2 ) Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: zur Em⸗ Morgens für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G fahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————=N * J. f. Cooper's Amerikaniſche Romane, 1 neu aus dem Engliſchen übertragen. Siebenter BVand. — Lionel Lincoln. Zweite Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. Lionel Lincoln, oder die Jelagerung von Yoſton. J. F. Cooper. Nach der letzten, vom Verfaſſer durchgeſehenen, verbeſſerten und mit Anmerkungen verſehenen Ausgabe übertragen von Eduard Mauch. — „Erſt laßt mich reden mit dem Philoſophen da.“ Zweite Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1851. Druck von J. Kreuzer in Stuttgart. ———— Lna Vorrede zur neneſten Ausgabe des Originals. Es gibt vielleicht kein anderes Land, deſſen Geſchichte ſo wenig für eine poetiſche Ausſchmückung ſich eignet, als die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die Kunſt des Bücherdrucks war ſchon ſeit den erſten Zeiten der Nieder⸗ laſſung in allgemeinem Gebrauch und es gehörte ſtets zu der Politik wie früher der Provinzen, ſo jetzt der Staaten, die Verbreitung gründlicher Kenntniſſe zu ermuntern. So gibt es weder eine Periode gänzlicher Dunkelheit, noch ſelbſt der Dämmerung in den amerikaniſchen Annalen. Alles iſt nicht allein bekannt, ſondern auch ſo wohl und allgemein bekannt, daß der Phantaſie kein Spielraum mehr zur Verſchönerung übrig gelaſſen iſt. Zwar iſt die Welt auch hier bei Beurtheilung des Charakters von Individuen in ihren gewöhnlichen Irrthum verfallen, indem ſie die hervorragendſten und zugleich ver⸗ ſtändlichſten Seiten derſelben als Führer benutzte, um eine Harmonie zu begründen, auf welcher ſie faſt immer beſtehen zu wollen ſcheint, während doch Alle, welche die Menſchen⸗ natur gründlich ſtudirt haben, recht wohl wiſſen, daß oft gerade die entgegengeſetzteſten Eigenſchaften in einer Bruſt beiſammen wohnen. Doch iſt es Pflicht für den Dichter, dieſen Irrthümern zu willfahren; denn nicht leicht gibt es einen Fehler, der ſeiner Strafe ſicherer wäre, als der iſt, welchen ein Schriftſteller begeht, wenn er ſeine Leſer zu be⸗ lehren ſucht, während ſte nur unterhalten ſeyn wollen. Dem Verfaſſer haben ſich dieſe Wahrheiten durch Erfahrung und zwar noch ſelten deutlicher aufgedrängt, als in den Schwierig⸗ keiten, auf welche er bei Abfaſſung dieſer ſeiner einzigen hiſtoriſchen Erzählung ſtieß— ſowie in der Aufnahme, welche ſte bei der Leſewelt gefunden. Daß er die Meinung der Letzteren nicht unbeachtet gelaſſen, hat er dadurch bewieſen, daß er alle ähnlichen Verſuche unterließ, auf deren Nutzloſtg⸗ keit er mit eben ſo viel Beſtimmtheit als Schonung aufmerk⸗ ſam gemacht wurde. Wenn einem Romanſchreiber erlaubt iſt, die Zeitfolge zu ändern und Ereigniſſe und Gebräuche aus verſchiedenen Zeitaltern als die ihm gebührenden Hülfsmittel zuſammen⸗ zuwählen, ſo hat er dagegen im Falle des Mißglückens auch kein Recht, den Tadel irgend einem andern Umſtande als ſeiner eigenen Unfähigkeit zuzuſchreiben; wenn aber beſondere Umſtände ſeinem Erfolg ſich entgegenſtellten, ſo muß ihm— und dieß beſonders, wenn er ſeinen Fehler durch Widerruf eingeſteht— zu ſeiner eigenen Rechtfertigung zu ſagen erlaubt ſeyn, daß ſein Hauptirrthum darin beſtand, ſich in ein Unter⸗ nehmen einzulaſſen, das überhaupt und unter keinen Ver⸗ hältniſſen gut durchgeführt werden konnte. VII Muß der Verfaſſer auch ohne Rückhalt bekennen, daß Lionel Lincoln nicht geworden iſt, was er ſich von ihm ver⸗ ſprochen hatte, als er ſeine Arbeit begann— ſo iſt er doch der Meinung, daß der Roman nicht aller Anſprüche an des Leſers Aufmerkſamkeit ermangele. Die Schlachten von Lexington und Bunker’s Hill, ſowie das Manöver auf Proſpect Hill ſind, wie er überzeugt iſt, mit ſo viel geſchichtlicher Treue erzählt, als überhaupt einem Manne möglich war, der kein Augen⸗ zeuge dieſer wichtigen Ereigniſſe geweſen iſt. Keine Mühe blieb für Unterſuchung engliſcher wie amerikaniſcher Dokumente ge⸗ ſpart und manche Privatautorität wurde befragt, um dem dringenden Wunſche nach ſtrenger Wahrheit zu genügen. Grund und Boden wurde beſucht und genau geprüft: wider⸗ ſprechende Zeugniſſe einer genauen Vergleichung unterworfen und der Erfund mit der Wahrſcheinlichkeit möglichſt in Ein⸗ klang gebracht. Selbſt einen Witterungskalender trug der Verfaſſer Sorge, ſich zu verſchaffen und deſſen Angaben ſorg⸗ fältig zu beachten, ſo daß der, welcher ſich für ſolche Details intereſſtrt, verſichert ſeyn darf, beim Leſen des Buchs nur Fakta über alle dieſe Einzelheiten zu finden. Zur Erinne⸗ rung für Kritiker möge erwähnt werden, daß beim erſten Erſcheinen des Lionel Lincoln dem Verfaſſer eine Nicht⸗ beachtung der Naturgeſetze Schuld gegeben wurde, weil— er den Mond ſo oft eingeführt habe! Die Kritik überſah hier, in ihrem Drange zu tadeln, den wichtigen Umſtand, daß die angeführte Zeit von Monat zu Monat fortſchritt und ihr VIII möge hiemit geſagt werden, daß das oben erwähnte Witter⸗ ungstagebuch über die ganze Zeit der Dauer der Arbeit dem Autor vor Augen lag. Verfaſſer romantiſcher Werke werden ſelbſt von Solchen nicht immer recht verſtanden, welche die Fähigkeit ſowohl als das Recht zu haben meinen, das Treiben ihres Geiſtes zu zergliedern. Eine freie und allerdings auch günſtige Be⸗ urtheilung dieſes Buchs enthielt bei Aufzählung ſeiner Ver⸗ ſtöße auch die Bemerkung— die Auffaſſung und Zeichnung der beiden Charaktere des Einfältigen und des Wahnſinnigen müſſe dem Verfaſſer große Schwierigkeit verurſacht haben. Die Bemerkung mag deshalb nicht überflüſſig ſeyn, daß Job w Pray und Ralph beide nach dem Leben gezeichnet ſind, und te getilgt worden ſeyn. ſelbſt, ſo weit der Gang der Erzählung es erlauben wollte, re ihre Sprache nach Möglichkeit treu wiedergegeben wurde. de „ Lionel Lincoln, ſowie überhaupt die meiſten Werke des 9 Verfaſſers, wurde urſprünglich von einem unkopirten Manu⸗ S ſeript abgedruckt und blieb ſo allen Unvollkommenheiten preis⸗ te - gegeben, welche gewöhnlich entſtehen, wenn Preſſe und Feder ge pari passu mit einander gehen. In dieſer Ausgabe wurden G manche der Fehler verbeſſert, die von einem ſo mißlichen 5 V Gange der Arbeit unzertrennlich ſind, und eben damit werden N hoffentlich auch manche Sünden gegen den guten Geſchmack A ter⸗ dem chen vohl iſtes Be⸗ Ver⸗ rung igen ben. Job und ellte, des anu⸗ reis⸗ Feder erden ichen erden mack Erſtes Kapitel. Sie ſcheinen Ruhe in mein müdes Herz Zu gießen und mit frohem Jugendſcherz Mir einen zweiten Frühling vorzuſpielen. Gray. Kein Amerikaner kann mit den Hauptvorfällen unbekannt ſeyn, welche im Jahr 1774 das Parlament von Großbritanien veranlaß⸗ ten, über den Hafen von Boſton jene unpolitiſchen Zwangsmaß⸗ regeln zu verhängen, welche den Handel dieſer wichtigſten Stadt in den weſtlichen Colonien von Grund aus zerſtörten. Ebenſo ſollte jeder Amerikaner wiſſen, mit welch' edler Begeiſterung für die hohen Grundſätze des Streites die Einwohner der nächſtgelegenen Stadt Salem verſchmähten, die Lage ihrer Nachbarn und Mitun⸗ terthanen zu ihrem Vortheil zu benützen. In Folge dieſer unklu⸗ gen Maßregeln der engliſchen Regierung und der lobenswerthen Eintracht unter den damaligen Capitaliſten war es eine Seltenheit geworden, wenn man Segel eines andern Schiffes, als ſol⸗ cher, die des Königs Flagge trugen, die verlaſſenen Gewäſſer der Maſſachuſets⸗Bay durchkreuzen ſah. An einem Aprilabend des Jahres 1775 waren indeſſen die Angen von Hunderten auf ein fernes Segel geheftet, das man aus dem Schooße der Wellen emportauchen ſah, und das, längs dem verbotenen Landſtrich hinziehend, gerade auf den Eingang des ver⸗ botenen Hafens zuſteuerte. Mit jener beſonderen Aengſtlichkeit über Lionel Lincoln. 2. Aufl. 1 die kommenden Ereigniſſe, welche die damalige Periode bezeich⸗ nete, ſammelte ſich ein großer Haufe Zuſchauer auf Beacon⸗Hill;* von ſeinem kegelförmigen Gipfel weit hinab bis zu ſeinem öſtlichen Abhange ſich ausbreitend, blickten Alle in geſpannter Erwartung nach dem Gegenſtand ihrer gemeinſchaftlichen Aufmerkſamkeit. In dieſer großen Verſammlung herrſchten übrigens ſehr verſchiedene Gefühle, und mancherlei, oft ganz entgegengeſetzte Wünſche waren es, denen ſie nachhing. Während der ehrbare, ernſte und dabei vor⸗ ſichtige Bürger bemüht war, die Bitterkeit, welche ſeine Seele erfüllte, unter dem Anſchein kalter Gleichgültigkeit zu verbergen, ertönte von einigen munteren jungen Leuten, die, in den kriegeriſchen Putz ihres Standes gekleidet, unter den Haufen gemiſcht ſtanden, lauter Jubel und herzliche Glückwünſche bei der Ausſicht, von der entfernten Heimath und den abweſenden Freunden Kunde zu ver⸗ nehmen. Aber das lange, laute Raſſeln der Trommeln, das von dem angränzenden Grunde in die Abendluft heraufdrang, rief mit einem Mal dieſe müſſigen Zuſchauer insgeſammt von der Stelle, worauf der Hügel im ruhigen Beſitz Derjenigen verblieb, welche die gegründetſten Anſprüche auf ſeine Benützung hatten. Doch war damals keine Zeit zu ruhiger, rückhaltsloſer Mittheilung. Lange bevor die Abendnebel die Schatten, welche die untergehende Sonne herüberwarf, eingehüllt hatten, war der Hügel gänzlich verlaſſen; der Reſt der Zuſchauer war von der Höhe herabgeſtiegen und Alle verfolgten einzeln, ſchweigend und in Gedanken vertieft die ver⸗ ſchiedenen Wege nach den düſteren Häͤuſerreihen, welche die Niede⸗ rung längs der Oſtſeite der Halbinſel bedeckten. Trotz dieſes Anſcheins von Apathie war das Gerücht, das in Zeiten großer Aufregung immer Mittel findet, ſein Flüſtern umherzutragen, wenn es nicht wagen darf, ſeine Kunde laut werden zu laſſen— bereits geſchäftig, die unwillkommene Nachricht zu verbreiten, daß das fremde Schiff der Vorläufer einer Flotte ſey, welche einem Heere *„Leuchtihurm⸗Hügele zu deutſch. A. d. U. 3 Vorräthe und Verſtärkung bringen ſollte, das bereits zu zahlreich war und zu viel auf ſeine Macht vertraute, um das Geſetz noch zu reſpektiren. Kein Tumult, kein Lärm folgte dieſer unerfreulichen Botſchaft, aber die Thüren der Häuſer wurden mürriſch geſchloſſen, die Fenſter wurden dunkel, wie wenn das Volk ſeine Unzufrieden⸗ heit durch dieſe ſtummen Zeichen der Mißbilligung hätte ausdrücken wollen. Unterdeſſen hatte das Schiff den felſigen Eingang zum Hafen erreicht, wo es, von dem Seewind verlaſſen und gegen die zurück⸗ ſtrömende Ebbe lavirend, unthätig liegen blieb, gleichſam als wäre es der unwillkommenen Aufnahme bewußt, die ihm werden ſollte. Die Beſorgniſſe der Einwohner von Boſton hatten übrigens die Gefahr übertrieben, denn das Fahrzeug zeigte durchaus nicht das Getümmel einer zügelloſen Soldateska, wie ſie wohl ein Trans⸗ portſchiff erfüllt hätte, ſondern war nur ſchwach bemannt, und auf dem geordneten Verdeck ſah man nirgends herumliegendes Gepäck, welches der Bequemlichkeit Derer, die es enthielt, hätte hinderlich ſeyn können. Aus der Anordnung ſeiner äußern Erſcheinung hätte ein geübter Beobachter den Schluß ziehen können, es befänden ſich unter der Equipage Leute von Rang und von ſolchen Mitteln, daß Andere reichlich für deren Bequemlichkeit zu ſorgen ſich veranlaßt gefunden hätten. Die wenigen Seeleute, welche das Fahrzeug an Bord hatte, lagen an verſchiedenen Seiten des Schiffs ausgeſtreckt und beobachteten die ſchlaffen Segel, wie ſie gegen die Maſten anſchlu⸗ gen, oder hatten ihren gleichgültigen Blick auf die ſtillen Waſſer der Bay gerichtet, indeß mehre Bediente in Livree um einen jungen Mann verſammelt waren, der ſeine eifrigen Fragen an den Lootſen richtete, welcher ſo eben von Graves aus das Schiff beſtiegen hatte. An der ſtudirten Eleganz und der Miene dieſes Hauptſprechers konnte man deutlich ſehen, daß er einer von Denen war, die ihre Bildung aus zweiter Hand erhalten. Weiter von der Stelle, wo dieſe neu⸗ gierige Gruppe ſtand, und um den Hauptmaſt war ein großer Theil des Oberdecks leer; aber näher bei dem Orte, wo der verdroffene Seemann müſſig über das Steuer des Schiffs ſich herabbeugte, ſtand ein Weſen von ganz verſchiedener Geſtalt und Kleidung. Es war ein Mann, der für einen hochbejahrten Greis hätte gehalten werden mögen, wofern nicht der raſche, glühende Blick ſeiner Augen und der lebhafte kräftige Schritt, wenn er gelegentlich über das Deck hinging, die gewöͤhnlichen Anzeichen vorgerückten Alters Lügen ge⸗ ſtraft hätte. Seine Geſtalt war gebückt und faſt zur Ausgezehrt⸗ heit abgemagert. Sein Haar, das etwas wild um ſeine Schläfe flatterte, war dünn und zu dem Silberweiß von wenigſtens achtzig Wintern abgebleicht. Tiefe Runzeln vereinten ſich als Zeichen ho⸗ hen Alters und lange getragener Sorgen und furchten ſeine hohlen Wangen, wodurch der kühne Umriß ſeiner hervorragenden Züge noch auffallender wurde. Er trug ein einfaches und etwas abge⸗ tragenes Gewand von beſcheidenem Grau, das die ſchlecht verhüll⸗ ten Spuren langen, unachtſamen Gebrauchs zeigte. So oft er den durchbohrenden Blick vom Ufer abwandte, ſchritt er ſchnell über das verlaſſene Oberdeck hin und ſchien ganz von ſeinen eigenen Ge⸗ danken übermannt; die Lippen bewegten ſich raſch, doch hörte man keinen Laut aus einem Munde hervorkommen, der gewöhnlich ſtumm war, und allem Anſchein nach ſtand er unter der Einwirkung eines jener plötzlichen Eindrücke, in welchen der Körper ſo genau mit der ruheloſen Thätigkeit des Geiſtes zuſammenſtimmt. Da kam ein zweiter junger Mann aus der Kajüte heraufgeſtiegen und nahm ſeinen Standpunkt unter den nach dem Lande blickenden Zuſchauern auf dem oberen Theil des Verdecks. Das Alter dieſes Herrn mochte etwa fünfundzwanzig ſeyn. Er trug einen Militärmantel, nachläſſig über die Schulter geworfen, und dieſer, nebſt denjenigen Theilen ſeiner Kleidung, welche durch die offenen Falten ſichtbar waren, bewies genugſam, daß er zur Armee gehörte. Der Jüngling zeigte in ſeiner Miene etwas Ungezwungenes und Vornehmes, obgleich ſeine ſprechenden Züge zuweilen melancholiſch erſchienen. Indem Es ten gen eck ge⸗ ort⸗ läfe tzig ho⸗ Zlen hüge bge⸗ üll⸗ er über Ge⸗ man umm eines t der ein nahm nuern ochte läſſig heilen daren, zeigte gleich Pndem 5 der junge Offizier das Verdeck erreichte, begegnete er den Augen des bejahrten und raſtloſen Weſens, das auf den Planken hinſchritt; er grüßte ihn höflich, bevor er ſich nach der Ausſicht wandte und war auch ſeinerſeits bald im Beſchauen ihrer verſchwimmenden Schoͤnheiten tief verſunken. Die Höhen von Dorcheſter leuchteten noch von den Strahlen des Geſtirns, das eben hinter ihrem Kamme hinabgeſunken war⸗ und Streifen eines bläſſeren Lichts ſpielten auf den Waſſern, die grünen Gipfel der Eilande vergoldend, die um die Mündung der Bucht gelagert waren. Weit in der Ferne erblickte man ſchlanke Kirchthürme aus dem Schatten der Stadt emporſteigen, die Wetter⸗ fahnen in der Sonne glitzernd, indeß wenige Strahlen eines ſtärke⸗ ren Lichts um den ſchwarzen Leuchtthurm tanzten, der hoch auf der kegelförmigen Anhöhe emporſtieg, die ihren Namen gerade von dieſem Lärmzeichen, das ſie trug, erhalten hatte. Verſchiedene große Schiffe lagen zwiſchen den Eilanden und bei der Stadt vor Anker; ihre ſchwarzen Maſſen verſchwammen mit jedem Augenblick mehr in dem Nebel des Abends, während die Spitzen ihrer langen Maſtenlinien noch in dem Glanz des Tages glühten. Von jedem dieſer finſteren Schiffe, von der niederen Schanze, die auf einer kleinen Inſel tief in der Bay emporſtieg und von verſchiedenen Er⸗ höhungen in der Stadt ſelbſt wehten noch die breiten Falten der Flagge Englands. Auf einmal wurde der junge Mann aus der Betrachtung dieſer Scene durch den plötzlichen Knall der Abend⸗ kanonen herausgeriſſen und während ſeine Augen noch die verſchiedenen Zeichen der brittiſchen Macht verfolgten, wie ſie von ihrem urſprüng⸗ lichen Standorte ſich herabſenkten, fühlte er ſeinen Arm von der Hand ſeines betagten Reiſegefährten krampfhaft gedrückt. „Wird je der Tag erſcheinen,“ ſagte eine dumpfe, hohle Stimme an ſeiner Seite,„wo jene Flaggen werden niedergeſenkt werden, um nie wieder auf dieſer Halbkugel ſich zu erheben?“ Der junge Krieger richtete den raſchen Blick auf die Geſichtszüge des Sprechenden, ſchlug ihn aber augenblicklich wieder in Verwir⸗ rung auf das Verdeck nieder, um dem ſcharfen, forſchenden Strahl, der ihn traf, auszuweichen. Es folgte ein langes und auf Seiten des jungen Mannes peinliches Schweigen; endlich ſagte der Letztere, indem er nach dem Lande deutete: „Bitte, Sie ſind ja von Boſton und müſſen es ſo lange ſchon gekannt haben; nennen Sie mir doch die Namen all dieſer Stellen!“ „Und ſind nicht auch Sie aus Boſton?“ fragte ſein alter Gefährte. „Ja, durch Geburt wohl; doch, durch Gewohnheit und Er⸗ ziehung bin ich Engländer.“ „Verflucht ſey die Gewohnheit und verwünſcht die Erziehung, die ein Kind lehrt, ſeine Abkunft zu vergeſſen!“ murmelte der Alte, indem er ſich abwandte und ſo ſchnell hinwegeilte, daß er ſich plötz⸗ lich in den vorderen Theilen des Schiffes verlor. Noch einige Minuten ſtand der Jüngling dem eigenen Nach⸗ ſinnen hingegeben, dann, wie wenn er ſich ſeines früheren Vorha⸗ bens erinnerte, rief er laut—„Meriton!“ Bei dem Klang ſeiner Stimme zertheilte ſich augenblicklich die neugierige Gruppe um den Lootſen, und der hoch aufgeputzte Jüng⸗ ling, deſſen wir eben erwähnten, näherte ſich dem Offizier mit einer Miene, worin kecke Vertraulichkeit mit ängſtlichem Reſpekt ſich höchſt ſonderbar miſchte. Ohne übrigens auf des Andern Miene zu achten, oder vielmehr, ohne ihn nur eines Blicks zu würdigen, fuhr der junge Krieger fort: „Ich befahl Dir, das Boot, das nach unſerem Schiffe kam, zurückzuhalten, um mich zur Stadt zu bringen; ſieh' nach, Mr. Meriton, ob es bereit iſt.“ Der Diener eilte, ſeinen Auftrag zu vollziehen, und kehrte einen Augenblick darauf mit einer bejahenden Antwort zurück. „Aber, Sir,“ fuhr er fort,„Sie werden nicht mehr daran denken, in dieſem Boote wegzugehen, ich bin feſt davon über⸗ zeugt, Sir.“ 3 & pP un hrte aran ber⸗ 7 „Deine Ueberzeugung, Mr. Meriton, iſt nicht die geringſte Deiner empfehlenswerthen Eigenſchaften; warum ſollte ich nicht?“ „Dieſer widrige alte Fremde hat ſchon mit ſeinem Lumpenquark Beſitz davon genommen; und—“ „Und was? Du mußt, um mich hier zurückzuhalten, ein grö⸗ ßeres Uebel nennen, als das Faktum iſt, daß der einzige Gentle⸗ man auf dem Schiffe mein Reiſegefährte ſeyn wird!“ „Gott, mein Herr!“ rief Meriton und ſchlug die Augen voll Verwunderung gegen Himmel;„aber, Sir, gewiß verſtehen Sie ſich am Beſten auf Feinheit im Benehmen— was aber die Fein⸗ heit in der Kleidung betrifft—“ „Eenug davon,“ unterbrach ihn ſein Herr, etwas ärgerlich; „die Geſellſchaft iſt ſo, daß ich damit zufrieden bin; findeſt Du ſie für Deine Verdienſte zu gering, ſo haſt Du meine Erlaubniß, bis zum Morgen auf dem Schiffe zurückzubleiben.— Die Gegenwart eines Gecken iſt durchaus nicht nöthig zu meiner Bequemlichkeit für eine Nacht.“ Ohne die Beſtürzung ſeines beſchämten Dieners zu beachten, ſchritt der junge Mann über das Deck zu der Stelle, wo das Boot ſeiner wartete. An der allgemeinen Rührigkeit unter den müſſigen Dienern und der tiefen Ehrfurcht, mit der er von dem Herrn des Schiffs bis zu dem Bordgange begleitet wurde, war deutlich zu ſehen, daß trotz ſeiner Jugend dieſer Offizier es war, deſſen Ge⸗ genwart jene Anordnungen auf dem Schiff hervorgerufen hatte, deren wir oben erwähnt haben. Während jedoch Alle um ihn her emſig bemüht waren, das Einſteigen des Offiziers in das Boot zu erleichtern, behauptete der bejahrte Fremde mit einer Miene tiefer Zerſtreuung den Ehrenplatz in demſelben. Ein Wink des geſchmei⸗ digen Meriton, der doch für beſſer gehalten hatte, ſeinem Herrn zu fol⸗ gen— daß es wohl paſſender ſeyn möchte, dieſen Platz zu räumen— ward nicht beachtet und der Jüngling ſetzte ſich an der Seite des alten Mannes mit einer Gleichgültigkeit nieder, die ſein Diener nicht umhin konnte, im Innern für herabwürdigend zu erklären. Als ob dieſe Demüthigung noch nicht genügte, wandte ſich der junge Mann, da er bemerkte, daß eine allgemeine Pauſe ſeinem eigenen Eintritt gefolgt war, an ſeinen Gefährten und fragte ihn höflich, ob er zur Abfahrt bereit ſey. Ein ſtummer Wink der Hand war die Antwort, worauf das Boot von dem Schiff abſtieß, wäh⸗ rend das Letztere nach einem Ankerplatz in Nantasket hinſteuerte. Der abgemeſſene Ruderſchlag wurde durch keine Stimme un⸗ terbrochen, während ſie, gegen die Ebbe ſich ſtemmend, mühſam zwiſchen den Eilanden ſich durcharbeiteten; als ſie aber das Caſtell erreicht hatten, war das Zwielicht mit den ſanfteren Strahlen des Neumonds verſchmolzen, und jetzt, da die umgebenden Gegenſtände deutlicher hervortraten, fing auch der Fremde an, mit jener beweg⸗ lichen und überraſchenden Heftigkeit zu erzählen, die ſeine natürliche Art zu ſeyn ſchien. Er ſprach von den Oertlichkeiten mit der Wärme und der Rührung eines Enthuſiaſten und mit der Vertraut⸗ heit eines Mannes, der lange⸗ ihre Schönheiten gekannt hatte. Seine haſtige Beredſamkeit verſtummte jedoch, als ſie den nackten Werften ſich näherten und düſter ſank er in's Boot zurück, als wünſche er nicht, ſeine Stimme über das Wehe ſeines Vaterlandes laut werden zu laſſen. So ſeinen eigenen Gedanken überlaſſen, blickte der Jüngling mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die langen Häuſerreihen, die nun deutlich, obwohl in ſanfteren Farben und tieferen Schatten dem Auge ſichtbar waren. Wenige vernachläſſigte, abgetackelte Schiffe lagen an verſchiedenen Stellen; aber es fehlte das rührige Summen der Geſchäftigkeit, der Wald von Maſten, das Raſſeln der Räder, welches um dieſe frühe Stunde den großen Markt der Colonien hätte bezeichnen ſollen. Statt deſſen hörte man von Zeit zu Zeit Klänge kriegeriſcher Muſtk, die lärmende Fröhlichkeit der Soldaten, welche die Schenken am Strand füll⸗ ten, oder das dumpfe Anrufen der Schildwachen auf den Kriegs⸗ ſchiffen, wenn ſie die wenigen Boote, welche die Einwohner noch nd ih⸗ n⸗ am tell des nde eg⸗ iche der aut⸗ tte. kten als des ſſen, gen und igte, ehlte ſten, oßen zörte hende füll⸗ iegs⸗ noch 9 zu ihren gewöhnlichen Geſchäften gebrauchten, in ihrem Laufe aufhielten. „Hier hat ſich in der That Manches geändert!“ rief der junge Offizier, als ſie an dieſem verödeten Schauplatze hinfuhren,„ſogar meine Rückerinnerungen, jugendlich und undeutlich, wie ſie ſind, rufen mir den Unterſchied zurück!“ Der Fremde gab keine Antwort, aber ein Lächeln von beſon⸗ derer Bedeutung zuckte über ſein blaſſes Geſicht, deſſen auffallende Züge in dem Mondlicht noch wilder erſchienen. Der Offizier wurde wieder ſchweigſam und Keiner von Beiden ſprach weiter ein Wort, bis das Boot an dem Ende der langen Werfte, an deren nacktem Ende eine Schildwache in abgemeſſenem Schritt auf und ab ging, vorbeigeſchoſſen war, und nunmehr nach dem Ufer ſich wendend, den Ort ſeiner Beſtimmung alsbald erreichte. Welches auch immer die gegenſeitigen Gefühle der beiden Rei⸗ ſenden geweſen ſeyn mochten, da ſie nun endlich in Sicherheit das Ziel ihrer mühſamen und langen Reiſe erreicht hatten— ſie wurden nicht in Worten ausgedrückt. Der alte Mann entblößte ſeine Sil⸗ berlocken, und das Antlitz mit dem Hute verbergend, ſtand er, als ob er tief im Innerſten für die Beendigung der Mühſeligkeit ſeinen Dank darbrächte, während ſein jugendlicherer Gefährte ſich auf die Werfte, an der ſie landeten, mil der Miene eines Mannes empor⸗ ſchwang, deſſen Bewegung für den gewöhnlichen Ausdruck durch Worte zu heftig war. „Hier müſſen wir ſcheiden, Sir,“ ſagte endlich der Offizier; „doch hoffe ich, die Bekanntſchaft, die ſo zufällig zwiſchen uns be⸗ gründet ward, ſoll nunmehr nicht vergeſſen werden, da unſere ge⸗ meinſamen Entbehrungen ihr Ende erreicht haben.“ „Es ſteht nicht in der Macht eines Mannes, deſſen Tage wie die meinen gezählt ſind,“ antworteke der Fremde,„der Gnade ſei⸗ nes Gottes durch eitle Verſprechungen zu ſpotten, deren Erfüllung einzig von der Zeit abhängen muß. Ich bin ein Mann, junger⸗ Freund, der von einer trüben, trüben Pilgerfahrt auf der andern Halbkugel zurückgekehrt iſt, um ſeine Gebeine hier, in dem Lande ſeiner Geburt niederzulegen; ſollten aber noch manche Stunden mir gewährt ſeyn, ſo ſollen Sie ferner von einem Manne hören, den Ihre Artigkeit und Güte ſo ſehr ſich verbunden hat.“ Der Offizier war ſichtbar ergriffen von der milden, aber feier⸗ lichen Weiſe ſeines Gefährten, und drückte deſſen welke Hand mit Wäͤrme, als er antwortete: „Thun Sie das; ich erbitte es mir als eine beſondere Gunſt; ich weiß nicht, wie es kommt, aber Sie haben eine Gewalt über meine Gefühle erlangt, wie kein anderes Weſen ſie bis jetzt be⸗ ſaß— und doch— mir iſt' ein Geheimniß, iſt wie ein Traum! Ich fühle es— ich verehre Sie nicht nur, ich liebe Sie auch!“ Der alte Mann trat zurück und hielt den Jüngling für einen Augenblick auf Armeslänge von ſich, während er einen Blick der wärmſten Theilnahme auf ihn heftete; dann ſachte die Hand erhe⸗ bend, deutete er aufwärts und ſagte: „Das kommt vom Himmel und nach Gottes beſonderem Willen; unterdrücke dieſes Gefühl nicht, Knabe, ſondern pflege es im Inner⸗ ſten des Herzens!“ Die Antwort des Jünglings wurde durch heftiges Schreien unter⸗ brochen, das plötzlich die Stille des Ortes ſtörte. Raſche, heftige Schläge einer Peitſche hörte man zwiſchen dem Schmerzensrufe des Leidenden, und rohe Schwüre mit gräulichen Flüchen von verſchie⸗ denen Stimmen miſchten ſich in den Aufruhr, der nicht ſehr fern zu ſeyn ſchien. In gemeinſamem Antrieb brach die ganze Gruppe von dem Platze auf und eilte raſch die Werfte aufwärts in der Richtung der Töne. Als ſie den Wohnungen näher kamen, ſahen ſie um eben den Menſchen, der die Stille des Abends durch ſein Geſchrei geſtört hatte, einen Haufen Leute verſammelt, welche ſeine Jammertöne durch ihre Scherze unterbrachen und ſeine Pei⸗ niger zum Fortfahren ermuthigten. Erb will für Stir nur daß geh⸗ bild Kre den 11 „Gnade, Gnade, um des geſegneten Gottes Willen, habt Erbarmen und tödtet nicht Job!“ kreiſchte der Dulder wieder,„Job will Euch Eure Gänge laufen! Job iſt nur halb geſcheidt! Gnade für den armen Job! O, Ihr ſchindet ja ſein Fleiſch!“ „Ich will dem Schufte das Herz ausreißen,“ rief eine rauhe Stimme;„ſich zu weigern, die Geſundheit Sr. Majeſtät zu trinken!“ „Job wünſcht ihm gute Geſundheit— Job liebt den König— nur liebt Job nicht Rum!“ Der Offizier hatte ſich ſo weit genähert, um zu bemerken, daß hier eine Scene der Unordnung und Gewaltthätigkeit vor ſich gehe; er ſtieß den Haufen von Soldaten, die das Gedränge bildeten, auseinander und brach mit einem Male in die Mitte des Kreiſes. Zweites Kapitel. Oft wollen ſie mich geißeln, ſprech ich Wahrheit; Du willſt mich geißeln laſſen wegen Lügen; Und oft werd' ich gegeißelt, ſchweig ich ſtill, Ich möchte lieber Alles andre ſeyn Nur nicht ein Narr. Lear. „Was ſoll das Geſchrei?“ fragte der junge Mann und packte den Arm eines lachenden Soldaten, der die Schläge austheilte, „mit welchem Recht wird dieſer Menſch ſo mißhandelt?“ „Mit welchem Recht unterſteht Ihr Euch, Hand an einen brittiſchen Grenadier zu legen!“ ſchrie der Burſche, indem er ſich umwandte und ſeine Peitſche gegen den vermeintlichen Bürger erhob. Aber der Arm des brutalen Kriegers blieb unbeweglich in der Luft ſchweben, als der Offizier auf die Seite trat, um der gedrohten Beſchimpfung auszuweichen und das Morndlicht durch die offenen Falten ſeines Mantels auf ſeine glitzernde Uniform fiel. 12 „Antwort,“ fuhr der junge Offizier weiter, indem ſeine Geſtalt vor Unwillen zitterte;„warum wird dieſer Menſch mißhandelt, und von welchem Regiment ſeyd ihr?“ „Wir gehören zu den Grenadieren des braven Siebenundvierzig⸗ ſten, Euer Gnaden,“ erwiederte einer der Nebenſtehenden in abbit⸗ tendem Tone;„wir wollten eben dieſen Klotz da abhobeln, der ſich weigert, Sr. Majeſtät Geſundheit zu trinken.“ „Er iſt ein ſchamloſer Sünder, der ſeinen Schöpfer nicht fürchtet,“ ſchrie der arme Bedrängte, indem er raſch ſein Geſicht, an dem dicke Thränentropfen herabrollten, gegen ſeinen Beſchützer kehrte.„Job liebt den König, aber Job liebt nicht Rum!“ Der Offizier wandte ſich ab von dem Grauen erregenden An⸗ blick und befahl den Soldaten, ihren Gefangenen loszubinden. Meſſer und Finger wurden augenblicklich in Bewegung geſetzt; der Menſch ward befreit und ihm erlaubt, ſeine Kleider wieder anzu⸗ ziehen. Wäͤhrend dieſes Geſchaͤfts herrſchte auf den Tumult und das Getöſe, das kaum noch die lärmende Seene bezeichnet hatte, eine ſolche Stille, daß man— ein ſchmerzlicher Eindruck— das tiefe Athmen des Dulders deutlich vernehmen konnte. „Nun, ihr Herren und Helden vom Siebenundvierzigſten!“ ſagte der junge Mann, als das Opfer ihrer Wuth wieder angekleidet war, „kennt ihr dieſen Knopf?“— Der Krieger, an den dieſe Frage beſon⸗ ders gerichtet war, blickte auf den ausgeſtreckten Arm und ſah mit Beſtürzung die magiſche Nummer ſeines eigenen Regiments auf den wohlbekannten weißen Aufſchlägen, die den Scharlach der Uniform zierten. Keiner wagte auf dieſe Aufforderung zu antworten und nach einem eindrucksvollen Schweigen von mehren Augenblicken fuhr der Offizier fort: „Ihr ſeyd edle Erhalter des wohl erworbenen Ruhms von „‚Wolfs Eignen'! tüchtige Nachfolger jener braven Männer, die unter den Wällen von Quebec fochten! Fort mit euch, morgen ſoll das Weitere folgen!“ 13 „Ich hoffe, Euer Gnaden werden ſich erinnern, er verweigerte des Königs Geſundheit. Ich bin gewiß, Sir, wenn Obriſt Nesbitt ſelbſt hier geweſen wäre——“ „Hund, Du unterſtehſt Dich zu zögern! fort, ſo lange Dir noch frei ſteht, zu gehen.“ Die verwirrten Soldaten, deren Zügelloſigkeit auf dieſe Art wie durch Zauber vor dem Zorne ihres Oberen verſchwunden war, ſchlichen alle zuſammen weg, indem die wenigen Aelteren unter ihnen ihren Kameraden den Namen des Offiziers zuflüſterten, der ſo unerwartet in ihrer Mitte aufgetreten war. Das zornige Auge des jungen Kriegers folgte dem ſich entfernenden Trupp, ſo lange noch ein Mann davon ſichtbar war; hierauf an einen älteren Bürger ſich wendend, der, auf eine Krücke gelehnt, die Scene mit angeſehen hatte, fragte er: „Wißt Ihr die Urſache der grauſamen Behandlung, die dieſer Arme erfahren, oder was überhaupt zu dieſer Gewaltthätigkeit geführt hat?“ „Der Junge iſt ſchwachſinnig,“ erwiederte der Krüppel;„ein ganz unſchuldiger Menſch, der nur wenig Gutes weiß, aber Nie⸗ mand ein Leids thut. Die Soldaten haben in jener Branntwein⸗ ſchenke gezecht und locken oft den armen Burſchen hinein, um ſich über ſeine Schwäche luſtig zu machen. Wenn dieſe Handlungsweiſe nicht endlich verboten wird, ſo fürchte ich ſehr, wird mancher Verdruß daraus entſtehen. Harte Geſetze von der andern Seite des Waſſers, Unentſchloſſenheit und Eingriffe auf dieſer, mit Herren wie Kolonel Nesbitt an der Spitze, werden—“ „Es iſt am beſten, mein Freund, den Gegenſtand nicht weiter zu verfolgen,“ unterbrach ihn der Offizier.„Ich gehöre ſelbſt zu Wolfs Eigenen und will mich bemühen, daß Gerechtigkeit in der Sache geübt wird. Ihr werdet mir das glauben, wenn ich Euch ſage, daß ich ſelbſt ein Boſtonerkind“ bin. Aber, bin ich auch ein Eingeborner, ſo hat doch lange Abweſenheit die Kenntniß der Stadt * Die gewöhnliche Benennung für alle Eingebornen Boſtons. 14 aus meinem Gedächtniſſe verwiſcht, und ich bin in Verlegenheit, in dieſen krummen Straßen mich zurecht zu finden. Wißt Ihr die Wohnung von Mrs. Lechmere?“ „Das Haus iſt Allen in Boſton wohl bekannt,“ antwortete der Krüppel in einem Tone, der ſeit der Nachricht, daß er mit einem Landsmann ſpreche, ſich merklich geändert hatte.„Job hier thut ſonſt faſt Nichts, als Anderen Gänge beſorgen und wird Ihnen den Weg aus Dankbarkeit weiſen; nicht wahr, Job?“ Der Blödſinnige— denn das leere Auge und das nichtsſagende, knabenhafte Geſicht des jungen Menſchen, der kaum erſt befreit worden, verkündeten nur zu deutlich, daß er zu jener bedauerns⸗ werthen Klaſſe menſchlicher Weſen gehöre— antwortete mit einer Vorſicht und Zurückhaltung, die wohl ein wenig befremden mußte, wenn man ſich zurückrief, was kaum noch vorgegangen war. „Mad. Lechmere's! O ja, Job weiß den Weg und könnte blindlings dahin gehen, wenn— wenn—“ „Wenn was, Du Simpel,“ rief der Krüppel ſich ereifernd. „Ja, wenn es Tag wäre!“ „Blindlings und Tag! hör' doch Einer das thörichte Kind! Komm, Job, Du mußt dieſen Herrn in die Tremontſtraße führen, ohne weitere Worte. Es iſt eben erſt Abend, Burſche, und Du kannſt dahin gehen und wieder zu Haus und im Bett ſeyn, ehe noch der ‚alte Süd““ acht ſchlägt!“ „Ja, das kommt d'rauf an, welchen Weg man geht,“ erwiederte der widerſtrebende Junge.„Nun weiß ich, Nachbar Hopper, Ihr kommt nicht in einer Stunde zu Mad. Lechmere, wenn Ihr durch Lynnſtreet, dann Princeſtreet entlang und endlich zurück über Snow⸗ Hill ginget; und beſonders, wenn Ihr einige Zeit verweiltet, um nach den Gräbern auf Copps zu ſehen.“ „Der ‚alte Süde im Gegenſatz zum ‚alten Norde und einer zahlreichen Nachkommenſchaft neuer Kirchen iſt in Boſton ſo wohl bekannt, wie der St. Peter zu Rom. 15 „Pah! der Narr iſt einmal wieder in ſeiner trüben Laune, mit ſeinem Copps⸗Hill und den Gräbern,“ fiel der Krüppel ein, deſſen Herz ſich für ſeinen jugendlichen Landsmann erwärmt hatte und der gerne freiwillig den Weg gezeigt hätte, wenn anders ſeine Gebrech⸗ lichkeit die Anſtrengung erlaubt hätte.„Der Herr muß wohl die Grenadiere zurückrufen, um das Kind zur Vernunft zu bringen.“ „Es iſt durchaus unnöthig, gegen den unglücklichen Jungen barſch zu ſeyn,“ ſagte der junge Krieger;„mein Gedächtniß wird mir hoffentlich beim Weitergehen zu Hülfe kommen: wenn nicht, ſo kann ich jeden Vorübergehenden fragen, dem ich begegne.“ „Wenn Boſton noch wäre, was Boſton war, dann könnten Sie freilich an jeden höflichen Einwohner an jeder Ecke eine ſolche Frage ſtellen!“ ſagte der Krüppel;„aber es iſt ſelten, viele von unſerm Volk auf den Straßen zu ſehen zu dieſer Stunde, ſeit dem Blutvergießen.“ Ueberdieß iſt es Samſtag Nacht, wie Sie wiſſen; gerade die rechte Zeit bei dieſen Herumſchwärmern für ihre Sauf⸗ gelage. In dieſer Beziehung ſind die Soldaten unverſchämter ge⸗ worden denn je, ſeit ſie jene Schlappe mit der Kanone unten bei Salem erhalten haben; aber ich brauche einem Manne, wie Sie nicht erſt zu ſagen, wie Soldaten ſind, wenn ſie etwas wild werden.“ „Ich kenne meine Kameraden nur halbwegs genau, wenn ihr Benehmen heute Abend eine Probe ihrer gewöhnlichen Aufführung iſt,“ erwiederte der Offizier; doch folge, Meriton, ich fürchte keine große Schwierigkeit auf unſerem Wege.“ Der geſchmeidige Diener nahm den Mantelſack vom Boden auf und ſie waren im Begriff, weiter zu gehen, als der Blödſinnige, indem er von der Seite und verſtohlen ſich näher an den Herrn machte, dieſem einen Augenblick ernſt in's Geſicht ſah, woraus er Muth zu ſchöpfen ſchien, zu ſagen:„Job will dem Offtziere * Dieß iſt eine Anſpielung auf ein Handgemenge zwiſchen Soldaten und Bürgern, wobei fünf oder ſechs der Letzteren getodtet wurden. Dieſes Ereigniß war von großem Einfluß auf den nachfolgenden Kampf. Madame Lechmere's Haus zeigen, wenn der Offizier nicht leiden will, daß die Grenadiere Job wieder fangen, ehe er am North⸗End vorüber iſt.“ „Aha!“ ſagte der junge Mann lachend,„es iſt Etwas von der Liſt eines Narren in dieſem Vorſchlag. Wohl, ich nehme die Be⸗ dingungen an, aber hüte Dich, mir Deine Gräber im Mondſchein zu zeigen, oder ich übergebe Dich nicht allein den Grenadieren, ſondern auch der leichten Infanterie, der Artillerie und Allen.“ Mit dieſer gutmüthigen Drohung folgte der Offizier ſeinem flinken Führer, nachdem er noch freundlichen Abſchied von dem ge⸗ fälligen Krüppel genommen, der fortwährend den Schwachſinnigen ermahnte, die gerade Straße nicht zu verlaſſen, ſo lange noch ſeine Stimme den ſich Entfernenden hörbar war. Der Gang ſeines Führers war ſo raſch, daß der junge Offizier genöthigt war, den neberblick über die engen, krummen Straßen, durch die ſie kamen, auf äußerſt haſtige, unvollkommene Blicke zu beſchränken. Es war jedoch keine ſehr genaue Beobachtung nöthig, um zu bemerken, daß er durch einen der ſchmutzigſten, unbedeutendſten Theile der Stadt geführt wurde, wo er, trotz aller Anſtrengungen, es durchaus un⸗ möglich fand, ein einziges Bild von ſeiner Vaterſtandt in ſeinem Gedächtniſſe herauszufinden. Die Klagen Meriton's, der feinem Herrn dicht auf den Ferſen folgte, wurden laut und häufig, bis endlich Jener, ein wenig an der guten Abſicht ſeines unlenkſamen Führers zweifelnd, ausrief: „Haſt Du nichts Beſſeres, als dieß, einem Landsmann bei ſeiner Rückkehr zu zeigen, nachdem er ſiebenzehn Jahre abweſend war! Geh, laß uns eine beſſere Straße wählen, als dieſe, wenn es in Boſton welche gibt⸗ die beſſer genannt werden können.“ Der Burſche hielt kurz an und blickte mit einer Miene unver⸗ hehlten Erſtaunens in das Geſicht des Sprechers; dann, ohne ein Wort zu erwiedern, änderte er die Richtung des Wegs, und nach einer oder zwei weiteren Abſchweifungen drehte er plötzlich wieder ill, nd der Be⸗ ein ten, nem ge⸗ gen eine ines den nen, war daß tadt un⸗ inem inem bis amen bei eſend nn es nver⸗ te ein nach vieder 17 um und klimmte einen Durchgang hinan, der ſo eng war, daß die Wandernden auf beiden Seiten die Häuſer hätten berühren können. Der Offizier zauderte einen Augenblick, dieſe dunkle, winkliche Gaſſe zu betreten: als er aber bemerkte, daß ſein Führer ſchon hinter einer Biegung der Häuſer verſchwunden war, beſchleunigte er ſeine Schritte und ſtieß alsbald wieder zu ihm. Sie traten bald aus der Dunkelheit des Ortes hervor und lenkten in eine Straße von größerer Breite. „Hier!“ ſagte Job triumphirend, als ſie dieſen düſteren Durch⸗ gang paſſirt hatten,„wohnt der König auch in einer ſo winklichen, engen Gaſſe wie dieſe?“ „Seine Majeſtät muß hier zu Deinen Gunſten entſcheiden,“ erwiederte der Offtzier. „Madame Lechmere iſt eine große Dame!“ fuhr der Burſche fort, anſcheinend dem Gang ſeiner eigenen phantaſtiſchen Einfälle folgend,„und ſie würde nicht um die ganze Welt in dieſem Durch⸗ gang wohnen wollen, obgleich er eng iſt, wie der Weg zum Himmel, wie die alte Nab ſagt; ich vermuthe, Sie nennen's deßwegen auch nach den Methodiſten.“ „Ich habe den Weg, den Du meinſt, eng nennen hören, aller⸗ dings, aber man ſchildert ihn auch als gerade,“ erwiederte der Offizier, etwas beluſtigt durch die Laune des Jungen;„aber vor⸗ wäͤrts, die Zeit eilt dahin und wir zaudern.“ Job drehte um, und ſich vorwärts bewegend führte er ſie mit raſchen Schritten auf einen andern engen, gekrümmten Pfad, der übrigens eher den Namen einer Straße verdiente, da er unter den vorſtehenden Stockwerken der hölzernen Häuſer, die ihn zu beiden Seiten einfaßten, hinlief. Nachdem ſie den unregelmäßigen Windun⸗ gen ihres Weges noch eine Strecke weit gefolgt waren, traten ſie auf einen dreieckigen Platz, von wenigen Ruthen im Umfang, wo Job, den ſchmalen Weg vermeidend, gerade in die Mitte des offenen Raumes vorſchritt. Hier hielt er noch einmal, und indem er ſein Lionel Lincoln. 2. Aufl. 2 nichtsſagendes Geſicht mit tiefem Ernſt gegen ein Gebäude drehte, das die eine Seite des Dreiecks bildete, ſagte er mit einem Tone, der ſeine eigene tiefe Bewunderung ausdrückte: „Hier— das iſt der alte North! ſaht Ihr je zuvor ſolch ein Ge⸗ bäude! verehrt der König auch ſeinen Gott in einem ſolchen Tempel?“ Der Offizier konnte über die nutzloſen Freiheiten des Narren nicht böſe werden, denn in der veralteten und gezierten Architektur des hölzernen Gebäudes erkannte er einen jener frühen Verſuche der einfachen, puritaniſchen Erbauer, deren roher Geſchmack mit ſo vielen Abſchweifungen in dem Styl der nämlichen Schule, aber dabei mit ſo wenig Verbeſſerungen, auf die Nachwelt gekommen iſt. Dieſe Betrachtungen waren mit den wiederaufdämmernden Bildern ſeiner erwachten Erinnerung vermengt und er lächelte, als er ſich die Zeit zurückrief, wo er ebenfalls an dem Gebäude mit Empfin⸗ dungen hinaufzublicken pflegte, die mit der tiefen Bewunderung des Blödſinnigen einigermaßen verwandt waren. Job beobachtete ſcharf ſeine Züge, und da er ihren Ausdruck mißverſtand, ſtreckte er ſeinen Arm nach einem der engſten Zugänge des Platzes, wo einige Häuſer von mehr als gewöhnlichem Prunke ſtanden. „Und hier wieder!“ fuhr er fort,„da ſind Paläſte für Euch! Der knickige Tommy wohnte in dem einen mit den Pfeilern und den Blumen, die daran herabhängen; und ſehen Sie auch die Kronen daran! der knickige Tommy liebte die Kronen, fagen ſie; aber das Provinzhaus war nicht gut genug für ihn und er wohnte hier,— nun ſitzt er an des Königs Tafel, wie ſie ſagen!“ „Und wer war der knickige Tommy, und welches Recht hatte er, in dem Provinzhaus zu wohnen, wenn er wollte?“ „Welches Recht hat überhaupt ein Statthalter, im Provinz⸗ haus zu wohnen? weil's dem König gehört!— doch das Volk mußte es bezahlen.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte Meriton hinten,„nennen die Amerikaner gewoͤhnlich alle ihre Statthalter knickige Tommies?“ —— 8 harf inen nuſer kuch! und die m ſie; ohnte hatte vvinz⸗ Volk ennen nies?“ 19 Der Offizier drehte ſich bei dieſer naſeweiſen Frage ſeines Dieners um und bemerkte, daß der bejahrte Fremde ihnen bis jetzt nachgefolgt war, und nun an ſeiner Seite, auf einen Stab geſtützt, mit großer Aufmerkſamkeit Hutchinſon's letzte Wohnung betrachtete, wobei das Mondlicht ungehindert auf die Züge ſeines hageren Ge⸗ ſichtes ſiel. Ueber der erſten Ueberraſchung bei dieſer Entdeckung vergaß er zu antworten, und Job nahm die Rechtfertigung ſeiner Worte ſelbſt auf. „Allerdings, das thun ſie— ſie nennen die Leute bei ihren rechten Namen,“ ſagte er.„Fähndrich Peck heißt Fähndrich Peck; und nennt nur einmal Dekan Winslow anders, als Dekan Winslow, und Ihr werdet ſehen, was das für einen Blick abſetzt! ich bin Job Pray, und werd' auch ſo genannt; und warum ſollte ein Statthalter nicht knickiger Tommy heißen, wenn er ein knickiger Tommy iſt?“ „Hüte Dich wohl, ſo leichtfertig von des Königs Stellvertreter zu reden,“ ſagte der junge Offtzier, ſeinen leichten Stock erhebend, als wollte er den Schwachſinnigen zurechtweiſen.„Vergißt Du, daß ich ein Soldat bin?“ Der Blödſinnige ſprang furchtſam ein wenig zurück; dann, unter ſeinen geſenkten Augbraunen hervorſchielend, antwortete er: „Ich hörte Euch ſagen, Ihr wäret ein Boſtoner Kind!“ Der junge Mann war im Begriff, mit einem Scherz zu ant⸗ worten, als der bejahrte Fremde raſch vor ihn hintrat und ſich mit einem ſo auffallenden Ernſt neben den Knaben ſtellte, daß dadurch der Gang ſeiner Gedanken eine ganz veränderte Richtung erhielt. „Der junge Menſch kennt die Bande des Bluts und des Vater⸗ landes,“ murmelte der Fremde,„und ich achte ihn!“ Es war wohl die plötzliche Erinnerung an die Gefahr dieſer Anſpielungen, die der Offizier ſo wohl verſtand, und an welche die zufällige Verknüpfung mit dem ſonderbaren Weſen, das ſie machte, ſein Ohr allmählich gewöhnt hatte— was den Jüngling bewog, ſeinen Weg wieder aufzunehmen, den er nun ſchweigend und in tiefen Gedanken durch die Straßen verfolgte. Durch dieſes Weiter⸗ ſchreiten entging ſeinem Auge der herzliche Händedruck, mit dem der alte Fremde den Blödſinnigen begrüßte, wobei er noch wenige freundliche Worte murmelte. Job nahm bald wieder ſeinen Platz an der Spitze ein, und die ganze Geſellſchaft ſchritt weiter, jedoch weniger raſch als vorher. Als der Burſche tiefer in die Stadt eindrang, ſchwankte er augenſcheinlich ein⸗ oder zweimal in der Wahl der Straßen, und der Offtzier fing an zu beſorgen, er möchte wieder einen ſeiner wilden Umwege vorhaben und wolle abſichtlich die gerade Straße nach einem Hauſe vermeiden, dem er offenbar nur mit großem Widerſtreben ſich näherte. Mehrere Mal blickte der junge Krieger um ſich und wollte den erſten Vorübergehen⸗ den, den er ſehen würde, um die Richtung des Weges befragen; aber tiefe Nachtruhe herrſchte ſchon allenthalben, und kein Menſch, außer denen, welche ihn begleiteten, erſchien in den langen Straßen⸗ reihen, durch die ſie gekommen waren. Die Miene des Führers war ſo mürriſch und zweiſelhaft geworden, daß der Offizier eben beſchloſſen hatte, an einer der Thüren anzuklopfen, als ſie aus der ſchwarzen, ſchmutzigen und düſteren Straße auf einen freien Platz hervortraten, der von viel größerem Umfange war, als jener, den ſie kaum erſt verlaſſen hatten. An den geſchwärzten Mauern eines Hauſes vorüber führte ſie Job gerade nach der Mitte einer Hänge⸗ brücke, die über einen Arm des Hafens geworfen war, der in ge⸗ ringer Entfernung ſich bis auf den Platz herein erſtreckte und dort eine ſeichte Rhede bildete. Hier machte er Halt und geſtattete dem Anblick der umgebenden Gegenſtände freien Eindruck auf Die, welche er hieher geführt. Das Viereck wurde durch drei Reihen niedriger, düſterer und unregelmäßiger Häuſer gebildet, wovon die meiſten ſo ausſahen, als wären ſie nur wenig bewohnt. Von dem Ende des Baſins ausgehend und ein wenig nach der einen Seite hin, dehnte ſich ein langes, ſchmales Gebäude aus Backſteinen, mit Pfeilern geziert, von Bogenfenſtern durchbrochen und von einer niedrigen Kuppel ter⸗ dem nige latz doch tadt Zahl chte tlich nbar lickte hen⸗ gen; nſch, aßen⸗ hrers eben 3 der Platz „den eines änge⸗ n ge⸗ d dort 2 dem welche driger, ten ſo de des te ſich geziert, Kuppel 21 überragt. Das Stockwerk, das die Reihe der ſteilen, glitzernden Fenſter enthielt, war von angereihten Bogen aus demſelben Material getragen, durch deren enge Wölbungen die Fleiſcherbänke des allge⸗ meinen Marktplatzes zu ſehen waren. Schwere Karniſſe von Stein waren oben und unten an den Pfeilern angebracht, und es zeigte ſich in der ganzen Struktur des Gebäudes ein bedeutender Unter⸗ ſchied gegen die ungeſchickte Bauart der Wohnungen, an denen ſie vorübergekommen waren. Während der Offtzier den Schauplatz betrachtete, beobachtete der Narr ſein Geſicht, bis er ungeduldig darüber, daß er kein Wort der Freude und des Wiedererkennens hörte, endlich ausrief: „Wenn Ihr Funnel⸗Hall nicht kennt, ſeyd Ihr kein Boſtoner Kind!“ „Aber ich kenne Faneuil⸗Hall und bin ein Boſtoner Kind,“ erwiederte der Andere, den der Unwille ſeines Führers ergötzte; „der Platz fängt an, in meinem Gedächtniß ſich aufzufriſchen, und ich gedenke der Scenen meiner Kindheit!“ „Das alſo,“ ſagte der bejahrte Fremde,„iſt der Ort, wo die Freiheit ſo viele kühne Anhänger gefunden hat!“ „Des Königs Herzen würde es wohl thun, wenn er zuweilen das Volk auf Alt⸗Funnel ſprechen hörte,“ ſagte Job.„Ich war auf den Karniſſen und ſchaute in die Fenſter beim letzten Stadt⸗ meeting, und wenn damals Soldaten auf dem Gemeindegrund waren, ſo gab's auch welche in der Halle, die ſich nicht vor jenen fürchteten!“ „Das Alles iſt zwar ſehr unterhaltend,“ ſagte der Offizier ernſthaft,„aber es bringt mich auf meinem Wege zu Mrs. Lech⸗ mere um keinen Schritt weiter.“ „Es iſt auch belehrend,“ rief der Fremde;„fahre fort, Kind; ich liebe es, ſeine einfachen Gefühle ſo ausgedrückt zu hören; ſte verkünden den Stand der öffentlichen Stimmung.“ „Ei,“ ſagte Job,„ſie wurden deutlich ausgeſprochen, das iſt alles, und es wäre beſſer für den König, wollte er herüberkommen und ſie anhören— es würde ſeinen Stolz niederſchlagen, ihm Mitleid für das Volk einflößen und dann würde er nicht daran denken, den Hafen von Boſton zuzuſchließen. Geſetzt, er könnte auch das Waſſer aufhalten, daß es nicht mehr durch die Engen durch könnte— wir würden's doch von Broad⸗Sound bekommen! und kaͤme es nicht von Broad⸗Sound, dann doch durch Nantasket! Er ſoll nicht glauben, das Boſtoner Volk ſey ſo dumm, daß es ſich Gottes Waſſer durch Parlamentsakten abjagen ließe, ſo lange noch Alt⸗Funnel auf Dock⸗Square“ ſteht!“ „Burſche!“ rief der Offizier etwas ärgerlich,„jetzt haben wir uns ſchon bis Schlag acht Uhr aufgehalten und noch ſind wir nicht zur Stelle!“ Der Blödſinnige verlor ſeine Begeiſterung und ſchlug die trüben Blicke wieder zu Boden. „Wohl!“ ſagte er,„ich ſagte Nachbar Hopper, es gibt mehr Wege zu Mad. Lechmere, als den gerade aus! aber Jeder verſteht Job's Geſchäft beſſer, als Job ſelbſt! Nun habe ich durch Euch den Weg vergeſſen; laßt uns hineingehen und die alte Nab fragen, ſie weiß den Weg nur zu gut!“ „Die alte Nab! Du eigenſinniger Tölpel! wer iſt Nab? und was habe ich mit irgend jemand Anderem, als mit Dir, zu ſchaffen?“ „Jedermann in Boſton kennt Abigail Pray.“ „Was iſt's mit ihr?“ fragte die zitternde Stimme des Fremden; „was iſt's mit Abigail Pray, Junge; iſt ſie nicht ehrlich?“ „Ja, ſo weit es ihre Armuth erlaubt,“ antwortete der Narr finſter;„nun hat der König geſagt, es ſoll kein anderes Gut nach Boſton geſchickt werden, als Thee, das Volk will aber keinen Bohea, und ſo iſt's ein leichtes Leben ohne Abgaben.— Nab hält ihren Höckerkram im alten Waarenhaus, und ein guter Platz iſt es auch— Job und ſeine Mutter haben jedes eine Stube, darin zu ſchlafen und ſagen, der König und die Königin haben nicht mehr!“ Indem er ſprach, wurden die Augen ſeiner Zuhörer durch ſeine * Rhedeplatz. ran unte gen nen! ket! ſich noch uns zur die nehr ſteht Euch agen, und en?“ nden; Narr nach ohea, ihren ich— hlafen ſeine 23 Geberden nach dem ſonderbaren Gebäude hingezogen, auf das er anſpielte. Wie die meiſten andern, die um den Platz herumſtanden, war es niedrig, alt, ſchmutzig und finſter. Es bildete ein Dreieck, auf jeder Seite von einer Straße begcänzt und ſeine Ecken waren durch eben ſo viele niedere, ſechseckige Thüͤrme flankirt, die, gleich dem Hauptgebäude in hochgeſpitzten Dächern endigten, deren Ziegel⸗ bedeckung mit rohen Verzierungen verſehen war. An den düſteren Wänden zeigten ſich lange Reihen ſchmaler Fenſter, durch deren eines das Licht einer einſamen Kerze, als einziges Zeichen von Leben in dem ganzen Gebäude flimmerte. „Nab kennt Madame Lechmere beſſer als Job,“ fuhr nach einer augenblicklichen Pauſe der Blödſinnige fort, und ſie wird wiſſen, ob Madame Lechmere Job peitſchen laſſen wird, wenn er Samſtag Abends“ Geſellſchaft bringt; obgleich, wie ſie ſagen, ſie ſo voll Spötterei iſt, daß ſie ſpricht, Thee trinkt und lacht in dieſer Nacht, gerade ſo wie zu jeder andern Zeit.“ „Ich will ſelbſt für ihre höfliche Begegnung garantiren,“ er⸗ wiederte der Offtzier, der endlich das Zaudern des Narren ſatt hatte. „Laß uns dieſe Abigail Pray aufſuchen,“ rief der betagte Fremd⸗ ling, indem er plötzlich Job beim Arm faßte und ihn mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt gegen das Gebäude führte, worauf Beide augen⸗ blicklich in einer der niederen Thüren verſchwanden. So mit ſeinem Diener auf der Brücke allein gelaſſen, zögerte der junge Offizier einen Augenblick, ungewiß, was er thun ſollte; dann aber, dem geheimen und mächtigen Intereſſe nachgebend, das der Fremde durch alle ſeine Geſinnungen und Handlungen in ihm zu erregen gewußt hatte, befahl er Meriton, ſeine Rückkehr abzu⸗ warten und folgte ſeinem Führer und dem alten Manne in die wenig einladende Wohnung des Erſteren. Als er durch die äußere Thüre * Vielleicht berarf es zum Verſtändniß für den europaiſchen Leſer der Be⸗ merkung, daß die Puritaner den Samſtag Abend als den Beginn des Sab⸗ baths ſehr ſtreng feierten. getreten war, befand er ſich in einem weitläufigen, aber wüſten Ge⸗ mach, das nach ſeinem Ausſehen und nach den wenigen ſchweren, aber werthloſen Kaufmannswaaren, die es enthielt, früher als Vor⸗ rathshaus gedient zu habernſchien. Das Licht zog ſeine Schritte nach einem von den Thürmen, wo er, der offenen Thüre ſich nähernd, die lauten, ſcharfen Töne einer weiblichen Stimme hörte, die ausrief: „Wo biſt Du geweſen, Du Gottloſer, an dieſem Samſtag Abend! Hinter den Soldaten dreingezogen und die Kriegsſchiffe an⸗ geglotzt, mit ihrem, ich darf wohl ſagen, unchriſtlichen Muſteiren und Bankettiren zu dieſer Zeit! und Du wußteſt, daß ein Schiff in der Bai war und daß Madame Lechmere mir befohlen hatte, ihr die erſte Kunde von ſeiner Ankunft zuzuſenden. Hier habe ich auf Dich gewartet ſeit Sonnenuntergang, um mit der Neuigkeit zur Tremont⸗ ſtraße hinaufzugehen, und Du— biſt nirgends zu ſehen— und weißt doch ſo gut, wen ſie erwartet!“ „Sey nicht bös auf Job, Mutter, die Grenadire haben ſeinen Rücken mit Riemen zerhauen, bis das Blut davon floß! Madame Lechmere! ich glaube, Mutter, Madame Lechmere iſt plötzlich ver⸗ ſchwunden; ſchon ſeit einer Stunde ſuche ich ihre Wohnung, denn es iſt ein Herr da, der eben landete und der Job brauchte, um ihm den Weg zu zeigen.“ „Was meint der einfältige Burſche?“ rief ſeine Mutter. „Er ſpricht von mir,“ ſagte der Offizier und trat in das Zimmer;„ich, ſonſt Niemand, bin die Perſon, welche Mrs. Lechmere erwartet und bin ſo eben vom Bord des Avon aus Briſtol gelandet. Aber Euer Sohn hat mich einen weiten Weg herumgeführt, in der That; er ſprach ſogar einmal davon, er wollte die Gräber auf Copps⸗Hill beſuchen.“ „Verzeihen Sie dem einfältigen, vernunftloſen Kinde, Sir,“ rief die Matrone und beäugelte den jungen Offtzier ſcharf durch ihre Brille;„er weiß den Weg ſo gut wie zu ſeinem Bett, aber er iſt zu Zeiten ſtarrköpfig. Das wird eine fröhliche Nacht in der Tremontſtraße 25 geben! So hübſch, und dazu ſo ſtattlich! Entſchuldigen Sie, junger Herr,“ fuhr ſie fort, indem ſie, offenbar ohne zu wiſſen was ſte that, das Licht ihm naͤher an's Geſicht hielt—„er hat das füße Lächeln der Mutter und das ſchreckliche Auge ſeines Vaters! Gott vergebe uns Allen unſere Sünden, und mache uns glücklicher in einer andern Welt, als an dieſem Orte des Uebels und der Gott⸗ loſigkeit!“ Als das Weib die letzten Worte murmelte, ſetzte ſte mit einer Miene beſondrer Bewegung ihr Licht bei Seite. Uebrigens war jede Sylbe, obgleich nicht für ſeine Ohren beſtimmt, von dem Offizier gehört worden, über deſſen Züge plötzlich ein düſterer Schatten zog, der die Trauer derſelben noch erhöhte. Dennoch ſagte er: „Ihr kennt mich alſo und meine Familie?“ „Ich war bei Ihrer Geburt, junger Herr, und eine fröhliche Geburt war das! Aber Madame Lechmere wartet auf die Neuigkeit und mein unglückliches Kind ſoll Sie eiligſt nach ihrem Hauſe führen; ſie wird Ihnen alles ſagen, was Sie zu wiſſen nöthig haben. Job, he Job! wie kommſt du dort in jene Ecke; nimm Deinen Hut und führe den Herrn gerades Wegs zur Tremontſtraße; du weißt, mein Sohn, Du gehſt ja gerne zu Madame Lechmere.“ „Job würde niemals hingehen, wenn Job es vermeiden koͤnnte,“ murmelte der Burſche;„und wäre Nab nie gegangen, es wäre für ihre Seele beſſer geweſen.“ „Unterſtehſt Du Dich, unehrerbietige Natter!“ rief die zornige Alte, und griff nach der Feuerzange, das Haupt ihres ſtörriſchen Sohnes damit bedrohend. „Friede, Weib!“ ſagte hinten eine Stimme. Die Waffe entſank der regungsloſen Hand der alten Keiferin und die Farbe ihres gelben, ausgetrockneten Geſichts verwandelte ſich zu der Bläſſe des Todes. Faſt eine Minute ſtand ſie, ohne ſich zu rühren, als wäre ſie durch übermenſchliche Gewalt an die Stelle gebannt, ehe ſie die Worte zu murmeln vermochte:„Wer ſpricht zu mir?“ „Ich bin's,“ erwiederte der Fremde, indem er aus dem Schatten der Thüre in das düſtere Licht der Kerze hervortrat;„ein Mann der Zeitalter gezählt hat, und weiß, daß, wie Gott ihn liebt, ſo auch er verbunden iſt, die Kinder ſeiner Lenden zu lieben.“ Die erſtarrten Glieder des Weibes verloren ihre Feſtigkeit unter einem Zittern, das jede Fiber ihres Körpers zuſammenſchüttelte; ſie ſank in ihren Stuhl, ihre Augen rollten von dem Geſicht des einen Fremden zu dem des andern, und ihre fruchtloſen Anſtrengungen, zu ſprechen, konnten zeigen, daß ſie für den Augenblick die Fähigkeit der Rede verloren hatte. Job ſchlich in dieſem kurzen Zwiſchenraum auf die Seite des Fremden, blickte flehend auf in ſein Geſicht, und ſagte: „Quält die alte Nab nicht— lest ihr dieſe ſchöne Stelle aus der Bibel vor, und ſie wird nie wieder mit der Zange nach Job ſchlagen; nicht wahr, Mutter? Seht ihre Schale, ſie hat ſie unter dem Buche verborgen, als ihr hereinkamt! Mad. Lechmere gibt ihr Giftthee zu trinken, und dann iſt Nah nie ſo gut mit Job, als Job mit ſeiner Mutter ſeyn würde, wenn die Mutter ſchwachköpfig und Job die alte Nab wäre! Thee berauſcht wie ſie ſagen, ſo gut als Rum!“ Der Fremde betrachtete mit ſichtbarer Aufmerkſamkeit das Ge⸗ ſicht des Knaben, während er ſo ernſthaft für ſeine Mutter ſich verfocht, und als er geendet hatte, ſtreichelte er mitleidig das Haupt des armen Schwachen. „Armes, ſchwaches Kind!“ ſagte er,„Gott hat Dir das Koſt⸗ barſte ſeiner Geſchenke verweigert, und doch waltet ſein Geiſt über Dir; denn Du kannſt unterſcheiden zwiſchen Strenge und Güte und haſt gelernt, das Gute vom Boͤſen zu ſondern. Junger Mann, ſehen Sie keine Lehre in dieſer Vertheilung? nichts, was Ihnen ſagte, daß die Vorſehung keine Gabe umſonſt ertheilt, und woraus wir den Unterſchied erkennen mögen zwiſchen der Pflicht, die durch Milde geleitet wird und jener, die man durch Gewalt erpreßt!“ Der Offizier, den feurigen Blicken des Fremden ausweichend, erklärte ſich nach einer augenblicklichen, verlegenen Pauſe bereit, atten Nann t, ſo unter 8; ſie einen n, zu it der raum agte: 2 aus Job unter öt ihr 3 Job g und lum!“ 8 Ge⸗ r ſich Haupt Koſt⸗ über e und Nann, Ihnen oraus durch t!“ ichend, bereit, ſeinen Weg anzutreten. Die Matrone, deren Auge, ſeit ſie ſich wieder erholt, nicht aufgehört hatte, auf den Zügen des Fremden zu haften, erhob ſich langſam und befahl ihrem Sohn mit ſchwacher Stimme, den Weg nach der Tremontſtraße zu zeigen. Sie hatte durch lange Uebung eine Weiſe kennen gelernt, die nie verfehlte, wenn dieß nöthig war— die ſtörriſche Laune ihres Kindes zu beſie⸗ gen und in dem jetzigen Augenblick half ihr noch bei ihrer tiefen Bewegung die ungewohnte Feierlichkeit ihrer Stimme zu der Er⸗ füllung ihres Wunſches. Job ſtand ruhig auf und ſchickte ſich an, zu gehorchen. Das Benehmen der ganzen Geſellſchaft trug eine Zurückhaltung an ſich, welche verrieth, daß ſie Gefuͤhle berührt hatten, die beſſer geſchont worden wären, und die Trennung würde, obwohl höflich, doch ſtill von Seiten des Jünglings bewerkſtelligt worden ſeyn, wenn er nicht den Ausgang noch von der regungs⸗ loſen Geſtalt des Fremden verſperrt geſehen hätte. „Ihr werdet mir vorangehen, Sir,“ ſagte er;„die Stunde ſchreitet voran und auch Ihr mogt einen Führer brauchen, um Eure Wohnung zu finden.“ „Mir ſind die Straßen von Boſton lange vertraut geweſen,“ antwortete der alte Mann.„Ich habe auf das Wachſen der Stadt geſehen, wie ein Vater die aufblühende Geſtalt ſeines Kindes be⸗ trachtet, und meine Liebe zu ihr iſt nicht weniger väterlich. Mir genügt, daß ich innerhalb ihres Weichbildes bin, wo Freiheit als das größte Gut geſchätzt wird, und gleichgültig iſt es, unter wel⸗ chem Dache ich mein Haupt niederlege,— dieß hier iſt ſo gut als ein anderes.“ „Dieſes!“ wiederholte der Andere, und warf prüfend den Blick auf die elenden Hausgeräthe und den Anſchein von Armuth, der den Ort erfüllte;„dieß Haus bietet ja noch weniger Bequemlichkeit, als ſelbſt das Schiff, das wir verließen!“ „Es hat deren genug für meine Bedürfniſſe,“ ſagte der Fremde, indem er ſich mit Ruhe niederſetzte und ſein Bündel bedächtig neben — ſich hinlegte.„Gehen Sie nach ihrem Palaſte in der Tremont⸗ ſtraße, meine Sorge wird es ſeyn, daß wir uns wieder treffen,“ Der Offizier kannte den Charakter ſeines Gefährten zu gut, um länger zu zögern, und ſich tief verbeugend trat er aus dem Zimmer und verließ den Andern, der das Hanpt auf ſeinen Stab ſtützte, während die Matrone mit einer Verwunderung auf ihren unerwarteten Gaſt blickte, in die nicht wenig Furcht ſich miſchte. Zweites Kapitel. Dem Silberhahn der ſüße Trant entquillt, Die Taſſ' aus China'’s Thon er dampfend füllt. Der feine Duft, der Wohlſchmack gleich ergötzt, Und lange wird das reiche Mahl noch fortgeſetzt. Der Lockenraub. Die Erinnerung an die wiederholten Mahnungen ſeiner Mut⸗ ter hatte bei Job die Wirkung, daß er ſeinen Auftrag im Gedächtniß behielt. In dem Augenblick, als der Offtzier erſchien, nahm er ſeinen Weg über die Brücke; von hier aus gingen ſie eine kurze Strecke am Waſſer hin und traten ſodann in eine breite, wohlgebaute Straße, die ſich von der Hauptwerfte nach den oberen Theilen der Stadt hinzog. Nach dieſer Straße ſich wendend wollte eben der Burſche mit großem Ernſte ſeinen Weg fortſetzen, als das Freudengeſchrei einer munteren Zechgeſellſchaft, das aus einem gegen⸗ überſtehenden Gebäude herüberdrang, ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte und ihn zum Stillſtehen bewog. Henk' an den Befehl Deiner Mutter,“ ſagte der Offizier; „was ſiehſt Du in dieſer Schenke, was gibt's zu gaffen?“ „Das iſt das brittiſche Kaffeehaus!“ ſagte Job kopfſchüttelnd; „ja, jedermann könnte es an dem Lärm merken, den ſie dort am Samſtag Abend machen! Seht! es iſt jetzt mit Lord Boot’s Offizieren angefüllt, und Ihr ſeht ſie wie eben ſo viele rothe Teufel gegen⸗ feſſelte ſizier; ttelnd; ort am Boot's Teufel 29 an den Fenſtern herum ſchwirren: aber morgen, wenn des Alten Süd Glocken ertönen, werden ſie, die Sünder, ihren Herrn und Schöpfer vergeſſen.“ „Burſche,“ rief der Offizier,„Du gehſt wahrlich zu weit— marſch in die Tremontſtraße oder pack Dich fort, daß ich mir einen andern Führer verſchaffe.“ Der Blödſinnige warf einen Seitenblick nach dem zornigen Auge des Andern; dann wandte er ſich und ging weiter, indem er ſo laut, daß er gehört werden mußte, vor ſich hinmurmelte: „Jeder, der in Boſton erzogen worden, weiß, wie man die Samſtag⸗Nacht feiern ſoll; und wenn Ihr ein Boſtoner Kind ſeyd, ſolltet Ihr auch Boſtoner Gebräuche lieben.“ Der Offizier gab keine Antwort und da ſie jetzt mit großer Eile weiter gingen, hatten ſie bald die King⸗ und Queenſtreet hinter ſich und traten in die Tremontſtraße. Kurze Zeit, nachdem ſie um die Ecke waren, hielt Job ſtill und zeigte nach einem nahen Gebäude mit den Worten: „Hier; dieß Haus mit dem Vorhof, den Pfeilern und dem großen Hofthor iſt Mad. Lechmere's; Jedermann ſagt, ſie ſey eine große Dame, aber ich ſage, es iſt Schade, daß ſie nicht eine beſſere Frau iſt.“ „Und wer biſt Du, daß Du Dir herausnimmſt, von einer Dame, die ſo weit über Dir ſteht, ſo kühn zu ſprechen?“ „Ich,“ ſagte der Schwächling, indem er dem Fragenden ein⸗ fältig in's Geſicht ſchaute;„ich bin Job Pray, ſo heißt man mich.“ „Gut, Job Pray, hier iſt eine Krone für Dich. Das nächſte Mal, wenn Du wieder den Führer machſt, bleib mehr bei Deinem Amt.— Ich ſage Dir, Knabe, hier iſt eine Krone.“ 4 „Job mag keine Kronen— ſie ſagen, der König trägt eine Krone, und ſie macht ihn hochmüthig und ſtolz.“ „Die Mißſtimmung muß wahrlich weit um ſich gegriffen haben, wenn Leute, wie dieſer, eher das Silber ausſchlagen, als daß ſie ihre Grundſätze verletzen,“ murmelte der Offizier vor ſich hin.— „Hier denn iſt eine halbe Guinee, wenn du Gold mehr liebſt.“ Der Einfältige, der fortfuhr, einen Stein mit den Füßen hin ſiebe und her zu ſtoßen, ohne die Hände aus den Taſchen zu thun, wo als ſie gewöhnlich ſteckten, ſchielte unter ſeinem überhängenden Hut mit mit V gleichgültiger Miene auf die angebotene Gabe. „Ihr wolltet die Grenadiere Job nicht peitſchen laſſen,“ ſagte verg er,„und Job will Euer Geld nicht nehmen.“ ihm „Gut, Junge; damit zeigſt Du mehr Dankbarkeit als ein Auf geſcheiter Mann wohl immer fühlen würde. Komm, Meriton, alten ich werde den armen Schelm wieder treffen und will ihn nicht ver⸗ Livr geſſen. Ich befehle Dir, darauf zu ſehen, daß der Burſche zu wur ' Anfang nächſter Woche beſſer gekleidet iſt.“ Aus „Mein Gott, Sir,“ ſagte der Diener,„wenn Siess befehlen, wird's derſ freilich geſchehen; aber ich erkläre zum Voraus, ich weiß nicht, in zu welchem Styl ich eine ſolche Figur und Geſicht kleiden ſoll, um ſte auch nur Etwas aus ihm zu machen.“ ihn 1„Sir, Sir,“ rief der Burſche, indem er dem Offtzier, der Pr ſchon weiter gegangen war, einige Schritte nachrannte,„wenn Ihr fen die Grenadiere nie mehr wollt nach Job ſchlagen laſſen, will Job Euch Lat immer den Weg durch Boſton zeigen und auch gern Eure Gänge thun!“ den „Armer Burſche! Ich verſpreche Dir, Du ſollſt nie mehr von bre den Soldaten mißhandelt werden. Gute Nacht, mein ehrlicher Freund, ſol — laß Dich wieder bei mir ſehen.“. ba Der Einfältige ſchien durch dieſe Verſicherung befriedigt, denn ſich unmittelbar darauf drehte er um und verſchwand, indem er in ver ſonderbar ſchwankender Bewegung die Straße hinab humpelte, Co hinter der nächſten Ecke. Unterdeſſen näherte ſich der junge Offi⸗ B zier dem Eingang, der in den Hof von Mrs. Lechmere's Wohnung jer führte. Das Haus war von Backſteinen gebaut und ſein Aeußeres 6h mit weit mehr Prunk ausgeſtattet, als die meiſten anderen in den lie unteren Stadttheilen. Es war nach dem Geſchmack einer etwas B 31 — früheren Periode mit ſchwerfälligen Holzverzierungen geſchmückt und — präſentirte in ſeinen beiden oberen Stockwerken eine Front von hin ſteben Fenſtern, von welchen die auf den Flügeln ſchmaler waren wo als die übrigen. Der untere Stock hatte die nämliche Einrichtung, mit mit Ausnahme des großen Hofthors, das ſich hier befand. In vielen Theilen des Hauſes ſchimmerten helle Lichter, welche agte verglichen mit den öden finſteren Gebäuden in ſeiner Nachbarſchaft ihm ein beſonders freundliches und lebendiges Anſehen gaben. ein Auf das Klopfen des jungen Mannes erſchien augenblicklich ein iton, alter Neger, der in eine anſtändige und für die Kolonien reiche ver⸗ Livree gekleidet war. Die Frage, ob Mrs. Lechmere zu Hauſe ſey, e zu wurde bejaht und der Jüngling durch eine Halle von ziemlicher Ausdehnung in ein Gemach geführt, das auf einer Seite ſich nach vird's derſelben öffnete. Dieſes Zimmer würde in jetziger Zeit für viel t, in zu klein gelten, um eine ganze Einrichtung, wie die neuere Mode um ſte für eine Landſtadt erfordert, zu faſſen; es erſetzte aber, was ihm an Größe abging, hinlänglich durch den Reichthum und die „ der Pracht ſeiner Verzierungen. Die Wände waren durch aufgewor⸗ Ihr fenes Taͤfelwerk in Felder abgetheilt und dieſe mit Ruinen und Euch Landſchaften aus der Phantaſie ſchön bemalt. Ueber dieſen glitzern⸗ hun!“ den, überfirnißten Gemälden waren mancherlei Wappenſchilde ange⸗ r von bracht, wodurch die Verbindungen der Familie verherrlicht werden reund, ſollten. Unterhalb derſelben waren kleinere Tafelfelder mit aller⸗ hand architektoniſchen Verzierungen bemalt und über ihnen erhoben denn ſich zwiſchen den Abtheilungen kannelirte Säulen von Holz mit er in vergoldeten Capitälen. Ein ſchwerer, höͤlzerner, reich verzierter npelte, Carniß zog ſich oben um das Ganze hin und bildete eine paſſende Offi⸗ Begränzung für die Wände. Der Gebrauch der Tapeten war zu hnung jener Zeit in den Colonien noch wenig bekannt, obwohl der Reich⸗ ußeres thum und hohe Rang der Mis. Lechmere dieſen Luxus wahrſchein⸗ in den lich bei ihr eingeführt haben würde, hätte nicht ihr Alter und die etwas Beſchaffenheit des Gebäudes ſie veranlaßt, bei der alten Sitte zu — beharren. Der Boden, glänzend, wie das ganze Hausgeräthe, war aus kleinen Würfeln zuſammengefügt, die mit rothen Cedern⸗ und weißem Fichtenholz unter einander abwechſelten, während in der Mitte die ‚ſpringenden Löwen’ der Lechmere's zu ſehen waren, welche die Wappenkunde des Tiſchlers dort angebracht hatte. Auf jeder Seite des ſchweren und ſorgfältig gearbeiteten Kaminmantels waren gewölbte Niſchen von einfacherer Arbeit und, wie es ſchien zum Gebrauch beſtimmt, wenigſtens zeigte ſich hinter der wegge⸗ ſchobenen Decke der einen ein Kredenztiſch, der mit maſſivem Sil⸗ berzeug belaſtet war. Die Geräthſchaften waren alt, reich und ſchwerfällig, aber vollkommen wohl erhalten. Im Mittelpunkte dieſes Schauplatzes von Colonialpracht, die durch zahlreiche Wachs⸗ kerzen ſo anſchaulich als möglich gemacht war, ſaß eine Dame von hohem Alter mit förmlichem Anſtand auf einem kleinen Ruhebett. Der Offizier, nachdem er ſeinen Mantel in der Halle ſeinem Diener Meriton übergeben, erſchien jetzt beim Eintreten in das Gemach in der heiteren Uniform, die den leichten und feinen Verhältniſſen ſeiner Geſtalt noch den weiteren Reiz des militäriſch en Glanzes ertheilten. Das kalte, ſtrenge Auge der Dame wurde unter einem höchſt befriedigten Erſtaunen ſichtbar milder, als es einen Augen⸗ blick auf ſeiner Perſon verweilte, nachdem ſie ſich erhoben hatte, ihren Gaſt zu empfangen; das augenblickliche Stillſchweigen wurde aber zuerſt durch den Jüngling unterbrochen, welcher ſagte: „Ich bin unangemeldet eingetreten, Madame, meine Unge⸗ duld ließ mich die feine Lebensart vergeſſen, da jeder Schritt in dieſem Hauſe mich an die Tage meiner Knabenzeit und an die frühere Freiheit innerhalb dieſer Wände erinnert.“ „Couſin Lincoln,“ unterbrach die Dame— es war Mrs. Lechmere;„dieſes ſchwarze Auge, dieß Lächeln, ja der Gang ſogar verkündet Sie mir. Ich müßte meinen armen Bruder und noch eine andere theure Perſon vergeſſen haben, hätte ich Sie nicht ſo⸗ gleich als einen ächten Lincoln erkannt.“ he, war in⸗ und in der waren, Auf mantels 3 ſchien wegge⸗ im Sil⸗ ich und elpunkte Wachs⸗ me von uhebett. Diener Gemach iltniſſen Glanzes r einem Augen⸗ te, ihren de aber e Unge⸗ chritt in frühere ar Mrs. ig ſogar nd noch nicht ſo⸗ 33 Es war in dem Benehmen Beider bei dieſem Zuſammentreffen eine Entfernung bemerkbar, wie man ſie leicht als eine Folge der ſtrengen Regeln der Provinzialſchule anſehen konnte, von der die Dame ein ſo ausgezeichnetes Mitglied war— welche übrigens dennoch nicht hinreichte, um den Ausdruck von Trauer zu erklären, der plötzlich des jungen Mannes Lächeln völlig verfinſterte. Die Veränderung war aber nur vorübergehend, und er antwortete auf ihre Verſicherung des Wiedererkennens: „Ich war lange gewöͤhnt, eine zweite Heimath in der Tremont⸗ ſtraße zu erwarten, theure Madame, und ſehe nun durch Ihre ſchmeichelhafte Rückerinnerung an mich und meine Eltern alle meine Erwartungen erfüllt.“ Die Dame war ſichtlich erfreut durch die Antwort und ein Lächeln durfte ſogar ihre ſtrenge Stirn erheitern. „Eine Heimath freilich,“ erwiederte ſie,„wenn auch nicht eine ſolche, wie der Erbe des reichen Hauſes Lincoln ſie zu beſitzen ge⸗ wohnt iſt. Befremdend in der That müßte es erſcheinen, wenn irgend ein Glied dieſer geehrten Familie vergeſſen könnte, das Haupt der⸗ ſelben mit geziemender Ehrfurcht zu empfangen.“ Der junge Mann, der zu fühlen ſchien, daß gerade ſo viel geſagt worden, als die Gelegenheit verlangte, erhob ſein Haupt, das er auf ihre Hand niedergebeugt hatte, in der Abſicht, die Unterhaltung auf einen weniger perſönlichen Gegenſtand zu lenken. Da fiel ſein Auge auf die Geſtalt einer andern und jugendlicheren Dame, welche bisher hinter den Falten eines Fenſtervorhangs ver⸗ borgen geweſen war. Er naͤherte ſich derſelben und ſagte mit einer Schnelligkeit, die eher ſeinen Wunſch verrieth, weitere Kompli⸗ mente abzuſchneiden.— „Und hier ſehe ich noch Jemand, dem ich verwandt zu ſeyn die Ehre habe, Miß Dynevor?“ „Zwar iſt ſie nicht meine Enkelin,“ ſagte Mrs. Lechmere, „doch macht ſie auf gleiche Verwandtſchaft mit Ihnen Anſpruch⸗ Lionel Lincoln. 2. Aufl. 3 Major Lincoln; es iſt Agnes Danforth, die Tochter meiner ver⸗ ſtorbenen Nichte.“ „So wars mein Auge, nicht mein Gefühl, das mich betrog,“ erwiederte der Krieger,„ich hoffe die Dame wird meine Anſprüche, ſie Couſine zu nennen, anerkenner Eine einfache Verneigung war die einzige Antwort, die er erhielt; doch lehnte ſie ſeine Hand nicht ab, als er ſie ihr zur Begrüßung bot. Nach einigen weiteren höflichen Redensarten und den gebräuchlichen Nachfragen, wie ſie bei ſolchem Wiederſehen zu folgen pflegen, ſetzte ſich die Geſellſchaft nieder un geres Geſpräch entſpann ſich. „Ich bemerke mit Vergnügen, Couſin Lionel, daß Sie ſich un⸗ ſerer ſo wohl erinnern,“ ſagte Mrs. Lechmere;„wir haben ſo wenig in dieſer entfernten Provinz, was eine Vergleichung mit dem Mutterlande zuließe, daß ich gefürchtet hatte, es moͤchte auch keine Spur von dem Orte Ihrer Geburt in Ihrer Seele zu⸗ rückgeblieben ſeyn.“ „Ich finde die Stadt ſehr verändert, das iſt wahr, aber doch ſind hie und da manche Stellen, deren ich mich noch erinnere, obwohl freilich durch Abweſenheit und Vertrautheit mit andern Scenen ihr Glanz ſich in meinen Augen ein wenig vermindert hat.“ „Ohne Zweifel, denn die Bekanntſchaft mit dem brittiſchen Hofe wird nichts dazu beigetragen haben, unſere einfachen Sitten in Ihrer Einbildungskraft zu erhöhen; auch beſitzen wir nur wenig Gebäude, welche die Aufmerkſamkeit eines gereisten Fremden feſ⸗ ſeln könnten. Es iſt eine Sage in unſerer Familie, daß Ihr Sitz in Devonſhire ſo groß ſey als jedes Dutzend Häuſer zu Boſton, ſowohl öffentliche als Privatgebäude dazu gerechnet; ja wir rühmen uns, daß der König ſelbſt nur in ſeinem Schloſſe zu Windſor ſo gut als das Haupt der Familie Lincoln wohnt!“ „Ravenscliffe iſt allerdings ein Platz von einiger Größe,“ ent⸗ gegnete ſorglos der junge Mann;„doch werden Sie ſich erinnern, d ein regelmäßi⸗ er ver⸗ hetrog,“ ſprüche, die er ihr zur tten und ſehen zu gelmäßi⸗ ſich un⸗ aben ſo ung mit mochte beele zu⸗ ber doch obwohl Scenen rittiſchen Sitten in r wenig nden feſ⸗ ör Sitz in u, ſowohl men uns, r ſo gut ße,“ ent⸗ erinnern, 35 daß Se. Majeſtät nur auf ſehr kleinem Fuße zu Kew lebt. Ich habe übrigens ſo wenige Zeit auf dem Lande zugebracht, daß ich kaum die Bequemlichkeiten und die Ausdehnung unſeres Fami⸗ lienſitzes kenne.“ Die alte Dame verbeugte ſich mit jener Art von Befriedigung, welche die Bewohner der Kolonien gewöhnlich verriethen, ſo oft ihre Verbindung mit dem Lande anerkannt wurde, welches ſie alle als die Quelle der Ehre betrachteten: dann aber bemerkte ſie ſchnell, als ob dieſer veränderte Ideengang nur eine natürliche Verbindung mit dem Gegenſtand bildete: „Gewiß weiß Cäeilie nichts von der Ankunft unſeres Ver⸗ wandten! ſte kann unmöglich die unſeren Gäſten ſchuldige Aufmerk⸗ ſamkeit ſo ſehr aus dem Auge verlieren!“ „Sie erweist mir um ſo mehr Ehre, wenn ſte mich als ihren Verwandten betrachtet und als Einen, der keine Förmlichkeiten bei ſeinem Empfange verlangt.“ „Ihr ſeyd nur im zweiten Grad mit einander verwandt,“ erwiederte die alte Dame etwas ſtreng,„und ſicherlich iſt das keine Verwandtſchaft, welche irgend ein Vergeſſen der gebräuchlichen Höflichkeiten rechtfertigen könnte. Sie ſehen, Couſin Lincoln, wie ſehr wir Blutsverwandtſchaft ſchätzen, wenn ſie ein Gegenſtand des Stolzes auch für die entfernteſten Zweige der Familie iſt!“ „Ich bin nur ein ſchlechter Genealoge, Madame; übrigens, wenn anders die Erinnerung deſſen, was ich gehört habe, mich nicht täuſcht, iſt Miß Dynevor von zu gutem Blut in gerader Linie, um die Seitentropfen einer Zwiſchenheirath ſo hoch anzuſchlagen.“ „Verzeihen Sie, Major Lincoln; ihr Vater, Colonel Dynevor, war allerdings ein Engländer von altem, angeſehenem Geſchlecht, doch braucht keine Familie im ganzen Reich ſich der Verbindung mit der unſrigen zu ſchämen. Ich ſage— der unſrigen, Couſin Lionel, denn ich möchte nicht, daß Sie je vergäßen, daß ich eine Lincoln und die Schweſter Ihres Großvaters bin.“ Ein wenig erſtaunt über den ſcheinbaren Widerſpruch in der Sprache der guten Dame, verbeugte ſich der junge Mann bei dem Compliment und warf die Augen auf ſeine jüngere Gefährtin mit dem Verlangen, die Unterhaltung zu ändern, indem er ſich an das zurück⸗ haltende junge Mädchen in ſeiner Nähe wandte, was bei ſeinem Ge⸗ ſchlecht und Alter gewiß ſehr zu entſchuldigen war. Er hatte übrigens nicht Zeit, mehr als eine oder zwei allgemeine Bemer⸗ kungen zu machen und die Antworten darauf zu erhalten, als Mrs. Lechmere, wie es ſchien, ernſtlich über ihre Enkelin zür⸗ nend, ſagte: „Gehe, Agnes, und mache Deine Couſine mit di eſem glücklichen Ereigniß bekannt. Sie hat ſich während der ganzen Zeit, die Sie auf der Reiſe zubrachten, ſehr um Ihre Sicherhe it geängſtigt. Wir ließen in der Kirche die Gebete für ‚Jemand, der in See gegangene, jeden Sonntag leſen, ſeit wir Ihren Brief erhielten, der uns Ihre Abſicht, ſich einzuſchiffen, meldete; und ich war außer⸗ ordentlich erfreut, das hohe Intereſſe zu bemerken, mit dem Cäcilie in unſere Bitten einſtimmte.“ Lionel murmelte einige dankende Worte und, in den Stuhl ſich zurücklehnend, ſchlug er die Augen aufwärts, ob aber aus frommer Dankbarkeit oder nicht, das, glauben wir, iſt nicht unſere Sache, tiefer zu erörtern. Während Mrs. Lechmere's letzter Rede und der ausdrucksvollen Pantomine, die ihr folgte, erhob ſich Agnes Danforth und verließ das Zimmer. Die Thüre war ſchon eine kleine Weile geſchloſſen, bis das Schweigen wieder unterbrochen wurde. Mrs. Lechmere hatte unterdeſſen ein⸗ oder zweimal den augen⸗ ſcheinlichen, aber vergeblichen Verſuch zu ſprechen gemacht; ihre Farbe, blaß und unveränderlich, wie ſie gewöhnlich ihr verwelktes Geſicht bedeckte, änderte ſich und ihre Lippe zuckte unwillkührlich. Sie gewann jedoch bald ihre Sprache wieder, wenn auch die erſten Töne ihrer Stimme zitternd und dumpf waren. „Ich mag Ihnen untheilnehmend erſchienen ſeyn, Coufin n der dem t dem rrück⸗ Ge⸗ hatte emer⸗ als zür⸗ lichen Sie gſtigt. See n, der ußer⸗ äeilie Stuhl aus unſere Rede Agnes kleine burde. ugen⸗ ihre elktes orlich. erſten Loufin 37 Lionel,“ ſagte ſie,„doch gibt es Dinge, die ſich eigentlich nur zwiſchen den nächſten Verwandten beſprechen laſſen. Sir Lionel — Sie verließen ihn in ſo guter Geſundheit des Körpers, hoffe ich, als ſeine Geiſteskrankheit zuläßt.“ „So wurde es mir geſchildert.“ „Sie haben ihn jüngſt nicht geſehen?“ „Nicht in fünfzehn Jahren; man ſagte, meine Gegenwart vermehre ſeine Krankheit und der Arzt verbot alle weiteren Zu⸗ ſammenkünfte. Er iſt fortwährend in einer Privatanſtalt in der Nähe der Stadt, und da, wie man glaubt, ſeine hellen Augenblicke ſowohl an Zahl als an Dauer ſich mehren, ſo überlaſſe ich mich oft der freudigen Hoffnung, meinem Vater einſt wiedergegeben zu werden. Mein Glaube wird durch ſein Alter gerechtfertigt, das⸗ wie Sie wiſſen, die Fünfzig noch nicht erreicht hat.“ Ein langes und offenbar peinliches Stillſchweigen folgte dieſer wichtigen Mittheilung: zuletzt ſagte die Dame, mit einem Zittern der Stimme, wofür der junge Mann ſie beinahe verehrte, da es ihre Theilnahme an ihrem Neffen ſo wie ihre Herzensgüte ſo klar bewies: „Ich werde Ihnen für ein Glas Waſſer dort auf dem Büffet ſehr dankbar ſeyn. Verzeihen Sie, Couſin Lionel, aber dieſer melancholiſche Gegenſtand überwältigt mich jedesmal. Ich will mich mit Ihrer Erlaubniß nur wenige Augenblicke entfernen und die Ankunft meiner Enkelin beſchleunigen. Ich wünſche ſehnlich, daß Sie Beide ſich ſehen mögen.“. Ihre Abweſenheit gerade in dieſem Augenblick war Lioneln in ſeiner Stimmung zu erwünſcht, als daß er ihrer Abſicht hätte widerſtreben ſollen, obgleich— ſtatt Agnes Danforth zu folgen, die zu dem nämlichen Zweck ihr vorangeeilt war, die ſchwankenden Tritte Mrs. Lechmere's ſie nach einer Thüre führten, die mit ihrem eigenen Gemache in Verbindung ſtand. Einige Minuten lang ging der junge Mann mit einer Haſt, als ob er mit der Eile der ‚ſpringenden Löwen von Lechmere“, über die er hinſchritt, wetteifern über das kunſtreiche Getäfel hin und beachtete die ſilbernen, azurnen und purpurnen Felder der verſchiedenen Schildereien ſo wenig, als wenn ſie nicht mit den auszeichnenden Sinnbildern ſo vieler hoch⸗ geachteter Namen bedeckt wären. Dieſe Geiſtesabweſenheit ver⸗ ſchwand jedoch ſchnell bei der plötzlichen Erſcheinung eines Weſens, welches in das Zimmer geſchwebt war und bis in deſſen Mitte vor⸗ trat, ehe er deſſen Anweſenheit bemerkte. Eine leichte weibliche Geſtalt, von ſchön gerundeten Formen und ausgezeichnet zierlichen Verhältniſſen, mit jugendlichem, ausdrucksvollem Geſicht und einer Miene, worin mädchenhafte Grazie ſo lieblich mit weiblicher Zart⸗ heit ſich miſchte, daß jede Bewegung und Geberde Ehrfurcht einflößte, während ſie zu gleicher Zeit ganz beſonders einſchmeichelnd waren: dieß war gewiß ein Gegenſtand, der auf den erſten Blick, und wenn dieſer vollends ein Blick der Ueberraſchung war, die Schritte auch eines zerſtreuteren und weniger artigen Jünglings, als wir ihn bis jetzt zu ſchildern verſucht, aufhalten mußte. Major Lincoln wußte, daß dieſe junge Dame keine andere ſeyn konnte, als Miß Cäcilie Dynevor, Tochter eines längſt verſtyrbenen brittiſchen Offiziers und des einzigen Kindes der Mrs. Lechmere, das auch ſchon lange im Grabe ruhte: ſie war folglich Jemand, dem er ſowohl nach ſeinem Charakter bekannt, als durch Bande des Bluts ſo nahe verwandt war, daß es einem Manne von Welt zur leichten Aufgabe werden mußte, jede kleine Verlegenheit, die einen weniger geübteren Gentleman vielleicht befallen hätte, zu verbannen und ſich ſelbſt der Dame vorzuſtellen. Dieß verſuchte er auch wirklich, und anfänglich mit einer Leichtigkeit, welche ſeine Verwandtſchaft und die Umſtände zu erlauben ſchienen, die jedoch immer durch leichte Höflichkeit in den Schranken gehalten wurde. Aber die Zurückhaltung, die in dem Benehmen der Dame ſich zeigte, war ſo bemerkbar, daß der junge Mann, nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren und er ſie zu einem Sitz geführt hatte, nun eben ſo große Verwirrung in ſich wollte, in dem engen Gemache auf und abz; ſein Auge glitt achtlos fühlt befär lichen die Gels daß als war die freu eine chtlos urnen „als hoch⸗ ver⸗ eſens, vor⸗ ibliche lichen einer Zart⸗ llößte, aren: wenn auch an bis vußte, Läcilie s und lange nach nahe ufgabe bteren öſt der nglich iſtände in den n dem junge er ſie in ſich 39 ob er ſich zum erſtenmal allein bei einem Frauenzimmer befände, bei dem er ſchon ſeit Monden um die Gunſt einer heim⸗ lichen Zuſammenkunft ſich beworben hätte. Mag es nun ſeyn, daß die Natur das andere Geſchlecht mit einem eigenen Takt für ſolche Gelegenheiten ausgeſtattet hat oder mochte die junge Dame fühlen, daß ihr Benehmen nicht ganz ſo war, wie es ſowohl ihrer ſelbſt als auch des Gaſtes ihrer Großmutter würdig geweſen wäre— ſie war jedenfalls die CErſte, welche die leichte Verlegenheit zerſtreute, die nur zu deutlich im Anfange der Unterredung herrſchte. „Meine Großmutter hat ſich lange auf dieſes Vergnügen ge⸗ freut, Major Lincoln,“ ſagte ſie,„und Ihre Ankunft geſchah in einem ſehr geeigneten Zeitpunkt. Der Zuſtand des Landes wird mit jedem Tage ſo wahrhaft beunruhigend, daß ich in der That lange in ſie gedrungen bin, unſere Verwandten in England zu be⸗ ſuchen, bis die Streitigkeiten geendigt ſeyn würden.“ Die Töne einer ausnehmend ſanften und melodiſchen Stimme und eine ſo durchaus reine Ausſprache, als ob die Sprechende die Betonung am engliſchen Hofe gelernt hätte, gänzlich frei auch von der geringſten Provinzialeigenthümlichkeit, wie ſie in den weni⸗ gen Worten, die er von Agnes Danforth vernommen, ſein Ohr beleidigt hatte— dieß Alles half noch mehr, eine angeborne Anmuth der Sitten zu erhöhen, welche wie es ſchien, die junge Dame un⸗ möglich verläugnen konnte. „Sie, die Sie ſo viel von einer engliſchen Dame an ſich haben, würden gewiß viel Vergnügen bei dem Tauſche finden,“ antwortete er;„und wenn das, was ich von einem Mitreiſenden über den Zuſtand des Landes gehört habe, nur halb wahr iſt, ſo werde ich der Erſte ſeyn, der Ihre Bitte unterſtützen wird. Beides, Ravens⸗ cliffe und das Haus in Soho, würden Mrs. Lechmere ganz zu Dienſten ſtehen.“ „Es war mein Wunſch, daß ſie die dringenden Einladungen des Lords Cardonnel, eines Verwandten meines Vaters, annehmen möchte, fühlte, als Familie zu verleben. Eine Trennung würde für uns beide peinlich ſeyn; ſollte aber meine Großmutter in einem ſolchen Fall ſich ent⸗ ſchließen, ihren Aufenthalt in den Wohnſitzen ihrer Vorfahren zu nehmen, ſo könnte ich nicht getadelt werden, wenn ich vorzöge, unter dem Dache der meinigen zu verweilen.“ Das durchdringende Auge des Major Lincoln traf gerade auf ihr eigenes und als er den Blick wieder zu Boden ſchlug, lockte der vorübergehende Gedanke ein leichtes Lächeln auf ſeine Lippen, daß die Schönheit der Provinz ſo viel von ihrer Großmutter Ahnen⸗ ſtolz geerbt habe, um ihm jetzt begreiflich zu machen, daß die Nichte eines Viscount vor dem Erben eines Baronets den Vorrang habe. Doch die raſche, brennende Röthe, die augenblicklich über Cäcilie Dynevor's Züge hinſchwebte, hätte ihn belehren können, daß ſie unter dem Einfluß weit tieferer Gefühle handle, als ſolch' eine unwürdige Abſicht anzeigen konnte. Immerhin war die Wirkung ſo, daß der junge Mann froh war, als er Mrs. Lechmere, auf den Arm ihrer Nichte ſich ſtützend, wieder ins Zimmer treten ſah. „Ich ſehe, Couſin Lionel,“ ſagte die Dame, als ſie mit ſchwa⸗ chem Schritt dem Ruhebett ſich näherte,„Sie und Cäeilie haben ſich ſchon gefunden, ohne daß eine andere Einführung, als die Verwandtſchaft zwiſchen Beiden, dazu nöthig geweſen wäre. Ich meine freilich keineswegs die Verwandtſchaft des Bluts, denn die iſt, wie Sie wiſſen, doch nicht als ſehr nahe zu betrachten; aber ich glaube, es exiſtiren gewiſſe Züge des Geiſtes, die ſich in den Familien gerade ſo deutlich vererben, als nur irgend die Züge des Geſichts.“ „Dürfte ich mir ſchmeicheln, in einer der beiden Arten die leichteſte Aehnlichkeit mit Miß Dynevor zu beſitzen— ich würde doppelt ſtolz auf die Verwandtſchaft ſeyn,“ erwiederte Lionel, in⸗ dem er die gute Dame mit einer Kälte zu einem Sitze führte, die hinlänglich bewies, wie wenig ihm an der Sache liege. „Aber ich bin nicht geneigt, mir das Recht auf nähere der lange in mich gedrungen iſt, einige Jahre in ſeiner eigenen eigenen veinlich ch ent⸗ dren zu orzöge, de auf lockte eippen, Ahnen⸗ aß die orrang über önnen, „ eine ig ſo, ff den chwa⸗ haben s die Ich in die aber nilien chhts.“ n die vürde . in⸗ 3 die ähere 41 Verwandtſchaftsanſprüche mit Couſin Lionel beſtreiten zu laſſen,“ rief die junge Dame mit plötzlicher Lebhaftigkeit.„Es hat un⸗ ſern Vorvätern beliebt, folgendermaßen zu verordnen——“ „Ja, ja, mein Kind,“ fiel ihre Großmutter ein.„Du vergißt, daß der Name Couſin nur in Fällen naher Blutsverwandtſchaft angewendet werden kann und da, wo Familienverhältniſſe es entſchul⸗ digen. Aber Major Lincoln weiß, daß wir in den Kolonien geneigt ſind, die Bedeutung der Worte nach Möglichkeit zu erweitern und unſere Couſins faſt ſo weit hinaufzählen, als ob wir Glieder der ſchottiſchen Clane wären. Wenn ich von den Clanen ſpreche, fällt mir immer die Rebellion von fünfundvierzig ein. Man denkt doch nicht daran in England, daß unſere bethörten Koloniſten je ſo tollköpfig ſeyn werden, die Waffen im Ernſte aufzunehmen.“ „Darüber herrſchen verſchiedene Meinungen,“ ſagte Lionel. „Die Militärs ſpotten über dieſen Gedanken, obwohl ich gelegent⸗ lich Offiziere finde, die hier auf dem Continent gedient haben, welche meinen, daß nicht nur überhaupt ein Aufruf ergehen, ſondern daß der Streit auch blutig werden wird.“ „Warum ſollten ſie auch nicht?“ ſagte Agnes Danforth, kurz abgebrochen;„die Koloniſten ſind Männer und die Engländer ſind nicht mehr.“ Lionel wandte mit einigem Erſtaunen ſeine Blicke nach der Sprechenden, deren Geſicht ein faſt unmerklicher Ausdruck in dem einen Auge einen Anſtrich vollendeter Gutmüthigkeit mittheilte, die ihrem Weſen zu widerſprechen ſchien. „Warum ſollten ſie nicht, in der That! ich kenne keine andere Gründe als weil es beides, ſowohl ein wahnſinniger als ungeſetz⸗ licher Act wäre! Ich kann Sie verſichern, ich bin keiner von denen, die den Schein annehmen, als könnten ſie ihre Landsleute ge⸗ ring ſchätzen, denn Sie werden ſich erinnern, daß auch ich ein Amerikaner bin.“ „Ich habe mir ſagen laſſen,“ erwiederte Agnes,„diejenigen unſerer Freiwilligen, die überhaupt Uniform trügen, erſchienen in Blau und nicht in Scharlach.“ „Es iſt Sr. Majeſtät Wille, daß ſein ſiebenundvierzigſtes Re⸗ giment zu Fuß dieſe heitere Farbe trage,“ erwiederte lachend der junge Mann,„ich für meinen Theil wäre vollkommen bereit, ſie dem Gebrauch der Damen zu überlaſſen und, könnte es geſchehen, eine andere anzunehmen.“ „Dieß könnte geſchehen, Sir.“ „Und wie das?“ „Indem Sie mit ihrer Stelle auf das Kleid verzichteten.“ Mrs. Lechmere hatte augenſcheinlich ihre Nichte ſo weit fort⸗ fahren laſſen, ohne ſie zu unterbrechen, um eine ihrer eigenen Ab⸗ ſichten dadurch zu erreichen; als ſie aber bemerkte, daß ihr Gaſt auch nicht eine Spur jener Gereiztheit zeigte, welche die brittiſchen Offiziere oft ſchwach genug waren zu verrathen, wenn Frauen die Ver⸗ theidigung der Ehre ihres Landes auf ſich nahmen— zog ſie die Glocke. „Eine kühne Sprache, Major Lincoln!“ bemerkte ſie—„eine kühne Sprache für eine junge Dame unter zwanzig. Aber Miß Danforth hat das Privilegium, ihre Geſinnung frei zu äußern, denn einige von ihres Vaters Familie ſind leider nur zu tief in die ungeſetzlichen Vor⸗ fälle dieſer böſen Zeiten verwickelt. Cäcilie übrigens haben wir ſtrenger bei ihrer Unterthanentreue erhalten.“ „Und doch iſt ſelbſt Cäcilie dafür bekannt, daß ſie den von brittiſchen Offizieren veranſtalteten Feſten die Ehre ihrer Gegen⸗ wart verſagte,“ antwortete Agnes in etwas gereiztem Tone. „Und ſollte wohl Cäcilie Dynevor Bälle und Unterhaltungen ohne Begleitung eines paſſenden Herrn beſuchen?“ fragte Mrs. Lechmere;„oder erwartet man, daß ich in den Siebzigen es noch unternehmen werde, bei öffentlichen Auftritten die Ehre unſerer Familie zu bewahren? Doch wir halten Major Lincoln mit un⸗ ſerem eiteln Disputiren ab, die Erfriſchungen einzunehmen, nach welchen er ſich ſehnen mag. Cato, wir warten Deines Amtes.“ —, eS 43 Mrs. Lechmere richtete dieſe Einladung mit einer Miene, die etwas Geheimnißvolles an ſich trug, an den aufwartenten Schwarzen. Der alte Diener, der wahrſcheinlich durch lange Uebung die Wünſche ſeiner Herrin beſſer nach dem Ausdruck ihres Auges als nach den Worten, die ſie ſprach, verſtehen gelernt hatte, ging, die äußeren Fenſterläden zu ſchließen und die Vorhänge mit der pünktlichſten Genauigkeit zuzuziehen. Nachdem er dieß Ge⸗ ſchäft verrichtet hatte, hob er eine kleine ovale Tafel aus ihrer gewöhnlichen Stelle unter den fließenden Falten der Draperie hervor, welche die tiefen Niſchen dem Lichte verſchloß, und ſtellte ſie gerade vor Miß Dynevor. Ein Präſentirteller von maſſivem Silber, mit dem feinſten Dresdener Service darauf, folgte, und nach wenigen Minuten zierte eine ziſchende Urne von demſelben koſtbaren Metall die glattpolirte Mahagonytafel. Während dieſer Vorbe⸗ reitungen hatten Mrs. Lechmere und ihr Gaſt ein allgemeineres Ge⸗ ſpräch unterhalten, das hauptſächlich das Wohlergehen und die Lage gewiſſer Individuen ihrer Verwandtſchaft in England berührte. Trotz dieſer Anforderung, die an ſeine Aufmerkſamkeit gemacht wurde, konnte Lionel etwas höchſt Geheimnißvolles, Vorſichtiges in jeder Bewegung des Schwarzen bemerken, während er gemächlich ſein Amt weiter verrichtete. Miß Dynevor ließ ruhig die Vor⸗ bereitungen zum Theetiſch vor ihren Augen treffen und ihre Couſine Agnes Danforth warf ſich mit einem Blicke kalten Mißmuths auf eines von den Ruhebetten. Als die übliche Miſchung in zwei kleine geriefte Taſſen gegoſſen war, deren reines Weiß mit einigen wenigen rothen und grünen Flecken geſprengelt erſchien, präſentirte der Schwarze die eine von beiden mit dem lieblichen Getränk ſeiner Herrin und die andere dem Fremden. „Verzeihen Sie, Miß Danforth,“ ſagte Lionel, welcher erſt, nachdem er das Angebotene ſchon angenommen, ſeinen Verſtoß gewahr wurde;„ich habe hier meine Seemannsweiſe die Oberhand gewinnen laſſen.“ „Freuen Sie ſich Ihres Verſehens, Sir, wenn ſie über⸗ haupt ein Vergnügen an dieſem Genuſſe finden können,“ erwiederte die junge Dame. „Ich würde mich aber deſſen um ſo mehr freuen, könnte ich auch Sie an dem Luxus Theil nehmen ſehen.“ „Sie haben die leere Gewohnheit mit dem rechten Namen be⸗ zeichnet; es iſt Nichts als ein Luxus und zwar einer, deſſen man ſich leicht entſchlagen kann: ich danke Ihnen, Sir, ich trinke keinen Thee!“ „Gewiß kann keine Dame ihren Bohea abſchwören! glauben Sie mir!“ „Ich weiß nicht, wie das feine Gift auf Ihre engliſchen Damen wirken mag, Major Lincoln, aber für ein amerikaniſches Mädchen iſt es eben nicht ſchwer, den Gebrauch eines verabſcheuungswürdigen Krauts abzulehnen, das eine von den mancherlei Urſachen iſt, die aller Wahrſcheinlichkeit nach ihr Vaterland und ihre Verwandten in Gefahr und Streit ſtürzen werden.“ Der junge Mann, der wirklich nicht mehr als die gewöhnlichen Hoöflichkeiten, die ſein Geſchlecht dem anderen ſchuldet, beabſichtigt hatte— machte eine ſtumme Verbeugung; doch konnte er, als er ſich von ihr abwandte, nicht unterlaſſen, einen Blick auf die Tafel zu werfen, um zu ſehen, ob die Grundſätze der anderen jungen Ame⸗ rikanerin eben ſo ſtreng ſeyen. Cäcilie ſaß über den Präſentir⸗ teller gebeugt, müßig mit einem ſonderbar gearbeiteten Theelöffel ſpielend, welcher einen Zweig von der Pflanze vorſtellte, deren Wohlgeruch ſo eben dazu verwendet worden war, zu ſeinem Ge⸗ nuſſe beizutragen, während der Dampf des Gefäſſes vor ihr in feinem Nebel ihre Stirn umkräuſelte. „Sie wenigſtens, Miß Dynevor,“ ſagte Lionel,„ſcheinen keinen Widerwillen gegen das Kraut zu nähren, da Sie ſeinen Duft ſo frei einziehen.“ Cäcilie warf einen Blick nach ihm, der die geſetzte und etwas 45 ſtolze Ruhe ihres Geſichts in den Ausdruck plötzlicher Fröh⸗ lichkeit verwandelte, die ihr weit natürlicher war, und antwortete lachend: „Ich bekenne meine weiblichen Schwächen. Ich glaube, es war der Thee, der einſt unſere gemeinſame Mutter im Para⸗ dies verführte!“ „Wenn das bewieſen werden könnte, würde es zeigen, daß die Liſt der Schlange ſich bis auf ſpätere Zeiten fortgepflanzt hat,“ ſagte Agnes,„obwohl das Werkzeug der Verführung etwas von ſeiner Kraft verloren haben mag.“ „Woher will man das wiſſen?“ ſagte Lionel, der begierig den Scherz verfolgte, um die augenſcheinliche Entfernung aufzu⸗ heben, die zwiſchen ihnen beſtanden hatte:„hätte Eva ſo ſtreng die Ohren, wie Sie den Mund vor dem Anerbieten verſchloſſen, ſo möchten wir wohl jetzt noch die erſte Gabe unſerer Eltern zu ge⸗ nießen haben!“ „O, Sir, der Thee iſt mir nicht ſo fremd, als Sie wohl nach meiner jetzigen Gleichgültigkeit ſchließen möchten; Job Pray ſagt, Boſtons Hafen iſt nichts als ein weiter Theekeſſel.“* „Sie kennen demnach Job Pray, Miß Danforth?“ ſagte Lionel, nicht wenig ergötzt über ihre Munterkeit. „Gewiß; Boſton iſt ſo klein und Job ſo nützlich, daß Jeder⸗ mann den Dummkopf kennt.“ „Er gehört alſo zu einer angeſehenen Familie, denn er ſelbſt verſicherte mir, daß jedermann ſeine wirre Mutter Abigail kenne.“ „Sie!“ rief Cäcilie wieder mit jener ſüßen, natürlichen Stimme, die ſchon früher ihren Zuhörer ſo bezaubert hatte;„was können Sie von dem armen Job wiſſen und von ſeiner faſt eben ſo unglücklichen Mutter?“ „Nun, meine Damen, habe ich Sie in meiner Schlinge!“ rief * Man wird ſich erinnern, daß die Amerikaner mehrere Schiffsladungen mit Thee in den Hafen von Boſton warfen. —p; — — Lionel;„dem Theedampf vielleicht mögen Sie widerſtehen, aber welches Weib könnte dem Einfluſſe der Neugierde ſich entziehen? Um übrigens mit meinen ſchönen Verwandten nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft nicht zu grauſam zu verfahren, will ich Ihnen ſogar bekennen, daß ich bereits eine Zuſammenkunft mit Mrs. Pray gehabt habe!“ Die Antwort, welche Agnes zu geben im Begriff war, wurde durch ein leichtes Krachen unterbrochen, und als ſie ſich umwandten, ſahen ſie die zerbrochenen Stücke einer Taſſe aus dem prächtigen Dresdener Service zu den Füßen der Mrs. Lechmere liegen. „Meine theure Großmamma iſt unwohl?“ rief Cäcilie und ſprang der alten Dame zu Hülfe.„Geſchwind, Cato— Major Lincoln, Sie ſind flinker, um des Himmels Willen, ein Glas Waſ⸗ ſer— Dein Riechfläſchen, Agnes!“ Die liebenswürdige Aengſtlichkeit ihrer Enkelin war übrigens nicht ſo nöthig, als der erſte Anſchein hätte vermuthen laſſen; Mrs. Lechmere legte freundlich das Fläſchchen bei Seite, lehnte jedoch das Glas nicht ab, das Lionel nun zum zweitenmal in einem ſo kurzen Zwiſchenraum ihr anbot. „Ich fürchte, Sie werden mich für eine ſchwächliche alte Frau halten, Couſin Lionel,“ ſagte die alte Dame, als ſie ſich wieder ein wenig geſammelt hatte,„aber ich glaube, es iſt gerade dieſer Thee, über den ſchon ſo Vieles geſprochen wurde, und den ich aus purer Loyalität im Uebermaß genieße, der meine Nerven angreift; —— ich muß mich ſo gut als die Mäͤdchen zurückhalten, obwohl aus ganz verſchiedenem Grunde. Wir ſind ein ſehr zeitiges Völk⸗ chen, Major Lincoln; doch Sie ſind hier zu Hauſe und mögen ſich ganz nach ihrem Wohlgefallen einrichten. Ich meines Theils muß übrigens ſchon um drei Viertel auf Zehn um Ihre Nachſicht bitten und Ihnen nach Ihrer Reiſe eine gute Nachtruhe wün⸗ ſchen. Cato hat ſchon ſeine Ordre, Alles, was er kann, zu Ihrer Bequemlichkeit beizutragen.“ —— SG 2 ν 8 18 aber zen? ſo yuen Pray urde dten, igen und kajor Waſ⸗ gens ſſen; ehnte inem Frau dieder dieſer aus reift; zwohl Völk⸗ nögen Theils chſicht wün⸗ Ihrer 47 Auf ihre beiden Begleiterinnen ſich lehnend, zog ſich die alte Dame zurück und ließ Lionel im vollen Beſitze des Zimmers. Da es ſchon ſpät an der Zeit und die Rückkehr der jüngeren Damen nach den Komplimenten, die ſie ausgetauſcht hatten, nicht mehr zu erwarten war, rief er nach Licht und wurde auf ſein Zimmer ge⸗ führt. Sobald die wenigen unentbehrlichen Dienſte, welche einem Gentleman damaliger Zeit einen Diener nöthig machten, verrichtet waren, entließ er Meriton, warf ſich aufs Bett und ſuchte die Süßigkeiten des Kiſſens. Mancherlei Vorfälle waren ihm übrigens an dieſem Tage be⸗ gegnet, die jetzt eine Reihe von Gedanken in ihm erregten, welche ihn hinderten, die natürliche Ruhe, die er ſuchte, zu finden. Nach⸗ dem er ſich langem und unerfreulichem Nachſinnen über gewiſſe Ereigniſſe hingegeben hatte, welche zu eng mit ſeinen perſönlichen Gefühlen zuſammenhingen, um ſie leicht zu übergehen— begann der junge Mann über ſeine Aufnahme und über die Per⸗ ſonen Betrachtungen anzuſtellen, die ihm hier eigentlich zum Erſten⸗ mal vorgeführt worden waren. Es war vöͤllig klar, daß beide, Mrs. Lechmere und ihre En⸗ kelin, jede ihre beſondere Rolle ſpielten, ob aber in Uebereinſtimmung oder nicht, blieb noch zu entdecken. In Agnes Danforth aber konnte er mit all ſeiner Feinheit nichts als die offenen und geraden, wenn auch etwas derben, Eigenthümlichkeiten ihrer Natur und „Erziehung bemerken. Wie die meiſten jungen Männer, welche eben die Bekanntſchaft zweier jungen weiblichen Weſen gemacht haben, die beide durch körperliche Reize weit über die Mehrzahl ihres Ge⸗ ſchlechts hervorragen, ſchlief auch er im Nachſinnen über ihre Charaktere ein. Und ſo kann es wohl, bei Erwägung der Umſtände, nicht auffallend erſcheinen, wenn wir hinzufügen, daß er bis zum Morgen vom Avon, dem ſtattlichen Schiffe aus Briſtol träumte, an deſſen Bord er bei den Küſten von Neufundland ein Schiffs⸗ gericht einzunehmen glaubte, das auf hoͤchſt räthſelhafte Art von den ſchönen Händen der Miß Danforth bereitet worden und ſelt⸗ ſamer Weiſe mit Thee gewürzt war; während das Hebe ähnliche Antlitz von Cäcilie Dynevor mit unverhehlter Gutmüthigkeit und mit aller Luſt mädchenhafter Fröhlichkeit über ſeine Verwirrung lachte. Viertes Kapitel. Ein ſtattlicher Mann, meiner Treu, und ein korpulenter. König Heinrich IV. Wie Sonne hatte eben angefangen, die ſchweren Dunſtſchichten aufzuſtören, die während der Nacht auf den Waſſern gelegen hatten, als Lionel ſich an der Seite von Beacon⸗Hill hinaufarbeitete, mit dem Wunſche, einen Blick auf das Land ſeiner Geburt zu werfen. während es noch unter dem erſten Strahl des jungen Tages er⸗ glühte. Die Eilande hoben ihre grünen Häupter aus dem Nebel hervor und das weite Amphitheater von Hügeln, welche die Bay einſchloſſen, war noch durch den Dunſt ſichtbar, der ſtellenweiſe längs den Thälern hinſtrich— hier den Eingang zu einer maleriſchen Bergſchlucht verſteckend, dort in phantaſtiſchen Formen um einen ſchlanken Kirchthurm ſich windend, der die Lage einer benachbarten Ortſchaft verrieth. Das Stadtvolk war zwar ſchon wach und auf, doch war die Heiligkeit des Tags und beſonders die Lage der Zeit⸗ verhältniſſe ganz dazu geeignet, all das Geräuſch zu unterdrücken, das ſonſt gewöhnlich volkreiche Plätze bezeichnet. Die kühlen Nächte und warmen Tage des Aprils hatten einen ungewöhnlich dichten Nebel erzeugt, der nun ſein wäſſeriges Bett verlaſſend, ſich heimlich über das Land hereinſtahl, um ſich ſodann mit den Dünſten der Bäche und Flüſſe zu vereinigen, die einen weiteren Vorhang vor der friedlichen Scene ausbreiteten. Als Lionel auf dem Gipfel der Plattform ſtand, welche die Erhöhung kröͤnte, ſah er einzelne Licht⸗ bilder von Häuſern und Hügeln, von Thürmen und Schiffen, von er d Pra zu d ſchä nich Sin Frei 49 Plätzen, die ihm zum Theil noch bekannt, theilweiſe aber auch ſeinem Gedächtniſſe entſchwunden waren, durch die Oeffnungen des Nebels gleich Gebilden der Phantaſte an ſeinen Augen vorüberſchwebten. Die ganze Seene, belebt wie ſie war, und in raſtloſer Bewegung, wie die fortwährenden Veränderungen zeigten, erſchien ſeinen auf⸗ geregten Gefühlen als ein wunderſames Panorama, das einzig vor ſeinen Augen ſich entfaltete. Während er in dieſen Anblick vertieft war, wurde er plützlich in ſeiner Betrachtung durch eine Stimme unterbrochen, die offenbar in kurzer Entfernung von ſeinem Stand⸗ punkte ſich vernehmen ließ. Es war ein Menſch, der nach einer bekannten, engliſchen Melodie Bruchſtücke einer Ballade ſang, mit einer Stimme, die durch ihren widrig näſelnden Ton beſonders un⸗ angenehm aufſiel. Durch die häufigen Pauſen des Geſangs wurde es ihm möglich, einige Worte des Tertes aufzufaſſen, die nach ihrer Wiederholung zu ſchließen, allem Anſchein nach beſtimmt waren, den Schlußchor der ſonderbaren Weiſe zu bilden. Der Leſer wird den Charakter des Ganzen aus den folgenden Zeilen beurtheilen können, welche alſo lauteten: Seht nur, ſie All', die Frei'n, Sie zieh'n davon; Nur wer ein Sklav mag ſeyn, Bleibt und ſchlürft Giftthee ein; Schmach ihm zum Lohn! Nachdem Lionel dieſem Singſang eine Weile zugehört, folgte er der Richtung, wo die Töne herkamen, und entdeckte hier Job Pray, der auf einer von den Stufen ſaß, welche das Aufſteigen zu der Plattform erleichterten, und ſich eben mit Nüſſeknacken be⸗ ſchäftigte, wobei er denn die freien Augenblicke, wenn ſein Mund nichts Beſſeres zu thun fand, dazu benützte, die oben erwähnten Singweiſen von ſich zu geben. „Ci, ei, Meiſter Pray, kömmſt Du hieher, der Göttin der Freiheit Deine Lobgeſänge anzuſtimmen— an einem Sonntag Morgen?“ Lionel Lincoln. 2. Aufl. 4 rief Lionel,„oder biſt Du die Stadtlerche und wählſt Dir in Er⸗ manglung der Flügel dieſe Höhe, um für Deinen Geſang den rich⸗ tigen Standpunkt zu finden?“ „Es iſt keine Sünde, Pſalmen oder Lieder vom Feſtland her an irgend einem Tage der Woche zu ſingen,“ erwiederte der Burſche, ohne ſich im Mindeſten in ſeinem Geſchäfte ſtören zu laſſen.„Job weiß nicht, was eine Lerche iſt, doch wenn ſie zur Stadt gehört— dort iſt's mit Soldaten ſo dick geſäet, ſie könnten ſie kaum auf dem Gemeindegrund gehen laſſen.“ „Und welche Einwendung kannſt Du dagegen haben, daß die Soldaten einen Winkel von eurem Gemeindegrund im Beſitz haben?“ „Sie laſſen die Kühe verhungern, und dann wollen ſie keine Milch mehr geben; Gras ſchmeckt den Thieren ſüß im Frühling des Jahres.“ „Aber, mein Leben will ich wetten, die Soldaten eſſen doch kein Gras; eure Schecken und Schwarzen, eure Rothhaare, Weißen können noch immer, ſo wie ſonſt, die erſte Gabe des Frühlings für ſich nehmen.“ „Aber Boſtoner Kühe lieben nicht das Gras, auf dem brittiſche Soldaten herumgetreten ſind.“ „Nun das heißt doch wahrhaftig die Begriffe von Fr eiheit auf's Hoͤchſte verfeinert!“ rief Lionel lachend. Job ſchüttelte drohend mit dem Kopf, hob die Augen empor und ſagte:„Laßt Ralph ja nichts davon höͤren, daß Ihr gegen die Freiheit ſprecht!“ „Ralph! wer iſt der, mein Burſche? Dein Schutzgeiſt! wo haſt Du ihn gelaſſen, den Unſichtbaren, daß ich zu befürchten hätte, er moͤchte mir zuhoͤren, wenn ich ſpreche?“ „Dort oben im Nebel,“ ſagte Job, indem er bedeutungsvoll nach dem Fuße des Leuchtthurms hinwies, den eine dichte Dunſt⸗ maſſe einhüllte, wahrſcheinlich angezogen von dem hochragenden Pfeiler, der den Feuerroſt ſtützte. an ſche, Job 1— dem die 2n?“ keine hling doch eißen gllings ttiſche auf's empor hen die t! wo hätte, gsvoll Dunſt⸗ genden 51 Lionel blickte einen Augenblick auf nach der Rauchſäule, als plötzlich der Nebel ſich zu theilen begann und er mitten in den ſich drängenden Schichten die dunkle Geſtalt ſeines bejahrten Reiſe⸗ gefährten gewahr wurde. Der alte Mann war noch in ſeine einfache, verblichene graue Kleidung gehüllt, welche mit den Nebeln um ihn her ſo eigenthümlich harmonirte, daß ſie ſeiner hingeſchwun⸗ denen Geſtalt ein faſt ätheriſches Anſehen ertheilte. Als der ihn um⸗ gebende Dunſtkreis ſich etwas gelichtet hatte, wurden ſeine Geſichts⸗ züge ſichtbarer. Lionel konnte die nie raſtenden ſchnellen Blitze ſeiner Augen unterſcheiden, wie ſie über die entfernten Gegenſtände mit einem Ernſt hinzuſtreifen ſchienen, welcher des Nebelſchleiers ſpottete, der noch ſo viel von der Ausſicht verhüllte. Während Lionel wie in den Boden gewurzelt daſtand und nach dieſem ſonder⸗ baren Weſen mit jener Ehrfurcht hinblickte, welche der Greis ihm einzuflößen gewußt hatte, winkte dieſer ungeduldig mit der Hand⸗ gleichſam als wolle er ſeine Umhüllung von ſich ſtoßen. In dieſem Augenblick ſchoß ein lichter Sonnenſtrahl in die Nebelmaſſe; die Geſtalt des Fremden wurde gerade davon beleuchtet und mit einem Male zerfloßen die Dünſte. Der ängſtliche, wilde und ſtrenge Aus⸗ druck ſeiner Züge veränderte ſich plötzlich bei der Berührung dieſes Strahls. Er lächelte mit einer Anmuth' und Sanftheit, welche den jungen, gefühlvollen Krieger im Innerſten ergriff. „Hieher kommen Sie, Lionel Lincoln,“ ſo rief der Greis,„an den Fuß dieſes Leuchtthurms, wo Sie ſich Warnungen ſammeln mögen, die, wohl bewahrt, Sie einſt durch viele und große Ge⸗ fahren unverletzt führen werden.“ „Ich bin froh, daß Sie geſprochen haben,“ ſagte Lionel, indem er auf ihn zuging;„Sie erſchienen mir wie ein Weſen aus einer andern Welt, eingehüllt in dieſen Mantel von Nebel, und ich fühlte mich verſucht, niederzuknien und mir Ihren Segen zu erbitten.“ „Und bin ich denn nicht ein Weſen aus einer andern Welt? Das Meiſte von dem, was mir einſt theuer war, ruht ſchon im Grabe und ich zögere hier nur eine kleine Weile, da noch ein großes Werk zu thun iſt, das ohne mich nicht vollendet werden kann. Mein Blick in das Reich der Geiſter, junger Mann, iſt viel klarer und durchdringender, als der Ihrige, wenn er auf dieſe wan⸗ delbare Scene zu ihren Füßen niederſchaut. Da iſt kein Nebel, der meinem Auge entgegenträte, kein Zweiſel über die Farben, die mir dort erſcheinen.“ „Sie ſind glücklich, Sir, an der Gränze Ihres Alters ſo ſicher, ſo voll Vertrauen zu ſeyn. Aber ich fürchte, Ihr plötzlicher Ent⸗ ſchluß in der verfloſſenen Nacht wird Sie wohl in der Hütte dieſes Blödſinnigen manchen Entbehrungen ausgeſetzt haben.“ „Der Knabe iſt ein guter Junge,“ ſagte der alte Mann, indem er ſanft die Stirne des Armen ſtreichelte;„wir verſtehen einand er, Major Lincoln, und das verkürzt die Einleitung und macht die Mittheilung leichter.“ „Daß Sie über Einen Gegenſtand gleich fühlen, hatte ich ſchon Gelegenheit zu bemerken, aber damit, ſollte ich meinen, muß auch die Aehnlichkeit und das Einverſtändniß enden.“ „Die Neigungen der Seele in ihrer Kindheit und in der höchſten Reife ihres Daſeyns ſind nur eine Spanne auseinander,“ erwiederte der Fremde.„Der ganze Umfang menſchlicher Wiſſen⸗ ſchaft kann uns höchſtens belehren, wie ſehr wir unter der Herrſchaft unſerer Leidenſchaften ſtehen, und Der, den die Erfahrung gelehrt hat, dieſen Vulkan zu beſänftigen, ſowie Jener, welcher nie deſſen Feuer in ſich empfunden— ſie ſind doch Beide gewiß recht paſſende Gefährten!“ Lionel verbeugte ſich ſchweigend vor einer für den Andern ſo demüthigenden Behauptung und lenkte die Unterhaltung nach einer augenblicklichen Pauſe wieder auf ihre gegenwärtige Lage. „Die Sonne fängt an, ſich fühlbar zu machen, und hat ſie erſt dieſe zerriſſenen Ueberbleibſel des Nebels verjagt, dann werden wir all' jene Stellen wieder erblicken, die jeder von uns zu ſeiner Zeit ſo oft beſucht hat.“ hon auch der ber,“ ſſen⸗ haft lehrt euer en!“ n ſo einer t ſie erden einer 5³ „Werden wir ſie aber auch wieder finden, wie wir ſte verließen— was glauben Sie wohl? oder werden Sie nicht vielmehr den Fremdling in dem Beſitze jener Lieblingsplätze Ihrer Kindheit ſehen?“ „Nicht den Fremdling, wahrlich nein; ſind wir ja doch Alle Unterthanen des einen Königs, Kinder eines und deſſelben gemein⸗ ſamen Vaters!“ „Ich will Ihnen nicht entgegenhalten, daß er ſich als einen unnatürlichen Vater bewieſen,“ ſagte der Greis mit Ruhe. Der Herr, der jetzt den brittiſchen Thron einnimmt, iſt vielleicht wegen der Unterdrückung ſeines Reichs weniger, als ſeine Rathgeber zu tadeln!“ „Sir,“ unterbrach Lionel,„wenn ſolche Behauptungen über die Perſon meines Souveräns ausgeſprochen werden, müſſen wir uns trennen; denn ſchlecht würde es einem brittiſchen Offizier anſtehen, auf dieſe Art mit Leichtſinn von ſeinem Herrn ſprechen zu hören.“ „Leichtſinn,“ wiederholte der Andere langſam,„das iſt in der That ein Fehler, wie er graue Haare und morſche Glieder wohl zu begleiten pflegt: doch Ihre eiferſüchtige Wachſamkeit lockt Sie hier in einen Irrthum! Ich habe in der Atmoſphäre von Königen ge⸗ athmet, junger Mann, und weiß das Individuum und ſeine Plane wohl von der Politik ſeiner Regierung zu ſondern. Jene Letztere iſt es, welche dieſes große Reich zu trennen droht und dem dritten Georg einſt das entreißen wird, was ſo oft und ſo wahr ‚der glänzendſte Juwel in ſeiner Krone’ genannt wurde.“ „Ich muß Sie verlaſſen, Sir,“ antwortete Lionel;„die Anſich⸗ ten, die Sie während unſerer Reiſe ſo frei geäußert, waren auf Grundſätze geſtützt, die ich ſelbſt kaum als gegen unſre Konſtitution ſtreitend anſehen kann: ſie mochten nicht allein ohne Anſtoß, ſondern oft ſogar mit Bewunderung von mir gehört werden: dieſe Sprache aber gränzt an Verrath.“ „So gehen Sie denn,“ erwiederte der Fremde unbeweglich:„gehen Sie herab auf ihren entwürdigten Grund und laſſen Sie ihre Söldlinge mich ergreifen— es wird nur das Blut eines alten Mannes ſeyn, aber es wird dazu dienen, den Boden zu düngen; oder ſenden Sie Ihre erbarmungsloſen Grenadiere, daß ſie ihr Opfer noch foltern, ehe das Beil das Seinige thun wird; ein Mann, der ſo lange gelebt hat, kann ja wohl ein Wenig von ſeiner Zeit den Peinigern aufſparen!“ „Ich hätte erwartet, Sir, daß Sie einen ſolchen Vorwurf mir erſparen würden.“ „Ich will ihn erlaſſen und will noch mehr thun— ich will meine Jahre vergeſſen, und um Verzeihung bitten. Aber hätten Sie Sklaverei gekannt, wie ich ſie erfuhr, in ihrer ſchrecklichſten Geſtalt, Sie würden dann ſicher auch den unſchätzbaren Segen der Freiheit beſſer zu achten wiſſen.“ „Haben Sie je auf Ihren Reiſen die Sklaverei näher kennen gelernt, als etwa in Dem, was Sie als eine Verletzung von Grund⸗ ſätzen anſehen?“ „Ob ich habe!“ rief der Fremde, bitter lächelnd;„ich habe ſie kennen gelernt, wie nie ein Mann ſie kennen lernen ſollte, in That und Willen. Ich habe Tage, Monde, ſelbſt Jahre verlebt und mußte Andere kalt über meine Bedürfniſſe entſcheiden hören; mußte ſehen, wie Andere durch ihr mageres Mitleid meiner Noth zu Hülfe kamen; mußte vernehmen, wie ſie /ſich das Recht anmaßten, die Leiden zu beſchreiben und die Freude an Gefühlen zu beſchränken, welche Gott allein mir verliehen hatte.“ „Solche Knechtſchaft zu erdulden, müßt Ihr in die Gewalt unglänbiger Barbaren gefallen ſeyn.“ „Ha, mein Junge, Dank für dieſe Worte! in der That, ſie verdienten mit vollem Rechte dieſen Namen. Ungläubige, welche die Gebote unſres geſegneten Erlöſers verläugneten, Barbaren, die ihren Nebenmenſchen, der eine Seele und Vernunft beſaß, wie ſie ſelbſt, gleich einem Thiere des Feldes behandelten.“ „Warum kamt Ihr nicht nach Boſton, Ralph, und erzäͤhltet das dem Volk in Funnel⸗Hall?“ rief Job;„da wäre wohl ein Lärm darüber geweſen.“ — 2Q ‿ 2 1 ☛̈ h 8 ₰ỹ„¼ 8 .——-—.,————, — 55 „Kind, ich kam nach Boſton, wieder und immer wieder, in Gedanken; und der Ruf, den ich erſchallen ließ an meine Landsleute, er würde wohl ſelbſt die Zügel auf Alt⸗Faneuil bewegt haben, hätte er nur in ihren Mauern laut werden können. Aber es war umſonſt! ſie hatten die Macht und gleich Teufeln— oder vielmehr gleich elenden Menſchen— mißbrauchten ſie dieſelbe.“ Lionel, ſichtbar gerührt, war eben im Begriff, eine paſſende Antwort hierauf zu geben, als er ſeinen eigenen Namen von einer Stimme laut rufen hörte, die von dem entgegengeſetzten Abhang des Hügels heraufzukommen ſchien. In dem Augenblick, als dieſe Töne ſein Ohr erreichten, erhob ſich der alte Mann von ſeinem Sitz am Fuße des Leuchtthurms, und mit Job über die Fläche der Platform hineilend, verſchwand er und der Knabe mit wunderbarer Geſchwindigkeit in einer Nebelſchichte, die noch an der Seite des Hügels hing. „Ha, Leo, du Löwe dem Namen nach und Reh an Geſchwin⸗ digkeit!“ rief der Ankommende, als er den ſteilen Abhang erſtiegen hatte,„was kann Dich ſo früh ſchon in dieſe Wolken heraufgeführt haben? hu,— man braucht ja wahrhaftig einen Newmarketzug, um an einem ſolchen Abgrund heraufzuklimmen. Aber, Leo, mein theurer Junge, ich bin herzlich erfreut, Dich zu ſehen—— wir wußten, daß Du mit dem erſten Schiff erwartet wurdeſt und als ich gerade von der Morgenparade kam, begegnete ich einem Paar Burſchen in dem, Lincoln Grün“, das Du kennſt, jeder einen Vollblutrenner an der Hand—— meiner Treu, von dieſen wäre mir einer ganz er⸗ wünſcht geweſen, um den verfluchten Hügel heraufzuklettern— puh und noch einmal puh,— nun, ich erkannte die Livree auf den erſten Blick; was die Pferde anbelangt, ſo hoffe ich, ſpäter noch beſſer damit bekannt zu werden.„Sagt mir, Sir', ſo ſprach ich zu einem der Schlingel in der Livree, ‚„wem dient Ihr!— ‚Major Lincoln, Sir, von Ravenseliffe“ gab er zur Antwort und das mit einem ſo unverſchämten Blick, als hätte er ſagen können, wie Sie und ich, „Seiner geheiligten Majeſtät dem König'. Das iſt die Antwort der Die⸗ ner von Euch Zehntauſend Pfund⸗des⸗Jahrs⸗Männern! Nun denk ein⸗ mal, man hätte an meinem Tölpel eine ſolche Frage gerichtet, der hätte geantwortet, der verzagte Hund,„Kapitän Polwarth im Siebenundvierzigſten', und hätte den Frager, ſelbſt wenn er ein neu⸗ gieriges Mägdlein geweſen wäre, die in das tout ensemble meiner Außenſeite ſich vergafft, in völliger Unwiſſenheit darüber gelaſſen, daß es noch ſo einen Ort wie Polwarth⸗Hall in der Welt gebe.“ Während dieſer munteren Rede, die nur durch verſchiedentliche Anſtrengungen des Sprechers, den im Heraufſteigen verlorenen Athem wieder zu gewinnen, unterbrochen wurde, ſchüttelte Lionel ſeinem Freunde herzlich die Hand, und ſuchte ihm ſeine eigene Frende über dieſes Zuſammentreffen auszudrücken. Der Mangel an Athem in⸗ deſſen, der bei Kapitän Polwarth eine Art von Erbſünde war, hatte dieſen zum Pauſiren gezwungen und verſtattete Lionel Zeit zu einer Antwort. „Dieſer Hügel iſt wahrlich der letzte Ort, wo ich Dich zu treffen erwartet haͤtte,“ ſagte er.„Ich nahm als gewiß an, Du würdeſt vor neun oder zehn wenigſtens nicht aus den Federn kommen und da war es denn meine Abſicht,/ nach Dir zu fragen und Dich zu beſuchen, ehe ich dem kommandirenden General meine Aufwar⸗ tung gemacht hätte.“ „Ha, Du magſt Sr. Ereellenz, dem„ſehr ehrenwerthen Thomas Gage, Statthalter und General⸗en⸗Chef in und über die Provinz Maſſachuſets⸗Bay und Viceadmiral ebendaſelbſte, wie er ſich ſelbſt in ſeinen Proklamationen titulirt, für dieſe beſondere Gunſt Deinen Dank abſtatten, obwohl er, unter uns geſagt, Leo, gerade ſo gut Statthalter über die Provinz als Beſitzer von den Rennern iſt, die Du eben an's Land haſt bringen laſſen.“ „Aber warum ſoll ich ihm für dieſes Zuſammentreffen danken?“ „Warum? ſchau einmal um Dich und ſage mir, was Du ſiehſt— Nebel und Nichts als Nebel—— doch nein, ich ſehe 57 doch, dort iſt ein Kirchthurm, drüber die rauchende See und hier die Kamine von Hancocks⸗Houſe unter uns, gleichfalls rauchend, als ob ihr rebelliſcher Herr zu Haus wäre und ſich eine Mahlzeit bereitete; aber Alles, was Du ſiehſt, iſt ganz und gar rauchig und gerade vor dem Rauch haben wir Epikuräer eine natürliche Abneigung. Die Natur verlangt, daß ein Mann, der den Tag über vollauf zu thun hat, nur um ſich überall herumzubringen, wie hier Dein gehorſamer Diener vor Dir, wenigſtens ſeine Nachtruhe des Morgens nicht zu plötzlich abbreche. Aber der ſehr ehrenwerthe Thomas, Statthalter und Viceadmiral u. ſ. w. hat uns alle, Offiziere wie Soldaten, mit Sonnenaufgang unter die Waffen beordert.“ „Nun das iſt doch gewiß keine große Anſtrengung für einen Soldaten, und überdieß ſcheint es mir wunderbar bei Dir anzu⸗ ſchlagen. Jetzt erſt ſehe ich, Polwarth, und bin erſtaunt!— wahr⸗ haftig, Du haſt doch nicht gar eine Leichtinfanterie⸗Jacke an?“ „Sicherlich— und was iſt denn auch daran ſo ſehr zu ver⸗ wundern?“ antwortete der Kapitän mit großem Ernſt;„paſſe ich etwa nicht für den Anzug, oder will dieſer mir nicht recht ſtehen, daß Du mich anſiehſt, als wollteſt Du vor Lachen ſterben? Lache nur zu, Leo, ich bin es in dieſen drei Tagen ſchon gewöhnt wor⸗ den— aber was iſt denn bei alle dem ſo gar Beſonderes daran, wenn ich, Peter Polwarth, eine Compagnie der leichten Infanterie kommandire? Habe ich nicht akkurat meine fünf Fuß, ſechs und ein achtel Zoll— das vorgeſchriebene Maß?“ „Du biſt, wie mir ſcheint, bei Deiner Längenbeſtimmung ſo genau verfahren, als hätteſt Du beſtändig einen von Harriſon's Längemeſſern bei Dir; iſt Dir aber nie eingefallen, Dich auch eines OQuadranten hiebei zu bedienen?“ „Für meine Breite! Ich verſtehe Dich, Leo! weil ich ein wenig gleich unſerer Mutter Erde geſtaltet bin, beweist das, daß ich deßwegen keine Leichtinfanterie⸗Compagnie kommandiren kann?“ „Ei, gerade wie Joſua einſt die Sonne kommandirte. Aber ſelbſt das Stillſtehen dieſes Geſtirns iſt kein größeres Wunder in meinen Augen, als der Umſtand, daß ich Dich in dieſem Anzug vor mir ſehe.“ „Nun gut, das Geheimniß ſoll Dir enthüllt werden; aber erſt laß uns an dieſem Leuchtthurm niederſitzen,“ ſagte Kapitän Pol⸗ warth, indem er ſich unter vielen Umſtänden auf der nämlichen Stelle zurecht ſetzte, welche kurz vorher die magere Geſtalt des Fremden eingenommen hatte;„ein ächter Soldat ſchont haushäl⸗ teriſch ſeine Kräfte für die Zeit der Noth. Da ſpreche ich aber von Haushalten und das bringt mich auf einmal zum Ziele— ich bin verliebt.“ „Das iſt erſtaunlich!“ „Ja, was Dich aber noch vielmehr wundern wird, iſt, ich möchte gar zu gern heirathen.“ „Das muß ein Weib von keinen geringen Gaben ſeyn, die ſolche Wünſche zu erregen vermochte bei Kapitän Polwarth vom Siebenundvierzigſten und von Polwarth⸗Hall!“ „Sie iſt eine Dame von großen Vorzügen, Major Lincoln,“ ſagte der Liebhaber mit einem plötzlichen Ernſt, der bewies, daß ſeine luſtige Manier nicht ganz natürlich war.„Von ihrer Geſtalt könnte man ſagen, ſie ſey auf einer Drechſelbank geſchnitzt worden. Wenn ſie ernſthaft iſt, geht ſie einher mit der Stattlichkeit eines Schau⸗ ochſen; wenn ſie hüpft, geſchieht es mit der Raſchheit eines wel⸗ ſchen Hahns, und wenn ſie ruht, kann ich ſie einzig mit einem Ge⸗ richte Wildpret vergleichen, geſchmackvoll, zart, gerade ſo, daß man nie genug davon bekommen kann.“ „Du haſt, um in Deinen eigenen Metaphern zu reden, mir ſolch eine rare Skizze von ihrer Perſon entworfen, daß ich brenne, auch etwas von ihren Geiſtesgaben zu hören.“ „Meine Bilder ſind vielleicht nicht poetiſch, aber ſie ſind die erſten, die ſich meinem Geiſte darbieten und ſind natürlich. Die Eigenſchaften aber, die ſie ſich durch ſorgfältige Ausbildung erwor⸗ ben, übertreffen noch bei Weitem die natürlichen Anlagen ihres die vom In,“ ſeine nnte Venn hau⸗ wel⸗ Ge⸗ man mir enne, d die Die wor⸗ ihres 59 Geiſtes. Erſtens iſt ſie witzig; zweitens biſſig wie der Teufel und drittens iſt die Kleine ſolch eine eingefleiſchte Rebellin gegen König Georg, als es nur je eine in Boſton geben kann.“ „Das find ſonderbare Empfehlungen für Deine Gunſt.“ „Die untrüglichſten von allen Recommandationen. Sie ſind pikant, wie ſchmackhafte Saucen, die den Apetit erregen und die Mahlzeit würzen. So z. B. ihre Verrätherei(denn ſo weit geht's bei ihr in der That) iſt wie Oliven und gibt meiner eigenen groß⸗ herzigen Loyalität einen beſondern Beigeſchmack. Ihre Läſſigkeit iſt das Oel zu dem kalten Salat meiner Beſcheidenheit, und ihr ſcharfer Witz mengt ſich mit der Sanftheit meines Temperaments zu jener Art lieblicher Mengung, mit welcher Süßes und Saures im Sorbet ſich miſchen.“ „Es wäre eitle Mühe für mich, wollte ich länger die Reize eines ſolchen Weſens beſtreiten,“ erwiederte Lionel, höchlich ergötzt durch die drollige Miſchung von Ernſt und Scherz in der Art ſeines Freundes;„nun aber ihren Zuſammenhang mit der leichten Infanterie— ſie dient doch, hoffe ich, nicht unter den leichten Trup⸗ pen ihres eigenen Geſchlechts, Polwarth?“ „Verzeiht mir, Major Lincoln, darüber kann ich keinen Scherz vertragen. Miß Danforth gehört zu einer der beſten Familien der Stadt.“ „Danforth! doch nicht etwa gar Agnes!“ „Gerade dieſelbe!“ rief Polwarth erſtaunt,„was weißt denn Du von ihr?“ „Nichts, als daß ſie ſo etwas wie eine Coufine von mir iſt und daß wir in einem Hauſe zuſammen wohnen. Wir ſind beide in gleichem Grade mit Mrs. Lechmere verwandt und die gute Dame beſtand darauf, daß ich meine Wohnung in der Tremont⸗ ſtraße nehmen ſollte.“ „Ha! das höre ich mit Freuden! So wird auf alle Fälle unſere Freundſchaft zu etwas Beſſerem dienen, als blos mit einan⸗ der zu eſſen und zu trinken. Doch um zur Hauptſache zu kommen— da waren ſo etliche verdammte Sticheleien im Umlauf über meine Proportion, die ich für klug hielt mit einem Male niederzuſchlagen.“ „Was zu erreichen Du nichts zu thun hatteſt, als ſchlanker zu erſcheinen.“ „Und thue ich dieß nicht in dieſer knappen Kleidung? In allem Ernſte, Leo— denn gegen Dich kann ich mich ganz frei auslaſſen — Du weißt, welch' ein Völkchen wir ſind im Siebenundvierzigſten. Laß ſie einmal ein Schimpfwort aufgabeln, einmal einen Spitz⸗ namen Dir aufheften und Du nimmſt ihn mit zu Grabe, mag er auch noch ſo läſtig ſeyn.“ „Es gibt aber doch wahrlich einen Weg, ſolche Freiheiten, wenn ſie einem Gentleman nicht anſtehen, auf gute Weiſe von ſich fern zu halten,“ ſagte Lionel ernſt. „Pah, pah! ein Mann wird doch nicht gar wegen eines Pfundes Fett mehr oder weniger zum Kampfe ſchreiten! Doch auch der Name macht viel aus und die erſten Eindrücke entſcheiden Alles. Nun wer hält wohl Groß⸗Kairo für ein Dorf und denkt ſich unter dem Groß⸗Türken und Groß⸗Mogül kleine Knaben, oder wer wird wohl vom Hörenſagen glauben, daß Kapitän Polwarth von der leichten Infanterie ſeine 180 wiegen könne?“ „Und 20 dazu?“ „Nicht ein Pfund weiter, ſo wahr ich ein Sünder bin. Erſt in der vorigen Woche wurde ich von der geſammten Tiſchgeſellſchaft gewogen, und ſeither habe ich eher eine Unze verloren als zuge⸗ legt, denn dieſes Frühaufſtehen hilft keineswegs zum Fettwerden. Es geſchah in meinem Schlafrock, Du wirſt ihn wohl noch kennen— denn wir Jünger vom Kerbholz können nicht wie ihr federleichten Springer uns auch noch auf Stiefel und Sporen und all' jene andern Beſchwerniſſe beim Wägen einlaſſen.“ „Aber ich wundre mich nur, wie Nesbitt ſich verleiten laſſen lem ſſen ten. pitz⸗ g er iten, ſich eines auch llles. unter wird n der Erſt ſchaft zuge⸗ erden. en— ichten jene laſſen 61 konnte, ſeine Einwilligung zu der Veränderung zu geben,“ ſagte Lionel;„er ſieht doch auch etwas auf die äußere Erſcheinung.“ „Dafür bin ich gerade der Mann,“ unterbrach ihn der Kapitän; „ich bin nun einmal einverleibt, wie Du ſiehſt und ſtelle, wenn Du ſo willſt, mehr vor als irgend ein Kapitän im Corps.— Aber ich will Dir ein Geheimniß in's Ohr flüſtern. Es hat hier kürzlich eine ſchlimme Geſchichte gegeben, wobei das Siebenundvierzigſte ſich keine neuen Lorbeeren ſammelte; da war ein langes Streiten und Deliberiren um eine alte roſtige Muskete.“ „Ich habe bereits etwas von der Sache gehört,“ antwortete Lionel,„und zu meinem Leidweſen fand ich geſtern Abend, daß die Leute ihr eigenes brutales Benehmen durch das Beiſpiel ihres Be⸗ fehlshabers zu entſchuldigen wagten.“ „Hum— ˙s iſt eine delikate Sache— nun, und dieſe Patſche hat den Oberſt gerade in Boſton in beſonders üblen Geruch ge⸗ bracht und namentlich unter den Frauen, in deren Gunſten wir überhaupt ſammt und ſonders viel tiefer ſtehen, als je zuvor, ſo viel ich weiß, die Scharlachröcke geſtanden haben. Denke Dir, Leo, die Blaukutten gehen uns hier insgeſammt weit voran! Aber unter allen Offizieren der Armee iſt Keiner, der ſich mehr Freunde hier am Platz erworben hätte, als Dein ergebener Diener. Ich habe dieſe Popularität, die gerade jetzt nichts weniger als unwichtig iſt, mir zu Nutzen gemacht, und theils durch Verſprechungen, theils durch geheimen Einfluß erhielt ich die Compagnie, auf welche, wie Du weißt, mein Rang im Regiment mir ein unbezweifeltes Recht gibt.“ „Eine vollkommen genügende Erklärung, ein durchaus lobens⸗ werther Ehrgeiz von Deiner Seite und ein ſicheres Zeichen, daß der Friede nicht geſtört werden wird: denn Gage würde nie zu einem ſolchen Arrangement ſeine Zuſtimmung geben, wenn er irgend ein thätliches Einſchreiten in Ausſicht hätte.“ „Ja, da möchteſt Du faſt Recht haben; dieſe Yankees ſprechen und faſſen Beſchlüſſe und billigen ihre Beſchlüſſe, wie ſie's nennen, — — — 62 jetzt ſchon an die zehn Jahre und zu was führt das Alles am Ende? Das iſt ſicher, die Sachen gehen mit jedem Tage ſchlimmer, aber Jonathan iſt und bleibt mir ein Räthſel. Nun Du erinnerſt Dich noch, als wir zuſammen in der Kavallerie waren— Gott verzeihe mir den Selbſtmord, den ich beging, als ich aus ihr in die Infanterie übertrat, was ich auch ſicherlich nicht gethan hätte, wäre nur in ganz England ein ruhiger Paßgänger oder ein ſicherer Springer für mich zu finden geweſen!— aber damals, nahm das Volk Aergerniß an einer neuen Abgabe oder war Stockung in den Geſchäften, rotteten ſie ſich zuſammen, brannten ein Haus nieder oder zwei, hatten ſie einen Beamten erſchreckt oder vielleicht einen Konſtabel geprügelt— da, Du weißt noch, wir auf einmal im Galopp drauf los, zogen unſre Säbel und jagten die lumpigen Teufel nach allen vier Winden: die Gerichte thaten dann vollends das Ihre, wir hatten mit ein wenig Athem einen leichten Sieg davon getragen und wurden reichlich dafür entſchädigt durch einen vermehrten Appetit beim Mittagsmahl. Aber hier geht das Ding einen ganz andern Gang.“ „Und welches ſind denn gerade jetzt die beunruhigendſten Zeichen in den Kolonien?“ fragte Major Lincoln, mit merklichem Intereſſe an der Sache. „Sie entziehen ſich ihre natürlichen Nahrungsmittel, um, wie fie's nennen, ihre Grundſätze zu wahren; die Weiber verſchwören den Thee und die Männer verlaſſen ihre Fiſchereien! Es iſt kaum ſo etwas wie eine wilde Ente während des ganzen Frühjahrs auf den Markt gebracht worden, einzig und allein in Folge der Hafen⸗ Bill, und dazu werden die Schlingel mit jedem Tage noch ſtörriſcher. Sollte es aber auch zu Schlägen kommen, Gottlob, wir ſind ſtark genug, uns nach jedem Theil des Kontinents einen Weg zu bahnen, wo die Vorräthe reichlicher ſeyn mögen und ich höͤre, es ſind be⸗ reits noch mehr Truppen unterwegs?“ ——-w—„— am ier, erſt Bott in tte, erer das den eder nen im igen ends Sieg inen ding sſten hem wie ören aum auf fen⸗ cher. ſtark nen, be⸗ 63 „Wenn es zu Schlägen kommen ſollte, was der Himmel ver⸗ hüten möchte, ſo werden wir belagert, da wo wir jetzt eben ſind.“ „Belagert!“ rief Polwarth in ſichtbarem Schreck; wenn ich dächte, daß nur die geringſte Ausſicht zu einem ſolchen Unglück vorhanden wäre, ich würde morgen ſchon aufkaufen. Es iſt ſchon jetzt ſchlimm genug; unſer Mittagstiſch iſt nie gehörig beſetzt, aber käme noch vollends eine Belagerung dazu, es gäbe eine völlige Hungersnoth.— Nein, nein, Leo, ihre kleinen Leute mit dem lang⸗ läufigen Schießzeug werden wohl nicht daran denken, viertauſend brittiſche Soldaten mit einer Flotte, die uns den Rücken deckt, zu belagern. Viertauſend! Wenn die Regimenter, die ich nennen hörte, wirklich ſchon unterwegs ſind, dann ſind wir unſer acht⸗ tauſend, ſo brave Männer, als je trugen—“ „Leichtinfanterie⸗Jacken,“ unterbrach ihn Lionel.„Doch mit den Regimentern iſt's gewiß; Klinton, Bourgoyne und Howe hatten am nämlichen Tage mit mir ihre Abſchiedsaudienz. Das Militär ſteht in ganz beſonderer Gunſt bei dem König und deßhalb war natürlich unſer Empfang äußerſt gnädig, obgleich es mir ſchien, das Ange des Herrn blicke nach mir auf eine Art, als erinnere er ſich jener Meinungen, die ich ein⸗ oder zweimal in meiner Jugend über den Gegenſtand dieſer unſeligen Streitigkeiten in dem Parlament geäußert.“ „Du ſtimmteſt gegen die Hafenbill,“ ſagte Polwarth,„und zwar aus Rückſicht für mich.“ „Nein, darin war ich auf der Seite der Miniſter. Das Be⸗ nehmen der Stadt Boſton hatte dieſe Maßregel hervorgerufen— über dieſe Frage waren kaum zwei Meinungen im Parlament.“ „Ach, Major Lincoln, was biſt Du ein glücklicher Mann!“ ſagte der Kapitän;„einen Sitz im Parlament mit fünfundzwanzig! Ich glaube, ich würde dieſe Beſchäftigung jeder andern vorziehen— ſchon der Name hat ſo etwas Einnehmendes: ein Sitz! Ihr habt zwei Glieder für Euren Flecken; wer hat denn eben jetzt den zweiten Sitz?“ 1 64 3 1„Sprich nicht davon, ich bitte Dich,“ flüſterte Lionel und un 3 drückte den Arm des Andern, als er aufſtand; er iſt nicht beſetzt än von dem, der ihn einnehmen ſollte, Du weißt es.— Wollen wir Uſ 4 nicht auf den Grund hinabgehen? Dort ſind noch manche Freunde,. ha die ich wohl zu ſeh en wünſchte, ehe die Glocken uns zur Kirche rufen.“ Re 6„Ja, hier iſt der Ort, um in die Kirchen oder vielmehr zum Fa Meeting zu rennen, denn die meiſten von dem guten Volk verſchwö⸗ mi 6 ren den Namen Kirche, wie wir es ſonſt mit der Oberherrſchaft des die Pabſtes machten,“ entgegnete Polwarth, indem er den Fuͤßſtapfen Ge ſeines Gefährten folgte.