Thränen, drückte krampfhaft Luis Arm und war wieder ganz die indianiſche Heldin. Sie verließen nun gemeinſchaftlich das Gebäude. Luis bemerkte bald, daß ſein Rückzug aus dem Hauſe keinen Augenblick zu früh geſchehen war. Mattingo's Familie war bereits verſchwunden, und man ſah ſchon eine ſtarke Partie der Feinde in tollem Rennen dem Haine zueilen; ihre Annäherung geſchah lautlos, aber augenſcheinlich waren ſie ſehr auf die Ergreifung des Raubes erpicht. Der Graf fühlte, wie Ozema, welche ſeinen Arm umſchlungen hatte, heftig zitterte, und hörte ſie flüſtern: „„Caonabo— nein— nein— nein.“ Die junge indianiſche Prinzeſſin hatte die einſilbige ſpaniſche Ver⸗ neigung aufgefaßt, und Luis deutete ſich dieſen Ausruf als Aeußerung ihres lebhaften Widerwillen, das Weib des Caribenhäuptlings zu werden. 5 Sein Entſchluß, ſie zu ſchützen oder zu ſterben, wurde durch dieſe un⸗ willkührliche Aeußerung ihrer Gefühle, keineswegs gemindert, obſchon es ihm nicht entgehen konnte, daß ſolche einigermaßen mit ſeiner eigenen Perſon in Verbindung ſtehe; denn trotz ſeiner edeln und 463 hochherzigen Sinnesart war unſer Held doch ein Menſch und daher nicht abgeneigt, eine hohe Meinung von ſeinen anſprechenden per⸗ ſönlichen Eigenſchaften zu unterhalten. Nur Mercedes Degesher erwies ſich Luis de Bobadilla demüthig⸗ Faſt von Kindheit an ein Krieger ſah ſich der junge Graf haſtig unch einer Stellung um, die ſeine Vertheidigungsmittel unterſtützen und den Waffen, welche ihm zu Gebot ſtanden, den größten Nachdruck geben konnte. Glücklicherweiſe fand er ganz in der Nähe Gelegenheit dazu, und es bedurfte nur einer Minute, von derſelben Vortheil zu ziehen. Der Bergvorſprung lehnte ſich an einen Felſenabſturz, und etwa fünfzig Ellen von dem Hauſe war eine Stelle, wo ſich der jähe Fels in einem Winkel brach und ſo zu beiden Seiten eine Wand bildete, während die oben überhängende Kuppe jede Gefähr⸗ dung durch herabfallende Steine unmöglich machte, In dem Win⸗ kelraume waren mehrere große Felſenſtücke, die einen Schutz gegen Pfeile abgeben konnten, während der Raſenplatz vorne hinreichend geräumig war, um einen Ritter, der im Beſitze einer ſor vortheil⸗ haften Stellung war, in den Stand zu ſetzen, ſeine Tapferkeit zu entfalten. Unſer Held fühlte ſich nun ſtark, wo nicht unüberwindlich, da er nur von vorne angegriffen werden konnte. Ozema befand ſich hinter einer der herabgeſtürzten Felſenmaſſen, die ihren Körper halb verbarg; Sorge für Luis und Neugierde hinſichtlich ihrer Feinde veranlaßten ſie jedoch, den ganzen oberen Theil ihres Kör⸗ pers bloszuſtellen.. Luis war kaum im Beſitz dieſes Poſſens, als ſich etwa fünfzig Ellen vor ihm ein Dutzend Indianer blicken ließen, welche in ge⸗ ſchloſſener Reihe näher kamen. Sie waren mit Bogen, Streit⸗ kolben und Speeren bewaffnet. Ohne weiteres Schutzmittel als ſeinen Schild hätte dem jungen Grafen ſeine Lage bedenklich genug vorkommen mögen, wenn er nicht gewußt hätte, daß die Schützenkunſt der Eingebornen nichts weniger als ſchreckeneinflößend war. Ihre Pfeile konnten allerdings, wenn ſie auf kurze 464 Entfernungen und einen nackten Körper abgeſchoſſen wurden, tödten, aber es mochte ſehr zweifelhaft erſcheinen, ob ſie auch im Stande waren, den ſtarken Sammt, welcher Luis umhüllte, zu durchdringen; über⸗ dieß war eine Entfernung von fünfzig Ellen nicht nahe genug, um viel befürchten zu laſſen. Der Belagerte erlaubte ſich nicht, ſich zu den Felſen zurückzuziehen, da ein freier Raum zu dem Gebrauche ſeines guten Schwertes unerläßlich war, von welcher Waffe allein er ſich den Sieg verſprach. Es war vielleicht ein Glück für unſern Helden, daß ſich Cao⸗ nabo ſelbſt nicht unter den Anrückenden befand. Dieſer furchtbare Häuptling, welcher die fliehenden Frauen auf einige Entfernung verfolgte, da er diejenige, welche er ſuchte, unter ihnen vermuthete— würde ohne Zweifel dem Kampfe durch einen verzweifelten Angriff ein raſches Ende gemacht haben, wo dann wahrſcheinlich die Menge über den Muth und die Gewandtheit den Sieg davon getragen haben würde. Aber die Feinde, mit denen man es jetzt zu thun hatte, ſchlugen einen andern Weg ein, indem ſie zu ihren Bogen griffen. Der Geſchickteſte unter ihnen legte einen Pfeil auf und ließ ihn fliegen. Das Geſchoß glitt von dem Schilde des Ritter ab und traf die Wand hinter ihm ſo leicht, als ob hier von nichts anderem als einem müßigen Spiele die Rede ſey. Ein zweiter folgte, und Luis wehrte ihn mit ſeinem Schwerte ab, da er es verſchmähte, gegen eine ſolche Armſeligkeit den Schild zu erheben. Die Kalt⸗ blütigkeit, mit welcher er den Angriff aufnahm, veranlaßte die In⸗ dianer, ein Geſchrei zu erheben, von dem Luis nicht wußte, ob er es für Bewunderung oder für Wuth deuten ſolle. Der nächſte Angriff war umſichtiger, da er auf einem Grund⸗ ſatze beruhte, den auch Napoleon befolgt haben ſoll, wenn er die Artillerie ſpielen ließ. Die ſechs oder acht, welche Bogen beſaßen, entſandten gleichzeitig ihre Pfeile, und in Einem Fluge prallten dieſe Waffen auf dem Schilde des Angegriffenen an. Es war nicht leicht, einem derartigen vereinten Anſtürmen ganz zu entgehen, 46⁵ und unſer Held wurde von einem und dem andern vorbeiſchießenden Pfeile geſtreift, obgleich kein Blut nachfolgte. Die Wilden ſchickten ſich indeß zu einer Wiederholung dieſes Verſuches an, als auf ein⸗ mal das erſchreckte Mädchen aus ihrem Verſtecke hervoreilte und ſich gleich den Pocahontas unſerer eigenen Geſchichte mit demüthig vor der Bruſt zuſammengeſchlagenen Armen vor Luis ſtellte. Sobald ſie erſchien, erſcholl der Ruf„Ozema! Ozema!“ unter den Angreifern, die keine Cariben waren, wie jeder begreifen wird, der mit der Geſchichte der Inſel bekannt iſt, ſondern ſanftere Hayti⸗ bewohner, die unter einem Caribenhäuptling ſtanden. Luis ſuchte vergebens das aufopferungsvolle Mädchen zum Rückzuge zu bereden. Sie glaubte ſein Leben in Gefahr, und keine Sprache, wenn er anders bei einer ſolchen Gelegenheit ſeine Beredſamkeit hätte in Anwendung bringen können, würde ſie ver⸗ mocht haben, ihn in einer ſo ſchrecklichen Lage zu verlaſſen. Da die Indianer ſich bemühten, über Luis einen Vortheil zu gewinnen, ohne die Prinzeſſin zu todten, ſo blieb ihm keine andere Wahl, als ein Räckzug hinter die Felſen. Er hatte kaum dieſen Sicherungs⸗ poſten erreicht, als ſich ein wild ausſehender Krieger mit den Fein⸗ den vereinigte, welche ihm alsbald den wirklichen Stand des Angriffs in lärmender Weiſe auseinander ſetzten. „Caonabo?“ fragte Luis gegen Ozema gewendet, indem er auf den neuen Ankömmling deutete. Das Mödchen ſchüttelte nach einem ängſtlichen Blick auf das Geſicht des Fremden den Kopf und um⸗ ſchlang zugleich mit verführeriſcher Hingebung den Arm unſeres Helden. „Nein— nein— nein!“ rief ſie ungeſtüm;„nicht Caonabo — nein— nein— nein.“ Luis nahm den erſten Theil dieſer Antwort als eine Andeu⸗ tung, daß der Fremde nicht der Caribenhäuptling ſey, und der letztere ſchien ihm Ozemas feſtgewurzelte Abneigung, deſſen Weib werden zu wollen, auszudrücken.— Die Berathung der Angreifenden war bald zu Ende. Ein Donna Mercedes. 2te Aufl. 30 466 halbes Dutzend von ihnen ſchwang die Streitkolben und Speere und ſtürmte auf die Citadelle der Belagerten los. Als ſie ſich etwa auf zehn Schritte dem Verſtecke genähert hatten, ſprang unſer Held raſch nach dem Raſenplatze hervor, um ſeinen Feinden zu begegnen. Zwei der Speere fing er mit ſeinem Schilde auf, zerſplitterte beide Schafte mit einem einzigen Schlage ſeines ſcharfen und guten Schwertes, und traf bei einem zweiten Ausholen von untenherauf den aufgebobenen Arm eines der vorderſten Keulenmänner. Unter dieſem geſchickt geführten Hiebe ſielen Hand und Keule zu ſeinen Füßen nieder. Dann ſchwang er ſeine Waffe nach vorne und ritzte mit ihrer Spitze die Bruſt zweier erſtaunter Speerträger, die nur durch ihre Entfernung gegen eine ernſtlichere Beſchädigung geſichert wurden. Dieſes raſche und unerwartete Manöver erfüllte die Angrei⸗ fenden mit Furcht und Entſetzen. Sie waren nie vorher Zeuge der furchtbaren Gewalt geweſen, welche ſolches Metall im Kriege übt und die plötzliche Lostrennung des Armes kam ihnen wie ein Wunder vor. Selbſt der wilde Caribe fuhr erſchreckt zurück und Luis ſchwamm in Hoffnungen des Sieges. Dieß war der erſte Anlaß, bei dem es zwiſchen den Spaniern und den ſanften Bewohnern der neu entdeckten Inſeln zu einem Gefechte kam, obgleich die Geſchicht⸗ ſchreiber gewöhnlich ein ſpäteres Ereigniß als den Beginn des Kampfes bezeichnen, da das ſtrenge Geheimniß, welches die Ver⸗ bindung Don Luis mit dieſer Unternehmung verhüllte, ihre ſeichten und oberflächlichen Unterſuchungen völlig irre führte. Natürlich war auch die Wirkung einer Waffe, wie ſie unſer Held brauchte, den Bewohnern Hayti's ſo neu als ſchrecklich. In dieſem Augenblicke verkündigte ein Freudenruf der An⸗ greifenden und die Erſcheinung einer neuen feindlichen Schaar, an deren Spitze ſich ein hoher und gebieteriſch blickender Häuptling befand— Caonabo's Ankunft. Der kriegeriſche Kazike wu rde ſchnell von dem Stande der Dinge unterrichtet und es war augenſcheinlich, daß die Tapferkeit unſeres Helden ihn gleichfalls mit Verwunderung * . 467 und Staunen erfüllte. Nach einigen Minuten befahl er ſeinem Gefolge, ſich etwas zurückzuziehen, legte dann ſeine Keule nieder und trat unter Zeichen ſeiner freundlichen Abſicht furchtlos auf Luis zu. Die zwei Gegner begrüßten ſich mit Achtung und weechſelſeiti⸗ gem Vertrauen. Der Caribe hielt eine kurze und ungeſtüme Rede, aus welcher unſer Held kein anderes Wort, als den Namen der jungen ſchönen Indianerin verſtand. Ozema war inzwiſchen gleich⸗ falls vorgetreten, als ob ſie ſelbſt zu ſprechen wünſche, und ihr rauher Bewerber wandte ſich mit leidenſchaftlichen, wenn nicht be⸗ redten Worten an ſie. Er legte ſeine Hand oft an ſeine Bruſt und ſeine Stimme wurde weich und überredend. Ozema's Erwie⸗ derung klang ernſt und trug den raſchen Character eines entſchie⸗ denen Entſchluſſes. Als ſie ihre Worte beendigte, umfing ein hohes Roth die Schläfe des glühenden Mädchens, indeß ſie, als ob ſie ſich auch unſerem Helden verſtändlich machen wolle, auf ſpaniſch beifügte: „Caonabo— nein— nein— nein!— Luis— Luis!“ Der Anblick eines tropiſchen Orkans iſt nicht dunkler oder drohender, als der finſtere Blick, mit welchem der Caribenhäuptling dieſe unzweideutige Zurückweiſung ſeiner Bewerbung vernahm, die noch obendrein durch eine ſo unverholene Begünſtigung des Fremd⸗ lings begleitet wurde. Er ſchüttelte herausfordernd die Hand und ſchritt zu ſeinen Leuten zurück, um ſie auf's Neue zum Angriff zu führen. Ein Hagel von Pfeilen ging dem Sturme voran und Luis mußte ſeinen früheren Verſteck hinter dem Felſen wieder aufſuchen. Dieß war in der That auch der einzige Weg, Ozema's Leben zu retten, denn das aufopferungsvolle Mädchen beharrte entſchieden darauf, ſeinen Leib durch den ihrigen gegen die Waffen ſeiner Feinde zu ſchirmen. Caonabo hatte gegen den Caribenhäuptling, der ſich nach dem erſten Angriff zurückgezogen, Worte des Tadels fallen laſſen, und die Luft war noch von Pfeilen erfüllt, als dieſer Mann ganz allein vorwärts ſtürzte, um ſeinen Namen wieder zu Ehren zu bringen. Luis empfing ihn, feſt wie der Fels hinter ihm. Der 468 Angriff war ungeſtüm, und der Schlag, welcher auf den Schild fiel, würde einen Arm, der eine ſolche rauhe Begegnung weniger gewöhnt war, zerſchmettert haben; aber es glitt ſchief von dem Schilde ab und die Keule fuhr mit der Gewalt eines Rammblockes zur Erde. Unſer Held ſah, daß jetzt Alles von einem kräftigen Eindruck abhinge. Sein Schwert blitzte in der Sonne, und der Kopf des Cariben ſiel an der Seite der Keule nieder, indeß der Körper noch einen Augenblick ſtehen blieb— ſo ſcharf war die Waffe und ſo geſchickt der Hieb. Zwanzig Wilde waren zum Sprunge bereit, aber bei dieſem unerwarteten Anblick hielten ſie, wie feſtgebannt inne. Caonaba jedoch, ſelbſt in der höchſten Ueberraſchung furchtlos, brüllte ſeine Befehle wie ein wüthender Stier, und die wankende Menge war im Begriff, wieder vorzurücken, als ſich der laute Knall einer. Hakenbüchſe und das Ziſchen der tödtlichen Kugel vernehmen ließ. Ein zweiter Haytianer ſtürzte todt zuſammen. Dieß war zu viel für den Muth der Wilden, deren unwiſſendem Verſtande dieſer Schlag vom Himmel zu kommen ſchien. In zwei Minuten war Caonabo mit allen ſeinen Leuten verſchwunden. Als ſie bergab⸗ wärts ſtürzten, tauchte Sancho mit der Hakenbüchſe, die er zur Vorſicht auf's Neue geladen hatte, aus ſeinem Verſtecke auf. Die Umſtände geſtatteten keinen Verzug. Nirgends ließ ſich Jemand blicken, der zu Mattinaos Stamme gehörte, und Luis zweifelte nicht, daß Alles geflohen war. Mit dem Entſchluſſe, Ozema auf jede Gefahr hin zu retten, ſchlug er den Weg nach dem Fluſſe ein, um auf einem der Kähne zu entkommen. Als ſie durch das Dorf kamen, bemerkten ſie, daß auch nicht ein Haus ge⸗ plündert war, was die Spanier nicht wenig Wunder nahm, und Luis machte ſeine Gefährtin darauf aufmerkſam. „Caonabo— nein— nein— nein— Ozema!— Ozema!“ war die Antwort des Mädchens, welche den wahren Zweck des Ueberfalls wohl kannte. 469 Ein Dutzend Canoes lagen an dem Landungsplatze und fünf Minuten waren für die Flüchtlinge hinreichend, eines derſelben zu beſteigen und den Rückzug anzutreten. Der Strom floß dem Meere zu, und in wenigen Stunden befanden ſie ſich auf dem Ocean. Da der Wind beharrlich aus Oſten blies, fertigte Sancho eine Art Segel an, und eine Stunde vor Sonnenuntergang landeten ſie an einer Stelle, wo man ihrer von der Bai aus nicht anſichtig werden konnte; denn Luis erinnerte ſich der Einſchärfung des Ad⸗ mirals, ſeinen Ausflug geheim zu holten, damit nicht Andere eine aͤhnliche Gunſt anſprechen möͤchten. Vierundzwanzigſtes Kapitel. —— Von achtzig Jahren her beſinn' ich mich, Und in dem langen Zeitraum hab' ich Bittres Erlebt und Unglückſeliges erfahren. Doch dieſe Schreckensnacht hat all mein vorig Wiſſen Zum Kinderſpiel gemacht. Macbeth. Ein Anblick, der unſern Helden mit einem faſt eben ſo großen Schrecken und Entſetzen erfüllte, als die unwiſſenden Haytianer bei dem Knall und der Wirkung der Hakenbüchſe an den Tag gelegt hatten— wartete ſein, als er des Ankerplatzes anſichtig wurde. Die Santa Maria, das Schiff des Admirals, das er vor vier Tagen noch ſo ſtolz und trotzig verlaſſen hatte, lag mit umgeſtürzten Maſten, zerbrochenen Planken und allen übrigen Anzeichen des Schiffbruchs— ein geſtrandetes Wrack— auf dem Sande. Die Ninna befand ſich allerdings noch in einiger Entfernung wohlbehalten vor Anker, aber ein Gefühl von Einſamkeit und Verlaſſenheit be⸗ mächtigte ſich des jungen Mannes, als er auf dieſes kleine Fahr⸗ zeug blickte, welches wenig mehr als eine Felukke und nur für den Zweck dieſer Reiſe zum Rang eines Schiffes erhoben worden war. 470 An dem Geſtade lagen überall Vorräthe aller Art, und augen⸗ ſcheinlich arbeiteten die Spanier und die Leute Guacanagaris gemein⸗ ſchaftlich an der Erbauung einer Art von Fort— eine Andeutung, daß große Veränderungen vorgefallen waren. Ozema wurde als⸗ bald in die Wohnung eines Eingebornen gebracht, und beide Aben⸗ teurer beeilten ſich, mit ihren Freunden zuſammenzutreffen, um über das, was ſie geſehen hatten, Aufklärung zu erhalten. Columbus empfing ſeinen jungen Freund gütig, aber ſehr bekümmert. Die Art, wie das Schiff verloren ging, iſt oft erzählt worden, und Luis erfuhr, daß man eine Colonie in dem Fort zu⸗ rücklaſſen wolle, da die Ninna zu klein war, um die Geſammt⸗ mannſchaft nach Spanien zurückzuführen. Was nicht da zu bleiben beſtimmt war, ſollte unverzüglich den Heimweg antreten. Guacana⸗ gari hatte ſich ſehr theilnehmend und gütig erwieſen, während Jeder zu ſehr mit dem Schiffbruch beſchäftigt geweſen war, um unſeren Helden zu vermiſſen oder den Gerüchten Gehöͤr zu geben, die über ein ſo gewöhnliches Ereigniß, als das des Einfalls eines Cariben⸗ häuptlings, der eine indianiſche Schönheit entführen wollte— in Umlauf kamen. Vielleicht war auch dieſer Vorfall noch zu neu, um an dem Ufer bekannt zu ſeyn. Die Woche, welche Luis' Rückkehr folgte, wurde in größter Thätigkeit zugebracht. Die Santa Maria war am Chriſttags⸗ morgen 1492 geſcheitert und am vierten Januar des folgenden Jahrs war die Ninna bereit, ihre Rückreiſe anzutreten. Dieſe ganze Zeit über hatte Luis Ozema nur einmal geſehen und ſie bei dieſer Gelegenheit bekümmert, ſtumm und einer welkender Blume ähnlich gefunden, die ſelbſt bei dem Sinken des Kelches noch ihre Schönheit behält. Am Abend des dritten Januars jedoch wurde er, als er ſich in der Nähe des neuerbauten Fortes umtrieb, durch Sancho zu einem zweiten Beſuche aufgefordert. Zu ſeiner großen Ueberraſchung traf er den jungen Kaziken bei ſeiner Schweſter. Obgleich bei dieſer Gelegenheit die Sprache fehlte, ſo verſtanden 471 ſich doch beide Theile leicht. Ozema war nicht mehr bekümmert und von Sorge niedergedrückt, ſondern ihr leichtes Lächeln zeugte von Heiterkeit und Frohſinn, und Luis glaubte ſie nie ſo gewinnend und lieblich geſehen zu haben. Sie hatte ihre ſpärliche Toilette mit indianiſcher Gefallſucht geordnet, und das warme Colorit ihrer Wangen verlieh ihren leuchtenden Augen einen neuen Glanz. Ihre behende leichte Geſtalt, ein Vorbild ungekünſtelter Anmuth, war ſo ätheriſch, daß ſie kaum die Erde zu berühren ſchien. Das Ge⸗ heimniß dieſes plotzlichen Wechſels blieb Luis nicht lange verborgen. Der Bruder und die Schweſter hatten ſich gegenſeitig ihre Ge⸗ fahren und die Art ihres Entkommens mitgetheilt, und da ſie Caonabo's Character und Entſchloſſenheit kannten, ſo waren ſie zu der Ueberzeugung gekommen, daß Ozema nur in der Flucht Heil finden könne. Es wäre nutzlos, unterſuchen zu wollen, was den Bruder vorzugsweiſe beſtimmte, ſeiner Schweſter zu geſtatten, die Fremden auf der Reiſe nach dem fernen Spanien zu begleiten; Ozema's Gründe ſind aber dem Leſer kaum ein Geheimniß. Man wußte, daß der Admiral eine Anzahl Eingeborener an Iſabella's Hof zu bringen wünſchte, und drei Frauen, darunter eine von Ozema's Rang, hatten bereits eingewilligt, mitzugehen. Dieſe, die Frau eines Häuptlings, war nicht nur eine Bekannte, ſondern auch eine Verwandte unſerer indianiſchen Heldin. Alles ſchien dem Vor⸗ haben günſtig. Eine Reiſe nach Spanien war den Eingeborenen noch ein Geheimniß, da ſie dieſelbe nur wie eine etwas ausge⸗ dehnte Fahrt von einer ihrer Inſeln zur andern betrachteten, und ſo fanden weder der Kazike noch ſeine Schweſter iu dem Ausfluge etwas beſonders Abſchreckendes. Dieſer Vorſchlag überraſchte unſern Helden nicht wenig, ob⸗ gleich ihm Ozema's Hingebung ſchmeichelte und geſiel, ſelbſt während ſie ihn beunruhigte. Es gab vielleicht Augenblicke, in denen er ſich ſelbſt nicht ganz traute, aber noch immer herrſchte Mereedes in ſeinem Herzen, und er ſchüttelte dieſes Gefühl als 472 eine Verdächtigung von ſich, die ein treuer Ritter nicht aufkommen laſſen duͤrfe, ohne der eigenen Ehre zu nahe zu treten. Wie er weiter darüber nachdachte, fand er gegen den Entwurf weniger einzuwenden, als ihm anfangs vorgekommen war, und als man ſich während des Zeitraums von einer Stunde verſtändigt hatte, entfernte er ſich, um den Rath des Admirals einzuholen. Columbus war noch bei dem Fort und hörte das Vorbringen unſeres Helden mit Ernſt und Theilnahme an. Ein oder zweimal ließ Luis vor dem ſprühenden Blicke ſeines Vorgeſetzten das Auge ſinken; im Ganzen aber entledigte er ſich des unternommenen Ge⸗ ſchäftes mit allen Ehren. „Die Schweſter eines Kaziken, ſagſt Du, Don Luis?“ er⸗ wiederte der Admiral gedankenvoll.„Die jungfräuliche Schweſter eines Kaziken?“ „Nicht anders, Don Chriſtoval; und noch obendrein ein We⸗ ſen von einer Anmuth und Schönheit, die unſerer Gebieterin, der Königin, die herrlichſten Begriffe von dem Werthe unſerer Ent⸗ deckung beibringen müſſen.“ „Du wirſt Dich erinnern, Sennor Conde, daß der Reinen nur das Reine dargebracht werden darf. Donna Jſabella iſt das Vorbild aller Mütter und Gattinnen, und ich hoffe, daß nie etwas von ihren begünſtigten Dienern kommen wird, was ihren engel⸗ gleichen Sinn verletzen könnte. Man hat bei dieſem wilden Mädchen keine Täuſchung angewendet, um ſie in Sünde und Elend zu führen?“ „Don Chriſtoval, Ihr könnt kaum ſo etwas von mir denken! Donna Mercedes ſelbſt iſt nicht unſchuldiger, als dieſes Mädchen, und ſelbſt ihr Bruder kann für ihr Glück nicht beſorgter ſeyn, als ich. Wenn der König und die Königin nach befriedigter Neugier ſte entlaſſen werden, ſo habe ich im Sinne, ſie unter die Obhut der Dame von Valverde zu ſtellen.“ „Je vorzüglicher die Leute ſind, welche wir mitnehmen, deſto beſſer iſt's, Luis. Es wird, wie Du ſagſt, den Herrſchern Freude machen 473 und ſie veranlaſſen, günſtig von unſern Entdeckungen zu denken. Auch ſinde ich nichts Unpaſſendes dabei. Die Ninna iſt zwar klein, aber wir gewinnen Raum, da Viele hier zurückbleiben. Ich habe die Hauptkajüte den übrigen Frauen überlaſſen, denn Du und ich, wir Beide können uns ſchon einige Wochen behelfen. Laß daher das Mädchen kommen und ſorge für ihre Bequemlichkeit.“ Somit war die Sache bereinigt. Ozema wurde am andern Morgen früh mit den einfachen Schätzen einer indianiſchen Prinzeſſin eingeſchifft, unter denen auch der Turban ſorgfältig aufbewahrt war. Ihre Verwandte hatte eine Dienerin, welche für Beide zu⸗ reichte. Luis trug mit großer Aufmerkſamkeit Sorge, daß ihr der bequemſte und abgeſchloſſenſte Raum auf dem Schiffe angewieſen wurde. Der Abſchied von Mattinao war zärtlich und rührend, denn man ſchien unter dieſem einfachen und edlen Volke die Fa⸗ milienanhänglichkeit ſehr theuer zu halten; Alle betrachteten aber die Trennung nur als eine kurze und Ozema hatte ihrem Bruder wieder und wieder verſichert, daß ſie ihren Widerwillen gegen Caonabo, ſo mächtig er auch als Kazike ſeyn möge, nicht überwin⸗ den könne und daß ihr Entſchluß, nie ſein Weib zu werden, ſich mit jeder Stunde mehr bekräftige. Sie hatte alſo nur die Wahl, ſich auf der Inſel zu verbergen, oder dieſe Reiſe nach Spanien mit⸗ zumachen, von denen die letztere als das Ruhmvollere und Sicherere erſchien. Mit dieſem Troſte trennten ſich Bruder und Schweſter. Columbus hatte beabſichtigt, ehe er nach Europa zurückkehrte, ſeine Entdeckungen noch weiter auszudehnen; aber der Verluſt der Santa Maria und Alonzo's Treuloſigkeit zwangen ihn, das Unter⸗ nehmen zu Ende zu bringen, damit nicht durch irgend einen widrigen Zufall das bisher Gewonnene der Welt für immer verloren ginge. Er trat daher am 4. Januar 1493 ſeine Fahrt nach Oſten an, wobei er den Curs längs der Ufer von Hayti hin hielt. Er wollte nach Spanien zurückkehren, ehe die kleine Barke, welche ihm noch übrig war, den Dienſt verſagte, in welchem Falle ſein Name wie 4714 ſeine Entdeckungen für immer verloren gehen mußten. Glück⸗ licherweiſe ſah man jedoch am ſechsten die Pinta vor dem Winde herabkommen; denn Martin Alonzo Pinzon hatte einen der Zwecke, um derenwillen er ſeinen Gefäͤhrten untreu geworden, erreicht— er hatte ſich nämlich eine ziemliche Maſſe Goldes verſchafft, obgleich es ihm nicht gelungen war, ganze Minen, auf die er es wohl be⸗ ſonders abgehoben, aufzufinden. Die Einzelnheiten des nun folgenden Zuſammentreffens berühren unſere Erzählung wenig. Columbus empfing den treuloſen Pinzon mit kluger Zurückhaltung, hörte ſeine Entſchuldigungen an und be⸗ fahl ihm, Vorbereitungen zur Rückreiſe zu treffen. Als er Holz und Waſſer in einer zu dieſem Zwecke günſtig gelegenen Bai eingenommen hatte, ſteuerten die Schiffe gemeinſchaftlich oſtwärts, wobei ſie ſtets noch dem nördlichen Ufer Hayti's Espannola's oder Klein⸗Spaniens— wie Columbus dieſe Inſel genannt hatte— folgten.* Erſt am 16. Januar ſchieden unſere Reiſenden ganz von dieſer lieblichen Inſel. Sie hatten kaum das Land außer Sicht, wobei ſie einem nordöſtlichen Curſe folgten, als ſie von den günſtigen * Das Schickſal dieſer ſchönen Inſel liefert einen merkwürdigen Beweis, wie die Vorſehung Verſchuldungen durch ihre Folgen ſtraft. Hayti iſt unge⸗ fähr um ein Drittel kleiner, als der Staat New⸗York und war viele Jahre der Sitz der ſpaniſchen Macht in der neuen Welt. Die ſanften Ureingebornen waren zur Zeit von Columbus Entdeckung zahlreich und glücklich und wurden durch die Grauſamkeit ihrer neuen Herren im eigent⸗ lichſten Sinne vernichtet. Man fand dann für nöthig, Neger aus Afrika einzuführen, um die Zucker⸗Pflanzungen zu bearbeiten. In der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts ſollen ſich kaum noch zweihundert Eingeborne auf der Inſel befunden haben, obgleich Ovando erſt um das Jahr 1513 von den Bahamas her nicht weniger als 40000 nach derſelben geködert hatte, um die Stelle der Geſtorbenen einzunehmen. Später kam Espan⸗ nola in die Hände der Franzoſen, und jeder lennt die ſchrecklichen Ereig⸗ niſſe, durch welche die Inſel in den ausſchließlichen Beſitz von Abkömmlingen der Kinder Afrika's überging. Was man auch von dem vortheilhaften Einfluß, welchen die Weißen auf die Indianer üben, ſagen mag— ver⸗ glichen mit ſolchen furchtbaren Thatſachen, fällt er in ein Nichts zuſammen. 475 Winden verlaſſen wurden und wieder mit den Paſſatwinden zuſammen⸗ trafen. Das Wetter war indeß gemäßigt und da der Admiral, ungeachtet einiger Abweichungen von dem geraden Curſe, mit ſeinen beiden Fahrzeugen den beſten Gang einhielt, ſo hatte er endlich am 10. Februar jene Strecke des Oceans durchſchnitten, in welcher dieſe beſtändigen Kühlten vorwalten, und die Breitenparallele von Palos und ſeinem Hafen erreicht. Während dieſer langen Querfahrt wurde die Ninna ganz im Gegenſatz von früheren Erfahrungen häufig durch den trägen Lauf der Pinta aufgehalten, da der Hintermaſt des letzteren Schiffes geſprungen und daher nicht im Stande war, einen ſtarken Segeldruck auszuhalten. Die Ninna wurde außerdem noch durch die leichten Winde begünſtigt, wie ſie denn auch ſtets bei glattem Waſſer und ſanften Kühlten für eine raſche Seglerin galt. Die meiſten Erſcheinungen, welche auf der Herfahrt bemerkt worden waren, zeigten ſich auch wieder bei der Heimkehr; aber der Thunſiſch erregte keine Hoffnungen mehr, ebenſowenig als das See⸗ gras Furcht hervorrief. Man kam an dieſen bekannten Gegenſtänden zwar langſam, aber glücklich vorüber, und in den erſten vierzehn Tagen wurden die veränderlichen Winde erfolgreich bekämpft. Jetzt aber wurden die Koppeleurſe immer mehr und mehr verwickelt, bis die Piloten, welche an eine ſo lange und ſchwierige Seefahrt, bei welcher ſie weder vom Lande noch vom Waſſer aus Beiſtand einholen konnten, nicht gewöhnt waren, in ihren Rechnungen irre wurden und hinſichtlich ihrer wahren Lage unter ſich ſelbſt in einen hitzigen Streit geriethen. „Du biſt heute Zeuge des Wortwechſels geweſen, Luis,“ ſagte der Admiral bei Gelegenheit einer ſeiner wieder aufgenommenen Beſprechungen mit unſerem Helden—„den Vicente Yannez mit ſeinem Bruder Martin Alonzo und den anderen Piloten über unſere Ent⸗ fernung von Spanien geführt hat. Dieſes beſtändige Umſchlagen des Windes hat die ehrlichen Seeleute verwirrt, und ſie rathen an allen Theilen des atlantiſchen Meeres herum, ohne auf den zu kommen, wo ſie ſich wirklich befinden.“ „Ihr habt eine wichtige Aufgabe, Sennor, da nicht nur unſere Sicherheit, ſondern auch das Bekanntwerden unſerer großen Ent⸗ deckungen auf Euch ruht.“ „Du haſt Recht, Don Luis. Vincente Yannez, Sancho Ruiz, Pedro Alonzo Ninno und Bartolomeo Roldan, der gründlichen Rechner auf der Pinta gar nicht zu gedenken, verſetzen die Schiffe in die Nachbarſchaft von Madeira, was Spanien an hundert und fünfzig Stunden näher liegt, als die Zukunft von unſerer wahren Stellung ausweiſen wird. Dieſe ehrlichen Leute haben eher ihre Wünſche als die Kenntniß des Meeres und des Himmels zur Grund⸗ lage ihrer Berechnungen gemacht.“ „Und wo befinden ſich nach Eurer Anſicht die Caravelen, Don Chriſtoval?— denn es iſt wohl kein Grund vorhanden, mir die Wahrheit zu verhehlen.“ „Wir ſind ſüdlich von Flores, junger Graf, volle zwölf Grade weſtlich von den canariſchen Inſeln und unter gleicher Breite mit Nafé in Afrika. Es iſt mir übrigens nicht unlieb, daß ſie nicht wiſſen, wie ſie daran ſind, bis wir uns die Anſprüche unſerer Entdeckungen vollkommen geſichert haben. Keiner von dieſen Menſchen zweifelt jetzt an ſeiner Fähigkeit, Alles, was ich gethan, ſelbſt leiſten zu können, und doch ſind ſie nicht einmal im Stande, den Rückweg zu finden, nachdem wir das aſiatiſche Meer hinter uns haben.“ „Luis verſtand den Admiral, und da der enge Raum der Fahr⸗ zeuge für die Mittheilung von Geheimniſſen nicht beſonders günſtig war, ſo wechſelte die Unterhaltung. Bis zu dieſer Zeit war, das öftere Umſpringen der Winde ab⸗ gerechnet, das Wetter günſtig geweſen. Wie gewöhnlich zur See, hatten einige Böen ſtattgefunden, die ſich jedoch weder andauernd noch heftig erwieſen. Columbus war über all dieſes hoch erfreut, denn da die große Aufgabe, für welche er ſo zu ſagen ausſchließlich lebte, gelöſt war, ſo fühlte er nur noch die Beſorgniß, das wichtige Geheimniß moͤchte für die übrige Menſchheit verloren gehen, und 477 befand ſich daher ziemlich in der Lage eines Mannes, dem koſt⸗ bare Gegenſtände anvertraut ſind, und der ſie nun über Schauplätze der Gefahr zu bringen beauftragt iſt. Es ſollte jedoch anders kommen, und gerade, als ſich der große Seefahrer den ſchönſten Hoffnungen hinzugeben begann, traf ihn das Loos, die ſchwerſte aller Prüfungen zu erfahren. Je mehr die Fahrzeuge nach Norden vordrangen, deſto kälter wurde natürlich auch das Wetter und deſto ſtärker die Winde. In der Nacht des eilften Februars legten die Caravelen eine bedeutende Strecke zurück, indem ſie mehr als hundert Meilen zwiſchen dem Niedergang und dem Aufgang der Sonne abliefen. Am nächſten Morgen bekamen ſie Vögel zu Geſichte, woraus Columbus vermuthete, daß ſie ſich in der Nähe der Azoren befänden, während die Piloten von einer unmittelbaren Nachbarſchaft Madeira's träumten. Am folgenden Tag wurde der Wind ſtärker, aber weniger günſtig, und die See ging ungemein hoch. Die Eigenſchaften der kleinen Ninna zeigten ſich bei dieſer Gelegenheit von einer ſehr vortheilhaften Seite, da ſie bis zum Mittag mit einem Ungeſtüm der Elemente zu kämpfen hatte, wie Wenige auf ihr vorher je geſehen haben mochten. Zum Glück waren alle Vorkehrungen, welche einer vollendeten Seemannskunſt zu Gebote ſtanden, zu ihrer Sicherung getroffen worden, ſo daß ſie, ſo gut es die Umſtände geſtatteten, für einen Sturm vorbereitet war. Der einzige, weſentliche Mangel beſtand in ihrer ungemeinen Leichtigkeit, denn ihre Vorräthe an Lebensmitteln und Waſſer waren faſt erſchöpft und ihre Waſſerdracht bedeutend geringer, als ſie ſeyn ſollte. Die Caravele war ſo klein, daß dieſer Umſtand, der bei einem großen Schiffe nicht viel zu beſagen hat, recht wohl bei einem Fahrzeuge in Betracht kam, dem keine ſonderlichen Mittel zu Gebote ſtanden, den Gefahren der Böͤen zu begegnen. Der Unterſchied wird dem Leſer einleuchtender werden, wenn er erfährt, daß ein großes Fahrzeug durch plötzliche Windſtöße nur ſeine Spieren verlieren kann, und ſelten anders, als durch die Gewalt der Wellen auf ſeine Deckbalkenenden, wie man es nennt, geworfen wird; indeß kleinere Schiffe Gefahr laufen, umzuſchlagen, wenn die Menge ihrer Segel nicht im Verhältniſſe zu ihrer Schwere ſteht. Obgleich den Seeleuten der Ninna dieſer Mangel ihrer Caravele, der gro⸗ ßentheils in dem aufgebrauchten Süßwaſſer ſeinen Grund hatte, nicht entging, ſo hofften ſie doch bald genug einen Hafen zu ge⸗ winnen, um Maßregeln gegen dieſen Uebelſtand für nöthig zu halten. Dieß war der Stand der Dinge, als die Sonne am Abende des zwölften Februars 1493 niederging. Columbus befand ſich, wie gewöhnlich, auf dem Hüttendecke: denn Schiffe jeder Größe hatten damals dieſe unförmlichen Auswüchſe, obgleich jenes der Ninna ſo klein war, daß es kaum dieſen Namen verdiente. Luis ſtand ihm zur Seite und Beide beobachteten das Treiben am Him⸗ mel und auf dem Meere mit ernſtem Schweigen. Unſer Held hatte nie vorher die Elemente in ſo gewaltiger Aufregung geſehen und der Admiral geſtand ſelbſt zu, daß ihm ſelten eine ſo bedrohliche Nacht vorgekommen ſey. Ein Sonnenuntergang zur See, wenn die Wolken ſich unheilverkündend aufhäufen und ſturmbrütende Vorzeichen den Himmel umziehen, hat etwas Feierliches, von dem man ſich auf dem Lande keinen Begriff macht. Die Einſamkeit eines Schiffes, welches ſich durch eine Wüſte düſter ausſehenden Waſſers kämpft, verleiht dem geweckten Gefühle noch mehr Nach⸗ druck, da erſteres als der einzige Gegenſtand erſcheint, den der Sturm mit ſeiner ganzen wilden Macht bedroht. Alles Andere ſcheint mit dem allgemeinen Kampfe in Verbindung zu treten, in⸗ dem das Meer, der Himmel und die Luft nur Züge des düſte⸗ ren Gemäldes bilden. Zählen wir zu allem dieſem noch das winterliche Zürnen des Februars, ſo haben wir die Scene in ihren dunkelſten Tinten. „Dieß iſt ein unheilbrütender Abend, Don Luis,“ bemerkte Columbus, als eben die letzten Strahlen, welche die Sonne gegen die Sturm verkündenden Wolken entſandte, von deren maſſigen 479 Umriſſen entſchwanden;„ich habe ſelten einen anderen, ſo bedroh⸗ lich, erlebt.“ „Man hat ein doppeltes Vertrauen zu der Obhut Gottes, wenn man unter Eurer Führung ſegelt, Sennor— das einemal zu Seiner Güte, und das anderemal zu der anerkannten Geſchick⸗ lichkeit Seines Werkzeugs.“ „Die Allmacht des Allerhöchſten iſt hinreichend, den ſchwäch⸗ ſten Sterblichen mit aller möglichen Geſchicklichkeit auszuſtatten, wenn Er ſchonen will, oder aber die Kunſt des Erfahrenſten zu nichte zu machen, wenn Sein Zorn nur durch die zeitliche Vernichtung ſeiner Geſchöpfe beſchwichtigt werden kann.“ „Ihr ſeht einer verhängnißvollen Nacht entgegen, Don Chriſtoval?“ „Ich habe ſelten ſo ſchlimme Vorzeichen geſehen. Hätte die Caravele nicht eine ſo bedeutende Fracht, ſo würde mich unſere Lage weniger bekümmert machen.“ „Ihr überraſcht mich, Don Almirante!— Die Piloten bedauern, daß unſer Fahrzeug ſo leicht ſey.“ „Was die Materielle anbelangt, allerdings; aber es trägt eine Fracht des Wiſſens, Luis, die ich nur mit kummervollem Her⸗ zen auf dieſen öden Waſſern zu Grunde gehen ſehen kann. Bemerkſt Du nicht, wie dicht und finſter ſich der Mantel der Nacht um uns zieht und wie ſchnell die Ninna unſere ganze Welt ſeyn wird? Selbſt die Pinta läßt ſich kaum noch als ein formloſer Schatten auf den ſchäumenden Wogen unterſcheiden und dient uns nicht als eine Gefährtin, deren Gegenwart uns erfreuen kann, ſondern eher als ein Leuchtthurm, um uns unſere troſtloſe Lage anzuzeigen.“ „Ich habe Euch nie vorher wegen der Beſchaffenheit des Wetters ſo düſter geſehen, edler Sennor!“ „Es iſt auch ſonſt nicht meine Weiſe, junger Herr; aber mein Herz iſt mit einem glorreichen Geheimniß belaſtet.— Blicke auf! — Bemerkſt Du dieſes weitere Abzeichen des Kampfes der Elemente?“ 480 Während der Admiral ſo ſprach, ſtand er mit dem Geſichte nach Spanien gekehrt, während der Blick ſeines Gefährten auf den unheildrohenden weſtlichen Horizont geheftet war, an welchem noch ſo viel Licht weilte, um das duſtere Grollen ſichtbar werden zu laſſen. Er hatte die Veränderung, auf welche Columbus hin⸗ deutete, nicht beachtet, weßhalb er ſich raſch umwandte, um ſich eine Erklärung zu erbitten. Ungeachtet der Jahreszeit war der nordöſtliche Kimm durch einen plötzlichen Blitzſtrahl erleuchtet wor⸗ den, und während der Admiral dieſen Umſtand mittheilte und zu⸗ gleich auf die Himmelsgegend hindeutete, in welcher das Phänomen erſchienen war— zuckten zwei weitere Blitze in raſcher Folge auf. „Sennor Vicente!“ rief Columbus, indem er ſich vorwärts beugte, um die Gruppe düſterer Geſtalten, die auf dem Halbdecke unter ihm verſammelt waren, uͤberſehen zu können.„Iſt Sennor Vicente Yannez unter Euch?“ „Ich bin hier, Don Chriſtoval, und beachte die Vorgänge. Wir werden noch ſtärkeren Wind bekommen.“ „Es ſteht uns ein Sturm bevor, würdiger Vicente; und er wird aus dieſer Himmelsgegend oder aus der entgegengeſetzten kommen. Iſt die Caravele in den Stand geſetzt, ihm zu begegnen?“ „Ich wüßte nicht, was ſich noch weiter thun ließe, Sennor Almirante. Unſere Leinwand iſt möglichſt niedrig, alles iſt gut geſorrt, und wir fuͤhren ſo wenig über Deck, als nur immer thun⸗ lich iſt. Sancho Ruiz! ſieh nach den Preſenningen, damit wir nicht zuviel Waſſer über Bord kriegen.“ „Hängt auch Laternen aus, daß die Pinta ſich nicht in der Dunkelheit von uns verliert. Dies iſt keine Zeit zum Schlafen, Vicente; ſtellt Eure zuverläſſigſten Leute an das Steuer.“ „Sennor, ſie ſind mit großer Sorgfalt ausgewählt worden. Sancho Mundo und der junge Pepe von Moguer thun gegenwär⸗ tig den Dienſt, und andere nicht minder geſchickte Männer werden ſie ablöfen, wenn ihre Wache zu Ende iſt.“ —,— 481 „Recht ſo, braver Pinzon. Weder Ihr noch ich werden dieſe Nacht ein Auge ſchließen.“ Columbus' Vorſichtsmaaßregeln waren nicht zwecklos. Etwa eine Stunde nach jenem unnatürlichen Aufzucken von Blitzen erhob ſich ein Südweſtwind, der zwar der Richtung nach günſtig war, aber mit furchtbarer Gewalt einherbrauste. Ungeachtet des lebhaften Wunſches, einen Hafen zu erreichen, fand es der Admiral doch für räthlich, das einzige Segel, welches noch flatterte, einnehmen zu laſſen, und die beiden Caravelen trieben iden größten Theil der Nacht vor Top und Takel gegen Nordoſt in dem Winde. Wir ſagen beide, denn Martin Alonzo, ſo gut er auch mit einer ſtürmiſchen See vertraut war und ſo gerne er ganz unabhängig gehandelt hätte, hielt jetzt, da die große Aufgabe gelöst war, die Pinta der Ninna ſo nahe, daß ſelten eine Minute verging, ohne daß man ſie auf der Spitze einer ſchäumenden Welle reiten oder in die hoh⸗ len Furchen ſtürzen ſah, als ſie ſo Hals über Kopf vor dem Sturme hinflog; demungeachtet blieb ſie Seite an Seite bei ihrer Gefähr⸗ tin, wie in Augenblicken der Rathloſigeit und der Gefahr der Menſch ſich feſt an den Menſchen anſchließt. So verging die Nacht des Dreizehenten und der Tag ließ das ganze Gemälde nur lebhafter überſchauen, obgleich man glaubte, die Gewalt des Windes habe mit dem Aufgange der Sonne etwas nachgelaſſen. Vielleicht exiſtirte dieſer Wechſel nur in der Einbil⸗ dungskraft der Matroſen, da Gefahren im Tageslichte immer geringer erſcheinen, weil es die Menſchen eher in den Stand ſetzt, ihnen die Spitze zu bieten. Jede Caravele ſetzte deshalb etwas Leinwand aus und ſo ſchoſſen ſie ſchäumend vorwärts, mit ihren unvorher⸗ geſehenen Nachrichten Spanien zueilend. Bei dem Weiterſchreiten des Tages ließ die Wuth des Windes merklich nach; aber mit Einbruch der Nacht kehrte er mit erneuerter Gewalt zuruck, wurde widriger, und zwang die Abenteurer, jeden Fetzen Segel, den ſie beizuſetzen gewagt hatten, zu ſtreichen. Dieß war aber noch nicht Donna Mercedes. 