———,— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von, Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4— 8 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .———.——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Lebt hier ein Mann, deß Herz ſo todt— Dem nie das Wort Entzücken bot: „Das iſt mein theures Vaterland!“ Dritte Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1852. Schnellpreſſendruck von J. Kreuzer in Stuttgart. Einleitung. Glücklicherweiſe iſt der Menſch eben ſo geneigt, für die Tugend Sympathie zu fühlen, als ſich den anſteckenden Einflüſſen des Laſters hinzugeben. Ohne dieſen Umſtand, welcher dem alles Edlere erſtickenden Hange, ſich ſeinen Leidenſchaften zu überlaſſen, als Zügel dient, möchten wohl die Wünſche der Beſſeren und Weiſeren, daß das Reich der Gerechtigkeit und Menſchenliebe immer feſteren Fuß faſſen werde, aller Hoffnung auf Erfüllung entbehren. Von allen edeln Gefühlen iſt die Liebe zum Vaterlande das am allgemeinſten anſprechende. Jeder bewundert den Mann, der ſich für das Wohl der Gemeinſchaft, welcher er angehört, zum Opfer bringt, und verdammt den Andern ſchonungslos, welcher, ſey es unter wichtigen Vorwänden oder durch den Drang der Verhältniſſe getrieben, ſeinen Arm oder ſeine geiſtigen Kräfte zum Nachtheile des Landes ge⸗ braucht, das einen natürlichen Anſpruch auf ſeine Treue hat. Die ſtolzeſten Namen, die ſchönſten Hoffnungen ſind in den Staub geſunken, wenn der Makel des Verraths an ihnen haftete. Man ſpricht mit Bewunderung von dem Römer, welcher die noch innigeren Bande des Blutes um des Vaterlandes willen hintanſetzte, während Coriolan's Muth und Kriegesglück den Unwillen über ſeinen Treubruch nicht vergeſſen läßt. In dem wahren Patriotismus liegt eine Reinheit, die den Menſchen über alle unedlen Einflüſſe der Selbſtſucht erhebt und überdieß der Natur der Sache nach Dienſten, welche der Familie oder der Verwandtſchaft ge⸗ leiſtet werden, niemals inwohnen kann. Sie zeigt den Glanz einer innern Erhebung, welcher ſich kein Schatten von perſön⸗ lichem Intereſſe beimiſcht. Der Verfaſſer der gegenwärtigen Erzählung lernte vor vielen Jahren einen ausgezeichneten Mann kennen, welcher ſowohl um der eben genannten Eigenſchaft willen, die er in den düſterſten Tagen der amerikaniſchen Revolution ent⸗ faltete, als auch wegen der hohen Aemter, welche er wäh⸗ rend jener inhaltſchweren Periode bekleidete, merkwürdig iſt. Ich ſprach einmal mit ihm über die Wirkungen, welche eine große politiſche Aufregung in den Charakteren hervorbringe und über die veredelnde Richtung, welche die einmal kräftig erweckte Vaterlandsliebe jedem Volke gibt. Da ſeine Jahre, die von ihm geleiſteten Dienſte und ſeine Menſchenkenntniß ihn am VvII ge⸗ eheſten befähigten, in einer ſolchen Unterhaltung den leiten⸗ at. 3 den Faden zu führen, ſo hatte er vorzugsweiſe das Wort. in 5 Er ſprach zuerſt über die eigenthümliche neue und würdige an Richtung, welche das gewaltige Ringen des Volkes während em des Krieges von 1776 den Ideen und Handlungen von im Maſſen, deren Zeit vorher ganz von den gemeinſten Sorgen ''s des Lebens hingenommen geweſen war, vorgezeichnet hatte, und ich beleuchtete ſodann ſeine Anſichten durch eine Anekdote, deren egt Wahrheit er als ſelbſt mithandelnde Perſon bezeugen konnte. ſſe Der Streit zwiſchen England und den Vereinigten ich Staaten von Amerika trug viele Züge eines Bürgerkriegs, ge⸗ ohne daß man ihn im ſtrengen Sinne einen ſolchen nennen mz 4 konnte. Obgleich das Amerikaniſche Volk dem Engliſchen n⸗ 8 nie eigentlich und verfaſſungsmäßig unterworfen war, ſo ſtanden doch die Bewohner beider Länder unter einem gemeinſchaftlichen or Könige. Als die Amerikaner in Geſammtmaſſe den Gehorſam her aufkündigten, und die Engländer ſich bereit finden ließen, er ihren Souverain bei dem Verſuch, ſeine Gewalt wieder zu it⸗ erringen, zu unterſtützen, ſo entwickelte der Kampf bald alle h⸗’ entſcheidenden Merkmale eines Bürgerkriegs. Eine große An⸗ ſt. zahl Europäiſcher Einwanderer, welche ſich damals in den ine Kolonien nie dergelaſſen hatten, traten auf die Seite der Krone, nd b und in vielen Diſtrikten gab ihr Einfluß, vereint mit dem kte 3 der Amerikaner, welche dem angeſtammten Herrſcherhauſe on ihre Treue bewahren wollten, der königlichen Sache ein ent⸗ ſchiedenes Uebergewicht. Amerika war damals zu jung und bedurfte zu ſehr der Herzen und Hände, um derartige Zer⸗ ſplitterungen, ſo unbedeutend ſie auch ſeyn mochten, mit Gleichgültigkeit anzuſehen. Dieſes Uebel wurde noch durch die Gewandtheit der Engländer, mit der ſie aus ſolchen inneren Zwiſtigkeiten Nutzen zu ziehen wußten, vermehrt und mußte doppelt ernſt betrachtet werden, als der Verſuch gemacht wurde, in den Provinzen ſelbſt Truppen auszuheben, welche in Verbindung mit den Europäiſchen die jungen Freiſtaaten zur Unterwerfung zwingen ſollten. Der Congreß ernannte daher ein geheimes Haupt⸗Committee, welchem die ausdrückliche Aufgabe geſetzt war, dieſe Abſicht zu vereiteln. In dieſem Committee führte Herr——, der Erzähler dieſer Anekdote, den Vorſitz. Bei Ausübung der ihm übertragenen neuen Pflicht hatte Herr—— Gelegenheit, einen Agenten zu verwenden, deſſen Dienſt ſich wenig von dem eines gewöhnlichen Spions unter⸗ ſchied. Man kann ſich denken, daß der Mann in der Ge⸗ ſellſchaft eine Stellung einnahm, welche ihn am eheſten geeignet machte, in einer ſo zweideutigen Rolle aufzutreten. Er war arm und was die gewöhnlichen Zweige des Unterrichts anbe⸗ langt, unwiſſend, aber von Natur beſonnen, liſtig und furchtlos. Dieſem Manne wurde der Auftrag ertheilt, auszukundſchaf⸗ ten, in welchem Theile des Landes die Agenten der Krone ihre geheimen Machinationen ſpielen ließen, um Mannſchaft anzuwerben; er mußte ſich an die Plätze verfügen, ſcheinbar um dieſe Werbungen zu unterſtützen— im Dienſte der Sache, welcher — er ſich zu weihen vorgab, eifrig erſcheinen und überhaupt allem aufbieten, um ſich ſo viel als möglich in den Beſtitz der Geheimniſſe des Feindes zu ſetzen. Dieſe theilte er na⸗ türlich dem Committee mit, welches dann Sorge trug, durch alle ihm zu Gebot ſtehenden Mittel den Planen der Eng⸗ länder entgegen zu arbeiten, was auch oft mit gutem Erfolge geſchab. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ein derartiger Dienſt mit großer perſönlicher Gefahr begleitet war. Zu der Be⸗ ſorgniß, daß ſeine wahre Abſicht entdeckt werden könnte, ge⸗ ſellte ſich auch noch die, in die Hände der Amerikaner ſelbſt zu fallen, welche derartige Vergehungen bei Landeseingeborenen unabanderlich viel ſtrenger heimſuchten, als bei den Euro⸗ päern, derer ſie habhaft werden konnten. In der That wurde auch Herrn.—— s Agent mehreremale von den je⸗ weiligen Machthabern aufgegriffen und einmal ſogar von ſeinen erbitterten Landsleuten zum Strange verurtheilt. Nur ein ſchleuniger geheimer Befehl an ſeinen Gefängnißwärter rettete ihn von einem ſchmählichen Tode. Man ließ ihn entwiſchen, und dieſe ſcheinbare und in der That auch wirkliche— Gefahr trug viel dazu bei, ihm ſeine Rolle bei den Engländern zu erleichtern. Von den Amerikanern wurde er in ſeiner kleinen Sphäre als ein kühner und eingefleiſchter Tory betrachtet. In dieſer Weiſe fuhr er während der erſten Jahre des Kampfes fort, trotz der Gefahren, die ihn ſtünd⸗ lich umringten, und obſchon er beharrlich der Gegenſtand unverdienter Verwünſchungen war, ſeinem Vaterlande heim⸗ liche Dienſte zu leiſten. Im Jahr—— wurde Herrn—— ein wichtiges und ehrenvolles Amt an einem europäiſchen Hofe übertragen. Ehe er ſeinen Sitz im Congreß verließ, theilte er dieſer Verſammlung die ebengenannten Thatſachen mit, wobei ihn jedoch die Klugheit veranlaßte, den Namen dieſes Agenten noch zu verſchweigen, und bat um eine Belohnung für den Mann, welcher ſich unter ſo großer perſönlicher Gefahr dem Staate nützlich gemacht hatte. Es wurde zu dieſem Ende eine an⸗ nehmliche Summe ausgeworfen und dem Präſidenten des geheimen Committee's zu geeigneter Beſorgung übergeben. Herr—— traf die nöthigen Maßregeln, ſeinen Agen⸗ ten zu einer perſönlichen Beſprechung zu veranlaſſen, und kam mit ihm um Mitternacht in einem Walde zuſammen. Herr—— lobte den Mann wegen ſeiner Treue und Ge⸗ wandtheit, ſetzte ihm die dringende Nothwendigkeit auseinan⸗ der, ihre Verbindung jetzt abzubrechen, und bot ihm zu⸗ letzt die Belohnung an. Der Andere trat zurück und lehnte es ab, ſie anzunehmen.„Das Land bedarf aller ſeiner Mittel ſelbſt,“ ſagte er,„und was mich anbelangt, ſo kann ich arbeiten oder meinen Unterhalt auf andere Weiſe ge⸗ winnen.“ Alle Ueberredung war vergeblich, denn der Pa⸗ triotismus hatte das Uebergewicht in der Seele dieſes merk⸗ würdigen Mannes, und Herr——, der das Gold wieder mitnehmen mußte, ſchied mit tiefer Hochachtung von ſeinem Gef zun will des für das einfe dari druc fälli eine ſie Dief Buc gem Aus fes verö den und einig der j daß men Gefährten, der ſo lange, ohne irgend eine Belohnung an⸗ g zunehmen, ſein Leben gewagt hatte, blos um der Sache willen, welcher ſie gemeinſchaftlich dienten. Der Verfaſſer dieſer Blätter weiß zwar, daß der Agent des Herrn—— in ſpäterer Zeit ſich eine Entſchädigung für ſeine Leiſtungen gefallen ließ; es geſchah aber erſt, als das Land vollkommen in der Lage war, ſie geben zu können. Es iſt kaum nöthig, beizufügen, daß eine ſolche Erzählung, einfach und mit Wärme von einnem Manne vorgetragen, der darin eine Hauptrolle ſpielte, auf alle Zuhörer einen tiefen Ein⸗ druck machte. Viele Jahre ſpäter wurde ich durch ganz zu⸗ fällige Umſtände, deren Mittheilung unnöthig iſt, veranlaßt, eine Novelle zu ſchreiben, von der ich nicht vorausſah, daß ſte die erſte einer ziemlich langen Reihe werden würde. Dieſelben Zufälle, welche den Anlaß zu der Entſtehung des Buches gaben, beſtimmten auch den Schauplatz und den all⸗ Erſterer wurde in das Ausland verlegt, und in letzterem entwickelte ſich ein unrei⸗ fes Beſtreben, fremde Sitten zu beſchreiben. Al veröffentlicht war, wurde dem Verfaſſer von ſeinen Freun⸗ den zum Vorwurf gemacht, daß er, ein Amerikaner von Herz und Geburt, der Welt ein Werk anbiete, welches vielleicht einigermaßen dazu beitragen könnte, die tändelnde Phantaſie der jüngeren und unerfahrenen ſeiner Landsleute zu nähren, und daß er die Bilder dazu geſellſchaftlichen Verhältniſſen entnom⸗ gemeinen Charakter der Erzählung. men habe, die von denen, welchen er ſelbſt angehöre, ſo ganz 8 die Schrift verſchieden ſeyen. Obſchon nun der Autor weiß, wie viel von dem, was er gethan, rein zufällig war, ſo fühlte er doch, daß er bei dieſem Tadel demüthig ſeine Schuld bekennen mußte; er entſchloß ſich daher, als einzige Sühne, welche in ſeiner Macht ſtand, ſich das Schreiben eines zweiten Buches auf⸗ zuerlegen, deſſen Gegenſtand weder der Welt noch ihm ſelbſt einen Hinterhalt ließe. Er wählte den Patriotismus zu ſeinem Thema, und es iſt für diejenigen, welche dieſe Ein⸗ leitung, wie auch die Novelle ſelbſt leſen, kaum beizufügen nöthig, daß er den Helden der eben mitgetheilten Anekdote für das geeignetſte Bild betrachtete, die Vaterlandsliebe in ihrer abgeſonderten Erſcheinung darzuſtellen. Seit der erſten Veröffentlichung des„Spions“ hat man ſich mit Erzählungen von verſchiedenen Perſonen getragen, von welchen man annahm, daß der Schriftſteller ſie bei Ab⸗ faſſung ſeines Romans im Auge gehabt habe. Da Herr—— nie den Namen ſeines Agenten erwähnte, ſo kann der Au⸗ tor ſich über die Identität deſſelben mit dieſer oder jener Perſon nicht weiter auslaſſen, als es hier ſchon geſchehen iſt. Beide, Waſhington und Sir Henry Clinton, bedienten ſich einer ungewöhnlichen Anzahl geheimer Emiſſäre, wie dieſes in einem Kriege, der ſo vielfach den Charakter eines Bürgerkriegs trug und in welchem die ſich bekämpfenden Parteien aus Männern deſſelben Blutes und derſelben Sprache beſtanden, kaum anders ſeyn konnte. Der Styl des Buches iſt in dieſer Ausgabe von dem 24 XIII Verfaſſer von neuem durchgeſehen worden, wobei er bemüht war, daſſelbe der Gunſt, deren es ſich bereits erfreuen durfte, noch würdiger zu machen, obſchon er geſtehen muß, daß in die ganze Anlage der Erzählung Mängel eingewoben ſind, bei denen, wie bei einem baufälligen Hauſe, die Ausbeſſerung mehr Mühe koſten würde, als wenn man es neu aufrichtete. Zehn Jahre ſind für das Meiſte, was mit Amerika in Verbin⸗ dung ſteht, ein Menſchenalter, und unter andern Fortſchritten ſind die ſeiner Literatur nicht die unbedeutendſten. Zu der Zeit, in welcher das gegenwärtige Werk geſchrieben wurde, ließ ſich von der Veröffentlichung einer derartigen Schrift ſo wenig Erfolg erwarten, daß der erſte Band des Spions ſchon mehrere Monate gedruckt war, ehe der Verfaſſer einen hinrei⸗ chenden Grund fühlte, auch nur eine Zeile an dem zweiten zu beginnen. Die Bemühungen, welche auf eine undankbare Lebensaufgabe gewandt werden, ſind ſelten ihres Urhebers werth, ſo gering auch ſonſt deſſen Verdienſte im Allgemeinen anzuſchlagen ſeyn mögen. Eine glänzendere Ausſicht beginnt jetzt für den Freiſtaat aufzudämmern, der nun im Begriffe ſteht, jenen Rang unter den Völkern der Erde einzunehmen, welche ihm die Natur anwies und zu dem alle ſeine Einrichtungen nothwendig füh⸗ ren müſſen. Sollte der Zufall einen Abdruck des gegenwärtigen Vorworts nach zwanzig Jahren einem Amerikaner in die Hände ſpielen, ſo wird er bei dem Gedanken lächeln, daß einer ſeiner Landsleute je Anſtand nahm, ein ſchon ſo weit gediehenes Werk zu beendigen, bloß weil er beſorgte, daß man in ſeinem Lande ein Buch, welches vaterländiſche In⸗ tereſſen berührt, nicht werde leſen wollen. Paris, am 4. April 1831. Erſtes Kapitel. Und mitten durch die Ruhe ſeiner Seele Ein kühner Zug die inn're Gluth verrieth; — s war irdiſch Feuer, weichend dem Befehle Des höhern Geiſt's wie Aetnas Glanz verglüht, Wenn Phöbus Strahl den Horizont umzieht. Gertrude von Wyoming. Es war gegen den Schluß des Jahres 1780, als man einen einſamen Reiſenden ſeinen Weg durch eines der zahlreichen kleinen Thäler von Weſt⸗Cheſter“ verfolgen ſah. Der Oſtwind mit ſeiner feuchten Kälte und zunehmenden Heftigkeit war der untrügliche Bote eines herannahenden Sturmes, der ſeiner Gewohnheit nach vorausſichtlich mehrere Tage andauern mochte. Das kundige Auge des Wanderes blickte vergeblich durch das abendliche Dunkel, um ein geeignetes Obdach zu erſpähen, wo er, ſo lange es der Regen, welcher bereits die Atmoſphäre zu einem dicken Nebel umwandelte, nöthig machte, die für ſeine Abſichten erforderlichen Bequemlich⸗ keiten finden konnte. Aber es zeigte ſich nichts, als die kleinen unbequemen Hütten der geringeren Klaſſe von Anſiedlern, welche in dieſer Gegend in einem Rufe ſtanden, daß er es weder für ſicher noch für klug hielt, ſich ihnen anzuvertrauen. Der Bezirk Weſt⸗Cheſter war, nachdem die Britten von der * Dar jeder Staat der Amerikaniſchen Union ſeine eigenen Bezirke hat, ſo findet ſich's öfters, daß mehrere denſelben Namen tragen. Der Schau⸗ platz dieſer Erzählung iſt der Staat Neu⸗York, deſſen Bezirk Weſt⸗Cheſter ſich zunächſt an die Stadt anſchließt. Der Spion. 3. Aufl. 1 Inſel Neu⸗York Beſitz“ genommen hatten, ein gemeinſchaftlicher Boden und beide ſich bekämpfende Parthieen bedienten ſich deſſel⸗ ben zu Fortſetzung ihrer Operationen für den Reſt des Revolutions⸗ krieges. Ein großer Theil der Bewohner trug entweder aus alter Anhänglichkeit oder aus Furcht eine Parteiloſigkeit zur Schau, welche ſte in Wirklichkeit nicht fühlten. Die weiter unten liegenden Städte waren natürlich vorzugsweiſe unter der Herrſchaft der Krone, wäh⸗ rend die mehr im Innern befindlichen, da ſie durch die Nachbarſchaft der Amerikaniſchen Truppen geſichert waren, kühn ihre revolutionä⸗ ren Anſichten und ihr Recht, ſich ſelbſt zu regieren, behaupteten. Eine große Anzahl trug jedoch Masken, welche ſogar heut zu Tage noch nicht abgelegt worden ſind, und mancher wurde zu Grabe getragen, mit dem Brandmale eines Feindes der Rechte ſeiner Landsleute, während er im Geheim ein nützlicher Agent der Leiter der Revolu⸗ tion war; indeß auf der andern Seite, wenn man die verborgenen Fächer manches glühenden Patrioten an's Licht hätte fördern können, die Beſchützung der königlichen Sache unter Maſſen von brittiſchem Golde zu Tage gekommen wäre. Die ſchallenden Huftritte des edlen Roſſes, welches der Rei⸗ ſende ritt, mochten wohl hin und wieder die Gebieterin einer länd⸗ lichen Wohnung, an welcher er vorbei kam, veranlaſſen, die Thüre des Hauſes vorſichtig zu öffnen und ſich den Fremden zu betrach⸗ ten, während ſie vielleicht mit rückwärts gewandtem Geſichte das Ergebniß ihrer Unterſuchung ihrem Gatten mittheilte, welcher im Innern des Gebäudes ſich vorbereiten mochte, im Nothfalle ſeinen gewohnten Verſteck in dem anliegenden Walde aufzuſuchen. Das . Thal lag ungefähr in der Mitte des Bezirks und beiden Armeen * Die Stadt Neu⸗York liegt auf einer Inſel, welche Manhattan heißt; ſie iſt an einem Punkte von dem Bezirk Weſt⸗Cheſter nur durch eine Waſſer⸗ ſtraße von der Breite einiger Fuße getrennt, über welche die ſogenannte Königsbrücke führt. Während des Krieges war dort der Schauplatz vie⸗ ler Gefechte, worauf auch in dieſer Erzählung angeſpielt wird. hinrei unger erhiel nahm einem Bena unbet thum Geſet galt, der L mand welch trug, nahn ten ſein weckt beſor des niede eine ſich leger ohne ſchei mitt ihrer halb einen ftlicher deſſel⸗ tions⸗ alter welche Stäͤdte wäh⸗ rſchaft tionä⸗ pteten. Tage ragen, gleute, eevolu⸗ rgenen önnen, tiſchem r Rei⸗ länd⸗ Thüre etrach⸗ te das her im ſeinen Das lrmeen eißt; ſie Waſſer⸗ enannte atz vie⸗ 3 hinreichend nahe, um die Rückerſtattung geſtohlenen Guts zu keinem ungewöhnlichen Begebniß in dieſer Gegend zu machen. Allerdings erhielt man nicht immer dieſelben Gegenſtände zurück, ſondern man nahm in Ermangelung geſetzlicher Rechtspflege ſeine Zuflucht zu einem Erſatz im Allgemeinen, welcher dem beiläufigen Schaden des Benachtheiligten gleichkam, wobei dieſer es häufig mit einer nicht unbeträchtlichen Zugabe für die jeweilige Nutznießung ſeines Eigen⸗ thums nicht allzu genau nehmen mochte. Kurz, es herrſchte Geſetzloſigkeit in dieſem Bezirke, und die Gerechtigkeit, welche hier galt, ſtand unter dem Gewalteinfluſſe perſonlicher Intereſſen und der Leidenſchaften des Stärkeren. Der Durchzug eines Reiſenden, über deſſen Charakter Nie⸗ mand in's Klare kommen konnte, und der Anblick ſeines Pferdes, welches, obſchon es nicht die Abzeichen des militäriſchen Dienſtes trug, doch an der freien und kühnen Haltung ſeines Reiters Theil nahm, gab den nachſtarrenden Bewohnern der verſchiedenen Hüt⸗ ten Anlaß zu vielen Vermuthungen, welche bei Manchem, der ſein Gewiſſen nicht frei fühlte, keine geringe Beunruhigung er⸗ weckten. Durch die Anſtrengung des Tages ungewöhnlich ermüdet und beſorgt, ſchnell ein Obdach gegen die ſtets ſich mehrende Gewalt des Sturmes zu gewinnen, durch welchen der Regen in großen Tropfen niederzuſtürzen anfing, entſchloß ſich der Wanderer, aus der Noth eine Tugend zu machen, und bei der nächſten Wohnung, welche ſich ihm darbot, um Einlaß zu bitten. Er fand hierzu bald Ge⸗ legenheit, ritt durch ein Paar vernachläßigte Schranken und klopfte, ohne aus dem Sattel zu ſteigen, laut an die Thüre eines ſehr un⸗ ſcheinbaren Gebändes. Auf dieſen Anruf erſchien ein Weib von mitilerem Alter, deren Aeußeres wenig einladender war, als das ihrer Wohnung. Die erſchreckte Frau drückte furchtſam die Thüre halb wieder zu, da ſie bei dem Strahle des großen Küchenfeuers einen berittenen Mann in ſo unerwarteter Naͤhe ihrer Schwelle ſah, und ein Ausdruck des Schreckens miſchte ſich mit ihrer natür⸗ lichen Neugierde, als ſie nach ſeinem Begehren fragte. Obgleich die Thüre zu dicht ſchloß, um eine Unterſuchung der im Innern befindlichen Bequemlichkeiten zu geſtatten, ſo hatte doch der Reiter genug geſehen, um veranlaßt zu werden, mit verlangen⸗ den Blicken noch einmal durch das Dunkel zu ſpähen, ob er nicht ein wirthlicheres Dach entdecken könne, ehe er mit uͤbelverhehltem Widerwillen ſeine Lage und ſeine Wünſche kund gab. Seine Bitte wurde mit augenſcheinlichem Mißmuth angehört, und ehe er ſie noch beendigt hatte, ſchnell durch eine Erwiederung unterbrochen. „Ich kann nicht ſagen, daß ich es liebe, einem Fremden in ſo kitzlichen Zeiten Quartier zu geben,“ ſagte das Weib in einem frechen und ſchneidenden Tone;„ich bin nichts, als ein einſames verlaſſenes Geſchöpf, oder, was eben ſo viel heißt, es iſt Niemand als der alte Herr zu Haus; aber eine halbe Meile weiter unten liegt ein Haus an der Straße, wo Ihr ein Unterkommen finden könnt, ohne etwas dafür ausgeben zu müſſen. Ich weiß, daß es für jene paſſender ſeyn wird, und mir iſt es lieber, weil Harvey, wie ich vorhin ſagte, fort iſt. Ich wollte, er ließe ſich rathen, und gäbe das Wanderleben auf; er weiß ſich in dieſer Zeit gut in die Welt zu ſchicken und ſollte ſein unſicheres Umherſtreichen aufgeben,— ja, und ſich einen ordentlichen Hausſtand gründen, wie es andere Leute von ſeinen Jahren und ſeinem Vermögen auch machen. Aber Harvey Birch will ſeinen eigenen Weg gehen und wird zuletzt als Landſtreicher ſterben.“ Der Reiter achtete nach dem Rathe, ſeinen Weg auf der Straße fortzuſetzen, der keifenden Rede nicht weiter, ſondern wen⸗ dete langſam ſein Pferd gegen die Schranken und ſchlug, zur Vor⸗ ſorge gegen den Sturm, die Falten des weiten Mantels um ſeine männliche Geſtalt, als etwas in den Worten des Weibes plötzlich ſeine Bewegung anhielt. „Das iſt alſo die Wohnung des Harvey Birch?“ fragte er unwi Wort erwie der 5 ich n wertl liegt — k mich Geſie dieſen derer welch Meil ſetzen Kult Gebe niedr Haus an d geord Auße ſes Unſe Mau warf atür⸗ g der doch igen⸗ nicht oltem Bitte r ſie en. n in inem ames nand unten nden ß es wvey, then, gut ichen iden, auch und der ven⸗ Vor⸗ eine lich er 5 unwillkührlich, brach aber ſchnell ab, augenſcheinlich ſeine weiteren Worte unterdrückend. „Ei, man kann kaum ſagen, daß es ſeine Wohnung ſey,“ erwiederte die Andere, indem ihr in der Haſt der Antwort beinahe der Athem verſagte;„er iſt nie, oder doch ſo ſelten darin, daß ich mich kaum ſeines Geſichts erinnere, wenn er's einmal der Mühe werth hält, es ſeinem armen Vater und mir zu zeigen. Doch mir liegt wahrlich wenig daran, ob er je wieder zurückkommt oder nicht; — kehrt nur bei dem erſten Gitter zur Linken an;— nein, was mich anbelangt, ich kümmere mich nichts darum, ob Harvey je ſein Geſicht wieder ſehen läßt, oder nicht— ich gewiß nicht.“— Mit dieſen Worten ſchlug ſie ohne Umſtände die Thüre vor dem Wan⸗ derer zu, der in der frohen Hoffnung, ein Unterkommen zu finden, welches ihm mehr Bequemlichkeit und Sicherheit verhieß, eine halbe Meile weiter ritt. Es war noch hell genug, um den Reiſenden in den Stand zu ſetzen, die Verbeſſerungen“ zu unterſcheiden, welche ſich in der Kulturbeſchaffenheit und dem Geſammtanblick des Bodens um das Gebäude, dem er ſich jetzt näherte, ausſprachen. Es war ein langes, niedriges, ſteinernes, an jedem Ende mit einem Flügel verſehenes Haus. Eine aus zierlichen hölzernen Säulen beſtehende Halle lief an der Front des Gebäudes hin und gab, im Einklang mit den geordneten und in gutem Stand erhaltenen Einzäunungen und Außenbauten, dem Platze ein weit gefälligeres Ausſehen, als die⸗ ſes bei den gewöhnlichen Wohnungen der Gegend der Fall war. Unſer Wanderer leitete ſein Pferd hinter einen Vorſprung der Mauer, wo es einigermaßen gegen Wind und Regen geſchützt war, warf dann ſeinen Mantelſack über die Schulter und gab durch * Verbeſſerungen(improvements) nennen die Amerikaner jede durch menſch⸗ liche Bemühung hervorgebrachte Veränderung in dem Urzuſtande des Landes; ſie bedeuten in dem gegenwärtigen Falle das Fällen von Bäu⸗ men, wodurch der Boden in ſeinem Preiſe ſteigt. lautes Pochen an die Thüre ſeinen Wunſch, eingelaſſen zu werden, zu erkennen. Bald darauf erſchien ein alter Schwarzer, welcher, ohne es für nöthig zu halten, unter ſolchen Umſtänden ſeiner Herr⸗ ſchaft eine Meldung zu machen, bei dem Scheine des Kerzenlichtes, das er in der Hand hielt, einen prüfenden Blick auf den Bittſteller warf und ſodann ſeinem Geſuche um Aufnahme willfahrte. Der Reiſende wurde in ein ſehr ſchönes Beſuchszimmer gewieſen, in welchem ein Feuer brannte, um die Trübſeligkeit eines Oſtſturmes und eines Oktoberabends zu erheitern. Nachdem er ſeinen Mantelſack dem höflichen Dienſtmanne übergeben hatte, wiederholte er ſeine Bitte mit aller Artigkeit gegen den alten Herrn, welcher ſich zu ſeinem Empfange erhob, machte den drei Damen, welche ſich am Nähe⸗ tiſch beſchäftigten, ſeine Verbeugung und fing an, die Ueberkleider, welche er während ſeines Rittes getragen hatte, abzulegen. Als er das dichte Tuch, welches Hals und Kinn bedeckte, ab⸗ nahm und den blauen Mantel und Ueberrock beſeitigte, enthüllte er der beobachtenden Familie die hohe und ungemein anmuthige Ge⸗ ſtalt eines Mannes, welcher ungefähr fünfzig Jahre zählen mochte. Seine Züge trugen den Ausdruck der Beſonnenheit und Würde; ſeine Naſe war gerade und näherte ſich der griechiſchen Form; das graue Auge blickte ruhig, gedankenvoll und beinahe ſchwermüthig, während der Mund und die unteren Partien des Geſichts auf einen feſten und entſchiedenen Charakter hindeuteten. Sein Reiſe⸗ kleid war einfach und ungeziert, doch ſo, wie es die hoͤhern Klaſſen ſeiner Landsleute zu tragen pflegten; auch war ſein Haar in einer Weiſe verſchnitten, daß er dadurch ein militäriſches Ausſehen er⸗ hielt, welches noch durch ſeine gerade und unverkennbar anmuthige Haltung gehoben wurde. Sein ganzes Aeußere war ſo ausdrucks⸗ voll und entſchieden das eines Mannes von Stande, daß, als er ſeine Ueberkleider abgelegt hatte, die Damen ſich von ihren Sitzen erhoben, ihn zugleich mit dem Hausherrn auf's Neue bewillkommneten und die Begrüßungen erwiederten, die er ihnen wiederholt darbrachte. erden, elcher, Herr⸗ ichtes, ſteller Der lchem eines dem Bitte einem Nähe⸗ leider, e, ab⸗ llte er e Ge⸗ nochte. Zürde; ; das lüthig, s auf Reiſe⸗ Klaſſen einer hen er⸗ uthige drucks⸗ als er Sitzen mneten rrachte. 7 Der Wirth war um einige Jahre älter als der Reiſende, und zeigte durch ſein Benehmen, ſeinen Anzug und ſeine ganze Um⸗ gebung, daß er viel in der beſten Geſellſchaft gelebt hatte. Der Damenkreis beſtand aus einem unverheiratheten Frauenzimmer in den Vierzigen und zwei Mädchen, welche kaum die Hälfte dieſes Alters erreicht zu haben ſchienen. Die Blüthe der älteren dieſer Frauen⸗ zimmer war verſchwunden, obgleich die Augen und die ſchönen Haare ihren Zügen einen ungemein angenehmen Ausdruck gaben; auch lag in dem Benehmen der Dame eine Weichheit und Leutſelig⸗ keit, welche ihr einen Zauber verliehen, den viele jugendlichere Ge⸗ ſichter nicht beſitzen. Die beiden Schweſtern, denn als ſolche ließ ihre Aehnlichkeit die jüngern Frauenzimmer erkennen, prangten in dem Stolze der Jugend, und die Roſen ihrer Wangen— eine vorzugsweiſe Eigenthümlichkeit der Schönen in Weſt⸗Cheſter— gaben ihren tiefblauen Augen jenen Glanz, den man ſo gerne be⸗ ſchaut, und der gewöhnlich Unſchuld und innern Frieden bekundet. Das Aeußere dieſer drei Mädchen zeigte viel von der weiblichen Zartheit, durch welche ſich das ſchöne Geſchlecht in dieſer Gegend auszeichnet, und ihr Benehmen gab, wie das des Herrn, zu erken⸗ nen, daß ſie den höhern Ständen des Lebens angehörten. Herr Wharton, denn ſo hieß der Eigenthümer dieſer einſamen Beſitzung, bot ſeinem Gaſte ein Glas trefflichen Madeira's an, und nahm, ein zweites Glas in der Hand, wieder am Feuer Platz. Er ſchwieg einen Augenblick, als ob er ſich mit ſich ſelbſt beriethe, wie weit ſeine Höflichkeit gehen dürfe; bald aber warf er einen prüfenden Blick auf den Fremden und begann mit der Frage: „Auf weſſen Geſundheit habe ich die Ehre zu trinken?“ Der Reiſende hatte ſich gleichfalls niedergelaſſen und blickte bei Herrn Wharton's Anrede gerade gedankenvoll in's Feuer. Er wandte dann ſein Auge langſam und mit dem Blicke geſpannter Aufmerkſamkeit auf ſeinen Wirth, und erwiederte, während ein ſchwaches Roth ſeine Züge überflog: „Harper.“ „Herr Harper,“ entgegnete der andere, mit der förmlichen Beſtimmtheit jener Zeit;„ich habe die Ehre, auf Ihre Geſundheit zu trinken, und hoffe, daß Ihnen der Regen, welchem Sie ausge⸗ ſetzt waren, keinen Nachtheil bringen wird.“ Herr Harper beantwortete dieſe Höflichkeit mit einer ſchweigen⸗ den Verbeugung, und verſank bald wieder in das Nachſinnen, in welchem er geſtört worden war, und für das der lange Ritt, wel⸗ chen er an dieſem Tag in Wind und Wetter gemacht hatte, als ein natürlicher Entſchuldigungsgrund gelten mochte. Die jungen Damen hatten ihre Sitze an dem Arbeitstiſche wieder eingenommen, während ihre Tante, Miß Jeanette Peyton, ſich entfernte, um die nöthigen Vorkehrungen zu Befriedigung des Appetits ihres unerwarteten Gaſtes zu beaufſichtigen. Es herrſchte eine kurze Stille, während welcher Herr Harper ſich ſeiner nun⸗ mehrigen behaglichen Lage zu erfreuen ſchien; bald aber unterbrach ſie Herr Wharton auf's Neue mit der Frage, ob vielleicht der Ta⸗ hakrauch ſeinem Gefährten unangenehm ſey, und als er eine ver⸗ neinende Antwort erhielt, griff er ſogleich wieder nach der Pfeife, welche er beim Eintritt des Reiſenden bei Seite gelegt hatte. Es war augenſcheinlich, daß der Wirth ein Geſpräch anzu⸗ knüpfen wünſchte; doch zögerte er einige Male— ſey es, daß er fürchtete, einen gefährlichen Boden zu betreten ,oder weil er die wohl abſichtliche Schweigſamkeit ſeines Gaſtes nicht ſtören wollte— bis er ſich eine weitere Bemerkung erlaubte. Endlich ermuthigte ihn eine Bewegung von Seite Herrn Harper's, welcher ſeine Augen über die Geſellſchaft im Zimmer gleiten ließ, fortzufahren. „Ich finde es ſehr ſchwer,“ ſagte Herr Wharton, indem er Anfangs vorſichtig die Gegenſtände vermied, welche er zur Sprache bringen wollte—„mir die Sorte Tabak für meinen Abendzeitvertreib zu verſchaffen, an welche ich gewöhnt bin.“ ichen dheit asge⸗ gen⸗ „ in wel⸗ als tiſche yton, des eſchte nun⸗ brach Ta⸗ ver⸗ der gelegt anzu⸗ aß er r die te thigte lugen m er rache rtreib 9 „Ich ſollte denken, die Läden in Neu⸗York könnten den beſten im Lande liefern,“ erwiederte der Andere. „Ei— freilich,“ erwiederte der Wirth etwas zögernd, und erhob ſeine Augen zu Harper's Geſichte, ließ ſie aber ſchnell wieder ſinken, als er dem feſten Blicke ſeines Gaſtes begegnete;„es mag wohl eine große Menge in der Stadt liegen, aber der Krieg hat jede, auch die unſchuldigſte Verbindung mit ihr zu gefährlich ge⸗ macht, als daß man wegen eines ſo unbedeutenden Artikels, wie der Tabak iſt, eine ſolche zu unterhalten wagen ſollte.“ Die Doſe, aus welcher Herr Wharton eben ſeine Pfeife wieder geſtopft hatte, lag offen in dem Bereich einiger Zolle von dem Ellenbogen des Fremden, der jetzt ein wenig von ihrem Inhalt nahm und ihn auf eine zwar ganz natürliche Weiſe, aber doch ſo, daß ſein Gefährte dadurch in große Unruhe gerieth, auf der Zunge prüfte. Ohne ſich jedoch darüber auszuſprechen, daß er die Qua⸗ lität vorzüglich finde, verlor er ſich wieder, zur großen Beruhigung ſeines Wirthes, in ſein früheres Nachſinnen. Herr Wharton wollte aber den Vortheil, welchen er errungen, nicht gerne aus der Hand laſſen, und fuhr, indem er ſich mehr als gewöhnlich zuſammen⸗ nahm, fort: „Ich wünſchte von ganzem Herzen, dieſer unnatürliche Kampf wäre vorüber, daß wir doch wieder einmal in Friede und Liebe mit unſern Freunden und Verwandten zuſammenkommen könnten.“ „Es wäre allerdings ſehr zu wünſchen,“ ſagte Harper mit Nachdruck, indem er ſeinen Blick wieder zu dem Geſichte ſeines Wirthes erhob. „Ich höre ſeit der Ankunft unſerer neuen Verbündeten von keinen beſonders erfolgreichen Bewegungen,“ ſagte Herr Wharton, indem er die Aſche aus ſeiner Pfeife klopfte, und dem Andern unter dem Vorwande, ſich von ſeiner jüngſten Tochter eine Kohle geben zu laſſen, den Rücken kehrte. „Es iſt, glaube ich, noch nichts davon zur öffentlichen Kunde gekommen.“ „Glaubt man, daß wichtige Schritte geſchehen werden?“ fuhr Herr Wharton fort, der noch mit ſeiner Tochter beſchäftigt war, aber in Erwartung einer Antwort unwillkührlich ſeine Verrichtung unterbrach. „Hat man irgend Andeutungen über ſolche?“ „O, nichts Beſonderes; aber es iſt ganz natürlich, daß man von einer ſo gewaltigen Macht, wie die unter Rochambeau iſt, irgend ein neues Unternehmen erwartet.“ Harper nickte zuſtimmend mit dem Kopfe, ohne etwas Weiteres auf dieſe Bemerkung zu entgegnen, indeß Herr Wharton, nachdem er ſeine Pfeife angezündet hatte, den Gegenſtand wieder aufnahm. „Sie ſcheinen im Süden thätiger zu ſeyn. Es hat das An⸗ ſehen, als ob Gates und Cornwallis dem Kriege dort ein Ende machen wollten.“ Harper's Stirne runzelte ſich; ein tieferer Schatten von Schwer⸗ muth überflog ſein Antlitz, und in ſeinem Auge leuchtete der Strahl eines vorübergehenden Feuers, welches die Tiefe ſeiner Gefühle verrieth. Der Blick der jüngern Schweſter hatte aber kaum Zeit gehabt, dieſen Ausdruck verwundernd wahrzunehmen, als er auch ſchon wieder verſchwunden war, und der Faſſung, welche die Züge des Fremden auszeichnete, wie auch jener ausdrucksvollen Würde, welche augenſcheinlich die Herrſchaft des Geiſtes bezeichnet, wieder Raum gab. Die ältere Schweſter rückte einigemale auf ihrem Stuhle hin und her, ehe ſie zu ſprechen wagte, und begann dann in einem Tone, der nicht wenig triumphirend klang: „General Gates iſt mit dem Grafen weniger glücklich geweſen, als mit dem General Burgoyne.“ „Aber General Gates iſt ein Engländer, Sara,“ antwortete die jüngere Dame raſch; dann erröthete ſie bis zur Stirne über ihre eigene Kühnheit und durchwühlte haſtig ihr Arbeitskörbchen, in der ſtillen Hoffnung, ihre Bemerkung ſey unbeachtet geblieben. Der Reiſende hatte ſein Auge von einer Schweſter auf die uhr dar, ung nan gend eres dem ihm. An⸗ Ende wer⸗ rahl fühle Zeit auch Züge elche gab. e hin einem veſen, ortete über bchen, ben. f die 11 andere gerichtet, als ſie nach einander ihre Meinungen preis⸗ gaben, und ein faſt unbemerkliches Zucken der Muskeln ſeines Mundes verrieth eine neue Erregung, als er die jüngere ſcherzend fragte: „Darf ich mir die Frage erlauben, welche Folgerung Sie aus dieſem Umſtande ziehen?“ Franciska erröthete noch höher, als ſie ſo geradezu um ihre Meinung über einen Gegenſtand angegangen wurde, den ſie unvor⸗ ſichtiger Weiſe in der Gegenwart eines Fremden berührt hatte. Da ſte aber die Nothwendigkeit einer Antwort einſah, ſo erwiederte ſie nach einigem Zögern nicht ohne Stottern: „Nun— nun— mein Herr— meine Schweſter und ich ſind bisweilen verſchiedener Meinung über die Tapferkeit der Engländer.“ Ein vielſagendes Lächeln ſpielte um den Mund des unſchuldigen Kindes als ſie ſchloß. „In welcher Beziehung unterſcheiden ſich wohl Ihre Anſichten über dieſen Gegenſtand?“ fuhr Harper fort, indem er ihrem leben⸗ digen Blicke mit dem Lächeln einer faſt väterlichen Zartheit ent⸗ gegen kam. „Sara glaubt, die Engländer ſeyen nie geſchlagen worden, während ich in ihre Unüberwindlichkeit kein ſo großes Vertrauen ſetze.“ Der Reiſende hörte ihr mit jener zufriedenen Nachſicht zu, mit welcher das kräftige Alter ſo gerne die Glut jugendlicher Unſchuld betrachtet; aber, ohne etwas zu entgegnen, wandte er ſich wieder gegen das Feuer und blickte eine Weile ſchweigend auf die glim⸗ menden Kohlen. Herr Wharton hatte ſich vergebens bemüht, über die politiſchen Anſichten ſeines Gaſtes in's Klare zu kommen. Obgleich in dem Aeußern deſſelben nichts Zurückſtoßendes lag, ſo forderte es doch auch nicht zur Mittheilung auf, ſondern zeigte im Gegentheil eine augenfällige Zurückhaltung. Der Hausherr erhob ſich daher, um den Fremden in ein anderes Zimmer zum Abendeſſen zu führen, ohne von ihm etwas, was irgend einen Aufſchluß über ſeinen Cha⸗ rakter geben mochte, erfahren zu haben. Herr Harper bot Sara Wharton den Arm, und ſie traten mit einander in's Speiſezimmer, während Franziska folgte, ohne zu wiſſen, ob ſie nicht vielleicht die Gefühle des Gaſtes ihres Vaters verletzt habe. Der Sturm begann außen mit aller Heftigkeit zu toben, und die Regengüſſe, welche gegen die Wände des Gebäudes ſchlugen, weckten jenes ſtille Gefühl von Behaglichkeit, welches ſolche Töne in einem angenehmen warmen Zimmer hervorzubringen im Stande ſind, als plötzlich ein lautes Pochen den treuen Schwarzen wieder an das Außenthor rief. Eine Minute ſpäter kehrte der Diener wieder zurück und theilte ſeinem Herrn mit, daß ein zweiter Rei⸗ ſender, vom Sturm überfallen, um Einlaß und um ein Obdach für die Nacht bitte. Bei den erſten Tönen der ungeduldigen Aufforderung dieſes neuen Bewerbers hatte Herr Wharton ſich mit ſichtlichem Mißbe⸗ hagen von ſeinem Sitze erhoben, und während er die Blicke raſch von ſeinem Gaſte zur Zimmerthüre gleiten ließ, ſchien er von dieſer zweiten Störung etwas zu erwarten, was mit dem Fremden, der die erſte veranlaßt hatte, in Verbindung ſtand. Er hatte kaum Zeit, dem Schwarzen leiſe den Auftrag zu geben, daß er den neuen Ankömmling hereinführen ſolle, als die Thüre haſtig aufgeriſſen wurde, und der Fremde ſelbſt in's Zimmer trat. Er hielt einen Augenblick an, als er Harper's anſichtig wurde, und wiederholte dann in mehr förmlicher Weiſe das Geſuch, welches er bereits dem Diener vorgetragen hatte. Herrn Wharton und ſeiner Familie kam dieſer neue Beſuch äußerſt ungelegen; aber das Ungeſtüm des Wet⸗ ters und das Ungewiſſe der Folgen, wenn man dem Fremden ein Obdach verweigerte, veranlaßte den alten Herrn, wenn auch mit Widerwillen, der Bitte zu willfahren. Miß Peyton ließ einige Schüſſeln wieder aufſtellen, und der durch gefall erhob nahm Umſte der n warf ſpähe heit Wein und glaub merkſ vermt ſeyn, er mi nahm das betra erwie Bewe befrie welch ſehr leben Vate einme durchnäßte Eindringling wurde eingeladen, ſich die Reſte des Mahles gefallen zu laſſen, von welchem die übrige Geſellſchaft ſich eben erhoben hatte. Er legte den rauhen großen Ueberrock bei Seite, nahm ſehr gefaßt den angebotenen Stuhl und machte ſich ohne Umſtände an die Befriedigung der Anforderungen ſeines Appetites, der nicht im mindeſten ekel zu ſeyn ſchien. Bei jedem Biſſen aber warf er einen unruhigen Blick auf Harper, welcher ſein Auge ſpähend auf ihm ruhen ließ, und ihn dadurch in große Verlegen⸗ heit ſetzte. Endlich füllte ſich der neue Ankömmling ein Glas mit Wein, nickte, ehe er trank, ſeinem Beobachter bedeutungsvoll zu und ſagte nicht ohne einige Bitterkeit des Tones: „Ich trinke auf unſere beſſere Bekanntſchaft, Herr! Ich glaube, es iſt das erſtemal, daß wir uns treffen, obgleich die Auf⸗ merkſamkeit, mit welcher Sie mich betrachten, mich das Gegentheil vermuthen läßt.“ Die Qualitat des Weines ſchien nach ſeinem Geſchmack zu ſeyn, denn als er das Glas wieder auf den Tiſch ſtellte, ſchnalzte er mit den Lippen, daß es durch das ganze Zimmer tönte; dann nahm er die Flaſche und hielt ſie einen Augenblick ſchweigend gegen das Licht, um die Klarheit und das Feuer ſeiner Farbe zu betrachten. „Ich denke nicht, daß wir uns früher geſehen haben, mein Herr,“ erwiederte Harper mit einem leichten Anflug von Lächeln, als er die Bewegungen des Andern beobachtete; dann wandte er ſich, ſcheinbar befriedigt von dem Ergebniß ſeiner Unterſuchung, zu Sara Wharton, welche neben ihm ſaß, und warf nachläßig die Bemerkung hin: „Sie werden ohne Zweifel Ihren gegenwärtigen Aufenthalt ſehr einſam finden, nachdem ſie die Annehmlichkeiten des Stadt⸗ lebens gekoſtet haben.“ „Ach, ſehr,“ verſetzte Sara raſch.„Ich wünſche mit meinem Vater, daß dieſer grauſenvolle Krieg zu Ende wäre, um wieder einmal zu unſern Freunden zurückkehren zu können.“ „Und Sie, Miß Franziska, ſehnen Sie ſich auch ſo ſehr nach dem Frieden, wie Ihre Schweſter?“ „In mancher Hinſicht gewiß,“ erwiederte das Mädchen, in⸗ dem ſie einen furchtſamen Blick auf den Frager warf; da ſie aber in ſeinem Geſichte demſelben Ausdrucke des Wohlwollens begegnete, wie früher, ſo fuhr ſie mit leuchtendem Antlitz und einem ſprechen⸗ den ſinnigen Lächeln fort:„aber nicht auf Koſten der Rechte mei⸗ ner Landsleute.“ „Rechte?“ wiederholte ihre Schweſter ungeduldig.„Weſſen Rechte können gewichtiger ſeyn, als die eines Souveräns? und welche Pflicht iſt klarer, als der Gehorſam gegen diejenigen, welche ein natürliches Recht zu befehlen haben?“ „Gewiß, keine,“ ſagte Franeiska mit ſcherzender Heiterkeit, faßte zärtlich die Hand ihrer Schweſter mit der ihrigen und fügte mit einem Lächeln gegen Harper bei: „Ich habe Ihnen bereits bemerkt, daß meine Schweſter an⸗ dere politiſche Anſichten hat, als ich. Wir haben aber einen un⸗ parteiiſchen Schiedsrichter in unſerem Vater, welcher ſeine Lands⸗ leute und die Engländer liebt, und daher bei keinen von beiden Partei nimmt.“ „Ja,“ ſagte Herr Wharton, indem er etwas beunruhigt zuerſt den einen, dann den andern ſeiner Gäſte anblickte;„ich habe nahe Freunde in beiden Armeen und fürchte den Sieg einer jeden, weil er die Quelle eines mich näher angehenden Unglücks werden kann.“ „Ich denke, Sie werden in dieſer Hinſicht wenig von den Yankees zu befürchten haben,“ unterbrach ihn der an dem Tiſche ſitzende Gaſt, indem er ſich wieder ein Glas aus der bewunderten Flaſche füllte. „Seine Majeſtät mag erfahrenere Truppen haben, als der Congreß,“ erwiederte der Wirth ängſtlich,„aber die Amerikaner haben ſie mit einem ausgezeichneten Erfolg bekämpft.“ Harper achtete nicht auf die Bemerkungen der ſprechenden in⸗ aber nete, hen⸗ mei⸗ eſſen und elche rkeit, fügte an⸗ un⸗ ands⸗ heiden zuerſt nahe weil ann.“ den Tiſche derten 3 der ikaner enden 15 Perſonen und erhob ſich mit der Bitte, daß man ihm ein Schlaf⸗ gemach anweiſen möchte. Ein kleiner Burſche wurde beauftragt, ihn zu ſeinem Zimmer zu führen, und nachdem der Reiſende der ganzen Geſellſchaft höflich gute Nacht gewünſcht hatte, zog er ſich zurück. Als die Thüre ſich hinter Harper ſchloß, entfielen Meſſer und Gabel den Händen des unwillkommenen Eindringlings;— er erhob ſich langſam von ſeinem Sitze, näherte ſich mit aufmerk⸗ ſamem Horchen der Thüre des Zimmers, oͤffnete ſie, ſchien auf die Tritte des ſich Entfernenden zu lauſchen und ſchloß ſie wieder unter großem Schrecken und Staunen der Anweſenden. Dann war in einem Augenblick die rothe Perücke, welche ſeine ſchwarzen Locken verbarg, das große Pflaſter, welches ſein halbes Geſicht der Beob⸗ achtung entzog, und der gekrümmte Rücken, der ihn als einen Fünf⸗ ziger erſcheinen ließ, verſchwunden. „Mein Vater! mein theurer Vater!“ rief der ſchöne junge Mann,„und ihr, meine lieben Schweſtern, meine liebe Tante!— Sehe ich Euch endlich wieder?“ „Gott ſegne Dich, mein Heinrich, mein Sohn!“ rief der er⸗ ſtaunte, hoch entzückte Vater, während die beiden Schweſtern ihn umarmten und in Thränen zerfloſſen.“ Der treue alte Schwarze, welcher von Kindheit an in dem Hauſe ſeines Gebieters erzogen worden und, als geſchehe es in höhnendem Widerſpruch mit ſeiner niedrigen Lage, den Namen Cäſar erhalten hatte, war der einzige weitere Zeuge dieſer uner⸗ warteten Enthüllung von Herrn Wharton's Sohne. Er ergriff die ausgeſtreckte Hand ſeines jungen Herrn, bedeckte ſte mit heißen Küſſen und entfernte ſich. Der Knabe, welcher Harpern geleitet hatte, trat nicht wieder in's Zimmer, und als der Neger nach einer Weile zurückkehrte, ſtellte gerade der junge Kapitän die Frage: „Aber wer iſt dieſer Harper?— wäre er wohl im Stande, mich zu verrathen?“ „Nein— nein— nein— Maſſa Harry,“ rief der Schwarze indem er zuverſichtlich den Kopf ſchüttelte;„ich haben geſehen— Maſſa Harper auf ſein Knie— beten zu Gott— kein Mann, der beten zu Gott, ſagen, daß ein guter Sohn kommen zu ſehen, alten Vater.— Schinder thun das— nicht Chriſt!“ Dieſe üble Meinung von den Schindern beſchränkte ſich nicht allein auf Meiſter Cäſar Tompſon, wie er ſich ſelbſt nannte— oder Cäſar Wharton, unter welchem Namen er dem kleinen Kreiſe, welcher eiwas von ſeinem Daſeyn wußte, bekannt war. Politik und vielleicht auch die Noth hatte die amerikaniſchen Heerführer in der Nähe von Neu⸗York veranlaßt, ſich zu Ermüdung des Fein⸗ des gewiſſer untergeordneter Agenten von ſehr zweideutigem Cha⸗ rakter zu bedienen, welche nebenzu ihre eigenen niedrigeren Zwecke verfolgten. Es war kein Zeikpunkt, auf ermüdende Unterſuchungen von Mißbräuchen irgend einer Art einzugehen, und Unterdrückung und Ungerechtigkeit waren die natürlichen Folgen des Beſitzes einer militäriſchen Macht, welche durch keine bürgerliche Gewalt gezü⸗ gelt wurde. So bildete ſich denn allmählig eine Rotte, welche ſich einzig damit abzugeben ſchien, ihren Mitbürgern den geringen Ueberſchuß zeitlicher Güter, deren ſie ſich erfreuen mochten, unter dem Vorwande des Patriotismus und der Freiheitsliebe abzu⸗ nehmen. Gelegentlich fehlte es auch nicht, daß das kriegeriſche Anſehen derartige willkührliche Vertheilungen des Beſitzthums erzwingen half, und ein unbedeutender militäriſcher Gewalthaber vermochte Handlungen der zügelloſeſten Raubgier und nicht ſelten der Mord⸗ luſt— den Anſchein von Gerechtigkeit zu verleihen. Von Seite der Engländer wurde gleichfalls nichts verſäumt, die Loyalität aus ihrem Schlummer zu wecken, da ſich hier zu ihrer Anwendung ein ſo ergiebiger Boden darbot. Doch waren ihre Freibeuter regelmäßige Corps, welche in ihrem edlen Gewerbe mehr ſyſtematiſch zu Werk gingen. Lange Erfahrung hatte ihre Führer die Wirkſamkeit der Kräftevereinigung kennen gelehrt, und wenn ſo he Corps liebe Kühj Georg gern geweſt Armu jungen nem der“ i unter 3 ſtamm in der York; dere it nahm wurde Schule Univer Jüngli De 17 n— wenn anders die Sage ihrer Handlungsweiſe nicht Unrecht thut, , der ſo hat der Erfolg ſolche Vorſicht nicht wenig gerechtfertigt. Die alten Corps hatten,— wie wir vermuthen, wegen ihrer bekannten Vor⸗ liebe für dieſe nützlichen Thiere—, den bezeichnenden Namen der nicht„Kühjungent erhalten. te— Cäſar dachte jedoch viel zu loyal, um Leute, welche in König ereiſe, Georg's des Dritten Dienſt ſtanden, mit den unregelmäßigen Krie⸗ olitik gern zu verwechſeln, von deren Ausſchweifungen er ſo oft Zeuge ührer geweſen war und gegen deren Raubſucht ihm nicht einmal ſeine Fein⸗ Armuth und ſeine Leibeigenſchaft zu ſchützen vermochte. Die Küh⸗ Cha⸗ jungen erhielten daher nicht den ihnen gebührenden Antheil in ſei⸗ wecke nem ſchwarzen Regiſter, wenn er ſagte, kein Chriſt, nur ein Schin⸗ ungen der’ waͤre im Stande, ein zärtliches Kind zu verrathen, welches ckung unter ſo großen Gefahren ſeinen Vater mit einem Beſuche beehre. einnſeererr gezů⸗ e ſich Zweites Kapitel. ingen So lebt er manches ſchöne Jahr vergnügt, unter Ununterbrochen; doch des Schickſals Tücke abzu⸗ Trennt ihren Bund— dem Tod ſie früh erliegt, Und nur Gertrude noch ſich an den Vater ſchmiegt. iſehen Gertrude von Wyoming. ingen Der Vater des Herrn Wharton war in England geboren und nochte ſtammte aus einer Familie, deren Einfluß auf das Parlament ſie Mord⸗ in den Stand ſetzte, einen jüngern Sohn in der Colonie Neu⸗ York zu verſorgen. Der junge Mann hatte ſich, wie hundert an⸗ äumt, dere in ſeiner Lage, für immer in dieſem Lande angeſiedelt. Er er zu nahm eine Frau, und der einzige Sprößling dieſer Verbindung waren wurde früh nach England geſchickt, um die Vortheile der dortigen werbe Schulen zu genießen. Nachdem dieſer ſeine Studien auf einer der ihre Univerſitäten des Mutterlandes beendigt hatte, geſtattete man dem „und Jüngling, ſich im Leben ſelbſt umzuſehen, um die Geſellſchaft und Der Spion. 3. Aufl. 2 den in Europa geltenden Ton kennen zu lernen. Als er ſich aber zwei Jahre in dieſer Weiſe umhergetrieben hatte, ſtarb ſein Vater, wodurch er veranlaßt wurde, in die Heimath zurückzukehren, wo ſeiner ein geachteter Name und eine anſehnliche Hinterlaſſenſchaft harrte. Es gehörte zu der Mode jener Zeit, die Söhne gewiſſer Fa⸗ milien in der engliſchen Armee oder Flotte, als der gewöhnlichen Stufenleiter des Emporkommens, unterzubringen. Die meiſten hohen Stellen in den Colonien waren mit Männern beſetzt, welche mit dem Wafefendienſt ihre Laufbahn begonnen hatten, und es war keine ungewöhnliche Erſcheinung, daß ein alter Krieger das Schwert bei Seite legte, um ſich auf den Bänken des höchſten Gerichthofs den Hermelin umzuwerfen. ume Im Einklang mit dieſen Anſichten hatte auch der ältere Whar⸗ ton ſeinen Sohn zum Soldaten beſtimmt, aber eine natürliche Weichlichkeit des Charakters, welche ſich bereits bei dem Kinde ausſprach, war ſeinen Wünſchen in die Quere gekommen. Der junge Mann brachte ein Jährchen damit zu, die be⸗ ziehungsweiſen Vortheile der verſchiedenen Waffengattungen zu er⸗ wägen, als ihm durch den Tod ſeines Vaters die Wahl erſpart wurde. Das Behagliche ſeiner Lage und die Aufmerkſamkeiten, welche an einen Jüngling verſchwendet wurden, der ſich eines der größten Beſitzthümer in den Colonien zu erfreuen hatte, kreuzten ſeine ehrgeizigen Plane. Die Liebe gab in der Sache den Aus⸗ ſchlag, und als Herr Wharton Gatte geworden war, ſiel es ihm nicht mehr ein, an ſeine beabſichtigte kriegeriſche Laufbahn zu den⸗ ken. So lebte er viele Jahre glücklich im Kreiſe ſeiner Familie und geachtet von ſeinen Landsleuten als ein Mann von Bedeutung und unbeſcholtenen Sitten, als auf einmal ſein ganzes Glück, ſo zu ſagen, mit einem Streich vernichtet wurde. Sein einziger Sohn, der im vorigen Kapitel eingeführte Jüngling, hatte in der Ar⸗ mee Dienſte genommen und war kurze Zeit vor dem Anfang der gekon von eben Beni größ ſeit an's erfre von war Soh im Sitt und unm fruh mit ſchie wur! land vern dieſe der jedo min eine ſtütz ſcha nich ) aber Vater, 1, wo nſchaft er Fa⸗ nlichen neiſten welche es war ſchwert chthofs Whar⸗ türliche Kinde die be⸗ zu er⸗ erſpart nkeiten, nes der reuzten n Aus⸗ es ihm zu den⸗ Familie deutung ück, ſo Sohn, der Ar⸗ ang der 19 Feindſeligkeiten mit den Verſtärkungen in ſein Geburtsland zuruͤck⸗ gekommen, welche das Miniſterium in die mißvergnügten Gegenden von Nord⸗Amerika zu ſenden für gut hielt. Seine Töchter ſollten eben in die Welt eingeführt werden, und ihre Erziehung ſchien die Benützung aller Hülfsmittel nöthig zu machen, welche das Leben in größeren Städten bietet. Die Geſundheit ſeiner Gattin nahm ſchon ſeit mehreren Jahren ab, und ſie hatte kaum Zeit, ihren Sohn an's Herz zu drücken und ſich des Beiſammenſeyns ihrer Familie zu erfreuen, als die Revolution ausbrach und ſich in leckender Flamme von Georgien bis nach Maſaachuſetts verbreitete. Dieſer Schlag war zu heftig für den kränkelnden Zuſtand der Mutter, welche ihren Sohn in's Feld ziehen ſah, um gegen ihre eigenen Familienglieder im Süden zu kaͤmpfen, und ſie erlag der Ueberwucht deſſelben. In keinem Theile des amerikaniſchen Feſtlandes waren die Sitten der Engländer und ihre ariſtokratiſchen Begriffe von Adel und Familieneinfluß vorherrſchender, als in einem gewiſſen Bezirke unmittelbar um die Hauptſtadt Neu⸗York. Die Gewohnheiten der früheren holländiſchen Bewohner hatten ſich zwar einigermaßen mit den engliſchen vermiſcht, aber doch behaupteten letztere ent⸗ ſchieden das Uebergewicht. Die Anhänglichkeit an Großbrittanien wurde noch durch die häufigen Heirathen der Offiziere des Mutter⸗ lands in die reicheren und angeſeheneren Familien der Nachbarſchaft vermehrt, ſo daß ſich bei dem Beginn der Feindſeligkeiten durch dieſen Zuſammenfluß der Umſtände die Colonie faſt auf die Seite der Krone hinüberneigte. Einige der erſten Familien erklärten ſich jedoch für die Sache des Volkes, nahmen den Bemühungen der miniſteriellen Partei gegenüber eine feſte Stellung an und führten eine unabhängige republikaniſche Regierung ein, welcher ſie, unter⸗ ſtützt von der Waffenmacht der Konföderation, Anſehen zu ver⸗ ſchaffen wußten. 4 Die Stadt Neu⸗York mit dem anliegenden Gebiet ſtand allein nicht unter der Herrſchaft des neuen Freiſtaates, obgleich das königliche Anſehen ſich nicht weiter erſtreckte, als es durch die Gegen⸗ wart der Armee geltend gemacht werden konnte. Unter dieſen Um⸗ ſtänden bedienten ſich die einflußreicheren königlich Geſinnten ſolcher Maaßregeln, wie ſie gerade ihren Charakteren und ihren Verhält⸗ niſſen angemeſſen waren. Viele ergriffen zum Schutze der Krone die Waffen und mühten ſich, durch Tapferkeit und Anſtrengung das, was ſie für die Rechte ihres Fürſten hielten, zu ſichern und ihre Beſitzthümer gegen die Wirkungen des Konſiskationsgeſetzes zu vertheidigen. Andere verließen das Land und ſuchten auf jener Inſel, welche ſie vorzugsweiſe ihre Heimath nannten, für die paar Monate der Verwirrung und Kriegsgefahr— denn länger konnte, wie ſie ſehnlich hofften, der Kampf nicht dauern— eine Zufuucht. Ein dritter und vorſichtigerer Theil blieb aus kluger Berückſichtigung ſeiner großen Beſitzungen und vielleicht auch aus Anhänglichkeit an den Tummelplatz ſeiner Jugendjahre an der Stätte ſeiner Geburt. Zu dieſem letzteren gehörte auch Herr Wharton. Nachdem er zur Vorſorge gegen künftige Unfälle im Geheimen all ſein Geld in der engliſchen Bank niedergelegt hatte, entſchloß ſich dieſer Ehren⸗ mann, auf dem Schauplatze des Krieges auszuharren und eine ſtrenge Neutralität zu beobachten, um ſich unter allen Umſtänden ſeinen großen Grundbeſitz zu ſichern. Er war ſcheinbar ganz mit der Erziehung ſeiner Töchter beſchäftigt, als ihm ein Verwandter, welcher bei der neuen Regierung eine hohe Stelle begleitete, die vertrauliche Mittheilung machte, daß der Aufenthalt in einer Ge⸗ gend, wo ſich jetzt ein brittiſches Lager befände, von ſeinen Lands⸗ leuten nicht viel anders betrachtet werde, als ob er die Hauptſtadt des brittiſchen Reiches zu ſeinem Wohnort gewählt hätte. Herr Wharton ſah bald, daß dieſes bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge ein unverzeihlicher Fehler ſey, und er entſchloß ſich ſogleich, der Schwierigkeit dadurch zu begegnen, daß er ſich auf's Land zu⸗ rückzog. Er beſaß ein Landhaus in der Grafſchaft Weſt⸗Cheſter, in welchem er ſeit vielen Jahren die heißen Sommermonate egen⸗ Um⸗ lcher hält⸗ drone gung und ſetzes jener paar unte, lucht. gung it an burt. r zur d in hren⸗ eine inden 3 mit nter, , die Ge⸗ ands⸗ tſtadt Herr d der leich, d zu⸗ jeſter, onate 21 zuzubringen pflegte, weßhalb er es auch immer in einem wohnlichen und für ſeine Bequemlichkeit geeigneten Stande erhielt. Seine älteſte Toch⸗ ter war bereits in die Cirkel der modernen Damenwelt eingeführt; aber Franciska, die jüngere, bedurfte noch eines ein⸗ oder zwei⸗ jährigen Unterrichts, um mit dem gehörigen Glanze auftreten zu können;— wenigſtens war dieß die Anſicht von Miß Jeanette Peyton, und da dieſe Dame, eine jüngere Schweſter ihrer hinge⸗ ſchiedenen Mutter, ihr Vaterhaus in der Colonie Virginien ver⸗ laſſen hatte, um mit der ihrem Geſchlechte eigenthümlichen Auf⸗ opferung und Liebe die Obhut über ihre verwaisten Nichten zu übernehmen, ſo fühlte Herr Wharton wohl, daß ihre Meinung geachtet werden müſſe. Im Einklang mit dieſem Rathe mußte alſo die Eitelkeit des Vaters der Wohlfahrt ſeiner Kinder weichen. Herrn Wharton's Herz war zerriſſen, als er von Allem, was ſeine angebetete Gattin zurückgelaſſen hatte, ſich trennen ſollte; doch gehorchte er der Klugheit, welche ihn laut zu Erhaltung ſei⸗ ner zeitlichen Güter aufforderte, und zog ſich nach den Loeuſten“ zurück. Sein ſchönes Haus in der Stadt wurde inzwiſchen von der Tante und den Töchtern bewohnt. Das Regiment, zu welchem Kapitän Wharton gehörte, bildete ein Theil der ſtändigen Beſatzung der Stadt, und die Ueberzeugung, daß ſeine von ihm entfernten Töchter, um welche er immer ängſtlich bekümmert war, in der An⸗ weſenheit ſeines Sohnes des nöthigen Schutzes genöſſen, gereichte dem Vater zu nicht geringem Troſte. Aber Kaptän Wharton war ein junger Mann und— Soldat. Menſchenkenntniß ſpielte bei ihm nur eine untergeordnete Rolle, und die Vorliebe für ſeinen Stand ließ ihn glau⸗ ben, daß ein rother Rock nie ein unehrenhaftes Herz bedecken könne. Herrn Wharton's Haus wurde, wie das einer jeden anderen * Eine in Amerika häufig vorkommende Baumart aus der Familie der Leguminoſen, die von der Stellung der Blätter auch den Namen Heu⸗ ſchreckenbaum führt und deren häufiges Vorkommen ohne Zweifel der Gegend den Namen geliehen hat. 22 Familie, welche man der Beachtung würdig hielt, der tongemäße Converſationsplatz müſſiger Offtziere aus der königlichen Armee. Die Folgen einer ſolchen Verbindung waren nur für wenige der beſuchten Familien glücklich, für mehrere nachtheilig, weil dadurch Hoffnungen rege wurden, welche nie in Erfüllung gehen konnten— und unglücklicherweiſe für eine nicht geringe Anzahl verderblich. Der bekannte Reichthum des Vaters und vielleicht auch die Gegen⸗ wart eines hochſinnigen Bruders ließen zwar für die jungen Damen die letztere Gefahr nicht befürchten; aber es war unmöglich, daß die Huldigungen, welche Miß Sara's ſchöner Geſtalt und lieblichem Antlitz dargebracht wurden, ganz auf unfruchtbaren Boden fielen. Ihr Korper zeigte die frühe Reife des Klimas, und eine ſorgfältige Ausbildung ihrer Reize hatte ſie unſtreitig zur erſten Schönheit der Stadt gemacht. Keine, als vielleicht ihre jüngere Schweſter, durfte hoffen, ihr dieſen weiblichen Vorrang ſtreitig zu machen. Aber Fran⸗ eiska hatte das bezaubernde Alter von ſechszehn Jahren noch nicht ganz erreicht, und der Gedanke einer Nebenbuhlerſchaft blieb der Seele beider ſich zärtlich liebenden Maͤdchen fremd. In der That war es auch, außer der Unterhaltung mit Obriſt Wellmere, Sara's größtes Vergnügen, die Blüthenknospen der kleinen Hebe zu be⸗ trachten, welche in der ganzen Unſchuld, der Jugend, mit der vollen Gluth einer feurigen Seele und der Schalkhaftigkeit ange⸗ borner Laune um ſie ſpielte. War es vielleicht, daß der kleinen Franciska keine von den Artigkeiten, welche ihrer älteren Schweſter ſo reichlich zufloſſen, zu Theil wurde, oder hatte es einen anderen Grund— kurz, die Unterhaltung über kriegeriſches Verdienſt, welche unter den ſüßen Herrchen von der Armee, die das Haus beſuchten, ſo oft wiederholt wurden, übten auf die beiden Schweſtern einen ganz entgegengeſetzten Einfluß. Es gehörte damals zum Ton der brittiſchen Offiziere, von ihren Feinden verächtlich zu ſprechen, und Sara nahm die eiteln Prahlereien ihrer Verehrer für Wahr⸗ heit. Die erſten politiſchen Meinungen, welche Franciska's Ohr ſü⸗ mãße rmee. ge der durch en— blich. zegen⸗ damen „daß lichem fielen. fältige it der durfte Fran⸗ nicht b der That Sara's zu be⸗ it der ange⸗ kleinen weſter nderen dienſt, Haus veſtern m Ton rechen, Wahr⸗ 3 Ohr erreichten, waren daher von Hohnworten über das Benehmen ihrer Landsleute begleitet. Zuerſt glaubte auch ſie denſelben; aber hin und wieder mußte ein General ſeinen Feinden Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, um ſelbſt Gerechtigkeit zu finden, und endlich wurde es Franciska etwas zweifelhaft, ob es denn auch mit der Unfähig⸗ keit ihrer Landsleute ſeine Richtigkeit habe. Obriſt Wellmere war unter denen, welchen es das meiſte Vergnügen machte, ihren Witz über die unglücklichen Amerikaner auszulaſſen, und Franciska fing bald an, ſeiner Beredſamkeit mit Argwohn und bisweilen mit Em⸗ pfindlichkeit zuzuhören. Einmal befanden ſich an einem drückend heißen Tage die Drei in dem Geſellſchaftszimmer von Herrn Wharton's Hauſe. Der Obriſt und Sara ſaßen auf dem Sopha und gaben unter dem ge⸗ wöhnlichen nichts ſagenden Geplauder dem Spiele ihrer Augen Raum, während ſich Franciska an dem entgegengeſetzten Ende des Zimmers mit ihrem Strickrahmen beſchäftigte, als Wellmere plötzlich ausrief: „Wie wird ſich die ganze Stadt über die Ankunft der Armee unter General Burgoyne freuen, Miß Wharton!“ „Ach, wie angenehm muß das ſeyn,“ erwiederte die gedanken⸗ loſe Sara.„Man hat mir geſagt, es ſeyen viele bezaubernde Frauen bei jener Armee. Gewiß wird ſie, wie Sie ſagten, Leben und Heiterkeit verbreiten.“ Franciska ſtrich die Fülle ihrer goldenen Locken zurück und er⸗ hob die Augen, welche von der Gluth ihres Nationalgefühls ſtrahl⸗ ten, dann lachte ſie und fragte mit verſteckter Schalkhaftigkeit: „Iſt es ſo gewiß, daß man den General Burgoyne die Stadt erreichen läßt?“ „Erreichen läßt?“ wiederholte der Obriſt.„Wer wird ihn wohl daran hindern, meine hübſche Miß Fanny?“ Franciska war gerade in dem Alter, wo Mädchen am eifer⸗ ſüchtigſten auf ihre Stellung in der Geſellſchaft ſind, da man ſie nicht eigentlich zu den Damen rechnen und doch auch nicht als Kinder behandeln kann. Das ‚hübſche Miß Fanny: klang zu ver⸗ traulich, um ihr zu behagen, und ſie ließ ihre Augen wieder auf ihre Arbeit ſinken, indeß ihre Wangen wie Purpur glühten. „General Stark hat die Deutſchen abgefangen,“ antwortete ſie, und legte den Finger an ihre Lippe.„Könnte es General Gates nicht für zu gefährlich halten, die Britten frei ausgehen zu laſſen?“ „Ach! das waren Deutſche, wie Sie ſelbſt ſagen,“ rief der Obriſt, höchſt verdrießlich über die Nothwendigkeit, ſich überhaupt darüber ausſprechen zu müſſen;„bloße Miethtruppen! Aber wenn es ſich um die eigentlichen brittiſchen Regimenter handelt, ſo werden Sie ganz andere Erfolge ſehen.“ „Daran iſt gar kein Zweifel,“ verſetzte Sara, ohne auch nur im mindeſten die Empfindlichkeit des Obriſten gegen ihre Schweſter zu theilen, aber doch bereits in ihrem Herzen den Engländern zu ihren Siegen Glück wünſchend. „Ei, ſagen Sie mir doch, Obriſt Wellmere,“ entgegnete Franciska, indem ſie ihre heitere Laune wieder annahm und ihren ſchelmiſchen Blick auf den Offizier richtete;„war der Lord Percy von Lexington ein Verwandter von dem, welcher bei Chevy⸗Chaſe kämpfte?“ „Ha, Miß Fanny, Sie werden eine Rebellin,“ ſagte der Obriſt, welcher ſeinen Aerger weg zu lachen verſuchte.„Was den Vorfall bei Lexington anbelangt, den Sie hier anzuführen belieben, ſo war er nichts weiter, als ein kluger Rückzug— ſo eine Art— von—“ „Durchgehendem Gefecht,“ unterbrach ihn das neckiſche Mäd⸗ chen, indem ſie einen großen Nachdruck auf das erſte dieſer Worte legte. „Sicherlich, meine junge Dame—“ hier wurde Obriſt Well⸗ mere durch das Lachen eines Mannes unterbrochen, welchen er bisher nicht bemerkt hatte. 9 war beide junge läche! Verg dem wohl. ſchwa wiſch daß finden Ihren er es Stun lich den 4 und wood druck als e Ach, inner ders, ſeyn, t als ver⸗ r auf oortete eneral gehen ef der rhaupt wenn verden ch nur zweſter ern zu gegnete dihren Percy ⸗Chaſe gte der has den elieben, ſo eine Mäd⸗ te legte. t Well⸗ chen er Neben dem Zimmer, in welchem unſere Drei ſich aufhielten, war ein kleines Familiengemach, und der Luftzug hatte die zwiſchen beiden befindliche Thüre geöffnet. Man erblickte jetzt einen hübſchen jungen Mann, welcher in der Nähe des Eingangs ſaß und deſſen lächelndes Geſicht bekundete, daß er der Unterhaltung mit vielem Vergnügen zugehört hatte. Er ſtand ſogleich auf, und als er, mit dem Hute in der Hand, in die Thüre trat, zeigte ſich ein ſchlanker wohlgebildeter Jüngling von dunkler Geſichtsfarbe, mit blitzenden ſchwarzen Augen, aus welchen die Heiterkeit noch nicht ganz ver⸗ wiſcht war, der den Damen ſeine Verbeugung machte. „Herr Dunwoodie!“ rief Sara überraſcht;„ich wußte nicht, daß Sie im Hauſe find. Sie werden es in dieſem Zimmer kühler finden.“ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte der junge Mann,„aber ich muß Ihren Bruder aufſuchen, der mich dort in den Hinterhalt legte, wie er es nannte, und ſeinem Verſprechen gemäß ſchon vor einer Stunde hätte zurück ſeyn ſollen.“ Er verbeugte ſich, ohne eine weitere Erklärung zu geben, höf⸗ lich gegen die Frauenzimmer, zurückhaltend und mit Würde gegen den Obriſt und entfernte ſich. Franciska folgte ihm in die Halle und fragte ihn haſtig mit hohem Erröthen: 3 „Aber warum— warum verlaſſen Sie uns, Herr Dun⸗ woodie?— Heinrich muß bald zurückkommen.“ Der Jüngling ergriff eine ihrer Hände, und der ernſte Aus⸗ druck des Geſichtes gab einem Blicke der Bewunderung Raum, als er erwiederte: „Sie haben ihn hübſch abgefertigt, mein liebes Bäschen. Ach, vergeſſen Sie nie— nie das Land Ihrer Geburt, und er⸗ innern Sie ſich ſtets, daß Sie nicht nur die Enkelin eines Englän⸗ ders, ſondern auch die eines Peyton ſind.“ „Oh!“ entgegnete das Mädchen lachend,„es würde ſchwer ſeyn, ſo etwas zu vergeſſen, ſo lange uns Tante Jeanette alle hehlten Verachtung des jungen Mannes hatte Augenblicke mit einer Vorleſung über unſer Geſchlechtsregiſter be⸗ glückt.— Aber warum wollen Sie fort?“ „Ich bin im Begriff, nach Virginien zu gehen, und habe noch viel zu thun.“ Während er dieſes ſagte, drückte er ihr die Hand, blickte, ehe er die Thüre ſchloß, noch einmal zurück, und rief: „Bleiben Sie Ihrem Lande treu— bleiben Sie eine Amerikanerin.“ Als er ſich entfernte, warf ihm das feurige Mädchen einen Kuß nach, kühlte dann mit ihren zarten Händchen ihre glühenden Wan⸗ gen und eilte auf ihr Zimmer, um ihre Verwirrung zu verbergen. Zwiſchen der offenen Spottrede Franciska's und der übel ver⸗ ſich Obriſt Wellmere in einer ſehr unangenehmen Lage gefühlt. Er ſcheute ſich jedoch, wegen ſolcher Kleinigkeiten in Gegenwart ſeiner Dame der Empfind⸗ lichkeit Raum zu geben, und begnügte ſich daher, als Dunwoodie das Zimmer verlaſſen hatte, mit der höhniſchen Bemerkung: „Sehr viele Freiheit für einen jungen Menſchen in ſeiner Lage;— ein Ladenburſche mit einem Bündel, denke ich?“ Der Gedanke, ſich den zierlichen Peyton Dunwoodie als einen Ladenburſchen vorzuſtellen, konnte Sara nie zu Sinne kommen, und ſie blickte überraſcht um ſich, als der Obriſt fortfuhr: „Dieſer Herr Dun— Dun—“ „Dunwoodie! O nein— er iſt ein Verwandter meiner Tante,“ rief die junge Dame,„und ein vertrauter Freund meines Bruders. Sie waren Schulgefährten und trennten ſich erſt in England, wo der eine zur Armee und der andere auf eine franzöſiſche Militaͤr⸗ Academie ging.“ „Er ſcheint ſein Geld weggeworfen zu haben,“ erwiederte der Obriſt, und gab auf dieſe Weiſe die üble Laune, welche er zu ver⸗ bergen bemüht war, zu erkennen. „Wir wollen das hoffen,“ fügte Sara läͤchelnd bei,„denn man ſagt, er wolle ſich dem Heere der Rebellen anſchließen. Er kam in einem franzöſtſchen Schiff hier an und iſt eben erſt ausg bege Held ange die Kan leute nach wär. ſeit die lich ihm Näh einen kunf hatt Mas ein nes Ein der Sch und Blie der er be⸗ e noch Hand, wrief: nerin.“ en Kuß Wan⸗ bergen. eel ver⸗ gellmere jedoch, mpfind⸗ nwoodie n ſeiner ls einen nen, und Tante,“ Bruders. and, wo Militär⸗ derte der r zu ver⸗ i,„denn ßen. Er eben erſt ausgewechſelt worden. Sie werden ihm wohl bald in den Waffen begegnen.“ „Nun, mag er.— Ich wünſche Waſhington viele ſolcher Helden;“ dann brach er ab und lenkte das Geſpräch auf einen angenehmeren Gegenſtand. Einige Wochen nach dieſem Auftritt ſtreckte Burgoyne’s Armee die Waffen. Herr Wharton, welcher anfing, den Ausgang des Kampfes für zweifelhaft zu betrachten, entſchloß ſich, ſeine Lands⸗ leute mit ſich auszuſoͤhnen und zugleich ſeinem eigenen Verlangen nachzugeben, indem er die Toͤchter gleichfalls nach ſeinem gegen⸗ wärtigen Aufenthalt kommen ließ. Miß Peyton begleitete ſie und ſeit dieſer Zeit bis zu dem Beginn unſerer Erzählung hatte ſich die kleine Familie nicht wieder getrennt. So oft die Hauptarmee eine Bewegung machte, war natür⸗ lich Kapitän Wharton mit thätig, und ein⸗ oder zweimal war es ihm unter dem Schutze ſtarker Truppenabtheilungen, welche in der Nähe der Locuſten operirten, möglich geworden, die Seinigen auf einen Augenblick heimlich zu beſuchen. Seit der letzten Zuſammen⸗ kunft war aber ein Jahr verfloſſen, und der ungeduldige Heinrich hatte ſich, um einen Beſuch zu bewerkſtelligen, der oben erwähnten Maske bedient. Unglücklicher Weiſe war an dem gleichen Abend ein unbekannter und ziemlich verdächtiger Gaſt in dem Hauſe ſei⸗ nes Vaters, welches ſelten Jemand anders, als ſeine gewöhnlichen Einwohner barg. 8 „Aber glaubt ihr, daß er Argwohn gegen mich hat?“ fragte der Kapitän mit Beſorgniß, nachdem er Cäſar's Meinung von den Schindern vernommen hatte. „Wie ſollte er,“ rief Sara,„da nicht einmal Dein Vater und Deine Schweſtern Dich in Deiner Verkleidung erkannten?“ „Es iſt etwas Geheimnißvolles in ſeinem Benehmen. Seine Blicke ſind zu ſpähend für einen gleichgültigen Beobachter,“ fuhr der junge Wharton gedankenvoll fort,„und ſein Geſicht ſcheint mir b bekannt. Das kürzliche Schickſal André's hat viel Aufregung auf beiden Seiten hervorgerufen. Sir Henry droht Rache für ſeinen Tod und Waſhington iſt ſo feſt, als ob die halbe Welt unter ſei⸗ nen Befehlen ſtünde. Die Rebellen würden mich gerade jetzt als einen geeigneten Gegenſtand für ihre Plane betrachten, wenn ich ſo unglücklich ſeyn ſollte, in ihre Hände zu fallen.“ „Aber, mein Sohn,“ rief der Vater in großer Unruhe,„Du biſt kein Spion: Du biſt nicht im Bereich der Linie der Rebellen — der Amerikaner, wollte ich ſagen;— es gibt hier nichts aus⸗ zukundſchaften.“ „Das moöchte eine Frage ſeyn,“ entgegnete der junge Mann finnend.„Ihre Vorpoſten gingen bis zu den Weißen Ebenen her⸗ unter, und ich kam in meiner Verkleidung über dieſelben hinaus. Es iſt wahr, meine Abſicht iſt unſchuldig; aber wird man mir's auch glauben? Man würde meinen Beſuch als den Deckmantel anderer Plane betrachten. Erinnern Sie ſich nur, lieber Vater, welche Behandlung Ihnen ſelbſt vor einem Jahre widerfuhr, weil Sie mir Früchte für den Winter zuſchickten.“ „Das geſchah in Folge der Anſchwärzungen meiner freund⸗ lichen Nachbarn,“ ſagte Wharton,„welche hofften, bei dem Einzug meiner Güter hübſche Ländereien zu billigen Preiſen an ſich brin⸗ gen zu können. Peyton Dunwoodie bewirkte aber bald unſere Be⸗ freiung, und wir wurden nur einen Monat feſtgehalten.“ „Wie?“ wiederholte der Sohn mit Beſtürzung.„Man hat alſo auch meine Schweſtern verhaftet?— Und Du, Fanny, ſchriebſt mir keine Sylbe davon?“ „Ich glaube,“ ſagte Franciska hocherröthend⸗„ich erwähnte der gütigen Behandlung, welche uns Dein alter Freund, Major Dunwoodie, zu Theil werden ließ, und daß er des Vaters Frei⸗ laſſung bewerkſtelligte.“ „Allerdings;— aber warſt Du mit in dem Rebellenlager?“ „Ja,“ ſagte der Vater freundlich;„Fanny wollte mich nicht allein in de in de Rebe ben, von ſter?⸗ Dein dann Heinr ſelbſt Wan auch, Aben g auf ſeinen er ſei⸗ tt als nn ich „Du ebellen 3 aus⸗ Mann n her⸗ inaus. mir's nantel Vater, weil reund⸗ Finzug brin⸗ te Be⸗ n hat hriebſt vähnte Major Frei⸗ ger?“ nicht allein gehen laſſen. Jeanette und Sara beſorgten die Wirthſchaft in den Locuſten, und dieſes kleine Mädchen war meine Gefährtin in der Gefangenſchaft.“ „Und Fanny kehrte von dieſem Schauplatz als eine größere Rebellin, denn je, zurück,“ rief Sara unwillig.„Man ſollte glau⸗ ben, das Ungemach, welches ihr Vater erdulden mußte, hätte ſie von allen derartigen Grillen heilen können.“ „Was ſagſt Du zu dieſer Beſchuldigung, meine ſchöne Schwe⸗ ſter?“ erwiederte der Kapitän heiter;„hat Peyton Dich gelehrt, Deinen König mehr zu haſſen, als er es ſelber thut?“ „Peyton Dunwoodie haßt Niemand,“ ſagte Franciska raſch; dann erröthete ſie ob ihrer Haſtigkeit und fügte bei:„er liebt Dich, Heinrich, wie ich recht wohl weiß, denn er hat es mir oft genug ſelbſt geſagt.“ Der junge Wharton klopfte ſeine Schweſter lächelnd auf die Wange, und fragte ſie in neckendem Flüſtern:„Sagte er Dir nicht auch, daß er meine kleine Schweſter Fanny liebe?“ „Ach, Poſſen!“ ſagte Franciska, und die Ueberbleibſel der Abendmahlzeit verſchwanden bald auf ihre Anordnung. Drittes Kapitel. Die Stoppelfelder deckte herbſtlich Wetter, Die Winde ſausten durch die fahlen Blätter, Und hinter Lawmon's Hügel taucht' hinab Der bleiche Mond, der jüngſt noch Leuchte gab— Als aus der Stadt Gewühl den öden Pfad Der hagre Krämer trauervoll betrat. Wilſon. Wenn ein Sturm unterhalb der Hochebenen des Hudſon durch den Oſtwind eingeführt wird, ſo dauert er ſelten kürzer, als zwei Tage. Als daher die Bewohner der Locuſten ſich am andern Morgen zum zeitigen Frühſtück verſammelten, ſchlug der Regen faſt unter einem rechten Winkel gegen die Fenſter des Gebäudes, und man durfte nicht daran denken, auch nur ein Thier, geſchweige einen Menſchen dem Sturm auszuſetzen. Harper erſchien zuletzt und entſchuldigte ſich, nachdem er zuvor den Zuſtand des Wetters unterſucht hatte, gegen Wharton, daß er ſich genöthigt ſähe, ſeine Güte noch für länger in Anſpruch zu nehmen. Die Erwiederung war dem Anſcheine nach ſo artig, als die Entſchuldigung, und Harper fügte ſich der Nothwendigkeit mit einer Reſignation, welche ſehr verſchieden von den Gefühlen war, die den alten Vater be⸗ ängſtigten. Dem Befehle des letztern gahorſam hatte Heinrich Whar⸗ ton mit einer Abneigung, welche an Ekel gränzte, ſeine Maske wieder vorgenommen. Nach den erſten gegenſeitigen Morgenbe⸗ grüßungen, an welchen die ganze Familie Theil nahm, fanden übrigens keine Berührungen zwiſchen dem Sohne des Hauſes und dem Fremden mehr Statt. Es war zwar allerdings Franciska vorge⸗ kommen, ein leichtes Lächeln habe die Züge des Reiſenden über⸗ flogen, als er in's Zimmer trat und ihrem Bruder erſtmals be⸗ gegnete; doch beſchränkte ſich dieſes nur auf das Auge und ſchien nicht kräftig genug, die übrigen Muskeln des Geſichts zur Theil⸗ nahme zu veranlaſſen; auch verlor es ſich ſchnell wieder in dem faſt unveränderlichen, ruhigen, wohlwollenden Ausdruck, welcher in ſeinem Antlitze lagerte. Die Augen der zaͤrtlichen Schweſter flogen einen Moment ängſtlich auf ihren Bruder und dann wieder auf den unbekannten Gaſt, deſſen Blick ſie traf, als er ihr eben mit beſonderer Aufmerkſamkeit eine der kleinen bei Tiſche gewöhnlichen Artigkeiten erweiſen wollte, und das Herz des Mädchens, welches mit Ungeſtüm pochte, gewann bald wieder all die Ruhe, die mit der Jugend, Geſundheit und Lebhaftigkeit des lieblichen Weſens ver⸗ träglich war. Sie ſaßen noch an der Tafel, als Cäſar eintrat, ſchweigend ein kleines Päckchen an die Seite ſeines Herrn legte und ſich beſcheiden hinter ſeinen Stuhl ſtellte, wo er, die Hand auf volle Paq einig Euch er e nicht kauf Mül theil ſich wied verl Zim mit „we Fre⸗ ſtim Phr Unb polſ Beſ * n faſt und weige zuletzt hetters ſeine erung „ und welche er be⸗ Whar⸗ Maske genbe⸗ fanden s und vorge⸗ über⸗ ls be⸗ ſchien Theil⸗ n dem her in flogen r auf en mit nlichen velches nit der 5 ver⸗ intrat, legte Hand auf die Lehne deſſelben legend, in halb vertraulicher, halb reſpekt⸗ voller Stellung der weiteren Aufträge harrte. „Was iſt das, Cäſar?“ fragte Herr Wharton, indem er das Paquet umdrehte, um den Umſchlag zu unterſuchen, welchen er mit einigem Argwohn betrachtete. „Der bak, Herr; Harvey Birch kommen heim, und er bringen Euch ein wenig gut'bak aus York.“ „Harvey Birch?“ erwiederte der Hausherr bedächtlich, indem er einen verſtohlenen Blick auf ſeinen Gaſt warf.„Ich kann mich nicht erinnern, daß ich ihm den Auftrag gab, für mich Tabak zu kaufen; doch da er ihn einmal gebracht hat, muß er auch für ſeine Mühe bezahlt werden.“ Nur einen Augenblick unterbrach Harper während der Mit⸗ theilung des Negers ſein ſchweigendes Mahl; ſein Auge bewegte ſich langſam von dem Diener auf den Herrn und ſank alsbald wieder in ſeine frühere Verſchloſſenheit zurück. Sara Wharton war über dieſe Nachricht ungemein erfreut. Sie verließ ungeduldig ihren Sitz und befahl dem Neger, Harvey in das Zimmer zu führen; aber plötzlich beſann ſie ſich wieder, wandte ſich mit einem abbittenden Blicke an den Fremden, und fügte bei: „wenn Herr Harper die Gegenwart eines Hauſirers entſchuldigen will.“ Das nachſichtige Wohlwollen, welches ſich in den Zügen des Fremden ausſprach, als er mit ſchweigender Verbeugung ſeine Zu⸗ ſtimmung ausdrückte, ſprach beredter, als die zierlichſt geſetzte Phraſe, und die junge Dame wiederholte ihren Befehl mit einer Unbefangenheit, welche jede weitere Verlegenheit verbannte. In den tiefen Fenſterniſchen des Gebäudes befanden ſich ge⸗ polſterte Sitze; und die reichen Damaſtvorhänge, eine Zierde des Beſuchszimmer in der Königin⸗Straße,“ welche nach den Locuſten * Die Amerikaner veränderten, wie ehedem die Franzoſen, in der Revolu⸗ tion die Namen vieler Städte und Straßen. So wurde in Neu⸗York die Kronenſtraße zur Freiheitsſtraße, die Königsſtraße zur Fichtenſtraße, und 32 verpflanzt worden war, liehen dem Gemach jenen unbeſchreiblichen Ein⸗ druck von Behaglichkeit, welchen man bei der Annäherung des Winters ſo gern in den Häuſern empfindet. Kapitän Wharton zog ſich in eine von dieſen Niſchen zurück, und ließ den Vorhang herunter⸗ fallen, wodurch er ſeine Perſon faſt ganz der Beobachtung entzog; indeß ſeine jüngere Schweſter, deren natürliche Freimüthigkeit einem mehr erzwungenen Weſen gewichen war, ſchweigend von einer zweiten Beſitz ergriff. Harvey Birch war, wie er wenigſtens häufig verſicherte, von Jugend auf ein Hauſirer geweſen, und die Gewandtheit, mit der er ſein Gewerb betrieb, war nicht geeignet, ſeine Behauptung Lügen zu ſtrafen. Er ſtammte aus einer der öſtlichen Colonieen, und aus der höhern Bildung, welche bei ſeinem Vater bemerkt wurde, ſchloß man, daß beide in ihrer Heimath glücklichere Tage geſehen hätten. Harvey zeigte jedoch nur die gewöhnlichen Sitten des Landes und unterſchied ſich in nichts von Leuten ſeiner Klaſſe, als durch ſeine Schlauheit und ein gewiſſes geheimnißvolles Weſen, welches ſein Treiben umſchleierte. Beide waren vor zehn Jahren in das Thal gekommen, hatten die armſelige Hütte, bei welcher Harper ſeinen erſten erfolgloſen Verſuch gemacht hatte, gekauft und wohnten ſeitdem dort in Frieden, ohne daß man ſie gerade beſon⸗ ders beachtete oder kannte. Der Vater widmete ſich, bis Alter und Gebrechlichkeit ihn unfähig machten, der Kultur des Bodens, der zu ſeiner Wohnung gehörte, während der Sohn mit Eifer ſeinem kleinen Handel nachging. Ihr eingezogenes Leben hatte ihnen in der Nachbarſchaft einen ſo guten Ruf erworben, daß ſich ein Mäd⸗ chen von fünfunddreißig Jahren veranlaſſen ließ, die Bedenklichkeiten ihres Geſchlechts zu vergeſſen und die Stelle einer Wirthſchafterin odernſten Stadttheile) zur Perl⸗ ch von Auktionären n⸗Niederlagen die Königin⸗Straße(damals einer der m ſtraße. Die Perlſtraße wird gegenwärtig hauptſächli und der Geſammtheit guter trockener Großhändler zu Waare und Bureaus benützt. in d ware lichen heiß demſt ſichte Man gelun manc Haus thätig ſie ge der ä ſie es Fami habe zu ſet kunft das k ſtreber Vater brunſt gegebe glieder der S daß ſo iſt dur ihrem Seiter jünger Gränz dieſer De in dem kleinen Haushalt zu übernehmen. Katy Haynes Roſen Ein⸗ waren ſchon lange verblichen, und ſie hatte bereits alle männ⸗ ters lichen und weiblichen Bekannten den von ihrem Geſchlecht ſo ſich heiß erſehnten Bund ſchließen ſehen, ohne für ſich ſelbſt viel von nter⸗ 1 demſelben hoffen zu dürfen, als ſie, nicht ohne ihre beſonderen Ab⸗ zog; ſichten, in die Familie der Birchs eintrat. Die Noth zwingt zu inem Manchem, und Vater und Sohn ſahen ſich veranlaßt, in Erman⸗ einer gelung eines Beſſeren, ihre Dienſte anzunehmen, obgleich Katy manche Eigenſchaften beſaß, welche ſie zu einer ganz erträglichen von Haushälterin ſtempelten. Auf der einen Seite war ſie reinlich, t der thätig, ehrlich und im Hausweſen erfahren. Andererſeits aber war tung ſie geſchwätzig, eigennützig, abergläubiſch und neugierig. In Folge nieen, der äußerſt treulichen Anwendung dieſer letzteren Eigenſchaft hatte merkt ſie es, nach nicht ganz fünf Jahren ihres Aufenthalts bei dieſer Tage Familie, ſo weit gebracht, daß ſie triumphirend erklären konnte, ſie Sitten habe genug gehört, oder beſſer— erhorcht, um ſie in den Stand Klaſſe, zu ſetzen, über die frühern Verhältniſſe ihrer Hausgenoſſen Aus⸗ Veſen, kunft zu geben. Hätte Katy genug prophetiſchen Geiſt gehabt, um gahren das künftige Loos derſelben vorauszuſehen, ſo wäre wohl ihr Be⸗ velcher ſtreben erreicht geweſen. Aus den geheimen Unterredungen des ft und Vaters mit ſeinem Sohne hatte ſie entnommen, daß eine Feuers⸗ beſon⸗ brunſt ihren nothdürftigen Beſitz verzehrt und ſie der Armuth preis⸗ er und gegeben habe, und daß zu derſelben Zeit die Zahl ihrer Familien⸗ 3, der glieder auf zwei zuſammengeſchmolzen ſey. Es lag ein Beben in ſeinem der Stimme des Vaters, wenn er auf jenes Ereigniß anſpielte, nen in daß ſogar Katy's Herz ergriffen wurde; doch eine gemeine Neugierde Mäd⸗ iſt durch keine Schranken im Zaum zu halten. Sie beharrte auf chkeiten ihrem Spionirſyſtem, bis ihr eine ſehr unumwundene Erklärung von hafterin Seiten Harvey's, welcher ihren Platz mit einer um einige Jahre jüngeren Weibsperſon zu erſetzen drohte, die ernſte Lehre gab, daß ne Mere Gränzen vorhanden ſeyen, welche ſie nicht überſchreiten dürfe. Von derlagen dieſer Zeit war der Neugierde der Haushälterin ein ſo heilſamer Der Spion. 3. Aufl. 3 34 Zügel angelegt, daß ſie, obgleich ſie keine Gelegenheit zum Horchen verabſäumte, den Vorrath ihrer Kenntniß nur um wenig zu be⸗ reichern vermochte. Demungeachtet hatte ſie ſich aber einen Um⸗ ſtand erlauſcht, der für ſie von nicht geringem Intereſſe war, und von der Zeit an, wo ſie ſich von demſelben Kenntniſſe verſchafft hatte, bot ſie Allem auf, einen Plan durchzuſetzen, bei welchem ein doppeltes Anregungsmittel, Liebe und Habſucht, ſie unterſtützte. Harvey pflegte nämlich oft mitten in der Nacht dem Herde des Gemachs, welches zugleich als Küche und Wohnzimmer diente, ge⸗ heimnißvolle Beſuche abzuſtatten. Bei einer ſolchen Gelegenheit hatte ihn Katy beobachtet, und als er einsmal abweſend und der Vater anderweitig beſchäftigt war, machte ſie ſich dieſen Umſtand zu Nutze, um einen der Herdſteine auszuheben, und entdeckte unter demſelben einen eiſernen Topf, aus welchem ihr ein Metall ent⸗ gegenſtrahlte, das auch das härteſte Herz zu erweichen im Stande iſt. Es gelang ihr, den Stein wieder an ſeine Stelle zu bringen, ohne daß die unwillkommene Nachforſchung bemerkt worden wäre, und ſpäter erlaubte ſie ſich nie wieder einen zweiten Beſuch. Aber von dieſem Augenblicke an hatte das Herz der Jungfrau ſeine Sprodig⸗ keit verloren, und es lag nichts zwiſchen Harvey und ſeinem Glück, als ſeine eigene ſchlechte Beobachtungsgabe. Der Krieg that dem Gewerbe des Hauſirers keinen Eintrag. Er ergriff im Gegentheil die koſtbare Gelegenheit, welche die Unter⸗ brechung des regelmäßigen Handels darbot, und ſchien ganz von der wichtigen Aufgabe, Geld aufzuhäufen, in Anſpruch genommen zu ſeyn. Ein oder zwei Jahre trieb er ſeinen Handel ununter⸗ brochen und mit verhältnißmäßigem Gewinn; endlich aber begannen dunkle und beſorgliche Andeutungen einen Verdacht auf ſein Treiben zu lenken, und die bürgerliche Behörde erachtete es für nöthig, ſeine Lebensweiſe genauer zu unterſuchen. Er wurde verſchiedene⸗ male, jedoch nicht auf lange feſtgenommen, da es ihm, im Ver⸗ gleich mit dem, was er von der Verfolgung der Armeen zu Geb Geg habe ſoga Aug hülfl ihn wäre lagen rend weilt war das mit thäti das des ge⸗ mheit der ſtand unter ent⸗ kande ngen, väre, Aber öͤdig⸗ Blüͤck, atrag. Inter⸗ von mmen unter⸗ annen reiben edene⸗ Ver⸗ en zu erdulden hatte, ein Leichtes war, ſich den Hütern des Geſetzes zu entziehen. Kurz, man konnte Birch nichts anhaben, und er ſetzte ſeinen Handel fort, obgleich er genöthigt wurde, ſich ſehr in Acht zu nehmen, beſonders, wenn er ſich der nördlichen Gränze der Graf⸗ ſchaft, oder, mit andern Worten, den amerikaniſchen Linien näherte. Seine Beſuche in den Loeuſten waren ſeltener geworden, und man ſah ihn in ſeinem eigenen Hauſe ſo wenig, daß die in ihren Er⸗ wartungen getäuſchte Katy bei Gelegenheit der Erwiederung, welche ſie Harpern gab, ihrem überfüllten Herzen auf die oben erwähnte Weiſe Luft machte. Nichts ſchien jedoch die Thätigkeit des uner⸗ müdlichen Handelsmanns zu ſtören, und in der Hoffnung, einige Artikel abzuſetzen, für welche er nur unter den reichſten Familien der Grafſchaft Käufer finden konnte, hatte er es gewagt, muthig in der vollen Wuth des Sturmes die halbe Meile von ſeiner Wohnung zu Wharton's Hauſe zurückzulegen. Einige Minuten, nachdem Caͤſar die Befehle ſeiner jungen Gebieterin erhalten hatte, kam er wieder zurück und führte den Gegenſtand der kleinen Abſchweifung, welche wir uns eben erlaubt haben, in's Zimmer. Die Geſtalt des Hauſtrers war ziemlich hoch, ſogar von kräftiger Muskulatur und ſtarkem Knochenbau. Im erſten Augenblick mochte es zwar ſcheinen, als ob ſeine Kräfte der unbe⸗ hülflichen Laſt des Sackes nicht gewachſen ſeyen, doch wußte er ihn mit großer Gewandtheit und Leichtigkeit zu handhaben, als wäre er blos mit Federn gefüllt. Seine unruhigen grauen Augen lagen tief in ihren Höhlen, und in den flüchtigen Momenten, wäh⸗ rend welcher ſie auf den Zügen der mit ihm verkehrenden Perſonen weilten, ſchienen ſie bis in die Tiefen der Seele zu dringen. Auch war in denſelben ein doppelter Ausdruck zu erkennen, welcher für das Ganze des Mannes nicht wenig charakteriſtiſch war. Wenn er mit ſeinem Handel beſchäftigt war, erſchien ſein Geſicht lebhaft, thätig, gewandt und in ungewöhnlichem Grade ſchlau; wendete ſich das Geſpräch auf die gewöhnlichen Ereigniſſe des Lebens, ſo wurde 36 der Ausdruck deſſelben zerſtreut und unruhig; war aber zufaͤlliger Weiſe die Revolution und das Vaterland der Gegenſtand der Unter⸗ haltung, ſo ſchien ſein ganzes Weſen eine Veränderung zu erleiden und alle ſeine Geiſteskräfte ſich in einem Punkte zu concentriren. So konnte er lange, ohne einen Laut vernehmen zu laſſen, zuhören, und unterbrach dann vielleicht ſein Schweigen durch eine leichte, ſcherzende Bemerkung, welche zu ſehr mit ſeinem vorigen Weſen im Widerſpruch ſtand, um nicht erkünſtelt zu ſeyn. Vom Kriege aber und von ſeinem Vater ſprach er ſelten, und dann immer nur, wenn er es auf keine Weiſe umgehen konnte. Einem oberflächlichen Beobachter mochte wohl der Geiz als die Haupttriebfeder der Lebensweiſe dieſes Mannes erſcheinen— und, genau erwogen, paßte Harvey allerdings für die Plane der Jungfrau Katy Haynes ſo wenig als nur immer möglich. Als der Hauſirer in das Zimmer trat, entledigte er ſich ſeiner Laſt, die, wenn ſie auf dem Boden ſtand, ihm faſt bis zur Schulter reichte, und grüßte die Familie mit beſcheidener Höflichkeit. Gegen Harper machte er, ohne die Augen aufzuſchlagen, eine ſchweigende Ver⸗ beugung, da der herabgelaſſene Vorhang ihm die Gegenwart des Kapitäns Wharton verbarg. Sara ließ ihm nur wenig Zeit zu den gewöhnlichen Begrüßungen, begann den Inhalt des Packets zu unter⸗ ſuchen und war zugleich mit dem Handelsmann geſchäftig, die ver⸗ ſchiedenen Waaren an's Licht zu fördern. Tiſche, Stühle und Boden waren bald mit Seidenſtoffen, Flor, Handſchuhen, Mouſſelin und dem ganzen Vorrathe eines fahrenden Handelsmannes überlegt. Cäſar hatte die Aufgabe, den Sack offen zu halten, ſo lange die Schätze deſſelben ausgekramt wurden, und ermangelte dabei nicht, ſeiner jungen Gebieterin beizuſtehen, indem er ihre Aufmerkſamkeit auf einige Gegenſtände des Putzes zu lenken ſuchte, welche ihm der ſchreien⸗ den Farben wegen beſonderer Beachtung würdig ſchienen. Endlich hatte ſich Sara mehrere Artikel ausgeleſen, und nachdem die Preiſe zur Zufriedenheit abgehandelt waren, bemerkte ſie in heiterem Tone: Lor beg von vor ließ und hatt ſche der gen gro der Sch von Sti Kar mo ſchit Kräͤ ſam nere dem athe ruhr auf ihm liger nter⸗ eiden iren. ören, ichte, Beſen riege nur, e der s der die, ichte, arper Ver⸗ t des u den unter⸗ ver⸗ und iſſelin rlegt. ge die nicht, it auf reien⸗ ndlich Preiſe Tone: „Aber, Harvey, Ihr habt uns noch nichts Neues erzählt! Hat Lord Cornwallis die Rebellen wieder geſchlagen?“ Die Frage mußte überhört worden ſeyn, denn der Hauſirer begrub ſich faſt ganz in ſeinen Pack, brachte eine Partie Spitzen von äußerſter Schönheit zum Vorſchein, und hielt ſie der Dame vor die Augen, um ſie von ihr bewundern zu laſſen. Miß Peyton ließ die Taſſe, welche ſie eben abtrocknete, aus der Hand fallen, und Franciska, welche bisher nur eines ihrer ſchelmiſchen Augen hatte ſehen laſſen, ließ nun das ganze liebliche Antlitz zum Vor⸗ ſchein kommen, das von einer Glut ſtrahlte, welche den Purpur der Damaſtvorhänge beſchämte, von denen es bisher neidiſch verhüllt geweſen war. Die Tante verließ ihr Geſchäft und bald hatte Birch einen großen Theil dieſes werthvollen Artikels abgeſetzt. Die Lobſprüche der Dame hatten endlich auch die ganze Geſtalt der jüngern Schweſter ſichtbar werden laſſen, und Franciska ſtand eben langſam vom Fenſter auf, als Sara ihre Frage mit einer Lebhaftigkeit der Stimme wiederholte, welche mehr in dem Vergnügen über ihren Kauf, als in der Tiefe der politiſchen Gefühle ihren Grund haben mochte. Die jüngere Schweſter nahm ihren Sitz wieder ein, und ſchien ſich mit dem Zuge der Wolken zu beſchäftigen, indeß der Krämer, als er bemerkte, daß eine Antwort erwartet werde, lang⸗ ſam erwiederte: „Man ſpricht unten ein wenig davon, Tarleton habe den Ge⸗ neral Sumpter am Tigerfluſſe geſchlagen.“ Kapitän Wharton ſtreckte jetzt unwillkührlich ſeinen Kopf hinter dem Vorhang hervor in's Zimmer, und Franciska horchte mit athemloſen Schweigen, wobei ſie zugleich bemerkte, daß Harper die ruhigen Augen über dem Buche weg, welches er zu leſen ſchien, auf den Krämer heftete, und dabei einen Antheil verrieth, der in ihm keinen gleichgültigen Zuhörer vermuthen ließ. „In der That!“ rief Sara frohlockend;„Sumpter— Sumpter — wer iſt das? Ich will Euch keine Stecknadel abkaufen, bis Ihr mir alle Neuigkeiten erzählt habt,“ fuhr ſie fort, indem ſie lachend den Mouſſelin, welchen ſie in der Hand hielt, wieder in den Pack warf. Der Hauſirer zogerte einen Augenblick und warf einen ver⸗ ſtohlenen Blick auf Harper, deſſen Auge noch ruhig und bedeutſam auf ihm haftete; Birch's ganzes Weſen ſchien umgewandelt. Er näherte ſich dem Feuer, nahm eine ordentliche Portion des beliebten virginiſchen Krauts aus ſeinem Munde, warf ſie mit der Ueberfülle des Saftes, ohne Miß Peyton's blanke Feuerböcke zu berückſichtigen, auf die Glut und kehrte zu ſeinen Waaren zurück. „Er lebt irgendwo unter den Negern des Südens,“ antwor⸗ tete der Hauſirer abgebrochen. „Nicht mehr Neger, als Ihr ſelbſt ſeyn, Miſter Birch,“ unterbrach ihn Cäſar ſpitzig, indem er zugleich in großem Unwillen die Enden des Waarenſackes fallen ließ. „Still, Cäſar— ſtill— kümmere Dich nichts darum,“ ſagte Sara Wharton beſänftigend, voll Ungeduld, weiter zu vernehmen. „Ein ſchwarz Mann ſo gut, als weiß, Miß Sally,“ fuhr der beleidigte Neger fort,„ſo lange er ſich gut aufführen.“ „Und oft viel beſſer,“ erwiederte ſeine Herrin;„aber Harvey, wer iſt dieſer Sumpter?“ Ein leichter Anflug von Laune zeigte ſich vorübergehend auf dem Geſichte des Hauſirers, der ſeine Rede wieder aufnahm, als ob er durch die Empfindlichkeit des Sklaven gar nicht unterbrochen worden ſey: „Wie ich ſagte, er lebt unter den farbigen Leuten des Südens“— Cäſar nahm die Enden des Packes wieder auf—„und hat kürzlich ein Gefecht mit dem Oberſten Tarleton gehabt—“ „In welchem er natürlich den Kürzern zog,“ rief Sara zu⸗ verſichtlich. „So ſagen die Truppen in Morriſania.“ bis n ſie den ver⸗ itſam Er ebten rfülle tigen, wor⸗ irch,“ villen ſagte jmen. r der trvey, d auf als ochen 8— rzlich 1 zu⸗ „Aber was ſagt Ihr?“ wagte Herr Wharton in gedämpfter Stimme zu fragen. „Ich wiederhole, was ich gehört habe,“ ſagte Birch, indem er Sara ein Stück Tuch zur Einſicht vorlegte, welches ſie jedoch ſchweigend zurückwies, augenſcheinlich entſchloſſen, noch mehr hören zu wollen, ehe ſie einen weiteren Kauf machte. „Je nun, ſie ſagen in den Ebenen,“ fuhr der Haufirer fort, indem er zuvor ſeinen Blick durch das Zimmer gleiten und einen Augenblick auf Harper ruhen ließ,„daß Sumpter mit Einem oder Zweien die einzigen Verwundeten ſeyen, und daß die Regulären in Stücke gehauen wurden, denn die Miliz ſey recht hübſch hinter einem Verhau verſchanzt geweſen.“. „Nicht ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte Sara wegwerfend,„obgleich ich nicht daran zweifle, daß die Rebellen hinter Verhaue gekrochen ſind.“ „Ich denke,“ ſagte der Hauſirer, indem er wieder einen Sei⸗ denſtoff zum Vorſchein brachte,„es iſt beſſer, man habe einen Verhau zwiſchen ſich und dem Geſchütz, als wenn man zwiſchen die Kanonen und den Verhau zu ſtehen kömmt.“ Die Augen Harper's ſanken wieder ruhig auf die Blätter des Buches, welches er in der Hand hatte, indeß Franciska ſich erhob, mit lächelndem Antlitz vorwärts trat, und mit einer Vertraulichkeit, welche der Hauſirer früher nie an der jüngern Schweſter bemerkt hatte, die Frage ſtellte: „Habt Ihr noch mehr von dieſen Spitzen, Meiſter Birch?“ Der fragliche Artikel wurde ſogleich vorgelegt, und Franciska machte gleichfalls ihren Einkauf. Dann ließ ſie dem Krämer ein Glas Branntwein reichen, welches mit Dank angenommen und auf die Geſundheit des Hausherrn und der Damen geleert wurde. „Man meint alſo, der Obriſt Tarleton habe den General Sumpter geſchlagen?“ fragte Herr Wharton, indem er anſcheinend damit beſchäftigt war, die Taſſe, welche durch die Eile ſeiner Schwägerin zerbrochen wurde, wieder zuſammen zu paſſen. 40 „Ich glaube, das iſt in Morriſania die Anſicht von der Sache,“ erwiederte Birch trocken. „Habt Ihr noch andere Neuigkeiten, Freund?“ fragte Kapitän Wharton, indem er es wieder wagte, den Kopf hinter dem Vor⸗ hang hervorzuſtecken. „Haben Sie gehört, daß Major André gehangen wurde?“ Kapitän Wharton fuhr zuſammen; dann wurdeß für einen Moment bedeutungsvolle Blicke zwiſchen ihm und dem Krämer ge⸗ wechſelt, worauf er mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit erwiederte: „Das muß ſchon vor einigen Wochen geſchehen ſeyn.“ „Macht ſeine Hinrichtung viel Aufſehen?“ fragte der Vater, und wiederholte den Verſuch, das zerbrochene Porcellän wieder zu vereinigen. „Sie wiſſen wohl, daß die Leute gern ſchwatzen, Squire?“ „Sollte es vielleicht unten Bewegungen geben, welche das Reiſen gefährlich machen, mein Freund?“ fragte Harper, indem er in der Erwartung einer Antwort einen feſten Blick auf den Krämer heftete. Einige Rollen Band entfielen Birch's Händen, und ſeine Züge verloren plötzlich ihren kühnen Ausdruck, als er langſam erwiederte: „Die reguläre Cavallerie iſt ſchon ſeit einiger Zeit ausgezogen, und ich ſah einige von de Lancey's Leuten ihre Waffen putzen, als ich an ihren Quartieren vorbeikam. Es würde mich nicht Wunder nehmen, wenn man ihnen bald auf die Spur käme, denn die Vir⸗ giniſche Reiterei iſt ſchon weit unten in der Graſſchaft.“ „Iſt ſie ſtark,“ fragte Wharton, indem er in der Angſt des Herzens ſeine Beſchäftigung vergaß. „Ich habe ſie nicht gezählt.“ Franciska war die einzige, welcher die Veränderung in Birch's Weſen nicht entgangen war, und als ſie ſich wieder gegen Harper wendete, hatte dieſer ſtillſchweigend ſein Buch wieder aufgenommen. Sie nahm einige von den Bändern, legte ſte wieder weg und ber che,“ ditän Vor⸗ 4 inen ge⸗ ater, r zu 24 das n er imer züge erte: gen, als nder ch's rper nen. und bemerkte, indem ſie ſich über die Waaren beugte, ſo daß ihr Haar in reichen Ringeln über ihr Geſicht herabfiel und das bis in den Nacken erröthende Geſicht beſchattete— „Ich glaubte, die ſüdliche Reiterei habe ſich gegen den Dela⸗ ware hingezogen?“ „Möglich,“ verſetzte Birch.„Ich kam in der Entfernung an den Truppen vorbei.“ Cäſar hatte ſich nun gleichfalls ein Stück Cattun ausgeſucht, auf welchem die ſchrillen Farben von Roth und Gelb mit dem weißen Grunde einen lebhaften Contraſt bildeten, und nachdem er es einige Minuten bewundert hatte, legte er es wieder mit einem Seufzer nieder und ließ den Ausruf vernehmen: „Sehr ſchöner Cattun!“ „Das gaͤbe wohl ein recht hübſches Kleid für Dein Weib, Cäſar!“ ſagte Sara. „Ja, Miß Sally,“ antwortete der vergnügte Schwarze,„er machen alt Dina's Herz hüpfen vor Freude— ſo gar ſchön.“ „Ja,“ fügte der Hauſirer liſtig bei,„Dina braucht nichts als dieſes, um wie ein Regenbogen auszuſehen.“ Cäſar blickte ſeine Gebieterin ſehnſüchtig an, bis ſie Harvey nach dem Preiſe fragte. „Je nun, das kommt ganz auf die Kunden an,“ antwortete der Handelsmann. „Wie?“ verſetzte Sara überraſcht. „Je nachdem ich Käufer finde. Für meine Freundin Dina ſollen Sie den Zeug zu vier Schilling haben.“ „Das iſt zu viel,“ erwiederte Sara, indem ſie ſich nach weiteren Artikeln für ſich ſelbſt umſah. „Schrecklicher Preis für groben Cattun, Miſter Birch,“ brummte Cäſar und ließ die Oeffnung des Packes wieder fallen. 3 „So wollen wir drei ſagen,“ fügte der Hauſirer bei,—„wenn Ihr das beſſer findet.“ „Gewiß, er es finden beſſer,“ ſagte Cäſar mit gutgelauntem Lächeln, und nahm die Sack⸗Enden wieder auf.„Miß Sally lieben drei Schilling, wenn Sie geben, und vier Schilling, wenn Sie nehmen.“ Der Kauf wurde abgeſchloſſen; doch fehlte beim Meſſen des Tuches etwas an den wohlbekannten zehn Ellen, welche Dina's Umfang erforderte. Durch Beihülfe eines ſtarken Armes und erfahrenen Auges von Seite des Krämers erhielt es jedoch gerade die nöthige Länge, wozu Birch gewiſſenhaft noch ein Band legte, welches den prächtigen Farben des Cattuns entſprach. Cäſar zog ſich nun eilig zurück, um ſeiner bejahrten Gefährtin die erfreuliche Kunde mitzutheilen. Während dieſer Kaufsverhandlungen hatte es Kapitän Wharton gewagt, den Vorhang auf die Seite zu ſchieben, ſo daß er ganz ſichtbar wurde, und fragte nun den Trödler, der ſeine zerſtreute Waaren ſammelte, um welche Zeit er die Stadt verlaſſen hätte. „In der Morgendämmerung,“ war die Antwort. „So ſpät,“ rief der Andere überraſcht; dann verbeſſerte er ſeinen Mißgriff und fuhr mit mehr Vorſicht fort:„Konntet Ihr ſo ſpät an den Vorpoſten vorbeikommen?“ „Ja!“ war die lakoniſche Antwort. „Ihr müßt gegenwärtig mit den Offtzieren der britiſchen Armee ſehr bekannt ſeyn, Harvey,“ verſetzte Sara, indem ſie dem Hau⸗ ſirer liſtig zulächelte. „Ich kenne einige vom Anſehen,“ ſagte Birch, indem er ſich im Zimmer umſah, den Kapitän Wharton etwas ſtärker firirte und ſeine Blicke endlich einen Moment auf Harper ruhen ließ. Herr Wharton hatte der Reihe nach jedem der Sprecher auf⸗ merkſam zugehört und ſeine angenommene Gleichgültigkeit ſo weit außer Acht gelaſſen, daß die Porcellänſtückchen, mit deren Zuſam⸗ menfügung er ſich ſo viele Mühe gegeben hatte, in ſeinen Händen zerbrachen; und als er bemerkte, daß der Hauſirer im Begriffe war plötz zu e richt des Peyt zu e gerü erhol verla ſauft Graf Thür hereit zeicht ſklave ſten Loos welch der d durch Fluch ſchaft hatte ehrwi des S Ihr rmee Hau⸗ ſich und auf⸗ weit ſam⸗ nden griffe war, den letzten Knoten ſeines Bündels zuzuſchnüren, fragte er plötzlich:„Werden wir wohl von dem Feinde wieder eine Stoͤrung zu erleiden haben?“ „Wen nennen Sie Feind?“ fragte Birch, indem er ſich auf⸗ richtete und dem Frager einen Blick zuwarf, vor dem die Augen des Herrn Wharton ſich in Verwirrung niederſchlugen.“ „Alle ſind unſere Feinde, die unſere Ruhe ſtören,“ ſagte Miß Peyton, als ſie bemerkte, daß ihr Schwager unfähig ſey, etwas zu erwiedern.„Aber ſind die königlichen Truppen drunten aus⸗ gerückt?“ „Wahrſcheinlich werden ſie das bald thun,“ antwortete Birch, erhob ſeinen Pack vom Boden und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. „Und die Truppen des Continents,“ fuhr Miß Peyton mit ſanfter Stimme fort,„ſind die Truppen des Continents in der Grafſchaft?“ Harvey war im Begriff, etwas zu erwiedern, als ſich die Thüre öffnete, und Cäſar, von ſeinem entzückten Weibe begleitet, hereintrat. Die Art der Schwarzen, von welcher Eäſar ein ſo ausge⸗ zeichnetes Probeſtück war, wird immer ſeltener. Der alte Haus⸗ ſklave, der, im Hauſe ſeines Herrn geboren und erzogen, den innig⸗ ſten Antheil an dem Schickſale derer nahm, welchen zu dienen ſein Loos war, macht nach jeder Richtung der unſteten Klaſſe Platz, welche das Erzeugniß der letzten vierzig Jahre iſt, und deren Glie⸗ der das Land durchſtreifen, ohne ſich durch Grundſätze leiten oder durch Zuneigung feſſeln zu laſſen; denn es gehört mit zu dem Fluche der Leibeigenſchaft, daß ihre Opfer ſich ſelten die Eigen⸗ ſchaften eines freien Mannes anzueignen fähig ſind. Das Alter hatte Cäſars kurzes krauſes Haar gebleicht und ſein Aeußeres noch ehrwürdiger gemacht. Ein langer und unausgeſetzter Gebrauch des Kammes hatte den dichten Locken ſeines Vorderhauptes eine eideeeeeeeereneeneieeeenizeer iesiinne Nichtung gegeben, daß ſie wie eine ſteife Bürſte in die Höhe ſtan⸗ den und den Mann um einige Zolle höher erſcheinen ließen. Das glänzende Schwarz des Jünglings war verſchwunden und in ein ſchmutziges Braun übergegangen. Seine Augen, welche ſchrecklich weit von einander abſtanden, waren klein und trugen einen Aus⸗ druck von Gutmüthigkeit, der nur hin und wieder durch die An⸗ maßung eines verwöhnten alten Dieners unterbrochen wurde, und glänzten gerade in dem gegenwärtigen Augenblicke von innerem Vergnügen. Die Naſe beſaß in einem ausgezeichneten Grade alle Erforderniſſe zum Riechen, aber in der beſcheidenſten Verträglich⸗ keit, da von den ſehr umfangreichen Naſenlöchern keines dem andern zu nahe kam. Der häßlich weite Mund wurde nur durch die dop⸗ pelte Perlenreihe, welche er enthielt, erträglich. Dazu war Cäſar von Perſon klein und, wir würden ſagen, viereckig, hätten nicht die Winkel und krummen Linien ſeiner Figur jedem mathematiſchen Ebenmaaß Trotz geboten. Seine Arme waren lang und muskulös und endigten in zwei knöcherne Hände, welche auf der einen Fläche eine grauſchwarze Farbe, auf der andern ein welkes Gelb zeigten. An ſeinen Beinen hatte jedoch die Natur ihre wunderlichſte Laune ausgelaſſen. Es fehlte zwar nicht an der Maſſe, wohl aber an gehöriger Vertheilung derſelben. Die Waden befanden ſich weder vorn noch hinten, ſondern an der äußern Seite des Glieds, mehr in der Richtung nach vornen, und ſo dicht unter dem Knie, daß der freie Gebrauch dieſes Gelenkes zweifelhaft erſcheinen mochte. Ueber den Unterfuß, als die Grundlage, auf welchem der Körper ruhen ſollte, hatte Cäſar in der That keine Urſache, ſich zu beklagen, wenn es nicht wegen des Umſtandes geſchah, daß das Bein ſich ſo nahe an deſſen Mittelpunkt befand, um es hin und wieder zweifel⸗ haft erſcheinen zu laſſen, ob er nicht rückwärts gehe. Was aber auch die Fehler ſeyn mochten, die ein Bildhauer an Cäſar Thompſon’s Aeußerem hätte entdecken können— ſein Herz war an der rechten Stelle und hatte auch zweifelsohne ſeine richtigen Dimenſionen. Gefä Sara Geſch lich d von tern 1 um d zu m verlie ſich n und l Vater Aeuße nicht, die E wegge als ſi unter woller Gefül ſtan⸗ Das ein cklich Aus⸗ An⸗ und erem alle glich⸗ ndern dop⸗ Läſar nicht iſchen kulös Fläche igten. Laune r an weder mehr daß ochte. ruhen lagen, ich ſo veifel⸗ aber pſon's echten n. Dieſer Ehrenmann erſchien nun in Begleitung ſeiner alten Gefährtin, um die Gefühle ſeines Dankes in Worten auszudrücken. Sara nahm dieſes mit großem Wohlgefallen auf, lobte den guten Geſchmack des Mannes und meinte, der Anzug würde wahrſchein⸗ lich dem Weibe gut ſtehen. Franciska bot mit einem Antlitz, das von einem Vergnügen ſtrahlte, welches mit den erfreuten Geſich⸗ tern der Schwarzen zuſammenſtimmte, den Dienſt ihrer Nadel an, um den bewunderten Cattun zu ſeinem künftigen Zwecke geeignet zu machen, was auch mit demüthigem Danke angenommen wurde. Als Cäſar hinter ſeinem Weibe und dem Krämer das Zimmer verließ und im Begriffe war, die Thüre zu ſchließen, konnte er ſich nicht enthalten, in ein dankbares Selbſtgeſpräch auszubrechen und laut zu ſagen: „Gute kleine Lady— Miß Fanny— tragen Sorge für ihren Vater— machen auch gern ein Kleid für alte Dina.“ Zu welchen Aeußerungen ihn ſonſt noch ſeine Gefühle veranlaßten, wiſſen wir nicht, aber man hörte noch immer den Ton ſeiner Stimme, als die Entfernung bereits die Worte unverſtändlich machte. Harper hatte in ſtiller Bewunderung des Auftritts ſein Buch weggelegt, und Franciska's innere Zufriedenheit wurde noch erhöht, als ſie das beifällige Lächeln auf einem Antlitz gewahrte, welches unter den Zügen tiefen Nachdenkens und ſchwerer Sorge jenen wohl⸗ wollenden Ausdruck verbarg, der das Kennzeichen der ſchönſten Gefühle des menſchlichen Herzens iſt. Viertes Kapitel. „Es iſt des Fremden Blick und Gang, Die Haltung und der Stimme Klang; Sein Wuchs ſo männlich ſchlank und kühn, Wie einer Feſtung Batterien, Und mit des Helden Kraft erſcheint b Die leichte Anmuth mild vereint. In ſeinen majeſtät'ſchen Zügen Des Kriegs und Wetters Spuren liegen.— Doch müßt des Auges Würd' ihr ſchauen; Flöh' ich vor Feinden, voll Vertrauen Fleht hier ich Hülfe, in Gefahr Des Retters ſicher ganz und gar— Doch wenn ſein Blick dem Schuld'gen droht, Er muß ihn fürchten, mehr als Tod.“— „Genug!“ rief die Prinzeſſin hier, „'s iſt Schottlands Hoffen, Stolz und. Zier.“ Walter Scott. Als der Hauſirer ſich entfernt hatte, verhielt ſich die kleine Geſellſchaft einige Minuten ſchweigend. Herr Wharton hatte genug 1 gehört, um noch mehr beunruhigt zu werden, ohne daß die Be⸗ fürchtungen wegen ſeines Sohnes erleichtert worden wären. Der Kapitän wünſchte Harpern in der Ungeduld ſeines Herzens an jeden andern Platz, nur nicht an den, welchen er mit ſolcher anſcheinen⸗ den Gemüthsruhe einnahm, während Miß Peyton in der ſanften Gefälligkeit ihres Weſens, welche noch ein wenig durch das inner⸗ liche Vergnügen, einen ſo großen Theil von des Hauſirers Spitzen zu beſitzen, gehoben wurde, die Anordnung ihres Frühſtückgeräthes vollendete. Sara war geſchäftig, mit ihre, Einkäufen aufzuräu⸗ men, wobei ihr Faneiska, mit Vernaläſſigeng ißrer eigen n Erwerbungen, frzundlich an Handg ls der lich des Eultſt e Wort ach: 0 klei men unte ihre vom ihre raſc nach und Ver daß Whe Ihn dort läſſe auf Offi „daf mun iht, kleine genug Be⸗ Der jeden inen⸗ nften nner⸗ pitzen äthes uräu⸗ gen n „Wenn ſich Kapitän Wharton meinetwegen ſcheut, ſeine Ver⸗ kleidung abzulegen, ſo wünſche ich, ihm ſeinen Irrthum zu beneh⸗ men. Wenn ich Gründe hätte, ihn zu verrathen, ſo könnten ſie unter den gegenwärtigen Umſtänden nicht in Betracht kommen.“ Die jüngere Schweſter ſank todtenbleich vor Schrecken auf ihren Stuhl. Miß Peyton ließ die Theekanne, welche ſie eben vom Tiſch genommen hatte, fallen, und Sara ſaß, ohne die in ihrem Schooße liegenden Einkäufe zu beachten, in prachloſer Ueber⸗ raſchung. Herr Wharton ſtand betäubt, aber der Kapitän ſprang nach einer augenblicklichen Beſtürzung in die Mitte des Zimmers und rief, indem er die einzelnen Stücke ſeiner Maske wegſchleuderte: „ Ich glaube Ihnen von ganzem Herzen, und dieſe läſtige Verkappung ſoll nicht länger fortdauern. Aber ich muß geſtehen, daß ich nicht begreife, wie Sie mich erkennen konnten.“ „Sie ſehen in ihrer wahren Geſtalt viel beſſer aus, Kapitän Wharton,“ ſagte Harper mit einem leichten Lächeln.„Ich möchte Ihnen rathen, ſich in Zukunft nie wieder ſo zu verhüllen. Das dort reicht hin, Sie zu verrathen, wenn es auch an anderen An⸗ läſſen zur Entdeckung mangelte.“ Bei dieſen Worten deutete er auf ein Gemälde über dem Kamingeſims, welches den brittiſchen Offizier in der Uniform ſeines Regiments darſtellte. „Ich hatte mir geſchmeichelt,“ rief der junge Wharton lachend, „daß ich auf der Leinwand beſſer ausſähe, als in meiner Vermum⸗ mung. Sie ſind ein guter Beobachter, Herr!“ „Die Noth machte mich dazu,“ entgegnete Harper, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob. Franziska trat ihm, als er im Begriffe war, ſich zu entfer⸗ nen, in den Weg, ergriff ſeine Hand und ſprach mit Ernſt, wäh⸗ rend ihre Wangen im reichſten Purpur glühten: „Sie können, Sie werden meinen Bruder nicht verrathen.“ Harper betrachtete einen Augenblick die liehenswürdige Spre⸗ Perin in ſchweigender Bewunderung, druͤckte dam ihre Hände an ſeine Bruſt und entgegnete mit feierlicher Würde:„Ich kann, ich werde nicht.“ Er ließ hierauf ihre Hände los, legte die ſeinige auf ihr Haupt und fuhr fort:„Wenn der Segen eines Fremden Ihnen von Nutzen ſeyn kann, ſo empfangen Sie ihn.“ Dann wandte er ſich ab, machte eine tiefe Verbeugung und zog ſich mit einem Zartgefühl, welches von den Zurückbleibenden gebührend an⸗ erkannt wurde, auf ſein Zimmer zurück. Auf die ganze Familie hatte das edle und feierliche Benehmen des Reiſenden einen tiefen Eindruck gemacht und Alle, mit Aus⸗ nahme des Vaters, fanden in der Erklärung deſſelben eine große Beruhigung. Man ſuchte einige von des Kapitäns abgelegten Kleidungsſtücken hervor, die unter anderem Hausrath aus der Stadt mitgebracht worden waren; und der junge Wharton, der nun ſeine unbequeme Maske abgeworfen hatte, fing jetzt erſt an, ſich des Beſuches zu freuen, welchen er mit ſo viel perſönlicher Gefahr unternommen hatte. Herr Wharton begab ſich auf ſein Zimmer, um ſeine gewöhnlichen Geſchäfte zu beſorgen, und die jungen Da⸗ men, welche nun bei ihrem Bruder allein waren, plauderten mit ihm ohne Unterlaß über Dinge, die irgend ein beſonderes In⸗ tereſſe für ſie hatten. Selbſt Miß Peyton wurde von dem Geiſte ihrer jungen Nichten angeſteckt, und ſo ſaßen ſie wohl eine Stunde und gaben ſich in ſorgloſer Zuverſicht dem Vergnügen einer unge⸗ ſtörten Unterhaltung hin, ohne irgend an eine Gefahr, die über ihren Häuptern ſchweben mochte, zu denken. Die Stadt und die dortigen alten Freunde blieben dabei nicht lange vergeſſen; denn Miß Peyton, welche die innerhalb ihres Weichbilds verlebten an⸗ genehmen Stunden noch recht wohl im Gedächtniß hatte, erkun⸗ digte ſich bald unter anderem auch nach ihrem alten Bekannten, dem Obriſten Wellmere. „O!“ rief der Kapitän ſcherzend,„der iſt noch immer ſo hübſch und galant, wie er von jeher war.“ Wenn ein Weib auch nicht wirklich liebt, ſo hört ſie doch ben, Obr eiska hat um gegen den auf ſich d T 49 uu, ich ſelten ohne Erröthen den Namen des Mannes, den ſie lieben möchte, ſeinige oder mit dem ſie die müßige Plauderſucht des Tages in eine nähere temden Verbindung gebracht hat. Ein Gleiches war auch bei Sara der Dann Fall, welche lächelnd die Augen zur Erde ſenkte und von einem h mit 1 Purpur glühte, der ihre angeborenen Reize keineswegs verminderte.— dd an⸗ Kapitän Wharton achtete nicht des Antheils, welchen ſeine Schweſter zu erkennnen gab, und fuhr fort:„Er iſt bisweilen ehmen ſchwermüthig; wir necken ihn oft dabei und ſagen, er müſſe ver⸗ Aus⸗ liebt ſeyn.“ große Sara erhob ihr Auge wieder zu ihrem Bruder, ſah ſich dann legten langſam in der übrigen Geſellſchaft um und begegnete dabei dem ſchalk⸗ Stadt haften Blicke ihrer Schweſter, welche mit lebhaftem Lachen ausrief: ſeine„Ach, der arme Mann! Iſt er in Verzweiflung?“ 4 des„Ei, wie ſollte er das? er, der älteſte Sohn eines reichen efahr Mannes, hübſch und Obriſt?“ 1 nmer,„In der That, gewichtige Gründe, um bei Vernunft zu blei⸗ Da⸗„ ben,“ ſagte Sara mit erzwungenem Lächeln,„namentlich das letztere.“ mit„Laß Dir ſagen,“ erwiederte der Kapitän ernſthaft,„eine In⸗ Obriſtlieutenantſtelle bei der Garde iſt eine recht hübſche Sache.“ Geiſte„Und Obriſt Wellmere ein ſehr hübſcher Mann,“ fügte Fran⸗ tunde ciska bei. unge⸗„Ach, Fanny,“ entgegnete die Schweſter,„Obriſt Wellmere über hat nie Deine Gunſt beſeſſen; er iſt zu loyal gegen ſeinen König, d die um nach Deinem Geſchmack zu ſeyn.“ denn Franeiska verſetzte raſch;„Und iſt Heinrich nicht auch loyal an⸗ gegen ſeinen König?“ rkun⸗„Kommt, kommt!“ ſagte Miß Peyton.„Keinen Streit über nten,„. den Obriſten— ich nehme ihn in meinen Schutz.“ „Fanny hat die Majors lieber,“ rief der Bruder und zog ſie r ſo auf ſein Knie. „Unſinn,“ ſagte das erröthende Mädchen und war bemüht, doch ſich dem Arme des lachenden Kapitäns zu entwinden. Der Spion. 3. Aufl. 4 „Es nimmt mich Wunder,“ fuhr der letztere fort,„daß Pey⸗ ton, als er für die Befreiung meines Vaters Sorge trug, ſich nicht auch zugleich Mühe gab, meine Schweſter in dem Rebellen⸗ lager zu behalten.“ „Das hätte ſeine eigene Freiheit gefährden können,“ ſagte das Mädchen lächelnd und nahm wieder ihren Sitz ein;„und ihr wißt ja, daß Dunwoodie für die Freiheit kämpft.“ „Freiheit!“ rief Sara,„eine ſaubere Freiheit, wenn man Einen Herrn gegen fünfzig vertauſcht.“ „Schon das Recht, ſeine Herren zu vertauſchen, iſt eine Freiheit.“ „Und zwar eine, welche ihr Frauenzimmer bisweilen gerne ausübt,“ entgegnete der Kapitän. „Ich glaube, wir lieben die Freiheit, diejenigen zu wählen, welche den erſten Platz einnehmen ſollen; nicht wahr, Tante Jea⸗ nette?“ verſetzte das Mädchen lachend. „Ich?“ verſetzte Miß Peyton erſtaunt;„was weiß ich von ſolchen Dingen, Kind? Da mußt Du Jemand anders fragen, wenn Du über derartige Angelegenheiten Aufſchluß erhalten willſt.“ „Ach, Du willſt uns glauben machen, Du ſeyeſt nie jung ge⸗ weſen; aber was ſoll ich von all den Erzählungen halten, welche ich von der ſchönen Jeanette Peyton gehört habe?“ „Unſinn, Liebe; baarer Unſinn,“ ſagte die Tante, indem ſie ein Lächeln zu unterdrücken ſuchte;„es iſt thöricht, Alles zu glau⸗ ben, was man hört.“ „Unſinn nennſt Du es?“ rief der Kapitän heiter;„noch zu dieſer Stunde iſt Miß Peyton General Montroſe's Trinkſpruch, wie ich erſt in dieſer Woche noch an Sir Heinrich's Tafel ſelbſt gehört habe.“ „Ach, Heinrich, Du biſt ſo unartig, wie Deine Schweſtern. Um euern Thorheiten ein Ziel zu ſetzen, will ich euch meine bei uns verfertigten Stoffe zeigen, wenn man ſo kühn ſeyn darf, ſie neben Birch's Herrlichkeiten ſehen zu laſſen.“ weg Ent derſ Pey⸗ „ ſich bellen⸗ ſagte nd ihr man iheit.“ gerne dählen, 2 Jea⸗ h von wenn . ng ge⸗ welche em ſie glau⸗ och zu ſpruch, ſelbſt heſtern. ne bei rf, ſie 51 Die jungen Leute erhoben ſich in der beſten Laune von der Welt, um ihrer Tante zu folgen. Als ſie jedoch die Treppen hinangingen, um die Vorrathskammer zu beſuchen, wo Miß Peyton die Produkte ihrer häuslichen Induſtrie aufbewahrte, konnte letztere ſich nicht entbrechen, ihren Neffen zu fragen, ob Genexal Mont⸗ roſe noch immer ſo viel an der Gicht leide, als dieß zur Zeit ihrer näheren Bekanntſchaft der Fall geweſen ſey. Es iſt eine traurige Wahrnehmung, die wir bei vorrücken⸗ dem Alter machen, daß ſelbſt diejenigen, welche wir am meiſten lieben, nicht von den Gebrechen deſſelben verſchont bleiben. So lange das Herz friſch iſt und die Ausſicht in die Zukunft nicht durch die Flecken getrübt wird, die den Erfahrungen der Vergan⸗ genheit ankleben, ſind unſere Gefühle am heiligſten, und wir legen unſeren Freunden gerne alle Eigenſchaften und alle Tugenden bei, welche wir ſelbſt gerne beſäßen und die wir verehren gelernt haben. Die Achtung, welche wir für ſie hegen, ſcheint ein Theil unſeres Weſens zu ſeyn, und die Liebe, welche uns an unſere Verwandten knüpft, trägt ein Gepräge von Reinheit, welche im ſpätern Leben ſelten unbeeinträchtigt bleibt. Die Familie des Herrn Wharton er⸗ freute ſich für den ganzen Reſt des Tages eines Glückes, wie ſie es ſeit lange nicht gefühlt hatte— eines Glückes, das bei den jüngern Gliedern aus der Freude der innigſten Zuneigung und dem Austauſch der uneigennützigſten Zärtlichkeit entſprang. Harper erſchien erſt wieder beim Mittagsmahle und zog ſich, ſobald abtragen wurde, unter dem Vorwande einiger Geſchäfte auf ſein Zimmer zurück. Ungeachtet des durch ſein Benehmen er⸗ weckten Vertrauens fühlte ſich die Familie doch durch ſeine Ab⸗ weſenheit erleichtert; denn Kapitän Wharton's Beſuch war ſowohl wegen der kurzen Friſt ſeines Urlaubs, als wegen der Gefahr einer Entdeckung nur auf wenige Tage beſchränkt. Alle Furcht vor den Folgen war jedoch der Freude des Wie⸗ derſehens gewichen. Herr Wharton hatte zwar im Verlaufe des ——— 1 —— Tages ein paarmal ſeine Zweifel über den Charakter des unbe⸗ kannten Gaſtes laut werden laſſen und die Vermuthung geäußert, daß durch ſein Mitwiſſen doch wohl eine Entdeckung ſeines Sohnes herbeigeführt werden könnte; aber dieſer Gedanke wurde von allen ſeinen Kindern ernſtlich zurückgewieſen, und ſelbſt Sara vereinigte ſich mit Bruder und Schweſter, um der Biederkeit, welche ſich in der ganzen äußern Erſcheinung des Reiſenden ausſprach, das Wort zu reden. „Die Außenſeite iſt oft trügeriſch, meine Kinder,“ entgegnete der verzagte Vater.„Wenn Leute, wie Major André, ſich zum Betruge brauchen laſſen, ſo wäre es thöricht, in unſerem Falle auf das Aeußere bauen zu wollen.“ „Betrug?“ ſiel der Sohn raſch ein.„In der That, Sir! Sie vergeſſen, daß Major André im Dienſte ſeines Königs han⸗ delte, und daß die Gebräuche des Kriegs jenen Schritt recht⸗ fertigten.“ „Und rechtfertigte der Kriegsbrauch nicht auch ſeinen Tod, Heinrich?“ fragte Franciska mit gedämpfter Stimme, da ſie das, was ſie für die Sache ihres Vaterlandes hielt, nicht verlaſſen wollte und doch ihr Mitgefühl an dem Unglücke des Mannes nicht zu unterdrücken vermochte. „Nie!“ rief der junge Mann, indem er raſch von ſeinem Stuhle aufſprang und mit ſchnellen Schritten das Zimmer auf und abging;„Franciska, Du kränkſt mich! Angenommen es wäre mein Schickſal, gerade jetzt in die Hände der Rebellen zu fallen; Du könnteſt wohl auch meiner Hinrichtung das Wort reden— viel⸗ leicht zu Waſhington's Grauſamkeit frohlocken?“ „Heinrich!“ entgegnete Franciska feierlich und bebte vor inne⸗ rer Bewegung, indeß ihr Geſicht bleich, wie der Tod, wurde— „Du kennſt mein Herz wenig!“ „Verzeih, meine liebe Schweſter, meine kleine Fanny,“ ver⸗ ſetzte der Jüngling reumüthig, drückte ſie an die Bruſt und küßte die Thr den acht ihr Vor beſo die zur wir ande ihre nicht daß men und wir äußer ungen lächel ihr 2 bemer gar g das 2 ſal v Ungee nur mit n pfen, 5³ Thränen weg, welche ihr, ohngeachtet aller Entſchloſſenheit aus den Augen quollen. „Ich weiß wohl, es iſt thöricht, auf Deine raſchen Worte zu achten,“ ſagte Franciska, indem ſie ſich ſeinen Armen entwand und ihr thränenfeuchtes Auge mit einem Lächeln zu ihm erhob;„aber Vorwürfe von denen, welche wir lieben, ſind ſchmerzlich, Heinrich; beſonders— wo wir— wo wir glauben— wo wir wiſſen“— die Bläſſe ihres Antlitzes wich dem Feuer der Roſe, als ſte mit zur Erde geſenktem Blicke und leiſer Stimme hinzufügte—„daß wir ſie nicht verdienen.“ Miß Peyton erhob ſich von ihrem Stuhle, ſetzte ſich auf einen andern in der Nähe ihrer Nichte, und ſprach, indem ſie freundlich ihre Hand ergriff:„Du ſollteſt Dir das Ungeſtüm Deines Bruders nicht ſo zu Herzen gehen laſſen. Du kennſt ja das Sprüchwort, daͤß die Jungen unbändig ſind.“ „Du könnteſt auch grauſam ſagen, wenn Du mein Beneh⸗ men dabei zum Maßſtab nehmen willſt,“erwiederte der Kapitän und ſetzte ſich auf die andere Seite ſeiner Schweſter;„aber wenn wir auf den Tod André's zu ſprechen kommen, ſo ſind wir alle äußerſt empfindlich. Ihr habt ihn nicht gekannt; aber er war ein ungemein braver, ehrenwerther und geachteter Mann.“ Franciska lächelte ſanft und ſchüttelte den Kopf, ohne etwas weiter zu ſagen; ihr Bruder aber fuhr, als er dieſen Ausdruck ihrer Ungläubigkeit bemerkte, fort:„Du bezweifelſt es und findeſt ſeinen Tod wohl gar gerecht?“ „Ich bezweifle ſeinen Werth nicht im mindeſten,“ entgegnete das Mädchen ruhig, und will glauben, daß er ein beſſeres Schick⸗ ſal verdiente. Aber ich kann in Waſhington's Benehmen nichts Ungeeignetes finden. Ich kenne zwar die Gebräuche des Krieges nur wenig, und möchte lieber noch weniger davon wiſſen; aber mit welchen Hoffnungen auf Erfolg koͤnnten die Amerikamer kaäm⸗ pfen, wenn ſie von alle den Grundſätzen, welche lange Gewohnheit —— — —— feſtgeſtellt hat, nur deßhalb keinen Gebrauch machten, weil ſie nicht in dem Intereſſe der Britten liegen?“ „Was brauchen ſie überhaupt zu kämpfen?“ rief Sara unge⸗ duldig.„Zudem ſind ja doch alle ihre Handlungen ungeſetzlich, weil ſie Rebellen ſind.“ „Die Frauen ſind nur Spiegel, welche die vor ihnen ſtehenden Bilder zurückgeben,“ rief der Kapitän in guter Laune.„In Fran⸗ ciska ſehe ich den treuen Wiederſchein des Majors Dunwoodie, und in Sara—“ „Den des Obriſten Wellmere,“ ſiel die jüngere Schweſter lachend ein, obgleich ſie wie Scharlach erröthete.„Ich muß ge⸗ ſtehen, ich verdanke dem Major meine Betrachtungsweiſe, nicht wahr, Tante Jeanette?“. „Ich glaube in der That, Du haſt etwas von ſeiner Logik, Kind?“ „Nun ja, ich gebe mich ſchuldig; und Du, Sara, haſt die ge⸗ lehrten Abhandlungen des Obriſten Wellmere auch nicht vergeſſen.“ „Ich hoffe, ich werde das Recht nie vergeſſen,“ ſagte Sara, deren glühende Wangen mit denen ihrer Schweſter wetteiferten, und erhob ſich unter dem Vorwande, die Hitze des Feuers ver⸗ meiden zu wollen. Den Reſt des Tages über ereignete ſich nichts von Belang; aber gegen Abend berichtete Cäſar, er habe in Harper's Zimmer flüſternde Stimmen vernommen. Das Gemach, welches der Rei⸗ ſende bewohnte, befand ſich in dem äußerſten Flügel des Gebäudes, in einer dem Geſellſchaftszimmer der Famiile ganz entgegengeſetz⸗ ten Richtung, und es ſchien, als hätte Cäſar, um der Sicherheit ſeines jungen Herrn willen, ein regelmäͤßiges Spionirſyſtem ein⸗ geführt. Dieſe Nachricht war für alle Glieder des Hauſes beun⸗ ruhigend; aber der Eintritt Harper's ſelbſt, deſſen wohlwollender und redlicher Blick auch in der Zurückhaltung, welche er beobach⸗ tete, nicht zu verkennen war, entfernte, mit Ausnahme Herrn eil ſie unge⸗ etzlich, henden Fran⸗ voodie, weſter iß ge⸗ nicht Logik, die ge⸗ eſſen.“ Sara, ferten, s ver⸗ elang; immer r Rei⸗ äudes, geſetz⸗ herheit n ein⸗ beun⸗ llender obach⸗ Herrn 55 Wharton's, aus jeder Bruſt den Zweifel. Die Kinder des Hauſes und Miß Peyton glaubten, Cäſar müſſe ſich getäuſcht haben, und der Abend entwich vollends ohne weitere Störung. 4 Am Nachmittag des folgenden Tages war die ganze Geſell⸗ ſchaft im Beſuchzimmer um Miß Peyton's Theetiſch verſammelt, als ſich auf einmal das Wetter änderte. Die dünnen Wolken, welche nur in kleiner Entfernung über den Bergſpitzen zu ſchweben ſchienen, trieben mit erſtaunlicher Schnelligkeit von Weſten nach Oſten, obſchon der Regen noch mit aller Macht an die gegen Abend gelegenen Fenſter des Hauſes ſchlug, in welcher Richtung auch der Himmel mit ſchwarzem Gewölbe behangen war. Fran⸗ ciska betrachtete dieſes Schauſpiel mit dem ſehnſüchtigen Wunſche der Jugend, dem Ueberdruſſe des Eingeſperrtſeyns entrinnen zu können, als auf einmal, wie durch einen Zauberſchlag, alles ſtill wurde. Das Sauſen des Windes hatte nachgelaſſen; die Wuth des Sturmes war vorüber, und mit einer raſchen Wendung gegen das Fenſter begegnete ihrem vergnügten Blicke der herrliche Strahl der Sonne, welche den nahen Wald beleuchtete. Der Baumſchlag erglänzte unter den wechſelnden Tinten des Octoberlaubes und ſtrahlte von den naſſen Zweigen den reichſten Glanz eines ameri⸗ kaniſchen Herbſtes zurück. In einem Augenblick hatten ſich alle Bewohner des Hauſes nach der gegen Süden ſich öffnenden Säu⸗ lenhalle gedrängt. Die Luft war mild, duftend und erfriſchend und gegen Oſten hingen am Horizont dunkle ſich häufende Wolken, ähnlich den ſich zurückziehenden Maſſen eines geſchlagenen Heeres. In kleiner Entfernung über dem Gebäude jagten noch die leichten Dünſte mit wunderbarer Geſchwindigkeit gegen Oſten, während im Weſten die Sonne ſich Bahn gebrochen hatte und die heitere, neu erfriſchte Landſchaft mit ihren ſcheidenden Strahlen übergoß. Solche Augenblicke ſind nur dem amerikaniſchen Klima eigen, und man er⸗ freut ſich derſelben um ſo mehr, je raſcher ein Gegenſatz hervor⸗ tritt, in welchem man mit Entzücken den Uebergang aus dem 4 Getümmel wild bewegter Elemente zu der Stille eines ruhigen Abends ſo anmuthig, wie der ſanfteſte Juni⸗Morgen ſchaut. „Welch eine großartige Scene!“ ſagte Harper mit gedämpfter Stimme;„wie herrlich, wie furchtbar erhaben. Moͤge bald eine ſolche Ruhe dem Kampfe folgen, in den mein Vaterland verſtrickt iſt, und ein gleich herrlicher Abend den Tag ſeiner Drangſale ſchließen.“ Nur Franciska, welche ihm am nächſten ſtand, vernahm dieſe Worte. Sie blickte verwundert auf den Sprecher und ſah, wie er mit entblößtem Haupte, aufrecht und die Augen gegen den Himmel erhebend, daſtand. In ſeinem Antlitz war die Ruhe, welche ihm eigenthümlich zu ſeyn ſchien, nicht mehr zu erkennen, ſondern es lag ein gewiſſer Ausdruck von Begeiſterung auf demſelben und eine leichte Röthe hatte die ernſten Züge überflogen. „Von einem ſolchen Manne haben wir keine Gefahr zu be⸗ fürchten,“ dachte Franciska;„dieſe Gefühle leben blos in der Bruſt des Tugendhaften.“ Die Betrachtungen der Geſellſchaft wurden jetzt durch die plötz⸗ liche Erſcheinung des Hauſtrers unterbrochen. Er hatte den erſten Strahl der Sonne benützt, um zu dem Landhauſe zu eilen. Unbe⸗ kümmert, ob ſein Pfad trocken oder naß ſey, die Arme hin und her ſchwingend und den Kopf um einige Zolle gegen den Körper vorwärts neigend, näherte ſich Harvey mit ſeinem eigenthümlichen Gange und mit dem raſchen weitausgreifenden Schritte eines wan⸗ dernden Waarenhändlers der Halle. „Ein ſchöner Abend,“ ſagte der Krämer, nachdem er die Ge⸗ ſellſchaft, ohne die Augen aufzuſchlagen, begrüßt hatte;„ganz warm und angenehm für die Jahreszeit.“ Herr Wharton ſtimmte dieſer Bemerkung bei und erkundigte ſich freundlich nach der Geſundheit ſeines Vaters. Harvey hörte dies, verharrte aber eine Weile in ſchwermüthigem Schweigen, und erſt als die Frage wiederholt wurde, antwortete er mit einer Stimme, in welcher ſich ein leichtes Beben nicht verkennen ließ: den und den tun ſchl hau nack Zur die übe nach noch reite lenl Hau Krã einit ten ſie einig ſchie raſch erfaf mit * 0— f— uhigen npfter d eine rſtrickt eßen.“ dieſe vie er immel e ihm rn es und u be⸗ Bruſt plötz⸗ erſten Unbe⸗ und örper lichen wan⸗ Ge⸗ ganz digte hörte und einer ß: 57 „Es geht ſchnell mit ihm zu Ende, Alter und Ungemach wer⸗ den das Ihrige thun.“ Der Hauſirer wandte ſein Geſicht von den Beobachtern ab, und nur Franciska bemerkte das ſchwimmende Auge und die beben⸗ den Lippen des Mannes, der jetzt zum zweitenmal in ihrer Ach⸗ tung ſtieg. Das Thal, in welchem Herr Wharton ſeinen Wohnſitz aufge⸗ ſchlagen hatte, zog ſich vom Nordweſt nach Südoſt, und das Land⸗ haus lag an dem Abhange eines Hügels, von dem es ſeiner Länge nach in derſelben Richtung begränzt wurde. Eine kleine durch das Zurücktreten des entgegengeſetzten Hügels gebildete Oeffnung und die Abdachung des Bodens zum Niveau der Fluthhöhe geſtatteten über den fernen, am Ufer befindlichen Wälderſaum eine Ausſicht nach dem Sund.“ Die Oberflaͤche des Waſſers, welches kurz zuvor noch mit ungeſtümer Wuth an die Küſten geſchlagen hatte, verlor be⸗ reits ſein unheimliches Dunkel in den langen unregelmäßigen Wel⸗ lenlinien, die einem Sturme zu folgen pflegen, indeß der leichte Hauch des Südweſts, ihre Spitzen berührend, mit ſeinen ſchwachen Kräften zur Beruhigung des Meeres beitrug. Man konnte jetzt einige dunkle Punkte unterſcheiden, welche gelegenheitlich auftauch⸗ ten und dann wieder hinter den ſich dehnenden Wellen verſanken; ſte wurden aber nur von dem Hauſirer beachtet. Er hatte ſich in einiger Entfernung von Harper in der Halle niedergelaſſen und ſchien den Zweck ſeines Beſuches ganz vergeſſen zu haben. Sein raſches Auge hatte jedoch bald die eben genannten Gegenſtände erfaßt und aufmerkſam gegen das Waſſer hinblickend ſprang er mit Lebhaftigkeit wieder auf, änderte ſeinen Platz, richtete mit * Den Küſten von Neu⸗York und Connecticut gegenüber liegt eine Inſel, welche mehr als 40 Stunden lang iſt. Der Meeresarm, welcher ſie von dem Feſtland trennt, heißt in dieſer Gegend vorzugsweiſe„der Sund“, obſchon man derartige Zwiſchenſtrömungen überhaupt mit dem techniſchen Namen Sund bezeichnet. In dem gegenwärtigen Falle wechſelt die Breite des Waſſerſpiegels zwiſchen 5 und 30 Meilen. unverkennbarem Mißbehagen das Auge auf Harper und ſagte dann mit großem Nachdrucke: „Die Regulären müſſen da unten ausgerückt ſeyn.“ „Warum glaubt Ihr das?“ fragte Kapitän Wharton haſtig. „Gott gebe, daß es wahr ſey, denn ich bedarf ihres Schutzes auf meinem Rückwege.“ „Jene zehn Wallfiſchboote würden nicht ſo ſchnell rudern, wenn ſie nicht beſſer, als gewöhnlich bemannt wären.“ „Vielleicht,“ rief Herr Wharton in großer Unruhe,„ſind es— es können auch Feſtländer ſeyn, welche von der Inſel zurückkehren.“ „Sie ſehen wie Reguläre aus,“ erwiederte der Hauſirer be⸗ deutungsvoll. „Ausſehen?“ wiederholte der Kapitän.„Man kann ja nichts als Punkte ſehen.“ Harvey achtete dieſer Bemerkung nicht, ſondern ſchien das, was er jetzt mit verhaltenem Tone laut werden ließ, vor ſich ſelbſt hinzuſprechen: „Sie liefen vor dem Sturme aus— haben dieſe zwei Tage über an der Inſel angelegt— die Reiterei iſt auf dem Wege— es wird bald ein Gefecht in unſerer Nähe geben.