„Ich habe noch nie daran gedacht, in au 4 1 einen von ihren abtrünnigen Ställen zu gehen und wollte lieber un G manchen Tag an meinem Bagagewagen Schildwach ſtehen, als her 3 eins ihrer Gebete hören. Ich kann's recht gut thun in des Königs Go Kapelle, wie ſie es heißen; denn liege ich erſt einmal gemächlich ein G auf meinen Knieen, ſo halte ich's aus, ebenſogut, wie mein Lord⸗ Da Erzbiſchof von Canterbury, obwohl es von jeher ein Gegenſtand ſeit der Verwunderung für mich war, wo ein Mann nur den Athem Ca t hernehmen mag, um ſich durch dieſes Morgengebet hindurchzuarbeiten.“ zuf Sie ſtiegen den Hügel hinab, während Lionel antwortete, und Kö⸗ ihre Geſtalten verloren ſich bald unter zwanzig Scharlachröcken, die lebe auf dem Gemeindegrund umherſchlenderten. Ba ten 6„; glei Fünftes Kapitel. d3 Für uns und unſre Vorſtellung, Sa Mit unterthän'ger Huldigung, zu Erbitten wir Genehmigung. Au Hamlet. Wir müſſen nun den Leſer um ein Jahrhundert zurückführen, düſt um unſere Erzählung von jedem Schein von Zweideutigkeit zu be⸗ er wahren. Reginald Lincoln war der jüngere Sohn einer uralten dan und ſetzt wir nde, n.“ gzum wö⸗ des ofen in eber als nigs lich ord⸗ tand hem en.“ und die 65 und ſehr begüterten Familie, deren Beſitzungen während der Ver⸗ änderungen, welche die ereignißreiche Periode der Republik und der Uſurpation Cromwell's bezeichnen, ſich als Theile einer Baronie er⸗ halten hatten. Er ſelbſt aber hatte wenig mehr als eine krankhafte Reizbarkeit geerbt, welche ſchon in jener Zeit als ein Erbtheil ſeiner Familie angeſehen wurde. Noch als junger Mann hatte er ſich mit einer Frau vermählt, welcher er mit Innigkeit anhing, und die bei der Geburt ihres erſten Kindes ſtarb. Der Kummer des Gatten wandte ſich zur Religion, aber unglücklicher Weiſe, ſtatt aus ſolchen Nachforſchungen jenen heilenden Troſt zu ſchöpfen, den unſer Glaube ſo reich gewährt, wurde ſein Gemüth durch die vor⸗ herrſchenden aber widerſtreitenden Anſichten über die Eigenſchaften der Gottheit verbittert und das Reſultat ſeiner Bekehrung war, daß er ein ascetiſcher Puritaner und hartnäckiger Prädeſtinarier wurde. Daß ein ſolcher Mann, der nur Weniges vorfand, was ihn mit ſeinem Vaterlande verknüpfte, über die unreinen Intriguen an Carls Hofe empört ſeyn mußte, iſt nicht zu verwundern, und dem⸗ zufolge wanderte er, obwohl durchaus nicht in die Schuld der Königsmörder verwickelt, in den erſten Regierungsjahren dieſes lebensluſtigen Prinzen nach der frommen Provinz Maſaachuſetts⸗ Bay aus. Es war für einen Mann von dem Rang und der anerkann⸗ ten Heiligkeit Reginald's Lincoln nicht ſchwer, ehrenvolle und zu⸗ gleich gewinnreiche Beſchäftigung in den Pflanzungen zu finden, und nachdem die erſte Hitze ſeines neuerwachten Eifers in geiſtlichen Sachen etwas verraucht war, verſäumte er nicht, ſeine Zeit beſſer zu benützen, indem er einen ſchönen Theil derſelben der löblichen Aufmerkſamkeit auf weltliche Dinge widmete. Bis zu dem Tage ſeines Todes blieb er übrigens ein ſtrenger, düſterer, bigotter Frömmler, der ſich den Schein gab, als kümmere er ſich zu wenig um die Eitelkeiten der Welt, um ſeine reine Ge⸗ danken mit ihrem Tande ſich vermengen zu laſſen, ber aber dennoch Lionel Lincoln. 2. Aufl. 66 nothgedrungen ſich dazu hergab, ihre ſichtbaren Pflichten zu er⸗ füllen. Trotz dieſer Geiſteserhabenheit fand ſich dennoch ſein Sohn, bei des Vaters Tode, im Beſitz manch ſchöner Güter, die ohne Zweifel in den Tagen ſeines heiligen Erzeugers durch deſſen kärg⸗ lichen Verbrauch gleichſam von ſelbſt ſich angeſammelt hatten. Der junge Lionel folgte inſofern den Fußſtapfen ſeines wür⸗ digen Vaters, als er fortfuhr, Ehrenſtellen und Reichthümer für ſich ſelbſt aufzuhäufen; wegen einer frühen Täuſchung jedoch und in Folge des obenerwähnten Erbfehlers ſtand es lange an, bis er endlich in den ſpätern Tagen ſeines Lebeus eine Gefährtin fand, mit der er ſein Glüuck theilen konnte. Gegen alle die gewöhnlichen Berechnungen, welche man bei ſolcher Wahl eines Mannes von Selbſt⸗ verläugnung anzuſtellen pflegt, verband er ſich mit einer jungen und lebensluſtigen Episcopalin, welche wenig mehr als ihre ausnehmende Schönheit und ihr reines Blut zur Empfehlung beibrachte. Von dieſer Frau hatte er vier Kinder— drei Söhne und eine Tochter— als auch er an der Seite ſeines verſtorbenen Ahnherrn in die Gruft geſenkt wurde. Der älteſte dieſer Söͤhne war noch ein Knabe, als er in's Mutterland abgerufen wurde, um die Beſitzungen und Ehrenſtellen der Famlie zu erben. Der Zweite, mit Namen Reginald, wurde für die Waffen erzogen, heirathete, hatte einen Sohn und verlor ſein Leben, noch kaum 25 Jahre alt, in den Wilduiſſen, wohin ſein Dienſt ihn gerufen hatte. Der Dritte war der Großvater von Agnes Danforth und die Tochter war Mrs. Lechmere. Die Familie Lincoln war, wenn man die kurze Dauer ihrer Ehen betrachtet, ſo lange ſie in den Kolonien blieb, ausnehmend fruchtbar geweſen, gemäß der weiſen Austheilung der Vorſehung, welche die Functionen unſerer Natur immer nach unſeren Bedürf⸗ niſſen zu regeln ſcheint; in dem Augenblicke aber, da ſte auf der volkreichen, brittiſchen Inſel wieder auflebte, verlor ſie hierin ganz und gar ihren Ruf. Sir Lionel lebte eine ſchöne Zeit verheirathet, ſtarb aber kinderlos; deſſenungeachtet lag ſein Leichnam auf dem er⸗ ohn, ohne ärg⸗ wür⸗ für und is er fand, lichen elbſt⸗ ungen mende dieſer g auch geſenkt er in's iſtellen wurde verlor wohin oßvater r ihrer ehmend ſehung, Bedürf⸗ auf der in ganz eirathet, uf dem 67 Paradebett unter einem glänzenden Prunkhimmel in der weiten Halle ſeiner Ahnen, welche leicht Priam's ganzer Familie hinreichendes Obdach hätte gewähren können. Durch dieſen unglücklichen Umſtand war man genöthigt, aber⸗ mals den Ocean zu durchſchiffen, um für die weiten Domänen von Ravenscliffe und zu einer der älteſten Baronien des Königreichs einen neuen Erben zu holen. Wir hätten dieſen Stammbaum ziemlich nutzlos gepflanzt und aufgezogen, wenn wir unſerem Leſer erſt noch ſagen müßten, daß die Perſon, welche nun das Haupt der Familie wurde, der verwaiste Sohn des verſtorbenen Offiziers war. Er war vermählt und Vater eines blühenden Knaben, als dieſe Erhebung, die nicht un⸗ erwartet kam, eintrat. Sir Lionel ließ Frau und Kind in der Kolonie zurück und eilte unverzüglich nach England, um ſeine Rechte und Beſitzungen zu ſichern. Da er der Neffe und aner⸗ kannte Erbe des letzten Beſitzers war, fand er bei dem wich⸗ tigſten Theil ſeiner Anſprüche keinen Widerſpruch. Doch war frühzeitig über den Charakter und über das Schickſal dieſes Mannes eine Wolke gezogen, welche das gewöhnliche Auge hinderte, die Ereigniſſe ſeines Lebens, wie die anderer Menſchen, aus ihrem offenen und verſtändlichen Verlaufe zu prüfen. Von der Zeit an, wo er zu Rang und Vermögen emporgeſtiegen, war ſelbſt ſeinen früheſten und vertrauteſten Bekannten nur wenig von ihm kund ge⸗ worden. Es ging wohl das Gerücht, er ſey in England zwei Jahre lang durch einen ränkevollen Proceß über ein unbedeutendes Anhängſel zu ſeinen weiten Beſitzungen aufgehalten worden— einen Proceß, der aber, wie man wußte, bereits zu ſeinen Gunſten entſchieden war, als er durch den plötzlichen Tod ſeiner Gattin nach Boſton zurückgerufen wurde. Dieſes Unglück traf ihn, als eben der Krieg von 1756 in ſeiner größten Heftigkeit wüthete: eine Zeit, in der die Kraft der Kolonien zu dem Beiſtande des Mutter⸗ landes aufgeboten wurde, welches, nach der Sprache jener Tage eifrigſt bemüht war, die ehrgeizigen Abſichten der Franzoſen in dieſer Hemiſphäre niederzuſchlagen, oder was in der That auf das Nämliche herauskam, ſeine eigenen auf jede Weiſe zu fördern. Es war damals eine merkwürdige Zeit, als die milden und gemäßigten Koloniſten ihre gewöhnliche Friedfertigkeit abſchüttelten und mit einem Feuer und einer Geſchicklichkeit ſich in den Kampf ſtürzten, die bald mit der äußerſten Kühnheit ihrer geübteren Ver⸗ bündeten wetteiferte. Zum Erſtaunen Aller, die ſeinen Reichthum kannten, ſah man Sir Lionel Lincoln in viele der verzweifeltſten Abenteuer, die jenen Krieg auszeichneten, mit einer Verwegenheit ſich ſtürzen, die eher den Tod ſuchte, als um Ehre buhlte. Gleich ſeinem Vater war er zu den Waffen erzogen worden, aber das Regiment, in welchem er als Oberſtlieutenant diente, ſtand in den öſtlichen Kolonien des Königs, während der unruhige Krieger von einem Punkt zu dem andern eilte, ſein Leben wagte, und mehr als einmal in jenen Unternehmungen, welche den Krieg an der weſt⸗ lichen Gränze bezeichneten, ſein Blut vergoß. Dieſe gefahrvolle Laufbahn wurde jedoch zuletzt plötzlich und auf geheimnißvolle Art unterbrochen. Hingeriſſen durch einen mäch⸗ tigen Trieb, deſſen Weſen nie aufgeklärt wurde, nahm der Baronet ſeinen Sohn und ſchiffte ſich nochmals nach dem Lande ſeiner Väter ein, von wo, ſoviel man wußte, der Erſtere nie mehr zurückge⸗ kehrt war. Viele Jahre lang wurde auf alle jene Nachfragen, welche eine löbliche Neugier die Landsmänner und Landsmänninen von Mrs. Lechmere antrieb, an dieſe über das Loos ihres Neffen zu ſtellen(und wir überlaſſen es jedem unſerer Leſer, deren Zahl zu beſtimmen)— von dieſer Dame mit der höflichſten Zurückhaltung ge⸗ antwortet, und dieß manchmal mit ſolchen Zeichen der Bewegung, wie wir ſie ſchon bei dem erſten Zuſammentreffen mit deſſen Sohne zu ſchildern verſucht haben. Doch anhaltende Tropfen vermögen einen Stein auszuhöhlen. Erſt gab's Gerüchte, der Baronet habe Verrath begangen und ſey gezwungen worden, Ravenscliffe mit u in das und elten ampf Ver⸗ thum ltſten nheit Hleich das n den r von ſr als weſt⸗ h und mäch⸗ aronet Väter kückge⸗ ragen, nninen Neffen ahl zu ng ge⸗ egung, Sohne mögen t habe fe mit 69 einer weniger bequemen Wohnung im Tower zu London zu ver⸗ tauſchen. Dieſer Nachricht folgte die zweite von einer unglücklichen geheimen Ehe mit einer der Prinzeſſinnen vom Hauſe Braunſchweig; aber ein Blick in den Kalender zeigte, daß keine unvermählte Dame dieſes Ranges von dem erforderlichen Alter vorhanden war, und dieſe Verbindung, die den Provinzen ſo glaublich vorkam, mußte wieder aufgegeben werden. Endlich wurde mit weit größeren Anſprüchen auf Wahrheit verſichert, der unglückliche Sir Lionel ſey Bewohner einer Privatirrenanſtalt geworden. Sobald dieſes Gerücht in Umlauf geſetzt war, ſiel es wie Schuppen von jedem Auge, und Niemand war ſo blind, daß er nicht lange zuvor Zeichen des Wahnſinns an dem Baronet bemerkt hätte: ja nicht wenige unternahmen ſogar, ſein angeborenes Recht zur Mondſüchtigkeit aus der ererbten Geiſtesrichtung des ganzen Geſchlechts abzuleiten. Die Erklärung dieſes plötzlichen Ausbruchs war freilich eine ſchwierigere Aufgabe und beſchäftigte für lange Zeit den Scharfſinn eines ſo ausnehmend erfindſamen Volkes. Der gefühlvollere Theil der Gemeinde, als da ſind Jungfrauen und Junggeſellen und jene Verehrex der Ehe, welche ſchon zwei⸗ oder dreimal die tröſtende Kraft dieſes Bandes erprobt hatten, verfehlten nicht, das Mißgeſchick des Baronets dem unglücklichen Verluſte ſeiner Gattin zuzuſchreiben, einer Dame, der er, wie man wußte, mit aller Leidenſchaft ſich hingegeben hatte. Einige wenige Ueberbleibſel der guten, alten Schule, unter deren geiſtigem Uebergewicht die ver⸗ ruchten Geſtalten ſo mancher gottloſen Nekromanten für ihre ab⸗ ſcheulichen Vergehen ſchwer büßen mußten, bezeichneten das Un⸗ glück als die verdiente Strafe für den Abfall einer Familie, die dafür bekannt war, daß ſie nicht den wahren Glauben verehrt hatte. Ein dritter und nicht der kleinſte Theil, beſtehend aus jenen Würdigen, welche in der Königsſtraße um ſchmutzigen Gewinnes willen den Elementen trotzen, ſcheute ſich nicht, zu ſagen, der plötzliche Zufall eines ungeheuren Vermögens habe ſchon manchen beſſern Mann zum Narren gemacht. Aber die Zeit nahte ſich, wo die offenbar unwiderſtehliche Vorliebe, über das Geſchick eines Nebenmenſchen ſeine Forſchungen anzuſtellen, anderen Betrachtun⸗ gen von größerer Wichtigkeit weichen ſollte. Bald kam die Stunde, wo der Kaufmann ſein augenblickliches Intereſſe vergaß, um kühn auf die entfernten Wirkungen einen Blick zu werfen, welche aus den Bewegungen des Tages folgen mußten; wo der Fanatiker die heilſame Lehre erhielt, daß die Vorſehung am huldreichſten auf diejenigen herablächle, welche durch ihre eigenen Anſtrengungen ihre Guuſt am eheſten verdienten und wo ſelbſt die Bruſt des Em⸗ pfindelnden von ihrem krankhaften Bewohner geſäubert ward, damit hinfort die geſunde und veredelnde Leidenſchaft der Vaterlandsliebe darin Raum gewinne. Es war um dieſe Zeit, als der Kampf der Prinzipien zwiſchen dem Parlament von Großbritannien und den nordamerikaniſchen Kolonien begann, der mit der Zeit zu jenen wichtigen Reſultaten führte, welche eine neue Aera in der politiſchen Freiheit feſtgeſetzt und ein neues mächtiges Reich gegründet haben. Ein kurzer Blick auf die Natur dieſes Streites mag dazu dienen, Manchem der Leſer einige Anſpielungen in dieſer Erzählung verſtändlicher zu machen. Der zunehmende Wohlſtand der Provinzen hatte ſchon um's Jahr 1763 die Aufmerkſamkeit des engliſchen Miniſteriums auf ſich gezogen. In dieſem Jahr geſchah der erſte Verſuch, eine Abgabe zu erheben, um den Bedürfniſſen des Staats zu begegnen, und in dieſer Abſicht wurde ein Geſetz erlaſſen, wonach für ein gewiſſes Stempelpapier, das nothwendig war, um Kontrakten Gültigkeit zu verſchaffen, eine Entſchädigung feſtgeſetzt wurde. Dieſe Art, eine Abgabe zu erheben, war an ſich nicht neu, noch war die Auflage durch ihren Betrag drückend. Aber die Amerikaner, nicht weniger ſcharfſinnig als vorſichtig, erkannten auf den erſten Blick die Wich⸗ tigkeit des Grundſatzes, der dadurch eingeräumt wurde, daß ſie irgend einer Körperſchaft, in der ſie nicht vertreten waren, geſtatteten, ſie mit ſich, eines htun⸗ tunde, kühn 2 aus eer die n auf gungen s Em⸗ damit dsliebe wiſchen aniſchen ſultaten eſtgeſetzt er Blick der Leſer nachen. dn um's auf ſich Abgabe und in gewiſſes tigkeit zu lrt, eine Auflage weniger die Wich⸗ ſie irgend en, ſie mit 71 Taxen zu belegen. Die Frage war nicht ohne Schwierigkeiten, aber das klare und unbeſtreitbare Recht war offenbar auf Seite der Koloniſten. Die Stärke ihrer Gründe fühlend und vielleicht auch der großen Anzahl ihrer Partei ſich ein wenig bewußt, gingen ſie der Sache mit einem verſtändigen Eifer zu Leibe, welcher ein Zeugniß eben dieſes Bewußtſeyns abgab, wobei ſie zugleich eine Kälte beob⸗ achteten, welche die Feſtigkeit ihrer Abſicht beurkundete. Nach faſt zweijährigem Sträuben, während welcher Zeit das Geſetz gänzlich gelähmt wurde, ſowohl durch die Einigkeit unter dem Volke als durch eine Art gutmüthiger Gewaltthätigkeit, welche es den Dienern der Krone außerordentlich ſchwierig und vielleicht ein wenig gefährlich machte, ihre verhaßten Funktionen auszuüben,— ließ das Mini⸗ ſterium ſeine Plane fallen. Aber während das Geſetz widerrufen wurde, behauptete das Parlament zu gleicher Zeit ſein Recht, die Kolonien in allen und jeden Fällen zu binden, indem es einen Beſchluß zu dieſem Zwecke in ſeine Journale einrücken ließ.* * Die eigentliche Natur der politiſchen Verbindung zwiſchen England und Amerika ſcheint nie ganz klar aufgefaßt worden zu ſeyn. Da jede einzelne Provinz ihre eigene Konſtitution oder Charte hatte, welche ſämmtlich we⸗ ſentlich republikaniſch, einige ſogar vollkommen demokratiſch waren, ſo beſtand das einzige geſetzmäßige Band in den Prärogativen der Krone. Der überwiegende Einfluß eines Haupt⸗ und Stammlandes, ſelbſt in Fällen anerkannter Gleichheit in ſonſtigen Beziehungen, reſervirte aller⸗ dings Rechte in der Kontrole des Handels und die Getheiltheit der ameri⸗ kaniſchen Regierungen ſelbſt ſicherte England überdieß jederzeit überwie⸗ genden Einfluß. Wirklich betrachteten ſich die Amerikaner als unab⸗ hängig von der engliſchen Nation, denn Virginia war die Letzte unter den Provinzen, welche Carl I. entthronte und die erſte wieder, welche ſeinen Sohn anerkannte. Nach der Hinrichtung des Erſteren war wohl keine andere Wahl übrig gelaſſen als Unterwerfung unter ſeinen Stellvertreter, das Parlament, oder Krieg. * Unabhängig! Warum überhaupt fühlten ſie ſich dann verpflichtet, den Herr⸗ ſcher des Stammlandes auch als den ihrigen anzuerkennen? Und iſt nicht dieſes angeführte Beiſpiel Virginiens nur ein vereinzelter Fall, der noch lange kein Recht begründet? Frage des Ueberſ. Daß ein Reich, deſſen verſchiedene Theile durch Oceane ge⸗ trennt und deſſen Intereſſen ſo oft mit einander in Conflikt geriethen, mit der Zeit unlenkſam werden und durch ſeine eigene Schwere fallen müſſe, war ein Ereigniß, das jeder Verſtändige erwarten mußte. Daß aber die Amerikaner eine ſolche Trennung nicht ſchon in jener frühen Zeit beabſichtigt, könnte man, wenn auch kein andres Zeugniß in der Sache vorhanden wäre, ſchon aus der Ruhe und Unterwürfigkeit ſchließen, welche in dem Augenblick, da der Widerruf der Stempel⸗ taxe bekannt wurde, die ganze Kolonie durchdrang. Hätte irgend ein Wunſch nach zu früher Unabhängigkeit beſtanden, ſo hätte das Parlament gerade durch die ſchon erwähnte Motion höchſt unweiſe reichlichen Stoff zur Nährung der Flamme geliefert. Aber befriedigt durch die ſoliden Vortheile, die ſie ſich geſichert hatten, friedliebend in ihren Gewohnheiten und loyal in ihren Geſinnungen, lachten die Koloniſten über die hohle Würde ihrer ſelbſtbeſtellten Herrſcher, und wünſchten ſich ſelbſt Glück zu ihrem eigenen wichtigeren Siege. Wenn die bethörten Diener des Königs aus dem Vergangenen Weisheit gelernt hätten, ſo wäre der Sturm vorüber gezogen, und ein andres Zeitalter wäre Zeuge der Ereigniſſe geworden, die wir nun eben zu berichten im Begriff ſind. Kaum hatte man aber die Sachen wieder ihren alten Gang gehen laſſen, ſo verſuchte das Miniſterium, durch neue Auflagen ſeine Anſprüche wieder aufzufriſchen. Der Plan einer Abgabenerhebung war bei der Stempelakte durch die Weigerung der Koloniſten, das Papier zu gebrauchen, zu nichte geworden; aber in dem gegenwärtigen Falle wurde ein Weg eingeſchlagen, der, wie man erwartete, ſich wirkſamer erweiſen ſollte, wie z. B. beim Thee, wo die Abgabe von der oſtindiſchen Compagnie zum Voraus bezahlt wurde und nachher durch die Trinkluſt der Amerikaner wieder erſetzt werden ſollte. Dieſen neuen Eingriffen in ihre Rechte traten die Koloniſten mit der nämlichen Geſchwindig⸗ keit entgegen, aber dießmal mit weit mehr Ernſt, als in dem erſten Falle. Alle Provinzen ſüdlich von den großen Seen handelten über⸗ = S ge⸗ mit iſſe, Daß hen der keit pel⸗ gend das eiſe digt dend die her, ege. nen gen, die iber das hen. akte zu Veg llte, gnie der ffen ig⸗ ſten ber⸗ 7³ einſtimmend bei dieſer Gelegenheit und es wurden Vorbereitungen getroffen, um durch Einheit der Handlungsweiſe nicht nur ihre Vor⸗ ſtellungen und Petitionen, ſondern auch noch ernſteren Widerſtand nachdrucksvoller zu machen, im Fall Gewalt nöthig werden ſollte. Der Thee wurde in den meiſten Fällen aufgeſpeichert und nach England zurückgeſendet, wobei nur in der Stadt Boſton ein Zu⸗ ſammentreffen der Umſtände von Seiten des Volks zu der gewalt⸗ ſamen Maßregel führte, daß ein großer Vorrath des anſtößigen Artikels in die See geworfen wurde. Zur Strafe für dieſe Hand⸗ lung, welche in den Anfang des Jahrs 1774 ſiel, wurde der Hafen von Boſton geſperrt und verſchiedene Geſetze vom Parlament ge⸗ nehmigt, wodurch das Volk zu dem Gefühl ſeiner Abhängigkeit von der brittiſchen Macht gebracht werden ſollte. Obgleich während des kurzen Zwiſchenraums, in welchem die Verſuche der Miniſter, das Volk mit Taxen zu belegen, eingeſtellt blieben, keine Klagen von Seiten der Koloniſten gehört wurden, ſo hatte dennoch das durch jene Verſuche erzeugte Gefühl der Abneigung nicht Zeit, ſich zu verlieren, als der verhaßte Gegenſtand in neuer Ge⸗ ſtalt zum zweiten Mal auftrat. Von 1763 bis zu der Zeit unſerer Erzäh⸗ lung war der ganze jüngere Theil der Bevölkerung in den Provin⸗ zen ins Mannesalter eingetreten; aber ihnen war nicht mehr jene tiẽfe Ehrfurcht für das Mutterland eingepflanzt, welche früher von ihren Vorfahren auf die Nachkommen ſich vererbt hatte, nicht jene innige Anhänglichkeit an die Krone, welche gewöhnlich ein Volk charakteriſirt, das den Prunk des Königthums durch das Medium der Entfemung“ ſteht. Noch aber waren die, welche die Ge⸗ fühle der Amerikaner leiteten und ihr Urtheil beherrſchten, einer Trennung vom Reiche entgegen, als einer Maßregel, welche ſie fortwährend für gleich unpolitiſch, wie unnatürlich anſahen.* Obwohl unterdeſſen beide Partheien gleichmäßig dem Blut⸗ ⸗ vergießen abhold waren, rüſteten ſie ſich dennoch zu dem endlichen Kampfe, der unvermeidlich heranzunahen ſchien. Die Lage der —yy Kolonien war nun ſo eigenthümlich, daß man zweifeln möchte, ob die Geſchichte noch einen ähnlichen Fall darbiete. Die Unterthanen⸗ pflicht gegen den Fürſten wurde überall anerkannt, während man die Geſetze, welche von ſeinen Rathgebern ausgingen, hartnäckig verachtete und zu nichte machte. Jede Provinz hatte ihre beſondere Regierung und in den meiſten derſelben war der politiſche Einfluß der Krone groß; aber die Zeit war gekommen, wo er durch ein moraliſches Gefühl verdrängt wurde, das den Machinationen und Intriguen des Miniſteriums Trotz bot. Die geſetzgebenden Ver⸗ ſammlungen in den Provinzen, welche eine Majorität von „Söhnen der Freiheit: beſaßen, wie man diejenigen nannte, welche den unkonſtitutionellen Verſuchen des Miniſteriums Wider⸗ ſtand leiſteten,— erwählten Abgeſandte zu einem General⸗Con⸗ greß, der über die Mittel und Wege, die allgemeinen Wünſche zu erreichen, ſich berathen ſollte. In einer oder zwei Provinzen, wo die Ungleichheit der Vertretung ein verſchiedenes Reſultat gewährte, erſetzte das Volk dieſen Mangel dadurch, daß es in ſeiner ur⸗ ſprünglichen Eigenſchaft handelte. Solche Körperſchaften, welche, ungleich den Verſchwörern, mit einem furchtloſen Vertrauen auf die Reinheit ihrer Abſichten ſich verſammelten und unter der Aufregung einer im Voraus geahnten Umwälzung handelten, beſaßen einen Ein⸗ fluß, der in ſpäteren Tagen ihren geſetzmäßig konſtituirten Nachfolgern verſagt wurde. Ihre Anempfehlungen hatten die volle Kraft der Geſetze, ohne deren Haß zu begegnen. Während ſie als Organe ihrer Mitunterthanen immer noch Petitionen und Gegenvorſtellungen einreichten, vergaßen fie nicht, ihren Widerſtand gegen die Maßregeln der Unterdrückung von Seiten des Miniſteriums durch ſolche Mittel, wie ſie damals für paſſend gehalten wurden, fortzuſetzen. Eine Aſſociation wurde dem Volke empfohlen, deren Zwecke vollſtändig durch die drei Abtheilungen ausgedrückt ſind, in welche ihre Gegenſtände eingetheilt wurden, und welche man die bedeu⸗ tungsvollen Namen der„Nicht⸗Einfuhr⸗,„Nicht⸗Ausfuhr⸗ und zu wo orte, ur⸗ lche, die gung Ein⸗ gern der gane ngen egeln iittel, wecke velche edeu⸗ und „Nicht⸗Gebrauch⸗Beſchlüſſen gab. Dieſe negativen Hülfsmittel waren Alles, was vermöge der Conſtitution in ihrer Gewalt lag,“ und ſo lange der Streit dauerte, beobachteten ſie die höchſte Vor⸗ ſicht, um die Gränzen, welche die Geſetze für die Rechte der Unter⸗ thanen angewieſen hatten, nicht zu überſchreiten. Es wurde zwar kein offenbarer Akt des Widerſtandes begangen, aber dennoch ver⸗ ſäumten ſie keines der möglichen Mittel, um für das äußerſte Uebel, wann immer es eintreten ſollte, vorbereitet zu ſeyn. Auf dieſe Art ſteigerte ſich mit jedem Tag der Hader und die Abneigung in den Provinzen, während in Maſſachuſets⸗Bay, dem unmittelbaren Schauplatz unſrer Geſchichte, die Unordnung in dem politiſchen Körper ſich unvermeidlich bis zur höchſten Höhe zu ſteigern ſchien. Die großen Prinzipien des Streites waren an verſchiedenen Orten noch mit allerhand Urſachen örtlicher Beſchwerde vermiſcht, und dieß nirgends mehr, als in der Stadt Boſton. Die Einwohner dieſes Platzes hatten ſich durch frühzeitigen, offenen und furchtloſen Widerſtand gegen das Miniſterium ausgezeichnet. Man hatte lange eine bewaffnete Macht für nöthig gehalten, um dieſen Trotz ein⸗ zuſchüchtern, zu welchem Zweck man Truppen aus verſchiedenen Theilen der Provinzen gezogen und in dieſer verrufenen Stadt con⸗ centrirt hatte.““ Schon Anfangs 1774 wurde einer Militärbehörde die ausübende Gewalt in der Provinz ertheilt und die Regierung hatte eine entſchloſſenere Haltung angenommen. Einer der erſten Akte dieſes Befehlshabers, der die hohe Stelle eines Generalſtatt⸗ halters einnahm, und alle Streitkräfte des Königs in Amerika kommandirte, war, die Kolonial⸗Verſammlung aufzulöſen. Um die nämliche Zeit langte von England eine neue Charte an und eine weſentliche Beränderung in der Politik der Kolonial⸗Verwaltung * Die Handelskontrole außerhalb ihrer Provinzen war den Amerikanern vor dem Frieden von 1783 nie eingeräumt worden. ** Die Amerikaner beſtritten dem König das Recht, in Friedenszeiten ohne die Zuſtimmung ihrer eigenen Legislaturen Truppen unter ihnen zu halten. — wurde beabſichtigt. Von dieſem Augenblicke war die Gewalt des Koͤnigs in der Provinz, obgleich nicht förmlich geläugnet, doch wenigſtens ſuſpendirt. Ein Provinzialkongreß wurde gewählt und verſammelte ſich auf ſieben Meilen von der Hauptſtadt; und dieſer fuhr nun fort, von Zeit zu Zeit die Maaßregeln anzunehmen, welche die Bedürfniſſe der Zeit nothig zu machen ſchienen. Mannſchaft wurde geworben, disciplinirt und bewaffnet, ſo gut als die unvollkommenen Mittel der Provinz es erlauben wollten. Dieſe Truppen, welche nur aus der Elite der Einwohner beſtanden, hatten wenig mehr zu ihrer Empfehlung als ihren Geiſt und ihre Geſchicklichkeit in Behandlung der Feuer⸗ waffen; nach der Erwartung, die man von ihrem Dienſt hegte, nannte man ſie nicht unpaſſend Kleine Leutchen. Man ſammelte Kriegsvor⸗ räthe und häufte ſie mit einer Sorgfalt und einem Eifer, der den Charakter des bevorſtehenden Kampfes bezeichnete. Auf der andern Seite nahm General Gage ein ähnliches Syſtem der Vorſicht und Bereitſchaft an; er befeſtigte ſich in dem ſtarken Stützpunkte, den er einnahm, und vereitelte, ſo oft es immer ſich thun ließ, durch Zuvorkommen die Verſuche der Koloniſten, Magazine anzulegen. Erſtere Aufgabe ward ihm leicht, ſowohl durch die natürliche Lage des Platzes, den er einnahm, als durch die Truppenzahl, die er befehligte. Mit einziger Ausnahme eines ſehr engen Durchgangs, rings von breiten und beſonders tiefen Waſſern umgeben, gelegen auf einer dreifachen Reihe von Hügeln, welche durch keine benachbarte Höhe beherrſcht werden, konnte die Halbinſel von Boſton mit einer zureichenden Garniſon leicht uneinnehmbar gemacht werden, beſon⸗ ders wenn noch eine überlegene Flotte zu Hülfe kam. Die von dem engliſchen General errichteten Werke waren übrigens keines⸗ wegs von Bedeutung, denn es war wohl bekannt, daß der ganze Artilleriepark der Koloniſten nicht über ein Halbdutzend Feldſtücke betragen konnte, mit einem unbedeutenden Belagerungstrain, der aus alten ſchwerfälligen Schiffskanonen zuſammengeſetzt war. So fand ——— 8D ⸗ E e, S— + u&x& n= Lionel, als er in Boſton ankam, einige wenige Batterien auf den Höhen aufgeworfen, von denen mehrere ebenſowohl die Stadt be⸗ herrſchen, als einen Feind von Außen zurücktreiben ſollten. Dazu waren Vertheidigungslinien quer über die Landenge gezogen, die mit dem Hauptpunkte in Verbindung ſtanden. Die Garniſon beſtand aus nicht ganz fünf tauſend Mann, wozu noch, je nachdem Kriegsſchiffe ankamen und abgingen, eine wechſelnde Maſſe von Seeleuten und Marineſoldaten kam. Dieſe ganze Zeit über hatte keine andere Unterbrechung in dem Verkehr zwiſchen der Stadt und dem umliegenden Lande Statt ge⸗ funden, als das Stocken des Handels und das durch die krieg eriſchen Ausſichten erzeugte Mißtrauen ſie unvermeidlich mit ſich brachten. Obgleich zahlloſe Familien ihre Heimath verlaſſen hatten, blieben doch viele anerkannte Whigs in ihren Wohnungen zurück, wo ihre Ohren durch das Raſſeln der brittiſchen Trommeln betäubt wurden und ihre Galle nur zu oft durch die Spöttereien der Offiziere über die lächerlichen, kriegeriſchen Vorbereitungen ihrer Landsleute in Wallung gerieth. Wirklich war die Anſicht, daß die Koloniſten nur wenig mit kriegeriſchen Eigenſchaften ausgerüſtet ſeyen, viel weiter als bloß unter der müßigen und gedankenloſen Jugend der Armee verbreitet und viele ihrer beſten Freunde in Europa waren in Furcht, ein allgemeiner Aufruf zu den Waffen möchte die beſtrit⸗ atenen Punkte alle mit einem Male dadurch entſcheiden, daß die Unfähig⸗ keit der Amerikaner, ſie bis aufs Aeußerſte zu verfechten, ans Licht geſtellt würde. Auf dieſe Art ſtanden beide Theile gerüſtet, das Volk lebte in vollkommener Ordnung und Nuhe, ohne Beihülfe der Geſetze, verſchloſſen, wachſam und durch ſeine Führer insgeheim aufgeregt: die Armee luſtig, ſtolz und unbekümmert um die Folgen, wiewohl weit entfernt von Bedrückung und Zügelloſigkeit, der ſie ſich erſt nach einer oder zwei mißglückten Streifereien auf dem Lande, wo man nach Waffen geſucht hatte, hingab. Jede Stunde indeß — vermehrte reißend ſchnell die Abneigung auf der einen, die Verach⸗ tung und den Groll auf der andern Seite und zwar beides aus zahlloſen öffentlichen und Privaturſachen, welche mehr der Ge⸗ ſchichte, als einer Erzählung wie der unſrigen, angehören. Alle außergewöhnlichen Beſchäftigungen waren ſuſpendirt und in ängſt⸗ licher Spannung erwartete man den Lauf der Dinge. Man wußte, daß das Parlament, ſtatt ſeine politiſchen Fehler wieder gut zu machen, neue Beſchränkungen auferlegt hatte und, wie ſchon erwähnt, ging auch das Gerücht, daß Regimenter und Flotten unterwegs ſeyen, um ſolche mit Gewalt durchzuſetzen. Wie lange ein Land in einem ſolchen Zuſtande der Auflöſung beſtehen könne, ſollte man erſt noch erleben, obgleich ſchwer zu be⸗ ſtimmen war, wann und wie das enden wollte. Das Volk des Landes ſchien zu ſchlummern, doch nur wie brave und wach⸗ ſame Soldaten,— mit den Waffen im Arm; die Truppen trafen mit jedem Tag furchtbarere Vorkehrungen, wie ſie ſelbſt dem wohlgeübten Krieger ein martialiſcheres Anſehen geben,— beide Theile zeigten jedoch immer noch eine gewiſſe Scheu vor Blutvergießen. Sechstes Kapitel. Ja, wär' er fetter:— doch ich fürcht ihn nicht. Nur ſelten lächelt er, und lächelt ſo, Als ob's ihn ärgerte, als zürnt! ſein Geiſt, Daß ihn zum Lachen bringen konnt' ein Ding. Julius Gäſar. Im Laufe der folgenden Woche erlangte Lionel in Betreff der Lage der Kolonien noch weiter Umſtänden, welche man al denken kann, die aber die Gränzen unſerer Erzählung w ſchreiten würden. Seine Waffenbrüder empfingen ihn mit jener e Kenntniß von manchen unbedeutenderen lerdings als in dieſe Zeit fallend ſich eit über⸗ -&— 8A—ON——— 32 Ao g= der eren ſich ber⸗ ener V Herzlichkeit, die ein reicher, hochgebildeter und freier, wenn nicht jovialer Kamerad gewiß war unter Leuten zu finden, welche haupt⸗ ſächlich nur dem Vergnügen und dem äußeren Scheine lebten. Gewiſſe Anzeichen von ungewöhnlich wichtigen Bewegungen waren am erſten Tag der Woche unter den Truppen zu bemerken und ſeine eigene Stellung in der Armee ward gewiſſermaßen auch von dieſen Veränderungen betroffen. Statt zu ſeinem eignen Regiment zu ſtoßen, erhielt er Befehl, ſich bereit zu halten, ein Kommando in einem leichten Corps zu übernehmen, welches die Uebungen zu dem ſolchen Truppen eigenthümlichen Dienſt ſchon begonnen hatte. Da man wohl wußte, daß Boſton Major Lincoln's Geburtsort war, bewilligte ihm der kommandirende General mit der in ſeinem Charakter liegenden Nachſicht und Güte einen, wiewohl nur kurzen, Urlaub, damit er den in ſeiner Lage natürlichen Gefühlen frei ſich hingeben könne. Es wurde bald allgemein angenommen, daß Major Lincoln, obwohl er beabſichtigte, in der Armee von Amerika zu dienen, wenn die traurige Alternative des Aufrufs zu den Waffen eintreten ſollte— doch vorderhand auf zwei Monate Erlaubniß habe, ſich nach Belieben zu amüſiren. Solche, die ſich weiſer als gewöhnliche Leute glaubten, ſahen oder meinten in dieſer Anordnung einen tief angelegten Plan von Seiten Gage's zu ſehen, der den Einfluß und die Gewandtheit des jungen Eingeborenen unter ſeinen Freunden und Verwandten dazu benützen wollte, Letztere wieder zu den loyalen Geſinnungen zurückzubringen, welche, wie man fürchtete, ſo manche von ihnen zu hegen aufgehört hatten. Aber es lag in dem Charakter der Zeit, daß man unbedeutenden Sachen große Wichtig⸗ keit beilegte und eine geheime Politik in Handlungen argwohnte, welche ihre Quelle allein in der Zuneigung hatten. Uebrigens war nichts in dem Benehmen oder der Lebensart, welche Lionel annahm, was dieſe Vermuthungen hätte beſtätigen können. Er wohnte für ſeine Perſon fortwährend im Hauſe von Mrs. Lechmere, hatte jedoch, da er die Gaſtfreundſchaft ſeiner Tante nicht zu ſehr in Anſpruch zu nehmen wünſchte, in der Nachbarſchaft eine Wohnung gemiethet, wo ſeine Bedienten ſich aufhielten und wo er, wie man allgemein wußte, ſeine Viſiten, ſowohl Höflichkeits⸗ als Freund⸗ ſchaftsbeſuche, empfing. Kapitän Polwarth ermangelte nicht, laute Klage über dieſe Anordnung zu führen, welche mit einem Male alle Vortheile wieder aufhob, die er ſich von der Möglichkeit eines freien Eintritts in dem Hauſe ſeiner Geliebten unter dem Titel des Freundes verſprochen hatte. Da aber Lionel's Haushalt mit jener Freigebigkeit eingerichtet wurde, welche einem jungen Manne von ſeinem großen Vermögen zukam, ſo fand der dem Ueberfluß nicht abholde Leichtinfanterie⸗Offizier bei dem Tauſche manche OQuellen des Troſtes, welche nicht exiſtirt hätten, wenn die ernſte Mrs. Lechmere dem Hausdepartement vorgeſtanden wäre. Lionel und Polwarth waren als Knaben in derſelben Schule, als Jünglinge im nämlichen Kollegium zu Orford geweſen und hatten ſpäter mehre Jahre lang im nämlichen Corps gedient. Obgleich vielleicht nicht zwei Menſchen in ihrem Regiment ſowohl an Geiſt, als an Körper weſentlicher von einander verſchieden waren, ſo iſt doch gewiß, daß eben in Folge jener unerklärlichen Laune, welche uns gerade unſer Gegentheil lieb gewinnen läßt, nicht leicht zwei Offiziere in der Armee auf beſſerem Fuße mit einander ſtanden und eine engere rückhaltloſere Freundſchaft unterhielten. Es iſt unnöthig, uns hier über dieſes eigenthümliche Verhältniß weiter auszulaſſen; man findet ſie täglich und noch zwiſchen weit verſchiedeneren Menſchen, als Reſultat des Zufalls und der Gewohnheit, beſonders wenn das Band, wie im gegenwärtigen Fall, durch unzerſtoͤrbare Gutmüthigkeit auf der einen Seite zuſammengehalten wird. In dieſer letzteren Eigenſchaft, wenn in keiner andern, zeichnete ſich Kapitän Polwarth vor Jeder⸗ mann aus. Sie trug eben ſo viel, als ſeine Wiſſenſchaft in der Kunſt zu leben, zu dem gedeihlichen Zuſtande der körperlichen Häͤlfte unſeres Mannes bei und machte den Umgang mit ſeinem weniger materiellen Theil zu allen Zeiten befriedigend, wenn nicht angenehm. ung nan nd⸗ nute rale nes itel mit nne luß iche nſte dnel nge hre icht per daß iſer der ere ber ſie ltat wie der aft, er⸗ der lfte ger hm. 81 Bei gegenwärtiger Gelegenheit übernahm der Kapitän die Aufſicht über die innere Oekonomie in Lionel's Hauſe mit einem Eifer, der nach ſeinem eigenen Geſtändniß nicht ganz uneigennützig war. Nach den Vorſchriften des Regiments war er gezwungen, dem Namen nach die Meß⸗ zu frequentiren, wo ſeine Talente und Wünſche durch gewiſſe unumſtößliche Beſtimmungen und ökonomiſche Gebräuche eingeengt waren, die nicht leicht überſchritten werden konnten. Bei Lionel aber bot ſich ihm eine ſchon längſt gewünſchte Gelegenheit, wo er nach ſeinen eigenen Regeln leben konnte, ohne daß er die Koſten in Anſchlag zu bringen nöthig hatte. Wenn auch die Armen der Stadt bei ihrem Mangel an Beſchäftigung nothwendig durch reiche Beiträge an Geld, Kleidung und Lebens⸗ mitteln unterſtützt werden mußten, die ſelbſt aus den entfernteſten Theilen der Kolonien zu ihrer Hülfe zuſammenſtrömten, ſo fehlte es doch auf den Märkten noch nicht an allen Lebensbedürfniſſen für Alle, welche die Mittel zum Einkaufen beſaßen. Bei ſolcher Be⸗ ſchaffenheit der Dinge gab ſich Polwarth bald zufrieden, und in den erſten vierzehn Tagen nach Lionel's Ankunft war am Regiments⸗ tiſch ſchon allgemein bekannt, daß Kapitän Polwarth regelmãßig bei ſeinem alten Freund, Major Lincoln, ſpeiſe, obwohl der Letztere in Wahrheit mehr als die Hälfte dieſer Zeit die Gaſt⸗ freundſchaft der übrigen Stabsoffiziere genoß. In der Zwiſchenzeit vernachläßigte Lionel ſeine Bekannten in der Tremontſtraße keineswegs, und machte ſeine Beſuche mit einer Theilnahme und einer Emſigkeit, welche die Schüchternheit bei ſeinem erſten Eintritt uns kaum hätte erwarten laſſen. Bei Mrs. Lechmere freilich machte er nur geringe Fortſchritte in der Ver⸗ traulichkeit: denn, jederzeit gleich förmlich und höflich, war ſie ſtets in einen Nimbus künſtlicher, aber kalter Abgemeſſenheit gehüllt, die, hätte er auch den Wunſch dazu gehabt, ihm nur ſwenig * So nennen die Engländer den Offiziertiſch in den Regimentern. A. d. U. Lionel Lincoln. 2. Aufl. Scheidewand ihres berech⸗ Gelegenheit geboten haben würde, die Bei ſeinen jugendlicheren nenden Temperaments zu durchbrechen. Verwandtinnen jedoch war in wenigen Tagen der Fall ein ganz verſchiedener. Agnes Danforth, die nichts zu verbergen hatte, be⸗ gann unmerklich an der Maͤnnlichkeit und Grazie ſeines Weſens Gefallen zu finden, und noch vor dem Ende der erſten Woche ver⸗ focht ſte die Rechte der Koloniſten, lachte über die Thorheiten der Offiziere und geſtand ihre eigenen Vorurtheile mit einer Vertrau⸗ lichkeit und guten Laune, welche ſie bald wiederum zum Liebling ihres engliſchen Couſins machte, wie Lionel von ihr genannt wurde. Das Betragen von Cäctlie Dynevor aber fand er weit verlegener, wenn nicht geradezu unerklärlich. Tage lang ſaß ſie ferne, ſchweigſam und zurückhaltend, und auf einmal, wie durch plötzliche Eingebung, wurde ſie wiederum heiter und natürlich; dann leuchtete ihre ganze Seele in den ſtrahlenden Augen, ihre unſchul⸗ dige muntere Laune durchbrach die Bande des Zwangs und machte nicht nur ſie, ſondern auch Alle um ſie her glücklich und froh. Manche volle Stunde quälte ſich Lionel, um den Grund dieſer unerklärlichen Veränderlichkeit zu erfaſſen, die ſich in dem Benehmen der jungen Dame zu verſchiedenen Zeiten kund gab. Es war etwas ungemein Reizendes ſelbſt in der Beſchaffenheit ihrer Launen, was in ihm, bei ihrer wunderſchönen Geſtalt und ihrem ſeelenvollen Antlitz, ein beſonderes Intereſſe für ſie erweckte, ſo daß er allmählich ein genauerer Beobachter ihrer Wunderlichkeit wurde und insgeheim ſich hingezogen fühlte, mit wärmerem Antheil auf ihre Bewegungen zu blicken. In Folge dieſes Eifers verlor Cäcilien's Betragen faſt unmerklich von ſeiner Veränderlichkeit und wurde mehr gleichförmig anziehend, während Lionel durch ein unerklärliches Ueberſehen bald vergaß, dieſen Wechſel in's Auge zu faſſen oder ſelbſt deſſen An⸗ ziehungskraft zu vermiſſen. In einer gemiſchten Geſellſchaft, wo Vergnügen, Geſellig⸗ keit und eine Menge von Gegenſtänden darauf hinwirken, die anz be⸗ ens ver⸗ der rau⸗ ling annt weit ſie urch dann hul⸗ achte froh. dieſer hmen twas was ntlitz, h ein n ſich en zu n faſt örmig bald 1 An⸗ ſellig⸗ , die 83 Aufmerkſamkeit zu zerſtreuen, würden ſolche Veränderungen, wenn ſie überhaupt Statt fänden, kaum die Folgen von mondenlangem Um⸗ gange ſeyn, in einer Stadt aber wie Boſton, wo die Meiſten von Denen, mit welchen Cäcilie verkehrt hatte, bereits geflohen waren, und die Zurückgebliebenen hauptſächlich nur mit ſich und für ſich ſelbſt lebten, war dieß die höchſt natürliche Wirkung ſehr augen⸗ ſcheinlicher Urſachen. So hatte bei den Beiden Etwas wie Neigung, vielleicht wohl auch ein tieferes Intereſſe während dieſer denkwür⸗ digen vierzehn Tage Wurzel gefaßt— einer Zeit, die noch ungleich wichtigere Ereigniſſe, als ſie in den Schickſalen einer einzelnen Fa⸗ milie vorzukommen pflegen, in's Daſeyn gerufen hatte. Der Winter von 1774 auf 1775 war eben ſo ſehr durch ſeine Milde bemerklich geweſen, als das Frühjahr ſich kalt und zögernd erwies. Gleich jeder Jahreszeit in unſerem veränderlichen Klima waren aber die froſtigen Tage des März und April mit ſolchen untermiſcht, an denen eine heitere Sonne Gedanken an den Sommer zurückrief, und dieſe hatten ihrerſeits wieder anderen Platz ge⸗ macht, wo Ströme kalten Regens, vom Oſtwinde hergejagt, jede Annäherung zu einer milderen Temperatur wieder zu hintertreiben ſchienen. Viele dieſer ſtürmiſchen Tage fielen in die Mitte des April, und während ihrer Dauer war Lionel nothgedrungen zu Hauſe geblieben. Er hatte ſich eines Abends aus dem Beſuchszimmer der Mrs. Lechmere zurückgezogen, während der Regen in faſt horizontaler Richtung gegen die Fenſter ſchlug, um einige Briefe zu vollenden, die er noch vor Tiſch an den Agenten ſeiner Familie in England angefangen hatte. Als er in ſein eigenes Gemach trat, fand er mit Befremden das Zimmer, das er leer verlaſſen hatte und eben ſo wieder zu treffen hoffte, auf eine Weiſe beſetzt, wie er dieß nicht zu finden erwartet hatte. Die Flamme eines großen Feuers praſſelte im Kamin und ſpielte in lieblichem Wechſel mit den flackernden Schatten der Geräthſchaften, indem ſie jeden Gegenſtand in fremdartigen und phantaſtiſchen Formen vergrößerte. Als er in die Thüre trat, ſiel ſein Auge auf einen dieſer Schatten, der ſich an der Wand ausdehnte und, an der getäfelten Decke ſich bre⸗ chend, die gigantiſchen, aber ſcharfen Umriſſe einer menſchlichen Geſtalt zeigte. Sich erinnernd, daß er ſeine Briefe offen gelaſſen, und nicht zu viel auf die Discretion Meriton's vertrauend, ſchritt Lionel leiſe einige Schritte näher, ſo daß er um die Draperie des Betts blicken konnte, und gewahrte zu ſeiner Verwunderung, daß der Eingedrungene nicht ſein Diener, ſondern der bejahrte Fremde war. Der alte Mann ſaß, den offenen Brief in der Hand, den Lionel geſchrieben hatte, und war ſo ſehr in deſſen Inhalt vertieft, daß die Fußtritte des Andern von ihm noch immer unbeachtet blieben. Ein weiter grober Ueberrock, der von Waſſer triefte, verhüllte faſt ſeine ganze Geſtalt, obwohl die weißen Haare, die um ſein Haupt hingen, und die tiefen Linien ſeines ausdrucksvollen Geſichts nicht zu verkennen waren. „Ich hatte nicht die geringſte Kenntniß von dieſem unerwarteten Beſuche,“ ſagte Lionel und ſchritt raſch bis in die Mitte des Zimmers vor,„ſonſt häͤtte ich nicht ſo lange geſäumt, Sir, in mein Zimmer zu⸗ rückzukehren, wo Sie, wie ich fürchte, Langweile gehabt haben müſſen, da Sie nichts als dieſes Gekritzel zu Ihrer Unterhaltung vorfanden.“ Der alte Mann wandte das Papier von ſeinem Geſichte ab, und große Thränentropfen wurden dadurch in ſeinen Augen ſichtbar, die hinter einander die hohlen Wangen hinabrollten und endlich auf den Boden niederſielen. Der ſtolze, unwillige Ausdruck verſchwand bei dieſem Anblick aus Lionel's Zügen, und er war im Begriff, auf geziemendere Weiſe in ſeiner Rede fortzufahren, als der Fremde, deſſen Auge ſich vor dem Zorn des jungen Mannes nicht geſenkt hatte, ſeiner Abſicht zuvorkam. „Ich verſtehe Sie, Major Lincoln,“ ſagte er ruhig;„aber es kann triftige Gründe ſogar für einen größeren Treubruch geben, als der iſt, deſſen Sie mich beſchuldigen. Zufall, und nicht Abſicht, er in ſich bre⸗ ichen iſſen, chritt des daß remde den tieft, eben. faſt Haupt nicht rteten imers er zu⸗ ü ſſen, den.“ te ab, htbar, h auf hwand f, auf remde, geſenkt ber es geben, bbſicht, 8⁵ hat mich hier in Beſitz Ihrer geheimſten Gedanken geſetzt und zwar in Betreff eines Gegenſtandes, der für mich hohes Intereſſe hat. Sie haben mich während unſrer Reiſe oft gedrängt, Sie mit all' Dem bekannt zu machen, was Sie am meiſten zu wiſſen wünſchten— ein Anſinnen, zu welchem ich, wie ſie ſich erinnern werden, ſtets geſchwiegen habe.“ „Sie äußerten, Sir, Sie ſeyen Herr eines Geheimniſſes, an welchem meine Gefühle, wie ich geſtehen will, den innigſten Antheil nehmen, und ich bin in Sie gedrungen, meine Zweifel durch die klare Wahrheit zu entfernen, aber ich begreife nicht—“ „Wie ein Wunſch, mein Geheimniß zu beſitzen, mir einen An⸗ ſpruch darauf gibt, in die Ihrigen einzudringen, wollten Sie ſagen,“ unterbrach ihn der Fremde;„auch iſt das nicht der Fall. Aber ein Intereſſe an Ihren Angelegenheiten, das Sie jetzt noch nicht verſtehen können, das aber durch dieſe glühenden Thränen bekräftigt wird— die erſten, welche ſeit Jahren aus einer Quelle fließen, die ich vertrocknet geglaubt hatte, ſollte und muß Ihnen genug ſeyn.“ „Das iſt es auch,“ ſagte Lionel, ergriffen von dem melancholiſchen Klang ſeiner Stimme,„es iſt's, ja, wahrlich es iſt's, und ich will keine weitere Erklärung über dieſen unerfreulichen Umſtand hören. Sie fanden Nichts darin, deſſen bin ich gewiß, worüber ein Sohn Urſache haben ſollte, ſich zu ſchämen.“ „Ich finde hier viel, Lionel Lincoln, worauf ein Vater mit Recht ſtolz ſeyn dürfte,“ erwiederte der alte Mann.„Es war die Kindesliebe, in dieſem Briefe hier von Ihnen dargelegt, was meinen Augen dieſe Thränen entpreßte; denn wer, wie ich, über das gewöhn⸗ liche Alter der Menſchen hinausgelebt hat, ohne die Liebe zu kennen, die der Vater für ſein Kind fühlt und welche dieſes für den Ur⸗ heber ſeiner Tage empfindet, der müßte alles natürliche Mitgefühl überlebt haben, wenn er da nicht ſein Unglück inne würde, wo der Zufall ihm Geſinnungen, wie dieſe, vor die Seele führt.“ „Sie ſind alſo nie Vater geweſen?“ ſagte Lionel, indem er einen Stuhl nahe zu ſeinem betagten Geſährten hinrückte und ſich mit einer Miene des wärmſten Antheils, dem er ſich nicht ent⸗ ziehen konnte, niederſetzte. „Ich bin beides— Gemahl und Vater— zu einer Zeit ge⸗ weſen; das iſt aber ſchon ſo lange her, daß jetzt kein ſelbſtiſches Band mehr übrig iſt, das mich an die Erde feſſelte. Das Alter iſt der Nachbar des Todes, und Kälte des Grabes weht auch aus ſeinem wärmſten Athem.“ „Sprechen Sie nicht ſo,“ fiel Lionel ein,„Sie thun wahrlich Ihrer eigenen feurigen Natur Unrecht.— Sie vergeſſen Ihren Eifer zum Wohle dieſer, von Ihnen ſo genannten, unterdrückten Kolonien.“ „Das iſt nur noch das Flackern der erſterbenden Lampe, die am meiſten flimmert und leuchtet, wenn die Quelle ihrer Hitze dem Verſiegen am nächſten iſt. Aber obwohl ich in Ihre Bruſt kein Feuer zu gießen vermag, das ich ſelbſt nicht beſitze, ſo kann ich doch die Gefahren bezeichnen, welche das Leben im Uebermaß bietet und mag vielleicht als Leuchtthurm dienen, wenn ich nicht länger zum Piloten tauge. Das iſt der Zweck, Major Lincoln, weßhalb ich dem Sturme dieſer Nacht getrotzt habe.“ „Iſt irgend etwas vorgefallen, was dringende Gefahr im Ge⸗ folge hätte und ein ſolches Opfer nöthig machen kann?“ „Sehen Sie mich an,“ ſagte der Greis voll Ernſt—„ich habe den größten Theil dieſes blühenden Landes als Wildniß ge⸗ ſehen; meine Erinnerung geht zurück bis zu jenen Zeiten, wo der Wilde und das Thier des Waldes mit unſern Vätern um ein gut Theil des Landes kämpfte, das jetzt Hunderttauſende im Ueberfluſſe nährt, und meine Zeit muß nicht nach Jahren, ſondern nach Menſchenaltern gezählt werden. Hat wohl, meinen Sie— hat ein ſolches Weſen noch viele Monden oder Wochen, oder ſelbſt nur Tage zu erwarten?“ Lionel ſchlug verwirrt die Augen zu Bogen, waͤhrend er ant⸗ wortete: ſich ent⸗ ge⸗ ſches Alter aus Ihrer zum 1.* „ die dem t kein in ich bietet länger ßhalb n Ge⸗ „ich iß ge⸗ vo der in gut erfluſſe nach jat ein öſt nur er ant⸗ 87 „Sie können freilich nicht mehr auf viele Jahre hoffen; aber bei der Thatkraft und Mäßigkeit, welche Sie beſitzen, möchten doch Tage und Monden, ſo glaube ich, Ihr Leben in zu enge Schranken einſchließen.“ „Was!“ rief der Andere, indem er eine farbloſe Hand von ſich ſtreckte, in der ſelbſt die vorragenden Adern die Symptome eines allgemeinen Nachlaſſes der Natur zeigten:„bei dieſen welken Gliedern, dieſen grauen Haaren, dieſen eingeſunkenen Leichenaugen, wollen Sie mir noch von Jahren ſprechen! mir, der ich mich nicht erdreiſte, um Minuten zu bitten, wenn ſie des Gebetes werth wären— ſo lange ſchon und ſo ſchwer iſt meine Prüfung geweſen!“ „Es iſt allerdings Zeit, an jenen Wechſel zu denken, wenn er uns ſo nahe erſcheint.“ „Gut denn, Lionel Lincoln,— alt, ſchwach und auf der Schwelle der Ewigkeit ſtehend, bin ich doch meinem Grabe nicht näher, als dieſes Land, dem Sie Ihr Blut geweiht haben, einem mächtigen Kampfe entgegengeht, der ſeine Inſtitutionen bis auf ihre Grundlagen erſchüttern wird.“ „Ich kann nicht zugeben, daß die Zeichen der Zeit ganz ſo unheilverkündend ſind, als ihre Furcht ſie machen möchte,“ erwie⸗ derte Lionel lächelnd.„Sollte auch das Schlimmſte eintreffen, was man fürchten kann, ſo wird England die Erſchütterung nur fühlen, wie die Erde den Ausbruch eines ihrer Vulkane empfindet! Doch wir reden in eitlen Bildern, Sir: wiſſen Sie irgend Etwas, das die Befürchtung einer unmittelbaren Gefahr rechtfertigte?“ Ein überraſchender Strahl der Augen erhellte plötzlich das Geſicht des Fremden und ein ſarkaſtiſches Lächeln zog über ſeine bleichen Züge, als er leiſe antwortete: „Nur Die haben Urſache zu fürchten, welche bei der Verän⸗ derung die Verlierenden ſeyn werden! Ein Jüngling, der die Feſſeln ſeiner Wächter abwirft, wird nicht leicht an ſeiner Faͤhig⸗ keit, ſich ſelbſt zu regieren, zweifeln. England hat dieſe Kolonien ſo lange am Gaͤngelbande geführt, daß es endlich vergißt, wie ſein Sprößling nun auch allein gehen kann.“ „Nun, Sir, überſchreiten Sie ſogar die wilden Plane der Kühnſten unter jenen Männern, welche ſich ſelbſt ‚„Söhne der Freiheite nennen!— wie wenn Freiheit auf irgend einem Punkt der Erde mehr begünſtigt und genährt würde, als unter der ge⸗ ſegneten Conſtitution von England! Das Aeußerſte, was jene ver⸗ langen, iſt Abhülfe von Beſchwerden, wie man's nennt, von denen viele, wie ich mir denke, nur in der Einbildung beſtehen.“ „Hat man einen Stein je aufwärts rollen ſehen? Laſſen Sie nur einen einzigen Tropfen amerikaniſches Blut im Zorn vergoſſen werden, und ſeine Spur wird nicht mehr auszulöſchen ſeyn.“ „Unglücklicher Weiſe iſt der Verſuch ſchon gemacht worden, und doch ſind ſeitdem Jahre vorübergerollt, während England in ſeiner Stellung verharrt und ſein Anſehen behauptet.“ „Sein Anſehen!“ wiederholte der alte Mann;„Major Lincoln, gewahren Sie nicht gerade in der Geduld dieſes Volks, ſo lange es ſein Unrecht ſelbſt einſah, eben jene Grundſätze, welche es un⸗ nachgiebig und unüberwindlich machen müſſen, wenn es einmal in ſeinem Rechte ſeyn wird? Doch wir verſchwenden unſre Zeit— ich kam, Sie an einen Ort zu führen, wo ſie mit eignen Augen und Ohren Etwas von dem Geiſte hören und ſehen ſollen, der das Land durchdringt: Sie werden mir folgen?“ „Sicherlich nicht in einem ſolchen Sturme.“ „Dieſer Sturm iſt nur eine Kleinigkeit gegen den, welcher über euch hereinbrechen wird, wenn ihr nicht umkehrt auf eurer Bahn.— Aber folgen Sie mir, ich wiederhole es: wenn ein Mann von meinen Jahren die Nacht nicht ſcheut, darf dann ein engliſcher Krieger zandern?“ Lionel's Stolz war berührt, und eines Verſprechens ſich erin⸗ nernd, das er früher ſeinem bejahrten Freunde gegeben hatte, ihn zu einer ſolchen Scene zu begleiten, traf er die nöthigen Aenderungen ſein der der unkt ge⸗ ver⸗ enen Sie yſſen und iner oln, unge un⸗ l in ich und das cher urer ann ſcher rin⸗ ihn igen 89 in ſeinem Anzug, um ſeinen Stand verborgen zu halten, warf einen weiten Mantel zum Schutz gegen den Regen um ſich und wollte eben das Zimmer verlaſſen, als er durch die Stimme des Andern aufgehalten wurde. „Sie ſind im Irrthum,“ ſprach dieſer;„es iſt ein geheimer und, wie ich hoffe, nützlicher Beſuch, den wir beabſichtigen,— Niemand darf Ihre Gegenwart ahnen, und wenn Sie ein würdiger Sohn Ihres braven Vaters ſind, ſo brauche ich kaum noch beizufügen, daß mein Wort für Ihre Verſchwiegenheit verpfändet iſt.“ „Das Pfand wird reſpektirt werden, Sir,“ antwortete Lionel ſtolz;„aber um zu ſehen, was Sie mir zeigen wollen, werden wir doch wohl nicht hier bleiben?“ „Folgen Sie denn und verhalten Sie ſich ruhig,“ erwiederte der Greis, indem er ſich umdrehte und die Thüre zu einem kleinen Gemach öffnete, das durch eines jener ſchmaleren Fenſter erhellt war, deren wir ſchon bei der Beſchreibung des Gebäudes erwähnt haben. Der Gang war finſter und eng, doch der voranſchreitende Führer trug Sorge, vor jedem Fehltritte zu warnen, und ſo ſtieg Lionel glücklich eine Reihe von Stufen hinab, welche eine be⸗ ſondere Verbindung zwiſchen der Hausflur und den oberen Gemä⸗ chern bildeten. Am Fuß der Treppe hielten ſie ein wenig, und der junge Mann drückte ſeine Verwunderung darüber aus, daß ein Fremder weit beſſer als er ſelbſt mit einer Wohnung bekannt ſchien, die ihm ſeit vielen Tagen ſchon zur zweiten Heimath geworden war. „Habe ich Ihnen nicht oft geſagt,“ antwortete der Greis mit einer Strenge in ſeiner Stimme, die ſelbſt in dieſen verhaltenen Toͤnen hervortrat—„daß ich Boſton faſt an die hundert Jahre kenne? Wie viele Gebäude enthält es gleich dieſem, und ich ſollte ihre Bauart mir nicht gemerkt haben? Aber folgen Sie mir nur ſchweigend und ſeyen Sie klug.“ Er öffnete jetzt eine Thüre, welche ſie aus einem Flügel des Gebaͤudes in den Hofraum führte, der es einſchloß. Indem ſie in's Freie heraustraten, bemerkte Lionel die Geſtalt eines Menſchen, der an den Wänden hinkroch, als ob er Schutz vor dem ſtrömenden Regen ſuchte. In dem Augenblick, als ſie erſchienen, erhob ſich die Geſtalt und folgte, als ſie ſich nach der Straße wandten. „Werden wir nicht beobachtet?“ fragte Lionel und hielt, um den Unbekannten zu betrachten.„Wer folgt hier lauernd auf un⸗ ſern Ferſen?“ „Es iſt der Junge,“ antwortete der alte Mann, für welchen wir den Namen Ralph beibehalten müſſen, wie ihn Job gewöhnlich nannte, wenn er den Gaſt ſeiner Mutter anredete,—„es iſt der Junge, und er kann uns kein Leids zufügen. Gott hat ihm die Kenntniß von Vielem, was gut und was ſchlimm iſt, gewährt, obgleich der Geiſt des Kindes zu Zeiten durch ſeine körperlichen Leiden recht geſchwächt iſt. Sein Herz aber gehört ſeinem Vater⸗ lande und einer Zeit, wo dieſes aller Herzen bedarf, um ſeine Rechte zu behaupten.“ 4 Der junge brittiſche Offtzier beugte das Haupt, um dem Sturm zu begegnen, und lächelte unter den Falten ſeines Mantels, welchen er feſter um ſich zog, als ſie in den offenen Straßen der Stadt dem ſauſenden Winde entgegentraten. Sie waren raſch durch viele enge und winkliche Gaſſen gegangen, ohne daß ein Wort zwiſchen den Abenteurern gewechſelt worden wäre. Lionel forſchte bei ſich nach dem beſonderen, unerklärlichen Intereſſe, welches er an allen Handlungen ſeines Gefährten nahm und das ihn bei einem ſolchen Wetter aus Mrs. Lechmere's ſchützender Wohnung hatte verlocken können, um, er wußte nicht— wohin, zu wandern, und einem Unternehmen entgegenzugehen, das für ſeine Perſon ſelbſt gefährlich werden konnte. Noch folgte er ohne Zögern, denn an dieſe vorübergehenden Gedanken reihte ſich die Erinnerung an ſo manche neuere und wichtige Mittheilung, die er von dem alten Manne während ihres langen und vertrauten Zuſammenſeyns auf dem Schiffe erhalten hatte; auch fehlte es ihm nicht an einer 91 natürlichen Theilnahme für Alles, was die Sicherheit und das Wohl ſeiner Vaterſtadt berührte. Er behielt die Geſtalt ſeines be⸗ jahrten Führers im Auge, wahrend dieſer ihm voranſchritt, ohne den Sturm zu beachten, der ſeine verwitterte Geſtalt zuſammen⸗ ſchüttelte; hinter ſich hörte er die ſchweren Fußtritte Job's, der ſo dicht an ihn herangerückt war, daß er einigermaßen noch von dem Schutze ſeines weiten Mantels mitgenoß. Kein anderes leben⸗ des Weſen ſchien ſich herausgewagt zu haben und ſelbſt die wenigen Schildwachen, an denen ſie vorüberkamen, verſteckten ſich, ſtatt vor den Thüren, die ſie bewachen ſollten, auf und ab zu ſchreiten, hinter den Ecken der Mauern oder ſuchten Schutz unter dem Vor⸗ ſprung eines begünſtigenden Daches. Auf Augenblicke ſtürmte der Wind in die engen Zugänge der Straßen und durchfegte dieſe mit einer faſt unwiderſtehlichen Heftigkeit, ja mit einem Geräuſch, das dem hohlen Branden der See nicht unähnlich war. In ſolchen Augenblicken war Lionel genöthigt, ſtehen zu bleiben und ſelbſt ein wenig zurückzuweichen, während ſein Führer, durch den Endzweck, der ihn leitete, aufrecht erhalten und durch ſein Gewand nur wenig gehindert, der aufgeregten Phantaſie Lionel's mit einer faſt über⸗ natürlichen Leichtigkeit durch die Nacht hinzugleiten ſchien. Endlich blieb der alte Mann, der einigen Abſtand von ſeinem Begleiter genommen hatte, plötzlich ſtehen und ließ Lionel näher zu ſich heran⸗ kommen. Der Letztere bemerkte mit Erſtaunen, daß ſie Wurzel und Stamm eines Baumes vor ſich hatten, der ſonſt an der Seite der Straße geſtanden war und erſt ganz kurz gefällt worden zu ſeyn ſchien. „Sehen Sie die Ueberreſte der Ulme?“ ſagte Ralph, als die beiden Andern auch ſtehen geblieben waren:„die Art hat endlich die Mutterpflanze niedergeſchlagen, aber ihre Sprößlinge ſtrecken die Schoſſe über einen ganzen Continent hin.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ erwiederte Lionel;„ich ſehe hier nichts als den Stumpf eines Baumes; die Miniſter des Königs ſind doch nicht etwa dafür verantwortlich, daß er nicht mehr hier ſteht?“ „Die Miniſter des Königs ſind ihrem Herrn dafür verank⸗ wortlich, daß er jemals geworden, was er iſt; aber ſprechen Sie einmal mit dem Jungen neben Ihnen, er wird Ihnen ſeine guten Eigenſchaften nennen.“ Lionel wandte ſich gegen Job und bemerkte mit Staunen bei dem ungewiſſen Lichte des Mondes, daß der Blödſinnige mit unbe⸗ decktem Haupte in dem Sturme daſtand und mit ſichtbar ehr⸗ furchtsvollem Grauen die Wurzel betrachtete. „Das Alles iſt mir ein Naͤthſel!“ rief er endlich,„was weißt Du von dieſem Stumpf, Burſche, daß Du ſo andächtig davor ſtehſt?“ „Dieß iſt die Wurzel des Freiheitsbaumes!“ ſagte Job,„und es iſt Sünde, ohne einen ehrerbietigen Gruß an ihm vorüberzugehen!“ „Und was hat dieſer Baum für die Freiheit gethan, daß er ſo tiefen Reſpekt ſich verdient hätte?“ „Was! ei, ſaht Ihr je zuvor einen Baum, der ſchreiben und Stadtverſammlungen ankündigen konnte, oder der im Stande war, das Volk darüber zu belehren, was der König mit dem Thee und mit ſeinen Stempeln beabſichtigte?“ „Und konnte dieſer merkwürdige Baum ſolche Wunder ver⸗ richten?“ 3 „Freilich konnt' er's und that es auch— wollte einmal der knickige Tommy darauf denken, das Volk durch einen ſeiner liſtigen Plane über Nacht zu überrumpeln— da durftet Ihr nur am nächſten Morgen hierher kommen und Ihr konntet eine Warnung auf der Rinde dieſes Baumes leſen, die Euch Alles beſagte und noch dazu, wie man ſeine Teufeleien zu nichte machen ſollte; Alles ſchön geſchrieben mit einer Handſchrift, wie Meiſter Lovell ſelbſt in den beſten Tagen ſeiner edlen Schulmeiſterzeit ſie nicht beſſer zu Papier hätte bringen können.“ „Und wer brachte das Papier hieher?“ „Wer?“ rief Job mit mehr Zuverſicht, nei, die Freiheit kam in der Nacht und heftete es ſelbſt an. Als Nab noch keine Wohnung ——— ung 93 hatte, pflegte Job zuweilen unter dem Baum zu ſchlafen und manche Nacht hat er mit eigenen Augen geſehen, wie die Freiheit kam und das Papier anheftete.“ „Und kam ſie als Weib?“ „Glaubt Ihr, die Freiheit waͤre ſo thöricht geweſen, immer in Weiberkleidern zu kommen, daß Eure liederlichen Soldaten ihr auf den Straßen nachgelaufen wären,“ ſagte Job mit tief verachtender Gebärde.„Manchmal that ſie's, ja, und manchmal nicht, wie ſich's gerade traf, und Job war an dem Baume, als der alte Noll ſeine gottloſen Stempel aufgeben mußte, obgleich er es nicht eher that, bis die ‚Söhne der Freiheit' ſeine Stempelbude auf den Werften umgeworfen und ihn ſelbſt mit dem Lord Boot zuſammen an den Aeſten der alten Ulme aufgehängt hatten!“ „Gehängt!“ ſagte Lionel, indem er ſich unwillkührlich zurück⸗ zog;„war der Baum je einmal ein Galgen?“ „Ja, für ſolche, die in effigie umfkamen!“ antwortete Job lachend;„ich wollte, Ihr hättet ſehen können, wie der alte Stiefel als Satan ausſtaffirt, herumbaumelte, während ſie ihn hinaufzogen: ſie gaben dem alten Jungen einen großen Schuh, um ſeinen ge⸗ ſpaltenen Huf hineinzuſtecken.“) Lionel, der mit der eigenthümlichen Ausſprache wohl vertraut war, welche ſeine Landsleute dem Buchſtaben u gaben, begriff jetzt die Anſpielung auf den Grafen Bute,“ und als er jetzt die ganze Sache und den Gebrauch, wozu dieſer merkwürdige Baum gedient hatte, deutlicher einzuſehen anfing, erklärte er ſeinen Wunſch, weiter zu gehen. * Die Amerikaner ſprechen den Buchſtaben u mit dem harten Laut von 00 aus, und daher kam der damalige Volkswitz, der Lord Bute mit boot (Stiefel) indentifieirte. Lord Bute war zu Anfang der amerikaniſchen Unruhen Premierminiſter von England und wurde von dem Volk zu Boſton in effigie als Stiefel am Freiheitsbaum aufgehaͤngt. Dieſer ‚Freiheitsbaum“ verſah hier den nämlichen Dienſt wie einſt zu Rom die Statue Pasquino's. Der alte Mann hatte Job dieſe ſeine Erklaͤrungen über die Sache geben laſſen, nicht ohne lebhafte Neugier, welche Wirkung ſie auf Lionel äußern würden; ſo wie dieſer aber ſein Verlangen ausſprach, ſich zu entfernen, wandte er ſich und ſchritt weiter. Die Richtung ihres Wegs ging nun näher gegen die Werfte hin. Bald lenkte ihr Führer in einen engen Hofraum und trat in ein Haus von faſt ärmlichem Anſehen, indem er ſogar die gewöhnliche Förm⸗ lichkeit, ſeinen Beſuch durch das übliche Klopfen an der Thüre anzukündigen, als überflüſſig unterließ. Ein langer, enger und ſchwach erleuchteter Gang führte ſie zu einem geräumigen Gemach weit hinten im Hof, das für die Aufnahme zahlreicher Volksver⸗ ſammlungen hergerichtet ſchien. In dieſem Zimmer waren wenig⸗ ſtens hundert Männer verſammelt, alle mit einem Gegenſtand von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit beſchäftigt, wie aus der Würde und dem ſtrengen Ausdruck auf ihren Geſichtern hervorzugehen ſchien. Da es Sonntag war, glaubte Lionel anfangs beim Eintritt in das Zimmer, ſein alter Freund, der oft ein beſonderes Intereſſe für religiöſe Gegenſtände verrieth, habe ihn in der Abſicht hieher gebracht, einen Lieblingsredner über ſeine eigenthümlichen Sätze ſprechen zu hören; er meinte darin einen ſchweigenden Vorwurf wegen der Vernachläßigung dieſes heiligen Tags zu erkennen; denn einer ſolchen klagte ihn ſein Gewiſſen plötzlich an, als er ſich unerwartet in einer ſolchen Verſammlung befand. Nachdem er aber durch einen dichten Haufen von Zuhörern durchgedrungen war, welche an dem unteren Ende des Zimmers ſtanden, und ein ſchweigender Beobachter der ganzen Scene wurde, erkannte er bald ſeinen Irrthum. Das Wetter hatte alle Anweſenden genöthigt, in ſolchen Gewändern zu erſcheinen, wie ſie am beſten zum Schutz gegen die Wuth deſſelben paßten; ihr Aeußeres war rauh und vielleicht ein wenig zurückſtoßend, aber in der ganzen Verſammlung herrſchte eine Ruhe, ein Anſtand⸗ welche die Mitglieder ſämmtlich als Leute bezeichneten, die in hohem Grade die Eigenſchaft der Selbſtachtung beſaßen. Wenige Minuten ³&ᷣ- e———————— & 28— 95 reichten hin, Lionel zu belehren, daß er ſich mitten unter Männern befinde, welche ſich über Fragen beſprechen wollten, die mit den politiſchen Bewegungen der Zeiten in Verbindung ſtanden, wenn es ihm gleich etwas ſchwer fiel, das eigentliche Reſultat zu ent⸗ decken, das ſie herbeiführen wollten. Fuͤr jede Frage waren ein oder zwei Sprecher— Leute, welche ihre Gedanken in vertraulichem Tone und mit der in der Provinz üblichen Ausſprache ausdrückten, ſo daß er nicht länger daran zweifeln konnte, daß die Redner nichts weiter als Handwerker und Krämer aus der Stadt ſeyen. Die Meiſten, wenn nicht Alle, zeigten eine Ueberlegung und Kälte, die ihre aufrichtige Theilnahme an der Sache, der ſie ſich geweiht, ein wenig in Zweifel hätte ziehen können, wenn ſie nicht gelegent⸗ lich über die Miniſter der Krone Worte rohen und manchmal beißenden Spottes ergoſſen und vollkommene, feſte Einigkeit darin bewieſen hätten, daß jeder Ausdruck des allgemeinen Willens ganz wie von einem berathenden Körper aufgenommen wurde. Gewiſſe Beſchlüſſe, worin die ehrfurchtvollſten Vorſtellungen ſich ſeltſam mit den kühnſten Behauptungen konſtitutioneller Grundſätze miſchten, wurden verleſen und ohne Widerſpruch und dabei mit einer Ruhe genehmigt, die keinerlei heftige Aufregung verrieth. Lionel war be⸗ ſonders über die Sprache dieſer geſchriebenen Anſichten betroffen, die mit einer Reinheit und manchmal mit einer Eleganz des Styles ausgedrückt waren, welche deutlich zeigte, daß die Bekannt⸗ ſchaft des ſchlichten Handwerkers mit der Schrift, durch deren Perioden er ſich eben durchgearbeitet hatte, noch eine ganz neue und nichts weniger als vertraute ſey. Die Augen des jungen Kriegers wanderten von Geſicht zu Geſicht; er fühlte ein dringendes Ver⸗ langen, die geheimen Leiter der Scene zu entdecken, deren Zeuge er war; auch dauerte es nicht lange, ſo ſiel ihm eine Perſon auf, die ſeinen Verdacht ganz beſonders zu verdienen ſchien. Es war ein Mann, offenbar erſt im mittleren Alter; ſein Aeußeres, Geſtalt ſowohl als Kleidung, ſoweit ſie unter ſeinem Oberrock hervorſah, zeigte, daß er auf einer durchaus höheren Stufe als die übrige Maſſe der Verſammlung ſtand. Tiefe, aber männliche Ehrfurcht wurde dieſem Manne augenſcheinlich von Denen, welche ihm am nächſten ſtanden, gezollt, und ein oder zwei Mal fanden zwiſchen ihm und den ſichtbareren Leitern der Verſammlung leiſe und ernſte Mittheilungen Statt, welche den Verdacht Lionel's in der erwähnten Art erregten. Trotz des geheimen Mißfallens, welches der eng⸗ liſche Offizier augenblicklich gegen einen Mann empfand, der ſeiner Anſicht nach ſeine Macht ſo weit mißbrauchte, daß er Andere zu Handlungen des Ungehorſams verführte,— konnte er ſich doch den günſtigen Eindruck nicht verhehlen, welche die offene, furchtloſe und gewinnende Miene des Fremden bei ihm hervorbrachte. Lionel hatte ſich ſo geſtellt, daß er ſeine Perſon, die zum Theil durch die höheren Ge⸗ ſtalten Derer, die ihn umgaben, verdeckt wurde, beſtändig im Auge behalten konnte und bald erregte auch ſein ernſtes und neugieriges Hinblicken die Aufmerkſamkeit des Andern. Bedeutungsvolle Blicke wurden während des übrigen Abends unter ihnen gewechſelt, bis der Vorſitzende ankündigte, daß die Zwecke der Zuſammenkunft er⸗ füllt ſeyen und das Meeting aufhob. Lionel erhob ſich aus ſeiner Stellung an der Wand und ließ ſich von dem Strome der Menge in den dunkeln Gang drängen, durch welchen er in das Zimmer gelangt war. Hier verweilte er einen Augenblick, um ſeinen verlorenen Gefährten wieder zu ent⸗ decken, wobei er zugleich den geheimen Wunſch nicht unterdrücken konnte, das Benehmen eines Mannes näher zu beobachten, deſſen Miene und Betragen ſo lange ſeine Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatte. Das Gedränge hatte ſich merklich vermindert: er bemerkte, daß außer ihm nur Wenige zurückgeblieben waren, und noch würde ihm nicht aufgefallen ſeyn, daß er ein Gegenſtand des Verdachts für dieſe Wenigen werden könne, hätte ihn nicht eine Stimme dicht neben ihm wieder zur Beſinnung gerufen. „Kommt Major Lincoln heute zu ſeinen Landsleuten als Einer, 97 der in ihre Beſchwerden einſtimmt, oder als der begünſtigte, hoffnungs⸗ volle Diener der Krone?“ fragte derſelbe Mann, nach welchem er ſich ſo lange vergeblich umgeſehen hatte. „Iſt Sympathie für die Unterdrückten unvereinbar mit der Treue für meinen Fürſten?“ fragte Lionel. „Das nicht,“ ſagte der Fremde in freundlichem Ton,„man ſteht dieß an dem Benehmen mancher braven Engländer unter uns, welche unſere Sache ergriffen haben— aber wir haben Anſpruch auf Major Lincoln als auf einen Landsmann.“ „Vielleicht, Sir, möchte es eben jetzt wenig geeignet ſeyn, dieſen Titel zu verläugnen, ſeyen auch meine Meinungen, welche ſie wollen,“ erwiederte Lionel, etwas ſtolz lächelnd;„dieß mag kein ſo ſicherer Boden ſeyn, ſeine Meinung offen zu ſagen, als etwa der Stadtgrund oder der Palaſt von St. James.“ „Wäre der König ſelbſt heute Abend zugegen geweſen, Major Lincoln, würde er wohl einen einzigen Satz gegen die Conſtitution gehört haben, welche ſeine Perſon für heilig und unverletzlich erklärt hat?“ „Welches immer die Geſetzmäßigkeit Ihrer Geſinnungen ſeyn mag, Sir, ſo wurden dieſe doch ſicherlich nicht in einer Sprache ausgedrückt, die für ein königliches Ohr gepaßt hätte.“ „Es mag nicht eben Kriecherei, oder auch nur Schmeichelei ge⸗ weſen ſeyn, aber es iſt Wahrheit— eine Tugend, die nicht weniger heilig iſt als die Rechte der Könige.“ „Dieß iſt weder der Ort noch die Gelegenheit, Sir,“ ſagte der junge Krieger raſch—„über die Rechte unſeres gemeinſchaftlichen Herrn zu ſtreiten; aber ſollten wir uns einſt ſpäter in hoͤherer Sphäre begegnen, wie mir nach Ihrem Benehmen und Ihrer Sprache wahrſcheinlich dünkt, ſo werden Sie mich nicht läſſig finden, ſeine Anſprüche zu vertheidigen.“ „Der Fremde lächelte bedeutungsvoll, indem er erwiederte: „Unſere Vater, glaube ich, ſind oft in ſolcher Geſellſchaft Lionel Lincoln. 2. Aufl. 7 zuſammengetroffen; verhüte Gott, daß ihre Söhne je auf weniger freundliche Art ſich begegnen.“ Kaum war dieß geſprochen, als er mit einer Verbeugung zu⸗ rücktrat und alsbald in der Dunkelheit des Ganges verſchwand. Lionel, der ſich nun allein fand, ſuchte mit den Händen den Weg nach der Straße, wo er Ralph und den Schwachſinnigen traf, welche auf ſeine Ankunft warteten. Ohne nach der Urſache ſeines Zögerns zu fragen, ſchritt der Alte an der Seite ſeines Gefährten weiter und nahm, eben ſo unempfindlich gegen den Sturm wie zuvor, ſeinen Weg nach der Wohnung der Mrs. Lechmere. „Sie haben nun eine anſchauliche Probe von dem Geiſte ge⸗ habt, der dieſes Volk durchdringt,“ hub Ralph nach einigen Augen⸗ blicken des Schweigens an;„glauben Sie noch immer, daß keine Gefahr vorhanden ſey, und daß der Vulkan nicht ausbrechen werde?“ „Alles, was ich heute Abend gehört und geſehen habe, be⸗ ſtätigt allerdings eine ſolche Meinung,“ erwiederte Lionel.„Leute am Vorabend einer Empörung prüfen übrigens ſelten ſo ſcharf und mit ſolcher Mäßigung. Ja, gerade der Zunder für den Brand— der Pöbel ſelbſt— behauptet ſeine vonſtitutionellen Grundſätze und ſtellt ſie unter den Mantel des Geſetzes, als wären die Leute ein Club gelehrter Advokaten.“ „Meinen Sie, das Feuer werde weniger anhaltend brennen, weil, was ſie den Zunder nennen, durch die Alles reifende Zeit vorbereitet wurde?“ entgegnete Ralph.„Aber das kommt davon her, wenn man einen jungen Mann zur Erziehung in die Fremde ſchickt! Der Junge ſtellt ſeine nüchternen, ernſten Landsleute auf eine Stufe mit den europäiſchen Bauern!“ So viel konnte Lionel verſtehen; aber ungeachtet der alte Mann noch längere Zeit heftig vor ſich hinmurmelte, waren ſeine Worte doch zu undeutlich, als daß er deren Meinung hätte be⸗ greifen können. Als ſie in den Theil der Stadt gelangt waren, der Lionel bekannter war, deutete ihm ſein betagter Führer den 99 Weg an, den er einzuſchlagen hatte, worauf er ſich mit den Worten verabſchiedete: „Ich fehe, Nichts als der letzte und ſchreckliche Beweis offener Gewalt wird Sie von der Abſicht der Amerikaner, ihren Unter⸗ drückern zu widerſtehen, überführen. Gott wende die böſe Stunde! aber wenn ſie kommen wird, wie ſie denn kommen muß, werden Sie Ihren Irrthum einſehen, junger Mann, und dann, darauf ver⸗ traue ich, werden Sie die natürlichen Bande nicht verläugnen, welche Sie an Ihr Vaterland, an Ihre Verwandten feſſeln.“ Lionel würde etwas erwiedert haben, doch die raſchen Schritte Ralph's vereitelten ſeinen Wunſch, denn ehe er Zeit zu ſprechen fand, ſah er deſſen abgezehrte Geſtalt wie ein körperloſes Weſen durch die Schichten des ſtrömenden Regens hingleiten und bald dem Auge vöollig entſchwinden, indem ſte, gefolgt von den plumperen Umriſſen des Blödſinnigen, in den düſteren Schatten der Nacht ſich verlor. Siebentes Kapitel. Wächter, ihr ſollt. So muß der arme Diener, Wenn Andere ruhig in den Betten ſchlafen, Im Dunkel wachen, ringsum nur Kält' und Regen. König Heinrich Vl. Bwei oder drei Tage ſchöͤnes lindes Frühlingswetter folgten auf den Sturm, und während dieſer Zeit bekam Lionel ſeinen alten Reiſegefährten nicht wieder zu Geſicht. Job dagegen hing ſich in einer vertrauenden Hülfloſigkeit an den brittiſchen Krieger, die das Herz ſeines jungen Beſchützers rührte, der ſich aus dieſem Umſtand ein richtiges Bild von der Art der Mißhandlungen ent⸗ werfen konnte, welche der arme Blödſinnige häufig von den rohen Soldaten erdulden mußte. Meriton verſah auf Lionel's ausdrückli⸗ chen Befehl bei dem Burſchen das Amt des Garderobemeiſters, zwar mit augenſcheinlichem Widerwillen, aber zum offenbaren Vortheil der äußeren Erſcheinung, wenn auch nicht gerade zur Vermehrung des Glücks auf Seite ſeines Pflegbefohlenen. Während dieſer kurzen Zeit verwiſchte ſich der leichte Eindruck, den die im vorigen Kapitel geſchilderte Scene auf Lionel gemacht hatte, durch die erfreuliche Aenderung des Wetters und das wachſende Intereſſe, das er in der Geſellſchaft ſeiner jugendlichen Verwandtinnen empfand. Pol⸗ warth erſparte ihm jede Sorge für das Hausweſen und ſo ver⸗ wandelte ſich der eigenthümliche Schatten von Trauer, der zu Zeiten ſo merklich in den Zügen des jungen Mannes hervorgetreten war, allmählig in einen ſtrahlenderen, freudigeren Blick. Polwarth und Lionel hatten einen Offizier gefunden, der früher mit ihnen in dem nämlichen Regimente in England gedient hatte und jetzt eine Compagnie Grenadiere kommandirte, die zur Beſatzung von Boſton gehörten. Dieſer Gentleman, ein Irländer mit Namen M'Fuſe, eignete ſich ſehr gut dazu, der Kochkunſt des Offiziers von der leichten Infanterie alle Ehre zu erweiſen. Obwohl ihm alle jene ausgezeichneten, wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe fehlten, wodurch Polwarth, wie man wohl behaupten konnte, in dieſer Kunſt ſich hervorthat, ſo beſaß er doch eine ſtarke Vorliebe für Alles, was nur einen feinen Geſchmack verrieth und war in Folge dieſes doppelten Anſpruchs auf Lionel's Bekanntſchaft ein häufiger Gaſt bei den von Polwarth veranſtalteten Abendbanketten. So finden wir ihn am Abend des dritten Tags dieſer Woche an der Seite ſeiner beiden Freunde an einer reichlich verſehenen Tafel, zu deren Be⸗ ſetzung mehr als gewöhnliche Geſchicklichkeit aufgeboten worden war, wenn überhaupt die wiederholten Erklärungen jenes Schülers Heliogabal's in dieſer Beziehung irgend Glauben anſprechen duͤrften. „Kurz, Major Lincoln,“ ſagte Polwarth, in ſeinem Lieblings⸗ tiſchgeſpräche fortfahrend,„der Menſch kann überall leben, wenn er nur etwas zu eſſen hat, in oder außerhalb England, das iſt gleich⸗ gültig. Kleidung mag nothig ſeyn, der äußeren Erſcheinung wegen, 101 aber Nahrung iſt das einzige Unentbehrliche, was die Natur der animaliſchen Welt auferlegt hat, und nach meiner Anſicht ſollte eigentlich jeder Menſch zufrieden ſeyn, wenn er hat, womit er die Mahnungen ſeines Hungers befriedigen kann.— Kapitän MeFuſe, Ihr würdet mich ſehr verbinden, wenn Ihr den Lendenbraten nach der Richtung ſchneiden wolltet.“ „Was macht das, Polly,“ entgegnete der Kapitän von den Grenadieren mit leichtem iriſchen Accent und mit dem ſeinen Lands⸗ leuten eigenen Humor, der ſich deutlich in ſeinen ſchönen Geſichts⸗ zügen abſpiegelte,„was liegt daran, wie ein Stück Fleiſch zerlegt wird, wenn nur genug da iſt, um, wie Du erinnert, die Mahnungen des Magens zu befriedigen?“ „Es iſt eine mittelbare Erleichterung der Natur, die man nie vernachläſſigen ſollte,“ entgegnete Polwarth, deſſen gravitätiſcher Ernſt bei ſeinen Banketten nicht leicht geſtört wurde;„es erleichtert das Kauen und unterſtützt die Verdauung— zwei Dinge, Sir, von großer Wichtigkeit für Kriegsmänner, welche oft ſo wenig Zeit für das Erſtere und keine Ruhe nach ihrem Mahle haben, um die Letztere zu vollenden.“ „Er raͤſonnirt wie ein Armeelieferant, der gerne bewirken moͤchte, daß eine Ration für zwei ausreiche, wenn der Transport theuer iſt,“ rief M'Fuſe, indem er nach Lionel hinblinzelte.„Deinen Grundſätzen gemäß, Polly, iſt alſo die Kartoffel dein treuer Be⸗ gleiter, denn ſolch ein Ding, geſetzt, daß es ein wenig mehlig iſt, magſt Du nach allen Richtungen ſchneiden, ohne den Kern zu verletzen.“ „Verzeiht mir, Kapitän M'Fuſe,“ ſagte Polwarth,„eine Kartoffel muß gebrochen und darf durchaus nicht geſchnitten wer⸗ den— es gibt kein Gewächs, das mehr gebraucht und weniger verſtanden wird als die Kartoffel.“ „Und wollt ihr, Päter Polwarth von Nesbitts leichter Infan⸗ terie,“ fiel der Grenadier ein, indem er mit unendlicher Laune Meſſer und Gabel vor ſich hinlegte,—„wollt Ihr Dennis M'Fuſe lehren, wie man eine Kartoffel zerſchneidet? Ich will gerne euch Engländer als Meiſter bei einem Ochſen anerkennen— dort habt ihr eure Lendenſtücke und Damenrumpfe, und was ihr ſonſt noch wollt; aber bei mir zu Land iſt das eine Ende an jedem Pachthof ein Sumpf, das andere ein Kartoffelfeld;— iriſches Erbgut iſt es, womit Ihr Euch ſolche Freiheiten herausnehmt, Sir.“ „Der Beſitz eines Dings und die Kenntniß ſeines Gebrauchs ſind zwei ſehr verſchiedene Eigenſchaften——“ „So gib mir die Eigenſchaft des Beſitzes,“ unterbrach ihn wieder der hitzige Grenadier,„beſonders wenn ein Stück von dem grünen Eiland in dem Streite berührt wird, und überlaſſe es einem alten Soldaten von den königlichen Irländern, ſeine Biſſen ſelbſt zu ſchneiden. Nun wett' ich eine Monatslöhnung, und das iſt für mich ſo viel, als wenn der Major ſagte, es gilt ein Tauſend— Du kannſt mir nicht ſagen, wie viele Gerichte aus ſo einem einfachen Ding, wie dieſe Kartoffel, bereitet werden können und auch täglich in Irland bereitet werden.“ „Ihr röſtet und ſiedet ſie, gebraucht ſie zum Füllen von zahmem Geflügel und manchmal—— „Alles alte Weiber⸗Kocherei!“ unterbrach ihn M'Fuſe, indem er tiefe Verachtung affektirte.—„Nun, Sir, wir haben ſie mit Butter und ohne Butter, das macht zwei, dann haben wir ſie mit Schalen und——“ „Ohne Schalen,“ ſagte Lionel lachend.„Ich denke, wir über⸗ laſſen dieſe eigenthümliche Streitfrage der Entſcheidung Job's; ich ſehe ihn eben dort in der Ecke, wie er den Gegenſtand des Diſputs in dem zuletzt genannten Zuſtand an einer Gabel hält, und mir ſcheint, daß er ihm trefflich ſchmecke.“ „Oder ſagen Sie lieber,“ fuhr MeFuſe fort,„daß dieß eine Ma⸗ terie iſt, woran das Urtheil Salomo's ſich üben könnte, ſo wollen wir Seth Sage zum Kartoffelrichter ernennen, der, wenn ſein ————,— 103 ſcharffinniges Geſicht den Namen nicht Lügen ſtraft, etwas von der Weisheit des königlichen Juden an ſich haben muß.“ „Nennt Seth nicht königlich,“ ſagte Job, während er in ſeiner Mahlzeit eine Pauſe machte.„Der König iſt königlich und ſtolz, aber Nachbar Sage läßt Job herein kommen und eſſen wie ein Chriſt.“ „Der Burſche da iſt nicht ganz ohne Vernunft, Major Lin⸗ coln,“ fing Polwarth an;„er entwickelt im Gegentheil dadurch, daß er uns zur Eſſenszeit mit ſeiner Gegenwart beehrt, eine inſtinkt⸗ artige Kenntniß des Guten und Böſen.“ „Der arme Schelm findet, fürcht' ich, nur wenig zu Hauſe, was ihn verleiten könnte, daſelbſt zu bleiben,“ antwortete Lionel;„und da er eine der erſten Bekanntſchaften war, die ich bei der Rückkehr in mein Vaterland machte, ſo habe ich Mr. Sage gebeten, ihn zu jeder ſchicklichen Stunde zuzulaſſen, beſonders dann, Polwarth, wenn er Gelegenheit findet, Deiner Geſchicklichkeit zu huldigen.“ „Ich bin erfreut, ihn zu ſehen,“ ſagte Polwarth,„denn ich liebe einen ungelehrten Gaumen gerade ſo, wie ich Naivetät bei Weibern liebe.— Sey ſo gut und reiche mir eine Schnitte von der Bruſt jener wilden Gans, M'Fuſe— nicht ſo weit vorwärts, wenn ich bitten darf; eure Zugvögel ſind gern etwas zäh an den Flügeln— aber Einfachheit im Eſſen iſt bei alle Dem das große Ge⸗ heimniß des Lebens; dieß und gehoͤriger Vorrath an Nahrungsmitteln.“ „Dießmal wirſt Du Recht haben,“ erwiederte der Grenadier mit Lachen,„denn dieſer Burſche mag wohl einer der Flügelmänner des Trupps geweſen ſeyn und ſeine Schuldigkeit im Segeln doppelt gethan haben, oder habe ich ihn auch gegen den Strich angeſchnit⸗ ten! Aber Polly, Du haſt uns nicht geſagt, welche Fortſchritte ihr neuerdings in euren Leicht⸗Infanterie⸗Exercitien gemacht habt.“ Bis jetzt war Polwarth in den veſentlichen Theilen des Mahls ſo weit vorgeſchritten, daß er einigermaßen ſeinen gewöhn⸗ lichen gutmüthigen Ton wieder annehmen konnte, und er antwortete daher mit weniger Gravität als zuvor: 104 „Wenn Gage nicht eine Reform mit unſerer Lebensweiſe vor⸗ nimmt, wird er uns alle noch zu Tod quälen. Du wirſt wiſſen, Leo, daß alle Flankencompagnien vom Wachdienſt frei ſind, um eine neue Art des Erercitiums einzulernen. Das nenuen ſie eine Erleichterung, aber die einzige, die ich bei der Sache finde, beſteht darin, daß wir uns zum Feuern niederlegen— das ſind dann, ich muß bekennen, ein oder zwei köſtliche Augenblicke.“ „Ich hab's manchmal in dieſen zehn Tagen an deinem Seufzen gemerkt,“ antwortete Lionel;„aber was halten Sie von dieſem beſonderen Erercitium, Kapitän M'Fuſe? beabſichtigt Gage mehr damit als die gewöhnliche Dreſſur?“ „Da befragen Sie mich über etwas, Sir, wovon ich nichts verſtehe,“ ſagte der Grenadier;„ich bin Soldat und gehorche meiner Ordre, ohne mich in Unterſuchungen über den Gegenſtand oder die Zweckmäßigkeit derſelben einzulaſſen. Alles, was ich weiß, iſt, daß ſowohl Grenadiere als leichte Infanterie nicht mehr die Wache beziehen und daß wir jeden Tag mit Hin⸗ und Hermarſchiren ein ſchön Stück Weg über feſten Boden zurücklegen, zu Polly's offen⸗ kundigem Mißbehagen und ſtarker Abmagerung— er verliert eben ſo viel an Fleiſch als er Grund gewinnt.“ „Glaubſt Du das wirklich?“ rief der hocherfreute Kapitän von der leichten Infanterie;„dann habe ich doch nicht all die verdammte Bewegung umſonſt gehabt. Sie haben uns den kleinen Harry Skip zum Exerciermeiſter gegeben, der, wie ich glaube, den flüchtigſten Fuß in der ganzen Armee hat. Seyd Ihr auch meiner Meinung, Meiſter Sage? Ihr ſcheint mir über den Gegenſtand nachzuſinnen, als ob er einen geheimen Reiz für Euch hätte.“ Die ſchon früher genannte Perſon, an welche Polwarth ſeine Frage richtete, ſtand mit einem Teller in der Hand in einer Stel⸗ lung da, welche große Aufmerkſamkeit, bei plötzlichem tiefem Intereſſe an der Unterredung verrieth; dabei waren jedoch ſeine Augen zu Boden geſchlagen und ſein Geſicht abgewendet, wie wenn Jemand unt mer Lio⸗ eini bra⸗ und Abſ ſein Gra eine Bez eckig wöh und vorl war ſtren Mei rückl nur wart Soll Schr Ihr von ſie f Seth 105 unter ängſtlichem Lauſchen dennoch den beſondern Wunſch hat, unbe⸗ merkt zu bleiben. Er war der Eigenthümer des Hauſes, in welchem Lionel ſeine Wohnung genommen hatte. Seine Familie war vor einiger Zeit auf das Land gezogen, wobei er den Vorwand ge⸗ brauchte, er könne ſie an einem Orte wie Boſton ohne Geſchäfte und Hülfsquellen nicht ernähren; er ſelbſt aber war in der doppelten Abſicht zurückgeblieben, ſowohl ſein Eigenthum zu beſchützen als auch ſeine Gäſte zu bedienen. Dieſer Mann hatte in nicht geringem Grade alle die Eigenſchaften des Körpers und des Geiſtes, wie ſie eine zahlreiche Klaſſe ſeiner Landsleute unterſcheiden. In erſterer Beziehung war er eher über als unter der Mittelgröße, dünn, eckig und ungelenk, aber Sehnen und Knochen verriethen unge⸗ wöhnliche Stärke. Seine Augen waren klein, ſchwarz, funkelnd, und gaben zu erkennen, daß der Verſtand, der aus ihnen her⸗ vorleuchtete, mit einer ſchönen Doſis abgefeimter Liſt gepaart war. Der übrige Theil ſeines Geſichts erſchien mager, bleich und ſtreng verſchloſſen. Als Seth ſo plötzlich von Polwarth um ſeine Meinung befragt wurde, antwortete er mit der vorſichtigen Zu⸗ rückhaltung, welcher er unveränderlich treu blieb: „Der Adijutant iſt ein raſtloſer Mann, aber das iſt, denk' ich, nur um ſo beſſer für einen Leicht⸗Infanterie⸗Offizier. Kapitän Pol⸗ warth muß es jetzt, wo der General dieſe Neuerungen bei den Soldaten befohlen hat, beſonders anſtrengend finden, mit ihnen Schritt zu halten.“ „Und was iſt wohl Eure Anſicht von dieſen Neuerungen, wie Ihr ſie neunt, Mr. Sage,“ fragte M'Fuſe; Ihr ſeyd ein Mann von Beobachtungsgeiſt und müßt Eure Landsleute kennen; werden ſie fechten?“ „Ein Ratte kämpft, wenn die Katzen ihr nachſtellen,“ ſagte Seth, ohne die Augen von ſeinem Geſchäft zu erheben.⸗ „Aber glauben denn die Amerikaner, man ſtelle ihnen nach?“ „Ei, recht arg, ſo meint das Volk, Kapitän. Das Land war 106 in großer Unruhe wegen der Stempel und der Taxen; aber ich ſagte immer, wer nichts Schriftliches von ſich gebe und nicht viel Geſchmack für etwas Andres als die gewöhnliche Nahrung beſitze, könne ſich bei alle Dem nicht ſehr durch die Geſetze bedrückt finden.“ „Dann ſeht Ihr alſo keine große Bedrückung darin, Meiſter Sage,“ ſchrie der Grenadier,„wenn man von Euch verlangt, daß Ihr Euren Antheil an den Taxen bezahlt, um einen ſo braven Burſchen wie mich in gehöriger Verfaſſung zu erhalten, damit ich Eure Schlachten ſchlage?“ „Ei, was das betrifft, Kapitaͤn, ſo meine ich, wir koͤnnten recht gut unſer Fechten ganz allein beſorgen, wenn die Lage es einmal erfordert; wiewohl ich nicht glaube, daß unſer Volk ohne Noth beſondre Luſt dazu haben wird.“ „Aber was meint Ihr, wollen eigentlich eure„Wohlfahrts⸗ Ausſchüſſee und eure ‚Söhne der Freiheite, wie ſie ſich nennen, mit ihren Paraden von„Taſchenmännchen’, ihrem Proviantauf⸗ häufen, ihren Geſchützfuhren und den andern fürchterlichen und ſchreckenerregenden Vorbereitungen?— Ha! ehrlicher Seth, glauben ſie etwa einen brittiſchen Krieger durch das Raſſeln einer Trommel zu erſchrecken, oder wollen ſie ſich wie Knaben am Feiertage mit Soldatenſpielen erluſtigen?“ „Ich ſollte meinen,“ ſagte Seth mit unerſchütterlichem Ernſt und ſtets gleichbleibender Vorſicht,„das Volk beſchäftigt ſich eifrig damit und in allem Ernſt.“ „Und wozu?“ fragte der Irländer; ihre eigenen Ketten zu ſchmieden, damit wir ſie in Wahrheit in Feſſeln legen?“ „Ei, ich ſehe doch, daß ſie die Stempel verbrannt, den Thee in den Hafen geworfen und ſeitdem die Verwaltung in ihre eigenen Hände genommen haben, und ſollte eher daraus ſchließen, daß ſie wohl ziemlich entſchloſſen find, zu thun, was ſie für's Beſte halten.“ Lionel und Polwarth lachten laut auf und Erſterer bemerkte: „Es ſcheint, Sie kommen mit unſerem Wirthe nicht zum ich viel ſitze, en.“ eiſter daß aven t ich unten ge es ohne ahrts⸗ nnen, ntauf⸗ und auben bmmel ge mit Ernſt eifrig en zu Thee eigenen daß ſie alten.“ nerkte: ſt zum 107 Schluß, Kapitän M'Fuſe, obgleich ſo Manches klar vorliegt. Weiß man wohl, Mr. Sage, daß zahlreiche Verſtärkungen in die Kolonien und beſonders nach Boſton kommen werden?“ „Nun ja,“ erwiederte Seth,„mich dünkt, man hält das ziemlich allgemein für wahrſcheinlich.“ „Und was iſt die Wirkung all' dieſes Dafürhaltens?“ Seth ſchwieg einen Augenblick, als ſey er ungewiß, ob er den andern auch recht verſtehe; dann antwortete er: „Nun, da das Land beträchtlich bei der Sache betheiligt iſt, ſo gibt's Manche, die da meinen, wenn die Miniſter den Hafen nicht öffnen, ſo werde es ohne viele weitere Worte vom Volke geſchehen.“ „Wißt Ihr,“ ſagte Lionel ernſt,„daß ein ſolcher Verſuch geradezu zum Bürgerkrieg führen würde?“ „Ich vermuthe, man kann ſicher darauf rechnen, daß ein ſolches Beginnen Störungen herbeiführen würde,“ entgegnete ſein phleg⸗ matiſcher Wirth. „Und Ihr, Sir, ſprecht davon, wie von einer Sache, die nicht abgewendet und durch jedes Mittel, das der Nation zu Gebot ſteht, verhindert werden müßte?— „Iſt der Hafen einmal geöffnet und das Auflagerecht abge⸗ ſchafft,“ ſagte Seth ruhig, dann wird ein Mann in Boſton zu finden ſeyn, der ſich verbindlich macht, alles Blut, das ferner ver⸗ goſſen werden wird, ohne irgend eine Vergütung aus ſeinen eigenen Adern nehmen zu laſſen.“ „Und wer mag dieſes furchtbare Geſchöpf ſeyn, Meiſter Sage?“ rief M'Fuſe;„Eure eigene vollblütige Perſon etwa?— Was gibt's, Doyle, was verſchafft mir die Ehre Eures Beſuchs?“ Dieſe plötzliche Frage wurde von dem Kapitän der Grenadiere an die Ordonnanz ſeiner eigenen Compagnie gerichtet, welche in dieſem Augenblick mit ihrer Rieſengeſtalt, in der Stellung mili⸗ täriſchen Reſpekts, die Thüre des Gemachs verſperrte, als ob ſie dem Offizier eine Meldung überbringen wollte. „Es ſind Befehle gekommen, Sir, die Mannſchaft eine halbe Stunde nach dem Zapfenſtreich unter's Gewehr treten zu laſſen und zum aktiven Dienſt bereit zu ſeyn.“ Die drei Herren erhoben ſich bei dieſer Meldung zumal von ihren Stühlen, während M'Fuſe ausrief:„Ein Nachtmarſch! Puh! Man will uns wieder zum Garniſonsdienſt verwenden, denk' ich; die Liniencompagnien werden ſchläfrig und wünſchen Erleich⸗ terung.— Gage hätte eine paſſendere Zeit wählen können, als die jetzige, ohne dadurch andere ehrliche Leute ſo bald nach einem Feſt⸗ mahle, wie das Deine, Polly, in Marſch zu ſetzen.“ „Gewiß ſteckt etwas Wichtigeres hinter einer ſo außergewöhn⸗ lichen Ordre,“ ſiel Lionel ein;„da könnt ihr im Augenblick ſchon den Zapfenſtreich hören. Sind keine andere Truppen als Ihre Compagnie unter's Gewehr gerufen?“ „Das ganze Bataillon hat denſelben Befehl, Euer Gnaden, und ſo auch das Bataillon leichte Infanterie; ich erhielt Befehl, es Kapitän Polwarth zu melden, wenn ich ihn träfe.“ „Das hat etwas zu bedeuten, ihr Herren,“ ſagte Lionel,„und es iſt nothwendig, daß wir uns vorſehen. Wenn eins von den beiden Corps heute Nacht die Stadt verläßt, marſchire ich als Freiwilliger mit, denn gerade jetzt iſt es für mich Pflicht, mir über den Zuſtand des Landes Aufſchluß zu verſchaffen.“. „Daß wir heute Nacht marſchiren werden, iſt gewiß, Euer Gnaden,“ fügte der Sergeant mit der Zuverſicht eines alten Sol⸗ daten bei; aber wie weit und auf welchem Wege, iſt allein den Stabsoffizieren bekannt; jedoch glaubt die Mannſchaft, daß wir bei den Collegien ausmarſchiren werden.“ „Und was hat einen ſo gelehrten Glauben in ihre dummen Köpfe geſetzt,“ fragte ſein Kapitän. „Einer der Leute, Euer Gnaden iſt ſo eben zurückgekommen und berichtet, von der Armee nahe bei den Collegien zu ,welcher auf Urlaub geweſen, daß ein Trupp Herren Mittag ſpeisten— daß hn⸗ hon Ihre den, fehl, „und den als über Euer Sol⸗ n den wir mmen weſen, Herren — daß 109 3 ſie, als die Nacht kam, aufſaßen und die Straßen in dieſer Rich⸗ tung zu rekognoseiren anfingen. Er wurde von vieren derſelben geſtellt und ausgefragt, als er über die Niederung ging.“ „All' das beſtätigt meine Vermuthungen,“ rief Lionel—„da iſt einer, der uns wichtige Dienſte erweiſen kann— Job— wo iſt der Simpel, Meriton?“ „Er wurde vor einer Minute hinausgerufen, Sir, und hat das Haus verlaſſen.“ „Dann ſchicke Mr. Sage herein,“ fuhr der junge Mann nach⸗ ſinnend fort. Einen Augenblick darauf wurde ihm berichtet, daß Seth ebenfalls auf befremdende Weiſe verſchwunden ſey. „Die Neugierde hat ihn nach der Kaſerne geführt,“ ſagte Lionel, „wo euch, ihr Herren, die Pflicht hinruft. Ich will noch ein kleines Geſchäft beſorgen, und euch in einer Stunde daſelbſt treffen; ihr könnt wohl nicht vor dieſer Zeit marſchiren.“ Das Geräuſch eines allgemeinen Aufbruchs folgte. Lionel warf Meriton ſeinen Mantel zu und ertheilte ihm zugleich die nöthigen Befehle; darauf nahm er ſeine Waffen, und indem er ſich bei ſeinen Gäſten entſchuldigte, verließ er das Haus wie Einer, der noch ein eiliges dringendes Geſchäft vor ſich ſteht. M'Fuſe fuhr fort, ſich fertig zu machen, aber er that Alles mit der Bedachtſamkeit eines Soldaten, der zu viel Erfahrung beſitzt, um leicht außer Faſſung zu gerathen. Trotz ſeiner großen Kaltblütigkeit erſchöpfte übrigens Polwarth's langes Zögern doch endlich die Geduld des Grenadiers, denn als er den Andern zum vierten Male einen Befehl wieder⸗ holen hörte, betreffend die Aufbewahrung gewiſſer Speiſen, an wel⸗ chen dieſer noch im Geiſte zu haͤngen ſchien, nachdem körperliche Trennung vom Schickſal geboten worden— rief er endlich hitzig: „He, he, Mann, wie kannſt Du Dich noch am Vorabend eines Marſches mit ſolch' epikuräiſchen Gelüſten befaſſen! Gerade der Soldat iſt es, der euren Eremiten und Anachoreten ein Beiſpiel der Caſteiung geben ſollte; überdieß, Polly, iſt dieſe Entfaltung von Sorge und Vorſicht an Dir am allerwenigſten zu entſchuldigen, da Du wohl weißt, daß wir noch in dieſer Nacht, für welche Du ſo ſehr beſorgt ſcheinſt, eine geheime Erpedition vorhaben.“ „Ich!“ rief Polwarth;„ſo wahr ich hoffe, noch ein anderes Mahl zu mir zu nehmen, ich bin ſo unbekannt mit der ganzen Sache, als der geringſte Korporal in der Armee— warum ver⸗ mutheſt Du anders?“ „Kleinigkeiten zeigen einem alten Krieger, wann und wo der Schlag geſchehen ſoll,“ erwiederte M'Fuſe, während er ruhig ſeinen Militärmantel feſter um ſeine derbe Geſtalt wickelte;„habe ich nicht noch in dieſer Stunde mit meinen eigenen Augen einen gewiſſen Kapitän der leichten Infanterie ſich ſehr eifrig mit ſchweren Vorräthen beladen ſehen! Verdammt auch, Mann, denſt Du, ich hätte meine fünfundzwanzig Jahre gedient und wüßte nicht, daß, wenn eine Garniſon ihre Magazine zu füllen aufängt, ſie eine Belagerung erwartet?“ „Ich habe nichts weiter als Major Lincoln's Bewirthung mein gebührendes Compliment erwieſen,“ erwiederte Polwarth;„aber weit entfernt, irgend beſonderen Appetit gehabt zu haben, war ich im Gegentheil nicht einmal in der Lage, verſchiedenen der Ge⸗ richte alle die Ehre zu erweiſen, die ich ihnen gewünſcht hätte.— Mr. Meriton, Ihr werdet ſo gut ſeyn, und den Ueberreſt von dieſem Geflügel in die Kaſerne hinabſchicken, wo mein Burſche es in Empfang nehmen ſoll; und da es ein langer und wohl auch hungriger Marſch werden mag, ſo legt noch die Zunge, das Huhn und etwas Ragout dazu; wir können es auf jedem Pachthof auf⸗ wärmen— auch das Stück Rindfleiſch könnten wir nehmen, Mac— Leo findet beſonderen Geſchmack an einem kalten Stückchen: und Ihr dürft auch noch den Schinken beilegen, er wird beſſer als alles Andere halten, wenn wir lange ausbleiben ſollten— und— und— ich denke, das iſt Alles, Meriton.“ „Ich bin ſehr froh, das zu vernehmen: wahrhaftig gerade ſo von e es auch duhn auf⸗ ic— und als 111 als wenn ich eine Kriegserklärung zu Charing⸗Croß ableſen hörte,“ rief M'Fuſe:— Du hätteſt Commiſſär werden ſollen, Polly— die Natur beſtimmte Dich zu einem Armeelieferanten!“ „Lach' wie Du willſt, Mac,“ erwiederte der gutmüthige Pol⸗ warth;„Du wirſt mir's danken, wenn wir zum Fruͤhſtück Halt machen; aber jetzt ſteh' ich zu Dienſten.“ Als ſie das Haus verließen, fuhr er fort:„Ich hoffe, Gage beabſichtigt nichts weiter, als uns ein wenig vorzupouſſiren, um die Fouragierer und die Armeedepots zu unterſtützen— eine ſolche Stellung könnte recht hübſche Vortheile darbieten, denn man könnte ein Syſtem in Gang bringen, das dem Tiſche der leichten Infan⸗ terie die Auswahl des ganzen Marktes ſichern würde.“ „Das iſt eine mächtige Vorbereitung um ſo eine alte eiſerne Kanone, die einem Mann das Leben koſten würde, wenn er ihr eine Lunte nahe brächte,“ ſagte der ritterliche M'Fuſe;„ich meines Theils, Kapitän Polwarth, wenn wir überhaupt gegen dieſe Kolo⸗ niſten fechten ſollen, möchte es auch thun, wie ein Mann; ich ließe die Burſche ein tüchtiges Arſenal zuſammenbringen, daß wir, wenn's zu Schlägen kommt, doch auch eine kriegeriſche Affaire bekommen— wie nun die Sachen ſtehen, würde ich mich ſchämen, ſo wahr ich Soldat und Irländer bin, meine Burſche einen Hahn ſpannen und einen Angriff auf einen Haufen von Bauern machen zu laſſen, deren Feuerwaffen mehr wie roſtige Waſſerröhren als wie Musketen ausſehen, und deren ganzes Beſitzthum ein halbes Dutzend Kanonen bildet, mit Zündlöchern, daß ein Mann den Kopf hineinſtecken könnte, und mit Mündungen, gerade groß genug, um Marbelſteine durchzuwerfen.“ „Ich weiß nicht, Mac,“ antwortete Polwarth, während ſie eifrig ihren Weg nach den Quartieren ihrer Mannſchaft fortſetzten; „ſelbſt ein Marbelſtein könnte einem den Appetit zum Mittagsmahl verderben, und die Eingebornen haben den großen Vortheil vor uns voraus, daß ſie die Lebensmittel in ihrer Gewalt haben— der Unterſchied in der Ausrüſtung wird höchſtens dieſen Nachtheil wieder ausgleichen.“ „Ich will Niemandes Meinung in Sachen militäriſcher Beur⸗ theilung beſtreiten, Kapitän Polwarth,“ erwiederte der Grenadier; „aber ich behaupte, es beſteht ein weſentlicher Unterſchied zwiſchen einem Soldaten und einem Metzger, wenn auch das Tödten ein gemeinſames Geſchäft von beiden iſt. Ich wiederhole, Sir, ich hoffe, daß dieſe geheime Erpedition ein würdigeres Ziel hat, als blos dieſe armen Teufel, mit denen wir nächſtens fechten ſollen, der Mittel zu berauben, eine ehrliche Schlacht zu liefern; ſo will es die ächte Kriegslehre, Sir, das behaupte ich, ohne Rückſicht darauf zu nehmen, wer etwa dagegen ſtreiten möge.“ „Deine Geſinnungen ſind edel und männlich, Mac; aber bei all Dem hat ſicher Jeder ſowohl die phyſiſche als moraliſche Ver⸗ pflichtung, zu eſſen, und wenn eine Hungersnoth die Folge davon iſt, daß man ſeinen Feinden erlaubt, Waffen zu tragen, ſo wird es zur heiligen Pflicht, ihnen dieſelben abzunehmen;— nein — nein— ich muß Gage's Maaßregel, als für die gegenwärtigen Umſtände ſehr weiſe, vollkommen billigen.“ „Und er iſt Euch ſehr verbunden, Sir, für Eure Billigung,“ erwiederte der Andere;—„ich fürchte, Kapitän Polwarth, ſo bald Generallieutenant Gage nöthig findet, an irgend Jemand um außer⸗ ordentlichen Beiſtand ſich zu wenden, wird er ſich erinnern, daß da ein Regiment, genannt die königlichen Irländer, in Lande weilt, und daß er ſelbſt nicht ganz unbekannt mit den Eigenſchaften ſeiner eigenen Landsleute iſt.— Ihr habt wohlgethan, Kapitän Pol⸗ warth, den Dienſt der leichten Infanterie zu wählen— ſie ſiud eine Art Fonragirer und wiſſen ſich zu helfen; aber die Grenadiere, Gott ſey Dank, lieben es, Männer und nicht Vieh im Felde zu treffen⸗ne Wie lange die Gutmüthigkeit Polwarth's die zunehmenden Anzüglichkeiten des Irlaͤnders ertragen haben würde, der ſich immer theil Zeur⸗ dier; ſchen n ein 7 ich als ollen, will ckſicht er bei Ver⸗ davon 7 ſo nein rtigen ung,“ Sbald außer⸗ daß weilt, ſeiner Pol⸗ ie ſiud adiere, Felde nenden immer 113 mehr durch ſeine eigenen Beweiſe ſteigerte, läßt ſich unmöglich be⸗ ſtimmen, denn ihre Ankunft in der Kaſerne machte dem Streit ein Ende und unterdrückte die Gefühle, die er anzuregen begonnen hatte. Achtes Kapitel. Spar Deine Seufzer, eitles Kind! Die Luft damit zu würzen; Die Thräne, ſtatt der Perle, wind' Zum Band, Dein Haar zu ſchürzen. Davenant. Lionel häͤtte erröthen mögen, wenn er ſich den geheimen und unerklärlichen Einfluß geſtand, den ſein unbekannter und raͤthſel⸗ hafter Freund Ralph über ſeine Gefühle erlangt hatte; ein Ein⸗ fluß, der ihn jetzt, nachdem er die eigene Wohnung ſo eilend ver⸗ laſſen hatte, bewog, ſeinen Weg in die unteren Stadttheile nach dem Hauſe der Abigail Pray einzuſchlagen. Er hatte ſeit der Nacht ſeiner Ankunft den düſteren Aufenthalt dieſes Weibes nicht wieder beſucht; doch deſſen Nähe bei der wohlbekannten Stadthalle, ſo wie die beſondere Bauart des Hauſes ſelbſt— hatte oft, wenn er ſich in den Straßen ſeiner Vaterſtadt erging, ſeinen beobachtenden Blick auf ſich gezogen. Da ihm ſonach ein Führer unnöthig war, wählte er die geradeſte und beſuchteſte Straße nach dem Dock⸗ Square. Als Lionel auf die Straße gelangte, fand er ſchon tiefes Dunkel über die Halbinſel verbreitet, als ob die Natur ſelbſt ſich mit den geheimen Planen des brittiſchen Commandanten verſchworen hätte. Die ſchrillen Töne einer Pfeife erklangen zwiſchen den nackten Hügeln der Stadt, gelegenheitlich von den abgemeſſenen Schlägen der dumpfen Trommel begleitet. Dazu hörte man zu Zeiten die vollen Akkorde der Hörner von dem Gemeindegrund Lionel Lincoln. 2. Aufl. 8 114 Nachtluft getragen, durch die engen der das Herz des aufgeregten jungen Kriegers während ſeines Weiterſchreitens von ernſter Luſt erbeben machte. Sein geübtes Ohr entdeckte übrigens keine andere Bedeu⸗ tung in dieſer Muſik, als die gewöhnlichen Abend⸗Signale, und als die letzten hinſchmelzenden Akkorde in den Wolken zu erſterben ſchienen, ſiel eine Stille, ähnlich der tiefen Ruhe der Mitternacht, auf die Stadt herab. Vor den Thoren des Provinzhauſes hielt er einen Augenblick ſtill und prüfte mit aufmerkſamem Blick die Fenſter des Gebäudes, worauf er ſich an den Grenadier, der in ſeinem kurzen Gang inne gehalten hatte, um den neugierigen Fremden zu beobachten— mit den Worten wandte: „Ihr habt wohl Geſellſchaft drinnen, Schildwache, wie das ſtrahlende Licht dieſer Fenſter anzeigt?“ Das Klirren von Lionel's Waffen, als er mit der Hand nach dem erleuchteten Gemach hinwies, belehrte den Soldaten, daß er von einem Vorgeſetzten angeredet worden, und er antwortete mit Ehrerbietung:. „Es ziemt meines Gleichen nicht, viel von dem wiſſen zu wollen, was die Oberen thun Euer Gnaden; aber ich ſtand vor General Wolfe's Quartier in eben der Nacht, als wir auf die Ebenen von Abram zogen, und ich denke, ein alter Soldat kann ſagen, wenn eine Bewegung bevorſteht, ohne an ſeine Vorgeſetzten unbeſcheidene Fragen zu richten.“ „Nach dieſer Bemerkung zu urtheilen, Nacht einen Kriegsrath?“ ſagte Lionel. „Seit ich hier ſtehe, iſt Niemand hineingegangen, Sir,“ er⸗ wiederte die Schildwache, als der Oberſtlieutenant vom Zehnten, jener große Northumbriſche Lord, und der alte Marine⸗Major; ein großer Kriegsheld iſt der alte Herr, Euer Gnaden, und ſelten kommt er um Nichts in das Provinzhaus.“ „Gute Nacht denn, alter Kamerad,“ ſagte Lionel und ging heraufdringen und, von der Straßen hinzittern, ein Eindruck, hält der General heute wei Exe eind wer Prc Kon die Por ben, klop wied Klin weit finſte mit ſuch wurd Gete Stro ſichtb derte Aeng Vorf war und theilt einer ſucht Stuh Strol ſtücker engen ungen beben Zedeu⸗ „ und ſterben rnacht, ielt er Fenſter ſeinem den zu ie das id nach daß er tete mit iſſen zu and vor auf die dat kann geſetzten al heute ir,“ er⸗ Zehnten, rjor; ein nd ſelten und ging 115 weiter;„es iſt wahrſcheinlich eine Berathung wegen der neuen Erercitien, die ihr einübt.“ Der Grenadier ſchüttelte mit dem Kopf, als ſey er nicht damit einverſtanden, und begann wieder auf und ab zu marſchiren. Nach wenigen Minuten ſtand Lionel vor der niedrigen Thüre der Abigail Pray, wo er wieder inne hielt; er fühlte ſich betroffen von dem Kontraſt zwiſchen der finſteren, ſchwarzen und unbewachten Schwelle, die er zu überſchreiten im Begriff war, und dem hellerleuchteten Portal, das er eben verlaſſen hatte. Von ſeinen Gefühlen getrie⸗ ben, wartete der junge Mann jedoch nur einen Augenblick und klopfte dann leiſe um Einlaß. Nachdem er ſeine Aufforderung wiederholt hatte, ohne eine Antwort zu erhalten, drückte er auf die Klinke und trat ohne weitere Umſtände in das Gebäude. Das weite, leere Gemach, in dem er ſich befand, war ſchweigend und finſter, wie die ſtillen Straßen, die er verlaſſen hatte. Lionel mußte mit den Händen ſeinen Weg nach dem kleinen Zimmer im Thurme ſuchen, wo er Job's Mutter getroffen hatte, wie oben erzählt wurde, und fand endlich auch dieſe Stube unbewohnt und finſter. Getäuſcht wandte er ſich um, den Ort zu verlaſſen, als ein ſchwacher Strahl vom oberen Stock des Hauſes herabfiel und eine rohe Treppe ſichtbar machte, die nach den oberen Gemächern führte. Er zau⸗ derte einen Augenblick, was er thun ſollte, gab aber endlich ſeiner Aengſtlichkeit nach und ſtieg mit leiſen Tritten und mit der höchſten Vorſicht zu der oberen Flur hinauf. Wie im unteren Theil, ſo war das Gebäude auch hier in einen weiten offenen Waarenraum und in kleine rohgearbeitete Zimmer in jedem der Thürme abge⸗ theilt. Dem Licht der Kerze folgend, ſtand er bald auf der Schwelle einer dieſer kleinen Stuben, worin er die Perſon fand, die er ge⸗ ſucht hatte. Der alte Mann ſaß auf dem einzigen zerbrochenen Stuhl, den der obere Stock enthielt, und vor ihm auf dem bloßen Strohbündel, welcher, den nachläſſig darüber hingeworfenen Kleidungs⸗ ſtücken nach zu urtheilen, als Ruhelager zu dienen ſchien, war eine große Landcharte zur Ueberſicht ausgebreitet, worauf ſeine ſtarren nieder⸗ geſenkten Blicke emſig zu ſuchen ſchienen. Lionel ſchwankte aber⸗ mals, während er die weißen Locken betrachtete, die über die Schläfe des Fremden herabſielen, während er ſein Haupt auf die Charte herabbeugte, wodurch die ausdrucksvollen Züge ſeines Ge⸗ ſichts einen wilden, melancholiſchen Ausdruck erhielten, indem jene durch das hohe Alter und die fortwährende Sorge, die ſie verkün⸗ deten, ihm gleichſam den Schein eines Heiligen mittheilten. „Ich bin gekommen, Sie aufzuſuchen,“ ſprach der junge Mann endlich,„da Sie mich nicht länger Ihrer Sorge würdig erachten.“ „Sie kommen zu ſpät,“ erwiederte Ralph, ohne die mindeſte Bewegung bei dieſer plötzlichen Unterbrechung zu verrathen oder ſelbſt nur die Augen von der Charte zu erheben, welche er ſtudirte; „zu ſpät wenigſtens, um Unheil abzuwenden, wenn auch nicht um Weisheit aus ſeinen Lehren zu ſchoöpfen.“ „Sie wiſſen alſo von den geheimen Bewegungen dieſer Nach „Alter, wie meines, ſchläft ſelten,“ entgegnete Ralph, indem er zum erſten Male nach ſeinem Beſuche emporblickte;„denn die ewige Nacht des Todes verſpricht frühzeitige Ruhe. Auch ich diente Lehrling bei einem blutigen Gewerbe.“ Erfahrung hat alſo die Anzeichen Garniſon entdeckt? Haben ſie auch chen Folgen der Unternehmung auf⸗ t?2“ in meiner Jugend als „Ihre Wachſamkeit und von Vorkehrungen unter der das Ziel und die muthmaßli gefunden?“ „Beides; Gage iſt ſchwach ge Keim der Freiheit ausrotten, der ſch er ihm die ſchwachen Zweige abſchneidet, während ſeine Wurzeln in den Herzen des Volkes ruhen. Er meint, kühne Gedanken können durch die Zerſtörung von Magazinen niedergeſchlagen werden.“ „So iſt es alſo nur eine Vorſichtsmaßregel, die er zu treffen beabſichtigt?“ nug, zu hoffen, er könne den on im Lande erſtarkt iſt, indem antt zuzie fern Gel⸗ wiſſe Ihre Ihn mela Aug ihm fläch Geſi nute hafte Frag Züg einen einer uns, kunft die A nieder⸗ e aber⸗ ber die auf die nes Ge⸗ em jene verkün⸗ ge Mann rachten.“ mindeſte hen oder ſtudirte; ich nicht Nacht?“ h, indem „denn die ich diente be.“ Anzeichen ſie auch ung auf⸗ könne den iſt, indem Wurzeln Gedanken nwerden.“ zu treffen 117 Der alte Mann ſchüttelte traurig das Haupt, während er antwortete: „Sie wird ſich als eine blutige Maßregel erweiſen.“ „Ich beabſichtige mit dem Detaſchement in das Land hinein⸗ zuziehen,“ ſagte Lionel;„es wird wahrſcheinlich in einiger Ent⸗ fernung im Innern Poſto faſſen und das wird mir eine ſchickliche Gelegenheit geben, jene Nachforſchungen anzuſtellen, die, wie Sie wiſſen, mir ſo ſehr am Herzen liegen und zu welchen Sie mir Ihren Beiſtand verſprochen haben.— Die paſſendſten Mittel mit Ihnen zu berathen, dieß iſt der Zweck meines heutigen Beſuchs.“ Während Lionel ſprach, ſchien das Geſtcht des Fremden ſeinen melancholiſchen, nachdenkenden Ausdruck zu verlieren, und ſeine Augen glitten leer und ausdruckslos an den nackten Balken über ihm hin und ſtrichen auf ihren Irrgängen wieder über die Ober⸗ fläche der unbeachteten Charte, bis ſie endlich auf das erſtaunte Geſicht des Jünglings fielen, auf welchem ſie länger als eine Mi⸗ nute mit dem ſtarren, gebrochenen Blick des Todes wie angefeſſelt hafteten. Lionel's Lippen hatten ſich ſchon zu einer ängſtlichen Frage geöffnet, als der Ausdruck des Lebens wieder in Ralph's Züge zurückkehrte; es geſchah dieß mit einer Schnelligkeit und einem Anſchein phyſiſcher Wirklichkeit, wie wenn die Sonne hinter einer Wolke hervortritt und ihre Lichtſtrahlen von Neuem entſendet. „Sie ſind krank!“ rief Lionel. „Verlaſſen Sie mich,“ ſagte der Alte,„verlaſſen Sie mich.“ „Sicherlich nicht in einem ſolchen Augenblicke und allein.“ „Ich befehle es Ihnen, verlaſſen Sie mich— wir werden uns, wie Sie wünſchen, auf dem Lande treffen.“ „Sie wollen alſo, daß ich die Truppen begleite und Ihre An⸗ kunft erwarte?“ „Beides.“ „Verzeihen Sie mir,“ ſagte Lionel, indem er in Verwirrung die Augen niederſchlug und zögernd fortfuhr;„aber Ihre gegenwaͤrtige Wohnung, die Beſchaffenheit Ihres Anzugs iſt mir ein Beweis, daß das Alter über Sie hereingebrochen iſt, ehe Sie ganz auf ſeine Leiden vorbereitet waren.“ „Sie möchten mir Geld anbieten?“ „Durch deſſen Annahme ich der Verpflichtete ſeyn würde.“ „Sobald meine Bedürfniſſe meine Mittel überſteigen, junger Mann, ſoll Ihres Anerbietens gedacht werden. Gehen Sie nun, es iſt keine Zeit zu verlieren.“ „Aber ich möchte Sie nicht allein laſſen; das alte Zankeiſen, das Weib, iſt doch beſſer als Niemand!“ „Sie iſt fort.“ „Und der Knabe— er hat menſchliches Gefuͤhl und würde Ihnen in Ihrer Noth beiſtehen.“ „Er hat eine beſſere Beſchäftigung als die wäre, die Schritte eines nutzloſen, alten Mannes zu ſtützen. Gehen Sie; ich bitte, ich befehle, Sir, daß Sie mich verlaſſen.“ Die feſte Art, mit welcher der Andere ſeinen Wunſch wieder⸗ holte, belehrte Lionel, daß er für den Augenblick Nichts mehr zu erwarten habe und er gehorchte mit Widerſtreben, indem er lang⸗ ſam das Zimmer verließ. Sobald er die Treppe herabgeſtiegen war, wandte er ſeine Schritte zurück nach ſeiner eigenen Wohnung. Als er die leichte Zugbrücke überſchritt, die über die ſchon erwähnte ſchmale Docke geworfen war, wurden ſeine Betrachtungen zuerſt durch Stimmen in geringer Entfernung geſtört, welche in Tönen mit einander verkehrten, die offenbar für kein anderes Ohr beſtimmt waren. In einem Augenblick, wo jeder ungewöhnliche Zufall zur Nachforſchung auffordern mußte, hielt Lionel an, um die beiden Leute zu beobachten, die nicht weit von ihm ihre geheime flüſternde Unterredung fortſetzten. Er hatte jedoch nur einen Augenblick ge⸗ lauſcht, als die Flüſternden ſich trennten, indem der eine gemächlich auf die Mitte des Vierecks zuging und unter einen Bogen des inger nun, eiſen, vürde hritte bitte, ieder⸗ hr zu lang⸗ tiegen nung. bähnte zuerſt Tönen ſtimmt all zur beiden ſternde ick ge⸗ ächlich en des 119 Marktplatzes trat, während der Andere gerade über die Brücke kam, wo Lionel ſelbſt ſtand. „Job, find' ich Dich hier auf dem Dock Square, wiſpernd und Komplotte ſchmiedend?“ rief Lionel,„welche Geheimniſſe kannſt Du haben, die der Hülle der Nacht bedürften?“ „Job wohnt dort im alten Waarenhaus,“ ſagte der Junge. „Nab hat jetzt Ueberfluß an Hausraum, da der König nicht will, daß das Volk ſeine Waaren hineinbringe.“ „Aber wohin gehſt Du denn? in's Waſſer? Gewiß geht der Weg in Dein Bett nicht über die Stadtdocke!“ „Nab braucht Fiſche zum Eſſen, ſo gut als eine Decke, um den Regen abzuhalten,“ ſagte Job und glitt leicht von der Brücke in einen kleinen Kahn, der an einem von den Pfeilern befeſtigt war, „und nun, da der König den Hafen geſchloſſen, müſſen die Fiſche bei der Finſterniß hereinkommen; denn kommen wollen ſie einmal und Boſtoner Fiſche laſſen ſich nicht durch Parlamentsakten aus⸗ ſchließen!“ „Armer Junge! gehe nach Haus und zu Bett; hier iſt Geld, für Deine Mutter Nahrung zu kaufen, wenn ſie Mangel leidet. Du wirſt Dir von einer der Schildwachen einen Schuß holen, wenn Du ſo in der Nacht im Hafen herumfaͤhrſt.“ „Job kann ein Schiff weiter ſehen, als er von dieſem geſehen wird,“ entgegnete der Andere,„und ſollten ſie Job auch tödten, ſo moͤgen ſie nicht denken, ſie können ein Boſtoner Kind ohne einigen Laͤrm erſchießen.“ Hier endete die kurze Unterredung; der Kahn glitt längs der äußeren Docke mit ſolcher Stille und Schnelligkeit in den Hafen, daß man deutlich ſehen konnte, wie der Schwachſinnige mit dem Geſchäft, das er unternommen, recht wohl vertraut war. Lionel ſetzte ſeinen Weg fort und wollte eben um die Ecke des Platzes herumbiegen, als er Geſicht gegen Geſicht unter dem Licht einer Lampe mit dem Manne zuſammentraf, deſſen Geſtalt er kaum 120 eine Minute vorher unter dem Bogen der Stadthalle erblickt hatte. Gegenſeitiges Verlangen, ſich von der beiderſeitigen Identität zu überzeugen, führte ſie gegen einander. „Wir treffen uns wieder, Major Lincoln,“ ſagte der intereſ⸗ ſante Fremde, welchen Lionel bei der politiſchen Verſammlung ge⸗ ſehen zu haben ſich erinnerte.„Unſere Zuſammenkünfte ſcheinen dazu beſtimmt, nur an geheimen Orten Statt zu haben.“ „Und Job Pray könnte als leitender Genius dabei gelten!“ erwiederte der junge Krieger.„Sie ſchieden eben erſt von ihm?“ „Ich denke, Sir,“ ſagte der Fremde ernſt,„dieß iſt kein Land, noch ſind wir in einer Zeit, wo ein ehrlicher Mann nicht geſtehen dürfte, wenn er, mit wem immer ihm beliebt, geſprochen hat.“ „Sicherlich, Sir, iſt es nicht meine Sache, ſolchen Verkehr zu hindern. Sie ſprachen von unſern Vätern; der meine iſt Ihnen wohl bekannt, wie mir ſcheint, obwohl Sie für mich noch ein Fremder ſind?“ „Und auch noch etwas länger es bleiben werde,“ ſagte der Andere,„wiewohl ich glaube, daß die Zeit nahe iſt, wo Männer nach ihrem wahren Charakter erkannt ſeyn werden; bis dahin alſo Major Lincoln! Ich ſage Ihnen Lebewohl!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm der Unbekannte eine Richtung, welche dem von Lionel eingeſchlagenen Wege gerade entgegengeſetzt war, und entfernte ſich mit der Haſt eines Mannes, der ſehr beeilt iſt. Lionel ſtieg bald nach dem oberen Stadttheile hinauf, um nach der Tremontſtraße zu gehen und ſeinen Entſchluß⸗ die Erpedition zu begleiten, dort mitzutheilen. Es wurde jetzt dem jungen Mann offenbar, daß das Gerücht von der beabſichtigten Be⸗ wegung der Truppen ſich heimlich, aber ſchnell unter dem Volke ausbreitete. Er kam an mehreren Gruppen von Städtern vorüber, die an den Straßenecken mit einander verkehrten und aus deren Munde er mehrere Male die auffallende Neuigkeit vernahm, daß der Neck (die Landenge), der einzige Annäherungspunkt vom Feſtlande aus, durch eine Linie von Schildwachen geſchloſſen ſey, ſowie daß Wachboote n!“ n?“ kein nicht at.“ r zu wohl 1d29 2 der nner alſo eine erade nnes, theile hluß, t dem Be⸗ Volke rüber, Nunde Neck durch hboote 121 von den Kriegsſchiffen die Halbinſel auf eine Art umringten, wo⸗ durch alle Verbindung mit dem anſtoßenden Lande abgebrochen würde. Noch waren keine Zeichen eines militäriſchen Allarms zu bemerken; nur von Zeit zu Zeit miſchte ſich ein unterdrücktes Summen, als Zeichen der Vorbereitung, mit jenen eigenthümlichen Lauten eines Frühlingsabends, welche ſtets zunahmen, je mehr er ſich dem Saume der Wohnungen näherte. In der Tremontſtraße fand Lionel keine Spur von der Aufregung, welche ſich ſo ſchnell in den alten und nieder gelegenen Theilen der Stadt ausbreitete. Er trat in ſein eigenes Zimmer, ohne einem Mitgliede der Familie zu begegnen, und nachdem er ſeine kurzen Vorbereitungen vollendet, war er eben im Begriff hinabzu gehen, um ſeine Verwandtinnen zu beſuchen, als Mad. Lechmere's Stimme, die aus einem kleinen zu ihrem eigenen Gebrauch beſtimmten Gemach hervordrang, ſeine Schritte hemmte. In der Abſicht, perſönlichen Abſchieb zu nehmen, näherte er ſich der halboffenen Thüre und würde um die Erlaubniß zum Eintritt gebeten haben, wäre nicht ſein Auge auf Abigail Pray gefallen, die im ernſten Geſpräch mit der Herrin des Hauſes begriffen war. „Ein armer, alter Mann, ſa3 Ihr?“ bemerkte Mrs. Lechmere in dieſem Augenblick. „Und Einer, der Alles zu wiſfen ſcheint,“ fiel Abigail ein, indem ſie ihre Augen mit dem Ausdruck abergläubiſchen Schreckens aufſchlug. „Alles!“ wiederholte Mrs. Lechmere, und ihre Lippe zitterte, mehr vor Furcht als vor Alter;„und er kam mit Major Lincoln an, ſagt Ihr?“ „Im nämlichen Schiff; und es ſcheint, der Himmel hat es ſo gewollt, daß er bei mir in meiner Armuth wohnen ſollte, als Strafe für meine ſchweren Sünden!“ „Aber warum duldet Ihr ſeine Gegenwart, wenn ſie Euch ſo läͤſtig iſt?“ ſagte Mrs. Lechmere;„Ihr ſeyd doch wenigſtens Herrin in Eurem eigenen Hauſe.“ „Es hat Gott gefallen, daß mein Haus eine Heimath für alle Die ſeyn ſollte, welche ſo unglücklich ſind, keine zu haben. Er hat daſſelbe Recht im Waarenhauſe zu wohnen, wie ich es habe.“ „Ihr habt das Recht einer Frau und das des erſten Beſitzes,“ ſagte Mrs. Lechmere mit jener unnachgiebigen Strenge in ihrem Weſen, welche Lionel ſchon oft zuvor bemerkt hatte;„ich würde ihn, wie einen Hund, auf die Straße werſen.“ „Auf die Straße!“ wiederholte Abigail und ſchaute wieder in geheimem Schrecken um ſich;„ſprechen Sie leiſer, Madame Lech⸗ mere, um's Himmels willen— ich wage es nicht einmal, ihn an⸗ zuſchauen— er erinnert mich durch ſeinen ſengenden Blick an Alles, was ich je gewußt, an alles Uebel, das ich je gethan,— und dabei kann ich erſt nicht ſagen warum— und dann verehrt ihn Job wie einen Gott, und wenn ich ihn beleidigen ſollte, könnte er leicht aus dem Jungen Alles das herausbringen, was Sie und ich ſo ſehr wünſchen—“ „Wie!“ rief Mrs. Lechmere mit angſterſtickter Stimme,„ſeyd Ihr ſo niederträchtig geweſen, dieſen Narren zu Eurem Vertrauten zu machen?“ „Dieſer Narr iſt das Kind meines Herzens,“ ſagte Abigail, indem ſie die Hände aufhob, als wollte ſie für ihre Unvorſichtigkeit um Verzeihung bitten.—„Ach! Madame Lechmere, Sie, die Sie reich und groß und glücklich ſind und ſolch eine ſüße und gefühl⸗ volle Enkelin haben, Sie können freilich nicht wiſſen, wie man einen Job lieben kann; iſt aber das Herz beladen und ſchwer, ſo wirft es ſeine Bürde auf Jeden, der ſie tragen will; Job iſt mein Kind, obgleich er wenig beſſer als ein Blödſinniger iſt.“ Es gehörte kein geringer Grad von guter Erziehung dazu, um jetzt, wie Lionel, Mrs. Lechmere’s unfähigkeit zu ſprechen, ſich zu Nutze zu machen und dieſen Ort zu verlaſſen, da er nicht länger eine Unterredung belauſchen wollte, die nicht für ſein Ohr beſtimmt war. Er erreichte das Beſuchszimmer und warf ſich auf eins von 123 den Ruhebetten, ehe er noch bemerkte, daß er nicht allein und un⸗ beobachtet war. „Wie! Major Lincoln ſchon ſo früh zurück von ſeinem Bankette und gleich einem Banditen bis an die Zähne bewaffnet!“ rief die muthwillige Stimme Cäcilien's, welche, von ihm unbemerkt, den gegenüberſtehenden Sitz inne hatte, als er in's Zimmer trat. Lionel erſchrack und rieb ſich die Stirne, wie Jemand, der aus einem Traume erwacht. „Ja, ein Bandit oder jeder andere ſchimpfliche Name, den Sie wollen; ich verdiene ſie alle.“ „Gewiß,“ ſagte Cäcilie erblaſſend,„kein Anderer dürfte eine ſolche Sprache über Major Lincoln ſich erlauben, und er ſelbſt thut es mit Unrecht!“ „Welch thörichten Unſinn habe ich ausgeſtoßen, Miß Dynevor!“ rief Lionel, der nun zur Beſinnung zurückkehrte;„ich war in Ge⸗ danken vertieft und hörte Ihre Rede, ohne Ihren Sinn zu begreifen.“ „Doch Sie ſind bewaffnet; der Degen iſt keine gewöhnliche Waffe an Ihrer Seite und nun tragen Sie gar Piſtolen!“ „Ja,“ erwiederte der junge Krieger, während er das gefähr⸗ liche Geräthe bei Seite legte,„ja, ich bin im Begriff, als Volontär mit einer Truppenabtheilung heute Nacht in das Land zu marſchiren, und nehme die Waffen mit mir, weil ich recht kriegeriſch erſcheinen moͤchte, obgleich Sie wohl wiſſen, wie friedlich ich geſinnt bin.“ „In das Land marſchiren, und in der Todtenſtille der Nacht?“ ſagte Cäcilie, indem ſie tief Athem holte und abermals erblaßte.— „Und Lionel Lincoln zieht als Freiwilliger aus mit einem ſolchen Auftrag?“ „Ich gehe freiwillig und mit keinem andern Auftrag als dem eigenen Wunſche, ein Augenzeuge deſſen zu ſeyn, was etwa vor⸗ fällt— Sie ſelbſt ſind nicht unbekannter mit dem Zwecke der Unternehmung, als ich in dem gegenwärtigen Augenblicke es bin.“ „Dann bleiben Sie, wo Sie ſind,“ rief Cäeilie haſtig; „ſchließen Sie ſich nicht einem Unternehmen an, das unheilig in ſeinem Zwecke iſt und unglücklich in ſeinem Reſultate ſeyn kann.“ „Am Erſteren bin ich unſchuldig, welcher er auch immer ſeyn mag, und überdieß wird er weder durch meine Gegenwart, noch durch meine Abweſenheit irgend eine Veränderung erleiden. Gefahr iſt wenig dabei, die Grenadiere und die leichte Infanterie dieſer Armee zu begleiten, Miß Dynevor, und ſollte es ſelbſt gegen die drei⸗ fache Anzahl erleſener Truppen gehen.“ „Dann will mir ſcheinen,“ ſagte Agnes Danforth, während ſie in's Zimmer trat,„unſer Freund Merkur, jener federleichte Mann, Kapitän Polwarth, ſoll auch einer von dieſen Nachträubern ſeyn!— der Himmel ſchütze die Hühnerſteige!“ „Du haſt alſo ſchon davon gehört, Agnes?“ „Ich habe gehört,“ ſagte Agnes und verſuchte, ihren Unwillen unter angenommener Ironie zu verbergen, daß Mannſchaft ſich rüſte, daß Boote rings um die Stadt in allen Richtungen rudern und daß verboten worden, in Boſton ein⸗ oder auszugehen, wie wir wohl ſonſt gewohnt worden, Cäcilie, zu ſolchen Stunden und auf ſolche Art zu thun, wie es uns einfachen Amerikanern geziemte. Gott allein kann ſagen, wie all' dieſe Maaßregeln der Unterdrückung enden werden.“ „Wenn Sie blos als neugieriger Zuſchauer bei den Plün⸗ derungen der Truppen mitgehen,“ fuhr Cäcilie gegen Lionel fort, „haben Sie dann nicht Unrecht, ſelbſt nur Ihren Namen zu einem ſolchen Zwecke herzugeben?“ „Noch muß ich erſt hören, daß Plünderungen ſtattfinden werden.“ „Du vergißſt⸗ Cäcilie,“ fiel Agnes Danforth ſpöttiſch ein,„daß Major Lincoln erſt nach dem berühmten Marſch von Rorbury nach Dorcheſter angekommen iſt. Damals ſammelten ſich die Truppen ihre Lorbeeren beim Glanz der Sonne, aber es iſt leicht einzuſehen, um wie viel glorreicher ihre Thaten ausfallen werden, wenn Dunkel⸗ heit ihre Schaamröthe verbergen ſoll!“ —r,„.—— ο 125 Das Blut ſtieg Lioneln in's Geſicht; dennoch lächelte er, während er ſich erhob und ſich zum Gehen anſchickte. „Sie zwingen mich, Retraite zu ſchlagen,“ ſagte er.„Wenn ich übrigens mein gewöhnliches Glück bei dieſer Fouragirung habe, ſoll Ihre Speiſekammer um ſo beſſer dabei fahren. Der ſchönen Agnes küſſe ich die Hand, denn es wäre wohl nöthig, zuvor den Scharlach abzulegen, um mit einem friedlicheren Anerbieten mich nahen zu dürfen. Aber hier wird mir wohl eher ein freundliches Lebewohl zu Theil werden.“ Er nahm die Hand Cäcilien's, die frei ſeinem Anerbieten ent⸗ gegenkam und unmerklich ſich bis an die Hausthüre von ihm führen ließ, während er zu ſprechen fortfuhr. „Ich wollte, Lionel, Sie gingen nicht,“ ſagte ſie, als ſie an der Schwelle ſtehen blieben;„man verlangt es nicht von Ihnen als Soldat und als Mann ſollten Ihre eigenen Gefühle Sie lehren, freundlich gegen Ihre Landsleute zu ſeyn.“ „Als Mann gehe ich auch, Cäcilie, antwortete er;„ich habe Beweggründe, welche Sie nicht errathen können.“ „Und ſoll Ihre Abweſenheit lange dauern?“ „Wenn nicht für einige Tage, würde mein Zweck unerfüllt bleiben; doch,“ fügte er hinzu und drückte ſanft ihre Hand,„Sie können wohl mein Verlangen nicht bezweifeln, zu Ihnen zurückzukehren, ſobald nur die Gelegenheit ſich bietet.“ „So gehen Sie denn,“ ſagte Cäeilie haſtig, indem ſie, viel⸗ leicht ſich ſelbſt unbewußt, ihre Hand zurückzog,—„gehen Sie, wenn Sie geheime Gründe für Ihr Beginnen haben; aber erinnern Sie ſich, daß die Thaten jedes Offiziers von Ihrem Rang ſcharf beobachtet werden!“ „Mißtrauen Sie mir denn, Cäcilie?“ „Nein— nein— ich mißtraue Niemand, Major Lincoln:— gehen— gehen Sie— nur— nur— wir werden Sie ſehen, Lionel, ſowie Sie zurück ſind.“ Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn ſie glitt ſo raſch in das Haus, daß der junge Mann nur noch bemerken konnte, wie, ſtatt wieder zu ihrer Couſine zu eilen, ihre leichte Geſtalt mit der Schnelligkeit und der Grazie einer Fee die große Treppe hinaufſchwebte. Neuntes Kapitel. Häng' unſer Banner auf den Außenwall: Der Feldruf iſt: Sie kommen. Macbeth. Kionel war von Mrs. Lechmere's Wohnung bis an den Fuß von Beacon Hill gegangen und ſelbſt einen Theil des ſteilen Abhangs hinaufgeſtiegen, ehe er ſich wieder erinnerte, warum er zu dieſer ungewöhnlichen Stunde ſo in ſich ſelbſt vertieft umher⸗ wandere. Da er aber kein Geräuſch hörte, das den augenblicklichen Aufbruch der Truppen verrathen hätté, ſo folgte er, ſich unbewußt, ſeinem Gefühle, das gerade in dieſem Augenblick ihn zur Mitthei⸗ lung gegen Andere untauglich machte und ſtieg vollends bis zum Gipfel der Anhöhe hinauf. Auf dieſem erhabenen Standpunkt machte er Halt, um den Schauplatz zu betrachten, der im Dunkel der Nacht zu ſeinen Füßen ausgebreitet lag, während ſeine Gedanken von den ſchmeichelnden Ahnungen, denen er ſich hingegeben, zu der Betrachtung der dringenderen Geſchäfte dieſer Stunde zurückkehrten. Da erhob ſich aus der Stadt ſelbſt ein fernes Gemurmel, wie das Summen verheimlichter Bewegung; Lichter ſah man längs den Straßen hingleiten oder an den Fenſtern hinziehen, und zwar auf eine Weiſe, welche zeigte, daß die Kunde von dem Zuge ſich nun allgemein in den Wohnungen verbreitet hatte. Lionel ſchaute hinüber nach dem Gemeindegrund und lauſchte lange und ängſtlich, aber vergebens, um nur einen einzigen Laut zu vernehmen, der ein ungewöhnliches Geräuſch unter den Soldaten hätte verrathen können. 127 Mehr gegen das Innere hin war dichte Dunkelheit der Nacht herabgeſunken, die das Amphitheater von Hügeln, welche die Stadt umſchloßen, einhüllte und über Thäler und Niederungen zwiſchen ihnen und dem Waſſer einen undurchdringlichen Schleier von Finſter⸗ niß ausbreitete. Allerdings gab es Augenblicke, wo er hin und wieder von dem Volk am jenſeitigen Ufer einzelne Zeichen zu ver⸗ nehmen glaubte, welche wohl andeuten ſollten, daß ſie von der be⸗ vorſtehenden Landung benachrichtigt ſeyen; wenn er aber aufmerk⸗ ſamer horchte, konnte er höchſtens, ſo weit ſein Ohr zu reichen vermochte, das dumpfe Blöcken des Viehs auf den Wieſen, oder das Plätſchern der Ruder von einer Booten⸗Linie vernehmen, welche weithin längs des Ufers ſich erſtreckend, ſowohl die Art als die Ausdehnung der Wachſamkeit verrieth, die bei dieſer Gelegenheit für nöthig errachtet wurde. Während Lionel an dem Rande der kleinen Plattform ſtand, die durch Abheben der Spitze des natürlichen Kegels gebildet worden war, und über die wahrſcheinlichen Folgen der Maaßregel nach⸗ ſann, welche von ſeinen Vorgeſetzten ergriffen worden, hatte ſich ein ſchwaches Licht über das Gras ergoſſen und glänzte, plötzlich emporſteigend, in ſtarken Strahlen auf dem Becken des Leuchtthurms. „Schurke!“ rief ein Mann, der aus ſeinem Verſteck am Fuß des Pfahls hervorſprang und ſich vor ihn hinſtellte, ſo daß er ihm gerade in's Geſicht ſchaute;„wagſt Du es, den Leuchtthurm an⸗ zuzünden?“ „Als Antwort möchte ich zuerſt fragen, wie Ihr wagen könnt, ein ſo rohes Wort auf mich anzuwenden; doch ich ſehe die Urſache Eures Irrthums,“ ſagte Lionel.„Das Licht kommt dort vom Monde her, der gerade aus dem Ocean emportaucht.“ „Ich erkenne meinen Irrthum,“ erwiederte der rauhe Beleidi⸗ ger.—„Beim Himmel, ich hätte im Anfang geſchworen, daß es der Leuchtthurm ſey!“ „So müßt Ihr denn an die hergebrachte Hexerei dieſes Landes glauben, denn Nichts als Zauberei hätte mich in Stand ſetzen ſolcher Entfernung das Brennholz anzuzünden.“ „Ich weiß nicht,'s i*ſt ein ſonderbares Volk, unter das wir gerathen ſind;— vor Kurzem haben ſie uns die Kanonen aus dem Arſenale geſtohlen,— ich hätte das Ding ewig für unmöglich gehalten. Es war vor Ihrer Ankunft, Sir, denn nun glaube ich die Ehre zu haben, mit Major Lincoln vom Siebenundvierzigſten zu ſprechen.“ „Dießmal ſind ſie der Wahrheit näher, als bei Ihrer erſten Vermuthung über meinen Charakter,“ ſagte Lionel;„aber habe ich etwa einen der Herrn von unſerm Tiſch vor mir?“ Der Unbekannte erklärte ſich nun für einen Subalternen in einem andern Regiment, der aber die Perſon des Majors recht wohl kenne. Er fügte hinzu, er ſey beordert worden, auf dem Hügel Wache zu halten, um zu verhindern, daß nicht einer der Ein⸗ wohner den Leuchtthurm anzünde oder ein anderes Zeichen gebe, das die Kunde von dem beabſichtigten Einfall in das Land bringen könnte. „Die Sache gewinnt einen ernſteren Anſchein, als ich ver⸗ muthete,“ erwiederte Lionel, als der junge Mann ſeine Erläu⸗ terung geendet hatte;„der Kommändirende muß mehr beabſichtigen als wir denken, wenn er auf dieſe Art Offiziere zum Dienſt von Gemeinen verwendet.“ „Wir armen Subalternen wiſſen nur wenig und kümmern uns noch weniger um das, was er meint,“ rief der Faͤhndrich; naller⸗ dings muß ich aber geſtehen, daß ich keinen genügenden Grund ſehen kann, warum brittiſche Truppen ſich in den Mantel der Nacht hüllen ſollen, um gegen eine Handvoll zoͤgernder, quäckender Bauern zu marſchiren, die am hellen Tage vor dem Anblick unſerer Uniformen auseinander laufen würden. Hätte ich meinen Willen, der Theer dort über uns ſollte eine Meile hoch lodern, um die Helden vom Connectieutfluſſe herbeizurufen; die Hunde würden vor zwei vollen Grenadierkompagnien zurückſchrecken.— Hal hoͤren Sie, Sir? können, in n uns aller⸗ ſehen hüllen en zu ormen Theer vom vollen Sir? 129 da ziehen ſie nun, der Stolz unſrer Armee! Ich kenne ſie an ihrem ſchweren Tritt.“ Lionel horchte aufmerkſam, und unterſchied deutlich den abge⸗ meſſenen Schritt eines wohldisciplinirten Corps, das raſch über den Gemeindegrund daherzog und gegen die Waſſerſeite hin zu marſchiren ſchien. Er ſagte ſeinem Gefährten ein haſtiges gute Nacht und eilte den Abhang des Hügels hinab; in der Richtung der Töne weiter ſchreitend, gelangte er in einem und demſelben Augenblick mit den Truppen an's Ufer. Zwei dunkle Menſchenmaſſen hielten in feſter Ordnung, und als Lionel längs der Kolonne hinging, ſchätzte ſein geübtes Auge die Stärke der verſammelten Truppen nur wenig unter tauſend Mann. Eine Gruppe von Offtzieren ſtand am Strande beiſammen und dieſer näherte er ſich, indem er richtig vermuthete, daß der Führer des Zugs in ihrer Mitte ſich befinden würde. Dieſer Offizier war, wie ſich zeigte, der Obriſt⸗ lieutenant vom Zehnten, welcher in eifriger Unterhaltung mit dem alten Marinemajor begriffen war, auf den ſchon die Schildwache vor dem Provinzhaus angeſpielt hatte. An den Erſteren dieſer Beiden wandte ſich der junge Krieger und bat um die Erlaubniß, das Detaſchement als Freiwilliger begleiten zu dürfen. Nach wenigen erläuternden Worten ward ſein Geſuch genehmigt, obgleich Jeder vermied, den geheimen Zweck des Zugs auch nur leiſe zu berühren. Lionel fand nun ſeinen Burſchen, der den Truppen mit ſeines Herrn Pferden gefolgt war, und nachdem er dieſem ſeine Befehle ertheilt hatte, ging er, ſeinen Freund Polwarth aufzuſuchen, den er auch bald in ſteifer militäriſcher Haltung an der Spitze des erſten Pelotons bei der Kolonne der leichten Infanterie entdeckte. Da ſowohl nach der Stellung, welche die Truppen einnahmen, als auch nach den Booten, die ſich an dieſem Punkte verſammelt hatten, mit Gewißheit angenommen werden konnte, das daß Detaſchement die Halbinſel nicht auf dem gewöhnlichen Verbindungswege zu Land verlaſſen ſollte, ſo blieb keine andere Wahl, als geduldig den Befehl Lionel Lincoln. 