2te Aufl. 31 482 das Schlimmſte. Die Caravelen hatten inzwiſchen einen Theil des Meeres erreicht, wo eine ſchwere Kreuzſee wüthete— die Wir⸗ kung irgend eines zweiten Sturmes, welcher kürzlich aus einer anderen Richtung her getobt hatte. Beide Caravelen kämpften mannhaft, um unter ſo widrigen Umſtänden ihren Curs beizube⸗ halten; aber ſie begannen in einer Weiſe zu arbeiten, die die Un⸗ ruhe Derjenigen erregte, welche die ganze Kraft der Maſchinen zu würdigen verſtanden und wußten, woher die wahre Urſache der Gefahr abzuleiten war. Als die Nacht anbrach, bemerkte Colum⸗ bus, daß die Pinta ihren Grund nicht halten konnte, denn der Druck auf ihren Hintermaſt war zu groß, um ertragen werden zu können, trotz dem, daß auch nicht ein Zoll Segel flatterte. Er gab daher nicht ohne großen Widerwillen Befehl, daß die Ninna auf ihre Gefährtin abhalten ſollte, da in einem ſolchen Augen⸗ blicke, den wirklichen Untergang ausgenommen, eine Trennung als das größte Uebel erſcheinen mußte. So umhüllte die Nacht des Vierzehnten unſere einſamen, ſee⸗ umſchloſſenen Wanderer, und was in der vorangehenden Nacht nur drohte, wurde jetzt zur ſchrecklichen Wirklichkeit. Columbus ſelbſt erklärte, er habe nie ein Fahrzeug in einem fürchterlicheren Sturme umhertreiben ſehen, wie er denn auch keineswegs den ganzen Um⸗ fang ſeiner Beſorgniſſe geheim hielt. Gegen die Piloten und die Mannſchaft zeigte er ſich ruhig und ſogar heiter; aber wenn er mit unſerem Helden allein war, ſprach er offen ſeine Unruhe aus. Demungeachtet blieb der gefeierte Seefahrer immer gelaſſen und feſt und keine unmännliche Klage entglitt ſeinen Lippen, obgleich ſeine Seele unter dem Gedanken faſt erlag, daß ſeine großen Ent⸗ deckungen für immer verloren gehen könnten. Dieß war die Stimmung des Admirals, als er in den erſten Stunden dieſer ſchreckenvollen Nacht in ſeiner engen Cajüte ſaß und des Ausgangs der Dinge harrte, mochten ſie nun tröſtlich oder unheilvoll ſeyn. Das Heulen des Windes, der die Schaum⸗ und 483 Wogengüſſe des wüthenden Meeres in Masſſe gen Himmel ſchleuderte, war in dem Toben der Waſſer kaunn zu vernehmen. Hin und wieder, wenn die Caravele in dem hol /len Raume zweier ungeheuren Wellen hülflos niederſank, vernahm man allerdings den Schlag des noch ausgeſetzten Segelfetzens und die Luft ſchien ſtill und ruhig; wenn aber die ſchwimmende Maſchine ſich, einem Ertrinkenden gleich, der mit den letzten erſt erbenden Kraͤften nach oben arbeitet, wieder in die Höhe kämpfte, ſo ſchien es, als ob die Luftſchichte im Sinne habe, ſie leicht, wie treibenden Schaum, vor ſich hinzujagen. Selbſt der furchtloſe Luis fühlte das Bedenkliche ihrer Lage, und die gewöhnliche Schwungkraft ſeines Geiſtes wich einem gedanken⸗ vollen Ernſte, der ſich ſelten an ihm gewahren ließ. Wäre eine geſchloſſene Reihe von tauſend feindlichen Mauren vor unſerem Helden geſtanden, ſo hätte er wohl eher an Mittel gedacht, ſte zu durchbrechen, als ſich zu flüchten; aber was ließ ſich gegen die empörten Elemente beginnen? In der That, man hätte eben ſo gut gegen den Allmächtigen ankämpfen können. Unter ſolchen Scenen bietet kein Muth, keine Unerſchrockenheit Hülfe, denn was iſt Menſchenkraft gegenüber dem Willen und der gewaltigen Hand Gottes?. „Das iſt eine wilde Nacht, Sennor,“ bemerkte unſer Held, deſſen Aeußeres nichts von der Beklommenheit ſeiner Seele zeigte, ruhig.„Sie übertrifft Alles, was ich je von der Wuth des Sturmes geſehen habe.“ Columbus ſeufzte tief auf, dann entfernte er die Hand von ſeinem Geſichte und blickte umher, als ob er etwas ſuche. „Graf von Llera,“ antwortete er mit Würde,„wir haben noch eine feierliche Pflicht zu verrichten. In der Schublade jenes Tiſches an Eurer Seite iſt Pergament, und hier haben wir Schreibmate⸗ rialien. Wir wollen uns dieſer wichtigen Aufgabe entledigen, ſo lange uns noch Friſt geſtattet iſt, denn Gott allein weiß, wie lange wir noch zu leben haben.“ Luis erbleichte nicht bei dieſen inhaltsſchweren Worten, aber 484 ſeine Züge wurden ernſt und düſter. Er öffnete den Schieber, nahm das Pergament heraus und legte es auf den Tiſch. Der Admiral ergriff nun eine Feder, winkte ſeinem Gefährten ein Gleiches zu thun, und Beide begannen zu ſchreiben, ſo gut es bei der unabläſſigen Bewegung der leichten Caravele gehen wollte. Das Geſchäft war ſchwierig, aber man kam damit zu Stande. Columbus ſprach jede Stelle, welche er aufzeichnete, laut, und Luis ſchrieb ſie, Wort für Wort, auf ſeinem eigenen Pergamente nieder. Das Weſentliche dieſes Berichts war die Angabe der gemachten Entdeckungen, der Länge und Breite von Espannola, nebſt den beziehungsweiſen Lagen der übrigen Inſeln, und eine kurze Schil⸗ derung deſſen, was man geſehen hatte. Das Schreiben wurde an Ferdinand und Iſabella adreſſirt. Als ſie damit fertig waren, umgab der Admiral ſein Blatt mit einer Wachstuchhülle und Luis that das Gleiche. Dann nahm jeder einen großen Wachsklumpen, höhlte denſelben aus, und barg das Päͤckchen ſorgfältig in deſſen Innerem, worauf man die Oeffnung mit dem herausgegrabenen Wachſe verſchloß. Columbus ließ nun den Schiffsküper herbeirufen und befahl ihm, jeden dieſer Klumpen in eine beſondere Tonne ein⸗ zuſchließen. An derartigen Gefäſſen wimmelt es auf Schiffen, und in wenigen Minuten waren die beiden Briefe in den leeren Tonnen verwahrt. Jeder nahm nun eine derſelben zu Handen, und jetzt zeigte ſich der Admiral und unſer Held wieder auf dem Halbdecke. Die Nacht war ſo ſchrecklich, daß Niemand zu ſchlafen wagte, und die Mannſchaft der Ninna, Matroſen ſowohl als Officiere, hatte ſich großentheils auf dem Röſterwerk in der Nähe des Hauptmaſtes verſammelt, wo ſtie ſich— die privilegirten Plätze ausgenommen — am meiſten gegen die Gefahr, über Bord geſchwemmt zu werden, geſichert hielten. Aber auch hier wurden ſte beſtändig von den über⸗ ſtürzenden Wellen bedeckt, denn ſelbſt das Hüttendeck blieb nicht von derartigen rohen Beſuchen verſchont. Sobald man des Admirals wieder anſichtig wurde, drängte —— 8 v 485 ſich Alles um ihn, um ſeine Meinung zu hören und zu erfahren, was er jetzt im Schilde führe. Hätte Columbus ihnen die Wahr⸗ heit geſagt, ſo würde er, da die Hoffnung bereits faſt erloſchen war, nur Verzweiflung erregt haben, weshalb er ihnen blos mittheilte, daß er ein religiöſes Gelübde erfülle, und dann mit eigenen Händen ſein Faß in den ziſchenden Ocean warf. Luis ſtellte das ſeinige auf das Hüttendeck, von wo aus es von den Wellen weggeſpült werden mußte, wenn die Caravele ſank. Drei und ein halbes Jahrhundert ſind entſchwunden, ſeit Columbus zu dieſer weiſen Maßregel ſeine Zuflucht nahm, und nie hat man eine Nachricht von dem Schickſale dieſes Faſſes erhalten. So, wie es war, konnte es wohl Jahrhunderte umherſchwimmen, und vielleicht treibt es gegenwärtig noch mit ſeinen wichtigen Ent⸗ hüllungen, von Muſcheln bedeckt, auf der Oede der Waſſer umher. Möglich, daß es zu wiederholten Malen auf irgend ein ſandiges Geſtade rollte und ebenſo oft wieder weggeſchwemmt wurde, und vielleicht ſind Schiffe bei tauſend Gelegenheiten daran vorbeige⸗ kommen, ohne ſeiner zu achten, indem man es wohl mit ähnlichen Gegenſtänden, die man ſo oft auf dem Meere umhertreiben ſieht, verwechſelte. Fand man es, ſo mußte es geöffnet werden, und wäre es einem civilifirten Menſchen in die Hände gefallen, ſo hätte ein ſo wichtiges Ereigniß unmöglich ganz unbekannt bleiben können. Nach Vollziehung dieſer Pflicht nahm ſich der Admiral Muße, umherzuſchauen. Das Dunkel war jetzt ſo groß, daß ohne das wenige Licht, welches die empörten Wellen entſandten, es ſchwer ge⸗ weſen ſeyn würde, Gegenſtände auf die Länge der Caravele zu unterſcheiden. Wer nur auf großen Schiffen zur See war, kann ſich unmöglich einen richtigen Begriff von der Lage der Ninna machen. Dieſes Fahrzeug, kaum etwas mehr als eine große Felukke, war von Spanien unter der bei den leichten Küſtenfahrern des füdlichen Europas üblichen lateiniſchen Takelage ausgeſegelt, die man erſt auf den canariſchen Inſeln zu ändern für gut fand. Wenn 486 es in einer Bucht oder in einem Fluſſe ſchwamm, mochte es kaum vier oder fünf Fuß über dem Waſſer gehen, und jetzt, da es mit einem Sturme und einer Kreuzſee kämpfte— noch obendrein in einem Theile des atlantiſchen Meeres, wo die Winde am weiteſten ausholen konnten und der Tumult der Wogen am groͤßten war— ſchien es blos ein Waſſerthier zu ſeyn, das ſich hin und wieder zur Oberfläche erhebt, um Athem zu holen. Es gab Augenblicke, wo man glaubte, die Caravele müſſe unmittelbar in den Abgrund des Oceans verſinken; ungeheure ſchwarze Waſſermaſſen thürmten ſich in allen Richtungen um ſie auf, da das Wogenchaos alles gewöhn⸗ liche Ebenmaß der fluthenden Wellen vernichtet hatte. So viel man auch bildlich von berghohen Wellen ſprechen mag, ſo tritt es doch der Wahrheit um kein Haar zu nahe, wenn wir ſagen, daß die Raaen der Ninna oft unter den Spitzen der nahen Wogen ſtanden, die mit einem ſolchen Ungeſtüm in die Höhe geworfen wurden, daß man jeden Augenblick befürchten mußte, es ſtürze ſich ein Waſſerfall auf das Röſterwerk nieder, da ein Mitiſchiffdeck im eigentlichen Sinne nicht vorhanden war. Von dieſer Seite aus drohte allerdings die größte Gefahr, denn ſobald eine Welle das kleine Schiff fuͤllte, ſo mußte es mit ſeinem ganzen Inhalt hoff⸗ nungslos in den Grund finken. Kurz, die Wogenkämme ſtürzten ohne Unterlaß bordeinwärts oder ſchoßen über den Rumpf der Caravele in Güſſen glänzenden Schaums, obgleich ſie glücklicherweiſe nicht hinreichend Kraft beſaßen, um die ſchwimmende Maſchine zu überwältigen. In ſolchen gefährlichen Augenblicken hing die Sicher⸗ heit des Fahrzeuges nur von den gebrechlichen Preſenningen ab. Hätten dieſe leichten Bedeckungen nachgegeben, ſo würden die nächſten zwei oder drei Wellen unfehlbar den Raum ſo weit mit Waſſer gefüllt haben, daß es unvermeidlich hätte zu Grunde gehen müſſen. Der Admiral hatte Vicente Yannez befohlen, das Fockſegel dicht zu reffen, in der Hoffnung, die Caravele durch dieſes Waſſerchaos zu einer Stelle des Meeres zu bringen, wo die Wellen regelmäßiger v 487 abliefen. Auch war auf die allgemeine Richtung der Wellen, ſo weit von einer ſolchen überhaupt die Rede ſeyn konnte, Rückſicht genommen worden, und die Ninna hatte ſich ſeit dem Einbruch der Nacht um etwa fünf oder ſechs Stunden vorwaͤrts gekämpft, oder vielmehr— vorwärts geſchleppt, ohne auf eine Veränderung zu treffen. Es war nahezu Mitternacht, und noch zeigte die Oberfläche des Meeres dieſelbe wilde chaotiſche Verwirrung. Vicente Nannez näherte ſich nun dem Admiral und erklärte, daß das Fahrzeug den Fetzen Segel, welchen es noch führte, nicht mehr länger tragen könne. „Die Gewalt, mit der uns die See in die Höhe wirft, zer⸗ trümmert beinahe das Fahrzeug,“ ſagte er,„und der Rückſturz in die hohlen Wellenräume i*ſt faſt eben ſo bedrohlich. Es kann ſchlimm ausfallen, wenn wir die Leinwand nicht ſtreichen.“ „Wer hat in der letzten Stunde etwas von Martin Alonzo geſehen?“ fragte Columbus mit einem beſorgten Blicke in die Richtung, wo ſich die Pinta befinden ſollte.„Du haſt die Laterne heruntergenommen, Vicente Yannez?“ „Sie konnte ſich gegen den Sturm nicht mehr halten. Wir haben ſie von Zeit zu Zeit aufgezogen, und jedesmal wurde das Signal von meinem Bruder erwiedert.“ „Ziehe ſie noch einmal auf! Dieß iſt ein Augenblick, wo die Nähe eines Freundes das Herz erfreut, ſelbſt wenn er eben ſo hülflos iſt, als wir.“ Die Laterne wurde aufgehießt, und nach einem ſorgfältigen Spähen ſah man ein ſchwaches fernes Licht durch die Zerſtörung des Sturmes ſchimmern. Man wiederholte den Verſuch in kurzen Zwiſchenräumen, und eben ſo oft wurde das Signal aus ſtets zu⸗ nehmender Entfernung beantwortet, bis ſich zuletzt das Licht der Gefährtin ganz verlor. „Der Maſt der Pinta iſt ſo ſchwach, daß er in einem ſolchen Sturme nicht einmal ſeine Kardeel tragen kann,“ bemerkte Vicente 488 Yannez;„und es wurde meinem Bruder unmöglich, dem Wind ſo nahe zu halten, wie wir. Er koͤmmt immer mehr leewärts.“ „Laß, wie Du geſagt haſt, das Flockſegel einziehen,“ entgeg⸗ nete Columbus.„Unſer ſchwaches Fahrzeug iſt nicht länger im Stande, ſich gegen dieſe heftigen Wogen zu halten.“ Vicente Yannez las nun einige ſeiner fahigſten Leute aus und begab ſich vorwärts, um die Vollziehung dieſes Befehls zu über⸗ wachen. In demſelben Augenblick wurde das Ruder mittſchiffs ge⸗ richtet, und die Caravele fiel ab, bis ſie todt vor den Wind kam. Das Einziehen des Segels war vergleichungsweiſe ein leichtes Ge⸗ ſchäft, denn die Raa befand ſich nur einige Fuße über dem Deck und war außer den Schoothörnern nur wenig ausgeſetzt. Demun⸗ geachtet bedurfte es kräftiger Männer und geübter Hände, um ſich in einem ſolchen Zeitpunkte in die Höhe zu wagen. Sancho hielt ſich an die eine Seite des Maſtes und Pepe an die andere, wobei beide jene Eigenſchaften an den Tag legten, die man unr bei den tüchtigſten Matroſen antrifft. 1 Die Caravele driftete nun dahin, ein Spiel von Wind und Wellen; denn der Ausdruck„Lenſen“ iſt kaum auf die Bewegung eines ſo niedrigen Schiffes anwendbar, welches gegen die Wirkung des Orkans durch die Höhe der Wogen ſo vollkommen geſchützt war. Wenn letztere die? gewöhnliche Regelmäßigkeit beſeſſen haben würde, ſo hätte das niedrige Fahrzeug ſich überſtürzen müſſen; ſo aber verdankte es die Vermeidung eines ſolchen Unglücks einer Unregelmäßigkeit, welche nur die Quelle einer neuen Gefahr wurde. Demungeachtet trieb aber die Ninna ſchnell nach vornen, obgleich nicht mit der nöthigen Raſchheit, um die jagenden Waſſer zu über⸗ holen, wenn die Wellen in ihrer gewöhnlichen Ordnung und Ge⸗ ſchwindigkeit gefolgt wären. Die Kreuzſee hinderte dieß; Welle kämpfte gegen Welle und entſandte jene Kämme, welche ſonſt in ſchaͤumenden Kreiſeln überſtürzt ſeyn würden, in ſchrecklichen Waſſer⸗ ſtrahlen gen Himmel. —— 2 ☛ο— sù 489 Dieß war die Kriſis der Gefahr. Eine Stunde lang ſchoß die Caravele mitten in der chaotiſchen Dunkelheit in einer Art übertaumelnder Wuth dahin, und ziſchte oft mit ihrer Seite an den Wogen vorbei, als ob der Spiegel mit aller Haſt den Vorderſteven einzuholen gedenke, wodurch man die höchſte Gefahr lief, eine Fluth von Waſſer auf die Deckbalken ſtürzen zu ſehen— eine Gefahr, die nur durch die Thätigkeit am Steuer abgewendet wurde, wo Sancho mit all ſeiner Kraft und Geſchicklichkeit arbeitete, bis ihm der Schweiß von der Stirne rieſelte, als ſey er wieder der tropiſchen Sonne ausgeſetzt. Endlich wurde der Schrecken ſo groß und all⸗ gemein, das der Admiral von der geſammten Mannſchaft angegangen wurde, die herkömmlichen religiöſen Opferungen anzugeloben. Zu dieſem Zwecke verſammelten ſich Alle, mit Ausnahme des Steuer⸗ manns, im Hintertheile des Fahrzeuges und ſchickten ſich an, die Sühnlooſe zu ziehen. „Ihr ſeyd in Gottes Hand, meine Freunde,“ ſagte Columbus, „und es iſt ganz in der Ordnung, daß ihr Alle eure Anhängigkeit von Seiner Güte anerkennt und eure Rettung ausſchließlich Seiner Huld und Gnade anheim gebt. In der Mütze, welche ihr in den Händen des Sennor de Munnos bemerket, ſind eben ſo viele Erbſen, als Leute auf dem Schiffe ſind. Eine dieſer Erbſen trägt das Zeichen des heiligen Kreuzes, und wem dieſes heilige Sinnbild zu⸗ fällt, der iſt verpflichtet, eine Wallfahrt zur heiligen Maria von Guadaloupe zu machen und eine fünf Pfund ſchwere Wachskerze zu opfern. Ich, als euer Admiral und als der größte Sünder unter euch, will zuerſt den Verſuch machen.“ Columbus griff nun in die Mütze, brachte eine Erbſe hervor, und als er ſie gegen die Laterne brachte, ergab ſich, daß ſie auf ihrer Oberfläche das erwähnte Zeichen trug. „Gut ſo, Sennor,“ ſagte einer der Piloten,„aber legt die Erbſe wieder hinein und laßt uns das Looſeziehen um eine ſchwerere Sühnung erneuen— ich meine nämlich eine Wallfahrt 490 zu Unſerer Frauen von Loretto, zu der alle gute Chriſten am liebſten ihre Zuflucht nehmen. Ein Bußgang zu ihrer Kapelle iſt zwei andere werth.“ 4 In Augenblicken der Gefahr iſt das religiöſe Gefühl gewöhn⸗ lich ſehr mächtig, und der Vorſchlag wurde daher mit aller Wärme aufgenommen. Der Admiral willfahrte gerne, und als Alle ge⸗ zogen hatten, fand man die bezeichnete Erbſe in der Hand eines gemeinen Matroſen, Namens Pedro de Villa, der weder um ſeiner Frömmigkeit noch um ſeiner Kenntniſſe willen in ſonderlichem Rufe ſtand. „Das iſt eine mühſame und koſtſpielige Reiſe,“ brummte der unfreiwillige Büßer;„da werde ich nicht wohlfeil wegkommen.“ „Laß Dich das nicht kümmern, Freund Pedro,“ antwortete Columbus;„Du ſollſt nur die körperliche Anſtrengung zu leiden haben, denn den Koſtenpunkt der Reiſe will ich auf mich neh⸗ men. Dieſe Nacht wird mit jedem Augenblicke ſchrecklicher, Bar⸗ tolomeo Roldan.“ 3 „Das iſt in der That wahr, Sennor Admiral, und ich bin nicht ſonderlich zufrieden mit einem Wallfahrer, wie dieſer Pedro hier, obgleich es ſcheinen moͤchte, der Himmel ſelbſt habe dieſe Wahl geleitet. Eine Meſſe zu Santa Clara de Moguer mit einer Nachtwache in jener Capelle— iſt wohl mehr werth als derartige weite Reiſen von Leuten wie er.“ Dieſe Anſicht fand nicht wenig Unterſtützung unter den Ma⸗. troſen von Moguer, und ſo wurde denn zum dritten Male das Loos gezogen, wobei die bezeichnete Erbſe abermals dem Admiral zufiel. Deſſenungeachtet minderte ſich die Gefahr nicht, und die Caravele drohte jeden Augenblick im Tumulte der Wogen zu überſtürzen. 6 „Wir ſind zu leicht, Vicente Yannez,“ ſagte Columbus,„und ſo verzweifelt auch das Unterfangen ſcheinen mag, ſo müſſen wir doch den Verſuch machen, unſere leeren Fäſſer mit Seewaſſer zu füllen. Seht zu, daß man Waſſerſchlangen unter die Preſenningen N — 8 R 491 bringt und ſchickt gewandte Burſche hinunter, die das Waſſer ge⸗ hörig in die Fäſſer und nicht in den Schiffsraum leiten.“ Dem Befehl wurde Folge geleiſtet, und einige Stunden wur⸗ den in mühſamen Verſuchen, dieſen Dienſt zu verrichten, hingebracht. Die größte Schwierigkeit dabei war, diejenigen, welche das Waſſer aus dem Meexre pumpten, zu ſchützen, denn da das ganze Element rund umher in ſolcher Berwirrung tobte, ſo war es nicht leicht, ſich auch nur eines Tropfens in guter Weiſe zu bemächtigen. Ge⸗ duld und Ausdauer führten jedoch endlich zum Zwecke, und noch vor Anbruch des Tages waren ſo viele leere Fäͤſſer gefüllt, als für die Stetigkeit des Fahrzeugs nöthig ſchien. Gegen Morgen fiel der Regen in Strömen und der Wind ſchlug von Süden nach Weſten um, ohne jedoch viel an Stärke zu verlieren. Man ſetzte das Fockſegel auf's Neue bei, und ſo kam das Fahrzeug in der furchtbar aufgewühlten See einige Meilen oſtwärts, Als der Tag grauete, neigte ſich die Scene zum Beſſeren. Die Pinta war nirgends zu ſehen, und die Meiſten in der Ninna glaubten, ſie ſeye zu Grunde gegangen. Die Wolken hatten ſich ein wenig aufgethan, und eine Art geheimnißvollen Glanzes ruhte auf dem Ocean, der noch immer unter wüthendem Ziſchen weiße Schaumgüſſe in die Höhe warf. Die Wellen wurden jedoch all⸗ mählig regelmäßiger und die Matroſen hielten es nicht länger mehr für nöthig, ſich an dem Schiffe feſtzubinden, um nicht über Bord gewaſchen zu werden. Man brachte weitere Segel an der Caravele an, die jetzt immer raſcher vorwaͤrts ging und mit jedem Augenblicke ſtetiger und ſicherer in ihren Bewegungen wurde. 49²2 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Doch nun entſchwand dem Blicke das Geſtade Und hilflos trieben ſie auf ödem Meer; Der wilde Sturm verwirrte ihre Pfade Und Niemand kannte jetzt die Richtung mehr. Der Orkan warf die Wogen Himmelan, Daß kaum das wellumbrauste Boot die Wogen ſah'n. Geſicht der Geduld. So ſtanden die Dinge am Morgen des 15. Februars, und kurz nach dem Aufgang der Sonne ließ ſich der freudige Ruf, „Land!“ von dem Maſtkorbe vernehmen. Es iſt bemerkenswerth, daß man das Land gerade nach vorne anthat: ſo genau ſtimmten alle Berechnungen des Admirals, und ſo ſicher war er ſich ſeiner Lage auf der Karte bewußt. Unter den Piloten und Matroſen herrſchten jedoch Dutzende von Anſichten hinſichtlich dieſes willkom⸗ menen Anblickes, da einige denſelben für das europäͤiſche Feſtland, andere für Madeira hielten. Columbus ſelbſt erklärte öffentlich, daß es eine der Azoren ſey. Jede Stunde verminderte die Entfernung zwiſchen dieſem will⸗ kommenen Erdflecke und den Abenteurern, als auf einmal der Wind rund umſchlug und die Inſel todt windwärts brachte. Einen langen traurigen Tag ſuchte die kleine Barke gegen den Sturm aufzu⸗ kommen, um den heißerſehnten Hafen zu erreichen; aber die Schwere der Wellen und der conträre Wind ließen ſie nur langſam und mit großer Anſtrengung weiter kommen. Die Sonne ging wieder in winterlichem Düſter unter, und das Land blieb auf der Windſeite augenſcheinlich in einer unerreichbaren Entfernung. Stunde um Stunde verrann, und die Ninna mühte ſich noch immer, der Stelle nahe zu kommen, wo man Land geſehen hatte. Columbus verließ die ganze Reihe dieſer bekümmernißvollen Auftritte über nie ſeinen Poſten, denn es ſchien ihm, als hinge jetzt das Geſchick ſeiner n. — S u 493 Entdeckungen ſo zu ſagen an einem Haare. Luis war weniger wachſam, aber auch er begann mehr Beſorgniß über den Ausgang zu fühlen, da der Augenblick herannahte, der für das Schickſal des ganzen Unternehmens entſcheidend war. Mit dem Aufgang der Sonne wendete ſich jedes Auge ſpähend nach dem ganzen Waſſerhorizonte, an dem jedoch zum allgemeinen Leidweſen kein Land ſichtbar war. Einige meinten, Alles ſey nur Täuſchung geweſen, aber der Admiral glaubte, man ſey in der Dunkelheit an der Inſel vorbeigekommen und holte deßhalb um, um nach Süden zu ſteuren. Man hatte jedoch kaum einige Stun⸗ den dieſen neuen Curs verfolgt, als man in der Richtung des Spiegels und in einer Gegend, wo man es früher nicht bemerkt haben konnte, eines neblichten Landes anſichtig wurde. Auf dieſe Inſel legte die Caravele an, und kämpfte, bis es dunkel wurde, gegen eine ſtarke Bö und ſchwere See, um ſie zu erreichen. Die Nacht brach ein und das Land verſchwand aufs Neue in ihren Schatten. Die Mannſchaft der Ninna hatte ſich in der verfloſſenen Nacht zu der gewöhnlichen Stunde verſammelt, um das Salve Regina oder die Abendhymne an die heilige Jungfrau zu ſingen; denn es gehörte mit zu den ergreifenden Begebenheiten dieſer außerordent⸗ lichen Reiſe, daß die rohen Matroſen zuerſt die Geſänge ihrer Religion und chriſtlichen Gebete in die unbekannten Wüſten des atlantiſchen Meeres brachten. Während ſie ſo beſchäftigt waren, ließ ſich leewärts Licht ſehen, von dem man glaubte, daß es zu der Inſel gehöre, die man zuerſt angethan hatte. Dieß beſtärkte den Admiral in ſeinem Glauben, daß er mitten in einer Inſelgruppe ſey, und daß er, wenn er ſtark windwärts abhielte, mit dem Mor⸗ gen einen Hafen erreichen könne. Dieſer Morgen hatte jedoch nur den vorerwäͤhnten Wechſel mit ſich geführt, und er machte ſich jetzt darauf gefaßt, abermals eine Nacht— die des 17. Februars— in Ungewißheit zuzubringen, als der Ruf„Land!“ plötzlich die Geiſter Aller im Schiffe wieder neu belebte. 494 Die Ninna ſteuerte kühn einwärts und noch vor Mitternacht war ſie dem Geſtade nahe genug, um Anker zu werfen; aber Wind und See waren ſo ſchwer, daß das Tau nachgab, und ſo wurden ſie aufs Neue von den Gegenden der bekannten alten Welt zurück⸗ geworfen, welchen ſie eigentlich angehörten. Man ſetzte Segel aus, erneuerte die Anſtrengungen, windwärts zu kommen, und mit Anbruch des Tages war die Caravele im Stand, einzulaufen und an der Nordſeite der Inſel Anker zu werfen. Hier erfuhren die ermatteten und beinahe erſchöpften Matroſen, daß das Recht wie gewöhnlich auf Columbus Seite war, und daß ſie die Inſel Santa Maria, eine der Azoren, erreicht hatten.. Die Vorfälle während des Aufenthaltes der Ninna in dieſem Hafen berühren unſere Erzählung nicht und drehen ſich blos um einen Verſuch von Seite der Portugieſen, die Caravele zu capern. Sie waren die letzten geweſen, die den Admiral bei ſeiner Abreiſe von der alten Welt beunruhigten, und ſo zeigten ſie ſich auch wieder als die erſten, welche ihn bei ſeiner Rückkehr bedrängten. Ihre Machinationen ſchlugen jedoch fehl. Sie hatten ſich zwar eines großen Theils von Colon's Mannſchaft bemächtigt und er hatte ſchon ohne dieſen den Hafen verlaſſen, als es ihm noch ge⸗ lang, ſich mit den Gegnern zu vergleichen und er mit allen ſeinen Leuten an Bord am 24. den Rückweg nach Spanien antrat. Die Vorſehung ſchien an den erſten paar Tagen die Reiſe der Abenteurer zu begünſtigen, denn der Wind war günſtig und die See ruhig. Von dem Morgen des 24. an bis zu dem Abend des 26. hatte die Caravele faſt hundert Stunden auf geradem Curſe nach Palos zurückgelegt, als ſie wieder auf conträren Wind und abermals auf ſchwere See traf. Die Bo wurde ſehr heftig, obgleich der Richtung nach hinreichend guͤnſtig für eine Oſtfahrt mit einer leichten Abbeugung nach Norden, da ſie nur hin und wieder von vorne ſchralte. Das Wetter war rauh; aber der Armiral wußte, daß er ſich immer 495 mehr dem europäiſchen Feſtland näherte, ſo beklagte er ſich nicht mehr, ſondern ermunterte im Gegentheil ſeine Leute mit den Hoff⸗ nungen einer baldigen Ankunft in der Heimath. So ging es bis zum 2. März, Samſtag Abends, zu welcher Zeit Columbus unge⸗ fähr hundert Meilen von der portugieſiſchen Küſte entfernt zu ſeyn glaubte, da die fortdauernden knappen Südwinde ihn ſo weit nörd⸗ lich gebracht hatten. Die Nacht begann günſtig. Die Caravele kämpfte vorwärts durch eine furchtbar wallende See, die von Süden einherfegte, während der Wind dwars ging und ſo ſteif blies, daß die Segel⸗ flächen ſehr vermindert werden mußten. Die Ninna hatte ſich die ganze Reiſe über als ein treffliches Fahrzeug erwieſen und war auch jetzt ſtetiger als bei dem erſten Angriffe des Sturmes, da die Piloten noch mehr Fäſſer, als damals möglich geweſen war, mit Waſſer hatten füllen laſſen. „Du biſt ſeit dem Beginn der letzten Unwetter nicht von dem Steuer weggekommen, Sancho,“ ſprach der Admiral heiter zu dem alten Matroſen, als er ihn um die letzte Stunde der erſten Wache auf ſeinem Poſten traf.„Es iſt keine kleine Ehre, in ſo furcht⸗ baren Stürmen, wie ſie über uns verhängt waren, dieſes Amt zu verſehen.“ „Ich betrachte es auch als eine ſolche, Sennor Don Almirante, und ich hoffe, Ihre Hoheiten, die durchlauchtigen beiden Herrſcher werden gleichfalls dieſer Anſicht ſeyn, ſo weit es ſich um die Laſt des Dienſtes handelt.“ „Und warum nicht auch hinſichtlich der Ehre, Sancho?“ fiel Luis ein, der ſeit ſeines willkommenen Beiſtandes bei den Felſen dem Matroſen ſehr gewogen war. „CEhre, Sennor Pedro, iſt eine gar kalte Koſt, und liegt ſchwer in eines armen Mannes Magen. Für einen Mann, wie ich, iſt eine Dobla ſo viel werth, als zwei Herzogthümer, denn die Dobla kann mir Reſpekt verſchaffen, waͤhrend die Herzogthümer mich nur 496 lächerlich machen. Nein, nein, Sennor Pedro,— wenn Euer⸗ Gnaden meine Taſche mit Gold füllt, ſo überlaſſe ich die Ehre gerne denen, die eine Freude daran haben. Wollt Ihr einen Mann in der Welt heben, ſo fangt mit dem Anfange an, oder legt einen tüchtigen Grund; dann läßt ſich immerhin ein Ritter von St. Jakob aus ihm ſchnitzen, wenn die Herrſcher ſeines Namens be⸗ dürfen, um ihre Liſte vollzählig zu machen.“ „Du biſt zu ſchwatzhaft für einen Steuermann, Sancho, ob⸗ gleich Du ſonſt ein trefflicher Burſche biſt,“ bemerkte der Admiral, ernſt.„Sieh auf Deinen Curs; an Dobla's wird es nicht fehlen, wenn die Reiſe zu Ende iſt.“ „Schönen Dank, Sennor Almirante, und zum Beweis, daß meine Augen nicht geſchloſſen ſind, wenn ich auch meiner Zunge den Lauf laſſe, ſo möchte ich Eure Excellenz und die Piloten er⸗ ſuchen, jenen Fetzen Wolke zu betrachten, der ſich dort im Süd⸗ weſten zuſammenballt, und die Frage ſtellen, ob er wohl Gutes oder Schlimmes bedeutet.“ „Bei der heiligen Meſſe, der Mann hat Recht, Don Chriſto⸗ val,“ rief Bartolomeo Roldan, der in der Nähe ſtand;„dieß iſt eine unheilbrütende Wolke, und denen nicht unähnlich, welche in Afrika die weißen Böen erzeugen.“. „Sieh Dich vor— ſieh Dich vor, guter Bartolomeo,“ er⸗ wiederte Columbus haſtig;„wir haben in der That zu viel auf unſer gutes Glück gebaut und ſündhafter Weiſe den Anblick des Himmels vernachläßigt. Rufe Vicente Yannez und die ganze Mann⸗ ſchaft zuſammen; wir ſind vielleicht ihrer benöthigt.“ Columbus beſtieg nun das Hüttendeck, das ihm eine weitere und beſſere Ausſicht über Himmel und Meer darbot. Die Anzeichen waren in der That ſo bedenklich, als in ihrer Erſcheinung plötz⸗ lich. Die Atmoſphäre war mit einem Nebel erfüllt, der einem leichten Rauche ähnelte, und der Admiral hatte kaum Zeit, ſich umzuſehen, als ein Getöſe gleich dem Huftritt von tauſend Roſſen, 8 ☛ „— 497 die in vollem Galopp über eine Brücke ſprengen, vor dem Winde herbrauste. Man hörte den Ocean— wie gewöhnlich in ſolchen Augenblicken— aufziſchen, und der Sturm brach gegen das kleine Fahrzeug los, als ob neidiſche Dämonen beſchloſſen hatten, daß es nie ſeine glorreichen Nachrichten nach Spanien bringen ſolle. Ein Knall, ähnlich dem einer ſchweren Musketenſalve, war das erſte Zeichen, daß der Sturm die Ninna erfaßt hatte. Er rührte von der zerriſſenen Leinwand her, denn alle Segel waren zu gleicher Zeit gewichen. Die Caravele legte ſich ſchief, ſo daß das Waſſer ihre Maſten berührte— es war ein athemloſer Augenblick, denn ſelbſt der älteſte Matroſe fürchtete, ſie moͤchte ganz auf die Seite geworfen werden. Wenn die Segel nicht geriſſen wären, ſo hätte ſich in der That dieſes Unglück ereignen können. Zudem hatte auch Sancho in Zeiten das Steuer gehoben, und als die Ninna ſich von dem Stoße erholt hatte, richtete ſie ſich faſt im Fluge wieder auf und trieb vor dem Winde. Dieß war der Anfang einer neuen Bö, welche an Heftigkeit ſogar diejenige überbot, welcher ſie erſt vor Kurzem entronnen waren. In der erſten Stunde hatte Mißmuth und Schrecken die Mannſchaft faſt gelähmt, da man eigentlich nichts thun konnte, um der Gefahr, in welcher man ſich befand, zu begegnen. Das Fahrzeug lenſete bereits— das letzte Hülfsmittel des Seemanns— und ſelbſt die Fetzen des Segeltuches wurden ſtückweiſe von den Spieren geriſſen, um der Mannſchaft die Mühe, die für das Einziehen er⸗ forderlich war, zu erſparen. In dieſem bedenklichen Augenblick nahm das reuige Schiffsvolk wieder ſeine Zuflucht zu religiöͤſen Ge⸗ bräuchen und abermals traf den Admiral das Loos, eine Wallfahrt nach irgend einem berühmten Gnadenorte zu machen. Außerdem legten Alle ſammt und ſonders das Gelübde ab, den erſten Samſtag nach ihrer Ankunft bei Waſſer und Brod zu faſten. „Es iſt merkwürdig, Don Chriſtoval,“ ſagte Luis, als beide wieder allein auf dem Hüttendecke waren,„es iſt merkwürdig, daß 32 Donna Mercedes. 2te Aufl. 498 dieſe Looſe ſo oft Euch zufallen. Die Vorſehung hat Euch dreimal zu dem Werkzeuge des Dankerguſſes und der Buße auserleſen.— Das hat unſtreitig ſeinen Grund in Eurem ungemeinen Glauben.“ „Sage vielmehr, Luis, es habe ſeinen Grund in meiner un⸗ gemeinen Sündhaftigkeit. Schon mein Stolz ſollte mir viel ſtrengere Rügen, als dieſe, zuziehen. Ich fürchte, ich habe vergeſſen, daß ich blos das Werkzeug geweſen bin, welches Gott zu Erfüllung ſeiner eigenen großen Zwecke erkoren hat, und bin in die Stricke des Satans gefallen, indem ich mir einbildete, meine eigene Weis⸗ heit und Gelehrſamkeit habe dieſes Werk vollbracht, welches ſo un⸗ bezweifelt nur ein göttliches Wirken iſt.“ „Glaubt Ihr, wir ſeyen in Gefahr, Sennor?“ „In einer größeren, als je, Don Luis, ſeit wir Palos ver⸗ laſſen haben. Wir treiben dem Feſtlande zu, welches kaum dreißig Stunden entfernt ſeyn kann, und wie Du ſiehſt, wird das Meer von Stunde zu Stunde wüthender. Zum Glück iſt die Nacht weit vor⸗ gerückt, und mit dem Lichte des Morgens finden wir vielleicht Mittel zu unſerer Rettung.“ Der Tag erſchien wieder wie gewöhnlich; denn was immer für Störungen auf der Oberfläche der Erde eintreten mögen, ſie ſelbſt ſetzt ihre täglichen Umwälzungen in der Erhabenheit des Unermeßlichen fort, und gibt durch jeden Wechſel den Milben, welche ſie umkriechen, unzweifelhafte Beweiſe, daß ein allmächtiges Weſen über allen ihren Bewegungen wacht. Das Licht brachte jedoch keine Beränderung in das Ausſehen des Meeres und des Himmels. Der Wind blieb wüthend, und die Ninna kämpfte ſich in dem Chaos von Waſſer hin, immer näher und näher dem vor ihr liegenden Feſtlande zutreibend. Um die Mitte des Nachmittags ließen ſich Anzeichen von Land gewahren, und Niemand zweifelte mehr, daß ſich das Schiff in der Nähe der europäiſchan Kuſte befinde. Demungeachtet war noch nichts ſichtbar, als das tobende Meer, der dunkle Himmel und jene 88e n 499 Art übernatürlichen Lichtes, womit die Atmoſphäre ſo oft während eines Sturmes erfüllt iſt. Der Ort, wo die Sonne aufging, ließ ſich zwar durch den Compaß, keineswegs aber durch das Auge unterſcheiden; und abermals umſchloß Nacht die wilde, winterliche Scene, als ob die kleine Caravele eben ſo ſehr von der Hoffnung als von dem Lichte verlaſſen ſeyn ſolle. Um die Befürchtungen der Matroſen zu erhöhen, warf ſich eine hohe Kreuzſee auf, und Maſſen von Waſſer ſtürzten, wie es unter ſolchen Umſtänden bei einem ſo kleinen Fahrzeuge immer der Fall iſt, ohne Unterlaß über Bord, das Röſterwerk und ſeine ſchwachen Decken von getheertem Tuche mit Zerſtörung bedrohend. „Dieß iſt die ſchrecklichſte Nacht von allen,“ ſagte Columbus etwa eine Stunde, nachdem die Finſterniß ſie wieder umzogen hatte. „Wenn wir in dieſer entkommen, ſo dürfen wir uns für Lieblinge Gottes halten.“ „Und doch ſprecht Ihr ruhig, Sennor; ſo ruhig, als ob Euer Herz mit Hoffnungen erfüllt ſey?“ „Der Seemann, welcher ſelbſt in der größten Gefahr nicht Herr ſeiner Nerven und ſeiner Stimme iſt, hat in der Wahl ſeines Berufs einen Mißgriff gethan. Aber ich fühle mich eben ſo ruhig, Luis, als ich ſcheine. Wir ſind in Gottes Hut— ſein heiliger Wille geſchehe. Meine Kinder— meine zwei arme Knaben liegen mir zwar ſchwer am Herzen, aber Er wird der Vaterloſen nicht vergeſſen!“ „Wenn wir untergehen, Sennor, ſo werden die Portugieſen im Beſitze unſeres Geheimniſſes bleiben; denn außer uns ſelbſt iſt es nur ihnen bekannt, da von Seiten Martin Alonzo's, wie ich glaube, wenig zu hoffen ſteht.“ „Dieß iſt eine andere Quelle meines Kummers; doch habe ich Schritte gethan, welche Ihre Hoheiten wahrſcheinlich in Ihren Rechten ſichern werden. Das Uebrige muß dem Himmel überlaſſen bleiben.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich der erſchreckende Ruf„Land!“ vernehmen. Dieſes Wort, welches vor Kurzem noch die Quelle der 5⁰0 größten Freude geweſen wäre, brachte nun neue Bekümmerniß. Obgleich die Nacht ſinſter war, gab es doch Augenblicke, wo ſich das Dunkel ein paar Meilen um das Schiff zu öffnen ſchien, und ſich daher ſo hervorragende Gegenſtände, als eine Küſte iſt, mit nothdürftiger Beſtimmtheit unterſcheiden ließen. Columbus und unſer Held eilten deßhalb bei dieſem Rufe nach dem Vordertheile der Cara⸗ vele, um auf die beſtmögliche Weiſe des Ufers anſichtig zu werden, obgleich ſogar dieſe gewöhnliche Bewegung gefährlich war. Das Land lag in der That ſo nahe, daß Alle am Bord das Toben der Brandung an den Felſen hörten oder zu höͤren glaubten. Niemand zweifelte, daß es die portugieſiſche Küſte ſey; aber in der gegen⸗ wärtigen Unſicherheit ihrer Lage und ohne einen Hafen zum Ein⸗ laufen mußte ein Anhalten auf dieſelbe unvermeidlich zum Unter⸗ gange führen. Man hatte daher keine andere Wahl, als die Caravele in eine größere Entfernung von dem Lande zu bringen und den Verſuch zu machen, bis zum Morgen ſich in der offenen See zu halten. Columbus hatte kaum dieſe Nothwendigkeit ange⸗ deutet, als ſich Vincente Yannez anſchickte, dieſes Manoͤver, ſo gut es die Umſtände geſtatten wollten, auszuführen. Man hatte den Wind bisher ein wenig ſteuerbordwärts ge⸗ halten, da die Caravele nach Oſten, mit einer Neigung von einem oder zwei Strichen nach Norden, ſteuerte, und es war nun die Aufgabe, den Schnabel ſo weit zu drehen, daß das Schiff nach Norden mit einigen Strichen gegen Weſten ſteuerte. Der Art nach, wie die Küſte ſich hinzuziehen ſchien, hoffte man durch dieſe Veränderung der Richtung ſich auf einige Stunden in zureichender Entfernung von dem Ufer halten zu können. Aber dieſe Wendung ließ ſich nicht ohne Beihulfe von Leinwand ausführen, weßhalb der Befehl erlaſſen wurde, das Fockſegel beizuſetzen. Der erſte Schlag des nunmehr dem Sturme bloßgegebenen Tuches war furchtbar, und der Stoß drohte, den Fockmaſt von der Spur zu reißen; dann trat nach vorn eine Todtenſtille ein, denn der Rumpf ſank ſo tief -— ☛— d— RK 501 hinter eine Waſſerwand, daß das Segel völlig ruhig wurde. Sancho und ſeine Gehülfen benutzten den günſtigen Augenblick, die Schooten zu ſichern, und als das kleine Fahrzeug wieder aufwärts kämpfte, füllte ſich die Leinwand mit einem ſolchen Stoße, wie man es bei dem plöͤtzlichen Anhalten eines Taues empfindet. Von dieſem Augen⸗ blick an trieb die Ninna wieder langſam ſeewärts, obgleich ſie ihren Weg durch Wogen ſuchen mußte, deren Wuth ſie in jedem Augen⸗ blick zu vernichten drohte. „Luis!