“ Während dieſer Worte blickte Birch mehreremale mit augen⸗ ſcheinlichem Unbehagen auf Harper, der jedoch durch keinen Zug in ſeinem Geſichte irgend einen Antheil an der Sache verrieth. Er betrachtete ſchweigend die Landſchaft und ſchien ſich der Veränderung in der Atmoſphäre zu freuen. Als Birch jedoch geendigt hatte, wandte ſich der Fremde gegen ſeinen Wirth und theilte demſelben mit, daß ſeine Geſchäfte keine nutzloſe Zögerung geſtatteten; er wolle daher den ſchönen Abend benützen und noch einige Meilen weiter reiſen. Herr Wharton drückte ſein Bedauern aus, einen ſo werthen Gaſt zu verlieren; doch war es ihm von zu großer Wich⸗ tigkeit, die Abreiſe des Fremden zu beſchleunigen, um nicht zu dieſem Zwecke ſogleich die nöthigen Befehle zu ertheilen. ann tig. tzes ern, 59 Die Unruhe des Hauſirers nahm in einer Weiſe zu, von der ſich kein Grund einſehen ließ, und ſein Auge eilte immer wieder nach der Tiefe des Thales zurück, als ob er von dieſer Seite her eine Unterbrechung erwarte. Endlich erſchien Cäſar mit dem edlen Thiere, welches die Laſt des Reiſenden aufnehmen ſollte. Der Krämer half dienſtfertig die Gurten anziehen, und den blauen Ueber⸗ rock ſammt dem Mantelſack an den Sattelriemen befeſtigen. Als die nöthigen Vorbereitungen getroffen waren, ſchickte ſich Harper an, Abſchied zu nehmen. Gegen Sara und die Tante war ſein Compliment ungezwungen und freundlich: als er aber zu Fran⸗ ciska kam, hielt er einen Augenblick inne, und ſein Geſicht gewann den Ausdruck eines mehr als gewöhnlichen Wohlwollens. Seine Augen wiederholten den Segenswunſch, welchen früher ſeine Lippen ausgeſprochen hatten, und das Mädchen fühlte ihre Wangen glühen und das Herz raſcher ſchlagen, als er ſich von ihr verabſchiedete. Zwiſchen dem Wirthe und dem ſcheidenden Gaſte fand ein Austauſch wechſelſeitiger glatter Höflichkeit ſtatt; als aber Harper dem Kapitän Wharton freimüthig die Hand reichte, bemerkte er mit feierlichem Ernſte: „Sie haben einen ſehr gefährlichen Schritt unternommen, aus dem ſchlimme Folgen für Sie erwachſen können. In einem ſolchen Falle ſtünde es vielleicht in meiner Macht, meine Dankbarkeit für die Güte, welche mir Ihre Familie angedeihen ließ, zu bethätigen.“ „Gewiß, mein Herr,“ rief der Vater, welchen die Beſorgniſſe wegen der Sicherheit ſeines Sohnes alle zarteren Rückſichten ver⸗ geſſen ließen,„Sie werden von der Entdeckung, zu welcher Ihr Aufenthalt in meinem Hauſe Veranlaſſung gab, keinen Gebrauch machen.“ Harper kehrte ſich raſch gegen den Sprecher, und der Ernſt, der allmählig ſeine Züge wieder umfangen hatte, wich einem mil⸗ deren Ausdrucke, als er erwiederte: „Ich habe in Ihrem Hauſe nichts erfahren, mein Herr, was ich nicht ſchon vorher gewußt hätte; aber es iſt beſſer für die Sicherheit Ihres Sohnes, daß ich von ſeinem Beſuche Kenntniß habe, als wenn dieß nicht der Fall wäre.“ Er verbeugte ſich gegen die ganze Geſellſchaft und, ohne den Hauſirer anders zu beachten, als daß er ihm für ſeine gefällige Dienſtleiſtung dankte, beſtieg er ſein Roß, ritt mit Gewandtheit und Anmuth durch das kleine Thor und verſchwand bald hinter dem Hügel, welcher das Thal gegen Norden beſchirmte. Die Augen des Krämers folgten der ſich entfernenden Geſtalt des Reiters, ſo lange ſie ſichtbar war. Als ſie ſich aus ſeinen Blicken verlor, athmete er tief auf, als ob eine ſchwere Sorge ſeiner Bruſt entnommen ſey. Die Whartons hatten inzwiſchen ſchweigend über dieſen Beſuch und den Charakter ihres unbekannten Gaſtes nachgedacht, als ſich endlich der Vater Birch mit der Bemerkung näherte: „Ich bin noch Euer Schuldner, Harvey, für den Tabak, wel⸗ chen Ihr mir aus der Stadt mitzubringen ſo gefällig war't.“ „Wenn er nicht ſo gut ſeyn ſollte, als der frühere,“ erwie⸗ derte der Hauſirer, indem er noch einen letzten, zoͤgernden Blick in die Richtung warf, welche Harper eingeſchlagen hatte,„ſo liegt die Schuld an dem Seltenwerden dieſes Artikels.“ „Ich finde ihn gut,“ fuhr der Andere fort;„aber Ihr habt vergeſſen, mir den Preis zu ſagen.“ Die Züge des Krämers erlitten einen Wechſel und gingen von dem Ausdruck ernſter Bekümmerniß in den ſeiner natürlichen Schlau⸗ heit über, als er antwortete: „Es iſt ſchwer, einen Preis zu beſtimmen. Ich glaube, ich muß das Ihrer eigenen Großmuth überlaſſen.“ Herr Wharton holte eine ziemliche Hand voll mit dem Bilde Carls III. verſehener Münzen aus ſeiner Taſche und reichte davon Birch drei Stücke zwiſchen dem Zeigefinger und dem Daumen hin. Harvey's Auge blinzte, als er die Belohnung ſah und, eine ziemliche Quantität des beſprochenen Artikels im Munde hin und 2 her lare mit ein gen den entz The fried auf Whe Thei einen ſtets umſe mind er al keit o „Wo! ſchon freuen grauſe jetzt, b ſetzen Kapite 7 als den llige theit dem ſtalt inen einer gend aſtes kung wel⸗ wie⸗ k in liegt habt von plau⸗ ich Bilde avon umen eine und 61 her ſchiebend, ſtreckte er ruhig ſeine Hand aus, in welche die Dol⸗ lars mit ihrem angenehmſten Klang fielen. Aber nicht zufrieden mit der vorübergehenden Muſik ihres Falles, ließ der Hauſirer noch ein Stück nach dem andern auf den Treppenſteinen der Halle klin⸗ gen, ehe er ſie in einen großen hirſchledernen Beutel verſorgte, den er den Augen der Zuſchauer mit einer Schnelligkeit wieder zu entziehen wußte, daß Niemand zu ſagen vermochte, an welchem Theile ſeines Körpers er ihn verborgen hatte. Als dieſer weſentliche Punkt des Geſchäftes zu ſeiner Zu⸗ friedenheit abgethan war, erhob ſich der Krämer von ſeinem Sitz auf dem Boden der Halle und näherte ſich der Stelle, wo Kapitän Wharton ſeine Schweſtern unter dem Arm hatte, die mit zärtlicher Theilnahme auf ſeine Unterhaltung lauſchten. Die Aufregung über die vorausgegangenen Ereigniſſe hatte einen ſolchen Aufwand von Tabak, der dem Munde des Krämers ſtets nöthig war, erfordert, daß er ſich zuerſt nach neuem Kraut umſehen mußte, ehe er ſeine Aufmerkſamkeit einem Geſchäfte von minderer Wichtigkeit weihen konnte. Als dies geſchehen war, fragte er abgebrochen: „Kapitän Wharton, wollen Sie dieſe Nacht abreiſen?“ „Nein,“ ſagte der Kapitän lakoniſch, und blickte mit Zärtlich⸗ keit auf die beiden Schweſtern, welche in ſeinen Armen hingen. „Wollt Ihr, Meiſter Birch, daß ich eine ſolche Geſellſchaft jetzt ſchon verlaſſe, da ich mich derſelben vielleicht nie wieder zu er⸗ freuen habe?“ „Bruder!“ ſagte Franciska,„über ſolche Dinge zu ſcherzen, iſt grauſam.“ „Ich vermuthe nur,“ fuhr der Hauſirer ruhig weiter,„daß jetzt, da der Sturm vorüber iſt, die Schinder ſich in Bewegung ſetzen könnten. Sie würden beſſer thun ihren Beſuch abzukürzen, Kapitän Wharton.“ „O,“ rief der brittiſche Offizier,„dieſe Schufte laſſen ſich zu jeder Stunde mit einigen Guineen abfinden, wenn ich mit ihnen zuſammentreffen ſollte. Nein, nein, Meiſter Birch; ich will noch bis morgen hier bleiben.“ „Geld konnte den Major André nicht retten,“ entgegnete der Handelsmann trocken. Beide Schweſtern wandten ſich nun unruhig gegen den Kapi⸗ tän, und die ältere bemerkte:„Du würdeſt doch beſſer thun, Har⸗ vey's Rath zu befolgen, lieber Bruder; denn ſey verſichert, ſeine Meinung in ſolchen Angelegenheiten iſt nicht zu verachten.“ „Ja,“ fügte die jüngere bei,„wenn Dir, wie ich vermuthe, Meiſter Birch bei Deinem Hieherkommen an die Hand gegangen iſt, ſo fordert es Deine Sicherheit und unſer aller Glück, lieber Hein⸗ rich, daß Du jetzt auf ihn höreſt.“ 3 „Ich kam allein heraus und werde mich auch wieder hinein⸗ finden,“ ſagte der Kapitän mit Entſchiedenheit.„Unſer Verkehr ging nicht weiter, als mir meine Verkleidung zu beſorgen und mich wiſſen zu laſſen, wann die Küſte ſauber ſey; in letzterer Hinſicht habt Ihr Euch aber geirrt, Meiſter Birch.“ 5 „Sie haben Recht,“ entgegnete der Hauſirer mit einiger Theil⸗ nahme;„deſto mehr Grund iſt aber nun vorhanden, in dieſer Nacht zurückzukehren. Der Paß, welchen ich Ihnen gab, wird Ihnen nur einmal dienen.“ „Könnt Ihr mir keinen andern machen?“ Die blaſſe Wange Harvey's zeigte eine ungewöhnliche Röthe, aber er blickte zur Erde und ſchwieg, bis der junge Mann mit noch größerer Beſtimmtheit beifügte: „Ich werde dieſe Nacht noch hier bleiben, komme was da will.“ „Kapitän Wharton,“ ſagte der Krämer mit bedeutſamem Nach⸗ druck,„nehmen Sie ſich vor einem langen Virginier mit einem dichten Backenbart in Acht; er iſt hart hinter Ihnen, wie ich weiß,⸗ und ſogar der Teufel kann ihn nicht hintergehen;— mir ſelbſt iſt es blos ein einziges Mal gelungen.“ ho⸗ wo noch der api⸗ Har⸗ ſeine ithe, iſt, hein⸗ ein⸗ kehr mich ſicht heil⸗ acht hnen tthe, noch ill.“ ach⸗ nem deiß, t iſt „Er mag ſich vor mir in Acht nehmen,“ entgegnete Wharton hochmüthig.„Ich entbinde Euch übrigens aller weiteren Verant⸗ wortlichkeit, Meiſter Birch.“ „Wollen Sie mir das ſchriftlich geben?“ fragte der vorſichtige Hauſirer. „Herzlich gern,“ rief der Kapitän mit Lachen;„Cäſar!— Tinte, Feder und Papier, damit ich meinem treuen Diener, Harvey Birch, mobilem Handelsmann und ſo fort— einen Abſchied ſchreiben kann.“ Das erforderliche Schreibmaterial wurde herbeigeſchafft, und der Kapuän ſchrieb unter Scherzen das gewünſchte Certificat in Worten, wie ſie ihm die Laune des Augenblicks eingab. Der Krämer naum es in Empfang, legte es ſorgfältig an die Seite der Bildniſſe ſeiner katholiſchen Majeſtät, machte einen Kratzfuß gegen die Familie und ſchied, wie er gekommen war. Man ſah ihn bald in der Ferne durch die Thüre ſeiner armſeligen Wohnung ſchleichen. Der Vater und die Schweſtern des Kapitäus waren zu erfreut, den jungen Mann noch länger in ihrer Mitte behalten zu können, um eine Beſorgniß auszuſprechen oder überhaupt der Befürchtung Raum zu geben, daß ſeine Lage ſchlimme Folgen mit ſich führen möchte. Als man ſich jedoch zum Abendeſſen begab, erregte eine beſonnenere Ueberlegung in dem Kapitän andere Gedanken. Da er es nicht wagte, die Einfriedung ſeines väterlichen Beſitzthums zu über⸗ ſchreiten, ſo ſchickte er Cäſarn ab, um eine weitere Beſprechung mit Harvey zu verlangen. Der Schwarze kehrte jedoch bald mit der unwillkommenen Nachricht zurück, daß es jetzt zu ſpät ſey. Katy hatte ihm mitgetheilt, Harvey müſſe ſchon meilenweit auf dem Wege nach Norden ſeyn,„da er, ſo bald man das Licht angezündet, mit ſeinem Pack die Heimath verlaſſen habe.“ Es blieb daher dem Kapitän nichts übrig, als Geduld zu tragen, bis etwa der Morgen eine Gelegenheit bot, ihn zu einem Entſchluß über den beſten Weg, den er einzuſchlagen hätte, zu leiten. —y— ꝗͦ 64 „Dieſer Hardey Birch mit ſeinem erfahrenen Auge und ſeinen bedeutungsvollen Winken macht mich beſorgter, als ich mir ſelbſt geſtehen mag,“ ſagte Kapitän Wharton, indem er ſich der Gedanken zu entſchlagen ſuchte, an denen die Betrachtung ſeiner gefährlichen Lage keinen geringen Antheil nahm. „Wie wird es ihm doch nur moͤglich, in ſo ſchwierigen Zeiten ohne Beläſtigung im Lande auf und ab zu reiſen?“ fragte Miß Peyton. „Warum ihn die Rebellen ſo leicht durchſchlüpfen laſſen, iſt mehr als ich beantworten kann,“ ſagte der Kapitän nachdenkend: „aber Sir Henry würde nicht zugeben, daß ihm auch nur ein Haar ſeines Hauptes gekrümmt würde.“ „Wirklich?“ rief Franciska lebhaft.„Kennt ihn denn Sir Henry Clinton?“. „Wenigſtens ſcheint es ſo.“ 1 „Glaubſt Du, mein Sohn,“ fragte Herr Wharton,„man habe von ſeiner Seite keinen Verrath zu befürchten?“ „Ach— nein; ich habe das überlegt, ehe ich mich ihm an⸗ vertraute,“ entgegnete der Kapitän gedankenvoll.„Er ſcheint in Geſchäftsſachen ſehr zuverläßig zu ſeyn. Auch wird ihn wohl die Gefahr für ſeinen Hals, wenn er in die Stadt zurückkehrt, von einer ſolchen ſchurkiſchen Handlung zurückhalten.“ „Ich glaube,“ ſagte Francisfa, in die zuverſichtliche Weiſe ihres Bruders eingehend,„Harvey Birch iſt nicht ohne edle Ge⸗ fühle; wenigſtens hat es bisweilen das Anſehen.“ „O!“ rief die Schweſter freudig,„er iſt ein loyaler Unter⸗ than, und das iſt meinen Augen die erſte aller Tugenden.“ „Ich fürchte,“ ſagte ihr Bruder lachend,„daß bei ihm die Liebe zum Gelde die Liebe zu ſeinem Könige überwiegt.“ „Dann,“ entgegnete der Vater,„biſt Du nicht ſicher, ſo lang er Dich in ſeiner Macht hat, denn keine Liebe wird der Lockung des Geldes widerſtehen, wenn die Habſucht mit in's Spiel kömmt.“¹ Häu wöh Die am Schl Thal Heite Prac wiede figkei ander denn D einen ſelbſt inken ichen eiten Miß inter⸗ n die lang kung imt.* „Und doch muß es eine Liebe geben, V Jüngling, indem er wieder in ſeine heitere L Allem widerſtehen kann. Nicht wahr, Fanny?“ „Da iſt Deine Kerze; Du hältſt den Vater über ſeine gewohnte ater,“ erwiederte der aune verfiel,„welche Stunde auf!“ Fünftes Kapitel. Durch Taroß Moor und Solway's Sand War blindlings ihm der Weg bekannt; Durch kühne Sprünge, ſchlaue Runden Entrann er Percy's beſten Hunden. Durch unſre Ströme, breit genug— Schon oft ſein muthig Roß ihn trug. Ihm war es gleich, Tag oder Nacht, Decembers Schnee und Julis Pracht; Nacht oder Tag, nichts macht ihm Noth, Ob Mitternacht, ob Morgenroth. Walter Scott. Alle Glieder der Wharton'ſchen Familie legten dieſe Häupter mit der bangen Vorahnung auf die Pfühle, wöhnliche Ruhe auf irgend eine Weiſe unterbrochen w Die Gemüthsaufregung ließ die Schweſtern kein am andern Morgen ſtunden ſie auf, Schlafes genoſſen zu haben. Als ſie haſtig von den Fenſtern ihres Schlafgemachs das Thal überſchauten, erblickten ſie jedoch nichts, als die gewöhnliche Heiterkeit der Landſchaft. Sie erglänzte von der ſich entfaltenden Pracht eines jener milden und lieblichen Tage, welche hin und wieder zur Zeit des fallenden Laubes eintreten und, um ihrer Häu⸗ figkeit willen, den Amerikaniſchen Herbſt den ſchönſten Jahreszeiten anderer Länder an die Seite ſtellen. Wir haben keinen Frühling; Nacht ihre daß ihre ge⸗ erden möchte. Auge ſchließen und ohne der Erfriſchung des denn hier macht die Vegetation ihre Entwicklung im Sprunge, Der Spion. 3. Aufl. 5 —————— 66 während ſie unter den gleichen Breitengraden der alten Welt in's Leben zu kriechen ſcheint. Und wie herrlich iſt erſt ihr Scheiden! September, October— ſelbſt noch der November und December ſind Monate, in welchen man ſich des Genuſſes freier Luft erfreuen darf, und wenn ſie auch ihre charakteriſtiſchen Stürme haben, ſo ſind dieſe von kurzer Dauer und laſſen eine heitere Atmoſphäre und einen wolkenloſen Himmel zurück. Da ſich nichts entdecken ließ, was die Freude und die Harmo⸗ nie eines ſolchen Tages möglicherweiſe hätte ſtören können, ſo gingen die Schweſtern in das Geſellſchaftszimmer hinunter, mit der er⸗ neuerten Zuverſicht, daß die Sicherheit ihres Bruders nicht gefähr⸗ det ſey und ihr häusliches Glück wohl keine Störung zu beſor⸗ gen habe. Die Familie hatte ſich früh zum Frühſtücke verſammelt und Miß Peyton war mit einem Anflug jener bis auf's Kleinlichſte ſich erſtreckenden Genauigkeit, welche ſich ſo gerne bei Jungfernwirth⸗ ſchaften einſchleicht, ſcherzweiſe darauf beſtanden, daß die mangelnde Gegenwart ihres Neffen keine Störung in der von ihr eingeführten Hausordnung machen ſolle. Die Geſellſchaft ſaß daher bereits um den Tiſch, als der Kapitän eintrat, obgleich der noch unberührte Kaffee bewies, daß ſeine Abweſenheit von keinem ſeiner Verwandten unberückſichtigt geblieben war. „Ich denke, ich habe beſſer gethan,“ rief er, indem er nach den gewöhnlichen Morgenbegrüßungen einen Stuhl zwiſchen ſeinen Schweſtern nahm,„mir ein gutes Bett und ein ſo reichliches Früh⸗ ſtück zu ſichern, ſtatt mich der Gaſtfreundſchaft des berufenen Corps der Kühjungen anzuvertrauen.“ „Wenn Du ſchlafen konnteſt,“ ſagte Sara,„ſo biſt Du glück⸗ licher als Franciska und ich geweſen. Jedes Geräuſch der Nachtluft ſchlug mir wie die Annährung des Rebellenheeres an das Ohr.“ „Ach,“ erwiederte der Kapitän lachend,„ich gebe zu, daß ich auch ein wenig unruhig geweſen bin— aber wie war es mit Dir—“ nom aufg auf der Cäſe ganz iſt 1 auf größ gefä Zug⸗ des länd hauſ Geſe mung in's iden! imber reuen 1, ſo 2 und armo⸗ ingen r er⸗ fähr⸗ beſor⸗ t und e ſich virth⸗ gelnde ihrten s um rührte undten nach ſeinen Früh⸗ Corps chluft hr.“ aß ich ir—“ 67 er wandte ſich dabei an ſeine jüngere, augenſcheinlich begünſtigtere Schweſter und klopfte ſie auf die Wange,„haſt Du die Wolken für flatternde Fahnen und Miß Peyton's Aeolsharfe für die Muſik einer Rebellen⸗Armee gehalten?“ „Nein, Heinrich,“ entgegnete das Mädchen mit einem zartlichen Blick auf ihren Bruder,„ſo ſehr ich mein Vaterland liebe, ſo würde mir doch die Annäherung ſeiner Truppen in einem ſolchen Augenblick großen Kummer machen.“ Der Kapitän gab keine Antwort, erwiederte jedoch die Liebe, welche aus dem Auge der Schweſter ſprach, durch einen Blick brü⸗ derlicher Zärtlichkeit und drückte ihr ſchweigend die Hand, als plötz⸗ lich Cäſar, welcher an der Angſt der Familie treulich Theil ge⸗ nommen und mit dem Grauen des Tages ſich von ſeinem Lager aufgemacht hatte, um von einem der Fenſter ein wachſames Auge auf die Umgebung zu werfen, mit einem Geſichte, deſſen Farbe ſich der eines Europäers näherte, ausrief: „Laufen— Maſſa Harry— laufen— wenn er lieben alt Cäſar, laufen— hier kommen Rebellenreiterei.“ „Laufen?“ wiederholte der brittiſche Offizier, indem er ſeinen ganzen militäriſchen Stolz aufbot.„Nein, Meiſter Caͤſar, das Laufen iſt mein Handwerk nicht.“ Mit dieſen Worten ging er bedächtlich auf das Fenſter zu, an welches ſich die Familie bereits in der größten Beſtürzung gedrängt hatte. In der Entfernung von mehr als einer Meile ließen ſich un⸗ gefähr fünfzig Dragoner blicken, welche auf einem der ſeitlichen Zugänge gegen das Thal herunter zogen. Neben dem an der Spitze des Trupps befindlichen Offizier war die Geſtalt eines Mannes in ländlicher Tracht zu erkennen, welcher in die Richtung des Land⸗ hauſes deutete. Eine kleinere Abtheilung trennte ſich nun von dem Geſchwader und bewegte ſich raſch auf den Ort ihrer Beſtim⸗ mung zu. Als ſie die Straße, welche in der Thalebene fortlief, erreicht —— 68 hatten, wendeten ſie ihre Pferde gegen Norden. Die Whartons blieben in athemloſen Schweigen an ihre Stelle gefeſſelt und be⸗ wachten jede Bewegung der Reiter. Dieſe bildeten, als ſie Birch's Wohnung erreicht hatten, ſchnell einen Kreis um deſſen kleines Beſitzthum und im Augenblick war ſein Haus von einem Dutzend Schildwachen umringt. Zwei oder drei Dragoner ſtiegen nun ab und verſchwanden; nach einigen Minuten kamen ſie jedoch wieder in den Hof, und hinter ihnen Katy, aus deren heftigen Geſticulationen ſich erkennen ließ, daß es ſich nicht um Kleinigkeiten handle. Nach einer kurzen Beſprechung mit der geſchwätzigen Haushälterin langte die Haupt⸗ abtheilung des Trupps an; der vorangeſchickte Haufen ſaß wieder auf und nun bewegten ſie ſich in Maſſe mit großer Eile auf die Locuſten zu. Bis jetzt hatte Niemand in der Familie Geiſtesgegenwart genug gehabt, Vorkehrungen für die Sicherheit des Kapitän Wharton zu treffen; aber die Gefahr war jetzt zu drängend, um einen länge⸗ ren Verzug zu geſtatten und ſo ſchlug man nun in der Eile ver⸗ ſchiedene Mittel, ihn zu verbergen, vor, die jedoch alle von dem Stolze des jnngen Mannes, als ſeines Charakters unwürdig, zu⸗ rückgewieſen wurden. Es war zu ſpät, ſich in die nahegelegenen Wälder zu flüchten, da er unvermeidlich bemerkt und, wenn ihm von den Reitern nachgeſetzt wurde, nothwendig eingeholt werden mußte. Endlich warfen ihm ſeine Schweſtern mit zitternden Händen ſeine frühere Verkleidung wieder über, deren einzelne Stücke Cäſar ſorgfältig bei Handen behalten hatte, im Falle irgend eine Gefahr auftauchen ſollte. Man war kaum mit dieſer Vorkehrung eilig und unvollkom⸗ men zu Stande gekommen, als bereits die Dragoner mit Sturmes⸗ ſchnelle in den Hof und Garten hereinſprengten und das Haus des Herrn Wharton umzingelten. einen nes Stin Fran Geſte deſſer befür der L bleich ſich werde laſſen Whar Antw rtons d be⸗ irch's leines utzend nden; und ennen urzen aupt⸗ vieder ff die genug on zu inge⸗ ver⸗ dem „ zu⸗ genen ihm erden inden Läſar efahr kom⸗ mes⸗ des 69 Es blieb nun nichts übrig, als dem bevorſtehenden Verhör mit ſo viel Unbefangenheit, als die Familie an den Tag zu legen im Stande war, entgegen zu gehen. Der Führer des Trupps ſtieg ab und näherte ſich, von einigen ſeiner Leute begleitet, der äußern Thüre des Gebäudes, welche Cäſar nur langſam und widerſtrebend zu dem Empfange des unwillkommenen Gaſtes offnete. Die Frauen hoͤrten den ſchweren Fußtritt des Reiters, als er dem Schwarzen zu der Thüre des Geſellſchaftszimmers folgte, immer näher und näher kommen, und ihr Blut drängte ſich aus dem Antlitz nach dem Herzen mit einem Schauder, welcher ihnen faſt alle Beſinnung benahm. Ein Mann, deſſen koloſſale Geſtalt ſeine Rieſenkraft verkün⸗ digte, trat in's Zimmer, lüpfte den Hut und grüßte die Familie mit einer Höflichkeit, welche mit ſeiner äußern Erſcheinung nicht eben im Einklang zu ſtehen ſchien. Sein ſchwarzes, nach der damaligen Mode mit Puder beſtreutes Haar hing wirre über die Augenbraunen herunter und ſein Geſicht barg ſich faſt ganz in einem dichten ungeſtalten Backenbart. Doch war der Ausdruck ſei⸗ nes Auges, ſo durchdringend er auch war, nicht böſe, und die Stimme, obgleich tief und kräftig, nichts weniger als unangenehm. Franciska wagte es, einen furchtſamen Blick auf die eintretende Geſtalt zu werfen, und erkannte mit einem Male den Mann, von deſſen Scharfblick, Harvey Birch's Warnung zufolge, ſo viel zu befürchten ſtand. „Sie haben keine Urſache zur Unruhe, meine Damen,“ ſagte der Offizier und hielt einen Augenblick inne, während deſſen er die bleichen Geſichter um ſich her betrachtete—„mein Geſchäft wird ſich auf einige Fragen beſchränken; wenn dieſe offen beantwortet werden, ſo können Sie uns ſogleich ihre Wohnung wieder ver⸗ laſſen ſehen.“ „Und was mögen das für Fragen ſeyn, Sir?“ ſtammelte Herr Wharton, indem er ſich von ſeinem Stuhl erhob und ängſtlich die Antwort erwartete. 70 2„Hat ſich ein fremder Herr während des Sturmes bei Ihnen ſei aufgehalten?“ fuhr der Dragoner mit einiger Theilnahme fort, mi 4 indem er in gewiſſem Grade die Beängſtigung des Vaters mitzu⸗ fühlen ſchien. an „Dieſer Herr— hier— beehrte uns während des Regens wo 4 mit ſeiner Geſellſchaft und iſt noch nicht abgereist.“ „Dieſer Herr?“ wiederholte der Andere, indem er ſich gegen B. Kapitän Wharton wandte und ihn eine Weile betrachtete, bis der ge Ausdruck der Beſorgniß auf ſeinen Zügen in den eines ſpöttiſchen. Lächelns überging. Er näherte ſich dem Jüngling mit einem An⸗ zu ſtrich komiſcher Würde und fuhr mit einem tiefen Bücklinge fort: ſtr „Ich bedaure, mein Herr, daß es Sie ſo ſehr an dem ha Kopf friert.“ W „Mich?“ rief der Kapitän überraſcht,„es friert mich nicht an G dem Kopf.“ ter „Nun, ich vermuthete das wenigſtens, weil Sie ſo ſchöne ein ſchwarze Locken mit dieſer häßlichen alten Perücke bedecken. Es we ſcheint aber, ich habe mich geirrt, und ich bitte daher um gefällige fel Verzeihung.“ Tö Herr Wharton ſtöhnte laut; die Damen aber, welche nicht wußten, wie weit ſich der Scharfblick ihres Gaſtes erſtreckte, ver⸗ ge harrten bebend in ſtarrem Stillſchweigen. Der Kapitän ſelbſt be⸗ der wegte ſeine Hand unwillkührlich nach dem Kopfe und gewahrte, das 1 B die zitternde Haſt ſeiner Schweſtern einiges von ſeinem natürlichen ho Haar unbedeckt gelaſſen hatte. Der Dragoner beobachtete die Be⸗ W wegnng mit andauerndem Lächeln, ſchien ſich aber alsbald wieder. A zu ſammeln und fuhr, gegen den Vater gewendet, fort: ich „Ich muß alſo hieraus entnehmen, mein Herr, daß innerhalb un der letzten Woche kein Herr, Namens Harper, hier geweſen iſt?“ „Herr Harper?“ wiederholte der andere und fühlte eine Laſt er ſeiner Bruſt entnommen—„ja,— ich habe ſein ganz vergeſſen; me aber er iſt wieder abgereist; und wenn etwas Verdächtiges in Ihnen e fort, mitzu⸗ Regens gegen bis der ttiſchen m An⸗ fort: n dem icht an ſchöne n. Es efällige e nicht 2, ver⸗ lbſt be⸗ te, daß ürlichen die Be⸗ wieder nerhalb n iſt?“ ne Laſt eſſen; ges in 71 ſeinem Charakter war, ſo iſt uns dieſes ganz unbekannt geblieben— mir war er vollkommen fremd.“ „Sie haben nur wenig von ſeinem Charakter zu beſorgen,“ antwortete der Dragoner trocken;„er iſt alſo abgereist— wiß— wann— und wohin?“ „Er ſchied wie er kam,“ ſagte Herr Wharton, welcher aus dem Benehmen des Reiters wieder neue Hoffnung ſchöpfte,„zu Pferd, geſtern Abend und ſchlug den Weg gegen Norden ein.“ Der Offizier hörte ihm mit der geſpannteſten Anfmerkſamkeit zu; ſein Geſccht begann allmählig von einem vergnügten Lächeln zu ſtrahlen und ſobald Herr Wharton ſeine lakoniſche Antwort beendet hatte, drehte er ſich auf der Ferſe um und verließ das Zimmer. Die Whartons ſchloſſen aus dieſer Bewegung, es ſey ſeine Abſicht, dem Gegenſtand ſeiner Ausforſchungen ſelbſt nachzuſpüren. Sie bemerk⸗ ten, daß der Dragoner im Vorhofe mit ſeinen beiden Lieutenants eine ernſte, aber anſcheinend erfreuliche Unterredung hielt. In wenigen Augenblicken waren an einige von dem Geſchwader Be⸗ fehle gegeben und Reiter verließen auf verſchiedenen Pfaden das Thal in voller Haſt. Die Ungewißheit der im Hauſe Befindlichen, welche mit geſtei⸗ gertem Intereſſe dieſem Auftritte zuſahen, war bald zu Ende, denn der ſchwere Tritt des Dragoners verkündigte bereits ſeinen zweiten höflich, ging auf Kapitän Wh zu und ſprach mit komiſcher Würde: „Da mein Hauptgeſchäft abgethan iſt, mein Herr, ſo möchte ich um die Erlaubniß bitten, die Eigenſchaft dieſer Perücke näher unterſuchen zu dürfen.“ Der brittiſche Offizier ahmte die Weiſe des Andern nach, als er bedächtlich ſeinen Kopf enthüllte und die Perücke mit der Be⸗ merkung auslieferte: „Ich hoffe, mein Herr, Sie wird nach Ihrem Geſchmack ſeyn.“ Beſuch. Er verneigte ſich 196i. Eintritt in das Zimmer „Ich kann das, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, nicht ſagen,“ erwiederte der Dragoner.„Mir iſt Ihr dunkles Haar, aus welchem Sie mit ſo vielem Fleiß den Puder gekämmt zu haben ſcheinen, viel lieber. Aber das muß ein tüchtiger Hieb geweſen ſeyn, den Sie unter dieſem ungeheuern ſchwarzen Pflaſter verbergen.“ „Sie ſcheinen ein ſo guter Beobachter zu ſeyn, daß ich Ihre Meinung darüber hören möchte, mein Herr,“ ſagte Heinrich, indem er den Tafft entfernte und die unbeſchädigte Wange zeigte. „Auf mein Wort, Ihr Aeußeres verbeſſert ſich raſch,“ fuhr der Offizier fort, den unbeugſamen Ernſt in ſeinen Zügen bewah⸗ rend.„Wenn ich Sie nur überreden könnte, dieſen alten Ueberrock mit jenem blauen Kleide dort an Ihrer Seite zu vertauſchen, ſo wäre mir, glaube ich, nie eine angenehmere Umwandlung vorge⸗ kommen, ſeit ich ſelbſt aus der Lieutenants⸗Uniform in die eines Kapitäns gekrochen bin.“. Der junge Wharton that mit großer Faſſung, was von ihm verlangt wurde; und ſtand nun als ein ſehr ſchöner und gutgeklei⸗ deter junger Mann da. Der Dragoner blickte ihn einen Moment mit dem poſſierlichen Weſen, welches ihm eigenthümlich war, an und fuhr dann fort: „Eine neue Erſcheinung auf dem Schauplatze. Sie wiſſen, es iſt gebräuchlich, daß Fremde eingeführt werden. Ich bin Kapitän Lawton von der Virginiſchen Reiterei.“ 1 „Und ich, mein Herr, bin Kapitän Wharton von Seiner Ma⸗ jeſtät ſechzigſtem Infanterie⸗Regiment,“ erwiederte Heinrich mit einer ſteifen Verbeugung, in der er ſeine frühere Weiſe wieder annahm. Lawton's Züge änderten ſich plötzlich und die angenommene ſcherzhafte Geziertheit verſchwand. Er betrachtete die Geſtalt des Kapitän Wharton, welcher in ſeiner vollen Würde und mit ſtolzem Verſchmähen jeder weitern Verheimlichung vor ihm ſtand, und rief mit großem Ernſte: Sie kein einn von 2 c zahl Spr Vir gekel unſe ſtehe zu ſi Vate da i der 9 unter Andr bis ſo zie mern dem Brud Beach Verle Majo nicht daar, aben beſen gen.* Ihre dem fuhr vah⸗ rrock ſo rge⸗ ines ihm klei⸗ nent an „es itän Na⸗ mit eder iene des zem rief „Kapitän Wharton, ich bedaure Sie von ganzem Herzen!“ „O, dann,“ rief der Vater in äußerſter Seelenangſt,„wenn Sie ihn bedauern, warum ihn in Ungelegenheit bringen?— Er iſt kein Spion, und nichts als der Wunſch, ſeine Freunde wieder einmal zu ſehen, veranlaßte ihn, ſich in ſeiner Verkleidung ſo weit von der regulären Armee zu entfernen. Laſſen Sie ihn uns, und es gibt keine Belohnung, keine Summe, die ich nicht mit Freuden zahlen will.“ „Herr, Ihre Angſt für Ihren Freund entſchuldigt dieſe Sprache,“ ſagte Lawton ſtolz;„aber Sie vergeſſen, daß ich ein Virginier und ein Mann von Ehre bin.“ Gegen den jungen Mann gekehrt fuhr er fort:„Wußten Sie nicht, Kapitän Wharton, daß unſere Vorpoſten bereits ſeit mehreren Tagen weiter unten ſtehen?“ „Ich wußte es nicht, bis ich auf ſie traf, und dann war es zu ſpät zum Rückzug,“ ſagte Wharton düſter. Ich kam, wie mein Vater bereits bemerkte, heraus, um meine Verwandte zu beſuchen, da ich erfahren hatte, Ihre Truppen ſeyen zu Peekshill und in der Nähe des Hochlandes, ſonſt hätte ich gewiß das Wageſtück nicht unternommen.“ „Alles dieſes mag ganz richtig ſeyn; aber die Geſchichte mit André hat uns geleert, auf der Hut zu ſeyn. Wenn Verrätherei bis zu dem Grabe der Stabsoffiziere reicht, Kapitän Wharton, ſo ziemt es den Freunden der Freiheit, ihre Vorſicht nicht ſchlum⸗ mern zu laſſen.“ Heinrich verbeugte ſich bei dieſer Bemerkung in zurückhalten⸗ dem Schweigen, aber Sara wagte es, noch etwas zu Gunſten ihres Bruders hervorzubringen. Der Dragoner hörte ihr mit höflicher Beachtung und augenſcheinlichem Mitleiden zu; um ſich jedoch der Verlegenheit fruchtloſer Geſuche zu entziehen, antwortete er ſanft: „Ich bin nicht der Befehlshaber der Mannſchaft, Madame. Major Dunwoodie wird entſcheiden, was mit Ihrem Bruder geſchehen 74 ſoll. In jedem Fall wird ihm eine freundliche und anſtändige Be⸗ handlung zu Theil werden.“ „Dunwoodie?“ rief Franciska mit einem Geſichte, in welchem ſich die Gluth der Roſe mit der Bläſſe der Furcht um die Oberhand ſtritt;—„Gott ſey Dank dann iſt Heinrich gerettet!“ Lawton betrachtete ſie mit dem gemiſchten Ausdruck von Mit⸗ leiden und Verwunderung, ſchüttelte dann bedenklich den Kopf und fuhr fort: „Ich hoffe das, und mit Ihrer Erlaubniß wollen wir die Sache ſeiner Entſcheidung überlaſſen.“ Franciska's Farbe ging von der Bläſſe der Furcht in die Gluth der Hoffnung über. Ihre Beſorgniſſe um ihren Bruder waren in der That ſehr vermindert; doch bebten ihre Glieder, ihr Athem wurde kurz und unregelmäßig und ihr ganzes Aeußere zeigte die unverkennbaren Merkmale eines außerordentlichen Kampfes. Ihr zur Erde geſenkter Blick erhob ſich gegen den Dragoner und ſank dann wieder unbeweglich gegen den Fußteppich— ſie hatte augen⸗ ſcheinlich die Abſicht, etwas zu ſagen, ohne im Stande zu ſeyn, es hervorzubringen. Miß Peyton beobachtete dieſe Bewegungen ihrer Nichte genau, trat dann mit weiblicher Würde vor und fragte: „Dann, mein Herr, haben wir wohl das Vergnügen, den Major Dunwoodie nächſtens in unſerer Geſellſchaft zu ſehen?“ „Er kann jeden Augenblick hier ſeyn, Madame,“ antwortete der Dragoner, indem er den bewundernden Blick von Franciska abwandte. „Bereits ſind Expreſſen auf dem Weg, ihm unſere Stellung mitzutheilen, und dieſe Kunde wird ihn unverzüglich in das Thal führen, wenn nicht allenfalls gewiſſe andere Rückſichten vorhanden ſind, welche ihm einen Beſuch beſonders unangenehm machen könnten.“ „Wir werden uns immer glücklich ſchätzen, den Maior Dun⸗ woodie bei uns zu ſehen.“ „O! ohne Zweifel; er iſt aller Welt Liebling. Darf ich daher wohl bitten, zu erlauben, daß meine Leute abſteigen und die ren them die Ihr ſank gen⸗ ſeyn, ngen agte: den e der ndte. ilen, venn elche Dun⸗ und einige Erfriſchung zu ſich nehmen, da ſie einen Theil ſeiner Schwa⸗ dron ausmachen?“ Es lag etwas in dem Benehmen des Reiters, um deſſen willen Herr Wharton ihm die Unterlaſſung dieſer Bitte gerne vergeben hätte; doch die eigene verſöͤhnliche Stimmung des Hausbeſitzers ließ an keine Gegenrede denken, und außerdem wäre es nutzlos geweſen, eine Einwilligung zu verweigern, die, wie er glaubte, wahrſcheinlich er⸗ zwungen worden wäre. Er machte daher aus der Noth eine Tugend und gab die geeigneten Befehle, den Wünſchen des Kapitän Law⸗ ton entgegen zu kommen. Die Offiziere wurden eingeladen, an dem Frühſtück der Fa⸗ milie Theil zu nehmen, und nachdem außen die nöthigen Vorkeh⸗ rungen getroffen waren, wurde der Einladung unbedenklich Folge geleiſtet. Der umſichtige Parteigänger hatte keine der für ſeine Lage ſo nothwendigen Vorſichtsmaßregeln verabſäumt. Auf den fernen Hügeln, ließen ſich Patrouillen blicken, die ihre Kame⸗ raden ſchützend umkreisten, während letztere in Mitte der Gefahr ſich einer Sorgloſigkeit hingaben, welche nur in der Wachſamkeit der dienſtthuenden Mannſchaft und in einer durch Gewohnheit er⸗ langten Abhärtung ihren Grund haben konnte. Herr Wharton's Tiſch hatte ſich nur um drei Gäſte vermehrt, und dieſe waren Männer, welche unter der durch den anhaltenden ſtrengen Dienſt erworbenen rauhen Außenſeite die gefälligen Sitten der beſſeren Stände bargen. Dieſe Störung des häuslichen Fa⸗ milieneirkels trug daher durchaus das Gepräge des ſtrengſten An⸗ ſtandes. Die Damen überließen die Tafel ihren Gäſten, welche fortfuhren, ohne Ziererei der Gaſtfreundſchaft des Herrn Wharton die gebührende Ehre anzuthun. Endlich unterbrach Kapitän Lawton auf einen Augenblick ſeine gewaltigen Angriffe auf die Buchweizenkuchen, um den Herrn des Hauſes zu fragen, ob ſich nicht zu Zeiten ein Hauſtrer, Namens Birch, in dem Thal aufhalte. 76 „Nur zu Zeiten, glaube ich, Herr,“ erwiedertr Herr Wharton vorſichtig;„er iſt ſelten hier— ich möchte ſogar ſagen, daß ich ihn nie zu Geſicht bekomme.“ „Das iſt doch ſonderbar,“ ſagte der Reiter und warf dabei einen aufmerkſamen Blick auf den verlegenen Wirth;„er iſt doch Ihr nächſter Nachbar, und da ſollte man denken, er müßte bei Ihnen faſt wie zu Hauſe ſeyn. Auch den Damen mag das etwas un⸗ bequem kommen, denn ich zweifle nicht, daß jener Mouſſelin im Fenſterſitz zweimal ſo viel gekoſtet hat, als Birch dafür gefordert haben würde.“ Herr Wharton drehte ſich verwirrt um und ſah einige von den neuen Einkäufen durch das Zimmer zerſtreut. Die zwei Lieutenants mühten ſich, ihr Lächeln zu verbergen; der Kapitän aber griff mit einem Eifer wieder zu dem Frühſtück, daß man hätte glauben können, er fürchte, nie wieder ein weiteres zu ſich zu nehmen. Die Nothwendigkeit aber, neuen Vorrath aus Dina's Bereich herbeizuſchaffen, geſtattete bald einen neuen Ruhe⸗ punkt, welchen Lawton benützte. „Ich hätte gewünſcht, die ungeſelligen Gewohnheiten dieſes Meiſter Birch zu unterbrechen, und habe deßhalb dieſen Morgen bei ihm angerufen,“ ſagte er.„Wenn ich ihn zu Hauſe gefunden hätte, ſo würde ich ihn an einer Stelle aufgehoben haben, wo er ſich in der beſten Geſellſchaft des Lebens hätte erfreuen können— wenigſtens für eine kurze Zeit.“ „Und wo wäre das geweſen, Sir?“ fragte Wharton, welcher die Nothwendigkeit, etwas zu erwiedern, einſah.— „Auf der Wachſtube,“ entgegnete der Reiter trocken. „Was iſt denn das Vergehen des armen Birch?“ fragte Miß Peyton, indem ſie dem Dragoner die vierte Taſſe Kaffee reichte. „Arm?“ rief der Kapitän;„wenn er arm iſt, ſo muß König Georg ſeine Leute ſchlecht bezahlen.“ „Ja, in der That,“ ſagte einer der Lieutenants,„Seine Ma⸗ jeſtät iſt ihm ein Herzogthum ſchuldig.“ and eine nicht ihn Spr mal hielt brech Harr ſchen ihren öfter⸗ bilden liefen auch ander teren Drag Birch ſchleie * Bi rion„Und der Congreß einen Strick,“ fuhr der kommandirende ich Offzier fort, indem er auf's Neue wieder den Kuchen zuzuſprechen anfing. abet„Es thut mir leid,“ ſagte Herr Wharton,„daß einer meiner iſt Nachbarn das Mißfallen unſerer Regierung auf ſich gezogen üßte haben ſoll.“ un⸗„Wenn ich ihn erwiſche,“ rief der Dragoner, indem er einen erſitz andern Kuchen mit Butter beſtrich,„ſo ſoll er mir an dem Aſte de.“ einer ſeiner Namensverwandten baumeln.“ von„Er würde eine der Locuſten, welche an ſeiner Thüre ſtehen, nicht übel zieren,“ fügte einer der Lieutenants bei. gen;„Laſſen wir's jetzt beruhen,“ fuhr der Kapitän fort;„ich will lück, ihn kriegen, noch ehe ich Major bin.“ 3 eres Da die Offiziere es ernſtlich zu meinen ſchienen und ſich einer aus Sprache bedienten, wie ſie bei Leuten von ſo rauhem Gewerbe, zu⸗ uhe⸗ mal wenn ihnen eine Abſicht fehlgeſchlagen hat, gewöhnlich iſt, ſo hielten es die Whartons für das Geeignetſte, das Geſpräch abzu⸗ leſes brechen. Es war Niemanden von der Familie unbekannt, daß gen Harvey Birch als verdächtig aufgegriffen und von der Amerikani⸗ nden ſchen Armee hart bedrängt worden war. Sein Entkommen aus d er ihren Händen, wie auch ſeine wiederholten Verhaftungen hatten — öfters einen Gegenſtand der Unterhaltung für das ganze Land ge⸗ bildet, um ſo mehr, da zu geheimnißvolle Umſtände dabei unter⸗ cher liefen, um ſo leicht vergeſſen zu werden. In der That beruhte auch der Groll Kapitän Lawton's gegen den Hauſirer auf keinem andern Umſtand, als auf dem unerklärlichen Verſchwinden des Letz⸗ Miß teren aus dem Gewahrſam von zweien ſeiner zuverläßigſten e. Dragoner. nig Es waren namlich noch keine zwölf Monate verfloſſen, ſeit man Birch um das Hauptquartier des kommandirenden Generals hatte Na⸗ ſchleichen ſehen, und zwar zu einer Zeit, wo jeden Augenblick wichtige * Birch, Birke. Bewegungen zu erwarten ſtunden. Als dieſer Umſtand dem Offi⸗ zier, welcher mit der Bewachung der Zugänge zu dem amerikani⸗ ſchen Lager beauftragt war, gemeldet wurde, ſchickte er ſogleich den Kapitän Lawton ab, um dem Krämer nachzuſetzen. Mit allen Päſſen des Gebirgs vertraut und in der Erfüllung ſeiner Pflicht unermüdlich, gelang es dem Dragonerführer endlich, nach vieler Anſtrengung ſeinen Zweck zu erreichen. Die Streif⸗ partie hatte bei einem Bauernhofe Halt gemacht, um eine Erfri⸗ ſchung zu ſich zu nehmen, und der Gefangene war von ihm ſelbſt in ein Zimmer eingeſchloſſen und der Obhut obgenannter beider Soldaten übergeben worden. Alles, was ſpäter bekannt wurde, war, daß man in der Nähe der Schildwachen ein Weib bemerkt hatte, welche ſich eifrig mit häuslichen Verrichtungen beſchäftigte, und insbeſondere ſehr aufmerkſam auf die Bedrürfniſſe des Kapitäns war, bis dieſer ſich ernſtlich in Bearbeitung ſeines Abendeſſens ver⸗ tieft hatte. Nachher waren weder Weib noch Hauſirer zu finden. Der Pack war allerdings noch da, aber geöffnet und beinahe leer, und eine kleine Thüre, die ein anliegendes Zimmer mit dem, in welchem der Krämer gefangen ſaß, in Verbindung brachte, ſtand offen. Kapitän Lawton konnte dieſen Betrug nie vergeben. Sein Haß gegen die Feinde war kein beſonders gemäßigter, aber dieſer Vorfall galt ihm zugleich als eine Verhöhnung ſeines Scharffinns, welche er ſich tief zu Herzen nahm. Er verharrte in unheilſchwan⸗ gerem Schweigen und brütete über dieſer Liſt ſeines Gefangenen, während er zugleich das Geſchäft, in welchem er eben begriffen war, mechaniſch fortſetzte, als nach einer Weile, die wohl hin⸗ reichte, um ein behagliches Mahl zu ſich zu nehmen, auf einmal der kriegeriſche Ton einer Trompete an die Ohren der Geſellſchaft ſchlug und mit ihrer erſchreckenden Melodie das Thal erfüllte. Der Reiter erhob ſich plötzlich von der Tafel und verließ mit dem Rufe:„Geſchwind, meine Herren, auf's Pferd; da kömmt Du das ſicht eilte Ach⸗ Aeu dop⸗ Do ſicht die ſein terei beeil mere Lächt Dunwoodie!“ in Begleitung ſeiner Offiziere und in größter Eile das Zimmer. Mit Ausnahme der Wachen, welchen Kapitän Wharton's Beauf⸗ ſichtung übertragen war, ſaßen alsbald alle Dragoner auf und eilten ihren Kameraden entgegen. Der vorſichtige Führer hatte keine der Vorkehrungen außer Acht gelaſſen, welche in einem Kriege, wo ſich die Sprache, das Aeußere und die Tracht der kämpfenden Parteien ſo ſehr glichen, doppelt nöthig waren. Als er jedoch der ſeiner Mannſchaft um's Doppelte überlegenen Reiterſchaar nahe genug war, um die Ge⸗ ſichtszüge unterſcheiden zu können, drückte Lawton ſeinem Pferde die Sporen in die Weiche und war in einem Augenblick an der Seite ſeines Befehlshabers. Der Platz vor dem Landhauſe war bald wieder von der Rei⸗ terei beſetzt, und unter den gleichen Vorſichtsmaßregeln wie früher beeilten ſich die neuangekommenen Truppen, an dem für ihre Ka⸗ meraden bereiteten Mahle Theil zu nehmen. Sechstes Kapitel. — Laß den Erobrer ſeines Ruhms Sich brüſten.— Wer des Herzens heißes Wallen Mit Mannheit gegen Schönheitszauber ſtählt, Zwar deſſen Bande fühlt, jedoch nicht fällt, Der iſt der bravſte, größte Held von Allen. Moore. Vie Frauen der Whartonſchen Familie hatten ſich an einem Fenſter verſammelt, da ſie bei dem eben erzählten Auftritte auf's Lebhafteſte betheiligt waren. Sara betrachtete die Annäherung ihrer Landsleute mit einem Lächeln verächtlicher Gleichgültigkeit, denn ſogar das Aeußere von — Leuten, welche ſie ſich in die unheilige Sache der Empörung ver⸗ wickelt dachte, konnte in ihr nur Geringſchätzung erwecken. Miß Peyton blickte auf das Schauſpiel mit ſtolzer Freude, die in der Betrachtung ihren Grund hatte, daß die im Hofraume ſich tum⸗ melnden Braven zu den Kerntruppen ihres heimathlichen Bodens gehörten, während Franciska mit ſo ungetheiltem Intereſſe zuſah, daß ihr für keinen andern Gedanken Raum blieb. Die beiden Haufen hatten ſich noch nicht vereinigt, als ihr raſches Auge bereits einen einzelnen Reiter aus der ihn umgebenden Mannſchaft herausgefunden hatte. Es kam ihr vor, als ob ſelbſt das Roß dieſes jugendlichen Kriegers ſich bewußt ſey, daß es die Laſt keines gewöhnlichen Mannes trage; denn ſeine Hufe berührten die Erde nur leicht und ſein luftiger Tritt war der gezügelte Gang des kampfbegierigen Vollbluts.. Der Dragoner ſaß mit einer Feſtigkeit und Leichtigkeit im Sattel, welches bewies, wie ſehr er ſich ſelbſt und das Roß in ſeiner Macht habe, und ſeine hohe, volle und ſehnigte Geſtalt vereinigte in ſich das ſchönſte Ebenmaaß der Behendigkeit und Kraft. An dieſen Offtzier erſtattete Lawton ſeinen Bericht, worauf ſie beide, Seite an Seite über das Feld dem Landhauſe zuritten. Franciska's Herz klopfte in heftigen Schlägen, als der Be⸗ fehlshaber des Geſchwaders einen Augenblick anhielt und das Ge⸗ bäude mit einem Auge betrachtete, deſſen dunkles Feuer ſelbſt in der Entfernung ſichtbar war. Ihre Farbe wechſelte, und als ſich der junge Mann aus dem Sattel ſchwang, ſah ſie ſich einen Augen⸗ blick genöthigt, wegen des Bebens ihrer Glieder zum Seſſel ihre Zuflucht zu nehmen. Der Offizier gab dem Rittmeiſter raſch einige Befehle, eilte in den Hofraum und näherte ſich dem Landhauſe. Franciska erhob ſich von ihrem Stuhle und verſchwand aus dem Zimmer. Der Dragoner ſtieg die Treppen der Halle hinauf und war kaum bei der äußeren Thüre angelangt, als ſie ſich zu ſeinem Einlaſſe öffnete. ver ihr brit tür ein Jug ihre verf Aus Liel in ſ dem dann Betr Sie in je gegne nich ciska, Krieg es iſt Ihner unauf gegen Tages blick; Der ug ver⸗ Miß in der h tum⸗ Bodens zuſah, ls ihr benden ſelbſt es die ührten Gang it im ſeiner inigte An beide, Be⸗ Ge⸗ öſt in ſich igen⸗ ihre eilte rhob Der bei nete. 81 Franziska hatte die Stadt ſehr jung verlaſſen und war dadurch verhindert worden, im Einklang mit der Gewohnheit des Tages ihre angeborenen Reize auf dem Altar der Mode zum Opfer zu bringen. Ihr reiches goldenes Haar fiel ungezwungen in den na⸗ türlichen Locken der Kindheit über ihre Schultern und beſchattete ein Geſicht, auf welchem der vereinte Zauber der Geſundheit, Jugend und Natur blühte;— ihr Auge war ſprechend, wenn auch ihre Zunge ſchwieg; ihre zierlichen kleinen Hände waren in einander verſchlungen und gaben, da ſie die untere Fläche derſelben mit dem Ausdrucke der Erwartung nach vorn kehrte, ihrer Erſcheinung eine Lieblichkeit und ein Intereſſe, die ihren Liebhaber einen Augenblick in ſtummer, ſchweigender Bewunderung an die Stelle feſſelten. Franciska führte ihn ſchweigend in ein unbeſetztes Zimmer, dem gegenüber, in welchem die Familie verſammelt war, legte dann unbefangen ihre beiden Hände in die des Kriegers und rief: „Ach, Dunwoodie, wie glücklich macht es mich, in mehrfachem Betracht, Sie hier zu ſehen. Ich habe Sie hieher geführt, um Sie auf das Wiederſehen eines unerwarteten Freundes, den Sie in jenem Zimmer treffen werden, vorzubereiten.“ „Welchem Grunde ich es immer zu danken haben mag,“ ent⸗ gegnete der Jüngling, indem er ihre Hände an ſeine Lippen drückte, vich fühle mich nicht weniger glücklich, Sie allein zu ſehen. Fran⸗ ciska, die Prüfung, welche Sie mir auferlegt haben, iſt grauſam, Krieg und Entfernung können uns vielleicht bald auf immer ſcheiden.“ „Wir müſſen uns der Gewalt der Nothwendigkeit fügen. Aber es iſt jetzt nicht der Augenblick für eine ſolche Sprache. Ich habe Ihnen andere und wichtigere Dinge mitzutheilen.“ „Was kann von größerer Wichtigkeit ſeyn, als Sie durch ein unauflösliches Band an mich zu ketten? Franciska, Sie ſind kalt gegen mich— gegen mich, aus deſſen Seele weder der Dienſt des Tages noch die Unruhe der Nacht Ihr Bild auch nur einen Augen⸗ blick zu verbannen im Stande war.“ Der Spion. 3. Aufl. 6 „Theurer Dunwoodie,“ ſagte Franciska, und hielt ihm, faſt zu Thränen bewegt, ihre Hand entgegen, indeß die Röthe ihrer Wangen allmählig wieder zurückkehrte,„Sie kennen meine Gefühle. Iſt dieſer Krieg zu Ende, ſo mögen Sie meine Hand für immer hinnehmen! aber ich kann nie einwilligen, mich durch ein engeres Band, als das, welches ſchon zwiſchen uns beſteht, an Sie zu knüpfen, ſo lange Sie meinem einzigen Bruder in den Waffen gegenüber ſtehen. Ja, in dem gegenwärtigen Augenblick erwartet dieſer Bruder Ihren Ausſpruch, ob er zur Freiheit zurückkehren, oder einem wahrſcheinlichen Tode entgegen gehen ſoll.“ „Ihr Bruder?“ rief Dunwoodie und fuhr todtenblaß zurück;— „Ihr Bruder? Erklären Sie ſich deutlicher— welcher fürchter⸗ liche Sinn liegt in Ihren Worten verborgen?“ „Hat Ihnen Kapitän Lawton nicht mitgetheilt, daß er ſelbſt heute Morgen Heinrich in Verhaft genommen hat?“ fuhr Fran⸗ ciska mit kaum hörbarer Stimme fort, wobei ſte ihrem Geliebten mit einem Blicke der tiefſten Bekümmerniß in's Auge ſah. „Er ſagte mir, er habe einen verkleideten Kapitän des ſech⸗ zigſten Regiments angehalten, ohne mir jedoch ſeinen Namen oder den Ort, wo die Verhaftung vorfiel, zu nennen,“ entgegnete der Major in dem gleichen Tone und ſuchte, den Kopf auf ſeine Hände ſtützend, den Sturm der Gefühle in ſeinem Innern vor ſeiner Ge⸗ fährtin zu verbergen. „Dunwoodie! Dunwoodie!“ rief Franciska, indem alle ihre frühere Zuverſicht ſich in den ſchreckhafteſten Beſorgniſſen verlor, „Was bedeutet dieſe Unruhe?“ Als der Major langſam das Ge⸗ ſicht, welches den Ausdruck der tiefſten Bekümmerniß zeigte, wieder erhob, fuhr ſie fort:„Gewiß, Gewiß— Sie koͤnnen Ihren Freund— meinen Bruder— Ihren Bruder— nicht einem ſchmäh⸗ lichen Tode preisgeben.“— „Franciska!“ rief der junge Mann im ſchmerzlichſten Seelen⸗ kampfe—„was kann ich thun?“ Bla den Wh Sie Pfl. ſchl ſolch feier ſchw ſie⸗ bebe deſſe wood und uns iſt u gefar wort ſchein welch iſt ar gerne nach nunge „faſt ihrer fühle. mmer geres die zu Jaffen vartet ehren, k;— chter⸗ ſelbſt Fran⸗ ebten ſech⸗ oder der ände Ge⸗ ihre rlor, Ge⸗ leder hren näh⸗ len⸗ „Was Sie thun können?“ entgegnete ſie mit einem wilden Blick auf ihn;„könnte der Major Dunwoodie ſeinen Freund— den Bruder ſeiner Verlobten, in die Hände des Feindes liefern?° „O, ſprechen Sie nicht ſo unfreundlich mit mir, theuerſte Miß Wharton— meine liebe Franciska! Ich wuͤrde jeden Augenblick für Sie— für Heinrich— in den Tod gehen;— aber ich darf meine Pflicht nicht vergeſſen— kann meine Ehre nicht in die Schanze ſchlagen. Sie ſelbſt würden die Erſte ſeyn, welche mich um einer ſolchen Handlung willen verachtete.“ „Peyton Dunwoodie!“ ſagte die todtenbleiche Franciska mit feierlichem Ernſte, Sie haben mir geſagt— Sie haben mir ge⸗ ſchworen, daß Sie mich liebten—“ „Ich thue es noch,“ unterbrach ſie der Krieger mit Waͤrme;— ſie aber winkte ihm, zu ſchweigen und fuhr mit einer von Furcht bebenden Stimme fort: „Glauben Sie, ich könne mich in die Arme eines Mannes werfen, deſſen Hände von dem Blute meines einzigen Bruders befleckt ſind?“ „Franciska, Ihre Worte ſchneiden mir tief in's Herz—“ Dun⸗ woodie hielt einen Augenblick inne, um ſeine Gefühle zu bekämpfen, und fuhr mit einem erzwungenen Lächeln fort:„aber wir quälen uns im Grunde vielleicht mit unnoͤthigen Beſorgniſſen, und Heinrich iſt wohl, je nach dem Erfund der Umſtände, nur als ein Kriegs⸗ gefangener zu betrachten, in welchem Falle ich ihn auf ſein Ehren⸗ wort frei geben kann.“. Es gibt kein täuſchenderes Gefühl als die Hoffnung, und es ſcheint das glückliche Vorrecht der Jugend zu ſeyn, alle Freuden, welche ſich von ihr ausbeuten laſſen, zu koſten. Ein offenes Herz iſt am wenigſten geneigt, Anderen zu mißtrauen, und wir nehmen gerne an, daß die Dinge ſich in Wirklichkeit ſo verhalten, wie ſte nach unſern Gedanken ſeyn ſollten. Die verzagende Schweſter entnahm dieſe aufblitzenden Hoff⸗ nungen mehr aus dem Auge, als aus den Worten des jungen Kriegers. Das Blut ſtrömte wieder in ihre Wangen und ſie rief mit Lebhaftigkeit: „O, daran zu zweifeln iſt ja nicht der mindeſte vernünftige Grund vorhanden. Ich wußte es ja— ich wußte es, Dunwoodie, daß Sie uns in der Stunde unſerer größten Noth nicht verlaſſen würden.“ Die Macht ihrer Gefühle gewann die Oberhand, und das geängſtigte Mädchen machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom von Thränen Luft. Die Pflicht, diejenigen zu tröſten, welche uns theuer ſind, iſt eines der köſtlichſten Vorrechte der Liebe, und obgleich Major Dun⸗ woodie nur wenig Troſt in der Vermuthung, die ſich ihm im Augen⸗ blicke darbot, fand, ſo war es ihm doch unmöglich, das liebliche Weſen zu enttäuſchen, welches ſich, als er die Spuren ihrer Ge⸗ fühle von ihren Wangen wiſchte, an ſeine Schulter lehnte und in der Zuverſicht, ihren Bruder gerettet und unter dem Schutze ihres Geliebten zu wiſſen, wieder neu auflebte. Als ſich Franciska hinreichend geſammelt hatte, um ihre Em⸗ pfindungen zu beherrſchen, eilte ſie in das andere Zimmer voran, um ihrer Familie die frohe Kunde mitzutheilen, welche bei ihr be⸗ reits zur zuverſichtlichen Ueberzeugung geworden war. Dunwoodie folgte widerſtrebend und mit unheilvollen Ahnun⸗ gen; aber wenige Augenblicke brachten ihn in den Kreis ſeiner Verwandten, und er hatte aller ſeiner Entſchloſſenheit aufzubieten, um dieſe ſchwere Prüfung mit Feſtigkeit zu beſtehen. Die Begrüßung der jungen Männer war herzlich und offen— von Heinrich Wharton's Seite geſchah ſie ſogar mit einer Ruhe, als ob gar nichts vorgefallen ſey, was ſeine Faſſung hätte ſtören können. Der ſchreckliche Gedanke, bei der Verhaftung ſeines Freundes in irgend einer Weiſe mitwirken zu müſſen, die Gefahr für das Lehen des Kapitäns Wharton und Franciska's herzzerreißende Er⸗ klätungen hatten jedoch in der Bruſt des Majors Dunwoodie eine Unruhe erzeugt, welche er ſich vergebens zu verbergen mühte. Va⸗ und frül ſich Mã übli welc vertt Kap kleidt will, daß erwie Stan fahr Reite Angſt ſie ihr geſchie auf di „ bei der 7 dern di welche mich il D ftige odie, aſſen und inen „iſt dun⸗ gen⸗ liche Ge⸗ d in res rief — Die Aufnahme von Seite der übrigen Familie war herzlich und aufrichtig, ſowohl aus alter Achtung, als in Berückſichtigung früherer Verpflichtungen, wozu noch die Hoffnungen kamen, welche ſich deutlich genug in den Augen des ihm zur Seite ſtehenden erröthenden Mädchens ausſprachen. Nachdem er mit jedem Familienglied die üblichen Begrüßungen ausgetauſcht hatte, winkte er der Wache, welcher der vorſichtige Lawton die Obhut über den Gefangenen an⸗ vertraut hatte, das Zimmer zu verlaſſen. Dann wandte er ſich an Kapitän Wharton und begann mit Milde ſeine Nachforſchung. „Erzähle mir, Heinrich, welche Bewandtniß es mit der Ver⸗ kleidung hat, in welcher Kapitän Lawton Dich gefunden haben will, und erinnere Dich— erinnere Dich— Kapitän Wharton— daß Deine Antworten ganz freiwillig ſind.“ „Ich habe mich der Verkleidung bedient, Major Dunwoodie,“ erwiederte der engliſche Offizier mit Würde,„um mich in den Stand zu ſetzen, meine Verwandten zu beſuchen, ohne daß ich Ge⸗ fahr liefe, in Kriegsgefangenſchaft zu gerathen.“ „Du legteſt ſie aber nicht früher an, als bis Du Lawton's Reiter kommen ſaheſt?“ „O nein,“ unterb rach ihn Franciska lebhaft, indem ſie in der Angſt um ihren Bruder alles Andere vergaß; Sara und ich haben ſie ihm angezogen, als die Dragoner erſchienen. Nur unſere Un⸗ geſchicklichkeit iſt Schuld, daß er entdeckt wurde.“ Dunwoodie's Züge ſtrahlten, als er, einen zärtlichen Blick auf die Sprecherin werfend, ihre Auseinanderſetzung vernahm. „Wahrſcheinlich alſo einige von Euern Kleidungsſtücken, welche bei der Hand waren und im Drange des Augenblicks benützt wurden?“ „Nein,“ ſagte Wharton mit Würde;„ich habe in dieſen Klei⸗ dern die Stadt verlaſſen. Ich habe ſie mir zu dem Zweck, für welche ſie verwendet wurden, beiſchaffen laſſen und beabſichtigte, mich ihrer heute bei meiner Rückkehr wieder zu bedienen.“ Die erblaſſende Franciska eilte erſchreckt von ihrem Bruder und ihrem Geliebten weg, zwiſchen welche die Gluth ihrer Gefühle ſie geführt hatte, als die ſchreckliche Wahrheit in ihrer Seele auf⸗ dämmerte, und ſank auf einen Stuhl, von dem aus ſie die jungen Männer mit wirren Blicken betrachtete. „Aber die Vorpoſten— die Truppen in den Ebenen?“ fügte Dunwoodie bei, indem er ſich erbleichend abwendete. „Auch an ihnen kam ich in meiner Verkleidung vorbei. Ich bediente mich dabei dieſes Paſſes, welchen ich kaufte, und der, da er Waſhington's Namen trägt, vermuthlich ein nachgemachter iſt.“ Dunwoodie nahm ihm raſch das Papier aus der Hand und betrachtete eine Weile ſchweigend die Unterſchrift. Da gewann endlich allmählig der Soldat über den Menſchen die Oberhand, und mit einem forſchenden Blick auf den Gefangenen ſtellte er die Frage: „Kapitän Wharton, woher haben Sie dieſes Papier?“ „Das iſt eine Frage, welche, wie ich glaube, Major Dun⸗ woodie kein Recht zu ſtellen hat.“ „Verzeihung, mein Herr! meine Gefühle haben mich zu einer Unziemlichkeit verleitet.“ Herr Wharton, welcher mit dem lebhafteſten Antheil zuhörte, hatte ſeine Gefühle ſoweit bekämpft, daß er einzuwenden vermochte: „Gewiß, Major Dunwoodie, das Papier kann von keinem Belang ſeyn. Solcher Kunſtgriffe bedient man ſich täglich im Kriege.“ „Dieſer Name iſt nicht nachgemacht,“ ſagte der Dragoner mit leiſer Stimme, indem er die Schriftzüge unterſuchte.„Gibt es noch unentdeckten Verrath unter uns? Waſhington's Vertrauen iſt mißbraucht worden, denn der erdichtete Name und der Paß ſelbſt ſind von verſchiedener Hand geſchrieben. Kapitän Wharton, meine Pflicht geſtattet es mir nicht, Sie auf Ehrenwort frei zu laſſen. Sie müſſen mich nach den Hochlanden begleiten.“ „Ich erwartete nichts anderes, Major Dunwoodie.“ Dunwoodie wandte ſich langſam zu den Schweſtern und Fran⸗ eiska's Geſtalt hielt auf's Neue ſeinen Blick gefeſſelt. Sie hatte Gefühle le auf⸗ jungen fügte Ich er, da y iſt.⸗ d und ewann rhand, Frage: Dun⸗ einer mhörte, ochte: zelang e.“ goner „Gibt rauen Paß arton, rei zu Fran⸗ hatte ſich von ihrem Sitz erhoben und ſtand wieder mit gefalteten Hän⸗ den und bittender Stellung vor ihm. Da er ſich unfähig fühlte, ſeine Gefühle länger zu bemeiſtern, bediente er ſich ſchnell eines Vorwandes für eine vorübergehende Entfernung und verließ das Zimmer. Franciska folgte ihm, und, gehorſam dem Winke ihres Auges, trat der Krieger wieder in das Zimmer, in welchem ſie ihre erſte Beſprechung gehalten hatten. „Major Dunwoodie,“ ſagte Franciska in kaum hörbarer Stimme, als ſie ihm zu ſitzen winkte; die Leichenbläſſe ihrer Wan⸗ gen war dem lebhafteſten Scharlach gewichen, welcher nach und nach ihr ganzes Antlitz überflog;— ſie kämpfte einen Augenblick mit ſich ſelber und fuhr dann fort:„ich habe ihnen bereits zugeſtanden, daß ich Sie ſchätze, und ich will dieſes ſelbſt jetzt, wo Sie mich auf's ſchmerzlichſte betrüben, nicht verhehlen. Glauben Sie mir, mein Bruder hat ſich keines weiteren Vergehens, als der Unklugheit, ſchuldig gemacht. Unſer Vaterland kann keinen Nichtswürdigen erzeugen.“ Sie hielt wieder eine Weile inne, wobei ihr faſt der Athem verging; ſie erblaßte, ward wieder roth und fügte endlich mit haſtiger ſchwacher Stimme bei:„Ich habe verſprochen, Dun⸗ woodie, Ihr Weib zu werden, ſobald der Frieden im Vaterlande wieder hergeſtellt ſeyn wird. Laſſen Sie meinen Bruder auf ſein Ehren⸗ wort frei, und ich will heute noch mit Ihnen an den Altar treten, Sie in's Lager begleiten und als Gattin eines Soldaten alle Ent⸗ behrungen eines Soldaten tragen lernen.“ Dunwoodie ergriff die Hand, welche das erröthende Mädchen in der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle gegen ihn ausſtreckte und drückte ſie einen Augenblick an ſeine Bruſt; dann erhob er ſich von ſeinem Sitze und ging im furchtbarſten Seelenkampfe im Zimmer auf und ab. „Franciska, ich beſchwöre Sie— nichts weiter, wenn Sie mir nicht das Herz brechen wollen.“ „Sie weiſen alſo das Anerbieten meiner Hand zuruck?“ ſagte —-— 1 ſie, mit Würde ſich erhebend, obgleich ihre blaſſe Wange und die bebenden Lippen den heftigen Widerſtreit ihrer Empfindungen be⸗ kundeten. „Sie zurückweiſen? Habe ich ſie nicht mit Bitten und Thrä⸗ nen geſucht?— War ſie nicht das Ziel aller meiner irdiſchen Wünſche? Aber ſie unter ſolchen Umſtänden anzunehmen, würde uns beide entehren. Wir wollen jedoch das Beſte hoffen. Heinrich muß freigeſprochen werden— vielleicht wird er nicht einmal vor Gericht geſtellt. Sie dürfen überzeugt ſeyn, daß ich alle meine Kräfte zu ſeinen Gunſten aufbieten werde, und— glauben Sie mir, Franciska— ich bin nicht ohne Einfluß bei Waſhington.“ „Jenes unglückſelige Papier, jener Mißbrauch ſeines Ver⸗ trauens, auf welchen Sie anſpielten, wird ihn gegen die Sache meines Bruders verhärten. Wenn Drohungen oder Bitten ſeinen ſtrengen Gerechtigkeitsſinn hätten beugen können, würde André wohl hingerichtet worden ſeyn?“ Als Franciska dieſe Worte kaum ausgeſprochen hatte, verließ ſie in hoffnungsloſer Verzweiflung das Zimmer. Dunwoodie blieb eine Minute in dumpfer Betäubung ſtehen; dann folgte er ihr in der Abſicht, ſich zu rechtfertigen und ihre Beſorgniſſe zu zerſtreuen. Als er in den Vorſaal trat, welcher die beiden Zimmer von einander trennte, begegnete ihm ein kleiner zerlumpter Knabe, welcher einen Augenblick ſeine Uniform muſterte, ihm dann ein Stückchen Papier in die Hand drückte und unmittel⸗ bar darauf wieder durch die äußere Thüre des Gebäudes verſchwand. Sein verwirrter Gemüthszuſtand und die Flüchtigkeit dieſer Er⸗ ſcheinung ließen den Major kaum Zeit, zu bemerken, daß der Bote ein gering gekleideter Bauernjunge war, und daß er eines der Spiel⸗ zeuge, wie man ſie in den Städten zu kaufen pflegt, in der Hand hatte, welches er mit dem vergnügten Bewußtſeyn, für die Aus⸗ richtung des verlangten Dienſtes gut belohnt worden zu ſeyn, zu betrachten ſchien. Der Soldat richtete ſein Auge auf das Blatt — — 2 8S 2 in ſeinen Händen. Es war ein ſchmutziger Fetzen mit faſt unleſer⸗ lichen Schriftzügen, aus denen er mit einiger Mühe die Worte herauszubringen vermochte: „Die Regulären ſind in der Nähe, Reiterei und Fußvolk.“* * Vor einigen Jahren ſtarb zu Bedford in Weſt⸗Cheſter ein Gutsbeſitzer, Namens Eliſha H—. Dieſer Mann war einer von Waſſhington's zuver⸗ läßigſten Spionen. Es gehörte zu H—s Vertragsbedingungen, daß man nie durch dritte Perſonen mit ihm verkehre, weil die Gefahr zu groß war. Auch war es ihm geſtattet, in Sir Henry Clinton's Dienſte zu treten, und Waſhington hatte eine ſo große Zuverſicht zu ſeiner Vater⸗ landsliebe und Verſchwiegenheit, daß er ihm oft minder wichtige militä⸗ riſche Bewegungen anvertraute, um ihn in den Stand zu ſetzen, durch die Mittheilung derſelben an den engliſchen General in deſſen Vertrauen noch höher zu ſteigen. In dieſer Weiſe ſetzte er ſeine Dienſtleiſtungen geraume Zeit fort, und der Zufall führte ihn einmal gerade in einem Augenblicke nach dem damals von den Engländern beſetzten Neu⸗York, als eine Truppenabtheilung im Begriffe war, nach einem kleinen Hafen bei Bed⸗ ford(ſeiner Heimath) aufzubrechen, wo die Amerikaner eine Proviant⸗ niederlage hatten. Es war H— ein Leichtes, die Stärke und die Be⸗ ſtimmung der zu dieſem Dienſt kommandirten Mannſchaft zu erfahren, aber er war in Verlegenheit, wie er dem Befehlshaber zu Bedford die geeigneten Mittheilungen machen ſolle, ohne ſeinen wahren Charakter gegen einen Dritten zu verrathen. Die Zeit reichte nicht, Waſhington aufzuſuchen, und unter dieſen Umſtänden entſchloß er ſich endlich, dem Amerikaniſchen Kommandanten ein Schreiben zugehen zu laſſen, in wel⸗ chem er ihm die Gefahr und die Zeit, um welche der Angriff zu erwarten ſtand, mittheilte. Er wagte es ſogar, dieſe Note, welche er vorſichtiger⸗ weiſe mit verſtellter Hand geſchrieben hatte, mit den Anfangsbuchſtaben ſeines Namens E. H. zu unterzeichnen, weil er glaubte, daß dadurch ſeiner Warnung mehr Gewicht gegeben werde, denn es war ihm wohl bekannt, daß er von ſeinen Landsleuten beargwohnt werde. Da ſich ſeine Familie in Bedford befand, ſo ließ ſich das Schreiben mit Leichtigkeit be⸗ ſorgen. Es kam in guter Zeit an, während H-— ſelbſt in Neu⸗York zurückblieb. Der Amerikaniſche Kommandant that, was jeder verſtändige Offizier in einem ähnlichen Falle gethan haben würde. Er ſandte Waſhington das Schreiben durch einen Conrier und erbat ſich Verhaltungsbefehle, Dunwoodie erſchrack und verließ, alles über den Pflichten des Soldaten vergeſſend, plötzlich das Landhaus. Als er ſo in aller Haſt auf die Reiterſchaar zueilte, bemerkte er eine Vedette, welche von den fernen Bergen mit verhängten Zügeln einherſprengte. Einige Piſtolenſchüſſe wurden ſchnell nacheinander abgefeuert, und im nächſten Augenblick ließen die Trompeten des Corps ihre be⸗ lebenden Töne erklingen, welche zu den Waffen riefen. Als der Major den freien Platz erreichte, wo die Schwadron ſich gelagert hatte, traf er alles in lebhafter Bewegung. Lawton ſaß bereits im Sattel und blickte in kampfluſtiger Erwartung auf das ent⸗ gegengeſetzte Ende des Thales, wobei er den Trompetern in Tö⸗ nen, welche nur wenig ſchwächer, als die ihrer Inſtrumente waren, zurief: „Nur zugeblaſen, Jungen, und laßt dieſe Engländer wiſſen, indem er zugleich ſeine kleine Mannſchaft in Bereitſchaft ſetzte, dem An⸗ griff nach Kräften zu widerſtehen. Das Hauptquartier der Amerikaniſchen Armee war damals in den Hochlanden. Glücklicherweiſe traf der Bote Waſhington auf einer Beob⸗ achtungsrunde am Anfange derſelben. Das Schreiben wurde ihm über⸗ geben und als er es im Sattel geleſen hatte, ſchrieb er nur mit dem Bleiſtift darunter:„Glauben Sie alles, was Ihnen E. H. mittheilt. Georg Waſhington.“ Die Note wurde dem Courier mit der Einſchärfung zurückgegeben, auf Leben und Tod zu reiten. Der Courier erreichte Bedford, als die Britten bereits ihren Angriff gemacht hatten. Der Kommandant las die Antwort und ſteckte ſie in die Taſche. Die Amerikaner wurden geſchlagen und ihr Führer getödtet⸗ Man fand bei ihm H— s Schreiben, mit der von Waſhington beige⸗ fügten Zeile. Des andern Tages wurde H— vor Sir Henry Clinton gerufen. Nach mehreren allgemeinen Fragen gab letzterer plötzlich ſeinem Spion die Note und fragte ihn, ob er die Handſchrift kenne und wer dieſer E. H. ſey.„Es iſt Elias Hadden, der Spion, welchen Sie geſtern zu Powles Hook hängen ließen.“ Dieſe beſonnene Antwort, verbunden mit der That⸗ ſache, daß den Tag vorher ein Spion gehangen worden war, deſſen Name dieſelben Anfangsbuchſtaben hatte, und H—s Ruhe retteten ihn. Sir Henry Clinton entließ ihn und ſah ihn nachher nie wieder. daß Maꝛ erſta richt Geh ziges Eben haus als ſpro⸗ merl ſchei ſey. Blic hinr Züg ihres ſaher Beg gew herſt hund welc fahr Infe dern konn der wurd nun chten o in dette, ngte. und be⸗ der gert reits ent⸗ Toͤ⸗ aren, ſſen, An⸗ den Zeob⸗ iber⸗ dem jeilt. fung griff n die dtet. eige⸗ ifen. pion . H. wles hat⸗ ame Sir daß die Virginiſche Reiterei zwiſchen ihnen und dem Ziele ihres Marſches iſt.“ 4 Die Vedetten und Streifwachen kamen nun angeſprengt und erſtatteten haſtig nach einander dem kommandirenden Offizier Be⸗ richt, der mit einer Ruhe und Entſchiedenheit, welche auf ſichern Gehorſam rechnen ließen, ſeine Befehle ertheilte. Nur ein ein⸗ zigesmal, als er ſein Pferd wendete, um in den Vordergrund der Ebene zu reiten, wagte es Dunwoodie, einen Blick auf das Land⸗ haus zu werfen, und ſein Herz ſchlug ſchneller als gewöhnlich, als er an dem Fenſter des Zimmers, wo er mit Franciska ge⸗ ſprochen hatte, eine weibliche Geſtalt mit ringenden Händen be⸗ merkte. Die Entfernung war zu groß, um ihre Züge zu unter⸗ ſcheiden, aber der Krieger zweifelte nicht, daß es ſeine Gebieterin ſey. Bald aber war die Bläſſe ſeiner Wangen und der gramvolle Blick entſchwunden. Als er gegen den beabſichtigten Wahlplatz hinritt, begann ein kriegeriſches Feuer aus ſeinen ſonnverbrannten Zügen zu ſtrahlen, und ſeine Dragoner, welche in dem Geſichte ihres Führers den ſicherſten Propheten ihres Schickſals fanden, ſahen wieder das gewohnte Leuchten der Augen und die glühende Begeiſterung, deren Zeugen ſie ſo oft bei dem Beginne einer Schlacht geweſen waren. Durch den Anſchluß der Vedetten und der um⸗ herſtreifenden Mannſchaft wuchs die Reiterei nahezu bis auf zwei⸗ hundert Köpfe an. Auch war noch eine kleine Anzahl Leute da, welche man gewöhnlich als Wegweiſer benutzte, in Fällen der Ge⸗ fahr aber der Mannſchaft einverleibte, wo ſie dann den Dienſt der Infanterie verrichteten. Dunwoodie ließ dieſe abſitzen und die Hin⸗ derniſſe wegräumen, welche die Bewegungen der Reiterei ſtören konnten, was durch die Vernachläßigung der Feldwirthſchaft, welche der Krieg veranlaßte, vergleichungsweiſe zu einer leichten Aufgabe wurde, da die langen Reihen feſter und dauerhafter Mauern, welche nun alle Theile des Landes durchziehen, vor vierzig Jahren noch nicht bekannt waren. Die leichten und loſen Steinaufwürfe der damaligen — 92 Zeit waren mehr durch das Reinigen der Felder gebildete Schutt⸗ haufen, als dauerhafte Gränzen, und erforderten die anhal⸗ tende Aufmerkſamkeit des Landbebauers, um ſie gegen die Wuth der Stürme und die Einflüſſe des Winterfroſtes zu bewahren. Einige davon, unmittelbar um Herrn Wharton's Güter, waren mit mehr Sorgfalt angelegt; aber diejenigen, welche weiter unten das Thal durchſchnitten, waren jetzt faſt durchgängig nur Trümmer, über welche die Virginiſchen Roſſe mit der Leichtigkeit des Windes wegſetzten. Hin und wieder ſtand wohl noch eine kurze Linie auf⸗ recht; da aber keine derſelben den Grund, auf welchem Dunwoodie zu ſchlagen gedachte, durchkreuzte, ſo brauchten blos die leichteren Einzäunungen niedergeworfen zu werden. Die Verrichtung ging ſchnell und wirkſam vor ſich, und die dabei beſchäftigte Mannſchaft zog ſich an den ihr für den Beginn des Gefechtes angewieſenen Poſten zurück. Major Dunwoodie hatte von ſeinen Kundſchaftern jede nöthige Mittheilung über den Feind erhalten, um in den Stand geſetzt zu ſeyn, ſeine Vorkehrungen zu treffen. Der Thalgrund war eine Ebene, die zu beiden Seiten leicht gegen das Gebirg anſtieg und zwiſchen inne eine natürliche Wieſe bildete, welche ſich an den Ufern eines kleinen Fluſſes hinzog, durch deſſen Gewäſſer ſie oft überſchwemmt und befruchtet wurde. Das kleine Waſſer konnte an allen Stellen ſeines Laufs leicht durchwatet werden, und der einzige Ort, wo er den Bewegungen der Cavallerie hemmend in den Weg trat, war, wo es ſein Bette von Weſten nach der Oſt⸗ ſeite des Thales wendete, weil dort ſeine Ufer ſteiler und weni⸗ ger zugänglich waren. An dieſer Stelle wurde jedoch der Fluß von der Heerſtraße mittelſt einer rohgearbeiteten hölzernen Brücke gekreuzt, was deun auch weiter unten, eine halbe Meile oberhalb der Locuſten, wieder der Fall war. 1 Das Gebirg auf der öſtlichen Seite des Thales war abſchüſ⸗ ſig und beſchränkte letzteres hin und wieder durch Felſenvorſprünge faſt befal und Züge einer durch plötz! kannt ausg tete, auf i geſich beobc die er dem ſichtig nung der T Gehö⸗ Feuer ( von de theil könner Herr; Wenn freit; bisher Chara oder, beinah eigene hutt⸗ ihal⸗ Vuth hren. aren inten mer, ndes auf⸗ odie teren ging haft enen hige t zu eine und den oft nnte der d in Oſt⸗ eni⸗ Fluß ücke jalb hüſ⸗ inge faſt um die Hälfte ſeiner gewöhnlichen Breite. Einer dieſer Ausläufer befand ſich nur in kurzer Entfernung in dem Rücken der Dragoner, und Dunwoodie beauftragte den Kapitän Lawton, ſich mit zwei Zügen hinter demſelben aufzuſtellen. Der Offizier gehorchte mit einer Art mürriſchen Widerwillens, welcher jedoch einigermaßen durch das Vorgefühl der Wirkung gemildert wurde, die ſein plötzliches Hervorbrechen auf den Feind machen mußte. Dunwoodie kannte ſeinen Mann und hatte den Rittmeiſter für dieſen Dienſt ausgewählt, einmal, weil er ſeine Tollkühnheit im Kampfe fürch⸗ tete, und dann, weil er wußte, daß man ſich im Falle der Noth auf ihn verlaſſen konnte. Kapitän Lawton war jedoch nur im An⸗ geſichte des Feindes vorſchnell, denn bei allen andern Gelegenheiten beobachtete er die vollkommenſte Umſicht und Selbſtbeherrſchung, die er nur bisweilen, wenn es anzubinden galt, vergaß. Links an dem Felde, auf welchem Dunwoodie dem Feind zu begegnen beab⸗ ſichtigte, lag ein dichter Wald, welcher das Thal auf die Entfer⸗ nung einer Meile begränzte. Dahin zog ſich nun das Häufchen der Wegweiſer zurück und nahm ſeine Stellung am Saume des Gehölzes, ſo daß ſie in den Stand geſetzt waren, ein wirkſames Feuer auf die vorrückende Kolonne des Feindes zu eröffnen. Es läßt ſich nicht annehmen, daß alle dieſe Vorbereitungen von den Bewohnern des Landhauſes unbemerkt blieben. Im Gegen⸗ theil waren alle Gefühle, welche die menſchliche Bruſt beſtürmen können, bei den Zeugen dieſer Scene in reger Thätigkeit. Nur Herr Wharton blickte hoffnungslos auf den Ausgang des Kampfes. Wenn die Engländer ſiegten, ſo wurde ſein Sohn allerdings be⸗ freit; aber was mußte dann ſein eigenes Schickſal ſeyn? Er hatte bisher mitten unter den drängendſten Verhältniſſen ſeinen neutralen Charakter bewahrt. Der Umſtand, einen Sohn in der königlichen oder, wie man es nannte, in der regulären Armee zu haben, hätte beinahe den Einzug ſeiner Güter veranlaßt, der nur durch ſeine eigene Klugheit und durch die Verwendung eines einflußreichen 94 Verwandten, der eine hohe Stelle in der Republik bekleidete, vermie⸗ den wurde. Er war im Herzen eifrig königlich geſinnt, und als Franciska im letzten Frühjahr nach ihrer Rückkehr aus dem Ameri⸗ kaniſchen Lager ihm erröthend die Wünſche ihres Liebhabers mit⸗ theilte, war ihm die Einwilligung, welche er zu der Verbindung ſeiner Tochter mit einem Rebellen gab, eben ſo ſehr durch die zunehmende Nothwendigkeit, ſich eines Beſchützers unter den Re⸗ publikanern zu verſichern, als durch die Sorge für das Glück ſei⸗ nes Kindes abgedrungen worden. Wurde ſein Sohn nun befreit, ſo mußte er mit ihm in der öffentlichen Meinung als ein Verſchwö⸗ rer gegen ſein Vaterland gelten; und blieb Heinrich in der Gefangen⸗ ſchaft, ſo ſtand dieſem ein Kriegsgericht bevor, deſſen Folgen noch fürchterlicher ſeyn konnten. Herr Wharton liebte ſeine Schätze, noch mehr aber ſeine Kinder, und er ſtarrte daher mit einer Aus⸗ drucksloſigkeit in ſeinem Geſichte auf die draußen ſtatthabenden Bewegungen, welche die Schwäche ſeines Charakters auf's bezeich⸗ nendſte verrieth. Ganz anderer Art waren die Gefühle ſeines Sohnes. Kapi⸗ tän Wharton war zwei Dragonern zur Bewachung übergeben worden, von denen der eine mit gemeſſenem Schritt in der Säu⸗ lenhalle auf und ab ging, während der andere angewieſen war, mit dem Gefangenen in dem gleichen Zimmer zu bleiben. Der junge Mann ſah mit einer Bewunderung, welche mit ängſtlichen Beſorgniſſen für ſeine Freunde gemiſcht waren, den Bewegungen Dunwoodie's zu. Am wenigſten behagte ihm der Hinterhalt, in welchem Lawton's Abtheilung aufgeſtellt war, deren Führer man von dem Fenſter des Landhauſes aus zu Fuß vor der Front ſeiner Abtheilung auf und abgehen ſah, um ſeine Ungeduld ab⸗ zukühlen. Heinrich Wharton warf einige haſtige forſchende Blicke umher, um irgend ein Mittel zur Befreiung zu erſpähen, aber ſtets begegnete er den Augen ſeiner Schildwache, welche mit der Achtſamkeit eines Argus auf ihn geheftet waren. Er wünſchte rmie⸗ d als meri⸗ mit⸗ dung h die Ne⸗ k ſei⸗ efreit, chwö⸗ ngen⸗ noch hätze, Aus⸗ enden zeich⸗ Kapi⸗ geben Säu⸗ war, Der lichen ungen t, in man Front d ab⸗ Blicke aber it der inſchte mit dem Feuer der Jugend, an dem ruhmvollen Kampfe Theil zu nehmen, und doch ſah er ſich gezwungen, einen mißvergnügten Zu⸗ ſchauer des Schauſpiels abzugeben, in welchem er ſelbſt ſo gerne handelnd aufgetreten wäre. Miß Peyton und Sara fuhren fort, die Vorbereitungen mit verſchiedenen Gefühlen zu betrachten, unter denen die Beſorgniß über des Kapitäns Schickſal das hervor⸗ ſtechendſte war, bis ſich der Augenblick des Blutvergießens zu nähern ſchien; dann erſt zogen ſie ſich mit der Furchtſamkeit ihres Geſchlechts nach einem innern Zimmer zurück. Nicht ſo Franciska; — ſie eilte nach dem Gemache, wo ſie Dunwoodie verlaſſen hatte und verfolgte von einem der Fenſter jede ſeiner Bewegungen mit der innigſten Theilnahme. Die Schwenkungen der Züge und andere todtbringenden Vorbereitungen blieben alle unbeachtet; ſie ſah nur ihren Geliebten, indeß in ihrem Innern Bewunderung mit dem Gefühle der tödtlichſten Angſt wechſelte. In einem Augenblick ſtrömte ihr das Blut zum Herzen, wenn ſie den jungen Krieger, ſeine Leute ermuthigend und belebend, durch die Reihen reiten ſah; und in dem nächſten erſtarrte es bei dem Gedanken, daß gerade dieſe Tapferkeit, welche ſie ſo ſehr ſchätzte, ein Grab zwiſchen ihr und dem Gegenſtand ihrer Betrachtung öffnen könne. Sie blieb am Fenſter, bis ſie nicht mehr hin zu ſchauen vermochte. In einem Felde links von dem Landhauſe und unfern der Nachhut des Geſchwaders befand ſich eine kleine Gruppe, welche ſich mit ganz andern Dingen als die, welche um ſie vorgingen, zu beſchäftigen ſchien. Sie beſtand aus zwei Männern und einem Mulattenknaben. Die hervorſtechendſte Perſon dieſer Geſellſchaft war ein Mann, deſſen Magerkeit ſeine hohe Geſtalt noch über⸗ mäßiger erſcheinen ließ. Er trug eine Brille, war unbewaffnet und unberitten, und ſchien ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen einer Ci⸗ garre, einem Buche und den Ereigniſſen in der Ebene zu theilen. Franciska faßte den Entſchluß, dieſen Leuten ein Billet zur Be⸗ ſorgung an Dunwoodie zugehen zu laſſen. Sie ſchrieb daher eilig mit dem Bleiſtift:„Kommen Sie zu mir, Peyton, wenn es auch nur auf einen Augenblick wäre;“ und Cäſar tauchte aus der Keller⸗ küche auf, vorſichtig hinter dem Gebäude vorbei ſchleichend, um der Wache in der Vorhalle nicht zu begegnen, welche mit der Höf⸗ lichkeit eines gemeinen Reiters geboten hatte, daß Niemand von der Familie das Haus verlaſſen ſolle. Der Schwarze überlieferte das Schreiben dem Herrn, mit der Bitte, es an Major Dun⸗ woodie zu beſtellen. Der Mann, an welchen ſich Cäſar wandte, war der Chirurg der virginiſchen Reiterei, und die Zähne des Afrikaners klapperten, als er auf dem Boden die verſchiedenen In⸗ ſtrumente erblickte, welche für den Fall einer Operation in Bereit⸗ ſchaft lagen. Der Doktor ſelbſt ſchien ſeine Vorkehrungen mit vielem Vergnügen zu betrachten, als er bedachtſam die Augen von ſeinem Buche aufſchlug, um das Billet dem Knaben zur Beſorgung an den kommandirenden Offizier zu übergeben, und vertiefte ſich dann wieder in ſeine Lectüre. Cäſar zog ſich langſam zurück, wäh⸗ rend die dritte Perſon, die ihrer Kleidung nach ein untergeordneter Diener des Arztes ſeyn mochte, die kaltblütige Frage an ihn ſtellte:„ob er ſich ein Bein abnehmen laſſen wolle?“ Dieſe Frage ſchien den Schwarzen an das Vorhandenſeyn dieſer Glieder zu erinnern, und er machte einen ſo wackern Gebrauch von denſelben, daß er die Vorhalle in demſelben Augenblick erreichte, in welchem Major Dunwoodie in kurzem Galopp anſprengte. Die kräftige Schildwache richtete ſich auf dem Poſten, zog den Säbel und ſalu⸗ tirte mit militäriſchem Anſtand, als der Offtzier vorbeiging; kaum aber war die Thure geſchloſſen, ſo wandte ſie ſich gegen den Neger und ſprach in ſcharfem Tone: „Höre, Schwarzer, wenn Du das Haus wieder ohne mein Vorwiſſen verläſſeſt, ſo werde ich Dir eines Deiner Ohren mit die⸗ ſem Raſirmeſſer abbarbiren.“ So an einem andern Gliede bedroht, zog ſich Cäſar eilig nach ſeiner Küche zurück und brummte Einiges vor ſich hin, wobei die Sel Lieb hart Obe hart ſind Erin Leber Stim füͤhle Ende wider liebte ſeinen wenig dieſer feuer auch teller⸗ um Hoͤf⸗ von eeferte Dun⸗ andte, e des n In⸗ zereit⸗ n mit n von rgung te ſich wäh⸗ dneter n ihn Frage der zu ſelben, elchem räftige ſalu⸗ kaum Neger mein it die⸗ eilig wobei die Worte„Schinder und rebelliſcher Schurke“ den Haupttheil des Selbſtgeſpräches bildeten. „Major Dunwoodie,“ ſagte Franciska zu ihrem eintretenden Liebhaber,„ich habe Ihnen vielleicht Unrecht gethan. Wenn ich hart erſchien—“ Die innere Bewegung des geängſtigten Mädchens gewann die Oberhand, und ſie brach in Thränen aus. 4„Franciska!“ rief der Krieger mit Wärme,„Sie ſind nie hart, nie ungerecht, als wenn Sie an meiner Liebe zweifeln.“ „Ach, Dunwoodie,“ fuhr das ſchluchzende Mädchen fort,„Sie ſind im Begriff, Ihr Leben in der Schlacht auf's Spiel zu ſetzen. Erinnern Sie ſich, daß es ein Herz gibt, deſſen Glück auf Ihrem Leben beruht. Ich weiß, Sie ſind tapfer; ſeyen Sie vorſichtig—“ „Um Ihretwillen?“ fragte der entzückte Jüngling. „Um meinetwillen,“ erwiederte Franciska mit kaum hörbarer Stimme und ſank an ſeine Bruſt. Dunwoodie drückte ſie an ſein Herz und wollte eben ſeine Ge⸗ fühle ausſprechen, als der Ruf einer Trompete aus dem ſüdlichen Ende des Thales erklang. Einen Kuß der Liebe auf ihre nicht widerſtrebenden Lippen drückend, riß ſich der Krieger von der Ge⸗ liebten los und eilte nach dem Kampfplatz. Franciska warf ſich auf ein Sopha, begrub ihr Haupt in ſeinen Kiſſen, und den Shawl über ihr Geſicht werfend, um ſo wenig als möglich von dem Schlachtlärm zu hören, blieb ſie in dieſer Lage, bis das Rufen der Streiter, das Knallen des Gewehr⸗ feuers und der donnernde Hufſchlag der Pferde aufgehört hatten. Der Spion. 3. Aufl. Siebentes Kapitel. Das Wild iſt los; Folgt Eurer Luſt. Shakeſpeare. Ver rauhe und unkultivirte Boden des Landes, die vielen Verſtecke, die große Entfernung von ihrer Heimath und die Leich⸗ tigkeit, womit ſie ſich bei ihrer unbeſtrittenen Beherrſchung des Meeres nach den verſchiedenen Punkten des Kriegsſchauplatzes begeben konnten— alles dieſes hatte die Engländer abgehalten, ſich bei ihren Bemühungen, die empörten Kolonien zu Paaren zu treiben, einer ſtarken Cavalleriemacht zu bedienen. Nur ein Regiment regulärer Reiterei war im Verlaufe des Krieges von dem Mutterlande abgeſchickt worden. Dagegen wur⸗ den an verſchiedenen Orten, wie es gerade mit den Planen der königlichen Befehlshaber zuſammenſtimmte oder dem Bedürfniß der Zeit angemeſſen war, Legionen und Freicorps errichtet. Dieſe waren nicht ſelten aus Leuten zuſammengeſetzt, welche in den Ko⸗ lonien ausgehoben worden waren, bisweilen verwendete man aber auch Züge aus den Linienregimentern dazu, und der Soldat mußte Muskete und Bajonet bei Seite legen, um den Säͤbel und Kara⸗ biner führen zu lernen. Ein großer Theil der Hulfstruppen wurde in dieſer Weiſe umgewandelt und namentlich waren es die heſſiſchen Jäger, aus welchen man ein Eorps ſchwerer und unbehülflicher Reiterei gemacht hatte. Einer ſolchen Macht gegenüber ſtanden die kühnſten Geiſter Amerika's. Die Offiziere der meiſten Cavallerieregimenter des Continentalheeres waren Männer von Stande aus dem Süden. Der kühne und begeiſterte Muth der Befehlshaber hatte ſich hier ſelbſt den Gemeinen mitgetheilt, die mit großer Sorgfalt und Umſicht für den Dienſt, welchen ſie zu verrichten hatian, ausgewählt wor⸗ „* den waren. nen hauk fähr Bira Reih Gleig welch draͤng vielen Leich⸗ g des platzes jalten, ten zu fe des wur⸗ n der iß der Dieſe 1 Ko⸗ aber mußte Kara⸗ wurde iſchen flicher heiſter r des züden. ſelbſt mſicht wor⸗ 99 Der ganze Eroberungskrieg der Engländer beſchränkte ſich auf den Beſitz einiger der größeren Städte oder auf Maͤrſche in Ge⸗ genden, wo es bereits an allem Kriegsbedarf fehlte, indeß die leichten Truppen ihrer Feinde das ganze Innere des Landes durchſtreiften. Die amerikaniſche Armee hatte mit beiſpielloſen Mühſeligkei⸗ ten zu kämpfen. Da ſie aber im Beſitz der Macht war und ſich in den Kampf für eine Sache verwickelt ſah, welche jede Strenge rechtfertigte, ſo ſorgten die Offiziere der Reiterei achtſam für die Be⸗ dürfniſſe des Heeres, wie denn auch ihre Mannſchaft gut beritten und die Pferde wohl genährt, folglich für den Dienſt äußerſt brauchbar waren. Vielleicht konnte die ganze Welt keine bravere, unternehmendere und unwiderſtehlichere Corps leichter Reiterei auf⸗ weiſen, als ſich zu der Zeit, von welcher wir ſchreiben, unter den Truppen des Continents befanden. Dunwoodie's Mannſchaft hatte oft ihre Tapferkeit gegen den Feind erprobt und ſaß nun voll muthigen Verlangens im Sattel, wieder einmal den Gegnern entgegengeführt zu werden, welche ſie ſelten erfolglos bekämpft hatte. Ihre Wünſche wurden bald erfüllt, denn ihr Führer hatte ſich kaum auf's Pferd geſchwungen, als bereits eine feindliche Abtheilung um den Fuß eines Hügels, welcher die Ausſicht nach Süden begränzte, herumkam. Wenige Minuten reichten hin, den Major die Waffengattung des Gegners unterſcheiden zu laſſen. Er erkannte in dem einen Zuge die grü⸗ nen Jacken der Kühjungen und in dem andern die ledernen Sturm⸗ hauben und die Holzſättel der Jäger. Ihre Anzahl mochte unge⸗ fähr der unter ſeinem Kommando ſtehenden gleichkommen. Als der Feind auf dem freien Platze in der Nähe von Harvey Birch's Wohnung anlangte, machte er Halt und ſtellte ſich in Reihen, augenſcheinlich um ſich für den Angriff vorzubereiten. Gleichzeitig zeigte ſich auch im Thale eine Abtheilung Fußvolk, welche ſich gegen die Ufer des bereits erwähnten Flüßchens vor⸗ drängte. 0 Major Dunwvodie zeichnete ſich nicht weniger durch Be⸗ ſonnenheit und Umſicht, als durch unerſchrockenen Muth in der Stunde der Gefahr aus. Er erkannte ſogleich ſeinen Vortheil und eilte, ihn zu benützen. Er ließ die Mannſchaft, welche unter ſeinem Befehle ſtand, ſich langſam zurückziehen, als der junge Deutſche, der die feindliche Reiterei commandirte, in der Beſorg⸗ niß, einen leichten Sieg zu verlieren, das Zeichen zum Angriff gab. Es gab wenig kühnere Truppen, als die Kühjungen, die nun mit einer Zuverſicht, welche ihren Grund in dem Rückzuge des Feindes und in dem Bewußtſeyn, im Rücken gedeckt zu ſeyn, hatte, zur Verfolgung heranſprengten. Die Heſſen folgten langſamer aber in beſſerer Ordnung. Jetzt begannen die Trompeten der Vir⸗ ginier ihre muntere Weiſen und wurden von der Mannſchaft im Hinterhalte auf eine Art erwiedert, welche bis zu dem Herzen des Feindes drang. Dunwoodie's Schaar machte in vollkommener Ord⸗ nung eine Schwenkung, öffnete ſich, und als das Zeichen zum An⸗ griff gegeben war, tauchten Lawton's Reiter aus ihrem Verſtecke auf, voran ihr Führer, der den Säbel über ſeinem Haupte ſchwang, und ſeine Kommandoworte mit einer Stimme rief, welche ſogar das kriegeriſche Schmettern der Trompeten übertönte. Der Angriff war zu ſchnell für die verwirrten Abtheilungen des Feindes. Sie zerſtreuten ſich nach allen Richtungen und eilten ſo geſchwind aus dem Feld, als ihre Weſt⸗Cheſter⸗Roſſe ſie zu tra⸗ gen vermochten. Nur wenige wurden verwundet, aber die, welche den Waffen ihrer racheentbrannten Landsleute begegneten, über⸗ lebten den Streich nie, um erzählen zu können, woher er kam. Der härteſte Schlag traf die armen Unterthanen des deutſchen Ty⸗ rannen. An den ſtrengſten Gehorſam gewöhnt traten dieſe Un⸗ glücklichen dem Angriffe tapfer entgegen, aber ſie zerſtoben vor den muthigen Roſſen und den kräftigen Armen ihrer Gegner, wie Spreu vor dem Winde. Viele von ihnen wurden buchſtäblich nie⸗ dergeritten und Dunwoodie ſah das Feld bald von dem Feinde und Sch und Sto thun Küh ſpiel an Gefi ſpan verh halb Lage Woh ihrer wood ſchlie des 4 gehof vier einem bereit Neger den A einver kleinen war ſeiner Be⸗ der rtheil unter unge ſorg⸗ igriff nun des atte, amer Vir⸗ im des rd⸗ An⸗ tecke ang, das ngen ilten tra⸗ lche ber⸗ am. Ty⸗ Un⸗ vor wie nie⸗ inde 101 gereinigt. Die Nähe des Fußvolks hinderte jedoch die Verfolgung, und die wenigen Heſſen, welche unbeſchädigt entkamen, ſuchten Schutz hinter ſeiner Linie. Die ſchlaueren Flüchtlinge zerſtreuten ſich in kleinen Banden und gelangten auf verſchiedenen Abwegen wieder zu ihrer alten Station vor Harlaem. Bei dieſem Rückzug hatten Vieh, Eigen⸗ thum und Perſonen viel zu leiden, denn die Zerſtreuung eines Corps Kühjungen war nur die Verbreitung eines Uebels. Es läßt ſich nicht erwarten, daß bei einem in ſolcher Nähe ſpielenden Auftritt die Einwohner des Landhauſes ohne Antheil an dem Ausgang deſſelben blieben. In der That waren dabei die Gefühle Aller, von der Küche bis zum Beſuchszimmer, in der ge⸗ ſpannteſten Erregung. Angſt und Schrecken hatten die Damen verhindert, länger Zuſchauerinnen zu bleiben: ſie fühlten aber deß⸗ halb nicht weniger. Franciska verharrte in der oben berührten Lage und ſandte glühende, unzuſammenhängende Gebete für das Wohl ihrer Landsleute zum Himmel, obgleich in dem Innerſten ihrer Seele ſtatt ihres Volkes das anmuthige Bild Peyton Dun⸗ woodie's ſtand. Ihre Tante und Schweſter waren weniger aus⸗ ſchließend in ihren Gebeten, aber Sara begann, als die Schrecken des Krieges ihren Sinnen näher traten, weniger Freude an dem gehofften Siege zu fühlen. Die Bewohner von Herrn Wharton's Küche beſtanden aus vier Perſonen— nämlich aus Cäſar, ſeinem Weibe, ſeiner Enkelin, einem glänzend ſchwarzen Mädchen von zwanzig Jahren, und dem bereits genannten Knaben. Die Schwarzen bildeten den Reſt eines Negerſtammes, welcher von Wharton's Vorfahren mütterlicher Seite, den Abkömmlingen der früheren holländiſchen Koloniſten, den Gütern einverleibt worden war. Zeit, Ausartung und Tod hatten ſie bis zu dieſer kleinen Anzahl vermindert, und der Knabe, ein Weißer von Farbe, war von Miß Peyton dem Haushalte beigefügt worden, um ſich ſeiner als eines Ausläufers bedienen zu können. Nachdem Cäſar die 10² Vorſicht angewendet hatte, ſich hinter den Schirm einer Mauerecke zu begeben, um gegen eine ſich verirrende Kugel ſicher zu ſeyn, ſah er mit Vergnügen dem Scharmützel zu. Die Schildwache in der Vorhalle ſtand nur wenige Fuß von ihm entfernt und ging in den Geiſt der Jagd mit allem Feuer eines erprobten Schweißhundes ein. Sie bemerkte die Nähe des Schwarzen und ſeine vorſichtige Stellung mit geringſchätzendem Lächeln und pflanzte ſich in der Richtung des Feindes hin, die unbewehrte Bruſt unerſchrocken jeder möglichen Gefahr blosgebend. Als der Dragoner ſo Cäſar's Sicherungsmaaßregeln eine Weile mit unauſprechlicher Verachtung zugeſehen hatte, begann er mit großer Kälte:. „Du ſcheinſt für die Sicherheit Deiner liebenswürdigen Perſon ſehr beſorgt zu ſeyn, Meiſter Schwarzfell.“. „Eine Kugel treffen farbigen Mann ſo gut als weißen,“ brummte der Schwarze ärgerlich und warf einen ſehr zufriedenen Blick auf ſeine Verſchanzung. „Geſetzt, ich machte den Verſuch—“ erwiederte der Dragoner, indem er bedächtlich eine Piſtole aus dem Gürtel zog und auf den Neger richtete. Cäſar's Zähne klapperten bei dieſer Bewegung des Soldaten, obgleich er nicht glaubte, daß es. ſo ernſtlich gemeint ſey. In dieſem Augenblick fing Dunwoodie's Abtheilung an, ſich zurückzuziehen, und die königliche Reiterei begann ihren Angriff. „Da, Miſter leicht Reiter,“ ſagte Cäſar haſtig, da er den Rückzug der Amerikaner für Ernſt nahm;„warum Ihr Rebellen nicht fechten?— Sieh— ſieh, wie König Georg's Leute Major Dunwoodie machen davon laufen. Wohl guter Herr; aber er nicht lieben zu fechten gegen die Reg'ler.“ „Gott verdamme Deine Regulären,“ rief der Andere heftig: „warte nur einen Augenblick, Schwarzer, und Du kannſt den Ritt⸗ meiſter Jack Lawton hinter jenem Hügel hervorbrechen und dieſe icke zu „. ſah n der n den undes chtige n der jeder Weile r mit zerſon ßen,“ denen goner, f den gung iſtlich ilung ihren den bellen Najor nicht eftig: Ritt⸗ dieſe Kühjungen zerſtreuen ſehen, wie einen Schwarm Wildgänſe, die ihren Führer verloren haben.“ Cäſar hatte vermuthet, Lawton's Trupp habe aus denſelben Gründen, welche ihn veranlaßt hatten, die Mauer zwiſchen ſich und das Schlachtfeld zu bringen, den Schirm des Hügels aufge⸗ ſucht; aber die Wirklichkeit entſprach bald der Prophezeihung des Reiters und der Schwarze mußte beſtürzt die gänzliche Bernietung der königlichen Reiterei mit anſehen. Die Schildwache hatte ihre Freude über den Sieg ſeiner Ka⸗ meraden durch lautes Jauchzen an den Tag gelegt, welches bald ſeinen Gefährten, dem die unmittelbare Bewachung Heinrich Whar⸗ ton's übertragen war, an das offene Fenſter des Beſuchszimmers brachte. „Sieh, Tom, ſieh,“ rief der vergnügte Reiter, wie Kapitän Lawton die heſſiſchen Lederkappen fliegen macht— und jetzt hat der Major das Pferd ihres Führers getödtet— zum Teufel, warum haut er nicht den Deutſchen zuſammen und reitet das Pferd?“ Einige Piſtolen wurden auf die fliehenden Kühjungen abge⸗ feuert und eine matte Kugel zerbrach einige Fuß von Cäſar eine Glasſcheibe. Der Schwarze kroch in der Stellung, die man dem großen Verſucher unſeres Geſchlechts zu geben pflegt, davon, um im Innern des Gebäudes Schutz zu ſuchen, und begab ſich unmittelbar in das Wohnzimmer. 4. Der Hofraum vor den Locuſten war gegen die Straße hin durch eine dichte Hecke gedeckt und die Pferde der beiden Dragoner ſtanden aneinandergekoppelt in dieſer Einzäunung, des Aufbruchs ihrer Herren harrend. In dieſem Augenblick ſprengten zwei Kühjungen, welchen der Rückzug zu den Ihrigen abgeſchnitten war, mit wüthender Haſt durch den Thorweg, in der Abſicht, nach dem Walde hinter dem Landhauſe zu entwiſchen. Die ſiegreichen Amerikaner hatten die flüchtigen Deutſchen bis zu der Schußlinie der feindlichen Infanterie verfolgt, und die beutelüſternen Krieger, in dem einſamen Hofe keine unmittelbare Gefahr für ſich fürchtend, gaben einer Verſuchung nach, welcher nur wenige in ihrem Corps zu widerſtehen vermochten,— nämlich der Ge⸗ legenheit, zu wohlfeilen Pferden zu kommen. Mit einer Kühnheit und Gegenwart des Geiſtes, welche nur die Früchte einer langen Vertrautheit mit aͤhnlichen Scenen ſeyn konnten, eilten ſie faſt unwillkührlich auf ihre beabſichtigte Beute zu. Sie waren eben im Begriff, die Zügel der Pferde zu trennen, als der Reiter in der Vorhalle ſeine Piſtolen abfeuerte und mit gezogenem Säbel zu ihrer Rettung herbeiſtürzte. Der Eintritt Caͤſar's in das Zimmer hatte den im Hauſe be⸗ findlichen Dragoner veranlaßt, feinen Gefangenen feſter in's Auge zu faſſen, aber die neue Unterbrechung zog ihn wieder an das Fenſter. Er beugte ſich mit dem Körper weit vor und bemühte ſich, durch fürchterliche Flüche, Drohungen und Geberden die Plünderer von ihrem Raube wegzuſchrecken. Der Augenblick war verführeriſch. Dreihundert von des Kapitäns Kameraden waren in dem Bereich einer Meile von dem Landhaus, herrenloſe Pferde liefen in allen Richtungen umher— Heinrich Wharton ergriff daher die nichtsahnende Schildwache bei den Füßen und warf ſie durch das Fenſter kopfüber in den Hof. Cäſar verſchwand aus dem Zimmer und legte einen Bolzen vor die äußere Thüre. Der Fall des Soldaten war nicht tief, und als er wieder auf den Füßen ſtand, wendete er einen Augenblick ſeine Wuth gegen den Gefangenen. Das Fenſter in dem Angeſichte eines ſolchen Feindes zu erſteigen, war jedoch unmöglich, und als er durch die Thüre gehen wollte fand er den Eingang verriegelt. Sein Kamerad rief ihn nun laut um Hülfe an, und alles andere vergeſſend, eilte das überliſtete Reiter zu deſſen Beiſtand. Eines der Pferde war bald gerettet, aber das andere hing bereits an dem Sattel des einen Kühjungen, und alle vier zogen ſich nun unter gegenſeitigen wüthenden Säbelhieben und weithin ſchallenden Flüchen njetzt Burſ loſer gen bei, Thor Landſ einige der H ihn d dem beweg Entko junge Mann 2 Begra zwei ſchlag Auger Taſche des Fl telbare er nur er Ge⸗ hnheit angen faſt eben er in el zu e be⸗ Auge das nühte die war n in ferde aher urch dem auf gen chen die dere nes dem iter hen hinter das Gebäude zurück. Caäſar öffnete die Thüre, und rief, auf das zurückgebliebene Pferd deutend, welches ruhig das welke Gras im Hofe abfraß—: „Laufen— nun— laufen— Maſſa Harry— laufen.“ „Ja,“ rief der Jüngling und ſchwang ſich in den Sattel— „jetzt iſt's in der That Zeit, ſich davon zu machen, mein ehrlicher Burſche!“ Er winkte haſtig ſeinem Vater zu, welcher in ſprach⸗ loſer Angſt an dem Fenſter ſtand und die Hände ſegenſpendend ge⸗ gen ſein Kind ausſtreckte. „Gott ſegne Dich, Cäſar,— grüße die Mädchen,“ fügte er bei, und jagte mit der Schuelligkeit des Blitzes aus dem Thorwege. Der Afrikaner folgte ängſtlich ſeinen Bewegungen, als er die Landſtraße gewann, ſah, wie er rechts abbeugte, an dem Fuße einiger Felſen, welche an der Seite ſenkrecht anſtiegen, in wüthen⸗ der Haſt fortſprengte und endlich hinter einem Vorſprung, welcher ihn dem Blicke entzog, verſchwand. Der entzückte Cäͤſar ſchloß die Thüre, legte einen Riegel nach dem andern vor und drehte den Schlüſſel, bis er ſich nicht mehr bewegen ließ, indeß er die ganze Zeit über von dem glücklichen Entkommen ſeines jungen Herrn mit ſich ſelbſt redete. „Wie gut er reiten— ich ſelbſt es ihn lehren— grüßen junge Lady— Miß Fanny würde nicht laſſen küſſen alten farbigen Mann eine rothe Wange.“ Als das Schickſal des Tages entſchieden war und die Zeit zum Begraben der Todten herannahte, fand man hinter den Loeuſten zwei Kühjungen und einen Virginier unter der Zahl der Er⸗ ſchlagenen. 4 Zum Glücke für Heinrich Wharton beobachteten die ſpähenden Augen des Mannes, der ihn gefangen genommen, gerade durch ein Taſchenfernrohr die Infanteriereihen, welche ihre Stellung an dem Ufer des Flüßchens noch beibehielten, indeß der Reſt der heſſtſchen Jäger — 106 unter ihren Schirm zu kommen ſuchte. Wharton's Pferd war von der beſten Race Virginiens; es trug ihn mit der Schnelligkeit des Windes durch das Thal, und das Herz des Jünglings begann be⸗ reits in der Freude der gelungenen Flucht heftiger zu ſchlagen, als der laute Ruf einer wohlbekannten Stimme an ſein erſchrecktes Ohr ſchlug:. „Brav gemacht, Kapitän! Sparen Sie die Peitſche nicht und wenden Sie ſich links, ehe Sie über den Bach ſetzen!“ Wharton wendete überraſcht das Haupt und ſah auf einem Felſenvorſprung, von welchem aus das Thal in einer Vogelper⸗ ſpective zu überſchauen war, ſeinen früheren Führer, Harvey Birch, ſitzen. Der Krämer hatte den Pack, welcher an Umfang viel ver⸗ loren hatte, zu ſeinen Füßen liegen, und winkte dem Jüngling freudig zu, als dieſer unter ihm vorbeiflog. Der engliſche Kapitän befolgte den Rath dieſes geheimnißvollen Weſens, und da er bald einen Waldweg fand, welcher nach der das Thal durchſchneidenden Landſtraße führte, ſo ſprengte er in dieſer Richtung weiter und war bald ſeinen Freunden gegenüber. In der nächſten Minute hatte er die Brücke hinter ſich und hielt dann ſein Roß vor ſeinem alten Bekannten, dem Obriſten Wellmere an. „Kapitän Wharton!“ rief der Befehlshaber der engliſchen Truppen überraſcht,—„im Hausrock und auf dem Pferde eines Rebellen⸗Dragoners! Kommen Sie aus den Wolken in dieſem An⸗ zug und in dieſer Weiſe?“ „Gott ſey Dank,“ rief der Jüngling tief aufathmend,„ich bin gerettet und den Händen meiner Feinde entkommen. Noch vor wenigen Minuten war ich ein Gefangener und mit dem Galgen bedroht.“ „Mit dem Galgen, Kapitäͤn Wharton? Sicher würden es dieſe Verräther an ihrem König nicht gewagt haben, mit kaltem Blute einen zweiten Mord zu begehen. Iſt es nicht genug, daß ſie André getödtet haben? Warum hätte man Sie mit einem ähn⸗ lichen Schickſal bedrohen ſollen?“ Kap Art die ſich melt Freu Sie nen bald ſönli unter Wha iſt ei halte terei muß die. Gute ſprech denn Well Felde ohne iſt al verſet ich r von it des n be⸗ u, als eecktes t und einem lper⸗ Birch, ver⸗ gling pitän bald nden und inute inem ſchen eines An⸗ „ich vor ht.“ es ltem daß ihn⸗ „Unter dem Vorwande eines ähnlichen Vergehens,“ ſagte der Kapitän und theilte der Gruppe Zuhörer in kurzen Worten die Art ſeiner Gefangennehmung, die Gründe ſeiner Befürchtungen und die Weiſe ſeines Entkommens mit. Während er erzählte, hatten ſich die flüchtigen Deutſchen hinter der Infanterieabtheilung geſam⸗ melt und Obriſt Wellmere rief laut: „Ich gratulire Ihnen von ganzem Herzen, mein wackerer Freund. Gnade iſt ein Wort, welches dieſe Verräther nicht kennen. Sie ſind daher doppelt glücklich, unbeſchädigt ihren Händen entron⸗ nen zu ſeyn. Machen Sie ſich bereit, mir beizuſtehen; Sie ſollen bald eine edle Genugthuung haben.“ „Ich glaube nicht, Obriſt Wellmere, daß irgend Jemand per⸗ ſönliche Beleidignng von einer Mannſchaft zu befürchten hat, welche unter Major Dunwoodie's Kommando ſteht,“ erwiederte der junge Wharton mit einem leichten Glühen des Geſichts;„ſein Charakter iſt eines ſolchen niedrigen Benehmens nicht fähig. Eben ſo wenig halte ich es jedoch für zweckmäßig, Angeſichts der virginiſchen Rei⸗ terei, welche jetzt von dem errungenen Vortheil entflammt ſeyn muß, über den Bach zu ſetzen und in das offene Feld zu rücken.“ „Glauben Sie in der That, daß Sie Urſache haben, ſich auf die Zerſtreuung der Irregulären und der trägen Heſſen etwas zu Gute zu thun?“ ſagte der andere mit verächtlichem Lächeln.„Sie ſprechen ja von der Sache, als ob Ihr geprieſener Herr Dunwoodie, denn Major iſt er nicht, die Leibwachen Ihres Koͤnigs geſchlagen hätte.“ „Und ich muß mir die Erlaubniß nehmen zu ſagen, Obriſt Wellmere, daß, wenn die Leibwachen meines Königs auf jenem Felde ſtünden, ſie auf einen Feind treffen würden, den ſie nicht ohne Gefahr verachten dürften. Mein geprieſener Dunwoodie, Sir, iſt als Cavallerie⸗Offtzier der Stolz von Waſhington's Armee,“ verſetzte Heinrich mit Wärme. „Dunwoodie— Dunwoodie?“ wiederholte der Obriſt langſam; wich muß dieſen Herrn ſchon früher irgendwo getroffen haben.“ 8— —— —, 108 „Man hat mir geſagt, Sie hätten ihn einmal einen Augen⸗ blick zu Neu⸗York in dem Hauſe meiner Schweſtern geſehen,“ ent⸗ gegnete Wharton mit einem lauernden Lächeln. „Ach, ich erinnere mich eines ſolchen jungen Menſchen; und hat der allermächtigſte Congreß dieſer aufrühreriſchen Kolo⸗ nien einem derartigen Helden die Führung ſeiner Soldaten an⸗ vertraut?“ „Fragen Sie dort den Führer der heſſiſchen Reiterei, ob er den Major Dunwoodie wohl dieſes Vertrauens für würdig hält.“ Obriſt Wellmere entbehrte jenes Stolzes nicht, welcher den Muth des Mannes im Angeſicht der Feinde zu heben geeignet iſt. Er hatte in Amerika lange Zeit Dienſte gethan, ohne je mit andern als neugeworbenen Truppen oder den Milizen des Landes zuſam⸗ menzutreffen. Dieſe fochten allerdings hin und wieder furchtlos, aber eben ſo oft zogen ſie es auch vor, ohne ein Gewehr abge⸗ drückt zu haben, davon zu laufen. Auch war der Obriſt zu ſehr geneigt, nach dem Aeußeren zu urtheilen, und hielt es daher für unmöglich, daß Leute, deren Gamaſchen ſo reinlich, deren Tritte ſo regelrecht und deren Schwenkungen ſo genau waren, geſchlagen werden koͤnnten; zudem mußte ihnen ja, da ſie Engländer waren, der Sieg vornweg gewiß ſeyn. Obriſt Wellmere war noch nicht oft im Felde geweſen, ſonſt würden dieſe Anſichten, die er aus der Heimath mitgebracht hatte und die durch den Dünkel des Garni⸗ ſonslebens noch vermehrt worden waren, viel früher verſchwunden ſeyn. Er horchte daher auf die warme Gegenrede des Kapitän Wharton mit einem hochmüthigen Lächeln und fragte dann: „Sie wollen doch nicht, mein Herr, daß wir uns vor dieſen geprieſenen Reitern zurückziehen, ohne etwas gethan zu haben, um ihnen einen Theil des Ruhmes, welchen Sie nach Ihrer Annahme gewonnen haben, wieder abzunehmen?“ „Ich wollte Sie nur auf die Gefahr aufmerkſam machen, Obriſt Wellmere, der Sie entgegen zu gehen im Begriffe ſind.“ der als rich laſſe mere des in ir hörer einig Ande Ihne lich w ſich a wir ſeitige tapfer Kapit Anſpr 6 wegun ſchickte Pflicht D von d ſchen Trupp gebrach lugen⸗ „ ent⸗ ſchen; Kolo⸗ n an⸗ ob er ält.“ den et iſt. ndern uſam⸗ htlos, abge⸗ ſehr r für tte ſo lagen aren, nicht 8 der arni⸗ unden pitän ieſen 109 „Gefahr iſt ein Wort, das dem Soldaten nicht ziemt,“ fuhr der brittiſche Befehlshaber mit einem höhniſchen Lächeln fort. „Und eines, welches das ſechzigſte Regiment ſo wenig ſcheut, als irgend ein anderes Corps im Dienſte des Königs,“ rief Hein⸗ rich Wharton heftig.„Geben Sie nur Befehl zum Angriff und laſſen Sie unſere Thaten ſprechen.“ „Nun erkenne ich wieder meinen jungen Freund,“ ſagte Well⸗ mere beſänftigend.„Wenn Sie uns übrigens vor dem Beginne des Kampfes etwas mitzutheilen haben, was uns bei dem Angriff in irgend einer Weiſe nützlich werden könnte, ſo wollen wir es an⸗ hoͤren. Sie kennen die Stärke der Rebellen. Sind vielleicht noch einige im Hinterhalt?“ „Ja,“ erwiederte der junge Mann, noch immer über des Andern Hohn entrüſtet;„am Rande dieſes Waldes, rechts von Ihnen, liegt eine kleine Abtheilung Fußvolk; die Reiter ſind ſämmt⸗ lich vor Ihnen.“ „Sie ſollen mir nicht lange bleiben,“ rief Wellmere, indem er ſich an die Paar Offiziere in ſeiner Nähe wandte. Meine Herren, wir wollen in Maſſe über den Strom ſetzen und uns in der jen⸗ ſeitigen Ebene aufſtellen, ſonſt ſind wir nicht im Stande, dieſe tapferen Yankees in den Bereich unſerer Musketen zu locken. Kapitän Wharton, ich nehme Ihren Beiſtand als Adjutant in Anſpruch.“ Der Jüngling ſchüttelte mißbilligend den Kopf zu einer Be⸗ wegung, welche ſein geſunder Verſtand als vorſchnell mißbilligte, ſchickte ſich jedoch munter an, in dem bevorſtehenden Kampfe ſeine Pflicht zu thun. Während dieſer Unterredung, welche in geringer Entfernung von den brittiſchen Reihen und Angeſichts der ganzen amerikani⸗ ſchen Reiterei abgehalten wurde, hatte Dunwoodie ſeine zerſtreuten Truppen wieder geſammelt, die wenigen Gefangenen in Sicherheit gebracht und ſich auf das Feld zurückgezogen, wo ſeine Leute bei 110 der erſten Erſcheinung des Feindes aufgeſtellt geweſen waren. Zufrieden mit den bereits errungenen Vortheilen, und in der Meinung, die Engländer würden zu klug ſeyn, um ihm Gelegenheit zu geben, ſie noch mehr zu ſchwächen, war er im Begriff, die Wegweiſer von ihrem Poſten zurückzuziehen und einige Meilen weiter rückwärts an einem günſtigen Orte für die Nacht Quartier zu machen, indem er zu Bewachung der feindlichen Bewegungen blos ein anſehnliches Obſervationscorps in der Ebene zurückzulaſſen beabſichtigte. Kapi⸗ tän Lawton horchte nur mit Widerwillen auf die Gründe ſeines Befehlshabers, und hatte eben ſein Fernglas an's Auge gebracht, um zu ſehen, ob ſich keine Gelegenheit zu einem vortheilhaften Angriffe darbiete, als er plötzlich ausrief: „Was iſt das? Ein blauer Rock unter jenen ſcharlachenen Herr⸗ ſchaften? So wahr ich es zu erleben hoffe, mein altes Virginien wieder zu ſehen— es iſt mein maskirter Freund vom Sechzigſten, der ſchöne Kapitän Wharton, welcher meinen zwei beſten Leuten entwiſcht iſt!“ Er hatte noch nicht ausgeredet, als der von den genannten beiden Helden Uebriggebliebene bei ſeinem Corps anlangte, indem er ſein eigenes Pferd und die der gefallenen Kühjungen mit ſich brachte. Er meldete den Tod ſeines Kameraden und die Flucht des Gefan⸗ genen. Da dem Getödteten die unmittelbare Bewachung des jungen Wharton anvertraut worden war und der andere über die Verthei⸗ digung der Pferde, welche vorzugsweiſe unter ſeiner Aufſicht ſtanden, nicht getadelt werden konnte, ſo hörte ihn der Rittmeiſter zwar mit Unmuth, aber ohne Zorn an. Dieſe Nachricht brachte eine gänzliche Veränderung in Major Dunwoodie's Planen hervor. Es wurde ihm auf einmal klar, daß ſeine eigene Ehre durch das Entweichen ſeines Gefangenen gefähr⸗ det ſey. Er nahm daher den Befehl zur Abberufung der Wegweiſer zurück, ritt an die Seite ſeines Kapitäns, und beachtete eben ſo ſorgfältig als der ungeſtüme Lawton jede Gelegenheit, welche einen erfolgreichen Angriff gegen den Feind hoffen ließ. wiede dem furch Furc er m vorrü welch rieden , die geben, r von värts indem liches Kapi⸗ ſeines racht, aften Herr⸗ ieder choͤne iſt!“ inten m er chte. efan⸗ ngen thei⸗ iden, mit ajor daß ähr⸗ eiſer n ſo inen Kaum zwei Stunden früher hatte Dunwoodie den Zufall, wel⸗ cher ihm Heinrich Wharton als Gefangenen zuführte, für den haͤr⸗ teſten Schlag gehalten, der ihn je getroffen; und jetzt erſehnte er eine Gelegenheit, unter Gefahr des eigenen Lebens ſeines Freundes wieder habhaft zu werden. Alle anderen Rückſichten verloren ſich unter dem Sporne des gekränkten Stolzes und bald hätte er wohl mit Lawton an Verwegenheit gewetteifert, wäͤre nicht in dieſem Augenblick Wellmere mit ſeiner Mannſchaft über den Bach in die Ebene gerückt. „Da,“ rief der entzückte Rittmeiſter, indem er auf dieſe Be⸗ wegung mit dem Finger deutete—„da geht John Bull in die Mauſefalle und noch dazu mit weit offenen Augen.“ „Er wird doch nicht ſeine Leute in dieſer Ebene aufſtellen?“ erwiederte Dunwoodie lebhaft;„Wharton muß ihm von dem Hin⸗ terhalt geſagt haben. Aber wenn er es thut—“ „So wollen wir ihm kein Dutzend geſunde Häute in ſeinem Bataillon laſſen,“ unterbrach ihn der Andere, indem er ſich in den Sattel ſchwang. Die Wahrheit wurde bald deutlich, denn die engliſchen Trup⸗ pen rückten im Blachland etwas vor und entwickelten ſich mit einer Regelmäͤßigkeit, welche ihnen an einem Muſterungstage in ihrem Hyde⸗Park Ehre gemacht haben würde.„ „Macht euch fertig— zu Pferd!“ ſchrie Dunwoodie. Das letztere Wort wurde von Lawton mit einer Donnerſtimme wiederholt, ſo daß es bis zu Cäͤſar's Ohren gelangte, welcher an dem offenen Fenſter des Landhauſes ſtand. Der Schwarze bebte furchtſam zurück, denn er hatte ſein ganzes Vertrauen zu Lawton's Furchtſamkeit verloren und ſah ihn beſtändig vor ſeiner Seele, wie er mit hochgeſchwungenem Säbel aus dem Hinterhalte hervorbrach. Als die brittiſche Linie langſam und in der größten Ordnung vorrückte, eröffnete die Wegweiſer⸗Abtheilung ein tüchtiges Feuer, welches beſonders die zunächſt ſtehende Abtheilung der königlichen „* 112 Truppen hart bedrängte. Wellmere folgte dem Rathe des Vetera⸗ nen, der ihm zunächſt im Range ſtand, und ſandte zwei Com⸗ pagnien ab, um das amerikaniſche Fußvolk aus ſeinem Verſteck zu vertreiben. Die Bewegung verurſachte eine leichte Verwirrung und Dunwoodie benutzte dieſen günſtigen Augenblick zum Angriff. Man hätte nicht leicht einen für die Bewegungen der Reiterei ge⸗ eigneteren Grund finden können und das Eindringen der Virginier war unwiderſtehlich. Sie hatten dabei vorzüglich das dem Wald gegenüberliegende Ufer im Auge, um dem Feuer ihrer verborgenen Freunde auszuweichen und erreichten ihre Abſicht vollſtändig. Well⸗ mere, welcher an der Spitze ſeines linken Flügels ſtand, wurde durch die ungeſtüme Wuth der Angreifer niedergeworfen und nur die zeitige Herbeikunft Dunwoodie's ſchützte ihn gegen den tödtlichen Hieb eines Dragonerſäbels. Der Major half ihm auf, ſetzte ihn auf ein Pferd und übergab ihn der Bewachung ſeiner Leute. Dem Offizier, welcher den Angriff auf die Wegweiſer angerathen hatte, war auch die Ausführung deſſelben anvertraut worden, doch genügte für dieſe irreguläre Abtheilung ſchon eine Bedrohung. In der That war auch ihr Dienſt zu Ende und ſie zog ſich am Saume des Waldes hin, um wieder zu ihren Pferden zu kommen, welche im obern Theile des Thales unter einer Bewachung zurückgelaſſen worden waren. Die linke Linie der Britten wurde von den Amerikanern über⸗ flügelt, ſo daß der Angriff von vorn und hinten geſchah, wodurch die Niederlage dieſer Abtheilung vollſtändig wurde. Als aber der zweite Befehlshaber bemerkte, welche Wendung das Treffen nahm, ſo drehte er raſch ſeine Mannſchaft und empftng die vorbeiſpren⸗ genden Dragoner mit einem tüchtigen Musketen feuer. Heinrich Wharton hatte ſich freiwillig dieſem Trupp angeſchloſſen, um die Wegweiſer vertreiben zu helfen. Da traf plötzlich eine Kugel ſei⸗ nen linken Arm, wodurch er veranlaßt wurde, die Zäume mit der andern Hand zu faſſen, und als die Dragoner vorbeijagten, die Abt! Gna Auch Seſſe mach und gen, welch leute Saun hatte, zu tre und Dieſe Lawto der E undur De Vetera⸗ i Com⸗ eſteck zu virrung Angriff. rei ge⸗ irginier Wald rgenen Well⸗ wurde d nur tlichen e ihn Dem hatte, enügte n der aume velche laſſen über⸗ durch der ahm, ören⸗ nrich die ſei⸗ der die Luft mit ihrem Schlachtrufe und ihrem ſchmetternden Trompeten⸗ tönen erfüllend, entriß ſich das Pferd, welches der junge Mann ritt, dem Zügel, eilte nach und befand ſich mit ſeinem Reiter, der mit dem verwundeten Arme das wilde Thier nicht zu bändigen ver⸗ mochte, bald an Kapitän Lawton's Seite. Der Dragoner begriff im Augenblicke die komiſche Lage ſeines neuen Kameraden: er hatte jedoch nur noch Zeit, ehe er in die Linie der Engländer eindrang, ihm laut zuzurufen— „Das Pferd kennt die gerechte Sache beſſer als ſein Reiter. Kapitän Wharton, Sie ſind willkommen in den Reihen der Freiheit.“ Demungeachtet ſaͤumte Lawton nicht, als der Angriff vorüber war, ſeinen Gefangenen wieder in ſicheren Gewahrſam zu bringen, und übergab ihn, da er ſeine Verwundung bemerkte, der Nachhut. Die Virginiſchen Reiter theilten ihre Gunſtbezeugungen an die Abtheilung der königlichen Infanterie, welche nun großentheils ihrer Gnade preisgegeben war, mit nicht ſehr höflichen Händen aus. Auch Dunwoodie beeilte ſich, als er bemerkte, daß der Reſt der Heſſen ſich wieder in die Ebene gewagt hatte, Jagd auf ſie zu machen, holte ihre ärmlichen, ſchlecht genährten Pferde bald ein und zerſtreute in Kurzem die Ueberbleibſel dieſes Geſchwaders. Inzwiſchen war es einem großen Theil der Engländer gelun⸗ gen, unter dem Schutze des Pulverdampfes und der Verwirrung, welche auf dem Schlachtfelde herrſchte, hinter die Linie ihrer Lands⸗ leute zu kommen, welche noch in beſter Ordnung parallel mit dem Saume des Waldes ſtand, mit dem Feuern aber inne gehalten hatte, weil ſie beſorgen mußte, den Freund zugleich mit dem Feinde zu treffen. Die Flüchtlinge erhielten den Befehl, im Walde ſelbſt und unter dem Schutze der Bäume eine z zweite Linie zu bilden. Dieſe Vorkehrung war noch nicht ganz beendet, als Kapitän Lawton einem jungen Mann, welcher eine andere Abtheilung der in der Ebene zurückgebliebenen Reiterei kommandirte, zurief, die noch undurchbrochene Reihe der Engländer anzugreifen. Der Vorſchlag Der Spion. 3. Aufl. 8 wurde eben ſo ſchnell angenommen, als er gemacht worden war, und die Schaar ſtellte ſich zu dieſem Zweck in Schlachtordnung. Der Eifer des Führers verhinderte indeß die geeigneten Vorbereitungen, um den Erfolg zu ſichern, und die Pferde wurden bei ihrem An⸗ ſprengen durch eine verheerende Musketenſalve in Verwirrung ge⸗ bracht. Beide, ſowohl Lawton als ſein jüngerer Kamerad, ſtürzten unter dem Kugelregen. Zum Glück für den Nuhm der Virginier kehrte in dieſem verhängnißvollen Augenblick Major Dunwoodie auf den Wahlplatz zurück; er ſah, die Unordnung ſeiner Truppen, zu ſeinen Füßen den im Blute ſich wäͤlzenden Georg Singleton, einen Jüngling, welcher ihm durch viele trefflichen Eigenſchaften theuer war, und Lawton vom Pferde geſtürzt und zur Erde geſtreckt. Das Auge des jugendlichen Kriegers ſprühte Feuer. Er ritt zwiſchen der Schwadron und dem Feinde auf und nieder und rief mit einer Stimme, welche Aller Herzen traf, ſeine Dragoner zu ihrer Pflicht zurück. Seine Gegenwart und ſeine Worte wirkten wie ein Zau⸗ berſchlag. Der Schlachtlaͤrm ſchwieg; ſchnell bildete ſich eine ge⸗ ſchloſſene Linie; der Ruf zum Angriff erſcholl; ihren Führer an der Spitze fegten die Virginier quer durch die Ebene mit einem Ungeſtümm, welchem nichts widerſtehen konnte, und in einem Augen⸗ blicke war das Feld vom Feinde gereinigt. Was nicht getödtet war, ſuchte den Schutz der Wälder. Dunwoodie zog ſich nun langſam aus dem Bereiche des Musketenfeuers, welches die unter den Bäumen verſteckten Engländer fort unterhielten, zurück und be⸗ gann das ſchmerzliche Geſchäft, ſeine Todten und Verwundeten zu ſammeln. Der Wachtmeiſter, welcher den Auftrag erhalten hatte, den Kapitän Wharton nach einem Orte zu bringen, wo er wundärzt⸗ lichen Beiſtand finden konnte, beeilte ſich, denſelben auszuführen, um ſobald als möglich wieder auf den Kampfplatz zurückzukommen. Sie hatten noch nicht die Mitte der Ebene erreicht, als der Kapi⸗ tän einen Mann bemerkte, deſſen Außenſeite und Beſchaͤftigung ſeine Kopf halb Rock geſtre Hände eine( Inſtri legent tung lag. weiſer merkſa des A Hand bekund ſehr ko haben. auf der tollem A da er ſprecher das ſo Wie of man ei ſein Lel ſo unne dieſe jer ſchaft zu war, . Der ungen, n An⸗ ig ge⸗ ürzten ginier ie auf a, zu einen theuer Das iſchen einer zflicht Zau⸗ e ge⸗ er an einem ugen⸗ tödtet nun unter dbe⸗ n zu den ärzt⸗ hren, men. dapi⸗ gzung ſeine Aufmerkſamkeit in hohem Grade in Anſpruch nahm. Sein Kopf war kahl und unbedeckt, indeß eine wohlgepuderte Perücke halb aus den Taſchen ſeiner Beinkleider herausſah. Er hatte den Rock ausgezogen und die Hemdärmel bis an die Ellbogen zurück⸗ geſtreift. Seine Kleider waren mit Blut befleckt und Geſicht und Hände trugen dieſelben Kennzeichen ſeines Gewerbes. Er hatte eine Cigarre im Mund, in ſeiner Rechten einige ſonderbar geformte Inſtrumente und in der Linken den Reſt eines Apfels, welcher ge⸗ legentlich die vorerwähnte Cigarre ablöste. Er ſtand in Betrach⸗ tung verloren vor einem Heſſen, welcher bewußtlos zu ſeinen Füßen lag. In geringer Entfernung befanden ſich drei bis vier Weg⸗ weiſer, welche, auf ihre Musketen gelehnt, mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit nach dem Kampfplatze hinblickten, und an der Seite des Arztes ſtand ein Mann, den die Werkzeuge, die er in der Hand hielt, und die blutigen Kleider als einen Gehülfen deſſelben bekundeten. „Hier, mein Herr, iſt der Doktor,“ ſagte Heinrich's Begleiter ſehr kaltblütig;„er wird in einem Augenblick Ihren Arm bepflaſtert haben.“ Dann winkte er den Wegweiſern näher, flüſterte ihnen, auf den Gefangenen zeigend, einige Worte zu und jagte dann in tollem Rennen wieder ſeinen Kameraden zu. Wharton näherte ſich der ſonderbaren Geſtalt und wollte eben, da er nicht bemerkt zu werden ſchien, den Beiſtand des Mannes an⸗ ſprechen, als dieſer ſein Schweigen durch ein Selbſtgeſpräch unterbrach: „Ja, dieſen Mann hat Kapitän Lawton getödtet. Ich weiß das ſo gewiß, als ob ich ſelbſt den Streich hätte führen ſehen. Wie oft habe ich mir nicht Mühe gegeben, ihn zu lehren, wie man einen Hieb führen kann, der den Feind unſchädlich macht, ohne ſein Leben zu vernichten. Es iſt grauſam, das menſchliche Geſchlecht ſo unnöthiger Weiſe zu vertilgen, und zudem machen Streiche wie dieſe jeden Beiſtand der Kunſt fruchtlos und alles Licht der Wiſſen⸗ ſchaft zu Schanden.“ 116 „Wenn es Ihre Zeit geſtattet, mein Herr,“ ſagte Heinrich Wharton,„ſo möchte ich für eine leichte Verletzung Ihre Hülfe in Anſpruch nehmen.“ „Ah!“ rief der Andere auffahrend und den Bittſteller vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend,„Sie kommen von dem Feld da unten; es wird dort viele Arbeit geben?“ „In der That,“ antwortete Heinrich, indem er das Anerbieten des Wundarztes, ihm den Rock ausziehen zu helfen, annahm;„es iſt ein unruhiger Tag; ich kann es Ihnen verſichern.“ „Unruhig?“ wiederholte der Wundarzt, mit dem Auskleiden beſchäftigt.„Ihre Nachricht macht mir viele Freude, mein Herr; denn ſo lange man unruhig iſt, muß noch Leben da ſeyn, und wo Leben iſt, hab man, wie Sie wiſſen, noch Hoffnung; doch hier iſt meine Kunſt zu Ende. Ich brachte einmal einem Patienten das Gehirn wieder hinein; aber dieſer Mann da, glaube ich, muß wohl todt geweſen ſeyn, ehe er mir zu Geſicht kam. Es iſt ein ſeltener Fall, mein Herr, ich muß es Ihnen doch zeigen— es iſt gleich dort bei dem Zaune, wo Sie die vielen Körper bei einander bemerken.— Ah! die Kugel iſt um den ganzen Knochen herumgegangen, ohne ihn zu zerbrechen. Sie dürfen ſich Glück wünſchen, in die Hände eines alten Praktikers gefallen zu ſeyn, ſonſt hätten Sie dieſes Glied leicht verlieren können.“ „Wirklich?“ ſagte Heinrich mit einiger Unruhe;„ich hielt die Verletzung nicht für ſo ernſthaft.“ „O, die Wunde hat nicht ſo viel zu ſagen, aber Sie haben einen gar hübſchen Arm für eine Operation, ſo daß ein Neuling recht wohl hätte in Verſuchung gerathen können.“ „Zum Teufel!“ rief der Kapitän,„kann es denn Jemanden ein Vergnügen machen, ein Mitgeſchöpf zu verſtümmeln?“ „Herr,“ ſagte der Wundarzt mit Ernſt,„eine wiſſenſchaftlich ausgeführte Amputation iſt eine ſehr ſchöne Operation, und ohne Zweifel hätte ein jüngerer Mann verſucht werden können, in der überſe 6 Drag zogen broche binden G ſchwer Vater 4 ein D wieder Stellu könner rück, Geleg beunrr G lung derte, Kapit ſchäͤrft die Ar Offizi ihn be dem 2 ten, e 0 dabei war, vernich inrich lfe in vom Feld bieten ;„es kleiden Herr; nd wo ier iſt Gehirn il todt Fall, ort bei — Ah! ihn zu eines Glied jelt die haben g recht manden haftlich d ohne en, in 117 der Eile des Geſchäfts die Eigenthümlichkeiten des Falles zu überſehen.“ Die weitere Unterhaltung wurde durch die Erſcheinung der Dragoner, die ſich langſam nach ihrem früheren Standorte zurück⸗ zogen, und durch die Bitten leicht verwundeter Soldaten unter⸗ brochen, welche heranritten, um ſich von dem Arzte geſchwind ver⸗ binden zu laſſen. Die Wegweiſer übernahmen Wharton's Bewachung und mit ſchwerem Herzen trat der junge Mann den Rückweg zu ſeines Vaters Landhaus an. Die Engländer hatten durch die wiederholten Angriffe ungefähr ein Drittel ihres Fußvolks verloren. Die Uebrigen ſammelten ſich wieder in dem Walde; und da Dunwoodie ſah, daß ſie eine zu feſte Stellung genommen hatten, um mit Erfolg angegriffen werden zu können, ließ er eine ſtarke Abtheilung unter Kapitän Lawton zu⸗ rück, mit dem Befehle, ihre Bewegungen zu beobachten und jede Gelegenheit zu ergreifen, um ſie vor ihrer Wiedereinſchiffung zu beunruhigen. Der Major hatte Nachricht erhalten, daß eine andere Abthei⸗ lung in der Richtung des Hudſon vorrücke, und ſeine Pflicht for⸗ derte, daß er ſich bereit hielt, ihre Abſicht gleichfalls zu vereiteln. Kapitän Lawton erhielt daher ſeine Befehle mit der ſtrengen Ein⸗ ſchärfung, nichts gegen den Feind zu unternehmen, wenn ſich nicht die Ausſicht eines günſtigen Erfolgs darböte. Die Verletzung dieſes Offiziers beſtand nur aus einem Streifſchuß an dem Kopf, welcher ihn betäubt hatte, und er ſchied mit der lachenden Erklärung von dem Major, daß, wenn er ſich wieder vergäße, alle glauben dürf⸗ ten, er ſey tiefer getroffen worden. So zogen beide ihre Straße. Die Britten hatten nur leichte Mannſchaft, ohne Bagage, und dabei die Weiſung, gewiſſe Vorräthe, von denen kund geworden war, daß ſie für die amerikaniſche Armee geſammelt würden, zu vernichten. Sie zogen ſich nun durch den Wald nach den Höhen, hielten ſich längs des Gebirgskammes, wo ſie von der Reiterei nichts zu befürchten hatten, und begannen in dieſer Weiſe ihren Rückzug nach den Booten. Achtes Kapitel. Des Krieges Wuth das Land verheert, Frißt rings des Bürgers Habe, Und unter des Soldaten Schwert Sinkt Mutter hin und Knabe. Doch Aehnliches— ihr wißt es leider— Iſt jedes großen Siegs Begleiter. Vie letzten Töne der Schlacht verhallten in den Ohren der geängſtigten Bewohner des Landhauſes und gaben nun der Ruhe des Feierabends Raum. Franciska hatte ſich fortwährend bemüht, ſich gegen das Getümmel abzuſchließen und bot umſonſt aller Ent⸗ ſchloſſenheit auf, um dem gefürchteten Ausgange mit Ruhe entgegen zu ſehen. Die Stelle, auf welcher der Angriff gegen die Infan⸗ terie ſtattgefunden hatte, war nur eine kleine Meile von den Lo⸗ cuſten entfernt, und ihre Bewohner konnten, wenn das Musketen⸗ feuer ſchwieg, ſogar die Stimmen der Soldaten vernehmen. Herr Wharton hatte ſich nach der Flucht ſeines Sohnes, deren Zeuge er geweſen, nach dem Zufluchtsorte ſeiner Schwägerin und ſeiner älteſten Tochter begeben, und alle drei erwarteten hier ängſtlich weitere Nachrichten von dem Wahlplatze. Unfähig, länger in der qualvollen Ungewißheit ihrer Lage zu verharren, geſellte ſich Fran⸗ eiska bald zu dieſer bekümmerten Gruppe, und Cäſar erhielt den Auftrag, den Stand der Dinge außer dem Hauſe zu unterſuchen und Bericht zu erſtatten, auf welche Seite ſich der Sieg geneigt hätte, indeß der Vater in Kürze ſeinen beſtürzten Kindern die Art und Weiſe von ihres Bruders Entkommen erzählte, Sie hatten ſich jedoc aufgt welch Vate entge und ling Scht gekät gefa es, Dun dem wele ſieh⸗ Cäſt thar die meit teiterei ihren der— teer. ren der r Ruhe hemüht, er Ent⸗ ntgegen Infan⸗ den Lo⸗ usketen⸗ Herr euge er S ſeiner ingſtlich rin der 9 Fran⸗ ielt den eerſuchen geneigt die Art tten ſich jedoch noch nicht von ihrer Ueberraſchung erholt, als die Thüre aufging, und Kapitän Wharton, begleitet von ein paar Wegweiſern, welchen der Schwarze folgte, vor ihnen ſtand. „Heinrich— mein Sohn, mein Sohn!“ rief der erſchrockene Vater, indem er, unfähig vom Stuhle aufzuſtehen, ihm die Arme entgegenſtreckte;„was muß ich ſehen? Biſt Du wieder gefangen und in Lebensgefahr?“ „Das Glück hat dieſe Rebellen begünſtigt,“ ſagte der Jüng⸗ ling mit erzwungenem Lächeln und nahm jede ſeiner troſtloſen Schweſtern bei der Hand.„Ich habe ritterlich für meine Freiheit gekämpft, aber der arge Geiſt der Rebellion iſt auch in ihre Pferde gefahren. Die Mähre, welche mich trug, führte mich, ich bekenne es, ganz gegen meinen Willen, gerade in den Mittelpunkt von Dunwoodie's Truppen.“ „Und Du wurdeſt wieder gefangen?“ fuhr der Vater fort, in⸗ dem er einen furchtſamen Blick auf die bewaffneten Begleiter warf, welche mit in's Zimmer getreten waren. „Es iſt ſo, lieber Vater. Dieſer Herr Lawton, der ſo weit ſieht, hatte mich im Augenblick wieder in ſeinen Klauen.“ „Warum Sie nicht ihn nehmen gefangen, Maſſa Harry,“ rief Cäſar verdrießlich. „Das,“ ſagte Wharton lächelnd,„iſt leichter geſagt, als ge⸗ than, Meiſter Cäſar, zumal da dieſe Herren(er blickte dabei auf die Wegweiſer) es für geeignet gehalten haben, mich des Gebrauchs meines beſſern Armes zu berauben.“ „Verwundet?“ riefen beide Schweſtern gleichzeitig. „Nur eine Schrame, die mich aber im entſchiedenſten Augen⸗ blicke wehrlos machte,“ fuhr der Bruder beruhigend fort, indem er zugleich das beſchädigte Glied ausſtreckte, um die Wahrheit ſeiner Worte zu bekräftigen. Cäſar warf einen Blick des bitterſten Un⸗ willens auf die irregulären Soldaten, welche nach ſeiner Meinung Theil an dieſer That hatten, und verließ das Zimmer. Wenige Worte genügten, um Alles mitzutheilen, was Kapitän Wharton von dem Schickſale des Tages wußte. Er hielt den Ausgang noch für zweifelhaft, denn als er die Ebene verließ, zogen ſich die Vir⸗ ginier gerade von dem Schlachtfelde zurück. „Sie haben das Eichhörnchen auf den Baum gejagt,“ ſagte eine der Wachen abgebrochen,„und den Grund nicht verlaſſen, ohne einen tüchtigen Jagdhund zurückzulaſſen, wenn es wieder herunter kömmt.“ „Ja,“ fügte ſein Kamerad trocken bei,„ich denke, Kapitän⸗ Lawton wird die Naſen derer, welche noch übrig ſind, zählen, ehlu ſie ihre Wallſiſchboote zu ſehen kriegen.“ 3X16 Franciska hielt ſich während dieſes Dialogs an einer Stuhls lehne und haſchte mit athemloſer Angſt jede Sylbe auf, welche aus⸗i geſprochen wurde; ihre Farbe veränderte ſich plötzlich, ihre Glieded bebten, bis ſie endlich mit verzweifelter Entſchloſſenheit die Srahet hervorbrachte: „Iſt irgend ein Offizier verwundet— auf— der— einen— oder andern Seite?“ „Ja,“ antwortete der Mann höflich;„dieſe jungen Leute aus dem Süden ſind ſo voll Feuer, daß es ſelten zu einem Kampfe kommt, ohne daß einer oder der andere etwas auf's Dach kriegt. Einer der Verwundeten, welcher der Mannſchaft vorauseilte, ſagte mir, Kapitän Singleton ſey gefallen und Major Dunwoodie—“ Franciska hörte nichts weiter, ſondern fiel leblos auf einen Stuhl zurück. Die Bemühungen ihrer Freunde brachten ſie jedoch bald wieder zu ſich, und der Kapitän wandte ſich mit der ängſtlichen Frage an den Mann: „Gewiß iſt Major Dunwoodie nicht verletzt?“ „Fürchten Sie nichts für den,“ fügte der Wegweiſer bei, ohne die Beſtürzung der Familie zu beachten.„Es gibt ein Sprüchwort, wer für den Strick geboren iſt, erſäuft nicht. Wenn dem Major eine Kugel etwas anhaben könnte, ſo müßte er ſchon lange unter den T iſt we daß d frei n 9 8 mit T auf il Dunn chens cck welche amp ttreng liel aber Einer bereitt 1 gegen⸗ aufha Tod ihn g ſagte war, „Der Freun als ir abzuſt ben, unver arton noch Vir⸗ ſagte aſſen, dieder pitänt. 3*½ tuhls. aus⸗i liese Fragfert a— aus mpfe riegt. ſagte einen edoch lichen ohne wort, Najor unter den Todten ſeyn. Ich wollte eben ſagen, daß er ſehr bekümmert iſt wegen Kapitän Singleton’'s Tod: wenn ich aber gewußt hätte, daß die Lady ſo große Stücke auf ihn hält, ſo würde ich nicht ſo frei mit meiner Rede herausgegangen ſeyn.“ Franciska erhob ſich nun ſchnell von ihrem Stuhle, ſtützte ſich mit Wangen, auf denen ſich die Gluth der Verwirrung kund gab, auf ihre Tante und war im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen, als Dunwoodie ſelbſt erſchien. Die erſte Regung des ergriffenen Mäd⸗ chens war die einer ungetrübten Freude; in dem nächſten Augen⸗ ſck bebte ſie aber erblaſſend vor dem ungewöhnlichen Ausdrucke, welcher ſich auf ſeinem Geſichte lagerte, zurück. Der Ernſt des ampfes furchte noch ſeine Stirne und ſein Auge blickte ſtarr und ſtrenge. Das zärtliche Lächeln, welches ſonſt bei dem Anblicke der liebten auf ſeinem ſonnverbrannten Geſichte ſtrahlte, war dem aven Blicke der Sorge gewichen, ſeine ganze Seele war nur von Einer überwältigenden Erregung ergriffen, und ohne weitere Vor⸗ bereitungen ging er zu ſeinem Zwecke über. „Herr Wharton,“ begann er mit Ernſt,„in Zeiten, wie die gegenwärtige, dürfen wir uns nicht lange bei leeren Complimenten aufhalten. Einer meiner Offtziere iſt, wie ich fürchte, auf den Tod verwundet und auf Ihre Gaſtfreundſchaft rechnend habe ich ihn gleich mit hieher gebracht.“ „Es freut mich, mein Herr, daß Sie das gethan haben,“ ſagte Herr Wharton, welcher wohl begriff, wie wichtig es für ihn war, den amerikaniſchen Truppen eine Verbindlichkeit aufzulegen; „Der Bedürftige iſt immer willkommen, und doppelt, wenn er ein Freund des Major Dunwoodie iſt.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr, ſowohl in meinem Namen, als in dem Namen deſſen, der außer Stand iſt, Ihnen ſeinen Dank abzuſtatten,“ entgegnete der andere ſchnell.„Wenn Sie es alſo erlau⸗ ben, ſo wollen wir ihn an einen Ort bringen, wo ihn der Wundarzt unverzüglich unterſuchen und über ſeinen Zuſtand berichten kann.“ Hiegegen ließ ſich nichts einwenden, und Franciska fühlte einen Stich durch's Herz, als ihr Verehrer das Zimmer verließ, ohne auch nur einen Blick auf ſie geworfen zu haben. Die hingebende Liebe des Weibes duldet keine Nebenbuhler⸗ ſchaft. Alle Zärtlichkeit des Herzens, die ganze Macht der Ein⸗ bildungskraft ſind der Herrſchaft dieſer tyranniſchen Leidenſchaft unterworfen, und wo Alles gegeben wird, wird auch viel dagegen verlangt. Franciska hatte ängſtliche, qualvolle Stunden wegen Dunwoodie erlebt, und er hatte für ſie nicht einen Gruß, nicht einmal einen freundlichen Blick. Die Gluth ihrer Gefühle war nicht gemindert, aber die Schwungkraft ihrer Hoffnungen gelähmt. Als die Träger mit dem Körper von Dunwoodie's faſt entſeeltem Freunde an ihr vorbei kamen, um ihn nach dem zu ſeiner Auf⸗ nahme bereiteten Gemache zu bringen, warf ſie einen Blick auf den Mann, mit welchem ſie Dunwoodie's Liebe theilen ſollte. Sein bleiches, geſpenſterartiges Geſicht, das tiefliegende Auge und der röchelnde Athem ließen ſie das Bild des Todes in ſeiner fürchterlichſten Form ſchauen. Dunwoodie ſtand ihm zur Seite und hielt ſeine Hand, wobei er den Männern oft und ernſtlich ein⸗ ſchärfte, den Kranken mit der größten Behutſamkeit fortzubringen — kurz, er legte alle Sorgfalt an den Tag, welche die zärtlichſte Freundſchaft bei einer ſolchen Gelegenheit einzufloßen im Stande iſt. Franciska ging ihnen mit leiſen Tritten voran und hielt mit abgewandtem Antlitz die Thüre offen, durch welche der Verwundete zu ſeinem Lager getragen werden mußte; erſt, als der Major bei ſeinem Eintritt in das Zimmer ihr Gewand ſtreifte, wagte ſie es, ihr ſanftes blaues Auge zu ihm aufzuſchlagen. Aber der Blick blieb unerwiedert und ein unwillkührlicher Seufzer entfuhr ihr, als ſie die Einſamkeit ihres Zimmers aufſuchte. Kapitän Wharton unterzog ſich freiwillig gegen ſeine Hüter der Verpflichtung, keinen weiteren Fluchtverſuch zu machen und unterſtützte ſeinen Vater in Ausübung der Obliegenheiten der einen ohne uhler⸗ Ein⸗ iſchaft igegen wegen nicht war ähmt. eeltem Auf⸗ k auf Auge ſeiner Seite ein⸗ eingen llichſte stande lt mit undete Major zte ſie Blick r, als Hüter und i der — Gaſtfreundſchaft. Als er in dieſer Abſicht durch den Vorſaal ging, begegnete ihm der Wundarzt, welcher ſeinen Arm ſo geſchickt ver⸗ bunden hatte und eben im Begriff war, ſich zu dem verwundeten Offizier zu begeben. „Ah!“ rief der Schüler des Aeskulap,„ich ſehe, es geht Ihnen gut. Aber halt! Haben Sie eine Stecknadel?— Nicht?— hier habe ich eine.— Sie müſſen Ihre Wunde gegen den Luftzug ſchützen, ſonſt könnten noch einige Jüngere mit Ihnen zu thun bekommen.“ „Behüte Gott,“ brummte der Kapitän leiſe, indem er ſorg⸗ fältig ſeinen Verband ordnete— als auf einmal Dunwoodie ſich in der Thüre zeigte, und mit lauter ungeduldiger Stimme rief: „Beeilen Sie ſich, Sitgreaves, beeilen Sie ſich, oder Georg Singleton wird ſich zu Tode bluten.