2. Aufl. n.— Der Aufſchub war indeß nur kurz, und tet wurde, hatten die Truppen ommen und die Boote ſtießen ſchwerfällig Strahlen des Mondes, die einige Zeit Thurmſpitzen der Stadt vergoldet hatten, ſich mild über die Bai ergoſſen und die geſchäftige Scene beleuchteten— ein Bild, nicht unähnlich dem plötzlichen Aufziehen des Vorhangs bei der Eröffnung eines intereſſanten Drama's. Polwarth hatte ſich, zur großen Erleichterung ſeiner Beine, an Lionel's Seite niedergelaſſen, und als ſie ſachte in dem Mondlicht hinfuhren, ſchwanden vor der Lieblichkeit der Witterung und viel⸗ leicht auch vor der ruhigen Behaglichkeit der jetzigen Lage all' jene böſen Ahnungen aus ſeiner Seele, welche die Betrachtung über die Schwierigkeiten eines Partheigängerzugs ſo natürlich begleitet hatten. „Es gibt Augenblicke, wo ich an dem Leben eines Seemanns Geſchmack finden könnte,“ hub er an, während er ſich nachläßig zurücklehnte und mit der einen Hand im Waſſer ſpielte.—„Dieß Herumfahren in Booten iſt eine leichte Arbeit und muß ein Kapi⸗ talmittel gegen ſchwere Verdauung ſeyn, inſofern man dabei friſche Luft mit möglichſt wenig heftiger Bewegung genießt. Unſere See⸗ leute müſſen drum ein fröhliches Leben führen!“ „Sie ſollen über den Widerſtreit ihrer Pflichten mit denen der Seeoffiziere unzufrieden ſeyn,“ ſagte Lionel,„und ich habe oft mit angehört, wie ſie ſich über Mangel an Raum, um ihre Beine zu gebrauchen, beklagten.“ „Ha!“ meinte Polwarth,„das Bein iſt ein Glied an dem Menſchen, für welches ich weniger als für jeden andern Theil des Körpers eine wirkliche Nothwendigkeit einſehe. Ich denke mir oft, in der Bildung der animaliſchen Geſchöpfe muß ein arger Mißgriff geſchehen ſeyn, ſo z. B. kann einer ein recht guter Seemann ſeyn ohne Beine— ein guter Geiger, ein Schneider erſter Qualität, ein Advokat, ein Doktor, ein Prediger, ein recht erträglicher Koch, zum Einſchiffen abzuwarter da die vollkommenſte Ordnung beobach bald ihre Sitze eingen vom Lande ab, eben als die auf den Hügeln geſpielt und die dem des oft, griff ſeyn ität, doch, 1³3¹ kurz Alles andere, nur kein Tanzmeiſter. Ich ſehe keinen Nutzen an einem Bein, als daß man etwa die Gicht daran hat— auf jeden Fall iſt ein Bein von zwölf Zoll eben ſo gut als eins von einer Meile Länge und das Uebrige könnte man auf die edleren Theile der thieriſchen Natur verwenden, wie auf das Gehirn und den Magen.“* „Du vergißſt den Offizier der leichten Infanterie,“ ſagte Lionel lachend. „Du kannſt ihm ein paar Zolle weiter geben, und am Ende, wie denn überhaupt jedes Ding in dieſer argen Welt nur ver⸗ gleichungsweiſe trefflich iſt, käme es doch auf's Nämliche heraus und nach meinem Syſtem wäre einer eben ſo tauglich zur leichten In⸗ fanterie ohne Beine als mit denſelben; dabei würde er noch oben⸗ drein mit einem guten Theil ermüdender Manöver, beſonders mit dieſem neuen Exercitium verſchont bleiben. Dann hätten wir wohl einen köſtlichen Dienſt, Leo, denn man könnte von ihm ſagen, er allein faſſe alle Poeſie des Kriegslebens in ſich, wie Du hier ſehen kannſt. Weder die Einbildungskraft noch der Körper können mehr verlangen, als wir in dieſem Augenblick genießen, und welchen Nutzen, möchte ich fragen, gewähren uns nun unſere Beine? Sie ſind höchſtens überflüſſiger Ballaſt in dieſem Boot. Sieh nur, da haben wir den ſanften Mond, noch ſanftere Sitze, einen glatten Waſſerſpiegel, eine Appetit erregende Luft— auf einer Seite eine ſchöne Landſchaft, welche, wenn auch nur⸗undeutlich geſehen, als fruchtbar und reich bis zum Ueberfluß bekannt iſt; auf der andern eine maleriſche Stadt, verſehen mit den Gewürzen aus jedem Klima— ſelbſt dieſe ſchuftigen Gemeinen ſehen in ihren Scharlach⸗ röcken und glitzernden Waffen viel milder aus unter den Strahlen dieſes Mondes. Sahſt Du Miß Danforth bei Deiner Viſite in der Tremontſtraße, Major Lincoln?“ „Dieſes Vergnügen ward mir nicht verweigert.“ „Wußte ſie von dieſen kriegeriſchen Vorgängen?“ „Es war etwas ausnehmend Kampfluſtiges in ihrer Laune.“ on Einem, der „Sprach ſie von der leichten Infanterie oder v in dem leichten Corps diene?“ „Dein Name wurde aller etwas trocken—„ſie gab zu verſtehen, in Gefahr.“ „Ach! ſie iſt doch ein Millionenmädchen! ihre Säuren ſelbſt ſind lieblich! die Würzen wurden nicht vergeſſen, als der Stoff zu ihrer Bildung gemiſcht wurde; ich wollte, ſie wäre hier— fünf Minuten Mondſchein für einen Verliebten ſind einen ganzen Sommer in Meiſterſtreich, ſie zu einem brennender Sonne werth— es wäre e unſerer maleriſchen Märſche zu verleiten; Dein Kamerad iſt gerade der Mann dazu, Alles durch Ueberraſchung einzunehmen— Weiber und Feſtungen! Wo ſind nun unſere Linienkompagnien— die Ar⸗ tillerie und Dragoner— die Ingenieurs und der Stab? in der Nachtmütze ſchnarchen ſie alle mit einander, während wir hier das wahre Deſſert des Daſeyns genießen.— Ich wünſchte, ich könnte eine Nachtigall hören!“ „Dort haſt Du eine einſame Grille, die Dir ihre Weiſen zirpt, als ob ſie ein Klaglied über unſere Ankunft anſtimmte.“ „Zu kläglich und viel zu monoton,'s iſt gerade, als wenn man einen ganzen Monat lang nichts als Ferkel zu eſſen hätte. Aber wie, ſind unſere Pfeifen eingeſchlafen?“ „Die Vorſicht eines ganzen Tags ſollte wohl durch die ge⸗ ſchwätzigen Laute unſerer Muſik verhöhnt werden?“ ſagte Lionel; „Deine fröhliche Laune geht mit Deiner Ueberlegung durch. Ich ſollte denken, die Ausſicht auf einen fatiguirenden Marſch müßte Dein Blut etwas gekühlt haben.“ „Was, Fatigue!“ rief Polwarth,„wir werden blos eine Stellung bei den Kollegien nehmen, um unſere Zufuhren zu decken— wir gehen in die Schule, Leo— denke einmal, die Torniſter unſerer Leute ſeyen Bücherranzen— willfahre meiner Narrheit und Du ſollſt Dich ſelbſt noch einmal für einen Knaben halten.“ dings erwähnt,“ erwiederte Lionel die Hühnerhäuſer wären ade ber Ar⸗ der das unte irpt, venn ätte. ge⸗ pnel; ſollte Dein eine en— nſerer ſollſt 133 In Polwarth's Stimmung war in der That eine plötzliche Aenderung eingetreten, ſobald er die traurigen Vermuthungen, die ſein Gemüth beſchäftigt hatten, als er zuerſt von einem nächtlichen Einfall hörte, ſo angenehm durch die bequeme Lage, die er einnahm, getäuſcht fand, und er ſetzte das Geſpräch auf die beſchriebene Weiſe fort, bis die Boote einen einſamen Punkt erreichten, der eine kleine Strecke in denjenigen Theil der Bai vorſprang, welcher die Weſtſeite der Halbinſel Boſton beſpülte. Hier landeten die Truppen und formirten ſich von neuem mit aller Schnelligkeit. Polwarth's Kom⸗ pagnie wurde wieder, wie vorher, an die Spitze der Kolonne der leichten Infanterie geſtellt und erhielt Befehl, einem Offizier vom Stab, der auf kurze Entfernung vorausritt, zu folgen. Lionel be⸗ fahl ſeinem Burſchen, mit den Pferden die nämliche Straße wie die Truppen einzuſchlagen; er ſelbſt ſtellte ſich wieder an die Seite des Kapitäns, und ſo ſchritten ſie auf das gegebene Zeichen vorwärts. „Nun, bei den Schatten des alten Harvard!“ fing Polwarth wieder an, indem er nach den niederen Gebäuden der Univerſität hin⸗ deutete;„ihr mögt euch heute Nacht mit Vernunft mäſten, während ich ein mehr ſub.... Ha, was kann der blinde Quartiermeiſter wollen, daß er dieſe Richtung einſchlägt? Sieht er nicht, daß die Wieſen halb mit Waſſer bedeckt ſind?“ „Vorwärts, vorwärts mit der leichten Infanterie,“ ſchrie die rauhe Stimme des alten Marinemajors, der nur eine kleine Strecke hinter ihnen ritt.„Schreckt ihr zurück vor dem Anblick von Waſſer?“ „Wir ſind keine Werftratten,“ entgegnete Polwarth. Lionel faßte ihn am Arm und ehe der beſtürzte Kapitän Zeit hatte, zu ſich zu kommen, war er ſchon durch eine breite Lache ſtehenden Waſſers geſchleppt, die ihm bis an's Knie reichte. „Machen Sie nicht, daß Ihre Romantik Sie Ihre Stelle koſtet,“ ſagte der Major, als Polwarth ſich gegen die Beſchwerden ſträubte;„hier iſt ſchon einmal ein Ereigniß für Ihre Privater⸗ zählung über den Feldzug.“ tän mit einer Art komiſcher Be⸗ trotz dieſes heiligen Morndſcheins, „Ach, Leo,“ ſagte der Kapi trübniß, ich fürchte, wir dürfen, für heute nicht den Muſen huldigen.“ „Davon kannſt Du Dich überzeugen, wenn Du bemerken willſt, daß wir die akademiſchen Gebäͤude links laſſen— unſere Führer wenden ſich nach der Chauſſee.“ Sie hatten ſich mittlerweile aus den Wieſen herausgearbeitet und bewegten ſich auf einer Straße, die in das innere Land führte. „Du würdeſt beſſer thun, wenn Du Deinen Diener rufen und zu Pferd ſteigen wollteſt, Major Lincoln,“ ſagte Polwarth mürriſch; „ich ſehe, man muß ſeine Kräfte ſchonen.“ „Es wäre Thorheit jetzt; ich bin naß, und muß ſchon der Geſundheit wegen gehen.“ Mit dem Verſchwinden von Polwarth's munterer Laune wurde die Unterhaltung matt und die beiden Herrn unterbrachen die Stille des weiteren Marſches nur durch ſolche gelegentliche Mittheilungen, wie ſie durch die vorübergehenden Zwiſchenfälle in ihrer Lage her⸗ vorgerufen wurden. Man konnte bald ſowohl aus der den Kolonnen gegebenen Direktion, als an dem beeilten Schritt ihres Führers erkennen, daß der Marſch forcirt und von ziemlicher Dauer ſeyn ſollte. Als jedoch die Luft kühl wurde, ſträubte ſich ſelbſt Polwarth nicht länger, ſein erſtarrtes Blut durch eine mehr als gewöhnliche Bewegung zu erwärmen. Die Kolonnen öffneten ſich zur Erleichterung des Marſches; jeder Mann durfte nach eigener Bequemlichkeit gehen, vorausgeſetzt, daß er an ſeiner angewieſenen Stelle blieb und gleichen Schritt mit ſeinen Kameraden hielt. Auf dieſe Art rückte die Truppe munter vorwärts; allgemeine Stille herrſchte über das Ganze, da die Stimmung der Mannſchaft von jener tiefen Nüch⸗ ternheit durchdrungen war, welche großen Ernſt bei einem Vorhaben beurkundet. Im Aufang erſchien die ganze Gegend in allgemeinen Schlummer begraben; als ſie aber weiter vordrangen, lockte das Bellen der Hunde und der Tritt der Soldaten die Einwohner der Be⸗ ns, llſt, jrer eitet jrte. und iſch; der ourde Stille ngen, her⸗ onnen ihrers cſeyn warth onliche terung gehen, leichen kte die er das Nüch⸗ drhaben emeinen kte das dner der 135 Pachthöfe an die Fenſter, und ſie ſchauten in ſtummer Verwunderung auf das vorüberziehende Schauſpiel, auf welches das matte Licht des Mondes einen ungewiſſen Schimmer warf. Lionel hatte den forſchenden Blick gerade von den Mitgliedern einer dieſer aufge⸗ ſtörten Familien zurückgewendet, in deren Geſichtern er ihre Ueber⸗ raſchung abgemalt fand, da ſchallten plötzlich, Schlag auf Schlag, in den raſchen, aufregenden Tönen des Allarms die tiefen Klänge einer fernen Kirchenglocke in das Thal herab, in dem ſie marſchirten. Die Leute erhoben die Köpfe in ſtaunender Aufmerkſamkeit, während ſie vorwärts drangen; indeſſen dauerte es nicht lange, bis man einzelne Schüſſe längs der Hügel hinfallen hörte: Glocke folgte auf Glocke, indem ſie ſich in den verſchiedenſten Richtungen antworteten, bis die Töne ſich mit dem Säuſeln der Nachtluft vermengten oder in der Entfernung erſtarben. Die ganze Gegend war nun mit Getöſe jeder Art erfüllt; das Volk benützte Alles, was es gerade zur Hand hatte oder was ſein Scharfſinn ihm eingab, um die Einwohnerſchaft unter die Waffen zu rufen. Feuer ſprühten die Höhen entlang, das Schmettern der Hörner und Schalmeien miſchte ſich mit dem Knallen der Musketen und den verſchiedenen Tönen der Glocken, wäh⸗ rend das Klappern raſcher Hufſchläge ſich allmälig hören ließ, als ob Reiter wüthend an den Flanken der Abtheilung vorüberſprengten. „Vorwärts, ihr Herrn, vorwärts,“ erſcholl die Stimme des alten Veteranen der Marine mitten aus dem Getöſe.„Die Yankees ſind erwacht und rühren ſich,— wir haben jetzt einen langen Marſch vor uns— vorwärts, leichte Infanterie, die Grenadiere ſind euch auf den Ferſen!“ Die Avantgarde beſchleunigte ihre Schritte, und die ganze Truppe rückte mit all der Schnelligkeit, wie nur immer die Erhal⸗ tung der militäriſchen Ordnung ſie erlauben wollte, ihrem unbe⸗ kannten Ziel entgegen. Auf dieſe Art ſetzte das Detaſchement ſeinen Marſch mehre Stunden lang fort, ohne Halt zu machen, und Lionel rechnete, daß ſie mehre Meilen in das Land vorgerückt ſeyn mußten. Die Lärmzeichen waren nun verſchwunden und ſchienen jetzt weiter ins Innere des Landes vorgedrungen zu ſeyn, bis auch die geringſte Spur ihres Daſeyns für das Ohr verloren war: nur das Geräuſch von Reitern, die in hoͤchſter Eile auf den Nebenwegen hinjagten, bewies noch, daß Leute von rückwärts her nach dem Schauplatz des erwarteten Kampfes an ihnen vorüber ritten. Als das trügeriſche Licht des Mondes in die getreueren Farben des Tages überging, ertönte der willkommene Ruf:„Halt!“ von dem Nachtrab bis zu der Spitze der Leichtinfanteriekolonne. „Halt!“ wiederholte Polwarth in inſtinktartiger Bereitwilligkeit und mit einer Stimme, die den Befehl durch die ganze Länge der ausgedehnten Linie weiterſchickte;„halt, und laßt die Arrieregarde aufſchließen; wenn mein Urtheil im Gehen auch nur eine Bohne werth iſt, ſo iſt ſie jetzt wohl einige Meilen hinter uns! Es thäte ja wahrhaftig für ſolche Arbeit Noth, daß man ſeine Race mit dem Blute der ‚„Fliegenden gekreuzt hätte! Das nächſte Kommando ſollte ſeyn, unſer Frühſtück einzunehmen;— Tom, Du brachteſt doch die Kleinigkeiten mit, die ich von Major Lincoln's Quartier hergeſchickt habe?“ „Ja, Sir,“ erwie Pferden beim Nachtrab, da— „Des Majors Pferde im Nachtrab, Du Eſel, wenn Eſſen ſo rar vor der Front iſt. Es ſollte mich wundern, Leo, wenn nicht ein Mund voll in jenem Pachthof dort erhoben werden könnte?“ „Erhebe Dich ſelbſt von dieſem Steinhaufen und laß Deine Mannſchaft ſich vorbereiten; da iſt Pitcairn mit dem ganzen Ba⸗ taillon ſchon ganz nahe an uns aufgeſchloſſen.“ Lionel hatte kaum ausgeſprochen, als der Befehl an die leichte Infanterie erging, ſich fertig zu machen, während man die Grenadiere zum Gewehrladen kommandirte. Die Gegenwart des Veteranen, der an der Front der Kolonne ritt, und die Eile des Augenblicks unterdrückte die Klagen Polwarth's, der in der That derte ſein⸗Diener;„ſie ſind auf des Majors 9 ando chteſt artier ajors ſen ſo nicht te?“ Deine n Ba⸗ leichte an die ert des ile des r That 137 ein vortrefflicher Offitzier war, wenn es ſich darum handelte, was er ‚die ruhigen Einzelheiten des Dienſtes nannte. Drei oder vier Kompagnien der leichten Truppen wurden von dem Hauptcorps detachirt und ſetzten ſich in die geöffnete Marſchordnung ihres Exer⸗ citiums, worauf der alte Marine⸗Offizier ſich an ihre Spitze ſtellte und abermals den Befehl zum raſchen Weitermarſchiren gab. Der Weg führte jetzt in ein Thal und in einiger Entfernung ſah man durch den Morgennebel einen kleinen Weiler auftauchen, der um eine der niederen, aber zierlichen Kirchen, wie ſie in Maſeachuſetts ſo gewöhnlich ſind, gelagert war. Der Halt und die kurzen Vor⸗ bereitungen, die darauf folgten, hatten ein mächtiges Intereſſe in dem ganzen Detaſchement erregt, das nun ernſtlich vorwärts drang und ſich immer an den Hufen des Renners hielt, auf welchem der alte Veteran, ihr Führer, in kurzem Trab über den Grund hin⸗ eilte. Die Luft war von dem Hauche des Morgens erfriſcht und das Auge konnte deutlich auf den umliegenden Gegenſtänden ver⸗ weilen; ſo fühlten die Krieger, überdieß aufgeregt durch die Er⸗ wartung des bevorſtehenden Unternehmens, ihr Blut wieder raſcher ſtrömen, während ſie die ganze Nacht hindurch in ungewiſſem Dunkel auf einem unbekannten und anſcheinend endloſen Weg ſich mühſam fortbewegt hatten. Ihr Ziel ſchien jetzt vor ihnen zu liegen und bald zu erreichen; ſo drängten ſie mit geſteigertem, aber ſtummem Ernſte vorwärts, um bald dahin zu gelangen. Die einfache Bauart der Kirche und ihre niederen Umgebungen waren eben ganz ſichtbar geworden, als man drei oder vier bewaffnete Reiter bemerkte, welche ihrer Ankunft zuvorzukommen ſuchten, in⸗ dem ſie auf einen Nebenweg um die Spitze der Kolonne herumbogen. „Kommt heran,“ ſchrie einer der Stabsoffiziere an der Fronte, „kommt heran oder verlaßt die Stelle.“ Die Männer wandten um und ritten ſchnell davon, wobei einer von ihnen in dem eitlen Verſuch, Lärm zu machen, ſein Ge⸗ wehr abdrückte. Leiſe drang nun der Befehl durch die Reihen, kamen ſie den Weiler, auf der er ſtand, vollſtändig zu ſah man raſch über letztere hin⸗ in dem Orte gehört, in kleines Corps Landleute, die in n wenigen Minuten be vorwärts zu eilen und i die Kirche und die kleine Wieſe, Geſicht. Geſtalten von Männern eilen: das Raſſeln einer Trommel wurde und von Zeit zu Zeit erblickte man e Parade aufgeſtellt waren, um ſich ein kriegeriſches Anſehen zu geben. „Vorwärts, leichte Infanterie!“ ſchrie ihr Führer, ſpornte ſein Pferd und drang mit dem Stab in ſo ſchnellem Trokt vor, daß er in Kurzem um eine Ecke der Kirche verſchwunden war. Lionel drängte mit klopfendem Herzen vorwärts, denn ein Heer von Schrecken erhob ſich in dieſem Augenblick vor ſeiner Phantaſie, als er die wilde Stimme des Marine⸗Majors abermals rufen hörte: „Aus einander, Waffen weg— aus einander!“ Dieſen merkwürdigen Worten folgten augenblicklich Piſtolen⸗ ſchüſſe und das verhängnißvolle Kommando„‚„Feuer“! Lautes Ge⸗ ſchrei erhob ſich alsbald in dem ganzen Corps der Soldaten, welche nun gegen die offene Wieſe zuſtürzten und auf Alles vor ihnen ein nahes, rückſichtsloſes Feuer richteten. „Großer Gott!“ rief Lionel,„was beginnt ihr? Ihr feuert auf unſchuldige Leute! Gilt hier nur Gewalt und kein Geſetz? Schlag' ihre Gewehre weg, Polwarth— thu' dieſem Feuer Einhalt!“ „Halt!“ ſchrie Polwarth und ſchwenkte den Degen wild gegen ſeine Leute;„kommt zur Ordnung, oder ich will euch zu Boden ſtrecken!“ Aber die Aufregung, höchſten Höhe angeſtiegen, und der Truppen und Volk immer heftiger geworden war, ließ ſich nicht durch ein einziges Wort bändigen. Erſt als Pitcairn ſelbſt unter die Soldaten ritt und von ſeinen Offizieren unterſtützt ihre Gewehre niederſchlug, ward der Aufruhr allmaͤhlig gedämpft und etwas, ihr Rebellen, zerſtreut euch!— werft eure die ſeit ſo vielen Stunden bis zu ihrer Haß, der ſo lange zwiſchen ein iner nals eure olen⸗ Ge⸗ velche n ein feuert zeſetz? halt!“ gegen Boden u ihrer wiſchen h nicht ſt unter Gewehre etwas, 139 wie Ordnung wieder hergeſtellt. Ehe dieß aber zu Stande kam, fielen auch einige zerſtreute Schüſſe von Seiten ihrer fliehenden Gegner, ohne jedoch den Britten wirklichen Schaden zuzufügen. Als das Feuer aufgehört hatte, ſtanden Offiziere und Sol⸗ daten einige Augenblicke verblüfft und ſtarrten einander an, wie wenn ſelbſt ſie einigermaßen die wichtigen Folgen hätten voraus⸗ ſehen können, welche die Thaten dieſer Stunde mit ſich bringen ſollten. Der Rauch hob ſich wie ein gelüfteter Schleier langſam von der Wieſe empor und zog mit den Nebeln des Morgens ver⸗ miſcht ſchwer über das Land hin, gleichſam als wollte er die ver⸗ hängnißvolle Kunde verbreiten, daß endlich die Entſcheidung der Waffen eingetreten ſey. Jedes Auge war forſchend auf die unheil⸗ volle Wieſe gerichtet und Lionel ſah auf kurze Strecke vor ihnen mit einem der Angſt ſehr nahen Gefühle einige Männer in ihrem Blut ſich krümmen und winden, während fünf oder ſechs Körper in der fürchterlichen Ruhe des Todes auf dem Graſe ausgeſtreckt lagen. Erſchüttert von dem Anblick wandte er ſich ab und ging allein weiter, während die übrigen Truppen, durch die Schüſſe allarmirt, raſch von der Nachhut herbeieilten, um zu ihren Kame⸗ raden zu ſtoßen. Ohne es zu wiſſen, gelangte er zur Kirche und erwachte auch nicht eher aus der tiefen Zerſtreuung, in die er ver⸗ ſunken war, bis er durch den unerwarteten Anblick Job Pray's aufgeſtört wurde, der mit einer Miene aus dem Gebäude trat, worin Drohung ſich ſonderbar mit Zorn und Furcht vermengte. Der Schwachſinnige deutete ernſt auf den Körper eines Mannes, der in ſeiner Verwundung Schutz ſuchend, bis nahe an die Thüre des Tempels herangekrochen war, in welchem er ſo oft jenes Weſen verehrt hatte, zu dem er nun ſo übereilt geſendet worden, um ſeine große und letzte Rechenſchaft abzulegen. Der Blödſinnige begann feierlich: „Ihr habt eine von Gottes Kreaturen getödtet und Er wird deſſen gedenken!“ e nur Eine,“ ſagte Lionel;„aber ihrer n, wo das Blutbad enden wird.“ d blickte verſtohlen um ſich, als „Ich wollte, es wär ſind Viele, und Keiner kann ſage „Glaubt ihr,“ ſagte Job un wolle er ſich überzeugen, daß ihn ſonſt Niemand höre,— nder der Baikolonie tödten, wie er es in König könne die Leute in London thun kann? Das werden ſie in Alt⸗Funnel nicht hingehen laſſen und es wird wiederhallen vom Nordende bis zur Landenge.“ „Was können ſie bei alle Dem machen, Knabe?“ fiel Lionel ein, in dieſem Augenblick vergaß, daß Der, an welchen er ſich uft ſeiner Gattung beraubt war;—„die Macht Brittanniens iſt für dieſe zerſtreuten und unvorbereiteten Kolonien zu gewaltig, als daß ſie dagegen ankämpfen könnten, und die Klugheit muß das Volk lehren, vom Widerſtande abzuſtehen, ſo lange es dieß noch vermag.“ „Glaubt der König, es ſey in London mehr Verſtand als in Boſton?“ erwiederte der Schwachſinnige; ner ſoll nicht denken, weil das Volk bei dem Blutvergießen ruhig war, werde es gar keinen Lärm darüber geben— ihr habt eine von Gottes Kreaturen ge⸗ tödtet und er wird deſſen gedenken!“ „Wie kamſt Du hieher, Burſche?“ beſinnend;„ſagteſt Du mir nicht, Du Mutter Fiſche zu fangen?“ „Und wenn ich das that, entgegnete der Andere trotzig⸗ „ſind nicht Fiſche eben ſo gut in den Teichen als in der Bai, und kann Nab nicht auch Geſchmack für etwas Friſches haben?— Job weiß nichts von einer Parlamentsakte, welche die Forellen im Bach zu fangen verböte.“ „Burſche, Du gehſt damit um, mich zu betrügen! Es iſt Jemand, der Deine Unwiſſenheit benützt, und— da er weiß, daß Du ein Narr biſt, Dich zu Gängen gebraucht, die Dich eines Tags noch das Leben koſten können.“ „Der König kann Job ni der wandte, der Vernu fragte Lionel, plötzlich ſich geheſt aus, um für Deine cht zu Botengäͤngen verwenden⸗“ anty Job ſollt das ſo g auf weil Dir Hat Sac Inf zuſe fähr zule Bef auf verf vor licht Abe mit von ver verl den der 3 in weil inen ge⸗ ˖ſich Deine otzig⸗ , und Job Bach Es iſt aß Du Tags enden,“ 141 antwortete der Knabe ſtolz;„denn dafür gibt's kein Geſetz und Job würde nicht gehen.“ „Dein Wiſſen wird Dich noch verderben, Einfältiger— wer ſollte Dich dieſe Spitzfindigkeiten des Geſetzes lehren?“ „Ei, haltet Ihr das Volk von Boſton für ſo dumm, daß es das Geſetz nicht wüßte?— und dann Ralph— er kennt das Geſetz ſo gut als der König— er ſagte mir, es ſey gegen alles Recht, auf die kleinen Leute zu ſchießen, wenn ſie nicht zuerſt feuerten, weil die Kolonie die Befugniß hat, zu erereiren, ſo oft es ihr beliebt.“ „Ralph!“ ſprach Lionel ungeſtümm—„kann denn Ralph bei Dir ſeyn? das iſt unmoglich, als ich ihn verließ, war er krank zu Haus— auch würde er ſich in ſeinen Jahren nicht in eine ſolche Sache miſchen.“ „Ich meine, Ralph hat größere Armeen geſehen als die leichte Infanterie und die Grenadiere und all' die Soldaten in der Stadt zuſammengenommen,“ ſagte Job ausweichend. Lionel dachte viel zu edel, als daß er die Einfalt ſeines Ge⸗ fährten hätte benützen mögen, um ein Geheimniß aus ihm heraus⸗ zulocken, das ſeine Freiheit gefährden konnte; aber er fühlte tiefe Beſorgniß für das Wohlergehen des jungen Menſchen, der ihm auf die ſchon erzählte Art war in den Weg geworfen worden. Er verfolgte deßhalb ſeinen Gegenſtand in der doppelten Abſicht, Job vor verdächtiger Verbindung zu warnen und ſeine eigene Aengſt⸗ lichkeit über das Schickſal des betagten Fremden zu beruhigen. Aber auf alle ſeine Fragen antwortete der Burſche behutſam und mit einer Ueberlegung, welche bewies, daß er keine geringe Gabe von Liſt beſaß, wenn ihm auch die höhere Macht der Vernunft verſagt worden war. „Ich wiederhole Dir,“ ſagte Lionel, der endlich die Geduld verlor,„es iſt von Wichtigkeit für mich, den Mann zu treffen, den Du Ralph nennſt, und ich wünſche zu wiſſen, ob er hier in der Nähe zu finden iſt.“ geht dahin, „ erwiederte Job—„ wo er Euch zu treffen verſprach und Ihr ſollt ſehen, ob er nicht kommt.“ isgemacht— und dieſer unglück⸗ „Ralph verſchmäht die Lüge, „Aber es wurde kein Ort ar liche Zwiſchenfall kann ihn verwirren oder e „Ihn erſchrecken!“ wiederholte Job, indem er in feierlichem Ernſt den Kopf ſchüttelte;„Ihr könnt Ralph nicht erſchrecken!“ „Seine Kühnheit kann für ihn zum Unglück werden. Junge, ich frage Dich zum letzten Mal, ob der alte Mann— Als er Job furchtſam zurückſchrecken und ſeine Blicke zu Boden ſah, hielt Lionel inne und gewahrte, als er hinter ſich Grenadiere, der mit übereinander geſchla⸗ d den Körper des Amerikaners ſchwei gend rſchrecken— ſchlagen blickte, den Kapitän der genen Armen daſtand un betrachtete. „Wollen Sie die Güte haben, mir zu erklären, Major Lin⸗ coln,“ fing der Kapitän an, als er ſich beobachtet ſah,„warum dieſer Mann als eine Leiche da liegt?“ „Sie ſehen die Wunde in ſeiner Bruſt „Es iſt eine handgreifliche, ausgemachte Wahrheit, daß er erſchoſſen worden,— aber warum und zu welchem Zweck?“ „Dieſe Frage, Kapitän M Fuſe, muß ich unſern Obern zur Beantwortung überlaſſen,“ erwiederte Lionel.„Zwar geht das Ge⸗ rücht, das Detaſchement ſoll gewiſſe Magazine von Lebensmitteln und Waffen wegnehmen, welche die Koloniſten, wie man fürchtet, in feindlicher Abſicht zuſammengebracht haben.“ „Ich hatte ſelbſt ſchon den ſcharfſinnigen Einfall, daß wir wohl am Ende auf einem ſo glorreichen Zuge begriffen ſeyn möchten!“ fuhr M Fuſe weiter fort.„Sagen Sie mir, Major Lincoln— Sie ſind freilich noch ein junger Krieger, doch, als zum Stab ge⸗ hörig, müſſen Sie's wiſſen,— glaubt Gage, wir können einen Krieg bekommen, wenn Waffen und Munition und Alles auf einer Seite iſt? Wir haben einen langen Frieden gehabt, Major 2 ge, den ſich hla⸗ gend Lin⸗ rum ß er n zur 8 Ge⸗ ritteln tet, in aß wir chten!“ oln— tab ge⸗ n einen uf einer Major 143 Lincoln, und nun, da einige Ausſicht zur Ausübung unſeres Hand⸗ werks vorhanden iſt, werden wir befehligt, gerade das zu thun, was den Krieg am wahrſcheinlichſten vereiteln wird.“ „Ich weiß nicht, ob ich Sie recht verſtehe, Sir,“ ſagte Lionel; „von ſolchen Truppen, wie wir ſie beſitzen, kann allerdings, in welchem Lande es immer ſey, nur wenig Ruhm erworben werden, wenn es blos den Kampf gegen die unbewaffneten und undiscipli⸗ nirten Einwohner deſſelben gilt.“ „Genau meine eigene Meinung, Sir; es iſt voͤllig klar, daß wir uns ganz verſtehen, ohne ein weiteres Wort der Umſchreibung. Die Burſche halten ſich jetzt ſchon recht brav und ſind ſie noch einige Monate länger ſich ſelbſt überlaſſen, dann kann es noch eine ſchöne Affaire geben. Sie wiſſen ſo gut wie ich, Major Lincoln, daß man Zeit nöthig hat, um einen Soldaten zu bilden, und wenn man ſie in dem Geſchäfte übereilt, könnten Sie eben ſo gut einen Haufen Geſindel Ludgate Hill hinaufjagen, und würden die näm⸗ liche Ehre davontragen. Ein verſtändiger Offizier würde dieſen kleinen Anfang nähren, anſtatt zu ſolcher Uebereilung ſeine Zuflucht zu nehmen. Nach meiner Anſicht, Sir, wurde der Mann da vor uns geſchlachtet und nicht, wie ſich ziemt, in ehrlicher Schlacht getödtet!“ „Es iſt ſehr zu fürchten, daß Andere denſelben Ausdruck ge⸗ brauchen werden, wenn ſie von der Sache reden,“ entgegnete Lionel;„Gott weiß, wie viel Urſache wir haben mögen, den Tod des armen Mannes zu beklagen!“ „Was das betrifft, ſo könnte man ſagen, der Mann hat ein Geſchäft abgemacht, das gethan werden mußte und nun nicht noch ein⸗ mal abgemacht zu werden braucht,“ ſagte der Kapitäͤn ſehr kalt;„und deßhalb kann ſein Tod kein großes Unglück für ihn ſelbſt ſeyn, ſo ſehr er es auch für uns ſeyn mag. Wenn dieſe kleinen Leute— und da ſie nur kurze Zeit unter den Wafefen ſtehen,“ tragen ſie * Hier ſteht im Original ein Wortſpiel, das ſich im Deutſchen nicht wieder geben ließ. M'Fuſe nennt die Amerikaner ‚kleine Leute“(minute-men), s— wenn dieſe kleinen Leute Ihnen ihren Namen als ehrliche Kerl ihrer Reit⸗ im Weg geſtanden wären, Sir, Sie hätten ſie mit peitſche von der Wieſe verjagt.“ „Hier iſt Einer, der Ihnen ſagen wird, daß ſte nicht wie Kinder behandelt werden dürfen,“ ſagte Lionel, indem er ſich nach der Stelle umwandte, die noch vor Kurzem Job Pray eingenommen hatte, die er aber jetzt auf einmal leer fand. Während er noch verwundert umherſchaute und kaum begreifen konnte, wohin der Junge ſo ſchnell verſchwunden ſeyn mochte, gaben die Trommeln das Zeichen zur Sammlung und ein allgemeines Getöſe unter den Soldaten zeigte, daß noch weitere Bewegungen bevorſtanden. Die beiden Offiziere wandten ſich augenblicklich nach ihren Gefährten und gingen beide, obwohl von ſo ganz verſchiedenen Anſichten über die neulichen Vorfälle geleitet, in tiefen Gedanken nach dem Orte zurück, wo die Truppen aufmarſchirt waren. Wäͤhrend des kurzen Halts der Avantgarde hatte ſich das ganze Mahl war einge⸗ Detaſchement wieder vereinigt und ein haſtiges nommen worden. Das Erſtaunen, das dem Zuſammenſtoße folgte, hatte bei den Offizieren einem kriegeriſchen Stolze Platz gemacht, der wohl fähig war, ſie in noch weit gewagteren Unternehmungen aufrecht zu erhalten. Das hohe Gefühl ihres Standes war in den feurigen Blicken der Meiſten zu leſen, als ſie mit blinkenden Waffen, wehenden Fahnen und unter munterer Kriegsmuſik von der verhängnißvollen Stelle abſchwenkten und in gemeſſenem Schritt wieder auf der Chauſſee vorrückten. War dieß der Erfolg des erſten Treffens bei den ſtolzen, ruhigen Gemüthern der Ofſiziere des Detaſchements, ſo war die Wirkung auf die gemeinen Söldlinge in den Gliedern noch viel handgreiflicher und empörender. Ihre plumpen Scherze und höhniſchen Blicke, als ſie an den verachteten die nur„kurze Zeit te) unter den Waffen ſtehen, und ſo (minute, Minu iſt der Gegenſatz a anter und eindringlicher. A. d. llerdings noch prägn dem die wied ernſ läng vord welc einen von den der8 zur gang ſchon den führ vora Zahl 1 en dert iell zur gte, ziere eide, ichen wo ganze enge⸗ folgte,— nacht, nungen ar in kenden don der Schritt elg des ffiziere öldlinge Ihre rachteten n, und ſo d. u. 145 Schlachtopfern ihrer wohlgeſchulten Geſchicklichkeit vorüberzogen, zuſammengenommen mit dem großſprecheriſchen Ausdruck brutalen Triumphs, welchen ſo viele unter ihnen verriethen, zeigten auf eine untrügliche Weiſe, daß, nachdem ſie einmal Blut gekoſtet hatten, ſie gleich Tigern bereit ſeyen, ſich damit zu mäſten, bis ſie ge⸗ ſättigt wären. Zehntes Kapitel. 's war ein Reiten unter Grämes in dem Netherbyklan; 2 Foſters, Fenwicks und Musgraves, jeder ritt hier und rann; 8's war ein Rennen und Jagen auf Cannobie Lea.— Marmion. Der Pomp militäriſcher Parade, mit welchem die Truppen aus dem Dorfe Lexington marſchirten, wie der kleine Weiler hieß, wo die obenerzählten Vorfälle ſich ereigneten, verwandelte ſich bald wieder in die nüchterne, geſchäftige Miene von Männern, welche ernſtlich auf Erreichung ihres Zieles bedacht ſind. Es war nicht länger Geheimniß, daß ſie noch zwei Meilen weiter in's Innere vordringen ſollten, um jene ſchon erwähnten Vorräthe zu zerſtören, welche, wie man jetzt wußte, zu Concord aufgehäuft worden waren, einer Stadt, wo der Kongreß der Provinzial⸗Deputirten, welche von den Koloniſten zum Erſatz für die früheren Legislaturen in den Provinzen ernannt worden, ſeine Verſammlungen hielt. Da der Marſch jetzt nicht mehr verhehlt werden konnte, war es nöthig, zur Eile ſeine Zuflucht zu nehmen um ſich eines glücklichen Aus⸗ gangs zu verſichern. Der alte Offizier der Marine, deſſen wir ſchon öfter erwähnt haben, ſtellte ſich wieder an die Spitze, und mit den nämlichen Kompagnien der leichten Truppen, die er vorher ge⸗ führt hatte, eilte er raſtlos den ſchwereren Kolonnen der Grenadiere voran. Durch dieſe Anordnung ſah ſich Polwarth abermals in die Zahl Derer eingeſchloſſen, von deren Leicht ühiateit ſo Vieles Lionel Lincoln. 2. Aufl. Freund wieder traf, ſah er ihn an der ſt einhermarſchiren, daß der Major auf ſeiner Unzufriedenheit weit rühmlichere e Verdacht blos phyſiſcher Die Reihen öffneten als auch um Luft zuzu⸗ da eine heiße Sonne abhing. Als Lionel ſeinen Spitze ſeiner Leute ſo ern einmal ſich verſucht fand, Beweggründe zu unterſtellen, als der erſt Ermattung ihm Anfangs eingegeben hatte. ſich abermals, ſowohl um Raum zu gewinnen, laſſen, was jetzt höchſt nöthig geworden war, die Morgennebel zu zerſtreuen begann und jenen entnervenden Ein⸗ fluß auf die Leute ausübte, welcher der erſten Wärme eines ameri⸗ kaniſchen Frühlings ſo eigenthümlich iſt. „Das iſt ein ausnehmend haſtiges Ge ine gewohnte Stelle an Lincoln,“ fing Polwarth an, als Lionel ſe chaniſch in den geregelten Schritt der deſſen Seite einnahm und me Truppe einftel;—„ich weiß nicht, ob es bei einem Menſchen durchaus eben ſo geſetzlich iſt, ihn auf den Kopf zu ſchlagen, wie bei einem Ochſen.“ „Du ſtimmſt alſo mit mir in der Angriff haſtig, wenn nicht grauſam war?“ „Haſtig! ganz unlaͤugbar. Haſt kann überhaupt als das unter⸗ ſcheidende Merkmal unſerer Expedition bezeichnet werden— und was immer den Appetit eines ehrlichen Mannes zu Grunde richtet, mag wohl auch als grauſam geltend gemacht werden. Ich war nicht im Stand, einen Mund voll zum Frühſtück zu mir zu nehmen, Leo. Man müßte den Heißhunger einer Hyäne und den Magen eines Straußen haben, um mit ſolcher Arbeit, wie die vor uns liegende, zu eſſen und zu verdauen. „Und doch blicken die Leute mit Triumph auf ihre Thaten.“ „Die Hunde werden darauf dreſſirt. Aber Du haſt wohl be⸗ merkt, wie nüchtern die Provinzialen zu der Sache geſehen haben; wir müſſen verſuchen, ihre Gefühle zu beſänftigen, ſo gut wir können.“ „Werden ſie nicht unſern Troſt und unſere Entſchuldigungen verachten und lieber ſich ſelbſt um Vergeltung und Rache befragen?“ ſchäft geweſen, Major Anſicht überein, daß unſer jor an der ſchen wie unſer inter⸗ und ichtet, nicht 1, Leo. eines egende, aten.“ vohl be⸗ haben; können.“ digungen fragen?“ 147 Polwarth laächelte verächtlich; es war ein Ausdruck des Stolzes an ihm, der ſelbſt ſeinem ſchwerfälligen Tritt einen Anſchein von Elaſticität gab, während er antwortete: „Es iſt eine ſchlimme Sache, Major Lincoln, und wenn Du willſt, eine bitterboͤſe Sache— aber nimm die Verſicherung eines Mannes, der das Land recht wohl kennt— man wird keinen Ver⸗ ſuch zur Rache machen, und was die Abhülfe betrifft— auf dem Weg des Kriegs iſt das Ding unmoͤglich.“ „Ihr ſprecht mit einer Zuverſichtlichkeit, Sir, die ihre Ga⸗ rantie in einer innigen Bekanntſchaft mit der Schwäche des Volkes finden müßte.“ „Ich habe zwei Jahre im Herzen des Landes ſelbſt gelebt, Major Lincoln,“ ſagte Polwarth, ohne ſeine ſtarren Augen von dem weiten Wege, der noch vor ihm lag, abzuwenden;„ich bin bis auf dreihundert Meilen jenſeits der unbewohnten Diſtrikte hin⸗ aus gekommen und ſollte wohl den Charakter der Nation, ſowie ihre Hülfsquellen kennen. Was letztere betrifft, da iſt kein eßbares Ding innerhalb dieſer Gränzen, vom Colibri bis zum Büffel oder von der Artiſchocke bis zur Waſſermelone, das ich nicht bei einer oder der andern Gelegenheit auf irgend eine Art in Unterſuchung gezogen hätte— darum kann ich mit Zuverſicht ſprechen und nehme keinen Anſtand, zu ſagen, daß die Koloniſten nie fechten werden; und wären ſie ſelbſt dazu geneigt, ſo beſitzen ſie nicht die Mittel, einen Krieg zu unterhalten.“ „Vielleicht, Sir,“ erwiederte Lionel ſpitzig,„habt Ihr euch zu ausſchließlich an die Thiere des Landes gehalten, um mit ſeinem Geiſte ſehr vertraut zu ſeyn?“ „Die Verwandtſchaft zwiſchen beiden iſt nur zu innig; ſag' mir, welche Nahrung ein Mann zu ſich nimmt und ich will Dir ein Bild von ſeinem Charakter geben. Es iſt moraliſch unmöglich, daß ein Volk, das ſeinen Pudding vor dem Fleiſch ißt, wie dieſe Koloniſten es machen, je gute Soldaten liefern kann, da der Appetit geſtillt wird, ehe das Einbringen der ſaftigen Fleiſchſpeiſe in—“ ſein „Genug! verſchone mich mit dem Uebrigen,“ unterbrach ihn keit Lionel—„es wurde bereits zu viel geſagt, um die Ueberlegenheit und des europäiſchen Thiers über das amerikaniſche zu beweiſen, und Dein Raiſonnement iſt unwiderleglich.“ ſch⸗ „Das Parlament muß etwas thun für die Familien der der Schadenleidenden.“ ga „Das Parlament! Ja— wir werden aufgefordert werden, aue lobende Beſchlüſſe zu faſſen über die Entſchloſſenheit des Generals zu und den Muth der Truppen, und dann, nachdem wir in der den Ueberzeugung von unſerer eingebildeten Oberherrſchaft noch jeden Be erdenklichen Schimpf zu dem Unrechte gefügt, werden wir viel⸗ dem leicht einige armſelige Summen für Wittwen und Waiſen als Vo einen Beweis aufgeführt hören, wie unbegränzt die Großmuth der daß Nation gegen dieſe Armen geweſen.“. Tru „Das Auffüttern von ſechs oder ſieben aus dieſer jungen bei Yankeebrut iſt keine ſolche Kleinigkeit, Major Lincoln,“ erwiederte unt Polwarth;„und damit, hoffe ich, wird die unſelige Geſchichte ein der Ende haben. Wir marſchiren nun auf Concord, einen Ort mit gen äußerſt glückverkündendem Namen, unter deſſen Schatten wir die ſchi gewünſchte Ruhe, ſo wie auch jene Lebensmittel finden werden, heit welche dieſes ſelbſtgemachte Parlament zuſammenbringen ließ. Solche geb Betrachtungen allein halten mich aufrecht unter den Anſtrengungen Sti A des grauſamen Trotts, mit welchem der alte Piteairn über das ſche Land hinrast— glaubt denn der alte Mann, er jage mit einer Ein Koppel von Spürhunden hinter ſich?“ die Die Meinung, welche ſein Gefährte über die kriegeriſchen ring Eigenſchaften der Amerikaner geäußert, war zu allgemein unter ein. den Truppen verbreitet, um Lionel irgend in Erſtaunen zu ſetzen; wol aber mit der unedlen Art ſeiner Geſinnung unzufrieden und durch beka die hochmüthige Manier heimlich gekränkt, womit der Andere ſo doch den, rals der eden viel⸗ als h der ungen ederte te ein t mit zir die verden, Solche gungen er das it einer eriſchen n unter ſetzen; d durch ndere ſo 149 beleidigende Anſichten über ſeine Landsleute ausſprach, ſetzte er ſeinen Marſch ſchweigend fort, während Polwarth ſeine Geſchwätzig⸗ keit bald in dem Gefühl der Ermüdung verlor, das jede Muskel und Sehne ſeines Körpers überwältigte. Das ſtrenge Vorwärtstreiben des Corps, worüber der Kapitän ſchon ſo manchen Seufzer ausgeſtoßen hatte, kam übrigens jetzt der Avantgarde ſehr zu Statten. Es war offenbar, daß ſich das ganze Land in einem Zuſtand großer Aufregung befand und wenn auch noch keine Verſuche gemacht wurden, den Tod Derer, welche zu Lexington gefallen, zu rächen, ſo waren doch manchmal auf den Höhen zu beiden Seiten der Straße kleine Abtheilungen von Bewaffneten zu ſehen. Der Marſch der Truppen wurde mehr in dem Glauben beſchleunigt, die Koloniſten möchten ſonſt ihre Vorräͤthe wegſchaffen und verbergen, als aus irgend einer Beſorgniß, daß ſie es wagen könnten, ſich dem Vordringen dieſer auserleſenen Truppen zu widerſetzen. Der geringe Widerſtand der Amerikaner bei dem Zuſammentreffen an dieſem Morgen war ſchon zum Scherz unter den Soldaten geworden. Sie bemerkten mit Hohnlächeln, der Name ‚kleine Leute“ werde mit allem Recht auf Krieger an⸗ gewendet, die ſich zur Flucht ſo geſchickt gezeigt hätten; kurz jedes ſchimpfliche, gehäſſige Beiwort, welches Verachtung und Unwiſſen⸗ heit irgend erſinnen konnte, wurde verſchwenderiſch über die nach⸗ gebende Milde der duldenden Koloniſten ausgeſtoßen. In dieſer Stimmnng erreichten die Truppen einen Punkt, von wo der be⸗ ſcheidene Kirchthurm mit den Dächern von Concord ſichtbar wurde. Eine kleine Schaar Koloniſten zog ſich aus dem Platze zurück, als die Engländer vorrückten, und das Detaſchement zog ohne den ge⸗ ringſten Widerſtand und mit der Miene von Eroberern in die Stadt ein. Lionel konnte bald aus den Reden der zurückgebliebenen Ein⸗ wohner bemerken, daß, ungeachtet ihre Annäherung ſeit einiger Zeit bekannt geworden, die Vorfälle dieſes Morgens dem Stadtvolke doch noch geheim geblieben waren. Abtheilungen der leichten Truppen wurden augenblicklich nach verſchiedenen Richtungen ent⸗ ſendet, die einen, um nach Munition und Lebeusmittel zu ſuchen, die andern, um die Zu gänge des Platzes zu bewachen. Ein beſon⸗ deres Corps folgte der zurückziehenden Truppe der Amerikaner und poſtirte ſich in einiger Entfernung bei einer Brücke, welche die Verbindung mit dem nördlichen Lande bildete. Mittlerweile begann in der Stadt, hauptſaͤchlich unter der Leitung des alten Marineofftziers, das Werk der Zerſtörung. Die wenigen männlichen Einwohner, die in ihren Wohnungen zurück⸗ geblieben waren, verhielten ſich nothgedrungen ruhig, obgleich Lionel in ihren glühenden Wangen und funkelnden Blicken den ge⸗ heimen Unwillen von Männern leſen konnte, welche, an den Schutz des Geſetzes gewöhnt, ſich nun den Beleidigungen und muthwilligen Mißhandlungen eines militäriſchen Einfalls ausgeſetzt ſahen. Alle Thüren wurden erbrochen, kein Ort blieb vor den rohen Nachſor⸗ ſchungen der zügelloſen Soldateska verſchont. Hohn und Flüche miſchten ſich bald in die anſcheinende Mäßigung, mit welcher die Nachforſchung begonnen hatte, und lauter Jubel ertönte ſelbſt unter den Offizieren, als die dürftigen Vorräthe der Koloniſten nach und nach an's Licht gebracht wurden. Dieß war kein Augenblick, wo die Rechte des Einzelnen geachtet wurden, und die Willkühr und Zügelloſigkeit der Mannſchaft war auf dem Punkt, in noch gefähr⸗ lichere Unordnung auszuarten, als man plöͤtzlich von dem Poſten der leichten Infanterie bei der Brücke den Knall von Feuerwaffen ertönen hörte. Auf das Knattern einiger einzelnen Schüſſe folgte eine ganze Salve, welcher mit Blitzesſchnelle eine zweite antwor⸗ tete, und alsbald war die Luft von dem unaufhörlichen Geknalle eines hitzigen Gefechts erfullt. Jeder Arm blieb regungslos, jede Zunge ſtumm vor Erſtaunen; die Leute verließen ihr Geſchäft, als dieſe unerwarteten Töne des Kampfes zu ihren Ohren drangen. Die Anführer des Zugs traten in Berathung zuſammen und Reiter ſprengten wüthend in die Stadt, um über die Natur des neuen t⸗ 2n, on⸗ ind die der Die ück⸗ leeich ge⸗ hutz ligen Alle hfor⸗ lüche r die unter ) und k, wo r und efähr⸗ Poſten waffen folgte ntwor⸗ zeknalle 3, jede fft, als rangen. Reiter 3 neuen 151 Kampfes zu berichten. Major Lincoln's Rang verſchaffte ihm bald Kenntniß von dem, was man für unklug hielt, dem ganzen De⸗ taſchement mitzutheilen. Obgleich es augenſcheinlich war, daß Diejenigen, welche die Nachricht überbrachten, ängſtlich bemüht waren, ihr die günſtigſte Wendung zu geben, ſo erfuhr er doch bald, daß jene Schaar Amerikaner, welche ſich bei ihrer Annähe⸗ rung zurückgezogen hatte, bei ihrem Verſuche, in die Stadt zurückzu⸗ kehren, an der Brücke mit Schüſſen empfangen worden war und ſofort in dem darauf folgenden Scharmützel die Truppen mit Verluſt zurück⸗ geworfen hatte. Die Wirkung dieſes raſchen und muthigen Be⸗ nehmens von Seiten der Provinzialen veranlaßte nicht nur in dem Aeußeren, ſondern auch in den Vorkehrungen der Truppen eine plötzliche Veränderung. Die entſendeten Abtheilungen wurden zu⸗ rückbeordert, die Trommeln riefen alle Mannſchaft unter die Waffen und zum erſten Mal ſchienen Offiziere und Soldaten ſich zu erin⸗ nern, daß ſie ſechs Meilen durch ein Land zurück zu marſchiren hatten, das ſchwerlich einen Freund für ſie enthielt. Noch waren wenige oder keine Feinde zu ſehen, die Männer von Concord aus⸗ genommen, welche kühnen Muths ſchon angefangen hatten, blutig gegen Diejenigen einzuſchreiten, welche in das Heiligthum ihrer Häuſer eingedrungen waren. Die Todten und alle Verwundeten Gemeinen ließ man liegen, wo ſie gefallen waren, und es galt in den Augen der Denkenden in dem Detaſchement als ein ſchlimmes Vorzeichen, daß ſelbſt ein verwundeter junger Offizier von Rang und Vermögen den Händen der aufgebrachten Amerikaner überlaſſen werden mußte. Die Gemeinen wurden von der Muthloſigkeit ihrer Offiziere angeſteckt und Lionel ſah in dem Augenblick, als der Be⸗ fehl zum Abmarſch gegeben wurde, ſtatt des ſtolzen, beleidigenden Vertrauens, womit die Truppen in die Straßen von Concord ein⸗ marſchirt waren, jetzt nur noch bleiche Geſichter, welche aͤngſtlich nach den umgebenden Höhen gewendet waren und in deren Blicken ſich deutlich das Bewußtſeyn der Gefahren abſpiegelte, die, der vor ihnen lag, umlagern gte, den weiten Weg, wie man beſor konnten. Ihre Befürchtungen waren nicht grundlos. Die Truppen hatten kaum ihren Marſch angetreten, als aus einer Scheune eine Salve auf ſie abgefeuert wurde, und wie ſie vorrückten, folgte Ladung auf Ladung, Schuß auf Schuß hinter jedem deckenden Gegenſtand her⸗ vor, der ſich ihren Feinden darbot. Anfangs wurden dieſe unge⸗ regelten und ſchwachen Angriffe nur wenig beachtet; eine plötzliche Charge, ein raſches Abfeuern von wenigen Minuten verfehlte nie, die Angreifenden zu zerſtreuen, worauf die Truppen eine kurze Strecke unbeläſtigt weiter zogen. Aber der Allarm der vergangenen Nacht hatte das Volk von einer ungeheuren Landſtrecke her zuſam⸗ rängten diejenigen, welche dem Kampfplatze am nächſten waren, nachdem ſie lange auf Botſchaft gewartet, ſchon allenthalben zum Beiſtand ihrer Freunde herbei. Es herrſchte übrigens nur wenig Ordnung und gar keine Uebereinſtimmung unter den Amerikanern; jeder Haufe, ſo wie er ankam, ſtürzte ſich in's Gefecht, hing ſich an die Ferſen ſeiner Feinde und machte leb⸗ hafte, aber erfolgloſe Verſuche, deſſen Weiterſchreiten zu hemmen. Während die Mannſchaft aus den Städten die Arrieregarde drängte, ſammelte ſich die Bevölkerung vor der Front in Schaaren gleich rollenden Schneebällen, und ehe noch die halbe Strecke zwiſchen Concord und Lexington zurückgelegt war, bemerkte Lionel, daß die Sicherheit ihrer geprieſenen Macht in der äußerſten Gefahr ſchwebte. In der erſten Stunde dieſer Angriffe, ſo lange ſie noch entfernt, dnet und ſchwach waren, hatte ſich unſer junger Krieger an der Seite von MFuſe gehalten, der verächtlich ſein Haupt ſchüt⸗ telte, ſo oft eine Kugel an ihm vorbeipfiff, und nicht ermangelte, über die Thorheit ſich auszulaſſen, daß man einen Krieg ſo unzeitig begonnen, der, wäre er gehörig genährt worden, wie er ſelbſt ſagte, in kurzer Zeit zu etwas Intereſſantem h „Sie bemerken, Major Lincoln, fuhr er fort,„dieſe mengerufen und ſo d ungeor ätte führen können. Provinzialen en ve uf er⸗ ge⸗ che nie, rze nen am⸗ am hon ſchte ung ſich leb⸗ men. ngte, gleich iſchen ß die vebte. fernt, ger an ſchüt⸗ ngelte, nzeitig ſelbſt önnen. nzialen 153 haben die erſten Anfangsgründe der Kunſt aufgefaßt, denn die Schurken feuern mit ausnehmender Genauigkeit, wenn man die Entfernung berückſichtigt, und ſechs Monate oder ein Jahr tüch⸗ tigen Exercirens würde ſie ſo ziemlich für einen geregelten Kampf tauglich machen. Sie haben in ihren Gewehren ſchon einen tüch⸗ tigen Knall und in ihrem Blei liegt bereits ein recht artiges Pfeifen; könnten ſie nur in Pelotons feuern lernen, die Burſche vermöchten ſelbſt jetzt ſchon einigen Eindruck auf die leichte Infanterie zu machen und in einem Jahr oder zwei, Sir, wären ſie ſogar der Begegnung der Grenadiere nicht unwürdig.“ Lionel hörte auf dieſe und manche ähnliche Reden nur mit halbem Ohr; als aber der Kampf hitziger wurde, begann das Blut in ſeinen Adern raſcher zu fließen und zuletzt durch den Lärm und die Gefahr, die immer näher auf ſie eindrang, aufgeregt, ſtieg er zu Pferd; jede andere Empfindung war von ſeinem jugendlichen Blut und dem kriegeriſchen Stolze zurückgetreten, und ſo ritt er zu dem Kommandanten des Detaſchements und bot ihm ſeine Dienſte als Freiwilliger an. Er erhielt alsbald ſeine Aufträge für die Avantgarde, und ſeinem Pferde die Sporen einſetzend, flog er durch die zerriſſene Linie der fechtenden und ermatteten Truppen und galoppirte an die Spitze vor. Hier fand er mehrere Kom⸗ pagnien eifrig beſchäftigt, ihren Kameraden den Weg zu bahnen, da bei jedem Schritt, den ſie vorwärts thaten, neue Feinde gegen ſie aufſtanden. Eben als Lionel herankam, ſchlug eine volle Ladung des feindlichen Feuers aus einem dichten Gartenzaune den vorderen Reihen gerade in's Geſicht und ſandte die ſchnellen Werkzeuge des Todes bis in die Mitte der Abtheilung. „Schwenkt mit einer Kompagnie leichter Infanterie, Kapitän Polwarth,“ ſchrie der alte Marinemajor, der tapfer in dem Vorder⸗ treffen kämpfte,„und jagt die lauernden Schufte aus ihrem Hinter⸗ halt hervor!“ „O! bei der Süße der Ruhe und den Hoffnungen eines Halts! Trupp von dieſen weißen Wilden!“ an.—„Paßt auf, meine braven zur Linken weg,— gebt den den erſten Schuß— hier iſt ſchon wieder ein neuer antwortete der unglückliche Kapit Kameraden! ſchießt über die Mauer läſtigen Schurken kein Pardon— gebt ihnen und jetzt einen Fuß von eurem Stahl!“ Mit dieſen fürchterlichen Aufforderung Befehlen, welche dem friedlichen Kapitän durch die Gewalt der Umſtände abgepreßt worden, ſah Lionel ſeinen Freund in einer Wolke von Rauch zwiſchen den Gebäuden des Pachthofes mit ſeinen Leuten verſchwinden. Wenige Minuten nachher, während die Linie ſich an dem Hügel hinaufarbeitete, wo dieſe Scene vorfiel, kehrte Polwarth wieder aus dem Kampfe zurück, das Geſicht von Pulver geſchwärzt, während eine Flammenſchichte von dem Orte empor⸗ ſtieg, welche bald die dem Unglück verfallenen Gebäude des armen Pächters in Aſche legte. „Ha! Major Lincoln,“ rief er, als er ſich dem Andern näherte, „nennſt Du das Leichtinfanterie⸗Manöver? für mich ſind ſie die Qualen eines Verdammten!— Geh, Du haſt Einfluß und was noch beſſer iſt, ein Pferd, gehe zu Smith und ſage ihm, wenn er einen Halt befehlen wolle, ſo mache ich mich verbindlich, mit meiner einzigen Kompagnie überall, wo er nur will, mich feſtzuſetzen und dieſe Blutſauger eine Stunde aufzuhalten, während das Detaſche⸗ ment ausruhen und ſeinen Hunger ſtillen kann— ich hoffe, er wird dann auch ſeinen Vertheidigern Zeit laſſen, das nämliche höchſt dringende Bedürfniß zu befriedigen. Frühſtück— eine brennende Sonne— Halt und nichts als Feuer— Feuer— ſätze der Medizin und ſelbſt gegen die Anatomie! glauben, daß man ſo Etwas noch länger ertrage!“ Lionel verſuchte, ſeinen Freund zu neuen ermuntern und wandte ſich hierauf in munterem, zu deſſen Truppe. Die Leute antworteten wo en und ſolch' mörderiſchen Ein Nachtmarſch, kein Meile für Meile— keinen 's iſt gegen alle Grund⸗ Wer wird nur Anſtrengungen zu kriegeriſchem Tone hlgemuth, als ſie hen der iner inen Linie ehrte ulver npor⸗ armen cherte, ie die d was enn er meiner een und etaſche⸗ offe, er nämliche h, kein keinen Grund⸗ wird nur ungen zu hem Tone „als ſie 155 vorüberzogen und ſchritten zu neuen Angriffen vorwärts; die Ameri⸗ kaner wichen zögernd, aber nothgedrungen, vor den fortwährenden Bajonetangriffen zurück, zu welchen die regulären Truppen ihre Zuflucht nahmen, um ſie zu vertreiben. Als die Avantgarde ſich wieder vorwärts bewegte, wandte ſich Lionel, um die Scene in ſeinem Rücken zu betrachten.— Sie waren jetzt mit geringer oder eigentlich keiner Unterbrechung zwei Stunden lang fechtend mar⸗ ſchirt und es war nur zu deutlich, daß die Kräfte der Angreifenden mit jedem weiteren Schritt an Zahl und Kühnheit zunahmen. Auf jeder Seite der Chauſſee, längs der Umzäunungen eines jeden Gehölzes oder Gartens, in dem offenen Feld, aus jedem Haus, Scheune oder Hütte, ſo weit man ſehen konnte— nichts als Blitze von Feuer⸗ waffen, während der Ruf der Engländer mit jedem Augenblick ſchwächer und matter wurde. Schwere Wolken von Rauch erhoben ſich über dem Thal, in das er blickte und miſchten ſich mit dem Staube des Marſches zu einem undurchdringlichen Schleier, welcher die Ausſicht verhüllte; wenn jedoch der Wind ihn auf Augenblicke bei Seite ſchob, erreichte ſein Blick die zerriſſenen und wankenden Pelotons des Corps, wie ſie da und dort trotzig und voll Muth einen Angriff zurückſchlugen, zu Zeiten wieder aus dem Kampfe zurückwichen und ihren Wunſch kaum noch verhehlen konnten, den Rückzug ſelbſt bis aufs Aeußerſte, bis zur gänzlichen Flucht zu treiben. Jung, wie er war, verſtand Major Lincoln genug von ſeinem Handwerk, um einzuſehen, daß nichts als der Mangel an Uebereinſtimmung und Einheit des Befehls auf Seiten der Ameri⸗ kaner das Detaſchement vor gänzlicher Vernichtung rettete. Die Angriffe wurden äußerſt hitzig, nicht ſelten anhaltend und blutig, obwohl ihre Disciplin die Truppen immer noch in Stand ſetzte, ſich gegen dieſe nachdrucksloſe und unzuſammenhängende Krieg⸗ führung aufrecht zu erhalten;— da vernahm Lionel mit einer Freude, die er nicht verbergen konnte, einen lauten Ruf von der Spitze und hörte alsbald die frohe Botſchaft durch die Reihen hinlaufen, daß die Staubwolke vor ihnen von einer auserleſenen Brigade ihrer Kameraden herrühre, welche ſo ganz zur rechten Zeit mit dem Erben von Northumberland an der Spitze zu ihrem Beiſtand herangekommen war. Die Amerikaner wichen zurück, als die beiden Diviſtonen ſich vereinigt hatten und die Artillerie der Verſtärkung ihr Feuer gegen die fliehenden Haufen eröffnete, wo⸗ durch endlich die Truppen, die deſſen ſo ſehr bedurften, wenige Minuten verſtohlener Ruhe genießen konnten. Polwarth warf ſich der Länge nach auf den Boden, als Lionel an ſeiner Seite abſtieg, und dieſem Beiſpiel folgten alsbald ſeine Leute, die vor Hitze und Ermattung keuchend wie gejagte Hirſche dalagen, welche glück⸗ lich die Hunde von ihrer Witterung abgebracht haben.* „So wahr ich ein Mann von einfachen Sitten und unſchuldig an all' dieſem Blutvergießen bin, Major Lincoln,“ ſagte der Kapi⸗ tän,„ich erkläre dieſen Marſch für den ungerechteſten Raub an den Kräften der menſchlichen Natur. Ich habe in dieſen zwei Stunden wenigſtens fünf Meilen zwiſchen hier und jener Stadt der Discordia, die ſie fälſchlich Concord nennen, zurückgelegt, mitten unter Staub, Rauch, Stöhnen und anderem hölliſchem Geſchrei, das den beſtdreſſirten Renner in England ſcheu machen würde, und dieſe ganze Zeit über habe ich eine Luft geathmet, die ein Ei⸗ wenn man es ihr gehörig ausſetzte, in zwei und einer Viertel⸗ minute ſieden machen könnte.“ „Du überſchätzſt die Entfernung— es ſind blos zwei Meilen nach den Stundenzeigern——“ „Stundenzeiger!“ unterbrach ihn Polwarth—„ich verachte * Es iſt ein hiſtoriſches Faktum, daß die engliſche leichte Brigade, nachdem ſie von der Verſtärkung in die Mitte genommen worden, ſich erſchöpft auf den Boden niederwarf, wie hier berichtet wird. Ueberhaupt iſt die ganze Erzählung vollkommen der Wahrheit gemäß, mit einziger Aus⸗ nahme derjenigen Creigniſſe, welche auf die beſonderen Charaktere unſerer Geſchichte Bezug haben. 157 ihre Lügen— ich habe hier ein Bein, das ein beſſerer Zeiger iſt für Meilen, Fuße oder ſelbſt für Zolle, als je einer in Stein gemeißelt wurde.“ „Wir wollen uns darüber nicht umſonſt ſtreiten,“ erwiederte Lionel,„denn ich ſehe die Truppen im Begriff, Mittag zu machen und wir haben jeden Augenblick nöthig, um Boſton zu erreichen, noch ehe die Nacht uns überfällt.“ „Eſſen! Boſton! Nacht!“ wiederholte Polwarth langſam und erhob ſich auf einen Arm, wobei er wild um ſich ſtarrte.„Sicher iſt keiner unter uns ſo toll, zu behaupten, daß von dieſer Stelle vor einer Woche aufgebrochen werden ſoll— es bedarf die Hälfte dieſer Zeit, um die innerlichen Erfriſchungen einzunehmen, die unſerm Körper ſo nöthig ſind und den Reſt, um unſere geſunde Eßluſt wieder herzuſtellen.“ „So aber lauten die Befehle des Grafen Percy, von dem ich erfahren, daß das ganze Land vor uns im Aufſtand iſt.“ „Ach, die Kerls haben die vergangene Nacht ruhig in ihren Betten geſchlafen und ſicherlich hat jeder Hund unter ihnen, ehe er dieſen Morgen ſeine Schwelle verließ, ſein halb Pfund Schweine⸗ fleiſch nebſt den nöthigen Beilagen zu einem Frühſtück zu ſich ge⸗ nommen. Aber bei uns iſt's ein ganz anderer Fall. Es iſt eine dringende Pflicht für zweitauſend Mann brittiſcher Truppen, ihre Bewegungen mit Ueberlegung auszuführen und wäre es auch nur zu Ehren von Sr. Majeſtät Waffen. Nein, nein— der wackere Percy achtet zu ſehr ſeine fürſtliche Abſtammung und ſeinen Namen, um vor einem Haufen ſo niedriger Hunde den Schein der Flucht anzunehmen.“ Nichtsdeſtoweniger wurde Lionel's Nachricht alsbald beſtätigt, denn nach kurzem Halt, der den Truppen kaum Zeit geſtattete, ein haſtiges Mahl einzunehmen, gaben die Trommeln abermals das Zeichen zum Aufbruch und Polwarth mit vielen hundert Andern war trotz ſeines Widerſtrebens gezwungen, ſich wieder auf ſeine Füße aufzu⸗ richten, wenn er nicht der Wuth der Amerikaner preisgegeben ſeyn wollte. So lange die Truppen ausruhten, hielten die Feldſtücke der Verſtärkung ihre Feinde in der Entfernung; aber ſobald die Kanonen aufgeprotzt waren und die Reihen des Raumes wegen ſich wieder geöffnet hatten, wurden die Angriffe von allen Seiten er⸗ neuert. Die Exceſſe der Truppen, die ihrem Grimm dadurch Luft zu machen anfingen, daß ſte die Wohnungen, an denen ſie vorüber kamen, ausplünderten und anzündeten, vermehrten noch die Heftigkeit der Angriffe und der Marſch hatte noch nicht viele Minuten ge⸗ dauert, als längs der ganzen Linie ein neuer und wilderer Kampf entbrannt war, als vorher an dieſem ganzen Tag geherrſcht hatte. „Wollte Gott, der große Northumbrier ſtellte uns in Schlacht⸗ ordnung und ſchritte zum geordneten Kampf gegen dieſe Yankees!“ ſeufzte Polwarth, während er ſich noch einmal mit der Avantgarde längs des Weges hinſchleppte; eine halbe Stunde würde die Sache beendigen und man hätte dann doch die Genugthuung, ſich als Sieger zu ſehen oder wenigſtens zu wiſſen, daß man bequem und ruhig dem Tod im Arme läge.“ „Wenige von uns würden wohl den Morgen erleben, wenn wir den Amerikanern eine Nacht überließen, um ſich zu ſammeln, und der Halt einer Stunde würde uns die Vortheile des ganzen Marſches entreißen,“ erwiederte Lionel.—„Ermanne Dich, alter Kamerad, und Du wirſt den Ruhm deiner Tapferkeit für immer gründen;— hier kommt ein Haufen Provinzialen über den Kamm jenes Hügels, um Dich in Thätigkeit zu erhalten.“ Polwarth warf einen verzweifelten Blick auf Lionel, während er als Erwiederung murmelte: „Thätigkeit! Gott weiß, daß nicht eine einzige Muskel, Sehne oder Flechſe an meinem ganzen Körper dieſe vierundzwanzig Stun⸗ den hindurch in heilſamer Ruhe geweſen iſt!“ Dann an ſeine Leute ſich wendend, rief er mit fröhlicher, muthiger Stimme, welche die letzte, endliche Anſtrengung in ihm noch aufbot, während er ſie tapfer in den nahenden Kampf führte:„Zerſtreut die Hunde, meine enn eln, azen alter mer uimm rend behne Stun⸗ Leute e die er ſie meine 159 tapferen Freunde— weg mit ihnen wie mit Mücken, Musquitos, oder Blutegeln, die ſie ſind!— Gebt ihnen Blei und Stahl— ganze Hände voll!“ „Vorwärts— dringt voran mit der Avantgarde!“ ſchrie der alte Major der Marine, der die vorderen Pelotons ſchwanken ſah. Polwarth's Stimme wurde noch einmal in dem Kampfgetöſe gehört, und ihre ungeregelten Angreifer wichen voll Ingrimm vor dieſer Charge zurück. „Vorwärts— vorwärts mit der Avantgarde!“ ſchrien fünfzig Stimmen aus einer Wolke von Rauch und Dampf, die an dem Hügel hinzog, an deſſen Abhang dieſes Treffen vorfiel. Auf ſolche Art fuhr der Kampf fort, ſich langſam vorwärts zu wälzen, indem er den müden, ſchweren Tritten der Soldaten folgte, die nun ſchon viele Meilen umringt von dem Gebrüll der Schlacht ſich durchgefochten hatten und die blutigen Spuren ihres Marſches auf ihrem Pfad zurückließen. Lionel konnte ihren Weg weit gegen Norden an den breiten rothen Flecken erkennen, die in beunruhigender Anzahl längs der Chauſſee und auf den Feldern zerſtreut lagen, über welche die Truppen gelegentlich marſchirten. Er fand in den Zwiſchenräumen der Ruhe ſogar Zeit, den Unter⸗ ſchied im Charakter der Kämpfenden zu beobachten. So oft der Boden und die Umſtände einen regelmäßigen Angriff zuließen, ſchien das erſterbende Vertrauen der Truppen wiederhergeſtellt und ſie ſtürzten ſich mit all der kühnen Haltung in den Kampf, welche hohe Disciplin einflößt, und erfüllten die Luft mit Geſchrei, während die Feinde in finſterem Schweigen vor ihrer Macht zurückwichen, dabei aber nie aufhörten, ihre Waffen mit einer Geſchicklichkeit zu gebrauchen, welche ſie doppelt gefährlich machte. Die Richtung der Kolonnen führte ſie häufig über den Boden, auf dem an der Spitze heftig geſtritten worden war, und die Opfer dieſer kurzen Scharmützel kamen ſo vor die Augen der Truppen. Taub mußte man das Ohr vor dem Geſchrei und den Bitten ſo vieler Schrecken und hoffnungsloſe Furcht verwundeter Krieger abwenden, die, in jedem Zuge ihres Geſichts tragend, den Rückzug ihrer Kamera⸗ den in ihrer Hülfloſigkeit mit anſehen mußten. Auf der andern Seite lag der Amerikaner in ſeinem Blut und betrachtete die vorüberziehende Schaar mit finſterem unwilligem Blick, der weit mehr als blos ſeine perſönlichen Leiden auszudrücken ſchien. Bei einem der Leichname hielt Lionel ſein Pferd an und verweilte einen Augenblick, um denſelben zu betrachten. Es war die lebloſe Ge⸗ ſtalt eines Mannes, deſſen weiße Locken, hohle Wangen und aus⸗ gemergelte Geſtalt anzeigten, daß die Kugel, die ihn zu Boden geworfen, den unwiderſtehlichen Beſchlüſſen der Zeit nur um wenige Er lag auf dem Rücken und ſein ſtarres Tage zuvorgekommen war. edlen Zorn, der ihn im Leben Auge zeigte ſelbſt noch im Tode den erfüllet hatte; die gelähmte Hand packte noch das Schloß ſeines Gewehres, das, alt und abgenutzt wie ſein Beſitzer, zur Ver⸗ theidigung des Vaterlandes mit ihm in's Feld gezogen war. „Wo wird ein Streit enden, der ſolche Kämpfer zur Hülfe herbeiruft?“ rief Lionel, welcher bemerkte, daß der Schatten eines zweiten Zuſchauers über die erblaßten Züge des Todten fiel;— „wer kann ſagen, wie dieſer Blutſtrom gehemmt werden kann oder wie viele noch deſſen Opfer werden ſollen?“ Da er keine Antwort auf ſeinen Ausruf erhielt, ſchlug er die Augen empor und bemerkte, daß er ohne es zu wiſſen, dieſe Frage gerade an Den gerichtet hatte, durch deſſen Raſchheit der Ausbruch des Kriegs beſchleunigt worden war. Der Marinemajor ſtand vor ihm und betrachtete eine Minute lang den Leichnam mit einem Auge, das ſo leer war als das des Todten, welches ſeinen wilden Blick zurückzuwerfen ſchien. Dann, aus ſeinem Nachdenken erwachend, bohrte er ſeinem Roſſe die Sporen in die Seiten und verſchwand in dem Dampfe, der ein Corps Grenadiere einhüllte; raſch ſah Lionel ihn den Degen ſchwenken und laut erſchallte ſein Ruf:„Vorwärts— dringt vor mit der Avantgarde!“ 161 Major Lincoln folgte langſam, über die Scenen nachſinnend, die er ſo eben mitangeſehen hatte, als er zu ſeinem Erſtaunen auf Polwarth traf, der auf einem Steinblock neben der Landſtraße ſaß und mit trübem, verdroſſenem Blick den zurückziehenden Kolonnen nachſchaute. Seinen Renner anhaltend, fragte Lionel ſeinen Freund, ob er verwundet ſey. „Nur erſchöpft,“ antwortete der Kapitän;„ich habe heute all meine Manneskraft verbracht, Major Lincoln, und kann nicht weiter. Wenn Du einige meiner Freunde im theuren England ſiehſt, ſag' ihnen, daß ich meinem Schickſal, wie es einem Soldaten ge⸗ ziemt, mit Standhaftigkeit begegnete, obgleich ich in der That wie der Aprilſchnee in Strömen dahinſchwinde.“ „Gütiger Gott! Du willſt doch nicht hier zurückbleiben, um von den Provinzialen erſchlagen zu werden, von denen wir, wie Du ſiehſt, gänzlich umzingelt ſind?“ „Ich bereite mich eben auf eine Rede für den erſten Yankee, der mir nahe kommen wird. Iſt er wirklich ein Menſch, ſo wird er über meine Leiden von heute in Thränen zerfließen— iſt er ein Wilder, ſo haben meine Erben die Koſten eines Leichenbegäng⸗ niſſes erſpart.“— Lionel würde ſeine Vorſtellungen fortgeſetzt haben, wenn nicht ein hitziges Gefecht zwiſchen einem Seitentrupp der Engländer und einer Schaar der Amerikaner die Erſteren ihm ganz nahe gebracht hätte; er ſprengte über die Mauer ſeinen Kameraden entgegen und wandte das Gefecht zu ihrem Vortheile. Durch die Wechſelfälle des Kampfes wurde er weit von dem vorigen Platze fortgeführt; einen Augenblick ſogar, während er von einer Truppenabtheilung zu der andern hinritt, fand er ſich unerwartet allein in der höchſt gefähr⸗ lichen Nachbarſchaft eines kleinen Gehoͤlzes. Der ſchnelle Ruf: „ſchießt den Offizier dort herunter!“ machte ihn zuerſt auf die große Gefahr aufmerkſam und er hatte ſich mechaniſch in Erwartung der tödtlichen Geſchoſſe auf den Hals ſeines Pferdes niedergebeugt, Lionel Lincoln. 2. Aufl. 11 162 als er in Tönen, welche jede Nerve ſeines Körpers erzittern machten, eine Stimme unter den Amerikanern laut rufen hörte: „Schont ſein! bei der Liebe des Hoͤchſten, den ihr verehrt, ſchont ſeiner 17 Die überwältigenden Gefühle des Augenblicks hinderten den jungen Mann an der Flucht, und er gewahrte Ralph, der mit raſenden Gebärden an dem Saume des Verſteckes hinrannte und die Ge⸗ wehre von zwanzig Amerikanern niederſchlug, wobei er immer ſeinen Ruf mit einer Stimme wiederholte, die keinem menſchlichen Weſen anzugehören ſchien.— Da, in der Verwirrung, die ihm durch den Kopf wirbelte, dachte Lionel ſchon, er ſey ein Gefangener, als plötzlich ein Menſch, mit einer langen Flinte bewaffnet, aus dem Walde her⸗ vorkam, die Hand an den Zaum ſeines Pferdes legte und ernſt ſagte: „Es iſt ein blutiger Tag und Gott wird's gedenken; aber wenn Major Lincoln gerade den Hügel hinabreiten will, wird das Volk nicht feuern aus Furcht, Job zu treffen; und wenn Job feuert, wird er auf jenen Grenadier ſchießen, der dort über die Mauer kommt und darüber wirds keinen Lärm geben in Funnel Hall.“ Lionel ſprengte ſchneller als ſein Gedanke davon, und während ſein Renner in weiten und verzweifelten Sätzen den ſanften Hügel hinabjagte, hörte er hinter ſich das Geſchrei der Amerikaner, das Krachen von Job's Büchſe und das Pfeifen der Kugel, welche der Blödſinnige, wie er verſprochen, in einer Richtung entſendet hatte, daß ihm dadurch kein Leid geſchehen konnte. Als er eine etwas ſicherere Stelle erreicht hatte, traf er Piteairn, der eben ſein bluten⸗ des Roß verließ, da die nahen und heftigen Angriffe der Provinzialen es nicht länger rathſam für einen Offizier machten, ſich auf den Flanken des Detaſchements zu Pferd zu zeigen. Obgleich Lionel ſeinen Hengſt ſehr hoch hielt, ſo hatte doch auch er ſo viele Be⸗ weiſe von der gefährlichen Aufmerkſamkeit erhalten, die er auf ſich gezogen, daß er bald genöthigt war⸗ dieſem Beiſpiel zu folgen und mit tiefem Bedauern ſah er das edle Thier mit loſem Zaum über den lich her⸗ gte: ber das iert, auer rend ügel das 2 der zatte, twas uten⸗ zialen f den Lionel e Be⸗ uf ſich n und über 163 die Felder hinſprengen und die verdorbene Luft anſchnauben und beſchnuppern. Er vereinigte ſich jetzt zu Fuß mit einer Abtheilung der Streiter und fuhr fort, ſie während der Dauer des mühſamen Tages zu neuen Anſtrengungen zu ermuntern. Von dem Augenblick an, wo die Truppen der Thürme von Boſton anſichtig wurden, ward der Kampf ausnehmend intereſſant. Neue Kraft ſtärkte bei dieſem erfreulichen Anblick die ermatteten Glieder der Krieger und nochmals die Haltung eines hohen kriegeriſchen Bewußtſeyns annehmend, wieſen ſie die Angriffe ihrer Feinde mit erneutem Muthe von ſich. Auf der andern Seite ſchienen die Amerikaner zu fühlen, daß die Augenblicke der Rache raſch dahin⸗ ſchwanden und Knaben und weißgelockte Männer, Verwundete und Geſunde hiengen ſich rings an ihre Angreifer, voll Begierde, ihnen noch einen letzten Schlag zum Abſchied zu verſetzen. Selbſt die friedlichen Diener der Kirche waren, wie man wußte, bei dieſer denkwürdigen Gelegenheit im Felde erſchienen und trotzten, von ihren Pfarrkindern umringt, jeder Gefahr zum Beſten einer Sache, welche ſie im Einklang mit ihrem heiligen Berufe glaubten. Die Sonne ſank unter und die Lage der Truppen war nahezu verzweifelt geworden; da gab Percy den Gedanken auf, die Landenge zu er⸗ reichen, über die er am heutigen Morgen ſtolz von Boſton ausge⸗ zogen war, und ſtrengte jetzt noch jede Nerve an, um die Ueberreſte ſeines Kommando's nach der Halbinſel Charlestown zu werfen. Die Gipfel und Abhänge der Höhen waren von Menſchen belebt, und als die Schatten des Abends ſich dichter um die Kämpfenden zogen, ſchlugen die Herzen der Amerikaner hoch von Hoffnung, wie ſie die ſchwankenden Schritte und das nachlaſſende Feuer der Truppen bemerkten. Aber hohe Disciplin ſiegte endlich in ſofern, als ſie, die Engländer aus der vernichtenden Umklammerung ihrer Feinde herausriß und dieſelben in Stand ſetzte, den ſchmalen Eingang zu dem erſehnten Zufluchtsorte zu gewinnen, eben als die Nacht als er in Tönen, welche jede Nerve ſeines Körpers erzittern machten, eine Stimme unter den Amerikanern laut rufen hörte: „Schont ſein! bei der Liebe des Hoͤchſten, den ihr verehrt, ſchont ſeiner!“ Die überwältigenden Gefühle des Augenblicks hinderten den jungen Mann an der Flucht, und er gewahrte Ralph, der mit raſenden Gebärden an dem Saume des Verſteckes hinrannte und die Ge⸗ wehre von zwanzig Amerikanern niederſchlug, wobei er immer ſeinen Ruf mit einer Stimme wiederholte, die keinem menſchlichen Weſen anzugehören ſchien.— Da, in der Verwirrung, die ihm durch den Kopf wirbelte, dachte Lionel ſchon, er ſey ein Gefangener, als plötzlich ein Menſch, mit einer langen Flinte bewaffnet, aus dem Walde her⸗ vorkam, die Hand an den Zaum ſeines Pferdes legte und ernſt ſagte: „Es iſt ein blutiger Tag und Gott wird's gedenken; aber wenn Major Lincoln gerade den Hügel hinabreiten will, wird das Volk nicht feuern aus Furcht, Job zu treffen; und wenn Job feuert, wird er auf jenen Grenadier ſchießen, der dort über die Mauer kommt und darüber wirds keinen Lärm geben in Funnel Hall.“ Lionel ſprengte ſchneller als ſein Gedanke davon, und während ſein Renner in weiten und verzweifelten Sätzen den ſanften Hügel hinabjagte, hörte er hinter ſich das Geſchrei der Amerikaner, das Krachen von Job's Büchſe und das Pfeifen der Kugel, welche der Blödſinnige, wie er verſprochen, in einer Richtung entſendet hatte, daß ihm dadurch kein Leid geſchehen konnte. Als er eine etwas ſicherere Stelle erreicht hatte, traf er Pitcairn, der eben ſein bluten⸗ des Roß verließ, da die nahen und heftigen Angriffe der Provinzialen es nicht länger rathſam für einen Offizier machten, ſich auf den Flanken des Detaſchements zu Pferd zu zeigen. Obgleich Lionel ſeinen Hengſt ſehr hoch hielt, ſo hatte doch auch er ſo viele Be⸗ weiſe von der gefährlichen Aufmerkſamkeit erhalten, die er auf ſich gezogen, daß er bald genöthigt war, dieſem Beiſpiel zu folgen und mit tiefem Bedauern ſah er das edle Thier mit loſem Zaum über „ER A& en den he⸗ nen ſen den lich er⸗ gte: ber das ert, nuer rend ügel das der atte, was iten⸗ ialen den ionel Be⸗ f ſich und über 163 die Felder hinſprengen und die verdorbene Luft anſchnauben und beſchnuppern. Er vereinigte ſich jetzt zu Fuß mit einer Abtheilung der Streiter und fuhr fort, ſie während der Dauer des mühſamen Tages zu neuen Anſtrengungen zu ermuntern. Von dem Augenblick an, wo die Truppen der Thürme von Boſton anſichtig wurden, ward der Kampf ausnehmend intereſſant. Neue Kraft ſtärkte bei dieſem erfreulichen Anblick die ermatteten Glieder der Krieger und nochmals die Haltung eines hohen kriegeriſchen Bewußtſeyns annehmend, wieſen ſie die Angriffe ihrer Feinde mit erneutem Muthe von ſich. Auf der andern Seite ſchienen die Amerikaner zu fühlen, daß die Augenblicke der Rache raſch dahin⸗ ſchwanden und Knaben und weißgelockte Männer, Verwundete und Geſunde hiengen ſich rings an ihre Angreifer, voll Begierde, ihnen noch einen letzten Schlag zum Abſchied zu verſetzen. Selbſt die friedlichen Diener der Kirche waren, wie man wußte, bei dieſer denkwürdigen Gelegenheit im Felde erſchienen und trotzten, von ihren Pfarrkindern umringt, jeder Gefahr zum Beſten einer Sache, welche ſie im Einklang mit ihrem heil igen Berufe glaubten. Die Sonne ſank unter und die Lage der Truppen war nahezu verzweifelt geworden; da gab Percy den Gedanken auf, die Landenge zu er⸗ reichen, über die er am heutigen Morgen ſtolz von Boſton ausge⸗ zogen war, und ſtrengte jetzt noch jede Nerve an, um die Ueberreſte ſeines Kommando's nach der Halbinſel Charlestown zu werfen. Die Gipfel und Abhänge der Höhen waren von Menſchen belebt, und als die Schatten des Abends ſich dichter um die Kämpfenden zogen, ſchlugen die Herzen der Amerikaner hoch von Hoffnung, wie ſte die ſchwankenden Schritte und das nachlaſſende Feuer der Truppen bemerkten. Aber hohe Disciplin ſiegte endlich in ſofern, als ſte, die Engländer aus der vernichtenden Umklammerung ihrer Feinde herausriß und dieſelben in Stand ſetzte, den ſchmalen Eingang zu dem erſehnten Zufluchtsorte zu gewinnen, eben als die Nacht 166 um welchen ſeine Kameraden gelehrt worden waren, den Charakter Derer beſſer zu ſchätzen, deren langes, ſtilles Dulden für Klein⸗ müthigkeit gegolten hatte, ſo freute er ſich doch darüber, daß jetzt den Aelteren unter ihnen die Augen für die Wahrheit geöffnet werden müßten und daß den Jungen und Gedankenloſen der Mund durch Schaam für immer geſchloſſen war. Wenn auch aus Gründen der Klugheit die wirklichen Verluſte der beiden Corps wahrſchein⸗ lich geheim gehalten wurden, ſo erfuhr man doch bald, daß er auf Seiten der Armee ungefähr ein Sechstel der ganzen Anzahl betrug. Auf der Werfte trennte ſich Lionel von Polwarth. Der Letztere verſprach, ſobald als möglich wieder in der beſonderen Wohnung ſeines Freundes einzutreffen, wo er für die gezwungene Enthaltſamkeit und die Entbehrungen ſeines langen Marſches Troſt zu finden hoffte; der Erſtere ſchlug den Weg nach der Tremont⸗ ſtraße ein, um die Unruhe zu verſcheuchen, welche, wie das geheime und ſchmeichelnde Flüſtern der Hoffnung ihm zu glauben eingab, ſeine junge ſchöne Verwandtin um ſeinetwillen fühlen mochte. An jeder Ecke traf er Gruppen ernſter Stadtbewohner, die mit ge⸗ ſpitzten Ohren auf die Einzelheiten des Kampfes horchten, während einige Wenige, durch ſo muthige Proben ihrer Landsleute beſchämt, welche ſie früher in den Augen ihrer Unterdrücker verächtlich zu machen ſich bemüht hatten— gedemüthigt und leiſe davonſchlichen. Die Meiſten aber betrachteten den Vorübergehenden, deſſen un⸗ ordentliche Kleidung ſeine Theilnahme an der Affaire ankündigte, mit Blicken ernſten Wohlgefallens. Als Lionel an Mrs. Lechmere's Thüre klopfte, wußte er nichts mehr von Ermüdung und als ſie ſich öffnete, als Cäcilie in der Halle vor ihm ſtand und in jedem Zug ihres reizenden Geſichtes die Größe ihrer Bewegung ſich ab⸗ malte— da hatte er all' jene drohenden Gefahren vergeſſen, denen er kaum erſt entronnen war. 8„Lionel!“ rief die junge Dame, indem ſie die Hände vor Freude in einanderſchlug,„er iſt's und unverletzt!“ Das Blut ſtieg ihr —„ 167 aus dem Herzen empor und ergoß ſich raſch uͤber ihr Antlitz bis zur Stirne aufwärts; ſie ſelbſt, ihr Verſchämen mit den Händen verbergend, brach in einen Strom von Thränen aus und floh aus ſeiner Nähe. Agnes Danforth empfing ihn mit unverſtellter Freude; ſie wollte ſogar nicht eine einzige Frage an ihn richten, um ihre brennende Neugierde zu befriedigen, bis ſie ſich vollkommen von ſeiner gänzlichen Unverſehrtheit überzeugt hatte. Dann freilich bemerkte ſie mit triumphirendem Ausdruck: „Ihr Marſch hat eine hübſche Begleitung gehabt, Major Lincoln; von den oberen Fenſtern aus habe ich einige von den Ehren mit angeſehen, welche das gute Volk von Maſſachuſetts Bai ſeinen Beſuchern erwieſen.“ „Bei meiner Seele, wäre es nicht wegen der ſchrecklichen Folgen, die er haben muß, ich freute mich, ſo gut wie Sie, über die Ereigniſſe des heutigen Tages,“ ſagte Lionel;„denn ein Volk iſt ſeiner Rechte nur dann ſicher, wenn es geachtet wird.“ „So erzählen Sie mir denn Alles, Couſin Lincoln, damit ich wiſſe, wie weit ich mich meiner Verwandtſchaft rühmen darf.“ Der junge Mann gab ihr einen kurzen, aber klaren und un⸗ parteiiſchen Bericht über den ganzen Hergang, welchem die ſchöne Neugierige mit unverholenem Intereſſe zuhörte. „Nun denn,“ rief ſie aus, als er geendet hatte,„ſo haben jene beißenden Spöttereien für immer ein Ende, die ſo lange unſere Ohren beleidigt haben! Aber Sie wiſſen,“ fuhr ſie mit leichtem Erröthen fort, indem ein äußerſt komiſches Lächeln ihr ſchelmiſches Antlitz überſtrahlte,„ich war in dem Glücksſpiel von heute doppelt betheiligt,— durch mein Vaterland und meine treue Liebe!“ „O! ſeyen Sie ganz ruhig; Ihr Anbeter iſt zurückgekehrt, ganz an Körper, und nur die Seele von Ihrer Grauſamkeit ver⸗ wundet— er machte den Weg mit wundervoller Behendigkeit und zeigte ſich als einen wahrhaften Krieger in der Gefahr.“ „Nein, Major Lincoln,“ erwiederte Agnes, trotz ihres Lachens nochmals erröthend,„Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß Peter Polwarth vierzig Meilen zwiſchen einem Auf⸗ und Nieder⸗ gang der Sonne marſchirt iſt.“ „Ehe die Sonne zweimal hinabſank, hat er die That vollbracht, wenn Sie dabei eine kleine promenade à cheval auf meinem eigenen Streitroß ausnehmen wollen, welches Jonathan mich zu verlaſſen nöthigte, wofür ſodann unſer Freund ſich deſſelben bemächtigte und trotz der Gefahren jeder Art, die ihm dabei begegneten, ſich muthig in deſſen Beſitz behauptete.“ „Wirklich,“ rief das muthwillige Mädchen und ſchlug die Hände in angenommenem Erſtaunen zuſammen, obgleich Lionel ihre innerliche Freude über dieſe Nachricht in den Zügen ihres Geſichts zu leſen glaubte—„die Wunderthaten des Mannes überſteigen allen Glauben! man muß die Treuherzigkeit unſeres Vaters Abra⸗ ham beſitzen, um ſolche Wunder für möglich zu halten! obwohl ich nach dem Zurückſchlagen von zweitauſend brittiſchen Kriegern durch einen Haufen Landleute ſchon im Voraus darauf gefaßt bin, eine bedeutende Doſis meiner Leichtgläubigkeit in Anſpruch genommen zu ſehen.“ „So iſt denn der Augenblick günſtig für meinen Freund,“ flüſterte Lionel, indem er ſich erhob, der dahineilenden Geſtalt Cä⸗ eilien's zu folgen, die er in das Gemach gegenüber ſchlüpfen ſah, während Polwarth ſelbſt in's Zimmer trat.„Leichtgläubigkeit, be⸗ hauptet man, iſt die große Schwäche Ihres Geſchlechts, und ich muß Sie einen Augenblick dieſem Erbfehler überlaſſen und dieß noch dazu in der gefährlichen Geſellſchaft des Gegenſtandes unſerer Unterhaltung.“ „Nun würden Sie doch die Hälfte Ihrer Hoffnungen auf Be⸗ förderung und Ihre ganze Ausſicht auf Krieg darum geben, Kapitän Polwarth, wenn Sie wüßten, wie Ihr Charakter in Ihrer Ab⸗ weſenheit mitgenommen worden!“ rief Agnes, leicht erröthend. Ma meit ſagt „Si ſchor Mitt Sym 169 „Ich werde übrigens dem Dringen Ihrer Neugier kein Gehör ſchenken, aber laſſen Sie ſich's als Sporn zu beſſeren Thaten dienen, als die ſind, welche Sie vollführten, ſeit wir uns das letztemal geſehen haben.“ „Ich hoffe, Lincoln hat meinen Dienſten Gerechtigkeit erwieſen,“ erwiederte der gut gelaunte Kapitän,„und hat namentlich nicht zu erzählen vergeſſen, wie ich ſein Pferd aus den Händen der Re⸗ bellen befreite?“. „Wie, Sir,“ unterbrach ihn Agnes unwillig—„wie nannten Sie das gute Volk von Maſſachuſetts Bai?“ „Ich hätte, glaube ich, ſagen ſollen, die aufgeregten Bewohner des Landes. Ach! Miß Agnes, ich habe heute gelitten wie nie ein Mann zuvor, und Alles um Ihretwillen—“ „Um meinetwillen!— Ihre Worte bedürfen der Erläuterung, Kapitän Polwarth.“ „Das iſt unmöglich,“ entgegnete der Kapitän—„es gibt Gefühle und Handlungen, die ſo eng mit dem Herzen zuſammen⸗ hängen, daß ſie keine Erläuterung zulaſſen. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ich durch Sie heute unausſprechlich gelitten habe, und was unausſprechlich iſt, iſt auch in hohem Grade unerklärlich.“ „Ich will das zu jenen Phraſen ſchreiben, welche gewöhnlich, wie ich glaube, bei der Beſchreibung gewiſſer téte-A-létes vorkom⸗ men— der Ausdruck eines unausſprechlichen Dings! Wahrlich, Major Lincoln hatte einigen Grund, zu glauben, er überlaſſe mich meiner Leichtgläubigkeit!“ „Sie verleumden Ihren eigenen Charakter, ſchöne Agnes!“ ſagte Polwarth, indem er ſich zu einem traurigen Blicke zwang; „Sie ſind weder barmherzig, noch leichtgläubig, ſonſt würden Sie ſchon lange meiner Erzählung geglaubt und mit meinem Unglück Mitleid gehabt haben.“ „Iſt nicht Sympathie eine Art— eine Weiſe— kurz, iſt nicht Sympathie ein ſchreckliches Symptom in einer gewiſſen Krankheit?“ 170 ſchlagen und mädchenhafte fragte Agnes, die Augen zu Boden ge Verwirrung erkünſtelnd. „Wer kann es läugne junge Dame der untrügliche Weg, Tauſende haben gelebt, unbekannt mit ihren eigenen Neigungen, bis ihre Sympathien geweckt waren. Was bedeutet aber dieſe Frage, mein ſchöner Quälgeiſt? darf ich mir ſchmeicheln, daß Sie endlich Erbarmen haben mit meiner Pein?“ „Ich bin ſehr in Angſt, dieß moͤchte nur zu wahr ſeyn, Pol⸗ warth,“ antwortete Agnes, kopfſchüttelnd und immer noch mit ernſtem Blick. Polwarth rückte n!“ rief der Kapitän,„das iſt für eine ihre Neigung zu entdecken. mit einer Miene der Bewegung näher an das ergötzte Mädchen, und verſuchte, ihre Hand zu faſſen, indem er ſagte: „Sie geben mich mit Ihrem ſüßen Geſtändniß einem neuen Leben zurück. Sechs Monate habe ich gelebt wie ein Hund vor Ihrem Zorn, aber ein gütiges Wort iſt mir wie lindernder Balſam und gibt mich mir ſelbſt wieder!“ „Dann iſt meine Sympathie verflogen!“ erwiederte Agnes. „Dieſen langen angſtvollen Tag hindurch kam ich mir älter vor, als meine gute ernſte Großtante, und ſo oft gewiſſe Gedanken meine Seele durchkreuzten, dachte ich mir ſelbſt, tauſend Gebrech⸗ lichkeiten des Alters hätten mich umringt— Rheumatismen, Gicht, Aſthmas und zahlloſe andere Ach und Weh, die einer jungen Dame von neunzehn doch gar übel anſtehen. Aber Sie haben mich auf⸗ geklärt und meine Beſorgniſſe gehoben, indem Sie es für nichts mehr als Sympathie erklärten. Sie ſehen, Polwarth, was Sie für eine Frau bekämen, wenn ich je in einem ſchwachen Augenblick Ihre Hand annehmen ſollte, denn ſchon jetzt habe ich die eine Hälfte Ihrer Laſt getragen.“ „Ein Mann iſt nicht dazu gemacht, in beſtändiger Bewegung zu ſeyn, wie der Pendel dieſer Uhr, Miß Danforth, und dennoch keine Müdigkeit zu fühlen,“ ſagte Polwarth, mehr gekränkt, als das gte: euen vor lſam gnes. vor, anken brech⸗ Gicht, Dame )auf⸗ nichts 6 Sie enblick ie eine wegung dennoch kt, als 171 er ſich ſelbſt zu verrathen erlauben wollte;„dennoch, ſo ſchmeichle ich mir, iſt kein Offizier in der leichten Infanterie— Sie ver⸗ ſtehen mich, wenn ich ſage, in der leichten Infanterie— der in dieſen vierundzwanzig Stunden über mehr Land gekommen wäre, als der Mann, der trotz ſeiner Thaten ſich beeilt, ſich Ihnen zu Füßen zu werfen, ſelbſt ehe er an ſeine gewohnte Ruhe denken mag.“ „Kapitän Polwarth,“ begann nun Agnes, indem ſie aufſtand,„für das Kompliment, wenn es ein ſolches iſt, danke ich; aber,“ fuhr ſie fort und jetzt verlor ſich ihr angenommener Ernſt in einem hohen, natürlichen Gefühl, das in ihrem dunkeln Auge leuchtete und ihr ganzes reizendes Geſicht übergoß, während ſie die Hand feſt auf's Herz drückte—„der Mann, der die Gefühle verdrängen will, welche die Natur hier eingepflanzt hat, muß nicht zu meinen Füßen zurückkehren, wie Sie es nennen, von einem Schlachtfelde, wo er gegen meine Verwandten geſtritten und mein Vaterland zu unter⸗ jochen geholfen hat. Sie werden mich entſchuldigen, Sir, aber da Major Lincoln hier zu Hauſe iſt, werden Sie mir erlauben, Sie auf einige Minuten ſeiner Gaſtfreundſchaft zu überlaſſen.“ Sie entfernte ſich, als Lionel eben wieder eintrat, an dem ſie auf der Schwelle vorübereilte. „Ich möchte wahrlich lieber Kondukteur in einer Poſtkutſche oder gar ein Laufbube, ja Alles lieber ſeyn, als ein Verliebter!“ rief Polwarth—„das iſt ein Hundeleben, Leo, und dieſes Mädchen behandelt mich wie einen Karrengaul! Aber was ſie für ein Auge hat! ich hätte meine Cigarre daran anzünden können— mein Herz iſt ein Aſchenhaufen. Aber was fehlt Dir, Leo? Dieſen ganzen verdammten Tag über habe ich keinen ſo trüben Blick an Dir geſehen.“ „Laß uns in mein eigenes Quartier gehen!“ murmelte der junge Mann, der in Haltung und Miene die Zeichen der höchſten Verwirrung an ſich trug—„es iſt Zeit, uns von den Leiden unſeres Marſches zu erholen.“ „Für all das iſt bereits vorgeſehen,“ ſagte Polwarth und hinkte mit den drolligſten Grimaſſen, ſo gut er konnte, hinter den haſtigen Schritten ſeines Freundes einher.„Mein erſtes Geſchäft, als ich Dich verließ, war, einen Wagen von einem Freund zu ent⸗ lehnen, in welchem ich nach Deiner Wohnung fuhr; mein zweites, dem kleinen Jemmy Craig zu ſchreiben und ihm meine Kompagnie zum Tauſch gegen die ſeinige anzubieten— denn von dieſer Stunde an entſage ich für alle Zeiten dem Leichtinfanterie⸗Dienſt und werde die erſte Gelegenheit ergreifen, wieder zu den Dragonern zu kom⸗ men; ſo bald ich dieſes durchgeſetzt habe, Major Lincoln, werde ich Dir einen Handel um mein heutiges Streitroß proponiren. Nach⸗ dem dieſe Pflicht erfüllt war— denn, wenn Selbſterhaltung irgend lobenswerth iſt, war es für mich zur Pflicht geworden— fertigte ich einen Küchenzettel für Meriton, damit nichts vergeſſen werde, und hierauf eilte ich, wie Du ſelbſt, zu den Füßen meiner Herrin. — Ach! Major Lincoln, Du biſt ein glücklicher Junge; für Dich gibt's keinen andern Empfang als Lächeln und Reize ſo——“ „Sprecht mir nicht von Lächeln, Sir,“ unterbrach ihn Lionel heftig—„noch von den Reizen eines Weibes. Sie ſind alle gleich launig und unbegreiflich.“ 2 „Der Himmel ſey uns gnädig!“ rief Polwarth, ihn voll Ver⸗ wunderung anſtarrend;„ſo iſt denn hier für Niemand Gnade, der für den Koͤnig kämpft! Es beſteht eine ganz eigene Verbindung zwiſchen Cupido und Mars, Liebe und Krieg; denn ich ſelbſt, nach⸗ dem ich mich den ganzen Tag wie ein Sarazene, ein Türke, ein Yenghis Khan, kurz Alles andere, nur nicht wie ein guter Chriſt herumgeſchlagen, kam hieher mit der beſten Abſicht in der Welt und wollte dieſer verrätheriſchen Here in allem Ernſt meine Hand, nebſt meiner Stelle und Polwarth Hall anbieten, doch ſie ver⸗ ſchmäht mich mit einem Unwillen, einem beißenden Spott, der ge⸗ rade ſo einladend iſt wie der Gruß eines Hungernden. Aber was für ein Auge das Mädchen hat und welche Röthe, wenn ſie etwas er ka hel 173 mehr als gewöͤhnlich aufgeregt iſt! Alſo auch Du, Lionel, biſt wie ein Hund behandelt worden!“ „Wie ein Narr, der ich bin,“ ſagte Lionel, indem er mit großen haſtigen Schritten über die Straße hineilte, wodurch ſein Gefährte zu weit hinter ihm zurückblieb, um weitere Unterhaltung zu pflegen, bis der Ort ihrer Beſtimmung erreicht war. Hier fanden ſie, zur nicht geringen Verwunderung Beider, eine Geſell⸗ ſchaft verſammelt, die keiner von ihnen zu treffen erwartet hatte. An einem Seitentiſch ſaß M'Fuſe und verſuchte ſich mit beſonderem Wohlbehagen an einigen Stücken kalten Fleiſches vom geſtrigen Abendeſſen, wobei er ſeine Biſſen mit tiefen Zügen von ſeines Wirths beſtem Weine hinunterſpülte. In der einen Ecke des Zimmers ſtand Seth Sage, der wie ein in Haft Befindlicher ausſah, mit vorn zuſammengebundenen Händen, an welchen noch ein langer Strick herabhing, der im Nothfall als Halfter hätte benutzt werden können. Gegenüber von dem Gefangenen, denn das war er wirk⸗ lich, ſtand Job, das Beiſpiel des Kapitäns der Grenadiere nach⸗ ahmend, von dem der Simpel dann und wann einen Biſſen von dem Mahle in den Hut geworfen bekam. Meriton und mehrere andere Bediente des Hauſes warteten auf.. „Was gibt's hier?“ rief Lionel und betrachtete die Scene mit neugierigem Blick;„welche Schuld hat Mr. Sage begangen, daß er dieſe Bande trägt?“ „Das geringe Verbrechen des Verraths und des Todtſchlags,“ erwiederte M'Fuſe,„in ſofern es überhaupt ein Mord genannt werden kann, wenn einer in der offenen Abſicht, zu toͤdten, auf einen andern Menſchen ſchießt.“ „Das kann's nicht,“ ſagte Seth, die Augen vom Boden er⸗ hebend, an dem ſie bis jetzt in ernſtem Schweigen gehaftet hatten; „man muß in gottloſer Abſicht tödten, um einen Mord zu begehen.“ „Hör' einer den Schuft, wie er das Geſetz auslegt, als wäre er Lord Oberrichter der Kings Bench,“ fiel der Grenadier ein,„und cht anders, Ihr lauernder Va⸗ was war Eure eigene gottloſe Abſi Ich will Euch dafür verur⸗ gabund, als mich zu tödten? Ha! theilen und hängen laſſen.“ „Es iſt gegen die Vernunft, zu glauben, daß irgend ein Ge⸗ richt einen Mann des Mords an einem Andern überführen werde, wenn dieſer nicht todt iſt,“ fuhr Seth fort—„es iſt keine Jury in der Bai⸗Kolonie zu finden, die das thun wird.“ „Bai⸗Kolonie! Ihr mörderiſcher Dieb und Rebell!“ ſchrie der Kapitän;„ich werde Euch nach England transportiren laſſen, ja⸗ ja, Beides ſoll Euch zu Theil werden, transportirt und gehangen ſollt Ihr werden. Bei Gott, ich will Euch mit mir nach Irland zurückführen, will Euch ſelbſt in dem grünen Eiland aufhängen und Euch mitten im Winter in einen Sumpf begraben——“ „Aber worin beſteht denn ſein Verbrechen,“ fragte Lionel, „daß es ſolche Drohungen veranlaſſen kann?“ „Der Schurke war draußen——“ „Draußen!“ „Ja, draußen! Land, gleich eben ſo —Verdammt auch, Sir, iſt nicht das ganze vielen Bienen auf's Suchen eines Korbs, aus⸗ geweſen? Iſt Ihr Gedächtniß ſo kurz, Major Lincoln, daß Sie ſchon jetzt vergeſſen haben, wie dieſe Schurken über Thal und Hügel, durch Dick und Dünn Ihnen nachgeſtellt haben!“ „Und wurde denn Mr. Sage unter unſern heutigen Feinden getroffen?“ „Sah ich ihn nicht dreimal in eben ſo viel Minuten auf meine eigene werthe Perſon losdrücken?“ entgegnete der ärgerliche Kapi⸗ tän,„und zerbrach er nicht den Griff meines Degens? und habe ich nicht ein Stück Blei, einen Bockſchuß heißt er's, als ein Ge⸗ ſchenk von dem Dieb in meiner Schulter ſtecken?“ „Es iſt gegen alles Geſetz, einen Mann Dieb zu nennen,“ fiel Job ein,„wenn Ihr's nicht gegen ihn beweiſen könnt; aber es iſt nicht gegen's Geſetz, in Boſton aus⸗ und einzugehen, ſo oft man will.“ 175 „Hört Ihr die Schurken! Sie kennen jeden Winkelzug des Geſetzes ſo gut oder beſſer als ich ſelbſt, der ich der Sohn eines Raths von Cork bin. Ich möchte behaupten, Du warſt auch unter ihnen und verdienſt den Galgen ſo gut als Dein ſauberer Gefährte da.“ „Wie?“ fiel Lionel ein, ſich raſch von Job abwendend, um einer Antwort deſſelben zuvorzukommen, welche die Sicherheit des Schwachſinnigen hätte gefährden können—„Ihr miſchtet Euch nicht nur in den Aufruhr, Mr. Sage, ſondern ſtelltet ſogar dem Leben eines Mannes nach, der, man möchte wohl ſagen, faſt ein Bewohner Eures eigenen Hauſes iſt?“ „Ich glaube,“ antwortete Sage,„es iſt am Beſten, nicht zu viel zu ſprechen, da ich ſehe, daß Niemand vorausſagen kann, was geſchehen wird.“ „Hört nur die Liſt des verruchten Sünders! er hat nicht einmal die Gnade, ſeine eigenen Sünden, wie ein ehrlicher Mann einzugeſtehen,“ fiel M'Fuſe ein,„aber ich kann ihm dieſe geringe Mühe erſparen.— Ich hatte es endlich genug, müſſen Sie wiſſen, Major Lincoln, mich wie ein ſchädliches Gewürm vom Morgen bis in die Nacht beſchießen zu laſſen, ohne dieſen Herrn, die auf den Hügeln draußen ſind, ihre Komplimente einigermaßen zu erwiedern. Deßhalb, ſehen Sie, benützte ich eine Wendung, um einen Haufen der unciviliſirten Teufel in die Mitte zu nehmen! Dieſer Burſche hier zielte drei gute Schüſſe nach mir, bis wir hart an ſie kamen und ihnen mit dem Stahl den Garaus machten, Allen, bis auf dieſen Kerl, den ich, da er eine höchſt empfehlende Miene für den Galgen beſitzt, mit mir hereinnahm, wie Sie ſehen, um ihn zur Erwiederung für ſeine Freundſchaft bei der nächſten günſtigen Ge⸗ legenheit aufzuhängen.“ „Wenn dem ſo iſt, müſſen wir ihn den Händen der geeigneten Obrigkeit überliefern,“ ſagte Lionel, über den verwirrten Bericht des zornigen Kapitäns lächelnd,„denn wir müſſen erſt ſehen, welches Verfahren mit den Gefangenen in dieſem eigenthümlichen Streite beobachtet werden wird.“ „Ich würde gar nicht an die Sache denken,“ antwortete M'Fuſe,„hätte mich nicht der verſtockte Burſche mit ſeinem Bock⸗ ſchuß nur ſo, wie ein Thier des Feldes behandelt und ſein Ziel dabei jedesmal genommen, gerade ſo, als ob ich ein toller Hund ge⸗ weſen wäre. Du Schurke, nennſt Du Dich einen Menſchen und zielſt auf Dein Mitgeſchöpf wie auf ein unvernünftig Thier?“ „Ei,“ ſagte Seth mürriſch,„wenn man einmal ſich hübſch ordentlich zum Kampf entſchloſſen hat, ſo halte ich für's Beſte, ſein men, um Zeit und Munition zu ſparen.“ n2“ fragte Lionel. Ziel gehörig zu neh „Ihr erkennt alſo die Beſchuldigung a Mann iſt und Vernunft hören ernünftig beſprechen,“ ſagte „Da der Major ein gemäßigter mag, will ich den Handel mit ihm v Seth, der ſich anſchickte, näher auf die Sache einzugehen.„Sehen Sie, ich hatte heute Morgen ein kleines Geſchäft zu Concud—“ „Concord!“ rief Lionel— „Ja, Concud,“ erwiederte Seth, indem er großen Nachdruck auf die erſte Sylbe legte und mit einer Miene der höchſten Un⸗ ſchuld weiter fortfuhr;— nes liegt hier herum, ſo etliche zwanzig oder einundzwanzig Meilen—— „Verdammt Eure Concords und Eure Meilen dazu!“ rief Polwarth;„iſt wohl ein Mann in der ganzen Armee, der dieſen trügeriſchen Ort vergeſſen könnte?— Doch weiter in Eurer Verthei⸗ digung, aber ſprecht mit uns nicht von der Entfernung, die wir die Straße nach Zollen gemeſſen haben.“ „Der Kapitän iſt haſtig und raſch!“ ſagte der bedächtige Ge⸗ fangene—„da ich aber einmal da war, verließ ich die Stadt in Geſellſchaft Einiger, die ich daſelbſt getroffen, und nach einiger Zeit entſchloſſen wir uns zur Rückkehr— und ſo, als wir ungefähr eine Meile jenſeits der Stadt an eine Brücke kamen, erlitten wir eine 44 en ete ck⸗ bei ge⸗ und ſch ſein ören agte ehen 1 druck Un⸗ unzig rief dieſen rthei⸗ e wir e Ge⸗ adt in er Zeit r eine ir eine 177 beträchtlich rauhe Behandlung v die dort ſtanden—“ „Was thaten fie?“ „Sie feuerten auf uns und toͤdteten zwei von unſerer Geſell⸗ ſchaft, neben andern drohenden Handlungen. Es waren einige unter uns, welche die Sache ziemlich ernſt aufnahmen, und es entſtand auf einige Minuten ein ſcharfes Zuſammentreffen, bis endlich das Geſetz ſtegte.“ „Das Geſetz!“ „Allerdings— es iſt on einigen von des Königs Truppen, gegen alles Geſetz, das wird der Major hoffentlich zugeben, friedliche Männer auf der offenen Landſtraße zu erſchießen!“ „Fahrt fort in Eurer Erzählung, nach Eurer eigenen Weiſe.“ „Das iſt ſo ziemlich das Ganze davon,“ ſagte Seth vorſichtig. „Das Volk nahm ſich dieſes und einige andere Vorfälle, die zu Lexington ſich ereignet hatten, zu Herzen, und ich denke, der Major weiß das Uebrige.“ „Aber was hat alles das mit Eurem Mordverſuch gegen mich zu thun, Ihr Heuchler?“ fragte M'Fuſe;—„bekennt Alles, Ihr Dieb, damit ich Euch mit leichtem Gewiſſen hängen kann.“ „Genug,“ ſagte Lionel;„der Mann hat bereits hinreichend eingeſtanden, um uns zu rechtfertigen, wenn wir ihn der Bewachung Anderer übergeben— ſetzt ihn auf die Hauptwache, als einen der heutigen Gefangenen.“ „Ich hoffe, der Major wird auf das Meinige Acht haben,“ ſchloß Seth, der ſich augenblicklich zum Fortgehen anſchickte, aber an der Schwelle noch einmal ſtehen blieb und mit den Worten endete:„ich werde mich wegen jeder Beſchädigung an ihn halten.“ „Euer Eigenthum ſoll geſchützt werden, und ich hoffe, Euer Leben wird nicht in Gefahr ſeyn,“ antwortete Lionel, indem er den Wäͤchtern mit der Hand zum Abgehen winkte. Seth wandte ſich und verließ ſeine eigene Wohnung mit der nämlichen ruhig en Miene, Lionel Lincoln. 2. Aufl 12 die ihn den ganzen Tag uͤber bezeichnet hatte; nur zuweilen brachen, wie das Aufglimmen eines erlöſchenden Feuers, gelegentliche Blitze aus ſeinem raſtloſen ſchwarzen Auge hervor. Trotz der drohenden verließ er das Haus in der feſten Anklage, die er vernommen, Ueberzeugung, daß, wenn ſein Fall nach den Rechtsprincipien be⸗ handelt werden würde, die Jedermann in der Kolonie ſo gut ver⸗ ſtand,— es bald erwieſen ſeyn müſſe, daß er ſowohl, als ſeine Gefähr⸗ ten ſich ganz an das Geſetz gehalten hatten. Während dieſer ſonderbaren und ſo charac hatte Polwarth, mit der einzigen Ausnahme, ſeine Zeit einzig zu Vorbereitungen auf das Abendeſſen verwendet. Als Seth mit ſeinen Geleitern verſchwand, warf Lionel einen verſtohlenen Blick auf Job, der ein ruhiger und dem Anſchein nach unbetheiligter Zuſchauer der Scene geweſen, und wandte dann ſeine Aufmerkſamkeit plötzlich auf ſeine Gäſte, wie wenn er beſorgte, die Thorheit des Schwachſinnigen möchte deſſen Antheil an den heu⸗ tigen Thaten gleichfalls verrathen. Die Einfalt des Burſchen machte jedoch die freundlichen Plane des Majors zunichte, denn ohne das geringſte Zeichen von Furcht bemerkte er alsbald: „Der König kann Seth Sage nicht dafür hängen laſſen, daß er wieder gefeuert hat, nachdem die teufliſchen Soldaten zuerſt angefangen.“ „Vielleicht waret auch Ihr auswärts, M M'Fuſe,„und beluſtigtet Euch zu Concord mi auserleſener Freunde?“ „Job ging nicht weiter als bis Lexington,“ antwortete der Burſche,„und er hat keinen andern Freund bei ſich gehabt, als die alte Nab.“ „Der Teufel hat di der Grenadier fort;—„ Sünder— Alt und Jun unſerm Marſch, und hier iſt ein Narr no teriſtiſchen Unterredung deren wir gedachten, Neiſter Salomo,“ rief t einer kleinen Anzahl e Gemüther des Volks ergriffen!“ fuhr Advokaten und Doktoren— Prieſter und g— Groß und Klein ſiel uns an auf ch weiter bei der Zahl! 2 en be⸗ er⸗ hr⸗ ung ten, det. inen nach ſeine „die heu⸗ ſchen denn daß zuerſt “ rief Anzahl te der als die 4 fuhr ter und an auf Zahl! Ich möchte behaupten, der Burſche verſucht am heutigen Tage!“ „Job verachtet ſolche Gottloſtgkeit; er erſchoß nur einen Gre⸗ nadier und traf einen Offizier in den Arm.“ „Hören Sie, Major Lincoln!“ ſchrie M'Fuſe, von ſeinem Sitze aufſpringend, den er bis jetzt trotz der Bitterkeit ſeiner Worte ſtandhaft behauptet hatte;„hören Sie dieſe Schale von einem Menſchen, dieſes Schattenbild, wie er ſich rühmt, einen Grenadier getödtet zu haben!“ „Halt!“— unterbrach ihn Lionel und Gefährten beim Arm;„erinnern Sie ſich, und daß dieſer Burſche nicht als ein zurechnungsfähiges Geſchöpf be⸗ trachtet werden kann. Kein Tribunal würde je ein ſolch unglück⸗ liches Weſen zum Galgen verurtheilen und überhaupt iſt er ſo harmlos wie ein Kind—— ⸗ „Der Teufel hol' ſolche Kinder— ein einen Mann von ſechs Fuß zu tödten! ich wollte wetten. Ich will den Schuft coln, da es Ihr beſonderer Wunſch iſt begraben.“. Job blieb vollkommen unbeweglich und der Kapitän, beſchämt über ſeinen Grimm gegen ſo bewußtloſe Schwachheit, ließ ſich bald überreden, ſeine Rachegedanken aufzugeben, fuhr aber noch lange mit ſeinen Drohungen gegen die Provinzialen fort und mur⸗ ‚dieſe unmaͤnnliche Art“ der Krieg⸗ führung, bis das ſo dringend erſehnte Mahl zu Ende war. Nachdem Polwarth das Gleichgewicht in ſeinem Syſtem durch ein herzhaftes Abendeſſen wieder hergeſtellt hatte, ſtahl er ſich zu Bett und M'Fuſe nahm ohne weitere Umſtände von einem Zimmer in Mr. Sage's Wohnung Beſitz. Die Diener zogen ſich gleichfalls zurück und Lionel, der die letzte halbe Stunde in melancholiſchem Schweigen da geſeſſen hatte, fand ſich nun unerwartet mit dem hat ſicher auch einen Mord hielt ſeinen erzürnten daß wir Soldaten ſind feiner Burſche iſt er, und mit einer Vogelflinte, nicht hängen, Major Lin⸗ — ich will ihn nur lebendig Simpel allein. Job hatte mit ausnehmender Geduld auf dieſen Augenblick gewartet: als aber die Thüre hinter Meriton, der zuletzt abtrat, ſich ſchloß, machte er eine Bewegung, welche eine Mitthei⸗ lung von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit anzeigte, und endlich gelang es ihm auch, die Aufmerkſamkeit ſeines Gefährten auf ſich zu ziehen. „Thörichter Junge!“ rief Lionel, als er dem leeren Auge des Andern begegnete,„habe ich Dich nicht gewarnt, Dir nicht geſagt, daß gottloſe Menſchen Dein Leben in Gefahr bringen würden! Wie kam's, daß ich Dich heute gegen die Truppen in Waffen ſah?“ „Wie kamen die Truppen in Waffen gegen Job?— Sie ſollen nicht glauben, ſie können in der Bai⸗Kolonie umherziehen, ihre gottloſen Trommeln und Trompeten rühren, Häuſer niederbrennen und auf das Volk ſchießen und gar keinen Lärm deßwegen finden!“ „Weißt Du, daß Du Dein Leben durch Dein eigenes Geſtänd⸗ niß innerhalb dieſer zwölf Stunden zweimal verwirkt haſt; einmal wegen Mords und dann wegen Verraths gegen Deinen König? Du haſt bekannt, einen Mann getödtet zu haben!“ „Ja,“ ſagte der Junge mit ungeſtörter Einfalt,„Job erſchoß den Grenadier; aber er ließ das Volk nicht auf Major Lincoln ſchießen.“ „Wahr, wahr,“ ſagte Lionel haſtig— vich danke Dir mein Leben und dieſe Schuld ſoll um jeden Preis abgetragen werden. Aber warum haſt Du Dich ſo gedankenlos in die Hände Deiner Feinde gegeben? was bringt Dich in dieſer Nacht hieher?“ „Ralph ſagte mir, ich ſollte kommen, und wenn Ralph zu Job ſagte,„geh' in des Königs Gemach’— er würde gehen.“ „Ralph!“ rief Lionel, in ſeinem eilenden Gange durch das Zimmer inne haltend;„und wo iſt er?“ „Im alten Waarenhaus, und er hat mich geſchickt, Euch zu ſagen, Ihr möchtet zu ihm kommen— und was Ralph ſagt, muß geſchehen.“ und Lio ſch wie jun neu und abtl Lionel ſich wieder auf ihren engen Gaſſen fand. ſchnell an ihm vorüber, als h wichtiges Geſchäft zu verrichten junge Krieger das triumphirende Lächeln der Weiber, wenn neugierig aus den halbgeöffnet und die Abzeichen ſeiner Uniform entdeckten. abtheilungen marſchirten in verſch 181 „Er auch hier! Iſt der Mann toll?— ſollte nicht ſeine Furcht ihn lehren—“ „Furcht!“ unterbrach ihn Job mit kindiſcher Verachtnng— „Ihr könnt Ralph nicht erſchrecken! Die Grenadiere konnten ihn nicht ſchrecken, die leichte Infanterie ihn nicht treffen, obgleich er den ganzen Tag nichts genoß, als den Rauch von ihren Flinten— Ralph iſt ein ganzer Krieger!“ „Und er erwartet mich, ſagſt Du, in Deiner Mutter Logis?“ „Job weiß nicht, was Logis iſt, aber Ralph iſt im alten Waarenhaus.“ „Komm denn,“ ſagte Lionel und nahm ſeinen Hut,„laß uns zu ihm gehen— ich muß ihn vor den Folgen ſeiner eigenen Raſch⸗ heit ſchützen und ſollte es mich auch meine Stelle koſten!“ Indem er noch ſprach, verließ er das Zimmer und der Ein⸗ fältige folgte ihm dicht auf den Ferſen, ſehr zufrieden, daß er ſeinen Auftrag erfüllt hatte, ohne größere Schwierigkeiten dabei getroffen zu haben. Zwölftes Kapitel. Dieß Schauſpiel ſtellt eine Mordthat vor, die einſt in Wien geſchah: Gonzago iſt des Herzogs Nam', der ſeines Weibs Baptiſta: Sollt Seh'n im Augenhlick: ˙8 iſt gar ein ſchelmiſch Stück. Hamlet. Vie durch die Ereigniſſe des Tags herbeigeführte Bewegung und tiefe Gereiztheit hatte ſich in der Stadt noch nicht gelegt, als Männer eilten ätten ſie ein ungewöhnliches und Starke Truppen⸗ iedenen Richtungen, wie ſich zeigte, n einzelnen Offtziere, um die Wachen zu verſtärken, während die wenige denen er begegnete, ſeine herannahende Perſon mit ängſtlicher Vorſicht beobachteten, als fürchteten ſie in jeder Geſtalt, auf die ſie trafen, einen gefährlichen Feind zu finden. Die Thore des Provinzhauſes waren offen und, wie gewöhnlich, durch Bewaffnete bewacht. Als Lionel gemächlich vorüberging, ier, mit welchem er am vergangenen Abend bemerkte er, daß der Grenadi geſprochen, wieder vor dem Portal des Gouverneurs Wache ſtand. „Eure Erfahrung betrog Euch nicht, alter Kamerad,“ ſagte Lionel unb hielt einen Augenblick, ihn anzureden—„wir haben einen warmen Tag gehabt.“ „So erzählen ſie in der Ka der Soldat;„unſere Kompagnie war müſſen jetzt doppelt Wache ſtehen. Mal, wenn's was zu thun gibt, wird man die Grenadiere vom —ſten nicht dahinten laſſen;— es wäre für den Ruhm der Armee gut geweſen, wenn ſie heute im Feld geſtanden wären.“ „Warum glaubt Ihr das, alter Veteran? die Mannſchaft, die hat ſich brav gehalten, wie man wohl ſagen darf; Menge unter den ſerne, Euer Gnaden,“ erwiederte nicht mit ausgerückt und wir Ich hoffe zu Gott, das nächſte ausgerückt war, doch es war unmöglich, ſich gegen eine ſolche Waffen zu behaupten.“ „Es iſt nicht meine Sa Dieſer ſich gut gehalten ha alte Krieger;„aber wenn ich che, Euer Gnaden, zu beſtimmen, ob t und Jener ſchlecht,“ antwortete der höre, daß zweitauſend Mann brittiſcher Truppen vor gll dem Geſindel, das dieſes Land ſtellen kann, den Rücken gewandt und ihren Marſch beſchleunigt haben, dann möcht! ich, die Flügelkompagnien vom— ſten wären zur Hand geweſen, und wär's auch nur, damit ich ſagen könnte, ich ſelbſt habe mit eigenen Augen den ſchändlichen Auftritt mit angeſehen.“ „Wo kein Mißverhalten iſt, gibt es auch keine Schande.“ o ein Mißverhalten geweſen ſeyn, Euer „Es muß doch irgendw Gnaden, oder ſo etwas hätte gar nicht vorfallen können.— —==— & 183 Bedenken Euer Gnaden, die Blüthe der Armee! Etwas muß nicht ganz richtig geweſen ſeyn; und wenn ich auch ſelbſt den letzten Theil der Affaire von den Hügeln mit anſehen konnte, ſo vermag ich doch immer noch kaum, es für wahr zu halten.“ Er ſchüttelte den Kopf, während er ſeine Rede endigte und fuhr fort, in ſeinem gemeſſenen Schritt auf der angewieſenen Stelle auf und ab zu marſchiren, als wollte er den beſchämenden Gegen⸗ ſtand nicht weiter verfolgen. Lionel ging langſam und in tiefen Gedanken weiter, indem er über jenes tiefgewurzelte Vorurtheil nachſann, das ſelbſt dieſen niederen Diener der Krone mit Verach⸗ tung auf eine ganze Nation herabblicken ließ, weil man ſie Alle als Abhängige zu betrachten gewohnt war. Der Dock Square war ſtiller als gewöhnlich und die Töne der Völlerei, die man ſonſt um dieſe Stunde aus den nahe liegen⸗ den Wirthshäuſern vernehmen konnte, waren heute nicht zu hoͤren. Der Mond war noch nicht aufgegangen und Lionel ging ſchnellen Schritts unter den dunkeln Bogen des Marktes weiter, denn jetzt erinnerte er ſich wieder, daß Einer, an dem er ſo innigen Antheil nahm, auf ſein Erſcheinen harre. Job, der ſtillſchweigend gefolgt war, glitt an der Zugbrücke an ihm vorüber und ſtand an der geöffneten Thüre des alten Gebäudes, als Lionel deſſen Schwelle erreichte. Er fand den weiten Raum in der Mitte des Waarenhauſes, wie gewöhnlich, finſter und leer, obgleich das ſchwache Licht einer Kerze durch die Spalten einer Wand ſchimmerte, welche ein Zimmer in einem der Thürmchen, das Abigail Pray bewohnte, von den roheren Theilen des Gebäudes trennte. Leiſe Stimmen kamen aus dieſem Zimmer, und Major Lincoln, in der Vermuthung, er werde den alten Mann und Job's Mutter im Geſpräch zuſammen treffen, wandte ſich nach dem Burſchen, um ihn vorangehen zu heißen und ſich durch ihn anmelden zu laſſen. Aber der Junge hatte die wiſpern⸗ den Töne ebenfalls vernommen und dieſelben, wie es ſchien, mit feinerem Ohre aufgefaßt, denn er drehte um und rannte blitzſchnell 184 zur Hausthüre hinaus, ohne in ſeiner Geſchwindigkeit nachzulaſſen, bis Lionel, der die Bewegungen des Burſchen mit Erſtaunen be⸗ obachtete, ſeine wankende Geſtalt unter den Fleiſchbänken des Markt⸗ platzes verſchwinden ſah. So von ſeinem Führer verlaſſen, ſuchte ſich Lionel tappend den Weg nach dem Orte, wo er, wie er glaubte, die Thüre nach dem Thurme finden mußte. Das Licht betrog ihn, denn als er ihm nahe kam, drang ſein Auge durch eine der Wand⸗ ritzen und er wurde abermals ein unvorſätzlicher Zeuge einer jener Zuſammenkünfte, welche die ſonderbare und geheimnißvolle Schick⸗ ſalsverwandtſchaft zwiſchen der reichen und hochgeachteten Mrs. Lechmere und der elenden Bewohnerin des Waarenhauſes bezeugten. Bis zu dieſem Augenblicke hatte die Eile der Ereigniſſe und der Andrang der Betrachtungen, die wäͤhrend der geſchäftvollen Zeit der letzten vierundzwanzig Stunden dem jungen Mann durch den Sinn gezogen waren, die Rückerinnerung an die geheime Bedeutung der ſonderbaren Unterredung, bei der er ſchon einmal Zuhoͤrer geweſen, unmöglich gemacht. Als er aber jetzt ſeine Tante in dieſen Höhlen der Armuth fand, welche ſie wohl ſchwerlich,(denn dieß zu glauben war er nicht ſchwach genug) durch ihren Wohlthätigkeitsſinn zu beſuchen geleitet worden, ſtand er vor Neugierde wie an den Boden gewurzelt; er konnte dießmal ihrem Andrange nicht länger wieder⸗ ſtehen und verſuchte ſich damit zu entſchuldigen, daß, ſo ſagte ihm ein ſtarker Verdacht, dieſe geheimen Mittheilungen auf irgend eine Weiſe mit ſeiner Perſon zuſammenhingen. Mrs. Lechmere hatte ihre Perſon augenſcheinlich auf eine Art vermummt, welche dieſen geheimnißvollen Beſuch vor jedem zufälli⸗ gen Beobachter ihrer Schritte verbergen ſollte; doch war der Saum ihres großen Hutes ſo weit aufgeſchlagen, daß man ihre Züge, beſonders das harte Auge, deutlich wahrnehmen konnte, das ſeine ſelbſtiſchen weltlichen Blicke immer noch unter den Spuren der Altersermattung, die bei ihr ſichtbar war, hervorſchoß. Sie ſaß, ſo wohl um ihre Gebrechlichkeit zu unterſtützen, als auch um ihrer —— 2n——. lan ind zuf hab und mitt hinz einen „ja„ ſündi 185 Hoheit nichts zu vergeben, die ſie in hintanſetzte, während ihre Gefähr — mein Charakter?“ entgegnete Abigail, während ſie mit wildem Blick und zitternder Lippe um ſich ſchaute; „was iſt Verderben, Madame Lechmere, wenn dieſe Armuth es nicht iſt? oder wie kann der Verluſt des guten Namens noch herbere Schmach auf mich häufen, als ich ſie jetzt ſchon für meine Sünden zu erdulden verdammt bin?“ „Vielleicht,“ ſagte Mrs. Lechmere und verſuchte einen freund⸗ licheren Ton anzunehmen, obwohl das Mißvergnügen noch zu deutlich in ihrem Geſichte zu leſen war,„habe ich in der Haſt bei meines Großneffen Empfang meine gewöͤhnliche Freigebigkeit vergeſſen.“ Das Weib nahm das Silberſtück, das Mrs. Lechmere ihr langſam zuſchob und hielt es einige Augenblicke in der offenen Hand, indem ſie es mit leerem Blick anſtarrte, was die Andere für Un⸗ zufriedenheit anſehen mochte. „Die Unruhen und der abnehmende Wert haben mein Einkommen fühlbar vermindert,“ und üppige Mrs. Lechmere fort mittelbaren Bedürfniſſe zu wen hinzufügen.“ „Es iſt genug— ˙6 iſt genug,“ ſagte Abigail, indem ſie mit einem krampfhaften Griffe die Hand über dem Gelde zuſchloß— „ja, ja,'s iſt genug. O, Madame Lechmere, ſo erniedrigend und fündig auch dieſe verdammte Leidenſchaft iſt, ſo wollte ich doch, h des Eigenthums fuhr die reichgekleidete ;„aber wenn dieß für Eure un⸗ ig iſt, will ich noch eine Krone 186 kein ſchlimmerer Beweggrund als Geiz haͤtte je mein Verderben verurſacht!“ Lionel glaubte, ſeine Tante werfe einen unruhigen und ver⸗ wirrten Blick auf ihre Gefährtin, dem er einen Ausdruck beilegte, welcher ihm verrieth, daß ſelbſt zwiſchen dieſen ſonderbaren Vertrauten Geheimniſſe obwalten; doch die augenblickliche Ueberraſchung, die ſich in ihren Zügen malte, verſchwand bald vor jenem Blicke ſtrenger, bewachter Förmlichkeit, der ſie fuͤr gewöhnlich charakteriſirte, und ſie antwortete mit einer Kälte, als ob ſie jeden Verſuch eines Aner⸗ kenntniſſes ihrer gemeinſamen Uebertretungen zurückweiſen wollte: „Das Weib ſchwatzt, als wäre ſie nicht bei ſich! Was für ein anderes Verbrechen hat ſie begangen, als denen unſere Natur überhaupt unterworfen iſt?“ „Wahr, wahr,“ ſagte Abigail Pray mit einem halbunterdruͤck⸗ ten hyſteriſchen Lachen—„ s iſt unſere fündige Natur, wie Sie ſagen. Aber ich werde nervenſchwach, glaube ich, ſo wie ich alt und ſchwach werde, Madame Lechmere, und vergeſſe mich oft ſelbſt. Der Blick auf's Grab, das mir ſo nahe ſteht, vermag wohl Gedanken der Reue ſelbſt in Solchen hervorzurufen, die noch viel abgehärteter, als ich ſind.“ „Thörichtes Kind!“ ſagte Mrs. Lechmere, und ſuchte ihre bleichen Züge zu verbergen, indem ſie mit zitternder Hand— ein Zeichen mehr des Schreckens als der Altersſchwäche, ihren großen Hut herabzog,„wie kannſt Du ſo frei vom Tode ſprechen, da Du noch ein Kind biſt?“ Lionel hörte die bebende, hohle Stimme ſeiner Tante, wie ſie ihr in der Bruſt zu erſterben ſchien, aber nichts weiter war deutlich zu vernehmen, bis ſie nach einer langen Pauſe ihr Antlitz wieder erhob und mit ſtrengem, unbeugſamem Auge um ſich blickend fortfuhr: „Genug dieſer Thorheit, Abigail Pray!— Ich bin gekommen, um von Eurem ſonderbaren Hausgenoſſen ein Mehreres zu hören—“ „O,'s iſt nicht genug, Madame Lechmere,“ unterbrach ſie das 2 A——— ihre ein voßen a Du ie ſie utlich vieder tfuhr: mmen, n— ie das 187 in ihrem Gewiſſen erſchütterte Weib; wir haben ſo wenig Zeit für Reue und Gebet übrig, daß wir deren nie genug finden können, fürcht' ich, um unſere ſchwere Uebertretungen zu verantworten. Laſſen Sie uns vom Grabe reden, Madame Lechmere, noch dieſſeits der Ewigkeit ſind und es vermögen.“ „Ja, ſprecht vom Grab, ſo lange ihr noch außerhalb ſeiner dumpfen Hülle wandelt; es iſt die Heimath des Alters,“ tönte eine dritte Stimme, deren hohle Laute wohl aus einer Gruft hätten hervorgehen können;„ich bin hier, in das heilſame Thema mit einzuſtimmen.“ ſo lange wir „Wer— wer— im Namen Gottes, wer biſt Du?“ rief Mrs. Lechmere, indem ſie Gebrechlichkeit und innere Zerknirſchung über der neuen Aufregung vergaß und unwillkührlich von ihrem Sitze aufſtand;„ſage mir, ich beſchwöre Dich, wer biſt Du?“ „Einer, betagt wie Du ſelbſt, Priscilla Lechmere, ſtehend an der Schwelle jener endloſen Heimath, von der Du ſo eben noch geſprochen. So redet weiter, ihr verlaſſenen Weiber; denn habt ihr je Etwas begangen, das Verzeihung erheiſchte, ſo iſt's im Grab, wo ihr die himmliſche Gnade findet, die eurer Unwürdigkeit ge⸗ boten wird.“ Indem Lionel ſeine Stellung etwas veränderte, ward es ihm möglich, das ganze Zimmer zu überſehen. Am Eingang ſtand Ralph in unbeweglicher Haltung, die eine Hand gegen Himmel erhoben, mit der andern nachdrucksvoll nach unten deutend, gleich⸗ ſam im Begriff, die Geheimniſſe des Grabes zu enthüllen, das bald, ſo zeigken ſeine hingeſchwundenen Glieder und die verfallenen Züge ſeines Antlitzes, auch ihn als Bewohner aufzunehmen drohte, während ſeine forſchenden Augen mit jenem ſchnellen, durchdringenden Blick von einem Geſicht zum andern hin⸗ und herwanderten, den Abigail Pray ſo paſſend als„verſengende bezeichnet hatte. Wenige Schritte von dem alten Mann ſtand noch immer Mrs. Lechmere, kalt und regungslos wie Marmor, ihr Hut zurückgefallen, die üllt, Schreck und Erſtaunen in jedem kodtenähnlichen Züge unverh je Augen auf den Eindringenden ge⸗ 1 Muskel; den Mund offen, d heftet, ſtarrte ſie nach ihm ſo unverrückt, als ob der Meißel des Bildhauers ſie in dieſe Stellung verſetzt hätte. Abigail bedeckte ·— bi ihre Augen mit der Hand und begrub das Geſicht in den Falten ihres Gewandes, während heftiges krampfhaftes Zittern ihren Körper ri erſchütterte und die Tiefe der Bewegung verrieth, die ſie zu ver⸗ aun bergen ſuchte. Betroffen von dem Anblick, deſſen Zeuge er war, u und über die anſcheinende Unempfindlichkeit ſeiner Tante, deren ſo hohes Alter ſolche Scenen gefährlich machte, betroffen, war Lionel eben im Begriff, in das Zimmer zu ſtürzen, als Mrs. Lechmere be ſo weit wieder zu ſich kam, daß ſie ſprechen konnte und der Jüng⸗ ſo⸗ ling jeden andern Gedanken in einer brennenden Neugierde verlor, 1 die durch ſeine Lage vollkommen gerechtfertigt wurde. D „Wer iſt's, der mich mit dem Namen Priscilla anredet?“ fragte 3 ei b Mrs. Lechmere;„es lebt Keiner mehr, der auf ſolche Vertraulich⸗ ver 4 keit Anſpruch hätte.“ 1 „Priseilla— Priseilla!“ wiederholte der Greis, indem er ich 6 auf eine Art um ſich blickte, als ob er noch eine dritte Perſon. ſuchte,„es iſt ein ſüßer, lieblicher Klang meinem Ohr und noch ihr gibt es eine außer Dir, welcher er zukommt, wie Du wohl weißt.“ teg „Sie iſt todt; Jahre ſind vorübergegangen, ſeit ich ſie in kor ihrem Sarge geſehen und ich möͤchte ſie vergeſſen und alle gleich den ihr, die ſich meines Blutes unwürdig bewieſen haben.“ 5. „Sie iſt nicht todt!“ ſchrie der Alte mit einer Stimme, welche 2 gleich den überirdiſchen Tönen eines Geiſtes der Luft durch die nackten 3 glů Sparren des Gebäudes hallte;„ſie lebt— ſie lebt— ja! ſie lebt!“ 2 „Lebt!“ wiederholte Mrs. Lechmere, vor der eindringenden der Bewegung des Andern einen Schritt zurückweichend;„was bin ich 81 ſo ſchwach, darauf zu hören! es iſt unmöglich!“ d 1 „Lebt!“ rief Abigail Pray und ſchlug die Hände wie im 33 „O, wollte Gott, ſie lebte noch! aber Todeskampfe zuſammen. ſah ich ſie nicht, einen aufgeſchwollenen entſtellten Leichnam? legte ich nicht mit dieſen meinen Händen das Grabgewand um ihre einſt ſo liebliche Geſtalt? O, nein— ſie iſt todt— todt— und ich bin eine—“ „Das iſt ein Wahnſinniger, der ſolche Mährchen behauptet,“ rief Mrs. Lechmere mit einer Schnelligkeit, welche den Beiſatz unterbrach, den die Andere ſich eben hatte zulegen wollen.„Das unglückliche Mädchen iſt ſchon lange todt, wie wir wiſſen; was ſollen wir mit einem Raſenden ſtreiten?“ „Einem Raſenden!“ wiederholte Ralph mit dem Ausdruck des beißendſten Spottes;„nein— nein— nein— wohl gibt es einen ſolchen, wie wir Beide wohl wiſſen, aber nicht ich bin der Wahn⸗ ſinnige— eher biſt Du ſelbſt verrückt, Weib; ſchon Einen haſt Du raſend gemacht, willſt Du noch einen Zweiten dazu bringen?“ „Ich!“ ſagte Mrs. Lechmere, ohne vor dem glühenden Blick, dem ſie begegnete, zurückzuſchrecken—„der Gott, der Vernunft verleiht, kann ſeine Gaben nach ſeinem Willen zurückfordern; nicht ich bin's, die ſolche Gewalt ausübt.“ „Wie ſagſt Du, Priseilla Lechmere?“ ſchrie Ralph, indem er ihr mit unhörbarem Schritt ſo nahe trat, daß er unbemerkt ihren regungsloſen Arm mit ſeinen eigenen abgezehrten Fingern erfaſſen konnte;„ja— ich will Dich Priseilla nennen, ſo wenig Du auch den Namen verdienſt— läugneſt Du Deine Macht, den Verſtand zu zerrütten?— Wo iſt denn das Haupt Deines geprieſenen Geſchlechts? Der ſtolze Baronet von Devonſhire, der reiche, geachtete und nicht glückliche Gefährte von Fürſten— Dein Neffe Lionel Lincoln? Iſt er in den Hallen ſeiner Väter?— Führt er die Armeen ſeines Königs?— Regelt und wahrt er ſeinen Haushalt?— oder iſt er der Bewohner einer dumpfigen Zelle?— er iſt's, wie Du weißt— Du weißt, er iſt's— und, Weib, Deine elenden Ränke haben ihn dahin gebracht.“ „Wer iſt's, der ſo zu mir zu ſprechen wagt?“ fragte Mrs. Ul' ihre Kraft ſammelte, um dieſe Anklagen wenn mein unglücklicher Neffe Dir in der d Dein eigenes Wiſſen dieſe niedrige An⸗ Lechmere, indem ſie a niederzuſchlagen—„ That bekannt iſt, wir klage zurückweiſen.“— „Mir bekannt! Ich möchte fragen, was iſt mir nicht bekannt? Ich habe auf Dich geſehen ſeit einem Menſchenalter, hab' Deine Thaten beobachtet, Weib, und Nichts, was Du gethan, iſt mir verborgen— ich ſage Dir, ich weiß Alles. Auch von dieſem ſündigen Weib hier weiß ich Alles— ſage ſelbſt, Abigail Pray, hab' ich Dir nicht von Deinen geheimſten Uebertretungen erzählt?“ „O! ja— ja: er iſt in der That mit Dingen bekannt, welche ich bis jetzt vor jedem andern Auge, außer dem unſeres Gottes, ver⸗ borgen geglaubt hätte,“ rief Abigail in aberglaͤubiſchem Schrecken. „Auch Du biſt mir nicht unbekannt, beklagenswerthe Wittwe John Lechmere's, und ſo auch Priseilla,— weiß ich nicht Alles?“ „Alles!“ rief abermals Abigail. „Alles!“ wiederholte kaum hörbar Mes. Lechmere, und ſank in gänzlicher Bewußtloſigkeit in ihren Stuhl zurück. Das athem⸗ loſe Intereſſe, das er an dem bisher Vorgegangenen genommen, konnte Lionel nicht länger zurückhalten, ſeiner Tante zu Hülfe zu eilen. Abigail Pray, die, wie es ſchien, einigermaßen an ſolche Scenen mit ihrem Miethsmanne gewöhnt war, beſaß jedoch noch Selbſtbeherrſchung genug, um ſeinen Bewegungen zuvorzukommen und als er die Thüre öffnete, fand er ſie ſchon, Mrs. Lechmere in den Armen haltend und mit Anwendung der gewoͤhnlichen Mittel beſchäftigt Man mußte die Leidende eines Theils ihrer Kleidung entledigen und Abigail bat Lionel, ſich zurückzuziehen, indem ſie verſicherte, daß ſie vollkommen gut allein fertig werden könne; ſie bat ihn darum nicht allein aus dieſem Grunde, ſondern weil ſie auch übrzeugt war, daß nichts für die wiedere rwachende Kranke gefährlicher werden könnte, als ſeine unvermuthete Anweſenheit. Nach augenblicklichen Zaudern folgte Lionel den ernſtlichen Bitten des der we hit ver der wi ſich nen, zu lche noch men e in eittel dung n ſie ; ſie il ſie eranke nheit. Bitten 191 des Weibes, da er wieder Zeichen des wiederkehrenden Lebens an der Ohnmächtigen bemerkte; er verließ das Zimmer und tappte weiter bis an den Fuß der Treppe, entſchloſſen nach Ralph's Zimmer hinaufzuſteigen, um mit einem Male eine Erklärung über das zu verlangen, was er ſo eben geſehen und gehört hatte. Er fand den Greis in ſeinem Thurme ſitzend, die Augen mit der Hand vor dem ſchwachen Licht der elenden Kerze bedeckend, und das Haupt wie in tiefen Gedanken auf die Bruſt herabgeſenkt. Lionel näherte ſich, ohne, wie es ſchien, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen und war genöthigt, zu ſprechen, um ſeine Gegenwart anzuzeigen. „Ich habe durch Job Ihre Aufforderung erhalten,“ ſagte er, „und habe ihr gehorcht.“ „Es iſt gut,“ erwiederte Ralph. „Vielleicht ſollte ich hinzuſetzen, daß ich ein erſtaunter Zeuge Ihrer Unterredung mit Mrs. Lechmere geweſen und die kühne und unerklärliche Sprache gehört habe, welche Sie gegen dieſe Dame anzunehmen für gut fanden.“ Der alte Mann erhob das Haupt und Lionel ſah glänzende Strahlen aus ſeinen Augen hervorbrechen, während er antwortete: „So hörten Sie die Wahrheit und waren Zeuge ihrer Wirkung auf ein ſchuldiges Gewiſſen.“ „Ich hörte aber dieſe Wahrheit, wie Sie ſie nennen, in Verbin⸗ dung mit Namen, welche, wie Sie wiſſen, für mich die theuerſten find.“ „Biſt Du deſſen gewiß, Knabe?“ entgegnete Ralph und blickte dem Andern feſt in's Geſicht;„iſt nicht Jemand in letzter Zeit Dir theurer geworden, als die Urheber Deines Daſeyns?— Sprich und bedenke, daß Du mit Einem von nicht gewöhnlicher Kenntniß redeſt.“ „Was meinen Sie, Sir? Liegt es in der Natur, daß wir Jemand Anderes lieben wie einen Vater?“ „Fort mit dieſer kindiſchen Einfalt!“ fuhr der Andere ernſthaft fort;„die Enkelin dieſes elenden Weibs da unten— liebſt Du ſte nicht? und kann ich Vertrauen in Dich ſetzen?“ „Welches Vertrauen kann es geben, das mit der Neigung für ein ſo reines Weſen, wie Cäcilie Dynevor, unverträglich wäre?“ „Ach!“ murmelte der Alte mit unterdrücktem Ton, ihre Mutter war rein, und warum ſollte das Kind ſeiner Eltern unwür⸗ dig ſeyn?“ Er hielt inne und eine lange und auf Seiten Lionel's yeinliche und verwirrende Stille folgte, welche endlich durch Ralph mit den abgeriſſenen Worten unterbrochen wurde:„Sie waren heute im Feld, Major, Lincoln!“ „Deſſen müſſen ſie gewiß ſeyn, da ich Ihrer gütigen Ver⸗ mittlung mein Leben verdanke. Aber wie können Sie der Gefahr einer Gefangennehmung trotzen und Ihre Perſon in die Gewalt ihrer Feinde geben? Ihre Anweſenheit und thätige Hülfe bei den Amerikanern muß Vielen außer mir in der Armee bekannt ſeyn.“ „Und werden ſie wohl daran denken, ihre Feinde in den Straßen von Boſton zu ſuchen, wenn die Hügel außerhalb mit Bewaffneten ſich füllen? Meine Wohnung in dieſem Gebäude iſt nur drei Perſonen— dem Weib da unten, das mich nicht zu ver⸗ rathen wagte, ihrem würdigen Sohn und Ihnen— bekannt. Meine Schritte geſchehen heimlich und ſchnell, wenn man ſie am wenigſten erwartet. Gefahr kann Einen, wie ich bin, nicht berühren.“ „Aber,“ ſagte Lionel und ſtockte verlegen,„darf ich die Anweſenheit eines Mannes verhehlen, den ich als einen Feind meines Königs kenne?“ „Lionel Lincoln, Sie überſchätzen Ihren Muth,“ unterbrach ihn Ralph lächelnd—„Sie dürfen nicht das Blut deſſen vergießen, der Ihr eigenes geſchont hat;— doch genug davon— wir verſtehen uns, und einem betagten Greiſe, wie ich, ſollte die Furcht fremd ſeyn.“ „Nein, nein“— murmelte eine leiſe feierliche Stimme aus einem dunkeln Winkel des Zimmers, wohin Job ungeſehen ſich geſchlichen und nun in Sicherheit niedergekauert hatte—„Ihr könnt Ralph nicht erſchrecken!“ „Der Junge iſt ein braver Junge und kann das Gute vom ſo nich man ſelb nich hin je nicht in d ihm daß der der auch komn bezah Gefa wenn ihm« und das i Li 193 Böſen unterſcheiden; was bedarf der Menſch mehr in dieſer ver⸗ derbten Welt?“ murmelte Ralph in jenem raſchen, undeutlichen Tone, der ſeine Weiſe charakteriſirte. „Woher kommſt Du, Burſche, und warum verließeſt Du mich ſo plötzlich?“ fragte Lionel. „Job iſt gerade auf dem Markt geweſen, um zu ſehen, ob er nicht etwas Gutes für Nab finden kann,“ erwiederte der Tölpel. „Hoffe nicht, mich mit dieſem Unſinn zu hintergehen! Wird man wohl zu irgend einer Stunde der Nacht Lebensmittel verkaufen, ſelbſt wenn Du Geld dazu hätteſt?“ „Nun das iſt doch ein Beweis, daß des Königs Offiziere nicht Alles wiſſen, ſagte der Schwachkopf und lachte vor ſich hin—„hier iſt eine Pfund⸗Note, von altem Gehalt, ſo gut als je eine von der Bai⸗Kolonie ausgeſtellt wurde, und Fleiſch iſt nicht ſo rar, daß ein Mann, der einen Pfund⸗Wechſel alten Gehalts in der Taſche hat, nicht nach Alt⸗Funnel hinab gehen kann, wenn's ihm beliebt, trotz aller Parlaments⸗Akten.“ „Du haſt die Todten geplündert!“ rief Lionel, als er bemerkte, daß Job außer der erwähnten Note noch einige Silberſtücke in der Hand hatte. „Heißet Job nicht einen Dieb!“ entgegnete der Junge mit drohen⸗ der Miene;„noch gilt das Geſetz in der Bai, wenn das Volk es auch nicht gebraucht, und Recht wird Allen geſchehen, wenn die Zeit kommt. Job erſchoß einen Grenadier, iſt aber kein Dieb!“ „So wurdeſt Du für Deinen heimlichen Gang in letzter Nacht bezahlt, thörichter Junge, und wurdeſt durch Geld verlockt, in die Gefahr zu rennen. Laß es Dein letztes Mal ſeyn— in Zukunft, wenn Du deſſen bedarfſt, komme zu mir um Unterſtützung!“ „Job würde für den König keine Gänge thun und wenn er ihm auch ſeine goldene Krone geben wollte mit all' ihren Diamanten und Flittern; denn Job will einmal nicht und es gibt kein Geſetz, das ihn zwingen könnte!“ Lionel Lincoln. 2. Aufl. 13 keiner Antwort, ſondern ſie ſpät an der Zeit war und Gegenſtand au um die gewünſcht Bewegung ſeiner deutend antwortete: „Hier war's, Knabe, des Gewiſſens und eine konnte dieſes Weib in ſprachlos dahin ſtrecken. bin gewiſſermaßen der und unabhängig von mei ungeſtümer junger Mann weiter zu dringen— geantwortet werden.“ „Wenn nicht aus von der Sie Kenntniß um den Jungen zu beſänftigen, liche, begütigende Bemerkungen, l mürriſch in ſeinen Winkel z wollte er ſich von den Anſtrengunge blicke des Schlafes erholen. merei verſunken, und der junge ſelhaften Anklagen erhalten hatte. f eine Weiſe, wie er ſie e Aufklärung zu erhalten. Tante gedachte, erho Haupt und ein Lächeln wie d verfallene Antlitz des Greiſes, Gegenwart eines andern m „Worin beſteht aber dieſe außerordent natürliche Beſchützer von Mrs. Lechmere, nem eigenen Intereſſe an Ihrem habe ich ein Recht, in i ernſten Behauptungen zu fordern.“ „In ihrem Namen!“ „ ſo gedenken Sie wenigſtens J die traurige Geſchichte von dem Unglüͤck meines „Ja, von ihr und no 194 machte Lionel einige freund⸗ doch der Andere würdigte ihn urück, als des Tags durch einige Augen⸗ Unterdeſſen war Ralph in tiefe Träu⸗ Krieger erinnerte ſich, daß es ſchon er noch keine Auskunft über jene räth⸗ Er berührte deßhalb dieſen für die geeignetſte hielt, So wie Lionel der b ſein Gefährte wieder das as des Triumphs zuckte über das der mit Nachdruck auf ſeine Bruſt s als die Macht wie die meine, enſchlichen Weſens hier— nichts Geringere Kenntniß der Dinge, liche Kenntniß? Ich Geheimniß⸗ ihrem Namen eine Erklärung jener ſo wiederholte Ralph.„Warten Sie, bis ſie Ihnen beſiehlt, in der Unterſuchung dann ſoll mit der Stimme des Donners Gerechtigkeit gegen meine bejahrte Tante, hres wiederholten Verſprechens, mir Hauſes zu enthüllen, zu haben behaupten.“ ch von vielem Andern beſitze ich Kenntniß,“ „ —,„ — nd⸗ ihn als gen⸗ räu⸗ chon täth⸗ ieſen hielt, der r das das Bruſt Macht meine, Weſens 2 3ch chmere, eeimniß, ener ſo en Sie, rſuchung Donners e Tante, ens, mir enthüllen, tenntniß⸗“ — 195 erwiederte der Alte und lächelte gleichſam im Bewußtſeyn ſeines Wiſſens und ſeiner Macht;„wenn Sie daran zweifeln, ſo gehen Sie hinab und fragen Sie die arme Bewohnerin dieſes Narren⸗ hauſes— oder die ſchuldvolle Wittwe von John Lechmere.“ „Nein, ich zweifle an Nichts, als an meiner eigenen Geduld; die Augenblicke fliehen raſch dahin und noch ſoll ich Alles erſt erfahren, was ich zu wiſſen wünſche.“ „Dieß iſt weder die Zeit noch der Ort, wo Sie die Geſchichte hören ſollen,“ antwortete Ralph;„ich habe ſchon geſagt, wir werden jenſeits des Kollegienhauſes zu dieſem Zwecke zuſammentreffen.“ „Wer aber kann nach den Ereigniſſen dieſes Tages ſagen, wann wohl ein Diener der Krone ſich in Sicherheit dorthin wird wagen können?“ „Wie!“ rief der Alte mit lautem bitterem Lachen,„hat der Junge die Stärke und die Willenskraft der verachteten Koloniſten, ſo bald erprobt? Doch ich verpfände Dir mein Wort, daß Du dennoch in Sicherheit die Stelle erblicken ſollſt.— Ja, ja, Priscilla Lechmere, Deine Stunde hat geſchlagen und Dein Urtheil iſt gefällt für immer!“ Lionel erwähnte nochmals ſeiner Tante und deutete auf die Nothwendigkeit hin, bald wieder bei ihr zu ſeyn, da er unten ſchon Fußtritte hörte, welche verkündeten, daß Anſtalten zu ihrem Auf⸗ bruch gemacht würden. Aber ſeine Bitten und Vorſtellungen blieben nun gänzlich unbeachtet; ſein betagter Gefährte ſchritt raſch in ſeinem kleinen Zimmer auf und ab und murmelte unzuſammen⸗ hängende Reden, worin allein der Name Priscilla unterſchieden wurde; ſein Angeſicht zeigte den inneren Kampf heftiger, verzehrender Leidenſchaften. Wenige Augenblicke darauf hörte man Abigail's grelle Stimme ihrem Sohn auf eine Weiſe rufen, welche deutlich verrieth, wie ſie wohl wiſſe, daß er irgendwo im Gebäude verſteckt ſeyn müſſe. Job hörte ihren wiederholten Ruf, bis ihre Stimme zornig und drohend wurde, worauf er ſachte aus ſeiner Ecke ing; inen, rigen Ecke Auf e das Stand, welt⸗ noch tt war. „gute enloſes aat und 1. Ich 3 haltet ertieren, getreuen 197 Sohnes unwürdig— ich muß Euch beſſer logirt ſehen, gute Abigail, wahrhaftig, ich muß.