“ ſagte eine weiche Stimme an der Seite unſeres Helden, als dieſer ſich an dem Pfoſten der Thüre, welche zu der Kajüte der Frauen führte, feſthielt—„Luis— Hayti beſſer— Mattinao beſſer— viel ſchlimm— Luis.“ Es war Ozema, welche ſich von ihrem Lager erhoben hatte, um einen Blick auf den empörten Ocean zu werfen. Während des günſtigen Wetters im Anfang der Reiſe war der Verkehr zwiſchen Luis und den am Bord beſfindlichen Eingeborenen fortwährend ein heiterer geweſen. Obgleich Ozema ihre Lage etwas unbehaglich fand, ſo hatte ſie doch ſeine Beſuche ſtets mit argloſem Entzücken aufgenommen, und ihre Fortſchritte in der ſpaniſchen Sprache waren von der Art, daß ſie ſelbſt ihren Lehrer mit Staunen er⸗ füllten. Auch zog nicht Ozema allein aus dieſem Umgange Nutzen, da Luis, indem er ſie zu unterrichten bemüht war, faſt eben ſo viele Worte ihrer Mutterſprache lernte, als er ihr von der ſeinigen mittheilte. In dieſer Weiſe unterhielten ſie ſich, indem ſie für den Fall der Noth zu den Ausdrücken beider Zungen ihre Zuflucht nah⸗ men. Wir geben hier eine freie Ueberſetzung ihrer Worte, wobei wir das Charakteriſtiſche des Geſprächs beizubehalten bemüht waren. „Arme Ozema,“ erwiederte unſer Held, indem er ſie ſanft in eine Stellung brachte, in welcher er ſie gegen die Wirkungen der ungeſtümen Bewegungen des Schiffes unterſtützen konnte—„Du haſt wohl Urſache, Dich nach Hayti und der friedlichen Sicherheit Deiner Haine zurückzuſehnen.“ 5⁰² „Caonabo dort, Luis!“ „Wahr, unſchuldiges Mädchen; aber ſelbſt Caonabo iſt nicht ſo ſchrecklich, als dieſes Zürnen der Elemente.“ „Nein— nein— nein— Caonabo viel ſchlimm— brechen Ozema's Herz— nicht Caonabo— nicht Hayti.“ 1 „Deine Furcht vor dem Caribenhäuptling, liebe Ozema, hat Dir theilweiſe die Beſinnung verwirrt. Du haſt einen Gott ſo gut, als wir Chriſten, und mußt, wie wir Dein Vertrauen auf ihn ſetzen. Er iſt's allein, der Dich beſchützen kann.“ „Was beſchützen?“ „Für Dich ſorgen, Ozema— abwenden, daß Du nicht zu Schaden kömmſt— ob Deiner Sicherheit und Deiner Wohlfahrt wachen.“ „Luis beſchützen Ozema. Es verſprechen Mattinao— es ver⸗ ſprechen Ozema— es verſprechen Herz.“ „Gutes Mädchen, ich werde es wohl, ſo weit meine Kräfte reichen. Aber was kann ich thun gegen dieſen Sturm?“ „Was Luis thun gegen Caonabo?— tödten ihn— erſchla⸗ gen Indianer— machen ihn weglaufen!“ „Das iſt eine Kleinigkeit für einen chriſtlichen Ritter, der ein gutes Schwert und einen tüchtigen Schild führt; aber dieſe Waf⸗ fen nützen nichts gegen einen Sturm. Wir haben nur eine Hoff⸗ nung und dieſe beſteht in dem Vertrauen zu dem Gott der Sharler, „Spanier groß— haben groß Gott.“ „Es gibt nur einen Gott, Ozema, der Alles leitet, ſey es nun in Hayti oder in Spanien. Du erinnerſt Dich, was ich Dir von ſeiner Liebe und von der Art ſeines Todes, durch den er uns Alle erlöste, geſagt habe, und Du verſprachſt mir damals, ihn anzubeten und Dich taufen zu laſſen, ſobald wir meine Heimath erreicht hätten.“ „Gott!— Ozema thun, was Luis ſagen. Lieben Luis'Gott ſchon.“ „Du haſt das heilige Kreuz geſehen und mir verſprochen, es zu küſſen und zu verehren.“ „Wo Kreuz? Sehen nicht Kreuz— oben im Himmel?— oder wo? — zeigen Ozema Kreuz jetzt— Luis' Kreuz— Kreuz Luis' lieben.“ Der junge Mann trug Mercedes Abſchieds⸗Geſchenk auf ſei⸗ nem Herzen; er erhob die Hand, brachte das kleine Geſchmeide zum Vorſchein, drückte es mit frommer Gluth an ſeine Lippen, und bot es dann dem Indianermädchen dar. „Sieh“— ſagte er—„dieß iſt ein Kreuz; wir Spanier verehren und ſegnen es. Es iſt die Bürgſchaft unſeres Heils.“ „Dies Luis' Gott?“ fragte Ozema etwas überraſcht. „Nicht doch, armes umnachtetes Mädchen—“ „Was umnachtet?“ ſiel die wißbegierige Tochter Hayti's leb⸗ haft ein; denn kein Ausdruck, den der junge Mann auf ſie anwen⸗ dete, blieb von ihrem aufmerkſamen Ohre unbeachtet. „Umnachtet nennt man diejenigen, welche nie von dem Kreuze und den unendlichen Gnaden, die demſelben entſtrömen, gehört haben.“ „Ozema nicht umnachtet jetzt,“ rief das Mädchen, das Kleinod an ihre Bruſt drückend.„Haben Kreuz— behalten Kreuß— nicht umnachtet wieder, nie. Kreuz Mercedes.“— Denn in Folge eines jener Mißverſtändniſſe, die bei dem Beginne des Verkehrs zwiſchen ſolchen, welche verſchiedene Sprachen reden, nicht ſelten ſind, hatte die junge Indianerin ſich aus Luis' häufigen, unwill⸗ kührlichen Ausrufungen den Begriff gebildet, daß„Mercedes“ alles Herrliche und Vortreffliche bezeichne. „Ich wünſchte in der That, die, welche Du nennſt, hätte Dich in ihrer zärtlichen Obhut, damit ſie Deine reine Seele zur richti⸗ gen Erkenntniß Deines Schöpfers führe! Dieſes Kreuz iſt nicht Mercedes ſelbſt, ſondern kommt von ihr, und Du wirſt wohl thun, es zu lieben und zu ſegnen. Hänge die Kette um Deinen Hals, Ozema, denn dieſes koſtbare Zeichen kann dazu beitragen, Dich zu retten, wenn uns der Sturm noch vor dem Anbruch des Morgens an die Küſte werfen ſollte. Dieſes Kreuz iſt ein Sinnbild der Liebe, die nicht ſtirbt.“ 504 Das Maädchen verſtand hievon genug, um dem Wunſche unſe⸗ res Helden zu willfahren, zumal da er ſein Geheiß durch eine kleine freundliche Beihülfe begleitete, und bald hing die Kette um ihren Hals, indeß das heilige Vorbild auf ihrer Bruſt ruhte. Der Wechſel der Temperatur, wie auch ein Gefühl für Schicklichkeit hatte den Admiral veranlaßt, die Frauen mit weiten Kleidern aus Baumwollenzeug zu verſeheft. Ozema's ſchöne Geſtalt war gleich⸗ falls dicht in ein ſolches Gewand gehüllt, unter deſſen Falten ſie das Kleinod, welches ſie als Luis' Gabe zärtlich an ihrem Herzen hegte, verbarg. Der junge Mann betrachtete jedoch die Sache anders. Er hatte blos im Sinne, für den Augenblick der äußer⸗ ſten Gefahr ihr das Kreuz zu leihen, welches er den abergläubiſchen Gefühlen jenes Zeitalters zu Folge allen Ernſtes für ein weſent⸗ liches Schutzmittel hielt. Da Ozema in Behandlung eines beſchwer⸗ lichen und ungewohnten Gewandes keineswegs erfahren war, ob⸗ gleich ihr angeborener Geſchmack ſie gelehrt hatte, es mit Anmuth um ſich zu werfen, ſo half der junge Mann ihr faſt unwillkührlich, dem Kleinod ſeine neue Stelle anzuweiſen, als plötzlich ein gewalt⸗ ſamer Ruck des Fahrzeuges ihn zwang, das Mädchen dadurch, daß er ihren Leib mit dem Arme umſchlang, aufrecht zu erhalten. Ozema, theilweiſe der Bewegung der Caravele nachgebend, die ſogar die Matroſen ohne Unterlaß aus dem Gleichgewicht brachte, vielleicht aber auch durch die Zartlichkeit ihres eigenen Herzens hin⸗ geriſſen, tadelte dieſe Freiheit— die erſte, welche ſich unſer Held herausnahm— nicht, ſondern ließ ſich in vertrauensvoller Unſchuld durch den Arm ſtützen, der ihr von allen andern der liebſte und dazu beſtimmt ſchien, ihr für ihr ganzes Leben Schutz zu gewäh⸗ xen. Im nächſten Augenblicke ruhte ihr Haupt an ſeiner Bruſt, während ihr Antlitz ſich aufwärts kehrte und ihre Augen feſt auf den Zügen des jungen Edeln hafteten. „Du biſt weniger beunruhigt durch dieſen ſchrecklichen Sturm, Ozema, als ich erwarten konnte. Die Beſorgniß um Dich hat — — mich unglücklicher gemacht, als ich es je für möglich gehalten hätte, und doch ſcheinſt Du keine Furcht zu hegen.“ „Ozema nicht unglücklich— nicht brauchen Hayti— nicht brauchen Mattinao— nicht brauchen irgend etwas.— Ozema glücklich— nun haben Kreuz.“ „Süße, harmloſe Unſchuld, mögeſt Du nie andere Gefühle kennen lernen, vertraue Deinem Kreuze.“ „Kreuz, Mercedes— Luis, Mercedes! Luis und Ozema behalten Kreuz für immer.“ Es kam vielleicht dieſem hochgeprieſenen Glücke des Mädchens zu Statten, daß die Ninna jetzt einen Sturz in die Wellen that, welcher unſern Helden unumgänglich nöthigte, ſie loszulaſſen oder ſie kopfüber nach der Stelle zu ſchleppen, wo Columbus ſtand, um ſeine wetterzerſchlagene Geſtalt gegen die größte Wuth des Sturmes zu ſchützen. Als er ſich wieder aufrichtete, bemerkte er, daß die Thüre der Kajüte geſchloſſen und Ozema nicht mehr ſichtbar war. „Findeſt Du unſere weiblichen Gefährtinnen durch dieſes furcht⸗ bare Schauſpiel erſchreckt, Sohn Luis?“ fragte Columbns ruhig; denn obgleich ſeine Gedanken ganz mit der Lage der Caravele be⸗ ſchäftigt waren, ſo hatte er doch, was eben in ſeiner unmittelbaren Nähe vorgefallen war, bemerkt.„Es ſind zwar kräftige Herzen, aber ſelbſt der Muth einer Amazone könnte bei dieſem Sturme ſinken.“ „Sie ſind unbekümmert, Sennor, denn ich glaube, ſie kennen die Gefahr nicht. Der civiliſirte Menſch ſteht ſo hoch über ihnen, daß Männer und Weiber ein volles Vertrauen in ſeine Mittel, ſie zu retten, ſetzen. Ich habe eben Ozema ein Kreuz gegeben, und ſie gebeten, ihre volle Zuverſicht darauf zu ſetzen.“ „Du haſt wohl gethan: es iſt jetzt der ſicherſte Beſchützer von uns Allen.— Halte das Vordertheil der Caravele dem Winde ſo nahe als möglich, ſo bald er etwas nachläßt, Sancho; jeder Zoll landabwärts iſt eben ſo viel Gewinn für unſere Sicherheit.“ Die gewöhnliche Antwort erfolgte, und die Unterhaltung war 506 zu Ende; denn das Wüthen der Elemente und die furchtbare Weiſe, in der die Ninna ſich abkämpfen mußte, um ſich buchſtäͤblich auf der Oberfläche des Meeres zu erhalten— gewährte allen Zeugen dieſer Scene reichlichen Stoff zur Betrachtung. So verging die Nacht. Als der Tag anbrach, zeigte er einen Schauplatz winterlichen Ungeſtüms. Die Sonne ließ ſich nicht blicken, denn die ſchwarzen Dünſte trieben ſo niedrig vor dem Sturme her, daß die ſcheinbare Höhe des Himmelsgewölbes ſich um die Hälfte gemindert zeigte, während das Meer nur wie eine wogende Schaummaſſe erſchien. Bald wurde beinahe dwars von der Caravele Hochland ſichtbar, welches alle älteren Matroſen ſogleich für den Fels von Liſſabon erklärten. Sobald man ſich über dieſen wichtigen Umſtand Gewißheit verſchafft hatte, ließ der Admiral den Schnabel des Fahrzeugs landwärts richten und hielt auf die Mündung des Tajo an. Die Entfernung war nicht groß und mochte etwa zwan⸗ zig Meilen betragen. Aber die Nothwendigkeit, dem Sturme zu trotzen und in einem ſolchen Winde Segel beizuſetzen, machte die Lage der Caravele bedenklicher als bei allen früheren Verſuchen. In dieſem Augenblick war die Politik des Portugieſen vergeſſen oder trat wenigſtens ſehr in den Hintergrund, da man augenſchein⸗ lich nur zwiſchen einem Hafen und einem Schiffbruche die Wahl hatte. Jeder Zoll luvwärts wurde für die Seefahrer von großer Wichtigkeit, und Vicente Yannez ſtellte ſich in die Nähe des Steuers, um das Spielen deſſelben mit der durch Erfahrung erworbenen Wach⸗ ſamkeit einer verantwortlichen Stellung zu beobachten. Man führte nur die niedrigſten Segel, und auch dieſe waren ſo enge gerefft, als es ihre Einrichtung zuließ. In dieſer Weiſe kämpfte ſich das kleine, vom Sturme hin und hergeſtoßene Fahrzeug vorwärts, indem es bald ſo tief in die hohle See ſank, daß Land, Meer und Alles bis auf die zürnenden Wo⸗ genwände und die Wolken über ihren Häuptern den Blicken ent⸗ ſchwanden, bald wieder, ſo zu ſagen, aus dieſer ruhigen düſteren 507 Höhle in die ziſchende und brüllende Verwirrung des Sturmes hinauf fuhr. Die letzteren Augenblicke waren die bedenklichſten. Wenn der leichte Rumpf die Spitze einer Welle erreichte und dem weichenden Elemente windwärts nachſtürzte, ſchien es, als ob die nächſte Woge ihn unabänderlich überwältigen müßte; und doch ver⸗ mied das wachſame Auge des Vicente Yannez und Sancho's ge⸗ übte Hand jedesmal dieſes Unglück. Es war jedoch unmöglich, die Waſchen der Wellen ganz auszuſchließen, denn oft ſchoſſen ſie, den Güſſen eines Waſſerfalls ähnlich, quer über das Vorderdeck, das von der Mannſchaft ganz verlaſſen war. „Alles hängt nun von unſern Segeln ab,“ ſagte der Admiral mit einem Seufzer;„wenn dieſe Stand halten, ſo ſind wir ſicherer, als wenn wir lenſen— und ich glaube, Gott iſt mit uns. Es kömmt mir vor, als ſey der Wind weniger heftig als in der Nacht.“ „Möglich, Sennor. Ich glaube, wir kommen der Stelle, die Ihr mir angedeutet habt, näher.“ „Es iſt jene Felſenſpitze. Kommen wir luvwärts um dieſe, ſo ſind wir geborgen. Im andern Falle ſehen wir unſer gemein⸗ ſchaftliches Grab vor uns.“ „Die Caravele hält ſich brav; ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.“ Eine Stunde ſpäter war man dem Lande ſo nahe, daß man die Bewegungen der Menſchen unterſcheiden konnte. Es gibt Mo⸗ mente, wo ſich dem Seemann Leben und Tod zugleich vor Augen ſtellen— auf der einen Seite Untergang, auf der andern Rettung. Als das Fahrzeug langſam dem ufer zutrieb, war nicht blos der Donner der Brandung an den Felſen hörbar, ſondern die fürchter⸗ liche Weiſe, in der das Waſſer ſchäumend in die Hoͤhe geſchleudert wurde, vermehrte noch die Schrecken des Anblicks. Bei ſolchen Gelegenheiten iſt es nichts Ungewöhnliches, hundert Fuß hohe Waſſerſtrahlen zu ſehen, während die Sprühe oft auf große Ent⸗ fernungen landeinwärts vor dem Winde hertreibt. Liſſabon hat die 508 ganze Breite des atlantiſchen Weltmeers, von keinen Inſeln oder Vorgebirgen unterbrochen, vor ſich, und die Küſte von Portugal iſt von allen enropaͤiſchen Geſtaden die blosgeſtellteſte. Beſonders ſtrei⸗ chen die ſüdweſtlichen Böen zwölfhundert Stunden weit über dem Meere her, und die Wogen, welche ſie an dem Ufer aufwerfen, ſind in der That ſchrecklich. Zudem war der Sturm, den wir dem Le⸗ ſer zu ſchildern verſuchen, keiner von den gewöhnlichen. Die Jah⸗ reszeit war ungeſtüm geweſen: ſie hatte dem atlantiſchen Meere ſelten Ruhe gegönnt, und die von einer Bö aufgewühlten Wogen gewannen nicht Zeit, ſich zu legen, als ſchon wieder eine neue in anderer Richtung über das Waſſer hinfegte und jene unregelmäßige Bewegung erzeugte, welche einem Schiffe am ſchwerſten zuſetzt und zumalen die Lage der kleineren höͤchſt gefährlich macht. „Es gewinnt ein beſſeres Anſehen, Don Chriſtoval,“ rief Luis, als ſie auf Flintenſchußweite der Stelle ſich genähert hatten,—„noch zehn Minuten in dieſer Weiſe quer, und wir ſind gerettet!“ „Du haſt Recht, mein Sohn,“ erwiederte der Admiral ruhig. „Träfe uns das Unglück, bei jenen Felſen an's Land geworfen zu werden, ſo würden in fünf Minuten keine zwei Planken der Ninna mehr aneinander halten. Fall ab, guter Vicente Nannez! Fall ab— um einen ganzen Strich! und dann dringe wacker vorwärts. Hält ſich die Leinwand gut, ſo koͤnnen wir um dieſen Punkt herumkom⸗ men. Sieh, wie es vorwärts geht, Luis!— Blicke auf das Land und Du wirſt nun unſere Bewegung gewahren.“ „Allerdings, Sennor, aber die Caravele rückt dem Punkte fürchterlich nahe.“ „Sey unbeſorgt. Ein kühner Cours iſt oft der ſicherſte. Es iſt eine tiefe Küſte und wir brauchen nur wenig Waſſer.“ Nun herrſchte allgemeines Schweigen. Die Caravele glitt in erſchreckender Eile auf die Felſenſpitze zu, und jede Minute brachte ſie dem kochenden Keſſel, der rund umher ſchäumte, näher. Ohne wirklich in den Strudel zu gerathen, ſchoß die Ninna an dem Saume — ñOQ˖—Q——ę——O˖Q—ñQ˖——᷑Q᷑QOLCQ—Q⸗—C—ꝑ—x+Y 509 deſſelben vorüber, und in weiteren fünf Minuten hatte ſie den ge⸗ raden Curs, den Tajo hinauf, offen vor ſich. Das Marsſegel wurde nun eingenommen und die Matroſen hielten furchtlos an, eines Hafens und der Rettung gewiß. So endete das größte Seeunternehmen aller Zeiten. Aller⸗ dings ſtand nun noch die Fahrt nach Palos bevor; ſie war jedoch kurz und unfruchtbar an Ereigniſſen. Columbus hatte ſeinen großen Entwurf durchgeführt, und der glückliche Erfolg war kein Geheimniß mehr. Seine Aufnahme in Portugal iſt bekannt, nicht minder auch die Hauptereigniſſe, welche in Liſſabon Statt hatten. Er warf am vierten März in dem Tajo Anker und verließ dieſen Fluß wieder am dreizehnten. Am Morgen des vierzehnten war die Ninna in der Höhe des Caps von St. Vinzent, wo ſie unter einem leichten Nord⸗ winde nach Oſten abhielt. Mit dem Sonnenaufgang des fünfzehnten befand ſie ſich wieder vor der Sandbank von Saltes, von der aus zweihundertvierundzwanzig Tage früher die Fahrt begonnen hatte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. . Zur Abendſtunde in dem Kreis der Baſen Erging ſie ſich in ſüßer Klatſcherei; Da donnerts draußen lärmend auf den Straßen, Und alsbald kömmt ein derber Burſch herbei; Sein blau Gewand iſt reich mit Gold geſchmückt, Der Schnallenſchuh blinkt ſilbern an den Füßen, Vom ſtolzen Hut die Elſterfeder nickt, Indeß den Hals ein indiſch Tuch umſtrickt, Die Hand ein Gertchen trägt— fürwahr ein Burſch zum Küſſen. Mickle. Ungeachtet des großen Gedankens, welcher der von uns er⸗ zͤhlten Reiſe zu Grunde lag, der aufopfernden Beharrlichkeit, die zu ihrer Ausführung nöthig wurde, und der Großartigkeit der Folgen, 5¹⁰ die aus dem Gelingen fließen mußten, hatte das Unternehmen in⸗ mitten der ſtürmiſchen Ereigniſſe und der thätigen Selbſtſucht jener Zeit nur wenig Aufmerkſamkeit erregt, bis ſein Ergebniß bekannt wurde. Nur einen Monat vor dem Vertrage mit Columbus hatten die beiden Herrſcher den merkwürdigen Befehl zu Vertreibung der Juden unterzeichnet, und die Ausrottung eines ſo großen Theiles des ſpaniſchen Volkes war an ſich ſchon ein ganz geeignetes Er⸗ eigniß, um Aller Augen von einem Unternehmen abzulenken, das ſo zweifelhaft erſchien und durch ſo unbedeutende Mittel, als ſie dem großen Seefahrer zu Gebot ſtanden, unterſtützt wurde. Der Schluß des Monats Juli war den verfolgten Abrahamsſöhnen als letzter Auswanderungs„Termin anberaumt worden, und ſo richtete ſich zu derſelben Zeit, ja faſt an demſelben Tage, an welchem Co⸗ lumbus von Palos ausſegelte, die Aufmerkfamkeit des Volkes auf ein Ereigniß, das man recht wohl ein großes National⸗Unglück nennen kann. Die Losreißung der Juden von dem Heimathlande glich dem Auszuge aus Egypten; die Straßen wimmelten von be⸗ weglichen Maſſen, und viele wanderten fort, ohne zu wiſſen wohin. Der König und die Königin hatten Granada im Mai verlaſſen und begaben ſich nach einem zweimonatlichen Aufenthalt in Caſtilien zu Anfang des Auguſts nach Aragon, in welchem Königreich ſie ſich noch befanden, als Columbus' Flotte ausſegelte. Sie blieben daſelbſt den ganzen Sommer, um Angelegenheiten von Wichtigkeit zu bereinigen und vielleicht auch, um den Scenen des Elends aus⸗ zuweichen, welches ihr Judenedikt hervorgerufen hatte, da die mei⸗ ſten ihrer iſraelitiſchen Unterthanen ſich in Caſtilien befanden. Im Oktober beſuchten ſie das unruhige Catalonien und hielten den ganzen Winter über in Barcelona Hof. Auch in dieſem Theile ihrer Beſitzungen blieben ſie nicht von wichtigen Begebniſſen ver⸗ ſchont. Am ſiebenten Dezember fand ein Angriff gegen Ferdinands Leben ſtatt, wobei er eine ſchwere, obgleich nicht tödtliche Halswunde erhielt. So lange man den König nicht außer Gefahr glaubte, —x— — V—— V K&—*8/ 3 wachte Iſabella an ſeinem Bette mit der unermüudlichen Zärtlichkeit einer ergebenen Gattin, und ihre Gedanken weilten mehr bei dem Gegenſtande ihrer Liebe, als bei irgend einem, wenn auch noch ſo vortheilhaften weltlichen Intereſſe. Dann folgten Unterſuchungen über die Beweggründe des Mörders: denn man wittert bei ſolchen Anläſſen immer Verſchwörungen, obgleich die Geſchichte wahrſchein⸗ lich zeigen würde, daß bei weitem die Mehrzahl ſolcher verruchten Verſuche gegen das Leben eines Herrſchers mehr die Ergebniſſe der Verblendung Einzelner ſind, als die Früchte tief angelegter, ver⸗ brecheriſcher Plane. Iſabella, deren edle Seele über das Unglück, welches ſie in ihrem Wahnglauben über die Juden verhängt hatte, tief bekümmert war, ſollte nicht auch noch den Schmerz empfinden, um den gewalt⸗ ſamen Tod ihres Gatten trauern zu müſſen. Ferdinand genas all⸗ mählig wieder. Alle dieſe Vorfälle, vereint mit den allgemeinen Regierungsſorgen, hatten Columbus' Reiſe ſogar aus dem Gedächt⸗ niſſe der Königin verdrängt, während der ſtaatskluge Ferdinand ſchon längſt das auf die Ausrüſtung verwendete Gold verloren gab. Der balſamiſche Frühling des Südens begann wie gewöhnlich, und die fruchtbare Provinz Catalonien hatte ſich bereits an dem Schluſſe des Monats März in das entzückendſte Grün gekleidet. Der König war ſchon ſeit einigen Wochen wieder ſeinen gewöhnlichen Geſchäften zurückgegeben, und Iſabella, der ängſtlichen Sorge um das Leben ihres Gemahls entnommen, verfolgte wieder den ruhigen Gang ihrer Pflichten und ihres Wohlthätigkeitsſinnes. Durch die neueſten Ereigniſſe dem Prunke ihrer Stellung immer mehr abgeneigt und ſtets nach den ſtillen Freuden des häuslichen Lebens ſich ſehnend, hatte dieſe vortreffliche Frau in der letzten Zeit mehr, als ſie je ge⸗ wohnt war, unter ihren Kindern und Vertrauten gelebt— ein Kreis, der ihren Neigungen am meiſten zuſagte. Ihre früheſte Freundin, die Marquiſin von Moya, war natürlich beſtändig in der Nähe von ihrer Perſon, und Mercedes brachte ihre meiſte Zeit entweder in 51² der unmittelbaren Geſellſchaft ihrer königlichen Gebieterin oder in der Mitte ihrer Kinder zu. Eines Abends, am Schluſſe des Monats März, fand bei Hof eine Verſammlung ſtatt, und Iſabella, die ſolche Scenen nicht liebte, hatte ſich in ihre Privatgemächer zurückgezogen, um mit dem Kreiſe ihrer Vertrauten zu verkehren. Es war nahe um Mitternacht und der König wie gewöhnlich in dem anſtoßenden Gemache beſchaͤftigt. Unter den Anweſenden befanden ſich, außer den Gliedern der könig⸗ lichen Familie und der Donna Beatriz mit ihrer liebenswürdigen Nichte— der Erzbiſchof von Granada, Luis de St. Angel und Alonzo de Quintanilla, von denen die beiden Letzteren zum Zwecke einer Vernehmung über die Einkünfte der Geiſtlichkeit durch den Prälaten vor ihre durchlauchtige Gebieterin beſchieden worden waren. Die Geſchäftsangelegenheiten waren nun bereinigt und Iſabella ver⸗ ſchönerte den Kreis durch ihre huldreiche Herablaſſung und ihre edle, weibliche Anmuth. „Hat man neuere Nachrichten von den unglücklichen, irregelei⸗ teten Hebräern, Herr Erzbiſchof?“ fragte Iſabella, deren edles Gefühl ſtets die Strenge bereute, zu deren Vollziehung fie durch die religiöſe Abhängigkeit von ihren Beichtvätern verleitet worden war.„Unſere Gebete dürfen ſie gewiß begleiten, wenn auch Pſlicht und Klugheit ihre Vertreibung forderten.“ „Sennora,“ antwortete Fernando de Talavera;„ſie dienen ohne Zweifel dem Mammon unter den Mauren und Türken, wie ſie ihm in Spanien gedient haben. Laßt Ener huldvolles Herz nicht bekümmert ſeyn wegen dieſer Abkömmlinge der Feinde und Kreuziger Chriſti, die, wenn überhaupt Leiden über ſie kommen, nur die unausſprechliche Schuld ihrer Voreltern büßen. Meine gnädigſte 3 Gebieterin wolle lieber die Herren St. Angel und Quintanilla hier fragen, was aus ihrem Schützling, dem Genueſen Colon, geworden iſt, und ob ſie hoffen, daß er bald zurückkehre und den Groß⸗Chan als Gefangenen bei dem Barte herbeiſchleppe.“ 513 „Wir wiſſen nichts von ihm, frommer Prälat,“ fiel St. Angel raſch ein,„ſeit er die canariſchen Inſeln verlaſſen hat.“ „Die canariſchen Inſeln?“ fragte die Königin etwas überraſcht. „Hat man Nachrichten aus dieſer Gegend?“ „Nur Gerüchte, Sennora. So viel ich weiß, hat Niemand in Spanien Briefe erhalten; aber von Portugal aus kam das Ge⸗ rücht, daß der Admiral zu Gomera und Canaria gelandet habe, wo er, wie es ſcheint, auf Schwierigkeiten ſtieß— und daß er bald darauf unter weſtlichem Curſe abgeſegelt ſey. Seit dieſer Zeit hörte man nichts mehr von den Caravelen.“ „Dieſem Umſtand, Herr Erzbiſchof, können wir entnehmen,“ fügte Quintanilla bei,„daß Kleinigkeiten die Abenteurer nicht zur Rückkehr veranlaſſen werden.“ „Ich ſtehe dafür, Sennores, daß ein genueſiſcher Abenteurer, der Ihrer Hoheiten Beſtallung als Admiral hat, ſich nicht ſonderlich beeilen wird, ſich ſeiner Würde zu entledigen!“ verſetzte der Prälat lachend, ohne die günſtige Meinung, welche ſeine hohe Gebieterin von Columbus unterhielt, viel zu beachten.„Man wirft nicht gerne Rang, Anſehen und Einkünfte ſorglos bei Seite, wenn man ſie dadurch erhalten kann, daß man der Macht, welcher man ſie ver⸗ dankt, ferne bleibt.“ „Du biſt ungerecht gegen den Genueſen, frommer Prieſter, und beurtheilſt ihn zu hart,“ bemerkte die Koͤnigin.„In der That, ich kannte dieſe Nachricht von den canariſchen Inſeln nicht und freue mich zu hören, daß Colon wohlbehalten ſo weit gekom⸗ men iſt. Betrachteten die Seeleute den letzten Winter nicht als einen ſehr ſtürmiſchen, Sennor de St. Angel?“ „Allerdings, Eure Hoheit, und zwar in einem ſo hohen Grade, daß die Matroſen in Barcellona darauf ſchwören, es hätte ſeit Menſchengedenken keinen ſolchen gegeben. Sollte Colon ein Un⸗ glück zuſtoßen, ſo hoffe ich, daß man ſich dieſes Umſtandes als einer Entſchuldigung erinnern werde, wenn es mir gleich zweifelhaft Donna Mercedes. 2te Aufl. 3³ 514 erſcheint, ob er gerade einem von unſern Stürmen und Unwettern beſonders nahe iſt.“ „Gewiß nicht!“ rief der Biſchof triumphirend.„Man wird finden, daß er ſich in irgend einem Strome Afrika's ganz ſicher eingebuchtet hat, und es ſoll mich nicht Wunder nehmen, wenn ſeinet⸗ willen noch Mißhelligkeiten mit Dom Jao von Portugal eintreten.“ „Da kommt der König, der uns gleichfalls ſeine Anſicht mit⸗ theilen kann,“ ſiel Iſabella ein.„Ich habe ihn lange nicht den Namen Colon's ausſprechen hören.— Habt Ihr unſeres genueſiſchen Admirals ganz vergeſſen, Don Fernando?“ 2 „Ehe ich mich auf ſo entfernte Gegenſtände einlaſſe,“ erwie⸗ derte der König lächelnd,„möchte ich mich nach Dingen, die der Heimath näher ſind, erkundigen. Seit wann hält Eure Hoheit über die Stunde der Mitternacht hinaus Hof?“ „Nennt Ihr dieß einen Hof, Sennor? Hier ſind nur unſere eigenen theuren Kinder, Beatriz und ihre Nichte nebſt dem wacke⸗. den Erzbiſchof und dieſen zwei treuen Dienern unſerer Krone.“ „Richtig, aber Ihr vergeßt des Vorgemachs und Derer, die außen Eurer Befehle warten.“ „Nicht möglich zu dieſer ungewohnten Stunde! Sicher ein Scherz von Euch, mein königlicher Gemahl?“ „Dann hat mir Cuer eigener Page, Diego de Balleſteros einen falſchen Bericht erſtattet. Er wollte zu dieſer ungeeigneten Stunde Eure Einſamkeit nicht ſtören und kam daher zu mir, um mir anzuzeigen, daß ein Menſch von ſeltſamem Betragen und wun⸗ derlicher Tracht ſich in dem Palaſte beſinde und auf einer Unter⸗ redung mit der Königin beſtehe, möge es nun früh oder ſpät ſeyn. Die Mittheilungen über das Benehmen dieſes Mannes klingen ſo eigenthümlich, daß ich den Befehl gab, ihn vorzulaſſen, und ich komme nun, um Zeuge ſeines Anbringens zu ſeyn. Der Page ſagte mir, er ſchwöre, alle Stunden ſeyen gleich und Tag wie Nacht zu unſerem Gebrauche beſtimmt.“ V 515 „Theuerſter Don Fernando, könnte hier nicht ein Verrath im„ Spiele ſeyn?“ „Sey unbeſorgt, Iſabella; Meuchelmörder ſind nicht ſo kühn, und die wackeren Degen dieſer Herren werden zu unſerem Schutze zureichen.— Stille!— Ich vernehme Fußtritte. Wir müſſen ruhig erſcheinen, ſelbſt wenn wir Schlimmes beſorgen.“ Die Thüre öffnete ſich, und Sancho Mundo trat vor die Herrſcher. Die Miene und das ganze Aeußere eines ſo ſeltſamen Geſchöpfes erregten Verwunderung ſowohl als Heiterkeit, und Aller Augen flogen ihm um ſo mehr ſtaunend zu, da er ſich mit einigem Schmuck aus dem vermeintlichen Indien bedeckt hatte, unter denen ſich auch etliche Goldſpangen befanden. Mercedes allein entdeckte aus der Haltung und dem Anzuge des Mannes ſein Gewerbe; ſie erhob ſich unwillkührlich, ſchlug lebhaft ihre Hände zuſammen und ließ einen leiſen Ausruf entgleiten. Die Königin bemerkte dieſe Geberde, die ihren eigenen Gedanken auf einmal die wahre Richtung gab. „Ich bin Iſabella, die Königin,“ ſagte ſte, indem ſie, ohne weiter an Gefahr zu denken, aufſtand,„und Du biſt ein Bote von Colon, dem Genueſen?“ Sancho, der nur ungemein ſchwierig Zutritt erhalten hatte, nahm nun, da ſein Zweck erreicht war, die Dinge wieder mit ſeiner gewöhnlichen Kaltbluͤtigkeit. Zuerſt ließ er ſich auf die Kniee nie⸗ der, wie es ihm von Columbus ausdrücklich eingeſchärft worden war. Er hatte von den Eingebornen die Gewohnheit angenommen, ſich des Krauts von Cuba und Hayti zu bedienen und war der erſte Seemann, welcher je Taback kaute. Dieſe Tugend hatte ſich bereits bei ihm ſo feſt gewurzelt, daß er es für geeignet hielt, ehe er antwortete oder ſobald er jene für ihn etwas neue Stel⸗ lung angenommen hatte, die Winkel ſeines Mundes mit der anzie⸗ henden Pflanze zu füllen. Dann ſchüttelte er ſeine Garderobe— denn er trug Alles, was er von anſtändigen Kleidern beſaß, auf dem Leibe und ſetzte ſich in Bereitſchaft, eine geeignete Antwort zu geben. 516 „Sennora— Donna— Eure Hoheit,“ begann er;„Jeder⸗ mann hätte das auf den erſten Blick ſehen können. Ich bin Sancho Mundo von dem Schiffsdockenthor, einer von Eurer Hoheit und Erzellenz treueſten Unterthanen und Matroſen, gebürtig und ſeß⸗ haft zu Moguer.“ „Du kommſt von Colon, fragte ich?“ „Ja, Sennora; ich erkenne es dankbar, daß Eure königliche Hoheit es ſogleich errathen haben. Don Chriſtoval hat mich zu Land von Liſſabon hergeſchickt, denn er dachte, daß die ſchlauen Portugieſen gegen einen einfachen Matroſen wie ich bin, wahr⸗ ſcheinlich weniger mißtrauiſch ſeyn würden, als gegen einen von dieſen geſtiefelten Alltagscurieren. ¹s iſt ein mühſamer Weg und von den Ställen zu Liſſabon an bis zu dem Palaſte von Barcel⸗ lona gibt es auch nicht ein einziges Maulthier, das geeignet wäre, von einem Chriſten beſtiegen zu werden.“ „Du haſt wohl Briefe? Deinesgleichen kann wohl kaum etwas Anderes mit ſich führen.“ „Cuer Gnaden Hoheit, königliche Gebieterin, irren in dieſem Punkte, obgleich ich kaum noch halb ſo viel Doblas bei mir führe, als ich beim Landen beſaß. Bei der heiligen Meſſe, die Wirthe hiel⸗ ten mich nach der Art, wie ſie mich zahlen ließen, für einen Granden.“ „Gib dem Manne Gold, guter Alonzo. Es iſt einer von Denen, die gerne belohnt ſeyn wollen, ehe ſie ſprechen.“ Sancho zählte kaltblütig die Stücke, die man ihm in die Hand drückte, und da er fand, daß ihre Zahl ſeine Erwartung bei Weitem überſtieg, ſo ſah er keinen weiteren Grund zu Umſchweifen. „Sprich, Burſche!“ rief der König.„Du ſcherzeſt da, wo Du Ehrfurcht und Gehorſam ſchuldig biſt.“ Ferdinands raſche, ſcharfe Stimme übte einen lebhafteren Eindruck auf Sancho's Ohr, als Iſabella's ſanftere Töne, obſchon ſelbſt ſein rauhes Weſen von ihrer frauenhaften Schönheit und Anmuth nicht unberührt blieb. G S v 517 „Wenn Cure Hoheit ſich herablaſſen will, mir kund zu thun, was Ihr zu hören wünſchet, werde ich mit tauſend Freuden antworten.* „Wo iſt Colon?“ fragte die Königin. „Kürzlich war er noch in Liſſabon, Sennora, obgleich ich glaube, daß er ſich jetzt zu Palos de Moguer, oder doch in der Nachbar⸗ ſchaft dieſes Orts befinden wird.“ „Wo iſt er geweſen?“ „In Cipango und auf den Beſitzungen des Groß⸗Chans, vierzig Tagereiſen von Gomera, in einem Lande von wunderbarer Schönheit und Vortrefflichkeit.“ „Du kannſt Dich nicht erkühnen, mit mir zu ſcherzen! Darf man Deinen Worten glauben?“ „Wenn Eure Hoheit Sancho Mundo kennen würde, ſo könn⸗ tet Ihr nicht daran zweifeln. Ich ſage Euch, Sennora und allen dieſen edlen Rittern und Damen, daß Don Chriſtoval Colon die andere Seite der Erde entdeckt hat, von der wir jetzt mit Beſtimmt⸗ heit ſagen können, ſie ſey rund, da wir um dieſelbe herumgefahren ſind; ferner daß er gefunden hat, wie der Polarſtern, einem Schwätzer gleich, der ſeine Neuigkeiten ausbreitet, an dem Himmel umher⸗ wandert; und endlich, daß er von Inſeln, ſo groß als Spanien, Beſitz genommen hat, wo Gold wächst, und wo die heilige Kirche bis ans Ende der Zeiten zu thun haben wird, wenn ſie alle Ein⸗ wohner zu Chriſten machen will.“ „Den Brief, Sancho— gib mir den Brief. Colon kann Dich kaum bloß mit mündlichen Aufträgen abgefertigt haben.“ Der Burſche beſeitigte nun mehrere Tuch⸗ und Papierhüllen, bis er zu Columbus Sendſchreiben gelangte, welches er, ohne ſich von ſeinen Knieen zu erheben, der Königin entgegen hielt, daß ſie ſich um einige Schritte vorbewegen mußte, um es in Empfang zu nehmen. Die Nachrichten waren ſo unerwartet und ſtaunenerregend, der ganze Auftritt erſchien ſo neu, daß Niemand ſich einzumengen wagte, weßhalb denn auch Iſabella die einzige handelnde Perſon * prachte er das Golde welches er erhalten hatte, wieder zum Vor⸗ 518 Glieb, wie ſie in der That die einzige Sprecherin war. Nach⸗ eem ſich Sancho in dieſer Weiſe ſeines Auftrags glücklich entledigt hatte, der ihm ausdrücklich wegen ſeines Characters und ſeines Aeußern— von denen man glaubte, daß ſie ihn am eheſten vor Ver⸗ haftung und Beraubung ſchützen würden— anvertraut worden war, ſo kauerte er ſich ruhig auf ſeine Ferſen zurück, denn er hatte die Weiſung, nicht eher ehen, bis es ihm befohlen würde; dann ſchein und fing an, es auf’s Neue kaltblütig abzuzählen. Die fmerkſamkeit Aller war jedoch in dieſem Augenblicke ſo ſehr nigin gerichtet, daß Niemand des Matroſen und ſeiner Bewegungen achtete. 3 Iſabella öffnete den Brief, und ihre Blicke verſchlangen den Inhalt, während ſie ihm Zeile für Zeile folgten. Das Schreiben war nach Colon“s gewöhnlicher Weiſe lang, und es bedurfte vieler Minuten, es zu durchleſen. Dieſe ganze Zeit über ſtand Alles bewegungslos, und jedes Auge war auf die ſprechenden Züge der Koͤnigin geheftet, auf denen das höhere Noth der Freude und Ueber⸗ raſchung, die Glut des Entzückens, ja des Staunens und der Lichtblick einer heiligen Begeiſterung ſtrahlten. Als Iſabella mit dem Briefe zu Ende war, wandte ſie ihre Augen gen Himmel, ſchlug nachdrucksvoll ihre Hände zuſammen und rief: „Nicht uns, o Herr, nur Dir ſey die Ehre dieſer wundervollen Entdeckung und alles des Guten, das wir dieſem großen Beweiſe Deiner Liebe und Allmacht verdanken.“ Mit dieſen Worten ſank ſie auf einen Seſſel und zerfloß in Thränen. Ferdinand begleitete dieſen Erguß ſeiner, königlichen Ge⸗ mahlin nur mit einem leichten Ausrufe, dann nahm er den Brief ſanft aus ihrer nicht widerſtrebenden Hand und las ihn mit großer Aufmerkſamkeit. Man hatte den behutſamen König von Aragon ſelten ſo ergriffen geſehen, als bei dieſer Gelegenheit. Seine Züge ſprachen Anfangs Staunen aus, dann folgte der Ausdruck der 8 nn Uu 8 519 und als er mit dem Aufgeregtheit, um nicht zu ſagen der Gier, tz unzweideutig von Leſen zu Ende war, leuchtete ſein ernſtes Antli Entzücken und Freude. „Guter Luis de St. Angel,“ rief er,„und Du, ehrlicher Alonzo OQuintanilla! Welche frohe Botſchaft muß dieß für euch Beide ſeyn! Selbſt Du, frommer Prälate wirſt Dich freuen, daß die Kirche eine ſo glorreiche Erwerbung Rentütht at, obgleich Du früher eben kein Goͤnner dieſes Genueſent watt s un als ☚ wir je zu hoffen wagten, hat ſich verwir denu Lolon hat 2 unſere Reiche vermehittn nun in der That Indien entdeckt, hörte Weiſe geförderkllt ſonſt unſer Anſehen auf eine uner— Es war nichts Gewöhnliches, Don Fernando ſo aufgeregt zu ſehen, und er ſchien zu fühlen, daß ſein Benehmen auffallen mußte, denn er trat unmittelbar nachher zu der Königin, ergriff ihre Hand und führte ſie nach ſeinem eigenen Cabinete. Ehe er den Salon verließ, winkte er den drei Edeln, ihm zur Berathung zu folgen. Dieß that er jedoch mehr aus gewohnter Bedachtſamkeit, als mit irgend einer beſtimmten Abſicht, denn ſein Geiſt war in einer Ver⸗ wirrung, wie er ſie nie gefühlt hatte, während doch Vorſicht eben ſo gut einen Theil ſeiner Religion als ſeiner Politik bildete.— Sobald der König und die Königin nebſt den drei Räthen ver⸗ ſchwunden waren, zog ſich die übrige königliche Familie gleichfalls nach ihren Gemächern zurück, und die Marquiſin von Moya, Mer⸗ cedes und Sancho blieben nun in dem ausſchließlichen Beſitze des Salons. Der Letztere lag noch immer auf ſeinen Knien und be⸗ merkte kaum, was um ihn vorging, ſo lebhaft war er von ſeiner eigenen Lage und von den Gegenſtänden ſeiner beſonderen Herzens⸗ freude in Anſpruch genommen. „Du kannſt aufſtehen, Freund,“ bemerkte Donna Beatriz. „Ihre Hoheiten ſind nicht mehr gegenwärtig.“ Bei dieſer Aufforderung verließ Sancho ſeine demüthige Stel⸗ lung, bürſtete ſeine Kniee ſorgfältig mit dem Aermel und ſah ſich 520 mit ſo viel Faſſung um, als er bei Beobachtung des Himmels zur ee an den Tag zu legen pflegte. „Der Art, wie Du geſprochen, und dem Umſtande zu Folge, daß Du die Botſchaft des Admirals überbringen durfteſt, mein Freund, biſt Du wohl ein Reiſegefährte des Sennor Colon geweſen?“ „Ihr dürft Euch darauf verlaſſen, Sennora Excellenz, denn m ſer Zeit brachte ich an dem Steuer zu, wel⸗ on der Stelle ſteht, die Don Chriſtoval aches nur gtliche Sthritte v u der or de Wunnos ſo ſehr liebten, daß ſie dieſelbe nie ver⸗ ließ s denn, um ſchlafen zu gehen, und auch da nicht immer.“ uch ein Sennor de Munnos auf Deinem Schiffe?“ nahm die Marquiſin wieder auf, indem ſie ihrer Mündel winkte, ihre Gefühle zu beherrſchen. „Allerdings, Sennora, und ein Sennor Gutierrez, und ein ge⸗ wiſſer Don Jemand Anders, und alle drei nahmen nicht mehr Raum ein, als ein gewöhnlicher Menſch. Ich bitte Euch, meine achtbare und angenehme Sennora, mir zu ſagen, ob ſich eine Donna Beatriz de Cabrera, Marquiſin de Moya, eine Dame aus dem erlauchten Hauſe de Bobadilla an dem Hofe unſerer gnädigſten Königin befindet?“ „Ich bin Donna Beatriz, und Du haſt wohl eine Botſchaft an mich von demſelben Sennor de Munnos, von dem Du eben ſpracheſt?“ „Nun, jetzt wundert's mich nicht länger, daß es große Herren mit ſchönen Frauen gibt, und arme Matroſen mit Weibern, die Nie⸗ mand beneidet! Kaum kann ich meinen Mund aufthun, ſo weiß man ſchon, was ich ſagen will, und eine folche Allwiſſenheit muß wohl die eine Partie groß machen, wo dann nothwendig die andere unbedeutend zu bleiben hat. Bei der heiligen Meſſe! Don Chriſtoval wird allem ſeinem Witze aufbieten müſſen, wenn er nach Barcellona kömmt.“ „Erzähle uns von dieſem Pedro de Munnos, denn Deine Sendung geht an mich.“ „So will ich Euch alſo von Eurem eigenen braven Neffen, dem Conde de Llera, erzählen, Sennora, der ſich unter zwei anderen 521 Namen auf der Caravele befand, von denen der eine als ein fal⸗ ſcher gelten ſollte, waͤhrend doch der andere die größere Täuſchung von beiden enthält.