“ „Was! Singleton! Gott behüte! Lieber Himmel— iſt es Georg— der arme kleine Georg?“ rief der Arzt, indem er mit augenſcheinlicher Bekümmerniß ſeinen Schritt beſchleunigte und an die Seite des Krankenbettes eilte.„Er lebt doch noch, und ſo lange Leben da iſt, iſt Hoffnung vorhanden. Dieß iſt heute der erſte ernſtliche Fall, wo der Patient nicht ſchon todt war. Kapi⸗ tän Lawton lehrt ſeine Leute mit ſo wenig Schonung zuhauen. Armer Georg— bei Gott, es iſt eine Musketenkugel.“ Der junge Leidende richtete die Augen auf den Mann der Wiſſenſchaft und mühte ſich, ihm mit einem matten Lächeln die Hand entgegenzuſtrecken. Es lag eeine Aufforderung in dem Blick und der Geberde, welche dem Wundarzt tief zu Herzen ging. Er nahm ſeine Brille ab, um ſich ein ungewohntes Naß aus den Au⸗ gen zu wiſchen, und ging dann ſorgfältig an die Ausübung ſeiner Pflicht. Während der nöthigen Vorbereitungen machte er jedoch ſeinen Gefühlen einigermaßen durch Worte Luft: „Wenn es nur eine Kugel iſt, ſo habe ich ſtets einige Hoff⸗ nung; ſie trifft nicht immer das Leben; aber, du guter Gott, Kapitän Lawton's Leute hauen ſo auf's Ungefähr ein— gewöhnlich durchſchlagen ſie die Jugularis oder Carotis, oder ſpalten den Schädel, und alles das iſt ſchwer zu heilen— der Patient iſt mei⸗ ſtens ſchon todt, ehe man zu ihm kömmt. Es iſt mir nur einmal gelungen, das Hirn eines Menſchen mit Erfolg zu reponiren, ob⸗ gleich ich es heute ſchon dreimal verſucht habe. Man kann leicht ſagen, wo Lawton's Leute angegriffen haben, denn ſie hauen ganz auf gut Glück zu.“ Die Gruppe um Kapitän Singleton's Lager war zu ſehr an die Weiſe ihres Chirurgen gewöhnt, um ſein Selbſtgeſpräch zu beachten oder zu erwiedern, und harrte ruhig des Augenblicks, wo die Unterſuchung beginnen ſollte. Dieſe fand nun ſtatt und Dun⸗ woodie faßte den Operateur mit einem Ausdruck in's Auge, als ob er in deſſen Seele leſen wollte. Der Verwundete zuckte bei dem Einbringen der Sonde, und ein Lächeln ſtahl ſich über die Züge des Wundarztes, als er murmelte: „Es iſt nichts vor ihr in dieſem Quartier geweſen.“ Er ging nun allen Ernſtes an ſein Werk, ſetzte die Brille auf und warf ſeine Perücke bei Seite. Die ganze Zeit über ſtand Dun⸗ woodie in ſieberiſchem Schweigen und hielt die eine Hand des Kran⸗ ken in ſeiner eigenen, wobei er auf Doktor Sitgreaves' Geſicht Acht hatte. Endlich ſtöhnte Singleton leicht auf und der Wund⸗ arzt erhob ſich ſchnell mit den Worten: „Ah! es iſt eine Luſt, ſo eine Kugel zu verfolgen. Man moͤchte ſagen, ſie ſchlängle ſich durch den menſchlichen Körper, ohne ein zum Leben nöthiges Organ zu beſchädigen; aber was Kapitän Lawton's Leute anbelangt—“ „Reden Sie,“ unterbrach ihn Dunwoodie;„iſt Hoffnung vor⸗ handen?— Können Sie die Kugel ſinden?“ „Es iſt nicht ſchwer, etwas zu finden, was man ſchon in der Hand hat, Major Dunwoodie“ erwiederte der Wundarzt, indem er kaltblütig den Verband vorbereitete;„ſie nahm, was der nlich den mei⸗ nmal ob⸗ leicht ganz an ) zu wo Dun⸗ als bei die gelehrte Burſche, Kapitän Lawton, einen Circumbendibus nennt, einen Weg, welchen die Säbel ſeiner Leute nie nehmen, obgleich ich mir alle Mühe gegeben habe, ihn zu lehren, wie man wiſſenſchaftlich zuhauen müſſe. Erſt heute ſah ich ein Pferd, welchem der Kopf halb vom Rumpfe getrennt war.“ „Das,“ ſagte Dunwoodie, indem ihm das Blut wieder zu den Wangen ſtrömte und ſeine dunkeln Augen von dem Strahle der Hoffnung blitzten, das war etwas von meiner Arbeit.“ Ich ſelbſt habe jenes Pferd getödtet.“ „Sie?“ rief der Chirurg, und ließ überraſcht ſeinen Verband fallen.„Sie?— Aber Sie wußten doch, daß es ein Pferd war?“ „Ich geſtehe, es kam mir ſo vor,“ ſagte der Major lächelnd und brachte einen Trank an die Lippen ſeines Freundes. „Solche Hiebe, wenn Sie den menſchlichen Körper treffen, ſind verhängnißvoll,“ fuhr der Doktor während ſeines Geſchäftes fort;„ſie machen die Wohlthaten, welche aus dem Lichte der Wiſ⸗ ſenſchaft fließen, zu nichte und haben keinen Zweck für den Kampf, da man alles erreicht hat, wenn der Feind unſchädlich gemacht iſt. Ich ſaß manche kalte Stunde, Major Dunwoodie, während Kapi⸗ tän Lawton ſich ſchlug, und nach all meinem Harren kam mir auch nicht ein einziger bemerkenswerther Fall zu Handen— nichts als leichte Verletzungen oder tödtliche Wunden! Ach, der Säbel iſt eine ſchlimme Waffe in einer ungeſchickten Hand. Ja, Major Dunwoodie, ich habe viele Stunden vergebens aufgewendet, um Kapitän Lawton dieſe Wahrheit zu Gemüthe zu führen.“ Der ungeduldige Major deutete ſchweigend auf ſeinen Freund, und der Wundarzt beſchleunigte die Arbeit. „Ach, armer Georg, es war nahe daran, aber— Er wurde durch einen Boten unterbrochen, welcher berichtete, daß die Gegenwart des kommandirenden Offiziers auf dem Felde nöthig ſey. Dunwoodie drückte die Hand ſeines Freundes und winkte dem Doktor, ihm zu folgen. 1 ——— — „Was meinen Sie,“ flüſterte er, als ſie die Flur erreicht hatten;„wird er davon kommen?“ „Ja!“ „Gott ſey Dank!“ rief der Jüngling und eilte hinunter. Dunwoodie beſuchte einen Augenblick die Familie, welche in dem gewöhnlichen Geſellſchaftszimmer verſammelt war. Sein Ge⸗ ſicht war nicht mehr ſinſter und ſeine Begrüßungen trugen, ob⸗ gleich ſie eilig waren, den Ausdruck der Herzlichkeit. Heinrich's Flucht und neue Gefangenſchaft berührte er nicht; er ſchien zu glauben, der junge Mann habe ſich immer an dem Orte, wo er ihn vor dem Treffen verlaſſen hatte, aufgehalten, denn auf dem Schlachtfelde waren ſie ſich nicht begegnet. Der engliſche Offtzier zog ſich mit ſtolzem Schweigen in ein Fenſter zurück und ließ den Major ununterbrochen ſeine Mittheilungen machen. Der Aufregung, welche die Ereigniſſe des Tages in den Ge⸗ fühlen der Schweſtern hervorgebracht hatten, war eine Erſchlaffung geſolgt, die ihre Zungen band und Dunwoodie beſprach ſich daher nur mit Miß Peyton. „Iſt Hoffnung vorhanden, Vetter, daß Ihr Freund ſeine Wunde überleben wird?“ fragte die Dame, indem ſie mit einem Lächeln wohlwollender Achtung ihrem Verwandten entgegen kam. „Alle Hoffnung, wertheſte Dame, alle Hoffnung,“ antwortete der Krieger freudig.„Sitgreaves ſagt, er werde davon kommen, und er hat mich nie getäuſcht.“ „Ihre Freude kann nicht größer ſeyn, als die meinige bei dieſer Nachricht. Wer dem Major Dunwoodie ſo theuer iſt, muß nothwendig auch in dem Herzeu ſeiner Freunde Theilnahme erregen.“ „Er iſt es würdig, daß man an ihm den wärmſten Antheil nimmt, Madame,“ erwiederte der Major mit Innigkeit.„Er iſt der gute Genius unſeres Corps und von uns Allen gleich geliebt— ſo mild, ſo gerecht, ſo edel, ſanft wie ein Lamm und arglos wie die Taube. Nur in der Stunde des Kampfes iſt Singleton ein Löwe.“ jor Bli ſaß „ab der Da ſelb mei in Sor dru draꝛ und den The lich wer ſtrö eine hiel ein „S eicht — in Ge⸗ ob⸗ ich's 1 zu o er dem izier den Ge⸗ fung aher ſeine nem n. rtete nen, bei muß en.“ theil iſt 1— e die we.* 127 „Sie ſprechen von ihm, als ob er Ihre Geliebte wäre, Ma⸗ jor Dunwoodie,“ bemerkte die Jungfrau lächelnd, indem ſie einen Blick auf ihre Nichte warf, welche blaß in einer Ecke des Zimmers ſaß und zuhorchte. „Ich liebe ihn nicht weniger,“ rief der aufgeregte junge Mann; „aber er braucht Pflege und Wartung, denn alles hängt jetzt von der Sorgfalt ab, die man auf ihn verwendet.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Sir; es ſoll ihm unter dieſem Dache an nichts gebrechen.“ „Verzeihen Sie, theuerſte Dame; Sie ſind das Wohlwollen ſelbſt; aber Singleton bedarf einer Aufmerkſamkeit, welche den meiſten Männern läſtig fallen könnte. In ſolchen Augenblicken und in einem Zuſtand, wie der ſeinige, vermißt der Soldat die zarte Sorge der Frauen am meiſten.“ Als er dieſes ſagte, richtete ſich ſein Auge mit einem Aus⸗ druck auf Franciska, der wieder zu dem Herzen ſeiner Geliebten drang. Sie erhob ſich mit glühenden Wangen von ihrem Sitze und ſprach: 3 „Alle Aufmerkſamkeit, welche ſchicklicher Weiſe auf einen Frem⸗ den verwendet werden kann, ſoll Ihrem Freunde mit Freuden zu Theil werden.“ „Ach!“ rief der Major kopfſchüttelnd,„das kalte Wort Schick⸗ lichkeit wird ihn tödten. Er muß mit Liebe gehegt und gepflegt werden.“ „Das ſind Dienſte für eine Schweſter oder Gattin.“ „Eine Schweſter?“ wiederholte der Krieger, und das Blut ſtrömte ihm ungeſtüm zu den Wangen;„eine Schweſter? er hat eine Schweſter, welche Morgen bei Zeiten hier ſeyn kann.“ Er hielt inne und ſann eine Weile ſchweigend nach. Dann warf er einen unruhigen Blick auf Franciska und flüſterte vor ſich hin: „Singleton bedarf ihrer, und ſo muß es geſchehen.“ Die Damen hatten den wechſelnden Ausdruck ſeiner Züge mit Ueberraſchung wahrgenommen und Miß Peyton bemerkte nun, daß die Gegenwart einer Schweſter des Kapitän Singleton, wenn eine ſolche in der Nähe ſeyn ſollte, ihr ſelbſt und ihren Nichten nur ſehr erwünſcht ſeyn würde. „Es muß geſchehen, meine Dame; es läßt ſich nicht anders machen,“ entgegnete Dunwoodie mit einem Zögern, das mit ſeinen früheren Erklärungen wenig übereinſtimmte.„Ich werde noch in dieſer Nacht nach ihr ſchicken.“ Dann näͤherte er ſich, als ob er den Gegenſtand abzubrechen wünſche, dem Kapitän Wharton und fuhr ſanft fort: „Heinrich Wharton, die Ehre iſt mir theurer als das Leben, aber ich weiß, daß ich ſie Deinen Händen ſicher anvertrauen kann. Du ſollſt hier unbewacht bleiben, bis wir die Gegend verlaſſen, was vor ein paar Tagen nicht geſchehen wird.“ Alle Abgeſchloſſenheit in dem Benehmen des engliſchen Offi⸗ ziers verſchwand; er ergriff die dargebotene Hand des Andern und erwiederte mit Wärme: „Dein großmüthiges Vertrauen ſoll nicht mißbraucht werden, Peyton, und ſollte auch der Galgen, an welchem Dein Waſhington den Major André hängen ließ, zu meiner Aufnahme bereit ſeyn.“ „Heinrich, Heinrich Wharton,“ ſagte Dunwoodie vorwurfs⸗ voll,„Du kennſt den Mann, der an der Spitze unſerer Armeen ſteht, wenig, ſonſt würdeſt Du ihn nicht in dieſer Weiſe tadeln. Doch die Pflicht ruft mich hinaus. Ich laſſe Dich da, wo ich ſelbſt ſo gerne weilen möchte und wo Du wenigſtens nicht ganz unglücklich ſeyn kannſt.“ Als er an Franciska vorüberging, warf er ihr ein Lächeln der zärtlichſten Liebe, das ihr ſo theuer war, zu, und ſie vergaß eine Weile den ſchmerzlichen Eindruck, welchen er durch ſein Be⸗ nehmen unmittelbar nach dem Treffen auf ſie gemacht hatte. Unter den Veteranen, welche, durch den Drang der Umſtände veranlaßt, die Ruhe des Alters mit dem Dienſt für das Vaterland „ daß eine nur inders ſeinen ſch in ob er n und Leben, kann. laſſen, Offi⸗ en und verden, hington ſeyn.“ wurfs⸗ Armeen tadeln. wo ich bt ganz Lächeln vergaß ein Be⸗ e. mſtände aterland —— 129 vertauſcht hatten, befand ſich auch der Obriſt Singleton. Er war in Georgien geboren und hatte in früheren Jahren in der Armee gedient. Als der Kampf für die Freiheit begann, bot er dem Vaterlande ſeine Dienſte an, die aus Achtung für ſeinen Charak⸗ ter auch angenommen wurden. Seine Jahre und ſeine leidende Geſundheit hatten ihn jedoch verhindert, ſelbſt zu Felde zu ziehen, weßhalb mehrere bedeutende Poſten ſeinem Befehl anvertraut wur⸗ den, wo er durch ſeine Wachſamkeit und Treue, ohne ſich ſelber wehe zu thun, nützlich werden konnte. In dem letzten Jahre wa⸗ ren ihm die Päſſe nach den Hochlanden übertragen worden, und das Quartier, welches er gegenwärtig mit ſeiner Tochter inne hatte, lag nur eine kurze Tagereiſe über dem Thale, wo Dunwoodie den Feind getroffen hatte. Von ſeinen zwei Kindern war das andere der mehrerwähnte verwundete Offtzier. Dorthin alſo beabſichtigte der Major einen Boten mit der unglücklichen Kunde von des Ka⸗ pitäns Zuſtand zu ſchicken und eine Einladung von den Damen des Hauſes mitzuſenden, die nicht verfehlen konnte, die Schweſter un⸗ verzüglich an das Krankenlager ihres Bruders zu bringen. Als Dunwoodie dieſen Dienſt mit einem Widerſtreben, welches nur dazu beitrug, ſeine frühere Aengſtlichkeit noch auffallender zu machen, in Vollzug geſetzt hatte, eilte er nach dem Lagerplatze ſeiner Truppen. Der Reſt der Engländer wurde bereits über den Gipfeln der Bäume ſichtbar, wo ſie in geſchloſſenen Reihen und mit großer Vorſicht längs des Gebirgskammes hinzogen, um zu ihren Booten zu gelangen. Die von Lawton befehligte Dra⸗ gonerabtheilung blieb ihren Flanken ziemlich nahe und wartete un⸗ geduldig eines günſtigen Augenblicks, um einen Streich gegen ſie zu führen. Auf dieſe Weiſe verlor man beide Parteien bald aus dem Geſichte. In unbedeutender Entfernung über den Locuſten lag ein kleines Dorf, in welchem ſich mehrere Wege kreuzten und von wo aus man alſo leicht in die umliegende Gegend gelangen konnte. Es war ein Der Spion. 3. Aufl. Lieblingsquartier der Reiterei, und die leichten Truppen der ameri⸗ das kaniſchen Armee machten hier oft während ihrer Ausflüge in das hat untere Land Halt. Dunwoodie hatte zuerſt die Vortheile, welche arz der Ort darbot, entdeckt, und da er in der Graſſchaft bleiben De mußte, bis er aus den Hochlanden weitere Befehle erhielt, ſo ließ— ſetz ſich nicht erwarten, daß er in dem gegenwärtigen Falle dieſen Platz Kl überſehen hätte. Die Truppen erhielten die Weiſung, ſich hieher au zurückzuziehen und ihre Verwundeten mitzunehmen, indeß andere ein mit der traurigen Pflicht, die Todten zu beerdigen, beſchäftigt. let waren. Während der junge Krieger die ſe Vorkehrungen traf, bot ha ſich ihm ein neuer Gegenſtand der Verlegenheit dar. Während er ku⸗ das Schlachtfeld entlang ritt, traf er auf den Obriſten Wellmere, Zu welcher in dumpfem Brüten über ſein Mißgeſchick da ſaß, und W darin nur hin und wieder durch die flüchtige Höflichkeit der ameri⸗ kar kaniſchen Offiziere unterbrochen wurde. Die Beſorgniſſe um Sing⸗ ent leton hatten Dunwoodie bisher ſeinen Gefangenen ganz vergeſſen dã laſſen, und er näherte ſich ihm nun mit Entſchuldigungen über dieſe 2 no Vernachläſſigung. Der Engländer nahm die Höflichkeit kalt auf der und klagte über eine Beſchädigung, welche er durch einen zufälli⸗ ne gen Sturz ſeines Pferdes erhalten zu haben vorgab. Dunwoodie, die welcher geſehen hatte, wie er von ſeinen Leuten ohne beſondere B. Umſtände niedergeritten worden war, lächelte leicht und bot ihm wi den Beiſtand des Wundarztes an. Dieſer konnte ihm nur in dem T' Landhauſe zu Theil werden, und dahin ſchlugen nun Beide den S Weg ein. Ac „Obriſt Wellmere?“ rief der junge Wharton beſtürzt, als ſie in in das Zimmer traten. Iſt alſo das Kriegsglück auch gegen Sie*. G ſo grauſam geweſen?— Doch Sie ſind willkommen in dem Hauſe di meines Vaters, obgleich ich wünſchen moͤchte, wir hätten Ihren ² w Beſuch günſtigeren Umſtänden zu verdanken.“ 3 Herr Wharton empfing den neuen Gaſt mit der behutſamen Vorſicht, welche ſeinem Charakter eigen war, und Dunwoodie verließ ri⸗ das che ben ieß latz her ere tigt bot er ere, und eri⸗ ng⸗ ſſen ieſe auf lli⸗ die, dere ihm dem den ſie Sie auſe jren men ließ das Zimmer, um an das Lager ſeines Freundes zu eilen. Hier hatte ſich Alles günſtig geſtaltet, und der Major theilte dem Wund⸗ arzt mit, daß unten ein weiterer Patient ſeiner Kunſt bedürfe. Der Ton dieſes Wortes reichte hin, den Doktor in Bewegung zu ſetzen und, ſeinen Verbandzeug aufraffend, ging er, um den neuen Klienten aufzuſuchen. An der Thüre des Wohnzimmers traf er auf die Damen, welche ſich eben entfernten. Miß Peyton hielt ihn einen Augenblick zurück, um ſich nach dem Befinden des Kapitän Sing⸗ leton zu erkundigen. Franciska lächelte in ihrer natürlichen ſchalk⸗ haften Weiſe, als ſie die ſeltſame Geſtalt des kahlköpfigen Prakti⸗ kus erblickte; Sara dagegen war zu beſtürzt über das unerwartete Zuſammentreffen mit dem engliſchen Obriſten, um ihn zu beachten. Wir haben bereits mitgetheilt, daß Obriſt Wellmere ein alter Be⸗ kannter der Familie war. Sara war ſchon ſo lange von der Stadt entfernt, daß dieſer Herr ſie gewiſſermaßen ſchon aus dem Ge⸗ dächtniß verloren hatte, obgleich die Erinnerungen des Mädchens noch ziemlich lebhaft waren. Es gibt eine Periode in dem Leben der Frauen, in welcher man ſie für die Liebe vorzugsweiſe zugänglich nennen kann; es iſt das glückliche Alter, wo ſich die Kindheit in die ſich entfaltende Reife verliert— wo das argloſe Herz ſich mit Blüthenträumen trägt, welche nie in Erfüllung gehen können, und wo die Phantaſie Ideale ſchafft, welche den eigenen fleckenloſen Traumgeſtalten nachgebildet ſind. In dieſem glücklichen Alter hatte Sara die Stadt verlaſſen und ein Bild der Zukunft mit ſich ge⸗ nommen, das, wenn es auch urſprünglich nur oberflächlich haftete, in der Einſamkeit bald tiefer drang, und in dieſem träumeriſchen Gemälde ſtand Wellmere im Vordergrund. Das Ueberraſchende dieſer Begegnung hatte ſie einigermaßen überwäͤltigt, und ſie war, nachdem ſie die Begrüßung des Obriſten entgegengenommen hatte, aufgeſtanden, um, gehorſam dem Winke ihrer achtſamen Tante, ſich zu entfernen. 8 „Wir dürfen uns alſo—“ bemerkte Miß Peyton, nachdem ſie den Bericht des Wundarztes über ſeinen jungen Patienten ange⸗ hört hatte—„mit der Hoffnung ſchmeicheln, daß er wieder geneſen Dr wird?“ gen „Gewiß, Madame,“ erwiederte der Doktor, indem er ſich be⸗ mühte, aus Achtung gegen die Damen ſeine Perücke zurecht zu ver ſetzen;„gewiß, wenn ihm die erforderliche Pflege und Wartung zu Ar! Theil wird.“ „Hieran ſoll es ihm nicht fehlen,“ ſagte die Jungfrau mild. vor „Alles, was wir haben, ſteht ihm zu Gebot, und Major Dunwoo⸗ Am die hat einen Expreſſen nach ſeiner Schweſter abgeſendet.“ lich „Seiner Schweſter?“ wiederholte der Praktiker, mit einem be⸗ lich ſonders bedeutungsvollen Blicke. Nun, wenn der Major nach ihr Co⸗ geſchickt hat, ſo wird ſie wohl kommen.“ „Man ſollte glauben, die Gefahr ihres Bruders wäre ein zu⸗ taͤn reichender Grund, um ſie hieher zu bringen.“ „Ohne Zweifel, Madame,“ fuhr der Doktor lakoniſch forteegn der verbeugte ſich tief und machte den Damen Platz, ſo daß ſie vorbei⸗kin d Meir gehen konnten. Die Worte und das Benehmen dieſes Mannes kalt gingen bei der jüngern Schweſter nicht verloren, da in ih⸗ iſt rer Gegenwart Dunwoodie's Name nie unbeachtet erwähnt werden dien konnte. „Mein Herr,“ rief Doktor Sitgreaves, indem er ſich lai ſeinem mit Eintritt an den einzigen im Zimmer befindlichen Scharlachrock wandte—„man hat mir mitgetheilt, daß Sie meiner Hülfe bedürfen. wů Gott gebe, daß Sie nicht mit dem Kapitän Lawton in Berührung Hei gekommen ſind, denn in dieſem Falle möchte es mit meinen Dienſt⸗„D leiſtungen wohl zu ſpaͤt ſeyn.“ und „Da muß ein Mißverſtändniß vorwalten, mein Herr,“ ſagte 8 Wellmere ſtolz.„Major Dunwoodie ſollte mir einen Wundarzt ſchicken und nicht ein altes Weib.“ kön „Es iſt Doktor Sitgraves,“ ſagte Heinrich Wharton raſch, dan obgleich er nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnte.„Der is u rbeii innes ih⸗ erden inem hrock rfen. rung jenſt⸗ ſagte darzt raſch, „Der 13³ Drang der Geſchäfte des heutigen Tags hat ihn verhindert, die gewöhnliche Aufmerkſamkeit auf ſeinen Anzug zu verwenden.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ fügte Wellmere bei, indem er verdrießlich ſeinen Rock bei Seite legte, um ſeinen verwundeten Arm, wie er es nannte, zu zeigen. „Mein Herr,“ ſagte der Chirurg trocken,„wenn das Diplom von Edinburgh— ein Gang durch Ihre Londoner Spitäler— die Amputation einiger hundert Glieder— das Operiren am menſch⸗ lichen Körper in jeder Weiſe, die von dem Lichte der Wiſſenſchaft⸗ lichkeit gebilligt wird— ein gutes Gewiſſen und die Anſtellung des Continental⸗Congreſſes einen Wundarzt machen können, ſo bin ich einer.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ wiederholte der Obriſt ſteif.„Kapi⸗ tän Wharton hat den Grund meines Irrthums bereits angegeben.“ „Ich bin dem Kapitän Wharton dafür ſehr verbunden,“ ſagte R Chirurg und begann mit einer Kaltblütigkeit und Förmlichkeit ine Amputationsinſtrumente zu ordnen, daß es dem Obriſten eis⸗ kalt durchrieſelte.„Wo ſind Sie verwundet, mein Herr?“ Was, iſt es nur dieſer kleine Riß am Oberarm? Wie moͤgen Sie zu dieſer Wunde gekommen ſeyn, Sir?“ „Durch den Säbel eines Rebellendragoners,“ ſagte der Obriſt mit Nachdruck. „Nimmermehr! Nicht einmal der zarte Georg Singleton würde Sie ſo harmlos angeblaſen haben.“ Er nahm ein Stückchen Heftpflaſter aus ſeiner Taſche und legte es auf die Beſchädigung. „Das, mein Herr, wird vollkommen Ihrem Zwecke entſprechen und ich bin überzeugt, daß Sie nichts Weiteres von mir verlangen.“ „Was halten Sie denn für meinen Zweck, mein Herr?“ „Daß Sie ſich in Ihren Berichten als verwundet aufführen können,“ verſetzte der Doktor mit großer Feſtigkeit.„Sie können dann ſagen, daß ein altes Weib Sie verbunden habe— oder wenn das auch nicht der Fall war, ſo hätte eine ſolche es doch leicht thun können.“ „Eine ſehr ungewöhnliche Sprache!“ brummte der Engländer. Jetzt trat Kapitän Wharton in's Mittel, erklärte den Verſtoß des Obriſten für die Wirkung eines aufgeregten Gemüthes und körperlicher Leiden, und es gelang ihm theilweiſe, den gekränkten Arzt ſo weit zu beſänftigen, daß er ſich endlich bereit finden ließ, die weiteren Beſchädigungen des Andern zu unterſuchen. Sie beſtanden hauptſächlich aus Quetſchungen, Folgen des Sturzes mit dem Pferde, gegen welche Sitgreaves in der Eile einige Verord⸗ nungen gab und ſich dann entfernte. Als die Reiterei die nöthigen Erfriſchungen zu ſich genommen hatte, ſchickte ſie ſich an, ſich nach dem bezeichneten Lagerplatze zu⸗ rückzuziehen, und es lag nun Dunwoodie ob, die geeigneten Ver⸗ fügungen über die Gefangenen zu treffen. Sitgreaves erhielt den Auftrag, in Herrn Wharton's Hauſe zu bleiben, um dem Kapitän Singleton abzuwarten. Auch erfüllte der Major gerne Heinrich's Bitte, den Obriſten Wellmere gegen ſein Ehrenwort zurückzulaſſen, bis ſich die Truppen landaufwärts in Bewegung ſetzten. Alle übri⸗ gen Gefangenen waren Gemeine; man brachte ſie eilig zuſammen und führte ſie unter ſtarker Bedeckung in’s Innere des Landes. Die Dragoner brachen bald nachher auf, und die Wegweiſer vertheilten ſich in kleinen, von berittenen Patrouillen begleiteten Haufen durch die Grafſchaft, ſo daß ſie von dem Waſſer des Sundes bis an den Hudſon eine Kette von Wachtpoſten bildeten.* Dunwoodie zögerte noch vor dem Landhauſe, nachdem er be⸗ reits Abſchied genommen hatte, und entfernte ſich nur ungern— aus Beſorgniß für ſeinen verwundeten Freund, wie er ſich ſelbſt glauben machen wollte. Ein Herz, das noch nicht verhärtet iſt, leidet bald unter einem Ruhme, der durch das Blut des Mitmenſchen erkauft wird. Als Peyton Dunwoodie ſich ſelbſt überlaſſen und nicht mehr durch die Traumbilder, welche ihm die Hitze der Jugend den Der Schanplatz dieſer Erzählung liegt zwiſchen dieſen beiden Gewäſſern und iſt nur einige Meilen breit. nder. rſtoß und nkten inden Sie mit rord⸗ nmen e zu⸗ Ver⸗ t den pitän rich's aſſen, übri⸗ mmen Die heilten durch n den er be⸗ en— ſelbſt et iſt, nſchen n und nd den wäſſern ganzen Tag über vorgeſpiegelt hatte, aufgeregt war, begann er zu fühlen, daß es noch andere Bande gebe, als die, welche den Krieger an die ſtarren Geſetze der Ehre feſſeln. Er wankte zwar nicht in ſeiner Pflicht, aber doch fühlte er, wie mächtig die Verſuchung war. Die feurigen Pulſe des Kampfes hatten nachgelaſſen; der ernſte Ausdruck ſeines Auges wich allmählig einem ſanfteren Blicke, und die Betrachtungen über den errungenen Sieg hatten nichts Erfreu⸗ liches für ihn, wenn er dachte, mit welchen Opfern er erkauft wor⸗ den war. Als er den letzten zögernden Blick auf die Locuſten warf, dachte er nur daran, daß dieſes Gebäude Alles, was er am meiſten liebte, einſchließe. Der Freund ſeiner Jugend war gefangen und in einer Lage, welche für deſſen Ehre und Leben fürchten ließ. Der edle Gefäͤhrte ſeiner Mühen, der unter der rohen Luſt des Krieges ſich die gefällige Milde des Friedens bewahrte, lag als das blutige Opfer ſeines Sieges darnieder. Das Bild des Mädchens endlich, welches an dieſem Tage nur eine beſchränkte Herrſchaft in ſeiner Bruſt geübt hatte, tauchte wieder in ſeiner vollen Lieblichkeit vor ihm auf und bannte den Nebenbuhler Ruhm aus ſeiner Seele. Der letzte Nachzügler des Corps war bereits hinter den nörd⸗ lichen Bergen verſchwunden, als der Major mit Widerſtreben ſein Pferd nach derſelben Richtung wendete. Franciska, von raſtloſer Unruhe getrieben, wagte ſich nun furchtſam in den Säulengang des Landhauſes. Der Tag war mild und heiter und die Sonne ſtrahlte majeſtätiſch an dem wolkenloſen Himmel. Das Getümmel, welches erſt kürzlich das Thal durchwühlt hatte, war einer Todten⸗ ſtille gewichen und die Natur erſchien ſo herrlich, als ob ſie nie durch die Leidenſchaften der Menſchen getrübt worden wäre. Nur eine einzige Wolke— der Pulverdampf, welcher ſich geſammelt hatte, hing über der Ebene, und auch dieſer zerſtreute ſich allmählig und ließ keine Spur des Kampfes mehr über den friedlichen Gräbern ſeiner Opfer. Alle die widerſtreitenden Gefühle, alle die ſtürmiſchen Ereig⸗ niſſe dieſes verhängnißvollen Tages erſchienen dem Mädchen nur 8 136 wie Trugbilder eines ängſtlichen Traumes. Dann wandte ſie ſich; ihr Blick traf auf die enteilende Geſtalt des Mannes, welcher auf dieſer Bühne eine ſo ausgezeichnete Rolle geſpielt hatte— und die Täuſchung war entſchwunden. Sie erkannte ihren Geliebten, und mit der Wirklichkeit kehrten alle andern Erinnerungen zurück. Sie eilte auf ihr Zimmer, mit einem Herzen, eben ſo bekümmert, als das, welches Dunwoodie aus dem Thale mit fort nahm. Neuntes Kapitel. Ein Blick nur in die Thaleskluft, Ein Athem nur in freier Luft— Da hört den wilden Ruf der Hetze Der Arme immer näher— näher; Doch etliche gewagte Sätze Entziehen ihn der Macht der Späher; Und vorwärts eilend frei in's Weite Sucht er Uam⸗Vars wilde Heide. Walter Scott. Wie von Kapitän Lawton geführte Schaar hatte den nach ſeinen Booten zurückweichenden Feind mit unabläſſiger Wachſam⸗ keit beobachtet, ohne irgend eine günſtige Gelegenheit zum Angriffe zu finden. Der erfahrene Nachfolger des Obriſten Wellmere kannte die Macht ſeines Feindes zu gut, um die Unebenen des Ge⸗ birges zu verlaſſen, ehe er gegen das Ufer hinunter zu ſteigen ge⸗ nöthigt war. Bevor er jedoch dieſe gefährliche Bewegung verſuchte, ließ er ſeine Leute ein geſchloſſenes Viereck bilden, das nach allen Seiten von Bajonetten ſtarrte. Der ungeduldige Reiterführer er⸗ kannte wohl, daß tapfere Soldaten in einer ſolchen Stellung von der Cavallerie nicht mit Erfolg angegriffen werden könnten, und ſo ſah er ſich wider Willen genöthigt, in ihrer Nähe zu bleiben, ohne Gelegenheit zu finden, ihren langſamen und ſichern Marſch — ſich; lcher und bten, rück. nert, nach hſam⸗ griffe lmere 3 Ge⸗ n ge⸗ uchte, allen er. er⸗ g von und eiben, karſch —4 137 gegen die Küſte zu ſtören. Ein kleiner Schooner, der dem Feinde von der Stadt zum Schutze beigegeben worden war, lag mit ſeinen Kanonen an dem Einſchiffungsplatze. Lawton war klug genug, die Thorheit, gegen ſolche Streitkräfte zu kämpfen, anzuerkennen, und ſo wurde es den Engländern möglich, ſich ohne Beläſtigung einzu⸗ ſchiffen. Die Dragoner blieben an dem Geſtade, bis der Feind ſich ihren Blicken entzogen hatte, und begannen dann voll Verdruß ihren Rückzug zu dem Hauptcorps. Der aufſteigende Abendnebel dunkelte bereits durch das Thal, als Lawton's Abtheilung wieder in das ſüdliche Ende deſſelben ge⸗ langte. Die Bewegung ging langſam und, der Bequemlichkeit halber, nicht in geſchloſſenen Reihen vor ſich. An der Spitze ritt der Kapitän und ihm zur Seite ſein älteſter Lieutenant, mit dem er ſich eifrig zu beſprechen ſchien, während der Nachtrab von einem jungen Cornet geführt wurde, der ein Liedchen ſummte und ſich die Annehmlichkeiten eines Strohlagers nach der Ermüdung eines har⸗ ten Tagesdienſtes vergegenwäͤrtigte. „Es iſt Ihnen alſo auch aufgefallen?“ ſagte der Rittmeiſter. „Ich erinnerte mich dieſes Geſichtes im Augenblick wieder, als es mir zu Augen kam, denn es iſt eines von denen, welche man nicht leicht vergißt. Bei meiner Treue, Tom, das Mädchen macht dem Geſchmacke des Majors keine Unehre.“ 5 „Sie würde dem ganzen Corps Ehre machen,“ antwortete der Lieutenant mit einiger Wärme;„ſolche blaue Augen können leicht einen Mann für zartere Beſchäftigungen gewinnen, als unſer rauhes Gewerbe mit ſich bringt. In der That, ich glaube, ſolch ein Mädchen könnte ſogar mich in Verſuchung bringen, Sattel und Säbel an den Nagel zu hängen und nach der Stopfnadel und dem Nähkiſſen zu greifen.“ „Meuterei, Sir, Meuterei!“ rief der Andere lachend.„Wie können Sie es wagen, mit dem heitern, bewunderten und noch obendrein reichen Major Dunwoodie in der Liebe zu rivaliſiren? Sie, ein Lieutenant bei der Reiterei, welcher nichts als ein Pferd beſitzt, und dazu erſt noch keines von den beſten? deſſen Kapitän ſo zäh iſt wie ein Strick und ſo viele Leben hat, als eine Katze?“ „Wahr,“ erwiederte der Lieutenant gleichfalls mit Lachen, „aber der Strick kann reißen und Grimalkin ihr Leben verlieren, wenn Sie noch oft ſo toll darein fahren, wie dieſen Morgen. Was halten Sie von mehreren ſolchen Püffen, als der des ſchwirrenden Käfers war, welcher Sie heute auf den Rücken legte?“ „Ach, reden Sie nicht davon, mein guter Tom; ſchon der Gedanke daran macht mir Kopfweh;“ verſetzte der Andere achſel⸗ zuckend.„Ich mochte es einen Vorſchmack der Nacht nennen.“ „Der Todesnacht?“ „Nein, Sir— der Nacht, welche dem Tag folgt. Ich ſah Myriaden von Sternen, welche doch ihr Antlitz vor der Gegenwart der königlichen Sonne verbergen ſollten. Ich glaube, nur dieſe dicke Mütze hat mich, zu Ihrem Troſte, noch etwas länger erhalten, trotz der Katzenleben.“ „Ich habe allen Grund, es der Mütze Dank zu wiſſen,“ ſagte Maſon trocken;„ſie oder der Schädel muß eine ordentliche Dicke gehabt haben, ich gebe es zu.“ „Kommen Sie, kommen Sie, Tom; Sie ſind ein privilegirter Spottvogel, und deßhalb will ich es Ihnen hingehen laſſen,“ er⸗ wiederte der Kapitän gut gelaunt;„aber Singleton's Lieutenant wird, wie ich fürchte, für den Dienſt dieſes Tages einen beſſern Fang machen, als Sie.“ „Ich glaube, man wird uns Beiden den Schmerz erſparen, eine Beförderung durch den Tod eines Freundes und Kameraden erkauft zu haben,“ bemerkte Maſon ſanft.„Dem Vernehmen nach hält Sitgreaves die Verletzung nicht für tödtlich.“ „Ich hoffe das von ganzer Seele,“ rief Lawton;„denn trotz 5 ſeines bartloſen Kinns hat der Junge das muthigſte Herz, das ich je getroffen habe. Es wundert mich aber, daß die Leute ſich doch —— 139 rd ſo gut hielten, obgleich wir Beide in dem gleichen Augenblick 4 ſo ſtürzten.“ „Ich ſollte Ihnen für dieſes Compliment danken,“ erwiederte en, 5 der Lientenant mit Lachen; aber meine Beſcheidenheit erlaubt es en, nicht. Ich that mein Beſtes, ſie zum Stehen zu bringen, aber as umſonſt.“ den„Sie zum Stehen zu bringen?“ brüllte der Kapitän.„Wollten Sie denn die Leute mitten im Angriff Halt machen laſſen?“ der„Es kam mir ſo vor, als wollten ſie einen ſchlimmen Weg ſel⸗ einſchlagen,“ antwortete der Lieutenant. „Ahl unſer Fall veranlaßte ſie rechtsum zum machen?“ „Vielleicht war es euer Fall, vielleicht auch die Furcht vor ſah dem eigenen. Wir waren, bis uns der Major ſammelte, in einer art bewunderungswürdigen Unordnung.“ leſe„Dunwoodie? der Major hatte es ja gerade mit dem Deutſchen en, 1 zu thun.“ „Ja, aber er beeilte ſich, den Deutſchen abzuthun. Er ſprengte gte mit den beiden andern Zügen in kurzem Galopp an, ritt mit der icke gebieteriſchen Weiſe, welche ſeiner Aufregung im Kampfe eigen iſt, zwiſchen uns und den Feind, und ehe man ſich's verſah, hatte er eter uns wieder in Schlachtordnung. Dann“— fügte der Lieutenant er⸗ mit Feuer bei—„jagten wir John Bull in die Büſche. O, es ant war ein herrlicher Angriff, Kopf an Kopf und Schweif an Schweif, ern 5 bis wir über ſie her waren.“ „Zum Teufel! welcher Anblick iſt mir entgangen!“ ren,„Sie haben das Alles verſchlafen.“ den„Ja,“ erwiederte der Andere mit einem Seufzer;„das ging ach alles für mich und den armen Singleton verloren. Aber, Tom, 3 was wohl Georg's Schweſter zu dem ſchöngelockten Mädchen in rotz jenem weißen Hauſe dort ſagen wird?—“ ich„Ach! vielleicht hängt ſie ſich an ihren Strumpfbändern auf!“ 4 ſagte der Lieutenant. Ich habe allen gebührenden Reſpekt vor meinen 140 Obern, aber zwei ſolche Engel ſind mehr, als Einem Manne ge⸗ bührt, wenn er nicht ein Türke oder ein Hindu iſt.“ „Ja, ja,“ verſetzte der Kapitän raſch;„der Major predigt immer den Jüngeren Moral, aber er iſt im Grund doch ein ſchlauer Fuchs. Haben Sie nicht bemerkt, wie ſehr er auf die Kreuzwege über dem Thal verſeſſen iſt? Nun, wenn ich meine Leute zweimal an demſelben Orte Halt machen ließe, ſo würdet ihr Alle darauf ſchwören, daß ein Weiberrock um den Weg ſeyn müſſe.“ „Man kennt Sie eben bei dem Corps.“ „Nun, Tom, Ihr böſes Maul iſt unverbeſſerlich— aber,“ er beugte den Körper in der Richtung, nach welcher er hinſah, vor⸗ wärts, als ob er ſich dadurch das Unterſcheiden der Gegenſtände in der Dunkelheit erleichtern wolle,„was für ein Thier ſchleicht rechts von Ihnen durch das Feld?“ „' iſt ein Menſch,“ ſagte Maſon, den verdächtigen Gegen⸗ ſtand aufmerkſam betrachtend. „Seinem Höocker nach iſt's ein Dromedar!“ fügte der Ritt⸗ meiſter bei, während er ſchärfer hinblickte. Dann wendete er plöͤtz⸗ lich ſein Pferd von der Landſtraße ab und rief: „Harvey Birch!— greift ihn— todt oder lebendig!“ Nur Maſon und einige der vorderen Dragoner hatten den plötzlichen Ausruf verſtanden, obgleich er durch den ganzen Zug gehört wurde. Ein Dutzend Reiter, den Lieutenant an ihrer Spitze, folgten dem ungeſtümen Lawton und ihre Eile bedrohte den Ge⸗ hetzten mit einem ſchnellen Ende des Wettlaufes. Birch hatte vorſichtig ſeine Stellung auf dem Felſen beibe⸗ halten, auf welchem er von dem flüchtigen Heinrich Wharton be⸗ merkt worden war, bis der Abend die Gegenſtände in Dunkel zu hüllen begann. Von dieſer Höhe aus hatte er alle Ereigniſſe des Tages mit angeſehen. Mit klopfendem Herzen erwartete er den Aufbruch von Dunwoodie's Mannſchaft und zügelte mit Mühe ſeine Ungeduld, bis die Nacht ſeine Bewegungen gefahrlos zu machen verſprach. Er hatte jedoch noch nicht den vierten Theil des Weges zu ſeiner Wohnung zurückgelegt, als ſein geübtes Ohr die Tritte der näher kommenden Reiterei unterſchied. Auf die zu⸗ nehmende Dunkelheit vertrauend entſchloß er ſich übrigens, weiter zu gehen, wobei er, da er ſich niederduckte und in dieſer Weiſe raſch das Feld entlang glitt, unentdeckt zu entrinnen hoffte. Kapi⸗ tän Lawton war zu ſehr in die vorhin aufgeführte Unterhaltung vertieft, um ſeine Augen, wie er gewöhnt war, nach allen Rich⸗ tungen hinſchweifen zu laſſen, und da der Krämer an den Stimmen bemerkte, der Feind, welchen er am meiſten fürchtete, ſey bereits über ihn hinaus, ſo gab er ſeiner Ungeduld nach und richtete ſich auf, um größere Schritte nehmen zu können. In dem Augenblick aber, als ſich ſein Körper über die Schatten der Ebene erhob, wurde er geſehen und die Jagd begann. Birch war unbewaffnet! einen Augenblick ſtarrte ihm das Blut in den Adern ob der herein⸗ brechenden Gefahr und ſeine Beine verſagten den gewohnten und beſonders jetzt ſo wichtigen Dienſt:— aber auch nur einen Augenblick. Schnell warf er ſeinen Pack bei Seite, ſchnallte inſtinktartig den Gurt feſter um den Leib und wandte ſich zur Flucht. Er wußte, daß ſeine Geſtalt den Verfolgern aus dem Geſicht kommen mußte, ſobald er die Linie zwiſchen ihnen und dem Walde gewann. Dieß gelang ihm auch bald und nun ſpannte er alle Kraͤfte an, um den Wald ſelbſt zu erreichen, als mehrere Reiter in geringer Entfer⸗ nung links an ihm vorbeijagten und ihn von dieſem Zufluchtsorte abſchnitten. Als ſie näher kamen, warf ſich der Krämer zu Boden und ſo ritten ſie, ohne ihn zu bemerken, weiter. Aber nun wurde ein Verharren in dieſer Lage zu gefährlich. Er ſtand auf, hielt ſich unter dem Schatten des Waldes, an deſſen Saume die Reiter ſich gegenſeitig anriefen und zur Wachſamkeit aufforderten, und eilte in paralleler aber entgegengeſetzter Richtung mit der Marſch⸗ linie der Dragoner mit unglaublicher Haſt weiter. Lawton's Befehle waren nur von denen, welche ihm unmittelbar folgten, deutlich vernommen worden, obgleich auch der übrigen Mannſchaft die Verwirrung der Jagd nicht entgehen konnte. Die Leute waren daher im Ungewiſſen, was ſie zu thun hätten, und der obener⸗ wähnte Cornet ſuchte von dem Reiter neben ihm den Zweck dieſer Be⸗ wegungen zu erforſchen, als nicht weit hinter ihnen ein Mann mit einem gewaltigen Sprunge über den Weg ſetzte. In demſelben Augenblick klang Lawton's Stentorſtimme mit dem Rufe durch das Thal: „Harvey Birch!— fangt ihn, todt oder lebendig!“ Der Blitz von fünfzig Piſtolen erleuchtete die Gegend, und die Kugeln pfiffen in jeder Richtung um den Kopf des unglücklichen Krämers. Das Gefühl der Verzweiflung erfaßte ſein Herz und in der Bitterkeit dieſes Augenblicks rief er: „Gehetzt wie ein Thier des Waldes!“ Das Leben mit ſeinem Gefolge erſchien ihm als eine Laſt und er war im Begriffe, ſich ſeinen Feinden zu ergeben. Doch die Natur behielt die Oberhand. Wurde er ergriffen, ſo hatte er allen Grund zu befürchten, daß man bei ihm ſich die gerichtlichen For⸗ men erſparen und daß die nächſte Morgenſonne wahrſcheinlich Zeuge ſeiner ſchmählichen Hinrichtung ſeyn werde, weil er bereits zum Tode verurtheilt und nur durch Liſt dieſem Schickſale entgangen war. Dieſe Betrachtungen, in Verbindung mit den näher kommen⸗ den Tritten ſeiner Verfolger, kräftigten ihn zu neuen Anſtrengungen. Er floh auf's Neue. Zum Glück lag auf ſeinem Wege der Theil einer Mauer, welcher der Zerſtörung des in dem anliegenden Wald⸗ gehege ſtattgehabten Kampfes widerſtanden hatte. Er fand kaum Zeit, ſeine erſchöpften Glieder über dieſes Bollwerk wegzuſchwingen, als zwanzig ſeiner Feinde die entgegengeſetzte Seite erreichten. Die Pferde ſträubten ſich in der Dunkelheit über die Mauer wegzuſetzen⸗ und mitten in der Verwirrung der ſich bäumenden Roſſe und der Flüche ihrer Reiter wurde es Birch möglich, einen Bergabhang zu entdecken, auf deſſen Höhe er ſich vollkommene Sicherheit verſprechen durfte. Das Herz des Hauſirers klopfte hoch in freudiger Hoffnung, —— leben hinte einen mit: ſich und die llen For⸗ uge zum igen aen⸗ gen. heil ald⸗ aum gen, Die tzen, der 3 zu ꝛchen ung als plötzlich Kapitän Lawton's Stimme wieder in ſeinem Ohr klang, der ſeinen Leuten zurief, Platz zu machen. Der Befehl wurde be⸗ folgt; der furchtloſe Reiter ſprengte in vollem Galopp gegen die Mauer, druckte ſeinem Pferde die Sporen in die Seite und flog wohlbehalten über das Hinderniß weg. Das triumphirende Hurrah der Leute und der donnernde Hufſchlag des Pferdes verkündigten dem Hauſirer die ganze Größe der Gefahr. Er war beinahe er⸗ ſchöpft und ſein Geſchick ſchien nicht länger zweifelhaft. „Halt, oder ſtirb!“ klang es in furchtbarer Nähe über ihm. Harvey warf einen haſtigen Blick rückwärts und ſah, einen Sprung hinter ſich, den Mann, welchen er am meiſten fürchtete. Im Lichte der Sterne erblickte er den aufgehobenen Arm und den dro⸗ henden Säͤbel. Furcht, Erſchöpfung und Verzweiflung bemächtigten ſich ſeiner und das gejagte Opfer fiel vor dem Dragoner nieder. Lawton's Pferd ſtrauchelte über den auf der Erde liegenden Krämer, und beide, Roß und Reiter ſtürzten mit Macht zu Boden. Mit Gedankenſchnelle war Birch wieder auf ſeinen Füßen und ergriff den Säbel des gefallenen Dragoners. Rache iſt nur zu ſüß für die Leidenſchaft des Menſchen. Es gibt wenige, die nie die verführeriſche Luſt gefühlt haben, erhaltene Kränkungen auf das Haupt des Urhebers zurückfallen zu laſſen;— und doch wiſſen auch Manche, wie viel ſüßer es iſt, Böſes mit Gutem zu vergelten. Allles Schlimme, was der Krämer erduldet hatte, blitzte ihm jetzt durch die Seele. Einen Augenblick gewann ſein böſer Daͤmon die Oberhand und Birch holte mit der gewaltigen Waffe aus, aber im nächſten fiel ſie auch unſchädlich an der Seite des wieder auf⸗ lebenden aber hülfloſen Reiters nieder und der Krämer verſchwand hinter dem ſchützenden Felſen. „Helft dort dem Kapitän Lawton!“ ſchrie Maſon, der mit einem Dutzend ſeiner Leute heranritt.„Einige von euch können mit mir abſteigen und dieſe Felſen durchſuchen. Der Schurke hat ſich hier verſteckt.“ „Halt!“ brüllte der Kapitän, indem er ſich mit Mühe auf⸗ richtete.„Wer von euch abſitzt, iſt des Todes. Tom, mein guter Junge, helfen Sie mir, meinen Rothſchimmel wieder auf die Beine zu bringen.“ Der erſtaunte Lieutenant willfahrte ſchweigend, indeß die ver⸗ wunderten Dragoner ſo feſt in ihren Sätteln ſitzen blieben, als ob ſie mit ihren Thieren zuſammengewachſen wären. „Ich fürchte, Sie ſind ſchwer verwundet,“ ſagte Maſon mit einiger Theilnahme, als ſie wieder in die Landſtraße eingebeugt hatten, und biß, in Ermanglung beſſeren Tabaks, das Ende einer Cigarre ab.— „Ein wenig, glaube ich,“ erwiederte der Kapitän nach Luft ſchnappend, wobei ihm das Reden ſchwer wurde;„ich wünſchte, unſer Knocheneinrichter wäre zur Hand, um den Zuſtand meiner Rippen zu unterſuchen.“ „Sitgreaves iſt in Herrn Wharton's Hauſe bei Kapitän Singleton zurückgelaſſen worden.“ „Dann will ich dort mein Nachtquartier aufſchlagen, Tom. In ſo ſchweren Zeiten kann man nicht viele Umſtände machen. Zu⸗ dem hat der alte Herr, wie Sie ſich erinnern werden, einen ge⸗ wiſſen Verwandtſchaftsreſpekt vor dem Corps. Ich kann nicht daran denken, bei einem ſo guten Freunde vorbeizugehen, ohne Halt zu machen.“ „Und ich will den Zug nach den Kreuzwegen führen; denn wenn wir alle dort abſtiegen, würden wir eine Hungersnoth in's Land bringen.“ „Eine Lage, mit der ich nie etwas zu ſchaffen haben will. Der Gedanke an die Kuchen der holdſeligen Jungfrau iſt kein ſchlechter Troſt für einen vierundzwanzigſtündigen Aufenthalt im Spital.“ „Oh, bei Ihnen geht's noch nicht an's Sterben, wenn Sie ſchon wieder an's Eſſen denken können!“ rief Maſon lachend. „Sicher wäͤre es mein Letztes, wenn ich das nicht mehr könnte,“ bemerkte der Kapitän ernſthaft. 145 ff⸗„Kapitän Lawton,“ ſagte die Ordonnanz, welche dem komman⸗ ter e direnden Offtzier zur Seite ritt,„wir kommen nun zu dem Hauſe ne des Krämerſpions. Iſt es Ihr Wunſch, daß wir es anzünden?“ 1„Nein!“ brüllte der Kapitän mit einer Stimme, daß der er⸗ er⸗ 14 ſchrockene Wachtmeiſter zurückfuhr;„ſeyd Ihr denn Mordbrenner? ob Könntet Ihr ein Haus mit kaltem Blute anſtecken? Laßt nur einen Funken nahe kommen und die Hand, welche ihn trägt, ſoll nie wie⸗ 1 rit der einen ähnlichen Dienſt thun „Zum Henker!“ brummte hinten der ſchläfrige Cornet, welcher gt der 3 auf ſeinem Pferde nickte;„es iſt noch Leben in dem Rittmeiſter, trotz ſeines Sturzes.“ uft 6 Lawton und Maſon ritten ſchweigend weiter und letzterer ſtellte te, 6 Betrachtungen über die wunderbare Veränderung an, welche der er 1 Fall in dem Benehmen ſeines Rittmeiſters hervorgebracht hatte, bis ſie endlich an dem Gitter des Wharton’ſchen Hauſes anlangten. än Die Reiterabtheilung ſetzte ihren Marſch fort, indeß Lawton mit 6 ſeinem Lieutenant und ſeinem Bedienten abſaß und langſam auf die h m. Thüre des Landhauſes zuging. 1 u⸗ Obriſt Wellmere hatte ſich bereits auf ſein Zimmer zurück⸗ 6 ge⸗ gezogen; Herr Wharton befand ſich allein mit ſeinem Sohne in an einem andern Kabinet, und die Frauenzimmer beſchickten den Thee⸗ zu tiſch für den Wundarzt der Dragoner, welcher eben von dem Be⸗ ſuche ſeiner Patienten kam und den einen im Bett, den andern ir unter dem wohlthätigen Einfluß eines ruhigen Schlafes gefunden W hatte. Einige gewöhnliche Fragen von Seiten der Miß Peyton er hatten des Doktors Herz aufgeſchloſſen, denn er kannte alle Per⸗ ter ſonen ihrer ausgedehnten Verwandtſchaft in Virginien und bildete 6 ſich ſogar ein, er müſſe die Lady ſelbſt ſchon geſehen haben. Die ie freundliche Dame lächelte, denn es kam ihr unmöglich vor, dieſen neuen Bekannten ſchon ſonſt wo getroffen zu haben, ohne daß ſie ſich ſeiner Eigenthümlichkeiten ſollte erinnern können. Doch wurde dadurch die Verlegenheit ihrer gegenſeitigen Stellung ſehr vermindert Der Spion. 3. Aufl. 10 146 und eine Art von Unterhaltung eingeleitet, in welcher der Doktor vorzugsweiſe das Wort führte, da die Nichten blos zuhoͤrten und die Tante im Grunde auch nicht viel weiter that. „Wie ich ſagte, Miß Peyton, es waren blos die ſchädlichen Ausdünſtungen der Niederung, welche die Pflanzungen Ihres Bru⸗ ders zu einem unzweckmäßigen Aufenthalt für den Menſchen mach⸗ ten; aber die vierfüßigen Thiere waren—“ „Goit ſey mit uns, was iſt das?“ ſagte Miß Peyton er⸗ blaſſend, als ſie den Knall der auf Birch abgefeuerten Piſtolen vernahm. „Es klingt auf und nieder wie eine Lufterſchütterung, wie ſie durch die Entladung von Feuergewehren veranlaßt wird,“ erwiederte der Wundarzt, indem er mit vieler Gleichgültigkeit ſeinen Thee ſchlürfte.„Ich würde glauben, daß Kapitän Lawton's Zug auf dem Rückwege begriffen ſey, wenn ich nicht wüßte, daß der Ritt⸗ meiſter nie Piſtolen gebraucht und daß er den Säbel auf eine furcht⸗ bare Weiſe mißbraucht.“ „Gütige Vorſehung!“ rief die beſtürzte Jungfrau, ver wird doch nicht jemand ein Leides damit zufügen?“ „Ein Leides zufügen?“ wiederholte der Andere ſchnell;„ſiche⸗ rer Tod iſt es, Madame; Hiebe, ſo wild auf's Ungefähr, als man ſich nur denken kann; und was ich ihm auch ſagen mag, es iſt Alles vergebens.“ 4 „Aber Kapitän Lawton iſt ja der Offizier, der dieſen Morgen hier war, und iſt gewiß ein Freund von Ihnen,“ ſagte Franciska ſchnell, als ſie bemerkte, daß ihre Tante ernſtlich beunruhigt war. „Ich finde nicht gerade, daß er unfreundlich gegen mich geſinnt iſt. Der Mann wäre nicht ſo übel, wenn er nur wiſſenſchaftlich zuhauen lernen wollte. Man muß doch Jeden von ſeinem Gewerbe leben laſſen, Madame; aber was ſoll aus einem Chirurgen werden, wenn ſeine Patienten todt ſind, ehe er ſie zu Geſicht bekommt?“ Der Doktor fuhr fort, über die Wahrſcheinlichkeit oder ——. tor and hen ru⸗ ach⸗ er⸗ olen te ſie derte Thee auf Ritt⸗ urcht⸗ wird „ſiche⸗ s man es iſt Morgen anciska gt war. geſinnt chaftlich Gewerbe werden, umt?“ eit oder e 147 zurückkehrenden Rei⸗ e Rede zu halten, bis ein lauter Schlag Schrecken gab. Der Säge, welche den ganzen Tag, in der vergeblichen Hoffnung, bei einer Amputation Unwahrſcheinlichkeit, daß die Schüſſe von dem terhaufen herrührten, ein an die Thüre den Damen neuen Anlaß zum Wundarzt griff inſtinktartig nach einer kleinen ſeine treue Begleiterin geweſen war, verſicherte daß er ſich zwiſchen ſie und ch bereit, der Aufforderung dienen zu dürfen, den Damen mit großer Beſonnenheit, die Gefahr ſtellen wolle und machte ſi Folge zu leiſten. „Kapitän Lawton lu rief der Chirurg, als er den Rittmeiſter auf den Arm ſeines Lieutenants geſtützt, mühſam über die Schwelle ſchreiten ſah. „Ah, mein lieber Knocheneinrichter, ſind Sie es? Sie ſind zur glücklichen Stunde da, um mein Gerippe zu viſitiren; aber legen Sie dieſe lumpige Säge bei Seite.“ Maſon erklärte mit wenigen Worten die Art, wie der Ritt⸗ meiſter zu ſeinen Verletzungen gekommen, und Miß Peyton bewil⸗ ligte gerne die erforderlichen Bequemlichkeiten. Während man zu dieſem Zwecke ein Zimmer einrichtete und der Arzt einige geeignete Vorkehrungen traf, wurde der Kapitän eingeladen, in dem Wohn⸗ zimmer auszuruhen. Auf dem Tiſche ſtand eine Schüſſel, welche eine gediegenere Nahrung enthielt, als man gewöhnlich bei einer Abendzwiſchenmahlzeit aufſtellt, und daher bald die Aufmerkſamkeit der Dragoner auf ſich zog. Miß Peyton erinnerte ſich, daß die am Morgen an ihrem eigenen Tiſche eingenommene Erfriſchung wahr⸗ ſcheinlich die einzige geweſen ſeyn mochte, deren die Reiter ſich an dieſem Tage zu erfreuen gehabt, und lud ſie daher freundlich ein, ſich des Vorhandenen zu bedienen. Das Anerbieten bedurfte keines Nöthigens und in wenigen Minuten ſaßen beide behaglich an einem Geſchäfte, welches nur hin und wieder von einer Geſichtsverzerrung des Kapitäns unterbrochen wurde, dem augenſcheinlich jede Be⸗ wegung des Körpers Schmerz verurſachte. Dieſe Unterbrechungen beeinträchtigten jedoch die Hauptverrichtun g wenig und der Ritt⸗ meiſter war bereits mit dem Vollzug einer ſo wichtigen Obliegen⸗ heit glücklich zu Ende gekommen, als der Wundarzt zurückkehrte, um ihm anzuzeigen, daß in einem obern Zimmer Alles zu ſeiner Bequemlichkeit bereit ſey. „Was! Sie eſſen?“ rief der erſtaunte Arzt;„Kapitän Law⸗ ton, wollen Sie ſterben?“ „Ich habe kein beſonderes Verlangen darnach,“ ſagte der Dra⸗ gonerführer, indem er aufſtand und den Damen ſeine Abſchieds⸗ verbeugung machte,„und deßhalb habe ich mich zu Friſtung meines Lebens mit dem nöthigen Material verſehen.“ Der Wundarzt brummte mißbilligend und verließ hinter dem Rittmeiſter und Maſon das Zimmer. Jedes Haus in Amerika hatte damals ein Gemach, welches man vorzugsweiſe das beſte nannte, und dieſes war, nicht ohne den unſichtbaren Einfluß Sara's, dem Obriſten Wellmere zugefallen. Eine Daunendecke, wie ſie in einer hellen, kalten Nacht ſo beſon⸗ ders wohlthätig auf zerſchlagene Glieder wirkt, bedeckte das Bett des engliſchen Offiziers. Eine ſchwere filberne Kanne mit dem reichen Brasrelief des Wharton'ſchen Wappen enthielt das Getränk, welches er die Nacht über nehmen ſollte, indeß bei den beiden amerikaniſchen Rittmeiſtern hübſche Porcellängefäße dieſen Dienſt verſehen mußten. Sara war ſich wohl ſelbſt nicht einmal des ſtummen Vorzugs, welchen ſie in dieſer Weiſe gegen den engliſchen Offizier an den Tag gelegt hatte, bewußt, und für den Kapitän Lawton mochten, abgeſehen von ſeinen Verletzungen, Bett, Kanne und alles, das Getränk ausgenommen, ſehr gleichgültige Dinge ſeyn, da er wohl die Hälfte ſeiner Nächte in den Kleidern, und nicht wenige davon im Sattel zugebracht hatte. Nachdem er von ſeinem kleinen, aber ſehr bequemen Zimmer Beſitz genommen hatte, begann Doktor Sitgreaves den Stand ſeiner Beſchädigungen zu unterſuchen. Dieſer wollte eben mit der Hand über den Koͤrper ſeines Patienten fahren, als Lawton ungeduldig ausrief: Fö. dem lches den allen. eſon⸗ Bett dem tränk, beiden Dienſt Il des liſchen apitän Kanne Dinge „ und er von hatte, gen zu Koͤrper 82 149 „Sitgreaves, thun Sie mir den Gefallen und legen Sie mir dieſe verhenkerte Säge weg, oder ich werde zu meinem Schutz nach dem Säbel greifen müſſen; ihr Anblick macht mir das Blut zu Eis.“ „Kapitän Lawton, Sie haben für einen Mann, der ſo oft Glieder und Leben auf's Spiel ſetzte, eine unbegreifliche Furcht vor einem äußerſt nützlichen Inſtrument.“ „Der Himmel bewahre mich vor ſeinem Nutzen,“ ſagte der Reiter mit einem Achſelzucken. „Sie werden doch das Licht der Wiſſenſchaft nicht ſoweit ver⸗ achten, daß Sie einen chirurgiſchen Beiſtand zurückweiſen würden, bei dem dieſe Säge nothwendig ſeyn könnte?“ „Allerdings würde ich das!“ „Wie, Sie könnten?“ „Ja, Sie ſollen mich nicht wie ein Ochſenviertel zerſtücken, ſo lange noch genug Leben in mir iſt, um mich vertheidigen zu können,“ rief der entſchloſſene Dragoner;„aber ich werde ſchläftig; — ſind einige meiner Rippen zerbrochen?“ „Nein!“ „Einige meiner Knochen?“ „Nein!“ „Tom, ich werde Ihnen dankbar ſeyn, wenn Sie mir jenen Krug reichen.“ Als er getrunken hatte, wandte er bedächtig ſeinen Gefähr⸗ ten den Rücken zu und rief gutmüthig: „Gute Nacht, Maſon— gute Nacht, Galen.“ Kapitän Lawton hegte eine hohe Achtung von den chirurgi⸗ ſchen Kenntniſſen ſeines Kameraden, aber er war ziemlich ungläubig gegen die Wirkſamkeit innerlicher Arzneimittel bei körperlichen Lei⸗ den. Mit einem vollen Magen, einem muthigen Herzen und einem guten Gewiſſen, behauptete er oft, könne ein Mann der Welt und allen ihren Wechſelfällen Trotz bieten. Die Natur hatte ihn mit ſich in der That auch alle ſeines Glaubensbekenntniſſes ruch von ihm, daß die Augen dem zweiten ausgeſtattet, und er gab Mühe, die beiden andern Erforderniſſe zu bethätigen. Es war ein Lieblingsſp das allerletzte und die Kinnladen das vorletzte ſeyen, was von dem Tod angegriffen werde, und hieraus folgerte er, daß die Natur ſonnenklar habe beweiſen wollen, der Menſch ſolle nach ſeinem eige⸗ nen Gutdünken beſtimmen, was in das Heiligthum ſeines Mundes zugelaſſen werden dürfe; wenn man daher keinen Appetit mehr habe, ſo müſſe man das blos ſich ſelber zuſchreiben. Der Wund⸗ arzt, dem dieſe Anſichten ſeines Patienten nicht unbekannt waren, betrachtete den Rittmeiſter, als er ihm und Maſon ſo höflich den Rücken zukehrte, mit einem Blicke mitleidiger Verachtung, ſteckte die Phiolen, welche er ausgepackt hatte, mit einer Sorgfalt, die faſt an Verehrung gränzte, wieder in ſeine lederne Feldapotheke, ſchwang, als er fertig war, triumphirend ſeine Säge und entfernte ſich, ohne ſich ſo weit herabzulaſſen, die Abſchiedsbegrüßung des Reiters einer Beachtung zu würdigen. Maſon bemerkte an dem Athmen des Kapitäns, daß ſein eigenes„gute Nacht“ wohl nicht mehr gehört werden dürfte, und beeilte ſich, den Damen ſein Com⸗ pliment zu machen, worauf er zu Pferde ſtieg und ſeinem Zug in vollem Galopp nachſprengte. Zehntes Kapitel. eiden noch den Theuren ruft, Der Geiſt im Sch n Thränen; Sein letzter Blick verlangt nach fromme Denn Liebe ſtirbt Und in der Aſche glimmet fort ihr Sehnen. Gray. Wie Beſitzungen des Herrn Wharton d ſeine Wohnung auf einige Entfernung aus; Bodens war jedoch unangeb ehnten ſich rund um der größte Theil des aut und trug nur hin und wieder ein einze Die Feld verg füll als in tun Au es ehr nd⸗ en, den ckte die heke, rnte des dem nicht Lom⸗ g in inen; nd um geil des der ein — 151 einzelnes Gebäude, das unbewohnt und dem Einſturze nahe war. Die Nachbarſchaft der ſtreitenden Heere hatte faſt jede Spur des Feldbaues aus der Gegend verbannt, denn der Landwirth wandte vergeblich ſeine Zeit und den Fleiß ſeiner Hände auf, da eine ge⸗ füllte Kornkammer dem nächſten beſten fouragirenden Reiterhaufen als eine willkommene Beute erſchien. Niemand bebaute den Boden in einer andern Abſicht, als um die nöthigſten Mittel zur Erhal⸗ tung des Lebens zu gewinnen, und nur diejenigen machten eine Ausnahme, welche einer der ſich gegenüberſtehenden Armeen nahe genug lagen, um gegen einen Ueberfall der leichten Truppen des feindlichen Heeres geſichert zu ſeyn. Solchen bot jedoch der Krieg eine goldene Erndte, zumalen denjenigen, welche ſich des Vortheils erfreuten, ihre Erzeugniſſe an die brittiſche Armee abſetzen zu kön⸗ nen. Herr Wharton bedurfte ſeines Eigenthums nicht zum Zwecke ſeines Lebensunterhalts und fügte ſich daher gerne in die vorſichtige Politik des Tages, indem er ſich nur auf die Erzeugung ſolcher Artikel beſchränkte, welche bald in ſeinen eigenen Mauern aufge⸗ zehrt werden konnten oder ſich leicht vor den ſpähenden Augen einer fouragirenden Mannſchaft verbergen ließen. In Folge deſſen hatte der Grund, auf welchem das Gefecht geliefert worden, kein einzi⸗ ges bewohntes Gebäude, als das, welches dem Vater von Harvey Birch zugehörte. Dieſes Haus ſtand zwiſchen dem Platze, wo die Cavallerie aneinander gerathen war, und dem, wo der Angriff auf Wellmere's Fußvolk ſtattgefunden hatte. Der Tag war für Katy Haynes fruchtbar an Ereigniſſen ge⸗ Die kluge Haushälterin hatte hinſichtlich ihrer politiſchen Ihre Verwand⸗ eite des Vaterlandes, aber die umſichtige nzimmer mit glänzenderen ichtigen Moment aus dem Auge, an dem sliebe auf dem Altar der erregte es dem weſen. Gefühle ſtets die ſtrengſte Neutralität beobachtet. ten ſtanden auf der S Jungfrau verlor, wie ſo manche Fraue Hoffnungen, nie den w man von ihr das Opfer der Vaterland häuslichen Eintracht fordern könnte. Und doch guten Weibe trotz ihrer Schlauheit je zuweilen ein ernſtes Bedenken, wie weit ſie ihrer Zunge Raum geben dürfe, um doch gewiß zu ſeyn, daß ſie der von dem Krämer begünſtigten Sache zu Gefallen ſpreche. Es lag ſo viel Zweideutiges in dem Thun und Treiben des Letzteren, was ihr oft, wenn ſie in dem unbehorchten Heilig⸗ thume ihres Haushalts eine Philippica gegen Waſhington und ſeine Nachtreter eröffnen wollte, die Lippen verſiegelte und Mißtrauen in ihre Seele pflanzte. Kurz, das ganze Benehmen des geheimniß⸗ vollen Weſens, dem ſie ihre volle Aufmerkſamkeit widmete, war geeignet, auch Leuten den Standpunkt zu verrücken, welche das Leben und die Menſchen in einem weiteren Umfange kennen gelernt hat⸗ ten, als dieſes bei Birch's Haushälterin der Fall war. Ddie Schlacht auf den Ebenen hatte den vorſichtigen Waſhing⸗ ton auf die Vortheile, welche der Feind ſeiner Organiſation, Be⸗ waffnung und Mannszucht verdankte, aufmerkſam gemacht, und es war nun ſeine Aufgabe, die Mängel des eigenen Heeres durch Sorgfalt und Wachſamkeit zu verbeſſern. Indem er ſeine Truppen nach den Hochlanden im nördlichen Theile der Grafſchaft zog, konnte er den Angriffen der königlichen Armee Trotz bieten, und ſo blieb es denn Sir William Howe unbenommen, ſich der unfruchtbaren Eroberung einer verlaſſenen Stadt zu erfreuen. Die ſich bekämpfenden Ar⸗ meen verſuchten ſpäter nie wieder ihre Kräfte innerhalb der Grän⸗ zen von Weſt⸗Cheſter, obgleich ſelten ein Tag verging, ohne daß in ihrem Bereich irgend ein Streifzug ausgeführt wurde, oder ohne daß ein Morgen aufdämmerte, an dem nicht die Einwohner von Ausſchweifungen, die im Dunkel der Nacht verübt worden, zu erzählen gehabt hätten. Die meiſten Wanderungen des Hauſirers ftelen auf Stunden, welche man gewöhnlich zur Ruhe verwendet, und die Abendſonne verließ ihn häufig an dem einen Ende des Thales, während ſte ihn an dem kommenden Morgen auf dem an⸗ dern wieder antraf. Der Pack war ſein beſtändiger Begleiter und Manche, welche ihn zur Zeit, wo er ſeinen Handel betrieb, —— 153 aufmerkſam beobachteten, kamen auf die Vermuthung, daß die Auf⸗ häufung von Gold ſein einziger Lebenszweck ſey. Man ſah ihn oft faſt brechend unter ſeiner Laſt in der Nähe der Hochlande, und dann wieder am Harlaemfluſſe, wo er mit leichteren Schritten gegen Abend wanderte. Immer war jedoch ſein Auftauchen flüchtig und ungewiß. Was er in den Zwiſchenzeiten trieb, blieb jedem Auge verborgen. Auch verſchwand er Monate lang gänzlich, ohne daß eine Spur ſeines Ziehens zu entdecken geweſen wäre. Die Höhen von Harlaem waren von ſtarken Truppenabthei⸗ lungen beſetzt, das nördliche Ende der Inſel Manhattan ſtarrte von den Bajonetten der engliſchen Vorpoſten, und doch gelang es dem Hauſirer, unbemerkt und unangetaſtet durchzukommen. Auch näherte er ſich häufig den amerikaniſchen Linien, doch ſtets in einer Weiſe, welche jeder Verfolgung Trotz bot. Manche in den Schlün⸗ den des Gebirgs aufgeſtellte Schildwache wußte von einer ſeltſa⸗ men Geſtalt zu erzählen, welche man im Abendnebel hatte dahin gleiten ſehen, und da dieſe Kunde auch zu den Ohren der Offiziere gelangte, ſo war der Krämer auch wirklich, wie bereits mitgetheilt wurde, ſchon zweimal in die Hände der Amerikaner gefallen. Das erſtemal entkam er kurz nach ſeiner Gefangennehmung dem Kapi⸗ tän Lawton; das zweitemal wurde er jedoch zum Tode verurtheilt. Als man aber an dem zu ſeiner Hinrichtung beſtimmten Morgen den Käſig öffnete, war der Vogel ausgeflogen. Dieſe außerordent⸗ liche Flucht war aus dem Gewahrſam eines der Lieblingsoffiziere Waſhington's, dabei der ausgeſuchteſten Schildwachen, welche man für würdig gehalten hätte, die Perſon des Oberbefehlshabers ſelbſt zu hüten, bewerkſtelligt worden. An Beſtechung und Verrath ließ ſich bei ſolchen geachteten Männern nicht denken und bald ge⸗ wann bei dem gemeinen Soldaten der Glaube Eingang, daß der Hauſirer einen Bund mit dem Teufel habe. Katy verwarf jedoch dieſe Annahme immer mit Unwillen, denn nach reiflicher Erwägung der Umſtände war die Haushälterin in den geheimen Winkeln ihres Herzens zu dem Schluſſe gekommen, daß der boſe Feind ſeine Zahlungen nicht in Gold mache. Die kluge Jungfrau berechnete weiter in ihren Gedanken, daß Waſhington dieſes eben ſo wenig thue, da Verſprechungen und Papier alles war, was dem Führer der amerikaniſchen Truppen zu Belohnung geleiſteter Dienſte zu Gebot ſtand. Zwar wurde nach der Verbündung mit Frankreich das Silber häufiger im Lande; aber obgleich Katy's ſpähende Au⸗ gen keine thunliche Gelegenheit vorbei gehen ließen, um einen Blick in den hirſchledernen Beutel zu werfen, ſo konnte ſie doch nie ent⸗ decken, daß ſich ein Bild Ludwig's unter die wohlbekannten Geſichter Georgs III. eingedrängt hätte. Kurz, Harvey's geheime Schätze zeigten in ihrem Gepräge deutlich, daß ſie eine Beiſteuer aus den Händen der Engländer war. 3 Birch's Haus war zu verſchiedenen Malen das Augenmerk der Amerikaner geweſen, die es, wiewohl ſtets vergeblich, auf die Perſon des Beſitzers abgeſehen hatten; denn der muthmaßliche Spion beſaß Mittel, ſich von ihren Abſichten zu unterrichten, ſo daß er jedesmal ihre Anſchläge zu vereiteln vermochte. Einmal, als eine ſtarke Abtheilung des Continentalheers einen ganzen Sommer über die Kreuzwege beſetzt hielt, war ſogar von Waſhington Befehl gekommen, Harvey Birch's Thüre keinen Augenblick außer Acht zu laſſen. Der Auftrag wurde auf's ſtrengſte befolgt und während dieſer langen Periode blieb der Krämer unſichtbar; die Truppen zogen ab, und in der folgenden Nacht erſchien Birch in ſeiner Wohnung. Harvey's Vater hatte wegen des verdächtigen Charak⸗ ters ſeines Sohnes viel zu leiden. Aber ungeachtet man das Be⸗ nehmen des alten Mannes auf das ſorgfältigſte beobachtete, ſo konnte doch nie etwas zu ſeinem Nachtheile erwieſen werden; auch war ſein Eigenthum zu unbedeutend, um den Eifer der gewerbsmäßigen Patrioten rege zu erhalten, da der Einzug und Verkauf deſſelben ihre Mühe nicht belohnt haben würde. Alter und Kuümmer ſtanden jetzt im Begriff, ihn aller weiteren Beunruhigungen zu — n mer zu V u überheben, denn das Oel in der Lampe ſeines Lebens ging zur Neige. Die neue Trennung des Vaters von dem Sohne war ſchmerzlich geweſen, aber beide unterwarfen ſich mit Ergebung dem, was ſie für ihre Pflicht hielten. Der alte Mann hatte ſeinen lebensge⸗ fährlichen Zuſtand vor ſeinen Nachbarn geheim gehalten, um noch in den letzten Augenblicken ſich der Geſellſchaft ſeines Kindes er⸗ freuen zu können. Die Verwirrung des Tages und die zunehmende Furcht, Harvey möchte zu ſpät kommen, trugen dazu bei, das Ende zu beſchleunigen, das er noch eine kleine Weile aufzuſchieben ſich ſehnte. Als die Nacht anbrach, mehrte ſich ſein Uebelbefinden in einem ſo hohen Grade, daß die beſtürzte Haushälterin einen müßigen Knaben, der ſich während des Kampfes mit im Hauſe eingeſchloſſen hatte, nach den Locuſten ſchickte, um einen Gefährten für ihre troſtloſe Einſamkeit herbeizuholen. Cäſar war die einzige entbehrliche Perſon, und von der gütigen Miß Peyton mit Eß⸗ waaren und kräftigenden Arzneimitteln beladen, wurde der Schwarze abgeſandt, um dieſen nachbarlichen Liebesdienſt zu verrichten. Die Arzneien konnten jedoch dem Sterbenden nichts mehr nützen, und das einzige, was ihm noch ſchwer auf dem Herz zu liegen ſchien, war die Beſorgniß, ob er ſein Kind wohl noch einmal ſehen werde. Der Lärm, welchen Harvey's Verfolgung veranlaßte, wurde von denen im Hauſe vernommen, ohne daß ſie den Grund deſſelben ahnten, denn beide, der Schwarze und Katy, wußten, daß weiter unten ein Theil der amerikaniſchen Reiterei ſtehe, und vermutheten daher, daß jenes Getümmel nichts weiter, als die Rückkehr derſelben zu bedeuten habe. Sie hörten die Dragoner langſam an dem Gebäude vorbeiziehen, und die Haushälterin enthielt ſich, den weiſen Ein⸗ ſchärfungen ihres ſchwarzen Gefährten zu Gefallen, ihrer Neugierde Raum zu geben. Der alte Mann hatte die Augen geſchloſſen und ſchien zu ſchlafen. Das Haus enthielt zwei große Stuben und eben ſo viele kleinere. Eine der erſten diente als Küche und Wohnzimmer; in dem andern lag Harvey's Vater; von den kleineren war das eine das Heiligthum unſerer Veſtalin, das andere die Vorrathskammer für die Lebensmittel. In der Mitte erhob ſich ein großer ſteinerner Rauchfang, welcher die beiden größeren Ge⸗ mächer trennte und zu entſprechend großen Feuerſtellen in denſelben führte. Eine helle Flamme brannte auf dem Heerde des Wohn⸗ zimmers und innerhalb der Steinſchicht des ungeheuern Kamins ſaßen Cäſar und Katy zu der Zeit unſerer gegenwärtigen Erzäh⸗ lung. Der Afrikaner ſuchte eben der Haushälterin ſeine eigene Behutſamkeit beizubringen und ihr die Gefahren einer müßigen Neugierde auseinander zu ſetzen. „Am beſten, nie den Teufel verſuchen,“ ſagte Cäſar und ver⸗ drehte dabei die Augen, daß der Glanz des Feuers nur noch das Weiße derſelben beleuchtete.„Ich ſelbſt verlieren beinahe ein Ohr für forttragen ein kleines Stückchen Brief. Viel Unglück kommen aus Neugierde. Wenn nie geweſen ein Mann neugierig, Afrika zu ſehen, ſo würden nicht ſeyn farbige Leute außerhalb ihrer Heimath; aber ich wünſchen, Harvey zurückkommen.“ „Es iſt ſehr rückſichtslos von ihm, in einer ſolchen Zeit weg⸗ zubleiben,“ ſagte Katy ſchmälend.„Angenommien, ſein Vater wollte jetzt ſein Teſtament machen, wer wäre da, um dieſes ernſte und wichtige Geſchäft zu bereinigen? Harvey iſt ein ausſchweifender und ſehr rückſichtsloſer Menſch.“ „Vielleicht er es ſchon vorher machen?“ „Es ſollte mich nicht wundern, wenn er das gethan hätte;“ erwiederte die Haushälterin.„Er ſieht oft ganze Tage in die Bibel.“ „Dann er leſen ein ſehr gutes Buch,“ ſagte der Schwarze feierlich.„Miß Fanny hie und da Dina daraus vorleſen.“ „Ihr habt Recht, Cäſar. Die Bibel iſt das beſte von allen Büchern, und ein Mann, der ſo oft darin liest, als Harvey's Vater, muß wohl ſeine Gründe haben, warum er es thut. Das iſt nicht mehr als natürlich.“ Sie erhob ſich von ihrem Sitze, ſtahl ſich leiſe zu einer Kom⸗ mode in dem Zimmer des kranken Mannes, nahm eine große, ſchwer⸗ fällig gebundene und mit ſtarken Meſſingklampen verſehene Bibel heraus und kehrte mit derſelben zu dem Neger zurück. Das Buch wurde haſtig geöffnet und ſie begannen ſogleich, die Blätter durch⸗ zuſehen. Katy war jedoch nichts weniger als eine geübte Leſerin, und Cäſarn waren die Buchſtaben durchaus fremd. Eine Zeit lang war die Haushälterin bemüht, das Wort Matthäus aufzuſuchen, und als ſie es gefunden hatte, zeigte ſie es mit großer Selbſtgefällig⸗ keit dem Neger. „Sehr wohl, nun ſehen es durch,“ ſagte der Schwarze, in⸗ dem er der Haushälterin über die Schulter ſah und ein langes dünnes Licht von gelbem Talg in einer Weiſe hielt, daß es ſein ſchwaches Licht auf die Blätter warf. „Ja, aber ich muß ganz von vorne anfangen,“ erwiederte die andere und blätterte ſorgfältig zurück, bis ſie endlich in der Unge⸗ duld zwei Blätter zumal umſchlug, wo ſie dann am Ende auf eine Seite ſtieß, welche beſchrieben war.„Hier,“ ſagte die Haushäl⸗ terin in bebender Erwartung,„hier ſind ſeine eigenen Worte; ich würde jetzt die ganze Welt darum geben, wenn ich wüßte, wem er die ſchweren ſilbernen Schuhſchnallen vermacht hat.“ „Leſen es,“ ſagte Cäſar lakoniſch. „Und die ſchwarze Wallnußkommode, denn Harvey kann ein ſolches Möbel doch nicht brauchen, ſo lange er ein Junggeſelle iſt.“ „Warum er es nicht brauchen, ſo gut als ſein Vater?“ „Und die ſechs ſilbernen Eßlöffel; Harvey bedient ſich immer eines eiſernen.“ „Vielleicht er es ſagen, ohne ſo viel reden,“ verſetzte der Schwarze nachdrücklich, indem er mit einem ſeiner krummen ſchmutzi⸗ gen Finger auf das Buch deutete. Durch dieſe wiederholte Aufforderung und die eigene Neugierde angetrieben, fing Katy an zu leſen. Um jedoch ſchnell zu dem Theile zu kommen, welcher für ſie am meiſten Intereſſe hatte, be⸗ gann ſie gleich in der Mitte. „Cheſter Birch, geboren den erſten September 1755—“ buch⸗ ſtabirte die Jungfrau mit einer Bedächtigkeit, welche ihrer frühern Gelehrigkeit in der Schule nicht beſonders zur Ehre gereichte. „Gut! was er geben dem?“ „Abigail Birch, geboren den zwöl Haushälterin in derſelben Weiſe fort. „Ich denke, er ihr geben muß die Löffel.“ „Den erſten Juni 1760. An dieſem Schreckenstage entzündete das Strafgericht Gottes mein Haus.—“ Ein ſchweres Aechzen aus dem anſtoßenden Zimmer ließ die Jungfrau unwillkührlich das Buch zuklappen, und Cäſar erbebte einen Augenblick vor Angſt. Keines von Beiden hatte genug Ent⸗ ſchloſſenheit, um nach dem Zuſtande des Leidenden zu ſehen, deſſen ſchweres Athmen jetzt wieder wie früher fortging. Katy wagte es jedoch nicht, die Bibel wieder zu öffnen und legte ſie, nachdem ſie die Klampen ſorgfältig geſchloſſen hatte, ſchweigend auf den Tiſch. Cäſar griff wieder nach ſeinem Stuhle und bemerkte nach einem furchtſamen Blick durch das Zimmer: „Ich haben glaubt, es gehen aus mit ihm.“ „Nein,“ ſagte Katy feierlich, er wird nicht ſterben, Fluth vorbei iſt oder der erſte Hahn den Morgen ankräht.“ „Armer Mann,“ fuhr der Schwarze fort, indem er ſich noch tiefer in den Kaminwinkel drückte.„Ich hoffen, er ſchlafen ruhig nach ſein Tod.“ „Es würde mich nicht befremden, wenn er es nicht thäte; denn man ſagt, ein ruheloſes Leben laſſe einem auch im Grabe keine Raſt.“ „Johnny Birch ein ſehr guter jeder Mann können ſeyn ein Pfarrer; ſeyn Verſammlung?“ ften Juli 1757—a fuhr die bis die Mann in ſein Weiſe. Nicht denn wenn das, wer wollte „—,—· 2=* och hig ite; abe ticht ollte = 159 Ach, Cäſar, nur der iſt gut, wer gut handelt. Könnt Ihr. V mir ſagen, warum man ehrlich erworbenes Gold in dem Schooß der Erde verbergen ſollte?“ „Ei, ich denken, es muß ſeyn, zu halten Schinder ab, es zu finden. Wenn er wiſſen, wo liegt, warum er es nicht ausgraben?“ „Es mögen Gründe vorhanden ſeyn, welche Ihr nicht einſeht,“ ſagte Katy und rückte den Stuhl ſo, daß ihre Kleider den Zauber⸗ ſtein, unter welchem die Schätze des Hauſirers verborgen lagen, bedeckten; dabei war es ihr aber doch unmsglich, ſich des Sprechens über etwas zu enthalten, was ſie nur ſehr ungerne entdeckt haben würde;„aber eine rauhe Außenſeite birgt oft einen angenehmen Kern.“ Cäſar ſtierte in dem Gebäude umher, denn er fühlte ſich außer Stande, die Bedeutung der Worte ſeiner Gefährtin zu er⸗ gründen, als ſeine rollenden Augen auf einmal bewegungslos wur⸗ den und ſeine Zähne vor Furcht erklapperten. Katy bemerkte ſo⸗ gleich die Veränderung in dem Geſichte des Schwarzen und als ſie ſich umwandte, ſah ſie den Krämer ſelbſt in der Thüre des Zimmers ſtehen. „Iſt er noch am Leben?“ fragte Birch zitternd und augenſchein⸗ lich über die Antwort auf ſeine Frage beſorgt. „Gewiß,“ ſagte Katy, indem ſie haſtig aufſtand und ihm dienſtfertig ihren Stuhl anbot.„Er muß leben bis zum Morgen, oder doch bis die Fluth vorüber iſt.“ Ohne ſich um etwas weiteres als den Umſtand, daß ſein Vater noch am Leben ſey, zu bekümmern, trat der Hauſirer leiſe in das Zimmer des Sterbenden. Das Band, welches Vater und Sohn zuſammenknüpfte, war nicht von gewöhnlicher Art. Sie waren ſich gegenſeitig ihr Alles auf der ganzen weiten Welt. Wenn Katy einige Zeilen weiter geleſen häͤtte, ſo würde ſie die traurige Geſchichte ihrer Mißgeſchicke gefunden haben. Sie hatten mit einem Schlage Wohlſtand und Familie verloren, und von dieſem Tage an bis zur gegenwärtigen Stunde war ihnen Ungemach und Verfolgung auf dem Fuße nachgeſchritten. Harvey trat an's Bette, beugte ſich über daſſelbe und flüſterte mit einer vom Sturm der Gefühle faſt erſtickten Stimme in das Ohr des Kranken: „Vater, kennt Ihr mich?“ Der Vater ſchloß die Augen auf, und ein freudiges Lächeln flog über ſeine bleichen Züge, welches den leichenhaften Ausdruck derſelben, ſo bald es verſchwunden war, nur noch ergreifender her⸗ vorhob. Der Krämer benetzte die trockenen Lippen des Kranken mit einem Stärkungsmittel, welches er mitgebracht hatte, und auf einige Minuten ſchienen ſich die Kräfte des Leidenden wieder neu zu beleben. Er fing an zu reden,— aber nur langſam und mit Anſtrengung. Katy wurde durch die Neugierde zum Schweigen ge⸗ bracht; auf Cäſar übte das Entſetzen den gleichen Eindruck, und Harvey ſchien mit verhaltenem Athem den Worten des ſcheidenden Geiſtes zu lauſchen. „Mein Sohn,“ ſagte der Vater mit hohler Stimme;„Gott iſt eben ſo guädig, als gerecht! Wenn ich den Kelch des Heils in meiner Jugend von meinen Lippen ſtieß, ſo reicht er ihn mir gnä⸗ dig in meinem Alter. Er hat mich gezüchtigt, um mich zu reini⸗ gen, und ich gehe jetzt hin, um mich mit unſern hingeſchiedenen Lieben zu vereinigen. Ueber ein Kleines, mein Kind, wirſt Du allein ſtehen. Ich kenne Dich zu gut, um nicht voraus zu ſehen, daß Du einſam durch's Leben pilgern wirſt. Das gebrochene Rohr mag wohl grünen, aber es wird ſich nicht wieder aufrichten. Du trägſt etwas in Dir, Harvey, was Dich auf den rechten Weg führen wird. Fahre fort, wie Du angefangen; denn die Pflichten des Lebens dürfen nicht vernachläßigt werden— und—“ Ein Geräuſch in dem anliegenden Zimmer unterbrach den ſter⸗ benden Mann, und der ungeduldige Krämer eilte hinaus, um nach der Urſache deſſelben zu ſehen, wobei ihm Katy und Cäſar folgten. Der erſte Blick auf eine in der Thüre ſtehende Geſtalt verkündigte dem Krämer nur zu gut den Grund der Störung und das Schickſal A N te le — 4 f Vr welches ſeiner wahrſcheinlich harrte. Der Eindringling war ein Mann in den jüngeren Jahren, obgleich ſeine Geſichtszüge auf ein von ſchlimmen Leidenſchaften durchwühltes Gemüth ſchließen ließen. Sein Anzug war ſo ſchlecht, zerriſſen und unſcheinbar, daß ſich daraus wohl eine verſtellte Armuth erkennen ließ. Sein Haar war frühzeitig ergraut und das tiefliegende düſtere Auge zeigte nichts von dem kühnen offenen Blicke der Unſchuld. Es war eine Unruhe in ſeinen Bewegungen und eine Aufregung in ſeinem Benehmen, welche das Schaffen einer verderbten Seele verriethen und die einen eben ſo unangenehmen Eindruck auf Andere machten, als er ſelbſt ſie wohl ſchmerzlich in ſeinem Innern fühlte. Dieſer Mann war der berüchtigte Führer einer der vielen Gaunerbanden, welche aus Ver⸗ brechern jeder Art, von dem einfachen Dieb an bis zum Möoͤrder, beſtanden und unter dem Vorwande des Patriotismus das Land un⸗ ſicher machten. Hinter ihm ſtanden mehrere andere eben ſo geklei⸗ dete Geſtalten, deren Züge jedoch nichts weiter, als die Gleich⸗ gültigkeit einer viehiſchen Nohheit ausdrückte. Alle waren mit Mus⸗ keten und Bajonetten bewaffnet und mit dem gewöhnlichen Wehr⸗ bedarf des Fußvolkes verſehen. Harvey ſah wohl ein, daß Widerſtand hier vergebens ſey, und fügte ſich ruhig ihrem Begehren. In einem Augenblick war er und Cäſar ihrer beſſeren Kleider beraubt, wo⸗ gegen ihnen zum Austauſche die der zwei Schmutzigſten aus der Bande überlaſſen wurden. Dann führte man ſie in zwei verſchie⸗ dene Zimmerecken, ſetzte ihnen die Musketenmündungen auf die Bruſt und forderte ſie auf, alle Fragen, welche man an ſie richten würde, gewiſſenhaft zu beantworten. „Wo iſt Dein Pack?“ war die e rſte Frage an den Krämer. „Hört mich,“ ſagte Harvey zitternd vor innerer Erregung; „im nächſten Zimmer liegt mein Vater im Todeskampfe. Laßt mich zu ihm gehen, ſeinen Segen empfangen, ſeine Augen zudrücken— und Ihr ſollt Alles haben— ja, Alles.“ „Antworte mir auf meine Frage, oder dieſe Muskete wird Der Spion. 3. Aufl. 11 162 Dich in den Stand ſetzen, dem alten Fasler Geſellſchaft zu leiſten. Wo iſt Dein Pack?“ „Ich werde Euch nichts ſagen, wenn Ihr mich nicht zu meinem Vater laßt,“ ſagte der Hauſtrer entſchloſſen. Sein Peiniger erhob mit boshaftem Hohnlachen den Arm und war im Begriff, ſeine Drohung in Vollzug zu ſetzen, als ihn einer ſeiner Gefährten zurückhielt. „Was willſt Du thun?“ ſagte er;„haſt Du denn die Beloh⸗ nung ganz vergeſſen? Sag' uns, Birch, wo Deine Habſeligkeiten find, und Du darfſt zu Deinem Vater gehen!“ Birch willfahrte ſogleich, und einer der Geſellen wurde abge⸗ ſchickt, um die Beute aufzuſuchen. Er kam bald wieder zurück, warf den Bündel auf die Flur, und ſchwur, daß er federleicht ſey. „Ha,“ rief der Anführer,„dann muß ſich das Gold irgendwo finden, welches er für den Inhalt gelöst hat. Gib uns Dein Gold, Meiſter Birch; wir wiſſen, daß Du haſt, denn Du biſt mit dem papiernen Continentalgeld nicht zufrieden— nein, ſicher nicht.“ „Ihr brecht Euer Wort,“ ſagte Harvey. „Gib uns Dein Gold,“ rief der Andere wüthend und ſtieß mit dem Bajonette nach dem Krämer, bis den Stößen das Blut in Strömen folgte. In dieſem Augenblick ließ ſich eine leichte Bewegung in dem nächſten Zimmer vernehmen und Harvey ſchrie bittend:. „Laßt mich— laßt mich zu meinem Vater gehen, und Ihr ſollt Alles haben.“ 4 „Ich ſchwöre, daß ich Dich dann gehen laſſen will,“ ſagte der Schinder. „Da habt Ihr den Bettel,“ rief Birch und warf den Beutel, den er ungeachtet des Kleidertauſches zu verbergen gewußt hatte, von ſich.. Der Räuber nahm ihn mit hölliſchem Lachen von dem Boden auf und ſprach:. lich nen bra der gen dem der Vat toͤne ten, an f das Zum welch ange zu gr laſſen kamp mehre Du h Wenn der ſe 7 Kräme tleiſten. meinem lrm und hn einer Beloh⸗ ligkeiten he abge⸗ zurück, ſcht ſey. gendwo s Dein biſt mit iicht.“ d ſtieß s Blut leichte ſchrie ud Ihr gte der Beutel, hatte, Boden „Ja, aber zu Deinem Vater im Himmel vill ich Dich ziehen laſſen.“ „Ungeheuer! Haſt Du kein Gefühl, keine Treue, keine Ehr⸗ lichkeit?“ „Wenn man den hört, ſollte man glauben, er habe noch kei⸗ nen Strick um den Hals gehabt,“ ſagte der Andere lachend.„Ihr braucht Euch nicht ſo ſehr zu beunruhigen, Meiſter Birch. Wenn der alte Mann Euch auch um einige Stunden den Vorſprung ab⸗ gewinnt, ſo konnt Ihr ſicher ſeyn, daß Ihr ihm morgen noch vor dem Mittageſſen folgen werdet.“ Dieſe gefühlloſe Rede übte keine Wirkung auf den Hauſirer, der mit verhaltenem Athem auf jeden Ton aus dem Zimmer ſeines Vaters lauſchte, bis er ſeinen eigenen Namen mit hohlen Grabes⸗ toͤnen ausſprechen hörte. Jetzt konnte Birch ſich nicht länger hal⸗ ten, ſondern rief in ſchneidendem Tone: „Vater! weg— Vater! ich komme— ich komme, und ſtürzte an ſeinem Hüter vorbei, war jedoch im nächſten Augenblick durch das Bajonet eines andern aus der Bande an die Wand geſpießt. Zum Glücke entkam er durch die raſche Bewegung dem Stoße, welcher es auf ſein Leben abgeſehen hatte, ſo daß er nur durch die angehefteten Kleider feſtgehalten wurde. „Nein, Meiſter Birch,“ ſagte der Schinder,„wir kennen Dich zu gut als einen aalglatten Schelm, um Dich aus dem Geſichte zu laſſen.— Dein Gold! Dein Gold!“ „Ihr habt es bereits,“ ſagte der Krämer im herbſten Seelen⸗ kampfe. „Ja, wir haben den Beutel; aber wir wiſſen, daß Du deren mehrere führſt. Koͤnig Georg iſt ein pünktlicher Zahlmeiſter und Du haſt ihm manchen guten Dienſt geleiſtet. Wo iſt Dein Schatz? Wenn Du ihn nicht auslieferſt, wirſt Du Deinen Vater nie wie⸗ der ſehen.“ „Nehmt den Stein unter jenem Weibe dort weg,“ rief der Krämer haſtig— „nehmt den Stein weg!“ „Er iſt wahnſinnig! er iſt wahnſinnig!“ ſagte Katy, indem ſie mit inſtinktartiger Schnelle den Stein verließ und auf einen andern trat. In einem Augenblick war dieſer aufgeriſſen, aber es fand ſich nichts als Erde darunter. „Er rast! Ihr habt ihn um den Verſtand gebracht,“ fuhr die zitternde Haushälterin fort.„Würde ein Mann, der bei Sinnen iſt, ſein Gold unter dem Herd verſcharren?“ „Schweig', plauderhafte Thörin!“ rief Harvey.„Hebt den Eckſtein auf, und Ihr findet, was Euch reich und mich zum Belller machen wird.“ 4 „Und dazu zu einem recht verächtlichen,“ ſagte die Haushäl⸗ terin bitter,„denn ein Krämer ohne Waaren und ohne Geld hänet aller Welt zum Geſpötte umher.“ „Es wird immer noch genug übrig bleiben, um einen Strick für ihn zu bezahlen,“ erwiederte der Schinder, welcher nicht läſſig war, Harvey's Anweiſung zu befolgen, und bald auf einen Volrrach engliſcher Guineen ſtieß. Das Gold wurde ſchnell in einen Sack gefüllt, ungeachtet der Einſprache der Jungfrau, welche erklärte, daß ſie für ihre Dienſtleiſtungen noch nicht bezahlt ſey und daß zehn Guineen davon von Rechtswegen ihr Eigenthum ſeyen. Entzückt von einer Beute, welche ihre Erwartungen bei weitem überſtieg, ſchickte ſich die Bande zum Abzug an, indem ſie beab⸗ ſichtigte, den Krämer an die amerikaniſchen Truppen auszuliefern und die auf ſeine Ergreifung geſetzte Belohnung anzuſprechen. Alles war bereit und ſie wollten Birch, welcher ſich entſchloſſen weigerte, auch nur einen Zoll breit von der Stelle zu gehen, auf den Armen fortbringen, als in ihrer Mitte eine Geſtalt erſchien, welche auch den Muthigſten dieſer Unholde erſtarren machte. Der Vater hatte ſich von ſeinem Lager erhoben und war dem Angſtruf ſeines Sohnes nachgewankt. Um ſeinen Körper war das Betttuch ge⸗ worfen und das ſtarre Auge und die hageren Züge gaben ihm das Ausſehen eines Weſens aus einer andern Welt. Selbſt Katy und⸗ Cäſa flüch erſchr hatte den 2 ſchleu 4 ſeine L Harve Athem 7 n Stunde Mißgef ihn ie über der auf die Blick in goß, u an eine Die weſen, u artig von dem Hau gann mit „O in's Gral ihm keine Stelle, we „Ich ſagte der „Es dem ſie andern s fand ihr die Sinnen öt den Beltter ushäl⸗ b län 5* Strick läſſig orrach Sack klärte, d daß veitem beab⸗ iefern echen. loſſen „ auf ſchien, Vater ſeines ) ge⸗ n das und 165 Cäſar hielten die Erſcheinung für den Geiſt des alten Birch; ſie flüchteten ſich ſchreiend aus dem Hauſe und die ganze Schaar der erſchreckten Schinder ſtürzte ihnen nach. Die Aufregung, welche dem kranken Manne Kraft gegeben hatte, ſchwand jedoch bald wieder, und der Hauſirer trug ihn auf den Armen nach ſeinem Bette. Die nun folgende Abſpannung be⸗ ſchleunigte den Schluß der Scene. Das ſtarre Auge des Vaters war ſeine Lippen bewegten ſich, aber kein Laut Harvey auf den Sohn gerichtet; entſtrömte ſeinem Munde. beugte ſich zu ihm nieder und empfing mit dem letzten Athemzug den Segen des ſterbenden Vaters. Ein Leben voll Ent⸗ noe und Ungemach verbitterte die meiſten der nachfolgenden Stunden bes Hauſirers. Aber unter keinem Leiden, unter keinem Mißgeſchick, welches Armuth und Verkennung ihm bereitete, hat ihn ie Erinnerung an dieſen Segen verlaſſen. Er leuchtete ſtets über den Bildern der Vergangenheit und warf ſeine heiligen Strahlen auf die trübſten Stunden innerer Verzweiflung; er erheiterte ſeinen Blick in die Zukunft, indem er ihm fromme Gebete in die Seele goß, und beruhigte das ſturmbewegte Herz durch die Erinnerung an eine treulich geübte Kindespflicht. Die Flucht Cäſars und der Haushälterin war zu ſchnell ge⸗ weſen, um viel Ueberlegung zuzulaſſen; doch hatten ſie ſich inſtinkt⸗ artig von den Schindern getrennt. Als ſie eine kleine Strecke von dem Hauſe entfernt waren, hielten ſie an, und die Jungfrau be⸗ gann mit feierlicher Stimme: „O Cäſar! war es 1 in's Grab gelegt wurde? ihm keine Ruhe ließ. M Stelle, wo er in dem vor „Ich nie mir denken, ſagte der Afrikaner, „Es könnte w nicht ſchrecklich, daß er umging, ehe er noch Es muß das Geld geweſen ſeyn, was an ſagt, Kapitaͤn Kidd ſpucke noch an der igen Kriege Geld vergraben habe.“ daß Johnny Birch haben ſo groß Aug!“ deſſen Zähne noch von Furcht klapperten. ahrlich eine lebende Seele zum Wahnſinn bringen, ſo viel Geld zu verlieren. Harvey iſt nun gar nichts mehr, als ein verächtlicher, bettelhafter Wicht. Mich ſoll es Wunder nehmen, wer ihm in Zukunft nur die Haushaltung führen mag!“ „Vielleicht ein Geſpenſt Harvey auch nehmen weg,“ bemerkte Cäſar, indem er ſich näher an die Seite der Jungfrau drückte. Aber ein neuer Gedanke hatte die Einbildungskraft der letzteren ergriffen. Sie hielt es nicht für unwahrſcheinlich, daß die Beute in der Verwirrung der Flucht vergeſſen worden ſey, und nachdem ſie ſich einige Zeit mit Cäſar hin und her berathen hatte, beſchloſſen beide, ſich zurück zu wagen, über dieſe wichtige Thatſache Gewiß⸗ heit einzuziehen und wo möglich ſich nach dem weiteren Schickſale des Hauſirers zu erkundigen. Sie näherten ſich langſam und vor⸗ ſichtig dem gefürchteten Orte, und da die Jungfrau kluger Weiſe der Rückzugslinie der Schinder folgte, ſo wurde jeder Stein darum angeſehen, ob er nicht der verlaſſene Goldhaufen ſey. Aber ob⸗ gleich der augenblickliche Schrecken und das Geſchrei Cäſar's Jene zu einer haſtigen Flucht veranlaßt hatte, ſo hielten ſie ihren Mammon doch mit ſo feſten Griffen, daß er ihnen von dem Tode ſelbſt nicht wieder abgejagt worden wäre. Da in dem Hauſe alles ruhig war, bot endlich Katy aller ihrer Entſchloſſenheit auf und trat in die Wohnung ein, wo ſie den Hauſirer mit ſchwerem Herzen die letzten traurigen Pflichten gegen den Todten erfüllen ſah. Wenige Worte genügten, um Katy ihren Irrthum zu benehmen; aber Cäſar fuhr bis zu ſeinem Tode fort, die ſchwarzen Bewohner ſeiner Küche mit gelehrten Abhandlungen über Geſpenſter in Verwunderung zu ſetzen und zu erzählen, wie ſchrecklich das Ausſehen von Johnny Birch geweſen ſey. Die Gefahr nöthigte den Krämer, ſogar die wenige Zeit, welche der amerikaniſche Brauch zu Beſtattung eines Hingeſchiedenen zu⸗ läßt, abzukürzen, und unter Katy's und des Schwarzen Beihülfe wurde das traurige Geſchäft bald beendigt. Cäſar übernahm frei⸗ willig den Gang einiger Meilen zu Beſtellung eines Sarges und der eine flüc als um grif eine de L wenn und Sch Seel mit d die's ich m Whar das„ aus d einen 2 Ritzt wieder ehr, als nehmen, bemerkte drückte. letzteren e Beute nachdem ſchloſſen Gewiß⸗ ſchickſale nd vor⸗ r Weiſe darum ber ob⸗ Jene zu Lammon jſt nicht ig war, tin die letzten Worte ar fuhr che mit u ſetzen ) Birch welche nen zu⸗ Zeihülfe m frei⸗ es und der Leichnam blieb in ſeinem gewöhnlichen Anzug, anſtändig mit einem Bettuch bedeckt, liegen, bis der Bote zurückkam. Die Schinder hatten ſich Hals über Kopf nach dem Walde ge⸗ flüchtet, der nur in kurzer Entfernung von Birch's Hauſe lag, und als ſte ſich im Schutze ſeiner Schatten befanden, machten ſie Halt, um ſich von ihrem paniſchen Schrecken zu erholen. „Was, in des Teufels Namen, hat eure feigen Herzen er⸗ griffen?“ rief der unmuthige Führer faſt athemlos. „Die nämliche Frage möchte ich an Dich thun,“ entgegnete einer der Geſellen trotzig. „Eurer Furcht nach glaubte ich, es ſey uns ein Trupp von de Lancey's Leuten auf der Ferſe. O, ihr ſeyd tapfere Herren, wenn es an's Laufen geht!“ „Wir folgen unſerm Hauptmanne!“ „Dann folgt mir wieder zurück! Laßt uns den Schuft greifen und den Lohn gewinnen.“ „Ja; und bis wir das Haus erreichen, wird der ſchwarze Schurke den tollen Virginier gegen uns aufgebracht haben. Mein Seel', ich will's lieber mit fünfzig Kühjungen zu thun haben, als mit dieſem einzigen.“ „Thor!“ rief der erzürnte Führer,„weißt Du nicht, daß Dunwoo⸗ die's Reiterei an den Kreuzwegen iſt, volle zwei Meilen von hier?“ „Ich kümmre mich nichts d'rum, wo die Dragoner ſind, aber ich will darauf ſchwören, daß ich Kapitän Lawton in des alten Wharton's Haus gehen ſah, während ich eine Gelegenheit abpaßte, das Pferd des brittiſchen Obriſten aus dem Stall zu holen.“ „Und wenn er käme, würde eine Kugel ſo einen Dragoner aus dem Süden nicht eben ſo gut zum Schweigen bringen, als einen aus Alt⸗England?“ „Ja; aber es iſt nicht gut, in ein Horniſſen⸗Neſt zu ſtechen. Ritzt einem von dieſem Corps nur die Haut und ihr werdet nie wieder ruhig bei Nacht auf's Fouragiren gehen.“ ſ „Sey's d'rum,“ brummte der Führer, während ſie ſich tiefer in den Wald zogen;=ndieſer einfältige Hauſirer wird bleiben, um den alten Teufel begraben zu ſehen; und obgleich wir ihn beim Leichenbegängniß nicht berühren dürfen(denn das würde jedes alte Weib und jeden Pfaffen in Amerika gegen uns in den Harniſch jagen), ſo wird er doch bleiben, um nach ſeinen Habſeligkeiten zu ſehen, und ſo mag dann die morgige Nacht allen ſeinen Bekümmer⸗ niſſen ein Ende machen.“ Mit dieſer Drohung zogen ſie ſich in einen ihrer gewöhnlichen Schlupfwinkel zurück, bis ihnen etwa die Dunkelheit Gelegenheit gab, auf das Eigenthum irgend eines Staatsangehörigen einen Angriff zu üben, ohne eine Entdeckung befürchten zu müſſen. Eilftes Kapitel. O weh! o weh! o grauſenvoller Tag, O Jammertag! o qualenvollſter Tag, Den ich in meinem Leben je geſchaut! O Tag! o Tag! o Tag! Verhaßter Tag! Nie gab es einen Tag ſo ſchwarz als dieſen! O Schreckenstag! o Schreckenstag! Romeo. Vie Familie in den Locuſten hatte geſchlafen oder gewacht, ohne von den beunruhigenden Auftritten in Birch's Wohnung die mindeſte Kunde zu erhalten. Die Einbrüche der Schinder wurden immer ſo im Geheim betrieben, daß den Beraubten nicht nur jeder Beiſtand abgeſchnitten, ſondern auch oft durch die Drohung zu⸗ künftiger Plünderungen die mitleidige Theilnahme der Nachbarn ver⸗ kümmert wurde. Die Damen waren wegen der Vermehrung der häuslichen Geſchäfte eine Stunde früher als gewohnlich aufgeſtan⸗ den und Kapitän Lawton hatte gleichfalls, trotz ſeines leidenden Körpers, ſein Lager verlaſſen, da er nie von der Regel abging, nich den ſicht hatt Sin vern am ung auf mere weg eine rückl erinn Die melt Nebe bega Hau Befit aus deren tauch etwa Ungl öffnen Grar beſän Miß welch ſelbſt ſie ſa tiefer , um beim s alte arniſch ten zu nmer⸗ lichen enheit einen en! acht, g die arden jeder zu⸗ ver⸗ der ſtan⸗ nden ing, nicht länger als ſechs Stunden zu ſchlafen. Dieß war einer von den wenigen Punkten der Geſundheitspflege, in welchen die An⸗ ſichten des Reiters und des Arztes ſtets harmonirten. Der Doktor hatte die ganze Nacht durch, ohne ein Auge zu ſchließen, an Kapitän Singleton's Bette gewacht. Gelegenheitlich wollte er auch dem verwundeten Engländer einen Beſuch machen; da dieſer aber mehr am Geiſte als am Körper leidend war, ſo wurde dieſe Störung ſehr ungnädig aufgenommen. Einmal wagte es auch der Doktor, ſich auf einen Augenblick leiſe an das Bette ſeines widerſpenſtigen Ka⸗ meraden zu ſtehlen, und es war ihm beinahe geglückt, ſeine Hand wegzukriegen, um den Puls zu fühlen, als der träumende Dragoner einen ſchrecklichen Fluch ausſtieß, welcher den klugen Chirurgen zu⸗ rückbeben machte und ihn an die in dem Corps verbreitete Sage erinnerte, daß Kapitän Lawton immer nur mit einem Auge ſchlafe. Die ganze Gruppe hatte ſich in einem der Geſellſchaftszimmer verſam⸗ melt, als die Sonne ſich über die öſtlichen Berge erhob und die Nebelmaſſen, welche die Niederungen einhüllten, zu zerſtreuen begann. Miß Peyton blickte aus einem Fenſter nach der Hütte des Hauſirers hin und drückte ihre theilnehmende Beſorgniß über das Befinden des kranken Mannes aus, als plötzlich die Geſtalt Katy's aus dem dichten Schleier einer an der Erde hinziehenden Wolke, deren Nebel in den heiteren Strahlen der Sonne verſchwanden, auf⸗ tauchte und in haſtigen Schritten auf die Locuſten zueilte. Es lag etwas in dem Aeußern der Haushälterin, was ein ungewöhnliches Unglück verkündete und die gutherzige Wirthſchafterin in den Locuſten öffnete die Thüre des Zimmers mit der wohlwollenden Abſicht, den Gram, welcher ſo mächtig auf der Beſuchenden zu laſten ſchien, zu beſänftigen. Ein näherer Blick auf Katy's verſtörte Züge befeſtigte Miß Peyton in ihrem Glauben, und mit der Erſchütterung, welche edle Gemüther bei einer plötzlichen und ewigen Trennung ſelbſt von dem geringſten ihrer Bekannten ſtets erfahren, fragte ſie ſchnell: „Katy, iſt er dahingegangen?“ „Nein, Madame,“ antwortete die verſtörte Jungfer mit großer un Bitterkeit,„er iſt noch nicht gegangen; aber jetzt kann er gehen ku ſobald es ihm beliebt, denn das Schlimmſte iſt ſchon geſchehen or Ich glaube in der That, Miß Peyton, ſie haben ihm nicht ſo viel Geld gelaſſen, um einen andern Anzug zu Bedeckung ſeiner Blöße ha kaufen zu können, denn ich kann Ihnen ſagen, der, welchen er Ta gegenwärtig hat, iſt keiner von den beſten.“ um „Wie?“ rief die Andere erſtaunt,„konnte Jemand das Herz wir haben, einen Mann in ſolcher unglücklichen Lage zu berauben?“ „Herz?“ wiederholte Katy nach Luft ſchnappend;„Leute wie hab dieſe haben gar keine Eingeweide. Berauben und Unglück, in der That! Ach, Madame, in dem eiſernen Topf lagen offen, vor Erg meinen Augen, vier und fünfzig Guineen in Gold, außer dem, was meh noch unten lag und was ich nicht zählen konnte, ohne mich der Hände meit zu bedienen. Auch berührte ich es nicht gerne, denn es gibt da und ſo ein Sprüchlein; aber dem Anſehen nach konnte es nicht weniger mir als zweihundert Guineen geweſen ſeyn, das was ſich in dem hirſchleder⸗ Rech nen Beutel befand, nicht mitgerechnet. beſſer, als ein Bettler, und ein Bettler, als allerverächtlichſte Geſchöpf auf Gottes Erdboden.“ „Armuth iſt bemitleidenswerth, aber nicht verächtlich,“ ſagte „es die Dame, ohne den ganzen Umfang des Unglücks begreifen zu nehm können, das ihren Nachbar in der letzten Nacht überfallen hatte.„Aber obgle was macht der alte Mann? Geht ihm ſein Verluſt ſehr zu Herzen?“ gehör Katy's Züge verloren den natürlichen Ausdruck der Sorge und Lawtt gingen in den der Trauer über, als ſte antwortete: unter „Er iſt glücklich allen Erdenleiden entnommen ; das Klingen leicht des Geldes holte ihn noch einmal aus dem Bette heraus, und die theil Erſchütterung war zu heftig für ſeine arme Seele. Er ſtarb un⸗ 2 gefähr zwei Stunden und zehn Minuten vor dem Hahnenruf, ſo„Ihr weit wir das angeben können.—⸗ Katy nit großer er gehen, geſchehen. t ſo viel er Blöße lchen er as Herz den?“ ute wie in der n, vor n, was Hände ibt da deniger Pleder⸗ wenig ſt das ſagte n zu Aber 1 2, und igen die un⸗ ſo 171 Sie wurde durch den Arzt unterbrochen, welcher herbeikam und ſich mit großem Antheil nach der Natur ſeiner Krankheit er⸗ kundigte. Nach einem Blick auf die Geſtalt des neuen Bekannten ordnete Katy inſtinktartig ihren Anzug und erwiederte: Die Drangſale der Zeit und der Verluſt ſeines Vermögens haben ihn auf's Krankenlager geworfen. Er nahm von Tag zu Tag mehr ab, und alle meine Bemühungen und Aengſten waren umſonſt; denn Harvey iſt jetzt nicht mehr als ein Bettler, und wer wird mich nun fur alle meine Dienſtleiſtungen bezahlen?2“ „Gott wird Euch für alles Gute, was Ihr an ihm gethan habt, belohnen;“ ſagte Miß Peyton mit Milde. „Ja,“ fiel die Jungfrau haſtig und mit einer Miene frommer ſchnell dem bezeichnenden Ausdruck einer mehr weltlichen Sorge Platz machte;„aber dann habe ich auch meinen Lohn von drei Jahren her in Harvey's Händen gelaſſen, und wie ſoll ich nun wieder zu dem gelangen? Meine Brüder ſagten mir zwar oft, ich ſolle mein Geld verlangen; aber ich dachte immer, Rechnungen zwiſchen Verwandten ſeyen bald abgemacht.“ „Seyd Ihr denn mit Birch verwandt?“ bemerkte Miß Peyton, als jene inne hielt. „Ach,“ erwiederte die Haushalterin nach einem kleinen Zögern, „es war nach meiner Meinung faſt eben ſo. Es ſoll mich Wunder nehmen, wenn ich nicht das Haus und den Garten anſprechen kann, obgleich man jetzt ſagt, es werde ohne Zweifel, da es nun Harvey gehört, mit Beſchlag belegt werden.“ Sie wandte ſich nun an Lawton, welcher ſchweigend daſaß und ſeine durchbohrenden Blicke unter den dichten Augbrauen hervor auf ihr haften ließ.„Viel⸗ leicht weiß mir dieſer Herr Auskunft zu geben— er ſcheint An⸗ theil an meiner Geſchichte zu nehmen.“ „Madame,“ ſagte der Reiter mit einer tie „Ihr und Eure Erzählung, beides i*ſt außerordentli Katy lächelte unwillkührlich— fen Verbeugung: ch anziehend“— „aber meine geringen Kenntniſſe erſtrecken ſich auf nichts Weiteres, als eine Schwadron in's Feld zu führen und ſie dort zu gebrauchen. Ich möchte Euch aber den Doktor Archibald Sitgreaves empfehlen; das iſt ein Herr von umfaſſendem Wiſſen und unbegränzter Menſchenliebe— die wahre Milch menſchlicher Sympathieen und ein Todfeind aller nicht wiſſen⸗ ſchaftlichen Schnitte!“ Der Wundarzt gab ſich eine Würde und pfiff, während er einige Arzneifläſchchen auf dem Tiſche betrachtete, ein Liedchen vor ſich hin; die Haushälterin aber verbeugte ſich gegen ihn und fuhr fort: „Ich denke, Sir, ein Weib hat von ihres Mannes Eigenthum kein Leibgeding anzuſprechen, wenn ſie nicht wirklich verheirathet waren?“ Sitgreaves hatte den Grundſatz, daß man keinen Zweig des Wiſſens verachten dürfe, und war daher in allen Dingen, wenn ſte auch nichts mit ſeiner Kunſt zu thun hatten, erfahren. Zuerſt er⸗ hielt ihn der Unwille über den Spott ſeines Kameraden ſchweigend; aber plötzlich änderte er ſeinen Vorſatz und antwortete der Fragerin mit einem gutmüthigen Lächeln: „Meiner Anſicht nach nicht. Wenn der Tod Eurer Hochzeit zuvorgekommen iſt, ſo fürchte ich, gibt es kein Gegenmittel gegen den ſtrengen Spruch des Rechts.“ Dieſes klang Katy angenehm, obgleich ſie von dem Ganzen nichts als die Worte„Tod“ und„Hochzeit“ verſtand. Auf dieſe Theile der Rede richtete ſie alſo ihre Antwort.. „Ich glaubte, er warte nur auf den Tod des alten Herrn, um zu heirathen,“ ſagte die Haushälterin mit niedergeſchlagenen Augen;„aber jetzt iſt er nichts als ein verächtlicher Burſche, oder was daſſelbe iſt, ein Krämer ohne Haus, Waaren und Geld. Es moͤchte einem Manne in ſolchen Verhältniſſen wohl ſchwer fallen, ein Weib zu kriegen.— Meinen Sie das nicht auch, Miß Peyton?“ mit ſicht Ern Sto den Krand der Fe einnin 7 ſie der aber n aber fi haltung 2,2 Behand hatte er „K hat ſein De fuhr in O „—‿ zuſehen. rend ſein „Un etwas wi „Ich kümmere mich wenig um ſolche Dinge, mit einiger Würde. Während dieſes Zwiegeſprächs hatte Ka ſicht und das Benehmen der Haushäͤlterin mit Ernſte betrachtet, und beſorgend, die Unterhaltung möchte in's Stocken gerathen, fragte er ſcheinbar mit großer Theilnahme: „Ihr glaubt alſo, daß es Alter und Gebrechlichkeit war, was den alten Herrn zuletzt hingerafft hat?“ „Und die unruhigen Zeiten. Unruhe laſtet ſchwer auf einem Krankenbette; aber ich denke, ſeine Zeit war um, und wenn das der Fall iſt, ſo liegt wenig daran, von welchem Do kto einnimmt.“ „In dieſer Hinſicht muß ich Euch ſie der Wundarzt.„Es i aber wir dürfen uns des Gefahren, welche uns zuſtoßen, zu begegnen, bis— „Wir secundum artem ſterben können,“ Der Arzt würdigte dieſe Bemerkung keiner aber für der Würde ſeiner Kunſt angemeſſen er haltung fortzuführen, ſo fügte er bei: „Vielleicht hätte in dem gegenwärtigen Falle eine umſichtige Behandlung das Leben des Patienten verlängern können. Was hatte er für einen Beiſtand?“ „Keinen,“ entgegnete die H hat ſeinen letzten Willen in dem Der Wundarzt achtete nicht fuhr in ſeinen Fragen fort: „Ohne Zweifel iſt es weiſe, zuſehen. Aber unter w rend ſeiner Krankheit?“ „Unter der meinigen,“ antwortete Katy, indem fie ſich ein etwas wichtiges Anſehen gab.„Aber ich kann wohl ſagen, daß “ ſagte die Dame pitän Lawton das Ge⸗ einem höchſt komiſchen r man Arznei zurecht weiſen,“ unterbrach ſt zwar wahr, wir müſſen alle ſterben, Lichts der Wiſſenſchaft bedienen, um den rief der Dragoner. An twort; da er es achtete, die Unter⸗ aushälterin ſchnell.„Ich hoffe, er Teſtament niedergelegt.“ auf das Lächeln der Damen und ſich auf den Fall des Todes vor⸗ eſſen Pflege ſtand der Hingeſchiedene waͤh⸗ es weggeworfene Mühe war, denn Harvey iſt ein zu erbärmlicher Burſche, um mich gegenwärtig in irgend einer Weiſe ſchadlos halten zu können.“ Die wechſelſeitigen Mißverſtändniſſe ſtörten die Unterhaltung nur wenig, denn beide glaubten ſich wenigſtens großentheils zu verſtehen, und Stitgreaves verfolgte den Gegenſtand weiter. „Und wie habt Ihr ihn behandelt?“ „Mit Liebe und Freundlichkeit, Sie können ſich darauf ver⸗ laſſen,“ ſagte Katy etwas empfindlich. „Der Doktor meint die mediciniſche Behandlung, Madame,“ bemerkte Kapitän Lawton mit einem Geſichte, welches dem Leichen⸗ begängniſſe des Hingeſchiedenen Ehre gemacht haben würde. „Ich dokterte ihn meiſtens mit Kräutern,“ ſagte die Haushäl⸗ terin mit einem Lächeln über ihren Irrthum. „Mit simplicibus alſo,“ erwiederte der Wundarzt;„ſte ſind in den Händen der Laien beſſer, als die eingreifenderen Mittel. Aber warum brauchtet Ihr keinen regulären Beiſtand?“ „Ach, du mein Gott, Harvey hat ſchon genug wegen ſeines häufigen Verkehrs mit den Reg'’lern gelitten,“ verſetzte die Haus⸗ hälterin;„er hat ſein Alles verloren und muß nun als ein Vaga⸗ bund durch's Land ziehen; und ich habe allen Grund, den Tag zu bereuen, an dem ich je die Schwelle ſeines Hauſes betrat.“ „Doktor Sitgreaves meint nicht einen regulären Soldaten, ſondern einen regulären Arzt, Madame,“ ſagte der Reiter. „Oh!“ rief die Jungfrau ſich ſelbſt verbeſſernd;„aus dem triftigſten aller Gründe— weil keiner zu haben war, und ſo über⸗ nahm ich denn ſelber ſeine Pflege. Wenn ein Doktor zur Hand geweſen wäre, ſo hätten wir ihn gewiß gerne gebraucht. Was mich anbelangt, ſo bin ich wegen des Dokterns bekannt, obgleich Harvey ſagt, ich bringe mich mit Arzneien unter den Boden; aber ich wette, er kümmert ſich wenig darum, ob ich lebe oder ſterbe.“ „Ihr zeigt darin Euern Verſtand,“ ſagte der Wundaͤrzt, inde Fuß hielt ben. man ſchaf die zu b doch ſehr fuhr die( ich i den der wund Tag leuch Bekã unter wiſſen Katy wie welch belehr dürfe. einem zu er! ſcher dlos tung zu ver⸗ ne,“ hen⸗ häl⸗ ſind ittel. ines aus⸗ aga⸗ g zu aten, dem iber⸗ Hand Was leich aber rbe.“ darzt, indem er ſich der Jungfran näherte, welche ihre Handflächen und Fußſohlen der belebenden Hitze eines tüchtigen Feuers entgegen hielt, um in ihren Herzensnöthen wenigſtens einigen Troſt zu ha⸗ ben.„Ihr ſcheint mir eine kluge, verſtändige Frau zu ſeyn, und manche, welche Gelegenheit haben, ſich richtigere Anſichten zu ver⸗ ſchaffen, würden wohl gut thun, Euch um Euere Kenntniſſe und die Achtung, welche Ihr gegen das Licht der Wiſſenſchaft habt, zu beneiden.“ Obgleich ihn die Haushälterin nicht ganz verſtand, ſo ſah ſie doch ein, daß er ihr eine Artigkeit geſagt habe; ſie war daher ſehr erfreut über ſeine Worte, und durch dieſelben aufgemuntert fuhr ſie lebhafter fort: 3. „Man hat mir immer nachgeſagt, es fehle mir nichts, als die Gelegenheit, um einen ganzen Arzt aus mir zu machen. Ehe ich in das Haus von Harvey's Vater kam, nannte man mich nur den Schürzendoktor!“ „Mehr wahr, als höflich, möchte ich behaupten,“ entgegnete der Wundarzt, welcher den Charakter des Weibes aus lauter Be⸗ wunderung vor dem Reſpect, welchen ſie gegen die Heilkunſt an den Tag legte, ganz aus dem Geſichte verlor.„In Ermangelung er⸗ leuchteterer Rathgeber iſt die Erfahrung verſtändiger Matronen bei Bekämpfung der Fortſchritte einer Krankheit hoch anzuſchlagen; unter ſolchen Umſtänden, liebe Frau, iſt es ſchrecklich, gegen Un⸗ wiſſen und Starrſinn ankämpfen zu müſſen.“ „Schlimm genug, wie ich aus eigener Erfahrung weiß,“ rief Katy triumphirend;„Harvey iſt in ſolchen Dingen ſo ſtarrköpfig, wie ein unvernünftiges Thier. Man ſollte denken, die Pflege, welche ich auf ſeinen bettlägerigen Vater verwendete, hätte ihn belehren können, daß man eine gute Abwartung nicht verachten dürfe. Aber er wird es ſchon noch erfahren, was es iſt, wenn in einem Hauſe eine ſorgſame Frau fehlt, obgleich ich weiß, daß er zu erbärmlich iſt, um je wieder ein Haus zu beſitzen.“ „In der That, ich kann mir leicht vorſtellen, wie wehe es Euch thun muß, es mit einem ſo eigenſinnigen Menſchen zu thun zu haben,“ erwiederte der Wundarzt mit einem vorwurfsvollen Blick auf ſeinen Kameraden;„aber Ihr ſolltet Euch über ſolche Meinungen erheben, und die Unwiſſenheit, deren Kinder ſie ſind, nur bemitleiden.“ Die Haushälterin zögerte einen Augenblick, da ihr die Bedeu⸗ tung der Worte des Chirurgen nicht ganz klar war. Sie fühlte jedoch, daß er ihr etwas Höfliches und Freundliches geſagt hatte, und erwiederte, indem ſie den natürlichen Fluß ihrer Zunge ein wenig anhielt: „Ich ſagte Harvey oft, ſein Benehmen ſey verwerflich, und erſt in der letzten Nacht erwahrte ſich meine Behauptung vollſtän⸗ dig. Zwar ſind die Meinungen ſolcher Ungläubigen nicht von be⸗ ſonderer Bedeutung; aber doch iſt es ſchrecklich, wie er ſich zuwei⸗ len beträgt. Wenn ich nur daran denke, wie er mir die Nadel wegwarf—“. „Was?“ unterbrach ſie der Wundarzt,„gibt er ſich das An⸗ ſehen, als ob er den Gebrauch der Nadel verachte? Aber es iſt ja täglich mein Geſchick, auf Leute zu treffen, welche eben ſo ver⸗ kehrt ſind und eine noch ſtrafwürdigere Verachtung gegen die Kenntniſſe an den Tag legen, die aus dem Lichte der Wiſſenſchaft fließen.“ Während der Doktor ſo ſprach, wandte er das Geſicht gegen Lawton; da er aber auf denſelben hinunterblicken mußte, ſo blie⸗ ben ſeine Augen nicht lange auf den abgemeſſenen ernſten Zügen des Reiters haften. Katy hörte mit bewundernder Aufmerkſamkeit zu, und fägte, als der Andere ſeine Standrede geſchloſſen hatte, bei: „Dann glaubt Harvey auch nicht an Ebbe und Fluth.“ „Wie? nicht an Ebbe und Fluth?“ wiederholte der Aesculap verwundert.„Traut er denn ſeinen Sinnen nicht? Aber vielleicht bezweifelt er nur den Einfluß des Mondes auf dieſelben.“ 191 der Verwandtſchaft überſteigt. Er hat unſeres Vaters Haus zu einem Spital gemacht.“ „Wir ſollten dankbar dafür ſeyn, daß es keine Kranken zu beherbergen hat, welche uns näher angehen.“ „Dein Bruder iſt einer davon.“ „Wahr, wahr,“ fiel Franciska bis an die Schläfen erröthend ein;„aber er kann das Zimmer verlaſſen und hält das Vergnügen, bei den Seinigen zu weilen, durch ſeine Wunde nicht für zu theuer erkauft. Wenn nur,“ fügte ſie mit bebenden Lippen bei,„der ſchreckliche Verdacht beſeitigt wäre, der auf ſeinem Beſuche haftet— ich würde dann ſeine Verwundung nicht hoch anſchlagen.“ 3 „Du haſt nun die Früchte der Rebellion in unſerem eigenen Hauſe. Der Bruder verwundet, gefangen, vielleicht ein Schlacht⸗ opfer, der Vater in Kummer und Sorge, in ſeiner haͤuslichen Ruhe geſtört und möglicher Weiſe ſogar ſeines Beſitzthums be⸗ raubt, weil er ſeinem Könige treu iſt.“ Franciska ſetzte ihren Spaziergang ſchweigend fort. Während ſie nach dem nördlichen Eingange zum Thale blickte, waren ihre Augen feſt auf den Punkt gerichtet, wo ſich der Weg plötzlich hin⸗ ter einem Bergvorſprung verlor, und vor jeder Wendung, welche ihr die Stelle aus dem Geſichte rückte, zögerte ſie, bis eine unge⸗ duldige Bewegung der Schweſter ſie zur Eile trieb, um mit der⸗ ſelben gleichen Schritt zu halten. Endlich ſah man eine Chaiſe, nur von einem Pferde geführt, langſam und vorſichtig ihren Weg durch die Steine ſuchen, welche die ſich durch's Thal windende Land⸗ ſtraße uneben machten, und gegen das Landhaus her einlenken. Franciska's Farbe wechſelte, als der Wagen allmählig näher kam; und wie ſie erſt eine weibliche Geſtalt an der Seite eines ſchwarzen Bedienten darin erkennen konnte, bebten ihre Glieder von innerer Bewegung, daß ſie ſich auf Sara ſtützen mußte. Einige Minuten ſpäter langten die Reiſenden am Hofthore an. Es wurde Von dem der Kutſche folgenden Dragoner— demſelben, welchen Dunwoodie an Kapitän Singleton's Vater abgeſandt hatte— ge⸗ öffnet. Miß Peyton ging ihrem Gaſte entgegen und die Schweſtern vereinigten ſich mit ihr in der freundlichſten Bewillkommnung, wobei Franciska kaum das Auge von dem Geſichte des neuen Ankömm⸗ lings abzuwenden vermochte. Die Dame war jung, von leichtem und zartem Bau, in den ſchönſten Verhältniſſen. Ihr Auge war groß, ſeelenvoll, ſchwarz und durchdringend, obſchon ſich hin und wieder etwas Wildes darin zeigte. Ihr üppiges Haar ſiel, frei von dem damals üblichen Puder, in rabenſchwarzen Ringeln herunter⸗ indeß einige der Locken ihre Wangen beſchatteten und durch ihren Contraſt mit dem blendenden Weiß der Haut der ganzen Erſcheinung einen faſt geiſterhaften Ausdruck gaben. Doktor Sitgreaves half ihr aus dem Wagen und als ſie die Vorhalle erreicht hatten, warf ſie einen fragenden Blick auf den Arzt. „Ihr Bruder iſt außer Gefahr und wünſcht, Sie zu ſehen, Miß Singleton,“ ſagte der Praktiker. — Die Dame brach in einen Strom von Thränen aus. Franciska war mit einer Art unruhiger Bewunderung in das Anſchauen von Iſabellen's Antlitz und Bewegungen verloren da geſtanden; nun eilte ſie aber mit ſchweſterlicher Theilnahme an die Seite ihres Gaſtes, umſchlang den Arm derſelben liebevoll mit dem ihrigen und führte ſte nach einem abgelegenen Zimmer. Dieſe Bewegung geſchah ſo freimüthig, ſo rückſichtslos und zartfühlend, daß ſelbſt Miß Peyton ihre Einmiſchung unterließ und dem jungen Pärchen nur mit den Augen und dem wohlgefälligen Lächeln folgte. Ein gleiches Ge⸗ fühl theilte ſich den übrigen Umſtehenden mit, die ſich nun wieder zu ihren gewöhnlichen Beſchaͤftigungen begaben. Iſabella überließ ſich dem edlen Einfluſſe Franciska's ohne Widerſtreben und weinte, it letzterer in dem Zimmer angelangt, ſtile auf den Schul⸗ es Franeiska ſchien, daß ihre Thränen das für den gegenwärtig⸗ Anlaß geeignete Maaß überſchritten. Miß Singleton's Schlux des achtſamen Mädchens, welches ſie zu beruhigen ſuchte, bis war auge Gefe moch und weg wün Sei ſich Sie ring Leb trof Au var und dem deß raſt ung half warf hen, ciska von eilte aſtes, ührte ah ſo eyton t den Ge⸗ vieder erließ beinte, Schul⸗ e, bis irtig⸗ 193 war eine Weile heftig und unbezwinglich, bis ſie ſich endlich, mit augenſcheinlicher Anſtrengung, durch die freundlichen Worte ihrer Gefährtin beruhigen ließ und ihre Thränen zu unterdrücken ver⸗ mochte. Ihren Blick zu Franciska's Augen erhebend, ſtand ſie auf und ein Strahl lieblichen Lächelus überflog ihre Züge. Sie bat wegen des Uebermaßes ihrer Aufregung um Entſchuldigung und wünſchte in das Zimmer des Kranken geführt zu werden. Das Wiederſehen der Geſchwiſter war warm, aber von Iſabellen's Seite in Folge des Zwanges, den ſie ſich anthat, gefaßter, als ſich nach dem vorangegangenen Gemüthsſturme erwarten ließ. Sie fand das Ausſehen ihres Bruders beſſer und die Gefahr ge⸗ ringer, als ihre lebhafte Phantaſie ſich vorgeſtellt hatte. Ihre Lebensgeiſter hoben ſich allmählig und gingen aus dem früheren troſtloſen Zuſtande zu einer Art Heiterkeit über. Ihre ſchönen Augen leuchteten mit erneuertem Glanze und ihr Antlitz ſtrahlte von einem ſo bezaubernden Lächeln, daß Franciska, welche ſie auf ihre ausdrückliche Bitte mit in'’s Krankenzimmer begleitet hatte, mit Staunen die Züge betrachten mußte, welche neben einem ihr unbegreiflichen Zauber eine ſo wunderbare Biegſamkeit beſaßen. Der Jüngling warf, als ſich die Schweſter ſeinen Armen entwun⸗ den hatte, einen ernſten Blick auf Franciska, und vielleicht genügte dieſer erſte Blick auf die lieblichen Züge unſerer Heldin, um ihn das Auge in getäuſchter Erwartung abwenden zu laſſen. Er ſchien verwirrt und rieb ſich nachſinnend die Stirne, wie Jemand, der aus einem Traum erwacht. „Wo iſt Dunwoodie, Iſabella?“ ſagte er.„Die herrliche Seele wird nie müde, Liebesdienſte zu erweiſen. Nach einem ſo ſchweren Tag, wie der geſtrige, brachte er die Nacht damit zu, mir eine Pflegerin zu verſchaffen, deren Gegenwart allein ſchon im Stande iſt, mich dem Krankenlager zu entreißen.“ Der Ausdruck in dem Geſichte der Lady veränderte ſich, ihr Auge ſtreifte wild durch das Gemach, ſo daß Franciska, welche ihre Der Spion. 3. Aufl. 13 194 t ungeminderter Theilnahme beobachtete, ängſtlich Bewegungen mi zurückſchrack. „Dunwoodie? Seite meines Bruders zu finden!“ Iſt er denn nicht hier? Ich hoffte ihn an der „Er hat Pflichten, welche ſeine Gegenwart anderswo verlangen. Die Engländer ſollen ſich an dem Hudſon hinziehen, und da haben unſere leichten Truppen vollauf zu thun. Gewiß würde ihn nichts Anderes ſo lange von dem Lager eines verwundeten Freundes ferne halten. Aber, Iſabella, das Wiederſehen hat Dich zu ſehr ange⸗ griffen; Du zitterſt.“ Iſabella gab keine Antwort; Tiſch aus, auf welchem die Erfriſchungen de und die aufmerkſame Franciska begriff ſogleich Glas Waſſer belebte die Schweſter wieder einigermaßen,⸗ zu ſagen vermochte: „Ohne Zweifel fordert es ſie ſtreckte die Hand gegen den 3 Kapitäns ſtanden, ihren Wunſch. Ein ſo daß ſie ſeine Pflicht: man ſagt oben, daß eine Abtheilung königlicher Truppen dem Laufe des Fluſſes folge— und doch bin ich, kaum zwei Meilen von hier, an unſerer Reiterei vorbeigekommen.“ Der letztere Theil ihrer Rede war kaum hörbar und klang eher wie ein Selbſtgeſpräch, welches nicht für die Ohren ihrer Gefährten beſtimmt war. „Auf dem Marſch, Iſabella? fragte ihr Bruder lebhaft. „Nein, abgeſeſſen und augenſcheinlich Raſttag haltend,“ war die Antwort. Der Dragoner blickte verwundert in das Geſicht ſeiner Schwe⸗ ſter, welche mit zur Erde geſenktem Blicke in völliger Geiſtesab⸗ weſenheit da ſaß, und vermochte ſich ihr Benehmen nicht zu er⸗ klären. Dann ſah er auf Franciska, welche, durch den Ernſt ſeiner Züge erſchreckt, aufſtand und haſtig fragte, ob er eines Beiſtandes bedürfe. 4 .„Wenn Sie die Unhöflichkeit verzeihen wollen,“ ſagte der verwundete Offizier, indem er ſich im Bette aufzurichten ſuchte, 8 2 122 +₰&☛ — —— 195 „ſo moͤchte ich wohl einen Augenblick um Kapitän Lawton's Geſell⸗ ſchaft bitten.“ Franciska beeilte ſich, dieſen Wunſch ſogleich dem genannten Herrn mitzutheilen, und kehrte, durch eine Theilnahme getrieben, welche ſie nicht zu bewältigen vermochte, wieder zu ihrem Sitz an Miß Singleton's Seite zurück. „Lawton,“ ſagte der Juͤngling ungeduldig, haſt Du etwas von dem Major gehört?“ Das Auge der Schweſter wandte ſich nun zu dem Geſichte des Reiters, welcher ſich mit dem Anſtand und der Freimüthigkeit eines Soldaten gegen die Dame verbeugte. „Seine Ordonnanz iſt zweimal hier geweſen, um zu fragen, wie es in unſerem Lazarethe gehe.“ „Und warum kam er nicht ſelbſt?“ „Das iſt eine Frage, welche der Major beantworten muß. Du weißt übrigens, daß die Rothröcke um den Weg ſind, und Dunwoodie hat das Kommando. Man muß auf die Engländer Acht haben.“ „Wahr,“ ſagte Singleton langſam, als ob ihm die Gründe des Andern einleuchteten, aber wie kommt es, daß Du unthätig biſt, wenn es zu thun gibt?“ 4 „Mein rechter Arm iſt nicht im beſten Stande und mein Roth⸗ ſchimmel führt dieſen Morgen einen gar ſchlenkerigen Gang; außerdem gibt es noch einen weiteren Grund, den ich anführen könnte, wenn ich nicht beſorgen müßte, Miß Wharton würde ihn mir nimmer vergeben. „Ich bitte, ſprechen Sie, ohne mein Mißfallen zu befürchten,“ ſagte Franciska, indem ſie das gutmüthige Lächeln des Reiters mit der ihrem lieblichen Geſichte natürlichen Schalkhaftigkeit erwiederte. „Nun, die Düfte, die aus Ihrer Küche aufſteigen,“ rief Lawton derb— verbieten mir, dieſe Beſitzungen zu verlaſſen, bis ich im Stande bin, aus eigener Ueberzeugung von der Fruchtbarkeit des Landes ein Zeugniß abzulegen.“ 196 „O, Tante Jeanette gibt ſich alle Mühe, der Gaſtfreundlich⸗ keit meines Vaters Ehre zu machen,“ entgegnete das Mädchen lachend,„und da ich ihr von der Arbeit weggelaufen bin, ſo muß ich wohl, um ihre Gunſt wieder zu gewinnen, meinen Beiſtand anbieten.“ Franciska eilte fort, um ihre Tante aufzuſuchen, machte ſich aber auf ihrem Wege ernſte Gedanken über den Charakter und die außerordentliche Reizbarkeit der neuen Bekannten, welche die Zahl der Bewohner des Landhauſes vermehrt hatte. Der verwundete Offtzier folgte ihr mit den Augen, als ſie ſich mit Kindesanmuth nach der Thüre bewegte und bemerkte nach ihrem Verſchwinden: „Solch' eine Tante und ſolch' eine Nichte ſind ſelten zu finden, Jack. Dieſe ſcheint eine Fee, aber die Tante iſt ein Engel.“ „Ha, mit Deinem Befinden ſteht es nicht übel, wie ich ſehe, da ſich Dein Enthuſiasmus für das ſchoͤne Geſchlecht wieder zu regen beginnt... „Ich müßte eben ſo undankbar als unempfindlich ſeyn, wenn ich nicht der Liebenswürdigkeit von Miß Peyton das Wort reden würde.“ „Eine gute mütterliche Dame; doch was ihre Liebenswürdigkeit anbelangt— nun das iſt Geſchmackſache. Einige Jahre weniger, mit aller Achtung vor ihrer Klugheit und Erfahrung, würden mir wenigſtens weit beſſer zuſagen.“ „Sie kann noch nicht zwanzig ſeyn, ſchnell. 3 —„Je nachdem man zählt. Wenn Du bei dem Wendepunkt des Lebens anfängſt— gut. Wenn Du aber nach der gewöhnlichen Weiſe rechneſt, ſo mag ſie ungefähr ihre vierzig auf dem Rücken haben.“ „Du hältſt irriger Weiſe die ältere Schweſter für die Tante,“ ſagte Iſabella, indem ſie ihre ſchöne Hand auf den Mund des Kranken legte;„aber Du mußt Dich ruhig verhalten! Deine Ge⸗ fühle greifen Dich zu ſehr an.“ „ erwiederte Singleton — 197 Das Erſcheinen des Doktor Sitgreaves, welcher mit einiger Unruhe die zunehmenden fieberiſchen Symptome ſeines Patienten bemerkte, unterſtützte dieſe Weiſung, und Lawton entfernte ſich, um ſeinem Rothſchimmel, der bei dem Burzelbaume der letzten Nacht ſein Leidensgefährte geweſen war, einen Condolenzbeſuch abzuſtatten. Zu ſeiner großen Freude erfuhr er von dem Bedienten, daß das Pferd eben ſo gut Reconvalescent ſey, als ſein Herr, und Lawton fand nach mehrſtündiger Anwendung von Einreibungen in die Glieder des Thiers, daß es nun wieder im Stande ſey, ſeine Füße in eine ſyſtematiſche Bewegung, wie er es nannte, zu ſetzen. Es wurde daher Befehl gegeben, das Pferd zu einem Ritt nach den Kreuzwegen bereit zu halten, ſobald deſſen Gebieter die Wohlthat der nahen Mittagsmahlzeit mitgenommen habe. Während dieſes vorging, beſuchte Heinrich Wharton den Obriſten Wellmere auf ſeinem Zimmer, und es gelang ihm, durch die Sym⸗ pathie ihres Geſchicks den Engländer wieder zu guter Laune zu bringen. Letzterer wurde dadurch in den Stand geſetzt, aufzuſtehen und bereitete ſich vor, einem Nebenbuhler zu begegnen, über den er ſo leichthin, und wie der Erfolg zeigte, ſo unverſtändig abge⸗ ſprochen hatte. Wharton wußte, daß ihr Unfall, wie beide ihre Niederlage nannten, eine nothwendige Folge von des Obriſten Uebereilung war; aber er unterließ es, von etwas anderem, als von dem unglücklichen Zufall zu ſprechen, welcher die Britten ihres Anführers beraubte, und dem er gutmüthiger Weiſe die ganze nachherige Schlappe zuſchrieb. „Kurz, Wharton,“ ſagte der Obriſt, indem er ein Bein aus dem Bette ſtreckte,„man könnte es einen Zuſammenfluß ungünſtiger Umſtände nennen. Ihr eigenes, unlenkſames Pferd verhinderte, daß Sie dem Major meinen Befehl bringen konnten, den Rebellen bei Zeit in die Flanken zu fallen.“ „Sehr wahr,“ erwiederte der Kapitän, indem er mit dem Fuße einen Pantoffel an's Bett ſchob;„wäre es uns geglückt, einige 198 tüchtige Seitenfeuer auf ſie zu eröffnen, ſo hätten dieſe tapferen Virginier wohl rechtsum machen müſſen.“ „Ja, und das in vollem Rennen,“ ſchrie der Obriſt und ließ das andere Bein ſeinem Gefährten folgen.„Zudem war es nöthig, die Wegweiſer zu verſcheuchen, wie Sie ja ſelber wiſſen, und dieſe Bewegung gab ihnen die beſte Gelegenheit zum Angriff.“ „Allerdings,“ ſagte der Andere und rückte den zweiten Pan⸗ toffel an's Bett,„und der Major Dunwoodie überſieht nie einen Vortheil.“ „Ich denke, wenn wir die Geſchichte noch einmal durchzu⸗ machen hätten,“ fuhr der Obriſt fort, indem er ſich auf die Füße half,„ſo möchte ſich der Fall ganz anders geſtalten; indeß iſt doch die Hauptſache, deren ſich die Rebellen rühmen können, meine Ge⸗ fangenſchaft. Sie haben geſehen, wie ihr Verſuch, uns aus dem Walde zu treiben, abgeſchlagen wurde.“ „Wenigſtens würde es geſchehen ſeyn, wenn ſie einen Angriff gemacht hätten,“ ſagte der Kapitän und warf dem Obriſten die übrigen Kleider zu. „Ach, daß iſt ganz daſſelbe,“ entgegnete Wellmere, indem er ſich anzukleiden begann;„es iſt die Haupt ſache in der Kriegskunſt eine Stellung einzunehmen, daß der Feind eingeſchüchtert wird.“ „Ohne Zweifel, auch werden Sie ſich erinnern, daß er in einem ſeiner Angriffe vollſtändig in Verwirrung gebracht wurde.“ „Allerdings— allerdings,“ rief der Obriſt lebhaft,„wäre ich nur dabei geweſen, um den Vortheil zu benützen, ſo hätten wir dieſen Yankees wohl den Appetit verderbt.“ Während er ſo ſprach und ſeine Toilette beendigte, kam er noch in größeres Feuer, und bald war er bereit, in der Geſellſchaft zu erſcheinen, da er ſich 85 nun in ſeiner eigenen guten Meinung völlig wieder hergeſtellt ſah und ſich in die volle Ueberzeugung hineingearbeitet hatte, daß ſeine Gefangennehmung nur eine Folge von Zufällen geweſen ſey, welche außer dem Bereiche menſchlicher Berechnung lägen. V eren ließ hig, dieſe Pan⸗ inen chzu⸗ Füße doch Ge⸗ dem ngriff die em er skunſt d.“ er in rde.“ „wäre en wir ſprach , und er ſich. llt ſah 3 ſeine welche 199 Die Kunde, daß Obriſt Wellmere an der Tafel erſcheinen werde, verminderte keineswegs die Vorbereitungen zum Mahle, und Sara, nachdem ſie die Begrüßung dieſes Ehrenmannes hingenom⸗ men und ſich theilnehmend nach dem Zuſtand ſeiner Beſchädigungen erkundigt hatte, entfernte ſich, um bei der Auszierung der Gerichte, welche damals auf dem Lande ſo gewöhnlich war und auch heut zu Tage noch hin und wieder einen wichtigen Theil der Küchen⸗ verrichtungen ausmacht, mit ihrem Rathe und ihrem Geſchmack an die Hand zu gehen. Dreizehntes Kapitel. *.. —— Ich bleibe hier und eſſe, 2 Und wär's mein Letztes. Der Sturm. Ver Duft der Zubereitungen, welcher bereits von Kapitän Lawton nicht unbeachtet geblieben war, begann das ganze Innere des Landhauſes zu erfüllen. Gewiſſe ſüße Wohlgerüche, welche aus Cäſar's unterirdiſchem Gebiete aufſtiegen, gaben dem Reiter die angenehme Ueberzeugung, daß ſeine Geruchsnerven, welche bei derartigen Gelegenheiten eben ſo ſcharf waren, als ſeine Augen bei andern, ihre Dienſte treulich verrichtet hatten, und um die Wohlthat, die köſtlichen Düfte von der erſten Hand zu bekommen, recht zu genießen, pflanzte ſich der Dragoner an ein Fenſter des Gebäudes, ſo daß keiner, der mit den Specereien des Oſtens ge⸗ würzten Wohlgerüche ſeinen Zug nach den Wolken nehmen konnte, ohne zuvor der Naſe des Rittmeiſters ſeinen Weihrauch gezollt zu haben. Lawton überließ ſich jedoch nicht früher dieſem behaglichen Geſchäfte, als bis er alle Vorbereitungen getroffen hatte, dem Feſte ſo viel Ehre zu machen, als ſeine ſparſame Garderobe ge⸗ ſtattete. Die Uniform ſeines Corps war eine Einlaßkarte zu den beſten Tafeln, und obgleich dieſe durch treuen Dienſt und einen nicht ſehr ſchonſamen Gebrauch etwas abgenutzt war, ſo hatte ihr doch die Bürſte für die gegenwärtige Gelegenheit ein ziemlich reſpectables Ausſehen gegeben. Sein Kopf, welchen die Natur mit raben⸗ ſchwarzen Haaren ausgeſtattet hatte, wetteiferte nun mit der Weiße des Schnees, und ſeine derbknochige Hand, welche dem Säbel ſo wohl anſtand, ſah mit einer faſt mädchenhaften Zimpferlichkeit unter einer Manſchette hervor. Weiter gingen übrigens die Verſchönerun⸗ gen des Dragoners nicht, wenn man nicht etwa noch die Stiefel, welche in mehr als ſonntäglichem Glanze ſtrahlten, und die Sporen, die im Glanze der Sonne wie der ſchönſte Meſſing blinkten, dazu rechnen will. Cäſar ging mit einer Miene von Wichtigkeit durch die Ge⸗ mächer, welche ſogar diejenige, die ihn bei ſeinem traurigen Morgen⸗ geſchäfte begleitet hatte, übertraf. Der Schwarze war ſchon früh von der Botſchaft, mit der ihn der Hauſirer beauftragt hatte, gehorſam dem Befehle ſeiner Gebieterin, zeigte zurückgekehrt, und, er ſich zu jeder Leiſtung bereit, welche ſein Dienſt von ihm forderte. Auch war er in der That ſo eifrig in Erfüllung deſſelben, daß er ſich nur einige Augenblicke Zeit nahm, um ſeinem ſchwarzen Stammverwandten, der Miß Singleton nach den Locuſten begleitet hatte, einen Theil der wunderbaren Ereigniſſe mitzutheilen, welche ſich in der letzten merkwürdigen Nacht zugetragen hatten. Durch eine umſichtige Benützung ſolcher gefälligen freien Momente gelang ꝛes jedoch Cäſar, ſo viele Hauptpunkte ſeiner Geſchichte auszu⸗ kramen, daß ſein Gaſt Mund und Augen in den weiteſten Dimen⸗ ſionen aufſperrte. Der Geſchmack am Wunderbaren war jedoch unſern beiden ſchwarzen Ehrenmännern ſo tief eingepflanzt, daß es Miß Peyton für nöthig hielt, ihr Anſehen zu gebrauchen, um Cäſar zu veranlaſſen, den Reſt ſ Gelegenheit zu verſchieben. „Ach, Miß Jinett“,“ ſagte Cäſar kopfſchüttelnd und mit einem ſeiner Erzählung auf eine geeignetere Geſie gewet ſchon Schy auch Abha Miß nach aus der Fläcl ſteife unter Schi ſich ihm als haft Sche Wel Hüh wele den ſeine Mer voll anla en⸗ üh tte, gte rte. er zen itet lche urch lang szu⸗ nen⸗ doch daß um netere einem ——— Geſichte, welches alle ſeine Gefühle ausdrückte;„'s war ſchrecklich geweſen, zu ſehen Johnnie Birch gehen auf ſeinen Füßen, als er ſchon todt liegen.“ Dieſe Worte bildeten den Schluß der Unterredung, obgleich der Schwarze zu ſeiner Beruhigung ſich ſelbſt gelobte(was er denn auch redlich hielt), ſpäter den wichtigen Gegenſtand in ordentlichen Abhandlungen zu beleuchten. Sobald der Geiſt in dieſer Weiſe glücklich beſeitigt war, gediehen Miß Peyton's Geſchäfte herrlich, und als die Sonne zwei Stunden nach Mittag zurückgelegt hatte, begann eine förmliche Prozeſſion aus der Küche zum Gaſtzimmer, Cäſarn an der Spitze, der mit der Geſchicklichkeit eines Equilibriſten einen Truthahn auf den Flächen ſeiner dürren Hände balancirte. Nach ihm kam der Bediente des Kapitän Lawton, welcher in ſteifer Haltung und mit geſpreizten Beinen, als ob er ſein Pferd unter ſich hätte, einherſchritt und einen duftigen ächt virginiſchen Schinken, ein Geſchenk von Miß Peyton's Bruder in Accomae, vor ſich her trug. Der Träger dieſes würzigen Gerichts faßte das ihm anvertraute Gut mit militäriſcher Präziſion in's Auge, und als er den Ort ſeiner Beſtimmung erreichte, mochte es wohl zweifel⸗ haft erſcheinen, ob der Mund des Dieners oder das Fett des Schweinchens einen ſaftigeren Anblick biete. Der Dritte in der Reihe war der Bediente des Obriſten Wellmere, welcher auf der einen Hand eine Schüſſel mit fricaſſirten Hühnern, auf der andern eine Platte mit Auſternpaſtetchen trug. Hinter dieſem kam der Gehülfe des Doktors Sitgreaves, welcher inſtinktartig eine ungeheure Terrinne ergriffen hatte, da ſie den ihm bekannten Gefäſſen am meiſten ähnlich ſah: er folgte ſeinem Vorgänger auf dem Fuße, bis die Brille, welche er als ein Merkmal ſeines Amtes trug, von den Dämpfen der Suppe ſo wollſtändig angelaufen war, daß er, als er in dem Speiſezimmer anlangte, ſeine Laſt zur Erde ſetzen und die Gläſer entfernen mußte, um ſeinen Weg durch das aufgehäufte Porcellängeſchirr und die Tellerwärmer zu finden. Dann erſchien ein anderer Reiter, welcher den Kapitän Singleton zu bedienen hatte; und als ob er ſeinen Appetit nach dem ſchwäch⸗ lichen Zuſtand ſeines Herrn abgemeſſen hätte, begnügte er ſich, einem Paar gebratenen Enten das Geleit zu geben, bis ihn endlich ihr verführeriſcher Wohlgeruch bereuen ließ, eben noch ein Frühſtück, das für die Schweſter ſeines Gebieters beſtimmt war⸗ neben ſeinem eigenen verſchlungen zu haben. Der weiße Knabe, welcher zum Hauſe gehörte, bildete den Nachtrab; er ſeufzte unter der Laſt getrockneter Früchte, womit ihn die Köchin in unvorſätzlicher Steigerung überladen hatte. Dieß waren jedoch bei weitem nicht alle Zurüſtungen für das feſtliche Mahl. Cäſar hatte kaum ſeinen Vogel, welcher vor einer Woche noch in den Hochlanden herumflatterte und ſich wohl wenig davon träumen ließ, daß er ſo zeitig einen ſolch' ſchönen Zug werde an⸗ führen dürfen— niedergeſetzt, als er ſich auch gleich wieder mechaniſch auf den Ferſen drehte und ſeine Marſchlinie nach der Küche einſchlug. Dieſe Bewegung des Schwarzen wurde nach einander von ſeinen Gefäͤhrten nachgeahmt, worauf unmittelbar eine zweite Prozeſſion in der gleichen Ordnung begann. In Folge dieſer bewunderungs⸗ würdigen Einrichtung fanden ganze Flüge von Tauben und Wach⸗ teln, Ketten von Rebhühnern und Schaaren von Plattfiſchen unde Seebarſchen ihren Weg zu der übrigen Geſellſchaft. Ein dritter Aufzug brachte annehmbare Quantitäten von Kartoffeln, Zwiebeln, Rüben, Reis, kalter Schaale und den übrigen Beigaben eines guten Diners.. Der Tiſch ſeufzte unter der Maſſe dieſer Gerichte, und Cäſar betrachtete, nachdem er jede Schüſſel, die nicht von ihm ſelbſt auf⸗ geſtellt war, anders gerückt hatte, die Anordnung mit großer Selbſtgefälligkeit, worauf er ſich entfernte, um den Feſtordnern die Mittheilung zu machen, daß ſein Geſchäft glücklich beendet ſey. die ton ich⸗ ſich, ück, nem den mit das einer enig an⸗ niſch dug. einen ſſion ngs⸗ Zach⸗ und von rigen Läſar auf⸗ roßer n die y. Eine halbe Stunde, ehe die eben mitgetheilte Küchenprozeſ⸗ ſion begann, waren die Damen auf dieſelbe unerklärliche Weiſe verſchwunden, in welcher die Schwalben bei Annäherung des Win⸗ ters unſichtbar werden. Ihr Frühling trat aber bald wieder ein, und die ganze Geſellſchaft verſammelte ſich in einem Zimmer, wel⸗ ches das Boudoir genannt wurde, da es mit indianiſchem Kattun ausgeſchlagene Polſterbänke und keine Seitentiſche enthielt. Die gütige Wirthin hielt die gegenwärtige Gelegenheit nicht nur für würdig, außerordentliche Küchenvorbereitungen zu machen, ſondern fand es auch für paſſend, ſich den Gäſten, in deren Be⸗ wirthung ſie ſich glücklich fühlte, in einem geeigneten Anzuge vor⸗ zuſtellen. Auf ihrem Kopfe prangte eine Haube vom feinſten Schleier⸗ tuch, mit einer Vordüre von breiten Spitzen, die ſich in einer Weiſe über das Geſicht herein legten, daß ſich ein Bouquet künſt⸗ licher Blumen gar zierlich auf ihrer ſchönen Stirne ausnahm. Die natürliche Farbe des Haares war unter der Maſſe von Puder, welche es bedeckte, ganz verſchwunden, und nur ein loſes Löckchen an den Schläfen hob einigermaßen das Steife der Friſur und gab dem Antlitz einen Ausdruck weiblicher Weichheit. Ihr Kleid beſtand aus ſchwerem, veilchenfarbenen Seidenſtoff, war tief ausgeſchnitten und hatte ein feſtanliegendes Leibchen von demſelben Zeuge, welches das Ebenmaaß der Form von der Schul⸗ ter bis zur Hüfte in treuen Zügen hervortreten ließ; weiter nach unten war der Anzug voll reicher Falten und zeigte, daß in dieſer Beziehung Sparſamkeit keine Schwäche des Tages war. Eine ſchmale Garnirung ließ die Kunſt der Naͤhterin recht augenfällig werden und trug dazu bei, der ganzen Geſtalt eine majeſtätiſche Würde zu geben. Die hohe Figur der Dame wurde wenigſtens noch um einen Zoll durch die Abſätze ihrer aus dem Stoffe des Kleides verfertig⸗ ten Schuhe erhöht. 