“ Lionel konnte bemerken, wie ein leichter Schauder über die Geſtalt ihrer Gefährtin hinlief, als ſeine Tante auf den zweifel⸗ haften Charakter Ralph's anſpielte; aber ohne eine Antwort zu geben, ſtand Abigail an der geöffneten Thüre, um ihren ſchei⸗ denden Gaſt zu entlaſſen. In dem Augenblick, als Mrs. Lechmere verſchwand, glitt Lionel die Treppe hinab und ſtand vor dem erſtaunten Weibe. „Wenn ich Euch ſage, daß ich Alles gehört habe, was heute Abend vorging,“ ſagte er heftig,„dann werdet Ihr einſehen, daß jeder weitere Verſuch, mir noch länger etwas zu verbergen, Thorheit wäre— ich verlange nun ſo viel von Eurem Geheimniß, als mein oder der Meinen Glück betrifft.“ „Nein,— nein,“ fuhr das erſchreckte Weib auf—„nicht von mir, Major Lincoln— nicht von mir, um's Himmels Willen, nicht von mir— ich habe geſchworen, es bei mir zu behalten und ein Eid—— Die Bewegung unterbrach ihre Rede und ihre Stimme wurde undeutlich. Lionel bereute ſeine Heftigkeit, und beſchämt darüber, daß er von einem Weibe ein Bekenntniß hatte erpreſſen wollen, ſuchte er ihre Gefühle zu beſänftigen und verſprach ihr, für heute keine weitere Mittheilung mehr verlangen zu wollen. 3 „Gehen Sie— gehen Sie“— begann ſie abermals und winkte ihm, ſie zu verlaſſen,—„mir wird dann wieder wohl werden!— verlaſſen Sie mich, auf daß ich wieder allein ſey mit jenem ſchrecklichen Manne und mit meinem Gott!“ Lionel bemerkte ihren Ernſt und gab widerſtrebend nach; er traf Job auf der Schwelle und fühlte jetzt keine weitere Beſorgniß mehr für ihre Sicherheit. Major Lincoln ſann während ſeines raſchen Gangs nach der Tremontſtraße angeſtrengt über Alles nach, was er geſehen und 198 ſich der Mittheilungen, durch welche Intereſſe in ihm erregt hatte, und glaubte dabei in der Schuld, welche ſeine Tante verrathen, ein Unterpfand zu finden, welches die Wahrheit von dem Mitwiſſen des Alten beſtätigte. Von Mrs. Lechmere ſprangen ſeine Gedanken zu ihrer lieblichen Enkelin über und einen Augenblick lang war er in Ver⸗ legenheit, wenn er ſich ihr widerſprechendes Benehmen gegen ihn zu erklären verſuchte;— das eine Mal war ſie innig, frei und ſelbſt zärtlich, und dann, wie bei der kurzen einſamen Unterredung von heute Abend, war ſie wieder kalt, gezwungen, zurückſtoßend. Weiter gedachte er endlich der Urſache, welche ihn hauptſächlich bewogen hatte, dem Regiment nach ſeinem Vaterlande zu folgen und dieſe Erinnerung war von jenem trüben Schatten begleitet, den ſolche Gedanken jedesmal auf ſeine Züge zu werfen pflegten. Als er nach Hauſe kam, überzeugte er ſich von der ſicheren Rückkehr Mrs. Lechmere's, welche ſich mit ihren Verwandtinnen bereits in ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Lionel folgte augenblicklich ihrem Beiſpiel und nachdem die Aufregung dieſes merkwürdigen, ereigniß⸗ vollen Tages ſich gelegt hatte, folgte ihr ein tiefer Schlaf, der wie die Ruhe des Todes auf ſeine Sinne herabſiel. gehört hatte. Er erinnerte Ralph ein ſo mächtiges Dreizehntes Kapitel. Unglück, du biſt jetzt Lauf, der dir gefällt. Shakſpeare. Nun laß es wirken: Im Gang, ſo nimm den unde von dem Einfall drang ſchnell an tiſchen Meeres weiter und wiederhallte an den rauhen Gebirgen weſtwärts von den Strömen, als wäre hergetragen worden. Die männliche ſie von einem Wirbelwind um Bevölkerung zwiſchen den Waſſern der Maſſachuſettsbai und dem Die beunruhigende Ku den niedrigen Ufern des atlan ——₰——„» — er⸗ hu nd ng nd. gen ieſe lche er Nrs. ihr hrem niß⸗ der allt. tell an rhallte 3 wäre inliche id dem 199 klaren Connecticutſtrome erhob ſich wie Ein Mann und als der Schrei nach Blut weit in's Inland hineintönte, erblickte man bald Thäler und Hügel, Straßen und Fußpfade mit Banden bewaffneter Landleute bedeckt, die voll Eifer nach dem Schauplatze des Kriegs ſich drängten. Acht und vierzig Stunden nach dem verhängniß⸗ vollen Zuſammentreffen bei Lexington zählte man ſchon mehr als hunderttauſend Männer unter den Waffen und beinahe ein Viertel dieſer Zahl ſtand vor den Halbinſeln von Boſton und Charlestown verſammelt. Wer durch Entfernung und Mangel an Kriegsvorrath verhindert war, an dem unmittelbaren Kampfe Theil zu nehmen, wartete in Geduld auf den Augenblick, wo auch ſein Eifer auf härtere Proben geſtellt werden würde. Kurz die dumpfe Ruhe, in welcher die Kolonien ſchon ein ganzes Jahr geſchlummert, war rauh und plötzlich durch die Ereigniſſe jenes Tags gebrochen und die Patrioten unter dem Volk erhoben ſich mit einem ſolchen Schrei des Unwillens auf den Lippen, daß die beſonders in den ſüdlicheren Provinzen nicht unbedeutende Klaſſe der Ruhigergeſinnten genöthigt war, zu ſchweigen, bis der erſte Ausbruch revolutionärer Wuth Gelegenheit gefunden, unter dem nie ausbleibenden Einfluß der Zeit und des Leidens ſich etwas abzukühlen. Sicher in ſeiner Stellung und unterſtützt von einer ſtets noch wachſenden Macht, ſo wie durch die Gegenwart einer furchtbaren Flotte, blickte Gage mit feſtem Auge und mit der milden Ruhe, welche ſeinen wohlwollenden Charakter bezeichnete— auf den heranziehenden Sturm. Trotz dem, daß Stellung und Abſicht der Amerikaner nicht länger mißverſtanden werden konnten, hörte er dennoch nur mit widerſtrebendem Ohr auf die rachſüchtigen Ein⸗ flüſterungen ſeiner Räthe und ſuchte eher den Tumult zu beſänf⸗ tigen, als ihn mit einer Macht zu unterdrücken, welche er zwar einen Monat früher der geſammten Kraft der friedlichen Koloniſten gewachſen geglaubt, jetzt aber klugerweiſe als kaum hinreichend erachtete, um ſich ſelbſt innerhalb der Waſſergränzen zu behaupten. 200 Proklamationen wurden indeſſen gegen die Rebellen geſchleudert und raſch ſolche Maßregeln ergriffen, wie ſie für unerläßlich angeſehen wurden, um die Würde und das Anſehen der Krone aufrecht zu erhalten. Natürlich wurden dieſe unſchädlichen Drohungen mißachtet und all ſeine Ermahnungen, zum Gehorſam zurückzukehren, den das Volk noch nie verletzt zu haben behauptete, gingen unter dem Geräuſche der Waffen und dem damals populären Geſchrei jener Zeit ſpurlos verloren. Dieſe Aufforderungen des brittiſchen Geuerals, wie viele andere von Seiten der königlichen Statthalter, welche mit Ausnahme der einen Provinz, in der unſere Erzählung ſpielt, in allen andern noch die Regierung aufrecht erhielten— wurden von dem Volk mit unterwürfigen, aber männlichen Petitionen an den Thron beantwortet, worin der König um Gerechtigkeit angefleht wurde; in lauten Vorſtellungen an das Parlament ver⸗ langte man die Wiedereinſetzung in jene Rechte und Freiheiten, wie ſie Allen denen, welche ſich des Schutzes ihrer gemeinſamen Verfaſſung erfreuten, geſichert ſeyn ſollten. Noch waren die Macht und die Vorrechte des Fürſten tief geachtet und wurden in allen öffentlichen Dokumenten mit der Verehrung erwähnt, welche man der Heiligkeit ſeines Charakters und ſeiner Stellung ſchuldig zu ſeyn glaubte. Allein über die Miniſter ergoſſen die Koloniſten ihren Spott mit aller Bitterkeit, die ihnen ſo ſehr zu Gebot ſtand, indem ſie ihnen Schuld gaben, daß ſie jene für den Frieden des Reichs ſo verderblichen Maßregeln angerathen hätten. So ver⸗ gingen mehre Wochen nach der Reihe von Scharmützeln, die man die Schlacht von Lexington nannte, weil ſie bei dem Weiler jenes Namens ihren Anfang genommen hatten; beide Parthien fuhren fort, ſich zu einer zweiten und noch ernſtern Entfaltung ihrer Macht mit allem Ernſte vorzubereiten. Lionel war durchaus kein gleichguͤltiger Zuſchauer bei dieſen Zu⸗ rüſtungen geweſen. Den Morgen nach der Rückkehr des Detaſche⸗ ments ſuchte er um ein ſeinen gerechten Erwartungen entſprechendes — E S=SS=SSS 2 Soch ed“ he n, ter rei hen er, ing nen keit ver⸗ ten, men acht allen man 3 zu niſten tand, n des ver⸗ man jenes fuhren ihrer 2n Zu⸗ taſche⸗ hendes 201 Kommando nach. Aber unter vielen Komplimenten über den Muth und die Anhänglichkeit, welche er bei der letzten Gelegenheit bewieſen, gab man dem jungen Manne zu verſtehen, daß er der Sache ſeines Fürſten von weit größerem Nutzen ſeyn könnte, wenn er ſeine Zeit dazu benützen wollte, um ſeinen Einfluß unter den angeſehenen Koloniſten zu vergrößern, mit welchen ſeine Familie theils durch die Bande des Bluts, theils durch lange, vertraute Freundſchaft verbunden war. Es wurde ſogar ſeinem eigenen Urtheil überlaſſen, ob es nicht zweckmäßig ſeyn möchte, in einem günſtigen Augenblick ſeine Perſon, ohne den Schutz der Armee, ganz der Verfolgung dieſes lobenswerthen Zweckes zu weihen. In dieſen ſchlau berechneten, zweideutigen Vorſchlägen lag ſo Vieles, was der Selbſtliebe des jungen Kriegers ſchmeichelte und ſeinen Stolz beſänftigte, daß er es zufrieden war, den Lauf der Ereigniſſe abzuwarten, nachdem er ſich noch das ſichere Verſprechen hatte geben laſſen, daß er im Falle fernerer Feind⸗ ſeligkeiten ein paſſendes Kommando erhalten ſollte. Daß ein ſolches Ereigniß vor der Thüre ſtand, konnte ſelbſt einem viel weniger ſcharfen Beobachter als Major Lincoln nicht verborgen bleiben. Gage hatte bereits ſeine einſtweilige Stellung in Charlestown verlaſſen, um durch Concentrirung ſeiner Macht vermehrte Sicher⸗ heit zu gewinnen. Von den Hügeln der Halbinſel Boſton aus erblickte man die Koloniſten feſten Muths und als Männer entſchloſſen, die Armee des Königs zu belagern. Manche der gegenüberliegenden Höhen waren bereits mit haſtig aufgeworfenen Erdwerken gekrönt und ein furchtbarer Haufe dieſer ungeübten Krieger hatte ſich kühn vor den Eingang der Landenge gelegt, und ſchnitt dadurch jede Verbindung mit dem angränzenden Lande ab, indem ſie das kleine Dorf Rorbury dicht vor den Mündungen der brittiſchen Kanonen mit einer Keckheit beſetzten, die weit länger erprobten und an die Gefahren des Kriegs gewöhnten Maͤnnern keine Schande gemacht haben würde. den nen, da⸗ ann, ichen htlos tzlich den mein⸗ letzten r ins⸗ iegers henach⸗ erüber⸗ er aus je von ſeiner Ameri⸗ n, von Ohr zu Ohr geflüſtert wurde, durchkreuzte eine Fluth zarter, melan⸗ choliſcher Erinnerungen die Seele des Jünglings. Er dachte an die häufige und innige Verbindung, welche Jener, ſo lange er ſelbſt noch ein Knabe war, mit ſeinem Vater unterhalten, bevor noch die ſchwarze Wolke über Sir Lionel's Verſtand ſich gelagert hatte. In jeder Erzählung von den mörderiſchen Kämpfen mit den grau⸗ ſamen Bewohnern der Wildniſſe, in jeder Schilderung kühn be⸗ ſtandener Gefahren, wodurch dieſe romantiſche Kriegführung in den Wäldern ſich auszeichnete, ſelbſt in den ungewöhnlichen und furcht⸗ baren Jagden auf die Thiere der Urwälder erſchien der Name dieſes Mannes von einem ritterlichen Ruhme umſtrahlt, der in einem aufgeklärten Zeitalter nicht zu häufig und nie unverdient erlangt wird. Der große Reichthum der Familie Lincoln und die hohen Erwartungen, die man von ihrem Erben hegte, hatten Letzterem einen militäriſchen Rang erworben, der zu jener Zeit nur ſelten verliehen ward, wenn man anders dieſe Auszeichnung nicht durch lange und eifrige Dienſte erkauft hatte. So kam es, daß manche ſeiner Ranggenoſſen an jenen Abenteuern ſeines Vaters, in welchen ſich der amerikaniſche„Löwenherz' durch ſeine Thaten ſo beſonders ausgezeichnet, Theil genommen hatten. Unter dieſen ernſten Ve⸗ teranen, welche ihn am beſten kennen mußten, wurde Putnam's Name ſtets mit hoher, ja romantiſcher Begeiſterung genannt und der merkwürdige Plan, der von den kriechenden Räthen, welche den General⸗en Chef umringten, ausgehegt wurde— ihn durch Verſprechen von Aemtern und Reichthümern der Sache der Koloniſten zu ent⸗ fremden, wurde von den früheren Genoſſen des alten Partei⸗ gängers nur mit verächtlicher Ungläubigkeit aufgenommen— einem Gefühle, welches der Erfolg der Unterhandlung ſpäter vollkommen rechtfertigte. Aehnliche Vorſchläge wurden noch Mehreren unter den Ameri⸗ kanern, deren Talente eines Kaufes werth gehalten wurden, gemacht, aber die Grundſätze des Tages hatten bereits ſo tiefe Wurzeln gefaßt, daß nicht Ein Mann von Bedeutung ſich fand, der auf den Antrag eingegangen wäre. Während ſtatt energiſcherer nene Verſuche wiederholt wurden, langten f England an und vor Ende Mai erſchiener Ruf in den Berathungen des Obergenerals, der nun eine diſponible Macht von nicht weniger als achttauſend Bajonetten beiſammen hatte. Mit der Ankunft dieſer Verſtärkungen begann auch der ge⸗ ſunkene Stolz der Armee ſich wieder zu beleben und der Muth der eingebildeten Jugend, die erſt kürzlich die luſtigen Paraden auf ihrem ſtolzen Eilande verlaſſen hatte, empörte ſich gegen den Ge⸗ danken, daß eine ſolche Armee in die engen Gränzen der Halbinſel eingeſperrt ſeyn ſollte und dieß durch einen Haufen halbbewaffneter Bauern, welche nicht nur aller Kriegskenntniß entbehrten, ſondern auch faſt von aller Munition entblößt waren. Dieſes Gefühl ward noch durch den Spott der Amerikaner ſelbſt vergrößert, die jetzt das Blatt umwandten, indem ſie unter anderen Stichreden dem General Bourgoyne den Namen„Ellbogen⸗Raum⸗ gaben, weil Dieſer, einer der erſten Führer der Armee, unklugerweiſe mit ſeiner Abſicht geprahlt hatte, unmittelbar nach ſeiner Ankunft auf dem Kriegs⸗ ſchauplatze mit ſeinen Gefährten alsbald die Gränzen des Heeres ausdehnen zu wollen. Die äußere Geſtaltung der Dinge im britti⸗ ſchen Lager begann übrigens jetzt anzuzeigen, daß die Führer ernſtlich den Plan hegten, ihre Beſitzungen auszudehnen, und Aller Augen waren nach den Höhen von Charlestown, als nach demjenigen Punkte gerichtet, der höchſt wahrſcheinlich zuerſt beſetzt werden würde. Was die Lokalität betrifft, ſo konnte keine militäriſche Poſition glücklicher gelegen ſeyn, um ſich gegenſeitig zu unterſtützen, die Linien des Feindes auszudehnen und dadurch zu ſchwächen, als die beiden ſich gegenüberliegenden Halbinſeln, deren ſchon ſo oft Er⸗ wähnung geſchah. Die Entfernung zwiſchen beiden betrug blos ſechshundert Ruthen und die tiefen, ſchiffbaren Gewäſſer, von Maaßregeln ſolche fein ausgeſpon⸗ ortwährend Truppen aus n mehrere Anführer von ble ren ge⸗ der auf Ge⸗ inſel neter dern ward jetzt dem ieſer, lbſicht riegs⸗ Heeres britti⸗ Führer Aller jenigen würde. Zoſition n, die als die oft Er⸗ ig blos er, von welchen ſie faſt rings umgeben waren, machten es dem königlichen Generale leicht, zu allen Zeiten ſelbſt die ſchwerſten Kriegsſchiffe zur Vertheidigung eines der beiden Plätze aufzubieten. Dieſe Vor⸗ theile vor Augen, hörte das Heer mit frohem Muthe Befehle er⸗ gehen, welche, wie man wohl ahnte, eine herannahende Bewegung nach den Küſten gegenüber bezweckten. Acht Wochen waren nun ſeit dem Beginne der Feindſeligkeiten verfloſſen und der Krieg hatte ſich bis jetzt auf die obigen Vor⸗ kehrungen beſchränkt, mit Ausnahme von einem oder zwei hitzigen Scharmützeln, welche zwiſchen den Fouragierern der Armee und einigen kleinen Abtheilungen der Amerikaner auf den Inſeln des Hafens geliefert worden waren und wobei die Letzteren ihren neulich erſt erlangten Ruf des Muthes wacker behauptet hatten. Mit der Ankunft der Regimenter aus England war die Fröhlich⸗ keit noch einmal in die Stadt eingekehrt, obgleich diejenigen unter den Einwohnern, welche gegen ihre Neigung zu bleiben genöthigt waren, fortwährend jene kalte Zurückhaltung beobachteten, wodurch auch wirklich alle Verſuche der Offiziere, ſie zu ihren Feſtlichkeiten beizuziehen, vereitelt wurden. Wohl gab es einige Wenige unter den Koloniſten, die ſich durch Ehrenſtellen und Vortheile hatten beſtechen laſſen und der Sache ihres Landes untreu geworden waren; mehrere unter ihnen hatten zum Lohne bereits Aemter erhalten, welche ihnen Zutritt zu dem Ohre des Statthalters geſtatteten, und ſo glaubte man dieſen unter dem ungebührlichen, unheilvollen Einfluſſe ſo verderblicher Rathgeber, die ſeinen Sinn vergifteten und ihn zu Handlungen der Ungerechtigkeit und Härte antrieben, welche ſein unbefangenes Gefühl, wie ſeine gewöhnliche Denkweiſe, zu anderen Zeiten gleich ſehr verdammt haben würde. Wenige Tage nach der Affaire bei Lexington hatte ein Meeting von Seiten der Einwohner ſtattgefunden und es war ein feierlicher Vertrag zwiſchen ihnen und dem Statthalter aufgeſetzt worden, wonach Diejenigen, welche ihre Waffen ausliefern wollten, den Platz 206 d den Zurückbleibenden angemeſſener Schutz Die Waffen wurden aus⸗ der von der Entfernung tigen und ungenügenden ne andere Urſachen, die erbitterten die Gefühle verlaſſen konnten, währen in ihren Wohnungen verſprochen wurde. geliefert, aber jener Theil des Vertrags, der Einwohner handelte, wurde unter nich Vorwänden gebrochen. Dieß und verſchieden mit dem Kriegszuſtande zuſammenhiengen, des Volks und gaben neuen Anlaß zu Klagen, während auf der andern Seite bei allen Denen, welche gedrungen waren, ihre Geſin⸗ nungen gegen ein Volk zu ändern, das ſie doch nie lieben konnten, an die Stelle der Verachtung ſehr ſchnell ein förmlicher Haß getreten war. So herrſchte Groll und Mißtrauen, mit aller Heftigkeit perſönli⸗ chen Rachegefühls, in dem Platze ſelbſt und verſtärkte noch mehr den Wunſch der Truppen, ihre Gränzen auszudehnen. Trotz dieſer ungünſtigen Vorzeichen über den Charakter des Kampfes ließ ſich Gage durch ſeine natürliche Gutmüthigkeit und vielleicht durch den Wunſch, einige ſeiner eigenen Leute aus den Händen der Koloniſten zu befreien, zu einem Austauſche der Gefangenen verleiten und be⸗ gründete dadurch ſogleich zum Beginne einen Vorgang, der den gegen⸗ wärtigen Kampf von einer gewöhnlichen Empörung deutlich unterſchied. Es wurde zu dieſem Zweck in dem Dorfe Charlestown, das damals den Theile beſetzt war, eine Verſammlung ge⸗ von keinem der bei halten. An der Spitze der amerikaniſchen Deputation erſchien Warren und der alte ſchon oben erwähnte Partheigänger der Wild⸗ niß, der vermöge einer glücklichen, obwohl nicht ungewöhnlichen Vereinigung von Gaben eben ſo raſch und kräftig in Thaten der An dieſer Zuſammenkunft Milde, wie in denen der Kühnheit war. nahmen mehrere von den Veteranen der königlichen Armee Antheil um eine letzte, freundliche Unter⸗ und ſetzten über die Meerenge, redung mit ihrem alten Kameraden zu halten, der ſie zwar mit der Freimüthigkeit eines Kriegers empfing, aber ihre Verſuche, ihn von den Fahnen, die er ſich erwählt, zu verlocken, mit eben ſo anſpruchs⸗ loſer als unbeugſamer Feſtigkeit zurückwies. 1tz 5⸗ ng den die hle der ſin⸗ ten, eten inli⸗ den dieſer 3 ſich h den niſten d be⸗ gegen⸗ ſchied. damals ng ge⸗ erſchien Wild⸗ hnlichen aten der nenkunft Antheil e Unter⸗ mit der ihn von nſpruchs⸗ 207 Während dieſe Ereigniſſe auf dem großen Schauplatze des Kampfes Statt hatten, wurde das Geräuſch der Zurüſtungen in der ganzen Ausdehnung der Kolonien vernommen. An verſchiedenen Plätzen wurden leichtere Akte der Feindſeligkeiten begangen, da die Amerikaner nicht länger auf den Angriff der Britten warteten, ſondern überall, wo ſie deren habhaft werden konnten, Kriegsvor⸗ räthe friedlich oder mit Gewalt, wie es ſich traf, aufzufangen be⸗ gannen. Die Concentrirung des Haupttheils der Truppen in Boſton hatte übrigens den übrigen Kolonien vergleichungsweiſe nur wenig zu thun übrig gelaſſen; während ſie noch dem Namen nach unter der Herrſchaft der Krone verblieben, waren ſie gleichwohl darauf bedacht, kein Mittel, das in ihrer Macht ſtand, zu vernachläßigen, um auch ihre Rechte für den äußerſten Fall ſicher zu ſtellen. Zu Philadelphia erließ ‚der Congreß der Deputirten aus den vereinigten Koloniene— der Körper, der die großen Bewegungen eines Volkes lenkte, das nun erſt als eine abgeſonderte Nation zu handeln begann— ſeine Manifeſte, worin er ſeine Grundſätze meiſterhaft vertheidigte und fortfuhr, eine Armee zu organiſiren, die, ſoweit die Umſtände es erlaubten, zum Schutze derſelben hin⸗ reichen ſollte. Männer, im Dienſte des Königs in den Waffen erzogen, waren eingeladen, ſich um ihre Fahnen zu reihen und die übrigen vakanten Stellen füllte man mit den Namen jugendlicher, kühner Abenteurer aus, welche ihr Leben für eine Sache zu wagen entſchloſſen waren, wo ſelbſt der Erfolg ſo wenig perſönliche Vortheile verſprach. An die Spitze dieſer Liſte ungeübter Krieger ſtellte der Kongreß Einen aus ſeiner eigenen Mitte, einen Mann, der ſich bereits durch ſeine Thaten im Feld ausgezeichnet hatte und der ſeitdem ſeinem Vaterlande den Ruhm eines unbefleckten Namens vererbt hat.* * Waſbington. A. d. U. Vierzehntes Kapitel. Du ſollſt mich treffen zu Philippi. Julius Cäſar. In dieſer Periode fieberiſcher Aufregung, während der Anſchein und die Entbehrungen des Kriegs ohne deſſen eigentliche Ge⸗ fahr oder Thätigkeit herrſchten, hatte Lionel über dem mächtigen Intereſſe, das der Stand der öffentlichen Angelegenheiten hervor⸗ rief, ſeine perſönlichen Gefühle nicht gänzlich vergeſſen. Früh am Morgen nach jenen nächtlichen Scenen zwiſchen Mrs. Lechmere und den Bewohnern des Waarenhauſes hatte er ſich wieder dahin begeben, um die tiefe Angſt ſeiner Seele zu beſchwichtigen und endlich eine vollſtändige Aufklärung über all' jene Geheimniſſe ſich zu verſchaffen, welche der Hauptgrund geweſen waren, der ihn mit einem Manne verband, welcher— außer um ſeiner Sonderbarkeiten willen— nur wenig bekannt war. Die Wirkungen des Kampfes vom vorherigen Tage waren ſchon auf dem Markte ſichtbar, wo Lionel im Voruͤbergehen nur aſt gar keine Landleute bemerkte, während ſie ſonſt ſe Stunde den Platz angefüllt hatten. In der ſter der Buden nur mit Vorſicht und die ls hielten ſie es für unmöglich, wenige oder f gewöhnlich um die That öffneten ſich die Fen Leute blickten zur Sonne empor, a daß ſie jetzt noch ebenſo wie in Zeiten der Ruhe leuchte und wärme; Eiferſucht und Mißtrauen waren an die Stelle der Sicherheit in den Straßen der Stadt getreten. Trotz der frühen Stunde waren nur Wenige noch zu Bette und Die, welche ſich zeigten, verriethen in ihren Blicken, daß ſie die Nacht wachend zugebracht hatten. Zu dieſen gehörke auch Abigail Pray, welche ihren Gaſt in ihrem Thuͤrmchen empfing, während noch Alles gerade ſo um ſie herlag, wie er es am verfloſſenen Abend getroffen hatte, ſo daß er nichts verändert fand, als ihr eigenes Auge, das, zu Zeiten einem in ihr garſtiges ſollt wen deßn Ged ſie l wied elend Dach nirge nenne ein e daß d Li hein Ge⸗ tigen vor⸗ ) am zmere dahin und e ſich n mit keiten waren in nur e ſonſt In der nd die öglich, värme; in den ten nur n ihren i dieſen ürmchen te er es erändert garſtiges 209 Geſicht eingeſetzten koſtbaren Edelſteine ähnlich, jetzt trüb und ein⸗ geſunken erſchien und auffallender als gewöͤhnlich an dem allgemeinen Anſchein von Elend Theil nahm, von welchem das Weib umgeben war. „Ich bin zu einer etwas ungewöhnlichen Stunde bei Euch eingedrungen, Mrs. Pray,“ ſagte Lionel beim Eintreten,„aber Geſchäfte von der höchſten Wichtigkeit verlangen, daß ich Euren Miethsmann ſpreche— vermuthlich iſt er oben; es wird gut ſeyn, wenn Ihr meinen Beſuch anmeldet.“ Abigail ſchüttelte den Kopf mit feierlicher Miene und wortete mit gedämpfter Stimme:„Er iſt fortgegangen!“ „Fortgegangen!“ rief Lionel—„wohin? und wann?“ „Das Volk ſcheint von dem Zorne Gottes getroffen, Sir,“ antwortete das Weib—„alt und jung, krank und geſund ſtürzen ſie wie wahnſinnig dahin, Blut zu vergießen und es geht über Menſchen Vermögen, zu ſagen, wo der Strom gehemmt werden mag.“ „Aber was hat dieß mit Nalph zu ſchaffen? wo iſt er? Weib, Ihr wollt doch kein falſches Spiel mit mir treiben?“ „Ich! Verhüte der Himmel, daß ich je wieder falſch ſeyn ſollte! und gegen Sie unter allen Geſchöpfen Gottes am aller⸗ wenigſten! Nein, Major Lincoln, der wunderbare Mann, der nur deßwegen ſo lang gelebt zu haben ſcheint, um unſere geheimſten Gedanken zu leſen, ſo wie ich nie gedacht hätte, daß ein Menſch ſte leſen könnte— er hat mich verlaſſen und ich weiß nicht, ob er je wiederkehren wird.“ „Je wieder! Ihr habt ihn doch nicht mit Gewalt von Eurem elenden Dache weggetrieben!“ „Mein Dach iſt wie das der Vögel der Luft— es iſt das Dach eines Jeden, der ſo unglücklich iſt, keines zu haben. Es gibt nirgends einen Fleck auf dieſer Erde, Major Lincoln, den ich mein nennen könnte— einſt zwar wird es einen ſolchen geben— ja, ein enges Haus wird für uns alle beſargt werden und Gott gebe, daß das meine ſo ruhig ſeyn möge, wie man den Sarg gewöhnlich Lionel Lincoln. 2. Aufl. 14 ant⸗ 210 ſchildert! Ich lüge nicht, Major Lincoln— nein, dießmal bin ich rein von Betrug— Ralph und Job ſind zuſammen weggegangen, aber wohin, weiß ich nicht, wenn nicht etwa, um zu dem Volk außerhalb der Stadt zu ſtoßen— ſie verließen mich, als der Mond aufging und jener Fürchterliche gab mir noch beim Abſchied eine Warnung, welche in meinen Ohren wiedertönen wird, bis ſie einſt unter den dumpfen Schauern des Grabs taub geworden ſeyn werden.“ „Weggegangen, um zu den Amerikanern zu ſtoßen und mit Job!“ wiederholte Lionel nachſinnend und ohne auf Abigail's Schluß⸗ worte zu hören.„Euer Junge wird durch dieſe Tollheit noch in Gefahr gerathen, Mrs. Pray, und Ihr ſolltet beſſer auf ihn Acht haben.“ „Job gehört nicht zu Denen, welchen Gott etwas zurechnet, und kann eben ſo wenig wie andere Kinder behandelt werden,“ erwiederte das Weib.—„Ach, Major Lincoln, ein geſunderer, kräftigerer und ſchönerer Knabe war in der ganzen Baiprovinz nicht zu ſehen, bis das Kind ſein fünftes Jahr erreicht hatte! da kam des Himmels Gericht über Mutter und Sohn.— Krankheit machte ihn ſo, wie Sie ihn nun ſehen, ein Weſen mit der Geſtalt, aber ohne die Vernunft des Menſchen, und ich ward die Elende, die ich nun bin. Aber Alles wurde mir vorhergeſagt und ich habe Warnungen genug über meine ganze Zukunft erhalten! denn ſteht nicht geſchrieben, daß Er heimſuchen werde die Sünden der Väter an den Kindern bis ines dritte und vierte Glied?“ Gott ſey Dank, meine Sorgen und Sünden enden mit Job, denn nie wird es einen Dritten geben, der dadurch leiden könnte.“ „Wenn irgend eine Sünde ſchwer au hub Lionel jetzt an,„ſo ſollte jede Betrachtung der Gerechtigkeit ſowohl als der Reue Euch bewegen, Eure Irrthuͤmer Denen zu bekennen, deren Glück vielleicht von dieſer Kenntniß, wenn über⸗ haupt eine ſolche vorhanden iſt⸗ abhängen mag Das ängſtliche Auge der Frau erhob ſich, dem Blick des jungen f Eurem Herzen liegt,“ imnm „„ wit lers eben Geſe Zim noch arme ſeine unſre lich über ich gen, Volk NRond eine einſt den.“ d mit chluß⸗ och in f ihn echnet, erden,“ nderer, provinz te! da rankheit Geſtalt, Elende, ich habe enn ſteht er Väter ey Dank, es einen en liegt,“ rechtigkeit Denen zu enn über⸗ des jungen 211 Mannes zu begegnen; doch vor dem durchdringenden Strahl, der ſte traf, zurückſchreckend, wandte ſie es raſch auf den Wirrwarr und die Unordnung ihres unaufgeräumten Zimmers. Lionel wartete eine Zeit lang auf eine Antwort; als er aber fand, daß ſte in hartnäckigem Schweigen verharrte, fuhr er fort: „Nach Dem, was bis jetzt vorgegangen, müßt Ihr einſehen, wie ich guten Grund zu dem Glauben habe, daß mein Gefühl bei Eurem Geheimniß ſehr nahe betheiligt iſt; ſo legt mir denn das Bekenntniß jener Schuld ab, die Euch ſo ſchwer niederzudrücken ſcheint und zur Belohnung Eures Vertrauens verſpreche ich Euch Verzeihung und Schutz.“ Als Lionel ſo unumwunden den Punkt berührte, der ſeinem Herzen am nächſten war, wich das Weib erſchrocken von ihrer Stelle neben ihm zurück und ihr Geſicht verlor, je länger er fort⸗ fuhr, immer mehr jenen deutlichen Ausdruck der Zerknirſchung und nahm dafür einen erzwungenen Blick des Erſtaunens an, welcher bewies, daß ſie in der Verſtellung kein Neuling war, wie ſtark auch immer die vorübergehenden Mahnungen ihres Gewiſſens ſeyn mochten. „Schuld!“ wiederholte ſie langſam und mit zitternder Stimme; „wir ſind alleſammt ſchuldig und wären ohne das Blut des Mitt⸗ lers verlorene Geſchöpfe.“ „Sehr wahr; Ihr habt aber von Verbrechen geſprochen, die eben ſo gut gegen menſchliche wie gegen göttliche Geſetze anſtoßen.“ „Ich! Major Lincoln!— ich, eine frevelnde Uebertreterin des Geſetzes?“ rief Abigail, indem ſie ſich ſcheinbar mit Ordnen ihres Zimmers zu ſchaffen machte—„Leute wie ich, haben weder Zeit noch Muth, die Geſetze zu verletzen. Major Lincoln quält eine arme verlaſſene Frau, um dann heute Abend den Herrn am Tiſch ſeine Scherze Preis zu geben— das iſt gewiß, wir alle haben unſre Bürde von Schuld, die wir verantworten müſſen— ſicher⸗ lich hat Major Lincoln den Pfarrer Hunt letzten Sonntag nicht über die Sünden der Stadt predigen hören!“ Lionel erröthete tief über die argliſtige Behauptung des Weibes, daß er die Schwäche ihres Geſchlechts und ihre unbeſchützte Lage habe benutzen wollen, und insgeheim über ihre Doppelzüngigkeit höchlich ergrimmt, wurde er vorſichtiger in ſeiner Sprache und ver⸗ ſuchte durch Güte und Sanftmuth die gewünſchte Mittheilung von ihr zu erhalten. Aber ſein Scharfſinn begegnete auf Seiten Abi⸗ z einer Liſt, welche der ſeinigen mehr als gewachſen war und blos noch mit Ausdrücken der Verwunderung, wie hnliche Anerkennung als gemeinſamer gail ſie antwortete er ihre Sprache für etwas mehr als die gewö der Irrthümer habe halten können, welche überall Antheil unſrer ſündigen Natur anerkannt ſeyen. Darin gerade bewies das Weib keine hervorragende Eigenheit, denn die größere Zahl Solcher, welche in ihren Bekenntniſſen und Klagen über die verderbte Natur unſeres Herzens am lauteſten ſchreien, nehmen es in der Regel am empfindlichſten auf, wenn man ihnen beſondere Vergehungen zuzumuthen wagt. Je ernſter und dringender der junge Mann ſeine Fragen ſtellte, deſto behutſamer wurde ſie, bis er zuletzt voll Aerger üͤber ihre Halsſtarrigkeit und mit dem ge⸗ heimen Verdacht, ſie habe mit ihrem Miethsmanne ein böſes Spiel getrieben, in tiefem Verdruße, ihr Haus verließ, entſchloſſen, ihre ferneren Schritte genau zu beobachten und wenn der Augenblick gekommen, ſeinen Angriff ſo einzurichten, daß er ſie nicht allein zum Bekenntniß bringen, ſondern auch Schaam und Reue in ihr hervorrufen könnte. Von dieſem augenblicklichen Aerger angetrieben und unfähig, den ſchlimmen Verdacht, der ſich gegen ſeine Tante in ihm regte, zu unterdrücken, beſchloß der junge Mann, dieſen nämlichen Morgen noch ihr Haus, das er bis jetzt als Gaſt bewohnt hatte, zu ver⸗ laſſen. Wenn Mrs. Lechmere überhaupt wußte, daß Lionel Zeuge ihrer Unterredung mit Ralph geweſen war, ſo konnte ſie die Nach⸗ richt davon nur durch Abigail erhalten haben; jedenfalls war ihr Empfang beim Frühſtück von der Art, daß auch nicht das Geringſte wenn Grün Urſach keine beſſer ſpielte Verdr ibes, Lage igkeit ver⸗ g von Abi⸗ r und „wie nnung ſamer gerade größere ber die men es ſondere der der ie, bis dem ge⸗ s Spiel en, ihre agenblick ht allein ee in ihr unfähig, zm regte, Morgen zu ver⸗ nel Zeuge die Nach⸗ 3 war ihr Geringſte 213 von einem ſolchen Wiſſen in ihrem Benehmen durchblickte. Sie hörte ſeine Entſchuldigungen wegen des beabſichtigten Auszugs mit ſichtlicher Beſtürzung und mehr als einmal, als Lionel von ſeiner wahrſcheinlichen Lebensweiſe in der nächſten Zukunft ſprach, da die Feindſeligkeiten nun einmal begonnen hatten— von der größeren Unruhe, die ſeine Anweſenheit einer Dame von ihren Gewohnheiten und Jahren verurſachen würde— von ſeiner großen Beſorgniß ihretwegen— kurz, von Allem, was er zur Entſchuldigung ſeines Schrittes aufzufinden vermochte— ſah er ihre Augen ängſtlich und mit einem Ausdruck auf Cäcilien gerichtet, der zu anderer Zeit ihn verleitet haben würde, Mißtrauen gegen die Beweggründe ihrer Gaſtfreundſchaft zu faſſen. Die junge Dame ſelbſt hörte jedoch den Vorſchlag mit ſichtlicher Zufriedenheit und als ihre Großmutter an ihre Anſicht appellirte und ſie befragte, ob er einen einzigen guten Grund für ſein Vorhaben vorgebracht habe, antwortete ſie mit einer Lebhaftigkeit, die ihrer früheren Weiſe gänzlich fremd war: „Gewiß, theure Großmama, den beſten von allen Gründen— ſeinen Willen. Major Lincoln iſt unſrer und unſres langweiligen Alltagslebens überdrüſſig und nach meiner Anſicht fordert wahre Hoöflichkeit von uns, daß wir ihn ohne ein Wort der Widerrede nach der Kaſerne ziehen laſſen.“ „Meine Beweggründe müſſen ſehr mißverſtanden worden ſeyn, wenn ein Wunſch, Sie zu verlaſſen—“ „O, Sir, es bedarf keiner Erklärung. Sie haben ſo viele Gründe vorgebracht, Couſin Lionel, daß die wahre und eigentliche Urſache noch im Hintergrund gelaſſen wurde. Sie muß und kann keine andere als Langweile ſeyn.“ „Dann will ich bleiben,“ erwiederte Lionel,„denn alles Andere iſt beſſer, als den Verdacht der Unempfindlichkeit auf ſich zu laden.“ Cäcilie ſchien ſowohl erfreut als überraſcht zu ſeyn. Sie ſpielte einen Augenblick verlegen mit ihrem Theelöffel, biß ſich im Verdruß in die ſchoͤnen Lippen und ſagte dann in freundlicherem Ton: 214 „So muß ich Sie von dieſem Verdachte entbinden. Ziehen Sie in Ihre eigene Wohnung, wenn's Ihnen angenehm iſt und wir wollen ihre unbegreiflichen Gründe hinſichtlich der Veränderung nicht länger bezweifeln. Zudem werden wir Sie ja als einen Verwandten ohne Zweifel jeden Tag ſehen.“ Lionel hatte nun keine weitere Entſchuldigung, bei ſeinem ein⸗ mal ausgeſprochenen Entſchluß nicht zu beharren und ungeachtet Mrs. Lechmere ſich von ihrem intereſſanten Neffen mit Zeichen des Widerſtrebens trennte, die mit ihrer gewöhnlichen kalten und förm⸗ lichen Weiſe in ſonderbarem Widerſpruch ſtanden, geſchah der ge⸗ wünſchte Auszug doch noch im Lauf des nämlichen Morgens. Nach dieſer Aenderung verfloß wieder Woche an Woche ganz in derſelben Art, wie wir es im vorigen Kapitel beſchrieben haben. Fortwährend langten Verſtärkungen an, Generale auf Generale er⸗ ſchienen am Platze, um den unentſchloſſenen Gage in der Führung des Kriegs zu unterſtützen. Die Furchtſamen unter den Koloniſten erbleichten, als ſie die langen Liſten ſo ſtolzer und hochgeprieſener Namen ableſen hörten. Da war Howe, ein Mann von edler Familie, die ſchon lange durch ihre Waffenthaten berühmt geweſen war und deren Haupt bereits ſein Blut auf amerikaniſchem Boden ver⸗ goſſen hatte; Klinton, ein anderer Sprößling aus berühmtem Hauſe, durch ſeine perſönliche Unerſchrockenheit und die Güte ſeines Pri⸗ vatcharakters noch mehr als durch die rauhen Eigenſchaften des Kriegers hervorleuchtend, und der feine, ritterliche Bourgoyne, der bereits auf den Feldern von Portugal und Deutſchland einen Namen ſich erworben hatte, den er in den Wildniſſen von Amerika zu ver⸗ lieren beſtimmt war. Neben dieſen verdienten Erwähnung Pigot, Grant, Robertſon und der Erbe von Northumberland, von denen Jeder eine Brigade in dem Kampfe für ſeinen Fürſten führte; außer⸗ „dem noch ein Heer von untergeordneten Führern, welche ihre Jugend unter den Waffen verlebt hatten und nun in dem Kampfe gegen die ungeübt en Landleute von Neu⸗England ihre Erfahrung auf dem lehen und erung einen m ein⸗ achtet en des förm⸗ er ge⸗ 3. e ganz haben. ale er⸗ ührung loniſten rieſener Familie, en war den ver⸗ Hauſe, nes Pri⸗ ften des yne, der n Namen zu ver⸗ g Pigot, don denen e; außer⸗ re Jugend pfe gegen g auf dem 215 Schlachtfelde bewähren ſollten. Als ob dieſe Zahl noch nicht ge⸗ nügte, um ihre unerfahrenen Gegner zu überwältigen, hatte der Waffenſtolz noch außerdem viele Jünglinge aus den adeligen und ritterlichen Geſchlechtern des brittiſchen Reichs auf dem Punkte ver⸗ ſammelt, auf welchen Aller Augen gerichtet waren; unter ihnen war Einer, der nachmals zu den Lorbeeren ſeiner Ahnen den ſchönſten Kranz des Kriegsruhms fügte, der gemeinſame Erbe von Haſtings und Moira— der glänzende, aber bis jetzt noch uner⸗ probte Knabe von Rawdon. Unter ſolchen Gefährten, von denen Manche ſchon in England ſeine Genoſſen geweſen waren, ſchwanden Lioneln die Stunden raſch dahin und ſo blieb ihm nur wenig Muße übrig, um über die Urſachen nachzudenken, die auch ihn auf den Kampfplatz hergeführt hatten. An einem warmen Abend gegen die Mitte des Juni traf es ſich, daß Lionel bei offenen Thüren von ſeinem beſonderen Zimmer aus, das nach dem Gemache führte, welches Polwarth zu dem ‚ver⸗ trauten Tiſche, wie er es nannte, beſtimmt hatte— Zeuge des folgen⸗ den Auftritts wurde. M'Fuſe ſaß an einem Tiſch mit der drolligen Amtsmiene eines hochweiſen Rathsherrn, während Polwarth neben ihm die doppelte Funktion des Richters und des Schreibers aus⸗ zuüben ſchien. Vor dieſem furchtbaren Tribunal ſtand Seth Sage, um ſich, wie es ſchien, wegen gewiſſer Verbrechen zu verantworten, die er, ſo lautete die Anklage, auf dem Schlachtfelde ſich hatte zu Schulden kommen laſſen. Es war Lionel unbekannt geblieben, daß ſein Hauswirth an der neulichen Auswechslung nicht hatte Antheil nehmen dürfen, und er war neugierig, zu erfahren, was wohl die verſteckte Schelmerei, die er in der gravitätiſchen Miene ſeiner Freunde entdeckte, bedeuten mochte; ſo legte er die Feder nieder und horchte auf folgendes Zwiegeſpräch: „Nun, verantworte Dich für Dein Vergehen, Du dummer Burſche mit dem weiſen Namen,“ begann M'Fuſe mit einer Stimme, die durch ihre rauhen Kadenzen nicht verfehlte, jene Art 216 4 von Scheu hervorzubringen, welche der Sprecher, wie der Ausdruck das ſeines Auges zu beſagen ſchien, hervorzurufen trachtete.„Sprecht mei Euch aus mit dem Freimuth eines Mannes und der Zerknirſchung auf eines Chriſten, ſo Ihr nämlich welche fühlt. Warum ſoll ich Euch nun f nicht lieber gleich nach Irland ſchicken, auf daß Ihr Euch Euren Pre Nachtiſch holt an den drei Balken— der eine davon iſt übers Kreuz gelegt, der bloßen Bequemlichkeit halber. Habt Ihr eine Me Einwendung dagegen, ſo nennt ſie ohne Verzug, bei der Liebe, die eine Ihr für Eure eigene eckige Ungeſtalt heget.“ 3 wol Die Schelme verfehlten ihren Zweck nicht ganz, da Seth ein Koß gut Theil mehr Unruhe verrieth, als man ſelbſt in gefährlichen eure Lagen an dem Manne zu ſehen gewohnt war. Nachdem er ſich Nur geräuſpert und um ſich geblickt, um in den Augen der Zuſchauer ſo zu leſen, auf welche Seite ihr Mitgefühl ſich neige, antwortete er wer mit höchſt lobenswerther Feſtigkeit: unte gerc „Weil's wider's Geſetz iſt.“ „Fort mit den endloſen Spitzfindigkeiten Eures Geſetzes,“ rief MeFuſe,„und ärgert nicht ehrbare Leute mit ſeiner Spitzbüberei, hau. ts weiter als eben ſo viele Anwälte in dicken als wäͤren wir nich Perücken! An's Evangelium ſolltet Ihr denken, Ihr gottloſer Ver⸗ werd worfener! und das Eures letzten Endes wegen, das Euch eines eine Tags mit höchſt unſchicklicher Eile über den Hals kommen wird.“ Ein „Zur Sache, Mann,“ unterbrach Polwarth, welcher bemerkte, um daß die ausſchweifende Phantaſie ſeines Freundes ihn bereits von gröl dem gewünſchten Ziele abzulenken begann:„oder ich will ſelbſt die dank Sache vortragen und zwar in einem Styl, der einem Mandamus⸗ Reie Rathe“ Ehre machen ſollte.“ fiſche „Die Mandamus ſind alle gegen die Charte und ebenſo gegen's Geſetz,“ fuhr Seth fort, deſſen Muth zu ſteigen anfing, je mehr der 2 Ein eigener Rath, der im Beginne der Unruhen von dem Miniſterium nias niedergeſetzt worden war, von den Koloniſten jedoch mit dem entſchiedenſten Widerſpruche aufgenommen wurde. A. d. U. echt ung Luch iren bers eine die ein ichen ſich auer te er rief berei, dicken Ver⸗ eines vird.“ nerkte, s von öſt die amus⸗ gegen's mehr iſterium edenſten U. das Geſpräch ſich ſeinen politiſchen Grundſätzen näherte;„und meiner Anſicht nach iſt es vollkommen klar— wenn die Miniſter feſt auf deren Aufrechthaltung beharren, ſo wird's noch große Unord⸗ nungen, wenn nicht wirklichen Kampf, im Lande geben, denn alle Provinzen ſind Ein Feuer!“ „Unordnungen, Du unbewegliche Schlechtigkeit! Du kalter Meuchelmörder!“ tobte M'Fuſe;„nennt ihr nicht gar den Kampf von einem ganzen Tag eine Unordnung? oder das Auflauern hinter Hecken, wobei ihr die Mündung eurer Muskete dem Job Pray auf den Kopf und den Kolben auf einen Wollenkrautſtengel legt und ſo auf eure Mitgeſchöpfe zielt— heißt ihr das eine ehrliche Art zu fechten? Nun antwortet mir nach der Wahrheit und verachtet die Lüge, ſo wie Ihr am Samſtag nichts Anderes als Stockfiſch eſſen würdet— wer waren die beiden Leute, die in jener unglücklichen Stellung unter den Wollſtauden, die ich Euch ſchon beſchrieben habe, mir gerade in's Geſicht feuerten?“ „Verzeiht, Kapitän M'Fuſe,“ ſiel Polwarth ein,„wenn ich be⸗ haupte, daß Euer Eifer und Unwillen mit Eurer Ueberlegung auf und davon gehen. Wenn wir den Gefangenen alſo in Angſt jagen, werden wir den Zweck unſerer Juſtiz vereiteln. Ueberdieß liegt eine Behauptung in Eurer Rede, Sir, der ich widerſprechen muß. Ein wirklicher Stockfiſch iſt nicht zu verachten, beſonders wenn er, um den Dampf zu erhalten, in einem Umſchlag zwiſchen zwei gröberen Fiſchen ſervirt wird. Ich habe ſchon meine eigene Ge⸗ danken darüber gehabt, einen Samſtagsklub zu formiren, um den Reichthum der Bai ganz zu genießen und die Kochkunſt des Stock⸗ fiſches zu vervollkommnen!“ „Und laßt mich Euch ſagen, Kapitän Polwarth,“ erwiederte der Grenadier, indem er ſein Auge ſtolz auf den Andern richtete, „daß Eure epikuräiſche Vorliebe Euch auf den Gipfel des Kanni⸗ balismus führt, denn ſicher darf man das ſo nennen, wenn Ihr end das Leben eines Mitgeſchöpfs vor dem vom Eſſen ſprecht, währ Richterſtuhle ſeinem Ende entgegenſieht.“ „Ich denke,“ ſiel Seth den Beiden Zank höchſt zuwider war und er die Sy ſeinen Richtern zu bemerken glaubte, in die Rede, da ihm aller mptome eines Bruches unter „der Kapitän wünſcht zu wiſſen, wer die beiden Leute waren, die kurze Zeit, bevor er den Schuß in die Schulter erhielt, nach ihm gefeuert haben?“ „Kurze Zeit, du wunderbarer Heuchler! Sie war ſo kurz, als Flinte und Pulver ſie nur machen konnten.“. „Vielleicht herrſcht hier ein kleines Mißverſtändniß, denn ein großer Theil der Truppen war ſehr wirr.—— „Willſt Du etwa damit gar zu verſtehen geben, ich ſey vor den Feinden meines Königs trunken geweſen?“ ſchrie wild der Grenadier.„Horcht auf, Ihr, Meiſter Sage, ich frage Euch in Gutem, wer die beiden Leute waren, welche auf die beſchriebene Art nach mir feuerten? bedenkt wohl, daß ein Mann müde werden kann, Fragen vorzulegen, wenn ſie nicht beantwortet werden.“ „Ei,“ antwortete Seth, der, wie ſehr er auch in Ausflüchten geübt war, doch mit religiöſem Schauder vor einer unmittelbaren Lüge zurückwich,„ich glaube fäſt, daß ſie—— der Kapitän iſt gewiß, daß der Ort, den er meint, gerade über Menotomy war?“ „So gewiß als ein Menſch es ſeyn kann,“ ſagte Polwarth, „der ſeine Augen zu gebrauchen weiß.“ „Dann kann Kapitän Polwarth über die Sache Zeugniß geben?“ „Ich glaube, Major Lincoln's Pferd trägt noch bis auf dieſen Augenblick etwas Weniges von Curem Blei bei ſich, Meiſter Sage.“ Seth wich von dieſer Anhäufung von Beweiſen gegen ihn, und da er überdem wußte, daß der Kapitän ihn buchſtäblich gerade in dem Augenblick, als er ſein Feuer erneuern wollte, zum Ge⸗ fangenen gemacht hatte, ſo entſchloß er ſich wohlweislich, aus der Noth eine Tugend zu machen und aufrichtig zu geſtehen, daß er dem aller inter t zu den kurz, n ein y vor d der uch in iebene verden .4 lüchten ebaren tän iſt war?“ lwarth, geben?“ fdieſen Meiſter een ihn, gerade um Ge⸗ aus der daß er 219 bei dem Beibringen der Wunden mitgeholfen habe. Das Aeußerſte übrigens, was ſeine Vorſicht ihm zu ſagen erlaubte, war: „Da ich ſehe, daß hier nicht wohl ein Irrthum obwalten kann, ſo moͤchte ich faſt annehmen, die beiden Leute ſeyen haupt⸗ ſächlich Job und ich geweſen.“ „Hauptſächlich, Du Spitzbube voll Ungewißheit!“ rief M'Fuſe. „Wenn irgend ein Haupt war in eurem feigen Mörderkomplott, das einen Chriſten verwundete und ein Pferd verletzte, welches, wenn auch nur ein dummes Vieh, doch gleichwohl beſſeres Blut in ſich trägt, als es in euren Betteladern rinnt— ſo war's eure eigene häßliche Geſtalt. Aber ich freue mich, daß Ihr endlich zum Geſtändniß gekommen ſeyd! Ich kann Euch jetzt mit Ruhe und Zufriedenheit im Herzen hängen ſehen! Wenn Ihr noch irgend Etwas zu ſagen habt, ſo ſputet Euch und ſprecht, warum ich Euch nicht mit dem erſten Schiff nach Irland bringen laſſen ſoll, begleitet von einem Brief an meinen Lordlieutenant mit der höflichen Bitte, daß er Euch ſchnelle Beförderung und ein anſtändiges Begräbniß gewähren möge.“ Seth gehörte zu einer Klaſſe ſeiner Landsleute, welche, bei einem Ueberfluß an Scharfſinn, im wörtlichen Verſtand auch keine Spur von Scherz kannte. Getaͤuſcht durch den Anſchein von Zorn, der ſich auch in der That in die angenommene Weiſe des Grenadiers gemiſcht hatte, während er bei dem aufregenden Gegenſtand des ihm ſelbſt widerfahrenen Uurechts verweilte, wurde der Glaube des Gefangenen an den heiligen Schutz des Geſetzes ſehr erſchüt⸗ tert, und er begann ſehr ernſthaft über die Unſicherheit der Zeiten, ſowie über den Deſpotismus der Militärgewalt nachzudenken. Der wenige Humor, den er von ſeinen puritaniſchen Vorfahren geerbt, obgleich ungemein ſcharf, war doch von ganz anderer Art, als der ſchnellbeſonnene, herzhafte Witz des Irländers, deſſen Stimmung Seth, weil er ſie ſelbſt nicht kannte, darum eben auch nicht begreifen konnte; und auf dieſe Art ſchien es, ſo weit eine ſehr ſichtbare Unruhe ihre Abſichten fördern mochte, als ob die beiden Ver⸗ ſchworenen mit ihrem Plane vollkommen glücklich geweſen. Pol⸗ warth war der Erſte, der mit ſeiner Verlegenheit Mitleid fühlte und mit ſorgloſer Miene bemerkte: „Vielleicht kann ich einen Vorſchlag machen, wodurch Mr. Sage ſeinen Nacken von dem Stricke loskaufen und zu gleicher Zeit einem alten Freund einen weſentlichen Dienſt leiſten kann.“ „Hörſt Du das, Du, der Menſchen und Vieh verwechſelt!“ rief M'Fuſe.„Nieder auf Deine Kniee und danke Herrn Peter Polwarth für ſeine mitleidige Geſinnung.“ Seth war nicht unerfreut, ſo freundliche Abſichten ausſprechen zu hoͤren; aber durch Gewohnheit bei allem Handel vorſichtig, unterdrückte er jedes Zeichen ſeiner Freude und ſagte mit einer Miene der Ueberlegung, die dem abgefeimteſten Händler in King⸗ Street Ehre gemacht haben würde:„er möchte erſt gerne die Be⸗ dingungen hören, ehe er ſeine Entſcheidung abgebe.“ „Sie ſind einfach folgende,“ erwiederte Polwarth:„Ihr ſollt noch heute Abend Paß und Freiheit erhalten unter der Bedingung, daß Ihr dieſen Vertrag unterzeichnet, durch welchen Ihr Euch verbindlich macht, unſern Tiſch, ſo lange der Ort belagert iſt, wie gewöhnlich mit gewiſſen Artikeln an Speiſe und Nahrung, wie hierbei verzeichnet worden, zu verſehen und dieſelben zu den ausgeſetzten Preiſen zu liefern:— ich denke, auch der ärgſte Jude am Herzogs⸗ platze wird gegen Letztere nichts einzuwenden haben. Nehmt das Inſtrument hier, lest es und unterzeichnet, damit wir innerlich ver⸗ dauen mögen.“ Seth nahm das Papier und prüfte es mit jener Schärfe, die er auf Alles anzuwenden gewohnt war, was ſeine pekuniären Intereſſen berührte. Er machte Einwendungen gegen den Preis jedes einzelnen Artikels, welche ſämmtlich ſeines hartnäckigen Wider⸗ ſtandes wegen abgeändert werden mußten; überdieß beſtand er auf der Beifügung einer Klauſel, wonach ihm für den Fall, daß der dr. eit tl“ eter hen tig, iner ing⸗ Be⸗ ſollt ung, Fuch wie erbei tzten ogs⸗ das ver⸗ , die iären Preis Vider⸗ r auf ß der 221 Verkehr durch die Obrigkeiten der Kolonie verboten würde, die ſodann eintretende Geldſtrafe vergütet werden ſollte. Hierauf fuhr er fort: „Wenn der Kapitän die Sache auf ſich nehmen und die Ver⸗ antwortung tragen will, ſo bin ich bereit, den Handel abzuſchließen.“ „Will der Burſche nicht gar noch Vergütung bei einem Handel, der um ſein Leben geht!“ rief der Grenadier;„doch wir wollen meinetwegen ſeiner Habſicht nachgeben, Polly, und die Garantie für ſeine Habe auf uns nehmen. Kapitän Polwarth und ich ver⸗ pfänden unſer Wort, daß ſie unverkümmert erhalten werden ſoll. Laßt mich den Artikel einmal in Augenſchein nehmen,“ fuhr der Grenadier fort, und blickte höchſt ernſthaft auf die verſchiedenen Punkte der Urkunde—„meiner Treu, Päter,“ Du haſt Dich für eine tüchtige Speiſekammer vorgeſehen. Rindfleiſch, Hammel⸗, Schweinefleiſch, Rüben, Kartoffeln, Melonen und andere Früchte; — halt, da iſt ein Schnitzer, der einem engliſchen Tiſch einen ganzen Monat lang zu lachen gäbe, wenn ein Irländer ihn gemacht hätte! als ob die Kartoffel nicht eben ſo gut wie die Melone eine Frucht wäre. Was zum Henker, da ſehe ich doch auch nicht ein Wort, wo von einem guten Trunk die Rede wäre: nichts als Eßwaaren!— Hör' Burſche, nimm Deine fünf Sinne zuſammen, und ich will wetten, wir bekommen auf eine oder die andere Art doch eine Mahlzeit zuſammen.“ „Würde es nicht auch gut ſeyn,“ fragte Seth,„den letzten Pakt in der Schrift für den Nothfall beizuſetzen?“ „Hört, wie der Burſche ſich verwahrt!“ rief M'Fuſe;„er hat das ausdrückliche Ehrenwort von zwei Kapitäns zu Fuß und will es noch gegen ihre gemeinſame Unterſchrift austauſchen! Die For⸗ derung iſt zu vernünftig, um ſie zu verweigern, Polly, und wir würden uns eines pekuniären Selbſtmordes ſchuldig machen, wenn wir ſie verwerfen wollten. So mache einen kleinen Artikel zum Schluß, der den Irrthum aufklärt, in welchen der Herr verfallen iſt.“ * Iriſcher Dialekt. A. d. II. Polwarth zögerte nicht, dieß zu vollführen und in wenigen Minuten war Alles zur völligen Zufriedenheit beider Partheien abgemacht. Die beiden Krieger wünſchten ſich Glück zu dem Gelingen eines Plans, der die Hauptübel einer Belagerung von ihrem eigenen Tiſche fern zu halten verſprach und Seth fand keine Schwierigkeit dabei, einer Uebereinkunft beizutreten, welche, wenn er ihre Rechtsbeſtändigkeit vor einem Gerichtshof auch bezweifeln mochte, ihm wenigſtens die Ausſicht auf einen hübſchen Proſit eröffnete. Der Gefangene wurde nun für frei erklärt und angewieſen, mit ſo wenig Geräuſch als möglich und unter dem Schutze des Paſſes, den er in Händen hatte, ſich aus der Stadt zu begeben. Seth überlas noch zum letzten Mal und mit größter Aufmerkſamkeit den Vertrag und entfernte ſich dann, mit dem vorläufigen Entſchluß, die Bedingungen einzuhalten, wobei er nicht wenig froh war, daß er von dem Grenadier loskam, deſſen halb komiſcher, halb ernſter Blick ihm mehr Angſt verurſachte, als jeder andere Umſtand, der je zuvor ſeine Schlauheit beſchäftigt hatte. Nach dem Verſchwinden des Gefangenen wandten ſich die zwei Würdigen wieder zu ihrem nächtlichen Banket, herzlich lachend über den glücklichen Erfolg ihrer denkwürdigen Erfindung. Lionel ließ Seth ohne ein Wort aus dem Zimmer gehen; als der Mann aber ſeine eigene Wohnung mit zögerndem und unge⸗ wiſſem Schritte verließ, folgte der junge Krieger, ohne merken zu laſſen, daß er Zeuge des Vorgefallenen geweſen, ihm auf die Straße, in der lobenswerthen Abſicht, ſein eigenes Wort noch für die Sicherung von Jenes' Haus und Habe zu verpfänden. Doch war es keine leichte Aufgabe, der Eile eines Mannes gleich zu kommen, der kaum erſt einer langer Haft entronnen war und nun geneigt ſchien, ſeinen Gliedern in froher, ungehemmter Bewegung volle Freiheit zu gewähren. Seth's Schnelligkeit dauerte unverändert fort, bis er Lincoln weit in die untern Stadttheile geführt hatte, wo Letzterer ihn mit einem Manne zuſammentreffen ſah, mit welchem gen ien dem von eine n er hte, iete. t ſo ſſes, Seth den hluß, daß enſter , der inden ihrem rfolg ; als unge⸗ en zu if die ch für ch war mmen, geneigt g volle rändert hatte, velchem 223 er plötzlich unter einen Bogen trat, der nach einem finſteren und engen Hofe führte. Lionel beſchleunigte ſeine eilenden Schritte und als er den Eingang erreichte, erhaſchte er gerade noch mit einem Blick die ſchmächtige Geſtalt Deſſen, den er verfolgte, wie ſie eben durch das entgegengeſetzte Hofthor ſchlüpfte, während er ſelbſt im nämlichen Augenblick mit dem Manne zuſammenſtieß, der Seth offenbar veranlaßt hatte, vom Wege abzuweichen. Indem Lionel ein wenig auf die Seite trat, ſiel das Licht einer Lampe voll auf die Geſtalt des Andern und er erkannte ihn ſogleich als den thätigen Leiter des Caucus(wie die politiſche Verſammlung genannt wurde, welcher er beigewohnt hatte), obgleich dieſer dermaßen entſtellt und vermummt war, daß, hätten nicht zufällig die Falten ſeines Mantels ſich geöffnet, der Unbekannte an ſeinem nächſten Freund hätte vorübergehen können, ohne erkannt zu werden. „Wir treffen uns wieder!“ rief Lionel, mit der Schnelligkeit der Ueberraſchung; obgleich es ſcheinen möchte, daß die Sonne nie auf unſere Zuſammenkünfte herabſcheinen ſoll.“ Der Fremde ſchrack zuſammen und verrieth deutlich den Wunſch, ſeinen Weg fortzuſetzen, indem er ſich ſtellte, als ob der Andere ſich in der Perſon geirrt habe; nach kurzem Zaudern jedoch, wie wenn er ſich plötzlich beſänne, drehte er ſich um und näherte ſich Lionel mit anmuthiger Würde: „Das dritte Mal ſoll einen beſonderen Reiz haben!“ ant⸗ wortete er.„Ich bin ſehr glücklich, Major Lincoln nach den Gefahren, denen er kürzlich begegnete, unverletzt zu finden.“ „Die Gefahren ſind wahrſcheinlich von Denen, die der Sache unſeres Herrn übel wollen, übertrieben worden,“ erwiederte Lionel kalt. Es lag ein ruhiges aber ſtolzes Lächeln in dem Geſicht des Fremden, während er antwortete:„Ich will nicht gegen die Behauptung eines Mannes ſtreiten, der an den Thaten jenes Tags ſo bedeutenden Antheil genommen.— Sie werden ſich noch erinnern, daß, wenn auch der Marſch nach Lexington, gleich unſern eigenen 224 zufälligen Zuſammenkünften, im Dunkeln geſchah, doch eine glän⸗ zende Sonne dem Rückzug leuchtete.“ „Man brauchte Nichts zu verbergen;“ entgegnete Lionel, über die ſtolze Ruhe des Andern piquirt—„der Mann freilich, mit dem ich ſpreche, muß ſich ſcheuen, am hellen Tag durch Boſton's Straßen zu wandeln.“ „Der Mann, mit dem Sie ſprechen, Major Lincoln,“ erwiederte der Fremde, indem er Lioneln einen Schritt näher trat,„hat einſt bei Tag und Nacht durch die Straßen von Boſton zu wandeln gewagt, als Ihres Königs Eiſenfreſſer in der Sicherheit des Friedens einherſtolzirten, und nun, da er eine Nation ſich erheben ſah, um ihre Anmaßungen niederzuſchlagen, ſoll er vielleicht davor zurückſchrecken, ſeinen vaterländiſchen Boden zu betreten?“ „Das iſt eine kühne Sprache für einen Feind mitten im brittiſchen Lager! Fragen Sie ſich ſelbſt, was meine Pflicht von mir fordert?“ „Das iſt eine Frage, die zwiſchen Major Lincoln und ſeinem eigenen Gewiſſen liegt,“ erwiederte der Fremde,„obgleich mir wohl bekannt iſt,“ fügte er nach einer augenblicklichen Pauſe und in mil⸗ derem Tone hinzu, gleichſam als ob er der Gefahr ſeiner Lage gedenke— „daß die Herren von ſeinem Namen und Geſchlecht ſich nie zu Angebern herbeigelaſſen haben, ſo lange ſie in dem Lande ihrer Geburt wohnten.“ „Und auch ihren Nachkommen wird dieſes fremd bleiben. Aber laßt das die letzte unſerer Zuſammenkünfte ſeyn, bis wir uns als Freunde begegnen können, oder ſo wie Feinde ſollten, um ſodann mit unſeren Degenſpitzen ſolche Sätze weiter zu beſprechen.“ „Amen,“ ſagte der Unbekannte und ergriff die Hand des jungen Mannes, welche er mit der Wärme edler Nacheiferung drückte—„dieſe Stunde mag nicht mehr ſehr ferne ſeyn und möge Gott der gerechten Sache lächeln.“ Ohne weiter ein Wort zu ſagen, zog er die Falten ſeines Mantels feſter um ſich und eilte ſo raſch davon, daß Lionel, ſelbſt 225 glän⸗ wenn es ſein Wille geweſen wäre, kein Mittel haͤtte finden können, ſein Weiterſchreiten zu hemmen. Da nun alle Hoffnung, Seth über noch einzuholen, verloren war, kehrte der junge Krieger langſam mit und gedankenvoll nach ſeiner Wohnung zurück. ſton's Die zwei oder drei folgenden Tage waren durch das deutliche Hervortreten mehr als gewöhnlicher Zurüſtungen unter den Truppen i ederte bemerkbar und es wurde bekannt, daß Offiziere von Rang das einſt Terrain auf der gegenüberliegenden Halbinſel ganau rekognoseirt ndeln hatten. Lionel wartete geduldig den Lauf der Ereigniſſe ab; als t des 1 aber die Wahrſcheinlichkeit, in den activen Dienſt einzutreten, ſich theben täglich mehrte, erwachte von Neuem der Wunſch in ihm, die Ver⸗ davor ſchwiegenheit des Bewohners vom Waarenhaus auf die Probe zu ſtellen und zu dieſem Behuf einen neuen Verſuch zu machen: ſo nahm er n im am Abend des vierten Tages ſeit obigem Zuſammentreffen mit dem t von Unbekannten in der erwähnten Abſicht ſeinen Weg nach dem Dock Square. Es war ſchon lange, ſeit der Zapfenſtreich die Stadt zu ſeinem jener tiefen Ruhe gebracht hatte, welche gewöhnlich dem Lärm wohl einer Garniſon folgt und er traf im Weitergehen Niemand als mil⸗ die Schildwachen, die auf ihrem kurzen Weg hin und herſchritten enke— oder gelegentlich einen Offizier, der zu dieſer ſpäten Stunde von gebern einem Gelag oder von ſeinem Dienſte zurückkehrte. Die Fenſter des ten.* Waarenhauſes waren dunkel und ſeine Bewohner, wenn es wirklich leiben. deren hatte, in tiefem Schlummer begraben. Ruhelos und auf⸗ 6 wir geregt verfolgte Lionel ſeine Wanderung durch die engen nnd en, um düſteren Gaſſen des Nordes, bis er ſich unerwartet an dem Ein⸗ echen.“ gang zu dem freien Raume fand, der von den Todten auf Copp's d des Hill eingenommen wird. Auf dieſer Anhöhe hatte der engliſche fferung General eine Batterie ſchweren Geſchützes auffahren laſſen und moge Lionel, um dem Anruf der Schildwache auszuweichen, wandte ſich etwas auf die eine Seite und ſtieg nach dem Gipfel des Huͤgels ſeines empor, wo er, auf einen Stein ſich niederlaſſend, über ſein eigenes „ſelbſt Schickſal und die L3 des Landes nachzuſinnen begann. Lionel Lineoln. 2. Aufl. Die Nacht war finſter, doch die leichten Dünſte, die über dem Platze zu hängen ſchienen, öffneten ſich zuweilen, wodurch das ſchwache Sternenlicht zu Zeiten hervorſchimmerte und die ſchwarzen Rumpfe der Kriegsſchiffe, die vor der Stadt vor Anker lagen, nebſt den ſchwachen Umriſſen der Ufer gegenüber in ungewiſſem Düſter ſichtbar machte. Stille der Mitternacht ruhte auf der Scene, und wenn der laute Ruf ‚Alles gute! von den Schiffen und Batterien emporſtieg, folgte dem Schrei ſo tiefe und unerſchütterte Ruhe, als ob das Weltall unter dieſer Andeutung von Sicherheit ſorglos ſchlummere.— In einem ſolchen Augenblick, wo ſelbſt das leichte Wehen der Nachtluft gehört wurde, drang das Geräuſch eines Plätſcherns im Waſſer, wie es entſteht, wenn ein Ruder mit äußerſter Vorſicht bewegt wird, zu dem Ohr des jungen Kriegers. Er lauſchte aufmerkſam und als er die Augen nach der Richtung wandte, wo die leiſen Toͤne herkamen, ſah er einen kleinen Kahn über die Oberfläche des Waſſers hingleiten und auf das ſandige Ufer am Fuß des Hügels mit ſo leichter, gleichförmiger Bewegung zutreiben, daß kaum eine Welle darob am Land ſich kräuſelte. Neugierig, wer wohl um dieſe Stunde und auf ſo geheimnißvolle Weiſe im Hafen umherſchiffen möchte, war Lionel eben im Begriff, ſich zu erheben und hinabzugehen, als er die dunkle Geſtalt eines Menſchen aus dem Boote an's Land gehen und den Hügel in gerader Linie gegen ſeine eigene Stellung heraufklimmern ſah. Den Athem an ſich haltend und in den tiefen Schatten zurückgedrückt, der von einem Punkte oberhalb des Hügels herabſiel, wartete Lionel, bis die Geſtalt ſich bis auf zehen Schritte genähert hatte, wo ſie ſtill hielt und wie es ſchien, gleich ihm bemüht war, jeden andern Ton, jedes Gefühl vor dem einen Endzwecke— dem der angeſtrengteſten Aufmerkſamkeit, zu unterdrücken. Der junge Krieger lockerte zuvor ſeinen Degen in der Scheide, ehe er begann: „Wir haben einen abgelegenen Ort und eine geheime Stunde gewaͤhlt, Sir, um unſern Betrachtungen nachzuhängen.“ dem das zen ebſt iſter und rien uhe, glos eichte eines mit gers. btung Kahn ndige :gung iſelte. ßvolle egriff, eines zel in Den drückt, vartete hatte, jeden em der Krieger Stunde 227 Hätte die Geſtalt die unerreichbare Natur eines körperloſen Weſens beſeſſen, ſie hätte dieſe gerade durch das Unerwartete ſo erſchütternde Anrede nicht mit größerer Apathie aufnehmen können, als der Mann, an den ſie gerichtet war. Er wandte ſich langſam gegen den Sprechenden, und ſchien ihn ernſt zu betrachten, ehe er mit leiſer, drohender Stimme antwortete: „Dort iſt ein Grenadier mit Muskete und Bajonet auf dem Hügel und geht zwiſchen den Kanonen auf und ab; wenn Der hier Leute ſprechen hört, wird er uns zu Gefangenen machen, ſelbſt wenn Major Lincoln darunter iſt.“ „Ha! Job,“ rief Lionel—„wie treffe ich Dich hier, herum⸗ ſtreifend wie ein Dieb in der Nacht?— zu welcher Unglückspoſt biſt Du heute Nacht wieder verwendet worden?“ „Wenn Job ein Dieb iſt, weil er kommt, um die Gräber auf Copp's zu beſuchen, ſo ſind's derer zwei.“ „Wohl geſprochen, Junge!“ ſagte Lionel lächelnd;„aber noch einmal, mit welchem Auftrag biſt Du zu dieſer ungewöhnlichen und verdächtigen Stunde zur Stadt zurückgekehrt?“ „Job liebt es, zu den Gräbern zu gehen, ehe der Hahn kräht; man ſagt, die Todten gehen um, wenn die Lebenden ſchlafen.“ „Und möchteſt Du denn Geumeinſchaft pflegen mit den Todten?“ „Es iſt ſündhaft, ihnen viele Fragen vorzulegen, und die Ihr an ſie richten wollt, müſſen in des Allheiligen Namen gethan werden,“ antwortete der Burſche in ſo feierlichem Ton, daß, an dieſem Ort und zu dieſer Stunde, Lionel's Blut dadurch zu erſtarren anfing— „aber Job iſt gern in ihrer Nähe, um ſich an die Dünſte zu gewöhnen, bis er einſt ſelbſt gerufen wird, um Mitternacht im Grabtuch umherzuwandeln.“ „Horch!“ ſagte Lionel—„was iſt das für ein Geräuſch?“ Job lauſchte einen Augenblick eben ſo angeſtrengt wie ſein Gefährte, ehe er antwortete: — „Ich hoͤre kein Geräuſch, als das Säuſeln des Winds in der Bai oder das Branden der See, welche an dem Strand der Eilande hinrauſcht.“ „Keines von beiden,“ ſagte Lionel;„ich vernahm das leiſe Sum⸗ men von hundert Stimmen, oder mein Gehör hat mich getäuſcht.“ „Mag ſeyn, die Geiſter reden zu einander;“ antwortete der Junge —„man ſagt, ihre Stimmen ſeyen gleich rauſchenden Winden.“ Lionel fuhr mit der Hand über die Stirne und verſuchte ſeine frühere Geiſtesſtimmung wieder zu gewinnen, welche durch das feier⸗ liche Weſen ſeines Gefährten ſonderbar verwirrt worden war; er entfernte ſich langſam von der Stelle, während der Schwachſinnige ihm ſchweigend auf der Ferſe folgte. Er hielt nicht eher, als bis er die inneren Winkel der Mauer, die das Feld der Todten ein⸗ ſchloß, erreicht hatte, wo er ſtille ſtand, und auf die Einfriedung ſich ſtützend, abermals aufmerkſam horchte. „Burſche, ich weiß nicht, wie Dein thörichtes Geſchwätz mein Gehirn verwirrt haben kann,“ ſagte er,„aber das iſt ſicher, daß ſonderbare überirdiſche Töne heute Nacht an dieſem Ort ſich hören laſſen. Beim Himmel! da iſt wieder ein Gemurmel, als ob die Luft über dem Waſſer mit lebenden Weſen erfüllt wäre; und hörſt Du, ſchon wieder— mich dünkt, ich vernehme ein Geräuſch, als ob ſchwere Laſten auf den Boden niederſfielen!“ „Ei,“ ſagte Job,„das ſind die Schollen auf den Särgen; die Todten kehren wieder in ihre Gräber zurück, und es iſt Zeit, daß wir vor ihnen den Grund räumen.“ Lionel zögerte nicht länger, ſondern lief mehr als er ging, indem er ſich von dem Orte mit einem geheimen Schauder entfernte, den er zu jeder andern Zeit einzugeſtehen ſich geſchämt haben würde; auch bemerkte er nicht eher, daß Job ihn begleitete, als bis er Linnſtreet eine Strecke hinabgegangen war. Hier redete ihn ſein Gefährte in ſeinem gewöhnlichen, ruhigen und ausdrucks⸗ loſen Tone an: ine er⸗ er ige bis ein⸗ ung ꝛein daß zren die und iſch, gen; Zeit, ging, ente, aben als edete ucks⸗ 229 „Das iſt das Haus, welches der Gouverneur baute, der einſt um Geld in See ging!“ ſagte er;—„er war früher ein armer Knabe, wie Job, und nun ſoll ſein Enkel ein großer Lord ſeyn, und der König ſchlug auch den Großvater zum Ritter. Es iſt faſt das Nämliche, ob einer ſein Geld aus der See oder aus dem Land gewinnt; der König macht ihn dafür zum Lord.“ „Du achteſt die königliche Gunſt ſehr gering, Burſche,“ erwie⸗ derte Lionel, indem er im Vorbeigehen einen kurzen Blick auf „Phipp's Haus' warf—„Du vergißt, daß ich einſt einer von Deinen verachteten Rittern ſeyn werde!“ „Ich weiß es,“ ſagte Job;„und auch Ihr kommt von Amerika— mir ſcheint, alle armen Jungen gehen von Amerika aus zum König, um große Lords zu werden, und alle Söhne der großen Lords kommen nach Amerika, um ſich zu armen Jungen machen zu laſſen;— Nab ſagt, Job ſey auch der Sohn eines großen Lords!“ „Dann iſt Nab eben ſo thöricht wie ihr Kind,“ ſagte Lionel; aber Knabe, ich möchte Deine Mutter heute Morgen ſehen, und ich erwarte von Dir Nachricht, zu welcher Stunde ich ſie beſuchen kann.“ Job antwortete nicht und Lionel bemerkte, als er den Kopf umwandte, daß der Junge ihn plötzlich verlaſſen hatte und bereits wieder zu ſeinem Lieblingsplatze unter den Gräbern zurückgeſchlichen war. Beunruhigt über die wilden Launen des Blödſinnigen, eilte Lionel in ſeine Wohnung und warf ſich zu Bett; doch hörte er noch oft und immer wieder den lauten Ruf ‚Alles gutt, ehe die ſonderbaren Phantaſien, die fortwährend ſeinen Geiſt beſchäftigten, ihn zu der Ruhe, die er ſuchte, gelangen ließen. 230 Fünfzehntes Kapitel. Kein Zweifel, wir ſind feinere Leute, als dieſe einfachen Pächter, mit denen wir nun zuſammentreffen werden. Unſere Hüte haben eine breitere Krämpe, der Degen hängt uns zierlicher zur Seite und wir machen eine beſſere Figur in einem Ballſaal; aber vergeſſen wir nicht, daß auch der vollendetſte Maecaroni* unter uns in Peking für einen tölpiſchen Bauern gelten würde. Brief eines alten Offiziers. Der tiefe Schlaf des Morgens war auf ſeine Sinne herab⸗ gefallen, als Geſichte aus der Vergangenheit und Zukunft ſich in die Traͤume des jungen Kriegers miſchten. Die Geſtalt ſeines Vaters ſtand vor ihm, wie er ſie in ſeiner Kindheit geſehen hatte, ſchön in Verhältniſſen und in der Blüthe männlicher Kraft; ſie ſchaute auf ihn mit jenem Blicke gütigen aber melancholiſchen Wohlwollens, welcher ſtets ihren Ausdruck beſeelt hatte, ſeit Lionel des Wittwers einzige Freude geworden war. Indem ſein Herz bei dieſem An⸗ blicke höher zu ſchlagen anfing, ſchwand die Geſtalt hinweg und ihr folgten phantaſtiſche Gebilde, welche unter den Gräbern auf Copp's umherzutanzen ſchienen: an ihrer Spitze erſchien Job Pray, der unter wilden Sprüngen, die etwas von den geiſterhaften Schrecken des Todes an ſich hatten, gleich einem Weſen aus einer andern Welt, zwiſchen den Graͤbern dahinglitt. Ein lauter plötz⸗ licher Donnerſchlag fuhr dazwiſchen und die Schatten flohen wieder in ihre ſtillen Wohnungen, aus welchen er ſie noch manchmal mit ihren eiſig ſtarren Blicken, ihren geſpenſtigen Geſichtern nach ihm herüberlauern ſah, gerade wie wenn ſie ihre Macht kennten, das Blut des Lebenden erſtarren zu machen. Seine Geſichte wurden jetzt peinlich deutlich und ſein Schlaf ward von ihrer Lebhaftigkeit „ So nennen die Engländer ſpottweiſe einen Stutzert. A. d. U. — ͤ——————,—,.,—, o 75z2 ſchen iſere uns ir in der einen erab⸗ n die ſtand in in 2e auf llens, twers An⸗ g und n auf Pray, haften einer plotz⸗ wieder al mit ch ihm n, das wurden ftigkeit 231 übermannt, als ſeine Sinne endlich dieſe unnatürlichen Bande ſprengten und er erwachte. Die Morgenluft wehte durch ſeine offenen Vorhänge und das Licht des Tags hatte ſich ſchon über die dämmernden Dächer der Stadt ergoſſen. Lionel erhob ſich aus dem Bett und durchſchritt mehreremal das Zimmer in ver⸗ geblicher Anſtrengung, die Bilder, die ſeinen Schlaf heimgeſucht hatten, von ſich abzuſchütteln, bis die Töne, welche die Luft zu ihm herübertrug, zu deutlich wurden, um noch länger von einem geübten Ohr mißverſtanden zu werden. „Ha,“ murmelte er vor ſich hin;„ich habe doch nur zur Hälfte geträumt; das ſind nicht Töne eines eingebildeten Sturmes, ſondern Kanonen; ſie ſprechen deutlich genug für einen Krieger!“ Er öffnete das Fenſter und ſchaute auf die Scene hinab. Der Donner des Geſchützes ertönte raſch und ſchwer, und Lionel warf die Augen umher, um die Urſache dieſes ungewöhnlichen Vorfalls zu entdecken. Gage hatte bis jetzt die Politik befolgt, die Ankunft ſeiner Verſtärkungen abzuwarten, ehe er einen Schlag auszuführen ſich entſchloß, der, wie er beabſichtigte, entſcheidend werden ſollte; die Amerikaner, das wußte man wohl, waren zu kärglich mit Kriegsmunition verſehen, um auch nur Eine Ladung Pulver in einem von den eitlen Angriffen neuerer Belagerungsweiſe nutzlos zu vergeuden. Die Kenntniß dieſer Thatſachen mußte die Neugierde noch um Vieles vermehren, womit Major Lincoln in das Geheimniß einer ſo eigenthümlichen Störung einzudringen verſuchte. Fenſter nach Fenſter in den anliegenden Gebäuden zeigte bald, wie ſein eigenes, verwunderte und beſtürzte Zuſchauer. Hier und dort ſah man einen halbgekleideten Soldaten oder einen geſchäftigen Städter mit einer Haſt über die ſtillen Straßen hineilen, welche die Heftig⸗ keit ihrer Neugierde beurkundete. Hin und wieder erblickte man Frauen, welche wild aus ihren Wohnungen hervorſtürzten, und als die Töne in freier Luft mit zehnfacher Gewalt ihr Ohr trafen, ſich erſchreckt wieder in ihre Häuſer zurückzogen. Lionel rief drei 232 oder vier der Vorübereilenden an; aber Dieſe, die Augen wild nach ſeinem Fenſten emporwerfend, rannten weiter ohne Antwort zu geben, als ob die Noth zu dringend wäre und kein Sprechen weiter erlaubte. Da er ſolchergeſtalt ſein wiederholtes Fragen fruchtlos fand, kleidete er ſich haſtig an und ging auf die Straße hinab. Indem er aus der Hausthüre trat, lief ein halbbekleideter Artilleriſt eilends an ihm vorüber, der mit der einen Hand ſeine Kleidung ordnete, während er in der andern einiges von den beſonderen Werkzeugen des Corps trug, in dem er diente. „Was bedeutet das Feuern, Sergeant,“ fragte Lionel,„und wohin eilt Ihr in dieſer Verwirrung?“ „Die Rebellen, Euer Gnaden, die Rebellen!“ rief der Soldat, rückwärts gewendet, doch ohne ſeine Eile zu unterbrechen,„und ich gehe zu meinen Kanonen!“ „Die Rebellen!“ wiederholte Lionel;„was können wir von einem Haufen von Landleuten in einer ſolchen Stellung zu fürchten haben?—— der Burſche hat heimlich ſeinen Poſten verlaſſen und Beſorgniß für ſich ſelbſt miſcht ſich mit dieſem Eifer für ſeinen König!“ Das Stadtvolk ſtürmte jetzt in Schaaren aus ſeinen Woh⸗ nungen und Lionel, ihrem Beiſpiel folgend, nahm ſeinen Weg nach der nahegelegenen Höhe von Beacon Hill. Er eilte mit noch zwanzig Anderen den ſteilen Weg zur Plattform aufwärts, ohne eine Sylbe mit Leuten zu wechſeln, die eben ſo wie er ſelbſt über dieſe frühzeitige Unterbrechung ihres Morgenſchlummers erſtaunt ſchienen. In wenigen Minuten ſtand er auf der kleinen graſigen Ebene, umringt von Hunderten neugieriger Zuſchauer. Die Sonne hatte eben den dünnen Nebelſchleier über den Gewäſſern weggezogen und ließ das Auge unter der aufſteigenden Dunſtſchichte über ein weites Feld hinſchweifen. Mehrere Schiffe lagen in den Kanälen Charles und Myſtick vor Anker, um die nordlichen Zugänge der Stadt zu decken, und als Lionel eine weiße Rauchſäule um die vild vort chen gen aße eter eine den und dat, ich von hten iſſen für Boh⸗ nach noch ohne über aunt igen onne ogen ein älen der die 233 Maſten einer Fregatte ſich winden ſah, war er nicht länger im Zweifel darüber, woher das Feuern kommen könne. Noch ſah er ſtaunend hin und konnte ſich die Gründe nicht erklären, welche eine ſolche kriegeriſche Schauſtellung nöthig machen mochten; da brachen ungeheure Rauchſchichten aus der Seite eines Linienſchiffs hervor, das ebenfalls ſeine tiefmäuligen Kanonen öffnete, und dieſem Bei⸗ ſpiel folgten augenblicklich einige fliegende Batterien nebſt den kleineren Fahrzeugen, bis das weite Amphitheater von Hügeln rings um Boſton von dem Echo von hundert Feuerſchlünden wiederhallte. „Was ſoll das Alles bedeuten, Sir,“ rief ein junger Offizier von Lionel's Regiment, indem er ſich an dieſen wandte—„den Seeleuten iſt es wahrhaftig ernſt, ſie laden ihre Kanonen mit Kugeln, wie ich an dem Sauſen ihrer Schüſſe vernehme!“ „Ich kann mich keines beſſern Standpunktes rühmen, als der Ihrige iſt,“ erwiederte Lionel;„und vermag bis jetzt auch nirgends einen Feind zu entdecken. Da die Geſchütze nach der gegenüber⸗ liegenden Halbinſel gerichtet ſcheinen, ſo glaube ich faſt, ein Streif⸗ corps der Amerikaner verſucht, das Gras, das friſch gemäht dort drüben auf den Wieſen liegt, zu verwüſten.“ Der junge Offizier war in Begriff, dieſer Meinung beizu⸗ pflichten, als ſie eine Stimme über ihren Köpfen rufen hörten: „Da feuert eine Kanone von Copp's! Sie ſollen nicht denken, fie können das Volk mit ihrem hölliſchen Lärmen erſchrecken; laßt ſie nur drauf los donnern, bis die Todten aus ihren Gräbern her⸗ vorkommen— die Baileute werden doch den Hügel behaupten!“ Jedes Auge richtete ſich augenblicklich aufwärts und mit Ver⸗ wunderung und Ergötzen entdeckten die Zuſchauer Job Pray, der in dem Roſte des Leuchtthurms ſaß; ſeine ſonſt ſo ausdrucksloſe Miene glänzte vor Freude, während er unabläſſig ſeinen Hut hoch in den Lüften ſchwang, als Kanone auf Kanone ſich vernehmen ließ und den erſchütternden Lärm des Geſchützes vermehrte. 234 „Nun, Burſche!“ rief Lionel;„was ſiehſt Du? und wo ſind die Baileute, von welchen Du ſprichſt?“ „Wo?“ erwiederte der Narr und ſchlug die Hände in kindiſchem Entzücken zuſammen;„nun da, wo ſte einzogen in finſterer Mitter⸗ nacht und wo ſie nun ſtehen werden am hellen vollen Mittag. Die Baileute können zuletzt noch in die Fenſter von Alt⸗Funnel hinab⸗ ſchauen, und jetzt laßt die Regulären herankommen— man wird den gottloſen Moͤrdern das Geſetz lehren!“ Etwas gereizt über die Sprache Job's, rief ihm Lionel in ärgerlichem Tone zu: „Komm herab von dieſem Käfig, Burſche, und erkläre Dich deutlicher, oder der Grenadier dort wird dich von Deinem Sitz herunterholen und Dich an den Pfahl da ſtellen, um Dir ein wenig von der heilſamen Zurechtweiſung angedeihen zu laſſen, die Du ſo nöthig haſt.“ „Ihr verſpracht, daß die Grenadiere Job nicht wieder peitſchen ſollten,“ antwortete der Blödſinnige, indem er in dem Roſte niederkauerte und mit trübem, ängſtlichem Blick auf ſeinen angedrohten Züchtiger herabſchielte;„und Job gelobte Euch dafuͤr Gänge zu thun und nicht Eine von des Königs Kronen zum Lohne zu nehmen.“ „So komm herab, im Augenblick, und ich will unſeres Kontrak⸗ tes gedenken.“ Durch dieſe Verſicherung, die in einem freundlicheren Tone gegeben worden, beruhigt, ſprang Job ſorglos von ſeinem eiſernen Sitze herab, und indem er ſich an dem Pfeiler feſtklammerte, glitt er raſch auf den Boden, wo Major Lincoln ihn augenblicklich beim Arm faßte.„Wo ſind die Baileute? ich frage Dich noch einmal.“ „Dort!“ antwortete Job und wies über die niederen Dächer der Stadt hinweg nach der Richtung der Halbinſel gegenüber. „Sie graben ihren Keller auf Breeds, und befeſtigen jetzt gerade ihre Unterpfeiler, und dann ſollt Ihr ſehen, zu welchem Aufbau ſie das Volk einladen werden.“ 1 find iſchem ditter⸗ Die hinab⸗ d den nel in e Dich Sitz Dir ein en, die eitſchen kauerte üchtiger un und 1 döntrak⸗ en Tone eiſernen te, glitt ich beim einmal.“ Dächer genüber. gt gerade Aufbau 235 In dem Augenblick als der Ort genannt wurde, waren Aller Augen, die bis jetzt auf die Schiffe ſelbſt geſchaut hatten, anſtatt den Gegenſtand ihrer Feindſeligkeit zu ſuchen— alsbald nach der grünen Anhöhe emporgerichtet, welche ein wenig zur Rechten von dem Dorfe Charlestown ſich erhob und jeder Zweifel ſchwand ſo⸗ fort bei dieſer Entdeckung. Der hohe, kegelförmige Gipfel von Bunker⸗Hill lag nackt und unbeſetzt, wie am vorhergehenden Tag; aber am Ende eines etwas niedrigeren Kammes, der ſich eine kleine Strecke in die See ausdehnte, war eine kleine Erdbank aufgeworfen worden, deren Zweck kein militäriſches Auge verkennen konnte. Dieſe Redoute, ſchmal und kunſtlos, wie ſie war, beherrſchte durch ihre Lage den ganzen inneren Hafen von Boſton und bedrohte ſogar einigermaßen die Beſatzung der Stadt ſelbſt. Die plötzliche Erſcheinung dieſes zauberähnlichen Werkes war es, was die ſchlum⸗ mernden Seeleute in Allarm gebracht hatte, nachdem die Nebel des Morgens zerſtreut waren, worauf die Schanze alsbald die Ziel⸗ ſcheibe für das ſammtliche Geſchütz der ganzen Flotte in der Bai wurde. Erſtaunen über die Dreiſtigkeit ihrer Landsleute machte die Städter verſtummen, während Major Lincoln und die wenigen Offiziere, die neben ihm ſtanden, mit einem Blicke erkannten, daß dieſer Schritt von Seite ihrer Gegner in dem Gang der Belagerung eine Kriſis herbeiführen müſſe. Umſonſt wandten ſie ihre verwun⸗ derten Blicke nach der nahe liegenden Höhe und ringsum nach den verſchiedenen Punkten der Halbinſel; vergeblich ſuchten ſie jene ſchirmenden Punkte, womit man gern im Kriege ſolche Vertheidi⸗ gungswerke zu decken pflegte. Die Landleute gegenüber hatten mit feiner Berechnung gerade den Punkt beſetzt, wo ſie ihrem Feind am empfindlichſten ſchaden konnten; ohne Rückſicht auf die entſtehenden Folgen hatten ſie in wenig kurzen Stunden, eingehüllt in den Mantel der Nacht, ihr Werk mit einer Geſchicklichkeit aufgeworfen, die einzig nur von ihrer Kühnheit übertroffen wurde. Schon bei dem erſten Blicke mußte ſich dieſe Wahrheit dem Beſchauer aufdrängen, und Major Lincoln fühlte ſeine Wangen erglühen, als er ſich des dumpfen, undeutlichen Gemurmels erinnerte, das die Nacht⸗ luft zu ſeinen Ohren geweht, und jene unerklärlichen Geſichte ſich zurückrief, welche ihn ſogar die ganze Nacht verfolgt hatten, bis es der Wahrheit und dem Lichte des Tages gelungen war, ſie zu zerſtreuen. Er winkte Job, ihm zu folgen und verließ in raſchem Schritte den Hügel; als ſie den Gemeindegrund erreicht hatten, wandte er ſich mit den Worten an ſeinen Gefährten: „Burſche, Du warſt in dieſes Werk der Mitternacht ein⸗ geweiht!“ „Job hat genug zu thun bei Tag und braucht nicht bei Nacht zu arbeiten, wo nur die Todten ihre Ruheplätze verlaſſen,“ er⸗ wiederte der Junge und es lag dabei in ſeinem Blick eine ſolche Geiſtesſtumpfheit, daß der Andere ſogleich ſeinen Unwillen ent⸗ waffnet fühlte. Lionel lächelte, indem er abermals ſeiner eigenen Schwäche gedachte und ſagte vor ſich hin: „Die Todten! ha, das ſind die Werke von Lebenden, und kühne Männer ſind es, die es gewagt haben, eine ſolche That auszu⸗ führen. Aber ſage mir, Joh— denn umſonſt würdeſt Du ver⸗ ſuchen, mich länger zu hintergehen— in welcher Anzahl verließeſt Du die Amerikaner dort auf dem Hügel, als Du in vergangener Nacht über den Charleskanal ſetzteſt, um die Gräber auf Copp's zu beſuchen?“ „Beide Hügel waren bedeckt,“ antwortete der Andere— „Breeds mit dem Volk und Copp's mit den Geſpenſtern— Job glaubt, die Todten waren aufgeſtanden, um ihre Kinder ſo nahe bei ſich graben zu ſehen.“ „Wahrſcheinlich;“ ſagte Lionel, welcher für's Beſte hielt, den wilden Ideen des Knaben beizupflichten, um ſeine Liſt zu entwaffnen— „aber ſind auch die Todten unſichtbar, ſo können doch die Lebenden gezählt werden.“ Hach dant acht And Auff Arbe Wer ein 5 wenn verla nein, und Schie Gnad Trup. der F da. L Volk was fahren fie in 237 als er„Job zählte fünfhundert Mann, die bei Sternenlicht mit Nacht⸗ Hacken und Schaufeln dem Bunker über die Naſe hinzogen, und te ſich dann hielt er inne, denn er wußte nicht mehr, ob ſieben⸗ oder „ bis achthundert zunächſt käme.“ ſie zu„Und nachdem Du aufhörteſt zu zählen, folgten da noch ſchem Andere nach?“ hatten,„Die Baikolonie iſt nicht ſo arm an Leuten, daß ſie bei einem Aufſtand nicht ihrer tauſend muſtern könnten.“ t ein⸗„Aber ihr hattet doch einen Meiſter als Aufſeher bei eurer 6 Arbeit; war's etwa der Wolfsjäger von Connecticut?“ Nacht„Dazu braucht man nicht aus der Provinz zu gehen, um einen „ er⸗ Werkmeiſter zu finden, der einen Keller aushebt! Dickey Gridly iſt ſolche ein Boſtonerkind.“ n ent⸗„So! Der iſt der Führer! dann haben wir nichts zu fürchten, wenn der Jägersmann aus Connecticut nicht an ihrer Spitze ſteht.“ zwäche„Meint Ihr, der alte Prescott von Peperell wird den Hügel verlaſſen, ſo lange er noch ein Körnchen Pulver zu verſchießen hat?— kühne nein, nein, Major Lincoln, Ralph ſelbſt iſt kein beſſerer Krieger auszu⸗ und Ihr könnt Ralph nicht erſchrecken!“ u ver⸗„Wenn ſie aber ihre Kanonen oft abfeuern, wird ihr geringer rließeſt Schießvorrath bald aufgebracht ſeyn und dann müſſen ſie ohne ngener Gnade Reißaus nehmen.“ Copp's Job lachte höhniſch und mit dem Anſchein tiefer Verachtung: „Ja, wenn die Baileute ſo dumm wären wie des Königs ere— Truppen und ſolche dicke Kanonen gebrauchten! aber das Geſchütz — Job der Kolonie bedarf nur geringe Ladung und es iſt auch nur wenig o nahe da. Laßt die hoͤlliſchen Lärmer nur nach Breeds hinaufgehen; das Volk wird ſie das Geſetz lehren!“ elt, den Lionel hatte nun von dem Blödſinnigen Alles herausgebracht, fnen— was er über die Lage und Stärke der Amerikaner von ihm zu er⸗ benden fahren hoffen konnte und da die Augenblicke zu koſtbar waren, um fie in nutzloſem Geſpräch zu vergeuden, befahl er dem Jungen, 238 auf die Nacht in ſeinem Quartier zu erſcheinen und verließ ihn. In ſeinem eigenen Hauſe angekommen, ſchloß ſich Major Lincoln in ſein Studierzimmer ein und verbrachte mehre Stunden mit Schreiben oder Prüfen von wichtigen Papieren. Ein Brief be⸗ ſonders wurde geſchrieben, geleſen, zerriſſen, wieder geſchrieben und ſo fünf und ſechs Mal, bis er ihn endlich ſiegelte und das wichtige Papier mit einer Art Sorgloſigkeit adreſſirte, welche anzeigte, daß ſeine Geduld durch die verſchiedenen Proben erſchöpft worden war. Dieſe Dokumente wurden Meriton mit der Weiſung übergeben, ſie an ihre verſchiedenen Adreſſen abzuliefern, wofern er nicht vor dem nächſten Tag Gegenbefehl erhielte, worauf der junge Mann haſtig ein ſpätes und leichtes Frühſtück zu ſich nahm. Während er noch in ſeinem Kabinet eingeſchloſſen war, hatte Lionel mehrere Male die Feder bei Seite geworfen, um zu lauſchen, denn der Lärm in der Stadt drang bis zu ſeiner Einſamkeit und verrieth die Auf⸗ regung und Kampfluſt, die in den Straßen der Stadt herrſchte. Nachdem er zuletzt die Aufgabe, die er ſich geſtellt, vollendet hatte, nahm er ſeinen Hut und ſchlug mit haſtigen Schritten den Weg nach der Mitte des Platzes ein. Kanonen raſſelten über das Pflaſter, Munitionswagen hinten drein, und Offiziere und Bedienungsmannſchaft folgten in eiligem Schritt dicht hinter ihren Geſchützen. Adjutanten, mit wichtigen Befehlen beauftragt, ſprengten wüthend durch die Straßen; dann und wann ſah man auch einen Ofſizier, der ſein Quartier mit einer Haltung verließ, in welcher männlicher Stolz mächtig gegen innerliche Trauer ankämpfte, während er noch den letzten angſt⸗ vollen Blick auffing, der ſeiner entſchwindenden Geſtalt von treuen Augen nachgeſendet wurde, die bis jetzt mit Vertrauen und Liebe den ſeinigen zu begegnen gewohnt geweſen waren. Doch blieb bei dem allgemeinen Getöſe und dem Glanz der Scene nur wenige Zeit übrig, um bei ſolchen vorübergehenden Zeichen von Familien⸗ weh zu verweilen. Zu Zeiten drangen Töne kriegeriſcher Muſik z ihn. incoln n mit ef be⸗ n und ichtige 2, daß war. en, ſie ſr dem haſtig r noch Male irm in e Auf⸗ rrſchte. hatte, n Weg hinten eiligem ichtigen ; dann lier mit z gegen mangſt⸗ treuen d Liebe h blieb wenige amilien⸗ r Muſik 239 durch die Windungen der krummen Straßen oder Truppenabtheilun⸗ gen zogen vorüber und verfolgten ihren Weg nach dem Einſchiffungs⸗ platz. Als Lionel gerade an der Ecke einer Straße einen Augenblick ſtill hielt, um die feſte Haltung eines vorüberziehenden Grenadier⸗ corps zu bewundern, fiel ſein Auge auf die mächtige Geſtalt und die ſtrengen Züge M'Fuſe's, der an der Spitze ſeiner Kompagnie mit jenem Ernſt einhermarſchirte, welcher die Genauigkeit des Schritts unter die wichtigen Vorfälle des Lebens zählte. Nicht weit von ihm entfernt war Job Pray, der ſeine Schritte nach dem Takt des militäriſchen Marſches abmaß und das glänzende Schau⸗ ſpiel mit ſtumpfer Verwunderung betrachtete, während ſein Ohr, ihm ſelbſt unbewußt, die begeiſternden Töne der Muſik begierig verſchlang. Dieſem ſchönen Corps folgte unmittelbar ein Bataillon, an welchem Lionel alsbald die Aufſchläge ſeines eigenen Regiments erkannte. Der warmherzige Polwarth führte ihre vorderen Reihen und mit der Hand winkend rief er: „Gott grüß Dich, Leo, Gott grüße Dich!— endlich einmal kommen wir zum ſchönen, geſchloſſenen Kampf und all das Treib⸗ jagen hat jetzt ein Ende.“ Die Klänge der Hörner übertöuten ſeine Stimme und Lionel konnte blos noch ſeinen herzlichen Gruß erwiedern, worauf er als⸗ bald, durch den Anblick ſeiner Kameraden an ſeinen Vorſatz erinnert, ſich umwandte und ſeinen Weg zu der Wohnung des kommandirenden Generals verfolgte. Das Thor des Provinzhauſes war mit Kriegsleuten vollge⸗ pfropft, einige warteten auf Vorlaß, andere gingen ein und aus, Alle trugen die Miene von Leuten, welche Aufträge von Bedeutung zu vollziehen haben. Der Name Major Lincoln's war kaum ange⸗ kündigt, als ein Adjutant erſchien und ihn mit einer Hoͤflichkeit und Eile vor den Statthalter führte, welche einige Herrn, die ſchon ſeit Stunden gewartet hatten, einigermaßen für ungerecht hielten. Lionel jedoch, der ſich wenig aus einem Gemurmel, das er nicht 240 hörte, machen konnte, folgte ſeinem Führer und wurde in ein Ge⸗ mach geleitet, wo ein Kriegsrath ſo eben ſeine Berathungen ge⸗ endigt hatte. Auf der Thürſchwelle mußte er einem Offizier Platz machen, der ſich in Eile beurlaubte und deſſen mächtige Geſtalt in tiefen Gedanken etwas niedergebeugt erſchien, als er das dunkle, kriegeriſche Antlitz einen Augenblick erhob, um für die tiefe Ver⸗ beugung des jungen Kriegers ſeinen Dank zu erwiedern. Um dieſen Führer ſammelte ſich ſogleich eine Gruppe junger Männer und als ſie alle miteinander ſich entfernten, konnte Lionel aus ihren Reden ſo viel zuſammenreimen, daß ſie ihren Weg nach dem Schlachtfelde nahmen. Das Zimmer war mit Offizieren von Rang angefüllt; hie und da ſah man daneben einen Mann in Bürgerkleidung, deſſen düſtere, verlegene Blicke ihn als einen jener Mandamus⸗Rathgeber ankündigten, deren üble Anweiſung das Uebel beſchleunigt hatte, welches ihre Weisheit nun nimmer wieder gut zu machen vermochte. Aus einem kleinen Kreiſe dieſer hartgetaͤuſchten Bürgerlichen trat Gage's anſpruchsloſe Geſtalt Lioneln entgegen und bildete durch die Einfachheit ſeines Anzugs einen auffallenden Kontraſt zu dem kriegeriſchen Glanze, der um ihn her ſchimmerte. „Womit kann ich Major Lincoln dienen?“ fing er an und reichte dem jungen Mann mit Herzlichkeit die Hand, erfreut, wie es ſchien, von ſeinen läſtigen Rathgebern befreit zu ſeyn, die er mit ſo wenig Umſtänden verlaſſen hatte. „Wolf's Eigne’ marſchirten ſo eben an mir vorüber nach den Booten und ich habe mir die Freiheit genommen, mich zu Euer Excellenz mit der Frage zu drängen, ob es jetzt nicht Zeit wäre, daß ihr Major ſeinen Dienſt wieder bei ihnen anträte?“ Ein Schatten des Nachdenkens lagerte ſich für einen Augen⸗ blick auf den ruhigen Zügen des Generals, worauf er mit freund⸗ lichem Lächeln antwortete: „Es wird nichts weiter als ein Vorpoſtengefecht geben und muß in Kurzem abgethan ſeyn. Wollte ich aber jedem braven Ge⸗ n ge⸗ Platz alt in unkle, Ver⸗ dieſen d als Reden tfelde füllt; deſſen geber hatte, ochte. trat durch dem eichte ſchien, wenig nach Euer wäre, ugen⸗ eund⸗ und raven 241 Manne, der ſich heute von Muth angefeuert fühlt, ſeine Forderung gewähren, ſo möchte dieß leicht dem Dienſte Seiner Majeſtät das Leben manches Offtziers koſten, das dann durch ein ſolches Stückchen Boden zu theuer erkauft wäre.“ „Darf ich mir aber wohl erlauben, zu bemerken, daß die Familie der Lincoln aus der Provinz ſtammt und daß ihr Beiſpiel bei einer ſolchen Gelegenheit nicht verloren gehen ſollte?“ „Die Loyalität der Kolonien iſt hier zu gut repräſentirt, als daß es noch eines weiteren Opfers bedürfte,“ ſagte Gage und warf dabei einen ſorgloſen Blick auf die Gruppe hinter ihm.—„Mein Kriegsrath hat über die zu verwendenden Offiziere bereits verfügt und ich bedaure, daß Major Lincoln's Name dabei ausgelaſſen wurde, da ich jetzt ſehe, daß ihm dieß peinlich fällt; aber ein koſt⸗ bares Leben darf nicht leichtſinnig und ohne Noth ausgeſetzt werden.“ Lincoln verbeugte ſich und nachdem er noch die wenigen Nach⸗ richten, die er von Job Pray geſammelt, mitgetheilt hatte, wandte er ſich ab und fand ſich neben einem andern Offizier von hohem Rang, der lächelnd den Ausdruck getäuſchter Erwartung in ſeinen Zügen beobachtete, und ſeinen Arm ergreifend, ihn mit einer Un⸗ gezwungenheit aus dem Zimmer führte, welche ſeiner zierlichen Geſtalt vollkommen anſtand. „So ſollen auch Sie, Lincoln, wie ich ſelbſt, am heutigen Tage nicht für den König fechten,“ fing er an, als ſie das Vor⸗ zimmer erreichten.„Howe hat das Glück der heutigen Affaire, wenn überhaupt Glück bei einer ſo gewöhnlichen Gelegenheit ſeyn kann. Doch allons; begleiten Sie mich als Zuſchauer nach Copps, da man uns unſern Antheil an dem Drama ſelbſt verweigert; vielleicht können wir dabei Stoff, wenn auch nicht für ein Epos, ſo doch vielleicht zu einer Pasquinade ſammeln.“ „Entſchuldigen Sie, General Bourgoyne,“ ſagte Lionel, „wenn ich die Sache mit ernſteren Augen als Sie betrachte.“ „Ach! ich hatte vergeſſen, daß Sie Percy's Gefährte auf Lionel Lincoln. 2. Aufl. 16 ſeiner Jagd nach Lexington waren!“ unterbrach ihn der Andere; „ſo wollen wir's denn eine Tragödie nennen, wenn das Ihrem Humor beſſer zuſagt. Was mich betrifft, Lincoln, ich habe dieſe krummen Straßen und düſteren Häuſer herzlich ſatt, und da ich einigen Geſchmack für die Poeſie der Natur in mir fühle, ſo hätte ich längſt den verlaſſenen Feldern dieſer Landleute einen Beſuch abgeſtattet, wenn ich eben ſo ſehr die Macht wie den Willen dazu gehabt hätte. Aber hier kommt Clinton auf uns zu; auch er geht nach Copp'’s, wo wir Alle eine Lection in der Kunſt, Krieg zu führen, nehmen können, wenn wir die Art ſtudiren, wie Howe ſeine Bataillone ſchwenkt.“ Ein Krieger von mittlerem Alter trat jetzt zu ihnen; ſeine kräftige Figur, wenn ihr auch die Grazie und Leichtigkeit des Gentleman abging, der Lincoln noch am Arm führte— hatte dafür einen ächt martialiſchen Charakter, der dem Blick des ruhigen und bürgerlichen Gage gänzlich fremd war. Gefolgt von ihren ver⸗ ſchiedenen Begleitern, verließ die ganze Geſellſchaft augenblicklich das Gouvernementsgebäude, um auf der ſchon öfter erwähnten Anhöhe ihren Standpunkt einzunehmen. Als ſie auf die Straße kamen, verließ Bourgoyne den Arm ſeines Gefährten und ging mit geziemender Würde an der Seite ſeines Mitgenerals. Lionel benützte freudig dieſe Aenderung, um ſich ein wenig von der Gruppe zurückzuziehen; er folgte ihren Schritten in ſolcher Entfernung, daß es ihm dadurch möglich wurde, alle die Aeußerungen des Gefühls von Seiten der Einwohner zu be⸗ obachten, welche der Stolz die beiden Andern überſehen ließ. Schreckenbleiche weibliche Geſichter blickten aus jedem Fenſter auf ſie herab, während die Dächer der Häuſer bis zu den Spitzen der Kirchthürme hinauf ſich mit gleich neugierigen, aber dabei kühne⸗ ren Zuſchauern zu füllen anfingen. Die Trommeln raſſelten nicht länger durch die engen Straßen; nur manchmal hörte man den ſchrillen Ton einer Pfeife vom Waſſer her, der die Bewegung ere; rem dieſe ich zätte eſuch dazu geht g zu ſeine ſeine des dafür und ver⸗ icklich hnten Arm Seite „ um ihren wurde, zu be⸗ ließ. auf ſie en der kühne⸗ n nicht an den wegung 243 der Truppen in der Richtung der Halbinſel gegenüber verkündigte. Alles übertönte der unaufhörliche Donner des Geſchützes, der ſeit Tagesanbruch noch keinen Augenblick aufgehört hatte, unermüdet die Luft zu durchrollen, bis das Ohr, an ſeine Gegenwart ge⸗ woͤhnt, auch die ſchwächeren Töne, deren wir gedacht, unter⸗ ſcheiden lernte. Die niedrigeren Theile der Stadt, in welche die Geſellſchaft jetzt hinabkam, erſchienen von Allem, was Leben hat, völlig ver⸗ laſſen; die offenen Fenſter, die unverſchloſſenen Thüren verriethen den Drang der Gefühle, der die Bevölkerung auf ſolche Punkte geführt hatte, welche für die Beobachtung des herannahenden Kampfes günſtiger gelegen waren. Dieſer Beweis heftiger Neu⸗ gierde erregte ſelbſt die Sympathieen unſerer alten und verſuchten Krieger: ſie beſchleunigten ihre Schritte und bald ſtiegen alle von den düſtern Gebäuden nach der fernen und unbeſchränkten Ausſicht auf dem Hügel empor. Die ganze Scene lag nun vor ihnen ausgebreitet. Faſt gerade ihnen gegenüber lag das Dorf Charlestown, das ſich mit ſeinen öden Gaſſen und den ſchweigenden Dächern wie eine Stätte des Todes ausnahm; wenn ſelbſt noch einige Zeichen von Leben an ſeinen offenen Zugängen ſichtbar waren, ſo waren es nur einzelne Geſtalten, welche ſchnell durch die Einſamkeit hineilten, als ob ſie ungeduldig wären, einen dem Unheil geweihten Boden zu verlaſſen. Auf dem entgegengeſetzten Punkt, an der ſüdöſtlichen Seite der Halbinſel, in einer Entfernung von etwa tauſend Ruthen war der Grund ſchon von Menſchenmaſſen in Scharlach bedeckt, deren Waffen in der hellen Mittagsſoune glänzten. Zwiſchen dieſen beiden Punk⸗ ten, doch mehr in der unmittelbaren Nähe des ſchweigſamen Dorfes erhob ſich aus einer vom Waſſer begränzten Ebene jener ſchon beſchriebene kreisförmig abgerundete Hügel, bis er eine Höhe von etlichen fünfzig bis ſechzig Fuß erreichte, wo er dann zu einem niedrigen Kamme anwuchs; hier erblickte man das kleine Erdwerk, das bis jetzt all' dieſe Bewegung verurſacht hatte. Die Wieſen zur Rechten lagen noch vor ihnen, ſtill und lachend wie in den ruhigſten Tagen der Provinz, nur Lionel's aufgeregte Phantaſie ließ ihn eine dumpfe Stille fühlen, welche über den vernachläßigten Brennöfen gegenüber und über der ganzen Landſchaft ausgebreitet lag, und mit der jetzt nahenden Scene in düſterem Einklange zu ſtehen ſchien. Weit zur Linken, über den Waſſern des Charles⸗ Canals, hatte das amerikaniſche“ Lager ſeine Tauſende über die Hügel ergoſſen; die ganze Bevölkerung der Gegend, auf viele Meilen in's Land hinein, war nach dieſem Punkte zuſammenge⸗ ſtrömt, um Zeuge eines Kampfes zu ſeyn, von welchem das Schickſal ihrer Nation abhing. Beacon Hill ſtieg wie eine Pyramide leben⸗ der Geſichter aus der erſchreckenden Stille der Stadt Boſton empor: jedes Auge war auf den entſcheidenden Punkt geheftet; Menſchen hingen an den Ragen der Schiffe und ſchwebten in achtloſer Sicher⸗ heit an Karniſſen, Kuppeln und Kirchthürmen; jeder andere Sinn ſchwieg vor dem Alles verſchlingenden Drange des Zuſchauens. Die Kriegsſchiffe waren tief in die Flüſſe oder vielmehr in die engen Arme der See, welche die Halbinſel bildeten, eingedrungen, oder ſandten ihre eiſernen Geſchoſſe mit unermüdlichem Eifer über die niedere Landenge hin, welche allein eine Verbindung zwiſchen den ſich aufopfernden Männern auf dem Hügel und ihren entfern⸗ ten Landsleuten eröffnete. Während Bataillon nach Bataillon auf dem Punkte landete, beſtrichen Kanonenkugeln von der Batterie auf Copp's und von den Kriegsſchiffen das natürliche Glacis vor der Schanze, fuhren tief in die Erdbruſtwehr oder fielen mit Hef⸗ tigkeit auf die leeren Seiten der luftigeren Höhe herab, die einige hundert Ruthen rückwärts davon lag. Die ſchwarzen, rauchenden Bomben ſchienen über dem Grunde zu ſchweben, als verweilten ſte noch, um ſich die Stelle auszuleſen, wo ſie ihren tödtlichen Brennſtoff verbreiten wollten. Trotz dieſer ſchreckenden Vorbereitungen und der unaufhörlichen 2 8A—.,——,——— — 245 Gefahr während dieſes langen, ängſtlichen Morgens, hatten die ſtandhaften Landleute auf dem Hügel keinen Augenblick in ihren raſtloſen Anſtrengungen eingehalten, um den Poſten, den ſie mit ſo vieler Kühnheit beſetzt hatten, bis auf's Aeußerſte zu behaupten. Umſonſt erſchöpften die Engländer alle Mittel, ihre hartnäckigen Feinde auseinander zu jagen— Hacke, Schaufel und Spaten fuhren fort, ihr Werk zu verrichten, ein Wall nach dem andern ſtieg mitten unter dem Lärm und der Gefahr der Kanonade aus dem Boden empor, ſtandhaft und unausgeſetzt währte die Arbeit, gerade als ob die phantaſtiſchen Gedanken Job Pray's ſich verwirklichen ſollten und die Schanzenden nur mit den friedlichen Arbeiten ihres gewöhnlichen Lebens beſchäftigt wären. Dieſe Feſtigkeit hatte aber nichts mit jenem ſtolzen Trotze gemein, den eine ausgebildete Dreſſur auch der gewöhnlichſten Seele einzupflanzen vermag; denn unbekannt mit dem Schimmer militäriſchen Gepränges, in der einfachen und rohen Kleidung ihres Standes, nur mit ſolchen Waffen ausge⸗ rüſtet, wie ſie von den Hacken über dem eigenen Kamin herab genommen worden, ſelbſt ohne eine Fahne, die ihre ermuthigenden Falten über ihren Häuptern hätte wehen laſſen,— ſo ſtanden ſie einzig und allein durch die Rechtmäßigkeit ihrer Sache und jene tiefen moraliſchen Grundſätze unterſtützt, welche ſie von ihren Vätern überkommen hatten, und welche, das wollten ſie am heutigen Tage beweiſen, unverkümmert auch auf ihre Kinder vererbt werden ſollten. Es wurde erſt ſpäter bekannt, daß ſie dieſe Anſtrengungen und Gefahren ertrugen, während ſie ſelbſt aller Hülfsmittel entbehrten, die in Augenblicken der Ruhe und Sicherheit zur Erfriſchung der Lebensgeiſter ſo nothwendig ſind; dagegen hatten auf der andern Seite ihre Feinde in der Zeit, ſo lange ſie die Ankunft ihrer letzten Truppen erwarteten, mit voller Ruhe ein Mahl zu ſich genommen, das für Hunderte unter ihnen das letzte ſeyn ſollte. Der entſchei⸗ dende Moment ſchien nun heranzunahen. Eine allgemeine Bewe⸗ gung entſtand unter den brittiſchen Bataillonen, die nun, nachdem 246 die zögernden Boote mit dem Reſte der Abtheilungen angelangt waren, längs dem Ufer, von dem Höhenkamme gedeckt, ſich aus⸗ zubreiten begannen; Offiziere ſprengten von Regiment zu Regiment und überbrachten die letzten Befehle ihres Führers. In dieſem Augenblick erſchien ein Corps der Amerikaner auf der Höhe von Bunker Hill, zog eilends die Straße herab und verſchwand in den Wieſen zur Linken ihrer eigenen Schanze⸗ Dieſem Trupp folgten andere, welche gleich ihm dem Feuer der Schiffe trotzend durch die Gefahren des Engpaſſes brachen und ſich beeilten, mit ihren Kameraden in der Niederung ſich zu vereinigen. Da beſchloß mit einem Mal der brittiſche General, der Ankunft weiterer Verſtär⸗ kungen zuvorzukommen und ertheilte endlich den lang erwarteten Befehl, ſich zu dem Angriffe bereit zu machen. Sechszehntes Kapitel. Der ſtolze Britt' im wohlverfochtnen Land, Nicht Grund zur Freud noch eitlem Rühmen fand; Er ſah mit Schmerz des Sieges Traum entſchwunden, Beklagt der Seinen Tod und fühlte tiefe Wunden. Humphreys. Im Laufe dieſes ſchreckenvollen Morgens hatten die Amerikaner Miene gemacht, das Feuer ihrer Feinde durch einige wenige Schüſſe aus ihren leichten Feldſtücken zu erwiedern, gleichſam zum Hohne über die furchtbare Kanonade, die ſie ausſtanden.* Als aber der Augenblick der ernſteſten Entſcheidung herannahte, ſchwebte dieſelbe ahnungsvolle Stille, welche ſich bereits über die verlaſſenen Straßen von Charlestown gelagert hatte, nun auch rings um die Redoute. Auf der Wieſe zu ihrer Linken bildeten die friſch angekommenen Haufen in aller Eile aus dem Flechtwerk zweier Hecken eine * Die Amerikaner gebrauchten keine Artillerie während der Schlacht, da die Zufuhr von Munition durch ein Mißverſtändniß unterblieben war. aner hüſſe ohne cder ſelbe raßen oute. nenen eine )t, da oar. 247 Einfaſſung und poſtirten ſich, nachdem ſie das Ganze mit dem um⸗ herliegenden Heu bedeckt hatten, hinter dieſe gebrechliche Schutz⸗ wehr, welche eigentlich keinen andern Vortheil gewährte, als etwa den, ihre eigene Schwäche vor ihren Gegnern zu verbergen. Hinter dieſem eigenthümlichen Wall lagen mehre Abtheilungen der Landleute aus den benachbarten Provinzen New⸗Hampſhire und Connectieut, die Waffen unterm Arm, in düſterer Erwartung. Ihre Linie erſtreckte ſich vom Ufer bis zu dem Fuße des Kammes, wo ſie einige hundert Fuß hinter den Werken endigte, indem ſie einen weiten Raum in diagonaler Richtung zwiſchen dem Zaun und einer Erdbruſtwehr offen ließ, welche von dem nordöſtlichen Winkel der Redoute aus eine kurze Strecke den Hügel hinablief. Wenige hundert Ruthen im Rücken dieſes rohen und ungeregelten Werks erhob ſich der nackte Kamm von Bunker⸗Hill, unbeſetzt und unvertheidigt; die Ströme Charles und Myſtick, die ſeinen Fuß beſpülten, kamen ſich ſo nahe, daß das Rauſchen ihrer Strömung zuſammenfloß. Ueber dieſen ſchmalen und niederen Iſthmus ergoſſen die königlichen Fregatten einen Strom von Feuer, der nie aufhörte, während die zahlreichen Haufen der undisciplinirten Amerikaner gerade hier umherſchwärmten, und manche derſelben zauderten, ob ſie den gefährlichen Durchgang verſuchen ſollten. Auf dieſe Art hatte Gage die dem Verderben geweihte Halb⸗ inſel zum größten Theil mit ſeiner Macht umzingelt und die trotzi⸗ gen Männer, die ſich mit ſo viel Kühnheit unter die Mündung ſeiner Kanonen geſtellt hatten, waren, wie ſchon bemerkt, ohne Hülfe, ohne Nahrung, ohne hinreichende Waffen, ganz ſich ſelbſt überlaſſen, und dieſes Alles nur, um die Ehre ihrer Nation auf⸗ recht zu erhalten. Leute jedes Alters und Standes mit eingerech⸗ net, mochte ihre Zahl etwa zweitauſend betragen; im Verlaufe des Tages geſchah es jedoch, daß einzelne kleine Abtheilungen ihrer Landsleute, ihrem Gefühl gehorchend und in rühmlichem Wetteifer mit dem alten Partheigänger der Wälder, der laut über die Gefahr 248 ſpottend, die Enge hin und her paſſirte— durch das Feuer der Flotte gerade noch zu rechter Zeit hindurchbrachen, um an der herannahenden blutigen Arbeit dieſer Stunde ihren Antheil zu nehmen. Auf der andern Seite führte Howe mehr als die gleiche Zahl auserleſener Truppen ſeines Fürſten; dieſe Ungleichheit beſtand den ganzen Nachmittag fort, da die Boote unausgeſetzt bis zu dem Ende des Kampfes zwiſchen den beiden Halbinſeln hin und herfuhren. Nunmehr, da die Vorbereitungen bis zu dem Punkte gediehen waren, zu dem wir in unſerer Erzählung gelangt ſind, und der brittiſche Führer ſich jetzt hinlänglich ſtark fühlte, um die Verthei⸗ digungslinie ſeines verachteten Gegners forciren zu können, gab er das Zeichen, daß die unmittelbar nöthigen Anſtalten getroffen werden ſollten, um nun in vollem Angeſicht der geſpannten Zu⸗ ſchauer ſeinen Gang zu beginnen. Trotz der Sicherheit und Ruhe, mit welcher der engliſche General ſeine Krieger kommandirte, fühlte er doch, daß der nahende Kampf eine Schlacht von nicht gewöhn⸗ licher Wichtigkeit werden würde. Die Augen von Zehntauſenden waren auf ſeine Bewegungen geheftet und die Gelegenheit verlangte die reichſte Entfaltung des geſammten Kriegsgepränges. Die Truppen formirten ſich mit ſchöner Präciſion, die Kolon⸗ nen zogen ſtolz das Ufer entlang und erreichten ihre angewieſenen Plätze unter dem Schutze des Höhenkammes über ihnen. Ihre Streitkräfte waren gewiſſermaßen getheilt; die eine Hälfte erſtieg den mühſamen Pfad den Hügel hinauf, während die andere längs der Bai oder in den Obſtgärten des tiefer gelegenen Grundes zum Angriff gegen die Landleute auf den Wieſen hinzog. Dieſes letztere Corps verſchwand bald hinter Obſtbäumen und den obenerwähnten Ziegelhütten. Das Vorrücken der königlichen Kolonnen den Hügel aufwärts war langſam und abgemeſſen, wodurch ihren Feldſtücken Zeit gelaſſen wurde, durch ihre Mitwirkung den Lärm der Kano⸗ nade zu verſtärken, welche mit neuer Wuth ausbrach, als die Bataillone zum Vormarſchiren ſich anſchickten. Eine jede Kolonne der der nen. ahl den dem ren. hen der hei⸗ gab ffen Zu⸗ uhe, hlte ihn⸗ den igte lon⸗ enen öhre tieg ngs zum tere aten ügel cken ino⸗ die 249 war nunmehr auf dem bezeichneten Punkte angekommen und der Glanz ihrer ſtrahlenden Krieger ſchimmerte weithin unter der hell⸗ leuchtenden Sonne. „Es iſt ein prächtiger Anblick,“ murmelte der graziöſe Führer an Lionel's Seite, voll lebendigen Gefühls für den poetiſchen Reiz ſeines verführeriſchen Standes.„Wie ausnehmend kriegeriſch und mit welcher Genauigkeit ſein ‚erſter Arm' wider den Feind den Hügel hinanſteigt!“ Die Macht ſeiner Gefühle hinderte Major Lincoln an einer Erwiederung, und der Andere vergaß bald in der überwältigenden Angſt des Augenblicks, daß er geſprochen. Das Vorrücken der brittiſchen Linie, ſo ſchön und ſtät, glich eher der geordneten Feſtig⸗ keit eines Exerziermanövers, als dem Marſche in einen tödtlichen Kampf. Ihre Fahnen flatterten über ihnen, und es gab Augen⸗ blicke, wo man die wilden Klänge ihrer Muſikbanden durch die Luft herübertönen hörte, wie ſie die rauheren Töne des Geſchützes mil⸗ derten. Die Jungen und Unerfahrenen in den Reihen ſchauten rückwärts und lächelten voll ſtolzer Freude, als ſie Kirchthürme, Dächer, Maſten und Höhen, Alles mit Tauſenden von Augen über⸗ deckt, nach dem ſtolzen Glanze ihrer Waffen herüberſchauen ſahen. Als die brittiſchen Linien auf dem freien Raume vor der kleinen Redoute ſichtbar waren, und ſich langſam rings um ihre verſchie⸗ denen Seiten zu poſtiren anfingen, verſtummte Kanone auf Kanone, und der neugierige Artilleriſt oder der ermüdete Seemann lag aus⸗ geſtreckt neben ſeinem heißen Geſchütz und ſchaute auf die Scene vor ihm. Es war damals gerade ein Augenblick, wo der Lärm der Kanonade, wie das Rollen des fernen Donners hinwegzuſchwin⸗ den ſchien. „Sie werden nicht fechten, Lincoln!“ ſagte der aufgeregte Führer an Lionel's Seite.„Howe's kriegeriſche Front hat den Burſchen das Herz erkaltet und der Sieg wird blutlos ſeyn.“ „Wollen ſehen, Sir— wollen ſehen!“ 250 Dieſe Worte waren kaum geſprochen, als Peloton nach Pelo⸗ ton bei den Britten ſein Feuer abgab; raſch auf einander leuchtete das Blitzen des Musketenfeuers rings um den Gipfel des Hügels, und ihm folgten augenblicklich ſchwere Rauchwolken, die aus den Obſtgärten aufſtiegen. Noch war bei den Amerikanern nicht ein Laut als Antwort zu hören, und die königlichen Truppen verloren ſich dem Blick, während ſie langſam in der weißen Wolke vorrück⸗ ten, in die ihr eigenes Feuer ſie eingehüllt hatte. „Sie ſind erſchreckt, beim Himmel!— Die Hunde ſind einge⸗ ſchüchtert!“ rief noch einmal Lionel's fröhlicher Gefährte;„Howe ſteht auf 200 Fuß vor ihnen und iſt unverletzt!“ In dieſem Augenblick brach ein Feuerſtrom, ähnlich dem Blitze, wenn er in einer Wolke leuchtet, durch die Rauchwolke, und mehr als tauſend Musketen hörte man mit einem Schlage ihr Feuer abgeben. Es war nicht blos Einbildung von Lionel, wenn es ihm vorkam, er ſehe die rauchige Hülle des Hügels ſich bewe⸗ gen, als ob die kampfgeübten Krieger, welche ſie einſchloß, vor dieſer nahen und furchtbaren Salve zurückwichen; im nächſten Au⸗ genblick jedoch klang der ermuthigende Kriegsruf und das laute Ge⸗ ſchrei der Kämpfenden wieder über die Enge herüber in ſeine Ohren, und übertönte ſogar den fürchterlichen Lärm des Kampfes. Zehn athemloſe Minuten flogen wie ein einziger Augenblick an ihm vor⸗ über, und die beſtürzten Zuſchauer auf Copp's ſtarrten noch ange⸗ ſtrengt nach der Scene, als eine Stimme ſich unter ihnen erhob und rief: „Hurrahl! laßt die hölliſchen Lärmer nach Breeds hinaufgehen; das Volk wird ſie das Geſetz lehren!“ „Werft den Schuft den Hügel hinunter! Schießt ihn aus dem Rachen einer Kanone!“ ſchrieen zwanzig Soldaten in einem Athem. „Halt!“ rief Lionel:„'s iſt ein Simpel, ein Geiſtesſchwacher — ein Narr!“ elo⸗ tete eels, den ein oren rück⸗ nge⸗ Howe dem und 1 ihr wenn bewe⸗ vor Au⸗ e Ge⸗ ohren, Zehn vor⸗ ange⸗ erhob gehen; n aus einem wacher 251 Doch das zornige Gemurmel erloſch wieder ebenſo ſchnell unter dem Einfluſſe anderer Gefühle, als man die glänzenden rothen Linien der königlichen Truppen aus dem Rauch hervorkommen ſah, wankend und vor dem lebhaften Feuer ihrer Feinde zurückweichend. „Ha!“ ſagte Bourgoyne;„das iſt eine Finte, um die Rebellen aus ihrer Poſition herauszulocken.“ „Es iſt ein handgreiflicher, ſchändlicher Rückzug!“ murmelte der ernſte Krieger neben ihm, deſſen ſicheres Auge mit einem Blick den Unſtern der Angreifenden entdeckte:„Das iſt der zweite niederträchtige Rückzug vor den Rebellen!“ „Hurrah!“ rief der raſtloſe Job von Neuem;„da kommen die Regulären auch aus dem Obſtgarten hervor! Seht einmal die Grenadiere, wie ſie ſich hinter den Brennöfen verſtecken! Laßt ſte nach Breeds hinaufgehen, das Volk wird ſie das Geſetz lehren!“ Kein Rachegeſchrei ging dießmal der Handlung voraus, aber fünfzig aus dem Soldatenhaufen ſtürzten wie auf gemeinſamen Antrieb auf ihre Beute los. Lionel hatte nicht Zeit, ein einziges begütigendes Wort zu ſprechen, als Job, von einem Dutzend Bur⸗ ſchen mit ausgeſtreckten Armen getragen, ſchon hoch oben in der Luft erſchien; im nächſten Augenblick ſah man ihn mit einer Schnel⸗ ligkeit den Hügel hinabrollen, welche ihn an den Rand des Waſſers führte. Auf ſeine Füße ſpringend, ſchwang der unerſchrockene Simpel ſeinen Hut noch einmal im Triumph und ſtieß wiederholt ſeine beleidigende Ausforderung aus. Dann ſich umwendend, zog er unter einem Hagel von Steinen ſeinen Kahn aus dem Verſteck unter dem umherliegenden Holze hervor und glitt mit ſeinem kleinen Boote über die Meerenge hin, unbeachtet unter der Menge von Booten, welche nach allen Richtungen hin und her ruderten. Doch wurde ſeine Fahrt von dem beſorgten Auge Liouel's bewacht, der ihn landen und mit haſtigen Schritten in den öden Gaſſen des Dorfes verſchwinden ſah. Während dieſes unbedeutende Zwiſchenſpiel vor ſich ging, war 252 auch das große Drama des Tags nicht ſtill geſtanden. Der Schleier von Rauch, der rings um den Gipfel der Anhöhe hing, wurde durch den Wind gelüftet und ſtrich in ſchwerfälligem Zuge gegen Südweſt, wodurch der Schauplatz des blutigen Streites von Neuem dem Blicke ſich öffnete. Lioneln entgingen die ernſten und bedeutungsvollen Blicke nicht, welche die beiden Lieutenants des Königs mit einander wechſelten, als ſie gleichzeitig ihre Gläſer von der verhängnißvollen Stelle abwandten, und als Bourgoyne ihm das ſeinige anbot, konnte er in der Unzahl von Todten, die in Schaaren vor der Redoute zerſtreut lagen, die deutliche Erklärung ihrer Beſtürzung leſen. In dieſem Augenblick hielt ein Offizier vom Schlachtfeld eine ernſte Unterredung mit den beiden Führern und eilte, nachdem er ſich ſeiner Aufträge entledigt, mit einer Haſt in ſein Boot zurück, woraus man ſchließen konnte, daß er wichtige Befehle zu überbringen habe, von deren Erfüllung Leben und Tod abhänge. „Es ſoll geſchehen, Sir,“ wiederholte Clinton, ſeine hohe Stirne in feuriger Kampfluſt wild gerunzelt.—„Die Artillerie hat ihre Befehle und das Geſchäft ſoll ohne Aufſchub vollzogen werden.“ „Dieß, Major Lincoln,“ rief ſein nun ernſter geſtimmter Ge⸗ fährte,—„iſt eine der ſchweren Pflichten des Kriegers! Für ſeinen Fürſten zu fechten, zu bluten oder ſelbſt zu ſterben, das iſt ſein glückliches Vorrecht; aber zuweilen iſt es auch ſein unglückliches Loos, ein Werkzeug der Rache abzugeben.“ Lionel wartete nur einen Augenblick auf eine Erklärung dieſer Worte: bald ſah man glühende Kugeln ihren weiten Bogen in der Luft beſchreiben und Verwüſtung unter den enggebauten und leicht entzündlichen Dächern des gegenüberliegenden Dorfes verbreiten. Wenige Minuten nachher ſtieg ein dicker ſchwarzer Rauch aus den verlaſſenen Wohnungen empor und züngelnde Flammen ſpielten emſig an den erhitzten Dachſchindeln hin, über deren ungeſtörte Der hing, Zuge von und des von ihm ie in irung ffizier hrern Haſt chtige - Tod hohe illerie zogen r Ge⸗ Für as iſt lliches dieſer in der leicht reiten. is den vielten eſtorte 253 Beſitznahme ſie gleichſam zu triumphiren ſchienen. Er betrachtete die um ſich greifende Zerſtörung in peinlichem Schweigen und indem er ſeine Blicke auf die Gefährten neben ihm richtete, glaubte er trotz der Sprache des Andern das tiefſte Bedauern in dem abge⸗ wendeten Auge Desjenigen zu leſen, der mit ſo ſchneller Bereit⸗ willigkeit den traurigen Befehl zur Zerſtörung ausgeſprochen hatte. Bei Scenen, wie die, welche wir zu beſchreiben verſuchen, werden Stunden zu Minuten und die Zeit fliegt ſo unbemerkt vorbei, wie das Leben vor den Blicken des Alters dahingleitet. Die un⸗ ordentlichen Reihen der Britten wurden am Fuße des Hügels zum Stehen gebracht und formirten ſich wieder unter den Augen ihrer Führer mit bewundernswerther Ordnung und außerordentlicher Sorgfalt. Friſche Bataillone aus Boſton rückten mit militäriſchem Stolze in die Linie ein und Alles verkündete, daß ein zweiter An⸗ griff bevorſtand. Als der Augenblick des dumpfen Staunens, der auf den Rückzug der königlichen Truppen folgte, vorüber war, er⸗ goſſen Truppen und Batterien ihren Zorn mit zehnfacher Wuth über ihre Feinde. Schuß auf Schuß wurde unabläſſig gegen die leichte Anhöhe geſchleudert, wüthend durchfurchten die Kugeln ihre graſige Oberfläche, während ſchwarze, drohende Bomben wie Unge⸗ heuer der Luft über deren Werken zu hängen ſchienen, jeden Augen⸗ blick bereit, auf ihre Beute herabzuſtürzen. Noch lag Alles ruhig und unbeweglich hinter den niederen Erdwällen, als ob dort Niemand an dem Ausgange des blutigen Tages betheiligt wäre. Nur auf einige Augenblicke ſah man die hohe Geſtalt eines alten Mannes ſich ſachte längs dem Rande der Bruſtwehr hinbewegen, ruhig die Dispoſitionen des engliſchen Ge⸗ nerals in den entfernteren Theilen ſeiner Linie betrachten und nach⸗ dem mit einem andern Herrn, der ſich dieſer gefährlichen Rekognosci⸗ rung angeſchloſſen hatte, wenige Worte gewechſelt waren, Beide wieder hinter dem Erdwalle verſchwinden. Lionel hörte bald den Namen Prescott von Pepperel in leiſem Gemurmel durch die Menge 254 hinlaufen, und ſein Glas täuſchte ihn nicht, als er meinte, in der kleineren der beiden Geſtalten den anmuthsvollen Umriß des un⸗ bekannten Lenkers des„Caucus“ entdeckt zu haben. Alle Augen bewachten nun das Vorrücken der Bataillone, welche noch einmal auf den beſtrittenen Punkt zu marſchirten. Die Spitzen der Kolonnen waren ſchon im Angeſicht ihrer Feinde, als man von dem brennenden Dorfe her einen Menſchen raſch den Hügel hinanſteigen ſah: er hielt auf dem natürlichen Glacis, ſchwang, der augenblicklichen Gefahr trotzend, ſeinen Hut im Triumph und Lionel glaubte ſogar das Hohngeſchrei des Simpels zu vernehmen, deſſen unförmliche Geſtalt er, ehe ſie in das Werk hinabſprang, deutlich erkannt hatte. Der rechte Flügel der Britten verſchwand noch einmal in dem Baumgarten und die Kolonnen vor der Front der Schanze öffneten ſich noch einmal mit der imponirenden Genauigkeit voll⸗ kommener Kriegszucht. Schon glänzten ihre Waffen in gleicher Linie mit den Facen des Erdwalls und Lionel hörte den erfahrenen Krieger an ſeiner Seite vor ſich hinmurmeln: „Er ſoll nur mit dem Feuer an ſich halten und er wird mit der Spitze des Bajonets eindringen!“ Aber die Verſuchung war ſelbſt für den erprobten Muth der königlichen Truppen zu groß Ladung auf Ladung folgte und in wenigen Minuten hatten ſie wieder ihre Reihen hinter dem nebligen Vorhang verſchleiert, den ihr eigenes Feuer um ſie gezogen hatte. Dann kam wieder der furchtbare Blitz aus der Schanze und die fluthenden Maſſen der beiden ſich gegenüberſtehenden Feinde rollten in eine Wolke zuſammen, welche die Kämpfer in ihr Gewand ein⸗ hüllte, als ob ſie gleichſam ihr blutiges Werk dem Auge des Zu⸗ ſchauers entziehen wollte. Zwanzig Mal in dem kurzen Zeitraum von eben ſo viel Minuten glaubte Major Lincoln, er höre das ununterbrochene Rollen des amerikaniſchen Musketenfeuers vor den ſchweren und regelmäßigen Salven der Truppen erſterben, und dann — 0——.,—,— —— ,—— n der s un⸗ illone, Die „ als h den Glacis, ut im impels Werk nal in Schanze it voll⸗ gleicher ahrenen dird mit tuth der und in nebligen n hatte. und die e rollten and ein⸗ des Zu⸗ Zeitraum höre das vor den ind dann 255 däuchte ihn wieder, der Schall der letzteren werde ſchwächer und folge ſich in längeren Zwiſchenräumen. Das Reſultat ward übrigens bald bekannt. Die ſchwere Rauch⸗ ſchichte, die jetzt noch an dem Boden feſthing, wurde an fünfzig Stellen durchbrochen, und man ſah die unordentlichen Maſſen der Britten in wilder Verwirrung vor ihren bedachtſamen Feinden her⸗ getrieben. Die blitzenden Degen der Offtziere verſuchten umſonſt den Strom zu hemmen, und die Flucht endete bei manchen Regi⸗ mentern nicht eher, als bis ſie ihre Boote erreicht hatten. Iu dieſem Augenblick hörte man in Boſton ein Gemurmel gleich dem plötzlichen Rauſchen des Windes, und die Leute ſahen ſich mit un⸗ verhehltem Erſtaunen ins Geſicht. Hier und dort entſchlüpfte ein leiſer Ton des Frohlockens einer unbewachten Lippe und manches Auge ſtrahlte von einem Triumph, der nicht länger unterdrückt werden konnte. Bis zu dieſem Augenblick hatten Lionel’'s Gefühle zwiſchen der Theilnahme für ſein Vaterland und ſeinem kriegeri⸗ ſchen Geiſte geſchwankt; jetzt aber, jede andere Empfindung in dem letzteren Gefühle vergeſſend, blickte er ſtolz um ſich, gleichſam als ſuche er den Mann, der über das Zurückdrängen ſeiner Kameraden zu frohlocken wage. Der poetiſche Anführer war noch an ſeiner Seite und biß ſich im Aerger auf die Lippen; ſein erprobterer Ge⸗ fährte aber war plötzlich verſchwunden. Ein zweiter raſcher Blick zeigte Lioneln ſeine ſcheidende Geſtalt, wie er eben am Fuße des Hügels in ein Boot ſteigen wollte. Schneller als ein Gedanke war Lionel am Ufer und rief, während er nach dem Rande des Waſſers hinabflog: „Halt, um Gotteswillen, halt! Bedenken Sie, das Sieben⸗ undvierzigſte iſt im Feld und ich bin ſein Major!“ „Nehmt ihn ein,“ ſagte Clinton mit jener grimmigen Freude, womit Männer in Augenblicken der Prüfung einen geſchätzten Freund anerkennen;„und dann rudert drauf los, ſo lieb Euch Euer Leben, oder was noch koſtbarer, die Ehre des brittiſchen Namens iſt.“ Lionel's Gehirn kreiſte, als das Boot ſeinen Pfad über die Waſſerfläche hinſchoß: aber ehe es noch die Mitte des Stroms erreicht hatte, gewann er Zeit, die ganze ſchauervolle Scene zu betrachten. Das Feuer hatte ſich von Haus zu Haus verbreitet und das ganze Dorf Charlestown mit ſeinen vierhundert Gebäuden ſtand gerade in vollen Flammen. Die Luft ſchien mit ziſchenden Kugeln erfüllt, die über ſeinem Haupte hinſauſten und die ſchwarzen Seiten der Linienſchiffe ſpieen ihre Flammenſchichten mit unermüd⸗ lichem Eifer von ſich. Mitten unter dieſem Tumult ſprang der engliſche General und ſein Begleiter an's Land. Der Erſtere ſtürzte ſich in die verwirrten Glieder und es gelang ihm, durch ſeine Ge⸗ genwart und ſeine gewaltige Stimme die Mannſchaft eines Regi⸗ ments zu ihrer Pflicht zurückzurufen. Aber lange und laute Auf⸗ forderungen an ihren Muth und an ihren alten Ruhm waren nöthig, um die Hälfte ihres frühern Vertrauens bei Leuten wieder herzuſtellen, die ſo rauh zurückgetrieben worden und die jetzt, an den gelichteten und erſchöpften Reihen hinabſehend, in vielen Fällen mehr als die Hälfte von den wohlbekannten Geſichtern ihrer Ka⸗ meraden vermißten. Mitten unter den wankenden Truppen ſtand ihr ernſter, ungebeugter Führer; aber von all' den freudigen glän⸗ zenden Jünglingen, die in ſeiner Suite gefolgt waren, als er dieſen Morgen das Provinzhaus verließ, war nicht Einer mehr am Leben oder lag er wenigſtens verwundet am Boden. Er allein ſchien uner⸗ ſchüttert in dieſer wildverwirrten Menge, und ſeine Befehle ergingen, wie gewöhnlich, ruhig und beſtimmt. Zuletzt legte ſich einiger⸗ maßen der paniſche Schrecken und die Ordnung wurde noch einmal hergeſtellt, ſowie die hochherzigen und beſchämten Führer der Ab⸗ theilungen ihr verlorenes Anſehen wieder erlangten. Die Generale hielten auf der Seite der Kolonnen gemeinſame Berathung und die Vorkehrungen zum Sturm wurden augenblicklich erneuert. Kriegeriſcher Glanz wurde nicht länger entfaltet, die Soldaten legten vielmehr all' die nutzloſe Zubehör ihres Standes ab, manche von die ms zu itet den den rzen nüd⸗ der erzte Ge⸗ egi⸗ Auf⸗ aren leder an ällen Ka⸗ ſtand län⸗ ieſen eben mner⸗ igen, iger⸗ nmal Ab⸗ ſame cklich daten 2 von 257 ihnen warfen ſogar die Oberkleider von ſich, um ſich unter der Glut einer kochenden Sonne zu erleichtern, da dieſe noch durch die Hitze des Brandes vermehrt wurde, der ſich nun auch längs dem Rande der Halbinſel auszubreiten anfing. Friſche Kompagnien ſtießen zu den Kolonnen: der größte Theil der Truppen wurde aus den Wieſen zurückgezogen und dort nur wenige Plänklerrotten zurückgelaſſen, um die hinter der Hecke liegenden Amerikaner zu beſchäftigen. Als die ganze Aufſtellung vollendet war, wurde endlich das letzte Zeichen zum Vorrücken gegeben. Lionel hatte ſeine Stelle im Regiment eingenommen, konnte aber, da er auf der Flanke der Kolonne marſchirte, den größten Theil des Schlachtfeldes im Auge behalten. Vor ihm zog ein Bataillon, das durch die vorangegangenen Stürme auf eine Hand voll Leute zuſammengeſchmolzen war. Hinter dieſen kam eine Abtheilung Seeſoldaten der Flotte, von ihrem eigenen ergrauten Major geführt, und ihnen zunächſt folgte der niedergeſchlagene Nesbitt mit ſeinem Corps, unter welchem ſich Lionel umſonſt nach dem gutmüthigen Geſichte Polwarth's umſah. Aehnliche Kolonnen marſchirten ihnen zur Rechten und Linken und umſchloſſen mit den Bataillonen die Redoute von drei Seiten. Wenige Minuten brachten Lionel in die unmittelbare Nähe des niederen und unvollendeten Erdwalls, um deſſen Beſitz ſchon ſo viel vergebliches Blut verſpritzt worden war. Still, wie zuvor, lag er da, als ob keine Seele in ſeinem Innern athmete; nur eine furchtbare Reihe ſchwarzer Röhren ſtarrte ihnen drohend entgegen und folgte den Bewegungen der anrückenden Kolonnen, etwa wie man die eingebildeten Zauberthiere unſerer eigenen Wildniſſe ſchil⸗ dert, wenn ſie auf ihre Schlachtopfer lauern ſollen. Als der Lärm des Geſchützes abermals ſchwächer wurde, konnte man das Krachen der zuſammenſtürzenden Straßen zu ihrer Linken und das furcht⸗ bare Kniſtern des Brandes um ſo deutlicher hören. Ungeheure Maſſen ſchwarzen Wlauahe ſtiegen aus den inirzender Trümmern Lionel Lincoln. 2. Aufl. 17 empor und nach Außen zuſammengeballt, Schichte über Schichte, überhingen ſie das Ganze als Eine furchtbare Wolke, die ihren düſteren Schatten über das blutige Feld des Todes warf. Eine ſtarke Kolonne ſah man jetzt gleichſam aus dem brennen⸗ den Dorfe ſelbſt heraufſteigen und das Vorrücken des Ganzen ward jetzt raſch und belebt. Ein leiſer Ruf lief durch die Pelotons, die bloßen Gewehre ihrer Gegner im Auge zu behalten, und ihm folgte der Befehl:„Zum Bajonet! zum Bajonet!“ „Hurrah! die königlichen Irländer!“ rief M'Fuſe an der Spitze der dunklen Kolonne, die aus dem Brande heraufſtieg. „Hurrah!“ ſo tönte es wieder von einer wohlbekannten Stimme aus der ſchweigenden Schanze;„laßt ſie nach Breeds heraufkom⸗ men; das Volk wird ſie das Geſetz lehren!“ In ſolchen Momenten eilen die Gedanken mit der Schnellig⸗ keit des Blitzes, und Lionel hatte ſchon ſeine Kameraden im Beſitze des Werkes geglaubt, als der furchtbare Feuerſtrom den Leuten in der Front von neuem ins Geſicht ſchlug. „Vorwärts mit dem— en!“ ſchrie der alte Marinemajor— „vorwärts, oder das achtzehnte wird ſich die Ehre des Tags nehmen!“ „Wir können nicht,“ murmelten die Soldaten vom— en;„ihr Feuer iſt zu heftig!“ „Dann gebt Raum und laßt die Seeleute durch Das ſchwache Bataillon zog ab und die Krieger der Tiefe, verſucht im Kampfe Mann gegen Mann, ſprangen unter lautem Geſchrei vorwärts an ihre Stelle. Die Amerikaner, die ihre Mu⸗ nition erſchöpft hatten, ſanken allmälig in düſterem Schweigen zurück; einige Wenige warfen noch im letzten Grimm Steine auf ihre Feinde herab. Das brittiſche Geſchütz war nun der Redoute in die Flanke gekommen und enſtlirte die kurze Bruſtwehr, die nicht länger zu halten war, und als die Kolonnen näher gegen den I* „ Dieſes Faktum, ſowie die meiſten andern, gilt in der That für vollkom⸗ men wahr. öte, ren een⸗ ard die lgte der mme kom⸗ lllig⸗ eſitze en in r.— nen!“ „ihr Tiefe, autem Mu⸗ veigen ie auf edoute , die en den ollkom⸗ 259 niedrigen Wall anrückten, wurde dieſer eine gemeinſchaftliche Schutz⸗ mauer für beide feindliche Parteien. „Hurrah!“ die königlichen Irländer!“ rief abermals M Fuſe, indem er ſich auf den unbedeutenden Aufwurf emporſchwang, der nur wenig höher als ſeine eigene Perſon war. „Hurrah!“ wiederholte Pitcairn und ſchwang ſeinen Säbel an dem andern Ende der Verſchanzung—„der Tag iſt unſer!“ Noch ein Feuerſtrom brach aus dem Innern des Werks und all' jene Braven, die wetteifernd dem Beiſpiel ihrer Offiziere ge⸗ folgt waren, wurden herabgefegt, wie wenn ein Wirbelwind ſie mit ſich fortgeriſſen hätte. Der Grenadier ſtieß noch einmal ſeinen Schlachtruf aus und ſtürzte dann kopfüber unter ſeine Feinde, während Pitcairn rückwärts in die Arme ſeines eigenen Kindes ſank. Der Ruf:„Vorwärts, Siebenundvierzigſtes!“ lief durch die Reihen und alsbald erſtieg dieſes langgediente Bataillon die Wälle. In dem ſeichten Graben ſchritt Lionel an dem ſterbenden Seemann vorüber und erhaſchte noch den verzweifelten Blick ſeines brechen⸗ den Auges; im nächſten Augenblick ſtand er ſelbſt dem Feinde gegenüber. Als Kompagnie auf Kompagnie in die unvertheidigte Schanze ſtürmte, zogen ſich die Amerikaner langſam zu dem hin⸗ teren Ausgange zurück, indem ſie die Bajonete der Soldaten mit ihren plumpen Musketen und nervigen Fäuſten von ſich fern hielten. Sowie ihr ganzer Haufe in das offene Terrain gelangte, empfing die Landleute ein nahes mörderiſches Feuer der Bataillone, die nun von drei Seiten dieſelben umzingelten. Eine Scene wilder ſchreck⸗ licher Verwirrung trat jetzt an die Stelle des geordneten Kampfes, mancher töͤdtliche Schlag wurde ausgetheilt und empfangen: das Handgemeng machte für mehre Minuten den Gebrauch der Feuer⸗ waffen faſt unmöglich. Lionel drang immer weiter vorwärts; dicht an den Ferſen des zurückweichenden Feindes ſtieg er auf ſeinem Marſche über manchen lebloſen Körper. Trotz der haſtigen, ungeheuren Verwirrung des Kampfes fiel ſein Auge auf die Geſtalt des edlen Fremden, welcher leblos auf dem zertretenen Raſen ausgeſtreckt lag, der reichlich ſein Blut getrunken hatte. Mitten unter dem wüthenden Geſchrei und den tobenden Leidenſchaften des Augenblicks hielt der junge Mann inne; er wünſchte ſehnlich,— ſo ſagte wenigſtens der Blick ſeines ſprechenden Auges, daß nunmehr das Werk des Todes ein Ende nehmen möchte. In dieſem Augenblick zog der glänzende Schmuck ſeiner Uniform die wildumherrollenden Augen eines ſterbenden Päch⸗ ters auf ſich, der ſeine dahin ſchwindende Kraft noch zum letzten Male aufbot, um den Manen ſeiner Landsleute ein weiteres würdiges Opfer zu bringen. Die ganze lärmende Scene verſchwand vor Lionel's Sinnen bei dem Blitze der plötzlich aus dem Gewehr dieſes Menſchen hervorbrach und er ſank zu den Füßen der Streitenden nieder, unempfindlich für ferneren Triumph wie für weitere Gefahr. Der Fall eines einzelnen Offiziers in einem ſolchen Kampfe war ein Umſtand, der keine Beachtung verdiente, und Regimenter ſchritten über ihn hin, ohne daß ein Einziger es der Mühe werth gehalten hätte, ſeinem Schickſale nachzuforſchen. Nachdem die Amerikaner ſich von den Truppen los gemacht hatten, warfen fie ſich ſchnell und wie ein in Unordnung gebrachter Haufe in den engen Hohlweg zwiſchen den beiden Hügeln; die Meiſten ihrer Ver⸗ wundeten⸗wurden auf dem Marſche mitgeſchleppt und nur wenige Gefangene in den Händen des Feindes zurückgelaſſen. Die Beſchaf⸗ fenheit des Terrains begünſtigte ihren Rückzug, indem Hunderte von Kugeln unſchädlich über ihren Häuptern hinpfiffen, und als ſie erſt einmal die Höhe des Bunker erſtiegen hatten, gewährte ihnen die Ent⸗ fernung noch größere Sicherheit. Die Mannſchaft hinter der Hecke verließ, als ſie das Schlachtfeld verloren ſah, die frühere Stel⸗ lung und räumte, einen einzigen Haufen bildend, die vorher beſetzten Wieſen. Das Ganze bewegte ſich in wirren Maſſen hinter den Kamm der anliegenden Höhe, die Soldaten folgten ihnen feuernd und ſandten entfernte und darum fruchtloſe Salven hinterdrein; doch 261 auf der Höhe von Bunkerhill machten ihre ermüdeten Pelotons Halt und ſahen den unerſchrockenen Haufen, wie er durch das furcht⸗ bare Feuer, welches die Niederung beſtrich, mit ſo geringem Verluſt ſich Bahn brach, daß es ſchien, als ob das Leben der Meiſten von einem Zauber geſchützt würde. Der Tag war bereits ſeinem Ende nahe. Mit dem Ver⸗ ſchwinden ihrer Feinde ſtellten Schiffe und Batterien ihr Feuer ein und kurze Zeit nachher war auf der Stelle, wo ſo lange der heftigſte Kampf gewüthet hatte, nicht eine einzige Flinte mehr zu hören. Die Truppen fingen an, die äußere Anhöhe, auf der ſie lagerten, zu verſchanzen, um ihre unfruchtbare Eroberung zu behaupten und Nichts blieb den königlichen Feldherrn weiter zu thun übrig, als hinzugehen und ihren Sieg zu betrauern. Siebenzehntes Kapitel. Sie ſpricht, doch ſagt ſie nichts; was iſt es auch? Ihr Auge redet— und ſo antwort' ich. Romeo. Die Schlacht von Bunker⸗Hill war gefochten worden, während noch das Gras auf den Wieſen lag; jetzt aber hatte bereits der ſcharfe Froſt des Novembers die Hitze des Sommers verdrängt, die Blätter waren gefallen, die Stürme und die kalten Tage des Februars waren herbeigekommen, und noch konnte Major Lincoln das Lager nicht verlaſſen, worauf man ihn gelegt hatte, nachdem er in gänzlicher Bewußtloſigkeit von den Hoͤhen der Halbinſel war weggetragen worden. Während dieſer ganzen langen Periode trotzte die verſteckte Kugel der äußerſten Geſchicklichkeit der britti⸗ ſchen Chirurgen und ihre ganze Wiſſenſchaft und Erfahrung konnte die Herrn nicht zu dem Wagſtücke vermögen, gewiſſe Arterien und Sehnen in dem Körper des Erben von Lincoln zu durchſchneiden, —yy õÿõʒõäõäõ⅓³ä welche, wie man glaubte, dem hartnäckigen Blei den Ausgang verſperrten, das nach allgemeiner Uebereinſtimmung allein der Geneſung des Kranken im Wege ſtand. Dieſe Unentſchloſſenheit war eine von den Plagen, welche der arme Lionel ſeinem hohen Stande verdankte, denn wäre Meriton, ſtatt ſeines Herrn, frank darnieder gelegen, der Fall wäre höchſt wahrſcheinlich viel früher entſchieden worden. Endlich kam ein junger, unternehmender Arzt, dieſer, entweder der die Welt noch vor ſich hatte, aus Europa an; größere Geſchicklichkeit oder mehr Kühnheit als ſeine Collegen be⸗ ſitzend,— denn beide ſind in ihren Reſultaten oft ganz dieſelben — hatte ſich ohne Zögern für die Zweckmäßigkeit einer Operation entſchieden. Der Medicinal⸗Stab der Armee rümpfte über ſolche Neuerung die Naſen und begnügte ſich für den Anfang mit dieſem ſtillen Zeichen ſeiner Verachtung. Als aber die Freunde des Patienten, wie es gewöhnlich geſchieht, dem Flüſtern der Hoffnung Gehör gaben und dem zuverſichtlichen Manne der Sonde geſtatteten, ſeine Inſtrumente zu gebrauchen, wurden die Stimmen ſeiner Mit⸗ genoſſen nicht nur laut, ſondern ſchreiend. Es gab ſelbſt einen oder zwei Tage, wo ſogar die vom Wachen ermüdeten und abge⸗ matteten Subalternen der Armee die Gefahren oder das Ungemach der Belagerung vergaßen, um mit ernſter, wißbegieriger Miene auf das unverſtändliche Kauderwälſch der Weiſen des Lagers zu horchen, und Manche von Denen, welche dafür bekannt waren, daß ſie vor ihren erklärten Feinden niemals Zeichen einer ſo ſchimpf⸗ lichen Schwäche gezeigt hatten, erbleichten beim Anhören dieſes Berichtes. Als aber bekannt wurde, daß die Kugel glücklich her⸗ ausgenommen worden und der Kranke ſich auf dem Wege der Beſſerung beſinde— da ſolgte der erſten Aufregung eine Ruhe, welche für das Menſchengeſchlecht weit unheilverkündender war, als der vorangegangene Sturm. Der wagende Praktikus war in kurzer Zeit allgemein als der Gründer einer neuen Theorie aner⸗ kannt: von der Haͤlfte der gelehrten Körperſchaften der Chriſtenheit 1g er eit en unk her tzt, der be⸗ ben tion lche mit des nung eten, Mit⸗ einen abge⸗ mach Niene rs zu varen, bimpf⸗ dieſes h her⸗ ge der Ruhe, war, war in 2 aner⸗ ſtenheit 263 regnete es mit den Titeln M. D.