“ „So iſt mein Neffe alſo wirklich erkannt worden? Sind viele Perſonen in ſein Geheimniß eingeweiht?“ „Gewiß, Sennora; denn erſtlich weiß er ſelbſt darum, zwei⸗ tens Don Chriſtoph, drittens ich, und viertens der Sennor Alonzo Pinzon, wenn ſeine Seele noch in ſeinem Fleiſche ſteckt, was aber höchſt wahrſcheinlich nicht der Fall iſt. Dann iſt auch Eure Herrlichkeit nicht unbekannt damit, und auch dieſe ſchöne Sennorita mag einige Ahnungen von der Sache haben.“ „Genug, ich ſehe, das Geheimuiß iſt nicht öffentlich, obgleich ich nicht begreifen kann, wie ein Menſch von Deiner Klaſſe zur Kenntniß deſſelben kommen konnte. Erzähle mir von meinem Nef⸗ fen. Hat er auch geſchrieben? In dieſem Falle kannſt Du mir immerhin den Brief ſogleich übergeben.“ „Sennora, meine Abreiſe kam für Don Luis etwas überra⸗ ſchend, und er hatte keine Zeit, zu ſchreiben. Der Admiral hat dem Grafen die Aufſicht über die Prinzen und Prinzeſſinnen, die wir von Espannola mitgebracht haben, übergeben, wodurch er zu ſehr in Anſpruch genommen iſt, um Briefe ſchreiben zu können, ſonſt würde er wohl einer ſo achtbaren Tante, wie Ihr, ganze Bogen voll geſchrieben haben.“ „Prinzen und Prinzeſſinnen? Was meinſt Du wohl mit dieſen hochtönenden Ausdrücken 2“ „Nun, daß wir einige von dieſen vornehmen Perſonen nach Spanien mitgebracht haben, damit ſie Ihren Königlichen Hoheiten ihre Achtung bezeugen. Wir verkehren nicht mit dem gemeinen Haufen, Sennora, ſondern nur mit Prinzen von Geblüt und den ſchönſten Prinzeſſinnen des Oſtens.“ „Du willſt uns alſo wirklich andeuten, daß ſo hohe Perſonen den Admiral auf der Rückreiſe begleitet haben?“ 522 „Ohne allen Zweifel, Sennora. Wir haben ſogar eine von ſo ſeltener Schönheit darunter, daß die ſchönſten Damen von Ca⸗ ſtilien aufpaſſen dürfen, wenn ſie nicht ausgeſtochen werden wollen. Sie iſt zumalen Don Luis' Freundin und Begünſtigte.“ „Von wem ſprichſt Du?“ fragte Donna Beatriz in der ſtolzen Weiſe, welcher ſie ſich zu bedienen pflegte, wenn ſie auf einer un⸗ umwundenen Antwort beharrte.„Wie heißt dieſe Prinzeſſin, und woher kömmt ſite?“— „Euer Excellenz, ſie heißt Donna Ozema von Hayti, welches Land theilweiſe von ihrem Bruder, Don Mattinao, dem Kaziken oder König beherrſcht wird. Sennora Ozema iſt ſeine nächſte Ver⸗ wandte und die Erbin des Reichs. Don Luis und Euer unterthä⸗ niger Knecht haben dieſen Hof beſucht.“ „Deine Erzählung iſt hochſt unwahrſcheinlich, Burſche. Konnte Don Luis bei einer ſolchen Gelegenheit wohl einen Menſchen Dei⸗ nes Gleichen zum Begleiter wählen?“ „Betrachtet die Sache, wie Ihr wollt, Sennora; ſie iſt jeden⸗ falls ſo wahr, als daß dieß der Hof von Don Ferdinand und Donna Iſabella iſt. Ihr müßt wiſſen, erlauchte Marquiſin, daß der junge Graf gerne mit uns Matroſen herumſtreifte, und bei einer Gelegenheit traf ſich's zufällig, daß ein gewiſſer Sancho Mundo de Moguer dieſelbe Reiſe machte. Dieß iſt der Anfang unſerer Bekanntſchaft, und da ich das Geheimniß des edlen Herrn be⸗ wahrte, ſo wurde er Sancho's Freund. Als Don Luis Don Mat⸗ tinao, den Kaziken, was auf Spaniſch ſo viel als ‚Seine Hoheite bedeutet, beſuchen wollte, ſollte Sancho mit ihm gehen und Sancho ging. Als König Caonabo von den Bergen herunter kam, um die Prinzeſſin Donna Ozema zu entführen und zu ſeiner Gattin zu machen, wollte die Prinzeſſin nicht mitgehen, und da blieb dem Conde de Llera und ſeinem Freunde Sancho vom Schiffsdockenthor nichts zu thun übrig, als ſie gegen die ganze Armee zu verthei⸗ digen, was wir auch thaten, und einen ſo großen Sieg errangen, 523 als Don Ferdinand, unſer Königlicher Gebieter, je einen über die Mauren erfocht.“ „Und dann entführtet Ihr die Prinzeſſin ſelbſt, wie es ſcheint? Freund Sancho vom Schiffsdockenthor, wenn dieß Dein Name iſt, Deine Erzählung iſt ſehr ſinnreich, aber ſie ermangelt der Wahr⸗ ſcheinlichkeit. Wenn ich Dich nach Würden behandeln wollte, ehr⸗ licher Sancho, ſo müßte ich Befehl ertheilen, Dir die Streiche aufzuzählen, welche Du als Belohnung fuͤr Deinen Scherz ſo wohl verdient haſt.“ 2 „Der Mann ſpricht, wie man's ihn gelehrt hat,“ bemerkte Mercedes mit leiſer Stimme.„Ich fürchte, Sennora, es iſt nur zu viel Wahiheit in ſeiner Erzählung.“ „Seyd unbeſorgt, ſchöne Sennorita,“ fiel Sancho ein, den die Drohungen in den Worten der Marquiſin nicht im mindeſten anfochten,„denn die Schlacht wurde geſchlagen, der Sieg gewonnen, und die beiden Helden haben nicht den mindeſten Schaden genom⸗ men. Dieſe erlauchte Sennora, der ich, als der Tante des beſten Freundes, welchen ich auf Erden habe, Alles verzeihe— nämlich ſo lang es ſich nur um Worte handelt— möge bedenken, daß die Bewohner von Hayti nichts von Hakenbüchſen wiſſen, mittelſt derer wir Caonabo in die Flucht ſchlugen, wie ſie ſich auch wird erinnern können, daß Don Luis als ein einzelner Mann blos mit Beihulfe ſeiner guten Lanze manche Reihe von Mauren durchbrochen hat.“ „Ah, Burſche,“ entgegnete Donna Beatriz;„damals war er im Sattel, von Stahl! umhüllt, und mit einer Wehr bewaffnet, vor der ſelbſt Alonzo de Ojeda den Sand küſſen mußte.“ „Haſt Du in der That die Prinzeſſin, von der Du ſprachſt, mitfortgenommen?“ fragte Mercedes ernſt. „Ich ſchwöre es, Sennora und Sennorita, erlauchte Dame, bei der heiligen Meſſe und bei allen Heiligen des Kalenders! Und noch zudem eine Prinzeſſin, die an Schöͤnheit die Töchter unſerer eigenen allergnädigſten Königin übertrifft, wenn ich anders die 524 ſchönen Fräulein, welche vorhin das Zimmer verließen, dafür zu nehmen habe.“ „Fort mit Dir, Schurke!“ rief Donna Beatriz entrüſtet; ich will nichts mehr hören. Es nimmt mich nur Wunder, daß mein Neffe einem Menſchen mit ſo frecher Zunge ſeine Botſchaften an⸗ vertraut. Geh, und ſteh morgen beſonnener auf, ſonſt möchte ſelbſt die Gunſt Deines Admirals Deine Knochen nicht ſchützen. Mer⸗ cedes, wir wollen zu Bette gehen— es iſt ſpät.“ Sancho wurde nun allein gelaſſen, und in einer Weile erſchien ein Page, um ihn nach dem Orte zu führen, wo er die Nacht zu⸗ bringen ſollte. Der alte Matroſe brummte etwas vor ſich hin über die Heftigkeit von Don Luis' Tante, zählte ſein Gold auſ's Neue, und war eben im Begriff, von ſeinem Lager Beſitz zu nehmen, als derſelbe Page wieder erſchien, um ihn zu einer andern Beſprechung aufzufordern. Sancho, der zwiſchen Tag und Nacht keinen Unter⸗ ſchied machte, hatte nichts dagegen einzuwenden; zumal als er erfuhr, daß die liebenswürdige Sennorita, deren ſanfte bebende Stimme ihn bei der letzten Beſprechung ſo ſehr angeſprochen hatte, ſeine Gegenwart begehre. Mercedes empfing den rauhen Gaſt in ihrem eigenen kleinen Salon, nachdem ſie ihrer Vormünderin gute Nacht geſagt hatte. Als er eintrat, glühte ihr Antlitz, ihr Auge leuchtete und ihr ganzes Benehmen würde dem, der mit den Wal⸗ lungen des weiblichen Herzens vertrauter geweſen wäre, die höchſte Beklommenheit verrathen haben. „Du haſt eine lange und mühevolle Reiſe beſtanden, Sancho,“ ſprach unſere Heldin, als ſie mit dem Matroſen allein war;„und ich bitte Dich, dieſes Gold als einen kleinen Beweis der Theil⸗ nahme anzunehmen, womit ich die wichtigen Botſchaften, die Du überbracht haſt, angehört habe.“ „Sennorita,“ rief Sancho mit einer angenommenen Gleich⸗ gültigkeit gegen die Doblas, die in ſeine Hand fielen,„ich hoffe, Ihr haltet mich nicht für einen geldſüchtigen Menſchen? Die Ehre, 5²⁵ der Traͤger ſolcher Nachrichten zu ſeyn und vor ſo erlauchte Da⸗ men treten zu dürfen, iſt ein übergroßer Lohn für Alles, was ich thun konnte.“ „Aber doch könnte für Deine Bedürfniſſe Geld nöthig werden, und Du wirſt nicht zurückweiſen, was Dir eine Dame anbietet.“ „In dieſer Rückſicht würde ich es annehmen, Sennorita, ſelbſt wenn es zweimal ſo viel wäre.“ Mit dieſen Worten brachte Sancho, ſich in ſein Geſchick er⸗ gebend, das Gold zu dem andern, welches er bereits früher auf Befehl der Koͤnigin erhalten hatte. Mercedes befand ſich nun in einer Lage, wie ſie oft Denen zu Theil wird, die ihre Kräfte all⸗ zuhoch anſchlagen— mit andern Worten, da ihr jetzt die Mittel zu Gebot ſtanden, ihre Zweifel zu löſen, zögerte ſie, davon Ge⸗ brauch zu machen. „Sancho,“ begann Mercedes endlich,„Du haſt den Sennor Colon auf dieſer ganzen großen und außerordentlichen Reiſe be⸗ gleitet und mußt viel erfahren haben, was wir, die wir ruhig in Spanien gelebt haben, gerne hören möchten. Iſt Alles, was Du von den Prinzen und Peinzeſſinnen geſagt haſt, wahr?“ „So wahr, Sennorita, daß es ein Geſchichtſchreiber brauchen könnte. Bei der Meſſe! Wenn Einer in einer Schlacht oder über⸗ haupt Zeuge eines großen Wagniſſes geweſen iſt und ſich die Sache hintendrein vorleſen läßt, ſo wird er bald den Unterſchied zwiſchen der Thatſache und der Geſchichte, die man von ihr gibt, merken! Nun, ich war—“ „Ich wünſche nichts von Deinen übrigen Abenteuern zu hören, Sancho— nur das Einzige; gibt es wirklich einen Prinzen Mat⸗ tinao und eine Prinzeſſin Ozema, die ſeine Schweſter iſt, und haben beide den Admiral nach Spanien begleitet?“ „Ich ſagte dieß nicht, ſchöne Sennorita, denn Don Mattinao blieb zu Hauſe, um ſein Volk zu regieren. Es iſt nur ſeine ſchöne Schweſter, die Don Chriſtoph und Don Luis de Palos folgte.“ 526 „Folgte?— Beſitzt der Admiral und der Conde de Llera einen ſo großen Einfluß über königliche Damen, um ſie zu veran⸗ laſſen, ihre Heimath zu verlaſſen und ihnen nach einem fremden Lande zu folgen?“ „Ach, Sennorita, etwas derart iſt vielleicht in Caſtilien oder Portugal oder ſogar in Frankreich nicht üblich; aber Hayti iſt noch kein chriſtliches Land, und eine Prinzeſſin dort iſt vielleicht nicht mehr als eine edle Dame von Caſtilien— jedenfalls was die Garde⸗ robe anbelangt, nicht einmal ſo viel. Doch eine Prinzeſſin iſt eine Prinzeſſin, und eine ſchöne Prinzeſſin eine ſchoͤne Prinzeſſin. Unſere Donna Ozema iſt ein wundervolles Geſchöpf, und fängt bereits an, unſer reines Caſtillianiſch zu plappern, als wäre ſie zu Burgos oder Toledo erzogen worden. Aber Don Luis iſt ein gar ermuthi⸗ gender Lehrer und hat ſie ohne Zweifel ſo weit vorwärts gebracht, während er in ihrem Palaſte ſo zu ſagen ganz allein mit ihr wohnte, weshalb auch der eingefleiſchte Teufel, Don Caonabo mit ſeinen Leuten herunter kam, um die Dame zu entführen.“ „Iſt die Dame eine chriſtliche Prinzeſſin, Sancho?“ „Der Himmel ſegne Eure reine Seele, Sennorita, ſie kann ſich in dieſer Hinſicht nicht viel zu gute thun; doch hat ſie ſo eine Art Anfang gemacht, denn ich bemerke, daß ſie jetzt ein Kreuz trägt— freilich nur ein kleines, aber von gar köſtlichem Stoffe, wie es auch nicht anders ſeyn kann, da es ein Geſchenk des edlen und reichen Grafen von Llera iſt.“ „Ein Kreuz ſagſt Du, Sancho?“ ſiel Mercedes, nach Luft ha⸗ ſchend, ein; ſie bewältigte jedoch ihre Gefühle ſo weit, daß der alte Matroſe nichts entdecken konnte.„Iſt es Don Luis gelungen, ſie zur Annahme eines Kreuzes zu veranlaſſen?“ „Allerdings, Sennorita— und zwar eines mit köſtlichen Steinen geſchmückten Kreuzes, das er ſelbſt einmal an ſeinem Halſe trug.“ „Kennſt Du die Steine?— Waren es Türkiſſe, in das feinſte Gold gefaßt?“ —,— —.,— 527 „Für das Gold kann ich einſtehen, meine Dame, aber bis zu der Kenntniß von Cdelſteinen hat ſich meine Gelehrſamkeit noch nicht verſtiegen. Doch kann ich ſagen, daß der Himmel von Hayti nicht blauer iſt, als die Steine dieſes Kreuzes. Donna Ozema nennt es Mercedes, wahrſcheinlich, weil ſie dabei an die Gnaden denkt, die aus der Kreuzigung für ihre umnachtete Seele fließen.“ „Wird denn dieſes Kreuz für etwas ſo Gewöhnliches gehalten, daß es ſogar zum Gegenſtand der Unterhaltung für Leute von Deiner Klaſſe geworden iſt?“ „Hört, Sennorita; ein Mann, wie ich, gilt an Bord einer Ca⸗ ravele oder auf ſturmbewegtem Meere mehr, als dieß wahrſcheinlich hier in Barcellona, auf feſtem Grunde der Fall iſt. Wir gingen nach Cipango, um daſelbſt Kreuze aufzurichten und die Heiden zu bekehren, und ſomit ſehe ich in all dieſem nichts Unpaſſendes. Was die Dame Ozema betrifft, ſo ſchenkt ſie mir mehr Aufmerkſamkeit, als irgend einem Andern, da ich in der Schlacht, welche ſie dem Caonabo entriß, mitgefochten habe, und ſo zeigte ſie mir das Kreuz an demſelben Tage, als wir in dem Tajo Anker warſen, oder un⸗ mittelbar zuvor, als der Admiral mich beauftragte, ſein Schreiben Ihrer Hoheit zu überbringen. Sie küßte damals das Kreuz, drückte es an ihre Bruſt und ſagte, es wäre Mercedes.“ „Dieß iſt höchſt ſeltſam, Sancho! Hat die Prinzeſſin ein ihrem Rang und ihrer Würde angemeſſenes Gefolge?“ „Ihr vergeßt, Sennorita, daß die Ninna, wie ſchon ihr Name beſagt, nur ein kleines Schiff iſt und für einen großen Schweif von Herren und Damen keinen Raum bietet. Don Chriſtoph und Don Luis ſtehen hoch genug, um ein paſſendes Geleite von was immer für einer Prinzeſſin zu bilden, und was das übrige anbe⸗ langt, ſo muß Donna Ozema eben warten, bis unſere gnädige Königin ihr ein Gefolge anweiſen kann, das ihrer Geburt ange⸗ meſſen iſt. Außerdem, mein gnädiges Fräulein, ſind dieſe Damen 528 von Hayti viel einfacher, als die unſeres ſpaniſchen Adels, denn die Hälfte von ihnen iſt der Meinung, Kleider ſeyen in ihrem milden Klima etwas ſehr Unnöthiges.“ 3 Mercedes warf dem Sprecher einen Blick des Unwillens und des Mißtrauens gegen ſeine Wahrheitsliebe zu; ihre Neugierde und Theilnahme waren jedoch zu ſehr erregt, als daß ſie den Mann hätte wegſchicken können, ohne eine weitere Frage an ihn zu ſtellen. „Und Don Luis de Bobadilla war immer um die Perſon des Admirals? Stets bereit, ihn zu unterſtützen und der Vorderſte bei jeder Gefahr?“ „Sennorita, Ihr beſchreibt den Grafen ſo treu, als ob Ihr von Anfang bis zum Ende ſelbſt dabei geweſen wäret. Wenn Ihr geſehen hättet, wie wacker er Caonabos Schaar mit dem Schwerte bearbeitete und wie er Alle hinzuhalten wußte, während Donna Ozema in ſeiner Nähe hinter dem Felſen ſteckte, ſo hätten wohl Eure holden Augen ſich der Thränen der Bewunderung nicht ent⸗ halten können.“ „Donna Ozema in ſeiner Nähe— hinter Felſen, und An⸗ greifende, welche er hinhielt?“ „Ja, Sennora, Ihr wiederholt es, wie ein Buch. Es war ganz ſo, wie Ihr ſagt, obgleich ſich Fraͤulein Ozema nicht damit begnügte, hinter den Felſen zu bleiben, denn als die Pfeile am dickſten flogen, ſo ſtellte ſie ſich vor den Grafen und zwang dadurch die Feinde, inne zu halten, ſonſt würden ſie gerade den Preis, um den ſie kämpften, getödtet haben. Eine natürliche Folge war, daß auch das Leben ihres Ritters gerettet wurde.“ „Sein Leben gerettet,— das Leben Luig— des Don Luis de Bobadilla durch eine indianiſche Prinzeſſin?“ „Es iſt gerade ſo, wie Ihr ſagt, und ein ſehr edles Mädchen iſt ſie— Verzeihung, daß ich mir von einer Dame ihres Ranges einen ſo reſpektwidrigen Ausdruck erlaube. Seit jenem Tage ——— ——* 529 hat mir der junge Graf wieder und wieder erzählt, die Pfeile ſeyen in ſolchen Wolken geflogen, daß er ſeine Ehre wohl hätte durch einen Rückzug beflecken oder ſein Leben verlieren müſſen, wenn Donna Ozema nicht gerade zur rechten Zeit gekommen wäre. Sie iſt ein herrliches Weſen, Sennorita, und Ihr werdet ſie wie eine Schweſter lieben, ſobald Ihr ſie geſehen und kennen gelernt habt.“ „Sancho,“ bemerkte unſere Heldin, wie die Morgenröthe er⸗ glühend,„Du ſagſt, daß der Conde de Llera Dir befohlen habe, ſeiner Tante von ihm zu erzählen; hat er dabei nicht ſonſt noch eines Namens ewähnt?“ „Nein, Sennorita.“ „Biſt Du deß gewiß, Sancho?“ beſinne Dich— nannte er Niemand anders gegen Dich?“ „Nun, ſchwören kann ich nicht gerade drauf; denn entweder hat er oder der alte Steuermann Diego von einer gewiſſen Clara geſprochen, die hier in Barcellona eine Hoſterie hält und herrlichen Wein ſchenkt. Ich glaube aber, es wird wohl Diego und nicht der Graf geweſen ſeyn, da der Eine gar viel an derartige Dinge denkt und der andere kaum etwas von Clara weiß.“ „Du magſt Dich entfernen, Sancho,“ ſagte Mercedes mit ſchwacher Stimme.„Wir wollen morgen weiter mit Dir ſprechen.“ Sancho nahm dieſe Entlaſſung nicht übel auf, ſondern kehrte ver⸗ gnügt zu ſeinem Lager zurück, ohne ſich etwas von dem Unglück träumen zu laſſen, das er durch die Miſchung von Wahrheit und Uebertreibung in ſeinen Erzählungen angeſtiftet hatte. Donna Mercedes. 2te Aufl. 530 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. So mancher ſuchte bündig ſchon Den ſchönen Satz zu conſtatiren, Der Orang ſey ein Menſchenſohn, Bewohnten Gründen nur entflohn, Weils ihm gefiel in Wald⸗Revieren. Doch nimmts Euch Wunder? Mancher Laffe— Was iſt er mehr als dieſer Affe? Nach Lord John Townshend. Die Nachrichten von der Rückkehr Colons und von den wich⸗ tigen Entdeckungen, die er gemacht hatte, flogen wie ein Lauffeuer durch Europa und galten bald allgemein für das große Ereigniß des Jahrhunderts. Man glaubte noch immer, Indien durch eine Weſtfahrt erreicht zu haben und betrachtete daher das Problem, daß die Erde eine Kugel ſey, für erfahrungsmäßig gelöst; denn die Entdeckung des ſtillen Weltmeers durch Balboa fällt um mehrere Jahre ſpäter. Die Vorfälle während der Reiſe, die Wunder welche man geſehen, die Fruchtbarkeit des morgenländiſchen Bo⸗ dens, das Liebliche des Klima's, der Reichthum an Gold, Gewürzen, und Perlen— alle die ſeltſamen Dinge, die der Admiral als Be⸗ weiſe des Gelingens ſeines Unternehmens mitgebracht hatte, waren nun ausſchließlich die Gegenſtände des Tagsgeſprächs, über die man ſich nicht ſatt reden konnte. Die Spanier hatten ſich Jahr⸗ hunderte lang Mühe gegeben, die Mauren von der Halbinſel zu verdrängen; da aber dieſes heißerſehnte Ereigniß die Folge der Zeit und eines lange fortgeſetzten Kampfes geweſen war, ſo ſchien ſelbſt das vollſtändige Erreichen dieſes Zieles nur unbedeutend und unter⸗ geordnet, wenn man es mit dem plötzlichen Glanze verglich, der jene Entdeckungen im Weſten umgab. Mit einem Worte— der Fromme freute ſich in der Hoffnung, das Evangelium weiter ver⸗ breitet zu ſehen; die Phantaſie des Habſüchtigen wühlte in Haufen —,— Goldes; der Politiker berechnete die Zunnahme der ſpaniſchen Macht, der Gelehrte jubelte über den Sieg, welchen die Vernunft über Unwiſſenheit und Vorurtheil erfochten hatte, während er immer noch größere Erweiterungen des Wiſſens erwartete; und die Feinde Spaniens ſtaunten und zögerten trotz des Neides, mit dem ſie dieſe Herrlichkeiten betrachteten. Die erſten Tage, welche der Ankunft von Columbus' Boten folgten, waren Tage des Entzückens und der Neugierde. Der Ad⸗ miral wurde dringend aufgefordert, ſeine Ankunft zu beſchleunigen, man bot ihm hohe Ehren an und ſein Name tönte aus jedem Munde, wie ſein Nuhm das Herz eines jeden ächten Spaniers er⸗ füllte. Man erließ Befehle zur Ausrüſtung einer neuen Flotte, und faſt nirgends hörte man von etwas anderem, als von dieſer Ent⸗ deckung und ihren Folgen ſprechen. So verging ein Monat, bis endlich der Admiral, von den meiſten Indianern, welche er von den Inſeln mitgebracht hatte, begleitet, zu Barcellona anlangte. Die Herrſcher empfingen ihn auf einem Throne, der in einer offentlichen Halle aufgeſchlagen worden war, erhoben ſich bei ſeiner Annäherung und beſtanden darauf, daß er ſitzen ſolle— eine der höchſten Aus⸗ zeichnungen, die gewöhnlich nur den Prinzen von Geblüt zu Theil wurde. Columbus erzählte nun die Geſchichte ſeiner Fahrk, zeigte die Merkwürdigkeiten, welche er mitgebracht, und ſprach von ſeinen Hoffnungen für die Zukunft. Als er mit ſeinem Berichte zu Ende war, knieten alle Anweſenden nieder, während die Hofkapelle das Te deum anſtimmte, und ſelbſt Ferdinands ernſtes Weſen, löste ſich in Thränen dankbarer Freude über dieſes unerwartete und herrliche Geſchenk des Himmels auf. Columbus war lange Zeit das Ziel aller Augen, und man verſäumte nicht, ihm alle Ehren und Berückſichtigungen zu Theil werden zu laſſen, bis er Spanien wieder verließ, um die zweite Fahrt nach dem Oſten— wie man es damals nannte, zu befehligen. Ein paar Tage vor der Ankunft des Admirals am Hofe 5³3² erſchien Don Luis plötzlich in Barcellona. Unter gewöhnlichen Umſtänden würde das Auftreten eines Mannes von dem Range und den Eigenthümlichkeiten des jungen Granden einen nicht ſo leicht zu erſchöpfenden Gegenſtand des Hofgeſprächs abgegeben haben; aber die allgemeine Begeiſterung für die große Reiſe hatte keinen Sinn mehr für die minder wichtigen Angelegenheiten und diente ſo auch unſerem Grafen zum Schirme. Seine Anweſenheit konnte jedoch nicht unbeachtet bleiben und man flüſterte ſich mit dem gewoͤhnlichen Lächeln und Achſelzucken zu, er ſey in einer Caravele, die aus der Levante kam, eingelaufen; es bildete daher einen ſtabilen Tageswitz, ſich unter der Hand anzuvertrauen, daß der junge Conde de Llera die Oſtfahrt gleichfalls mitgemacht habe. Unſer Held ließ ſich in⸗ deſſen durch all dieß wenig anfechten und begann wieder dieſelbe Lebensweiſe, welche er ſich in der Nähe der Herrſcher immer hinzugeben pflegte. Er wohnte, prachtvoll gekleidet, dem Empfange des Ad⸗ mirals in der Halle bei und kein Edler Spaniens machte an jenem Tage durch Haltung und Aeußeres ſeinem Range oder ſeiner Fa⸗ milie mehr Ehre, als Don Luis. Man hatte bemerkt, daß Iſabella während des Gepränges ihm freundlich zulächelte, aber mehr als ein ſchlauer Beobachter ſchüttelte über die ernſte Miene den Kopf, mit der die Vertraute der Königin dem freudigen Schauſpiele bei⸗ wohnte— ein Umſtand, den man der unwürdigen Aufführung ihres ruheloſen Neffen zuſchrieb. Niemand ſah an jenem Tage mit mehr Entzücken auf Luis, als Sancho, welcher in Barcellona geblieben war, um von den Ehren ſeines Admirals auch etwas abzubekommen, und aus Rückſicht für ſeine geleiſteten Dienſte unter den Höflingen Platz nehmen durfte. Die Art, wie er ſich des neuen Krautes, Tabacco genannt, bediente, erregte keine kleine Verwunderung, wie denn auch ein paar Dutzend ſeiner Nachbarn ihrem Verſuche, ſeine Kunſt nachzuahmen, die derartigen Anfangsleiſtungen gewöhnlich fol⸗ gende Uebelkeit verdankten. Eines ſeiner Erlebniſſe an dieſem Tage war ſo ungewöhnlich und bezeichnet ſo ſehr die allgemeine Stimmung 5³³ des Tages, daß wir nicht umhin können, die Einzelnheiten derſelben hier aufzuführen. Die Audienzfeierlichkeiten waren vorüber und Sancho verließ eben mit der übrigen Menge die Halle, als ein gut gekleideter Mann von etwa vierzig Jahren und von gefälligem Aeußeren auf ihn zutrat und ſich die Ehre ſeiner Gegenwart bei einem kleinen Feſtmahle, wie ſie nicht ſelten dem Admiral und ſeinen Freunden gegeben wurden, erbat. Sancho, dem die ſo neue Wonne der Auszeichnung noch nicht verleidet war, willfahrte mit Freuden und wurde nun zu einem Zimmer des Palaſtes geführt, wo ſich ihm zu Ehren etwa zwanzig junge Edle verſammelt hatten; denn an jenem Tage hielt ſich in Barcellona jeder für glücklich, wenn er auch nur den geringſten Begleiter Colon's zur Annahme einer Einladung bewegen konnte. Sobald die Beiden ins Zimmer getreten waren, ſchaarten ſich die jungen, eaſtilianiſchen Herren um ſie her, überhäuften Sancho mit Betheurungen ihrer Bewunderung und bedrängten ſeinen Be⸗ gleiter, den ſte„Sennor Pedro“,„Sennor Martir“ und hin und wieder auch„Sennor Pedro Martir“ nannten, mit Dutzend Fragen zumal. Es iſt kaum nöthig, beizufügen, daß dieſer Mann niemand anders als der Geſchichtſchreiber war, der in neuerer Zeit als Peter Martir ſo berühmt wurde, und deſſen Obhut und Unterricht Iſabella, obgleich er ein Italiener von Geburt war, die meiſten jungen Edeln des Hofs anvertraut hatte. Das gegenwärtige Feſtmahl war ver⸗ anſtaltet worden, um den jungen Herren Gelegenheit zu geben, ihre natürliche Neugierde zu befriedigen, und man hatte Sancho aus dem einfachen Grunde für dieſen Zweck erwählt, weil man ſich mit dem Berichte eines Untergeordneten begnügen muß, wenn die Haupt⸗ perſon nicht zu haben iſt. „Wünſcht mir Glück, Sennores,“ rief Peter Martir, ſobald er zum Worte kommen konnte,„denn ich bin glücklicher geweſen, als wir hoffen durften. Was den Genueſen und alle Höherſtehenden aus ſeiner Umgebung anbelangt, ſo find ſie für heute von den 534 hoͤchſten Häuſern Spaniens in Anſpruch genommen; aber hier iſt ein ſehr würdiger Pilote, ohne Zweifel der Zweite im Range an Bord einer der Caravelen, der uns die Ehre ſchenken will, an unſerem kleinen Gelage Theil zu nehmen. Ich habe ihn einer ganzen Schaar, die das gleiche Geſuch im Schilde führte, entriſſen und bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, nach ſeinem Namen zu fragen, den er uns jetzt wohl ſelbſt zu nennen ſo gefällig ſeyn wird.“ Sancho war nicht leicht aus der Faſſung zu bringen und be⸗ ſaß viel zu viel natürlichen Verſtand, um hier den Poſſenreißer zu ſpielen oder ſich anſtößige Gemeinheiten zu erlauben, obgleich wir dem Leſer nicht zu ſagen brauchen, daß er ſich zu einem Mitgliede der Akademie nicht beſonders geeignet haben würde und auch nicht die gediegenſten Kenntniſſe in den Naturwiſſenſchaften beſaß. Er nahm daher eine gehörig würdevolle Miene an, und da er durch die tauſend Fragen, die er in dem letzten Monat zu beantworten gehabt, etwas in Uebung gekommen war, ſo bereitete er ſich vor, dem Wiſſen eines Mannes, der Indien beſucht hat, alle Ehre zu machen. „Zu Dienſte, Sennores; ich heiße Sancho Mundo— bisweilen auch Sancho Mundo vom Schiffsdockenthor, obgleich ich es jetzt vorziehen würde, Sancho von Indien genannt zu werden, wenn nicht Seine Excellenz Don Chriſtoval auf dieſen Titel Anſpruch macht, was er allerdings mit etwas beſſerem Rechte als ich thun kann.“ Hier betheuerten mehrere, daß er die allerbeſten Anſprüche habe, und dann wurden Sancho vom Schiffsdockenthor einige junge Männer aus den erſten caſtilianiſchen Familien vorgeſtellt; denn obgleich die Spanier nicht die gleiche Sucht für derartige Höflichkeitsformen haben als die Amerikaner, ſo war der jetzige Anlaß doch von der Art, daß die conventionelle Rückhaltung den natürlicheren Ge⸗ fühlen weichen mußte. Nach dieſer Ceremonie, bei welcher die an⸗ weſenden Mendozas, Guzmans, Cerdas und Toledos ſich geehrt fühlten, die Bekanntſchaft dieſes einfachen Matroſen zu machen— kehrte die ganze Geſellſchaft nach dem Speiſeſaal zurück, wo die —,;— 5³⁵ Tafel in einer Weiſe beſetzt war, die den Köchen Barcellona's alle Ehre machte. Während des Mahles ließ ſich Sancho durch keine Frage— denn die Neugierde veranlaßte die jungen Herren hin und wieder zu einer Abweichung von den Schicklichkeitsregeln— von der Pflicht des Augenblicks abbringen, gegen die er eine Art religiöſer Verehrung unterhielt. Einmal, da man ihm etwas kräf⸗ tiger als gewöͤhnlich zuſetzte, legte er Meſſer und Gabel nieder und gab die nachſtehende, feierliche Erwiederung. „Sennores,“ ſagte er,„ich betrachte Speiſe und Trank als eine Gabe Gottes und halte es für unehrerbietig, viel zu reden, wenn die Trefflichkeit des Mahles uns einlädt, ſich gegen dieſen großen Geber dankbar zu erweiſen. Ich weiß, Don Chriſtoval iſt derſelben Meinung, und alle ſeine Begleiter folgen dem Beiſpiele ihres theuren und hochgeehrten Admirals. Sobald ich zu ſprechen bereit bin, Sennores Don Hidalgos, ſollt Ihr genug zu hören be⸗ kommen, und dann ſey Gott der Unwiſſenheit und Albernheit gnädig.“ Nach dieſer Erinnerung blieb nichts mehr übrig, als zu ſchweigen, bis Sancho ſeinen Appetit geſtillt hatte; dann aber ſchob er ſeinen Sitz etwas vom Tiſche zurück und kündigte an, daß er nunmehr zu beginnen bereit ſey. „Ich muß geſtehen, daß ich mich mit der Gelehrſamkeit nie beſonders abgegeben habe, Sennor Pedro Martir,“ ſagte er;„aber was ich geſehen habe, das habe ich geſehen, und was bekannt iſt, weiß ein Matroſe eben ſo gut, als ein Doctor von Salam anka So beginnt denn in Gottes Namen eure Fragen, und ſeyd ſolcher Antworten gewärtig, wie ein armer aber ehrlicher Mann ſie geben kann.“ Der gelehrte Peter Martir hatte im Sinne, die Gelegenheit auf's Beſte auszubeuten. Da aber in dem gegenwärtigen Augen⸗ blick jede Mittheilung, wie ſie einem eben in den Wurf kam, mit Begierde aufgenommen wurde, ſo begann er ſeine Fragen ſo einfach und unumwunden vorzulegen, als ihn der Seemann zu thun auf⸗ gefodert hatte. 536 „Nun, Sennor,“ begann der Mann der Wiſſenſchaft,„wir möchten gerne über gewiſſe Punkte Auskunft erhalten. Wir bitten Euch daher, uns zu ſagen, welches von den wunderbaren Ereigniſſen, die Guch waͤhrend dieſer Reiſe begegneten, den tiefſten Eindruck auf Euren Geiſt gemacht hat und Euch als das mnerkwürdigſte aufgefallen iſt.“ „Ich wüßte nichts mit der Faſelei des Polarſterns zu vergleichen,“ lautete Sancho's ſchleunige Antwort.„Wir Seeleute glaubten immer, dieſer Stern ſey ſo unbeweglich als der Dom von Sevilla; wir ſahen ihn aber auf dieſer Reiſe ſeine Stelle mit der Unbeſtän⸗ digkeit der Winde ändern.“ „Dieß iſt in der That wunderbar,“ rief Peter Martir, der kaum wußte, wie er dieſe Mittheilung nehmen ſolle.„Vielleicht findet aber hier ein Irrthum ſtatt, Meiſter Sancho, da Ihr wohl nicht an die Beobachtung des Himmels gewöhnt ſeyd.“ „Fragt Don Chriſtoval; wann das Phernomerthon, wie es der Admiral nennt, zuerſt beobachtet wurde. Wir ſprachen ein Langes und ein Breites über dieſen Gegenſtand und kamen endlich 5 zu dem Schluſſe, daß nichts auf der Welt ſo beſtändig ſey, als es zu ſeyn ſcheine. Verlaßt Euch drauf, Don Pedro, der Polarſtern treibt ſich um, wie eine Windfahne.“ „Ich will doch den erlauchten Admiral darüber befragen; aber was haltet Ihr, Meiſter Sancho, nach dieſem Wandern des Sternes für das Beachtenswertheſte?— ich meine, die gewöhnlichen Dinge, da ich wiſſenſchaftliche Fragen einer ſpäteren Erörterung vorbehalten möchte.“ Dieß war eine zu wichtige Frage, um ſich ſo leicht beantworten zu laſſen und während Sancho über die Sache nachdachte, öͤffnete ſich die Thüre und Luis de Bobadilla trat in vollem Glanze maͤnn⸗. licher Anmuth, durch eine reiche Kleidung gehoben, in den Saal.— Ein Dutzend Stimmen riefen ſeinen Namen und Peter Martir erhob ſich, um ihm mit gewohntem Wohlwollen, dem ſich jedoch ein wenig von der Miene des Tadels beimiſchte, zu empfangen. „Ich habe mir die Ehre erbeten, Sennor Conde, “ ſagte er, — 537 „obgleich Ihr ſchon geraume Zeit meinem Rath und meiner Auf⸗ ſicht entwachſen ſeyd; denn ich glaube, ein Mann, der das Reiſen ſo ſehr liebt, als Ihr, könnte an den Wundern einer ſo glorreichen Fahrt, wie die des Genueſen iſt, ſich eine nützliche Lehre nehmen, und würde einer Erzählung derſelben nur mit großem Vergnügen an⸗ wohnen. Dieſer würdige Seemann, ein Pilot, der ohne Zweifel bei dem Admiral ſehr in Gunſten ſteht, hat eingewilligt, an dieſem merkwürdigen Tage mit unſerer ſpärlichen Bewirthung vorlieb zu nehmen und iſt eben im Begriffe, uns die intereſſanteſten That⸗ ſachen und Ereigniſſe des großen Abenteuers zum Beſten zu geben. Meiſter Sancho Mundo, dieß iſt Don Luis de Bobadilla, Conde de Llera, ein Grande aus einem der angeſehenſten Häuſer und mit den Meeren nicht unbekannt, da er oft in eigener Perſon auf denſelben hin und her kreuzte.“ „Es iſt durchaus nicht nöthig, mir dieß zu ſagen, Sennor Pedro,“ antwortete Sancho, indem er Luis' heitern und herablaſſen⸗ den Gruß mit tiefer, aber etwas linkiſcher Erfurcht erwiederte, „denn ich ſehe ſo etwas gleich beim erſten Blicke. Seine Excellenz iſt ſo gut als Don Chriſtoval und ich ſelbſt in dem Oſten geweſen, obgleich wir verſchiedene Wege gingen und Keiner von uns Cathay ganz erreichte. Ich fühle mich geehrt, Euch kennen zu lernen, Don Luis, und kann wohl ſagen, daß der edle Admiral die Seereiſen mehr in Aufnahme bringen wird, als dieß in den letzten Jahren der Fall war. Wenn Ihr in die Nachbarſchaft von Moguer kommt, ſo bitte ich Euch, an der Thüre Sancho Mundo's nicht vorbei zu gehen, ohne anzufragen, ob er zu Hauſe iſt.“ „Das will ich Dir mit Freuden verſprechen, mein würdiger Seemann,“ ſagte Luis lachend, indem er einen Stuhl nahm,„und ſollte ich auch das Schiffsdockenthor heimſuchen müſſen. Aber Sennor Pedro, ich möchte die Unterhaltung nicht länger unter⸗ brechen, die, wie ich bei meinem Eintreten bemerkte, recht an⸗ ſprechend geweſen ſeyn muß.“ 538 „Ich habe mich bedacht, Sennores,“ nahm Sancho mit Ernſt wieder auf;„und ſo muß ich denn ſagen, daß mir nach den Faſeleien des Polarſterns, der Umſtand, daß es in Cipango keine Dobla's gibt, am ſeltſamſten vorkommt. An Gold fehlt es nicht, und es iſt gewiß wunderlich genug, daß ein Volk, das im Beſitze eines ſo edlen Metalls iſt, nicht auf den Gedanken verfällt, Dobla's oder eine ähnliche Münze daraus zu ſchlagen.“ Peter Martir und ſeine jungen Zöglinge lachten über dieſen Schwank, und dann behandelte man das Thema in einer andern Form. „Laſſen wir dieſe Betrachtung, welche eher der Staatenpolitik als dem Bereiche der Naturlehre angehört,“ fuhr Peter Martir fort.„Was erſchien Euch aber hinſichtlich der menſchlichen Natur am merkwürdigſten?“ „Was dieß anbelangt, Sennor, ſo glaube ich, daß man die Inſel der Weiber für das Außerordentlichſte aller Phernomertone betrachten kann, mit denen ich je zuſammentraf. Ich weiß zwar, daß ſich Weiber und auch Männer in Klöſtern einſchließen; aber vor dieſer Reiſe habe ich nie von Inſeln vernommen, die zu der⸗ artigen Abſonderungsplätzen für irgend eines der beiden Geſchlechter benützt wurden.“ „Und dies iſt wahr?“ fragten ein Dutzend Stimmen—„ſeyd Ihr wirklich auf eine ſolche Inſel getroffen, Sennor?⸗ „Ich glaube, wir haben ſie von ferne geſehen, Sennores, und ich halte es für ein Glück, daß wir ihr nicht näher kamen, denn man findet in Moguer ſchon genug Schwatzbaſen, und es dürfte nicht gar angenehm ſeyn, einer ganzen Inſel ſolcher zu begegnen. Dann haben wir Brod getroffen, das wie eine Wurzel in der Erde wächst— was haltet Ihr davon, Sennor Don Luis— ſindet Ihr eine ſolche Speiſe nicht ſeltſam?“ „Nun, Meiſter Sancho, das iſt eine Frage aus Deiner eigenen Fabrik, und Du mußt ſte daher ſchon ſelbſt beantworten. Was kann ich von den Wundern Cipango’s wiſſen, da Candia auf der —„— 85 8 32 8 539 entgegengeſetzten Seite liegt? Erörtere daher dieſe Dinge nur ſelber, mein Freund.“ „Wahr, erlauchter Conde, und ich bitte unterthänig um Ver⸗ zeihung. Es iſt allerdings die Pflicht Deſſen, der ſieht, zu erzählen, und Deſſen, der nicht ſieht, zu glauben; ich hoffe daher, daß Jeder der Anweſenden der ſeinigen gehörig nachkömmt.“ „Eſſen dieſe Indianer zu ihrem Brode nicht ein eben ſo merk⸗ würdiges Fleiſch?“ fragte ein Cerda. „Allerdings thun ſie dieß, edler Sennor, denn ſie eſſen einander ſelber auf. Zwar wurden weder ich noch Don Chriſtoval zu einem derartigen Feſtmahle eingeladen, da ſie wohl denken mochten, wir würden nicht kommen: wir haben aber über dieſen Punkt die zu⸗ verläſſigſten Nachrichten eingezogen, und nach einem ungefähren Ueberſchlage mag der Verbrauch von Menſchen auf der Inſel Bohio ungefähr dem der Rinder in Spanien gleichkommen.“ Der Sprecher wurde durch einen allgemeinen Ausruf des Ab⸗ ſcheues unterbrochen und Peter Martir ſchuͤttelte den Kopf, wie ein Mann, der gegen die Wahrheit einer Erzählung etwas miß⸗ trauiſch iſt. Doch, da ſich von einem Manne, wie Sancho, kein gründliches Wiſſen erwarten ließ, ſo wurde die Unterhaltung wieder aufgenommen. „Könnt Ihr etwas von den ſeltenen Vögeln erzählen, die der Admiral heute Ihren Hoheiten zum Geſchenk machte?“ fragte der Gelehrte. „Sennor, ich habe mehrere, und beſonders die Papageien, recht gut kennen gelernt. Das ſind gar kluge Vögel, und ich zweifle nicht, daß ſie im Stande wären, manche der Fragen, die mir hier in Barcellona ſo häufig vorgelegt werden, zur vollkom⸗ menſten Zufriedenheit zu beantworten.“ „Ich ſehe, Du biſt ein Schalk, Sennor Sancho, und liebſt einen Schwank,“ entgegnete der Maun der Wiſſenſchaft mit einem Lächeln.„Doch folge immerhin Deiner Laune, und wenn Da uns 540 auch nicht durch Deine Kenntniſſe nützlich werden kannſt, ſo unter⸗ halte uns wenigſtens mit Deinen Einfällen.“ „San Pedro weiß, daß ich mit Vergnügen alles thun würde, um Euch gefäͤllig zu ſeyn, Sennores, aber die Liebe zur Wahrheit iſt mir angeboren, ſo daß ich mich nicht darauf verſtehe, irgend eine Sache auszuſchmücken. Was ich ſehe, das glaube ich und da ich einmal in Indien geweſen bin, ſo konnte ich meine Augen nicht vor ſeinen Wundern verſchließen. Da gab es auch ein Grasmeer, was kein alltägliches Mirakel iſt, denn ich zweifle nicht daran, daß die Teufel alle dieſe Pflanzen auf dem Waſſer aufhäuften, um uns zu verhindern, den armen Heiden, welche auf der andern Seite der Erde wohnen, das Kreuz zu bringen. Wir kamen durch dieſes Meer eher vermittelſt unſerer Gebete, als durch die Beihülfe der Winde.“ Die jungen Herren blickten auf Peter Martir, um zu ſehen, wie er dieſe Theorie aufnehme, und Peter Martir, obgleich nicht frei von dem Aberglauben ſeines Zeitalters, zeigte ſich keineswegs geneigt, alles, was unſerem Sancho zu behaupten beliebte, hinunter zu ſchlingen, obgleich der Letztere eine Fahrt nach Indien gemacht hatte. „Da Ihr, Sennores, eine ſo große Neugierde in Betreff Colons, der jetzt durch Ihrer Hoheiten ehrenvolle Beſtallung der Admiral des Oceans iſt, kund gebt, ſo will ich Eure Herzen einigermaßen erleichtern und Euch wiedererzählen, was ich gehört habe,“ ſprach Luis mit ruhiger Würde.„Ihr wißt, daß ich mit Don Chriſtoval, ehe er abſegelte, häufig verkehrte und daß ich mit ſeiner Rückkehr nach Santa Fé, als er dieſen Ort, muthmaßlich für immer, ver⸗ laſſen hatte, in einiger Verbindung ſtand. Unſere Bekanntſchaft wurde ſeit der Ankunft des großen Genueſen in Barcellona wieder erneuert, und wir haben manche Stunden zuſammen in des Admirals Gemächern verbracht, um die Ereigniſſe der letzten paar Monate zu beſprechen. Was ich auf dieſe Weiſe erfahren habe, bin ich bereit, mitzutheilen, wenn Ihr mir die Gunſt erzeigen wollt, zuzuhören.