204 Die Aermel waren kurz und knapp anliegend, bis ſie an den Ellenbogen in breite Manſchetten von doppelt und dreifach über⸗ einander gelegtem und mit Dresdener Spitzen beſetztem Schleier⸗ tuche übergingen, die bei jeder Bewegung des Armes in reichen Falten herunterfielen und die Weiße des ſchöngeformten Armes und der zierlichen Hand nur noch mehr hervorhoben. Eine dreifache Reihe von Perlen umgab dicht den Hals, und ein Spitzentuch verhüllte den Theil der Bruſt, welchen die Seite unbedeckt gelaſſen hatte und den Miß Peyton nunmehr nach vierzigjähriger Erfahrung zu verbergen gelernt hatte. In dieſem Anzuge Haltung, welche ſo bezeichnend die Jungfrau wohl eine Schaar mode können. Sara's Geſchmack hatte gleichen Schritt mit dem Putze ihrer Tante gehalten und ein Kleid, daß ſich nur in Stoff und Farbe von dem vorhin beſchriebenen unterſchied, ließ ihre gebieteriſche Geſtalt in gleich vortheilhaftem Lichte erſcheinen. Es beſtand aus Roſa⸗Atlas. Auch forderten zwanzig Jahre nicht jene Vorſicht, welche die Klugheit in den Vierzigen anräth, und ſo verbarg nichts als eine neidiſche Bordüre ausgeſuchter Spitzen einigermaaßen, was der Atlas unverhüllt ließ. Der obere Theil der Bruſt und die zarte Woͤlbung der Schulter ſtrahlten in ihrer ganzen natür⸗ lichen Schönheit, während der Hals, wie bei der Tante mit einer dreifachen Perlenſchnur geziert war, welcher Ohrgehänge aus dem gleichen Geſtein entſprachen. Die Haube fehlte und das à la Chinoise friſtrte Haar ließ die ſchneeweiße Marmorſtirne in ihrer ganzen Lieblichkeit erſcheinen. Einige ungehorſame Locken fielen anmuthig auf den Nacken herab und ein Bouquet künſtlicher Blumen leuch⸗ tete gleichfalls, einer Krone ähnlich auf ihrem Scheitel. Miß Singleton hatte ihren Bruder der Aufſicht des Doktor Sitgreaves überlaſſen, dem es gelungen war, ſeinen Patienten und mit der aufrechten, würdevollen für die Mode jener Zeit war, hätte rner Schönheiten verdunkeln in eir des V Schy reden von d brauc und i ihren durch weibl ciska verla Welt ange anzu ſich ihr b ciska auf wenr jedes wore Klei Ver gen eine ſich den Fäl ihre 205 in einen tiefen Schlaf zu bringen, nachdem er einige der Aufregung des Wiederſehens folgende ſieberiſche Symptome beſeitigt hatte. Die Schweſter ließ ſich durch die aufmerkſame Wirthin der Locuſten be⸗ reden, an dem Feſte Theil zu nehmen, und ſaß an Sara's Seite, von dieſer Dame im Aeußern wenig verſchieden, nur daß ſie den Ge⸗ brauch des Puders für ihre rabenſchwarzen Locken verſchmäht hatte und daß die ungewöhnlich hohe Stirne und das große feurige Auge ihren Zügen einen Ausdruck der Gedankenfülle gaben, welcher durch die Bläſſe ihrer Wangen noch möglichſt erhöht wurde. Die letzte endlich, aber nicht die geringſte in der Entfaltung weiblicher Reize, war Herrn Wharton's jüngere Tochter. Fran⸗ ciska hatte, wie bereits erwähnt wurde, die Stadt vor dem Alter verlaſſen, in welchem man gewöhnlich in die Kreiſe der Frauen von Welt eingeführt wird. Einige abenteuerliche Geiſter hatten bereits angefangen, gegen die verjährte Herrſchaft einer beengenden Mode anzukäͤmpfen, und auch das jugendliche Mädchen hatte es gewagt, ſich auf das bischen Anmuth zu verlaſſen, welches die Natur ſelbſt ihr beſcheert hatte— aber dieſes Bischen war ein Meiſterſtück. Fran⸗ ciska hatte es zwar im Laufe des Morgens einigemale verſucht, auf ihren Putz eine mehr als gewöhnliche Sorgfalt zu verwenden; wenn ſie aber ihren Entſchluß bethätigen wollte, ſo blickte ſie jedesmal vorher einige Minuten erwartungsvoll gegen Norden, worauf ihr Vornehmen wieder zu Waſſer wurde. Zur anberaumten Stunde trat unſere Heldin in blaßblauem Kleide von demſelben Schnitte, wie das ihrer Schweſter, in das Verſammlungszimmer. Ihr Haar ſloß in wilden natürlichen Rin⸗ gen über ihre Schultern, während die Ueberfülle deſſelben durch einen langen niedrigen Kamm von lichtem Schildkrot, deſſen Farbe ſich kaum von dem Goldglanze ihrer Locken unterſcheiden ließ, auf den Wirbel des Kopfes feſtgehalten wurde. Ihr Anzug war ohne Fältchen und Runzel, und ſchloß ſich mit einer ſolchen Zierlichkeit ihren Formen an, daß man wohl auf die Vermuthung kommen 206 das ſchlaue Mädchen habe mehr als eine bloße Ahnung lche ſie zur Schau trug. Ein Kragen von Umriſſe ihrer Geſtalt noch ne weiteren Schmuck und um elche vorn mit einem konnte, von den Reizen, we reichen Dresdener Spitzen ließ die weicher erſcheinen. Ihr Kopf war oh ihren Hals ſchlang ſich eine goldene Kette, w werthvollen Karniol ſchloß. Einmal, aber auch nur einmal, als ſie zur Tafel gingen, ſah Lawton ein Füßchen aus den Falten ihres Kleides hervorſchluͤpfen⸗ deſſen zierliche Form ſich im blauen Atlasſchuh mit der Brillant⸗ ſchnalle gar lieblich ausnahm. Der Reiter holte einen tiefen Seuf⸗ zer, als er ſich dachte, wie bezaubernd ein ſolcher Fuß, wenn er auch nicht fur einen Steigbügel paßte, in einer Menuette erſchei⸗ nen müßte. Als der Schwarze auf der Schwelle des Zimmers erſchien, machte er jene tiefe Verbeugung, welche ſeit Jahrhunderten die Deutung enthält:„Das Mahl iſt bereit.“ Herr Wharton, in einem Tuchkleid mit u näherte ſich Miß Singleton mit vielen Förmlichk beugte den gepuderten Kopf faſt bis zu der Hand hera der Dame anbot. Doktor Sitgreaves bezeugte gung, die aber erſt nach einer kleinen Pauſe angenommen wurde, welche die Jungfrau dazu verwendete, ihre Handſchuhe anzuziehen. Obriſt Wellmere wurde von Sara mit einem Lächeln beglückt, als er ihr denſelben Dienſt leiſtete, und Franeciska bot Kapitän Lawton mit mädchenhafter Verſchämtheit die Spitzen ihrer zierli⸗ chen Finger.. Es ging nicht ohne großen Zeitverluſt und einige Verwirrung ab, bis die ganze Geſellſchaft, zu Cäſar's großer Freude, unter der geeigneten Beobachtung der Etiquette und des Vorrangs, an⸗ der Tafel Platz gefunden hatte. Der Schwarze wußte wohl, daß die Speiſen durch das Stehen nicht beſſer werden, und obgleich ugeheuern Knöpfen, eiten und ver⸗ b, welche er Miß Peyton die gleiche Huldi⸗ er hinr denen 3 Begriff welche für die D des Di und ſe wenn und de ſich an er ſich anderer Endlic allgem na's( und d Umfan Gutm und d Artigt und f mit 9 3 Reben entſch war. gewef ſich i die 8 fluß 207 er hinreichend im Stande war, das Unangenehme einer kalt gewor⸗ denen Mahlzeit zu begreifen, ſo überſtieg es doch großentheils ſein Begriffsvermögen, alle die wichtigen Folgen ſich klar zu machen, welche aus der ſtrengen Beobachtung einer gewiſſen Rangordnung für die menſchliche Geſellſchaft erwachſen. Die erſten zehn Minnten befanden ſich alle, mit Ausnahme des Dragoner⸗Rittmeiſters, in einer recht angenehmen Stimmung, und ſelbſt Lawton würde ſich vollkommen glücklich gefühlt haben, wenn ihn nicht eine übermäßige Höflichkeit von Seiten des Wirthes und der Dame Jeanette Peyton von der angenehmen Beſchäftigung, ſich an ſeinen Lieblingsſpeiſen zu laben, abgehalten hätte, wodurch er ſich genöthigt ſah, ſeine Zeit auf becomplimentirende Zurückweiſung anderer Gerichte, welche ihm minder anſtändig waren, zu verwenden. Endlich begann die Mahlzeit allen Ernſtes, und das nun herrſchende allgemeine Schweigen ſprach beredter, als tauſend Zungen für Di⸗ na's Geſchicklichkeit. Zunächſt kam die Reihe an das Anſtoßen mit den Damen; und da der Wein ausgezeichnet und die Gläſer von ziemlichem Umfang waren, ſo ertrug der Reiter dieſe Unterbrechung mit großer Gutmüthigkeit. Ja, er war ſo beſorgt, keinen Anſtoß zu geben und die zarteren Punkte des Anſtandes zu erfüllen, daß er dieſe Artigkeitserweiſung bei der ihm zunächſtſitzenden Dame begann, und ſo fort fuhr, bis keine ſeiner ſchoͤnen Geſellſchafterinnen ihm mit Recht den Vorwurf einer Partheilichkeit machen konnte. Lange Entbehrung von Allem, was mit einem wirklich edeln Rebenblute Aehnlichkeit hatte, mochte hiebei den Kapitän Lawton entſchuldigen, zumal die gegenwärtige Verſuchung gar zu einladend war. Herr Wharton war zu Neu⸗York einer von jenen Politikern geweſen, die es vor dem Kriege zu ihrem Hauptgeſchäft machten, ſich in Clubbs zu vereinigen, um ſich in weiſen Meinungen über die Zeichen der Zeit zu ergehen, wobei ſie den begeiſternden Ein⸗ fluß des Saftes einer gewiſſen Traube nicht verſchmähten, die an der Südſeite der Inſel Madeir a wächſt, und deren Feuergeiſt ſeinen Weg über Weſtindien, wo er im weſtlichen Archipel erſt ſeine Tu⸗ genden erproben muß, auch nach den nordamerikaniſchen Kolonien findet. Man hatte einen ziemlichen Vorrath dieſer Herzſtärkung aus den Kellern der Stadt herausſchaffen laſſen, und ein Pröbchen davon funkelte aus einer vor dem Kapitän ſtehenden Bouteille in ſeiner lieblichen Ambrafarbe, deren Glanz durch die ſchräg einfal⸗ lenden Strahlen der Sonne noch erhöht wurde. Die Speiſen waren zwar mit der größten Ordnung und Zier⸗ lichkeit aufgetragen worden, dagegen hatte die Beſeitigung der benützten Schüſſeln viele Aehnlichkeit mit der Verwirrung eines militäriſchen Rückzugs. Der Tiſch wurde ſaſt in der Weiſe der fabelhaften Harpyen geräumt, und unter Kratzen, Stoßen, Zerbre⸗ chen und Verſchütten verſchwanden die Reſte des überreichlichen Mahles. Und nun begann eine zweite Reihe von Prozeſſionen, mittelſt deren die Tafel mit einer hübſchen Ladung von Gebͤck ſammt den üblichen Zuthaten belegt wurde. Herr Wharton ſchenkte der Dame, welche zu ſeiner Rechten ſaß, ein neues Glas ein, ſchob die Flaſche einem andern Gaſte zu und ſprach mit einer tiefen Verbeugung: „Miß Singleton wird uns die Ehre ſchenken, einen Toaſt auszubringen.“ Obgleich in dieſer Anmuthung nichts anderes lag, als was bei ſolchen Gelegenheiten zur Tagesordnung gehörte, ſo begann doch die Dame zu zittern; ſie wurde roth und wieder blaß und ſchien ſich alle Mühe zu geben, ihre Gedanken zu ſammeln, ſo daß ihre Verwirrung die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft auf ſich zog. Endlich ſprach Iſabella leiſe und mit einer Anſtrengung, als ob ſie vergeblich nach einem andern Namen geſucht hätte: „Major Dunwoodie.“ Dieſe Geſundheit wurde von den Obriſten Wellmere ausgenommen, Allen mit Freuden getrunken, welcher nur die Lippen benetz zeichne zu Ko theil, der R 4 Maaß und ſe deſſen daher antwo woodi pflicht er ſie. Ich h dann, glück treffen . der L meine Corp⸗ rief d brech en u⸗ ien ing hen in fal⸗ ier⸗ der eines der rbre⸗ ichen onen, ebäck echten ſte zu Toaſt 5 was begann iß und ſo daß ft auf ngung, e: trunken, Lippen 209 benetzte und mit etwas verſchüttetem Weine Figuren auf den Tiſch zeichnete. Endlich brach Obriſt Wellmere ſein Schweigen und ſagte laut zu Kapitän Lawton: „Ich denke, Sir, dieſer Herr Dunwoodie wird für den Vor⸗ theil, welchen ihm mein Unglüͤck über mein Kommando gab, in der Rebellenarmee vorrücken.“ Der Rittmeiſter hatte die Bedürfniſſe ſeines Magens in vollem Maaße befriedigt und es mochte wohl, mit Ausnahme Waſhington's und ſeines unmittelbaren Vorgeſetzten, keinen Sterblichen geben, um deſſen Mißfallen er ſich im Mindeſten gekümmert hätte. Er verhalf ſich daher zuerſt zu einem Bischen von ſeiner Lieblingsbouteille und antwortete dann mit bewunderungswürdiger Kälte: „Ich bitte um Verzeihung, Obriſt Wellmere— Major Dun⸗ woodie iſt in den vereinigten Staaten Nordamerika's zur Treue ver⸗ pflichtet, und gegen wen er Verpflichtungen hat, gegen den hält er ſte. Ein ſolcher Mann kann alſo kein Rebell genannt werden. Ich hoffe, daß er vorrücken wird, einmal, weil er es verdient und dann, weil ich ihm der nächſte im Range bin. Was Sie ein Un⸗ glück nennen, weiß ich nicht, Sie müßten denn das Zuſammen⸗ treffen mit der virginiſchen Reiterei darunter verſtehen.“ „Wir wollen uns nicht um Worte ſtreiten, mein Herr,“ ſagte der Obriſt hochmüthig. Ich ſprach, wie es mir die Pflicht gegen meinen König gebot; aber nennen Sie es koin Unglück, wenn ein Corps ſeinen Anführer verliert?“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte der Reiter mit Nachdruck. „Miß Peyton, wollen Sie uns mit einem Toaſt beehren rief der Herr des Hauſes, ängſtlich bemüht, dieſen Dialog abzu⸗ brechen.. Die Dame verbeugte ſich mit Würde, als ſie den Namen „General Montroſe“ nannte, und ein leichtes, lange vermißtes Roth ſtahl ſich über ihre Züge. Der Spion. 3. Aufl. 14 n2“ 210 „Kein Wort läßt eine vielfachere Deutung zu, als das Wort Unglück,“ ſagte der Wundarzt, ohne die ſchlane Wendung des Wirthes zu berückſichtigen.„Einige halten daſſelbe für ein Unglück, was andere für ein Glück halten. Unglück erzeugt Unglück. Das Leben iſt ein Unglück, denn es kann das Mittel zu anhaltendem Unglück werden, und der Tod iſt ein Unglück, weil er die Freuden des Lebens abkürzt.“ „Auch iſt es ein Unglück, daß unſer Tiſch nicht immer einen Wein, wie dieſen, führt,“ ſiel der Reiter ein. „Wir wollen darauf anſtoßen, Sir, da er nach Ihrem Ge⸗ ſchmack zu ſeyn ſcheint,“ ſagte Herr Wharton. Lawton füllte ſein Glas bis zum Rande und leerte es mit dem Toaſte:„baldiger Friede, oder Kampf auf Tod und Leben!“ „Ich thue Beſcheid, Kapitän Lawton, obgleich mir die Art 4☛ Eurer Manöver nicht zuſagt,“ entgegnete der Wundarzt.„Nach meiner einfältigen Meinung ſollte die Cavallerie in der Nachhut bleiben, um den Sieg vollſtändig zu machen, nicht aber vornweg zu Erringung deſſelben benützt werden. Crſteres ſollte man ihre natͤr⸗ liche Beſchäftigung nennen, wenn man ſich anders eines ſolchen Aus⸗ drucks bei, einem ſo künſtlich zuſammengeſetzten Körper bedienen kann; denn die ganze Geſchichte zeigt, daß die Reiterei ſtets am meiſten geleiſtet hat, wenn ſie gehörig in der Reſerve gehalten wurde.“ Das Geſpräch, welches nun mehr einen didactiſchen Charakter annahm, gab der Miß Peyton einen Wink, welchen ſie nicht ver⸗ nachläſſigte. Sie erhob ſich und verließ mit den jüngeren Damen das Zimmer. 5 Faſt gleichzeitig baten auch Herr Wharton und ſein Sohn ihre Entfernung zu entſchuldigen, die wegen des Todes eines nahen Nachbars nöthig geworden ſey, und zogen ſich gleichfalls zurück. Der Aufbruch der Damen war für den Wundarzt das Signal, ſeine Cigarre hervorzuholen, die er dann auch mit einer Umſicht dem mind ſͤßt ſchaf bem ſchlo das tone drüc mor voll der bede The fällt oder ſein wele mit den!“ Art Nach chhut nweg latür⸗ Aus⸗ dienen ts am halten arakter dt ver⸗ Damen Sohn nahen rrück. Signal, Umſicht 211 dem Mundwinkel zuführte, welche die Unterhaltung auch nicht die mindeſte Unterbrecchung erleiden ließ. „Wenn Wunden und Gefangenſchaft durch irgend etwas ver⸗ ſüßt werden können, ſo geſchieht es durch das Glück, in der Geſell⸗ ſchaft von Damen zu dulden, wie ſie uns eben verlaſſen haben,“ bemerkte der Obriſt galant, als er, nachdem ſich die Thüre ge⸗ ſchloſſen hatte, wieder ſeinen Sitz einnahm. „Theilnahme und eine gütige Behandlung üben ihren Einfluß auf das menſchliche Syſtem,“ erwiederte der Wundarzt in ſeinem Adepten⸗ tone, indem er mit dem kleinen Finger die Aſche von ſeiner Cigarre drückte.„Es beſteht ein ſehr inniger Zuſammenhang zwiſchen den moraliſchen und phyſiſchen Empfindungen; doch um eine Kur zu vollenden und die Natur auf die rechte Linie zurückzuführen, von der ſie in Folge einer Krankheit oder Zufälligkeit abgewichen iſt, bedarf es einer kräftigeren Einwirkung, als die iſt, welche eine Theilnahme üben kann, der es an den erforderlichen Kenntniſſen fehlt. In ſolchen Faͤllen iſt das Licht—“ Per Chirurg warf zu⸗ fällig einen Blick auf den Rittmeiſter und hielt inne. Nach zwei oder drei haſtigen Zügen aus ſeiner Cigarre verſuchte er es jedoch, ſeinen Satz zu endigen—„In ſolchen Fällen iſt die Wiſſenſchaft, welche aus dem Lichte fließt—“ „Sie wollten ſagen, Sir—“ bemerkte Obriſt Wellmere, indem er aus ſeinem Glaſe ſchlürfte— „Ich wollte ſagen,“ fuhr Sitgreaves fort, indem er Lawton den Rücken kehrte, daß ein Breiumſchlag nie einen zerbrochenen Arm einrichten wird. „Schade,“ rief der Dragoner;„denn das Eſſen ausgenom⸗ men, könnte ein Brei nicht unſchuldiger verwendet werden.“ „An Sie, Obriſt Wellmere,“ fuhr der Chirurg fort,„an Sie als einen Mann von Erziehung“— der Obriſt verbeugte ſich—„kann ich mit Sicherheit appelliren. Sie müſſen bemerkt haben, welche fürchterliche Verheerung die Reiter unter der Leitung dieſes Herrn in Ihren Reihen angerichtet haben;“— der Obriſt ſah wieder ernſt aus—„wie die Hiebe derſelben unausbleiblich den Faden des Lebens durchſchnitten, ohne einem die Hoffnung zu einer wiſſenſchaftlichen Wiederanknüpfung zu laſſen: wie ſie Wunden ſchlugen, welche der Kunſt des erfahrenſten Praktikers Hohn ſpre⸗ chen. Nun berufe ich mich auf Sie, meines Triumphes gewiß— ſagen Sie, waͤre Ihr Corps nicht eben ſo gut geſchlagen worden, wenn alle Ihre Leute zum Beiſpiel den rechten Arm verloren hät⸗ ten, als ſo, wo es Ihnen an die Köpfe ging?“ „Der Triumph Ihrer Berufung iſt etwas voreilig, Herr!“ entgegnete Wellmere. „Wird die Sache der Freiheit nur einen Schritt durch eine ſolche rückſichtsloſe Grauſamkeit im Felde gefördert?“ fuhr der Wundarzt fort, der ſich nicht gerne von ſeinem Lieblingsthema ab⸗ bringen ließ. 4 „Ich muß erſt noch lernen, ob die haupt durch die Dienſte eines Mannes in dert wird,“ verſetzte der Obriſt. „Nicht die Sache der Freihei wir denn?“ „Für die der Selaverei, Sir; ja, nur für die der Sclaverei. Ihr ſetzt die Tyrannei eines Pöbels auf den Thron eines gütigen, mil⸗ den Fürſten. Was hat denn Eure geprieſene Freiheit für einen Halt?“ „Einen Halt?“ wiederholte der Wundarzt r er eine ſo abſprechende Beſchuldigung gegen eine die ihm ſeit Jahren als heilig erſchienen war. „Ja, Herr, was hat ſie für einen Halt? Euer wohlweiſer Congreß hat ein Manifeſt erlaſſen, in welchem die Gleichheit poli⸗ tiſcher Rechte proclamirt wird.“ „Das iſt wahr,— und's iſt „Ich ſpreche nicht von dem Aufſatz; Sache der Freiheit über⸗ der Rebellenarmee geför⸗ t? Guter Gott, für was kämpfen mit Unwillen, als Sache vernahm, ein ganz ſchöner Aufſatz.“ aber wenn er eine — Wahr Freih ſprech verlor Gewi Noth Haltl Sein eines ſchult falſch ſo ſt Weh in de ten den, wede Ich wach Fäll gelte wir ange ich lung nen, Beif mpfen i. Ihr 1, mil⸗ einen en, als ernahm, hlweiſer it poli⸗ 213 0 4 Wahrheit ſeyn ſoll, warum ſetzt Ihr nicht Eure Seclaven in Freiheit?“ Dieſe Beweisführung, welche des Obriſten Landsleute tauſend ſprechenden Thatſachen als unwiderlegbare Antwort entgegenſtellen, verlor durch die Art, wie ſie aufgeführt wurde, nichts an ihrem Gewicht. Jeder Amerikaner fühlt ſich gedemüthigt, wenn er ſich in die Nothwendigkeit verſetzt ſieht, ſein Vaterland gegen die ſcheinbare Haltloſigkeit und Ungerechtigkeit ſeiner Geſetze zu vertheidigen. Seine Gefuhle ſind in einer ſolchen Stellung dieſelben, wie die eines Ehrenmannes, der ſich gezwungen findet, eine entehrende Be⸗ ſchuldigung von ſich abzuwälzen, obſchon er weiß, daß die Anklage falſch iſt. Da Sitgreaves' Verſtand nichts weniger als unklar war, ſo ſtellte er ſich bei dieſem Aufruf auf eine würdige Weiſe zur Wehre. „Wir halten es für eine Freiheit, eine entſcheidende Stimme in dem Rathe zu haben, durch den wir regiert werden. Wir hal⸗ ten es für hart, von dem Könige eines Volkes beherrſcht zu wer⸗ den, welches dreitauſend Meilen von uns entfernt lebt und das weder gleiche politiſche Intereſſen mit uns hat noch haben kann. Ich ſpreche nicht von Unterdrückung. Das Kind war heran ge⸗ wachſen und konnte ſeine Majoritätsrechte anſprechen. In ſolchen Fällen gibt es nur ein Tribunal, vor dem die Völker ihre Rechte geltend machen können— es heißt Gewalt; und an dieſes haben wir uns jetzt gewendet.“ „Solche Lehren mögen allerdings Euren gegenwärtigen Zwecken angemeſſen ſeyn,“ ſagte Wellmere mit höhniſchem Lächeln,„aber ich fürchte nur, ſie ſind allen Anſichten und der ganzen Hand⸗ lungsweiſe civiliſirter Völker zuwider.“ „Sie ſind im Einklang mit der Handlungsweiſe aller Natio⸗ nen,“ verſetzte der Chirurg, und erwiederte zugleich das lächelnde Beifallwinken Lawton's, welcher an dem geſunden Verſtande ſeines Kameraden Gefallen fand, ſo wenig ihm auch ſonſt deſſen medi⸗ ciniſches Geſalbader, wie er es nannte, zuſagte.„Wer wird ſich wohl beherrſchen laſſen, wenn er ſelbſt herrſchen kann? Es gibt in dieſer Beziehung nur einen vernünftigen Grundſatz, nämlich den, daß jede Gemeinſchaft das Recht hat, ſich ſelbſt zu regieren, und daß ſie dabei die göttlichen Geſetze in keiner Weiſe außer Acht laſſen darf.“ „Aber doch hält man im Einklang mit die ſen Geſetzen ſeine Mitmenſchen in Banden?“ fragte der Obriſt mit Nachdruck. Der Wundarzt griff nach dem Glaſe, räuſp erte ſich und kehrte zu der Streitfrage zurück. „Sir,“ ſagte er,„die Sclaverei iſt ſchon ſehr alten Urſprungs, und ſcheint ſich auf keine beſondere Religion oder Regierungsform zu beſchränken. Jede Nation des civiliſirten Europa's haͤlt oder hielt ihre Mitmenſchen in einer gleichen Art Knechtſchaft.“ „Sie werden Großbrittanien ausnehmen, mein Herr,“ rief der Obriſt ſtolz. „Nein, Sir,“ fuhr der Chirurg zuverſichtlich fort, als er fühlte, daß er im Begriffe war, den Krieg auf das Gebiet des Andern hinüber zu ſpielen;„auch Großbrittanien kann ich nicht ausnehmen. Englands Kinder, Englands Schiffe und Englands Geſetze haben dieſe Praxis zuerſt nach unſern Staaten gebracht und auf ſie fäͤllt daher der ganze Vorwurf. England beſitzt keinen Fuß breit Land, wo ein Neger nützlich ſeyn könnte, ohne daß es Sclaven dort hielte. In England ſelber ſind freilich keine, aber da ſind die phyſiſchen Kräfte ſo aufgehäuft, daß es einen großen Theil derſelben als Arme erhalten muß. Das Nämliche gilt von Frankreich und den meiſten andern europäiſchen Staaten. So lange wir damit zufrieden waren, Kolonien zu bleiben, hatte man nichts gegen unſer Sclavenſyſtem einzuwenden. Jetzt aber, da wir uns entſchloſſen zeigen, uns ſo viel Freiheit, als uns das fehlerhafte Syſtem des herrſchenden Mutterſtaates gelaſſen hat, aufrecht zu erhalten, macht man es uns zum Vorwurf. Will Euer Gebieter die S die n zu de Schy Gebr wenn Zwei und einzi welch ſpra ſcher verr verſ auf dern dote di⸗ ſich in en, daß cf.“ eine hrte ngs, form oder rief [s er t des nicht lands bracht keinen daß es aber großen lt von Hlange nichts bir uns lerhafte echt zu Gebieter 215 die Sclaven ſeiner Unterthanen befreien, wenn es ihm gelingen ſollte, die neuen Staaten zu unterjochen— oder will er etwa die Weißen zu derſelben Knechtſchaft verdammen, welche er ſo lange bei den Schwarzen ruhig mit angeſehen hat? Es iſt wahr, wir ſetzen den Gebrauch fort; aber dem Uebel läßt ſich nur allmählig abhelfen, wenn man nicht dafür ein größeres ſchaffen will. Doch wird ohne Zweifel ſeiner Zeit einmal die Freilaſſung der Selaven erfolgen, und dieſe ſchönen Gegenden werden glücklich ſeyn, ohne daß ein einziges Ebenbild des Schöpfers ſich in einem Zuſtande befindet, welches ihn unfähig macht, über die Güte dieſes Schöpfers zu urtheilen.“ Der Leſer erinnere ſich, daß Sitgreaves vor vierzig Jahren ſprach und Wellmere alſo nicht im Stande war, dieſer propheti⸗ ſchen Behauptung zu widerſprechen. Als der Engländer fand, daß ſich der Gegenſtand immer mehr verwickle, zog er ſich nach dem Zimmer zurück, wo ſich die Damen verſammelt hatten. Er ſetzte ſich zu Sara und unterhielt ſich hier auf eine angenehmere Weiſe, indem er Geſchichtchen aus dem mo⸗ dernen Leben der Hauptſtadt erzählte und tauſend kleine Anek⸗ doten aus der Zeit ihrer früheren Bekanntſchaft in Erinnerung brachte. Miß Peyton hörte, während ſie den Theetiſch beſchickte, mit Vergnügen zu, und Sara beugte oft das Antlitz auf ihr Näh⸗ zeug nieder, wenn ihre Wangen unter den Schmeichelreden ihres Gefährten erglühten. Das mitgetheilte Geſpräch bewirkte einen völligen Waffenſtill⸗ ſtand zwiſchen dem Wundarzt und ſeinem Kameraden, und nachdem erſterer noch einen Beſuch bei Singleton gemacht hatte, verab⸗ ſchiedeten ſie ſich von den Damen, und beſtiegen ihre Pferde, der eine um die Verwundeten im Lager zu beſuchen, der andere, um wieder zu ſeinem Zuge zu ſtoßen. Beide wurden aber an dem Hof⸗ thore durch ein Ereigniß angehalten, welches wir in dem nächſten Kapitel mittheilen wollen. Vierzehntes Kapitel. Nie ſeh' ich wieder um die Schläfen flocken Des theuren Hauptes dünne Silberlocken: Der Demuthsblick in des Gebetes Stunden, Voll Glaubensmuth, voll Stärke, iſt verſchwunden. Doch er iſt ſelig! klage nicht mehr, Herz, Und trag' in ſtiller Armuth deinen Schmerz. Crabbe. Wir haben bereits geſagt, daß die Sitten der Amerikaner nur einen kurzen Aufenthalt in dem Trauerhauſe geſtatten, und die Nothwendigkeit, für ſeine Sicherheit zu ſorgen, hatte den Krämer genöthigt, ſogar die kleine Friſt noch abzukürzen. In der Ver⸗ wirrung und Aufregung der in früheren Kapiteln beſchriebenen Ereigniſſe war der Tod des alten Birch unbeachtet geblieben; demungeachtet wurde aber eine hinreichende Anzahl der nächſten Nachbarn zuſammengebracht, um den Hingeſchiedenen mit den üblichen Feierlichkeiten zur letzten Ruheſtätte zu bringen. Die Annäherung dieſes kleinen Leichenzugs hatte die Bewegung des Rittmeiſters und ſeines Kameraden angehalten. Vier Männer trugen den rohgearbeiteten Sarg, und vier andere gingen voraus, um gelegentlich ihre Freunde abzuloͤſen. Der Hauſirer kam un⸗ mittelbar hinter der Bahre, und ihm zur Seite ging Katy Haynes in tiefſter Betrübniß. Den Leidtragenden folgte Herr Wharton und der engliſche Kapitän. Zwei oder drei alte Männer und Frauen mit etlichen nachzügelnden Knaben ſchloßen den Zug. Kapitän Lawton ſaß mit dumpfem Schweigen im Sattel, bis die Träger an ihm vorbei waren. Da erhob Harvey zum erſtenmal den zur Erde geſenkten Blick und ſah den gefürchteten Feind in ſeiner unmittelbaren Nähe. Der erſte Eindruck des Krämers war der der Flucht; aber ſchnell ſammelte er ſich wieder, richtete das Auge auf den Sarg ſeines Vaters und ging mit feſten Schritten, aber meif Hau er, hint mit an, Reit hatt, blen ſeit dem Vere prän den Leich faltu nicht ſeine die aber Cere Leber ſolche und ausg jedoch Ehe von kündi inden. 8. nur bdie ämer Ver⸗ denen ben; hſten den Die des inner raus, un⸗ ynes arton und Zug. 3 die nmal d in war das tten, 217 aber mit klopfendem Herzen an dem Dragoner vorbei. Der Ritt⸗ meiſter nahm langſam den Hut ab und blieb mit unbedecktem Haupte, bis Herr Wharton und ſein Sohn vorüber waren, worauf er, von dem Wundarzt begleitet, in tiefem Schweigen gemächlich hinter dem Zuge herritt. Cäſar kam aus der Kellerküche des Landhauſes und ſchloß ſich mit einem ernſten und feierlichen Geſichte dem Leichenbegängniſſe an, obgleich er ſich dabei in reſpektvoller Entfernung von den Reitern hielt, die er mit ſcheuen Blicken maß. Der alte Neger hatte ſich um den Arm, ein wenig über dem Ellenbogen, ein blendend weißes Tellertuch gebunden, denn es war das erſtemal, ſeit der Abreiſe aus der Stadt, daß er Gelegenheit hatte, ſich in dem Traueraufzuge eines Sclaven zu zeigen. Er war ein großer Verehrer des Anſtandes und mochte zu ſeinem gegenwärtigen Ge⸗ pränge theilweiſe wohl durch den Wunſch veranlaßt worden ſeyn, den ſchwarzen Freund aus Georgien mit allen Förmlichkeiten eines Leichenbegängniſſes von New⸗York bekannt zu machen. Die Ent⸗ faltung ſeines Eifers ließ ſich gut an und hatte bei ſeiner Rückkehr nichts Weiteres als eine milde Zurechtweiſung über das Ungeeignete ſeines Benehmens von Seite der Miß Peyton zur Folge. Gegen die Begleitung des Leichenzugs ließ ſich zwar nichts einwenden, aber das Umbinden des Tellertuchs erſchien als eine überflüſſige Ceremonie bei der Beſtattung eines Mannes, der während ſeines Lebens keines Dieners bedurft und ſich die Verrichtungen eines ſolchen immer ſelbſt geleiſtet hatte. Der Kirchhof lag auf dem Beſitzthume des Herrn Wharton, und war von dieſem Herrn einige Jahre vorher zu dieſem Zwecke ausgezeichnet und mit Steinwällen umgeben worden. Er war jedoch nicht zum Begräbnißplatze für ſeine eigene Familie beſtimmt. Ehe die Feuersbrunſt, welche ausbrach, als die brittiſchen Truppen von New⸗York Beſitz ergriffen— Triniti in Aſche legte, ver⸗ kündigte dort ein gut vergoldetes Täfelchen in der Maner die 218 Tugenden ſeiner hingeſchiedenen Eltern, und in einem Flügel der Kirche moderten unter marmornen Denkmalen ihre Gebeine in ariſtokra⸗ tiſcher Ruhe. Kapitän Lawton machte, als der Leichenzug von der Straße gegen die Ruheſtätte der Todten einlenkte, eine Bewegung, als ob er ihm folgen wolle; ein Wink von ſeinem Gefährten machte ihn jedoch aufmerkſam, daß er einen falſchen Weg einſchlage. „Welcher von den verſchiedenen üblichen Methoden, die ſterb⸗ lichen Reſte eines Menſchen zur Ruhe zu bringen, geben Sie den Vorzug, Kapitän Lawton,“ ſagte der Wundarzt, als ſie ſich von der kleinen Proceſſion trennten.„In einigen Ländern gibt man ſie den Thieren preis, in andern hängt man ſie in der Luft auf, um ſie auf dem Wege der luftigen Zerſetzung in ihre Urelemente auf⸗ zulöſen; dort ſchichtet man Holzhaufen auf, um den Leichnam im Feuer zu verzehren, und da gräbt man ihn in den Schooß der Erde; jedes Volk hat ſeine eigenthümliche Weiſe. Welcher geben Sie nun den Vorzug?“ „Es kömmt wohl bei allen auf Eines heraus,“ ſagte der Reiter, indem er dem Zuge mit den Augen folgte,„obwohl ſchleu⸗ nige Beerdigung wohl das reinſte Feld macht. Welche ſagt Ihnen am meiſten zu?“ 3 „Diejenige, welche bei uns üblich iſt, denn die andern drei laſſen keine Section zu. Bei dieſer kann der Sarg in anſtändiger Ruhe liegen bleiben, während die Ueberreſte der Wiſſenſchaft zu nützlichen Zwecken dienen. Ach, Kapitän Lawton, ich dachte mir's nicht, als ich zur Armee kam, daß ich beziehungsweiſe nur ſo we⸗ nige Gelegenheit zu einem derartigen Geſchäft finden würde.“ „Wie oft im Jahre mag Ihnen dieſes Vergnügen wohl zu Theil werden?“ ſagte der Kapitän, indem er den Blick von dem Kirchhof abwandte. „Etwa ein Dutzendmal, auf Chre! meine beſte Leſe iſt, wenn das Corps abgeſondert operirt; denn wenn wir bei der Hauptarmee ſind, müſſen ſo viele junge Burſche befriedigt werden, —————— daß ſchne wie erha mit mit terli Frei Lebe daß noch den welch ſie ſchlo Verf und der Geſi das „Ne ſond Nan ande Sit Kirche tokra⸗ en der egung, nachte ſterb⸗ ie den h von dan ſie f, um e auf⸗ am im oß der geben te der ſchleu⸗ Ihnen en drei ändiger haft zu e mir's ſo we⸗ .“ vohl zu on dem eſe iſt, bei der werden, 219 daß ſelten ein gutes Subject an mich kommt. Dieſe Neulinge ſchneiden ſchrecklich verſchwenderiſch d'rauf los und ſind ſo gierig wie die Geier.“ „Ein Dutzendmal?“ wiederholte der Reiter erſtaunt,„ſo viel erhalten Sie ja nur von meinen Händen.“ „Ach, Jack!“ erwiederte der Doktor, indem er den Gegenſtand mit zarter Umſicht näher zu rücken ſuchte,„ich kann ſelten etwas mit Ihren Patienten anfangen; Sie verunſtalten ſie auf eine fürch⸗ terliche Weiſe. Glauben Sie mir, John, ich ſage es Ihnen als Freund, Ihr Syſtem taugt durchaus nichts. Sie zerſtören das Leben auf eine unnöthige Weiſe und verſtümmeln den Körper ſo, daß er zu dem einzigen Gebrauch, den man von einem Todten noch machen kann, verdorben iſt.“ Der Reiter ſchwieg, weil er dieß für das ſicherſte Mittel hielt, den gegenſeitigen Frieden aufrecht zu erhalten, und der Wundarzt, welcher noch einen Blick nach dem Begräbnißplatze zurückwarf, ehe ſie um den Hügel herumritten, der die Ausſicht nach dem Thale ſchloß, fuhr mit einem unterdrückten Seufzer fort: „Nächtlicher Weile ließe ſich wohl die Leiche eines natürlich Verſtorbenen von jenem Kirchhofe wegholen, wenn man nur Zeit und Gelegenheit dazu hätte. Der Patient war wohl der Vater der Frau, welche wir dieſen Morgen ſahen?“ „Sie meinen den Schürzendoktor— die Dame mit dem Geſicht der Aurora borealis?“ ſagte der Reiter mit einem Lächeln, das ſeinem Gefährten einiges Unbehagen zu verurſachen begann. „Nein, das Frauenzimmer war nicht die Tochter des Verſtorbenen, ſondern nur ſeine ſchürzendokternde Wärterin; und Harvey, deſſen Name den beharrlichen Refrain ihres Liedes ausmachte, iſt niemand anders, als der berüchtigte Krämerſpion.“ „Was? derſelbe, der Sie aus dem Sattel hob?“ „Niemand hat mich je aus dem Sattel gehoben, Doktor Sitgreaves,“ ſagte der Dragoner ernſt.„Ich fiel durch einen Fehltritt meines Rothſchimmels, und Reiter und Roß küßten mit einander die Erde.“ „Eine brünſtige Umarmung, denn Sie tragen die Liebesmale noch auf Ihrer Haut. Aber's iſt doch jammerſchade, daß Sie nicht ausfindig machen können, wo der ausplaudernde Schuft verbor⸗ gen liegt.“ „Er ging hinter der Leiche ſeines Vaters her.“ „Und Sie haben ihn paſſiren laſſen?“ rief der Wundarzt, in⸗ dem er ſein Pferd anhielt.„Laßt uns Augenblicks umkehren und ihn feſt nehmen! Morgen können Sie ihn hängen ſehen, und dann, Gott verdamme ihn— dann will ich ihn ſeciren.“ „Sachte, ſachte, mein lieber Archibald! Wollen Sie einen Mann anhalten, während er ſeinem Vater dienletzte Liebespflicht erweist? Ueberlaſſen Sie ihn mir und ich ſetze meinen Kopf zum Pfand, es ſoll ihm ſein Recht werden.“ Der Doktor murrte unzufrieden über den Aufſchub der Ver⸗ geltung, doch mußte er aus Achtung für den Anſtand ſich beruhigen. Sie ſetzten ihren Ritt nach den Quartieren des Corps fort, wobei ſie ſich noch in verſchiedenen Streitfragen über die geeignetſte Be⸗ handlung eines menſchlichen Leichnams ergingen. Birch behielt das ernſte und gefaßte Benehmen bei, welches einem männlichen Leidtragenden bei ſolchen Gelegenheiten ziemt, und Katy blieb es überlaſſen, die zärtlichere Trauer ihres Ge⸗ ſchlechts an den Tag zu legen. Es gibt Menſchen, deren Ge⸗ fühle ſo beſchaffen ſind, daß ſie nur in geeigneter Geſellſchaft weinen können, und der Jungfrau war ein großer Antheil von dieſer geſelligen Tugend zugemeſſen. Sie warf ihre Blicke rund auf die kleine Verſammlung, und als ſie bemerkte, daß ſich alle Geſichter der wenigen anweſenden Weiber in feierlicher Erwartung auf ſie richteten, war auch im Augenblick die entſprechende Wir⸗ kung da. Die Jungfer begann allen Ernſtes zu weinen und erregte dadurch bei den Zuſchauern eine nicht unbeträchtliche Theil Man erſte beredt hauſu Auge vom Arme druck jedoch wiede und j lächel an be Raſer Verbl der L theiln ihre wirkl gleich meln Eurei für it Grup Leidtr achtur Kräm unter ſah ir n mit zmale nicht erbor⸗ t, in⸗ n und und einen pflicht zum Ver⸗ higen. wobei Be⸗ elches ziemt, 3 Ge⸗ Ge⸗ lſchaft l von rund h alle rtung Wir⸗ und htliche 221 Theilnahme und große Achtung gegen die Zartheit ihres Herzens. Man ſah die Muskeln des Hauſirers ſich bewegen, und als die erſte Schaufel Erde mit dem dumpfen hohlen Tone, welcher ſo beredt die Sterblichkeit des Menſchen verkündet, auf die letzte Be⸗ hauſung ſeines Vaters ſiel, wurde ſein ganzer Körper einen Augenblick von convulſiviſchen Zuckungen ergriffen. Er beugte ſich vom Schmerz zerriſſen nieder: die Finger arbeiteten, während die Arme leblos herunterhingen und in ſeinem Geſichte lag ein Aus⸗ druck, der das Ringen ſeiner Seele verkündete. Bald hatte er jedoch die vorübergehende Empfindung bewältigt. Er erhob ſich wieder, ſchöpfte tief Athem, blickte mit erhobenem Antlitz um ſich und ſchien in dem Bewußtſeyn, ſich ſelbſt bezwungen zu haben, zu lächeln. Das Grab war bald zugeworfen. Ein roher Stein wurde an beiden Enden aufgerichtet, um die Stelle zu bezeichnen, und der Raſen, deſſen welke Vegetation ein Bild der Erdenſchickſale des Verblichenen gab, deckte bald den kleinen Hügel— der letzte Dienſt der Liebe! Als alles vorbei war, zogen die Nachbarn, welche ſich theilnehmend der Uebung dieſer ernſten Pflicht unterzogen hatten, ihre Hüte und blickten auf den trauernden Sohn, welcher ſich jetzt wirklich ganz einſam auf der Welt fühlte. Der Krämer entblößte gleichfalls ſein Haupt, zögerte einen Augenblick, um ſich zu ſam⸗ meln, und begann dann zu ſprechen. „Freunde und Nachbarn,“ ſagte er,„ich danke Euch für Euren Beiſtand bei dem Begräbniſſe eines theuren Todten, der jetzt für immer meinen Augen entrückt iſt.“ Eine feierliche Pauſe folgte dieſer üblichen Anrede. Die Gruppe zerſtreute ſich ſchweigend, und nur wenige begleiteten die Leidtragenden bis zum Trauerhauſe, an deſſen Schwelle ſie ſich achtungsvoll verabſchiedeten. Nur ein Mann folgte Katy und dem Krämer in's Innere der Wohnung— er war in der ganzen Gegend unter dem bezeichnenden Namen„der Speculant,“ bekannt. Katy ſah ihn mit klopfendem Herzen und unter bangen Ahnungen in's Haus treten, aber Harvey bot ihm höflich einen Stuhl und ſchien auf dieſen Beſuch vorbereitet zu ſeyn. Der Hauſirer ging zu der Thüre, ſah ſich vorſichtig im Thale um, kehrte dann ſchnell zurück, und begann das folgende Geſpräch: „Die Sonne ſenkt ſich bereits zum Untergange. Meine Zeit iſt drängend. Hier iſt die Verſchreibung über Haus und Hof; alles i*ſt in der geſetzlichen Form abgemacht.“ Der Andere nahm das Papier und ſtudirte den Inhalt des⸗ ſelben mit einer Bedächtigkeit, welche zum Theil in ſeiner Vorſicht und zum Theil in dem unglücklichen Umſtande ihren Grund hatte, daß ſeine Jugenderziehung ſehr vernachläßigt worden war. Die Zeit dieſer langweiligen Prüfung benützte Harvey, um einige Ge⸗ genſtände zuſammenzuraffen, welche er nebſt anderen Vorräthen aus der Hütte mit ſich nehmen wollte. Katy hatte bereits den Hauſirer gefragt, ob der Todte ein Teſtament hinterlaſſen habe, und betrachtete daher die Bibel, die zu unterſt in einem neuen Pack lag, welchen ſie zu ſeiner Bequemlichkeit zugerichtet hatte, mit der rückſichtsvollſten Gleichgültigkeit; als aber nun die ſechs ſilbernen Löffel ſorgfältig beigepackt wurden, erwachte in ihr das Gefühl, ſich einer ſo handgreiflichen Nichtachtung ihrer Anſprüche entgegen⸗ zuſtellen, und ſie brach ihr Schweigen.. „Wenn Ihr heirathet, Harvey, ſo könnt Ihr dieſe Löffel wohl entbehren.“ „Ich werde nie heirathen.“ „Nun wenn Ihr das gegenwärtig auch nicht im Sinne habt, ſo iſt doch jetzt keine Zeit, nicht einmal für Euch, ſolche raſche Gelübde zu thun. Man kann nicht wiſſen, was ſelbſt in Eurer Lage noch geſchehen kann. Aber ich moͤchte doch wiſſen, was einem einzelnen Mann ſo viele Löffel nützen können. Ich für meinen Theil halte es für die Pflicht eines jeden Mannes, der ſein gutes Auskommen hat, daß er ein Weib und eine Familie ernähre.“ Zu der Zeit, als Katy in ſolcher Weiſe ihren Gefühlen Luft ſchien Thale präch: 2 Zeit alles t des⸗ orſicht hatte, Die ge Ge⸗ räthen ts den habe, n Pack nit der lbernen Gefühl, tgegen⸗ el wohl ne habt, 2 raſche a Eurer is einem meinen in gutes re. len Luft 223 machte, beſtand das Vermögen von Weibern ihrer Klaſſe in einer Kuh, einem Bette, den Arbeiten ihrer Hände in der Form ver⸗ ſchiedener Kiſſenüberzüge, Bettüberwürfe, Leintücher, und wenn's recht gut ging, in dem Beſitz von einem halben Dutzend ſilberner Löffel. Die Haushälterin hatte ſich durch Fleiß und Klugheit die erſteren Erforderniſſe angeeignet, und man kann ſich leicht vor⸗ ſtellen, daß ſie Gegenſtände, die ſie ſo lange ſchon als ihr Eigen⸗ thum betrachtet hatte, in dem ungeheuren Packe mit einer Unzu⸗ friedenheit verſchwinden ſah, welche durch die dem Handgriffe vor⸗ angehende Erklärung keineswegs gemindert wurde. Harvey nahm jedoch keine Rückſicht auf ihre Meinungen und Gefühle, ſondern fuhr fort, den Sack zu füllen, bis er faſt wieder zu der Größe ſeiner gewoͤhnlichen Laſt angewachſen war. 1 „Ich bin doch ein wenig ängſtlich wegen dieſer Uebertragung,“ ſagte der Käufer, nachdem er ſich endlich durch die Artikel des Vertrages durchgearbeitet hatte. „Warum das?“ „Ich fürchte, ſie möchte vor dem Gerichte nicht gelten. Ich weiß, daß morgen zwei aus den Nachbarſchaft hingehen, um auf Confiscation anzutragen, und wenn ich vierzig Pfund für das An⸗ weſen gäbe, und alles verlieren müßte— es wäre ein Todesſtoß für mich.“ „Sie können nur nehmen, was mein iſt,“ ſagte der Hauſirer. „Zahlt mir zweihundert Dollars, und das Haus iſt Euer. Ihr ſeyd zu gut als Whig bekannt, als daß Ihr nur die mindeſte Be⸗ unruhigung zu fürchten haben könntet.“ Während Harvey dieſe Worte ſprach, drückte ſich eine unge⸗ wöhnliche Bitterkeit, gemiſcht mit der ſchlauen Sorge für den Ver⸗ kauf ſeines Eigenthums, in ſeinem Benehmen aus. „Sagt hundert und der Handel iſt geſchloſſen,“ erwiederte der Mann mit einem Grinſen, das für ein gutmüthiges Lächeln gelten ſollte. „Der Handel geſchloſſen?“ wiederholte der Krämer erſtaunt, „ich dächte, das ſey ſchon vorher geſchehen.“ „Ein Kauf gilt erſt dann,“ erwiederte der Andere kichernd, „wenn die Papiere ausgeliefert ſind und der Kaufſchilling auf dem Tiſch liegt.“ „Ihr habt die Abtretung.“ „Ja, und ich will ſie behalten, wenn Ihr mit dem Geld zufrie⸗ den ſeyn wollt.— Kommt, ich will nicht hart ſeyn— macht hundert und fünfzig. Hier— hier— ich habe gerade die Summe bei mir.“ Der Hauſirer blickte durch das Fenſter und bemerkte mit Schrecken, daß die Nacht immer näher rückte, denn er wußte wohl, wie ſehr durch ſein Berweilen im Hauſe nach Einbruch der Dun⸗ kelheit ſein Leben gefährdet wurde. Doch konnte er den Gedanken nicht ertragen, in einem bereits abgeſchloſſenen Handel auf dieſe Weiſe betrogen zu werden. Er zögerte. „Nun,“ ſagte der Käufer aufſtehend,„vielleicht findet Ihr zwiſchen jetzt und Morgen einen audern Mann, der auf den Kauf eingeht. Wenn das aber nicht der Fall iſt, ſo wird ſpäter Euer Anweſen nicht mehr viel werth ſeyn.“ „Nehmt das Geld, Harvey,“ ſagte Katy, welcher es unmög⸗ lich war, einer Verſuchung, wie die vor ihr liegende, zu wider⸗ ſtehen, denn die Kaufſumme blinkte ihr in ſchönen engliſchen Gui⸗ neen entgegen. Ihre Stimme weckte den Krämer und ein neuer Gedanke ſchien in ihm aufzutauchen. „Ich will mir den Preis gefallen laſſen,“ ſagte er. Dann wandte er ſich gegen die Haushälterin, drückte ihr einen Theil des Geldes in die Hand und fuhr fort:„Hätte ich andere Mittel, Euch zu bezahlen, ſo würde ich lieber Alles verloren haben, ehe ich mich hätte um einen Theil meines Eigenthums betrügen laſſen.“ „Du wirſt doch Alles verlieren,“ brummte der Fremde mit einem höhniſchen Lachen vor ſich hin, als er aufſtand und das Ge⸗ bäude verließ. kennt da d auf achte auf wart ande nung Gru halte fragt nach „abe würd zu v der die Wer Geſt aus Eler der aunt, ernd, dem ufrie⸗ ndert mir.“ mit wohl, Dun⸗ anken dieſe t Ihr Kauf Euer nmög⸗ wider⸗ Gui⸗ neuer Dann eil des „Euch ch mich de mit as Ge⸗ 225 „Ja,“ ſagte Katy, indem ſie ihm mit den Augen folgte;„er kennt Eure Schwäche, Harvey; er denkt mit mir, daß Euch nun, da der alte Herr todt iſt, eine ſorgſame Hand fehlen wird, die auf Eure Sachen Acht gibt.“ Der Hauſirer traf immer noch Vorkehrungen zu ſeiner Abreiſe und achtete nicht auf die Anſpielungen der Jungfrau, durch die ſie wieder auf ihren Angriff zurückkam. Sie hatte ſo viele Jahre in der Er⸗ wartung gelebt, Hoffnungen erfüllt zu ſehen, die nun einen ganz andern Gang zu nehmen ſchienen, daß der Gedanke an eine Trenu⸗ nung ſie mehr zu beunruhigen anfing, als ſie ſelbſt, einem zu Grunde gerichteten, freundloſen Manne gegenuber, für möglich ge⸗ halten hätte. „Habt Ihr noch ein anderes Haus, wo Ihr hinziehen könnt?“ fongks Katy. „Die Vorſehung wird auch mir für eine Heimath ſorgen.“ „Ja,“ ſagte die Haushälterin,„aber vielleicht wird ſie nicht nach Eurem Geſchmacke ſeyn.“ „Der Arme muß mit Allem zufrieden ſeyn.“ „Gewiß;— ich bin auch leicht zufrieden,“ rief Katy ſchnell, „aber ich habe Alles gern anſtändig und in der Ordnung; es würde übrigens nicht ſchwer werden, mich zu bereden, dieſe Gegend zu verlaſſen, denn ich kann nicht gerade ſagen, daß mir die Weiſe der Leute hier herum beſonders gefällt.“ „Das Thal iſt lieblich,“ ſagte der Krämer mit Wärme,„und die Leute ſind, wie anderswo auch. Doch, alles das hat keinen Werth für mich. Jetzt iſt mir ein Ort wie der andere, und jedes Geſicht iſt mir ein fremdes.“ Als er dieſes ſprach, ließ er das, was er eben einpacken wollte, aus der Hand fallen und ſetzte ſich mit dem Blick des troſtloſeſten Elends auf eine Truhe. „Nicht doch, nicht doch,“ ſagte Katy, indem ſie ihren Stuhl der Stelle, wo der Krämer ſaß, näher rückte;„nicht doch, Harvey! 3. Aufl. 3 15 Der Spion. 1 Ihr ſolltet doch wenigſtens mich noch kennen. Mein Geſicht kann Euch gewiß nicht fremd ſeyn.“ Birch wandte die Augen langſam nach ihrem Antlitz, welches in dem gegenwärtigen Augenblicke mehr Gefühl und weniger Selbſt⸗ ſucht zeigte, als er je vorher an ihr bemerkt hatte; dann ergriff er ihre Hand freundlich, wobei ſeine eigenen Zuge etwas von ihrem ſchmerzlichen Ausdruck verloren, und ſprach: „Ja, gutes Weib— Ihr wenigſtens ſeyd mir keine Fremde; Ihr werdet mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen und wenn es auch nur eine parteiiſche wäre; wenn andere mich ſchmähen, ſo werdet Ihr vielleicht aus innerem Antriebe etwas zu meiner Vertheidigung ſagen.“ „Das will ich; das werde ich!“ rief Katy lebhaft.„Ich will Euch die Stange halten bis auf den letzten Blutstropfen. Sie ſollen nur kommen und Euch etwas anhaben wollen! Ihr habt Recht, Harvey, ich bin parteiiſch und gerecht gegen Euch. Was iſt's auch, wenn Ihr den König liebt? Ich habe oft ſagen hören, daß er im Grunde ein guter Mann ſey. Aber es iſt keine Re⸗ ligion in dem alten Lande, denn alle Welt ſagt, daß die Miniſter verzweifelte Spitzbuben ſeyen.“ Der Hauſirer ging in augenſcheinlichem Seelenharme in der Stube auf und nieder; ſein Auge trug einen Ausdruck von Wild⸗ heit, den Katy früher nie an ihm bemerkt hatte, und er trat mit einer Würde auf, welche die Haushälterin erſchreckte. „So lange mein Vater lebte,“ ſprach Harvey, unfähig, ſeine Gefühle zu unterdrücken, vor ſich hin,„gab es doch eine Seele, welche in meinem Herzen leſen konnte. Ach, welch ein Troſt war es für mich, wenn ich von meinen gefahrvollen geheimen Wegen, wo mich nur Nachſtellungen und Leiden geleiteten, heim kehrte und ſeinen Segen, ſein Lob vernehmen durfte. Doch er iſt dahin,“ fuhr er fort, indem er ſeine Schritte anhielt und einen wilden Blick nach der Ecke warf, wo ſein Vater zu ſitzen pflegte,„und wo iſt Jemand, der mir Gerechtigkeit widerfahren ließe?“ muß ſolch ihre zum die fühl nie l und a barte Schu Frau Alles nützen Wir welch von d Geſch Haͤuſt aufſp eines macht Ihr kann lches Abſt⸗ griff hrem Ihr nur Ihr gen.“ will Sie habt Was ören, Re⸗ niſter n der Wild⸗ tmit ſeine Seele, war egen, und hin,“ dilden „und 227 „Ach, Harvey! Harvey!“ „Ja, noch Einer lebt, der mich kennen wird, der mich kennen muß, ehe ich ſterbe. O, es iſt ſchrecklich, zu ſterben und einen ſolchen Namen zurückzulaſſen.“ „Sprecht nicht vom Sterben,“ ſagte die Jungfrau, indem ſie ihre Blicke ängſtlich im Zimmer herumgleiten ließ und etwas Holz zum Feuer legte, um ein helleres Licht zu erhalten. Die Aufwallung des Krämers war vorüber. Sie war durch die Ereigniſſe des vergangenen Tages und durch das lebhafte Ge⸗ fühl ſeiner Noth erregt worden. Leidenſchaftlichkeit behielt jedoch nie lange die Oberhand über die Vernunft dieſes ſeltſamen Mannes, und als er bemerkte, daß die Nacht mit ihren Schatten bereits die benach⸗ barten Gegenſtände verdunkelte, warf er haſtig ſeinen Pack über die Schulter, nahm Katy freundlich bei der Hand und ſagte ihr Lebewohl. „Es thut mir wehe, mich von Euch trennen zu müſſen, gute Frau,“ ſagte er;„aber die Stunde iſt da, und ich muß ſcheiden. Alles, was ich im Hauſe zurücklaſſe, iſt Euer; mir kann es nichts nützen und Euch mag es vielleicht gute Dienſte thun. Lebt wohl! Wir ſehen uns ſpäter wieder.“ „Ja, in dem Reiche der Finſterniß!“ ſchrie eine Stimme, welche den verzweiflungsvollen Krämer auf die Truhe zurückwarf, von der er eben aufgeſtanden war „Was? noch ein anderer Pack, Meiſter Birch, und in der Geſchwindigkeit ſo gut ausgeſtopft?“ „Habt Ihr mir noch nicht genug Uebles zugefügt?“ rief der Häuſirer, als er ſeine Feſtigkeit wiedergewonnen hatte und mit Energie aufſpringend.„Iſt es nicht genug, daß Ihr die letzten Stunden eines Sterbenden verbittert und mich zu einem armen Manne ge⸗ macht habt? Was wollt Ihr weiter?“ „Dein Blut!“ ſagte der Schinder mit hämiſcher Kälte. „Und für Geld?“ ſchrie Harvey;„wie der alte Judas wollt Ihr Euch mit dem Blutſolde bereichern?“ „Ja, und's iſt dazu ein ſchöner Sold, mein ehrenwerther Herr— fünfzig Guineen, faſt ſo viel, als dieſe Deine Vogel⸗ ſcheuche da in Gold wiegt.“ „Hier,“ ſagte Katy ſchnell,„hier ſind fünfzehn Guineen— und dieſe Commoden, dieſes Bett, es iſt alle meine Habe. Wenn Ihr Harvey nur eine Stunde Vorſprung laſſen wollt, ſo ſoll es Euch gehören.“ „Eine Stunde?“ ſagte der Schinder, die Zähne fletſchend und gierige Blicke auf das Geld werfend. „Nur eine einzige Stunde; da— da habt Ihr das Geld!“ „Halt!“ rief Harvey,—„traue dieſen Böſewichtern nicht!“ „Sie kann trauen, wem ſie will,“ verſetzte der Schinder mit boshaftem Lachen.„Das Geld iſt in guten Händen, und Dir, Meiſter Harvey, wollen wir die Unverſchämtheit um der fünfzig Guineen willen hingehen laſſen, die man uns für die Auslieferung eines ſolchen Galgenvogels auszahlen wird.“ „Nun, ſo geht,“ ſagte der Hauſirer ſtolz;„bringt mich zu Major Dunwoodie; er wird wenigſtens menſchlich ſeyn, wenn er auch ſtreng iſt.“ „Ich kann etwas Beſſeres thun, als in einer ſo ſauhern Ge⸗ ſellſchaft ſo weit zu gehen. Dieſer Major Dunwoodie hat ſchon einen oder zwei Tories laufen laſſen; aber Kapitän Lawlon's Zug iſt eine halbe Meile naher einquartiert, und des Rittmeiſters Em⸗ pfangſchein wird uns unſere Belohnung ſo gut ſichern, als der des Majors. Wie behagt Dir der Gedanke, dieſen Abend mit Kapitän Lawton Deine Suppe zu eſſen, Meiſter Birch?“ „Gebt mir mein Geld, oder ſetzt Harvey in Freiheit,“ ſchrie die Haushälterin empört. „Die Beſtechung iſt zu gering, gute Frau, wenn nicht vielleicht noch Geld in dieſem Bette verborgen iſt!—“ er ſtach dabei mit dem Bajonet in das Bettzeug und machte ſich das ſchadenfrohe Vergnügen, es zu zerreißen und den Inhalt deſſelben in dem Zimmer auszuſtreuen. Recht erwor ſichti aber das ankon lich aber Räul Krän Gele und ihm welch ſpät, ten, rühre es a anzü den blick nach derther Vogel⸗ ken— Wenn ſoll es ud und eld!“ icht!“ der mit d Dir, fünfzig eferung mich zu venn er ern Ge⸗ at ſchon n's Zug ers Em⸗ der des Kapitän „“ ſchrie vielleicht mit dem ergnügen, zuſtreuen. 229 „Wenn es noch ein Geſetz im Lande gibt, ſo muß mir mein Recht werden,“ ſchrie die Haushälterin, die im Eifer für ihr neu erworbenes Eigenthum ihre perſönliche Gefahr nicht mehr berück⸗ ſichtigte. „Auf dem neutralen Grunde gilt nur das Recht des Stärkern; aber Eure Zunge iſt nicht ſo lang, als mein Bajonet, und es wird das Beſte ſeyn, Ihr laßt es nicht auf einen Streit zwiſchen beiden ankommen, ſonſt möchtet Ihr den Kürzeren ziehen.“ In dem Schatten der Thuüre ſtand eine Geſtalt, welche ängſt⸗ lich vermied, ſich unter der Bande der Schinder ſehen zu laſſen; aber eine hell auflodernde Flamme, welche durch einige von den Raͤubern in's Feuer geworfene Gegenſtände erzeugt wurde, ließ den Krämer das Geſicht des Käufers ſeines kleinen Beſitzthums erkennen. Gelegentlich bemerkte Harvey ein Flüſtern zwiſchen dieſem Manne und einem naheſtehenden Schinder, wodurch die Vermuthung in ihm rege wurde, daß er das Opfer einer Uebereinkunft ſey, an welcher jener Elende Theil genommen habe. Aber Reue war jetzt zu ſpät, und der Krämer folgte der Rotte mit feſten und ruhigen Schrit⸗ ten, als ob es zum Siege und nicht zum Galgen ginge. Als ſie durch den Hof zogen, ſiel der Führer der Bande über einen Holzblock und wurde dadurch ein wenig beſchädigt. Der Kerl ſprang wieder auf und erfüllte, erbittert über dieſen Unfall, die Luft mit Flüchen. „Das Donnerwetter ſoll in dieſen Block fahren!“ rief er. „Man kann ſich in einer ſolchen pechfinſtern Nacht nicht einmal rühren. Werft einen Feuerbrand in jenen Werghaufen dort, daß es auch hell in der Gegend werde.“ „Halt!“ brüllte der Speculant;„Ihr werdet mir das Haus anzünden!“ „Und dafür um ſo beſſer ſehen,“ ſagte der Andere und warf den Brand mitten in das brennbare Material. In einem Augen⸗ blick ſtand das ganze Gebäude in Flammen.„Kommt, laßt uns nach den Höhen ziehen, ſo lange wir noch Licht für unſern Weg haben.“ 230 8 „Spitzbuben!“ ſchrie der aufgebrachte Käufer; viſt das eure Freundſchaft, das der Dank, daß ich euch den Hauſirer an's Meſſer lieferte?“ „Du wirſt gut thun, aus dem Lichte zu gehen, wenn Du uns mit Schimpfen zu unterhalten gedenkſt; wir möchten ſonſt zu gut ſehen, um das Ziel zu verfehlen,“ rief der Führer des Zugs. Im nächſten Augenblick ging die Drohung auch in Erfüllung, obgleich glücklicherweiſe weder der erſchreckte Speculant, noch die nicht we⸗ niger entſetzte Jungfrau, die ſich durch dieſen Handſtreich aus einem verhältnißmäßigen Wohlſtand wieder in Armuth verſetzt ſah, ge⸗ troffen wurde. Die Klugheit rieth Beiden zu einem ſchleunigen Rückzuge und am kommenden Morgen ſtand von der Wohnung des Haufirers nichts mehr, als der bereits erwähnte ungeheure Schornſtein. Fünfzehntes Kapitel. — Kleinigkeiten, leicht wie Wind, erſcheinen Der Eiferſucht als kräftige Beweiſe, Wie Worte aus der Bibel. Othello. Vas Wetter, welches ſeit dem Sturme mild und heiter ge⸗ weſen war, änderte ſich jetzt plötzlich mit der dem amerikaniſchen Klima eigenthümlichen Schnelligkeit. Im Oſten blies der Wind kalt von den Bergen und Schneegeſtöber verkündigten die Ankunft des November, eines Monats, deſſen Temperatur von der Hitze des Sommers bis zur eiſigen Kälte des Winters wechſelt. Fran⸗ ciska betrachtete von dem Fenſter⸗ ihres Zimmers aus den lang⸗ ſamen Zug der Leichenproceſſion mit einer Wehmuth, welche zu tief war, um in dem gegenwärtigen Schauſpiele ihren Grund zu haben. Es lag etwas in dieſer traurigen letzten Dienſtleiſtung, was umhe des ſogar ſeiner verlo Zwei der( merke ten vorge große Dãm Düſte ſchlie ſich b Ruhe worde Schw meinſ geöffn ſicht, jedoch zu fin ſchäftt Locken ſchlun liehen die le tiefſch keit a eure an's n uns u gut Im gleich ſt we⸗ einem „ ge⸗ unigen ag des eheure einen lo. iter ge⸗ aniſchen r Wind Ankunft r Hitze Fran⸗ n lang⸗ elche zu rund zu leiſtung, 231 was im Einklang mit den Gefühlen des Mädchens ſtand. Als ſie umher blickte, ſah ſie die Bäume ſich beugen unter der Gewalt des Sturmes, der mit einem Ungeſtüm durch das Thal fegte, daß ſogar die Gebäude erzitterten; und der Wald, der ſo ſpät noch mit ſeinen verſchiedenen Farben im Strahle der Sonne geprangt hatte, verlor beinahe ſeinen ganzen Reiz, da die Blätter ſich von den Zweigen losriſſen und ſtoßweiſe im Winde dahin wirbelten. In der Entfernung konnte man auf den Höhen einige Dragoner be⸗ merken, welche die Zugänge zu den Quartieren des Corps bewach⸗ ten und mit dicht angezogenen Maͤnteln, gegen den Sattelknopf vorgebeugt, dem ſcharfen Winde trotzten, der ſo ſpät noch von den großen Süßwaſſerſeen herwehte. Franciska ſah die hölzerne Behauſung des Hingeſchiedenen im Dämmerlichte des Abends verſchwinden— ein Anblick, der das Düſtere der Scene noch erkältender machte. Kapitän Singleton ſchlief unter der Aufſicht ſeines Bedienten, während ſeine Schweſter ſich bereden ließ, von ihrem Zimmer Beſitz zu nehmen, um die Ruhe nachzuholen, welche ihr durch die Nachtreiſe verkümmert worden war. Miß Singleton's Gemach ſtand mit dem der beiden Schweſtern durch eine beſondere Thüre ſowohl, als durch den ge⸗ meinſchaftlichen Hausgang in Verbindung. Die Thüre war etwas geöffnet und Franciska näherte ſich ihr in der wohlwollenden Ab⸗ ſicht, ſich von dem Zuſtande ihres Gaſtes zu überzeugen; ſie bemerkte jedoch zu ihrer großen Ueberraſchung, daß die, welche ſie ſchlafend zu finden erwartete, nicht nur wach, ſondern in einer Weiſe be⸗ ſchäftigt war, welche an keine Ruhe denken ließ. Die ſchwarzen Locken, welche während der Mahlzeit dicht um den Scheitel ge⸗ ſchlungen waren, wallten aufgelöst über Schultern und Bruſt und liehen ihren Zügen einigermaßen einen wilden Ausdruck, während die leichenhafte Bläſſe der Dame einen ſeltſamen Gegenſatz zu dem tiefſchwarzen Auge bildete, das mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit auf ein Gemälde, welches ſie in der Hand hielt, geheftet war. Franciska verging der Athem, als eine Bewegung Iſabella's ſie das Porträt eines Mannes in der wohlbekannten Uniform der füdlichen Reiterei erkennen ließ. Sie haſchte nach Luft und legte unwillkührlich die Hand auf's Herz, um das Wogen deſſelben zu bewältigen, denn ſie glaubte dieſelben Züge zu erkennen, die ſo tief in ihre eigene Seele eingegraben waren. Franciska fühlte, daß es nicht ſchicklich ſey, in das Heiligthum der Geheimniſſe Anderer ſich einzudrängen; auch band die Heftigkeit der Aufregung ihre Zunge, und ſie zog ſich nach einem Stuhle zurück, von dem aus ſte die Fremde noch ſehen konnte, denn es war ihr unmöglich, die Augen von dem Geſichte derſelben abzuwenden. Iſabella war zu ſehr von ihren eigenen Gefühlen in Anſpruch genommen, um die bebende Geſtalt der Zeugin ihrer Bewegungen zu bemerken, und drückte das lebloſe Bild mit einem Feuer an ihre Lippen, welches die heftigſte Leidenſchaft verrieth. Der Ausdruck auf dem Antlitz der ſchönen Fremden war ſo wechſelnd und die Uebergänge ſo raſch, daß Franciska kaum Zeit hatte, ſich eine Vermuthung über den Charakter einer Erregung zu bilden, bis dieſe ſchon wieder durch eine andere gleich ausdrucksvolle und gleich auffallende ver⸗ drängt wurde. Liebe und Gram ſchienen jedoch die vorherrſchenden Züge zu ſeyn; letzterer ſprach ſich in großen Tropfen aus, welche in raſcher Aufeinanderfolge von ihren Wangen auf das Gemälde ſtelen und ein Seelenleiden bekundeten, das zu tief lag, als daß es ſich in den gewöhnlichen Schmerzäußerungen hätte Luft machen können. Jede Bewegung Iſabella's trug das Gepräge der ihrem Weſen eigenthümlichen Ueberſpanntheit und jede Leidenſchaft übte der Reihe nach in ihrer Bruſt ein Uebergewicht. Die Wuth des Sturmes, der um das Gebäude pfiff, ſtand im Einklang mit ſol⸗ chen Gefühlen; ſie erhob ſich und trat an das Fenſter ihres Ge⸗ maches. Ihre Geſtalt war nun den Augen Franciska's verborgen, und dieſe wollte eben aufſtehen, um ſich ihrem Gaſte zu nähern, als auf einmal Töne eines durchdringenden Geſanges erklangen, wele Wer Vor ſtan unte 3 ſie der legte n zu tief daß derer ihre aus , die ar zu n die und elches Intlitz ge ſo über vieder ver⸗ henden velche mälde 3 daß rachen ihrem übte h des it ſol⸗ 8 Ge⸗ orgen, ähern, angen, 233 welche ſie in athemloſem Schweigen an ihre Stelle feſſelten. Die Weiſe war wild und die Stimme unkräftig, aber die Gluth des Vortrags übertraf Alles, was Franciska je gehört hatte. Sie ſtand ſtill, und mühte ſich, ſelbſt den leiſen Ton ihres Athems zu unterdrücken, bis der folgende Geſang geendet war: Kalt bläst der Wind von Gebirges Höhen Und kahl ſteht die Eiche im Land, Träge die Nebel den Quellen entwehen, Am Bach glänzt der eiſige Rand; Die ganze Natur ſucht der Ruhe Luſt— Doch des Friedens Schlummer flieht meine Bruſt. Lange mein Volk ſchon die Stürme durchtoben, Doch die Tapferen ſtehen der Fluth; Kraftvoll ringet die Freiheit nach oben Geſtählt durch des Führers Muth— Verbotener Ehrgeiz entfaltet ſein Spiel, Doch ein Herz, das bricht, kennt kein frohes Gefühl. Draußen liegt Flur und Hain umzogen Von des Winters erſtarrender Wuth, Doch meiner Pulſe raſches Wogen Sengt ſüdlicher Sonne Gluth. Da außen trägt Alles ſein Eisgewand, Doch im Herzen lodert verzehrender Brand. Franciska's ganze Seele war hingeriſſen von den leiſen Toͤnen des Geſanges, obgleich der Inhalt deſſelben einen Sinn ausdrückte, der in Verbindung mit gewiſſen Ereigniſſen des gegenwärtigen und vorhergehenden Tages in der Seele des warmherzigen Mädchens ein Gefühl von Unruhe zurückließ, welches ihr bisher fremd ge⸗ weſen war. Als die letzten Laute in dem Ohr des bewundernden Mädchens verklungen waren, trat Iſabella vom Fenſter zurück, und jetzt zum erſtenmale traf ihr Auge auf das blaſſe Geſicht der Zuhörerin. Ein Glutſtrom übergoß zu gleicher Zeit beider Wan⸗ gen und die gegenſeitig ſich begegnenden Augen ſuchten betroffen die Erde; doch gingen die Mädchen auf einander zu und reichten ſich die Hände, ehe es eine wagte, der andern in’s Geſicht zu blicken. „Dieſer plötzliche Witterungswechſel und vielleicht auch der Zuſtand meines Bruders haben mich in eine melancholiſche Stim⸗ mung verſetzt, Miß Wharton,“ ſagte Iſabella mit leiſer bebender Stimme. „Ich denke, Sie haben wenig für Ihren Bruder zu beſorgen,“ ſagte Franciska in derſelben verlegenen Weiſe.„Wenn Sie ihn aber geſehen hätten, als Major Dunwoodie ihn herbrachte—“ Franciska hielt mit einem Gefühl von Scham inne, über das ſie ſich keine Rechenſchaft geben konnte, und als ſie ihre Augen erhob, ſah ſie, wie Iſabella ihr Geſicht mit einem Ernſte betrachtete, welcher ihr das Blut wieder ſtürmiſch nach den Schläfen trieb. „Sie haben von Major Dunwoodie geſprochen—“ ſagte Iſabella mit ſchwacher Stimme. „Ja; er brachte den Kapitän Singleton in's Haus.“ „Kennen Sie Dunwoodie? Haben Sie ihn oft geſehen?“ Franciska wagte es noch einmal, ihrem Gaſte in's Antlitz zu ſehen; ſie begegnete aber wieder den durchbohrenden Blicken Iſa⸗ bellen's, welche das Innerſte ihrer Seele durchdringen zu wollen ſchienen. „Sprechen Sie, Miß Wharton; iſt Ihnen Major Dunwoodie bekannt?“ „Er iſt ein Verwandter von mir,“ ſagte Franciska, durch die ſeltſame Weiſe ihrer Gefährtin beängſtigt. „Ein Verwandter?“ wiederholte Miß Singleton;„in welchem Grade?— Sprechen Sie, Miß Wharton,— bei Allem, was Ihnen heilig, ſprechen Sie.“ „Unſere Eltern waren Geſchwiſterkinder,“ erwiederte Fran⸗ ciska leiſe. „Und er ſoll Ihr Gatte werden?“ fuhr die Fremde mit Un⸗ geſtüm fort. bei Aug gleit tigte Sie, mein Es Spu Antt glüh rung ihr ſie ſß um ſie Faſſt zwin Grur jetzt Sie aneit aufri kehrt Zim von Reſt ſchäf ichten licken. h der Stim⸗ bender gen,“ e ihn „ r das Augen chtete, b. ſagte 2“ litz zu Iſa⸗ vollen voodie ch die lchem was Fran⸗ t Un⸗ 235 Franciska füͤhlte ſich gekränkt und ihr ganzer Stolz erwachte bei dieſem unverhüllten Angriff auf ihre Gefühle. Sie ließ ihre Augen mit einigem Selbſtgefühl von dem Boden auf die Fragerin gleiten, aber Iſabellen's blaſſe Wangen und bebende Lippen bewäl⸗ tigten augenblicklich ihre Empfindlichkeit. „Es iſt ſo— meine Vermuthung iſt gegründet. Sprechen Sie, Miß Wharton; ich beſchwöre Sie— haben Sie Mitleid mit meinen Gefühlen und ſagen Sie mir— ob Sie Dunwoodie lieben?“ Es lag ein rührender Ernſt in Miß Singleton's Stimme, der jede Spur von Unwillen aus Franciska's Seele drängte, und die ganze Antwort, welche letztere geben konnte, beſtand darin, daß ſie ihr glühendes Geſicht mit den Händen bedeckte, und, um ihre Verwir⸗ rung zu verbergen, auf ihren Stuhl zurück ſank. Iſabella ging einige Minuten ſchweigend auf und ab, bis es ihr gelang, den innern Sturm zu bezwingen; dann näherte ſie ſich der Stelle, wo Franciska noch mit verhülltem Antlitz ſaß, um die Röthe der Scham vor der Gefährtin zu verbergen, nahm ſie bei der Hand und ſprach mit augenſcheinlich erzwungener Faſſung: „Vergeben Sie mir, Miß Wharton, wenn mich ein unbe⸗ zwingliches Gefühl eine Unziemlichkeit begehen ließ; der dringende Grund— die ſchreckliche Urſache—“ ſie zögerte. Franciska erhob jetzt ihr Antlitz und traf wieder mit Iſabellen's Blicken zuſammen. Sie ſanken ſich in die Arme und drückten ihre brennenden Wangen aneinander. Die Umarmung währte lange— ſie war heiß und aufrichtig— kein Laut wurde geſprochen, und als ſie ſich trennten, kehrte Franciska ohne weitere Erklärung nach ihrem Zimmer zurück. Während dieſer außerordentliche Auftritt in Miß Singleton's Zimmer vorging, wurden auch in dem Geſellſchaftszimmer Dinge von nicht geringer Wichtigkeit verhandelt. Die Verwendung der Reſte einer Mahlzeit, wie die von uns beſchriebene, war ein Ge⸗ ſchäft, welches nicht wenig Mühe und Berechnung erforderte. Zwar hatte ſich manches von dem Wildpret in die Taſchen von Kapitän Lawton's Bedienten verirrt und auch der Gehülfe des Doktor Sit⸗ greaves hatte berechnet, wie ungewiß ein langer Aufenthalt in einem ſo guten Quartiere ſey. Demungeachtet aber war noch mehr übrig geblieben, als die kluge Miß Peyton mit Vortheil zu verwenden wußte. Cäſar und ſeine Gebieterin hielten daher eine lange und vertrauliche Berathung über dieſes wichtige Geſchäft, und die Folge davon war, daß Obriſt Wellmere ganz der Gaſt⸗ freundlichkeit Sara Wharton's überlaſſen blieb. Die gewöhnlichen Ge⸗ meinplätze der Unterhaltung waren bald erſchöpft und endlich berührte der Obriſt mit jener Unbehaglichkeit, welche gewiſſermaßen unzer⸗ trennlich von dem Bewußtſeyn eines begangenen Fehlers iſt, die Ereigniſſe des vorigen Tages. „Wir dachten nicht, Miß Wharton, daß dieſer Herr Dun⸗ woodie, als ich ihn zum erſtenmale in Ihrem Hauſe in der Königin⸗ Straße ſah, ſich zu dem mannhaften Krieger heranbilden würde, als welchen er ſich erwieſen hat,“ ſagte Wellmere, indem er ſeinen Verdruß unter einem Lächeln zu verbergen ſuchte. „Allerdings mannhaft, wenn wir in's Auge faſſen, welchem Feinde er es zuvorthat,“ ſagte Sara mit zarter Berückſichtigung der Ge⸗ fühle ihres Gefährten.„Es war in der That ein großes Unglück — in jeder Hinſicht— daß Ihnen dieſer Unfall begegnete; denn ohne Zweifel würden ſonſt die königlichen Waffen wie gewöhnlich triumphirt haben.“ „Und doch iſt das Vergnügen einer Geſellſchaft, wie ſie dieſer, unfall mir zuführte, durch die Leiden eines gekränkten Ehrgeizes und eines verwundeten Körpers nicht zu theuer bezahlt,“ fügte der Obriſt mit beſonderer Zärtlichkeit bei. „Ich hoffe, das letztere iſt nicht von großer Bedeutung,“ ſagte Sara, und beugte ſich unter dem Scheine, einen Faden an ihrer Nähterei abzubeißen, vorwärts, um ihr Erröthen zu ver⸗ bergen. Bede Whe der ſtelle eine Stu ſchm als um den auf es S unte was den wele als zur wie pitän Sit⸗ lt in noch eil zu eine ſchäft, Gaſt⸗ n Ge⸗ rührte unzer⸗ 3 die Dun⸗ nigin⸗ vürde, ſeinen Feinde r Ge⸗ nglück denn hnlich dieſer geizes gte der tung,“ den an u ver⸗ 237 „In der That, in Vergleichung mit dem erſteren von keiner Bedeutung,“ fuhr der Obriſt in derſelben Weiſe fort.„Ach, Miß Wharton, in ſolchen Augenblicken fühlen wir erſt recht den Werth der Freundſchaft und der Sympathie.“ Wer es nicht ſelbſt erfahren hat, kann ſich nicht leicht vor⸗ ſtellen, welche ſchnelle Fortſchritte die Liebe in dem warmen Herzen eines weiblichen Weſens in dem kurzen Zeitraume einer halben Stunde zu machen vermag, beſonders wenn es ſchon vorher von ſchmachtender Sehnſucht ergriffen iſt. Sara fand die Unterhaltung, als ſie auf Freundſchaft und Sympathie ablenkte, zu anſprechend, um eine Unterbrechung zu wagen; aber ſie richtete ihr Auge auf den Obriſten und bemerkte, wie das ſeinige mit einer Bewunderung auf ihren Zügen ruhte, welche deutlicher und zärtlicher ſprach, als es Worte nur immer thun konnten. Ihr vertrauliches Gegenüber wurde erſt nach einer Stunde unterbrochen, und obgleich der Obriſt nichts ausgeſprochen hatte, was von einer erfahrenen Matrone für„entſcheidend“ erklärt wor⸗ den wäre, ſo war doch das Mädchen von den tauſend Süßigkeiten, welche er ihr geſagt, ſo entzückt, daß ſie ſich mit leichterem Herzen, als je ſeit der Gefangenſchaft ihres Bruders durch die Amerikaner, zur Nuhe begab. Sechszehntes Kapitel. So laßt denn die Gläſer klingen, f L Und froh dazu uns ſingen; Der Soldat iſt ein Mann, Das Leben nur eine Spann, Der Soldat muß trinken und ſingen. Othello. Der Ort, wo das Corps der Dragoner ſich lagerte, war, wie geſagt, ein Lieblingsſtandquartier ſeines Kommandanten. Ein 238 halbes Dutzend verfallener Häuſer bildete das Dorf, welches von den unter einem rechten Winkel ſich ſchneidenden beiden Straßen den Namen der„Kreuzwege“ erhalten hatte. Nach der Gewohnheit des Tages wurde eines der anſehnlichſten dieſer Gebäude„ein Bewir⸗ thungshaus für Menſchen und Vieh“ genannt. Auf einem rauhen Brette an einem galgenähnlichen Pfoſten, welcher den früheren Schild getragen hatte, ſtand mit Röthel angeſchrieben:„Eliſabeth Flanagan ihr Hotel“— ein Witz, welchen ſich irgend ein müßiger Spaßvogel des Corps gemacht hatte. Die Matrone, deren Name in dieſer Weiſe zu einer ſo unerwarteten Würde erhoben worden, verrichtete bei dem Corps die Dienſte einer Marketenderin, einer Wäſcherin und, um uns des Ausdrucks von Katy Haynes zu be⸗ dienen, eines Schürzendoktors. Sie war die Wittwe eines im Dienſte gefallenen Soldaten, der, wie ſie ſelbſt, auf einer fernen Inſel geboren, frühe ſein Glück in den Kolonien von Nordamerika verſucht hatte. Sie zog überall mit den Truppen herum, und da letztere zu jener Zeit ſelten länger als auf ein Paar Tage Halt machten, ſo ſah man den Karren des Weibes immer beſchäftigt, ziemliche Vorräthe von Artikeln, von denen ſich annehmen ließ, daß ſie die Anweſenheit der Wirthin ſtets willkommen machten, in’s Lager zu führen. Betty wußte mit einer faſt übernatürlichen Behendigkeit ihre Wirthſchaft aufzuſchlagen und ihr Geſchäft zu beginnnen. Bisweilen diente der Karren ſelbſt als Bude, ein ander⸗ mal zimmerten die Soldaten aus Gegenſtänden, wie ſie gerade zu haben waren, ein Obdach zuſammen; bei der gegenwärtigen Ge⸗ legenheit hatte ſie jedoch von einem leeren Gebäude Beſitz genom⸗ men, welches ſie, indem ſie die zerbrochenen Fenſter mit ſchmutzigen Beinkleidern und der halbtrockenen Wäſche der Soldaten verſtopfte, gegen die nun ziemlich nachdrücklich werdende Kälte geſchützt, und zu einem ſehr„illeganten Logis,“ wie ſie es nannte, umgewandelt hatte. Die Mannſchaft war in die anliegenden Scheunen vertheilt, während die Ofſiziere im„Hotel Flanagan,“ welches ſie ſcherzweiſe das bei j ſelben gerad nicht warer allgen beſtan Maaf Anſta in ein Ehrli merka müthi die E wärtig den unter iſt.( durch des Br einmal theils ſchaft Münze in den Eleme zu bri 6 kalten komme Lehrer von den des wir⸗ uhen heren abeth Biger dame rden, einer be⸗ im rnen erika d da Halt ließ, ten, chen zu der⸗ 2 zu Ge⸗ om⸗ igen ofte, und delt eilt, eiſe 239 das Hauptquartier nannten, ihre Niederlage hatten. Betty war bei jedem Reiter des Corps wohl bekannt: ſie wußte jeden der⸗ ſelben bei ſeinem Tauf⸗ oder ſeinem Ekelnamen, wie es ihr gerade am beſten zuſagte, zu nennen, und obgleich ſie Allen, welche nicht durch Gewohnheit mit ihren guten Eigenſchaften vertraut waren, durchaus unleidlich vorkommen mochte, ſo war ſie doch der allgemeine Liebling dieſer kriegeriſchen Parteigänger. Ihre Mängel beſtanden in einer kleinen Vorliebe für den Branntwein, einer alles Maaß überſchreitenden Unreinlichkeit und einer Zunge, welche allen Anſtand und alle Schicklichkeit außer Acht ließ— ihre Tugenden in einer unbegränzten Liebe zu dem adoptirten Vaterlande, großer Chrlichkeit in ihrem nach gewiſſen bekannten Grundſätzen geübten merkantiliſchen Verkehr mit den Soldaten und einer großen Gut⸗ müthigkeit. Hiezu kommt noch, daß Betty das Verdienſt hatte, die Erfinderin jenes Getränkes zu ſeyn, welches bis auf die gegen⸗ wärtige Stunde allen Patrioten, welche eine Winterreiſe zwiſchen den Haupt⸗ und Handelsſtädten dieſes großen Staates machen, unter dem bezeichnenden Namen Cocktail(Hahnenſchwanz) bekannt iſt. Eliſabeth Flanagan war ſowohl durch ihre Erziehung, als durch andere Umſtände ausgezeichnet geeignet, dieſe Verbeſſerung des Branntweins in höchſter Vollkommenheit in's Werk zu ſetzen; denn einmal war ſie buchſtäblich in fleißiger Benützung des Hauptbeſtand⸗ theils ihrer Erfindung aufgewachſen, und dann hatte ihre Bekannt⸗ ſchaft mit den Virginiern ſie auf den Wohlgeſchmack, welchen die Münze den Kühltränken verleiht, aufmerkſam gemacht, wodurch ſie in den Stand geſetzt wurde, durch eine weiſe Verbindung dieſer Elemente den fraglichen Artikel erſt recht zu ſeiner Berühmtheit zu bringen. Dieß war alſo die Wirthin des Hauſes, welche, ohne die kalten Nordſtürme zu berückſichtigen, das rothe Geſicht ihrem an⸗ kommenden Liebling, Kapitän Lawton, und ſeinem Gefährten, ihrem Lehrer in wundärztlichen Angelegenheiten, bis zur Thüre entgegen trug. 240 „Ah, ſo wahr ich auf Beförderung hoffe, meine liebenswür⸗ dige Eliſabeth— meinen ſchönſten Gruß!“ rief der Rittmeiſter, als er ſich aus dem Sattel ſchwang.„Dieſe verwünſchte naßkalte Luft von Canada hat mir um die Knochen gepfiffen, daß ich durch und durch erkältet bin; aber der Anblick Eures glühenden Geſichtes thut einem ſo wohl, wie ein Feuer um Weihnachten.“ „Nun, wahrlich, Kapitän Jack, Sie ſtecken immer voll Com⸗ plimentern,“ erwiederte die Marketenderin, indem ſie ihrem Kunden den Zügel abnahm.„Aber geſchwind hinein, Schatz, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt; das Gehäge iſt hier nicht ſo feſt wie in den Hochlanden, und es gibt d'rinnen etwas, was einem Seel und Leib erwärmen kann.“ „Ah, ich ſehe, Ihr habt die Zäune in Contribution geſetzt,— nun, das mag dem Körper wohl thun,“ ſagte der Kapitän ruhig; „aber ich habe heute einen Zug aus einer Flaſche von geſchliffenem Glas mit ſilbernem Unterſatz gethan, und ich zweifle, ob ich für den nächſten Monat Eurem Whisky einen Geſchmack abgewinnen kann.“ „Wenn Ihre Gedanken auf Silber und Gold gehen, ſo iſt bei mir freilich nur wenig davon zu finden, obgleich ich ein kleines Bischen von dem Continentalgelde bei einander habe,“ ſagte Betty gut gelaunt;„aber was ich da drinnen habe, das darf man in einem diamantenen Geſchirr auftiſchen.“ „Was mag ſie wohl meinen, Archibald?“ fragte Lawton;„die alte Hexe ſieht aus, als ob mehr hinter ihren Worten ſtäcke!“ „Wahrſcheinlich iſt's eine Wanderung ihrer Geiſteskräfte, hervor⸗ gebracht durch den zu häufigen Gebrauch berauſchender Getränke,“ bemerkte der Wundarzt, indem er bedächtlich den linken Fuß über den Sattelknopf warf und auf der rechten Seite vom Pferde herunterrutſchte. „Ohne Zweifel, mein theurer Juwel von einem Doktor: aber ich habe mir's gedacht, Sie würden auf dieſer Seite herunterkommen, Das ſagte in J genäͤl Schre tigen die K Sie nur den 3 Schla L die er den g greifli eines Stube Schau Küche, lichem ſtand daß er hielt, Dunw⸗ lichen „ nant, zu Ehr wie Si Alle W Der enswür⸗ meiſter, naßkalte h durch zeſichtes ICom⸗ Kunden Ihnen in den nd Leib etzt,— ruhig; iffenem ich für winnen ſo iſt kleines Betty nan in ;„die 1“ hervor⸗ änfe,“ 3 über Pferde ber ich mmen, 241 Das ganze Corps ſteigt auf der linken Seite ab, nur Sie nicht,“ ſagte Betty, indem ſie dem Rittmeiſter zuwinkte;„aber ich habe in Ihrer Abweſenheit die Verwundeten mit dem Fett des Landes genährt.“ 3 „Barbariſche Dummheit!“ ſchrie der Wundarzt in paniſchem Schrecken.„Menſchen, die in der Fieberhitze daliegen, mit kräf⸗ tigen Subſtanzen zu nähren! Weib, Weib, Ihr wärt im Stande, die Kunſt eines Hippokrates zu Schanden zu machen!“ „Pah!“ ſagte Betty mit ungemeiner Faſſung.—„Was machen Sie gleich für einen Lärm um ein Schlückchen Whisky. Es waren nur ein Paar Maas unter volle zwei Dutzende, und ich gab ihn den Jungen nur, damit ſie beſſer einſchlafen möchten— nur als Schlaftropfen.“ Lawton und ſein Gefährte traten nun in das Gebäude, und die erſten Gegenſtände, welche ihnen in die Augen fielen, machten den geheimen Sinn von Betty's tröſtlicher Verheißung leicht be⸗ greiflich. Ein langer Tiſch, aus den Brettern der Seitenwand eines Gebäudes zuſammengenagelt, lief durch die Mitte der größten Stube und trug eine Reihe höͤchſt ärmlicher Töpfergeſchirre zur Schau. Der Geruch der Speiſen drang aus der benachbarten Küche, aber der anziehendſte Gegenſtand war ein Krug von ziem⸗ lichem Umfang, welchen Betty als den beachtungswertheſten Gegen⸗ ſtand ganz oben hingepflanzt hatte. Lawton überzeugte ſich bald, daß er den ihm wohl bekannten ambrafarbigen Saft der Rebe ent⸗ hielt, und erfuhr zugleich, daß er, von den Locuſten aus, dem Major Dunwoodie von ſeinem Freunde Wharton, Kapitän in der könig⸗ lichen Armee, als Geſchenk zugeſchickt worden ſey. „Und's iſt dazu ein königliches Geſchenk,“ ſagte der Lieute⸗ nant, der dieſe Erklärung gab, grinſend.„Der Major gibt uns zu Ehren des Sieges ein Gelag und den Hauptaufwand beſtreitet, wie Sie ſelbſt ſehen und wie es auch in der Ordnung iſt, der Feind. Alle Welt, ich denke, wenn wir mit einem ſolchen Stoff laden Der Spion. 3. Aufl. 16 242 würden, könnten wir einen Sturm auf Sir Henry's Hauptquartier machen und den Ritter ſelbſt herausholen.“ Der Dragoner⸗Rittmeiſter war keineswegs mißvergnügt bei der Ausſicht, einen Tag, der ſo angenehm angefangen hatte, auf eine fröhliche Weiſe zu beendigen. Er war bald von ſeinen Kameraden umringt, welche ihn mit Fragen über ſeine Erlebniſſe überhäuften, indeß der Wundarzt mit klopfendem Herzen daran ging, den Zu⸗ ſtand ſeiner Verwundeten zu unterſuchen. Ungeheure Feuer flacker⸗ ten in den Kaminen des Hauſes und machten durch den hellen Schein, welchen die lodernden Holzſtöße um ſich warfen, die Lichter überflüſſig. Die Gruppe im Innern, etwa ein Dutzend an der Zahl, beſtand aus lauter jungen Männern, aber erprobten Sol⸗ daten, und ihre Unterhaltung war ein ſeltſames Gemiſche von ſol⸗ datiſcher Derbheit und von feinerer Weltbildung. Ihre Uniform war zierlich, aber einfach, und die Hauptgemeinplätze ihres Geſpräches drehten ſich um die Behandlung und die Eigenſchaften ihrer Pferde. Einige verſuchten auf den Bänken, welche ſich an den Wänden hin⸗ zogen, zu ſchlafen, während Andere in den Gelaſſen des Hauſes hin und her gingen und wieder Andere in ernſter Beſprechung über Gegenſtände, welche mit ihrem Berufe in Verbindung ſtanden, bei⸗ ſammen ſaßen. Hin und wieder brachte, wenn die Küchenthüre ſich aufthat, der ziſchende Ton der Bratpfanne und der einladende Duft der Speiſen eine Stockung in dieſe wichtigen Beſchäftigungen, ſo daß ſelbſt die Schläfer die Augen öffneten und den Kopf aufrich⸗ teten, um zu ſehen, wie weit die Vorbereitungen gediehen ſeyen. Die ganze Zeit über ſaß Dunwoodie in ſich gekehrt bei dem Feuer und hatte ſich in Gedanken vertieft, worin ihn keiner der Offtziere zu ſtören wagte. Während er ſich bei Sitgreaves angelegentlich nach Singleton's Beſinden erkundigte, herrſchte ein tiefes und achtungs⸗ volles Schweigen im ganzen Zimmer; als er aber mit ſeinen Fragen zu Ende war, trat wieder die gewöhnliche Ungezwungenheit und Freimüthigkeit ein. nur non mit wu wu die Bei Eti grä um war une und übe hin für zu ſchn We lebte die Mif dem im artier ei der f eine eraden nuften, n Zu⸗ )lacker⸗ hellen Lichter an der Sol⸗ on ſol⸗ m war präches Pferde. en hin⸗ Hauſes g über n, bei⸗ üre ſich de Duft gen, ſo aufrich⸗ ſeyen. 1 Feuer öffiziere ich nach htungs⸗ Fragen eit und 243 Ob der Beſchickung der Tafel machte ſich Miſtreß Flanagan nur wenig Sorge, und Cäſar würde ſich ſchrecklich darüber ver⸗ nommen haben, wenn er Zeuge der Formloſigkeit geweſen wäre, mit welcher die Gerichte, von denen jedes dem andern zum Ver⸗ wundern ähnlich war, vor ſo vielen Herren von Stande aufgeſtellt wurden. Als man ſich zu Tiſche ſetzte, wurde jedoch dem Vorrange die ſtrengſte Rückſicht gezollt: denn trotz aller Freimüthigkeit in dem Benehmen der Offiziere wurden doch ſtets die Regeln der militäriſchen Etiquette mit einer Aufmerkſamkeit, welche an eine religiöſe Verehrung gränzte, beobachtet. Die meiſten Gäſte hatten zu lange gefaſtet, um bei Befriedigung ihres Appetits beſonders ekel zu ſeyn. Dieß war jedoch bei Kapitän Lawton nicht der Fall; er fühlte einen unerklärlichen Widerwillen, als Betty ihre Seltenheiten auftiſchte, und konnte ſich nicht entbrechen, gelegentlich einige Bemerkungen über den Zuſtand der Meſſer und das wolkigte Ausſehen der Teller hinzuwerfen. Betty's Gutmüthigkeit und ihre perſönliche Vorliebe für den Beleidiger hielt ſie eine Zeit lang ab, ſeine Anſpielungen zu erwiedern, bis Lawton, als er es verſucht hatte, ein Stückchen ſchwarzes Fleiſch zu ſeinem Munde zu führen, mit dem gezierten Weſen eines verwöhnten Kindes fragte: „Was für ein Thier mag das wohl geweſen ſeyn, als es noch lebte, Miſtreß Flanagan?“ „Ach, Kapitän, war es nicht meine alte Kuh?“ erwiederte die Marketenderin mit einer Wärme, welche zum Theil in ihrem Mißvergnügen über die Neckereien dieſes Lieblings, zum Theil in dem Kummer über den Verluſt der Hingeſchiedenen ihren Grund hatte. „Was?“ brüllte der Rittmeiſter, und der Biſſen quoll ihm im Munde, als er eben ſchlucken wollte,„die alte Jenny?“ „Der Teufel,“ ſchrie ein Anderer und ließ Meſſer und Gabel fallen,„die den Feldzug in Jerſey mit uns machte?“ „Die nämliche,“ verſetzte die Herrin des Hotels mit einer Jammermiene,„ein herrliches Thier, das im Nothfall ſogar von 244 weniger als von der Luft zu leben vermochte. Gewiß, meine Herren, es iſt herzzerſchneidend, eine ſolche alte Freundin eſſen zu müſſen.“ „Und ſie iſt ſchon ſo weit zuſammengegangen?“ fragte Law⸗ ton, indem er mit dem Meſſer nach dem auf dem Tiſche beſindlichen Ueberreſte zeigte. MRein, Kapitän, ſagte Betty ſpitzig,„ich habe zwei Viertel davon an einige von Ihrem Zuge abgegeben; aber beim Teufel, ich ſagte ihnen kein Wort davon, was ſie für eine alte Freundin gekauft hätten, weil ich fürchtete, es möchte ihnen den Appetit verderben.“ „Donnerwetter!“ ſchrie der Rittmeiſter mit verſtelltem Grimme, „da werden mir meine Burſche ja ſo mager wie eine Bohnenſtange und ducken ſich vor einem Engländer, wie die Virginia⸗Neger vor ihrem Treiber!“ „Nein,“ ſagte Lieutenant Maſon, indem er Meſſer und Gabel in einer Art von Verzweiflung fallen ließ,„meine Kinnbacken haben mehr Mitgefühl, als die Herzen mancher Menſchen. Sie weigern ſich durchaus, die Reſte ihrer alten Bekannten zu zermalmen.“ „Probiren Sie ein Tröpfchen von dem Präſent,“ ſagte Betty begütigend und goß eine ziemliche Portion Wein in eine Trink⸗ ſchaale, welche ſie als Vorkoſterin des Corps leerte.„Meiner reu, es iſt im Grunde doch nur ein läpperiges Getränke!“ Als das Eis einmal gebrochen war, wurde Dunwoodie ein Glas Wein überreicht, welcher das edle Naß mit einer Verbeugung gegen ſeine Kameraden, die dieſe Begrüßung mit tiefem Schweigen anerkannten, austrank. Bei den erſten Gläſern beobachtete die Geſell⸗ ſchaft einige Förmlichkeit, indem die Offiziere patriotiſche Toaſte aus⸗ brachten und ihre freiheitsliebenden Geſinnungen pflichtſchuldigſt an den Tag legten. Der Wein that jedoch bald ſeine gewöhnliche Wirkung, und ehe die zweite Schildwache an der Thuüre abgelöst wurde, war alle Erinnerung an das armſelige Mahl in dem Jubel der Gegenwart * inden harte mein geden — einma nachſt ſingen behan fander neine n zu Law⸗ lichen iertel eufel, undin ppetit imme, ſtange er vor Gabel haben eigern Betty Trink⸗ Neiner ie ein ugung veigen Geſell⸗ e aus⸗ an den g, und ar alle enwart 245 verſchwunden. Doktor Sitgreaves kam zu ſpät, um noch etwas von Jenny abzukriegen, aber doch immer zeitig genug, um Kapitän Wharton'’s Geſchenk alle Ehre anzuthun. „Ein Lied, Kapitän Lawton, ein Lied!“ riefen gleichzeitig zwei oder drei von der Geſellſchaft, als ſie bemerkten, daß der Ritt⸗ meiſter noch nicht ganz in ſeiner geſelligen Laune war.„Stille, Kapitän Lawton wird uns ein Lied zum Beſten geben!“ „Meine Herren,“ erwiederte Lawton und ſein dunkles Auge blickte weinſelig, obgleich ſein Kopf ſo undurchdringlich wie ein Brett war;„ich habe nicht viel von einer Nachtigall, aber wenn Sie Nachſicht mit mir haben wollen, ſo will ich wohl der Auffor⸗ derung entſprechen.“ „Nun, Jack,“ ſagte Sitgreaves und rückte auf ſeinem Stuhle, „wiſſen Sie das Lied noch, das ich Sie gelehrt habe?— doch halt— ich habe es geſchrieben in der Taſche.“ „Bewahre, bewahre, guter Doktor, ſagte der Rittmeiſter, indem er ſein Glas mit großer Bedachtſamkeit wieder füllte;„dieſe harten Namen wollten mir nie eingehen. Meine Herren, s iſt mein eigenes beſcheidenes Fabricat, was ich vorzutragen gedenke.“. „Stille, Kapitän Lawton ſingt,“ brüllten fünf oder ſechs auf einmal, und der Rittmeiſter begann mit ſchöner voller Stimme nachſtehende Worte in der Weiſe eines bekannten Trinklieds A ſingen, wobei einige ſeiner Kameraden den Chor mit einer behandelten, daß das gebrechliche Gebäude, in welchem ſie ſich t fanden, erzitterte. Friſch auf, Kameraden, der Becher kreist! Friſch auf bei dem Safte der Reben! Wer weiß, ob uns Morgen die Sonne gleißt, Denn kurz iſt das Menſchenleben. Wer dem Feinde blickt muthig ins Angeſicht, Der kennt ſeine letzte Stunde nicht. 6 246 Alte Mutter Flanagan, Komm, ſchenk ein die leere Kann'; Du ſchenkſt ein, wir trinken den Wein, Gute Betty Flanagan. Wer das arme Leben umfaßt mit Brunſt, * Stets ruht auf derſelben Stelle, Und die Ehre tauſchet um faulen Dunſt, Bleibt ewig ein feiger Geſelle. Treff' es früh oder ſpät, wenn Gefahr iſt nah Iſt auch der furchtloſe Reiter da. Alte Mutter ꝛc. Wenn feindliche Schaaren bedrohen das Land, Und Weiber und Liebchen klagen, So halten wir kühn für die Freiheit Stand, 's gilt Sieg oder Tod da zu wagen. Wir wollen im Vaterland Herren ſeyn, Oder lieber vermehren die himmliſchen Reihn. Alte Mutter ꝛc. Bei dem Refrain jeder Strophe ermangelte Betty nicht, der an ſie gerichteten Aufforderung Folge zu leiſten und dem Geheiß der vereinten Chorusſtimmen zur großen Beluſtigung der Sänger buchſtäblich zu entſprechen, wobei ſie ſich nicht wenig auf die Chre einbildete, in dem Geſange ſelbſt zu figuriren. Die Wirthin hatte ſich mit einem Getränke verſehen, das ihrem an ſtarke Würze ge⸗ wöhnten Gaumen mehr zuſagte, als das geſchmackloſe Geplemper des Kapitäns Wharton, ſo daß ſie dadurch in den Stand geſetzt war, ziemlich leicht mit der Heiterkeit ihrer Gäſte gleichen Schritt zu halten. Der Beifall, welchen Kapitän Lawton ärndtete, war allgemein, den Wundarzt ausgenommen, welcher ſchon bei dem erſten Chor von ſeinem Sitze aufſtand und voll klaſſiſchen Un⸗ willens in der Stube auf und ab ging. Die Bravos und Bra⸗ viſſimos erſtickten eine Zeit lang jeden andern Lärm; als dieſe jedoch allmählig nachließen, kehrte der Doktor zu dem Sänger zu⸗ rück und rief mit Hitze: „Kapitän Lawton, ich wundre mich, daß ein anſtändiger Herr und ſtand an de gan. Bege diger auf Meiſ Stin „We men Feſtli ſich d'rau des 2 ſellig eigen des k beehr komiſ tiger, ht, der Geheiß Sänger ie Chre in hatte ürze ge⸗ plemper d geſetzt Schritt te, war bei dem hen Un⸗ nd Bra⸗ als dieſe nger zu⸗ ger Herr 247 und tapferer Offizier in ſo ernſten Zeiten keinen andern Gegen⸗ ſtand für ſeine Muſe finden kann, als ſolche beſtialiſche Anrufungen an das allbekannte Lageranhängſel, die ſchmutzige Eliſabeth Flana⸗ gan. Man ſollte denken, die göttliche Freiheit gäbe eine edlere Begeiſterung, und die Leiden unſeres Vaterlandes wären ein wür⸗ digeres Thema.“ 4 „Heiſa!“ ſchrie die Wirthin, indem ſie mit drohender Geberde auf den Doktor zuging,„wer fann mich ſchmutzig nennen? der Meiſter Laxantius, der Meiſter Klyſtierſpritze—“ „Friede!“ ſagte Dunwoodie mit einer nicht viel ſtärkern Stimme, als gewöhnlich, der aber dennoch die tiefſte Stille folgte. „Weib, verlaßt das Zimmer. Und Sie, Doktor Sitgreaves, neh⸗ men Sie Ihren Sitz ein und veranlaſſen Sie keine Störung der Feſtlichkeit.“ „Fortgemacht, fortgemacht,“ ſagte der Wundarzt, indem er ſich mit gefaßter Würde wieder niederließ.„Verlaſſen Sie ſich d'rauf, Major Dunwoodie, ich bin nicht unbekannt mit den Regeln des Decorums und weiß mich recht wohl in die Zugaben der Ge⸗ ſelligkeit zu fuͤgen.“ Betty zog ſich eilig, aber auf einigen Umwegen, nach ihrem eigenen Territorium zurück, da ſie nicht gewohnt war, den Befehlen des kommandirenden Offiziers zu widerſprechen. „Major Dunwoodie wird uns mit einem ſentimentalen Liede beehren,“ ſagte Lawton, indem er ſich gegen ſeinen Anführer mit komiſchem Ernſte verbeugte. Der Major zögerte einen Augenblick und ſang dann mit kräf⸗ tiger, ſchöner Stimme die folgenden Worte: Wohl Mancher liebt der Sonne Gluth, Wo lebenswarm in raſcher Fluth Des Blutes Welle eilet; Doch ſüßer iſt das milde Licht, Das zitternd ſich im Aether bricht, Von Luna'’s Strahl ertheilet. 248 Der eine liebt der Tulpe Pracht, Die feurig ihm entgegenlacht In ihrem ſtolzen Nicken; Doch glücklich, wem der Liebe Hand Den Kranz aus duft'’gen Roſen wand, Des Bräut'gams Stirn zu ſchmücken. * . Dunwoodie vergab ſeiner Würde nie etwas gegenüber von ſeinen Untergebenen, und der Beifall, welcher ſeinem Liede folgte war zwar weniger ſtürmiſch, als der, welcher Lawton's Leiſtung zu Theil wurde, dafür aber ſchmeichelhafter. „Wenn Sie nur einige klaſſiſche Anſpielungen mit Ihrer zarten Phantaſte in Verbindung bringen würden, Sir,“ begann der Doktor, nachdem er an den Beifallsäußerungen der Uebrigen red⸗ lichen Antheil genommen hatte,„ſo möchten Sie einen recht ar⸗ tigen erotiſchen Dichter abgeben.“ „Wer kritiſirt, muß auch ſelbſt etwas machen können,“ ſagte Dunwoodie mit einem Lächeln;„ich fordere den Doktor Sitgreaves auf, uns eine Probe des Styls zu geben, den er ſo ſehr bewundert.“ „Doktor Sitgreaves muß ſingen! Doktor Sitgreaves muß fingen!“ hallte es von allen Seiten des Tiſches luſtig wieder.„Eine klaſſiſche Ode von Doktor Sitgreaves!“ Der Wundarzt machte eine höfliche Verbeugung, trank ſein Glas aus und ließ vorläufig einige Hms vernehmen, worüber ſich drei oder vier junge Cornets am untern Ende der Tafel höchlich ergötzten. Er begann dann mit krächzender, klangloſer Stimme die folgende Strophe zu fingen: Hat jemals dich durchſchauert Amors Macht, Berührten dich ſchon ſeiner Pfeile Spitzen, Haſt du den immer Nahen fern gedacht, Der dir gelacht aus Ihres Auges Blitzen? Dann konnteſt du die Flammenſchmerzen fühlen, Die ſelbſt Galenus nicht vermag zu kühlen. ſelbſt. ſeine5 ſich ſe Licht ( Lärm den W ging o Packes Bande „„ v Verrät L ſah; d Sprech 2 einem woodie, ſelbſt 26L einer T Ecke de C 7 „1 r von folgte ng zu zarten n der n red⸗ ht ar⸗ ſagte reaves ſehr muß „Eine k ſein er ſich öchlich timme 249 „Hurah!“ ſchrie Lawton; Archibald verdunkelt die Muſen ſelbſt. Seine Worte fließen wie ein Waldſtrom im Mondlicht und ſeine Melodie iſt eine Baſtardbrut von Nachtigall und Eule.“ „Kapitän Lawton!“ ſchrie der Operator gereizt,„Sie machen ſich ſelbſt durch Ihre Unwiſſenheit verächtlich, wenn Sie alſo das Licht klaſſiſcher Bildung verachten.“ Ein lautes Klopfen an die Thüre des Gebäudes verwandelte den Lärm in Todtenſtille, und die Dragoner griffen unwillkührlich zu den Waffen, um auf das Schlimmſte gefaßt zu ſeyn. Die Thüre ging auf und die Schinder traten ein, den unter der Laſt ſeines Packes gebeugten Hauſirer nachzerrend. „Wer iſt der Kapitän Lawton?“ fragte der Anführer der Bande, indem er ſich mit einiger Beſtürzung umſah. „Er ſteht zu Dienſten,“ ſagte der Rittmeiſter trocken. „Nun, ich übergebe hier Ihren Haͤnden einen abgeurtheilten Verräther; es iſt Harvey Birch, der Krämerſpion.“ Lawton erſtaunte, als er ſeinem alten Bekannten in's Geſicht ſah; dann wandte er ſich mit einem verdrüßlichen Blick zu dem Sprecher und fragte: „Und wer ſeyd Ihr, Herr, daß Ihr ſo unverhohlen von einem Nachbar ſprecht?— aber,“ er verbeugte ſich gegen Dun⸗ woodie,—„Verzeihung, Sir;— hier iſt der kommandirende Offtzier ſelbſt— an ihn mögt Ihr Euer Geſchäft beſtellen.“ „Nein,“ ſagte der Mann nürriſch,„Ihnen will ich den Haufirer ausliefern, und von Ihnen ſpreche ich die ausgeſetzte Be⸗ lohnung an.“ „Seyd Ihr Harvey Birch?“ ſagte Dunwoodie, indem er mit einer Würde vortrat, welche den Schinder augenblicklich in eine Ecke der Stube zurücktrieb. „Ich bin's,“ ſagte Harvey ſtolz. „Und ein Verräther an Eurem Vaterlande;“ fuhr der Major 250 mit Ernſt fort.„Wißt Ihr, daß ich das Recht habe, Euch in dieſer Nacht hinrichten zu laſſen?“ „Es iſt nicht der Wille Gottes, eine Seele ſo ſchnell vor ſein Angeſicht zu rufen,“ ſagte der Krämer feierlich. „Ihr habt Recht,“ ſagte Dunwoodie.„Ihr ſollt noch einige kurze Stunden Friſt für Euer Leben haben. Da aber Euer Ver⸗ gehen den Soldaten zu ſehr verhaßt iſt, ſo dürft Ihr nicht hoffen, ihrer Rache zu entkommen. Ihr ſollt morgen ſterben!“ „Wie Gott will!“ „Ich ließ mich's manche ſchöne Stunde koſten, den Schelm zu erwiſchen,“ ſagte der Schinder, indem er ein wenig aus ſeinem Winkel hervortrat,„und ich hoffe, Sie werden mir einen Ausweis geben, der mich zu Erhebung der Belohnung berechtigt; es war verſprochen, daß ſie in Gold ausbezahlt werden ſolle.“ „Major Dunwoodie,“ ſagte der in’s Gemach tretende Offizier, welcher den Dienſt des Tages hatte,„die Streifwachen melden, daß ein Haus in der Nähe des geſtrigen Schlachtfeldes abgebrannt ſey.“ „Es war die Hütte des Hauſirers,“ brummte der Anführer der Bande.„Wir haben ihm keine Schindel auf dem Dach ge⸗ laſſen. Wir hätten ſie ſchon vor Monaten niedergebrannt, aber wir bedurften des Neſtes als einer Falle, um den ſchlauen Fuchs in ſeinem eigenen Loche zu fangen.“ „Ihr ſcheint mir ein ſehr umſichtiger Patriot zu ſeyn,“ ſagte Lawton.„Major Dunwoodie, ich unterſtütze das Geſuch dieſes würdigen Herrn, und bitte mir die Gunſt aus, ihm und ſeinen Geſellen die Belohnung auszahlen zu dürfen.“ „Es ſey ſo— und Ihr, unglücklicher Mann, bereitet Euch auf das Schickſal vor, welches Euch unabänderlich morgen vor dem Aufgange der Sonne treffen wird.“ „Das Leben hat nur wenig Reiz für mich,“ ſagte Harvey, indem er langſam die Augen aufſchlug und die fremden Geſichter im Gemache mit wilden Blicken betrachtete. mir u 1 brauch Quar Natur fuhr und e für A und r Packe daß in der mitzut Plane iſt es einem ſieht Hat Wenn ſelbſt ſagen etwas der 2 Benel h in r ſein einige Ver⸗ poffen, lm zu ſeinem isweis s war ffizier, n, daß tſey.“ führer ch ge⸗ „ aber Fuchs ſagte dieſes ſeinen t Euch en vor Harvey, eeſichter 251 „Kommt, würdige Söhne Amerika's,“ ſagte Lawton,„folgt mir und nehmt eure Belohnung in Empfang.“ Die Bande machte von dieſer Einladung ungeſäumten Ge⸗ brauch und folgte dem Kapitän zu den ſeinem Zuge angewieſenen Quartieren. Dunwoodie hielt einen Augenblick inne, da es ſeiner Natur widerſtrebte, über einen beſiegten Feind zu triumphiren und fuhr dann fort: „Ihr ſeyd bereits vor dem Kriegsgericht geſtanden, Harvey Birch, und es iſt eine erwieſene Wahrheit, daß Ihr ein zu gefährlicher Feind für Amerika's Freiheit ſeyd, als daß man Euch könnte leben laſſen.“ „Erwieſene Wahrheit?“ wiederholte der Krämer verwundert und richtete ſich in einer Weiſe auf, welche dem Gewichte ſeines Packes zu trotzen ſchien. „Ja, erwieſene Wahrheit. Es laſtet der Vorwurf auf Euch, daß Ihr Euch ſtets in der Nähe der Continentalarmee aufhieltet, in der Abſicht, ihre Bewegungen auszukundſchaften, ſie dem Feinde mitzutheilen und ihn dadurch in den Stand zu ſetzen, Waſhington's Plane zu vereiteln.“ „Glauben Sie, daß Waſhington das Nämliche ſagen wird?“ „Ohne Zweifel wird er das; gerade Waſhington's Ausſpruch iſt es, der Euch verurtheilt.“ „Nein, nein, nein,“ rief der Krämer mit einer Stimme und einem Benehmen, welches Dunwoodie in Erſtaunen ſetzte:„Waſhington ſieht weiter, als die ſtumpfen Blicke dieſer angeblichen Patrioten. Hat er nicht ſein Alles an einen entſcheidenden Wurf gewagt? Wenn ein Galgen für mich bereit iſt, drohte er nicht auch ihm ſelbſt?— Nein, nein, nein— Waſhington würde nimmermehr ſagen, führt ihn zum Galgen.“ „Habt Ihr, unglücklicher Mann, vielleicht dem Obergeneral etwas zu entdecken, was Euch das Leben retten könnke?“ ſagte der Major, als er ſich von der Ueberraſchung über das ſonderbare Benehmen des Haufirers wieder erholt hatte. 252 Birch zitterte und heftige Bewegungen kämpften in ſeiner Bruſt. Sein Geſicht nahm die geſpenſterhafte Bläſſe des Todes an und ſeine Hand zog eine kleine zinnerne Büchſe aus den Falten ſeines Hemdes. Er öffnete ſie, ließ in dem Inhalt derſelben einen ſchmalen Streifen Papier unterſcheiden, welchen er einen Augenblick mit ſtarrem Auge betrachtete,— und ſchon ſtand er im Begriffe, das Document dem Major Dunwoodie hinzureichen, als er plötzlich die Hand zurückzog und ausrief: „Nein— es ſterbe mit mir; ich kenne die Bedingungen meines Dienſtes und will mir das Leben nicht mit ihrem Verrathe erkau⸗ fen. Es ſoll mit mir ſterben.“ „Gebt das Papier her, und Ihr könnt vielleicht Gnade finden,“ rief Dunwoodie, indem er eine wichtige Entdeckung für die Sache, welcher er diente, erwartete. „Es ſtirbt mit mir,“ wiederholte Birch; ſeine bleichen Züge überflog ein Glutſtrom und ſein ganzes Geſicht leuchtete. „Greift den Verräther,“ rief der Major,„und entreißt das Geheimniß ſeinen Händen.“ Dem Befehle wurde augenblickliche Folge geleiſtet, aber die Bewegungen des Krämers waren ſchneller und in einem Augenblicke hatte er das Papier verſchlungen. Die Offiziere hielten erſtaunt inne, aber der Wundarzt rief dienſteifrig: „Haltet ihn! ich will ihm ein Brechmittel geben.“ „Gott behüte!“ ſagte Dunwoodie abwehrend.„Sein Ver⸗ brechen iſt zwar groß; aber auch ſeine Strafe wird ſchwer ſeyn.“ „Führt mich fort,“ ſagte der Hauſirer, indem er den Pack von ſeinen Schultern herunter gleiten ließ und mit einer Würde auf die Thüre zuging, die allen unbegreiflich ſchien. „Wohin?“ fragte Dunwoodie verwundert. „Zum Galgen!“ „Nein,“ ſagte der Major, indem er vor ſeinem eigenen Blut⸗ befehle zurückſchauderte;„meine Pflicht gebietet mir zwar, Euch hinrich morge Loos 4 und h durch ein E zu be Schilt dem g T traut l der Ha Lieuten welche an die Nachde Bewac außer legte ſi deren e ſeiner Todes Falten eſelben einen er im „ als neines erkau⸗ nden,“ Sache, Züge zt das er die nblicke ſtaunt Ver⸗ ſeyn.“ Pack Würde Blut⸗ Euch 253 hinrichten zu laſſen; aber es hat keine ſolche Eile. Ihr ſollt bis morgen um neun Uhr Zeit haben, Euch auf Euer ſchreckliches Loos vorzubereiten.“ Dunwoodie flüſterte ſeine Befehle einem Lieutenant ins Ohr und hieß den Hauſirer ſich entfernen. Die Unterbrechung, welche durch dieſen Auftritt veranlaßt wurde, machte der ganzen Tafelluſt ein Ende und die Offiziere gingen auseinander, um ſich zur Ruhe zu begeben. Bald war nur noch der ſchwerfällige Tritt der Schildwache zu vernehmen, welche vor dem Hotel Flanagan auf dem gefrorenen Boden hin und herging. Siebenzehntes Kapitel. 's gibt Menſchen, deren wandelbare Züge Ausdrücken jede zarte Herzensregung, Die Lieben, Hoffen, Mitleid wiederſtrahlen, Wie Bilder einer blanken Spiegelfläche. Doch kalte Klugheit weiß der Seele Farben Mit einer Außenſeite zu umgeben, Die argen Trug mit ihrem Schleier deckt. Duo. Ver Offizier, deſſen Händen Dunwoodie den Krämer anver⸗ traut hatte, übertrug das Geſchäft der Bewachung dem Sergeanten der Hauptwache. Kapitän Wharton's Geſchenk hatte dem jungen Lieutenant ziemlich zugeſetzt, und eine gewiſſe tanzende Bewegung, welche alle Gegenſtände vor ſeinen Augen annahmen, mahnte ihn an die Nothwendigkeit, der Natur durch Schlaf wieder aufzuhelfen. Nachdem er den Unteroffizier ermahnt hatte, keine Vorſicht, die für die Bewachung eines ſolchen Gefangenen räthlich erſcheinen mochte, außer Acht zu laſſen, hüllte ſich der junge Mann in ſeinen Mantel, legte ſich in der Nähe des Feuers nieder und fand bald die Ruhe, deren er bedurfte. An der Hinterwand des Gebäudes zog ſich ein rohgezimmerter Schuppen hin, welcher an dem einen Ende einen kleinen Verſchlag hatte, wo man die wenigen nöthigen Hausgeräthe aufzube⸗ wahren pflegte. In Folge der Geſetzloſigkeit der Zeit waren jedoch alle Gegenſtände von einigem Werthe daraus verſchwunden, und Betty Flanagan hatte gleich nach ihrer Ankunft dieſen Ort er⸗ ſpäht und zu Aufbewahrung ihrer beweglichen Habe, wie auch zu ihrem eigenen Schlafgemach auserſehen. Zugleich waren die Er⸗ gänzungswaffen und das Gepäck des Corps darin niedergelegt und dieſe vereinigten Schätze der Aufſicht einer Schildwache anvertraut, welche vor der Scheune als Schutzpoſten der Nachhut des Haupt⸗ quartiers Parade machte. Ein zweiter Soldat, der in der Nähe des Hauſes zur Bedeckung der Offizierspferde aufgeſtellt war, hatte das Gemach von der Seite im Auge, und da dieſes keine Fenſter und außer der Thüre keinen weiteren Ausgang hatte, ſo hielt es der bedächtige Wachtmeiſter für den geeignetſten Ort, wo er ſeinen Gefangenen bis zum Augenblick ſeines Todesganges verſorgen konnte. Sergeant Holliſter hatte ſich durch mehrere Gründe zu dieſer Wahl beſtimmen laſſen. Der eine war die Abweſenheit der Waͤ⸗ ſcherin, welche vor dem Küchenfeuer lag und von einem Angriff des Corps gegen den Feind träumte, wobei ihr das Geräuſch ihrer Naſe als die Angriffsfanfare der Virginier vorkommen mochte. Ein anderer Grund lag in der eigenthümlichen Anſicht, welche der Veteran von Leben und Tod hegte, und die ihn bei dem Corps in den Geruch einer muſterhaften Frömmigkeit und Heiligkeit gebracht hatte. Der Sergeant hatte mehr als ein halbes Jahrhundert ge⸗ lebt und die Hälfte dieſer Zeit in den Waffen zugebracht. Die beſtändige Wiederkehr plötzlicher Todesfälle vor ſeinen Augen hatte einen Eindruck auf ihn gemacht, welcher von den gewöhnlichen Folgen ſolcher Begebniſſe für die Sittlichkeit ſehr verſchieden war, und man kannte ihn nicht nur als den charakterfeſteſten, ſondern auch als den zu⸗ verläſſigſten Soldaten in ſeinem Zuge, weßhalb ihn auch Kapitän Law⸗ ton in Anerkennung ſeines Werthes zu ſeiner Ordonnanz ernannt hatte. ſeines er m in ſe Faß, winkt zu la einen Serg gegen mit vorzu in ſe dies wicht ſchau ander mir's Treff der Bibe nahm des die S die L Amt iſt's Unre kleinen ufzube⸗ jedoch n, und Ort er⸗ auch zu die Er⸗ und dieſe eerrtraut, Haupt⸗ er Naͤhe ar, hatte Fenſter hielt es er ſeinen verſorgen zu dieſer der Wä⸗ Angriff iſch ihrer mochte. delche der Corps in gebracht ndert ge⸗ cht. Die gen hatte en Folgen und man ls den zu⸗ iitän Law⸗ unnt hatte. 255 Der Wachtmeiſter führte Birch ſchweigend zu der Thüre ſeines Gefängniſſes und öffnete dieſelbe mit der einen Hand, indem er mit einer Laterne, welche er in der andern hielt, dem Krämer in ſeinen Gewahrſam vorleuchtete. Dann ſetzte er ſich auf ein Faß, welches etwas von Betty's Lieblingsgetränke enthielt, und winkte ſeinem Gefangenen, ſich auf einem zweiten gleichfalls nieder zu laſſen. Die Laterne wurde auf den Boden geſtellt, und nach einem feſten Blicke in das Geſicht des Hauſirers bemerkte der Sergeant: „Ihr ſeht mir aus, als ob Ihr dem Tod wie ein Mann ent⸗ gegengehen wolltet, und ich habe Euch an dieſen Ort gebracht, da⸗ mit Ihr ungeſtört und in Ruhe Eure Gedanken ſammeln könnt.“ „Es iſt ein ſchrecklicher Platz, um ſich für den letzten Gang vorzubereiten,“ ſagte Harvey und ſah ſich mit erſtorbenen Blicken in ſeinem kleinen Gefängniſſe um. „Ei, was das anbelangt,“ erwiederte der Veteran,„ſo kann dies nicht beſonders in Betracht kommen, wenn ein Menſch das wichtige Geſchäft vor ſich hat, über ſeine Gedanken die letzte Heer⸗ ſchau zu halten, damit ſie geeignet ſeyn mögen, die Muſterung einer anderen Welt zu paſſiren. Ich habe hier ein Büchlein, ich mache mir's immer zur Pflicht, ein wenig darin zu leſen, ehe es in ein Treffen geht, und ich habe gefunden, daß es einem in der Stunde der Noth große Stärkung verleiht.“ So ſprechend zog er eine Bibel aus der Taſche und reichte ſie dem Krämer hin. Birch nahm das Buch mit großer Verehrung, aber das zerſtreute Weſen des Gefangenen und ſein rollendes Auge erregte in dem Sergeanten die Vermuthung, daß die Angſt über die Gefühle des Hauſirers die Oberhand gewinnen werde, und er verſuchte es daher, ſein Amt als Troͤſter noch weiter zu verſehen. „Wenn Euch noch etwas ſchwer auf dem Herzen liegt, ſo iſt's jetzt die beſte Zeit, es los zu werden. Wenn Ihr Jemand Unrecht gethan habt, ſo nehmt das Wort eines ehrlichen Dragoners 256 — ich will Euch hülfreich die Hand bieten, es wieder gut zu machen.“ „Es gibt wenige, die nicht etwas drückt,“ ſagte der Hauſtrer, indem er das ſtiere Auge auf ſeinen Gefährten heftete. „Wahr— die Sünde liegt in der Natur des Menſchen— aber es kömmt bisweilen vor, daß der Menſch Handlungen begeht, welche ihm zu andern Zeiten großen Kummer machen. Es kann im Grunde doch Keiner wünſchen, mit dem Bewußtſeyn einer ſchweren Schuld in die Ewigkeit zu gehen.“ Harvey hatte die ganze Zeit über den Ort unterſucht, wo er die Nacht zubringen ſollte, und nichts entdeckt, was ihm als Mittel zur Flucht dienen konnte. Da aber das Gefühl der Hoff⸗ nung die Bruſt des Menſchen am allerſpäteſten verläßt, ſo achtete der Hauſirer wieder mehr auf den Dragoner und heftete ſo ſpähende Blicke auf deſſen ſonnverbrannte Züge, daß Sergeant Holliſter vor der Wildheit des Ausdrucks, welcher ſich in dem Geſichte des Ge⸗ fangenen ausſprach, die Augen niederſchlug. „Man hat mich gelehrt, die Bürde meiner Sünden zu den Füßen meines Erlöſers Riederzulegen,“ erwiederte der Hauſirer. „Hm, ja— alles das iſt gut genug,“ verſetzte der Andere; „aber man muß ſie auch gut zu machen ſuchen, ſo lange ſich eine Gelegenheit dazu bietet. Seit dem Beginn des Krieges hat es ſtürmiſche Zeiten im Lande gegeben, und viele ſind ihres recht⸗ mäßigen Eigenthums beraubt worden. Ich finde es oft ſchwer, ſogar meine geſetzliche Kriegsbeute vor meinem Gewiſſen zu ver⸗ antworten.“ „Dieſe Hände,“ ſagte der Krämer, indem er ſeine mageren, knöchernen Finger ausſtreckte,„haben jahrelang mit Mühſal ge⸗ kämpft, aber ſich nie an fremdem Gute vergriffen.“ „Es iſt gut, wenn dem alſo iſt,“ ſagte der ehrliche Krieger, „und ohne Zweifel gereicht Euch das zu einer großen Beruhigung. Es gibt drei große Sünden, und wenn der Menſch dieſe von ſeinem Gewiſ die T Sünd keinen weiter unrech der E rigen ter M laſſen der H wegla davon land i Körpe aber hand finden wenig wie ei empfe Es if Singl der W — ni 7 D. gut zu Hauſirer, chen— begeht, kann im ſchweren „wo er hm als er Hoff⸗ achtete ſpähende iſter vor des Ge⸗ zu den ſirer. Andere; ſich eine hat es s recht⸗ ſchwer, zu ver⸗ nageren, jſal ge⸗ Krieger, higung. m ſeinem 257 Gewiſſen fern hält, ſo mag er wohl, unter Gottes Guade, hoffen, die Muſterung mit den Heiligen im Himmel zu paſſiren: dieſe Sünden ſind Diebſtahl, Mord und Deſertion.“ „Gott ſey Dank!“ ſagte Birch mit Wärme,„ich habe noch keinem meiner Mitmenſchen das Leben genommen.“ „Einen Menſchen im rechtmäßigen Kampfe tödten iſt nichts weiter, als Pflichterfüllung. Iſt die Sache, für welche man kämpft, unrecht, ſo fällt, wie Ihr wißt, die Schuld auf die Nation, und der Einzelne hat dann ſeinen Theil hienieden mit dem ganzen üb⸗ rigen Reſte des Volkes zu büßen; aber ein mit kaltem Blut geüb⸗ ter Mord iſt ein Verbrechen, das in den Augen Gottes dem Ver⸗ laſſen ſeiner Fahne am nächſten ſteht.“ „Ich war nie Soldat und konnte daher nie deſertiren,“ ſagte der Hauſirer und ließ den Kopf melancholiſch auf die Hand ſinken. „Ja, aber Deſertiren iſt etwas mehr, als von ſeiner Fahne weglaufen, obſchon dieſes unſtreitig die ſchwerſte Unterabtheilung davon iſt. Es gehört auch zum Deſertiren, wenn man ſein Vater⸗ land in der Stunde der Noth verläßt.“ Birch bedeckte das Geſicht mit beiden Händen und ſein ganzer Körper bebte. Der Sergeant verwandte kein Auge von ihm: bald aber gewannen beſſere Gefühle über ſeinen Widerwillen die Ober⸗ hand und er fuhr mit mehr Milde fort: „Aber auch dieſe Sünde kann, wie ich glaube, Vergebung finden, wenn man ſie aufrichtig bereut; und es kann im Grunde wenig ausmachen, wann oder wo ein Menſch ſtirbt, wenn er nur wie ein Mann und wie ein Chriſt ſtirbt. Um aber dies zu können, empfehle ich Euch, Eure Gebete zu ſprechen und ein wenig zu ruhen. Es iſt keine Hoffnung zur Begnadigung vorhanden, denn Obriſt Singleton hat den gemeſſenſten Befehl ergehen laſſen, Euch aus der Welt zu ſchaffen, wo man Euch immer aufgreife. Nein— nein — nichts kann Euch retten.“ „Ihr habt Recht,“ rief Birch.„Es iſt nun zu ſpät— das Der Spion. 3. Aufl. 17 einzige Rettungsmittel habe ich ſelbſt zernichtet. Aber Er wird wenigſtens meinem Andenken Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ 4 „Was für ein Rettungsmittel,“ fragte der Sergeant, deſſen Neugierde durch die Worte des Krämers erregt worden war. „Es iſt nichts,“ verſetzte der Hauſirer, indem er wieder in ſeine natürliche Weiſe zurückſtel und das Haupt ſinken ließ, um die ernſten Blicke ſeines Gefährten zu vermeiden. „Und wer iſt der Er?“ „Niemand,“ fügte Harvey bei, als fürchte er zu viel zu ſagen. „Nichts und Niemand kann Euch in dem gegenwärtigen Augen⸗ blick wenig helfen,“ ſagte der Sergeant und ſtand auf, um ſich zu entfernen.„Legt Euch auf das Bett der Miſtreß Flanagan und verſucht es, ein wenig zu ſchlafen. Ich will Euch morgen bei Zeit wecken, und wünſche vom Grunde meines Herzens, Euch einen Dienſt leiſten zu können, denn es gefällt mir nicht beſonders, einen Menſchen wie einen Hund aufhängen zu ſehen.“ „Dann könntet Ihr mich von dieſem ſchmählichen Tode retten,“ ſagte Birch und faßte, haſtig aufſpingend, den Dragoner am Arme —„und ach, was wollte ich nicht geben, um Euch zu belohnen!“ „Wie könnte ich das?“ fragte der Sergeant, indem er den Gefangenen mit Ueberraſchung anblickte. „Seht,“ ſagte der Hauſirer und zog einige Guineen aus der Taſche,„dieß iſt eine Kleinigkeit gegen das, was ich Euch zu geben gedenke, wenn Ihr mir zur Flucht verhelft.“ „Und wenn Ihr der Mann wäret, deſſen Bild auf dieſes Gold geprägt iſt, nimmermehr würde ich auf einen ſolchen verbrecheriſchen Vorſchlag hören,“ ſagte der Reiter und warf die Geldſtücke mit Verachtung auf den Boden.„Geh— geh— armer Wicht, und mache Deinen Frieden mit Gott, denn Er allein iſt es, der Dir noch helfen kann.“ Der Sergeant nahm die Laterne auf und verließ mit der Geberde des Unwillens den Krämer, welcher nun Zeit hatte, Er wird 4.“ , deſſen r. ieder in um die u ſagen. Augen⸗ ſich zu lan und gen bei ch einen 3, einen retten,“ m Arme ohnen!“ er den aus der zu geben es Gold Heriſchen icke mit ht, und dir noch mit der hatte, 259 Betrachtungen über ſein nahes ſchreckliches Schickſal anzuſtellen. Birch ſank verzweifelnd auf Betty's Lager, indeß ſein Hüter den Schildwachen die geeigneten Befehle zur ſicheren Verwahrung des Gefangenen gab. Holliſter ſchloß die Einſchärfungen, welche er dem Soldaten vor dem Schuppen ertheilte, mit den Worten: „Du hafteſt mit dem Kopfe dafür, daß er Dir nicht entſpringk. Bis morgen darf Niemand bei ihm ein⸗ oder ausgehen.“ „Aber,“ ſagte der Reiter,„mein Befehl lautet, die Waſchfrau hinein oder heraus zu laſſen, ſo oft es ihr gefällt.“ „Nun, dieſe kannſt Du paſſiren laſſen, aber nimm Dich in Acht, daß der verſchmitzte Krämer nicht in den Falten ihres Weiber⸗ rocks herausſchlüpft.“ Er ging dann weiter und gab jeder der Schildwachen in der Nähe dieſes Ortes die gleichen Befehle. Eine Weile nach der Entfernung des Sergeanten herrſchte in dem einſamen Gefängniß des Hauſtrers die tiefſte Stille, bis der Dragoner an der Thüre laute Athemzüge vernahm, welche bald in das Schnarchen eines in tiefem Schlafe liegenden Menſchen über⸗ gingen. Der Mann ging auf ſeinem Poſten auf und ab und machte ſeine Betrachtungen über dieſe Gleichgültigkeit gegen das Leben, welche der Natur ihre gewohnte Ruhe ſogar an der Schwelle des Grabes geſtatten konnte. Harvey Birch's Name war jedoch bei dem Corps zu lange ein Gegenſtand des Abſcheu's geweſen, als daß ſich den Gefühlen der Schildwache auch nur ein Gedanke von Mitleid beigemiſcht hätte. Ungeachtet der Rückſicht und Freund⸗ lichkeit, welche der Sergeant an den Tag gelegt hatte, war unter der ganzen Mannſchaft kein Zweiter des gleichen Ranges, welcher ein ähnliches Wohlwollen gegen den Gefangenen bewieſen haben würde, oder der nicht, wie der Veteran, die Beſtechung zurückge⸗ wieſen hätte, wenn es auch vielleicht aus minder ehrenwerthen Gründen geſchehen wäre. Es lag eine Art von Unmuth und Neid in den Gefühlen des Mannes, welcher die Thüre des Gefängniſſes bewachte, weil er ſah, daß der Gefangene ſich eines Schlafes er⸗ freute, deſſen er ſelbſt beraubt war, und daß er eine ſo ärgerliche Gleichgültigkeit gegen die Todesſtrafe bewies, welche wegen viel⸗ fachen Verraths an der Sache der Freiheit und des Vaterlandes durch die militäriſche Strenge über ihn verhängt war. Mehr als einmal fühlte er ſich verſucht, die Ruhe des Krämers durch Schmäh⸗ reden und Vorwürfe zu ſtören, aber die Kriegszucht, unter welcher er ſtand und wohl auch ein dunkles Schamgefühl über die Roh⸗ heit einer ſolchen Handlung, hielten ihn von dieſem Vorhaben zurück. Seine Betrachtungen wurden jedoch bald durch die Erſcheinung der Waſchfrau unterbrochen, welche wankend aus der Küchenthüre kam und Flüche gegen die Bedienten der Offiziere brummte, deren Neckereien ihren Schlaf bei dem Feuer geſtört hatten. Die Schild⸗ wache verſtand von ihren Verwünſchungen genug, um den Fall zu begreifen, aber alle ſeine Bemühungen, mit dem erbosten Weibe ein Geſpräch anzuknüpfen, waren fruchtlos: und ſo ließ er ſie in das Gemach eintreten, ohne ihr von dem bereits darin befindlichen Bewohner Nachricht zu ertheilen. Man hörte ihren ſchweren Kör⸗ per auf das Bette fallen, dann trat für einige Zeit Stille ein, die aber bald durch das erneuerte Athmen des Hauſirers unterbrochen wurde, und wenige Minuten ſpäter ſchnarchte Harvey wieder ſo laut, als ob gar keine Unterbrechung ſtattgefunden hätte. Jetzt kam die Ablöſung, und die abziehende Schildwache, welcher die Todesverachtung des Krämers in die Naſe geſtochen hatte, rief, nach Mittheilung der erhaltenen Befehle, dem Nachfolger zu: „Du kannſt Dich durch Tanzen warm erhalten, John; der Krämerſpion hat ſeine Fidel geſtimmt, wie Du ſelbſt hören kannſt, und es wird nicht lange dauern, ſo fängt Betty auch an, eins aufzuſtreichen.“ Der Spaß erregte allgemeines Gelächter bei der Runde, welche nun weiter zog, um ihrem Dienſte nachzukommen. In dieſem Aug ſchie dern ſteck höre vor einer legt, ſoll? läng klein hatt es i die frau die den einn bube Ihr Wit der Gel Liel zu afes er⸗ erliche en viel⸗ erlandes tehr als Schmäh⸗ welcher e Roh⸗ orhaben heinung eenthüre „deren Schild⸗ Fall zu Weibe ſie in dlichen n Kör⸗ ein, die brochen der ſo Jetzt her die „ rief, 1; der kannſt, , eins welche dieſem 261 Augenblick öffnete ſich die Thüre des Gefängniſſes und Betty er⸗ ſchien wieder und humpelte gegen ihr früheres Quartier zu. „Halt!“ ſagte die Schildwache und erwiſchte ſie bei den Klei⸗ dern.„Wißt Ihr gewiß, daß der Spion nicht in Eurer Taſche ſteckt?“ „Könnt Ihr den Schuft nicht in meiner Kammer ſchnarchen hören, Ihr ſchmutziger Lumpenhund,“ ſprudelte Betty und zitterte vor Wuth am ganzen Leibe;„iſt es ſo weit gekommen, daß man einer ehrſamen Frauensperſon ein Mannsbild in die Schlafkammer legt, Ihr Galgenſtrick?“ „Pah! meint Ihr den Burſchen, der morgen gehängt werden ſoll? Seht, er ſchläft ja bereits. Morgen wird er wohl noch ein längeres Schläfchen machen.“ „Hände weg, Ihr Schelm!“ rief die Waſchfrau und ließ eine kleine Flaſche zurück, welche Ihr der Reiter glücklich abgerungen hatte.„Aber ich will zu Kapitän Jack gehen und ihn fragen, ob es in der Ordnung iſt, mir ſo einen Galgenvogel von Spion in die Kammer zu legen— ja und ſogar auf mein ehrſames Witt⸗ frauenbett, Ihr Dieb, Ihr!“ „Schweigt, alte Jeſabel,“ ſagte der Soldat lachend und nahm die Bouteille vom Mund, um Athem zu holen,„ſonſt werdet Ihr den Ehrenmann aufwecken— oder wollt Ihr einem Menſchen nicht einmal den letzten Schlaf gönnen?“ „Ich will den Kapitän Jack aufwecken, Ihr heilloſer Spitz⸗ bube, und ihn herbringen, daß er ſieht, wie man mit mir umgeht. Ihr ſollt mir alle den Schabernack büßen, den ihr einer ehrſamen Wittwe angethan habt.“ Mit dieſen Worten, welche aber nichts weiter, als ein Gelächter der Schildwache erzielten, ſtolperte Betty um das ganze Ende des Gebäudes und ſchlug den nächſten Weg nach den Quartieren ihres Lieblings, des Kapitäns John Lawton ein, um bei ihm Beiſtand zu ſuchen. Aber weder der Offizier noch das Weib ließ ſich die 262 Nacht über blicken und es ereignete ſich nichts mehr, was die Ruhe des Krämers ſtören konnte, der zur großen Verwunderung der nach und nach aufziehenden Poſten durch ſein Schnarchen zeigte, welch geringen Einfluß der Gedanke an den Galgen auf ſeinen Schlaf zu üben im Stande ſey. Achtzehntes Kapitel. Ein Daniel kommt, zu richten! ja, ein Daniel!— Wie ehr' ich dich, o weiſer junger Richter! Der Kaufmann von Venedig. Vie Schinder folgten dem Kapitän Lawton bereitwillig nach den Quartieren, in welchen der Zug des Rittmeiſters lag. Dieſer Offizier hatte bei allen Gelegenheiten ſo viel Eifer für die Sache, welcher er diente, gezeigt, er beachtete im Angeſichte des Feindes perſönliche Gefahr ſo wenig, und ſeine hohe Geſtalt und ſeine ſtrengen Züge trugen ſo viel dazu bei, ihn furchtbar zu machen, daß er gewiſſermaßen der renommirteſte Mann ſeines Corps war. Aller⸗ dings nahm man irriger Weiſe ſeine Unerſchrockenheit für Wildheit und ſeinen ungezügelten Eifer für natürlichen Hang zur Grauſamkeit. Andererſeits hatten aber einige Akte der Milde, oder— um es geeigneter auszudrücken— einer nicht buchſtäblichen Gerechtigkeits⸗ pflege dem Major Dunwoodie den Ruf einer ungeeigneten Nachſicht erworben, wie es überhaupt ſelten iſt, daß der Tadel oder der Bei⸗ fall der Menge dem Verdienſte angemeſſen ausfällt. In der Gegenwart des Majors fühlte ſich der Anführer der Bande unter dem Einfluſſe einer Beengung, welche den Laſterhaften, der anerkannten Tugend gegenüber, ſtets befällt; aber als er das Haus verlaſſen hatte, glaubte er auf einmal, ſich unter dem Schutze eines gleichgeſinnten Geiſtes zu befinden. Es lag ein Ernſt in Lawton's Benehmen, welcher die meiſten von denen, die den Mann die Ruhe ung der m zeigte, f ſeinen iel!— edig. lig nach Dieſer Sache, Feindes nd ſeine hen, daß Aller⸗ Wildheit iſamkeit. um es ttigkeits⸗ Nachſicht der Bei⸗ hrer der erhaften, Ger das Schutze Ernſt in n Mann 263 nicht genauer kannten, irre führte, und unter ſeinem Zuge war ein Sprichwort im Schwunge:„Wenn der Rittmeiſter lacht, ſo hat er's auf eine Strafe abgeſehen.“ Der Räuberführer rückte ſeinem Geleiter näher und begann ein vertrauliches Geſpräch.— „Es iſt immer gut, wenn man ſeine Freunde von den Feinden zu unterſcheiden weiß,“ ſagte der halb privilegirte Freibeuter. Auf dieſe einleitende Bemerkung antwortete der Kapitän nur durch einen unverſtändlichen Laut, welchen ſich der Andere als eine Zuſtimmung deutete. „Ich vermuthe, Major Dunwoodie ſteht bei Waſhington ſehr in Gunſten?“ fuhr der Schinder in einem Tone fort, der eher einen Zweifel, als eine Frage ausdrückte. „Manche glauben ſo.“ „Viele Freunde des Congreſſes in dieſer Gegend,“ fuhr der Mann fort,„wünſchen, daß die virginiſche Reiterei von einem andern Offizier kommandirt würde. Was mich anbelangt, ſo koͤnnte ich unſerer Sache manchen wichtigen Dienſt leiſten, gegen den die Einbringung des Krämers eine Kleinigkeit wäre, wenn ich nur hin und wieder durch einen Zug Reiter gedeckt würde.“ „Wirklich? Zum Beiſpiel?“ „Es ließe ſich in der Sache für den Offtzier eben ſo gut ein ordentlicher Schnitt machen, wie für uns, die wir ſie ausführten,“ ſagte der Schinder mit einem vielſagenden Blicke. „Aber wie?“ fragte Lawton etwas ungeduldig und beſchleunigte ſeine Schritte, um den Uebrigen weit genug vorauszukommen, damit das Geſpräch nicht behorcht würde. „Ei, in der Nähe der königlichen Linien, ſogar unter ihren Kanonen ließe ſich mancher gute Fang thun, wenn wir ſtark genug wären, um de Lancey's* Leute abzuhalten, und unſern Rückzug ſo * Das Partheigänger⸗Corps, welches den Namen der Kühjungen trug, wurde von dem Obriſt de Lancey kommandirt. Dieſer Edelmann, denn ein ſolcher war er von Geburt und Erziehung, machte ſich bei den 264 decken könnten, daß wir den Weg nach der Königsbrücke frei be⸗ hielten.“ 3 4 „Ich dachte, die Refugees nähmen dieſes Wild ſchon für eigene Rechnung.“ „Ein Bischen thun ſie das wohl, aber ſie müſſen auf ihre eige⸗ nen Leute zu viele Rückſicht nehmen. Ich bin zweimal unten geweſen und habe im Einverſtändniß mit ihnen operirt. Das erſtemal be⸗ nahmen ſie ſich ehrlich, aber das zweitemal überfielen ſie uns, jag⸗ ten uns fort und behielten die Beute für ſich.“ „Das war in der That ſehr unfreundſchaftlich gehandelt. Es wundert mich nur, daß ſich ein ehrlicher Mann mit ſolchen Schuf⸗ ten einlaſſen mag.“ „Es iſt immer nöthig, mit einigen von ihnen in gutem Ver⸗ nehmen zu bleiben, wir könnten ſonſt aufgehoben werden; aber ein Mann ohne Ehre iſt weniger, als ein Vieh. Glauben Sie, daß man dem Major Dunwoodie trauen darf?“ „Ihr meint, hinſichtlich ſeiner Grundſätze von Ehre?“ „Gewiß; Sie wiſſen, man hatte von Arnold eine gute Meinung, bis der königliche Major aufgegriffen wurde.“ „Ei, ich glaube nicht, daß Dunwoodie ſein Kommando verkau⸗ fen würde, wie Arnold zu thun wünſchte. Auch glaube ich nicht, 1 Amerikanern durch ſeine raffinirte Grauſamkeit verhaßt, obgleich es nicht erwieſen iſt, daß er wirklich an den wilden Handlungen der rohen Kriegs⸗ führung ſeiner Leute mitſchuldig war.— Obriſt de Lancey gehörte einer Familie an, welche großen Einfluß in den amerikaniſchen Kolonien hatte, und ſein Onkel war als Gouverneur von Neu⸗York geſtorben. Er darf nicht mit andern dieſes Namens und dieſer Familie verwechſelt werden, da mehrere ſolche in der königlichen Armee dienten. Sein Vetter, der Obriſt Oliver de Lancey, war zu der Zeit unſerer Erzählung General⸗ adjutant der brittiſchen Streitkräfte in Amerika und der Nachfolger des unglücklichen André.— Die Kühjungen wurden bisweilen auch Refugees genannt, weil ſie ihre Zuflucht zu dem Schutz der Krone genommen hatten. daß Schit einer gen, nen beſſer gebãäu ſtande währe raum und die 3 Aufbr blick gewoͤk Baun Die 2 Gegen man in tie 4. 3 das a in ſeit darzuſ Sieg gehein fahren „Ohne frei be⸗ pon für re eige⸗ geweſen mal be⸗ as, jag⸗ lt. Es Schuf⸗ n Ver⸗ ber ein e, daß einung, verkau⸗ nicht, es nicht Kriegs⸗ te einer rhatte, Er darf verden, r, der eneral⸗ er des fugees ymmen 265 daß man ihn bei einem ſo delikaten Geſchäft, wie Ihr es im Schilde führt, allzutief in die Karten blicken laſſen darf.“ „Das iſt juſt meine Anſicht,“ erwiederte der Schinder mit einer gewiſſen Selbſtzufriedenheit, welche das innere Vergnü⸗ gen, einen Charakter ſo gut beurtheilt zu haben, nicht verken⸗ nen ließ. Mittlerweile waren ſie bei einem Bauernhauſe von etwas beſſerem Ausſehen angekommen, deſſen ziemlich weitläufige Außen⸗ gebäude für die damalige Zeit ſich in einem recht erträglichen Zu⸗ ſtande befanden. Die Reiter waren in den Scheunen vertheilt, während die Pferde in den langen Schuppen ſtanden, die den Hof⸗ raum gegen den kalten Nordwind ſchützten. Letztere fraßen ruhig und waren vollſtändig geſattelt und aufgezäumt, ſo daß nur noch die Zügel eingelegt werden durften, um bei dem erſten Zeichen zum Aufbruch fertig zu ſeyn. Lawton entſchuldigte ſich für einen Augen⸗ blick und trat in ſein Quartier. Bald kehrte er aber mit einer gewöhnlichen Stalllaterne zurück und leuchtete nach einem großen Baumgute voran, welches die Gebäude von drei Seiten umgab. Die Bande glaubte, es geſchehe in der Abſicht, den intereſſanten Gegenſtand noch weiter und beſſer beſprechen zu konnen, ohne daß man Gefahr liefe, behorcht zu werden, und folgte dem Rittmeiſter in tiefem Schweigen. Der Schinderhäuptling näherte ſich dem Kapitän und nahm das abgebrochene Geſpraͤch wieder auf, wobei er den andern tiefer in ſeine Plane einzuweihen und ſich ſelbſt als einen klugen Kopf darzuſtellen beabſichtigte. „Glauben Sie, daß die Kolonien am Ende doch noch den Sieg uͤber den König davon tragen werden?“ fragte er mit der geheimnißvollen Miene eines Politikers. „Den Sieg davon tragen?“ wiederholte der Kapitän auf⸗ fahrend— dann nahm er ſich wieder zuſammen und fuhr fort: „Ohne Zweifel werden ſie das. Wenn's die Franzoſen nicht an 266 Geld und Waffen fehlen laſſen, ſo können wir die königlichen Truppen in ſechs Monaten aus dem Lande jagen.“ „Nun, ich hoffe auch, daß es bald geſchehe; dann werden wir eine freie Regierung haben, welche uns, die wir für ſie gefochten haben, auch belohnen wird.“ „Oh!“ rief Lawton,„Eure Anſprüche ſind unbeſtritten; und dieſe elenden Tories, welche zu Haus im Frieden leben und für ihre Güter Sorge tragen, ſollen mit verdienter Verachtung behan⸗ delt werden. Ich denke, Ihr habt keinen eigenen Grund und Boden?“ „Noch nicht— aber es müßte ſchlimm zugehen, wenn ich nicht einen eigenen Heerd fände, ehe es zum Frieden kommt.“ „Recht ſo; denkt auf Euern eigenen Vortheil und Ihr denkt auf den Vortheil des Vaterlandes: verfolgt den Zweck Euerer Dienſte, lacht die Tories aus, und ich wette meine Sporen gegen einen roſtigen Nagel, Ihr werdet's wenigſtens bis zum Diſtrikts⸗ ſchreiber bringen.“ „Glauben Sie nicht, daß Pauldings* Leute rechte Thoren waren, weil ſie dem königlichen Generaladjutanten nicht durch⸗ halfen?“ ſagte der Mann, der jetzt bei dem freimüthigen Benehmen des Rittmeiſters alle Vorſicht bei Seite legte. „Thoren?“ rief Lawton mit bitterem Lachen,„ja wohl Tho⸗ ren! König Georg hätte ſie beſſer bezahlt, denn er iſt reicher. Sie wären für ihr ganzes Leben gemachte Herren geworden. Aber Gott ſey Dank, es iſt ein durchdringender Geiſt in dem Volke, der an's Wunderbare gränzt. Leute, die nichts haben, handeln * Der Autor hat hier auf einen Gegenſtand angeſpielt, der ein zu locales Intereſſe hat, um der Mehrzahl der Leſer gegenwärtig zu ſeyn.— Be⸗ kanntlich wurde André von drei Landleuten angehalten, welche wegen der Raubzüge des Feindes auf Kundſchaft lagen. Der Führer dieſes kleinen Häufleins hieß Paulding. Die Uneigennützigkeit, mit welcher ſie die Anerbietungen ihres Gefangenen zurückwieſen, iſt geſchichtliche Thatſache. als o Alle Engl kete ſteher lernen ſchlug und der E er ein Band Maajf Einbt Vera die T gezäh währe leiſtet ſteine Habt wolle kömm Einfa für d niglichen den wir gefochten en; und und für behan⸗ ind und denn ich nt.“ hr denkt Euerer in gegen ZDiſtrikts⸗ Thoren t durch⸗ enehmen ahl Tho⸗ reicher. n. Aber n Volke, handeln zu locales n.— Be⸗ wegen der es kleinen er ſie die Thatſache. 267 als ob die Schätze Indiens von ihrer Treue abhingen; denn nicht Alle ſind Schurken wie ihr, ſonſt wären wir ſchon lange wieder Englands Sclaven.“ „Wie?“ rief der Schinder, indem er zurückfuhr und die Mus⸗ kete auf des Rittmeiſters Bruſt anſchlug,„bin ich verrathen und ſtehen Sie mir als Feind gegenüber?“ „Elender!“ brüllte Lawton, und ſein Säbel klirrte in der ſtäh⸗ lernen Scheide, als er dem Kerl die Muskete damit aus der Hand ſchlug.„Verſuch' es nochmal, Dein Gewehr auf mich anzulegen und ich haue Dich bis zum Nabel auseinander!“ „Sie wollen uns alſo nicht bezahlen, Kapitän Lawton?“ ſagte der Schinder und zitterte an allen Gliedern, denn gleichzeitig ſah er eine Abtheilung berittener Dragoner anrücken, welche die ganze Bande ſchweigend umringte. „Oh, Dich zahlen; ja, Du ſollſt Deinen Lohn in vollem Maaß erhalten. Hier iſt das Geld, das Obriſt Singleton für die Einbringer des Spions geſendet hat“— er warf den Gaunern mit Verachtung einen Beutel voll Guineen vor die Füße.„Aber legt die Waffen nieder, ihr Schurken, und ſeht, ob das Geld richtig gezählt iſt.“ 8 Die eingeſchüchterte Bande that, wie ihr befohlen wurde, und während ſie dem angenehmeren Theile des Aufrufs begierig Folge leiſtete, nahmen einige von Lawton's Leuten heimlich die Flinten⸗ ſteine aus ihren Musketen. „Nun,“ ſchrie der ungeduldige Kapitän—„iſt's recht ſo? Habt ihr eure verſprochene Belohnung?“ „Das Geld iſt ganz richtig,“ ſagte der Führer,„und nun wollen wir, mit Ihrer Erlaubniß, nach Hauſe gehen.“ „Halt! ſoweit hätten wir unſer Verſprechen gelöst.— Nun kömmt aber ein Act der Gerechtigkeit. Wir haben euch für das Einfangen des Spions bezahlt, aber jetzt wollen wir euch auch für das Sengen, Rauben und Morden züchtigen. Ergreift ſie, 268 Jungen, und gebt jedem von ihnen nach dem Geſetze Moſes— vierzig weniger einen.“ Dieſer Befehl traf keine tauben Ohren. Im Augenblicke waren die Schinder ausgekleidet und mit Pferdehalftern an eben ſo viele Apfelbäume befeſtigt, als nöthig waren, um jeden der Rotte gehörig zu verſehen. Dann blitzten die Säbel und mit Zau⸗ berſchnelle waren fünfzig Zweige von den Bäumen abgehauen. Von dieſen wurden die biegſamſten ausgewählt und es fanden ſich bald bereitwillige Dragoner zur Führung dieſer Waffe. Kapitän Lawton gab ſeinen Leuten die menſchenfreundliche Weiſung, die Vorſchrift des moſaiſchen Geſetzes nicht zu überſteigen, und nun begann in dem Obſtgarten eine babyloniſche Verwirrung. Das Schreien des Bandenführers ließ ſich leicht von dem ſeiner Leute unterſcheiden, ein Umſtand, der vielleicht der Ermahnung Lawton's an den Stock⸗ meiſter zuzuſchreiben war, daß man es hier mit einem Offtzier zu thun habe, dem eine ungewöhnliche Ehre gebühre. Die Erxecution ging recht artig und raſch von Statten und es fiel keine weitere Unregelmäßigkeit dabei vor, als daß keiner der Zuchtmeiſter eher zu zählen anfing, als bis er ſein Inſtrument in einem Dutzend oder mehr Hieben verſucht hatte, um, wie ſie ſich ausdrückten, den rechten Fleck ausfindig zu machen. Sobald dieſe ſummariſche Ah⸗ fertigung zur Zufriedenheit erledigt war, befahl Lawton ſeinen Leuten, den Schindern ihre Kleider zu geben und dann wieder auf⸗ zuſitzen, da ſie eigentlich beſtimmt waren, landabwärts zu pa⸗ trouilliren. „Ihr ſeht, mein Freund,“ ſagte Lawton, als er ſich zum Ab⸗ zuge anſchickte, zu dem Häupling der Schinder,„ich kann Euch im Nothfalle bedecken. Wenn wir oft zuſammentreffen, ſo ſollt Ihr ſtets mit Wunden bedeckt werden, die zwar nicht ſonderlich ehrenvoll, aber nichts deſto weniger recht wohl verdient ſind.