(Medicinae Doctor) auf ſein geehrtes Haupt herab, während manche ſeiner Bewunderer und Nachahmer mit vollem Rechte die nämlichen magiſchen Symbole mit Hinzufügung des erſten Buchſtabens vom Alphabet als An⸗ hängſel zu ihren Geſchlechtsnamen gebrauchen konnten.“ Die alte Art des Räſonnements wurde geändert und den neuen Thatſachen angepaßt und noch ehe der Krieg ſein Ende erreicht hatte, rechnete man, daß bereits einige Tauſende von den Dienern der Krone und nicht Wenige von den patriotiſchen Koloniſten mit Hülfe dieſer Entdeckung zu Grabe gegangen waren. Wir könnten der ſorgfältigen Erläuterung eines ſolchen Ereig⸗ niſſes ein ganzes Kapitel widmen, hätten nicht neuere Philoſophen ſchon längſt dieſe Kunſt(bei welcher, wie natürlich, die Theorie zu unterliegen ſcheint) durch Erneuerung jener kühnen Abenteuer überboten, die uns gelegentlich in der Anatomie des Menſchen manches Neue lehren, gerade ſo, wie die Seefahrer Neu⸗Eng⸗ lands in der Geographie eine Terra Australis entdecken konnten, wo Cook Nichts als Waſſer geſehen oder wie Parry Venen und Arterien in demſelben Theil des amerikaniſchen Feſtlandes auf⸗ findet, den man ſo lange als aus einem Knorpel beſtehend ſich gedacht hatte. Wir müſſen übrigens die Wirkungen der erwähn⸗ ten Operation auf die Wiſſenſchaft der Chirurgie vor der Hand dahingeſtellt laſſen, und wollen uns mit der Verſicherung begnügen, daß ſie ſich an ihrem Gegenſtande ſelbſt als im höchſten Grade heilſam erwies. Sieben traurige Monate lang hatte Lionel in einem Zuſtande dagelegen, wo er, wie man wohl ſagen konnte, nicht ſowohl lebte als bloß exiſtirte, da er der Vorfälle um ihn her nur wenig ſich bewußt und zum Glück auch für den Schmerz faſt unempfindlich war. Auf Augenblicke wollte die Lebensflamme wie * Das Logogryph des Verfaſſers iſt vielleicht ſo zu deuten: M. D. wozu ein Ain die Mitte M. A. D.(mad.)— zu deutſch wahnſinnig bedeutet. Anm. d. Ueberſ. 264 eine erſterbende Lampe aufglimmen und dann wurde die Furcht und m die Hoffnung ſeiner Umgebung abermals getäuſcht, wenn der lie Patient wieder in jenen Zuſtand von Apathie zurückfiel, worin er Li ſo lange Zeit zugebracht hatte. Meriton hatte ſich durch eine irrige 4 ſe Anſicht von ſeines Herrn Leiden verleiten laſſen, ihm Schlaftränke ar in reichlichem Maße zu reichen und kein kleiner Theil von Lionel's tig Unempfindlichkeit kam von dem übermäßigen Genuſſe des Laudanum w her, das er der mißverſtandenen Gutmüthigkeit ſeines Dieners E verdankte. In dem Augenblicke der Operation bediente ſich der A abenteuerliche Chirurg deſſelben betäubenden Medikaments und es fü verſtrichen noch manche Tage einer dumpfen, ſchweren und beun⸗ N ruhigenden Apathie, bis ſeine Natur, von ihrem fremdartigen In⸗ S wohner befreit, ihre geſunden Funktionen wieder antreten konnte und neue Kraft zu ſammeln begann. Durch einen beſonders günſtigen Li Glücksfall war der Arzt zu ſehr mit ſeinen eigenen neuen Ehren b vo beſchäftigt, um ſeinen Erfolg— wie ein großer General ſeinen— eir Sieg— secundum artem verfolgen zu können, und ſo ließ man we den unvergleichlichen Doktor— Natur— die Heilung vollenden. vo Nachdem die Nachwirkung der ſchmerzſtillenden Mittel auf⸗ ful gehört hatten, fand ſich der Kranke gänzlich frei von jedem Unwohl⸗ ver ſeyn und verfiel in einen ſüßen, erquickenden Schlummer, der ohne M Unterbrechung mehrere Stunden fortdauerte. Er erwachte und der fühlte ſich wie neugeboren; ſein Körper war geſund, der Kopf hell iſt, und munter, und ſeine Erinnerungen, wenn auch noch ein wenig wirr und unzuſammenhängend, doch jedenfalls beſſer, als ſie ſeit ge dem Augenblick geweſen, da er in dem Melée auf Breeds“ gefallen St war. Dieſe Wiederbefähigung zu allen edleren Funktionen des ge Lebeus geſchah um die zehnte Stunde des Morgens und als Lionel * Es muß erinnert werden, daß die Schlacht von Bunker⸗Hill eigentlich ſ auf Breed's Hill Statt hatte. Die Unrichtigkeit des Namens kommt daher, daß die Amerikaner urſprünglich jene erſte Poſition hatten einneh⸗ aus men wollen, in der Nacht aber die rechte Stelle verfehlt hatten. 265 mit Bewußtſeyn die Augen öffnete, ſielen ſeine Blicke auf die freund⸗ liche Beleuchtung einer klaren Sonne, die, von dem blendenden Lichte der Schneemaſſen draußen unterſtützt, jeden Gegenſtand in ſeinem Zimmer erhellte. Die Vorhänge an den Fenſtern waren aufgezogen und jedes Stück des Hausgeräths war mit einer Net⸗ tigkeit geordnet, aus der die emſige Sorgfalt hervorleuchtete, mit welcher er in ſeiner Krankheit bewacht worden war. In einer Ecke freilich hatte ſich Meriton in einem bequemen Stuhle auf eine Art zurecht geſetzt, welche größere Sorgfalt für den Diener als für den Herrn vermuthen ließ, indem er nach einer durchwachten Nacht ſeine Kräfte durch den verſtohlenen und eben darum ſüßen Schlaf des Morgens wiederherzuſtellen ſuchte. Eine Fluth von Rückerinnerungen tauchte mit einem Male in Lionel's Seele auf, und er bedurfte einiger Zeit, bis er das Wahre von dem Geträumten in ſo weit zu ſondern vermochte, daß er ſich eine einigermaßen deutliche Vorſtellung von Allem dem machen konnte, was während des kleinen Zeitalters, das er verſchlummert hatte, vorgefallen war. Er erhob ſich ohne Mühe auf den Ellbogen, fuhr mit der Hand ein oder zwei Mal ſachte über's Geſicht und verſuchte dann ſeine Stimme in einem Aufruf an ſeinem Diener. Meriton ſchrack bei den wohlbekannten Tönen zuſammen, und nach⸗ dem er ſich emſig wie Einer, der durch eine Ueberraſchung erwacht iſt, die Augen gerieben, erhob er ſich und gab die gewöhnliche Antwort. „Nun, nun, Meriton!“ rief Major Lincoln;„Du ſchläfſt ſo geſund wie ein Rekrut, und ich vermuthe doch, Du biſt wie ein Soldat mit zwiefach geſchärfter Ordre zur Wachſamkeit auf⸗ geſtellt worden.“ Der Diener ſtand mit offenem Mund, als ob er die Worte ſeines Herrn verſchlingen wollte, und fuhr ſich dann ſchnell hinter einander, wie zuvor, mit der Hand über die Augen, dießmal jedoch aus einem ganz verſchiedenen Grunde. „Gott ſey's gedankt, Sir, Gott ſey's gedankt! Sie ſehen 266 doch einmal wieder aus wie früher, und wir werden nun noch einmal wie ſonſt zuſammen leben. Ja, ja, Sir— es wird ſchon gehen— ſchon jetzt wird's gehen. Es iſt doch ein Wunder von einem Mann, der große Londoner Chirurg! und nun kehren wir nach Soho zurück und leben als Privatleute. Danken wir Gott, Sir, danken wir Gott! Sie lächeln wieder und ich hoffe, wenn irgend Etwas ſchief gehen ſollte, werden Sie bald wieder im Stande ſeyn, mir einen jener Blicke zukommen zu laſſen, woran ich ſo gewöhnt war und die mir alles Blut aus dem Herzen trei⸗ ben, wenn ich weiß, daß ich vergeßlich geweſen bin!“ Der arme Burſche, der in langem Dienſt große Anhänglich⸗ keit für ſeinen Herrn gewonnen hatte, welche durch ſeine nunmeh⸗ rige Sorgfalt als Krankenwärter noch bedeutend vermehrt worden war, ſah ſich genöthigt, mit ſeinen unzuſammenhängenden Freuden⸗ bezeugungen inne zu halten, da er in der That in einen Strom von Thränen ausbrach. Lionel war zu ſehr von dieſem Beweiſe ſeiner Theilnahme gerührt, um die Unterredung fortzuſetzen; er ſchwieg mehrere Minuten lang und verſuchte während dieſer Zeit, von dem ſchluchzenden Diener unterſtützt, einige Kleidungsſtücke an⸗ zulegen; dann wickelte er ſeinen Schlafrock feſter um, und erhob ſich, auf die Schulter ſeines Dieners gelehnt, von ſeinem Lager, worauf er ſich in eben dem Stuhle, welchen der Andere verlaſſen hatte, ſicher und bequem niederſetzte. „Gut, Meriton, es iſt ſchon recht,“ ſagte Lionel mit einem tiefen Seufzer, als ob er ſeinen Athem gehemmt fühlte;„'s iſt ſchon gut, närriſcher Burſche; ich hoffe, ich werde leben, um Dir noch manchen Verweis und auch noch einige Guineen geben zu können.— Ich bin geſchoſſen worden, ſo viel ich weiß——“ „Geſchoſſen, Sir!“ unterbrach ihn der Diener;—„Sie ſind geradezu und gegen alles Geſetz ermordet worden! Zuerſt wurden Sie geſchoſſen, dann mit dem Bajonet getroffen und dann — ſetzte ein Haufen Reiter über Sie weg.— Ich habe das von —— och ird der ren wir ffe, eder ran rei⸗ ich⸗ ꝛeh⸗ rden den⸗ rom eiſe er Zeit, an⸗ rhob ger, iſſen nem 3 iſt Dir eben 1 Sie uerſt dann von 267 einem von des Königs Irländer, der die ganze Zeit neben Ihnen lag und ebenfalls gerettet wurde, nur um ſeine Geſchichte zu er⸗ zählen— ein guter ehrlicher Burſche iſt Terence, und wenn ſo Etwas möglich wäre, daß Euer Gnaden aus Armuth einer Penſion bedürften,— er würde mit Freuden Ihre Verwundungen von der Kings Bench oder dem Kriegsbüreau zu Bridewell oder St. James beſchwören,— ich bin gewiß, es wäre ihm Alles einerlei.“ „Wahrhaftig, ich muß bekennen,“ ſagte Lionel lächend, indem er gleichwohl mechaniſch mit der Hand über den Leib fuhr, als ſein Diener von dem Bajonet ſprach—„der arme Burſche muß einige von ſeinen eigenen Wunden auf meine Perſon übergetragen haben— die Kugel nehme ich an, aber was Kavallerie und Stich betrifft, da muß ich doch proteſtiren.“ „Nein, Sir, die Kugel nehm' ich und ſie ſoll mit mir in meiner Toilettſchachtel zu den Häupten meines Grabes beerdigt werden,“ ſagte Meriton, indem er das platte Stückchen Blei in ſeiner offenen Hand vorzeigte,—„ſie blieb dieſe dreizehn Tage in meiner Taſche, nachdem ſie ſechs lange Monate in den, wie ſie's nennen, Muskeln, hinter dem Ding da, wie heißt's doch nur, der Arterie geſteckt und Euer Gnaden gequält hätte. Aber ſo tief ſie auch verborgen lag, wir brachten ſie heraus! ˙s iſt wahrlich ein Wundermann, der große Chirurg aus London!“ Lionel langte nach ſeiner Boͤrſe, welche Meriton regelmäßig jeden Morgen auf den Tiſch gelegt hatte, um ſie jedesmal Abends wieder wegzuräumen, und ſeinem Diener einige Guineen in die Hand drücken, ſagte er: „So viel Blei muß nothwendig einiges Gold zur Beimiſchung haben. Hebe das unſcheinbare Ding auf und laß mich's nicht wieder ſehen!“ Meriton nahm kalt die widerſtrebenden Metalle und nachdem er die Augen auf die Guineen geworfen und raſch mit einem ein⸗ zigen Blick ihre Summe überzählt hatte, ſteckte er ſie gleichgültig 268 in die eine Taſche, während er das Blei mit ausnehmender Sorgfalt für ſeine Erhaltung in der anderen verſorgte. Dann wandte er ſich zu ſeinen gewöhnlichen Tagesgeſchäften. „Ich erinnere mich wohl, auf den Höhen von Charlestown in einem Gefecht geweſen zu ſeyn und kann mir ſelbſt den Augen⸗ blick noch denken, wo ich meinen Schuß erhielt,“ fuhr ſein Herr fort—„ich weiß auch noch Manches, was ſeitdem in dieſem Zeit⸗ raum ſich zutrug, der mir ein ganzes Leben zu ſeyn ſcheint. Aber bei alledem, Meriton, glaube ich, meine Ideen haben ſich eben nicht durch Klarheit ausgezeichnet.“ „Mein Gott! Sir, Sie haben hundert und hundert Mal mit mir geſprochen, mich gezankt und gelobt, aber nie haben Sie ſo ſcharf gezankt, wie Sie es ſonſt wohl können, und nie ſo hell um ſich geſehen und geſprochen, wie jetzt an dieſem Morgen!“ „Ich bin im Hauſe der Mrs. Lechmere,“ fuhr Lionel fort, indem er das Zimmer betrachtete—„ich kenne dieß Gemach und dieſe geheimen Thüren zu gut, um mich hierin zu irren.“ „Freilich, Sir, ſind wir wieder hier; Madame Lechmere ließ Sie vom Schlachtfelde weg hierher in ihr eigenes Haus bringen und eins der beſten iſt es in Boſton, ohne Zweifel. Ich denke, Madame würde doch gewiſſermaßen ihren Anſpruch darauf verlieren, wenn uns irgend etwas Ernſtliches begegnen ſollte!“ „So etwas, wie ein Bajonet oder ein Trupp Reiter! aber wie kommſt Du nur auf ſolche Gedanken?“ „Warum? Sehen Sie, Sir, wenn Madame Nachmittags hierher kam, was ſie täglich that, ehe ſie erkrankte, hörte ich, wie ſie oft zu ſich ſelbſt ſagte, wenn das Unglück es wollte, daß Sie ſterben ſollten, ſo würden mit Ihnen alle ihre Hoffnungen für ihr Haus zu Grabe getragen.“ „So iſt es alſo Mrs. Lechmere, die mich täglich beſucht,“ ſagte Lionel gedankenvoll;„ich erinnere mich einer weiblichen —. 269 Geſtalt, die um mein Bett ſchwebte, doch hatte ich ſie für jugend⸗ licher und raſcher, als die Perſon meiner Tante gehalten.“ „Und Sie haben vollkommen Recht, Sir— Sie haben die ganze Zeit über eine Wärterin gehabt, wie man ſie nur ſelten antreffen mag. Einen Molkentrank oder einen Haferſchleim zu be⸗ reiten— darin kann ſie's mit dem älteſten und häßlichſten Weib in den Hoſpitälern aufnehmen und nach meinem Geſchmack iſt der beſte Gaſtwirth zu London ein Stümper gegen ſie im Glühwein!“ „Dieß ſind allerdings hohe Vorzüge wer mag die Beſitzerin derſelben ſeyn?“ „Miß Agnus, Sir; eine ſorgſame, vortreffliche Wärterin iſt Miß Agnus Danforth! obwohl ich, was die Achtung für die Truppen betrifft, gerade nicht behaupten kann, daß ſie ſich hierin beſonders auszeichnet.“ „Miß Danforth,“ wiederholte Lionel und ſchlug getäuſcht die Augen nieder—„ich hoffe, ſie hat all dieſe Mühe um meinet⸗ willen nicht allein getragen. Es ſind ja weibliche Geſchöpfe genug im Hauſe— man ſollte denken, ſolche Dienſte gehörten für die Dienſtboten— kurz, Meriton, war ſie denn bei all dieſen kleinen Hülfleiſtungen ohne Beiſtand und Unterſtützung?“ „Ich half ihr, wie Sie wiſſen, Sir, ſo viel ich konnte; ob⸗ wohl mein Glühwein nie ſo den rechten Fleck trifft, wie der von Miß Agnus.“ „Man ſollte nach Deiner Erzaͤhlung meinen, ich hätte nichts als Portwein verſchluckt in dieſen ſechs Monaten,“ fiel Lionel ärgerlich ein. „O Gott! Sir, Sie wollten oft von meinem Glaſe nicht einen Fingerhut voll nehmen, was ich immer für ein boͤſes Zeichen anſah, denn das weiß ich gewiß, an dem Tranke lag es nicht, wenn er nicht genoſſen wurde.“ „Gut jetzt; ich habe genug von Deinem Lieblingsgeträͤnk gehört! Mir wird ſchon übel bei dem bloßen Namen— aber, Meriton, 270 haben nicht Andere von meinen Freunden ſich nach meinem Be⸗ finden erkundigt?“ „Freilich, Sir— der kommandirende General ſendet jeden Tag einen Adjutanten oder Diener und Lord Percy hinterließ ſeine Karte mehr als—“ „Pah! das ſind Höflichkeitsbeſuche; aber ich habe Verwandte in Boſton— Miß Dynevor, hat ſie die Stadt verlaſſen?“ „Nein, Sir,“ ſagte der Diener gleichgültig, und nahm mit kühler Miene ſein Geſchäft wieder auf, indem er die Gläſer auf dem Nachttiſche ordnete;„ſie iſt nicht beſonders lebhaft, dieſe Miß Cäcilie.“ „Sie iſt doch nicht krank, hoff' ich?“ „Herr Gott! mich durchfährts einmal mit Freude und dann wieder mit Furcht, wenn ich Sie ſo raſch und kräftig ſprechen höre.— Nein, ſie iſt nicht eigentlich leidend, aber ſie hat nicht das Leben und die Sachkenntniß, wie ihre Couſine, Miß Agnus.“ „Warum glaubſt Du das, Burſche?“ „Weil ſie träumeriſch iſt, Sir, und nicht auch eines der leichten Damengeſchäfte in der Familie übernimmt. Ich habe ſie in dem nämlichen Stuhle, in dem Sie ſich jetzt befinden, Stunden lang ſitzen ſehen, ohne daß ſie ſich gerührt hätte; höchſtens eine Ner⸗ venzuckung, wenn Sie ſeufzten oder ein wenig aufwärts durch Euer Gnaden Naſe athmeten;— ich habe mir ſo meine Gedanken ge⸗ macht, Sir, und habe gefunden, ſie könnte wohl poetiſiren; jeden⸗ falls liebt ſte ſehr, was ich Ruhe nenne.“ „In der That!“ ſagte Lionel, der das Geſpräch mit einem Eifer verfolgte, der einem ſchärfern Beobachter aufgefallen ſeyn würde—„was haſt Du für einen Grund zu vermuthen, daß Miß Dynevor ſich mit Reimen befaſſe?“ „Weil ſie oft ein Stückchen Papier in der Hand hat, Sir; und ich ſah ſie daſſelbe Ding wieder und abermals wieder über⸗ leſen, bis ſte es, wie ich wetten wollte, auswendig wußte— und — ſt ri ann hen icht .“ hten dem ang ter⸗ Fuer ge⸗ den⸗ nem ſeyn daß Sir; ber⸗ und 271 ſo machen's ja Ihre Dichter immer bekanntlich mit dem, was ſte ſelbſt ſchreiben.“ „Vielleicht war es ein Brief?“ rief Lionel ſo raſch, daß Me⸗ riton ein Glas, das er eben reinigte, auf Unkoſten von deſſen Inhalt zu Boden fallen ließ. „Gott ſteh' uns bei, Herr Lionel, wie kräftig Sie ſprechen und wieder ſo ganz, wie in den alten Zeiten!“ „Ich bin, glaube ich, erſtaunt darüber, zu finden, daß Du ſo viel von der goͤttlichen Kunſt verſtehſt, Meriton.“ „Uebung macht den Meiſter, wie Sie wiſſen, Sir,“ ſagte der geckenhafte Diener—„ich kann nicht ſagen, daß ich je viel darin geleiſtet, obwohl ich einige Verſe über ein niedliches Ferkel ſchrieb, das zu Ravenseliffe ſtarb, als wir das letzte Mal dort waren; auch erwarb ich mir großen Eelat durch einige Zeilen auf eine Vaſe, welche Lady Bab's Kammerzofe eines Tags in einer Bal⸗ gerei zerbrach, als ich, wie das närriſche Ding behauptet, ſie küſſen wollte, während doch alle die, welche mich kennen, genugſam wiſſen, daß ich keine Vaſen zu zerbrechen brauche, um von ihres Gleichen Küſſe zu erhalten.“ „Sehr gut,“ erwiederte Lionel;„ein ander Mal, wenn ich mehr bei Kraft bin, werde ich mir das Vergnügen erbitten, ſie zu überleſen— jetzt aber gehe in die Speiſekammer, Meriton, und ſchaue Dich um; ich fühle die Zeichen wiederkehrender Geſund⸗ heit ſehr ſtark in mir.“ Der erfreute Diener entfernte ſich augenblicklich und überließ ſeinen Herrn dem Spiele ſeiner eignen geſchäftigen Phantaſie. Mehre Minuten verſtrichen, ehe der junge Mann ſein Haupt erhob, das er mit der Hand geſtützt hatte und dieß geſchah auch erſt, als er leichte Fußtritte neben ſich zu vernehmen glaubte. Sein Gehöͤr hatte ihn nicht getäuſcht, denn Cäcilie Dynevor ſtand wenige Schritte von dem Lehnſtuhle entfernt, der ſeine eigene Perſon zum groͤßten Theil vor ihrem Blicke verbarg. Er konnte 272 an ihrer Stellung und ihrem Schritt deutlich wahrnehmen, daß ſie den Kranken da zu finden erwartete, wo ſie ihn zuletzt geſehen und wo ſeine regungsloſe Geſtalt ſo manchen traurigen Monat hindurch in gänzlicher Apathie gelegen hatte. Lionel folgte ihren Bewegungen mit den Augen und als das leichte Band ihres Mor⸗ genhäubchens von ihrem eignen Athem zur Seite geweht wurde, ent⸗ deckte er die unnatürliche Blaſſe ihrer Wangen. Als ſie aber die Falten der Bettvorhänge zurückzog und den Kranken vermißte— der Gedanke iſt nicht ſchneller, als die Wendung, mit der ſie ſich nach dem Stuhle umdrehte. Hier begegnete ſie den Augen des Jünglings, die mit Entzücken nach ihr herüber ſtrahlten, und jene Begeiſterung, jenes fühlende Verſtehen ausdrückten, welchem ſie ſo lange entfremdet geweſen waren. Der Ueberraſchung und dem Drange ihrer Gefühle nachgebend, flog Cäcilie zu ſeinen Füßen und, ſeine ausgeſtreckte Rechte mit ihren beiden Händchen um⸗ ſchließend, rief ſie: „Lionel, theurer Lionel, Sie ſind beſſer! Gott ſey gelobt, endlich ſehen Sie ſich ſelbſt wieder ähnlich!“ Lionel wand ſanft ſeine Hand aus dem warmen, unverhaltenen Druck ihrer zarten Finger los und zog ein Papier hervor, das ſie unbewußt ſeiner eigenen Hand Preis gegeben hatte. „Dieß, theuerſte Cäcilie,“ flüſterte er zu dem erröthenden Mäd⸗ chen,„dieß iſt mein eigener Brief, den ich ſchrieb, als ich mein Leben von naher Gefahr bedroht wußte, und der die reinſten Ge⸗ fühle meines Herzens ausſpricht— geſtehen Sie mir denn, daß er nicht ohne Urſache ſo ſorgſam aufbewahrt wurde!“ Cäeilie verbarg für einen Augenblick in brennender Scham das Antlitz in beiden Händen und überließ ſich dann den Gefühlen, welche alle zumal in dieſem Augenblick auf ihr Herz einſtürmten, mit der ganzen Weichheit eines Weibes, indem ſie plötzlich in einen Strom von Thränen ausbrach. Es wäre unnütz, bei den tröſten⸗ den, einſchmeichelnden Reden des Jünglings zu verweilen, dem es —y bald gelang, ſeine Freundin nicht nur von ihren Seufzern, ſondern I; ſelbſt von ihrer Verwirrung zu befreien, ſo daß ſie endlich ihr 8 ſchönes Haupt zu ſeinem feurigen Blicke emporhob, der ſo glän⸗ lat 3 zend, ſo vertrauensvoll auf ſie herniederſtrahlte, als ſeine innigſten ben 4 Wünſche ihn nur immer machen konnten. nn. Lionel's Brief war zu deutlich, um ihren Stolz nicht zu be⸗ die friedigen, und war zu oft überleſen worden, als daß auch nur ein einziges Wort deſſelben ſo bald vergeſſen werden konnte. Zudem . hatte Cäcilie zu zärtlich und zu lange an ſeinem Lager gewacht, ſch um ſich etwa jetzt einer jener kleinen Koketterien hinzugeben, welche des man zuweilen bei ſolchen Scenen trifft. Sie ſagte Alles, was 3 ein zärtliches, edles und beſcheidenes Weib bei ſolcher Gelegenheit ſo ſagen kann und ſo viel iſt gewiß, daß, wenn Lionel beim Erwachen Ban auch gut ausgeſehen hatte, doch das Wenige, was ſie ihm zu⸗ hen flüſterte, ſeine jetzige Miene noch um's Zehnfache erheiterte. 18„Und Sie erhielten meinen Brief an dem Morgen nach der 2 Schlacht?“ fragte Lionel, indem er ſich freundlich zu ihr herab⸗ öbt, beugte, während ſie noch an ſeiner Seite knieete. „Ja— ja— es war Ihr Befehl, daß er mir blos im Falle zen Ihres Todes zugeſendet werden ſollte; aber länger als einen Monat ſie wurden Sie von uns allen zu den Todten gerechnet.— O, was . war das für ein Monat!“ c⸗„Nun iſt's vorüber, meine ſüße Freundin, und, Gott ſey ge⸗ ge lobt, ich darf jetzt neuer Geſundheit und einem ſchönen Glücke entgegenſehen!“ aß„Gott ſey gelobt, ja!“ flüſterte Cäcilie, und Thränen entfielen abermals ihren Augen;— nich möchte dieſen Monat nicht noch einmal am 5 durchleben, Lionel, nicht für Alles, was dieſe Welt bieten kann!“ len,„Theuerſte Cäcilie!“ rief Lionel;„ich kann dieſe Güte, dieſe e. Leiden um meinetwillen einzig dadurch vergelten, daß ich Sie vor len der rauhen Berührung der Welt ſchütze, ſo wie Ihr Vater Sie ben ſchützen würde, wenn er noch am Leben wäre.“ es Lionel Lincoln. 2. Aufl. 18 — — —— 274 Sie blickte auf in ſein Geſicht mit dem vollen Vertrauen eines Weibes in ihrem leuchtenden Auge. „Sie werden es, Lionel, ich weiß, Sie werden es— Sie haben geſchworen, und ich wäͤre eine Elende, wenn ich daran zweifeln könnte.“ Er ſchloß ihre nicht widerſtrebende Geſtalt in ſeine Arme und drückte ſie an ſeine Bruſt. Im nächſten Augenblick ließ ſich ein Geräuſch vernehmen, als ob Jemand die Treppe heraufgeſtiegen käme. Cäcilie ſprang auf und ließ dem entzückten Lionel kaum Zeit, die brennende Röthe zu bemerken, die ihr Geſicht überzog⸗ als ſie mit der Schnelle und Leichtigkeit einer Antilope ans dem Zimmer floh. Achtzehntes Kapitel. Todt, für'’n Dueaten, todt! Hamlet. In Lionel wogten noch die wirren Gefühle, welche durch die vorhergehende Scene angeregt waren, als nach einem Vorſpiel von ganz beſonders ſchweren und lauten Tritten, wie wenn Jemand auf Krücken ſich näherte, der Beſuch durch eine Thüre eintrat, die derjenigen, durch welche Cärilie verſchwunden war, gerade gegen⸗ uber ſtand. Im nächſten Augenblick begrüßte den Geneſenden die volle, fröhliche Stimme ſeines Freundes: „Gott ſegne Dich, Leo, und ſegne uns Alle, denn wir bedür⸗ fen's!“ rief Polwarth und eilte auf ihn zu, um den Willkomm des Freundes, der ihm voll Freudigkeit die Arme entgegenſtreckte, durch einen herzlichen Händedruck zu erwiedern.„Meriton hat mir ge⸗ ſagt, Du habeſt das ächte Merkmal wiederkehrender Geſundheit— wenigſtens einen guten Appetit— wieder erlangt. Ich hätte bei⸗ nahe den Hals gebrochen, ſo haſtig bin ich heraufgeeilt, um Dir 84 „— verwundertem Blicke hinſch 275 augenblicklich meinen Glückwunſch darzubringen; doch ging ich noch vorher, zwar ohne Mrs. Lechmere's Erlaubniß, in die Küche, um ihrem Koch zu zeigen, wie man die Hammelſchnitte röſten muß, die ſie für Dich zubereiten— ein Kapitalſtückchen nach langem Faſten und ſo recht nahrhaft— Gott ſegne Dich, mein theurer Leo. Der Blick Deines hellen Auges iſt für meine Fröhlichkeit eben ſo aufreizend, wie Weſt⸗Indien⸗Pfeffer für meinen Magen!“ Polwarth hörte endlich auf, die Hände ſeines wiederbelebten Freundes zu ſchütteln, indem er mit heiſerer Stimme endete; unter dem Vorwand, einen Stuhl zu holen, wandte er ſich ſeitwärts, und hielt die Hand vor die Augen, ſeufzte dann laut und ließ ſich ſchweigend in ſeinem Stuhle nieder. Während dieſer Bewegung hatte Lionel Zeit, die veränderte Geſtalt des Kapitäns zu betrachten. Seine Figur, obgleich noch rund und ſelbſt korpulent, war doch in ihren Dimenſionen ſehr zuſammengegangen, und um den Mangel eines jener untern Glieder, womit die Natur das Menſchenge⸗ ſchlecht ausſtattet, zu erſetzen, hatte er ſich ein hölzernes Bein an⸗ fügen laſſen müſſen, das etwas kunſtlos gearbeitet und grob Eiſen beſchlagen war. Dieſe letztere, traurige V Major Lincoln's Blick beſonders auf ſich mit eränderung zog der noch einige Zeit mit aute, nachdem der Andere ſich ſchon zu ſeiner vollen Zufriedenheit in einem der gepolſterten Stühle des Zimmers zurecht geſetzt hatte. „Ich ſehe, mein Fußgeſtell hat Dein Auge auf ſich gezogen, Leo,“ fing Polwarth aufs Neue an, indem er den hölzernen Stell⸗ vertreter mit erzwungener Gleichgültigkeit in die Hoͤhe hob und ihn leicht mit ſeinem Stock berührte.„Es iſt vielleicht nicht ſo fein gearbeitet, als wenn es von den Händen eines Phidias gedrechſelt worden wäre, aber an einem Platze, wie Boſton, iſt es doch ein unſchätzbares Glied, in ſo fern es weder Hunger noch Kälte empfindet!“ „Die Amerikaner bedrängen die Stadt,“ ſagte Lionel, und 276 benützte freudig die Gelegenheit, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben—„ſie fahren mit Nachdruck in der Belagerung fort?“ „Sie haben uns in ſchrecklicher, ja perſönlicher Furcht erhalten, ſeit die ſeichten Waſſer gegen das Hauptland hin gefroren ſind, und ihnen den Weg bis in das Herz der Stadt eröffnet haben. Ihr virginiſcher Generaliſſimus, Waſhington, erſchien kurze Zeit nach der Affaire auf der andern Halbinſel(ein verfluchtes Geſchäft war das, Leo!) und mit ihm kam die ganze Zubehör einer großen Armee. Seit dieſer Zeit zeigen ſie eine kriegeriſche Haltung, ob⸗ gleich ſonſt nur Weniges von Bedeutung vorfiel, ein gelegentliches Scharmützel etwa ausgenommen; dagegen halten ſie uns, wie ebenſo viele unruhige Tauben, in unſerem Käfig gefangen.“ „Und Gage wüthet nicht über dieſe Einkerkerung?“ „Gage!— wir haben ihn gleich den Suppen, ſchon beim Ende des erſten Ganges fortgeſchickt. Nein, nein— in dem Augen⸗ blick, als das Miniſterium merkte, daß wir die Löffel bei Seite gelegt und in vollem Ernſt zu den Gabeln gegriffen hatten, wählten ſie den ſchwarzen Billy“ zu unſerem Anführer: und nun ſtehen wir kampfbereit den Rebellen gegenüber, welche ſchon einmal er⸗ fahren haben, daß unſer Führer kein Kind bei dem großen Gaſt⸗ mahl des Krieges iſt.“ „Ja, unterſtützt von Männern wie Clinton und Bourgoyne, und mit der Blüthe der Armee in ſeiner Hand, kann die Stellung leicht behauptet werden.“ „Bei einer inneren und äußeren Entkräftung, wie in unſerem Falle, iſt keine Stellung leicht zu behaupten, Major Lincoln.“ „Und iſt denn der Fall ſo verzweifelt?“ „Das magſt Du ſelbſt beurtheilen, mein Freund. Als das Parlament den Hafen von Boſton ſchloß, waren die Kolonien voll Unzufriedenheit darüber, und nun, da wir ihn geöffnet haben, und * General Howe, Gage's Nachfolger in der Statthalterſch aft von Neu⸗ england. Anm. d. Ueb erſ. — 10—, y—— ☛ n 277 herzlich froh wären, ihre Zufuhren zu erhalten— nun will's der T— l daß auch nicht eine Barke freiwillig in den Hafen einläuft. — Ahl! Meriton, Ihr bringt die Schnitte, wie ich ſehe; ſtellt ſie nur hier neben Euren Herrn und holt noch einen Teller— ich habe dieſen Morgen nur ſehr mittelmäßig gefrühſtückt.— So ſind wir gänzlich auf unſere eigenen Reſourcen beſchränkt. Aber ſelbſt dieſe laſſen die Rebellen uns nicht in Frieden genießen.— Das Ding da iſt vortrefflich gerathen— wie reizend das Blut dem Meſſer folgt!— Sie ſind ſo weit gegangen, ſogar Privatſchiffe auszurüſten, welche uns die nothwendigſten Lebensbedürfniſſe ab⸗ ſchneiden, und Der iſt glücklich, dem eine Mahlzeit, wie dieſe, zu Gebot ſteht.“ „Ich hätte nicht geglaubt, daß die Krafte der Amerikauer die Sachen je auf einen ſolchen Grad würden treiben können.“ „Was ich hier erwähnt habe, obwohl für's Leben von Wich⸗ tigkeit, iſt doch noch nicht die Hälfte vom Ganzen. Iſt Einer auch ſo glücklich, die Materialien zu einem guten Tiſche ſich zu verſchaf⸗ fen— Ihr hättet eine Zwiebel über dieſer Platte abreiben ſollen, Mr. Meriton— ſo weiß er erſt nicht, wo er Holz zum Kochen finden ſoll.“ „Wenn ich die Bequemlichkeit rings um mich her betrachte, muß ich faſt glauben, mein lieber Freund, daß Deine Einbildungs⸗ kraft das Elend übertreibt.“ „Bilde Dir ja nicht ſo thörichtes Zeug ein, denn wenn Du hinaus kommſt, wirſt Du Alles nur zu wahr finden. Wenn wir in dem Artikel Nahrung auch noch nicht, wie die Leute zu Jeru⸗ ſalem, genöthigt ſind, einander ſelbſt aufzuſpeiſen, ſo ſind wir doch die Hälfte der Zeit hindurch noch ſchlimmer daran, weil wir ſeit Langem faſt alles geſunden Brennholzes beraubt ſind. Laß nur einmal ein un⸗ glückliches Stück Boot durch das Eis hindurch an die Stadt her⸗ anſchwimmen und geh' dann hinaus und ſieh' das Ringen und Scharmützeln um ſeinen Beſitz, das augenblicklich zwiſchen den —y S 278 Yankees und unſeren erfrorenen Fingern Statt haben wird, und Du wirſt mir gewiß glauben. Es iſt noch ein Glück, wenn die waſſergetränkten Reliquien einer Schiffslände ohne eine Kanonade durchſchlüpfen! Ich erzähle Dir all' Das nicht als ein Mißvergnügter, Leo; denn, Gott ſey Dank, ich habe nur halb ſo viele Zehen warm zu halten, als andere Leute, und was das Eſſen betrifft, ſo kann ich mich mit Wenigem begnügen, da meine körperliche Konſtitution nunmehr ſo elend herabgekommen iſt.“ Lionel ſchwieg voll Trauer, als der Freund über ſein eigenes Unglück zu ſcherzen verſuchte; dann aber, mit einem für einen jungen Mann in ſeiner Lage ſehr natürlichen Uebergang, rief er: „Aber wir gewannen den Tag, Polwarth! und trieben die Rebellen aus ihrer Schanze wie die Spreu vor dem Wirbelwind!“ „Hum!“ ſtöhnte der Kapitän, indem er ſein hölzernes Bein bedächtig auf ſeinen anderen koſtbareren Kameraden legte und es traurig betrachtete—„hätten wir beſſeren Gebrauch von den güti⸗ gen Gaben der Natur gemacht und ihre Stellung umgangen, ſtatt der Beſtie gerade unter die Krallen zu rennen, Viele wären noch beſſer mit ihrem Zugehör verſehen aus dem Felde zurückgekommen, als jetzt ſo Manche unter uns herumgehen. Aber der ſchwarze William liebt Schlachtgetöſe und wollte bei dieſer Gelegenheit ſein Gelüſte bis auf die Hefe befriedigen.“ „Er muß Clinton für ſeine ſo zeitige Anweſenheit dankbar ſeyn!“ „Hat der Teufel wohl je am Märtyrerthum ſeine Freude? Die Anweſenheit von tauſend Rebellen wäre ihm ſelbſt in jenem Augenblick willkommener geweſen; auch hat er nicht ein einziges Mal nach ſeinem gutmüthigen Helfer hingelächelt, ſeit dieſer ſich auf ſo unwillkommene Art zwiſchen ihn und ſeinen Feind geworfen. Wir hatten genug damit zu thun, um an unſere Todten und Ver⸗ wundeten zu denken und unſere Eroberung zu behaupten, ſonſt würde wohl etwas mehr als finſtere Blicke und unfreundliche Mienen auf die That gefolgt ſeyn.“ — — 22 8—j— / „Ich wage es kaum, mich nach den Unfällen des Tages zu er⸗ kundigen: ſo viele würdige Namen müſſen bei dem Verluſte aufge⸗ zählt werden!“ „Es iſt wohl unmöglich, daß zwoͤlf bis fünfzehnhundert Mann aus einer ſolchen Armee aufs Haupt geſchlagen werden und dennoch alle tüchtigen Jungen davonkommen ſollten. Gage, ſo viel ich weiß, gibt den Verluſt auf etwa eilfhundert an; aber freilich, nach⸗ dem man ſo viel gegen die Yankees geprahlt hat, kann man ihre Tapferkeit nicht auf einmal in ihrem Glanze auerkennen. Ein Mann geht ſelten auf Einem Bein, er macht denn vorher ein Bis⸗ chen Halt, wie ich aus Erfahrung ſagen kann— ſetze darum drei⸗ zehn als Mittelzahl, und Du wirſt Dich nicht ſtark verrechnen.— Ja, in der That, es waren wohl brave junge Leute unter ihnen! jene ſchurkiſchen, leichtfüßigen Burſche, die ich noch ſo zeitig aufgab, wurden tüchtig gepfeffert— und da waren die Füſiliere; die hatten kaum noch ſo viele Leute übrig, um ihre Ziege zu ſatteln!““ „Und die Marineſoldaten! ſie müſſen hart gelitten haben; ich ſah Pitcairn vor mir fallen!“ ſagte Lionel und fuhr zaudernd fort —„ich fürchte ſehr, unſer alter Kamerad, der Grenadier, kam nicht glücklicher davon.“ „Ja, leider!“ rief Polwarth, indem er einen verſtohlenen Blick auf ſeinen Gefährten warf.—„Ach, Mac war dießmal nicht ſo glück⸗ lich als früher in Deutſchland— hm— Mae— er hatte doch eine verdammte Manier an ſich, Leo; ein verteufelt eigenſinniger Burſche in militäriſchen Sachen, aber ein ſo edles Herz und ſo bereit, ſeinen Theil an dem Tafel⸗Aufwande zu tragen, als irgend Einer in Sr. Majeſtät Dienſten! Ich ſetzte in demſelben Boot mit * Dieſes Regiment hielt, einer Sage zur Folge, eine Ziege mit vergoldeten Hörnern. Einmal im Jahr feierte es ein Feſt, bei welchem das bärtige Thier eine bedeutende Rolle ſpielte. In der Schlacht von Bunker⸗Hill zeichnete ſich jenes Corps eben ſo ſehr durch ſeinen Muth wie durch ſeine Verluſte aus. 280 ihm über den Fluß und er unterhielt uns mit ſeinen wunderlichen Gedanken über die Kriegskunſt. Nach Mac's Begriffen ſollten die Grenadiere Alles allein ausfechten.— Eine verdammt ſonderbare Art war es doch, die Mac an ſich hatte!“ „Es gibt Wenige unter uns ohne Eigenheiten, und ich möchte wünſchen, daß dieſelben niemals anſtößiger wären, als die unbedeu⸗ tenden Vorurtheile des armen Dennis M'Fuſe es geweſen.“ „Ja, ja,“ fuhr Polwarth fort und räusperte ſich heftig, als wäre er entſchloſſen, ſich um jeden Preis die Kehle frei zu machen,„er war in Kleinigkeiten, wie z. B. der Kenntniß des Kriegs und in Sachen der Disciplin etwas e ingebildet, bei allen wichtigen Dingen aber ſo leicht zu behandeln, wie ein Kind. Er liebte ſeinen Spaß, aber es war unmöglich, einen weniger ſchwierigen und anſpruchsloſeren Gaumen an einer Tafel zu finden! Das größte Uebel, das ich ihm wünſchen könnte, wäre— daß er wieder auf⸗ lebte, und in dieſen harten Zeiten, wo die Dinge nur vergleichungs⸗ weiſe trefflich zu nennen ſind, die ſinnreiche Verſorgung genießen könnte, welche ſein eigener Scharfſinn von der Begehrlichkeit unſe⸗ res alten Hauswirths, des Meiſters Seth, erpreſſen half.“ „So iſt dieſer denkwürdige Anſchlag nicht gänzlich zu nichte geworden?“ fragte Lionel, der von ganzem Herzen den Gegenſtand der Unterhaltung zu ändern wünſchte.„Ich hätte gedacht, die Ame⸗ rikaner ſeyen zu wachſam, um den Verkehr zuzugeben.“ „Seth war zu liſtig, um ſich ſolchen nehmen zu laſſen. Die Preiſe wirkten wie ein Schlaftrunk auf ſein Gewiſſen und unter Deinem Namen, wie ich glaube, hat er einen Freund von hinläng⸗ lichem Gewicht unter den Rebellen gefunden, der ihn bei dieſem Handel beſchützt. Seine Zufuhren erſcheinen zweimal in der Woche und ſo regelmäßig, wie bei einem wohlgeordneten Eſſen das Fleiſch auf die Suppe folgt.“ „So könnt Ihr alſo mit dem Lande verkehren und dieſes H——— A 281 wieder mit der Stadt? Wenn auch Waſhington bei der Sache ein Auge zudrückt, ſo würde ich doch den finſtern Blick Howe's fürchten.“ „Ci, um allen Verdacht eines unrichtigen Spieles vorzubeugen und zu gleicher Zeit der Sache der Menſchheit zu dienen— ſo lautet, wie du weißt, die Erklärung,— hat unſer weiſer Wirth für paſſend befunden, einen Narren als ſeinen Agenten bei dem Verkehr zu gebrauchen— einen Burſchen von ziemlicher Bekannt⸗ heit, wie Du Dich erinnern wirſt,— einen gewiſſen Simpel mit Namen Job Pray.“ Lionel ſchwieg auf einige Augenblicke, während ſeine Rück⸗ erinnerungen immer mehr aufzuleben und ſeine Gedanken ſich wieder auf die Scenen zu richten anfingen, welche während der erſten Monate ſeiner Anweſenheit zu Boſton vorgefallen waren. Es iſt leicht möglich, daß ein peinliches, obwohl nur allgemeines und unbeſtimmtes Gefühl ſich in ſein Nachſinnen einmengte, denn offenbar ſuchte er einen ſo unwillkommenen Gaſt zu verjagen, indem er das Geſpräch mit einer Miene erzwungener Fröhlichkeit wieder aufnahm. „Ah, ich erinnere mich Job's wohl— der Burſche, einmal geſehen und gekannt, wird nicht leicht wieder vergeſſen. Er zeigte ſonſt große Anhänglichkeit an mich; doch, wie die ganze Welt, werde auch ich, da ich einmal im Unglück bin, vernachläſſigt.“ „Du thuſt dem Jungen Unrecht: er frägt— freilich in ſeiner ſchläfrigen Art— nicht nur häufig nach Deinem Befinden, ſondern ſcheint zuweilen ſogar beſſer in der Sache unterrichtet als ich ſelbſt, und pflegt meine häufigen Antworten auf ſeine Fragen dadurch zu vergelten, daß er von Deiner Beſſerung, ſtatt Nachrichten zu empfangen, mir deren mittheilt und dieß beſonders, ſeit die Kugel ausgezogen wurde.“ „Das wäre doch wirklich ſonderbar,“ erwiederte Lionel mit noch gedankenvollerer Stirne. „Nicht ſo beſonders auffallend, Leo, als man wohl anfangs glauben ſollte! dem Burſchen mangelts gar nicht an Scharfſinn, 282 wie er ſchon bei ſeiner Auswahl unter den Gerichten an unſerem alten Abendtiſche beurkundete.— Ach! Leo, Leo, wir mögen noch manchen ſcharfprüfenden Gaumen finden, wo aber ſollen wir wieder einen ſolchen Freund hernehmen?— Einen, der ißt und ſcherzt, trinkt und disputirt,— Alles in einem Athem, wie der arme Dennis, der nun für immer von uns gegangen iſt!— Es war etwas Piquantes an Mac, das auf die Trübſal des Lebens, wie Gewürze auf den Appetit einwirkte.“ Meriton, der emſig an ſeines Herrn Rock bürſtete— ein Geſchäft, das er täglich verrichtete, obgleich das Kleid ſo lange Zeit nicht getragen worden war— warf einen verſtohlenen Blick auf das abgewendete Auge des Majors, und da er in ſeinem Ausdruck den Entſchluß zu ſchweigen bemerkte, unternahm er es, in eigener unwürdiger Perſon das Geſpräch fortzuführen. „Ja, Sir, ein netter Gentleman war Kapitän M'Fuſe, und Einer, der ſo tapfer für den König focht, als irgend ein Herr in der Armee, das ſagen Alle.— Es war nur Jammerſchade, daß eine ſolche ſchöne Geſtalt von einem Mann keinen beſſeren Begriff vom Anzug hatte; doch das, Sir, iſt nicht Allen gegeben! Aber Jedermann ſagt, es iſt ein höchſt ſchmerzlicher Verluſt, obwohl manche Offiziere in der Stadt ſind, welche ſich ſo wenig um ihre Ausſtattung bekümmern, daß ſicherlich, wenn ſie erſchlagen würden, auch nicht ein Menſch ſie vermißte.“ „Ach! Meriton,“ rief der herzliche Polwarth,„Du biſt ein Burſche von mehr Beobachtungsgeiſt, als ich vermuthet hätte. Mac vereinigte alle Eigenſchaften eines Mannes in ſich, wenn auch einige davon nicht zur Reife gelangt ſeyn mögen. Es war ein Wohlſchmack in ſeinem Humor, der jeder Unterhaltung, in die er ſich miſchte, zur Würze diente. Habt Ihr den armen Jungen bei ſeinem letzten irdiſchen Aufzug auch recht hübſch ausgeſtattet, Meriton?“ „Ja, freilich, Sir, wir bereiteten ihm ein prachtvolles Leichen⸗ begängniß, wie es nur immer außerhalb London geſehen werden — SͤS 283 kann. Außer den königlichen Irländern waren alle Grenadiere ausgerückt, das heißt, Alles, was nicht verwundet war, was faſt die Hälfte betrug. Da ich die Hochachtung kannte, welche Herr Lionel für den Kapitän hegte, kleidete ich ihn mit eigener Hand an— putzte ſeinen Schnurrbart, Sir, ordnete ſein Haar mehr nach der Stirn und da ich ſah, daß Seine Gnaden ein bischen grau zu werden anfingen, ſtreute ich ein wenig Puder auf und Kapitän M'Fuſe lag ſo ſchön in ſeinem Sarge, als irgend ein Herr in der Armee, mag er auch ſeyn, wer er wolle.“ Polwarth gingen die Augen über, und er blies durch die Naſe mit einem Geräuſch, das dem Ton einer Clarinette nicht unähnlich war, ehe er antwortete: „Zeit und Strapazen hatten allerdings dem Haupt des armen Burſchen einen Anflug von Froſt gegeben; doch iſt's ein Troſt, zu wiſſen, daß er als Soldat und nicht von den Händen dieſes allge⸗ meinen Schlächters— der Natur— geſtorben, ſo wie, daß er nach ſeinem Tode dem Verdienſte gemäß beerdigt worden!“ „In der That, Sir,“ ſagte Meriton feierlich,„wir veranſtal⸗ teten einen großen Zug— man kann bei ſolchen Feſtlichkeiten ſchon etwas Hübſches aus Sr. Majeſtät Uniformen machen und das Ganze gewährte einen wundervollen Anblick!— Haben Sie geſprochen, Sir?“ „Ja,“ ſagte Lionel ungeduldig,„nimm das Tuch weg und geh, nach Briefen für mich zu fragen.“ Der Diener gehorchte ehrerbietig und nach einer kurzen Pauſe wurde das Geſpräch von beiden Herren wieder aufgenommen; doch betraf es dießmal Gegenſtände von weniger peinvoller Art als zuvor. Polwarth war ausnehmend geſprächig, und ſo erhielt Lionel bald einen ſehr umſtändlichen und— um den Kapitän geziemende Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, dabei äußerſt unpartheiiſchen Bericht ſowohl über den Stand der feindlichen Streitkräfte, als über die Hauptbegebenheiten, welche ſeit dem Tage von Breeds — 284 bekannt geworden waren. Ein und zweimal wagte der Kranke eine Anſpielung auf den Geiſt der Rebellen und die unerwartete Energie, die ſie entwickelt hatten; doch Polwarth nahm dieß ſtets mit Stillſchweigen auf, und antwortete nur mit einem melancholiſchen Lächeln oder höchſtens mit einem bedeutungsvollen Wink auf ſeine unnatürliche Stütze. Natürlich vertauſchte ſein Freund nach dieſer rührenden Anerkenntniß ſeines früheren Irrthums den Gegenſtand mit anderen von weniger perſönlicher Beziehung. Er erfuhr, daß der königliche General ſeine harterkämpfte Er⸗ oberung auf der Halbinſel gegenüber behauptete, wo er aber eben ſo wirkſam als in der Stadt Boſton ſelbſt belagert wurde. Waͤhrend unterdeſſen der Krieg auf dem Punkte, wo er begonnen hatte, mit allem Ernſte fortgeführt wurde, waren auch Feindſeligkeiten in jeder der übrigen Kolonien, ſüdlich vom St. Lorenzſtrome und den großen Seen ausgebrochen, wo die Gegenwart der königlichen Truppen zum Angriffe einlud. Anfangs, ſo lange die Koloniſten mit dem hohen Euthuſtasmus auftraten, wie ein plötzlicher Aufruhr ihn hervorzu⸗ rufen pflegt, waren ſie überall ſiegreich geweſen. Eine große Armee war organiſirt worden, wie wir ſchon berichtet haben, und Diviſionen derſelben wurden auf verſchiedenen Punkten zu Eroberungen ver⸗ wendet, welche in dieſem frühen Stadium des Kampfes als für das Hauptreſultat wichtig angeſehen wurden. Doch die Folgen ihrer unvollſtändigen Mittel und einer getheilten Macht waren ſchon ſicht⸗ bar geworden. Nach einer Reihe unbedeutender Siege war Mont⸗ gomery in dem höchſt verzweifelten aber unglücklichen Verſuche, die unüberwindliche Feſtung Quebec wegzunehmen, gefallen, und von dem Augenblick an, als die Amerikaner aufhoͤrten, die Angreifenden zu ſeyn, wurden ſie allmählig gezwungen, ihre Streitkraͤfte zu ſammeln, um der mächtigen Anſtrengung der Krone zu begegnen, welche man allgemein als nahe bevorſtehend betrachtete. Da Tauſende ihrer Mitunterthanen in dem Mutterlande ſtarken Widerwillen gegen den Krieg zeigten, ſo gab das Miniſterium in einer Beziehung dem 285 Einfluſſe jenes freien Geiſtes, der zuerſt in Brittanien tiefe Wurzel faßte, nach und wandte ſeinen Blick nach denjenigen Staaten von Europa, welche mit Menſchenleben Handel trieben; von ihnen ſuchte es Söldlinge zu erhalten, welche den Trotz der Koloniſten brechen ſollten. So wurde die Angſt bei den Furchtſamen unter den Amerikanern durch Gerüchte von ungeheuren Schwärmen von Ruſſen und Deutſchen erregt, die ſich über ihr Land ergießen ſollten, um ſie Alle zu Selaven zu machen. Kein Schritt ihrer Feinde war vielleicht mehr dazu geeignet, ſie in den Augen der Amerikaner recht tief verhaßt zu machen, als dieſe Maßregel, wodurch Fremde herbeigeführt wurden, um einen rein häuslichen Zwiſt zu entſcheiden. So lange ausſchließlich blos ſolche Leute, welche in jenen, von beiden Völkern anerkannten Grundſätzen von Recht und Geſetz erzogen waren, in dem Streite zugelaſſen wurden, gab es noch, für beide gemeinſam, einzelne ſichtbare Punkte, welche den Streit weniger hartnäckig machen und mit der Zeit zu einer dauernden Verſöhnung führen konnten. So aber ſchloſſen die Amerikaner nicht mit Unrecht, daß ein Kampf, der durch Sclaven entſchieden worden, nichts als ſchimpf⸗ liche Unterwerfung für den Beſtegten zur Folge haben könne. Es war, wie wenn man die Scheide weggeworfen und mit Uebergehung der Vernunft das Reſultat einzig der Entſcheidung des Schwertes überlaſſen hätte. Als weiteres Mittel der Entfremdung, welche durch dieſe Maßregeln allmählig und in immer höherem Grade zwiſchen dem Volke des Mutterlandes und dem der Kolonien her⸗ beigeführt wurde, muß man noch die Veränderung betrachten, die bei dem Letzteren eben dadurch in ſeiner Gewohnheit, die Perſon des angeſtammten Fürſten zu betrachten, hervorgerufen ward. Während der langen Zeit des erbitterten Streites und der Anſchuldigungen, welche dem Blutvergießen vorherging, hatten die Koloniſten, in vollſter Ausdehnung, nicht nur in ihrer Sprache, ſon⸗ dern auch in ihren Gefühlen jenen angenommenen Satz des britti⸗ ſchen Geſetzes anerkannt, welcher behauptet, daß ‚der König nie 286 Unrecht thun könne.’ In dem ganzen weiten Umkreiſe eines Reichs, in welchem man die Sonne niemals untergehen ſieht, konnte der engliſche Monarch ſich keiner Unterthanen rühmen, die ſeiner Familie und Perſon treuer ergeben waren, als die Männer, welche nun gegen das, was ſie mit guten Glauben einen verfaſſungswidrigen Eingriff ſeiner Macht nannten, in Waffen ſtanden. Bis daher war das volle Gewicht ihres Unwillens mit Recht auf die Rathgeber des Fürſten gefallen, von welchem man glaubte, daß er nichts von den Mißbraͤuchen wiſſe, die in ſeinem Namen verübt wurden, und an denen er auch wahrſcheinlich unſchuldig war. Aber als der Streit heftiger wurde, fand man, daß ſeine natürlichen Gefühle ziemlich ſtark nach den Staatsakten ſchmeckten, welche er mit ſeinem Namen ſanktioniren mußte. Bald erhoben ſich aus dem Munde Derjenigen, welche die beſten Quellen der Erkundigung zur Hand hatten, leiſe Gerüchte, welche behaupteten, die Gefühle des Souveräns ſeyen in der Aufrechthaltung Deſſen, was er für ſeine Prärogative hielt, tief betheiligt, und eben ſo beurkunde er ein hohes Intereſſe für die Erweiterung der Machtvollkommenheit jenes Körpers, der diejenigen Repräſentanten ſeines Reichs umfaßte, mit welchem er in Perſon verkehrte und auf die er durch ſeine Gegenwart Ein⸗ fluß übte. Es dauerte nicht lange, ſo war dieſe Meinung auch auswärts verbreitet und ſo wie einmal die Gemüther ſich von ihrer alten Anhänglichkeit und den früheren Vorurtheilen zu entwöhnen begannen, geſchah es, in Folge eines ſehr natürlichen Gefühls, daß ſie das Haupt mit den Gliedern verwechſelten, indem ſie vergaßen, daß ‚Freiheit und Gleichheit“ keinen Theil des Fürſtenrechtes bilde. Der Name des Monarchen ſiel täglich mehr in Mißachtung und darin, daß die Schriftſteller der Koloniſten freier auf ſeine Perſon und Macht anzuſpielen wagten, zeigte ſich das Glimmern jenes Lichtes, welches unter den Nationalſymbolen der Erde ein Vorläufer des Aufgangs jener ‚Sterne des Weſtens war. Bis dahin hatten Wenige an Unabhängigkeit gedacht und noch Keinem 287 war es eingefallen, ganz offen davon zu ſprechen, wiewohl die Kolo⸗ niſten durch die Ereigniſſe im Stillen zu dieſer ſchließlichen Maßregel vorbereitet waren. Die Unterthanentreue gegen den Fürſten war jetzt das letzte und einzige Band, das noch gelöst werden mußte, denn die Kolonien hatten bereits in allen Angelegenheiten, ſowohl innerer als aus⸗ wärtiger Politik, die Regierung ſelbſt an ſich geriſſen, ſo weit dieß überhaupt einem Volke möglich war, deſſen Recht, ſo zu handeln, nicht allgemein anerkannt wurde. Bei der edlen Natur Georgs III., dem jede Verſtellung unwürdig ſchien, waren gegenſeitiges Mißfallen und Entfremdung die natürlichen Folgen der Reaktion in der Ge⸗ ſinnung zwiſchen dem Fürſten und ſeinem weſtlichen Volke.* Alles dies, mit vielen weiteren Einzelheiten, wurde haſtig von Polwarth preisgegeben, der bei aller epikuräiſchen Vorliebe einen hellen Verſtand und eine ſehr reine Geſinnung beſaß. Lionel hörte unverwandt zu und ſchloß die erſehnte und intereſſante Unterhaltung auch nicht eher, als bis er von ſeiner eigenen Schwäche und durch den Schlag einer benachtbarten Glocke gemahnt wurde, daß er die Grenzen der Klugheit zu weit überſchreite. Sein Freund half ſodann den er⸗ ſchöpften Reconvalescenten zu Bette bringen und hinkte, nachdem er ihm eine Welt von gutem Rath nebſt einen warmen Händedruck gegeben, mit einem Geräuſch aus dem Zimmer, das Lionel's Herzen mit jedem Tritte ein Echo erpreßte. * Die Vorurtheile des Königs von England waren in ſeiner iſolirten Stellung unvermeidlich, ſeine Tugenden aber und die Reinheit ſeines Charakters gehörten ausſchließlich ihm ſelbſt an. Seine Anrede an unſern erſten Miniſter nach Abſchluß des Friedens kann nicht zu oft wiederholt werden: „Ich war,“ ſprach er,„der letzte Mann in meinem Königreiche, der eure Unabhängigkeit anerkannte, und werde auch der letzte ſeyn, der ihr zu nahe tritt.“ 288 Neunzehntes Kapitel. Gott wollte nie, daß Menſchen himmelan Sich wagten auf der Menſchen⸗Weisheit Leitern. Cowper. Wenige Tage leichter Bewegung in der belebenden Luft der Jahreszeit waren hinreichend, die Kräfte des Geneſenen wieder her⸗ zuſtellen, deſſen Wunden während ſeines in Folge der empfangenen Beruhigungsmittel ſo lange anhaltenden Schlummers gän zlich geheilt waren. Polwarth hatte, mit Rückſicht auf den veränderten Zuſtand ſeiner eigenen Gliedmaßen, ſo wie auf Lionel's Schwäche, in ſo weit dem Gelächter der Armee getrotzt, daß er eines jener bequemen, leichten Fuhrwerke, in den guten alten Zeiten der Kolonial⸗Einfachheit unter dem freundlichen und anſpruchsloſen Namen der ‚Tompungs“ bekannt, herbeizuſchaffen bemüht geweſen war. Dieſe Maſchine zu beſpannen, hatte er ſich genöthigt geſehen, einen der ſtolzen Renner ſeines Freundes zu preſſen. Das Thier war durch lange Dreſſur, zu der wohl der niedrige Stand der Haferſpeicher am Platze gleichfalls das Seinige beitrug, ſo weit gebracht worden, daß es ſo ruhig über den Schnee hinſchritt, als ob es der Aenderung in der Geſundheit ſeines Herrn ſich bewußt geweſen waͤre. In dieſem ſicheren Wagen konnte man die beiden Herrn täglich durch die obern Straßen der Stadt und durch die gewundenen Pfade des Gemeindegrundes fahren und die Glückwünſche ihrer Freunde ent⸗ gegennehmen ſehen; oder machten ſie auch ihrerſeits Krankenbeſuche bei ſolchen Kameraden, die gleich ihnen in der mörderiſchen Schlacht des vergangenen Sommers verwundet worden, und jetzt, weit weni⸗ ger glücklich als ſie, noch immer genöthigt waren, einer langwierigen Gefangenſchaft in ihren Wohnungen ſich zu unterwerfen. Es war nicht ſchwer, Cäcilie und Agnes zu überreden, an dieſen kurzen Ausflügen Antheil zu nehmen; doch hatte keine Verſuchung n. 289 die letztere dazu beſtimmen können, den finſteren Ausdruck zu ſänftigen, der gewöhnlich ihre ſchöne Stirne überſchattete, ſo oft Zufall oder Abſicht ſie mit irgend einem andern Herrn von der Armee in Berührung brachte. Miß Dynevor dagegen war viel gewinnender und zu Zeiten ſogar ſo liebenswürdig in ihrem Be⸗ nehmen, daß ſie ſich dadurch öfter geheime Vorwürfe von ihrer Freundin zuzog. „Wahrhaftig, Cäcilie, Du vergißt, wie ſehr unſere armen Landsleute in ihren elenden Wohnungen außerhalb der Stadt zu leiden haben, ſonſt würdeſt Du gewiß weniger verſchwenderiſch mit Deiner Herablaſſung gegen dieſe Schmetterlinge von der Armee ſeyn, rief Agnes verdrießlich, während ſie ſich nach einer dieſer Fahrten umkleideten, bei welcher Letztere glaubte, ihre Couſine habe jenen ſtillſchweigenden Vertrag aus den Augen verloren, durch welchen die meiſten Frauen in den Kolonien ſich verbunden glaubten, die Eindringlinge ihren weiblichen Haß fühlen zu laſſen.—„Wäre ein Anführer unſeres eigenen Heeres Dir vorgeſtellt worden, er hätte nicht liebenswürdiger empfangen werden können, als Du heute dieſen Sir Digby Dent anlächelteſt!“ „Ich kann zu Gunſten dieſer Liebenswürdigkeit, wie meine ſcharf urtheilende Couſine ſie nennt, weiter nichts anführen, als daß Sir Digby Dent ein Gentleman iſt—“ „Ein Gentleman! ja— das iſt jeder Engländer, der einen Scharlachrock trägt und in den Kolonien ſein Air anzunehmen verſteht!“ „Und da ich hoffe, einige Anſprüche auf den Titel einer Lady zu haben,“ fuhr Cäcilie ruhig fort,„ſo weiß ich nicht, warum ich in der kurzen Unterredung, die wir hatten, unartig gegen ihn hätte ſeyn ſollen.“ „Cäcilie Dynevor!“ rief Agnes mit durchdringendem Auge und mit dem eigenthümlichen Scharfblicke eines Weibes, das die Ge⸗ fühle Anderer durthſchaun⸗ nicht alle Engländer finde Fonel Lincolns.“ Lionel Lincoln. 2. Aufl. „Auch iſt Major Lincoln nicht einmal ein Engländer,“ erwie⸗ derte Cäcilie lachend, und doch dabei erröthend,„obwohl ich Ur⸗ ſache habe zu glauben, daß Kapitän Polwarth einer iſt.“ „Wie albern, Kind, wie einfältig; der Arme hat die Strafe für ſeine Verſchuldung theuer bezahlt und ſollte mit Mitleid be⸗ trachtet werden.“ „Nimm Dich in Acht, Baſe.— Mitleid ſchließt in weitem Bande ein Heer von zarten Gefühlen in ſich; geſtatteſt Du ein⸗ mal dem Erſtgeborenen Zutritt, ſo mußt Du wohl der ganzen Familie Thür und Thor öffnen.“ „Nun, da kommen wir gerade auf den ſtreitigen Punkt, Cä⸗ cilie— weil Du Major Lincoln hochachteſt, biſt Du Willens, auch Howe und all' ſeine Myrmidonen zu bewundern: ich aber kann bemitleiden und dennoch feſt ſeyn.“ „Le bon temps viendra!“* „Nie,“ ſiel Agnes mit einem Feuer ein, welches ſie überſehen ließ, wie viel ſie ſchon zugegeben—„nie, am Wenigſten unter der Hülle eines Scharlachrocks.“ Cäcilie lächelte; da ſie aber ihre Toilette vollendet hatte, ent⸗ fernte ſte ſich ohne Erwiederung. Solche kleine Streitigkeiten, mehr oder weniger von Agneſen's munterem Geiſte belebt, ſielen öfter vor; dabei wurde jedoch das Auge ihrer Couſine mit jedem Tage gedankenvoller und die Gleich⸗ gültigkeit, mit der ſie zuhörte, trat in jedem folgenden Geſpräche deutlicher hervor. In der Zwiſchenzeit hatte ſich die Belagerung, obwohl ſie mit äußerſter Vorſicht geführt wurde, in eine bloße, wenn auch leb⸗ hafte Blokade verwandelt. Die Amerikaner lagen zu Tauſenden in den Dörfern um die Stadt oder hatten ſich in ſtarken Haufen nahe bei den Batterien, welche die Zugänge zu dem Platze beherrſchten, unter Barracken gelagert. Obgleich ihre Hülfsmittel durch Wegnahme * Die Zeit wird ſchon kommen. 2 2=r ͤ———„ & 291 einiger mit Kriegsvorrath beladener Schiffe, ſo wie durch Er⸗ oberung zweier wichtiger Feſtungen an der kanadiſchen Gränze ſich ſehr vermehrt hatten, waren ſie doch noch zu unbedeutend, um für den ausgedehnten Verbrauch, wie er im großen Kriege gewöhn⸗ lich iſt, auszureichen. Als weiterer Grund der Verzögerung muß noch ferner zu dieſen hindernden Umſtänden der ängſtliche Wunſch der Koloniſten ſelbſt gerechnet werden, ihre Stadt— und das war allerdings für ſie ein dringendes Intereſſe— ſo wenig als möglich beſchädigt wieder zu erhalten. Auf der andern Seite war der Eindruck, den die Schlacht von Bunker Hill bei den könig⸗ lichen Befehlshabern hervorgebracht hatte, noch ſo lebendig, daß er auch ihren Unternehmungsgeiſt hemmte, und ſo wurde es Waſſhington möglich, ihre mächtigen Streitkräfte mit ſeiner undisciplinirten, halbbewaffneten Armee im Schach zu halten, einer Armee, welche zu Zeiten von allen Mitteln, um ſelbſt nur einen augenblicklichen Kampf zu beſtehen, gänzlich entblößt war.* Da übrigens der Schein von Feindſeligkeiten immer noch auf⸗ recht erhalten wurde, war der Knall des Geſchützes noch häufig zu hören, und es gab Tage, wo einzelne Scharmützel zwiſchen den vorgeſchobenen Abtheilungen der beiden Gegner ein heftigeres Feuer herbeiführten, das längere Zeit andauerte. Die Ohren der Damen waren längſt an dieſe rauhen Töne gewöhnt, und da der unbedeutende Verluſt, der daraus folgte, ganz auf die Außenwerke beſchränkt blieb, wurde das Getoͤſe mit wenig oder gar keinem Schrecken vernommen. Auf dieſe Art flogen vierzehn Tage ohne erwähnenswerthen Zwiſchenfall ſchnell dahin. An einem ſchönen Morgen zu Ende dieſer Periode, fuhr Polwarth mit all' den zierlichen Schwenkungen, die er auszuführen verſtand und die im Jahre 1775 als Zeichen * Bei dem häufigen Wechſel dieſer unregelmäßigen Haufen war das Heer der Amerikaner mehr als einmal numeriſch ſchwächer als die Armee der Belagerten. der genaueſten Bekanntſchaft mit den Eigenthümlichkeiten eines Tompungs angeſehen wurden, in den kleinen Hofraum vor Mrs. Lechmere's Wohnung. Einen Augenblick darauf hörte man das hölzerne Bein auf dem Gange ſeine Schritte verkündigen, wäh⸗ rend er ſich dem Zimmer näherte, wo der übrige Theil der Ge⸗ ſellſchaft ſeine Ankunft erwartete. Die beiden Couſinen ſtanden in ihre Pelze gehüllt, die blühenden Geſichter aus einer doppelten Reihe von Spitzen hervorlächelnd, während Major Lincoln eben im Begriffe war, von Meriton ſeinen Mantel zu nehmen, als die Thüre ſich öffnete, und der Kapitän ins Zimmer trat. „Wie, ſchon fertig!“ rief der gutmüthige Polwarth, indem ſeine Blicke von der einen Dame zu der andern ſich wandten— „um ſo beſſer; Pünktlichkeit iſt der Sauerteig des Lebens— eine gute Uhr iſt dem Gaſte eben ſo nöthig wie dem Wirthe ſelbſt, und dieſem nicht weniger als ſeinem Koch. Miß Agnes, Sie ſind heute erſtaunend mörderiſch! Wenn Howe von ſeinen Subalternen erwartet, daß ſie ihre Pflicht thun, ſollte er Sie nicht mit vollen Segeln in ſeinem Lager umherziehen laſſen.“ Miß Danforth's Auge glänzte: doch als es auf ſeine verſtüm⸗ melte Geſtalt ſiel, gewann es wieder einen ſanften Ausdruck und ſte begnügte ſich damit, lächelnd zu antworten: „Laſſen Sie Ihren General nur auf ſich ſelbſt achten; ich gehe ſelten aus, und dennoch kann ich nie etwas Anderes als Schwäche bei ihm erſpähen!“ Der Kapitän zuckte bedeutungsvoll die Achſeln und ſagte leiſe, zu ſeinem Freund gewendet: „Da ſiehſt Du, wie's iſt, Major Lincoln; ſeit ich genöthigt bin, mich ſelbſt wie einen Truthahn vom geſtrigen Mahle auf einem Beine zu ſerviren, bin ich nicht mehr im Stande, eine einzige ſcharfe Antwort von der jungen Perſon zu bekommen— ſie iſt ein immer gleichmäßiger, geſchmackloſer Biſſen geworden! dem eine und ſind enen llen üm⸗ und 293 und ich bin wie eine zweizinkige Gabel, nur noch zum Vorſchnei⸗ den geſchickt! Nun, ich kümmere mich nicht darum, wie bald man mich ganz aufſchneidet, ſeit ſie ihr Piquantes verloren hat.— Gehen wir in die Kirche?“ Lionel ſah etwas verlegen aus und ſpielte mit einem Papier, das er einen Augenblick in der Hand hielt, ehe er es dem Andern zum Durchleſen reichte. „Was iſt das?“ fuhr Polwarth fort,„zwei in der letzten Schlacht verwundete Offiziere wünſchen für ihre Wiederherſtellung ihren Dank darzubringen!— hm— hm— hm— zwei?— Du wäreſt der Eine und wer iſt denn der Andere?“ „Ich hatte gehofft, mein alter Gefährte und Schulkamerade follte es ſeyn!“ „Ha! was, ich!“ rief der Kapitän, der unwillkürlich ſein höl⸗ zernes Bein erhob und es mit traurigem Blick betrachtete,— „Hm, Leo, glaubſt Du, ein Mann habe beſondern Grund, für den Verluſt eines Beins dankbar zu ſeyn?“ „Es hätte noch ſchlimmer gehen können.“ „Ich weiß kaum,“ unterbrach ihn Polwarth, etwas hart⸗ näckig:„mehr Symmetrie hätte es gegeben, wenn es beide ge⸗ weſen wären.“ „Du vergißt Deine Mutter,“ ſprach Lionel weiter, als ob der Andere nichts entgegnet hätte;„ich bin gewiß, ſie wird herz⸗ lich froh ſeyn.“ Polwarth ſeufzte laut, fuhr mit der Hand ein oder zweimal über das Geſicht, warf noch einen verſtohlenen Blick auf ſein eines Bein und antwortete dann mit leiſem Zittern in der Stimme: „Ich glaube, Du haſt ganz Recht— eine Mutter kann ihr Kind lieben und wäre es auch in Kleinfutter zerhauen! Ihr Ge⸗ ſchlecht lernt jenes edle Gefühl erſt kennen, wenn es einmal die Vierzig hinter ſich hat— nur die jungen Damen ſehen ſo beſon⸗ ders auf richtige Verhältniſſe und auf Symmetrie.“ „Du ſtimmſt alſo bei, daß Meriton die Bitte ſo, wie ſie lautet, übergibt?“ Polwarth zögerte noch einen Augenblick— doch als er aber⸗ mals ſeiner fernen Mutter gedachte(Lionel hatte die rechte Seite bei ihm angeſchlagen)— da ſchmolz ſein Herz. „Freilich, freilich— es hätte ſchlimmer gehen können, ſo, wie es mit dem armen Dennis gegangen— ja, laß es nur für zwei gelten; es wird ſchwer gehen, doch ich finde immer noch ein Knie, um es bei dieſer Gelegenheit zu beugen. Vielleicht, Leo, wenn eine gewiſſe junge Dame ſieht, daß ich bei meinem Unglück noch ein ‚„Te Deum’ anſtimmen kann, wird ſie mich wohl nicht mehr, ſo wie jetzt, bloß wie einen Gegenſtand des Erbarmens anſehen.“ Lionel nickte ſchweigend, und der Kapitän, zu Agnes ſich wen⸗ dend, führte dieſe mit beſonders froher Miene zum Schlitten, wo⸗ durch er, wie er meinte, ſeine vollkommene Erhabenheit über die unfälle des Krieges beweiſen wollte. Cäcilie nahm Major Lincoln'’s Arm und die ganze Geſellſchaft ſaß bald in dem Tompung, welchen Polwarth ſofort mit aller Kunſt zu lenken anfing. Bis auf dieſen Tag— es war der zweite Sonntag ſeit ſei⸗ nem Wiedererſcheinen, und der erſte, an dem das Wetter ihm aus⸗ zugehen erlaubte— hatte Lionel keine Gelegenheit gehabt, die veränderte Bevölkerung der Stadt zu betrachten. Die Einwohner hatten nach und nach den Platz verlaſſen, einige heimlich, andere unter dem Schutze von Päſſen, welche der General ertheilte, bis die Zurückgebliebenen zuletzt von der Armee nebſt deren Zubehör in der That an Zahl übertroffen wurden. Als die Geſellſchaft der ‚Königs⸗Capelle' ſich näherte, fanden ſie die Straße voll von Militärperſonen, welche in Gruppen umherſtanden und ſich gedan⸗ kenloſer Fröhlichkeit überließen, unbekümmert um die Wunden, welche ihre leichtfertige Unterhaltung den wenigen Städtern ſchlug, die in einer der Feierlichkeit ihres Zweckes entſprechenden Haltung, und mit einer Miene, welche durch die Erinnerung an den Tag ſie ber⸗ beite ſo, für ein Leo, glück nicht en.“ wen⸗ wo⸗ rdie oln's lchen ſei⸗ aus⸗ die zohner ndere bis behör ſchaft [ von edan⸗ nden, chlug, ltung, Tag 295 und deſſen ernſte Pflichten einen Ausdruck ſtrenger Würde annahm, auf dem Weg zur Kirche getroffen wurden. In der That, ſo ganz hatte Boſton jenen bezeichnenden Anſtrich von Nüchternheit, welcher ſtets die Sorge und der Stolz des Volkes geweſen, gegen die Leichtfertigkeit einer Garniſonsſtadt verloren, daß ſelbſt die unmit⸗ telbare Umgebung der Kirche nicht vor dem ausgelaſſenen Scherz der rohen Fröhlichkeit der Heiteren und Gedankenloſen ſchützte, und das Alles noch zu einer Stunde, wo ſonſt gewöͤhnlich über der ganzen Provinz ſo tiefe Ruhe herrſchte, als ob die Natur in ihren gewöhnlichen Funktionen inne gehalten hätte, um ſich mit dem Menſchen in ſeiner Andacht zu vereinen. Lionel bemerkte mit tiefem Leidweſen dieſe Aenderung, und ſeinem unruhigen Blicke entging es nicht, wie ſeine beiden weiblichen Begleiterinnen ihre Geſichter unter den Muffen verbargen, als ob ſie einen Anblick vermeiden wollten, der in Gemüthern, welche frühzeitig an die ernſten Gebräuche des Landes gewöhnt worden, noch peinlichere Rückerinnerungen hervorrufen mußte. Als der Schlitten vor dem Gebäude anfuhr, waren alsbald ein Dutzend Hände ausgeſtreckt, um den Damen auf ihrem kurzen aber beſchwerlichen Wege nach dem hohen Portale behülflich zu ſeyn. Agnes nickte kalt ihren Dank und bemerkte mit ausneh⸗ mend zweideutigem Lächeln gegen einen der Emſigſten unter den jungen Leuten: „Wir, die wir an das Klima gewöhnt ſind, finden keine Schwie⸗ rigkeit dabei, auf dem Eis zu gehen, wenn es Euch Fremdlingen auch gewagt ſcheinen mag.“— Darauf verbeugte ſie ſich und ging gravitätiſch in die Kirche, ohne ſich ferner ſo weit herabzulaſſen, daß ſie noch einen Blick zur Rechten oder Linken geworfen hätte. Cäecilien's Weiſe, obwohl ſanfter und weiblicher, und darum eindrucksvoller, war doch nicht weniger zurückhaltend. Wie ihre Coufine, ging ſie geraden Wegs nach ihrem Stuhl, indem ſie durch ein mädchenhaftes Benehmen, welches Alle, die ſich nahten, fern hielt, die Verſuche Derer zurückwies, welche ſie einen Augenblick durch leeres Geſchwätz aufhalten wollten. In Folge der raſchen Bewe⸗ gung ihrer Begleiterinnen waren Lionel und Polwarth unter der Menge von Offtzieren, welche ſich am Eingang der Kirche dräng⸗ ten, zurückgeblieben. Der Major ſchritt den Gang aufwärts, ging von Gruppe zu Gruppe und beantwortete und machte die üblichen Fragen, wie ſie unter Kriegern vorkommen. Hier hatten ſich drei oder vier Veteranen um eine der ſchwerfälligen Säulen verſam⸗ melt, welche mit wenig befriedigendem Gepränge an drei Seiten des Gebäudes herumliefen; ſie beſprachen ſich mit gezieménn Ernſt über die politiſchen Zeichen der Zeiten oder über den krieiin ſchen Zuſtand ihrer reſpektiven Corps. Dort ſtanden drei ddnd vier unbärtige Knaben mit allen Zeichen ihres Standes prangend, und verſchloſſen den wenigen Frauen, welche erſchienen, unter dem Vorwand der Bewunderung des Geſchlechts, den Eingang, wäh⸗ rend ſie insgeheim nur den Flitter ihres eigenen Glanzes zu zeigen bemüht waren. Längs der ganzen vorderen Seite der Kirche hatten ſich einzelne Trupps aufgeſtellt, von denen einige den ein⸗ fältigen Scherzen eines bekannten Spaßmachers zuhörten, andere über das Land loszogen, in dem ſie zu dienen genöthigt waren, und noch andere die Wunder wieder erzählten, die ſie in entfernten Himmelsſtrichen und unter Gefahren erlebt hatten, welche die äußerſte Kraft der Beſchreibung in Anſpruch nahmen. Unter einer ſolchen Verſammlung war es nicht ſchwer, die Wenigen auszufinden, deren Anſichten höher ſtanden und deren Betragen auch weniger ärgerlich genannt werden mochte. Mit einem dieſer letzteren Herrn wurde Lionel in einem entfernten Theile der Vorhalle einige Zeit lang im Geſpräch hingehalten. Zuletzt ließen ſich die Töne der Orgel vernehmen und die fröh⸗ lichen Gruppen begannen ſich wie Leute zu zerſtreuen, welche ſich plötzlich wieder beſinnen, zu welchem Zwecke ſie ſich an ſo unge⸗ wöhnlichem Orte verſammelt haben. Lionel'’s Gefährte hatte dieſen — deſſ zem leer wölh her. fuhr laßt Frag hinzi Geſie weiſſ — — 297 verlaſſen und er ſelbſt ging den Gang hinunter, der jetzt nur noch dünn beſetzt war, als ſein Ohr plötzlich durch eine leiſe Stimme begrüßt wurde, welche dicht neben ihm in einem auffal⸗ lend näſelnden Ton eine Art von Pſalmen herſang. „Wehe über euch Phariſäer! denn ihr liebt die oberſten Sitze in den Synagogen und verlanget Grüße auf dem Markte!“ Obgleich Lionel dieſe Stimme ſeit jenem Schrei, der aus der verhängnißvollen Redoute geantwortet, nicht mehr gehört hatte, un erkannte er ſie doch augenblicklich wieder. Indem er ſich nach onderbaren Ankläger umwandte, gewahrte er Job Pray, der ſcht und regungslos wie eine Bildſäule in einer der Niſchen ver Front des Gebäudes ſtand und von hier aus ſeine war⸗ nende Stimme wie ein zu ſeinen Gläubigen ſprechendes Orakel vernehmen ließ. „Burſche, wird keine Gefahr Dich Weisheit lehren!“ fragte Lionel—„wie wagſt Du nur, ſo muthwillig unſerm Zorn zu trotzen?“ Doch ſeine Fragen blieben unbeachtet. Der jnnge Menſch, deſſen Züge bleich und abgezehrt erſchienen, als hätte er vor Kur⸗ zem eine körperliche Krankheit überſtanden— deſſen Auge ſtarr und leer und deſſen ganzes Aeußere ſchmutziger und ärmlicher als ge⸗ wöhnlich war, ſchien vollkommen gleichgültig gegen Alles um ihn her. Ohne ſelbſt die Richtung ſeines ſtarren Blickes zu ändern, fuhr er fort: „Wehe über euch! Denn ihr geht weder ſelbſt hinein, noch laßt ihr Die ein, welche hinein wollen!“ „Biſt Du taub, Du Narr?“ fragte Lionel. Im naäͤchſten Augenblick war das Auge des Andern auf ſeinen Frager geheftet und Major Lionel fühlte einen Schauer über ſich hinziehen, als er den Strahl des Bewußtſeyns gewahrte, der das Geſicht des Tölpels erleuchtete, während er in denſelben Ungluͤck weiſſagenden Tönen fortfuhr: „Wer zu ſeinem Bruder ſpricht, ‚Racha“, der iſt der Strafe 298 des Raths“ ſchuldig, wer aber ſagt„Du Narr', der iſt des hoͤl⸗ d liſchen Feuers ſchuldig.“ Lionel ſtand eine Weile wie verſteinert durch Job's Weſen, 1 waͤhrend dieſer das ſchreckliche Anathema ausſprach. Aber ſo wie— 2 dieſer geheime Einfluß geſchwunden war, berührte er den Burſchen— leicht mit ſeinem Stock und befahl ihm, von der Niſche herabzuſteigen. 9 „Job iſt ein Prophet,“ erwiederte der Andere, während er zu gleicher Zeit ſeiner Erklärung widerſprach, indem der eigenthümliche Aus⸗ li druck vorübergehenden Verſtandes ſich wieder in ſeinem gewöhnlichen de Blick der Geiſtesſchwachheit verlor;„es iſt Sünde, einen Propheten zu ſchlagen. Die Juden ſteinigten auch die Propheten und ſchlugen ſie.“ w „Thue, wie ich Dir befehle— willſt Du hier bleiben, und 2 Dich von den Soldaten ſchlagen laſſen? Für jetzt entferne Dich; w nach dem Gottesdienſt komme zu mir und ich will Dich mit einem beſſeren Rock verſehen, als Du gegenwärtig an Dir trägſt.“ ſt „Habt Ihr nie,“ ſprach Job weiter,„das gute Buch ge⸗ ſi leſen, wo geſchrieben ſteht, Ihr ſollt nicht ſorgen für Nahrung K oder Kleidung? Nab ſagt, wenn Job ſtirbt, wird er in den ho Himmel kommen, denn er bekommt nichts zum Anziehen und nur he wenig zu eſſen. Könige tragen ihre Demantkronen und goldenen Flitter und Könige kommen immer an den finſtern Ort.“ an Der Junge ſchwieg und indem er ganz in's Innere der Niſche zurückkroch, fing er an mit den Fingern zu ſpielen, wie ein Kind, luf das ſich an der Fähigkeit, ſeine eigenen Glieder zu gebrauchen, vor ergötzt. In demſelben Augenblick wandte ſich Lionel von ihm ab, If da ſeine Aufmerkſamkeit durch das Klirren von Seitengewehren den und den vernehmlichen Tritt vieler Männer plötzlich erregt wurde. nic Ein ſtarker Haufe von Offizieren, die zum Stab der Armee ge⸗ Ik hörten, war ſtehen geblieben, um das eben Vorgegangene mit an⸗ zuhören. Unter ihnen erkannte Lionel auf den erſten Blick zwei Lio „ Das Synhedrium der Iſraeliten iſt hier gemeint. Anm. d. Ueberſ.„* der Hauptanführer, die etwas von ihren Begleitern voraus, das ſonderbare Weſen, das in der Niſche niedergekauert ſaß, mit ſcharfem Blick betrachteten. Ungeachtet ſeiner Ueberraſchung konnte Major Lincoln das finſtere Stirnrunzeln des kommandirenden Ge⸗ nerals wohl bemerken, während er ſelbſt aus Achtung für ſeinen Rang ſich tief vor ihm verbeugte. „Wo iſt der Burſche, der die Mächtigen der Erde zu ſo gänz⸗ licher Vernichtung zu verdammen wagt?“ fragte Howe—„und dazu noch ſeinen eigenen Souverän gleich den Uebrigen!“ „Es iſt ein unglückliches Weſen, ſchwach an Verſtand, mit welchem der Zufall mich bekannt gemacht hat,“ antwortete Major Lincoln,„er weiß kaum, was er ſpricht und am wenigſten, in weſſen Gegenwart er geſprochen.“ „Gerade dieſe thörichten Meinungen, welche von dem Ver⸗ ſtändigen erſonnen und von den Unwiſſenden verbreitet werden, ſind es, welchen wir zum großen Theil die wankende Treue der Kolonie zuſchreiben dürfen,“ ſagte der brittiſche General.„Ich hoffe, Sie können die Loyalität Ihrer ſonderbaren Bekanntſchaft verbürgen, Major Lincoln?“ Lincoln, obwohl etwas beſchämt, war eben im Begriff, zu antworten, als der Begleiter des zurnenden Generals plötzlich ausrief: „Bei den Füßen des beflügelten Hermes, das iſt ja derſelbe luſtige Andrews, der den fliegenden Sprung von Copp's machte, von dem ich Ihnen ſchon erzählt habe. Iſt's nicht ſo, Lincoln? Iſt das nicht der nämliche ſchreiende Philoſoph, deſſen Gefühle an dem Tage von Breeds ſo erhaben waren, daß er ſich des Fliegens nicht enthalten konnte, und der dann, noch etwas glücklicher als Ikarus— ſein Niederſteigen auf terra firma bewerkſtelligte?“ „Ich glaube, Ihr Gedächtniß iſt Ihnen getreu, Sir,“ ſagte Lionel, indem er das Lächeln des Andern erwiederte—„der Burſche geräth durch ſeine Einfalt in häufige Unannehmlichkeiten.“ * Dem Feſtlande. Bourgoyne gab dem Arm des andern Generals, den er noch hielt, einen leiſen Druck, indem er ſich den Anſchein lieh, als ob er das unglückliche Weſen vor ihnen als jeder ferneren Aufmerk⸗ ſamkeit unwürdig betrachte, zugleich aber und insgeheim in der Abſicht, einer unklugen Aeußerung der Strenge von Seiten ſeines Seniors zuvorzukommen, deſſen Geneigtheit, die Begriffe militäriſcher Gewalt auf' Aeußerſte zu treiben, nur zu wohl bekannt war. Da er an dem finſtern Blicke des Andern gewahr wurde, daß Howe noch immer zauderte, bemerkte ſein flinker Gefährte: „Der arme Schelm! Sein Verrath wurde doppelt beſtraft, einmal durch einen Flug von etlichen fünfzig Fußen die Anhöhe von Copp's hinunter und dann durch den Aerger, mit dem er den glorreichen Triumph von Sr. Majeſtät Truppen mit anſehen mußte. — Solch einem Elenden können wir wohl Verzeihung gewähren.“ Howe wich unmerklich dem fortgeſetzten Drucke des Andern und ſeine harten Züge erheiterten ſich unter einem mürriſchen Lächeln, als er im Weggehen ſagte: „Behalten Sie Ihre Bekanntſchaft im Auge, Major Lincoln, denn ſo ſchlimm ſeine jetzige Lage erſcheint, ſo könnte er ſie noch ſchlimmer machen. Solche Sprache kann in einem belagerten Platze nicht geduldet werden. Das iſt das Wort, glaub ich— die Rebellen heißen ihren Haufen draußen eine Belagerungs⸗ armee, nicht ſo?“ „Sie ſammeln ſich um unſere Winterquartiere und machen Anſpruch auf ſolche Ehre.“ „Doch muß zugegeben werden, ſie hielten ſich tapfer auf Breed's! Die lumpigen Schurken fochten wie rechte Männer.“ „Verzweifelt und mit einer gewiſſen Ueberlegung,“ antwortete Bourgoyne;„aber es war ihr Loos, mit Männern zuſammenzu⸗ treffen, welche beſſer und mit größerer Geſchicklichkeit fochten— wollen wir eintreten?“ 301 Aller Mißmuth war jetzt von der Stirn des Kommandirenden verſchwunden. „Kommen Sie, meine Herren,“ ſprach er,„wir ſäumen unns⸗ thig; wenn wir nicht eifriger ſind, kommen wir nicht mehr zeitig genug, um für unſern König, viel weniger um für uns ſelbſt zu beten.“ Die ganze Geſellſchaft ging nun weiter, als ein Geräuſch in ihrem Rücken die Ankunft eines andern Offiziers von hohem Rang verkündete und der Zweite im Kommando, gleichfalls von ſeiner Suite umgeben, in den Säulengang eintrat. In dem Augenblick, da er erſchien, verſchwand der ſelbſtzufriedene Blick aus Howe's Zügen, der mit kalter Höflichkeit ſeinen Gruß erwiederte und unmittelbar darauf in die Kirche trat. Der ſchnell beſonnene Bourgoyne legte ſich wieder in's Mittel, und während er gleich⸗ falls ſeinen Weg fortſetzte, fand er Gelegenheit, Clinton einige wohl erſonnene Anſpielungen auf die Begebenheiten eben jenes Kampfes in's Ohr zu flüſtern, welcher den glühenden Haß zwiſchen den beiden Generalen erzeugt und Howe's Herz dem Manne ent⸗ fremdet hatte, deſſen Beiſtand er ſo viel verdankte. Clinton gab dem unmerklichen Einfluß der Schmeichelei Gehör und folgte dem Kommandirenden in's Gotteshaus, erfüllt von einer milden Selbſt⸗ zufriedenheit, welche er wahrſcheinlich als ein dem Ort und der Gelegenheit weit angemeſſeneres Gefühl betrachtete. Da der ganze Haufe von Zuſchauern außen, beſtehend aus Adjutanten, Secretären und Müſſiggängern, dem Beiſpiele der Generale unver⸗ züglich folgte, fand ſich Lionel endlich mit dem Blödſinnigen allein. Job war von dem Augenblick an, wo er die Nähe des engli⸗ ſchen Generals bemerkt hatte, bis zu dem ſeines Verſchwindens im buchſtäblichen Sinne regungslos verblieben. Sein Auge war ſtarr und leer, ſein Kinn auf eine Art herabgeſunken, wodurch ſein Geſicht den Anſchein gänzlicher Geiſtesabweſenheit erhielt, kurz, er zeigte die entwürdigten Züge und die Geſtalt eines Menſchen, dem die Seele eines vernunftbegabten Weſens nicht inne wohnt. Als aber die letzten Fußtritte der Verſchwindenden unhörbar wurden, ſchien die Furcht, welche die ſchwachen Geiſteskräfte des Simpels aus dem Feld geſchlagen hatte, den Armen allmählig wieder zu verlaſſen; er erhob ſein Haupt und ſagte mit leiſer knurrender Stimme: „Laßt ihn nur auf den Proſpect hinausgehen; das Volk wird ihn das Geſetz lehren!“ „Verkehrter, halsſtarriger Simpel!“ rief Lionel und zerrte ihn ohne weitere Umſtände von ſeiner Niſche herab,„willſt Du bei Deinem thörichten Geſchrei verharren, bis Du zur Strafe von Regiment zu Regiment gepeitſcht wirſt?“ „Ihr verſpracht Job, daß die Grenadiere ihn nie mehr ſchla⸗ gen ſollten, und Job verſprach Euch, Eure Gänge zu thun.“ „Ja! wenn Du aber nicht zu ſchweigen lernſt⸗ werde ich mein Verſprechen vergeſſen und Dich dem Zorne aller Grenadiere in der ganzen Stadt preisgeben.“ „Gut,“ ſagte Job, wobei ſein Blick ſich erheiterte, wie wenn ein Narr triumphirt;„zur Hälfte ſind ſie auf jeden Fall todt; Job hörte den ſtolzeſten Mann unter ihnen brüllen, wie einen gefräßigen Löwen,„Hurrah, die königlichen Irländer!: aber er ſprach nie wieder, obwohl Job keine beſſere Stütze als die Schulter eines Todten für ſeine Flinte finden konnte.“ „Elender!“ rief Lionel⸗ indem er ſchaudernd von ihm zuruͤck⸗ trat,„ſind Deine Hände mit M'uſe's Blut beſpritzt!“ „Job berührte ihn nicht mit den Händen,“ erwiederte der unerſchrockene Simpel,—„denn er ſtarb wie ein Hund, da wo er fiel!“ Lionel ſtand einen Augenblick in der aͤußerſten Gedankenver⸗ wirrung; doch als er in Polwarth's Tritt das untrügliche Zeichen von deſſen Annäherung vernahm, rief er heftig und mit halb er⸗ ſtickter Stimme: „Geh', Burſche, geh' zu Mrs. Lechmere's Hauſe, wie ich Dir befehle,— ſage— ſage Meriton, er oll nach meinem Feuer ſehen.“ n, 1s zu e: ird ihn bei von la⸗ nein der venn odt; inen r er ulter rüͤck⸗ e der a wo nver⸗ eichen lb er⸗ h Dir ehen.“ 303 Der Burſche machte eine Bewegung, als wollte er gehorchen, dann aber, wieder innehaltend, ſah er dem Andern mit jammer⸗ voller, leidender Miene in's Geſicht und ſagte: „Seht, Job iſt ſtarr vor Kälte! Nab und Job können jetzt kein Holz bekommen; der König hält Leute, die darum kämpfen— laßt Job ſeine Glieder ein wenig wärmen; ſein Körper iſt kalt— wie der Tod!“ Tief im Innerſten von der Bitte und dem hülfloſen Anblick des Knaben gerührt, machte Lionel ein ſtummes Zeichen der Ge⸗ währung und wandte ſich raſch nach ſeinem Freunde um. Major Lincoln bemerkte augenblicklich, ohne daß Polwarth ein Wort geſprochen hatte, daß jener einen Theil des Geſprächs zwiſchen ihm und Job mitangehört haben mußte. Seine Miene und Haltung verriethen hinlänglich ſein Mitwiſſen ſo wie die Wirkung, welche die Nachricht bei ihm hervorbrachte. Er hatte die Augen auf den Burſchen geheftet, der auf der eiſigen Straße forthumpelte, und verfolgte ihn mit einem Ausdruck, welcher nicht leicht mißverſtanden werden konnte. „Hoͤrte ich nicht den Namen des armen Dennis?“ fragte er. „Es war wieder eine von den einfältigen Prahlereien des Narren. Aber warum biſt Du nicht in dem Betſtuhl?“ „Der Burſche iſt einer Eurer Schützlinge, Major Lincoln; aber Ihr könnt Eure Nachſicht auch zu weit treiben,“ antwortete Polwarth ernſthaft;—„ich komme zu Euch aus Auftrag zweier ſchönen blauen Augen, welche ſeit einer halben Stunde Jeden, der in die Kirche trat, befragten, wo und warum Major Lincoln bis jetzt zögern konnte?“ Lionel machte eine dankende Verbeugung und zwang ſich, über den Humor ſeines Freundes zu lachen, während beide zuſammen ohne weiteren Aufſchub nach Mrs. Lechmere's Stuhl hingingen. Die peinlichen Betrachtungen, welche dieſes Zuſammentreffen mit Job in Lionel aufgeregt hatte, ſchwanden allmählich aus ſeiner 304 Seele, ſowie er ſich dem Eindruck des feierlichen Gottesdienſtes hingab. Er hörte das ſchwere, unterdrückte Athmen des ſchönen Weſens, das an ſeiner Seite kniete, während der Prieſter die Dankſagung ablas, welche ihn perſönlich betraf und es war kein geringer Theil irdiſcher Dankbarkeit, welcher ſich in die Gebete des Jünglings miſchte. Er erhaſchte im Aufſtehen einen ſchüchternen Blick aus Cäcilien’s ſanftem Auge hinter den Falten ihres Schleiers hervor, und beglückt und ſelig ſetzte er ſich nieder, ganz ſo, wie ein feuriger Jüngling nur immer gedacht werden kann, der das Bewußt⸗ feyn in ſich trägt, die Liebe eines ſo jungen, liebenswürdigen und ſo reinen weiblichen Weſens zu beſitzen. Vielleicht war der Gottesdienſt für Polwarth's Gefühle nicht ebenſo erbaulich. Nachdem er ſich mit einiger Schwierigkeit auf ſein eines Bein erhoben hatte, warf er einen ſehr zweideutigen Blick auf ſeine verſtümmelte Geſtalt, ſeufzte laut und rumorte zuletzt mit ſeinem hölzernen Bein dermaßen in dem Stuhl herum, daß er die Augen der ganzen Verſammlung auf ſich zog, als wollte er gleichſam die Ohren aller Anweſenden zu Zeugen aufrufen, daß eigentlich für ihn dieſe außerordentliche Dankſagung dargebracht werde. Der functionirende Prieſter war viel zu discret, um die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner Oberen durch eine weitſchweifige, unwillkommene Auseinanderlegung der chriſtlichen Pflichten zu ermüden. Die ein⸗ drucksvolle Verkündigung ſeines Textes erforderte eine Minute; vier gingen mit dem Eingang hin; die Abhandlung ſelbſt war höchſt ſcharffinnig in den Zeitraum von zehn weiteren zuſammen⸗ gedrängt und der Schluß ſeiner Rede war glücklich in vier und einer halben Minute abgethan, und ſo blieb ihm das wohlthuende Bewußtſeyn, das ihm auch durch fünfzig Uhren und doppelt ſo viel zufriedene Geſichter beſtätigt wurde— daß er nemlich ſeine Auf⸗ gabe noch eine halbe Minute früher, als der orthodoxe Zeitraum ver⸗ langte, vollendet habe. Für dieſe Pünktlichkeit blieb er gewiß nicht ohne Belohnung daß Per Rei dar! ſond dieſ verr Ver ſein bei trate etwa heite Pha⸗ — d einen 2 88 nſtes önen die kein ebete ernen eiers e ein zußt⸗ und nicht t auf tigen norte rrum, vollte daß derde. Auf⸗ mene ein⸗ nute; war men⸗ und uende elt ſo Auf⸗ ver⸗ nung 305 Unter andern Zeugniſſen zu ſeinen Gunſten fand Polwarth, als er ihm zum Dank für die gütigen Bemühungen ſeinetwegen die Hand ſchüttelte, Gelegenheit zu einem lebhaften Kompliment über ſeine Predigt, indem er ihm zum Schluß auf's Schm eichelhafteſte ver⸗ ſicherte, daß ſie neben ihren andern großen Verdienſten auch ganz zu rechter Zeit geendet habe! Zwanzigſtes Kapitel. Hinweg! Laſſ Nichts die Liebe truben, 9 Winifrida! fort mit Sorgen! Nichts ſtöre Dir den ſel'gen Frieden, Nicht Stolz von heut, nicht Furcht auf morgen?² Anonymus. Ein Glüͤck vielleicht für die Ruhe aller Betheiligten war es, daß während der Zeit ihres ſich erſchließenden Vertrauens die Perſon der Mrs. Lechmere nicht zwiſchen das glänzende Bild voll Reinheit und Glück, das Cäcilie in jeder Miene und Handlung darbot, und zwiſchen das Auge ihres Liebhabers trat. Das be⸗ ſondere und einigermaßen ſich widerſprechende Intereſſe, welches dieſe Dame ſo oft bei allen Schritten ihres jungen Verwandten verrathen hatte, war nicht länger ſichtbar, um ſeinen ſchlummernden Verdacht zu erwecken. Selbſt jene unerkläͤrlichen Scenen, in welche ſeine Tante auf ſo auffallende Weiſe verwickelt geweſen war, blieben bei der zunehmenden Neigung für ihre Enkelin vergeſſen; und traten ſie ihm auch vor's Gedächtniß, ſo konnten ſie höchſtens, wie etwa eine lichte Wolke ihren vorüberziehenden Schatten über eine heitere, lachende Landſchaft wirft, die lieblichen Gemälde ſeiner Phantaſie beſchatten. Nebſt dieſen ſehr natürlichen Hülfsmächten — der Liebe und Hoffnung— hatte Mrs. Lechmere's Sache noch einen weiteren ſehr mächtigen Helfer in Lionel's Herzen gefunden, Lionel Lincoln. 2. Aufl. 20 306 und zwar durch einen Zufall, der ſie für lange Zeit nicht nur in ihr Zimmer gebannt, ſondern ſogar auf's Krankenlager geworfen hatte. 1n An dem Tage, als Major Lincoln jene kritiſche Operation he beſtand, hatte ſeine Tante, wie man wußte, das Reſultat derſelben mit inniger Beſorgniß erwartet. Sobald ihr die glückliche Been⸗ digung berichtet worden, eilte ſie mit ſo unvorſichtiger Haſtigkeit un auf ſein Zimmer, daß bei der allgemeinen Gebrechlichkeit ihrer Po Jahre ein hinzugetretener Zufall ihr beinahe das Leben gekoſtet ſich hätte. Ihr Fuß verwickelte ſich, als ſie die Treppe hinaufeilte, in übe ihre Schleppe und da ſie den warnenden Zuruf von Agnes Dan⸗ Mi forth in einer Art achtloſer Heftigkeit nicht beachtete, mit der ſie dab ſchon öfter die anſtandsvolle Förmlichkeit ihres Weſens verläugnet Wa hatte, that ſie in Folge deſſen einen Fall, der ſich ſogar bei einer ſo! viel jüngeren Frau als verderblich hätte erweiſen können. Die lich Verletzung welche ſte davontrug, war ſchwer und innerlich; die Ent⸗ jra zündung, wenn auch nicht gefährlich, hielt doch lange genug an, Auc um die Beſorgniſſe ihrer Angehöͤrigen zu erwecken. Doch wurden 1 die Symptome allmählig ſchwächer und ihre Geneſung ſtand nicht bett länger in Frage. beſſe Da Lionel dieß Alles aus Cäcilien's Munde vernahm, ſo kann der Leſer ſich leicht denken, daß die Wirkung, welche durch das Ihr Intereſſe hervorgebracht wurde, welches die Tante für ſein Wohl⸗ Tha befinden an den Tag gelegt hatte, durch die Quelle nicht vermindert den wurde, aus der er dieſe Kenntniß ſchöpfte. Obgleich übrigens ſeyn . Cäcilie dieſen ſo beſonderen Beweis von Mrs. Lechmere's Anhäng⸗ Ihr lichkeit an ihren Neffen mit vielem Ernſte hervorhob, war es ſie Lionel dennoch nicht entgangen, daß ihr Name in ihren häufigen kriti Unterredungen nur ſelten und nie anders als mit ängſtlichem Zart⸗ Sie gefühl von Seiten ſeiner Freundin erwähnt wurde, welche in dieſem Punkte äußerſt empfindlich ſchien. Als jedoch bei ihrem ſtündlichen und . Zuſammenſeyn das Vertrauen auf ihrer Seite allmählig wuchs, begann er den Schleier, den weibliche Zurückhaltung über ihre nur in hatte. ration ſelben Been⸗ ſtigkeit ihrer ekoſtet te, in Dan⸗ eer ſie ugnet einer Die Ent⸗ g an, urden nicht kann das Vohl⸗ ndert gens äng⸗ r es figen Zart⸗ eſem ichen ichs, ihre innerſten Gefühle gezogen hatte, leiſe zu lüften und durfte nun frei und ungehindert in einem Herzen leſen, deſſen Unſchuld und Wahr⸗ heit ſelbſt eine ſchwierigere Unterſuchung belohnt haben würde. Als die Geſellſchaft aus der Kirche zurückkehrte, eilten Cäcilie und Agnes unverzüglich auf das Zimmer der Kranken und ließen Lionel in dem kleinen getäfelten Beſuchzimmer ganz allein, da Polwarth mit Hülfe des Renners nach ſeiner eigenen Wohnung ſich verfügt hatte. Der junge Mann ſchritt, in tiefen Gedanken über die Scene, die er vor der Kirche mit angeſehen hatte, einige Minuten lang im Zimmer auf und ab; dann und wann warf er dabei einen leeren Blick auf die phantaſtiſchen Verzierungen der Wände, unter denen die Hauptfigur ſeines eigenen Wappenſchildes ſo häufig und in ſo rühmlicher Nachbarſchaft zu ſehen war. End⸗ lich hörte er leichte Fußtritte nahen, die nun ſeinem Ohr zu ver⸗ traut geworden waren, um mißverſtanden zu werden, und im nächſten Augenblick ſtand Miß Dynevor vor ihm. „Mrs. Lechmere!“ ſagte er, indem er ſie zu einem der Ruhe⸗ betten führte und ſich an ihrer Seite niederließ;„Sie fanden ſie beſſer, wie ich hoffe?“ „So wohl, daß ſie heute Morgen eine Zuſammenkunft mit Ihrem eigenen furchtbaren Selbſt zu wagen beabſichtigt. In der That, Lionel, Sie haben allen Grund, für den innigen Antheil, den meine Großmutter an Ihrem Wohlergehen nimmt, dankbar zu ſeyn! So krank ſie auch war, ſo haben doch ihre Nachfragen nach Ihrem Befinden niemals aufgehört und ich habe ſelbſt geſehen, wie ſie dem Arzte jede Antwort auf die Fragen über ihren eigenen kritiſchen Zuſtand verweigerte, bis er ſie in ihrer Beſorgniß um Sie beruhigt hatte.“ Wahrend Cäcilie alſo ſprach, traten ihr Thränen in die Augen und tiefere Röthe bedeckte ihre Züge. „So ſind Sie es demnach, der ich einen großen Theil meines Dankes ſchulde,“ antwortete Lionel;„denn indem Sie mir erlaubten, 308 mein Geſchick mit dem Ihrigen zu verbinden, erhalte ich neuen Werth in Mrs. Lechmere's Augen. Haben Sie Ihre Großmutter mit dem ganzen Umfang meiner Vermeſſenheit bekannt gemacht? Sie weiß von unſerem Bunde?“ „Konnte ich anders? So lange Ihr Leben in Gefahr war, hielt ich die Aeußerung meiner Theilnahme an Ihrer Lage in meiner eigenen Bruſt zurück; als wir uns aber der freudigen Hoffnung auf Ihre Geneſung hingeben durften, übergab ich Ihren Brief den Händen meiner mir von der Natur beſtellten Rathgeberin, und habe den Troſt, zu wiſſen, daß ich ihre Billigung erhalte für meine— wie ſoll ich's nennen, Lionel?— würde nicht Thorheit das richtigere Wort ſeyn?“ „Nennen Sie es, wie Sie wollen, ſo lange Sie es nicht ver⸗ läugnen. Ich habe bis jetzt aus zarter Rückſicht für ihre Lage unterlaſſen, die Abſichten der Mrs. Lechmere zu erforſchen; aber darf ich mir ſchmeicheln, Cäcilie, daß ſie mich nicht abweiſen wird?“ Das Blut ſchoß ſtürmiſch über das ſchöne Antlitz der Miß Dynevor und bedeckte ſogar Schläfe und Stirne mit ſeiner geſunden Röthe; doch bald war es verſchwunden und Bläſſe zog über die zarten Wangen, während ſie einen Blick des Vorwur fs auf ihren Geliebten richtete und ruhig, doch mit einem leiſen Zeichen der Unzufriedenheit antwortete: „Es mag das Unglück meiner Großmutter geweſen ſeyn, daß ſie das Haupt ihrer eigenen Familie mit zu parteiiſchen Augen anſah; aber wenn dem ſo war, ſo ſollte wenigſtens nicht Mißtrauen der Lohn dafür ſeyn. Die Schwäche iſt, ich darf wohl ſagen, ſehr natürlich, wenn auch nichts deſto weniger eine Schwäche!“ Zum erſten Mal begriff Lionel die Urſache jenes veränderlichen Weſens, womit Cäcilie im Amfange ſeine Aufmerkſamkeiten aufge⸗ nommen hatte, bis ihre Empfindlichkeit durch den Antheil an ſeiner Perſon beruhigt worden war. Ohne jedoch auch nur die leiſeſte Spur ſolchen Mitwiſſens zu verrathen, antwortete er: wan kann rikan ſehr finde heuen utter icht? war, e in digen shren erin, für rheit ver⸗ Lage aber rd?“ Miß inden r die ihren der daß lugen tauen agen, 14 ichen ufge⸗ einer iſeſte 309 „Dankbarkeit verdient keinen ſo abſchreckenden Namen wie— Mißtrauen; auch erlaubt mir meine Eitelkeit nicht, Parteilichkeit zu meinen Gunſten— Schwäche zu nennen.“ „Das Wort iſt ganz gut und richtig gewaͤhlt, wenn wir es auf die arme menſchliche Natur anwenden,“ ſprach Cäcilie und lachelte wieder;„und Sie werden es vielleicht verzeihen, wenn Sie ſich erinnern, daß unſere Schwächen zuweilen erblich ſind.“ „Ich verzeihe Ihren ungütigen Verdacht wegen dieſes edlen Geſtändniſſes. Aber ich darf mich nun ohne Zaudern an Ihre Großmutter um ihre Einwilligung zu unſerer augenblicklichen Ver⸗ bindung wenden?“ „Sie werden wohl Ihr Hochzeitlied nicht in einer Zeit geſungen haben wollen, wo Sie im nächſten Augenblick vielleicht der Leichen⸗ rede eines Freundes anwohnen müßten?“ „Gerade der Grund, Cäcilie, den Sie gegen unſere unver⸗ weilte Trauung vorbringen, beſtimmt mich, darauf zu dringen. So wie die Jahreszeit vorrückt, muß dieſes Kriegsſpiel enden. Howe wird entweder ſeine Bande durchbrechen und die Amerikaner von den Hügeln zurückzutreiben, oder ſich einen andern Punkt zur thãti⸗ geren Kriegführung auswählen. In beiden Fällen bleiben Sie in einem zerriſſenen und getheilten Lande zurück, in einem für Ihre Sicherheit zu zarten Alter, berufen, eher die Beſchützerin, als der Pflegling Ihrer hülfloſen Anverwandten zu ſeyn. Sicherlich werden Sie nicht zaudern, Cäcilie, meinen Schutz in einer ſolchen Zeit anzunehmen, und meine Bitte eben ſo ſehr aus zarter Rückſicht für Sie ſelbſt, wie für meine eigenen Gefühle zu erfüllen?“ „Fahren Sie fort,“ antwortete ſte;„ich bewundere Ihre Ge⸗ wandtheit, wenn ich gleich Ihrer Beweisführung nicht huldigen kann. Doch glaube ich erſtlich nicht, daß Ihr General die Ame⸗ rikaner ſo leicht von ihren Poſten vertreiben wird; denn nach einer ſehr einfachen Progreſſion, die ſelbſt ich verſtehe, werden Sie finden, wenn ein Hügel ſo viele hundert Menſchen koſtet, daß dann 310 der Kauf des Ganzen zu theuer kommen würde— nein, Lionel, blicken Sie nicht ſo ernſthaft, ich flehe Sie darum! Gewiß, ge⸗ wiß, Sie glauben nicht, daß ich leichtſinnig von einer Schlacht ſprechen könnte, die Sie beinahe das Leben, und— und— mein Glück gekoſtet hätte.“ „Fahren Sie fort,“ rief Lionel, und augenblicklich die Wolke von ſeiner Stirne verſcheuchend, lächelte er zärtlich auf das lieb⸗ liche Weſen herab;„ich bewundere ihre Kaſuiſtik und ehre Ihr Gefühl, kann aber ebenfalls Ihren Beweis beſtreeiten.“ Durch ſein Benehmen wieder beruhigt, fuhr ſie nach einem Augenblick der tiefſten Bewegung weiter fort: „Aber denken wir uns auch, die Hügel ſeyen insgeſammt er⸗ obert und der amerikaniſche General Waſhingtou, der, wenn auch Nichts als ein Rebell, jedenfalls ein ſehr achtungswerther Mann iſt, ſey mit ſeinem Heere in das Land zurückgetrieben, ſo hoffe ich doch: dieß Alles wird wohl ohne den Beiſtand der Weiber geſchehen können! Oder ſollte Howe, worauf Sie hindeuten, ſeine Streit⸗ kräfte zurückziehen, wird er nicht die Stadt hinter ſich laſſen? In beiden Fällen würde ich ruhig da bleiben, wo ich bin; ſicher in einer brittiſchen Garniſon, oder noch ſicherer unter meinen Landsleuten.“ „Cäcilie, Sie kennen eben ſo wenig die Gefahren, wie die rohe Geſetzloſigkeit des Kriegs! Wenn Howe den Platz auch räu⸗ men ſollte, ſo würde es, glauben Sie mir, doch nur auf kurze Zeit geſchehen; denn die Miniſter werden nie eine Stadt, welche wie dieſe ſo lange ihrer Macht getrotzt hat, an Männer über⸗ laſſen, die ſich gegen ihren geſetzmäßigen Fürſten in Waffen er⸗ hoben haben.“ „Sie haben ſonderbarer Weiſe die letzten ſechs Monate ver⸗ geſſen, Lionel, ſonſt würden Sie mich nicht der Unbekanntſchaft mit dem Elend beſchuldigen, das der Krieg über uns verhängen kann.“— „Tauſend Dank für das freundliche Geſtändniß, wie für dieſen eionel, , ge⸗ chlacht mein Wolke 3 lieb⸗ te Ihr einem mt er⸗ n auch Mann ffe ich chehen Streit⸗ 2 In her in uten.“ vie die h räu⸗ kurze welche über⸗ fen er⸗ te ver⸗ tſchaft hängen dieſen 311 Wink, theuerſte Cäcilie,“ ſagte der junge Mann, indem er mit der ganzen Beſtändigkeit, wie nicht minder mit aller Bereitwilligkeit eines Verliebten den Grund ſeines Beweiſes aufgab; Sie haben mir Ihre Gefühle geſtanden und würden ſich nicht weigern, ſie wieder zu geſtehen?“ „Sicher nicht vor Jemand, deſſen Selbſtachtung ihn bewegen muß, der Schwäche zu vergeſſen; aber vielleicht würde ich Anſtand nehmen, etwas ſo Thörichtes vor der Welt zu thun!“ „So will ich's Ihnen denn noch einmal an's Herz legen,“ fuhr er fort, ohne die Koketterie zu beachten, welche ſie affektirt hatte.„Glauben wir auch das Beſte, ſo werden Sie zugeben, daß eine zweite Schlacht kein unerwarteter Vorfall wäre?“ Cäcilie ſchaute ihm mit ängſtlichem Blick in's Geſicht, und ſchwieg. „Wir Beide wiſſen, wenigſtens weiß ich aus trauriger Erfah⸗ rung, daß ich nichts weniger als unverwundbar bin. Nun ant⸗ worten Sie mir, Cäcilie— nicht als ein Weib, das mit ſich kämpft, um den Stolz ihres Geſchlechts aufrecht zu erhalten, ſon⸗ dern als das edle Weſen voll Herzlichkeit, wie ich Sie kenne— ſollten die Begebenheiten der letzten ſechs Monate ſich wiederholen, was möchten Sie lieber?— ſie abermals durchleben als meine heimlich Verlobte, oder nicht piel mehr als meine anerkannte Gattin, die nicht zu erröthen braucht, ihre Zärtlichkeit vor aller Welt zu zeigen?“ Miß Dynevor mußte erſt die ſchweren Tropfen, die wäͤhrend dieſer Worte an ihren dunkeln Wimpern hingen, von den zitternden Franſen abſchütteln, welche ihre Augen verhüllten, ehe ſie wieder zu ihm emporblicken konnte. „Glauben Sie denn nicht, daß ich, ſo lange ich mich Ihnen verlobt wußte, ſchon genug erduldet habe; halten Sie noch engere Bande für nothwendig, um das Maaß meiner Leiden vollzufüllen?“ „Ich kann Ihnen nicht ſo, wie ich wollte, für dieſe ſchmeichel⸗ haften Thränen danken, bevor nicht die Frage klar beantwortet iſt.“ „Iſt das auch edelmüthig, Lincoln?“ „Vielleicht nicht auf den erſten Schein, aber der That nach gewiß. Glauben Sie mir, Cäcilie, ich wünſche eben ſo ſehr Sie vor einer rauhen Berührung der Welt zu wahren und zu ſchützen, als ich mein eigenes Glück in dieſem Schritte ſuche!“ Miß Dynevor war nicht allein verwirrt, ſondern auch betäͤubt; doch ſagte ſie mit leiſer Stimme: „Sie vergeſſen, Major Lincoln, daß ich Jemand zu befragen habe, ohne deren Zuſtimmung ich nichts verſprechen kann.“ „So wollen Sie die Frage alſo der Weisheit Ihrer Tante anheimſtellen? Sollte Mrs. Lechmere unſere unverzügliche Ver⸗ bindung billigen, darf ich ihr dann ſagen, daß ich von Ihnen be⸗ vollmächtigt bin, ſie darum zu bitten?“ Cäcilie ſagte Nichts; aber durch ihre Thränen lächelnd, überließ ſte Lincoln ihre Hand mit ſo viel Zärtlichkeit, daß ſelbſt ein weit weniger ſanguiniſcher Mann keinen Anſtand genommen haben würde, dieſes Zeichen als eine Einwilligung auszulegen. „So kommen Sie denn,“ rief er,„laſſen Sie uns auf Mrs. Lechmere's Zimmer eilen; ſagten Sie nicht, ſie erwarte mich?“ Sie ließ ihn ihren Arm in den ſeinigen legen und ſich von ihm aus dem Zimmer führen. Trotz der belebenden Hoffnung, womit Lionel ſeine Geliebte durch die Gänge des Hauſes geleitete, nahte er doch Mrs. Lechmere's Gemach nicht ohne ein inneres Wider⸗ ſtreben. Er konnte unmöglich all' die Vorfälle, denen er noch vor gar nicht langer Zeit als Zeuge angewohnt hatte, gänzlich ver⸗ geſſen und den ſchwarzen Verdacht, der einmal in ſeinem Innern erwacht war, völlig aus ſeiner Bruſt verbannen. Sein jetziger Zweck jedoch drängte ihn vorwärts, und ein Blick auf das zitternde Weſen, das nun gäͤnzlich auf ihn als ſeinen Beiſtand ſich ſtützte, ſche aus Erin hatte daß mit geda den überd Ihr wöhn den ſ menſe heiter liches wenn manch zu me ſanfte chen, währe „daß ſunden fürchte Wund von de Hand, daß S neichel⸗ et iſt.“ tt nach )r Sie hützen, taͤubt; fragen Tante Ver⸗ en be⸗ berließ n weit würde, 3 auf nich?“ n ihm womit nahte Wider⸗ ch vor h ver⸗ jnnern etziger ternde ſtuͤtzte, 313 ſcheuchte jede Betrachtung, in der ſie nicht die Hauptperſon bildete, aus ſeiner Seele. Das ſchwache Ausſehen der Kranken, ſo wie die plötzliche Erinnerung, daß ſie in Folge ihrer Angſt um ihn ſo viel gelitten hatte, half indeſſen der Sache ſeiner Tante in ſo weit wieder auf, daß der junge Mann ihr nicht nur mit Herzlichkeit, ſondern ſelbſt mit einer an Dankbarkeit gränzenden Empfindung begegnete. Mrs. Lechmere's Unpäßlichkeit hatte jetzt ſchon mehre Wochen gedauert, und ihre Züge, alt und eingefallen, wie ſie ſchon durch den allgemeinen Nachlaß der Natur geworden waren, trugen noch überdieß ſtarke Spuren von der Heftigkeit ihrer neulichen Krankheit. Ihr Geſicht hatte zudem, daß es bleicher und abgezehrter als ge⸗ wöhnlich war, auch noch jenen ängſtlichen Ausdruck ausgenommen, den ſchweres und langwieriges körperliches Leiden ſo oft auf dem menſchlichen Antlitz z urückläßt. Ihre Stirne war jedoch mild und heiter, nur zuweilen war auf Augenblicke ein leichtes, unwillkühr⸗ liches Zucken der Muskeln zu bemerken, welches verrieth, daß, wenn die Schmerzen auch im Allgemeinen vorüber waren, ſie doch manchmal auf kurze Zeit wiederkehrten, um ſie an ihre Krankheit zu mahnen. Sie empfing die Beſuchenden mit einem Lächeln, das ſanfter und einnehmender als gewöhnlich war, und durch die blei⸗ chen, ſorgenvollen Züge noch eindrucksvoller wurde. „Es iſt gütig von dem Kranken, Couſin Lionel,“ fing ſie an, während ſte ihrem jungen Verwandten die welke Hand darreichte, „daß er kommt, um den Geſunden zu beſuchen; ich ſage den Ge⸗ ſunden, denn nachdem wir ſo lange das Schlimmſte für Sie ge⸗ fürchtet, kann ich nicht zugeben, daß neben Ihren ernſthafteren Wunden meiner geringen Verletzung erwähnt werde.“ „Moͤchten Sie ſich, Madame, doch eben ſo glücklich, wie ich, von den Folgen erholt haben,“ erwiederte Lionel und nahm ihre Hand, die er mit vieler Wärme drückte.„Ich werde nie vergeſſen, daß Sie Ihre Krankheit der Angſt um mich verdanken.“ 314 „Laſſen wir das, Sir; es iſt ja natürlich, daß wir für Die⸗ jenigen uns ängſtigen, welche wir lieben. Ich habe es erlebt, Sie wieder wohl zu ſehen, und ſo Gott will, werde ich noch ſo lange leben, bis dieſe verruchte Rebellion überwältigt ſeyn wird.“ Sie hielt inne und, einen Augenblick das junge Paar anlächelnd, das ſich ihrem Bette genähert hatte, fuhr ſie fort:„Cäcilie hat mir Alles geſagt, Major Lincoln.“ „Nein, nicht Alles, theure Madame,“ fiel Lionel ein;„ich habe noch etwas beizufügen und gleich zum Anfang will ich ge⸗ ſtehen, daß es ganz von Ihrer Milde und Weisheit abhängt, meine Vermeſſenheit zu unterſtützen.“ „Vermeſſenheit iſt ein unpaſſendes Wort, Couſin Lionel; wo vollkommene Gleichheit in Geburt, Erziehung und Vorzügen, und — wenn wir die Geſchlechtsverſchiedenheit beachten, knnte man ſogar ſagen— in Vermögen Statt findet, da mag ſich ſolche wohl zu Anſprüchen erheben, und Vermeſſenheit iſt in dieſem Falle ein zu zweideutiges Wort. Cäcilie, mein Kind, gehe in mein Biblio⸗ thekzimmer; in dem kleinen geheimen Schiebfach meines Schreib⸗ tiſches wirſt Du ein Papier mit Deinem Namen finden; lies es, meine Liebe, und bringe es hierher.“ Sie deutete auf einen Sitz für Lionel, und als die Thüre hinter Cäcilie ſich geſchloſſen hatte, nahm ſie die Unterhaltung wieder auf. „Da wir im Begriff ſtehen, von Geſchäften zu reden, kann das verwirrte Mädchen eben ſo gut wegbleiben, Major Lincoln. Worin beſteht die beſondere Gunſt, welche ich Ihrer Bitte gewähren könnte?“ „Wie jeder andere dreiſte Bettler, dem Ihre Güte bereits in vollem Maaße zu Theil geworden, komme ich, mir das unverzüg⸗ liche Geſchenk des letzten und größten Pfandes, das Sie verleihen können, von Ihnen zu erbitten.“ „Meine Enkelin? Es bedarf keiner unnöthigen Zurückhaltung ir Die⸗ bt, Sie blange „ Sie d, das hat mir ; oich ich ge⸗ meine el; wo en, und te man ſe wohl alle ein Biblio⸗ Schreib⸗ lies es, Thüre haltung „ kann Lincoln. währen reits in wverzüg⸗ erleihen haltung 315 zwiſchen uns, Couſin Lionel, denn ſte werden ſich erinnern, daß auch ich eine Lincoln bin. Laſſen Sie uns denn frei ſprechen, wie zwei Freunde, die beiſammen ſind, um über eine Sache zu reden, welche beiden gleich ſehr am Herzen liegt.“ „Dieß iſt mein ernſtlicher Wunſch.— Ich habe gegen Miß Dynevor die Gefahr der Zeiten und die kritiſche Lage des Landes geltend gemacht,— zwei Umſtände, in welchen ich die dringendſten Gründe für unſere unverzügliche Verbindung gefunden habe.“ „Und Cäecilie—“ „War, wie ſie immer iſt— gütig, doch ihrer Pflicht einge⸗ denk. Sie verweist mich ganz auf Ihre Entſcheidung, von der ſie ſich allein leiten laſſen will.“ Mrs. Lechmere gab nicht ſogleich eine Erwiederung, aber ihre Züge verriethen den inneren Kampf ihrer Seele. Es war offenbar nicht Unzufriedenheit, was ſie zu zaudern veranlaßte, denn ihr hohles Auge leuchtete von einem Strahl der Zufriedenheit, der nicht verkannt werden konnte; eben ſo wenig war es Ungewißheit, da ihr ganzes Antlitz eher eine nicht zu bemeiſternde Bewegung, wie ſie die plötzliche Erfüllung lang gehegter Wünſche verurſacht,— als irgend einen Zweifel an der Klugheit derſelben zu verrathen ſchien. Allmählich legte ſich ihre Aufregung, und ſo wie ihre Ge⸗ fühle wieder ruhiger wurden, füllten ſich ihre ſtarren Augen mit Thränen, und als ſie ſprach, lag eine Sanftheit in dem Zittern ihrer Stimme, wie Lionel ſie nie zuvor an ihr bemerkt hatte. „Sie iſt ein gutes und folgſames Kind, meine einzige, meine gehorſame Cäcilie! Sie wird Ihnen keinen Reichthum bringen, Major Lincoln, der bei Ihren Schätzen in Anſchlag käme, auch keinen ſtolzen Titel zur Vermehrung des Glanzes Ihres eigenen verehrten Namens; aber ſie wird Ihnen bringen, was eben ſo gut, wenn nicht beſſer iſt— ja, ich bin gewiß, es muß beſſer ſeyn— ein reines, tugendhaftes Herz, das kein Falſch kennt!“ „Tauſend und tauſend Mal ſchätzenswerther in meinen Augen, 316 meine würdige Tante!“ rief Lionel, tief ergriffen von dieſem Aus⸗ bruch natürlichen Gefühls, welches ſo wirkſam das harte Weſen Mrs. Lechmere's geſänftigt hatte;„man gebe ſie mir ohne Ver⸗ mögen, ohne Namen in dieſe meine Arme,— ſie wird nicht we⸗ niger mein Weib, nicht weniger ihr eigenes unſchätzbares Selbſt ſeyn!“ „Ich ſprach bloß vergleichungsweiſe, Major Lincoln; das Kind des Obriſten Dynevor und die Enkelin des Lord Viscount Car⸗ donell kann keinen Grund haben, wegen ihrer Abſtammung zu erröthen; auch wird die Abkömmlingin von John Lechmere keine ausſteuerloſe Braut werden! Wenn Cäeilie einſt Lady Lincoln werden ſoll, wird ſie nie nöthig haben, das Wappenſchild ihrer eigenen Ahnen unter der blutigen Hand“ ihres Gemahls zu verbergen.“ „Möge der Himmel lange die Stunde abwenden, in der man für eines von uns beiden dieß Zeichen hervorſuchen müßte!“ rief Lionel. „Verſtand ich nicht recht? war nicht Ihr Wunſch für eine augenblickliche Heirath?“ „Nie waren Sie weniger im Irrthum, theuerſte Frau; aber ſicher vergeſſen Sie nicht, daß noch außer uns, für Beide gleich theuer, ein Dritter lebt, der alle Urſache hat, noch viele Jahre der Geſundheit, und ich denke auch, des Glücks und der Vernunft für ſich zu hoffen!“ Mrs. Lechmere blickte wild auf ihren Neffen und hielt zau⸗ dernd die Hand vor die Augen; und nicht eher zog ſie dieſelbe zurück, als bis ein allgemeiner Schauder ihre ganze geſchwächte Geſtalt erſchüttert hatte. „Sie haben recht, mein junger Couſin,“ ſprach ſie endlich mit mattem Lächeln—„ich glaube, körperliche Schwäche hat mein Gedächt⸗ niß angegriffen.— Ich träumte von längſt verfloſſenen Tagen. Sie ſtanden vor mir in der Geſtalt Ihres unglücklichen Vaters, während Cäcilie ihrer Mutter Antlitz trug, das Antlitz meiner eigenen, längſt verlorenen, aber eigenwilligen Agnes! O! ſie war * Das Wappen der Lineoln. A. d. U. mein Mut wund ihre Händ Thrãͤ die e breite druck Stär ſten2 ihre druck, froſtig 7 Lincol mein Ich be warten der Gt nes Lel . 2 In eit welche des Ge Chegelt m Aus⸗ Weſen ne Ver⸗ icht we⸗ tſeyn!“ as Kind it Car⸗ ung zu te keine Lincoln d ihrer ergen.“ nan für Lionel. ür eine ; aber gleich Jahre ernunft lt zau⸗ dieſelbe wächte ch mit edächt⸗ Tagen. zaters, meiner e war u. 317 mein Kind! mein Kind! und Gott hat aus Gnade für einer Mutter Flehen ihrer Fehler vergeſſen!“ Lionel trat vor der Heftigkeit der Kranken in ſprachloſer Ver⸗ munderung einen Schritt zurück. Die Röthe drang plötzlich in ihre blaſſen Wangen, und als ſie ſchloß, faltete ſie inbrünſtig die Hände und ſank auf die Kiſſen, die ihren Rücken ſtützten. Große Thränen drangen aus ihren Augen und tropften, langſam über die eingefallenen Wangen hinabrollend, auf die vor ihr ausge⸗ breitete Bettdecke. Lionel griff nach der Glocke, aber eine aus⸗ drucksvolle Gebärde ſeiner Tante verbot ihm, ſie zu ziehen. „Mir iſt wieder wohl,“ ſagte ſie,—„reichen Sie mir das Stärkungsmittel dort neben Ihnen.“ Mrs. Lechmere trank herzhaft aus dem Glaſe und in der naͤ ch⸗ ſten Minute legte ſich ihre Aufregung; in ihre Züge trat wieder ihre gewöhnliche kalte Ruhe und in ihr Auge derſelbe harte Aus⸗ druck, als ob Nichts vorgefallen wäre, was ihren gewohnten, froſtig⸗weltlichen Blick hätte trüben können. „Sie ſehen an meiner gegenwärtigen Schwäche, Major Lincoln, wie viel beſſer die Jugend die Verheerungen einer Krank⸗ heit ertragen kann, als das Alter,“ fuhr ſie fort;„doch laſſen Sie uns zu anderen und erfreulicheren Gegenſtänden zurückkehren. — Sie haben nicht nur meine Einwilligung, es iſt vielmehr ſogar mein eigener Wunſch, daß Sie ſich mit meiner Enkelin vermählen. Ich betrachte dieß als ein Glück, das ich eher gehofft als zu er⸗ warten gewagt habe und ich will frei bekennen, daß es für mich der Gipfel meiner Wünſche iſt, deſſen Erreichung den Abend mei⸗ nes Lebens nicht nur glücklich, ſondern ſelbſt geſegnet machen ſoll!“ „Wozu dann längeren Aufſchub, meine theuerſte Madame? In einer Zeit, wie die jetzige iſt Niemand im Stand zu ſagen, welche Ereigniſſe der neue Tag bringen kann und der Augenblick des Getümmels und der Kriegsunruhen iſt nicht die Stunde, um Chegelöbniſſe zu regiſtriren.“ 318 Nach augenblicklichem Nachdenken antwortete Mrs. Lechmere: „Wir haben eine gute, heilige Sitte in dieſer frommen Provinz, den Tag, welchen der Herr zu ſeiner ausſchließlichen Verehrung beſtimmte, auch zu demjenigen zu wählen, an welchem wir in den ehrwürdigen Stand der Ehe eintreten. So wählen Sie denn für Ihre Vermählung zwiſchen dieſem und dem kommenden Sonntage.“ Wie groß auch die Glut des Jünglings ſeyn mochte, ſo war er doch über die Kürze des erſten Zeitraums ein wenig erſtaunt; aber der Stolz ſeines Geſchlechtes wollte kein ferneres Zögern geſtatten. „So laſſen Sie es den heutigen Tag ſeyn, wenn Miß Dynevor dazu vermocht werden kann, ihre Einwilligung zu geben.“ „Hier kommt ſie ſchon, um Ihnen zu ſagen, daß ſie auf meine Bitten hin Ja ſagen wird. Cäcilie, mein einziges ſüßes Kind, ich habe Major Lincoln verſprochen, daß Du noch heute ſeine Frau werden willſt.“ Miß Dynevor, welche bis in die Mitte des Zimmers gelangt war, ehe ſie den Inhalt dieſer Rede vernommen hatte, ſtand plötzlich ſtill und regungslos, wie eine ſchöne Bildſäule, Erſtaunen und Schrecken in ihren Zügen. Ihre Röthe kam und ging mit beunruhigender Schnelligkeit und das Papier fiel aus den zitternden Händen zu ihren Füßen, die in den Boden eingewurzelt ſchienen. „Heute!“ wiederholte ſie mit kaum hörbarer Stimme— „ſagten Sie heute, Großmutter?“ „Ja heute, mein Kind!“ „Warum dieß Widerſtreben, dieſe Unruhe, Cäcilie?“ ſprach Lionel, indem er auf ſie zutrat und ſie ſanft nach einem Sitze führte.„Sie kennen die Gefahr der Zeiten— Sie haben ſich herabgelaſſen, Ihre Gefühle einzugeſtehen— ſo hören Sie; der Winter geht zu Ende, der erſte Thau kann Ereigniſſe herbeiführen, welche unſere Lage völlig verändern müſſen.“ „All' das mag in Ihren Augen von Gewicht ſeyn, Major Lincoln, ſiel Mrs. Lechmere mit einer Stimme ein, deren unge⸗ gewi „abe nicht Ihr Cäc glau Das Lion uber len n mit Läche mach zu ſe Still Rück recht ſich eigen hier nach kündig ihrem C 2 trium chmere: Brovinz, rehrung in den enn für ntage.“ ſo war rſtaunt; eſtatten. dynevor ſie auf 3 ſüßes h heute gelangt „ſtand ſtaunen ng mit ternden chienen. me— ſprach n Sitze hen ſich e; der führen, Major unge⸗ 319 gewöhnliche Feierlichtkeit die Aufmerkſamkeit ihrer Zuhörer feſſelte; „aber ich habe noch andere und tiefere Beweggründe. Habe ich nicht allbereits die Gefahren und Uebel des Aufſchubs erfahren? Ihr ſeyd jung und gut; warum ſolltet Ihr nicht glücklich ſeyn? Cäcilie, wenn Du mich liebſt und verehrſt, wie ich es von Dir glaube, ſo wirſt Du heute noch ſeine Gattin!“ „Laſſen Sie mir nur einige Bedenkzeit, theuerſte Großmutter. Das Band iſt ſo neu und ſo feierlich! Major Lincoln— theurer Lionel— Sie ſind nicht gewohnt, ungroßmüthig zu ſeyn; ich überlaſſe mich ganz Ihrer Güte!“ Lionel ſprach nicht und Mrs. Lechmere antwortete ruhig: „Nicht ſeine Bitte, Kind, die meine iſt es, die Du erfül⸗ len wirſt.“ Miß Dynevor erhob ſich von ihrem Sitz an Lionel's Seite mit einer Miene beleidigten Zartgefühls und ſagte mit trübem Lächeln zu ihrem Geliebten: „Krankheit hat meine gute Mutter ängſtlich und ſchwach ge⸗ macht— wollen Sie meine Bitte entſchuldigen, mit ihr allein zu ſeyn?“ „Ich verlaſſe Sie, Cäcilie,“ ſagte er;„wenn Sie aber mein Stillſchweigen irgend einem andern Beweggrund, als der zarten Rückſicht für Ihre Gefühle zuſchreiben, ſo ſind Sie eben ſo unge⸗ recht gegen ſich ſelbſt, wie gegen mich.“ Sie ſprach ihre Dankbarkeit nur in Blicken aus und entfernte ſich unverzüglich, um das Reſultat ihrer Unterredung in ſeinem eigenen Zimmer abzuwarten. Die halbe Stunde, welche Lionel hier zubrachte, erſchien ihm länger als ein halbes Jahr; doch nach Verfluß dieſer kurzen Zeit erſchien Meriton, um ihm anzu⸗ kündigen, Mrs. Lechmere erbitte ſich abermals ſeine Gegenwart in ihrem Zimmer. Ihr erſter Blick verſicherte Major Lincoln, daß ſeine Sache triumphirt hatte. Seine Tante war auf ihre Kiſſen zurückgeſunken, 320 zund der kalte, berechnende Ausdruck ihres Geſichts verrieth eine ſo ſelbſtſüchtige Zufriedenheit, daß der junge Mann beinahe hätte bereuen können, ihr Vorhaben nicht mißlungen zu ſehen. Als jedoch ſein Blick auf das thränenvolle, ſchüchterne Auge der er⸗ roͤthenden Cäcilie ſiel, da fühlte er, daß, wenn ſie überhaupt die Seine werden konnte, ohne ihren Gefühlen Gewalt anzuthun, er dann nur wenig ſich darum kümmere, auf weſſen Veranlaſſung ſie eingewilligt hatte. „Wenn ich mein Schickſal von Ihrer Güte erwarten darf, ſo weiß ich, ich darf hoffen!“ ſprach Lionel, indem er auf ſie zutrat: —„ſoll es dagegen von meinem Verdienſte abhängen, dann bin ich der Verzweiflung preisgegeben.“ „Vielleicht war es thoricht, Lincoln,“ antwortete ſie und lächelte durch ihre Thränen, indem ſie ungezwungen ihre Hand in die ſeine legte,—„wegen einiger Tage mich zu ſträuben, wenn ich doch einmal mich bereit fühle, mein ganzes Leben Ihrem Glücke zu weihen. Es iſt der Wunſch meiner Großmutter, daß ich mich unter Ihren Schutz ſtellen möge.“ „So wird uns dieſer Abend für immer vereinen?“ „Es iſt Ihrem Edelmuthe nicht der Zwang auferlegt, daß es gerade am heutigen Abend Statt finden müßte, wenn irgend eine und auch nur die geringſte Schwierigkeit ſich entgegenſtellte.“ „Aber es iſt keine vorhanden, kann keine vorhanden ſeyn,“ unterbrach ſie Lionel.„Zum Glücke ſind die Vermählungsfeierlich⸗ keiten der Kolonie höchſt einfach und wir erfreuen uns der Beiſtim⸗ mung Aller Derer, welche mit Recht ſich einzumiſchen haben.“ „So geht denn, meine Kinder, und vollendet Eure kurzen Vorkehrungen,“ ſagte Mad. Lechmere;„es iſt ein feierliches Band, welches ihr knüpft! es muß, es wird ein glückliches ſeyn!“ Lionel drückte die Hand ſeiner verlobten Braut und entfernte ſich, Cäͤcilie warf ſich in die Arme ihrer Großmutter und machte ihren Gefühlen in einem Strom von Thränen Luft. Madame Lech ein⸗ auft wel eine Ko in 2 Land Hind engli Forn eine den w Refot und lichen ſich ſ Vorb deſſen leihen dem ſ abzule den T zum 2 Lie eth eine he häͤtte n. Als der er⸗ aupt die hun, er ſung ſie darf, ſo zutrat: unn bin ſte und 2 Hand räuben, Ihrem r, daß daß es nd eine ſeyn,“ jerlich⸗ zeiſtim⸗ n.“ kurzen Band, tfernte machte adame 321 Lechmere ſtieß ihr Kind nicht zurück, im Gegentheil, ſie drückte es ein- oder zweimal an ihr Herz, aber auch jetzt noch hätte ein aufmerkſamer Beobachter bemerken können, daß ihre Blicke mehr weltlichen Stolz als jene natürlichen Regungen verriethen, welche eine ſolche Scene hätte hervorbringen ſollen. Einundzwanzigſtes Kapitel. Kommt, Bruder Franz, ſeyd kurz; nur nach der einfachen Trauungsformel. Viel Lärmen um Nichts. Major Lincoln hatte richtig bemerkt, daß die Heirathsgeſetze in Maſſachuſetts, welche noch dem urſprünglichen Zuſtande des Landes angepaßt waren, ihrer unauflöslichen Verbindung nur wenige Hinderniſſe in den Weg legten. Cäcilie war aber im Schooße der engliſchen Kirche auferzogen und hing mit einer Liebe an ihren Formen und Ceremonien, für die ihre Feierlichkeit und Schoͤnheit eine hinlängliche Erklärung bietet. Wenn die Koloniſten auch noch oft den woͤchentlichen Feſttag zu Trauungen wählten, ſo hatte doch die Reformwuth den Altar aus ihren meiſten Tempeln ausgeſchloſſen und es war nicht gewöhnlich unter ihnen, Verlobungen in öffent⸗ lichen Gotteshäͤuſern zu feiern. In dem jetzigen Falle jedoch zeigte ſich ſo viel ſchwer zu rechtfertigende Haſt und ſo wenig geziemende Vorbereitung, daß Miß Dynevor, ängſtlich bemüht, einem Akte, deſſen Wichtigkeit ſie lebhaft fühlte, alle gebührende Feierlichkeit zu leihen, ihren Wunſch ausdrückte, das Gelübde an dem Altare, vor dem ſie ſo lange zu beten gewohnt geweſen, und unter dem Dache abzulegen, wo ſie ſchon einmal, ſeitdem die Sonne aufgegangen, den Dank ihres reinen Herzens für die Erhaltung eines Mannes zum Himmel geſendet hatte, der nun ſo bald ihr Gatte werden ſollte. Mrs. Lechmere hatte erklärt, die Aufregung des Tages und Lionel Lincoln. 2. Aufl. 21 2 322 ᷣ ihre ſchwache Geſundheit wurden ſie unvermeidlich hindern, der Cere⸗ monie als Zeuge anzuwohnen, und ſo war kein genügender Grund vorhanden, ihrer Enkelin jenen Wunſch zu verſagen, obgleich er mit den Gewohnheiten des Ortes nicht ganz übereinſtimmte. Aber an dem Altar vermählt werden und öffentlich vermählt werden, das waren zwei verſchiedene Feierlichkeiten, und um das eine zu bewirken und das andere zu vermeiden, war es nöthig, die Handlung auf eine ſpäte Stunde des Tages zu verlegen und das Ganze in den Mantel des Geheimniſſes zu hüllen,— eine Vorſicht, welche die ſo ganz geregelten Verhältniſſe der beiden Theile außerdem nicht nöthig gemacht haben würden. Miß Dynevor hatte Niemand zur Vertrauten als ihre Couſine. Ihre Gefühle erhoben ſich weit über die gewöhnlichen eitlen Be⸗ trachtungen, welche Zeit und Vorbereitungen bei ſolchen Gelegen⸗ heiten hervorrufen: ſo waren ihre kurzen Vorkehrungen auch bald beendigt und ſie erwartete den beſtimmten Augenblick ohne Unruhe, wenn auch nicht ohne Bewegung. Lionel hatte weit mehr zu beſorgen. Er wußte, daß die leiſeſte Kunde von einer ſolchen Scene eine neugierig zudringende Menge in und um die Kirche verſammeln würde und beſchloß deßhalb, ſeine Plane in aller Stille anzuordnen und ganz geheim zu halten. Um einem unerwarteten Zwiſchenfalle zu begegnen, wurde Meriton zu dem Geiſtlichen geſendet und dieſer erſucht, eine beliebige Stunde des Abends für eine Unterredung mit Major Lincoln zu beſtimmen. Die Antwort lautete, daß Dr. Liturgy von neun Uhr an von den Pflichten des Tages frei und jeden Augenblick zu dem Empfange des Majors bereit ſey. So blieb keine andere Wahl, und die zehnte Stunde wurde Cäcilien als die Zeit bezeichnet, wo ſie ihn vor dem Altare treffen ſollte. Major Lincoln vertraute nicht zu viel auf Polwarth's Verſchwiegenheit, und begnügte ſich deshalb, ſeinem Freunde zu ſagen, er werde ſich am nämlichen Abend noch vermählen, weshalb er ihn bitte, als Brautführer pünktlich in der Trer für Sei Befe Aug Erw etwo die r Reiz jener ſtiſch ſich lich Geiſt und den deſſer wurd dieſer aber kleine das 2 herkö man die C zwun heit! Wün ſtill merke der Cere⸗ er Grund bgleich er te. Aber erden, das bewirken dlung auf ze in den velche die dem nicht Couſine. itlen Be⸗ Gelegen⸗ luch bald Unruhe, ie leiſeſte 2 Menge alb, ſeine im einem zu dem unde des ſtimmen. von den mpfange und die ſie ihn nicht zu deshalb, nd noch in der 323 Tremontſtraße einzutreffen, wobei er der Vorſicht wegen die Stund? für alle noch folgenden Geſchäfte hinlänglich früh beſtimmte. Sein Reitknecht und Kammerdiener hatten entſprechende beſondere Befehle, und ſo war denn Alles noch lange vor dem wichtigen Augenblick auf eine Weiſe vorbereitet, daß ein Fehlſchlagen ſeiner Erwartungen ihm als unmöglich erſcheinen mußte. Es lag wohl in Lionel's Gemüth der Keim einer, vielleicht etwas krankhaften Romantik, welche jetzt der Grund war, weshalb die verborgenen Schritte, die er vorhatte, ihm einen großen, geheimen Reiz darboten. Jedenfalls war er nicht ganz frei von einem Anſtrich jener melancholiſchen, kränkelnden Laune, welche wir als charakteri⸗ ſtiſches Merkmal ſeines Stammes bezeichnet haben: auch fühlte er ſich darum nicht eben weniger glücklich, weil er ein wenig unglück⸗ lich war. Doch hatte er, entweder durch die Thätigkeit ſeines Geiſtes oder in Folge der trefflichen Erziehung, welche er genoſſen, und die ihn frühzeitig für ſich ſelbſt zu handeln genöthigt, den böſen Geiſt in ſeinem Innern ſo weit bezwingen gelernt, daß deſſen Einfluß für Andere und oft auch für ihn ſelbſt unmerklich wurde, und ſo war er eben der Mann geblieben, wie wir ihn auf dieſen Blättern darzuſtellen verſucht haben— nicht ohne Fehler, aber ſicherlich mit vielen hohen und edlen Tugenden geſchmückt. Als der Tag ſich ſeinem Ende näherte, verſammelte ſich der kleine Familienzirkel in der Tremontſtraße in gewohnter Weiſe, um das Abendeſſen einzunehmen, wie es zu jener Zeit in allen Kolonien herkömmliche Sitte war. Cäcilie war blaß und manchmal konnte man ein leichtes Zittern in der kleinen Hand bemerken, wenn ſie die Geſchäfte bei der Tafel verrichtete; doch lag dabei eine er⸗ zwungene Ruhe in ihren feuchten Augen, welche die Entſchloſſen⸗ heit bezeugte, die ſie zu ihrem Beiſtand aufgeboten hatte, um die Wünſche ihrer Großmutter zu erfüllen. Agnes Danforth war ſtill und nachdenklich, obwohl zuweilen ein gelegentlicher Blick merken ließ, was ſie von der Heimlichkeit und Ueberraſchung der 324 herannahenden Vermählung dachte. Es konnte übrigens ſcheinen, als ob die Wichtigkeit des bevorſtehenden Schrittes dazu gedient habe, die Braut über die kleinen Affektationen ihres Geſchlechtes zu erheben; denn ſie ſprach ungeſcheut von den zu treffenden Vorbereitungen, indem ſte ihr eigenes Intereſſe an deren Erfüllung nicht verhehlte und ſelbſt zu fürchten ſchien, daß noch irgend eine Störung bevorſtehen könnte. „Wenn ich abergläubiſch wäre, Lincoln, und an Vorbedeutungen glaubte,“ ſprach ſie unter Anderem,„ſo würden Stunde und Wett er mich wohl vor dieſem Schritt zurückſchrecken. Sehen Sie, der Wind bläſt ſchon über die endloſen Wüſten des Oceans, und der Schnee treibt im Wirbelwind durch die Straßen!“ „Es iſt noch nicht zu ſpät, meine Befehle zu widerrufen, Cä⸗ eilie,“ antwortete er, indem er ſie ängſtlich betrachtete;„ich ha be alle meine Maaßregeln ganz wie ein großer General genommen, ſo daß ich ebenſo leicht vorrücken als mich zurückziehen kann.“ „Koͤnnten Sie ſich denn vor einem ſo wenig furchtbaren Weſen, wie ich bin, zurückziehen?“ fragte ſie lächelnd. „Sie verſtehen mich gewiß dahin, daß ich nur den Ort der Trauung zu verändern wünſchen kann. Ich fürchte, Sie und unſere gütige Couſine dem Sturme auszuſetzen, der, wie Sie bemerkten, nachdem er ſo lange den Ocean durchwühlt, nunmehr froh zu ſeyn ſcheint, daß er Land vor ſich findet, an dem er ſeine Wuth aus⸗ laſſen kann.“ „Ich habe Ihre Meinung nicht mißdeutet, Lionel, noch müſſen Sie die meinige mißverſtehen. Ich will in dieſer Nacht Ihre Gattin werden und zwar mit Freuden; welchen Grund alſo könnte ich haben, jetzt mehr als früher an Ihnen zu zweifeln? Doch meine Gelübde müſſen am Altar dargebracht werden.“ Agnes, welche bemerkte, daß ihre Couſine mit unterdrückter Bewegung ſprach, die ihr das Reden erſchweren mußte, unterbrach ſie hier in munterem Tone: „Und was den Schnee betrifft, ſo kennen Sie die Boſtoner Mäd Schr ware weit conht Stre anſtel fiel d wund wird Sie nur e zu Il von i Cäcili war, ſicht, eines pitäns beeilte L bedeckt Steint tigam Kapité darauf baren Ermut um, ne inen, als ent habe, erheben; n, indem nd ſelbſt könnte. utungen Wett er hie, der und der en, Cä⸗ ch habe ommen, n. ℳ Weſen, Ort der Hunſere nerkten, zu ſeyn th aus⸗ müſſen t Ihre könnte Doch drückter erbrach oſtoner 325 Mädchen ſehr wenig, wenn Sie glauben, ein Eiszapfen habe etwas Schreckliches für ſie. Weißt Du noch, Cäcilie, als wir noch Kinder waren, wie manchen Zank wir davontrugen, wenn wir in einem weit ſchlimmeren Sturme als dieſer hier im Handſchlitten an Bea⸗ conhill herabfuhren.“ „Wir haben im zehnten Jahre manche thörichten, kindiſchen Streiche ausgeführt, Agnes, die nun im zwanzigſten uns nicht mehr anſtehen würden.“ „Himmel, wie ſpricht ſie doch ſchon ganz wie eine Matrone!“ fiel die Andere ein, indem ſie Augen und Hände in verſtellter Ver⸗ wunderung gen Himmel richtete;„nichts Geringeres als die Kirche wird eine ſo ehrſame Dame befriedigen! Major Lincoln, ſo machen Sie ſich denn ihretwegen keine weiteren Sorgen und fangen Sie nur einmal an, die Oberröcke und Mäntel zuſammenzuzählen, die zu Ihrem eigenen Schutze nöthig ſeyn möchten.“ Lionel gab eine lebhafte Antwort, und das Geſpräch wurde von ihm und Agnes mit einigem Witze fortgeführt, wobei ſelbſt Cäcilie mit Ergötzen zuhörte. Als der Abend weiter vorgeſchritten war, erſchien Polwarth in geziemendem Anzug und mit einem Ge⸗ ſicht, das für die vorliegende Veranlaſſung in die gehörigen Falten eines wohlanſtändigen Ernſtes gelegt war. Die Ankunft des Ka⸗ pitäns erinnerte Lionel, daß es ſchon ſpät war und ohne Zögern beeilte er ſich, dem Freunde ſeine Plane mitzutheilen. Wenige Minuten vor zehn ſollte Polwarth die Damen in einem bedeckten Schlitten nach der Kapelle begleiten, welche kaum einen Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt war; dort wollte der Brãäu⸗ tigam mit dem Geiſtlichen bereit ſeyn, ſie zu empfangen. Den Kapitän wegen näherer Auskunft an Meriton verweiſend und ohne darauf zu warten, bis der Andere ſein Erſtaunen über den ſonder⸗ baren Plan ausgedrückt, ſprach Major Lincoln wenige Worte zarter Ermuthigung zu Cäcilien, ſchaute nach der Uhr, warf ſeinen Mantel um, nahm den Hut und ging. 326 Wir verlaſſen Polwarth, während er die Bedeutung all' dieſer geheimnißvollen Schritte aus der muthwilligen und ergötzten Agnes herauszulocken verſucht(Cäeilie hatte ſich gleichfalls zurückgezogen) und begleiten den Bräutigam auf ſeinem Wege nach der Wohnung des Geiſtlichen. Major Lincoln fand die Straßen gänzlich verlaſſen. Die Nacht war nicht finſter, denn der Vollmond ſtand hinter den Wolken⸗ maſſen, welche der Sturm in ſchwarzen, drohenden Schichten vor ſich hertrieb, und die einen ſchönen Kontraſt mit der leichten Schnee⸗ decke auf den Hügeln und Gebäuden der Stadt bildeten. J anch⸗ mal wehte ein Windſtoß dunne Schneeſchichten von einem Dache und ganze Viertel wurden in Nebel gehuͤllt, wenn der gefrierende Dunſt darüber hinſtrich. Zu Zeiten heulte der Wind zwiſchen den Kaminen und Thürmchen in ſtetigem dumpfem Brauſen und dann gab es wieder Augenblicke, wo die Elemente gebändigt ſchienen, als hätten ſie ihre Wuth erſchöpft und als ob der Winter, nachdem er ſeine Macht gezeigt, dem allmähligen aber unmerklichen Heran⸗ kommen des Frühlings zu weichen bereit ſey. Es lag etwas in dem Charakter der Jahreszeit und jener ſpäten Stunde, was ganz be⸗ ſonders mit dem aufgeregten Temperament des jungen Braͤutigams zuſammenſtimmte. Selbſt die Einſamkeit der Straße und das hohle Brauſen des Windes, das flüchtige ungewiſſe Licht des Mondes, welches auf die umgebenden Gegenſtände einzelne vorübergehende Strahlen warf und dann wieder von einem ſchwarzen Schleier wan⸗ delnder Wolken verhüllt wurde, dieß Alles trug dazu bei, ſeine Stimmung um Vieles zu erheitern. Er ſetzte ſeinen Weg durch den Schnee mit jener beſonderen Art von Freude fort, der wir Alle in Augenblicken wilden, und doch willkommenen Selbſtvergeſſens zu Zeiten uns hingeben. Seine Gedanken ſchwankten zwiſchen Betrachtungen über den Zweck dieſer Stunde und über das unvorhergeſehene Ein⸗ treffen von Umſtänden, welche ſeinen Plan in ein ſo romantiſch⸗ myſtiſches Gewand gekleidet hatten. Ein oder zweimal zuckte ein pein! Lecht wurd Herz Vert lung dam die ten er m merk an ſe digke ſich in de er ei nebſt würz volle ohne freit nach zu g einen keit er ol führ! gegen deren nicht ll' dieſer en Agnes kgezogen) Vohnung die Nacht Wolken⸗ hten vor Schnee⸗ Manch⸗ Dache frierende hen den nd dann nen, als nachdem Heran⸗ in dem anz be⸗ itigams 3 hohle Nondes, gehende r wan⸗ ſeine rch den Alle in Zeiten tungen 2 Ein⸗ ntiſch⸗ kte ein 327 peinlicher, finſterer Gedanke, der mit dem Geheimniß von Mrs. Lechmere's Leben zuſammenhing, durch dieſe freudigen Phantaſieen, wurde aber raſch wieder von dem Bilde der Geliebten aus ſeinem Herzen verſcheucht, wenn er ſich erinnerte, wie ſie mit ſo edlem Vertrauen, mit ſo ergebungsvoller Zärtlichkeit ſeine ferneren Hand⸗ lungen erwartete. Da Dr. Liturgy's Wohnung an dem Nordende lag, welches damals eines der faſhionablen Stadtviertel war, ſo ſah ſich Lionel durch die Entfernung zur Eile genöthigt, um noch pünktlich am beſtimm⸗ ten Orte einzutreffen. Jung, thatkräftig und voll Hoffnung ſchritt er mit großer Schnelligkeit über das unsbene Pflaſter hin und be⸗ merkte, als er vor den Geiſtlichen gelaſſen wurde, mit Vergnügen an ſeiner Uhr, daß ſeine Eile ſelbſt die ſprüchwörtliche Geſchwin⸗ digkeit der Zeit im Laufe überholt hatte. Der ehrwürdige Herr war in ſeinem Studierzimmer und erholte ſich am warmen Feuer von den anſtrengenden Verrichtungen des Tages in dem bequemen Umfang eines weiten Armſtuhles; vor ſich hatte er einen Krug, der mit einem Gemiſche von Cider und Ingwer nebſt anderen Artikeln, welche Polwarth's Kenntniß in den Ge⸗ würzen Ehre gemacht haben würden, gefüllt war. Statt der vollen ehrſamen Perücke trug er ein Sammtkäppchen, die Schuhe, ohne Schnallen, hatten ſeine Ferſen aus ihrer Gefangenſchaft be⸗ freit,— kurz, die ganze Einrichtung war die eines Mannes, der nach des Tages Laſt und Mühe die Freuden eines ruhigen Abends zu genießen entſchloſſen iſt. Seine Pfeife, obwohl ſie gefüllt auf einem Tiſchchen neben ihm lag, war nicht angezündet, aus Höflich⸗ keit gegen den Gaſt, den er noch um dieſe Stunde erwartete. Da er oberflächlich mit Major Lincoln bekannt war, erſchien eine Ein⸗ führung als unnöthig und die beiden Herrn ſaßen bald einander gegenüber; der eine ſich bemühend, eine Verlegenheit zu bekämpfen, deren er ſich vor der Enthüllung ſeines ſonderbaren Begehrens nicht erwehren konnte; der Andere mit nicht geringer Neugierde 328 abwartend, was wohl der Grund ſeyn könnte, warum ein Parla⸗ mentsmitglied und Erbe von zehn Tauſenden des Jahrs in ſo un⸗ freundlicher Nacht ſich herausgewagt habe. Endlich gelang es Lionel, dem erſtaunten Prieſter ſeine Wünſche verſtändlich zu machen, worauf er ſchwieg, um die erwartete Billi⸗ gung ſeines Vorſchlags zu vernehmen. Dr. Liturgy hatte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zuge⸗ hört, als hätte er irgend einen leitenden Faden erhaſchen wollen, der ihm das Geheimniß eines ſo außerordentlichen Schrittes er⸗ klären ſollte; als der junge Mann geendet hatte, zündete er, ſich ſelbſt unbewußt, ſeine Pfeife an und begann, dichte Rauchwolken von ſich zu blaſen, wie Einer, welcher fühlt, daß Etwas bevor⸗ ſteht, was ſein Vergnügen zu verkürzen droht und der deßhalb entſchloſſen iſt, ſeine Zeit ſo gut als möglich zu nützen. „Vermählt! In der Kirche vermählt zu werden? und nach dem Abend⸗Gottesdienſt?“ murmelte der Schmaucher zwiſchen den langausgeholten Zügen aus ſeiner Pfeife—„es iſt meine Pflicht — allerdings— Major Lincoln— meine Pfarrkinder zu trauen.“ „In dem gegenwärtigen Falle, Sir, wo ich weiß, daß meine Bitte gegen die Regel verſtößt,“ unterbrach ihn der ungeduldige Lionel,„darf ich Ihr Intereſſe bei der Sache nicht vergeſſen.