“ Die ganze Geſellſchaft drückte auf's lebhafteſte ihre Zuſtimmung — 8 ——,—r——————— 2 ₰ùt ——4, — aus und Luis gab nun die Geſchichte der Reiſe im Umriſſe, ließ ſich bei den merkwürdigſten Hauptbegebniſſen mehr auf das Beſon⸗ dere ein und ſuchte die verſchiedenen Erſcheinungen, welche die Aben⸗ teurer in Verwirrung geſetzt hatten, durch Gründe, wie ſie in der damaligen Zeit als annehmlich erſcheinen mochten, zu erklären. Er ſprach mehr als eine Stunde, kam im Verlauf ſeiner Mittheilung von einer Inſel zur andern, und verbreitete ſich über ihre eingebildeten und wirklichen Erzeugniſſe. Allerdings beruhte viel von ſeiner Ge⸗ ſchichte auf unrichtigen Anſichten des Admirals und auf einer falſchen Deutung der Zeichen und Worte der Indianer; aber die Er⸗ zählung war klar, in zierlichen, wenn nicht beredten Worten vorgetragen und hatte ganz das Gepräge der Wahrheit. Kurz, unſer Held gab ſeinen Zuhörern die Ergebniſſe ſeiner eigenen Beobachtungen unter dem Vorwande einer vertraulichen Mittheilung von Seiten des Admirals, und nicht ſelten wurde er durch Ausrufe der Verwunderung unterbrochen, wenn er die Schönheiten der ent⸗ deckten Länder mit lebendigen und glühenden Farben ſchilderte. Selbſt Sancho hörte mit Entzücken zu und als der junge Mann zu Ende gekommen war, ſtand er von ſeinem Stuhle auf und rief aus vollem Herzen: „Sennores, Ihr mögt dieſes Alles glauben, gleich einem Evangelium! Wäre der edle Sennor ſelbſt Zeuge deſſen geweſen, was er ſo vortrefflich geſchildert hat, ſo hätte er nicht wahrer ſprechen können, und ich ſchätze mich ſelbſt ungemein glücklich, dieſe Ge⸗ ſchichte der Reiſe mit angehört zu haben, ſo wie ich ſie in Zukunft Wort für Wort auch zu der meinigen machen will; denn ſo wahr ich in dem Andenken meines Schutzheiligen zu bleiben hoffe, ich werde den Schwätzern von Moguer nichts Anderes mehr erzählen, ſobald ich in dieſe geſegnete Stadt meiner Kindheit zurückkehre.“ Sancho's Wichtigkeit wurde durch den Eindruck, welchen Luis' Erzählung hervorbrachte, um ein Bedeutendes gemindert, da Peter Martir ſie für einen Bericht erklärte, welcher ſelbſt einem Gelehrten, der 54² an der Fahrt Theil genommen, Chre gemacht hätte. Es fanden einige Berufungen an den alten Matroſen ſtatt, um zu ſehen, ob er die eben vernommenen Angaben bekräftigen könne, wodurch aber ſeine Betheurungen hinſichtlich der Genauigkeit von Don Luis' Mittheilungen nur um ſo kräftiger wurden. Es war in der That wunderbar, welchen Ruf der Conde de Llera dieſer kleinen Täuſchung verdankte. Es galt als eine Art Ruhm, die angeblichen Worte Columbus, mit ſo viel Treue und Nachdruck wiederholen zu können; und Peter Martir, der mit Recht um ſeiner Gelehrſamkeit willen ſehr geachtet wurde, ließ das Lob unſeres Helden aller Orten erſchallen, während die jungen Zög⸗ linge des Mannes der Wiſſenſchaft mit der Glut und dem Autoritäts⸗ glauben der Jugend das Echo ſeiner Worte bildeten. Der Ruhm des Genueſen war in der That ſo hoch geſtiegen, daß man Jeden, der ſich ſeines Vertrauens erfreuen durfte, beneidete; und tauſend — wahre oder eingebildete— Thorheiten des Grafen von Llera wurden ob dem Umſtande vergeſſen, daß der Admiral ihn der Mit⸗ theilung ſolcher Thatſachen und Gefühle, wie ſie von Luis erzählt worden waren, für würdig gehalten hatte. Da man Luis außerdem häufig in Don Chriſtoval's Geſellſchaft ſah, ſo war die Welt ſehr geneigt, bei dem jungen Manne Eigenſchaften zu ſuchen, die aus irgend einem unerklärlichen Umſtande bisher der Aufmerkſamkeit ganz entgangen ſeyen. So gewann Luis de Bobadilla aus ſeinem Muthe und ſeiner Entſchloſſenheit in der öffentlichen Meinung einige Vortheile, obgleich ſie weit hinter denen zurückblieben, welche ihm ein offenes und wahres Zugeſtaͤndniß, wie weit er bei der Sache betheiligt geweſen, hätte erwerben müſſen. Welchen Einfluß dieſe Cigenſchaften auf ſeine Bewerbung um Mercedes übten, wird aus den folgenden Blättern erſichtlich ſeyn. 5 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Blick, der Gang— kurz alles iſt ſo ſüß Und gießt auf ſie ein Meer von Anmuth nieder: Wenn kaum ein Witz die holde Stirn verließ, Erſchließt ſich ſchnell ein neuer Zauber wieder. Maſon. Columbus' Empfang zu Barcellona war für die edle und reine Königin von Caſtilien ein Tag ſtürmiſcher Gefühle und innigen Entzückens. Sie war ſowohl hinſichtlich der Autorität als auch in Betreff der erforderlichen Mittel der bewegende Geiſt des ganzen Unternehmens geweſen und nie wurde ein Fürſt durch die Größe der Ergebniſſe, welche wohlgemeinten und eifrigen Bemühungen folgten, reichlicher belohnt. Als die Aufregung und der Lärm des Tages vorüber war, kehrte Iſabella in ihr Gemach zurück und ergoß dort, wie ſie be⸗ allen wichtigen Anläſſen zu thun pflegte, kniefällig ihren Dank, in⸗ dem ſie zugleich die göttliche Vorſehung bat, ſie bei der neuen Verantwortlichkeit, die ſie ſich auferlegt fühlte, zu unterſtützen und ihre Schritte als Fürſtin und Chriſtin auf die rechten Pfade zu leiten. Sie hatte ſich noch nicht lange aus ihrer betenden Stellung erhoben und ſaß, den Kopf auf ihre Hand geſtützt, in tiefem Nach⸗ ſinnen da, als ein leichtes Pochen an der Thüre ihre Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch nahm. Es gab nur eine Perſon in Spanien welche ſich eine ſolche Freiheit herausnehmen durfte; ſo behutſam und beſcheiden auch dieſe Anmeldung geſchah. Sie erhob ſich, drehte den Schlüſſel um und ließ den König ein. Iſabella war noch ſchön. Ihre Geſtalt, von jeher eine wun⸗ derbar vollendete, hatte alle ihre Anmuth beibehalten, ihre Augen kaum etwas von ihrem Glanze verloren, und ihr ſtets ſüßes und wohlwollendes Lächeln ermangelte nicht, die reinen und weiblich zarten Gefühle ihres Herzens wiederzuſtrahlen. Mit einem Wort, 544 man vermißte in dem Uebergang zu den milderen Reizen der Gat⸗ tin und der Mutter die jugendliche Schönheit nur wenig; aber in dieſer Nacht ſchien ſich aller Zauber der früheren Jahre wieder neu belebt zu haben. Ihre Wangen glühten von heiliger Begeiſterung, ihre Geſtalt hob ſich unter der Großartigkeit der Gedanken, in wel⸗ chen ſie ſich erging, und ihre Augen leuchteten ſchwärmeriſch er⸗ griffen von gläubigen Hoffnungen. Ferdinand war ob dieſer Ver⸗ änderung betroffen und blieb, nachdem er die Thüre geſchloſſen hatte, eine Minute ſtumm und verwundert ſtehen. „Iſt dieß nicht der herrlichſte Lohn für ſo kleine Opfer, mein theurer Gemahl?“ rief Iſabella, die den König unter dem Ein⸗ fluſſe aͤhnlicher Gefühle wähnte;—„ein neues Reich, ſo wohlfeil erkauft, mit Schätzen, die alle unſere Phantaſie überbieten, und Millionen von Seelen, welche nun durch eine Gnade der ewigen Qual entriſſen werden können, die ihnen um ſo unerwarteter kom⸗ men muß, da ſie bisher ſo wenig Ahnung von derſelben hatten, als wir von ihrem Daſeyn!“ „Stets auf das Wohl der Seelen bedacht, Iſabella! Aber Du haſt Recht; denn was iſt aller Prunk und alle Herrlichkeit der Welt gegen die Hoffnungen des Chriſten und die Wonnen des Him⸗ mels! Ich bekenne, Colon hat alle meine Hoffnungen weit über⸗ troffen und für Spanien eine Zukunft geöffnet, deren Bildern die Phantaſie kaum Gränzen zu ſtecken vermag.“ „Gedenke der Millionen armer Indianer, die von unſerem Scep⸗ ter und von den Tröſtungen der heiligen Kirche Segen erwarten.“ „Ich hoffe, unſer Vetter und Nachbar Dom Joao wird uns in dieſer Hinſicht nicht beunruhigen. Dieſe Portugieſen ſind ſo auf Ent⸗ deckungen erpicht, daß es ihnen wohl wenig behagen wird, wenn es anderen Mächten gelingt, ſich ebenfalls auszudehnen. Dem Vernehmen nach wurden dem Köonige, ſogar als unſere Caravelen ſchon in dem Tajo lagen, manche gefährliche und verruchte Vorſchläge gemacht.“ 1„Colon verſichert mich, Fernando, er zweifle, ob dieſe Indianer , 545 überhaupt irgend einen religiöſen Glauben hätten. Unſere Prie⸗ ſter werden daher keine Vorurtheile zu bekämpfen haben, wenn ſte dieſen einfachen Gemüthern die hohe Wahrheit des Eyvangeliums verkündigen.“ „Ohne Zweifel hat der Admiral dieſe Dinge reiflich erwogen⸗ Er vermuthet, daß die Inſel, welche er Espannola nannte, nur wenig kleiner ſeyn dürfte als Caſtilien, Leon, Aragon und Gra⸗ nada oder überhaupt unſere ſämmtlichen Beſitzungen auf dieſer Halbinſel zuſammengenommen.“ „Beobachteteſt Du auch, was er hinſichtlich des milden und ſanften Characters der Einwohner ſprach, und fällt Dir nicht das einfache und zutrauliche Weſen derer, welche er mit ſich brachte, auf? Ein ſolches Volk iſt wohl leicht dahin zu bringen, zuerſt den einzigen und wahren Gott nach Gebühr zu verehren und dann ſeine Herrſcher als gütige und wohlwollende Eltern zu betrachten.“ „Die Macht kann ſich immer Anerkennung verſchaffen, und Don Chriſtoval hat mir im Vertrauen verſichert, daß tauſend ge⸗ übte Lanzen dieſe öſtlichen Länder leicht zu bewältigen vermöchten. Wir müſſen uns in Zeiten an den heiligen Vater wenden, daß er zwiſchen uns und Dom Joao Grenzen ſtecke, welche für die Folge jeder Zwiſtigkeit über unſere Intereſſen vorbeugen. Ich habe be⸗ reits mit dem Cardinal von der Sache geſprochen und er ſchmei⸗ chelte mir mit der Hoffnung ſeines Einfluſſes bei Alexander VI.“ „Ich hoffe, daß bei dieſer Verhandlung die Mittel, welche die Verbreitung des Kreuzes fördern könnten, nicht außer Acht gelaſſen werden; denn es thut mir wehe, wenn ich ſehe, daß die Diener der Kirche ſich mit weltlichen Angelegenheiten abgeben und darüber die ihres großen Meiſters vernachläſſigen.“ Don Ferdinand betrachtete einen Augenblick ſeine durchlauch⸗ tige Gemahlin mit großer Aufmerkſamkeit, ohne etwas zu erwiedern. Er bemerkte, daß ihre beiderſeitigen Gefühle, wie es oft bei Fra⸗ gen der Politik zu gehen pflegte, nicht ganz in Wank amg ſtanden, Donna Mercedes. 2te Aufl. 546 und nahm daher ſeine Zuflucht zu einer Andeutung, die, wenn ſie am gehörigen Ort vorgebracht wurde, ſelten verſehlte, Iſabella's begei⸗ ſterten Gedankenflug zu mehr weltlichen Rückſichten herabzuziehen. „Deine Kinder, Donna Iſabella, werden dem Erfolge dieſer unſerer letzten und größten politiſchen Maßregel ein ſchönes Erbe zu verdanken haben. Deine Beſitzungen und die meinigen werden hinfort vereinigt auf denſelben Sprößling übergehen; dann kann auch dieſe portugieſiſche Heirath den Weg zu neuem Ländererwerb öffnen; Granada iſt Dir bereits durch unſere vereinten Waffen geſichert, und hier hat die Vorſehung die Straße zu einem Reich im Oſten aufgeſchloſſen, das alles zu übertreffen verſpricht, was bis jetzt in Europa ausgeführt wurde.“ „Sind meine Kinder nicht auch die Deinigen, Fernando? Kann dem Einen ein Glück blühen, ohne daß das Andere Theil daran hätte? Ich hoffe, ſie werden einſehen lernen, warum ſo viele neue Unterthanen und ſo viele Gebiete ihren Beſitzungen bei⸗ gefügt wurden, und verſpreche mir, daß ſie immer ihrer höchſten und erſten Pflicht, nämlich der Verbreitung des Evangeliums, treu bleiben werden, damit das Scepter der Einen katholiſchen Kirche um ſo ſchneller die ganze Erde umfaſſe.“ „Demungeachtet wird es aber nöthig ſeyn, die errungenen weltlichen Vortheile auch durch weltliche Mittel zu ſichern.“ „Du haſt Recht, mein Gebieter, und es ziemt ſich für lie⸗ bende Aeltern ſowohl in dieſer als in jeder andern Hinſicht das Intereſſe ihrer Nachkommen zu wahren.“ Iſabella lieh nun den politiſchen Planen ihres Gemahls ein bereitwilligeres Ohr und ſie beſprachen ſich wohl eine Stunde lang über einige wichtige Maßregeln, deren alsbaldige Ausführung ihr vereinter Vortheil zu fordern ſchien. Dann verabſchiedete ſich Fer⸗ dinand von ſeiner königlichen Gattin mit einem zärtlichen Kuſſe und zog ſich nach ſeinem eigenen Cabinete zurück, um, wie er ge⸗ woͤhnlich that, zu arbeiten, bis ſein Körper der Ruhe bedurfte. „ 547 Nach der Entfernung des Königs ſaß Iſabella einige Minuten ſinnend da; dann nahm ſie ein Licht und begab ſich durch einige geheime Gänge, mit welchen ſie vertraut war, nach dem Gemach ihrer Töchter. Hier weilte ſie eine Stunde in liebevoller und ſorg⸗ fältiger Erfüllung ihrer mütterlichen Pflichten, küßte dann die jungen Prinzeſſinnen der Reihe nach, gab ihnen ihren Segen und verließ den Flügel in derſelben einfachen Weiſe, wie ſie ihn betreten hatte. Anſtatt jedoch nach dem zu ihrer Verfügung geſtellten Theile des Palaſtes zurückzukehren, ging ſie in der entgegengeſetzten Richtung weiter, bis ſie eine Thüre erreichte, wo ſie leiſe anpochte. Eine Stimme von innen rief„herein“ und derſelben Folge leiſtend, be⸗ fand ſich die Köͤnigin von Caſtilien allein mit ihrer alten und er⸗ probten Freundin, der Marquiſin von Moya. Jſabella verbat ſich mit einer ruhigen Handbewegung die gewöhnlichen Ehrfurchtsbeweiſe, und Beatriz, welche in dieſer Hinſicht die Wünſche ihrer Gebieterin kannte, empfing ihren durchlauchtigen Gaſt beinahe ganz wie eine Freundin von ihrem eigenen Range. „Wir haben einen ſo lauten und frohen Tag gehabt, Tochter Marquiſe,“ begann die Königin, ruhig ihre kleine Silberlampe niederſetzend,„daß ich beinahe einer Pflicht vergeſſen hätte, die nicht außer Acht gelaſſen werden darf. Dein Neffe, der Graf von Llera, iſt an den Hof zurückgekehrt und benimmt ſich ſo klug und beſcheiden, als ob er an dem Ruhme des großen Unternehmens keinen Theil hätte.“ „Sennora, Luis iſt hier; aber das Urtheil über ſeine Klugheit und Beſcheidenheit will ich Anderen überlaſſen, die vielleicht weniger parteiiſch ſind.“ „Sein Benehmen ſcheint mir dieſes Lob zu verdienen, um ſo mehr, da man einer jugendlichen Seele das Entzücken über einen ſolchen Ausgang wohl zu gut halten müßte, aber ich komme, um mit Dir von Don Luis und Deiner Mündel zu ſprechen. Dein Neffe hat eine herrliche Probe ſeiner Ausdauer und ſeines Muthes 548 abgelegt und es iſt daher kein Grund vorhanden, ihrer Vereinigung weitere Hinderniſſe in den Weg zu legen. Du weißt, daß mir Donna Mercedes gelobt hat, ſich nicht ohne meine Einwilligung zu vermählen, und ich möchte ſie dieſe Nacht ſo glücklich machen, als ich mich ſelbſt fühle, indem ich ihr erlaube, dem Zuge ihres Herzens zu folgen— nein, noch mehr, ich will ihr ſagen, daß ich ſie recht bald als Gräfin von Llera ſehen moͤchte.“ „Eure Hoheit iſt die Güte ſelbſt gegen mich und die Meini⸗ gen,“ verſetzte die Marquiſe kalt.„Mercedes muß ſich zum innig⸗ ſten Danke verpflichtet fühlen, daß ihre königliche Gebieterin in einem Augenblicke auf ihr Wohl bedacht war, wo ihr Geiſt von ſo vielen weit wichtigeren Angelegenheiten hingenommen iſt.“ „Ich bin aus dieſem Grunde in ſo ſpäter Stunde hierher ge⸗ kommen, meine Freundin. Meine Seele erliegt faſt den Gefühlen der Dankbarkeit, und ehe ich mich ſchlafen lege, möchte ich, wo möglich, Alle ſo frohen Herzens machen, als ich ſelbſt bin. Wo iſt Deine Mündel?“ „Sie hat mir kurz vor dem Eintritt Eurer Hoheit gute Nacht geſagt. Ich will ſie rufen, damit ſie Eure Befehle vernehme.“ „Wir wollen zu ihr gehen, Beatriz. Baltungin, wie ich ſie bringe, dürfen nicht träge einherſchleichen.“ „Es iſt ihre Pflicht und wird ihr Freude machen, Eurer Hoheit zu jeder Stunde aufzuwarten.“ „Ich weiß dieß wohl, Marquiſe, aber ich habe mir einmal vorgenommen, ſelbſt die Bringerin dieſer Neuigkeit zu ſeyn,“ fiel die Königin ein, indem ſie nach der Thür voran ging.„Zeige mir den Weg, er iſt Dir beſſer als irgend Jemand bekannt. Du ſiehſt, wir beſuchen ſte ohne Prunk und Förmlichkeit, ebenſo wie Colon aus⸗ zog, um ſeine unbekannten Meere zu durchſpähen, und haben doch für Deine Mündel keine weniger angenehme Kunde, als die, welche der Genueſe den unwiſſenden Eingebornen von Cipango brachte. Dieſe Corridore find unſere pfadloſen Meere und dieſe verwickelten Gänge die verborgenen Wege, die wir abzufinden haben.“ 549 „Gebe Gott, daß Eure Hoheit nicht eine eben ſo erſtaunens⸗ werthe Entdeckung mache, als diejenige iſt, welche der Genneſe 1b eben veröffentlicht hat! Was mich anbelangt, ſo weiß ich kaum, ob ich allen dieſen Dingen glauben ſoll oder nicht.“ b„Dein Staunen nimmt mich nicht Wunder; es iſt ein Ge⸗ fühl, welches die außerordentlichen Ereigniſſe der letzten Tage in jeder Seele erzeugen mußten,“ erwiederte die Königin, augenſchein⸗ lich den Sinn der Worte ihrer Freundin mißdeutend.„Aber wir haben uns noch eine andere Luſt vorbehalten— wir wollen nem⸗ 1 lich Zeuge der Freude eines reinen weiblichen Herzens ſeyn, welches 1 die ihm auferlegte Prüfung mit dem ergebenen Sinne einer chriſt⸗ lichen Jungfrau ertragen hat.“ Donna Beatriz ſeufzte tief auf, ohne jedoch etwas zu erwie⸗ . dern. Sie waren inzwiſchen über den kleinen Salon gegangen, in 2 welchem Mercedes ihre weiblichen Bekannten empfangen durfte und 4. der ſich in der Nähe ihres Schlafgemachs befand. Hier trafen ſie t eine Dienerin, welche ſich beeilte, ihrer Herrin den Beſuch, mit dem ſie beehrt werden ſollte, anzukündigen. Iſabella benahm ſich 2 gegen die, welche ſie liebte, mit einer mütterlichen Freimüthigkeit; ſie öffnete daher ohne Umſtände die Thüre und ſtand vor unſerer t Heldin, ehe noch dieſe ihr entgegen gehen konnte. „Tochter,“ begann die Koͤnigin, ſich niederlaſſend, mit einem wohl⸗ l wollenden Lächeln gegen das erſtaunte Mädchen,„ich habe mich einer 1 feierlichen Pflicht zu entledigen. Knie hier zu meinen Füßen nieder und r höre auf Deine Königin, wie Du auf eine Mutter hören würdeſt.“ , MNereedes gehorchte mit Freuden, denn in dieſem Augenblicke . war ihr Alles genehm, wenn ſie nur nicht zu ſprechen aufgefordert h* wurde. Als ſie niedergekniet war, legte die Königin zärtlich einen e Arm um ihren Hals und zog ſie mit ſanfter Gewalt eiwas näher an ſich, bis das Geſicht der Jungfrau in den Falten von Iſabella's n Kleide verborgen war. „Ich habe alle Urſache, Deine Treue und Deinen Gehorſam 55⁰ zu rühmen, Kind,“ ſagte die Konigin, nachdem ſie mit Abſicht dieſe kleine Vorkehrung, um Mercedes Gefühle zu ſchonen, getroffen hatte; „Du haſt Deinem Verſprechen durchaus Ehre gemacht, und es liegt mir nun ob, Dich zur Herrin Deiner Neigungen zu machen und alle Hinderniſſe zu beſeitigen, die der Verwirklichung Deiner Wün⸗ ſche im Wege ſtehen. Ich entbinde Dich daher Deines Gelübdes, denn Du haſt Klugheit und Zartgefühl genug an den Tag gelegt, um Dir die Sorge für Dein eigenes Glück überlaſſen zu können!“ Mercedes verharrte in ihrem Schweigen; aber es dünkte Iſa⸗ bella, als fühle ſie einen leichten convulſiviſchen Schauer über die zarte Geſtalt des Mädchens hinbeben. „Du antworteſt nicht, meine Tochter?— Iſt es Dir lieber, Andere über Dein Schickſal entſcheiden zu laſſen, als ſelbſt für Dich zu handeln? Nun ſo will ich denn als Deine Königin und mütterliche Freundin ſtatt der Genehmigung einen Befehl erlaſſen und Dir ſagen, daß es mein Wunſch und Verlangen iſt, Dich, ſo⸗ bald es ſich mit dem Anſtande und Deinem hohen Range verträgt, als die angetraute Gemahlin des Don Luis de Bobadilla Conde de Llera zu ſehen.“ „Nein— nein— nein— Sennora— nie— nie,“ flüſterte Mercedes mit einer Stimme, die eben ſo ſehr durch die innere Aufregung als die Art, wie ihr Antlitz in dem Gewande der Kö⸗ nigin begraben war, erſtickt wurde. Iſabella ſah die Marquiſe de Moya erſtaunt an. Ihre Blicke drückten weder Mißfallen noch Unwillen aus, denn ſie kannte den Character unſerer Heldin zu gut, um irgend eine Laune oder Zie⸗ rerei in einer Angelegenheit zu vermuthen, die ſo innig mit ihren Gefühlen zuſammenhing; die Theilnahme, welche die Königin kund gab, wurde daher durch kein anderes Gefühl als durch das einer nicht zu bewältigenden Ueberraſchung, welche dieſe unerwarteten Worte veranlaßten, umſchattet. „Kannſt Du mir dieß erklären, Beatriz?“ fragte Iſabella — 551 endlich.„Habe ich wehe gethan, wo ich das Beſte beabſichtigte? Ich bin in der That recht unglücklich, denn es ſcheint, ich habe das Herz dieſes Kindes in demſelben Augenblicke tief verletzt, wo ich ſie unausſprechlich glücklich zu machen wähnte.“ „Nein— nein— nein— Sennora—“ flüſterte Mercedes wieder, indem ſie die Knie der Königin krampfhaft umklammerte.„Eure Hoheit hat Niemand verletzt— würde Niemand verletzen— kann Niemand verletzen— Ihr ſeyd die Güte und die Weisheit ſelbſt.“ „Beatriz, ich erwarte von Dir Auskunft. Hat ſich etwas zugetragen, was dieſen Wechſel der Gefühle rechtfertigt?“ „Ich fürchte, theuerſte Gebieterin, daß ihre Gefühle noch die⸗ ſelben ſind, wie früher und daß der Wechſel weniger auf Rechnung dieſes jungen und unerfahrenen Herzens, als vielmehr auf die des unbeſtändigen Sinnes der Männer kömmt.“ Ein Blitz weiblichen Unwillens leuchtete aus den ſonſt ſo hei⸗ teren Augen der Königin und ihre Geſtalt hob ſich in dem vollen Ausdrucke ihrer angeborenen Majeſtät. „Kann dieß wahr ſeyn,“ rief ſte.„Darf ein caſtilianiſcher Unterthan es wagen, mit ſeiner Fürſtin— mit einem ſo ſüßen und reinen Herzen, wie das dieſes Mädchens— mit ſeinen Eiden und Schwüren ein ſolches Spiel zu treiben? Wenn der unbeſonnene Graf glaubt, ein ſolches Unrecht ſtraflos begehen zu dürfen, ſo iſt er im Irrthum. Soll ich den ſtrafen, der ſeinem Nachbar ein armſeliges Silberſtück entwendet, und den frei ausgehen laſſen, der die Seelen verwundet? Ich wundere mich über Deine Ruhe, Marquiſe, da Du doch ſonſt einem gerechten Unwillen offen und furchtlos Worte leihſt.“ „Ach, Sennora, meine theure Gebieterin, meine Gefühle haben ſich bereits Luft gemacht und die Natur verlangt nicht weiter. Außerdem iſt der Knabe meines Bruders Sohn, und wenn ich ihm grollen will, wie es ſeine Schuld verdient, ſo treten die Züge dieſes theuren Bruders, deſſen treues Ebenbild er iſt, vor meine Seele, um allen meinen Muth zu vernichten.“ 55² „Es iſt höchſt ſeltſam! Ein Weſen, ſo ſchön— ſo jung— ſo edel— ſo reich— in jeder Hinſicht ſo ausgezeichnet— und doch ſo bald vergeſſen! Läßt es ſich nicht vielleicht aus einer vor⸗ übergehenden Anwandlung erklären, Dame von Moya?“ Iſabella ſprach nachſinnend, ohne daran zu denken, daß Mer⸗ eedes zugegen war, wie denn wohl Damen ihres Ranges leicht untergeordnete Rückſichten überſehen, wenn ihre Gefühle heftig aufgeregt ſind. Ein abermaliges convulſtviſches Schaudern über den Körper unſerer Heldin ermangelte jedoch nicht, ſie auf dieſen Umſtand aufmerkſam zu machen, und die Königin hätte die Prin⸗ zeſſin Juanna nicht zärtlicher an ihr Herz drücken können, als ſie jetzt die nachgiebige Geſtalt unſerer Heldin umſchlang. „Was kann ich ſagen, Sennora,“ erwiederte die Marquiſe bitter.„Luis hat in ſeiner knabenhaften Gedanken⸗ und Grundſatz⸗ loſigkeit eine junge indianiſche Prinzeſſin veranlaßt, ihre Heimath und ihre Verwandten zu verlaſſen; er bedient ſich zwar des Vor⸗ wandes, daß er den Triumph des Admirals erhöhen wollte; das Wahre an der Sache iſt aber, daß er einer flüchtigen Laune nach⸗ gab und dem Einfluſſe jener ſchlimmen Neigungen folgte, welche die Männer zu dem machen, was ſie wirklich ſind, und deren Opfer ſo oft das unglückliche Weib werden muß.“ „Eine indianiſche Prinzeſſin, ſagſt Du?— Der Admiral er⸗ wähnte einer ſolchen, aber ſte war bereits vermählt und ſoll durch⸗ aus kein Weſen ſeyn, das im Stande wäre, mit Donna Mercedes de Valverde zu wetteifern.“ 5 „Ach, theuerſte Sennora, die, von welcher Ihr ſprecht, iſt allerdings nicht mit der, welche ich meine, zu vergleichen. Ozema — denn ſo heißt die indianiſche Dame— Ozema iſt ein ganz anderes Weſen und nicht ohne hohen Anſpruch auf perſönliche Schönheit. Wenn blos die Außenſeite das Benehmen des Knaben rechtfertigen könnte, ſo möchte er vielleicht einigermaßen zu ent⸗ ſchuldigen ſeyn.“ 55³3 „Woher weißt Du dieß, Beatriz?“ „Weil Luis ſie in den Palaſt gebracht hat, königliche Hoheit. Sie befindet ſich im gegenwärtigen Augenblick in dieſen Gemächern. Mercedes hat ſie wie eine Schweſter aufgenommen, obgleich die Fremde, ohne es zu wiſſen, ihr Herz brach.“ „Hier, ſagſt Du, Marquiſe? Dann kann kein ſtrafbares Ver⸗ hältniß zwiſchen dem gedankenloſen Menſchen und der Fremden ob⸗ walten. Dein Neffe kann es nicht wagen, in dieſer Weiſe gegen alle Tugend und Sitte anzuſtoßen.“ „Hierüber beklagen wir uns nicht, Sennora. Es iſt die knaben⸗ hafte Unbeſtändigkeit und die gedankenloſe Grauſamkeit des Grafen, die meine Gefühle gegen ihn waffneten. Ich habe es nie verſucht, meine Mündel günſtig für ſeine Bewerbung zu ſtimmen, denn ich wollte nicht, daß man mir nachſage, daß eine für unſer Haus ſo ehrenvolle und vortheilhafte Verbindung planmäßig durch mich her⸗ beigeführt worden ſey; jetzt aber wünſche ich von ganzer Seele, daß ſie ihr edles Herz gegen ſeinen Unwerth ſtähle.“ „Ach, Sennora— meine Vormünderin,“ flüſterte Mercedes; Luis iſt nicht in dieſem Grade ſchuldig. Wir müſſen Alles nur Ozema's Schönheit und meiner eigenen Armuth an Mitteln, ihn treu zu erhalten, zuſchreiben.“ „Ozema's Schoͤnheit?“ wiederholte die Königin langſam.„Iſt denn dieſe junge Indianerin wirklich ſo vollkommen, Beatriz, daß Deine Mündel ſie fürchten oder beneiden muß? Ich hätte nicht gedacht, daß ein ſolches Weſen lebe!“ „Eure Hoheit weiß, wie die Männer ſind. Sie lieben das Neue und laſſen ſich am meiſten von den Geſichtern, welche ſie zu⸗ letzt geſehen haben, hinreißen. San Jago! Auch Andres de Ca⸗ brera hat mich dieß fühlen laſſen, obgleich es ein Verbrechen wäre, anzunehmen, daß irgend Jemand Iſabella von Traſtamara eine ſo harte Lehre geben könnte.“ „Bewältige Deine heftigen und ungeſtümen Gefühle, Tochter 554 Marquiſe,“ entgegnete die Königin mit einem Blicke auf Mercedes' vorwärts gebeugte Geſtalt, deren Kopf jetzt ganz in ihrem Schoße begraben lag—„überfließende Gefühle entſprechen ſelten ganz der Wahrheit. Don Andres iſt ein treuer Unterthan geweſen und ließ Deinem Verdienſte Gerechtigkeit widerfahren; und was meinen Herrn, den König anbelangt, ſo iſt er eben ſo gut der Vater meiner Kin⸗ der als Dein Herrſcher. Doch um wieder auf dieſe Ozema zu kom⸗ men, kann ich Sie ſehen, Beatriz?“ „Ihr dürft nur befehlen, Sennora, und Jedermann wird ſich beeilen, Folge zu leiſten. Ozema iſt ohne Zweifel in der Nähe und kann Eurer Hoheit vorgeſtellt werden, ſobald Ihr es wünſchen ſolltet.“ „Nein, Beatriz; wenn ſie eine Prinzeſſin und in dem König⸗ reiche fremd iſt, ſo ſind wir ihrem Range Rückſichten ſchuldig. Laſſe Donna Mercedes hingegen und ſie zu unſerem Empfange vorberei⸗ ten. Ich will ſie in ihrem eigenen Gemach beſuchen. Es iſt zwar ſchon ſpät, aber ſie wird den Mangel an Förmlichkeit durch den Wunſch, ihr zu dienen, entſchuldigen.“ Mercedes erwartete keinen zweiten Befehl, ſondern erhob ſich von ihren Knien und beeilte ſich, das Geheiß der Königin zu er⸗ füllen. Iſabella und die Marquiſin blieben, als ſie allein waren, eine Weile ſtumm, bis endlich die Erſtere, wie es ihrem Range ziemte, das Geſpräch eröffnete. „Es iſt merkwürdig, Beatriz, daß Colon dieſer Prinzeſſin nicht gegen mich erwähnt hat. Eine Dame ihres Standes hätte in Spanien nicht mit ſo wenig Förmlichkeit eingeführt werden ſollen.“ „Der Admiral betrachtete ſie als den Gegenſtand von Luis' beſonderer Sorgfalt und überließ es meinem irregeleiteten Neffen, ſie Euren Hoheiten vorzuſtellen. Ach, Sennora, muß es uns nicht mit Staunen erfüllen, daß eine Jungfrau wie Mercedes ſo bald einem halbnackten, ungetauften, umnachteten Geſchöpf weichen mußte, dem die Kirche noch nie lächelte und deren Seele Gefahr läuft, jeden Augenbkick der Verdammniß anheim zu fallen?“ — 5⁵⁵ „Man muß für dieſe Seele Sorge tragen, Beatriz, und zwar ohne Verzug. Iſt die Prinzeſſin wirklich eine ſo vollendete Schönheit, um ein ſo liebliches Weſen als Donna Mercedes iſt, verdrängen zu können?“ „Dieß iſt's weniger, Sennora, dieß iſt's weniger. Aber die Männer ſind wankelmüthig und lieben das Neue. Auch iſt die beſcheidene Zurückhaltung veredelter Sitten für ſie weniger gewinnend, als die Freiheit Derer, welche ſogar die Kleider für etwas Un⸗ nöthiges halten. Ich will damit nicht ſagen, daß ich Ozema's Beſcheidenheit beanſtande, denn ſo weit es ihre Gewohnheiten mit ſich bringen, ſcheint ſie in dieſer Hinſicht vollkommen tadellos; aber die ungeregelte Laune eines gedankenloſen Knaben findet vielleicht in ihrem feſſelloſen Betragen und in ihrer halb angekleideten Perſon eine augenblickliche Anziehung, die dem Aeußern und dem Benehmen eines hochgebornen ſpaniſchen Fräuleins abgeht, welche auf's ſtrengſte gelehrt worden iſt, ſich ſelbſt und ihr Geſchlecht zu achten.“ „Dieß möͤchte vielleicht bei der gewöhnlichen Menge der Fall ſeyn, Beatriz; aber ſolche unwürdige Beweggründe können den Grafen de Llera nie beſtimmen. Wenn Dein Neffe ſich wirklich ſo treulos erweiſt, als Du annimmſt, ſo muß dieſe indianiſche Prinzeſſin höhere Vorzüge beſitzen, als wir wohl denken.“ „Ihr könnt Euch bald ſelbſt davon überzeugen, Sennora. Hier kömmt Mercedes Dienerin, um uns mitzutheilen, daß die Indianerin bereit iſt, den ehrenden Beſuch, der ihr von Eurer Hoheit zugedacht iſt, anzunehmen.“ Unſere Heldin hatte Ozema auf das Zuſammentreffen mit der Königin vorbereitet. Die junge Tochter Hayti's hatte inzwiſchen im Spaniſchen ſolche Fortſchritte gemacht, daß der mündliche Verkehr nicht ſehr ſchwierig war, obgleich ſie noch in der unzuſammen⸗ hängenden und abgebrochenen Weiſe derjenigen redete, welchen eine Sprache noch neu iſt. Sie begriff vollkommen, daß ſie vor die gefeierte Herrſcherin treten ſolle, von der Luis und Mercedes ſo oft mit Verehrung geſprochen hatten; und da ſie daran gewöhnt 5⁵⁶ war, Kaziken, die höher als ihr Bruder ſtanden, mit Achtung zu behandeln, ſo wurde es nicht ſchwer ſie zu belehren, daß ſie im Begriffe ſtehe, mit der Erſten ihres Geſchlechtes in Spanien zu verkehren. Das einzige obwaltende Mißverſtändniß hatte in dem Umſtande ſeinen Grund, daß Ozema Jſabella für die Königin der ganzen Chriſtenheit und nicht für die eines beſonderen Landes hielt; denn in ihren Augen waren Luis und Mercedes Perſonen von königlichem Range. Obgleich Iſabella vorbereitet war, einer Geſtalt von hoher Vollkommenheit zu begegnen, ſo bebte ſie doch überraſcht zurück, als ihr Auge zum erſtenmal auf Ozema fiel. Es war nicht ſo wohl die Schönheit der Indianerin, was ihr Staunen erregte, ſondern vielmehr die natürliche Anmuth ihrer Bewegungen, der heitere und glückliche Ausdruck in ihren Zügen und die vollkommene Selbſt⸗ beherrſchung in Miene und Benehmen. Mercedes hatte in zartem Schicklichkeits⸗Gefühl ihre neue Freundin veranlaßt, ſich an eine Bekleidung zu gewöhnen, die ihr auf Hayti wohl läſtig geworden wäre, und ſich in reiche Stoffe zu hüllen, die auf eine zwar etwas wilde aber doch eigenthümliche Weiſe ihre Reize noch mehr hervor⸗ hoben. Noch ſchlang ſich Luis' Geſchenk, als der koſtbarſte Theil ihrer Garderobe, um ihren Hals, und Mercedes Kreuz— der geſchätzteſte Schmuck der Indianerin— ruhte auf ihrer Bruſt. „Seltſam, Beatriz,“ rief die Königin auf der einen Seite des Gemachs, während Ozema ſich auf der anderen anmuthig und ver⸗ ehrungsvoll verbeugte.„Kann dieſes herrliche Weſen wirklich eine Seele haben, die nichts von ihrem Gotte und Erlöſer weiß? Aber mag ihr Geiſt auch umnachtet ſeyn, aus dieſen einfachen Zügen ſpricht kein Laſter und kein Trug wohnt in dieſem reinem Herzen.“ „Sennora, alles dieß iſt wahr; und obgleich wir Urſache zur Unzufriedenheit haben, ſo lieben doch meine Mündel und ich das Mädchen bereits und könnten ſie für immer an unſer Herz nehmen — Mereedes als Freundin und ich als Mutter.“ — 557 „Prinzeſſin,“ ſagte Iſabella, mit ruhiger Würde nach der Stelle vortretend, wo Ozema mit niedergeſchlagenen Augen und gebeugtem Körper ſtand und der Befehle der Königin harrte—„Du biſt in Unſerem Reiche willkommen. Der Admiral hat wohl gethan, daß er eine Dame von Deinen Anſprüchen und Deiner Stellung nicht unter Diejenigen miſchte, welche er dem Volke zur Schau ſtellte. Er hat hiedurch ſeine gewohnte Umſicht nicht weniger als ſeine tiefe Ach⸗ tung gegen die geheiligte Würde der Herrſcher auf's neue erprobt.“ „Almirante!“ rief Ozema und ihre Augen leuchteten voll Gei⸗ ſtes, denn ſie hatte lange vorher Colon's wohlverdienten Titel ausſprechen gelernt;„Almirante— Mercedes; Iſabella, Mercedes — Luis, Mercedes— Sennora Königin.“ „Beatriz, was will das heißen? warum verbindet die Prin⸗ zeſſin den Namen Deiner Mündel mit dem des Colon, mit dem meinigen und ſelbſt mit dem des jungen Grafen von Llera?“ „Sennora, in Folge eines ſeltſamen Irrthums hält ſie das Wort Mercedes für die ſpaniſche Bezeichnung alles deſſen, was herrlich und vollkommen iſt und verbindet es daher mit allem, was ſie recht hoch zu erheben gedenkt. Eure Hoheit wird bemerkt haben, daß ſie ſogar die Namen„Luis“ und„Mercedes“ mit einander in Ver⸗ bindung brachte— eine Verbindung, welcher wir ehedem ſo freudig entgegen ſahen, die aber jetzt unmöglich zu ſeyn ſcheint und welche die arme Fremde ſelbſt wohl am allerwenigſten wünſchen kann.“ „In der That, ein ſeltſamer Irrthum,“ verſetzte die Königin; „der Gedanke muß auf irgend einem eigenthümlichen Grunde be⸗ ruhen, denn derartige Dinge ſind nicht bloße Wirkungen des Zu⸗ falls. Wer als Dein Neffe konnte etwas von Deiner Mündel wiſſen, Beatriz? Und wer anders könnte die Prinzeſſin gelehrt haben, dieſen Namen als den Ausdruck des Vollendeten zu betrachten?“ „Sennora!“ rief Mercedes und eine hohe Glut ſchoß nach ihren bleichen Wangen, während der Blitz der Freude vorübergehend in ihren Augen leuchtete;„könnte dieß möglich ſeyn?“ „Warum nicht, meine Tochter? wir ſind vielleicht in dieſer Sache zu voreilig geweſen und haben am Ende den innigſten Aus⸗ druck ſeiner Verehrung für Dich als Beweiſe von Untreue und Wankelmuth genommen.“ „Ach, Sennora! Aber dieß iſt nicht moͤglich, ſonſt könnte Ozema ihn nicht ſo ſehr lieben.“ „Woher weißt Du, Kind, daß die Prinzeſſin andere Gefühle gegen den Grafen hegt, als diejenigen, welche ihr die Dankbarkeit für ſeine Sorgfalt und für den wichtigen Dienſt eingibt, den er ihr dadurch leiſtete, daß er ſie mit der hohen Bedeutung des Kreu⸗ zes bekannt machte? Hier waltet ein übereiltes Mißverſtändniß vor, Beatriz.“ „Ich fürchte, es iſt nicht der Fall, königliche Hoheit. Hin⸗ ſichtlich der Gefühle Ozema's kann kein Irrthum ſtatt finden, denn das unſchuldige und unerfahrene Weſen iſt nicht ſchlau genug, ſie zu verbergen. Daß ihr Herz Luis ganz gehört, entdeckten wir in den erſten Stunden unſerer Bekanntſchaft; und es iſt zu rein, um ungeſucht gewonnen werden zu können. Die Gefühle der India⸗ nerin ſind nicht bloß Bewunderung, ſondern ſo leidenſchaftliche Hin⸗ gebung, wie ſie der glühende Strahl ihrer heimathlichen Sonne nur immer zu erzeugen im Stande iſt.“ „Konnte Jemand, Sennora,“ fügte Mercedes bei,„konnte Jemand Don Luis ſo oft unter Umſtänden, die ſeinen ritterlichen Muth bewährten, ſehen und aus täglichem Umgang ſein vortreff⸗ liches Herz kennen lernen, ohne ſich gedrungen zu fühlen, ihn allen Andern weit vorzuziehen?“ „Ritterlicher Muth— vortreffliches Herz?“ wiederholte die Kö⸗ nigin langſam—„und doch ſo unbekümmert ob des Unrechtes, das er begehrt! Er wäre weder ein Ritter noch ein Adeliger, der der Liebe einer Dame würdig iſt, wenn Du Recht hätteſt, mein Kind.“ „Nein, Sennora,“ erwiederte das Mädchen mit ernſter Stimme, denn ihre Schüchternheit wich dem Wunſche, den Geliebten zu — 559 vertheidigen;„die Prinzeſſin hat uns erzählt, wie er ſie den Hän⸗ den ihres größten Feindes und Verfolgers, des wilden und tyran⸗ niſchen Inſelfürſten, Caonabo, entriß, und wie großmüthig er ſich um ihretwillen der äußerſten Gefahr ausſetzte.“ „Tochter, geh auf Dein Zimmer, und rufe zuerſt die Fürbitte der heiligen Maria an, damit Du die Ruhe des religiöſen Frie⸗ dens und Ergebung in Gottes Willen auf Deinem Kiſſen findeſt. Beatriz, ich will die Prinzeſſin allein befragen.“ Die Marquiſin und Mercedes entfernten ſich ohne Verzug und ließen Iſabella und Ozema allein in dem Zimmer. Die nun fol⸗ gende Unterredung dauerte länger als eine Stunde, denn ſoviel Zeit war nöthig, um es der Königin, bei der Beſchränktheit der Mittel für einen mündlichen Gedankenaustauſch, möglich zu machen, über die Mittheilungen der Fremden ins Klare zu kommen. Daß Ozema's ganzes Herz Luis gehörte, konnte Iſabella nicht entgehey. Die Indianerin war nicht gewöhnt, die Regungen ihres Herzens zu verbergen; und wenn ſie es auch hätte verſuchen wollen, ſo würde doch ihre Unerfahrenheit die Durchführung einer ſolchen Ab⸗ ſicht unmöglich gemacht haben. Ozema hielt es außerdem in ihrer natürlichen Unbefangenheit für Pflicht, gegen Luis' Herrſcherin kein Geheimniß zu haben, und enthüllte daher derſelben ihre ganze Seele in der einfachſten und offenſten Weiſe. „Prinzeſſin,“ ſagte die Königin im Verlaufe des Geſprächs, als ſte glaubte, ſich in den Beſitz der Mittel geſetzt zu haben, die Fremde zu verſtehen—„Deine Erzählung iſt mir jetzt deutlich. Caonabo iſt der Häuptling oder wenn Du willſt, der König eines Landes, welches an das Deinige gränzt. Er begehrte Dich zur Gattin; da er aber bereits mit mehr als einer Prinzeſſin verhei⸗ rathet war, ſo haſt Du, wie es ſich geziemt, ſeine gottloſen Vor⸗ ſchläge zurückgewieſen. Er verſuchte es dann, ſich mit Gewalt Deiner zu bemächtigen, und zu gleicher Zeit war der Conde de Llera bei Deinem Bruder auf Beſuch—“ 560 „Luis— Luis,“ fiel das Mädchen mit ihrer ſüßen weichen Stimme ungeduldig ein;„Luis— nicht Conde— Luis.“ „Recht, Prinzeſſin, aber der Conde de Llera und Luis de Bo⸗ badilla ſind eine und dieſelbe Perſon. Luis alſo, wenn Du willlſt, war in Deinem Palaſte gegenwärtig und ſchlug den anmaßenden Kaziken in die Flucht, der, nicht zufrieden, das göttliche Geſetz durch den Beſitz Eines Weibes erfüllt zu haben, auf eine gottloſe Weiſe um Dich als zweite oder dritte warb und Dich im Triumph fortge⸗ führt haben würde. Dein Bruder bat Dich dann, für eine Weile in Spanien Schutz zu ſuchen, und Don Luis, der Dich in ſeinen Schutz und ſeine Obhut nahm, brachte Dich hieher, um Dich der Sorgfalt ſeiner Tante zu übergeben?“ Ozema verneigte ſich bejahend, denn es wurde ihr nicht ſchwer, die Worte der Königin zu verſtehen, da der Gegenſtand derſelben in der letzten Zeit ihre Gedanken ſo ſehr in Anſpruch genommen hatte. „Und nun, Prinzeſſin,“ ſuhr Iſabella fort,„muß ich mit der Freimüthigkeit einer Mutter zu Dir ſprechen, denn ich betrachte alle Perſonen Deines Ranges als meine Kinder, ſo lange ſie in meinem Reiche weilen, wie ſie denn auch auf meinen Rath und meinen Schutz ein volles Recht haben. Liebſt Du Don Luis ſo ſehr, daß Du Deine Heimath vergeſſen und die ſeinige an ihrer Statt adoptiren könnteſt?