“ Der Kerl antwortete nicht. Er nahm ſeine Muskete wieder auf und trieb ſeine Kameraden zu ſchleunigem Aufbruch an. Als alle f Nähe Mond unterf an u Bewe dieſen der R daher brüllte wehr 5 ſchütte um ei des S gen ih Pferde feuerte Schnel Muske Der S ſeinem ter, er ſein C Geſchã Gericht zug zu an die theilt. zu ſein ſes— enblicke n eben en der t Zau⸗ . Von ch bald Lawton rſchrift ann in ien des cheiden, Stock⸗ zier zu tecution weitere er eher nd oder n, den he Ah⸗ ſeinen er auf⸗ zu pa⸗ m Ab⸗ n Euch o ſollt nderlich wieder 1. Als 269 alle fertig waren, marſchirten ſie finſter auf einige Felſen in der Nähe zu, welche von dichtem Gehölz überhangen waren. Der Mond ging eben auf und ließ die Gruppe der Dragoner deutlich unterſcheiden. Da wandte ſich die ganze Bande plötzlich um, ſchlug an und drückte die Gewehre ab. Die Dragoner bemerkten die Bewegung und hörten das Knacken der Schlöſſer. Sie erwiederten dieſen vergeblichen Verſuch mit einem ſchallenden Gelächter und der Rittmeiſter rief ihnen zu: „Ah, ihr Schurken, ich kannte euch wohl und habe euch daher die Flintenſteine wegnehmen laſſen.“ „Ihr hättet mir auch den in der Taſche nehmen ſollen,“ brüllte der Führer und feuerte im nächſten Augenblick ſein Ge⸗ wehr ab. Die Kugel ſtreifte Lawton's Ohr, der jedoch nur den Kopf ſchüttelte und lachend rief:„Um ein Haar gefehlt, iſt ſo gut als um eine Meile.“ Einer der Dragoner hatte die Vorbereitungen des Schinders geſehen, den die übrige Bande nach dem Fehlſchla⸗ gen ihres Racheverſuchs allein zurückließ, und drückte eben ſeinem Pferde die Sporen in die Seite, um ihm nachzuſetzen, als der Kerl feuerte. Die Entfernung nach den Felſen war nur unbedeutend und die Schnelligkeit des Pferdes zwang den Führer, das Geld und die Muskete im Stich zu laſſen, um ſeinem Feinde zu entkommen. Der Soldat kehrte mit ſeiner Beute wieder um und brachte ſie ſeinem Kapitän; aber Lawton wies ſie zurück und ſagte dem Rei⸗ ter, er ſolle ſie behalten, bis der Schuft in Perſon erſcheine, um ſein Eigenthum zurück zu forden. Es wäre jedoch kein leichtes Geſchäft für eine der damals in den neuen Staaten beſtehenden Gerichtsbehörden geweſen, die Rückerſtattung des Geldes in Voll⸗ zug zu ſetzen, denn es wurde bald darauf von Sergeant Holliſter an die Mannſchaft von Lawton's Zuge in gleichen Portionen ver⸗ theilt. Die Patrouille zog ab, und der Rittmeiſter kehrte langſam zu ſeiner Wohnung zurück, um ſich zur Ruhe zu begeben. Da fiel ihm plötzlich eine Geſtalt auf, welche ſich langſam unter den Bäumen fortbewegte und die Richtung nach dem Walde einſchlug⸗ in der die Schinder ſich zurückgezogen hatten. Er wandte ſein Pferd, ritt vorſichtig näher und erkannte zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen die Waſchfrau, welche ſich zu dieſer ungewohnten Stunde an einem ſolchen Platze befand. „Was, Betty? Wandelt Ihr im Schlaf oder träumt Ihr mit offenen Augen?“ rief der Reiter.„Fürchtet Ihr nicht dem Geiſt der alten Jenny auf ihrem Lieblingsweideplatz zu be⸗ gegnen?“ „Ach, Sie ſind's, Kapitän Jack!“ erwiederte die Marketen⸗ derin in dem Dialekte ihrer Heimath und taumelte in einer Weiſe, welche es ihr ſchwer machte den Kopf aufzurichten.„'s iſt weder Jenny, noch ihr Geiſt, was ich ſuche, ſondern nur einige Kräuter für die Verwundeten. Sie haben eine beſondere Kraft, wenn man ſte beim aufgehenden Monde holt, und das trifft jetzt juſt zu. Sie wachſen dort unten am Felſen, und ich muß eilen, ſonſt verliert der Zauber ſeine Wirkung.“ „Närrin, Ihr würdet beſſer thun, in Euer Bett zu gehen, als unter dieſen Felſen herumzuwandern; wenn Ihr von einem herabfielet, würdet Ihr Arme und Beine brechen. Zudem haben ſich die Schinder auf dieſe Höhen geflüchtet, und wenn Ihr ihnen in die Hände gerathet, ſo möchten ſie leicht für die geſunden Hiebe, die ſie eben von mir erhalten haben, an Euch Rache nehmen. Kehrt lieber um, Alte, und bringt Euern Schlaf zu Ende; wir brechen morgen auf.“ Betty achtete nicht auf dieſen Rath und ſetzte ihren ſchwan⸗ kenden Spaziergang gegen die Anhöhe fort. Als Lawton die Schinder berührte, hielt ſie einen Augenblick an, dann aber ging ſie wieder weiter und verſchwand bald unter den Bäumen. Als der Kapitän in ſein Quartier zurückkam, fragte ihn die Schildwache an der Thüre, ob ihm Miſtreß Flanagan begegnet ſey, u Drohn dem O zu ſuc ein ne Obſtg⸗ Minut ab, w Bett 3 Gebir ſtreute jedoch in der geweſe zu ver wieder zu beſt Feuer ſchützen Ende. ſitzen, n. mich d Wälder Du, d nen M 2 Lawtor vor Fr r den chlug, ſein n Er⸗ Stunde t Ihr dem u be⸗ rketen⸗ Weiſe, weder rräuter n man 1. Sie verliert gehen, einem haben ihnen Hiebe, lehmen. 2; wir ſchwan⸗ on die er ging ihn die egegnet ſey, und fügte bei, ſie ſey hier vorbeigekommen, habe die Luft mit Drohungen gegen ihre Quälgeiſter im„Hotel“ erfüllt, und nach dem Rittmeiſter gefragt, um bei ihm Abhülfe ihrer Beſchwerden zu ſuchen. Lawton hörte den Mann mit Verwunderung an, und ein neuer Gedanke ſchien in ihm aufzuleuchten. Er ging nach dem Obſtgarten zurück, kehrte aber bald wieder um, ging dann einige Minuten in raſchen Schritten vor der Thüre des Gebäudes auf und ab, worauf er haſtig in's Haus trat, ſich in den Kleidern auf ein Bett warf und bald in einen tiefen Schlaf verſank. Inzwiſchen hatte die Freibeuterbande glücklich die Spitze des Gebirges erreicht, wo ſie ſich nach verſchiedenen Richtungen zer⸗ ſtreuten und in den Tiefen des Waldes Verſtecke ſuchten. Als ſie jedoch ſahen, daß keine Verfolgung mehr zu befürchten war, die in der That auch von der Reiterei nicht gut zu bewerkſtelligen geweſen wäre, wagte es der Führer, die Rotte durch ein Pfeifchen zu verſammeln, und in kurzer Zeit war die entmuthigte Mannſchaft wieder auf einem Punkte beiſammen, wo ſie von dem Feinde wenig zu beſorgen hatte. „Nun,“ ſagte einer der Burſchen, während die andern ein Feuer anzündeten, um ſich gegen die ſchneidend kalte Nachtluft zu ſchützen. Mit unſern Geſchäften in Weſt⸗Cheſter wäre es jetzt zu Ende. Die virginiſche Reiterei wird uns bald heiß genug auf⸗ ſitzen, ſo daß es nicht gut bleiben iſt.“ „Ich muß ſein Blut ſehen,“ brummte der Führer,„und wenn mich der nächſte Augenblick das Leben koſten ſollte.“ „Oh, Du biſt ein gar männlicher Held hier außen in den Wäldern,“ ſchrie der Andere mit wildem Lachen.„Warum haſt Du, der Du Dich ſo ſehr mit Deinem guten Zielen brüſteſt, Dei⸗ nen Mann auf dreißig Ellen gefehlt?“ „Der Reiter machte mich irre, ſonſt hätte mir der Kapitän Lawton auf dem Platze verenden ſollen. Außerdem ſchauderte ich vor Froſt, ſo daß ich keine ſtete Hand mehr hatte.“ 272 „Sage lieber vor Furcht, dann iſt's doch keine Lüge,“ ver⸗ ſetzte ſein Kamerad höhniſch. Ich für meinen Theil glaube, daß es mich nie wieder frieren wird. Mein Rücken brennt mich, als ob tauſend glühende Bratröſte auf ihm lägen.“ „Und Du willſt Dir feiger Weiſe eine ſolche Behandlung ge⸗ fallen laſſen und wohl gar den Stock küſſen, der Dich geſchlagen hat?“ „Das Stockküſſen dürfte kein leichtes Geſchäft ſeyn. Der meinige zerflog auf meinen Schultern in ſo kleine Stücke, daß es ſchwer halten würde, eines aufzufinden, welches groß genug wäre, um geküßt werden zu können; aber ich will doch lieber nur die halbe Haut verlieren, als die ganze und die Ohren obendrein. Und das wird unſer Loos ſeyn, wenn wir dieſen tollen Virginier wieder in Verſuchung führen. Ich wollte ihm lieber gutwillig ſo viel von meiner Haut abtreten, daß er ſich ein Paar Stiefelriemen draus machen laſſen könnte, wenn er mich nur mit dem Ueberreſte durchſchlüpfen ließe. Wenn Du aber gewußt hätteſt, wo man am beſten durchkommt, ſo hätteſt Du Dich an den Major Dunwoodie gehalten, der nicht halb ſo viel von unſerer feinen Aufführung weiß.“ „Schweig, Du alberner Schwätzer!“ brüllte der erboste Füh⸗ rer;„Dein Gewäſche wäre im Stande, den vernünftigſten Menſchen toll zu machen. Iſt es nicht genug, ausgeplündert und geprügelt worden zu ſeyn? Sollen wir uns noch durch Dein Narrengeſchwätz quälen laſſen? Hilf den Proviant auspacken, wenn noch etwas im Schnappſack iſt, und probire, ob Dir damit nicht das Maul ge⸗ ſtopft wird.“ Dieſer Aufforderung wurde Folge geleiſtet, und die ganze Bande ſchickte ſich unter Stöhnen und Verkrümmungen, welche in dem wunden Zuſtande der Rücken ihren Grund hatten, an, ein ſpärliches Mahl zu bereiten. Ein großes Feuer von trockenem Holze brannte in einer Felſenöffnung, und endlich fingen ſie an, ſich ten 6 undà Theil tungs hinge da ih verbu große zu de fange unabl war, ſtigen äußer ſtigen war c konnte Sprü Hinde nahm über Gelüf genau beſtim kiſchen durch wurde 1 Feuer todt, Piſtol D 4 ver⸗ e, daß ), als ng ge⸗ chlagen Der daß es wäre, nur die 1. Und wieder ſo viel riemen derreſte an am woodie ihrung enſchen prügelt ſchwätz as im ul ge⸗ ganze che in t, ein kenem ie an, ſich von der Verwirrung ihrer Flucht zu erholen und die zerſtreu⸗ ten Sinne wieder zu ſammeln. Als der Hunger beſchwichtigt war und Viele ihre Kleider bei Seite gelegt hatten, um die beſchädigten Theile beſſer pflegen zu können, begann die Rotte, auf Vergel⸗ tungsmaaßregeln zu ſinnen. In dieſer Weiſe wurde eine Stunde hingebracht und verſchiedene Vorſchläge gemacht, welche aber alle, da ihr Erfolg von perſönlichem Muthe abhing, wegen der damit verbundenen großen Gefahr wieder verworfen wurden. Bei der großen Wachſamkeit des Corps war an eine Ueberraſchung nicht zu denken, und die Hoffnung, den Kapitän Lawton einzeln abzu⸗ fangen, war gleichfalls vergeblich, da der Reiter ſich ſeinen Dienſt unabläſſig angelegen ſeyn ließ und ſo ſchnell in ſeinen Bewegungen war, daß eine derartige Begegnung nur durch einen ungemein gün⸗ ſtigen Zufall herbeigeführt werden konnte. Zudem war es noch äußerſt ungewiß, ob ein ſolches Zuſammentreffen einen für ſie gün⸗ ſtigen Ausgang hoffen ließ, denn die Schlauheit des Rittmeiſters war allbekannt, und auf Weſt⸗Cheſters rauhem und felſigem Boden konnte der furchtloſe Parteigänger bekanntermaaßen ve rzweifelte Sprünge machen, wie denn auch ſteinerne Mauern nur geringe Hinderniſſe für die Angriffe der ſüdlichen Reiterei waren. Allmählich nahm die Unterhaltung nun eine andere Richtung, bis ſich die Bande über einen Plan vereinigte, der ſie rächen und zugleich ihre alten Gelüſte befriedigen ſollte. Das ganze Vorhaben wurde auf das genaueſte erwogen, alle Zeit feſtgeſetzt und die Art der Ausführung beſtimmt— kurz, alle vorläufigen Verabredungen zu ihrem ſchur⸗ kiſchen Unternehmen waren vollſtändig genommen, als ſie auf einmal durch eine laute Stimme aus ihren Berathungen aufgeſchreckt wurden. „Hierher, Kapitän Jack!— Hier ſitzen die Schurken um ein Feuer herum und eſſen!— hierher, und ſchlagt die Spitzbuben todt, wo ihr ſie findet!— Geſchwind, ſteigt ab, und laßt ſie eure Piſtolen koſten!“ Der Spion. 3. Aufl. 18 274 Dieſer ſchreckliche Anruf reichte hin, die ganze Philoſophie der Bande über den Haufen zu werfen. Sie ſprangen auf, ſtürz⸗ ten tiefer in den Wald und zerſtreuten ſich, da ſie bereits über einen Sammelplatz für ihre beabſichtigte Expedition überein gekom⸗ men waren, nach allen vier Himmelsgegenden. Man hörte noch gewiſſe Töne und verſchiedene Stimmen, welche ſich zuriefen; da aber die Gauner gut zu Fuße waren, ſo verſchwanden auch dieſe bald in der Entfernung. Bald darauf tauchte Betty Flanagan aus der Dunkelheit auf und nahm ganz kaltblütig von dem, was die Schinder zurückge⸗ laſſen hatten, Beſitz; es beſtand namentlich aus Lebensmitteln und verſchiedenen Kleidungsſtücken. Die Waſchfrau ſetzte ſich bedaͤcht⸗ lich nieder und tafelte anſcheinend mit großer Zufriedenheit. Sie ſaß dann wohl eine Stunde, den Kopf auf die Hand geſtützt, in tiefem Sinnen verloren, da; dann raffte ſie einige von den Klei⸗ dern, wie ſie ihr gerade zu behagen ſchienen, zuſammen und zog ſich in den Wald zurück. Das Feuer warf noch ſeinen glimmenden Strahl auf die benachbarten Felſen, bis der letzte Funke dahinſtarb und Finſtern iß wieder die einſame Stelle bedeckte. Neunzehntes Kapitel. Was magſt das Herz du länger quälen? Kannſt ja die erſte beſte wählen! 's iſt toll zu gehen, Tod— zu weilen; Fort, fort, zu Orra laß mich eilen! Lappländiſches Liebes⸗Lied. Munwoodie's Schlummer war unterbrochen und unruhig, wäh⸗ rend ſeine Kameraden in tiefem Schlafe aller ihrer Wagniſſe und Gefahren vergaßen. Der Major hatte ſich die Nacht in fortwäh⸗ render Aufregung auf dem ſchlechten Lager, auf das er ſich in den Kleidern gelegt hatte, hin und her geworfen und ſtand, ohne irge durc ſcha dem die wele ſchen Auf und den in t nere ſeine emp trau nesn beig ſönli nur einig hatte oder fang gung und mit nähe konn wiſſe Felſ boter zuru oſophie ſtürz⸗ s über gekom⸗ e noch en; da h dieſe eit auf rückge⸗ In und edaͤcht⸗ Sie tzt, in 1 Klei⸗ nd zog menden inſtarb ed. wäh⸗ ſe und rtwäh⸗ in den ohne 275 irgend einen ſeiner Leute zu wecken, unerquickt wieder auf, um ſich durch einen Spaziergang in der freien Luft Erleichterung zu ver⸗ ſchaffen. Der ſanfte Schimmer des Mondes verlor ſich bereits in dem Dämmerlichte des Morgens; der Wind hatte ſich gelegt, und die aufſteigenden Nebel ließen noch einen jener Herbſttage hoffen, welche unter dieſem veränderlichen Himmelsſtriche in zauberhaft ra⸗ ſchen Uebergängen einem Sturme zu folgen pflegen. Die zum Aufbruche des Corps bezeichnete Stunde hatte noch nicht geſchlagen, und da er keineswegs die Abſicht hatte, ſeinen Kriegern die von den Umſtänden geſtattete Erholung zu verkümmern, ſo ſtreifte er in tiefem Nachſinnen über das Mißliche ſeiner Stellung und in in⸗ nerem Widerſtreite zwiſchen den Anforderungen ſeiner Pflicht und ſeiner Liebe über den Schauplatz hin, wo die Schinder ihre Strafe empfangen hatten. Dunwoodie hegte zwar ein unbedingtes Ver⸗ trauen zu der Unſchuld des Kapitän Wharton; aber er war kei⸗ neswegs verſichert, daß einem Kriegsgericht dieſelbe Ueberzeugung beigebracht werden könne, und ſo fühlte er, abgeſehen von der per⸗ ſönlichen Theilnahme, welche er für den engliſchen Offtzier hegte, nur zu ſehr, daß Heinrich's Hinrichtung jede Hoffnung einer Ver⸗ einigung mit deſſen Schweſter unwiederbringlich zerſtören müſſe. Er hatte den Abend vorher einen Offizier an den Obriſten Singleton, der die vorgeſchobenen Poſten befehligte, abgeſchickt, um die Ge⸗ fangennehmung des brittiſchen Kapitäns zu melden, die Ueberzeu⸗ gung des Majors von der Unſchuld des Gefangenen auszuſprechen und um weitere Verhaltungsregeln zu bitten. Dieſe wurden nun mit jeder Stunde erwartet, und Dunwoodie's Unruhe nahm zu, je näher der Augenblick kam, der den Freund ſeinem Schutze entziehen konnte. In dieſer wirren Gemüthsſtimmung wanderte er, ohne zu wiſſen, wohin er ging, auf dem Baumgute weiter, bis ihm die Felſen, welche die Flucht der Schinder beſchützt hatten, Halt ge⸗ boten. Er wollte eben wieder umwenden, um zu ſeinem Quartier zurückzukehren, als ihm der befehlende Ruf an's Ohr ſchlug: „Steh, oder Du biſt des Todes!“ Dunwoodie drehte ſich überraſcht um und erblickte die Geſtalt eines Mannes, der in kurzer Entfernung über ihm auf einem Fel⸗ ſenabhange ſtand und eine Muskete auf ihn gerichtet hielt. Da es aber noch nicht helle genug war, um die Gegenſtände deutlich zu erkennen, ſo bedurfte es für ihn eines zweiten Blickes, und der Major entdeckte mit Staunen, daß ihm der Haufirer gegenüber ſtehe. Er erkannte augenblicklich das Gefährliche ſeiner Lage, verſchmähte aber, ſich zu ergeben oder die Flucht zu ergreifen, ſelbſt wenn dieſe noch möglich geweſen wäre, und rief daher dem Krämer mit feſter Stimme zu: „Wenn ich gemordet werden ſoll, ſo gib Feuer; denn nimmer⸗ mehr werde ich Dein Gefangener.“ „Nein, Major Dunwoodie,“ ſagte Birch und ließ ſeine Mus⸗ kete ſinken,„es iſt nicht meine Abſicht, Sie zu tödten oder Sie zum Gefangenen zu machen.“ „So ſage, was Du von mir willſt, geheimnißvolles Weſen,“ ſagte Dunwoodie, der ſich kaum zu überzeugen vermochte, daß die vor ihm ſtehende Geſtalt nicht ein Gebilde ſeiner erhitzten Phan⸗ taſie ſey. „Ihre gute Meinung,“ antwortete der Hauſirer bewegt;—„ich moͤchte, daß alle guten Menſchen mich mit Milde beurtheilten.“ „Es kann Euch wohl gleichgültig ſeyn, was die Leute von Euch halten, denn Ihr ſcheint außer dem Bereich ihres Urtheils zu ſeyn.“ „Gott erhält das Leben ſeiner Diener, bis ihre Stunde ſchlägt,“ verſetzte der Krämer feierlich.„Vor wenigen Stunden noch war ich Ihr Gefangener und mit dem Galgen bedroht; jetzt aber ſind Sie der meinige;— doch Sie ſollen frei ausgehen, Major Dun⸗ woodie. Aber es ſind Andere um den Weg, welche Sie mit weni⸗ ger Schonung behandeln dürften. Was kann Sie ihr Säbel, einer Waffe, wie der meinigen und einer ſichern Hand gegenüber, nützen? Geſtalt n Fel⸗ Da es ich zu nd der enüber Lage, reifen, r dem umer⸗ Mus⸗ r Sie eſen,“ iß die Phan⸗ 5„ich -“ von theils ägt,“ war ſind Dun⸗ veni⸗ einer tzen? 277 Laſſen Sie ſich von einem Manne rathen, der Ihnen nie ein Lei⸗ des that und auch nicht die Abſicht hat, es je zu thun,— wagen Sie ſich nie ohne Gefolge und zu Fuß an die Gränzen eines Waldes.“ „Habt Ihr vielleicht Kameraden, die Euch zur Flucht behülf⸗ lich waren, und die weniger großmüthig ſind als Ihr ſelbſt?“ „Nein— nein, ich bin ganz allein, und Niemand kennt mich, als Gott und Er.“ „Welcher Er?“ fragte der Major mit einer Neugierde, welche er nicht zu beherrſchen vermochte. „Niemand!“ fuhr der Krämer fort, indem er ſich zuſammen nahm;— aber bei Ihnen, Major Dunwoodie, iſt's ein anderer Fall. Sie ſind jung und glücklich und haben in der Nähe Menſchen, die Ihnen theuer ſind. Denen, welche Sie am meiſten lieben, droht Gefahr— Gefahr von innen und außen. Verdoppeln Sie Ihre Wachſamkeit— verſtärken Sie Ihre Patrouillen und ſeyen Sie verſchwiegen. Wenn ich Ihnen mehr ſagte, ſo könnten Sie, bei der Meinung, welche Sie von mir haben, eine Hinterliſt vermu⸗ then. Aber erinnern Sie ſich an die, welche Ihnen am theuerſten ſind, und ſorgen Sie für ihren Schutz.“ Der Hauſirer ſchoß ſeine Flinte in die Luft, warf ſie von ſich, ſo daß ſie dem betroffenen Major vor die Füße rollte, und als dieſem die Ueberraſchung und der entſchwindende Rauch wieder einen Blick nach Birch's Standorte geſtattete, war die Stelle leer. Der Hufſchlag von Pferden und der Ton der Hörner weckten den jungen Mann aus der Betäubung, in welche ihn dieſe ſonder⸗ bare Scene verſetzt hatte. Der Knall der Muskete hatte eine Patrouille nach der Stelle geführt und das ganze Corps in Be⸗ wegung gebracht. Der Major kehrte, ohne ſich gegen ſeine Leute irgend wie in Erörterungen einzulaſſen, ſchleunig nach dem Quar⸗ tiere zurück und traf hier die ganze Schwadron, welche mit Unge⸗ duld ihres Führers harrte, in den Waffen und zum Angriffe bereit. 278 Der dienſtthuende Offtzier hatte einigen Soldaten befohlen, den Schild am Hotel Flanagan herabzunehmen und den Pfoſten für die Hinrichtung des Spions bereit zu halten. Dunwoodie hatte inzwiſchen von der durch Lawton an den Schindern geübten Züchtigung Nachricht erhalten, und da er ſein Zuſammentreffen mit Birch geheim halten wollte, ſo machte er ſeinen Offizieren glauben, er hätte die Muskete, welche wahrſchein⸗ lich von einem der Gauner verloren worden ſey, ſelbſt abgeſchoſſen. Als man ihn jedoch daran erinnerte, daß es wohl geeignet ſeyn werde, den Krämer noch vor dem Abmarſche aufknüpfen zu laſſen, kam ihm Alles, was er geſehen hatte, wie ein Traum vor und er folgte, von einigen ſeiner Offtziere begleitet, dem Wachtmeiſter Holliſter zu dem Orte, wo man den Hauſirer aufbewahrt glaubte. „Nun, Burſche!“ ſagte der Major zu der Schildwache an der Thüre,„ich hoffe, Du haſt Deinen Gefangenen noch in ſicherer Verwahrung.“ „Er ſchläft noch,“ erwiederte der Soldat,„und macht dabei einen Lärm, daß ich kaum den Ruf der Alarmhoͤrner davor hören konnte.“ „Macht die Thüre auf und bringt ihn heraus.“ Dem Befehl wurde Folge geleiſtet; als aber der ehrliche Veteran in das Gefängniß trat, fand er zu ſeiner äußerſten Be⸗ ſtürzung das Gemach in keiner geringen Unordnung. Statt des Krämers war nur noch ſein Rock vorhanden, und ein Theil von Betty's Garderobe war in wilder Verwirrung auf dem Boden zer⸗ ſtreut. Die Waſchfrau ſelbſt lag in völliger Bewußtloſigkeit auf dem Bette und hatte dieſelben Kleider an, in welchen man ſie das letztemal geſehen hatte,— eine kleine ſchwarze Mütze ausgenommen, welche ſie beſtändig zu tragen pflegte, ſo daß im Allgemeinen an⸗ genommen wurde, ſie verrichte den Dienſt einer Tag⸗ und einer Nachthaube. Das Geräuſch der Eintretenden und die Ausrufe des Staunens weckten das Weib. die mich Gute relig „wir ten Euch „Wo könn ich ſchuf verlo teran leſen hat ſtelli laſſer ves Euch auf's weite nicht ſten beſch gezo n, den en für an den er ſein hhte er rſchein⸗ choſſen. werde, „ kam und er meiſter laubte. an der ſicherer dabei hören hrliche n Be⸗ tt des il von n zer⸗ Jit auf te das nmen, n an⸗ einer fe des 279 „Wollt Ihr das Frühſtück haben?“ ſagte Betty und rieb ſich die Augen aus.„Meiner Treu, es kommt mir vor, als ob ihr mich ſelbſt freſſen wolltet— aber nur eine kleine Geduld, meine Guten, und Ihr ſollt es beſſer als je gebraten haben.“ „Gebraten?“ wiederholte der Wachtmeiſter, indem er ſeine religiöſe Gelaſſenheit und die Anweſenheit der Offiziere vergaß⸗ „wir wollen Dich braten, Du Jeſabel!— Du haſt dem verdamm⸗ ten Hauſirer durchgeholfen.“ „Behaltet die Jeſabel und den verdammten Hauſirer nur für Euch, Herr Wachtmeiſter,“ ſchrie die leicht aufgebrachte Betty. „Was habe ich mit Hauſirern und Durchhelfen zu thun? Ich könnte eine Hauſirersfrau ſeyn und in Seide einhergehen, wenn ich den Sawny M'Twill geheirathet hätte, ſtatt einem Haufen ſchuftiger Dragoner nachzuziehen, die nicht wiſſen, wie man eine verlaſſene Frau mit Anſtand zu behandeln hat.“ „Der Burſche hat meine Bibel zurückgelaſſen,“ ſagte der Ve⸗ teran, indem er das Buch vom Boden aufnahm.„Statt darin zu leſen und ſich wie ein guter Chriſt auf ſein Ende vorzubereiten, hat er ſeine Zeit nur dazu verwendet, ſein Entkommen zu bewerk⸗ ſtelligen.“ „Und wer wird da bleiben und ſich wie ein Hund aufhängen laſſen?“ ſchrie Betty, welche den Fall allmählich zu begreifen anfing; hes iſt nicht jeder dazu geboren, ein Ende zu nehmen, wie es Euch blühen wird, Meiſter Holliſter.“ „Ruhig!“ ſagte Dunwoodie.„Meine Herren, die Sache muß auf's Strengſte unterſucht werden. Es iſt außer der Thüre kein weiterer Ausgang vorhanden, und da konnte er nicht durch, wenn nicht die Schildwache ſeine Flucht unterſtützte oder auf ihrem Po⸗ ſten ſchlief. Ruft die Wachmannſchaft zuſammen.“ Da die abgelösten Soldaten nicht gerade auf ihre Wachſtube beſchränkt waren, ſo hatte die Neugierde ſie bereits nach dem Platze gezogen; aber alle betheuerten, daß Niemand das Gemach verlaſſen 280 habe, und nur die vorhin erwähnte Schildwache geſtand zu, daß Betty an ihm vorbeigekommen ſey, die er der Ordre zufolge haͤtte paſſiren laſſen. „Erlogen, Du Dieb— erlogen!“ ſchrie Betty, welche mit Ungeduld ſeiner Entſchuldigung zugehört hatte.„Willſt Du einer verlaſſenen Wittwe die Ehre abſchneiden, indem Du ſagſt, ich gehe mitten in der Nacht auf dem Felde herum? Ich bin die ganze lange Nacht hier gelegen und habe ſo feſt geſchlafen, wie ein Wickelkind.“ „Hier, Sir,“ ſagte der Sergeant, indem er ſich ehrerbietig an Dunwoodie wandte,„iſt etwas Geſchriebenes in meiner Bibel, was vorhin nicht da ſtand, denn da ich keine Familien⸗Notizen einzutragen habe, ſo leide ich kein Geſchreibſel in dieſem heiligen Buche.“ Einer von den Offizieren las laut: „Gegenwärtiges mag bezeugen, daß, wenn ich meine Frei⸗ heit wieder erlange, dieſes allein mit Gottes Hülfe geſchieht, deſſen heiligem Schutz ich mich demüthig empfehle. Ich bin genöthigt, die Kleider des Weibes zu nehmen, für die ſie jedoch in ihrer Taſche eine Entſchädigung finden wird. Kraft meiner eigenen Unterſchrift Harvey Birch.“ „Was,“ tobte Betty,„hat der Spitzbube einer armen Wittwe ihr Alles mitgenommen?— Hängt ihn.— Fangen Sie ihn und laſſen Sie ihn hängen, Major, wenn es anders noch Geſetze und Gerechtigkeit im Lande gibt!“ „Seht in Eurer Taſche nach,“ ſagte einer der jüngeren Offi⸗ ziere, der ſich, unbekümmert um die Folgen, an dem Auftritte beluſtigte. „Ah, meiner Treu!“ rief die Waſchfrau, als ſie eine Guinee hervorzog,„das iſt ein Juwel von einem Hauſtrer! Möge er lange leben und ſein Handel gedeihen; die Fetzen ſind ihm wohl gegoͤnnt— und manch ſah die E verſch meiſte ginge und wiede meiſte guter gefun als a lange eins dem dadur ihres Zeit wohl habe, gut z ſchlac der T mit Sühr deuter „ich wenn t, daß hätte he mit einer h gehe ganze e ein bietig Bibel, otizen eiligen Frei⸗ hieht, Ich ir die wird. sittwe und - und Offi⸗ ftritte uinee lange nt— 281 und wenn es bei ihm je zum Hängen kommen ſollte, ſo iſt ſchon mancher größere Schelm frei ausgegangen.“ Als Dunwoodie ſich umwandte, um das Gemach zu verlaſſen, ſah er den Kapitän Lawton mit gekreuzten Armen daſtehen und die Scene in tiefem Schweigen betrachten. Dieſes Benehmen, ſo verſchieden von dem gewöhnlichen Eifer und Ungeſtüm des Ritt⸗ meiſters, fiel dem Major auf. Ihre Augen begegneten ſich: dann gingen ſie einige Minuten in ernſter Beſprechung miteinander auf und ab, und als Dunwoodie zurückkehrte, ſchickte er die Wache wieder nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatze. Nur der Wacht⸗ meiſter Holliſter blieb noch länger bei Betty zurück, die in ſehr guter Laune war, weil ſie ihre Garderobe noch in einem Zuſtande gefunden hatte, der durch die Guinee des Krämers wahrlich mehr als aufgewogen wurde. Die Waſchfrau hatte den Veteranen ſchon lange Zeit in beſondere Affection genommen und war mit ſich eins geworden, gewiſſe Ungelegenheiten zarterer Natur, welche dem Corps gegenüber mit ihrer Stellung in Verbindung ſtanden, dadurch auszugleichen, daß ſie den Wachtmeiſter zum Nachfolger ihres ſeligen Mannes machte. Der Dragoner ſchien ſeit einiger Zeit dieſen Vorzug mit Vergnügen zu bemerken, und da Betty wohl einſah, daß ſie ihren Verehrer durch ihr Ungeſtüm gekränkt habe, ſo entſchloß ſie ſich, dieſes Verſehen nach Kräften wieder gut zu machen. Außerdem war ſie trotz ihrer Rohheit und Unge⸗ ſchlachtheit zu ſehr Weib, um nicht zu wiſſen, daß die Augenblicke der Verſöhnung die einflußreichſten ſind; ſie füllte daher ein Glas mit ihrem Morgentrunk, und reichte es ihrem Gefährten als Sühnopfer dar. „Einige raſche Worte zwiſchen Freunden haben nichts zu be⸗ denten, wie Ihr wiſſen werdet, Sergeant,“ begann die Waſchfrau; „ich habe auf den Michel Flanagan nie ärger geſchimpft, als wenn ich ihn am liebſten hatte.“ „Michel war ein guter Soldat und ein braver Mann,“ 282 erwiederte der Dragoner, indem er das Glas leerte.„Unſer Zug deckte die Flanke des Regiments, als er fiel, und ich ſetzte ſelber an jenem Tage mit meinem Pferde über ſeine Leiche weg. Der arme Burſche! er lag ſo ruhig auf ſeinem Rücken da, als ob ſich nach jahrelangem Krankenlager ſeine Kräfte in einem natürlichen Tode verzehrt hätten.“ „Ja, Michel hielt etwas auf's Verzehren, das muß wahr ſeyn; ſo zwei, wie wir, konnten einen tüchtigen Riß in die Vor⸗ räthe machen, Sergeant. Aber Ihr ſeyd ein nüchterner verſtändi⸗ ger Mann, Meiſter Holliſter, und würdet in der That einen recht brauchbaren Ehemann abgeben.—“ „Ach, Frau Flanagan! ich bin da geblieben, um mit Euch über einen Gegenſtand zu ſprechen, der mir ſchwer auf der Seele liegt, und ich möchte Euch wohl mein Herz öffnen, wenn Ihr Zeit habt, mich anzuhören.“ „Wenn ich Zeit habe?“ rief das Weib ungeduldig;„ich würde Euch anhören, und wenn die Offtziere nie mehr einen Mundvoll zu eſſen kriegen ſollten; aber da— nehmt noch ein Tröpfchen, Schatz— es wird Euch Courage geben, frei mit der Farbe her⸗ auszugehen.“ „Ich habe für eine ſo gute Sache ſchon genug Courage,“ verſetzte der Veteran, ohne von ihrer Freigebigkeit Gebrauch zu machen.„Betty, glaubt Ihr, die Perſon, welche ich in der letzten Nacht in dieſe Kammer ſperrte, ſey wirklich der Krämerſpion geweſen?“ „Und wer ſollte es ſonſt geweſen ſeyn, mein Guter?“ „Der Böſe.“ „Was?— der Teufel?“ „Ja, Niemand anders, als Beelzebub ſelbſt in der Verklei⸗ dung eines Hauſirers; und die Burſche, die wir für Schinder hiel⸗ ten, waren ſeine Gehülfen.“. „Wahrhaftig, Ihr ſeyd in einer Beziehung ſo ziemlich auf dem r ſchaft unter die F Haufi deſſen entrüf daß ei arme zu kon Thüre Ihr 0. ſehen, liebe das h burts⸗ einzutt E ihres Verm und er ja und 7 eine ſ welche wirrur Verſu leiſten. er Zug ſelber Der ob ſich rlichen wahr Vor⸗ ſtändi⸗ recht Euch Seele jr Zeit würde indvoll pfchen, e her⸗ rage,“ ch zu letzten rſpion erklei⸗ hiel⸗ ) auf 283 dem rechten Wege, denn wenn des Teufels Gehülfen in der Graf⸗ ſchaft Weſt⸗Cheſter los ſind, ſo darf man ſie nirgend anders, als unter den Schindern ſuchen.“ „Frau Flanagan, ich meine wirkliche Geiſter des Abgrunds, die Fleiſch angenommen haben. Der Böſe wußte, daß man den Hauſirer Birch am allereheſten aufgreifen werde, und ſo nahm er deſſen Geſtalt an, um in Eure Kammer zu kommen.“ „Und was ſollte denn der Teufel von mir wollen?“ ſchrie Betty entrüſtet;„gibt es nicht bereits Teufel genug im Corps, ohne daß einer aus der bodenloſen Hölle zu kommen brauchte, um eine arme Wittfrau zu erſchrecken?“ „Es wurde ihm nur um Eures Seelenheils willen geſtattet, zu kommen. Ihr wißt, er verſchwand in Eurer Geſtalt durch die Thüre, und das iſt ein Vorbild Eures künftigen Schickſals, wenn Ihr Euren Lebenswandel nicht beſſert. O, ich habe es wohl ge⸗ ſehen, wie er zitterte, als ich ihm die Bibel gab. Glaubt Ihr, liebe Betty, irgend ein Chriſtenmenſch würde auf dieſe Weiſe in das heilige Buch geſchrieben haben, wenn er nicht allenfalls Ge⸗ burts⸗ und Todesfälle, oder ähnliche wichtige Hausvorfallenheiten einzutragen gehabt hätte?“ So ſehr die Waſchfrau von der Zartheit in dem Benehmen ihres Verehrers erbaut war, ſo argen Anſtoß erregte bei ihr ſeine Vermuthung. Sie zügelte jedoch den Ausbruch ihres Unwillens und erwiederte mit der Zungengeläufigkeit ihrer Landsleute: „Und hätte mir wohl der Teufel die Kleider bezahlt, he?— ja und noch obendrein über den Werth bezahlt?“ 8 „Ohne Zweifel iſt das Geld falſch,“ ſagte der Sergeant, den eine ſolche augenſcheinliche Ehrlichkeit von Seiten eines Weſens, welches bei ihm in ſo ſchlechtem Geruche ſtand, ein wenig in Ver⸗ wirrung brachte.„Auch mich hat er mit blinkendem Golde in Verſuchung geführt, aber der Herr gab mir Kraſt, Widerſtand zu leiſten.“ „Das Goldſtück ſieht gut aus; aber Kapitän Jack ſoll's mir auswechſeln, und zwar heute noch; der kümmert ſich kein Bischen d'rum, was immer für ein Teufel mit im Spiele ſeyn mag.“ „Betty, Betty,“ verſetzte der Wachtmeiſter,„ſprecht nicht ſo unehrerbietig von dem böſen Feinde, er iſt immer zur Hand und könnte Euch Eure Rede gedenken.“ „Pah, wenn er überhaupt ein Herz im Leibe hat, ſo kümmert er ſich nichts um ein paar Naſenſtüber von einer armen verlaſſenen Frau. Gewiß, kein anderer ehrlicher Chriſtenmenſch könnte das thun.“ „Aber der Schwarze hat kein Herz, wohl aber einen Rachen, womit er die Menſchenkinder verſchlingt,“ ſagte der Dragoner, in⸗ dem er ängſtlich um ſich blickte;„und es iſt am beſten, wenn man ſich allenthalben Freunde macht, denn man kann nie vorher wiſſen, was eine ſolche Erſcheinung mit ſich bringt. Aber, Betty, kein Menſch hätte unerkannt dieſen Platz verlaſſen und durch alle Schild⸗ wachen kommen können. Laßt Euch daher dieſen Beſuch zu einer ernſten Warnung dienen—“ Hier wurde das Geſpräch durch eine gebieteriſche Aufforderung an die Marketenderin, das Frühſtück zu beſorgen, unterbrochen und das Pärchen mußte ſich trennen. Doch hoffte das Weib im Ge⸗ heim, daß die Theilnahme, welche der Soldat an den Tag legte, mehr irdiſcher Natur ſey, als er ſich wohl ſelbſt geſtehen mochte, während dagegen der Wachtmeiſter ernſtlich darüber nachſann, wie er eine Seele aus den Krallen des Böſen rette, der nach ſeiner Meinung lauernd durch das Lager ging, um Opfer aufzuſuchen. Während des Frühſtücks langten mehrere Eilboten an, von denen einer Nachrichten über die Stärke und den Zweck der am Hudſon operirenden feindlichen Streitkräfte mittheilte, indeß ein an⸗ derer Befehl brachte, den Kapitän Wharton unter guter Bedeckung nach dem erſten Poſten in den Hochlanden zu ſenden. Dieſer letz⸗ tere Befehl, von deſſen buchſtäblicher Vollziehung nicht abgegangen werden durfte, machte bei Dunwoodie das Maaß des Kummers voll. und und i hielt ein O geſchi zu br mit d an ſe Maaf bemül wirker der LT Morg das H dem K bei jer mit a Bedeu Verzö zufinde Obriſt und n ſtatt d cuſten keit de vergan einſan er in cher e Hochlo beküm 's mir zischen icht ſo d und er ſich Frau. n.* kachen, er, in⸗ in man wiſſen, , kein Schild⸗ n einer derung en und m Ge⸗ legte, mochte, n, wie ſeiner chen. n, von der am ein an⸗ deckung ſeer letz⸗ gangen immers 285 voll. Beſtändig ſtand ihm Franciska's Verzweiflung vor der Seele, und wohl fünfzigmal verſuchte er es, ſich auf's Pferd zu werfen und nach den Locuſten zu eilen, aber ein unbezwingliches Gefühl hielt ihn immer wieder zurück. Zufolge des höhern Befehls wurde ein Offizier mit einer kleinen Anzahl Dragoner nach dem Landhauſe geſchickt, um Heinrich Wharton nach dem Ort ſeiner Beſtimmung zu bringen. Dunwoodie übergab zugleich dem Führer der kleinen, mit dem Vollzug der Ordre beauftragten Abtheilung einen Brief an ſeinen Freund voll der innigſten Verſich erungen, daß dieſe Maaßregel ſeine Sicherheit nicht gefährde, und daß er unabläſſig bemüht ſeyn werde, die baldige Befreiung des Gefangenen zu er⸗ wirken. Lawton wurde mit einem Theile ſeines Zuges zum Schutz der Verwundeten zurückgelaſſen, und ſobald die Soldaten ihren Morgen⸗Imbis zu ſich genommen hatten, brach das Lager auf und das Hauptcorps rückte nach dem Hudſon vor. Dunwoodie prägte dem Kapitän Lawton ſeine Befehle in öfterer Wiederholung ein, weilte bei jedem Wort, das der Hauſirer hatte fallen laſſen, und erwog mit allem ihm zu Gebote ſtehenden Scharfſinn die wahrſcheinliche Bedeutung der geheimnißvollen Warnungen, bis er für eine weitere Verzögerung ſeiner Abreiſe keinen Entſchuldigungsg rund mehr auf⸗ zufinden wußte. Da fiel ihm auf einmal ein, daß über den Obriſten Wellmere noch keine Verfügungen getroffen worden ſeyen, und nun erſt gab er ſeinen geheimen Wünſchen nach und ſchlug, ſtatt der Nachhut ſeines Corps zu folgen, den Weg nach den Lo⸗ cuſten ein. Dunwoodie wurde von ſeinem Pferde mit der Schnellig⸗ keit des Windes dahin getragen, und es war kaum eine Minute vergangen, als ſich ihm von der Höhe aus die Ausſicht nach dem einſamen Thale aufthat. Als er das Gebirg hinab ſprengte, erblickte er in der Entfernung Heinrich Wharton mit ſeinem Geleite, wel⸗ cher eben auf einen Engpaß, der nach den Standquartieren der Hochlande führte, zuritt. Dieſer Anblick vermehrte die Eile des bekümmerten jungen Mannes, und als er um einen Bergvorſprung, hinter welchem ſich das ganze Thal öffnete, herumbeugte, traf er plötzlich auf den Gegenſtand ſeiner Wünſche. Franciska war der Abtheilung, welche ihren Bruder abgeführt, von ferne gefolgt, und fühlte ſich nun, als ſie ihren Augen entſchwand, auf einmal von Allem, was ihr auf der Welt am theuerſten geweſen, verlaſſen. Dunwoodie's unerklärliches Fernbleiben und der Schmerz, ſich von Heinrich unter ſolchen Umſtänden trennen zu müſſen, hatten alle ihre Standhaftigkeit gebrochen. Sie war auf einen Stein am Wege niedergeſunken und ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen wolle. Dunwoodie ſprang vom Pferde, warf den Zügel über den Hals des Thieres und befand ſich in einem Augenblicke an der Seite des weinenden Mädchens. „Franciska,— meine Franciska!“ rief er,„warum dieſe Be⸗ trübniß?— Laſſen Sie ſich die Lage Ihres Bruders nicht ſo tief zu Herzen gehen. Sobald es mein gegenwärtiger Dienſt ge⸗ ſtattet, will ich mich zu Waſhington's Füßen werfen und ſeine Befreiung erbitten. Der Vater ſeines Vaterlandes wird einem ſeiner Lieblingskinder dieſe Gunſt nicht verſagen.“ „Major Dunwoodie, ich danke Ihnen für den Antheil, den Sie an meinem armen Bruder nehmen,“ ſagte das bebende Mäd⸗ chen, indem ſie ihre Augen trocknete und ſich mit Würde erhob; „aber eine ſolche Sprache iſt ſicherlich mir gegenüber am unrech⸗ ten Orte.“ „Am unrechten Orte? Sind Sie nicht mein— durch die Einwilligung Ihres Vaters— Ihrer Tante— Ihres Bruders— und durch die Stimme Ihres eigenen Herzens, meine ſüße Franciska?“ „Major Dunwoodie, ich wünſche nicht, einer Dame, welche frühere Anſprüche auf Ihre Zuneigung hat, in den Weg zu treten,“ verſetzte Franciska mit einer Stimme, deren leichtes Beben die erzwungene Feſtigkeit verrieth. „Niemand anders, ich ſchwöre es bei dem Himmel,— niemand ander Feuer Majo gering wiſſen wollte Gebur ſolcher Franc Herz gen E wart Krank ihm ſ erinne fürcht Anſpr mich welche Hochh Dunn gegen mir 1 raf er ar der t, und l von laſſen. h von n alle in am prechen er den an der ſe Be⸗ ſo tief ſt ge⸗ ſeine einem l, den Mäd⸗ erhob; unrech⸗ cch die ders— 2 ſüße welche reten,“ den die iemand 287 anders hat irgend einen Anſpruch an mich!“ rief Dunwoodie mit Feuer;„Sie allein ſind die Herren meiner innigſten Gefühle.“ „Sie haben eine ſo vielſeitige und erfolgreiche Erfahrung, Major Dunwoodie, daß es mich nicht befremdet, wenn Sie mit geringer Mühe die Leichtgläubigkeit unſeres Geſchlechtes zu täuſchen wiſſen,“ erwiederte Franciska, indem ſie ein Lächeln verſuchen wollte, das jedoch unter dem Beben der Geſichtsmuskeln in der Geburt erſtickte. „Bin ich denn ein Elender, Miß Wharton, daß Sie mich mit ſolcher Rede empfangen?— Wann hätte ich Sie je getäuſcht, Franciska? und wer hat den Samen des Zweifels in Ihr reines Herz geſtreut?“ „Warum hat der Major Dunwoodie das Haus ſeines künfti⸗ gen Schwiegervaters in der letzten Zeit nicht mit ſeiner Gegen⸗ wart beehrt? Hat er vergeſſen, daß es einen Freund auf dem Krankenlager und einen andern in tiefſter Bekümmerniß birgt? Iſt ihm ſein Gedächtniß ſo untreu geworden, daß er ſich nicht mehr erinnern konnte, es befinde ſich dort ſein verlobtes Weib? Oder fürchtete er vielleicht, noch eine Zweite zu treffen, die auf dieſen Titel Anſpruch machen könnte? O Peyton, Peyton, wie haben Sie mich hintergangen! O der thörichten Leichtgläubigkeit der Jugend, welche mich in Ihnen den Inbegriff alles Rechtlichen, Edlen und Hochherzigen zu ſuchen veranlaßte!“ „Franciska, ich ſehe, wie ſehr Sie ſich ſelbſt täuſchen,“ rief Dunwoodie und ſeine Züge ſprühten Feuer;„Sie ſind ungerecht gegen mich; bei Allem, was mir theuer auf Erden iſt, Sie thun mir Unrecht.“ „Schwören Sie nicht, Major Dunwoodie,“ unterbrach ihn Franciska und ihr Geſicht leuchtete in der Gluth weiblichen Stolzes. „Die Zeit iſt vorbei, wo ich auf Eide baute.“ „Miß Wharton, wollen Sie mich zum Thoren machen? Soll ich in meinen eigenen Augen ſo verächtlich werden, mich deſſen zu rühmen, was mich die Wiedererlangung Ihrer Achtung hoffen läßt?“ 3 „Bilden Sie ſich nicht ein, Sir, daß dieß ſo ein leichtes Ge⸗ ſchäft ſeyn dürfte,“ entgegnete Franciska und trat den Rückweg zum Landhaus an.„Wir ſprechen das letztemal allein mit einander;— aber— vielleicht— iſt meinem Vater der Verwandte meiner Mutter willkommen.“ „Nein, Miß Wharton, ich kann jetzt ſein Haus nicht betreten, ohne meiner ſelbſt unwürdig zu handeln. Sie treiben mich in Verzweiflung von ſich, Franciska. Ich gehe einem ernſten Dienſte entgegen, aus dem ich vielleicht nicht mehr wiederkehre. Wenn mich die Hand des Schickſals erfaßt, ſo laſſen Sie wenigſtens meinem Andenken Gerechtigkeit widerfahren, und denken Sie, daß der letzte Hauch meines Lebens ihrem Glücke geweiht war.“ Mit dieſen Worten ſetzte er den Fuß in den Steigbügel; aber ein Blick des geliebten Mädchens drang ihm durch die Seele und hinderte die Ausführung ſeiner Abſicht. „Peyton— Major Dunwoodie,“ ſagte ſie,„könnten Sie je die heilige Sache vergeſſen, für die Sie das Schwert ergriffen haben? Die Pflichten gegen Gott und gegen das Vaterland ver⸗ bieten Ihnen jede übereilte Handlung. Das Letztere bedarf Ihrer Dienſte, und zudem—“ ihre Stimme brach und ſie konnte nicht weiter fortfahren. „Und zudem?“ hallte es von dem Munde des Jünglings wieder, der an ihre Seite eilte und ihre Hand mit der ſeinigen faßte. Franciska ſammelte ſich jedoch ſchnell wieder, ſtieß ihn kalt zurück und ging der Heimath zu. „Müſſen wir ſo ſcheiden?“ rief Dunwoodie im ſchmerzlichſten Seelenkampfe;„bin ich ein Nichtswürdiger, der eine ſolch' grau⸗ ſame Behandlung verdient? Sie haben mich nie geliebt und wollen nur Ihren eigenen Wankelmuth durch Beſchuldigungen be⸗ mänteln, die Sie nicht einmal auszuſprechen wagen.“ und? ſinken ruhig male. zur Wahr lege gunge Anſpr würdi zu Th einer ihres Sie i welche Gipfe Sie, ach, mögen nen w und l Sie ſ nur el er ihre De r;— keiner eeten, ch in ienſte Wenn ſtens daß Mit Blick derte bie je riffen ver⸗ Ihrer nicht lings nigen ihn hſten grau⸗ und be⸗ 289 Franciska hielt an und ſandte einen Blick ſo voll Unſchuld und Innigkeit zurück, daß Dunwoodie zermalmt hätte zu ihren Füßen ſinken und um Vergebung bitten mögen; ſie winkte ihm jedoch ruhig zu ſeyn, und begann: „So hören Sie mich denn, Major Dunwoodie— zum letzten⸗ male. Es iſt eine bittere Erfahrung, wenn wir zum erſtenmale zur Erkenntniß unſerer eigenen Unwürdigkeit kommen, und dieſe Wahrheit habe ich leider kürzlich ſelbſt empfinden müſſen. Ich lege Ihnen nichts zu Laſt und habe gegen Sie keine Beſchuldi⸗ gungen— nein, nicht einmal in Gedanken. Wären auch meine Anſprüche an Ihr Herz gerecht, ſo wäre ich Ihrer doch nicht würdig. Nein, Peyton, Sie ſind für die Größe und den Ruhm, zu Thaten des Muthes und der Tapferkeit beſtimmt und⸗bedürfen einer Seele, die der Ihrigen gleich iſt, die ſich über die Schwäche ihres Geſchlechtes zu erheben vermag. Ich wäre eine Laſt, die Sie in den Staub zöge; aber mit einem Weſen an Ihrer Seite, welches das Gegentheil von mir wäre, könnten Sie ſich zu dem Gipfel menſchlichen Ruhmes aufſchwingen. Einem ſolchen trete ich Sie, zwar mit ſchwerem Herzen, aber freiwillig ab, und will— ach, wie glühend will ich beten, daß Sie mit ihm glücklich ſeyn mögen.“ „Liebenswürdige Schwärmerin!“ rief Dunwoodie,„Sie ken⸗ nen weder ſich ſelbſt, noch mich. Nur ein Weib, ſo ſanft, ſo edel und hingebend, wie Sie, kann meine Seele erfüllen. Täuſchen Sie ſich nicht mit träumeriſchen Ideen von Großmuth, die mich nur elend machen könnten.“ „Leben Sie wohl, Major Dunwoodie,“ ſagte das bewegte Mädchen, und hielt einen Augenblick inne, um Athem zu gewinnen. „Gedenken Sie der Anſprüche, welche das verblutende Vaterland an Sie hat, und ſeyen Sie glücklich.“ „Glücklich!“ wiederholte der junge Krieger mit Bitterkeit, als er ihre leichte Geſtalt durch das Hofgitter gleiten und hinter dem Der Spion. 3. Aufl. 19 290 Gehäge verſchwinden ſah;„— ja, jetzt bin ich in der That recht glücklich.“ Er ſchwang ſich in den Sattel, drückte ſeinem Pferde die Sporen in die Seite und holte bald ſeine Schwadron ein, welche auf unebenen Pfaden langſam gegen die Ufer des Hudſon vor⸗ rückte. So peinlich auch Dunwoodie's Gefühle bei dieſem unerwarteten Ausgang der Unterredung mit ſeiner Geliebten ſeyn mochten, ſo ſtanden ſie doch in keinem Vergleich mit denen, welche das zärt⸗ liche Mädchen ſelbſt empfand. Das ſcharfe Auge der Eiferſucht hatte Franciska bald in Iſabella Singleton die Leidenſchaft für Dunwoodie entdecken laſſen. Ihrer zarten Rückhaltung ſchien es unmoͤglich, daß dieſe Liebe ſich ohne Erwiederung hätte entfalten können, denn obgleich ihre warmen Gefühle, welche ſie kunſtlos an den Tag legte, frühe das Auge des jungen Soldaten angezogen hatten, ſo war doch Dunwoodie's ganze männliche Freimüthigkeit und die hingebendſte Huldigung nöthig, um ihre Gegenliebe zu gewinnen. Sobald aber dieſe gewährt war, gab ſich das Mädchen derſelben mit der ganzen Kraft und Ausdauer ihrer Seele hin. Aber die ungewöhnlichen Begebenheiten der letzten paar Tage, das veränderte Benehmen ihres Geliebten während dieſer Ereigniſſe, ſeine Kälte gegen ſie, vor allem aber die romanhafte, faſt ab⸗ göttiſche Leidenſchaft Iſabellen's, hatten in Franciska's Seele fremd⸗ artige Empfindungen erweckt. Mit dem Verdacht gegen die Auf⸗ richtigkeit ihres Liebhabers ſtieg auch der nie fehlende Begleiter uneigennütziger Liebe auf— das Mißtrauen gegen den eigenen Werth. Im Augenblicke der Aufregung ſchien ihr die Aufgabe, den Geliebten einer würdigern abzutreten, leicht, aber die Phan⸗ taſie verſucht es vergeblich, das Herz zu täuſchen. Dunwoodie war kaum verſchwunden, als unſerer Heldin das ganze Schmerzens⸗ gewicht ihrer Lage auf die Seele fiel. Dem Jünglinge mochten die wichtigen Obliegenheiten ſeines Kommando's einige Zerſtreuung gen kind mer dur die An rich im Zur rung der miß wac dem Ber tige recht e die velche vor⸗ rteten 1, ſo zärt⸗ rſucht t für en es falten ds an zogen igkeit de zu dchen hin. „das niſſe, ab⸗ remd⸗ Auf⸗ leiter genen gabe, han⸗ oodie zens⸗ chten uung 291 gewähren, dagegen fand das Mädchen in der Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten nur eine armſelige Erleichterung ihres Kum⸗ mers, obgleich der Zuſtand ihres Vaters, deſſen geringe Thatkraft durch die Entfernung ſeines Sohnes beinahe völlig zernichtet war, die zärtlichſte Sorgfalt von Seite der ihm gebliebenen Kinder in Anſpruch nahm, um nur den alten Mann nur ſo weit aufzu⸗ richten, daß er die gewöhnlichen Lebensverrichtungen zu vollziehen im Stande war. Zwanzigſtes Kapitel. Vergrößert ihren Reiz durch Schmeichelei'n, Nennt einen Engel ſie, mag noch ſo ſchwarz ſie ſeyn, Der Mann, der eine Zung' hat, iſt kein Mann, Wenn er mit ihr kein Weib gewinnen kann. Edelleute von Verona. Dunwoodie hatte nicht nur den Befehl in Obriſt Singleton's Schreiben, ſondern auch den Zuſtand ſeines verwundeten Freundes im Auge, als er die Anordnung traf, den Kapitän Lawton mit Wachtmeiſter Holliſter und zwölf Dragonern zum Schutze der Ver⸗ wundeten und der ſchweren Bagage des Corps zurückzulaſſen. Um⸗ ſonſt wendete Lawton ein, daß er für den activen Dienſt geeigneter ſey, und daß ſeine Leute dem Tom Maſon nicht mit der freudigen Zuverſicht zum Angriff folgen würden, welche ſie unter ſeiner Füh⸗ rung an den Tag zu legen pflegten;— der Major blieb feſt, und der Rittmeiſter ſah ſich wider ſeinen Willen genöthigt, zu dem mißliebigen Auftrage die möglichſt gute Miene zu machen. Ehe Dunwoodie ſchied, ſchärfte er ihm nochmals ein, ein wachſames Auge auf die Bewohner des Landhauſes zu haben, mit dem beſonderen Beiſatze, daß er, ſo bald irgend eine verdächtige Bewegung in der Nachbarſchaft bemerklich würde, ſeine gegenwär⸗ tigen Quartiere verlaſſen und dieſelben auf Herrn Wharton's Beſitzungen verlegen ſolle. Die Worte des Krämers hatten in der Bruſt des Majors eine unbeſtimmte Ahnung von Gefahren, welche der Familie in den Locuſten drohten, erweckt, obſchon er ſich nicht denken konnte, woher ſie wohl kommen und welcher Art ſie ſeyn mochten. Einige Zeit nach dem Abmarſch des Corps ging der Ritt⸗ meiſter vor der Thüre des Hotels auf und ab und verwünſchte innerlich ſein Schickſal, das ihn in einem Augenblicke, wo ein Zuſammentreffen mit dem Feinde zu erwarten ſtand, zu einer ruhm⸗ loſen Unthätigkeit verdammte. Nebenzu antwortete er auf h's Fragen, welche hin und wieder aus dem Innern des Gebaudes heraus mit ihrer ſchrillen Stimme eine nähere Erklärung der mit der Flucht des Hauſirers in Verbindung ſtehenden Vorfälle ver⸗ langte, die ihr immer noch nicht klar werden wollten. Während dieſer Unterhaltung kam auch der Wundarzt von einem der ent⸗ fernter ſtehenden Gebäude her, wo er ſich bis jetzt mit ſeinen Patienten beſchäftigt hatte, ſo daß ihm von allen Ereigniſſen des Morgens, ſelbſt den Aufbruch des Corps nicht ausgenommen, nicht das Mindeſte zu Ohren gekommen war. „Wo ſind denn alle die Schildwachen hingekommen, John?“ fragte er, während er ſich verwundert umſah,„und warum treffe ich Sie hier ſo allein?“ „Fort— Alles fort, mit Dunwoodie dem Fluſſe zu. Sie und mich hat man da gelaſſen, um für ein paar Bleſſirte und etliche Weiber Sorge zu tragen.“ „Nun, ees iſt mir lieb,“ ſagte der Wundarzt,„daß Major Dunwoodie ſo viel Einſicht hat, die Verwundeten nicht weiter ſchaffen zu laſſen. Frau Eliſabeth Flanagan, macht, daß ich etwas unter die Zähne kriege, um meinen Appetit beſchwichtigen zu kön⸗ nen. Ich muß eine Leiche ſeciren und habe Eile.“ „Hier bin ich, Herr Doktor Archibald Sitgreaves,“ tönte es aus Betty's Munde wieder, die ihr rothes Geſicht durch ein zerb Es von einer kom wie gleich Kang meiſt ſoll, darf. ten u Leute rateut Hung zu erl . Blick Gerüf ſehr d ſo ſchö ſteht ſich et ſchon in Vi⸗ Geſche n der delche nicht ſeyn Ritt⸗ iſchte b ein uhm⸗ dity's äudes mit ver⸗ hrend ent⸗ einen n des nicht hn?“ treffe Sie und Rajor beiter twas kön⸗ te es ein 293 zerbrochenes Küchenfenſter zeigte;„Sie kommen immer zu ſpät. Es iſt nichts mehr zu eſſen da, als Jenny's Haut und die Leiche, von der Sie geſprochen haben.“ „Weib,“ ſagte der Wundarzt unmuthig,„haltet Ihr mich für einen Kannibalen, daß Ihr mir mit ſolch ungewaſchenem Geſchwätze kommt?— Ich befehle Euch, mir geſchwind eine Nahrung zuzurichten, wie ſie für einen hungrigen Magen paßt.“ „Ich kümmere mich um Ihren Befehl nicht ſo viel, denn er gleicht mehr dem leeren Knall der Schlüſſelbüchſe, als einer Kanonenkugel,“ verſetzte Betty mit einem Winke gegen den Ritt⸗ meiſter;„und ich ſage Ihnen, daß Ihr Magen hungrig bleiben ſoll, wenn ich Ihnen nicht ein Stück von Jenny's Haut kochen darf. Die Jungen haben mich ganz aufgezehrt.“ Lawton legte ſich nun in's Mittel, um den Frieden zu erhal⸗ ten und verſicherte den Wundarzt, er habe bereits die geeigneten Leute ausgeſchickt, um neuen Vorrath herbeizuſchaffen, Der Ope⸗ rateur vergaß, durch dieſe Erklärung etwas ermuthigt, bald ſeinen Hunger und gab ſeine Abſicht, ſchnell an das Geſchäft zu gehen, zu erkennen. „Und wo haben ſie denn Ihr Subject?“ fragte Lawton. „Je nun, der Hauſirer,“ ſagte der Andere und warf einen Blick nach dem Schildpoſten.„Ich ſagte Holliſtern, er ſolle das Gerüſt ziemlich hoch machen, damit beim Falle die Halswirbel nicht zu ſehr dislocirt würden, denn ich möchte ein Skelet aus ihm machen, ſo ſchön als irgend eines in den Staaten Nordamerika's. Der Burſche ſteht nicht übel aus und hat prächtiges Knochenwerk; es läßt ſich etwas ausgezeichnet Schönes aus ihm machen! Ich habe mir ſchon lange etwas der Art gewünſcht, um damit meiner alten Tante in Virginien, die mir als Knabe ſo manches Gute erwieſen, ein Geſchenk zu machen.“ „Zum Teufel,“ rief Lawton,„Sie wollen doch der alten Frau nicht die Knochen eines todten Mannes ſchicken?“ „Warum nicht?“ verſetzte der Wundarzt.„Was gibt es Edleres in der ganzen Schöpfung, als die Geſtalt des Menſchen? und das Skelet bildet ſo zu ſagen ihre Elementartheile. Aber wo iſt denn der Körper hingekommen?“ „Auch fort.“ „Fort? Und wer hat ſich erkühnt, mir bei meinen Acciden⸗ zien in's Gehäge zu kommen?“ „Sicherlich der Teufel,“ ſagte Betty,„und er wird ſeiner Zeit auch⸗ Sie abführen, ohne viel nach Ihrer Erlaubniß zu fragen.“ „Still, Hexe!“ ſagte Lawton, der nur mit Muͤhe ſein Lachen zu unterdrücken vermochte;„ſpricht man ſo mit einem Offizier?“ „Was braucht er mich die ſchmutzige Eliſabeth Flanagan zu nennen?“ ſchrie die Waſchfrau, indem ſie verächtlich mit den Fin⸗ gern ſchnippte.„Ich kann mich einer freundlichen Behandlung ein Jahr lang erinnern, aber einem Feinde muß ich wenigſtens einen Monat aufſitzen.“ Frau Flanagan's Freundſchaft und Feindſchaft war jedoch dem Wundarzt ganz gleichgültig, da er an Nichts als ſeinen Verluſt dachte; und Lawton hielt ſich für verpflichtet, ſeinem Freunde die wahrſcheinliche Weiſe, wie dieſe Beeinträchtigung vor ſich gegangen ſeyn mochte, auseinander zu ſetzen. „Es war ein wahres Glück, Sie Juwel von einem Doktor, daß er Ihren Händen entkommen iſt,“ rief Betty, als der Ritt⸗ meiſter geendet hatte.„Sergeant Holliſter ſah ihn ſo zu ſagen von Angeſicht zu Angeſicht und ſagte, es ſey nicht der Hauſirer, ſondern Beelzebub ſelber geweſen, obgleich er ſich dießmal etwas weniger lügenhaft, diebiſch und verworfen aufgeführt hat. Sie möchten mir wohl eine ſaubere Figur gemacht haben, wenn Sie ſo in Beelzebub hineingeſchnitten hätten, wäre er von dem Major gehangen worden. Ich glaube nicht, daß er unter Ihrem Meſſer beſonders ruhig geblieben wäre.“ Geſch den ton's an, arzt laſſen ritten merkt wille Stin wiede Aben Hauf auf ſich iſt e Wiſſe nism eigen als e Ich: den klaſſi Kehle hinar bt es ſchen? er wo eiden⸗ ſeiner iß zu lachen er?“ an zu Fin⸗ ig ein einen h dem zerluſt de die angen doktor, Ritt⸗ ſagen uſirer, etwas Sie n Sie Major Meſſer 295 So in doppelter Weiſe— um ſeine Mahlzeit und um ſein Geſchäft— betrogen, erklärte Sitgreaves plötzlich, daß er nach den Locuſten zu gehen beabſichtigte, um ſich nach Kapitän Single⸗ ton's Befinden zu erkundigen. Lawton bot ihm ſeine Begleitung an, und bald ſaßen ſie auf ihren Pferden, wobei jedoch der Wund⸗ arzt ſich noch manchen derben Witz von der Waſchfrau gefallen laſſen mußte, bis er aus dem Bereiche ihrer Kehle war. Sie ritten eine Weile ſchweigend neben einander her, da Lawton be⸗ merkte, daß ſein Freund ſowohl um ſeiner getäuſchten Erwartung willen als auch wegen Betty's Ausfällen nicht in der beſten timmung war. Endlich verſuchte er es, die Gefühle deſſelben wieder zu beruhigen. „Das war ein herrliches Lied, Archibald, was Sie geſtern Abend angefangen hatten, als wir durch die Rotte, welche den Hauſirer brachte, unterbrochen wurden,“ ſagte er.„Die Anſpielung auf den Galgen war ungemein paſſend.“ „Ich wußte wohl, daß es Ihnen gefallen müſſe, Jack, wenn ſich die Weindünſte in Ihrem Kopf verloren hätten. Die Poeſie iſt eine achtbare Kunſt, obgleich ihr die Präciſion einer wahren Wiſſenſchaft und der wohlthätige Einfluß auf den lebenden Orga⸗ nismus abgeht, welcher die Arzneikunſt auszeichnet. Man könnte eigentlich ihre Einwirkung auf das Leben eher eine herabſtimmende als eine kräftigende nennen.“ „Und doch war Ihre Ode eine wahre Kraftbrühe des Witzes.“ „Ode iſt keineswegs die richtige Bezeichnung für das Gedicht. Ich möchte es eher eine klaſſiſche Ballade nennen.“ „Wohl möglich,“ verſetzte der Dragoner;„da ich aber nur den erſten Vers gehört habe, ſo war es ſchwer, das Gedicht zu klaſſificiren.“ Der Wundarzt räuſperte ſich unwillkührlich und begann ſeine Kehle zu klären, obgleich er kaum wußte, auf was dieſe Einleitung hinauslaufen ſolle. Aber der Rittmeiſter heftete das ſchwarze rollende 296 Auge auf ſeinen Gefährten, und als er bemerkte, daß ſich dieſer in großer Unbehaglichkeit im Sattel hin und her ſchob, fuhr er fort: „Die Luft iſt ruhig und der Weg einſam; wollen Sie mich nicht auch den Reſt hören laſſen? Es iſt nie zu ſpät, einen Verluſt nachzuholen.“ „Mein lieber John, nichts würde mir ein größeres Vergnügen machen, wenn ich nur glauben dürfte, es trüge etwas dazu bei, die Irrthümer, welche Sie aus Gewohnheit und Nachläſſigkeit ein⸗ geſogen haben, zu verbeſſern.“ „Wir nähern uns jetzt einigen Felſen, links da drinnen; das Echo wird den Genuß verdoppeln.“ Auf dieſe Ermuthigung, und zugleich durch die Meinung ange⸗ ſpornt, daß er eben ſo geſchmackvoll ſinge als dichte, zeigte ſich der Wundarzt bereit, der Bitte mit aller Würde zu entſprechen. Ee verging einige Zeit mit Räuſpern und dem Aufſuchen des rechtend Tones, und Lawton hatte, als dieſe beiden Punkte im Reinen waren,* die geheime Freude, ſeinen Freund beginnen zu hören. 1 „Hat jemals dich“— „Horch!“ unterbrach ihn der Dragoner,„was iſt das für ein Geräuſch in den Felſen?“ „Wahrſcheinlich der Wiederhall der Melodie. Eine kräftige Stimme gleicht dem Athem der Winde.“ „Hat jemals dich“— „So hören Sie doch!“ ſagte Lawton, indem er ſein Pferd anhielt. Aber er hatte kaum ausgeſprochen, als ein Stein vor ihm niederfiel und harmlos über den Weg hinrollte. „Ein unſchuldiger Schuß!“ rief der Reiter.„Weder die Waffe, noch die Kraft, die ſte in Bewegung ſetzte, verräth eine beſonders ſchlimme Abſicht.“ „Steinwürfe veranlaſſen ſelten mehr als Quetſchungen,“ ſagte der Operateur und ſah umſonſt nach allen Richtungen hin, um die Hand, welch Mete ſtecken Stein chen riß es leſerli 7 ewa verwü lauter Warn. ( in die nichts „ beſtürz — einem einjage Taſche ein ver tiſche e ſtehende mit ſeit eeſer in r fort: e mich Verluſt gnügen zu bei, it ein⸗ ; das ange⸗ ch der Es echtenẽ varen,* r ein äftige Pferd vor Jaffe, nders e der and, 297 welche dieſes Geſchoß geſchleudert hatte, zu entdecken.„Es muß ein Meteor ſeyn, denn es iſt weit und breit außer uns kein lebendes Weſen.“ „Hinter dieſen Felſen dürfte ſich leicht ein ganzes Regiment ver⸗ ſtecken laſſen,“ erwiederte der Rittmeiſter, indem er abſtieg und den Stein aufhob.„Ach, hier iſt ja die ganze Erklärung des Geheimniſſes.“ An dem ſo ſeltſam niedergefallenen Steine war ein Stüůück⸗ chen Papier auf eine ſinnreiche Weiſe angeheftet. Der Rittmeiſter riß es ab, öffnete es und las die folgenden mit einer nicht ſehr leſerlichen Hand geſchriebenen Worte: „Eine Musketenkugel reicht weiter als ein Stein, und ge⸗ fährlichere Dinge, als Kräuter für Verwundete ſind in den Felſen von Weſt⸗Cheſter verborgen. Ihr Pferd mag gut ſeyn, aber kann es Sie einen ſchroffen Felſen hinan tragen?“ „Du haſt Recht, ſeltſamer Menſch,“ ſagte Lawton;„Muth und eewandtheit vermögen wenig gegen ſchleichende Mörder in dieſen verwünſchten Päſſen.“ Er beſtieg ſein Pferd wieder und rief mit lauter Stimme:„Habe Dank, unbekannter Freund; ich will Deiner Warnung gedenken.“ Eine hagere Hand hob ſich einen Augenblick über einen Felſen in die Luft, und nachher wurde von den Beiden in dieſer Richtung nichts mehr geſehen oder gehört. „Eine ganz außerordentliche Unterbrechung,“ ſagte Sitgreaves beſtürzt,„und ein Brief von ſehr geheimnißvollem Inhalt!“ „O, es iſt nichts, als der Witz irgend eines Tölpels, der einem Paar Virginier durch dieſen plumpen Kunſtgriff Furcht einjagen wollte,“ ſagte der Rittmeiſter, indem er den Zettel in die Taſche ſteckte.„Aber auf mein Wort, Herr Archibald Sitgreaves, ein verdammt ehrlicher Burſche iſt dieſen Morgen Ihrem Seections⸗ tiſche entgangen.“ „Der Hauſirer? Dieſer berüchtigtſte aller im Dienſte des Feindes ſtehende Spione? Ich meine, es hätte dem Kerl eine Ehre ſeyn ſollen, mit ſeiner Leiche eine ſo nützliche Wiſſenſchaft fördern zu helfen.“ 298 „Er mag ein Spion ſeyn— er mag wohl einer ſeyn,“ ſagte Lawton nachdenkend;„aber er hat ein Herz, über den Haß erhaben, und eine Seele, die einem Soldaten Ehre machen würde.“ Der Wundarzt ſtierte bei dieſem Selbſtgeſpräche ſeinen Ge⸗ fährten an, indeß die ſcharfen Blicke des Rittmeiſters auf einer andern Felſengruppe ruhten, die überhängend faſt die Straße ver⸗ ſperrte, welche ſich um ihren Fuß herumwand. „Was das Pferd nicht erſteigen kann, mag dem Fuße des Mannes erreichbar ſeyn,“ rief der vorſichtige Partheigänger. Er ſchwang ſich aus dem Sattel, ſprang über einen Steinhaufen weg und begann den Berg an einer Stelle zu beſteigen, welche ihm bald eine Vogelperſpective über die fraglichen Felſen ſammt allen ihren Schluchten erwarten ließ. Dieſe Bewegung war kaum aus⸗ geführt, als Lawton die Geſtalt eines Mannes erblickte, der ſich bei ſeinem Näherkommen eilig weiter ſchlich und an der entgegengeſetz⸗ ten Seite des Felſenabſprunges verſchwand. „Geſchwind, Sitgreaves,— geſchwind,“ ſchrie der Rittmeiſter, indem er über jedes Hinderniß wegſetzte, um den Flüchtling zu verfolgen;„bringt den Schurken um, wenn er nicht halten will.“ Dem erſten Theile dieſer Aufforderung wurde pünktliche Folge geleiſtet, und in wenigen Augenblicken ſah der Wundarzt einen mit einer Muskete bewaffneten Mann über den Weg eilen, der augenſcheinlich den Schutz des auf der andern Seite liegenden dicken Waldes aufſuchte. „Halt, mein Freund! halt, wenn's beliebt, bis Kapitän Lawton da iſt!“ rief der Chirurg, als er den Menſchen mit einer Schnellig⸗ keit dahinfliehen ſah, welche ſeiner ganzen Reitkunſt Hohn ſprach. Dieſe Einladung ſchien aber dem Fußgänger neuen Schreck einzu⸗ jagen. Er verdoppelte ſeine Anſtrengungen und hielt nicht einmal an, um zu athmen, bis er das Ziel ſeiner Rennbahn erreicht hatte. Nun erſt drehte er ſich um, feuerte ſeine Muskete auf den Wund⸗ arzt ab und war im Augenblicke verſchwunden. Lawton hatte ſchnel und unſich den 2 ich w Manr 8 ſey, merad den fi Blicke Züge ſeinem dem v in die Rittm einem dem e hatte Verzä nahm gleich warun Stehen ſind, d ſeyn,“ 2n Haß vwürde.“ en Ge⸗ f einer ße ver⸗ ße des thaufen che ihm at allen m aus⸗ ſich bei ngeſetz⸗ meiſter, ling zu will.“ nktliche undarzt eilen, egenden Lawton hnellig⸗ ſprach. einzu⸗ einmal t hatte. Wund⸗ hatte 299 ſchnell die Landſtraße wieder gewonnen, warf ſich in den Sattel und war an der Seite ſeines Kameraden, als die Geſtalt eben unſichtbar geworden war. „In welcher Richtung iſt er entflohen?“ rief der Rittmeiſter. „John,“ ſagte der Wundarzt,„gehöre ich etwa zu der kämpfen⸗ den Mannſchaft?“ „Wohin iſt der Schuft geflohen?“ verſetzte Lawton ungeduldig. „Wohin Sie ihm nicht folgen können— in den Wald. Aber ich wiederhole es, John— gehöre ich etwa zu der kämpfenden Mannſchaft?“ Als der getäuſchte Reiter ſah, daß ihm ſein Feind entwiſcht ſey, richtete er die vor Unmuth glühenden Augen auf ſeinen Ka⸗ meraden; aber allmählich verloren die Muskeln ſeines Geſichtes den finſtern Ausdruck, die Brauen murden freier und die wilden Blicke gingen in das verſtohlene Lachen über, welches ſo oft ſeine Züge überflog. Der Wundarzt ſaß in würdevoller Faſſung auf ſeinem Pferde; ſein ſchmaler Leib ſtreckte ſich und warf ſich mit dem vollen Unwillen des Bewußtſeyns einer unbilligen Behandlung in die Bruſt. „Warum ließen Sie dieſen Spitzbuben entkommen?“ fragte der Rittmeiſter.„Einmal im Bereich meines Säbels hätte ich ihn zu einem geeigneten Gegenſtand für Ihren Sectionstiſch machen wollen.“ „Ich konuͤte ihn unmöglich hindern,“ ſagte der Wundarzt in⸗ dem er auf die Schranken deutete, vor welchen er ſein Pferd hatte Halt machen laſſen.„Der Schelm ſchwang ſich über die Verzäunung weg und ließ mich auf der andern Seite ſtehen. Auch nahm er nicht die mindeſte Rückſicht auf meine Vorſtellungen, ob⸗ gleich ich ihm ſagte, daß Sie mit ihm zu ſprechen wünſchten.“ „Das war in der That ein recht unhöflicher Schlingel. Aber warum ſetzten Sie nicht über die Verzäunung, um ihn zum Stehen zu zwingen? Sie ſehen doch, daß da nur drei Balken ſind, durch die Betty Flanagan mit ihrer Kuh hätte kommen können.“ 300 Zum erſtenmal wandte jetzt der Wundurzt ſeine Augen von der Stelle ab, wo der Flüchtling verſchwunden war, und richtete den Blick auf ſeinen Gefährten. Sein Kopf ſenkte ſich jedoch nicht im mindeſten, während er erwiederte: „Es iſt meine demüthige Meinung, Kapitän Lawton, daß weder Eliſabeth Flanagan noch ihre Kuh nachahmungswerthe Bei⸗ ſpiele für den Dokter Archibald Sitgreaves ſind. Es wäre ein ſauberes Compliment für die Wiſſenſchaft, wenn es hieße, ein Doktor der Medicin hätte beide Beine gebrochen, weil er ſie un⸗ geſchickterweiſe gegen ein paar Balken anrennen ließ.“ Bei dieſen Worten brachte der Wundarzt die fraglichen Glieder beinahe in horizontale Richtung, eine Stellung, welche in der That jedem Eintreten in irgend etwas, was einem Engpaß glich, Trotz zu bieten ſchien. Aber der Rittmeiſter rief haſtig, ohne dieſen augenſcheinlichen Unmöglichkeitsbeweis einer ſolchen Bewegung zu beachten: „Hier iſt gar nichts, Mann, was Sie Halt zu machen genö⸗ thigt hätte, denn eine ganze Reihe könnte in vollem Laufe mit Stie⸗ feln und Schenkeln durchkommen, ohne einen Sporn einzulegen. Pah, ich bin oft gegen die Bajonette der Infanterie über größere Hinderniſſe, als dieſes hier, angeſprengt.“ „Wollen Sie ſich gefälligſt erinnern, Kapitän John Lawton, baß ich weder der Bereiter des Regiments, noch der Exercier⸗ meiſter, weder ein ſchwächlicher Cornet, noch— mit aller ſchuldi⸗ gen Achtung vor der Beſtallung des Continental⸗Congreſſes ſey es geſagt— ein tollköpfiger Rittmeiſter bin, der ſein Leben ſo wenig als das ſeiner Feinde achtet. Ich bin nur ein armer demüthiger Gelehrter, Sir, ein einfacher Doktor der Medicin, ein unwürdiger Promotus von Edinburgh und derzeit Wundarzt bei den Dragonern— nichts weiter, wie ich Ihnen verſichern kann, John Lawton.“ Mit dieſen Worten drehte er den Kopf ſeines Pferdes nach dem Landhauſe und nahm ſeinen Ritt wieder auf. den Schu überl wenn Sie durch tän daß i der 9 einen dürfti erſt z Baſis ſtraße einand Senſe 4 maßen wenig welche des W ſo hab hinterl Wunde handelt ſache C geweſer bereitet en von richtete h nicht n, daß ze Bei⸗ ire ein Glieder in der glich, ohne vegung geno⸗ Stie⸗ ilegen. rößere awton, teercier⸗ chuldi⸗ ſey es wenig ithiger irdiger ern— nach 301 „Ach, er hat Recht,“ brummte der Dragoner;„hätte ich aber den ſchlechteſten Reiter in meinem Zug bei mir gehabt, ich würde den Schuft aufgegriffen und dem Geſetze doch wenigſtens ein Opfer überliefert haben. Aber, Archibald, Niemand kann gut reiten, wenn er die Beine, wie der Koloß zu Rohdus, auseinanderſpreizt. Sie ſollten ſich weniger in den Steigbügel ſtämmen und ſich mehr durch das Knie feſthalten.“ „Ich habe den gehörigen Reſpect vor Ihrer Erfahrung, Kapi⸗ tän Lawton,“ erwiederte der Wundarzt,„aber meine Meinung iſt, daß ich nichts weniger, als ein incompetenter Richter hinſichtlich der Muskelbewegung bin, betreffe ſte nun das Knie oder irgend einen andern Theil des menſchlichen Körpers. Wenn ich auch nur dürftig meine Schule durchmachte, ſo brauche ich doch nicht jetzt erſt zu lernen, daß das Gebäude um ſo feſter ruht, je weiter die Baſis iſt.“ „Wollen Sie aber mit ihren paar Beinen die ganze Land⸗ ſtraße einnehmen, worcoch ein halbes Dutzend ganz begaglich neben einander herreiten kann, wenn Sie die Füße ausſtrecken, wie die Senſen an den Streitwagen der Alten?“ Die Anſpielung auf die Sitten der Alten beſänftigte einiger⸗ maßen den Unwillen des Wundarztes und er verſetzte mit etwas weniger Hochmuth: „Sie ſollten mit Achtung von den Gebräuchen derer ſprechen, welche vor uns gelebt haben, und wenn ſie auch in manchen Zweigen des Wiſſens, zumal in der edlen Wundarzneikunſt, weit zurück waren, ſo haben ſie uns doch manche herrliche Winke zu unſerer Veredelung hinterlaſſen. Außerdem zweifle ich nicht, Sir, daß Galen bereits Wunden, die durch die erwähnten Senſen geſchlagen wurden, be⸗ handelte, obgleich kein gleichzeitiger Schriftſteller dieſer That⸗ ſache Erwähnung thut. Ach, das müſſen ſchreckliche Beſchädigungen geweſen ſeyn und ſicherlich den Aerzten jener Zeit große Unluſt bereitet haben!“ „Gelegenheitlich mag wohl ein Körper mitten entzweigeſchnitten worden ſeyn, deſſen Wiedervereinigung den Scharfſinn dieſer Herren freilich auf eine ſchwere Probe ſetzen mußte. Und da ſie ſo achtbare und gelehrte Männer waren, ſo zweifle ich nicht, daß es ihnen auch gelang.“ „Was? zwei Stücke eines menſchlichen Körpers, die durch ein ſchneidendes Inſtrument getrennt wurden, wieder zu den Functionen des thieriſchen Lebens zu vereinigen?“ „Ja, Leute, die durch eine derartige Senſe auseinander ge⸗ ſchnitten wurden, wieder zuſammen zu flicken, um ſie auf's Neue für den Kriegsdienſt brauchbar zu machen!“ „Das iſt unmöglich,— ganz und gar unmöglich,“ ſchrie der Wundarzt.„Vergebens verſucht es der menſchliche Geiſt, Kapitän Lawton, die Kräfte der Natur zu überbieten. Denken Sie ſich nur, mein Beſter, in einem ſolchen Falle werden alle Arterien ge⸗ trennt— alle Eingeweide zerriſſen— alle Nerven und Sehnen zerſchnitten, und was noch wichtiger iſt, Sir—“ „Sie haben genug geſagt, Doktor Sitgreaves, um den Zög⸗ ling einer kunſtverwandten Schule zu überzeugen. Nichts ſoll mich veranlaſſen, je gutwillig eine ſolche unwiederbringliche Theilung an mir vornehmen zu laſſen.“ „Gewiß, man hat wenig Vergnügen an⸗ einer Wunde, welche ihrer Natur nach unheilbar iſt.“ „Das meine ich auch,“ ſagte Lawton trocken. „Was halten Sie wohl für das größte Vergnügen im menſch⸗ lichen Leben?“ fragte der Wundarzt plötzlich. „Hm, das iſt Geſchmackſache.“ „Ganz und gar nicht!“ rief der Wundarzt.„Es liegt in dem Mitanſehen oder vielmehr in dem Gefüͤhl, wie ſich die Verheerun⸗ gen einer Krankheit durch das Licht der Wiſſenſchaft unter Beihülfe der Natur wieder ausgleichen. Ich zerbrach mir einmal abſichtlich meinen kleinen Finger, um den Knochenbruch wieder einrich Das werde Zuſar was Natur fühlt wenn ein B 8 Landh ging empfa verwu Perſon ſich m welche Theile welche auf ei Begrif als ihr ſtürmte los, er glühen die all 2 Behan tärärzt einige nitten derren htbare ihnen ch ein tionen er ge⸗ Neue rie der Lapitän ie ſich ien ge⸗ Sehnen n Zög⸗ ll mich ung an welche menſch⸗ in dem rheerun⸗ ft unter r einmal ) wieder 303 einrichten und auf die Vorgänge der Heilung Acht geben zu können. Das war freilich nur ein kleiner Maaßſtab, wie Sie einſehen werden, lieber John. Aber das durchdringende Gefühl bei dem Zuſammenwachſen der Knochen, verbunden mit der Betrachtung, was die menſchliche Kunſt Hand in Hand mit dem Walten der Natur vermag, übertraf jede uſt, die ich je in meinem Leben ge⸗ fühlt habe. Um wie viel größer hätte das Vergnügen ſeyn müſſen, wenn es ſich um ein wichtigeres Glied, etwa um einen Arm oder ein Bein gehandelt hätte?“ „Oder gar um den Hals—,“ verſetzte der Rittmeiſter. Mittlerweile waren die beiden Reiter an Herrn Wharton's Landhauſe angelangt. Da Niemand erſchien, um ſie einzuführen, ging der Rittmeiſter nach dem Zimmer, wo gewöhnlich die Beſuche empfangen wurden. Als er öffnete, blieb er einen Augenblick ſtehen, verwundert über die Scene, welche ſich ihm darbot. Die erſte Perſon, welche ihm in's Auge fiel, war der Obriſt Wellmere, der ſich mit einer Innigkeit über Sara's erröthende Geſtalt beugte, welche das durch Lawton's Eintreten veranlaßte Geräuſch von beiden Theilen überhört werden ließ. Gewiſſe bedeutungsvolle Merkmale, welche dem ſcharfen Blicke des Dragoners nicht entgingen, weihten ihn auf einmal in das hier obwaltende Geheimniß ein, und er war im Begriffe, ſich ſo leiſe, als er eingetreten war, wieder zurückzuziehen, als ihm auf einmal ſein Gefährte, der ohne Umſtände in's Zimmer ſtürmte, den Weg vertrat. Er ging ſogleich auf Wellmere's Stuhl los, ergriff inſtinktartig den Arm des Obriſten und rief: „Ach du mein Gott!— ſchneller, unregelmäßiger Puls— glühende Wange,— feuriges Auge— ſtarke Anzeichen von Fieber, die alle ſorgfältig beachtet werden müſſen.“ Bei dieſen Worten hatte der Doktor, ſeiner ſummariſchen Behandlungsweiſe gemäß(eine Schwäche, welche die meiſten Mili⸗ tärärzte mit ihm gemein haben), das Lanzet hervorgeholt und traf einige andere Vorkehrungen, welche ſeine Abſicht, gleich an's Werk zu gehen, an den Tag legten. Aber der Obriſt, welcher ſich in⸗ zwiſchen von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte, ſtand ſtolz von ſeinem Stuhle auf und ſprach: „Mein Herr, dieſe Röthe hat nur in der Wärme des Zimmers ihren Grund und ich bin Ihnen bereits zu ſehr für Ihre Geſchick⸗ lichkeit verpflichtet, um Ihnen noch weitere Mühe zu machen. Miß Wharton weiß, daß ich vollkommen geſund bin, und ich verſichere Sie, daß ich mich in meinem Leben nie wohler und glücklicher fühlte.“ Dieſe letzteren Worte wurden mit einem beſondern Nachdruck ausgeſprochen und brachten, ſo angenehm ſie auch in Sara's Ohr klingen mochten, eine neue Glut auf ihre Wangen,— ein Umſtand, der von Doktor Sitgreaves, welcher der Richtung von ſeines Patienten Auge folgte, nicht überſehen wurde. „Ihren Arm, mein Fräulein, wenn's gefällig iſt,“ ſagte der Wundarzt und trat mit einer Verbeugung auf ſie zu.„Angſt und Nachtwachen haben auf Ihren zarten Körper übel gewirkt, und ich bemerke Symptome an Ihnen, welche nicht vernachläſſigt werden dürfen.“ „Entſchuldigen Sie, Sir,“ ſagte Sara, indem ſie ſich mit weiblichen Stolze aufraffte;„die Hitze iſt erdrückend und ich gehe, um Miß Peyton von Ihrer Anweſenheit in Kenntniß zu ſetzen.“ Es war nicht ſchwer, mit der Einfalt des Wundarztes in's Reine zu kommen. Nun aber mußte Sara ihr Auge erheben, um den Gruß Lawton's zu erwiedern, der den Kopf faſt bis zu der Hand herabneigte, mit welcher er der Dame die Thüre öffnete. Ein einziger Blick war hinreichend. Sie blieb ihrer ſelbſt ſo weit mächtig, um ſich mit Würde zurückzuziehen; aber kaum fühlte ſie ſich von ihren Beobachtern befreit, als ſie in einen Seſſel ſank und ſich dem gemiſchten Gefühl von Scham und Wonne überließ. Sitgreaves bot dem brittiſchen Obriſten auf's Neue ſeine Dienſte an, ohne daß ſie günſtiger aufgenommen worden wären, und zog ſich kräͤnk Lawt beſſert noch Sorgf vergaf und ihrem gezoge woodie verkett Seele, ſie der komme von b Quelle über d Heinri⸗ Wange Sara die un Der ich in⸗ z von mmers eſchick⸗ Miß eſichere klicher chdruck 3 Ohr iſtand, ſeines te der ſt und ud ich derden ) mit gehe, n.“ 3 in's „ um t der Ein chtig, von dem eenſte zog ſich dann, durch dieſe herabwürdigende Behandlung ein wenig ge⸗ kränkt, nach dem Zimmer des jungen Singleton zurück, wohin ihm Lawton bereits vorangegangen war. Einundzwanzigſtes Kapitel. O Heinrich, wenn du um mich wirbſt, Leiſt ich dir Widerſtand? Wenn, Theurer, du mein Herz gewannſt, Verweigr' ich dir die Hand? Der Eremit von Warkworth. Der Promotus von Edinburg fand ſeinen Patienten ſehr ge⸗ beſſert und völlig ſieberfrei. Iſabella, deren Wangen jetzt wo möglich noch bleicher, als bei ihrer Ankunft waren, wachte mit zärtlicher Sorgfalt an dem Krankenbette, und die Damen des Landhauſes vergaßen der gaſtlichen Obliegenheiten nicht, obgleich ſie von Sorge und Kummer ſchwer gedrückt waren. Franciska fühlte ſich zu ihrem troſtloſen Gaſt mit einer unwiderſtehlichen Theilnahme hin⸗ gezogen, die ſie ſich nicht zu erklären vermochte. Sie hatte Dun⸗ woodie's und Iſabellen's Schickſal unwillkührlich in ihrer Phantaſie verkettet und empfand es mit der romantiſchen Glut einer großen Seele, daß ſie ihrem früheren Geliebten am treueſten diene, wenn ſie dem Gegenſtande ſeiner zarteſten Neigungen mit Liebe entgegen komme. Iſabella nahm ihre Aufmerkſamkeit dankbar hin, aber keine von beiden erlaubte ſich irgend eine Anſpielung auf die geheime Quelle ihres Kummers. Da Miß Peyton's Geſichtskreis ſelten über den Bereich der ſichtbaren Welt hinausging, ſo ſchien ihr Heinrich Wharton's Lage ein zureichender Grund für die blaſſen Wangen und das thraͤnenfeuchte Auge ihrer Nichte, und wenn Sara weniger Sorge als ihre Schweſter verrieth, ſo ermangelte die unerfahrene Tante nicht, auch hiefür einen Grund zu finden. Der Spion. 3. Aufl. 20 Die Liebe erſcheint tugendhaften Frauen ſtets als ein heiliges Gefühl, welches Allem, was in ſeine Sphäre kömmt, eine Weihe ertheilt. Obgleich Miß Peyton ſich die Gefahr, welche ihren Neffen be⸗ drohte, aufrichtig zu Herzen nahm, ſo ſah ſie doch wohl ein, daß die Unruhe des Krieges der Liebe nicht förderlich ſey, und daß Augenblicke, welche die Gunſt des Zufalls gewährte, nicht unbe⸗ nützt vorübergehen dürften. So vergingen einige Tage ohne irgend eine Störung in dem gewohnten Treiben der Bewohner des Landhauſes und der in den Kreuzwegen cantonirenden Mannſchaft. Der Muth der Erſteren wurde durch die Ueberzeugung von Heinrich's Unſchuld und die Zuverſicht zu Dunwoodie's erfolgreichen Bemühungen in dieſer Angelegenheit aufrecht erhalten, während Letztere ungeduldig der Nachricht von einem Treffen und dem Befehle zum Aufbruch, wel⸗ cher ſtündlich erwartet wurde, entgegen ſah. Aber Lawton hoffte auf beides vergebens. Briefe des Majors meldeten, daß der Feind, als er von der Niederlage und dem Rückzuge der Abtheilung, welche gleichzeitig operiren ſollte, benachrichtigt worden ſey, eine rückgängige Bewegung gemacht und ſich hinter den Werken des Forts Waſſhington ſicher geſtellt habe, wo er ſich nunmehr un⸗ thätig verhalte; daß man übrigens jeden Augenblick gewärtig ſeyn müſſe, er werde einen Schlag führen, um für den widerfahrenen Schimpf Rache zu nehmen. Zugleich wurde dem Rittmeiſter auf's neue Wachſamkeit eingeſchärft und dem Briefe ein Compliment über Lawton's Eifer und unbezweifelte Tapferkeit beigefügt. „Außerordentlich ſchmeichelhaft, Major Dunwoodie,“ brummte der Dragoner, indem er das Schreiben auf den Boden warf und in der Stube auf und abſchritt, um ſeine Ungeduld zu beſchwichti⸗ gen.„Sie haben für dieſen Dienſt gar geeignete Hüter ausge⸗ leſen. Laß doch ſehen— ich habe da für die Intereſſen eines gebrechlichen, unſchlüſſigen, alten Mannes Sorge zu tragen, von dem man nicht weiß, ob er zu uns oder zu dem Feinde gehört;— dann ſie die auf hälte von Geor hat gutw Stul ganze geſtie welch wurd Krug Bille augen Meu dieſer Hauf Weiſ war, daß Abth Aller Befe kurze ſchnei zefühl, rheilt. en be⸗ n, daß d daß unbe⸗ in dem der in Erſteren nd die dieſer dig der h, wel⸗ hoffte Feind, heilung, y, eine ken des ehr un⸗ tig ſeyn fahrenen er auf's pliment brummte darf und chichti⸗ ausge⸗ en eines en, von hoͤrt;— 307 dann vier Weiber;— nun, drei davon wären ſo übel nicht, aber ſie ſcheinen nicht beſonders erbaut von meiner Geſellſchaft; und die vierte— ſie mag brav genug ſeyn, aber ſie hat ihre Vierzig auf dem Rücken; zwei oder drei Schwarze; eine geſchwätzige Haus⸗ hälterin, die von nichts, als von Gold und verächtlichen Krämern, von Zeichen und Vorbedeutungen ſchnattert; und endlich der arme Georg Singleton. Nun, den laß ich gelten, ein leidender Kamerad hat Anſprüche auf den Soldaten— und ſo will ich mich eben gutwillig fügen!“ Nach dieſem Selbſtgeſpräch ſetzte ſich der Rittmeiſter auf einen Stuhl und fing an zu pfeifen, um ſich zu überreden, daß ihm die ganze Sache gleichgültig ſey. Während er dabei nachläſſig ſeinen geſtiefelten Fuß hin und her ſchlenkerte, warf er das Gefäß um, welches ſeinen ganzen Branntweinvorrath enthielt. Dieſer Unfall wurde ſogleich wieder gut gemacht, als aber Lawton den hölzernen Krug wieder an ſeinen Platz ſtellte, ſah er neben demſelben ein Billet auf der Bank liegen. Er riß es auf und las: „Der Mond wird erſt nach Mitternacht aufgehen— eine geeignete Zeit bis dahin für Thaten der Finſterniß.“ Der Rittmeiſter konnte ſich in der Hand nicht irren; es war augenſcheinlich dieſelbe, welche ihn bei Zeiten vor dem lauernden Meuchelmorde gewarnt hatte. Er ſann lange über die Bedeutung dieſer beiden Mittheilungen und die Gründe nach, welche den Hauſirer veranlaſſen konnten“, einen unverſöhnlichen Feind in dieſer Weiſe zu begünſtigen. Lawton wußte, daß er ein feindlicher Spion war, denn es war eine vor dem Kriegsgericht erwieſene Thatſache, daß er dem engliſchen Oberbefehlshaber über eine wenig gedeckte Abtheilung amerikaniſcher Truppen Nachricht zugeführt hatte. Allerdings waren die Folgen dieſes Verraths zufällig durch einen Befehl von Waſſhington verhindert worden, welcher das Regiment kurze Zeit vor der Ankunft der Engländer, welche es abzu⸗ ſchneiden gedachten, zurückzog; aber das Verbrechen blieb daſſelbe. 308 „Vielleicht,“ dachte der Parteigänger,„will er mich für den Fall einer neuen Gefangenſchaft zu ſeinem Freunde machen. Jedenfalls hat er einmal mein Leben geſchont, wo es ihm ein Leichtes war, mich zu tödten, und bei einer andern Gelegenheit hat er es gerettet. Ich will mir Mühe geben, eben ſo großmüthig zu ſeyn, als er, und Gott bitten, daß er nie meine Pflicht mit meinen Gefühlen in Widerſtreit gerathen laſſe.“ Der Rittmeiſter konnte aus dem Zettel nicht darüber klug werden, ob die angedeutete Gefahr das Landhaus oder ſeine eigenen Leute be⸗ drohe. Endlich neigte er ſich mehr zu der letzteren Anſicht und entſchloß ſich daher, in der Dunkelheit nicht auszureiten. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der Reiterführer der bevorſtehenden Gefahr entgegen ſah, wäre wohl jedem Bewohner einer friedlichen Gegend in einer Zeit der Ruhe und Ordnung unbegreiflich vorge⸗ kommen. Aber die Betrachtungen des Offiziers betrafen mehr die geeigneten Vorkehrungen, den Feind in eine Falle zu locken, als ſeinen Nachſtellungen zu entgehen; ſie wurden übrigens bald durch die Ankunft des Wundarztes unterbrochen, der von ſeinem täglichen Beſuche in den Locuſten zurückkam. Sitgreaves brachte dem Kapi⸗ tän Lawton eine Einladung von Miß Peyton, welche ihn erſuchen ließ, dieſen Abend bei Zeiten das Landhaus mit ſeiner Gegenwart zu beehren. „Ha!“ rief der Rittmeiſter;„dann haben ſie ſicher auch einen Brief erhalten.“ „Nichts ſcheint mir wahrſcheinlicher,“ verſetzte der Wundarzt; „es iſt ein Caplan von der königlichen Armee im Landhaus, der die verwundeten Britten auslöſen ſoll und einen Befehl von Obriſt Singleton zu ihrer Freilaſſung mitgebracht hat. Ein tollerer Ein⸗ fall läßt ſich übrigens nicht denken, als ſie jetzt fortſchaffen zu laſſen.“ „Ein Geiſtlicher, ſagen Sie?— Iſt er ein tüchtiger Trinker— ſo ein rechter Lagerfaullenzer— ein Burſche, der eine Hungersnoth im R dem e Unmäf läßt,“ ſeine vorbri Ruhe ſehnlic ſenpaſß net, 1 Feind ſie err den S Bäume T Verhã Eintrit die Be hieß il zen ge Gefühl ſprang all einer alls hat r, mich gerettet. als er, efühlen werden, eute be⸗ ht und 1. Die ehenden edlichen vorge⸗ nehr die n, als urch die iglichen Kapi⸗ rſuchen genwart jeinen ndarzt; s, der Obriſt r Ein⸗ fen zu ker— rsnoth im Regiment erzeugen kann? Oder ſieht er wie ein Mann aus, dem es Ernſt mit ſeinem Berufe iſt?“ „Ein recht achtbarer, ordentlicher Herr und keineswegs der Unmäßigkeit ergeben, ſo viel ſich aus ſeinem Aeußern ſchließen läßt,“ entgegnete der Wundarzt;„ein Mann, der in der That ſeine Gratias auf eine recht regelmäßige und geeignete Weiſe vorbringt.“ „Bleibt er die Nacht über dort?“ „Zuverläſſig; er wartet auf die Auswechſelung; aber tummeln Sie ſich, John; wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich will nur noch vorher bei zwei oder drei Engländern, welche morgen mit fort ſollen, eine Aderläſſe vornehmen, um einer möglichen Entzün⸗ dung vorzubeugen, und bin im Augenblicke wieder da.“ Kapitän Lawton hatte bald ſeine Gallauniform angezogen, und als ſein Gefährte bereit war, ſchlugen ſie mit einander den Weg nach dem Landhauſe ein. Dem Rothſchimmel hatten einige Tage der Ruhe ſo gut bekommen, als ſeinem Herrn, und Lawton wünſchte ſehnlichſt, als er ſein muthiges Roß an dem früher erwähnten Fel⸗ ſenpaſſe anhielt, daß ſein hinterliſtiger Feind, beritten und bewaff⸗ net, wie er ſelbſt, ihm entgegentreten möchte. Aber weder ein Feind noch eine ſonſtige Störung hielt ſie in ihrem Ritte auf, und ſte erreichten die Locuſten, als die Sonne eben die letzten ſcheiden⸗ den Strahlen in das Thal warf und die Spitzen der entlaubten Bäume vergoldete. Der Rittmeiſter erfaßte jedes nicht ungewöhnlich verhüllte Verhältniß mit dem erſten Blicke, und ſo ſagte ihm das, was er beim Eintritt in's Haus bemerkte, mehr, als Doktor Sitgreaves durch die Beobachtungen eines ganzen Tages erfahren hatte. Miß Peyton hieß ihn mit einem Lächeln willkommen, welches außer den Grän⸗ zen gewöhnlicher Höflichkeit lag und augenſcheinlich mehr aus den Gefühlen des Herzens, als aus den Vorſchriften der Gtiquette ent⸗ ſprang. Franciska wankte in tiefer Bewegung und mit thränen⸗ 310 feuchten Augen umher, indeß Herr Wharton in einem Sammet⸗ rocke, der ſich in den erſten Geſellſchaftszirkeln hätte zeigen dürfen, zum Empfang ſeiner Gäſte bereit ſtand. Obriſt Wellmere trug die Uniform eines Offiziers der königlichen Haustruppen, und Iſa⸗ bella Singleton ſaß in dem Beſuchszimmer, in das Gewand der Freude gekleidet, die jedoch der Schatten in ihren Zügen Lügen ſtrafte, während ihr Bruder mit glühenden Wangen und dem Aus⸗ drucke des bewegteſten Antheils im Blicke an ihrer Seite ſtand, ſo daß man in ihm kaum einen Patienten erwartet hätte. Da er ſchon ſeit drei Tagen das Zimmer verlaſſen durfte, ſo vergaß Dok⸗ tor Sitgreaves, welcher in ſtummer Verwunderung um ſich blickte, ihm wegen ſeiner Unvorſichtigkeit Vorwürfe zu machen. Kapitän Lawton benahm ſich bei dieſer Scene mit der vollen Würde eines Mannes, deſſen Geiſtesgegenwart ſich nicht leicht durch Neuigkeiten außer Faſſung bringen läßt. Seine Complimente wurden mit der gleichen Artigkeit erwiedert, und nachdem er mit den verſchiedenen anweſenden Perſonen einige Worte gewechſelt hatte, näherte er ſich dem Wundarzt, der ſich in einer Art verwirrten Staunens in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen hatte, um ſeine Sinne wieder zu ſammeln. „John,“ flüſterte der Wundarzt neugierig,„was wollen denn dieſe Feſtlichkeiten beſagen?“ „Daß Ihre Perücke und mein ſchwarzer Kopf ſich beſſer aus⸗ nehmen würden, wenn etwas Mehl aus Betty Flanagan's Küche darauf geſtreut wäre. Aber es iſt nun zu ſpät, und ſo müſſen wir eben in unſerer jetzigen Bewaffnung in's Treffen.“ „Geben Sie Acht;— da kömmt der Feldkaplan im vollen Ornate eines Doctor Divinitatis. Was mag das zu bedeuten haben?“ „Eine Auswechſelung,“ ſagte der Rittmeiſter.„Die Verwun⸗ deten Amor's treten zuſammen, um mit dem Gotte ihre Rechnungen abzuſchließen, indem ſie ſich durch das Gelöbniß gegenſeitiger Treue gegen ſeine Pfeile ſicher ſtellen.“ 6 2 nun d nenſch ſchönſ brumn Bruſt 1 ſo für 1 unter guten 4 den 2 Verm zufeie in Fo daß d und i verber immer erwier ſchied vorüb auch ſchen aber unter ſteher ſetzen imet⸗ erfen, trug Iſa⸗ d der Lügen Aus⸗ ſtand, Da er Dok⸗ lickte, pitän eines keiten it der denen er ſich n eine der zu n denn r aus⸗ Küche müſſen Ornate 1 2 erwun⸗ nungen Treue Der Wundarzt legte den Finger an ſeine Naſe und begann nun den Fall zu begreifen. „Iſt es nicht eine himmelſchreiende Schmach, daß ſo ein Son⸗ nenſcheinheld aus den Reihen des Feindes herkommen und uns die ſchönſte Pflanze, die auf unſerem Boden wuchs, wegſtehlen darf?“ brummte Lawton,„eine Blume, die ſo ganz geeignet wäre, die Bruſt eines Mannes zu ſchmücken?“ „Wenn der Ehemann ſich nicht beſſer macht, als der Patient, ſo fürchte ich, John, daß die Dame ihre Noth mit ihm haben wird.“ „Sey's drum,“ ſagte der Reiter unmuthig,„ſie hat gewählt unter den Feinden ihres Vaterlandes, und ſo mag ſie denn die guten Eigenſchaften der Fremdlinge erproben.“ Die Unterhaltung wurde durch Miß Peyton unterbrochen, welche den Beiden mittheilte, daß ſie eingeladen worden ſeyen, um die Vermählung ihrer älteſten Nichte und des Obriſten Wellmere mit⸗ zufeiern. Die Herren verbeugten ſich, und die gute Tante fuhr in Folge des ihr inwohnenden Anſtandsgefühls fort, zu erzählen, daß die beiderſeitige Bekanntſchaft ſich von früherer Zeit her ſchreibe und ihre Liebe keineswegs ein Werk der letzten Tage ſey. Lawton verbeugte ſich hierauf noch förmlicher; der Wundarzt aber, welcher immer eine Freude daran fand, mit der Jungfrau zu plaudern, erwiederte: „Das menſchliche Herz iſt bei verſchiedenen Individuen ver⸗ ſchieden beſchaffen. Bei dem einen ſind die Eindrücke lebhaft und vorübergehend, bei dem andern mehr tief und dauernd. Es gibt auch in der That Philoſophen, welche einen Zuſammenhang zwi⸗ ſchen den phyſiſchen und geiſtigen Kräften des Lebens annehmen; aber ich, für meinen Theil, Madame, glaube, daß die einen mehr unter dem Einfluſſe der Gewohnheit und der Liebe zur Geſelligkeit ſtehen, während die andern ganz und gar den eigenthümlichen Ge⸗ ſetzen der Materie unterworfen ſind.“ Nach dieſer Bemerkung kam die Reihe an Miß Peyton, ſich zu 312² verbeugen, worauf ſie ſich mit Würde zurückzog, um die Braut in die Verſammlung einzuführen. Die Stunde rückte heran, in wel⸗ cher nach amerikaniſcher Sitte die Ehegelöbniſſe ausgetauſcht wer⸗ den mußten, und Sara folgte ihrer Tante, unter den mannig⸗ faltigſten Gemüthserregungen erglühend, in das Beſuchszimmer. Wellmere eilte ihr entgegen, um die Hand, welche ſie ihm mit abgewandtem Geſichte hinbot, zu faſſen, und jetzt ſchien ſich der engliſche Obriſt zum erſtenmal auf die wichtige Rolle zu beſinnen, welche er bei den bevorſtehenden Ceremonien zu ſpielen hatte. Bis⸗ her war ſein Benehmen zerſtreut und unruhig geweſen; jetzt aber ſchien alles, bis auf das Bewußtſeyn ſeines Glückes, bei dem lieb⸗ lichen Anblicke, der vor ſeinen Augen in ſtrahlender Herrlichkeit auftauchte, verſchwunden zu ſeyn. Alle erhoben ſich von ihren Sitzen, und der Geiſtliche hatte bereits ſein Formular aufgeſchla⸗ gen, als Franciska's Abweſenheit bemerkt wurde. Miß Peyton entfernte ſich, um die jüngere Nichte aufzuſuchen, und fand ſte auf ihrem Zimmer in Thränen zerfließend. „Komm, meine Liebe, die heilige Handlung erwartet uns,“ ſagte die Tante, indem ſie zärtlich ihren Arm um den ihrer Nichte ſchlang;„ſuche Dich zu faſſen, damit der Wahl Deiner Schweſter die gebührende Ehre widerfahre.“ „Iſt er— kann er ihrer würdig ſeyn?“ „Wie ſollte er nicht?“ erwiederte Miß Peyton;„iſt er nicht ein Mann von Stande?— ein tapferer, wenn auch unglücklicher Krieger? Gewiß, meine Liebe, er ſcheint alle Eigenſchaften zu be⸗ ſitzen, welche ein Weib glücklich machen können.“ Franciska hatte ihren Gefühlen Luft gemacht, und gab ſich nun alle Mühe, ſich ſo weit zu ſammeln, daß ſie in der Verſamm⸗ lung erſcheinen konnte. Um jede durch dieſe Zögerung veranlaßte Verlegenheit zu beſeitigen, richtete der Geiſtliche einige Fragen an den Bräutigam, von welchen übrigens eine durchaus nicht zu ſei⸗ ner Zufriedenheit beantwortet wurde. Wellmere ſah ſich nämlich geſe noni fung wur erwi Wei Eige dem ſtesk ſeine ſo l. Frei heit arzt er it verh wele wen Brä Zeit ſah ihm das Ver des ſetzt völl raut in in wel⸗ ht wer⸗ nannig⸗ zimmer. hm mit ſich der eſinnen, Bis⸗ tzt aber m lieb⸗ erlichkeit n ihren geſchla⸗ Peyton ſie auf t uns,“ Nichte chweſter er nicht ücklicher zu be⸗ gab ſich erſamm⸗ ranlaßte agen an zu ſei⸗ nämlich zu dem Geſtändniſſe genöthigt, daß er ſich mit keinem Ring vor⸗ geſehen habe: ein Umſtand, welchen der heilige Mann für ein ka⸗ noniſches Hinderniß der Einſegnung der Ehe erklärte. Die Beru⸗ fung auf Herrn Wharton hinſichtlich der Richtigkeit dieſer Entſcheidung wurde bejahend beantwortet,, wie denn auch wohl das Gegentheil erwiedert worden wäre, wenn der Geiſtliche die Frage in einer Weiſe geſtellt hätte, um auf ein anderes Reſultat zu führen. Der Eigenthümer der Locuſten hatte durch den Schlag, welcher ihn in dem kürzlichen Unfalle ſeines Sohnes betroffen, die wenige Gei⸗ ſteskraft, welche er im Allgemeinen beſaß, völlig verloren, und ſeine Zuſtimmung zu dem Einwurfe des Caplans wurde daher eben ſo leicht erlangt, als ſeine Einwilligung zu Wellmere's übereilter Freierei. Während die Geſellſchaft ſich ſo in peinlicher Verlegen⸗ heit befand, traten Miß Peyton und Franciska ein. Der Wund⸗ arzt der Dragoner näherte ſich der erſteren und bemerkte, indem er ihr einen Stuhl bot: „Es ſcheint, Madame, daß ungünſtige Umſtände den Obriſten verhindert haben, ſich mit denjenigen Decorationen zu verſehen, welche das Herkommen und die Kirche als unerläßlich vorſchreibt, wenn man in den Stand der heiligen Ehe treten will.“ Miß Peyton warf einen ruhigen Blick auf den betroffenen Bräutigam, und da es ihr vorkam, als ob er ſich, ſo gut als es Zeit und Gelegenheit erlaubte, hinreichend herausgeputzt hätte, ſo ſah ſie wieder fragend auf den Sprecher zurück. Der Wundarzt verſtand ihren fragenden Blick und beeilte ſich, ihm zu willfahren. „Man iſt,“ bemerkte er,„im Allgemeinen der Meinung, daß das Herz auf der linken Seite des Körpers liege, und daß die Verbindung der Glieder dieſer Seite mit dem, was man den Sitz des Lebens nennen kann, weit inniger iſt, als die der entgegenge⸗ ſetzten Organe. Dieß iſt jedoch ein Irrthum, der nur aus einer völligen Unbekanntſchaft mit dem organiſchen Bau des ganzen animaliſchen Gewebes entſpringen konnte. Dieſer unrichtigen Mei⸗ nung zufolge hält man dafür, daß der vierte Finger der linken Hand eine Eigenſchaft in ſich berge, welche keinem anderen Aus⸗ läufer der Handwurzel zukomme, weßhalb er denn auch der Ord⸗ nnng gemäß während des Trauungsaktes mit einem Ring umgeben wird, als ob man damit die Liebe an die Ehe feſſeln wolle, die doch am beſten durch die Anmuth des weiblichen Charakters ge⸗ ſichert wird.“ Bei dieſen Worten legte der Doktor ſeine Hand ausdrucksvoll an's Herz und verbeugte ſich, als er ſchloß, faſt bis zur Erde. „Ich weiß nicht, Sir, ob ich Sie recht verſtehe,“ verſetzte Miß Peyton, deren ſchlechte Faſſungsgabe der Leſer durch den Bom⸗ baſt des Operateurs hinreichend entſchuldigt erachten wird. „Ein Ring, Madame— ein Ring fehlt für die Copulations⸗ ceremonie.“ Die Dame begriff, ſo bald ſich der Chirurg deutlich ausge⸗ ſprochen hatte, im Augenblick die unangenehme Lage des Brautpaars. Sie warf einen Blick auf ihre Nichten, und bemerkte mit einigem Mißvergnügen in den Zügen der jüngern eine geheime Schaden⸗ freude, während Sara von einer Schamröthe übergoſſen war, welche die achtſame Tante wohl zu deuten wußte. Sie hätte ſich jedoch um alles in der Welt keinen Verſtoß gegen die Geſetze der weiblichen Etiquette erlaubt. Die Damen alle erinnerten ſich im erſten Augenblick, daß der Trauring der ſeligen Mutter und Schweſter unter ihrem übrigen Schmucke friedlich in einem verborgenen Ge⸗ wölbe lag, welches man in frühern Tagen hatte anfertigen laſſen, um ſolche Koſtbarkeiten den Klauen raubluſtiger Freibeuter zu entziehen, welche die Gegend unſicher machten. Nach dieſem geheimen Auf⸗ bewahrungsorte hatte man das Silbergeſchirr und ſonſtige werth⸗ volle Gegenſtände geflüchtet, und dort lag auch der bis zu dieſem Augenblick vergeſſene Ring in nächtlicher Ruhe. Es war jedoch ſeit undenklichen Zeiten Sache des Bräutigams, dieſes zur Trauung unum um k Vorr getret dieſer Verle der d Tante aus war, dem unter Schy wiede ſchaff dem! in de Fing falle und Bau Verl Pflic daß als mit ſpre Tan den dem Nei⸗ aken lus⸗ rd⸗ eben die ge⸗ voll ſette Zom⸗ lons⸗ isge⸗ aars. igem aden⸗ war, e ſich e der erſten veſter Ge⸗ aſſen, iehen, Auf⸗ verth⸗ dieſem jedoch auung unumgängliche Erforderniß herbeizuſchaffen und Miß Peyton hätte um keinen Preis einen Schritt gethan, durch welchen dem üblichen Vorrecht ihres Geſchlechts bei dieſer feierlichen Gelegenheit zu nahe getreten worden wäre— wenigſtens in keinem Falle, ohne daß dieſer Verletzung des Anſtandes durch eine gehörige Doſis von Verlegenheit und Unluſt die gebührende Sühne zu Theil wurde. Keines der Frauenzimmer machte daher von dieſem Umſtand Gebrauch, die Tante aus Rückſichten des weiblichen Schicklichkeitsgefühls, die Braut aus Scham, und Franciska, weil ihr jede Verlegenheit willkommen war, welche das Gelübde ihrer Schweſter verzögerte. Es blieb dem Doktor Sitgreaves vorbehalten, das peinliche Schweigen zu unterbrechen. „Wenn, Madame, ein einfacher Ring, welcher einmal meiner Schweſter gehörte—“ er hielt an und fuhr nach einigen Räuſpern wieder fort—„wenn, Madame, ein Ring von der genannten Be⸗ ſchaffenheit zu dieſer Ehre zugelaſſen werden kann, ſo bin ich in dem Beſitze eines ſolchen: auch läßt er ſich leicht aus meinem Quartier in den Kreuzwegen herbeiſchaffen, und ich zweifle nicht, daß er dem Finger, für welchen er nöthig iſt, paſſen wird. Es iſt eine auf⸗ fallende Aehnlichkeit zwiſchen— hm— meiner ſeligen Schweſter und Miß Wharton, ſowohl in der Größe als in dem anatomiſchen Bau, und bei allen edleren Geſchöpfen laſſen ſich ſtets dieſelben Verhältniſſe durch die ganze animaliſche Oekonomie bemerken.“ Ein Blick von Miß Peyton erinnerte Obriſt Wellmere an ſeine Pflicht; er ſprang vom Stuhle auf und verſicherte dem Wundarzt, daß er ihm durch nichts eine größere Verbindlichkeit auflegen würde, als wenn er dieſen Ring holen ließe. Der Wundarzt verbeugte ſich mit einer Miene von Wichtigkeit und entfernte ſich, um ſein Ver⸗ ſprechen durch Abſendung eines Boten in Vollzug zu ſetzen. Die Tante ließ ihn gehen; da es ihr aber nicht behagte, einen Frem⸗ den in ihr Hausregiment eingreifen zu ſehen, ſo folgte ſie ihm auf dem Fuße und traf die Vorkehrung, daß ſtatt des Bedienten des Doktors, welcher ſich freiwillig zu dieſem Dienſte angeboten hatte, Cäſar mit der Botſchaft beauftragt wurde. Demzufolge erhielt Katy Haynes die Weiſung, den Schwarzen in das leere Wohnzim⸗ mer zu holen, wohin ſich Miß Peyton mit dem Wundarzte begab, um die nöthigen Befehle zu ertheilen. Die Einwilligung zu dieſer ſchnellen Vereinigung von Sara und Wellmere, zumal in einer Zeit, wo das Leben eines Familien⸗ angehörigen in ſo großer Gefahr ſtand, floß aus der Vermuthung, daß der ungeordnete Zuſtand des Landes ein ſpäteres Zuſammen⸗ treffen der Liebenden unmöglich machen könnte, und von Herrn Wharton's Seite auch aus der geheimen Furcht, daß der Tod ſei⸗ nes Sohnes ſeinem eigenen Leben ein frühes Ziel ſtecken könnte und er dann ſeine übrigen Kinder ohne Beſchützer zurücklaſſen müßte. Miß Peyton hatte zwar zu dem Wunſche ihres Schwagers, die zufällige Anweſenheit des Geiſtlichen zu benützen, ihre Zuſtim⸗ mung gegeben; ſie hielt es aber nicht für nöthig, die beabſichtigte Hochzeit ihrer Nichte, ſelbſt wenn es die Zeit erlaubt hätte, in der Nachbarſchaft auspoſaunen zu laſſen, und glaubte daher, daß ſie dem Neger und ihrer Haushälterin ein tiefes Geheimniß mittheile. „Cäſar,“ begann ſie mit einem Lächeln,„Du ſollſt nun er⸗ fahren, daß Deine junge Gebieterin, Miß Sara, dieſen Abend mit dem Obriſten Wellmere vermählt werden wird.“ „Ich denken, ich es ſehen voraus,“ ſagte Cäſar kichernd;„alt ſchwarz Mann kann ſagen, wenn eine junge Lady ſeyn verliebt.“ „Wirklich, Cäſar? Ich hätte nicht geglaubt, daß Du nur halb ſo viel Beobachtungsgabe beſäßeſt. Da Du aber bereits weißt, für welchen Anlaß man Deiner Dienſte bedarf, ſo gib auf den Auftrag dieſes Herrn Acht und ſieh zu, daß Du ihn aufs Pünktlichſte ausrichteſt.“ Der Schwarze wandte ſich mit ruhiger Unterwürfigkeit gegen den Wundarzt, welcher folgendermaßen anfing: „Cäſar, Deine Gebieterin hat Dich bereits mit dem wichtigen wurd „ſte⸗ hatte, rhielt zim⸗ egab, Sara ilien⸗ hung, imen⸗ Herrn d ſei⸗ könnte klaſſen agers, uſtim⸗ chtigte in der aß ſie theile. un er⸗ nd mit ; alt jebt.“ u nur bereits ib auf auf's gegen chtigen 317 Ereigniſſe bekannt gemacht, welches in dieſem Hauſe gefeiert wer⸗ den ſoll: aber es fehlt an einem Ringe für den Finger der Braut, ein Erforderniß, welches auf uraltem Herkommen beruht und von mehreren Zweigen der chriſtlichen Kirche bei ihren Trauungsfoͤrm⸗ lichkeiten beibehalten wurde, wie denn auch bei der Inſtallation der Prälaten der Ring als ein Sinnbild der Vermählung mit der Kirche dient, was Dir hoffentlich klar ſeyn wird.“ „Vielleicht, wenn Maſſa Doktor es noch einmal ſagen,“ unter⸗ brach ihn der alte Neger, deſſen Gedächtniß gerade da am meiſten ſich zu verwirren anfing, als der Andere ſeine Berufung auf Cäſar's Faſſungsgabe vorbrachte;„ich denken, es dießmal merken zu können.“ „Es iſt unmöglich, Honig von den Steinen zu ſammeln Cäſar, und ich will mich daher in dem Wenigen, was ich Dir zu ſagen habe, kurz faſſen. Reite nach den Kreuzwegen und gib dieſes Schreiben dem Sergeanten Holliſter oder der Frau Eliſabeth Fla⸗ nagan, worauf man Dir das zur Trauung Nöthige einhändigen wird; dann kehre ſpornſtreichs wieder hieher zurück.“ Der Brirf des Wundarzts, welcher dem Boten übergeben wurde, war in folgenden Worten abgefaßt: „Wenn das Fieber den Kinder verlaſſen hat, ſo gebt ihm zu eſſen. Laßt dem Watſon noch drei Unzen Blut heraus. Seht nach, ob das Weib Flanagan keinen ihrer Brannt⸗ weinkrüge im Spitale hat ſtehen laſſen. Legt dem Johnſon einen friſchen Verband an und entlaßt den Smith zum Dienſt. Schickt mir durch den Ueberbringer dieſes den Ring, der an der Kette der Uhr hängt, welche ich Euch als Zeitmeſſer für die richtige Abreichung der Arzneien dort gelaſſen habe. Archibald Sitgreaves, M. D. Wundarzt bei den Dragonern.“ „Cäſar,“ ſagte Katy, als ſie mit dem Schwarzen allein war, „ſteckt den Ring, welchen Ihr erhaltet, in Eure linke Taſche, denn ſie iſt dem Herzen am nächſten. In keinem Fall verſucht es, ihn an Eure Finger zu ſtecken— das brächte Unglück.“ „An den Finger ſtecken?“ fiel der Neger ein und ſtreckte die knochigen Handgelenke aus,„glaubt Ihr, Miß Sally's Ring gehen an alt Cäſar's Finger?“ „Es iſt gleichgültig, ob er geht oder nicht geht,“ ſagte die Haushälterin,„aber es hat was Schlimmes zu bedeuten, wenn der Trauring nach der Hochzeit an den Finger eines Andern ge⸗ ſteckt wird, und es iſt gewiß eben ſo gefährlich, wenn man es vorher thut.“ „Ich ſagen Euch, Katy, ich nicht daran denken, ihn zu thun an mein Finger.“ „So macht, daß Ihr fortkommt, Cäſär, und vergeßt die linke Taſche nicht. Wenn Ihr an dem Kirchhof vorbei kommt, ſo nehmt den Hut ab, und kommt überhaupt bald wieder zurück, denn gewiß gibt es nichts Geduldprüfenderes, als mit der Copulation hingehalten zu werden, wenn eine Perſon einmal darauf verſeſſen iſt, zu heirathen.“ Nach dieſer Ermahnung verließ Cäſar das Haus und ſaß bald feſt im Sattel. Er war von Jugend auf, wie alle ſeiner Race, ein eifriger Freund des Reitens, aber unter der Laſt von ſechzig Wintern hatte ſein afrikaniſches Blut einigermaßen von der angebore⸗ nen Wärme verloren. Die Nacht war finſter und der Wind ſauste winterlich ſchneidend durch das Thal. Als Cäſar bei dem Kirchhof anlangte, entblößte er mit abergläubiſcher Scheu das graue Haupt und warf manchen ängſtlichen Blick um ſich, jeden Augenblick be⸗ fürchtend, daß ihm ein übernatürliches Weſen in den Weg trete⸗ Es war noch hell genug, um jetzt ein Geſchöpf von mehr irdiſchem Stoffe ſich von den Gräbern wegſchleichen zu ſehen, welches ſich augenſcheinlich gegen die Straße zu bewegte. Philoſophie und Vernunft ſtreiten vergeblich mit früheren Eindrücken und der arme Cäſar entbehrte ſelbſt dieſer gebrechlichen Verbündeten. Aber er ſaß f ſich ſchief der 6 begar beſint ten ihm Nege ſey, gen! ſtieg ſich Bett Trun den etwa war dem, nach jetzt der gen von bere hagl ſicht nun ihn e die gehen e die wenn n ge⸗ an es thun ßt die mt, ſo , denn llation erſeſſen ß bald Race, ſechzig gebore⸗ ſauste dirchhof Haupt lick be⸗ g trete⸗ diſchem hes ſich hie und er arme Aber er — 319 ſaß feſt auf einem von Herrn Wharton's Kutſchenpferden, klammerte ſich inſtinktartig an den Hals des Thieres und ließ den Zügel ſchießen. Hügel, Wälder, Felſen, Zäune und Häuſer flogen mit der Schnelligkeit des Blitzes an ihm vorüber, und der Schwarze begann eben, ſich auf das Ziel und den Zweck ſeines Rennens zu beſinnen, als er auf dem Platze anlangte, wo die Wege ſich ſchnit⸗ ten und das Hotel Flanagan in ſeiner baufälligen Armſeligkeit vor ihm ſtand. Der Anblick eines luſtig brennenden Feuers ſagte dem Neger zuerſt, daß er bei einer menſchlichen Wohnung angelangt ſey, zugleich aber ſtieg ihm auch die ganze Furcht vor den bluti⸗ gen Virginiern auf. Seine Pflicht mußte jedoch erfüllt werden: er ſtieg daher ab, band das ſchäumende Roß an einen Zaun, und näherte ſich mit leiſen Tritten dem Fenſter, um Kundſchaft einzuziehen. Vor einem lodernden Feuer ſaßen hier Sergeant Holliſter und Betty Flanagan, und erquickten ſich beiderſeitig an einem guten Trunke. „Ich ſage Euch, lieber Wachtmeiſter,“ ſagte Betty, indem ſie den Krug abſetzte,„'s iſt ganz unvernünftig, zu denken, daß es etwas anderes als der Hauſirer war, gewiß und wahrhaftig; wo war denn der Schwefelgeſtank, die Flügel und der Pferdefuß? Außer⸗ dem, Sergeant, iſt es nicht reputirlich, einer ehrſamen Wittwe nachzuſagen, ſte hätte Beelzebub zum Schlafkameraden gehabt.“ „Das iſt gleichgültig, Frau Flanagan, wenn Ihr Euch nur jetzt ſeinen Faͤngen und Krallen zu entreißen ſucht,“ erwiederte der Veteran und bekräftigte dieſe Bemerkung mit einem tüchti⸗ gen Zuge. Cäſar hatte genug gehört, um ſich zu überzeugen, daß ihm von dieſem Paare aus wenig Gefahr drohe. Da ſeine Zähne bereits vor Kälte zu klappern begannen, ſo erſchien ihm die Be⸗ haglichkeit in der Stube gar zu einladend, und er näherte ſich vor⸗ ſichtig der Thüre, an welcher er demüthig anklopfte. Die Erſchei⸗ nung Holliſter's mit gezogenem Säbel und die rauhe Frage, wer 320 außen ſey, trugen keineswegs dazu bei, die verwirrten Sinne des armen Schwarzen wieder in Ordnung zu bringen, aber die Furcht ſelbſt lieh ihm die Kraft, ſeine Botſchaft auszurichten. „Tritt näher,“ ſagte der Sergeant mit einem prüfenden Blick auf den Neger, als dieſer durch den Glanz des Feuers beleuchtet wurde,„tritt näher und gib Deine Depeſche ab. Haſt Du die Parole?“ „Ich nicht denken, zu wiſſen was das ſey,“ ſagte der Schwarze am ganzen Leibe zitternd,„obgleich Maſſa, der mich ſenden, mir gab viel Dinge zu ſagen, die ich nicht verſtehen.“ „Wer ſagſt Du, hätte Dir dieſen Auftrag gegeben?“ „Nu, es ſeyn geweſen der Doktor; er mir ſagen, zu reiten Galopp, wie man immer thun, wenn Doktor ſchicken.“ „So, Doktor Sitgreaves alſo; der kennt die Parole ſelbſt nie. Nun, wenn es Kapitän Lawton geweſen wäre, Schwarzer, ſo würde er Dich nicht in die Nähe einer Schildwache geſchickt haben, ohnes Dir die Parole zu geben. Es gehörte Dir eigentlich eine Piſtolenkugel durch den Schädel, aber das wäre grauſam, denn obgleich Du ein Schwarzer biſt, ſo bin doch ich keiner von denen, welche glauben, die Neger hätten keine Seelen.“ „Sicher hat ein Neger ſo gut eine Seele, als ein Weißer,“ ſagte Betty;„komm her, alter Mann, und wärme Dein klappern⸗ des Gerippe an dieſem Feuer. Ich wette, ein Guinea⸗Neger hat die Wärme eben ſo gern, als ein Soldat ſeinen Branntwein.“ Cäſar gehorchte ſchweigend, und ein auf der Bank liegender Mulattenknabe wurde aufgeboten, das Schreiben des Wundarztes nach dem Quartier der Verwundeten zu tragen. „Da,“ ſagte die Waſchfrau, indem ſie Cäſarn ein Pröbchen von dem Stoffe, der ihrem Gaumen am meiſten zuſagte, einhän⸗ digte; laß Dir's belieben, armer Schlucker; es wird Deine ſchwarze Seele in ihrem miſerabeln Körper aufthauen und Dir neue Le⸗ bensgeiſter für den Heimweg geben.“ die S hörte keinen zu glo ſere e Muth Waſch dazu. „ meiſte Einen zu rie mann Junge riemer klinge und d 1 das T eine ſe und fo Verw nach einen rechts des F erkann Thüre Der ie des Furcht Blick uchtet u die warze , mir reiten ſelbſt arzer, ſchickt entlich uſam, r von ißer,“ pern⸗ er hat gender arztes bchen nhän⸗ warze e Le⸗ „Ich ſage Euch, Eliſabeth,“ ſagte der Wachtmeiſter,„daß die Seelen der Neger gerade ſo ſind, wie die unſrigen. Wie oft hörte ich den guten Herrn Whitfield ſagen, daß es im Himmel keinen Unterſchied der Farben gebe. Wir haben daher allen Grund, zu glauben, daß die Seele dieſes Schwarzen ſo weiß ſey, als un⸗ ſere eigene, oder ſogar die des Major Dunwoodie.“ „Gewiß es ſo ſeyn,“ rief Cäſar ein wenig mürriſch, als ſein Muth durch Frau Flanagan's Getränk ſich wieder belebte. „Eine gute Seele iſt er jedenfalls, der Major,“ verſetzte die Waſchfrau,„eine freundliche Seele— ja, und eine tapfere Seele dazu. Ich denke, Ihr werdet auch dieſer Meinung ſeyn, Wacht⸗ „ meiſter?“ „Was das anbelangt,“ verſetzte der Veteran,„ſo gibt es Einen, der ſogar über Waſhington ſteht, wenn es gilt, die Seelen zu richten. Aber das muß ich ſagen, Dunwoodie iſt ein Chren⸗ mann, der nie ſagt: ‚„geht, Burſche', ſondern immer: ‚kommt, Jungen; und wenn einem armen Burſchen ein Sporn, ein Sprung⸗ riemen oder ſonſt etwas am Lederwerk fehlt, ſo läßt er es nicht an klingender Münze gebrechen, den Schaden wieder gut zu machen— und dieß noch obendrein aus ſeinem eigenen Beutel.“ „Warum bleibt Ihr denn müßig hier, wenn das, was ihm das Theuerſte iſt, von Gefahr bedroht wird?“ ließ ſich auf einmal eine ſchreckhaft abgebrochene Stimme vernehmen.„Zu Pferd, zu Pferd! und folgt Euerm Kapitän— und das ſchnell, oder Ihr kommt zu ſpät.“ Dieſe unverhoffte Unterbrechung brachte eine augenblickliche Verwirrung unter den Zechern hervor. Cäſar ſloh inſtinktartig nach dem Heerde, wobei er ſich einer Hitze ausſetzen mußte, die einen Weißen gebraten haben würde. Sergeant Holliſter machte rechtsum und ergriff den Säbel, deſſen Klinge im Nu vom Lichte des Feuers erblinkte; als er aber in dem Eindringling den Hauſirer erkannte, der in der offenen, zu einem Hintergebäude führenden Thüre ſtand, ſo prallte er nach der Richtung des Schwarzen zurück, Der Spion. 3. Aufl. 21 da die militäriſche Taktik ihn wohl die Vortheile einer Kräftecon⸗ centration kennen gelehrt hatte. Betty allein hielt bei ihrem Tiſche Stand. Sie füllte den Krug auf's Neue mit dem Stoffe, der bei den Soldaten unter dem Namen Choke dog(Hundewürger) be⸗ kannt war, und hielt ihn dem Hauſirer entgegen. Zugleich richtete ſie die ſchon ſeit einiger Zeit vor Liebe und Branntwein ſchwim⸗ menden Augen auf den Krämer und rief ihm gutmüthig zu: „Meiner Treu, Ihr ſeyd willkommen, Herr Hauſirer, oder Herr Birch, oder Herr Beelzebub, oder wie Ihr ſonſt heißen mögt. Jedenfalls ſeyd Ihr ein ehrlicher Teufel und ich hoffe, daß Euch meine Röcke gute Dienſte geleiſtet haben. Kommt her, Beſter, und ſchürt mir das Feuer; Sergeant Holliſter wird Euch nichts zu- leide thun, denn er fürchtet, Ihr könntet's ihm ſpäter eintränken — iſt's nicht ſo, mein liebes Wachtmeiſterchen?“ „Weiche von mir, Satan!“ ſchrie der Veteran und drückte ſich noch näher an Cäſar, wobei er abwechſelnd bald das eine und bald das andere Bein in die Höhe hob, je nachdem gerade eines beſonders von der Hitze geſengt wurde.„Fahre ab im Frieden! Hier iſt Niemand, der Dir dienen will, und Deine Bemühungen um das Weib ſind vergeblich, denn die zärtliche Hand der Gnade wird ſie gegen Deine Krallen ſchützen.“ Die Stimme des Ser⸗ geanten verſagte, aber ſeine Lippen fuhren fort, ſich zu bewegen, und ließen nur hin und wieder die abgebrochenen Worte einer Ge⸗ betformel vernehmen. Das Gehirn der Waſchfrau war in einem ſo wirren Zuſtande, daß ſie nicht ganz begreifen konnte, was ihr Verehrer meinte. Plötzlich aber fuhr ihr ein neuer Gedanke durch den Kopf, welcher ſie in Worte ausbrechen ließ⸗ „Geht es irgend Jemanden etwas an, wenn mich der Mann ſucht, he? Bin ich nicht eine ehrſame Wittwe und mein eigener Herr? Und Ihr wollt von Zaͤrtlichkeit ſprechen, Sergeant, und doch kann ich allerwege nichts davon ſehen! Ihr ſollt wiſſen, daß Herr 2 und ge Mann, Ihr w anders Schma entſchn keit, n hatte. A er aus hervor wirrun er reit ich nic einem daß di ein ſel doch e Mann chen ſagte, Kapit nur er 1 groß ftecon⸗ Tiſche der bei ger) be⸗ richtete ſchwim⸗ t: c, oder n mögt. ß Euch Beſter, nichts zu ntränken d drückte eine und ade eines Frieden! nühungen er Gnade des Ser⸗ bewegen, einer Ge⸗ Zuſtande, r meinte. f, welcher der Mann ein eigener eant, und viſſen, daß Herr Beelzebub hier unumwunden ſein Begehren ausſprechen darf, und gewiß und wahrhaftig, ich will ihn anhören.“ „Weib,“ ſagte der Hauſirer,„ſchweig, und Ihr, thoͤrichter Mann, beſteigt Euer Pferd, waffnet Euch, ſitzt auf und jagt, was Ihr wißt und könnt, Eurem Kapitän zu Hülfe, wenn Ihr Euch anders der Sache, welcher Ihr dient, würdig machen und nicht Schmach auf den Rock häufen wollt, den Ihr tragt.“ Der Krämer entſchwand den Augen des betroffenen Kleeblatts mit einer Schnellig⸗ keit, welche ungewiß ließ, nach welcher Richtung er ſich geflüchtet hatte. Als Cäſar die Stimme eines alten Bekannten hörte, tauchte er aus ſeinem Winkel auf und kam furchtlos bis zu der Stelle hervor, wo Betty zwar in einem Zuſtande gänzlicher Geiſtesver⸗ wirrung, aber dennoch ritterlich das Feld behauptet hatte. „Ich wünſchen, Harvey anhalten,“ ſagte der Schwarze;„wenn er reiten den Weg hinab, ſo ich gern haben ſeine Geſellſchaft;— ich nicht denken, Johnny Birch etwas thun ſeinem eigenen Sohn.“ „Armer, einfältiger Wicht!“ rief der Veteran, als er nach einem tiefen Athemzuge ſeine Sprache wieder fand;„glaubſt Du, daß dieſe Erſcheinung Fleiſch und Blut hatte?“ „Harvey iſt nicht viel Fleiſch,“ verſetzte der Schwarze,„aber ein ſehr hübſcher Mann.“ „Pah, liebes Wachtmeiſterchen,“ ſchrie die Wäſcherin,„ſprecht doch einmal vernünftig und erinnert Euch an das, was Euch der Mann geſagt hat. Ruft Eure Burſchen heraus und ſeht ein bis⸗ chen nach Kapitän Jack. Bedenkt, Schatz, daß er Euch heute ſagte, Ihr ſolltet auf den erſten Wink zum Aufſiitzen bereit ſeyn.“ „Ja, aber nicht, wenn mich der Arge dazu auffordert. Laßt Kapitän Lawton, den Lieutenant Maſon oder den Cornet Skipwit nur ein Wort ſagen, und Niemand iſt ſchneller im Sattel, als ich.“ „Ha, ha, Wachtmeiſter, wie oft habt Ihr nicht gegen mich groß gethan, daß ſich das Corps vor keinem Teufel fürchte.“ 324 „Das hat vollkommen ſeine Richtigkeit, ſobald wir am hellen Tage in Reihe und Glied ſtehen. Aber es iſt eben ſo gottlos als tollkühn, den Satan zu verſuchen, und noch obendrein in einer Nacht, wie dieſe. Hört Ihr den Wind durch die Bäume ſauſen? und horch, ich vernehme das Geheul der böſen Geiſter mitten durch!“ „Ich ihn ſehen,“ ſagte Cäſar, und ſeine Augen glotzten über⸗ natürlich aus ihren Höhlen hervor. „Wo,“ fiel der Sergeant ein, indem er die Hand unwillkühr⸗ lich wieder an den Griff ſeines Säbels legte. „Nein— nein,“ ſagte der Schwarze,„ich ſehen, Johnny Birch kommen aus ſein Grab— Johnny umgehen, ehe er begraben.“ „Ach, dann muß er in der That ein ſchlimmes Leben geführt haben,“ ſagte Holliſter.„Der ſelige Geiſt darf ruhen bis zur all⸗ gemeinen Heerſchau, aber Gottloſigkeit läßt die Seele weder in dieſem, noch in dem kommenden Leben raſten.“ 4 „Aber was ſoll aus Kapitän Jack werden?“ rief Betty un⸗ muthig.„Iſt es Eure Ordre, daß Ihr Alles vergeſſen und auf keine Warnung hören ſollt? Ich hätte eine gute Luſt, meinen Karren einzuſpannen und hinunterzufahren, um dem Kapitän zu erzählen, daß Ihr Euch vor Beelzebub und vor einem todten Manne fürchtet und daß er von Euch keinen Beiſtand zu erwarten habe. Es ſoll mich dann Wunder nehmen, wer morgen die Or⸗ donnanz des Zuges ſeyn wird. Holliſter heißt ſie dann in keinem Falle.“ „Nein, Betty, nein,“ ſagte der Sergeant, indem er der Marketenderin vertraulich die Hand auf die Schulter legte,„wenn einmal in dieſer Nacht Pferde gebraucht werden müſſen, ſo kann es durch den geſchehen, der die Mannſchaft unter ſich hat und ihr mit gutem Beiſpiel vorangehen ſoll. Der Herr ſey uns gnädig und ſende uns Feinde mit Fleiſch und Blut.“ Ein weiteres Glas beſtärkte den Veteranen in ſeinem Entſchluſſe, der nur gebrac unter kam m der W ſtieg, Zuſtan Thüre ſcheuch 8 Statte Befüre eigener C nach de unglau Währe verſam Herren möglic wenigf Bräuti und di wärtig hellen los als in einer ſauſen? durch!“ n über⸗ illkühr⸗ Johnny ehe er geführt zur all⸗ deder in tty un⸗ und auf meinen itän zu todten rwarten die Or⸗ keinem er der „wenn kann es ihr mit dig und tſchluſſe, 325 der nur durch die Furcht vor dem Mißfallen ſeines Rittmeiſters hervor⸗ gebracht wurde, und er ſchickte ſich alsbald an, die zwölf Mann, welche unter ſeinem Commando geblieben waren, aufzubieten. Der Knabe kam mit dem Ring zurück und Cäſar verwahrte ihn ſorgfältig in der Weſtentaſche zunächſt ſeinem Herzen, worauf er ſein Pferd be⸗ ſtieg, die Augen ſchloß, ſich an der Mähne feſthielt und in einem Zuſtand völliger Unempfindlichkeit fortritt, bis das Thier an der Thüre des warmen Stalles hielt, aus dem es noch ſo ſpät aufge⸗ ſcheucht worden war. Die Bewegungen der Dragoner gingen weniger ſchnell von Statten, denn ſie wurden mit ſo vieler Vorſicht abgemeſſen, als die Befürchtung eines Ueberfalls von Seiten des böſen Feindes in eigener Perſon zu rechtfertigen ſchien. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Nicht ſey die Zunge eigner Schmach Verkünder; Mit ſüßer Rede wirb und brich die Treue; Des Laſters Anſtrich gleich' der Tugend Boten. Komödie der Irrungen. Cäſar's Renner hatte die vier Meilen von den Locuſten bis nach den Kreuzwegen, trotz der mitgetheilten Zwiſchenvorfälle, in der unglaublich kurzen Zeit von einer Stunde hin und her zurückgelegt. Während dieſer Zeit befand ſich die in Herrn Wharton's Hauſe verſammelte Geſellſchaft nicht in der angenehmſten Lage. Die Herren bemühten ſich, die verdrießlichen Augenblicke ſo viel als möglich zu verkürzen, aber eine erkünſtelte Heiterkeit iſt wohl am wenigſten geeignet, die Herzen aufthauen zu machen. Braut und Bräutigam haben ſeit undenklichen Zeiten das Recht, ernſt zu ſeyn, und die meiſten der anweſenden Freunde ſchienen bei dem gegen⸗ wärtigen Anlaſſe ihrem Beiſpiele folgen zu wollen. Der Obriſt legte das Gefühl ſeines Glückes auf eine eigenthümliche Weiſe an den Tag, indem ſein Geſicht alle Grade der Unbehaglichkeit aus⸗ drückte, während Sara an ſeiner Seite ſaß und die Zögerung zu benützen ſchien, um für die feierliche Ceremonie die nöthige Faſſung zu gewinnen. Dieſes verlegene Schweigen wurde durch den Doktor Sitgreaves unterbrochen, indem er ſich an Miß Peyton wendete, an deren Seite er ſich einen Sitz zu verſchaffen gewußt hatte. „Die Ehe, Madame, gilt vor den Augen Gottes und der Menſchen als ein ehrenwerther Stand und iſt in unſerm Zeitalter ſo zu ſagen ganz auf die Geſetze der Natur und der Vernunft zurückgeführt worden. Die Alten haben bei Sanctionirung der Polygamie die Zwecke der Natur ganz aus dem Geſicht verloren und Tauſende einem armſeligen Zuſtande preisgegeben. Aber mit den Fortſchritten der Wiſſenſchaften lernte man die Weisheit und die Wichtigkeit des Naturgeſetzes erkennen, daß der Mann nur Ein Weib haben ſolle.“ Wellmere warf einen finſtern verdrießlichen Blick auf den Wundarzt, um demſelben ſeinen Widerwillen gegen die Fadheit ſolcher Bemerkungen zu erkennen zu geben, indeß Miß Peyton nach einigem Zögern, als fürchte ſie, einen gefährlichen Boden zu be⸗ treten, erwiederte: „Ich habe bisher geglaubt, Sir, wir hätten dieſe Einrichtung der chriſtlichen Religion zu verdanken.“ „Ganz richtig, Madame, es iſt irgendwo in den Vorſchriften der Apoſtel vorgeſehen, daß die beiden Geſchlechter in dieſer Hin⸗ ſicht fortan gleiche Rechte haben ſollten; denn wie könnte die Po⸗ wygamie mit der Heiligkeit des Wandels beſtehen? Wahrſcheinlich wurde dieſe weiſe Anordnung von Paulus getroffen, der ein großer Gelehrter war, wobei er vielleicht häufig über dieſen wichtigen Gegenſtand mit Lucas conferirte, der ſich bekanntlich zum praktiſchen Arzte herangebildet hatte.“ Es läßt ſich nicht abſehen, wie weit dieſes Thema Sitgreave's thätige brocher aufme ſtand in En 6 Lipper einer 7 Verbr ſelten Uebel Man bring Leben weihe ſeiner des V verſü des 1 dafft Anla iſt ei bilite es d bung Veiſe an eit aus⸗ rung zu Faſſung Doktor wendete, atte. und der Zeitalter Vernunft ung der verloren Aber mit hheit und nur Ein auf den Fadheit yton nach en zu be⸗ inrichtung orſchriften ieſer Hin⸗ e die Po⸗ rſcheinlich ein großer wichtigen praktiſchen Sitgreave's thätige Phantaſte noch geführt haben würde, wenn er nicht unter⸗ brochen worden wäre. Lawton, der bisher ein ſchweigender, aber aufmerkſamer Beobachter geweſen war, benützte nämlich den Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung plötzlich zu der Frage: „Sagen Sie mir doch, Obriſt Wellmere, wie wird die Bigamie in England beſtraft?“ Der Bräutigam fuhr zuſammen und erbleichte bis zu den Lippen. Er faßte ſich jedoch ſchnell wieder und antwortete mit einer Leichtigkeit, wie ſie einem ſo glücklichen Manne ziemte: „Mit dem Tode,— der gerechten Vergeltung eines ſolchen Verbrechens.“ „Mit Tod und Sektion,“ fuhr der Wundarzt fort.„Es iſt ſelten, daß das Geſetz einen möglichen Nutzen, der ſich von einem Uebelthäter noch erzielen läßt, überſieht. Bigamie iſt, zumal beim Manne, ein abſcheuliches Verbrechen.“ „Mehr noch, als die Eheloſigkeit?“ fragte Lawton. „Gewiß,“ verſetzte der Wundarzt, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen:„wer im ledigen Stande verbleibt, kann ſein Leben der Wiſſenſchaft und der Erweiterung ſeiner Kenntniſſe weihen, und es iſt nicht nöthig, daß er etwas zur Propagation ſeiner Species beitrage: aber der Elende, der die natürliche Anlage des Weibes zur Leichtgläubigkeit und zu zarter Hingebung mißbraucht, verſündigt ſich auf die nichtswürdigſte Weiſe, beſonders auch wegen des niedrigen Betrugs, den er dabei anwendet.“ „In der That, Sir, die Damen müſſen Ihnen außerordentlich daffin verbunden ſeyn, daß ſie die Thorheit zu ihren natürlichen Anlagen zählen.“ „Kapitän Lawton, der animaliſche Organismus des Mannes iſt edler, als der des Weibes. Seine Nerven haben weniger Senfi⸗ bilität, der ganze Bau iſt weniger geſchmeidig und nachgiebig. Iſt es daher ein Wunder, daß der Hang zum Vertrauen, zur Hinge⸗ bung mehr in der Natur des Weibes, als in der des Mannes liegt?“ Wellmere ſchien bei einer alle Geduld zu verlieren. ſchritt verſtört im Zimmer Cäſar's Rückkehr mit Un Lage des Bräuti bis die Ankunft des Schwarzen der ganzen machte. Das Billet wurde dem Doktor Si da Miß Peyton Cäſarn die gemeſſene Weiſt in keiner Weiſe mit ſeinem Auftrag in V Es enthielt einen ſummariſchen Bericht über dem Wundarzt dem Schwarzen ihn aus, und ein Zug von Melancholie überflog Sitgr als er einen Augenblick den Rei ohne auf Zeit und Ort Rück geſpräch ausbrach: „Arme Anna, Du warſt ſo Jugend ein Herz machen können, a um bei Deiner Hochzeit zu dienen Gott Dich zu ſich genommen. 328 ſo übel gewählten Unterhaltung Er ſprang von ſeinem Sitze auf und auf und ab. Der Geiſtliche, welcher geduld erwartete, hatte Mitleid mit der gams und gab dem Geſpräch eine andere Wendung, Verlegenheit ein Ende tgreaves eingehändigt, ang ertheilt hatte, ſie erbindung zu bringen. die verſchiedenen, von gemachten Verordnungen und die Meldung, daß der Ring übergeben worden ſey, Cäſar lieferte eaves' Stirne, f ſchweigend betrachtete und dann, ſicht zu nehmen, in folgendes Selbſt⸗ heiter, wie nur Unſchuld und ls dieſer Ning gefertigt wurde, ;z aber ehe die Stunde kam, hat Ach, Schweſter, wie viele Jahre ſind ſeitdem dahin geſchwunden, aber nie konnte ich die Gefährtin meiner Kindheit vergeſſen.“ Ohne zu ahnen, d worden, ging er auf Sara zu, ſteckte den Rin und fuhr fort:„Sie, für die er be Grabe, und der Jüngling, aß ſeine Worte gehört g an ihren Finger ſtimmt war, ruht lange im deſſen Geſchenk er war, folgte bald ihrer geheiligten Seele nach. Nehmen Sie ihn, Miß Wharton, und Gott gebe, daß er dazu diene, es verdienen!“ Sara fühlte einen Stich durch's Herz dieſer Weiſe ſeinen Gefühlen Luft machte; ab Hand und führte ſie vor den Prieſter, förmlichkeiten begann. Sie ſo glücklich zu machen, als Sie als der Wundarzt in er Wellmere bot ihr die welcher nunmehr die Trauungs⸗ Die erſten Worte dieſer bedeutungsvollen Hand Geiſt paar Einſ und an n brech zufal welch und Kirch den, Näck ihn Wel durch Züg raſch das hatte der Krei See alle bew⸗ ſchli eine folg rhaltung auf und welcher mit der bendung, n Ende händigt, tte, ſie pringen. en, von g, daß lieferte Stirne, dann, Selbſt⸗ d und vurde, 1, hat re ſind neiner gehört Finger ge im ihrer und 3Sie zt in r die ngs⸗ ollen Handlung veranlaßten eine Todtenſtille im Zimmer, und der Geiſtliche ſprach eine feierliche Ermahnung, worauf er das Braut⸗ paar das Geloonit der Treue ablegen ließ, ehe er die wirkliche Einſegnung vornahm. Der Ring war jedoch aus Unachtſamkeit und in der Aufregung des Augenblicks an dem Finger geblieben, an welchen ihn der Doktor geſteckt hatte, was eine kleine Unter⸗ brechung veranlaßte, und als der Geiſtliche im Begriffe war, fort⸗ zufahren, zeigte ſich plötzlich mitten in der Geſellſchaft eine Geſtalt, welche auf eimnal der ganzen heiligen Handlung Halt gebot. Es war der Hauſirer. Sein Blick war bitter und ironiſch, und ein warnend aufgehobener Finger ſchien dem Diener der Kirche zu verbieten, in der Ceremonie fortzufahren. „Kann Obriſt Wellmere hier koſtbare Augenblicke vergeu⸗ den, während ſein Weib über's Meer ihm entgegen eilt? Die Nächte ſind lang und der Mond hell;— einige Stunden werden ihn nach der Stadt bringen.“ Durch dieſe plötzliche unerwartete Anrede wie entgeiſtert, verlor Wellmere einen Augenblick ſeine Beſinnung. Sara jedoch wurde durch die Erſcheinung des Krämers, ſo ausdrucksvoll auch ſeine Züge waren, nicht erſchreckt; ſie erholte ſich ſchnell von der Ueber⸗ raſchung dieſer Unterbrechung und warf einen ängſtlichen Blick auf das Antlitz des Mannes, welchem ſie eben ewige Treue geſchworen hatte. Aber ſie las auf demſelben nur die ſchreckliche Beſtätigung der Worte des Kraͤmers;— das Zimmer drehte ſich mit ihr im Kreiſe herum und ſie fiel leblos in die Arme ihrer Tante. In der Seele des Weibes liegt ein gewiſſes inſtinktartiges Zartgefühl, das alle andern Erregungen der Seele zu überwältigen ſcheint. Die bewußtloſe Braut wurde ſogleich entfernt und das Zimmer aus⸗ ſchließlich den Männern überlaſſen. Dieſe Verwirrung machte es dem Hauſtrer möglich, ſich mit einer Schnelligkeit zurückzuziehen, welche jedem Verſuch einer Ver⸗ folgung Trotz geboten haben würde, während auf Wellmere, der 330 in unheilverkündendem Schweigen da ſtand, alle Blicke gerichtet waren. „Es iſt falſch— es iſt falſch, wie die Hölle!“ rief er endlich, indem er die Fauſt an die Stirne drückte:„Ich habe nie ihre Anſprüche anerkannt, und eben ſo wenig können mich die Geſetze meines Landes dazu zwingen.“ „Auch nicht das Gewiſſen und die Geſetze Gottes?“ fragte Lawton. „Wohl, Sir,“ ſagte Wellmere ſtolz, indem er ſich gegen die Thüre zurückzog— meine gegenwärtige Lage beſchützt Sie. Aber es wird eine Zeit kommen—“ Als er eben das Zimmer verlaſſen wollte, veranlaßte ihn eine leichte Berührung der Schulter, ſich umzuſehen. Er begegnete Lawton's Blicken, welcher ihn mit bedeutungsvollem Lächeln bat, ihm zu folgen. Wellmere's Gemüthsſtimmung war von der Art, daß er gerne überall hingegangen wäre, wo er die Blicke des Abſcheu's und der Verachtung, welche ihm überall begegneten, vermeiden konnte. So gingen ſie ſchweigend mit einander zu den Ställen, wo der Dragoner mit lauter Stimme rief: „Bringt mir den Rothſchimmel heraus.“ Der Bediente erſchien mit dem geſattelten Roſſe. Lawton warf dem Thüre kaltblütig den Zügel über den Hals, nahm ſeine Piſtolen aus den Halftern und fuhr fort: „Hier ſind Waffen, welche vor dieſem Tage manchen ehren⸗ vollen Dienſt geleiſtet haben— ja, und in ehrenwehrten Händen, Sir. Es ſind die Piſtolen meines Vaters, Oberſt Wellmere; ſie thaten ihm gute Dienſte in den Kriegen gegen Frankreich und haben in meiner Hand für die Freiheit des Vaterlandes mitgefochten. Kann ich demſelben einen beſſern Dienſt leiſten, als wenn ich einem Elenden das Lebenslicht ausblaſe, der im Begriffe war, eine ſeiner liebenswürdigſten Töchter zu ſchänden?“ 4 „Sie ſollen mir dieſe Beleidigung büßen,“ rief der Andere, 4 inder das nun zuerf Ver ohne grea auch gebe mit Dre erichtet endlich, ie ihre Geſetze fragte gen die Aber n eine gegnete n bat, r Art, ke des gneten, zu den t warf iſtolen ehren⸗ inden, e; ſie haben cchten. n ich war, ndere, indem er die angebotene Waffe ergriff.„Die Blutſchuld falle auf das Haupt deſſen, der den Kampf veranlaßte.“ „Amen! aber halten Sie einen Augenblick, Sir. Sie ſind nun frei und haben Waſhington’s Paß in der Taſche. Sie ſollen zuerſt ſchießen. Wenn ich falle, ſo iſt hier ein Pferd, das ſie aller Verfolgung entziehen wird. Ich möchte Ihnen dann rathen, ſich ohne alle Zögerung davon zu machen, denn ſelbſt Archibald Sit⸗ greaves würde in einer ſolchen Sache die Waffen ergreifen— auch würden meine Leute nicht beſonders geneigt ſeyn, Pardon zu geben.“ „Sind Sie fertig?“ fragte Wellmere und knirſchte vor Wuth mit den Zähnen. „Komm mit dem Licht hervor, Tom— Feuer!“ Wellmere ſchoß und die Quaſte flog von dem Epaulette des Dragoner⸗Offtziers. „Nun iſt die Reihe an mir,“ ſagte Lawton und erhob bedächt⸗ lich ſeine Piſtole. „Und an mir,“ brüllte eine Stimme— und zugleich wurde dem Rittmeiſter die Waffe aus der Hand geſchlagen.„Bei allen Teufeln in der Hölle, es iſt der tolle Virginier!— heran, Jungen und ergreift ihn! Das iſt ein Fang, den wir nicht erwartet haben!“ Obgleich Lawton unbewaffnet war, ſo raubte ihm doch dieſer Ueberfall die Geiſtesgegenwart nicht. Er fühlte, daß er in Hände gefallen ſey, von denen keine Schonung zu hoffen war und ſtrengte daher gegen die vier Schinder, welche zu gleicher Zeit über ihn herſielen, ſeine rieſigen Kräfte auf's äußerſte an. Drei dieſer Gauner hatten ihn am Halſe und an den Armen gepackt, um ihm jeden Widerſtand unmöglich zu machen und ihn mit Stricken zu binden. Es gelang ihm jedoch, einen davon mit einer Gewalt von ſich zu ſchleudern, daß er gegen das Gebäude flog und eine Weile beſinnungslos liegen blieb. Aber der vierte ergriff den 6 33² Dragoner an den Beinen und ſo unterlag er der Uebermacht, ob⸗ gleich er im Falle alle ſeine Angreifer mit zur Erde riß. Der Kampf auf dem Boden war kurz, aber ſchrecklich. Die Schinder ſtießen die ſchrecklichſten Flüche und Verwünſchungen aus und riefen umſonſt Andere von der Bande, welche in lautloſem Entſetzen dem Ringen zuſahen, zum Beiſtand auf. Man hörte das ſchwere Athmen eines der Kämpfenden, welchem das Sterberöcheln eines Erdroſſelten folgte; dann erhob ſich einer aus der Gruppe und ſchüttelte die beiden andern von ſich ab. Wellmere und Lawton's Diener hatten ſich geflüchtet, der erſtere nach den Ställen, und der Letztere, welcher das Licht mit fortgenommen hatte, um Lärm zu machen. Die Geſtalt, welche ſich dem Kampfe entrungen hatte, warf ſich in den Sattel des unbeachtet gebliebenen Pferdes und jagte mit der Schnelligkeit des Windes der Landſtraße zu. Die ſprühenden Funken des Hufes ließen in dem Dahineilenden die Geſtalt des Rittmeiſters erkennen. „Bei der Hölle, er iſt fort!