“ Während er ſprach, nahm er eine wohlgefüllte Boͤrſe aus der Taſche und legte, mit einer Miene zarter Schonung, ein Häͤufchen Gold neben das ſilberne Brillenfutteral des Geiſtlichen, als ob er ihm gleichſam den Unterſchied im Werth der beiden Metalle be⸗ merklich machen wollte. Dr. Liturgy machte eine dankende Ver⸗ beugung und blies unmerklich den Rauchſtrom aus dem entgegen⸗ geſetzten Mundwinkel, ſo daß ihm der Anblick der glitzernden Gabe frei blieb. Zu gleicher Zeit erhob er die Ferſe des einen Schuhes und warf einen Blick nach dem zugezogenen Fenſter, um ſich von dem Stande des Wetters zu überzeugen. „Kuͤnnte die Ceremonie nicht im Hauſe der Mrs. Lechmere verri und trägl ſelbſt Sach Unter Die Majo 1 mein komme 7 macht welche unſere ein A wir in der T einem 7 kommt erwied ziemt lerin a GC mehr 4 „ dem H den M Parla⸗ ſo un⸗ Vünſche Billi⸗ t zuge⸗ wollen, tes er⸗ r, ſich wolken bevor⸗ eßhalb bnach n den Pflicht huen.“ meine uldige ſſen.“ s der fſchen ob er 2 be⸗ Ver⸗ gen⸗ Gabe uhes von nere 329 verrichtet werden?“ fragte er:„Miß Dynevor iſt ein zartes Kind und ich fürchte, die kalte Luft der Kapelle moͤchte ihr nicht zu⸗ träglich ſeyn.“ „Es iſt ihr Wunſch, vor den Altar zu treten und Sie fühlen ſelbſt, daß es mir nicht zukömmt, ihrer Entſcheidung in einer ſolchen Sache entgegenzutreten.“ „Eine fromme Neigung allerdings; doch hoffe ich, daß ſie den Unterſchied zwiſchen der unſichtbaren und ſichtbaren Kirche kennen wird. Die Geſetze in den Kolonien ſind zu lax im Punkte der Heirathen, Major Lincoln; auf eine ſündliche, gefährliche Weiſe lax!“ „Da es aber nicht in unſerer Macht ſteht, ſie zu ändern, mein guter Herr, wollen Sie mir wohl erlauben, daß ich, unvoll⸗ kommen wie ſie ſind, ihre Einrichtung mir zu Nutze mache?“ „Sonder Zweifel— das Taufen, Vermählen und Begraben macht einen Theil meines Amtes aus, und es iſt dieß eine Pflicht, welche, wie ich oft ſage, der Anfang, das Mittel und das Ende unſeres Daſeyns in ſich begreift.— Aber erlauben Sir mir, Ihnen ein Wenig von meinem Getränk anzubieten, Major Lincoln— wir in Boſton nennen's einen„Samſon“: Sie werden finden, daß der ‚Danite“ einen warmen Begleiter in einer Februarnacht und in einem ſolchen Klima abgibt.“ „Wenn Strke die Haupteigenſchaft iſt, welche in Betracht kommt, ſo trägt die Miſchung dieſen Namen nicht mit Unrecht,“ erwiederte Lionel, nachdem er ſich die Lippen benetzt hatte. „Ah! Sie nehmen's nach dem Schooße der Delilah— doch es ziemt ſich nicht für Einen in meinem Gewande, mich mit jener Buh⸗ lerin abzugeben.“ Er belachte ſeinen eigenen Witz und lieh ſeinem Glaſe eine mehr geiſtige als geiſtliche Zuthat, indem er fortfuhr: „Wir unterſcheiden ‚„Samſon ohne Haare und ‚Samſon mit dem Haar' und ich halte mich für den Rechtgläubigeren, indem ich den Mann der Staͤrke in ſeiner urſprünglichen Schönheit vorziehe. 330 Ich bringe es Ihnen, Major Lincoln; möge die Mitte Ihrer Tage Ihnen ſo viel Glück bieten, als die reizende junge Dame, welche Sie jetzt zu heirathen im Begriffe ſind, Ihnen nur immer zu ſchaffen im Stande iſt; und möge Ihr Ende, Sir, das eines guten Chriſten und eines getreuen Unterthanen ſeyn!“ Lionel, der dieſes Kompliment für ein Zeichen ſeines Erfolges nahm, erhob ſich jetzt und ſprach noch wenige Worte über ihr Zuſammentreffen in der Kirche. Der Geiſtliche, der offenbar keine große Luſt zu der Handlung hatte, machte allerlei kleine Einwen⸗ dungen gegen das ganze Verfahren, welche aber bald durch die Gründe des Bräutigams beſchwichtigt waren. Zuletzt war jeder Einwurf glücklich aus dem Wege geräumt, einen einzigen ausge⸗ nommen und dieſen erklärte der epikuräiſche Pfarrherr ſtandhaft für ein ſehr ernſtes Hinderniß ihres ganzen Vorhabens. Man hatte die Feuer in der Kirche ausgehen laſſen und ſein Küſter war an dieſem nämlichen Abend von ſeiner Seite aus der Kapelle hinweg⸗ getragen worden, behaftet mit allen Zeichen jener ſchrecklichen Peſtilenz, welche damals an dem Platze wüthete und durch ihre Gefahr die Schrecken und Entbehrungen der Belagerung noch erhöhte. „Ein offenbarer Fall von Blattern, ich verſichere Sie, Major Lincoln,“ fuhr er fort;„und ohne Zweifel durch einige Abgeſandte der gottverfluchten Rebellen in die Stadt gebracht.“ „Ich habe gehört, daß jede der beiden Partheien die andere anklagt, ihre Zuflucht zu ſolchen unverzeihlichen Mitteln der Drang⸗ ſal genommen zu haben,“ antwortete Lionel;„doch da ich unſern eigenen Anführer über ſolche Schlechtigkeit erhaben weiß, ſo kann ich mich auch nicht entſchließen, einen andern Mann ohne Beweiſe eines ſolchen Verbrechens zu beſchuldigen.“ „Viel zu mild, Sir— viel zu mild! Doch mag die Krank⸗ heit kommen, woher ſie will, ich fürchte, mein Küſter wird ihr als Opfer fallen.“ „Ich will die Aufgabe, das Feuer wieder anzufachen, auf mic glü zur! zu ſo ihr er; Str äng unbe des verg eing auf die Doch ſehen der hauf ſich von ſie ſ doch genſt zerri der 1 Schr gieri das an d rer Tage „welche mmer zu es guten Erfolges über ihr dar keine Einwen⸗ urch die ar jeder ausge⸗ tandhaft Man ſter war hinweg⸗ heſtilenz, fahr die Major geſandte andere Drang⸗ unſern ſo kann Beweiſe Krank⸗ ird ihr n, auf mich nehmen,“ ſagte Lionel;„die Aſche muß noch in den Oefen glühen und wir haben ja noch eine Stunde vor uns.“ Der Mann der Kirche war viel zu gewiſſenhaft, um das Gold zurückzubehalten, ohne vollen Anſpruch auf ſeinen Beſitz erlangt zu haben, und hatte ſich ſchon längſt zur Nachgiebigkeit entſchloſſen, ſo ſehr auch insgeheim ſein Fleiſch ſich dagegen ſträubte; ſo war ihr Plan denn bald vollendet und Lionel beurlaubte ſich, nachdem er zuvor noch den Kirchenſchlüſſel zur Hand genommen hatte. Als Major Lincoln wieder auf die Straße kam, ging er eine Strecke weit geradeaus in der Richtung der Kapelle; er blickte ängſtlich auf den verlaſſenen Gaſſen umher, ob er nicht etwa einen unbeſchäftigten Soldaten entdecken könnte, der die Verrichtungen des abweſenden Küſters beſorgen ſollte. Er ging ziemlich lange vergebens, denn Alles, was Leben hatte, ſchien in die Häuſer eingeſchloſſen, ſelbſt die Zahl der Lichter an den Fenſtern begann auf eine Art ſich zu vermindern, woraus man ſehen konnte, daß die Stunde der Ruhe gekommen war. Am Eingang nach dem Dock⸗Square hielt er ſtill, ungewiß, wo er ſich nach Beiſtand um⸗ ſehen ſollte— da entdeckte er endlich die Geſtalt eines Menſchen, der an den Thurmwänden des alten ſchon oft erwähnten Waaren⸗ hauſes hinkroch. Ohne einen Augenblick zu zögern, näherte er ſich dem Orte, wo er die Geſtalt bemerkte; dieſe rührte ſich nicht von der Stelle, und gab auch ſonſt kein Zeichen von ſich, als ob ſie ſeine Nähe beachte. Trotz des trüben Mondlichtes war es doch ſo hell, daß ihm der hohe Grad von Elend, worin der Ge⸗ genſtand vor ihm zu ſchmachten ſchien, auffallen mußte. Das zerriſſene dünne Gewand verrieth hinlänglich den Grund, warum der Unbekannte hinter einer Mauerecke vor den ſchneidenden Winden Schutz ſuchte, während ſeine körperlichen Entbehrungen an der gierigen Haſt zu erkennen waren, womit er an einem Beine nagte, das wohl, trotz der in der Garniſon herrſchenden äußerſten Theurung an dem Tiſche des niederſten Privatmannes weggeworfen worden 332 wäre. Bei dem plötzlichen Anblick ſo herben menſchlichen Leidens vergaß Lionel ſein gegenwärtiges Vorhaben, und ſprach mit freund⸗ licher Stimme zu dem unglücklichen Weſen: „Ihr habt da einen kalten Ort, um Euer Nachteſſen einzu⸗ nehmen, und wie mir ſcheint, auch ein kärgliches Mahl.“ Ohne im Kauen ſeiner erbärmlichen Nahrung einzuhalten oder auch nur ſeine Augen zu erheben, antwortete der Andere: „Der König konnte den Hafen ſchließen und die Schiffe daraus entfernen; aber er hat nicht die Macht, kaltes Wetter im Monat März von Boſton fern zu halten.“ „So wahr ich lebe, Job Pray! Komm mit mir, Junge; ich will Dir ein beſſeres Mahl geben und einen wärmeren Platz, es zu genießen— aber erſt ſage mir: kannſt Du uns eine Laterne und ein Licht von Deiner Mutter verſchaffen?“ „Ihr könnt heute Abend nicht in's Waarenhaus,“ antwortete der Junge beſtimmt. „Und gibt's denn keinen andern Ort, wo ſolche Dinge zu kaufen wären?“ „Dort hat man ſie feil,“ ſagte Job und wies auf ein niede⸗ res Gebäude an der entgegengeſetzten Seite des Platzes, durch deſſen eines Fenſter ein ſchwaches Licht flimmerte. „So nimm dieß Geld und kauf' ſie für mich ohne Zögern.“ Job zauderte mit ſchlechtverhehltem Widerwillen. „Geh, Burſche; ich bedarf beides im Augenblick und was Du von dem Gelde herausbekommſt, kannſt Du als Belohnung für Dich behalten.“ Der Junge zeigte ſich nicht länger abgeneigt, zu gehen, ſondern antwortete für einen Menſchen von ſeinem ſchwachen Geiſt mit großer Behendigkeit. „Job will gehen, wenn Ihr ihn von dem übrigen Gelde etwas Speiſe für Nab kaufen laſſen wollt.“ „Gewiß, kauf' davon, was Du willſt, und überdieß verſpreche ich Klei nage Gla und wen drän zu e ten ſeine wind in2 Bur Bro jene Uebe ausſ Boſt nimt — ſetzt Leidens freund⸗ einzu⸗ en oder daraus Monat Junge; Platz, Laterne vortete ige zu niede⸗ durch gern.“ 1s Du ig für gehen, Geiſt Gelde preche 333 ich Dir, daß weder Du noch Deine Mutter an Nahrung oder Kleidung je wieder Mangel leiden ſollt.“ „Job iſt hungrig,“ ſagte der Simpel;„doch ſie ſagen, Hunger nage an einem jungen Magen nicht ſo heftig als an einem alten. Glaubt Ihr, der König wiſſe, was das heißt, hungrig ſeyn und frieren?“ „Ich weiß nicht, Burſche— aber recht gut weiß ich, daß wenn ein Leidender, wie Du, vor ihn hinträte, ſein Herz ihn drängen würde, ihm zu helfen. Geh', geh'; kaufe Dir auch etwas zu eſſen, wenn ſie dort dergleichen haben.“ In wenigen Minuten ſah Lionel den Simpel mit der verlang⸗ ten Laterne aus dem Hauſe herauskommen, in welches er auf ſeinen Befehl gerannt war. „Haſt Du etwas zu eſſen bekommen?“ fragte Lionel und winkte Job, mit ſeinem Lichte voranzugehen. Ich hoffe, Du haſt in Deiner Eile, mir zu dienen, Dich ſelbſt nicht ganz vergeſſen.“ „Job hofft, er hat die Peſtilenz nicht geerbt,“ erwiederte der Burſche, indem er zu gleicher Zeit gierig ein kleines Stückchen Brod verſchlang. „Was geerbt? was hoffſt Du nicht geerbt zu haben?“ „Die Peſtilenz— ſie ſind voll von der böſen Krankheit in jenem Hauſe.“ „Meinſt Du die Blattern?“ „Ja; einige nennen's die Blattern, andere heißen's das böſe Uebel und noch andere die Peſtilenz. Der König kann den Handel ausſchließen, aber nicht eben ſo die Kälte und die Peſtilenz von Boſton abhalten— doch wenn das Volk die Stadt wieder ein⸗ nimmt, dann wird es ſchon wiſſen, was man damit zu thun hat — man wird ſie alle in die Peſthäuſer ſchicken!“ „Ich hoffe, ich habe Dich nicht unwiſſend einer Gefahr ausge⸗ ſetzt, Job!— es wäre beſſer geweſen, wenn ich ſelbſt gegangen 334 wäre, denn ich bin in meiner Kindheit gegen die ſchreckliche Krank⸗ heit inoculirt worden.“ Job hatte durch die Beſorgniß, die er vor der Gefahr ge⸗ äußert, bereits den Vorrath ſeines ſchwachen Verſtandes an dieſem Gegenſtande erſchöpft, und gab keine Antwort, ſondern ging immer weiter über den Platz hin, bis ſie deſſen Ende erreichten, wo er ſich umwandte und fragte, welchen Weg er einſchlagen ſollte. „Nach der Kirche,“ ſagte Lionel,„und raſch vorwärts, Burſche.“ Als ſie Cornhill betraten, traf ſie die volle Wuth des Sturms, in welchem Major Lincoln, den Kopf geſenkt und den Mantel feſt um ſich geſchlagen, dem Lichte folgte, das auf dem Pflaſter vor ihm hinſchwebte. Durch dieſe Einhüllung gewiſſermaßen von der Welt ausgeſchloſſen, kehrten ſeine Gedanken wieder zu ihrem frühe⸗ ren Gegenſtande zuruͤck und in wenigen Minuten hatte er vergeſſen, wo er war und wem er folgte. Aus dieſer Zerſtreuung wurde er bald durch die Bemerkung aufgeweckt, daß er einige Stufen hinab⸗ zuſteigen hatte, worauf er, in der Meinung, er habe den Ort ſeiner Beſtimmung erreicht, das Haupt erhob, und ſeinem Führer gedankenlos in den Thurm eines weitläufigen Gebäudes folgte. Doch auf einmal merkte er an der Verſchiedenheit in der Bauart zwiſchen dieſem Gebäude und der Königs⸗Kapelle, daß hier ein Irrthum obwalten müſſe; er fing an, den Jungen über ſeine Thor⸗ heit zu ſchelten und fragte ihn, warum er ihn hierher gebracht habe. „Das iſt, was Ihr eine Kirche nennt,“ ſagte Job,„ich heiße es ein Verſammlungshaus.— Es iſt kein Wunder, daß Ihr den Ort nicht kennt— denn was das Volk als einen Tempel aufgebaut, hat der König in einen Stall verwandelt!“ „In einen Stall!“ rief Lionel.— Einem ſtarken Pferdegeruche folgend ging er vorwärts und öffnete die innere Thüre, worauf er ſich plötzlich zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen in eine Halle verſetzt ſah, welche zu einer Reitſchule hergerichtet zu ſeyn ſchien⸗ Weder der Platz, noch deſſen Beſtimmung war zu verkennen. Die Krank⸗ ahr ge⸗ dieſem immer wo er urſche.“ Sturms, ttel feſt ſter vor don der frühe⸗ rgeſſen, urde er hinab⸗ en Ort Führer folgte. Bauart dier ein Thor⸗ t habe. h heiße ihr den gebaut, geruche worauf Halle ſchien. Die 33⁵ nackten Gallerien und viele der urfprünglichen Verzierungen ſtanden noch, aber die Einrichtungen unten waren zerſtört und ſtatt derſel⸗ ben war der Boden zur Bequemlichkeit für die Uebungen der Reiter mit Erde bedeckt. Die Entheiligung des Ortes verletzte gerade jetzt ſeine Gefühle am meiſten, während er auf dem Boden ſtand, wo er ſich erinnerte, die ernſten, frommen Koloniſten ſo oft in Menge zum Gottesdienſt verſammelt geſehen zu haben. Er nahm Job die Laterne aus der Hand und eilte in einer Verſtimmung aus dem Gebäude, welche ſelbſt der achtloſe Simpel leicht bemerken konnte. Als er die Straße erreichte, fielen ſeine Augen auf die Lichter und die ſtille Würde des Provinzhauſes und ſo mußte er noch daran erinnert werden, daß dieſe muthwillige Verhöhnung der Gefühle der Koloniſten gerade unter den Fenſtern des Statthalters vorgenommen worden war. „Thoren, ihr Thoren!“ murmelte er bitter vor ſich hin:„ſtatt wie Männer drein zu ſchlagen, habt ihr wie Kinder geſpielt und habt eure Mannhaftigkeit und ſelbſt euren Gott vergeſſen, um einer thörichten Grille nachzugeben!“ 3 „Und nun verhungern dieſe nämlichen Pferde aus Mangel an Heu: ſo trifft ſie das Gericht!“ ſagte Job, der an der Seite des Andern hinſchwankte.—„Sie hätten beſſer gethan, ſelbſt in die Verſammlung zu gehen und die Auslegung des Worts mit anzu⸗ hören, als unvernünftige Thiere in ihrem Hohn an einen Ort zu bringen, welchen der Herr ſo oft zu beſuchen pflegte!“ „Sage mir, Junge, welcher andern Handlungen der Thorheit und des Wahnſinns hat die Armee ſich ſchuldig gemacht?“ „Was! habt Ihr nicht gehört vom alten Nord? Sie haben den größten Tempel in der Bai in Brennholz verwandelt! Wenn ſte den Muth hätten, ſie würden die gottloſe Hand ſelbſt an den Funnel legen!“ Lionel gab keine Antwort. Er hatte gehört, daß der Mangel in der Garniſon, durch die raſtloſe Thätigkeit der Amerikaner noch 336 geſteigert, dieſe genöthigt hatte, manche Häuſer, ſo wie auch die genannte Kirche als Brennholz zu verwenden. Er ſah in der Handlung nichts weiter als ein gewöhnliches Hülfsmittel bei der allgemeinen Noth des Soldaten. In ihr war nichts von jener achtloſen Verhöhnung der Volksgefühle, welche man durch die oben⸗ erwähnte Entweihung der ehrwürdigen Wände des Schweſterge⸗ bäudes an den Tag gelegt hatte, welches durch ganz Neu⸗England mit einer gewiſſen Verehrung als der ‚Alte Süd⸗ bekannt war. Düſter ſetzte er ſeinen Weg durch die ſtillen Straßen fort, bis er den begünſtigteren Tempel erreicht hatte, in welchem der Ritus der engliſchen Kirche beobachtet wurde, und deſſen Dach durch den zu⸗ fälligen Umſtand, daß es den Titel ihres irdiſchen Monarchen trug, in den Augen der Truppen doppelte Heiligkeit gewann. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Du biſt zu ähnlich Banquo's Geiſt; drum nieder! Macbeth. Major Lincoln fand die Königskapelle in jeder Beziehung von dem ehrwürdigen, aber entheiligten Gebäude, welches er ſo eben verlaſſen hatte, ſehr verſchieden. Beim Eintreten ſpielte das Licht ſeiner Laterne auf dem Scharlach, der manchen der Betſtühle be⸗ deckte und wurde von den glitzernden Verzierungen der ſchimmernden Orgel in Strahlen zurückgeworfen. Die ſorgfältig gearbeiteten Säulen mit ihren ſchlanken Schäften und erhabenen Kapitälen warfen geſtaltloſe Schatten nach dem dunkeln Hintergrunde, und die Gallerien und das Täfelwerk der Decke ſchienen dadurch mit eingebildeten Phantomen bevölkert. Erſt nachdem dieſe leichte Täuſchung geſchwunden war, wurde der Wechſel in der Temperatur fühlbar. Die Waͤrme, welche während der verſchiedenen Andachts⸗ ſtunden den Tag über erhalten worden, war noch nicht ganz verfli wußt Sout wöhr erſter da de ſein ſein Lione Ofen gewo ſeyn Wärn ſein müde tiefen Urſac zu die Job ſeines hinau hatte wenig weſen Neuer 8 daß n zu ſel Gedul Umſtã der K Lie auch die ) in der l bei der von jener die oben⸗ weſterge⸗ England unt war. bis er itus der den zu⸗ en trug, lieder! ng von ſo eben s Licht hle be⸗ eernden beiteten pitälen „ und h mit leichte eratur achts⸗ ganz 337 verflüchtigt, denn trotz des Mangels, der Stadt und Beſatzung drückte, wußte der begünſtigte Tempel, in welchem der Stellvertreter des Souveräns ſeine Andacht zu verrichten pflegte, nichts von den ge⸗ wöhnlichen Entbehrungen des Platzes. Job wurde beordert, die erſterbende Glut der Oefen mit friſchem Holze zu entzünden, und da der Simpel die Kirchenvorräthe recht gut zu finden wußte, war ſein Geſchäft mit einer Schnelligkeit abgethan, die nicht wenig durch ſein eigenes Leiden beſchleunigt wurde. Als das Geräuſch der Vorbereitung aufgehört hatte, nahm Lionel einen Stuhl vom Chor, während Job neben dem kniſternden Ofen, den er geheizt hatte, in jener Stellung niederkauerte, die er gewöhnlich einnahm und welche ſo rührend das innerliche Bewußt⸗ ſeyn ſeiner eigenen Unterordnung ausdrückte. Als die behagliche Wärme über die halbnackte Geſtalt des Armen ſich ergoß, ſank ſein Haupt auf die Bruſt herab und er fiel ſogleich, wie ein er⸗ müdeter Jagdhund, der endlich Ruhe und Obdach gefunden, in einen tiefen erquickenden Schlummer. Ein thätigerer Geiſt würde nach der Urſache geforſcht haben, welche ſeinen Gefährten bewegen konnte, zu dieſer ungewöhnlichen Stunde ein ſolches Aſyl aufzuſuchen. Aber Job wußte nichts von Neugierde; das gelegentliche Aufglimmen ſeines Verſtandes erſtreckte ſich ſelten über jene heiligen Vorſchriften hinaus, die ihm, noch ehe Krankheit ſeine Fähigkeiten untergraben hatte, mit ſo vieler Sorgfalt gelehrt worden waren, und eben ſo wenig überſtieg es jene populären Grundſätze der Zeit, die einen ſo weſentlichen Beſtandtheil der Gedanken in dem Ideenkreiſe eines Neuengländers bildeten. Anders war es mit Major Lincoln. Seine Uhr ſagte ihm, daß noch manche lange Minute verinnen mußte, bis er ſeine Braut zu ſehen hoffen konnte, und ſo ſchickte er ſich an, mit ſo vieler Geduld zu warten, als mit ſeinen Jahren und den obwaltenden Umſtänden ſich vertragen wollte. In kurzer Zeit wurde die Stille der Kapelle nur noch durch die vorübergehenden Mindſiöße draußen Lionel Lincoln. 2. Aufl. 338 und durch das dumpfe Praſſeln des Ofens unterbrochen, neben welchem Job in einem Zuſtande glücklichen Vergeſſens hinſchlummerte. Lionel verſuchte, ſeine flüchtigen Gedanken zu ordnen und ſie auf die feierliche Ceremonie vorzubereiten, bei welcher er demnächſt als handelnde Perſon auftreten ſollte. Da er die Aufgabe ſchwierig fand, ſo erhob er ſich, ging nach einem von den Fenſtern, und ſchaute hinaus in die Einſamkeit und auf die Wirbelwinde von Schnee, welche durch die Straßen trieben, indem er, trotz dem daß ſeine Vernunft ihm ſagte, wie er ſeine Freunde jetzt noch nicht erwarten durfte, dennoch mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die Tritte der Herankommenden lauſchte. Er ſetzte ſich ſodann wieder nieder und ließ die forſchenden Blicke mit einer Art innerer Bangigkeit umher⸗ wandern, als ob Jemand in dem umringenden Düſter mit der ge⸗ heimen Abſicht, ſein Glück zu ſtören, verborgen liegen koͤnnte. Es war eine ſo wilde, ſieberiſche Nomantik in den Vorfällen dieſes Tags, daß er in manchem Augenblick kaum an ihre Wirklichkeit glauben konnte und zu haſtigen Blicken auf den Altar, auf ſeinen Anzug, ſelbſt auf den fühlloſen Gefährten neben ihm ſeine Zuflucht nehmen mußte, um dieſen Wahn zu verſcheuchen. Abermals ſchaute er aufwärts nach den unſtäten, formloſen Schatten, welche an den Wänden hinſchwebten, und ſeine früheren Beſorgniſſe vor einem ver⸗ borgenen Uebel erwachten wieder mit einer Lebhaftigkeit, die ſich faſt zu einer Vorahnung in ihm ſteigerte. So unleidlich wurde ihm zuletzt unter dieſen Eindrücken, daß er durch die entfernteren Chorgänge hinwandelte und ängſtlich in die Betſtühle ſchaute; hinter jede der Säulen warf er ſcharfe forſchende Blicke, und als Beloh⸗ nung für ſeine Unruhe gewann er nichts als den hohlen Wieder⸗ hall ſeiner eigenen Fußtritte. Nachdem er von ſeinem Nundgange zurückgekehrt war, näherte er ſich dem Ofen und fühlte in dieſem Augenblicke krankhafter Auf⸗ regung ſogar ein ſtarkes Verlangen, wenigſtens Job's Stimme zu vernehmen. Er berührte den Simpel leiſe mit dem Fuß, worauf dieſ Beſ Lior ſche kund mei der nieß Sch ſo nehr und Lebe als mack den Miß auf Spr „ neben immerte. und ſie emnächſt ſchwierig en, und nde von daß ſeine rwarten ritte der der und umher⸗ der ge⸗ tte. Es s Tags, glauben Anzug, nehmen aute er an den em ver⸗ die ſich wurde rnteren hinter Beloh⸗ Vieder⸗ näherte r Auf⸗ me zu vorauf 339 dieſer mit jener Raſchheit erwachte, welche die plötzliche, oft geſtörte Beſchaffenheit ſeiner gewöhnlichen Ruhe kund gab. „Höre, Job, Du biſt heute Abend ungewöhnlich finſter,“ hub Lionel an, indem er ſeine Unruhe durch verſtellten Scherz zu ver⸗ ſcheuchen ſuchte,„Du würdeſt Dich ſonſt doch nach dem Grunde er⸗ kundigen, warum ich der Kirche zu dieſer außerordentlichen Stunde meinen Beſuch abſtatte.“ „Boſtoner Leute lieben ihre Verſammlungshäuſer,“ erwiederte der Simpel. „Ja aber ſie lieben auch ihre Betten, und die eine Hälfte ge⸗ nießt nun das, wornach Dich ſo ſehr zu gelüſten ſcheint.“ „Job liebt Eſſen und Wärme.“ „Und Schlaf auch, wenn man aus Deiner Betäubung einen Schluß ziehen darf.“ „Schlaf iſt ſüß; Job fühlt keinen Hunger, während er ſchläft.“ Lionel ſchwieg im ſchmerzlichen Gefühl der Leiden, welche die ſo deutlich ausgeſprochene Hülfloſigkeit des Andern ihn wahr⸗ nehmen ließ. „Ich erwarte den baldigen Beſuch des Pfarrers, einiger Damen und des Kapitäns Polwarth.“ „Job liebt Kapitän Polwarth— er iſt immer ſehr auf Lebensmittel bedacht.“ „Genug davon, Junge! Kannſt Du denn an nichts denken, als an Deinen Magen!“ „Gott machte den Hunger,“ ſagte Job düſter„und Nahrung machte er auch; aber der König behält Alles für ſeine Lärmteufel!“ „Gut, horch auf und merke, was ich Dir ſage.— Eine von den Damen, welche kommen werden, iſt Miß Dynevor; Du kennſt Miß Dynevor, Job?— die ſchöne Miß Dynevor?“ Cäeilien's Reize hatten jedoch nicht ihren gewohnten Eindruck auf das ſtumpfe Auge des Einfältigen geübt, denn dieſer ſah den Sprecher mit ſeiner gewöhnlichen theilnahmloſen Miene an. 340 „Gewiß, Job, kennſt Du Miß Dynevor!“ wiederholte Lione! G und G mit einer Gereiztheit, über die er zu jeder andern Zeit gewiß ſelbſt wor G zuerſt gelächelt hätte—„ſie hat Dir oft Geld und Kleider gegeben.“ „Ja, Mad. Lechmere iſt ihre Großmutter!“ eber 1 Dies war freilich eine der geringſten Empfehlungen, welche und ſeine Herrin in Lionel's Auge beſaß, der in innerlichem Unw illen eine einen Augenblick ſchwieg, ehe er wieder begann: Str „Laß ihre Verwandten ſeyn, wer ſie wollen, ſie ſoll dieſe uns Nacht noch mein Weib werden. Du wirſt dableiben und der um Ceremonie als Zeuge anwohnen, dann wirſt Du die Lichter aus⸗ löſchen und Dr. Liturgy den Kirchenſchlüſſel wieder zuſtellen. dure Morgen früh kannſt zu mir kommen, und Dir Deine Beloh⸗ ſchlo nung holen.“ dieſe 1 Der Junge erhob ſich mit wichtiger Miene und antwortete: G„Ja, ja; Major Lincoln will ſich verheirathen und lad et Job gibt zur Hochzeit! Nun mag Nab ihre Sermone über Stolz und ſind hoffärtiges Weſen halten, ſo lange ſie will, Blut iſt doch Blut glüt und Fleiſch bleibt Fleiſch, was ſie auch ſagen mag!“ Von dem wilden Ausdrucke betroffen, der in des Simpels glüc Auge leuchtete, forderte Major Lincoln eine Erklärung ſeiner zwei⸗ dem deutigen Rede. Ehe aber Job Zeit zur Antwort fand, und ſein leerer Blick verrieth bereits wieder, daß ſeine Gedanken abermals höch in ihre gewöhnlichen engen Gränzen zurückgetreten waren— zog ein Geräuſch die Aufmerkſamkeit Beider nach dem Eingang der habe Kapelle. Die Thür öffnete ſich im nächſten Augenblick und die Mu Figur des Geiſtlichen, mit Schneegüſſen überpudert, und in eine Maſſe von Gewändern zum Schutz gegen die Kälte eingehüllt, men ſchritt den Hauptgang der Kirche herauf. Lionel beeilte ſich, ihn erkla zu empfangen und ihn nach dem Sitze zu geleiten, den er noch eben er n ſelbſt eingenommen hatte. Als Dr. Liturgy ſich ſeiner Hüllen entkleidet hatte und in kenn ſeinen Amtsgewändern erſchien, verrieth ſein wohlwollendes Lächeln relig e Lionel iß ſelbſt egeben.“ welche nw illen ll dieſe nd der er aus⸗ iſtellen. Beloh⸗ tete: et Job 3 und Blut mpels zwei⸗ d ſein rmals zog z der d die eine züllt, ihn eben d in heln 341 und der ganze Ausdruck ſeines Geſichts, daß er durch den Zuſtand, worin er die Vorkehrungen antraf, ſehr befriedigt war. „Ich wüßte nicht, Major Lincoln, warum eine Kirche nicht eben ſo behaglich als ein Studierzimmer ſeyn ſollte,“ fing er an, und rutſchte mit ſeinem Stuhl etwas näher zum Ofen.„Es iſt eine puritaniſche und diſſenteriſche Idee, daß die Religion etwas Strenges und Düſteres in ihrem Weſen habe; warum ſollten wir uns denn gerade unter Mühſeligkeit und Unbehagen verſammeln, um ihren heiligen Pflichten nachzukommen?“ „Vollkommen wahr, Sir,“ erwiederte Lionel, der ängſtlich durch eines der Fenſter ſchaute—„ich habe noch nicht zehn ſchlagen hören, und doch ſagt mir meine Uhr, daß es um dieſe Zeit iſt.“ „Die Witterung macht die Stadtuhren ſehr ungeregelt. Es gibt ſo viele unvermeidliche Uebel, die ein Erbtheil des Fleiſches ſind, daß wir uns bemühen ſollten, bei allen Gelegenheiten uns glücklich zu fühlen— in der That iſt es eine Pflicht——“ „Es liegt nicht in der Natur der Sünde, gefallene Menſchen glücklich zu machen,“ ſagte eine tiefe knurrende Stimme hinter dem Ofen. „Wie! was! haben Sie geſprochen, Major Lincoln?— eine höchſt ſonderbare Anſicht für einen Bräutigam!“ „Es iſt jener geiſtesſchwache Junge, den ich hieher gebracht habe, um das Feuer zu ſchüren, der uns einige Lehren ſeiner Mutter zum Beſten gibt; nichts weiter, Sir.“ Mittlerweile hatte Dr. Liturgy einen Blick nach dem zuſam⸗ mengekrümmten Job geworfen und ſo die Unterbrechung ſich erklärend, ſetzte er ſich wieder in ſeinem Stuhle zurecht, während er mit einem hochmüthigen Lächeln weiter fortfuhr: „Ich kenne den Burſchen, Sir; ich ſollte ihn wenigſtens kennen. Er iſt in der Schrift bewandert und ſtreitet gern über religiöſe Gegenſtände. Schade, daß der geringe Verſtand, den er 342 befitzt, in ſeiner Kindheit nicht beſſer gepflegt wurde; da haben ſie nun mit Spitzfindigkeiten ſeinen ſchwachen Geiſt vollends verwirrt. Wir— ich meine, wir von der wahren Kirche— nennen ihn oft den Boſtoner Calvin— ha, ha, ha!— Der alte Cotton durfte ſich kaum in Feinheit mit ihm meſſen!— Aber da wir einmal von der Staatskirche ſprechen,— glauben Sie nicht, daß eine der Folgen, welche dieſe Empörung nach ſich ziehen kann, die ſeyn wird, daß die Wohlthaten unſeres Amtes ſich weiter in den Ko⸗ lonien verbreiten und daß wir auch die Zeiten vor uns ſehen werden, wo die wahre Kirche ihre Erbſchaft in dieſen frommen Provinzen antreten kann?“ „O ganz gewiß!“ ſagte Lionel, abermals ängſtlich nach dem Fenſter ſich wendend;„wollte Gott, ſie wären da!“ Der Geiſtliche, in deſſen Augen Vermählungen etwas zu Gewöhnliches waren, als daß ſie ſein Mitgefühl hätten erregen können, verſtand den ungeduldigen Bräutigam wörtlich und erwie⸗ derte demgemäß: „Ich bin erfreut, Sie alſo ſprechen zu hoͤren, Major Lincoln, und hoffe, wenn eine Bill auf Amneſtie beantragt wird, ihre Stimme auf Seiten eines ſolchen Vorſchlags zu finden.“ In dieſem Augenblick erblickte Lionel den wohlbekannten Schlitten, der langſam durch die einſame Straße ſich heranbewegte; einen Freudenausruf ausſtoßend, ſtürzte er nach der Thüre, um ſeine Braut zu empfangen. Dr. Liturgy endigte ſeine Sentenz für ſich allein und indem er ſich aus ſeiner bequemen Lage erhob, nahm er das Licht und trat zu dem Altar. Die Leuchter waren ſchon zum Voraus, während ſie angezündet wurden, in Ordnung geſtellt worden, ſein Buch lag offen vor ihm, das Gewand war geordnet und auch ſeine Züge hatten den gehörigen Grad von Feierlichkeit angenommen— ſo ſtand er denn ruhig und erwartete mit geziemender Würde die Annäherung derer, über welche er den Segen der Ehe ausſprechen ſollte. Job ſtellte ſich in den Schatten des Gebäudes n ſie irrt. oft urfte von der ſeyn Ko⸗ den, nzen dem zu egen wie⸗ oln, ihre nten gte; um tenz hob, chon ſtellt dnet hkeit nder Ehe 343 und betrachtete mit kindiſcher Scheu die Stellung und den imponi⸗ renden Anblick des Prieſters. Darauf trat eine Gruppe aus dem Dunkel der entfernteren Theile der Kirche hervor und näherte ſich langſam dem Altare. Voran Cäͤcilie, auf Lionel's Arm gelehnt, den er ihr eben ſo gut zur Unterſtützung als aus Artigkeit geboten hatte. Sie hatte in der Vorhalle ihre wärmeren Ueberkleider abgelegt und erſchien in einem Anzug, der eben ſo ſehr zu der unerwarteten Heimlichkeit als zu der Feier der Ceremonie paßte. Ein ſeidener Mantel mit feinem Pelzwerk verbrämt, fiel anſpruchslos um ihre Schultern und verhüllte zum Theil durch ſeine Falten die Verhältniſſe ihrer ſchönen Geſtalt. Darunter trug ſie ein Gewand von demſelben koſtbaren Zeug, das nach der Mode jener Zeit ſo geſchnitten war, daß es die Umriſſe des Oberkörpers deutlich hervorhob. An dem Kleide hinunter reihte ſich ein feiner Spitzenbeſatz und breite Borten von demſelben koſtbaren Gewebe bedeckten den zurück⸗ geſchlagenen Rand ihrer Robe und ließen theilweiſe die koſtbare Kleidung durchblicken. Doch auch die Schönheit und Einfachheit ihres Anzugs(er war für dieſen Tag einfach) verlor ſich und diente viel⸗ mehr unbemerkt nur dazu, die melancholiſche Schönheit ihres Geſichts noch reizender zu machen. Als ſie ſich dem Prieſter nahten, warf Cäcilie mit einer anmuthigen Bewegung ihren Mantel auf das Gitter des Chorſtuhls und beglei⸗ tete Lionel mit feſtem Schritt bis an den Fuß des Altars. Ihre Wangen waren bleich, doch wie es ſchien mehr aus erzwungener Entſchloſſenheit als aus Furcht; ihre Augen dagegen ſtrahlten voll Zärtlichkeit und ſtillen Nachdenkens. Von den beiden Geweihten Hymens zeigte ſie, wenn auch nicht größere Faſſung, doch gewiß mehr ſtille Ruhe für die beabſichtigte Handlung und die meiſte Aufmerkſamkeit auf die Pflicht vor ihnen, denn während Lionel's Blicke unruhig in dem Gebäude hinſchweiften, als ob er irgend einen verborgenen Gegenſtand erwartete, der aus der Dunkelheit 344 hervorbrechen ſollte, waren die ihrigen in ſüßer, ernſter Spannung auf den Prieſter geheftet. Auf ihren angewieſenen Plätzen hielten ſie ſtill, und nachdem den Beiden, Agnes und Polwarth, welche allein folgten, ein Au⸗ genblick Zeit vergönnt worden war, um ebenfalls an den Altar zu treten, ließen ſich die leiſen aber tiefen Töne des Geiſtlichen vernehmen. Dr. Liturgy hatte aus der Feierlichkeit der Stunde und der einſamen Stille des Gebäudes einen entſprechenden Grad von Be⸗ geiſterung für ſich entnommen. Während er zur Eröffnung der Ceremonie ſeine Ermahnung vortrug, machte er lange und häu⸗ ſige Pauſen zwiſchen den Gliedern der Sätze, indem er auf jede der Vorſchriften einen beſonderen, eindringlichen Nachdruck legte. Als er aber zu den Schlußworten gelangte: „So Jemand gerechten Grund wüßte, warum ſie nicht geſetz⸗ lich verbunden werden könnten, der trete auf und ſpreche oder ent⸗ halte ſich fürder jeder weiteren Einſprache—“ Da erhob er ſeine Stimme und richtete die Augen nach den entfernteren Theilen der Kapelle, als ob er ſich an eine in dem Dunkel verborgene Menge wendete. Die Geſichter aller Anweſen⸗ den folgten unwillkührlich der Richtung ſeines Blicks und dem Wiederhalle ſeiner Töne folgte ein Moment athemloſer Erwartung, der nur durch den ganz beſonders milden Charakter der Scene erklärt werden konnte. In dieſem Augenblick, nachdem Jedes Athem geſchöpft und Alle ſich wieder nach dem Altare gewendet hatten, erhob ſich ein unförmlicher Schatten auf der Gallerie und dehnte ſich längs der getäfelten Decke aus, bis man ſeine gigantiſchen Umriſſe wie ein böſes Geſpenſt faſt gerade über ihnen ſchweben ſah. Der Geiſtliche unterbrach die halbausgeſprochene Sentenz. Cäcilie faßte krampfhaft Lionel’'s Arm, während ein Schauder, der ſie bis zur Vernichtung zu erſchüttern ſchien, ihre ganze Ge⸗ ſtalt durchbebte. Das Schattenbild zog ſich langſam und mit einer phantaſtiſchen ung dem Au⸗ r zu nen. der Be⸗ der häu⸗ jede egte. eſetz⸗ ent⸗ ) den dem deſen⸗ dem tung, Scene lthem atten, dehnte iſchen 1 ſah. ntenz. auder, 2 Ge⸗ liſchen 345 Gebärde zurück; ein ausgeſtreckter Arm wurde ſichtbar, der ſich über die Wölbung der Decke und an den Wänden hinab dehnte, als ob er ſeine Opfer erfaſſen wollte. „So Jemand gerechten Grund wüßte, warum ſie nicht geſetz⸗ lich verbunden werden könnten, der trete auf und ſpreche, oder ent⸗ halte ſich fürder jeder weiteren Einſprache“— wiederholte der Prieſter mit ſtärkerer Stimme, als ob er mit ſeiner Aufforderung das ganze Weltall vorladen wollte. Und abermals erhob ſich der Schatten und zeigte dießmal die gewaltigen Umriſſe eines menſchlichen Antlitzes, welchem die Phan⸗ taſte in ſolchem Augenblick leicht Ausdruck und Leben verleihen konnte. Seine Züge ſchienen in heftigem Kampfe zu arbeiten; die Lippen bewegten ſich, als ob das luftige Weſen zu überirdiſchen Ohren ſpräche. Zunaͤchſt kamen zwei Arme und erhoben ſich mit gefalteten Händen über der emporſtarrenden Gruppe, als ob ſie ihren Segen über ſie ſpenden wollten und mit einem Male war Alles verſchwunden,— die Decke erhielt wieder ihr eigenthüm⸗ liches düſteres Weiß und die Halle blieb ſtill, gleich den Gräbern, welche ſie umringten. Noch einmal ſprach der aufgeregte Prieſter ſeine Aufforderung und noch einmal war jedes Auge wie durch einen geheimen Impuls nach jener Stelle hingezogen, wo die Geſtalt, vielleicht ohne die Subſtanz eines Menſchen zu weilen ſchien. Doch der Schatten ward nicht mehr geſehen. Nachdem Dr. Liturgy einige Augen⸗ blicke vergeblich gewartet hatte, fuhr er in ſeiner Handlung weiter fort, ohne daß eine weitere Unterbrechung bis zu dem Ende der Ceremonie erfolgte; doch war in der Stimme des Geiſtlichen ein wachſendes Zittern ſehr deutlich zu bemerken. Cäcilie ſprach ihr Gelübde und ſchwur ihren Eid mit tief bewegter Stimme, während Lionel, der auf irgend ein beſonderes Unglück gefaßt war, ſich bis zu Ende der Handlung in einer erzwungenen Ruhe behauptete. So wurden ſie vermählt; und als 346 der Segen geſprochen wurde, war nicht ein Laut, auch nicht das leiſeſte Wispern in der ganzen Gruppe zu vernehmen. Schwei⸗ gend entfernten ſich Alle vom Altar und ſchickten ſich an, den Ort zu verlaſſen. Cäcilie ſtand geduldig: ſie ließ Lionel ihre Geſtalt in die Falten ihres Mantels einhüllen, und ſtatt daß ſie ihm ſonſt ihren Dank für ſeine Sorgfalt zugelächelt hätte, erhob ſie bloß die angſtvollen Blicke nach der Decke, mit einem Ausdruck, der nicht mißverſtanden werden konnte. Selbſt Polwarth war ſtumm, und Agnes vergaß ihre Glückwünſche und all' jene Ergießungen, „von denen ihr Herz ſo eben noch ſo voll geweſen war. Der Geiſtliche murmelte, in Betreff der Kerzen und des Feuers, einige Worte der Vorſicht zu Job, und folgte der ſich entfernen⸗ den Gruppe mit einer Schnelligkeit, die er der ſpäten Stunde zu⸗ ſchreiben wollte; dennoch hatte er trotz ſeines eingebildeten Muthes die Sicherheit des Gebäudes gänzlich unbeachtet gelaſſen, da die Kapelle dem alleinigen Beſitze des karg ausgeſtatteten aber uner⸗ ſchrockenen Sohnes von Abigail Pray überantwortet blieb. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. O richte nicht, denn wir ſind Sünder alle; Schließ' ihm das Auge, zieh' den Vorhang zu; Und überlaſſ' uns alle der Betrachtung. König Heinrich VI. Das Brautgefolge ſtieg ſchweigend und gedankenvoll in das kleine Fuhrwerk; nur Polwarth's Stimme wurde gehört, während er leiſe dem Diener einige kurze Befehle ertheilte. Dr. Liturgy näherte ſich und brachte ſeine Glückwünſche dar, worauf der Schlitten ſo raſch von dem Gebäude ſich entfernte, wie wenn das Pferd die geheime Unbehaglichkeit der Geſellſchaft getheilt hätte. Die Schritte des Geiſtlichen, wenn auch weniger raſch, waren doch eben Str win triel ſetzt Fre mit her Zin geſe leer Lior die And erſt Nac wel ſie zum gele dieſ mei and und „N wer Um t das hwei⸗ Ort eſtalt ſonſt bloß „ der umm, ngen, euers, ernen⸗ de zu⸗ duthes da die uner⸗ 347 ebenſo eilig und in weniger als einer Minnte war abermals die Straße von Allem, was Leben hatte, verlaſſen, nur der Sturm⸗ wind heulte durch die Einſamkeit hin und drohende Wolkenmaſſen trieben am Himmel. Sowie Polwarth ſeine Laſt an Mrs. Lechmere's Thüre abge⸗ ſetzt hatte, murmelte er etwas von ‚Glücke und ‚morgen,“ was ſein Freund nicht verſtehen konnte und jagte ſodann durch das Hofthor mit derſelben wahnſinnigen Eile, in der er den Weg von der Kirche her zurückgelegt hatte. Als ſie in's Haus traten, eilte Agnes auf das Zimmer ihrer Tante, um ihr zu verkünden, daß der Bund der Ehe geſchloſſen worden, während Lionel ſeine ſchweigende Braut in das leere Geſellſchaftszimmer führte. Cäcilie ſtand, ſtarr und regungslos wie eine Bildſäule, während Lionel ihr Mantel und Oberkleider abnahm; die Wangen bleich, die Augen auf den Boden geheftet, verrieth ihr ganzes Weſen den Andrang tiefer Gedanken, welche durch die Scene, in der ſie eben erſt eine Rolle geſpielt hatte, in ihr hervorgerufen worden waren. Nachdem er ſie von der Laſt von Gewändern befreit hatte, in welche ſie durch ſeine Sorgfalt gehüllt worden war, geleitete er ſie mit ſanftem Drängen nach einem Sitz auf dem Ruhebette und zum erſten Mal, ſeitdem ſie ihr endliches Gelübde am Altare ab⸗ gelegt hatte, öffnete ſie den Mund. „War es ein böſes Vorzeichen, Lionel?“ flüſterte ſie, während dieſer ſie an ſein Herz drückte,„oder war es nur ein Schreckbild meiner Phantaſie?“ „Es war Nichts, Liebe— es war ein Schatten— Niemand anders als Job Pray, der mit mir war, um die Feuer anzuzünden.“ „Nein— nein— nein,“ rief Cäcilie in aufgeregter Haſt, und ihre Stimme gewann an Stärke, während ſie fortfuhr:— „Nimmermehr waren das die ausdrucksloſen Züge des bedauerns⸗ werthen Simpels! Weißt Du, Lionel, daß ich in den furchtbaren Umriſſen jener ſchrecklichen Züge an der Wand eine Aehnlichkeit 348 mit dem Profil unſeres Großvaters, des ſchwarzen Sir Lionel, wie man ihn nannte, des Vorgängers Deines Vaters in der Herr⸗ ſchaft über die Baronie— zu entdecken glaubte?“ „Es war leicht, in einem ſolchen Augenblick und unter ſolchen Umſtänden alles Mögliche ſich zu denken. Verdüſtere nicht das Glück unſerer Vermählung durch dieſe finſteren Phantaſien.“ „Bin ich finſter oder abergläubiſch aus Gewohnheit, Lincoln? — Aber es kam in einem Augenblick und in einer Geſtalt, daß ich mehr als Weib ſeyn müßte, um bei ſeinem fürchterlichen Auf⸗ treten nicht zu erſchrecken.“ „Was fürchteſt du denn aber, Cäcilie? Sind wir nicht ver⸗ mäͤhlt; geſetzlich, feierlich verbunden?“— Die Braut ſchauderte; doch als er bemerkte, daß ſie nicht antworten wollte oder vielleicht nicht konnte, fuhr er fort:„und geht es nicht über die Gewalt eines Menſchen, uns zu trennen— und geſchah es nicht mit der Zuſtimmung, ja mit dem ernſtlichen Wunſche, dem Befehle ſogar des einzigen Weſens, welches ein Recht haben kann, in dieſer Sache einen Wunſch zu äußern oder eine Meinung zu haben?“ „Ich glaube— ſo iſt's— ich denke, es iſt alles, wie Du ſagſt,“ antwortete Cäcilie, indem ſie noch mit wirrem Blicke um ſich ſchaute, der den Geliebten in tiefen Schrecken verſetzte;„ja — wir ſind allerdings vermählt; und o! wie inbrünſtig flehe ich zu Ihm, der alle Dinge ſieht und lenkt, daß unſere Verbindung eine geſegnete ſeyn möge! aber——⸗ „Was aber, meine Cäcilie? willſt Du Dich durch ein Nichts — einen Schatten— alſo erſchrecken laſſen?“ „Es war ein Schatten, wie Du ſagſt, Lincoln; aber wo war die Subſtanz?“ „Cäeilie, meine gefühlvolle, meine gute, meine fromme Cäcilie, warum nur ſind Deine Sinne in dieſer unbegreiflichen Spannung befangen? Befrage Deine eigene treffliche Vernunft: kann da wohl ein Schatten ſeyn, wo Nichts dem Lichte entgegentritt?“ Gede und Sche aber ſelbſt Aber wie der ſteckt auch treib um Aber betro nicht in m die l und gerad weiß Die zuſan wo d volle nicht wicht Lionel, er Herr⸗ ſolchen cht das incoln? t, daß n Auf⸗ ht ver⸗ uderte; jelleicht Gewalt nit der ſogar Sache ie Du ckke um „ja ihe ich ndung Nichts d war äcilie, mnung wohl 349 „Ich weiß nicht. Ich kann nicht denken— ich habe keine Gedanken. Alles iſt ja möglich vor Ihm, deſſen Wille Geſetz iſt und deſſen leiſeſter Wunſch das Weltall erſchüttert. Es war ein Schatten— ein ſchwarzer, ſprechender— ein ſchrecklicher Schatten; aber wer kann ſagen, wo das wirkliche Weſen war?“ „Faſt möchte ich antworten, Liebe— es war, wie das Phantom ſelbſt, nur in Deiner eigenen aufgeregten Phantaſie vorhanden. Aber erwecke Deine ſchlummernden Kräfte, Cäcilie, und bedenke, wie leicht es geſchehen konnte, daß ein neugieriger Müßiggänger der Garniſon meine Schritte bewachte und ſich in der Kapelle ver⸗ ſteckte; vielleicht um einen böswilligen Poſſen zu ſpielen— vielleicht auch ohne alle Abſicht.“ „Er wählte einen feierlichen Augenblick, um ſeine Poſſen zu treiben!“ „Vielleicht war's Einer, der gerade genug Verſtand hatte, um ſeinem thörichten Betruge einen theatraliſchen Effekt zu geben. Aber ſollen wir durch einen ſo elenden Anſchlag um unſer Glück betrogen werden; oder ſollen wir unglücklich ſeyn, weil es in Boſton nicht an einem Narren fehlte?“ „Ich mag wohl ſchwach und thöricht, ja ſelbſt unreligiös ſeyn in meinem Schrecken, Lincoln,“ antwortete ſie endlich, indem ſie die beſänftigten Blicke nach ſeinem ängſtlichen Ant litze emporſchlug und zu lächeln verſuchte;„aber ſolch ein Ereigniß greift ein Weib gerade an dem Punkte an, wo ſie am empfindlichſt en iſt.— Du weißt, daß ich jetzt gegen Dich keinen Rückhalt mehr haben kann. Die Ehe iſt bei uns das Band, das ‚alle Segnungen in Eine zuſammenknüpft;“ aber iſt es nicht ſchrecklich in dem Augenblick, wo das Herz ſeiner eigenen Sicherheit voll iſt, ſolche geheimniß⸗ vollen Vorzeichen zu ſchauen, die, mögen ſie nun wahr ſeyn oder nicht, auf die Aufforderung der Kirche antworten?“ „Und doch iſt dieſes Band für uns deßwegen um nichts weniger wichtig und ebenſo feſt und theuer, wie immer, meine einzige Cäcilie. 350 Glaube mir, was auch der Stolz der Maͤnnlichkeit von hoher Be⸗ ſtimmung, von glorreichen Thaten ſprechen mag, die nämlichen Gefühle liegen tief in unſerer Natur und müſſen von Denen, die wir lieben und nicht von Andern, die unſerer Eitelkeit fröhnen, geſänftigt werden. Warum wollteſt Du alſo zugeben, daß dieſer Froſt Deine beſten Gefühle in der Knospe verderbe?“ Es lag in ſeiner Empfindung ſo Vieles, was die Aengſtlichkeit einer Braut beſänftigen konnte und er zeigte ſoviel zarte Theil⸗ nahme in ſeinem Betragen, daß es ihm zuletzt gelang, Cäcilien von ihren ſieberiſchen Beſorgniſſen zu befreien. Während er ſprach, ergoß ſich eine zarte Röthe über ihre kalten, bleichen Wangen, und als er geendet hatte, erglänzten ihre Augen in ſchönem Vertrauen und ſuchten in freudiger, aber verſchämter Luſt ſeine eigenen Blicke. Sie wiederholte ſein Wort ‚Froſte mit einem Nachdruck, der nicht mißdeutet werden konnte und in wenigen Minuten hatte er vollends jedes ängſtliche Vorgefühl verſcheucht, das ihre edlen Geiſteskräfte auf Augenblicke überwältigt hatte. r Aber obgleich Major Lincoln ſo wohl und mit ſo vielem Er⸗ folg gegen die Schwachheit ſeiner Braut geſprochen hatte, ſo ver⸗ mochte er ſelbſt dennoch keineswegs, einen ſo treffenden Beweis bei ſich ſelbſt geltend zu machen. Die krankhafte Reizbarkeit ſeiner Seele war durch die Ereigniſſe dieſes Abends auf höchſt beunruhi⸗ gende Art erregt worden, wenn auch ſein warmes Intereſſe für Cäcilien's Glück ihm Kraft gegeben hatte, ſie ſo lange zu unter⸗ drücken, als er die Größe und die Art ihrer Beſorgniſſe gewahrte. Aber genau in dem Maße, als er ſie in ein Vergeſſen des Ver⸗ gangenen hineinredete, wurden ſeine eigenen Erinnerungen lebhafter und ſtärker, und trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung wäre er wohl nicht im Stande geweſen, den Sturm ſeiner unruhigen Gedanken vor ſeiner Gefährtin zu verbergen, wenn nicht Agnes erſchienen wäre, um ihnen den Wunſch Mrs. Lechmere's auszudrücken, welche Braut und Bräutigam auf ihrem Zimmer empfangen wollte. ſich gaße nimn nung Hand welch beur Myl weltl das Kap Tiſch wie Sche in je doch ſamn über Thor Spe Eure ſolch trop Amo ausg würd r Be⸗ efühle lieben inftigt Deine ichkeit Th eil⸗ ccilien prach, nd als n und Blicke. nicht Ulends kraͤfte 1 Er⸗ ver⸗ s bei ſeiner rruhi⸗ e für unter⸗ ahrte. Ver⸗ zjafter nicht vor wäre, BZraut „Komm,, Lincoln,“ ſagte ſeine liebliche Gefährtin und erhob ſich bei der Einladung,„wir ſind egoiſtiſch geweſen, da wir ver⸗ gaßen, welch' innigen Antheil meine Großmutter an unſerem Glücke nimmt. Wir hätten dieſe Pflicht erfüllen ſollen, ohne ihre Mah⸗ nung zu erwarten.“ Ohne eine andere Antwort, als einen zärtlichen Druck der Hand, nahm Lionel ihren Arm und folgte Agnes in die kleine Halle, welche nach dem oberen Theil des Hauſes führte. „Sie wiſſen den Weg, Major Lincoln,“ mit dieſen Worten beurlaubte ſich Miß Danforth;„und wenn auch nicht, ſo kann Mylady Braut ihn recht gut zeigen. Ich muß gehen und einen weltlichen Blick auf das kleine Mahl werfen, welches ich anordnete, das aber, wie ich fürchte, nur weggeworfene Mühe ſeyn wird, da Kapitän Polwarth verſchmäht hat, uns ſeine Geſchicklichkeit bei Tiſche zu zeigen. Wahrhaftig, Major Lincoln, ich wundere mich, wie ein Mann von ſo viel Maſſe, wie Ihr Freund, ſich durch einen Schatten den Magen konnte verderben laſſen?“ Cäcilie ſogar lächelte über die Laune ihrer Couſine und zwar in jenen ſüßen, weiblichen Tönen, welche andere ſo leicht anſtecken: doch der ängſtliche Ausdruck, der ſich auf ihres Gatten Stirne ſammelte, verſcheuchte ihre Fröhlichkeit wieder. „Gehen wir hinauf, Lincoln,“ ſagte ſie augenblicklich,„und überlaſſen wir die tolle Agnes ihren Haushaltungsſorgen und ihrer Thorheit.“ „Ja, geht nur,“ rief die Andere und wandte ſich nach dem Speiſezimmer—„Eſſen und Trinken iſt nicht ätheriſch genug für Eunre hohe Glückſeligkeit; hätte ich doch nur ein Gaſtmahl, das ſolcher ſentimentalen Genüſſe würdig wäre! Laß' ſehen— Thau⸗ tropfen und Liebesthränen, in gleichen Quantitäten, verſüßt von Amors Lächeln, nebſt einem Gerichte Seufzer, im Mondſchein ausgeſtoßen, als piquante Würze, wie Polwarth ſagen würde, das würde ſo Etwas nach Eurem Geſchmack abgeben. Die Thautropfen 35² möchten bei dieſer ungütigen Witterung und in einer ſolchen Nacht ſchwer zu bekommen ſeyn; wenn aber Seufzer und Thränen allein ausreichen, ſo iſt das arme Boſton reich genug an Materialien!“ Lionel und ſeine halb erröthende, halb lächelnde Gefährtin hörte die verhallenden Tone ihrer Stimme, während ſie mit dieſer Miſchung von Scherz und Mißlaune in ein entferntes Zimmer trat, und im nächſten Augenblick war beides— Agnes und ihre Stimmung vergeſſen, da das Brautpaar ſich jetzt vor Mrs. Lechmere befand. Der erſte Blick, welchen Major Lincoln auf ſeine Verwandte warf, erregte ihm ein peinliches Herzklopfen. Mrs. Lechmere hatte ſich im Bette aufrichten laſſen, und ſaß nun, von Kiſſen geſtützt, faſt aufrecht in demſelben. Ihre runzlichen, abgemagerten Wangen waren mit einer unnatürlichen Röthe bedeckt, die zu auffallend mit den Spuren kontraſtirte, welche Alter und heftige Leidenſchaften mit unauslöſchlichem Finger auf die übriggebliebenen verfallenen Ueberreſte ihrer Züge eingegraben hatten, die einſt durch große, wenn auch keineswegs anziehende Schönheit ausgezeichnet geweſen waren. Ihre harten Augen hatten ihren gewöhnlichen Ausdruck weltlicher Sorge verloren, und ſtrahlten dafür in einem Glanze, leuchteten von Blitzen einer Freude, die nicht länger zurückgedrängt werden konnte. Kurz ihre ganze Erſcheinung gab Lionel die deutliche Ueberzeugung, daß, wie groß auch immer die Guth ſeiner eigenen Gefühle bei ſeiner Verbindung mit ihrer Enkelin geweſen ſeyn mochte, er zuletzt doch nur die theuerſten Wünſche eines ſo weltlichen, ſo berechnenden Weſens erfüllt hatte, eines Weſens überdieß, das, wie er ſich jetzt lebhaft erinnerte, ihm alle Urſache zu dem Glauben gegeben hatte, daß eine vielleicht ſchwere Schuld auf ihrer Seele laſte. Die Kranke ſchien ein Verbergen ihrer ausgelaſſenen Freude nicht länger für nöthig zu halten, denn, die Arme ausſtreckend, rief ſie ihrem Kind mit ungewöhnlich heller Stimme, welche durch eine Art unheiligen Triumphs noch ſchneidender und harſcher tönte: „Komm' in meine Arme, mein Stolz, meine Hoffnung, meine racht llein 11* ortin ieſer trat, nung and. ndte hatte lützt, ngen mit aften enen venn aren. icher teten erden liche genen cchte, „ ſo wie uben laſte. nicht f ſie eine neine 353 gehorſame, meine würdige Tochter! Komm' und empfange einer Mutter Segen— den Segen— den Du ſo ſehr verdienſt!“ Selbſt Cäcilie, ſo warm und tröſtend die Sprache ihrer Groß⸗ mutter war, zauderte einen Augenblick, als ſie die unnatürlichen Toͤne vernahm, in welchen die Aufforderung ausgeſprochen wurde, und nahte ſich ihrer Umarmung mit kälterer Miene, als ihrer hingebenden und argloſen Natur gewöhnlich war. Dieſe geheime Zurückhaltung dauerte übrigens nur einen Augenblick; denn als ſie ſich von Mrs. Lechmere's umſchließenden Armen heftig an ihre Bruſt gepreßt fühlte, blickte ſie auf in das Geſicht ihrer Groß⸗ mutter, um ihr gleichſam durch ihr eigenes unverſtelltes Lächeln und ihre Thränen für ſo viele Liebe zu danken. „Nun denn, Major Lincoln, hier haben Sie meinen größten, ich hätte faſt geſagt, meinen einzigen Schatz!“ fuhr Mrs. Lechmere fort:—„ſie iſt ein gutes, edles und gehorſames Kind und der Himmel wird ſie dafür ſegnen, wie ich.“ Indem ſie ſich vorwärts beugte, fuhr ſie mit weniger erregter Stimme fort:„Küſſe mich, meine Cäcilie, meine Braut, meine Lady Lincoln! denn bei dieſem geliebten Namen darf ich Dich jetzt nennen, wie er denn auch, nach den Geſetzen der Natur, gar bald der Deine ſeyn wird.“ Cäcilie, durch die unzarte Freudenäußerung ihrer Großmutter verletzt, wand ſich ſanft aus ihren Armen und trat mit zu Boden geſchlagenen Blicken und mit brennenden Wangen willig zur Seite, um Lionel ſich nahen und ſeinen Theil an den Glückwünſchen empfangen zu laſſen. Dieſer ſtand ſtill, um einen kalten, wider⸗ ſtrebenden Kuß auf die dargebotene Wange der Mrs. Lechmere zu drücken, und murmelte wenige unzuſammenhängende Worte von ſeinem gegenwärtigen Glück und der Verpflichtung, welche ſie ihm auferlegt habe. Trotz des offenbaren, verletzenden Triumphs, der die ſonſt ſo kalte und vorſichtige Weiſe der Kranken überwältigt hatte, miſchte ſich doch ungebeten ein ſtarker Zug natürlichen Gefühls in ihre Anrede an den Bräutigam. Die ſtolze und unnatürliche Gluth Lionel Lincoln. 2. Aufl. 23 354 ihrer Augen milderte ſich durch eine Thräne, während ſie zu ſpre⸗ chen begann. „Lionel, mein Neffe, mein Sohn,“ ſagte ſie—„ich habe verſucht, Sie auf eine Art zu empfangen, wie ſie dem Haupte eines alten, ehrwürdigen Geſchlechts geziemen mag; aber wären Sie auch ein regierender Fürſt, ich habe jetzt mein Letztes und Beſtes für Sie gethan!— Lieben Sie Cäcilien— verehren Sie ſie — ſeyen Sie ihr mehr als Gemahl— erſetzen Sie dem theuren Kinde ihre ganze Verwandtſchaft, denn ſie verdient Ihre ganze Liebe! Nun iſt mein letzter Wunſch erfüllt!— Nun kann ich mich ſelbſt nach einem heißen und mühſamen Lebenstage in der Stille eines langen, ruhigen Abends auf den letzten großen Wechſel vor⸗ bereiten, dem ich entgegengehe!“ „Weib!“ ſprach plötzlich eine Stimme im Hintergrund,— Du betrügſt Dich!“ „Wer,“ rief Mrs. Lechmere und erhob ihren Körper in krampf⸗ haftem Schreck, als ob ſie aus dem Bette ſpringen wollte—„wer ſpricht hier?“ „Ich bin's!“ antwortete die wohlbekannte Stimme Ralphs, während er von der Thüre auf ihr Lager zuging.—„Ich, Priscilla Lechmere, Einer, der Deine Thaten wie Dein Urtheil kennt!“ Das erblaßte Weib ſiel auf ihre Kiſſen zurück und haſchte nach Athem; die Röthe ihrer Wangen verſchwand, die Zeichen des Alters und der Krankheit nahmen wieder Beſitz von ihren Zügen, ihr Auge verlor ſeinen freudigen Glanz und ein ſtarrer Blick des Schreckens und der Verzweiflung trat an ſeine Stelle. Doch ſchien ein einziger Augenblick des Nachdenkens hinreichend, um ihren Geiſt und mit ihm all ihre tiefen Leidenſchaften wieder zu beleben. Sie winkte mit einer heftigen Bewegung der Hand den Einge⸗ drungenen von ſich und nachdem ſie mit Anſtrengung ihre Sprache wieder gewonnen, rief ſie mit einer Stimme, die durch ihre über⸗ wältigende Aufregung doppelte Stärke erhalten hatte: ſpre⸗ habe nupte dären und ie ſie euren ganze mich Stille vor⸗ 2 impf⸗ „wer „Ich, nnt!“ aſchte n des ügen, k des ſchien ihren leben. inge⸗ drache über⸗ 355 „Warum werde ich in ſolch einem Angenblick in der Stille meines Krankenzimmers herausgefordert? Entfernt dieſen Wahn⸗ ſinnigen oder Betrüger, welches von beiden er ſeyn mag, aus meinen Augen!“ Sie ſprach ihren Befehl zu tauben Ohren. Lionel konnte ſich weder rühren noch antworten. Seine ganze Aufmerkſamkeit gehörte Ralph, über deſſen hohle Züge ein Lächeln kalter Gleich⸗ gültigkeit hinzog, welches zeigte, wie wenig er die angedrohte Ge⸗ waltthat beachtete. Selbſt Cäcilie, welche mit der ganzen Hin⸗ gebung eines Weibes gegen den, den ſie liebt, an Lionel's Arme hing, blieb von Letzterem unbeachtet, ſein ganzes Bewußtſeyn wurde von der Theilnahme verſchlungen, welche das plötzliche Wiederer⸗ ſcheinen eines Mannes in ihm erregte, deſſen ſonderbarer, geheim⸗ nißvoller Charakter ſeit langer Zeit ſo manche Hoffnungen und Beſorgniſſe in ſeiner eigenen Bruſt hervorgerufen hatte. „Eure Thüren werden bald für Jeden offen ſtehen, dem hier einzutreten belieben wird,“ antwortete kalt der alte Mann:„warum ſollte ich aus einem Hauſe vertrieben werden, wo herzloſe Haufen ſo bald nach Gutdünken ein und ausgehen werden? Bin ich nicht alt genug; oder ſtimmt mein Ausſehen nicht hinlänglich zum Grabe, um zu Eurem Gefährten zu paſſen? Priscilla Lechmere, Du haſt ge⸗ lebt, bis die Blüthe Deiner Wangen der Farbe des Todes Platz machte; Deine Grübchen ſind zu gefurchten, runzlichen Falten ge⸗ worden und die Strahlen Deines glänzenden Auges haben ſich in den Blick der Sorge umgewandelt; aber Du haſt noch nicht der Reue gelebt.“ „Welche Sprache iſt dieß?“ rief ſeine Zuhörerin, während ſie vor ſeinem feſten, glühenden Blicke innerlich zuſammenſchauderte. „Warum bin ich allein von der Welt zu ſolcher Verfolgung aus⸗ erleſen?— Sind meine Sünden nicht mehr zu tragen und ſoll ich allein daran erinnert werden, daß frühe oder ſpät Alter oder Tod uns heimſuchen wird?— Ich habe lange die Schwächen des Lebens 356 gekannt und darf in Wahrheit ſagen, daß ich auf ihre endlichen Folgen vorbereitet bin.“ „Das iſt gut,“ erwiederte der unbewegte und ſcheinbar unbe⸗ wegliche Dränger:—„nimm denn und lies den feierlichen Rath⸗ ſchluß Deines Gotttes; und möge Er Dir Stärke verleihen, um ſo große Zuverſicht zu rechtfertigen.“ Indem er ſprach, reichte er Mrs. Lechmere mit ausge⸗ ſtreckter welker Hand einen offenen Brief hin, welcher, wie Lincoln's raſcher Blick ihm ſagte, ſeinen eigenen Namen auf der Auſſchrift trug. Ungeachtet dieſes ſtarken Eingriffs in ſeine Rechte verhielt ſich der junge Mann ruhig, als er dieſe zweite grobe Einmiſchung in ſeine geheimſten Angelegenheiten von Seite des Andern ent⸗ deckte; dagegen bewachte er mit regem Eifer den Eindruck, den dieſe befremdende Mittheilung auf ſeine Tante äußern würde. Mrs. Lechmere nahm den Brief aus der Hand des Fremden mit einer Art bezauberter Unterwürfigkeit, welche bewies, wie voll⸗ ſtändig ſein Auftreten ſie unter ſeinen Willen gebeugt hatte. So⸗ bald ihr Blick auf den Inhalt fiel, wurde er ſtarr und wild. Das Schreiben war übrigens kurz und das Leſen bald beendigt. Noch faßte ſie es krampfhaft mit ausgeſtrecktem Arm, obgleich der leere Ausdruck ihres Geſichts zeigte, daß ſie es vor ein empfindungsloſes Auge hielt. Ein Augenblick der Stille und athemloſer Verwun⸗ derung trat ein. Ihr folgte ein Schauder, der den ganzen Körper der Kranken erſchütterte, ihre Glieder zuckten heftig, bis das Raſcheln des zuſammengefalteten Papiers bis in den entfernteſten Winkel des Zimmers gehört wurde. „Dieß trägt meinen Namen,“ rief Lionel, über ihre Be⸗ wegungen erſchrocken, und nahm das Papier aus ihrer nicht wider⸗ ſtrebenden Hand,„und hätte zuerſt meinem eigenen Auge be⸗ gegnen ſollen.“ „Laut— laut, theurer Lionel,“ bat ein ſchwaches aber ernſtes Flüſtern neben ihm;„laut, ich flehe Dich darum, laut!“ 357 Es war vielleicht nicht ſowohl Willfährigkeit gegen dieſe rüh⸗ rende Aufforderung, worin Cäcilien's ganze Seele zu liegen ſchien, als der überwältigende Andrang der in ihm entſtandenen Aufregung, was Major Lincoln veranlaßte, ihre Bitte zu erfüllen. Mit einer Stimme, die durch ſeine Bewegung die Ruhe der Verzweiflung gewon⸗ nen, las er den verhängnißvollen Inhalt des Schreibens in einem Tone, der Lionel's Gattin in ſeiner Beſtimmtheit bei der Stille des Ortes wie die prophetiſche Warnung eines Geſtorb enen vorkam. Das Schreiben lautete kurz: „Der Zuſtand der Stadt hat eine genaue Aufmerkſamkeit auf die Lage der Mrs. Lechmere, wie ihre Verletzungen ſie eigentlich erfordert hätten, unmöglich gemacht. Ein innerer Brand iſt ein⸗ getreten und ihr gegenwärtiges Wohlſeyn iſt nur der Vorbote des Todes. Ich halte es für meine Pflicht zu erklären, daß, wenn ſie auch noch manche Stunden leben kann, es doch nicht unwahrſchein⸗ lich iſt, daß ſie noch in der heutigen Nacht ſterben wird.“ Unter dieſer kurzen aber ſchrecklichen Ankündigung ſtand die wohlbekannte Unterſchrift des ſie beſuchenden Hausarztes. Dieß war allerdings ein Umſtand, der eine plötzliche Aenderung hervor⸗ brachte. Alle hatten geglaubt, die Krankheit ſey gewichen, wäh⸗ rend nun deutlich wurde, daß ſie heimtückiſch an den Lebenskräften der Kranken gezehrt hatte. Lionel ließ das Schreiben fallen und rief in ſeiner plötzlichen Ueberraſchung mit lauter Stimme: „Sterben— und noch heute Nacht! In der That! Das iſt eine unerwartete Abrufung.“ Das unglückliche Weib ließ nach dem erſten Augenblick empfin⸗ dungsloſen Schreckens ihre Blicke ängſtlich von Geſicht zu Geſicht wandern und lauſchte aufmerkſam auf die Worte des Schreibens, wie ſie von Lionel's Lippen kamen, als wolle ſie mit ihrer letzten Kraft das Glimmen der Hoffnung in dem beſtürzten Ausdruck ihrer Ge⸗ ſichter entdecken. Aber die Sprache ihres Arztes war zu klar, zu 358 deutlich und beſtimmt, um verdreht oder mißverſtanden zu werden. Gerade ihre Kälte gab ihr einen ſchrecklichen Anſtrich der Wahrheit. „Und glaubt Ihr's denn?“ fragte ſie mit einer Stimme, deren gedämpfter Ton hinlänglich verrieth, wie ſie um keinen Preis eine be⸗ jahende Verſicherung hören wollte.„Sie! Lionel Lincoln, den ich für meinen Freund gehalten hatte.“ Lionel wandte ſich ſchweigend von dem traurigen Anblick ihres Elendes ab, aber Cäcilie kniete jetzt neben dem Bette der Kranken nieder, und erhob, ein ſchönes Bild frommer Hoffnung, die gefalteten Hände, indem ſie murmelte: „Der iſt kein Freund, theuerſte Großmutter, der mit ſchmei⸗ chelnder Hoffnung eine ſcheidende Seele bethören wollte! Aber es gibt eine beſſere, eine ſicherere Stütze, als dieſe ganze Welt ge⸗ währen kann!“ „Und auch Du,“ rief das verzweifelnde Weib, indem ſie ſich mit einer Kraft und Energie aufrichtete, welche die gelehrte Kunſt ihres Arztes herauszufordern ſchien—„auch Du verläſſeſt mich? Du, die ich in der Kindheit bewacht, im Leiden gepflegt, im Glück verzärtelt, ja! und in Tugend auferzogen habe— Ja, das kann ich kühn vor dem Angeſichte der ganzen Welt behaupten.— Du, die ich zu dieſer ehrenvollen Heirath gebracht— und Du willſt mir mit ſchwarzem Undank alles Dieſes lohnen?“ „Meine Großmutter! Meine Großmutter! ſprich nicht ſo grau⸗ ſam zu Deinem Kinde! Stütze Dich jetzt um Beiſtand auf jenen Fels der Jahrhunderte, ſo wie ich mich auf Dich einſt ge⸗ ſtützt habe!“ „Weg, weg— ſchwaches, thörichtes Kind! Das Uebermaß des Glücks hat Dich ſinnlos gemacht! Komm Du her, mein Sohn! laß uns von Ravenscliffe, dem Sitze unſerer Ahnen, ſprechen und von den Tagen, die wir noch unter ſeinem gaſtlichen Dache verleben werden. Das thörichte Mädchen, das Du zum Weibe genommen, möchte mich gerne erſchrecken!“ 359 Lionel ſchauderte vor Entſetzen, als er die erzwungenen, ab⸗ gebrochenen Laute ihrer Stimme hörte, während ſie alſo die ſehn⸗ ſüchtigen Wünſche ihres Herzens ausſprach. Er wandte ſich aber⸗ mals weg von dem Anblick und begrub einen Augenblick das Ge⸗ ſicht in beide Hände, als wollte er die Welt und ihre Nichtswür⸗ digkeit zumal vor ſeinen Augen verſchließen. „Meine Großmutter! blicken Sie nicht ſo wild auf uns!“ fuhr die beklommene Cäcilie fort—„noch können Sie Stunden, ja Tage vor ſich haben.“ Sie ſchwieg einen Augenblick, um dem unſtäten, hoffnungsloſen Blick eines Auges zu folgen, das ver⸗ zweifelnd an den Gegenſtänden im Zimmer hinglitt; dann, mit milder Zuverſicht auf ihre eigene Reinheit— ihr Antlitz mit bei⸗ den Händen bedeckend, rief ſie in ihrem ſchweren Kampf: „Mutter meiner Mutter! Wollte Gott, ich könnte für Dich ſterben!“ „Sterben!“ wiederholte dieſelbe mißtönende Stimme, wie zuvor, aus einer Kehle, die bereits bei der beſchleunigten Annäherung des Todes zu roͤcheln anfing—„wer wird ſterben mitten unter den Feſtlichkeiten einer Hochzeit?— Weg— verlaß mich!— Auf Dein Zimmer und auf Deine Knie, wenn Du willſt— aber ver⸗ laß mich!“ Sie folgte mit einem Blicke bitteren Haſſes Cäcilien's entſchwin⸗ dender Geſtalt, welche in der mitleidigen, frommen Abſicht, ihrer Großmutter Befehle buchſtäblich zu vollziehen, gehorchte; dann fuhr die Sterbende fort: „Das Mädchen iſt der Aufgabe nicht gewachſen, die ich ihr auferlegte. Alle von meinem Geſchlecht ſind ſchwach geweſen, außer ich— meine Tochter— meines Gemahls Nichte——“ „Was willſt Du mit dieſer Nichte?“ begann hier Ralph's furchtbare Grabesſtimme, das krampfhafte Umherirren ihrer Seele unterbrechend—„dieſes Weib Deines Neffen— die Mutter dieſes 360 Jünglings? Sprich, Weib, ſo lange noch Zeit und Vernunft Dir gegönnt ſind!“ Lionel näherte ſich aufs Neue ihrem Lager, von einem An⸗ triebe geleitet, den er nicht länger zurückhalten konnte, und redete ſie feierlich an: „Wenn Du etwas von dem fuürchterlichen Unglücke weißt, das meine Familie befallen,“ ſagte er,„oder auf irgend eine Weiſe zu deſſen Entſtehung beigetragen haſt, ſo entlaſte Deine Seele und ſtirb in Frieden! Schweſter meines Großvaters! ja mehr noch, Mutter meines Weibes! Ich beſchwöre Dich, rede— was weißt Du von meiner mißhandelten Mutter?“ „Schweſter Deines Großvaters— Mutter Deines Weibs,“ wiederholte Mrs. Lechmere langſam und auf eine Art, die hin⸗ länglich den wirren, unſtäten Gang ihrer Gedanken andeutete— „Beides iſt wahr!“ „Sprich mir von meiner Mutter, wenn Du die Bande des Blutes anerkennſt— erzähle mir von ihrem dunklen Schickſal! „Sie iſt in ihrem Grab— todt— ja— ja— ihre ge⸗ rühmte Schönheit von häßlichen Würmern aufgezehrt! Was willſt Du weiter wiſſen, toller Knabe? Moͤchteſt Du gar noch ihre Ge⸗ beine im Leichenhemde ſehen?“ „Die Wahrheit!“ ſchrie Ralph;„bekenne die Wahrheit und Deine eigene verfluchte Theilnahme an der That!“ „Wer ſpricht?“ wiederholte Mrs. Lechmere und ſtimmte ihren Ton wieder zu dem zitternden Fall der Schwäche und des Alters herab, während ſie zu gleicher Zeit um ſich ſchaute, als ob eine plötzliche Erinnerung ihr Gehirn durchkreuzte;„ſicher hörte ich Töne, die ich kennen ſollte!“ „Hier— ſieh mich an— hefte das umherirrende Auge auf mich, wenn es noch Kraft hat zu ſehen,“ ſchrie Ralph—„ich bin's, der zu Dir ſpricht, Priscilla Lechmere.“ „Was willſt Du? Meine Tochter? Sie iſt in ihrem Grab! Ihr ſpã Zei re uns Kra bebe geſte 361 Ihr Kind? Sie iſt einem Andern vermählt.— Du kommſt zu ſpät! Du kommſt zu ſpät! Wollte Gott, Du hätteſt ſie zu rechter Zeit von mir verlangt——„ „Die Wahrheit— die Wahrheit— die Wahrheit!“ fuhr der reis fort—„die heilige und unverhüllte Wahrheit! Dieſe gib uns und nichts Anderes!“ Eine ſo kräftige und feierliche Aufforderung erweckte die letzte Kraft des Weibes, deſſen innerſte Seele vor dieſem Rufe zu er⸗ beben ſchien. Sie machte eine Anſtrengung ſich zu erheben, und rief: „Wer ſagt, daß ich ſterbe? Ich bin erſt ſiebenzig! und geſtern erſt war ich noch Kind— ein reines unbeflecktes Kind! Er lügt— er lügt! Ich habe keinen tödtlichen Brand in mir— ich bin ſtark und habe noch Jahre zu leben und zu bereuen.“ Zwiſchen die Pauſen ihrer Antwort hörte man immer wieder die Stimme des alten Mannes. „Die Wahrheit— die Wahrheit— die heilige, unverhüllte Wahrheit!“ „Laßt mich aufſtehen und nach der Sonne ſchauen,“ fuhr das ſterbende Weib fort.„Wo ſeyd ihr? Cäcilie, Lionel— meine Kinder, verlaßt ihr mich ſchon? Warum verfinſtert ihr das Zim⸗ mer? Gebt mir Licht— mehr Licht! mehr Licht! bei Allem im Himmel und auf Erden, überlaßt mich nicht dieſer ſchwarzen, fürchterlichen Finſterniß!“ Ihr Anblick war ſo graß verzweiflungsvoll geworden, daß ſelbſt Ralph's Stimme verſtummte, während ſie ununterbrochen die Pein ihrer Seele auszuraſen fortfuhr: „Warum zu Jemand, wie ich, vom Tode reden?— Meine Zeit iſt zu kurz geweſen!— gebt mir Tage— gebt mir Stun⸗ den— gebt mir Augenblicke! Cäcilie, Agnes,— Abigail; wo ſeyd ihr?— helft mir oder ich falle!“ Sie erhob ſich mit verzweifelter Anſtrengung und griff wild nach der leeren Luft. Sie erreichte Lionel's ausgeſtreckte Hand, 362 erfaßte ſie in ſterbender Umklammerung, lächelte bei der trügeriſchen Sicherheit, welche ihr dieß gewährte und ſiel wieder rückwärts, während ihr ſterbliches Theil unter einem allgemeinen Schauder in einem Zuſtand ewiger Ruhe überging. Als das Rufen der Sterbenden geendet hatte, folgte eine ſo tiefe Stille, daß ſelbſt die vorübergehenden Windſtöße gehört wurden, welche zwiſchen den Dächern der Stadt ſeufzten und leicht in ſolchem Augenblicke für das Wehklagen körperloſer Geiſter über ein ſo furchtbares Ende gehalten werden konnten. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Welch Wunder, Sir! ſeit Weiber Euch verhaßt ſind, Und Ihr ſie flieht, wie Eure Lordſchaft ſchwört— Begehrt Ihr dennoch Heirath? Ende gut, Alles gut. Cäcilie hatte das Zimmer ihrer Großmutter mit dem Gefühle einer auf ihr laſtenden Angſt verlaſſen, wie ihre jugendliche Er⸗ fahrung ſie bis jetzt noch nicht gekannt hatte. Auf ihren Knieen, in der Einſamkeit ihres Gemachs, ſandte ſie die Ergießungen ihrer reinen Seele in heißem, inbrünſtigem Gebete zu jener Macht empor, gegen welche die Sterbende, die jetzt am meiſten deren Stütze bedurfte, ſo lange durch erheuchelte Ehrfurcht und ſchein⸗ heilige Andacht gefrevelt hatte. Die Seele noch durch ihre jüngſte Gemeinſchaft mit Gott erhoben und mit Gefühlen, welche durch die heilige Gluth, die ſich um ſie ergoſſen, ſelbſt bis zu völliger Ruhe geſänftigt waren, bereitete ſich die jugendliche Braut, ihre Stelle an dem Lager ihrer betagten Verwandten wieder einzunehmen. Während ſie von ihrem Zimmer auf das der Mrs. Lechmere ging, höorte ſie Agneſen's geſchäftige Stimme unten, zugleich mit dem Geräuſch der Vorkehrungen, welche eben noch zur Feier ihrer riſchen värts, hauder o tiefe urden, cht in her ein ſind, ut. zefühle he Er⸗ Knieen, 1 ihrer Macht deren ſchein⸗ jüngſte rch die öölliger , ihre ehmen. chmere ich mit cihrer 363 eigenen übereilten Hochzeit getroffen wurden, und einen Augenblick lang ſtand ſie ſtille, um ſich ſelbſt zu verſichern, daß Alles, was eben erſt vorgegangen, mehr als nur die Ausgeburt einer wirren Phantaſie ſey. Sie blickte auf die zwar beſcheidenen, doch unge⸗ wöhnlichen Verzierungen ihres Anzugs, ſchauderte zuſammen, als ſie der ſchrecklichen Vorbedeutung jenes Schattens gedachte, und jetzt erſt drängte ſich die ſchreckenvolle Gegenwart mit der über⸗ wältigenden Ueberzeugung ihrer Wahrheit vor ihre Seele. Die Hand an die Thürklinke gelegt, hielt ſie eine Weile mit geheimem Schrecken ſtill, um die Töne zu erhaſchen, die aus dem Zimmer der Kranken hervordringen möchten. Nachdem ſie einen Augenblick gelauſcht, hörte der Lärm unten auf und auch ſie vernahm jetzt das Pfeifen des Winds, wie ſein Echo zwiſchen den Kaminen und den Winkeln des Gebäudes allmählich erſtarb. Ermuthigt durch die Stille in ihrer Großmutter Zimmer, öffnete Cäcilie die Thüre in der freudigen Erwartung, daß ſie jetzt da, wo ſie kaum noch Zeuge von der beginnenden Raſerei der Verzweiflung geweſen war, die Reſignation einer Chriſtin finden würde. Ihr Eintritt war furchtſam, denn ſie beſorgte, dem hohlen und doch glühenden Blick jenes namenloſen Weſens zu begegnen, welches die Botſchaft des Arztes gebracht und von deſſen Miene und Sprache ſie noch eine verwirrte, aber furchtbare Rückerinnerung behalten hatte. Ihr Zaudern wie ihre Furcht waren gleich vergeblich, denn das Zimmer war ſtill und leer. Einen verwunderten Blick um ſich werfend, um die Geſtalt zu ſuchen, die ihr die theuerſte war, näherte ſich Cä⸗ cilie dem Bett mit leiſem Tritte, hob die Decke in die Höhe und — entdeckte die traurige Wahrheit. Mrs. Lechmere's Züge waren bereits erſtarrt und hatten jenen leichenartigen geſpenſtigen Ausdruck angenommen, welcher die Hand des Todes verräth. Die ſcheidende Seele hatte die Spuren ihres Todeskampfes auf ihrem Antlitze zurückgelaſſen, das noch die Ueber⸗ reſte jener Leidenſchaften zeigte, welche ſie zwangen, ſelbſt im 364 Tode noch auf eine Welt zurückzublicken, die ſie für immer ver⸗ ließ, anſtatt vorwärts nach jenem unbekannten Daſeyn zu ſchauen, dem ſie entgegeneilte. Vielleicht hielt gerade das Plötzliche und die Schwere des Schlags die betroffene Braut in dieſem Augen⸗ blicke der Prüfung aufrecht. Länger als eine Minute vermochte ſie weder zu ſprechen, noch ſich zu rühren, ſondern hielt fortwährend die Augen auf die Zerſtörung eines Antlitzes geheftet, welches ſie von Kindheit auf mit einer Art heiliger Scheu, die nicht ganz frei von Furcht war, betrachtet hatte. Dann kam die Erinnerung an die unglücklichen Vorzeichen ihrer Vermählung und mit ihr der angſtvolle Gedanke, daß der ſchwerſte ihrer Unglücksfälle ſie erſt noch erwarten möchte. Sie ſenkte die Decke wieder auf die blaſſen Züge der Todten nieder und verließ das Gemach mit eiligem Schritt. Lionel's Zimmer befand ſich mit jenem, welches ſie ſo eben verlaſſen hatte, auf gleichem Boden und ehe ſie Zeit zur Ueberlegung fand, hatte ſie die Hand an der Thürklinke. Ihr Kopf war durch den plötzlichen Andrang all' dieſer verſchiedenen Vorfälle ganz verwirrt. Einen einzigen Augenblick zögerte ſie mit mädchenhafter Verſchämtheit, indem ſie mit Scheu vor dem Schritte zurückbebte, den ſte zu thun im Begriffe war; dann aber überwäl⸗ tigte die Furcht, vermiſcht mit den aufglimmenden Strahlen der Wahr⸗ heit, aufs neue ihre zagende Seele, ſie ſtürzte ins Zimmer und rief laut den Namen deſſen, den ſie ſuchte. Die Brände eines zuſammengeſtürzten Feuers waren ſorgfältig geſammelt und kniſterten mit ſchwacher erſterbender Flamme. Das Zimmer ſchien von kalter Luft erfüllt, welche Cäcilien's zarte Ge⸗ ſtalt empfindlich berührte; fliehende Schatten, durch das unſtäte Licht verurſacht, ſchwebten in unſicherer Bewegung an den Wän⸗ den; aber gleich dem Gemache der Todten, war auch dieſes ſchwei⸗ gend und leer. Da ſie die Thüre des kleinen Ankleidezimmers offen ſah, ſtürzte ſie nach dieſer Schwelle und das Räthſel der kalten Luft und des flackernden Feuers wurde ihr nun klar, als ſie die an dert Art gew ſtand äuß brei Sta Str hüll Men unw ſo g Im forſe Per wie Sie der blick düſte heit ſchlu Nax ſchã falte gege drar 365 die Windſtoͤße von der offenen Thüre der geheimen Treppe herauf ver⸗ nen an ſich vorüberſtürmen fühlte. Hätte man Cäcilien je aufgefor⸗ — und dert, die Gefühle, welche ſie jetzt die Treppe hinabführten, oder die gen⸗ Art, wie ſie hinabkam, zu erklären, ſie wäre nicht im Stande kte ſie geweſen, dieſe Aufgabe zu löſen, denn ſchnell, wie der Gedanke, ſtand ſie, ihrer Lage faſt völlig unbewußt, auf der Schwelle der ien äußern Thüre.. ganz Der Mond wandelte noch unter fliehenden Wolken und ver⸗ rung breitete gerade Licht genug, um ihr die Stille des Lagers und der 8 1 der Stadt fühlbar zu machen. Der Oſtwind heulte noch durch die erf Straßen, trieb gelegentlich da und dort Schneewirbel mit ſich und — hüllte ganze Stadtviertel in deren dunſtigen Schleier: aber weder wn Menſch noch Thier war zu ſehen.. 16 ſe Die zitternde Braut bebte vor dem düſtern Anblicke zurück; 8 unwillkührlich drängte ſich ihr die Bemerkung auf, wie dieſe Scene Ihr ſo ganz mit dem Tode ihrer Großmutter in wildem Einklange ſtand. dener 4 Im nächſten Augenblick war ſie wieder oben im Zimmer und durch⸗ muit forſchte jeden Winkel deſſelben mit betäubender Angſt nach der hritte Perſon ihres Gemahls. Doch ihre Kräfte, unnatürtich angeſpannt waͤl⸗ wie ſie waren, vermochten nicht länger ſie aufrecht zu erhalten. zußr⸗ Sie mußte endlich dem tiefen Eindrucke unterliegen, als ſich ihr der Gedanke aufdrängte, daß Lionel ſie im entſcheidenſten Augen⸗ und blicke verlaſſen habe, und es darf nicht befremden, wenn ſie die altig düſteren Vorzeichen dieſer Nacht mit ſeiner räthſelhaften Abweſen⸗ Das heit in Verbindung brachte. Das im Innerſten getroffene Mädchen Ge⸗ ſchlug die Hände angſtvoll zuſammen, rief noch jammernd den ſtäte Namen ihrer Couſine und ſank bewußtlos zu Boden. Vän⸗„ 4 Agnes war in fröhlicher Emſigkeit mit ihren Dienſtboten be⸗ Hüei⸗ ſchäftigt, den Reichthum der Lechmere's auf eine Weiſe zu ent⸗ nerg. falten, welche ihrer Couſine dem reicheren Herrn und Gemahl 4 gegenüber keine Unehre machen ſollte. Der ſchneidende Hülferuf f. drang jedoch durch den Laͤrm der eilfertigen Diener und das Klappern 366 von Meſſern und Tellern bis zu dem Speiſezimmer, jede Bewegung hemmend und jegliche Wange mit Bläſſe färbend. „Das iſt mein Name!“ ſagte Agnes;„wer ruft!“ „Wenn es möͤglich wäre,“ antwortete Meriton mit ent⸗ ſprechendem Nachdruck,„daß Sir Lionel's Braut ſolch' Zetergeſchrei erheben könnte, würde ich ſagen, es war meiner Lady Stimme.“ „Es iſt Cäcilie— Cäcilie iſt's!“ rief Agnes und ſtürzte aus dem Zimmer:„o, ich fürchtete— fürchtete wohl dieſe haſtige Vermählung!“ Es folgte ein allgemeines Rennen der Dienſtboten durch die Zimmer, und alsbald ward die traurige Wahrheit der ganzen Fa⸗ milie bekannt. Die lebloſe Hülle der Mrs. Lechmere wurde in ihrer geiſterhaften Entſtellung entdeckt und allen, außer Agnes, gab dieß hinlängliche Aufklärung über die Lage der Braut. Mehr als eine Stunde verſtrich, bis es der äußerſten Sorg⸗ falt ihrer Umgebung gelang, Cäcilie wieder ſo weit zu ſich zu brin⸗ gen, daß Fragen an ſie gerichtet werden konnten. Dann ergriff ihre Couſine die Gelegenheit, als ihre Frauen einen Augenblick abweſend waren, und erwähnte den Namen ihres Gemahls. Cäcile hörte ſie mit plötzlicher Freude an; dann aber wild im Zimmer um⸗ herblickend, als ob ſie ihn mit den Augen ſuchte, preßte ſie die Hände aufs Herz und ſiel abermals in jenen Zuſtand der Bewußt⸗ loſigkeit, aus dem ſie kaum zuvor erweckt worden war. Dieſer ausdrucksvolle Beweis von Cäcilien's Kummer war ihrer Freundin nicht entgangen, welche, ſobald es ihrer Sorgfalt gelungen war, die Leidende noch einmal zur Beſinnung zurückzubringen, augen⸗ blicklich das Zimmer verließ. Agnes Danforth hatte ihre Tante nie mit jener vertrauens⸗ vollen Verehrung und Liebe betrachtet, wie ſie die Gefühle der Enkelin der Verſtorbenen heiligten. Sie hatte immer ihre näheren Verwandten gehabt, deren Empfindungen und Anſichten ſie vor⸗ zugsweiſe theilte; auch fehlte es ihr durchaus nicht an der nöthigen gzung ent⸗ ſchrei ime.“ aus aſtige h die 1 Fa⸗ de in gnes, Sorg⸗ brin⸗ ergriff nblick Cäcile um⸗ ie die wußt⸗ Dieſer undin war, ugen⸗ nuens⸗ e der iheren vor⸗ thigen 367 Unterſcheidungsgabe, um die kalten und ſelbſtiſchen Züge wohl zu bemerken, welche den Charakter der Mrs. Lechmere ſo ganz beſon⸗ ders bezeichneten. So hatte ſie ſich einzig und allein aus uneigen⸗ nütziger Anhänglichkeit an ihre Couſtne dazu verſtanden, den Krän⸗ kungen, den Entbehrungen und Gefahren der Belagerung ſich aus⸗ zuſetzen, da Cäcilie ohne ſie ihre Lage höchſt peinlich gefunden haben würde. In Folge dieſer Gemüthsſtimmung war Agnes über den To⸗ desfall, der ſo unerwartet eingetreten war, eher betroffen als be⸗ trübt. Vielleicht, wenn ihre Beſorgniß um Cäcilie nicht in dieſem Grade erregt worden wäre, hätte ſie wohl auch im Stillen über das Hinſcheiden einer Perſon geweint, welche ſie ſo lange gekannt hatte, und die, ſo ſagte ihr Herz, zu einem ſolchen Wechſel ſo wenig vorbereitet geweſen war. So wie die Sachen nun ſtanden, begab ſie ſich ruhig und gefaßt nach dem Beſuchzimmer, wo ſie Meriton zu ſich rufen ließ. Als der Diener eintrat, nahm ſie den Schein einer Gelaſſen⸗ heit an, die ihren Gefühlen fremd war, und befahl ihm, ſeinen Herrn zu ſuchen und ihn zu bitten, er möge ohne Aufſchub Miß Danforth eine kurze Unterredung gewähren. So lange Meriton mit dieſem Auftrag abweſend war, ſuchte Agnes ihre Gedanken zu ſammeln. Doch eine Minute verſtrich nach der andern und der Diener kehrte nicht zurück. Sie ſtand auf und ging mit leiſen Tritten nach der Thüre, um zu lauſchen; ſie glaubte, ſie höre ſeine Fußtritte in den entfernteren Theilen des Hauſes mit einer Schnelligkeit ertönen, woraus ſie ſchloß, daß er das Suchen mit dem größten Eifer ſortſetzte. Zuletzt hörte ſie die Tritte näher kom⸗ men, und bald vernahm ſie deutlich, daß er ſich auf dem Rückwege befinde. Agnes ſetzte ſich, wie zuvor, mit einer Miene nieder, als ob ſie den Herrn und nicht den Diener zu empfangen erwartete. Doch Meriton kehrte allein zurück. 368 „Major Lincoln?“ fragte ſie;„Ihr batet ihn doch, mich hier zu treffen?“ Gränzenloſes Erſtaunen war in Meriton's Geſicht zu leſen, während er antwortete:— „Gott! Miß Agnus, Herr Lionel iſt ausgegangen! ausgegan⸗ gen in einer ſolchen Nacht! und was noch wunderbarer iſt, er iſt ohne ſein Trauerkleid ausgegangen, obgleich eine Todte von ſeinem eigenen Blut und aus ſeiner Familie noch unbeerdigt im Hauſe liegt!“ Agnes behauptete ihre Ruhe und ergriff gern die Gelegenheit, den Diener in dem einmal eingeſchlagenen Gedankengange weiter zu fuhren, um ſo auf die Wahrheit zu kommen, ohne ihre eigenen Beſorgniſſe zu verrathen. „Woher wißt Ihr, Mr. Meriton, daß Euer Herr in der Ver⸗ geßlichkeit bei ſeinem Anzug ſo weit gegangen iſt?“ „So gewiß, Madamo, als ich weiß, daß er heute Abend, als er zum erſten Mal das Haus verließ, ſeine Paradeuniform trug; damals freilich ließ ich mir wenig davon träumen, daß Seine Gnaden ſich vermählen wollten! Wenn er nicht abermals in dem nämlichen Anzuge ausgegangen, wo ſoll dieſer denn ſeyn?— Ueberdieß, Madame, iſt ſein letzter Traueranzug eingeſchloſſen und der Schlüſſel dazu iſt hier in meiner Taſche.“ „Es iſt ſonderbar, daß er eine ſolche Stunde und den Abend ſeiner Hochzeit gewählt haben ſollte, um ſich zu entfernen!“ Meriton hatte ſchon lange gelernt, alle ſeine Intereſſen mit denen ſeines Herrn zu identiſiciren und er erröthete bei der indi⸗ rekten Beſchuldigung, welche hier, wie er glaubte, nicht nur gegen Lionel's Höflichkeit, ſondern im Allgemeinen gegen ſein Gefühl für Anſtand erhoben wurde. „Ei, Miß Agnus, Sie werden ſich gütigſt erinnern, Madame,“ antwortete er,„daß dieſe Hochzeit ganz und gar nicht wie eine engliſche Hochzeit war— auch kann ich nicht ſagen, daß es in hhier leſen, egan⸗ er iſt einem jegt!“ cheit, veiter genen Ver⸗ „als trug; Seine dem 369 England ganz gebraͤuchlich ſey, ſo plötzlich zu ſterben, wie es Mad. Lechmere beliebt hat——“ „Vielleicht,“ fiel Agnes ein,„mag ihm ein Unglück zugeſtoßen ſeyn. Kein Mann, ſicherlich, und hätte er auch nur das allerge⸗ wöͤhnlichſte Gefühl, würde abſichtlich in ſolchem Augenblicke ab⸗ weſend ſeyn!“ Meriton's Empfindungen nahmen nun eine andere Richtung, und er faßte ohne Zaudern dieſelben ſchlimmen Beſorgniſſe, wie die junge Dame. Agnes lehnte einen Augenblick, in Nachdenken verſunken, die Stirne auf die Hand, ehe ſie weiter ſprach; dann richtete ſie die Augen auf den Diener und ſagte: „Mr. Meriton, wißt Ihr, wo Kapitän Polwarth ſchläft?“ „Freilich, Madame!— Er iſt ein Herr, der immer in ſeinem eigenen Bette ſchläft, wenn nicht des Königs Dienſt ihn anders wohin ruft. Ein bedächtiger Herr iſt Kapitän Polwarth, Madame, was nämlich ihn ſelbſt betrifft!“ Miß Danforth biß ſich in die Lippen und ihr muthwilliges Auge glänzte einen Augenblick unter einem Lächeln, welches alle Trauer aus ihrem Blick verſcheuchte; doch im nächſten Augenblick wurden ihre Züge wieder düſter und faſt melancholiſch, während ſie fortfuhr: „Dann glaube ich— es iſt zwar unhöflich und ſtörend— aber ich weiß nichts Beſſeres zu thun.“ „Beliebten Sie, mir einen Befehl zu geben, Miß Agnus?“ „Ja, Meriton; Ihr werdet in Kapitän Polwarth's Wohnung gehen, und ihm ſagen, Lady Lincoln erwarte ihn augenblicklich hier in der Tremontſtraße.“ „Meine Lady!“ wiederholte der erſtaunte Diener—„ei, Miß Agnus, die Frauen ſagen, meine Lady ſey ohne Bewußtſeyn und wiſſe nicht, was um ſie geſchieht, noch wer zu ihr ſpricht! Eine traurige Hochzeit, Madame, für den Erben unſeres Hauſes!“ Lionel Lincoln. 2. Aufl. 24 370 „Dann ſagt ihm,“ entgegnete Agnes, indem ſie aufſtand, um das 8 Zimmer zu verlaſſen,„daß Miß Danforth erfreut ſeyn werde, n ihn zu ſehen.“ ch Meriton wartete nicht länger als nöthig war, um ſeinen g Beifall über dieſe Aenderung ſeiner Botſchaft auszudrücken, worauf er das Haus in einer Eile verließ, welche durch die wachſende g Angſt um die Sicherheit ſeines Herrn bedeutend beſchleunigt wurde. S Trotz ſeiner Beſorgniſſe war der Diener keineswegs unempfindlich n. „gegen die Strenge des Wetters und eben ſo wenig für die beſon⸗ ſe deren Vorfälle dieſer Nacht, in der er ſo unerwartet hinausgetrieben worden war, um der Wuth des Sturmes Trotz zu bieten. Es ſp gelang ihm jedoch bald, mitten in dem treibenden Schnee und 3 trotz einer Kälte, die ihm das Mark in den Beinen gefrieren w machte, die Wohnung Polwarth's zu erreichen. Zum Glück für in die Geduld des würdigen Dieners war Shearflint, der halbmili⸗ ne täriſche Bediente des Kapitäns, noch auf; er war ſo eben mit ſeinen nächtlichen Geſchäften bei ſeinem Herrn fertig geworden, denn die⸗ P ſer hatte es nicht für klug erachtet, ſein Kiſſen zu ſuchen, ohne w zuvor zu den Troͤſtungen der Tafel ſeine Zuflucht genommen zu 31 haben. Die Thüre wurde auf das erſte Klopfen Meriton's geöff⸗ ka net, und nachdem der Andere durch die gewöhnlichen Ausrufungen ſein Erſtaunen ausgedrückt hatte, begaben ſich die beiden würdi⸗ di gen Herrn in das Bedientenzimmer, wo die Brände eines guten tü Holzfeuers noch eine behagliche Wärme verbreiteten. tr „Was für ein rauhes Land iſt dieſes Amerika mit ſeiner Kälte, Mr. Shearflint!“ hub Meriton an, indem er die Brände mit dem gl Fuß zuſammenſchürte und ſich die Hände über der Gluth wärmte— de „ich meine, ſie iſt gar nicht wie unſere engliſche Kälte; bei uns zu 5 S Haus iſt's eine viel ſtrengere, aber doch beſſere Kälte, und dabei un ſchneidet ſie einen nicht, gleich ſtumpfen Scheermeſſern, wie dieſe ge hier in Amerika.“ Shearflint, der ſich für beſonders liberal hielt, und als ein 36 das erde, inen rauf ſende irde. dlich ſon⸗ leben Es und ieren für mili⸗ einen die⸗ ohne n zu eöff⸗ ingen ürdi⸗ guten Lälte, dem te— us zu dabei dieſe s ein 371 Zeichen ſeiner Großmuth gegen Feinde den Grundſatz beobachtete, nie von den Koloniſten ohne eine gewiſſe Protektorsmiene zu ſpre⸗ chen, welche, wie er meinte, auf ſeine aufrichtige Geſinnung einen gehörigen Glanz zurückwerfen ſollte, antwortete hochweis: „Es iſt ein neues Land, Mr. Meriton, und man muß da nicht gar zu genau ſeyn. Wenn man auswärts geht, muß man mit Schwierigkeiten fertig zu werden lernen, beſonders in den Kolo⸗ nien, wo man nicht erwarten kann, daß Alles ſo comfortable ſeyn ſoll, wie wir's zu Hauſe gehabt haben.“ „Nun gut, ich mache, was das Wetter betrifft, ſo wenig An⸗ ſprüche, als nur irgend ein Anderer,“ antwortete Meriton.„Aber gebt mir England nur wegen ſeines Klima's, wenn auch ſonſt wegen gar Nichts. Das Waſſer kommt in dieſem geſegneten Lande in guten, tüchtigen Tropfen herunter und nicht in kleinen gefrore⸗ nen Stückchen, die einem das Geſicht wie lauter feine Nadeln kitzeln!“ „Mr. Meriton, Ihr ſeht faſt aus, als hättet Ihr Eures Herrn Puderbüchſe über Eure eigenen Ohren ausgeſchüttet. Doch ich war eben daran, die Ueberreſte von des Kapitäns heißem Punſch zu mir zu nehmen; vielleicht, wenn Ihr davon verſuchen wollt, kann es dazu verhelfen, Eure Ideen aufzuthauen.“ „Gott ſteh' mir bei! Shearflint,“ ſprach Meriton, der endlich die Flaſche aus der feſten Umklammerung losließ, um nach einem tüchtigen Zuge Athem zu ſchöpfen—„iſt Eures Herrn Schlaf⸗ trunk immer in einem ſo dichten Zuſtande?“ „Nein— nein— der Kapitän kann ein ſolches Gemiſch ſo⸗ gleich am Geruch erkennen, und ich möchte es nicht wagen, beſon⸗ dere Veränderungen an ſeinem Glaſe vorzunehmen,“ erwiederte Shearflint, und ſchwenkte, während er ſprach, die Flaſche im Kreiſe, um ihren Inhalt aufzurühren, worauf er das Bischen, das zurück geblieben, wie es ſchien mit einem Zuge— verſchlang;„da es aber doch Schade wäre, wenn irgend Etwas in dieſen betrübten Zeiten weggeworfen würde, trinke ich gewöhnlich das, was er ſtehen 372 läßt, wobei ich denn zuvor gerade ſo viel unter das Waſſer miſche, daß es dadurch für mich genießbarer wird. Aber was führt Euch z in einer ſo ſchlimmen Nacht aus dem Hauſe, Mr. Meriton?“ i „Wahrhaftig, meine Ideen bedurften des Aufthauens, wie Ihr bemerktet, Shearflint! Ich bin hierher geſendet mit einer Bot⸗ 6 ſchaft auf Leben und Tod, und vergaß meinen Auftrag, wie ein. k ungeſchlachter Junge, der eben vom Land hergemiethet worden.“ „So iſt alſo etwas los!“ ſagte der Andere, und bot ihm einen Stuhl, den ſein Gefährte, ohne ein Wort zu ſagen, annahm, während Polwarth's Diener mit gleicher Ruhe auf einen zweiten ſich niederließ.„Ich dachte mir ſo etwas, als der Kapitän heute Nacht ſo hungrig nach Haus kam, nachdem er ſich mit ſo wieler Sorgfalt angekleidet hatte, um ſein Abendeſſen in der Tremont⸗ n ſtraße einzunehmen.“ b „Allerdings iſt etwas los! Für's erſte iſt es ganz gewiß, daß Herr Lionel heute Nacht in der Königs⸗Kapelle getraut wurde!“ i „Getraut!“ wiederholte der Andere,—„gut, dem Himmel ſey Dank, ſo etwas Unvermeidliches hat uns nicht befallen, obgleich f wir amputirt worden ſind. Ich könnte mit keinem verheiratheten d Herrn auskommen— nein, nein, Mr. Meriton. Mir iſt ein Herr G ——— in Hoſen genug, ohne einen zweiten im Unterrock, der meinen e Herrn noch unter den Pantoffel brächte!“ 4 „Das hängt ganz von den Verhältniſſen der Leute ab, Shear⸗ flint,“ erwiederte Meriton mit herablaſſender Miene, als ob er den. b Andern bemitleide.—„Es wäre gewiß für einen Kapitän zu Fuß, der e nichts weiter iſt als Kapitän zu Fuß, eine große Thorheit, wenn er ſich in Hymens Bande ſchmiegen wollte. Aber wie wir zu Ravenseliffe und Soho ſagen, auf die Seufzer des Erben eines 5 Devonſhirer Baronets mit fünfzehn Tauſend des Jahrs wird Amor doch ſchon eher hören!“ „Ich hörte nie, daß es mehr als zehn ſeyen,“ unterbrach ihn der Andere mit ziemlichem Anſtrich von übler Laune. Eͤ ſche, Fuch Ihr Bot⸗ ein ihm ihm, eiten heute ieler nont⸗ wiß, de!“ nmel leich jeten Herr einen hear⸗ den „der venn r zu eines lmor ihn 373 „Nicht mehr als zehn! Ich ſelbſt kann die zehn zuſammen zählen und bin gewiß, es muß deren noch manche geben, von denen ich nichts weiß.“ „Gut, und wenn's zwanzig wären,“ rief Shearflint, indem er aufſtand und die Feuerbrände unter die Aſche ſtieß, ſo daß das kleine luſtige Feuer, das bis jetzt gebrannt hatte, gänzlich erloſch, „es wird Euch doch Euren Auftrag nicht ausrichten helfen. Ihr ſolltet Euch erinnern, daß wir Diener armer Kapitäns Niemand haben, der die Arbeit für uns thut und daß wir unſerer natür⸗ lichen Ruhe bedürfen. Was ſteht Euch zu Dienſten, Mr. Meriton?“ „Euren Herrn zu ſehen, Mr. Shearflint.“ „Reine Unmöglichkeit! er ſteckt unter fünf Decken und ich möchte nicht um eine Monatslöhnung auch nur die dünnſte derſel⸗ ben lüften.“ „Dann werde ich's für Euch thun, denn ſprechen muß ich mit ihm. Iſt er in dem Zimmer dort?“ „Ja, Ihr werdet ihn dort irgendwo unter den Betttüchern finden,“ antwortete Shearflint und öffnete die Thüre eines anſtoßen⸗ den Gemachs mit der geheimen Hoffnung, daß Meriton für ſeine Störung zum Wenigſten der Kopf heruntergeriſſen würde, während er ſich ganz aus der Affaire zurückzog und zu ſeinem Platz am Kamine zurückkehrte. Meriton mußte mehrere Mal tüchtig an dem Kapitän rütteln, bis es ihm gelang, ihn aus ſeinem tiefen Schlaf zu erwecken. Dann endlich hörte er den Schläfer murmeln: „Ein verdammt dummes Geſchäft, das— hätten wir den richtigen Gebrauch von unſern Beinen gemacht, ſo hätten wir ſie wohl behalten können. Sie nehmen dieſen Mann zu ihrem Ehege⸗ mahl— beſſer als gar Nichts— ob etwas reicher oder ärmer— ha! was rüttelſt Du mich ſo, Du Hund? nimmſt Du keine Rück⸗ ſicht auf die Verdauung, daß Du einen Mann gerade nach dem Eſſen auf dieſe Art ſchüttelſt!“ „Ich bin's, Sir— Meriton.“ „Und was zum Teufel meint Ihr mit dieſer Freiheit, die Ihr Euch nehmt, Mr. Ich oder Meriton, oder wie Ihr ſonſt Euch nennen mögt.“ „Ich bin in großer Eile zu Ihnen geſendet, Sir— ſchreck⸗ liche Dinge haben ſich heute Nacht in der Tremontſtraße zugetragen.“ „Dinge zugetragen!“ wiederholte Polwarth, der jetzt vollkom⸗ men wach war.„Ich weiß, Burſche, daß Dein Herr vermählt iſt— ich ſelbſt habe ihm die Braut zugeführt.— Ich denke, unter ſolchen Umſtänden kann ſich wohl nichts ſo beſonders Außerordentliches zu⸗ getragen haben?“ „O Gott, doch, Sir— meine Lady fällt von einer Schwäche in die andere, Herr Lionel iſt fort, Gott weiß wohin und Madame Lechmere iſt todt!“ Meriton hatte noch nicht geendet, als Polwarth, ſo eilig er konnte, aus dem Bett ſprang und mit einer Art Inſtinkt, doch ohne beſtimmten Zweck, ſich ſelbſt anzukleiden begann. Die un⸗ glückliche Reihenfolge von Meriton's Nachrichten hatte ihn zu glauben veranlaßt, Mrs. Lechmere's Tod ſey die Folge von irgend einer beſondern, geheimnißvollen Trennung der Braut von ihrem Gemahl, und ſeine geſchäftigen Gedanken verfehlten nicht, ihm die ſchon erwähnte ſonderbare Unterbrechung bei der Trauung in's Gedächt⸗ niß zu rufen. „Und Miß Danforth!“ fragte er—„wie erträgt ſie es?“ „Wie ein Weib, das ſie auch wirklich iſt, und als eine ächte Lady. Eine Kleinigkeit iſt's nicht, Sir, welche Miß Agnus außer ſich bringen wird.“ „Nein, das iſt es nicht! ſie iſt viel geſchickter darin, Andere toll zu machen.“ „Sie war's, Sir, die mich mit der Bitte an Sie ſandte, Sie möchten ohne Zögern in die Tremontſtraße hinaufkommen.“ „Der Teufel auch! Gib mir den Stiefel dort, mein guter 375 Junge. Ein Stiefel iſt gottlob ſchneller angezogen als zwei! Nun die Weſte und die Halsbinde. He, Shearflint, wo ſteckſt Du denn, Burſche! Bring mir mein Bein, im Augenblick!“ Sowie ſein eigener Bedienter dieß hörte, erſchien er im Zimmer und da er in dem Geheimniß von ſeines Herrn Toilette weit beſſer als Meriton bewandert war, ſo war der Kapitän in kurzer Zeit fertig⸗ So lange er ſich ankleidete, fuhr dieſer fort, über die Urſache der Verwirrung in der Tremontſtraße haſtige Fragen an Meriton zu richten, deren Beantwortung übrigens nur dazu diente, ihn mehr als je in ein Meer von Ungewißheit zu verſenken. Sobald er an⸗ gezogen war, hüllte er ſich in ſeinen Mantel, nahm den Arm des Dieners und verſuchte, durch den Sturm ſeinen Weg nach dem Hauſe zu finden, wo, wie ihm geſagt worden, Agnes Danforth ſein Erſcheinen erwartete, wobei er eine ritterliche Hingebung an den Tag legte, die ihn in einem anderen Zeitalter und unter anderen Umſtänden zu einem Helden geſtempelt haben würde. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Du ſtolzer Adell o wie klein erſcheinſt Du nun! Blair. Wenn Polwarth auch mit ungewöhnlicher Schnelligkeit der unerwarteten Aufforderung des launiſchen Weſens gehorcht hatte, um deſſen Gunſt er ſich ſo lange und wie es ſchien, mit ſo wenig Erfolg bewarb, ſo ſtockte doch ſein Schritt, als er ſich dem Hauſe in der Tremontſtraße ſo weit genähert hatte, daß er die glänzenden Lichter, die an den Fenſtern hinſchimmerten, bemerken konnte. Auf der Schwelle hielt er an und horchte auf das Auf⸗ und Zuſchlagen der Thüren und all jene bezeichnenden und doch gedämpften Töne, welche dem Beſuch des grimmigen Herrſchers in der Wohnung des Kranken zu folgen pflegen. Sein Anklopfen blieb unbeantwortet 376 und er war genöthigt, ſich von Meriton in das kleine Geſellſchafts⸗ zimmer führen zu laſſen, wo er ſonſt unter glücklicheren Umſtänden als Gaſt geweilt hatte. Hier fand er Agnes ſeiner wartend, mit einem Ernſt, ja faſt mit einer Trauer in ihrer Haltung, durch die ſie im Augenblick gewiſſe komplimentirende Phraſen verſcheuchte, womit der Kapitän die Unterredung zu eröffnen beſchloſſen hatte, um, nach ächter Soldatenweiſe, den kleinen Vortheil weiter zu verfolgen, den er, wie er wohl begriff, in der guten Meinung ſeiner Geliebten erlangt hatte. Den triumphirenden Ausdruck ſeiner Züge beim erſten Blick auf Miß Danforth's Antlitz verändernd, begrüßte ſie Polwarth auf eine dem Zuſtand der Familie mehr angepaßte Weiſe und wünſchte zu wiſſen, ob er auf irgend eine Art zu ihrem Troſt und zu ihrer Erleichterung beitragen könne. „Der Tod iſt unter uns getreten, Kapitän Polwarth,“ ſprach Agnes,„und ſein Beſuch iſt in der That plötzlich und unerwartet geweſen. Um unſere Verwirrung noch zu vermehren, wird Major Lincoln vermißt!“ Während dieſer Rede heftete Agnes ihre Augen auf das Ge⸗ ſicht des überraſchten Polwarth, wie wenn ſie darin eine Erklärung über die unbegreifliche Abweſenheit des Bräutigams ſuchen wollte. „Lionel Lincoln iſt nicht der Mann, der darum flieht, weil der Tod herannaht,“ antwortete der Kapitän nachſinnend;„und noch weniger ſollte ich denken, kann er ein ſo liebliches Geſchöpf, wie er ſich eben eines antrauen ließ, in ſeinem Kummer verlaſſen. Viel⸗ leicht iſt er fort, um ärztliche Hülfe herbeizurufen?“ „Es kann nicht ſeyn. Ich habe aus den abgebrochenen Aeußerun⸗ gen Cäcilien's ſo viel herausgebracht, daß er und eine dritte Perſon, welche ich nicht kenne, zuletzt bei meiner Tante war und bei ihrem Tode gegenwärtig geweſen ſeyn muß, denn ihr Geſicht wurde zu⸗ gedeckt gefunden. Ich fand die Braut in dem Zimmer, welches Lionel zuletzt bewohnte— die Thüren waren auf und allem An⸗ ſchein nach muß er und ſein unbekannter Gefährte auf der geheimen afts⸗ nden mit ) die omit nach den bten beim e ſie Jeiſe Troſt rach artet ajor 377 Treppe, die nach dem weſtlichen Thore führt, das Haus verlaſſen haben. Da meine Couſine nur wenig ſpricht, fehlt jeder weitere Schlüſſel zu den Schritten ihres Gemahls, wenn nicht— etwa dieſer Schmuck, den ich unter der Aſche des Feuers glitzern ſah, zu einem ſolchen Ziele führen kann. Es iſt, glaub' ich, der Ringkragen eines Soldaten.“ „Das iſt's, in der That, und es möchte ſcheinen, der Eigen⸗ thümer ſey in Gefahr geweſen, wenigſtens nach dieſem Loche in der Mitte zu ſchließen, das von einer Kugel herrührt. Beim Himmel!— es iſt der von M'Fuſe!— Hier iſt das Achtzehnte ein⸗ gravirt und ich kenne dieſe kleinen Zeichen, die der arme Burſche bei jeder Schlacht darauf zu machen gewohnt war; denn nie unter⸗ ließ er, dieß Stück zu tragen. Die letzte war die traurigſte Marke von allen!“ „Wie aber konnte dieß in Major Lincoln's Zimmer kommen? Kann etwa—“ „Wie? freilich!“ unterbrach ſte Polwarth, indem er ſich in ſeiner Bewegung erhob und ſo gut ſeine Verſtümmelung dieß er⸗ laubte, im Zimmer auf und ab zu ſchreiten begann—„Armer Dennis! daß ich zuletzt noch eine ſolche Reliquie von deinem Ende finden ſollte! Sie kannten Dennis nicht, wie ich glaube. Er war ein Mann, ſchöne Agnes, in Allem von der Natur zum Soldaten beſtimmt. Ihm war die Geſtalt eines Herkules, das Herz eines Löwen und der Magen eines Straußes verliehen! Aber dennoch konnte er dieſes grauſame Blei nicht bemeiſtern. Er iſt todt! der Arme! er iſt todt!“ „Finden Sie noch keinen Anhaltspunkt an dem Ringkragen, der uns auf die Spur des Lebenden führen könnte?“ fragte Agnes. „Ha!“ rief Polwarth auffahrend,—„ich glaube, ich fange an, das Geheimniß zu durchſchauen! Der Schurke, der den Mann erſchlagen konnte, mit dem er gegeſſen und getrunken hatte, konnte leicht auch den Todten berauben! Sie fanden den Ringkragen nahe 378 bei dem Feuer von Major Lincoln's Zimmer? Sagten Sie nicht ſo, ſchöne Agnes?“ „In der Aſche, als wäre er hineingeworfen worden, um ihn zu verſtecken— oder könnte er auch bei einer plötzlichen Bewegung hineingefallen ſeyn?“ „Ich hab's— ich hab's!“ antwortete Polwarth, indem er die Hände zuſammenſchlug und durch die Zähne murmelte,—„es war der Hund, der ihn ermordete, und nun ſoll die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen— Narr oder nicht Narr, er ſoll gehängt werden, wie geklopftes Rindfleiſch, um unter den Winden des Himmels zu trocknen!“ „Von wem ſprechen Sie mit ſo drohender Miene, Polwarth?“ fragte Agnes mit beſänftigendem Tone, denn, wie Alle ihres Geſchlechts, kannte ſie nicht nur die Macht einer ſolchen Stimme, ſondern wußte auch recht wohl die Gelegenheit zu finden, um ſie anzuwenden. „Von einem heulenden, heuchleriſchen Böſewicht, mit Namen Job Pray— einem Burſchen, der nicht mehr Gewiſſen als Hirn und nicht mehr Hirn als Ehrlichkeit beſitzt. Ein wunderbarer Schurke, der heute an Ihrer Tafel ſpeist und morgen das Meſſer, das ihn in ſeinem Hunger verſorgte, Ihnen ſelbſt an die Kehle ſetzt! Ein ſolcher Hund war es, der den Ruhm von Erin ſchlachten mußte!“ „So muß es denn in offener Schlacht geweſen ſeyn,“ ſagte Agnes;„denn fehlt Job auch Vernunft, ſo iſt er doch in der Kennt⸗ niß des Guten und Böſen auferzogen. Das Kind muß wahrlich arg vom Zorne Gottes heimgeſucht ſeyn, für das eine Boſtoner Mutter nicht einen Verſuch gemacht hätte, ihm ſeinen Theil an dem großen Sühnopfer zu ſichern!“ „So iſt er eine Ausnahme; denn ſicher wird kein Chriſt ſich in dem einen Augenblick mit uns zu dem großen natürlichen Ge⸗ ſchäft des Eſſens niederſetzen und dann im nächſten ſeine Krallen gegen die Genoſſen kehren.“ icht ſo, im ihn vegung dem er —„es htigkeit ehängt mmels arth?“ hlechts, wußte en. Namen Hirn rbarer Meſſer, Kehle lachten ſagte Kennt⸗ ahrlich ſſtoner n dem ſt ſich n Ge⸗ erallen „Aber was hat all Das mit dem abweſenden Bräutigam zu ſchaffen?“ „Es beweiſt, daß Job Pray in ſeinem Zimmer war, ſeit das Feuer wieder angemacht wurde, ſonſt würde Jemand anders, als Sie den Ringkragen gefunden haben.“ „Es beweiſt allerdings eine ſonderbare Verbindung zwiſchen Major Lincoln und dem Simpel,“ erwiederte Agnes nachdenklich;„aber noch wirft es kein Licht auf das Verſchwinden des Erſteren. Ein alter Mann war's, deſſen meine Couſine in ihren unzuſammen⸗ hängenden Reden gedachte.“ „Mein Leben drauf, ſchöne Agnes— wenn Major Lincoln heute Nacht das Haus auf geheimnißvolle Weiſe verließ, ſo geſchah es gewiß unter der Leitung dieſes Elenden!— Ich weiß, daß Beide ſchon früher mehr als einmal ſich zuſammen berathen haben.“ „Wahrlich, wenn er ſchwach genug iſt, eine Frau wie meine Couſine auf Antrieb eines Narren zu verlaſſen, dann iſt er jedes weiteren Gedankens unwürdig.“ Agnes erröthete, während ſie alſo ſprach und gab dem Ge⸗ ſpräch eine Wendung, welche deutlich zeigte, wie tief ſie die Cäci⸗ lien widerfahrene Geringſchätzung empfand. Die eigenthümliche Lage der Stadt und die Abweſenheit aller männlichen Anverwandten ließen Miß Danforth bald auf das wie⸗ derholte Anerbieten des Kapitäns mit Aufmerkſamkeit horchen und bewogen ſie endlich, ſeine Dieuſte anzunehmen. Ihre Unterredung war lang und vertraulich und Polwarth zog ſich nicht eher zurück, als bis ſeine Schritte von dem düſteren Licht des herannahenden Tags beleuchtet wurden. Als er das Haus verließ, um⸗ in ſeine eigene Wohnung zurückzukehren, war noch keine Nachricht von Lionel ein⸗ getroffen, deſſen vorſätzliche Abweſenheit nun ſo gewiß war, daß der Kapitän ſoſort ſeine Befehle für das Leichenbegängniß der Verſtorbenen ohne weiteren Aufſchub ertheilte. Er hatte mit Agnes jede beſondere Vorkehrung ſo vollſtändig berathen, daß er nicht 380 mehr im Zweifel war, wie er ſelbſt ſich zu benehmen habe. Sie hatten Beide darin übereingeſtimmt, daß der Belagerungszuſtand ſowohl, als gewiſſe Anzeichen von Bewegungen, welche ſchon jetzt bei der Garniſon bemerkt wurden, es unthunlich machten, das Leichenbegängniß noch einen Augenblick länger, als durch die unver⸗ meidlichen Vorbereitungen geboten war, hinauszuſchieben. Demzufolge ließ man die Gruft der Lechmere auf dem Kirch⸗ hofe der Königs⸗Kapelle öffnen und der eitle Putz, worein die Todten gewöhnlich eingehüllt werden, wurde beſorgt. Der nämliche Prieſter, der kaum noch den ehlichen Segen über das Kind geſprochen, ſollte nun auch das letzte traurige Amt der Kirche bei der Mutter vollziehen, und die Einladungen an die wenigen Freunde der Familie, welche an dem Platze geblieben waren, ergingen pflichtgemäß und in gehöriger Form. Zu der Zeit, als die Sonne hinter das Amphitheater von Hügeln hinabgeſunken war, auf deren Kamme da und dort die Werke der unermüdlichen Belagerer der Stadt geſehen wurden, waren auch die kurzen Vorbereitungen zur Beiſetzung getroffen. Ralph's pro⸗ phetiſche Worte waren nun erfüllt, und gemäß der Sitte der Provinz ſtanden die Thore eines ihrer ſtolzeſten Gebäude offen für Alle, die darin aus⸗ und eingehen mochten, ohne Unterſchied. Das Leichengefolge, obwohl anſehnlich, war weit entfernt, jene lange Reihe feierlicher Geſichter zu entfalten, welche Boſton im Frieden und in ſeinem vollen Glanze bei jeder ähnlichen Gelegenheit aufzuweiſen nicht ermangelt haben würde. Wenige von den Aelteſten und Geachtet⸗ ſten unter den Einwohnern, welche durch Abſtammung oder Heirath mit der Verſtorbenen entfernt verwandt waren, gaben ihr das Geleite; dagegen war der kalte und ſelbſtſüchtige Charakter der Mrs. Lech⸗ mere zu gut bekannt, als daß man die Armen und Hülfloſen in wehklagenden Gruppen bei der Leichenfeierlichkeit verſammelt geſehen hätte. Der Zug des Leichnams von ſeiner letzten Wohnung nach dem Grabe war ruhig, anſtändig und eindrucksvoll, aber durchaus Sie uſtand n jetzt 3 das unver⸗ Kirch⸗ vorein Der er das Kirche enigen ingen ügeln ke der auch pro⸗ e der n für Das lange n und veiſen chtet⸗ hmit leite; Lech⸗ en in ſehen nach haus 381 ohne irgend ein Zeichen der Trauer. Cäcilie begrub ſich ſelbſt und ihren Kummer in der Einſamkeit ihres eigenen Gemachs, und alle übrigen unter den entfernteren Verwandten, welche ſich verſammelt hatten, männliche wie weibliche, ſchienen es keineswegs ſchwer zu ſinden, ihre Gefühle in die Schranken des kälteſten Anſtands zurückzudrängen. Dr. Liturgy empfing den Leichnam, wie gewöhnlich, auf der Schwelle des geweihten Hauſes und ganz dieſelben feierlichen und rührenden Worte ertönten über dem Sarge der Todten, wie wenn ſie, von den heiterſten Bildern eines feſten Glaubens geſtärkt, dahin⸗ geſchieden wäre. Mit dem Vorſchreiten des Gottesdienſtes ſtellten ſich die Bürger gruppenweiſe in tiefer Aufmerkſamkeit um den Sarg; Alle mußten ſich über das ungewohnte Zittern und die Feierlichkeit wundern, die ihnen in der Stimme des Prieſters auffiel. Unter dieſe kleine Verſammlung von Einwohnern der Kolonie hatten ſich wenige Männer in Militärkleidung gemiſcht, welche die Familie der Verewigten in ruhigeren Zeiten gekannt hatten und nun nicht vergaßen, dem Andenken eines ihrer Todten die letzte Ehre zu erweiſen. Als die kurze Trauerhandlung geendigt war, wurde der Leichnam von der Begleitung auf die Schultern gehoben und an ſeine Ruhe⸗ ſtätte auf den Kirchhof getragen. Bei einem ſolchen Leichenbe⸗ gängniſſe, wo Wenige trauerten und Niemand weinte, verſuchte man auch nicht, einen unnöthigen Aufenthalt mit Beiſetzung der traurigen Ueberreſte der Sterblichkeit zu machen. In wenigen Minuten war das enge Behältniß, das die verweſenden Ueberreſte einer Frau beherbergte, welche noch kurz vorher einen ſolchen Sturm menſchlicher Leidenſchaft in ſich empfunden hatte, von dem Lichte des Tages ausgeſchloſſen und der Leichnam blieb nun an der Seite Derer, welche vor ihr in die Finſterniß des Grabs hinabgeſtiegen waren, der Verweſung überlaſſen. Von allen Denen, welche Zeugen bei dem Verſenken des Sarges waren, fühlte vielleicht Polwarth allein 382 vermöge jener ſympathetiſchen Kette, welche ihn mit Agneſen's Stim⸗ mung verknüpfte, einige Rührung, die mit der Scene überhaupt im Ein⸗ klang ſtand. Die Leichenfeier der Todten war, wie ihr Charakter im Leben geweſen, kalt, förmlich und gekünſtelt. Der Küſter hatte kaum mit ſeinen Gehülfen den Stein, der den Eingang zur Gruft bedeckte, wieder zurecht gelegt, als ein Haufe älterer Männer, welche ſich zumal von dem Orte entfernten, das Beiſpiel zum Aufbruch gab. Während ſie über die Gräber und über den gefrorenen Boden des Kirchhoſs hinſchritten, unterhielten ſie ſich gleichgültig von dem Vermögen und dem Alter der Frau, von der ſie nun für immer Abſchied genommen hatten. Der Fluch der Selbſtſucht ſchien ſelbſt die Warnung heimzuſuchen, die ein ſo plötzliches Ende Solchen hätte gewähren können, welche vergaßen, daß ſie ſelbſt am Rande des Grabes wankten. Sie ſprachen von der Verſtorbenen als einer Perſon, welche die milden Gefühle unſerer Natur zu wecken unterlaſſen habe; Einige ſtellten auch Muthmaßungen darüber an, wie ſie wohl über ihr zeitliches Vermögen verfügt haben möchte, doch dachte Keiner daran, ſie deswegen zu bedauern, daß ſie es nicht ſelbſt habe länger genießen können. Von dieſem Thema kamen ſie bald auf ſich ſelbſt zu ſprechen und die ganze Geſellſchaft verließ den Kirchhof, indem Einer den Andern über die Verwüſtungen der Zeit verſpottete, und Jeder bemüht war, den elaſtiſchen Schritt der Jugend anzunehmen, nicht allein um vor ſeinen Gefährten die Verheerungen des Alters zu verbergen, ſondern ſogar mit dem eitlen Wunſche, den Kunſtgriff bis zur eigenen Selbſttäuſchung auszudehnen. Als ſich die Aelteſten der Geſellſchaft entfernten, zögerten die Uebrigen nicht, ihnen zu folgen und in wenigen Minuten fand Polwarth von allen Denen, welche den Leichnam geleitet hatten, nur noch ſich ſelbſt mit zwei andern Perſonen vor dem Grabe verſammelt. Der Kapitän, der keine geringe Zeit und Mühe auf⸗ gewendet hatte, um den Anſtand, wie er dem nahen Freund der Familie der Verſtorbenen geziemte, zu wahren, blieb noch eine tim⸗ Ein⸗ im jatte zruft elche ruch enen iltig fůr hien chen ande iner ſſen vohl iner nger elbſt dem und nen, ters griff die and ten, dabe auf⸗ der eine 383 Minute ſtehen, um auch dieſe Zaudernden ſich entfernen zu laſſen, ehe er ſelbſt dem Platze des Todes den Rücken kehren wollte. Da er aber bemerkte, daß die Beiden in ſtummer Andacht ihre Poſten behaupteten, erhob er neugierig ſeine Blicke, um zu unterſuchen, wer dieſe Nachzügler ſeyn möchten. Die eine der beiden Perſonen, welche ihm zunächſt ſtand, war ein Mann, deſſen Kleidung und Miene verrieth, daß er keinen ſehr hohen Rang im Leben bekleiden mochte; die andere war eine Frau von noch niedrigerem Stande, wenn man aus dem ſchmutzigen Elend, das in ihrem Aeußern herrſchte, mit Recht einen ſolchen Schluß ziehen durfte. Etwas ermüdet von den harten Anſtren⸗ gungen des Tages und von den Pflichten des ungewöhnlichen Dienſtes, den er übernommen hatte, berührte endlich der würdige Kapitän mit angenommener Formlichkeit ſeinen Hut und ſagte: „Ich dank Euch, gute Leute, für dieſes Zeichen der Ehrfurcht vor dem Andenken meiner verewigten Freundin; da wir nun aber Alles gethan haben, was noch für ſie geleiſtet werden konnte, ſo halte ich für's Beſte, daß auch wir uns jetzt entfernen.“ Durch das freundliche und höfliche Benehmen Polwarth's augen⸗ ſcheinlich ermuthigt, trat der Mann ihm näher und wagte nach einer ſehr ehrerbietigen Verbeugung zu erwiedern: „Man ſagt mir, es ſey das Leichenbegängniß der Madame Lechmere, dem ich hier angewohnt habe?“ „Man ſagte Euch die Wahrheit, Sir,“ erwiederte der Kapitän, und fing ſachte an, den Weg nach dem Thore einzuſchlagen;„die Beerdigte iſt Priseilla Lechmere, Wittwe von Mr. John Lechmere— eine Dame von angeſehener Abkunft, und ich denke, man wird nicht läugnen können, daß ſie auch ein ehrbares Begräbniß gehabt hat!“ „Wenn es die Dame iſt, welche ich vermuthet,“ fuhr der Un⸗ bekannte fort,„ſo iſt ſie allerdings von ehrbarer Abſtammung. Ihr früherer Name war Lincoln, und ſie iſt eine Tante von dem großen Devonſhirer Baronet dieſer Familie.“ 384 .„Ei! kennt Ihr die Lincolns?“ rief Polwarth, blieb plötzlich ſtehen und wandte ſich um, den Andern ſchäͤrfer zu betrachten. Da er aber bemerkte, daß der Fremde ein Mann von rauhen und ſogar abſtoßenden Zügen war, wozu noch der ſchon erwähnte Anzug hinzukam, murmelte er:—„Ihr mögt von ihnen gehört haben, Freund; aber ich möchte bezweifeln, ob Eure Bekanntſchaft je zu ſo heilſamen Vertraulichkeiten, wie Eſſen und Trinken, empor⸗ geſtiegen ſind.“ „Oſt, Sir, kann ſich's fügen, daß zwiſchen Männern, welche in ſehr verſchiedenem Stande geboren wurden, noch viel innigere Vertraulichkeiten als die genannten eintreten,“ antwortete der Fremde mit beſonders ſarkaſtiſchem, zweideutigem Lächeln, das mehr ſagen wollte, als das Auge bemerken konnte;—„aber Alle, welche die Lincolns kennen, Sir, werden ihre Anſprüche auf Auszeichnung anerkennen. Wenn dieſe Lady eine von ihnen war, ſo hatte ſie Urſache, auf ihr Blut ſtolz zu ſeyn.“ „Ha, Ihr ſeyd, wie ich ſehe, noch nicht von dieſen revolutionären Begriffen angeſteckt, mein Freund!“ erwiederte Polwarth;„ſie war auch mit einer ſehr guten Familie in dieſer Kolonie verwandt, die ſich Danforth nennt— Ihr kennt die Danforths?“ „Ich? ganz und gar nicht, Sir.“ „Die Danforths nicht zu kennen!“ rief Polwarth und hielt noch einmal, um ſeinen Gefährten ſchärfer zu muſtern. Nach einer kurzen Pauſe jedoch nickte er mit dem Kopfe, wie zur Billigung ſeiner eigenen Schlußfolgerungen, und fuhr fort:„Nein— nein— ich habe Unrecht— ich ſehe, Ihr konntet nicht viel von den Danforths erfahren haben!“ Der Fremde ſchien völlig Willens, die kavaliermäßige Behand⸗ lung des Andern ſich gefallen zu laſſen, denn er fuhr fort, den ſchwerfälligen Schritten des verſtümmelten Kriegers mit der näm⸗ lichen ehrerbietigen Unterwürfigkeit wie zuvor zu folgen. „Ich habe keine Kenntniß von den Danforths, das iſt wahr,“ antw Famt Selb „Ihr rung wird an de Polw Wege beme bei d auf um Armt Scho bleich Glar Juge faller Weſe war. unve welch ſelbſt Maf ötzlich Da n und bähnte gehört tſchaft mpor⸗ velche nigere 2 der mehr velche dnung te ſie nären war , die hielt einer ſeiner ich orths hand⸗ den näm⸗ ahr, 44 385 antwortete er;„aber ich kann mich einiger Bekanntſchaft mit der Familie Lincoln rühmen.“ „Nun ſo wollte Gott,“ rief Polwarth in einer Art von Selbſtgeſpräch, das ihm in dem Drange ſeines Herzens entſchlüpfte— „Ihr könntet uns ſagen, was aus ihrem Erben geworden iſt!“ Nun blieb der Fremde ſeiner Seits ſtehen und rief: „Dient er nicht in der Armee des Königs gegen dieſe Empö⸗ rung?— Iſt er nicht hier?“ „Er iſt hier und iſt dort oder irgendwo; ich ſage Euch, er wird vermißt!“ „Er wird vermißt!“ wiederholte der Andere. „Vermißt!“ ſo tönte eine ſchwache weibliche Stimme dicht an des Kapitäns Seite. Dieſe ſonderbare Wiederholung ſeiner eigenen Worte weckte Polwarth aus der Zerſtreuung, worein er verfallen war. Auf ſeinem Wege von der Gruft nach der Kirchhofthüre war er, ohne es zu bemerken, dem oben erwähnten Weibe nahe gekommen, und als er bei dem Klange ihrer Stimme ſich umwandte, ſielen ſeine Augen auf ihr angſtvolles Geſicht. Schon der erſte Blick reichte hin, um dem ſcharfblickenden Kapitän zu ſagen, daß er mitten unter Armuth und Lumpen die verfallenen Ueberreſte großer weiblicher Schönheit vor ſich ſehe. Ihre klugen, ſchwarzen Augen, welche ein bleiches, eingeſunkenes Geſicht belebten, hatten noch viel von dem Glanze, wenn auch nicht von der Sanftheit und dem Frieden der Jugend an ſich. Der Umriß ihres Geſichts war nicht minder auf⸗ fallend, wenn man auch von ihr ſagen konnte, ſie gleiche einem Weſen, deſſen Lieblichkeit ſchon längſt mit ſeiner Unſchuld geſchwunden war. Aber Polwarth's Artigkeit bewährte ſich ſelbſt gegen die unverkennbaren Zeichen des Elends, wenn nicht gar der Schuld, welche ſo deutlich in ihrem Aeußeren ſich zeigten, und er achtete ſelbſt die wenigen Ueberreſte weiblicher Reize, welche unter einer ſolchen Maſſe von Unſcheinbarkeit noch ſichtbar waren, viel zu ſehr, um Lionel Lincoln. 2. Aufl. 25 386 ſie mit unfreundlichem Auge zu betrachten. Offenbar ermuthigt durch den gütigen Blick des Kapitäns, nahm ſich das Weib den Muth, hinzuzufügen: „Hörte ich recht, Sir?— ſagten Sie nicht, Major Lincoln werde vermißt?“ „Ich bedaure, gute Frau,“ antwortete der Kapitän, während er ſich auf den eiſenbeſchlagenen Stock lehnte, womit er ſeine Schritte auf den eiſigen Straßen von Boſton zu ſtützen pflegte,— „daß dieſe Belagerung ſich für Euch ſo ungewöhnlich ſtreng erwieſen hat. Wenn ich mich in einer Sache nicht täuſche, worin ich viel zu verſtehen glaube, ſo wird hier die Natur nicht unterſtützt, wie ſie unterſtützt werden ſollte. Ihr möchtet um Eſſen bitten, und Gott verhüte, daß ich einem Mitgeſchöpf einen Biſſen von dem ver⸗ weigern ſollte, was ſowohl den Keim als die Früchte des Lebens ausmacht. Hier iſt Geld.“ Die Muskeln der Frau arbeiteten und einen Augenblick lang warf ſie ihren Blick nachdenklich auf das Silber; doch bald darauf ſtieg eine leichte Röthe in ihre Züge und ſie antwortete: „Welches auch immer meine Bedürfniſſe und meine Leiden ſeyn mögen, ich danke meinem Gott, daß er mich noch nicht dem Bettler auf der Straße gleich gemacht hat. Ehe dieſes Uebel über mich kommen wird, werde ich wohl einen Platz unter dieſen gefrorenen Hügeln finden, auf denen wir ſtehen. Aber ich bitte nochmals um Ver⸗ zeihung, Sir; ich glaube, ich hörte Sie von Major Lincoln ſprechen.“ „Das that ich auch— und was mit ihm ſey, wollt Ihr wiſſen? Ich ſagte, er werde vermißt, und das iſt wahr, wenn man nämlich einen Solchen vermißt nennt, den man nicht finden kann.“ „Und nahm Madame Lechmere noch Abſchied von ihm, ehe er vermißt wurde?“ fragte das Weib und trat einen Schritt näher zu Polwarth, mit großer Angſt die Antwort erwartend. „Glaubt Ihr, gute Frau, ein Herr von Major Lincoln's Verſtand werde nach dem Tod ſeiner Verwandten verſchwinden und trage Gott ſenen der mon beme wend ganz Geiſ als gele ſeine ſpra phir um nich Gef deck vier Kri der thigt den neoln hrend ſeine e,— dieſen viel wie und ver⸗ ebens lang arauf ſeyn hettler mich renen Ver⸗ hen.“ t Ihr man ann.“ he er näher coln's pinden 387 und einem vergleichungsweiſe Fremden das Amt des Hauptleid⸗ tragenden überlaſſen?“ „Der Herr vergebe uns Allen unſere Sünden und unſere Gottloſigkeit,“ murmelte das Weib, indem ſie die Fetzen ihres zeriſ⸗ ſenen Mantels um ihre zitternde Geſtalt ſchlug und ſchweigend nach der Tiefe des Kirchhoſs hinabeilte. Polwarth ſah ihrem uncere⸗ moniöſen Weggehen einen Augenblick mit Erſtaunen nach und bemerkte dann, gegen ſeinen zurückgebliebenen Gefährten ſich wendend: „Dieſe Frau iſt blos aus Mangel geſunder Nahrung nicht ganz richtig im Kopfe. Es iſt faſt ebenſo unmöglich, ſich ſeine Geiſteskraͤfte zu erhalten und den Magen dabei zu vernachläſſigen, als man erwarten kann, ein Tagdieb von einem Jungen könne einen gelehrten Mann abgeben.“ Als der Kapitän einmal ſo weit in ſeiner Rede war, ſchien er gänzlich vergeſſen zu haben, zu wem er ſprach, und unaufhaltſam fuhr er in ſeinem gewöhnlichen, philoſo⸗ phirenden Anlaufe alſo fort:„Man ſchickt Kinder in die Schule, um alle nützlichen Erfindungen zu lernen; nur das Eſſen wird nicht gelehrt, und doch iſt das Eſſen— das heißt, das Eſſen mit Geſchmack— gerade ſo gut eine Erfindung wie jede andere Ent⸗ deckung. Jeder Mundvoll, den ein Menſch zu ſich nimmt, hat vier wichtige Verrichtungen durchzumachen, von welchen jede eine Kriſis in der menſchlichen Konſtitution genannt werden kann.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen über dieß Grab zu helfen,“ ſagte der Andere, indem er ihm dienſtfertig ſeinen Beiſtand anbot. „Ich danke Ihnen, Sir, ich danke Ihnen— das iſt ein trauriger Kommentar zu meinen Worten,“ antwortete der Kapitän mit melancholiſchem Lächeln.„Es war eine Zeit, wo ich in dem leichten Korps diente, aber Leute von ſo ungleichen Verhältniſſen ſind faſt zu nichts mehr als für die Garniſon zu brauchen!— Was ich ſagen wollte, da iſt zuerſt die Auswahl, dann das Kauen, drittens das Verſchlucken und zuletzt die Verdauung.“ 388 „Vollkommen wahr, Sir,“ ſagte der Fremde, etwas abgebrochen; ſtrenge Diät und leichte Speiſe taugen am Beſten für's Gehirn.“ „Strenge Diät und leichte Speiſe ſind zu nichts gut, Sir, als dazu, Zwerge und Simpel aufzuziehen!“ erwiederte der Kapitän etwas hitzig.„Ich wiederhole Ihnen, Sir—— Er wurde durch den Fremden unterbrochen, der des Kapitäns Abhandlung über den Zuſammenhang des Materiellen und Imma⸗ teriellen raſch durch die Frage abſchnitt: „Wenn der Erbe einer ſolchen Familie vermißt wird, iſt denn Niemand vorhanden, der ihn aufſuchte?“ Als ſich Polwarth ſolchergeſtalt gerade am Eingang ſeines Thema's aufgehalten ſah, ſtand er abermals ſtill und ſtarrte dem Andern einen Augenblick ohne eine Antwort gerade in's Geſicht. Sein freundlicher Charakter ſiegte übrigens über ſeinen Mißmuth und ſeinem Intereſſe an Lionel's Schickſale nachgebend, antwortete er: „Ich würde in alle Weite laufen und jeder Gefahr mich aus⸗ ſetzen, um ihm zu dienen.“ „Dann, Sir, hat der Zufall diejenigen zuſammengebracht, welche ſich derſelben Unternehmung zu widmen Willens ſind! Auch ich will mein Aeußerſtes thun, ihn zu entdecken! Ich habe gehört, er hat Freunde in dieſer Provinz! Hat er keinen Verw andten, an den wir uns um Nachricht wenden könnten?“ „Keinen näheren als ein Weib.“ „Ein Weib!“ wiederholte der Andere voll Erſtaunen:—„ſo iſt er verheirathet?“ Eine lange Pauſe folgte; der Fremde ſchien in tiefes Nachſin⸗ nen verſunken, während Polwarth einen noch viel durchdring endern Forſcherblick als früher auf ſeinen Gefährten richtete. Es ſchien, als ob das Reſultat für den Kapitän nicht ſonderlich befriedigend ausgefallen ſey, denn er ſchüttelte auf nicht ſehr zweideutige Weiſe den Kopf und fing mit erneuter Eile an, ſeinen Weg zwiſchen den Gräbern nach dem Thore hin zu verfolgen. Er war im Begriff, ſich eben in ſe und mein mehrl umſt lächt der Fuh beka irge Ent nack ihm ſein vor räe Ko⸗ ochen; ehirn.“ ir, als apitän pitäns mma⸗ t denn ſeines e dem eſicht. ßmuth te er: aus⸗ velche h ich ct, er 1, an „ſo chſin⸗ ndern hien, igend e den bern eben 389 in ſein Pung zu ſetzen, als der Fremde wieder neben ihm ſtand und ſagte: „Wenn ich ſein Weib zu finden wüßte, würde ich der Lady meine Dienſte anbieten.“ Polwarth wies nach dem Hauſe, deſſen Eigenthümerin nun⸗ mehr Cäcilie war, und antwortete etwas ſtolz, wäͤhrend er wegfuhr: „Dort wohnt ſie, guter Freund; aber Euer Eifer wird umſonſt ſeyn!“ Der Fremde empfing die Weiſung mit verſtändiger Miene und lächelte mit befriedigter Zuverſicht, indem er einen Weg einſchlug, der demjenigen gerade entgegengeſetzt war, auf welchem das leichte Fuhrwerk des Kapitäns bereits zu verſchwinden begann. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Fiſh Strek hinauf! St. Marcus Eck' hinunter: Haut, ſchlagt ſie nieder! Werft ſie in die Themſe! Welch Lärmen hör ich? Wer iſt wohl ſo kühn, Rückzug zu rufen oder Unterhandlung, Wenn ich den Tod befehle? König Heinrich IV. Unſere Leſer werden von unſerm Freunde Polwarth bei ſeinem bekannten Gleichmuthe kaum erwarten, daß er in grauſamer Abſicht irgend ein Abenteuer unternehmen konnte; und dennoch muß der Entſchluß ſo genannt werden, mit dem er den Kopf ſeines Renners nach dem Dock Square lenkte. Die Wohnung Job Pray’s war ihm lange vorher ſchon bekannt geweſen, und oft, wenn er aus ſeinem Quartier, das nahe an dem Gemeindegrund lag, nach den vornehmeren Stadtvierteln hinaufging, hatte der gutmüthige Epiku⸗ räer ſich umgewendet, um dem noch unverfälſchten Bewunderer ſeiner Kochkunſt ein Kopfnicken und ein Lächeln zuzuwerfen. In dem jetzigen Augenblicke aber, als ſein Wagen von Cornhill her auf den wohl⸗ 390 bekannten Platz herüberraſſelte, ſiel ſein Auge mit weit weniger freundſchaftlichem Ausdruck auf die niedrigen düſtern Mauern des Waarenhauſes. Seit er das Verſchwinden ſeines Freundes erfahren, hatte der Kapitän tief über die Sache nachgegrübelt; ſein ſehnlichſter Wunſch war fortwährend der, irgend einen wahrſcheinlichen Grund zu ent⸗ decken, der einen Bräutigam veranlaſſen konnte, einen ſo haſtigen und wie es ſchien, ſo wenig zu rechtfertigenden Schritt zu unterneh⸗ men, wofür er das Verlaſſen einer Braut, das noch überdieß unter ſo beſonders traurigen Umſtänden geſchehen war, anſehen mußte. Je mehr er aber nachdachte, deſto tiefer verwickelte er ſich in ein Labyrinth von Ungewißheit, bis er endlich mit Freuden die leichteſte Spur, die ſich darbot, ergriff, um dem ihn umgebenden Dunkel zu entkommen. Man hat ſchon geſehen, wie er den Wink aufnahm, welchen M'Fuſe's Ringkragen ihm gegeben hatte, und wir haben jetzt nur noch zu zeigen, mit welchem Scharffinn er denſelben benützte. Polwarth hatte ſich immer darüber gewundert, daß ein Mann wie Lionel ſich ſo viel mit einem Simpel abgeben konnte; auch war es ſeiner Beobachtung nicht entgangen, daß die Mittheilungen zwiſchen Beiden etwas geheimer Natur ſeyn mußten. Er hatte am Tage vorher die thörichte Prahlerei des Burſchen in Bezug auf M'Fuſe's Tod gehört und der durchlöcherte Schmuck in Verbin⸗ dung mit dem Orte, wo er gefunden worden, der ſo gut zu der Gewohnheit des Simpels, ſich in Winkeln nieder zu kauern, paßte— hatten ihm die Wahrheit derſelben vollends beſtätigt. Die Liebe Polwarth's für den Grenadier ſtand einzig und allein der Anhäng⸗ lichkeit an ſeinen älteren Freund nach. Der Eine war unläugbar gefallen und von dem Andern fing er an zu vermuthen, daß er unter der Mitwirkung des verwahrlosten Narren auf eine ſonderbare Art von ſeiner Pflicht verlockt worden ſeyn mußte. Eine Meinung faſſen und von ihrer Richtigkeit überzeugt ſeyn— war bei dieſem Schüler der Naturphiloſophie das gewöhnliche Reſultat einer und veniger ern des atte der Wunſch zu ent⸗ haſtigen terneh⸗ 3 unter mußte. in ein eichteſte Dunkel fnahm, haben enützte. Mann ; auch lungen tte am ig auf Berbin⸗ zu der ßte— Liebe thäng⸗ iugbar daß er erbare einung dieſem r und 391 derſelben Verſtandesoperation. Während er in der wichtigen Eigen⸗ ſchaft des Hauptleidtragenden vor dem Grabe der Mrs. Lechmere geſtanden, hatte er emſig in ſeinem Geiſte die wenigen Beweisgründe hin und her gewendet, welche er zu dieſem Schluſſe nöthig fand. Sein Ideengang konnte auf die Zierlichkeit eines Syllogismus An⸗ ſpruch machen: ſein Vorderſatz und die Deduktion daraus lauteten etwa folgendermaßen:— Job mordete M'Fuſe;— Lionel iſt irgend ein großes Unglück zugeſtoßen;—— alſo war Job der Urheber davon.— Allerdings bedurfte es, um dieſe Deduktion näher zu begrün⸗ den, eines guten Theils von Zwiſchenſätzen, auf welche der Kapitän freilich nur einen äußerſt flüchtigen Blick warf, die ſich jedoch der Leſer, wenn er überhaupt Einbildungskraft beſitzt, ſehr leicht ſelbſt ableiten wird. Es würde gar keinen übermäßigen Glauben an den Zuſammenhang zwiſchen ſehr natürlichen Wirkungen und ihren Ur⸗ ſachen erfordern, um zu zeigen, daß Polwarth nicht ganz unver⸗ nünftig zu Werke ging, wenn er ein Mitwirken des Simpels ver⸗ muthete und einen ſo tiefen und bitteren Grimm wider ihn in ſich beherbergte, wie ihn ein wahrſcheinlich ſo großes Unglück, und käme es gleich von den Händen eines Narren, in ihm erwecken mußte. Doch ſey dem wie ihm wolle, der Wagen hatte mittlerweile den ſchon erwähnten Punkt erreicht, und die raſche Bewegung, welche den für gewöhnlich ſo ruhigen Lauf ſeines Bluts beſchleunigt hatte, verbunden mit der Scene, von der er ſo eben gekommen, und den Erinnerungen, die ſeinen Geiſt überfielen— dieß Alles trug dazu bei, ſeine Vorſätze zu einem äußerſt hartnäckigen Grade von Ent⸗ ſchloſſenheit hinaufzuſteigern. Bei allen ſeinen Planen— umfaſſend Bedrängung, Geſtändniß und Strafe— war Job Pray zu Beidem, — dem Gegenſtand ſowohl als zum Opfer auserleſen. Die Schatten des Abends waren ſchon über der Stadt gela⸗ gert und die Kälte hatte lange vorher die wenigen Fleiſch⸗ und 392 Gemüſeverkäufer, die noch täglich ihr Geſchäft bei den ſchlecht⸗ beſetzten Fleiſchbänken fortſetzten, nach ihren verſchiedenen Woh⸗ nungen getrieben. Statt ihrer war nur eine magere, verarmte Perſon aus dem Lager zu ſehen, welche ſich mit ihrem halbver⸗ hungerten Kinde unter dem Schatten des Gebäudes hinſtahl, und unter den Ueberreſten des Marktes nach einem verachteten Biſſen ſuchte, um ſich ein ärmliches Nachtmahl daraus zu bereiten. Doch während der öffentliche Markt dieſes Bild der Dunkelheit und der Leere zeigte, bot der untere Theil des Platzes einen ſehr verſchie⸗ denen Anblick dar. Das Waarenhaus war von einem Haufen von Männern in Uniform umringt, deren unordentliche, raſche Bewegungen dem er⸗ fahrenen Auge des Kapitäns ſogleich verkündeten, daß ſie in einem Auftritt geſetzloſer Gewaltthat begriffen waren. Einige rannten wüthend in das Gebäude, mit Waffen in der Fauſt, wie die Straße zunächſt ſie ihnen darbot, während Andere zurückkamen und die Luft mit Flüchen und Geſchrei erfüllten. Ein fortwährendes Zu⸗ ſtrömen erhitzter Krieger aus den dunkeln Zugängen gegen den Platz hin war ringsum zu bemerken und jedes Fenſter des Gebäu⸗ des war mit aufgeregten Zuſchauern beſetzt, welche an den Wäͤnden ſich anklammerten und offenbar die innerhalb Befindlichen durch Beifall und Zujauchzen anfeuerten. Als Polwarth ſeinen Shearflint die Zügel anziehen ließ, konnte er die raſchen, halbgeendeten Reden, die von den Lärmenden herüberſchollen, deutlich vernehmen, und ehe er noch in dem Dunkel des Abends die Aufſchläge ihrer Uniformen unterſcheiden konnte, erkannte ſein Ohr den wohlvertrauten Dialekt der königlichen Ir⸗ länder. Die ganze Wahrheit enthüllte ſich jetzt vor ſeinem Blick, er beeilte ſich, ſeine korpulente Perſon, ſo gut es gehen wollte, aus dem Schlitten herauszuzwängen, und humpelte eiligſt auf die Menge zu; dabei fühlte er eine ſonderbare Miſchung von Gefühlen in ſich, die in dem einen Augenblick dem drängenden Durſt nach Rache zu unter natür wir; als d Aufr verlo Hauß in ei ſeine mit! das wah Gefe hlecht⸗ Woh⸗ armte lbver⸗ und Biſſen Doch d der ſchie⸗ n in er⸗ inem inten raße die Zu⸗ den bäu⸗ nden urch nnte nden inkel unte, Ir⸗ „ er aus enge ſich, — zu 393 unterliegen drohten und dann wieder dem zögernden Einfluſſe ſeiner natürlichen Gutmüthigkeit nachgeben zu wollen ſchienen. Doch müſſen wir zu ſeiner Entſchuldigung ſagen, daß ſelbſt noch beſſere Männer als der Kapitän unter den wilden Eindrücken, welche durch einen Aufruhr erweckt werden, ihre Menſchlichkeit ſchon aus dem Geſicht verloren haben. Waͤhrend er ſich in die weite dunkle Halle eindrängte, die den Haupttheil des Gebäudes einnahm, hatte er ſich in hohem Grade in eine finſtere, entſchloſſene Härte hineinreißen laſſen, welche zu ſeinem Verſtand und ſeinem Rang ſehr übel paßte. Er hörte ſogar mit unerklärlichem Vergnügen auf die Drohungen und Flüche, welche das Gebäude erfüllten, bis ihre wilde Art ihn fürchten ließ, daß wahrſcheinlich die eine Hälfte ſeines Zwecks— Lionel’'s Entdeckung— Gefahr laufen möchte, durch ihre Erfüllung vereitelt zu werden. Durch dieſen Gedanken auf's Neue ermuthigt, ſtieß er die Lärmer mit wunderbarer Kraft von ſich und gewann endlich glück⸗ lich einen Standpunkt, wo er ein thätigerer Mitſpieler in dem Kampfe werden konnte. Noch war es hell genug, um Job Pray in der Mitte des Waarenhauſes auf ſeinem elenden Bette in einer halb ſitzenden, halb liegenden Stellung erkennen zu können; ſein körperlicher Zuſtand ſchien die erſtere Lage zu erfordern, während ihn wohl die Furcht bewegen mochte, die letztere anzunehmen. Die großen rothen Blattern, welche ſein ausdrucksloſes Geſicht bedeckten, und ſeine entzündeten Augäpfel zeigten nur zu deutlich, daß der arme Junge, nicht genug, der Gegenſtand der Wuth einer geſetzloſen Menge ge⸗ worden zu ſeyn, auch noch den Verheerungen jener böſen Krankheit als Beute anheimgefallen war, die ſchon lange Zeit die Stadt heimgeſucht hatte. Um dieſes garſtige Weſen voll Armuth und Krankheit hatten ſich einige der kühnſten unter den Aufrührern, namentlich von den übriggebliebenen Grenadieren des Achtzehnten, verſammelt, während die weniger Aufgeregten oder Furchtſameren 394 unter ihnen in größerer Entfernung von dem verpeſteten Hauche der Krankheit ihre Rache auszulaſſen Mittel fanden. Die zerſchun⸗ dene, blutige Geſtalt des Simpels zeigte, wie viel er ſchon unter den Händen ſeiner Peiniger erduldet hatte, und als ein Glück war es noch zu betrachten, daß ſie keine ſehr gefährlichen Waffen bei ſich trugen, da die Scene ſonſt wohl viel früher ihren Ausgang gefunden hätte. Trotz der großen körperlichen Schwäche und der drängenden Gefahren, die ihn umringten, bot Job mit ſtumpfer Ergebung in die Leiden, die ſie über ihn verhängten, ſeinen Drän⸗ gern fortwährend die Spitze. Bei dem Anblick dieſes empörenden Schauſpiels begann Pol⸗ warth's Herz ſich raſch zu erweichen und er verſuchte unter dem Geſchrei von fünfzig Stimmen ſich Gehör zu verſchaffen. Aber ſeine Gegenwart blieb unbemerkt, denn ſeine Vorſtellungen waren an Unwiſſende gerichtet, welche einer wilden Rache blindlings nachhingen. „Reißt die Beſtie von ihren Lumpen herunter!