“ „Ozema weiß nicht, was Adopliren will ſagen,“ bemerkte das Mädchen verwirrt. „Ich möchte wiſſen, ob Du einwilligen würdeſt, die Gattin des Don Luis de Bobadilla zu werden.“ Gattin und Gatte waren Worte, deren Bedeutung dem In⸗ dianermädchen ſchon lange bekannt waren; ſie erröthete daher, lä⸗ chelte arglos und nickte bejahend. „Ich muß dieß alſo wohl ſo nehmen, daß Du erwarteſt, der Graf werde Dich ehelichen? denn keine beſcheidene junge Dame, wie Du, könnte ſo freudig die Neigung ihres Herzens 561 eingeſtehen, ohne daß ihre Hoffnungen ſich auf eine Art von Ge⸗ wißheit gründeten.“ „Ja, Sennora— Ozema Luis' Gattin.“ „Du willſt ſagen, Prinzeſſin, daß Ozema erwartet, dem Gra⸗ fen mit nächſtem angetraut— in Bälde ſein Weib zu werden?“ „Nein— nein— nein— Ozema jetzt Luis' Weib. Luis heirathen Ozema bereits.“ „Wär's möglich?“ rief die Königin mit einem feſten Blicke auf das Geſicht der ſchönen Indianerin, um ſich zu verſichern, ob das Ganze nicht eine liſtige Täuſchung ſey. Aber das offene, un⸗ ſchuldige Antlitz verrieth keine Spur von Trug, und Jſabella fühlte ſich gezwungen, ihren Worten zu glauben. Um ſich jedoch von der Thatſache völlig zu überzeugen, ſtellte ſie an Ozema wohl eine halbe Stunde lang verſchiedene Kreuz⸗ und Ouerfragen, die aber ſtets zu dem gleichen Reſultate führten. Als die Koͤnigin aufſtand, um ſich zu entfernen, küßte ſie die Prinzeſſin, denn als eine ſolche betrachtete ſie dieſes wilde Kind eines unbekannten und neuen Staates, und flüſterte andachtsvoll ein Gebet für die Erleuchtung ihres Geiſtes und ihren künftigen Frieden. Als ſie in ihren eigenen Gemächern anlangte, fand ſie die Marquiſin von Moya im Vorzimmer, denn dieſe geprüfte Freun⸗ din konnte nicht ſchlafen, ohne die Eindrücke zu erfahren, welche die Zuſammenkunft auf ihre königliche Gebieterin hervorgebracht hatte. „Es ſteht ſogar ſchlimmer, als wir dachten, Beatriz,“ ſagte Iſabella, als die Marquiſe die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte. „Dein herzloſer, unbeſtändiger Neffe hat ſich mit der Indianerin bereits verehelicht und ſie iſt in dieſem Augenblick ſeine geſetzmä⸗ ßige Gattin.“ 4 „Sennora, hier muß ein Irrthum vorwalten. Der unbeſon⸗ nene Knabe würde es wohl nicht wagen, mich in dieſer Weiſe zu täuſchen— und noch obendrein in Mercedes' Gegenwart!“ „Er mochte wohl eher ſeine Gattin Deiner Sorgfalt anvertrauen, Donna Mercedes. 2te Aufl. 36 562 Tochter Marquiſe, als die gleiche Verfügung über eine Dame treffen, welche weniger Anſprüche an ihn hätte. Doch hier kann von keinem Irrthum die Rede ſeyn. Ich habe die Prinzeſſin auf's genaueſte ausgefragt und es bleibt mir kein Zweifel, daß die Vermählung mit der ganzen Feierlichkeit des religiöſen Ritus ſtattgefunden hat. Es war zwar nicht leicht, alles zu verſtehen, was ſie ſagen wollte, aber dieſer Thatſache hat ſie mich oft und auf's beſtimmteſte verſichert.“ „Königliche Hoheit— kann ein Chriſt mit einem Weibe, das noch nicht getauft iſt, ein Ehebündniß eingehen?“ „Gewiß nicht— wenigſtens nicht in dem Auge der Kirche, welches das Auge Gottes iſt. Aber ich vermuthe, Ozema iſt wirk⸗ lich getauft, denn ſie deutete, wenn ſie von der Verbindung mit Deinem Neffen ſprach, oft auf das Kreuz, das ſie trägt. Ich glaube in der That aus ihren Mittheilungen entnehmen zu können, ſte ſey eine Chriſtin geworden, ehe ſie ſein Weib ward.“ „Und eben dieſes geſegnete Kreuz, Sennora, hat der unbe⸗ ſonnene, wankelmüthige Knabe von Merc edes erhalten; es iſt ihr Abſchiedsgeſchenk und das heilige Sinnbild ſollte ihn zur Treue und Beſtändigkeit ermahnen.“ „Die Welt verderbt die Herzen der Männer, Beatriz, daß ſie das Vertrauen und die Treue des Weibes nicht mehr zu würdigen wiſſen. Ich ermahne Dich jedoch, Gott kniefällig zu bitten, daß er Deine Muͤndel in dieſer grauſamen und unvermeidlichen Prüfung aufrecht erhalten wolle.“ Iſabella wandte ſich nun zu ihrer Freundin, welche ſich näherte und die Hand ihrer königlichen Gebieterin zu ihren Lippen führte. Die Königin war jedoch mit dieſem Abſchiedsgruße, ſo warm er war, nicht zufrieden, ſondern ſchlang einen Arm um den Nacken der Donna Beatriz, zog ſie an ſich und drückte einen Kuß auf ihre Stirne. „Gute Nacht, Beatriz— meine treue Freundin! Wenn die Beſtändigkeit allenthalben weicht, ſo wird ſie doch nimmermehr aus Deinem Herzen entſchwinden.“ 563 Mit dieſen Worten trennten ſich die Königin und die Mar⸗ quiſe; jede ſuchte ihr Lager, wenn auch nicht die Ruhe. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Nun, findeſt du nichts weiter, Gondarino, Um uns zu täuſchen? Nicht Schattenſpiel und Nebelbilder mehr, Um unſre ſchwachen Sinne zu berücken? Womit kannſt du genugthun für dein Unrecht Und für die Kränkung ihrer Ehre?— Beaumont und Fletcher, Der Tag, welcher dem in dem vorigen Kapitel mitgetheilten Ereigniſſe folgte, war derjenige, an welchem der Cardinal Mendoza das berühmte Feſtmahl gab. Die meiſten Glieder des hohen Adels waren bei dieſer Gelegenheit dem Admirale zu Ehren verſammelt und Colon wurde mit einer Auszeichnung empfangen, die wenig hinter der zurückblieb, welche man gewöhnlich gekrönten Häuptern zollt. Der Genueſe benahm ſich bei allen dieſen Feſtlichkeiten zwar beſcheiden, aber mit Würde, und für den Augenblick ſchienen Alle entzückt zu ſeyn, ſeinem großen Unternehmen Gerechtigkeit widerfahren laſſen zu können und ſich des Erfolges mitzufreuen, der die Erwartung Aller ſo weit übertroffen hatte. Aller Augen hafteten auf ihm; jedes Ohr horchte auf das geſpannteſte den Sylben, die ſeinen Lippen entfielen und jede Stimme zeigte ſich bereit, ſein Lob laut zu verkünden. Natürlich erwartete man bei einem ſolchen Anlaſſe, Columbus werde eine Erzählung ſeiner Reiſe und ſeiner Abenteuer geben. Dieß war keine leichte Aufgabe, da er dadurch genöthigt wurde, ſich darüber auszuſprechen, wie weit ſein Muth und ſeine Ausdauer, ſein Scharfſinn und ſeine Geſchicklichkeit den Kenntniſſen und dem Unternehmungsgeiſte ſeiner Zeit überlegen war. Aber der Admiral 564 entledigte ſich derſelben mit Gewandtheit, indem er nur die Haupt⸗ punkte berührte, welche vorzugsweiſe mit dem Ruhme Spaniens und dem Glanze der beiden Kronen in Verbindung ſtanden. Unter den Gäſten war auch Luis de Bobadilla. Man hatte den jungen Mann aus Rückſicht für ſeinen hohen Rang und das Vertrauen, womit er augenſcheinlich von dem Admiral behandelt wurde, eingeladen. Columbus' Freundſchaft war mehr als hinreichend, die leichten, ungünſtigen Eindrücke zu verwiſchen, welche Luis' früheres, flüchtiges Weſen eingeflößt hatte, und man ließ ſich gerne durch das Beiſpiel des großen Mannes beſtimmen, ohne viel nach dem Grunde oder dem Zwecke deſſelben zu fragen. Das Bewußt⸗ ſeyn, das ausgeführt zu haben, was Wenige von ſeinem Stande und ſeinen Ausſichten auch nur zu verſuchen geträumt hätten, lieh der ſtolzen Haltung und den ſchönen Zügen des jungen Grafen einen Ernſt und eine Hoheit, die ihm nicht immer eigen geweſen und hielt ihn in der guten Meinung aufrecht, obgleich er ſie nur wohlfeil erkauft zu haben ſchien. Die Art, wie er Peter Martir und ſeinen Schülern die Ereigniſſe der Reiſe erzählt hatte, war noch nicht vergeſſen; und die Welt begann, ohne eigentlich das Warum zu wiſſen, ihn auf eine geheimnißvolle Weiſe mit der großen Weſtfahrt in Verbindung zu bringen. In Folge dieſer zu⸗ fälligen Umſtände ärntete unſer Held in der That einige der Vor⸗ theile, welche ſeinem Muthe gebührten, obgleich in einer Weiſe, wie er ſich's nie gedacht hätte— ein keineswegs ungewöhnliches Reſultat, denn der Menſch fällt oft fuͤr Handlungen, die er nie beabſichtigt, dem Lobe oder Tadel anheim, als wären es ſolche, für die er von Rechts wegen auf das ſtrengſte verantwortlich iſt. „Ich bringe die Geſundheit des königlichen Admirals über die neuentdeckten Meere aus!“ rief Luis de St. Angel, ſeinen Becher hoch erhebend, ſo daß die ganze Verſammlung Zeuge ſeines Toaſtes ſeyn konnte.„Spanien iſt ihm für das kühnſte und wohlthä⸗ tigſte Unternehmen des Zeitalters zu Danke verpflichtet, und kein 565 redlicher Unterthan der beiden Herrſcher wird Anſtand nehmen, ihm die ſeinen Dienſten gebührende Ehre zu erweiſen!“ Der Becher wurde geleert, und man horchte mit achtungs⸗ vollem Schweigen auf Columbus' beſcheidene Dankesworte. „Herr Cardinal,“ begann der freimüthige Einnehmer der geiſtlichen Einkünfte,„die Sorgen der Kirche ſind durch dieſe Ent⸗ deckungen wohl verdoppelt worden, und ich denke, die Zahl der Seelen, die durch Einſchlagung der geeigneten Wege dem Verder⸗ ben entgehen, wird keinen kleinen Theil an dem Ruhme dieſes Unter⸗ nehmens bilden, auch wahrſcheinlich zu Rom nicht vergeſſen werden.“ „Du haſt Recht, guter de St. Angel,“ verſetzte der Cardinal, „und der heilige Vater wird das Werkzeug der göttlichen Macht, wie auch diejenigen, die ihm Beiſtand geleiſtet haben, nicht über⸗ ſehen. Die Wiſſenſchaften ſtammen aus dem Morgenlande und wir haben lange der Zeit entgegen geſehen, wo ſie— durch die Offenbarung und durch den hohen Auftrag, der uns unmittelbar von dem Urquell aller Macht zu Theil geworden iſt, geläutert— wieder zu ihrer Wiege zurückkehren würden; aber wir erkennen jetzt, daß ihr Lauf beſtändig weſtwärts geht und daß ſie auf einem Pfade, der vor dieſer großen Entdeckung jedem menſchlichen Auge verborgen war, wieder nach Aſien zu gelangen beſtimmt ſind.“ Obgleich bei dem Feſtmahle die Freude allgemein zu ſeyn ſchien, ſo blieb doch das menſchliche Herz nicht unthätig und der Neid, die niedrigſte und vielleicht auch die gewöhnlichſte der menſch⸗ lichen Leidenſchaften hob ſich wohl in mehr als einer Bruſt. Die Bemerkung des Cardinals führte eine Zurſchauſtellung dieſes un⸗ würdigen Gefühles herbei, die vielleicht ſonſt unterdrückt geblieben wäre. Unter den Gäſten befand ſich ein Adeliger, Namens Juan de Orbitello, der dieſe Lobeserhebungen aus dem Munde von Män⸗ nern nicht länger mit Schweigen hinnehmen konnte, deren Worte er als die ausſchließlichen Schöpfer des Ruhms zu betrachten ſich gewöohnt hatte. 566 „Iſt es denn ſo gewiß, frommer Prälat,“ ſagte er zu dem Feſtgeber,„daß ſich Gott nicht anderer Mittel hätte bedienen kön⸗ nen, um zu jenem Ziele zu kommen, wenn die des Don Chriſtoval fehlgeſchlagen hätten? Oder müſſen wir dieſe Reiſe als den ein⸗ zigen möglichen Weg betrachten, durch den jene Heiden dem Unter⸗ gang entriſſen werden können?“ „Niemand darf ſich herausnehmen, Sennor, der Allmacht des Himmels Gränzen zu ſtecken,“ erwiederte der Cardinal ernſt;„auch ziemt es dem Menſchen nicht, die angewandten Mittel zu bekritteln, oder die Möglichkeit, andere zu ſchaffen, wenn es der göttlichen Weisheit belieben ſollte, in Zweifel zu ziehen. Am wenigſten aber ſteht es Laien zu, etwas zu beanſtanden, was die Kirche heiligt.“ „Ich gebe dieß zu, Herr Cardinal,“ entgegnete der Sennor de Orbitello etwas verlegen und durch den Tadel in den Worten des Kirchenfürſten gekränkt,„und es fiel mir auch nicht im ge⸗ ringſten ein, etwas derart zu denken. Aber Ihr, Sennor Don Chriſtoval— haltet Ihr Euch wirklich ſelbſt in dieſer Sache für einen Erwählten des Himmels?“ „Ich habe mich immer als ein höchſt unwürdiges Werkzeug, das zu dieſem großen Ziele nur erkoren wurde, betrachtet, Sennor,“ verſetzte der Admiral mit einem feierlichen Ernſte, der wohl geeig⸗ net war, auf die Anweſenden Eindruck zu machen.„Ich fühlte von Anfang an, daß der Drang in meinem Innern göttlichen Ur⸗ ſprungs ſey, und ich hoffe demuthsvoll, daß der Himmel mit dem Geſchöpfe, deſſen er ſich bediente, nicht unzufrieden iſt.“ „Ihr glaubt alſo, Sennor Almirante, daß Spanien keinen andern Mann hätte hervorbringen können, der eben ſo geeignet geweſen wäre, dieſes große Work auszuführen, wenn irgend ein Zufall Eure Fahrt oder den Erfolg derſelben zu nichte gemacht haben würde?“ Die Kühnheit ſowohl, als das Seltſame in dieſer Frage machte die ganze Unterhaltung ſtocken und Jeder beugte ſich ein wenig — N— ðA 567 vor, in geſpannter Erwartung der Antwort entgegenſehend. Co⸗ lumbus blieb mehr als eine Minute ſchweigend ſitzen, dann griff er nach einem Ei, hielt es empor und begann, zwar ſanft, aber mit würdevollem Ernſte: „ Sennores,“ ſagte er,„iſt Jemand hier im Stande, dieſes Ei auf ſeine Spitze zu ſtellen? Wenn einer der Anweſenden dieſe Kunſt verſteht, ſo fordere ich ihn auf, uns eine Probe davon zu geben.“ Dieſe Anmuthung erregte keine geringe Ueberraſchung; doch ſchickte ſich ſogleich ein Dutzend an, unter Lachen und Scherzreden den Verſuch zu machen. Mehr als einmal glaubte irgend ein junger Adeliger, es ſey ihm gelungen; aber ſobald ſeine Finger das Ei verließen, rollte es über den Tiſch, als ob es ſeiner Ungeſchick⸗ lichkeit Hohn ſprechen wollte. „Beim heiligen Lukas, Sennor Almirante, dieſes merkwürdige Anſinnen überſteigt unſere Geſchicklichkeit!“ rief Juan de Orbitello. „Hier iſt der Conde de Llera, der ſo manchen Mauren erſchlug und ſogar im Turnier Alonzo de Ojeda aus dem Sattel hob, und dennoch kann er mit dem Ei in der von Euch angedeuteten Weiſe nicht zu Stande kommen.“ „Es wird aber ihm und ſogar Euch keinen Augenblick ſchwer werden, Sennor, ſobald ich das Kunſtſtück öffentlich gezeigt haben werde.“— Mit dieſen Worten ſtieß Columbus das ſpitzigere Ende des Ei's leicht auf den Tiſch, und da jetzt die Schale eingedrückt war, gewann es eine Baſis, auf der es feſt und bewegungslos ſtehen konnte. Ein Gemurmel des Beifalls folgte dieſer ſinnreichen Zu⸗ rechtweiſung und der Herr von Orbitello zog ſich ſchnell wieder in die Unbedeutſamkeit zurück, aus der er ſich beſſer nie hervor⸗ gewagt hätte. In dieſem Augenblick redete ein königlicher Page den Admiral an und begab ſich dann zu dem Sitze Don Luis' de Bobadilla. „Ich bin aufgefordert, unverzüglich vor der Königin zu 568 erſcheinen, Herr Cardinal,“ bemerkte der Admiral,„und verſehe mich daher zu Euer Gnaden, daß Ihr meine Entfernung entſchuldigen werdet. Dem Benehmen des Boten nach handelt ſich's um eine Sache von Wichtigkeit, und Ihr werdet mir verzeihen, daß ich die Ver⸗ ſammlung ſchon ſo früh verlaſſe?“ Es erfolgte die gewöhnliche Erwiederung, worauf Columbus, nachdem er ſich unter der Thüre noch einmal gegen ſeinen Wirth und alle Anweſenden verbeugt hatte, das Zimmer verließ. Faſt in demſelben Augenblicke folgte ihm der Conde de Llera. „Wohin ſo eilig, Don Luis?“ fragte der Admiral, als ſich der Andere ihm anſchloß.„Thut es Dir ſo Noth, ein Feſtmahl zu verlaſſen, wie es Spanien— ausgenommen in den Paläſten ſeiner Könige— ſelten ſieht.“ „Bei San Jago, nicht einmal dort, Sennor,“ entgegnete der junge Mann heiter,„wenn wir Köͤnig Ferdinands Tafel zum Maasſtab nehmen. Aber ich verlaſſe dieſe angenehme Geſellſchaft in Folge eines Befehls von Donna Iſabella, die mich plötzlich vor ſich rufen ließ.“ „Dann, Sennor Conde, gehen wir miteinander— vielleicht in derſelben Angelegenheit; denn auch ich eile nach den Gemächern der Koͤnigin.“ 3 „Ich bin ſehr erfreut, dieß zu hören, Sennor, da ich nur einen Grund kenne, um deßwillen eine gemeinſchaftliche Aufforde⸗ rung an uns ergehen kann. Es handelt ſich dabei um meine Freierei und man wird Euch ohne Zweifel ein Zeugniß abverlangen, ob ich die Reiſe mitgemacht habe.“ „Meine Gedanken und meine Zeit ſind in den letzten Tagen ſo ſehr mit den öffentlichen Angelegenheiten beſchäftigt geweſen, Luis, daß ich keine Gelegenheit hatte, Dich über dieſen Punkt zu fragen. Wie geht es der Dame von Valverde, und wann wird es ihr genehm ſeyn, Deine Treue und Liebe zu belohnen?“ „Sennor, ich wollte, daß ich Euch die letztere dieſer Fragen 569 mit größerer Sicherheit und die erſtere mit leichterem Herzen be⸗ antworten könnte. Seit meiner Rückkehr habe ich Donna Merce⸗ des nur dreimal geſehen, und obgleich ſie ganz Güte und Offenheit war, ſo iſt doch die Bitte, mein Glück zu krönen, von meiner Tante nur kalt und ausweichend erwiedert worden. Es ſcheint daß Ihre Hoheit ſelbſt zu Rathe gezogen werden muß, und das Getümmel, das durch den Erfolg unſerer Reiſe veranlaßt wurde, hat ſie wahrſcheinlich ſo ſehr beſchäftigt, daß man keine Zeit für eine ſolche Kleinigkeit fand, als das Glück eines unbedeutenden Wanderers, wie ich bin, iſt.“ „So wird es wahrſcheinlich dieſe Angelegenheit ſeyn, Luis, weßhalb wir vorgefordert werden; denn ich kann mir nicht denken, wie ich ſonſt in einer ſo ungewohnten und plötzlichen Weiſe mit Dir in Verbindung gebracht werden ſollte.“ Unſer Held gefiel ſich nicht übel in dieſem Wahne und er trat in die Gemächer der Königin mit einem ſo elaſtiſchen Schritte und ſo freudeſtrahlenden Zügen, als gälte es, ſich unmittelbar der Geliebten antrauen zu laſſen. Der Admiral des Oceans, wie Co⸗ lumbus jetzt öffentlich genannt wurde, durfte nicht lange im Vor⸗ zimmer harren, und ehe noch einige Minuten vergingen, wurden er und ſein Gefährte der Königin vorgeführt. Iſabella empſing die Beiden in ihrem Privatgemache, in wel⸗ chem ſich nur noch die Marquiſe von Maya, Mercedes und Ozema befanden. Columbus und Luis ſahen auf den erſten Augenblick, daß nicht alles richtig war. In jedem Antlitze ſprach ſich das Be⸗ mühen aus, eine erkünſtelte Ruhe feſtzuhalten. Die Königin ſelbſt war allerdings heiter und würdevoll, aber ihre Stirne umwölkte ein gedankenvoller Zug, ihr Auge blickte ſchwermüthig und ihre Wangen waren leicht geröthet. In dem ausdrucksvollen Antlitz der Donna Beatriz kämpften Schmerz und Unwille und Luis be⸗ merkte bekümmert, daß ihr Blick in einer Weiſe von ihm abge⸗ wendet war, wie ſie gewöhnlich zu thun pflegte, wenn ſie ein 570 ernſtes Mißfallen ausdrücken wollte. Mercedes' Lippen waren bleich, wie die eines Todten, obgleich auf jeder Wange ein heller Schar⸗ lachflecken ſichtbar war; ihre Augen ruhten auf dem Boden und ihre ganze Haltung war niedergedrückt und ſchüchtern. Ozema allein ſchien vollkommen unbefangen; doch waren ihre Blicke raſch und beſorgt, obgleich ein Strahl von Freude aus ihren Augen ſchoß und ſelbſt ein leichter Ausruf der Wonne ihren Lippen ent⸗ ſchlüpfte, als ſie Don Luis erkannte, den fie ſeit ihrer Ankunft in Barcellona— alſo beinahe einen Monat— nur ein einzigesmal geſehen hatte. Iſabella ging dem Admiral einige Schritte entgegen, und als dieſer ſich auf ein Knie niederlaſſen wollte, kam ſie raſch dieſem Huldigungsakte zuvor, indem ſie ihm die Hand zum Kuſſe reichte. „Nicht ſo— nicht ſo— Don Almirante,“ rief die Königin; „dieß iſt eine Ehrfurchtsbezeugung, welche Deinem hohen Range und den ausgezeichneten Dienſten, die Du uns leiſteteſt, nicht ziemen. Wenn wir Deine Herrſcher ſind, ſo ſind wir auch Deine Freunde. Ich fürchte, der Herr Cardinal wird mir den Befehl, welchen ich ſandte, kaum vergeben, da er ihn Deiner Geſellſchaft früher beraubte, als er ihn wohl erwartete.“ „Seine Eminenz und die ganze bei ihm verſammelte, ehren⸗ werthe Geſellſchaft haben nun einen Stoff, Sennora, der ſie wohl noch einige Zeit beſchäftigen mag,“ verſetzte Columbus, indem er in ſeiner ernſten Weiſe lächelte.„Ohne Zweifel werden ſie mich jetzt weniger vermiſſen, als zu einer gewöhnlicheren Zeit. Wäre es aber auch nicht der Fall, ſo würden ich und dieſer junge Graf keinen Augenblick Anſtand nehmen, ſelbſt ein reicheres Feſtmahl zu verlaſſen, wenn es gilt, den Befehlen Eurer Hoheit zu gehorchen.“ „Ich bezweifle dieß nicht, Sennor; aber ich wünſchte Dich noch dieſe Nacht über eine Angelegenheit zu ſprechen, die gerade keinen öffentlichen Character hat. Donna Beatriz hier hat mir die Anweſenheit am Hofe, überhaupt die Geſchichte dieſes ſchönen ͤ — 571 Weſens mitgetheilt, welches mir einen ſo hohen Begriff von Deinen Entdeckungen beibringt, daß ich mich wundere, warum mir die Dame nicht früher vorgeſtellt wurde. Kennſt Du ihren Rang, Don Chriſtoval, und die Umſtaͤnde, welche ſie nach Spanien ge⸗ bracht haben?“ 3 „Allerdings, Sennora, denn ich bin zum Teil ſelbſt Zeuge derſelben geweſen und kenne das Uebrige aus den Mittheilungen des Don Luis de Bobadilla. Ich betrachte den Rang der Dame Ozema nicht ganz als einen königlichen, obgleich er hoͤher ſteht, als der eines Adeligen, wenn es ſich anders mit unſeren Begriffen ver⸗ trägt, einen Stand zwiſchen dieſen Beiden anzunehmen— wenn wir zudem dabei nicht außer Acht laſſen, daß Hayti nicht Caſtilien iſt; denn das eine befindet ſich noch in der Finſterniß des Heidenthums, während das andere ſich der ſtrahlenden Sonne des Glaubens und der Civiliſation erfreut.“ „Demungeachtet, Don Chriſtoval, bleibt Rang Rang und die Rechte der Geburt werden durch den Zuſtand eines Landes nicht beeinträchtigt. Obgleich es dem Oberhaupt der Kirche bereits gefallen hat und wohl auch noch weiter gefallen wird, Uns in Unſerer Eigenſchaft als chriſtliche Fürſten Rechte über dieſe indiani⸗ ſchen Kaziken zu übertragen, ſo liegt hierin weder etwas Unge⸗ wöhnliches, noch etwas Neues. Das Verhältniß der Souveränität und des Lehenverbandes iſt alt und wohl begründet, und es fehlt nicht an Beiſpielen, daß mächtige Monarchen neben dem Lande, das ſie unmittelbar Gott verdanken, auch Vaſallengüter beſaßen. Von dieſem Geſichtspunkte aus fühle ich mich geneigt, die indiſche Dame für mehr als adelig zu betrachten, und habe daher befohlen, ſie demgemäß zu behandeln. Es bleiben alſo nur noch die Umſtände zu berichten, welche ſie nach Spanien brachten.“— „Hierüber kann Don Luis, beſſere Auskunft ertheilen, Sennora, da er mit allen Ereigniſſen auf's genaueſte bekannt iſt.“ „Nein, Sennor, ich möchte ſie aus Deinem eigenen Munde 572 hören, denn ich kenne bereits das Weſentlichere von des Conde de Llera Erzählung.“ Columbus fühlte ſich ſowohl überraſcht als ſchmerzlich berührt, aber er zögerte nicht, dem Geheiß der Königin zu entſprechen. „Hayti hat größere oder kleinere Fürſten oder Kaziken, königliche Hoheit,“ fügte er bei,„und dem Vernehmen nach, ſind Letztere den Er⸗ ſteren zu einer Art Tribut und einer gewiſſen Unterwürfigkeit verpflichtet.“ „Du ſiehſt, Tochter Marquiſe, dieß iſt eine ganz natürliche Regierungseinrichtung, die im Oſten ſo gut als im Weſten üblich iſt.“ „Zu den Erſteren gehört Guacanagari, von dem ich bereits Eurer Hoheit ſo viel mittheilte,“ fuhr Columbus fort,„und zu den Letzteren zähle ich Mattinao, den Bruder dieſer Dame. Don Luis beſuchte den Kaziken Mattinao und war Zeuge eines Einfalls Caonabo's, eines berühmten Caribenhäuptlings, der diejenige, welche ſich jetzt Curer hohen Gegenwart erfreut, zu ſeiner Ge⸗ mahlin zu machen wünſchte. Der Conde benahm ſich wie ein wackerer, caſtilianiſcher Ritter, ſchlug den Feind, rettete die Dame und brachte ſie im Triumph zu den Schiffen. Hier wurde be⸗ ſchloſſen, daß ſie Spanien beſuchen ſolle, einmal um den Ruhm der beiden Kronen zu erhöhen, und dann um ſtie ſelbſt für einige Zeit den Gewaltthätigkeiten des Cariben zu entziehen, da er zu mächtig und kriegeriſch iſt, als daß ihm der ſanfte Stamm Mat⸗ tinao's Widerſtand leiſten könnte.“ „Dieß iſt alles gut, Sennor, und daſſelbe, was wir bereits gehört haben: aber wie kam es, daß Ozema bei dem öffentlichen Empfang in der Stadt nicht unter dem übrigen Gefolge erſchien?“ „Don Luis wünſchte es anders, und ich willigte ein, daß er und ſeine Pflegbefohlene geſondert von Palos abſegeln ſollten, wobei ich ſie in Barcellona wieder treffen wollte. Wir Beide waren der Anſicht, die Dame Ozema ſtehe zu hoch über ihren Gefährtinnen, um in einem Prunkaufzuge rohen Augen preisge⸗ geben zu werden.“ — v 573 „Die Maasregel zeugt wenigſtens von Zartgefühl, wenn auch nicht von Klugheit,“ bemerkte die Königin ein wenig trocken. „Die Dame Ozema blieb alſo einige Wochen ausſchließlich der Obhut des Conde de Llera anheimgegeben?“ „So lange, köͤnigliche Hoheit, bis ſie unter den Schutz der Marquiſe von Moya geſtellt wurde.“ „War dieß auch vorſichtig, Don Chriſtoval? Konnte ein ſo kluger Mann, wie Du, hiezu ſeine Einwilligung geben?“ „Sennora!“ rief Luis, unfähig, ſeine Gefühle länger zurück⸗ zuhalten. „Stille, junger Herr!“ befahl die Koͤnigin.„Ich werde als⸗ bald Anlaß nehmen, Dich ſelbſt zu fragen, und Du wirſt dann nöthig haben, alle Deine Sinne zuſammenzunehmen, um die geeig⸗ neten Antworten zu geben.— Muß Dich in dieſer Angelegenheit Deine eigene Klugheit nicht einer Unbeſonnenheit zeihen, Herr Admiral?“ „Sennora, dieſe Frage— auch ihr Beweggrund iſt mir ganz neu. Ich ſetzte das größte Vertrauen in die Ehrenhaftigkeit des Grafen, und dann wußte ich, daß ſein Herz ſeit lange für die ſchönſte und würdigſte Jungfrau in Spanien glüht. Außerdem war mein Geiſt ſo ſehr mit den wichtigen Angelegenheiten der Intereſſen Eurer Hoheit beſchäftigt, daß ich nur wenig Gelegenheit fand, bei Dingen von minderer Wichtigkeit zu verweilen.“ „Ich glaube Dir, Sennor, und Du darfſt unſerer Verzeihung verſichert ſeyn. Doch war es immerhin für einen ſo erfahrenen Mann eine große Unbeſonnenheit, der Feſtigkeit eines wankelmü⸗ thigen Herzens zu vertrauen, zumal wenn daſſelbe in der Bruſt eines leichtſinnigen und unſtäten Knaben ſchlägt. Und nun, Conde de Llera, kömmt die Reihe an Dich, obſchon Du es ſchwer finden wirſt, mir Rede zu ſtehen. Du kannſt Allem, was bisher geſagt wurde, nicht widerſprechen?“ „Nein, Sennora. Don Chriſtoval kann keinen Grund haben, etwas zu entſtellen, ſelbſt wenn er einer ſolchen Niedrigkeit fähig wäre. Ich hoffe, unſer Haus ſteht in Spanien nicht in dem Rufe, daß es falſche und treuloſe Ritter hege.“ „Ich gebe dieß vollkommen zu. Wenn Dein Haus auch das Unglück gehabt hat, ein einziges untreues und trügeriſches Herz hervorzubringen, ſo erfreut es ſich zugleich des Ruhms,“— ſie blickte dabei auf ihre Freundin—„andere erzeugt zu haben, die an Beſtändigkeit den heldenmüthigſten Seelen des Alterthums nicht nachſtehen. Der Glanz des Stammes Bobadilla beruht nicht allein auf dem Character ihres Stammhalters!— Nein, höre mich, Sennor, und ſprich nur, wenn ich Antwort von Dir haben will, auf meine Fragen. Du hatteſt in der letzten Zeit im Sinne, Dich zu vermählen?“ „Ich gebe es zu, Sennora. Iſt es ein Verbrechen, von dem glücklichen Ausgang einer langjährigen Bewerbung zu träumen, für die ich Eure endliche, huldvolle Einwilligung zu hoffen wagte?“ „Es iſt alſo, wie ich fürchtete, Beatriz!“ rief die Königin; „und dieſes unwiſſende, aber liebenswürdige Weſen iſt durch eine Scheinheirath hintergangen worden; denn kein Unterthan Caſtiliens könnte es wagen, ſo von ſeiner Vermählung zu ſprechen, wenn er ſich bewußt wäre, daß ihn ſeine Gelübde wirklich und geſetzlich an eine Andere banden. Selbſt der Nichtswürdigſte in Spanien könnte der Kirche und dem Herrſcher nicht in dieſer Weiſe Hohn ſprechen.“ „Sennora, Eurer Hoheit Worte klingen eben ſo räthſelhaft als grauſam,“ entgegnete Luis.„Darf ich mir zu fragen erlau⸗ ben, ob dieſe harten Bemerkungen mir gelten?“ „Von wem anders ſollten wir ſprechen, oder wem könnten ſie ſonſt gelten?“ Dein eigenes Bewußtſeyn, grundſatzloſer Knabe, muß Dir Deinen ganzen Unwerth vor Augen führen; und doch erkühnſt Du Dich, Deiner Königin— nein, dieſer engelgleichen Dulderin mit einer ſo frechen Miene Hohn zu ſprechen, als ob Dir die reinſte Unſchuld zur Stütze diente?“ „Sennora, ich für meine Perſon bin kein Engel, obgleich 575 ich gerne zugeſtehe, daß Donna Mereedes ein ſolcher iſt; auch bin ich vielleicht kein Heiliger im ſtrengen Sinne des Worts, ſondern nichts anderes, als Luis de Bobadilla;— ſo wenig ich aber auch die Krone des Märtyrthums verdiene, eben ſo wenig verdiene ich dieſe Vorwürfe. Erlaubt mir, unterthänig zu fragen, welchen Verbrechens man mich beſchuldigt?“ „Man legt Dir einfach zur Laſt, daß Du entweder dieſe un⸗ erfahrene und vertrauensvolle indianiſche Prinzeſſin durch eine Scheinheirath auf das grauſamſte getäuſcht haſt, oder daß Du Deine Herrſcherin auf das ſchamloſeſte verhöhnteſt, indem Du gegen dieſelbe den Wunſch ausſprachſt, eine Dame zu heirathen, während Dich doch Deine am Altar ausgeſprochenen Gelübde an eine Andere binden. Welches von dieſen beiden Verbrechen das Deinige iſt, magſt Du ſelbſt am beſten wiſſen.“ „Und Du, meine Tante— Du Mercedes— hältſt auch Du mich einer ſolchen Niedrigkeit fähig?“ „Ich fürchte, es iſt nur zu wahr;“ erwiederte die Marquiſe kalt,„Der Beweis liegt ſo offen da, daß nur ein Heide daran zu zweifeln im Stande iſt.“ „Mercedes?“ „Nein, Luis,“ entgegnete das edle Mädchen mit einer Wärme des Gefühls, welche alle Schranken conventioneller Zurückhaltung niederbrach,„ich halte Dich nicht für ſo niedrig— ich halte Dich überhaupt nicht für niedrig, ſondern blos für unfähig, Deinen wankelmüthigen Neigungen zu widerſtehen. Ich kenne Dein Herz— Deine Ehrenhaftigkeit zu gut, um etwas anderes, als Schwäche bei Dir zu vermuthen, die Du wohl gerne niederkämpfen möchteſt, wenn Du es im Stande wäreſt.“ „Gott und die heilige Jungfrau ſey dafür geprieſen!“ rief der Graf, der, während ſeine Geliebte ſprach, kaum zu athmen wagte. „Ich will ja gerne Alles ertragen, wenn nur Du keine ſo ent⸗ ehrende Meinung von mir hegſt.“ 576 „Wir müſſen der Sache ein Ende machen, Beatriz, und ich kenne kein ſichereres Mittel, als daß wir zu den Thatſachen über⸗ gehen,“ ſagte die Königin.„Tritt hervor, Ozema, und laß dein Zeugniß dieſe Angelegenheit für immer bereinigen.“ Die junge Indianerin, welche das Spaniſche weit beſſer begriff, als ſie ſich in dieſer Sprache auszudrücken vermochte, obgleich ſie lange nicht alles von den gewechſelten Worten verſtanden hatte— gehorchte ſogleich. Ihre ganze Seele war von den Vor⸗ gängen hingenommen, während ihr Verſtand ſich vergebens abmühte, ſich alles zurecht zu legen. Mercedes allein hatte das Schaffen ihrer Züge bemerkt, als Iſabella tadelte und Luis ſeine Einwen⸗ dungen vorbrachte— und es bekundete vollkommen die Innigkeit der Theilnahme, die ſie für unſern Helden fühlte. „Ozema,“ nahm die Königin wieder auf, indem ſie langſam und mit der größten Beſtimmtheit ſprach, um von der Angeredeten richtig verſtanden zu werden;„ſprich, biſt Du mit Luis de Bobadilla vermählt oder nicht?“ „Ozema Luis' Weib!“ antwortete das Mädchen lachend und erröthend.„Luis Ozema's Gatte.“ „Dieß iſt ſo klar, als nur Worte ſeyn können, Don Chriſtoval, und auf meine wiederholten angelegentlichen Fragen hat ſie nie etwas anderes geantwortet. Wie und wann heirathete Luis Dich, Ozema?“ „Luis heirathen Ozema mit Religion— mit Spanier Religion. Ozema heirathen Luis mit Liebe und Gehorſam— mit Hayti Weiſe.“ „Das iſt etwas Außerordentliches, Sennora,“ bemerkte der Ad⸗ 1 miral, nund ich möchte wohl klarer in der Sache ſehen. Darf ich mich der Erlaubniß Eurer Hoheit erfreuen, ſelbſt einige Fragen zu ſtellen?“ „Thue, wie Du willſt, Sennor,“ entgegnete die Königin mit Kälte;„ich bin in dieſer Sache befriedigt, und es ziemt meiner Gerechtigkeit, ſchleunig zu handeln.“. „Conde de Llera, geſtehſt Du zu oder ziehſt Du in Abrede, daß Du Ozema's Gatte biſt?“ fragte Columbus mit hohem Ernſte. 577 „Herr Admiral, ich ſtelle es durchaus in Abrede. Ich habe ſie weder geheirathet, noch je daran gedacht, mich mit einer Andern als mit Mercedes zu vermählen.“ Dieſe Worte trugen den Ausdruck jener offenen Freimüthigkeit, welche einen der ſchönſten Züge in dem Character des jungen Mannes bildete. „Haſt Du ihr alſo ein Unrecht angethan— und ihr dadurch ein Recht gegeben, zu glauben, daß Du die Abſicht habeſt, ſie zu ehelichen?“ „Gewiß nicht. Ich hätte meine eigene Schweſter nicht mehr achten können, als ich Ozema achtete, was ſchon aus dem Umſtand erhellt, daß ich mich beeilte, ſie unter die Obhut meiner theuren Tante und in die Geſellſchaft von Donna Mercedes zu bringen.“ „Dieß ſcheint vernünftig, Sennora; denn der Mann hat immer ſo viel Achtung gegen die Tugend des ſchönen Geſchlechts, daß er ſogar in den Anwandlungen des Leichtſinns Anſtand nimmt, ſie vorſätzlich zu kränken.“ „Zu Widerlegung aller dieſer Betheurungen und des von Euch gerühmten Anſtandsgefühls der Männer, Sennor Colon, dient die einfache Erklärung dieſer in Täuſchung unerfahrenen, einfachen Seele, deren Rang und Anſprüche einen derartigen Trug eben ſo unnöͤthig machen müſſen, als er ihrer unwürdig wäre. Beatriz, Du biſt wohl der gleichen Meinung und kannſt nichts zur Ent⸗ ſchuldigung für dieſen treuloſen Ritter aufſinden, obgleich er einmal der Stolz Deines Hauſes war?“ „Sennora, ich weiß nicht, was ich glauben ſoll. Was auch immer die Mängel und Schwächen des Knaben ſeyn mochten— und der Himmel weiß, ihrer ſind viele geweſen— Täuſchung und Unwahrheit gehörten nie dazu. Ich habe ſogar die Art, wie er die Prinzeſſin meiner unmittelbaren Sorge anheim gab, den Regungen eines Herzens zugeſchrieben, das die Verirrungen des Verſtandes nicht zu verhehlen beabſichtigte, indem er wohl erwarten mochte, ihre Anweſenheit in meiner Familie werde mir früher die Donna Mercedes.?te Aufl. 37 578 Wahrheit enthüllen. Es wäre vielleicht gut, die Dame Ozema genauer zu befragen, um uns zu überzeugen, daß wir nicht in irgend einer ſeltſamen Selbſttäuſchung befangen ſind.“ „Du haſt Recht,“ bemerkte Iſabella, deren Gerechtigkeitsſinn ſtets geneigt war, jeden Fall, der ihrer Entſcheidung anheim gegeben war, auf das gründlichſte zu unterſuchen.„Das Glück eines Granden hängt von ihrem Ergebniſſe ab, und es iſt billig, daß er ſich aller geeigneten Mittel erfreue, ſich gegen die Anſchuldigung eines ſo ſchändlichen Vergehens zu rechtfertigen. Herr Graf, Du magſt ſie in unſerer Gegenwart über alles, was zum Zwecke Deiner Vertheidigung dient, befragen.“ „Sennora, es dürfte ſich wohl für einen Ritter ſchlecht ziemen, bei einer Dame den Inquiſitor zu ſpielen— und noch obendrein bei einer Dame von dem Character und den Sitten dieſer Fremden,“ antwortete Luis ſtolz, indem er zugleich während ſeiner Worte erroͤthete, denn er wußte wohl, daß Ozema durchaus unfähig war, ihre Neigung für ihn zu verhehlen.„Wenn alſo etwas der Art geſchehen muß, ſo dürfte dieſes Geſchäft wohl für jemand Anderes geeigneter ſeyn.“ „Da die ernſte Pflicht, zu ſtrafen, mir anheim fällt,“ bemerkie die Königin ruhig,„ſo will denn auch ich dieſes mißliebige Geſchäft auf mich nehmen. Sennor Almirante, wir dürfen uns von keiner Verpflichtung zurückziehen, welche uns der größten Eigenſchaft Gottes— nemlich ſeiner Gerechtigkeit— näher bringt. Prinzeſſin, Du ſagteſt, Don Luis hätte Dich geehlicht und Du betrachteſt Dich als ſeine Gattin?“— Wann und wo biſt Du mit ihm vor einen Prieſter getreten?“ Man hat ſo viele Verſuche gemacht, Ozema zum Chriſtenthum zu bekehren, daß ſie mit Ausdrücken, welche auf die Religion Bezug hatten, vertrauter war, als mit jedem andern Theil der Sprache, obgleich man in dieſer Hinſicht ihrem Geiſte nur ein wirres Bild erträumter Verpflichtungen und geheimnißvoller Eigenſchaften —— 579 beigebracht hatte. Wie bei Allen, die an einen gründlichen Gedankengang nicht gewöhnt ſind, beruhte ihre Frömmigkeit mehr auf Außendingen, als auf Grundſätzen, weshalb ſie denn auch weit geneigter war, den kirchlichen Ceremonien beſondere Kräfte beizumeſſen, als die Wichtigkeit der Glaubenslehren ſelbſt zu fühlen. Die Frage der Kö⸗ nigin wurde verſtanden und daher ohne Arg und Hinterliſt beantwortet. „Luis heirathen Ozema mit Chriſtenkreuz,“ ſagte ſie, indem ſie das heilige Sinnbild an's Herz drückte, welches ihr, wie der Leſer bereits weiß, der junge Mann in einem Augenblicke großer Gefahr gegeben hatte.„Luis denken, er ſterben müſſen— beide wünſchen zu ſterben als Mann und Weib,— und Luis heirathen mit dem Kreuz, wie gut ſpaniſch Chriſt. Ozema heirathen Luis in ihrem Herz, wie Haytimädchen in ihrer Heimath.“ „Hier iſt ein Mißverſtändniß— ein trauriges Mißverſtändniß, das in der Verſchiedenheit der Sprache und Gebräuche ſeinen Urſprung hat. Don Luis iſt an dieſem Irrthume unſchuldig. Ich war Zeuge, wie er ihr das Kreuz auf dem Meere während eines Sturmes gab, und kann verſichern, daß es in einer Weiſe geſchah, die mich den Eifer des Grafen in Betreff der Rettung ihrer um⸗ nachteten Seele nur in einem günſtigen Lichte betrachten ließ. Es iſt da von keiner Vermählung die Rede und nur ſie, die in ihrer Unwiſſenheit unſere Gebräuche mit den ihrigen verwechſelte, konnte etwas derart in der Ueberreichung dieſes Zeichens vermuthen, das keine weitere Abſicht hatte, als ihr in der Stunde der äußerſten Noth nützlich zu werden, da ſie ſich der Gnade der heiligen Sakramente noch nicht erfreut hatte.“ „Don Luis, kannſt Du dieſe Angabe beſtätigen und verſichern, daß Du die Gabe ausſchließlich in dieſer Abſicht verabreichteſt?“ fragte die Königin.. „Sennora, es iſt buchſtäblich wahr. Der Tod ſtarrte uns in's Auge, und ich fuhlte, daß dieſe arme Fremde, die ſich mit dem ein⸗ fachen Vertrauen eines Kindes unſerer Obhut hingegeben hatte, —— eines Troſtes bedurfte. In einem ſolchen Augenblicke konnte ich keinen paſſenderen finden als dieſes Erinnerungszeichen an den Heiland und an unſere Erlöſung, welches mir nächſt der Taufe als das geeig⸗ netſte Rettungsmittel erſchien.“ „Du biſt alſo nie vor einem Prieſter mit ihr geſtanden und haſt in keiner Weiſe ihre argloſe Einfalt mißbraucht?“ „Sennora, Trug verträgt ſich nicht mit meinem Character, und jede Schwäche, deren ich mich Ozema gegenüber ſchuldig ge⸗ macht habe, ſoll enthüllt werden. Ihre Schoͤnheit und ihr gewin⸗ nendes Benehmen— beides ſpricht für ſich ſelbſt; ebenſo ihre Aehnlichkeit mit Donna Mercedes. Das letztere hat mich vorzugs⸗ weiſe zu ihr hingezogen, und hätte mein Herz nicht bereits einer Andern gehört, ſo wäre es mein Stolz geweſen, die Prinzeſſin zu meiner Gattin zu machen. So aber trafen wir uns zu ſpät. Ueberhaupt führte auch gerade dieſe Aehnlichkeit zu Vergleichungen, in welchen Diejenige, die in der Unwiſſenheit und im Unglauben erzogen wurde, nothwendig zu kurz kommen mußte. Ich gebe zu, daß es Augenblicke gab, wo ich zärtlicher für Ozema fühlte; aber ich muß in Abrede ſtellen, daß ſie je im Stande war, meine Liebe für Mercedes zu verdrängen, oder auch nur zu mindern. Wenn mir Ozema gegenüber eine Schuld zur Laſt fällt, ſo iſt es die, daß ich nicht immer im Stande war, die Gefühle zu unterdrücken, welche ihre Aehnlichkeit mit Donna Mercedes und ihre eigene edle Einfalt— hauptſaͤchlich aber die erſtere— hervorriefen. Aber nie habe ich mich in anderer Weiſe— ſey es in Worten oder in der That— gegen ſie vergangen.