“ rief der Führer, heiſer vor Wuth und Erſchöpfung.„Schießt ihm nach— ſchießt ihn herun⸗ ter— oder ihr kommt zu ſpät.“ Dem Befehl wurde gehorcht und es folgte eine erwartungs⸗ volle Stille, während welcher man vergeblich hoffte, Lawton's ſchwere Geſtalt vom Pferde ſtürzen zu hören. „Der ſtürzt nicht, und wenn er durch und durch getroffen iſt,“ brummte einer aus der Bande.„Ich habe dieſe Virginier mit zwei oder drei Kugeln im Leib, ja ſogar, wie ſie ſchon todt waren, noch auf dem Pferde ſitzen ſehen.“ Ein friſcher Windſtoß trug den Hufſchlag des Roſſes in's Thal herunter, und an der Eile deſſelben ließ ſich erkennen, daß ein Reiter die Bewegungen des Thieres leite. „Dieſe Pferde ſind ſo gut dreſſirt, daß ſte immer ſtehen bleiben, wenn ihr Reiter fällt,“ bemerkte einer der Schinder. „Dann iſt der Kerl in Sicherheit,“ rief der Führer und ſtieß , ob⸗ Der hinder riefen n dem hwere eines 2 und oton's und Lärm hatte, und Die 1 die vor erun⸗ ings⸗ were iſt,“ mit aren, in's daß ben, ſtieß den Schaft ſeiner Muskete wüthend auf den Boden;—„doch jetzt zu unſerm Geſchäft, denn nach einer kurzen halben Stunde haben wir den ſalbadernden Schuft von Sergeanten mit ſeiner Wache auf dem Hals. Es müßte ein beſonderes Glück ſeyn, wenn ihn nicht der Knall unſerer Flinten auf die Beine gebracht hatte. Schnell an eure Poſten, und werft Feuer in die Zimmer. Rauchende Trümmer ſind eine geeignete Sühne für Mißhandlungen.“ „Was fangen wir mit dieſem Erdenklos an?“ rief ein Ande⸗ rer, als er an den lebloſen Körper ſtieß, welcher noch auf der Stelle lag, wo ihn Lawton's Umarmung niedergeſtreckt hatte.„Ich denke, ein bischen Reiben könnte ihn wieder zu ſich bringen.“ „Laß ihn liegen,“ ſagte der Führer ungeſtüm;„wäre er nur halbwegs ein Mann geweſen, ſo hätte ich jetzt dieſen ſchuftigen Dragoner in meiner Gewalt. Dringt in's Haus, ſage ich, und werft Feuer in die Zimmer. Wir wollen nicht umſonſt hier ge⸗ weſen ſeyn— es gibt hier Geld und Silbergeſchirr genug, um euch alle zu Herren zu machen. Die Rache habt ihr als Zugabe.“ Die Hoffnung auf Beute ermuthigte die Bande, welche nun⸗ mehr ihren Gefährten, der bereits wieder einige Lebenszeichen von ſich gab, im Stiche ließ und tumultariſch in das Haus einbrach. Wellmere benutzte die Gelegenheit, ſein Pferd heimlich aus dem Stalle zu holen, und erreichte unbemerkt die Landſtraße. Er über⸗ legte einen Augenblick, ob er nach dem Standquartier der Dra⸗ goner reiten und ſich bemühen ſolle, etwas zur Rettung der Familie beizutragen, oder ob es nicht gerathener ſey, die Freiheit, die er der Auslöſung des Geiſtlichen verdankte, zu benützen und die könig⸗ liche Armee aufzuſuchen. Schaam und das Bewußtſeyn ſeiner Schuld ließen ihn das Letztere wählen und er ſchlug ſeinen Weg nach Neu⸗York ein, ängſtlich beſorgt, einem wüthenden Weib zu begegnen, das er während ſeines letzten Aufenthalts in England geheirathet, deren Anſprüche er aber, ſobald ſeine Leidenſchaft ge⸗ ſättigt war, nie anzuerkennen beſchloſſen hatte. 334 In der Unruhe und Verwirrung des Augenblickes war Law⸗ ton's und Wellmere's Entfernung unbeachtet geblieben, und Herr Wharton's Zuſtand forderte ſowohl den Troſt des Geiſtlichen, als den Beiſtand des Wundarztes. Erſt der Knall der Flinten weckte in der Familie die Ahnung einer neuen Gefahr und es ſtund kaum einige Augenblicke an, als der Freibeuter⸗Häuptling mit noch einem von der Bande in's Zimmer trat. „Ergebt euch, ihr Diener des Königs Georg,“ brüllte der Führer, indem er Sitgreaves die Muskete auf die Bruſt hielt; „oder ich will euern Adern ein bischen Tory⸗Blut abzapfen.“ „Gemach— gemach, mein Freund,“ ſagte der Wundarzt; „Ihr ſeyd zweifelsohne geſchickter, Wunden zu ſchlagen, als ſie zu heilen. Die Waffe, mit welcher Ihr ſo unvorſichtig umgeht, iſt dem animaliſchen Leben ungemein gefährlich.“ „Ergib Dich, oder Du ſollſt ihren Inhalt koſten!“ „Wie und weßhalb ſoll ich mich ergeben? Ich gehöre nicht zu der ſtreitbaren Mannſchaft. Die Capitulationsartikel müſſen mit Kapitän Lawton abgeſchloſſen werden, obgleich ich glaube, daß das Ergeben keine Sache iſt, in welcher Ihr ihn beſonders will⸗ fährig finden werdet.“ Der Schinder hatte unterdeſſen die Gruppe gemuſtert und ſich uüberzeugt, daß von derſelben wenig Widerſtand zu befürchten war. Begierig, an dem Raube Theil zu nehmen, ließ er ſeine Muskete ſinken und machte ſich mit einigen ſeiner Leute an das Silbergeſchirr, welches er in Saͤcke ſtecken ließ. Das Landhaus bot nun einen eigenthümlichen Anblick dar. Die Damen waren um Sara verſammelt, die noch immer beſinnungslos in einem der Zimmer lag, in welches die Habgier der Plünderer noch nicht ge⸗ drungen war. Herr Wharton ſaß in einem Zuſtande völliger Geiſtesſchwäche da und horchte auf die nichtsſagenden Troſtſprüche des Geiſtlichen, ohne etwas davon zu begreifen. Singleton lag erſchöpft und antheillos auf dem Sopha, während der Wundarzt r Law⸗ d Herr n, als weckte d kaum einem lte der hielt; darzt; ſie zu ht, iſt nicht nüſſen 2e, daß will⸗ t und rchten ſeine n das dhaus varen n der t ge⸗ lliger rüche lag darzt ihm mit Stärkungsmitteln beiſprang, und mit einer Kaltblütigkeit, die im ſchärfſten Gegenſatze zu dem ganzen Tumulte ſtand, den Verband unterſuchte. Cäſar und der Bediente des Kapitäns Singleton hatten ſich in den Wald, der hinten an das Landhaus ſtieß, ge⸗ flüchtet, und Katy rannte in geſchäftiger Haſt im Gebäude umher, um ein Bündel werthvoller Gegenſtände zuſammenzuraffen, von dem ſie jedoch mit der gewiſſenhafteſten Ehrlichkeit alles ausſchloß⸗ was nicht wirklich und wahrhaftig ihr Eigenthum war. Wir kehren jedoch nach den Kreuzwegen zurück. Der Veteran hatte ſeine Leute kaum aufſitzen laſſen, als die Waſchfrau ein brennendes Verlangen verſpürte, an dem Ruhm und den Gefahren dieſes Feldzuges Theil zu nehmen. Wir wagen es nicht, zu ent⸗ ſcheiden, ob die Furcht, allein zu bleiben, oder der Wunſch, ihrem Liebling in Perſon zu Hülfe zu eilen, ſie zu dieſem kühnen Entſchluß begeiſterte— genug, als Holliſter den Befehl zum Aufbruch gab, ließ ſich die laute Stimme Betty's alſo vernehmen: „Haltet ein Bischen, liebes Wachtmeiſterchen, bis ein Paar von den Jungen meinen Karren herausgebracht haben; ich ziehe dann gleich mit Euch. Es könnte Verwundete geben, und da iſt es gar bequem, wenn man ſie auf dem Karren heimbringen kann.“ Obgleich dem Sergeanten der Aufſchub eines Dienſtes, der ihm ſo wenig behagte, wie gerufen kam, ſo äußerte er doch einiges Mißvergnügen über dieſe Störung. „Nichts als eine Kanonenkugel ſoll mir einen meiner Burſche von dem Pferd herunterholen,“ ſagte er;„aber es iſt nicht ſehr wahrſcheinlich, daß wir es in einem Geſchäfte, welches der böſe Feind erfunden hat, mit ehrlichen Kanonen und Musketen zu thun kriegen werden. Wenn Ihr alſo wollt, Betty, ſo könnt Ihr mit⸗ kommen, aber den Karren können wir entbehren.“ „Ei, lieber Wachtmeiſter, das iſt jedenfalls erlogen von Euch,“ ſagte Betty, die etwas ungebührlich vom Einfluß ihres Getränkes beherrſcht wurde.„Sind es nicht kaum zehn Tage, daß Kapitän 336 Singleton von ſeinem Pferde geſchoſſen wurde? ja, und Kapitän Jack dazu; und lag er nicht rücklings auf dem Boden, das Geſicht nach oben, ſchrecklich anzuſehen? Haben ihn nicht die Jungen für todt gehalten, und Reißaus genommen und den Reg'’lern den Sieg gelaſſen?“ „Das iſt gleichfalls erlogen,“ rief der Sergeant heftig,„und das ſage ich jedem, der zu behaupten wagt, wir hätten den Kür⸗ zern gezogen.“ „Nun, ein Bischen doch,— ich meine nur ein Bischen,“ ſagte die Waſchfrau; aber Major Dunwoodie brachte Euch wieder herum und dann ſchmiertet Ihr den Reg'lern aus. Der Kapitän aber fiel doch, und ich denke, es gibt keinen beſſern Reiter weit und breit; es mag daher der Karren ganz am rechten Orte ſeyn. Da, kommt herunter, ihr Zwei; ſpannt mir geſchwind die Mähre vor, und es ſoll euch morgen an Whisky nicht fehlen. Legt mir auch ein Stück von Jenny's Haut unter das Kummet, es wird der Beſtie auf den rauhen Wegen von Weſt⸗Cheſter gut bekommen.“ Nach ertheilter Zuſtimmung des Wachtmeiſters war Betty's Equipage bald in den Stand geſetzt, die begeiſterte Dame auf⸗ zunehmen. „Wir können nicht wiſſen, ob wir von vorn oder von hinten angegriffen werden,“ ſagte Holliſter;„es mögen daher Eurer Fünfe voran reiten; die Uebrigen decken den Rückzug nach der Kaſerne, im Falle wir zu hart gedrängt werden ſollten. Es iſt etwas Schreckliches für einen unſtudirten Mann, Eliſabeth, in einem ſolchen Dienſt zu kommandiren. Ich wollte, es wäre einer der Offiziere da; doch der Herr wird mir beiſtehen.“ „Pah, ſeyd Ihr auch ein Soldat?“ ſagte die Wäſcherin, ſo⸗ bald ſie ſich's auf ihrem Karren bequem gemacht hatte.„Der Teufel wird Euch nicht gleich holen. Marſch, hurrah, hop hop, und laßt die Mähre traben, oder der Kapitän Jack wird Euch für Euern Beiſtand wenig Dank wiſſen.“ Geiſt Frar und daß imm Anh⸗ befol unte auch er ſi Bett wenn warn marf man lang voll brau Uebe einer der heit einen 1 1 . 8 De pitän jeſicht n für Sieg „und Kür⸗ chen,“ vieder pitän it und Da, vor, auch Beſtie etty's auf⸗ hinten Eurer ) der Es iſt , in einer 3, ſo⸗ „Der hop, h für 337 „Obgleich ich wenig davon verſtehe, wie man mit böſen Geiſtern umgeht oder umherwandelnde Todte zur Ruhe bringt, Frau Flanagan, ſo habe ich doch nicht den ganzen alten Krieg und fünf Jahre in dieſem neuen mitgemacht, um nicht zu wiſſen, daß man die Bagage decken muß. Trägt nicht Waſhington ſelber immer Sorge für die Bagage? Ich brauche nicht von ſo einem Anhängſel des Lagers den Dienſt zu lernen. Thut, wie wir Euch befohlen!— Richtet Euch, Jungen!“ „Nun, ſo treibt's, wie Ihr wollt. Der Neger iſt bereits unten, und der Kapitän wird Euch für Eure Trägheit Dank wiſſen!“ „Seyd Ihr überzeugt, daß der, welcher die Ordre brachte, auch wirklich ein ſchwarzer Menſch war?“ ſagte der Sergeant, indem er ſich zwiſchen die beiden Abtheilungen hinein ſchob, wo er mit Betty plaudern und zugleich ſchneller bei der Hand ſeyn konnte, wenn es galt, zum Vorrücken oder zum Rückzug zu kommandiren. „Nein— ich bin von gar nichts überzeugt, Schatz. Aber warum geben die Burſchen ihren Gäulen nicht die Sporen und marſchiren im Trab? Meine Mähre iſt gewaltig unruhig und man wird nicht warm in dieſem verwünſchten Thale, wenn es ſo langſam geht, wie bei einem Leichenzuge oder bei einem Wagen voll alter Lumpen, die der Congreß zu ſeinem Continentalgeld braucht.“* „Eile mit Weile— alles mit Vorſicht, Frau Flanagen. Uebereilung macht nicht den guten Offizier. Wenn man es mit einem Geiſt zu thun hat, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß der Angriff in einer Ueberraſchung beſtehen wird. In der Dunkel⸗ heit läßt ſich nicht viel mit den Pferden anfangen, und ich habe einen Charakter zu verlieren, gute Frau.“ * Das von dem Congreß eingeführte Papiergeld wurde gewöhnlich Con⸗ tinentalgeld genannt. Der Ausdruck ‚Continental’' wurde auf die Armee, den Congreß, die Kriegsſchiffe, kurz auf Alles, was mit der neuen Regierung in Verbindung ſtand, im Gegenſatz zu der Inſel⸗Lage des Mutterlandes angewendet. 4 Der Spion. 3. Aufl. 22 zu verlieren? und hat das Kapitän Jack „Einen Charakter nicht auch? ja, und das Leben dazu?“ „Halt!“ rief der Wachtmeiſter,„was ſchleicht dort links an dem Fuß des Felſen hin?“ „Wahrſcheinlich nichts, wenn es nicht etwa Kapitän Jacks Geiſt iſt, der Euch erſchrecken will, weil Ihr nicht ſchneller reitet.“ „Betty, Eure Leichtfertigkeit macht Euch zu einer ſehr un⸗ geeigneten Theilnehmerin an einer ſolchen Expedition. Reite Einer von Euch hin, um den Platz zu recognosciren.— Säbel heraus! — Nachhut vorwärts! an die Front angeſchloſſen!“ „Pah!“ ſchrie Betty,„ich weiß nicht, was bei Euch größer iſt, der Narr oder die Memme. Aus dem Weg, Jungen; ich will meine Mähre im Augenblick dort haben. Ich fürchte keinen Geiſt.“ Inzwiſchen war einer aus der Mannſchaft mit der Nachricht zurückgekommen, daß ihrem Vorrücken kein Hinderniß im Wege ſtehe, und die Dragoner ſetzten bedächtlich ihren Zug fort. „Muth und Klugheit ſind die köſtlichſten Eigenſchaften eines Soldaten, Frau Flanagan,“ ſagte der Sergeant.„Wenn die eine fehlt, ſo iſt die andere ſo gut als gar nichts.“ „Klugheit ohne Muth, meint Ihr wohl? Das iſt gerade auch meine Meinung, Sergeant. Seht nur, wie dieſe Beſtie an den Zügeln zerrt.“ „Geduld, gute Frau!— Horch, was iſt das?“ ſagte Holliſter, der bei dem Knalle von Wellmere's Piſtole die Ohren ſpitzte,„ich will darauf ſchwören, das i*ſt eine menſchliche Piſtole und dazu eine von unſerem Regiment. Nachhut vor, dicht an die Front! Frau Flanagan, ich muß Euch zurücklaſſen!“ Der Wachtmeiſter hatte, als er einen ſo bekannten Ton vernahm, ſeine ganze Energie wieder gewonnen, und ſtellte ſich mit einem Ausdruck militäriſchen Stolzes, den jedoch die Waſchfrau in der Dunkelheit nicht bemerken konnte, an die Spitze ſeiner Mann⸗ ſchaft. Der Nachtwind trug nun das Geknatter einer vollen Mus Galt einze und Stre imm zu f Ver als Spi elen von ab, Kaß wen Zar anzt aus und grif Arr per um an hr un⸗ Einer heraus! ößer iſt, ch will Geiſt.“ tachricht Wege n eines die eine gerade Zeſtie an Holliſter, tte,„ich dazu eine t! Frau vernahm, nit einem u in der er Mann⸗ er vollen Musketenſalve an ihre Ohren und der Sergeant rief:„Vorwärts, Galopp!“ Bald darauf vernahm man auf der Straße den Huftritt eines einzelnen Pferdes, welches mit einer Eile jagte, als gälte es Tod und Leben. Holliſter ließ ſeine Leute Halt machen und ritt eine Strecke voraus, um dem Reiter zu begegnen. „Halt! Wer da?“ brüllte Holliſter. „Ha, Holliſter, ſeyd Ihr's?“ rief Lawton,„immer bereit und immer auf Eurem Poſten! Aber wo ſind Eure Leute?“ „Dicht hinter mir und bereit, Ihnen durch Dick und Dünn zu folgen,“ ſagte der Veteran freudig, als er ſich auf einmal aller Verantwortlichkeit entbunden ſah und nun nichts ſehnlicher wünſchte, als gegen den Feind geführt zu werden. „Recht ſo!“ entgegnete der Rittmeiſter und ritt auf die Uebrigen zu. Er ſagte ihnen einige ermuthigende Worte und, ihn an der Spitze, jagten ſie bald mit Sturmes Eile in's Thal hinunter. Das elende Pferd der Marketenderin blieb natürlich zurück, und Betty, ſo von der Jagd ausgeſchloſſen, lenkte ihren Karren von der Straße ab, indem ſie für ſich hinmurmelte: „Da hat man's. Man weiß doch im Augenblick, wenn Kapitän Jack bei ihnen iſt;— weg ſind ſie, wie die Negerjungen, wenn's zu einem Tanz geht. Nun; ich will die Mähre an dieſen Zaunpfahl binden und zu Fuß hinuntergehen, um die Hetze mit anzuſehen. Es wäre nicht vernünftig, das Thier den Kugeln auszuſetzen.“ Unter Lawton's Anführung hatten die Dragoner alle Furcht und Bedenklichkeit verloren. Sie wußten zwar nicht, ob ihr An⸗ griff den Kühjungen oder einer andern Abtheilung der königlichen Armee gelte, aber ſie kannten den ausgezeichneten Muth und die perſönliche Tapferkeit ihres Führers, ein Umſtand, der immer hinreicht, um auf die gedankenloſe Maſſe der Armee einzuwirken. Als ſie an dem Thorgitter der Locuſten anlangten, ließ der Rittmeiſter Halt machen, um die Vorbereitungen zum Angriff zu treffen. Er ſaß ab und hieß acht Mann ſeinem Beiſpiele folgen, worauf er ſich mit folgenden Worten an Holliſter wendete: „Ihr könnt hier bleiben und die Pferde hüten. Wenn Jemand zu entwiſchen verſucht, ſo nehmt ihn feſt oder haut ihn nieder, und—“ In dieſem Augenblick brachen die Flammen durch die Fenſter und das Cederngebälk des Daches und verbreiteten ein helles Licht durch die Dunkelheit der Nacht. „Vorwärts,“ brüllte der Rittmeiſter,„vorwärts! Keinen Par⸗ don, bis den Schurken ihr Recht widerfahren iſt.“ Die gewaltige Stimme des Reiterführers machte jedes Herz mitten in dem Grauſen der Zerſtörung erſtarren. Der Schinder⸗ häuptling ließ ſeinen Raub fallen und ſtand einen Augenblick in regungsloſem Schrecken. Dann eilte er gegen ein Fenſter und ſtieß den Riegel zurück. In dieſem Augenblick drang Lawton mit geſchwungenem Säͤhel in's Zimmer.“ „Stirb, Hund!“ rief der Rittmeiſter und ſpaltete einem der Räuber den Schädel bis zu den Zähnen; der Bandenführer ſprang jedoch in den Hof und entkam ſeiner Rache. Der Schreckensruf der Frauen brachte Lawton wieder zur Beſinnung, und die drin⸗ gende Bitte des Geiſtlichen bewog ihn, auf die Rettung der Fa⸗ milie zu denken. Ein weiteres Mitglied der Bande ſiel in die Hände der Dragoner und wurde zuſammengehauen, aber die übri⸗ gen hatten in Zeiten die Flucht ergriffen. An Sara's Seite beſchäftigt, hatten weder Miß Singleton noch die Damen des Hauſes das Eindringen der Schinder bemerkt, aber jetzt loderten die Flammen mit einer Wuth um ſie her, welche den baldigen Einſturz des Hauſes befürchten ließ. Erſt das Angſtgeſchrei Katy's und des Bedienten der Miß Singleton, ver⸗ bunden mit dem Lärm und dem Getümmel des anliegenden Zimmers brachte Miß Peyton und Iſabella zum Bewußtſeyn der Gefahr. 7 terliche gießen noch l licher, geſſen 2 Tante er aue 7 Sara' Lamm 2 wird eines 9 ſo ang Haltu folgte. lag it durch jetzt einer erkenn keit, ſchlech 6 des 3 obern n. Er er ſich Jemand nieder, Fenſter es Licht en Par⸗ es Herz chinder⸗ blick in ter und ton mit iem der ſprang ckensruf ie drin⸗ der Fa⸗ in die ie übri⸗ ingleton bemerkt, ſie her, Erſt das n, ver⸗ simmers fahr. „Gütige Vorſehung,“ rief die erſchreckte Tante—„welche fürch⸗ terliche Verwirrung im Hauſe! ach, es wird nicht ohne Blutver⸗ gießen abgehen!“ „Es iſt Niemand da, der fechten könnte,“ erwiederte Iſabella, noch bläſſer als Miß Peyton.„Sitgreaves Charakter iſt ein fried⸗ licher, und gewiß würde ſich Kapitän Lawton nicht ſo weit ver⸗ geſſen, einen nutzloſen Widerſtand zu leiſten.“ „Das ſüdliche Temperament iſt raſch und feurig,“ fuhr die Tante fort,„und Ihr Bruder hat den ganzen Tag, ſo ſchwach er auch iſt, erregt und glühend ausgeſehen.“ „Guter Himmel!“ rief Iſabella, die ſich nur mit Mühe an Sara's Lager aufrecht hielt,„er iſt von Natur ſanft wie ein Lamm, aber ein Löwe, wenn er gereizt wird.“ „Wir müſſen eine Vermittlung verſuchen. Unſere Gegenwart wird den Tumult beſchwichtigen und vielleicht das Leben irgend eines Mitgeſchöpfs retten.“ Mit dieſem Vorſatz, der ihrem Geſchlechte und ihrer Natur ſo angemeſſen ſchien, ging Miß Peyton in der ganzen würdevollen Haltung verletzten weiblichen Gefühls nach der Thüre und Iſabella folgte. Das Zimmer, nach welchem man Sara gebracht hatte, lag in einem Flügel des Gebäudes und ſtand mit der Haupthalle durch einen langen und dunkeln Gang in Verbindung. Er war jetzt hell, und am Ende deſſelben ſah man einige Geſtalten mit einer Haſt vorbeieilen, welche die Art ihrer Beſchäftigung nicht erkennen ließ. „Wir wollen hingehen,“ ſagte Miß Peyton mit einer Feſtig⸗ keit, die ihr Geſicht Lügen ſtrafte;„ſie müſſen doch unſer Ge⸗ ſchlecht achten.“ 3 „Sie werden es,“ rief Iſabella und ging voran. Franciska blieb allein bei ihrer Schweſter. Die tiefe Stille des Zimmers wurde jedoch bald durch ein lautes Krachen in den obern Räumen unterbrochen, und durch die offene Thüre ſchoß ein glänzender Lichtſtrahl, welcher die Gegenſtände mit der Helle des Mittags beleuchtete. Sara richtete ſich in ihrem Bette auf, ſtarrte wild umher und drückte ihre beiden Hände an die Stirne, als ob ſie ſich auf etwas beſinnen wollte. „Dieß alſo iſt der Himmel— und Du biſt einer ſeiner lichten Geiſter. O wie herrlich iſt dieſer Glanz! ich dachte mir's wohl, das Glück, das mir kürzlich zu Theil wurde, ſey zu groß für die Erde. Aber wir werden uns wiederſehn— ja— ja— wir werden uns wiederſehen.“ „Sara! Sara!“ rief Franciska erſchreckt;„meine Schweſter — meine einzige Schweſter.— O, lächle nicht ſo fürchterlich! Erkenne mich, oder Du brichſt mir das Herz.“ „Still!“ ſagte Sara, indem ſie den Finger erhob;„Du wirſt ihn in ſeiner Ruhe ſtören— gewiß, er wird mir in's Grab folgen. Glaubſt Du wohl, daß zwei Weiber in dem Grabe Platz haben? Nein— nein— nein— eine— eine— nur eine.“ Franciska ließ ihr Haupt in den Schooß der Schweſter ſin⸗ ken und weinte im fürchterlichſten Seelenkampfe⸗ „Kannſt Du auch weinen, ſüßer Engel?“ fuhr Sara in weichen Tönen fort.—„Dann iſt auch der Himmel nicht frei von Schmerz.— Aber wo iſt Heinrich? Sie haben ihn hingerichtet und er muß auch da ſeyn. Vielleicht kommen ſie miteinander. O, wie freudig wird das Wiederſehen ſeyn!“ Franciska ſprang auf und ging im Zimmer auf und ab. Sa⸗ ra's Auge folgte ihr in kindiſchem Anſtaunen ihrer Schönheit. „Du ſiehſt meiner Schweſter gleich; aber alle guten und rei⸗ nen Geiſter ſind ſich ähnlich. Sage mir, warſt Du je verhei⸗ rathet? Ließeſt Du Dir je die Liebe zu Vater, Bruder und Schwe⸗ ſter durch einen Fremden ſtehlen? Wenn Du das nicht thateſt, ſo bedaure ich Dich, Arme, obgleich Du im Himmel biſt.“ „Sara— ſey ruhig, ſey ruhig— ich bitte Dich, rede nicht weiter Bett d ( ſeinen verbre licher auf ei im V das b ſchiene deutli Sinn 6 blieb Händ Zuſta und Fran Lawt licher Gotte Der wiede Holz Gebe Law' dann Thüt in d mack e des tarrte ls ob lichten wohl, ür die — wir hweſter terlich! „Du ir in's in dem eine— ſter ſin⸗ weichen merz.— er muß freudig ab. Sa⸗ heit. und rei⸗ e verhei⸗ d Schwe⸗ hateſt, ſo rede nicht 343 weiter,“ rief Franciska aus gepreßtem Herzen und eilte an das Bett der Schweſter;„oder Du tödteſt mich!“ Ein zweites furchtbares Krachen erſchütterte das Gebäude in ſeinen Grundveſten. Das Dach war eingeſtürzt und die Flammen verbreiteten ihre Strahlen über die ganze Gegend, die in ſchauer⸗ licher Beleuchtung durch die Fenſter ſichtbar war. Franciska flog auf eines derſelben zu und ſah unter dem wirren Menſchenhaufen im Vorhofe ihre Tante und Iſabella ſtehen, welche verſtört auf das brennende Gebäude deuteten, und die Dragoner zu beſchwören ſchienen, hinein zu gehen. Zum erſtenmal wurde ihr jetzt die Gefahr deutlich. Sie ſtieß einen Schreckensruf aus und flog mit wirren Sinnen den Gang entlang⸗ Eine dicke erſtickende Rauchwolke hinderte ihre Flucht, und ſie blieb ſtehen um Athem zu holen. Da faßten ſie auf einmal zwei Hände; ein Mann nahm ſie auf die Arme und trug ſie in einem Zuſtande völliger Beſinnungsloſigkeit durch die fallenden Funken und den dampfenden Qualm in's Freie. Aber kaum hatte ſich Franciska wieder erholt und in ihrem Lebensretter den Kapitän Lawton erkannt, als ſie ſich auf die Knie niederwarf und in ſchreck⸗ licher Angſt ausrief: „Sara, Sara, Sara! Retten Sie meine Schweſter, und Gottes Segen lohne Sie dafür.“ Ihre Kräfte ſchwanden und ſie ſank beſinnungslos in's Gras. Der Rittmeiſter winkte Katy zu ihrem Beiſtande herbei und eilte wieder in das Haus zurück. Die Flammen hatten bereits das Holzwerk der Vorhallen und der Fenſter ergriffen, und das ganze Gebäude war in Rauch eingehüllt. Selbſt der muthige, ungeſtüme Lawton zögerte einen Augenblick bei dem Anblicke der Gefahr; dann aber drang er durch Glut und Qualm, tappte, da er die Thüre verfehlt hatte, eine Minute herum und ſtürzte dann wieder in den Hof hinaus. Sobald er ein wenig friſche Luft geathmet hatte, machte er einen neuen Verſuch, aber mit gleich ungünſtigem 344 Erfolg. Das drittemal traf er auf einen Mann, der unter der Laſt eines menſchlichen Körpers daherkeuchte. Es war weder Zeit, noch Ort, Unterſuchungen anzuſtellen; er ergriff daher beide mit rieſiger Kraft und trug ſie durch den Rauch. Aber bald erkannte er zu ſeinem Staunen in ſeiner Bürde den Wundarzt, welcher den Leichnam eines der Schinder zu retten verſucht hatte. „Archibald!“ rief er,„warum, um Gottes willen, ſchleppen Sie dieſen Schurken wieder an's Licht? Seine Thaten ſchjen bis in den Himmel hinauf!“ 28 Die Gefahr, welche er ſo eben ausgeſtanden, hatte Sitgre u5, Sinne zu ſehr verwirrt, als daß er ſchnell hätte antworten ronuen Er wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, ſuchte ſein 5 von den eingeathmeten Dünſten zu befreien und ſagiens t kläglicher Stimme: 34 Mün „Ach, es iſt Alles vorbei. Wäre ich zeitig genug gerinesn um die Blutung aus der Jugularis zu ſtillen, ſo hätte er gerektet Lai können, aber die Hitze beförderte die Hämorrhagie, und jetzt 15 der That aus mit ſeinem Leben. Sind noch andere Verwundeke de Dieſe Frage ging in den Wind, denn Franciska war bereits nach der entgegengeſetzten Seite des Gebäudes zu ihren Freunden gebracht worden und Kapitän Lawton aufs neue in dem Rauch verſchwunden. Die Flammen hatten inzwiſchen den erſtickenden Qualm großen⸗ theils zerſtreut und es wurde dem Dragonerführer möglich, die Thüre aufzufinden, aus welcher ihm ein Mann, mit der bewußt⸗ loſen Sara auf den Armen, entgegentrat. Sie hatten kaum Zeit, den Hof zu erreichen, als das Feuer aus allen Fenſtern brach und das ganze Gebäude in ein Flammenmeer verwandelte. „Gott ſey geprieſen,“ rief der Retter Sara's; ein ſolcher Tod wäre etwas Schreckliches geweſen!“ Der Rittmeiſter wandte ſeinen Blick von dem Gebäude auf den Sprecher und erkannte in demſelben mit Staunen ſtatt eines ſeiner Leute den Hauſirer. mich den 2 hatter fliehen wt Hand Seel⸗ weitl fallen erhel Stel kehrt Arm der Laſt Ort, Kraft einem hnam eppen wicr 2 M nnen. M Saie Dn s nach bracht unden. roßen⸗ ), die ewußt⸗ 1 Zeit, ch und er Tod de auf t eines „Ha! der Spion!“ rief er.„Beim Himmel, Du unkreiſeſt mich wie ein Geſpenſt.“ „Kapitän Lawton,“ ſagte Birch, indem er ſich erſchöpft an den Zaun lehnte, nach welchem ſie ſich vor der Hitze zurückgezogen hatten,„ich bin wieder in Ihrer Gewalt, denn ich kann jetzt weder fliehen noch Widerſtand leiſten.“ „Die Sache Amerika's iſt mir theuxer, als mein Leben,“ ſagte vwton, wer es kann von ſeinen Kindern nicht verlangen, daß und Bonkbarkeit vergeſſen ſollen. Fliehe, unglücklicher g 2 nooch nicht bemerkt wirſt, oder es ſteht ner Mat, Dich zu retten.“ te Sie and gebe Ihnen Sieg gegen Ihre Feinde,“ rri die Hand des Dragoners mit einer Eiſen⸗ b re Geſtalt nicht vermuthen ließ. sgte Wawton;„nur noch ein Wort— Biſt Du was Du ſcheinſt?— Könnteſt Du— biſt Du—“ Fin engliſcher Spion,“ unterbrach ihn Birch und ſuchte mit wandtem Geſichte ſeine Hand loszumachen.“ „So geh, Elender,“ ſagte der Reiterführer und ließ ſeine Hand fahren.„Entweder Geiz oder Verblendung hat eine edle Seele zu Grunde gerichtet.“ Die Flammen des brennenden Hauſes beleuchteten die Gegend weithin, und die letzten Worte waren kaum Lawton's Lippen ent⸗ fallen, als er bereits die hagere Geſtalt des Krämers über den erhellten Raum hingleiten und in das jenſeitige Dunkel tauchen ſah. Das Auge des Dragoners ruhte einen Augenblick auf der Stelle, wo der geheimnißvolle Mann verſchwunden war, dann kehrte er ſich zu der bewußtlos daliegenden Sara, hob ſie auf den Arm und trug ſie wie ein ſchlafendes Kind fort, um ſie der Obhut der Ihrigen zu übergeben. 346 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Und nun iſt all ihr Zauber hin, Kein Lächeln mehr in ihren Blicken. Daß Roſen, ach, nicht ewig blühn, Nur kurze Stunden uns entzückgg! Die Zeit enteilt, Die Trauer weilt; Wie ſchnell verfliegt der Jugend Scene, Und mit ihr der Bewundrer Heer. Ach, und iſt denn nicht Einer mehr, An den ſich ihre Seele lehne? Cynthias Grab⸗ Das Landhaus war bis auf die vom Rauch geſchwärzten Mauern niedergebrannt, die nun aller ihrer Hallen und Verzierun⸗ gen beraubt, als ein trauriges Denkmal des Friedens und der Sicherheit daſtanden, welche vor kurzem noch in ihrem Innern herrſchten. Das Dach mit dem übrigen Holzwerk war in die Kel⸗ lerräume geſtürzt und aus der Aſche leckte noch hin und wieder eine bleiche flackernde Flamme, deren Wiederſchein durch die Fenſter ſichtbar wurde. Die zeitige Flucht der Schinder hatte die Drago⸗ ner in den Stand geſetzt, einen großen Theil der Geräthſchaften zu retten, die jetzt haufenweiſe in dem Hofe umherlagen und den Eindruck der Verwüſtung vollendeten. Wenn hie und da ein helle⸗ res Licht emporſchoß, konnte man auf dem Hintergrunde des Ge⸗ mäldes die unbeweglichen Geſtalten Holliſters und ſeiner Gefährten auf ihren Pferden ſammt Betty's Thiere erkennen, das die Zügel abgeſtreift hatte und ruhig an der Landſtraße graſete. Die Mar⸗ ketenderin ſelbſt ſtand in der Nähe des Poſtens, welchen der Ser⸗ geant behauptete und ſah mit unglaublicher Ruhe den Vorgängen zu. Mehr als einmal gab ſie ihrem Gefährten zu verſtehen, daß man nun, da das Geſecht vorüber ſey, den Zeitpunkt zum Plün⸗ dern wahrnehmen müſſe; aber der Veteran verwies ſie auf ſeine Ordre und rührte ſich nicht von der Stelle. Endlich wagte ſich Betty, als ſie den Kapitän mit Sara um die Ecke kommen ſah, unter die Krieger. Lawton legte Sara auf ein Sopha, das von zwei Dra⸗ gonern aus dem Gebäude gerettet worden war, übergab ſie der Sorgfalt der Damen und entfernte ſich. Miß Peyton und ihre Nichte flogen mit einer Eile, welche ſie alles Andere über der Rettung der theuren Verwandten vergeſſen ließ, herzu, um Sara aus den ene, Händen des Kapitäns zu empfangen, aber das ſtiere Auge und die dei glühende Wange der Armen rief ihnen ſchnell die ſchmerzliche Ver⸗ gangenheit in's Gedächtniß. b.„Sara, mein Kind, meine liebe Nichte,“ ſagte die Tante und ſchlang ihre Arme um die lebloſe Braut,„Du biſt gerettet und ärzten möge Gottes Segen auf dem Manne ruhen, der das Werkzeug ierun⸗ dazu wurde.“ d der„Sieh,“ ſagte Sara, indem ſie die Tante ſanft bei Seite Innern drückte und auf die gloſtenden Trümmer deutete,„die Fenſter ſind Kel⸗ beleuchtet— meiner Ankunft zu Ehren. Eine Braut wird ſtets wieder ſo empfangen. Er hat mir geſagt, es müſſe ſo ſeyn. Hört— Fenſter hört nur, wie ſie die Glocken läuten.“ drago⸗„Ach, hier iſt keine Braut, kein frohes Jauchzen, nichts als haften Wehe,“ rief Franciska in einem Tone, der faſt ſo verwirrt, wie nd den der ihrer Schweſter klang.„O wollte Gott, Du gehörteſt wieder helle⸗ uns und Dir ſelber!“ s Ge⸗„Still, thörichtes junges Weib,“ ſagte Sara mit mitleidigem ährten Lächeln;„nicht alle können zu gleicher Zeit glücklich ſeyn. Du Zügel haſt wohl keinen Bruder oder Gatten, Dich zu tröſten; aber Du Mar⸗ biſt hübſch und kannſt noch einen finden; aber—“ fuhr ſie fort Ser⸗ und dämpfte ihre Stimme zu einem Flüſtern,„ſieh Dich vor, daß gängen er nicht ſchon ein anderes Weib hat— ach, es kann ſchrecklich , daß enden, wenn er Dich als die Zweite heirathen ſollte.“ Plün⸗„Der Schlag hat ihren Verſtand verwirrt,“ rief Miß Peyton; Ordre—„mein Kind, meine ſchöne Sara iſt wahnſinnig!“ 348 „Nein, nein,“ rief Franciska,„ſte ſpricht nur im Fieber; ihr Kopf iſt licht— ſie muß— ſie wird wieder geneſen.“ Die Tante ergriff mit Freuden den in dieſem Winke angedeu⸗ teten Hoffnungsſtrahl und ſandte ſogleich Katy fort, um den Dok⸗ tor Sitgreaves zum Beiſtand aufzufordern. Sie traf den Wundarzt eben in ſeinem Amte beſchäftigt, wie er jede Beule und Schramme unterſuchte, deren Geſtändniß er von den ſtörrigen Dragonern zu erpreſſen vermochte. Einer Aufforderung, wie ſie Katy überbrachte, wurde natürlich augenblickliche Folge geleiſtet, und ehe noch eine Minute verging, war der Arzt an Miß Peyton's Seite. „Der heitere Anfang dieſer Nacht hat ein trauriges Ende genommen, Madame,“ bemerkte er mit beruhigender Stimme;„aber der Krieg bringt viel Unheil, obgleich er unſtreitig die Sache der Freiheit fördert und die Wiſſenſchaft der Chirurgie erweitert.“ Miß Peyton vermochte nicht zu antworten und deutete nur in der heftigſten Gemüthsbewegung auf ihre Nichte. „Sie liegt im Fieber,“ begann Franciska.„Sehen Sie das ſtarre Auge und die Gluth ihrer Wangen.“ Der Wundarzt betrachtete eine Weile aufmerkſam die äußeren Symptome der Kranken und nahm dann ſchweigend ihre Hand. Sitgreaves' harte ausdrucksloſe Züge ließen ſelten eine tiefere Er⸗ regung blicken; alle ſeine Leidenſchaften ſchienen unter einem ſtarren Regelzwange zu ſtehen und nicht oft gab ſein Geſicht die Gefühle ſeines Herzens zu erkennen. Im gegenwärtigen Augenblicke jedoch entdeckten die forſchenden Blicke der Tante und der Schweſter ſchnell die Bewegung ſeines Innern. Nachdem er ſeine Finger eine Mi⸗ nute an den ſchönen, bis an den Ellbogen entblößten und mit Kleinodien bedeckten Arm gelegt hatte, ließ er ihn fallen, fuhr mit der Hand über die Augen und wandte ſich bekümmert ab. „Hier iſt kein Fieber— es iſt ein Fall, verehrte Dame, in dem nur Zeit und Pflege etwas ausrichten können. Dieſe koͤnnen vielleicht mit Gottes Beiſtand eine Heilung zu Stande bringen.“ Sir ſich auf Fei ſchl eine Her Tra rich ſche herr zur Sol Sin war Leid Sac der woll vor keine habe Bee Ufer hing ; ihr edeu⸗ Dok⸗ darzt imme en zu achte, eine Ende „aber e der nur 2 das ßeren Hand. Er⸗ arren fühle jedoch chnell Mi⸗ — mit fuhr e, in önnen en.“ „Und wo iſt der Elende, der dieſe Blüthe zerknickt hat?“ rief Singleton, indem er den Beiſtand ſeines Bedienten abwehrte und ſich in dem Stuhle, an den ihn ſeine Schwäche gebannt hatte, aufzurichten verſuchte.„Was nützen uns die Siege über unſere Feinde, wenn ſie ſogar als Ueberwundene uns noch ſolche Wunden ſchlagen können?“ „Glaubſt Du wohl, thoͤrichter Junge,“ ſagte Lawton mit einem bittern Lächeln,„ſie dächten daran, daß es auch fühlende Herzen in den Kolonien gebe? Was iſt Amerika anders, als ein Trabant der Sonne Englands, welcher ſich nach ihren Bewegungen richten und ihr folgen muß, wohin ſie will, und nur deßhalb ſcheint, damit das Mutterland durch ſeinen Glanz noch mehr ver⸗ herrlicht werde? Du haſt wahrlich vergeſſen, daß ein Koloniſt ſich's zur hohen Ehre rechnen muß, wenn er von der Hand eines Albion⸗ Sohnes zu Grunde gerichtet wird.“ „Ich habe nicht vergeſſen, daß ich ein Schwert trage,“ ſagte Singleton, indem er erſchöpft in ſeinen Stuhl zurückſank.„Aber war denn kein Arm da, dieſe holde Dulderin zu rächen— die Leiden eines grauen Vaters zu mildern?“ „Es fehlt weder an Armen, noch an Herzen in einer ſolchen Sache, Sir,“ erwiederte Lawton, ſich in die Bruſt werfend,„aber der Zufall iſt oft den Verruchten günſtig. Beim Himmel, ich wollte meinen Rothſchimmel darum geben, könnte ich den Schuft vor meine Wafefe kriegen!“ „Nein, liebes Kapitänchen, von dem Pferd dürfen Sie ſich in keinem Fall trennen,“ ſagte Betty;„ſo eins iſt nicht gleich wieder zu haben, zumal, wenn es ein bischen knapp im Beutel hergeht. Das Beeſt iſt ſicher auf den Beinen und ſetzt wie ein Eichhörnchen.“ „Weib, fünfzig Pferde und wären's die beſten, die je an den Ufern des Potomac aufgefüttert wurden, wollte ich mit Freuden hingeben um einen Streich auf einen Schurken.“ „Kommen Sie,“ ſagte der Wundarzt,„die Nachtluſt iſt 350 George oder dieſen Damen nicht zuträglich, und es iſt unſere Pflicht, ſie irgendwo hinzubringen, wo man ihnen ärztlichen Beiſtand lei⸗ ſten und für Erfriſchungen ſorgen kann. Hier gibt es nichts als rauchende Trümmer und die ſchädlichen Ausdünſtungen der Sümpfe.“ Gegen dieſen vernünftigen Vorſchlag ließ ſich nichts einwen⸗ den, und Lawton gab Befehl, die ganze Geſellſchaft nach den Kreuzwegen zu bringen. In der Zeit, von der wir ſchreiben, gab es in Amerika nur wenige und nicht beſonders geſchickte Chaiſen⸗Verfertiger, und jeder Wagen, der nur im mindeſten Anſpruch auf einen ſolchen Titel machte, war ein Erzeugniß der Londoner Fabriken. Als Herr Wharton die Stadt verließ, war er einer der Wenigen, welche über eine eigene Equipage zu gebieten hatten, und dieſelbe ſchwerfällige Caroſſe, welche vordem ſo ehrfurchtgebietend durch die Windun⸗ gen der Königin⸗Straße rollte, oder mit düſterer Würde auf der weiteren Bahn von Broadway hinfuhr, hatte Miß Peyton und ihre Nichten nach den Locuſten gebracht. Dieſer Wagen ſtand noch ungeſtört an der Stelle, welche ihm bei ſeiner Ankunft angewieſen worden war, und das Alter der Pferde ſchützte vornweg dieſe Lieb⸗ linge Cäſar's vor den rückſichtsloſen Griffen umherſtreifender Sol⸗ datenabtheilungen. Mit ſchwerem Herzen ging der Schwarze an's Geſchäft, um dieſe Equipage für den Gebrauch der Damen in Stand zu ſetzen, wobei er von einigen Dragonern freundlich un⸗ terſtützt wurde. Es war ein unbequemes Fuhrwerk, deſſen ver⸗ blichene Auskleidung ſammt dem abgeſchoſſenen Kutſchbocküberzug und den in allen Farben ſpielenden Polſtern die Kunſt⸗ und Ge⸗ ſchmackloſigkeit einer Zeit bezeichneten, welche ein ſolches Kabinets⸗ ſtück für ein Prachtexemplar erklären konnten.„Der ruhende Löwe“ des Wharton'ſchen Wappen war ſichtlich auf das eines Kirchenfür⸗ ſten gemalt, und die Mitra, welche bereits durch ihre amerikaniſche Maske durchzuſcheinen begann, bezeichnete den Rang des früheren Eigenthümers. Auch Miß Singleton's Chaiſe war mit den Ställen licht, lei⸗ 3 als pfe.“ wen⸗ ) den a nur jeder Titel Herr e über fällige indun⸗ uf der n und d noch eieſen e Lieb⸗ r Sol⸗ ze an's men in ich un⸗ en ver⸗ überzug ind Ge⸗ abinets⸗ e Löwe“ ſchenfür⸗ ikaniſche früheren Ställen und Außenbauten, wo ſie ſtand, der Wuth des Feuers entgangen, da Lawton's raſches Erſcheinen allen weiteren Unfug der Freibeuter verhinderte, welche ſonſt ſicherlich die wohlbeſtellten Ställe nicht unheimgeſucht gelaſſen hätten.. Man ließ auf der Brandſtätte eine Wache unter dem Com⸗ mando Holliſter's zurück, der, nachdem er die Ueberzeugung ge⸗ wonnen hatte, daß es ſich hier um Feinde mit Fleiſch und Blut handle, ſeinen Poſten mit bewunderungswürdiger Ruhe feſthielt, und ſich mit der größten Umſicht gegen jeden Ueberfall deckte. Er zog ſich mit ſeiner kleinen Mannſchaft ein wenig aus der Nähe der Ruinen, wodurch er ſelbſt in Dunkel gehüllt wurde, indeß das fortdauernde Leuchten der Brandſtätte genug Helle um ſich warf, um jeden etwa ſich nähernden Plünderer entdecken zu laſſen. Mit dieſen umſichtigen Anordnungen zufrieden, traf Kapitän Lawton die geeigneten Vorkehrungen zum Aufbruch. Miß Peyton, ihre zwei Nichten und Iſabelle wurden in die Kutſche gebracht, in⸗ deß Betty's Karren, reichlich mit Betten und Decken verſehen, die Ehre hatte, die Perſon des Kapitän Singleton aufzunehmen. Doktor Sitgreaves erhielt bei Herrn Wharton einen Platz in Miß Singleton's Chaiſe. Es iſt unbekannt, was aus den übrigen Haus⸗ angehörigen in dieſer verhängnißvollen Nacht wurde, da mit Aus⸗ nahme Cäſar's und der Haushälterin Niemand von der Dienerſchaft mehr aufgefunden werden konnte. Nachdem die Geſellſchaft auf dieſe Weiſe verſorgt war, gab Lawton das Zeichen zur Abreiſe. Er ſelbſt blieb noch eine Weile allein in dem Hofe zuruͤck und ſonderte einiges Silbergeräth und andere Gegenſtände von Werth aus, die möglicher Weiſe ſeine eigenen Leute in Verſuchung führen konnten. Als er nichts mehr fand, von dem er eine allzugroße Anfechtung für ihre Ehrlichkeit beſorgte, warf er ſich mit der ritterlichen Ab⸗ ſicht in den Sattel, den Zug im Ruͤcken zu decken. „Halt, halt!“ ſchrie auf einmal eine weibliche Stimme,„will man mich allein den Händen dieſer Mörderbande überlaſſen? Der 352 Löffel iſt geſchmolzen, glaube ich; aber ich will Erſatz haben, wenn es noch Recht und Gerechtigkeit in dieſem unglücklichen Lande gibt.“ Lawton wandte den Blick nach der Richtung, wo dieſe Töne herkamen, und bemerkte eine aus den Trümmern auftauchende Weibergeſtalt, die unter der Laſt eines Bündels keuchte, welches an Umfang dem bekannten Packe des Krämers wenig nachſtand. „Wer iſt's, der da wie ein Phönix aus der Aſche ſteigt?“ ſagte der Rittmeiſter.„Ha, bei der Seele des Hippokrates! es iſt der leibhaftige Schürzen⸗Doktor mit der famöſen Nadel⸗Repu⸗ tation. Nun, gute Frau, was ſoll dieſes Schreien?“ „Was das Schreien ſoll?“ wiederholte Katy, nach Luft ſchnappend;„iſt es nicht Leides genug, einen ſilbernen Löffel zu verlieren, und ſoll ich nun allein auf dieſem verödeten Platz zu⸗ rückbleiben, um ausgeplündert oder vielleicht gar ermordet zu wer⸗ den? Harvey würde nicht ſo mit mir umgegangen ſeyn. So lange ich ſeinen Haushalt führte, hat er mich wenigſtens immer mit Achtung behandelt, wenn er auch mit ſeinen Geheimniſſen etwas verſchloſſen war und mit ſeinem Gelde nicht umzugehen wußte.“ „So habt Ihr alſo einmal einen Theil von Birch's Haushalt ausgemacht?“ „Nicht nur einen Theil, ſondern das Ganze, kann ich ſagen,“ erwiederte Katy;„es war Niemand da, als ich, er und der alte Herr. Sie haben den alten Herrn vielleicht gekannt?“ „Ich bin nicht ſo glücklich geweſen. Wie lange lebtet Ihr in Meiſter Birch's Familie?“ „Ich erinnere mich der Zeit nicht ſo genau, aber es muß wohl an die neun Jahre ſeyn: doch was ſoll mir das Alles jetzt?“ „Zweifelsohne konnte wenig Gutes bei einer ſolchen Verbin⸗ dung herauskommen. Lag nicht etwas Ungewöhnliches in dem Charakter und dem Treiben dieſes Meiſter Birch?“ „Ungewöhnlich iſt ein zu mildes Wort für ſeine Sonderbar⸗ keiten,“ ſagte Katy, indem ſie ihre Stimme dämpfte und umher blickte merte Gerſt Weiſe von getha „kom faſſen Blut daß i ſie ih wenn Pferd ritten nen Eiſen war;⸗ Pferd fällt iſt es tromn Berül iſt ke ein T fallen halter D wenn gibt.“ Töne hende elches nd. igt?“ 3! es Repu⸗ Luft fel zu t zu⸗ wer⸗ lange r mit etwas le.⸗ ushalt agen,“ er alte et Ihr muß jetzt?“ eerb in⸗ ndem derbar⸗ umher blickte;„er war ein merkwürdig rückſichtsloſer Menſch und küm⸗ merte ſich um eine Guinee nicht mehr, als ich mich um ein Gerſtenkorn. Aber machen Sie, daß ich wieder auf irgend eine Weiſe zu Miß Iinitt komme, und ich will Ihnen Wunderdinge von dem erzählen, was Harvey in der erſten und letzten Zeit gethan hat.“ „Wollt Ihr das?“ rief der Reiter nach einigem Nachſinnen, „kommt, gebt mir Euern Arm, daß ich ihn über dem Ellenbogen faſſen kann— Nun, an Knvochen ſehlt's Euch nicht, mag das Blut ſeyn, wie es will.“ Mit dieſen Worten gab er der Jungfrau einen raſchen Schwung, daß ihr auf einen Augenblick Hören und Sehen verging, und als ſie ihre Sinne wieder geſammelt hatte, fand ſie ſich wohlbehalten, wenn auch nicht bequem, auf dem Hintertheile von Lawton’s Pferde. „So, gute Frau! Ihr habt nun die Beruhigung, ſo gut be⸗ ritten zu ſeyn, als Waſhington. Das Roß iſt ſicher auf den Bei⸗ nen und ſetzt wie ein Panther.“ „Laſſen Sie mich hinunter,“ ſchrie Katy und ſuchte ſich ſeinen Eiſenhänden zu entwinden, obgleich ſie wegen des Fallens beſorgt warzw„das iſt nicht die Art, eine ehrbare Frauensperſon auf ein Pferd zu ſetzen; zudem kann ich nicht reiten ohne Kiſſen.“ „Gemach, gute Frau,“ ſagte Lawton,„mein Rothſchimmel fällt zwar nie vorwärts, aber er ſchlägt bisweilen hinten aus. Er iſt es nicht gewöhnt, daß ihm ein paar Ferſen in die Seiten trommeln, wie ein Tambour am Tage der Schlacht. Eine einzige Berührung mit dem Sporn thut auf vierzehn Tage gut, und es iſt keineswegs klug, ſo mit den Füßen zu trampeln, denn er iſt ein Thier, das ſich nicht gerne antreiben läßt.“ „Laſſen Sie mich hinunter, ſage ich,“ kreiſchte Katy;„ich werde fallen und den Tod davon haben. Zudem kann ich mich an nichts halten, denn ich habe alle Hände voll.“ Der Spion. 3. Aufl. 23 354 „Richtig,“ erwiederte der Rittmeiſter, als er bemerkte, daß er die Haushälterin ſammt Bündel und Allem von dem Boden aufgelüpft hatte,„ich ſehe, daß Ihr zum Train gehört; aber meine Säbelkuppel wird ſchon noch zureichen, Eure ſchlanke Taille zu umfaſſen.“ Katy fühlte ſich durch dieſes Compliment zu ſehr geſchmeichelt, um ferneren Widerſtand zu leiſten. Der Reiter ſchnallte ſie an ſeiner Hercules⸗Geſtalt feſt, drückte ſeinem Roſſe den Sporn in die Seite und nun ſlogen ſie mit einer Schnelligkeit aus dem Hofe, welche jedes weitere Sträuben fruchtlos gemacht haben würde. Nachdem der Ritt in dieſer Weiſe, welche der Jungfer faſt alle Beſinnung raubte, einige Zeit fortgegangen war, trafen ſie auf den Karren der Waſchfrau, der in Berückſichtigung von Kapitän Singleton's Zuſtande langſam über die Steine hinfuhr. Die Ereigniſſe dieſer verhängnißvollen Nacht hatten in dem jungen Krieger eine Auf⸗ regung hervorgebracht, welche jetzt einer völligen Abſpannung ge⸗ wichen war, und ſo lag er, ſorgfältig in Betttücher eingehüllt und von ſeinem Bedienten begleitet, ſprachlos und in dumpfem Brüten über die Vergangenheit da. Die Unterhaltung zwiſchen Lawton und ſeiner Gefährtin hatte mit dem Beginne des ſcharfen Rittes ihre Endſchaft erreicht; nun aber ſchlugen ſie einen Fußpfad ein, auf welchem ſich eher ein Geſpräch anknüpfen ließ, und der Ritt⸗ meiſter begann von Neuem: „Ihr habt alſo mit Harvey Birch in dem nämlichen Hauſe gewohnt?“ „Ueber neun Jahre,“ ſagte Katy tief athemholend und höch⸗ lich erfreut, daß das Jagen einmal nachgelaſſen hatte. Die Baßtöne des Reiters hatten kaum die Ohren der Waſch⸗ frau, welche vorn auf dem Karren ſaß und ihre Maͤhre leitete, erreicht, als ſie den Kopf umdrehte, um an dem Geſpräche Theil zu nehmen. „Dann, gute Frau, müßt Ihr auch ohne Zweifel wiſſen, ob in daß Zoden meine le zu „ um ſeiner Seite welche ichdem nnung darren leton's dieſer Auf⸗ ig ge⸗ t und Brüten rawton Rittes ad ein, Hauſe hoöch⸗ Waſch⸗ leitete, Theil en, ob er ſo eine Art von Beelzebub iſt oder nicht,“ ſagte Betty.„Hol⸗ liſter wenigſtens behauptet es, und der Wachtmeiſter iſt ſonſt ſo einfältig nicht.“ „Das iſt eine ſchändliche Verläumdung,“ rief Katy heftig; „nie hat eine gutmüthigere Seele, als Harvey, einen Pack getragen; er nimmt für ein Kleid oder eine nette Schürze von einer guten Freundin nicht einen rothen Heller. Das wäre mir mein Beelze⸗ bub! Für was würde er denn in der Bibel leſen, wenn er mit dem böſen Feinde Gemeinſchaft hätte?“ „Jedenfalls iſt er ein ehrlicher Teufel, wie ich immer geſagt habe, denn die Guinee war gut. Der Sergeant hat ihn alſo wohl in einem falſchen Verdacht, obſchon es ſonſt Holliſtern nicht gerade an Einſicht gebricht.“ „Er iſt ein Narr,“ ſagte Katy erbittert. Harvey könnte ein vermöglicher Mann ſeyn, wenn er weniger gleichgültig wäre. Wie oft habe ich ihm geſagt, wenn er ſich mit nichts anderem, als ſeinem Hauſirhandel abgäbe, ſein Geld zu Rath hielte, ein Weib nähme, die zu Hauſe auf ſeine Sachen Acht hätte— wenn er ſeinen Verkehr mit den Reg'lern und ſonſt noch Einiges aufgäbe, ſo koͤnnte er ein herrliches Leben führen. Sergeant Holliſter müßte dann froh ſeyn, wenn er ihm das Licht halten dürfte— ja, das müßte er, meiner Treu!“.. „Pah!“ ſagte Betty in ihrer philoſophiſchen Weiſe, Ihr wißt wohl nicht, daß Herr Holliſter ein Offizier iſt und im Zuge dem Korneten am nächſten ſteht. Aber dieſer Hauſirer gab uns einen Wink von dem Angriff der letzten Nacht, und es iſt nicht gewiß⸗ ob Kapitän Jack ohne Verſtärkung das Feld hätte behaupten können.“ „Was ſagt Ihr, Betty?“ rief der Rittmeiſter, indem er ſich im Sattel vorbeugte;„Birch hätte Euch von unſerer Gefahr Nachricht ertheilt?“ „Kein anderer, Schatz; und was ich fur eine Noth hatte, bis 356 die Jungen ſich in Bewegung ſetzten. Ich dachte mir zwar wohl, Sie könnten mit den Kühjungen fertig werden, aber wenn man im Nothfall den Teufel auf ſeiner Seite hat, ſo darf man des Sieges gewiß ſeyn. Ich wundere mich nur, daß bei einem Handel, den Beelzebub angezettelt hat, ſo wenig geplündert wurde.“ „Ich bin Euch eben ſo viel für Euern Beiſtand verpflichtet, als für den Beweggrund dazu.“ „Sie meinen das Plündern? Nun, ich habe nicht früher daran gedacht, als bis ich die Sachen ſo auf dem Boden herum⸗ fahren ſah, die einen verbrannt, die andern zerbrochen und wieder andere ſo gut wie neu. Es wäre doch nicht übel, wenn man auch nur ein einziges Federbett im Corps hätte.“ „Beim Himmel, es war hohe Zeit, daß Hülfe erſchien! Wäre mein Rothſchimmel nicht ſchneller als ihre Kugeln geweſen, ſo dürfte man mir jetzt zur Leiche gehen. Das Thier verdiente, mit Gold aufgewogen zu werden.“ „Sie meinen mit Papiergeld, Schatz? Gold fällt ſchwer in's Gewicht und iſt nicht beſonders häufig in unſern Staaten. Wenn der Neger nicht geweſen wäre und den Sergeanten mit ſeinen kupferrothen Augen und ſeinem Geträtſche von Geiſtern geängſtigt hätte, ſo hätten wir zeitig genug kommen können, um alle dieſe Hunde todt zu ſchlagen und die übrigen gefangen zu nehmen.“ „Es iſt gut ſo, wie es iſt,“ ſagte Lawton;„doch hoffe ich, daß die Zeit nicht mehr ferne ſeyn wird, wo dieſe Elenden ihren Lohn empfangen werden, und wäre es auch nur in der Meinung ihrer Mitbürger, wenn ſie ein irdiſcher Richter nicht mehr ſollte ereilen können. Es muß der Tag kommen, an dem Amerika den Patrioten von dem Räuber unterſcheiden lernt.“ „Nicht ſo laut,“ ſagte Katy;„es gibt Leute, die ſich was darauf einbilden, mit den Schindern in Verkehr zu ſtehen.“ „Sie denken alſo beſſer von ſich, als andere Leute von ihnen denken,“ rief Betty.„Ein Dieb iſt und bleibt ein Dieb, mag er nun ſtehle ſagte Wolk Futte Wock von geſuc tränk letzte hatte mich Haut richte lich an m ächtli herzö laſſen Freil Leib da d ohne ſagte digen ten, r wohl, man im Sieges el, den oflichtet, früher herum⸗ wieder an auch 1 Wäre o dürfte it Gold der in's Wenn ſeinen ingſtigt le dieſe 1.“ ffe ich, ihren einung ſollte ka den ) was ihnen nag er nun im Namen des Königs Georg oder im Namen des Kongreſſes ſtehlen.“ „Ich dachte mir's wohl, daß es bald Unheil geben werde,“ ſagte Katy.„Die Sonne ging geſtern hinter einer ſchwarzen Wolke unter und der Haushund winſelte, obgleich ich ihm ſein Futter mit eigenen Händen gereicht hatte. Auch iſt es noch keine Woche, daß mir von Tauſenden angezündeter Kerzen träumte und von Kuchen, die im Ofen verbrannten.“ „Nun,“ ſagte Betty,„ich bin nicht viel von Träumen heim⸗ geſucht. Mit einem guten Gewiſſen und einem ordentlichen Schlaf⸗ tränkchen ſchläft man ſo ruhig, wie ein Kind. Ich träumte das letzte mal, als mir die Jungen Diſtelköpfe in das Betttuch gelegt hatten, und da kam es mir vor, als ob Kapitän Jack's Burſche mich ſtatt des Rothſchimmels ſtriegle; aber es hat weder meiner Haut noch meinem Magen einen Nachtheil gebracht.“ „Sicherlich,“ ſagte Katy, indem ſie ſich in einer Weiſe auf⸗ richtete, daß Lawton in den Sattel zurückgezogen wurde,—„ſicher⸗ lich hätte es mir nie eine Mannsperſon wagen ſollen, ihre Hand an mein Bettzeug zu legen. Das iſt ein unanſtändiges und ver⸗ ächtliches Betragen.“ „Pah, pah!“ rief Betty,„wenn Ihr hinter einer Schwadron herzöget, würdet Ihr Euch auch einen kleinen Scherz gefallen laſſen müſſen. Was würde aus den vereinigten Staaten und der Freiheit werden, wenn die Jungen nie ein ſauberes Hemd auf den Leib oder ein Tröpflein Schnaps in den Magen bekämen? Fragt da den Kapitän Jack, Frau Beelzebub, ob ſie fechten würden, ohne reines Weißzeug, um den Sieg darein wickeln zu können.“ „Ich bin eine ledige Perſon und mein Name iſt Haynes,“ ſagte Katy;„ich muß daher bitten, daß man keine ſo herabwür⸗ digenden Ausdrücke gegen mich braucht, wenn man mit mir ſpricht.“ „Ihr müßt Frau Flanagan's Zunge ſchon etwas zu gut hal⸗ ten, Madame,“ ſagte der Reiter;„die Tröpflein, von denen ſie ſpricht, laſſen ſich oft mit Kannen meſſen, und dann hat ſie auch etwas von der Freimüthigkeit der Soldaten angenommen.“ „Pah, Kapitän, Schatz!“ rief Betty,„was verrücken Sie mit Ihrem Geſchwätze dem Weibsbild da den Kopf, reden Sie, wie ſonſt— Sie brauchen ſich Ihrer Zunge nicht zu ſchämen, mein Beſter. Aber hier herum iſt die Stelle, wo der Sergeant halten ließ, weil er glaubte, es machten einige Teufel die Nacht unſicher. Die Wolken ſind ſo ſchwarz, wie Arnold's Herz und der Henker hole den Stern, der da unter ihnen glitzert. Nun, die Mähre iſt an Nachtmärſche gewöhnt und weiß den Weg außzufinden, wie ein Schweißhund.“ „Der Mond wird nächſtens aufgehen,“ bemerkte der Ritt⸗ meiſter. Dann rief er einem voranreitenden Dragoner, welchem er einige Aufträge hinſichtlich Singleton's bequemerem und ſicherem Transport ertheilte, ſprach dann einige Worte des Troſtes zu ſeinem Freunde, gab ſeinem Roſſe die Sporen und glitt mit einer Geſchwindigkeit an dem Karren vorbei, welche die ganze Faſſung der ehrſamen Katy Haynes abermals über den Haufen warf. „Glück auf den Weg, muthiger Reiter,“ rief ihm die Waſch⸗ frau nach, als er an ihr vorbeijagte, und wenn Sie dem Meiſter Beelzebub begegnen, ſo reiten Sie rücklings auf ihn zu und zeigen Sie ihm ſein Weib, das Sie auf dem Schwanzriemen ſitzen haben. Ich denke nicht, daß er lange Halt machen wird, um mit ihr zu plaudern.— Nun, nun, wir haben ihm das Leben gerettet, wie er ſelber ſagte, und ſo hat es nicht viel zu ſagen, wenn auch aus dem Plündern nichts geworden iſt.“ Kapitän Lawton war mit Betty Flanagan's Weiſe zu ſehr bekannt, um ſich lange mit einer Erwiederung aufzuhalten. Sein Pferd jagte trotz der ungewöhnlichen Laſt mit Windesſchnelle die Straße dahin und die Entfernung zwiſchen dem Karren der Mar⸗ ketenderin und der Kutſche, welche die Damen führte, wurde in einer Weiſe zurückgelegt, welche, wenn ſie auch den Abſichten des Reite hatte. und hervo haber hatte Stat verſe merte Hälf Verb welch mitn tinne germ Fahr ſtand vorh ſolch ton; doch thun wie ſter von ſtop derr te auch hie mit 2, wie mein halten nſicher. Henker ihre iſt wie ein . Ritt⸗ hem er icherem ſtes zu t einer Faſſung Waſch⸗ Meiſter zeigen haben. ihr zu et, wie uch aus zu ſehr Sein elle die r Mar⸗ urde in hten des Reiters entſprechen mochte, für ſeine Gefährtin wenig Behagliches hatte. Er holte die Kutſche nicht weit von ſeinem Quartier ein, und zu gleicher Zeit brach der Mond hinter einer Maſſe Wolken hervor und beleuchtete die Gegend mit ſeinen ſanften Strahlen. In Vergleichung mit der einfachen CEleganz und der wohl⸗ habenden Bequemlichkeit, welche die Locuſten zur Schau getragen hatten, bot das Hotel Flanagan einen gar armſeligen Anblick. Statt der mit Teppichen belegten Fußböden und der mit Vorhängen verſehenen Fenſter zeigten ſich hier weite Riſſe in den roh gezim⸗ merten Dielen, und die grünen Fenſterſcheiben waren mehr als zur Hälfte durch geſchickt angebrachte Bretter und Papierſtreifen erſetzt. Lawton hatte bereits vorher jede mit den Umſtänden vereinbare Verbeſſerung vornehmen und durch die vorausgegangenen Soldaten, welche von der Brandſtätte auch einige nöthige Hausgeräthſchaften mitnahmen, ein Feuer anzünden laſſen. Miß Peyton und ihre Gefähr⸗ tinnen trafen daher bei ihrer Ankunft die Stuben in einem doch eini⸗ germaßen wohnlichen Zuſtande. Sara hatte während der ganzen Fahrt irre geredet und mit dem Witze des Wahnſinns jeden Um⸗ ſtand auf die Gefühle bezogen, welche in ihrer eigenen Seele die vorherrſchenden waren. „Es iſt unmöglich auf ein Gemüth einzuwirken, welches ein ſolcher Schlag betroffen hat,“ ſagte Lawton zu Iſabella Single⸗ ton;„die Zeit und Gottes Gnade können es allein wieder herſtellen; doch läßt ſich noch Einiges für die leibliche Bequemlichkeit Aller thun. Sie find eine Soldatentochter und ſomit iſt ein Aufenthalt, wie dieſer, für Sie nichts Neues; aber helfen Sie mir, dieſe Fen⸗ ſter gegen den kalten Luftzug zu verwahren.“ Miß Singleton entſprach dieſem Geſuch, und während Lawton von außen beſchäftigt war, die zerbrochenen Scheiben zu ver⸗ ſtopfen, ſuchte Iſabelle von Innen eine Art Vorhang zurecht zu machen. „Ich höre den Karren,“ ſagte der Rittmeiſter, als Erwie⸗ derung auf eine ihrer Fragen.„Betty iſt im Grunde gutherzig. 360 Glauben Sie mir, der arme Georg wird nicht nur wohlbehalten, ſondern auch auf die möglichſt bequeme Weiſe anlangen.“ „Gott lohne ihre Sorgfalt, er lohne ſie euch allen,“ ſagte Iſabella mit Wärme.„Ich höre, Doktor Sitgreaves iſt ihm ent⸗ gegen gegangen— aber was glänzt dort im Monde?“ Dem Fenſter, an dem beide beſchäftigt waren, gerade gegen⸗ über lagen die Wirthſchaftsgebäude des Hauſes und Lawton's raſches Auge entdeckte ſchnell den Gegenſtand, deſſen die Dame erwähnt hatte. „Es iſt das Blinken eines Feuergewehrs,“ ſagte der Rittmeiſter und eilte vom Fenſter weg nach ſeinem Roſſe, welches noch aufge⸗ zäumt an der Thüre ſtand. Die Bewegung geſchah mit Gedanken⸗ ſchnelle, aber ehe er noch einen Schritt gethan hatte, blitzte es auf und eine Kugel ſauste ihm am Ohre vorbei. Ein lauter Schrei ließ ſich aus dem Hauſe vernehmen und zu gleicher Zeit ſaß Lawton im Sattel; das Ganze war das Werk eines Augenblicks. „Aufgeſeſſen— aufgeſeſſen— mir nach!“ brüllte der Ritt⸗ meiſter, und ehe noch die beſtürzten Dragoner den Grund des Tumultes begreifen konnten, hatte der Rothſchimmel bereits über die Verzäunung geſetzt, welche zwiſchen Lawton und ſeinem Feinde lag. Die Jagd ging auf Tod und Leben, aber die Felſen lagen zu nahe und der getäuſchte Reiter ſah ſein beabſichtigtes Opfer in einer der Schluchten verſchwinden, die jeder weiteren Verfolgung ein Ziel ſetzten. „Bei Waſhington's Leben,“ brummte Lawton, indem er ſeinen Säbel in die Scheide ſteckte,„ich hätte zwei Hälften aus ihm ge⸗ macht, wenn er nicht ſo hurtig auf den Beinen geweſen wäre— aber er wird mir ſchon wieder in den Wurf kommen!“ Mit dieſen Worten wandte er ſein Pferd und kehrte mit der Ruhe eines Mannes, der wohl weiß, daß ſein Leben jeden Augenblick als ein Opfer für das Vaterland fallen kann, nach ſeinem Quartier zurück. Ein ungewöhnlicher Lärm in dem Hauſe veranlaßte ihn, ſeine theil auf gedr Gen geſen legte Sar ſahe ihren Gen vern den aber Blu dam lten, ſagte ent⸗ gen⸗ ſches ähnt eiſter ufge⸗ aken⸗ e es auter Zeit licks. Ritt⸗ des über einde agen er in gung einen ge⸗ ſeinen Ritt zu beſchleunigen, und als er an der Thüre anlangte, theilte ihm Katy voller Schrecken mit, daß die Kugel, welche es auf ſein eigenes Leben abgeſehen hatte, in Miß Singletons Bruſt gedrungen ſey. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Stumm iſt Gertrudens Mund; ein Zug jedoch, Den Liebe, die nicht ſtirbet, eingegraben, Strahlt auf dem Antlitz; immer drückt ſie noch Des Theuren Hand an's Herz, das ausgeſchlagen. Gertrude von Wyoming. Vie Dragoner hatten in der Eile zwei ineinandergehende Gemächer in einen für die Aufnahme der Damen geeigneten Stand geſetzt, von denen das eine als Schlafzimmer dienen ſollte. Man führte Iſabellen auf ihr Verlangen in das letztere und legte ſie auf ein armſeliges Bette an die Seite der bewußtloſen Sara. Als Miß Peyton und Franciska ihr beizuſtehen eilten, ſahen ſie ein Lächeln um ihre bleichen Lippen und eine Ruhe auf ihren Zügen, die ſie veranlaßten, ſie für unbeſchädigt zu halten. „Gott ſey gelobt!“ rief die zitternde Tante;„der Knall des Gewehrs und Ihr Zuſammenſinken ließen mich das Schlimmſte vermuthen. Ach, wir haben ja ſchon Entſetzen genug ausgeſtan⸗ den; Gott ſey Dank, daß uns dieſes erſpart blieb.“ Iſabella drückte immer noch lächelnd die Hand an ihxe Bruſt, aber eine Leichenbläſſe überflog ihre Züge, ſo daß Franciska das Blut in den Adern erſtarrte. „Iſt Georg noch nicht da?“ fragte ſie;„heißt ihn eilen, damit ich meinen Bruder noch einmal ſehe.“ „Ach, es iſt, wie ich befürchtete!“ jammerte Miß Peyton; „aber Sie lächeln— gewiß, Sie können nicht verwundet ſeyn!“ ———— „Ich fühle mich wohl und glüͤcklich,“ flüſterte Iſabella;„hier iſt Hülfe für jeden Schmerz.“ Sara richtete ſich aus ihrer zurückgeneigten Lage auf und betrachtete ihre Gefährtin mit wilden Blicken, dann ſtreckte ſie ihre Hand aus und faßte die, mit welcher Iſabella ihren Buſen bedeckte— ſie war mit Blut befleckt. „Sieh,“ ſagte Sara,„aber wird es nicht die Liebe weg⸗ waſchen? Nimm einen Mann, Mädchen, und dann wird ihn Nie⸗ mand mehr aus Deinem Herzen verdrängen, es müßte denn ſeyn“— ſie beugte ſich über Iſabellen und fuhr flüſternd fort:„Du fändeſt dort eine Andere vor Dir. Dann ſtirb und gehe in den Himmel— im Himmel wird nicht mehr gefreit.“ Die ſchöne Irre verbarg ihr Geſicht in den Kleidern und ſprach die ganze Nacht über kein Wort mehr. In dieſem Augen⸗ blicke trat Lawton ein. So ſehr er an Gefahren jeder Art und an alle Schrecken eines Bürgerkriegs gewöhnt war, ſo konnte er die vor ihm liegende Scene doch nicht ohne tiefe Bewegung mit anſehen. Er beugte ſich über Jſabella's gebrochene Geſtalt und ſein düſterer Blick verrieth den Sturm ſeiner Seele. „Iſabella,“ ſagte er endlich,„ich weiß, daß Sie einen Muth beſitzen, der über die Kraft Ihres Geſchlechtes hinausgeht.“ „Sprechen Sie,“ erwiederte ſie ruhig;„wenn Sie mir etwas zu ſagen haben, ſo ſprechen Sie ohne Scheu.“ Der Rittmeiſter wandte das Geſicht ab und entgegnete:„Noch Niemand hat eine Verwundung, wie dieſe überlebt.“ „Ich fürchte den Tod nicht,“ verſetzte Iſabella;„ich danke Ihnen, daß Sie mich ſo richtig beurtheilten— aber ich habe es vom erſten Augenblick an gefühlt.“ „Das find keine Auftritte für eine ſo zarte Geſtalt,“ fuhr der Kapitän fort:„es iſt ſchon hinreichend, daß England unſere Jüng⸗ linge auf's Schlachtfeld ruft; aber wenn ſolche Blumen das Opfer des Krieges werden, ſo entfinkt mir der Muth des Soldaten.“ und ugen⸗ t und ite er g mit und Muth twas Noch danke be es r der Füng⸗ Dpfer 4 „Hören Sie mich, Kapitän Lawton!“ ſagte Iſabella und richtete ſich mühſam auf, ohne die angebotene Hülfe anzunehmen;—„von zarter Jugend auf bis zur gegenwärtigen Stunde waren Garniſo⸗ nen und Lager mein Aufenthalt. Ich habe gelebt, um die Muße⸗ ſtunden eines betagten Vaters zu erheitern; und glauben Sie, ich hätte dieſe Tage der Gefahr und Entbehrung mit einem bequemeren Leben vertauſchen mögen? Nein, ich erfreue mich in den letzten Augenblicken der Beruhigung, daß ich alles gethan habe, was ein Weib in meiner Lage zu thun im Stande iſt.“ „Wer könnte wohl verzagt ſeyn, wenn er der Zeuge eines ſolchen Muthes geweſen? Ich habe Hunderte von Kriegern ihr Leben opfern ſehen, aber ich kannte keinen mit einer ſtärkeren Seele.“ „Es iſt nur die Seele,“ ſagte Iſabella;„die Schwäche meines Geſchlechtes hat mir die theuerſten Vorrechte verſagt. Sie, Kapi⸗ tän Lawton, hat die Natur gütiger bedacht. Sie haben einen Arm und ein Herz, um ſich der heiligen Sache des Vaterlandes zu weihen, und ich weiß, daß ſie bis zum letzten Augenblicke treu bleiben werden. Und Georg— und—“ ſie hielt inne; ihre Lippe bebte und ihr Auge ſuchte die Erde. „Und Dunwoodie?“ fügte der Rittmeiſter bei;—„wollen Sie von Dunwoodie ſprechen?“ „Nennen Sie ihn nicht,“ ſagte Iſabella, indem ſie zurückſank und ihr Geſicht in den Kiſſen barg.„Gehen Sie, Lawton— bereiten Sie den armen Georg auf dieſen unerwarteten Schlag vor.“ Der Reiter blickte noch eine Weile mit düſterer Theilnahme auf die Leidende, deren convulſiviſches Zuſammenſchaudern durch die leichte Decke bemerklich war, und entfernte ſich, um ſeinem Freunde entgegen zu gehen. Das Zuſammentreffen Singleton's mit ſeiner Schweſter war ſchmerzlich, und Iſabella gab einen Augenblick dem Ausbruch ihrer weicheren Gefühle nach; aber als 364 ob ſte wüßte, daß ihre Stunden gezählt ſeyen, rief ſie als die Erſte ihre Faſſung zurück. Auf ihre dringende Bitte ließ man ſie mit dem Kapitän und Franciska allein. Die wiederholten Anerbietun⸗ gen ärztlichen Beiſtandes von Seite des Doktors wurden beharrlich zurückgewieſen, und er ſah ſich endlich veranlaßt, mißmuthig abzu⸗ ziehen. „Richtet mich auf,“ ſagte das ſterbende Mädchen,„und laßt mich noch einmal in ein Geſicht blicken, welches ich liebe.“ Franciska willfahrte ſchweigend, und Iſabella richtete das Auge mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit auf Georg. „Es iſt bald vorüber, lieber Bruder— einige Stunden noch, und der Vorhang iſt gefallen.“ „Du darfſt nicht ſterben, Iſabella, meine Schweſter, meine einzige Schweſter,“ rief der Jüngling mit einem Ausbruche von Schmerz, den er nicht zu bewältigen vermochte;„mein Vater! mein armer Vater—“ „Der Gedanke an ihn macht mir den Stachel des Todes ſchmerzlich— aber er iſt ein Soldat und ein Chriſt. Miß Wharton, ich wollte mit Ihnen von einer Sache reden, welche Sie näher berührt, ſo lange ich noch Kraft dazu habe.“ „O nicht doch,“ ſagte Franciska mit Zartheit;„faſſen Sie ſich und laſſen Sie nicht den Wunſch, mir zu gefallen, ein Leben gefährden, das— ſo— ſo Vielen theuer iſt.“ Die Aufregung erſtickte beinahe ihre Worte, denn die Andere hatte eine Saite be⸗ rührt, welche in ihrem innerſten Herzen wiedertönte. „Armes, gefühlvolles Mädchen!“ ſagte Iſabella mit einem Blicke der zärtlichſten Theilnahme;„aber die Welt liegt noch offen vor Dir, und warum ſollte ich das bischen Seligkeit trüben, das ſie zu geben vermag. Träume immerhin fort, liebliche Unſchuld, und möge Gott den Tag eines bittern Erwachens ferne halten!“ „Ach, es iſt mir ſchon jetzt wenig geblieben, deſſen ich mich freuen könnte,“ ſagte Franciska, indem ſie ihr Antlitz in ihre meit Lebe eine erſch bis cisk lebt iſt, die ſicht rief die mit ſchn iſt Jür Dei Liel fort ſpre Wh Gef Leid der Erſte mit tun⸗ rlich bzu⸗ laßt das noch, eine von ater! odes Miß Sie Sie eben gung be⸗ licke vor 3 ſie und ich 3 in ihrem Gewande verhüllte;„ach, es iſt ja alles dahin, was ich am meiſten liebte.“ „Nein,“ fiel Iſabella ein,„Sie haben noch einen Grund, das Leben zu lieben, der gewaltig im Herzen des Weibes ringt— eine Täuſchung, die nur mit dem Leben erliſcht.“— Sie hielt erſchöpft inne und ihre Zuhörer harrten in athemloſen Schweigen, bis ſie ſich etwas erholt hatte. Dann faßte ſie die Hand Fran⸗ ciska's und fuhr weicher fort:„Miß Wharton, wenn eine Seele lebt, die mit der Dunwoodie's verwandt und ſeiner Liebe würdig iſt, ſo iſt es die Ihrige.“ Eine Glutröthe überflog Franciska's Antlitz, und ſie erhob die von unwillkührlichem Entzücken ſtrahlenden Augen zu dem Ge⸗ ſichte der Sprecherin. Aber der Anblick dieſes zerſtörten Weſens rief ihre edleren Gefühle zurück und wieder ließ ſie ihr Haupt auf die Decke des Bettes ſinken. Iſabella beobachtete ihre Bewegungen mit dem getheilten Ausdrucke des Mitleids und der Bewunderung. „Das iſt die ſtumme Sprache der Gefühle, die mir jetzt ent⸗ ſchwunden ſind,“ fuhr ſie fort;—„ja, Miß Wharton, Dunwoodie iſt ganz der Ihrige.“ „Sey gerecht gegen Dich ſelber, theure Schweſter!“ rief der Juͤngling;„laß keine ſchwärmeriſche Großmuth Dich veranlaſſen, Deines Charakters zu vergeſſen.“ Sie vernahm ſeine Worte und heftete einen Blick inniger Liebe auf ihn; dann ſchüttelte ſie langſam das Haupt und fuhr fort: „Nicht Schwärmerei, ſondern die Wahrheit gebietet mir, zu ſprechen. O wie viel habe ich in einer Stunde erlebt! Miß Wharton, ich bin unter einer heißen Sonne geboren, und meine Gefühle haben ihre ganze Glut eingeſogen; ich habe nur für die Leidenſchaft gelebt.“ „Sprich nicht ſo— ſprich nicht ſo, ich beſchwöre Dich,“ rief der bewegte Bruder.„Denke daran, daß Du Deine Liebe einem alten Vater weihteſt, und wie uneigennützig und zärtlich Deine Liebe zu mir war!“ „Ja,“ ſagte Iſabella, und ein zufriedenes Lächeln beleuchtete mit mildem Strahle ihre Züge,„das iſt wenigſtens ein Rückblick, den ich getroſt mit in's Grab nehmen darf.“ Sie verſank jetzt in ein tiefes Sinnen, in welchem ſie weder ihr Bruder noch Franciska zu unterbrechen wagten. Nach einigen Minuten jedoch ſammelte ſie ſich wieder und fuhr fort: „Ach, die Selbſtſucht verläßt mich nicht einmal im letzten Augenblicke. Miß Wharton, die Liebe zu meinem Vaterlande und ſeiner Freiheit war meine früheſte Leidenſchaft und—“ Sie hielt wieder inne und Franciska glaubte, daß jetzt in dem zuſammenſinkenden Schauder der Kampf des Todes ſeine Rechte geltend mache; ſie kam aber wieder zu ſich und fuhr fort: „Warum ſollte ich noch zoͤgern am Rande des Grabes? Dunwoodie war meine zweite und letzte. Aber“— ſie bedeckte das Geſicht mit den Händen—„es war eine Liebe, welche keine Erwiederung fand.“ „Iſabella!“ rief ihr Bruder aufſpringend und verſtört in dem Gemache auf und ab gehend. „Sieh', wie abhängig wir werden von der Herrſchaft des irdiſchen Stolzes; es iſt für Georg eine ſchmerzliche Entdeckung, daß ein ihm theures Geſchöpf Gefühle hegt, die mächtiger ſind, als Natur und Erziehung.“ „Reden Sie nicht weiter,“ flüſterte Franciska,„Sie thun uns Beiden wehe— ſprechen Sie nicht weiter, ich flehe darum.“ „Ich muß ſprechen, um Dunwoodie Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, und aus demſelben Grunde ſollſt Du mich anhören, lieber Bruder. Dunwoodie hat mich weder durch Wort und That zu der Vermuthung veranlaßt, daß er mir etwas anderes als ein Freund zu ſeyn wünſche,— ja und in der letzten Zeit mußte ich ſogar die ſchmerzlich demüthi⸗ gende Bemerkung machen, daß er meiner Gegenwart auswich.“ Deine chtete kblick, weder nigen letzten 2e und ndem Rechte abes? deckte keine dem ft des ckung, ſind, n uns ren zu ruder. tthung he,— nüthi⸗ 9.“ „Er hat es gewagt, das zu thun?“ rief Singleton heftig. „Ruhig, mein Bruder und höre weiter,“ fuhr Iſabella fort, indem ſie ihre letzten Kräfte zuſammenraffte.„Hier ſteht die un⸗ ſchuldige Urſache, welche ihn rechtfertigt. Wir beide ſind mutter⸗ los; aber dieſe Tante— dieſe milde, offenherzige, achtſame Tante hat Ihnen zum Siege verholfen. O wie viel verliert das Mädchen, wenn ſie die Hüterin und Beſchützerin ihrer ſorgloſen Jugend ver⸗ liert! Ich habe Gefühle kund gegeben, welche Sie zu unterdrücken gelernt haben. Kann ich nach all dieſem noch zu leben wünſchen?“ „Iſabella! meine arme Iſabella! Du redeſt irre.“ „Nur noch ein Wort— denn ich fühle, dieſes Blut, welches immer ſo raſch floß, nimmt eine Richtung, wohin es die Natur nicht leiten wollte. Das Weib muß ſich aufſuchen laſſen, wenn es geſchätzt werden will; ſein Leben beſteht aus verſchloſſenen Ge⸗ fühlen. O wie glücklich ſind die, die dieſe Beherrſchung frühe erlernt haben und von Heuchelei frei blieben! Nur ein ſolches Mädchen kann das Glück eines Mannes— kann Dunwoodie's Glück machen.“ Ihre Stimme verſagte, und ſie ſank ſtumm in das Kiſſen zurück. Singleton's Angſtruf verſammelte die übrige Geſellſchaft um das Sterbebette, aber der Tod lagerte bereits auf ihren Zügen. Ihre Kräfte reichten eben noch zu, um Georg's Hand zu faſſen und ſie an ihre Bruſt zu drücken; dann ſank die ihrige— noch eine Zuckung— und ſie hatte ausgeathmet. Franciska Wharton hatte geglaubt, das Schickſal habe durch die Gefährdung des Lebens ihres Bruders und die Verwirrung des Verſtandes ihrer Schweſter das Aergſte über ſie verhängt; aber der Troſt, den ihr die Sterbende gab, lehrte ſie, daß noch ein anderer Kummer ſchwer auf ihrer Seele laſte. Sie ſah auf einmal in der Sache klar und fühlte ganz die männliche Zartheit in Dunwoodie's Benehmen. Alles vereinigte ſich, ihre Achtung gegen ihn zu erhöhen und an die Stelle der Trauer, welche ſie über den Verluſt eines Mannes empfand, den ſie ihrer Achtung unwürdig 368 geglaubt, trat der Schmerz, ihm durch ihr eigenes Benehmen wehe gethan— vielleicht gar ihn zur Verzweiflung getrieben zu haben. Hoffnungsloſes Verzagen liegt jedoch nicht in der Natur der Ju⸗ gend, und Franciska empfand ſogar mitten in ihrem Kummer eine geheime Wonne, welche ihrer Seele einen neuen Aufſchwung verlieh. Ddie Sonne brach an dem Morgen, welcher dieſer troſtloſen Nacht folgte, mit ungetrübtem Glanze hervor und ſchien der kleinen Sorgen derjenigen, die von ihren Strahlen beleuchtet wurden, zu ſpotten. Lawton hatte ſich frühe ſein Pferd ſatteln laſſen, und ſtand eben im Begriffe aufzuſitzen, als ihr erſtes Glühen die Spitzen der Berge ſäumte. Er hatte bereits ſeine Befehle gegeben und ſchwang ſich ſchweigend in den Sattel; dann warf er einen mißmuthigen Blick auf den kleinen Raum, der es dem Schinder möglich gemacht hatte zu entkommen, ließ ſeinem Rothſchimmel die Zügel und ritt langſam dem Thale zu. Auf der Straße herrſchte eine Todtenſtille und keine Spur von den Scenen der Nacht trübte die Lieblichkeit eines herrlichen Morgens. Der grelle Gegenſatz zwiſchen Natur und Menſchen erfüllte die Seele des Kriegers ganz, und furchtlos ritt er an den gefährlichſten Stellen vorbei, ohne ſich um die etwaigen Folgen zu kümmern oder ſeine Meditationen zu unterbrechen, bis das edle Roß, das ſich in der friſchen Morgenluft recht behaglich fühlte, die unter Sergeant Holliſter's Obhut ſtehenden Pferde wiehernd begrüßte.. Hier zeigten ſich allerdings genug beklagenswerthe Ueberreſte einer ſchreckensvollen Mitternacht; aber der Rittmeiſter betrachtete ſie mit der Ruhe eines Mannes, dem ein ſolcher Anblick nichts Neues iſt, und ohne die Zeit mit nutzloſen Verwünſchungen zu verlieren, ging er unverzüglich zu ſeinem Zwecke über. „Habt Ihr etwas bemerkt?“ fragte er die Ordonnanz. „Nichts, auf was man hätte Jagd machen können, Sir,“ erwie fernt Thie zwiſe wünf herei etwa verſe etwa Hirn ſchw Wal zwei Zwe ahor inden daß Law kaun hinfl ſchie genſ es a Sche ien wehe t haben. der Ju⸗ ner eine ſchwung roſtloſen rkleinen den, zu en, und hen die gegeben r einen Schinder nel die Spur rlichen enſchen an den gen zu s edle fühlte, ehernd erreſte ichtete nichts en zu Sir,“ erwiederte Holliſter; nur einmal ſaßen wir auf, als uns der ent⸗ fernte Knall eines Gewehres zu Ohren kam.“ „Gut,“ ſagte Lawton düſter.„Ach, Holliſter, ich wollte das Thier, auf dem ich reite, darum geben, wenn Ihr mit Eurem Arme zwiſchen dem Elenden, welcher dieſen Schuß that, und jenen ver⸗ wünſchten Felſen geſtanden wäret, die über jedes Stückchen Boden hereinhängen, als ob ſie jede Hufe Landes um die Weide beneideten.“ „Bei Tage und Mann gegen Mann gebe ich keinem Andern etwas nach, aber ich kann nicht ſagen, daß ich beſonders darauf verſeſſen bin, mit ſolchen anzubinden, denen weder Stahl noch Blei etwas anhaben kann.“ „Welche einfältige Grille ſpukt in Eurem abergläubiſchen Hirne, Dechant Holliſter?“ „Ich geſtehe, ich habe kein beſonderes Verlangen nach der ſchwarzen Geſtalt, die ſich ſeit dem Tagesgrauen am Saume des Waldes dort hin⸗ und herbewegt. Ich ſah ſie auch die Nacht über zweimal über den vom Feuer erhellten Raum ſchleichen, ohne Zweifel nicht in guter Abſicht.“— „Meint Ihr den ſchwarzen Ball dort, am Fuße jenes Felſen⸗ ahorns?— in der That, er bewegt ſich.“ „Aber's iſt keine irdiſche Bewegung, ſagte der Sergeant, indem er mit ängſtlicher Scheue hinblickte;„er gleitet dahin, ohne daß irgend einer von der Wache ſeine Füße geſehen hätte.“ „Und wenn er Flügel hätte, ſo muß ich ihn haben,“ rief Lawton.„Bleibt ſtehen, bis ich wieder zurückkomme.“ Er hatte kaum ausgeſprochen, als der Rothſchimmel bereits über die Ebene hinflog und der Verſicherung ſeines Herrn Chre machen zu wollen ſchien. „Dieſe verdammten Felſen!“ rief der Reiter, als er den Ge⸗ genſtand ſeiner Verfolgung auf die Berge zueilen ſah; aber war es aus Unkenntniß oder aus Schreck— kurz, die Geſtalt ließ den Schirm, welchen ſie boten, unbenützt und flüchtete ſich in die Ebene. Der Spion. 3. Aufl. 24 370 „Jetzt habe ich Dich, Menſch oder Teufel!“ brüllte Lawton und riß den Säͤbel aus der Scheide.„Halt und ergib Dich!“ Dieſer Aufforderung wurde ſcheinbar Folge geleiſtet; denn bei dem gewaltigen Tone von Lawton's Sti mme ſank die Erſcheinung zuſammen, und ließ nichts als einen formloſen ſchwarzen Klumpen ohne Leben und Bewegung erkennen. „Was iſt denn das?“ rief Lawton, während er ihn mit dem Säbel von der Seite anſtieß;„ein Gala⸗Anzug der guten Miß Peyton, der um ſeinen Geburtsort herum wandert und ſich vergeb⸗ lich nach ſeiner troſtloſen Gebieterin umſieht?“ Er lehnte ſich in den Steigbügeln vorwärts, hob das ſeidene Gewand mit dem Säbel in die Höhe und entdeckte jetzt unter dem⸗ ſelben einen Theil von der Geſtalt des ehrwürdigen Geiſtlichen, welcher den Abend vorher von den Loeuſten aus in ſeinem Ornate die Flucht ergriffen hatte. „In der That, Holliſter hatte wohl Urſache zu ſeiner Unge⸗ berdigkeit; ein Feldeaplan iſt immer ein Schrecken für die Reiterei.“ Der Geiſtliche hatte jetzt ſeine verſtörten Sinne hinreichend geſammelt, um zu erkennen, daß er es mit einem bekannten Ge⸗ ſichte zu thun habe; und einigermaßen durch ſeinen an den Tag gelegten Schrecken und die unziemliche Stellung, in der er gefun⸗ den worden, außer Faſſung gebracht, verſuchte er es, ſich aufzu⸗ richten und die geeigneten Erläuterungen zu geben. Lawton hörte ſeine Entſchuldigung mit guter Laune an, ohne ihr gerade viel Glauben beizumeſſen, und nach einer kurzen Beſprechung über den Stand der Dinge im Thal, ſtieg er höflich ab und ging mit dem Caplan zu Fuß nach der Wache zurück. „Ich bin ſo wenig mit der Uniform der Rebellen bekannt, daß ich in der That nicht im Stande war, zu unterſcheiden, ob die Leute, welche, wie Sie ſagen, die Ihrigen ſind, zu der Gauner⸗ bande gehörten, oder nicht.“ „Sie brauchen ſich nicht zu entſchuldigen, Sir,“ erwiederte awton Iu un bei einung umpen it dem Miß ergeb⸗ ſeidene dem⸗ lichen, Ornate Unge⸗ tterei.“ eichend en Ge⸗ n Tag gefun⸗ aufzu⸗ 1 hörte de viel ver den nit dem nt, daß ob die Hauner⸗ viederte der Rittmeiſter, und biß ſich in die Lippen.„Es iſt nicht das Ge⸗ ſchäft eines Dieners Gottes, ſich um den Schnitt der Uniformen zu kümmern. Die Fahne, unter der Sie dienen, wird von uns Allen anerkannt.“ „Ich diene unter der Fahne Seiner allergnädigſten Majeſtät, des Königs Georgs III.,“ erwiederte der Prieſter, indem er ſich den kalten Schweiß von der Stirne wiſchte;„aber der Gedanke, ſcalpirt zu werden, iſt gar wohl geeignet, alle Mannheit eines Neulings, wie ich, niederzuſchlagen.“ „Scalpirt zu werden?“ wiederholte Lawton und hielt einen Augenblick an, dann faßte er ſich wieder und fuhr mit Gelaſſenheit fort—„Wenn Sie auf die leichte virginiſche Dragoner⸗Schwadron Dunwoodie's anſpielen, ſo kann ich Ihnen verſichern, daß ſie im Allgemeinen außer der Haut auch noch ein Bischen vom Schädel mitnimmt.“ „Oh, ich habe keine Furcht vor Herren mit Ihrem Aeußern,“ ſagte der Geiſtliche ſchmunzelnd.„Aber die Eingeborenen ſind es, vor denen ich allen Reſpekt fühle.“ „Die Eingebornen? Ich habe die Ehre, auch darunter zu ge⸗ hören, wie ich Ihnen verſichern kann.“ „Nein, ich bitte, mich recht zu verſtehen— ich meine die In⸗ dianer, die nichts weiteres kennen, als Raub, Mord und Zerſtörung.“ „Und nebenbei ſich Scalpe holen.“ „Ja, Sir, auch ſealpiren,“ fuhr der Prieſter fort und warf einen verdächtigen Blick auf ſeinen Begleiter;—„die kupferfarbi⸗ gen wilden Indianer.“ „Und erwarten Sie, dieſe ehrenwerthen Leute mit ihren Ringen durch die Naſe auf dem neutralen Grunde anzutreffen?“ „Gewiß, es heißt in England, daß das Innere davon wimmle.“ „Heißt Ihr das das Innere von Amerika?“ rief Lawton, wie⸗ der ſtehen bleibend, indem er dem andern mit einer Ueberraſchung in's Geſicht ſtarrte, welche ſich kaum nachbilden laſſen würde. „Ohne Zneifel, Sir; ich weiß es nicht anders, als daß ich in deſſen Innerem bin.“ „Geben Sie einmal Acht,“ ſagte Lawton, indem er gegen Oſten zeigte.„Bemerken Sie die breite Waſſerfläche, deren jen⸗ ſeitige Gränze dem Auge unerreichbar iſt? Dort liegt jenes Eng⸗ land, das ihr für würdig haltet, die halbe Welt zu beherrſchen. Können Sie das Land Ihrer Geburt ſehen?“ „Es iſt unmöglich, etwas zu ſehen, was dreitauſend Meilen entfernt liegt,“ erwiederte der Geiſtliche, der, über dieſe Frage verwundert, ſeinen Gefährten mit argwöhniſchen Blicken maß, ob es auch mit deſſen geſunden Sinnen ſeine Richtigkeit habe. „Sie haben Recht. Aber wie beklagenswerth iſt es, daß die Kraft des Menſchen ſeinem Ehrgeiz nicht gleich kömmt. Wenden Sie jetzt Ihr Auge nach Weſten. Bemerken Sie das weite Waſ⸗ ſerbecken, das ſich zwiſchen Amerika und China hinzieht?“ „Ich ſehe nichts als Land,“ ſagte der Prieſter zitternd; „Waſſer kann ich keines erblicken.“ „Es iſt unmöglich, etwas zu ſehen, was dreitauſend Meilen entfernt iſt!“ wiederholte Lawton, indem er ſeinen Spaziergang wieder fortſetzte.„Wenn Sie die Wilden fürchten, ſo können ſie Ihnen in den Reihen Ihres Königs eher begegnen. Rum und Gold haben ihre Loyalität bewahrt.“ „Ich bin alſo höchſt wahrſcheinlich getäuſcht worden,“ ſagte der Mann des Friedens, indem er einen verſtohlenen Blick auf die koloſſale Geſtalt und das bärtige Geſicht ſeines Begleiters warf; „aber die Gerüchte, mit denen man ſich in unſerer Heimath trägt, und die Ungewißheit, mit einem Feinde wie Sie zuſammen zu treffen, machten, daß ich bei Ihrer Annäherung die Flucht ergriff.“ „Das war nicht ſehr vernünftig gehandelt,“ ſagte der Ritt⸗ meiſter,„indem mein Rothſchimmel Ihnen auf der Ferſe war, und Sie hätten leicht aus der Scylla in die Charybdis fallen konnen, 3 ich gegen jen⸗ Eng⸗ ſchen. teilen Frage , ob ß die enden Waſ⸗ ernd; Neilen rgang ien ſie Gold ſagte auf die warf; eimath ammen Flucht -Ritt⸗ r, und önnen, denn in dieſen Wäldern und Felſen ſind die Feinde verborgen, welche Sie zu fürchten haben.“ „Die Wilden?“ ſchrie der Mann Gottes und eilte inſtinktartig dem Rittmeiſter voraus. „Etwas Schlimmeres, als die Wilden— Menſchen, welche unter dem Deckmantel des Patriotismus das Land mit ihren Raub⸗ zügen heimſuchen, deren Gier unerſaͤttlich iſt, und deren Grauſam⸗ keit ſogar den Scharfſinn der Indianer überbietet— Kerle, deren Lippen von Freiheit und Gleichheit tönen, indeß ihre Herzen von Habſucht und Galle überfließen— Menſchen, die unter dem Na⸗ men der Schinder bekannt ſind.“ „Ich habe bei der Armee von ihnen ſprechen hören,“ ſagte der entſetzte Geiſtliche,„und habe ſie für die Ureingeborenen gehalten.“ „Sie thaten den Wilden Unrecht.“ Beide waren nun bei dem Poſten des Sergeanten Holliſter an⸗ gelangt, der mit Verwunderung in dem Gefangenen ſeines Ritt⸗ meiſters einen friedlichen Diener des Wortes erkannte. Auf Lawton’'s Befehl gingen nun die Dragoner alsbald an's Werk, die werthvolleren Gegenſtände in Sicherheit zu bringen und fortzuſchaffen, indeß der Kapitän mit ſeinem ehrwürdigen Geſellſchafter, welcher mit einem muthigen Pferde verſehen wurde, nach den Quartieren der Mann⸗ ſchaft zurückkehrte. Da nach Singleton's Wunſche die irdiſchen Ueberreſte ſeiner Schweſter nach dem Poſten gebracht werden ſollten, welchen ihr Vater kommandirte, ſo traf man zeitig die für dieſen Zweck geeig⸗ neten Vorkehrungen. Die verwundeten Engländer wurden der Auf⸗ ſicht des Caplans übergeben, und gegen Mittag ſah Lawton alle Zurüſtungen ſo weit beendet, daß er ſich mit ſeiner kleinen Mann⸗ ſchaft nach einigen Stunden wahrſcheinlich im alleinigen und unge⸗ ſtörten Beſitze der Kreuzwege befinden mochte. Während er ſo in verdrießlichem Schweigen am Thorwege lehnte und den Schauplatz betrachtete, wo er in der letzten Nacht 374 auf den Schinder Jagd gemacht hatte, ſchlug der Hufſchlag eines Pferdes an ſein Ohr und unmittelbar darauf ſprengte ein Drago⸗ Ve ner aus ſeinem eigenen Zuge mit einer Eile des Weges daher, ſch welche einen Auftrag von der größten Wichtigkeit vermuthen ließ. Si Das Roß ſchäumte und der Reiter ſchien von dem ſcharfen Ritte Se ziemlich angegriffen zu ſeyn. Ohne ein Wort zu ſprechen, gab er in ein Schreiben in Lawton's Hand und entfernte ſich, um ſein Pferd ebe im Stalle zu verſorgen. Der Rittmeiſter erkannte die Handſchrift nif des Majors und überflog die folgenden Zeilen: ba „Ich freue mich, Ihnen mittheilen zu können, daß Waſhing⸗ an ton Befehl gegeben hat, die Familie in den Loruſten nach Ge den Hochlanden zu bringen, wo es ihr geſtattet ſeyn wird, ſch ſich der Geſellſchaft des Kapitäns Wharton zu erfreuen, für ton deſſen Aburtheilung ihr Zeugniß erwartet wird. Sie wer⸗ die den derſelben dieſen Befehl, und zwar, wie ich von Ihnen ſch vorausſetzen darf, mit der geeigneten Schonung mittheilen. Die Engländer ziehen ſtromaufwärts; ſobald Sie daher die 1 wi Wharton's in Sicherheit wiſſen, werden Sie aufbrechen und ein zu Ihrer Schwadron ſtoßen. Es wird ſcharf hergehen, ein wenn wir mit ihnen zuſammentreffen, da ihnen Sir Henry, Fa wie berichtet wurde, einen tüchtigen Soldaten zum Führer vot gegeben hat. Die Rapporte gehen jetzt an den Komman⸗ Be danten zu Peekskill, da ſich Oberſt Singleton gegenwärtig mi im Hauptquartier befindet, um in dem Kriegsgericht über wo den armen Wharton den Vorſitz zu führen. Es ſind neue mi 3 Befehle ergangen, den Hauſirer, ſobald wir ſeiner habhaft lie werden, unverzüglich aufzuknüpfen; ſie ſind aber nicht von we dem Obergeneral unterzeichnet. Geben Sie den Damen Ko eine kleine Bedeckung mit und werfen Sie ſich ſobald als au möglich in den Sattel. Ihr ſich aufrichtiger Peyton Dunwoodie.“ ein eines rago⸗ daher, ließ. Ritte ab er Pferd ſchrift ſhing⸗ nach wird, a, für wer⸗ Ihnen heilen. er die n und gehen, Henry, Führer nman⸗ wärtig t über d neue abhaft ht von Damen ild als 375 Dieſe Mittheilung brachte eine gänzliche Veränderung in den Vorkehrungen zu Stande. Da der Grund zu Jſabellen's Weiter⸗ ſchaffung durch die Abweſenheit des Vaters wegfiel, ſo fügte ſich Singleton, wiewohl ungerne, in die alsbaldige Beerdigung ſeiner Schweſter. Man wählte hierzu ein einſames anmuthiges Plätzchen in der Nähe der Felſen, und traf die weiteren Anſtalten, wie ſie eben von Zeit und Ort geſtattet wurden. Mit dem Leichenbegäng⸗ niſſe vereinigten ſich noch mehrere neugierige oder theilnehmende Nach⸗ barn, und Miß Peyton nebſt Franciska weinten aufrichtige Thränen an ihrem Grabe. Die kirchlichen Ceremonien wurden von demſelben Geiſtlichen verwaltet, der vor Kurzem eine, von dieſer ſo ſehr ver⸗ ſchiedene Amtshandlung zu verrichten im Begriffe ſtand, und Law⸗ ton ſenkte das Haupt und fuhr mit der Hand über die Augen, als die Worte geſprochen wurden, welche das Fallen der erſten Erd⸗ ſcholle begleiteten. Die Mittheilung aus Dunwoodie's Brief gab den Wharton's wieder neues Leben, und Cäſar wurde mit ſeinen Pferden noch einmal in Anſpruch genommen. Das gerettete Eigenthum nahm ein zuverläſſiger Nachbar in Verwahrung, und nun ſetzte ſich die Familie mit der fortwährend beſinnungsloſen Sara unter dem Geleite von vier Dragonern und mit allen amerikaniſchen Verwundeten in Bewegung. Unmittelbar darnach brach auch der engliſche Geiſtliche mit ſeinen Landsleuten auf, die nach dem Fluß gebracht wurden, wo ein Fahrzeug zu ihrer Aufnahme bereit lag. Lawton ſah Alle mit Freuden ziehen, und ſobald letztere ihm aus dem Geſicht waren, ließ er in's Horn ſtoßen. In einem Augenblicke war Alles in Be⸗ wegung. Die Mähre der Frau Flanagan wurde wieder in den Karren geſpannt; Doktor Sitgreaves' unförmliche Geſtalt paradirte auf dem Rücken eines Pferdes, und der Rittmeiſter ſaß im Sattel, ſich höchlich über ſeine endliche Erlöſung freuend. Nun erſcholl das Signal zum Abmarſch. Lawton warf noch einen wilden finſtern Blick nach der Stelle, wo ſich der Schinder verſteckt hatte, und einen andern voll Trauer nach Iſabellen’s Grabe, und ritt dann, von dem Wundarzt begleitet, in trübe Gedanken verſunken, vor dem Zuge her. Sergeant Holliſter und Betty bil⸗ deten den Nachtrab, und überließen es dem friſchen Südwinde, durch die offenen Thüren und die zerbrochenen Fenſter des Hotels Flanagan zu pfeifen, wo kurz vorher noch das Lachen des Froh⸗ ſinns und die Scherze der kühnen Soldaten wiedergehallt hatten. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Am ſtarren Felſen ſproßt kein Frühlingsſtraus; Der Mai erſtirbt im winterlichen Graus. Kein Zephyr fächelt hier der Berge Zelt, Wo nur das Meteor der Stürme Düſter hellt. Goldſmith. Vie Wege von Weſt⸗Cheſter ſind ſogar heutigen Tages noch hinter den Fortſchritten der übrigen Landeskultur zurück, und wir haben bereits weiter oben bemerkt, wie ſie zu der Zeit unſerer Er⸗ zählung beſchaffen waren. Der Leſer kann ſich daher leicht vor⸗ ſtellen, daß es keine kleine Aufgabe für Cäſarn war, die ci⸗devant Prälatenequipage über die holperigen Thalpfade nach den ſelten befahrenen Päſſen des am Hudſon gelegenen Hochlandes zu kutſchiren. Während Cäſar und ſeine Pferde ſich unter dieſen Beſchwerlich⸗ keiten abmüheten, waren die in der Kutſche befindlichen Perſonen zu ſehr mit ihren eigenen Sorgen beſchäftigt, um auf diejenigen zu achten, welche zu ihrem Dienſte verpflichtet waren. Die wilden Phantaſten Sara's hatten nachgelaſſen, aber bei jedem Schritt, welcher die Kranke der Vernunft näher brachte, ſchienen ſich die Kräfte des Lebens weiter zurückzuziehen— der Zuſtand der Auf⸗ regung und Unſtetigkeit war allmählich in den des Tieffinns und der Schwermuth übergegangen. Hin und wieder tauchten Mo⸗ mente auf, in welchen die bekümmerten Verwandten Merkmale der wier ſpre blich auf den zien hãu ſchlu über Arn nack neſu Wa rette wo entg beſt ſer gelr wen ter, Con deſt Bol auf. ſetzt beh⸗ rika kan labe, nken bil⸗ inde, otels rroh⸗ en. ). noch wir Er⸗ vor⸗ evant ſelten hiren. erlich⸗ nen zu en zu vilden chritt, h die Auf⸗ s und Mo⸗ le der —,— wiederkehrenden Vernunft zu erkennen glaubten, aber der uͤnaus⸗ ſprechliche Schmerzensausdruck, welcher ſolche vorübergehende Licht⸗ blicke begleitete, drang ihnen dann wieder den troſtloſen Wunſch auf, es möchte ihr für immer das Erwachen zu einem vernichten⸗ den Bewußtſeyn erſpart bleiben. Die Reiſenden brachten den Tag ziemlich ſchweigſam hin und fanden für die Nacht in einigen Bauern⸗ häuſern ein Unterkommen. Am andern Morgen trennte ſich der Zug. Die Verwundeten ſchlugen den Weg nach dem Strome ein, um ſich bei Peekskill überſchiffen und nach den Spitälern der im Hochland befindlichen Armee transportiren zu laſſen; Singleton wurde in ſeiner Sänfte nach dem Quartiere ſeines Vaters gebracht, um daſelbſt ſeine Ge⸗ neſung abzuwarten; und Herrn Wharton's Kutſche, von einem Wagen begleitet, auf welchem ſich die Haushälterin nebſt dem ge⸗ retteten, leicht transportabeln Mobiliar befand, fuhr nach dem Orte, wo Heinrich Wharton gefangen ſaß und der Ankunft der Seinigen entgegen ſah, um vor das Kriegsgericht geſtellt werden zu können. Die Gegend zwiſchen dem Hudſon und dem Long⸗Island⸗Sund beſteht in den erſten vierzig Meilen, von dem Zuſammentreten die⸗ ſer Gewäſſer an gerechnet, aus einer fortlaufenden Reihe von Hü⸗ geln und Thälern. Dann wird das den Sund begränzende Land weniger abgeriſſen und gewinnt allmählich einen milderen Charak⸗ ter, bis es endlich in die lieblichen Ebenen und Wieſengründe von Connecticut übergeht. Je mehr man ſich aber dem Hudſon nähert, deſto rauher wird der Anblick, bis man endlich auf das furchtbare Bollwerk der Hochlande trifft. Hier nun hörte der neutrale Grund auf. Die königliche Armee hielt die zwei Punkte des Landes be⸗ ſetzt, welche den ſüdlichen Eingang des Stromes in's Gebirge beherrſchten, während alle übrigen Päſſe in den Händen der Ame⸗ rikaner waren. Wir haben bereits mitgetheilt, daß die Vorpoſten der Ameri⸗ kaner bisweilen weit vorgeſchoben waren, und daß das Dörſchen auf den weißen Ebenen hin und wieder von ihren Truppenabthei⸗ lungen beſetzt wurde. Ein andermal wurden dieſe Poſten bis an die Nordgränze der Graſſchaft zurückgezogen, wodurch, wie bereits gezeigt wurde, das dazwiſchenliegende Land den Raubzügen der Elenden preisgegeben blieb, welche zwiſchen beiden Armeen plün⸗ derten und keiner dienten. Unſere Geſellſchaft hatte nicht die Landſtraße zwiſchen den zwei Hauptſtädten des Staates, ſondern einen entlegenen, wenig befah⸗ renen Engpaß eingeſchlagen, der ſelbſt heutiges Tages nicht beſon⸗ ders bekannt iſt und unfern der öſtlichen Gränze, mehrere Meilen ſeitwärts vom Hudſon, gegen die Hochebenen anſteigt. Da es Herrn Wharton’'s ermüdeten Pferden unmöglich gewe⸗ ſen wäre, die ſchwere Kutſche die langen und ſteilen Strecken, welche jetzt vor ihnen lagen, hinanzuſchleppen, ſo requirirten die zwei Dragoner, welche noch immer die Partie begleiteten, ein Paar ackernde Bauernpferde als Vorſpann, ohne ſich viel an die Einre⸗ den ihrer Beſitzer zu kehren. Unter dieſem Beiſtande gelang es Cäſarn, allmählich weiter zu kommen, bis ſie ſich mitten in den Bergen befanden. Als es aber gäher bergan zu gehen anfing, ſtieg Franciska aus, um das Gewicht der Kutſche zu erleichtern und gelegentlich durch den Genuß der friſchen Luft ihre melancholiſche Stimmung ein wenig zu verſcheuchen. Katy folgte ihrem Beiſpiel und gab ihre Abſicht zu erkennen, den Gipfel des Berges gleich⸗ falls zu Fuß zu erſteigen. Die Sonne neigte ſich zum Untergang, und nach der Ausſage der Dragoner konnte man auf der Höhe das Ziel ihrer Fahrt erblicken. Franciska eilte mit dem elaſtiſchen Tritte der Jugend vorwärts, indeß die Haushälterin in einiger Entfernung folgte, und bald hatte ſie die träge Kutſche aus dem Geſicht verloren, die ſich langſam bergan arbeitete, und von Zeit zu Zeit anhielt, um die Pferde ausſchnauben zu laſſen. „Oh, Miß Fanny, was ſind das für ſchreckliche Zeiten!“ ſagte Katy, als ſie einen Augenblick anhielten, um Athem zu 8 hei⸗ an reits der lün⸗ zwei ffah⸗ eſon⸗ eilen gewe⸗ velche zwei Paar Finre⸗ ig es n den ſtieg n und oliſche eiſpiel gleich⸗ rgang, Höhe ſtiſchen einiger is dem en Zeit heiten!“ hem zu ſchöpfen;„aber ich wußte wohl, daß Unheil um den Weg ſey, ſeit ſich der Blutſtreifen in den Wolken ſehen ließ.“ „Es iſt auf der Erde Blut gefloſſen, Katy, aber in den Wol⸗ ken habe ich noch wenig geſehen.“ „Wie? kein Blut in den Wolken?“ erwiederte die Haushäl⸗ terin.„O, das iſt nichts Seltenes, wie auch die Kometen mit ihren feurigen, rauchenden Schwänzen. Hat man nicht ein Jahr vor dem Beginne des Kriegs bewaffnete Männer am Himmel geſehen? Und die Nacht vor der Schlacht auf den Ebenen— hat es da nicht gedonnert, gerade als ob es mit Kanonen drauf und dran ginge?— Ach, Miß Fanny, ich fürchte, es kann nichts Gutes herauskom⸗ men bei einer Empörung gegen den Geſalbten des Herrn!“ „Dieſe Ereigniſſe ſind in der That ſchrecklich,“ verſetzte Fran⸗ ciska,„und können wohl das muthigſte Herz niederſchlagen. Aber was läßt ſich machen, Katy?— Muthige, unabhängige Männer unterwerfen ſich nicht gerne der Unterdrückung, und ich fürchte, ſolche Auftritte ſind im Kriege nur zu gewöhnlich.“ „Wenn ich nur wüßte, warum ſie eigentlich fechten,“ ſagte Katy, und nahm ihren Schritt wieder auf, als ſie die junge Dame weiter gehen ſah;„ich wollte mir dann nicht ſo viel daraus machen. Das einemal heißt's, der König wolle allen Thee für ſein eigenes Haus haben; dann wieder, er verlange, daß die Kolonien alle ihre Erſparniſſe an ſeine Kaſſe abliefern ſollen. Nun, das wäre allen⸗ falls ein Grund, für den man ſich wehren dürfte,— denn gewiß hat Niemand, ſey er nun ein König oder ſonſt ein großer Herr, ein Recht an den ſauern Erwerb eines Andern. Dann hieß es aber wieder, es ſey kein wahres Wörtchen an all dieſem, und einige wollen ſogar behaupten, Waſhington habe die Abſicht, ſel⸗ ber König zu werden. Wer kann wohl aus dieſem verſchiedenen Gerede klug werden?“ „Eines iſt ſo unwahr als das andere. Ich maße mir nicht an, die Bedeutung dieſes Krieges ganz zu verſtehen, Katy; aber es ſcheint mir unnatürlich, daß ein Land, wie dieſes, von einem andern beherrſcht werden ſoll, das ſo weit von ihm entfernt liegt, im wie England.“ „Das Nämliche habe ich auch Harvey zu ſeinem Vater ſagen„ eine hören, der jetzt todt und begraben iſt,“ entgegnete Katy mit ge⸗ dämpfter Stimme, indem ſie ſich mehr in die Nähe der jungen Han Dame machte.„Ich habe ihnen oft zugehört, wenn ſte zu einer noch Zeit, wo Alles in der ganzen Nachbarſchaft im Schlafe lag, mit— einander Geſpräche hielten,— und zwar Geſpräche, Miß Fanny, Heft von denen Sie ſich gar keine Idee machen kͤnnen. Ja, um die man Wahrheit zu ſagen, Harvey Birch war ein gar myſtificirter Menſch, weg und wie der Wind in der Bibel, von dem Niemand weiß, woher anzu er kömmt und wohin er fährt.“ Sac gen Franciska blickte mit augenſcheinlichem Verlangen, noch mehr zu hören, auf ihre Begleiterin. 4 „Es ſind allerlei Gerüchte über Harvey's Charakter im Um⸗ Arn lauf,“ ſagte ſie,„ſo daß es mir Sorge um ihn machen würde, wenn 1 gera ſie wahr wären.“ „Pure Verläumdung, jedes Wort davon,“ rief Katy heftig; dem „Harvey hat nicht mehr Verkehr mit Beelzebub, als Sie oder ich. von Ich wette, wenn Harvey ſich dem Teufel verkauft hätte, ſo hätt würde er ſich beſſer haben bezahlen laſſen, obgleich er, aufrich⸗ unte tig geſprochen, immer ein verſchwenderiſcher und rückſichtsloſer de ich Menſch war.“ „Nein, nein,“ erwiederte Franciska lächelnd,„ich habe ihn betr in keinem ſo gar ſchlimmen Verdacht. Aber hat er ſich nicht an Gen einen irdiſchen Fürſten verkauft, der zu ſehr für das Intereſſe der fin inn Inſel, auf welcher er geboren wurde, beſorgt iſt, um immer ge⸗ recht gegen dieſes Land ſeyn zu können?“ „Sie meinen des Königs Majeſtät?“ verſetzte Katy.„Ei, Ihr Bruder, der gegenwärtig gefangen ſitzt, ſteht ja auch in Koͤ⸗ nig Georg's Dienſten.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte Franciska;„aber er dient ihm nicht im Geheim, ſondern öffentlich, männlich und tapfer.“ „Es heißt, er ſey ein Spion, und warum ſollte da nicht einer ſo ſchlecht ſeyn als der andere?“ „Das iſt nicht wahr. Mein Bruder iſt keiner betrüglichen Handlung fähig, und würde ſich weder um ſchnöden Gewinnes, noch um hoher Stellen willen einer ſolchen ſchuldig machen.“ „Nun, ich dächte doch,“ ſagte Katy, ein wenig durch die Heftigkeit in dem Benehmen der jungen Dame eingeſchüchtert,„daß man ſich für ſeine Arbeit bezahlen laſſen dürfe. Harvey iſt keines⸗ wegs ſehr darauf verſeſſen, das auch einzubringen, was er mit Recht anzuſprechen hat, und ich darf wohl ſagen, daß, wenn man die Sache genauer beſehen wollte, König Georg ihm im gegenwärti⸗ gen Augenblicke noch Geld ſchuldig iſt.“ „Dann gebt Ihr alſo ſeine Verbindung mit der brittiſchen Armee zu?“ ſagte Franciska.„Ich geſtehe, daß ich bisweilen gerade das Gegentheil von ihm vermuthete.“ „Du lieber Himmel, Miß Fanny, Harvey iſt ein Mann, aus dem man nicht klug werden kann. Ich habe doch eine lange Reihe von Jahren in ſeinem Hauſe gewohnt, ohne daß ich mit Gewißheit hätte herausbringen können, ob er zu denen oben, oder zu denen unten gehört.* Als Borg'yne gefangen wurde, kam er heim und da war viel Hanthi zwiſchen erensihm und dem alten Herrn; aber ich könnte um's Leben nicht ſagen, ob ſie ſich darüber freuten oder betrübten. Dann, hier, den andern Tag, als der große engliſche General— du mein Gott, die Verluſte und Schreckniſſe haben mir den Kopf ſo verwirrt, daß ich mich nicht auf den Namen be⸗ ſinnen kann—“ „André?“ ſagte Franciska. * Die Amerikaniſch⸗Geſinnten wurden die nach oben gehörende, und die Royaliſten die nach unten gehörende Partei genannt. Dieſe Bezeichnung bezieht ſich auf den Lauf des Hudſon. 8 „Ja, Andrees;— als dieſer gehenkt wurde, trieb ſich der alte Herr faſt wie ein Narr umher und ſchlief Tag und Nacht nicht, bis Harvey zurückkam. Er brachte damals faſt nichts als blanke goldene Guineen heim, aber die Schinder haben ihm alle wieder abgejagt, und jetzt iſt er ein Bettler, oder was daſſelbe iſt, ein verächtlicher, hungerleidiger Kerl.“ Franciska erwiederte nichts auf dieſe Worte, ſondern fuhr fort, bergan zu ſteigen und verlor ſich dabei in tiefes Nachſinnen. Die Erinnerung an André hatte ihre Gedanken auf die Lage ihres Bruders zurückgeführt. Als ſie dem höchſten Punkt ihrer beſchwerlichen Wanderung erreicht hatten, ſetzte ſich Franciska auf einen Stein, um auszu⸗ ruhen und ſich in der Gegend umzuſehen. Unmittelbar vor ihren Füßen lag im Schatten eines herbſtlichen Sonnenuntergangs ein tiefer, durch Kultur nur wenig veränderter Thaleinſchnitt, während ſich ihrem Sitze gegenüber in geringer Entfernung ein anderer Berg erhob, an deſſen Seiten nichts als unförmliche zackige Felſen und Eichen, deren verkrüppelter Wuchs die Dürre des Bodens be⸗ kundete, ſichtbar waren. Um den Charakter der Hochlande richtig würdigen zu können, muß man ſie beſuchen, wenn das Laub der Bäume gefallen iſt, denn ſie zeigen erſt dann ihre ſchönſten Formen, wenn weder das kärgliche Blätterwerk des Sommers noch der Schnee des Winters die Einzelnheiten der Scene verdeckt. Das Gemälde trägt das Ge⸗ präge einer ergreifenden Einſamkeit und beengt den Geiſt weniger, als im März, wo eine ſich verjüngende Vegetation die Blicke feſ⸗ ſelt, ohne die Ausſicht zu erweitern. Der Tag war wolkig und kalt geweſen, und den Horizont umhingen leichte Flöͤckchen, welche ſich bald zerſtreuen zu wollen ſchienen, bald wieder Franciska's Hoffnung, ſich der ſcheidenden Sonnenſtrahlen erfreuen zu können, zu nichte machten. Endlich traf ein einzelner Lichtblick den Fuß des Berges, auf welchem das der Racht 3 als alle e iſt, fort, Die ihres erung auszu⸗ ihren ss ein ihrend nderer Felſen ns be⸗ fönnen, en iſt, er das Binters as Ge⸗ heniger, cke feſ⸗ vorizont wollen eidenden Endlich dem das Auge des Mädchens ruhte, und bewegte ſich allmählich an der Seite aufwärts, bis er den Gipfel erreichte und, hier eine Minute verweilend, eine Strahlenkrone über der dunkeln Maſſe der Kegels bildete. Der Wiederglanz war ſo lebhaft, daß er, was vorher undeutlich geweſen, dem Auge nun unverſchleiert darlegte. Franciska blickte mit ehrfurchtsvollen Gefühlen nach der öden Stelle, in deren Geheimniſſe ſie gleichſam ſo unerwartet eingeweiht worden war, und bemerkte auf einmal unter den zerſtreuten Bäumen und fantaſtiſchen Felſen die Umriſſe eines rohen Gebäudes. Es war nur niedrig und die Farbe des Gemäuers ſo dunkel, daß es ohne das Dach und das Glänzen eines Fenſters ihrer Aufmerkſamkeit entgangen wäre. Ihre Verwunderung, an einer ſolchen Stelle eine menſch⸗ liche Wohnung anzutreffen, wurde noch durch einen weiteren Gegen⸗ ſtand, welcher ſich ihrem ſpähenden Auge darbot, vermehrt. Es war dem Anſcheine nach eine menſchliche Geſtalt, jedoch von ſonder⸗ barem Bau und von ungewöhnlichen Formen. Sie ſtand an einer Felſenecke, etwas höher als die Hütte, und es kam unſerer Heldin vor, als blicke ſie nach den Fuhrwerken, welche ſeitwärts an dem Berge herauf kamen. Die Entfernung war jedoch zu groß, um alles dieſes mit Genauigkeit zu unterſcheiden. Nachdem Franciska eine Weile in athemloſem Staunen hingeſehen hatte, wollte ſie ſich bereden, daß das Ganze nur ein Spiel der Phantaſte ſey, welche einen lebloſen Felſen beſeele, als plötzlich der Gegenſtand ihrer Beobachtung ſich von der Stelle bewegte und in die Hütte glitt, wodurch jeder weitere Zweifel über die Natur dieſer beiden Er⸗ ſcheinungen gehoben war. Mochte nun die vorhin mit Katy ge⸗ haltene Unterredung, oder irgend eine andere Ideenverknüpfung auf Franciska einen Einfluß üben— genug, es däuchte ihr, als ob die eben ihren Blicken entſchwundene Geſtalt dem Harvey Birch, wie en ſich unter der Laſt ſeines Packes hinbewegte, auffallend ähnlich ſehe. Sie fuhr fort, dieſen geheimnißvollen Aufenthalt zu betrach⸗ ten, bis der letzte Lichtſtrahl ſich verlor, und in demſelben Augenblicke ließen ſich die Töne eines Horns vernehmen, welche durch die Thäler und Schluchten erklangen und von allen Seiten wieder⸗ hallten. Das Mädchen ſprang erſchrocken auf und vernahm bald nachher den Huftritt von Roſſen, der immer näher kam, bis ſie endlich eines Dragoner⸗Trupps in der wohlbekannten virginiſchen Uniform anſichtig wurde, der um einen nahen Felſen herum ſchwenkte und ſich in kurzer Entfernung von ihr aufſtellte. Auf's Neue ließ das Horn eine liebliche Weiſe erſchallen und ehe das bewegte Mädchen Zeit hatte, ihre Gedanken zu ſammeln, trennte ſich Dun⸗ woodie von den Dragonern, ſprang vom Pferde und eilte an die Seite ſeiner Geliebten. Sein Benehmen war ernſt und theilnehmend, aber etwas zu⸗ rückhaltend. Er theilte ihr in wenigen Worten mit, daß er Be⸗ fehl erhalten habe, ſtatt des abweſenden Lawton mit einem Theil von des Kapitäns Mannſchaft das Kriegsgericht über Heinrich, welches auf den morgenden Tag angeſetzt wäre, zu ſchützen, und wie er aus Beſorgniß, die Reiſenden möchten in den rauhen Ge⸗ birgspäſſen Schaden nehmen, ihnen eine oder zwei Meilen entgegen⸗ geritten ſey. Franciska erklärte ihm mit zitternder Stimme den Grund, warum ſie vorausgegangen und ſagte ihm, daß ihr Vater im Augenblicke nachkommen werde. Das Gezwungene in ſeiner Miene hatte ſich jedoch unwillkührlich auch ihrem eigenen Beneh⸗ men mitgetheilt und die Ankunft der Kutſche diente Beiden zur Erleichterung. Der Major half ihr einſteigen, ſagte Herrn Wharton und Miß Peyton einige Worte der Ermuthigung, ſaß dann wieder auf und ſprengte nach der Ebene von Fiſhkill voran, wobei er, um die Felſen einbiegend, wie durch Zauberei dem Geſichtskreiſe derer im Wagen entrückt wurde. Eine kurze halbe Stunde brachte ſie zur Thüre eines Meier⸗ hauſes, welches Dunwoodie's Sorgfalt bereits zu ihrer Aufnahme in den Stand geſetzt hatte, und wo Kapitän Wharton ängſtlich die Ankunft der Seinigen erwartete. — ſchul Lage heraꝛ nacht Fam einen wußt zu G Andr ange ſeinen bei a war haͤufi Fälle einge Tröſt ungee ſorgn Auße befan 8 die der⸗ bald 3 ſie ſchen enkte ließ begte Dun⸗ n die 3 zu⸗ Be⸗ Theil nrich, und Ge⸗ egen⸗ 2 den Vater ſeiner geneh⸗ n zur arton vieder ei er, gkreiſe Neier⸗ nahme ich die Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Geſtählt von Kriegesmüh' ſind dieſe Glieder, Und nimmer hat die Wange Furcht gebleicht; Doch deine Schreckensmähr' entnervt mein Inn'res, Schlägt mir auf einmal alle Mannheit nieder. Glut ringt in mir mit kaltem Fieberſchauer, Und Thränen kind'ſcher Sorgen feuchten mir Die Furchen, alter Wunden harſche Male. Duo. Heinrich Wharton's Freunde hatten ſich ſo ſehr auf ſeine Un⸗ ſchuld verlaſſen, daß ſie unfähig waren, die ganze Gefahr ſeiner Lage einzuſehen. Als jedoch der Augenblick der Gerichtsſitzung herannahete, nahmen ſelbſt die Beſorgniſſe des jungen Mannes zu, und nachdem er den größten Theil der Nacht mit ſeiner bekümmerten Familie zugebracht hatte, erwachte er am folgenden Morgen aus einem kurzen und unruhigen Schlummer zu einem deutlicheren Be⸗ wußtſeyn ſeiner Lage und zum Ueberblick der Mittel, welche ihm zu Gebote ſtehen mochten, um ſein Leben zu retten. Die Hinrichtung André's hatte wegen ſeines Ranges, der Wichtigkeit der von ihm angeſponnenen Ränke und der kräftigen Verwendung, welche zu ſeinen Gunſten eingelegt wurde, ein größeres Aufſehen erregt, als bei ähnlichen Ereigniſſen des Krieges gewöhnlich ſeyn mochte. Es war jedoch Dunwoodie und dem Gefangenen nicht unbekannt, daß häufig Spione aufgegriffen wurden, gegen welche in unzähligen Fällen ein ſummariſches Verfahren und ſchneller Vollzug der Strafe eingeleitet wurde, weßhalb beide, ſolchen Vorgängen zu Folge, wenig Tröſtliches in den Vorbereitungen zum Kriegsgerichte fanden. Dem⸗ ungeachtet aber gelang es ihnen, den ganzen Umfang ihrer Be⸗ ſorgniſſe vor Miß Peyton und Franciska zu verbergen. In dem Außengebäude des Maierhauſes, in welchem ſich der Gefangene befand, lag ein ſtarker Poſten und mehrere Schildwachen bewachten Der Spion. 3. Aufl. 25 die Zugänge zu der Wohnung. Eine weitere Wache ſtand vor dem Zimmer des brittiſchen Offiziers. Auch war bereits der Gerichtshof dru zuſammengetreten, welcher die Umſtände zu unterſuchen hatte und man auf deſſen Entſcheidung Heinrich's Schickſal beruhte. 2 Ihr Endlich kam der entſcheidende Augenblick. Die bei der Unter⸗ und ſuchung betheiligten Perſonen waren verſammelt. Franciska über⸗ V Här waͤltigte ein erſtickendes Gefühl, als ſie ihren Sitz in der Mitte der zu Familie einnahm und ihre Augen über die Grupve der Anweſenden kalte gleiten ließ. Die Richter, drei an der Zahl, ſaßen in ihre Uni⸗ Gef formen gekleidet, neben einander und beobachteten einen Ernſt, wie er der gegenwärtigen Gelegenheit und ihres Ranges würdig war. Bed Der mittlere war ein in den Jahren ſchon vorgerückter Mann, deſſen voll ganzes Aeußere das Gepräge eines frühe begonnenen und thatenreichen als kriegeriſchen Lebens kund gab. Er war der Präſident des Gerichts den und Franciska heftete nach einer ſchnellen und unbefriedigten Mu⸗ Pha ſterung ſeiner Kollegen ihre Blicke auf ſeine wohlwollenden Züge,„ Mer welche ihr als die Vorboten der Begnadigung ihres Bruders er⸗ Zw ſchienen. In dem Geſichte des Veteranen lag ein einnehmender, den leidenſchaftsloſer Ausdruck, welcher das Mädchen, im Gegenſatz zu Blie der ſtrengen Würde und Ruhe der Andern, auf's lebhafteſte an⸗ Mu ſprach. Seine Haare waren ſoldatiſch in die Höhe geſtrichen und— erke ſeine Kleidung ſtand ganz im Einklang mit den Regeln des Dienſtes, Geſ welchen er zu üben hatte; aber ſeine Finger ſpielten mit einer Tag Art krampfhafter und unwillkührlicher Bewegung mit dem Porte⸗ aber pee ſeines Säbels, welcher ihm theilweiſe als Lehne diente und der, übu wie der Mann ſelber, ein Ueberbkeibſel aus älteren Zeiten zu ſeyn Ern ſchien. Die Bewegung ſeines Innern war nicht zu verkennen, ob⸗ wär gleich der militäriſche Anſtand, welchen er an den Tag legte, dem Ton Ausdrucke des Mitleids in ſeinen Zügen eine ehrfurchtgebietende Würde beimiſchte. Die beiden andern Richter waren Offiziere aus den öſtlichen Truppen, welche die Feſtungen der weſtlichen Spitze die und die anliegenden Gebirgspäſſe beſetzt hielten. Es waren Männer Mit dem tshof e und Anter⸗ über⸗ te der ſenden e Uni⸗ ſt, wie g war. deſſen nreichen Herichts en Mu⸗ n Züge, ders er⸗ gmender, enſatz zu teſte an⸗ chen und Dienſtes, nit einer m Porte⸗ e und der, zu ſeyn nnen, ob⸗ egte, dem tgebietende fiziere aus hen Spitze en Männer im Mittage des Lebens, bei welchen das Auge vergeblich den Aus⸗ druck irgend einer Leidenſchaft oder Gemüthsbewegung ſuchte, die man als Merkmale menſchlicher Schwäche hätte betrachten können. Ihr Aeußeres trug den Stempel einer zwar milden, aber ernſten und umſichtigen Zurückhaltung, fern von aller zurückſchreckenden Härte, obgleich es nicht geeignet war, Hoffnungen und Mitgefühle zu ermuthigen. Kurz es waren Männer, in welchen ſich nur der kalte berechnende Verſtand ausſprach, deſſen Urtheil ſie alle ihre Gefühle zu unterwerfen gelernt hatten.. Vor dieſe Schiedsrichter ſeines Schickſals wurde Heinrich unter Bedeckung bewaffneter Soldaten geführt. Eine tiefe, ehrfurchts⸗ volle Stille folgte ſeinem Eintritte, und Franciska's Blut erſtarrte, als ſie den ernſten Charakter des ganzen Verfahrens bemerkte. In den Vorbereitungen war nur wenig Gepränge, welches auf ihre Phantaſie Eindruck machen konnte, aber das Zurückhaltende und Methodiſche der ganzen Secene zeigte in der That an, daß der Zweck derſelben ein Spruch über Leben und Tod ſey. Zwei von den Richtern ſaßen in ruhigem Ernſte da und hefteten forſchende Blicke auf den Gegenſtand ihrer Unterſuchung, indeß ein krampfhaftes Muskelſpiel in den Geſichtszügen des Präſidenten eine Unruhe zu erkennen gab, welche wenig für ſeine Jahre und das gegenwärtige Geſchäft zu paſſen ſchien. Es war Obriſt Singleton, der erſt Tags zuvor Iſabellen's Schickſal erfahren hatte, demungeachtet aber jetzt im Begriffe ſtand, ein Amt zu vollziehen, deſſen Aus⸗ übung das Vaterland von ihm forderte. Das Schweigen und die Erwartung in aller Augen rief ihm endlich den Zweck der gegen⸗ wärtigen Verhandlung in's Gedächtniß, und er begann in dem Tone eines Mannes, der zu befehlen gewöhnt iſt: „Bringt den Gefangenen hervor!“ Die Schildwachen ſenkten die Spitzen ihrer Bajonete gegen die Richter, und Heinrich Wharton trat mit feſten Tritten in die Mitte des Zimmers. Alles ſtand jetzt in ängſtlicher Erwartung. Franciska wandte ſich einen Augenblick in dankbarer Bewegung ab, als ihr das tiefe und beklommene Athmen Dunwoodie's an's Ohr ſchlug, dann aber ſammelten ſich alle ihre Gefühle in dem einen— der zärtlichſten Bekümmerniß um ihren Bruder. Im Hintergrunde ſtanden die Glieder der Familie, welcher das Haus, wo Gericht gehalten wurde, angehörte, und hinter dieſen befand ſich eine Reihe wie Ebenholz glänzender Geſichter, die von vergnügter Verwun⸗ derung ſtrahlten. Unter den letzteren konnte man auch die ver⸗ witterten Züge Cäſar Thompſon’s erkennen. „Ihrer Angabe nach,“ fuhr der Präſident fort,„ſind Sie Heinrich Wharton, Kapitän im ſechzigſten Infanterie⸗Regiment Seiner Majeſtät des Königs von England?“ „Ja.“ „Ihre Offenheit gefällt mir, Sir; ſie iſt ein Beweis von dem Ehrgefühle eines Soldaten und wird nicht verfehlen, auf Ihre Richter einen günſtigen Eindruck zu machen.“ „Es dürfte am Orte ſeyn, ſagte einer der Beiſitzer,„dem Gefangenen kund zu thun, daß er nicht verbunden iſt, mehr zu antworten, als ihm nöthig dünkt. Obgleich wir hier zu einem Kriegsgericht verſammelt ſind, ſo folgen wir doch in dieſem Be⸗ tracht den Grundſätzen aller freien Regierungen.“ Ein beifälliges Nicken von Seiten des ſchweigenden Mitglieds bekräftigte dieſe Bemerkung, und der Präſident ging umſichtig in der Unterſuchung weiter, wobei er die ſchriftlichen Angaben, welche er bei Handen hatte, zu Rathe zog. „Es liegt gegen Sie die Klage vor, daß Sie, ein feindlicher Offizier, am 29. Oktober in einer Verkleidung die Vorpoſten der amerikaniſchen Armee in den weißen Ebenen paſſirt hätten, wo⸗ durch Sie ſich feindſeliger Abſichten gegen das Intereſſe Amerika's verdächtig gemacht und der Strafe eines Spions ausgeſetzt haben.“ Der Sprecher hatte das Weſentliche der Anklage in ſanftem, aber feſtem und würdevollem Tone vorgetragen. Die Beſchuldigung fälli Rett Anſt Eur ſchoꝛ Ihre will Bek gelte mit gen ihrer Auft daß Kön Han gem der als zwei land dem Fein ig ab, 6 Ohr en— grunde Gericht Reihe erwun⸗ ie ver⸗ nd Sie egiment on dem †Ihre „dem nehr zu einem e:m Be⸗ itglieds htig in welche ndlicher ten der n, wo⸗ nerika's haben.“ anftem, ldigung war ſo einfach, der Thatbeſtand ſo beſtimmt, der Beweis ſo augen⸗ fällig und die Strafe lag ſo ſehr in der Natur der Sache, daß eine Rettung unmöglich ſchien. Heinrich aber erwiederte mit ernſtem Anſtand: „Es iſt allerdings wahr, daß ich in einer Verkleidung an Euren Vorpoſten vorbeikam; aber—“ „Halt!“ fiel der Präſident ein;„die Geſetze des Krieges ſind ſchon an ſich ſtreng genug; Sie haben nicht nöthig, denſelben zu Ihrer Verurtheilung noch Vorſchub zu leiſten.“ „Der Gefangene kann ſeine Erklärung zurücknehmen, wenn er will,“ bemerkte ein anderer Richter.„Nur wenn er an ſeinem Bekenntniſſe feſthält, kann es als voller Beweis ſeiner Schuld gelten.“ „Ich nehme nichts zurück, was wahr iſt,“ verſetzte Heinrich mit Stolz. Die zwei ungenannten Richter hörten ihm mit ruhigem Schwei⸗ gen zu und keine Spur von Freude miſchte ſich in den Ernſt ihrer Züge. Der Präſident ſchien jedoch neuen Antheil an dem Auftritte zu nehmen. „Ihre Geſinnung iſt edel, Sir, ſagte er; ich beklage nur, daß ein ſo junger Krieger ſich durch die Anhänglichkeit an ſeinen König ſo weit irre leiten ließ, u um zu Zwecken des Betrugs die Hand zu bieten.“ „Des Betrugs?“ wiederholte Auſantan.„ich hielt es für an⸗ gemeſſen, mich auf dieſe Weiſe vorzuſehen, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen.“ „Ein Soldat, Kapitän Wharton, ſoll dem Feind nie anders, als offen und mit den Waffen in der Hand begegnen. Ich habe zwei Köͤnigen von England gedient, wie ich jetzt meinem Vater⸗ lande diene, aber nie näherte ich mich dem Feinde anders, als in dem Lichte der Sonne und mit der offenen Ankündigung, daß ein Feind da ſey.“ 390 „Sie haben die Freiheit, Ihre Gründe anzugeben, warum Sie das von unſerer Armee beſetzte Gebiet in Verkleidung betraten,“ ſagte der andere Richter mit einem leichten Zucken der Lippen. „Ich bin der Sohn des alten Mannes, der hier vor Ihnen ſteht,“ fuhr Heinrich fort.„Ihn zu beſuchen, habe ich mich in Gefahr begeben. Außerdem ſtehen Eure Truppen ſelten ſo weit unten, und der Name, welchen dieſes Terrain trägt, ſpricht ſchon das Recht für beide Parteien aus, ſich nach Belieben auf demſel⸗ ben zu bewegen.“ „Die Benennung ‚neutraler Boden' iſt durch kein Geſetz aner⸗ kannt und hat ihren Grund in der Lage des Landes. Aber eine Armee bringt ihre Rechte mit, wo ſie immer hin kömmt, und das erſte iſt das des eigenen Schutzes.“ „Ich bin kein Rechtsgelehrter, Sir;“ erwiederte der Jüng⸗ ling,„aber ich fühle, daß mein Vater Anſprüche an meine Liebe hat, und ich würde mich noch größeren Gefahren unterziehen, ſie ihm in ſeinen alten Tagen zu beweiſen.“ „Eine ſehr achtbare Geſinnung,“ rief der Veteran.„Meine Herren, die Sache gewinnt ein beſſeres Licht. Ich geſtehe, ſie ſah im Anfang ſchlimm aus; aber Niemand kann ihn tadeln, wenn er ſeinen Vater zu ſehen wünſchte.“ „Können Sie beweiſen, daß dieß Ihre einzige Abſicht war?“ „Ja— hier,“ ſagte Heinrich, dem nun ein Strahl der Hoff⸗ nung auftauchte—„hier iſt der Beweis— mein Vater, meine Schweſter, Major Dunwoodie— Alle wiſſen es.“ „Dann in der That,“ verſetzte ſein unbeweglicher Richter, „ſind wir vielleicht im Stande, Sie zu retten. Es moͤchte wohl gut ſeyn, Sir, in dem Verhöre fortzufahren.“ „Gewiß,“ ſagte der Präſident mit Lebhaftigkeit.„Der ältere Herr Wharton mag vortreten und ſich den Eid abnehmen laſſen. Der Vater nahm ſich mit Gewalt zuſammen, wankte vorwärts und that den nöthigen Formalitäten des Gerichts Genüge. ton Aufr in g. der frag Ankl kam gend Ein Herꝛ Auf zum arum ten,“ . shnen ich in weit ſchon mſel⸗ aner⸗ r eine d das Jüng⸗ Liebe n, ſie Meine ſie ſah enn er war?“ Hoff⸗ meine Richter, e wohl ältere laſſen. orwärts 12 „Sie ſind der Vater des Gefangenen?“ fragte Obriſt Single⸗ ton mit gedämpfter Stimme, nachdem er aus Rückſicht für die Aufregung des Zeugen eine Weile inne gehalten hatte. „Er iſt mein einziger Sohn.“ „Und was wiſſen Sie von ſeinem Beſuche in Ihrer Wohnung am verwichenen 29. Oktober?“ „Er kam, wie er Ihnen bereits ſagte, um mich und ſeine Schweſtern wieder zu ſehen.“ „Geſchah das in einer Verkleidung?“ fragte der andere Richter. „Er trug nicht die Uniform ſeines Regiments.“ „Er wollte auch ſeine Schweſtern ſehen?“ ſagte der Präſident in großer Bewegung:„haben Sie Töchter, Sir?“ „Ich habe zwei— beide ſind in dieſem Hauſe.“ „Trug er eine Perücke?“ ſiel der Offizier ein. „Er hatte, glaube ich, etwas der Art auf dem Kopfe.“ „Und wie lange iſt er von Ihnen getrennt geweſen?“ fragte der Praſident. „Ein Jahr und zwei Monate.“ „Trug er einen weiten großen Ueberrock von grobem Zeug?“ fragte der Offizier, indem er in das Papier blickte, welches die Anklagepunkte enthielt. „Er hatte einen Ueberrock an.“ „Und Sie glauben, daß er aus keinem andern Punkte heraus⸗ kam, als um Sie zu beſuchen?“ „Mich und meine Töchter.“ „Ein muthiger Junge,“ flüſterte der Präſident ſeinem ſchwei⸗ genden Kollegen zu.„Ich ſehe nichts beſonders Arges in dieſem Einfall; er iſt zwar unbeſonnen, zeugt aber von einem liebevollen Herzen.“ „Wiſſen Sie gewiß, daß Ihr Sohn nicht mit irgend einem Auftrag von Sir Henry Clinton kam, und daß dieſer Beſuch nicht zum Deckmantel anderer Plane diente?“ 392 „Wie kann ich das wiſſen?“ entgegnete Herr Wharton un⸗ ruhig.„Würde Sir Henry mich in einem ſolchen Geſchäft zum Vertrauten machen?“ „Wiſſen Sie etwas von dieſem Paſſe?“ er zeigte dabei auf das Papier, welches Dunwoodie bei Heinrich Wharton's Verhaf⸗ tung zu ſich genommen hatte. „Nichts— auf Ehre nichts!“ rief der Vater, indem er vor der Schrift, als wäre ſie verpeſtet, zurückfuhr. „Bei ihrem Eide?“ „Nichts.“ „Haben Sie noch andere Zeugen? Die gegenwärtige Aus⸗ ſage ſpricht nicht zu Ihren Gunſten, Kapitän Wharton. Sie ſind unter Umſtänden aufgegriffen worden, durch welche Ihr Leben ver⸗ wirkt iſt. Der etwaige Beweis Ihrer Unſchuld laſtet auf Ihnen. Nehmen Sie ſich Zeit zum Nachdenken und laſſen Sie ſich nicht aus der Faſſung bringen.“ Es lag eine fürchterliche Ruhe in dem Benehmen dieſes Rich⸗ ters, welche den Gefangenen erbleichen machte. In dem Mitge⸗ fühle des Obriſten Singleton konnte er die Gefahr leicht aus den Augen verlieren, aber die unzugängliche, gefaßte Weiſe der beiden Andern enthielt eine ſchlimme Vorbedeutung für ſein Schickſal. Er ſchwieg und warf einen bittenden Blick auf ſeinen Freund. Dun⸗ woodie verſtand die Aufforderung und bot ſich ſelbſt als Zeugen an. Nachdem er beeidigt war, beeilte er ſich mitzutheilen, was er wußte. Seine Ausſage änderte in dem Stand der Dinge nichts Weſentliches, und Dunwoodie fühlte auch, daß dieſes nicht ſeyn konnte, da ihm ſelbſt nur wenig bekannt war, und dieſes Wenige eher dazu beitrug, Heinrich's Lage noch mehr zu gefährden, als ſte zu verbeſſern. Seine Erzählung wurde ruhig angehört, und ein bedeutſames Kopfſchütteln von Seite des ſchweigenden Mitglieds des Gerichts bekundete nur zu deutlich den Erfolg, welchen ſie her⸗ vorgebracht hatte. un⸗ zum i auf erhaf⸗ er vor Aus⸗ e ſind 1 ver⸗ öhnen. nicht Rich⸗ Nitge⸗ s den beiden l. Er Dun⸗ Zeugen „ was nichts t ſeyn Venige , als , und tglieds ie her⸗ „Sie glauben alſo, daß der Gefangene keine andere, als die von ihm angegebene Abſicht mit ſeinem Beſuche verband?“ ſagte der Präſident, als er geendet hatte. „Keine andere, ich bürge mit meinem Leben dafür,“ rief der Major mit Feuer. „Wollen Sie das beſchwören?“ fragte der unbewegliche Richter. „Wie kann ich das? Gott allein prüft die Herzen; aber ich kenne dieſen Herrn von Kindheit auf, und Betrug war ſtets ſeinem Charakter fremd. Er iſt darüber erhaben.“ „Sie ſagen, daß er entkam und mit den Waffen in der Hand wieder gefangen wurde?“ ſagte der Präſident. „Es iſt ſo; auch wurde er im Kampfe verwundet. Sie be⸗ merken, daß er im gegenwärtigen Augenblick noch ſeinen Arm nicht recht gebrauchen kann. Würde er ſich wohl in einen Kampf einge⸗ laſſen haben, Sir, in welchem er wieder in unſere Hände fallen konnte, wenn er nicht ein reines Gewiſſen gehabt hätte?“ „Würde André wohl von einem Schlachtfeld gewichen ſeyn, Major Dunwoodie, wenn ihm etwas Aehnliches bei Tarry⸗Town begegnet wäre?“ fragte der umſichtige Inquirent.„Liegt der Durſt nahm Ruhm nicht im Weſen der Jugend?“ „Nennen Sie das einen Ruhm?“ rief der Major;—„ein ſchmählicher Tod und ein gebrandmarkter Name?“ „Major Dunwoodie,“ entgegnete der Andere mit ſeinem eiſer⸗ nen Ernſte,„Sie haben edel gehandelt. Ihre Pflicht war ſchwer und ſtreng; Sie haben ſich derſelben treu und ehrenvoll entledigt. Wir dürfen jedoch nicht weniger thun.“ Während der Unterſuchung herrſchte unter allen Anweſenden die lebhafteſte Theilnahme. Die meiſten der Zuhörer, deren Ge⸗ fühl Grundſätze von dem Thatbeſtand nicht zu unterſcheiden wußte, waren der Meinung, daß Alles vergebens ſey, wenn Dunwoodie nicht die Herzen der Richter zu bewegen vermöge. Cäſar drängte ſeine unförmliche Geſtalt vorwärts, und ſeine Züge, die ſo 394 verſchieden von dem leeren neugierigen Ausdrucke der übrigen Schwar⸗ zen waren und den tiefen Kummer ſeiner Seele zu erkennen gaben, zogen die Aufmerkſamkeit des ſtummen Richters auf ſich. Das erſtemal öffnete er den Mund zur Rede und ſprach: „Laßt den Schwarzen vortreten.“ Es war zu ſpät zum Rückzuge, und Cäſar fand ſich einer Reihe von Rebellen⸗Offtzieren gegenüber, ehe er wußte, was in ſeinen Gedanken die Oberhand hatte. Die Andern überließen das Verhör dem, welcher die Aufforderung erlaſſen hatte, und der nun nach vorgängiger Ueberlegung fortfuhr: „Du kennſt den Gefangenen?“ „Ich wohl müſſen,“ erwiederte der Schwarze mit derſelben Kürze. „Gab er Dir die Perücke, als er ſie bei Seite legte?“ „Ich ſie nicht brauchen,“ brummte Caͤſar; ich ſelbſt noch haben ſehr gutes Haar.“ „Hat man Dir Briefe oder Botſchaften zu beſorgen über⸗ geben, ſo lange Kapitän Wharton ſich in dem Hauſe Deines Ge⸗ bieters befand?“ „Ich thun, was man mich heißen,“ entgegnete der Schwarze. „Aber was hat man Dich geheißen, zu thun?“ „Einmal das, ein andermal was Anderes.“ „Genug,“ ſagte Obriſt Singleton mit Würde.„Wir haben das freie Zugeſtändniß eines Mannes von Ehre, was wollen wir weiter von dieſem Sklaven? Kapitän Wharton, Sie ſehen ein, daß die Sachen unglücklich fuͤr Sie ſtehen. Haben Sie noch ein wei⸗ teres Zeugniß anzuführen?“ Heinrich blieb nur noch wenig Hoffnung. Sein Vertrauen auf Rettung war faſt entſchwunden, und in unbeſtimmter Erwar⸗ tung eines Beiſtandes von Seite der ſchweſterlichen Liebe, warf er einen ernſten Blick auf die bleichen Züge Franciska's. Sie erhob ſich und ſchwankte auf die Richter zu. Dann wich die Bläͤſſe ihrer ————+— den Wangen einer hohen Gluth und ſie richtete ſich in leichter und ſicherer Haltung auf. Ihre Hand ſtrich die üppigen Locken von ihrer ſchneeigen Stirne und ließ ein Bild der Schönheit und Un⸗ ſchuld ſchauen, deſſen Anblick ſogar noch ernſtere Weſen hätte rüh⸗ ren können. Der Präſident bedeckte einen Moment ſeine Augen, als ob der wilde Blick und die ſprechenden Züge des Mädchens ihm das Bild einer anderen in's Gedächtniß riefen. Aber die Be⸗ wegung war nur vorübergehend— er faßte ſich wieder und ſprach mit einem Ausdrucke, welcher ſeine geheime Wünſche verrieth— „Ihnen alſo hatte Ihr Bruder vorläufig die Abſicht mitgetheilt, Ihrer Familie einen geheimen Beſuch abzuſtatten?“ „Nein!— nein!“ ſagte Franciska, und drückte die Hand an die Stirne, als ob ſie ſich mühe, ihre Gedanken zu ſammeln;„er hat mir nichts geſagt— wir wußten nichts von ſeinem Beſuche, bis er ankam. Aber iſt es denn nöthig, edlen Männern auseinander zu ſetzen, wie ein Kind ſich in Gefahr begeben kann, um einen alten Vater wieder zu ſehen, und das in einer Zeit, wie dieſe, und in einer Lage, wie die unſrige?“ „Aber war dieſes denn das erſtemal? Hat er früher nie von einer derartigen Abſicht geſprochen?“ fragte der Obriſt, indem er ſich mit väterlicher Theilnahme gegen ſie vorbeugte. „Freilich— freilich,“ rief Franciska indem ſie den Ausdruck des Wohlwollens in ſeinem Geſichte auffing.„Dieſes war der vierte ſeiner Beſuche.“ „Ich wußte es ja!“ rief der Veteran, indem er vergnügt die Hände rieb;„zwar ein Wagehals, aber ein warmherziger Sohn— ich ſtehe euch dafür, meine Herren, ein wackerer Soldat im Feld! In welcher Verkleidung kam er?“ „In keiner, denn damals war keine nöthig; die königlichen Truppen hielten das Land beſetzt und ſicherten ihm freien Durch⸗ gang.“ „Dieß war alſo der erſte Beſuch, welchen er ohne die Uniform 396 ſeines Regiments machte?“ fragte der Obriſt mit unterdrückter Stimme, wobei er die durchdringenden Blicke ſeiner Kollegen zu vermeiden ſuchte. „O gewiß der erſte,“ rief das Mädchen haſtig;—„ſein erſtes Vergehen, wenn man es ein Vergehen nennen kann.“ „Aber Sie ſchrieben ihm,— Sie forderten ihn auf, zu kommen? Gewiß, junge Dame, war es Ihr Wunſch, Ihren Bruder wieder zu ſehen,“ fügte der Obriſt ungeduldig bei. „Daß wir es wünſchten und darum beteten— o wie heiß haben wir darum gefleht— iſt wahr. Aber eine Correſpondenz mit der königlichen Armee hätte unſerem Vater gefährlich werden können, und ſo wagten wir es nicht.“ „Verließ er das Haus, ehe er gefangen genommen wurde, oder hatte er eine Unterredung mit irgend Jemand außer dem Hauſe?“ „Mit Niemand— mit keinem Menſchen, ausgenommen mit unſerm Nachbar, dem Hauſirer Birch.“ „Mit wem?“ rief der Obriſt erbleichend und fuhr zurück, als hätte ihn eine Natter gebiſſen. Dunwoodie ſtöhnte laut, ſchlug die Hand an die Stirne und rief in durchdringendem Tone, ver iſt verloren,“ dann ſtürzte er aus dem Zimmer. „Mit Harvey Birch,“ wiederholte ⸗Franciska und blickte wild nach der Thüre, durch welche ihr Geliebter verſchwunden war. „Harvey Birch!“ hallte es von dem Munde aller Richter wieder. Die zwei unbeweglichen Mitglieder des Gerichts winkten ſich mit den Augen zu und warfen forſchende Blicke auf den Ge⸗ fangenen. „Meine Herren,“ ſagte Heinrich Wharton, indem er wieder vor ſeine Richter trat,„es kann Ihnen nichts Neues ſeyn, daß Harvey Birch im Verdachte ſteht, als begünſtige er die königliche Sache, denn er iſt bereits durch Ihre Tribunale zu dem Schickſal —,— Oꝙ—.—— -— 182 8 8 2e ̈ 8 2 verurtheilt worden, welches nun, wie ich ſehe, mir bevorſteht. Ich kann daher wohl geſtehen, daß er mir die Stücke der Verkleidung verſchaffte, in welchen ich an euern Vorpoſten vorbeikam. Aber bis zum letzten Augenblicke, bis zu meinem letzten Athem⸗ zuge werde ich betheuern, daß meine Abſichten ſo rein waren, als die des unſchuldigen Weſens, welches hier vor Ihren Augen ſteht.“ „Kapitän Wharton,“ ſagte der Präſident feierlich,„die Feinde der amerikaniſchen Freiheit haben mächtige und ſchlaue Verſuche unternommen, unſere Macht zu untergraben. Wir haben, ſo weit es ſeine Mittel und ſeine Erziehung geſtatten, keinen gefährlicheren Menſchen unter den Reihen unſerer Feinde, als dieſen Hauſirer von Weſt⸗Cheſter. Er iſt ein Spion— ränkevoll, verſchlagen und ſcharfblickend, mehr als irgend ein Mann ſeiner Klaſſe. Sir Heinrich konnte nichts Beſſeres thun, als daß er ihn bei dem nächſten Verſuche ſeinem Offizier an die Seite gab. Er hätte André retten können. In der That“ junger Mann, dieſe Verbin⸗ dung wird für Ihr Schickſal entſcheidend ſeyn!“ Der edle Unwille, der aus den Zügen des alten Kriegers leuchtete, wurde durch einen Blick vollkommener innerer Ueberzeu⸗ gung von Seite der beiden andern Richter begleitet. „Ich habe ihn zu Grunde gerichtet!“ rief Franciska und rang entſetzt die Hände.„Wenn Sie uns verlaſſen, ſo iſt er wirklich verloren!“ „O nicht doch!— liebliche Unſchuld— nicht doch!“ ſagte der Obriſt mit tiefer Bewegung.„Sie richten Niemand zu Grunde, aber uns Alle bringen ſie in Verlegenheit.“ „Iſt Kindesliebe denn ein ſo großes Verbrechen?“ ſagte Franciska mit wilden Blicken.„Könnte Waſhington— der edle gerade, unpartheiiſche Waſhington, ein ſo hartes Urtheil aus⸗ ſprechen? Verſchieben Sie die Sache, bis Waſhington alles erfahren hat.“ 398 „Es iſt unmöglich,“ ſagte der Präſident und bedeckte die Augen, als wolle er dem Anblick der reizenden Sprecherin ausweichen. „Unmöglich? ach, nur eine Woche zögert mit Eurem Spruch. Hier auf meinen Knieen beſchwöre ich Euch, wenn Ihr je ſelbſt Gnade zu finden hofft, wo Euch keine irdiſche Macht mehr helfen kann— laßt ihm nur noch einen Tag Friſt.“ „Es iſt unmöglich,“ wiederholte der Obriſt mit faſt gebrochener Stimme;„unſere Befehle ſind beſtimmt und wir haben bereits zu lange gezögert.“ Er wandte ſich zwar von der knieenden Bittſtellerin ab, konnte oder wollte ihr aber nicht die Hand entwinden, welche ſie mit der Gluth des Wahnſinns umklammert hielt. „Entfernt den Gefangenen,“ ſagte einer der Richter zu dem Offiziere, welchem Heinrich's Bewachung übertragen war.„Obriſt Singleton, wollen wir uns jetzt zurückziehen?“ „Singleton? Singleton?