“ ſchrie einer— „'s iſt ja doch kein wirklicher Menſch, ſondern ein Junges vom Teufel in der Geſtalt eines unſerer Mitgeſchöpfe!“ „Ein Kerl, wie dieſer, ſoll die Blüthe der brittiſchen Armee ermorden!“ tobte ein Anderer—„ſeine Blattern ſind nichts als eine ſchlechte Erfindung des Tropfs, um ſich ſeiner Strafe zu entziehen!“ „Könnte überhaupt ein Anderer als der Teufel eine ſolche Krankheit erfinden?“ fiel ein Dritter ein, der ſelbſt im Zorne ſeine Laune nicht ganz vergeſſen konnte.„Habt Acht, Jungens, er wird ſie der ganzen Familie auf natürlichem Wege mittheilen, um die Koſten der Einimpfung zu erſparen!“ „Bleibt mir mit Euren Narrheiten vom Leibe, Terence,“ antwortete der Erſte; wollt Ihr über den Tod ſcherzen und den ſeinen ungerächt laſſen? Werft eine Kohle in ſeinen Schmutz, Jungens, und verbrennt ihn mit ſammt ſeinen Lumpen in einem Freudenfeuer!“ Hauche rſchun⸗ unter ck war fen bei 'sgang nd der umpfer Drän⸗ 1 Pol⸗ er dem r ſeine ren an ingen. ner— 3 vom Armee ts als ffe zu ſolche ſeine 6, er zeilen, ence,“ d den hmutz, inem 395 „Eine Kohle! eine Kohle! einen Brand zum Verbrennen des Teufels!“ ſchrieen zwanzig Soldaten, indem ſie mit grimmiger Luſt den barbariſchen Rath aufnahmen. Polwarth ſuchte ſich noch einmal, wiewohl ohne Erfolg, Gehör zu verſchaffen, und nicht früher, als bis ein Dutzend Stimmen in getäuſchter Wuth gerufen, daß weder Kohle noch Feuer im ganzen Haus zu treffen ſey, legte ſich die plötzliche Aufregung ein wenig. „Aus dem Weg! Aus dem Weg mit Euch!“ heulte eine Rieſengeſtalt, deren ſchwerfällige Natur gleich einem überfüllten Vulkan ſich langſam bis zu dem letzten Augenblick eines fürchter⸗ lichen Ausbruchs emporgearbeitet hatte.—„Hier iſt Feuer, um ſogar einen Salamander zu zerſtören! Sey er nun Teufel oder Heiliger, jedenfalls hat er ſeine Gebete jetzt ſehr nöthig!“ Während er ſprach, erhob der Burſche eine Muskete und der nächſte Augenblick würde Job's Schickſal entſchieden haben, der vor der Gefahr mit inſtinktmäßiger Furcht ſich niederkrümmte, hätte nicht Polwarth das Gewehr mit ſeinem Stocke niedergeſchlagen und ſich zwiſchen Beide geſtellt. „Spart Euer Feuer, braver Grenadier!“ ſprach er, indem er klugerweiſe einen Mittelweg zwiſchen der Sprache des Befehls und jener der Ermahnung wählte.„Das nenne ich übereilt und nicht, wie's einem Soldaten ziemt, gehandelt. Ich kannte und liebte Euren früheren Anführer ſehr; laßt uns dem Burſchen erſt das Geſtändniß abnehmen, ehe wir zur Beſtrafung ſchreiten— es können Andere noch ſchuldiger ſeyn als er.“ Die Soldateu ſchauten mit Blicken voll Wuth auf den uner⸗ warteten Ankömmling, ſo daß dieſer ſchon ein böſes Zeichen für ihren Gehorſam gegen ſeinen Rath und ſeinen Stand darin zu erkennen glaubte. „Blut um Blut!“ lief es von Mund zu Mund, und die kurze Pauſe, welche auf ſein Erſcheinen folgte, wurde bereits durch noch weniger zweideutige Zeichen von Feindſeligkeit unterbrochen, als 396 Polwarth zum Glücke trotz des Zwielichtes von einem alten Gre⸗ nadier als einer von M'Fuſe'’s früheren Freunden erkannt wurde. In dem Augenblick, als der Veteran dieſe Entdeckung ſeinen Kame⸗ raden mittheilte, legte ſich der wachſende Sturm auf's Neue und der Kapitän wurde von keiner geringen perſönlichen Beſorgniß be⸗ freit, als er ſeinen Namen mit den freundlichen Zuſätzen„Sein alter Freund!“—„Ein Offizier von den leichten Truppen!“— „Der, dem die Rebellen ein Bein zerſchmetterten!“ von Aller Munde rufen hörte. mein verſtanden war, Geſchrei begrüßt: „Hurrah! dem Kapitän Pollywarreth! Sein Freund, der brave Kapitän Pollywarreth!“ Erfreut über dieſen Erfolg und heimlich geſchmeichelt durch die Lobeserhebungen, die nun mit charakteriſtiſcher Freigebigkeit über ihn ausgegoſſen wurden, benützte der Vermittler den leichten Vortheil, den er errungen hatte, und redete ſie abermals an: „Ich danke Euch für Eure gute Meinung, meine Freunde,“ fuhr er fort,„und muß bekennen, ſie iſt durchaus gegenſeitig. Ich liebe die königlichen Irländer, Einem zu lieb, den ich wohl kannte und hochſchätzte und der, wie ich fürchte, mit Verletzung jeder Kriegsregel gemordet worden iſt.“ „Hört Ihr's? Dennis gemordet!“ „Blut um Blut!“ brummten drei oder vier grimmige Stimmen. „Laßt uns bedächtig zu Werke gehen, damit wir gerecht ſeyn mögen, und gerecht, damit unſere Rache fürchterlich ſey,“ antwor⸗ tete Polwarth raſch, da er fürchtete, wenn der Strom noch einmal losbräche, möchte es ſeine Kraft überſteigen, ihm Einhalt zu thun. „Ein rechter Soldat erwartet immer erſt ſeine Ordre; und welches Regiment in der Armee kann ſich ſeiner Disciplin rühmen, wenn nicht das achtzehnte! Bildet einen Kreis um Euren Gefangenen, und hört zu, während ich die Wahrheit aus ihm erforſche. Iſt dieß u. ſ. w.— Sowie dieſe Erklärung allge⸗ wurden ſeine Ohren mit dem einmüthigen geſche Eure diſche empf wart ausg währ Gede wie zu l war werd Mir wan auf der ſehr Auf Fur die und des en Gre⸗ wurde. Kame⸗ eue und niß be⸗ „Sein 117— w.— allge⸗ ithigen d, der durch bigkeit eichten inde,“ Ich annte jeder men. ſeyn wor⸗ nmal hun. lches venn nen, dieß 397 geſchehen und der Burſche als ſchuldig befunden, dann ſoll er Eurem zärtlichſten Mitleid überantwortet werden.“ Die Schreier, welche in dem Aufſchub nur eine mehr metho⸗ diſche Ausführung ihres eigenen gewaltſamen Vorhabens ſahen, empfingen den Vorſchlag mit neuem Zuruf und der Name Pol⸗ warth's, mit aller Abwechslung in ihren barbariſchen Mundarten ausgeſprochen, drang laut durch die nackten Sparren des Gebäudes, während ſie ſich zu gehorchen anſchickten. Der Kapitän, welcher Zeit zu gewinnen wünſchte, um ſeine Gedanken ſammeln zu können, befahl ein Licht anzuzünden, um, wie er ſagte, die Gemüthsbewegung in dem Geſicht des Angeklagten zu beobachten. Da jetzt die volle, finſtere Nacht here ingebrochen war, erſchien die Forderung zu vernünftig, um verweigert zu werden und mit demſelben unbeſonnenen Eifer, den ſie vor wenigen Minuten gezeigt hatten, als ſie Job's Blut zu vergießen trachteten, wandten ſie nun ihre Aufmerkſamkeit mit gedankenloſer Unbeſtändigkeit auf die Ausführung dieſes harmloſen Plans. Schon früher, als der Plan des Verbrennens vorgeſchlagen wurde, war, freilich zu ſehr verſchiedenem Zwecke, ein Brand herbeigebracht und mit dem Aufgeben der Abſicht wieder bei Seite geworfen worden. Einige Funken davon wurden nun geſammelt und mehrere Bündel Tauwerk, die in einem Winkel des Waarenhauſes lagen, damit angezündet und ſorgfältig genährt, ſo daß ſie ein ſtarkes Licht durch jede Ritze des Gebäudes verbreiteten. Mit Hülfe dieſer bequemen Helle gelang es dem Kapitän noch einmal, die Lärmer auf eine Art aufzuſtellen, daß Job nicht etwa unbemerkt eine Verletzung beigebracht werden konnte. Das Ganze nahm nun gewiſſermaßen den Schein einer regelmäßigen Unter⸗ ſuchung an. Die Neugierde der draußen Befindlichen überwand ihre Furcht vor Anſteckung, und alle ſtrömten in das Haus, wo bald eine ſolche Stille herrſchte, daß wenige Minuten nachher kein anderer Laut mehr hörbar ward, als das ſchwere und gedrückte 398 Athmen ihres Schlachtopfers. Als jedes andere Geräuſch aufgehoͤrt hatte und Polwarth an den finſteren wilden Geſichtern, über welche die helle Gluth des brennenden Hanfes leuchtete, bemerkte, daß längerer Aufſchub gefährlich ſeyn möchte, ging er ſofort zu ſeinen Fragen über. „Du kannſt,“ ſo ſprach er,„aus der Art, wie Du umringt biſt, ſehen, Job Pray, daß das Gericht Dich endlich ereilt hat, und daß Deine einzige Hoffnung auf Gnade im Bekennen der Wahr⸗ heit beruht. So antworte denn auf die Fragen, die ich Dir vorlegen werde, und behalte die Furcht Gottes vor Augen.“ Der Kapitän ſchwieg, um dieſe Ermahnung die gewünſchte Wirkung hervorbringen zu laſſen. Aber Job, der bemerkte, daß ſeine früheren Peiniger ruhig waren und allem Anſchein nach kein unmittelbares Unheil mit ihm vorhatten, ließ ſein mattes Haupt auf die Tücher fallen und lag da, ſchweigend und mit rollenden, angſtvollen Augen die geringſte Bewegung ſeiner Feinde bewachend. Polwarth gab bald der Ungeduld ſeiner Zuhörer nach und fuhr fort: „Du biſt mit Major Lincoln bekannt?“ „Major Lincoln!“ murrten drei oder vier von den Grena⸗ dieren—„iſt er's, von dem wir etwas zu hören brauchen?“ „Einen Augenblick, meine wackeren Achtzehner; ich werde auf dieſem Umwege um ſo eher zu der vollen Wahrheit gelangen.“ „Hurrah! Kapitän Pollywarreth!“ ſchrien die Lärmer—„Er, dem die Rebellen ein Bein zerſchmetterten.“ „Dank Euch,— Dank' Euch, meine verſtändigen Freunde:— Antworte ohne Verdrehung, Burſche; Du wagſt doch nicht Deine Bekanntſchaft mit Major Lincoln abzuläugnen?“ Nach einer augenblicklichen Pauſe hörte man eine ſchwache Stimme unter den Tüchern hervormurmeln: „Job kennt alle Leute von Boſton und Major Lincoln iſt ein Boſtoner Kind.“ fggehoͤrt welche 7 daß ſeinen mringt lt hat, Wahr⸗ h Dir ünſchte „ daß h kein Haupt enden, ichend. fort: Brena⸗ de auf 1 „ Er, :— Deine wache ſt ein „Aber mit Major Lincoln hatteſt Du eine genauere Bekannt⸗ ſchaft.— Bezähmt eure Ungeduld, Leute; dieſe Fragen führen geradenwegs zu den Thatſachen, die ihr zu wiſſen wünſcht.“ Die Aufrührer, welche gänzlich unwiſſend darüber waren, welche That⸗ ſachen ſie überhaupt durch dieſe Unterſuchung erfahren ſollten, blickten einander zweifelhaft an, verfielen jedoch bald wieder in ihr früheres Stillſchweigen.„Du kennſt ihn beſſer, als jeden andern Herrn von der Armee?“ „Er verſprach Job, die Grenadiere von ihm abzuhalten, und Job willigte ein, ſeine Gänge für ihn zu thun.“ „Eine ſolche Uebereinkunft verräth größere Vertrautheit, als zwiſchen einem verſtändigen Mann und einem Narren gewoͤhnlich beſteht! Wenn Du alſo in ſo enger Verbindung mit ihm ſtehſt, ſo frag' ich, was iſt aus Deinem Bundesgenoſſen geworden?“ Der Junge gab keine Antwort. „Ich vermuthe, Du weißt den Grund, warum er ſeine Freunde verlaſſen hat,“ fuhr Polwarth fort,„und ich befehle Dir nun, daß Du ihn erkläreſt.“ „Erkläreſt!“ wiederholte der Simpel in ſeiner ausdruckloſeſten, hülfloſeſten Weiſe—„Job war nie gut in der Schule.“ „Nun denn, wenn Du halsſtarrig biſt und nicht antworten willſt, muß ich mich entfernen und dieſe braven Grenadiere ihren Willen an Dir vollziehen laſſen.“ Dieſe Drohung hatte bei Job die Wirkung, daß er ſeinen Kopf in die Höhe hob und Blick und Stellung jener inſtinktartigen Wachſamkeit wieder annahm, die er kaum zuvor aufgegeben hatte. Eine leiſe Bewegung unter der Menge folgte und die ſchrecklichen Worte:„Blut um Blut!“ ertönten wieder unter ihnen. Der hülf⸗ loſe Junge, den wir genöthigt waren, in Ermanglung eines beſſeren Ausdrucks ſchwachſinnig zu nennen, weil ſeine Geiſtesſchwäche ihn über die Gränzen geſetzlicher Verantwortlichkeit hinausſtellte, ſtarrte nun mit wilden Blicken umher, welche einen ſtets wachſenden 400 Ausdruck von Verſtand annahmen, den man der Gewalt jenes innerlichen Feuers zuſchreiben konnte, das ſeine Lebenskräͤfte ver⸗ zehrte und das den Geiſt in dem Maße zu reinigen ſchien, als es den materiellen Ueberreſt ſeines Daſeyns verzehrte. „Es iſt gegen die Geſetze der Bai, ein Mitgeſchöpf zu ſchlagen und zu peinigen,“ ſprach er mit feierlichem Ernſt in der Stimme, der ſanftere Herzen gerührt haben würde;„und was noch mehr, es iſt gegen Sein heiliges Buch! Wenn ihr nicht Brennholz aus dem Alten Nord und einen Pferdeſtall aus dem alten Süd gemacht hättet, wäret ihr vielleicht hingegangen und hättet eine Auslegung angehört, daß das Haar auf Euren gottloſen Häuptern ſich empor⸗ geſträubt hätte!“ Der Ruf: ‚Macht ſeiner Narrheit ein Ende!“—„‚Die Kroͤte treibt ihr Spiel mit uns!—»Als ob ſein hölzerner Kaſten über⸗ haupt nur eine Kirche wäre für ordentliche Chriſtenmenſchen!⸗ ward von allen Seiten gehört, und ihm folgte das oft wiederholte Drohwort ‚Blut um Blut!⸗ 6 „Zurück, Leute, zurück!“ rief Polwarth und ſchwang, um ſeine Befehle zu bekräftigen, ſeinen Spazierſtock mit höchſt nachdrucklicher Gebärde—„wartet ſein Bekenntniß ab, ehe ihr richtet.— Burſche, höre jetzt die letzte und entſcheidende Ermahnung zur Wahrheit,— Dein Leben hängt höchſt wahrſcheinlich von Deiner Antwort ab.— Man weiß, daß Du gegen die Krone unter den Waffen warſt. Ja, ich ſelbſt ſah Dich im Felde an dem Tag, als die Truppen von Lexington—— contremarſchirten und ſeither, weiß man, biſt Du bei den Rebellen geweſen, als die Armee aus⸗ zog, die Verſchanzung auf den Höhen von Charlestown zu ſtürmen.“ Bei dieſem Punkte in der Aufzählung von Job's Verbrechen ward der Kapitän plötzlich durch einen Blick auf die finſteren drohenden Geſichter rings um ihn erſchreckt und er ſchloß mit lobenswerther Geiſtesgegenwart:„An jenem glorreichen Tage, als Seiner Majeſtät Truppen Euren Provinzialpöbel wie Schafe aus einander ſprengten⸗ ſo do würd einen der pitäl von tapfe Gem män Krie ſtüm nehr wäh ſchl des den ertö Lär hin erg t jenes te ver⸗ als es chlagen timme, mehr, lz aus emacht legung mpor⸗ Kroͤte über⸗ hen!“ rholte ſeine licher zur einer unter Tag, ther, aus⸗ en.“ vard den ther ſtät ten, 401 ſo daß ſie liefen, als ob ſie durch Hunde von der Waide getrieben würden.“ Der menſchenfreundliche Scharfſinn Polwarth's wurde durch einen Ausbruch wilden Gelächters belohnt. Durch dieſen Beweis der Gewalt über ſeine Zuhörer ermuthigt, fuhr der würdige Ka⸗ pitän mit erhöhtem Vertrauen in ſeine eigene Beredſamkeit fort: „An jenem glorreichen Tage,“ ſprach er, indem er immermehr von ſeinem Gegenſtande hingeriſſen wurde—„traf manchen tapferen Gentleman das Todesloos und Hunderte von furchtloſen Gemeinen mußten ihm unterliegen. Einige fielen in offenem, männlichem Kampfe unter den Wechſelfällen einer regelmäßigen Kriegführung. Andere— he— e— m— andere wurden ver⸗ werden die Zeichen ihres Ruhms mit ſich zu Grabe ſtümmelt und„ nehmen;“ ſeine Stimme zitterte jetzt und wurde etwas undeutlich, * doch dieſe Schwäche von ſich abſchüttelnd, während er fortfuhr; ſchloß er mit einer Kraft, welche, wie er beabſichtigte, das Herz des Gefangenen erſchüttern ſollte—„und einige, Burſche— wur⸗ den ermordet!“ „Blut um Blut!“ hörte man wieder furchtbar in der Runde ertönen. Ohne weiter zu verſuchen, den ſteigenden Grimm der Lärmenden zurückzuhalten, ſetzte Polwarth ſeine Fragen fort, gänzlich hingeriſſen von der Heftigkeit ſeiner eigenen Gefühle bei dieſem ergreifenden Gegenſtand. ich eines Mannes— eines gewiſſen Dennis „Erinnerſt Du Di MFuſe?“ fragte er mit einer Donnerſtimme;„er, der verrätheriſch im Innerſten eurer Schanze erſchlagen wurde, nachdem der Tag ſchon gewonnen war? Antworte mir, Schurke; warſt Du nicht unter dem Pöbel und verübte nicht Deine eigene niederträchtige Hand die blutige That?“ Nur wenige Worte Job's wurden in leiſem, murmelndem Tone 9 lliſchen Lärmer⸗ gehört, von denen nur einzelne, wie— ‚die hö Lionel Lincoln. 2. Aufl. 26 402 und ‚das Volk wird ſie das Geſetz lehren,“ deutlich verſtanden werden konnten.. „Mordet ihn! reißt ihm die Seele aus dem Leib!“ ſchrie der Wildeſte unter den Grenadieren. „Halt!“ rief Polwarth;„nur noch einen Augenblick— ich möchte meine Seele von der Schuld entlaſten, welche ſein Andenken mir aufgebürdet hat.— Sprich, Schurke; was weißt Du von dem „Tode des Anführers dieſer braven Grenadiere?“ Job, welcher aufmerkſam auf dieſe Worte gehorcht hatte, obgleich ſeine unſtäten Augen noch fortwährend die leiſeſten Be⸗ wegungen ſeiner Feinde bewachten, wandte ſich nun mit einem Blicke thörichten Triumphs zu dem Sprecher und antwortete: „Die Achtzehner kamen den Hügel herauf, ſchreiend wie brül⸗ lende Löwen! aber unter den königlichen Irlaͤndern erſcholl an jenem Abend das Geheul des Todes, ſie trauerten um den ſtattlichſten Mann aus ihrer Mitte!“ Polwarth zitterte: während er mit einer Hand den Leuten zurückwinkte, zog er mit der andern den durchlöcherten Ringkragen aus der Taſche und hielt ihn vor die Augen des Simpels. „Kennſt Du dieß?“ fragte er;„wer ſandte die Kugel durch dieß verhängnißvolle Loch?“ Job nahm den Schmuck und betrachtete ihn einen Augenblick lang mit ausdrucksloſem Blick. Aber nach und nach erhellte ſich ſein Geſicht, ein Strahl des Verſtandes zuckte über daſſelbe und er lachte triumphirend, während er antwortete: „Wenn Job gleich ein Narr iſt, ſo kann er doch ſchießen!“ Polwarth fuhr ſchaudernd zurück, während der wilde Zorn ſeiner roheren Zuhörer nunmehr alle Schranken durchbrach. Sie erhoben einſtimmig ein wildes Geſchrei und erfüllten das Gebäude mit rohen Flüchen und NRachegebrüll. Zwanzig Mittel zur Ver⸗ nichtung ihres Gefangenen wurden mit der ihrem Volke eigenen Heftigkeit in einem Athem aufgezählt. Die meiſten derſelben wären erſtanden hrie der — ich Indenken von dem thatte, ten Be⸗ teinem te: ie brül⸗ r jenem tlichſten Leuten gkragen l durch genblick lte ſich be und zen!“ 2 Zorn Sie ebäude Ver⸗ igenen wären 403 wohl ohne Raſt und Ueberlegung zugleich angewendet worden, haͤtte nicht der Mann, der den brennenden Hanf ſchürte, einen Bündel von dieſem flammenden Stoffe emporgehoben und laut gerufen: „Bratet ihn in den feurigen Flammen! er iſt ein Ungethüm aus der Finſterniß; verbrennt ihn in ſeinen Lumpen und verſtoßt ihn von dem Angeſichte der Menſchen!“ Der barbariſche Vorſchlag wurde mit einer faſt wahnſinnigen Freude aufgenommen und im nächſten Augenblick ſchwebten ein Dutzend Hände voll von dem flammenden Tauwerk über dem unglücklichen Haupte des hülfloſen Jungen. Job machte einen ſchwachen Verſuch, das fürchterliche Schickſal, das ihn bedrohte, abzuwenden; doch der unglückliche konnte dem Drängen ſeiner Feinde nichts als ſeinen eigenen geſchwächten Arm und die verlorenen Wehklagen ſeines unmächtigen Verſtandes als Schutzwehr entgegen ſtellen. Schon war er in eine Wolke ſchwarzen Rauches eingehüllt, aus der bereits gezackte Flammen emporzulodern begannen, als ein Weib unter den Haufen ſtürzte, und die lodernden Brände auf beiden Seiten mit einer übernatürlichen Kraft von ſich ſtoßend, durch die wilde Maſſe zu dem Unglüͤcklichen hindurchdrang. Als ſie das Bett erreicht hatte, zog ſie den rauchenden Bündel mit ihren Händen hinweg, welche der Hitze nicht zu achten ſchienen, und ſtellte ſich ſelbſt gleich einer wüthenden Löwin, die ſich zum Kampf für ihre Jungen anſchickt, vor das dem Verderben geweihte Schlachtopfer. In dieſer Stellung blieb ſie einen Augenblick und blickte auf die Wüthenden mit einer Leidenſchaft, welche ihr die Bruſt zu heftig zuſammenpreßte, als daß ſie dieſelbe hätte äußern können; endlich jedoch hatte ſie die Sprache wieder gefunden und ließ nun mit der ganzen Furchtloſigkeit einer Mutter die Bewegung ihres Inneren austoben. „Ihr Ungeheuer in Menſchengeſtalt! was wollt ihr hier?“ rief ſie mit einer Stimme, welche den Lärm übertönte und jeden Mund ſtill ſtehen hieß.„Habt ihr kein Herz in euren Leibern? 404 tragt die Geſtalt nur und nicht auch die Eingeweide eines goͤttlichen Geſchöpfs? Wer machte euch zu Richtern und Rächern von Sünden? Iſt ein Vater unter euch, der komme her und ſehe die Angſt eines ſterbenden Kindes! Oder iſt es ein Sohn, ſo laßt ihn herantreten und auf den Kummer einer Mutter blicken! O! ihr Wilden, ſchlimmer als die Thiere der heulenden Wildniß, welche noch Er⸗ barmen für ihres Gleichen fühlen, was wollt ihr?— was wollt ihr?“ Der Ausdruck mütterlicher Unerſchrockenheit, der dieſen Aus⸗ bruch ihres Herzens bezeichnete, konnte ſeine Wirkung nicht verfehlen und mußte ſelbſt die wildeſten Leidenſchaften der Tobenden er⸗ ſchrecken, welche in ſtumpfer Verwunderung einander anſtannten, als ob ſie ungewiß wären, was ſie jetzt thun ſollten. Doch noch einmal ertöonte ſchauerlich die leiſe Drohung— ‚Blut um Blut!⸗ und unterbrach die entſtandene augenblickliche Stille. „Schurken! Memmen! Soldaten dem Namen nach, doch Teufel in der That!“ fuhr die unerſchrockene Abigail fort—„kommt ihr hieher, um Menſchenblut zu koſten? Fort— fort mit euch auf die Hügel! Dort ſtellt euch den Baileuten entgegen, welche bereit ſind, euch mit den Waffen in der Hand zu begegnen und kommt nicht hieher, das zerbrochene Rohr vollends zu zertreten! Arm, leidend und geſchlagen von einer mächtigeren Hand als die eure, wird mein Kind um der Sache ſeines Vaterlandes und des Geſetzes willen, zu eurer Schande, mit euch daſelbſt zuſammentreffen!“ Dieſer Hohn war zu bitter für die rohen Gemüther, welche er traf und der ſterbende Funke ihres Rachgefühls wurde durch den beißenden Spott auf einmal zu neuen Flammen angefacht. Die Lärmer geriethen abermals in Bewegung und der wüthende Ruf ‚Verbrennt die Hexe und den Kobold zuſammen! erhob ſich unter der Menge, als ein Mann von kräftiger muskulöͤſer Geſtalt in die Mitte des Haufens vordrang, und einem weiblichen Weſen Platz machte, deſſen Gang und Anzug, obgleich ihre Geſtalt in einen Mantel eingehüllt war, dennoch eine Perſon von weit höher ſeyn ſcheit Beſu ſo ti noch ſchur könn ttlichen ünden? t eines ntreten Vilden, ch Er⸗ ihr?“ Aus⸗ rfehlen en er⸗ unten, ) noch Blut!« Teufel nt ihr uf die ſind, nicht eidend mein illen, velche den jende ſich eſtalt Zeſen t in weit 405 höherem Rang, als die gewöhnlichen Gäſte des Waarenhauſes zu ſeyn pflegten, in ihr anzukündigen ſchien. Dieſe unerwartete Er⸗ ſcheinung und die leichte, obwohl edle Haltung des unvorhergeſehenen Beſuchs ſtillte den entſtandenen Aufruhr, welchem unmittelbar eine ſo tiefe Stille folgte, daß man unter derſelben Menge, unter welcher noch kaum zuvor raſendes Getümmel und barbariſche Verwün⸗ ſchungen wiederhallt hatten, das leiſeſte Wispern hätte vernehmen können. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ja, Sir, Ihr ſollt mich vernünftig finden; und wenn das iſt, ſo werd' ich thun, was die Vernunft ſagt. Slender. Während des Ausgangs der vorigen Scene befand ſich Pol⸗ warth in einem ſo wirren Zuſtande, daß er zu jeder Thätigkeit unfähig war und die böſen Abſichten der Soldateska weder verhin⸗ dern noch unterſtützen konnte. Seine Klugheit ſowie ſeine beſſeren Gefühle waren freilich auf Seiten der Menſchlichkeit, doch die eitle Prahlerei des Simpels hatte auf's Neue auch ſeinen natürlichen Durſt nach Rache aufgeregt. Er erkannte auf den erſten Blick in den bleichen aber ſprechenden Zügen von Job's Mutter jene verwelkten Ueberreſte von Schönheit, welche er noch vor Kurzem an dem ſchmutzi⸗ gen Weibe, das er an Mrs. Lechmere's Grabe hatte zogern ſehen, entdeckt zu haben glaubte. Während ſie ſich mit aller Furchtloſig⸗ keit einer Mutter, welche ihr Kind zu vertheidigen kommt, auf die Soldaten ſtürzte, verlieh der Glanz ihrer Augen, erhöht noch durch die ſtarke Helle, die von den zerſtreuten Feuerballen herrührte, und der tiefe Ausdruck mütterlichen Entſetzens, der in jedem Zuge ihres Geſichts ſich ausſprach, ihrer ganzen Erſcheinung eine Würde und eine Hoheit, welche ſehr viel dazu beitrug, die ungewöhnlichen und gefährlichen Leidenſchaften, von denen er ſich getrieben fühlte, 406 zu dämpfen und niederzuhalten. Er war ſogar ſchon auf dem Punkt, ihren Hülferuf durch ſein Anſehen und ſeinen Rath zu un⸗ terſtützen, als die zweite obenerwähnte Unterbrechung erfolgte. Eine ſo fremdartige Erſcheinung brachte an ſolchem Orte und zu ſolcher Zeit nicht nur bei dem Kapitän, ſondern auch bei dem gemeinen Haufen, der ihn umringte, eine faſt zauberhafte Wirkung hervor und er blieb von nun an ein ſchweigender, aufmerkſamer Zuſchauer. Das erſte Gefühl der Dame, als ſie ſich unerwartet mitten in einem ſo verwirrten Gedränge fand, war unzweideutig das der Unruhe; doch im nächſten Augenblick ihrer weiblichen Aengſtlichkeit vergeſſend und, wie es ſchien, durch edle, lobenswerthe Abſich⸗ ten emporgerichtet, ſammelte ſie die ganze Kraft ihres Geiſtes und zeigte, indem ſie die ſeidenen Falten ihres Hutes zurückſchob, das bleiche aber liebliche Antlitz Cärilien's vor den Augen der ver⸗ wunderten Zuſchauer. Nach einem Augenblick tiefer Stille fing ſie alſo an: „Ich weiß nicht, warum ich dieſe Menge wilder Geſichter um das Krankenbett dieſes unglücklichen jungen Menſchen verſam⸗ melt finde; wenn es jedoch in böſer Abſicht geſchieht, ſo befehle ich euch zurückzuweichen, ſo wahr ihr die Ehre eures edlen Stan⸗ des liebt, oder die Gewalt eurer Führer fürchtet. Ich ſelbſt rühme mich, eines Soldaten Weib zu ſeyn und verſpreche euch im Namen eines eurer Offiziere, der Howe ſehr nahe ſteht, Verzei⸗ hung für das, was geſchehen iſt oder auch Strafe für eure Ge⸗ waltthat— ganz in dem Maaße, wie ihr euch jetzt benehmen werdet.“ Die rohen Zuhörer ſtarrten einander in unentſchloſſenem Zögern an und ſchienen in ihrem Vorſatze allbereits zu wanken, als der alte Grenadier, deſſen Wildheit Job beinahe das Leben gekoſtet hätte, in mürriſchem Tone das Wort nahm: „Wenn Sie eines Offiziers Gattin ſind, Madame, ſo müſſen Sie wiſſen, wie Sie für die Freunde Deſſen, der todt und von uns getrennt iſt, fühlen ſollen. Ich überlaſſe es Euer Gnaden eignen und ne wenn auf d daß deſſel „denn an d mitg ſetzli bieti und ſchit Kar aus f dem zu un⸗ Eine ſolcher meinen hervor hhauer. mitten as der lichkeit Abſich⸗ es und kſchob, er ver⸗ e fing eſichter erſam⸗ befehle Stan⸗ ſelbſt ich im Verzei⸗ re Ge⸗ erdet.“ Zögern als der gekoſtet müſſen nd von Gnaden 407 eignem Verſtand, die Frage zu entſcheiden, ob das nicht Männern— und noch dazu Männern wie die Achtzehner, zu viel zugemuthet heißt, wenn man verlangt, daß ſie ruhig zuhören ſollen, wie ein Narr auf den Landſtraßen und in den Gaſſen der Stadt ſich rühmt, daß er einen Mann, wie Kapitän M'Fuſe von den Grenadieren deſſelben Regiments war, mit eigener Hand getödtet habe!“ „Ich glaube, ich verſtehe Euch, Freund,“ erwiederte Cäeilie, „denn ich habe flüſtern hören, daß der Junge, wie man glaubt, an dem blutigen Tage, auf den Ihr anſpielt, bei den Amerikanern mitgeholfen habe; aber wenn das Tödten in der Schlacht nicht ge⸗ ſetzlich iſt,— was ſeyd dann ihr, deren ganzes Gewerbe der Krieg iſt?“ Sie wurde durch ein halbes Dutzend eifriger, obwohl ehrer⸗ bietiger Stimmen unterbrochen, welche in der unzuſammenhängenden und heftigen Weiſe ihres Landes murmelten—„das iſt ein großer Unter⸗ ſchied, Mylady!“—„Ein rechter Kampf iſt nicht ein ſchlechter Kampf und ſchlechter Kampf iſt Mord!“ neben vielen andern halb⸗ ausgeſprochenen und gleich verſtändlichen Vorſtellungen. Als dieſer Ausbruch vorüber war, übernahm derſelbe Grenadier, der zuvor geſprochen, die nähere Erkläͤrung der Sache. „Wenn Euer Gnaden auch nie wieder ein Wort ſprächen, dießmal haben Sie die Wahrheit geſprochen, obgleich es nicht ganz genau die volle Wahrheit iſt. Wenn Einer in offener Schlacht getödtet wird, ſo iſt das Gottes Wille und kein ächter Irländer wird es beſtreiten; aber hinter einem Leichname lauern und ſeinem Mitge⸗ ſchöpf gerade in's Geſicht zielen— das iſts, worüber wir uns bei dieſem blutdürſtigen Schurken beklagen. Und überdieß, war der Tag nicht gewonnen? und ſein Tod ſogar konnte ihnen nicht mehr den Sieg verſchaffen.“ „Ich verſtehe mich nicht auf alle dieſe feinen Unterſcheidungen in Eurem ſchrecklichen Berufe, mein Freund,“ antwortete Cäcilie; „doch habe ich gehört, daß noch Viele gefallen ſind, nachdem die Truppen ſchon die Werke erſtiegen hatten.“ 408 „So iſt's auch; gewiß Euer Gnaden weiß das Alles! und um ſo mehr iſt's nöthig, daß einige wegen dieſer Mordthaten be⸗ ſtraft werden! Bei Leuten, welche noch fortfechten, nachdem ſie ſchon ganz geſchlagen ſind, iſt's freilich ſchwer zu ſagen, wann wir den Tag gewonnen haben.“ „Daß Andere unter ähnlichen Umſtänden zu leiden hatten,“ fuhr Cäcilie mit bebender Lippe und einem Zittern in ihren Augen⸗ liedern fort—„weiß ich ſelbſt nur zu gut; aber ich hatte es nie für mehr als das gewöhnliche Schickſal des Krieges gehalten. Aber ſelbſt wenn dieſer Jüngling gefehlt hat— ſchaut ihn an!— iſt er ein Gegenſtand für die Rache von Männern, welche ſtolz darauf ſind, ihre Feinde nur unter gleichen Verhältniſſen anzugreifen? Er ward ſchon lange von einem Schlage aus einer mächtigeren Hand, denn die eure, heimgeſucht und jetzt gerade leidet er, noch zu allem andern Unglück hin, an der gefährlichen Krankheit, die in ihrer Heftigkeit ſelten Diejenigen ſchont, welche ſie ergreift. Ja ihr ſelbſt ſetzt euch in eurer blinden Wuth der Anſteckung aus und könnt, während ihr nur an Rache denkt, ihr ſelbſt wohl noch als Opfer fallen!“ Die Menge wich unmerklich zurück, während Cäcilie ſprach; ein weiter Kreis wurde um Job's Bett leer gelaſſen, und manche von denen im Hintergrund ſtahlen ſich leiſe und mit einer Haſt aus dem Hauſe, welche verrieth, wie die Furcht über ihre ſchlim⸗ meren Leidenſchaften ſo ganz die Oberhand gewonnen hatte. Cäcilie ſchwieg einen Augenblick und verfolgte dann raſch den gewonne⸗ nen Vortheil. „Geht,“ ſprach ſie;„verlaßt dieſe gefährliche Nachbarſchaft. Ich habe mit dieſem jungen Menſchen über Sachen zu reden, welche vielleicht das Leben eines Mannes betreffen, der der ganzen Armee theuer und verdientermaßen theuer iſt; ich möchte deßhalb mit ihm und ſeiner Mutter allein ſeyn. Hier iſt Geld— kehrt in eure Quartiere zurück und verſucht durch Sorgfalt und Mäßigkeit die G trotzt merkt war, beugt Blick wart terer und Jede unht war Im nete ihr und n be⸗ em ſie wann tten,“ ugen⸗ ie für Aber — iſt arauf eifen? geren noch „ die Ja J aus noch rach; anche Haſt hlim⸗ äcilie onne⸗ chaft. reden, anzen ßhalb kehrt igkeit 409 die Gefahr von euch abzuwenden, der ihr ſo muthwillig ge⸗ trotzt habt. Geht; Alles ſey vergeſſen und vergeben.“ Der widerſtrebende Grenadier nahm ihr Geld und da er be⸗ merkte, daß er bereits von den Meiſten ſeiner Kameraden verlaſſen war, machte er dem ſchönen Weſen vor ihm eine linkiſche Ver⸗ beugung und entfernte ſich, nicht ohne noch manchen wilden und finſtern Blick auf den unglücklichen Elenden zu werfen, der auf ſo uner⸗ wartete Weiſe vor ſeiner Rache geſchützt worden war. Kein wei⸗ terer Soldat war in dem Gebäude zurückgeblieben, und das lärmende und raſche Ineinanderſprechen des ſich entfernenden Haufens, wo Jeder mit Heftigkeit ſeine eigenen Thaten erzählte, wurde bald unhörbar und verlor ſich in der Entfernung. Nun wandte ſich Cäcilie zu Denen, welche zurückblieben und warf einen raſchen Blick auf jedes einzelne von der Geſellſchaft. Im Augenblick, als ſie den ſtaunenden Augen Polwarth's begeg⸗ nete, bedeckte abermals eine ſchnelle Röthe ihre bleichen Züge und ihr Antlitz war eine Zeit lang in Verwirrung zu Boden geſenkt. „Ich vermuthe, ein und dieſelbe Abſicht hat uns Beide hieher geführt, Kapitän Polwarth,“ redete ſie dieſen an, als die leichte Verwirrung vorüber war—„nämlich die Wohlfahrt unſeres ge⸗ meinſamen Freundes 2“. icht Unrecht gethan,“ antwortete er. Als „Sie haben mir ni das traurige Amt, womit Ihre ſchoͤne Couſine mich beauftragt hatte, zu Ende war, eilte ich hieher, um einer Spur zu folgen, welche, wie ich Grund zu glauben habe, uns führen wird zu—“ „Dem, was wir am meiſten zu finden wünſchen,“ fiel Cäcilie ein und warf unwillkührlich ihre Blicke auf die anderen Zuſchauer.„Doch unſere erſte Pflicht iſt Menſchlichkeit. Könnte dieſer unglückliche junge Menſch nicht auf ſein eigenes Zimmer gebracht werden, dmit man ſeine Verletzungen unterſuchen kann?“ „Es kann jetzt oder auch nach unſerer Ausforſchung geſchehen,“ antwortete der Kapitän mit kalter Gleichgültigkeit, worüber Cäcilie 410 verwundert auſblickte. Als er den ungünſtigen Eindruck bemerkte, den ſeine Indolenz hervorgebracht hatte, wandte ſich Polwarth mit vielem Gleichmuth an zwei von den neugierigen Zuſchauern, welche an dem Außenthor des Gebäudes ſtanden und rief ihnen zu:„Heda, Shearflint, Meriton,— ſchafft den Burſchen da in jenes Zimmer!“ Die wartenden Diener, welche bis jetzt verwunderte Zeugen all' dieſer Vorgänge geweſen waren, empfingen den Befehl mit großem Widerwillen. Meriton äußerte laut ſeine Unzufriedenheit und trieb ſeinen Ungehorſam bis auf's Aeußerſte, ehe er ſich dazu hergab, einen ſo ſchmutzigen, erbärmlichen Gegenſtand zu berühren. Als übrigens Cäcilie den Befehl durch ihre Wünſche bekräftigte, ward der unangenehme Dienſt verrichtet und Job auf ſein Bett in dem Thurme zurückgebracht, von wo aus er eine Stunde zuvor von den rohen Soldaten hervorgezogen worden. Sobald jede Gefahr fernerer Gewaltthat verſchwunden war, ſank Abigail auf ein Stück von dem Plunder, der in dem Zimmer umherlag, und blieb in ſtumpfer Gefühlloſigkeit daſelbſt liegen, ſelbſt während ihr Kind von ihr fortgetragen wurde. Als ſie aber bemerkte, daß ſie jetzt nur von Leuten umgeben waren, welche eher Handlungen der Barmherzigkeit als des Zorns beabſichtigten, folgte ſie langſam in das kleine Gemach und blieb eine ängſtliche Be⸗ obachterin der folgenden Ereigniſſe. Polwarth ſchien mit dem, was für Job gethan worden, zufrieden: er ſtand nun von Ferne und wartete auf Cäcilien's Wünſche. Die Letztere, welche jede Bewegung mit zarter weiblicher Sorgfalt ge⸗ leitet hatte, befahl den Dienern, ſich in das äußere Zimmer zu⸗ rückzuziehen und ihre Befehle zu erwarten. Als daher Abigail ſchweigend ihren Platz nahe an dem Bette ihres Kindes einnahm, blieben außer ihr ſelbſt und dem Kranken nur Cäeilie, der Kapitän und jener Unbekannte zurück, welcher allem Anſcheine nach die Erſtere nach dem Waarenhauſe geführt hatte. Neben den erlöſch Licht wohn der und vortr benü zu v mach ſie merkte, lwarth auern, ihnen da in Zeugen hl mit denheit h dazu ühren. ftigte, 1 Bett zuvor war, immer liegen, 2 aber e eher folgte e Be⸗ ieden: Die lt ge⸗ er zu⸗ bigail nahm, apitän h die den 411 erlöſchenden Flammen des Hanfs ſchimmerte jetzt noch das ſchwache Licht einer Kerze in dem Zimmer, wodurch das Elend ſeiner Be⸗ wohner nur noch deutlicher hervorgehoben wurde. Trotz der hohen, aber kalten Entſchloſſenheit, welche Cäͤeilie in der vorhergegangenen Scene mit den Aufrührern entwickelt hatte, und welche auch jetzt noch in dem ernſten Blick ihres Auges her⸗ vortrat, ſchien ſie doch Willens, die Düſterheit des Zimmers zu benützen, um ihre Züge ſelbſt vor dem Blicke des geſunkenen Weibes zu verbergen. Sie ſetzte ſich in einen ſchattigen Winkel des Ge⸗ machs und hüllte ſich wieder etwas tiefer in ihren Kalaſh, während ſie ſich alſo an den Simpel wandte: „Wenn ich auch nicht mit der Dich, Job Pray, zu ſtrafen oder auf irgend eine Art durch Drohun⸗ gen einzuſchüchtern, ſo iſt mein Zweck doch der, Dich über Sachen zu befragen, welche zu entſtellen und auf irgend eine Weiſe zu ver⸗ hehlen, von Dir eben ſo unrecht als grauſam wäre——“ „Sie haben wenig Urſache zu fürchten, daß etwas Anderes als Wahrheit von meinem Kinde geſprochen werden wird,“ fiel Abigail ein.„Dieſelbe Macht, welche ſeine Vernunſt zerſtörte, hat es doch gut mit ſeinem Herzen gemeint— der Knabe kennt kein Falſch— wollte Gott, man könnte daſſelbe von dem ſündigen Weibe ſagen, das ihn gebar!“ „Ich hoffe, das Zeugniß, das Ihr Eurem Sohne ertheilt, wird durch ſein Benehmen beſtätigt werden,“ antwortete Caäeilie:„mit dieſer Zuverſicht auf ſeine Redlichkeit will ich mich geradezu an ihn wenden. Damit Ihr aber ſehen mögt, daß ich mir keine unerlaubte Freiheit mit dem Jungen erlaube, will ich Euch meine Beweggründe erklären!“ Sie zauderte einen Augenblick und kehrte unwillkührlich das Geſicht weg, während ſie fortfuhr:„Ich ſollte meinen, Abigail Pray, meine Perſon müſſe Euch bekannt ſeyn?“ „Ja— ja,“ antwortete das ungeduldige Weib, welches die aͤcht frauenhafte, ſo feine Bildung der Andern als einen Vorwurf über Abſicht hieher gekommen bin, 2 412 ihr eigenes Elend zu empfinden ſchien,—„Sie ſind die glückliche und reiche Erbin Derjenigen, welche ich heute in ihr Grab legen ſah. Das Grab wird ſich Allen gleichmäßig öffnen! dem Reichen wie dem Armen, dem Glücklichen ſo gut wie dem Elenden! Ja— ja, ich kenne Sie! Sie ſind die Braut von eines reichen Mannes Sohn!“ Cäcilie ſchüttelte die ſchwarzen Locken, welche ihr in's Geſicht gefallen waren, zurück und zeigte dadurch ihr Antlitz, das vom dunkelſten Roth übergoſſen war, worauf ſie mit der Würde einer Matrone antwortete: „Wenn Ihr denn von meiner Vermählung wißt, ſo werdet Ihr auf Einmal begreifen, daß ich für Major Lincoln auch das Intere ſſe eines Weibes fühle— ich mochte ſeine ſeitherigen Schritte von Eurem Sohne erfahren.“ „Von meinem Kinde! von Job! von dem armen, verachteten Kinde des Elends und der Krankheit wollten Sie Nachrichten über Ihren Gemahl einziehen?— nein— nein, junge Dame, Sie ſpotten über uns;— er iſt nicht würdig, in die Geheimniſſe eines ſo großen und glücklichen Mannes eingeweiht zu ſeyn!“ „Und dennoch müßte ich mich völlig täuſchen, wenn er es nicht wäre! Iſt nicht einer, Namens Ralph, da geweſen, ein häufiger Be⸗ ſucher Eures Hauſes während des letzten Jahres; und hat er ſich nicht noch vor ganz wenig Stunden hier im Verſtecke gehalten?“ Abigail erſchrack bei dieſer Frage, antwortete jedoch ohne Zögern und ohne eine Ausflucht zu verſuchen: „Es iſt wahr. Wenn ich ſtrafwürdig bin, weil ich ein Weſen beherberge, das kommt, ich weiß nicht woher, und geht, ich weiß nicht wohin, einen Mann, der in den Herzen liest und weiß, was ein Menſch mit ſeinem beſchränkten Vermögen niemals wiſſen könnte, ſo muß ich mir's gefallen laſſen. Er war geſtern hier, er kann heute Nacht wieder hier ſeyn, denn er kommt und geht nach Be⸗ lieben. Eure Generale und die Armee mögen dazwiſchen treten— ich aber wage nicht, es zu verbieten!“ ückliche b legen Reichen Ja— Sohn!“ Geſicht 1is vom e einer werdet atere ſſe te von chteten n über . Sie eines nicht er Be⸗ er ſich lten?“ ohne Weſen weiß „ was önnte, kann 9 Be⸗ hen— „Wer begleitete ihn, als er Euch das letzte Mal verließ?“ fragte Cäecilie mit ſo leiſer Stimme, daß, hätte nicht ſo tiefe Stille geherrſcht, ihre Rede wohl nicht gehört worden wäre. „Mein Kind— mein ſchwaches, unverſtändiges, unglückliches Kind!“ erwiederte Abigail mit einer ſorgloſen Schnelligkeit, welche ihrem Elende den nächſten beſten Namen, gleichviel, ob er noch ſo unüberlegt und unpaſſend war, beilegen zu wollen ſchien.„Wenn es Verrath iſt, den Fußſtapfen dieſes namenloſen Weſens zu folgen, ſo hat Job viel zu verantworten!“ „Ihr mißkennt meine Abſicht— Gutes viel eher als Schlimmes wird auf Eure Antworten erfolgen, wenn ſie wahr erfunden werden.“ „Wahr!“ wiederholte das Weib, und hemmte die wiegende Bewegung ihres Körpers, während ſie ſtolz in Cäcilien's ängſtliches Geſicht emporblickte;—„doch, Sie ſind groß und mächtig und haben darum das Vorrecht, die Wunden des Unglücklichen zu öffnen!“ „Ich würde es von ganzem Herzen bereuen, wenn ich irgend Etwas geſagt hätte, das die Gefühle eines Kindes verletzen könnte,“ ſagte Cäcilie mit edler Wärme;—„ich möchte lieber Eure Freun⸗ din als Eure Bedrängerin ſeyn, wie Ihr erfahren ſollt, wenn die Gelegenheit ſich darbieten wird.“ „Nein— nein! Sie können mir nie Freundin ſeyn!“ rief ſchaudernd das Weib;„die Gattin Major Lincoln's darf nie das Intereſſe der Abigail Pray befördern!“ Der Simpel, der allem Anſchein nach in dumpfer Gleichgültig⸗ keit gegen das, was vorging, da gelegen hatte, erhob ſich nun unter ſeinen Lumpen hervor und ſagte mit dem Stolze eines Narren: „Major Lincoln's Lady iſt gekommen, Job zu beſuchen, weil Job eines Gentleman Sohn iſt!“ „Du biſt das Kind der Sünde und des Elendes!“ ſtöhnte Abigail und begrub das Geſicht in ihren Mantel,—„wollte Gott, Du hätteſt nie das Licht des Tages erblickt!“ 414 „Sage mir denn, Job, ob Major Lincoln ſelbſt, ſo gut wie ich, Dir eben dieſe Aufmerkſamkeit erwieſen hat,“ ſagte Cäcilie, ohne auf das Benehmen der Mutter zu achten;— wenn ſahſt Du ihn zum letzten Mal?“ „Vielleicht kann ich ihm dieſe Fragen verſtändlicher vorlegen,“ ſprach der Fremde mit einem bedeutungsvollen Blick auf Cäcilien, den dieſe augenblicklich zu verſtehen ſchien. Dann wandte er ſich zu Job und nachdem er prüfend einige Augenblicke lang deſſen Ge⸗ ſicht betrachtet hatte, fuhr er alſo fort:„Boſton muß ein ſchöner Ort für Paraden und Außzüge ſeyn, junger Mann; gehſt Du wohl manchmal hin, die Soldaten exerciren zu ſehen?“ „Job hält immer Schritt beim Marſchiren, antwortete der Simpel;„'s iſt ein großartiger Anblick, die Grenadiere nach dem furchtbaren Klang der Trommeln und Trompeten auftreten zu ſehen!“ „Und Ralph,“ fragte der Andere in einſchmeichelndem Tone, „marſchirt er auch in ihrer Geſellſchaft?“ „Ralph! er iſt ein großer Krieger! er lehrt das Volk die Bewegungen draußen auf den Hügeln— Job ſieht ihn dort jedes Mal, ſo oft er für den Major Lebensmittel holt.“ „Das fordert eine Erklärung,“ ſagte der Fremde. „Die leicht zu erhalten iſt,“ antwortete der aufmerkſame Pol⸗ warth.„Der Junge hat zu Zeiten während der letzten ſechs Monate gewiſſe Nahrungsartikel unter dem Schutze einer Flagge von dem Land in die Stadt gebracht.“ Der Mann ſann einen Augenblick nach, ehe er in der Sache weiter fortfuhr. „Wann warſt Du zuletzt unter den Rebellen, Job?“ fragte er endlich. „Ihr würdet beſſer thun, das Volk nicht Rebellen zu nennen,“ murmelte der Burſche finſter;„ſie können ſolche bittere Namen nicht leiden!“ ut wie 2, ohne du ihn legen,“ cilien, er ſich en Ge⸗ ſchöner wohl te der h dem ehen!“ Tone, lk die jedes e Pol⸗ ſechs Flagge Sache fragte inen,“ tamen „Ich hatte Unrecht, allerdings. Aber wann gingſt Du zum letzten Male aus, um jene Lebensmittel zu holen?“ „Job holte ſie am letzten Samſtag Morgen und das war erſt geſtern!“ „Wie kam's, Burſche, daß Du die Gegenſtände nicht zu mir brachteſt?“ fragte Polwarth ziemlich hitzig. „Er hat unſtreitig eine triftige Urſache für die ſcheinbare Ver⸗ nachläßigung,“ fiel der vorſichtige Fremde beſänftigend ein.„Du brachteſt ſte hieher, vermuth' ich, und das aus gutem Grund 2 „Ja, um ſeine eigene Gefräßigkeit zu füttern!“ murmelte der Kapitän. Die Mutter des Jungen ſchlug die Hände krampfhaft zuſam⸗ men und machte eine Anſtrengung, um aufzuſtehen und zu ſprechen; doch bald ſank ſie wieder in ihre demüthige Stellung zurück, wie wenn ſie von zu heftigen Bewegungen erſchüttert wäre, als daß ſie zu ſprechen vermöchte. Dieſe kurze aber eindrucksvolle Gebärde blieb von dem Fremden unbemerkt, der mit derſelben kalten, ruhigen Weiſe, wie zuvor, ſeine Fragen fortſetzte. „Sind ſie noch hier?“ ſprach er. „Freilich,“ antwortete der argloſe Simpel;„Job hat ſie ver⸗ ſteckt, bis Major Lincoln zurückkommt. Ralph und Major Lincoln ver⸗ gaßen beide, Job zu ſagen, was er mit den Lebensmitteln thun ſollte.“ „In dieſem Falle wundere ich mich, daß Du ihnen nicht mit Deiner Ladung gefolgt biſt.“ „Jedermann glaubt, Job ſey ein Narr,“ brummte der Junge; „aber er iſt zu geſcheid, um Lebensmittel unter dem Volk mit ſich herumzuſchleppen. Ei!“ fuhr er fort, indem er ſich erhob und mit freudeſtrahlendem Blicke weiter ſprach, ſo daß man ſehen konnte, wie ſehr er den beneideten Vortheil ſchätzte,—„die Baileute kommen mit ganzen Karren voll Lebensmitteln, während die Stadt von Hunger erfüllt iſt!“ 416 „Wahr, ich hatte vergeſſen, daß ſie zu den Amerikanern hinaus⸗ gegangen waren;— natürlich gingen ſie unter der Flagge, welche Du bei dir trugſt?“ „Job brachte keine Flagge— Fähnriche tragen die Flaggen! Er brachte einen welſchen Hahn, einen großen Schinken und eine kleine Wurſt—'s war niemals eine Flagge darunter.“ Bei der Erwähnung dieſer Eßwaaren ſpitzte der Kapitän die Ohren und würde ſich wahrſcheinlich zum zweiten Mal gegen die Regel der ſtrengſten Schicklichkeit vergangen haben, wenn der Fremde nicht mit Fragen fortgefahren wäre. „Ich ſehe, Alles iſt wahr, was Du ſagſt, mein kluger Burſche,“ bemerkte er.„Es war für Ralph und Major Lincoln leicht, mit Hülfe deſſelben Privilegiums hinauszukommen, das Du gewöhnlich beim Hereingehen gebrauchſt?“ „Allerdings,“ murmelte Job, der durch die Fragen ermüdet, ſeinen Kopf bereits auf ſeine Tücher niedergelegt hatte,—„Ralph weiß den Weg— er iſt ein geborener Boſtoner!“ Der Fremde kehrte ſich gegen die aufmerkſame Braut und verbeugte ſich, als ob er mit den Reſultat ſeiner Unterſuchung zufrieden ſey. Cäcilie verſtand„den Ausdruck ſeines Geſichts und wandte ſich leiſe gegen die Stelle, wo Abigail Pray auf einer Kiſte ſaß und durch das erneuerte Schütteln ihres Körpers und die leiſen Seufzer, die ihr von Zeit zu Zeit entſchlüpften, den Kampf verrieth, welcher in ihrer Seele tobte. „Meine erſte Sorge,“ ſo redete ſie in ſanftem Tone Job's Mutter an,„ſoll ſeyn, Euch mit Dem, was Ihr bedürft, zu ver⸗ ſehen; dann erſt will ich die Nachrichten benützen, welche wir ſo eben von Eurem Sohn herausgebracht haben.“ „Sorgen Sie nicht für mich und die Meinen!“ antwortete Abigail in einem Tone bitterer Entſagung.„Der letzte Schlag iſt geſchehen, und es ziemt Leuten wie wir, unſer Haupt in Demuth zu beugen. Reichthum und Ueberfluß konnten Ihre Großmutter — nicht mein elend brin Cäei Tode bart ihre das und Ton an, dürf werd nen wan bem biet mit mei dieſ län, dab bäu han erf⸗ der in die naus⸗ velche ggen! eine n die n die emde ſche, mit onlich üdet, talph und hung und einer und den ob's ver⸗ ir ſo rtete hlag nuth att er — nicht vom Grabe retten, und villeicht wird ſich der Tod bald auch meiner erbarmen. Doch, was ſpreche ich da wieder, ich arme, elende Sünderin? Kann ich nie mein aufrühreriſches Herz dazu bringen, ſeine Zeit abzuwarten?“ Beſtürzt über die troſtloſe Verzweiflung der Andern, ſchwieg Cäeilie, als ſie ſich plötzlich erinnerte, wie auch bei Mrs. Lechmere's Tode die nämlichen Anzeichen eines ſchuldvollen Lebens ſich geoffen⸗ bart hatten. Nach einem Augenblicke jedoch, während deſſen ſie ihre Gedanken geſammelt hatte, wandte ſie ſich noch einmal an das jammernde Weib, indem ſich die ganze Milde einer Chriſtin, und all das beſänftigende Zartgefühl ihres Geſchlechts in dem Ton ihrer Stimme vereinigte. „Was auch unſere Vergehen geweſen ſeyn mögen,“ hub ſie an,„ſo viel iſt gewiß, daß wir jederzeit für unſere irdiſchen Be⸗ dürfniſſe ſorgen dürfen. Wenn die Zeit gekommen ſeyn wird, werdet Ihr Euch wohl nicht mehr meinem Wunſche, Euch zu die⸗ nen, entgegenſetzen. Laßt uns nun gehen,“ fuhr ſie fort, und wandte ſich an ihren unbekannten Begleiter. Als ſie Polwarth bemerkte, der ſich anſchickte, vorzutreten, um ihr ſein Geleite anzu⸗ bieten, winkte ſie ihm freundlich zurück und kam ſeinem Anerbieten mit den Worten zuvor:„Ich danke Ihnen, Sir— ich habe außer meinem eigenen Mädchen, das draußen ſteht, noch Meriton und dieſen würdigen Mann zur Begleitung,— ich will Sie nicht länger in Ihrer eigenen Abſicht ſtoͤren.“ Waͤhrend ſie ſprach, warf ſie dem Kapitän ein trauriges, und dabei doch ſüßes Lächeln zu, und verließ den Thurm und das Ge⸗ bäude, ehe es ihm möglich geweſen wäre, gegen ihren Willen zu handeln. Cäcilie und ihr Gefährte hatten zwar Alles von Job erfahren, was Polwarth ſelbſt zu horen erwarten konnte oder in der That zu wiſſen gewünſcht hatte; immer aber zögerte er noch in dem Zimmer, während er gleichwohl ſolche Vorbereitungen traf, die ſeine Abſicht zu gehen anzeigen ſollten. Er fand zuletzt, daß Lionel Lincoln. 2. Aufl. 27 418 ſeine Anweſenheit von Mutter und Kind gänzlich unbeachtet blieb. Die Eine ſaß noch, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, in ihren Sorgen vertieft, während der Andere in ſeine gewöhnliche dumpfe Lethargie verfallen war, und nur noch durch ſein mühſames, hör⸗ bares Athemholen Zeichen des Lebens von ſich gab. Der Kapitän blickte zuerſt einen Augenblick auf das Elend, das in dem Zimmer herrſchte und das durch den düſteren Schein der armſeligen Kerze in noch viel traurigerem Lichte erſchien, und dann auf die Krank⸗ heit und die Leiden, welche zu deutlich in dem Aeußeren der beiden unglücklichen Bewohner ſich ausſprachen; doch keine dieſer beiden Betrachtungen konnte ihn von ſeinem Vorhaben abbringen. Die Verſuchung hatte den gehorſamen Schüler Epikurs auf eine Art überfallen, welche nie verfehlte, auch ſeine ſchönſten philoſophiſchen Entſchlüſſe zu beſtegen, und in dieſem Falle war ſie ſogar ſtark genug, ſeine Menſchlichkeit zu überwältigen. Er näherte ſich dem Bette des Simpels und ſprach zu ihm mit rauher Stimme: „Du mußt mir geſtehen, was Du mit den Lebensmitteln an⸗ gefangen haſt, welche Mr. Seth Sage Dir anvertraute, Du Junge — ich kann eine ſo graſſe Pflichtverletzung in einer Sache von ſo beſonderer Wichtigkeit nicht überſehen. Wenn Du nicht willſt, daß ich die Grenadiere vom 18ten zurückrufe, ſo ſprich ſogleich, und bekenne die Wahrheit.“ Job fuhr in hartnäckigem Stillſchweigen fort, doch Abigail erhob das Haupt und übernahm es, für ihr Kind zu antworten: „Er hat nie unterlaſſen, die Sachen in's Quartier des Ma⸗ jors zu bringen, ſo oft er zurück kam. Nein, nein— wenn mein Junge ſo ſchlecht wäre, daß er ſtehlen könnte, ſo wäre doch Jener gewiß der Letzte, den er berauben würde.“ „Ich hoffe ſo,— ich hoffe ſo, gute Frau; doch iſt das eine Art der Verſuchung, der man in ſo knappen Zeiten nur zu leicht unterliegt,“ antwortete der ungeduldige Kapitän, der wahrſcheinlich einige innere Merkmale ſeiner eigenen Gebrechlichkeit in ſolchen N blieb. ihren umpfe hör⸗ pitän mmer Kerze rrank⸗ beiden beiden Die 2 Art iſchen ſtark dem nan⸗ Lunge von villſt, leich, Ma⸗ mein Jener eine leicht nlich lchen — 419 Dingen in ſich fühlte.—„Wären ſie überliefert worden, würde nicht ich wegen ihrer Verwendung befragt worden ſeyn? Der Junge gibt zu, daß er das Lager der Amerikaner geſtern bei guter Zeit verließ.“ „Nein, nein,“ rief endlich Job;„Ralph hieß ihn am Sam⸗ ſtag Abend abgehen. Er verließ das Volk, ohne gegeſſen zu haben!“ „Und entſchädigte ſich für den Verluſt, indem er die Vorräthe aufſpeiste! Iſt das Deine Ehrlichkeit, Du Schurke?“ „Ralph war in ſolcher Eile, daß er nicht anhalten wollte, um zu eſſen. Ralph iſt ein ganzer Krieger, aber er ſcheint nicht zu wiſſen, wie ſüß die Speiſe dem Menſchen iſt!“ „Vielfraß! Leckermaul! Du Strauß von einem Menſchen!“ rief der ärgerliche Polwarth—„iſt's nicht genug, daß Du mich meines Eigenthums beraubt haſt— mußt Du mir meinen Verluſt durch eine ſo übertriebene Schilderung noch fühlbarer machen?“ „Wenn Sie wirklich den Verdacht hegen, mein Kind habe an ſeinem Herrn Untreue begangen,“ fing Abigail von Neuem an,„ſo kennen Sie weder ſeinen Charakter, noch ſeine Erziehung. Ich will für ihn antworten und mit bitterem Herzen muß ich's beken⸗ nen— ſchon manche lange traurige Stunde iſt nichts mehr, was einer Nahrung irgend ähnlich wäre, über den Mund des Armen gekommen. Höͤren Sie nicht ſein erbarmenswerthes Verlangen nach Nahrung? Gott, der alle Herzen kennt, wird ſein Geſchrei hören und ihm glauben!“ „Was ſagt Ihr, Frau?“ rief Polwarth, von Entſetzen ergrif⸗ fen; nnicht gegeſſen, ſagtet Ihr?— Du unnatürliche Mutter! Warum haſt Du nicht für ſeine Bedürfniſſe geſorgt?— Warum hat er nicht Dein Mahl getheilt?“ Abigail blickte mit Augen, in deren Glanze die hülfloſeſte Noth ſich abſpiegelte, dem Fragenden in’s Geſicht und antwortete: „Werde ich wohl freiwillig das Kind meines Leibes vor Hun⸗ ger ſterben ſehen? Die letzte Krume, die er hatte, war Alles, 420 was mir noch übrig geblieben war, und das kam aus der Hand einer Perſon, die mir mit beſſerem Rechte Gift ſtatt derſelben hätte reichen ſollen!“ „Nab weiß nichts von dem Knochen, den Job vor der Kaſerne gefunden,“ flüſterte der Junge mit ſchwacher Stimme;„es ſollte mich wundern, wenn der König weiß, wie ſüß die Knochen ſind!“ „Und die Lebensmittel, die Vorräthe!“ rief Polwarth beinahe erſtickend—„thörichter Junge, was haſt Du mit den Lebensmit⸗ teln angefangen?“ „Job wußte, daß die Grenadiere ſie unter dem Tauwerke dort nicht finden konnten,“ antwortete der Simpel, und erhob ſich, um mit thörichtem Triumph nach dem Orte des Verſteckes hinzudeuten —„wenn Major Lincoln zurückkommt, gibt er Nab und Job viel⸗ leicht die Knochen zum Abnagen!“ Polwarth war nicht ſo bald mit der Lage der koſtbaren Vor⸗ räthe bekannt gemacht, als er ſie mit der Wuth eines Raſenden aus dem Verſteck hervorzog. Während er die einzelnen Artikel mit unſtäter Hand aus einander legte, keuchte er mehr als er athmete, und während des kurzen Geſchäfts kämpfte jede Muskel ſeines ehr⸗ lichen Geſichts in außerordentlicher Bewegung. Dann und wann murmelte er vor ſich hin:„Keine Nahrung!“—„An Entkräftung leidend!“ oder andere ähnliche ausdrucksvolle Worte, die den Gang ſeiner Gedanken hinlänglich bezeichneten. Nachdem Alles ordentlich zurecht gelegt war, rief er mit furchtbarer Stimme: „Shearflint! Du Schurke! Shearflint— wo haſt Du Dich verſteckt?“ Der widerſtrebende Diener wußte, wie gefährlich es war, einem ſolchen Rufe nicht augenblicklich zu antworten, und als ſein Herr die Aufforderung noch einmal wiederholte, erſchien er mit der ge⸗ horſamſten Miene von der Welt an der Thüre des kleinen Gemachs. „Zünde das Feuer an, Du Fürſt aller Müßiggänger!“ fuhr Polwarth in demſelben rauhen Tone fort:„hier iſt Nahrung und Hand lben ſerne ollte nd!“ nahe mit⸗ dort um uten iel⸗ Jor⸗ iden mit ete, ehr⸗ ann ung ang lich ich nem derr ge⸗ hs. uhr 42¹1 dort iſt Hunger! Gott ſey gelobt, daß ich der Mann bin, der beide mit einander bekannt machen darf! Hier, wirf Hanf drauf— zünd' an, zünd' an!“ Da dieſe raſchen Befehle von einem entſprechenden Ernſte der Handlung begleitet waren, begann der Diener, der ſeines Herrn Laune kannte, mit allem Eifer das befohlene Geſchäft zu verrichten. Ein Haufen des betheerten Brennmaterials wurde auf den traurigen, verlaſſenen Heerd gelegt und gerieth bei der Berührung des Lichts in helle Flamme. Als das Brummen des Kamins und die luſtige Helle gehört und geſehen wurde, wandten Beide, Mutter und Kind, ihre verlangenden Blicke auf die geſchäftigen Perſonen der Hand⸗ lung. Polwarth warf ſeinen Stock bei Seite und begann den Schinken mit einer Geſchicklichkeit zu zerſchneiden, welche große Uebung ſo wie einen Eifer verrieth, der den Glauben an ſeine Menſchlichkeit, welche allerdings einen Augenblick gewankt hatte, aufs Neue befeſtigte. „Bring' Holz— reiche mir dieſes Eiſen zum Bratroſt— hol Kohlen, ſchnell, Kohlen, Du Schurke,“ rief er in kurzen Pauſen raſch hinter einander;„Gott verzeihe mir, wenn ich je einem Weſen Uebles zugedacht habe, das unter dem ſchwerſten aller Flüche leidet!— Hörſt Du, Shearfiint! mehr Holz herbei; ich bin in einer Minute zum Kochen bereit!“ „Das iſt unmöglich, Sir,“ antwortete der geplagte Diener; „ich habe auch den kleinſten Span gebracht, den ich noch auftreiben konnte— das Holz iſt in Boſton zu koſtbar und liegt nicht auf den Straßen umher.“ „Wo habt Ihr Euer Holz, Frau?“ fragte der Kapitän, ohne zu bemerken, daß er ſie in demſelben rauhen Ton anredete, welchen er gegen ſeinen Diener angenommen hatte—„ich bin nun fertig zum Anrichten.“ „Sie ſehen hier Alles vor ſich! mehr habe ich nicht!“ antwortete Abigail in dem demüthigen Tone eines betroffenen Gewiſſens;„das 422 Gericht des Herrn iſt nicht blos in dem einen Punkte über mich gekommen!“ „Kein Holz! keine Lebensmittel!“ rief Polwarth, der nur mit Schwierigkeit ſprechen konnte; dann mit der Hand über die Augen fahrend, wandte er ſich an ſeinen Diener, wobei er durch die Rauh⸗ heit ſeiner Stimme die Rührung ſeines Innern zu verbergen ſuchte: „Shearflint, Du Schuft, komm daher— ſchnalle mein Bein ab!“ Der Diener blickte ihn verwundert an— doch eine ungedul⸗ dige Gebärde beſchleunigte ſeinen Gehorſam. „Spalte es in zehntauſend Splitter; es iſt ausgetrocknet und gut für's Feuer. Die beſten dieſer Gattung, die von Fleiſch mein' ich, ſind doch im Ganzen nur eine nutzloſe Laſt! Ein Koch braucht Hände, Augen, Naſe und Gaumen, aber ich ſehe nicht ein, wozu er eines Beins bedürfte!“ Während er ſprach, ſetzte ſich der philoſophiſche Kapitän mit großer Gemüthsruhe auf den Heerd und mit Shearflint's Hülfe war die Kocherei bald im beſten Gang. „Es gibt Leute,“ fing der emſige Polwarth wieder an, wobei er übrigens während des Sprechens ſein Geſchäft nicht vernachläſ⸗ ſigte,„die nur zweimal und einige gar, die nur einmal des Tags eſſen; ich für meinen Theil ſah noch nie einen Menſchen gedeihen, der nicht ſeiner Natur mit vier kräftigen, regelmäßigen Mahlzeiten zu Hülfe kam. Dieſe Belagerungen ſind verdammungswürdige Heimſuchungen der Menſchlichkeit, und man ſollte Plane erfinden, um einen Krieg auch ohne ſie zu führen. Den Augenblick, wo Ihr einen Soldaten hungern laßt, hängt er den Kopf und wird melancholiſch: füttert ihn und Ihr könnt den Teufel mit ihm heraus⸗ fordern! Nun, wie iſt's, mein guter Junge? liebſt Du Deinen Schinken ſchwimmend oder trocken?“ Der liebliche Geruch des Fleiſches hatte den leidenden Kranken verführt, ſeinen fieberiſchen Körper aufzurichten und er ſaß da und bewachte mit gierigen Blicken jede Bewegung ſeines unerwarteten mich mit ugen auh⸗ chte: ab!“ dul⸗ und nein' lucht vozu mit bülfe obei hläſ⸗ Tags ihen, eiten dige nden, wo wird aus⸗ inen nken und teten 423 Wohlthäters. Seine ausgedorrten Lippen arbeiteten ſchon voll Ungeduld und jeder Blick ſeines ſtarren Auges verrieth die vollkom⸗ mene Herrſchaft ſeines phyſiſchen Bedürfniſſes über ſeinen ſchwachen Geiſt. Auf die an ihn ergangene Frage gab er die einfache und rührende Antwort: „Job iſt nicht wähleriſch bei ſeinem Eſſen.“ „Auch ich nicht,“ erwiederte der methodiſche Feinſchmecker, indem er ein Stück Fleiſch noch einmal gegen das Feuer drehte, das Job in Gedanken bereits verſchlungen hatte,—„doch trotz der Eile möchte man es auch gut machen. Noch einmal gewendet und dann könnte es ſelbſt dem Gaumen eines Prinzen behagen. Bring' mir den Teller dort, Shearflint— es iſt eine Unnoth, in einem ſo dringenden Falle mit dem Geſchirr gar zu genau ſeyn zu wollen. Schmieriger Burſche, möchteſt Du wohl gar einen Schinken im vollen Fett auftiſchen!— Was es doch eine Naſenweide iſt! Komm her, hilf mir zu dem Bett.“ „Möge der Herr, der jeden gütigen Gedanken ſeiner Creaturen ſieht und bemerkt, Sie ſegnen und belohnen für dieſe Sorgfalt um mein verlorenes Kind!“ rief Abigail aus der Fülle ihres Herzens; „aber iſt es wohl klug, Einem bei ſo brennendem Fieber ſo nahr⸗ hafte Speiſe zu geben?“ „Was ſonſt wollt Ihr ihm geben, Frau? Ohne allen Zweifel verdankt er ſeine Krankheit einzig und allein dieſem Mangel. Ein leerer Magen iſt wie eine leere Taſche, ein Platz für den Teufel, um ſeine Sprünge drin zu machen. Das iſt Euer dürrer Doktor, der Euch von einer mageren Diät vorſchwatzt. Hunger iſt ſchon eine Krankheit an ſich, und kein vernünftiger Menſch, der ſich zu gut dünkt, um der Quackſalberei anzuhängen, wird glauben, daß er ein Heilmittel ſeyn könne. Nahrung iſt die Quelle des Lebens— und Eſſen, wie die Krücke für einen Verſtümmelten. Shearflint, ſuche in der Aſche nach dem Beſchläg meines Beins und dann bringe ein Stück von dem Fleiſch für die arme Frau.— Iß zu, 424 mein herrlicher Junge, iß nur drauf los!“ fuhr er fort und rieb ſich die Hände in der Freude ſeines Herzens, als er ſah, mit welcher Gier der verhungernde Job ſeine Gabe empfing.„Das zweite Vergnügen im Leben iſt, einen hungrigen Menſchen ſein Mahl ein⸗ nehmen zu ſehen; das erſte liegt tiefer in der menſchlichen Natur. Dieſer Schinken hat den ächten virginiſchen Wohlgeſchmack! Haſt Du ſo etwas wie einen übrigen Teller, Shearflint? Es iſt ſo ziemlich meine übliche Stunde, ich kann jetzt ebenſo gut auch zu Nacht eſſen. Es iſt in der That ſelten, daß ein Mann zwei Ver⸗ gnügen der Art auf einmal genießt!“ Polwarth's Zunge ſchwieg ſtill, ſowie Shearflint ihn mit dem Nöthigen verſorgt hatte, und das Waarenhaus, das er noch kurz zuvor mit ſo grauſamen Vorſätzen betreten hatte, bot jetzt das ſonderbare Schauſpiel dar, wie der Kapitän mit geſelliger Vertrau⸗ lichkeit das beſcheidene Mahl ſeiner ſchwer heimgeſuchten, unglück⸗ lichen Bewohner theilte. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Entlaſſet uns, Sir Thurio, eine Weile; Wir haben ein Geheimniß zu verhandeln. Die beiden Veroneſer. So endete die oben erzählte Scene des Aufruhrs und der Entartung auf dem Dock Square; ganz anders dagegen ſtanden die Sachen unter dem Dache eines ſtolzen Gebäudes in einer be⸗ nachbarten Straße. Wie gewöhnlich zu dieſer Stunde der Nacht, erglänzten, gleichſam zum Spott über die nackte Düſterheit der nahen Kirche, die Fenſter des Provinzhauſes von zahlreichen Lichtern, und jeder Zugang zu dieſem privilegirten Sitze des Stellvertreters der Krone war ſtreng von Bewaffneten bewacht. In dieſe begün⸗ ſtigte Wohnung müſſen wir nun die Scene verlegen, um den Faden unſerer anſpruchloſen Erzählung zu verfolgen. rieb lcher veite ein⸗ aur. Haſt t ſo zu Ver⸗ dem kurz das au⸗ ück⸗ 425 Bediente in reichen militäriſchen Livreen ſah man mit der Haſt, wie ſie bei einem Bankette gewöhnlich iſt, von Zimmer zu Zimmer rennen; einige trugen Flaſchen des edelſten Weins in das Gemach, wo Howe die Führer der königlichen Armee bewirthete, andere trugen die Ueberbleibſel eines Feſtmahls zurück, das, obwohl koſtbar aufgetiſcht, dennoch den Mangel der Zeiten hatte fühlen laſſen und mehr für das Auge als für den Appetit der Gäſte berechnet war. Müßige Zuſchauer ſchlenderten in dem loſen Negligee ihres militäriſchen Standes in den Hallen umher, und mancher ernſte Wink, mancher verlangende Blick folgte den würzigen Gerüchen, ſo wie die niederen Diener die abgetragenen Speiſen empfingen und in die verborgneren Zimmer des Hauſes beförderten. Trotz des munteren Lebens und der allgemeinen Rührigkeit geſchah den⸗ noch jede Bewegung in ſchweigſamer Regelmäßigkeit und das Ganze der lebendigen Scene bot das freundliche Bild ſchöner, übereinſtim⸗ mender Ordnung. Innerhalb der Wände des Zimmers, auf welches als den Mittelpunkt die Augen aller Zuſchauer gerichtet ſchienen, um jeden, auch den leiſeſten Wunſch Derer, welche dort tafelten, im Voraus zu ahnen, war Alles glänzend und heiter. Der Heerd kannte keinen Mangel an Holz; die grobere Zimmermannsarbeit des Bodens war unter reichen, großen Fußteppichen verſteckt, während die Fenſter vor den herabfließenden Falten der Vorhänge von beblümtem Damaſt kaum zu ſehen waren. Jedes Ding hatte einen Anſtrich ausgeſuchten Comforts und dabei einer Art ſorgloſer Eleganz. Selbſt die kleinſten Stücke des Hausgeräths waren aus jenem entfernten Lande herbeigeſchafft worden, welches damals als der alleinige Sammelplatz der Kunſt in Handarbeiten angeſehen wurde und mit deſſen Lurus ſelbſt Männer, welche in Augenblicken der Entſcheidung ſich ſelbſt nicht beachteten, in den Stunden der Ruhe gleichwohl die verſchwenderiſchſten Liebhabereien trieben. In der Mitte dieſes heiteren Gemachs breitete ſich die 426 gaſtliche Tafel des Hauswirths aus. Sie war mit Männern von hohem, militäriſchem Range beſetzt; hin und wieder waren wohl auch einzelne Gäſte in ſchlichterer Kleidung zu ſehen, deren trübe Miene einige jener irregeleiteten Koloniſten in ihnen erkennen ließ, deren Vertrauen in die unwiderſtehliche Macht der Krone bereits zu wanken anfing. Der Stellvertreter des Königs behauptete ſeinen gewohnten Platz beim Banket; ſein dunkles Geſicht drückte die Herzlichkeit eines ſoldatiſchen Willkomms aus, wenn er von Zeit zu Zeit unter einer überreichen Sammlung von Weinen, welche die ausgeſuchteſten Getränke Europa's in ſich ſchloß, auf dieſen oder jenen Liebling aufmerkſam machte. „Für Leute, welche an der Tafel eines brittiſchen Generals ſpeiſen, haben Sie heute eine ſchlechte Bewirthung gefunden, meine Herrn,“ rief der General;„doch bei alle Dem iſt ſie ſo, daß ein brittiſcher Soldat in dem Dienſte ſeines Herrn dabei fett zu werden vermag. Füllt, Gentlemen, füllt die rechten Humpen: denn wir haben bis jetzt unſerer Huldigung vergeſſen.“ Jedes Glas ſtand funkelnd bis zum Rande gefüllt, worauf nach kurzer, feierlicher Pauſe der Wirth die magiſchen Worte ſprach—, Der König’.— Jede Stimme wiedertönte dieſen Namen, und dieſem Rufe folgte buchſtäblich eine athemloſe Pauſe, welche zuerſt durch einen alten Herrn in der Uniform eines Offiziers der Flotte unterbrochen wurde, der, nachdem er zuerſt ſeine Ergebenheit dadurch bewieſen, das er ſein umgekehrtes Glas hoch empor hob, mit herzlichem Tone die Worte:„Gott ſegne ihn!“ hinzufügte. „Gott ſegne ihn!“ wiederholte der anmuthsvolle Führer, der ſchon mehr als einmal auf dieſen Blättern genannt wurde;„und ſchenke ihm eine lange und glorreiche Regierung! und— wenn kein Verrath in dem Wunſche liegt— ein Grab gleich Ihnen, würdiger Admiral— Sepulerum sine sordibus extrue.“ * ‚Ein Grab ohne Schmach.: Sordibus(von sordes) bedeutet übrigens r nvon wohl trübe ließ, ereits ptete rückte von velche dieſen erals neine 6 ein erden wir brauf Vorte men, delche 3 der nheit hob, der „und venn dnen, igens V 427 „Gleich mir!“ wiederholte der plumpe Seemann, deſſen Ge⸗ lehrſamkeit durch langen und harten Dienſt etwas gelitten hatte— „Ich bin freilich keiner von Eurem Kabinetsadel; aber Seine Majeſtät dürfte wohl noch tiefer herabſteigen, als Sie thun würde, wenn Sie einen treuen Diener wie mich mit Ihrer gnädigen Ge⸗ genwart beehrts.“ „Verzeihen Sie, Sir; ich hätte beifügen ſollen; permissum arbitrio.“* Die Zweideutigkeit** hatte kaum ein Lächeln hervorgebracht, als die ernſte Miene des kommandirenden Generals andeutete, daß der Gegenſtand für einen Scherz zu ernſt ſey. Auch ſchien dem Flottenführer die unbekannte Sprache nicht zu behagen, denn ebenſo ſehr, wenn nicht ein wenig mehr, durch die Freiheit beleidigt, die man ſich mit ſeinem Namen erlaubt hatte, und noch dazu durch die Worte gereizt, welche einer über die geheiligte Perſon des Königs fallen zu laſſen gewagt hatte, antwortete er etwas beißend: „Erlaubt oder nicht erlaubt, ich kommandire Seiner Majeſtät Flotte in dieſen Gewäſſern, und es ſoll als ein froͤhlicher Tag in unſeren Logbüchern aufgezeichnet werden, wenn ihr Herrn von der Armee uns wieder unſerem Dienſt auf hoher See überlaſſen werdet. Ein Seemann bekommt das Nichtsthun eben ſo ſatt, als dem Soldaten nur immer die Arbeit entleiden kann und ich liebe „Ellbogenraum' ſelbſt in meinem Sarge;— ha, ha, ha!— was haltet Ihr davon, Meiſter Witzbold?— ha, ha, ha!— was ſagt Ihr nun darüber?“ „Ganz in der Ordnung, wohl verdient und gehörig ſcharf⸗ wörtlich ‚Schmutz,“ und ſollte wohl eine Anſpielung auf die nachläſſige Toilette des alten Seeoffiziers ſeyn. Anm. d. Ueberſ. *„Mit gütiger Erlaubniß.“ Anm. d. Ueberſ. ** Der Admiral hieß nämlich Graves(Grab). Anm. d. Ueberſ. ***„Ellbogenraum’ war der Spitzname, welchen die Amerikaner dem General Bourgoyne gegeben hatten, und eben deßhalb die Anſpielung des Admirals nicht eben eine feine. 428 Admiral,“ erwiederte ſein Gegner ruhig, ohne ſeinen Aerger im Mindeſten blicken zu laſſen, und lächelte mit vollkommener Selbſtbeherrſchung zu ihm hinüber, während er behaglich ſeinen Wein ſchlürfte.„Aber da Sie Beengung und Muße ſo läſtig finden, möchte ich Ihnen faſt einen Rath geben— faſſen Sie einmal einige jener unverſchämten Yankees, welche ſo oft in den Hafen ſehen und uns nicht allein unſerer Vorräthe berauben, ſondern auch ſo viele königlich geſinnte Augen durch ihre verräthe⸗ riſche Gegenwart beleidigen.“ „Ich befehle, zum Waffenſtillſtand zu ſchlagen,“ ſiel der General en Chef ein,„und alle ferneren Feindſeligkeiten ruhen zu laſſen. Wo Alle ihre Pflicht gethan haben und ſo wohl gethan haben, da muß ſogar der Witz ihr Benehmen reſpektiren. Hören Sie meinen Rath, Mr. Graves, und ſondiren Sie einmal den Inhalt jener ſtaubigen Flaſche dort drüben; ich denke, Sie werden den Ort als einen guten Ankerplatz für die Nacht anerkennen.“ Der ehrliche alte Seemann ertränkte alsbald ſeinen Aerger in einem Glas von dem edlen Wein; wirklich ſchien er ihm zu mun⸗ den, denn dem erſten Zuge folgte augenblicklich ein zweiter und dritter, und jedesmal mit den Lippen ſchmatzend, rief er endlich: „O! Sie ſitzen viel zu feſt an einem Ort, um die Seele Ihrer Getränke ſo recht aufrütteln zu können. Der Wein ſollte nie auf ſeinem Lager ruhen, bis er vorher einige Monate tüchtig auf der See herumgeworfen worden; dann allerdings dürft ihr ihn ſchlafen legen und euch ſelbſt auch daneben, wenn ihr ein feſtes Schläf⸗ chen liebt.“ „Ein eben ſo orthodoxer Rath, den Wein zu zeitigen, als je ein Biſchof ſeinem Kellermeiſter einen gegeben!“ rief ſein Wider⸗ part. Ein zweiter bedeutungsvoller Blick ſeines finſter ſchauenden Oberen hemmte abermals ſeine muthwillige Scherzhaftigkeit, worauf Howe das Stillſchweigen benützte und mit der offenen Miene eines freigebigen Wirths bemerkte: erger ener einen äſtig Sie in ben, the⸗ eeral ſſen. da inen ener als 429 „Da Bewegung uns gerade jetzt verſagt iſt, ſo kann ich als ein⸗ ziges Mittel, um zu verhindern, daß mein Wein auf ſeiner Hefe nicht einſchlafe, nur den einen Rath geben— ihn wacker zu trinken.“ „Ueberdem ſind wir von einem Beſuche Mr. Waſhington's und ſeiner durſtigen Begleiter bedroht, die uns wohl jeder weiteren Mühe in der Sache überheben würden, wenn wir ſelbſt uns nicht eifrig zeigen. In einem ſolchen Dilemma wird Mr. Graves nicht zaudern, mir mit einem Glaſe Beſcheid zu thun, und wär's auch nur, um den Rebellen einen Streich zu ſpielen!“ ſetzte Bourgoyne mit einer höflichen Verbeugung gegen den halbbeleidigten See⸗ mann hinzu. „Ja, ja, ich würde noch viel Unangenehmeres thun, um den Schurken ihren Raub abzujagen,“ antwortete der beſänftigte Ad⸗ miral und nickte gutmüthig mit dem Kopfe, ehe er ſeinen Tummler hinunterſtürzte.—„Wenn irgend einmal wirkliche Gefahr einträte, daß ſolch ein flüchtiger Ambra wie dieſer verloren gehen könnte, ſo wäre es wohl am Beſten, ihn an den Bord meines Schiffes zu ſchicken: ich wollte ihn einhiſſen und ihm ein Neſt auffinden, und müßte ich meine eigene Kajüte mit ihm theilen. Ich denke, ich befehlige eine Feſte, welche weder Yankee noch Franzoſe und eben ſo wenig ein Don zu belagern lüſtern ſeyn wird.“ Die Offiziere rund um ihn zeigten außerordentlich ernſte Mienen und wechſelten höchſt bedeutungsvolle Blicke; doch blieben alle ſtill, als wäre der gemeinſame Gegenſtand ihrer Betrachtun⸗ gen zu zart, um laut in ſolcher Gegenwart ausgeſprochen zu werden. Zuletzt bemerkte der Zweite im Kommando, der noch immer die Kälte ſeines Oberen fühlte, und während des gleich⸗ gültigen Geſprächs bis jetzt geſchwiegen hatte,— mit dem Ernſt und dem Rückhalte eines Mannes, der eines Willkomms nicht gewiß iſt:— „Unſere Feinde werden kühner, je weiter die Jahreszeit vor⸗ rückt, und es iſt kein Zweifel, daß ſie uns im kommenden Sommer 430 gehörige Beſchäftigung geben werden. Man kann nicht laͤugnen, daß ſie in allen ihren Scharmützeln, beſonders bei dieſem letzten auf der Waſſerſeite, große Standhaftigkeit zeigten, und ich bin nicht ohne Beſorgniß, daß ſie nicht gar am Ende auf die Inſeln los⸗ gehen und die Lage der Flotte gefährlich machen könnten.“ „Auf die Inſeln losgehen! die Flotte von ihrem Ankerplatze vertreiben!“ rief der alte Seemann mit unverſtelltem Erſtaunen. „Ich werde es einen glücklichen Tag für England nennen, wenn Waſhington mit ſeinem Geſindel ſich einmal auf Schußweite zu uns heranwagt!“ „Gott ſchenke uns gegen die Schurken einen ehrlichen Kampf mit dem Bajonet und in offenem Feld,“ rief Howe,„und mache dieſen Winterquartieren ein Ende! Ich ſage Winterquartiere, denn ich hoffe, Keiner der Herren wird behaupten, dieſe Armee werde durch einen Haufen von bewaffneten Bauern belagert! Wir halten die Stadt und ſie das Land; aber wann die rechte Zeit kommen wird— Nun, Sir, was beliebt?“ fuhr er, ſich ſelbſt unterbre⸗ chend fort, indem er zu einem ſeiner höheren Diener neben ihm ſich wandte. Der Mann, der ſeit länger als einer Minute in der Stellung ehrerbietiger Aufmerkſamkeit dageſtanden und ſich dem Blicke ſeines Herrn bemerkbar zu machen geſucht hatte, murmelte ſeine Botſchaft mit leiſer, eiliger Stimme, als ob er von Anderen nicht gehört zu werden wünſchte und ſich zugleich der Unſchicklichkeit des Wiſperns bewußt wäre. Die Meiſten aus der nächſten Umgebung drehten in höflicher Gleichgültigkeit die Köpfe weg; der alte Seemann aber, der zu nahe ſaß, um gänzlich taub zu ſeyn, hatte die Worte zeine Dame' aufgeſchnappt, und dieß war für ihn völlig genug, um jetzt, nachdem er ſich ſo frei der Flaſche hingegeben hatte, ſeiner ganzen Fröohlichkeit den Lauf zu laſſen. Herzhaft mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend, rief er mit einer Freiheit, die kein Anderer ſich haͤtte herausnehmen dürfen: nen, bten nicht los⸗ latze nen. venn 2 zu mpf ache denn erde lten men bre⸗ ihm ung ines haft hört erns hten rann orte nug, iner dand berer 43¹ „Ein Segel! ein Segel! Beim heiligen Georg, ein Segel! Unter welcher Flagge, Freund? vom König oder den Rebellen? Hier iſt ein Verſehen in der Sache, und die Strafe bleibt nicht aus! Entweder iſt der Koch zu ſpät daran oder die Dame kommt zu früh! ha, ha, ha!— O, ihr ſeyd arge Lebemänner, ihr Herren in der Armee!“ Die ſteife alte Theerjacke freute ſich unmäßig über ihren Witz und lachte aus vollem Halſe in der Freude über dieſe Entdeckung. Er genoß übrigens ſeine Fröhlichkeit allein, denn keiner der Herren wagte es, ſeine Anſpielungen zu verſtehen, und nur verſtohlene Blicke voll ungewöhnlicher Schlauheit wurden hier und da gewech⸗ ſelt. Howe biß ſich im offenbaren Aerger in die Lippen und gab dem Sprechenden den ſtrengen Befehl, ſeinen Auftrag mit lauterer Stimme zu wiederholen. „Eine Dame, Sir,“ ſagte der zitternde Diener,„wünſcht Euer Excellenz zu ſprechen, und erwartet Ihre Befehle in der Bibliothek.“ „Unter ſeinen Büchern auch noch!“ ſchrie der Admiral—„das würde beſſer für Sie paſſen, mein ſcherzhafter Freund! Ei, junger Mann, iſt das Mädchen jung und hübſch?“ „Nach ihrem leichten Schritte zu urtheilen, ſollte ich ſie für jung halten, Sir, doch ihr Geſicht war unter einem Hut verſteckt.“ „Ha! ha! die Perſon kommt mit dem Hut in des Königs Haus! Verdammt auch, Howe, aber Beſcheidenheit iſt eine rare Tugend unter euch Herrn am Land geworden!“ „Das iſt offenbar ein Fall gegen Sie, Sir; denn ſelbſt der Diener, wie Sie finden, hat entdeckt, daß ſie von leichtem Kaliber iſt,“ ſagte der lächelnde Bourgoyne, indem er halb und halb eine Bewegung zum Aufſtehen machte.„Es iſt wahrſcheinlich Jemand, der um Unterſtützung oder um die Erlaubniß bittet, den Platz zu verlaſſen. Geſtatten Sie mir, ſie zu ſehen und erſparen Sie ſich die Mühe einer abſchlägigen Antwort.“ 4³² „Nicht im Mindeſten,“ erwiederte Howe und ſtand mit einer Schnelligkeit auf, welche der bedächtigeren Bewegung des Andern zuvorkam—„Ich wäͤre des Zutrauens, das ich beſitze, unwerth, wenn ich nicht gelegentlich einer Bitte Gehör ſchenken könnte. Da es eine Dame betrifft, Gentlemen, ſo darf ich wohl um Ihre Nach⸗ ſicht bitten. Admiral, ich empfehle Sie meinem Mundſchenk, der ein tüchtiger Burſche iſt, und Ihnen alle Kreuzzüge erzählen kann, welche die Flaſche vor Ihnen beſtanden hat, ſeit ſie die Inſel Madera verließ.“ Er verbeugte ſich gegen ſeine Gäſte und verließ das Zimmer mit eiligem Schritte, ohne ſich weiter um Förmlichkeiten zu küm⸗ mern. Während er durch die Halle hineilte, vernahm ſein Ohr den zweiten Ausbruch des herzlichen Gelächters, welches der alte Seemann nicht zurückhalten konnte, der ſich aber immer noch allein in ſeiner Laune vergnügte, da die Uebrigen von der Geſellſchaft mit wohl⸗ anſtändigem Schweigen zu anderen Gegenſtänden übergingen. Als Howe in das ſchon bezeichnete Zimmer trat, fand er ſich vor einer Dame, die trotz dem Anſchein allgemeiner Gleichgültigkeit, in dieſem Augenblicke die Gedanken und den Scharfſinn Aller Derer beſchäf⸗ tigte, welche er hinter ſich gelaſſen hatte. Mit der Leichtigkeit und der Ungezwungenheit eines Soldaten, der keinen Oberen über ſich fühlt, bis in die Mitte des Zimmers vortretend, fragte er mit etwas zweideutiger Höflichkeit: „Welchem Umſtand verdanke ich die Ehre dieſes Beſuchs? und warum hat eine Dame, deren Aeußeres mir zeigt, daß ſie zu jeder Zeit über Freunde gebieten kann, ſich ſelbſt dieſe Mühe genommen?“ „Weil ich um eine Gnade bitte, die einer ſolchen, welche kalt bittet, vielleicht abgeſchlagen würde,“ antwortete eine ſanfte, zit⸗ ternde Stimme, tief unter der Verhüllung eines ſeidenen Kalaſhes. „Da mir die Zeit gebricht, die gewöhnlichen Formen bei Geſuchen zu beobachten, ſo habe ich gewagt, in Perſon zu kommen, um jeden Aufſchub zu vermeiden.“ 84 43³ „Und gewiß kann Jemand, wie Sie, wenig Urſache haben, eine Weigerung zu fürchten,“ ſagte Howe, mit einem Verſuche von Galanterie, welche für jenen Anderen, der ſich ihm als Stellvertreter angeboten hatte, wohl etwas beſſer gepaßt haben würde. Indem er ſprach, ging er der Dame einen Schritt näher und, auf ihren Hut deutend, fuhr er fort:„Würde es nicht wohl gethan ſeyn, Ihr Geſuch durch den Anblick eines Geſichtes zu unterſtützen, das gewiß beſſer als alle Worte ſprechen kann?— wen habe ich die Ehre zu empfangen? und worin mag wohl Ihr Anliegen beſtehen?“ „Sie ſehen eine Frau vor ſich, Herr General, die ihren Ge⸗ mahl ſucht,“ antwortete die Dame, und ſchlug die Falten ihres Kalaſhes zurück— ſeine ſtarren Augen ruhten auf. Cäcilien's reinem Antlitz. Die plötzliche Enthülluug ihres Charakters war den Lippen der ſchüchternen Braut durch die ihr ungewohnte Kühnheit in dem Blicke des Andern abgenöthigt worden; ſobald ſie aber ge⸗ ſprochen hatte, ſchlug ſte die Augen verwirrt zu Boden und ſtand da, tief erröthend über die Stärke ihrer eigenen Sprache, obwohl ſie anſcheinend die Ruhe und Würde weiblichen Stolzes behauptete. Der engliſche General betrachtete ihre Schönheit einen Augenblick mit freudigem, obwohl zweifelndem Blick, ehe er fortfuhr: „Iſt Der, den Sie ſuchen, inner⸗ oder außerhalb der Stadt?“ „Ich fürchte ſehr, außerhalb.“ „Und Sie wollten ihm in's Lager der Rebellen folgen? Das iſt ein Fall, der wohl einige Ueberlegung fordert. Ich weiß zwar gewiß, ich rede mit einer Dame von großer Schönheit; darf ich auch wiſſen, wie ich ſie anreden darf?“ „Ich kann keine Urſache haben, wegen meines Namens zu erröthen,“ antwortete Cäcilie—„er gehört unter die Namen der Edlen in dem Lande unſerer gemeinſamen Vorfahren und iſt wohl auch bis zu Mr. Howe's Ohren gedrungen— ich bin die Tochter des verſtorbenen Obriſt Dynevor!“ Lionel Lincoln. 2. Aufl. 28 43⁴ „Die Nichte von Lord Cardonnel!“ rief ihr Zuhörer erſtaunt und vertauſchte augenblicklich die zweideutige Ungezwungenheit ſeines Benehmens gegen eine Miene tiefer Achtung.—„Ich habe ſchon lange gewußt, daß Boſton eine ſolche Dame beherberge; auch erin⸗ nere ich mich wohl, daß man ſich über dieſelbe beklagte, weil ſie ſich, gleich den Hartnäckigſten unſerer Feinde, den Aufmerkſamkeiten der Armee entzieht, während doch Jeder unter den Herrn, von mir ſelbſt abwärts bis zum unterſten Fähnrich, ſich glücklich ſchätzen würde, ihr ſolche erweiſen zu dürfen.— Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen.“ Cäcilie machte eine dankende Verbeugung, indem ſie gleichwohl ſtehen blieb. „Ich habe weder Zeit noch Luſt, mich ſelbſt gegen eine ſolche Anklage zu vertheidigen,“ antwortete ſie—„obwohl, wenn mein eigener Name ſich nicht als einen Schlüſſel zu Ihrer Gunſt erweiſen ſollte, ich zum Beſten Deſſen, den ich ſuche, darauf Anſpruch machen müßte.“ „Und wäre er auch der ſchlimmſte Rebell in Waſhington's Heer — er hat viele Urſache, auf ſein Glück ſtolz zu ſeyn!“ „Weit entfernt, zu den Feinden des Königs zu gehören, hat er ſogar ſchon ſein Blut im Dienſte der Krone vergoſſen,“ erwie⸗ derte Cäcilie und zog unwillkührlich den Kalaſh wieder mit mädchen⸗ hafter Verſchämtheit herab, als ſie den Augenblick herannahen fühlte, wo ſie den Namen des Mannes ausſprechen mußte, deſſen Einfluß auf ihre Gefühle ſie bereits zugeſtanden hatte. „Und ſein Name?“ Die Antwort auf dieſe direkte Frage erfolgte mit leiſer, aber deutlicher Stimme. Howe erſchrack, als er den wohlbekannten Namen eines Offiziers von ſo bedeutendem Anſehen hörte; gleich⸗ wohl war ein beziehungsvolles Lächeln auf ſeinen finſtern Zügen bemerkbar, während er erſtaunt ihre Worte wiederholte: „Major Lincoln! jetzt erſt kann ich mir erklären, warum er aunt ines chon erin⸗ ſie eiten von itzen Büte, wohl olche mein heiſen pruch Heer hat rwie⸗ chen⸗ ahen deſſen aber nnten leich⸗ Zügen mer 435 zur Herſtellung ſeiner Geſundheit nicht nach Europa zurückkehren wollte. Außerhalb der Stadt ſagten Sie? da muß ein Irrthum obwalten.“ 3 „Ich fürchte, es iſt nur zu wahr!“ Die rauhen Züge des Führers hatten wieder ihren finſterſten Ausdruck angenommen, und offenbar war er durch die Nachricht auf's Höchſte beunruhigt. „Das heißt, ſich zu viel auf ſein Privilegium herausnehmen,“ murmelte er vor ſich hin.—„Den Platz hätte er verlaſſen, ohne mein Wiſſen und Gutheißen— ſagten Sie nicht ſo, meine junge Dame?“ „Aber zu keinem unwürdigen Zwecke!“ rief die faſt athemloſe Cäcilie, indem ſie mit einem Male in der Angſt um Lionel ſich ſelbſt vergaß—„geheime Sorgen haben ihn zu einem Schritte getrie⸗ ben, welchen er als Soldat zu anderer Zeit als der Erſte ver⸗ dammt haben würde!“ 3 Howe verharrte in einem kalten, drohenden Stillſchweigen, das viel erſchreckender war, als alle Worte ſeyn konnten. Die junge Frau blickte in ihrer Unruhe eine Minute lang in ſein nieder⸗ geſenktes Geſicht, als wollte ſie ſeine geheimſten Gedanken durchdringen; dann aber mit der Empfindſamkeit eines Weibes ihren ſchlimmſten Befürchtungen Raum gebend, rief ſie: „Ol gewiß werden Sie dieß Bekenntniß nicht dazu benützen, um ihm ein Leid zuzufügen! Hat er nicht für Sie geblutet? Monden lang am Nande des Grabes geſchmachtet, um der Ver⸗ theidigung Ihrer Sache willen? und wollen Sie jetzt an ihm zweifeln? Nein, Sir, wenn auch Zufall und Jahre ihn eine Zeit lang Ihrer Aufſicht unterworfen haben, ſo iſt er doch in jeder Beziehung Ihres Gleichen, und wird jeder Anklage vor ſeinem königlichen Herrn ſich ſtellen, die, und ſey es auch von wem es wolle, gegen ſeinen fleckenloſen Namen erhoben werden mag!“ „Es wird nöthig ſeyn!“ antwortete der Andere kalt. 436 „Nein, hören Sie nicht auf meine ſchwachen, unverſtändigen Worte,“ fuhr Cäcilie fort und rang die Hände in Verzweiflung; „ich weiß nicht, was ich ſage. Er hat Ihre Erlaubniß, mit dem Lande wöchentlich zu verkehren?“ „Um die Lebensmittel zu erhalten, deren er nach ſeiner letzten Krankheit bedarf.“ „Und kann er nicht in ſolcher Abſicht und unter dem Schutze der Flagge, die Sie ſelbſt ihm bereitwillig bewilligt haben, den Ort verlaſſen haben?“ „Würde ich in dieſem Fall dieſer Unterredung nicht überhoben geweſen ſeyn?“ Cäcilie ſchwieg einen Augenblick und ſchien ihre Gedanken zu ſammeln und ihren Geiſt zu einem ernſten Schritte vorzubereiten. Nach einiger Zeit verſuchte ſie zu lächeln und ſagte ruhiger: „Ich hatte zu viel von militäriſcher Nachſicht verlangt und war ſelbſt ſchwach genug, zu glauben, die Bitte würde meinem Namen und meinem Stande gewährt werden.“ „Kein Name, kein Stand, keine Verhältniſſe können je—— „Sprechen Sie's nicht aus, das grauſame Wort, damit es mich nicht noch einmal um meine Beſinnung bringe,“ unterbrach ihn Cäcilie.„Erſt hören Sie mich, Sir— hören Sie eine Frau und Tochter und Sie werden ihren ſtrengen Ausſpruch zurücknehmen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, näherte ſie ſich der Thüre des Zimmers und ging mit Ruhe und Würde an ihrem erſtaunten Gefährten vorüber. Auf dem äußeren Gang winkte ſie unter den Wartenden in der Halle dem Fremden, der ſie bei ihrem Beſuche im Waarenhauſe begleitet hatte, und als er ſich genähert und ins Zimmer getreten war, ſchloß ſich die Thüre nochmals und ließ die Zuſchauer draußen voll Verwunderung, wie wohl eine ſo reine Erſcheinung ihren Weg in die befleckten Hallen des Provinz⸗ hauſes gefunden haben könnte. Manche lange ungeduldige Minute war den Gäſten in dem 437 Banketſaal während der Dauer dieſer geheimnißvollen Zuſammen⸗ kunft verfloſſen. Die Scherze des Admirals begannen, eben als ſeine Kameraden zu dem Glauben ſich hinneigten, daß ſie wohl ſehr viel Grund haben möchten, in ihrer Munterkeit zu ermatten, und die Unterhaltung nahm den unterbrochenen, unzuſammenhän⸗ genden Charakter an, welcher ſtets ein Umherſchweifen in den Gedanken der Sprechenden verräth. Endlich tönte eine Glocke und es kam der Befehl vom Kom⸗ mandirenden, die Halle von den neugierigen Müſſiggängern zu ſäubern. Als Niemand mehr außer den gewöhnlichen Bedienten des Hauſes da war, erſchien Howe mit Cäcilie am Arm und führte dieſe, die tief verhüllt war, zu dem Wagen, welcher am Eingang ihrer wartete. Die Miene des Herrn flößte dem Benehmen der aufmerkſamen Diener tiefe Ehrfurcht ein, und ſte flogen mit geſchäf⸗ tigem Eifer, um das Weggehen zu erleichtern. Die Wachen ſalu⸗ tirten mit gewohnter Pünktlichkeit vor ihrem General, als er ſeinem unbekannten Gaſte zu Ehren unter das äußere Portal trat. Allent⸗ halben begegnete man neugierigen, ausdrucksvollen Blicken, indem Alle diejenigen, welche die Beendigung dieſes Beſuchs mitangeſehen hatten, in den Geſichtern der Umſtehenden eine Erklärung über deren Gegenſtand zu finden hofften. Als Howe ſeinen Sitz an der Tafel wieder einnahm, erneuerte der Admiral ſeinen Verſuch, wieder auf den früheren Gegenſtand ſeiner Anſpielungen zurückzukommen; aber dieſer wurde mit ſo kalter Miene und ſo ſtechend ſcharfem Blick aufgenommen, daß ſelbſt der ſorgloſe Sohn des Oceans ſeine Laune beim Anblick einer ſo finſtern Stirne verlor. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Nicht Kriegsgelärm, nicht Minſtrelston W Verkündete den Marſch. bei Scott. 1” lin Cäcilie ließ die Nacht noch etwas weiter vorrücken, ehe ſie die er Tremont⸗Straße verließ, um vermöge der von dem brittiſchen ha 1 Generale erhaltenen Erlaubniß aus der Stadt zu gehen. Es war na übrigens noch gar nicht ſpät, als ſie von Agnes Abſchied nahm da und in Begleitung Meriton's und jenes Unbekannten, mit dem ſie be ſchon mehr als einmal in dieſen Blättern erſchienen, ihren Zug antrat. In dem untern Theile der Stadt verließ ſie ihren Wagen S 7 und verfolgte ihren Weg durch mehrere abgelegene einſame Straßen, w bis ſie in kurzer Zeit den Rand des Waſſers erreichte. Die Werfte J waren verlaſſen. Ihren Gefährten durch ihre eigenen leichten, haſtigen Schritte den Weg bezeichnend, eilte die jugendliche Braut T ohne Zögern längs dem unebenen Ufer hin, bis ihr Weiterſchreiten w durch ein breites Becken zwiſchen zweien der gewöhnlichen hölzernen ſi Pfoſten, welche an den Ufern des Platzes hinlaufen, gehemmt wurde. T Hier ſtand ſie einen Augenblick zweifelhaft, wie wenn ſie fürchtete, w daß es ein Mißverſtändniß gegeben haben koöͤnnte: doch bald ſah n man die Geſtalt eines jungen Menſchen aus dem Schatten eines benachbarten Magazins hervortreten. ſ „Ich fürchte, Sie haben Ihren Weg verloren,“ begann dieſer, i als er Cäcilien bis auf wenige Schritte nahe gekommen war, worauf er ſtehen blieb, um, wie es ſchien, die Gruppe zu muſtern.„Darf( ich fragen, wen und was Sie ſuchen?“ 8 a „Jemand, der zu einem beſonderen Zweck auf Befehl des kom⸗ mandirenden Generals hieher geſendet worden.“ „Ich ſehe nur zwei Perſonen,“ antwortete der Burſche zau⸗ 3 dernd—„wo iſt der Dritte?“ die hen war ahm ſie Zug gen ßen, erfte hten, raut eiten rnen rde. tete, ſah eines eſer, rauf Darf kom⸗ zau⸗ 439 „Er zögert dort in der Ferne,“ erwiederte Cäcilie und deutete auf Meriton, der weit ängſtlicher als ſeine Herrin ſelbſt auf der Werfte einherging.„Wir ſind unſer drei und jetzt ſind alle beiſammen.“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung,“ antwortete der Jüng⸗ ling, indem er die Falten ſeines Matroſenmantels, unter welchem er die unterſcheidenden Abzeichen ſeiner Seemannsuniform verſteckt hatte, zurückſchlug, und zugleich mit tiefem Reſpekte den Hut ab⸗ nahm;„ich hatte Befehl, die höchſte Vorſicht zu gebrauchen, Ma⸗ dame, denn, wie Sie hören, ſchlafen die Rebellen nur wenig bei Nacht!“ „Es iſt wahrlich ein ſchrecklicher Schauplatz, den ich verlaſſe, Sir,“ erwiederte Cäcilie,„und je früher es Ihnen bequem ſeyn wird, uns von hier überzuführen, deſto mehr werden wir uns Ihnen verbunden fühlen.“ Der Jüngling verbeugte ſich noch einmal zum Zeichen ſeiner Bereitſchaft und bat die ganze Geſellſchaft, ihm dahin zu folgen, wohin er ſie führen würde. Nach wenigen Augenblicken gelangten ſie an den Fuß einer Waſſertreppe, wo unter dem Schutze der Dunkelheit, welche von dem Werfte her über das Baſſin geworfen wurde, ein Boot verborgen lag, das zu ihrer Aufnahme vollkom⸗ men bereit war. „Rührt euch, ihr Burſche!“ rief der Jüngling mit dem bar⸗ ſchen Tone eines Offiziers;„bewegt eure Ruder ſo leiſe, als ob ihr euch von einem Feinde wegſtehlen wolltet. Haben Sie die Güte, einzutreten, Madame; Sie ſollen, wie auch immer der Empfang der Rebellen ausfallen mag, jedenfalls raſch und ſicher am andern Ufer gelandet werden.“ Cäcilie und ihre beiden Gefährten gehorchten ohne Zögern, worauf das Boot mit einer Schnelligkeit, durch welche die Worte des Midſhipman“* eine ſchleunige Beſtätigung zu erhalten verſprachen, * Seekadet. A. d. U. in die Strömung hineinglitt. Die tiefſte Stille herrſchte unter den nächtlichen Abenteurern, und der Eindruck der ſie umgebenden Scene war ſo ſtark, daß ſelbſt die junge Frau in der Betrachtung der⸗ ſelben ihre Lage allmählig zu vergeſſen begann. Der Abend war bereits milder und wurde in Folge einer jener Veränderungen, wie ſie dem Klima dieſes Landes ſo eigenthümlich ſind, ſehr ſchnell ſogar lieblich und angenehm. Das klare Licht des Mondes erglänzte über Stadt und Hafen und machte die ein⸗ zelnen Gegenſtände von Beiden ſichtbar. Die ungeheuren ſchwarzen Maſſen der Kriegsſchiffe ruhten düſter, wie ſchlummernde Levia⸗ thans, auf den Gewäſſern, und mit Ausnahme ihres eigenen Fahr⸗ zeugs war auch nicht ein einziges Segel oder vorüberziehendes Boot zu erblicken, das die Ausſicht in der Richtung des Hafens belebt hätte. Auf der andern Seite erhoben ſich die Hügel der Stadt in ſchönen Umriſſen gegen den klaren Horizont; hie und da warf ein Dach oder Kirchthum das blaſſe Licht des Mondes zu⸗ rück. Das Innere des Platzes war ſo ruhig, als ob ſeine Bewohner in mitternächtlichem Schlummer begraben geweſen wären; aber hinter den Hügeln in einem Umkreis, der ſich von den Werken auf den Höhen von Charlestown bis zu der Landenge erſtreckte, welche eben jetzt ganz offen vor dem Boote dalag, konnte man alle Zeichen des Krieges wahrnehmen. Während der wenigen vorangegangenen Nächte hatten die Amerikaner in Anwendung ihrer Drängungsmittel mehr als gewöhnlichen Eifer bewieſen, im jetzigen Augenblicke aber ſchienen ſte mit einem Male die äußerſte Kraft gegen ihre Feinde aufbieten zu wollen. Noch verſchonten ſie die Stadt und richteten die Wuth ihres Feuers nur gegen die verſchiedenen Batterien, welche, wie ſchon bemerkt, die Zugänge zu dem Platze längs dem weſtlichen Rande der Halbinſel deckten. Cäcilien's Ohr war ſchon längſt an den Waffenlärm gewöhnt, aber dieß war das erſte Mal, daß ſie die Schönheiten und Schrecken einer nächtlichen Kanonade mitanzuſehen Gelegenheit fand. Sie den cene der⸗ ener lich Licht ein⸗ rzen via⸗ ahr⸗ ndes fens der b da zu⸗ hner aber auf lche chen enen ittel aber inde eten lche, chen hnt, icken Sie ——— 2„.ypypypy— 441 ließ ihren Kalaſhüberwurf herabfallen, ſchüttelte die ſchwarzen Locken aus ihrem Geſicht und lehnte ſich über den Rand des kleinen Fahrzeugs, um auf den Donner des Geſchützes zu horchen; ihr Blick folgte den raſchen Blitzen, welche der dämmernden Beleuch⸗ tung des Geſtirns ſpotteten, mit einer Aufmerkſamkeit, welche ſie für den Augenblick in ein Vergeſſen ihrer ſelbſt einwiegte. Die Männer trieben das Boot mit umwickelten Rudern vorwärts, und ſo leiſe war ſein Gang, daß es ſogar Augenblicke gab, wo man die Schüſſe unter den Trümmern, welche ſie eingeworfen, herum⸗ poltern hörte. „Es ſetzt mich in Erſtaunen, Madame,“ hub Meriton an, „daß ſo viele brittiſche Generale und tapfere Herrn, wie ſie dort in Boſton verſammelt ſind, auf einem ſo kleinen Flecke ſtehen bleiben mögen, um ſich von einer Hand voll Landleute beſchießen zu laſſen, während es ein Lon'non“ gibt, wo es in dieſem geſegneten Augen⸗ blick ſo ruhig und ſicher wie auf einem Dorfkirchhofe um Mitter⸗ nacht ſeyn mag.“ Cäecilie ſchlug die Augen auf und gewahrte, daß der Jüngling neben ihr mit unverſtellter Bewunderung die Schönheit ihres Geſichts anſtaunte. Erröthend und ihre Züge unter dem Ueberwurf ver⸗ bergend, wandte ſie ſich ſchweigend von dem Anblicke des Kampfes weg. „Die Rebellen ſind freigebig mit ihrem Pulver heute Nacht!“ begann der Kadet die Unterhaltung.—„Einige ihrer Kreuzer haben vermuthlich ein zweites Transportſchiff von uns aufgefangen, ſonſt würde wohl Mr. Waſhingthon jetzt gerade, wo alle ehrlichen Leute an ihre Ruhe denken ſollten, nicht einen ſolchen Lärm in die Welt hinein machen. Glauben Sie nicht, Madame, wenn der Admiral drei oder vier unſerer ſchwerſten Schiffe in den Kanal hinter der Stadt bugſiren würde, daß dieß die kürzeſte Methode waͤre, die Einbildung der Yankees etwas zu dämpfen?“ s London, in der gemeineren Mundart ausgeſprochen wie oben. A. d. U. 442 „In der That, Sir, ich bin in militäriſchen Sachen ſo unwiſſend, daß meine Meinung, wenn ich auch eine ſolche geben wollte, werthlos ſeyn würde.“ „Ei, junger Herr,“ fiel Meriton ein,„die Rebellen zogen vor ein oder zwei Tagen eine Gallone aus dem Strom, wie ich ſelbſt bezeugen kann, da ich hinter einem großen Ziegelhaufen ſtand, wo ich zuſah, wie die ganze Sache herrlich von Statten ging!“ „Allerdings ein ganz paſſender Platz für einen Eures Gleichen, Sir,“ erwiederte der Kadet, der es nicht der Mühe werth hielt, ſeinen Aerger über eine ſo ungeziemende Unterbrechung zu ver⸗ bergen—„wiſſen Sie, was eine Gallone iſt, Madame? Nichts als ein kleines Schiff mit einem Paar ſchwerer Geſchütze, das kann ich Sie verſichern. Etwas ganz Anderes wäre es mit einer Fre⸗ gatte oder einem Zweidecker! Sehen Sie nur einmal, was für ein köſtliches Ding unſer Schiff iſt, Madame— gewiß muß eine ſo ſchöne Lady ein ſo hübſches Schiff zu bewundern verſtehen!— Es liegt hier herum, faſt in gleicher Linie mit der zweiten Inſel.“ Dem Jüngling zu Gefallen wandte Cäcilie den Kopf in der von dem Kadeten angegebenen Richtung und murmelte einige Worte zum Lobe ſeines Schiffes. Aber der ungeduldige Junge hatte die Richtung ihrer Augen ſcharf beobachtet, und ſie wurde durch einen Ausruf offenbaren Mißmuths von ſeiner Seite unterbrochen: „Was! jene unförmliche Maſſe, gerade über dem Kaſtell! das iſt eine alte holländiſche Priſe, en flute; ja, älter als meine Groß⸗ mutter, die gute alte Seele; und es würde nicht einmal den Werth eines Thauſtücks ausmachen, nach welcher Seite man ihr Bugſpriet kehrte! Einer meiner Schulkameraden, Jack Willoughby, dient daſelbſt am Bord, und von ihm habe ich gehört, daß ſie in ge⸗ wöhnlichem Laufe gerade ſechs Faden zurücklegen und bei ruhigem Waſſer mit friſchem Wind höchſtens ſieben auf der Leeſeite! Jack meint, er könne davon loskommen, ſobald er einmal den Admiral bei guter Laune trifft, denn die Graves wohnen neben den x x 443³ Willoughbys in der Stadt und er kennt alle Eigenheiten von des alten Mannes Laune. Nein, nein, Madame, Jack gäbe jeden Schuß in ſeinem Pulverkaſten darum, wenn er ſeine Hängematte zwiſchen zwei Balken von unſerm Schiff ausbreiten dürfte. Ent⸗ ſchuldigen Sie einen Augenblick,“ fuhr er fort und ergriff mit ge⸗ ziemender Beſcheidenheit Cäcilien's Hand, um ihr ſein Lieblingsſchiff zu zeigen—„dort, Madame, nun haben Sie's! das dort, was ſo hoch aufgetackelt vor Ihnen ſteht⸗ mit dem fliegenden Vorderſpriet, das die Topraaen nach dem Unterdeck herabgelaſſen hat— wir nehmen ſie jede Nacht mit der Abendkanone ab, und hiſſen ſie wieder am nächſten Morgen auf, ſo wie die Glocke acht ſchlägt.— Iſt's nicht ein ſüßes Ding, Madame? denn ich ſehe, endlich hat es Ihr Auge gefaßt und ich bin ſicher, Sie können jetzt auf kein anderes Schiff im Hafen mehr zu ſehen wünſchen.“ Caͤcilie konnte auf eine ſo beredte Aufforderung ihr Lob nicht verweigern, obgleich ſie im nächſten Augenblicke ſehr in Verlegenheit geweſen wäre, wenn ſie die vielbewunderte Fregatte von dem ver⸗ achteten Proviantſchiff hätte unterſcheiden ſollen. „Ha, ha, Madame, ich wußte wohl, daß es Ihnen gefallen würde, wenn Sie erſt den rechten Blick auf ſeine Verhältniſſe ge⸗ worfen hätten,“ fuhr der entzückte Jüngling fort,„es iſt zwar an ſeiner Breitſeite nicht halb ſo ſchön, als wenn Sie es an ſei⸗ nem Hintertheile, beſonders an ſeinem Backbordquartier, ſehen könnten.— Immer lang und tüchtig ausgezogen, ihr Burſche, und tragt Sorge, daß ihr mir das Waſſer nur leicht berührt— dieſe Yankees haben Ohren, ſo lang wie die Mauleſel, und wir nähern uns dem Land. Unſere Landung bei der Dorcheſter Land⸗ enge verurſacht Ihnen einen weiten Umweg bis Cambridge, Ma⸗ dame; aber es war keine Möglichkeit, das Rebellenufer heute Nacht an irgend einem andern Punkte zu berühren, da wir ſonſt, wie Sie ſehen, gerade in ihre Kanonen hineingelaufen wären.“ „Iſt's nicht etwas ſonderbar,“ ſagte Cäeilie, welche die 444 Bemühung des Jünglings, ſie zu unterhalten, durch eine Bemerkung vergelten wollte,„daß die Koloniſten, während ſie die Stadt auf der Nord⸗ und Weſtſeite ſo ſtreng einſchließen, ſie im Süden ganz und gar anzugreifen verſäumen? denn ich glaube, ſie haben die Hügel von Dorcheſter noch niemals beſetzt und doch iſt's einer der nächſten Punkte bei Boſton.“ „Das iſt nichts weniger als ein Räthſel,“ entgegnete der Jüngling und ſchüttelte den Kopf mit der Altklugheit eines Vete⸗ ranen—„es würde ihnen einen zweiten Bunkerhill vor die Ohren bringen; denn Sie ſehen, jenes Dorcheſter auf dieſer Seite des Platzes iſt gerade das, was die Landenge von Charlestown auf der andern iſt:— leicht berührt, ihr Leute, leicht berührt!— Ueber⸗ dieß, Madame, könnte ein Fort auf dieſem Hügel ſein Feuer uns gerade auf's Verdeck werfen— das würde der alte Mann nie zu⸗ geben und es müßte dann entweder eine geregelte, derbe Klopferei oder ein allgemeines Auslaufen der Flotte zur Folge haben, und was würde in dieſem Falle aus der Armee werden?— Nein, nein — die YNankees werden nicht den Stockfiſch aus ihrer Bai zu treiben wagen, um eine ſolche Unternehmung zu verſuchen.— Legt die Ruder nieder, Burſche, während ich nach dem Ufer hinüberſchiele, um zu ſehen, ob ſich nicht etwa einige Jonathans beim Mondlicht am Strande abkühlen.“ Die gehorſamen Seeleute ruhten von ihrer Arbeit, während ihr junger Offizier aufrecht im Boote ſtand und ein kleines Nacht⸗ fernglas auf den beabſichtigten Landungsplatz richtete. Die Rekognos⸗ eirung erwies ſich als völlig befriedigend und mit leiſer, vorſichtiger Stimme befahl er den Leuten, nach einer Stelle hin zu rudern, wo er unter dem Schatten der Hügel am eheſten unbeachtet zu landen hoffen konnte. Von dieſem Augenblicke an wurde das tiefſte Stillſchweigen beobachtet; das Boot näherte ſich raſch, doch ſicher geleitet, der befohlenen Stelle, wo man es bald am Boden hinſtreichen hörte, tung auf ganz die der der ete⸗ hren des der ber⸗ uns zu⸗ ferei und nein zu Legt iele, licht rend icht⸗ nos⸗ tiger wo nden igen der örte, 445 waͤhrend es nach und nach ſeine Bewegung verlor und zuletzt ganz ſtille ſtand. Cäcilie wurde augenblicklich an's Land gehoben, wohin ſie von dem Kadet geleitet wurde, der mit großer Gleichgültigkeit an's Ufer ſprang und ſich der Reiſenden näherte, von der er nun im Begriffe ſtand, Abſchied zu nehmen. „Ich wünſche nur, daß Die, unter welche Sie zunächſt gerathen werden, Sie eben ſo gut zu behandeln wiſſen mögen, wie Diejenigen, welche Sie verlaſſen,“ begann der Jüngling wieder, während er näher trat und Cäcilien mit der Ungezwungenheit eines älteren Seemannes die Hand bot;—„Gott ſegne Sie, theure Madame; ich habe zwei kleine Schweſtern zu Haus, faſt ſo hübſch wie Sie ſelbſt, und ich ſehe nie eine hülfsbedürftige Frau, ohne an die armen Maͤdchen zu denken, die ich in Alt⸗England zurückgelaſſen— Gott ſegne Sie nochmals— ich hoffe, wenn wir uns wieder treffen, werden Sie ſich näher umſehen nach——“ „Ihr werdet wohl nicht ſo geſchwind wieder wegkommen, wie Ihr Euch einbildet,“ rief ein Mann, der von ſeinem Verſteck hinter einem Felſen hervorſprang und raſch auf die Gruppe losging,— „wenn Ihr den geringſten Widerſtand leiſtet, ſeyd Ihr des Todes.“ „Stoßt ab, Leute, ſtoßt ab und kümmert euch nicht um mich!“ rief der Jüngling mit bewundernswürdiger Geiſtesgegenwart;— „um's Himmelswillen, rettet das Boot und wenn ihr auch dafür ſterben ſolltet!“ Die Seeleute gehorchten raſch und ohne Bedenken, worauf der Jüngling mit der Leichtfüßigkeit ſeiner Jahre ihnen nachſtürzte und mit einem verzweifelten Sprung den Kanonenrand der Barke erreichte, in welche er von den Matroſen ſogleich hineingezogen wurde. Ein Dutzend Bewaffneter hatte unterdeſſen den Rand des Waſſers erreicht und eben ſo viele Musketen waren auf die Ab⸗ ziehenden gerichtet, als Der, welcher zuerſt geſprochen, ihnen zurief: „Keinen Schuß!— Der Junge iſt uns entwiſcht und verdient ſein gut Glück!— Wir wollen uns dafür der Zurückgebliebenen Wr. gehört hatte, den Rang eines Subaltern⸗Offiziers unter den 446 verſichern, denn wird auch nur ein einziges Gewehr abgebrannt, ſo erregt es gleich die Aufmerkſamkeit der Flotte und des Caſtells.“ Seine Gefährten, welche gezaudert hatten, wie Leute, die nicht gewiß ſind, ob der Weg, den ſie einſchlagen, der rechte iſt, ſenkten gehorſam die Mündungen ihrer Gewehre und im nächſten Augen⸗ blick ruderte das Boot nach der viel bewunderten Fregatte und war bald in einer Entfernung, welche das Feuer wahrſcheinlich ganz unſchädlich gemacht hätte. Cäcilie hatte während der kurzen Periode der Ungewißheit kaum geathmet; als aber die plötzliche Gefahr vorüber war, bereitete ſie ſich, die Angreifenden mit dem ganzen unbeſchränkten Vertrauen eines amerikaniſchen Weibes zu empfangen, wie dieſe es faſt immer der Milde und dem Verſtande ihrer Lands⸗ leute angedeihen zu laſſen pflegen. Der ganze Trupp, der ſich ihr jetzt näherte, erſchien in der gewöhnlichen Kleidung von Landleuten, nur daß ſie einigermaßen die nöthigſten militäriſchen Abzeichen trugen. Sie waren blos mit Musketen bewaffnet, die ſie aber als Leute hand⸗ habten, welche den vollen ernſteſten Gebrauch der Waffe kannten, während zu gleicher Zeit die eigentlichen Handgriffe der Truppen ihnen gänzlich ungewöhnt waren. An Meriton zitterte bereits jede Fieber vor Angſt, als er ihre kleine Gruppe von dieſer unerwarteten Wache umringt ſah, und auch der Unbekannte, der ſie begleitet hatte, ſchien nicht ganz frei von Beſorgniß. Cäcilie jedoch behauptete noch ihre Selbſtbe⸗ herrſchung, in der ſie theils durch den Ernſt ihres Vorhabens, theils durch ihre größere Vertrautheit mit dem Charakter des Volks, in deſſen Hände ſie gefallen war, unterſtützt wurde. Als die ganze Abtheilung ſich ihnen bis auf wenige Schritte gegenübergeſtellt hatte, ſetzten ſie die Kolben ihrer Musketen auf den Boden und blieben geduldige Zuhörer bei dem nun folgenden Verhör. Ihr Anführer, der vor ſeinen Gefährten nur durch eine grüne Cokarde am Hut ausgezeichnet war, welche, wie Cäcilie — —+½ 8 unnt, Uls.“ nicht akten gen⸗ war ganz riode ffahr nzen igen, unds⸗ hihr uten, igen. hand⸗ nten, ppen ihre und 1 frei ſtbe⸗ heils 8, in hritte auf enden eine äcilie den — 447 amerikaniſchen Truppen bezeichnete,“— redete ſie in ruhigem, aber feſtem Tone an: „Es iſt ein unangenehmes Ding, eine Frau und beſonders eine von Ihrem Aeußeren, auszufragen,“ hub er an;„doch die Pflicht verlangt es von mir. Was kann Sie in dem Boote eines könig⸗ lichen Schiffes und zu dieſer ungewöhnlichen Stunde der Nacht nach einem ſo unbeſuchten Orte bringen?“ „Ich komme nicht in der Abſicht, meinen Beſuch vor Jemands Augen zu verbergen,“ antwortete Cäcilie;„denn mein erſter Wunſch iſt, zu einem Offiziere von Rang geführt zu werden, dem ich meine Abſicht erklären werde. Es gibt Viele, die ich kennen ſollte und die nicht anſtehen werden, meinen Worten zu glauben.“ „Auch Keiner von uns bezweifelt deren Wahrheit; wir handeln nur mit Vorſicht, weil ſie durch die Umſtände geboten wird.— Kann die Erklärung nicht gegen mich geſchehen?— denn ich ver⸗ miede gerne die Pflicht, welche einer Frau Unruhe verurſacht.“ „Es iſt unmöglich!“ gab Cäcilie zur Antwort und zitterte un⸗ willkührlich unter den Falten ihres Mantels. „Sie kommen in einem höchſt unglücklichen Augenblick,“ fuhr der Andere nachdenklich fort;„und ich fürchte, Sie werden deßhalb eine unruhige Nacht erleben. Nach Ihrer Sprache halte ich Sie für eine Amerikanerin?“ „Ich bin unter jenen Dächern geboren, welche Sie auf der Halbinſel gegenüber ſtehen ſehen.“ „Dann ſind wir aus derſelben Stadt,“ antwortete der Offizier und trat zurück, indem er vergebens ſich bemühte, einen Blick auf die Züge zu werfen, welche unter dem Hut verborgen waren. Doch machte er keinen Verſuch, den Schleier zu heben und äußerte auch nicht entfernt einen Wunſch, der, wie zu vermuthen war, das * Im Anfang der amerikaniſchen Revolution gab es keine vorgeſchriebene Uniform. Die untergeordneten Offtziere unterſchieden ſich unter einander und von ihren Leuten nur durch die Benennung. 448 Zartgefühl von Cäeilien's Geſchlecht hätte verletzen können, ſondern wandte ſich um, als er ſeinen Verſuch mißlungen ſah und fuhr fort: „auch ich bin es müde, an einer Stelle zu bleiben, wo ich den Rauch meines eigenen Kamins ſehen kann, während ich zugleich weiß, daß Fremde um den Heerd deſſelben ſitzen!“ „Niemand wünſcht inniger als ich, daß der Augenblick ſchon ge⸗ kommen wäre, wo Jedermann in Frieden und Ruhe ſein Eigenthum genießen könnte.“ „Laßt das Parlament ſeine Geſetze aufheben und den König ſeine Truppen zurückrufen,“ ſiel hier Einer von den Leuten ein, „und der Kampf wird auf Einmal ein Ende haben. Wir fechten nicht, weil wir Blut zu vergießen lieben!“ „Der Monarch würde Beides thun, Freund, wenn der Rath einer unbedeutenden Perſon, wie ich, in ſeinem königlichen Herzen Gewicht finden könnte.“ „Ich glaube, es iſt kein großer Unterſchied zwiſchen einem königlichen Herzen und dem jedes andern Mannes, wenn der Teufel es fein in Beſitz genommen hat,“ rief derb ein Anderer aus dem Trupp.„Ich denke mir, der Böſe iſt für einen König eben ſo un⸗ heilbringend, wie für einen Schuhflicker!“ „Was ich auch über das Benehmen ſeiner Miniſter denken mag,“ antwortete Cäcilie kalt,„ſo bleibt es doch immer unange⸗ nehm für mich, die perſönlichen Eigenſchaften meines Herrn vertheidigen zu müſſen.“ „Ei, ich beabſichtigte keine Beleidigung; aber, wenn die Wahr⸗ heit einem Manne das Herz erfüllt, ſo ſpricht er ſie auch leicht aus.“ Nach dieſer rauhen Entſchuldigung ſchwieg er ſtill und wandte ſich ab, wie Einer, der darüber, was er gethan, mit ſich ſelbſt unzufrieden iſt. Unterdeſſen hatte der Führer mit zweien ſeiner Leute abſeits Berathung gepflogen. Er näherte ſich nun wieder und verkündete das Ergebniß ihrer vereinten Weisheit. ndern fort: tauch daß n ge⸗ thum nig ein, chten Rath erzen inem feufel dem b un⸗ enken ange⸗ digen Jahr⸗ leicht und t ſich bſeits indete 4⁴9 „Unter allen Umſtänden, habe ich beſchloſſen,“ fing er an, indem er aus Rückſicht für ſeinen Rang in der erſten Perſon ſprach, ob⸗ gleich er in Wirklichkeit ſeine eigene Meinung nach der Weiſung ſeiner Rathgeber umzuändern für gut befunden hatte—„Sie unter dem Schutze dieſer beiden Männer, welche Ihnen den Weg zeigen werden, zu dem nächſten Generaloffizier zu bringen, um dort vernommen zu werden. Die beiden Männer kennen das Land und es iſt nicht die mindeſte Gefahr vorhanden, daß ſie die Straße verfehlen könnten.“ Cäcilie verbeugte ſich zum Zeichen ihrer Ergebung in dieſe charakteriſtiſche Verkündigung ſeines Willens und erklärte ihren dringenden Wunſch, ſogleich weiter zu gehen. Der Offtzier hielt eine zweite kurze Berathung mit den beiden Führern, und ſchloß dieſelbe bald darauf mit dem Befehle an den Reſt der Abtheilung, daß Alle ſich zum Abmarſch bereit machen ſollten. Ehe ſie ſchieden, trat einer von den Führern, oder beſſer geſagt— Wäͤchtern auf Meriton zu und ſagte mit einer Bedächtigkeit, welche leicht für Zweifel genommen werden konnte: „Da wir nur zwei gegen zwei ſeyn werden, Freund, ſo wäre es wohl nicht unpaſſend, wenn wir nachſehen würden, was Ihr eiwa bei Euch verſteckt haben könnt, da dieß allen harten Worten oder Schwierigkeiten für die Zukunft vorbeugen wird? Ihr werdet den Grund der Sache einſehen, hoffe ich, und keine Einwendungen dagegen machen.“ „Nicht im Geringſten, Sir, nicht im Geringſten!“ erwiederte der zitternde Diener, der, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ſeine Börſe hervorzog;„ſie iſt nicht ſchwer, aber was drin iſt, vom beſten engliſchen Gold, das, wie ich denke, bei Euch ſehr geachtet ſeyn muß, da Ihr doch ſonſt Nichts als das Papier der Rebellen zu ſehen bekommt!“ „So ſehr wir deſſen Beſitz auch ſchätzen, ſo verſchmäͤhen wir doch, deßhalb zu Räubern zu werden,“ antwortete der Soldat mit Lionel Lincoln. 2. Aufl. 29 kalter Verachtung.„Ich wollte bei Euch nach Waffen ſuchen und nicht nach Gold.“ „Aber, Sir, da ich unglücklicherweiſe keine Waffen habe, würdet Ihr nicht beſſer thun, mein Geld zu behalten? Es ſind zehn gute Guineen, das kann ich Euch verſichern; und nicht Eine leichte darunter, auf meine Ehre! neben mehren Silberſtücken.“ „Komm, Allen,“ rief der andere Soldat lachend;„es wird nicht viel zu bedeuten haben, ob der Herr Waffen beſitzt oder nicht, glaub ich. Sein Kamerade hier, der ſchon beſſer zu wiſſen ſcheint, warum er da iſt, hat wenigſtens keine bei ſich und da der eine von den Beiden unverdächtig iſt, ſo bin ich gern geneigt, auch dem Andern zu trauen.“ „Ich verſichere Euch,“ ſiel hier Cäeilie ein,„unſere Abſichten ſind friedlich und Euer Amt wird auf keine Weiſe ſchwierig ſeyn.“ Die Beiden hörten mit vieler Achtung auf ihre Worte und in wenig Augenblicken trennten ſich die beiden Parthieen, um ihre verſchiedenen Wege zu verfolgen. Während das Hauptcorps der Soldaten den Hügel hinanſtieg, nahmen Cäcilien's Führer eine Richtung, in welcher ſie allmählig den Fuß deſſelben umgingen. Ihr Weg zog ſich gegen die niedere Landenge, welche die Höhen mit dem anliegenden Lande verband, und ſie verfolgten denſelben in raſchem, eiligem Schritt. Cäcilie wurde oft befragt, ob ſie die Anſtrengung auch zu ertragen vermöge und ihr dabei zu wiederholten Malen angeboten, daß man die Eile ganz nach ihren Wünſchen einrich⸗ ten wolle. In jeder andern Beziehung blieb ſie von den Führern gänzlich unbeachtet, die jedoch eine viel ſchärfere Aufmerkſamkeit auf ihre Begleiter richteten, indem jeder der beiden Soldaten ſich an einen der ihr Folgenden hielt und ihn beſtändig mit wachſamem Auge beobachtete. „Mir ſcheint, Ihr habt kalt, Freund,“ ſagte Allen zu Meriton, „obgleich ich die Nacht für die erſte Woche im März ganz ange⸗ nehm nennen moͤchte!“ 1 — und abe, ſind Eine 74 nicht aub' eint, eine auch chten yn.“ und ihre der eine ngen. böhen ſelben ee die volten nrich⸗ hrern it auf ch an amem riton, ange⸗ 451 „In der That, ich bin erſtarrt bis auf die Knochen!“ ant⸗ wortete der Diener mit einem Zittern, das ſeine Verſicherung zu beſtätigen ſchien.—„Es iſt ein fröſtelndes Klima in dieſem Amerika, beſonders bei Nacht! Ich fühlte wirklich, ſo lang ich mir denken kann, nie ein ſo auffallendes Spannen in der Kehle, wie eben jetzt, ich kann Euch verſichern.“ „Hier iſt noch ein Taſchentuch,“ ſagte der Soldat und warf ihm eins aus ſeiner Taſche zu—„wickelt's Euch um den Hals, denn es thut mir weh, wenn ich Eure Zähne ſo aneinander klappern höre.“ „Dank Euch, Sir, tauſend Mal,“ erwiederte Meriton und zog wieder mit inſtinktartiger Bereitwilligkeit ſeine Börſe—„was ſoll's koſten?“ Der Mann ſpitzte die Ohren, nahm ſein Gewehr ab, indem er die wachſame Haltung aufgab, die er bis jetzt beobachtet hatte, und rückte auf ſehr vertrauliche Weiſe näher an ſeinen Gefangenen, während er antwortete: „Ich dachte eigentlich nicht daran, das Ding zu verkaufen; wenn Ihr's aber nöthig habt, will ich nicht zu genau ſeyn.“ „Soll ich Euch eine Guinee geben oder wollt Ihr zwei, Herr Rebell?“ fragte Meriton, deſſen Geiſteskräfte von Schreck gänzlich verwirrt waren. „Mein Name iſt Allen, Freund, und wir lieben eine höfliche Sprache in der Bai. Zwei Guineen für ein Taſchentuch! Ich könnte nicht daran denken, Jemand ſo arg zu betrügen!“ „Nun denn, wie viel ſoll's denn ſeyn, eine halbe Guinee oder vier halbe Kronen?“ „Ich rechnete eigentlich gar nicht darauf, das Tuch wegzu⸗ geben, als ich von Haus wegging— ˙s iſt ganz neu, wie Ihr ſehen könnt, wenn Ihr's ſo gegen den Mond haltet— überdieß⸗ wißt Ihr, jetzt wo gar kein Handel iſt, kommen dieſe Dinge ſehr hoch.— Nun, wenn Ihr's denn kaufen wollt, ich will nicht 45² überfordern; Ihr könnt'’s meinetwegen für die zwei Kronen behalten.“ Meriton drückte ihm ohne Bedenken das Geld in die Hand und der Soldat ſchob den Kaufpreis zu ſich, vollkommen mit ſich ſelbſt und ſeinem Handel zufrieden, da er auf dieſe Art ſein Eigen⸗ thum mit einem reinen Profit von ungefähr dreihundert Procent losgeſchlagen hatte. Er nahm bald Gelegenheit, ſeinem Kame⸗ raden zuzuſlüſtern, er habe nach ſeiner Meinung zeinen guten Handel gemacht“, und die Köpfe zuſammenſteckend gelangten ſie endlich zu dem Ausſpruch, dieſer Handel ſey doch gar kein übler Fund. Andrerſeits war Meriton, der den Unterſchied des Werthes von Baumwolle und Seide ebenſogut kannte wie ſein amerikaniſcher Beſchützer, mit dem Vergleiche gleichfalls wohl zufrieden, wenn auch ſeine Zufriedenheit auf einer ſehr verſchiedenen Anſicht der Dinge beruhte. Von frühe an war er zu glauben gewöhnt worden, jede Höflichkeit habe, wie der Patriotismus nach der Meinung Sir Robert Walpole's, ihren fixen Preis und ſeine Furcht machte ihn einigermaßen unbekümmert um den Betrag des Kaufgeldes. Er betrachtete ſich nun als vollkommen dazu berechtigt, auf den Schutz ſeines Wächters zu zählen und ſeine Befürchtungen verwandelten ſich unter dieſem beſänftigenden Einfluſſe nach und nach in das Gefühl völliger Sicherheit. Während dieſer befriedigende Handel geſchloſſen wurde und jeder Theil geſetzlich in dem Beſitze ſeines Eigenthums war, er⸗ reichten ſie die Niederung, deren wir ſchon unter dem Namen der „Landenge“ gedacht haben. Plötzlich hielt die Wache an und in auf⸗ merkſamer Stellung vorwärts gebeugt, ſchienen ſte angeſtrengt anf einige ſchwache undeutliche Töne zu horchen, welche auf Augen⸗ blicke in den Zwiſchenräumen der Kanonade in der Ferne hörbar waren. „Sie kommen,“ ſagte Einer zum Andern;„ſollen wir weiter gehen oder warten, bis ſie vorüber ſind?“ den alten Kongreß?“ 45³ Die Frage wurde durch ein Flüſtern beantwortet und nach kurzer Berathung beſchloſſen ſie, weiter zu gehen. Dieſes Zuſammenreden und die wenigen Worte, die ihren Führern entſchlüpft waren, hatten Cälilien's Aufmerkſamkeit erregt und zum Erſtenmal fühlte ſie einige Furcht wegen des Ausgangs ihres Unternehmens. Von der Wichtigkeit ihres Schrittes erfüllt, bot die junge Frau nun Allem auf, um den geringſten Umſtand zu entdecken, der ihr Vorhaben vereiteln könnte. Sie trat ſo leiſe auf das welke Gras, daß ihre Schritte unhörbar wurden und mehr als einmal war ſie im Begriff, die Andern zu bitten, daß ſie ihrem Beiſpiel folgen möchten, damit ja keine Gefahr ſie überraſchen könnte. Endlich wurden ihre Zweifel gehoben und ihre Verwunderung mehrte ſich, als ſie deutlich das dumpfe Geräuſch von Rädern ver⸗ nahm, die über den gefrorenen Boden hinraſſelten, wie wenn un⸗ zählige knarrende Wagen in langſamer, abgemeſſener Bewegung ſich näherten. Im nächſten Augenblick kamen ihre Augen den Gehörorganen zu Hülfe und da das Morndlicht ihr ziemlich deutlich zu ſehen erlaubte, waren ihre Zweifel, wenn nicht ihre Beſorgniſſe, bald gänzlich verſchwunden. Ihre Wächter entſchloſſen ſich jetzt zu einer Aenderung ihres Plans und zogen ſich mit ihren Gefangenen in den Schatten eines Apfelbaums zurück, der nur wenige Schritte von dem Rande der Straße, auf welcher offenbar die herankommenden Wagen ſich näher⸗ ten, in der Niederung ſtand. In dieſer Stellung blieben ſie mehre Minuten aufmerkſame Beobachter deſſen, was um ſie herum vorging. „Unſere Leute haben die Britten durch ihr Feuer aufgeweckt,“ fing einer der beiden Wächter an,„und Aller Augen find auf die Batterien gerichtet!“ „Ja, es iſt ganz gut ſo, wie es iſt,“ antwortete ſein Kamerad: „aber wenn nicht der alte eherne Kongreß⸗Mörſer geſtern geplatzt wäre, würde es einen ganz anderen Lärm geben. Sahſt Du je —— 454 „Ich kann nicht ſagen, daß ich die Kanone jemals ſelbſt ge⸗ ſehen hätte, aber dafür habe ich die Bomben ſchon mehr als fünfzig Mal in der Luft erblickt; und ſchreckliche Dinger ſind's, beſonders bei finſterer Nacht;— aber horch, da kommen ſie!“ Ein großer Haufe Menſchen näherte ſich jetzt und bewegte ſich raſch und ſchweigend an ihnen vorüber, indem er am Fuß der Hügel vorbeizog und gegen die Ufer der Halbinſel hinmarſchirte. Der größere Theil dieſes Corps war faſt ebenſo gekleidet und ausgerüſtet wie die Leute, welche Cäcilie gefangen genommen hatten. Einer oder zwei zu Pferd und in kriegeriſcherem Aufzug verkündeten die Anweſenheit einiger Offiziere von Rang. Ganz dicht hinter dieſem Soldatenhaufen kamen eine große Zahl Karren, welche den Weg einſchlugen, der gerade die benachbarten Höhen hinanführte. Nach dieſen kam ein zweites und zahlreicheres Trup⸗ pencorps, welches den Wagen folgte; die Maſſe bewegte ſich in der tiefſten Stille und mit dem Eifer von Leuten, welche ein Un⸗ ternehmen von der höchſten Wichtigkeit vor ſich haben. Dem Nach⸗ trab des Corps folgte eine zweite Reihe von Karren, die unter der Laſt großer Heubündel und anderer militäriſcher Vertheidigungs⸗ mittel ſeufzten. Ehe dieſe letzte Abtheilung die Niederung verließ, wurde eine ungeheure Maſſe feſtgepackter Bündel auf die Erde ge⸗ worfen und mit einer faſt zauberhaften Schnelligkeit ſo geordnet, daß ſie eine leichte Bruſtwehr quer über den niedern Grund bilde⸗ ten, der ſonſt dem vollen Feuer der königlichen Batterien bloßge⸗ ſtellt geweſen wäre— eine Lage der Dinge, welche, wie man annahm, im verfloſſenen Sommer zu der Kataſtrophe von Breeds geführt hatte. Unter den Letzten im Zuge über die Landenge war ein Offizier zu Pferd, deſſen Blick durch die Gruppe, die unter dem Baume ſtand, angezogen wurde. Indem er ſeine Umgebung auf ſie auf⸗ merkſam machte, ritt er derſelben näher und im Sattel vorwärts gelehnt fing er an, die Perſonen vor ſich genauer zu muſtern. ge⸗ als d's, igte der rte. und nen zug anz ren, hen rup⸗ ) in Un⸗ ach⸗ nter igs⸗ ließ, ge⸗ dnet, ilde⸗ ßge⸗ man teeds fizier ume auf⸗ pärts 455 „Wie kommt das?“ rief er—„ein Weib und zwei Männer unter der Bewachung von Schildwachen! Haben wir noch mehr Spione unter uns?— Haut den Baum um, ihr Leute; wir brauchen ihn, und dann mag das Mondlicht hell auf ſie herabſcheinen!“ Der Befehl war kaum gegeben, als er auch ſchon vollzogen wurde, worauf der Baum alsbald mit einer Geſchwindigkeit zu Boden ſtürzte, die jedem Andern als einem Amerikaner unglaublich geſchienen hätte. Cäcilie trat hinter den überhangenden Zweigen hervor, und während ſie ſich im Glanze des Lichtes vorwärts be⸗ wegte, war in Miene und Anzug die Erſcheinung einer vornehmen Dame nicht zu verkennen. „Hier muß ein Mißverſtändniß obwalten!“ fuhr der Offizier fort,—„warum wird die Dame auf dieſe Art bewacht?“ Einer der Soldaten erklärte mit wenigen Worten die Art ihrer Gefangennehmung und erhielt dagegen neue Weiſungen über ſein ferneres Verhalten. Der berittene Offizier ſetzte nun ſeinem Pferde die Sporen ein und galoppirte davon, um dringenderen Pflichten nachzukommen, ſchaute jedoch immer nach rückwärts, ſo lang das trügeriſche Licht ihm noch erlaubte, Geſtalt oder Züge der Dame zu unterſcheiden. „Es iſt jetzt rathſam, uns nach den Höhen zu begeben,“ ſagte der Soldat, wo wir den kommandirenden General treffen werden.“ „Ich folge überall hin,“ antwortete Cäcilie, die von der Ge⸗ ſchäftigkeit und dem Lärm, der vor ihren Augen vorübergezogen, noch ganz verwirrt war—„und bin zu Allem bereit, wenn nur einmal dieſem unglückſeligen Aufſchub ein Ende gemacht wird.“ In wenigen Minuten erreichten ſie den Gipfel des nächſten der beiden Hügel, wo ſie gerade außerhalb des lärmenden Kreiſes der dort beſchäftigten Leute ſtill hielten, während einer der Soldaten den kommandirenden Offizier aufſuchte. Von ihrem jetzigen Stand⸗ punkte aus hatte Cäeilie eine freie Ausſicht nach dem Hafen, der Stadt und dem größten Theil des anliegenden Landes. Noch 456 ruhten die Schiffe ſchwerfällig auf den Waſſern und ſie dachte ſich den jungen Seekadeten ſchon in ſeiner Hängematte am Bord jener Fregatte, deren ſchlanke, ſpitzige Spieren in ſchönen ſymmetriſchen Linien gegen den Horizont emporſtiegen. Keine Spur von Allarm zeigte ſich in der Stadt; im Gegentheil verſchwanden die Lichter allmählig trotz der heftigen Kanonade, die noch an der Weſtſeite der Halbinſel fortdauerte, und wahrſcheinlich ſetzte Howe mit ſeinen unerſchütterten Gefährten ſein Trinkgelage in der nämlichen Sicher⸗ heit fort, in der ſie dieſelben vor zwei Stunden verlaſſen hatte. Waͤhrend außer dem gelegentlichen Donner der Kanonen jedes andere Geräuſch aufgehört hatte und die Menſchen alle dem An⸗ ſchein nach in tiefem Schlummer begraben lagen, zeigte der Anblick der nächſten Umgebung die raſcheſte Thätigkeit und das munterſte Leben. Wälle von Erde ſtiegen bereits auf den Kamm des Hügels aus dem Boden hervor; einige von den Arbeitern waren damit beſchäftigt, die nebenſtehenden Körbe mit Erde und Sand zu füllen; Faſchinen wurden von Ort zu Ort dahin getragen, wo man ihrer bedurfte— dabei geſchah aber Alles mit einer Stille, welche nur durch die raſtloſen Streiche der Hacke, das dumpfe, ernſte Summen von Stimmen oder das Krachen von Aeſten unterbrochen wurde, wenn der Stolz der benachbarten Obſtgärten praſſelnd zu Boden ſtürzte. Die Neuheit der Scene ließ Cäeilien ihre Angſt vergeſſen und viele Minuten flogen unbemerkt an ihr vorüber. Fünfzig Mal näͤherten ſich ihr ganze Trupps oder Einzelne unter den Arbeitern und ſtanden einen Augenblick ſtill, um nach dem ſüßen Antlitz hinzuſchauen, das unter den milden Strahlen des Mondes noch ſanfter als gewöhnlich erſchien; jedesmal aber zerſtreuten ſie ſich wieder eben ſo ſchnell und ſchweigend und ſuchten durch erneuten Eifer die vorubergehende Verſäumniß ihrer Pflichten wieder einzu⸗ holen. Endlich kehrte der Mann zurück und verkündete die An⸗ näherung des Generals, der auf dem Hügel kommandirte. Letzterer war ein Krieger von mittlerem Alter und ſehr ruhigem Aeußeren: er er trug ſinro⸗ ligen gefäl ſchul verle men anty Fra nera ſich ner hen rm bter eite nen her⸗ tte. des An⸗ lick rſte gels mit en; hrer nur nen rde, den ſſen ßzig den ßen ndes ſie uten nzu⸗ An⸗ terer 457 er erſchien für eine ſolche Gelegenheit höchſt einfach gekleidet, und trug kein anderes Zeichen ſeines Rangs an ſich, als eine karmoi⸗ ſinrothe Kokarde, welche an einem breiten Soldatenhute der dama⸗ ligen Zeit befeſtigt war. „Sie finden uns mitten in unſerer Arbeit,“ bemerkte er gefällig, indem er ſich näherte,„und werden den Aufſchub ent⸗ ſchuldigen. Es wird mir berichtet, daß Sie dieſen Abend die Stadt verlaſſen haben?“ „Vor einer Stunde.“ „Und Howe— läßt er ſich wohl von der Unterhaltung träu⸗ men, die wir ihm wahrſcheinlich am Morgen bereiten werden?“ „Es würde an meines Gleichen wohl als Affektation erſcheinen,“ antwortete Cäcilie beſcheiden,„wenn ich die Beantwortung von Fragen ablehnen wollte, welche die Abſichten des königlichen Ge⸗ nerals betreffen; gleichwohl werden Sie aber meinen Wunſch ent⸗ ſchuldigen, in meiner gegenwärtigen Lage ſelbſt der Mühe, meine Unwiſſenheit zu bekennen, überhoben zu werden.“ „Ich geſtehe meinen Irrthum,“ antwortete der Offizier ohne Zögern. Nach kurzer Pauſe, während welcher er nachzuſinnen ſchien, fuhr er fort:„Es iſt heute keine gewoͤhnliche Nacht, junge Dame, und es wird mir zur Pflicht, Sie dem General zu über⸗ geben, der dieſen Flügel unſeres Heeres kommandirt. Er kann es möglicherweiſe ſelbſt für nöthig halten, Ihre Verhaftung dem Ge⸗ neral en Chef mitzutheilen.“ „Er iſt's, den ich ſuche, Sir, und den ich vor Allem zu treffen wünſchte.“ Der Offizier verbeugte ſich, und nachdem er einem Subalternen mit leiſer Stimme ſeine Befehle ertheilt hatte, ging er fort und verlor ſich bald unter der geſchäftigen Menge, die in beſtändiger Arbeit rings um den Gipfel des Hügels ab⸗ und zuging. Cäecilie zoͤgerte nur einen einzigen Augenblick, nachdem ihr neuer Führer ſeine Bereitwilligkeit, weiter zu gehen, erklärt hatte, und 458 warf noch einen zweiten Blick nach dem ruhigen Glanze des Gewaͤſ⸗ ſers der Bai und nach den fernen rauchenden Dächern der Stadt, den dunkeln Geſtalten, die ſich um die anliegende Höhe bewegten und ebenſo, wie die um ſie her in ähnlichem Geſchäfte begriffen waren; dann aber, nachdem ſie dieſen kurzen Ueberblick vollendet, bedeckte ſie ſich wieder mit ihrem Umwurf, hüllte ſich dichter in die Falten ihres Mantels und ſtieg mit dem leichten Schritte der Jugend den Hügel hinab. Dreißigſtes Kapitel. Rebellen⸗Thäler, Rebellen⸗Gründe, Von Rebellen⸗Bäumen umringt— Der ferne Wald und Strom und Hügel Von Rebellen⸗Echo erklingt. Die Schlacht der Kegs. Vie ungeheure weiße Kokarde, welche faſt die ganze eine Seite von dem Hute ihres jetzigen Führers bedeckte, war das einzige Zeichen, woraus Cäcilie erkennen konnte, daß ſie nunmehr der Sorge eines Mannes übergeben ſey, der unter Denen, welche für die Rechte der Kolonien kämpften, den Rang eines Kapitäns einnahm. Kein anderer Theil ſeines Anzugs war militäriſch, obgleich ein gewaltiger Degen, zu Hieb und Stich eingerichtet, an ſeine Perſon geſchnallt war, welcher, nach ſeinem ſilbernen Stichblatt und den furchtbaren Dimenſionen zu ſchließen, wahrſcheinlich ſchon von einem ſeiner Vorfahren in den früheren Kriegen der Kolonien getragen worden. Der Charakter des jetzigen Beſitzers war übri⸗ gens weit von jenem wilden Kriegsmuthe entfernt, welchen dieſe Waffe, wie man hätte glauben können, ankündigen ſollte, denn er richtete die ängſtlichſte Sorgfalt und die emſigſte Aufmerkſamkeit auf alle Bewegungen ſeiner Gefangenen. zurüc legt, word zu de Gem einne ganz Hun an vorü tung ſie f hatt wich niſſe dahr von Mã Ful Ehr ein in ob ewaͤſ⸗ Stadt, egten riffen endet, in die e der Seite einzige Sorge ür die mnahm. ch ein Perſon nd den n von olonien r übri⸗ n dieſe denn er ſamkeit Am Fuße des Hügels wurde ein Wagen, der aus dem Felde zurückkam, von dieſem halb militäriſchen Galan mit Beſchlag be⸗ legt, und nachdem in kurzer Zeit die nöthigſten Vorkehrungen getroffen worden, fand Cäcilie ihren Sitz auf einer rauhen Bank neben ihm zu dem Wagen, während ihre eigenen Begleiter und die beiden Gemeinen in weit geſelligerer Nachbarſchaft die Tiefe deſſelben einnahmen. Anfangs war ihre Fahrt langſam und ſchwierig, da ganze Schaaren von Karren, welche in buchſtäblichem Sinn zu Hunderten zurückkehrten, ihren Weg verſperrten; als ſie aber endlich an den ſchwerfälligen Thieren, die man daran geſpannt hatte, vorüber waren, eilten ſie mit deſto größerer Schnelligkeit in der Rich⸗ tung gegen Rorbury vorwärts. Während der erſten Meile, ſo lange ſie ſich durch die anſcheinend endloſe Linie von Karren durchzuwinden hatten, richtete der Offizier ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf dieſes wichtige und ſchwierige Manöver; als aber, um uns eines Gleich⸗ niſſes zu bedienen, ihr ſchwerfälliges Fahrzeug ſchön vor dem Wind dahinſegelte, wollte er nicht länger jene Dienſte verſäumen, welche von undenklichen Zeiten her hübſche Frauen in der Bedrängniß von Männern ſeines Standes zu fordern ein Recht gehabt haben. „Jetzt nur nicht die Peitſche geſpart,“ bemerkte er gegen den Fuhrmann, ſobald ſie frei geworden waren;„treibt vorwärts, zur Ehre des Pferdefleiſches und zur Schande alles Hornviehs. Dieß eine da von Euxen Thieren muß wohl ein Tory ſeyn, nach ſeinem Gang und dem Widerwillen zu ſchließen, den er zeigt, für's allge⸗ meine Beſte ſein Theil zu ziehen: behandelt ihn als einen ſolchen, Freund, und dafür ſoll Euch, wenn wir Halt machen, die geſunde Bewirthung eines Whig zu Theil werden. Sie haben den Winter in Boſton zugebracht, Madame?“ Cäeilie nickte in ſchweigender Bejahung. „Die königliche Armee wird ohne Zweifel eine beſſere Figur in den Augen einer Dame machen, als die Truppen der Kolonien, obgleich es auch unter uns Manche gibt, welche, wie man meint, 460 nicht gänzlich aller militäriſchen Kenntniß und des geeigneten Airs eines Kriegers entbehren,“ fuhr er fort, indem er das ſilberverzierte Vermächtniß ſeines Großvaters aus ſeinem Verſteck unter der Falte von ſeines Gefährten Mantel hervorzog:—„Sie haben Bälle und Unterhaltungen ohne Zahl, denk' ich mir, Madame, welche die Herrn in des Königs Dienſte veranſtalten werden!“ „Ich glaube, wenige Herzen ſind unter den Frauen von Boſton zu finden, die leichtſinnig genug wären, um ſich dieſen Unterhal⸗ tungen hinzugeben.“ „Gott ſegne Sie dafür!— Wahrhaftig, jeder Schuß, den wir in die Stadt werfen, iſt, als ob wir uns Blut aus unſern eigenen Adern abzapften. Ich denke, des Königs Offtziere ſchlagen die Koloniſten ſeit der kleinen Affaire auf der Charlestowner Landenge nicht mehr ſo gering an, wie früher?“ „Niemand, der nur Etwas von Bedeutung bei den Ereigniſſen jenes verhängnißvollen Tages einzuſetzen hatte, wird den Eindruck ſo leicht wieder vergeſſen, welchen er hervorbrachte!“ Der junge Amerikaner war von dem melancholiſchen Pathos in Cäcilien's Stimme ſo ſehr ergriffen, daß er glauben mußte, er habe in ſeinem eigenen gutgemeinten Triumph unwiſſentlich eine Wunde berührt, welche die Zeit noch nicht geheilt habe. Nach dieſem erfolgloſen Verſuche einer Unterhaltung floßen wieder viele Minuten in tiefem Schweigen dahin und Cäcilien’s Führer ſprach nicht eher wieder, als bis das Trappeln von Pferdehufen, dieß⸗ mal jedoch ohne das Knarren der langſameren Räder— durch die Abendluft herüberdrang. Bei der nächſten Biegung des Wegs trafen ſie auf eine kleine Kalvalkade von Offizieren, welche in haſtiger Eile nach dem Orte hinſprengten, den ſie erſt kurz ver⸗ laſſen hatten. Der Führer dieſes Trupps hielt ſein Pferd an, als er den Wagen bemerkte, der auf ſeinen deutlich gezeigten Wunſch, mit ihnen zu ſprechen, ebenfalls gehorſam ſtillſtand. Es lag etwas in der hohen und doch anſprechenden Miene des Airs rzierte Falte Bälle he die Boſton erhal⸗ n wir igenen en die ndenge gniſſen ndruck Zathos te, er )eine Nach viele ſprach dieß⸗ ſch die Wegs he in 3 ver⸗ 1, als unſch, ie des 461 Herrn, der ihren Begleiter anredete, was Cäcilien veranlaßte, mit mehr Intereſſe auf ſeine Bemerkungen zu horchen, als ſonſt wohl durch die Gemeinplatz⸗Unterredungen auf der Straße erregt zu werden pflegt. Sein Anzug war weder bürgerlich, noch durchaus militäriſch, doch hatte ſeine ganze Haltung viel von der eines Soldaten an ſich. Während er anhielt, ſprangen drei oder vier Doggen an ihm empor oder liefen in nachſichtsvoller Strafloſigkeit zwiſchen den Beinen ſeines Vollblutrenners durch, ſcheinbar gleich⸗ gültig gegen das ungeduldige Zurückweiſen, das ihren läſtigen Vertraulichkeiten zu wiederholten Malen zu Theil geworden war. „Schöne Zucht, bei——!