“ „Das klingt aufrichtig und glaubwürdig, Beatriz. Du kennſt den Grafen beſſer, als ich, und kannſt daher leichter beurtheilen, in wieweit wir dieſen Erklärungen trauen dürfen.“ „ Ich bürge mit meinem Leben für ihre Wahrheit, theure Ge⸗ bieterin! Luis iſt kein Heuchler, und ich freue mich— ach, ich ſchwimme in Entzücken, daß er im Stande iſt, ſein Benehmen ſo — R— — nfe u u— 581 ehrlich zu rechifertigen. Ozema, die von unſern Vermählungsfor⸗ men hörte und Zeuge unſerer Verehrung gegen das Kreuz war, hat ihre Lage und die Gefühle meines Neffen falſch verſtanden und gab ſich deshalb einer grauſamen Selbſttäuſchung hin, die einem chriſtlichen Mädchen nimmermehr hätte begegnen können.“ „Die Sache koͤmmt mir in dieſem Lichte wahrſcheinlich vor,“ entgegnete die Königin mit dem zarten Sinne ihres Geſchlechts für die Gefühle— um nicht zu ſagen, für die Rechte der Frauen— „doch dieß berührt die Empfindungen einer Dame— nein einer Prinzeſſin, und darf daher nicht ſo öffentlich verhandelt werden. Es iſt daher paſſend, Sennores, daß alle weiteren Erörterungen den Frauen anheim fallen, und ich verſehe mich's zu eurer Ritter⸗ lichkeit und Ehrenhaftigkeit, daß die Vorgänge dieſer Nacht ein Ge⸗ heimniß bleiben. Die Dame Ozema iſt fürderhin unter meiner Obhut, und Du, Graf von Llera, ſollſt meinen Schlußbeſcheid hin⸗ ſichtlich Deiner Verbindung mit Donna Mercedes morgen erfahren.“ Niemand wagte etwas gegen dieſe mit königlicher und frauen⸗ hafter Würde vorgetragenen Worte einzuwenden, und nach den ge⸗ wöhnlichen Ehrfurchtsbezeugungen gegen die Herrſcherin verließen Columbus und unſer Held das Gemach. Die Königin trennte ſich erſt ſpät von Ozema; was ſich aber in dieſer Zeit zutrug, behalten wir uns für eine ſpätere Scene vor. 582 Dreißigſtes Kapitel. Als tiefer ſtets von Todesnacht Umflort ich ſank, kein Arm zu helfen Sich zeigte, ſah in lichter Pracht Gleich einem zarten luſt'gen Elfen Dein Bild ich ob den Wogen ſchweben Und deine Bruſt in Mitleid hold erbeben, Drum lieb' ich dich, du ſüßes, theures Leben. Coleridge. Als Iſabella mit Ozema und Mercedes(denn letztere ſollte dem Wanſche der Königin zu Folge gegenwärtig ſeyn) allein war, ließ ſte ſich auf die fragliche Vermählung mit der Zartheit einer empfindſamen und edeln Seele, aber auch mit einer Offenheit ein, welche jede weitere Mißdeutung unmöglich machte. Das Ergebniß zeigte, wie natürlich die indianiſche Schönheit in jene grauſame Selbſttäuſchung verfallen war. Glühend, vertrauensvoll und gewöhnt, unter ihrem Volke als ein Gegenſtand der allgemeinen Bewunderug betrachtet zu werden, hatte ſich Ozema dem Wahne hingegeben, ihre Gefühle fänden bei dem jungen Manne volle Erwiederung. Von dem erſten Augenblicke ihres Zuſammentreffens an hatte ſte mit dem inſtinktartigen Scharfblick des Weibes bemerkt, daß ſie bewundert werde, und da ſie dem Erguſſe ihrer eigenen Empfindungen Raum gab, ſo war es faſt nothwendige Folge ihres Verkehrs mit Luis, daß ſie dieſelben erwiedert glaubte. Selbſt der Umſtand, daß man für den Austauſch der Gedanken in Ermanglung der Worte, Blicke und Ge⸗ berden zu Hülfe nehmen mußte, trug dazu bei, den Irrthum zu vermehren, und man wird ſich erinnern, daß Luis' Treue, wenn ſie auch nicht wirklich wankte, doch ſchwer auf die Probe geſtellt wurde. Die Bedeutung, die ſie irrigerweiſe mit dem Worte Mercedes ver⸗ band, half eine Täuſchung unterſtützen, welcher die männliche Zärt⸗ lichkeit und Sorgfalt, womit unſer Held die Indianerin bei allen Gelegenheiten behandelte, das Siegel aufdrückte. Sogar der ſtrenge Anſland, den Luis unabänderlich beobachtete, und die Achtung, welche er ſeinem Schützling zollte, verfehlte ihres Einfluſſes nicht auf Ozema's Gefühle, denn ſo wild und ungekünſtelt auch ihre Er⸗ ziehung war, ſo ließ ſie doch der tief innenwohnende und untrüg⸗ liche Inſtinkt des Schwachen die Gewalt nicht verkennen, welche ſie über den Starken übte. Hiezu kamen noch Luis Bemühungen, ihr einige Begriffe von Religion beizubringen, die in einer unvollkommenen Erklärung und bei ihrem Haften an übelverſtandenen Spitzfindigkeiten tiefe und be⸗ dauerliche Irrthümer in ihrem bildſamen Geiſte zurückgelaſſen hatten. Ozema glaubte, daß die Spanier das Kreuz anbeteten. Sie ſah, daß man es bei allen öffentlichen Ceremonien voran ſtellte, davor niederkniete und augenſcheinlich es bei jeder mehr als gewöhnlichen feierlichen Verpflichtung anrief. Wenn ein Ritter ein Gelübde that⸗ ſo küßte er das Kreuz ſeines Schwertgriffes. Die Matroſen blick⸗ ten mit Ehrfurcht darauf hin, und ſelbſt der Admiral hatte es als ein Zeichen ſeines Rechtes auf das Gebiet, das ihm von Guacanagari abgetreten worden war, aufpflanzen laſſen. Mit einem Worte, das Kreuz erſchien ihrer ununterrichteten Phantaſie als ein Pfand der Treue bei allen eingegangenen Verbindlichkeiten. Sie hatte das koſtbare Kleinod auf der Bruſt unſeres Helden oft betrachtet und bewundert; und da es unter ihrem Volke Sitte war, als Zeichen eines geſchloſſenen Ehebündniſſes werthvolle Unterpfänder auszutau⸗ ſchen, ſo glaubte ſie in dieſem koſtbaren Schmucke die Betheurung zu empfangen, daß unſer Held ſie in einem Augenblicke, wo der Tod ſie auf immer trennen ſollte, als Gattin anerkenne. Weiter als dieß ließ ſie ihre Einfachheit und Zärtlichkeit nicht folgern oder glauben. Es bedurfte wohl einer Stunde, bis Iſabella alle dieſe That⸗ ſachen und Gefühle Ozema entlockte, obgleich letztere nichts zu ver⸗ hehlen wünſchte und in der That auch nichts zu verhehlen hatte. Nun kam aber der ſchmerzlichſte Theil der Aufgabe, nemlich der, das vertrauensvolle Mädchen zu enttäuſchen und ſie in die bittere 584 Schule des Schmerzes zu führen. Es geſchah jedoch, und die Königin, welche es für das Beſte hielt, alle Täuſchung ſo ſchnell als möglich zu zerſtreuen, brachte es endlich ſo weit, ihr begreiflich zu machen, daß der Graf, ehe er ſie noch geſehen, ſeine Liebe der Donna Mereedes, welche in der That auch ſeine Verlobte wäre, geſchenkt hätte. Iſabella's Mittheilung hätte nicht ſanfter und weiblicher gegeben werden koönnen, als ſie ſie gab; aber der Schlag traf bis ins Innerſte, und ſelbſt die Königin bebte vor den Folgen ihres Beginnens. Nie vorher war ſie Zeuge des Gefühlausbruchs bei einer ſo ganz ungekünſtelten Natur geweſen, und die Bilder deſſen, was ſich hier ihrem Auge offenbarte, verfolgten ſie noch manche ſchlummerloſe Nacht. Columbus und unſer Held blieb die ganze folgende Woche über die Vorgänge im Dunkeln. Luis erhielt zwar am andern Tag ein gütiges und ermuthigendes Schreiben von ſeiner Tante, und ein Page der Donna Mercedes legte ſchweigend das Kreuz, welches er ſo lange getragen hatte, wieder in ſeine Hände; alles Andere blieb jedoch ſeinen Vermuthungen anheimgegeben. Endlich kam jedoch der Augenblick der Entwickelung, und der junge Mann erhielt eine Aufforderung, vor der Marquiſe zu erſcheinen. Luis hatte erwartet, in dem Salon ſeine Tante zu treffen; aber er fand ihn leer. Als er den Pagen, der ihn eingeführt hatte, darüber fragte, erhielt er die Weiſung, er moͤchte ſich ge⸗ dulden, bis Jemand käme, um ihn zu empfangen. Geduld war aber keine von den hervorſtechenden Tugenden in dem Character unſeres Helden und ſo vertrieb er ſich wohl eine halbe Stunde die Zeit damit, daß er in dem Gemache auf und ab ging, ohne auch nur eine Spur zu entdecken, daß man ſich ſeiner Anweſenheit er⸗ innere. Er wollte ſich eben an einen Diener wenden, um ſich abermals anmelden zu laſſen, als ſich langſam eine Thür öffnete und Mercedes vor ihm ſtand. Der erſte Blick, den der junge Mann auf ſeine Verlobte warf, V—ʒõ—— —/—— B e ſagte ihm, daß ein tiefer Gram in ihrem Inneren wühle. Die Hand, welche er mit Ungeſtüm zu ſeinen Lippen führte, zitterte — ihre Wangen errötheten und erblaßten abwechſelnd in einer Weiſe, welche den Sturm ihrer Gefühle bekundete. Demungeachtet lehnte ſie das Glas Waſſer, welches er ihr anbot, ab, indem ſie es mit einem matten Lächeln bei Seite ſtellte und ihrem Verehrer winkte, einen Stuhl zu nehmen, während ſie ſich auf einem Ta⸗ bouret— einem der niedrigen Sitze, deren ſie ſich in Gegenwart der Königin zu bedienen pflegte— niederließ. „Ich habe mir die Zuſammenkunft erbeten, Don Luis,“ be⸗ gann Mercedes, ſobald ſie ſich ein wenig geſammelt hatte,„damit fürderhin kein Grund vorhanden ſey, unſere Gefühle und Wünſche zu mißdeuten. Du ſtandeſt in Verdacht, mit der Dame Ozema vermählt zu ſeyn— es war ein Augenblick, wo Dir von Donna Iſabella's Ungnade Vernichtung drohte.“ „Aber Du, theure Mercedes, Du konnteſt mir doch nie einen ſolchen Betrug, eine ſolche Treuloſigkeit zutrauen?“ „Ich behauptete Deine Wahrheitsliebe, Sennor, denn ich kannte Dich in dieſer Hinſicht zu gut. Ja, ich fühlte, daß Luis de Bobadilla, wenn er einen ſolchen Schritt that, auch Muth genug haben mußte, ihn einzugeſtehen. Ich glaubte nie— keinen Au⸗ genblick, daß Du der Prinzeſſin vermählt ſeyeſt.“ „Warum aber dann jene kalten und abgewendeten Blicke?— Jene Augen, welche den Boden ſuchten, ſtatt den Wonneſtrahlen der Liebe entgegen zu fliegen? Wozu ein Benehmen, das, wenn es nicht geradezu Widerwillen ausdrückte, doch wenigſtens eine Rückhaltung und Entfrem⸗ dung bekundete, die ich nimmermehr bei Dir zu ſehen gefürchtet hätte?“ Mercedes wechſelte die Farbe und blieb eine Minute ſtumm, augenſcheinlich im Zweifel, ob ſie auch im Stande ſey, ihr Vor⸗ haben auszuführen. Sie raffte jedoch ihren Muth wieder zuſammen und die Unterhaltung ging in der früheren Weiſe wieder fort. „Höre mich an, Don Luis, denn meine Geſchichte wird nicht 586 lang ſeyn. Als Du auf mein Anrathen Spanien verließeſt, um Dich bei dieſer großen Reiſe zu betheiligen, liebteſt Du mich— eine glückliche Rückerinnerung, die mir von keiner Erdenmacht ent⸗ riſſen werden kann! Ja, damals liebteſt Du mich— und mich allein. Wir ſchieden unter Schwüren gegenſeitiger Treue; und ſo lang Du abweſend wareſt, verging kein Tag, daß ich nicht ſtunden⸗ lang auf meinen Knieen lag, und für den Admiral und ſein Ge⸗ folge zum Himmel flehte.“ „Theuerſte Mercedes, es kann Dich nicht überraſchen, daß der Erfolg unſere Bemühungen krönte; eine ſolche Beterin konnte nicht unerhört bleiben.“ „Ich muß Dich erſuchen, Sennor, mich ausreden zu laſſen. Bis zu dem glorreichen Tage, welcher die Botſchaft eurer Rückkehr brachte, konnte keine Spanierin mehr Sorge für den Mann fühlen, auf den ſie alle ihre Hoffnungen ſetzte, als ich für Dich empfand. Doch wenn auch die Gegenwart mit Furcht und Bangen erfüllt war, ſo glänzte mir doch die Zukunft im herrlichſten Hoffnungs⸗ ſtrahl. Der Bote, welcher an den Hof kam, öffnete meine Augen zuerſt der traurigen Wirklichkeit des Lebens und gab mir die harte Lehre, in die die Jugend ſo ſchwer ſich ſchicken kann— nemlich die der getäͤuſchten Hoffnung. Damals hörte ich zuerſt von Ozema — der Bewunderung, die Du ihrer Schönheit zollteſt— der Be⸗ reitwilligkeit, um ihretwillen Dein Leben zu opfern.“ „Heiliger Lukas! wagte es dieſer nichtswürdige Sancho, Dein Ohr durch Mittheilungen zu verletzen, die mit der Kraft und der Beſtändigkeit meiner Liebe zu Dir in Berührung ſtanden?“ „Tadle ihn nicht, Luis, denn er hat nichts, als die Wahrheit berichtet. Seine Nachrichten haben mich auf irgend ein Unglück vorbereitet und ich danke Gott, daß es mir nur allmählich näher trat und ich daher auf Mittel bedacht ſeyn konnte, die mir es tra⸗ gen helfen. Als ich Ozema erblickte, konnte ich mich über den Wechſel Deiner Geſinnung nicht mehr wundern— ja, ihn kaum 2—— Aæov 587 tadeln. Ihrer Schönheit, glaube ich, hätteſt Du vielleicht wider⸗ ſtanden, aber ihre zutrauensvolle Hingebung an Dich, ihre Un⸗ ſchuld, ihre bezaubernde Einfachheit, ihr liebenswürdiger Frohſinn und ihr beſcheidenes Weſen waren hinreichend, was immer für einer ſpaniſchen Jungfrau den Geliebten zu rauben.“ „Mercedes!“ „Nein, Luis,— ich will Dir keine Vorwürfe machen. Auch iſt es beſſer, der Schlag kommt jetzt, als zu einer Zeit, wo ich vielleicht nicht im Stande geweſen wäre, ihn zu tragen. Ich fühle es, daß ich als Gattin unter der Laſt gekränkter Liebe hätte erlie⸗ gen müſſen; jetzt aber kann ich meine Zuflucht zu einem Kloſter nehmen und dem göttlichen Bräutigam meine Tage weihen. Unter⸗ brich mich nicht, Luis,“ fügte ſie mit einem ſüßen Lächeln bei, in welchem ſich jedoch nicht verkennen ließ, wie ſchwer es ihr wurde, ruhig zu erſcheinen—„es koſtet mich ohnehin ſchon Kampf genug, in einer Sache, der ich mich ſo wenig gewachſen fühle, zu ſpre⸗ chen. Du biſt nicht im Stande geweſen, Deine Neigungen zu be⸗ herrſchen; und dem Reize der Neuheit, der Ozema umgibt, nicht minder ihrer holden Unbefangenheit muß ich den Verluſt zuſchreiben, der ihr zum Gewinne wurde. Es iſt der Wille des Himmels und ich will mir Mühe geben zu glauben, es ſey meinem ewigen Heile förderlich. Wäre ich wirklich mit Dir verbunden worden, ſo hätte vielleicht die Zärtlichkeit, die— ich wünſche es nicht zu verhehlen— ſelbſt im gegenwärtigen Augenblick noch mein Herz erfüllt, eine ſolche Macht über mich gewonnen, daß die Liebe, welche ich Gott ſchuldig bin, beeinträchtigt worden wäre. Es iſt daher ohne Zweifel beſſer ſo, wie es iſt. Wenn ich hier auf Erden nicht glücklich ſeyn durfte, ſo kann ich mir um ſo eher das Glück des ewigen Lebens ſichern. Doch nein, auch hienieden iſt mir nicht alle Seligkeit ent⸗ nommen; ich kann für Dich und für mich beten,— und Du mit Ozema, ihr Beide, werdet vor allen irdiſchen Weſen in meinen Gedanken die Oberhand behaupten.“ „Dieß iſt ſo befremdend, Mercedes— ſo grauſam— ſo un⸗ klug und ſo unbillig, daß ich meinen Ohren nicht trauen kann.“ „Ich ſagte, daß ich Dich nicht tadeln wolle. Die Schoöͤnheit und Offenheit Ozema's find mehr als hinreichend, Dich zu recht⸗ fertigen; denn die Männer folgen in ihrer Liebe mehr dem Ein⸗ fluß der Sinne als dem des Herzens. Zudem“— Mercedes glühte wie Scharlach, als ſie fortfuhr—„kann ein Haytimädchen in ihrer Unſchuld eine Macht üben, deren Benützung einer chriſtlichen Dame nicht ziemen würde. Und nun wollen wir zu den Dingen übergehen, welche eine ſchleunige Entſcheidung fordern. Ozema iſt krank geweſen— iſt noch krank— ſogar gefährlich, wie Ihre Ho⸗ heit und meine Vormünderin glauben. Die Aerzte ſagen daſſelbe, aber es ſteht vielleicht in Deiner Macht, Luis, ſie dem Grabe zu entreißen. Beſuche ſie— ſage ihr das Wort, das ſie glüͤcklich machen wird— ſage ihr, daß Du ſie nach der Weiſe Spaniens ehelichen wolleſt, wenn es auch jetzt noch nicht geſchehen ſey— nein, laß einen der frommen Prieſter, die beſtändig um ſie ſind, ſie zur Taufe vorbereiten und Dich dieſen Morgen noch ihr an⸗ trauen, und wir werden in der Prinzeſſin ſchnell wieder das blü⸗ hende, freudeſtrahlende Weſen ſehen, wie Du es zuerſt unſerer Sorgfalt anvertrauteſt.“ „Und dieß ſagſt Du mir ſo ruhig und überlegt, Mercedes, als ob Deine Worte Deine eigenen Wünſche und Gefühle ausdrückten?“ „Dieſe Ruhe iſt vielleicht nur eine ſcheinbare,“ antwortete unſere Heldin in erſticktem Tone,„aber meine Worte ſind aller⸗ dings die Frucht der Ueberlegung. Du kannſt nicht mein Gakte werden, während Du eine Andere liebſt; und warum ſollteſt Du denn nicht dem Zuge Deines Herzens folgen? Der Mahlſchatz der Prinzeſſin wird nicht klein ſeyn; denn die in einem Kloſter Einge⸗ ſchloſſene bedarf weder des Goldes noch der Ländereien.“ Luis blickte ernſt auf das ſchwärmeriſche Mädchen, welches ſeinen Augen nie ſo liebenswürdig erſchienen war; dann ſtand er auf und ſchritt einige Minuten im Gemache auf und ab, als wünſche er den Sturm ſeines Innern durch eine phyſiſche Anſtrengung niederzukämpfen. Als er die gehörige Faſſung gewonnen hatte, kehrte er zu ſeinem Sitze zurück, ergriff Mercedes' nicht wider⸗ ſtrevende Hand und entgegnete Folgendes auf ihren außerordent⸗ lichen Vorſchlag: „Das Wachen an dem Krankenlager Deiner Freundin und das allzuviele Brüten über dieſen Gegenſtand hat Deine Urtheilskraft geſchwächt, meine Theure. Ozema wohnt nicht in der Weiſe, wie Du glaubſt, in meinem Herzen— hatte nie— eine vorüberge⸗ hende und unſtete Neigung ausgenommen—“ „Ach, Luis, dieſe vorübergehenden und unſteten Neigungen! — Nie hat eine ſolche“— ſie drückte beide Hände an ihr Herz —„hier Platz gefunden!“ „Deine Erziehung, Mercedes, Deine Sitten und Dein ganzes Weſen können unmoͤglich dieſelben ſeyn, wie die meinigen, da ihnen bei mir ein rauher Stoff zu Grunde liegt; denn wäre es ſo, ſo könnte ich Dich nicht verehren, wie ich Dich verehre. Sogar wenn Du nicht lebteſt, könnte mich eine Verbindung mit Ozema nicht glücklich machen— da Du aber lebſt und der heißerſehnte Gegen⸗ ſtand meiner Liebe biſt, ſo würde dieſe Vermählung ein Unglück auf mich häufen, dem ſelbſt meine kräftige Natur nicht gewachſen wäre. Ich kann nie— in keinem Falle der Gatte der Indianerin ſeyn.“ Obgleich ein Strahl von Wonne einen Augenblick Mercedes⸗ Antlitz beleuchtete, ſo unterdrückten ihre edeln Grundſätze und reinen Abſichten ſchnell wieder jenen vorübergehenden und unfreiwilligen Triumph, indem ſie ſogar mit dem Ausdrucke des Tadels erwiederte: „Iſt dieß gerecht gegen Ozema? Haben nicht jene vorüber⸗ gehenden und unſteten Neigungen ihren einfachen Sinn getäuſcht? und verlangt nicht die Ehre, daß Deine Handlungen den Hoffnun⸗ gen entſprechen, zu welchen Du wenigſtens durch Dein Benehmen Anlaß gabſt?“ 590 „Mercedes, theures Mädchen, höre mich. Es kann Dir nicht unbekannt ſeyn, daß ich trotz meines Leichtſinns wenigſtens kein Laffe bin. Nie hat mein Benehmen etwas ausgedrückt, was das Herz nicht beſtätigen konnte, und nie fühlte ich mich zu einer Andern hingezogen, als zu Dir. Hierin liegt der große Unterſchied, den ich zwiſchen Dir und allen andern Deines Geſchlechtes mache. Ozema iſt nicht die einzige Geſtalt und ihre Reize ſind nicht die einzigen, welche meinen Augen einen flüchtigen und nichtsſagenden Blick der Bewunderung abgelockt haben; aber Du, meine Theure, biſt als ein Heiligthum hier eingeſchloſſen und zu einem Theile von mir ſelbſt geworden. Wüßteſt Du, wie oft Dein Bild mich ſogar ſtrenger als mein Gewiſſen mahnte und bei wie vielen Anläͤſſen die Erinnerung an Deine Tugenden und an Deine Liebe den Sieg da⸗ von trug, wenn ich die Pflichten der Religion und die Lehren meiner Erzieher vergeſſen wollte, ſo würdeſt Du den Unterſchied zwiſchen der Liebe, die ich gegen Dich hege, und den vorüber⸗ gehenden, unſteten Neigungen begreifen, die Du mir zu verſchie⸗ denenmalen ſchon höhnend nachgeſprochen haſt.“ „Luis, ich ſollte dieſen verlockenden Worten kein Gehör geben, denn ſie entſpringen wohl aus einer Herzensgüte, die mir den augenblicklichen Schmerz erſparen möchte, um am Ende mein Elend noch tiefer zu machen. Wenn Du nie andere Gefühle hegteſt, warum haſt Du das Kreuz, das ich Dir als Abſchiedsgabe reichte, einer Andern gegeben?“ „Mercedes, Du haſt keinen Begriff von dem ſchrecklichen Augenblick, in welchem ich mich von dieſem Kreuze trennte. Wir ſahen den Tod vor Augen und ich gab es ihr als ein heiliges Sinnbild, damit es einer Heidenſeele in ihrer letzten Noth hülfreich werde. Es war von keinem Geſchenke die Rede, denn ich habe ihr das Kreuz nur geliehen; und daß es als ein Pfand der Ehe be⸗ trachtet wurde, iſt ein unglücklicher Irrthum, den ich nicht voraus ſehen konnte, wie Dir Deine eigene Kenntniß von den unter Chriſten geltenden Gebräuchen ſagen wird; wäre es anders, ſo könnte ich jetzt auf Dich als Gattin Anſpruch machen, da Du die Erſte warſt, welche es mir gab.“ „Ach, Luis, als ich Dir dieſes Kreuz gab, wünſchte ich, Du möchteſt es als ein Unterpfand meiner ewigen Treue gegen Dich betrachten.“ „Und was wollteſt Du mir damit ſagen, als Du es mir vor etwa einer Woche wieder zurückſandteſt?“ „Ich ſandte es Dir, Luis, in einem Augenblicke wiederauf⸗ lebender Hoffnung und auf Befehl der Königin. Ihre Hoheit iſt jetzt deine warme Freundin und möchte uns gerne verbunden ſehen, wenn nicht die traurige Lage Ozema's wäre, der man Alles aus⸗ einander geſetzt hat— Alles, mit Ausnahme der wahren Beſchaffen⸗ heit Deiner Gefühle gegen uns Beide, wie ich fürchte.“ „Grauſames Mädchen!— Soll ich denn nimmer Glauben finden?— Werde ich nie wieder glücklich ſeyn? Ich ſchwöre Dir, theuerſte Mercedes, daß Du allein in meinem Herzen herrſcheſt— daß ich mit Dir in einer Hütte zufrieden leben könnte und daß ich ohne Dich ſelbſt auf einem Throne höchſt elend wäre. Du wirſt dies vielleicht glauben, wenn Du mich auf der Erde umher⸗ irren ſiehſt, unglücklich, ohne Hoffnungen, ohne Zweck und vielleicht auch rüͤckſichtslos für meinen Ruf; denn Du nur kannſt mich zu dem machen und in dem erhalten, was ich als Mann ſeyn ſollte. Bedenke, Mercedes, welchen Einfluß Du auf mein Temperament und meine Leidenſchaften üben könnteſt— üben müßteſt— und üben würdeſt. Ich habe Dich lange als meinen Schutzengel be⸗ trachtet, der mich ganz nach ſeinem Willen formen und mich leiten könnte, waͤhrend alles Andere fehlſchlagen würde. Bin ich bei Dir nicht immer ſanft und lenkſam— die Ungeduld ausgenommen, die Deine Zweifel erzeugen? Hat Donna Beatriz je den zehnten Theil Deiner Macht über mich geübt, und iſt es Dir je mißglückt, mich ſelbſt in meinen wildeſten und ungeſtümſten Launen zu bändigen?“ 592 „Luis— Luis— Niemand, wer Dein Herz kannte, hat je an demſelben gezweifelt.“ Merecedes hielt inne und das Arbeiten ihrer Züge bewies, daß der aufrichtige Ernſt ihres Geliebten bereits ihre Zweifel an ſeiner Beſtändigkeit erſchüttert hatte. Demungeachtet kehrte ihr Geiſt wieder zu den Scenen der Reiſe zurück und ihre Phantaſie führte ſie an das Lager der unglücklichen Ozema. Nach der Zögerung einer Minute fuhr ſie in leiſen und erſtickten Tönen fort: „Ich will nicht in Abrede ziehen, daß es meinem Herzen wohl thut, dieſe Sprache zu hören, der ich, wie ich fürchte, nur zu bereitwillig mein Ohr leihe. Aber dennoch wird es mir ſchwer zu glauben, daß Du je eines Weſens vergeſſen kannſt, welches ſelbſt dem Tode Trotz bot, um Deinen Körper gegen die Pfeile der Feinde zu ſchützen.“ „Glaube das nicht, theures Mädchen. Du würdeſt an Ozema's Stelle daſſelbe gethan haben und von dieſem Standpunkte aus werde ich es immer betrachten.“ „Ich würde es wohl gewünſcht haben, Luis,“ fuhr Mercedes fort und Thränen entſtürzten ihren Augen,„aber ich hätte vielleicht nicht die Kraft dazu beſeſſen.“ „Gewiß, Du hätteſt es gethan— ich kenne Dich zu gut, um einem Zweifel Raum zu geben.“ „Wäre es nicht Sünde, ſo könnte ich Ozema um dieſe Ge⸗ legenheit beneiden! Ich fürchte, Du wirſt Dich deß erinnern, wenn Du der Reize müde biſt, die ihre Neuheit verloren haben.“ „Du hätteſt es nicht nur gethan, ſodern es ſogar weit beſſer gethan! Zudem gab ſich Ozema in ihrer eigenen Angelegenheit der Gefahr Preis, während Dich nichts abgehalten haben würde, ihr um meinetwillen entgegen zu treten.“ Mercedes hielt auf's neue inne und ſchien ſich in tiefes Nach⸗ ſinnen zu verlieren. Ihre Augen leuchteten bei den beruhigenden Betheurungen ihres Liebhabers und trotz der edeln Ergebung, mit der ſie ſich entſchloſſen hatte, alle ihre Hoffnungen zu dem zu opfern, was ihr als das Glück ihres Geliebten erſchien, gewann der ver⸗ lockende Einfluß erwiederter Liebe bald wieder ſeine volle Gewalt. „So komm mit mir, Luis, und beſuche Ozema,“ fuhr ſie end⸗ lich fort.„Wenn Du ſie in ihrem gegenwärtigen Zuſtande ſtehſt, ſo wirſt Du Deine eigenen Abſichten beſſer verſtehen. Ich hätte Deine früheren Gefühle nicht in einer Privatunterredung, ohne daß Ozema gegenwärtig war, wieder neu aufleben laſſen ſollen, denn es gleicht einem Urtheilsſpruche, für den man blos die eine Partei vernommen hat. Und Luis“— das höhere Roth, die Wirkung eines edlen Gefühles und nicht der Schaam, lieh dem Mädchen einen unausſprechlichen Zauber—„und Luis, wenn Du es nach einem Beſuche bei der Prinzeſſin für gerathen finden ſollteſt, Deine Sprache zu aͤndern, wie ſchmerzlich es mir auch fallen mag, Du darfſt für alles, was vorgefallen, meiner Verzeihung verſichert ſeyn, und meiner Gebete—“ Schluchzen erſtickte Mercedes' Stimme; ſie hielt einen Augen⸗ blick inne, um ſich die Thränen aus dem Auge zu wiſchen, und wies mit einem gewiſſen eiferſüchtigen Gefühl hinſichtlich des Aus⸗ ganges Luis' Bewegung zurück, der ſie, um ſie zu tröſten, in ſeine Arme ſchließen wollte, obſchon dieſe Ablehnung mehr den Ausdruck edlen Bewußtſeyns als den der Empfindlichkeit trug. Als ſie ſich die Augen getrocknet und die übrigen Spuren ihrer Aufregung entfernt hatte, ging ſie nach Ozema's Gemach voran, wo man der Ankunft des jungen Mannes entgegen ſah. Luis bebte ein wenig zurück, als er in das Zimmer trat und bemerkte, daß die Königin und der Admiral anweſend waren,— als er ferner zugleich Zeuge der Verheerungen wurde, die ſich in dem Aeußeren der ſchmerzlich getäuſchten Ozema kundgaben. Die Farbe des Lebens war gewichen und die Bläſſe des Todes an ihre Stelle getreten; ihre Augen leuchteten von einem faſt übernatürlichen Glanze, und doch war ihre Schwäche ſo augenfällig, daß es nöthig Donna Mercedes. 2te Aufl. 38 —yhſſſſͤͤ 594 wurde, ſie in ihrer halb aufrechten Lage durch Kiſſen zu unterſtützen. Ein Ausruf ungeheuchelter Wonne entglitt ihren Lippen, als ſie un⸗ ſern Helden erblickte; dann aber verhüllte ſie in kindiſcher Verwir⸗ rung ihr Antlitz mit beiden Händen, als ſchäme ſie ſich, die Freude ihres Innern verrathen zu haben. Luis benahm ſich mit männli⸗ cher Würde. Zwar fühlte er ſein Gewiſſen nicht ganz frei, wenn er der Stunden gedachte, die er in Ozema's Geſellſchaft zugebracht und der Art, wie er ſich vorübergehend dem Einfluß ihrer Schön⸗ heit und ihrer verführeriſchen Einfachheit hingegeben hatte; aber im Ganzen konnte er ſich doch von allem, was wirklich als ein Vergehen erſcheinen mochte, freiſprechen, insbeſondere aber von je⸗ dem Gedanken, ſeiner erſten Liebe untreu geweſen zu ſeyn und ſich mit trügeriſchen Abſichten getragen zu haben. Er ergriff achtungs⸗ voll die Hand der jungen Indianerin und küßte ſie mit einer Frei⸗ müthigkeit und Wärme, die mehr eine brüderliche Theilnahme und Zäͤrtlichkeit als die leidenſchaftliche Gluth eines Liebhabers verrieth. Mercedes wagte es nicht, ſeinen Bewegungen zu folgen, aber ſie bemerkte den beifälligen Blick, welchen die Königin ihrer Vormün⸗ derin zuwarf, als er ſich dem Bette näherte, auf welchem Ozema lag. Dieſen Blick deutete ſie ſich als ein Zeichen, daß der Graf ſich in einer Weiſe benehme, welche ihren eigenen Intereſſen günſtig ſey. „Du findeſt die Dame Ozema ſchwach und verändert,“ be⸗ merkte die Königin, welcher es allein zuſtand, ein Schweigen zu unterbrechen, das bereits drückend wurde. „Wir haben uns Mühe gegeben, ihren einfachen Geiſt durch das Licht der Religion zu erhellen und ſie hat endlich eingewilligt, das heilige Sacrament der Taufe zu empfangen. Der Herr Erz⸗ biſchof trifft ſoeben in meiner Hauskapelle die nöthigen Vorberei⸗ tungen für dieſe Feſtlichkeit und wir haben die glückliche Ausſicht, ihre koſtbare Seele dem Verderben zu entreißen.“ „Eure Hoheit trägt immer das Wohl aller ihrer Unterthanen im Herzen,“ entgegnete Luis mit einer tiefen Verbeugung, um die = u N uDu„. — — 595 Thränen zu verbergen, welche Ozema's Zuſtand ſeinen Augen ent⸗ lockte.„Ich fürchte, unſer Klima ſagt im Allgemeinen den armen Kindern Hayti's nicht zu, da die Krankheit, welche in Sevilla und Palos unter ihnen herrſcht, wenig Hoffnung zum Aufkommen gibt.“ „Iſt dieß ſo, Don Chriſtoval?“ „Sennora, ich glaube, es iſt nur zu wahr. Man hat jedoch für ihre Seelen ſowohl als für ihre Leiber Sorge getragen, und Ozema iſt jetzt die einzige ihres Volkes in Spanien, welche die heilige Taufe noch nicht empfangen hat.“ „Sennora,“ ſagte die Marquiſe, die mit überraſchten und kummervollen Zügen von dem Lager der Kranken zurücktrat.„Ich fürchte, unſere Hoffnungen ſchlagen gänzlich fehl! Die Dame Ozema hat mir eben zugeflüſtert, daß Luis und Mercedes zuerſt in ihrer Gegenwart vermählt werden müßten, ehe ſie einwilligen könne, in den Schooß der Kirche aufgenommen zu werden.“ „Dieß bekundet nicht den richtigen Sinn, Beatriz— und doch was läßt ſich mit einem Weſen anfangen, deſſen Geiſt ſo wenig durch das Licht von oben erleuchtet iſt? Es iſt aber wahrſchein⸗ lich bloß eine vorübergehende Laune, die vergeſſen ſeyn wird, wenn der Erzbiſchof bereit ſteht.“ „Ich glaube nicht, Sennora, denn nie hat ſie noch ſo ent⸗ ſchloſſen und entſchieden ausgeſehen. Sie iſt ſonſt ſanft und lenk⸗ ſam; aber dieß hat ſie mir dreimal und in einer Weiſe geſagt, daß ich wohl glauben muß, es ſey ihr völlig Ernſt damit.“ Iſabella trat nun an das Lager, an dem ſie lange und be⸗ gütigend mit der Kranken ſprach. In der Zwiſchenzeit verkehrte der Admiral mit der Marquiſe und Luis näherte ſich unſerer Heldin. Beide Letzteren waren ungemein bewegt, und Mercedes wagte in banger Erwartung kaum zu athmen. Einige leiſe Worte aber gaben ihr bald eine Gewißheit, die, trotz ihrer edeln Gefühle für Ozema, nicht verfehlen konnte, ſie zu beglücken— nemlich die, daß das Heerz unſeres Helden ganz ihr gehöre. Von dieſem Augenblicke an 596 war jeder Zweifel aus Mercedes⸗ Bruſt entſchwunden und Luis er⸗ ſchien ihren Augen wieder in dem fruͤheren Lichte. Die Beſprechung wurde, wie es in der Gegenwart königlicher Perſonen gewöhnlich iſt, leiſe geführt, und es währte ungefähr eine Stunde, bis ein Page ankündigte, daß Alles in der Capelle bereit ſey, indem er zugleich eine Thür öffnete, welche unmittelbar mit derſelben in Verbindung ſtand. „Das eigenſinnige Mädchen beharrt darauf, Tochter Mar⸗ quiſe,“ ſagte die Königin, indem ſie die Seite des Lagers verließ, „und ich weiß nicht, wie ich es ihr aus dem Sinne reden ſoll. Es wäre grauſam, ihr die angebotenen Gnadenmittel zu verſagen, und doch iſt ein ſolches plötzliches Geſuch an Deinen Neffen und Deine Mändel durchaus unpaſſend.“ „Was den Erſteren anbelangt, theuerſte Sennora, ſo möchte er ſich wohl bereitwillig genug zeigen, darauf einzugehen, obgleich ich ſehr bezweifle, ob ſich Mercedes dazu wird bewegen laſſen, da Religioſttät und zarter Sinn für den Anſtand die Grundzüge ihres ganzen Weſens bilden.“ „Wir thun vielleicht nicht gut, nur daran zu denken. Eine chriſtliche Jungfrau muß Zeit haben, ihre Seele durch Gebete für das heilige Sacrament der CEhe vorzubereiten.“ „Und doch, Sennora, wird manche Ehe ohne dieſe Vorberei⸗ tung geſchloſſen! Ich erinnere mich einer Zeit, wo Don Ferdinand von Aragon und Donna Iſabella aus dieſem Grunde nicht gezögert haben würden.“ „Eine ſolche Zeit hat es nie gegeben, Beatriz. Es iſt Deine Gewohnheit, mich auf die Tage der Prüfung und der Jugend zurück⸗ blicken zu laſſen, wenn Du irgend einen nicht gehörig überlegten Lieblingswunſch durchſetzen moͤchteſt. Glaubſt Du in der That, Deine Mündel könnte einen ſolchen Mangel an Vorbereitung überſehen?“ „ Ich weiß nicht, in wie weit ſie ſich geneigt fühlen möchte, nachzugeben, Sennora; aber ich weiß, daß, wenn es ein weibliches Weſen in Spanien gibt, welches zu jeder Zeit im Geiſte vorbereitet iſt, die heiligen Sacramente zu empfangen, dieſes Weſen Cure könig⸗ liche Hoheit iſt— und gibt es ein zweites, ſo iſt es meine Mündel.“ „Geh— geh— gute Beatriz. Schmeichelei läßt Dir ſchlecht. Niemand iſt immer vorbereitet, und wir Alle bedürfen ohne Unterlaß der Wachſamkeit. Heiße Mercedes mir in mein Cloſet folgen; ich will über die Sache mit ihr ſprechen. Wenigſtens ſoll keine un⸗ weibliche und unziemliche Ueberraſchung ſtattfinden.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich die Königin. Sie hatte kaum ihr Gemach erreicht, als unſere Heldin mit unſicheren und ſchüchternen Tritten eintrat. Sobald ihre Augen denen der Königin begegneten, brach Mercedes in Thränen aus, fiel auf ihre Kniee nieder und verbarg ihr Antlitz wieder in Iſabella's Gewande. Dieſe Gefühls⸗ aufwallung war jedoch bald niedergekämpft und nun erhob ſich das Mädchen, der Befehle ihrer Gebieterin harrend. „Tochter,“ begann die Königin, ich hoffe, es herrſcht kein Mißverſtändniß mehr zwiſchen Dir und dem Conde de Llera. Du kennſt meine und Deiner Vormünderin Anſichten und kannſt Dich in dieſer Angelegenheit Unſerer Beſonnenheit und größeren Erfahrung ſicher unterwerfen. Don Luis liebt Dich und hat die Prinzeſſin nie geliebt, obgleich es Uns nicht Wunder nehmen dürfte, wenn ein ſo ſehr in Verſuchung geführter lebhafter junger Mann ein flüchtiges Gefühl gegen ein ſo ſchönes und ungekünſteltes Weſen verrathen hätte.“ „Luis hat mir alles bekannt, Sennora; untreu iſt er nie ge⸗ weſen, obgleich er ſeine Schwächen gehabt magen mag.“. „Es iſt ſogar für Deine Altersſtufe eine harte Lehre, mein Kind,“ ſagte die Königin ernſt;„aber ſie wäre noch härter geweſen, wenn Du ſie in einer Zeit hätteſt lernen müſſen, wo die Regungen des Mädchens der Zärtlichkeit der Gattin gewichen ſind. Du haſt die Anſichten der Aerzte vernommen; die Prinzeſſin hat wenig Hoffnung, noch lange zu leben.“ „Ach, Sennora, es iſt ein grauſames Schickſal, unter Fremden, 598 ſterben zu müſſen in der Blüthe der Schönheit und mit einem Herzen, gebrochen unter der Laſt unerwiederter Liebe!“ „Und doch, Mercedes, wird der Hingang ein ſegenvoller ſeyn, wenn nach dem Schluſſe der irdiſchen Scene ſich dem erwachenden Auge der Himmel aufthut, ſo daß man ſtatt der Klage ſich eher freuen ſollte. Ein ſo junges und unſchuldiges Weſen, deſſen reiner Geiſt ſich ſo offen vor uns entfaltete, und dem nichts als die Frucht des religiöſen Unterrichts mangelte, kann um ihrer perſön⸗ lichen Irrthümer willen wenig zu befürchten haben. Alles, was ſie bedarf, beſteht darin, daß man ſie in den Bund der goͤttlichen Gnade aufnimmt und ihr das Sacrament der. heiligen Taufe zu Theil werden läßt. Gewiß! kein Biſchof der Kirche könnte dann mit ſchöneren Hoffnungen für ſeine Zukunft vom Leben ſcheiden.“ „Wie ich vernehme, Sennora, iſt der Herr Erzbiſchof im Begriff, dieſen heiligen Dienſt an ihr zu verrichten.“ „Dieß hängt gewiſſermaßen von Dir ab, meine Tochter. Hoͤre und übereile Dich nicht in Deiner Entſchließung, da es ſich dabei um das ewige Wohl einer Menſchenſeele handelt.“ Die Konigin theilte nun Mercedes das romantiſche Geſuch Ozema's mit, indem ſie es ihrer Zuhoͤrerin in ſo ſanften und ge⸗ winnenden Ausdrücken vorlegte, daß es ſogar weniger Ueberraſchung und Unruhe hervorbrachte, als ſie erwartet hatte. „Donna Beatriz trug ſich mit einem Plane; der vielleicht im Anfang annehmlich erſcheinen mochte, den aber eine reifliche Er⸗ wägung nicht billigen kann. Ihre Abſicht war, den Grafen wirk⸗ lich mit Ozema zu vermählen,“— Mercedes bebte erblaſſend zurück—„um die letzten Stunden der jungen Fremden durch das Bewußtſeyn zu verſchönern, daß ſie die Gattin des Mannes ſey, den ſie anbetete. Mir ſcheint es jedoch, es ließen ſich ernſte Ein⸗ wendungen gegen dieſes Anſinnen machen. Was iſt Deine An⸗ ſicht, Tochter?“ „Sennora, wenn ich noch wie früher glauben könnte, daß „—„ ͤ —;;— 599 Luis eine Neigung für die Prinzeſſin fühle, die ihn am Ende noch zu dem Glücke jener wechſelſeitigen Liebe führen könnte, ohne welche die Ehe zum Fluche ſtatt zum Segen werden müßte, ſo würde ich die Letzte ſeyn, die etwas dagegen einzuwenden häͤtte. Ja, ich würde ſogar Eure Hoheit auf meinen Knieen um Eure Einwilligung bitten; denn wer wahrhaft liebt, kann nur das Glück des Gegenſtandes ſeiner Liebe wünſchen. Ich bin aber feſt über⸗ zeugt, daß der Graf nicht die zu einem ſolchen Ende nöthigen Gefühle für die Dame Ozema hegt. Und würde es nicht eine Entweihung ſeyn, Sennora, das Sacrament der Kirche unter Gelübden hinzunehmen, die nicht nur nicht in dem Herzen wurzeln, ſondern gegen die es ſogar ankämpft?“ „Herrliches Mädchen, dieß ſind genau meine eigenen Anſichten und in derſelben Weiſe habe ich auch der Marquiſe geantwortet. Man darf mit den Gnadenmitteln der Kirche kein Spiel treiben, und wir ſind verpflichtet, uns den Leiden zu unterwerfen, welche im Grunde doch nur zu unſerem ewigen Wohle über uns ver⸗ hängt ſind, ſo ſchwer ſie auch auf unſeren Herzen laſten mögen. Es bleibt uns daher nur noch übrig, hinſichtlich dieſer Grille Ozema's einen Entſchluß zu faſſen, und uns darüber auszuſprechen, ob Du Dich trauen laſſen willſt, damit ihr die Wohlthat der hei⸗ ligen Taufe nicht entſtehe.“ Ungeachtet der Innigkeit, bedurfte es doch eines kräftigen Kamp Gewohnheit und des Anſtandsgefühles, um dieſen Schritt ſo plötz⸗ lich und mit ſo wenig Vorbereitung zu begehen. Die Wünſche der Königin trugen jedoch den Sieg davon, denn Iſabella fühlte eine ſchwere Verantwortlichkeit auf ihrer Seele laſten, wenn ſie die Fremde hinſcheiden ließ, ohne daß ſie zuvor in den Schoos der Kirche aufgenommen würde. Als Mercedes eingewilligt hatte, ſchickte Iſabella einen Boten an die Marquiſe; dann knieete ſie mit ihrer Gefährtin nieder und brachte mit ihr gemeinſchaftlich eine Stunde womit unſere Heldin Luis liebte, fes gegen die Macht der 600 in geiſtlichen Uebungen, wie ſie bei einer ſolchen Gelegenheit üblich waren, zu. In dieſer Stimmung erſchienen dieſe zwei reinen weiblichen Weſen, ohne einen Gedanken an die Eitelkeiten des Putztiſches— ſondern nur ernſtlich bedacht, ſich auf die feierliche Handlung vor⸗ zubereiten— an der Thüre der königlichen Capelle, in welche man eben auch Ozema auf ihrem Lager gebracht hatte. Die Marquiſe hatte Mercedes, aus gewohnter Achtung gegen den Altar und ſeine Diener, einen weißen Schleier über das Haupt werfen und noch einige kleine paſſende Aenderungen in ihrem Anzuge vornehmen laſſen. Ungefähr ein Dutzend Perſonen, die man eines ſolchen Ver⸗ trauens für würdig hielt, waren bereits gegenwärtig, und als die Braut und der Bräutigam eben im Begriffe waren, ihre Plätze einzunehmen, trat haſtig Don Ferdinand mit einem Papiere in der Hand ein, in deſſen Lektüre er durch das Geſuch ſeiner königlichen Gemahlin, der heiligen Handlung anzuwohnen, unterbrochen worden war. Der König war ein würdevoller Fürſt und wenn es ihm beliebte, ſo wußte kein Herrſcher ſeine Rolle anmuthiger oder ge⸗ ſchmackvoller zu ſpielen. Er winkte dem Erzbiſchof inne zu halten und ließ Luis niederknieen. Dann warf er dem jungen Manne das Band eines ſeiner Orden über die Schulter und ſprach: „Nun ſtehe auf, edler Sennor, und übe ſtets Deine Pflicht gegen den himmliſchen Meiſter, wie Du ſie kürzlich gegen uns geübt haſt.