“ wiederholte Franciska;„dann ſind Sie Vater und müſſen Mitleid haben mit dem Schmerze eines Vaters. O, Sie können— Sie werden nicht ein Herz verwunden, das ſchon beinahe gebrochen iſt. Hören Sie mich, Obriſt Singleton, wie Gott auf Ihre Gebete hören möge in Ihrer Sterbeſtunde— hören Sie mich und retten Sie meinen Bruder!“ „Bringt ſie fort,“ ſagte der Obriſt, indem er ihr ſanft ſeine Hand zu entziehen ſuchte. Niemand ſchien jedoch geneigt, zu gehorchen. Franciska war eifrig bemüht, den Ausdruck ſeines abgewandten Geſichtes zu erforſchen und machte ſeine Bemühungen, ſich zu entfernen, fruchtlos. „Obriſt Singleton! wie lange iſt es, daß Ihr eigener Sohn in Gefahr und leidend war? Unter dem Dache meines Vaters fand er freundliche Pflege— in meines Vaters Hauſe fand er Aufnahme und Schutz. O denken Sie an dieſen Sohn, den Stolz ihres Alters, den Troſt und Schutz Ihrer unmündigen Kinder— und — „—— zu nen, ohn fand hme hres und dann ſprechen Sie das Schuldig aus über meinen Bruder, wenn Sie können!“ „Was hat Heath für ein Recht, mich zum Henker zu machen,“ rief der Veteran heftig aus und erhob ſich mit gluthſtrahlendem Geſichte und unter einem Seelenſturme, der ihm alle Adern ſchwellen machte.„Aber ich vergeſſe mich. Kommen Sie, meine Herren, laſſen Sie uns hinaufgehen; dieſe ſchmerzliche Pflicht muß erfüllt werden.“ „Gehen Sie nicht— gehen Sie nicht!“ ſchrie Franciska mit dem Tone der Todesangſt.„Können Sie einen Sohn von dem Herzen eines Vaters reißen, einen Bruder von der Schweſter, ohne eine Regung von Mitgefühl? Sind das die Grundſätze des Vater⸗ landes, dem ich mit ſo glühender Liebe anhing? Sind das die Männer, die man mich verehren lehrte? Aber Ihr laßt Euch er⸗ weichen— Ihr hört mich— Ihr werdet barmherzig ſeyn und vergeben.“ „Gehen Sie voran, meine Herren,“ ſagte der Obriſt, indem er nach der Thüre winkte und ſich mit militäriſcher Würde aufrichtete, in der eiteln Hoffnung, ſeine Gefühle zu beruhigen. „O gehen Sie nicht— hören Sie mich!“ rief Franciska und drückte ſeine Hand convulſiviſch:„Obriſt Singleton, Sie ſind Vater— Mitleid— Gnade— Gnade für den Sohn! Gnade für die Tochter. Sie hatten ja auch eine Tochter. An dieſem Buſen hauchte ſte ihren letzten Athem aus; dieſe Hände ſchloßen ihre Augen— dieſelben Hände, die nun bittend gefaltet find, leiſteten ihr dieſen Dienſt, und Sie— Sie könnten ſie verdammen, dieſelbe traurige Pflicht an meinem armen— armen Bruder zu üben?“ Ein gewaltiger Sturm kämpfte jetzt in der Seele des Vetera⸗ nen, aber er unterlag nicht, obſchon ſich ein Seufzer aus ſeiner Bruſt hob, der ſeinen ganzen Körper erſchütterte. Er blickte eben in ſtolzem Bewußtſeyn ſeines errungenen Sieges um ſich, aber ein zweiter Ausbruch der Gefühle gewann die Oberhand. Sein Haupt, 200 weiß unter dem Schnee von ſiebenzig Wintern, ſank auf die Schultern der verzweifelnden Bittſtellerin und ſein Säbel, auf ſo vielen bluti⸗ gen Schlachtfelden ſein treuer Gefährte, entſiel der kraftloſen Hand. „Gott ſegne Sie für das, was Sie an der Armen thaten,“ rief er mit lautem Schluchzen. Lange und ergreifend war die Gewalt der Gefühle, welchen ſich der Obriſt Singleton jetzt ohne Widerſtreben hingab. Als er ſich wieder faßte, übergab er die bewußtloſe Franciska den Armen ihrer Tante und wandte ſich dann, wie ein Mann, der überwunden hat, an ſeine Kollegen. „Meine Herren,“ ſagte er,„wir haben jetzt noch unſere Pflicht als Offiziere zu erfüllen— unſern Gefühlen als Menſchen können wir nachher Raum geben. Was iſt Ihre Meinung über den gegen⸗ wärtigen Fall?“ Einer der Richter übergab ihm eine ſchriftliche Abſtimmung, welche er, mährend Obriſt Singleton mit Franciska beſchäftigt war, vorbereitet hatte, und erklärte, daß ſie ſeine Anſicht und die ſeines Kameraden enthalte. Es war darin kurz verzeichnet, daß Heinrich Wharton ent⸗ deckt worden ſey, als er die Linien der amerikaniſchen Armee als Spion und in Verkleidung überſchritten habe; daß deßhalb, dem Kriegsartikel gemäß, ſein Leben verfallen ſey, und daß das Kriegs⸗ gericht ihn zum Tode verurtheile; es gehe demnach der Vorſchlag dahin, den Gefangenen vor neun Uhr des folgenden Morgens durch den Strang hinrichten zu laſſen. Es war nicht üblich, Todesſtrafen— ſelbſt gegen den Feind— zu verhängen, ohne das Urtheil dem Obergeneral oder in deſſen Abweſenheit ſeinem jeweiligen Stellvertreter zur Beſtätigung vor⸗ zulegen. Da ſich Waſhington's Hauptquartier zu Neu⸗Windſor auf dem weſtlichen Ufer des Hudſon befand, ſo reichte die Zeit wohl zu, von dorther Antwort zu erhalten. „Das iſt eine kurze Friſt,“ ſagte der Veteran, indem er 401 zögernd die Feder ergriff;„nicht einmal einen Tag, um ein ſo junges Blut für den Himmel vorzubereiten?“ „Die königlichen Offiziere gaben Hale* nur eine Stunde,“ erwiederte ſein Kollege;„wir haben ihm die gewöhnliche Zeit zu⸗ geſtanden. Aber es ſteht in Waſhington's Gewalt, ſie zu verlän⸗ gern oder Pardon zu geben.“ „Dann will ich zu Waſhington gehen,“ rief der Obriſt, indem er das Papier mit ſeiner Unterſchrift zurückgab;„und wenn die Dienſte eines alten Mannes wie ich, und eines braven Jungen, wie mein Sohn, Anſprüche auf ein günſtiges Gehör geben, ſo kann ich den Jüngling vielleicht noch retten.“ Unmittelbar darauf machte er ſich auf den Weg, um ſeine großmüthigen Entſchlüſſe zu Wharton's Gunſten zu bethätigen. Das Urtheil des Kriegsgerichts wurde dem Gefangenen mit der geeigneten Schonung mitgetheilt. Die zurückgebliebenen Richter gaben dem wachhabenden Offizier einige Verhaltungsvorſchriften, ſandten einen Courier mit dem nöhigen Berichte nach dem Haupt⸗ quartier ab und beſtiegen dann ihre Pferde. Sie ritten mit derſelben unbeweglichen Haltung, aber auch mit dem Bewußtſeyn der gleichen leidenſchaftsloſen Rechtlichkeit, weche ſie während der Ge⸗ richtsſitzung an den Tag gelegt hatten, nach ihren Quartieren zurück. * Ein amerikaniſcher Offizier dieſes Namens wurde innerhalb der britiſchen Linien entdeckt, als er in einer Verkleidung den Stand der feindlichen Streitkräftet zu erſpähen ſuchte. Er wurde abgeurtheilt und, wie die Sentenz lautete, unmittelbar nach den ſchleunigſt getroffenen Vorbereitun⸗ gen hingerichtet. Der Sage nach wurde er noch unter dem Galgen wegen des Ranges, den er begleitete, und des Schickſals, welches ihm bevor⸗ ſtand, verhöhnt.„Ein hübſcher Tod für einen Offizier!“ ſagte einer von denenf, die ihn aufgegriffen hatten.—„Meine Herren, jeder Tod iſt ehrenvoll, wenn man für die Sache Amerika's ſtirbt,“ war ſeine Antwort. Bei André's Hinrichtung weinten ſeine Feinde; Hale ſtarb unbemitleidet und unter Hohnworten;— und doch war der Eine nur das Opfer des Ehrgeizes, der Andere das einer treuen Hingebung für ſein Vaterland. Die Nachwelt wird beiden Gerechtigkeit widerfahren laſſen. 3. Aufl. Der Spion. 26 40² Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Habt Ihr für Claudio keine Gegenordre? Und muß er alſo morgen ſterben? Maaß für Maaſt. Ver Gefangene brachte, nach Anhörung ſeines Todesurtheils, noch einige Stunden im Schooße ſeiner Familie zu. Herr Wharton beweinte das unglückliche Geſchick ſeines Sohnes in hoffnungsloſer Verzweiflung, und die aus ihrer Ohnmacht erwachte Franziska fühlte eine Seelenqual, gegen welche die Bitterkeit des Todes ein leichter Schmerz geweſen wäre. Miß Peyton allein bewahrte noch einen Hoffnungsſtrahl oder doch ſo viel Geiſtesgegenwart, um an⸗ geben zu können, welche Schritte unter ſolchen Umſtänden wohl die geeignetſten ſeyn möchten. Die verhältnißmäßige Beſonnenheit der guten Tante entſprang übrigens keineswegs aus einem Mangel an Theilnahme für das Schickſal ihres Neffen, ſondern gründete ſich auf ein gewiſſes unbewußtes Vertrauen zu Waſhington's Cha⸗ rakter. Er war mit ihr in der gleichen Kolonie geboren und obſchon ihr näherer Verkehr nur kurz gedauert hatte, da er früh⸗ zeitig in Kriegsdienſte trat und ſie häufig unter der Familie ihrer Schweſter weilte, in der ſie ſpäter für die Dauer verblieb und die Stelle der Mutter erſetzte, ſo kannte ſie doch ſeine häuslichen Tugenden und wußte wohl, daß die ſtarre Unbeugſamkeit, welche ſeine öffentlichen Handlungen bezeichnete, ſeinem Privatcharakter fremd war. Er galt in Virginien für einen beharrlichen, aber gerechten und milden Herrn, und ſie fühlte einen gewiſſen Stolz, wenn ihre Gedanken den Landsmann mit dem Führer der Armeen, der großentheils Amerika's Geſchick in ſeinen Händen hielt, in Verbindung brachten. Sie wußte, daß Heinrich das Verbrechen, wegen deſſen er zum Tod verurtheilt wurde, nicht begangen hatte, „— Sͤ Sa⸗— 8o2 Ee re? aſt. theils, harton sloſer nziska es ein e noch m an⸗ wohl nenheit Kangel ündete Cha⸗ n und früh⸗ 2 ihrer nd die slichen welche arakter „ aber Stolz, rmeen, elt, in rrechen, hatte, und konnte daher in der Einfalt ihrer edeln Seele nichts von den Anwendungen und Auslegungen eines Geſetzes begreifen, welches Strafe verhängte, ohne daß das Verbrechen wirklich ſtattgefunden hatte. Aber ihre zuverſichtlichen Hoffnungen ſollten ein ſchleuniges Ende nehmen. Gegen Mittag rückte ein Milizenregiment aus ſeinen Quartieren an den Ufern des Fluſſes auf den Platz vor dem Hauſe, welches die Familie unſerer Heldin bewohnte, und ſchlug bedächtig ſeine Zelte auf, zugeſtandenermaßen in der Abſicht, bis zum kommenden Morgen hier zu bleiben, um der Hinrichtung eines engliſchen Spions einen feierlichen Nachdruck zu geben. Dunwoodie war mit der Vollziehung ſeines Auftrags zu Ende und durch keinen Dienſt mehr gehindert, zu ſeiner Schwadron zu⸗ rückzukehren, welche ungeduldig ſeine Ankunft erwartete, um gegen den Feind geführt zu werden, der, wie man wußte, langſam ſtrom⸗ aufwärts zog, um eine Fouragierpartie im Rücken zu decken. Er war von einer kleinen, unter Maſon's Führung ſtehenden Anzahl Dragoner aus Lawton's Zuge, deren Zeugniß zur Ueberführung des Gefangenen nöthig werden konnte, herbegleitet worden. Kapitän Wharton's eigenes Geſtändniß hatte jedoch ein Zeugenverhör von Volkes wegen“ unnöthig gemacht. Da der Major dem Jammer von Heinrich's Verwandten ausweichen wollte, um nicht dem Ein⸗ fluß deſſelben zu unterliegen, ſo verwendete er die ihm übrige Zeit zu einem Spaziergang in der Nähe der Wohnung, um ſeinen bangen Sorgen Luft zu machen. Er hoffte, wie Miß Peyton, einigermaßen auf Waſhington's Gnade; dann ſtiegen ihm aber wieder ſchreckliche, troſtloſe Zweifel in der Seele auf. Er kannte die Regel des Dienſtes und war mehr daran gewöhnt, den Gene⸗ ral als Befehlshaber, als in der Eigenſchaft eines mitfühlenden Menſchen zu betrachten. Es war erſt kürzlich ein ſchreckliches Beiſpiel gegeben worden, welches den vollen Beweis lieferte, wie * In Amerika findet die Ausübung der Gerichtsbarkeit im Namen ndes guten Volks u. ſ. w.“ ſtatt, da die Souveränität deſſelben Grundſatz iſt. ſehr Waſhington über die Schwäche erhaben war, aus Weichherzig⸗ keit ein Menſchenleben zu ſchonen. Während er ſo mit raſchen Schritten in dem Baumgut auf und nieder ging und bald unter quälenden Zweifeln faſt erlag, bald wieder einem vorübergehenden, belebenden Hoffnungsſtrahle Raum gab, näherte ſich Maſon, voll⸗ kommen ſattelfertig ausgerüſtet. „In der Vermuthung, die neuen Nachrichten von unten ſeyen Ihnen außer Acht gekommen, Sir, habe ich mir die Freiheit ge⸗ nommen, die Mannſchaft unter die Waffen treten zu laſſen,“ ſagte der Lieutenant kaltblütig, indem er mit dem in der Scheide befindlichen Säbel die Köpfe der umſtehenden Diſtelſtauden abhieb. „Welche Nachrichten?“ rief der Major, aus ſeinem Sinnen auffahrend. „Hm, daß John Bull in Weſt⸗Cheſter mit einem Train von Wagen ausgezogen iſt, und wenn er dieſe gefüllt, ſo werden wir uns wohl durch dieſe verwünſchten Berge zurückziehen müſſen, um Fonrage zu finden. Dieſe engliſchen Vielfraße ſind ſo in York Island eingeſchloſſen, daß ſie, wenn ſie ſich einmal herauswagen, ſelten ſo viel Stroh zurücklaſſen, um das Bett einer Yankee⸗Erbin mit dem nöthigen derartigen Material zu verſehen.“ „Wo, ſagten Sie, daß der Eilbote ſie verlaſſen habe? Die Nachricht iſt mir ganz aus dem Gedächtniß gekommen.“ „Auf den Höhen über Sing⸗Sing,“ verſetzte der Lieutenant mit nicht geringer Verwunderung.„Die Straße unten ſieht wie ein Heumarkt aus und alle Schweine fangen an zu lamentiren, wenn ſie das Korn an ihrer Naſe vorbei nach der Königsbrücke führen ſehen. Georg Singleton's Ordonnanz, welche die Nachricht brachte, ſagt, daß unſere Pferde Berathſchlagungen hielten, ob ſie nicht ohne ihre Reiter hinabgehen und ſich noch einmal ſatt freſſen ſollten, da es zweifelhaft ſey, ob ſie je wieder einen vollen Magen kriegten. Wenn man die Burſche mit ihrem Raube frei ausgehen läßt, ſo werden wir nicht im Stande ſeyn, bis Weihnachten auch nur e ſeinen nanz lehren woodi Heath ſich in es köt Befeh bedau wie ie beiden Solde Angel meine tete n bleibe verlau fliegen es iſt was ſie wi zurück kömm rzig⸗ ſchen inter iden, voll⸗ ſeyen tge⸗ e der ichen innen von wir „ um York agen, Frbin Die tenant t wie tiren, brücke hricht ob ſie freſſen Nagen gehen auch nur ein Schwein aufzutreiben, das fett genug wäre, um es in ſeinem Specke zu braten.“ „Bleiben Sie mir mit dem Unſinne von Singleton's Ordon⸗ nanz vom Leibe, Herr Maſon,“ rief Dunwoodie ungeduldig,„und lehren Sie ihn, die Befehle ſeiner Vorgeſetzten abzuwarten.“ „Ich bitte in ſeinem Namen um Verzeihung, Major Dun⸗ woodie, erwiederte Maſon.„Wir glaubten beide, es ſey General Heath's Befehl, den Feind anzugreifen und ihm aufzuſitzen, wo er ſich immer aus ſeinem Neſt herauswage.“ „Nicht vorlaut, Lieutenant Maſon,“ ſagte der Major,„oder es könnte mir einfallen, Ihnen zu zeigen, daß Sie nur von mir Befehle zu empfangen haben.“ „Ich weiß es, Major Dunwoodie— ich weiß es, und ich bedaure, daß Ihr Gedächtniß ſo ſchlecht iſt, um ſich nicht zu erinnern, wie ich nie einen Augenblick gezögert habe, denſelben zu gehorchen.“ „Verzeihen Sie, Maſon,“ rief Dunwoodie, indem er ſeine beiden Hände ergriff;„ich weiß, Sie ſind ein braver, folgſamer Soldat; denken Sie nicht mehr an meine üble Laune. Aber dieſe Angelegenheit— Hatten Sie jemals einen Freund?“ „Nein, nein,“ fiel der Lieutenant ein;„vergeben Sie mir meinen gutgemeinten Dienſteifer. Ich kannte die Befehle und fürch⸗ tete nur, daß meinen Vorgeſetzten eine Rüge treffen könnte. Aber bleiben Sie— wenn ſich Einer nur das mindeſte gegen das Corps verlauten läßt, ſo wird jeder Säbel von ſelbſt aus der Scheide fliegen. Außerdem geht es bei ihnen immer noch aufwärts und es iſt ein langer Weg von Croton bis zur Königsbrücke. Komme, was da will, jedenfalls werden wir ihnen auf der Ferſe ſeyn, ehe ſie wieder nach Hauſe kommen.“ „Ach, wäre doch der Courier wieder aus dem Hauptquartiere zurück!“ rief Dunwoodie.„Dieſe Ungewißheit iſt unerträglich.“ „Ihr Wunſch iſt erfüllt,“ entgegnete Maſon haſtig;„da kömmt er eben, und reitet, als ob er gute Botſchaft bringe. Gott gebe, daß dem ſo iſt; denn ich kann nicht ſagen, daß ich einen beſondern Gefallen daran habe, einen braven jungen Burſchen tanzen zu ſehen, ohne feſten Boden zur Unterlage.“ Dunwoodie hörte ſehr wenig von dieſer gefühlvollen Erklärung, denn ehe Maſon nur zur Hälfte damit fertig geworden war, hatte er bereits über die Verzäunung geſetzt und den Boten angehalten. „Was für Neuigkeiten?“ rief der Major, als der Soldat ſein Pferd Halt machen ließ. „Gute!“ entgegnete der Reiter und gab ihm, da er bei einem ſo bekannten Offizier, wie Major Dunwoodie, keinen Anſtand neh⸗ men zu müſſen glaubte, das Papier in die Hand, indem er bei⸗ fügte:„Sie können ſich ſelbſt davon überzeugen.“ Dunwoodie nahm ſich keine Zeit zum Leſen, ſondern flog mit der Schwungkraft des Entzückens in das Gemach des Gefangenen. Die Schildwache kannte ihn und ließ ihn ohne Widerrede eintreten. „Ach, Peyton!“ rief Franciska, als er im Zimmer anlangte; „Sie ſehen aus wie ein Bote vom Himmel! Bringen Sie die Nachricht von ſeiner Begnadigung?“ „Hier, Franciska— hier, Heinrich— hier, liebe Couſine Jeanette,“ rief der junge Mann, als er mit zitternden Händen das Siegel erbrach—„hier iſt das Schreiben an den Kapitän der Wache ſelbſt. Doch hört—“ Alle horchten in ängſtlicher Erwartung; aber der Blitzſtrahl vernichteter Hoffnung mußte ihren Jammer noch erhöhen, als ſie die Gluth des Entzückens, welche auf des Majors Antlitz leuchtete, dem Ausdrucke des heftigſten Schreckens Platz machen ſahen. Das Papier enthielt den Spruch des Kriegsgerichts, dem unten nur die einfachen Worte beigefügt waren: „Genehmigt— Geo. Waſhington.“ „Er iſt verloren— er iſt verloren!“ ſchrie Franciska und ſank in die Arme ihrer Tante. „Mein Sohn! mein Sohn!“ ſchluchzte der Vater;„im Himmel iſt G der in du Unte die f ſehr der zum ren nicht Tyre Cha nen Geſ von erſti auf ſten mir ſen. kand dern bed das Die einen rſchen rrung, hatte alten. Soldat einem bneh⸗ r bei⸗ g mit genen. treten. angte; ie die Louſine Händen dapitän tzſtrahl als ſie uchtete, Das nur die ka und Himmel 407 iſt Gnade, wenn es keine mehr auf Erden gibt. Möge Waſhington nie der Gnade entbehren, die er meinem unſchuldigen Kinde weigert!“ „Waſhington!“ hallte es von Dunwoodie's Lippen wieder, der in dumpfem Entſetzen um ſich ſtarrte.„Ja, es iſt Waſhington's Unterſchrift: es iſt ſeine Hand; dieſer, ſein Name ſteht hier, um die ſchreckliche Vollziehung zu beſtätigen.“ „Grauſamer, grauſamer Waſhington!“ rief Miß Peyton,„wie ſehr hat Vertrautheit mit Blutvergießen Dein Weſen verändert!“ „Schmähen Sie ihn nicht,“ ſagte Dunwoodie.„Hier hat der General und nicht der Menſch gehandelt, ich ſetze mein Leben zum Pfande, daß er den Schlag ſchmerzlich mitfühlt, den er füh⸗ ren muß.“ „Ich habe mich in ihm getäuſcht,“ rief Franciska.„Er iſt nicht der Retter ſeines Landes, ſondern ein kalter, ſchonungsloſer Tyrann. O Peyton, Peyton! wie unwahr haben Sie mir ſeinen Charakter geſchildert!“ „Stille, theure Franciska— ſtille, um Gottes willen; bedie⸗ nen Sie ſich keiner ſolchen Sprache. Er iſt nur der Hüter des Geſetzes.“. „Du haſt Recht, Dunwoodie,“ ſagte Heinrich, als er ſich von dem Schlage, welcher ſo plötzlich den letzten Hoffnungsſtrahl erſtickt hatte, allmählich wieder erholte, und nun von ſeinem Stuhle aufſtand, um ſeinem Vater Beiſtand zu leiſten.„Ich bin am mei⸗ ſten bei der Sache betheiligt und ſchmähe ihn nicht, denn er hat mir jede Nachſicht, welche ich fordern konnte, zu Theil werden laſ⸗ ſen. Ich will nicht am Rande des Grabes ungerecht ſeyn und kann mich nicht über Waſhington's unbeugſame Gerechtigkeit wun⸗ dern, da eure Sache erſt kürzlich noch durch Verrath ſo ſchwer bedroht war. Es bleibt mir nun nichts mehr übrig, als mich auf das Geſchick vorzubereiten, welches mich ſo bald ereilen ſoll. An Dich, Dunwoodie, geht meine erſte Bitte.“ „Nenne ſie,“ ſagte der Major, kaum fähig zu ſprechen. 408 Heinrich wandte ſich um, zeigte auf die in Thränen verſun⸗ kene Gruppe und fuhr fort: „Sey der Sohn dieſes alten Mannes; ſey ihm eine Stütze in ſeiner Schwäche und ſchütze ihn gegen jede Schmach, welche ihm aus dem Brandmal, das auf mir haftet, erwachſen könnte. Er hat nicht viele Freunde unter den Gewalthabern dieſes Landes; laß ihn wen igſtens Deinen einflußreichen Namen darunter zäͤhlen.“ „Es ſey.“ „Und dieſes unſchuldige, hülfloſe Geſchöpf,“ fuhr Heinrich fort, indem er auf Sa ra deutete, welche in ſtumpfer Theilnahmloſigkeit da ſaß—„ich hoffte, Gelegenheit zu finden, Rache für ihr Elend zu nehmen;“— die Gluth tiefer Bewegung überflog ſeine Züge— „aber ſolche Gedanken ſind vom Uebel— ich fühle, daß ich kein Recht mehr dazu habe. Unter Deiner Obhut, Peyton, wird ſie Schutz und Mitgefühl finden.“ „Sie ſoll es,“ flüſterte Dunwoodie. „Dieſe gute Tante hat bereits Anſ prüche an Dich, ich unter⸗ laſſe es daher, ſie Dir zu empfehlen! aber hier,“ er nahm Fran⸗ ciska bei der Hand und betrachtete ihr Antlitz voll zärtlicher Liebe— „hier iſt die auserleſenſte Gabe von Allem. Nimm ſie an Dein Herz und halte ſie ſo theuer, als es ihre Tugend und Unſchuld verdient.“ Der Major ſtreckte haſtig die Hand aus, um das köſtliche Gut zu empfangen; aber Franciska ſchrack bei ſeiner Berührung zurück und verbarg ihr Geſicht an der Bruſt der Tante. „Nein, nein, nein,“ flüſterte ſie—„Niemand kann je einen Werth für mich haben, der zu meines Bruders Untergange die Hand bot.“ Heinrich blickte noch eine Weile voll zärtlichen Mitleids auf ſie, ehe er ein Geſpräch wieder aufnahm, das ihm, wie alle fühl⸗ ten, ſo recht aus der Seele ging. „Ich war alſo im Irrthum. Ich glaubte, Peyton, daß Dein Werth ehren Deine meiner „„ noch ti wäre i „ Lächeln mir da Whart Erfüllt die ſich „ fertigt, meine Heinrie Tante liebens zerſtoͤrt Vater wenn i 4 „ Gedan zurückſ bei mit erſun⸗ Stütze velche önnte. ndes; hlen.“ fort, ſigkeit Elend ge kein Schutz unter⸗ Fran⸗ be— Dein ſchuld ſtliche hrung einen e die 3 auf fühl⸗ Dein Werth, Deine edle Hingebung für eine Sache, die man Dich ver⸗ ehren gelehrt hat, Deine Güte gegen unſeren gefangenen Vater, Deine Freundſchaft für mich— kurz, Dein ganzer Charakter von meiner Schweſter verſtanden und geſchätzt werde.“ „Oh— freilich,“ hauchte Franciska, indeß ſie ihr Antlitz noch tiefer an dem Buſen ihrer Tante begrub. „Ich glaube, lieber Heinrich,“ ſagte Dunwoodie,„dieſer Punkt wäre im gegenwärtigen Augenblick beſſer unberührt geblieben.“ „Du vergißſt,“ erwiederte der Gefangene mit einem matten Lächeln,„wie viel ich noch zu thun habe, und wie wenig Zeit mir dazu gelaſſen iſt.“ „Ich fürchte,“ fuhr der Major erröthend fort,„daß Miß Wharton einige Anſichten über mich gewonnen hat, welche ihr die Erfüllung Deiner Bitte beſchwerlich machen könnten— Anſichten, die ſich wohl nicht mehr ändern laſſen.“ „Nein, nein, nein,“ rief Franciska raſch;„Sie ſind gerecht⸗ fertigt, Peyton— die letzten Worte der Sterbenden haben alle meine Zweifel beſeitigt.“ „Edle Iſabella!“ ſprach Dunwoodie leiſe;„demungeachtet, Heinrich— ſchone jetzt Deiner Schweſter, ja, ſchone auch meiner.“ „Ich muß zu meiner eigenen Beruhigung ſprechen,“ erwie⸗ derte der Bruder, indem er Franciska ſanft aus den Armen ihrer Tante nahm.„In einer Zeit, wie dieſe, kann ich nicht zwei ſo liebenswürdige Weſen ohne Beſchützer laſſen. Ihre Wohnung iſt zerſtört und der Kummer wird ſie bald—“ er blickte auf ſeinen Vater—„ihres letzten Freundes berauben. Kann ich ruhig ſterben, wenn ich an die Gefahren denke, welchen ſie ausgeſetzt werden?“ „An mich denkſt Du nicht?“ ſagte Miß Peyton, welche bei dem Gedanken, in einem ſolchen Augenblicke eine Hochzeit zu feiern, zurückſchauderte. „Nein, meine liebe Tante, ich denke wohl an Dich, bis es bei mir mit aller Erinnerung aus ſeyn wird; aber Du denkſt nicht 410 an das Gefahrvolle ſolcher Zeitumſtände. Die gute Frau, welche hier im Hauſe wohnt, hat bereits einen Boten nach einem Mann Gottes fortgeſchickt, um mir den Hingang in eine andere Welt zu erleichtern.— Franciska, wenn Du mich im Frieden ſterben ſehen willſt, wenn Du wünſcheſt, daß ich mich beruhigt fühlen und alle meine Gedanken auf das Jenſeits richten könne, ſo laß jenen Prie⸗ ſter Dich mit Dunwoodie verbinden.“ Franciska ſchüttelte den Kopf und ſchwieg. „Ich verlange keine Freude— keine Aeußerungen von Glück, das Du nicht fühlſt und nicht fühlen kannſt, ehe Monate verfloſſen ſind; aber erwirb Dir ein Recht auf ſeinen einflußreichen Namen— gib ihm einen unbeſtrittenen Anſpruch auf Deinen Schutz—“ Das Mädchen gab auf's neue ein nachdrückliches Zeichen der Verneinung. „Um dieſer ihrer Vernunft beraubten Leidenden willen—“ er deutete auf Sara—„um Deinetwillen— um meinetwillen— meine Schweſter.—“ „O, ſtille, Heinrich, oder Du wirſt mir das Herz brechen,“ rief das bewegte Mädchen;„nicht um alle Welten könnte ich in einem ſolchen Augenblicke die feierlichen Gelübde ablegen, welche Du von mir verlangſt. Es würde mich für mein ganzes Leben elend machen.“ „Du liebſt ihn nicht,“ ſagte Heinrich vorwurfsvoll.„Ich will Dich nicht weiter zu einem Schritte drängen, welchem Deine Neigungen entgegenſtehen.“ Franciska erhob die eine Hand, um ihr Antlitz zu verbergen und ſagte, indem ſie die andere gegen Dunwoodie ausſtreckte, mit Ernſt: „Du biſt jetzt ungerecht gegen mich— vorhin warſt Du es gegen Dich ſelber.“ „So verſprich mir,“ ſagte Wharton nach einer Weile ſchwei⸗ genden Nachſinnens, daß Du, ſobald die Erinnerungen an mein Schickſa Leben r „8 woodie“ ſogar o „9 Du mit Ich he möchte anzuhöt „ zuſuchen wegte ſelbſt z nen Ko milied nehmer Abſchie ſchnelle ziehend mit de laß m 2 welche mit il er wo elche Nann elt zu ſehen alle Prie⸗ Glück, floſſen en— 11 en der —“ er en— chen„44 ich in welche Leben „Ich Deine rbergen e, mit Du es ſchwei⸗ n mein Schickſal milder geworden ſind, meinem Freunde dieſe Hand durch's Leben reichen willſt, und ich bin zufrieden.“ „Ich verſpreche es,“ ſagte Franciska, ihre Hand aus Dun⸗ woodie's zurückziehend, was letzterer ſchonungsvoll geſchehen ließ, ſogar ohne ſie an die Lippen gedrückt zu haben. „Nun denn, meine gute Tante,“ fuhr Heinrich fort,„willſt Du mich jetzt eine kleine Weile mit meinem Freunde allein laſſen? Ich habe ihm noch einige traurige Aufträge anzuvertrauen und möchte Dir und meiner Schweſter den Schmerz erſparen, ſie mit anzuhören.“ 8 „Die Zeit reicht immer noch zu, Waſhington noch einmal auf⸗ zuſuchen,“ ſagte Miß Peyton, indem ſie ſich gegen die Thüre be⸗ wegte und dann mit hoher Würde zu ſprechen fortfuhr:„Ich will ſelbſt zu ihm gehen. Sicherlich muß er eine Frau aus ſeiner eige⸗ nen Kolonie anhören!— auch ſind wir ein wenig mit ſeiner Fa⸗ milie verwandt.“ „Warum wollen wir nicht zu Herrn Harper unſere Zuflucht nehmen?“ ſagte Franciska, indem ſie ſich jetzt zum erſtenmale der Abſchiedsworte ihres Gaſtes wieder erinnerte. „Harper?“ wiederholte Dunwoodie und wandte ſich mit Blitzes⸗ ſchnelle zu ihr;„was iſt mit ihm? Kennen Sie ihn?“ „Es iſt eine eitle Hoffnung,“ ſagte Heinrich, ihn bei Seite ziehend;„Franciska umfaßt jeden, auch den leichteſten Lichtſtrahl mit der Zärtlichkeit einer Schweſter. Gehe jetzt, meine Liebe, und laß mich bei meinem Freunde allein.“ Aber Franciska las einen Ausdruck in Dunwoodie's Auge, welcher ſie an die Stelle feſſelte. Nach einem kurzen Kampfe mit ihren Gefühlen fuhr ſie fort: „Er hat ſich zwei Tage unter unſerem Dache aufgehalten— er war bei uns, ehe Heinrich verhaftet wurde.“ „Und— und— kanntet ihr ihn?“ „Nein,“ verſetzte Franciska, und haſchte nach Luft, als ſie * 41² den ungemeinen Antheil bemerkte, welchen ihr Geliebter an dieſem Umſtande nahm;„wir kannten ihn nicht; er kam des Nachts als ein Fremder zu uns und blieb, ſo lange die Wuth des Sturmes anhielt. Aber er ſchien an Heinrich Antheil zu nehmen, und ver⸗ ſprach ihm ſeine Freundſchaft.“ „Was?“ rief der Jüngling erſtaunt; kannte er denn Ihren Bruder?“ 3 „Gewiß;— durch ſeine Veranlaſſung geſchah es, daß Hein⸗ rich ſeine Verkleidung ablegte.“ „Aber,“ entgegnete Dunwoodie, und die Ungewißheit bleichte ſeine Züge,„er kannte ihn nicht als einen Offizier aus der könig⸗ lichen Armee.“ „Freilich kannte er ihn als ſolchen,“ rief Miß Peyton,„und hieß ihn eben deßwegen vorſichtig ſeyn.“ Dunwoodie nahm das verhängnißvolle Papier wieder zur Hand, das noch immer an der Stelle lag, wo es ihm entfallen war, und betrachtete die Schriftzüge auf's genaueſte. Es ſchien ihm etwas die Sinne zu verwirren. Er fuhr mit der Hand über die Stirne, während aller Augen in ängſtlichem Zweifel auf ihn gerichtet wa⸗ ren. Sie ſcheuten ſich jedoch, der Hoffnung auf's neue Raum zu geben, da ſie ſchon einmal ſo ſchrecklich getäuſcht worden waren. „Was ſagte er? Was verſprach er?“ fragte endlich Dun⸗ woodie mit fieberiſcher Ungeduld. „Er bot Heinrich für den Fall der Noth ſeinen Beiſtand an, und verſprach, die Gaſtfreundlichkeit des Vaters an dem Sohne zu vergelten.“ „Sagte er das, als er bereits wußte, daß Heinrich ein britti⸗ ſcher Offizier ſey?“ „Freilich; es geſchah gerade mit Hinweiſung auf dieſe Gefahr.“ „Dann,“ rief der Major laut, indem er ſeinem Entzücken Raum gab;„dann ſeyd ihr geborgen— dann will ich ihn retten; ja, Harper wird nie ſein Verſprechen vergeſſen.“ „A es ihm = ha, und Hec Aber“ haft— Verſpre „C Verſpre „L indem e könnt r. Er ſtürzte wundern während Ei Mannes ſcheinlie woodie gleichen wieder erwacht Heinrich des Letz bauen, um wie Entſche Mit al gung, mit Zn dieſem s als urmes ver⸗ Ihren Hand, , und etwas btirne, t wa⸗ im zu ren. Dun⸗ d an, ſne zu britti⸗ fahr.“ zůcken etten; „Aber hat er auch die Macht dazu?“ ſagte Franciska;„wird es ihm gelingen, Waſhington's unbeugſames Herz zu rühren?“ „Ob er es kann?“ rief der Jüngling?„wenn er's nicht kann, — ha, wenn er's nicht kann, wer ſollte es ſonſt können?— Greene und Heath und der junge Hamilton ſind nichts gegen dieſen Harper. Aber“— er eilte auf Franciska zu und drückte ihre Hand krampf⸗ haft—„wiederholen Sie es mir— Sie ſagen, Sie hätten ſein Verſprechen?“ „Gewiß, gewiß, Peyton;— ſein feierliches, wohl überlegtes Verſprechen, nachdem er von allen Umſtänden Kunde hatte.“ „So dürft ihr ruhig ſeyn,“ entgegnete Dunwoodie freudig, indem er die Geliebte einen Augenblick an die Bruſt drückte.„Ihr könnt ruhig ſeyn, denn Heinrich iſt gerettet.“ Er hielt ſich nicht mit weiteren Erklärungen auf, ſondern ſtürzte aus dem Zimmer und ließ die Familie in ſtummer Ver⸗ wunderung zurück. Bald vernahmen ſie die Huftritte ſeines Roſſes, während er mit der Schnelligkeit eines Pfeiles fortjagte. Eine geraume Zeit nach der plötzlichen Abreiſe des jungen Mannes unterhielt ſich die geängſtigte Familie über die Wahr⸗ ſcheinlichkeit ſeines Erfolges. Die Zuverſicht, mit welcher Dun⸗ woodie geſprochen, hatte auch ſeine Zuhörer einigermaßen mit gleichem Vertrauen beſeelt. Jedes fühlte, daß Heinrich's Ausſichten wieder etwas heller wurden, und mit der zurückkehrenden Hoffnung erwachte auch neuer Lebensmuth, der ſich bei Allen, mit Ausnahme Heinrich's, bis zur Freude ſteigerte. Freilich war auch die Lage des Letzteren zu ſchrecklich, um auf eine ſo unſichere Zuſage zu bauen, und erſt vor wenigen Stunden hatte er empfinden müſſen, um wie viel ſchmerzlicher die Ungewißheit iſt, als eine beſtimmte Entſcheidung des herbſten Geſchickes. Bei Franciska war es anders. Mit allem Vertrauen der Liebe lebte ſie der getroſten, Ueberzeu⸗ gung, welche ihr Dunwoodie's Verſicherung einflößte, ohne ſich ſelbſt mit Zweifeln zu ängſtigen, zu deren Beſeitigung ſie keine Mittel 414 beſaß. Sie hielt ihren Geliebten für fähig, Alles zu vollführen, was in menſchlichen Kräften lag, rief ſich jedes Wort, das Harper ausgeſprochen hatte, jeden Zug ſeines wohlwollenden Geſichtes in's Gedächtniß zurück und überließ ſich der ganzen Glückſeligkeit neu erwachter Hoffnung. Miß Peyton's Freude war beſonnener; auch nahm ſie häufig die Gelegenheit wahr, es ihrer Nichte zu verweiſen, daß ſie ſich einer ſo ſchwindelnden Freude hingebe, ehe ſie die Gewißheit der Verwirklichung ihrer Erwartungen beſitze. Aber das leichte Lächeln, das die Lippen dieſer Dame umſchwebte, widerſprach gar ſehr der von ihr empfohlenen Nüchternheit der Gefühle. „Ei, liebe Tante,“ erwiederte Franciska ſcherzend auf einen ihrer häufigen Verweiſe,„willſt Du, daß ich die Freude über Heinrich's Rettung unterdrücken ſoll, da Du es doch ſelbſt ſo oft für unmöglich erklärt haſt, daß die Männer, welche in unſerem Vaterlande Macht haben, einen unſchuldigen Menſchen opfern könnten?“ „Ja, ich hielt es für unmöglich, mein Kind, und denke auch noch ſo. Aber man muß den Ausdruck der Freude, wie den des Kummers zu mäßigen wiſſen.“ Franciska dachte an die Worte Iſabellen's und wandte ſich mit Thränen des Dankes im Auge zu ihrer trefflichen Tante. „Du haſt Recht,“ erwiederte Sie;„aber es gibt Gefühle, über die die Vernunft nichts vermag. Ach, dort ſind die Ungeheuer, welche gekommen ſind, um Zeugen von dem Tode eines ihrer Mitmenſchen zu ſeyn. Da marſchiren ſie auf dem Felde hin, als ob das Leben nichts als ein militäriſches Schauſpiel ſey.“ „Es hat auch für die Miethlinge keine viel höhere Bedeu⸗ tung,“ ſagte Heinrich, indem er ſeine Lage zu vergeſſen ſuchte. „Du ſiehſt darauf hin, meine Liebe, als ob Du einem ſolchen militäriſchen Schauſpiele doch einiges Intereſſe abgewinnen könn⸗ teſt,“ ſagte Miß Peyton, als ſie bemerkte, daß ihre Nichte mit feſter Franci 2 ſie be erkenn Gipfel zackig gängll blätter Der nung ſamken hinter wieder holt, nach kundſe Gewi ciska entſpr Aeuße bei, Berg nämli etwas genon gehei ſtänd Anku Fran Erſch zuſpi⸗ lführen, Harper tes in's keit neu häufig ſie ſich heit der Lächeln, ſehr der if einen de über t ſo oft unſerem opfern nke auch den des idte ſich te. über die ,welche nenſchen s Leben Bedeu⸗ chte. rſolchen en könn⸗ ichte mit feſter und geſpannter Aufmerkſamkeit aus dem Fenſter blickte. Aber Franciska gab keine Antwort. Man konnte von dem Fenſter, wo ſie ſtand, den Engpaß, den ſie bei ihrer Reiſe durch das Hochland zurückgelegt hatten, leicht erkennen, und gerade vor ihren Augen lag der Berg, auf deſſen Gipfel ſich die geheimnißvolle Hütte befand. Er war an der Seite zackig und unfruchtbar, und ungeheure, dem Anſcheine nach unzu⸗ gängliche Felſenblöcke zeigten ſich zwiſchen den verkümmerten, ent⸗ blätterten Eichen, welche zerſtreut auf der Oberfläche wuchſen. Der Fuß des Berges lag kaum eine halbe Meile von der Woh⸗ nung entfernt, und der Gegenſtand, welcher Franciska's Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich gezogen hatte, war eine Männergeſtalt, welche. hinter einem Felſen von auffallender Form hervorkam und plötzlich wieder verſchwand. Dieſe Bewegung wurde mehrere Male wieder⸗ holt, als ob der Flüchtling, denn ein ſolcher ſchien er dem Aeußeren nach zu ſeyn, beabſichtige, die Bewegungen der Soldaten auszu⸗ kundſchaften und ſich über den Stand der Dinge auf der Ebene Gewißheit zu verſchaffen. Ungeachtet der Entfernung kam Fran⸗ ciska augenblicklich auf die Meinung, daß es Birch ſey. Vielleicht entſprang dieſer Eindruck theilweiſe aus der Geſtalt und dem Aeußern des Mannes, noch mehr aber trug der Gedanke dazu bei, daß ſie dieſen Gegenſtand ſchon früher auf der Spitze des Berges erblilthhatte. Sie hielt ſich für überzeugt, daß es die nämliche Geſtalt ſey, obgleich der gegenwäartigen Erſcheinung etwas fehlte, was ſie in den früheren für den Pack des Hauſirers genommen hatte. Harvey war in ihrer Phantaſie ſo ſehr mit dem geheimnißvollen Auftreten Harper's verknüpft, daß ſie unter Um⸗ ſtänden von geringerer Bedeutung, als die, welche ſie ſeit ihrer Ankunft bedrängten, ihren Verdacht für ſich behalten haben würde. Franciska ſaß nun in ſchweigendem Nachdenken über dieſe zweite Erſcheinung da, und mühte ſich, dem Faden der Verbindung nach⸗ zuſpüren, welche möglicherweiſe zwiſchen dieſem außerordentlichen 416 Manne und dem Glücke ihrer eigenen Familie beſtehen mochte. Er hatte augenſcheinlich Sara gegen den Vollzug einer Unthat geſchützt, deren Opfer ſie bereits theilweiſe geworden war, und nie hatte er ſich feindlich gegen die Intereſſen ihres Hauſes bewieſen. Nachdem ſie ſo geraume Zeit in der vergeblichen Erwartung, die Geſtalt werde wieder erſcheinen, auf den Punkt geblickt hatte, wo ſie ihrer zuletzt anſichtig geworden war, wandte ſie ſich wieder zu den Ihrigen im Zimmer. Miß Peyton ſaß bei Sara, welche jetzt wieder einige leichte Zeichen— gleich als bemerke ſie, was um ſie vorging— von ſich gab, obgleich ihre Theilnahmloſigkeit an Freude oder Schmerz fortdauerte. „Es ſcheint mir, meine Liebe, Du haſt Dich dieſe Zeit über mit den Manövern eines Regiments recht vertraut gemacht,“ ſagte Miß Peyton;„jedenfalls keine üble Neigung für das Weib eines Soldaten.“ „Ich bin noch nicht das Weib eines ſolchen,“ ſagte Franciska, bis zur Stirne erröthend,„und wir haben wenig Grund, eine zweite Hochzeit in unſerer Familie zu wünſchen.“ „Franciska!“ rief ihr Bruder, indem er von ſeinem Sitze aufſprang und in heftiger Aufregung im Zimmer auf und abging, „ich bitte Dich, berühre dieſe Saite nicht wieder. So lange mein Schickſal noch auf der Wage ſchwebt, möchte ich Friede haben mit allen Menſchen.“ „Nun, dieſes Schweben hat ein Ende,“ rief Franciska gegen die Thüre eilend;„da kommt Peyton mit der Freudenpoſt Deiner Begnadigung.“ Sie hatte kaum ausgeſprochen, als die Thüre aufging und der Major hereintrat. Sein Aeußeres verkündete weder einen günſtigen noch einen ungünſtigen Erfolg, wohl aber trug es das entſchiedene Gepräge des Verdruſſes. Er nahm die Hand, welche Franciska in der Ueberfülle ihres Herzens gegen ihn ausſtreckte, ließ ſie aber ſchnell wieder fahren, und warf ſich in ſichtlicher Er⸗ müdung auf einen Stuhl. Herze er it kehrte weit unerk euch für4 an u „wen allein weilt er, n geltu einen ſeyn, Erzä Sie aufge in's 5 mochte. Unthat und nie vieſen. ung, die tte, wo jeder zu che jetzt um ſie Freude ber mit kte Miß ldaten.“ aneiska, d, eine n Sitze abging, ge mein ben mit a gegen Deiner ing und einen es das welche ſtreckte, der Er⸗ „Es iſt Dir nicht gelungen,“ ſagte Wharton mit klopfendem Herzen, obwohl mit anſcheinender Faſſung. „Haben Sie Harper getroffen?“ rief Franeiska leichenblaß. „Nein; während ich in einem Nachen über den Fluß ſetzte, muß er in einem andern auf dieſe Seite herübergefahren ſeyn. Ich kehrte ohne Verzug um und verfolgte ſeine Spur mehrere Meilen weit in's Hochland; aber am weſtlichen Paſſe habe ich ſie auf eine unerklärliche Weiſe verloren. Ich komme nun wieder zu euch, um euch zu beruhigen; jedenfalls werde ich ihn dieſe Nacht ſehen und für Heinrich Friſt erlangen.“ „Haben Sie Waſſhington geſehen?“ fragte Miß Peyton. Dunwoodie blickte ſie einen Augenblick mit zerſtreuten Sinnen an und erwiederte mit einiger Zurückhaltung: „Der Obergeneral hat das Hauptquartier verlaſſen.“ „Aber Peyton,“ rief Franciska mit wiederkehrendem Schrecken, „wenn ſie einander nicht träfen, ſo wird's zu ſpät. Harper wird allein nichts thun können.“ Dunwoodie wandte den Blick langſam nach ihrem Antlitz und weilte einen Augenblick auf ihren ängſtlichen Zügen; dann fuhr er, noch immer in Gedanken, fort: „Sie ſagen, daß er Heinrich ſeinen Beiſtand verſprochen hat?“ „Gewiß,— und zwar ganz aus eigenem Antrieb, als Ver⸗ geltung der ihm zu Theil gewordenen Gaſtfreundlichkeit.“ Dunwoodie ſchüttelte den Kopf und wurde ernſter. „Das Wort ‚Gaſtfreundlichkeit gefällt mir nicht— es hat einen gar leeren Klang. Es muß ein beſſerer Grund vorhanden ſeyn, um Harper zu binden, und ich fürchte ein Mißverſtändniß.⸗ Erzählen Sie mir doch den ganzen Vorgang noch einmal.“ Franciska entſprach dieſer Aufforderung mit ängſtlicher Haſt. Sie erzählte umſtändlich, wie er in den Locuſten ankam, wie er aufgenommen wurde, und was ſich weiter begab, wobei ſie ſo ſehr in's Einzelne ging, als es ihr Gedächtniß irgend geſtattete. Als ſie auf Der Spion. 3. Aufl. 27 das Geſpräch anſpielte, welches zwiſchen ihrem Vater und dem Gaſte ſtattgefunden, lächelte der Major, ohne jedoch ſein Schweigen zu unterbrechen. Sie gab dann die näheren Umſtände von Hein⸗ rich's Ankunft und von den Ereigniſſen des folgenden Tages. Am längſten verweilte ſie bei dem Auftritte, wo er ihrem Bruder rieth, die Verkleidung abzulegen, und wiederholte mit bewunderungswür⸗ diger Genauigkeit ſeine Bemerkungen über das Gefahrvolle des Schrittes, welchen er gewagt hatte. Auch erwähnte ſie der merk⸗ würdigen Aeußerung, welche er gegen Heinrich fallen ließ, nämlich: „daß Harper's Wiſſen um dieſen Beſuch ihren Bruder ſicherer ſtelle, als er es ohne daſſelbe ſeyn würde.“ Dann ſprach Franciska mit der Wärme jugendlicher Bewunderung von ſeinem wohlwollenden Be⸗ nehmen gegen ſie und führte umſtändlich die Abſchiedsworte auf, welche er an die ganze Familie gerichtet hatte. Dunwoodie hoͤrte ihr im Anfange mit ernſter Aufmerkſamkeit und im Verlaufe mit großer Befriedigung zu. Als ſie von ſich ſelbſt in Beziehung auf den Gaſt ſprach, lächelte er heiter, und als ſie ſchloß, rief er mit Entzücken aus: „Wir ſind geborgen! wir ſind geborgen!“ Aber er wurde unterbrochen, wie wir in dem nächſten Kapitel ſehen werden. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Eule liebt den Graus der Nacht, Die Lerche nur des Tages Pracht; Das Täubchen girret dir zur Seite, Der kühne Falke ſucht das Weite. Lied aus Duo. In einem Lande, das, wie die vereinigten Staaten, von Men⸗ ſchen bevölkert iſt, welche ihren theuren heimathlichen Heerd als Opf wird chrif lichk Frar ſie a haftt Pfar mah Whe zwar reich nicht ſelbſ ſeſſer Gna heit liche war um ohne wur wend jung Wid zu; grur Ein woh Ane dem beigen Hein⸗ Am rieth, zwür⸗ 2 des merk⸗ nlich: ſtelle, iit der Be⸗ auf, imkeit n ſich nd als apitel Men⸗ rd als 419 Opfer ihres Gewiſſens und ihres Glaubenseifers verlaſſen mußten, wird keine der Rückſichten und Feierlichkeiten, die man zu einem chriſtlichen Tode für nöthig erachtet, umgangen, ſobald die Mög⸗ lichkeit ihrer Anwendung durch die Umſtände gegeben iſt. Die gute Frau vom Hauſe hielt ſtreng auf die Formen der Kirche, welcher ſie angehörte, und da ſie ſelbſt zu dem Bewußtſeyn ihrer Sünd⸗ haftigkeit durch den Beiſtand eines Geiſtlichen in dem benachbarten Pfarrorte erweckt worden war, ſo glaubte ſie, daß nur ſeine Er⸗ mahnungen Heil in die ihrem Ende nahen Hoffnungen Heinrich Wharton's bringen könnten. Die theilnehmende Matrone kannte zwar die Lehren der Religion, zu welchen ſie ſich bekannte, hin⸗ reichend, um zu wiſſen, daß der Theorie nach das Wohl der Seele nicht von ſterblichem Beiſtand anhänge; aber ſie war, wie ſie ſich ſelbſt ausdrückte,„ſo lang unter der Predigt des guten Herrn ge⸗ ſeſſen“, daß ſie unwillkührlich dazu gekommen war, die innern Gnadengaben, welche ſie ihrem Glauben zufolge allein der Gott⸗ heit zu danken hatte, auf Rechnung des Prieſters zu ſchreiben. Der Gedanke an den Tod hatte für ſie immer etwas Schreck⸗ liches gehabt, und ſobald das Urtheil des Gefangenen veröffentlicht war, ſandte ſie Cäſarn mit dem beſten Pferde ihres Mannes ab, um ihren geiſtlichen Tröſter herbeizuholen. Dieſes war geſchehen, ohne daß weder Heinrich noch ſeine Verwandten darum befragt wurden, und erſt als man Cäſar zu einem häuslichen Geſchäft ver⸗ wenden wollte, gab ſie den Grund ſeiner Abweſenheit an. Der junge Mann hörte ihr anfänglich mit einem unüberwindlichen Widerwillen gegen die Zulaſſung eines ſolchen geiſtlichen Führers zu; wenn aber die Rückſichten auf zeitliche Dinge in den Hinter⸗ grund treten, ſo verlieren auch Vorurtheile und Gewohnheiten ihren Einfluß, und ſo wurde endlich die theilnehmende Sorgfalt der wohlmeinenden Frau mit einer höflichen Verbeugung dankbarer Anerkennung erwiedert. Der Schwarze kam bald wieder von ſeiner Sendung zurück, — 420 und ſo viel ſich aus ſeiner etwas unzuſammenhängenden Erzählung entnehmen ließ, durfte man der Ankunft des Dieners Gottes im Laufe des Tages entgegen ſehen. Die im vorigen Kapitel erwähnte Unterbrechung wurde durch den Eintritt der Hausfrau veranlaßt. Auf Dunwoodie's Verwendung hatte die Schildwache vor Heinrich's Zimmer Befehl erhalten, den Gliedern der Wharton'ſchen Familie jeder Zeit freien Zutritt zu geſtatten, und Cäſar war unter dieſer Vergünſtigung des Offtziers Schicklichkeits halber mit eingeſchloſſen. Dagegen wurde bei jeder anderen Perſon genaue Nachfrage über den Zweck ihres beabſichtigten Beſuches angeſtellt. Der Major hatte ſich ſelbſt unter den Verwandten des engliſchen Offiziers auf⸗ geführt und zugleich im Namen Aller die Verſicherung gegeben, daß kein Verſuch zur Befreiung des Gefangenen gemacht werden ſolle. Eine kurze Unterredung fand zwiſchen der Frau des Hauſes und dem Korporal der Wache vor der Thüre ſtatt, welche die Schildwache bereits geöffnet und ſomit der Entſcheidung des ihm vorgeſetzten Unteroffiziers vorgegriffen hatte. „Wollt Ihr einem Nebenmenſchen, der den Tod erleiden ſoll, die Tröſtungen der Religion verſagen?“ rief die Matrone in ihrem Dienſteifer.„Wollt Ihr eine Seele in den feurigen Schlund fahren laſſen, wenn ein Geiſtlicher zur Hand iſt, ſie auf den rechten und engen Pfad zu weiſen?“ „Ich will Euch etwas ſagen, gute Frau,“ erwiederte der Kor⸗ poral, indem er ſie ſachte bei Seite ſchob;„mein Rücken iſt mir zu lieb, als daß ich ihn zu einer ſolchen Himmelfahrt hergebe. Das ginge mir noch ab, für den Ungehorſam gegen die Ordre eine Rolle vor den Piqueten unter dem Stock zu ſpielen. Geht hinab und fragt den Lieutenant Maſon, dann könnt Ihr meinet⸗ wegen die ganze Verſammlung der Gläubigen mitbringen. Es iſt noch keine Stunde, daß wir die Wache von der Infanterie über⸗ nommen haben, und wir wollen uns nicht nachſagen laſſen, daß wir den Dienſt weniger verſtehen, als die Miliz.“ erſte Poſt ſchw trat See liche muß nich dreit wür auf von Geſ ſein Maj Weg geda Ma reit gela ging Mit ſein höh und ählung tes im vähnte anlaßt. nrich's familie dieſer gBloſſen. ge über Major s auf⸗ egeben, werden Hauſes che die es ihm en ſoll, ihrem fahren ten und er Kor⸗ iſt mir jergebe. Ordre Geht meinet⸗ Es iſt e über⸗ n, daß „Laßt das Weib herein,“ ſagte Dunwoodie, welcher jetzt zum erſtenmale bemerkte, daß einer von ſeinem eigenen Corps auf dem Poſten ſtand. Der Korporal fuhr mit der Hand an die Mütze und zog ſich ſchweigend zurück; die Schildwache präſentirte und das Weib trat ein. „Da unten iſt ein ehrwürdiger Herr, der Eurer ſcheidenden Seele Troſt bringen will; er kommt ſtatt unſeres eigenen Geiſt⸗ lichen, der durch ein unaufſchiebbares Geſchäft verhindert iſt— er muß nämlich den alten Herrn N. begraben.“ „Weist ihn herauf,“ ſagte Heinrich mit fieberhafter Ungeduld. „Wird ihn aber die Schildwache herein laſſen? Ich möchte nicht, daß ein Freund des ehrwürdigen Herrn,— der noch oben⸗ drein ein Fremder iſt, an der Thürſchwelle hart angelaſſen würde.“ Aller Augen waren nun auf Dunwoodie gerichtet, welcher auf ſeine Uhr ſah, mit Heinrich leiſe einige Worte wechſelte und von Franciska begleitet das Zimmer verließ. Der Gegenſtand ihres Geſprächs war der Wunſch des Gefangenen, durch einen Geiſtlichen ſeines eigenen Bekenntniſſes vorbereitet zu werden, worauf der Major einen von Fiſhkill herzuſenden verſprach, da er auf ſeinem Wege nach der Fähre, wo er Harper's Zurückkunft abzuwarten gedachte, durch dieſe Stadt kommen mußte. Bald darauf erſchien Maſon an der Thüre, machte ſeine Verbeugung und entſprach be⸗ reitwillig den Wünſchen der Hausfrau, worauf der Geiſtliche ein⸗ geladen wurde, heraufzukommen. Der Mann, welchem Cäſar beim Eintritt in's Zimmer voran⸗ ging und die Matrone nachfolgte, war ſchon ziemlich über die Mitte des Lebens hinaus und von ungewöhnlicher Größe, obgleich ſeine außerordentliche Magerkeit dazu beitragen mochte, ihn noch höher erſcheinen zu laſſen. Der Schnitt ſeines Geſichtes war ſcharf und unbeweglich, und jede Muskel trug den Ausdruck einer ſtarren 422 Spannung. Weder Freude noch Heiterkeit ſchien je auf Zügen gewohnt zu haben, deren tiefe Furchen nur den Abſcheu vor den Sünden des menſchlichen Geſchlechtes auszudrücken ſchienen. Die buſchigen, ſchwarzen, abſchreckenden Augenbraunen überwölbten Augen, welche keinen minder zurückſtoßenden Ausdruck erwarten ließen, obgleich dieſelben hinter zwei ungeheuern grünen Brillen⸗ gläſern verborgen waren, durch welche ſie mit einer Strenge blick⸗ ten, welche den kommenden Tag des Zornes verkündigte. Fanatis⸗ mus, Liebloſigkeit und Verketzerungseifer ſprach ſich allenthalben aus. Sein langes, ſchlichtes, aus Grau und Schwarz gemiſchtes Haar ſiel ihm über den Nacken herab, beſchattete einigermaßen die Seiten des Geſichtes, und zog ſich von dem Scheitel aus nach allen Richtungen als ſtruppigter Buſch hin. Auf dem Haupte dieſer nicht beſonders zierlichen Erſcheinung ſaß ein großer drei⸗ eckiger Hut, der ſich vorwärts ſenkte und die Züge des Mannes noch mehr in Schatten ſtellte. Der Rock, wie auch die Beinkleider und Strümpfe hatten eine ſchwarze, in ein ſchmutziges Roth ſchießende Farbe und die glanzloſen Schuhe waren zur Hälfte von mächtigen plattirten Schnallen bedeckt. Er ſtampfte in das Zimmer, nickte ſteif mit dem Kopfe und ſetzte ſich mit würdevollem Schweigen auf den Stuhl, welchen ihm der Schwarze anbot. Einige Minuten lang wagte es Niemand, die bedeutungsvoll ſeyn ſollende Pauſe zu unterbrechen. Heinrich fühlte gegen ſeinen Gaſt einen Widerwillen, welchen er vergebens niederzukämpfen bemüht war, und der Fremde ließ hin und wieder einen Seufzer oder ein Stöhnen vernehmen, welches ein Löſen der ungleichen Verbindung ſeiner durch alle Räume dringenden Seele mit ihrer unbehilflichen Behauſung befürchten ließ. Wäh⸗ rend dieſer peinlichen Vorbereitung führte Herr Wharton, auf wel⸗ chen dieſe Erſcheinung faſt eben ſo wie auf Heinrich gewirkt hatte, Sara aus dem Zimmer. Seine Entfernung wurde von dem Geiſt⸗ lichen mit einer Art verächtlichen Unwillens aufgenommen, und nun Zügen or den Die bölbten varten rillen⸗ blick⸗ natis⸗ halben iſchtes en die nach Haupte drei⸗ tannes kleider Roth te von fe und n ihm mand, einrich gebens wieder Löſen genden Wäh⸗ f wel⸗ hatte, Geiſt⸗ d nun begann er die Melodie eines bekannten Pſalmen in einer Weiſe zu ſummen, in welcher ſich die näſelnde Intonation des Kirchenlieds, wie ſie im Oſten“ gebräuchlich war— auf's unverkennbarſte ausſprach. „Cäſar,“ ſagte Miß Peyton,„reiche dem Herrn eine Erfri⸗ ſchung; er ſcheint ihrer nach ſeinem Ritte zu bedürfen.“ „Ich ſuche keine Stärkung in den Dingen dieſer Welt,“ ent⸗ gegnete der Geiſtliche in hohlen Grabestönen.„Ich habe dreimal an dieſem Tage im Dienſte meines Meiſters ausgehalten, ohne ſchwach zu werden: indeſſen iſt es doch gut, dieſer gebrechlichen irdiſchen Hütte aufzuhelfen, denn in der That, der Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth.“ Er öffnete ſeine ungeheuern Kinnladen und nahm eine kräf⸗ tige Portion des ihm angebotenen Branntweins zu ſich, der ihm mit derſelben Leichtigkeit durch die Kehle glitt, mit welcher ſich der Menſch zur Sünde kehrt. „Dann fürchte ich, Sir, daß es Ihnen die Ermüdung un⸗ möglich machen wird, das Amt, zu deſſen Uebernahme Sie Ihre Güte veranlaßt hat, auszuüben.“ „Weib!“ rief der Fremde mit Pathos,„wer hat mich je in meiner Pflicht erliegen ſehen? Aber richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, und glaubt nicht, daß es dem ſterblichen Auge gegeben iſt, die Wege Gottes zu ergründen.“ „Nein,“ erwiederte die Jungfrau demüthig, aber doch etwas ärgerlich über dieſes Kauderwälſch,„ich getraue mir nicht einmal über die Zuſtände und Abſichten meiner Mitmenſchen ein Urtheil zu fällen, geſchweige denn über die Zwecke der Allmacht.“ „Recht ſo, Frau— das iſt wohlgethan,“ rief der Mann Gottes, indem er mit hochmüthiger Geringſchätzung den Kopf wiegte;„Demuth ziemt Deinem Geſchlechte und Deiner verderbten * Unter„Oſten“ werden die Staaten von Neu⸗England verſtanden, welche urſprünglich von Puritanern bewohnt waren und auch gegenwärtig noch manche Eigenheiten dieſer erſten Anſiedler erkennen laſſen. Natur; Deine Schwäche treibt Dich ohnehin unaufhaltſam gleich⸗ ſam unter den Beſen der Zerſtörung.“ Miß Peyton war von dieſem ſonderbaren Benehmen nicht wenig überraſcht; doch die Macht der Gewohnheit zwingt uns, von heiligen Dingen mit Verehrung zu ſprechen, ſelbſt da, wo wir beſſer thun würden, zu ſchweigen, und ſo fuhr ſie fort: „Es iſt eine Macht über uns, welche unſere ſchwachen Kräfte unterſtützen kann und unterſtützen will, wenn wir ihren Beiſtand in gläubiger Demuth anflehen.“ Der Fremde warf einen finſteren Blick auf die Sprecherin, nahm dann eine Miene der Zerknirſchung an, und erwiederte im Tone des Vorwurfes: „Nicht Jeder wird erhört, der um Gnade ſchreit. Die Wege der Vorſehung ſind den Blicken der Menſchen ein Buch mit ſieben Siegeln. Viele ſind berufen, aber Wenige auserwählt. Es iſt leichter, von Demuth zu ſprechen, als ſolche zu üben. Biſt du ſo demüthig, elender Wurm, daß du Gott in deiner eigenen Ver⸗ dammniß zu preiſen wünſcheſt? Wenn das nicht iſt, ſo weiche von hinnen, du Zöllner und Phariſäer!“ Ein ſo großer Fanatismus war in Amerika nicht gewöhnlich, und Miß Peyton fing an zu vermuthen, daß es mit den Geiſtes⸗ kräften ihres Gaſtes nicht richtig ſeyn möchte. Da ſie ſich aber erinnerte, daß er von einem bekannten achtbaren Geiſtlichen ge⸗ ſchickt war, ſo verwarf ſie dieſen Gedanken wieder und entgegnete mit Milde: „Ich bin vielleicht im Irrthum, wenn ich glaube, daß die Gnade allen Menſchen zugänglich iſt; aber es liegt ſo viel Beruhi⸗ gendes in dieſer Lehre, daß ich mich ungern enttäuſchen ließe.“ „Gnade gibt es nur für die Auserwählten,“ rief der Fremde mit einer unerklärlichen Heftigkeit,„und Du biſt in dem Thale der Schatten des Todes. Biſt Du nicht eine Anhängerin der eiteln Ceremonien jener falſchen Kirche, die unſere Tyrannen ſo gerne nebſt wort Anty Gem inder gab, dieſe Gla in d künd „Ich Geb vere folg wal Wer Str eine zu l unb drü Gef als hof Ger gleich⸗ n nicht is, von vo wir Kräfte Zeiſtand echerin, erte im Wege ſieben Es iſt du ſo Ver⸗ he von hnlich, heiſtes⸗ h aber en ge⸗ egnete iß die eruhi⸗ 4 remde le der eiteln gerne 425 nebſt ihren Stempeltaren und Theeſteuern einführen möchten? Ant⸗ worte mir, Weib, und erinnere Dich, daß der Himmel Deine Antwort hört! Biſt Du nicht eine aus dieſer götzendieneriſchen Gemeinde?“ „Ich verehre die Altaͤre meiner Väter,“ ſagte Miß Peyton, indem ſie Heinrich, welcher eben ausbrechen wollte, einen Wink gab,„und kenne keine andern Götzen, als meine eigene Gebrechlichkeit.“ „Ja, ja, ich kenne dieſes ſelbſtgerechte und papiſtiſche Weſen, dieſen Formendienſt und dieſes Hören auf eine Bücherpredigt. Glaubſt Du, Weib, daß der heilige Paulus etwas Schriftliches in der Hand hatte, als er den Gläubigen das Wort Goittes ver⸗ kündigte?“ „Meine Anweſenheit ſtört Euch,“ ſagte Miß Peyton aufſtehend. „Ich will Euch mit meinem Neffen allein laſſen, und für mich die Gebete zum Himmel ſchicken, die ich ſo gerne mit den ſeinigen vereint hätte.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich, und die Frau des Hauſes folgte, nicht wenig erſchüttert und dabei überraſcht von dem ge⸗ waltigen Eifer dieſes neuen Bekannten; denn obgleich das gute Weib glaubte, daß Miß Peyton und ihre ganze Kirche die breite Straße des Verderbens zögen, ſo war ſie doch keineswegs gewohnt, eine ſo unverholene und liebloſe Verdammung über ſie ausſprechen zu hören. Heinrich hatte nur mit Mühe ſeinem Unwillen über dieſen unberufenen Angriff auf ſeine ſanfte und duldſame Tante unter⸗ drückt; als ſich aber die Thüre hinter ihr ſchloß, gab er ſeinen Gefühlen Raum. „Ich muß bekennen, Sir,“ rief er mit Heftigkeit,„daß ich, als ich den Diener Gottes vor mich ließ, einen Chriſten zu finden hoffte— einen Menſchen, der im Gefühl ſeiner eigenen Schwäche Geduld mit den Gebrechen Anderer zu tragen weiß. Ihr habt das zarte Herz einer herrlichen Frau verwundet, und ich geſtehe, daß 426 ich wenig Neigung fühle, meine Gebete mit denen eines ſo unduld⸗ ſamen Geiſtes zu vereinigen.“ Der Geiſtliche richtete ſich in ernſter Haltung auf, folgte den ſich entfernenden Frauen mit einem Blicke mitleidiger Verachtung und nahm den Vorwurf des jungen Mannes hin, als ob er keiner Beachtung werth ſey. Auf einmal ließ ſich aber eine andere Stimme vernehmen. „Ein ſolcher Ausfall hätte bei vielen Weibern Krämpfe her⸗ vorbringen können; doch er hat ſeinem Zwecke gehörig entſvrochen.“ „Wer iſt das?“ rief der Gefangene, indem er ſich verwundert im Zimmer nach dem Sprecher umſah. „Ich bin's, Kapitän Wharton,“ ſagte Harvey Birch, indem er die Brille entfernte und ſeine durchdringenden Augen unter einem Paar falſcher Augenbraunen zum Vorſchein kamen. „Guter Gott!— Harvey!“ „Stille!“ ſagte der Hauſirer feierlich;„dieſer Name darf nicht laut werden— am allerwenigſten hier, in dem Herzen der ameri⸗ kaniſchen Armee.“ Birch hielt inne und ſah ſich einen Augenblick mit einem Ausdrucke, der nichts von der niedrigen Leidenſchaft der Furcht verrieth, im Zimmer um; denn fuhr er mit düſterem Tone fort:„Es hängen tauſend Stricke an dieſem Namen, und ich dürfte nicht zu entkommen hoffen, wenn ich wieder ergriffen würde. Ich habe ein ſchreckliches Wageſtück unternommen; aber der Gedanke, einen unſchuldigen Menſchen den Tod eines Hundes ſterben zu ſehen, wenn ich ihn nicht retten könnte, ließ mich weder raſten noch ruhen.“ „Nein,“ ſagte Heinrich, und die Gluth eines edeln Gefühls färbte ſeine Wangen;„wenn das Wagniß für Euch ſo groß iſt, ſo geht wieder zurück, wie Ihr gekommen ſeyd und überlaßt mich meinem Schickſale. Dunwoodie bietet gegenwärtig Allem zu meiner Rettung auf, und wenn er im Laufe der Nacht mit Herrn Harper zuſammentrifft, ſo iſt meine Befreiung gewiß.“ „Harper?“ wiederholte der Hauſirer, welcher eben die Brille wiede Geſe blieb ſeine Zuſa unal Sie, Sie, aufr ſo p woo iſt l deckt umſ ich woc und Die käm Sp induld⸗ gte den chtung keiner andere e her⸗ ſchen.“ undert indem einem fnicht meri⸗ enblick ft der Tone dürfte Ich danke, ſehen, hen.“ fühls ß iſt, mich neiner arper Brille wieder aufſetzen wollte, aber bei dem Laute dieſes Namens ſein Geſchäft unterbrach und mit erhobenen Händen verwundert ſtehen blieb.„Was wiſſen Sie von Harper? Und warum bauen Sie auf ſeine Unterſtützung?“ „Ich habe ſein Verſprechen.— Ihr erinnert Euch unſeres Zuſammentreffens in meines Vaters Hauſe, und er verhieß mir unaufgefordert ſeinen Beiſtand.“ „Ja— aber kennen Sie ihn? das heißt— warum glauben Sie, daß er die Macht dazu hat? und aus welchem Grunde ſchließen Sie, daß er ſich ſeines Wortes erinnern werde 2“ „Wenn ſich je der Stempel der Redlichkeit und eines ehrlichen, aufrichtigen Wohlwollens in dem Geſichte eines Mannes abdrückte, ſo war es hier der Fall,“ ſagte Heinrich;„außerdem hat Dun⸗ woodie gewichtige Freunde in der Rebellenarmee, und ich denke, es iſt beſſer, zu bleiben wo ich bin, als daß ich Euch, wenn Ihr ent⸗ deckt würdet, einem ſicheren Tode ausſetze.“ „Kapitän Wharton,“ ſagte Birch, indem er ſich vorſichtig umſah und einen ernſten Nachdruck in ſeine Worte legte;„wenn ich Sie verlaſſe, verläßt Sie Alles. Weder Harper noch Dun⸗ woodie kann Ihr Leben retten. Wenn Sie ſich nicht mit mir flüchten, und zwar innerhalb einer Stunde, ſo ſterben Sie morgen wie ein Dieb am Galgen. Ja, ſo ſind ihre Geſetze; der Mann, welcher kämpft, mordet, raubt, wird geachtet; aber wer dem Lande als Spion dient, wäre es auch noch ſo treu und noch ſo ehrlich, führt ein entehrendes Leben und ſtirbt wie der elendeſte Verbrecher!“ „Ihr vergeßt, Meiſter Birch,“ ſagte der Jüngling etwas un⸗ willig,„daß ich kein tückiſcher, ſchleichender Spion bin, der nur auf Betrug und Verrath ſinnt, daß ich keinen Theil an dem mir aufgebürdeten Verbrechen habe.“ Ein Blutſtrom ſchoß nach dem bleichen hageren Geſichte des Hauſirers, ſo daß es in feuriger Gluth leuchtete; dieſe verflog jedoch ſchnell wieder und er fuhr fort: „Ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt. Ich traf auf Cäſar, als er dieſen Morgen ſeine Botſchaft ausrichten wollte, und habe mit ihm die Mittel beſprochen, deren Benützung Sie retten wird. Wollen Sie keinen Gebrauch davon machen, ſo ſind Sie verloren. Ich betheure Ihnen nochmal, daß dann keine Macht auf Erden, ſelbſt Waſhington nicht, Sie zu retten vermag.“ „Ich füge mich,“ ſagte der Gefangene, indem er dem Ernſte des Krä⸗ mers und den durch deſſen Worte neu erweckten Befürchtungen nachgab. Der Hauſirer winkte ihm, zu ſchweigen, ging auf die Thüre zu und öffnete ſie mit derſelben ſteifen Förmlichkeit, mit welcher er in's Zimmer getreten war. „Freund, laß Niemand herein,“ ſagte er zur Schildwache; „wir wollen uns im Gebete ergehen und wünſchen allein zu ſeyn.“ „Ich glaube nicht, daß Euch Jemand zu unterbrechen wünſcht,“ erwiederte der Soldat mit einem ſchalkhaften Seitenblicke;„wenn aber die Verwandten des Gefangenen Luſt dazu hätten, ſo habe ich nicht das Recht, ſie abzuweiſen. Ich habe meine Befehle und muß ihnen Folge leiſten, mag nun der Engländer in den Himmel kommen oder nicht.“ „Verwegener Sünder!“ ſagte der angebliche Prieſter,„haſt Du nicht die Furcht Gottes vor Augen? Ich ſage Dir, wenn Du anders die Strafen des letzten Gerichtes fürchteſt, laß Niemand von dieſer götzendieneriſchen Gemeinde eintreten, damit ſie nicht ihre Gebete mit denen der Rechtgläubigen vermiſche.“ „Hu— hu, welch' ehrenhaften Befehlshaber würdet Ihr für den Sergeanten Holliſter abgeben; was waͤren da ſeine Erbauungsſtunden, welche er nach dem Verleſen haͤlt, gegen Eure Predigt! Hört, ich will es Euch Dank wiſſen, wenn Ihr mit Euerm Lärmen nicht ſo fort macht und unſere Hörner nicht überſchreit; Ihr könntet ſonſt einem armen Burſchen den Grog verſalzen, wenn er heute Abend das Paradeſignal überhörte. Wenn Ihr ja allein ſeyn müßt, habt Ihr nicht ein Meſſer, um es unter Cäſar, habe wird. loren. Erden, Krä⸗ chgab. Thüre her er vache; ſeyn.“ iſcht,“ „wenn habe e und immel „haſt in Du mand nicht Ihr ſeine Eure r mit nicht Grog Wenn unter die Thürſchnalle zu ſtecken?— braucht Ihr etwa einen ganzen Reiterzug, um Euren Conventikel zu hüten?“ Der Hauſirer faßte den Wink auf und verwahrte die Thüre nach der von dem Dragoner ertheilten Angabe. „Ihr übertreibt Eure Rolle,“ ſagte der junge Wharton in beſtändiger Furcht einer Enideckung;„Euer Eifer iſt zu ungezügelt.“ „Bei einem Infanteriſten und bei den öſtlichen Milizen möchte es der Fall ſeyn,“ ſagte Harvey, indem er ein Bündel auspackte, welches ihm Cäſar einhändigte;„aber dieſe Dragoner ſind Burſchen, die man niederwindbeuteln muß. Ein verzagtes Herz würde hier nicht viel ausrichten; doch kommen Sie,— da iſt ein ſchwarzer Deckel für Ihr hübſches Geſicht,“ er brachte eine Pergamentmaske zum Vorſcheine und band ſie Heinrich vor.„Der Herr und der Knecht müſſen für eine Weile die Plätze wechſeln.“ „Ich nicht denk, er ausſehen auch nur ein bischen wie ich,“ ſagte Cäſar verdrießlich, als er ſeinen jungen Gebieter ſo verändert ſah. „Nur einen Augenblick Geduld, Cäſar,“ ſagte der Hauſirer mit der drolligen Laune, welche er hin und wieder kund gab,„bis wir an die Wolle kommen.“ „Er nun ſchlimmer, als vorher,“ rief der unzufriedene Afri⸗ kaner;„farbig Mann nie ausſehen wie Schaaf! Ich nie ſehen ſolche Lipp', Harvey, die ſo dick ſeyn wie Wurſt!“ Es hatte viele Mühe gekoſtet, die zu Heinrich Wharton's Verkleidung erforderlichen Gegenſtände zuſammen zu bringen, und unter Harvey's gewandten Händen brachten ſte in dem Aeußern des jungen Offiziers eine Verwandlung zu Wege, die wohl einen gewöhnlichen Beobachter zu täuſchen und eine Entdeckung zu ver⸗ hüten im Stande war. Die Maske war ſo gut angefertigt, daß ſie den ganzen eigen⸗ thümlichen Ausdruck in dem Geſichte und der Farbe des Afrikaners treu nachbildete, und die kunſtvoll aus ſchwarzer und weißer Wolle zuſammengeſetzte Perücke ahmte die Pfeffer⸗ und Salzfarbe von 430 Caſar's Kopf ſo täuſchend nach, daß ſelbſt der Schwarze, der ſie bis auf den Stoff für ein ausgezeichnetes Conterfey erklärte, ſeinen Beifall nicht verſagen konnte. „Es gibt nur einen Menſchen in der amerikaniſchen Armee, der den Betrug zu entdecken im Stande wäre, Kapitän Wharton;“ ſagte der Hauſirer, indem er ſein Werk mit Zufriedenheit betrach⸗ tete,„und zum Glück iſt dieſer uns gegenwärtig nicht im Wege.“ „Und wer iſt der?“ „Der Mann, welcher Sie zum Gefangenen machte. Er würde Ihre weiße Haut durch ein Brett hindurch erkennen.— Aber zieht euch jetzt beide aus; die Kleider müſſen vom Kopf bis zum Fuß gewechſelt werden.“ Cäſar, der bereits am Morgen von dem Krämer die ausführ⸗ lichſten Weiſungen erhalten hatte, begann ſogleich ſeine groben Kleider abzulegen, in welche ſich der junge Mann, nicht ohne einige Zeichen des Widerwillens zu verrathen, zu hüllen anfing. In dem Benehmen des Hauſirers lag ein wunderliches Ge⸗ miſch von Beſorgniß und Laune; erſtere war das Ergebniß einer vollkommenen Vertrautheit mit der ganzen Groöͤße der Gefahr, wie auch der Kenntniß derjenigen Mittel, durch welche ſie vermieden werden konnte; letztere entſprang aus der unvermeidlichen Lächer⸗ lichkeit der Umſtände, verbunden mit jener Gleichgültigkeit, welche die Frucht der Erfahrung und einer vielfältigen Bekanntſchaft mit derartigen Scenen war. „Da, Kapitän,“ ſagte er, indem er einige Hände voll Wolle zum Vorſchein brachte, und Cäſar's Strümpfe, welche ſich bereits an den Beinen des Gefangenen befanden, auszuſtopfen begann. „Es gehört Umſicht dazu, um dieſem Gliede die gehörige Form zu geben. Sie werden Gelegenheit haben, es auf dem Pferde ſehen zu laſſen, und dieſe Dragoner aus dem Süden ſind an die Säbel⸗ beine zu gewöhnt, um nicht gleich aus Ihrer wohlgeformten Wade merken zu können, daß ſie nie dem Leibe eines Schwarzen angehörte.“ — ander in de darül einen Cäſa Acht ſpric habe nahr ſchä ein. tung Gan er a es n gen Sche zurü Trö ſchli feier alle erbo wer als ihm r ſie einen mee, on;“ rach⸗ ege.“ bürde zieht Fuß führ⸗ roben inige Ge⸗ einer „wie nieden icher⸗ velche t mit Wolle ereits gann. m zu ſehen bäbel⸗ Wade örte.“ „Prächtig!“ ſagte Cäſar mit einem von einem Ohre bis zum andern grinſenden Munde,„Maſſa Harry's Hoſen mir gut ſitzen.“ „Bis auf das Bein,“ verſetzte der Hauſirer und machte ruhig in der Beſchickung der Toilette fort.„Ziehen Sie jetzt den Rock darüber an. Auf mein Wort, Sie würden ſich ganz artig auf einem Maskenball ausnehmen. Nun kömmt die Reihe an Dich, Cäſar. Setze dieſe wohlgepuderte Perücke auf und nimm Dich in Acht. Sieh zum Fenſter hinaus, wenn die Thüre aufgeht, und ſprich nicht, um keinen Preis, ſonſt verräthſt Du alles.“ „Harvey nicht brauchen zu denken, ein farbig Mann nicht haben Zunge wie andere Menſchen,“ brummte der Schwarze und nahm die ihm angewieſene Stellung ein. Alles war nun zum Handeln vorbereitet, und der Hauſirer ſchärfte den beiden Mitſpielern noch einmal ernſtlich ihre Rollen ein. Er beſchwor den Kapitän, ſeine aufrechte militäriſche Hal⸗ tung zu verläugnen und vor der Hand ſich zu dem demüthigen Gang von ſeines Vaters Neger zu bequemen; Cäſarn dagegen empfahl er angelegentlichſt, zu ſchweigen, und ſeine Verkleidung, ſo lange es nur immer möglich ſey, beizubehalten. Nach dieſen Vorkehrun⸗ gen öffnete er die Thüre und rief mit lauter Stimme nach der Schildwache, welche ſich an das entfernteſte Ende des Ganges zurückgezogen hatte, um ja keinen Theil von den ſalbungsvollen Tröſtungen wegzukriegen, welche ſeiner Meinung nach das aus⸗ ſchließliche Eigenthum eines andern waren. „Laß die Frau des Hauſes herbeirufen,“ ſagte Harvey in dem feierlichen Tone ſeines angenommenen Charakters;„ſie ſoll aber allein kommen. Der Gefangene iſt jetzt in einem heilſamen Zuge erbaulicher Gedanken und darf nicht in ſeiner Andacht geſtört werden.“ Cäſar hatte das Geſicht auf ſeine Hände ſinken laſſen, und als der Soldat in's Zimmer ſah, kam es ihm vor, als ob der ihm anvertraute Gefangene in ernſte Selbſtbetrachtung vertieft ſey. 432 Er warf einen Blick ſtolzer Verachtung auf den Geiſtlichen, und rief laut nach der dienſtfertigen Beſitzerin des Hauſes. Dieſe beeilte ſich, der Aufforderung im größten Eifer Folge zu leiſten, da ſie die geheime Hoffnung nährte, Zeugin der ſalbungs⸗ vollen Worte an einen ſich zum Tode vorbereitenden reuigen Sün⸗ der ſeyn zu dürfen. „Schweſter,“ ſagte der Mann Gottes mit dem würdevollen Tone des Lehrers,„haſt Du das Buch im Hauſe des chriſtlichen Verbrechers letzte Augenblicke, oder Gedanken an die Ewigkeit für ſolche, die eines gewaltſamen Todes ſterben⸗?“ „Ich habe nie etwas von dieſem Buche gehört!“ ſagte die Matrone verwundert.⸗ „Wohl moͤglich; es gibt noch viele Bücher, von denen Du nichts gehört haſt. Aber der arme Reuige bedarf unumgänglich der in dieſem Werke enthaltenen Tröſtungen, um im Frieden heim⸗ fahren zu können. Eine Stunde darin zu leſen, iſt mehr werth, als die Predigten eines ganzen Menſchenlebens.“ „Guter Gott! wer einen ſolchen Schatz beſäße!— Wann kam es heraus?“ „Es wurde zuerſt in Genf in griechiſcher Sprache heraus⸗ gegeben, und erſchien dann zu Boſton in einer Ueberſetzung. Es iſt ein Buch, Weib, das in den Händen eines jeden Chriſten ſeyn ſollte, beſonders in den Händen ſolcher, deren Beſtimmung iſt, an dem Galgen zu ſterben. Man laſſe ſogleich ein Pferd für dieſen Schwarzen da zurüſten, daß er mich zu meinem Bruder begleiten kann— und ich will die Schrift noch in guter Zeit herſchicken.— Bruder, ſammle Deinen Geiſt; Du biſt nun auf dem ſchmalen Pfade zur ewigen Glorie.“ Cäſar bewegte ſich ein wenig auf ſeinem Stuhle, blieb jedoch ſoweit in ſeiner Rolle, daß er das Geſicht mit den Händen, die mit Handſchuhen verſehen waren, bedeckt hielt. Die Frau des Hauſes entfernte ſich, um dieſer höchſt billigen Aufforderung zu en, und Folge zu albungs⸗ en Sün⸗ devollen riſtlichen keit für gte die nen Du gänglich i heim⸗ werth, nn kam jeraus⸗ g. Es en ſeyn iſt, an dieſen gleiten ten.— hmalen jedoch 1, die u des ng zu 43³ entſprechen, und die Gruppe der Verſchworenen blieb wieder allein. „Nun, das ging gut,“ ſagte der Hauſirer;„aber die Haupt⸗ ſache iſt, den Offizier, der die Wache kommandirt, zu überliſten. Er iſt Lawton's Lieutenant und hat Einiges von der Schlauheit ſeines Rittmeiſters in ſolchen Angelegenheiten gelernt. Bedenken Sie, Kapitän Wharton,“ fuhr er mit einem gewiſſen Stolze fort, „daß jetzt der Zeitpunkt da iſt, wo Alles von unſerer Beſonnenheit abhängt.“ „Mein Schickſal kann ſich nicht um viel verſchlimmern, mein würdiger Gefährte,“ ſagte Heinrich,„aber um Euretwillen will ich allem aufbieten, was in meinen Kräften liegt.“ „Und was könnte meine verlaſſene und verfolgte Lage elender machen?“ ſagte der Hauſirer in der wilden und unzuſammenhän⸗ genden Weiſe, welche hin und wieder an ihm bemerkt werden konnte, „Aber ich habe es Einem verſprochen, Sie zu retten, und dieſem habe ich noch nie mein Wort gebrochen.“ „Und wer wäre dieß?“ fragte Heinrich mit erweckter Neugierde. „Niemand.“ Nach einer kleinen Weile erſchien ein Mann mit der Nachricht, daß die Pferde an der Thüre bereit ſeyen. Harvey winkte dem Kapitän mit den Augen und ging voran, die Treppe hinab, nach⸗ dem er vorher der Hausfrau eingeſchärft hatte, den Gefangenen allein zu laſſen, damit er die heilſame Nahrung, welche er eben empfangen hätte, gehörig verdauen könne. Das Gerücht von dem ſeltſamen Charakter des Geiſtlichen hatte ſich durch die Schildwache an der Thüre von Heinrich's Zim⸗ mer unter den übrigen Dragonern verbreitet; und als Harvey und der Kapitän den Vorplatz des Hauſes erreichten, trafen ſie auf ein Dutzend müßiger Soldaten, welche die löbliche Abſicht hegten, den Eiferer zu necken, und zu dieſem Ende ſich um die Pferde verſam⸗ melt hatten, als ob ſie die Eigenſchaften dieſer Thiere bewunderten. Der Spion. 3. Aufl. 28 „Ein ſchöner Gaul!“ ſagte der Erfinder dieſes unſeligen Pla⸗ nes;„nur ein wenig leibarm: ich denke, das kommt von der harten Arbeit in Eurem Beruf.“ „Mein Beruf iſt allerdings beſchwerlich, ſowohl für mich, als für dieſes treue Thier; doch wird ſeiner Zeit auch der Tag der Ruhe kommen, der mich für alle meine ſauern Gänge belohnen wird,“ ſagte Birch, indem er den Fuß in den Steigbügel ſetzte und ſich zum Aufſitzen anſchickte. „So arbeitet Ihr alſo auch um Lohn, wie wir darum fech⸗ ten?“ rief ein anderer von der Truppe. 3 „Natürlich— iſt nicht der Arbeiter ſeines Lohnes werth?“ „Kommt und thut, als ob Ihr uns ein Bischen predigtet; wir haben gerade freie Zeit, und man kann nicht wiſſen, wie viel Gu⸗ tes ein Paar Worte bei einem Haufen Verworfener, wie wir ſind, auszurichten vermögen. Da, ſteigt auf dieſen Block hinauf, und wählt den Text, woher Ihr wollt.“ Die Soldaten ſammelten ſich nun in luſtigem Getümmel um den Krämer, welcher, mit einem nachdrücklichen Augenwinke zu dem bereits auf dem Pferde ſitzenden Kapitän, erwiederte: „Gerne, denn es gehört zu meinen Dienſtpflichten. Cäſar, Du kannſt einſtweilen vorausreiten und das Schreiben abgeben— der unglückliche Gefangene iſt des Buches benöthigt und ſeine Stunden ſind gezählt.“ „Ja, ja, geh' nur, Cäſar, und hole das Buch,“ rief ein halbes Dutzend Stimmen und die Dragoner drängten ſich ungeduldig um den vorgeblichen Prieſter, von dem ſie ſich eines köſtlichen Spaßes verſahen. Der Hauſirer fürchtete im Geheim, daß durch das nicht all⸗ zuhöfliche Verfahren mit ihm und ſeinen Kleidern der Hut und die Perücke verſchoben werden möchten, wodurch nothwendig eine Ent⸗ deckung herbeigeführt werden mußte, und bequemte ſich deßhalb nur un⸗ gern, ihrer Aufforderung zu entſprechen. Er beſtieg den Block, räu⸗ ſperte ſich ein paarmal, warf einen Blick auf den Kapitän, der ſich noch derm Stel muel ſchrie ſpre deir in Bu Cäſc len mels mach gut der ſich ſen; jedes Run ber, könr bei bild Pfe die Sol ſtan bei Pla⸗ harten h, als Ruhe wird,“ nd ſich n fech⸗ th?“ et; wir iel Gu⸗ ir ſind, ff, und mel um inke zu Cäſar, eben— id ſeine n halbes um den herſahen. icht all⸗ und die ine Ent⸗ nur un⸗ öck, räu⸗ der ſich noch immer nicht von der Stelle bewegte, und begann folgen⸗ dermaßen: „Ich muß, meine lieben Brüder, Eure Aufmerkſamkeit an die Stelle der Schrift verweiſen, welche Ihr im zweiten Buche Sa⸗ muelis finden werdet, und die in folgenden Worten dort ge⸗ ſchrieben ſteht:— ‚Und der König klagte um Abner und ſprach: Abner iſt nicht geſtorben wie ein Thor ſtirbt; deine Hände ſind nicht gebunden, deine Füße ſind nicht in Feſſeln geſetzt; du biſt gefallen, wie man vor böſen Buben fällt. Da beweinete ihn alles Volk noch mehr. Cäſar, reite zu, ſage ich, und bringe das Buch, wie Dir befoh⸗ len iſt, denn die Seele Deines Herrn ſchmachtet nach der Him⸗ melskoſt, welche es ihm bietet.“ „Ein ehrlicher Text!“ riefen die Dragoner,„macht fort— macht fort— laßt den Schneemann dableiben, er kann eben ſo gut Erbauung brauchen, als ein anderer.“ „Was macht Ihr da, Ihr Schlingel,“ rief Lieutenant Maſon, der von einem Spaziergange zurückkam, den er gemacht hatte, um ſich durch die Abendparade des Milizenregiments beluſtigen zu laſ⸗ ſen;„fort mit euch; Marſch in eure Quartire— ich hoffe, daß jedes Pferd ſauber iſt und ſeine gehörige Streu hat, wenn ich die Runde mache.“ Der Ton der Stimme des Offtziers wirkte wie ein Zau⸗ ber, und kein Prieſter hätte eine ruhigere Verſammlung finden können, obgleich er vielleicht eine zahlreichere gewünſcht hätte, denn bei Maſon's Worten war im Augenblick alles bis auf Cäſar's Ab⸗ bild verſtoben. Der Hauſirer benützte dieſe Gelegenheit, um auf's Pferd zu ſteigen, wobei er jedoch in ſeinen Bewegungen immer noch die nöthige Würde behaupten mußte; denn die Bemerkungen der Soldaten über den Zuſtand der Pferde waren nur zu richtig, und es ſtanden ein Dutzend Dragonerpferde geſattelt und gezäumt bereit, bei dem leichteſten Verdacht ihre Reiter aufzunehmen. „Nun, alter Herr,“ ſagte Maſon,„habt Ihr den armen Burſchen da drinnen aufgezäumt, daß er ſeinen letzten Ritt unter geiſtlichem Zügel machen kann?“ „Deine Rede iſt vom Uebel, unheiliger Mann,“ rief der Prie⸗ ſter mit erhobenen Händen, indem er die Augen voll heiligen Ent⸗ ſetzens gen Himmel richtete;„und ſo will ich jetzt unbeſchädigt von Dir ziehen wie Daniel vor den Zähnen der Löwen bewahrt blieb.“ „Fort mit Dir, Du heuchleriſcher, pſalmodirender, plärrender Schuft in Pfaffentracht,“ erwiederte Maſon verächtlich. Bei Waſhing⸗ ton's Leben! Es liegt einem ehrlichen Burſchen ſchwer im Magen, wenn er ſehen muß, daß ſolche gefräßige Beſtien ein Land verhee⸗ ren, für das er ſein Blut vergießt. Wenn ich Dich nur eine Viertelſtunde in einer virginiſchen Pflanzung hätte, ſo wollte ich Dich lehren, mit den Truthühnern die Würmer vom Tabak zu leſen.“ „Ich verlaſſe Dich und ſchüttle den Staub von meinen Schuhen, damit kein Ueberbleibſel von dieſer Höhle der Gottloſigkeit das Ge⸗ wand des Gerechten verunreinige.“ „Mache, daß Du fortkömmſt, oder ich will Dir den Staub aus dem Wamſe klopfen, Du heuchleriſcher Schuft! Solch ein Kerl will meinen Leuten predigen! Der Holliſter ſetzt ihnen ſchon genug Flöhe in's Ohr mit ſeinen Ermahnungen; die Schurken werden mir nachgerade ſo gewiſſenhaft, daß ſie mir keinen Hieb mehr führen wollen, der nur die Haut ritzt. Doch halt! wo willſt denn Du hin, Meiſter Schwarzhaut in ſo heiliger Geſellſchaft?“ „Er iſt ausgeſchickt,“ erwiederte der Geiſtliche, indem er haſtig für ſeinen Begleiter das Wort nahm,—„um ein Buch zu holen, in welchem der ſündige junge Menſch da droben viel Troſt und Er⸗ bauung finden kann, und das ſeine Seele in kurzer Zeit ſo weiß machen wird, als ſeine Außenſeite ſchwarz und unſcheinbar iſt. Willſt Du dem Sterbenden die Tröſtungen der Religion entziehen?“ „Nein, nein, das Loos des armen Burſchen iſt ohnehin ſchlimm genug.— Seine gezierte Tante hat uns mit einem prächtigen Frühſ secun lichen ternde Ueber; rief 2 prieſte ihm f Deine von 2 auf de die E wo m ſchrie b Corpo 0 Zimm bedeut blickte er ſei wieder wunde mir n Schul iſt der dem J armen t unter er Prie⸗ en Ent⸗ igt von blieb.“ ärrender daſhing⸗ Magen, verhee⸗ ur eine ollte ich tleſen.“ Schuhen, das Ge⸗ Staub ölch ein en ſchon Schurken ien Hieb vo willſt haft?² er haſtig polen, in und Er⸗ ſo weiß rbar iſt. ziehen?“ ſchlimm rächtigen Frühſtück bewirthet. Aber höre, Meiſter Myſticus, wenn der Junge secundum artem ſterben ſoll, ſo überlaſſe ihn der Leitung eines ehr⸗ lichen Mannes, und ich rathe Dir, daß Du nie wieder Dein ſchlot⸗ terndes Gerippe unter uns blicken läßt, oder ich laſſe Dir den Ueberzug abſtreifen und ſchicke Dich nackend in's Weite.“ „Fluch über Dich, Du Spötter und Verächter der Gnade!“ rief Birch und ritt langſam unter gehöriger Beobachtung des prieſterlichen Anſtandes ſeiner Wege, wobei der angebliche Cäſar ihm folgte;„doch ich gehe fort von Dir, und hinter mir wird Deine Verdammniß liegen. Ich freue mich von ganzem Herzen von Dir befreit zu ſeyn.“ 4 „Gott verdamme ihn,“ brummte der Reiter,„der Kerl ſitzt auf der Mähre wie ein Pfahl und ſtreckt die Beine hinaus, wie die Ecken ſeines Huts. Ich wollte, ich hätte ihn im Thal drunten, wo man's mit dem Geſetz nicht ſo genau nimmt; er ſollte mir—“ „Corporal von der Wache!— Corporal von der Wache!“ ſchrie die Schildwache in der Hausflur;„Corporal von der Wache!— Corporal von der Wache!“ Der Lieutenant flog die ſchmale Treppe hinan, welche zu dem Zimmer des Gefangenen führte und fragte, was das Rufen zu bedeuten habe. Der Soldat ſtand an der offenen Thüre des Zimmers und blickte argwöhniſch nach dem angeblichen brittiſchen Offiziere. Als er ſeinen Vorgeſetzten bemerkte, trat er ſalutirend zurück und er⸗ wiederte in einiger Verwirrung: „Ich weiß nicht, Sir, aber der Gefangene ſah eben gar wunderlich aus. Seit ihn der Prediger verlaſſen hat, kommt er mir nicht mehr wie ſonſt vor— aber“— er blickte dabei über die Schulter des Lieutenants—„er muß es am Ende doch ſeyn! Es iſt derſelbe gepuderte Kopf, und der geſtopfte Riß im Rock, wo er an dem Tage des letzten Gefechts mit dem Feinde einen Hieb bekam.“ „Und Du machſt einen ſolchen Lärm, Kerl, weil Du zweifelſt, 438 ob der arme Mann Dein Gefangener ſey oder nicht? Wer, zum Teufel, ſollte es denn ſonſt ſeyn 2“ „Das weiß ich freilich nicht,“ erwiederte der Soldat verdrieß⸗ lich,„aber wenn er es iſt, ſo iſt er kürzer und dicker geworden, und ſehen Sie nur ſelbſt, Sir— er klappert am ganzen Leibe zuſammen, als ob er das kalte Fieber hätte.“ Das Letztere war nur zu wahr. Cäſar hörte dieſer kurzen Beſprechung mit einer wahren Todesangſt zu, und obgleich er über das glückliche Entrinnen ſeines jungen Herrn höchlich erfreut war, ſo richteten ſich doch natürlicher Weiſe ſeine gegenwärtigen Gedanken auf die Folgen dieſer Flucht für ſeine eigene Perſon. Die Pauſe, welche auf die letzte Bemerkung der Schildwache folgte, trug keineswegs dazu bei, ihn wieder zu ermuthigen. Lieu⸗ tenant Maſon war beſchäftigt, ſich mit eigenen Augen von dieſen verdächtigen Erſcheinungen zu uberzeugen, was Cäſar durch eine Oeffnung, die er unter einem ſeiner Arme ausdrücklich zum Zwecke des Recognoscirens gebildet hatte, gewahr werden konnte. Kapitän Lawton würde die Täuſchung im Augenblicke entdeckt haben, aber Maſon beſaß nicht das geübte Auge ſeines Oberen. Er wandte ſich verächtlich zu dem Soldaten und bemerkee mit leiſer Stimme: „Der Wiedertäufer, der Methodiſt, der Quäcker, der pſalmo⸗ dirende Schuft hat den Jungen mit ſeinem Flammen⸗ und Schwefel⸗ pfuhl eingeängſtigt. Ich will ein wenig hineingehen und ihn durch ein vernünftiges Geſpräch erheitern.“ „Ich habe wohl ſagen hoͤren, daß die Furcht einen weiß machen könne,“ ſagte der Soldat, indem er ſich ſcheu zuruͤckzog und nach dem Gefangenen hinſtierte, als ob ihm die Augen aus den Höhlen ſpringen wollten;„aber den königlichen Kapitän hat ſie zu einem Schwarzen gemacht!“ Das Wahre an der Sache war, daß Cäſar, welcher die leiſen Worte Maſon's nicht verſtehen konnte und durch die übrigen Um⸗ ſtände ſchon zur Genüge abgeängſtigt war, unvarſichtiger Weiſe, um beſſer minde eine wache ſoglei richte Erſch verge welch den ſeine entſch Stie in al Man .Du, Antn gen ware Lieu nahr ſelbe Thei ſtock hing wele ſelb zum drieß⸗ orden, Leibe kurzen ich er erfreut ärtigen Verſon. dwache Lieu⸗ dieſen ch eine Zwecke Kapitän , aber wandte btimme: pſalmo⸗ chwefel⸗ hn durch machen und nach Höhlen zu einem die leiſen gen Um⸗ Zeiſe, um beſſer hören zu können, die Perücke vom Ohr ſchob, ohne im mindeſten zu bedenken, daß die ſchwarze Farbe deſſelben nothwendig eine Entdeckung der Verkappung herbeiführen mußte. Die Schild⸗ wache hatte kein Auge von dem Gefangenen verwendet und war ſogleich dieſes verrätheriſchen Organs anſichtig geworden. Maſon richtete ſeine Aufmerkſamkeit gleichfalls augenblicklich auf dieſe Erſcheinung, und alle Rückſichten für einen unglücklichen Kameraden vergeſſend, oder vielmehr an nichts als an die Rüge denkend, welche ſein Corps treffen konnte, ſprang er vorwärts und packte den erſchreckten Afrikaner an der Kehle; denn Cäſar hatte kaum ſeine Farbe nennen hören, als ihm auch ſchon die Entdeckung wie entſchieden vorkam, und bei dem erſten Tone von Maſon's ſchweren Stiefeln auf dem Boden erhob er ſich von ſeinem Stuhle, um ſich in aller Haſt in irgend einem Winkel des Zimmers zu verkriechen. „Wer biſt Du?“ ſchrie Maſon und ſtieß den Kopf des alten Mannes bei jeder Frage gegen die Wandecke,„wer Teufels biſt Du, und wo iſt der Engländer? Sprich, Du Donnerwetterskerl! Antworte mir, Du Dohlengeſicht, oder ich laſſe Dich an den Gal⸗ gen des Spions hängen.“ Cäſar blieb ſtandhaft. Weder die Drohungen noch die Stoͤße waren im Stande, eine Antwort aus ihm herauszupreſſen, bis der Lieutenant eine ſehr nahe liegende Veränderung des Angriffs vor⸗ nahm und ſeinem ſchweren Stiefel eine Richtung gab, welche den⸗ ſelben in eine ſehr genaue Berührung mit dem empfindlichſten Theile des Negers, nämlich ſeinem Schienbeine, brachte. Das ver⸗ ſtockteſte Herz hätte eine ſolche Bearbeitung nicht länger in Geduld hingenommen, und auch Cäſar gab jetzt weich. Die erſten Worte, welche er vernehmen ließ, lauteten: „Ach, Maſſa, Ihr denken, ich haben kein Gefühl!“ „Beim Himmel!“ brüllte der Lieutenant,„es iſt der Neger ſelbſt! Spitzbube, wo iſt Dein Herr, und wer war der Pfaffe?“ Bei dieſen Worten machte er eine Bewegung, als ob er den 440 Angriff erneuen wolle; aber Cäſar ſchrie laut um Gnade und ver⸗ ſprach, Alles zu erzählen, was er wiſſe. „Wer war der Pfaffe?“ wiederholte der Dragoner, indem er mit dem ſchrecklichen Stiefel ausholte und ihn in drohender Schwebe erhielt. „Harvey, Harvey!“ ſchrie Cäſar und hüpfte von einem Beine auf's andere, je nachdem er eines oder das andere dieſer Glieder dem Angriffe blos geſtellt erachtete. „Was für ein Harvey, Du ſchwarzer Hallunke?“ rief der ungeduldige Lieutenant, indem er mit tüchtigen Stiefelſtößen in vollem Maße Rache nahm. „Birch!“ winſelte Cäſar und ſank in die Beine, wobei die Thränen in großen Tropfen über ſein glänzendes Geſicht rannen. „Harvey Birch!“ wiederholte der Reiter, indem er den Schwar⸗ zen an die Wand fliegen ließ und aus dem Zimmer rannte.„Zu den Waffen! zu den Waffen! fünfzig Guineen für den Kopf des Krämerſpions!— Gebt keinen Pardon! Aufgeſeſſen, aufgeſeſſen! Zu den Waffen! Zu Pferde!“ Während des Lärmens, der durch das Zuſammeneilen der Dragoner und das Rennen nach den Pferden veranlaßt wurde, erhob ſich Cäſar wieder von dem Boden und fing an, ſeine Be⸗ ſchädigungen zu unterſuchen. Zu ſeinem Glücke hatte er den Kopf geduckt und daher keinen weſentlichen Schaden genommen. ver⸗ indem hender Beine r dem ef der jen in hei die nnen. chwar⸗ „Zu ppf des eſeſſen! en der wurde, ne Be⸗ n Kopf Neunundzwanzigſtes Kapitel. Fort, Gilpin, mit Perück und Hut! Wir ſind ſchon durch die Stränge! Wem hätt's geträumt, daß ſo gut Uns dieſer Streich gelänge? 4 Cowper. Wie Straße, welche der Krämer und der engliſche Kapitän einſchlagen mußten, um den Schirm der Berge zu gewinnen, konnte auf eine halbe Meile hin von der Thüre des Gebäudes aus, welches Wharton noch kürzlich als Gefängniß gedient hatte, überſehen werden, da ſie eben ſo lang über die fruchtbare Ebene hinlief, welche ſich bis an den Fuß des faſt ſenkrecht aufſteigenden Gebirges erſtreckte; dann beugte ſie raſch rechtsum und folgte nun den natür⸗ lichen Krümmungen, welche in's Innere des Hochlandes führten. Um den angeblichen Unterſchied des Standes anſcheinlich zu machen, ritt Harvey ſeinem Begleiter nur um eine kleine Strecke vor und behielt den bedächtigen und würdevollen Schritt bei, der für ſeine Rolle paßte. Zur Rechten lagen die Zelte des bereits er⸗ wähnten Infanterieregiments, und unſere Wanderer konnten die Schildwachen dieſes Lagers mit gemeſſenen Tritten am Saume der Berge auf und ab ſchreiten ſehen. Heinrich's erſter Gedanke war allerdings, ſein Thier zur größten Eile anzutreiben, und ſo ſich auf einmal in Sicherheit zu bringen, um der quälenden Ungewißheit ſeiner Lage ein Ende zu machen. Ein Verſuch des jungen Mannes zu dieſem Zweck wurde jedoch ſogleich von dem Hauſirer angehalten. „Was beginnen Sie?“ rief er, indem er ſein eigenes Pferd quer in den Weg ſeines Gefährten lenkte;„wollen Sie uns beide zu Grunde richten? Bleiben Sie in der Rolle eines Schwarzen, der ſeinem Herrn folgt. Haben Sie nicht ihre Vollblutroſſe geſattelt und gezäumt vor dem Hauſe im Freien ſtehen ſehen? Wie lange glauben Sie, daß der edle holländiſche Gaul im Galopp „fortmachen wird, wenn die Virginier uns nachſetzen ſollten? Jede Fußbreite, die wir, ohne Lärm zu erregen, zurücklegen können, zählt für einen Tag in unſerem Leben. Reiten Sie nur hübſch hinter mir d'rein, und ſehen Sie ja um keinen Preis zu⸗ rück. Sie ſind ſchlau, wie die Füchſe, ja, und blutgierig wie die Wölfe.“ Heinrich zügelte mit Widerwillen ſeine Ungeduld und ſolgte der Weiſung des Hauſirers. Seine Phantaſie ängſtigte ihn jedoch ohne Unterlaß mit dem eingebildeten Rufe ſeiner Verfolger, obgleich Birch, welcher unter dem Scheine einer Beſprechung mit ſeinem Begleiter öfters zurück ſah, ihm verſicherte, daß Alles in ihrem Rücken ruhig und friedlich ſey. „Aber,“ ſagte Heinrich,„Cäſar kann unmöglich lange unent⸗ deckt bleiben. Würden wir nicht beſſer thun, die Pferde ausholen zu laſſen? Während ſie über den Grund unſerer Eile Betrachtun⸗ gen anſtellen, können wir die Waldecke erreichen.“ „Ach! Sie kennen dieſe Burſche wenig, Kapitän Wharton,“ erwiederte der Hauſirer.„Gerade jetzt ſieht uns ein Sergeant nach, als ob er dächte, daß nicht Alles richtig ſey; der Spürhund bewacht mich wie ein auf der Lauer liegender Tiger. Er ſchien ſchon Unrath zu wittern, als ich auf dem Block ſtand. Nun trei⸗ ben Sie Ihren Gaul an— wir müſſen die Thiere ein wenig aus⸗ holen laſſen, denn er legt die Hand an den Sattelknopf. Wenn er aufſteigt, ſo iſt's um uns geſchehen. Auch die Fußſoldaten können uns noch mit ihren Musketen erreichen.“ „Was thut er jetzt?“ fragte Heinrich, und ließ ſeinem Pferde den Zügel, indem er zugleich die Ferſen in die Seiten des Thieres ſetzte, um es jeden Augenblick zum Sprunge bereit zu haben. „Er wendet ſich von ſeinem Roſſe ab und ſieht anderswo hin; nun einen ſanften Trab— nicht ſo ſchnell— nicht ſo ſchnell. — Wie opp Jede nen, bſch zu⸗ wie Agte doch leich nem hrem nent⸗ olen tun⸗ on,“ geant hund chien trei⸗ aus⸗ Benn haten ferde ieres hin; — 443 Geben Sie doch auf die Schildwache Acht, die dort vor uns im Felde ſteht! Sie hat ein ſcharfes Auge auf uns.“ „Was bekümmert uns der Infanteriſt,“ ſagte Heinrich unge⸗ duldig;„er kann höchſtens nach uns ſchießen, aber die Dragoner können uns wieder aufgreifen. Gewiß, Harvey, ich höre den Huf⸗ ſchlag von Pferden hinter uns auf der Straße. Seht Ihr nichts Beſonderes?“ „Hm!“ verſetzte der Hauſtrer,„'s gibt allerdings etwas Be⸗ ſonderes hinter dem Gebüſch, links von Ihnen. Drehen Sie den Kopf ein wenig, ſo werden Sie es auch bemerken und vielleicht eine Nutzanwendung daraus ziehen.“ Heinrich machte raſch von dieſer Erlaubniß, ſeitwärts zu ſehen, Gebrauch und das Blut gerann ihm bis zum Herzen, als er ge⸗ wahrte, daß ſie an einem Galgen vorbeiritten; welcher unſtreitig zu ſeiner eigenen Hinrichtung errichtet worden war. Er wandte das Geſicht mit unverhülltem Entſetzen von dieſem Anblick ab. „Ein ernſter Ermahner, klug zu ſeyn,“ ſagte der Hauſirer in der ſententiöſen Weiſe, in welcher er ſich oft auszudrücken pflegte. „Wahrlich, ein ſchrecklicher Anblick!“ rief Heinrich und ver⸗ hüllte die Augen mit der Hand, als ob er das Bild eines Ge⸗ ſpenſtes von ſich ferne halten wolle. Der Hauſirer wandte ſich jetzt ein wenig im Sattel und ſprach mit bitterem und wehmüthigem Nachdruck. „Und jetzt, Kapitän Wharton, ſehen Sie ihn, indeß der volle Schein der niedergehenden Sonne auf Sie fällt und Ihnen die Luft rein und friſch von den Bergen entgegenweht. Mit jedem Schritte, den Sie thun, laſſen Sie dieſen verhaßten Galgen weiter hinter ſich. Jede dunkle Höhle, jeder Felsblock des Gebirgs bietet Ihnen einen Verſteck gegen die Rache Ihrer Feinde. Aber ich habe den Galgen ſchon aufgeſchlagen geſehen, wo ſich kein Zufluchtsort darbot. Ich war zweimal in Kerkern begraben, wo ich in Ketten und Banden Naͤchte der Qual durchlebte und in dem grauenden Morgen nur den Zeugen eines ſchmachvollen Todes erwarten durfte. 8 Alle Feuchtigkeit meines Körpers ſchien in dem über die Glieder rinnenden Schweiße zu entweichen, und wenn ich mich an das Loch n wagte, welches mir durch die Eiſenſtangen Luft zuſtrömen ließ— 6 ein wenn ich einen Blick auf das Lächeln der Natur werfen wollte, 1 das Gott ſelbſt ſeinen geringſten Geſchöpfen beſcheert, ſo ſtand die ſchreckliche Geſtalt des Galgens vor meinen Augen, wie das böſe Gewiſſen vor der zerriſſenen Seele des Sterbenden. Viermal bin wi ich in ihren Händen geweſen, ohne dieſes letztemal; aber— zwei⸗ 4 mal— dachte ich, mein Stündlein ſey gekommen. Das Sterben 1u kommt uns immer ſchwer an, Kapitän Wharton; aber die letzten Augenblicke allein und unbemitleidet hin zu bringen— Niemand ha mehr zu wiſſen, der an dem Geſchicke eines Menſchen Theil nähme, in für welchen ſich jetzt die ganze Erdenbahn ſchließt— denken zu 2 müſſen, daß man in wenigen Stunden die Dunkelheit, welche man im Hinblick auf die Zukunft liebgewonnen hat, verlaſſen und an's 4 zu Licht des Tages treten ſolle, um Augen zu begegnen, die einen von 4 kön allen Seiten anſtarren, als wäre man ein wildes Thier— und dann von Allem hinweggenommen zu werden unter dem Scherz und Hohn ſeiner Mitgeſchöpfe— das, Kapitän Wharton— in der fur That, das heißt erſt ſterben!“ und Heinrich horchte erſtaunt auf, als er ſeinen Begleiter dieſe Worte mit einer Heftigkeit ausſprechen hörte, welche er nie zuvor tur an demſelben bemerkt hatte. Beide ſchienen der Gefahr und ihrer. Rollen vergeſſen zu haben. 8— „Wie? Seyd Ihr je dem Tod ſo nahe geweſen?“ „Bin ich nicht ſeit drei Jahren das gehetzte Wild dieſer er Berge?“ verſetzte Harvey.„Einmal ſtand ich ſogar ſchon unter deß dem Galgen, und ich verdankte nur einem Angriff der Königlichen von Truppen meine Rettung. Kamen ſie nur eine Viertelſtunde ſpäter, leiſe ſo war ich eine Leiche. Ich ſtand mitten unter gefühlloſen Män⸗ Sei 7 nern und gaffenden Weibern und Kindern, wie ein fluchwürdiges den in⸗ —— Ungeheuer. Ich wollte zu Gott beten, aber da wurden meine Ohren mit der Geſchichte meiner Verbrechen geqnält; ich ſah mich unter der Menge nur nach einem einzigen Geſicht um, das mir einiges Mitleid ſchenkte, aber ich fand keines— ach, nicht ein ein⸗ ziges;— Alle verwünſchten mich als einen Elenden, der ſein Vaterland für Gold verkaufe. Die Sonne ſchien meinen Augen ſchöner als je— es war ja das letztemal, daß ich ſie ſehen ſollte. Die Fluren lachten ſo freundlich und die ganze Natur erſchien mir wie in einem himmliſchen Lichte. Ach, wie ſüß war das Leben in jenem Augenblicke! Es war eine fürchterliche Stunde, Kapitän Wharton,— eine Stunde, wie Sie nie eine erlebt haben. Sie haben Freunde, die mit Ihnen fühlen, aber ich hatte Niemand, als einen Vater, der um meinen Tod getrauert haben würde, wenn er ihn erfahren hätte. In meiner Nähe jedoch war kein Mitleid, kein Troſt, um meine Qual zu ſänftigen. Alles ſchien mich verlaſſen zu haben. Ich dachte ſogar, Er hätte vergeſſen, daß ich noch lebe.“ „Wie? Ihr fürchtetet ſogar, daß Gott Euch verlaſſen haben könnte, Harvey?“ „Gott verläßt ſeine Diener nicht,“ erwiederte Birch mit Ehr⸗ furcht und einem wahren Ausdruck von Andacht, welche er bisher nur ſeiner Rolle wegen zur Schau getragen hatte. „Wen verſteht Ihr denn unter dem Er?“ Der Hauſirer gab ſich im Sattel die ſteife und aufrechte Hal⸗ tung, welche zu ſeiner Verkleidung paßte. Das Feuer, welches eine kleine Weile ſeine Züge verklärt hatte, verſchwand und machte den feierlichen Linien einer regungsloſen Demuth Platz; dann fuhr er in einem Tone, als ob er den Neger belehrte, fort: „Im Himmel gibt es keinen Unterſchied der Farben, Bruder; deßhalb trägſt auch Du in Deiner Seele jenen köſtlichen Beruf, von welchem Du drüben Rechenſchaft ablegen mußt.“ Er fügte mit leiſer Stimme bei:„dieß iſt die letzte Schildwache am Wege. Sehen Sie ſich nicht um, ſo lieb Ihnen Ihr Leben iſt.“ Heinrich gedachte ſeiner Lage und nahm ſchnell wieder die de⸗ müthige Haltung ſeines angeblichen Charakters an. Die uner⸗ klärliche Begeiſterung in den Worten des Hauſirers war bald unter dem Eindrucke der unmittelbaren eigenen Gefahr vergeſſen und mit der Erinnerung an das Entſcheidungsvolle des gegenwärtigen Augenblicks kehrte in Heinrich's Seele auch wieder die Unruhe ein, welche er für eine Weile verloren hatte. „Was ſeht Ihr, Harvey?“ rief er, als er den Haufirer mit bedenklicher Aufmerkſamkeit nach dem Hauſe, welches ſie verlaſſen hatten, zurückblicken ſah;„was ſeht Ihr vor dem Hauſe?“ „Etwas, das für uns nichts Gutes bedeutet,“ erwiederte der angebliche Prieſter.„Werfen Sie die Maske und die Perücke weg; Sie werden alsbald alle Ihre Sinne nöthig haben— wer⸗ fen Sie ſie in den Weg; es iſt Niemand vor uns, den ich fürchte, aber hinter uns ſind welche, die uns zu einem ſchrecklichen Wett⸗ rennen Anlaß geben werden.“ „So ſey es denn,“ rief der Kapitän und warf die Zugehör ſeiner Verkleidung auf die Straße;„laßt uns unſere Zeit auf's Beſte benützen. Wir brauchen noch eine volle Viertelſtunde bis an die Ecke; warum nicht auf einmal darauf losrennen?“ „Bleiben Sie beſonnen, Kapitän; ſie ſind im Aufruhr, aber ſie werden nicht ohne einen Offtzier aufſitzen, wenn ſie uns nicht fliehen ſehen— jetzt kommt er— er geht nach den Ställen; rei⸗ ten Sie etwas raſcher! ein Dutzend iſt im Sattel, aber der Offi⸗ zier hält noch, um die Gurten feſter anzuziehen— ſie halten uns für einen leichten Fang; er ſitzt auf— Jetzt reiten Sie, Kapitän Wharton, auf Tod und Leben! Halten Sie ſich dicht hinter mir! Wenn Sie mich verlaſſen, ſo ſind Sie verloren!“ Es bedurfte keiner zweiten Aufforderung. Sobald Harvey ſein Pferd in Galopp ſetzte, folgte ihm Kapitän Wharton, welcher ſein armſeliges Thier auf das Aeußerſte antrieb, auf der Ferſe, Birch hatte ſich ſein Roß ſelbſt ausgeleſen, und obgleich es den 447 wohlgenährten Vollblütern der Dragoner weit nachſtehend, ſo war es doch viel beſſer als der kleine Klepper, welchen man zu Cäſar Thompſon's Sendung für gut genug gehalten hatte. Etliche Sätze überzeugten den Kapitän, daß er weit hinter ſeinem Begleiter zu⸗ rückbleiben müſſe, und ein furchtſamer Blick nach hinten belehrte den Flüchtling, daß ſeine Feinde in vollem Rennen nachſetzten. In dieſem Gefühle der Verlaſſenheit, welche das Elend doppelt ſchmerzlich empfinden läßt, rief Heinrich dem Krämer zu, ihn nicht im Stiche zu laſſen. Harvey hielt ſogleich an und ließ nun den Gefährten an ſeiner Seite reiten. Der dreieckige Hut und die Perücke waren dem Hau⸗ ſirer bei dem erſten ſtärkeren Anrennen ſeines Pferdes vom Kopfe geflogen, und die kurze Entfernung der Dragoner ließ das laute Lachen derſelben, als ſie dieſe Demaskirung gewahrten, bis zu den Ohren der Flüchtlinge dringen. „Wäre es nicht beſſer, wenn wir die Pferde verließen,“ ſagte Heinrich,„und über das Feld nach den Bergen zu kommen ſuch⸗ ten?— die Verzäunung wird unſere Verfolger aufhalten.“ „Das iſt der Weg zum Galgen,“ entgegnete der Hauſirer; „dieſe Kerle machen drei Schritte, bis wir zwei machen, und wür⸗ den ſich um die Verzäunung nicht mehr kümmern, als wir uns um dieſe Fahrleiſen. Wir haben nur noch eine kleine Viertelſtunde bis zu der Ecke, und hinter dem Gehölz ſpaltet ſich der Weg. Bis ſie dann unſere Spur aufgefunden haben, gewinnen wir einen klei⸗ nen Vorſprung.“ „Aber dieſer erbärmliche Gaul iſt bereits fertig,“ rief Hein⸗ rich, indem er mit dem Zaumende auf das Thier losſchlug, ein Geſchäft, worin ihn Harvey mit einer tüchtigen Reitpeitſche unter⸗ ſtützte;„er hält es keine halbe Meile mehr aus.“ „Eine Viertelmeile wird zureichen, eine Viertelmeile wird zu⸗ reichen,“ ſagte der Hauſtrer;„eine einzige halbe Viertelſtunde wird uns retten, wenn Sie meinen Anweiſungen Folge leiſten.“ Etwas beruhigt durch das beſonnene, zuverſichtliche Benehmen 448 ſeines Gefährten, trieb Heinrich ſchweigend ſein Pferd vorwärts. Sie waren bald an der erſehnten Ecke, und als ſie um das niedrige Gebüſch derſelben mit verdoppelter Haſt herumſchwenkten, bemerkten ſie ihre Verfolger, welche auf der Straße zerſtreut einher jagten. Maſon und der Sergeant waren beſſer beritten, als die übrigen und daher auch den Flüchtigen viel näher auf der Ferſe, als ſelbſt der Krämer für möglich gehalten hätte. Am Fuße der Berge und eine Strecke weiter hinauf durch das dunkle Thal, welches in's Gebirge einſchnitt, hatte man, als der Hochwuchs zum Zwecke der Feuerung gefällt worden war, die jungen Schößlinge zu einem dichten Unterholz aufſchießen laſſen. Als Heinrich dieſen Verſteck gewahrte, drängte er den Hauſirer wieder zum Abſteigen, um durch dieſes Gebüſch in den Wald zu kommen— ein Anſinnen, gegen welches aber der entſchiedenſte Wider⸗ ſpruch eingelegt wurde. Die bereits erwähnte Spaltung des Weges fand in kleiner Entfernung von der Ecke unter einem ſehr ſpitzigen Win⸗ kel ſtatt, und die beiden Ausläufer zogen ſich ſo gekrümmt hin, daß man nur eine kleine Strecke auf einmal überſehen konnte. Der Hauſirer ſchlug den Pfad zur Linken ein, blieb aber nur eine kleine Weile auf demſelben und huſchte dann an einer offenen Stelle im Gebüſch zu dem rechts liegenden hinüber, auf welchem er ſein Pferd gegen eine vor ihren Augen liegende ſteile Anhöhe zu trieb. Dieſes Manöver rettete ſie. Die Dragoner folgten, als ſie zu der Gabel kamen, der Fährte und kamen ein Ziemliches über die Stelle hinaus, wo die Flüchtlinge auf den andern Pfad eingebogen hatten, ehe ſie das Aufhören der Hufſpuren bemerkten. Als Heinrich und der Hauſirer ihre müden und athemloſen Thiere den Berg hinan⸗ trieben, vernahmen ſie den lauten Zuruf der vorderen Reiter an ihre nachkommenden Kammeraden, ſie ſollten den Weg zur Rechten einſchlagen, und der Kapitän machte auf's Neue den Vorſchlag, abzuſteigen und in's Dickicht zu ſchlüpfen. „Noch nicht! noch nicht!“ ſagte Birch leiſe;„der Weg fällt von wir Pfe wele bede Thie den folgt und zu n Zeit hinte hinan gen: Berg „dem macht . tigem darau Feuer men l hätten pärts. edrige erkten gten. rigen als durch „als „ die aſſen. aſirer d zu ider⸗ fand Win⸗ hin, unte. eine btelle ſein rieb. der telle tten, und nan⸗ an hten lag, fällt 449 von der Höhe wieder gerade ſo ab, wie er aufwärts gegangen iſt, wir wollen zuerſt die Höhe gewinnen.“ Dieſe war bald erreicht, und beide warfen ſich nun von ihren Pferden, worauf Heinrich unverzüglich in das dichte Unterholz kroch, welches die Seite des Berges auf einige Entfernung über ihnen bedeckte. Harvey zögerte noch einen Augenblick und gab jedem der Thiere einige kräftige Peitſchenhiebe, die ſie Hals über Kopf den Weg auf der andern Seite der Anhöhe hinunterjagten; dann folgte er dem Beiſpiele ſeines Gefährten. Der Krämer ſchlüpfte mit einiger Vorſicht in das Gebüſch, und vermied es, ſo viel als möglich, auf ſeinem Wege ein Geräuſch zu machen oder die Zweige zu zerbrechen. Er hatte jedoch hohe Zeit gehabt, ſich zu ſchirmen, denn kaum hatten ſich die Zweige hinter ihm geſchloſſen, als ein vorauseilender Dragoner die Steige hinanſprengte, und, wie er auf der Höhe angelangt war, den übri⸗ gen mit lauter Stimme zurief: „Ich habe in dieſem Augenblick eines ihrer Pferde an dem Berge hin laufen ſehen.“ „Vorwärts, die Sporen eingeſetzt, Jungen,“ ſchrie Maſon; „dem Engländer gebt Pardon, aber den Hauſirer haut nieder und macht ihm den Garaus.“ Heinrich fühlte, wie ſein Gefährte bei dieſem Ausruf mit hef⸗ tigem Zittern ſeinen Arm umklammerte, und vernahm unmittelbar darauf den Hufſchlag von einem Dutzend Pferden, welche mit einem Feuer und einer Eile vorbeiſprengten, woraus ſich deutlich entneh⸗ men ließ, wie wenig Sicherheit ihnen ihre abgetriebenen Maͤhren hätten verſchaffen können. „Nun,“ ſagte der Hauſirer, indem er ſich aus dem Verſteck erhob, um zu recognosciren, und einen Augenblick unſchlüſſig da ſtand,„alles, was wir jetzt vor uns bringen, iſt reiner Gewinn, denn während wir hinanſteigen, gehen ſie hinab. Wir müſſen jedoch rührig ſeyn.“ Der Spion. 3. Aufl. 29 „Aber werden ſie uns nicht folgen, oder dieſen Berg umzin⸗ geln? perſetzte Heinrich, aufſtehend und das mühſame, aber raſche Klettern ſeines Begleiters nachahmend;„erinnert Euch, daß ſie eben ſo gut Beine als Pferde haben, und wir im andern Falle in den Bergen zu Grunde gehen werden.“ „Fürchten Sie nichts, Kapitän Wharton,“ erwiederte der Krämer mit Zuverſicht,„ich hatte es freilich nicht hierher abge⸗ ſehen, aber die Noth hat mich zu einem ſicheren Steuermann im Gebirge gemacht. Ich will ſie irgendwo hinführen, wohin kein Menſch uns zu folgen wagen wird. Sehen Sie, die Sonne iſt bereits über die Spitzen der weſtlichen Berge hinunter, und in zwei Stunden geht der Mond auf. Wer, glauben Sie, wird uns wei⸗ ter verfolgen in einer Novembernacht unter dieſen Felſen und Abſtürzen?“ „Horcht!“ rief Heinrich,„die Dragoner rufen ſich zu; ſie vermiſſen uns bereits.“ „Kommen Sie zu der Spitze dieſes Felſens, und Sie können ſie ſehen,“ ſagte Harvey, und ſetzte ſich, als ſie dort angelangt waren, kaltblutig nieder, um auszuruhen.„Sie ſehen uns jetzt auch— bemerken Sie, wie ſie mit den Fingern auf uns weiſen? Da hat einer ſogar ſeine Piſtole nach uns abgefeuert; aber nicht einmal eine Muskete würde ſo weit tragen.“ „Sie werden uns nachſetzen,“ rief Heinrich ungeduldig;„laßt uns weiter gehen.“ „Sie denken nicht an ſo atwas,“ entgegnete der Hauſirer, und pflückte einige Brombeeren ab, welche neben ihm auf dem mageren Boden wuchſen, und kaute ſie gemächlich ſammt den Blättern, um den trockenen Gaumen zu erfriſchen.„Was können ſie hier mit ihren ſchweren Stiefeln, ihren Sporen und langen Säbeln für Sprünge machen? Nein, nein— ſie werden umkehren und das Fußvolk herausſchicken, nicht aber die Pferde durch dieſe Schluchten treiben, wo ſie ſich nur mit Furcht und Zittern im Sattel halten mzin⸗ raſche ß ſie lle in e der abge⸗ in im kein ne iſt zwei wei⸗ und 1; ſie önnen elangt 3 jetzt eiſen? nicht „laßt , und geren n, um r mit n für d das uchten halten können. Kommen Sie nur mit mir, Kapitän Wharton; wir haben noch einen beſchwerlichen Weg vor uns, aber ich bringe Sie an einen Ort, wo ſich Niemand in dieſer Nacht hinwagen wird.“ Mit dieſen Worten erhoben ſich beide, und waren bald unter den Felſen und Höhlen des Gebirges verſchwunden. Die Vermuthung des Krämers war richtig. Maſon und ſeine Leute jagten den Berg hinab, um, wie ſie glaubten, ihre Opfer zu verfolgen, als ſie aber im Thale anlangten, fanden ſie nichts, als die Pferde der Flüchtlinge. Eine Weile verging mit Durch⸗ ſuchen des nahen Gebüſches und mit Aufſuchen der Fährte auf ſeinem Boden, wo die Pferde noch fortkommen konnten, als auf einmal einer der Soldaten den Hauſirer und Heinrich auf dem bereits er⸗ wähnten Felſen entdeckte. „Er iſt durch!“ knirſchte Maſon und ließ wüthende Blicke nach Harvey ſchießen;„er iſt durch, und wir haben die Schmach. Beim Himmel, Waſhington wird uns nicht einmal mehr die Be⸗ wachung eines verdächtigen Tory anvertrauen, wenn wir dieſen Schuft ſo mit dem Corps ſpielen laſſen.— Und da ſitzt der Engländer auch, und ſieht mit einem gnädigen Lächeln auf uns herunter— es iſt mir, als ob ich es ſähe. Nun, nun, Burſche, ich geſtehe, Du haſt da einen ganz behaglichen Sitz, und das iſt immerhin beſſer, als in der Luft zu tanzen; aber Du biſt noch nicht über dem Harlaem⸗Fluß, und ich will Dir, ſo wahr ich Soldat bin, den Wind ablaufen, ehe Du Sir Henry erzählen kannſt, was Du geſehen haſt.“ „Soll ich Feuer geben und den Hauſirer aufjagen?“ fragte einer der Dragoner, eine Piſtole aus dem Halfter ziehend. „Wohl, ſcheuche mir die Vögel von der Stange; wir wollen ſehen, wie ſie ihre Flügel brauchen.“ Der Soldat feuerte und Maſon fuhr fort:„Beim Sankt Georg, ich glaube, die Schufte verlachen uns!— Doch jetzt nach Hauſe, oder ſie werfen uns gar Steine nach den Köpfen, und dann thun die königlichen Zeitungen 45² mit dem Berichte dicke, daß zwei Royaliſten ein ganzes Rebellen⸗ heer in die Flucht geſchlagen hätten. Sie haben vordem ſchon ärgere Lügen aufgetiſcht.“ Die Dragoner folgten verdrießlich ihrem Offtziere, der wäh⸗ rend des Heimrittes über die Maaßregeln nachſann, die in einer ſolchen Verlegenheit einzuſchlagen ſeyn dürften. Die ganze Abtheilung langte in der Dämmerung vor dem Gebäude an, an deſſen Thüre eine große Anzahl von Offizieren und Soldaten verſammelt war⸗ um gegenſeitig die übertriebenſten Berichte von dem Entkommen des Spions preiszugeben oder mit anzuhöͤren. Die beſchämten Dra⸗ goner theilten ihre unangenehmen Nachrichten in der ärgerlichen Weiſe getäuſchter Menſchen mit, und die meiſten Offiziere verſam⸗ melten ſich um Maſon, um die Schritte, welche in der Sache ge⸗ than werden mußten, zu beſprechen. Miß Peyton und Franeciska ſtanden athemlos an dem Kammerfenſter über den Häuptern der Rathſchlagenden, und waren unbemerkte Zeugen aller ihrer Ver⸗ handlungen. „Etwas muß geſchehen, und zwar ſchleunig,“ bemerkte der Kommandant des vor dem Hauſe lagernden Regiments;„dieſer eng⸗ liſche Offizier iſt ohne Zweifel ein Werkzeug bei dem Hauptſtreiche, den der Feind kürzlich auf uns zu führen beabſichtigte; außerdem ſteht bei ſeiner Flucht unſere Ehre auf dem Spiel.“ „Laßt uns die Wälder durchſuchen,“ riefen mehrere zugleich; „und morgen haben wir beide wieder.“ „Gemach, gemach, meine Herren,“ entgegnete der Obriſt;„es iſt unmöglich, während der Dunkelheit in dieſen Bergen fortzukom⸗ men, wenn man nicht die gangbaren Pfade kennt. Nur die Rei⸗ terei kann bei dieſer Sache Dienſte thun, und ich vermuthe, Lieu⸗ tenant Maſon wird Anſtand nehmen, ohne den Befehl ſeines Majors auszurücken.“ „Allerdings dürfte ich das nicht wagen,“ erwiederte der Dra⸗ goneroffizier mit ernſtem Kopfſchütteln,„wenn nicht Sie die Ver in; Tag den Bel müß dem gelin dam ſchoꝛ Ber Cou wool Geg Als ſie 3 nahrn Dun Verd die erhöl ſchwe der den ihre verſu verfo terei ellen⸗ ſchon wäh⸗ einer ilung Thüre war, nmen Dra⸗ lichen rſam⸗ e ge⸗ neiska n der Ver⸗ e der eng⸗ eeiche, erdem gleich; es iſt akom⸗ Rei⸗ Lieu⸗ ajors Dra⸗ die Verantwortlichkeit auf ſich nehmen. Aber Major Dunwoodie kömmt in zwei Stunden zurück, und wir können die Nachricht noch vor Tagesanbruch durch das Gebirg verbreiten. Wenn man zwiſchen den beiden Flüſſen Patrouillen ſtreifen läßt und dem Landvolk eine Belohnung verſpricht, ſo können ſie unmöglich entkommen, es müßte ihnen denn gelingen, die Abtheilung zu erreichen, welche dem Vernehmen nach ſich an dem Hudſon befindet.“ „Ein ſehr annehmbarer Vorſchlag,“ rief der Obriſt,„der ſicher gelingen wird. Schicken Sie aber einen Boten an Dunwoodie, damit er ſich nicht an der Fähre aufhalte, bis es zu ſpäͤt iſt, ob⸗ ſchon ich vermuthe, daß dieſe Ausreißer die Nacht über in den Bergen liegen bleiben werden.“ Maſon ließ ſich dieſen Vorſchlag gefallen, und ſandte einen Courier mit der wichtigen Meldung von Heinrich's Flucht an Dun⸗ woodie, indem er ihm zugleich dringend die Nothwendigkeit ſeiner Gegenwart vorſtellte, um die Verfolgungsmaaßregeln zu leiten. Als dieſes geſchehen, trennten ſich die Offtziere. Miß Peyton und ihre Nichte trauten kaum ihren Sinnen, als ſte zum erſtenmale die Nachricht von Kapitän Wharton's Flucht ver⸗ nahmen. Beide hatten ſich ſo zuverſichtlich auf den Erfolg von Dunwoodie's Verwendung verlaſſen, daß ſie dieſen Schritt ihres Verwandten für äußerſt unklug hielten; aber es war nun zu ſpät, die Sache zu ändern. Das Geſpräch der Offtziere ließ ihnen die erhöhte Gefahr Heinrich's, wenn er wieder ergriffen würde, im ſchwärzeſten Lichte erſcheinen, und ſie zitterten vor dem Umfang der Vorkehrungen, welche zu ſeiner Habhaftwerdung ergriffen wer⸗ den ſollten. Miß Peyton tröſtete ſich jedoch wieder, und ſuchte ihre Nichte aufzuheitern, indem ſie es wahrſcheinlich zu machen verſuchte, daß die Flüchtlinge mit unabläſſigem Eifer ihren Lauf verfolgen und den neutralen Grund erreichen würden, ehe die Rei⸗ terei die Nachricht von ihrem Entkommen hinab gebracht hätte. Dunwoodie's Abweſenheit ſchien ihr überaus wichtig, und die argloſe Dame ſann ängſtlich auf irgend einen Plan, der ihren Ver⸗ wandten abhalten und ſo ihrem Neffen eine möglichſt lange Friſt gewinnen möchte. Franciska's Betrachtungen waren jedoch ganz anderer Art. Sie konnte nicht länger zweifeln, daß die Geſtalt⸗ welche ſie auf dem Berge bemerkt, Birch geweſen ſey, und fühlte ſich überzeugt, daß ihr Bruder, ſtatt zu den unten befindlichen Streitkräften der Engländer zu fliehen, die Nacht in jener geheim⸗ nißvollen Hütte zubringen würde. Franciska und ihre Tante hielten mit einander eine lange und lebhafte Berathung, bis die gute Jungfrau, wiewohl ungerne, den Vorſtellungen ihrer Nichte nachgab. Sie umarmte das Mädchen, küßte ihre kalten Wangen, und geſtattete ihr unter heißen Segens⸗ wünſchen, dem Zuge der Geſchwiſterliebe zu folgen und ihren Gang anzutreten. Dreißigſtes Kapitel. Ich geh' mit müdem trägem Schritt Einſam, verlaſſen hin; Die Wildniß ſcheint mit jedem Tritt Sich endlos fortzuziehn. Goldſmith. Die Nacht war dunkel und froſtig hereingebrochen, als Fran⸗ ciska Wharton mit klopfendem Herzen, aber leichten Schrittes durch den kleinen Garten hinter dem Hauſe eilte, das ihrem Bruder zum Gefängniſſe gedient hatte, und den Weg nach dem Fuße des Ber⸗ ges einſchlug, auf welchem ihr der vermeintliche Krämer erſchienen war. Es war noch früh, aber die Dunkelheit und das Schauer⸗ liche eines November⸗Abends würde ſie zu jeder andern Zeit oder bei einem minder wichtigen Anlaſſe erſchreckt in den Kreis, welchen ſie eben verlaſſen hatte, zurückgetrieben haben. Doch jetzt galt es, zu überwinden, und ohne ſich mit Betrachtungen aufzuhalten, flog Hin Ath zuri anſi der Hin her pen ihre und aus dem wen zwa ihr zuri herk das her ritt hatt Lied dach des ihre bis Gen zude Sch Friſt ganz ſtalt, ühlte ichen heim⸗ und den dchen, gens⸗ Gang Fran⸗ durch er zum 3 Ber⸗ chienen hauer⸗ it oder velchen galt es, n, flog die Jungfrau mit einer Schnelligkeit über die Ebene, welche jedem Hinderniß Trotz zu bieten ſchien; ja, ſie hielt nicht einmal an, um Athem zu ſchöpfen, bis die Hälfte des Weges zu dem Felſen zurückgelegt war, welchen ſie ſich als den Ort, wo ſie Harvey's anſichtig geworden, gemerkt hatte. Die gute Behandlung der Frauen iſt der ſicherſte Beweis von der Civiliſation eines Volkes, und keine Nation kann ſich in dieſer Hinſicht mehr rühmen, als die Amerikaniſche. Franciska hegte da⸗ her keine beſondere Furcht vor den geregelten und ruhigen Trup⸗ pen, welche in der Nähe der Landſtraße auf dem jenſeitigen Felde ihre Abendmahlzeit zu ſich nahmen. Es waren ihre Landsleute, und ſie wußte, daß ihr Geſchlecht von den Kriegern des Oſtens, aus welchen dieſes Corps beſtand, geachtet wurde, während ſie zu dem flüchtigen und leichtſinnigen Charakter der ſüdlichen Reiterei weniger Vertrauen hatte. Kränkungen irgend einer Art kamen zwar bei dem regelmaͤßigen amerikaniſchen Militär ſelten vor, aber ihr zarter Sinn bebte ſchon bei dem Anſchein einer Demüthigung zurück. Als ſie daher den Huftritt eines Roſſes langſam des Weges herkommen hörte, ſchlüpfte ſie furchtſam in ein kleines Gebüſch, das um eine ganz in der Nähe aus einem Felſen ſprudelnde Quelle her wucherte. Die Vedette(denn als eine ſolche erwies ſie ſich) ritt an dem Mädchen, welches ſich ſo gut als möglich verſteckt hatte, vorbei, ohne ihrer gewahr zu werden, und ſummte ein Liedchen vor ſich hin, bei welchem er vielleicht an eine andere Schöne dachte, die er an den Ufern des Potomae gelaſſen hatte. Franciska horchte ängſtlich auf die ſich entfernenden Huftritte des Pferdes, und erſt als ſie ihrem Ohre erſtarben, wagte ſie ſich aus ihrem Verſtecke hervor, und ging in dem Felde eine Strecke weiter, bis ſie, durch die zunehmende Dunkelheit und das Trübſelige der Gegend eingeſchüchtert, Halt machte, um über ihr Vorhaben nach⸗ zudenken. Sie ſchlug die Kappe ihres Mantels zurück, ſuchte den Schutz eines Baumes und blickte gegen den Gipfel des Berges, der das Ziel ihrer Wünſche war. Dieſer ſtieg wie eine ungeheure Pyramide aus der Ebene in die Höhe, und bot dem Auge nichts als ſeine Umriſſe. Die Spitze trat nur undeutlich aus dem etwas lichteren Wolkenhintergrunde hervor, welcher hier und da von dem vorübergehenden Schimmerlichte einiger Sterne durchbrochen und dann wieder durch die vorüberziehenden Dünſte, welche weit unter den Wolken vor dem Winde trieben, verdüſtert wurde. Wenn ſie umkehrte, brachten Heinrich und der Hauſirer höchſt wahrſcheinlich die Nacht in vermeintlicher Sicherheit auf demſelben Berge zu, nach welchem ihre Augen jetzt in der vergeblichen Hoffnung gerichtet waren, ein Licht zu erblicken, das ihren Schmerzensgang ermuthigt hätte. Der umſichtige und, wie es ihr vorkam, herzloſe Plan der Offtziere zu Wiederbeiſchaffung der Flüchtlinge klang noch immer in ihren Ohren und ſpornte ſie zum Weitergehen; aber die Einöde, in welche ſie ſich wagen mußte, die Zeit, die Gefahr beim Erſteigen des Berges, und die Ungewißheit, ob ſie auch die Hütte auffinden werde— oder der noch entmuthigendere Gedanke, dort unbekannte Bewohner, und vielleicht Bewohner der ſchlimmſten Art zu finden— alles dieſes drängte ſie zur Heimkehr. Die zunehmende Dunkelheit ließ die Gegenſtände mit jedem Augenblick unbeſtimmter erſcheinen, und die Wolken ſammelten ſich nun düſterer hinter dem Berge, bis ſich die Geſtalt deſſelben nicht mehr unterſcheiden ließ. Franciska ſtrich die reichen Locken mit beiden Händen von den Schläfen zurück, um ſchärfer ſehen zu können, aber der thurmähnliche Berg ließ ſich nicht mehr erkennen. End⸗ lich entdeckte ſie in der Richtung, wo ihrer Meinung nach die Hütte ſtand, ein ſchwaches flimmendes Licht, deſſen zu- und abnehmender Glanz von dem Lodern eines Feuers herzurühren ſchien. Aber die Täuſchung verſchwand, als der Horizont wieder etwas lichter wurde und der Schimmer des Abenſternes nach langem Kampfe durch die Wolken brach. Sie ſah nun den Berg zur Linken dieſes Planeten, und plötzlich tauchte der Strahl eines milden Lichtes über den eure ichts was dem und inter i ſie nlich nach ren, ätte. ziere hren in igen nden nnte 1 dem nun nehr iden nen, End⸗ bütte nder die urde die eten, den — ſeltſamen Gruppen der auf dem Gipfel zerſtreuten Eichen auf. Es bewegte ſich allmählich an der Seite abwärts, bis der ganze Kegel in ſcharfen Umriſſen aus der Beleuchtung des aufgehenden Mondes hervortrat. Obgleich unſere Heldin ohne Beihülfe dieſes freund⸗ lichen Lichtes, welches nun das ganze ebene Land vor ihr über⸗ ſtrahlte, unmöglich hätte die Höhe erreichen können, ſo fühlte ſie ſich doch keineswegs zum Vorwärtsgehen ermuthigt, denn ſie ſah jetzt allerdings das Ziel ihrer Wünſche vor ſich, aber zugleich wurde ſie auch der Schwierigkeiten auf's neue gewahr, welche ſich der Erreichung deſſelben entgegenſtellten. Während ſie ſo in peinlicher Ungewißheit überlegte, und bald mit der Furchtſamkeit ihres Geſchlechts und ihrer Jahre vor dem Unternehmen zurückſchrack, bald ihren Bruder auf jede Gefahr hin zu retten entſchloſſen war, wandte ſie ihre Blicke nach Oſten, und betrachtete im ernſten Nachſinnen den Zug der Wolken, welche ohne Unterlaß ſie in das frühere Düſter einzuhüllen drohten. Aber ſelbſt wenn eine Natter ſie gebiſſen, hätte ſie nicht ſchneller auf⸗ ſpringen können, als ſie von dem Gegenſtand, an welchem ſie lehnte und den ſie jetzt zum erſtenmale ſah, zurückfuhr. Die zwei aufgerichteten Pfähle mit dem darüber liegenden Querbalken und einem roh gearbeiteten Gerüſte darunter bezeichneten nur zu deut⸗ lich ſeine Beſtimmung; auch fehlte der Strick nicht, mit welchem der Nachtwind ſpielte. Franciska zögerte nicht länger, ſondern flog über die Wieſe hin und befand ſich bald an dem Fuße des Felſen, wo ſie einen zum Gipfel führenden Pfad zu finden hoffte. Hier mußte ſie eine Weile Halt machen, um zu Athem zu kommen, und ſie benützte dieſe Zögerung, um ſich auf dem Platze umzu⸗ ſehen. Die Anſteigung des Berges war ganz abſchüſſig, aber ſie fand bald einen Heerdenweg, der ſich zwiſchen den überhängenden Felſen und durch die Bäume hinwand, wodurch das Mühſame ihres Vorhabens ſehr erleichtert wurde. Nach einem ängſtlichen Rückblick begann ſie entſchloſſen ihre Wanderung nach Oben. Jung, raſch , — 458 und von einer edeln Abſicht angefeuert, ſchritt ſie leichten Trittes vorwärts, und kam bald aus dem Mantel des Waldes auf einen freien, mehr ebenen Platz, der augenſcheinlich zum Zwecke der Cultur gelichtet worden war. Aber der Krieg und vielleicht auch die Unfruchtbarkeit des Bodens hatten die Anſiedler genöthigt, die der Wildniß abgerungenen Vortheile wieder aufzugeben, und be⸗ reits ſchoß wieder Geſträuch und Buſchwerk in die Höhe, als ob nie ein Pflug ſeine Furchen in dem Grunde, welcher es nährte, gezogen hätte. Franciska ſchöpfte aus dieſen leichten Spuren menſchlichen Fleißes wieder friſche Lebenskraft und eilte die ſanfte Anſteigung mit erneuerter Hoffnung eines glücklichen Erfolges hinan. Jetzt aber ſchweifte der Weg nach ſo vielen verſchiedenen Richtungen ab, daß ſie bald einſah, wie nutzlos es ſeyn werde, ſeinen Windungen zu folgen; ſie verließ ihn daher bei der erſten Krümmung, und arbeitete ſich in einer Richtung weiter, von welcher ſie dachte, daß ſie unmittel⸗ bar zu dem Gipfel führen müſſe. Der gelichtete Grund war bald zu Ende, und Wälder und Felsblöcke, welche ſich an die abſchüſſi⸗ gen Seiten des Berges anklammerten, ſtellten ihrer Wanderung wieder Hinderniſſe in den Weg. Zuweilen ſah ſie den Pfad am Saume der Lichtung hinlaufen, und dann in einzelne graſige Stel⸗ len einmünden, aber nirgends konnte ſie bemerken, daß er weiter nach oben führen müſſe. Löckchen von Wolle, die an den Brombeer⸗ ſtauden hingen, erklärten deutlich den Urſprung dieſer Wege, und Franciska folgerte daraus richtig, daß man ſich mittelſt derſelben die Mühe des Herabſteigens erleichtern könne. Das ermattete Mädchen ſetzte ſich nun auf einen Stein, um wieder eine Weile auszuruhen und zu überlegen. Die Wolken ſtiegen vor dem Mond in die Höhe, und die ganze Landſchaft lag in den ſanfteſten Lich⸗ tern zu ihren Füßen. Unmittelbar unter ihr zogen ſich die weißen Zelte der Miliz in regelmäßigen Linien hin. Aus dem Fenſter ihrer Tante ſchim⸗ * ttes inen der auch die be⸗ 3 ob hrte, chen gung Jetzt ab, n zu itete ttel⸗ bald üſſi⸗ tung am Stel⸗ eiter heer⸗ und Aben ttete Jeile kond Lich⸗ Riliz him⸗ merte Licht, und ſie ſelbſt mochte wohl, wie Franciska ſich einbil⸗ dete, mit zärtlicher Bekümmerniß nach dem Berge blicken, wo ſie ihre Nichte wußte. Vor den Ställen, in welchen die Pferde der Dragoner ſtanden, gingen Laternen hin und her, und da ſie dachte, es gelte dieſes der Vorbereitung zu dem nächtlichen Streifzuge, ſo ſprang ſie wieder auf und erneuerte ihre Anſtrengung. Unſere Heldin hatte immer noch mehr als eine Viertelmeile zurück⸗ zulegen, obgleich bereits zwei Drittheile der Berges überwunden waren. Aber jetzt hatte ſie weder einen Weg, noch einen Führer, um ihr die Richtung anzugeben. Zum Glück war der Berg kegel⸗ förmig, wie die meiſten dieſer Kette, und wenn ſie gerade aufwärts ging, ſo konnte ſie ſicher ſeyn, die erſehnte Hütte zu erreichen, da dieſe, ſo zu ſagen, auf dem oberſten Gipfel lag. Faſt eine Stunde rang ſie mit den zahlloſen Hinderniſſen, welche ihr entgegentraten, bis es ihr endlich nach wiederholter Erſchöpfung und öfters über⸗ ſtandener Gefahr eines Sturzes gelang, die kleine tafelförmige Fläche auf der Spitze des Berges zu erreichen. Erſchöpft von der Anſtrengung, die für ihre zarte Geſtalt eine außerordentliche genannt werden konnte, ſank ſie auf einen Fels⸗ block, um für das Zuſammentreffen mit ihrem Bruder Faſſung und Kraft zu gewinnen. Sie hatte ſich jedoch bald geſammelt und be⸗ gann nun, die Hütte aufzuſuchen. Alle benachbarten Berge waren hell vom Monde beleuchtet, und Franciska konnte auf der Stelle, wo ſie ſtand, ſogar den Straßenzug von der Ebene bis in's Gebirg er⸗ kennen. Als ſie dieſe Linie mit dem Auge verfolgte, fand ſie bald auch den Punkt auf, von welchem aus ſie die geheimnißvolle Woh⸗ nung zum erſtenmale geſehen hatte, und gerade dieſem Punkte gegenüber mußte, wie ſie wohl wußte, die Hütte ſtehen. Der froſtige Wind pfiff durch die entblätterten Aeſte der knor⸗ rigen, verkümmerten Eichen, und Franeiska bewegte ſich mit ſo leichten Tritten, daß man kaum das trockene Laub unter ihren Fußen raſſeln hörte, gegen die Seite des Berges hin, wo ſie die 460 abgeſchloſſene Behauſung zu finden hoffte, ohne jedoch etwas, das einer Wohnung nur im minddeſten ähnlich ſah, zu entdecken. Ver⸗ geblich durchſpürte ſie jeden Winkel des Felſen und jeden Theil des Gipfels, wo ihrer Meinung nach die Hütte des Hauſirers ſtehen konnte. Aber weder dieſe, noch irgend eine Spur eines menſch⸗ lichen Weſens ließ ſich auffinden. Der Gedanke einer ſolchen Ein⸗ ſamkeit wirkte erſchütternd auf die Seele des furchtſamen Mädchens. Sie näherte ſich dem Rande eines überhängenden Felſens, und als ſte ſich vorwärts beugte, um nach den Spuren des Lebens im Thale zu blicken, ſtrahlte ihr plötzlich ein helles Licht entgegen und eine warme Luft umwehte ihren ganzen Körper. Als ſich Franciska von ihrer Ueberraſchung erholt hatte, betrachtete ſie ſich den Vor⸗ ſprung genauer und gewahrte nunmehr, daß ſie gerade über dem Gegenſtande ihres Forſchens ſtand. Der Rauch ſtieg durch eine Dachöffnung in die Höhe und ließ, wenn er weggeweht wurde, im Innern der Hütte ein helles Feuer erkennen, welches auf einem rohen ſteinernen Heerde luſtig praſſelte und flackerte. Der Zugang zu der Vorderſeite dieſer ärmlichen Wohnung wurde durch einen Pfad vermittelt, der ſich um die Spitze des Felſens, auf welchem ſie ſtand, drehte und ſie raſch an die Thüre brachte. Drei Seiten dieſes wunderlichen Gebäudes(wenn man es ſo nennen konnte) waren aus Baumſtämmen gebildet, welche ein wenig mehr als bis zur Mannshöhe über einander gelegt waren; die vierte wurde durch die Felſenwand gebildet, gegen welche es lehnte. Das Dach beſtand aus Baumrinde, die in langen Streifen von dem Felſen bis zur Rinne aufgelegt war; die Ritzen zwiſchen den Holz⸗ blöcken hatten eine Thonverkleidung, die an manchen Stellen heraus⸗ gefallen und durch dürre Blätter erſetzt worden war, um den Zu⸗ gang des Windes auszuſchließen. Vorn befand ſich ein einziges Fenſter mit vier Glasſcheiben, welches jedoch ſorgfältig mit einem Brett geſchloſſen war, damit der Glanz des Feuers nicht durch⸗ ſcheine. Franciska betrachtete eine Weile dieſen ſonderbar ange⸗ 6 461 legten Verſteck(denn für einen ſolchen mußte ſie ihn halten) und brachte dann ihr Auge an eine Spalte, um das Innere zu unter⸗ ſuchen. Es war weder Lampe noch Kerze vorhanden, aber die aus dem trockenen Holz auflodernde Flamme verbreitete in dem innern Raume genug Licht, um dabei Leſen zu können. In einem Winkel war ein Strohlager, über welches ein paar Betttücher ſo nachläſſig hingeworfen lagen, gleich als ob ſie ſeit dem letzten Gebrauch nicht wieder geordnet worden waͤren. An den Wänden und dem Felſen hingen an hölzernen Zapfen, die in die Spalten eingeſchlagen waren, allerlei Kleidungsſtücke, welche augenſcheinlich für jedes Alter, jeden Stand und jedes Geſchlecht paßten. Brittiſche und amerikaniſche Uniformen hingen friedlich neben einander und an einem Nagel, der ein Gewand von geſtreiftem Kattun, der ge⸗ wöhnlichen Landestracht, trug, befand ſich auch eine wohlgepuderte Perücke— kurz, die Garderobe war ſo reichhaltig und mannigfal⸗ tig, als ob ein ganzes Kirchſpiel daraus hätte verſorgt werden ſollen. In der Ecke am Felſen, dem Feuer, welches an dem andern Winkel brannte, gegenüber, befand ſich ein offener Speiſeſchrank, der eine oder zwei Schüſſeln, einen Krug und die Reſte einer unter⸗ brochenen Mahlzeit enthielt. Vor dem Feuer ſtand ein aus rohen Brettern zuſammengezimmerter Tiſch mit einem ſchadhaften Beine. Dieſes, nebſt einem einzigen Stuhle, machte, mit Ausnahme einiger Küchengeräthſchaften, den ganzen Hausrath aus. Ein Buch, wel⸗ ches der Form und dem Umfange nach eine Bibel zu ſeyn ſchien, lag unaufgeſchlagen auf dem Tiſche. Für Franciska hatte jedoch der Bewohner dieſer Hütte das meiſte Intereſſe. Es war ein auf dem Stuhle ſitzender Mann, der den Kopf in einer Weiſe, die ſeine Geſichtszüge nicht erkennen ließ, auf die Hand ſtützte und angelegentlich mit der Unterſuchung einiger offen vor ihm lie⸗ genden Papiere beſchäftigt war. Auf dem Tiſche lag ein Paar ſonderbar und reich verzierter Reiterpiſtolen und der Griff eines in der Scheide ruhenden Säbels von ansgezeichneter Arbeit ragte zwiſchen den Beinen des Herrn hervor, welcher nachläſſig die Hand an dieſer Schutzwaffe ruhen ließ. Die hohe Geſtalt dieſes unver⸗ mutheten Hüttenbewohners und ſein athletiſcher Bau, der nichts mit dem ihres Bruders oder Harvey's gemein hatte, ließen Franciska, auch ohne die Kleidung, erkennen, daß ſie hier auf keinen von denen treffe, welche ſie ſuchte. Der eng anliegende Ueberrock des Fremden war bis zu dem Halſe zugeknöpft und ließ von den Knien an, wo er ſich zurückſchlug, büffellederne Beinkleider und Soldaten⸗ ſtiefel mit Sporen erkennen. Das Haar war aus dem Geſichte zurückgeſtreift und nach der Mode des Tages reichlich gepudert. Ein runder Hut lag auf den Steinen, welche den Pflaſterboden der Hütte bildeten, als ob er einer großen Charte, welche nebſt andern Papieren den Tiſch überdeckte, hätte Platz machen müſſen. Dieß war für unſere Abenteurerin eine unerwartete Erſchei⸗ nung. Sie war ſo feſt davon überzeugt, die Geſtalt, welche ſie zweimal geſehen, ſey der Krämer geweſen, daß ſie, als ſie von ſeiner Mit⸗ wirkung bei der Flucht ihres Bruders Kunde erhielt, nicht im min⸗ deſten zweifelte, ſie werde beide an dem Orte treffen, an welchem ſie nunmehr einen Andern, einen Fremden fand. Sie blieb an dem Spalte ſtehen, ungewiß, ob ſie ſich zurückziehen oder ein doch noch mögliches Erſcheinen Heinrich's abwarten ſolle, als auf einmal der Fremde die Hand von der Stirne entfernte und, augenſcheinlich in tiefem Nachſinnen, den Kopf aufrichtete, wobei Franciska im erſten Momente die ausdrucksvollen, wohlwollenden, ruhigen Züge Harper'’s erkannte. Alles, was Dunwoodie von ſeiner Macht und Denkart geſagt,— alles, was er ſelbſt ihrem Bruder verſprochen, und alles Ver⸗ trauen, welches ſein würdevolles und väterliches Benehmen in ihr erzeugt hatte, flog an der Seele des Mädchens vorüber; ſie öffnete mit ungeſtümer Haſt die Thüre, ſtürzte zu ſeinen Füßen und rief, Harper'’s Knie umklammernd, aus: agte and ver⸗ mit sfa, von des nien ten⸗ ichte dert. oden nebſt iſſen. chei⸗ imal Mit⸗ min⸗ lchem b an doch nmal inlich erſten per's gt,— Ver⸗ in ihr ffnete rief, „Retten Sie ihn— retten Sie— retten Sie meinen Bruder! Erinnern Sie ſich an Ihr Verſprechen und retten Sie ihn!“ Harper war, als die Thüre ſich öffnete, aufgeſtanden und eine ſeiner Hände machte eine leichte Bewegung gegen die Piſtolen, die aber ſchnell und ruhig wieder angehalten wurde. Er ſchlug die Mantelkappe, welche dem Mädchen in's Geſicht gefallen war, zurück und rief etwas beunruhigt: „Wie, Miß Wharton!— Sie können aber doch nicht allein ſeyn?