“ rief dieſes Original von einem Anführer der Koloniſten;„vermuthlich, ihr Herrn, kommt ihr von den Hoͤhen von Dorcheſter; und nachdem ihr die ganze Entfernung von dort zum Lager zu Fuß zurückgelegt, wollt ihr nun die An⸗ nehmlichkeiten erproben, welche ein vierrädriges Fuhrwerk bei einem Rückzuge auf demſelben Boden bieten mag!“ Der junge Mann erhob ſich von ſeinem Platze, lüftete mit beſonderem Reſpekte den Hut und antwortete: „Wir kehren von den Hügeln zurück, Sir, das iſt wahr; aber wir müſſen unſern Feind zuvor ſehen, ehe wir uns zurückziehen!“ „Eine weiße Kokarde! Da Sie einen ſolchen Rang bekleiden, Sir, haben Sie, denk' ich, auch eine Autorität für Ihre Schritte? — Nieder, Juno— nieder, Beſtie.“ „Dieſe Dame, Sir, wurde vor einer Stunde aus der Stadt von dem Boote eines königlichen Schiffs auf unſerem Punkte an's Land geſetzt und ich habe Ordre, ſie in Sicherheit dem General des rechten Flügels zu übergeben.“ „Eine Dame!“ wiederholte der Andere mit beſonderem Nach⸗ druck, wobei er ſachte mit der Hand über ſeine auffallend adlerartig vorſpringenden Züge hinfuhr;„wenn eine Dame dabei im Spiel iſt, dann muß die Bequemlichkeit erlaubt werden.— Willſt Du nieder, Juno?“ unterbrach er ſich ſelbſt und fuhr dann, mit dem Kopf —— 462 etwas zur Seite zu ſeinem nächſten Adjutanten gewendet, in ſeiner Rede weiter fort, wobei ſeine Stimme einzig nur durch dieſe Wendung einigermaßen gedämpft wurde—„Eine von Howe'’s Dirnen, ausgeſendet als neueſtes Muſter loyaler Beſcheidenheit! In einem ſolchen Falle, Sir, haben Sie vollkommen Recht, Pferde zu ge⸗ brauchen. Ich wundere mich nur, daß Sie deren nicht ſechs ſtatt zwei vorgeſpannt haben. Doch wie ſteht's mit unſeren Schanz⸗ arbeiten?— Nieder, du Zudringliche, nieder! Du ſollteſt an den Hof gehen, Juno, und Seiner Majeſtät Miniſtern liebkoſen, wo Deine Heuchelei Dir ein Band erkaufen könnte! Wie iſt's: gehen unſere Schanzarbeiten raſch vorwärts?“ „Wir haben ſchon Grund gewonnen, Sir; und da die Augen der königlichen Truppen auf die Batterien gelenkt ſind, werden wir unſer Werk vollenden, noch ehe der Tag ihnen unſere Beſchäftigung zeigen wird.“ „Ha! auf's Graben wenigſtens verſtehen wir uns, wenn ſonſt auch kein anderer Theil unſerer Uebungen etwas taugen will! Miß Juno, Du ſetzeſt Dein koſtbares Leben in Gefahr!— Du willſt's? nun ſo magſt Du's denn haben!“ Während des Sprechens zog der ungeduldige General eine Piſtole aus ſeinem Halfter und drückte ſie zweimal vergebens auf den Kopf der Dogge ab, die immer noch in forgloſer Zärtlichkeit an ihm aufſprang. Aergerlich über ſich, ſeine Waffe und das Thier zugleich, wandte er ſich an ſeine Begleitung und ſagte mit bitterem Nachdruck:„Gentlemen, wenn einer von Ihnen dieſe vierfüßige Beſtie vertilgen will, verſpreche ich ihm für dieſen Dienſt eine ehrenvolle Erwähnung in meiner nächſten Depeſche an den Kongreß!“ Ein Reitknecht im Gefolge pfiff dem Windſpiel und rettete ſo wahrſcheinlich das Leben des in Ungnade gefallenen Lieblings. Der Offizier wandte ſich nun zu der Gruppe, die er aufge⸗ halten hatte, mit geſammelter, würdevoller Miene, welche bewies, daß er ſeine Selbſtbeherrſchung wieder gewonnen hatte. ſeiner dieſe irnen, einem u ge⸗ ſtatt hanz⸗ n den „ wo gehen lugen n wir igung ſonſt Miß llſts2 g der kte ſie öch in ſeine eitung r von n für peſche ete ſo aufge⸗ wies, „Entſchuldigen Sie dieſe Störung, Sir,“ ſprach er; nich will Sie nicht länger auf Ihrem Wege aufhalten: es wird wohl, ehe der Morgen graut, ernſthaftere Arbeit auf den Höhen geben, und Sie werden ohne Zweifel wieder dort zu ſeyn wünſchen.“ Er verbeugte ſich mit vollkommener Ruhe und Höflichkeit und die beiden Theile zogen langſam an einander vorüber, als er plötzlich, wie wenn er ſeine Herablaſſung bereut hätte, ſich im Sattel umdrehte und in jenem ſarkaſtiſchen Tone, der ihm ſo eigen war, dem Offtziere zurückrief:„Kapitän, ich erſuche Dich, hab⸗ ein beſonderes Augenmerk auf die Dame!“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen und galoppirte vorwärts, während ſeine ganze Suite ihm in derſelben ungeduldigen Eile folgte. Cäcilie hatte jede Sylbe gehört, die während dieſer kurzen Unterredung zwiſchen den Beiden gewechſelt worden, und fühlte im Verlaufe derſelben eine Wallung des Unwillens ihr Herz überlaufen. Als die Fremdlinge fort waren, ſchöpfte ſie tief und zitternd Athem und fragte mit einem Tone, der ihre Bewegung verrieth: „Und iſt dieß Waſhington?“ „Dieſer!“ rief ihr Gefährte.—„Nein, nein, Madame; das iſt ein ganz anderer Mann! das iſt der große engliſche Offtzier, den der Kongreß zum General in unſerer Armee gemacht hat. Man hält ihn für eben ſo groß im Feld als rauh im Beſuchzim⸗ mer— ja, ich will das gern zu ſeinen Gunſten anerkennen, wenn ich ihn auch niemals recht verſtehen kann: er iſt ſo ſtolz— ſo ge⸗ bieteriſch— und doch ein großer Freund der Freiheit!“ Cäcilie ließ den Offizier die anſcheinenden Widerſprüche in dem Charakter ſeines Obern nach ſeiner Weiſe zuſammenreimen, während ſte ſelbſt ſich wieder ganz erleichtert fühlte, als ſie erfuhr, daß jener nicht der Mann war, dem wahrſcheinlich bald ein Einfluß auf ihr eigenes Schickſal zuſtehen ſollte. Der Fuhrmann ſchien jetzt bemüht, die verlorene Zeit wieder einzubringen und trieb ſeine Pferde mit 464 verſtaͤrkter Schnelligkeit an. Der Reſt ihrer kurzen Fahrt verfloß in fortwährendem Stillſchweigen bis in die Nähe von Roxbury. Da die Kanonade von beiden Theilen noch immer mit gleicher Hitze fortgeſetzt wurde, wäre es doch zu viel gewagt geweſen, wenn ſie ſich ſelbſt in gerader Linie dem feindlichen Feuer hätten ausſetzen wollen. Nachdem alſo der junge Mann auf dem unebenen Terrain in der Nähe einen ſicheren Fleck aufgefunden hatte, wo er ſeine Gefangenen ohne Sorge zurücklaſſen konnte, ging er für ſeine eigene Perſon nach dem Punkte weiter, wo er Grund hatte zu glauben, daß er den Offizier, den er zu ſuchen beordert war, finden könnte. Während ſeiner kurzen Abweſenheit blieb Cäcilie auf dem Wagen und hörte dem nahen Kampfe zu, den ſie von hier aus theilweiſe mitanſehen konnte. Den Amerikanern war ihr einziger großer Mörſer in der Nacht zuvor zerſprungen; dennoch richteten ſie ihre Kanonen mit nner⸗ müdetem Eifer nicht blos gegen die gegenüberliegenden brittiſchen Verſchanzungen, ſondern auch in der Niederung über die Mündung des Charleskanals hin und noch weiter nach Norden gegen die Punkte, welche ihre Feinde auf den wohlbekannten Höhen von Charlestown beſetzt hatten. Als Erwiederung dieſes Angriffs ſpieen die Batterien längs der Weſtſeite der Stadt unausgeſetzt ihr Feuer auf die Feinde, während die auf der Oſtſeite ohne die geringſte Ahnung der kommenden Gefahren zu ſchlummern fortfuhren. Der Offizier berichtete bei ſeiner Rückkehr, daß ſein Suchen erfolgreich geweſen und er befehligt worden ſey, ſeine Gefangenen vor den amerikaniſchen General-en-Chef zu führen. Dieſe neue Anordnung machte eine weitere Fahrt von einigen Meilen noth⸗ wendig, und da der junge Mann ſeinen neuen Dienſt mit einiger Ungeduld anzuſehen ſchien, war er nicht eben für langen Aufſchub geſtimmt. Die Straße machte große Biegungen, was nicht wenig zu ihrer Sicherheit beitrug; der Weg war gut und der Fuhrmann emſig. So kamen ſie in einer Stunde über den Fluß, und Cäcilie näh vin⸗ denn Hee Thüͦ⸗ wele froh lenke loſig fang Will Cäci ſich Fuhr folgt gelat Belaͤ verſch dämp macht ſie in ſich ſ ihren merku wunde hielt daß e Lipper * Hi Lie erfloß . Da Hitze un ſie zſetzen errain ſeine eigene zuben, önnte. Jagen weiſe Nacht uner⸗ iſchen dung ukkte, town erien die nung ichen genen neue voth⸗ niger chub enig rann cilie näherte ſich nach ſo langer Abweſenheit abermals dem alten Pro⸗ vinzialſitze der Gelehrſamkeit.“ Das kleine Dorf, wenn auch in den Händen von Freunden, zeigte dennoch die unfehlbaren Spuren der Anweſenheit eines ungeregelten Heeres. Die Univerſitätsgebäͤude waren mit Truppen gefüllt und die Thüren der benachbarten Schenken mit müßigen Soldaten vollgepropft, welche ſich verſammelt hatten, um der Völlerei und Thorheit zu fröhnen, welche beide immer unzertrennlich ſeyn werden. Der Offizier lenkte nach einer der einſamſten unter dieſen Höhlen der Gedanken⸗ loſigkeit und des Müßiggangs und erklärte ſeine Abſicht, die Ge⸗ fangenen ſo lange unter ihrem Dache unterzubringen, bis er den Willen des amerikaniſchen Obergenerals vernommen haben würde. Cäcilie hörte ſeine Befehle mit ziemlichem Mißvergnügen, ergab ſich aber dennoch in den Drang der Umſtände und ſtieg, als das Fuhrwerk gehalten, ohne Widerrede aus. Ihre beiden Begleiter folgten ihr auf dem Fuße, während der Offizier voranging, und ſo gelang es ihr, nicht nur ohne Beſchimpfung, ſondern ſelbſt ohne Beläſtigung durch die lärmende Menge hindurchzukommen. Die verſchiedenen Schreier in dem Haufen, und derer waren viele, dämpften ſogar ihre lärmenden Stimmen, als ſie ſich näherte und machten ihr Platz aus Achtung vor ihrem Geſchlecht, und ſo trat ſie in das Gebaͤude, ohne auch nur eine einzige Bemerkung auf ſich ſelbſt zu vernehmen, obgleich ein leiſes, neugieriges Flüſtern ihren Schritten ſogar bis zur Schwelle folgte. Die einzige Be⸗ merkung, die gehört wurde, war ein ploͤtzlicher Ausruf der Be⸗ wunderung, und ſo ſonderbar dieß ſcheinen mag— ihr Begleiter hielt für nöthig, die Derbheit deſſelben dadurch zu entſchuldigen, daß er ſeiner Gefangenen zuliſpelte, jener Ruf komme von den Lippen eines jener ſüdlichen Freibeuter, einem Corps, welches ſich * Hier meint der Verfaſſer das kleine Städtchen Cambridge, nahe bei Boſton. A. d. U. Lionel Lincoln. 2. Aufl. 30 466 eben ſo ſehr durch ſeine Geſchicklichkeit und Bravour auszeichnete, als es durch gänzlichen Mangel an Lebensart auffiel. Das Innere der Schenke, mit der Außenſcene verglichen, bot einen ſehr verſchiedenartigen Anblick dar. Der ehrſame Handels⸗ mann, welcher den Wirth machte, hatte in der Noth der Zeiten und vielleicht auch einer gewiſſen Luſt zu gewinnen, ſoweit nachgegeben, daß er für einige Zeit das angedeutete Gewerbe ergriff; aber durch eine Art förmlichen Vertrags mit der Menge draußen hatte er, während er ihren Durſt durch ſeine Getränke zufrieden ſtellte, für ſich die Abgeſondertheit ſeiner häuslichen Einrichtungen größtentheils beibehalten. Gleichwohl war er genöthigt worden, ein Zimmer gänzlich dem Gebrauche des Publikums zu überlaſſen, und in dieſes wurde nun Cäcilie mit ihren beiden Begleitern gewieſen, und zwar ohne alle Ceremonie, als ob dieß ganz natürlich wäre, und ohne die geringſte Entſchuldigung wegen ſeiner Beſchaffenheit. Es mochten etwa ein Dutzend Leute in der gemeinſamen Stube beiſammen ſeyn; einige von ihnen, darunter eine oder zwei Frauen, hatten ſich ruhig um das große Feuer niedergelaſſen, andere gingen auf und ab, und wieder andere ſaßen auf Stühlen umher, wie Zufall oder Neigung es gerade gefügt hatte. Beim Eintritt Cäcilien's entſtand eine leichte Bewegung, die ſich aber alsbald wieder legte; nur ihr Mantel von feinem Tuch und ihr ſeidener Ueberwurf ver⸗ fehlten nicht, die Augen der Weiber auf ſich zu ziehen, von denen ſie auf eine weit rohexe Art angeſtaunt wurde, als ſie dieß während der gefährlichen Abenteuer der Nacht ſelbſt von dem andern Ge⸗ ſchlechte erfahren hatte. Sie nahm einen ihr angebotenen Stuhl nahe bei der hellen und fröhlichen Flamme des Heerds ein, von welcher alles Licht im Zimmer ausging, und ſchickte ſich an, in Geduld die Rück⸗ kehr ihres Führers abzuwarten, der unmittelbar darauf ſich verab⸗ ſchiedete, um nach dem benachbarten OQuartiere des amerikaniſchen Generals zu gehen. „Das iſt für Weiber eine ſchlimme Zeit zum Reiſen!“ ſagte nete, „bot dels⸗ und geben, durch te er, . für theils mmer dieſes zwar ohne Stube rauen, gingen „ wie ilien's legte; ff ver⸗ denen ährend n Ge⸗ ol nahe velcher Rück⸗ verab⸗ niſchen ſagte 467 eine Frau in mittlerem Alter neben ihr, welche eifrig mit Stricken beſchäftigt war, obgleich auch ſie ihrer Kleidung nach eine Reiſende ſeyn mußte.„Wahrhaftig wenn ich gedacht hätte, daß ich hier einen ſolchen Tumult treffen würde, ich wäre nie über den Connecki⸗ cut gegangen, obgleich ich mein einziges Kind im Lager habe!“ „Für eine Mutter muß freilich die Angſt groß ſeyn,“ ant⸗ wortete Cäcilie,„wenn ſie den Lärm eines Kampfes hört, in dem ſie ihre Kinder beſchäftigt weiß.“ „Ja, Royal iſt auf ſechs Monate verpflichtet, und iſt ſogar halb und halb Willens, zu bleiben, bis des Königs Truppen ſich dazu entſchließen, die Stadt zu räumen.“ „Mir ſcheint,“ ſagte ein ernſt blickender Landmann, der die entgegengeſetzte Ecke am Feuer einnahm,„Euer Kind hat einen unpaſſenden Namen für Einen, der gegen die Krone ſicht!“ „Ach, er wurde ſo genannt, ehe der König ſeinen ſchottiſchen Stiefel“ trug! und was einmal feierlich in der heiligen Taufe be⸗ nannt wurde, iſt mit dem Wechſel der Zeiten nicht mehr zu ändern! Sie waren Zwillinge und ich nannte den einen Prinz, den andern Royal, denn ſie wurden an dem Tag geboren, wo Seine gegen⸗ wärtige Majeſtät die Volljährigkeit erreichte. Das, wie Ihr wißt, war, ehe ſein Herz ſich geändert hatte, und als das Volk der Bai ihn nicht viel weniger, denn ſein eigen Fleiſch und Blut liebte.“ „Ei, Goody,“ ſagte der Landmann gutmüthig lächelnd und erhob ſich, ihr eine Priſe von ſeinem ächten Schottiſchen anzubieten, während er ſo frei über ihre häuslichen Angelegenheiten ſich aus⸗ ſprach,—„da hattet Ihr ja einen Thronerben in Eurer eigenen Familie! Der königliche Prinz kommt, wie ſie ſagen, zunächſt nach dem Koöͤnig, und nach Eurer Erzählung iſt einer von ihnen wenigſtens ein tüchtiger Burſche, der nicht leicht ſein Erbe um ein Gericht Linſen verkaufen wird. Wenn ich Euch verſtehe, iſt Royal hier in Dienſten?“ * Boot— Bute! Siehe Anmerkung S. 93. — 468 „Er iſt in dieſem geſegneten Augenblicke bei einem der Sturm⸗ böcke gerade vor der Boſtoner Landenge,“ antwortete das Weib; „und der Herr, er weiß, es iſt ein ſchrecklicher Beruf, die Häuſer von Leuten niederzuſchießen, die mit uns ſelbſt gleiche Religion und gleiches Blut theilen! aber ſo muß es ſeyn, um die gottloſen Plane Derer zu vernichten, die unter dem Schweiß und der Arbeit ihrer Mitgeſchöpfe für ſich ſelbſt in Pracht und Müßiggang leben möchten.“ Der ehrliche Landmann, der mit den Kunſtausdrücken neuerer Kriegführung etwas vertrauter war, als das Weib, lächelte über ihren Irrthum, ſetzte aber die Unterhaltung mit beſonderer Würde fort, die ſeine gute Laune doppelt drollig machte. „Es iſt zu hoffen, der Junge wird nicht an ſeiner Waffe er⸗ müden, bevor der Morgen kommt. Aber warum iſt Prince zaudernd zurückgeblieben in einem ſolchen Augenblick? Wartet er noch mit dem Vater zu Haus, weil er der Jüngere iſt?“ „Nein, nein,“ ſagte das Weib, indem ſie kummervoll den Kopf ſchüttelte;„er wohnt, hoff ich, bei unſerem gemeinſamen Vater im Himmel! Auch habt Ihr nicht Recht, wenn Ihr ihn das Mutter⸗ ſöhnchen nennt. Er war mein Erſtgeborner und ein hübſcher Junge verſprach er zu werden. Als ſich in unſerem Lande der Ruf ver⸗ breitete, die Regulären ſeyen gegen Lexington ausgezogen, um zu morden und zu zerſtören, nahm er ſeine Flinte auf die Schulter und zog mit dem Volk herunter, um den Grund zu erfahren, warum das Land mit amerikaniſchem Blute befleckt worden ſey. Er war jung und voll Ehrgeiz, wollte ſtets der Vorderſte unter Denen ſeyn, die für ihre angebornen Rechte zu kämpfen bereit waren, und das letzte Mal, daß ich von ihm hörte, war er mitten unter des Königs Truppen auf Breeds. Nein, nein; ſein Körper kam nie vom Hügel weg! Die Nachbarn ſandten mir die Kleider, die er im Lager zu⸗ rückgelaſſen und das iſt einer ſeiner Socken, den ich hier für ſeinen Zwillingsbruder anſtricke.“ Die Frau gab dieſe einfache Erklaͤrung mit vollkommener im mit war find eine ſcher Blu woh aufz Rech Wen Roy antn anſa Frat wie wille gang zu H ein wie bei f unter wenn rm⸗ eib; uſer und lane hrer en. erer über ürde er⸗ ernd mit Kopf im tter⸗ unge ver⸗ n zu ulter rum war ſeyn, das nigs bügel zu⸗ einen nener 469 Ruhe; doch als ſte in dem Gegenſtande weiter fortfuhr, brachen ihr die Thränen aus den Augen, träufelten über ihre Wangen herab und fielen unbeachtet auf das ſchlichte Kleidungsſtück ihres verſtorbenen Sohnes. „Auf dieſe Art werden unſere tüchtigſten Schöͤßlinge abgehauen im Kampfe mit dem Abſchaum von Europa!“ rief der Landmann mit einer Wärme, welche zeigte, wie mächtig ſein Gefühl ergriffen war:—„Ich hoffe, der Junge, der noch lebt, wird Gelegenheit finden, ſeines Bruders Tod zu rächen.“ „Gott behüte! Gott behüte!“ rief die Mutter:—„Rache iſt eine böſe Leidenſchaft und am wenigſten von allem möchte ich wün⸗ ſchen, daß mein Kind mit ſo ſchlimmem Vorſatz in's Feld des Blutes zoͤge. Gott hat uns dieſes Land gegeben, um darin zu wohnen und Tempel und Verehrung ſeines heiligen Namens daſelbſt aufzurichten; und da er's uns gegeben, gewährte er uns auch das Recht, es gegen jede menſchliche Unterdrückung zu vertheidigen. Wenn Prince Recht hatte, als er hinging, ſo war es auch für Royal Recht, ihm nun zu folgen!“ „Ich glaube, ich bin mit gutem Grunde zurechtgewieſen worden,“ antwortete der Mann, während er die Zuſchauer mit einem Auge anſah, das ſeinen Irrthum anerkannte.„Gott ſegne Euch, gute Frau, und behüte Euch mit Eurem übrig gebliebenen Jungen— wie auch uns alle— vor der Plage, welche um unſerer Sünde willen über das Land verhängt wurde. Ich gehe mit Sonnenauf⸗ gang nach Weſten in die Berge, und wenn ich dem guten Mann zu Haus ein Wort des Troſtes von Euch bringen kann, ſo ſollen ein oder zwei Hügel mich nicht daran hindern.“ „Ich bin Euch eben ſo dankbar für Euer Anerbieten, Freund, wie für die That ſelbſt; mein Mann würde herzlich erfreut ſeyn, Euch bei ſich zu Haus zu ſehen; aber ich ſelbſt werde faſt ganz krank unter dem Lärm und dem ſchrecklichen Anblick des Kriegs und will, wenn mein Sohn aus der Schlacht zurückkommt, nicht mehr allzu 470 lange hier verweilen. Ich will am Morgen nach Cragie's Hauſe hinabgehen und nach dem verwundeten Manne ſehen, den das Volk aus ſeiner Mitte zum Anführer wählte: dann gehe ich eilends zu⸗ rück, denn ich ſehe wohl, daß dieß für meinesgleichen kein paſſender Aufenthalt iſt.“ „Dann müßtet Ihr dem Verwundeten nach dem Orte der Gefahr folgen, denn ich ſah ihn vor einer Stunde mit allen ſeinen Begleitern nach der Waſſerſeite zu eilen, und ich bezweifle nicht, daß dieſe ungewöhnliche Verſchwendung der Munition etwas mehr be⸗ zweckt, als wir beſchränkten Leute errathen können.“ „Von wem ſprecht Ihr?“ fragte Cäcilie unwillkührlich. „Von wem anders ſollte er ſprechen, als von Waſhington?“ antwortete eine tiefe leiſe Stimme neben ihr, deren auffallender Klang ihr augenblicklich wieder die Töne jenes bejahrten Todesboten zurückrief, der an dem Lager ihrer Großmutter erſchienen war. Cäcilie ſprang von ihrem Stuhle auf und trat vor Ralph einige Schritte zurück, während dieſer ſie mit feſtem, forſchendem Blicke betrachtete, und die Aufmerkſamkeit, welche er dadurch erregte, ſo wenig, als die Zahl und Beſchaffenheit der Zuſchauer zu beachten ſchien. „Wir ſind uns nicht fremd, junge Dame,“ fuhr der alte Mann fort;„und Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich beifüge, daß das Geſicht eines Bekannten einer Perſon Ihres zarten Ge⸗ ſchlechts an einem ſo übel zugerichteten, unordentlichen Orte wie dieſer— wohl angenehm ſeyn muß.“ „Eines Bekannten!“ wiederholte die unbeſchützte Braut. „Ich ſagte: eines Bekannten; wir kennen einander, gewiß,“ antwortete Ralph mit Nachdruck:„Sie werden mir glauben, wenn ich hinzuſetze, daß ich die beiden Leute im Wachzimmer neben an geſehen habe.“ Cäcilie warf einen Blick hinter ſich und bemerkte mit einiger Unruhe, daß ſie von Meriton und dem Fremden getrennt war. Ehe ihr Zeit zur Beſinnung gegönnt blieb, näherte ſich ihr der uſe olk zu⸗ der der nen daß be⸗ n?“ nder oten var. nige licke „ ſo hien. alte füge, Ge⸗ wie viß,“ wenn n an niger war. r der 471 alte Mann mit einem höflichen Anſtande, der durch ſeine grobe, nachläſſige Kleidung noch auffallender gemacht wurde. „Dieß iſt kein Platz für die Nichte eines engliſchen Pairs,“ ſagte er;„ich bin lange in dieſem kriegeriſchen Dorfe zu Haus ge⸗ weſen und will Sie in eine Wohnung führen, die mehr für Ihr Geſchlecht und Ihren Stand paßt.“ Einen Augenblick lang zögerte Cäcilie,— als ſie aber die verwunderten Geſichter um ſich her und die auffallende Neugierde bemerkte, womit Alle im Zimmer ihre verſchiedenen Geſchäfte ein⸗ ſtellten, um auf jede Sylbe zu horchen, nahm ſie ſchüchtern ſeine dargebotene Hand an und ließ ſich von ihm in tiefem Schweigen nicht nur aus dem Zimmer, ſondern auch aus dem Hauſe führen. Die Thüre, durch welche ſie das Gebaͤude verließen, lag der, durch welche ſie eingetreten war, gerade gegenüber, und als ſie ſich im Freien befanden, ſtanden ſie in einer anderen Straße und eine kurze Strecke von dem ſchon erwähnten lärmenden Haufen entfernt. „Ich habe zwei Begleiter hinter mir gelaſſen,“ ſagte ſie— „ohne welche es mir unmöglich iſt, weiter zu gehen.“ „Da ſie durch Bewaffnete bewacht ſind, haben Sie keine Wahl, als Jener Gefangenſchaft zu theilen oder ſich der vorüber⸗ gehenden Trennung zu unterwerfen,“ erwiederte der Andere ruhig. „Sollten ſeine Wächter den Charakter Deſſen entdecken, der Sie hieher führte, ſo wäre ſein Schickſal gewiß!“ „Seinen Charakter!“ wiederholte Cäcilie, während ſie aber⸗ mals vor der Berührung des alten Mannes zurückſchrack. „Allerdings, meine Worte ſind deutlich! Ich ſagte, ſeinen Charakter. Iſt er nicht der tödtliche, hartnäckige Feind der Frei⸗ heit? Und halten Sie dieſe unſere Landsleute für ſo dumm, daß ſie eines ſeines Gleichen frei ſogar in ihrem Lager umhergehen ließen?— Nein, nein,“ murmelte er mit leiſem, aber triumphiren⸗ dem Lachen;„wie ein Narr hat er ſein Schickſal herausgefordert und wie einem Hund ſoll's ihm zu Theil werden! Laßt uns weiter 472 gehen; das Haus iſt nur einen Schritt von dieſem entfernt, und Sie können ihn zu ſich rufen, wenn Sie es wünſchen.“ Cäcilie wurde durch ihren Begleiter zum Weitergehen mehr getrieben als überredet, und bald, wie er geſagt hatte, ſtanden ſte vor der Thüre eines niederen, einſamen Hauſes. Ein Bewaff⸗ neter ſchritt vor demſelben auf und ab, während der verlängerte Schatten einer zweiten Schildwache an der Rückſeite alle halbe Minuten weit in die Straße hereindrang und die Wachſamkeit verrieth, welche man gegen ſeine Bewohner für nöthig erachtete. „Nur zu,“ ſagte Ralph und öffnete die äußere Thüre ohne Zögern. Cäcilie folgte, fuhr aber wieder zurück, als ſie auf einen zweiten Mann traf, der eine Muskete in Bereitſchaft hielt, während er in dem engen Gange, der ſie aufnahm, auf und nieder ging. Zwiſchen dieſer Schildwache und Ralph ſchien ein gutes Einver⸗ nehmen zu herrſchen, denn der Letztere redete ihn mit voller Frei⸗ müthigkeit an: „Iſt noch kein Befehl von Waſhington eingegangen?“ fragte er. „Keiner; und faſt möchte ich aus dem Verzuge ſchließen, daß nichts ſehr Günſtiges zu erwarten iſt.“ Der alte Mann murmelte vor ſich hin und ging vorüber; dann eine andere Thüre öffnend, ſagte er: „Treten Sie ein!“ Cäcilie gehorchte und im nächſten Augenblicke ſchloß ſich die Thure hinter ihr; doch ehe ſie Zeit hatte, ihre Verwunderung ohne Unruhe auszudrücken, fühlte ſie ſich von den Armen ihres Gemahls umſchlungen. res 473 Einunddreißigſtes Kapitel. Sie eine Kapulet? O theurer Preis! mein Leben Iſt meinem Feind als Schuld dahingegeben! Romeo(Ueberſ. v. Schlegel). „Ach! Lincoln! Lincoln!“ rief die weinende Braut, während ſie ſich ſanft aus Lionel's langer Umarmung loswand, in„welchem Augenblicke haſt Du mich verlaſſen?“ „Und wie bin ich dafür beſtraft worden, Du, meine Liebe! Eine Nacht des Wahnſinns und ein Morgen der ⸗Reue! Wie früh mußte ich die Stärke der Bande fühlen, die uns verknüpfen— wenn nicht gar meine eigene Thorheit ſie bereits für immer gelöst hat!“ „Böſewicht! Ich kenne Dich! und werde in Zukunft mit Frauenkunſt ein Netz weben, Dich in meinen Banden zu feſſeln! Wenn Du mich liebſt, Lionel, wie ich ſo gerne glauben möchte, laß alles Vergangene vergeſſen ſeyn. Ich fordere— ich wünſche keine Erklärung. Du biſt getäuſcht worden, und dieſes reuevolle Auge verſichert mich Deiner wiederkehrenden Vernunft. Laß uns jetzt allein von Dir ſprechen. Warum finde ich Dich ſo bewacht, ahnlicher einem Verbrecher als einem Offizier der Krone?“ „Sie haben in der That ganz beſondere Wachſamkeit auf meine Sicherheit verwendet!“ „Wie kamſt Du in ihre Gewalt? und warum mißbrauchen ſie ihren Vortheil?“ „Das iſt leicht zu erklären. Erinnern wir uns des Sturmes jener Nacht— welch eine Hochzeitsnacht war die unſere, Cäcilie!“ „Sie war fürchterlich!“ antwortete ſie ſchaudernd; dann mit plötzlichem freundlichem Lächeln, als wollte ſie jeden Schein des Mißvergnügens oder der Sorge aus ihrem Antlitz verbannen, fuhr ſte fort:„Aber ich glaube nicht länger an Vorzeichen, Lionel! oder wenn uns eines erſchienen— iſt nicht die ſchreckliche Erfüllung 4 ⁴G4. bereits eingetreten? Ich weiß nicht, wie hoch Du die Segens⸗ wünſche einer ſcheidenden Seele achteſt, Lionel; aber für mich liegt ein heiliger Troſt in dem Bewußtſeyn; daß meine ſterbende Groß⸗ mutter unſerem ſchnellgeſchloſſenen Bunde ihren Segen zurückließ!“ Ohne die Hand zu beachten, die ſie mit lieblichem Ernſte ihm auf die Schulter gelegt hatte, ging er düſter von ihrer Seite in eine entfernte Ecke des Zimmers. „Cäcilie, ich liebe Dich, wie Du mir ſo gerne glaubſt,“ ſagte er,„und ich höre bereitwillig Deinen Wunſch, das Vergangene in Vergeſſenheit zu begraben.— Aber ich laſſe meine Erzählung un⸗ vollendet. Du weißt, die Nacht war ſo, daß Keiner wohl ohne beſonderen Grund ihrer Wuth ſich ausgeſetzt hätte:— ich ver⸗ ſuchte, den Sturm zu benützen, und bediente mich einer Flagge, welche für gewöhnlich dem Simpel Pray bewilligt iſt, mit der ich dann die Stadt verließ. Ungeduldig— ungeduldig, ſage ich?— nein, ge⸗ trieben vielmehr durch den Sturm meiner Leidenſchaften, welcher der ſchwächeren Elemente ſpottete, wagten wir zuviel— Cäcilie, ich war nicht allein!“ „Ich weiß es— ich weiß es,“ fiel ſie haſtig ein, obwohl ſie kaum noch Athem zum Sprechen hatte—„Du wagteſt zu viel—“ „Und traf auf ein Piquet, das einen königlichen Offizier nicht für einen verarmten, wenn auch privilegirten, Schwachſinnigen halten laſſen wollte. In unſerer Angſt überſahen wir— glaube mir, theuerſte Cäcilie, wenn Du Alles wüßteſt— die Scene, der ich angewohnt— die Beweggründe, welche drängten— ſie zum we⸗ nigſten würden dieſe dem Scheine nach ſo befremdende Flucht rechtfertigen.“ „Hätte ich daran gezweifelt, würde ich dann meine Lage, meinen neulichen Verluſt und mein Geſchlecht vergeſſen haben, um den Fußſtapfen eines Mannes zu folgen, der meiner Angſt unwür⸗ dig wäre?“ antwortete die Braut, indem ſie eben ſo ſehr in an⸗ geborener Beſcheidenheit, als in dem Drange ihrer Gefühle — 425 erröthete.„Glaube nicht, ich komme mit mädchenhafter Schwäche, um Dir ein eingebildetes Unrecht vorzuwerfen! Ich bin Dein Weib, Major Lincoln, und als ſolches wollte ich Dir in einem Augenblicke zu Hülfe eilen, wo ich weiß, daß Du aller Zärtlichkeit dieſes Bandes am meiſten bedürfen wirſt. Am Altar und in Gegenwart meines Gottes habe ich die heilige Pflicht übernommen und ſoll ich zaudern, ſie zu erfüllen, weil die Augen der Welt auf mich ge⸗ richtet ſind?“ „Ich werde noch raſend werden!— Es wird mich noch wahn⸗ ſinnig machen!“ rief Lionel, in unbezähmbarer Geiſtesangſt, wäh⸗ rend er in tiefer Verwirrung im Zimmer auf und ab ſchritt.„Es gibt Augenblicke, wo ich glaube, der Fluch, der den Vater zer⸗ ſtörte, hat auch bereits den Sohn erfaßt!“ „Lionel!“ ſprach neben ihm die Milde, beſänftigende Stimme ſeiner Gefährtin,„ſoll dieß mich glücklicher machen?— lautet ſo der Willkomm, welchen Du dem vertrauenden Mädchen ſchenkſt, das ihr Glück Deiner Hand übergeben hat? Ich ſehe, Du wirſt milder, und willſt gerechter gegen uns beide ſeyn und gehorſamer gegen Deinen Gott! Nun laß uns von Deiner Gefangenſchaft ſprechen. Hoffentlich liegt bei dieſem raſchen Beſuch in dem ame⸗ rikaniſchen Lager nicht der Verdacht verbrecheriſcher Abſichten auf Deiner Perſon. Es wäre leicht, ihre Führer zu überzeugen, daß Du unſchuldig an einem ſo niedrigen Plane biſt!“ „Es iſt ſchwer, der Wachſamkeit Derer zu entgehen, die für die Freiheit kämpfen!“ antwortete die tiefe ruhige Stimme Ralph's, der unerwartet vor ihnen ſtand.„Major Lincoln hat zu lange auf die Rathſchläge von Tyrannen und Sklaven gehört und das Land ſeiner Geburt vergeſſen. Will er ſicher ausgehen, ſo laßt ihn jetzt, ſo lange er noch mit Ehren kann, ſeinen Irrthum wieder gut machen.“ „Ehren!“ wiederholte Lionel mit unverhehlter Verachtung— und abermals maß er das Zimmer mit ſchnellen unruhigen Schritten 476 ohne den unwillkommenen Gaſt fernerer Aufmerkſamkeit zu würdi⸗ gen. Cäcilie ſenkte das Haupt und ſank in einen Stuhl, das Geſicht in ihren kleinen Muff verbergend, als wollte ſie ein furcht⸗ bares, ſchaudervolles Geſicht von ihren Blicken ausſchließen. Das augenblickliche Stillſchweigen wurde durch das Geräuſch von Fußtritten und Stimmen auf dem Gang unterbrochen; im nächſten Augenblick wurde die Thüre geöffnet und Meriton erſchien auf ihrer Schwelle. Seine Erſcheinung brachte Cäcilie wieder zu ſich, die ſchnell aufſprang und mit einer Art wilden Ernſtes ihm hinauszugehen winkte, indem ſie ausrief: „Nicht hier! nicht hier!— um's Himmels willen, nicht hier!“ Der Diener zauderte; als er aber einen Blick aus ſeines Herrn Auge auffing, da gewann ſeine Anhänglichkeit dennoch die Oberhand über ſeinen Reſpekt. 8 „Gott ſey gelobt für dieſen geſegneten Anblick, Herr Lionel!“ rief er:—„das iſt die glücklichſte Stunde, die ich erlebt habe, ſeit ich die Ufer von Alt⸗England aus den Augen verlor! Wär's nur zu Ravenseliffe oder in Soho, ich wäre der zufriedenſte Narr in den drei Königreichen! Ach! Herr Lionel, laßt uns aus dieſer Provinz ziehen und nach einem Lande wandern, wo keine Rebellen find und wo nichts Schlimmeres zu treffen iſt als König, Lords und Gemeine!“. „Genug davon, für dießmal, ehrlicher Meriton, genug!“ unterbrach ihn Cäcilie, die in ihrem Eifer, gehört zu werden, kaum Athem fand.—„Geht, kehrt in's Wirthshaus zurück— zu den Kollegien— überall hin— nur geht fort!“ „Schicken Sie einen königlichen Unterthan nicht wieder unter die Rebellen, ich bitte Sie inſtändig darum, Madame. Ach, Sir! was ich für ſchreckliche Läſterungen mit anhören mußte, ſo lange ich dort war! Sie ſprachen von Seiner geheiligten Majeſtät ge⸗ rade ſo frei, Sir, als ob er ein Herr gleich Ihnen wäre. Wie froͤhlich war ich über die Nachricht meiner Erlöſung!“ 477 „Und wäre es ein Wachzimmer auf dem jenſeitigen Ufer ge⸗ weſen,“ ſagte Ralph,„dort wären die Freiheiten, welche ſie ſich mit eurem irdiſchen Monarchen nahmen, eben ſo ſchonungslos an dem König der Könige verſucht worden!“ „So bleibt denn,“ ſagte Cäͤcilie, die wahrſcheinlich dem ver⸗ achtenden Blick, den Meriton auf ſeinen bejahrten Reiſegefährten warf, eine ganz verſchiedene Bedeutung unterlegte—„aber nicht hier. Du haſt noch andere Zimmer, Major Lincoln; laß meine Begleiter dort eintreten:— ſicherlich willſt Du nicht die Dienſt⸗ boten zu unſerer Unterredung zulaſſen!“ „Warum dieſer plötzliche Schreck, meine Liebe? Biſt Du hier auch nicht glücklich, ſo biſt Du zum wenigſten ſicher. Meriton, gehe in das anſtoßende Zimmer; bedarf ich Deiner, ſo trittſt Du durch dieſe Verbindungsthür ein.“ Der Diener murmelte einige halbausgeſprochene Redensarten, von denen nur das nachdrucksvolle Wort ‚höflich vernommen wurde, während die Richtung ſeines unwilligen Auges hinlänglich klar machte, daß Ralph der Gegenſtand ſeiner Betrachtungen war. Der alte Mann folgte ſeinen Tritten; die Gangthüre ſchloß ſich bald hinter Beiden und Cäcilie ſtand, wie eine ſchöne Bildſäule, in nachdenkender Stellung da. Als das Geräuſch ihrer Begleiter, während ſte ruhig in das anſtoßende Zimmer traten, gehört wurde, athmete ſie wieder auf's Neue, ein zitternder Seufzer machte ſich Luft, der eine ſchwere Laſt der Beſorgniß von ihrem Herzen zu heben ſchien. „Fürchte nicht für mich, Cäcilie, und am wenigſten von Allen für Dich ſelbſt,“ ſagte Lionel und ſchloß ſie mit zärtlicher Beküm⸗ merniß an ſeine Bruſt;—„meine unbeſonnene Raſchheit oder vielmehr jener verhängnißvolle Fluch, der auf dem Glücke meines Hauſes ruht, die ungewöhnliche Empfindlichkeit, die Du oft geſehen und beklagt haben mußt, haben mich allerdings in ſcheinbare Gefahr gebracht. Doch ich habe einen Grund für mein Benehmen, der, 478 wenn ich ihn bekenne, ſelbſt den Verdacht unſerer Feinde in Schlum⸗ mer wiegen ſoll.“ „Ich habe keinen Verdacht— keine Kenntniß von irgend einer Unvollkommenheit— keinen Kummer, Lionel;— nichts, als den glühendſten Wunſch für den Frieden Deiner Seele, und wenn ich das ſagen darf!— ja— nun iſt die Zeit dazu da— Lionel, gütiger, aber wilder Lionel——“ Ihre Worte wurden durch Ralph unterbrochen, der wieder mit jenem geräuſchloſen Tritte in dem Zimmer erſchien, welcher, in Verbindung mit ſeinem hohen Alter und der abgemagerten Geſtalt, ſeiner Erſcheinung und ſeinen Bewegungen manchmal den Charakter eines über die gewöhnliche Menſchheit erhabenen Weſens verlieh. Im Arme trug er einen Oberrock und Hut, welche beide Cäcilie auf den erſten Blick als das Eigenthum des fremden Mannes er⸗ kannte, der ihrer Perſon durch alle die Wechſelfälle dieſer ereigniß⸗ reichen Nacht gefolgt war. „Sieh'!“ ſagte Ralph, indem er mit ſchrecklichem, bedeutungs⸗ vollem Lächeln auf ſeine Beute zeigte;„ſieh' in wie vielerlei Ge⸗ ſtalten die Freiheit erſcheint, um ihren Bekennern beizuſtehen! Hier iſt die Verkleidung, in der ſie jetzt gewonnen werden will. Trage dieß, junger Mann, und ſey frei!“ „Glaube ihm nicht— höre nicht auf ihn,“ flüſterte Cäcilie, indem ſie mit unverhehltem Schauder vor ſeiner Annäherung zu⸗ rückbebte;— doch, höre, aber handle mit Vorſicht!“ „Zögerſt Du, die geſegnete Gabe der Freiheit anzunehmen, wenn ſie Dir geboten wird?“ fragte Ralph;„wollteſt Du bleiben, trotzen der zürnenden Gerechtigkeit des amerikaniſchen Heerführers und Dein Weib von einem Tag zur Wittwe für ein ganzes Leben machen?“ „Was ſoll mir dieſe Kleidung nützen?“ ſagte Lionel.—„Um mich der Demüthigung einer Verkleidung zu unterwerfen, müßte das Gelingen gewiß ſeyn.“ lum⸗ gend 3 den n ich onel, dieder r, in eſtalt, rakter rlieh. äcilie s er⸗ gniß⸗ ungs⸗ Ge⸗ ehen! will. icilie, g zu⸗ hmen, eiben, ihrers Leben „Um nüßte 479 „Wende Deine ſtolzen Blicke, junger Mann, auf dieß Bild von Unſchuld und Schrecken an Deiner Seite. Um ihretwillen, deren Geſchick in Deines verflochten iſt, wenn nicht um Deiner ſelbſtwillen, denke auf Deine Sicherheit und fliehe— die nächſte Minute kann dazu zu ſpät ſeyn.“ „O! zaudere nicht einen Augenblick länger, Lincoln,“ rief Caͤcilie, die ihren Entſchluß ebenſo plötzlich geändert hatte als der Eindruck der Hoffnung mächtig auf ſie wirkte:—„fliehe— verlaß mich; mein Geſchlecht und Stand wird—“ „Nie,“ antwortete Lionel, mit kalter Verachtung das Gewand von ſich werfend.—„Einmal, als der Tod geſchäftig war, konnte ich Dich verlaſſen; aber ehe ich's noch einmal thue, muß er mich ſebſt treffen!“ „Ich will folgen— ich will Dich wieder treffen.“ „Ihr ſollt Euch nicht trennen„“ ſagte Ralph, der noch ein⸗ mal den verſchmähten Rock aufhob und Lionel darein kleiden half⸗ während dieſer bei den verwirrten Anſtrengungen ſeiner Braut und ihres betagten Helfers ſich leidend verhielt.—„Bleibt hier,“ fuhr der Letztere fort, als ihr kurzes Geſchäft beendigt war,„und er⸗ wartet den Ruf der Freiheit. Und Du, ſüße Blume der Unſchuld und Liebe, folge und theile die Ehre der Befreiung deſſen, der Dich zur Sklavin gemacht hat!“ Cäcilie erröthete in jungfräulicher Scham über die Stärke ſeiner Ausdrücke, beugte aber ihr Haupt als Zeichen ihres Ge⸗ horſams. Der Alte ſchritt auf die Thüre zu und winkte ihr, zu ihm heranzukommen, während er Lionel durch eine ausdrucksvolle Gebärde bedeutete, daß er ruhig zurückbleiben müſſe. Als Cäcilie ihm gefolgt war und beide in dem engen Gange ſich befanden, näherte ſich Ralph furchtlos und ohne irgend eine Beſorgniß zu verrathen, der Schildwache, welche in der ganzen Länge der Haus⸗ flur ſich hin⸗ und her bewegte, und redete ſie mit der Zuverſicht eines vertrauten Freundes an. 480 „Sieh!“ hob er an und zog den Ueberwurf von den bleichen Zügen ſeiner Gefährtin,„wie die Furcht vor dem Schickſal ihres Gemahls dem guten Kinde Thränen ausgepreßt hat! Sie verläßt ihn nun, Freund, mit einem ihrer Begleiter, während der Andere zurückbleibt, um für ſeines Herrn Bedürfniſſe zu ſorgen. Sieh ſie an; iſt ſie nicht eine ſüße, wenn auch trauernde Gefährtin, um den Lebenspfad eines Soldaten zu verſchönern?“ Der Mann ſchien ganz beſonders ergriffen durch die unge⸗ wöhnlichen Reize, welche Ralph ſo ohne Umſtände vor ſeinem Blick enthüllte und während er in ſtaunender Verwirrung daſtand— zu gleicher Zeit kaum ſo keck, um hinzuſchauen und dabei doch nur mit Widerſtreben ſich abwendend— folgte Cäcilie den leichten Tritten des alten Mannes, der in das Zimmer trat, welches Meriton und der Fremde eingenommen hatten. Sie war noch beſchäftigt, ihr Geſicht vor den Augen der Schildwache wieder zu verhüllen, als Ralph wieder erſchien, von einer Geſtalt begleitet, welche in den wohlbe⸗ kannten Oberrock eingehüllt war. Trotz des niederhängenden Huts und der angenommenen Verſtellung im Gang, erkannte doch das ſcharfe Auge der Frau ihren verkleideten Gemahl und da ſie ſich im näm⸗ lichen Augenblick der Verbindungsthüre zwiſchen beiden Zimmern erinnerte, war ihr der ganze Kunſtgriff auf einmal enthüllt. Mit zitterndem Eifer glitt ſie an der Schildwache vorüber und drängte ſich mit einer Hingebung an Lionel's Seite, welche den Betrug leicht vor einem Andern hätte verrathen können, der mehr an die Ge⸗ ſtaltungen des Lebens gewöhnt geweſen wäre als der ehrliche Landmann, der kaum erſt den Dreſchflegel mit der Muskete ver⸗ tauſcht hatte, in Wirklichkeit es war. Ralph ließ der Schildwache keine Zeit zur Ueberlegung, ſondern winkte ihr mit der Hand als Zeichen des Abſchieds und wandte ſich mit ſeiner gewohnten Raſchheit nach der Straße. Hier trafen ſie den andern Soldaten, der auf dem ihm angewieſenen Raume vor dem Gebaude auf und abging, und die Wachſamkeit, von der chen hres läßt dere ſie um nge⸗ Zick zu nur tten und ihr alph lbe⸗ duts arfe äm⸗ nern Mit ngte trug Ge⸗ liche ver⸗ dern ndte afen ume der ſie umringt waren, doppelt gefaͤhrlich machte. Lionel folgte dem Beiſpiele ſeines hejahrten Führers und ging mit ſeiner zitternden Gefährtin in ſcheinbarer Gleichgültigkeit dem Manne entgegen, der, wie ſich zeigte, das ihm anvertraute Amt beſſer als ſein Kamerad innerhalb zu verſehen entſchloſſen war. Seine Muskete quer über den Weg hinhaltend, wodurch er ſeine Abſicht, ſie erſt nach ihrem Ziele zu befragen, ehe er ſie weiter gehen ließe, deutlich genug anzeigte— rief der Soldat in barſchem Ton: „Wie iſt das, alter Herr? Ihr kommt haufenweiſe aus des Gefangenen Zimmer! einer, zwei, drei; unſer engliſcher Galan könnte wohl unter Euch ſich befinden und immer noch wären zwei im Hauſe übrig! Kommt, kommt, alter Vater, gebt einige Rechen⸗ ſchaft von Euch ſelbſt und Eurem Auftrag. Denn, um's Euch aufrichtig zu ſagen, es gibt Leute, welche Euch für nicht viel beſſer, als für einen von Howe's Spionen halten, wenn Ihr gleich nach Belieben im Lager auf⸗ und abrennen dürft. In reinem Yankee⸗Dialekt und das iſt ein verſtändliches Engliſch— Ihr ſeyd neulich in ſchlimmer Geſellſchaft eingefangen worden und man hat ſcharf davon geſprochen, Euch ebenſo wie Euren Kameraden ein⸗ zuſperren!“ „Hört Ihr das!“ erwiederte Ralph mit kaltem Lächeln und wandte ſich an ſeine Gefährten ſtatt an den Mann, deſſen Fragen er, wie man erwartete, beantworten ſollte;—„meint Ihr, die Miethlinge der Krone ſeyen auch ſo munter? Würden die Selaven nicht ſchlafen, ſobald die Augen ihrer Tyrannen auf ihre eigenen geſetzloſen Vergnügungen gerichtet ſind? So iſt's mit der Freiheit! Der heilige Geiſt weiht ihre geringſten Diener und erhebt den Gemeinen zu den Tugenden des ſtolzeſten Kapitäns.“ „Geht, geht,“ erwiederte die geſchmeichelte Schildwache und warf die Muskete wieder auf die Schulter;„ich glaube, man ge⸗ winnt nichts, wenn man ſich in Worten mit Euch herumſtreitet! Ich hätte ein oder zwei Jahre in jenen Kallegfen dort verleben Lionel Lincoln. 2. Aufl. 31 482 müſſen, um Eure Meinung ganz zu ergründen. Doch ver⸗ muthe ich, Ihr habt in Einer Sache ſo ziemlich Recht; denn wenn ein armer Burſche, der ſein Vaterland und die gute Sache liebt, es ſo ſchwer findet, auf dem Poſten die Augen auf zu be⸗ halten, wie muß es dann erſt ſo einem halb verhungerten Teufel mit ſechs Pence(Groſchen) des Tags zu Muthe ſeyn! Geht nur, geht weiter, alter Vater; Ihr ſeyd um Einen weniger, als vorhin, hineingegangen und wenn irgend Etwas nicht richtig wäre, müßte es ja der Mann im Hauſe drinnen wiſſen!“ Nachdem er alſo geendet hatte, trat er ſeinen Gang auf's Neue an, wobei er, in der zufriedenſten Laune mit ſich ſelbſt und mit der ganzen Menſchheit, die Feinde ſeines Landes natürlich ausgenommen, einen Vers aus dem„Yankee⸗Taugenichts“ vor ſich hinſummte. Wenn man behaupten wollte, dieß ſey nicht der erſte Fall geweſen, wo gutgemeinte CEhrlichkeit durch ein Geſalbader von Freiheit hintergangen worden, ſo möͤchte dieß vielleicht als eine zu gewagte Verſicherung erſcheinen; daß es aber nicht der letzte war, das glauben wir mit gutem Gewiſſen annehmen zu können, wenn auch nicht augenblicklich ein anderes Beiſpiel zur Hand ſeyn mag, um eine ſo ketzeriſche Leichtgläubigkeit zu unterſtützen. Ralph jedoch ſchien keineswegs gemeint, mehr zu äußern, als der Geiſt der Zeiten rechtfertigen mochte, denn nachdem er wieder ſich ſelbſt überlaſſen war, verfolgte er ſeinen Weg und fuhr fort, mit einer Heftigkeit und einem Ernſt, die ſeine Aufrichtigkeit be⸗ wies, einzelne Worte vor ſich hinzumurmeln. Als ſie ſich um die nächſte Ecke gewendet hatten und nun von der unmittelbar drängenden Gefahr befreit waren, wurde ſein Schritt langſamer; er ließ ſeine eilenden Gefährten zu ſich herankommen, ſtahl ſich auf Lionel's Seite und flüſterte, indem er dabei heftig deſſen Hand faßte, mit einer durch die innere Bewegung halberſtickten Stimme: „Nun hab ich ihn, er iſt nicht länger gefährlich! Ha— ha— nun iſt er ſtreng bewacht von den Augen dreier unbeſtechlicher Patrioten!“ ver⸗„Von wem ſprechen Sie?“ fragte Lionel:—„welches iſt denn ſein Verbrechen und wo iſt Ihr Gefangener?“ ache„Ein Hund! ein Menſch an Geſtalt, aber ein Tiger im Herzen! be⸗ 4 O!— doch ich hab' ihn!“ fuhr der Alte mit einem hohlen Ge⸗ eufel lächter fort, das aus ſeiner innerſten Seele hervorzubrechen ſchien:— nur,„ein Hund, ein wahrhafter Hund iſt er! Ich hab' ihn und Gott rhin, gebe, daß er den Kelch der Sklaverei leeren müſſe bis auf die Hefen!“ ꝛüßte„Alter Mann,“ ſprach Lionel in feſtem Tone,„daß ich Ihnen bis hieher zu keinem unwürdigen Zwecke gefolgt bin, können Sie ſelbſt auf's am Beſten bezeugen:— Ich habe den Eid vergeſſen, den ich am und Altar geſchworen, den Eid, dieſes ſüße, fleckenloſe Weſen zu lieben! irlich— auf Ihren Antrieb hab' ich's gethan, getrieben von den betäu⸗ ſich benden Ereigniſſen des Augenblicks; aber die Täuſchung iſt nun erſte geſchwunden! Hier ſcheiden wir für immer, wenn Ihre feierlichen, von oft wiederholten Zuſagen nicht auf der Stelle erfüllt werden!“ eine 1 Der hohe Triumph, der kaum noch das abgemagerte Geſicht. letzte 5 Ralph's entſtellt und daſſelbe häßlich und geſpenſtig gemacht hatte, nnen, verſchwand wie ein vorüberziehender Schatten und er horchte mit ſeyn kalter, geſetzter Aufmerkſamkeit auf Lionel's Worte. Aber indem eer antworten wollte, wurde er von Cäcilien unterbrochen, welche 1 , als mit einer Stimme, die durch ihre Furcht faſt erſtickt wurde, ausrief: vieder„O! keinen Augenblick längeren Verzug! Laßt uns weiter fork, gehen, überall hin und auf jede Weiſe! Jetzt vielleicht ſchon ſind 1 it be⸗ die Verfolger auf unſerer Ferſe. Ich bin ſtark, theuerſter Lionel, ) um und will folgen bis an der Welt Enden, ſo Du mich führſt!“ telbar„Lionel Lincoln, ich habe Dich nicht betrogen!“ ſprach der amer; alte Mann feierlich.„Die Vorſehung hat uns ſchon auf den rechten h auf 4 Pfad geleitet und wenige Minuten weiter werden uns an's Ziel Hand führen— ſo geſtatte denn, daß dieſe ſchöne Zitternde in die Stadt mme: zurückkehre und folge!“ — nun„Nicht einen Zoll breit!“ erwiederte Lionel und preßte Cäcilie oten!“ feſter an ſich:— hier trennen wir uns oder Ihre Zuſagen werden erfüllt.“ „Nein, geh' mit ihm— geh',“ lispelte wieder das Weſen, das in zitternder Hingebung an ſeiner Seite hing. Gerade dieſer Streit kann Dein Untergang werden— ſagte ich nicht, ich wollte Dich begleiten, Lincoln?“ „Vorwärts denn,“ ſchloß endlich ihr Gatte und winkte Ralph, weiter zu gehen:—„noch einmal will ich Dir vertrauen; aber gebrauche dieß Zutrauen mit Vorſicht, denn mein Schutzgeiſt iſt zur Hand, und bedenke, daß Du nicht länger einen Mondſüch⸗ tigen führſt!“ Der Mond fiel auf die bleichen Züge des alten Mannes und zeigte ſein zufriedenes Lächeln, während er ſich ſchweigend weg⸗ wandte und mit dem gewohnten, raſchen, geräuſchloſen Schritt ſeinen Gang wieder antrat. Noch führte ſie ihr Weg längs der Einfaſſung des Dorfes hin. Während noch immer die Gebäude der Univerſität nahe vor ihnen lagen und das laute Gelächter der Müßiggänger vor dem Wirthshaus neben dem häufigen Anruf der Schildwachen deutlich gehört wurde, leitete ſie ihr Führer unter den Mauern einer Kirche vorüber, die in feierlicher Einſamkeit in dem trügeriſchen Lichte des Abends ſich erhob. Zu dieſem um ſeiner Regelmäßigkeit willen etwas ungewöhnlichen Bauwerke empordeutend, murmelte Ralph im Vorübergehen: „Hier wenigſtens blieb Gott in ſeinem Eigenthume ohne Be⸗ ſchimpfung!“ Lionel und Cäeilie warfen flüchtige Blicke auf die ſchweigenden Mauern und traten durch eine Lücke in der niederen, zerriſſenen Umzäunung auf einen kleinen eingefriedigten Platz. Hier ſtand der Erſtere ſtill. „Ich will nicht weiter gehen,“ fing er abermals an, und be⸗ kräftigte, ſich unbewußt, ſeine Erklärung, indem er ſeinen Fuß feſt und in der Stellung des Widerſtrebens auf einen Damm gefrorner Erde ſetzte:—„es iſt Zeit, nicht mehr an ſich ſelbſt zu denken und auf die Schwäche Derjenigen zu achten, die ich ſtütze.“ „Denke nicht an mich, theuerſter Lineoln——“ Cäeilie wurde durch die Stimme des Alten unterbrochen, der, ſeinen Hut lüftend und ſeine grauen Locken vor den milden Strahlen des Geſtirns entblößend, in zitternder Bewegung antwortete: „Deine Aufgabe iſt bereits geendet! Du ſtehſt auf dem Grunde, wo die Gebeine eines Weſens modern, das lange Dich getragen hat. Achtloſer Knabe, dieſer gottesläſterliche Fuß tritt auf Deiner Mutter Grab!“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Alter hat trübe Tage Und Nächte ſchlafloſer Pein! Du gold'ne Zeit der Jugendblüth', Nicht wieder kehrſt Du ein? Burns. Vieſer unerwarteten Ankündigung folgte eine Stille, welche dem kalten Schweigen Derer, die rings um ſie her ſchlummerten, vollkommen ähnlich war. Lionel trat erſchrocken einen Schritt zurück; dann dem Beiſpiel des Greiſes folgend, entblößte er ſein Haupt in frommer Ehrfurcht vor ſeiner Mutter, deren Geſtalt in unbeſtimmten Umriſſen, wie die früheſten Erinnerungen der Kindheit oder die unvollkommenen Bilder eines Traumes, vor ſeiner Einbil⸗ dungskraft dämmerte. Nachdem er dieſen Gefühlen Zeit gelaſſen, ſich etwas zu beruhigen, wandte er ſich zu Ralph und ſagte: „Und hierher wollten Sie mich bringen, damit ich endlich das Unglück meiner Familie erfahre?“ Ein Ausdruck der Angſt flog über des Andern Züge, während er mit einer bis zur Sanftheit gedämpften Stimme antwortete: q·e‿‿Ʒᷣ—˖—— 486 „Ja hier— hier vor Deiner Mutter Grab ſollſt Du die Geſchichte hören!“ „So laß' es hier geſchehen!“ ſprach Lionel weiter, deſſen Auge bereits von einem wilden, wirren Feuer leuchtete, welches das Blut im Herzen der ängſtlichen Cäcilie erſtarren machte, die den Ausdruck ſeiner Mienen mit tiefer Bekümmerniß bewachte.—„Hier auf dieſer geheiligten Stelle will ich hören und gebührende Rache ſchwören, wenn all' Deine früheren Andeutungen wahr ſeyn ſollten—— „Nein, nein, nein— höre nicht— bleibe nicht!“ rief Cäcilie und ſchmiegte ſich in unverſtellter Angſt an ſeine Seite:—„Lin⸗ coln, Du biſt auf dieſe Seene nicht gefaßt!“ „Ich bin auf Alles gefaßt, in einer ſolchen Sache.“ „Nein, Lionel, Du überſchätzeſt Deine Kräfte!— Denke jetzt allein auf Deine Sicherheit; in einem anderen, glücklicheren Augen⸗ blick ſollſt Du Alles erfahren:— ja— ich— Cäcilie— Deine Braut, Dein Weib, verſpreche Dir, Alles ſoll enthüllt werden——“ „Du!“ „Es iſt die Abkömmlingin der Wittwe John Lechmere's, welche ſpricht, und Deine Ohren werden die Töne nicht zurückweiſen,“ ſagte Ralph mit einem Lächeln, das wie Spott auf die erregten Gefühle des jungen Mannes einwirkte.—„Geh’— Du taugſt beſſer zu einer Hochzeit, als auf einen Kirchhof!“ „Ich habe geſagt, daß ich auf Alles gefaßt bin,“ antwortete Lionel ernſt:„hier will ich ſitzen auf dieſem niedrigen Stein und Alles hören, was Sie vorbringen können und mögen dann auch Legionen der Rebellen ſich rings zu meinem Untergange ver⸗ ſammeln!“ „Wie! Du wagſt dem abgewendeten Blicke eines Weſens zu trotzen, das Deinem Herzen ſo theuer iſt?“ „Allem, Allem will ich trotzen,“ rief der aufgeregte Jüngling, „wenn ich es einem ſo frommen Zwecke opfern ſoll!“ „Gut geantwortet! und der Lohn iſt nahe;— nein, blicke nicht auf die Sirene, Du wirſt ſonſt wieder ſchwach werden.“ „Mein Weib!“ ſprach Lionel, und ſtreckte die Hand freundlich nach Cäcilien's zurückbebender Geſtalt. „Deine Mutter!“ ſiel Ralph dazwiſchen und deutete mit ſeiner ausgetrockneten Hand nach dem Grabe. Lionel ſank auf den verwitterten Grabſtein, auf den er eben angeſpielt hatte; den Rock um ſich geſchlagen, ſtützte er ſeinen Arm auf's Knie, während ſeine Hand das zitternde Kinn faßte als ob er verzweiflungsvoll nur ſeinem düſteren Vorhaben ſich hingeben wolle. Der alte Mann lächelte mit ſeinem gewöhnlichen geiſterhaften Ausdruck, als er dieſen Beweis ſeines Erfolges vor Augen ſah und nahm einen ähnlichen Sitz auf der entgegengeſetzten Seite des Grabs ein, das der Brennpunkt ihrer gemeinſamen Theilnahme geworden zu ſeyn ſchien. Er bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen und ſchien in eifrigem Nachſinnen damit beſchäftigt, ſeine aufgeregten Gedanken zu ſammeln. Während dieſer kurzen ein⸗ drucksvollen Pauſe, fühlte Lionel, wie die zitternde Geſtalt Cäcilien's an ſeiner Seite ſich herabließ, und ehe ſein bejahrter Gefährte zu ſprechen begann, blickte er noch einmal in ihr bleiches, unver⸗ ſchleiertes Antlitz, das die Veränderung in ſeinen eigenen Zügen mit hingebungsvoller, ängſtlicher Aufmerkſamkeit betrachtete. „Du weißt bereits, Lionel Lincoln,“ begann Ralph, während er langſam ſeinen Körper in eine aufrechte Stellung emporrichtete, „wie in früheren Jahrhunderten Deine Familie dieſe Kolonien aufſuchte, um Ruhe für ihre Religion und den Frieden des Gerechten darin zu finden. Und ebenſo weißt Du— denn oft verbrachten wir die langen Nachtwachen auf dem Schiff mit den Geſprächen über dieſe Dinge, während der nie raſtende Ocean ſeine Waſſer um uns her rollte— wie der Tod in die ältere Linie Deines Geſchlechtes kam, die noch in der Pracht und der Verderbtheit des 488 engliſchen Hofes lebte, und wie Dein Vater dadurch der Erbe ihrer Reichthümer und Würden wurde.“ „Das Alles iſt ſelbſt dem niedrigſten Klatſchweibe in der Maſſachuſetts⸗Bai nicht unbekannt!“ ſiel Lionel ungeduldig ein. „Aber dennoch wiſſen jene wohl nicht, daß die angedeutete Anhäufung von Glücksgütern ſchon manche Jahre zuvor, ehe ſie wirklich Statt fand, durch die Beſchlüſſe der Vorſehung unvermeid⸗ lich feſtgeſetzt war; ſie wiſſen nicht, wie viel groͤßere Geltung der verwaiste Sohn des dürftigen Soldaten gerade durch dieſe Erwartung ſogar in den Augen ſeiner eigenen Blutsverwandten gewann, und ebenſowenig wiſſen ſie, wie die weltlich geſinnte Priseilla Lechmere, Deines Vaters Tante, Himmel und Erde hätte in Be⸗ wegung ſetzen mögen, um dieſen Reichthum und dieſe Ehren, auf welche ein Verwandtſchaftsrecht zu beſitzen ihr größter Stolz war, ihren eigenen Leibeserben anheimfallen zu ſehen.“ „Das war aber unmöglich! Sie war von der weiblichen Linie und hatte keinen Sohn!“ „Nichts ſcheint Denen unmöglich, an deren Seelenfrieden der Wurm der Ehrſucht nagt:— Du weißt wohl, ſie hinterließ eine Enkelin; hatte nicht dieſes Kind eine Mutter?“ Lionel fühlte ſich ſchmerzlich überführtvon dieſem Zuſammenhange, als der zitternde Gegenſtand jener Bemerkungen— Cäcilie— das Haupt beſchämt an ſeinen Buſen ſinken ließ, indem ſie die Wahrheit der Schilderung, welche das räthſelhafte Weſen, das geſprochen, von ihrer verſtorbenen Verwandtin entwarf— tief im Innerſten fühlte. „Verhüte Gott,“ ſprach der alte Mann etwas ſtolz weiter, „daß ich als Chriſt und als ehrlicher Mann eine Sylbe ausſprechen ſollte, um den makelloſen Namen eines Weſens zu beflecken, das ſo frei von jeder Schande iſt wie die Frau, von der ich rede. Das ſüße Kind, das ſich an Dich ſchmiegt, Lionel, iſt nicht reiner und unſchuldiger, als ſie war, die es gebar. Und lange ſchon, ehe der Ehrgeiz ſeine Netze um die elende Priscilla ausgeſpannt hatte, —— —.— war das Herz ihrer Tochter das Eigenthum des tapferen, edlen Engländers, welchem ſie in ſpätern Jahren vermählt wurde.“ Als Cäcilie dieſes beſänftigende Lob ihrer wahren Eltern vernahm, hob ſie wieder ihr Antlitz nach dem Lichte des Mondes⸗ empor und blieb neben Lionel, an deſſen Seite ſie niedergeknieet war, nicht länger eine beunruhigte, wohl aber eine innig theil⸗ nehmende Zuhörerin deſſen, was folgte. „Als die Wünſche meiner unglücklichen Tante nicht erfüllt wurden,“ ſagte Major Lincoln,„auf welche Art konnte ſie auf das Schickſal meines Vaters einwirken?“ „Du ſollſt es hören. In dem nämlichen Hauſe lebte ein zweites, ſogar ſchöneres und dem äußeren Schein nach wenigſtens eben ſo reines Weſen, als die Tochter Priscilla's. Sie war die Verwandte, die Pathe und Mündel jenes elenden Weibes. Die Schönheit und die vermeinten Tugenden dieſes anſcheinenden Engels in Menſchengeſtalt zogen das jugendliche Auge Deines Vaters auf ſich und trotz Künſten und Intriguen, und noch ehe der langer⸗ wartete Titel und Reichthum ihm zugefallen, waren ſie vermählt, und Du, Lionel, wurdeſt geboren, um ſpäter die Gabe des Glücks doppelt willkommen zu machen.“ „Und dann——“ „Und dann eilte Dein Vater nach dem Lande ſeiner Vorfahren, um ſein Eigenthum anzuſprechen und den Weg zu Deiner und ſeiner geliebten Priscilla Aufnahme zu bahnen— denn damals gab es zwei Priscilla's und nun ſchlafen beide bei den Todten! Alles, was Leben und Daſeyn hat, darf die Ruhe des Grabs anſprechen, nur ich,“ fuhr der alte Mann fort und richtete ſein hohles Auge mit einem Blicke hoffnungsloſen Jammers empor— „ich, der ich Menſchenalter vorüberſtreichen ſah, ſeit das jugendliche Blut um mir erkaltet iſt, der ich Geſchlecht nach Geſchlecht hingerafft erblickte— ich muß immer noch ſchmachten in dieſem Wohnorte der Menſchen! doch es geſchieht, um an dem großen Werke zu helfen, das 490 hier beginnt, und nicht eher enden ſoll, bis erſt ein ganzer Welt⸗ theil wiedergeboren ſeyn wird.“ Lionel ließ aus Achtung vor dieſem Ausbruche des Gefühls mehr als eine Minute ohne fernere Frage vorübergehen; endlich aber zog er wieder durch eine ungeduldige Gebärde die umher⸗ ſchweifenden Blicke Ralph's auf ſich, worauf der alte Mann alſo fortfuhr: „Monat nach Monat, zwei lange, ewige Jahre weilte Dein Vater in England, um den Beſitz des neuen Eigenthums zu ver⸗ fechten. Endlich ſiegt er: eilt hieher, aber— da war kein Weib mehr zu finden; da war keine zaͤrtliche, liebende Priscilla, die gleich der zarten Blume, welche an Deinem Buſen ruht, ihm bei ſeiner Rückkehr den Willkomm zugerufen hätte.“ „Ich weiß,“ ſprach Lionel faſt athemlos,—„ſie war todt.“ „Sie war noch mehr,“ erwiederte Ralph in ſo tiefem Tone, daß es klang, als ob einer aus dem Grabe hervor ſpräche—„ſie war entehrt!“ „Das iſt falſch!“ „Es iſt wahr; wahr, wie jenes heilige Evangelium, das durch Gottes begeiſterte Diener den Menſchen mitgetheilt wird.“ „Es iſt falſch,“ wiederholte Lionel ſtolz—„ſchwärzer, als die ſchwärzeſten Gedanken des böſen Geiſtes der Finſterniß!“ „Ich wiederhole Dir, Du raſcher Knabe— es iſt wahr! Sie ſtarb bei der Geburt jener Frucht ihrer Schande. Als Priscilla Lechmere Deines Vaters Herz mit der unglückſeligen Erzählung durchbohrte, da las er in ihrem triumphirenden Auge den Verrath ihrer Seele und, wie Du, wagte er den Himmel zum Zeugen an⸗ zurufen, daß Deine Mutter verleumdet worden! Aber da kam noch eine andere Perſon, die ihm wohl bekannt war und zwar unter Umſtänden, welche jeden Gedanken an Betrug verbannten, und dieſe ſchwor— ja, nahm den geſegneten Namen Deſſen, der in Aller Herzen liest, zum Bürgen ihrer Wahrheit!— Sie be⸗ kräͤftigte jene Unglückskunde.“ hls„Der ſchändliche Verführer!“ rief Lionel mit wilder Stimme, lich 1 indem er ſich unwillkührlich von Cäcilien abwandte—„lebt er jer⸗ noch? Gib ihn meiner Rache, alter Mann, und ich will Dich noch alſo ſegnen für dieſe fluchwürdige Geſchichte!“ „Lionel, Lionel,“ rief die beſänftigende Stimme ſeiner Braut, ein—„glaubſt Du ihm denn?“ der⸗„Ihm glauben,“ entgegnete Ralph mit furchtbarem, inner⸗ eib lichem Lachen, als ob er ſchon den bloßen Gedanken der Ungläubigkeit die verſpotten wollte:„all' das und mehr noch muß er glauben! bei Noch einmal, ſchwaches Mädchen, warf Deine Großmutter ihre Netze nach dem mächtigen Baronet, und als er nicht ihr Sohn .“ werden wollte, da verſchwor ſie ſich mit den Geiſtern der Hölle zu ne, ſeinem Verderben. Rache trat an die Stelle der Ehrſucht und ſle Deines Gatten Vater war das Opfer!“ 9„Fahrt fort!“ rief Lionel, der unter dem überwältigenden Drange ſeiner Leidenſchaften kaum noch athmete. irch„Der Schlag hatte ihn in's Herz getroffen und eine Zeit lang war ſeine Vernuft von der Schwere dieſes Unglücks überwältigt; die doch war dieß nur eine Stunde, verglichen mit der Ewigkeit, welche ein Mann zu leben verdammt ſeyn kann. Sie benützten die augenblickliche Sie Zerrüttung, und als ſeine irren Gedanken wieder zur Ruhe gewiegt illa waren, fand er ſich ſelbſt als Bewohner eines Tollhauſes wieder, wo er ung zwanzig lange Jahre hindurch mit den entſtellten Ebenbildern ſeines ath Schöpfers zu einer Heerde gezählt wurde, und dieß Alles bloß an⸗ durch die Ränke der niederträchtigen Wittwe von John Lechmere.“ am 4„Iſt das möglich? Kann es wahr ſeyn?“ rief Lionel, die var Hände wild zuſammenſchlagend und mit einer Heftigkeit aufſpringend, ten, durch die er die zarte Geſtalt, die noch an ſeinem Halſe hing, wie der ein werthloſes Spielzeug von ſeiner Seite ſtieß.—„Kann das bewieſen werden? Woher weißt Du dieſe Thatſachen?“ 492 Das ruhige, aber melancholiſche Lächeln, das gewöhnlich die bleichen Züge des alten Mannes erhellte, wenn er auf ſein eigenes Daſeyn anſpielte, wurde noch einmal ſichtbar, während er antwortete: „Wenig nur bleibt verborgen vor jenem Wiſſen, das ſich durch die Länge der Tage erwirbt; überdieß— beſitze ich nicht, um Alles dieſes zu erfahren, geheime Mittel, welche Dir unbekannt ſind? Erinnere Dich deſſen, was ich bei unſern häufigen Zuſammenkünften Dir enthüllt habe; rufe Dir die Scenen am Sterbebette der Pris⸗ cilla Lechmere zurück und frage Dich ſelbſt, ob Du Wahrheit bei Deinem betagten Freunde findeſt?“ „Gib mir Alles! entziehe mir nicht ein Wort von Deiner Fluchgeſchichte— gib mir Alles— oder nimm jede Sylbe zurück, die Du geſprochen.“ „Du ſollſt Alles haben, was Du verlangſt, Alles, Lionel Lin⸗ coln, und noch mehr ſogar,“ erwiederte Ralph, der in der Stimme und in ſeiner ganzen Weiſe die höchſte Kraft der Feierlichkeit und der Ueberredung aufbot,—„vorausgeſetzt, daß Du ewigen Haß ſchwören willſt dem Lande und den Geſetzen, durch welche ein harmloſer unſchuldiger Mann den Thieren des Feldes gleichgeſtellt werden kann, bis er endlich in der Bitterkeit ſeiner Leiden ſelbſt zur Raſerei gegen ſeinen Schöpfer getrieben wird.“ „Mehr als das— zehntauſend Mal mehr als das will ich ſchwören;— verbinden will ich mich mit dieſer Empörung——“ „Lionel, Lionel— was willſt Du thun?“ unterbrach ihn die tiefbetrübte Cäcilie. Aber ihre Stimme ward durch lautes, heftiges Geſchrei über⸗ tönt, das aus dem Dorfe ſogar mitten durch das Geſumme der Schwelgenden hindurchdrang und augenblicklich von einem Trampeln von Fußtritten begleitet wurde, als ob mehrere hundert Menſchen in unüberlegter Haſt auf dem gefrornen Boden hineilten. Ralph, der eben ſo ſchnell als die furchtſame Braut dieſe Töne vernahm, ſchlich von dem Grabe weg und näherte ſich der Landſtraße, wohin — — ſeine beiden Gefäͤhrten ihm langſam nachfolgten; Lionel, gäͤnzlich gleichgültig gegen den Weg, den ſie einſchlugen, Cäcilie, am ganzen Körper zitternd aus Beſorgniß für die Sicherheit Deſſen, der ſeine eigene Gefahr ſo wenig beachtete. „Sie ſind aus und glauben einen Feind zu finden,“ fing der alte Mann wieder an und erhob ſeine Hand mit einer Gebärde, welche Aufmerkſamkeit gebot; aber er hat geſchworen, zu ihren Fahnen zu ſtoßen, und freudig werden ſie einen ſeines Namens und Geſchlechts in ihrer Mitte aufnehmen!“ „Nein,— nein, er hat ſich zu keiner Unehre verbunden,“ rief Cäcilie.—„Flieh', Lincoln, ſo lange Du frei biſt und laß mich allein den Verfolgern begegnen— ſie werden meine Schwäche achten.“ Glücklicherweiſe weckte dieſe Anſpielung auf ſich ſelbſt Lincoln aus der dumpfen Betäubung, welche ſeine Geiſteskräfte übermannt hatte. Ihre leichte Geſtalt mit ſeinen Armen umfaſſend, wandte er ſich raſch von der Stelle und rief, während er ſie vorwärts drängte: „Alter Mann, wenn erſt dieſe koſtbare Bürde in Sicherheit ſeyn wird, dann ſoll ſich die Wahrheit oder Falſchheit Deiner Ge⸗ ſchichte erweiſen.“ Doch Ralph, dem, von keiner Laſt beſchwert, ſein eiſerner Körperbau, der den Verheerungen der Zeit zu ſpotten ſchien, eine große Ueberlegenheit im Weiterſchreiten gegenüber dem gehinderten Gange des Andern gab— eilte raſch voraus, indem er mit der Hand winkte, als wollte er ſeine Abſicht anzeigen, ſie auf ihrer Flucht zu begleiten, während er den Weg nach den naheliegenden Felſen einſchlug. Das Geräuſch der Verfolger wurde bald vernehmlich und in den Zwiſchenräumen der fernen Kanonade war das Rufen und Be⸗ fehlen Derer, welche die Jagd leiteten, deutlich zu vernehmen. Trotz des ſtarken Arms ihres Führers, fühlte Cäcilie bald, daß ihre zarte Geſtalt nicht länger im Stande war, die zu ihrer Sicherheit nöthigen Anſtrengungen zu ertragen. Sie hatten einen anderen Weg betreten, der nicht weit von dem erſten entfernt lag, als ſie 494 ſtille ſtand und mit Widerſtreben ihre Unfähigkeit, weiter zu gehen, erklärte. „So wollen wir hier unſere Verfolger erwarten,“ ſprach Lionel mit erzwungener Ruhe,—„aber die Rebellen mögen ſich vorſehen, daß ſie nicht ihren leichten Vortheil mißbrauchen!“ Die Worte waren kaum geſprochen, als ein Karren, von einem doppelten Geſpann Ochſen gezogen, nahe bei ihnen um eine Ecke der Straße bog und der Führer deſſelben nur wenige Schritte von der Stelle, wo ſie ſtanden, hervortrat. Der Mann ſchien ſchon ſehr weit in Jahren vorgerückt, ſchwang aber immer noch ſeinen langen Stachelſtock mit einer Geſchicklichkeit, die er ſich durch die Uebung von mehr als einem halben Jahrhundert erworben hatte. Der Anblick dieſes einzelnen, von unmittelbarer Hülfe entfernten Mannes ließ in Lionel einen verzweifelten Gedanken der Selbſter⸗ haltung aufkommen. Er verließ ſeine erſchöpfte Gefährtin und trat mit ſo ſtolzer Miene auf den Fremden zu, daß er Jeden da⸗ durch beunruhigt haben würde, der auch nur den leiſeſten Grund zur Furcht gehabt hätte. „Wohin geht Ihr mit dieſem Karren?“ fragte der junge Mann mit ernſtem Tone. „Nach dem Punkt,“ war die Anwort.„Ja, ja— Alt und Jung, Groß und Klein— Menſch und Vieh— vierräderige und zweiräderige Wagen— Alles geht heute nach dem Punkt, wie Ihr Euch denken könnt, Freund! Ei, fuhr er fort, indem er das eine Ende ſeines Stocks auf den Boden ſtemmte, während er ihn mit beiden Händen erfaßte und ſich darauf ſtützte,—„ich war dreiund⸗ achtzig am letzten vierzehnten März und hoffe, ſo Gott will, wenn mein nächſter Geburtstag kommt, wird kein Rothrock mehr in der Stadt Boſton zurück ſeyn. Meiner Meinung nach, Freund, haben ſie den Platz lange genug gehalten und wohl iſt's jetzt Zeit, ihn zu räumen. Meine Buben befinden ſich im Lager und ſind nun auch eine Zeit lang Soldaten— die alte Frau war ſeit Sonnenuntergang geſchäftig wie eine Biene und half mir aufladen, was Ihr da vor Euch ſeht, und ich führ's nun hinüber nach Dorcheſter und nicht einen Heller ſoll es je den Kongreß koſten!“ „Und Ihr geht mit Euern Heubündeln nach der Dorcheſter Land⸗ enge?“ ſagte Lionel und betrachtete ihn und ſein vorüberziehendes Geſpann, noch unſchlüſſig, ob er gegen einen ſchwachen Mann Ge⸗ walt gebrauchen ſollte. „Wie? Ihr müßt ſprechen wie ein Soldat, ſo wie im Anfang, denn ich bin ein wenig taub,“ antwortete der Bauer.„Ja, ja, ſie verſchonten mich bei der Aushebung, denn ſie ſagten, ich habe genug gethan; aber ich behaupte, ein Mann hat nie genug gethan für ſein Vaterland, ſo lange noch etwas zu thun übrig iſt. Man ſagt mir, ſie führen Faſchinen, wie ſie's nennen, und gepreßtes Heu hinüber zu ihren Schanzen. Da das Heu beſſer als alles Andere in meinen Kram paßt, ſo hab' ich einen tüchtigen Haufen hier zu⸗ ſammengemacht, und wenn das nicht reicht, ei, ſo laßt Waſhington nur kommen; er iſt willkommen in Scheunen, in Schobern und überall, wo er nur einkehren mag!“ „Während Ihr ſo freigebig gegen den Kongreß ſeyd, köͤnntet Ihr nicht einer unglücklichen Frau helfen, die ſo ziemlich Euren eigenen Weg zurücklegen ſollte, aber zu ſchwach zum Gehen iſt?“ „Von ganzem Herzen,“ ſagte der Andere und drehte ſich nach allen Seiten, um die Perſon zu ſuchen, welcher er beiſtehen ſollte,— „ich hoffe, ſie iſt bei der Hand, denn die Nacht verſtreicht, und ich möchte nicht, daß die Engländer eine Kugel nach unſerm Volk auf den Dorcheſterhügeln abfeuerten, ehe dieſes Heu dort hinge⸗ ſchafft iſt, um ſie vor dem Feind zu ſchützen.“ „Sie ſoll Euch nicht einen Augenblick aufhalten,“ antwortete Lionel, ſprang nach der Stelle, wo Cäcilie halb hinter dem Zaun verborgen ſtand und führte ſie nach dem rohen Fuhrwerk:—„Ihr ſollt für Euern Dienſt reichlich belohnt werden.“ „Belohnt! Vielleicht iſt ſte das Weib oder die Tochter eines 496 Soldaten, in welchem Fall ſie ſtatt eines Karrens mit doppeltem Geſpann in ihrer Kutſche mit Vieren fahren ſollte.“ „Ja, ja— Ihr habt Recht, ſie iſt beides— das Weib ſowohl wie die Tochter eines Soldaten.“ „Oh! Gott ſegne ſiel Ich wette, der alte Put hatte doch gewiß Recht, wenn er ſagte, die Weiber allein ſchon würden die beiden Regimenter zurückſchlagen, welche, wie die ſtolzen Parlamentsherrn prahlten, von Hampſhire bis Georgia unaufgehalten durch die Kolo⸗ nien marſchiren könnten— Nun gut, Freunde, ſitzt ihr endlich?“ „Ganz gut,“ entgegnete Lionel, der unter den Heubündeln für ſich und Cäcilien Sitze hergerichtet und während des Geſprächs ſeine Braut auf ihren Platz gehoben hatte,„wir wollen Euch nicht länger aufhalten.“ Der Kärrner, Eigenthümer von nicht weniger als hundert Morgen guten Landes in der Nachbarſchaft, zeigte ſich bereit und den Stock in der Luft ſchwingend, gab er ſeinem Geſpann die ge⸗ hörige Richtung und fuhr an. Während dieſer eiligen Scene hatte ſich Ralph in dem Schatten des Zauns verborgen gehalten. Als der Karren fortfuhr, winkte er mit der Hand und glitt über die Straße, worauf er bald in der nebligen Ferne, in der ſein grauer Anzug bis zur Unkenntlichkeit verſchwamm, ſich wie ein Luft⸗ geſpenſt vor ihren Augen verlor. In der Zwiſchenzeit waren die Verfolger nicht müßig geweſen. Stimmen ließen ſich in verſchiedenen Richtungen hören und dunkle Geſtalten wurden geſehen, die, von dem trügeriſchen Lichte begünſtigt, über die Felder hinrannten. Um die Verlegenheit ihrer Lage noch zu vermehren, fand Lionel, als es zu ſpät war, daß die Straße nach Dorcheſter gerade durch das Dorf Cambridge führte. Als er bemerkte, daß ſie ſich dem Orte näherten, hätte er gerne den Karren verlaſſen, wenn der Verſuch mitten unter den aufgeſtörten Soldatenhaufen, die nun auf allen Seiten um ſie herumflogen, nicht zu gefährlich geweſen wäre. In dieſer Lage konnte er nichts Beſſeres thun, als ſich regungslos und ſchweigend zu verhalten und Cäecif zu v duldi lenkte zuſetz dem an de danke werke und auf nun rief „kom denn und Enke wenn Jüng läufe denk' finden wird man in ei abhal Nach L —VVV—O—ę———QOQ—Q—O-OQQͤõ— Cäcilien, wie ſich ſelbſt, ſo gut als möglich unter den Heubündeln zu verſtecken. Gegen alle gerechten Erwartungen, wie der unge⸗ duldige Patriotismus des alten Landmanns ſie rege gemacht hatte, lenkte dieſer, ſtatt ſeinen Weg ohne Aufenthalt durch den Ort fort⸗ zuſetzen, ſein Vieh etwas von der geraden Straße ab und hielt vor dem nämlichen Wirthshauſe, wo Cäcilie vor noch nicht langer Zeit an der Seite ihres Führers vom Schlachtfelde her eingeſprochen hatte. Vor dem Hauſe herrſchte noch dieſelbe geräuſch volle und ge⸗ dankenloſe Schwelgerei wie zuvor. Die Anknnft eines ſolchen Fuhr⸗ werks zog alsbald einen Haufen von Müßiggängern nach dem Platze und die beiden Liebenden, die mit nicht geringer Angſt ihren Platz auf dem Wagen behaupteten, wurden nun gezwungene Zuhörer der nun beginnenden Unterhaltung. „Was, Alter, immer noch munter für das Beſte des Kongreſſes,“ rief ein Mann, der ſich mit einem Krug in der Hand näherte; „kommt, netzt die Kehle, mein ehrwürdiger Vater der Freiheit, denn Ihr ſeyd doch zu alt, um ihr Sohn zu heißen!“ „Ja, ja,“ antwortete der erfreute Landmann,„ich bin Vater und Sohn zugleich! Ich habe vier Buben im Lager und ſieben Enkel dazu, und das wären eilf gute Drücker in einer Familie, wenn nur fünf gute Flinten ſo viele Schlöſſer hätten— aber die Jüngſten haben eine Entenflinte aufgetrieben und einen Doppel⸗ läufer zu zwei, wer's gerade iſt; und Aaron, der Burſche, führt, denk' ich, eine ſo gute Reiterpiſtole, wie nur je eine in der Bai zu finden war. Aber was ihr heut für eine unruhige Nacht habt! Da wird ja des bloßen Knalls wegen mehr Pulver verſchwendet, als man brauchte, um den alten Bunker wieder zu erkämpfen, und das in einer Entfernung, daß man das Weiße im Auge ſehen könnte!“ „So geht's im Krieg, alter Mann, wir müſſen die Regulären abhalten, daß ſie nicht nach Dorcheſter hinüber ſehen.“ „Wenn ſie's auch thäten, ſie könnten doch nicht weit ſehen bei Nacht. Aber ſest ſagt einmal, ich bin ein alter. Wäun und hab' Lionel Lincoln. 2. Aufl. 498 auch mein Gran Neugierde im Leib; mein Weib ſagt, Howe werfe ſeine Leichname zu Euch heraus— doch, ſo ſchlecht er auch iſt, wie ich wohl weiß, ſo halte ich doch dieſes Eine für eine gottloſe Lüge.“ „O,'s iſt ſo wahr wie das Evangelium.“ „Wahrhaftig? ei, wer iſt jetzt noch im Stand, die Grauſamkeit eines ſo gottloſen Geiſtes zu ſchätzen?“ rief der würdige Mann kopfſchüttelnd,— ich hätte jede Schlechtigkeit von ihm geglaubt, nur dieſe nicht! Da die Lebenden in der Stadt ſelten werden, be⸗ dient er ſich gar noch, wie ich glaube, ſeiner eigenen Erſchlagenen?“ „Freilich,“ antwortete der Soldat und winkte ſeinen Kameraden,“ —„Breed's Hill hat ihm Vorrath geliefert für den ganzen Winter.“ „Es iſt ſchrecklich, ſchrecklich! ein Mitgeſchöpf durch die Luft fliegen zu ſehen, nachdem der Geiſt vorangeeilt iſt zum ewigen Ge⸗ richt! Krieg iſt ein ſchrecklicher Beruf; aber dann wieder— was iſt ein Menſch ohne Freiheit!“ „Hört, Alter, da Ihr gerade vom Fliegen ſprecht, habt Ihr Nichts von zwei Männern und einem Weib geſehen, die die Straße hinaufflohen, als Ihr hereinkamt?“ „Wie! was!— ich bin ein wenig harthörig— Weiber auch! ſchießen ſie ihre Jeſabels in unſer Lager? Es gibt doch keine Ruch⸗ loſigkeit, die des Königs Miniſter ſich nicht erlaubten, um unſere ſchwache Natur zu überliſten.“ „Saht Ihr nicht zwei Männer und ein Weib davon rennen, als Ihr die Straße herabkamt?“ ſchrie der Burſche ihm in's Ohr. „Zwei! ſagtet Ihr, zwei?“ fragte der Bauer und drehte den Ropf in einer Stellung angeſtrengter Aufmerkſamkeit ein wenig auf die Seite. „Ja, zwei Männer.“ * Es iſt hier im Original ein Wortſpiel, das ſich im Deutſchen nicht geben ließ. Carcass heißt ‚Leuchtkugel’ und ‚Leichnam.“ Der Bauer hatte ſtatt der erſten Bedeutung die zweite genommen, und durch dieſes Mißverſtänd⸗ niß den Spott des Soldaten hervorgerufen. A. d. U. f Ihr raße uch! tuch⸗ nſere nen, Ohr. den auf geben ſtatt tänd⸗ f „Nein, zwei ſah ich nicht. Sie rannten aus der Stadt, ſagtet Ihr?“ „Ja, rannten, als ob der Teufel hinter ihnen her wäre.“ „Nein, ihrer zwei habe ich nicht geſehen und überhaupt Nie⸗ mand, der davon rannte,— es iſt ein gewiſſes Zeichen von Schuld, wenn man davon läuft— iſt eine Belohnung ausgeſetzt?“ fragte der alte Mann, indem er plötzlich ſich ſelbſt unterbrach und wieder mit ſeinen eigenen Gedanken verkehrte. „Noch nicht— ſie ſind kaum erſt entwiſcht.“ „Der ſicherſte Weg, einen Dieb zu fangen, iſt, wenn man eine tüchtige Belohnung bietet— nein— ich ſah jene beiden Männer nicht— Ihr ſeyd gewiß, es waren zwei?“ „Fahrt zu mit Eurem Karren! vorwärts, vorwärts,“ rief ein berittener Offizier vom Generalſtab, der in dieſem Augenblick durch die Straße ſprengte und all die ſchlummernden Gedanken der Eile wieder erweckte, welche dem alten Pächter ſchon geraume Zeit aus dem Gedächtniſſe entſchwunden waren. Er ſchwang noch einmal ſeinen Stock, ſetzte ſein Geſpann in Bewegung und wünſchte den Lärmen⸗ den gute Nacht, während er wegfuhr. Doch ſchrie er immer noch zweifelhaft, ob er umkehren oder ſeinen Weg fortſetzen ſollte, denn noch lange, als er ſchon den Ort verlaſſen und über den Charles hinausgekommen war, machte er plötzlich Halt, und zuletzt ſtand er ſogar ganz ſtill mit ſeinem Karren, kletterte auf das Hen hinauf und nahm dort ſeinen Sitz ſo, daß er mit einem Auge ſein Vieh überſehen und mit dem andern ſeine Gefährten beobachten konnte. Dieſe Unterſuchung dauerte eine weitere Stunde, während welcher kein Theil eine Sylbe ſprach, worauf endlich der Kärrner, überzeugt, wie es ſchien, daß ſein Verdacht ungerecht war— ſeine frühere Stelle wieder einnahm. Vielleicht trug die Schwierigkeit des Wegs dazu bei, ſeine Zweifel zu zerſtreuen, denn indem ſie weiter fuhren, ſtießen ſie faſt alle Augenblicke auf zurückkehrende Karren, welche die un⸗ getheilte Aufmerkſamkeit des Führers auf ſein eigenes Geſpann dringend nöthig machten. 500 Alle düſteren Gedanken waren durch die fortwährende Auf⸗ regung der vorhergehenden Scenen endlich aus Lionel's Seele ver⸗ ſcheucht worden, und er fühlte ſich nun frei von jeder unmittelbaren Beſorgniß. Er flüſterte ſeine beruhigenden Hoffnungen auf ein endliches Entkommen Cäcilien zu, und während er ſie in ſeinen Rock einhüllte, um ſie vor der Nachtluft zu beſchützen, fühlte er bald zu ſeiner Freude an ihrem ſanften Athemholen, daß ſie, von Ermüdung überwältigt, an ſeiner Bruſt eingeſchlummert w ar. Mitternacht war lange vorüber, als ſie der Höhen jenſeits der Dorcheſter⸗Landenge anſtchtig wurden. Cäcilie erwachte und Lionel beſann ſich ſchon auf einen annehmbaren Grund, um den Karren zu verlaſſen, ohne den Verdacht ihres Führers wieder auf's Neue anzuregen. Endlich traf er eine günſtige Stelle, wo ſie allein waren und die Beſchaffenheit des Bodens für ſeine Abſicht paſſend ſchien. Lionel war auf dem Punkte, zu ſprechen, als das Vieh ſtill ſtand und Ralph plötzlich vor ihnen auf der Straße erſchien. „Macht Platz, Freund, für die Ochſen da,“ ſagte der Bauer, „das Vieh läuft nicht, wenn ein Menſch davor ſteht!“ „Steigt ab,“ ſprach Ralph, indem er ſeine Worte mit einer weit ausgeholten Schwenkung des Arms gegen das Feld unterſtützte. Lionel gehorchte raſch, und als mittlerweile der Kärrner eben⸗ falls abgeſtiegen war, ſtand die ganze Gruppe auf der Straße beiſammen. „Ihr habt uns einen größern Dienſt geleiſtet, als Ihr wißt,“ ſagte Lionel zu dem Landmann.„Hier ſind fünf Guineen.“ „Wofür?— etwa weil Ihr einige Meilen auf einem Heu⸗ haufen gefahren ſeyd?— nein, nein, Gefälligkeit iſt kein ſo käuf⸗ licher Artikel in der Bai, ldaß man dafür zu zahlen brauchte! Aber, Freund, für dieſe ſchwierigen Zeiten ſcheint das Geld ſehr im Ueberfluß bei Euch vorhanden!“ „Dann tauſend Mal Dank— ich kann Euch nicht mehr bieten.“ — Auf⸗ ver⸗ aren ein nen 2 er von der onel ren eue lein end ieh en. ter, — —.— — 501 Lionel hatte kaum geſprochen, als er, einer ungeduldigen Ge⸗ bärde Ralph's gehorchend, Cäcilie über den Zaun hob, worauf alle drei in einem Augenblick vor den Augen des erſtaunten Pächters verſchwunden waren. „Hollah, Freund!“ rief der würdige Verfechter ſeines Vater⸗ landes, während er ſo ſchnell, als das Alter ihm erlauben wollte, hinter ihnen her eilte:—„waret ihr euer drei, als ich euch aufnahm?“ Die Flüchtlinge hörten zwar den Ruf des einfältigen, geſchwätzigen Alten; aber wie man leicht denken kann, hielten ſie nicht für klug, anzuhalten und den fraglichen Punkt näher zu erläutern. Sie waren noch nicht weit gegangen, als ihnen der wüthende Ruf:„Habt Acht auf den Karren da!“ und das Raſſeln von Rädern verkün⸗ dete, daß ihr Verfolger durch die Ankunft leerer Wagen zu ſeiner Pflicht zurückgerufen worden, und ehe die Entfernung die Töne unverſtändlich machte, hörten ſie noch die geräuſchvolle Auseinander⸗ ſetzung, welche ihr früherer Gefährte den Andern über den ganzen Hergang der Sache gab. Sie wurden jedoch nicht verfolgt, da die Fuhrleute wichtigere Gegenſtände vor Augen hatten, als die Ent⸗ deckung von Dieben und ſelbſt das Einſtecken einer Belohnung ge⸗ weſen wäre. Ralph führte ſeine Genoſſen nach einer kurzen Erklärung auf einem weiten Umwege an das Ufer der Bai. Hier fanden ſie, unter dem Rohr einer ſeichten Bucht verſteckt, ein kleines Boot, welches Lionel als das kleine Fahrzeug erkannte, in dem Job Pray ſeinem gewöhnlichen Gewerbe eines Fiſchers nachzuhängen pflegte. Er trat ohne Verzug ein, ergriff die beiden Ruder und durch die wachſende Fluth begünſtigt, ſteuerte er ruhig gegen die fernen Kirchthürme von Boſton zu. Die weichenden Schatten der Nacht kümpften gerade mit dem vorrückenden Tag, als ein gewaltiger Blitzſtrahl den nebeligen Ho⸗ rizont erhellte und der Donner der Kanonen, der gegen die Frühe 50² hin aufgehört hatte, von Neuem die Stille des Morgens unterbrach. Dießmal aber kamen die Töne vom Waſſer her; eine Wolke erhob ſich über dem rauchenden Hafen und verkündete, daß die Schiffe abermals in den Kampf verwickelt waren. Dieſe plötzliche Kano⸗ nade veranlaßte Lionel, mit ſeinem Boote zwiſchen die Inſeln zu ſteuern, denn das Kaſtell und die ſüdlichen Batterien der Stadt vereinigten ſich alle, um ihre Wuth über die Arbeiter auszugießen, welche immer noch die Höhen von Dorcheſter einnahmen. Als das kleine Fahrzeug an einer ſchlanken Fregatte vorüberglitt, erblickte Cä⸗ cilie den Jüngling, welcher ihr erſter Führer bei den Wanderungen dieſer Nacht geweſen war, wie er auf dem Verdecke ſtand und ſich die Augen vor Verwunderung rieb, als er nach den Hügeln hin⸗ ſtarrte, deren Beſitz nach ſeiner Prophezeiung zu ſo blutigen Re⸗ ſultaten führen ſollte. Kurz, Lionel ſah, während er an den Rudern arbeitete, die Eröffnungsſcene von Breeds auf's Neue vor ſeinen Augen ſich entwickeln; auch dießmal folgte wieder Batterie auf Batterie, und Schiffe auf Schiffe richteten ihre Kanonen auf die hartnäckigen Landleute, die durch ihre kühne Unternehmung eine abermalige Kriſe herbeigeführt hatten. Das Boot blieb in der Aufregung und dem Lärm des Augenblicks unbemerkt und die Morgennebel hatten ſich noch nicht zerſtreut, als es an der Werfte von Boſton vorüberſchoß und in den engen Eingang nach dem Stadtdock einbiegend, nahe am Waarenhaus das Land berührte, wo es ſo oft in friedlicheren Zeiten von ſeinem einfältigen Herrn angelegt worden war. 4 ͦ,aͤSͤ dA rbrach. erhob Schiffe Kano⸗ ſeln zu Stadt gießen, ls das te Cã⸗ rungen ud ſich n hin⸗ n Re⸗ n den ie vor atterie en auf g eine n der d die Verfte ) dem ührte, Herrn 503 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Jetzt bricht ein edles Herz; Gut' Nacht, mein ſüßer Prinz, Shakſpeare. Lionel half Cäcilien die beſchwerliche Waſſertreppe hinaufſteigen, und noch immer von ihrem bejahrten Gefährten begleitet, ſtanden ſie bald auf der Zugbrücke, welche die Pfeiler an der Mündung des engen Baſſins verband. „Hier ſcheiden wir abermals,“ ſagte er, zu Ralph ſich wendend; „bei anderer günſtigerer Gelegenheit laßt uns unſere melancholiſche Erzählung wieder aufnehmen.“ „Keine iſt ſo paſſend als die gegenwärtige: der Zuſtand der Stadt— Alles iſt günſtig.“ Lionel warf ſeine Blicke ringsum auf das düſtere Elend, das auf dem verlaſſenen Platze herrſchte. Wenige halbgekleidete Sol⸗ daten und aufgeſchreckte Städter waren bei dem grauen Lichte des Morgens zu ſehen, wie ſie über den Platz hin nach dem Punkte zu ſtürzten, von dem der Donner der Kanonen ausging. Ihre eigene Ankunft blieb in der Eile des Augenblicks unbemerkt. „Der Ort— die Zeit!“ wiederholte Lionel langſam. „Ja, beides. In welchem Augenblick kann der Freund der Freiheit unbeachteter unter dieſen ungläubigen Söoͤldlingen umher⸗ wandeln, als gerade jetzt, wo die Furcht ihren Schlummer geſtört hat? Dort iſt der Ort,“ ſprach der Alte weiter, nach dem Waarenhauſe hindeutend,„wo Alles, was ich geſagt, ſeine Beſtä⸗ tigung finden wird.“ Major Lincoln beſann ſi verfolgte er in den raſchen Blitzen Verbindung zwiſchen der verwor ſtehenden Gebäudes und der verſtorbenen die Zeit, der Ort, ch einen Augenblick. Wahrſcheinlich ſeines Geiſtes die geheimnißvolle fenen Bewohnerin dieſes nahe Großmutter ſeiner Braut, 504 deren thätige Mitwirkung bei dem Unglück ſeiner Familie nun offen anerkannt worden war. Es war bald deutlich, daß er in ſeinem Vorhaben ſchwankte— und er zoͤgerte auch nicht, dieß zu erklären. „Ich will Ihnen folgen,“ erwiederte er endlich;„denn wer kann ſagen, was die Hartnäckigkeit der Rebellen zunächſt verſuchen wird, und bald könnten uns die ferneren Gelegenheiten gänzlich fehlen. Erſt aber will ich dieſe meine ſchöne—“ „Lincoln, ich kann— ich darf Dich nicht verlaſſen,“ fiel Cä⸗ cilie mit Wärme ein:„gehe, höre und erfahre Alles; ſicherlich kann es dabei Nichts geben, was ein Weib nicht wiſſen dürfte.“ Ohne einen weiteren Einwurf abzuwarten, ahte Ralph eine raſche Bewegung der Einwilligung, wandte ſich um und nahm mit ſeinen gewohnten eiligen Schritten den Weg nach der niederen, finſteren Wohnung von Abigail Pray. Die Bewegung in der Stadt hatte dieſes verachtete und vernachläſſigte Gebäude noch nicht er⸗ reicht, das ſogar noch düſterer und ſtiller als gewöhnlich war. Als ſie jedoch unter dem zerſtreut umherliegenden Tauwerk, mitten durch den Schauplatz der in der vergangenen Nacht vorgefallenen Unordnung— ihren Weg ſuchten, drangen einige erſtickte Seufzer aus einem der Thürme und zeigten ihnen, wo ſie die mißhandelten unglücklichen Bewohner des Hauſes zu ſuchen hatten. Als ſie die Thüre des kleinen Gemaches öffneten, ſtand nicht nur Lionel und Cäeilie ſtill— ſogar der alte Mann ſchien einen Augenblick zu zaudern. Die tiefgebeugte Mutter des Simpels ſaß auf ihrem niederen Stuhl, mit der Ausbeſſerung einiger ſchlechten, werthloſen Klei⸗ dungsſtücke beſchäftigt, welche, wie es ſchien, durch die zerſtörende Achtloſigkeit ihres ruheloſen Kindes ſtark Noth gelitten hatten. Während jedoch ihre Finger mit mechaniſcher Geſchicklichkeit dieß Geſchäft verrichteten, war in ihren harten, trockenen Augen das Seelen⸗ leiden, welches ſie zu verbergen kämpfte, nur zu deutlich zu leſen. Job lag noch zu Bett; ſein Athem war lauter und mühſamer als damals, wo wir ihn das letzte Mal verließen, während ſeine Züge — —.,— Un offen inem iren. wer chen zlich Cã⸗ lich .7 eine mit ren, adt er⸗ Als den —.,— die langſamen, aber unwiderſtehlichen Fortſchritte der Krankheit verkündeten. Palwarth ſaß an ſeiner Seite und hielt ſeinen Puls mit der bedächtigen Miene eines Arztes; jeden Augenblick ſuchte er eine neue Beſtätigung bald für ſeine Hoffnung und bald für ſeine Furcht, je nachdem die eine oder andere abwechslungsweiſe die Oberhand erhielten, und blickte dem Gegenſtande ſeiner Sorge un⸗ verwandt in die Augen. Auf eine ſo beſchäftigte Gruppe und bei ſo aufgeregten Ge⸗ fühlen konnte wohl ſelbſt der plötzliche Eintritt der Ankommenden keinen ſehr fühlbaren Eindruck machen. Der matte, ausdrucksloſe Blick Job's wanderte auf einen Augenblick nach der Thüre und ſtarrte dann wieder in die leere Luft hinaus. Ein Strahl der Freude ſchoß in das ehrliche Geſicht des Kapitäns, als er zuerſt Lionel und dann neben ihm Cäeilie erblickte; aber er wurde augenblicklich wieder durch die ſtäte Sorge verdrängt, welche jetzt auf ſeinem gewöhn⸗ lich ſo ruhigen Geſicht die Oberhand gewonnen hatte. Die groͤßte Veränderung war mit dem Weibe vorgegangen, welche unter einem allgemeinen Schütteln ihres Körpers das Haupt auf die Bruſt neigte, als Ralph auf's Neue vor ihr ſtand. Aber auch bei ihr ging der plötzliche Eindruck ſchnell vorüber, ihre Hände ergriffen wieder ihr niedriges Geſchäft mit der nämlichen mechaniſchen, un⸗ willkührlichen Bewegung wie zuvor. „Erkläre mir dieſe Scene!“ ſagte Lionel zu ſeinem Freund ge⸗ wendet:—„wie kamſt Du in dieſe Höhle des Elends? und wer hat dem Jungen ein Leids gethan?“ „Deine Frage führt ſchon ihre Antwort mit ſich, Major Lin⸗ coln,“ antwortete Polwarth ſehr bedächtig, indeß er ſeinen feſten Blick nicht einmal von dem Geſichte des Kranken erhob:—„ich bin hier, weil dieſe Leute elend ſind!“ „Der Beweggrund iſt lobenswerth! aber was fehlt dem Jungen?“ „Die Verrichtungen der Natur ſcheinen durch ein beſonderes Unglück geſtört zu ſeyn. Ich fand ihn Hunger leidend und trotz 506 dem, daß ich ihm ein ſo herzhaftes und nährendes Mahl reichte, als nur je der ſtärkſte Mann in der Garniſon eines verlangen könnte, ſind doch die Symptome, wie Du ſiehſt, äußerſt drohend!“ „Er iſt von der in der Stadt herrſchenden Seuche angeſteckt, und Du haſt ihm Nahrung gegeben, während ſein Fieber den höchſten Grad erreicht hatte!“ „Soll man die Blattern für mehr als ein Symptom anſehen, wenn einer an der verfluchten Krankheit des Hungers leidet? Geh, geh, Leo; Du laſeſt in der Schule ſo viel in den lateiniſchen Dich⸗ tern, daß Dir für die Philoſophie der Natur keine Muße mehr übrig blieb. Es gibt einen inneren Mahner, der jedem Kind das Mittel für den Hunger lehrt.“ Lionel fühlte keine Luſt in ſich, mit ſeinem Freunde über einen Punkt zu ſtreiten, in dem die Anſichten des Andern ſo dogmatiſch ſtarr waren; er wandte ſich vielmehr an die Frau, indem er ſagte: „Die Erfahrung einer Amme von Beruf hätte Euch zum wenigſten größere Sorgfalt lehren ſollen.“ „Kann Erfahrung eine Mutter gegen das Jammergeſchrei ihres hungernden Kindes verhärten,“ antwortete die verzweifelnde Abigail:—„nein, nein— das Ohr kann nicht taub ſeyn gegen ſolche Wehklage, und Weisheit iſt nicht beſſer als Thorheit, wenn das Herz blutet.“ „Lincoln, Du biſt ungütig in Deinem Schelten,“ fiel Cäcilie ein;—„laß uns lieber verſuchen, die Gefahr abzuwenden, als daß wir länger über deren Urſache ſtreiten.“ „Es iſt zu ſpät— zu ſpät,“ antwortete die troſtloſe Mutter: „ſeine Stunden ſind gezählt und der Tod iſt an ihm. Ich kann jetzt nur noch beten, daß Gott ſeinen Fluch aufhebe und den ſchei⸗ denden Geiſt ſeine Allmacht wieder erkennen laſſen möge.“ „Werft dieſe werthloſen Lumpen bei Seite,“ ſagte Cäcilie, während ſie liebreich verſuchte, ihr die Kleider aus der Hand zu n m n g n g e 4 V 1 C 6 8 4 gen d12 eckt, den hen, Geh, dich⸗ nehr das inen tiſch gte: zum hrei Inde egen venn eilie daß ter: kann chei⸗ ilie, zu ——nss —A nehmen;„ermüdet Euch in einem ſolchen Augenblick nicht länger mit unnöthiger Arbeit.“ „Junge Dame, Sie kennen nur wenig einer Mutter Sehnen, moͤchten Sie nie deren Sorgen erfahren! Ich habe für das Kind gearbeitet dieſe ganzen ſiebenundzwanzig Jahre; berauben Sie mich nicht jetzt, wo nur noch ſo wenig zu thun übrig iſt, dieſes lang genoſſenen Vergnügens.“ „Iſt er denn ſo alt?“ rief Lionel überraſcht. „Alt wie er iſt, ſo iſt ein Kind doch immer noch jung, wenn es zum Sterben kommt. Ihm fehlt das Licht der Vernunft: der Himmel möge in ſeiner Gnade gewähren, daß er einſt mit ſchuld⸗ loſem Antlitze erfunden werde!“ Bis jetzt war Ralph ſtehen geblieben, wo er zuerſt ſtand; ſeine Füße ſchienen an den Boden gewurzelt, die Augen waren feſt auf das Geſicht des Leidenden geheftet. Er wandte ſich jetzt zu Lionel und mit einer durch ihre tiefe Bewegung faſt klagenden Stimme verſuchte er die einzige Frage: „Wird er ſterben?“ „Ich fürchte ſo:— dieſer Blick iſt nicht leicht mißzuverſtehen.“ Mit leichtem, gänzlich unhörbarem Schritt trat der alte Mann an das Bett und ſetzte ſich, Polwarth gegenüber, neben demſelben nieder. Ohne den verwunderten Kapitän anzuſehen, winkte er mit der Hand, als geböte er Stillſchweigen, blickte mit melancholiſcher Theilnahme dem Kranken in's Geſicht und ſprach: „Hier alſo iſt abermals der Tod! Keiner iſt ſo jung, der nicht von ihm beachtet würde; nur das Alter iſt's, das nicht ſterben kann. Sage mir, Job, was ſiehſt Du in den Bildern Deiner Seele;— den unbekannten Ort der Verdammten oder den Glanz Derer, die vor dem Antlitze ihres Gottes ſtehen?“ Bei dem wohlbekannten Klang ſeiner Stimme erglänzte das ſtarre Auge des Simpels von einem Strahl von Vernunft und richtete ſich mit einem Blicke milder Zuverſicht auf den Sprechenden. Das 508 Röcheln in ſeiner Kehle nahm einen Augenblick zu und hörte dann gänzlich auf, worauf man eine Stimme, ſo tief, daß ſie aus der Tiefe ſeiner Bruſt heraufzukommen ſchien, antworten hörte: „Der Herr wird Dem Nichts zu Leid thun, der nie den Ge⸗ ſchöpfen des Herrn ein Leids zufügte!“ „Kaiſer und Könige, ja, die Großen der Erde, dürften Dich um Dein Loos beneiden, Du ungekanntes Kind des Elends!“ ant⸗ wortete Ralph.„Noch nicht dreißig Jahre der Prüfung, und ſchon wirfſt Du die traurige Hülle von Dir! Wie Du, erwuchs auch ich zur Mannheit und erfuhr, wie hart es iſt, zu leben; aber ich kann nicht ſterben wie Du!— Sag' mir, Knabe, erfreuſt Du Dich der Freiheit Deines Geiſtes oder fühlſt Du noch Schmerz und Freude im Fleiſch? Siehſt Du über das Grab hinaus und erkennſt Deinen Weg durch den pfadloſen Raum oder iſt Alles noch verborgen unter der Dunkelheit des Grabs?“ „Job geht dahin, wo der Herr ſeine Vernunft verborgen hat und ſeine Gebete werden nicht länger thöricht ſeyn.“ „So bete denn für einen alten troſtloſen Mann, der die Bürde des Lebens getragen, bis der Tod ſein vergeſſen, und der nun müde iſt der Dinge dieſer Erde, wo nur Verrath und Sünde herrſchen. Aber halt: ſcheide nicht, bis Dein Geiſt Zeichen der Reue von jenem ſündigen Weibe dort in die Regionen des Lichts mit ſich nehmen kann.“ Abigail ſeufzte: ihre Hände ſträubten ſich gegen die Arbeit, und ihr Haupt ſank auf ihre Bruſt in hoffnungsloſem Jammer herab. Aus dieſer Stellung der Selbſterniedrigung und des Kummers erhob ſich das Weib mit einem Male und verſuchte eine aufrechte Haltung anzunehmen; ſie ſtrich die vernachläſſigten Locken ihres ſchwarzen Haars, das, wenn auch hie und da mit Grau untermiſcht, doch noch viel von ſeinem jugendlichen Glanze beibehalten hatte, aus dem Geſicht, und ſchaute nun mit ſo finſterer Miene und ſo A△½ ſchre keit läng ſpri Kin Line der fren „ſie Hin rede beka gral betr Dei wür mei eine war Gli mit Bru heit 1G 8 G & A△ ſchrecklich wilden Blicken um ſich, daß die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit augenblicklich auf ihre Bewegungen gerichtet war. „Die Zeit iſt gekommen und weder Furcht noch Scham ſollen länger meine Zunge binden,“ ſagte ſie.„Der Wille der Vorſehung ſpricht zu deutlich bei dieſer Verſammlung um das Todtenbette meines Kindes, als daß ich ihn länger unbeachtet laſſen könnte.— Major Lincoln, in dieſem geſchlagenen, hülfloſen Kinde ſehen Sie einen, der Ihr Blut theilt, wenn er auch ſtets Ihrem eigenen Glücke fremd geblieben— Job iſt Ihr Bruder!“ „Der Gram hat ſie wahnſinnig gemacht!“ rief Cäcilie:— „ſie weiß nicht, was ſie ſpricht.“ „Hört!“ fuhr Abigail fort:„ein ſchrecklicher Zeuge, vom Himmel hernieder geſandt, ſpricht und zeugt, daß ich keine Lüge rede. Das Geheimniß meines Vergehens iſt jenem Manne dort bekannt, während ich es in der Liebe eines einzigen Weſens be⸗ graben glaubte, das mir Alles verdankte.“ „Weib!“ ſagte Lionel,„während Du mich zu betrügen ſuchſt, betrügſt Du Dich ſelbſt. Wenn auch eine Stimme vom Himmel Deine verdammenswürdige Geſchichte für wahr erklärte, dennoch würde ich läugnen, daß dieſes ſchmutzige, elende Weſen das Kind meiner reizenden Mutter ſeyn könne.“ „Schmutzig und elend, wie Sie ihn ſehen, iſt er die Frucht eines Weſens, das nicht weniger ſchön, obwohl viel weniger glücklich war, als Deine eigene hochgerühmte Mutter, Du ſtolzes Kind des Glücks! Rufe den Himmel an, ſo lange Du willſt, und läſtere ihn mit Deiner ſtolzen Zunge,— jener iſt nichts deſtoweniger Dein Bruder und der früher Geborene.“ „Es iſt wahr— es iſt wahr— es iſt die feierlichſte Wahr⸗ heit!“ wiederholte der betagte Fremde. „Es kann nicht ſeyn!“ rief Cäcilie:—„Lincoln, glaube ihnen nicht: ſie widerſprechen ſich ſelbſt.“ „In Deinem eigenen Munde will ich Gründe finden, Dich 510 zu überweiſen,“ fuhr Abigail fort, zu Cäcilien gewendet.„Haſt Du nicht den Einfluß des Sohnes am Altare eingeſtanden? Warum ſollte ein Mädchen, eitel, unwiſſend und jung, wie ich war, gefühl⸗ los geweſen ſeyn für die Verführungskünſte des Vaters!“ „So iſt dieß Dein Kind?“ rief Lionel, wieder frei athmend: —„fahre fort in Deiner Erzäͤhlung; Du vertraueſt ſie Freunden!“ „Ja— ja,“ rief Abigail, ſchlug die Hände zuſammen und ſprach mit bitterem Nachdruck;„Euch bleibt freilich der Troſt, den Unterſchied zwiſchen der Schuld des Weibes und der des Mannes geltend zu machen! Major Lincoln, verflucht und beſudelt, wie Sie mich hier ſehen, ſo war doch ihre eigene Mutter nicht unſchuldiger, nicht reizender, als ich zu jener Zeit, da meine jugendliche Schönheit Ihres Vaters Auge feſſelte. Er war groß und mäͤchtig, ich un⸗ bekannt und ſchwach:— jenes unglückliche Pfand unſeres Ver⸗ gehens erſchien nicht eher, bis er Ihre glücklichere Mutter gefun⸗ den hatte!“ „Kann das wirklich ſo ſeyn?“ „Das heilige Evangelium iſt nicht wahrer!“ murmelte Ralph. „Und mein Vater!— konnte er Dich in Deiner Noth verlaſſen?“ „Scham folgte, als Tugend und Stolz längſt vergeſſen waren. Ich war eine von ſeinem eigenen hohen Geſchlecht Abhängige und es fehlte mir nicht an Gelegenheit, um ſeine wandernden Blicke und ſeine zunehmende Liebe für die keuſche Priscilla zu bemerken. Meinen Zuſtand kannte er nie. Während ich von der Frucht meiner Schuld zu Boden gedrückt war, bewies er, wie leicht es für uns iſt, in den Tagen des Glücks die Genoſſen unſerer Schande zu vergeſſen. Endlich wurden Sie geboren, und ihm unbewußt, empfing ich ſeinen neugeborenen Erben aus den Händen ſeiner eiferſüchtigen Tante. Welche verruchten Gedanken haben mich in jenem bitteren Augenblick beſtürmt! Aber, Gott im Himmel ſey gelobt, ſie gingen vorüber und ich blieb frei von der Sünde des Mords!“ „Des Mords!“ „Ja, des Mords. Ihr kennt nicht die verzweifelten Gedanken, die der Elende zu ſeiner Erleichterung in ſich beherbergt. Aber die Gelegenheit ließ nicht lange auf ſich warten und ich genoß das augenblickliche, hölliſche Vergnügen der Rache. Ihr Vater ging, um ſeine Rechte einzufordern und Krankheit beſiel ſein geliebtes Weib. Ja, unſcheinbar und garſtig, wie Sie mein unglückliches Kind hier ſehen, ſo wurde die Schönheit ihrer Mutter doch noch in einen viel häßlicheren Anblick verwandelt! So wie Job jetzt ausſieht, war die mißhandelte Frau auf ihrem Todtbette. Ich fühle Deine ganze Gerechtigkeit, Herr der Allmacht, und beuge mich vor Deinem Willen!“ „Mißhandelte Frau!—“ wiederholte Lionel;—„ſprich weiter und ich will Dich noch ſegnen!“ Abigail ſtieß einen Seufzer aus, und ſo tief, ſo hohl löste er ſich aus ihrer Bruſt, daß die Zuhörer einen Augenblick lang glaubten, es ſey der letzte Kampf der ſcheidenden Seele ihres Sohnes; und abermals ſank ſie hülflos auf ihren Stuhl und hüllte ihr Geſicht in ihr Gewand. „Mißhandelte Frau!“ wiederholte Ralph langſam, mit dem Ausdruck der tiefſten Verachtung in ſeiner Stimme—„welche Strafe verdiente nicht eine Buhlerin?“ „Ja wohl, mißhandelt!“ rief der auferwachte Sohn:—„mein Leben dafür, Deine Erzählung wenigſtens iſt falſch.“ Der alte Mann ſchwieg ſtill, aber ſeine Lippen bewegten ſich raſch, als ob er eine ungläubige Erwiederung vor ſich hinmurmelte, während ein ganz beſonders helles und bedeutungsvolles Lächeln über die verwelkten Züge ſeines Geſichts hinzog. „Ich weiß nicht, was Ihr von Anderen gehört haben mögt,“ fuhr Abigail fort und ſprach ſo leiſe, daß ihre Worte bei dem ſchweren, abgemeſſenen Athmen Job's faſt verloren gingen—„aber ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ihr jetzt keine Lüge hören 51² ſollt. Die Geſetze der Provinz befahlen, daß die Opfer der böſen Krankheit beſonders gepflegt werden ſollten und Ihre Mutter wurde meiner Gnade anheimgegeben und der einer Dritten, von der ſie noch weniger geliebt wurde, als von mir.“ „Allgerechte Vorſehung! Ihr beginget doch keine Gewaltthat?“ „Die Krankheit erſparte uns ein ſolches Verbrechen. Sie ſtarb in ihrer neuen Entſtellung, während ich, wenn auch nicht mehr in der Schöoͤnheit meiner Unſchuld, doch noch frei von der verſengenden Berührung des Mangels und der Krankheit— ihrem Ende mit Schadenfreude zuſah, und einen fündhaften, aber ſchmeichelnden Troſt in dieſem Anblicke zu finden glaubte. Eitel, ſchwach und thöricht, wie ich geweſen war, ſo hatte ich doch niemals meine eigene, friſche Schönheit mit halb ſoviel innerer Freude betrachtet, als ich damals auf die Häßlichkeit meiner Neb enbuhlerin hinblickte. Und dann noch Ihre Tante— ſie war nicht ohne die Einflüſte⸗ rungen des Urhebers alles Böſen.“ „Sprecht allein von meiner Mutter,“ fiel Lionel ungeduldig ein:—„von meiner Tante weiß ich bereits Alles.“ „Ungerührt und berechnend, wie ſie war, wie wenig unterſchied ſie das Gute vom Böſen! Sie vermaß ſich ſogar, die Bande des Herzens zu zerreißen, und durch ihre niederträchtigen Erfindungen das zu vollbringen, was Gottes Allmacht allein erſchaffen konnte. Die ſanfte Seele Deiner Mutter war kaum geſchieden, als ſchon ein ſchändliches Komplott erſonnen wurde, die Reinheit ihres Rufes zu zerſtören. Verblendete Thoren, die wir waren! Sie gedachte, durch ihre beſänftigenden Künſte, von ſeinen verwundeten Gefühlen unterſtützt, den Gatten zu den Füßen ihrer eigenen Tochter zu führen— der unſchuldigen Mutter Derjenigen, die neben Dir ſteht — und ich war ſo eitel, zu hoffen, daß endlich die Gerechtigkeit und mein Knabe bei dem Vater und Verführer für mich ſprechen und mich zu dem beneideten Stande Derjenigen, die ich haßte, emporheben würden.“ ———,ͤ—4⁴ w „Und dieſe ſchändliche Verleumdung wiederholtet Ihr in ihrer ganzen niedrigſten Geſtalt vor meinem getäuſchten Vater?“ „Wir thaten's— wir thaten's; ja, Gott weiß, wir thaten's! und als er zu glauben zögerte, nahm ich die heiligen Evangeliſten zu Zeugen dieſer Wahrheit!“ „Und er,“ fragte Lionel, faſt erſtickt von ſeiner Bewegung— „er glaubte es!“ „Als er den feierlichen Eidſchwur einer Perſon hörte, deren ganze Schuld, wie er dachte, in ihrer Schwäche für ihn ſelbſt lag, glaubte er. Als wir ſeine fürchterlichen Verwünſchungen hörten und den Grimm ſahen, der ſeine männliche Schönheit verfinſterte, glaubten wir beide ſchon, es ſey uns gelungen. Aber wie wenig kannten wir den Unterſchied zwiſchen feſtgewurzelter Leidenſchaft und vor⸗ übergehender Neigung! Das Herz, das wir ſeiner todten Gemahlin entfremden wollten— es war vernichtet und die Vernunft, die wir zu täuſchen uns verſchworen, verſiel dem Wahnſinn!“ Als ihre Stimme verklang, herrſchte ein ſo tiefes Schweigen an dem Orte, daß der Lärm der fernen Kanonade ganz nahe tönte und ſelbſt das leiſe Geſumme der erregten Stadt gleich dem Flüſtern des Winds vorüber ſchwebte. Job hörte plötzlich auf zu athmen, als ob ſein Geiſt nur noch gezögert hätte, um das Bekenntniß ſeiner Mutter anzuhören; und Polwarth ließ den Arm des todten Blödſinnigen niederfallen und konnte ſich den Antheil ſelbſt nicht erklären, den er ſeit kurzem an ſeinem Schickſal genommen hatte. Mitten in dieſer todtähnlichen Stille ſtahl ſich der alte Mann von der Seite des Leichnams weg und ſtand vor der ſich ſelbſt verdammen⸗ den Abigail, deren Koͤrper unter der Angſt ihrer Seele zitterte. Sich niederduckend mehr wie ein Tiger, denn wie ein Menſch, ſprang er auf ſie los und ſtieß dabei einen ſo plötzlichen, ſo wilden und fürchterlichen Schrei aus, daß Alle, die es hörten, davor zurück⸗ ſchauderten. „Schöne Dame!“ ſchrie er,„nun hab' ich Dich. Bring' her Lionel Lincoln, 2. Aufl. 51⁴ das Buch! das geſegnete, heilige Wort Gottes! Laßt ſie ſchwören, laßt ſie ſchwoͤren! Laßt ſie ihre meineidige Seele in gottloſen Schwüren ſich verſündigen!“ „Ungeheuer! Laſſ' das Weib los!“ ſchrie Lionel, indem er der kämpfenden Büßerin zu Hülfe eilte:„auch Du, grauhaariger Elender, haſt mich betrogen!“ „Lincoln! Lincoln!“ rief Cäcilie,„halt ein mit dieſer unnatür⸗ lichen Hand! Du erhebſt ſie gegen Deinen Vater!“ Lionel ſchauderte zurück und ſank an die Wand, wo er regungslos ſtand und nach Luft ſchnappte. Seiner eigenen raſenden Tollhheit überlaſſen, würde der Wahnſinnige ſchnell den Sorgen des elenden Weibes ein Ende gemacht haben, wenn nicht die Thüre mit einem Krachen eingebrochen worden und der Fremde, der durch die Liſt des Tollen in dem Gewahrſam der Amerikaner geblieben war, in das Zimmer geſtürzt wäre. „Ich kenne Ihr Geheul, mein edler Baronet!“ rief der auf⸗ geregte Wärter, denn das war er in der That,„und eben erſt erhielt ich wieder einen Beweis Ihrer Bosheit, die mich ſo gerne hätte hängen laſſen. Aber ich bin Ihnen nicht umſonſt von Königreich zu Königreich, von Europa nach Amerika gefolgt— um von einem Wahnſinnigen getäuſcht zu werden!“ An dem finſteren Blicke des Burſchen war deutlich zu ſehen, wie tief er über die Gefahr ergrimmt war, der er kaum noch hatte entrinnen können, während er jetzt vorwärts ſprang, um ſeinen Ge⸗ fangenen zu ergreifen. Ralph lies ſeine Beute los, ſo wie dieſer gehaßte Gegenſtand erſchien, und ſtürzte auf die Bruſt des Andern mit der ungezähmten Wuth eines Löwen, der ſich zum Kampfe gegen ſeinen Feind wendet. Das Ringen war heftig und hart⸗ näckig. Gräßliche Schwüre und die wildeſten Flüche entfuhren dem entrüſteten Wärter und miſchten ſich in die wildeſten Raſereien von Ralph's Tollheit. Die übermenſchlichen Kräfte des Wahn⸗ ſinnigen ſiegten zuletzt und ſein Gegner fiel unter ihrer unwider⸗ 3 gen üre irch ben auf⸗ erſt ätte reich von ehen, hatte Ge⸗ dieſer ndern mpfe hart⸗ uhren ereien Vahn⸗ vider⸗ 3 ſtehlichen Gewalt. Schneller als ein Gedanke iſt, ſah man Ralph auf die Bruſt ſeines Opfers losſtürzen, während er mit Fingern von Eiſen ſeine Kehle anfaßte. „Rache iſt heilig!“ rief der Wahnſinnige, und brach bei ſeinem Triumph in ein ſchallendes, gräßliches Lachen aus, während er ſeine grauen Locken ſchüttelte, bis ſie in wilder Verwirrung um ſeine glühenden Augäpfel wirbelten;„Urim und Thummim“ ſind die Worte der Glorie! Freiheit iſt der Ruf! Stirb, verdammter Hund! ſtirb, wie die Feinde der Hölle und laß der Luft die Freiheit!“ Durch eine mächtige Anſtrengung befreite der nach Athem ſchnappende Mann ſeine Kehle in etwas von dem Griffe des Andern, der ihn beinahe erdroſſelte und rief mit Mühe: „Um der himmliſchen Gerechtigkeit willen, kommt mir zu Hülfe!— wollt Ihr einen Menſchen alſo ermordet ſehen?“ Aber er wandte ſich vergeblich an das Mitgefühl der Zuhörer. Die Frauen hatten in natürlichem Entſetzen ihre Geſichter verhüllt; der verſtümmelte Polwarth war noch ohne ſein künſtliches Bein, und Lionel blickte fortwährend mit leerem Auge auf den wilden Kampf. In dieſem Augenblicke der Verzweiflung ſah man die Hand des Wärters mit Heftigkeit in Ralph's Seite eindringen, der beim dritten Schlag mit unmäßigem Gelächter auf ſeine Füße ſprang und dabei wilde, tiefe Töne ausſtieß, welche ſeine innerſte Seele zu erſchüttern ſchienen. Sein Gegner benutzte die Gelegenheit und ſtürzte mit der furchtſamen Haſt eines Verbrechers aus dem Zimmer. Das Geſicht des Wahnſinnigen, als er nun aufrecht ſtand und zwiſchen Tod und Leben kämpfte, wechſelte mit jedem vorüber⸗ fliehenden Impuls. Das Blut floß reichlich aus den Wunden in * Ein ſonderbarer Zufall iſt es, daß, während der Verfaſſer dieſe Worte ſchrieb, ein freigehender, harmloſer, aber entſchiedener Tollhäusler in ſein Zimmer trat. Er war in dem Augenblick in ſeinem aufgeregten Zuſtand und rief genau die nämlichen Worte, wie ſie hier im Texte ſtehen. 516 ſeiner Seite, und als die verhängnißvolle Flut zur Ebbe zerrann, er⸗ leuchtete noch ein Strahl vorübergehender Vernunft ſeine todtenbleichen Züge. Sein innerliches Lachen hörte ganz auf. Die rollenden Augäpfel ſtanden ſtill und ſein Blick, nach und nach ſanfter wer⸗ dend, blieb auf dem bleichen Paare ruhen, das den innigſten Antheil an ſeinem Wohle nahm. Ein ruhiger, geſänftigter Ausdruck lag jetzt auf dieſen Zügen, welche kaum noch die tiefſten Spuren von dem Zorne Gottes gezeigt hatten. Seine Lippen bewegten ſich und mühten ſich vergeblich zu ſprechen; wie jener räthſelhafte Schatten in der Kapelle hatte er die Arme in der Stellung eines Segnenden aus⸗ gebreitet, und ſo fiel er endlich rückwärts auf den Leichnam des lebloſen und lange vernachläſſigten Job, er ſelbſt eine ſtarre Leiche. Vierunddreißigſtes Kapitel. Ich ſah den alten Mann auf ſeiner Bahre, Sein Haar war dünn und weiß, auf ſeiner Stirn Die Spur von Sorgen vieler, vieler Jahre, Von Sorgen, die zu End' nun und vergeſſen. Und ringsum Trau'r aus Aller Antlitz ſchaut, Des Weibes Thräne fiel und Kinder klagten laut. Bryant. Mlit dem Vorrücken des Tages gerieth die Garniſon von Boſton in geſchäftige Bewegung. Derſelbe Lärm, dieſelbe Thätig⸗ keit, daſſelbe kühne Benehmen auf der einen, und der nämliche furchtbare Widerſtand auf der andern Seite zeigte ſich wieder wie an jenem Schlachtmorgen im vergangenen Sommer. Der ſtolze Geiſt des königlichen Befehlshabers konnte nur mit Ingrimm die kühne Unternehmung der Koloniſten mitanſehen, und in früher Stunde ſchon ergingen ſeine Befehle, dieſelben aus ihrer Stellung zu vertreiben. Alle Kanonen, welche den Hügel erreichen konnten, wurden herbeigeſchafft, um die Amerikaner zu beläſtigen, welche — — — ruhig in ihrer Arbeit fortfuhren, während die Kugeln von allen Seiten an ihnen vorbeipfiffen. Gegen Abend wurde eine bedeu⸗ tende Truppenmacht eingeſchifft und nach dem Kaſtell geführt. Waſhington erſchien in eigener Perſon auf den Höhen und immer deutlicher konnte man alle militäriſchen Anzeichen eines beabſtchtigten entſchloſſenen Angriffs auf der einen und eines hartnäckigen Wider⸗ ſtands auf der andern Seite erkennen. Doch die traurige Erfahrung von Breed's hatte eine Lehre gegeben, die noch wohl im Gedächtniß war. Dieſelben Führer ſollten auch bei der kommenden Scene die Hauptrolle übernehmen und es war nöthig, manche von den Ueberbleibſeln der nämlichen Regimenter zu verwenden, welche bei der früheren Gelegenheit ſo ſtark geblutet hatten. Die halbgeübten Landleute aus den Kolo⸗ nien wurden nicht länger verachtet und die kühnen Operationen des vergangenen Winters hatten die engliſchen Generale belehrt, daß in dem Maaße, als die Mannszucht unter ihren Feinden Fort⸗ ſchritte machte, ebenſo auch in ihren Manövern eine kräftigere Führung der Maſſen zu bemerken war. Auf dieſe Art verſtrich der Tag unter Vorkehrungen. Tauſende von Männern in beiden Heeren ſchliefen dieſe Nacht unter den Waffen, mit der Erwartung vor ſich, beim Erwachen am nächſten Morgen auf das Schlachtfeld ge⸗ führt zu werden. Nach der Langſamkeit ihrer Bewegungen iſt es nicht unwahr⸗ ſcheinlich, daß der großen Mehrzahl der königlichen Streitkräfte die Dazwiſchenkunft der Vorſehung nicht ſchmerzlich ſiel, welche ihnen jedenfalls Ströme von Blut und wohl gar die Schmach einer Nieder⸗ lage erſparte. Einer jener plötzlichen, dieſem Klima ſo eigenthümlichen Stürme erhob ſich in der Nacht, Menſchen und Vieh vor ſich her⸗ treibend, und Alle nöthigend, vor dieſem mächtigen Kampfe der Elemente in ihrer Schwäche Schutz zu ſuchen. Die goldenen Augenblicke gingen verloren und nachdem er ſo viele Entbehrungen ertragen und ſo manches Leben umſonſt geopfert hatte, traf der grimmige Howe endlich ſeine Vorkehrungen, um eine Stadt zu verlaſſen, über welche das engliſche Miniſterium ſeit Jahren mit aller Bitterkeit und wie ſich nun zeigte, auch mit der Unmacht blinder Rachſucht ſeinen Grimm ausgegoſſen hatte. Dieſen plötzlichen aber nothwendigen Entſchluß in Vollzug zu ſetzen, war übrigens nicht das Werk einer Stunde. Da es jedoch der Wunſch der Amerikaner war, ihre Stadt ſo wenig als möglich beſchädigt zurück zu erhalten, ſo unterließen ſie es, den Vortheil weiter zu treiben, den ſie durch Beſetzung jener Höhen gewonnen hatten, welche den groͤßten Theil des Ankerplatzes ſo wie eine neue und verwundbare Seite der Vertheidigungswerke der königlichen Armee beherrſchten. Während man durch eine regelloſe, unmächtige Kanonade den Schein von Feindſeligkeiten aufrecht zu erhalten ſich bemühte, wobei aber das Feuer mit ſo wenig Eifer gelei⸗ tet wurde, daß es den Anſchein erhielt, als ſollte es eine bloße Beluſtigung der Theilnehmenden zum Zwecke haben— war der eine Theil emſig mit den Vorbereitungen zum Abzug beſchäftigt, während der andere unthätig den Augenblick erwartete, wo man wieder friedlich in den Beſitz ſeines Eigenthums zu gelangen hoffte. Es iſt unnöthig, den Leſer zu erinnern, daß die vollkommene Beherrſchung der See durch die Britten zudem noch jeden ernſt⸗ lichen Verſuch, ihre Bewegungen aufzuhalten, völlig unnütz gemacht haben würde. Auf dieſe Art war eine Woche verfloſſen, nachdem der Sturm ſich gelegt hatte— und während dieſer ganzen Zeit zeigte der Platz all die Freude und Trauer, die ganze Eile und all' den Lärm, welche ein ſo unvorhergeſehenes Ereigniß wohl hervor⸗ bringen mußte. Gegen das Ende eines dieſer geſchäftigen, unruhigen Tage ſah man einen kleinen Leichenzug aus einem Hauſe heraustreten, welches lange als die Wohnung einer der ſtolzeſten Familie in der Provinz bekannt geweſen war. Ueber dem Außenthor des Hauſes — — — —— 519 war eine Trauerfahne mit dem ‚ſpringenden Wild von Lincoln aufgeſteckt, umringt von den gewöhnlichen Symbolen der Sterb⸗ lichkeit, in der Mitte das ſeltene Sinnbild der ‚blutigen Hande. Dieſes Zeichen heraldiſcher Trauer, das in den Provinzen nur bei dem Tode einer Perſon von hoher Wichtigkeit angewendet wurde— eine Sitte, die ſeitdem längſt mit den Gebräuchen der Monarchie verſchwunden iſt— hatte die Blicke einiger müßigen Jungen auf ſich gezogen, welche allein in dieſem drängenden Augenblick in ſo weit unbeſchäftigt waren, daß ſie das Daſeyn deſſelben bemerken konnten. Von dieſen loſen Geſellen allein begleitet, nahm der melancholiſche Zug ſeinen Weg nach dem benachbarten Kirchhofe der Königs⸗Kapelle. Die breite Bahre war mit einem ſo weiten Leichentuche be⸗ deckt, daß es beim Eintritt in das Innere der Kirche auf der ſteinernen Schwelle hinſtreifte. Hier trat ihm der Geiſtliche ent⸗ gegen, deſſen wir ſchon bei mehr als einer Gelegenheit erwähnt haben und ſchaute mit einem Blicke beſonderer Theilnahme auf den einzelnen, jugendlichen Leidtragenden, der dicht hinter dem Sarge in ſeiner Trauerkleidung folgte. Die Ceremonie nahm übrigens ihren Fortgang mit der gewöhnlichen Feierlichkeit, und das Gefolge bewegte ſich langſam tiefer nach dem Innern des heiligen Gebäudes. Dem jungen Manne zunächſt kamen die wohlbekannten Geſtalten des kommandirenden Generals der Britten und ſeines ſchnell be⸗ ſonnenen begünſtigten Lieutenants. Zwiſchen denſelben ging ein Offizier von untergeordnetem Rang, der trotz ſeines verſtümmelten Zuſtandes bei der Langſamkeit des Marſches im Stande geweſen war, die Ohren ſeiner Gefährten ſelbſt bis zu dem Augenblick, wo ſie mit dem Griſtlichen zuſammentrafen, durch eine Erzählung von nicht geringem Intereſſe und ſcheinbar großem Geheimniß an ſich zu feſſeln. Ihnen folgte der übrige Theil des Zugs, der nur aus der Suite der beiden Generale und einigen wenigen Dienern 520 beſtand, wozu wir etwa noch jene Müßiggänger hinzuzählen könn⸗ ten, die ſich neugierig hinter ihren Fußſtapfen herein ſtahlen. Als der Gottesdienſt zu Ende war, wurde dieſelbe geheime Unterredung zwiſchen den beiden Anführern und ihrem Gefährten wieder aufgenommen und fortgeſetzt, bis ſie an dem offenen Grab⸗ gewölbe in einem entfernten Winkel des Kirchhofs anlangten. Hier endete das leiſe Geſpräch und Howe's Auge, das bis jetzt in tiefer Aufmerkſamkeit auf den Sprecher geheftet geweſen, begann nach jenen gefährlichen Hügeln hinzuwandern, welche ſeine Feinde beſetzt hatten. Dieſe Unterbrechung ſchien den Reiz der heimlichen Unterhaltung vernichtet zu haben, und die beſorgten Mienen der beiden Führer verriethen, wie bald ihre Gedanken von der Erzäh⸗ lung eines großen Privatunglücks zu ihren eigenen ſchwereren Sorgen und Pflichten zurückgekehrt waren. Der Sarg wurde vor der Oeffnung aufgeſtellt und die Ge⸗ hülfen des Küſters traten vor, ihr Amt zu verrichten. Als das Bahrtuch weggezogen wurde, zeigten ſich zwei Särge vor den ſichtbar erſtaunten Blicken der Zuſchauer. Der Eine war mit ſchwarzem Sammt überkleidet, mit ſilbernen Nägeln beſchlagen und in der reichſten Pracht menſchlichen Stolzes geſchmückt, während der Andere in der einfachen Nacktheit der hölzernen Hülle dalag. An der Vorderſeite des Erſten erhob ſich eine große Silberplatte, mit langer Inſchrift und mit den gewöhnlichen heraldiſchen Deviſen verziert; an dem Zweiten waren blos die beiden Anfangsbuchſtaben J. P. auf den Deckel eingegraben. Die ungeduldigen Blicke der engliſchen Generale gaben dem Dr. Liturgy zu verſtehen, wie koſtbar ihnen jeder Augenblick ge⸗ worden ſey, und in kürzerer Zeit, als wir zu unſerer Beſchreibung bedürfen, waren die Leichen des hochgebornen Mannes der Macht und ſeines namenloſen Gefährten in die Gruft geſenkt und an der Seite jenes Weibes, das im Leben für Beide eine ſo furchtbare Geißel geweſen war, der Verweſung überlaſſen. Nachdem ſie aus zit de —. 521 Achtung für den jungen Leidtragenden noch einen kurzen Augenblick ge⸗ zögert, entfernten ſich die anweſenden Herrn alle zuſammen von dem Orte der Trauer, da ſie Lionel's Wunſch, zurückzubleiben, bemerkten; eine Ausnahme davon machte der ſchon erwähnte verſtümmelte Offizier, welchen der Leſer auf den erſten Blick als unſern Pol⸗ warth erkannt hat. Nachdem die Leute den Stein wieder über die Oeffnung der Gruft geſchoben und ihn durch eine ſchwere eiſerne Stange mit ſtarkem Schloſſe verwahrt hatten, übergaben ſie, den Schlüſſel der Hauptperſon bei dieſer Handlung. Er empfing ihn ſchweigend, drückte ihnen Gold in die Hand und winkte ihnen zu gehen. Im nächſten Augenblick hätte ein oberflächlicher Beobachter glauben können, Lionel und ſein Freund ſeyen die einzigen lebenden Beſitzer des Kirchhofs geweſen. Aber unter der anſtoßenden Mauer, zum Theil durch die zahlreichen Eckſteine der Beobachtung entzogen, ſah man die Geſtalt eines tief zur Erde gebeugten Weibes, deren Körper durch den Mantel, den ſie nachläßig um ſich geſchlagen hatte, nothdürftig verhüllt war. Sobald die beiden Herrn ſich allein ſahen, traten ſie dieſem troſtloſen Weſen langſam näher. Ihre nahenden Fußtritte blieben nicht unbemerkt; doch ſtatt diejenigen anzuſehen, die ſo augenſcheinlich ſie anzureden wünſchten, drehte ſie ſich nach der Mauer und begann, ſich ſelbſt unbewußt, mit dem Finger die Buchſtaben einer Schiefertafel nachzuzeichnen, welche in das Mauerwerk eingefügt war, um die Lage von der Gruft der Lechmeres anzudeuten. „Wir können nicht mehr thun, ſagte der junge Leidtragende: —„alles Uebrige iſt nun einer Macht anheim gegeben, welche ge⸗ waltiger iſt, als irgend eine auf Erden.“ Die ſchmutzige Hand, die unter dem rothen Gewande hervorſah, zitterte, fuhr aber in ihrer ſinnloſen Beſchäftigung immer noch fort. „Sir Lionel Lincoln ſpricht mit Euch,“ ſagte Polwarth, auf deſſen Arm der jugendliche Baronet ſich lehnte. „Wer!“ ſchrie Abigail, indem ſie ihre Hülle von ſich warf, 2 52 ſo daß ihre eingeſunkenen Züge deutlich hervortraten, auf denen das Elend in wenigen Tagen neue furchtbare Verheerungen ange⸗ richtet hatte:—„ich hatte vergeſſen— ich hatte vergeſſen! der Sohn folgt dem Vater: aber auch die Mutter muß ihrem Kinde in’s Grab folgen!“ „Er iſt ehrenvoll beerdigt mit Denen von ſeinem Geblüt und neben dem Manne, der ſeine einfache Unſchuld liebte!“ „Ja, er wohnt beſſer im Tode als früher im Leben! Gott ſey Dank! er kann nie mehr Kälte noch Hunger erdulden!“ „Ihr werdet finden, daß ich für Eure künftige Bequemlichkeit Vorſorge getroffen und ich hoffe, daß das Ende Eures Lebens glücklicher als deſſen Frühling ſeyn wird.“ „Ich bin allein,“ ſprach das Weib mit wildem Tone,„das Alter wird mich meiden und die Jugend wird mit Verachtung auf mich blicken! Meineid und Rache laſten ſchwer auf meiner Seele!“ Der junge Baronet ſchwieg; aber Polwarth nahm ſich das Recht, zu antworten: „Ich will nicht zu läugnen wagen,“ fing der würdige Kapi⸗ tän an,„daß Beides ſehr traurige Gefährten ſind; aber ich zweifle nicht daran, daß Ihr irgendwo in der Bibel einen paſſenden Troſt für jedes beſondere Verbrechen finden werdet. Laßt mich Euch eine herzhafte Diät anempfehlen und ich ſtehe Euch dann für ein gutes Gewiſſen. Ich habe nie gefunden, daß dieſe Vorſchrift je fehlgeſchlagen hätte. Schaut Euch um in der Welt— fühlt je ein wohlgenährter Böſewicht Gewiſſensbiſſe? Nein; nur dann, wenn ſein Magen leer iſt, fängt er an, über ſeine Fehler nachzu⸗ denken! Ich möchte Euch ſogar als Mittel rathen, daß Ihr bald mit etwas Nahrhaftem anfanget, denn für jetzt zeigt Ihr durchaus viel zu viel Knochen, um auf einen gedeihlichen Zuſtand ſchließen zu laſſen. Ich möchte Euch wahrlich nichts Betrübendes ſagen, aber wir Beide könnten uns eines Falls erinnern, wo die Nahrung zu ſpät kam.“ 0— ———2 „Ja, ja, ſie kam zu ſpät!“ murmelte das innerlich betroffene Weib:—„Alles kommt zu ſpät! ſelbſt die Reue, fürcht' ich!“ „Sprecht nicht ſo,“ bemerkte Lionel:„Ihr verſündigt Euch gegen die Verheißungen Deſſen, der nie falſch geſprochen hat.“ Abigail warf einen furchtſamen verſtohlenen Blick auf ihn, der die geheime Angſt ihrer Seele ausdrückte, während ſie halb laut wiſperte: „Wer war Zeuge von dem Ende der Mrs. Lechmere? Schied ihr Geiſt in Frieden?“. Sir Lionel verharrte abermals in tiefem Stillſchweigen. „Ich dachte es;“ fuhr ſie fort,—„'s war keine Sünde, die auf dem Todtbette vergeſſen bleiben konnte! Uebles zu ſinnen und Gott laut anzurufen, daß er darauf ſchaue! Ach! und ein Gehirn zum Wahn⸗ ſinn zu treiben und eine Seele, wie ſeine, bis zur Nacktheit aus⸗ zuziehen! Geht,“ fuhr ſie fort und winkte ihnen mit Ernſt hinweg— „Ihr ſeyd jung und glücklich; warum ſolltet ihr noch in der Nähe des Grabes verweilen? Verlaßt mich, daß ich unter den Gräbern beten kann! Wenn noch etwas den bittern Augenblick zu verſüßen vermag, ſo iſt's das Gebet.“ Lionel ließ den Schlüſſel, den er in der Hand hielt, zu ihren Füßen fallen und ſagte, ehe er ſie verließ: „Jene Gruft iſt geſchloſſen für immer, wenn ſie nicht noch einmal in künftiger Zeit auf Euer Verlangen geöffnet wird, um Euch an der Seite Eures Sohnes nieder zu legen. Die Kinder Derer, welche ſie bauten, ſind alle hier verſammelt, mit Ausnahme von zweien, welche nach der andern Halbkugel ziehen werden, um ihre Gebeine dort beerdigen zu laſſen. Nehmt ihn und möge der Himmel Euch vergeben, ſo wie ich vergebe.“ Er ließ eine ſchwere Börſe neben dem Schlüſſel nieder⸗ fallen und ohne weiter ein Wurt zu reden, nahm er wieder Pol⸗ warth's Arm und beide verließen zuſammen den Ort. Als ſie durch den Thorweg in die Straße einbogen, warf 524 jeder einen verſtohlenen Blick nach dem entfernten Weibe. Sie hatte ſich auf ihre Knie emporgerichtet, ihre Hände hatten einen Eckſtein erfaßt und ihr Geſicht war faſt bis zur Erde herabgebeugt, während an dem Zittern ihrer Geſtalt und ihrer demuthsvollen Haltung deutlich zu ſehen war, daß ihr Geiſt mit dem Herrn mächtig um Gnade rang. Drei Tage nachher traten die triumphirenden Amerikaner in die weichenden Fußſtapfen der königlichen Armee. Die Erſten unter Denen, welche nach den Gräbern ihrer Vätern eilten, fanden den Leichnam eines Weibes, das, dem Anſchein nach, in der Strenge der Jahres⸗ zeit den Tod gefunden hatte. Sie hatte, in dem vergeblichen Be⸗ mühen, ihr Kind zu erreichen, das Gewölbe aufgeſchloſſen, doch hier hatte ihre Stärke ſie verlaſſen. Ihre Glieder waren ſittſam auf dem welken Graſe ausgeſtreckt; ihre Züge waren ruhig und zeigten im Tode die ſanften Spuren jener auffallenden Schönheit, welche ihre Jugend ausgezeichnet, aber auch verrathen hatte. Das Gold lag noch unberührt an der Stelle, wo es niedergefallen. Die erſtaunten Städter, dieſen ſchreckenvollen Anblick meidend, eilten zu anderen Orten, um nach den Veränderungen und der Zerſtörung in ihrer geliebten Geburtsſtadt zu ſchauen. Aber ein Nach⸗ zügler der königlichen Armee, der des Plünderns halber zurückge⸗ blieben und bei der Unterredung der beiden Offiziere mit Abigail zugegen geweſen war, folgte ihnen kurz nachher. Er hob den Stein, ſenkte den Leichnam hinab und verſchloß das Grab; dann warf er den Schlüſſel weit weg, hob das vernachläßigte Gold auf und verſchwand. Der Schiefer iſt längſt an der Mauer verwittert, der Raſen hat den Stein bedeckt, und nur noch Wenige find übrig, welche die Stelle bezeichnen können, wo die Familien der Lechmere und Lincoln gewohnt waren, ihre Todten zu beerdigen. Sir Lionel und Polwarth ſchritten im tiefſten Stillſchweigen nach der langen Werfte, wo ein Boot ſie aufnahm. Sie wurden 4 4 nach der vielbewunderten Fregatte hingerudert, die zum Auslaufen bereit unter leichtem Segel dalag, um ihre Ankunft noch zu er⸗ warten. Auf dem Verdeck trafen ſie Agnes Danforth, die Augen ſanft in Thränen ſchwimmend, obgleich eine tiefe Röthe ihre Wangen bedeckte, als ſie den gezwungenen Abzug der Fremdlinge mit anſah, welche ſie nie geliebt hatte. „Ich bin blos geblieben, Ihnen den Abſchiedskuß zu geben, Couſin Lionel,“ ſagte das freimüthige Mädchen, indem ſie ihn zärt⸗ lich begrüßte,„und nun laſſen Sie mich Ihnen Lebewohl ſagen, ohne die Wünſche zu wiederholen, die, wie Sie wiſſen, in meinen Gebeten für Sie laut werden.“ „So wollen Sie uns verlaſſen?“ ſagte der junge Baronet, der jetzt zum Erſtenmal ſeit langer Zeit wieder lächelte.„Sie wiſſen, daß dieſe Grauſamkeit—“ Er wurde durch ein lautes Huſten Polwarth's unterbrochen, der ſich näherte, und die Hand der Dame ergreifend, ſeinen Wunſch, ſie für immer zurückzuhalten, wenigſtens zum fünfzigſten Mal wiederholte. Sie horte ihn ſchweigend und anſcheinend mit vielem Reſpekt, obwohl ein Lächeln ſich über ihre Ernſthaftigkeit hinſtahl, noch ehe er geendet hatte. Sie dankte ihm ſodann mit geziemender Artigkeit und ſprach ein letztes, entſcheidendes Nein. Der Kapitän empfing ſeinen Korb wie ein Mann, dem ſchon öfter Aehnliches widerfahren, und lieh dem eigenſinnigen Mädchen höflich ſeinen Beiſtand, um ſie in das bereit ſtehende Boot zu heben. Hier wurde ſie von einem jungen Mann in der Uniform eines ameri⸗ kaniſchen Offiziers empfangen. Sir Lionel glaubte zu bemerken, wie die Röthe ihrer Wangen ſich noch erhöhte, als ihr Begleiter ihre Geſtalt ſorgfältig in einen Mantel hüllte, um ſie vor dem Einfluſſe der Seeluft zu ſchützen. Statt nach der Stadt zurückzu⸗ kehren, ſteuerte das Boot, das eine Flagge trug, geradeswegs nach dem von den Amerikanern beſetzten Ufer. Die nächſte Woche ver⸗ mählte ſich Agnes mit dieſem Herrn im Schooße ihrer eigenen Familie. Sie nahmen bald darauf ruhigen Beſitz von dem Hauſe in der Tremontſtraße und von dem ganzen bedeutenden Vermögen der Mrs. Lechmere, welches ihr zum Voraus von Cäcilien als Braut⸗ gabe geſchenkt worden war. Sobald ſämmtliche Paſſagiere am Bord waren, ſetzte ſich der Kapitän der Fregatte durch Signale mit ſeinem Admiral in Ein⸗ » verſtändniß und erhielt als Erwiederung den erwarteten Befehl⸗ zur Vollziehung ſeines Auftrags zu ſchreiten. In wenigen Minuten glitt das raſche Fahrzeug an den Höhen von Dorcheſter vorüber, indem es ſeine Kanonen nach den gegenüberliegenden Hügeln ab⸗ feuerte und im Vorüberfahren eiligſt ſeine Segel entfaltete. Die Amerikaner indeß blickten ſchweigend darauf nieder und ließen es unbeläſtigt den Ocean gewinnen, wo es mit der wichtigen Nach⸗ richt von der beabſichtigten Räumung in möglichſter Schnelle nach England ſegelte. Ihm folgte in Kurzem die übrige Flotte und ſeit dieſer Zeit wurde die lang unterdrückte, unglückliche Stadt Boſton nie mehr von einem bewaffneten Feinde heimgeſucht. Während ihrer Ueberfahrt nach England fand Lionel und ſeine edle Gefährtin gehörige Muße, über Alles, was ihnen begegnet war, nachzudenken. Vereint und im vollſten Vertrauen, verfolgten ſie die Abſchweifungen des Verſtandes, welche den irren Vater ſo eng und geheimnißvoll an ſein ſchwaches Kind gefeſſelt hatten, und indem ſie mit ihrem Nachſinnen in die geheimen Quellen ſeiner krank⸗ haften Eingebungen einzudringen ſich bemühten, waren ſie leicht im Stande, die Vorfälle, die wir im Vorliegenden zu ſchildern verſucht haben, aller Dunkelheit und jedes Zweifels zu entkleiden. Der Irrenwärter, der dem flüchtigen Wahnſinnigen nachge⸗ ſendet worden, kehrte nie wieder in ſein Geburtsland zurück. Keine Anerbietungen von Verzeihung konnten den unvorſätzlichen Urheber des Todes, der den Baronet getroffen, dazu vermögen, ſeine Perſon noch einmal der Macht des engliſchen Geſetzes anzuvertrauen. ——-—D 2„= S,,* ,— Vielleicht war er ſich eines Beweggrundes bewußt, den Niemand, als ein innerer Mahner entdecken konnte. Lionel, der erfolgloſen Bemühungen endlich müde, gab Agneſen's Gemahl den Auftrag, denſelben in eine Lage zu verſetzen, wo er durch Fleiß ſein künf⸗ tiges Auskommen reichlich gewinnen konnte. Polwarth ſtarb erſt ſehr ſpät. Trotz ſeines verſtümmelten Beines gelang es ihm mit Hülfe ſeines Freundes, die Leiter der Beförderung durch regelmäßiges Vorrücken faſt bis zu ihrem Gipfel zu erſteigen. Am Schluſſe ſeines langen Lebens ſchrieb er Gen. Bart. und M. P.“* hinter ſeinen Namen. Als England von dem Einfalle der Franzoſen bedroht war, zeichnete ſich die Garni⸗ ſon, welche er befehligte, dadurch aus, daß ſie beſſer als jede an⸗ dere im Königreich verproviantirt war, und es iſt kein Zweifel, daß ſie nöthigenfalls einen ihren Hülfsquellen entſprechenden Wider⸗ ſtand geleiſtet haben würde. Im Parlament, worin er für einen von Lincoln's Flecken ſaß, zeichnete er ſich beſonders durch die Geduld aus, mit welcher er den Debatten zuhörte, und durch die beſon⸗ dere Herzlichkeit ſeines ‚Jac bei jedem Votum für Beiſteuer, das er abzugeben hatte. Bis zum Tage ſeines Todes blieb er ein ſtand⸗ hafter Verfechter der Vorzüge einer reichlichen Diät, in allen Fällen phyſiſchen Leidens, ‚beſonders', wie er mit unnachgiebiger Hart⸗ näckigkeit hinzuzuſetzen pflegte, ‚„in Fällen der Schwäche von fiebe⸗ riſchen Symptomen her.“ Ein Jahr nach ihrer Ankunft ſtarb Cäcilien's Oheim, nachdem er kurz zuvor ſeinen einzigen Sohn zu Grab getragen hatte. Durch dieſes unvorhergeſehene Ereigniß wurde Lady Lincoln die Erbin ſeiner großen Reichthümer, ſowie einer alten Baronie, die ohne Unterſchied des Geſchlechts dem nächſten Erben zufiel. Von dieſer Zeit bis zum Ausbruch der franzöſiſchen Revolution lebten Sir Lionel Lincoln und Lady Cardonnel, wie Cäcilie nun genannt wurde, im ſüßeſten Einverſtändniß mit einander; der ſanfte Einfluß ihrer * General, Baronet und Parlamentsmitglied. A. d. U. Liebe milderte und lenkte nach Belieben das fieberiſche Tempera⸗ ment ihres Gemahls. Das Erbſtück der Familie, jene ſo oft er⸗ wahnte krankhafte Reizbarkeit, wurde in dem gleichmäßigen Laufe ihres Glücks vergeſſen. Zur Zeit, als der härteſte Druck auf die brittiſche Conſtitution befürchtet wurde, und die Miniſter in ihrer Politik den Grundſatz befolgten, den ganzen Reichthum und alle Talente der Nation zu ihrem Beiſtand zu verſammeln, um die beſtehende Adminiſtration zu ſtützen, erhielt der reiche Baronet eine Peerſchaft für ſich und ſeine Familie. Vor dem Schluß des Jahrhunderts wurde er noch weiter zu dem Rang eines Grafen befördert, deſſen erloſchener Name in früheren Zeiten eine der Würden des älteren Zweigs ſeiner Familie gebildet hatte.— Von all' den Hauptperſonen in der vorhergehenden Erzählung iſt nicht eine mehr am Leben. Selbſt Cäcilien's und Agneſen's Roſen haben lange ſeitdem aufgehört zu blühen, und der Tod hat ſie in Frieden und Unſchuld zu all' den Vorangegangenen verſam⸗ melt. Die hiſtoriſchen Fakta unſerer Erzählung fangen an durch die Länge der Zeit dunkel zu werden, und es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß der glückliche und überreiche engliſche Peer, der ſich jetzt das Haupt des Hauſes Lincoln nennt, nie etwas von der geheimen Geſchichte ſeiner Familie erfuhr, ſo lange ihr Wohnort in einer entfernten Provinz des brittiſchen Reiches geweſen war. ———