“ Iſabella belohnte ihren Gatten für dieſen Gnadenakt mit einem beifälligen Lächeln— und die Ceremonie begann, welche unſeren Helden und unſere Heldin für immer vereinigte. Mercedes fühlte in der Wärme, womit Luis ſie an ſeine Bruſt drückte, daß ſte ihn nun verſtand, und für einen wonnevollen Augenblick war Ozema in der Ueberfülle des eigenen Glückes vergeſſen. Columbus hatte die Braut zum Altare geleitet— ein Amt, welches ihm der König ſelbſt zugewieſen, während Letzterer, in der Abſicht, ihm eine Ehre zu erweiſen, an der Seite des Bräutigams ſtehen blieb und ſich ſogar ſo weit herabließ, den Himmel zu berühren, der über den Häuptern des neuvermählten Paares gehalten wurde. Iſabella hielt ſich jedoch ſeitwärts in der Nähe von Ozema's Lager, deren Züge ſie die ganze Ceremonie über betrachtete. Sie hatte es nicht für nöthig erachtet, der Braut ihre Theilnahme öffentlich zu be⸗ zeugen, da ſich ihre Gefühle ſo kürzlich noch gegenſeitig in ihrem Privatverkehr ergoſſen hatten. Die üblichen Glückwünſche waren bald vorüber, und dann entfernte ſich Don Ferdinand mit Allen, welche in Ozema's Geſchichte eingeweiht waren. Es war, aus zarter Rückſicht für die Lage einer fremden Dame, welche die ihrer Anſicht nach gewiſſermaßen geheiligten Vor⸗ rechte des königlichen Ranges trug, nicht der Wunſch der Königin, daß ihr Gemahl und das übrige Gefolge als Zeugen von Ozema’s Taufe zurück blieben. Sie hatte die Innigkeit des Gefühls, womit das unerfahrene Mädchen den Begegnungen des Erzbiſchofs und des Brautpaares folgte, bemerkt, und Thränen entſtrömten ihren Augen, als ſie den Kampf zwiſchen Liebe und Freundſchaft ſah, der ſich in jedem Zuge ihres blaſſen aber liebenswürdigen Geſichtes ausdrückte. 3 „Wo Kreuz?“ fragte Ozema neugierig, als Mercedes ſich niederbückte, die zerſtörte Geſtalt der jungen Indianerin umſchlang und ihre Wangen küßte.„Gib Kreuz, Luis nicht heirathen mit Kreuz— gib Ozema Kreuz.“ Mercedes nahm ſelbſt das Kreuz von der Bruſt ihres Gatten, der es, ſeit er es wieder zurückerhalten, immer in der Nähe des Herzens getragen hatte, und legte es in die Hände der Prinzeſſin. „Nicht heirathen mit Kreuz alſo?“ flüſterte das Mädchen und Thränen entſtrömten ihren Augen, ſo daß ſie faſt nicht im Stande war, den ſo hoch geſchätzten Schmuck zu ſehen.„Nun geſchwind, Sennora, und mache Ozema Chriſtin.“ Die Scene wurde zu feierlich und rührend für viele Worte, 60² und der Erzbiſchof begann auf ein Zeichen der Königin die Cere⸗ monie. Sie war von kurzer Dauer, und Jſabellas gütiges Herz war bald durch die Ueberzeugung beruhigt, daß die Fremde, welche ſie als ihrer beſonderen Obhut anheimgegeben betrachtete, durch die ſichtbare Kirche in den Bund der Erlöſung aufgenommen ſey. „Iſt Ozema Chriſtin jetzt?“ fragte das Mädchen plötzlich mit einem Nachdruck, welcher alle Gegenwärtigen, die ihr bekümmerte Blicke zuwarfen, in Staunen verſetzte. „Du haſt nun die Verſicherung, daß Gottes Gnade mit Deinen Gebeten ſeyn wird, Tochter,“ antwortete der Prälat.„Suche ſie von ganzem Herzen und Dein nahes Ende wird ein geſegnetes ſeyn.“ „Chriſt nicht heirathen Heide— Chriſt heirathen Chriſt?“ „Man hat Dir dieß ſchon oft geſagt, meine arme Ozema,“ entgegnete die Königin; es kann keine gültige Verbindung zwiſchen Chriſten und Heiden ſtattfinden.“ „Chriſt heirathen eine Dame, die er lieben am meiſten?“ „Gewiß! Es wäre eine Verletzung ſeines Gelübdes und eine Verhöhnung Gottes, wenn er anders thun wollte.“ „So Ozema denken— aber er kann heirathen zweites Weib — geringeres Weib— Dame, die er zunächſt lieben. Luis hei⸗ rathen Mercedes, erſtes Weib, weil er lieben am meiſten— dann er heirathen Ozema, zweites Weib— niedrigeres Weib— weil er lieben zunächſt am meiſten.— Ozema Chriſtin nun, und wohl thun können. Komm, Erzbiſchof— mach Ozema Luis' zweites Weib!“ Iſabella ſeufzte laut und zog ſich nach einem entfernteren Theile der Capelle zurück, während Mercedes in Thränen ausbrach, auf die Kniee ſank, ihr Antlitz in den Decken des Bettes begrub und glühende Gebete um die Erleuchtung der Prinzeſſin gen Himmel ſchickte. Der Mann der Kirche nahm dieſen Beweis der Unwiſſen⸗ heit und der Unbefähigung ſeines Beichtkindes für die eben vorge⸗ nommene Handlung nicht mit der gleichen Schonung und Nachſicht auf. „Die heilige Taufe, die Du eben empfangen haſt, umnachtetes A △₰△ 60³ Weib,“ ſagte er ſtreng, iſt heilſam oder nicht, je nachdem man die darausfließende Gnade benützt. Du haſt eben einen Wunſch ausgeſprochen, der bereits Deine Seele mit einer ſchweren Sünde belaſtet, und die Zeit der Reue iſt kurz. Kein Chriſt kann zu glei⸗ cher Zeit zwei Weiber haben und Gott kennt kein Hoch oder Niedrig, keinen Erſten oder Letzten zwiſchen denen, welche das Band ſeiner Kirche umſchließt. Du kannſt nicht ein zweites Weib ſeyn, ſo lange die erſte noch lebt.“ „Nein, wenn ich gehören Caonabo— wenn Luis, ja. Fünfzig — hundert Weib dem lieb Luis! nicht möglich?“ „Verblendetes, unglückliches Mädchen, ich ſage Dir nein! Nein— nein— nein— nie— nie— und nimmermehr. Und ſchon dieſe Frage iſt ein Makel, der die heilige Capelle und die in derſelben befindlichen Symbole der Neligion entweiht. Ja, küſſe und umarme Dein Kreuz und beuge Deine ganze Seele in Zer⸗ knirſchung, denn—“ „Herr Erzbiſchof,“ fiel die Marquiſe von Moya mit einer Bitterkeit ein, welche bekundete, wie ſehr ihr früherer Geiſt wieder rege geworden war,„genug damit. Das Ohr, das Du in einem ſolchen Augenblicke verwunden willſt, iſt taub, und die reine Seele iſt bereits vor einen andern Richterſtuhl, und wie ich hoffe, vor einen milderen Richter getreten. Ozema iſt todt.“ Es war in der That ſo. Erſchreckt durch das Benehmen des Prälaten— verwirrt durch den Wechſel der Begriffe, wie er aus dem Widerſtreit der Lehren, womit man in der letzten Zeit ihren Geiſt bedrängt hatte, und derer, in welchen ſie erzogen wurden, hervorgegangen war, und körperlich gelähmt durch die Gewißheit, daß ihre letzte Hoffnung, die einer Verbindung mit Luis, dahin ſey — hatte die Seele des indianiſchen Mädchens ihre ſchöne Hülle verlaſſen, und das Antlitz der Erblaßten zeigte noch den lieblichen Ausdruck der Gefühle, die in den letzten Augenblicken ihres Erden⸗ wallens die vorherrſchenden geweſen waren. 604 So entfloh die erſte jener Seelen, welche die große Entdeckung 3* der Nacht und Verdammniß des Heidenthums retten ſollte. Theo⸗ logen und Frömmlinge mögen unterſuchen, welches Loos ihrer wahrſcheinlich in der unbekannten Zukunft wartete; aber ein de⸗ müthiger und beſcheidener Sinn wird Alles von der Güte eines gnädigen Gottes hoffen. Iſabella füͤhlte ſich durch dieſen Schlag ſo gewaltig erſchüttert, daß der Triumph über den Erfolg ihres Eifers und ihrer Anſtrengungen für eine Weile ſehr gemindert wurde. Ach, ſie konnte nicht vorherſehen, daß dieſes Ergebniß nur ein Vorbild der Weiſe war, wie die Religion des Kreuzes mißbraucht und mißverſtanden werden ſollte— eine Art Voran⸗ deutung, wie die meiſten ihrer frommen und edlen Hoffnungen und Wünſche unerfüllt zu bleiben beſtimmt waren. Einunddreißigſtes Kapitel. Ein edel Weib dem Mann zur Seiten, Zu warnen, tröſten und zu leiten; Und doch ein Geiſt, ſo ſtill und klar Wie einer aus der Engel Schaar. Wordsworth. Der Ruhm, welcher Columbus' Reiſe umgab, brachte die Meere in Gunſt. Man betrachtete es nicht länger als eine unter⸗ geordnete oder des Adels unwürdige Beſchäftigung, auf ihren Ober⸗ flächen Abenteuer zu ſuchen; und dieſelbe Neigung unſeres Helden, die man ihm früher ſo ſehr zu ſeinem Nachtheile gedeutet hatte, wurde ihm jetzt häufig zum Lobe angerechnet. Obgleich ſeine wirkliche Verbindung mit Columbus in dieſen Blättern zum erſtenmale ver⸗ öffentlicht wird, da die Thatſache den oberflächlichen Nachforſchungen der Hiſtoriker entging, ſo gereichte ihm doch der Umſtand ſehr zum Vortheile, daß er in einer Zeit, wo die meiſten von ſeinem Range 2 A△ 8 und ſeinen Ausſichten ſich mit Abenteuern auf dem Lande begnüg⸗ ten, eine gewiſſe Neigung für das Seeleben an den Tag gelegt hatte. Der Ocean kam gewiſſermaßen in die Mode, und der Rit⸗ ter, der ſich nicht damit begnügt hatte, nur von der Muttererde aus einen Blick auf deſſen weite und ununterbrochene Fläche zu werfen, betrachtete den, welcher die geeignete Zeit ſeines Lebens hatte verſtreichen laſſen, ohne einen derartigen Ausflug zu beſtehen — mit Geringſchätzung, ſo gut er auch ſonſt ſeine Sporen ver⸗ dient haben mochte. Viele Adelige, deren Beſitzungen an das mit⸗ telländiſche oder atlantiſche Meer ſtießen, rüſteten kleine Küſtenfahrer aus; die Yachten des fünfzehnten Jahrhunderts folgten den Buchten und Vorgebirgen der ruhmvollen Geſtade dieſes Welttheiles und ſuchten Vergnügen in einer Beſchäftigung, deren Nachahmung ver⸗ dienſtlich zu ſeyn ſchien. Es wäre eine gewagte Behauptung, zu ſagen, daß es Allen gelang, hierdurch die Sitten der Höfe und Schlöſſer auf die beſchränkten Raume von Schebeken und Felukken zu ühertragen; immerhin aber unterliegt es kaum einem Zweifel, daß der Geiſt jenes Zeitalters durch ſolche Verſuche einen gewiſſen Schwung bekam und daß man ſich ſchämte, das mit Geringſchätzig⸗ keit zu behandeln, was ſowohl durch die Politik als durch die Laune des Tages bedeutſam wurde. Auch trug die Nebenbuhlerſchaft zwi⸗ ſchen Spanien und Portugal viel dazu bei, ſolche Gefühle zu ſtei⸗ gern, und ein Jüngling, der nie ſeine heimathlichen Geſtade ver⸗ laſſen hatte, lief weit eher Gefahr, als muthlos verrufen zu werden, als ein wagehälſiger Abenteurer zu fürchten hatte, um ſeines un⸗ ſteten und excentriſchen Weſens willen aufzufallen. Inzwiſchen rückte die Zeit vor, und Begebenheiten folgten ſich in dem gewöhnlichen Gange der Urſache und Wirkung. Gegen den Schluß des Monats December leuchtete der Ocean gerade außerhalb der engen und romantiſchen Straße, welche Europa von Afrika trennt, während ſie das herrliche mittelländiſche Meer mit der un⸗ geheuren Breite des atlantiſchen verbindet— von den Strahlen der 606 aufgehenden Sonne, indem dieſe zu gleicher Zeit Alles, was ſich über die Fläche der blauen Wogen erhob, vergoldete. Die auf den Wellen ſich wiegenden Gegenſtände waren nicht zahlreich, ſon⸗ dern beſtanden ungefähr in einem Dutzend verſchiedener Fahrzeuge, welche unter den ſanften Kühlten der Jahreszeit langſam ihren Curſen folgten. Wir haben es jedoch nur mit einem einzigen der⸗ ſelben zu thun, und es mag wohl geeignet ſeyn, daſſelbe im All⸗ gemeinen etwas näher zu bezeichnen. Das fragliche Schiff hatte eine lateiniſche Takelage, vielleicht die maleriſchſte von allen, welche der Scharfſinn des Menſchen ſo⸗ wohl hinſichtlich des Segelwerks, als auch was Conſtruction und Ebenmaaß anbelangt, je erfunden hat. Auch ſeine Stellung war genau diejenige, welche ein Maler für ſeinen Pinſel gewählt haben würde: denn die kleine Felukke lief vor dem Winde, während ſich auf jeder Seite eines ſeiner hochaufgeſetzten Segel blähte, den Flü⸗ gelſpitzen irgend eines ungeheuren Vogels ähnlich, der ſeine Schwin⸗ gen zuſammenzieht, als ob er es geradezu auf ſein Neſt abſähe. Die Spieren und Taue waren augenſcheinlich ungewöhnlich propor⸗ tionirt, während der Rumpf, welcher ſich durch Linien vom ſchön⸗ ſten Ebenmaaße auszeichnete, mit einer Niedlichkeit und Zierlichkeit gebaut war, welche die Yacht eines Edeln bezeichnete. Das Fahrzeug hieß die„Ozema“ und trug den Grafen von Llera mit ſeiner jugendlichen Gattin. Luis, der auf ſeinen vielen Reiſen wohl auch der Geſchicklichkeit der Matroſen ein Ziemliches abgeſe⸗ hen hatte, leitete die Bewegungen in Perſon, obgleich Sancho Mundo ſich auf den Decken mit einer Würde ſpreizte, als ſey er, wenn auch nicht der wirkliche, doch der Titularpatron des Schiffchens. „Ja— ja— guter Bartolomeo, binde nur den Anker gehörig feſt,“ ſagte der Letztere, als er bei ſeiner Stundenrunde die Back beaugenſcheinigte;„denn ſo gut auch die Kühlte und ſo mild auch die Jahreszeit ſeyn mag, ſo kann man doch nicht wiſſen, welche Ca⸗ pricen das atlantiſche Meer entwickelt, wenn es gehörig aufgeweckt . . 607 iſt. Bei der großen Cathayreiſe hätte man ſich die Hinfahrt nicht günſtiger wünſchen können, während die Rückkehr nach dem leibhaf⸗ tigen Teufel ſchmeckte. Donna Mercedes gibt, wie ihr Alle ſeht, einen trefflichen Matroſen ab, und Niemand kann wiſſen, wie weit den Grafen ſeine Laune führen mag, wenn er einmal im Zuge iſt. Ich ſage euch, Burſche, jeden Augenblick kann euch Allen Ruhm und Gold in dem Dienſte eines ſolchen Edeln erwachſen, und ich hoffe, keiner von euch hat vergeſſen, ſich gehörig mit Falkenſchellen zu verſehen, die durch ihren Klang eben ſo gut Doblas zu ver⸗ ſammeln im Stande ſind, als die Glocken der Cathedrale zu Se⸗ villa Chriſten zuſammenrufen.“ „Meiſter Mundo,“ rief unſer Held von der Schanze aus,„laß einen Mann auf der Fockraa auslugen und das Meer im Norden und Oſten ins Auge faſſen!“ Dieſes Geheiß unterbrach eine von Sancho's prahleriſchen Tiraden und nöthigte ihn, den Befehl ausführen zu laſſen. Als der Matroſe, welcher den Auftrag erhielt, zu der luftigen und ſcheinbar gefäͤhrlichen Stellung hinangeklimmt war, erging an ihn die Frage von dem Verdecke, was er erblicke. „Sennor Conde,“ antwortete der Burſche,„das Meer iſt in der von Eurer Excellenz angegebenen Richtung mit Segeln ſo voll⸗ gepfropft, wie die Mündung des Tajo bei dem erſten Weſtwinde.“ „Kannſt Du uns wohl ihre Zahl angeben?“ rief Luis. „Bei der heiligen Meſſe,“ entgegnete der Mann, nachdem er ſich Zeit zum Zählen genommen hatte,„ich ſehe nicht weniger als ſechszehn — ja jetzt ſehe ich noch ein anderes, ein kleineres, das eben hinter einer großen Carakke hervorkommt— macht im ganzen ſiebenzehn.“ „Dann ſind wir in guter Zeit angelangt, meine Liebe,“ rief Luis, indem er ſich entzückt gegen Mercedes kehrte.—„Noch ein⸗ mal ſoll ich dem Admiral die Hand ſchütteln, ehe er uns wieder verläßt, um nach Cathay zu ſegeln. Du ſcheinſt ſo erfreut als ich, daß wir keine vergebliche Fahrt gemacht haben?“ 608 „Was Dich erfreut, Luis, muß auch mir Freude machen,“ er⸗ wiederte die junge Frau.„Wo nur Ein Intereſſe iſt, kann auch nur Ein Wunſch ſeyn.“— „Theure— theure Mercedes— Du wirſt alles aus mir ma⸗ chen, was Du nur wünſchen magſt. Deine Engelsſeele und Deine Bereitwilligkeit, mich auf dieſer Fahrt zu begleiten, reichen allein ſchon hin, mich in einer Weiſe umzuformen, daß ich weniger mehr mir ſelbſt, als Dir angehöre.“ 1 „Bis jetzt, Luis,“ erwiederte die junge Frau lächelnd,„ſcheint es der umgekehrte Fall geweſen zu ſeyn, denn es iſt Dir eher ge⸗ lungen, mich zu einer Herumſtreicherin zu machen, als ich im Stande war, Dich an das Schloß von Llera zu feſſeln.“ „Du kömmſt doch nicht gegen Deine Wünſche auf das Meer hinaus, Mercedes?“ fragte Luis mit der ernſten Raſchheit eines Menſchen, der, ohne es zu wiſſen, eine Unbeſonnenheit begangen zu haben fürchtet. „Nein, theuerſter Luis; ich habe im Gegentheil die Fahrt gern unternommen, abgeſehen davon, daß es mir Freude macht, Dir gefällig zu ſeyn. Zum Glück fühle ich keine Unbehaglichkeit von der Bewegung der Felukke und finde das neue Schauſpiel eben⸗ ſo angenehm als anregend.“ „Wenn wir ſagen, daß Luis dieß in mehr als einer Hinſicht gern hörte, ſo wird der Leſer daraus entnehmen, daß der junge Edle immer noch ein großes Vergnügen an den Scenen des See⸗ lebens fand. 4 Nach einer halben Stunde wurde das Admiralsſchiff von dem Decke der Ozema aus ſichtbar, und ehe die Sonne ihren Mittags⸗ kreis erreicht hatte, glitt die kleine Felukke in den Mittelpunkt der Flotte, geradezu auf Columbus' Carakke losſteuernd. Der gewöhnliche Anruf erfolgte und als der Admiral von Mercedes' Anweſenheit benachrichtigt war, begab er ſich an Bord der Ozema, um ihr per⸗ ſönlich ſeine Achtung zu bezeugen. Die gemeinſchaftlich beſtandenen — Azenteuer hatten in Columbus eine Art väterlicher Liebe zu Luis erzeugt, in welche ſich auch Mercedes wegen des edlen Benehmens, das ſie in den Begebniſſen zu Barcellona an den Tag gelegt hatte, theilte. Er kam daher dem glücklichen Paare mit würdevoller Liebe entgegen, und ſein Gruß bekundete eine innige Theilnahme ſei⸗ nes Herzens, die von Seite des Grafen, wie der Gräfin volle Erwiederung fand. Der Gegenſatz in den Mitteln, die dem Genneſen bei dieſer und der früheren Reiſe zu Gebot ſtanden, war ein höchſt auffallen⸗ der. Damals zog er aus, vernachläſſigt, faſt vergeſſen, in drei ärmlich gebauten und ſchlecht bemannten Schiffen— während das Meer jetzt von ſeinen Segeln erglänzte und ein nicht unbeträchtli⸗ cher Theil der ſpaniſchen Ritterſchaft in ſeinem Gefolge war. So⸗ bald bekannt geworden, daß der Graf von Llera ſich in der Felukke befinde, welche der Flotte in den Weg gekommen war, wurden von den meiſten Fahrzeugen Bote ausgeſetzt, und Mercedes hielt auf dem offenen Meer eine Art von Hof, wobei ihr weibliches Gefolge, unter dem ſich einige Damen von Rang befanden, die Cavaliers, die ſich auf dem Verdecke draͤngten, auf eine geeignete Weiſe em⸗ pfangen half. Der belebende Einfluß der reinen Seeluft trug dazu bei, die Heiterkeit des Augenblicks zu erhöhen, und die Ozema bot für eine Stunde eine Scene des Frohſinns und der Pracht dar, wie ſie keine der gegenwärtigen Perſonen je vorher geſehen hatte. „Schöne Graͤfin,“ rief Einer, der ſich früher vergeblich um unſere Heldin beworben hatte—„Ihr ſeht, zu welchen verzweifelten Schritten mich Eure Grauſamkeit getrieben hat, denn ich ziehe nun nach dem fernſten Oſten auf Abenteuer aus. Es iſt ein Gluck für Don Luis, daß ich erſt jetzt, da er Eurer Gunſt gewiß iſt, dieſes Wagniß unternehme, da in Zukunft kaum eine ſpaniſche Jungfrau der Bewerbung eines Mannes aus dem Gefolge des Ad⸗ mirals Widerſtand leiſten wird.“ „Ihr habt vielleicht Recht, Sennor,“ erwiederte Mercedes, Donna Mercedes. 2te Aufl. 39 610 und ihr Herz ſchwoll in dem Bewußtſeyn, daß der Mann ihrer Wahl daſſelbe geprieſene Abenteuer zu einer Zeit beſtanden hatte, wo Andere vor deſſen Gefahr zurückſchraken und das Ergebniß noch mit dem Schleier einer unbekannten Zukunft verhüllt war—„Ihr habt vielleicht Recht; aber wer ſo beſcheiden in ſeinen Wünſchen iſt, als ich, muß ſich mit dieſen unbedeutenden Küſtenfahrten begnügen, auf denen glücklicherweiſe das Weib ihren Gatten begleiten kann.“ „Gnädige Frau,“ entgegnete der ritterliche und unbekümmerte Alonzo de Ojeda—„Don Luis hat mich einmal im Turnier in den Sand rollen laſſen— es war ein ſchöner und männlicher Stoß, für den ich ihm keinen Groll nachtragen kann; aber jetzt will ich ihn ausſtechen, denn er begnügt ſich, die ſpaniſchen Ufer im Auge zu behalten und überläßt uns den Ruhm, Indien aufzuſuchen und die Heiden dem Scepter der beiden Herrſcher zu unterwerfen!“ „Es iſt eine hinreichende Ehre für meinen Gatten, Sen⸗ nor, daß er ſich des von Euch genannten Sieges rühmen kann, und er muß mit dem Ruhme, den er durch dieſe einzige That gewann, zufrieden ſeyn.“ „Gräfin, Ihr würdet ihn nach einem Jahr noch mehr lieben, wenn er mit uns auszöge, um ſeinen Muth unter dem Volke des Groß⸗Chans zu erweiſen.“ „Du ſiehſt, Don Alonzo, daß ihn der erlauchte Admiral dem⸗ ungeachtet nicht ganz vernachläſſigt. Sie halten in meiner Cajüte ein vertrauliches Geſpräch, und Don Chriſtoval iſt nicht der Mann, der ſeine Aufmerkſamkeit an einen Unwürdigen oder Trägen verſchwendet.“ „Es iſt zum Erſtaunen!“ nahm der verſchmähte Freier wieder auf.„Die Gunſt, in welcher der Graf bei dem Admiral ſteht, iſt uns Allen ſchon in Barcellona aufgefallen. Wäͤre es möglich, de Ojeda, daß ſie ſich auf irgend einer ihrer früheren Fahrten ſchon getroffen hätten?“ „Bei der heiligen Meſſe, Sennor,“ rief Alonzo lachend,„wenn Don Luis den Admiral getroffen hat, wie er mich in den Schranken 611 traf, ſo denke ich, die Begegnung könnte Beiden für den Reſt ihrer Tage genügen.“ In dieſer Weiſe ging die Unterhaltung fort, bald in leichtem Sinne, bald in ernſterer Stimmung, ſtets aber in Herzlichkeit und Freundſchaft. Während ſich dieſes auf dem Decke zutrug, hatte ſich Columbus in der That nach der Cajüte zurückgezogen. „Don Luis,“ ſagte der Admiral, als ſie allein nebeneinander ſaßen,„Du kennſt die Achtung, die ich gegen Dich hege, und ich fühle, daß Du ſie in gleichem Grade erwiederſt. Ich verlaſſe nun Spanien, um mich einem weit gefährlicheren Abenteuer zu unter⸗ ziehen, als das war, bei welchem Du mich begleiteteſt. Damals ſegelte ich aus in Verachtung gehüllt und durch Unwiſſenheit und Mitleid vor den Augen der Welt verborgen. Nun aber laſſe ich Europa und in ihm Bosheit und Neid zuruck. Ich bin zu alt, um dieß nicht zu bemerken und vorauszuſehen. In meiner Ab⸗ weſenheit werden ſich viele über meinen Namen hermachen. Selbſt die, welche mir auf den Ferſen nachjubeln, werden mich mit Verlaͤumdungen verfolgen, um ſich für die Kriecherei der Ver⸗ gangenheit durch Schmähung der Gegenwart zu rächen. Man wird die Herrſcher in ein Lügengewebe verſtricken und jede nicht ganz entſprechende Hoffnung zu einem Verbrechen verdrehen. Doch ich laſſe auch Freunde zurück— Freunde wie Juan Perez, de St. Angel, de Quintanilla und Dich. Auf Euch alſo will ich mich ganz verlaſſen, nicht um meinetwillen, ſondern nur im Intereſſe der Wahrheit und der Gerechtigkeit!“ „Sennor, Ihr könnt unter allen Umſtänden auf meinen geringen Einfluß zählen. Ich habe Euch in den Tagen der Prüfung ge⸗ ſehen, und es wird gewöhnlichen Naͤnken nicht gelingen, mein Vertrauen auf Euch wankend zu machen.“ „Ich war hievon überzeugt, Luis, ehe Du mir dieſe warme und aufrichtige Verſicherung gabſt,“ erwiederte der Admiral, indem er dem jungen Mann mit Feuer die Hand drückte.„Ich zweifle, 612 ob Fonſeka, der jetzt ſo vielen Einfluß auf die Angelegenheiten Indiens übt, wirklich mein Freund iſt. Dann gibt es auch Einen Deines Namens und Deiner Familie, der mich bereits mit miß⸗ günſtigen Augen betrachtet hat, und dem ich gar wenig Gutes zutraue, wenn ſich eine Gelegenheit darbieten ſollte, mir zu ſchaden.“ „Ich kenne ihn wohl, Don Chriſtoph, und betrachte ihn als einen Mann, der dem Hauſe Bobadilla wenig Ehre macht.“ „Demungeachtet ſteht er bei dem Könige in Gunſt, was in dem gegenwärtigen Augenblicke von großer Wichtigkeit iſt. „Ach! Sennor, von dieſem ſchlauen und doppelzüngigen Mo⸗ narchen dürft Ihr nichts Edles erwarten. So lange Donna Iſabella's Ohr der Wahrheit zugänglich erhalten werden kann, iſt nichts zu fürchten; aber Don Ferdinand wird mit jedem Tage ſelbſtſüchtiger und engherziger. Guter Gott! Daß ein Mann, der in ſeiner Jugend ein ſo tapferer und kühner Ritter war, nun er zu Jahren kömmt, in eine Gemeinheit verfällt, wie man ſte nicht einmal bei einem Mauren findet! Meine edle Tante zählt jedoch allein ſchon für ein Heer und wird ſtets fortfahren, Euch ſo treu zu dienen; als ſie angefangen hat.“ „Gott iſt der Lenker aller Dinge, und es wäre Frevel, ſeiner Weisheit und Gerechtigkeit zu mißtrauen. Und nun, Luis, ein Wort hinſichtlich Deiner ſelbſt. Die Vorſehung hat Dich zum Hüter des Glückes eines Weſens gemacht, wie es ſelten dieſſeits der Thore des Himmels gefunden wird. Der Mann, der mit einem ſo tugendhaften und treuen Weibe, wie das Deinige, geſegnet iſt, ſollte in ſeinem Herzen einen Altar errichten, auf dem er täglich, ja ſtündlich Gott ſein Dankesopfer für dieſe Gabe bringt; denn er erfreut ſich des reinſten und des dauerndſten aller Erdengüter und darf daher nie dieſes Schatzes vergeſſen. Ein Weib, wie Mercedes, iſt ein ſo zartes als ſeltenes Weſen. Laß daher ihren Gleichmuth Dein Ungeſtüm zügeln, ihre Reinheit Deinen eigenen roheren Stoff veredeln, ihre Tugend Dir zum Vorbild dienen, ihre Liebe die ☛ 613 Deinige zu einer nie erlöſchenden Flamme anfachen und ihre Zärt⸗ lichkeit nie einen vergeblichen Aufruf an Deine Nachſicht und Deinen männlichen Schutz thun. Erfülle Deine Pfichten, mein Sohn, als ein ſpaniſcher Grande und ſuche Dein Glück in der Freundin Deines Herzens und in der Liebe Gottes.“ Der Admiral gab nun Luis ſeinen Segen, nahm auf eine feierliche Weiſe Abſchied von Mercedes und eilte nach ſeiner Carakke zurück. Boot um Boot verließ die Felukke und manche riefen noch aus der Ferne ihr Lebewohl herüber. Nach einigen Minuten ſetzten ſich die ſchwerfälligen Raaen in Schwung; die Flotte ſteuerte gegen Südweſten und ſetzte ihren Curs nach der fernen Küſte Indiens, wie man damals glaubte, fort. Die Ozema blieb noch eine Stunde an der Stelle, wo Columbus ſie verlaſſen hatte, liegen, als ob ſie ihren ſich entfernenden Freundinnen nachblicken wolle; dann füllte ſich ihre Leinwand und ſie holte gegen die kleine Bucht um, in deren Hintergrunde der Hafen von Palos de Moguer lag. Der Nachmittag war köſtlich, balſamiſch, und als die Felukke ſich dem Lande näherte, war die Oberfläche des Meeres ſo glatt wie die eines Binnenſees. Es war gerade genug Wind vorhanden, die Luft zu kühlen und das kleine Fahrzeug mit einer Geſchwindigkeit von drei oder vier Knoten die Stunde durch das Waſſer zu treiben. Das Taggemach, worin ſich unſer Held und unſere Heldin auf⸗ hielten, befand ſich auf der Schanze und wurde von außen durch eine Preſſenning gebildet, die wie die Linnenüberwölbung eines Wagens emporſtieg, während das Innere mit koſtbaren Stoffen ausgekleidet war, ſo daß das Ganze einen ſchönen kleinen Salon bildete. Das Gemach war vorn durch einen Leinwandvorhang den Blicken des Schiffsvolks entzogen und gegen den Spiegel des Schiffs hin konnte man eine reiche Gardine fallen laſſen, wenn man hier die Ausſicht verſchließen wollte. Der Letztere war nun ſorglos aufgezogen und geſtattete dem Auge einen Blick über die breite Fläche des Oceans und nach der Pracht der untergehenden Sonne. 614 Mercedes lehnte auf einem geſchmackvollen Ruhebette und überſchaute das Meer, während Luis auf einem Schemel zu ihren Füßen ſaß und in die Saiten einer Guitarre griff. Er hatte eine beliebte Volksweiſe geſpielt und dieſelbe mit ſeiner Stimme begleitet; da er aber bemerkte, ſeine junge Gattin höre nicht mit der ge⸗ wohnten Aufmerkſamkeit und Bewunderung auf ſeine Muſik, ſo legte er das Inſtrument bei Seite. 4 „Du biſt gedankenvoll, Mercedes,“ ſagte er, indem er ſich vor⸗ wärts beugte, um in denſelben Augen, die ſo oft in der Glut der Be⸗ geiſterung leuchteten, nun auch den Ausdruck der Schwermuth zu leſen. „Die Sonne geht dort unter, wo das Land der armen Ozema iſt, Luis;“ antwortete Mercedes, und in ihrer Stimme war ein leichtes Beben nicht zu verkennen.„Dieſer Umſtand und der Anblick des endloſen Meeres, das ſo viel der Ewigkeit gleicht, haben meiner Phantaſie ihr Sterbelager wieder vorgeführt. Gewiß— gewiß— ein ſo unſchuldiges Weſen kann nicht dem ewigen Ver⸗ derben anheim gefallen ſeyn, weil ihr unerleuchteter Geiſt und ihre bewegten Gefühle nicht im Stande waren, alle Geheimniſſe der Kirche zu begreifen.“ „Ich wünſchte, Du dächteſt weniger an dieſen Gegenſtand, meine Theure. Deine Gebete und die Meſſen, die für das Heil ihrer Seele geleſen wurden, ſollten Dich hierüber beruhigen; ja wenn Du willſt, können die letzteren fortwährend wiederholt werden.“ „Ja, wir wollen dieß thun,“ hauchte die junge Frau, während Thräuen über ihre Wangen ſtrömten.„Die Beſten von uns be⸗ dürfen der Meſſen und beſonders wir ſind dieß der armen Ozema ſchuldig. Haſt Du daran gedacht, Dich bei dem Admiral zu ver⸗ wenden, daß er bei ſeiner Ankunft in Espannola Mattinao jeden möglichen Dienſt leiſte?“ 3 „Es iſt geſchehen, und ſo ſchlage Dir die Sache aus dem Sinne. Ihr Denkmal iſt bereits zu Llera aufgeſtellt, und wenn ————— 1 615 wir auch den Verluſt des ſuͤßen Mädchens bedauern müſſen, können wir ihn doch kaum beklagen. Wäre ich nicht Luis de Bo⸗ badilla, Dein Gatte, meine Theure, ſo würde ich ſie eher als einen Gegenſtand des Neides denn als einen Gegenſtand des Mit⸗ leidens betrachten.“ „Ach, Luis, Deine Schmeichelworte tönen zu angenehm, um getadelt werden zu können, aber ſie ſind kaum ziemlich. Selbſt das Glück, das ich in der Ueberzeugung von Deiner Liebe und in dem Bewußtſeyn fuͤhle, daß unſer Schickſal, unſere Namen und Intereſſen auf's innigſte verbunden ſind— iſt in der That nur ein Elend in Vergleichung mit den himmliſchen Freuden der Seli⸗ gen, und wie innig wünſche ich, daß Ozemas Seele zu dieſen Wonnen erhöht worden ſeyn möge.“ „Zweifle nicht daran, Mercedes! Gewiß iſt ihr Alles geworden, worauf ihre Herzensgüte und Unſchuld Anſpruch machen kann. Ach, wenn ſie ſich nur halb ſo glücklich fühlt, als ich mich fühle, indem ich Dich ſo an meinem Herzen halte, ſo durfen wir ſie nicht beklagen, und Du ſagſt, ſie erfreue ſich— oder werde ſich einer zehnmal größeren Seligkeit erfreuen.“ „Luis— Luis— ſprich nicht ſo! Wir wollen noch weitere Meſſen für ſie in Sevilla, Burgos und Salamanka leſen laſſen.“ „Wie Du willſt, meine Liebe. Laß ſie jährlich, monatlich, wöchentlich, für immer oder ſo lange leſen, als es die Geiſtlichen für nöthig halten.“ Mercedes lächelte dankbar und die Unterhaltung wurde jetzt weniger peinlich, obgleich ſie fortfuhr, wehmüthig zu ſeyn. Eine Stunde verging in dieſer Weiſe, während welcher das Geſpräch jenen ſüßen Character trug, welcher den Verkehr zärtlich Liebender bezeichnet. Mercedes hatte bereits eine große Gewalt über die un⸗ geſtümen Neigungen und Gefühle ihres Gatten erlangt, und ihn wirklich allmählich, ohne es ſelbſt zu wiſſen, zu dem Manne umge⸗ 616 bildet, deſſen ihr Herz bedurfte. In dieſer Umwandlung, welche das Ergebniß eines moraliſchen Einfluſſes, keineswegs aber das der Berechnung oder eines Planes war, wurde ſie durch die männ⸗ lichen Eigenſchaften unſeres Helden kräftig unterſtützt, welche ihm ſtets insgeheim zuflüſterten, daß ſowohl ſein eigenes als das Glück einer Andern auf ihm beruhe. Dieß iſt eine Aufforderung, der eine wahrhaft edle Seele ſelten widerſteht, und ſie bewirkt weit öfter die Beſſerung kleiner Fehler, als dieß durch unmittelbares Eingreifen oder offenen Tadel erzielt wird. Vielleicht lag jedoch Mereedes' kräftigſte Waffe in ihrem unbedingten Vertrauen zu dem vortrefflichen Herzen ihres Gatten, wodurch in Luis der Wunſch erzeugt wurde, das zu ſeyn, wofür ſie ihn ſo augenſcheinlich hielt — eine Anſicht, welcher ſein Gewiſſen nicht in der vollſten Aus⸗ dehnung beitreten wollte.. Als die Sonne hinter dem Waſſerſaume verſunken war, kam Sancho mit der Meldung, er habe Anker fallen laſſen. „Hier ſind wir, Sennor Conde— hier ſind wir endlich, Sennora Mercedes, vor der Stadt Palos und ungefähr hundert Ellen von derſelben Stelle, wo Don Chriſtoval und ſeine muthigen Begleiter ihre indianiſche Entdeckungsreiſe begonnen haben— Gott ſegne ihn tauſendfältig und Alle, welche mit ihm gingen! Das Boot iſt bereit, Euch an's Land zu führen, Sennora; und wenn es hier auch kein Sevilla oder Barcellona, keine Dome oder Pa⸗ läſte gibt, ſo werden ſie doch Palos, Santa Clara und das Schiffs⸗ dockenthor finden— drei Plätze, die fortan berühmter ſeyn werden, als alle Merkwürdigkeiten jener Städte:— Palos, weil von hier aus die Expedition ausfuhr; Santa Clara, weil die an ſeinen Altären erfüllten Gelübde die Mannſchaft vom Untergang retteten; und die Schiffsdocke, weil darin das Schiff des Admirals ge⸗ zimmert wurde.“ „Und auch noch andere wichtige Ereigniſſe daſelbſt vorfielen, Sancho,“ ſiel der Graf ein. — 617 „Juſt ſo, Excellenz, auch wegen anderer wichtigen Ereigniſſe merkwürdig. Soll ich Euch an's Land führen, gnädige Frau?“ Mercedes willigte ein, und in zehn Minuten betraten ſie und ihr Gatte das Ufer, kaum ſechs Klafter von der Stelle, wo Co⸗ lumbus und Luis ſich im vorigen Jahre eingeſchifft hatten. Das feſte Sandgeſtade war mit Menſchen bedeckt, die in der Abend⸗ kühle ſpazieren gingen. Die Meiſten davon gehörten der niedereren Klaſſe des Volkes an, denn Spanien iſt, wie wir glauben, das einzige Land, wo die Bevölkerung von Gegenden, die durch ein herrliches Clima begünſtigt ſind, ſich an öffentlichen Spaziergängen zu dieſer bezaubernden Stunde getrennt hält. Luis und ſeine ſchone Gattin hatten ſich blos um der Erho⸗ lung und Bewegung willen an's Land ſetzen laſſen, da die Felukke ihnen jedenfalls beſſere Bequemlichkeiten bot, als was immer für eine Hoſteria von Palos. Sie miſchten ſich daher in das Gewüͤhl der Spaziergänger. Gerade vor ihnen befand ſich eine Gruppe junger Weiber, welche in lebhaftem und lautem Geſpräche begriffen waren, ſo daß man recht gut dem Gange ihrer Unterhaltung folgen konnte. Der Gegenſtand derſelben war die Reiſe nach Cathay, was im Augenblick die Aufmerkſamkeit unſeres Helden und unſerer Heldin auf ſich zog. „Heute,“ ſagte eine aus dem Häufchen in dem Tone des Uebergewichts,„heute ſegelte Don Chriſtoval von Cadiz aus. Die Herrſcher hielten Palos für einen zu kleinen Hafen, um zur Aus⸗ rüſtung eines ſo großen Unternehmens dienen zu können. Ihr könnt Euch auf meine Worte verlaſſen, gute Nachbarinnen, denn ihr wißt, mein Mann hat eine Anſtellung auf des Admirals eigenem Schiffe.“ „Ihr ſeyd zu beneiden, Nachbarin, daß ein ſo berühmter Mann ſo große Stücke auf ihn hält!“ „Wie kann es auch anders ſeyn, da er ihn früher begleitete, als nur Wenige den Muth hatten, ſich ſeinem Gefolge anzuſchließen, 618 und dabei immer dem Admirale treu und gehorſam war? ‚Monikae — nein, es hieß ‚gute Monika⸗— ſagte Seine Excellenz in eigener Perſon zu mir, ‚„Dein Pepe iſt ein wackerer Matroſe und hat ſich durch ſein Betragen meine volle Zufriedenheit erworben. Er ſoll Bootsmann auf meiner eigenen Carakke werden, und Du und Deine Nachkommenſchaft— alle dürfen ſich bis in ihr ſpäteſtes Alter rühmen, daß ſie der Familie eines ſo wackern Mannes angehörene. Dieß waren ſeine eigenen Worte, und was er ſagte, das that er; Pepe iſt nun Bootsmann. Freilich könnte man aber auch mit den Paternoſters und Ave Maria's, die ich betete, um ein ſolches Glück zu erringen, dieſes Ufer pflaſtern.“ Luis trat nun vor, grüßte die Gruppe und entſchuldigte ſich mit ſeiner Neugierde, die Einzelnheiten der erſten Fahrt kennen zu lernen. Wie er erwartete, kannte ihn Monika in ſeiner gegen⸗ wärtigen reichen Kleidung nicht und erzählte daher bereitwillig alles, was ſie wußte und auch noch ein ziemliches mehr. Die Unterredung zeigte; wie ganz ſich in dieſem Weibe Hoffnungsloſig⸗ keit in Entzücken umgewandelt hatte— ein Wechſel, der hier in ſeiner Geſondertheit die Gefühle, welche im Allgemeinen ſtattge⸗ funden hatten, repräſentirte. „Ich habe viel von einem gewiſſen Pinzon gehört,“ fuhr Luis fort,„der als Pilot auf einer der Carapelen die Reiſe mitmachte. Was iſt aus ihm geworden?“ „Sennor, er iſt todt,“ antworteten ein Dutzend Stimmen, unter denen ſich beſonders Monika's als die lauteſte auszeichnete, ſo daß ihr auch zu Theil wurde, dieſe Geſchichte erzählen zu dürfen. „Er war einmal ein großer Mann in dieſer Gegend, aber jetzt iſt ſein Name mit ſeinem Leben dahin. Er war untreu und ſtarb, wie man ſagt, aus Gram, als er die Ninna in dem Fluß liegen fand, da er doch den Ruhm für ſich ſelbſt zu behalten hoffte.“ Luis war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gefuͤhlen beſchäftigt ge⸗ 619 weſen, um früher etwas von dieſer Neuigkeit zu erfahren. Er ſetzte daher ſinnend und ſchwermüthig ſeinen Spaziergang fort. „Das iſt der Lohn unerlaubter Hoffnungen und Plane, die das Mißfallen Gottes auf ſich ziehen,“ rief er nach einer Weile. „Ich lebe des feſten Glaubens, daß die Vorſehung auf des Ad⸗ mirals Seite war— und gewiß, theure Mercedes, auch auf der meinigen.“ „Dieß iſt Santa Clara,“ bemerkte die Gräfin.„Luis, ich möͤchte wohl hinein gehen, um an ihren Altären für Deine Er⸗ haltung und Rückkehr mein Dankopfer darzubringen und für Don Chriſtophs künftiges Glück zu beten.“ Beide traten in die Kirche und knieten mit einander an dem Hochaltar nieder; denn es war damals anders als heutzutage, und ſelbſt der muthigſte Krieger ſcheute ſich nicht, ſeine Dankbarkeit gegen Gott, wie die eigene Rathloſigkeit öffentlich anzuerkennen. Nach verrichtetem Gebete kehrte das glückliche Paar ſchweigend nach dem Strande zurück und ließ ſich an Bord der Felukke bringen. Des andern Morgens früh ſegelte die Ozema wieder nach Malaga, denn Luis befürchtete, erkannt zu werden, wenn er länger in Palos bliebe. Sie erreichten wohlbehalten den Hafen und langten bald darauf zu Valverde, Mereedes' Ahnenſitze, an, wo wir unſeren Helden und unſere Heldin in dem Ge⸗ nuſſe eines Glückes verlaſſen, wie es nur durch die Verbindung männlicher Zärtlichkeit auf der einen— mit der Reinheit des Herzens und der edlen Hingebung weiblicher Liebe auf der andern Seite geſchaffen werden kann. In ſpäteren Tagen gab es wohl wieder Luis de Bobadillas unter Spaniens ritterlichem Adel und andere Mercedes, die die Herzen frohſinniger, hochſtrebender Jünglinge bedrängten; aber es gab nur noch eine Ozema. Sie erſchien unter der nachfolgenden Regierung am Hofe und glänzte eine Weile wie ein Stern, der 620 eben an einem reinen Horizonte aufgegangen iſt. Ihre Laufbahn war jedoch nur kurz— ſie ſtarb jung und beweint; ſeitdem hat ſich auch der Name verloren. Wir müſſen es theilweiſe dieſen Umſtänden zuſchreiben, daß ſo Vieles in unſerer Erzählung aus den verlorenen Erinnerungen jener ereignißvollen Periode her⸗ vorgeſucht werden mußte. x35———