“ „Es iſt Niemand bei mir, als Gott und Sie— und bei die⸗ ſem heiligen Namen beſchwöre ich Sie, Ihres Verſprechens einge⸗ denk zu ſeyn und meinen Bruder zu retten.“ Harper hob ſie mit Artigkeit auf und ließ ſie auf den Stuhl ſitzen, indem er ſie zugleich bat, ruhig zu ſeyn und ihm den Zweck ihres Unternehmens anzuvertrauen. Franciska entſprach dieſem ſogleich und theilte ihm freimüthig mit, in welcher Abſicht ſie dieſen einſamen Ort zu dieſer Stunde beſucht hätte. Es mag immer ſchwer ſeyn, die Gedanken eines Mannes zu erfor⸗ ſchen, der ſeine Leidenſchaft ſo ſehr in ſeiner Gewalt hat, als Harper; aber doch blitzte es in ſeinem gedankenvollen Auge, und auf den Muskeln ſeines Geſichtes zeigte ſich eine leichte Bewegung, während das Mädchen mit ängſtlicher Haſt in ihrer Erzählung fortfuhr. Er hörte mit tiefer und lebhafter Theilnahme zu, als ſie ſich über die Art verbreitete, wie Heinrich's Entkommen nach den Wäldern bewerkſtelligt worden, und nahm den Reſt ihrer Mittheilung mit dem bezeichnenden Ausdrucke wohlwollender Nachſicht auf. Ihre Beſorgniſſe, daß ihr Bruder ſich in den Bergen verſpäten möchte, ſchienen für ihn viel Gewicht zu haben, denn als ſie zu Ende war, ging er einigemal in ſchweigendem Nachſinnen in der Hütte auf und nieder. Franciska blickte ihm zögernd nach und ſpielte unwillkührlich mit dem Griffe einer der Piſtolen. Dann wich die Bläſſe der Furcht, welche ſich über ihr ſchönes Geſicht verbreitet hatte, einer hohen Röthe und nach einer Weile fuhr ſie fort: „Wir können uns zwar auf Major Dunwoodie's Freundſchaft ver⸗ laſſen, aber ſeine Ehre iſt ihm ſo heilig, daß— daß— ungeachtet ſeiner— ſeiner— Gefühle— und ſeines Wunſches, uns zu dienen— er es für ſeine Pflicht halten wird, meinen Bruder wieder in Haft zu bringen. Außerdem glaubt er auch, keine Gefahr darin zu ſehen, da er ſehr auf Ihre Vermittlung vertraut.“ „Auf meine?“ verſetzte Harper, indem er verwundert aufblickte. „Ja, auf Ihre. Als wir ihm Ihre freundlichen Worte mit⸗ theilten, verſicherte er uns Alle auf's Beſtimmteſte, daß Sie die Macht und, wenn Sie es verſprochen, ſicher auch den Willen hät⸗ ten, für Heinrich Begnadigung auszuwirken.“ „Sagte er noch mehr?“ fragte Harper, augenſcheinlich etwas beunruhigt. „Nein; er gab uns nur die wiederholte Verſicherung, daß Heinrich keine Gefahr drohe. Eben jetzt iſt er auf dem Wege, Sie aufzuſuchen.“ „Miß Wharton, es würde jetzt zwecklos ſeyn, wollte ich in Abrede ziehen, daß ich keine unbedeutende Rolle in dieſem unglücklichen Kampfe zwiſchen England und Amerika ſpiele. Sie verdanken das Entkommen Ihres Bruders meiner Ueberzeugung von ſeiner Un⸗ ſchuld und dem Umſtande, daß ich ihm meinen Schutz verheißen habe. Major Dunwoodie iſt im Irrthum, wenn er glaubt, ich könne hier öffentlich einen Pardon auswirken. Jetzt aber kann ich in der That für ſein Schickſal gut ſagen, und ich gebe Ihnen mein Wort, welches einigen Einfluß bei Waſhington hat, daß Vorkeh⸗ rungen getroffen werden ſollen, um ſeine Habhaftwerdung zu ver⸗ hüten. Aber auch von Ihnen fordere ich das Verſprechen, daß dieſe Zuſammenkunft und Alles, was zwiſchen uns vorfiel, tief in Ihrem Herzen bewahrt bleibe, bis Sie meine Erlaubniß haben, von der Sache zu ſprechen.“ Franciska gab die verlangte Verſicherung, und er fuhr fort: „Der Hauſirer und Ihr Bruder werden bald hier ſeyn, aber t ver⸗ achtet s zu dieder darin lickte. mit⸗ e die hat⸗ twas daß Vege, brede lichen das Un⸗ eißen ich ich in mein rkeh⸗ ver⸗ daß eef in aben, fort: aber ich darf von dem engliſchen Offtzier nicht geſehen werden, ſonſt iſt Harvey's Leben verwirkt.“ „Nimmermehr!“ rief Franciska heftig,„Heinrich kann nie ſo niedrig denken, den Retter ſeines Lebens zu verrathen.“ „Es iſt kein Kinderſpiel, um das es ſich jetzt handelt, Miß Wharton: Menſchenleben und Menſchenglück hängen an dünnen Fäden, und man darf nichts dem Zufall überlaſſen, wogegen man ſich wahren kann. Wüßte Sir Heinrich Clinton, daß der Hauſirer unter ſolchen Umſtänden eine Verbindung mit mir unterhielt, ſo, würde das Leben dieſes unglücklichen Mannes zum Opfer. Wenn Sie daher ein Menſchenleben werth halten und der Rettung Ihres Bruders eingedenk ſeyn wollen, ſo ſeyen Sie klug und verſchwiegen. Geben Sie Beiden Nachricht von den im Thale getroffenen Maß⸗ regeln und drängen Sie ſie zu ſchleunigem Aufbruch. Wenn ſie vor Morgen die letzten Vorpoſten unſerer Armee erreichen können, ſo will ich dafür Sorge tragen, daß ihnen Niemand mehr nachſetzt. Es gibt für Dunwoodie beſſere Geſchäfte, als die Gefährdung des Lebens ſeines Freundes.“ Harper rollte während dieſer Worte die Charte ſorgfältig wieder zuſammen und ſteckte ſie mit den anderen offenen Papieren in die Taſche. Wie er noch in dieſer Weiſe beſchäftigt war, ließ ſich die Stimme des Hauſirers ungewöhnlich laut gerade über ihren Haͤup⸗ tern vernehmen. „Bleiben Sie nur auf dieſem Wege, Kapitän Wharton; Sie können dann im Mondſcheine die Zelte ſehen. Sie mögen immerhin aufſitzen und reiten; ich habe hier ein Neſt, das uns beide bergen wird und wo wir uns behaglich niederlaſſen können.“ „Und wo iſt dieſes Neſt? Ich geſtehe, daß ich die letzten zwei Tage nur wenig gegeſſen habe und ich ſehne mich nach der Erquickung, die Ihr mir in Ausſicht ſtellet.“ „Hm!“ huſtete der Hauſirer, indem er ſeine Stimme noch mehr anſtrengte—„hm— dieſer Nebel hat mir eine Erkältung Der Spion. 3. Aufl. 30 Aber gehen Sie langſam— und nehmen Sie ſich in Sie könnten ſonſt auf dem Bajonet Es iſt gar ein ſteiler Berg, wenn un einer geſchwind kommen.“ ippen, um Franciska an ſeinen Hut und die Piſto⸗ ſeyns zurückblieb, und zog ſich vorſichtig nach einer Ecke der Hütte zurück, wo er einige Kleidungsſtücke aufhob und hinter denſelben in einen Verſteck des Felſens ſchlüpfte. Franciska hatte, als er hereintrat, bei dem ſtar⸗ ken Lichte des Feuers bemerkt, daß dieſer Schlupfwinkel aus einer natürlichen Höhle beſtand, in welcher ſich nichts als einige Haus⸗ geräͤthſchaften befanden. Man kann ſich leicht Heinrich's und des Haufirers Ueberraſchung denken, als ſie bei ihrem Eintritt in die Hütte Franciska antrafen. ſſen, flog das liebe⸗ Ohne ſich auf Erklärungen oder Fragen einzula volle Mädchen in die Arme ihres Bruders und machte ihren Ge⸗ fühlen durch Thränen Luft. Aber der Krämer ſchien von ganz verſchiedenen Gefühlen ergriffen zu ſeyn. Er blickte zuerſt auf das Feuer, dem erſt kürzlich Holz zugelegt worden war, zog dann eine kleine Schublade aus dem Tiſche und ſchien ein wenig beunruhigt, als er ſie leer fand. „Sind Sie allein, Miß Fanny?“ fragte er raſch;„Sie ſind doch nicht allein hieher gekommen?“ „Wie Ihr mich ſeht, Meiſter Birch,“ ſagte Franciska, indem ſie ſich den Armen ihres Bruders entwand und einen bezeichnenden Blick nach der geheimen Höhle warf, welchen das raſche Auge des Hauſirers ſogleich verſtand. „Aber wie und warum zugezogen. Acht, daß Sie nicht ausgleiten; der Schildwache im Thale landen. man ihn erſteigen muß, aber hinunter kan Harper drückte den Finger an die L ihr Verſprechen zu erinnern, nahm dann len, ſo daß keine Spur ſeines Dageweſen biſt Du hier?“ rief der erſtaunte Bruder,„und woher wurde Dir dieſer Ort uberhaupt bekannt?“ Franciska gab nun einen kurzen Bericht van den Einzelnheiten, welche ſeit ihrem Entweichen vorgefallen waren, und ſetzte den ——————— ne in dnet enn en.“ an iſto⸗ zog nige des ſtar⸗ einer aus⸗ hung afen. liebe⸗ Ge⸗ ganz f das n eine uhigt, ie ſind indem nenden ge des ſtaunte int?“ theiten, ste den — 467 Grund auseinander, welcher ſie veranlaßt hatte, die Flüchtlinge aufzuſuchen. „Aber,“ ſagte Birch,„wie kamen Sie denn hieher, da die Dragoner uns doch an dem Berge dort drüben verließen?“ Franciska erzählte, wie ſie die Hütte und den Hauſirer wäͤh⸗ rend ihres Zuges durch das Hochland flüchtig bemerkt und ihn auch noch an dieſem Morgen wahrgenommen hätte; daraus nun habe ſie die Folgerung gezogen, daß ſie den Schutz dieſer Wohnung für die Nacht aufſuchen würden. Birch forſchte in ihren Zügen, während ſie treuherzig die einzelnen Umſtände namhaft machte, welche ſie in ſein Geheimniß eingeweiht hatten, und als ſie ſchloß, ſprang er auf, eilte auf das Fenſter zu und zertrümmerte die Scheiben mit einem einzigen Schlage ſeines Stockes. „Ich weiß nicht viel von Aufwand oder Bequemlichkeit; aber auch dieſes Wenigen kann ich mich nicht mit Sicherheit erfreuen. Miß Wharton,“ fuhr er mit der ihm eigenen bittern Melancholie fort, indem er ſich dem Mädchen näherte, ich werde durch dieſe Berge gehetzt, wie das Wild des Waldes. Aber wenn ich ſonſt erſchöpft von Anſtrengung, dieſen Ort erreichte, ſo konnte ich doch, ſo armſelig und traurig er iſt, meine einſamen Nächte in Sicher⸗ heit zubringen. Wollen Sie das Leben eines Unglücklichen noch elender machen helfen?“ „Nimmermehr!“ rief Franciska mit Feuer;„Euer Geheimniß iſt bei mir ſicher.“ „Aber Major Dunwoodie—“ ſagte der Hauſtrer langſam, mit einem Blicke, der in ihrer Seele zu leſen ſuchte. Franciska ließ einen Augenblick erröthend den Kopf ſinken; dann erhob ſie wieder ihr liebliches Antlitz und fuhr begeiſtert fort: „Nie, nie, Harvey— ſo wahr Gott meine Gebete erhören möge!“ Der Hauſirer ſchien beruhigt, denn er zog ſich zurück und nahm die Gelegenheit wahr, von Heinrich unbemerkt hinter den Wandſchirm zu ſchlüpfen und in die Höhle zu treten. ₰ 468 Franciska und ihr Bruder, welcher glaubte, ſein Begleiter ſey zu der Thüre hinausgegangen, fuhren noch einige Minuten fort, über Heinrich's gegenwärtige Lage zu ſprechen, wobei das Mädchen eine ſchleunige Fortſetzung der Flucht für unbedingt nöthig erklärte, um Dunwoodie einen Vorſprung abzugewinnen, da deſſen Pflicht⸗ gefühl ſonſt kaum ein Entrinnen hoffen laſſe. Der Kapitän nahm ſein Taſchenbuch heraus, ſchrieb einige Zeilen mit dem Bleiſtift und übergab das zuſammengefaltete Papier ſeiner Schweſter. „Franciska,“ ſagte er,„Du haſt Dich in dieſer Nacht als ein Weib ohne gleichen erwieſen. Wenn Du mich liebſt, ſo gib dieſes Papier uneröffnet an Dunwoodie, und denke, daß zwei Stun⸗ den Friſt mein Leben retten können.“ „Ich will— ich werde; aber wozu der Verzug? Warum willſt Du nicht gleich fliehen und die koſtbaren Augenblicke unbe⸗ nützt entſchwinden laſſen?“ „Ihre Schweſter hat Recht, Kapitän Wharton,“ rief Birch, der indeſſen unbemerkt wieder eingetreten war;„wir müſſen ſchnell aufbrechen. Hier ſind einige Lebensmittel, welche wir auf dem Wege verzehren können.“ „Aber wer wird dieſes holde Weſen ſicher nach Hauſe bringen?“ rief der Kapitän.„Ich kann meine Schweſter nicht verlaſſen an einem Orte, wie dieſer.“ „Verlaſſe mich! verlaſſe mich!“ ſagte Franciska; ich werde wieder hinunter kommen, wie ich herauf kam. Zögere nicht länger; Du kennſt weder meinen Muth, noch meine Kraft.“ „Es iſt wahr, ich habe Dich nicht gekannt, theures Mädchen; aber jetzt, da ich Deinen Werth ſchätzen gelernt habe— kann ich Dich hier allein laſſen?— Nein, nimmermehr!“ „Kapitän Wharton,“ ſagte Birch, indem er die Thüre öffnete, „Sie können meinetwegen mit Ihrem Leben ſpielen, wenn Sie deren mehrere haben. Ich habe nur eines und muß es erhalten. Soll ich allein gehen, oder nicht?“ er ſey fort, idchen klärte, flicht⸗ nahm leiſtift ls ein dieſes Stun⸗ Varum unbe⸗ Birch, ſchnell f dem ngen?“ ſſen an wieder r; Du ädchen; ann ich öffnete, un Sie rhalten. „Geh, geh, lieber Heinrich,“ ſagte Franciska, indem ſie ihren Bruder umarmte,„geh; denk an unſern Vater; denk an Sara.“ Sie erwartete keine Erwiederung, ſondern drängte ihn ſanft durch die Thüre und ſchloß mit eigenen Händen. Eine kleine Weile fand noch zwiſchen Heinrich und dem Hau⸗ ſirer ein lebhafter Wortwechſel ſtatt, bis endlich der letztere ſiegte; und das athemloſe Mäͤdchen hörte die ſich entfernenden Tritte, als die Beiden in größter Schnelle an der Seite des Berges hin⸗ unter eilten. Sobald alles ruhig war, kam Harper wieder zum Vorſchein. Er nahm ſchweigend Franciska's Arm und führte ſie aus der Hütte. Der Weg ſchien ihm bekannt, denn er beſtieg zuerſt den über dem Häuschen liegenden Felſen, führte ſeine Gefährtin über die Ab⸗ plattung des Gipfels, machte ſie vorſorglich auf die kleinen Schwierig⸗ keiten des Weges aufmerkſam und ſuchte ſie gegen jede Beſchädi⸗ gung ſicher zu ſtellen. Franciska fühlte, als ſie an der Seite dieſes geheimnißvollen Mannes ging, daß ſie es hier nicht mit einem gewöhnlichen Men⸗ ſchen zu thun habe. Sein ſicherer Tritt und ſein beſonnenes Weſen ſchienen einen feſten und entſchloſſenen Geiſt zu verkünden. Sie ſtiegen mit großer Schnelle und geringer Gefahr an der Rück⸗ ſeite des Berges hinunter und erreichten die Lichtung, von der aus das Mädchen eine Stunde bis zum Gipfel zugebracht hatte, in zehn Minuten. Harper bog jetzt in einen der Heerdenwege ein und ſchritt mit raſchen Tritten über den freien Platz, bis ſie an eine Stelle kamen, wo ein aufgezäumtes Pferd ſtand, welches auf einen Reiter von nicht unbedeutendem Range ſchließen ließ. Das edle Thier wieherte und ſtampfte die Erde, als ſich ſein Herr näherte und die Piſtolen wieder in die Halftern ſteckte. Der Fremde wandte ſich nun um, ergriff Franciska's Hand und ſprach folgende Worte: 5 „Sie haben dieſe Nacht Ihren Bruder gerettet, Miß Wharton. Es wäre jetzt nicht am Ort, auseinander ſetzen zu wollen, warum meine Macht, ihm zu dienen, beſchränkt iſt; aber wenn Sie die Reiter nur zwei Stunden aufhalten können, ſo hat er nichts mehr zu fürchten. Nach dem, was Sie bereits gethan haben, halte ich Sie für fähig, jeder andern Pflicht Genüge zu leiſten. Gott hat mir Kinder verſagt, junge Dame, aber wenn es ſein heiliger Wille geweſen wäre, meine Ehe mit Nachkommen zu ſegnen, ſo hätte ich einen Schatz, wie Sie, von ſeiner Gnade erflehen mögen. Doch auch Sie ſind mein Kind; Alle, die in dieſem weiten Lande wohnen, ſind meine Kinder und Pfleglinge— und ſo nehmen Sie denn den Segen eines Mannes, der Sie in glücklicheren Tagen wieder zu ſehen hofft.“ Während er ſo mit einer Feierlichkeit ſprach, welche Franciska's Innerſtes ergriff, legte er bedeutungsvoll ſeine Hand auf ihr Haupt. Das Maädchen richtete arglos ihre Blicke auf ihn und zeigte, da ihre Mantelkappe zurückgefallen war, ihr liebliches Antlitz in den Strahlen des Mondes. Eine Thräne glänzte auf ihren Wangen und ihr ſanftes blaues Auge blickte voll Ehrfurcht zu ihm auf. Harper neigte ſich vorwärts, drückte einen väterlichen Kuß auf ihre Stirne und fuhr fort: „Jeder von dieſen Heerdenwegen wird Sie ſicher in das Thal bringen; aber hier müſſen wir uns trennen— Ich habe noch viel zu thun und weit zu reiten. Vergeſſen Sie meiner in Allem, nur nicht in Ihrem Gebet.“ Er beſtieg nun ſein Pferd, lüpfte ſeinen Hut und ritt an der Rückſeite des Berges abwärts, wo er bald unter den Bäumen ver⸗ ſchwand. Franciska eilte mit leichtem Herzen weiter und erreichte auf dem erſten nach unten führenden Heerdenwege in einigen Mi⸗ nuten wohlbehalten die Ebene. Als ſie ſich durch die Wieſen nach der Wohnung hinzuſchleichen ſuchte, erſchreckten ſie die Huftritte nahender Pferde, und ſie begann zu fühlen, daß unter gewiſſen Umſtänden von den Menſchen viel mehr, als von der Einſamkeit —— — 8„»„ ska's ihr und Intlitz ihren ihm Kuß Thal h viel 1, nur an der n ver⸗ rreichte n Mi⸗ n nach uftritte ewiſſen ſamkeit — — zu befürchten ſey. Sie verbarg ſich daher in einer Ecke der am Wege liegenden Verzäunung und blieb eine Weile ruhig, bis die Reiter vorüber waren. Es war eine kleine Abtheilung Dragoner, welche nicht die Uniform der Virginier trugen und in ſcharfem Trabe vorbei eilten. Ein in einen weiten Mantel gehüllter Mann, in welchem Franciska ſogleich Harper erkannte, folgte ihnen. Hinter ihm ritt ein Schwarzer in Livree, und zwei junge Männer in Uni⸗ form bildeten den Nachtrab. Sie zogen jedoch nicht dem Lager zu, ſondern ſchlugen einen Weg ein, welcher links in's Gebirge führte. Franciska dachte verwundert nach, wer wohl dieſer unbekannte, aber mächtige Freund ihres Bruders ſeyn möchte, glitt dann über das Feld hin, näherte ſich vorſichtig der Wohnung und kam unent⸗ deckt und wohlbehalten wieder zu Hauſe an. Einunddreißigſtes Kapitel. Fort, blöde Scheu! Du, heil'’ge Unſchuld, hilf mir offen reden: Ich bin Eu'r Weib, wenn Ihr mich haben wollt.“ Der Sturm. Franciska erfuhr von Miß Peyton, daß Dunwoodie noch nicht zurückgekehrt ſey, daß er aber in der Abſicht, Heinrich von den Beläſtigungen des vermeintlichen Fanatikers zu befreien, einen ſehr achtbaren Geiſtlichen ihrer eigenen Confeſſion, den er am Fluſſe getroffen, erſucht habe, hieher zu reiten und ſeine Dienſte anzubieten. Dieſer war bereits angelangt und hatte die halbe Stunde ſeiner Anweſenheit in einer theilnehmenden und viele Bildung verrathenden Unterhaltung mit der Jungfrau zugebracht, ohne daß jedoch dabei von ihren häuslichen Bekümmerniſſen die Rede ge⸗ weſen wäre. Auf Miß Peyton's ungeduldige Fragen über den Erfolg ihres romanhaften Ausflugs konnte Franciska nichts weiter erwiedern, als daß ſie ſich darüber zum Schweigen verpflichtet hätte, weßhalb ſie auch ihrer liebevollen Verwandten die gleiche Vorſicht anem⸗ pfahl. Sie ſagte das mit einem ſo lieblichen Lächeln, daß die Tante daraus entnehmen konnte, es ſey alles ſo, wie es ſeyn ſollte, und ſich dabei beruhigte. Letztere nöthigte nun aber ihre Nichte, auf dieſe ermüdende Nachtwanderung einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen, als der Anruf eines Reiters, welcher an der Thüre hielt, die Rückkehr des Majors Dunwoodie ankündigte. Der von Maſon an ihn abgeſchickte Eilbote hatte ihn an der Fähre, wo er unge⸗ duldig Harper's Rückkehr erwartete, aufgefunden, und nun war er eilends, von tauſend widerſtreitenden Beſorgniſſen gequält, nach dem Orte zurückgekehrt, wo ſein Freund gefangen geweſen. Franciska's Herz klopfte, als ſie ihn näher kommen hörte. Es fehlte noch eine Stunde bis zu dem Ende der kürzeſten Friſt, welche der Hauſirer als nothwendig bezeichnet hatte, die Flucht glücklich durchzuführen. Harper hatte zwar ſeinen Einfluß und ſeine Geneigtheit zur Hülfe zugeſtanden, aber auch er hatte ein großes Gewicht darauf gelegt, daß die Virginier dieſe Stunde noch zurückgehalten würden. Sie hatte daher nicht Zeit, ſich bis zu Dunwoodie's Eintritt in's Zim⸗ mer zu ſammeln, und Miß Peyton zog ſich mit der inſtinktartigen Bereitwilligkeit des Weibes durch eine andere Thüre zurück. Das Geſicht des Majors glühte und ſein ganzes Benehmen trug den Ausdruck des Verdruſſes und der gekränkten Erwartung. „Es war unklug, Franciska,“ rief er, indem er ſich auf einen Stuhl warf;„nein, es war lieblos, in demſelben Augenblick zu fliehen, wo ich ihm ſeine Befreiung zugeſichert hatte! Ich möchte faſt glauben, daß es Euch Freude macht, unſere Gefühle mit un⸗ ſerer Pflicht in Widerſtreit zu bringen.“ „Wohl moͤglich, daß in unſern und Ihren Pflichten ein Wider⸗ ſtreit liegt,“ entgegnete das Mädchen, indem ſie ſich ihm näherte und ihre zartetzGeſtalt an die Wand lehnte,„aber gewiß nicht in ſie. nich und ſeines leucht Iſt e Schol Aber rn, alb m⸗ die lte, auf zu elt, ſon ge⸗ er dem ka's eine irer ren. ülfe egt, Sie im⸗ igen men ung. inen k zu jchte un⸗ der⸗ herte zt in unſern Gefühlen, Peyton. Gewiß, Sie können ſich über Heinrich's Entkommen nur freuen!“ „Es war keine Gefahr mehr zu befürchten. Er hatte Harper's Verſprechen, und das Wort dieſes Mannes darf nie beanſtandet werden. O Franciska, Franciska! Wenn Sie dieſen Mann kenn⸗ ten, ſo würden Sie nie ein Mißtrauen in ſeine Verſicherung ge⸗ ſetzt und mir dieſe unſelige Verlegenheit erſpart haben!“ „Welche Verlegenheit?“ fragte Franciska, die zwar ſeinen innern Kampf innig bemitleidete, aber doch jede Gelegenheit ergriff, um die Unterredung zu verlängern. „Welche Verlegenheit? Bin ich nicht genöthigt, die Nacht durch im Sattel zuzubringen, um Ihren Bruden wieder aufzufan⸗ gen, da ich doch hoffte, mein Haupt mit dem beſeligenden Bewußt⸗ ſeyn, zu ſeiner Rettung beigetragen zu haben, auf's Kiſſen legen zu können? Man zwingt mich ja, ein Feind zu ſcheinen, obgleich ich mit Freuden meinen letzten Tropfen Blutes vergießen würde, wenn ich euch damit einen Dienſt leiſten könnte. Ich wiederhole es, Franciska— es war ein übereiltes, ein liebloſes Beginnen— ein trauriger, recht trauriger Mißgriff!“ Franciska neigte ſich zu ihm und ergriff furchtſam ſeine Rechte, indeß ſie ihm ſanft mit der andern Hand die Locken aus der ge⸗ bräunten Stirne ſtrich. „Warum denn aber überhaupt gehen, lieber Peyton?“ fragte ſie.„Sie haben ſchon viel für das Vaterland gethan; es kann nicht ein ſolches Opfer von Ihren Händen fordern.“ „Franciska! Miß Wharton!“ rief der Jüngling aufſpringend und im Zimmer auf und abgehend, indeß ihm ob dieſer Kränkung ſeines Pflichtgefühls die braune Wange glühte und das Auge leuchtete;„nicht das Vaterland— meine Ehre fordert dieſes Opfer. Iſt er nicht aus dem Gewahrſam meines eigenen Corps entflohen? Schon um deßwillen hätte er mir dieſen Schlag erſparen ſollen. Aber wenn die Augen der Virginier ſich auch durch Liſt und Betrug blenden laſſen, ſo ſind doch ihre Pferde raſch und ihre Säbel ſcharf. Ha, wir wollen noch, ehe die Sonne heraufkommt, ſehen, ob es Einer wagen darf, zu ſagen, daß die Schönheit der Schweſter die ſchirmende Hülle des Bruders geweſen ſey! Ja, ja, es kaͤme mir eben jetzt recht“— fuhr er mit bitterm Lachen fort —„wenn ſich irgend ein Schuft unterſtünde, mir einen ſolchen Verrath zur Laſt zu legen.“ „Peyton, lieber Peyton,“ ſagte Franciska, vor dem wilden Ausdrucke ſeines Auges zurückbebend,—„Sie machen mir das Blut erſtarren— könnten Sie meinen Bruder dem Henker über⸗ liefern? „Würde ich nicht gerne für ihn ſterben?“ rief Dunwoodie und wandte ſich mit mehr Milde zu dem Mädchen.„Sie wiſſen, wie gerne ich es thun würde. Aber Heinrich's Schritt wirft einen grauſamen Verdacht auf mich. Was wird Waſhington von mir denken, wenn er erfäͤhrt, daß Sie meine Verlobte ſind?“ „Wenn dieſes das Einzige iſt, was Sie veranlaßt, ſo hart gegen meinen Bruder aufzutreten,“ erwiederte Franciska mit einem leichten Beben der Stimme,„ſo laſſen Sie es ihn nie erfahren.“ „Und das ſoll ein Troſt ſeyn, Franciska?“ „Nicht doch, lieber Dunwoodie, ich wollte Ihnen nicht wehe thun. Aber ſind wir wohl in Waſhington's Augen wirklich ſo wichtig, als Sie anzunehmen ſcheinen?“ „Ich denke, daß mein Name dem Obergeneral nicht ganz un⸗ bekannt iſt,“ ſagte der Major mit einigem Stolze;„und auch Sie ſind nicht ſo unbeachtet geblieben, als Sie Ihre Beſcheidenheit glauben machen will. Ich glaube Ihnen, Franciska, wenn Sie mir ſagen, daß Sie mich bemitleiden, und es iſt meine Pflicht, mich ſolcher Gefühle würdig zu erhalten. Doch ich verliere die koſtbaren Augenblicke. Wir müſſen dieſe Nacht noch durch die Berge kommen, um Morgen bei Zeit unſerem Dienſte Ehre machen zu können. Maſon wartet bereits auf den Befehl zum Aufſitzen.— und wie einen mir hart inem n.“ wehe h ſo un⸗ Sie nheit Sie ‚licht, 2 die die achen 4.— Franciska, ich verlaſſe Sie mit ſchwerem Herzen. Haben Sie Mitleid mit mir, und tragen Sie keine Sorge wegen Ihres Bru⸗ ders. Er muß zwar wieder mein Gefangener werden, aber jedes Haar ſeines Hauptes iſt heilig.“ „Halten Sie, Dunwoodie— ich beſchwöre Sie;“ rief Fran⸗ ciska, nach Athem haſchend, als ſie bemerkte, daß der Weiſer der Uhr noch weit bis zu der erſehnten Stunde hatte,—„ehe Sie an dieſes traurige Geſchäft gehen, leſen Sie noch ein Billet, welches Heinrich für Sie zurückgelaſſen hat, ohne Zweifel, weil er an den Freund ſeiner Jugend zu ſchreiben dachte.“ „Franciska, ich entſchuldige Ihre Gefühle; aber es wird eine Zeit kommen, wo Sie mir werden Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Die Zeit iſt vorhanden,“ antwortete ſie und reichte ihm, unfäͤhig, länger einen Unwillen zur Schau zu tragen, den ſie nicht fühlte, die Hand. „Woher haben Sie dieſes Schreiben?“ rief der Jüngling, während ſeine Augen den Inhalt deſſelben überflogen.„Armer Heinrich, Du biſt in der That mein Freund! Wenn irgend einer mein Glück wünſcht, ſo biſt Du es.“ „Es iſt ſo, es iſt ſo,“ entgegnete Franciska haſtig;„er wünſcht Ihnen alles Glück. Glauben Sie, was er ſagt; jedes ſeiner Worte iſt wahr.“ „Ich glaube ihm, holdes Weſen, und er verweiſt mich an Ihre Beſtätigung. Könnte ich mich nur Ihrer Liebe eben ſo ver⸗ ſichert halten!“ „Sie können es, Peyton,“ ſagte Franciska mit einem Blicke vertrauender Unſchuld auf ihren Verehrer. „Dann leſen Sie ſelbſt und geben Sie Ihren Worten Kraft,“ fiel Dunwoodie ein, indem er ihr das Billet hinbot. Franciska nahm es verwundert an und las die folgenden Worte: „Das Leben iſt zu koſtbar, als daß ich es einer unſichern Zukunft anvertrauen möchte. Ich verlaſſe Dich, Peyton, ohne daß irgend Jemand, als Cäſar, welchen ich Deiner Gnade empfehle, von meiner Flucht wüßte. Aber ein Kummer laſtet auf mir, der mich zu Boden drückt. Blicke auf meinen alten gebrechlichen Vater. Man wird ihm das vermeintliche Ver⸗ brechen ſeines Sohnes nachtragen. Blicke auf meine hülfloſen Schweſtern, die ich ohne Beſchützer zurücklaſſen muß. Beweiſe mir, daß Du uns Alle liebſt. Laß Dir durch den Geiſtlichen, den Du mitbringen wirſt, noch in dieſer Nacht Franciska antrauen und werde dadurch zu gleicher Zeit Bruder, Sohn und Gatte.“ Das Papier entſtel Franciska's Händen. Sie verſuchte die Augen zu Dunwoodie aufzuſchlagen, aber ſie ſenkten ſich wieder beſchämt zur Erde. „Bin ich dieſes Vertrauens würdig? Wollen Sie mich dieſe Nacht hinausſenden, um einem Bruder zu begegnen, oder ſoll ich als der Offizier des Congreſſes ſort, der einen Offizier Englands aufſucht?“ „Und würden Sie Ihre Pflicht weniger thun, wenn ich Ihr Weib wäre? Was könnte dadurch in Heinrich's Lage geändert werden?“ „Ich wiederhole es Ihnen, Heinrich hat nichts zu fürchten. Harper's Wort iſt ihm Bürge dafür. Aber ich will der Welt einen Bräutigam zeigen,“— fuhr der Jüngling vielleicht mit einiger Selbſttäuſchung fort—„der ſich auch der Pflicht zu unterziehen weiß, den Bruder ſeiner Braut gefangen zu nehmen.“ „Wird die Welt das aber auch begreifen?“ ſagte Franciska mit einer gedankenvollen Miene, welche tauſend Hoffnungen in der Bruſt des Geliebten rege werden ließ. Die Verſuchung war in der That ſtark, denn es ſchien wirklich kein anderer Ausweg vor⸗ handen zu ſeyn, um Dunwoodie bis zu dem Ablauf der verhäng⸗ nißvollen Stunde zurück zu halten. Die Worte Harper's, welcher ihr vor Kurzem noch ſelbſt zugeſtanden hatte, daß er öffentlich wenig für Heiztrich thun könne, und daß Alles davon abhänge, — ten gut Zei ſtän gebr ſich ihre nicht wiſſ und jetzt wuß Ihn an, für: und Zeit zu gewinnen, blieben tief ihrem Gedächtniß eingegraben. Vielleicht kam auch hierzu noch der flüchtige Gedanke der Moͤglich⸗ keit einer ewigen Trennung von ihrem Geliebten, wenn es ihm gelingen ſollte, ihren Bruder einzuholen, wo dann der Tod deſſel⸗ ben unvermeidlich ſchien. Es iſt jederzeit ſchwer, die Gefühle des Menſchen zu ergründen, um ſo ſchwerer, wenn ſie ſich mit der Schnelle und der Lebhaftigkeit des Blitzes folgen, wie dieſes ſo leicht bei dem empfindungsvollen Herzen des Weibes der Fall iſt. „Warum zöogern Sie, theure Franciska?“ rief Dunwoodie, in die Betrachtung des Wechſels ihrer Züge verſunken;„wenige Minu⸗ ten können mir das Recht geben, Sie als Gatte zu ſchützen.“ Franciska ſchwindelte. Sie blickte ängſtlich nach der Uhr, und der Weiſer ſchien zu zöͤgern, recht in der Abſicht, ſie zu foltern. „Sprich, Franciska,“ flüſterte Dunwoodie,„ſoll ich meine gute Baſe zum Beiſtand herbeirufen? Entſchließe Dich, denn die Zeit drängt.“ Sie verſuchte, zu antworten, konnte aber nur einige unver⸗ ſtändliche Worte hervorbringen, welche ihr Liebhaber dem alther⸗ gebrachten Brauche zufolge zu ſeinen Gunſten deutete. Er wandte ſich und flog nach der Thüre, als auf einmal das Mädchen wieder ihrer Stimme mächtig wurde: „Bleiben Sie, Dunwoodie; ich kann dieſen feierlichen Bund nicht ſchließen, ſo lange noch eine Heimlichkeit auf meinem Ge⸗ wiſſen liegt. Ich habe Heinrich geſehen, ſeit er von hier entwich, und es iſt für ihn äußerſt wichtig, Zeit zu gewinnen. Sie kennen jetzt die Folgen einer Zögerung, und wenn Sie mit dieſem Be⸗ wußtſeyn meine Hand nicht zurückweiſen wollen, ſo reiche ich ſie Ihnen freiwillig.“ „Sie zurückweiſen?“ rief der entzückte Jüngling;„ich nehme ſie an, als die beſeligendſte Gabe des Himmels. Es iſt noch Zeit genug für uns Alle vorhanden. In zwei Stunden bin ich durch die Berge, und morgen Mittag werde ich mit Heinrich's Begnadigung von Waſhington zurückkehren. Dein Bruder wird unſere Hochzeit mitfeiern.“ „Dann erwarten Sie mich hier in zehn Minuten,“ ſagte Franciska, welcher mit dieſem Bekenntniß ein ſchwerer Stein vom Herzen gewälzt war, da ſie jetzt zuverſichtlich ihren Bruder als gerettet betrachten durfte.„Wenn ich zurückkehre, bin ich bereit, die Gelübde abzulegen, welche mich für immer an Sie ketten ſollen.“ Dunwoodie drückte das Mädchen an ſeine Bruſt, und eilte hinweg, um dem Prieſter ſeine Wünſche kund zu thun.“ Miß Peyton vernahm die Mittheilung ihrer Nichte mit dem größten Erſtaunen und einigem Mißbehagen. Es verſtieß ja gegen alle Ordnung, gegen allen Anſtand, wenn man eine Ehe ſo über⸗ eilt und mit ſo wenigen Ceremonien abſchloß. Aber Franciska erklärte ihr mit beſcheidener Feſtigkeit, daß ihr Entſchluß gefaßt ſey; auch habe ſie ſchon lange die Einwilligung ihrer Verwandten, und die Vollziehung der Handlung ſey ſeit Monaten einzig ihrer Willkühr anheim gegeben geweſen; es ſey daher ihre Abſicht, ihre an Dunwoodie gegebene Einwilligung zu erfüllen, ohne ſich auf weitere Erörterungen einzulaſſen, die Birch oder Heinrich, oder vielleicht beide einer Gefahr ausſetzen würden. Da die Tante an Widerſpruch nicht gewohnt und ihrer Verwandten aufrichtig zu⸗ gethan war, ſo wurden ihre ſeichten Einwürfe durch die Feſtigkeit der Nichte bald niedergeſchlagen. Herr Wharton war zu ſehr ein Anhänger der Lehre vom leidenden Gehorſam und von der Ergebung, um der Bitte eines Mannes von Dunwoodie's Einfluß in der Re⸗ bellen⸗Armee zu widerſtehen, und das Mädchen kehrte von ihrem Vater und Miß Peyton begleitet mit dem Ablaufe der von ihr feſtgeſetzten Zeit in das Zimmer zurück. Dunwoodie und der Geiſt⸗ liche waren bereits da. Franciska legte ſchweigend und ohne Zie⸗ rerei den Trauring ihrer Mutter in die Hand des Prieſters, und nach einer kleinen Weile, während welcher Herr Wharton und Miß t —y— 4 2— Pey⸗ hatte ten man feier ward hing Geif Dies Frat entn imm Herr von wur nicht ritte die, legen ſetze fort, nich ihn habe ſoll. — Peyton ſich einigermaßen für die heilige Handlung vorbereitet hatten, geſtattete letztere, daß zum Vollzug der Ceremonie geſchrit⸗ ten wurde. Franciska hatte die Uhr unmittelbar vor den Augen, und warf manchen ängſtlichen Blick auf den Zeiger. Bald aber feſſelte die feierliche Rede des Prieſters ihre ganze Aufmerkſamkeit, und ihr Geiſt ward von den inhaltſchweren Gelübden, welche ſie abzulegen hatte, hingenommen. Der Trauungsakt war bald vorüber, und als der Geiſtliche mit der Einſegnungsformel ſchloß, zeigte die Uhr Neun. Dies war die Zeit, welche Harper als nöthig bezeichnet hatte, und Franciska war es, als ob auf einmal eine Centnerlaſt ihrer Bruſt entnommen würde. Dunwovdie ſchloß ſie in ſeine Arme, machte der guten Tante immer wieder auf's Neue ſein Compliment und ſchüttelte wiederholt Herrn Wharton und dem Geiſtlichen die Hand. Inmitten des Gefühls von Seligkeit ließ ſich ein Pochen an der Thüre vernehmen. Sie wurde geöffnet und Maſon zeigte ſich in derſelben. „Wir ſind im Sattel,“ ſagte der Lieutenant,„und wenn Sie nichts dagegen haben, will ich vorausreiten. Da Sie ſo gut be⸗ ritten ſind, können Sie uns mit Muße einholen.“ „Ja, ja, Kamerad— laſſen Sie aufbrechen,“ rief Dunwoo⸗ die, dem dieſer Vorwand, noch ein wenig zu bleiben, äußerſt ge⸗ legen kam.„Ich werde Sie beim erſten Raſtorte erreichen.“ Der Lieutenant entfernte ſich, um den Befehl in Vollzug zu ſetzen. Wharton und der Geiſtliche folgten ihm. „Nun, Peyton,“ ſagte Franciska,„Du gehſt jetzt in der That fort, um einen Bruder aufzuſuchen, und ich bin überzeugt, daß ich nicht nöthig habe, Dir Sorge für ihn anzuempfehlen, wenn Du ihn unglücklicherweiſe finden ſollteſt.“ „Sage glücklicher Weiſe,“ rief der junge Mann,„denn ich habe mir vorgenommen, daß er noch auf meiner Hochzeit tanzen ſoll. Könnte ich ihn nur für unſere Sache gewinnen, denn es iſt * — —— die Sache ſeines Vaterlandes! Ich würde weit freudiger fechten, Franciska, wenn mir Dein Bruder zur Seite ſtünde.“ „O, ſprich nicht davon! Du weckſt ſchreckliche Gedanken in meiner Seele.“ „Ich will nicht mehr davon ſprechen,“ verſetzte der Neuver⸗ mählte;„aber ich muß Dich jetzt verlaſſen. Je früher ich gehe, Franciska, deſto früher werde ich wieder zurückkehren.“ Man hörte jetzt den Huftritt eines Pferdes ſich dem Hauſe nähern, und Dunwoodie verabſchiedete ſich eben von ſeiner Gattin und ihrer Tante, als ſeine Ordonnanz einen Offizier in's Zim⸗ mer führte. Dieſer trug die Uniform eines Adjutanten, und der Major er⸗ kannte in ihm ſogleich einen Offizier von Waſhington's Generalſtab. „Major Dunwoodie,“ ſagte er nach einer Verbeugung gegen die Damen,„der Obergeneral hat mich beauftragt, Ihnen dieſes Schreiben zu überbringen.“ Nachdem er ſeiner Botſchaft entledigt, verabſchiedete er ſich unmittelbar wieder, unter dem Vorwandte des Dienſtes. „Das gibt in der That der ganzen Angelegenheit eine uner⸗ wartete Wendung,“ rief der Major:„aber ich ſehe klar in der Sache, Harper hat meinen Brief erhalten, und wir fühlen bereits ſeinen Einfluß.“ „Sind es Neuigkeiten, die auf Heinrich Bezug haben?“ fragte Franciska haſtig, indem ſie an ſeine Seite eilte. „Hört, und Ihr ſollt ſelbſt urtheilen.“ „Sir, Nach Empfang des Gegenwärtigen werden Sie Ihre Schwa⸗ dron zuſammenziehen, um der Truppenabtheilung, welche der Feind zur Bedeckung ſeiner Fouragirer ausgeſendet hat, morgen früh um zehn Uhr auf den Höhen von Croton zu begegnen, wo ſie ein Regiment Fußvolk zu Ihrer Unter⸗ ſtützung antreffen. Die Flucht des engliſchen Spions iſt „ alſo an n mit die, liebli chten, en in euver⸗ gehe, Hauſe Hattin Zim⸗ or er⸗ alſtab. gegen dieſes r ſich uner⸗ in der bereits fragte Schwa⸗ welche et hat, ton zu Unter⸗ ons iſt 481 mir gemeldet worden, aber ſeine Wiederergreifung iſt nur unwichtig in Vergleichung mit dem Dienſte, welchen ich Ihnen jetzt übertrage. Sie werden daher diejenigen Ihrer Leute, welche ihm nachſetzen, zurückrufen und ſich Mühe geben, den Feind eheſtens zu ſchlagen. Ihr gehorſamer Diener Geo. Waſhington.“ „Gott ſey Dank,“ rief Dunwoodie,—„meine Hände bleiben alſo rein von Heinrich's Wiederverhaftung. Ich kann nun mit Ehre an meine Pflicht gehen.“ „Aber auch mit Klugheit, lieber Peyton,“ ſagte Franciska mit einem Geſichte, blaß wie der Tod;„erinnere Dich, Dunwoo⸗ die, daß Du neue Anſprüche an Dein Leben zurückläſſeſt.“ Der Jüngling weilte mit Entzücken auf ihren blaſſen, aber lieblichen Zügen, und rief, indem er ſie an's Herz drückte: „Ich werde es thun— um Deinetwillen, liebliche Unſchuld.“ Franciska ſchluchzte eine Weile an ſeiner Bruſt, riß ſich dann los und entfernte ſich. Miß Peyton folgte ihrer Nichte, da ſie es für nöthig hielt, derſelben noch, ehe ſie ſich für dieſe Nacht trennten, die geeigne⸗ ten Ermahnungen über die ehelichen Pflichten zu geben, die zwar beſcheiden hingenommen, keineswegs aber gehörig begriffen wurden. Wir bedauern, daß die Geſchichte uns dieſe köſtliche Abhandlung nicht überliefert hat; trotz unſerer Nachforſchungen konnten wir übrigens nichts Weiteres auffinden, als daß ſie in reichlichem Maaße die Färbung trug, welche die Sage den„Regeln, die Kinder eines Wittwers zu erziehen,“ verleiht. Verlaſſen wir jedoch die Damen der Whartonſchen Familie, um zu dem Kapitaͤn Wharton und zu Harvey Birch zurückzukehren. Der Spion. 3. Aufl. 48²2 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Was braucht es wohl des Abſchieds lang? Kurz ſey die Beichte, feſt der Strang!“ Rokeby. Ver Haufirer und ſein Gefährte erreichten bald das Thal. Sie hielten eine Weile, um zu horchen, ob keine Verfolger um den Weg ſeyen, und als ſie nichts vernahmen, bogen ſie in die Landſtraße ein. Birch, der jeden Fußſteig durch das Gebirge kannte, und Muskeln beſaß, die durch Anſtrengungen ſehr abgehärtet waren, ging mit den weitausgreifenden Schritten, welche er in ſeinem Ge⸗ werbe ſich zu eigen gemacht hatte, voran, und es fehlte nur der Pack, um ihm ſein gewöhnliches Ausſehen zu geben. Hin und wieder, wenn ſie ſich einem der kleinen von amerikaniſchen Truppen beſetz⸗ ten Poſten näherten, von denen das Hochland wimmelte, machte er einen Umweg, um die Schildwachen zu vermeiden, indem er ſorglos ſich in das Gebüſch ſtürzte oder ſchroffe Felſen hinanklet⸗ terte, die dem Auge unzugänglich ſchienen. Aber der Krämer war vertraut mit jeder Wendung ihres beſchwerlichen Weges und wußte, wo man über die Bergſchluchten wegkommen und die Waldbäche durchwaten konnte. Es kam zwar Heinrich etlichemale vor, als ob es nun mit ihrem Weiterkommen ein Ende nehmen müſſe; aber der Scharf⸗ ſinn oder die Ortskenntniß des Führers überwand jede Schwierigkeit. Nachdem ſie ſo ungefähr drei Stunden in größter Eile fortgewandert waren, gingen ſie plötzlich von der Straße, die nach Oſten führte, ab und nahmen ihre Richtung quer über die Berge nach Süden. Dieß geſchah, wie der Hauſirer ſagte, eines Theils um die Streif⸗ wachen, welche beſtändig an dem ſüdlichen Eingange des Hochlan⸗ des patrouillirten, zu vermeiden, dann aber auch um den Weg dadurch, daß man die gerade Linie gewann, abzukürzen. Als ſie den Gipfel eines Berges erreicht hatten, ſetzte ſich Harvey an einer die ante, aren, Ge⸗ Pack, jeder, eſetz⸗ nachte m er nklet⸗ war oußte, bbäche ob es charf⸗ igkeit. andert führte, Süden. Streif⸗ schlan⸗ Weg Als ſie einer —— kleinen Quelle nieder, öffnete eine Reiſetaſche, die die Stelle ſeines Waarenpackes eingenommen hatte, und lud ſeinen Begleiter ein, an der rauhen Koſt, welche darin enthalten war, Theil zu nehmen. Heinrich hatte ſtets gleichen Schritt mit ſeinem Gefährten gehalten, nicht ſo wohl, weil er demſelben an Kräften gleich war, ſondern weil das Beängſtigende ſeiner Lage ihm als ein kräftiges Ermun⸗ terungsmittel diente. Der Gedanke an ein Raſten wollte ihm daher nicht behagen, ſo lange die Reiter ihnen möglicher Weiſe noch den Vorſprung abgewinnen und ſonach ihre Flucht über den neutralen Grund hemmen konnten. Er machte daher ſeinem Begleiter Vor⸗ ſtellungen, und drang in ihn, die Wanderung fortzuſetzen. „Folgen Sie meinem Beiſpiele, Kapitän Wharton,“ ſagte der Hauſirer, indem er ſein ärmliches Mahl begann;„wenn die Reiterei einmal aufgebrochen iſt, ſo überſteigt es menſchliche Kräfte, ihr den Vorrang abzulaufen, und iſt dieſes nicht der Fall, ſo wird ihr auf eine Weiſe zu ſchaffen gemacht werden, welche den Burſchen alle Gedanken an Sie und mich aus dem Schädel treiben möchte.“ „Ihr habt aber doch ſelbſt geſagt, daß zwei Stunden für uns von der größten Wichtigkeit ſeyen, und wenn wir zögern, was wird uns dann der Vortheil nützen, welchen wir bereits errungen haben?“ „Dieſe Zeit iſt vorüber, und Major Dunwoodie denkt nicht daran, zwei Menſchen zu verfolgen, wenn an den Ufern des Fluſ⸗ ſes Hunderte auf ihn warten.“ „Horch!“ fiel Heinrich ein;„in dieſem Augenblick kommen die Reiter am Fuße des Berges vorbei. Ich höre ſie lachen und mit einander ſprechen. Stille! ich vernehme Dunwoodie's Stimme; er ruft ſeinen Kameraden in einer Weiſe zu, die wenig Unruhe ver⸗ räth. Man ſollte denken, die Lage ſeines Freundes könnte ihm die Luſt zum Scherzen benehmen. Gewiß hat ihm Franciska meinen Brief nicht geben können.“ Bei der erſten Andeutung des Kapitäns ſtand Birch auf, 484 näherte ſich vorſichtig dem Rande des Felſens, wobei er Sorge trug, ſeinen Körper im Schatten zu halten, um aus der Ferne nicht bemerkt zu werden, und betrachtete ſich ernſtlich die vorüber⸗ ziehende Reitergruppe. Er blieb in ſeiner horchenden Stellung, bis die raſchen Huftritte nicht mehr hörbar waren, und kehrte dann ſchnell nach ſeinem Sitze zurück, wo er mit unglaublicher Ruhe ſein Mahl wieder aufnahm. „Sie haben noch einen langen und müheſamen Spaziergang vor ſich, Kapitän Wharton, und es wäre beſſer, Sie machten es wie ich. Sie haben ja in der Hütte über Fiſhkill ſo hungrig ge⸗ than, aber die Wanderung ſcheint Ihnen jetzt den Appetit benom⸗ men zu haben.“ „Ich hielt mich damals für ſicher; aber die Nachricht meiner Schweſter beunruhigt mich zu ſehr, als daß ich eſſen könnte.“ „Sie haben jetzt weniger Urſache, unruhig zu ſeyn, als dieß je ſeit jener Nacht vor Ihrer Verhaftung der Fall war,“ erwiederte der Hauſirer,„ich meine ſeit der Zeit, da Sie meinen Rath ver⸗ ſchmähten, und mein Anerbieten, Sie in Sicherheit zu bringen, zurückwieſen. Major Dunwoodie iſt nicht der Mann, der ſcherzen und lachen kann, wenn er ſeinen Freund in Noth weiß. Kommen Sie alſo und eſſen Sie, denn wir werden keinen Pferdeſchwanz auf unſerem Wege finden, wenn anders unſere Füße noch vier Stunden aushalten und die Sonne ſo lange, als gewöhnlich hinter den Bergen bleibt.“ 3 In der Weiſe des Krämers lag eine Ruhe, welche den Kapi⸗ tän ermuthigte, und da letzterer ſich einmal Harvey's Führung überlaſſen hatte, ſo ließ er ſich auch bereden, an dem Mahle Theil zu nehmen, das, wenn man von der Qualität abſah, der Quantitä nach ein recht erträgliches genannt werden konnte. Sobald ſie mit ihrer Tafel zu Ende waren, nahm der Hauſirer die Wanderung wieder auf. Heinrich folgte mit blinder Ergebung in ſeinen Willen. Sie Sorge Ferne über⸗ lung, dann Ruhe gang en es ge⸗ nom⸗ einer dieß derte ver⸗ agen, erzen nmen auf nden den Napi⸗ rung Theil ititä mit rung Sie quälten ſich noch zwei Stunden mit den beſchwerlichen und gefähr⸗ lichen Schluchten des Hochlandes ab, ohne irgend einen betretenen Weg, und ohne einen andern Führer, als den Mond, der am Himmel hinwanderte und bald in die vorbeijagenden Wolken tauchte, bald in dem ſchönſten Glanze ſtrahlte. Endlich gelangten ſie zu einem Punkte, wo das Gebirg ſich zu einem ranhen, unebenen Hügellande abdachte, und die unwirthlichen, unfruchtbaren Felſen machten jetzt dem freilich unvollkommen angebauten Striche des ſo genannten neutralen Grundes Platz. Der Hauſtrer beobachtete von nun an eine größere Vorſicht und bediente ſich verſchiedener Maßregeln, um ein Zuſammentreffen mit den hin und her ziehenden amerikaniſchen Truppenabtheilungen zu vermeiden. Mit den ſtehenden Poſten war er zu vertraut, um un⸗ verhofft auf einen derſelben zu ſtoßen, und ſo wand er ſich denn durch die Hügel und Thäler, wobei er mit einer faſt inſtinktartigen Sicherheit ſich bald auf der Landſtraße hielt, bald von ihr abbeugte. Es war nichts Claſtiſches in ſeinem Tritte, aber dennoch glitt er mit weiten Schritten und vorwärts gebeugtem Körper über die Ebene hin, ohne daß es ihn anzuſtrengen oder zu ermüden ſchien. Der Mond war untergegangen und im Oſten begann bereits ein ſchwaches Licht aufzudämmern. Kapitän Wharton wagte es, von Müdigkeit zu reden und zu fragen, ob ſie ſich noch nicht in einem Theile des Landes befänden, wo ſie mit Sicherheit in einem der Maierhöfe einſprechen könnten. „Sehen Sie!“ ſagte der Hauſirer, indem er auf einen Hügel nicht weit hinter ihnen deutete;„bemerken Sie nicht dort einen Mann, der auf der Spitze jenes Felſens auf und ab geht? Drehen Sie ſich noch mehr, dort in derſelben Richtung mit dem dämmern⸗ den Himmel.— Nun, ſehen Sie, wie er ſich bewegt? Er ſcheint aufmerkſam nach einem Punkte in Oſten hinzublicken. Das iſt eine königliche Schildwache. Zweihundert Reguläre liegen an dem Berge und ſchlafen ohne Zweifel in ihren Waffen.“ 8 486 („Dann hin zu ihnen,“ rief Heinrich;„unſere Gefahr iſt zu Ende.“ „Gemach, gemach, Kapitän Wharton,“ verſetzte der Krämer trocken,„Sie ſind ſchon einmal mitten unter ihrer Dreihundert geweſen, und doch gab es einen Mann, der Sie wieder herausholte. Sehen Sie nicht jene dunkle Maſſe, ſeitlich an dem entgegengeſetz⸗ ten Berge, gerade über den Stoppelfeldern? Dort ſind die— die Rebellen(denn das ſind ſie für uns loyale Unterthanen), welche nur auf den Morgen warten, um zu ſehen, wer das Feld behaup⸗ ten wird.“ „Um ſo mehr,“ rief der feurige Jüngling,„will ich mich den Truppen meines Königs anſchließen und ihr Loos theilen, mag es nun gut oder ſchlimm ſeyn.“ „Sie vergeſſen, daß Sie mit einem Strick um den Hals fechten. Nein, nein— ich habe es Einem verſprochen, den ich nicht täuſchen darf, Sie in Sicherheit zu bringen, und wenn Ihnen noch im Gedächtniß iſt, was ich bereits für Sie gethan und gewagt habe, ſo kehren Sie um und folgen mir nach Harlaem.“— Der Jüngling fühlte ſich, ſo ungerne er es that, genöthigt, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten, und beide ſetzten ihren Weg nach der Stadt fort. Sie erreichten bald das Ufer des Hudſon, an welchem Harvey nach kurzem Suchen einen Nachen fand, der eine alte Bekanntſchaft des Hauſirers zu ſeyn ſchien. Er ſtieg mit ſeinem Begleiter ein und ſetzte ihn an der Südſeite des Croton an's Land. Jetzt erklärte Birch, daß ſie in Sicherheit ſeyen, da die Truppen des Continents von den engliſchen im Schach gehal⸗ ten würden und letztere mit zu großen Streitkräften ausgezogen ſeyen, als daß die leichten Schaaren der Amerikaner ſich weiter herab bis hart an die Ufer des Hudſon's wagen dürften. Während dieſer ganzen beſchwerlichen Flucht hatte der Hauſirer eine Ruhe und eine Gegenwart des Geiſtes an den Tag gelegt, iſt zu rämer undert holte. geſetz⸗ — die velche haup⸗ h den ag es Hals en ich wenn gethan nach öthigt, Weg udſon, 8, der ig mit Croton n, da gehal⸗ lſezogen weiter auſirer gelegt, r welche nichts trüben zu können ſchien. Alle ſeine Kräfte erſchienen in ungewöhnlicher Steigerung, ohne der Gebrechlichkeit der Natur irgend Raum übrig zu laſſen. Heinrich war ihm wie ein Kind am Leitbande gefolgt und ärndtete nun den Lohn ſeiner Fügſamkeit in dem entzückten Klopfen des Herzens, als er hörte, daß die Ge⸗ fahr gänzlich vorüber ſey und er jeden Zweifel über ſeine Sicher⸗ heit verbannen dürfe. Eine gähe, mühſame Steige brachte ſie aus der Ebene, welche zur Zeit der Fluth ſtets unter Waſſer ſtund, nach dem Hochlande, welches ſich an dem Oſtufer des Hudſons hinzieht. Der Hauſirer bog ein wenig von der Landſtraße in den Schirm eines Cedern⸗ dickichts ab, ließ ſich auf einer Felſenplatte nieder und theilte ſeinem Begleiter mit, daß endlich die Stunde der Ruhe und Erquickung gekommen ſey. Der Tag war nun angebrochen, und die Gegen⸗ ſtände ließen ſich bereits auch in der Entfernung deutlich unter⸗ ſcheiden. Unter ihnen lag der Hudſon, der ſich, ſo weit das Auge reichen konnte, in gerader Linie nach Süden hinzog. Im Norden erhoben die Ausläufer des Hochlands ihre luftigen Häupter über die Nebelmaſſen, welche auf dem Waſſer lagerten und ſich bis in das Innere des Gebirgs verfolgen ließen, während die koniſchen Gipfel der Berge mit einer Ordnungsloſigkeit hinter einander grup⸗ pirt waren, wie ſie aus der gewaltigen, wiewohl vergeblichen An⸗ ſtrengung, den Lauf des Stromes zu hemmen, hervorgegangen zu ſeyn ſchien. Aus dieſen wirren Bergmaſſen heraustretend erwei⸗ terte ſich der Fluß, als ob er ſich des überſtandenen Kampfes freue, in eine große Bay, die durch einige niedrige und fruchtbare Land⸗ ſtreifen, welche in das breite Becken hineinragten, eine Zierde erhielt. Auf dem entgegenſetzten oder weſtlichen Ufer ſtanden die Felſen von Jerſey in einer wallförmigen Ordnung, die ihnen den Namen der Palliſaden erworben hat, da ſie ſich bis zu vielen hundert Fu⸗ ßen erheben, als ob ſie das herrliche Land im Rücken gegen die Einfälle des Eroberers ſchützen wollten; aber einen ſolchen Feind — F 488 verachtend, rauſcht der Fluß ſtolz an ihren Füßen hin und eilt unaufhaltſam dem Meere zu. Ein Strahl der aufgehenden Sonne traf die leichte Wolke, die über dem heitern Strome hing, und auf einmal bewegte ſich der ganze Schauplatz, der nun mit jedem Augenblick wechſelte, ſich neu geſtaltete und neue Gegenſtände ſichtbar werden ließ. Wenn ſich heut zu Tage dieſer große Vorhang der Natur hebt, zeigen ſich Maſſen von weißen Segeln und Wälder von Maſten auf dem Waſſer, deren rühriges Treiben die Nachbarſchaft der Hauptſtadt eines großen und blühenden Landſtriches bekundet. Für Heinrich und den Hauſtrer enthüllte er jedoch nichts als die Raaen und hohen Maſten eines Kriegsſchiffes, welches einige Meilen unter ihnen lag. Ehe der Nebel ſich zu bewegen anfing, ſah man nur die hohen Spieren auftauchen, deren eine ein langes Wimpel trug, welches leicht in dem ſtromlängs hinzitternden Nachtwinde flatterte: als aber die Dünſte in die Höhe ſtiegen, wurden allmählich der ſchwarze Rumpf, die gedrängte und verwickelte Maſſe des Takelwerks, die ſchweren Raaen und die weitausgreifenden Segelſtangen ſichtbar. „Dort, Kapitän Wharton,“ ſagte der Hauſirer,„dort iſt ein ſicheres Ruheplätzchen für Sie. Amerika hat keinen Arm, der Sie erreichen könnte, wenn Sie das Deck jenes Schiffes gewonnen haben. Es iſt zum Schutze der Fouragirer und der übrigen Truppen aus⸗ geſchickt, denn die Offtziere der Regulären haben es gern, wenn ſte die Kanonen ihrer Schiffe hören.“ Ohne auf das Beißende disſer Bemerkung, das er vielleicht nicht einmal in Acht nahm, etwas zu erwiedern, fügte ſich Heinrich mit Freuden in dieſen Vorſchlag, und es wurde beſchloſſen, daß er, ſobald ſie einige Erfriſchungen zu ſich genommen hätten, den Ver⸗ ſuch machen ſollte, bei dem Schiffe an Bord zu kommen. Während unſere beiden Abenteurer eben in dem unerläßlichen Geſchäfte des Frühſtücks begriffen waren, wurden ſie durch den Ton entfernter Feuerwaffen aufgeſchreckt. Zuerſt ließen ſich einige d eilt Volke, ch der h neu n ſich ſich dem ttſtadt h und hohen lag. hohen leicht er die impf, veren t ein Sie aben. aus⸗ wenn leicht nrich ß er, Ver⸗ ichen Ton inige —.—— vereinzelte Schüſſe vernehmen, denen ein langes und lebhaft unter⸗ haltenes Musketenfeuer, und endlich raſch auf einander ſchwere Salven folgten. „Eure Vorausſagung trifft ein,“ rief der engliſche Offizier aufſpringend.„Unſere Truppen und die Rebellen ſind aneinander! Ich wollte die Gage eines halben Jahrs darum geben, wenn ich den Kampf mit anſehen könnte.“ „Hum!“ erwiederte ſein Gefährte, ohne ſein Mahl zu unterbrechen;„in der Entfernung nimmt ſich ſo etwas wohl gut aus; ich geſtehe übrigens, daß dieſer Speck, ſo kalt er iſt, doch meinem Geſchmack mehr zuſagt, als das heiße Feuer der Con⸗ tinentalen.“ „Die Salven ſind kräftig für eine ſo kleine Mannſchaft, aber das Feuer ſcheint unregelmäßig.“ „Die Knatterſchüſſe kommen von der Connecticut⸗Miliz,“ ſagte Harvey, indem er den Kopf aufrichtete, um zuzuhören.„Sie raſſeln gar ſäuberlich und nehmen es mit dem Ziel nicht obenhin. Die Salven rühren von den Regulären her, die— wie Sie wiſſen — auf's Kommando feuern, ſo lange ſie können.“ „Ich kann dieſes Knatterfeuer, wie Ihr es nennt, nicht leiden,“ rief der Kapitän, indem er ſich unruhig umſah,„es gleicht mehr den Wirbeln einer Trommel, als dem regelmäßigen Schießen eines Scharmützels.“ „Wer fragt viel darnach?“ erwiederte der Andere, und richtete ſich, ohne ſeine Mahlzeit zu untenrechen, auf dem Knie auf.„So lange ſie Stand halten, ſind ſie ſo gut es die beſten Truppen in der königlichen Armee. Jeder thut ſeine Schuldigkeit, ſo gut er kann. Auch fechten ſie nicht gedankenlos und ſchicken keine Kugeln in die Wolken, um irgend einen auf Erden zu treffen.“ „Eure Rede und Euer Blick kömmt mir vor, als ob Ihr ihnen den Sieg wünſchtet,“ ſagte Heinrich ernſt. „Ich wünſche nur der guten Sache den Sieg, Kapitän 490 Wharton. Ich dächte, Sie ſollten mich zu gut kennen, um im Un⸗ klaren zu ſeyn, mit welcher Partei ich es halte.“ „O, Eure treuen Geſinnungen ſind anerkannt, Meiſter Birch; aber hört— die Salven haben nachgelaſſen.“ Beide horchten nun eine Weile aufmerkſam. Die unregel⸗ mäßigen Schüſſe wurden weniger lebhaft, bis auf einmal ſich wieder volle und wiederholte Pelotonfeuer vernehmen ließen. „Sie waren mit dem Bajonet an einander,“ ſagte der Hau⸗ ſirer;„die Regulären haben’s mit dem Bajonet verſucht und die Rebellen zurückgetrieben.“ „Ja, Meiſter Birch, das Bajonet iſt die rechte Waffe für den engliſchen Soldaten. Ein ſolcher Kampf iſt ihm Hochgenuß.“ „Meinetwegen,“ verſetzte der Krämer,„obſchon ich nicht ein⸗ ſehe, was für ein Hochgenuß darin liegen mag, an eine ſolche furchtbare Waffe geſpießt zu werden. Da ſind die Milizen mehr nach meinem Geſchmack, denn kaum die Hälfte von ihnen hat ſolche garſtige Dinger auf den Musketen ſtecken. Du mein Himmel, Ka⸗ pitän, ich wünſchte, Sie gingen einmal mit mir in das Rebellen⸗ Lager, um mit anzuhören, welche Lügen die Burſchen über Bunkers⸗ Hill und Burg'yne ausbringen; Sie würden glauben, daß ſie das Bajonet eben ſo ſehr liebten, als ihr Mittageſſen.“ Das Kichern und die affectirte Unbefangenheit, mit welcher Birch ſeine Worte begleitete, verdroſſen Heinrich und er würdigte ſeinen Gefährten keiner Antwort. Das Feuer wurde jetzt veränderlicher und nur hin und wieder ließen ſich volle Salven vernehmen. Beide Füchtlinge waren auf⸗ geſtanden und horchten mit großer Aengſtlichkeit, als auf einmal ein mit einer Muskete bewaffneter Mann ſichtbar wurde, der an dem ſeitlich vom Berge ſich hinziehenden Cederngebüſche vorwärts ſchlich. Heinrich bemerkte dieſen verdächtig ausſehenden Fremden zuerſt und machte ſogleich ſeinen Gefährten auf ihn aufmerkſam. Birch erſchrack und machte eine Bewegung zu ſchleuniger Flucht; — au run ſetz ich; gel⸗ der au⸗ die den ein⸗ lche nehr lche Ka⸗ Hen⸗ kers⸗ das lcher digte ieder auf⸗ nmal an bärts nden ſam. er ſammelte ſich jedoch bald wieder und blieb in düſterem Schwei⸗ gen ſtehen, bis der Fremdling nur noch einige Ellen von ihnen entfernt war. „Gut Freund,“ ſagte der Kere und ſetzte das Gewehr zu Fuß, ohne es übrigens zu wagen, näher zu treten. „Du würdeſt beſſer thun, Dich davon zu machen,“ ſagte Birch; „in dieſer Gegend gibt es Reguläre. Dunwoodie's Reiterei iſt nicht in der Nähe, und Du wirſt finden, daß ich heute kein ſo leichter Fang bin.“ „Gott verdamme den Major Dunwoodie und ſeine Reiterei,“ rief der Schinderhauptmann(denn dieſer war es);„Gott ſegne König Georg und mache ſchnell der Rebellion ein Ende, heißt jetzt meine Looſung. Wenn Ihr mir einen ſichern Weg zu den Refugee's zeigen wolltet, Meiſter Birch, ſo würde ich Euch gut bezahlen und Euch ſpäter obendrein zu jedem Freundſchaftsdienſte bereit ſeyn.“ „Der Weg iſt Dir ſo gut als mir offen,“ ſagte Birch, indem er ſich mit übel verhehltem Widerwillen abwandte.„Wenn Du die Refugee's aufſuchen willſt, ſo weißt Du auch wahrſcheinlich wohl, wo ſie liegen.“ „Allerdings, aber ich ſcheue mich ein wenig, allein hinzugehen. Ihr aber ſeyd bei Allen wohl bekannt, und es ſoll juſt nicht Euer Schade ſeyn, wenn Ihr mich mit Euch gehen laßt.“ Heinrich mengte ſich in die Verhandlung und erlaubte dem Schinder nach einer kurzen Beſprechung, ſich ihnen unter der Be⸗ dingung, daß er ſeine Waffen ausliefere, anzuſchließen. Der Mann war ſogleich willfährig und Birch nahm haſtig das Gewehr zu Handen, wobei er übrigens nicht verſäumte, das Schloß ſorgfältig zu unterſuchen und ſich zu überzeugen, daß gutes, trockenes Pulver auf der Pfanne war, ehe er die Waffe umhängte, um die Wande⸗ rung wieder zu beginnen. Als dieſes geſchehen war, wurde der Marſch wieder fortge⸗ ſetzt. Birch führte ſie auf einem geheimen Wege am Ufer des Fluſſes hin, bis ſie den Punkt erreichten, dem die Fregatte gegen⸗ über lag. Auf ein gegebenes Zeichen näherte ſich dem Ufer ein Boot, deſſen Führer jedoch geraume Zeit zu landen zögerten und große Vorſicht anwendeten, ehe ſie unſern Reiſenden trauten. Als es aber Heinrich gelungen war, den Offizier, welcher die Ruderbande kommandirte, von der Wahrheit ſeiner Ausſage zu überzeugen, ſo wurde ihm endlich geſtattet, ſich wohlbehalten wieder ſeinen Waffengefährten anzuſchließen. Ehe der Kapitän von Birch Abſchied nahm; händigte er ihm noch eine für die Zeitum⸗ ſtände erträglich gefüllte Börſe ein. Der Krämer nahm ſie an und ſah die Gelegenheit ab, um ſie, ohne daß es der Schinder bemerkte, in einem Theil ſeiner Kleider verſchwinden zu laſſen, welcher gar ſinnreich zur Verbergung ſolcher Schätze einge⸗ richtet war. Das Boot ſtieß vom Ufer und Birch drehte ſich um, athmend wie ein Menſch, der ſich von einer Laſt erleichtert fühlt, und ſchoß mit den bekannten, weit ausgreifenden Schritten den Berg hinan. Der Schinder folgte ihm, wobei ſich beide Theile gegenſeitig argwöhniſche Blicke zuwarfen, ohne jedoch ihr Schweigen zu unterbrechen. 4 Auf der an dem Fluſſe ſich hinziehenden Straße fuhren Wagen, und hin und wieder ließen ſich Reiterabtheilungen blicken, welche die Früchte ihres Beutezugs nach der Stadt geleiteten. Da der Haufirer ſeine eigenen Abſichten hatte, ſo vermied er eher das Zu⸗ ſammentreffen mit einer dieſer Patrouillen, als daß er ihren Schutz aufſuchte. Nachdem er jedoch einige Meilen hart an dem Ufer des Fluſſes fortgewandert war, wäͤhrend welcher Zeit er, trotz der wiederholten Bemühungen des Schinders, ſich mit ſeinem Begleiter gewiſſermaßen auf einen geſelligen Fuß zu ſetzen— das beharrlichſte Stillſchweigen beobachtete und, das Gewehr ſorgfältig feſthaltend, beſtändig die Bewegungen des Andern argwöhniſch bewachte, bog der Krämer plöͤtzlich in die Landſtraße ein, um über das Gebirg nach Harlaem zu kommen. In dem Augenblick, als er bei dem Fußpfade anlangte, kam eine Reiterabtheilung über eine kleine An⸗ höhe herunter, unſere Wanderer, ehe ſie ſich's verſahen, über⸗ holend. Es war zu ſpät, um zu entfliehen, und Birch, nachdem er die Beſtandtheile des Trupps überblickt hatte, freute ſich dieſes Zuſammentreffens, da es ihn wahrſcheinlich von ſeinem unwillkom⸗ menen Begleiter erlöste. Es waren ungefähr achtzehn bis zwanzig Mann in Dragoner⸗Armatur und Uniform, obgleich weder ihr Aeußeres noch ihr Benehmen auf beſondere Mannszucht ſchließen ließ. An ihrer Spitze ritt ein beleibter Mann in den mittleren Jahren, deſſen Züge gerade ſo viel thieriſchen Muth und ſo wenig Vernunft ausdrückten, als für ſeine Stellung erforderlich war. Er trug Offiziersuniform, aber es lag in ſeinem Anzug und in ſeinen Bewegungen nichts von der Zierlichkeit und dem Anſtande, welche ſonſt gewöhnlich die Außenſeite der brittiſchen Offiziere bildeten. Seine Glieder waren gedrungen und unbehülflich, und obgleich er feſt und ſicher im Sattel ſaß, ſo würde ihn doch die Art, wie er den Zügel hielt, dem Gelächter des ſchlechteſten Reiters der Vir⸗ ginier ausgeſetzt haben. Der Krämer wurde, wie er erwartet hatte, ſogleich von dem Führer des Trupps mit einer Stimme an⸗ gerufen, die keineswegs mehr zu Gunſten dieſes Mannes ſprach, als deſſen Aeußeres. „Heda, ihr Herren! wohin ſo ſchnell?“ rief er.„Hat euch Waſhington als Spionen heruntergeſchickt?“ „Ich bin ein harmloſer Hauſirer,“ erwiederte Birch demüthig „und will hinunter gehen, um einen friſchen Waarenvorrath ein⸗ zuthun.“ „Und wie denkſt Du hinunter zu kommen, mein harmloſer Hauſirer? Glaubſt Du, wir hätten die Forts der Königsbrücke beſetzt, um den Ein⸗ und Ausgang ſolcher hauſirenden Strolche zu decken?“ „Ich habe hier einen Paß, der mir, glaube ich, durchhelfen ———— * 494 wird,“ ſagte der Krämer, indem er ihm mit großer Unbefangenheit ein Papier aushändigte. Der Offtzier, denn ein ſolcher war er, las es und warf, als er damit fertig war, einen überraſchten und neugierigen Blick auf Harvey. Dann wandte er ſich zu einigen ſeiner Leute, welche Birch dienſteifrig in den Weg getreten waren, und rief: „Warum haltet ihr den Mann auf? Macht Platz und laßt ihn im Frieden ziehen! Aber wer iſt denn das da? Dein Name ſteht nicht in dem Paß!“ „Nein, Herr,“ ſagte der Schinder und lüpfte demüthig den Hut,„ich bin ein armer, irregeleiteter Mann, der im Dienſte der Rebellenarmee ſtand; aber Gott ſey Dank, ich habe meinen Irrthum eingeſehen, und will ihn nun dadurch wieder gut machen, daß ich mich einſchreiben laſſe in dem Heere des Geſalbten Gottes.“ „Hm! ein Deſerteur— ich will darauf ſchwören, ein Schin⸗ der, dem es Noth thut, ein Kühjunge zu werden. Ich habe es in dem letzten Gefechte mit dieſen Schuften zu thun gehabt und konnte kaum meine eigenen Leute von dem Feinde unterſcheiden. Wir ſind nicht überflüſſig mit Röcken verſehen, und die Geſichter der Hallun⸗ ken gelten für gar nichts, da ſie jeden Augenblick ihre Partie wech⸗ ſeln. Doch jetzt vorwärts, wir wollen ſehen, wie wir früher oder ſpäter von Dir Gebrauch machen können.“ So ungnädig auch dieſe Aufnahme war, ſo fand ſich doch der Schinder, wenn man von ſeinem Benehmen auf ſeine Gefühle ſchließen konnte, dadurch höchlich entzückt. Er wanderte luſtig der Stadt zu und war in der That ſo glücklich, den thieriſchen Blicken und dem furchterregenden Benehmen ſeines Inquirenten zu entge⸗ hen, was ihm alle andere Betrachtungen aus dem Sinne brachte. Aber einer der Reiter, welcher den Dienſt einer Ordonnanz bei dem unregelmäßigen Trupp verſah, ritt an die Seite ſeines Be⸗ fehlshabers und begann mit demſelben ein geheimes und anſcheinend me den iſte ien gut ten in⸗ in inte ſind un⸗ ech⸗ der der ühle der icken tge⸗ chte. bei Be⸗ nend —— vertrauliches Geſpräch. Sie flüſterten einander zu und warfen öfters ſpähende Blicke auf den Schinder, ſo daß ſich dieſer zuletzt ſelbſt für eine Perſon von ungewöhnlicher Bedeutung zu halten anfing. Seine Zufriedenheit über dieſe Auszeichnung wurde noch einigermaßen erhöht, als er ein Lächeln auf dem Geſichte des Ka⸗ pitaͤns bemerkte, welches, obgleich es etwas grimmig ausſah, zu⸗ verläßig auf eine innerliche Freude ſchließen ließ. Dieſes Geberden⸗ ſpiel dauerte ſo lange an, als ſie durch das Thal zogen, und endete erſt, als es wieder bergan gehen ſollte. Hier ſaßen der Kapitän und der Wachtmeiſter ab und ließen den Trupp Halt machen. Beide zogen nun eine Piſtole aus dem Halfter— ein Umſtand, der keinen Verdacht, keine Unruhe erregte, da es nur eine gewöhnliche Vor⸗ ſichtsmaßregel war— und winkten dem Hauſirer wie dem Schinder, ihnen zu folgen. Sie kamen bald an eine Stelle, wo der Berg gegen den Fluß überhing und das Ufer faſt ſenkrecht hinabſchoß. Auf der Spitze der Anhöhe ſtand eine verlaſſene und baufällige Scheune. Von ihrer Verkleidung waren viele Bretter abgeriſſen und eine der großen Thüren lag vor dem Gebäude, während die andere von dem Winde die halbe Anhöhe hinunter geſchleudert worden war. Als ſie dieſe verödete Stätte betraten, nahm der Offizier der Refugee's kaltblütig eine kurze Pfeife, die von langem Gebrauch die Farbe und den Glanz des Ebenholzes erhalten hatte, eine Tabaksbüchſe und eine kleine Lederrolle, welche Stahl, Stein und Zunder enthielt, aus der Taſche. Mittelſt dieſes Apparats verſah er ſeinen Mund bald mit einem Gefährten, welchen die Ge⸗ wohnheit längſt für einen ernſteren Gedankengang des Offtziers nöthig gemacht hatte. Als der Rauch aufzuqualmen begann, ſtreckte der Kapitän bedeutungsvoll die Hand nach ſeinem Gehülfen aus. Der Sergeant brachte einen Strick aus der Taſche zum Vor⸗ ſchein, und händigte ihn dem Andern ein. Der Kühjungen⸗Kapitän paffte tüchtige Wolken von ſich, bis ſein Kopf faſt ganz in Rauch gehüllt war, und ſah ſich ſpähend in dem Gebäude um. Endlich 496 nahm er die Pfeife aus dem Munde, brachte ſie, nachdem er aus der reinen Luft einen kräftigen Zug geholt hatte, wieder an ihren früheren Platz und ging ſogleich an ſein Vorhaben. Ein wenig ſeitwärts von der ſüdlichen Thüre, von welcher aus ſich eine volle Ausſicht nach dem Fluſſe bis zu ſeiner Einmündung in die Bay von Neu⸗York eröffnete, lag über dem Seiteng ebälke der Scheune ein ſtarker Querbalken. Ueber dieſen warf der Führer der Re⸗ fugee's das eine Ende des Seiles, fing es dann wieder auf, und vereinigte die beiden Theile zu einem Knoten. Ein kleines ver⸗ wittertes Faß ohne Deckel und mit loſen Dauben, das wahrſchein⸗ lich von dem Eigenthümer als unbrauchbar zurückgelaſſen worden war, ſtand in einer Ecke. Der Wachtmeiſter, gehorſam dem Winke ſeines Offiziers, brachte es unter den Balken. Alle dieſe Vor⸗ kehrungen gingen mit der größten Ruhe vor ſich und ſchienen nun zur vollen Zufriedenheit des Kühjungenhauptmanns ausgeführt zu ſeyn. „Komm,“ ſagte Letzterer kaltblütig zu dem Schinder, der bis⸗ her mit ſchweigender Verwunderung dieſen Anſtalten zugeſehen hatte. Er gehorchte und fühlte ſich erſt beunruhigt, als man ihn die Halsbinde abnahm und den Hut auf die Seite warf. Er hatte jedoch ſelbſt zu oft zu einer ähnlichen Maßregel ſeine Zuflucht ge⸗ nommen, wenn es galt, Bekenntniſſe oder Beute zu erpreſſen, als daß er den Schrecken eines an derartige bedenkliche Zurüſtungen nicht gewöhnten Mannes hätte empfinden ſollen. Der Strick wurde mit derſelben Kaltblütigkeit, welche den Hauptzug des ganzen Ver⸗ fahrens bildete, um ſeinen Hals geſchlungen, ein zerbrochenes Brett über das Faß gelegt und dem Schinder der Befehl ertheilt, hinauf zu ſteigen. „Aber es kann umfallen,“ ſagte der Schinder, der jetzt zum erſtenmale zu zittern anfing.„Ich will Euch etwas ſagen— wie Ihr unſere Abtheilung an dem Weiher überraſchen könnt— Ihr braucht Euch nicht dieſe Mühe zu geben— mein Bruder hat das Kommando über ſie.“ ker, mehr Schi Ende Tone verge Kopf Kühj ſtohle rend Schit zwei braue denn gen L tunge blieb. mit d gung Heiſer tern ſchehe ich ka einer D aus ihren venig volle Bay heune Re⸗ und ver⸗ chein⸗ orden Winke Vor⸗ n zur ſeyn. bis⸗ ſehen rihn hatte t ge⸗ „ als ingen vurde Ver⸗ Brett nauf zum wie Ihr t das —,˙ „Ich brauche Deine Mittheilung nicht,“ erwiederte ſein Hen⸗ ker,(denn dieſes ſchien er in der That zu ſeyn) ſchlang den Strick mehreremale um den Balken, zog ihn feſt genug an, um dem Schinder einige Bangigkeit zu veranlaſſen, und warf dann das Ende ſo weit von ſich, daß es Niemand zu erreichen vermochte. „Ihr treibt den Scherz zu weit,“ rief der Schinder in dem Tone der Gegenvorſtellung, und ſtellte ſich auf die Zehen, in der vergeblichen Hoffnung, des Strickes los zu werden, wenn er den Kopf aus der Schlinge ziehe. Die Vorſicht und Erfahrung des Kühjungenoffiziers vereitelte jedoch ſein Entkommen. „Was haſt Du mit dem Pferde angefangen, das Du mir ge⸗ ſtohlen haſt, Spitzbube?“ brummte der Kapitän, und ſtieß, waͤh⸗ rend er auf Antwort wartete, tüchtige Rauchwolken von ſich. „Es brach bei der Flucht zuſammen,“ entgegnete raſch der Schinder,„aber ich kann Euch ſagen, wo eines zu finden iſt, das zwei ſolche, wie das Eurige, werth iſt.“ „Lügner! ich will mir ſchon ſelbſt eines kriegen, wenn ich's brauche. Du würdeſt beſſer thun, Gottes Beiſtand anzurufen, denn Deine Augenblicke ſind gezählt.“ Nach dieſem tröſtlichen Rathe gab er dem Faſſe einen kräfti⸗ gen Stoß mit dem Fuße, daß die mürben Dauben nach allen Rich⸗ tungen hinflogen und der Schinder in der Luft wirbelnd hängen blieb. Da jedoch ſeine Hände nicht gebunden waren, ſo fuhr er mit denſelben in die Höhe und hielt ſich mit großer Kraftanſtren⸗ gung in der Schwebe. „Kommt, Kapitän,“ ſagte er einſchmeichelnd, und eine kleine Heiſerkeit überkam ſeine Stimme, während ſeine Knie zu ſchlot⸗ tern anfingen;„macht dem Scherz ein Ende; es iſt genug ge⸗ ſchehen zum Lachen, und meine Arme beginnen zu erſchlaffen— ich kann es nicht länger aushalten.“ „Höre, Musje Hauſirer,“ ſagte der Führer der Refugee's mit einer Stimme, die keinen Widerſpruch duldete,„ich bedarf Deiner Der Spion. 3. Aufl. 32 498 Geſellſchaft nicht. Dein Weg geht zur Thüre hinaus— marſch! Wage es, dieſen Hund anzurühren, ſo ſollſt Du mir an ſeiner Stelle baumeln, und wenn zwanzig Sir Henry's Deißer Dienſte bedürften.“ Mit dieſen Worten kehrten er und der Sergeant wieder nach der Straße zurück, und auch der Krämer flüchtete ſich eiligſt dem Ufer zu. Birch kam nicht weiter, als bis zu einem Gebüſch, welches ihm einen guten Verſteck gewährte, und harrte daſelbſt begierig des Ausgangs dieſer außerordentlichen Scene. Als der Schinder allein war, begann er furchtſame Blicke um ſich zu werfen, um zu erſpähen, wo ſich ſeine Quälgeiſter verborgen hätten. Das erſtemal ſchoß ihm jetzt der ſchreckliche Gedanke durch das Gehirn, daß der Kühjunge die Sache wohl ernſtlich meine. Er rief auß's flehentlichſte, man möchte ihn loslaſſen, und machte raſch hinter einander unzuſammenhängende Verſprechungen wichtiger Mittheilungen, wobei er hin und wieder einen erzwungenen Scherz mit einfließen ließ, den er ſich wohl kaum erlaubt haben würde, hätte er die Sache ſo ſchrecklich genommen, als ſie zu ſeyn ſchien. Aber als er die Huftritte der Pferde ſich immer weiter entfernen hörte und ſich vergeblich nach menſchlichem Beiſtand umſah, über fiel ſeine Glieder ein gewaltiges Zittern, und die Augen begannen entſetzt aus ihren Höhlen zu quellen. Er machte eine verzweifelte Anſtrengung, den Balken zu erreichen: aber ſeine Kräfte waren durch die früheren Befreiungsverſuche erſchöpft; er faßte nun den Strick mit ſeinen Zähnen, in der vergeblichen Hoffnung, ihn ab⸗ zubeißen, und fiel dann nach der ganzen Länge der Arme wieder herunter. Jetzt verwandelte ſich ſein Ruf in den der Todesangſt. „Zu Hülfe! Schneidet den Strick ab! Kapitän!— Birch! guter Hauſirer! Weg mit dem Congreß!— Sergeant!— Um Gotteswillen, helft! Es lebe der König!— O Gott! o Gott!— Gnade— Gnade— Gnade!“ zutt ſam Fei den die Am ſche ihre denn rſch! einer lenſte nach dem Aches gierig e um orgen durch neine. nachte htiger Scherz vürde, ſchien. fernen über annen eifelte waren in den jn ab⸗ wieder ungſt. Birch! — Um tt!— Als ihm die Stimme verſagte, ſuchte er eine ſeiner Hände zwiſchen den Strick und ſeinen Hals zu bringen, was ihm auch theilweiſe gelang, aber die andere ſiel ſchlotternd an ſeiner Seite nieder. Ein convulſiviſches Zucken überflog ſeinen ganzen Körper und bald hing er als eine ſcheußliche Leiche da. Birch war in einer Art von Betäubung Zeuge dieſer Scene. Als ſie ſich ihrem Ende nahete, hielt er die Hände vor die Ohren und ſtürzte der Landſtraße zu. Aber immer noch klang ihm der Ruf um Gnade in der Seele nach, und es vergingen viele Wochen, ehe er ſich die Erinnerung an dieſen ſchrecklichen Vorfall aus dem Sinne ſchlagen konnte. Die Kühjungen ritten ruhig ihres Weges, als ob nichts vorgefallen wäre, und die Leiche blieb dem Spiele des Windes überlaſſen, bis etwa der Zufall die Fußtritte irgend eines Nachzüglers zu dieſer Stelle leitete. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die Erde möge leicht dir ſeyn, Freund meiner beſſern Tage! Wer dich gekannt, denkt liebend dein, Und weiht dir ſeine Klage. Halleck. Waährend ſich die hier mitgetheilten Auftritte und Ereigniſſe zutrugen, führte Kapitän Lawton ſeine kleine Mannſchaft in lang⸗ ſamen und vorſichtigen Märſchen von den Kreuzwegen aus dem Feinde entgegen, wobei er die Schwäche der ihm zu Gebot ſtehen⸗ den Streitkräfte durch geſchickte Manöver zu bemänteln wußte, und die Gegner in ſteter Furcht eines Hauptſtreichs von Seite der Amerikaner erhielt, ohne ſich durch die ihm gelegten Fallen täu⸗ ſchen zu laſſen. Die zaudernde Politik des Parteigängers hatte ihren Grund in den gemeſſenen Befehlen ſeines Kommandanten, denn Dunwoodie wußte, als er ſein Corps verließ, wohl, daß der Feind langſam vorrücke, und hatte daher Lawton die Weiſung ge⸗ geben, denſelben ſo lange zu umkreiſen, bis er ſelbſt zurückkäme, ein und ſie durch die Ankunft des Infanterieregiments in den Stand V ein geſetzt würden, den Rückzug der Engländer abzuſchneiden. 2 Kö Der Rittmeiſter entſprach ſeinem Auftrage buchſtäblich, obgleich ſich er dabei nicht ſelten von jener Ungeduld beſchlichen wurde, welche Be einen Grundzug in dem Charakter dieſes Mannes bildete, wenn es gli galt, ſich bei der Gelegenheit eines Angriffes im Zaume zu halten. und Während dieſer Streifzüge führte Betty Flanagan ihren ihr ein kleinen Karren mit unermüdlichem Eifer zwiſchen den Felſen von Weſt⸗Cheſter herum, wobei ſie gelegentlich mit Holliſter die Natur ſchl der böſen Geiſter abhandelte und dann wieder ſich mit dem Wund⸗ arzt über manche Punkte der ärztlichen Praris herum zankte,— mo ein Thema, über welches ſich zwiſchen ihnen faſt ſtündlich eine die Fehde erhob. Endlich kam der Augenblick, welcher über das Schick⸗ 4 ſtör ſal des Tages entſcheiden ſollte. Eine Abtheilung der öſtlichen 6 unf Milizen brach von ihrem feſten Lager auf und näherte ſich dem 2 Feinde. ind Es war Mitternacht, als ſich die Hülfstruppen mit Lawton dar vereinigten, und letzterer hielt ſogleich mit dem Führer der Infan⸗ wei terie eine Berathung. Dieſer entſchloß ſich, nachdem er Lawton’'s Fec Mittheilungen, welche den Muth des Gegners ziemlich verächtlich Fre behandelten, angehört hatte, die Britten anzugreifen, ſobald der zuh anbrechende Morgen ihre Stellung unterſcheiden ließ, ohne erſt den Une Beiſtand Dunwoodie's und ſeiner Dragoner abzuwarten. Sobald dieſer Beſchluß gefaßt war, verließ Lawton das Gebäude, wo die Fra Berathung abgehalten worden, und begab ſich zu ſeinem eigenen Ru Kommando zurück. 1 aus Die wenigen Dragoner, welche unter dem Befehle des Ritt⸗ ſens meiſters ſtanden, hatten ihre Pferde in der Nähe eines Heuſchobers bels angebunden und ihre eigenen Leichname unter den Schirm deſſelben dige Pre gebracht, um ſich einige Stunden des Schlafes zu erfreuen, indeß — g ge⸗ käme, Stand gleich velche nn es alten. ihren von Natur Vund⸗ e,— eine Schick⸗ lichen ) dem awton Infan⸗ vton's ctlich d der ſt den bobald vo die igenen Ritt⸗ hobers ſſelben indeß —— Doktor Sitgreaves, Wachtmeiſter Holliſter und Betty Flanagan ein wenig abſeits auf einem trockenen Felſen ſaßen, auf den letztere einige Bettdecken gebreitet hatte. Lawton ſtreckte ſeinen rieſigen Körper an der Seite des Wundarztes nieder, warf den Mantel um ſich, ſtützte den Kopf auf eine Hand und ſchien ſich ganz in die Betrachtung des Mondes zu vertiefen, der durch die Wolken hin⸗ glitt. Der Sergeant ſaß aus Reſpect vor dem Wundarzt aufrecht, und die Waſchfrau erhob jezuweilen den Kopf, wenn es galt, einige ihrer Lieblingsmaximen zu verfechten, worauf ſie ſich wieder auf eines ihrer Branntweinfäſſer zurücklehnte und vergeblich einzu⸗ ſchlafen verſuchte. „Alſo, Sergeant,“ fuhr Sitgreaves in einer begonnenen De⸗ monſtration fort,„wenn Ihr aufwärts haut, ſo verliert der Hieb die Zugabe Eurer eigenen Schwere und wirkt daher weniger zer⸗ ſtörend, ohne daß der wahre Zweck des Krieges, den Feind wehr⸗ unfähig zu machen, verfehlt würde.“ „Pah! pah! liebes Wachtmeiſterchen,“ ſagte die Waſchfrau, indem ſie den Kopf von der Decke aufrichtete,„was liegt denn daran, wenn man einen in der Schlacht auf's Leben trifft? Er⸗ weiſen denn einem die Reg'ler auch Schonung, wenn es an ein Fechten geht? Fragt den Kapitän Jack dort, ob das Land ſeine Freiheit erringen wird, wenn die Jungen nicht mit aller Macht zuhauen. Ich möchte nicht, daß ſie dem Whisky eine ſolche Unehre anthäten.“ „Es läßt ſich von einem ſo unverſtändigen Weibsbild wie Ihr, Frau Flanagan, nicht erwarten,“ verſetzte der Wundarzt mit einer Ruhe, welche ſeine Verachtung gegen Betty nur noch deutlicher ausſprach,„daß Ihr die Unterſcheidungen des wundärztlichen Wiſ⸗ ſens begreift; auch verſteht Ihr nichts von der Führung des Sä⸗ bels; es würden Euch alſo ganze Abhandlungen über den verſtän⸗ digen Gebrauch dieſer Waffe weder in der Theorie noch in der Praris etwas nützen.“ 50² „Was kümmere ich mich um ein ſolches Geplapper. Nein, das Fechten iſt kein Kinderſpiel, und man braucht es nicht genau damit zu nehmen, wie man haut oder was man trifft, wenn es nur einem Feind gilt.“ „Wir werden vielleicht einen warmen Tag bekommen, Lawton?“ „Sehr wahrſcheinlich,“ erwiederte der Rittmeiſter;„bei dieſen Milizen geht es ſelten ohne ein blutiges Feld ab, ſey es nun ihrer Feigheit oder ihres Unverſtandes wegen, und der wackere Soldat muß dann für ihr ſchlechtes Betragen büßen.“ „Iſt Ihnen nicht wohl, John?“ ſagte der Wundarzt und fuhr mit der Hand über den Arm des Kapitäns hinunter, bis ſie in⸗ ſtinktartig an ſeinem Pulſe feſthielt; aber der ruhige Schlag deſſel⸗ ben deutete weder auf ein körperliches noch auf ein Seelenleiden. „Herzweh habe ich, Archibald, über die Thorheit unſerer Ge⸗ walthaber, welche glauben, daß man Schlachten erkämpfe und Siege erringe durch Burſche, die eine Muskete wie einen Dreſchflegel handhaben; Kerle, welche die Augen zumachen, wenn ſie einen Drücker berühren, und eine Linie bilden, wie ein Radſtück. Unſere Abhängigkeit von ſolchen Wichten koſtet das Land das beſte Blut.“ Der Wundarzt hörte mit Staunen zu. Nicht der Gegenſtand, ſondern die Art, wie der Rittmeiſter ſprach, kam ihm überraſchend vor. Lawton hatte ſonſt immer am Vorabende der Schlacht eine Lebhaftigkeit und eine Kampfbegier entwickelt, welche in ſcharfem Gegenſatz zu der bewunderungswürdigen Ruhe ſtand, die er zu andern Zeiten an den Tag legte. Aber jetzi ſprach ſich in dem Tone ſeiner Stimme und in ſeinem Benehmen eine Verdroſſenheit und Zaghaftigkeit aus, welche man an ihm nie zuvor bemerkt hatte. Der Wundarzt zogerte einen Augenblick, um zu überlegen, wie er dieſen Wechſel in dem gewohnten Dienſteifer des Reiters zur Förderung ſeines Lieblingsſyſtems benützen könne, und fuhr dann fort: „Es würde wohl gut ſeyn, John, wenn man dem Obriſten — Nein, genau nn es ton?“ dieſen ihrer Soldat d fuhr ſie in⸗ deſſel⸗ eiden. er Ge⸗ Siege ſchflegel einen Unſere Blut.“ enſtand, aſchend ht eine charfem er zu in dem ſſenheit hatte. erlegen, Reiters d fuhr Obriſten riethe, eine große Schußweite zu nehmen. Eine matte Kugel macht unfähig—“ „Nein!“ rief der Kapitän ungeduldig;„laßt die Schufte nur ihre Bärte an den Mündungen der brittiſchen Musketen verbrennen, wenn ſie ſich ſo weit vorwärts treiben laſſen. Doch genug davon. Archibald, glauben Sie, daß der Mond auch ein Körper iſt, wie unſere Erde, und daß ſich dort Geſchöpfe befinden, die uns ähn⸗ lich ſind?“ „Nichts iſt wahrſcheinlicher, lieber John; wir kennen ſeinen Umfang und können analoger Weiſe daraus auf ſeine Beſtimmung ſchließen. Ob jedoch ſeine Bewohner in den Wiſſenſchaften ſo weit vorangeſchritten ſind, wie wir, oder nicht, das hängt wohl haupt⸗ ſächlich von der Beſchaffenheit ihres geſelligen Lebens und gewiſſer⸗ maßen auch von phyſikaliſchen Einflüſſen ab.“ „Ich kümmere mich nicht um ihre Gelehrſamkeit, Archibald; aber es iſt eine wunderbare Macht, die ſolche Welten ſchaffen kann, und ihnen ihre Bahnen anweist. Ich weiß nicht, warum, aber es befällt mich ein melancholiſches Gefühl, wenn ich dieſen Luftkörper betrachte, deſſen Schatten man ſich als Meere und Land denkt. Er kommt mir vor, wie ein Ruheplatz hingeſchiedener Seelen.“ „Trinken Sie ein Schlückchen, Schatz,“ ſagte Betiy, indem ſie den Kopf wieder erhob und ihm ihre eigene Flaſche anbot,„das Alles kömmt von dem Nachtnebel, der den Umlauf des Blutes hindert— und dann iſt auch das Geſchwätz von den verwünſchten Milizen nicht geeignet für ein feuriges Gemüth. Nehmen Sie ein Troͤpfchen, Schatz, und Sie werden bis an den Morgen ſchlafen. Den Roth⸗ ſchimmel habe ich ſelbſt gefüttert, denn ich dachte, es könnte mor⸗ gen für ihn einen ſchweren Tag abſetzen.“ „Welcher herrliche Himmel über uns,“ fuhr der Rittmeiſter in demſelben Tone fort, ohne auf das Anerbieten Betty's zu achten; „es iſt Jammerſchade, daß ſolche Würmer, wie die Menſchen, durch ihre niedrigen Leidenſchaften dieſes göttliche Werk entſtalten dürfen.“ —— — 504 „Sie haben Recht, lieber John. Es iſt Raum genug da, daß Alle leben und ſich im Frieden des Lebens erfreuen koͤnnten, wenn ſich jeder mit dem Seinigen begnügen wollte. Doch auch der Krieg hat ſein Gutes, da er insbeſondere die Wiſſenſchaft der Chi⸗ rurgie fördert und—“ „Jener Stern dort,“ fuhr Lawton, ſeinen Ideengang verfol⸗ gend, fort,„müht ſich, ſeinen Schimmer durch einige treibende Wolken zu ſenden. Es iſt vielleicht auch eine Welt, die vernunft⸗ begabte Weſen, wie wir, birgt. Glauben Sie, daß man dort auch etwas von Krieg und Blutvergießen weiß?“ „Wenn ich mich erkühnen darf, eine Meinung zu äußern,“ ſagte Sergeant Holliſter, indem er mechaniſch die Hand an ſeine Mütze legte,„ſo iſt in dem ‚guten Buche“ erwähnt, daß der Herr die Sonne ſtille ſtehen hieß, als Joſua den Feind angriff, um, wie ich mir die Sache denke, Helle genug zu haben, wenn etwa ein Flügel umgangen, oder eine Finte im Rücken oder ein ſonſtiges Manöver gemacht werden ſollte. Wenn daher der liebe Gott ſeine Hand dazu bietet, ſo kann das Fechten keine Sünde ſeyn. Ich habe mir's aber doch oft nicht gehörig zurecht legen koͤnnen, daß man damals Wagen ſtatt ſchwerer Dragoner brauchte, da dieſe doch in jeder Hinſicht geeigneter ſind, eine Infanterielinie zu durch⸗ brechen, und gar leicht um ſolche Räderfuhrwerke herum kommen und in ihrem Rücken mit Pferden und Allem ein Teufelsſpiel an⸗ fangen könnten.“ „Ihr habt keinen Begriff von dem Bau dieſer alten Streit⸗ wagen, Sergeant Holliſter, ſonſt würdet Ihr nicht ſo irrig darüber aburtheilen,“ entgegnete der Wundarzt.„Sie waren mit ſcharfen Senſen verſehen, die über die Räder hervorſtanden und die Reihen des Fußvolks durchbrachen, indem ſie die einzelnen Glieder in Stücke riſſen. Ich zweifle nicht, daß ſogar heute noch eine große Verwir⸗ rung in die Reihen des Feindes gebracht werden konnte, wenn man den Karren der Frau Flanagan mit ähnlichen Inſtrumenten ausſtattete.“ S da, nten, h der Chi⸗ erfol⸗ bende unft⸗ auch eern,“ ſeine Herr „wie a ein ſtiges ſeine Ich daß dieſe durch⸗ mmen l an⸗ btreit⸗ rüber harfen teihen Stücke erwir⸗ man ttete.“ 5⁰⁵ „Die Mähre würde nicht weit ſpringen, wenn die Reg'ler auf ſie feuerten,“ brummte Betty unter ihrer Decke hervor.„Als wir die Schufte durch Jerſey trieben und es an ein Plündern ging, ſchlug ich das Vieh beinahe todt; aber der Teufel bringe da nur einen Fuß in Bewegung, ſo lange die Beſtie mit offenen Augen ſchießen ſieht. Der Rothſchimmel und Kapitän Jack ſind gut genug für die Rothröcke; laßt daher nur mich und meine Mähre aus dem Spiel.“ Ein langes Trommelwirbeln auf der Anhöhe, wo die Eng⸗ länder lagerten, verkündigte, daß man dort wach ſey, und un⸗ mittelbar darauf vernahm man ein gleiches Signal von Seite der Amerikaner. Das Horn der Virginier ließ keine kriegeriſchen Töne erſchallen, und in wenigen Augenblicken wimmelten die von den beiden feindlichen Parteien beſetzten Berge von bewaffneten Män⸗ nern. Der Morgen dämmerte auf und auf beiden Seiten wurden Vorkehrungen zum Angriff und zur Begegnung deſſelben gemacht. Die Amerikaner waren der Zahl nach die ſtärkern, aber die Feinde weit beſſer disciplinirt und bewaffnet. Die Zurüſtungen zum Kampfe dauerten nicht lange und mit dem Aufgang der Sonne rückten die Milizen vor. Der Boden war für Reiter⸗Evolutionen nicht günſtig, und der einzige Dienſt, welchen man den Dragonern anweiſen konnte, be⸗ ſtand in der Abwartung des Sieges, den ſie dann auf's Beſte ver⸗ folgen ſollten. Lawton hatte bald ſeine Mannſchaft im Sattel, übertrug dann den Befehl an den Sergeanten Holliſter, und ritt ſelbſt an der Linie des Fußvolkes hin, welches in ſeiner verſchie⸗ denen Uniformirung und unvollſtändigen Bewaffnung ſo aufgeſtellt war, daß es einigermaßen einer Schlachtordnung ähnlich ſah. Ein verächtliches Lächeln ſchwebte um die Lippe des Reiters, während er den Rothſchimmel mit geüber Hand durch die Wendungen ihrer Reihen lenkte, und als zum Vorrücken kommandirt wurde, bog er um die Flanke des Regiments und folgte demſelben dicht hinter 506 dem Rücken. Die Amerikaner mußten in ein kleines Thal hinab be und auf der andern Seite einen Berg hinanſteigen, um dem Feinde kö nahe zu kommen. Abwärts ging es in leidlicher Ordnung, bis ſie zum Fuße 1 vo des Berges kamen, wo die königlichen Truppen in einer ſchönen f de Linie vorrückten, indeß die Beſchaffenheit des Terrains ihre Flanken en deckte. Die Erſcheinung der Engländer veranlaßte ein Feuer von er Seiten der Miliz, welches guten Erfolg hatte und die Regulären ih eine Weile zum Wanken brachte. Sie wurden jedoch wieder von Üc ihren Offizieren geſammelt und eröffneten nun ein beharrlich unter⸗ haltenes Pelotonfeuer. Es war lebhaft und zerſtörend, bis die R Engländer mit dem Bajonet vorrückten. Die Milizen hatten nicht genug Disciplin, um dieſem Angriff zu widerſtehen. Ihre Linie ſo wankte, hielt dann wieder Stand und zerſplitterte zuletzt in Com⸗ al pagnien und Bruchſtücke von Compagnien, welche nur noch ein ¹ F ungeordnetes und vereinzeltes Feuer unterhielten. ſt Lawton ſah dieſen Operationen ſchweigend zu und öffnete den da Mund nicht eher zum Sprechen, als bis das Feld ſich mit Flücht⸗ de lingen füllte. Jetzt ſchien ihm aber in der That der Schimpf, der da hier auf die Waffen ſeines Vaterlandes gehäuft wurde, ein ſchmerz⸗ A liches Gefühl rege zu machen. Er ſpornte den Rothſchimmel an die Seite des Berges und rief den Fliehenden mit der vollen Kraft de ſeiner gewaltigen Stimme zu. Auf den Feind deutend, verſicherte ne er, ſeine Landsleute hätten ſich in dem rechten Wege geirrt, und D die Miſchung von Ironie und Gefahrverachtung, die in ſeinen Er⸗ T mahnungen lag, gab Anlaß, daß einige überraſcht ſtehen blieben. fo Dieſen ſchloſſen ſich noch mehrere an, und endlich verlangten ſie,. T. durch das Beiſpiel des Reiters und den eigenen Muth angefeuert, noch einmal gegen den Feind geführt zu werden. ſic „So kommt denn, meine wackeren Freunde!“ rief der Ritt⸗ meiſter und wandte den Kopf ſeines Pferdes gegen die brittiſche B Linie, deren Flügel ihnen ganz in der Nähe ſtand,„vorwärts und vo jinab einde Fuße bönen anken von lären von inter⸗ 6 die nicht Linie Com⸗ h ein e den lücht⸗ f, der merz⸗ el an Kraft icherte „ und n Er⸗ ieben. n ſie, feuert, Ritt⸗ ttiſche s und behaltet Eure Ladung, bis ihr ihnen die Augbraunen verſengen könnt.“ Die Soldaten drangen, nach dem Beiſpiele des Dragoners, vor, ohne daß auf ſie oder von ihnen gefeuert wurde, bis ſie ſich dem Feinde auf eine ganz kurze Entfernung genähert hatten. Ein engliſcher Sergeant, der hinter einem Felſen verborgen war, ſprang, erbost über die Kühnheit des Offiziers, der ſich auf dieſe Weiſe ihren Waffen entgegenwagte, hinter ſeinem Verſteck hervor, näherte üch dem Rittmeiſter auf einige Ellen und ſchlug an. „Schieß, und Du biſt verloren!“ rief Lawton und ſpornte ſein Roß, welches augenblicks auf den Schützen einſprengte. Dieſe Bewegung und der Ton der Stimme brachte den Engländer ſo weit aus der Faſſung, daß er, ohne ſeines Zieles ſicher zu ſeyn, abdrückte. Der Rothſchimmel hüpfte in die Höhe und brach vor den Füßen des Gegners todt zuſammen. Lawton richtete ſich auf und ſtand nun Auge in Auge ſeinem Feinde gegenüber. Letzterer fällte das Bajonet und führte einen verzweifelten Stoß nach dem Herzen des Rittmeiſters. Der Stahl ihrer Waffen ſprühte Funken und das Bajonet flog fünfzig Fuß weit durch die Luft. Im nächſten Augenblick lag ſein Beſitzer da als eine zuckende Leiche. „Vorwärts!“ brüllte der Dragoner, als ſich eine Abtheilung der Engländer an dem Felſen zeigte und ein volles Feuer eröff⸗ nete,—„vorwärts!“ wiederholte er und ſchwang wild den Säbel. Dann ſtürzte ſein rieſiger Körper zurück, wie eine majeſtätiſche Tanne unter dem Streiche der Art. Aber noch im Fallen fuhr er fort, den Säbel zu ſchwingen, und noch einmal ließen die tiefen Töͤne ſeiner Stimme den Ruf„vorwärts!“ vernehmen. Die vorrückenden Amerikaner machten erſchreckt Halt, wandten ſich dann und überließen das Feld den königlichen Truppen. Es lag weder in der Abſicht noch in der Polikik des engliſchen Befehlshabers, den errungenen Vortheil weiter zu verfolgen, da er von der baldigen Ankunft einer ſtarken Abtheilung der Amerikaner unterrichtet war. Er zögerte daher nur ſo lange, bis er ſeine Verwundeten geſammelt und ein Viereck gebildet hatte, worauf er ſeinen Rückzug nach dem Schiffe begann. Zwanzig Minuten nach Lawton's Fall war das Schlachtfeld ſowohl von den Engländern als den Amerikanern verlaſſen. Wenn die Bewohner des Landes in's Feld aufgeboten wurden, mußten ſie ſich eben mit dem Beiſtand wundärztlicher Berather begnügen, wie ſie in jener Zeit die niedrige Stufe, auf der die Heilkunſt im Innern des Landes ſtand, zu bieten vermochte. Doktor Sitgreaves hegte daher dieſelbe tiefe Verachtung gegen die Wund⸗ ärzte der Milizen, welche ſein Rittmeiſter gegen die Truppen ſelbſt fühlte. Er ging daher auf dem Feld umher und warf manchen mißbilligenden Blick auf die ſchlechten Operationen, welche ihm zu Geſichte kamen. Als er aber unter den fliehenden Truppen nirgends ſeinen Freund und Kameraden entdecken konnte, eilte er zu der Stelle zurück, wo Holliſter poſtirt war, um nachzufragen, ob der Rittmeiſter zurückgekehrt ſey. Die Antwort ſiel verneinend aus. Mit tauſend beunruhigenden Vermuthungen erfüllt, kehrte der Wundarzt, ohne auf die Gefahren, die für ihn auf dem Wege liegen konnten, Rückſicht zu nehmen, ja ſogar ohne an dieſelben zu denken, wieder um und eilte mit der größten Geſchwindigkeit nach der Stelle, wo, wie er wußte, der letzte Kampf gekämpft worden war. Er hatte ſchon einmal in einer ähnlichen Lage ſeinen Freund vom Tode gerettet, und ſeine Geſchicklichkeit erfüllte ihn im voraus mit einer geheimen Freude, als er auf einmal Betty Flanagan gewahrte, welche auf der Erde ſaß und den Kopf eines Mannes in dem Schooß hatte, der dem Umfange des Körpers und der Uniform nach Niemand anders, als der Rittmeiſter ſeyn konnte. Beim Näher⸗ kommen wurde der Wundarzt nicht wenig beunruhigt durch den Anblick der Waſchfrau. Sie hatte ihre kleine ſchwarze Mütze bei Seite geworfen, und das ergrauende Haar flog wirr um ihr Geſicht. —— übe dan Ihr und den und übe wir nich es lieb jetzt dort Pfe hat A Jar getü haft klüg war liebe hinz wie ſich wäh er ach dern den, ther die ktor ind⸗ elbſt chen zu ends der der aus. der egen ken, der var. vom einer hrte, dem form iher⸗ den bei ihr —-—— „John! lieber John!“ ſagte der Doktor zärtlich, während er ſich über den Dragoner beugte und das regungsloſe Handgelenk befühlte, dann aber erſchreckt vor der Ahnung der Wahrheit zurückbebte. „John, lieber John! Wo ſind Sie verwundet?— Kann ich Ihnen helfen?“ „Sie ſprechen zu einem erſtarrten Erdenklos,“ ſagte Betty, und ihr Körper ſchauderte, während ihre Hände unwillkührlich in den Rabenlocken des Reiters ſpielten.„Er will nichts mehr hören und kümmert ſich wenig um Ihre Sonden und Arzneien. O Elend über Elend!— Was wird jetzt aus der Freiheit werden? Wer wird jetzt die Schlachten kämpfen und den Sieg gewinnen?“ „John!“ wiederholte der Wundarzt, der ſeinen eigenen Sinnen nicht trauen wollte,„lieber John, nur ein Wörtchen; ſey es, was es will, nur ein Wörtchen. O Gott, er iſt todt! Wäre ich doch lieber mit ihm geſtorben!“ „Was hilft nun alles Leben und Fechten?“ ſagte Betty;„es iſt jetzt mit beiden zu Ende, mit ihm und ſeinem Thier! Sehen Sie, dort liegt das arme Geſchöpf und hier iſt der Herr! Ich habe das Pferd noch heute mit meinen eigenen Händen gefüttert, und er hat das letztemal aus meiner Küche gegeſſen. Ach Jammer über Jammer!— daß Kapitän Jack leben mußte, um von den Reg'lern getödtet zu werden!“ „John! mein theurer John!“ rief der Wundarzt mit krampf⸗ haftem Schluchzen;„Deine Stunde iſt gekommen, und mancher klügere Mann hat Dich überlebt, aber keiner, der beſſer und tapferer war, als Du. O John! Du warſt mir ein wohlwollender und lieber Freund. Es iſt zwar nicht philoſophiſch, ſich dem Schmerze hinzugeben; aber um Dich, John, muß ich weinen. Ach wie ſchwer, wie bitter ſchwer iſt mir's um's Herz!“ Der Doktor bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, überließ ſich einige Minuten dem ungehemmten Ausbruch ſeiner Gefühle, während die Waſchfrau ihrem Jammer durch Worte Luft machte. 510 Dabei zuckte ihr Körper und ihre Finger ſpielten mit den Kleidern ihres Lieblings. „Wer wird die Jungen jetzt ermuthigen?“ fuhr ſie fort. „O Kapitän Jack!— Kapitän Jack! Du warſt die Seele der Schwadron, und wir dachten wenig an Gefahr, wenn Du im Ge⸗ fechte wareſt. Ach, er verzog nie den Mund, um mit einer armen Wittwe wegen eines angebrannten Eſſens, oder wenn es an dem Frühſtück fehlte, zu zanken. Da, verſuche ein Tröpfchen, Schatz; vielleicht bringt's Dich wieder zum Leben. Ach, er wird nie wieder eines trinken— da iſt der Doktor, mein Honigmännchen— der⸗ ſelbe, den Sie immer zum Beſten hatten; er weint, als ob die arme Seele für Sie ſterben möchte.— Ach, es iſt aus mit ihm, er iſt hingegangen— und die Freiheit mit ihm.“ Jetzt ließ ſich der donnernde Huftritt von Pferden von der Straße her vernehmen, welche ſich in der Nähe des Platzes, wo Lawton lag, vorbeizog, und unmittelbar darauf zeigte ſich das ganze Corps der Virginier, Dunwoodie an der Spitze. Die Kunde von des Rittmeiſters Schickſal war ihm bereits zu Ohren gekom⸗ men, und ſobald er der Leiche anſichtig wurde, ließ er die Schwadron Halt machen, ſtieg vom Pferde und näherte ſich der Stelle. Law⸗ ton's Züge waren nicht im mindeſten entſtellt, aber die zürnende Falte, welche während des Kampfes ſeine Brauen umdüſtert hatte, war auch im Tode ſtehen geblieben. Sein Körper lag ruhig, als ob er ſchliefe. Dunwoodie ergriff die Hand des Hingeſchiedenen und betrachtete ihn eine Weile ſchweigend. Sein dunkles Auge funkelte und die Bläſſe, welche ſeine Züge übergoß, machte einem tiefrothen Flecken auf jeder Wange Platz. „Mit ſeinem eigenen Säbel will ich ihn rächen,“ rief er und verſuchte es, Lawton's Hand die Waffe zu entwinden, aber die er⸗ ſtarrte Fauſt widerſtand jeder Anſtrengung.„Nun, ſo magſt Du ihn mit in's Grab nehmen! Sitgreaves, tragen Sie Sorge für unſern Freund, indeß ich ſeinen Tod räche.“ — ſein waꝛ dror blich zier Sie Ra ſich ohn die Rei lich zu zu den zur Fer länd zug ver in kon⸗ zog lang unte übe war ort. der Ge⸗ nen dem atz; eder der⸗ die , er der wo das unde kom⸗ dron Law⸗ rende atte, als henen Auge inem und e er⸗ t Du e für . † Der Major eilte zu ſeinem Pferde zurück und führte alsbald ſeine Krieger zur Verfolgung des Feindes. So lange Dunwoodie in der voxrerwähnten Weiſe beſchäftigt war, hatte Lawton's Leiche offen vor den Augen der ganzen Schwa⸗ dron gelegen. Er war der Liebling Aller geweſen, und dieſer An⸗ blick feuerte die Soldaten auf's Aeußerſte an, ſo daß weder Offi⸗ ziere noch Soldaten jene Beſonnenheit behielten, welche zur Sicherung des Erfolgs bei militäriſchen Operationen nöthig iſt. Racheglühend ſpornten ſie ihre Roſſe dem Feinde nach. Die Engländer hatten ein Viereck gebildet, in deſſen Mitte ſich die nicht beſonders zahlreichen Verwundeten befanden, und zogen ohne Aufenthalt auf dem unebenen Boden weiter, als auf einmal die Dragoner anſprengten. Die Reiterei begann ihren Angriff in Reihen, Dunwoodie an der Spitze, der racheentbrannt die feind⸗ lichen Glieder zu zerreißen und ſie mit einem Schlage auseinander zu ſprengen gedachte. Aber der Feind kannte ſeine eigene Kraft zu gut; er nahm eine feſte Stellung und empfing den Angriff mit den Spitzen ſeiner Bajonette. Die Pferde der Virginier prallten zurück und die hintere Reihe des Fußvolks eröffnete ein ſo kräftiges Feuer, daß der Maior mit einigen ſeiner Leute ſtürzte. Die Eng⸗ länder ſetzten, ſobald ſie ſich nicht mehr beläſtigt ſahen, ihren Rück⸗ zug fort, und Dunwoodie, der zwar ſchwer, aber nicht gefährlich, verwundet war, unterſagte ſeinen Leuten alle weiteren Verſuche, die in der unebenen ſteinigten Gegend unmöglich erfolgreich ausfallen konnten. Eine traurige Pflicht blieb noch zu erfüllen. Die Dragoner zogen ſich mit ihrem verwundeten Führer und der Leiche Lawton's langſam durch die Berge zurück. Sie begruben den Rittmeiſter unter den Wällen eines in den Hochlanden gelegenen Forts und übergaben den Major der zärtlichen Pflege ſeiner bekümmerten Gattin. Es verfloßen viele Wochen, bis Dunwoodie ſo weit hergeſtellt war, daß er weiter gebracht werden konnte. Wie oft ſegnete er 512 während dieſer Zeit den Augenblick, der ihm ein Recht an die C Dienſte ſeiner liebenswürdigen Wärterin gegeben hatte. Sie weilte er mit liebevoller Sorgfalt an ſeinem Lager, vollzog alles eigenhän⸗ dig, was der unermüdliche Sitgreaves anordnete, und gewann im⸗ 4 b mer mehr in der Liebe und Verehrung ihres Gatten. Ein Armee⸗ in befehl Waſhington's ſandte die Truppen bald in die Winterquartiere A und Dunwoodie erhielt mit dem Range eines Obriſtlieutenants die k Erlaubniß, ſich nach ſeiner Pflanzung zu begeben, um daſelbſt der Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit abzuwarten. Kapitän Singleton d begleitete ihn, und die ganze Familie zog ſich aus dem Treiben des Krieges in die Ruhe und den Ueberfluß der Dunwoodie ſchen L tu Beſitzungen zurück. Che ſie jedoch Fiſhkill verließen, ging ihnen A von unbekannter Hand ein Schreiben zu, welches ſie von Heinrich's glücklichem Entkommen und Wohlbefinden benachrichtigte, und ihnen 6 L zugleich kund that, daß der von jedem Ehrenmann in der könig⸗ 4 v lichen Armee verachtete Obriſt Wellmere das Feſtland verlaſſen 5 b habe, um nach England zurückzukehren. 5 rc Es war ein glücklicher Winter für Dunwoodie und um Fran⸗ C ciska's Lippen begann auf's neue ihr liebliches Lächeln zu ſpielen. —— ſ Vierunddreißigſtes Kapitel. Der Mittelpunkt im Kreis der Flitter S Von Pelzwerk, Edelſteinen, Seide— te Steht er im ſchlichten Lincolnkleide; T Denn Schottlandsfürſt iſt dieſer Ritter. di Fräulein vom See. u Der Anfang des nächſten Jahres wurde von den Amerikanern il und ihren Verbündeten mit großen Vorbereitungen zugebracht, um ei den Krieg zu Ende zu führen. Im Süden führten Greene und he Rawdon einen blutigen Feldzug, der zwar den Truppen des Letzteren b. zu großer Ehre gereichte, am Schluſſe aber ſo ſehr zu Gunſten des u die eilte än⸗ im⸗ nee⸗ iere die der eton iben chen jnen ich’s hnen nig⸗ aſſen rran⸗ elen. ter e; ditter. — Erſteren umſchlug, daß dieſer unſtreitig für den beſſeren Genera erklärt werden mußte. Ney⸗York war der Punkt, welcher von den verbündeten Heeren bedroht wurde, und Waſhington mänöyvrirte in einer Weiſe, welche immer für die Sicherheit der Stadt fürchten ließ, ſo daß jede Abſendung von Hülfstruppen, die Cornwallis in den Stand ſetzen konnten, ſeine errungenen Vortheile zu benützen, verhindert wurde. Endlich bei der Annäherung des Herbſtes waren alle Zeichen dafür vorhanden, daß die Scene ihrem Schluſſe zueile. Die franzoͤſiſchen Streitkräfte näherten ſich den brittiſchen Linien, indem ſie durch das neutrale Land zogen und in der Rich⸗ tung der Königsbrücke mit einem Angriff drohten, wobei ſtarke Abtheilungen der Amerikaner mit ihnen im Einklang manövrirten. Letztere umkreisten die engliſchen Vorpoſten, rückten bis nach Jerſey vor und ſchienen die brittiſche Streitmacht auch von dieſer Seite bedrängen zu wollen. Die Operationen trugen zugleich den Cha⸗ rakter einer Belagerung und den eines Sturmes. Sir Henry⸗ Clinton aber, der den Plan der Angreifer aus aufgefangenen Brie⸗ fen von Waſſhington durchſchaute, blieb ruhig innerhalb ſeiner Linien und ließ aus Vorſicht Cornwallis Bitten um Hülfsmann⸗ ſchaft unberuͤckſichtigt. An einem ſtürmiſchen Septemberabend war eine große Anzahl Offiziere an der Thüre eines Gebäudes verſammelt, das im Mit⸗ telpunkte der zu Jerſey gelagerten amerikaniſchen Truppen lag⸗ Das Alter, die Uniform und das würdevolle Benehmen der meiſten dieſer Krieger bekundete ihren hohen Rang. Beſonders war Einer unter der Gruppe, den die Verehrung und der Gehorſam, welche ihm allenthalben gezollt wurden, als den erſten bezeichneten. Seine einfache Kleidung trug dennoch die gewöhnlichen Abzeichen einer hohen militäriſchen Stellung. Er ſaß auf einem edeln Thiere, von brauner Farbe, und eine Gruppe junger Männer in blankeren Uniformen ſchien dienſteifrig ſeine Befehle zu erwarten. Wer mit Der Spion. 3. Aufl. 33 dieſem Offizier ſprach, lüpfte den Hut, und wenn er ſelbſt zu reden be⸗ gann, ſo lagerte auf jedem Geſichte der Ausdruck einer geſpannten Aufmerkſamkeit, welche nicht blos von den Regeln der militäriſchen Etiquette geboten zu ſeyn ſchien. Endlich nahm der General ſelbſt den Hut ab und verbeugte ſich mit Würde gegen ſeine Umgebung. Der Gruß wurde erwiedert und die Verſammlung zerſtreute ſich: nur der Offizier blieb mit ſeinem Bedienten und einem Adjutan⸗ ten auf der Stelle. Er ſaß ab, trat einige Schritte zurück und beſichtigte eine Weile ſein Pferd mit Kennerblicken, dann warf er ſeinem Adjutanten einen raſchen, ausdrucksvollen Blick zu und be⸗ gab ſich, von dieſem Offiziere begleitet, in das Innere des Gebäudes. Nachdem er in ein augenſcheinlich für ſeine Aufnahme zuge⸗ rüſtetes Zimmer getreten war, ſetzte er ſich und verharrte geraume Zeit in der gedankenvollen Haltung eines Mannes, der gewöhnt iſt, ſich viel mit ſich ſelbſt zu beſchäftigen. Während dieſes Schweigens ſtand der Adjutant in Erwartung der Befehle da. Endlich erhob der General die Augen, und fragte in dem ſanften, gefälligen Tone, der ſeinem Weſen anzugehören ſchien: „Iſt der Mann, den ich zu ſehen wünſchte, angekommen, Sir?“ „Er erwartet Eurer Excellenz Befehl.“ „Ich will ihn hier empfangen, und allein, wenn's gefällig iſt.“ Der Adjutant entfernte ſich mit einer Verbeugung. Nach einigen Minuten ging die Thüre wieder auf; eine Ge⸗ ſtalt glitt in's Zimmer und blieb beſcheiden in einiger Entfernung von dem General ſtehen, ohne zu ſprechen. Der Offizier ſaß gegen das Feuer zugekehrt und war wieder in Gedanken verſunken, ſo daß er den Eintritt der Perſon nicht bemerkte. Es vergingen noch einige Minuten; dann ſprach er leiſe vor ſich hin: „Morgen müſſen wir den Vorhang heben und unſere Pläne kund geben. Möge ſie der Himmel beſchützen.“ Eine leichte Bewegung des Fremden traf ſein Ohr, und eine Wendung das Kopfes belehrte ihn, daß er nicht mehr allein ſey. Er be⸗ unten ſchen elbſt ung. ſich: itan⸗ und rf er d be⸗ udes. zuge⸗ aume t iſt, gens erhob Tone, bir?“ iſt.“ Ge⸗ nung gegen , ſo noch Bläne eine Er 515 deutete ſchweigend nach dem Feuer, welchem ſich die Geſtalt näherte, obgleich die Menge ihrer Kleider, welche mehr für eine Vermum⸗ mung als für die Bequemlichkeit berechnet ſchien, die Wärme des⸗ ſelben unnöthig machte. Eine zweite ſanfte und höfliche Handbe⸗ wegung wies dem Fremden einen Stuhl an, der jedoch mit beſchei⸗ dener Anerkennung abgelehnt wurde. Eine weitere Pauſe folgte, welche geraume Zeit dauerte. Endlich ſtand der Offizier auf, öffnete ein auf dem nahen Tiſche liegendes Pult und nahm einen kleinen, aber wie es ſchien, ſchweren Beutel heraus. „Harvey Birch,“ ſagte er, indem er ſich gegen den Fremden wandte,„die Zeit iſt gekommen, wo unſere Verbindung aufhören muß. Wir müſſen uns von jetzt an für immer fremd ſeyn.“ Der Hauſtrer ließ die Falten des großen Mantels, welche ſein Geſicht verborgen hatten, fallen und blickte eine Weile ernſt auf die Züge des Sprechers; dann ließ er den Kopf auf die Bruſt ſinken und erwiederte ehrfurchtsvoll: „Wie Eunre Ercellenz befehlen.“ „Es iſt nothwendig! Das Amt, welches ich gegenwärtig be⸗ gleite, hat es mir zur Pflicht gemacht, viele zu kennen, die mir, wie Ihr, als Werkzeuge dienten, um Nachrichten einzuziehen. Euch habe ich mehr als Allen andern vertraut; denn bald bemerkte ich in Euch eine Achtung vor der Wahrheit und eine Feſtigkeit der Grundfütze, die mich, wie ich mit Freuden anerkenne, nie getäuſcht haben. Ihr allein kennt meine geheimen Agenten in der Stadt, und von Eunrer Treue hängt nicht nur ihr Vermögen, ſondern auch ihr Leben ab.“ Er zogerte, als ob er darauf ſinne, wie er dem Hauſtrer volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen könne, und fuhr dann fort: „Ich glaube, Ihr ſeyd einer der wenigen, die in einem ſolchen Dienſte treu an unſerer Sache gehandelt haben. Ihr galtet für einen Spion des Feindes, ohne ihm weitere Mittheilungen zu machen, als Euch erlaubt war. Nur ich, ich allein auf der ganzen Welt, 516 weiß, daß Ihr eine treue Anhänglichkeit an die Freiheiten Ameri⸗ ka's bewieſen habt.“ Während dieſer Worte richtete Harvey allmählich den Kopf wieder auf, bis er ganz aufrecht daſtand. Ein ſchwaches Roth flog über ſeine Wangen, und als der Offizier ſchloß, war eine tiefe Glut über ſein ganzes Geſicht ausgegoſſen! ſeine Bruſt hob ſich in ſtolzeren Gefühlen, indeß die Augen beſcheiden die Füße des Spre⸗ chers ſuchten. „Ich erfülle jetzt nur meine Pflicht, indem ich Euch für dieſe Dienſte belohne. Bisher habt Ihr es immer verſchoben, eine Vergütung anzunehmen, und die Schuld hat ſich bedeutend ange⸗ häuft.— Ich möchte Eure Wagniſſe nicht zu gering anſchlagen;— hier ſind hundert Dublonen. Gedenket der Armuth Eures Vaterlandes und meßt es dieſer bei, daß Eure Belohnung ſo gering ausfällt.“ Der Haufirer erhob die Augen zu den Zügen des Sprechers; als dieſer ihm aber das Geld hinbot, trat er zurück, als ob er den Beutel zurückzuweiſen beabſichtige. „Ich gebe zu, es iſt nur wenig für Eure Dienſte und Ge⸗ fahren,“ fuhr der General fort;„aber es iſt Alles, was ich geben kann. Wenn der Feldzug zu Ende iſt, ſteht es vielleicht in meiner Macht, noch etwas Weiteres zu thun.“ „Glauben Euer Excellenz, daß ich mein Leben auf's Spiel ſetzte und meinen Namen der Schande preis gab, um des Goldes willen?“ „Wenn nicht um Gold, weßhalb ſonſt?“ „Was hat Euer Ereellenz in's Feld geführt? Weßhalb ſetzen Sie täglich und ſtündlich Ihr koſtbares Leben den Gefahren der Schlacht und dem Stricke aus? Was iſt viel an mir gelegen, wenn Männer, wie Sie, ihr Alles für das Vaterland wagen? Nein— nein— nein— nicht einen Dollar von Ihrem Golde will ich berühren; das arme Amerika hat Alles nöthig!“ Der Beutel entglitt der Hand des Offtziers und ſiel zu den Füßen des Krämers nieder, wo er während der übrigen Beſprechung ———— 517 unbeachtet liegen blieb. Der General warf einen feſten Blick auf das Geſicht ſeines Gefährten und fuhr fort: „Manche Gründe konnten mich hiezu beſtimmen, die ſich auf Euch nicht anwenden laſſen. Unſere Stellung iſt eine ganz ver⸗ ſchiedene. Ich bin bekannt als der Anführer von Armeen, aber Ihr müßt mit dem Makel eines Vaterlandsfeindes in's Grab ſtei⸗ gen. Bedenkt, daß der Schleier, der Euern wahren Charakter umhüllt, erſt nach Jahren— vielleicht nie gelüftet werden darf.“ Birch ließ das Geſicht wieder ſinken, aber es lag kein Nach⸗ geben der Seele in dieſer Bewegung. „Ihr werdet bald alt ſeyn. Die Blüthezeit Eurer Tage iſt bereits vorüber. Was habt Ihr dann, Euer Leben zu friſten?“ „Dieſes!“ ſagte der Hauſirer und ſtreckte die von der Arbeit gebräunten Hände aus. „Sie können Euch aber den Dienſt verſagen; nehmt Euch wenigſtens davon einen Nothpfennig für's Alter. Denkt an die Gefahren und Mühſeligkeiten, welche Ihr durchgemacht habt. Ich habe Euch bereits geſagt, daß die Ehre von Männern, die in der öffentlichen Achtung hoch ſtehen, von Euerer Verſchwiegenheit ab⸗ hängt. Wie kann ich ihnen Euere Treue verbürgen?“ „Sagen Sie ihnen,“ verſetzte Birch näher kommend, wobei er mit dem Fuß unwillkührlich auf den Beutel trat,„ſagen Sie ihnen, daß ich das Gold nicht nehmen wollte.“ Die ernſten Züge des Offiziers ſchmolzen zu einem Lächeln des Wohlwollens und ſeine Hand drückte die des Hauſirers. „Jetzt kenne ich Euch in der That. Zwar dauern dieſelben Gründe noch fort, welche mich bisher nöthigten, Euer ſchätzbares Leben der Gefahr auszuſetzen, und mich hindern, Eurem Charakter offene Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, aber im Geheimen kann ich immer Euer Freund ſeyn. Verſäumt es nicht, zu mir Eure Zuflucht zu nehmen, wenn Ihr in Noth oder Elend ſeyd— ſo lange mir Gott etwas gibt, will ich es gerne mit einem Manne theilen — —— — 518 der ſo edel denkt und handelt. Wenn Euch Krankheit oder Mangel heimſuchen und der Friede einmal unſere Mühen gekrönt hat, ſo ſucht die Thüre des Mannes, der ſo oft unter dem Namen Harper mit Euch zuſammen kam; er wird dann nicht erröthen, Euch an ſeinem heimiſchen Herde willkommen zu heißen!“ „Ich brauche nur wenig für dieſes Leben,“ ſagte Harvey. „So lange mir Gott Geſundheit und einen ehrlichen Erwerb an⸗ gedeihen läßt, kann ich in dieſem Lande nie Mangel leiden. Aber das Bewußtſeyn, Euer Excellenz zum Freunde zu haben, iſt ein Segen, den ich höher anſchlage, als alles Gold der engliſchen Schatzkammer.“ Der General verſank eine Weile in tiefes Sinnen. Dann ging er zu dem Pulte, ſchrieb einige Zeilen auf ein Blättchen Papier und gab es dem Hauſirer. „Ich muß glauben,“ ſagte er,„daß die Vorſehung dieſes Land zu etwas Großem und Herrlichem beſtimmt hat, wenn ein ſolcher Patriotismus die Herzen ſeiner geringſten Bürger erfüllt. Einem Gemüthe, wie das Eurige, muß es etwas Schreckliches ſeyn, mit dem Brandmale eines Feindes der Freiheit in das Grab zu ſteigen. Aber Ihr wißt, daß manches Leben als Opfer fallen müßte, wenn Euer wahrer Charakter kund würde. Es iſt unmöglich, Euch jetzt Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, aber ich kann Euch ohne Furcht dieſes Zeugniß anvertrauen. Wenn wir uns ja nicht wieder begeg⸗ nen ſollten, ſo kann es vielleicht Euern Kindern nützlich werden.“ „Kinder!“ rief der Hauſtrer.„Kann ich die Schmach meines Namens auf eine Familie vererben?“ Der Offizier bemerkte die heftige Gemüthserregung des Krämers mit ſchmerzlicher Theilnahme und machte eine leichte Bewegung nach dem Golde, die jedoch durch den immer noch unveränderten Aus⸗ druck in dem Geſichte ſeines Gefährten angehalten wurde. Harvey, der ſeine Abſicht bemerkt hatte, ſchüttelte den Kopf und fuhr gelaſſener fort: „Sie haben mir in der That einen Schatz gegeben, und er angel ſucht r mit einem arvey. b an⸗ er das Segen, mer.“ ging Papier Land ſolcher Einem 1, mit teigen. wenn h jetzt Furcht begeg⸗ erden.“ meines rämers g nach Aus⸗ darvey, d fuhr und er wird bei mir ſicher verwahrt ſeyn. Es ſind Leute am Leben, welche bezeugen können, daß mir Ihr Geheimniß theurer war, als das Leben. Das Papier, von dem ich Ihnen ſagte, ich hätte es ver⸗ loren, verſchluckte ich, als ich das letzte Mal von den Virginiern gefangen genommen wurde. Nur dieſes einzige Mal habe ich Euer Excellenz getäuſcht und es ſoll auch das letzte Mal geweſen ſeyn. Ja, dieſes Blatt iſt mir in der That ein theurer Schatz; viel⸗ leicht“— fuhr er mit einem trüben Lächeln fort—„erfährt man dann nach meinem Tode, wer mein Freund war— und wenn auch nicht, es wird ja Niemand da ſeyn, der ſich um mich grämte.“ „Erinnert Euch,“ ſagte der Offtzier tief ergriffen,„daß Ihr in mir immer einen geheimen Freund habt. Nur öffentlich darf ich Euch nicht anerkennen.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ ſagte Birch;„ich wußte es, als ich in Ihre Dienſte trat. Ich ſehe Eure Excellenz wahrſcheinlich zum letzten Mal. Möge Gott ſeinen reichſten Segen auf Ihr Haupt herabgießen!“ Er ſchwieg und bewegte ſich nach der Thüre. Die Augen des Generals folgten ihm mit dem Ausdrucke der innigſten Theil⸗ nahme. Noch einmal wandte ſich der Hauſirer um und ſchien mit einem Blicke voll Ehrfurcht und Schmerz auf den gewinnenden aber gebieteriſchen Zügen des Generals zu weilen, dann bückte er ſich tief und entfernte ſich. Die Armeen Amerika's und Frankreichs wurden nun von ihrem großen Feldherrn gegen den unter Cornwallis' Kommando ſtehen⸗ den Feind geführt und beendigten ſiegreich einen Feldzug, der unter ſo ſchwierigen Umſtänden begonnen hatte. England wurde bald darauf des Krieges überdrüßig und erkannte die Unabhängigkeit der vereinigten Staaten an. Jahre entſchwanden und die Männer, welche an dem Kriege Theil genommen hatten, ebenſo auch ihre Nachkommen rühmten ſich mit Stolz der Mitwirkung in einem Kampfe, welcher anerkannter⸗ 5²⁰ maßen ſo viel Segen über das Vaterland gebracht hatte. Aber Harvey Birch's Name erſtarb mit denen der vielen Agenten, von denen man glaubte, daß ſie im Geheim den Rechten ihrer Lands⸗ leute entgegen gearbeitet hätten. Sein Bild trat jedoch oft vor die Seele des mächtigen Staatsoberhauptes, welchem allein ſein wahrer Charakter bekannt war. Er ließ mehrere Male geheime Nachfragen nach dem Schickſale des Krämers anſtellen, die nur ein einziges Mal zu einem Reſultate führten. Er erfuhr nämlich, daß ein Hauſirer von ähnlichem Ausſehen, aber anderem Namen in den neuen Anſtedelungen, die nach allen Richtungen hin auftauchen, ſein⸗Geſchäft betreibe, und daß er mit der Laſt der zunehmenden Jahre und mit augenſcheinlicher Armuth zu kämpfen habe. Der Tod des Generals verhinderte bald weitere Nachforſchungen und es verging eine geraume Zeit, ehe wieder etwas von dem Krämer gehört wurde. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Ein Hampden, der dem kleinen Dorftyrannen Entgegen trat mit unverzagtem Muth— Ein ſtummer Milton mag hier ruhmlos ruhen: Ein Cromwell, ſchuldlos an des Landes Blut. Gray. Dreiunddreißig Jahre nach der im vorigen Kapitel mitge⸗ theilten Unterredung ſtand wieder eine amerikaniſche Armee den Truppen Englands feindlich gegenüber. Der Schauplatz des Krieges war aber dießmal nicht an den Ufern des Hudſon, ſondern an denen des Niagara. Waſſhington moderte längſt im Grabe; als aber die Zeit all⸗ mählich die Reſte politiſcher Anfeindung und perſönlichen Neides ausgeglichen hatte, mehrte ſich der Glanz ſeines Namens täglich; und nicht nur ſeine Landsleute, ſondern auch die übrige Welt lernte mit jedem Augenblick den Werth und die Rechtlichkeit des Mannes —— 521 höher ſchätzen. Er war bereits der anerkannte Held eines Zeit⸗ alters der Vernunft und des Rechtes, und manches junge Herz unter denen, welche im Jahre 1814 den Stolz unſeres Heeres bildeten, glühte in der Rückerinnerung an dieſen großen Namen Amerika's, und klopfte bei dem Gedanken, ſeinem Ruhme einiger⸗ maßen nachzueifern, in freudigeren Schlägen. Nirgends ſprach ſich aber dieſes edle Streben lebhafter aus, als in der Seele eines jungen Offiziers, der am 25. Juli dieſes blutigen Kriegsjahrs Abends auf dem Tafelfelſen ſtand und den großartigen Waſſerſturz betrachtete. Der Jüngling war eine hohe ſchöne Geſtalt, in der ſich Kraft und Leichtigkeit in den richtigſten Verhältniſſen ausſprach. Seine tiefſchwarzen Augen leuchteten von einer begeiſterten Glut und einem blendenden, kühnen Feuer, zumal wenn er auf die flutenden Waſſer niederblickte, die unter ſeinen Füßen ungeſtüm ſich in die Tiefe ſtürzten. Der ſtolze Ausdruck derſelben wurde jedoch durch die Züge eines Mundes gemildert, um welchen unterdrückte Schalkhaftigkeit in faſt mädchenhafter Schönheit ſpielte. Sein Haar glänzte unter den Strahlen der Abendſonne wie in goldenen Ringeln, wenn die Luft von dem Waſeerfalle her ihm die reichen Locken aus einer Stirne wehte, deren Weiße zeigte, daß die dunklere Farbe des von Geſundheit ſtrotzenden Geſichtes nur ein Werk des Windes und der Sonnenglut war. Ein anderer Offizier ſtand an der Seite dieſes von Natur ſo reich begabten Jünglings, und die Theilnahme, welche ſich in den Zügen beider ausſprach, ſchien anzudeuten, daß ſie dieſes Wunder der weſtlichen Erdhälfte zum erſten Male erblickten. Sie ſtanden lange in tiefem Schweigen, bis der Gefährte des eben beſchriebenen Offtziers plötzlich auffuhr, und, mit dem Säbel in den Abgrund hinunter deutend, ausrief: „Sieh, Wharton! dort ſetzt ein Mann gerade über den Strudel des Waſſerfalles, und dazu in einem Fahrzeug, nicht größer als eine Eierſchale.“ „Er hat einen Torniſter— wahrſcheinlich iſt's ein Soldat,“ 522 erwiederte der Andere.„Wir wollen ihm an die Leiter entgegen gehen, Maſon, und hören, was er für Neuigkeiten bringt.“ Sie brauchten einige Zeit, bis ſie zu der Stelle kamen, wo ſie den Abenteurer erwarteten. Aber gegen ihr Erwarten fanden die jungen Krieger einen in den Jahren weit vorgerückten Mann, der augenſcheinlich nicht zu dem Lager gehörte. Er mochte etwa Siebenzig zählen, was ſich jedoch mehr aus dem dünnen Silberhaare, welches wirr über die faltige Stirne herunter hing, als aus dem Zuſtande ſeiner Kräfte, die nichts weniger als hinfällig ſchienen, erkennen ließ. Seine Geſtalt war hager und gebeugt, letzteres aber mehr in Folge der Gewohnheit, denn ſeine Sehnen ſchienen durch die Arbeit eines halben Jahrhunderts geſtählt. Die Kleidung des Greiſes war ärmlich und die häufigen Ausbeſſerungen zeugten von der Sparſamkeit ihres Beſitzers. Auf dem Rücken hatte er einen nicht eben beſonders gefüllten Pack, der von den Offtzieren irr⸗ thümlich für einen Soldatentorniſter gehalten worden war. Man wechſelte einige Worte der Begrüßung, und die jungen Männer gaben ihre Verwunderung zu erkennen, daß ein Mann von ſolchem Alter ſich ſo nahe an die Wirbel des Waſſerfalles wagen mochte, worauf der Greis mit einer Stimme, in welcher ſich das Zittern des Alters auszuſprechen begann, nach Neuigkeiten von den ſtrei⸗ tenden Armeen fragte. „Wir haben vor einigen Tagen die Rothröcke auf dem Graſe der Chippewa⸗Ebenen gepeitſcht,“ ſagte der eine, welcher Maſon genannt wurde,„und ſeitdem ſpielten wir Verſtecken mit den Schiffen. Jetzt aber marſchiren wir wieder hin, wo wir hergekommen ſind, ſchütteln die Köpfe und ſehen ſo ſauer drein, wie der Teufel.“ „Ihr habt vielleicht einen Sohn unter den Soldaten,“ ſagte der Andere, deſſen Benehmen milder war, mit der Miene wohl⸗ wollender Theilnahme.„Wenn das der Fall iſt, ſo nennt mir ſeinen Namen und ſein Regiment; ich will Euch dann zu ihm bringen.“ — 2 gegen „ wo anden Nann, etwa gaare, dem ienen, zteres dienen idung ugten te er n irr⸗ Man änner lchem ochte, ittern ſtrei⸗ Graſe Naſon den nmen ufel.“ ſagte wohl⸗ mir ihm — Der alte Mann ſchüttelte den Kopf, fuhr mit der Hand über ſeine Silberlocken und erwiederte mit einer Miene demüthiger Ergebung: „Nein; ich bin allein auf der Welt!“ „Du hätteſt beifügen ſollen, Kapitän Dunwoodie,“ rief ſein unbekümmerter Kamerad,„wenn Du Eins oder das Andere auf⸗ finden könnteſt; denn unſere halbe Armee zieht abwärts und iſt vielleicht jetzt ſchon unter den Mauern des Forts Georg, um etwas aufzufinden, das, wie wir wiſſen, doch ganz anders wo liegt.“ Der Greis blieb plötzlich ſtehen und blickte aufmerkſam von einem ſeiner Gefährten auf den andern. Die beiden Krieger, welche dieſes bemerkten, hielten gleichfalls an. „Habe ich recht gehört?“ begann der Fremde, indem er die Hand als Schirm gegen die Strahlen der Abendſonne über die Augen brachte.„Wie nannte er Sie?“ „Mein Name iſt Wharton Dunwoodie,“ verſetzte der junge Mann lächelnd. Der Fremde winkte ihm ſchweigend, den Hut abzunehmen, worin auch der Jüngling willfahrte; die ſeidenartigen Locken wehten im Winde und enthüllten den Blicken des Greiſes das ganze geiſt⸗ volle Antlitz des Offiziers. „Ganz wie unſer Vaterland,“ rief der alte Mann tief er⸗ griffen;„durch die Zeit veredelt. Gott hat beide geſegnet!“ „Warum ſtarrſt Du ſo, Lieutenant Maſon?“ rief Kapitän Dunwoodie mit einem leichten Lächeln.„Du zeigſt mehr Erſtaunen, als vorhin, wo Du der Waſeerfälle anſichtig wurdeſt.“ „Ach, was— Waſſeerfälle! die ſind etwas für einen Mond⸗ ſcheinſpaziergang Deiner Tante Sara und des luſtigen alten Hage⸗ ſtolzen, des Obriſten Singleton; ein Burſche meines Gleichen iſt nie verwundert, als wenn ihm etwa eine ſolche Rührſcene wiedieſe aufſtößt.“ Die heftige Aufregung in dem Benehmen des Fremden verſchwand eben ſo ſchnell, als ſie aufgetaucht war, aber er horchte, jetzt mit tiefem Intereſſe auf Dunwoodie's Worte, welcher mit einigem Ernſte erwiederte: „Nicht doch, Tom; keinen Scherz über meine gute Tante, wenn ich bitten darf; ſie iſt die Güte ſelbſt, und ich habe ſagen hören, daß ihre Jugend keine glückliche war.“ „Ach man erzählt ſich allerlei,“ ſagte Maſon.„In Accomac geht das Gerede, daß ihr Oberſt Singleton regelmäßig an jedem Valentinstage ſeine Hand anbiete, und manche fügen noch bei, daß Deine alte Großtante ſeine Bewerbung unterſtütze.“ „Tante Jeannette?“ verſetzte Dunwoodie lachend; ich glaube, die liebe, gute Seele denkt wohl wenig mehr an irgend eine Heirath, ſeit Dr. Sitgreaves todt iſt. Es wollte verlauten, daß er ihr ſeiner Zeit den Hof machte; es lief aber Alles nur auf Artigkeiten hinaus, und ſo vermuthe ich, daß das übrige Gerede auch in nichts anderem, als in der vertraulichen Freundſchaft meines Vaters und des Obriſten Sin gleton ſeinen Grund hat. Du weißt, ſie ſtanden bei Einer Schwadron, wie Dein Vater auch.“ „Ach, das weiß ich freilich; aber Du mußt mir nicht weiß machen wollen, daß der wunderliche, gezierte Junggeſelle bloß deß⸗ halb ſo oft die Pflanzung des Generals Dunwoodie beſucht, um mit ihm den alten Krieg wieder zu käuen. Als ich das letzte Mal dort war, nahm mich die gelbe, ſpitznaſige Haushälterin Deiner Mutter in die Speiſekammer und ſagte mir, daß der Obriſt kein verächtlicher Handel(wie ſie es nannte) ſey, und wie der Verkauf ſeiner Pflanzung in Georgien— ach Gott, ich weiß nicht wie viel— eingebracht habe.“ „Das ſieht ihr gleich,“ erwiederte der Kapitän;„Katy Haynes iſt keine üble Rechnerin.“ Sie hatten während dieſes Geſpräches angehalten, ungewiß, ob ſie ihren neuen Begleiter zurücklaſſen ſollten, oder nicht. Der alte Mann horchte auf jedes Wort, das ſie ſprachen, gem nte, gen mac dem daß ibe, eine ihr iten chts und den veiß deß⸗ um Mal iner kein kauf wie nes viß, hen, —— ————————— mit dem lebhafteſten Intereſſe: bei dem Schluſſe ihrer Unterhal⸗ tung ging jedoch die ernſte Aufmerkſamkeit ſeines Geſichts in eine Art innerlichen Lächelns über. Er ſchüttelte den Kopf, fuhr mit der Hand über die Stirne und ſchien anderen Zeiten zu gedenken. Maſon achtete wenig auf den Ausdruck ſeiner Züge und fuhr fort: „Ich will das glauben; denn ſie kam mir wie der eingefleiſchte Eigennutz vor.“ „Ihr Eigennutz thut nur wenig Schaden,“ verſetzte Dunwoo⸗ die.„Das Läſtigſte an ihr iſt aber ihre Abneigung gegen die Schwarzen. Sie ſagt, ſie habe nur einen einzigen leiden können.“ „Und was war das für einer?“ „Er hieß Cäſar und war Hausſclave bei meinem ſeligen Großvater Wharton. Ich glaube, Du kannſt Dir ihn nimmer denken; er ſtarb mit ſeinem Herrn in dem gleichen Jahre, als wir noch Kinder waren. Katy ſingt ihm jaͤhrlich ein Requiem, und, auf mein Wort, ich glaube, er verdiente es; denn ich ließ mir ſagen, er habe einmal zur Zeit des alten Kriegs meinem engliſchen Onkel, wie wir den General Wharton nennen, aus einer ſehr ge⸗ fährlichen Lage geholfen. Meine Mutter ſpricht ſtets mit vieler Liebe von ihm. Als ſie heirathete, kamen beide, Cäſar und Katy mit nach Virginien. Meine Mutter war—“ „Ein Engel,“ ſiel der alte Mann unvermuthet mit einer Stimme ein, deren Lebhaftigkeit die jungen Krieger in Staunen ſetzte. „Kanntet Ihr ſie?“ rief der Sohn, mit der Glut des Ver⸗ gnügens auf ſeinen Wangen. Die Antwort des Fremden wurde durch eine plötzliche und gewaltige Entladung ſchweren Geſchützes unterbrochen, worauf unmittelbar raſch nach einander mehrere Musketenſalven folgten, und in einigen Minuten hallte die ganze Luft von dem Lärm eines leb⸗ haft geführten Kampfes wieder. Die zwei Krieger eilten, von ihrem neuen Bekannten begleitet, ſchleunigſt dem Lager zu. Die Aufregung und die Beſorgniſſe, die durch den nahen Kampf — —y— hervorgerufen wurden, verhinderten eine Wiederaufnahme der Unter⸗ haltung, und die Drei ſetzten zuſammen ihren Weg nach dem Heere fort, wobei ſie ſich in Vermuthungen über die Urſache dieſes Waffen⸗ lärms und die Wahrſcheinlichkeit eines Hauptſchlages erſchöpften. Ka⸗ pitän Dunwoodie warf jedoch während dieſes kurzen und haſtigen Spa⸗ zierganges hin und wieder freundliche Blicke auf den Greis, der ſich mit einer für ſeine Jahre bewunderungswürdigen Geſchwindig⸗ keit auf dem Felde hinbewegte; denn das Lob einer Mutter, die er innig verehrte, hatte das Herz des Jünglings erwärmt. Sie erreichten zeitig das Regiment, zu welchem die Offiziere gehörten, worauf der Kapitän die Hand des Fremden drückte, und ihn angelegentlich bat, daß er am kommenden Morgen nach ihm fragen möchte, weil er ihn in ſeinem eigenen Zelte zu ſehen wünſche: dann trennten ſie ſich. Alles deutete in dem amerikaniſchen Lager auf eine bevor⸗ ſtehende Schlacht. In der Entfernung einiger Meilen vernahm man den Donner der Kanonen und die Salven der Musketen, welche ſogar das Toben des Waſſerſturzes überboten: die Truppen waren bald in Bewegung und ſchickten ſich an, die Heeresabthei⸗ lung, welche bereits im Kampfe begriffen war, zu unterſtützen. Die Nacht war bereits eingebrochen, ehe der Nachtrab und die irregulären Schaaren den Fuß von Lundy's Lane erreichten, wo die Straße von dem Strome abbeugte und über eine kegelförmige Anhöhe führte, die in nicht großer Entfernung von der Niagara⸗ ſtraße lag. Die Spitze dieſes Hügels war von brittiſchen Kanonen beſetzt, und in dem daran gränzenden Thale ſtand der Reſt von Scott's tapferer Brigade, welche geraume Zeit einen ungleichen Kampf mit ausgezeichneter Tapferkeit aushielt. Es rückte nun eine neue Linie vor, und eine Abtheilung der Amerikaner wurde mit dem Angriff des Hügels von der Straße aus beauftragt. Dieſe Schaar nahm die Engländer in die Flanken, ſtürmte mit den Bajonetten auf die Artillerie los, und machte ſich zum Meiſter des Geſchützes. Unmittelbar darauf ſetzten ſie ſich mit ihren Kan vert ſich, lage die Verl hatte tän kühn als Lieut nach been Lage und noch ſeine dete einer Sie Ruh verm an d wohl der. nähe in de einen ter⸗ tere en⸗ Ka⸗ pa⸗ der ig⸗ nig itig tän er in vor⸗ hm ten, pen hei⸗ en. die die ige ra⸗ nen von hen nun irde agt. mit ſter 527 Kameraden in Verbindung, und der Feind wurde von dem Berge vertrieben. Bald aber zog der engliſche General Hülfsmannſchaft an ſich, und die Truppen waren zu brav, um ſich auch nach ihrer Nieder⸗ lage zu beruhigen; es folgten wiederholte blutige Angriffe, um die Kanonen wieder zu gewinnen, aber ſtets wurden ſie mit ſtarkem Verluſte zurückgeſchlagen. Während des letzten dieſer Gefechte hatte der Kampfmuth den bereits erwähnten jugendlichen Kapi⸗ tän veranlaßt, ſeine Leute weiter vorrücken zu laſſen, um einen kühnen feindlichen Trupp zu zerſtreuen. Er that es mit Erfolg; als er jedoch zu der Hauptlinie zuückkehrte, vermißte er ſeinen Lieutenant an der Stelle, die Maſon hätte behaupten ſollen. Bald nach dieſem glücklichen Zurückſchlagen der Feinde, womit der Kampf beendigt war, wurde den zerſtreuten Trußpen Befehl ertheilt, in's Lager zurückzukehren. Die Britten waren nirgends mehr zu ſehen, und man traf nun Vorkehrungen, diejenigen Verwundeten, welche noch weiter gebracht werden konnten, zu ſammeln. Die Liebe zu ſeinem Freunde veranlaßte Wharton Dunwosodie, eine angezün⸗ dete Fackel zu nehmen, und mit zweien ſeiner Leute die Leiche an einem Orte aufzuſuchen, wo man denken konnte, daß er gefallen ſey. Sie trafen Maſon an der Seite des Berges, wo er mit großer Ruhe ſaß, aber wegen eines zerſchmetterten Beines nicht zu gehen vermochte. Dunwoodie ſah ihn zuerſt, und flog mit dem Ausruf an die Seite ſeines Kameraden:„Ach! lieber Tom, ich wußte wohl, daß ich Dich am nächſten bei dem Feinde finden würde.“ „Sachte, ſachte; geh etwas zarter mit mir um!“, erwiederte der Lieutenant,„nein, dort iſt ein braver Burſche, der ihm noch näher war, als ich; ich weiß aber nicht, wer er iſt. Er ſtürzte in der Nähe meines Pelotons aus dem Pulverdampfe heraus, um einen Gefangenen oder ſo etwas zu machen; aber der arme Burſche — er kam nicht wieder zurück. Dort liegt er, gerade über dem Hügel; ich habe ihm mehrere Male zugerufen, aber ich glaube faſt, es wird bei ihm mit dem Antworten aus ſeyn.“ 528 Dunwoodie ging zu der Stelle, und erkannte mit Verwunde⸗ rung den alten Fremden. „Es iſt der alte Mann, der meine Mutter kannte,“ rief der Jüngling;„um ihretwillen ſoll er ein ehrenvolles Begräbniß haben: hebt ihn auf, und nehmt ihn mit, ſeine Gebeine ſollen auf vater⸗ ländiſchem Boden ruhen.“ Die Soldaten traten dem Befehle gehorſam herzu. Er lag auf dem Rücken und der Schein der Fackel beleuchtete ſein Geſicht. Seine Augen waren geſchloſſen, als ob er ſchliefe, und die welken Lippen waren leicht verzogen, was jedoch mehr die Folge eines Lächelns als die des Todeskampfes zu ſeyn ſchien. Eine Soldaten⸗ muskete lag neben ihm; ſeine Hände waren auf die Bruſt gedrückt, und eine davon barg einen Gegenſtand, der wie Silber glänzte. Dunwoodie bückte ſich, brachte die Arme auf die Seite, und be⸗ merkte die Stelle, wo die Kugel ihren Weg zum Herzen gefunden hatte. Der Gegenſtand ſeiner letzten Sorge war eine zinnerne Büchſe geweſen, durch die das verhängnißvolle Blei gegangen war; der alte Mann mußte ſeine letzten Augenblicke dazu benützt haben, um ſie aus dem Buſen zu ziehen. Dunwoodie öffnete ſie, und fand zu ſeinem Erſtaunen ein Blättchen Papier darin, welches folgende Zeilen enthielt:. „Umſtände von großer politiſcher Wichtigkeit, bei denen das Leben und das Vermögen vieler auf dem Spiele ſtand, haben bisher geheim gehalten, was dieſes Papier jetzt enthüllt. Harvey Birch war Jahre lang ein treuer und unbelohnter Diener ſeines Vaterlandes; möge Gott ihm vergelten, was er that, da Menſchen es nicht thun können! Geo. Waſhington.“ Es war der Spion des neutralen Grundes:— er ſtarb, wie er gelebt hatte, ein Opfer für das Vaterland und ein Märtyrer für deſſen Freiheit. — o— 5 ————— unde⸗ f der aben: ater⸗ 6 lag 5 ſicht. elken eines aten⸗ 4—— S ückt, nzte. be⸗ nden erne 8 dar; 98 ben, und hes „ 1 and, † llt. 1 ner hat,